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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik VIII 1934 Sonderheft 5/6/7/8 zum XIII. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Luzern"

VIII. Jahr^. 



Mai— August 1934 



Nr. 5-8 



Zeitschrift für 

psydioanalytisdie 

Pädagogik 



SONDERHEFT 

ZUM XIII. INTERNATIONALEN 
PSYCHOANALYTISCHEN KONGRESS IN LUZERN 

Steff Bornstein Eine Tedinik der Rinderanalyse bei 

Kindern mit Lemlienimungen 

Fritst Redl Zum Begriff der „Lemstörung" 

Kata L€v^ Vom Bettnässen des Kindes 

Melitta Scßmideber^ . . Die Spielanalyse eines dreijährigen 

Mädchens 

Änn'^ Än^el Aus der Analyse einer Bettnässerin 

Bectßa Bornstein .... Enuresis und Kleptomanie 

als passageres Symptom 
£ditß Büxbaum Über einen Fall von exliibitio- 

nistisdier Onanie 
Heinricß Meng Zur Psychologie der Strafe 

und des Strafens 
H. Cßristoffel Zur Biologie der Enuresis 

Berichte 
Prager Brief - Kurs über psychische Hygiene in Schweden 
Büdier - Zeitschriften 



Preis dieses Heftes Mark 4" — 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 

Begründet von Heinrich Meng und Ernst Sciineider 



August Aichhorn 

Wien V. SdiönbrunncrBtraße 110 

Dr. Heinridi Meng 

BaBcl, Angenstelnerstraße 16 



Herausgeber: 
Dr. Paul Federn 

Wien VI, Köstlcrgasse 7 

Prof. Dr. Lrnst Schneider 

Waldcrziehungshelm 
Stadtroda, Thüringen 



Anna Freud 

WlenIX,Bergga«e„ 

Hans ZuUiger 

Ittigen bei Bern 



Schriftleiter: 
Dr. Wilhelm Hoffer, Wien, L, Dorotheergasse 7 



6 Doppelhefte |ährlidi M. 10'-, sdiw. Frk. 12-50, österr. S IT- 
Preis des Doppelheftes: M. 2'- (sdiw. Frk. 2-50, Österr. S 3*40) 

Geichitftllche Zustfarlften bitten wir lu rlditen an 

Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 

Wien I, In der Börse 



Zahlungen für die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" können geleistet werden 
durch Postanweisung, Bankscheck oder durch Einzahlung auf eines der 

PostsrfiedilEontl des „Internationalen Fsydioanalyüsdien Verlages In VMen": 



Postsdiedikonto 
Leipzig $$.112 
Zürich VIII, n.4y^ 
Wien 71.6J} 
Paris C IIOO.^S 
Prag 79,j8s 
Stockholm 44.4^ 



Jahresabonnement 

Frk. 12' SO 
S IT- 
Fr. 60 — 
Kd 8o-~ 
schiv.Kr. 13' JO 



PoalsdicdikDnlo 

Budapest SI.204 
Zagreb 40.900 
^arszawa I$I.2s6 
Riga j6,9} 
s'Gravenhage 142.248 
Kjöhenhavn 24.9)2 



J ah renabonne inent 

P i)-6o 

Din. J}6'~ 

ZI. 2I"J0 

Lat. I2'$0 

hfl. (>'— 

dän. Kr. I2-S0 



Bei Adressenänderungen bitten wir. freundlidi audi den bisherigen Wohnorf 
bekanntzugeben, denn die Abonnentenlcartel wird nadi dem Ort und nidit nadi dem 

Namen geführt. 



In Vorbereitung befinden sidi folgende Sonderhefte: „Lern- und 
Denkstörungen", Jugendlidie Verwahrlosung und Kriminalität", 

»Pubertätsprobleme". 



ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



VÜI. Jahrg. 



Mai— August 1934 



Heft 5-8 



Eine Technik der Kinderanalyse bei Kindern 
, mit Lernhemmungen 

Von Steff ßoriistein, Prag 

ly^ ^:Z'T'^r- ?'' '''"'"■ ■"" Le-'>e.,„u„gen a.a- 
Kinde a >f dl G °,l, i^""'^"', ""' ™g«""äi"ger Arbeit mit den, 
«ie verst c hen ^"^^ '" '"" ^'"''^ Schwierigkeiten bereiten; „der 
Einblick in d"; IZT, V'T '"""' "°' '"'="'"="^' gründlichen 
halten Sie ^ , '^""'''" ""' ''""' S'''"'"""'™ Gebiete zu be- 

cer Ue,,t^ T ." t" ""="' "''■ "'^ '"^ ^■-'^^'' ""-h Aufdeckung 

-a:?rr;s;^-rii:dt:;;^:--- 

daß .ie schon au d" G™ d ."',' "n™ '" '° '^""^"S™ ^^^'g-^. 
Darstellung dieser Meü öd! ."h "T!''' '" '™''''™ ™"''™'- ^ine 
geboten. KLeranai;tiktrii,;,' """ ""^ ™'"=™" G™'«"'" 

- Kinder ^ekü^ll^t:" dt^ r C::::^ ^iu^l^ Z' S" 
ebenso unter die Lupe nehmen wie seine nnbewulen 'ftiebko.^ H te 

rrt^tS^kTinr'' ™"."'r' ™" "-'"«eweihteL™ ^B^nt^e 1; 

Darstellung unseZ T ch .ik wi d n'- f "°"°"""' '" "'«"''™- °'^ 
nicht einen „Ersatz" und ' i t überzeugen, daB wir mit ihr 

suchen, sondern daß w T T "^'"•"»''^^«"'"g" ^er Analyse Ver- 
den Dienst des"ar,t;"hrxCeSerstler"' ■"'' '■™' '^'-'^ '" 

veS- ^^^t:?r ^- r ;r:^?;^ "-^ '-T' - '■- 

vorschreitenden organischen El r Lnn. fer i. ' "'f f'""""" 

die psychischen Motive, krank zu s ° 12^' " ''''"' '"'"""«> 

zu sein, genommen werden. Im all- 

ZoilKhrlft f. r.!«. PIM,, V1II/5-S 



» 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




142 Steff BoriisteUi 



gemeinen aber lassen wir die neurotischen und daneben organisch 
erkrankten Patienten nicht ohne ärzdiclie Hilfe, auch wenn wir von 
der analytischen Hilfe sehr viel erwarten, nämlich die Stärkung des 
Gesundungswillens des Patienten und eine Garantie für die richtige 
Anwendung der ärzHichen Therapie. Die Kinderanalytiker, deren 
Technik hier ^cschÜdejl werden soll, meinen: wie die kranke Lunge 
und der kranke Zaiin unserer analytischen Palienten zu ihrer Ge- 
sundung neben der Analyse einen Spezialarzt brauchen, so ist auch 
das erkrankte, in seinen Funktionen gehemmte Ich des Kindes zu 
schwach, als daß das Kind ohne die wichtige Hille mit seiner Hem- 
numg kämpfen könnte. Die Ich-Hemnuingcn haben außerdem mit man- 
chen organischen Krankheiten gemein, daß sie sich vertiefen, je langer 
sie dauern. Mit unserer Technik glauben wir den therapeutischen 
Prozeß zu steigern und zu verhindern, daß die Hemmung in ihrem 
ganzen Umfang bis zur Beendigung der Analyse anhält. 

Die zu beschreibende Technik soll an einigen Beispielen aufgezeigt 
werden. Ich wandte sie zuerst bei dem GV^Jährigen Niels an, der 
mein erster analytischer Patient wurde. Ich hatte ihn als Schüler über- 
nommen, mit der Aufgabe, ihn in mögliehst kurzer Zeit schulfähig 
zu machen. Bereits in den ersten Wochen entwickelte sich die an 
unsere Arbeitsstunde regelmäßig sich anschließende „Gesprächs- 
stunde" zur korrekten Analyse. Da ich erkannte, daß dem nicht nur 
lerngehenimten, sondern auch sonst schwer neurotischem Kinde nur 
mit der Analyse zu helfen war, übernahm ich ihn als Patienten. Aber 
ich zögerte, der Analyse wegen die Arbeitsstunde, deren Verlauf mich 
sehr interessierte, aufzugehen, meinte, das hätte Zeit, wenn sie an- 
finge, der Analyse hinderlieh zu werden. Sie ist es bis znm Schluß der 
Analyse nicht geworden, auch in sieben anderen Fällen, in denen ich 
mich bei Kindern, die ich analysierte, um ihre Schularbeiten küm- 
merte, wurde durch diese Arbeit die Analyse nicht in Frage gestellt. 
Im' Falle Niels benahm ich mich als seine Lehrerin nicht viel 
anders, als ich mich als seine Analytikerin zu benehmen hatte: passiv, 
nicht zu einem von mir geforderten Resultat drängend, gleichmäßig 
freundlich, sn zum Arbeilen ermutigend wie in der Analysenstunde 
zum Sich-Mitteilen. mit dem gleichen psychologisclien Interesse die 
Ergebnisse und das Verhalten beim Lernen betrachtend wie danach 
die Mitteilungen der Analysenstunde. Eine einerseits so passive, ander- 
seits so entschieden auf Ermutigung gerichtete Haltung wäre aber 
auch, wenn man bloß mit dem Kinde lernen und es nicht daneben ana- 
lysieren wollte, richtig gewesen. Das war nämlich schon nach dem 
oberflächlichen Einblick in den Lernwiderstand und das gesamte Ver- 
halten des Kindes zu erkennen: die Schule, das Lernen von Schreiben 



Technik <]er Kindcü-analysc bei Kindern mit Leriiliommimgüii 143 

iiiKl Lesen hatte das Kind bis dahin als ein Sichhineinbegeben in angst- 
ciTegende Situationen erlebt, den Druck der Schule und der bei den 
Schularbeiten helfenden Mutter und Hauslehrerin als Äußerungen 
ihrer Feindseligkeit gegen ihn. Fühlte er sich in der Schule gefoltert 
so erregte der Zwang des Hauses, sich in die Folterqual zu begeben,' 
seinen Haß und seine Aggressionen. Er schützte sich mit hysterischen 
Erkrankungen gegen den Besuch der Schule, rächte sich mit Nieht- 
begreifen und Unleidlichkeit für den Zwang zur Schularbeit. Wollte 
ich also das Kind zu einer neuen Beziehung zum Lernen bringen, so 
mußte ich alles vermeiden, was an die bisherige. Schule und den 
Arbeitsdruck der Mutter und der Hauslehrerin erinnerte. Ich sagte 
also dem Kinde: „Ich werde deiner Mutetr raten, dich aus der Schule, 
die du so nicht leiden kannst, herauszunehmen. Ich empfehle ihr eine 
Schule, in der alles ganz anders und viel schöner ist. Deine Mutter 
imd deine Lehrerin sollen dich nicht mehr mit dem Lesen und Schrei- 
ben und Rechnen quälen. Deine Fibel kannst du in den Schrank ein- 
sperren. Wir wollen alles, was nötig ist, allein lernen und ohne die 
Fibel, und ohne daß ich dich zwingen werde. Mir wird es ganz gleich 
sein, was und wieviel du an einem Tag liest oder schreibst, mich 
interessiert bloß, warum du nicht schreiben und lesen willst. Ich 
glaube, dir so helfen zu können, daß du es bald willst und gerne tust." 
Analysiert man ein Kind, so hat man die Möglichkeil, früher oder 
später im Verlauf der Analyse zu erfahren, wodurch und inwieweit 
eine außeranalytische Maßnahme, etwa wie hier die Überredung, ge- 
wirkt hat. Mein Nichtbewerten, sondern Ernstnehmen seiner Lern- 
unlust, die Betonung seiner Hilfsbereitschaft an Stelle des ihm ge- 
wohnten Zuredens „jeder Mensch muß doch schreiben können", ver- 
führten das Kind zu einem Vertrauen zu mir, das ihn die Arbeit mit 
mir gern versuchen ließ und das zugleich für die erste analytische 
Arbeit förderlich war. Geschickte Pädagogen wissen, daß man ein 
schwer behandelbares Kind vor allem anders anfassen muß, als es 
gewohnt ist; tut man das weitgehend, während man das Kind zugleich 
analysiert, so hindert man trotz solcher nichtanalytischen Maßnahmen 
nicht, daß man zur Übertragungsperson wird. Wir treten zwar für das 
Bewußtsein des Kindes in die Reihe seiner bisherigen Erzieher, wir 
benehmen uns aber so anders als seine anderen Erzieher es taten, daß 
ein Verhalten des Kindes, das als Reaktion auf die bisherigen Er- 
ziehungsmaßnahmen verständlich ist, uns gegenüber wiederholt leicht 
als ein von früheren Erfahrungen her auf uns übertragenes dem 
Kinde deutlich zu machen ist. 

Aus dem Verlauf der Zusammenarbeit soll einiges in chronologi- 
scher Reihenfolge wiedergegeben werden. Wir entdeckten in d°er 

u* 



144 



Steff Bornsteiii 



ersten Arbeitsstunde, daß der Junge das Zusammensetzen von Lauten 
zu Silben noch nicht wirklieh begriffen Iiatte. So hat er sich, ohne daß 
es bemerkt wurde, halb verstehend und halb mechanisierend lesend, 
durch die halbe Fibel durchgequält. Er hat also gleich zu Beginn des 
Lernens mit seinem Verständnis versagt. Ich verstand noch nicht den 
Grund dieses ersten Versagens, den die spätere Analyse erst auf- 
deckte, wir begriffen aber, daß man auf Lticken nicht aufbauen kann. 
In einer Stunde war die Lücke aufgefüllt, allerdings ließ ich ihn auf 
eine andere Methode als seine bisherige Scliule erfassen, daß 1— a „la" 
und 1-i „li" heißt. P:r zeigte nun ein Stück der Freude, die ein durch- 
schnittlich gesundes Kind beim ersten Lesenlernen zu entwicKem 
pflegt. Er schrieb nun auf meinen Vorschlag die Silben oder die Worte, 
die ihm Spaß machten, wieder etwas anderes als in der bcliuie, wo er 
reihenweise immer das gleiche und vom Lehrer vorgeschriebene Wort 
schreiben mußte. Wir entdeckten dabei, daß ihm die Benennung der 
Konsonanten Schwierigkeiten macht. Er möchte mich gern auf die 
Probe stellen und kündet mir an, er werde jetzt das Wort „Popo" 
schreiben. Er müßte nach dem bereits Begriffenen genau wissen, wie 
das Wort geschrieben wird, hat aber ungeheure Mühe dabei, weil er 
es im Stillen buchstabiert: „Peitsche p, o. Peitsche p, o", also für die 
mutige Absicht, ein verbotenes Wort zu sehreiben, zwei Peitschen 
drohen sieht. Aber nicht eine tiefe Deutung läßt nns das begreifen, 
sondern die Aufdeckung, daß seine Lehrerin verzweifelt, weil er so 
scliwer lernte, ihm die Konsonanten in einem besonderen Gewand an- 
bot, um sie „kindgemäfler" zu machen: P war „das Peitsehen-P" 
B „der Bläser", F „das Feuer" und so weiter. Wenn also Niels da& 
Wort „dof" schreiben wollte, worauf er sich wie auf einen hohen 
Genuß freute, war ihm die Freude bald verdorben, denn er muß buch 
stabioren: „Dach-D, o, Feuer-f", und da er unter Gewitteräugsten l^J 
geriet er in Unruhe und wollte für das „Feuer-f" den „Bläser-b'* 
schreiben. Hätten wir darauf gewartet, bis die Analyse die neurnti 
sehen Wurzeln solcher Verwirrung zerstreute, so hätte Niels erst viel ^ 
Monate später das Wort „dof" schreiben können. Wir faßten es als 
eine Aufgabe unserer Arbeitsstunde auf, die Konsonanten von ihren 
unsinnigen Attributen zu befreien. Ich zeigte Njelg mein Verständnis 
dafür, daß das Lesen kein Vergnügen sein kann, wenn die Phantasie 
auf unangenehme Nebenwege verführt wird. Mit solchem Arbeiten an 
der Oberfläche entfernten wir ein Hindernis nach dem anderen uinj 
erreichten, daß die Arbeitsstunde nicht mehr an die Pein seiner ersten 
Lernerlebnisse erinnerte. Er schreibt Worte von Dingen, die er gern 
hat, oder von Dingen, die er nicht leiden kann, Namen von angenehmen, 
Namen von unangenehmen Leuten, ausgedaclite Worte, verkelirfe 



Technik der Kinderanalyse bei Kindern mit Lernhommun gcn 145 

Worte usw., später ganze Gedanken. Bas unruhige Kind lernt es sich 
zu entspannen und darauf zu achten, welcher Zweck ihm in den'sinn 
kommt, lernt, ohne es zu merken, etwas, was ihm dann in der 4na- 
lysenstundo die freilaufende Mitteilung erleichtert. 

Das Schreiben hat für ihn nichts mehr von einer auferzwungenen 
Pflicht, wird ihm als ein Mittel zur Mitteilung von Gedanken inter- 
essant. Immer wieder verwechselt er die Konsonanten „b — p, d — t 
k — g" mit anderen, nicht miteinander, sondern wahllos mit irgend 
einem anderen Buchslaben, meist mit „r". Wenn er sich besinnt, hält 
er alle diese Buchslaben auseinander, aber er wird unruhig, sobald 
einer von ihnen vorkommt. Als er einmal wieder sich nicht erinnert, 
wie der Buchstabe D geschrieben wird (er schrieb damals Block- 
schrift), schlage ich ihm vor, irgend etwas hinzuschreiben, was die 
Hand gerade will und was gar nicht ein Buchstabe zu sein braucht. Er 
malt nun zwei gedruckte, aber umgekehrte „D" nebeneinander, die 
ovalen Striche nach außen gerichtet, die Steilstriche nebeneinan- 
der. Genau so hat er aber am Tag vorher das Gesäß eines Man- 
nes gezeichnet, und ich kann ihm nun sagen: „Vielleicht stören 
dich die Popo-Gedanken, den richtigen Buchstaben zu finden, vielleicht' 
unterhalten wir uns in der Gesprächsstunde darüber, weshalb sie dich 
stören." Er ist sofort begeistert einverstanden, „ja, b — p, d — t, k — g 
das sind alles Popo-Buchstaben". Zu meiner großen Überraschung 
verwechselt er sie von dieser Stunde an nicht mehr, freut sich einige 
Tage lang, wenn sie vorkommen, gibt erst nach einigen Tagen die 
Bezeichnung „Popo-Buchstabe" auf, aus Angst, sie könnte ihm auch 
in der Schule herausrutschen. Etwas später bekennt er, die Schreib- 
schrift sei ihm lieber als die Druckschrift, weil er bei der Druck- 
schrift an das „Drucken" denken müsse, was sein Wort für Defäzieren 
ist. Erst zwei Monate später, als er bereits ohne Schwierigkeiten 
schreiben konnte, und als in der Analyse ein bedeutsames Stück seiner 
Kastrationsängste zur Besprechung kam (er bangte nicht nur um seinen 
Penis, sondern auch um den Verlust seines Kots), brachte er seine 
Aufklärung dafür, wieso jene sechs Konsonanten zu Vertretern^ des 
verbotenen und Angst machenden Analen wurden und daher von ihm 
abgewehrt wurden. Er zeigte mir seine Fibel, um die ich mich bisher 
nicht gekümmert hatte, und sagte, jetzt könne er ruhig die Seiten 
lesen, „wo die früher sogenannten Popobuchstaben stehen". Diese 
Seiten hatten als Illustrationen Bilder von Tieren, die zu den Objekten 
seiner Tierphobie gehörten. Der Buchstabe „r", der häufigste Ersatz- 
buchstabe, stand auf einer Seite mit einem ihn sehr beruhigenden Bild 
und das Wort „Ruhe" auf dieser Seite gefiel ihm ungemein, als ver- 
spreche es ihm Ruhe vor den beängstigenden Phantasien, Wir wußten 



146 Steff Eornstein 



damals bereits, daß er in seinen verdrängten Phantasien fürelitete, 
daß Tiere seinen Kot fressen und ihn dabei kastrieren würden; des- 
halb war es ihm also immöglich, die Seiten seiner ITibel in Ruhe auf- 
zunehmen. 

Es zeigte sieh bei Niels immer wieder bis in die letzte Zeit seiner 
Analyse: weder die zuerst ganz verschüttete und nun mit Hilfe der 
Analyse freigelegte Sublimierimgsbereitschalt des Knaben, noch die 
von der neuen Schule geweckte Lust zu Leistungen reichten aus, um 
ihm diese Leistungen zu ermöglichen. Die geraeinsame Arbeitsstunde 
war nun der Ort, an dem er einen Teil der Forderungen seines Trieb- 
lebens, den Teil nämlich, der bereits in Arbeit und Produktivität ab- 
geführt werden konnte, mit den Forderungen der durch die Schule 
repräsentierten Realität vereinigen lernte. Er war wie jemand der 
die größte Lust hat, sich mit anderen zu verständigen, deren Sprache 
aber nicht kennt. Er war ja bereits 3 bis 4 Jahre ein neurotisches 
Kind, war von der neu rolisehen Mutter für Bewältigung von iSehwieri»- 
keilen nicht im mindesten vorbereitet, wußte nicht, wie man lernt 
und lernte es nicht spontan wie ein gesundes und gut vorbereitetes 
Kind. .; . , 

Niels beginnt eine Arbeitsstunde mit der Absicht, eine Geschichte, 
die er selbst erfanden hat, aufzusehreiben. Er hat Schwierigkeiten 
dabei, die ich beobachte, über die er selbst aber keine Auskunft 
geben konnte. Die meisten Erwacliseneu könnten hinterher in der 
Analyse berichten: „Es ist mir nicht gelungen zu schreiben, ich 
konnte mich nicht konzentrieren, ich mußte auf jedes Geräusch hin- 
horchen, so wie ich es immer zu Hause tue, um zu hören, was meine 
Mutter im Nebenzimmer spricht." Ein Kind besitzt selten eine solche 
Fähigkeit zur Selbstbeobachtung. Niels weiß nicht, daß zu seiner 
inneren Ruhe und Konzentrierllieit aiich eine äußere Rulie gehört. 
Erst als ich ihm diese verschaffte, lernt er aus eigener Erfahrung 
zwischen guten und schlechten Arbeitsbedingungen zu unterscheiden. 
Erst dann hebt es sich für seine Selbslwahrnehnmng ab: „wenn ich 
allein bin, lausche ich ängstlich auf alle Siimmon im Hanse", und 
erst dann kann die Analyse an seine Angst herantreten, die ihn das 
tun läßt. 

Sehe ich in der Arbeitsstunde, wie Niels schreibt, so kann ich 
erfassen, was er selbst auch nicht angeben könnte, woran es liegt, 
daß er drei- bis viermal so langsam schreibt wie seine Schulkamera- 
den. Er kommt von einem Wort nicht los, wiederholt es, während er 
schon das nächste schreibt. Er denkt durcheinander an den geschrie- 
benen Satz und an den zu schreibenden und an die zu erwartende 
Wirkung bei dem Lehrer und an sein Frühstück. In der ersten Zeit 



< 



Technik der Kinderaiialyse bei Kindern mit Lernliemmiingcn 147 

kann ich nichts tun als durch meine eigene Eulie und Interessiertheit 
an dem von ihm gewünschten Ziel seine Unruhe etwas lindern. Vor- 
übergehenden Erfolg habe ich, wenn ich mal sage: „Laß das alte 
Wort los, das neue tut dir auch nichts." Aber das Verfahren des ängst- 
lichen Festhaltens an bereits Geschriebenem verschwindet ganz, als 
in der Analyse die Gründe seines Sichanklammerna an die Mutter 
zur Sprache kommen und ich ihm mm sagen kann: „Du trennst dich 
beim Lesen und Schreiben ebenso schwer von dem, was zuerst isl, 
wie du dich von der Mutter schwer getrennt hast, als du ins Kinder- 
heim kamst. Dabei sind doch Worte keine Muttis und man braucht 
auch vor neuen Worten keine Angst zu haben wie vor den fremden 
Frauen iin Kinderheim, als du ganz klein warst." So wird durch die 
gemeinsame Arbeit diese rascher desexualisiert, als wenn sie außer- 
halb der Analyse und somit nur ungenau in ihren Störungen bekannt, 
sich vollzöge. 

Niels erfährt zwar aus seiner Analyse, daß er den Anspruch hat, 
das einzige Kind seiner Mutter zu sein, immer die Hilfe der Mutter 
zu bekommen, daß er gern der Kleine und Hilfsbedürftige ist. Ich 
lenke zwar beim Deuten in der Analyse seine Aufmerksamkeit darauf, 
daß er auch bei seinem Lernen eine seinem Alter und seinen Fähig- 
keiten nicht mehr entsprechende Tendenz zum Unselbständigsein und 
Sichhelfenlassen zeigt. Aber diese Einsicht hängt so lange für ihn 
in der Luft und bleibt unwirksam, bis er es in der Arbeitsstunde 
erlebt, daß er unglücklich ist und nichts zu tun imstande ist, wenn 
ich es ihm versage, ihm da zu helfen, wo er sich sclion selbst helfen 
kann. Kommt dann der Hinweis von mir: „So spielst du auch bei 
unserer Arbeit ein kleines Kind und bist böse, wenn ich niicli um 
dich nicht kümmere, das isl das, was wir schon aus der Gesprächs- 
stunde wissen", so ist die Wirkung gleich da: er beginnt selbständig 
zu arbeiten, lernt es zu ertragen, daß ich, während er arbeitet, meinen 
eigenen Arbeiten im Nebenzinuner nachgehe, beginnt auch allmäh- 
lich, hei sich zu Hause allein zu arbeilen. 

Aus der Analyse weiß ich, daß seine Unkonzentriertheit und moto- 
rische Unruhe eine Flucht vor seinen Pbaniasien und seinen Angst- 
gesiehten bedeutet, und beobachte tatsäelilich, daß er um so ruhiger 
wird, je mehr die Analyse seine Phantasien bewußt macht und ihnen 
das Schreckliche ninniit. Aber es kommt vor, daß er manche Arbeits- 
stunde in einer besonderen Unruhe beginnt, unentwegt und gedankeu- 
flüchtig redet. Dann weiß ich, daß etwas Neues im Gang ist, oder daß 
er etwas Besonderes erlebt hat. Wir unterbrechen dann die Stunde 
und schieben die Analysenstunde dazwisclien. Danach arbeitet er 
ruhig und zielbewußt. So erlebt er die Beziehung zwischen der Ana- 



148 



Steff Bornstein 



lyse und seinem Tagesleben und erhält einen bedeutenden Motor für 
die Analyse. 

Die Ausführlichkeit, mit der Eiuzelheiten aus der Zusammenarbeit 
mit Niels geschildert werden, soll nicht nur das Ineinandergreifen 
von Analyse und dieser Arbeit deutlich machen, sondern vor allem 
zeigen: die Lernhemmung des Kindes muß miterlebt werden, um ver- 
standen zu werden. Und man muß sie auch in ihrer Oberfläche ver- 
stehen, um sie abbauen zu können. Niels verstand in einem späteren 
Stadium seiner Analyse, weshalb er gleich bei Schulbeginn versagt 
hatte; damals war er mit unbewußter Angst angefüllt, weil ihm der 
Schulbesuch eine gefährliche Trennung vou der Mutter bedeutete 
weil er die Wiederholung eines früheren und von ihm nicht bewäif ' 
ten Erlebnisses fürchtete, die Mutier könnte iu seiner Abwesenhff 
ein neues Kind bekommen. Dieses Verstehen seiner ersten Schul 
ängste liätle aber nicht seniigf, um ihn richtig lesen und schreiben 
zu lassen, wenn die Grundlagen seiner Kenntnisse bereits so lücken- 
haft und verworren waren wie oben geschildert. Allerdings hätte aber 
auch die Korrektur der Grundlagen, wie sie unseren Arbeitsstunden er- 
folgte, nicht genügt, um Niels schulfühig zu machen. Denn seine 
Ablehnung der Schule Iialto ihre liefen Wurzeln in nicht erledigten 
früh-infantilen Konflikten nud solche sind nur analytisch und nicht 
mit freundlicher Pädagogik zu lösen. 

IL Handhabung der Übertragung bei dieser 

Technik. t 

Die Art des Arbeitens mit einem Kind mit Lernliemmungen ist 
selbstverständlich von Fall zu Fall verschieden. Verschieden gehe ich 
auch vor, wenn der Widerstand des Kindes gegen die gemeinsame 
Arbeit gelegenllieh so groß ist, daß es sich weigert, die verabredete 
Arbeitsstunde einzuhalten. Er war zwar, als wir die Verabredung 
trafen, sehr einverstanden, daß ich ihm helfe, es hatte auch begriffen, 
daß ich ihm anders helfen will als seine sonstigen Erzieher, daß wir 
durch die gemeinsame Arbeit besser verstehen wollen, warum er nicht 
arbeiten mag. Aber diese intellektuelle Einsicht hindert nicht, daß das 
Kind manclimal eine unüberwindbare Unlust gegen die Arbeit spürt. 
Selten ist es in solchen Fällen richtig, starr auf die Einhaltung der 
Arbeitsstunde zu bestellen. Niels erklärte zu Beginn einer Stunde 
trotzig; „Heute werde ich nichts tun, nicht schreiben, nicht lesen, 
nicht rechnen, nichts." Er gibt keiuen Grund an, wiederholt nur: „ich 
lasse mich nicht zwingen, du kannst machen, was du willst, du kannst 
mich nicht zwingen." Ich betone, daß ich nicht daran denke, ihn zu 
etwas zu zwingen, „aber wenn du die ganze Stunde nichts tust und 



Technik der Kindcraiialys e bei Kindern mit Lern hemmuu gen 149 

vielleicht darauf wartest, ob ich dich nicht doch — wie alle anderen 
bisher — zwingen will, so werde ich dich die ganze Stunde sitzen 
lassen und bedauern, daß ich heute nichts davon verstehen kann, 
weshalb du vor dem Sehreiben Angst hast." Nach einer Weile erklärt 
Niels, er hätte es sich überlegt, er wolle mit den Buntstiften, die ich 
ihm einstweilen spitzte, schreiben, aber gerade jedes Wort mit einer 
anderen Farbe. Er hatte mich zu Gewaltmaßnahmen provozieren wol- 
len, wie er es mit seiner Mutter zu tun pflegte, er stellte sich mir 
mit der passiven Resistenz entgegen, die er allen seinen Erziehungs- 
personen entgegenbrachte, er betonte schließlich seinen eigenen 
"Willen, ,, jedes Wort mit einer anderen Farbe zu schreiben", als er 
den Widerstand aufgab, als er merkte, daß ich seinen Willen nicht 
erdrücken wolle. Wenn die Weigerung des Kindes, mit mir zu arbeiten, 
sehr häufig als ein Zeichen negativer Übertragung leicht deutlich 
wird, so pflegt sich diese zu gleicher Zeit in der Analysenstunde breit 
zu machen. Nicht immer äußern Kinder ihre negative Übertragung 
in der Arbeitsstunde auf diese Weise, daß sie nicht arbeiten. Niels 
erklärte eine Zeitlang, er brauche mich nicht, er brauche überhaupt 
keine Frau, er arbeite allein, für seinen Lehrer, ein Mann für einen 
Mann. Ich zeigte mich erfreut über seine Absicht, selbständig zu 
arbeiten und wußte, welche augenblickliche Übertragungssituation 
uns in der Analyse beschäftigen wird. Während die Analyse zeigte, 
wie er nach Enttäuschungen bei der Mutter sich dem Valer zuwandte 
und um ihn warb, machte sein Verhalten in den Arbeitsstunden deut- 
lich, daß seine Zuwendung zum Mann seine Impulse zur Selbständig- 
keit besser stützte als seine Anlehnung an die Frau. 

Der 7K Jahre alte Tom verlangt in der Arbeitsstunde, daß ich ihm 
auf eine besondere Art Lust zum Schreiben machen solle. Er möchte, 
daß ich neben ihm sitze und nach jeder Zeile zärtlich sage: „Kannst 
du nicht noch ein bißchen?" Er macht lange Pausen zwischen den 
Zeilen. Zwei Tage später erzählt er in der Analyse, daß er sehr lange 
und in kleinen Kotbällchen defäziere und erinnert sich an seine Groß- 
mutter, die ihm zuredete, als er noch auf dem Tbpfchen saß, daß er 
noch' etwas machen solle. Ich deutete ihm, daß er in der Arbeits- 
stunde ein Spiel mit mir spielen wolle: „Großmutter quält das Kind auf 
dem Töpfehen und das Kind macht extra langsam." Tom antwortet, er 
wisse schon, was ich damit meine, und schlägt mir am nächsten Tag 
in der Arbeitsstunde vor: „Großmutter, laß mich heute allein im Zim- 
mer, ich schreibe heute allein." Er hatte dann seine Rekordleistung 
vorzuweisen, er hatte m 20 Minuten 4 Seiten sehr gut geschrieben und 
zum Schluß die stolzen Worte; „Das habe ich allein geschrieben, Steff 
ist mit Absicht aus dem Zimmer rausgegangen." 



150 



Sieff Bornsteiii 



Man kann fragen, wie es möglieh ist, daß die Aktivität des Ana- 
lytikers, die bei dieser Technik doch entfaltet wird, nicht hindert, daß 
man t^bertragungsperson bleibt. Unsere Aktivität hat einen anderen 
Charakter als die der Erziehiingspersonen. Da wir das Kind zu gleiciier 
Zeit analysiei-en, also seinen Reaktionen, gleichgültig, ob sie uns be- 
quem oder unbequem sind, das gleiche aufmerksame Interesse ent- 
gegenbringen, ist es leicht für uns, dem Kind nicht böse zu sein, wenn 
es anders will, als wir es uns dachten. Das Kind fühlt, daß wir seinem 
Widerstand gegenüber nicht hilflos sind, und daß es bei uns und an 
unserer Person manches abladen kann, was es bei seinen sonstigen 
(eile geliebten, teils gehaßten Menschen zurückhalten muß. Die Über- 
tragung, die das Kind in der Arbeitsstunde äußert, wird in der gleich- 
zeitigen Analyse aufgefangen und analysiert, nicht nur, wenn sie sieh 
als Trotzwidersland in der Arbeitsstunde breit machte, sondern auch, 
wo sie als scheinbar positive Übertragung die allzu große Anlehnung 
an die hilfsbereite Mutter wiederholte und das Kind bei der Arbeit 
keine selb.5tändige Initiative ergreifen ließ. 

Die erziehliche Aufgabe, die wir bei dieser Technik übernehmen, 
widerspricht nicht unserer analytischen Aufgabe. Wenn wir das Kind 
zu einem Kampf mit seinen Hemmungen bringen und das Kind bei 
diesem Kampf mit unserer Hilfe stützen, so lehren wir damit das Kind, 
sich mit den zwei Prinzipien, die in ihm im Streit sind, au seinander nu- 
setzen: dem Lust- und dem Realitätsprinzip. Wenn ich mit dem Kind 
auf eine pädagogisch geschicktere, den psychologischen Möglichkeiten 
des Kindes entsprecliendere Art arbeite, als es seine anderen Lehrer 
taten, so zeige ich ihm damit: auch die unhistvoUe Realität kann man 
sich lustvoller gestalten; und wenn das Ich des Kindes stärker gewor- 
den ist: auch die unUistvolIe Realität gehört zum Leben und sie zu 
bewältigen, zur Aufgabe des gesunden Menschen. Es ist aber auch 
die Aufgabe der psychoanalytischen Behandlung, den Patienten zu 
einem Gleichgewicht zwischen seinen Lustbedürfnissen und der An- 
passung an die Realität zu bringen. 

Selbstverständlich ist es, daß man bei der Zusanmienarbeit mit dem 
Kind nur die Hilfe gibt, die es wirklich braucht, nur die Verführungen 
anwendet, die unbedingt nötig sind, um das Kind dazu zu b)-ingcn, 
gerade das, was es phobisch meidet, zu versuchen. Sehr liäufig erlebt 
man, wenn man die Dosis des Hilfsaufwands verringert, weil das Kind 
bereits sich allein weiter helfen kann, daß dann eine stürmische nega- 
tive Übertragung einsetzt. Das Kind fühlt sich von der hilfsbereiten 
und als allmächtig erachteten Mutter in Stich gelassen, fühlt sich ohne 
ihre sichtbare Anteilnahme ganz hilflos und erlebt einen Rückfall in 
seine Hemmung. In solchen Fällen führte manchmal die Analyse dieser 



Technik der Kinderanalyse bei Kindern mit Lernhemmungen 151 

SO erlebten Übertragung zu den tiefsten Wurzeln der Hemmung. Das 
KinA glaubte nichts zu können, weil es nicht genng von der Mutter 
bekommen zu haben glaubte. 

Es ist für die Kinderanalytiker kein Geheimnis, daß die Gegen- 
übertragung, die Beziehung des Analytikers zum Patienten, in der 
Kinderanalyse vor schwereren Problemen steht als in der Analyse der 
Erwaehseuen, Kinder stellen sowohl an die Liebesbereitschaft als auch 
an die Maehtwünsche und die sadistischen Regungen des Erwachsenen 
höhere Ansprüche als es die Erwachsenen im Verkehr miteinander 
tun. Das wissen alle, die mit Kindern zu tun haben oder Mensehen 
beobachten, die sich Kindern widmen. Kinder locken die Affektivität 
des Analytikers leichter heraus als die erwachsenen Patienten. Der 
Kinderanalytiker kann zwar beobachten, wie ihm mit Hilfe dieser dem 
Kinde gegenüber größer werdenden Labilität der Affekllage die Ein- 
fühlung in das Kind leichter gelingt, wie sie ihm hilft, einen Kontakt 
zwischen dem Kind nnd sich herzustellen; er kann zwar auf Grund 
eigenen Analysierlseins seine Affekte leichter kontrollieren und sie 
den von ihm gewünschten Zielen dieuslbar machen; dennoch wird er 
beobachten, daß die Bewältigung der Gegenüberlragung gelegentlich 
die Summe der technischen Schwierigkeiten der ICinderanalyse ver- 
größert. Jo weniger ich mit dem Kinde außerhalb der Analysenstunde 
verkehre, je weniger aktiv ich in .sein bewußtes Leben eingreife, um 
so geringer sind die Schwierigkeiten bei der Meisterung der Gegen- 
übertragung. 

IIL Andere Beispiele und Begründungen. 
Nicht immer ist eine gleich analysierbare Uberlragnng der Grund 
dafür daß das lerngehemmte Kind mit uns nicht lernen mag. Tom 
zum Beispiel ging zu Beginn der Verhandlung bereitwillig auf meinen 
Vorsehlag ein, täglich vor der Analysenstunde etwas zu schreiben, 
damit ich seine ihn sehr ärgernde Schrift besser verstünde und das 
Rätsel seiner Schreibunlust auflöse. Trotzdem hat er oft zu Beginn 
große Schwierigkeiten, die Abmachung einzuhalten. Noch sprach nichts 
dafür, daß dies als Ausdruck der Übertragung zu deuten wäre. Man 
mußte in solchen Fällen daran denken, daß diese Kinder infolge des 
Verstriektseins ihrer Energien in den Kampf mit dem zu Verdrängen- 
den tatsächlich ein geschwächtes Ich haben, mit weniger Kraft für 
die Bewältigung der an sie gestellten Forderungen ausgerüstet sind 
als andere unneurolische Kinder. Das äußert sich dann als geringere 
Intelligenz oder Arbeitsscheu oder Mangel an Ausdauer; das Arbeiten 
fällt diesen Kindern tatsächlich schwer nnd ermüdet sie leicht. Sie 
sind außerdem oft so labil, daß sie schon bei geringen Störungen des 



152 



Sleff Bornslein 



inneren Gleichgewichtes ihr an sich schon geringes Interesse an den 
Objekten und den Aufgaben der Außenwelt gleich zurückziehen, bei 
A^'ersagungen oder Enttäuschungen des Alltags etwa, die ein gesundes 
Kind mit flüchtiger Trauer oder einem Zornausbrucli erledigen würde. 
Es genügt nicht dann, daß ich danach forsche: was hat dicli geärgert? 
Es scheint mir auch nicht wichtig, darauf zu warten, daß durch die 
psychoanalytische Betrachtung, durch die Auflösung der unerledigten 
Triebkonflikte des Kindes sein Ich sich für die Erfüllung der Auf- 
gaben seines Alltags stärke. In Analysen Erwachsener bleibt uns 
nichts anderes übrig als solches geduldige Warten; wir wissen aber 
auch, wie resistent Hemmungen der Ich-Funktionen sich verhalten, 
Wie lange Zeitstrecken zu ilirer Beseitigung erforderlich sind. Bei 
Kindern möchten wir verhüten, daß sie sich an ihr Versagen im 
Lebenskampf gewöhnen, es für selbstverständlich nehmen, gar einen 
Nebengewinn aus ihm herausholen lernen. Obwohl wir wissen, daß 
die ganze Hemmung zuverlässig erst durch ihre gründliche Analyse 
verschwinden wird, scheint es uns richtig, das Kind gleich in einen 
Kampf gegen sie einzuspannen. Um das zu erreichen, versuche ich 
dem Kind den Kampf, für den es noch zu schwach ist, zu erleichtern. 
Wie ich das tue, hängt von dem Kinde, seiner augenblicklichen Situa- 
tion, meinem Geschick ab. Mit T o m zum Beispiel, der sehr gern vor- 
gelesen bekam, aber seiner Schreibstörungen wegen ein Übermaß 
Zeit für eine geschriebene Heftseite brauchte, vorabrede ich, daß " h 
ihm für jede in einer bestimmten Zeit gesciiriebenen Seite fünf Seil 
aus einem Buch vorlese. Freut ihn das Buch, so sehreibt Tom zwe" 
und drei Seiten, damit ich ihm zehn und fünfzehn Seiten vorlese Und 
es zeigt sich, daß die Analyse seiner Schreibstörung besser voran- 
schreitet, wenn er sclireibt. Einmal verführe ich Tom, der wegen 
eines aktuellen Ärgers tief verstimmt ist und nicht sehreiben will 
mit dem Vorschlag: „Wie wäre es, wenn du alle Ärgernisse der Welt 
von denen du weißt, in das Heft einsehriebest?" Ein anderes Mal, als 
er auf seinen Lehrer wütend ist und deshalb nichts vom Schreiben 
wissen will, stimme ich ihn, der Fremdworle liebt, mit dem Vorschlag 
um: „Du könntest eine ganze Seite Beleidigungen und Anklagen 
gegen deinen Lehrer schreiben, das heißt dann ein Pamplüet." Ver- 
weise ich mit einem solchen Vorschlag auf das Schreiben als auf ein 
erlaubtes Mittel, Aggressionen auszudrücken, so entlaste ich damit 
Toms Schreiben von den unbewußten Schuldgefühlen, die er mit der 
Schreibtätigkeit verknüpft. Denn ich weiß aus einem in der ersten 
Analysenstunde gebrachten Traum, daß für sein Unbewußtes das 
Schreiben eine Aggression gegen den Vater bedeutet und vermute, daß 
er es deshalb meidet. Ihm das damals zu sagen, wäre sinnlos gewesen. 



Technik der Kiiideranalyse bei Kin tleni mit Lenihemmuiigeii 153 

er hätte die Deutung nicht begriffen. Er e r 1 e b t aber die aggressiven 
Tendenzen, die sich in seiner Schrift entladen, als er in der Stunde 
bei mir schreibt und auf meinen Vorschlag mir seine Gedanken er- 
zählt, die ihm während des Schreibens einfallen. Tom sehreibt näm- 
lich so: er wirft mit einem bösen Gesichlsausdruck die Buchstaben 
einzeln aufs Papier, ganz ohne Druck, macht dann an den Buch- 
staben Verzierungen, trennt die Worte durch sorgfältig gemalte 
Kleckse, verliert bald die Lust, weiter zu sehreiben, weil ihm die 
Heftseite unschön und verschmutzt vorliommt. Er erzählt mir nun beim 
Sehreiben, daß er in der linken Hand einen König der Unlust, in der 
rechten einen König der Lust, der am Schreiben Lust hätte, gefangen 
hielte. Die Buchstaben seien Schwerter oder Kämpfer des Lustkönigs, 
aber die Kleckse .seien die Kanonenhomben des Königs der Unlust, die 
dieser zwischen die Soldaten des Lustkönigs werfe. Natürlich be- 
kommen die Soldaten Angst und mögen nicht mehr ins Feld. Ich sagte 
dazu: „Mir schien, daß der König die Unlust nicht Kanonenbomben, 
sondern Spatzen aus Dreck in dein Heft warf. Vor Dreck schienen 
mir deine Soldaten Angst zu haben." Diese Aufmunterung, sich zum 
Analen zu bekennen, nimmt Tom begeistert auf. Mehrmals läßt er 
jetzt den König der Unlust dem König der Lust Spatzen aus Dreck 
vor die Füße werfen. Ich erkläre, nachdem er eine Weile so sich 
amüsierte: „Mir seheint jetzt, der König der Lust hat Dreck ganz 
gern, sonst ließe er sich das vom König der Unlust nicht gefallen." 

Nach dieser Deutung schmiert Tom nicht mehr in sein Heft. Drei 
Tage danach macht er mich auf die nunmehr ganz veränderten korrek- 
ten Formen seiner Buchstaben aufmerksam. Früher konnte er sie 
nicht leiden, jetzt imponieren sie ihm als richtige Buchstabe]]. Was 
hat sich vollzogen? Die Schrift, der ich scheinbar einen dualen Sinn 
zu haben gestattete, wurde nicht mehr um dieses Sinnes willen ge- 
fürchtet. Sie hat die allzu deutlich sich verdrängende, aber ihm 
unbewußte sexuelle Nebenbedeutung verloren, wurde dem König der 
Lust, den Ich-Kräften, Untertan. Die Angst aber, die beim Schreiben 
der da durchbrechenden anal-sadistischen Sexualität galt, brachte in 
gleicher Zeit Tom in die Analyse. 

Mehrere Wochen später schrieb er in sein Geschichtenheft folgende 
Geschichte: 

„Der König hatte ein Volk. Das hieß Schreibevolk. Das war gar 
nicht mit seiner Regierung zufrieden, weil seine Regierung Qnatseh 
machte. Die Einwohner waren nämlich alle Buchstaben und der König 
spielte immer mit den Buchstaben. Das gefiel ihnen gar nicht: und da 
wurden die Wörter T.-üst und sinnlos oder das Wort falsch. Und der 
'König spielte immer mit den Einwohnern. Schließlich ging es nicht 



154 



Steff Boniätein 



mehr so weitei-. Die wurden Immer wüster, der König wütend darüber, 
daß sie wüst wurden. Sie wollten ihn nicht mehr haben und er wollte 
nichts von ihnen wissen. Das ist schon aber lange her. Jetzt ist alles 
Dreck geworden." 

Nie hätte Tom die Sexualisierung seiner Schrift so glänzend 
charakterisieren, d. h. sie so echt erleben können, wenn ich darauf 
verzichtet hätte, mit ihm zu schreiben. Unsere Schreibstunde drängte 
das zu ihr gehörige Material in die Analyse. Tom erinnerte sich, daß 
er bei seinen ersten Schreib versuchen den Ehrgeiz hatte, gleich so 
schnell wie sein Vater zu sehreiben. Und als es nicht ging, war er 
enttäuscht und böse. Das Bösesein muüte er verdrängen, denn das 
EnttäuscUungsgelühl: „ich kann doch nicht so gut wie Papa" rührte 
an eine Wunde, die er seit Jahren zu verdrängen suchte, an seine 
Eifersucht auf das größere Glied des Vaters und an seine Angstvor- 
stellungen, daß ihm wegen seiner früheren Onanie die Kastration 
drohe. Wenn dann Tom in der Analyse sehr frühe Erinnerungen repro- 
duzierte und uns verriet, wie er als Zweijähriger Vater und Mutter 
trennte, indem er nachts einkotete und schrie, so konnten wir ihm 
sagen: „Daran erinnern noch die Kleckse, mit denen du beim Schreiben 
die einzelnen Worte trennst." Er wußte jetzt aus eigenen frischen 
Erlebnissen, daß wir recht hatten, wenn wir ihm zeigen, daß bei 
seinem Schreiben seine verdrängten Wünsche ans Lieht drangen: sein. 
Wunsch, so groß wie der Vater zu sein und alles wie er zu können 
eingekleidet in die Phantasie, ein „König des Schreibens" zu sein und 
Könige gefangen zu halten, die er Krieg spielen lassen könne; die ver- 
drängte Wut gegen den Vater, nun aber an seinen eigenen Buchstaben 
ausgelebt; der verdrängte Wunsch, wie ihm beliebt, zu onanieren (er 
spielt mit den Buchstaben, wie er mag, und nicht, wie er soll). Die 
Abwehr seines strengen Uber-Ichs gegen alle diese verbotenen Regun- 
gen äußerte sich bei Tom darin, daß seine Buchstaben hauchdünn 
und ohne Druck wurden, daß ihm seine häßlichen Heftseiten Ekel 
verursachten, und daß er überhaupt nicht schreiben mochte. So konnte 
er seine Schreibhemmung vor allem als einen Protest gegen die sich 
beim Schreiben vordrängenden Phantasien erfassen. 

Zeigten die Beispiele aus der Arbeit mit Niels, wie wir eine Hem- 
mung des Kindes besser verstehen, wenn wir sie bei unserer Technik 
miterleben, so sollen die Beispiele aus der Arbeit mit Tom zeigen, 
wie das Kind unsere analytischen Deutungen seiner Hemmung besser 
verstehen kann, wenn es sie neben uns erlebt. 



.•* = 



Zum Begriff der „Lernstörung" 
Von Fritz Redl, Wien 

Terminologische Untersuchungen erfreuen sieh keiner großen Be- 
liebtheit. Man nimmt sie bestenfalls als notwendiges übel von Zeit 
zu Zeit in Kauf und ärgert sich immer ein wenig über den, der sie 
einem aufdrängt. Manche Wissenschaftler lehnen sie völlig ab. Sie 
linden sie lächerlich, dürr, immer ein wenig prätentiös, erörtern sie 
doch mit großer Wichtigkeit starre begriffliche Details, denen jeder 
Bezug zur Praxis zu fehlen scheint. Sie erwecken leicht den Anschein 
des Spielens mit leeren Formen, manchmal sieht es geradezu so aus, 
als ob sie die Form wichtiger nähmen, als den Inhalt. 

Mit diesem Vorwurfe aber geschieht den terminologischen Unter- 
suclumgen unrecht. Nur wo sie zu früh auftauchen, wo sie am Anfang 
eines jungen Wissenschaftsbetriebes stehen, wirken sie so blutleer, 
übereilt. In dem Ausmaß, in dem sich der Arbeitsrahmen des Wissen- 
schaftlers mit konkretem Inhalt füllt, werden sie dringlicher, unent- 
behrlicher. Ihre Vernachlässigung beim Vorhandensein eines großen 
Tatsachenmaterials ist sogar ein ausgesprochener Mangel, Denn wenn 
sie auch selbst nichts Neues hinzufügen können zu den gesammelten 
Erfahrungen, so haben sie doch eine unleugbare Bedeutung für ihre 
zweckmäßige Verwertung. 

Die Wissenschaft der psychotherapeutischen Pädagogik im weite- 
sten Sinne des Wortes, wie sie der Erziehungsberater treibt, ist in 
dem Stadium angelangt, in dem es angemessen scheint, die praktische 
Arbeit gelegentlich durch rein begriffs-theoretische Untersuchungen 
zu unterbrechen. Denn wir sind doch gezwungen, alles zu benennen, 
was wir darstellen und mitteilen wollen. Und wenn wir mit diesen 
Benennungen anfangs auch nicht allzu vorsichtig sein müssen, so- 
lange sie uns nur beim Finden unserer Ergebnisse unentbehrlich wer- 
den, für die Zwecke der Darstellung und Mitteilung müssen wir uns 
größerer Exaktheit befleißigen. Denn wie leicht ergibt sich der Fall, 
daß ein Terminus auf verschiedenen Seiten gleichzeitig auftaucht, 
ohne daß wir die Sicherheit hätten, daß seine Bedeutung in allen diesen 
Fällen dieselbe ist. Oft ändert sich auch die Bedeutung eines Terminus 
im Gebrauche, er rückt immer weiter von seinem ursprünglichen 
Wortsinne ab und füllt sieh ganz unmerklich mit neuem Inhalt. In 
solchen Fällen ist eine besonders vorsichtige kritische Besinnung 
am Platz. 

■ Ich glaube, daß wir mit dem Terminus „Lernstörung" auf diesem 
Punkte angelangt sind, . '• ■■ 



156 FritK Redl 



"Wie könnten wir den Begriff der Lernstöning definieren? Der 
erste Gedanke, der sich da aufdrängt, ist wohl der, als sein konsti- 
tuierendes Merkmal das Ausbleiben des Selnilerfolges anzusetzen 
Legt uns die Praxis der Erziehungsberatung diesen Gedanken nicht 
sogar nahe? Wann werden denn Kinder in die Beratung gebracht? 
Kaum jemals bevor sich nicht böse Miilerfolge gezeigt haben.' Aber 
sind wir berechtigt, für den Begritf der Lerustörung als wesentliches 
Merkmal anzusetzen, was sich in der Praxis der Erziehungsberatung 
als auffällig erweist? Gibt es nicht Fälle, in denen der Schulerfolg 
ausbleibt, ohne daß wir eigentlich von „Lernslörungen" reden könn- 
ten? Und muß umgekehrt in allen Fällen von „Lernstörnngen" ein 
„Versagen" des Kindes eintreten? Diese Fragen müssen wir erst be- 
antworten, ehe wir es wagen dürfen, den Begriff der Lernstörung zu 
dem des Mißerfolges in eine konstante Relation zu setzen. 

I. Störung, Insuffizienz und S c h u 1 e r f o 1 g. 

Rollen wir zunächst die erste Frage auf: Gibt es ein „Versagen"- 
in der Schule, ohne daß wir von „Lernstörnngen" sprechen könnten? 
Wir beantworten diese Frage olmeweiteres mit „ja" und begründen 
dies durch eine Erörterung des Begriffes der „Störung", 

Da muß uns denn vor allem eines stutzig machen: in der landläufi- 
gen Ausdrucksweise, wie sie unter Ijclirern und auch sonst im päd- 
agogischen Gespräche gebräuchlich ist, kommt das Wort „Störung'' 
gar nicht vor! 

Sofern man sich vom Versagen eines Kindes tiberlianpt Rechen- 
schaft gibt, liegen die Erklärungsversuche in zweifacher Richtung 
Entweder wir setzen den Mißerfolg eines Kindes auf das Konto seiner 
„Dummheit". Etwas feiner ausgedrückt: wir schreiben ihn seinein 
Mangel an Begabung zu. Oder aber wir meinen, daß die intellektuellen 
Fähigkeiten zwar in Ordnung seien, daß es das betreffende Erziehungs- 
objekt aber an dem nötigen Fleiß fehlen lasse, daß wir also „Faul- 
heit" als Ursache seines Versagens zu betrachten haben. Dabei bilden 
„Dummheit" und „Faulheit" die Endpunkte einer Reihe, Je nach dem 
Ausmaß, in dem der eine Faktor am Zustandekouuiien des Mißerfolges 
beteiligt ist, braucht der andere nicht mehr zu Hilfe gerufen zu wer- 
den und umgekehrt. Ich wähle dabei absichtlich die derberen Aus- 
drücke an Stelle der liebenswürdigeren Unisehreibungsforiuen für den 
eigentlich gemeinten Sachverhalt. Doch wollen wir schärfer festlegen 
was das laienhafte Denken mit diesen beiden Feststellungen eigent- 
lich meint: „Dummheit" heißt so viel wie Fehlen der Begabung, d^^ 
man eben mitbringen muß, um eine Aufgabe überhaupt leisten zu kön- 
nen. Unter „Faulheit" versteht man das Fehlen des enl.'^preclienden 



Zum Begriff der „Lerjistdrting" jgy 



Willens zur Lernarbeit, ohne den bekanntlich die beste Begabun- 
nutzlos bleibt, * ® 

Gegen diese populäre Auffassung von Begabungsmangel und Man- 
gel an Lermvillen als Erklärungsweisen für Schulmißerfolg ist nun 
aber die moderne Pädagogik" sturmgelanfen. Es ist so weit gekom- 
men, daß kein Lehrer mehr von ihnen spricht, wenn er nicht riskieren 
will, als volhg veraltet und unmodern gebrandmarkt zu werden Die 
modernere Auffassung zielt nämlich in anderer RiclKung. Ihr zufolge 
ist ee nicht das Fehlen von Begabung, was den Mißerfolg aiisnmch't. 
Man vermutet vielmehr meist viel latente Begabung in den Kindern, 
man meint nur, daß sie daran gehindert werde, sich auszuwirken. Sie 
ist gehemmt, aus den verschiedensten Gründen in ihrer Entfaltung 
beeinträchtigt. Gelingt es, den hindernden Damm abzugraben, darm 
kann der Strom kindlicher Begabung frei fließen. Die Redewendung 
„es geht ihm der Knopf auf" zeigt übrigens, daß diese Auffassung 
auch dem laienhaften Denken nicht ganz fremd ist. Auch an Stelle des 
Vorwurfes, daß es einem Kinde am Willen zur Arbeit fehle, tritt 
gerne die Klage, daß es diesen Willen zwar in höchstem Ausmaße be- 
sitze, daß es ihn aber nicht zur Entfaltung bringen könne. E? habe 
zwar die besten Absichten zu lernen, sei aber durch Unkonzentrier- 
barkeit, VerLränmtheit usw. so sehr gestört, daß es „bei bestem Wil- 
len" nichts weilerbringe. Man müsse ihm nur diese Sehranken hinweg- 
i'äumen helfen, die es daran hindern, auch zu können, was es will, 
dann sei der Mißerfolg mit einem Schlage beseitigt. 

Beide Auffassungen, die des „Fehlens" von Begabung und Lern- 
willen und die der bloßen „Gestörlheit", beide stehen einander heute 
noch ziemlich unversöbnlich gegenüber. Der moderne Psychologe ent- 
scheidet sich ziemlieh ausschließlich für die letztere. Es spricht zwei- 
fellos viel für sie. Nur eines macht (nich stutzig, nändich das betrüehf- 
liche Ausmaß an Verachtung und Entrüstung, das er für die andere, 
„veraltete" Auffassung übrig hat. Ich meine, man tut gut, gegen 
Affekte in wissenschaftlichen Fragen innner mißtrauiscli zu sein, auch 
dann, wenn sie beim Psychologen auftauchen, ja, dann vielleicht ganz 
besonders! 

Tatsächlich zeigt uns ein ruhiger Blick auf die Sachlage, daß beide 
Auffassungen gar keinen so schweren Widerspruch enthalten, wie 
jaan gemeinhin annimmt. Wie immer in solchen Fällen stammt der 
scheinbare Widerspruch aus einer terminologischen Unklarheit. Tat- 
sächlich nämlich decken die umgangssprachlichen Ausdrücke „Dumm- 
heit" und „Faulheit", aus denen die ganze Frage ja erwachsen ist 
beide Sachverhalte. Sowohl dem Kinde, dem es an Begabung sichtlicii 
fehlt als auch dem, das nur zeitweise an der Verwertung seiner geisti- 

ZcitEchrilt f. psa. TM., Vni/5-ß 



158 



Fritz Redl 




gen Kräfte gehindert ist, werfen wir gleicherweise „Dumraheil vor, 
dfi wir ja auch zunächst gar kein sicheres Unlerscheidungsmittel in 
lier Hand haben. Erst nachdem einmal dem einen Kinde „der Knopf 
aufgegangen ist", ändern wir unsere Diagnose. Auch mit der Faulheit 
steht es nicht anders. Das Kind, das nicht arbeiten will, unterscheidet 
sich zunächst durch nichts von dem, das nicht arbeiten kann — es 
bringt seine Aufgaben ebensowenig, wie dieses. 

Nichts ist nun aber falscher, als nLir die eine oder die andere Aus- 
legung des mit dem Worte „Dummheit'* bzw. „Faulheit" gemeinten 
Sachverhaltes gellen lassen zu wollen. Übersieht die laienhafte Auf- 
fassung die Miiglicbkeit der Gestörtheit vorhandener Begabung oder 
Arbeitswilligkeit vollständig, so neigt die psychologische Auf- 
fassung nicht weniger einseitig dem anderen Fehler zu. Sie vergißt 
nämlich allzu leicht, daß es einem Kinde einmal wirklich an der 
nötigen Begabung fehlen kann, oder daß es einmal tatsächlich aus 
bestimmten Gründen nicht arbeiten will. Mag sein, daß diese Fälle 
psychologisch nicht so interessant sind, wie die der Gestörtheit ~~ 
was ich übrigens bezweifein möchte — , zur Klarstellung des Begriffes 
der Lernstörung ist die gleichmäßige Berücksichtigung aller Möglich- 
keiten unerläßlich. Wir wollen also daran festhalten, daß es beides 
gibt: das Fehlen von Begabung und l.ernwillen, wie auch ihre Ge- 
störlheit bei latentem Vorhandensein, 

Doch — wir verwendien schon allzu liäufig den Ausdruck „Be-' 
gabung", als daß es nicht angezeigt schiene, ihn einer näheren Würdi- 
gung zu unterziehen. Ist doch keine andere Begriffsmarke so sehr 
geeignet, Unklarheit und Streit in Diskussionen hineinzutragen wie 
gerade diese! Niemand darf natürlich verlangen, daß es in dieser 
Untersuchung in Angriff genommen werde, dieses so verwickelte Pro- 
blem einer Lösung zuzuführen. Was wir hier vorhaben, ist nichts 
anderes als der Versuch, klar und eindeutig festzulegen, was hier mit 
diesem Terminus gemeint sein soll. 

Die zudringlichste Frage, die sich an alle Erwähnungen des Wortes 
„Begabung" zu heften pflegt, ist die nach Erworbenheit oder An- 
geborensein. Ich stehe nicht an, zu behaupten, daß diese Frage lür 
unseren Problemkreis unwichtig ist. Sie mag für den Psychologen von 
hohem Interesse sein, der Lehrer oder Erziehungsberater hat von ihrer 
Entscheidung nicht viel zu erhoffen. Für ihn bleibt ja immer nur ein 
heuristisches Prinzip in allen Fällen: das Veränderliche an einem Zu- 
stand herauszufinden und es zu ändern. Mag der Theoretiker dann den 
unveränderbar bleibenden Itest als „angeboren" bezeichnen oder als 
irgendeinmal entstanden, für den Praktiker bleibt dies eme Frage 
.^.ckundärcr Bedeutung. Ja, wir gehen noch weiter: der Begntt von 



•\i t- 



Zum Begriff der „Lcrnstörung" 



159 



dem, was man zu praktischen Zwecken kurz als „Begabung" be- 
zeichnen könnte, läßt sich ohne Schaden ganz variabel halten, je nach 
dem Standpunkt des Betrachters. Es ist keinem Zweifel unterworfen, 
daß jeder Lehrer oder Berater in dem Augenblick, in dem er mit einem 
Kinde zu tun bekommt, ein gewisses Ausmaß von schon mitgebrachten 
Arbeitsvoraussetzungen, von solchen, die deullich erst von außen er- 
worben wurden, unterscheiden kann. Für ihn ist nun dieser schon 
mitgebrachte Teil von Arbeitsvoraussetzungen die „Begabung" zum 
Unterschiede von dem sichtlich durch Lernen Erworbenem. Wenn ich 
etwa als Lehrer eine Gruppe von Zehnjährigen in Latein zu unter- 
weisen habe, dann werde ich, relativ gesprochen, die Fähigkeit, die 
sie zeigen, sich In den Bau dieser Sprache einzuleben, als ihre „Be- 
gabung" für den Gegenstand ansprechen. Ob sie diese Begabung von 
Geburt aus besessen oder etwa durch besonders günstige Entwick- 
lungsbedingungen als Dreijährige erworben haben, bleibt prinzipiell 
gleichgültig. 

Ich behaupte damit, wohlgemerkt, nicht, daß damit das ßegabungs- 
problem auch nur im geringsten einer Lösung zugeführt sei. Ich be- 
haupte aber wohl, daß, neben dem rein psychologischen, ein eigener 
Begabungsbegriff verwertbar zu sein scheint, den wir den praktischen 
nennen könnten. Wir verstehen somit hier unter Begabung: die Summe 
aller funktionsrelevanten Voraussetzungen, die ein Kmd zur Voll- 
bringung einer geforderten Leistung miibringt. Setzen wir diesen 
variabel gehaltenen Begabungsbegriff nun in unsere Auseinander- 
setzungen ein, so können wir unmißverständlich angeben, was wir 
berechtigterweise unter dem Ausdruck „Dummheit" verstanden wissen 
wollen: Er bezieht sich nämlich ganz deutlieh auf die funktionsrele- 
vanten Voraussetzungen der Lernarbeit. Doch vom Leistenkonnen 
zur tatsächlich vorliegenden Leistung ist noch ein weiter ^^ eg, auf 
ihm liegen alle die Voraussetzungen, die man als leistungsrelevant 
bezeichnen könnte (also etwa: Arbeitswille, Energiebereitstellung etc.). 
Wir merken leicht, daß das Wort Faulheit im Grunde auf eben diese 
Voraussetzungen zielt. Stellen wir nun. um ein Übriges zu tun, noch 
die beiden als Gegensätze sieh gebärdenden, in Wirklichkeit aber 
nehengeordneten Erklärungsweisen für Dummheit und Faulheit neben- 
einander, so landen wir bei folgender Formulierung des gesamten 
Sachverhaltes: 

Die Ursache für das Versagen eines Kindes kann bei den f unktions- 
relevanten oder bei den leistungsrelevanten Voraussetzungen gesucht 
^verden. Dabei unterscheiden wir scharf: oh diese Voraussetzungen 
fehlen, oder ob sie zwar latent vorhanden, zur Zeit aber an ihrer Ent- 
faltung gehindert sind. Nur den zweiten Fall dürfen wir als „Störung" 

12' 



-.CQ —• Fritz Red] 



ansprechen. Für den ersten Fall besilzen wir kein Wort. Ich schlage. 
bis sich ein besseres findet, den Ausdruck „Insuffizienz" vor. Ich 
scheide also Insuffizienz (Begabungsnmngel und iM^hlen des nötigeu 
l^ernwillens) von Störung (gehenniite Denk- oder Leistungsfähigkeit) 
und habe damit auch die Möglichkeit gewonnen, den so unfruchtbaren 
Streit tim die BereehligLing der „Dummlieit-Faulheits"-Dii\gnoseu 
gegenüber den Störungsdiagnosen auf ein fruchtbareres Gebiet über- 
zuleiten. Denn was im einzelnen Fall vorliegt, Insuffizienz oder Stö- 
rung, ist talsächlich schwer zu entscheiden. Von außen sehen ja beide 
einander zum Verwechseln ähnlich. Auch welche Art der Schulschvirie- 
rigkeiten die häufigere ist, kann noch lange nicht mit Sicherheit ent- 
schieden werden. Erst auf Grund vieler empirischer Untersuchungen 
wird man dieser Frage irgendeininal nahertreten können. Wenn dei- 
Psychologe augenblicklich der Störung sympathisierender gegenüber- 
steht als der Insuffizienz, und diese ebenso gerne vom Sehauplata 
verschwinden lassen möchte, wie es der Laie mit der Störung so lang& 
erfolgreich getan hat, dann haben beide dazu dasselbe Motiv. Der 
Psychologe weiß nämlich mit den Insuffizienzen so wenig anzufangen, 
wie der Laie mit den seinem Denken ganz zuwiderlaufenden Störun- 
gen. Ein prinzielles Bedenken gegen die Behandelbarkeit der Insuffi- 
zienzen sehe ich darin aber nicht. *, 
■ Welches Mittel aber haben wir, zwischen Insuffizienz und Störung 
nicht nnr begrifflich, sondern auch im einzelnen Fall zu unterscheiden? 
Wann tun wir gut von dem einen, wann von dem anderen zu reden? 
Greifen wir, um in dieser Frage mehr Licht zu gewinnen, die andere 
Frage auf, die wir noch offen gelassen haben. Wir haben nämlich bis- 
her zwar gefunden, daß das A'^ersagen in der Schule nicht immer auf 
Störungen zurückzugehen braucht, daß es auch Insuffizienzen gibt. 
Fragen wir weiter: gibt es, umgekehrt, auch Fälle von Störungen, die 
sich im Sehulerfolg nicht auswirken? 

Zunächst scheint es wichtig zn sein, daran zu erinnern, daß Ei-folg 
auch im Schulleben kein absoluter, sondern ein sehr relativer Begriff 
ist. Was für den einen als hoher Erfolg bezeichnet werden muß, mag 
dem anderen als Mißerfolg erscheinen, ist doch das, was wir Erfolg 
nennen, ganz von dem Maßstäbe abhängig, mit dem wir messen. Doch 
— über diesen Mißstand könnten wir uns noch hinweghelfen. Wir 
müssen ja nicht von einem starren Erfolgsmaßstabe ausgehen, sondern 
könnten die Verwendung des Terminus „Erfolg" an den Schritt vom 
besseren zum schlechteren Beurleilungsergebnis binden. Dann könn- 
ten wir mit Recht, im Falle eines Vorzugssehülers etwa, bei Zurück- 
gehen auch nur einiger Noten auf einsetzende Lernslörungen schließen, 
während wir etwa das Hinzutreten einer negativen Note bei schon 



Zum Begriff der „Leruslörung" 



161 



vorhaadenen mehreren schlechten Beurteilungen nicht' sehr bedenk- 
lich finden müßten. 

Wir haben aber gegen die Verwertung des Erfolges als Maßstab für 
Lei-ngestörtheit ein viel schwerer wiegendes Bedenken auf Lager. Wenn 
wir nämlich schon daran dachten, die „Gestörtheit" am Erfolg zu 
messen — woran messen wir diesen? Erfolg oder Mißerfolg drückt sieh 
3a unmittelbar durch die Noten aus, beziehungsweise durch die Be- 
urteilung, die das Kind durch die Lehrer erfährt. Was wir aber messen 
niüssei5, um von Gestörtheit reden zu können, ist die Leistung. 
Zwischen Erfolg und Leistung aber ist eine große Spannweite. Wer 
kennt nicht die Tatsache, daß man bei hohen Leistungen durch Pech 
oder sonstige widrige Umstände — zu denen oft nur Ausdrucks- 
ungeschicklichkeit, gar nicht immer böser Wille des beurteilenden 
l^ehrers gehört ■— sehr leicht geringen Erfolg erzielen kann, während 
es dem „Geschickteren" oft mit geringem Leistungsaufwand gelingt, 
gute Erfolge buchen zu können? Was nämlich nolwenilig ist, um es bei 
bestimmten Leistungen auch zum Erfolge zu bringen, ist in der Schule 
wie im Leben noch eine Summe von anderen Voraussetzungen, die mit 
den zur guten Leistung unerläßlichen durchaus nicht zusammenfallen 
müssen. Nennen wir sie kurz: erfolgsrelevant*). Wie zwischen Be- 
gabung und Leistung die leislungsrelevanten, so schieben sieh zwischen 
Leistung und Erfolg die ertolgsrelevanten Eigenschaften eines Men- 
schen ein. Diese Erkenntnis aber macht den Erfolg ganz unbrauchbar 
dazu, als Maßstab zu dienen für Störungen im Lernen selbst und wir 
tun gut, auf diese dem landläufigen Denken scheinbar so naheliegende 
Hilfe ganz zu verzichten. 

Was aber kann uns sonst dienlich sein, um Insuffizienz von Störung 
im gegebenen Falle unterscheiden zu können? Mit dieser Frage stoßen 
wir übrigens auf den Grund dafür, daß der Begriff der Störung über- 
haupt dem vorpsychologischen Denken so große Schwierigkeiten be- 
reitet. Aus dem einzelnen Fall heraus läßt sich nämlich bisher wirklich 
kein Merkmal zur Trennung von Insuffizienz und Störung ersieh! lieh 
machen. Das lateinschwache Kind zum Beispiel — sofern es nicht aus 
Eaulheit lateinschwach ist — wird bei jeder Lateinprüfung denselben 
idiotischen Eindruck machen. Selbst wenn es uns Jahre nachher ge- 
lungen sein mag, seine Lateinschwächen zu beheben — damals hat es 
sich von den auch später unfähig Gebliebenen durch nichts unter- 
schieden. Was uns dazu verhelfen kann, Insuffizienz von Störung zu 
trennen, ist nur der Schritt zu anderen Beobachtungen desselben Kin- 
des entweder nach langen Zeitstrecken oder auf anderen, aber struktur- 
ähnlichen Leistungsgeb ieten. 

•) Zu diesem Begriff siehe die interessante Schrift von I c li li r i a e r : ,. Kritik Jfis Kr- 
folges". Leipzig, C. L. Hirschfeld, 193U. 



162 



Fritz Ro<]l 



Merken wir nämlich, daß sich sein Verhalten znm Gegenstand nach 
längerer Zeit ändert oder daß es in anderen strnklurähn^klien Lei- 
stiingsgebieten keinerlei Schwierigkeiten hat, dann liegt die Diagnose 
Störung auf der Hand. Denn würden die fnnktionsrelevanten Voraus- 
setzungen tatsächlich lehlen, dann müßte sich dieses Fehlen ja aneh 
auf dem anderen, strukturverwandten Leistungsgebiete fühlbar machen. 
Überall also, wo es uns gelingt, eine solche Längsschnitt- oder Quer- 
sehnittergänznng unserer Beobachtungen durchzuführen, sind wir in 
der Lage, Insuffizienzen von Störungen leidlich auseinauderzuhallen. 
Wo- uns aus technischen Gründen solche Beobachtungsvergleiche nicht 
oder noch nicht möglich sind, stehen wir heute noch vor unlösbaren 
Schwierigkeiten. 

Zusammenfassend können wir jedenfalls feststellen: wir sprechen 
von Störungen immer dann, wenn die tatsächlich beobachtete 
Leistung eines Kindes schlechter ausfällt, nls die auf Grund ander- 
weitiger Beobachtungen erwartete Leistung aussehen müßte. Di© 
Diskrepanz zwischen tatsächlicher und (auf Grund anderer Beobach- 
tungen) zu erwartender Leistung ist also der springende Punkt für 
die Verwendung des Storungsbegriffes. Das Ausmaß dieser Dis- 
krepanz gibt zugleich den Grad der „Gestörtheit" an. 

Ja, unsere Formulierungen ließen sich vielleicht sogar noch dahin 
erweitern, daß wir auch dann von Störungen sprechen könnten, wenn 
die tatsächlichen Leistungen besser ausfallen, als die zu erwartenden. 
Vorausgesetzt nämlich, daß wir uns nicht einlach in unseren Erwar- 
tungen verrechnet haben, kann der Fall eintreten, daß ein Kind nur 
auf Grund schwerer Gestörtheit einen solchen Leistungsgrad erzielt. 
Viele — nicht alle! — Musterkinder gehören hieher. Sie erweisen sich 
später oft als gar nicht sehr leistungsfähige Schüler, ihre zeitweiligen 
Glanzleistungen verdankten sie nur schwerer seelischer Gestörtheit, 
indem nämlich die leistungsrelevanten Voraussetzungen etwa infolge 
zwangsneurotischer Zustände in so hypertrophem Ausmaße entwickelt 
waren, daß sie auch ohne funktionsrelevaule Voraussetzungen Glanz- 
leistungen produzieren konnten. Auch Fälle verzögerter Pubertät 
lassen sich oft in ähnlicher Weise erkennen: zu einer Zeit, wo die 
leistungsrelevanten Voraussetzungen des normal entwickelten Kindes 
beträchtlich gestört sein müssen, funktionieren diese Kinder .aoch 
tadellos, so daß sie vor den anderen im Lernen einen bedenklichen 
Vorsprung erreichen, für den sie dann allerdings meist bald schwei-e 
Buße zahlen müssen. 

Doch wie weit wir tatsächlich aus diesen Fällen die Konsequenz 
ziehen sollen, den Begriff der Lerngestörtheit so weit auszudehnen. 



Zum Begriff der „Lernstörung" 163 

oder ob wir uns nicht doch lieber aui den üblichen Gebrauch be- 
schränken sollen, muß hier nicht entschieden werden. 

Dagegen scheinen unsere ßetraehlungen in anderer Hinsicht er- 
gänzungsbedürftig. Denn in allen unseren Erwägungen haben wir bis- 
her immer nur die Fälle von Störungen oder Insulfizienzen gemeint, 
von denen man gewöhnlich spricht, in denen es sich also um ein Fehlen 
oder eine Hemmung der funktionsi-elevanten Voraussetzungen handelt. 
Sie allein sind offiziell als „Schulsehwierigkeiten" anerkannt. Tat- 
sächlich aber scheint mir ein vorhin eingeführter Terminus nahe- 
zulegen, den Begriff der Schulschwierigkeiten noch ein wenig zu er- 
weitern. Man hört von den hier gemeinten Fällen allerdings wenigei-, 
da sie nicht auf Kosten der sachlichen Arbeitsbedingungen zu setzen 
sind, sondern ihren Grund in ungern eingestandeneu Unvollkommen- 
heiten der menschlichen Gesellschaft, beziehungsweise im Mangel an 
Offenheit der Menschen in ihrem Zusammenleben haben. Wie im 
Berufsleben, genügt nämlich auch in der Schule eine Schädigung 
in den erfoigsrelevanten Eigenschaften, um bei größter Begabung oder 
ausgiebigstem Fleiß erfolglos zu scheitern. Es ist bekannt genug, 
wie manches Kind nur auf Grund großer Ausdrucksgewandtheit und 
geschickten Auftretens, auf Grund einer Kunst, sich die Herzen der 
Menschen im Fluge zu erobern, eine weit höhere Erfolgsquote zu 
verzeichnen hat, als manches andere, in Wirklichkeit tüchtigere, 
dem es an den nötigen erfoigsrelevanten Qualitäten mangelt, das sich 
nie recht zur Gellung zu bringen versteht, oder sich durch sein 
unglückseliges Naturell die Sympathien der Menschen oft unbeab- 
sichtigt verscherzt. 

Fassen wir all dies zusammen, so können wir zur eindeutigen 
Festlegung der zulässigen Yerwendungsweise des Begriffes „Stö- 
rung" kurz folgendes sagen: 

1. Nicht alle Kinder, die wegen mangelnden Schulerfolges der 
erziehungsberaterischeu Hilfe bedürfen, gehören zu den Fällen von 
„Geslörtheit". Wir kennen daneben auch den Fall der „Insuffizienz", 
der psychologisch und schul technisch allerdings vermutlich großen- 
teils auf anderer Ebene liegt. 

2. Nicht alle Fälle von „Gestörtheif* drücken sieh ohneweiteres 
in Mißerfolg in der Schule aus. Manchmal mag sogar ein hohes Aus- 
jnaß von Schulerfolg trotz — vielleicht gelegentlich sogar wegen — 
schwerer GestÖrtheit von funktionsrelevanten Voraussetzungen be- 
stehen bleiben. 

3. Die Tatsache des Erfolges oder Mißerfolges ist überhaupt nicht 
von den vom Psychologen fast ausschließlich in Betracht gezogenen 
funktionsrelevanten und leistungsrelevauten Voraussetzungen ab- 



164 ■■' '" P'i^'tz itpdi 



hängig, sondern sie wird durcli eine )\'eihc aiidei-er, hier nur an- 
gedeuteter Eigenschaften hedingt, die wir als „erfolgsrelevanle Vor- 
aussetzungen" erziehimgsberaleriscli in Reclinnng setzen müssen. 

II. S y m p t o m a t o 1 o g i s c h e und ä ( i o 1 o g i s c h e Typen. 

Mit der Scheidung zwischen „Störung" und „Insuffizienz" und mit 
ihrer Loslösung von den Fragen des Schulcrfnlges haben wir eigent- 
lich erst den negativen Teil unserer Aufgabe erfüllt. Wir haben 
unseren Begriff nach außen hin abgegrenzt, um zu vermeiden, daß 
er mit Naheliegendein verwechselt werde. Weit schwieriger ist ea 
nun, ihn auch mit positivem Inhalt zu füllen, genau anzugeben, was 
wir mit dem Worte Lernstörungen, um die es sich ja in erster Linie 
handeln soll, eigentlich meinen. 

Auf den ersten Blick allerdings siehl es so aus, als ob in der ersten 
Silbe dieses Wortes sein näherer [nhalt ohnedies angedeutet väre. 
Bei näherem Zusehen aber entpuppt sich dieses „lern-" als leeres 
Wort, beziehungsweise zeigt sich, daß wir den Ausdruck sehr un- 
vorsichtig und voreilig für Verschiedenartigstes verwenden, ohne 
auf seinen eigentlichen Sinn viel Kücksichl zu neliuieti. Rechnen wir 
elwa ein Kind mit .schwerer Trüfungsangst nicht meist auch zu den 
„lerngestörten"? Und doch ist bei solchen Kindern gerade das Lernen 
oft die einzige Funktion, die eben nicht gestört erscheint! Wir 
mei-ken schon, wie es zu diesem Ausdruck überhaupt gekonuuen sein 
dürfte. Er stammt ans der umgangssprachiichon Verweiulungsweise 
des Wortes „Lernen" für alles, was irgendwie mit der Schule zu- 
sammenhängt. Vermutlich ist er zunäcbsl überhaupt nur dazu da, 
um anzudeuten, daß es „mit dem Lernen nicht recht geht". So sehen 
wir uns gezwungen, diese erste Silbe zunächst wieder wegzulassen. 
Bleiben wir noch etwas länger beim Begriffe der „Störung" und 
sehen wir zu, was in den Fällen, die wir als „lerngestört" zu be- 
zeichnen pllegen, wirklich als „gestört" betrachtet werden kann. 

Dabei sehen wir uns allerdings in die peinlichste Lage versetzt. 
Vermögen wir es denn überhaupt anzugeben, was in dem einzelnen 
Fall gestört sein kann? Kommt aber nicht anderseits gerade alles 
darauf an, daß wir die richtige Wahl des konstituierenden Merkmals 
für unsere Lernstörungen treffen? Handell es sich doch ganz deutlich 
zunächst um die Aufgabe, die Lernstörungen einzuteilen. Zu diesem 
Zwecke aber geht man jedenfalls am besten so vor, daß man Gleich- 
artiges zusammenfaßt, mit einem Namen belegt und von anderem. 
Ahnlichem und doch Unterschiedlichem, abgrenzl. Wo aber finden 
wir das Merkmal, nach dem wir unsere Einteilung überhaupt auf, 
bauen können? 



I 

41 



Zum Begriff der „Lornstörung" 165 



Sclicinbai- können wir an zwei Punkton am leichtesten angreifen. 
"Wir können von der Erforschung der Erscheinungsweisen des als 
„Störung" Empfundenen ausgehen, dann gelangen wir zu symptomato- 
logiechen Typen. Oder aber wir können zusammentragen, was wir 
als häufigste Ursache in den einzelnen Fällen gefunden haben, 
dann erlialten wir ätiologische Typen. Was immer wir zuerst in 
Angriff nehmen wollen, wichtig ist jedenfalls, daß unsere „Typen" 
rein symptomatologisch oder rein ätiologisch sind. Die vorwissen- 
schafllichen Typisierungen nun, mit denen das laienhafte Denken 
Arbeitet, sind dies durchaus nicht. In der Erziehungsberatung aber 
spuken diese Typisierungen, mehr oder weniger anspruchsvoll als 
echte Typen frisiert, noch allzu unbehindert umher. Tatsächlich be- 
ziehen wir ja unsere Terminologie zunächst aus der allgemein 
üblichen pädagogischen Laienspraehe. Dies ist oft genug ein Vorteil, 
besonders da, wo es darauf ankommt, sich dem Laien auch leicht 
wieder verständlich zu machen. Denken wir aber an die Verwasehen- 
heit der meisten „landläufigen Ausdrücke", dann muß uns das Be- 
denkliche dieses Verfahrens bald auffallen. 

In unserem Falle zeigt sich diese Verwischtheit des Sprachgebrau- 
ches besonders störend. So sprechen wir etwa vom Typus des „ver- 
träumten Kindes", womit wir deutlich eine syinptomatologische Typi- 
sierung versuchen. Wir stellen ihm dann etwa den des „ängstlichen 
Kindes" gegenüber, der aber bestimmt in die Ebene der ätiologischen 
Typisierungsversuche gehört, denn Angst wird ja nicht als Lern- 
störung selbst angesprochen, sondern als deren Ursache. 

Manchmal reden wir auch vom „trotzigen Kind" im Zusammen- 
hang mit Lernstörungen, wobei es dem Belieben des Zuhörers über- 
lassen bleibt, ob er dabei an die symplomatologische Bedeutung des 
Wortes denken will, oder ob er die Bezeichnung ätiologisch als Er- 
klärungsversuch für die beobachteten Lernschwierigkeiten verstehen 

soll. 

Praktisch mögen sich solche Typisierungsversuche nicht immer 
vermeiden lassen. Sie entstehen ofl aus Überschriften über Fall- 
schilderungen, bei denen man auf Ähnliches ja kaum verzichten kann. 
Wissenschaftlich sind sie wertlos, denn das beschriebene Gebiet kommt 
durch sie nicht in geordneteren Znstand. Eine Systematik — und 
nichts anderes sucht man, eingestanden oder nicht, überall da, wo man 
VAi typisieren beginnt — , kann nur dann in wünschenswerter Form zu- 
stande kommen, wenn man sich reinlich ein und desselben Aufstel- 
hingsgrundes für die „Typen" bedient. 

Wollten wir mit dieser Aufforderung ernst machen, so müßten 
WITT folgerichtig zwei sauber getrennte „Typenreihen" erhalten, von 



166 



Flitz Real 



denen die eine (symploinatologieehe) den Lehrer, die andere (ätio- 
logische) den Analytiker in erster Linie interessieren würde. Tat- 
sächlich aber fehlen uns alle Anhaltspunkte, um auch nur eine der 
beiden mit Erfolg zu versuchen. Immerhin könnte ich mir die sym-. 
ptomatologische Typenreihe in einigen Funkten ausfüllbar vorstellen. 
Am auffälligsten begegnen uns ja die Falle, die wir als „Verlräuiut- 
heit", Konzentralionfinnfähigkeit, Unfähigkeit, die nötige Arbeits- 
energie zur Verfügung zii stellen, Zerfahrenheit etc. bezeichnen. 
Doch sind dies nur einige Punkte, sie fügen sicii noch lange nicht 
in ein System, es fehlt uns ja der Einblick in den die Einteilung- 
zusammenhaltenden Einfeilungsgrund, da ^vir das Wesen der 7,\\^ 
grundeliegenden Symptomatik noch lange nicht übersehen. 

Die Aufstellung ätiologischer Typen würde sicherlich als einen 
der wichtigsten Punkte das Kapitel enthalten: „durch den Kastra- 
tionskomplex verursachte Lernstöningen", neben solchen präödipaler 
Verursachung usw. Vielleicht ließe sich hier übrigens schon ein© 
systematisierendere Einteilung vorschlagen, leb würde dazu neigen, 
die Lernstörungen, die als Folge von „Störungen in der Triebentwiek- 
hing" auftreten, also vor allem als Folge von Fixierungen der ver- 
schiedensten Art, von solchen zu trennen, die man etwa als „Störun- 
gen in der Ich -Entwicklung" bezeichnen könnte. Darunter würde ich 
die Fälle verstehen, in denen sich das Es oder das Uber-Ich eines 
Kindes hypertroph auf Kosten des anderen Teiles entwickelt hat, oder 
sich zeitweise überstarker Energiebesetzungen erfreut (Verwahr- 
losung, Zwangsneurose). Doch all diese Vorschläge sind wohl über- 
eilt, sie sind systematisch, ehe noch der Inhalt des zu gewinnenden 
Systems klar genug erfaßbar ist und das Material reichlich genug 
zur Verfügung steht. 

Sollen wir darum unseren Versuch hier abbrechen? Der Zustand, 
in dem sich unsere junge Wissenschaft befindet, scheint noch weit 
von dem Punkte entfernt zu sein, in dem es ratsam ist, systematische 
Typologien aufzustellen. Oder brauchen wir vielleicht gerade für die 
Wegstrecke bis zu diesem Punkte einer logischen Hilfe? Einer Hilfe, 
die freilich den Stempel des Vorläufigen und Unbefriedigenden an sich 
tragen muß, die uns aber doch in der schwer übersehbaren Fülle des 
auf uns einströmenden Materials zu leiten imstande wäre? 

in. HeuristischeKategorien. 

Am naheliegendsten wäre es wohl, daß wir uns bei der Bemühung, 
Gesichtspunkte zur scharfen Formulierung des Begriffes der „Lern- 
störungen" zu finden, an die Psychologie wendeten. Denn die Frag^^ 
was im einzelnen Falle gestört ist, müßte sich doch durch die B©^ 



Zum Begriff der „Lernstörung" 167 

nennung der einzelnen psychischen Funktionen beantworten lassen, 
die zur geforderten Leistung nötig sind. Doch da sind wir zunächst 
nicht viel besser daran als vorher. Denn auch die Psychologie ist 
kaum imstande, die einzelnen psychischen Tätigkeiten, die zu dem 
gehören, was wir jeweils als „lernen" bezeichnen, mit der nötigen 
Exaktheit zu besehreiben, vor allem aber, %vas uns als Therapeuten 
besonders schwer trifft, sie ist nicht imstande, sie entsprechend zu 
isolieren. Falls wir uns aber wirklich entschließen könnten, von den 
psj'chologischen Einteilungen auszugehen, was hätten wir davon für 
die Praxis gewonnen? Da müßten wir etwa Störungen der Empfin- 
dungen von solchen des Denkablaufes, des Vorstellungaablaufes usw. 
unterscheiden. Wir werden später sehen, daß uns diese Unterschei- 
dung gelegentlich sehr wichtig sein kann, zur zweckmäßigen Ordnung 
des Gesamtgebietes für die Tätigkeit des Erziehungsberaters taugt sie 
sicherlich nicht. Ein anderer Vorschlag wäre der, die Störungen ein- 
fach nach den Schulbetätigungen zu benennen, in denen sie sich am 
empfindlichsten auswirken. Darnach pflegen wir übrigens auch jetzt 
schon in manchen Zusammenhängen von „Schreibstörungen", „Lese- 
störungen" usw. zu reden, doch wird es uns auch hier wieder schwer 
fallen, entsprechend scharfe Bezeichnuiigstrennungen zu finden und 
die einzelnen Schultätigkeiten gut voneinander zu isolieren. Viel 
schwerwiegender aber ist der Einwand, daß durchaus nicht alle Schul- 
betätigungen für das Forlkommen in der Schule gleich bedeutsam 
sind. Und wenn wir auch den Begriff der Störung zunächst unab- 
hängig von dem des Schulerfolges aufstellen zu müssen meinten, so 
dürfen wir uns doch der Tatsache nicht verschließen, daß wir zum 
Zwecke der erziehungsberaterischen Praxis Formulierungen brauchen, 
die der Bedeutung des Schulerfolges gerecht werden. Zwischen den 
einzelnen Schulbetäligungen aber und 'dem Schulerfoig besieht keine 
feste Relation. Anders ausgedrückt: die einzelnen Funktionen können 
verschiedene Schulrelevanz erhallen, je nach der Struktur des jeweils 
in Kraft stehenden Schulwesens. So ist etwa, um ein Beispiel zu geben, 
eine besonders schöne Schrift kein unbedingtes Erfordernis in unseren 
Mittelschulen. In gewissem Grade werden sich Schreibstörungen ja 
immer erfolgsstörend auswirken, jeder weiß aber, welch großer Spiel- 
raum in der Praxis da gesteckt ist. Tatsächlich kommen sehr schwer 
schreibgestörle Kinder in unseren Mittelschulen oft ganz gut weiter. 
Auch ein Stotterer mag, wenn er auf Verständnis stößt, in einer 
gewöhnlichen Mittelschule ganz gut reüssieren. In einer Schauspiel- 
schule dagegen wäre er ganz unmöglich, so wie auch das schreib- 
gestörte Kind plötzlich ganz versagen müßte, wenn durch eine Ver- 
ordnung in diesem Punkte an unserem Schulsystem etwas geändert 



las Fritz RcLil 



würde. Mit einem Woi'L: in dem Augenblick, wo unser Schulwesen in 
seiner Struktur durch einen Erlaß in irgend einem Punkte wesentlich 
geändert würde, wären unsere Krziehungsberafnngsstellen plötzlich 
mit ganz anderen Kindern gelülll! Wir (un daher gut, für den Begriff 
der Lernstörungen keine Merkmale ztiaulassen, die der Tatsache der 
variablen Schulrelevanz vieler Funktionen nicht Rechnung trügen. 

Wo aber nehmen wir andere Gesichtspunkte her? Vielleicht hilft 
uns der Vergleich mit dem Mediziner auf die Spur, dessen Aufgabe 
iSich ja so weitgehend mit der unsrigen deckt! Freilich, was er zu 
leisten versteht, nämlich — im günstigen Falle wenigstens — auf 
die Frage nach einer Krankheit mit einer genauen Beschreibung z^ 
antworten, vermögen wir nicht ohneweiters. Doch verschieben wir 
die Situation ein wenig — auch der Patient kann das nicht und doch 
tritt ihm der Arzt mit der Frage entgegen: „Wo fehlt's?" Vielleicht 
sind wir da einfach noch in derselben Lage, in der in unserem Ver- 
gleiclisbeispiel der Patient sich befindet? Dann aber müßte uns das 
analoge Verhallen wenigstens ausder ersten Verlegenheit retten können. 
Was erwartet sich übrigens der Arzt auf seine Frage? Keine Ein- 
ordnung der Krankheit in sein System, weder eine nach symptomatolo- 
gischen noch eine nach ätiologischen Gesichtspunkten. Trotzdem ist 
ihm die Antwort sehr behilflich, sie ist zunächst nicht vielmehr als 
eine vage Lokalisation, eine ungefähre Angabe, die etwa besagt, 
daß sich das Leiden am Kopf, am Rumpf, an den Extremitäten bemerk- 
bar macht. Immerhin besser, als nichts, genug Vorarbeit wird durch 
soiche Angaben erspart. Nehmen wir den Fall eines besoiiders intelli- 
genten Patienten, dann wird er etwa auch die Angabe hinzufüge!^ 
können, ob es sich tira eine Organ-, Knochen-, Muskelverletzung usw. 
handelt. 

Was wir nämlich zunächst brauchen, sind gar nicht exakte Krank- 
iieitsschilderungen, sondern Hilfsangaben, die unser eigenes Nach- 
denken in groben Zügen leiten und in richtige Uabnen louken können 
sofern sie das offene Fragengebiet wenigstens einengen. Soviel be- 
sitzen wir aber noch nicht. Weder eine Schülcrmulter noch ein Lehrer 
Tioch meistens wir selbst sind imstande, in ähnlicher Art vorzugehen 
wie im beschriebenen Fall der Mediziner. Es fehlen uns die gröbsten 
Kategorien, unter denen wir das Beobachtete ordnend beschreiben und 
mitteilen könnten. 

Ein solches kategoriales Hilfsmittel für den ersten Anhieb niin, 
heuristische Kategorien sozusagen, muß sich aber finden lassen. Sie 
müßten sich nichtnurbeimAufsuchen derjeweilsvorliegendenStörungs, 
art, sondern auch beim Ausscheiden des nicht in Frage Kommenden und 
beim darstellenden Ordnen sehr nützlich erweisen. Was wir hiej- 



Zum Begriff iler „Lernstörung" 1^ 

suchen, sind nieiit Typen! Es braucht weder symplomalologisch noch 
ätiologisch einwandfrei zu sein. Echte Typen lassen sich nie im An- 
fange eines jungen WissensehaÜsgebietes aufstellen, gegen ihre AuE- 
stelhmg wehrt sich auch der Praktiker mit Recht. Sie sind wirklich 
erst auf Grund einer eingehenden Erforschung des vorliegenden Wirk- 
liehkeitsbereiches sinnvoll, wenn nämlich ihi- Einteiltingsgrad aTis der 
Kpiinlnifi dieses Bereiches bezogen wird. Der Einteiluiigsgruud für 
die Aufstellung unserer „heuristischen Kategorien" aber ist dies ab- 
sichtlich nicht. Er ist vielmehr aus dem systemisierenden Denken 
bezogen und der Wirklichkeit sozusagen snppontert, um sie leichter 
fassen und bewältigen zu können. Der Einleihmgsgnmd für unsej-e 
Kategorien ist, mit einem Wort, kein sachrelevanter, sondern ein 
methodisch relevanter. Wir suchen nach demjenigen Einteilungsgrund 
für unsere „Störungen", der der praktischen Arbeit des Erziehungs- 
beraters die größte Hilfe verspricht. 

Um ihn zu linden, greifen wir am besten auf unsere Definition der 
„Störung" zurück. Wir verwendeten diesen Terminus nur für solche 
Fälle, in denen die tatsächlichen Leistungen hinter dem zurückbleiben, 
was sich nach den gegebenen Voraussetzungen eigentlich als Lei- 
stung hätte erwarten lassen sollen. 

Wir stellen uns die Sachlage also so vor, als ob bestimmte Leistungs- 
voraussetzungen da seien, die in ihrer Auswirkung zeitweise gehemmt 
sein können. 

AVelche Voraussetzungen aber sind dies"? Doch ehe wir diese 
Frage beantworten können, fällt uns ein anderer Sachverhalt ins 
Ange. Sind denn Lernstörungen eigentlich ein so gesondertes Kapüel, 
d-aß aus ihrem Begriff heraus sozusagen alle Einteilang-^gründe be- 
zogen werden brauchten? Das sind sie doch wohl nur für den Psycho- 
logen! Für den Lehrer sind sie nur ein kleiner Teil eines viel um- 
fangreicheren Gebietes, das sich mit dem „Versagen" von Kindern 
überhaupt befaßt. Denn ganz abgesehen von den Insuffizienzen, die 
wir hier als Ergänzung eigentlich überall miterwähnen müßten — 
auch das Versagen des Kindes, das nicht als insuffizienl oder gestört 
bezeichnet werden kann, auch der „normale" Fall des Schulmißerfolges 
gehört sicherlich hieher. Für den Psychologen kommt der allerdings 
nicht sehr in Frage, für den Lehrer aber bedeutet auch er ein nicht 
geringeres Problem. Ja, gerade der — vom Psychologen aus gesehen 
— „normale" Fall des Versagens bietet dem Lehrer die größten Auf- 
gaben, die sich zur Frage der richtigen Didaktik auf allen Gebieten 
verdichten. Wir merken auch schon, warum die Psychologie so oft 
vergeblich nach Luft schnappt, weil sie sich manchmal im Netz ihrer 
Sonderfälle fangen läßt und ganz vergißt, daß die Falle ihres Auf- 



« 



170 



Fritz Redl 



gabenkreises eingebettet sind in Aufgaben lue ise weiterer Natur, aus 
denen heraus sie an manchen Punkten richtig verstanden werden 
können. Es ist richtig, diese weiteren Aufgabenkreise des „Lehrers" 
machen vor den psychologischen Problemen vielfach Halt. Der Psycho- 
loge geht von dort meist erst aus, wo der Lehrer zu fragen aufhören 
muß. Er tut recht damit, aber er sollte auch dorthin wieder zurück- 
kehren, von wo er ausgegangen ist, sonst hat derjenige nichts mehr 
von seiner Tätigkeit, der ihn ursprünglich so dringend um seine Hilfe 
gebeten hat! Machen wir hier mit dieser Forderung ernst, so müssen 
wir ein Stück sehr „unpsychoingischer" Erwägung mitzugehen bereit 
sein. Wir folgen einer — psychologisch gesehen — sehr banalen Über- 
legung über die häufigsten Arten des Versagens in der Schute über- 
haupt und gelangen so unauffällig am ehesten ans Ziel. 

IV. System der Schulschwierigkeiten. 
Wenn wir wissen wollen, w^orin Kinder am häufigsten versagen, 
so fragen wir am besten die Schule, was sie von den Kindern fordert. 
Wir brauchen nur ein gewöhnliches Schulzeugnis anzusehen, um zw^i 
Zusammenhangsbereiche sorgfältig voneinander zu trennen. Wir finden 
da nämlich eine doppelte Notenskala, eine für den Fortgang und eine 
für das Betragen. Wir dürfen also gleich erwarten, daß wir zuerst 
einmal hier einen scharfen Trennungsstrich werden ziehen müssen, 
denn in beiden Zusammenhängen kann sich ein Kind getrennt be- 
währen oder unmöglich machen. Die Erwähnung dieser Tatsache 
scheint nur deshalb so banal, weil sie so allgemein bekannt ist. Wir 
tragen ihr aber wohlweislich Rechnung, indem wir die Fälle von 
Versagen, die auf schlechtem Forlgang zurückgehen, sehr wohl von 
denen scheiden, an denen das „Betragen" im weitesten Sinuc, das man 
am besten als „Verhalten zu den Lehrpersonen, bestimmte Verhaltens- 
weisen gegen die Kameraden und eine bestimmte Art sozialer Ein- 
fügbarkeit in den gemeinsamen Unterrichtsbetrieb" bezeichnen wür- 
den, schuld ist. Dementsprechend unterscheiden wir grundlegend 
zwischen: 

A. Fortgangsstörungen und 

B. Verhaltensstörungen. 

Daß diese Unterscheidung kein leeres Wortspiel mit ohnedies 
längst Bekanntem ist, merken wir sofort, wenn wir irgend einen be- 
liebigen konkreten Fall einer in Beratung gebrachten „Lernstörung" 
heranziehen. Selten nämlich sind die Faktoren, die wirklich zum 
Mißerfolg geführt haben, klar zu überblicken. Einen klaren Fall von 
Verhaltensstörung („Entsprechend" im Betragen bei gutem Schul- 
fortgang etwa) werden wir natürlich leicht erkennen und für das 



Zum BegriS der „Lernstörung" 



171 



Kapitel der eigentlichen „Lernstörungeii" nicht mehr in Betracht 
ziehen. Ist es aber umgekehrt auch so? Ordnet die schlechte Forl- 
gangsnote den Schüler ohneweiters in die Klasse der am Fortgang 
Versagenden ein? Keineswegs! Jeder Erziehungsberater kennt die 
Fälle zur Genüge, in denen sich bald als eigentliche Verhaltensstörung 
entpuppt, was unter der Devise FortgangsslÖrung in die Beratung 
gebracht wurde! Wie oft ist auch am schlechten Lernerfolg nicht die 
Lermmfähigkeit, sondern das „Verhallen" des Kindes in der Schule 
beteiligt! Jedenfalls muß es als wichtigste erste Aufgabe erscheinen, 
die von daher stammenden Elemente sorgfältig zu erfassen, getrennt 
zu behandeln und erst das Übriggebliebene einer weiteren Erwägung, 
die nun allerdings unter der Überschrift „Fortgangsstörung" stehen 
darf, zu unterziehen. Leicht wird die Diagnose nicht immer fallen, 
doch sind die Voraussetzungen, die zum Fortgang nötig sind, von 
denen, die im Verhallen liegen und zum Erfolg unentbehrlich bleiben, 
relativ leicht zu sondern. Wenden wir unsere oben eingeführte Ter- 
minologie an, dann können wir noch hinzufügen: Das Kapitel „Ver- 
haltensstörungen" hat es mit den erfolgsrelevanten Voraussetzungen 
zu tun. Diese erfolgsrelevanten Verhaltensqualiläten und ihr Mangel 
machen sich aber nicht immer rein in der dazu bestimmten Betragens- 
note geltend, sondern können sich ebenso gut auf die For gangs- 
note auswirken. Um zu entscheiden, was an der schlechten Fortgangs- 
note wirklich indizierend für die Diagnose „Fortgangsstorung ist, 
muß erst eine gründliche Ausschaltung aller derjenigen Einflüsse 
vorgenommen werden, die auf die Störung der erfolgsrelevanten 
Voraussetzungen zurückgehen. 

Doch vergessen wir nicht, es war uns ja ursprünglich um die 
richtige Ansetzung des Begriffes „Lernstörungen" zu tun. Nun, soviel 
können wir mit Sicherheit sagen: unter den Verhaltensstörungen 
werden wir ihn nicht suchen dürfen, nichts ist klarer, als daß er 
sich im Kapitel „Fortgangsstörungen" finden lassen muß. Fällt er 
aber mit diesen zusammen? 

Der tatsächliche Gebrauch des Wortes ließe das vermuten, ja, 
der Ausdruck „Fortgangsstörung" mag vielen so fremd erscheinen, 
daß sie ungeduldig fragen dürften, warum man nicht gleich den 
Terminus „Lernstörungen" hier einsetzt. Wie unrecht wir damit 
täten, kann ich leicht zeigen, wenn ich bloß an die schon einmal 
herangezogenen Fälle von Prüfungsangst erinnere. Ein Kind mit 
Prüfungsangst leidet sicherlich an einer empfindlichen „Störung". 
Trotzdem ist es bestimmt nicht sein „Lernen", das da gestört ist. 
Es muß also unter den Versagern, die sich im Fortgang auswirken, 
noch weitere Unterarten geben. Wir finden sie, wenn wir an die 



I'j?2 Fritz Rctll 



beiden Faktoren denken, die an jeder Leistung beteiligt sein müssen^ 
und die auch getrennt gestört erscheinen können, 

Es bedarf dazu nämlich eines gewissen „Könnuns", das selbst wieder 
Resultat von Begabung und früherer Lcj-narbeit ist. Dieses „Können" 
aber genügt allein nicht. Es muß sich, uin meßbar zu werden, 
in aktuelle Leistung umsetzen. Nun kann aber ganz deutlich bei vor- 
handenem „Können" (in manchen Zusammenhangen erscheint dieses 
Können einfacher als „Wissen") eine Störung beim Unisetzunga- 
prozeß iu Leistung vorliegen. Es gibt Kinder, die intelligent sind, 
aufmerksam, eifrig, arbeitswillig — und trotzdem versagen sie in 
dem Augenblick, in dem man sie vor ein Schvilarbeitenheft setzt oder 
zur Tafel ruft. Ihr „Können" ist also in Ordnung, auch am richtigen 
Lernen fehlt es meistens nicht. Woran sie kranken, ist die Unfähig- 
keit, ihr Können in adäquate Leistung umzusetzen. 

Diese Kinder nennen wir, sofern dieser Mangel unter unserem 
Stöningsbegril^ subsummierbar ist, leistungsgestörl, und trennen sie 
sorgfältig von den lerngestörten im eigculliehen Sinne. Wenden wir 
unsere Terminologie auf sie an, so müssen wir gestehen, daß sie in 
die Klasse derer gehören, mit deren leistungsrelevanlen Voraus- 
setzungen etwas nicht in Ordnung ist. Erst wenn wir alle diese Vor- 
aussetzungen auf ihre Intaktheit liin untersucht haben, können wir 
von „Lernstörimgen" im echten Sinne zu reden beginnen. 

Damit haben wir uns allerdings von der schulgebräuchlichen Ter- 
minologie längst entfernt. Wir müssen dies noch einen Schritt weiter 
tun, wenn wir bis zur letzten Teilungsiiiögliclikeit gelangen wollen. 
Denn auch das, was wir mit Recht unter „Lernen" verstehen, kann 
weiter in zwei Komponenten zerlegt werden. Zunächst gehört dazu 
jener unerläßliche, kaum weiter auf Komponenten rücktührbare Rest 
an intellektuellen (auf anderen Gebieten anderen — Kunst!) Voraus-, 
Setzungen, die wir als „Begabung" zu bezeichnen gewohnt sind. Doch 
auch sie allein macht nicht den Lernerfolg aus. Es gibt Kinder, denen! 
es daran nicht fehlt, die auch leiatungs- und erfolgtüchtig sind. Da-j 
gegen fehlt ihnen die Fähigkeit zur richtigen Art der Arbeit, diej 
geleistet werden muß, wo sich Begabung auf ihren Stoff wirft. Di© 
Prozesse der Aufmerksamkeilsbereitstellung, der Energieverwendung 
usw. können so schwer gestört erscheinen, daß auch ein begabtes! 
Kind daran zu seheitern vermag. Die gemeinhin als „verträumt" undJ 
„zerfahren" Bezeichneten gehören vielfach hieher. Unserer Ter-j 
minologie zufolge finden wir diese Störungeart auf das bezogen, waaj 
wir als „funktionsrelevant" bezeichnet haben. Daß die Scheidung von] 
„Begabungestörung" und „Arbeitsstörung" praktisch nicht ganz un- 
bedeutend ist, luag durch die Erwähnung erhärtet werden, daß di( 



Zum Begriff der „Leinstörung" 



173 



„Arbeitsstörungen" selbst wieder doppelter Natur sein können. Sie 
wirken sich nämlich manchmal mehr so aus, daß sie sieh deutlich 
auf die Arbeit zu Hause beziehen, in anderen Fällen wieder sind sehr 
heimfleißige Kinder zur Mitarbeit in der S e li u 1 e nur sehr schwer 
zu bewegen. Tatsächlich entspricht dem auch eine psychologisch tiefer 
begründete Verschiedenheit in der von diesen Kindern verlangten 
Leistung; in der Schule erfordert die Mitarbeit besonders jene Art 
der Aufmerksamkeit, die in der Bereitstellung der geistigen Kräfte 
zur Stoffaiifnahnie liegt, außerdem im Hahmen einer Gruppe. Was 
von den Kindern an Arbeit „zu Hause" verlangt wird, geht meist in 
AbSchließung von den anderen, beziehungsweise in einem anderen 
Gruppengefüge vor sieh, und betrifft außerdem eine andere Art von 
„Aufmerksamkeit", nämlich die der Fähigkeit aur Versenkung hei 
der Stoffverarbeitung. Die Scheidung dieser Fälle in der Praxis wird 
freilich erst dann mit besserem Erfolg gelingen, wenn die Lehrer 
selbst diesem Punkte mehr Aufmerksamkeit zuwenden werden. Nur 
ihnen ist ja die direkte Beobachtung der hiehergehörigen Leistungs- 
komponenteu möglieh. 

Damit hallen wir als letzten nicht mehr analysierbaren Rest von für 
das Versagen eines Kindes maßgeblichen Faktoren diejenigen in der 
Hand, die im Falle der Gestörlheit zu „Begabungsstörungen" führen. 
Für diesen Begriif fürchte ich den schärfsten AViderstand und verweise 
darum zunächst gleich wieder auf das eingangs übe]- die Trennung 
von „Störung" und „Insuffizienz" Gesagte. Ich wiederhole — wir 
kommen zu diesem Begriff immer erst, wenn wir alle früheren Punkte 
sorgfältig erwogen und das dorthin Gehörige ausgeschieden haben. 
Wir halten hier also scheinbar bei einem unauflösbaren Rest, der aber 
leider auch unbesehreibbar bleibt. Denn was wir, nach Abzug alles 
vorher Erwähnten, unter dieser „Begabung" verstehen, ist in psycho- 
logisch brauchbaren Terminis kaum mehr anzugeben. Ich würde daher 
auch das bieher Gehörige mit zu den „fimktionsrelevanten" Voraua- 
setzungen zählen, und nicht, wie es eigentlich konsequenterweise 
geschehen müßte, zwischen „arheitsrelevanten" und im engeren Sinne 
„fnnktionsrelevanten" Voraussetzungen scheiden. 

Übrigens isl leicht zu merken, warum wir bei diesem Punkte in so 
großer darstellerischer Verlegenheit sind. Während nämlich alle frühe- 
ren Bezeichnungen deutlieh auf mehr-weniger direkt Wahrnehmbares 
bezoo"eii waren — Verhalten, Leistung läßt sich von außen, geistiges 
Arbeiten von innen beobachten — , haben wir es bei der Begabung 
unweigerlich mit einem Hilfsbegriff zu tun. Ihre Existenz und ihr 
Fehlen läßt sich nicht wahrnehmen, sondern nur aus ihren Auswir- 
kun'^en oder deren Ausbleiben erschließen. 



ZeilE'-.hriri r. psn. Päd., VTII/Ö-E 



US 



174 



Fritz Rodl 



Für die Praxis ergibt sich dabei als heuristisches Prinzip, mit dem 
Begriff der Begabungsslörung so wenig voreilig einzusetzen, wie mit 
dem der Begabung überliaupt: ihn nur als Verlegenheitslösung zu- 
Äulasaen für alles das, was sich unserer Erfassung bisher noch ent- 
zieht. Um so mehr aber brauchen wir einen solchen Begriff, um alles 
das, was sieh wirklich fassen und in Angriff nehmen läßt, Um so 
greifbarer davon abheben zu können. Man mag gegen solche Hilfs- 
begriffe polemisieren. Wenn sie mit der entsprechenden Vorsicht ge- 
braucht werden, scheinen sie mir ungefährlich. Es ist auch besser, den 
Teufel beim Namen zu nennen und ihm die ihm gebührende Stelle 
im System zuzuweisen, als ihn abzuleugnen und dafür in Kauf zu 
nehmen, daß er sich störend überall dazwischen drängt, wo wir ihn 
am wenigsten vermuten und am sciUechtesten vertragen können. 

Ordnen wir die erlangten Kategorien in einer Tafel, so trennen 
wir zunächst sorgfältig prinzipiell alle 

Schulschwierigkeiten in 

Insuffizienzen und Störungen. 

Führen wir nur die Unterteilung der letzteren weiter aus, so er- 
halten wir: 

Schuislörungen 



Fortgangsstörungen 



Verhaltensstörungen 




Lernstörungen Leistungsstörungen 



Arbeitsstörungen 



Begabungsstörnngen 



(„Aufnahms-" „Verarbeituugs-") 
Störungen 

(Denk-, Vorstellungs-, Wahrnehmungsstörungen) 




Zur Diskussion unserer Kategorientafel sei noch kurz folgendes 
hervorgehoben: 

1. Lassen wir die — für die Praxis eher verwirrende — logische 
Gliederung einmal beiseite, ordnen wir die gefundenen, nicht reduzier- 
baren Störungsarten einfach nebeneinander, dann erhalten wir: Ver- 



Zum Begriff der „Lernstörung" 



175 



haltensstörungen, Leistungsstörungen, Arbeitsstörungen, Begabungs- 
störungen. Die Anordnung ist aber keine zufällige, der logische Schritt 
ist in ihr erhalten — oder, was noch besser ist, er ist in einen 
heuristisch bedeutsamen verwandelt worden. 

Die Reihenfolge nämlich, in der die Störungsarien aufgezählt sind, 
entspricht genau der Reihenfolge, in der die Fragen des Erziehungs- 
beraters nach der Natur eines bestimmten Falles zu stellen sind. An- 
ders ausgedrückt: in der die in Betracht kommenden anderen Fak- 
toren ausgeschieden werden müssen, um zum Falle der reinen Lern- 
störung vorzuschreiten. Sind nicht doch etwa Anteile aus dem Ver- 
halten am Mißerfolg beteiligt, liegt der Fehler vielleicht im Schritte 
vom Können zur Leistung? Falls auch das nicht zutrifft, ist es 
vielleicht an der Arbeitsweise gelegen, daß das Kind versagt? So 
ungefähr ist die praktische Handhabung dieses kalegorialen Schemas 
gemeint. 

2. Und wenn wir schließlich bei den ßegabungsstörungen angelangt 
sind, können wir uns hier nicht weiterhelfen? Tatsächlich scheint 
ein früher verworfener Einteilungsvorgang hier verwertbar zu wer- 
den. Ändert sich doch das, was jeweils als „Begabung" angesprochen 
werden kann, je nach dem Leistungsgebiet, um das es sich handelt! 
So werden wir hier vielleicht die psychologische Teilung einsetzen 
lassen dürfen und weiter fragen: ist es der Denkprozeß, der gestört 
erscheint, mangelt es im Vorstellungsablauf, sind Wabrnehmungs- 
(Empfindungs-) Gebiete nicht intakt? Damit haben wir tatsächlich 
das, war wir zuerst nur ganz roh als „Begabung" gefaßt haben, um 
die Allgemeingültigkeit für die verschiedensten Sachgebiete nicht zu 
treffen, in. eine Reihe neuer Gebiete aufgelöst, wobei wir übrigens 
auf alte Bekannte stoßen. Neigt man doch dazu, das ganze Gebiet 
als „Denkstbrungen" zu bezeichnen! Hier haben die so häufigen und 
so beliebten endlich ihren Platz gefunden, allerdings nichts als allein 
Thronende, sondern neben den anderen Begabungsmängeln, die sich 
in anderen Sachzusammenhängen nicht minder empfindlich aus- 
wirken können, als die Denkstörungen in den durch unser Bildungs- 
wesen so arg bevorzugten intellektuellen Leistungssphären. 

3. Selbstverständlich ist diese ganze Einteilung — dies sei noch 
einmal ausdrücklich hervorgehoben — nicht so gemeint, als ob sich 
nun Fälle tatsächlich unter die einzelnen Kategorien zwanglos sub- 
sumieren ließen. Wer sie als starre „Tafel" betrachtet, verkennt 
ihren Sinn. Nie will sie mehr sein, als vorläufiges Denkgerüst, das 
Erfahrung nie ersetzen, sondern nur helfend unterstützen soll, nie 
mehr, als heuristisches Rüstzeug. Wie wichtig solches kategoriales 
Rüstzeug allerdings sein kann, scheint mir dann besonders klar zu 



13" 



17g Fritz Redl 



werden, wenn wir bedenken, wie schwer aieh symptomatologisch 
die einzelnen Störungsarten heute noch voneinander unterscheiden 
lassen. Wie oft gebärdet sich eine ausgesprocliene Verhaltensstörung 
wie Begabungsmangel. 

Nicht seilen kommt auch das Umgekehrte vor, insbesondere seit 
die Popularisierung der Individualpsychologie so viele Lehrer dazu 
verleitet, in allem „bloße Verhaltensstörungen" sehen zu wollen. 
Eine gut ausgearbeitete Symptomatologie wird natürlich — und 
hoffentlich recht bald — unsere Kategorien auch als Hilfsgebilde 
überflüssig, ja, lächerlich erscheinen lassen. Ich meine aber, wir sind 
noch nicht so weit. 

V. Zusammenfassung. 
Versuchen wir, unsere Gedankenwege zusamnK;ii fassend zu über- 
blicken, so seheint mir, ohne das Vorhergehende ganx überflüssig zu 
machen', eine weitere Vereinfachung unseres Resultales möglich, und 
zwar wieder auf Grund des eingangs eingeführten Begriffes der 
„Relevanz", der sich schon mehrmals hilffeich erwiesen hat. Wir 
wollen übrigens nicht im Unklaren darüber bleiben, warum dieser 
Begriff so besonders anwendungsfähig zu sein scheint, wo es sich 
um Probleme handelt, die in die Praxis so sehr eingreifen, wie die 
unsrigen. Auf den ersten Blick ist er eher geeignet, unser Mißtrauen 
zu erwecken. Was verstehen wir unter „Relevanz"? Ist dieser Begriff 
nicht eigentlich leer? Wir merken aber leiehl, daß wir ihm damit 
unrecht tun, indem wir Leere mit absichtlicher Unbestimmtheit nach 
dem Inhalt verwechseln. Gerade in dieser inhaltlichen Variabilität 
des Begriffs liegt für den Praktiker der Vorteil, ihn arbeitatechnisch 
ausnützen zu können. Wie verschieden ist doch auf jedem einzelnen 
Leistungsgebiet, ja, jedem einzelnen Lehrer gegenüber, was jeweils 
als „leistungs-" oder gar als „erfolgs"relevant zu bezeichnen sein 
wird! Wollten wir diese Besonderheit jedesiual luitberücksichtigen, 
wir kämen damit nicht zu Rande. Mit dem Begriffe der Relevanz aber 
können wir über die Zufälligkeit des einzelnen hinaus das allgemeine 
Grundgesetz erfassen und auf eine klare Form bringen. Wenden -wir 
ihn noch ausgiebiger an als bisher und greifen wir auch auf denj 
ersten Teil unserer Untersuchung zurück, so können wir folgendi 
als ihr Ergebnis festhalten; 

Zur eindeutigen Bestimmung der Art von Schulsehwierigkeit, diftj 
jeweils vorliegt, beziehungsweise zur Auffindung der Komponenten,^ 
die an ihrem Zustandekommen vorwiegend beteiligt sind, ist einj 
doppelter Gedankenschritt unerläßlich: , 

1. Liegt überhaupt „Störung" vor, oder handelt es sieh um Insnffj^ 



Zum Begriff der „Lernstörung" 



177 



zienz? (Fehlen oder Gehemmtheit der relevanten Voraus- 
setzungen?) 

2. Um welche Art von Voraussetzungen handelt es sich dabei: 
um die erfolgsrelevanten? 
(Verhaltensstörungen) ; 
um die leistungsrelevanten? 

(Leistungsstörungen) -, 
um die funktionsrelevanten? 

(Arbeitsstörungen und Begabungsstörungen, unter diesen wie- 
der vor allem die Denkstörungen). 
In diesen begrifflichen Rahmen muß sich alles einspannen, mit 
seiner Hilfe muß sich alles ordnen lassen, was im Bereiche der Schul- 
schwierigkeiten überhaupt möglich ist. , -c, . ^ 
Damit sind wir am Ende unserer Untersuchung angelangt. Es ist 
uns nicht daran gelegen, das Mögliche philosophisch weiter zu 
phantasieren, sondern uns war nur darum zu tun, den Rahmen abzu- 
.stecken, in den das Tatsächliche eingetragen werden soll. 

Seine Ausfüllung vorzunehmen aber ist Aufgabe der erziehungs- 
beraterischen Einzelarbeit. _ ■ ' 



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Vom Bettnässen des Kindes 

Von Kata Lt^^vy, Budapest 



Gegenüber jener älteren ärztlichen Auffassung, welche die Enuresis 
für ein körperliches Leiden hält und sie als solclies behandelt, be- 
gegnen wir der Auffassung der Angehörigen des Kindes, die das Bett- 
nässen als „schlechte Gewohnheil" werten, hinler welcher sich Trotz 
und feindliche Tendenz verstecken und Erziehungsmaßnahmen in Form 
von Strenge, Strafe und Beschämung nötig njacheii. 

Diese volkstümliche Auffassung soll hier niclit weiter diskutiert 
werden; die Darstellung einiger ärztlicher Ansichten ist aber nötig, 
weil sie teils zur analytischen Auffassung hinüberleiten, teils schon 
den Einfluß der Psychoanalyse auf das ärztlielie Denken verraten. An 
einigen Beispielen sollen dann jene feineren Mechanismen beschrieben 
werden, die bei Entstehung von Enuresis mitspielen; daraus lassen sich 
dann einige Schlußfolgerungen für die Vorbeugung und Behandlung 
des Bettnässens ableiten. 

I. 

Sowohl in der ärztlichen als in der heilpädagogischen Literatur 
finden wir in Bezug auf die Ätiologie der Enuresis die verschieden- 
sten Auffassungen: die vom extrem organischen sowohl als auch die 
vom extrem psychogenen Ursprung. 

Zapper t') behandelt sie als Symplom der Blasen-Neurose und 
sondert sie damit schon von dem unwillkürlichen Harnlassen, das die 
organischen Erkrankungen begleitet, ab (Inkontinenz). Zappert hält 
die Fuchs'sche Theorie, nach welcher Entwicklungs-Anomalien in 
der Verknöcherung des Rückgrates (Spina bifida) die Ursache der 
Enuresis sind, für nicht genügend begründet, da bei 25 Prozent der 
Klnderenuresis der Röntgenbefund nornml ist. 

Homburger^) meint, daß Spina bifida und Enuresis äußere 
Degenerationszeichen seien, welche miteinander vergesellschaftet oder 
jedes für sich in Erscheinung treten können. Für die Enuresis als 
Degenerationszeichen spreche auch, daß sie eine fast unausbleibliche 
Begleiterscheinung schwerer Schwachsinnsfälle ist. 

Marcuse*) ist geneigt, sogar die mit Enuresis einhergehenden 

ij J. Zappert: EDureeis. ErpielmieRn der inntrpn Mmti/.iii und Kinde rlicilkundt?, Bd. XVITI. 
2) Aug. Huiuljurger: I'Hydinpnlhulugio di-B Kindesiiltprs, Bi'rliii. SpiiiiKBr 192C. 
.!''■'} A. Marcnee; Höndwürlerbuch der SexualwiesenBoliifl, > 



Vom Bettnässeti des Kiiules 179 

organischen Veränderungen als biologisches Substrat psychogener 
Funktionsstörungen zu betrachten. Neben dieser Ätiologie unter- 
scheidet er jedoch uoch die essentielle, d. h, die jedes organischen 
Untergrundes bare Form der Enuresis nocturna, die er als sexuelles 
Äquivalent betrachtet. 

Zu erwähnen ist hier noch, daß Adler seine „Organminderwertig- 
keitstheorie" von dem Urethralapparat ableitet und die Enuresis der 
mangelhaften, embryonalen Funktion dieses in seiner Gänze minder- 
wertigen Organs zuschreibt. 

Nach Freud*) entspricht die Enuresis nocturna, „wo sie nicht 
einen epileptischen Anfall darstellt, einer Pollution". Anatomische 
und physiologische Untersuchungen und Krankenbeobachiungen haben 
die relative Identität von Pollution und Enuresis gleichfalls bestätigt 
(M. Porosz, L. K. Müller). Die Erektion des männlichen Säug- 
lings bei Beginn des Urinierens deutet ebenfalls auf die ursprüng- 
liche Zusammengehörigkeit des Urethral- und Genitalapparates, deren 
Trennung sich erst in der Pubertät vollzieht und in der getrennten 
Absonderung von Urin und von Sperma sich bemerkbar macht. Das 
ist auch die Erklärung jener, dou Pädagogen bekannten Erscheinung, 
daß die Pubertät oft der bis dahin allen Erziehungsmaßnahmen 
trotzenden essentiellen Enuresis ohne weiteres ein Ende bereitet. 
Diese Beobachtimg konnte leicht dazu verleiten, als Ursache des Auf- 
hörens der Enuresis die seelische Umstellung der Puberltit anzu- 
nehmen, wie dies z. B. Homburger auch tut. Es handelt sieh aber 
offenbar um koordinierte psychische Entwicklungsmomente. ■; 

Bekannt sind die für die Psychoanalyse grundlegenden Feststel- 
lungen Freuds, daß die genitale Sexualität des Erwachsenen aus 
der Summierung von Partialtrieben entsteht und daß in verschiede- 
nen Abschnitten des Kindesalters eine zeitweilige Alleinherrschaft 
dieser Partialtriebo zu beobachten ist. Wir sehen den Säugling in der 
Phase der oralen Libido, wir sehen das Kleinkind in seinen Urethral- 
und Analfunktionen Befriedigung finden. Diese Partialtriebe müßten 
in der Genital-Zone, nachdem diese zur Entwicklung und Vorherr- 
schaft gelangt ist, restlos aufgegangen sein. Die Erfahrung zeigte 
jedoch, daß dort, wo ein Partialtrieb zu stark betont war, diese ideale 
Verschmelzung nicht zustande kommt. Man könnte sagen, die Ver- 
schmelzung gehe dann mit einer Narbenbildung einher; es entwickeln 
sich Eeaktionsbildungen und Charaktereigenschaften, die den über- 
betonten Partialtrieben entgegenwirken. In diesem Sinne kann man 
von oralen, analen und urethralen Cliarakteren sprechen"). Oft wird 

*) Sjgm. Freud: Drei Abliandlmigen Kiir RcxunlÜinurie. ]9(Ü. Gcs, Pchrirteil Bd. V, , 
3) Vgl. Karl Abraham: Psydioanalylisfiia Ptuilien zur Chnrakterliildung. 192ü. ^i 



180 



Rata Levjr 



der überbeLonte PartiaUi-Leb im Laufe der sexuellen iOntwicklung 
fixiert, so daß das Individiiuiii im späteren Leben, z. B. unter der Ein- 
wirkung eines psychischen Traumas von der späteren auf die frühere 
Stufe zu regredieren geneigt ist. 

Sadger") widmet der Holle der Urethralerotik eine grundlegende 
Ötudie, und weist nachdrücklich darauf hin, welche Bedeutung die 
Urethralerotik des Kindesalters für das ganze, spätere sexuelle Leben 
bekommen kann. Ist die Urethralerotik überstark, so kann sie sich 
auch in irgend einer Störung der Harnfunktion bemerkbar machen. 
Sie kann als Folge individueller oder Familiendisposition betrachtet 
werden oder durch eine Überbetonung, eventuell andere Erziehungs- 
fehler verursacht sein. Wenn z. B. das Urinieren bei einem Kind mit 
gesteigerter Urethralerotik ein Lustgefühl ausliist, so wird das Kind 
seine Blase nicht auf einmal entleeren, in der Absieht, öfters zum 
Genuß zu kommen. Auf diesem Wege kann Pollakisurie (häufiges 
Harnlassen) entstehen. Nach Sadger tritt auch Enuresis nur dort 
.auf, wo gesteigertes Lustgefühl vorhanden ist, welches entweder 
durch den Akt des Urinierens selbst oder durch das Benässen des 
eigenen Körpers hervorgerufen sein kann. In letzterem Falle wäre 
die Erogeneität der Hautoberfläche, die Badger bei Enuretikern 
gesteigert fand, determinierend. Nach Sadger offenbaren sich in 
sexuellen Störungen des Mannesaltei's Störungen der Harnfunktion im 
Kindesalter: so betrachtet er die psychische Impotenz und die Ketentio 
urinae als zusammengehörig'). Als wahrscheinlichen Grund der Re- 
tention kann man annehmen, daß das Iiintleeren der Blase nach vor- 
hergehendem Zurückhalten ein gesteigertes Jjustgefühl hervorruft. 
Die Neigung zu Penis-Exhibition ist auch oft auf die im Kindesalter 
empfundene Befriedigung über die vollbrachte Leistung des Urinie- 
rens zurückzuführen. Dem Kinde, das noch keine andere geschlecht- 
liche Ausscheidung kennt, bedeutet der Harn ein geschlechtliches 
Produkt. E.S ist eine typische kindliche VorsleUung des Koitus, daß 
der Vater in die Mutter uriniert oder sie honäßt. Der Wunsch dies 
nachzuahmen, kann auch Enuresis verursachen. Sadger berichtet 
von einigen interessanten diesbezüglichen Fällen. Es ist klar, daß, je 
lebhafter die Sexualität des Kindes ist, es umso später zimmer- 
rein wird. 

Wenn die Urethralerotik vorherrscht und darum die Genitalzone 
auch später im Erwachsenenalter nicht die ihr zukonmiende führende 
KoUe erlangt, also das Kind in seiner Libidoentwicklung urethral 
fixiert wurde, so kann als typische Störung des Sexuallebens: E ja- 

8) Sadger: Über Urethra1f,rotik. .I.ilirb. f- psa a l.sy.'liopatl.. Fjjrechunßon. 1910. 2/11. 
7J Auch F B r e n c K i und Jo n a a woieen auf dioBO Zueamnionliange nia. 



Vom Bettuässen des Kindeä 181 



culatio praecox eintreten. Die Verwandtschaft dieser Störung mit der 
Enuresis des Kindesalters hat Abraham") festgestellt. Nach seiner 
Ansicht kann die Ejaculatio praecox als eine Verquickung zweier 
Prozesse aufgefaßt werdent „Hinsichtlieh des entleerten Stoffes ist 
sie eine Ejakulation, hinsichtlich des Modus der Ausstoßung dagegen 
eine Miktion'* (Blasenentleerung). Die Anamnese der an Ejaculatio 
praecox Leidenden zeigt, daß sie im Kindesalter an Enuresis gelitten 
und dabei auf beinahe jeden Eeiz mit Harndrang reagiert haben. 

In den angeführten Fällen von Harnstörungen sowohl, wie bei 
Ejaculatio praecox haben wir es daher mit dem Persistieren eines 
Partialtriebes, der Urethralerotik, zu tun. Die Bedeutung der Urethral- 
erotik im Geschlechtsleben des erwachsenen Mannes würdigt Reich 
in seinem Buch „Die Funktion des Orgasmus". 

Kitsch mann«) fand Symptome von Urethralerotik bei Zwangs- 
neurotikern, die lange Zeit an Enuresis gelitten hatten oder noch 
sporadisch Bettnässer waren oder Träume von Pollution m Verbin- 
dung mit Bettnässen hatten. Bei manchen dieser Personen weist das 
Symptom des Waschzwanges auch auf den Znsammenhang zwischen 
Urethralerotik xmd Zwangsneurose. 

Hitschmann und andere Autoren haben die Beziehung der Urethral- 
erotik zum Urethralcharakter mit der von Analerotik und Anal- 
charakter - in Anlehnung an F r e u d s Arbeit „Charakter und AnaN 
erotik'"") verglichen. Der Analcharakter ist durch die drei Eigen- 
schaften: Pedanterie, Geiz und Eigensinn gekennzeichnet; der Ure- 
thralcharakter zeichnet sich durch Freigebigkeit und Mitteilsamkeit 
aus Es fällt aber auf, daß die urethralen Charakterzüge seltener 
so deutlich wie die analen beobachtet werden können; das mag daher 
kommen, daß Partialtriebe bei einunddemselben Kind fortbestehen 
und die Analerotik als die entwicklungsgeschichtlich ältere Libido- 
stufe das Übergewicht behält; doch werden dann die analen durch die 
urethralen Charakterzüge eingeengt. 

Nach Jones") kennzeichnet den Urethralerotiker vor allem der 
Ehrgeiz Dies führt Jones auf den Wettstreit der kleinen Jungen 
beim Urinieren zurück, der sich oft im Mannesalter auf dem Gebiete 
der sexuellen Leistungsfähigkeit wiederholt. Jones erkannte bei 
einem Zwangsneurotiker, daß dessen krankhafte Sucht, sich m allen 
Lebenslagen hervorzutun, auf diesen Ursprung zurückgehe. 

Ehrgeiz und großsprecherisches Wesen fiel mir bei enuretischen 

8) K. Abraham: Über Ejaculatio prae.os. Ii>L Zeitsohrf f. «"/'■ P^y,''''?,''"»!."';: If"'^ 
8) E HitäClimann; Uretbralerotik und Zwanssneurose. Int. Zeilsclir. f. Pwi- 13^0, i. Halt. 

. 10) Gesammeita SchrittöU Band V. . „ -, , t ■■ „ n ,ri,- -a er (, 

11) E. Jöiiea; Uretbral erotik und Elirgeiz. Int, Zeitschr. f. uratl. Psa. 191a. 6. Uclt. 



ig2 »'tii-jT Kata L^vy 



Schuljungen auf. Sie machten den Eindruck, als wollten sie ihrem 
kleinkindhaften Defekt gegenüber ihr intellektuelles Erwachsensein 
umsoioehr betonen. Ihr Ehrgeiz müßte demnach nicht so sehr als Re- 
aktion auf ihre Urethralerotik, als eher — sekundär — auf ihre 
Enuresis angesehen werden. 

Roh ei m") konnte bei den Eingeborenen von Zentral-Australien 
einen charakterhildenden Einfluß der Urethralerotik feststellen. Die- 
ses Volk äußert seine Urethrallusl, indem es den Geruch des Harns 
in Gesängen, Mythen und in der Realität als Stimulanz dienen läßt. 
Es besorgt die Harnfunktion ohne sedes Schamgefühl im Gehen, 
Stehen, Sitzen. In ihren Riten äußert sich ihre Urethralerotik durch 
Penis-Exhibition und andere urethrale Beziehungen (z. B. trinken 
des Harns), In ihrem Charakter durch maßlose Schenk freudigkeit. 

F e r e n c z i") hat bei einem Neurotiker sowohl die direkte ure- 
thrale Triebäußerung, als auch die zum Chai-akterzug gewordene 
Reaktionsbildung festgestellt. Er zeigt uns in der Pyromanie eine 
(psychotische) Reaktionsbildung der Urethralerotik und folgt dem 
Wege ihrer Entstehung über den Ehrgeiz. Es ist die Sehnsucht nach 
herostratischem Ruhm, die der Brandstifter durch seine Tat befriedigt. 
Wir erkennen in ihm den einstigen Ennretiker. Ferenczi fand in 
einer kriminologischen Sammlung von Brandstiftungsfällen solche, in 
denen die Brandstifter ihr Bett in Brand gesteckt hatten, womit sie 
den enuretischen Ursprung ihres pyromanischen Charakterzuges ver- 
rieten. Analysen und unmittelbare Beobachtungen an Kindern zeigten, 
daß die Lust der Kinder am Spiel mit Zündhölzchen u. dgl. urethral- 
erotische Reaktionsbildung darstellt (Bestätigung eines alten Ammen- 
glaubens). Ferenczi sieht die Berufswahl eines Arztes — einstigen 
Enuretikers — der die Urologie als Spezialfach erwählte, als durch 
seine Urethralerotik determiniert an. Auch seine Liebhaberei, der 
freiwillige Feuerwehrdienst, entstammt solcher Verarbeitung. 

Derartige Äußerungen der Urethralerotik sind als Sublimierungen 
aufzufassen, da sich in ihnen die Urethralerotik in sozial nützlicher 
Weise ausleben kann. Auch bei S a d g e r finden wir Hinweise auf die 
Snblimierung von urethraler Libido in beniflicher Tätigkeit, bei der 
das Hantieren mit Wasser eine Rolle spielt, ferner im Wassersport und 
in der künstlerischen Darstellung, wie man sie oft an Brunnen und 
Springbrunnen findet. Auch die Lust des Kindes am Spielen mit Was- 
ser, am Plantschen hat denselben Ursprung. Dies ist ein Hinweis für 

12] G. Riheim; Die Psychoanalyse primiliver Kulturen, luiago. 3932. 5/4. 

»3} Ferenczi: MlBcligebilde vun erotisclien Und ClinrnktarKÜgen. Bnueteine zur Psyclioanalyse. 
Band 2. Int. Psa. Verlag, Wien, 1927. 



Vom Bettnässen des Kindes 



183 



den Pädagogen: besonders betonten Partialtrieben bei seinen Zög- 
lingen Gelegenheit zur Sublimierung zu bieten"). 

Eine Beobachtung H i t s c h m a n n s") an einem vierjährigen Mäd- 
chen, dessen spoi-adisehes Bettnässen betreffend, scheint dieser Auf- 
fassung zu widersprechen, gilt jedoch gewiß nur als Ausnahme. Das 
kleine Mädchen wurde schon kurze Zeit nach Erlangung seiner 
„Zimmerreinheit" vorübei-gehend rückfällig, als es beim Wäschean- 
feueliten geholfen hatte. Im Alter von vier Jahren anläßlich eines 
Bootausfkiges näßt sie wieder ein und wiederholt dies in der nächsten 
Nacht. Die Beschäftigung mit Wasser hatte die sonst schon längst ver- 
gessene Form der Befriedigung wieder ausgelöst. 

Zahlreiche Beobachtungen bestätigen, daß das kleine Kind seinen 
Harn ebenso wertet und geliebten Personen ebenso als Zeichen seiner 
Liebe widmet wie seinen Kot. So sehen wir, daß das von Hand zu 
Hand gehende Baby und das im Familienkreise von einem Schoß zum 
anderen krabbelnde Kleinkind fast immer dieselben Personen benäßt, 
jene, die es am meisten liebt. Aus seinen Analysen teilt auch S a d g e r 
zutreffende Beobachtungen mit. 

Ich hatte Gelegenheit einen fünfjährigen .Tungen, ein „Pflege- 
kind'', zu beobachten, das von einer ganz lieblosen, alten Pflegemutter 
in günstigere Verhältnisse, in die Pflege einer lieben, jungen Frau 
kam, mit der er im selben Bette schlief und an die er sich immer zärt- 
licher anschloß. Nach einigen Monaten begann der Junge seine Pfle- 
gerin allnächtlich zu benässen. Dies war offenbar ein von seinem 
Willen ganz unabhängiger, potlutionsartiger Vorgang. Auch dieser 
Fall bekräftigt die vorhin erwähnte Feststellung Freuds, die wir 
bei Mareuse in der prägnanten Formel finden; „Die Enuresis dea 
Unerwachsenen ist häufig nichts anderes als eine Pollution des Un- 
reifen." Dies auf Erwachsene anwendend, nennt er deren Enuresis 
„eine neurotische Form, eine Umformung der Pollution". Bei Neu- 
TOtikern kommt es häufig vor, daß den Pollutionen Träume urethralen 
Inhaltes vorangehen. 

Oft zu beobachten ist auch die Koinzidenz des Bettnässens mit 
Träumen*" von Urinieren, wobei der Traum eine Reaktion auf den 
Harndrang ist, und als „Bequemlichkeitstrauni"'') das ungestörte- 

") Hier woUbh wir die instinktive Äußerung einer Mutler nnfUliren. die, als sie in einem un 
eeptlegten, niulit begosaeuen Garten das Bettieug eines jugcndliclien Enurctikere zum Lüften aiia 
pebreitot erblickte, ausrief: ..Hätte laan den Jungen docli lieber den Gniten begießen lassen, dann 
hatte er sicher weniger ins Bett genHßi!" 

15) E. Hitsclimann : Über einen sporadischen Rückfall ins Bellnüsscn. Int. Zeitselir. f. ärztl. 
Psa. 191Ü. 2. 

>ö) Mareuse 1. i^. erwälinl eine Mitteilung aus dem XVIIl. Jahrliundert, welche den ZuRnmmen- 
hang zwischen Beltnaesen und vesikalen Träumen hervorhebt. 

IT) Freud: Die Traumdeutung. Ges. Sehriften Ed. 11 und lil. 



184 



Kala L6vy 



Weiterschlafen zu sichern trachteP). Noch häatiffer finden wir in 
Träumen die symbolische Darstellung der Harnfunktion, oder des 
Harndranges. Manchmal stellen immer größere Wassermassen den sich 
steigernden Drang vor, der schließlich den Träumenden weckt (Harn- 
drang- Wecktraum). -''■■, :.i 

Rank") zeigt uns sehr klar, daß diesem Harndrang als urethraler, 
infantiler Triebäußerung, bei dem erwachsenen Trimmenden in einer 
anderen psychischen Schicht und damit auch in der Traumsymbolik 
ein genitaler sexueller Keiz entspricht. Er teilt eine Serie von vier- 
undzwanzig Träumen einer zweifellos stark urethralerotischen Frau 
mit. Aus iedem dieser Träume erwachte sie mit Harndrang. 

Bei Kindern begegnen wir oft Träumen, die von baden, fischen, 
glitschen im Schnee usw. handeln, aus denen das Kind entweder nach 
Bettnässen oder mit Angst erwacht. 

Ein achtjähriger schwer enuretischer Junge erzählte mir seinen 
typisch wiederkehrenden Traum, in welchem er aus der Höhe ins 
Wasser, ins Meer fällt, und wenn er erwacht, habe er ins Bett genäßt. 
Dieser Traum wird entsprechend ergänzt durch den Bericht der Mutter 
über die eigentümliche, gesteigerte Erotik, mit welcher das Kind sich 
ihr nähert. 

Solche Träume drücken die Sehnsucht nach dem „nassen Element" 
aus. Mit dem Bettnässen wird diese auch befriedigt. Damit gibt der 
Träumende jedoch nicht nur seiner Sehnsucht nach dem glücklichen 
Säuglingsalter Ausdruck. Die Symbolik des Ins-Wasser-fallens zwingt 
uns noch einen Schritt weiter zurückzugehen. 

Ferenczi*") hat darin die Sehnsucht, in das feuchte Element, in 
den Mutterleih zurückzukehren, erkannt. In seiner Genilaltheorie 
stellte er in Parallele zu dieser regressiven Äußerung des indivi- 
duellen Ijebens die phylogenetische Erscheinung des „thalassalen 
Kegressionszugs". 

II. 
Wenn wir uns mit einem Enuretiker beschäftigen, müssen wir 
vor allem feststellen, ob wir es mit einer Störung der Entwicklung 
oder mit einer Regression auf eine frühere Entwicklungsstufe nach 
vorheriger normaler Entwicklung zu tun haben. Jm allgemeinen kön- 
nen wir annehmen, daß in ersterem Falle, den ich primäre Enuresis 
nennen möchte, die Disposition eine größere Rolle spielt, als im letz- 
teren Falle, in dem das Kind bereits einige Zeit hindurch Beweise 
seiner Fähigkeit zur Zimmerreinheit erbrach t hat. 

isT^in'fUnfiälirigBs MäddielTeräühirberiirETwnoJicn u^rScIilmlijon den ungewoiinten Un- 
fall: „ApIi ^futter, ich traunitB, ich sei in der Wiiiinn . . . KloJacs und Grnflesi 

1») 0. Rank: Dia Symbnl Schichtung im Wecktrauni U9W, Jahrb. f. pM. u. paycliopath. For- 

^"^ "of Fereuczi: Versuch einor GeDitaltbautie. Int. Psa. Vorlag. 1K4. 



Vom Bettnässen des Kindes 185 

"Wir wissen, daß neben der verschiedenartigen Ausbildung der ein- 
zelnen erogenen Zonen, die bevorzugte Ausbildung der einzelnen 
Quellen zur Sexualerregung als differenzierende Faktoren der Sexual- 
iionstitution zu betrachten sind"^). Und die Feststellung Freuds, daß 
die Neurosen ihre grüßten Leistungen jedesmal zustande bringen, 
wenn Konstitution und Erlebnis in demselben Sinne zusammenwirken, 
gilt auch von der Enuresis. 

Schon S a d g e r betont sehr richtig — neben der ererbten Dis- 
position — die Fehler von Erziehung und Milieu. Besonders das über- 
flüssige Berühren des kindlichen Genitales, übermäßige Beachtung 
dieses Organs und seiner Funktion. Den Fehler der Mütter, die über 
die physiologisch begründete Altersgrenze hinaus ihrem Söhnchen bei 
Erledigung seiner körperlichen Bedürfnisse manuelle Hilfe leisten 
usw. Ans den Berichten von Neurotikern wissen wir, welchen unver- 
geßlichen Eindruck manche gewohnte Geste der Mutter bei ihnen her- 
vorrief und welche Konsequenzen dies hatte. So erzählt ein Zwangs- 
neurotiker, der als Kind Enuretiker war, wie angenehm es ihm war, 
wenn die Mutter um sich zu überzeugen, ob das Kind trocken sei, die 
Hand in das Höschen steckte. Wie sehr er das Interesse seiner KHeni 
schätzte, die seine Harnfunklion mit einem — auf den Namen des 
Jungen reimenden — Verslein quittierten und, daß er es als eine 
narzißtische Kränkung empfand, als man ihm auf der Promenade 
(las Urinieren verwies. Dieselbe Mutter machte bei ihrem Jungen 
dem Bettnässen mit der Drohung ein Ende, daß sie sein Genitale ab- 
schneiden würde. Damit erreichte sie wohl den angestrebten Zweck, 
legte aber damit auch den Grund zu der späteren, neurotischen Er- 
krankung des Knaben. Sadger berichtete aus der Analyse eines 
Homosexuellen über die schlechte Wirkung der spezifischen Gewohn- 
heiten der Eltern, und deren Übertragung durch Erziehung: die Mnl- 
ler, die das Kind immer fragt, ob es kein Bedürfnis habe, pflegt selbst 
plötzlich nach ihrem Genitale zu greifen, und hinauszulaufen. Der 
Vater hatte Harnbeschwerden und pflegte sich zum Harnlassen nackt 
hinzustellen. Beide Eltern gewährten dem Kinde viel Gelegenheit zu 
Beobachtungen. Bei dem Knaben entwickelte sich später unter an- 
derem die Perversion, kleinere Jungen beim Urinieren beobachten 
zu wollen. 

F 6 r 6 n c z i=') macht darauf aufmerksam, daß wir, wenn von 
Heredität die Rede ist, bedacht sein müssen, echte von „Pseudohere- 
dität'* auseinanderzuhalten. Bei letzterer sehen wir neurotische Eltern 

21) Freud: Drei AbhandiungPü zur RexuaHheorip. 

K) Fprenfii: Psycl)OReiuplli; InipoteoK beim Manne. Bausteine zur Pea. Band 2. 



186 



Kata L6vy 



eben infolge ihres eigenen abnormen Wesens ibre Kinder unrichtig 
behandeln und falsch erziehen. 

Das kleine Kind benülzt das Bedürfnis zu urinieren oft dazu daß 
seiue Eltern ihm helfen, sich um es kümmern und es berühren; es 
pflegt sie nachts zu rufen, nur um ihre Liebe zu fühlen. Die Enuresis 
dient oft demselben Zwecke, in einem Alter, da die Eltern von dem 
Kinde schon verlangen, daß es seine Bedurfnisse selbständig be- 
sorgt. So fragte ich den schon erwähnten achtjährigen Jungen, ob es 
ihm nicht sehr peinlich sei, daß er allnächtlich ins Bett nässe, worauf 
er meine Worte gleichsam berichtigend antwortete; „...meinen 
Eltern. Sie kümmern sich s o um mich. Es ist so schwer für Mutter 
mein Bett nachts in Ordnung zu bringen, weil ich sehr tief schlafe." 

Dies konnte ich als Geständnis betrachten (er beeilte sich auch es 
abzuändern), wonach es ihm nur angenehm sei, wenn die Mutter ihn 
nachts trockenlege. Im Laufe des Gespräches meinte er auch, er sehne 
sich gar nicht danach, erwachsen zu sein. 

Disposition, unrichtiges Verhalten der Eltern, oft zufolge eigener 
Disposition kann zu einem Stillstand in der Entwicklung führen, die 
sich auch in Enuresis äußert. Bei der zweiten Gruppe der Enuretiker, 
bei jenen, die die Stufe der urethralen Organisation bereits über- 
schritten hatten und dann wieder auf diese regredierten, müssen wir 
nach anderen Faktoren, Erlebnissen suchen, die diesen Rückfall ver- 
ursachten. Solche Fälle bestätigen immer die Feststellung Freuds, 
daß für das Wiederauftreten der sexuellen Betätigung eines Partial- 
triebes innere Ursachen und äußere Anlässe maßgebend seien. Beide 
sind in neurotischen Erkrankungsfällen aus der Gestaltung der 
Symptome zu erraten und durch die psychoanalytische Forschung mit 
Sicherheit aufzudecken. 

Eine häufige Ursache der Regression bei kleinen Kindern ist der zeit- 
weilige oder dauernde Verlust einer geliebten Person. Auch hier spielen 
verschiedene Motive und Mechanismen mit. Das Kleinkind verzichtet 
auf die Befriedigung eines Partialtriebes nur um der Liebe willen, 
die ihm als Entgelt geboten wird. Diese Liebe aber ist bis zu einem 
gewissen Alter noch sehr an eine bestimmte Person gebunden. Wenn 
das Kind diese Person verliert, so gibt es die schon erreichte Kultur- 
stufe auf, und ist nicht geneigt auf die unmittelbare Befriedigung zu 
verzichten. Nebst anderen ist dies die Hauptursache der häufigen Ver- 
wahrlosung solcher Pflegekinder, die von einer Pflegestelle zur an- 
deren wandern. H. D e u t s c h") teilt den Fall eines zweijährigen 
Knaben mit, der auf das plötzliche, ohne Abschied erfolgte Verschwin- 
den seiner ersten Kinderfrau unter anderen Symptomen (Verweige- 

M) H. Deutacli: Der erste Lieboskummor eiues Knaben. Int. Zeltschr. f. arztl. Pea. 1919. ii^~' 



Vom Bettnässen dea Kindes 187 

rung der Nahrungsaufnahme, Pavor nocturnus) mit Bettnässen 
reagierte, obwohl er vorher schon zur vollständigen Reinlichkeit ge- 
langt war. Später liefert er ausschließlich seiner Mutter auf die ge- 
wünschte Art und Welse das kostbare Naß: „Nur für Mami!" 

Drei Mitteilungen von B a u d o u i n'*) zeigen an verschiedenen 
Kegressionsfällen dieselbe, durch das Bettnässen ausgedrückte Ten- 
denz: wieder ein kleines Kind zu werden, das die Liebe und Fürsorge 
der Mutter genießt. In einem der Fälle, bei einem sechsjährigen Kna- 
ben, würkt der Tod der Mutler als Trauma, auf welches das Kind mit 
verschiedeneu Symptomen reagiert. Sein Nachtwandeln z. B. bedeutet, 
daß es aufsteht, um zu seiner Mutter zu gehen. Seine Träume, in 
denen es ins Wasser fällt, sind typische Enuretikerträume, ihr Sinn 
ist uns bekannt. Dieselbe Sehnsucht, in den Mutterleib zurückzukehren, 
findet B a u d o u i n bei einem kleinen Mädchen, das im Alter von vier 
Jahren auf den Tod der Mutter mit Enuresis reagiert, die bis zum 
vierzehnten Jahre anhält. Ein zwanzig Monate altes Mädchen wird 
eifersüchtig auf das Neugeborene, als es dieses nach einigen Monaten 
als Rivalen zu empfinden beginnt. Zu diesem Zeitpunkt gibt es die 
fast schon erreichte Reinlichkeit wieder auf. In dem kleinen Mädchen 
bestand von allem Anfang die Bereitschaft, das Kleine als eigenes 
Kind zu betrachten. Als die Umgebung ihm diese erwachsene Rolle 
durch Verständnis und aus Anlaß eines Umzuges durch ein „erwach- 
senes Bett" möglich macht, gibt das Kind von einem Tag zum anderen 
seine Enuresis auf, und mit ihr auch ein begleitendes neurotisches 
Symptom; einen Tic. 

Schneide r^"*) teilt ausführlich die Analyse eines sechseinhalb- 
Jährigen enuretischen Mädchens mit. Er fand in der enuretischen Ver- 
anlagung der Familie das dispositionelle Moment zur Regression. Die 
durch den Kriegsdienst bedingte Abwesenheit des Vaters verursachte 
Angst. In den Fällen, wo Objektverlust Regression verursacht, finden 
wir meistens, wie in diesem Falle, neben Enuresis auch das Symptom 
des Pavor nocturnus. Die Angst trägt auch dazu bei, daß das Kind die 
Geborgenheit seines Bettehens nicht verlassen will. Die Angstgefühle 
dieses Kindes wurden noch gesteigert durch die Beobachtungen, die 
es im Schlafzimmer seiner Eltern machte. Als zweites Moment in der 
Herheiführung der Regression erscheint die Geburt eines zweiten 
Kindes. In seiner Eifersucht wünscht das kleine Mädchen dieselbe 
Behandlung wie sie für den Säugling notwendig ist und wird so zur 
Bettnässerin. 

2»J Ch. Baudouin: Leidvoller Verlust und Eegression. Zeitschr. f. psa. Pädagog. III. Jalir- 
gang. Ein FaU vod Bettnässen. — Beitnässen und Geschwisterkoiuplex. Zeitsctir. f. psa. Pädagog. 
V. Jahrgang. 

*">) K. Schoeider: Ein Fall von BettDiUsea. Zeitscbr. f. paa. Pädagog.. I. Jahrg. 



188 



Kala Levy 



Mehrfach determiniert erseheint eine mit gehwacher Zwangsneurose 
einhergehende Enuresis (nocturna et diurna), welche bei einem klei- 
nen Mädchen seit dem Tode des Vaters vom drilten bis zum zehnten 
Jahre dauerte. Das gut entwickelte und an Reinlichkeit gewöhnte 
kleine Mädchen, das den Vater in ungewöhnlichem Maße geliebt hatte, 
zeigte nach seinem Tode Rückbildungen im Sprechen, es ließ nach 
in bereits erworbenen Fertigkeiten beim Waschen und Ankleiden, 
wollte auf dem Arm getragen werden wie ein Baby und begani 
wieder sicli zu benässen. Der Objektverlust traf das Kind in einem^ 
Alter, in dem die Bereitschaft zu der unvergessenen primär anto- 
orotisehen Befriedignngsweise zurückzukehren noch sehr stark ist,^ 
Seine heftige Onanie und Enuresis sind zum Teil von hieraus zu erJ 
klären. Eine zweite Determinante bildete ein spezifisch weiblichei 
Zug, der Penisneid, der sich bei dein kleinen Mädchen auffällig äußertj 
als es eineinhalbjährig auf das Genitale des kleinen Bruders auf-^ 
merksam wird. So oft das kleine Mädchen den Unterleib des Brüder- 
leins erblickt, bricht es in Schreien und Weinen aus, das so lange 
dauert, bis der Säugling wieder zugedeckt wird. 

Kleine Mädchen pflegen im allgemeinen die Mutter für ihr anato- 
misches Mißgeschick verantwortlich zu machen. Wenn in spätere] 
Jahren dieses kleine Mädchen in wildem Eifersnchtskanipf mit dei 
Bruder steht, und es seine Mutter beschuldig!, den Bruder zu bevor-i 
zugen, so ist dies schon Wiederholung und Ausdruck der Gefühle, dei 
ersten Kindheit. In dieser Zeit ist die unmiKelbare Reaktion die, dal 
es auf die Mutter — die sowohl bei Mädchen wie bei Knaben das erst« 
Gefühlsobjekt ist — böse wird, sich von ihr abwendet und seine ganz« 
Sehnsucht nach Liebe sich an den Vater knüpft. Die Liebe des Vaters^ 
kann das kleine Mädchen für seine Minderwertigkeit entschädigen. 
Solange es diese Liebe hat, ist ihm die Rivalität mit dem kleinen 
Bruder nicht wichtig. Jetzt will das kleine Mädchen nicht mehr den 
Penis, sondern das Baby, das es vom Vater bekommen möchte. X\ 
heftigen Ödipuskonflikt trifft sie der Tod des Vaters. 

Es ist begreiflich, daß die Kleine unter dem Eindrucke dieses Ver- 
lustes danach strebt, die frühere zärliiche Beziehung zur Muttej 
wieder herzustellen. Dies gelingt aber nur unvollständig; die Gefühls- 
einstellung zur Mutter wird ambivalent. Gteiclizeitig nimmt sie dei 
Wettstreit mit dem kleinen Bruder wieder auf, und nun erst gewinnt 
der Penianeid Macht über sie. Das im Wettstreit des Urinierens^'jJ 
unterliegende kleine Mädchen gibt all ihr auf Reinlichkeit gerichtetes 

s*) A. Bälint berichtel in der ..PavilmaiialyBe dee Kinde izimiiiers'' von einem sy^iübriso ■ 
Uüdchen, dus inmitler einer Loi-be tli'liriiil fiililiuhi;!: ..Srmti, Hiiuii werd« h*1i aiitb Kleii. 
inaciien köncen, wie die J\inpeii . . ." 'ues 



Vom Bettnässen cic-s Kimlcs 1S9 

Streben auf, indem es die Verantwortuug der Mutter zuschiebt, die 
es mit einem so mangelhaften Organ versehen habe. So ist die Enu- 
resis als Zeichen der Regression infolge des erlittenen Traumas 
hier zu verstehen. Daß die Enuresis des Kindes häufig, wie auch in 
unserem Fall im Kastrationskomplex wurzelt, zeigt uns ein charak- 
teristisches Symptom. Solche Kinder manifestieren — nebst ihrer Enu- 
resis diurna — eine demonstrativ scheinende läppische Ungeschick- 
lichkeit beim Verrichten ihrer Bedürfnisse. Sie machen sich, das 
W. C, den Boden oder die Kleider naß. Andere wieder müssen sich 
zu ungelegenster Zeit, in der Schule während des Unterrichtes, im 
Theater, am Beginn oder inmitten der Vorstellung hinausbegeben. 
Ein zwölfjähriges Mädchen läßt bei einem Ausfluge in Knabengesell- 
schaft den Harn einfach im Gehen von sich. Diese spezifische Unge- 
schicklichkeit ist einerseits, wie ein ständiger Vorwurf an die Adresse 
der Person gerichtet, die für diese Unfähigkeit verantwortlieh ge- 
macht wird (Mutter oder auch Vater). Andererseits ist sie die dem 
Analytiker'"") bekannte Manifestation des Kastrationskomplexes — 
eine Art von Passivität oder Gehemmtsein — wie sie oft bei Frauen 
als angstbedingte Reaktion ihrer auf Männlichkeit gerichteten 
aggressiven Wünsche erscheint. Dieser überkompensierte Verzicht 
kann sieh auch in der Unfähigkeit zu jeder, auch nur im Entferntesten 
männlich erscheinenden Betätigung äußern. "Wir begegnen aber auch 
bei Männern, nach einem Kastrationstrauma solchen Hem- 
mungen und Ungeschicklichkeiten in Verbindung mit Enuresis"). 

Wir dürfen natürlich nicht vergessen, daß solche Motive den han- 
delnden Personen nicht bewußt sind. Es sind dies Ergebnisse von un- 
bewußten Vorgängen in tiefen, seelischen Schichten, als deren mani- 
festes Symptom die Enuresis hervorquillt. Ursache und Sinn konnte 
auch in dem hier beschriebenen Falle nur psychoanalytische Be- 
handlung aufhellen. 

In unserem Falle stand das mehrfach determinierte Symptom der 
Enuresis noch im Dienste von weiteren seelischen Mechanismen, und 
zwar von Schuldgefühl und daraus hervorgegangenem Strafbedürfnis. 
Die eine Ursache des Schuldgefühls der Kleinen war ihre gegen 
Mutter und Bruder gerichtete Aggression, die andere ihre Onanie. 
Wir sehen oft, daß Kinder aus Schuldgefühl, besonders wenn es der 
Onanie entstammt, „nicht ruhen, bis sie nicht ihre Prügel bekommen 
haben*', wie dies die Umgebung auszudrücken pflegt. Nachher ist ihr 

20'iJ Sign) Froud: Über die weililiclie Poxii.ililüt. Ges. fidiiifteii B,i. 12. 




Verlag. 
Zeitschrift 1 psa. Päd.. Vin,5— 8 14 



190 



Kala L&vy 



Betragen merkwürdig ausgeglichen, ruhig und heiter. Das kleine 
Mädchen bediente sich zu einer Zeit des Bettnässens sowohl als Kampf- 
mittel, als auch als Mittel der Selbstbestrafung, mit dem es ihr am 
leichtesten gelang, ihre Umgebung gegen sich aufzubringen, und ein 
Besehämtwerden herbeizuführen. Vor ihrem kleinen Bruder beschämt 
zu werden, gab gleichzeitig ihren aschenbrödelhaften, masochisti- 
schen Phantasien Nahrung. 

Dieser Fall ist deshalb so lehrreich, weil sozusagen alle Ursachen, 
die bei essentieller Enuresis einzeln vorzukommen pflegen, hier als 
Faktoren wirksam sind. Die Wahl des Symptoms ist durch die Ure- 
thralerotik des Kindes mitdeterminiert. Von Zügen des Urethral- 
charakters traten Ehrgeiz, Freigebigkeit und Mitteilsamkeit hervor. 

Die Enuresis der Kleinen trotzte allen ärztlichen Maßnahmen: 
Entziehung der Flüssigkeit usw. Auch erzieherische Einwirkung 
hatte bei ihr keinen Erfolg. Der Psychoanalyse gelang es durch Auf- 
decken der tieferen Zusammenhänge die Enuresis auf eine ganz spo- 
radische zu reduzieren. Das vollkommene Aufhören wurde durch 
zeitweises Entfernen aus dem — immer Stoff zu neuen Konflikten 
bietenden — häuslichen Milieu bewirkt. 

Man begegnet Fällen, in welchen jene Rolle der Enuresis in viel 
gröüerera Maße zur Geltung kommt, die ich „Kampfmittel" genannt 
habe. Wir müssen aber in der Beurteilung sehr vorsichtig sein. Denn 
selbst bei dem aus Trotz und Erbitterung beltnässenden Kinde finden 
wir jede Schattierung des Überganges von der bewußten Absicht zu 
der vollkommen unbewußten. Ein Beispiel: Eine neunjährige vaterlose 
Halbwaise, deren starke Urethrallibido schon zu Hause zu sporadi- 
schem Bettnässen führte, wird zur ständigen Bettnässerin von dem 
Tage an, da sie in ein Waisenhaus kommt. Nun löst dieses Waisen- 
haus das für Erziehungsanstalten so schwierige Problem der Enuresis 
auf die Art, daß es die Kinder, denen Krankenhausbehandlung nicht 
hilft, ausschließt. Das kleine Mädchen wird im Krankenhaus in einigen 
Tagen „geheilt". Auf das Anstaltsleben, in dem ihr die Leiterin keine 
Mutterliebe bieten kann, reagiert sie wieder mit Enuresis. So kommt 
die Kleine schließlich zur Mutter zurück. Wenn wir nur bewußte 
Motive gelten ließen, müßten wir sagen, die Kleine habe das Bett- 
nässen absichtlich vollführt, um zu ihrer Mutter zurückgebracht zu' 
werden. Andere Umstände widersprachen dieser Annahme. Das Bett- 
nässen war vielmehr eine Triebreaktion des Kindes auf die frostige 
Waisenhausatmosphäre; es reagierte wie ein Kind, das sich nach einer- 
Liebesenttäuschung gekränkt zurückzieht und in der Onanie Trost 
sucht. Der Kleinen war diese Art der Befriedigimg schon geläufig, 
ihre triebhafte Reaktion fand in der Enuresis schon gebahnte Wege. 



Vom Bettnässen des Kindes ]91 



In Fürsorgeerziehungsanstalten und Gefängnissen tritt Enuresis 
sehr oft als dissozialer Zug in Erscheinung. Es ist dies ein Zurück- 
weisen der Kultlirforderungen von Seiten des antisozialen Individuums, 
das durch keine libidinösen Fäden an die Vertreter dieser Forderun- 
gen geknüpft ist, das entweder niemals Objektbindungen machen 
konnte oder seine Objekte verloren hatte und sie durch keine neuen 
ersetzen konnte. Auch hier ist die Enuresis als Symptom zu vrerten 
und auch hier finden wir im Hintergrunde die spezifische Disposition. 
Nach Hanselman n-'^) gehört der größte Teil der Enuretiker zu den 
schwererziehbaren Kindern. 25 hie 30 Prozent der Hilfssehtiler und 
Fürsorgezöglinge sind Enuretiker. Die Statistik des Bettnässens in 
der Erziehungsanstalt kann uns mitunter auch über die Persönlich- 
keit des Vorstehers und die zwischen ihm und den Zöglingen ent- 
standene Gefühlsbindung Aufschluß geben. Homburger teilt Daten 
aus dem Heidelberger städtischen Kinderheim für psychopathische 
Kinder mit, die über das Bettnässen der — in vernachlässigtem Zu- 
stande aufgenommenen — Kinder durch statistische Aufzeichnungen 
gewonnen wurden. Während eines Winters, da die alte, bewährte 
Vorsteherin auf Krankenurlaub war, vermehrten sich die Fälle von 
Bettnässen selbst mit Berücksichtigung anderer Faktoren, sehr auf- 
fallend. 

III. 

Wenn wir nun fragen, was sich aus dem Vorangegangenen für die 
praktische Lösung des Problems der Enuresis ergibt, so müssen wir 
vorerst zwei Gesichtspunkte trennen, den der Prophylaxe von dem 
der Therapie. 

Entwicklungsfehlern, wie die primäre Enuresis es ist, kann man 
bekanntlich leichter vorbeugen, als sie heilen. Wir sahen, welche 
Rolle bei deren Zustandekommen die Fehler der Eltern spielen. Einige 
dieser Fehler sind als übergroße Zuvorkommenheit dem Triebleben 
des Kindes gegenüber zu betrachten. Ebensowenig angebracht sind 
jene Maßregeln der übergroßen Strenge, welche oft erstaunlicherweise 
eben dieselben Eltern der bereits bestehenden Enuresis gegenüber 
anwenden. 

Die Fehler, die in der Trieberziehung überhaupt begangen wer- 
den, sind — wie A i c h h o r n-*) prägnant ausdrückt — meistens nichts 
anderes, als unrichtige Dosierung von Gewähren und Versagen. Den- 
kende Eltern könnten sich oft vor die Frage gestellt sehen, womit sie 
ihr Kind mehr schädigen, wenn sie seinen Trieb äußerungen freien 
Lauf lassen oder wenn sie diese verbieten. Wesentlich ist, daß Eltern 

i*) H, Hanselraann: Eiiifülirung in die Hpilpädagoijilr. Zürich. Rotapfe! -Verlag. 111.33. 

2B) A. Aiclihorn: Lolin oder Strafe als Erziehungsmiffel. Zeitschr. f. psa. Pndag. V. Jaiirg. 

W 



192 



Kata Lövy 



af fektfrej dieser Frage gegenüber stehen, denn dann werden sie den 
Grad der Triebversagung erkennen, bis zu welchem ihr Kind schadlos 
belastet werden kann und werden dann auch die zur Erziehung not- 
wendige Konsequenz aufbringen können. Je heftiger der Wunsch des 
Kindes nach Triebbefriedigung ist, umso schwerer wird es den Eltern 
fallen jene Linie zu halten, die sie zwischen Gewähren und Versagen 
gezogen haben, aber umso wichtiger ist es für die Entwicklung des 
Kindes, daß sie es tun. Dies bezieht sich vor allem auf jene Be- 
schränkungen, die wir als notwendig erachten, um die Sexualität 
des Kindes nicht überflüssigen Reizen auszusetzen, und nicht auf 
das Durchsetzen von Forderungen dem Kleinkind gegenüber. 
Konsequenz könnte da leicht mit Ungeduld und Härte verwechselt 
werden, die bei der Reinlichkeitsgewöhnung die schädlichsten Mittel 
sind. Es muß dem Kinde Zeit gelassen werden seine UrethraUust auch 
auszuleben, denn sonst bekommt der Erzieher die ganze Opposition 
und den Trotz des Kindes zu spüren. Die Bekämpfung einer Trieb- 
befriedigungsart — ein Erziehungsgebiet — wird dann zum Kampf- 
gebiet, wenn die eigene Affektlage der Erziehungsperson es dazu 
macht. Wenn das Kind, trotz geduldiger und lange Zeit hindurch ohne 
besondere Betonung und Strenge gemachter Gewöhnungsversuche sich 
gegen die Reinlichkeitsforderung sträubt, so muß Umschau gehalten 
werden, ob nicht in den Lebensgewohnheiten des Kindes oder eeiner 
Umgebung Faktoren zu finden sind, die den erzieherischen Bemühun- 
gen entgegengesetzt wirken. Dies wäre eine argo Inkonsequenz in der 
Auffassung des Erziehungsvorganges. So zeigen manche Eltern z. B. 
die Inkonsequenz ihrer erzieherischen Anschauungen darin, daß sie 
einerseits ihr Kind durch das Schlafen im elterlichen Schlafzimmer 
beständiger sexueller Erregung aussetzen, andererseits jedoch die 
„Unschuld" des Kindes vor der geschlechtliclien Aufklärung bewahren 
wollen. Auch dann noch, wenn der unruhige Schlaf des Kindes sie 
veranlaßt, die Erziehungsberatung aufzusuchen. 
, Von welcher Wichtigkeit der separierte Schlafplatz des Kindes spe- 
ziell für die Enuresis ist, dazu bringt A. B ä 1 i n t'") einen sehr inter- 
essanten Beitrag: die Eltern eines siebenjährigen Mädchens beobachte- 
ten, daß das Bettnässen jede Nacht mit Ausnahme jener Woche erfolgte, 
in welche die Menstruation der Mutter fiel! So sehr hatte das „schlafende 
Kind" an dem Geschlechtsleben der Eltern teilgenommen. Schlafzimmer- 
erfahrungen ebnen der Enuresis auch den spezifischen Weg über die 
Vateridentifizierung. Andere Fälle zeigten uns die schädlichen Folgen 
von Gewohnheiten Erwachsener, die das Kind ständig Zeuge der Er- 
ledigung körperlicher Bedürfnisse sein lassen. Nicht nur davor sollte 

3") A. BÄliDt; Die Psychoanalyse dea Kinderzimmers. Zeitsohr. f. psu. FuJag. VI. Jahrg. ' 



Vom Bettnässen des Kindes '1'93 

es bewahrt werden. Es ist auch ratsam, daß das Kind ermuntert werde, 
seine eigenen Bedürfnisse, sobald es dazu fähig ist, so wie die Er- 
wachsenen hinter geschlossenen Türen, ohne Assistenz zu erledigen. 
Es darf dem Kinde nicht gelingen, durch Störungen seiner Körper- 
funktionen oder durch körperliche Indispositionen zu erreichen, daß 
die Eltern sich in überflüssiger Weise mit ihm beschäftigen. Manche 
beginnende Enuresis wurde dadurch stabilisiert, daß es dem Kinde 
behagte, sich durch sie in den Mittelpunkt des Interesses zu bringen. 
Eltern, die schon inkonsequent in ihren erzieherischen Anschau- 
ungen sind, werden es gewiß auch in ihrem erzieherischen Verhalten 
sein. Es kommt einer Irreführung des Kindes gleich, wenn es in dem 
— durch Erfahrung gewonnenen Glauben — aufwächst, es könne mit 
der notwendigen Ausdauer durch bitten und fordern die Erfüllung 
jedes Wunsches erreichen. Denn so kann es geschehen, daß das Kind 
zum ersten Male in seinem Leben einem endgültigen und unerschütter- 
lichen Nein begegnen wird, wenn es gilt, seinen allerheftigsten Trieb- 
ansprüchen, z. B. seinem Ödipuswunsch zu entsagen. Je weniger es 
sich bis dahin einer unabänderlichen Versagung gegenüb erfand, umso 
schwerer wird es sein, das Kind gerade hierin zu einem Verzicht zu 
bringen. Wenn ihm in solcher Situation dann unerwartet das Verbot 
aufgezwungen wird, so kann das Kind das ungewohnte Verhalten der 
Eltern als schweres Unrecht empfinden und mit Neurose darauf 
reagieren. Wir wissen: am schwersten erziehbar sind jene Kinder, die 
mit ihrem ödipuswunsch nicht fertig werden können. Unter den Pro- 
blemen, vor welche uns die Erziehung dieser Kinder stellt, finden 
wir auch die Enuresis. 

Der gesunde Entwicklungsgang ist der, daß das Kind um die Liebe 
der Erziehungsperson zu erlangen, auf die direkte Triebbefriedigung 
verzichtet. Dies geht nicht immer glatt vor sich. Es gibt Kinder, die 
den Liebesentzug erleben müssen, bevor sie es zur Triebbeherrschung 
bringen. Das Kind zieht es vor, die Liebe ohne Gegenleistung zu be- 
kommen. Manche, besonders die verwöhnten Kinder, nehmen es nur 
zweifelnd und ungern zur Kenntnis, daß Liebe an Bedingungen ge- 
knüpft sein könne. Dies illustrierte der Ausruf eines etwas schwer an 
Reinlichkeit zu gewöhnenden kleinen Jungen: die Mutter belobt das 
Kind und versichert es ihrer Liebe, weil es „trocken" aufgewacht sei 
und seine Bedürfnisse in Ordnung erledige. „Deshalb hast du mich 
lieb, Mutti, wegen dieses bißchen Kleines?" fragt erstaunt das 
Kind. Selbstverständlich müssen für den Trieb, dem direkte Befriedi- 
gung entzogen ist, durch entsprechende Beschäftigung Sublimierungs- 
mögliehkeiten geschaffen werden. 

Die bis jetzt üblichen Methoden gegen die schon entwickelte Ena- 



194 Kala L6vy ' 

resis sind bekannt. Als „erzieherische" Maßnahmen; Auf- 
wecken des Nachts, Strafe, Einschüchtern, Beschämung. Somati- 
sche Heilverfahren: Entziehung der Flüssigkeit, Medikamente 
Anwendung von heilmechanischen Apparaten (Wecker), Elektrisieren. 
Von psychischen Heilverfahren wurde bisher die Wach- 
suggestion und Milieuveränderung angewendet. In den meisten Län- 
dern gibt es auch eigene Heime für Enuretiker. 

Es kann nicht Aufgabe des Psychoanalytikers sein, ein Urteil Über 
die Nützlichkeit dieser Verfahren zu fällen. Es muß nur gegen die 
Schädlichkeit einzelner Verfahren Stellung genommen werden. 

Im Interesse der psychischen Gesundheit des Kindes müssen wir 
jedes Vorgehen verurteilen, dessen Wirkung, wenn sie überhaupt er- 
zielt wird, auf Abschrecken oder Einschüchtern beruht. Solch ein 
Vorgehen wäre: erzieherische Strenge, Beschämung, Bangemachen 
Elektrisieren „bis an die Grenze des Erträglichen". In vielen Fällen 
ißt die Enuresis ohnehin eine Reaktion des Kindes auf Angst Ein 
Äquivalent der F er enc z i'sehen**) „Angstpoilution" ist das Bett- 
nässen aus Angst. Daß Kleinkinder, nach einem Schrecken schnell 
„gesetzt" werden, um die Angstwirkung gleichsam prompt abzuleiten 
brachte F e r e n c z i hiemit in Verbindung. Es hieße den Teufel mjt 
Beizebub austreiben, wollten wir eine Angst mit der anderen be- 
kämpfen! Wo es durch Einechüchterung oder sonstige drastische Mit- 
tel gelungen ist, eine Enuresis zum Verschwinden zu bringen, dort 
kommt an deren Stelle, wie die analytische Praxis täglich zeigt, ein 
anderes neurotisches Symptom zum Vorschein. 

Nicht viel besser als die oben angeführten Maßnahmen ist das Über- 
treiben der FlüBsigkeitsentziehung bis zum Grade einer „Durstkur". 
Diese Mittel erwecken oder steigern nur den Widerstand des Kindeg] 
und führen zu Unaufrichtigkeit. Denn ein Kind, dem es so seh-wer 
fällt, den einen Trieb zu bändigen, daß es darüber zum Enuretiker 
wird, wird die Beschränkung eines anderen Triebes auch nicht ruhig 
hinnehmen. Im Geheimen wird es umso mehr trinken. Die Vermin- 
derung der Flüssigkeitszufuhr ist nur so weit zu empfehlen, als dies 
in der Verabreichung flüssigkeitsarmer Nahrung unauffällig durch- 
zuführen ist. Überhaupt bedarf es zur Lösung der die Enuresis be- 
treffenden Erziehungs- und Milieuprobleme großen pädagogischen i 
Taktes. In vielen Fällen der Enuresis besteht die Aufgabe der Heii.l 
erziehung darin, daß sie das „Erwachsenwerden" des Kindes fördert \ 
dem Kinde hiezu Lust macht, Motive findet, denen zuliebe es demj 
Kinde lohnt das zweifellos schwere Opfer der Triebentsagung g^j 

*i) Ferenczir Pollnlion ohne orgaetischen Traum uew. BauEteine 11. Bei der Kriegsenur^T j 
dürfte die durch Angst bewirkte EegreeBion eine große Rolle spielen, Zappert (1. c.J Trii^B*] 
diesen Fülen eina längere Studie. -^esj 



i 



Vom Bettnässen des Kindes ]95 



bringen. Wo dies durch unbewußte Tendenzen behindert wird, kann 
ein Bewußtmachen der seelischen Situation des Kindes den ge- 
wünschten Anstoß geben. Dies kann gefördert werden durch vor- 
sichtige Sexualaufklärung, die dem Überhandnehmen von Phantasien 
den Boden entzieht. Ergibt sich nun im Heilungsverlauf der Enuresis, 
daß den Angehörigen, die um das Kind bemüht sind, die onanistische 
Betätigung auffällt, so müssen sie dazu gebracht werden, darin ein 
Zeichen der fortschreitenden Entwicklung zu sehen. 

Ein günstiges Ergebnis kann nur durch engstes Zusammenwirken 
mit der Umgebung des Kindes erzielt werden. Manches Kind wird 
durch sein Milieu geradezu verhindert, sieh psychisch fortzuent- 
wickeln. Viele Mütter wissen selbst gar nicht, wie sehr sie bestrebt 
sind ihr Kind als Baby zu erhalten. Vergessen wir nicht, daß beim 
nächtlichen Aufnehmen oder Trockenlegen, dessen Genuß das Kind 
oft an die Enuresis fixiert, zwei Menschen beteiligt sind. "VVir wollen 
das Kind zur Änderung seines Standpunktes bewegen, wir müssen 
aber auch den Partner des Kindes für diese Umstellung gewinnen. 
Es ist schwer den Ton, die täglichen Gewohnheiten in der Familie 
des Kindes, seine Position in dieser von heute auf morgen zu ändern. 
Mit einer zeitweiligen Milieuveränderung ist dies leichter zu er- 
reichen. Ein Resultat können wir auch hiemit nur erzielen, wenn das 
provisorische Heim, sowie auch nach Rückkehr das alte Heim sich 
zielbewußt zu ihrer Aufgabe einstellen. 

Es wird auch Fälle geben, in welchen die Methode der bewußten 
Vernachlässigung zum Ziele führen kann. Hier sind ein Gummi- 
bettuch und Ignorieren die Verteidigungswaffen gegen den enareti- 
schen Angriff; doch darf nicht übersehen werden, daß mit dem Ver- 
schwinden der Enuresis durch diese Methode bloß die Belästigung der 
Erzieher, nicht aber die kindlichen Konflikte aufgehört haben. 

In jenen Fällen, die über das „heilpädagogische Maß" hinaus- 
gehen, in denen die Enuresis schon Symptom einer kompletten Neu- 
rose oder Verwahrlosung ist, wird die psychoanalytische Behandlung 
des Grundübels angezeigt sein. 

Wir sehen also, daß gegenüber den oben angeführten Verfahren, 
welche die Enuresis bald somatisch, bald auf Grund oberflächlicher 
psychologischer Ansichten symptomatisch behandeln, der Psycho- 
analytiker sieh bemüht, durch Aufhellung des seelischen Hintergrundes, 
durch Klarlegen der mitwirkenden psychischen Mechanismen, durch 
Aufdecken von Konflikten und durch Beeintlussen der Umgebung, 
das Kind erzieherischen Einwirkungen zugänglich zu machen. Wo 
dies nicht ausreicht, wird er zur psychoanalytischen Behandlung 
greifen. 



KINDERANA LYSE 



Die Spielanalyse eines dreijährigen Mäddiens^ 

Von Melitta Sclimicleberg, London 

Um das Verständnis des folgenden Berichtes über die Analyse! 
eines kleinen Kindes für den der Praxis der Spielanalyse unkun-l 
digen Leser zu erleichtern, möchte ich mit einigen allgemeinen Be-| 
merkungen beginnen. Das analytische Material unterscheidet sich von] 
dem bei Erwachsenen in verschiedenen Punkten: Unbewußte Phan-< 
tasien werden oft erstaunlich offen geäußert. Vorbewußte Phantasie^' 
spielen eine verhältnismäßig geringe Eolle. Die Ich-Interessen und- 
die Realität sind sicherlich niclit weniger bedeutungsvoll als beim' 
Erwachsenen, aber sie sind andersartige. Die Healilätsbeziehung einesi 
kleinen Kindes ist begrenzter, aber intensiver; Gegenstände, Klei- 
dung, Essen, Spielsachen usw. spielen eine große Eolle. Die Ich-Inter- 
essen sind noch wenig differenziert; die individuellen Unterschieden 
im analytischen Material von Dreijährigen sind natürlich sehr viel 
geringer, als in dem von Erwachsenen. Vom Standpunkte des be- 
wußten Ich ist das analytische Material eines kleinen Kindes ziemlich 
monoton, da seine bewußten Interessen noch primitiver und begrenz- 
ter sind. Andererseits zeigt sich beim kleinen Kinde eine schnellere 
und oft abruptere Änderung der Einstellung als beim durchschnitt- 
lichen erwachsenen Neurotiker; dies ist vor allem durch die mehr 
akute Angst des kleinen Kindes bedingt, die es ihm unmöglich macht, 
eine bestimmte Einstellung längere Zeit hindurch aufrechtzuerhalten. 
Aber auch die Tatsache, daß seine Interessen und Tätigkeiten noch 
ungenügend organisiert und konsolidiert sind, trägt hierzu bei. Das 
Vorwiegen der symbolischen Darstellung im analytischen Material 
scheint dadurch bedingt zu sein, daß die Objektbeziehungen noch 
weitgehend auf der Partialstufe sich abspielen (mehr Körperteilen 
als Personen gelten), während bei Individuen mit besser entwickelter 
Realitätsbeziebung und reiferem Ich die unbewußten Phantasien mehr 
in Zusammenhang mit wirklichen Personen und in realitätsange- 
paßter Weise geäußert werden. 

Um zusammenzufassen: in der Analyse eines kleinen Kindes wer- 
den unbewiißte Phantasien freier geäußert; die Symbolik spielt eine 
größere, die vorbewußte Phantasietätigkeit eine geringere Rolle; 

•) Die vorliegende Arbeit ist eine verkürzte Fassung der vtiiii Institute of l^syoho-AtialvsiB~ 
Londun. mit dem Klinisclien Treia 1933 auagezeiehneten Arbeit, die gleichzeilig iu Tlie Inter' 
nalionfll Journal of Tsyclio-Analysis erscheint. 



Die Spielanalyse eines dreijährigen Mädchens 



197 



die Eeftlität und die Ich-Interessen sind primitivere; die akutere Angst 
bewirkt selmellere Veränderungen der unbewußten Einstellung^). 

Die Darstellung der Spielanalyse eines kleinen Kindes wird nicht 
nur durch diese Eigenart des Materials erschwert, sondern sie unter- 
liegt auch all den Schwierigkeiten und Einschränkungen, die wir von 
der Darstellung von Erwachsenenanalysen her kennen. Es ist be- 
kanntlich unmöglich, selbst über eine relativ kurze Analyse einen 
vollständigen Bericht zu geben und dadurch, daß man zahlreiche Ein- 
zelheiten übergehen muß, kann die Analyse nicht so plastisch und 
überzeugend dargestellt werden, wie der Analytiker selbst sie erlebt. 
Andererseits wirkt die ÜberlüUe der Einzelheiten und die vielfache 
Detenninierlheit jeder Handlung und jedes Symptoms leicht ver- 
wirrend. 

V i V i a n=) wurde im Alter von zwei Jahren und elf Monaten wegen 
hysterischen Erbrechens, Eßschwierigkeiten, Obslipation und Angst 
in Analyse gegeben. Obgleich sie ungewöhnlich hübsch war, machte 
sie doch keinen sehr netten Eindruck; sie war ein altkluges und früh- 
reifes Kind, unverträglich mit andern Kindern. Sie wollte immer ge- 
rade das haben, was man ihr nicht gab, war nie mit dem zufrieden, was 
sie besaß und war nur auf sich selbst bedacht. Schon als Säugling 
eigensinnig, steigerte dieser Charakterzug sich im zweiten und dritten 
Lebensjahre so sehr, daß die Eltern nicht mehr wußten, was sie mit 
ihr anfangen sollten. Folgender Vorfall wurde mir als charakteri- 
stisch berichtet: Vivian wacht mitten in der Nacht auf und verlangt 
in die im andern Stockwerk befindliche Küche geführt zu werden. 
AZs ihr Wunsch nicht erfüllt wird, schreit sie eine Stunde lang. 
Schließlich gibt die Mutter nach und geht mit ihr hinunter. Auf der 
Treppe macht Vivian kehrt und erklärt, daß sie doch lieber im Schlaf- 
zimmer bleiben wolle. 

Vivian ist das einzige, sehr verwöhnte Kind von jüdischen, dem 
Kleinbürgertum angehörenden Eltern. Die Mutter fürchtet sich vor 
ihren Anfällen von Eigensinn, gibt nach und lügt, um diese zu ver- 
meiden, und wenn alles nichts nützt, schlägt sie sie. Alles wird vor 
ihr besprochen und sie wird dauernd bewundert. Zweifellos ist ihr 
altkluges Wesen weitgehend durch das Verhalten der Eitern bedingt. 

Vivian wurde im Alter von sechs Wochen entwöhnt. Mit drei Mo- 
naten zeigte sie starke Angst vor Männern und Geräuschen. Mit vier 
Monaten begann sie zu erbrechen. Eigensinn und andere Charakter- 
schwierigkeiten zeigten sich schon im ersten Jahr und steigerten sich 
zunehmend. Sie war in jeder Hinsicht überaus frühreif. 

1) Einzelheiten über die Technik der Spielanalyse und Bruelislücke aus Analysen klainar 
Kinder sielie bei M. Klein: ,,Die Psychoanalyse des Kindes". Int. Fsa. V. 1932. 

2) Zu Vivians Analyse siehe auch Z, t. psa. Päd. Jahrg. 1933, Saite 210 f. 



198 



Melitta Schmideberg 



Vivian blieb mit mir allein, ohne die geringste Angst zu zeigen. 
Anfangs erzählte sie immer, sie wisse, daß ich eben noch geschlafen 
hätte. Von jedem, den sie nicht sah, behauptete sie, er schlafe. Auch 
von sich selbst sagte sie, sie hätte geschlafen, auch wenn es nicht 
der Fall war. Nach einiger Zeit erklärte sie aber, sie hätte gesehen, 
daß ich im andern Zimmer mit dem .Doktor' gekämpft hätte, — wir 
hätten uns gegenseitig auf den Kopf geschlagen. Sie behauptete auch, 
der , Doktor' im Nebenzimmer foltere die Patientin. In diesen und an- 
deren Behauptungen äußerte sich Vivians sadistische Auffassung 
vom elterlichen Koitus. Die mit diesen Vorstellungen verknüpfte 
Angst hatte sie bewältigt, indem sie sie leugnete: Die Eltern kämpfen 
nicht miteinander, sondern sie schlafen; Vivian beobachtet sie nicht, 
sondern schläft. Tatsächlich hatte Vivian, die schon früh an starker 
Angst litt, nie Pavor nocturnus gehabt. Dieser trat erst im Verlauf 
der Analyse auf. Diese Verleugnung der mit Angst verknüpften 
Situationen und Vorstellungen bildete die Grundlage für ihre intel- 
lektuelle Hemmung. Da ihre sadistische Auffassung von den Bezie- 
hungen der Eltern auch für ihre sonstigen Vorstellungen grund- 
legend war, ihre Angst sich immer mehr ausbreitete und sie die Angst 
durch Aufgeben ihrer Interessen, durch „Schlafen" bewältigen mußte, 
ließ sich voraussehen, daß sich ohne Analyse wohl eine sehr starke 
Hemmung entwickelt hätte. Nach mehreren Wochen Analyse kam es 
zu einer völligen Charakteränderung: das sehr gehemmte Kind 
wurde überlebhaft, aggressiv, unruhig und wißbegierig. 

Diese Charakteränderung war dadurch bedingt, daß sie nun ihre 
Angst anders bewältigte. Früher verleugnete oder vermied sie das 
Angstobjekt, jetzt wollte sie es genau kennenlernen. Früher hatte sie 
verlangt, ich solle den elektrischen Ofen (den brennenden Penis) aus 
dem Zimmer entfernen; nun beruhigte sie ihre Angst, indem sie genau 
wissen wollte, wie er funktioniere. Ihr Gehemmtsein war vorwiegend 
durch die Hemmung ihrer. Männliehkeitswünsche bedingt. Ihre Angst 
galt dem sadistischen, die Mutter zerstörenden Vater. Als sie einmal 
Musik hörte, sagte sie zur Mutter: „Bringe mich schnell weg von hier, 
sie zerbrechen das Haus" (nämlieh durch die Musik). Nach einem 
Stück Analyse identifizierte sie sich mit dem sadistischen, die Mutter 
durch Lärm zerbrechenden Vater, wurde nun aktiv und aggressiv, 
außerordentlich lärmend und unruhig. 

Einmal erklärte sie im Spiel, aus dem Kamin käme eine Maus. Erst 
zeigte sie Angst vor der Maus, fürchtete, sie werde sie beißen, dann 
schreckte sie mich mit der Maus. Dann spielte sie aber, daß sie selbst 
die Maus sei, wollte mich beißen und von allen Seiten augreifen, Sie 
lief auch heraus, um der im Wartezimmer sitzenden Mutter gegen- 



Die Spielanalyse eines dreijährigen Mädchens 199 

Über die Rolle der Maus zu spielen und sie zu sehrecken. Diese Iden- 
tifizierung mit dem Angstobjekt beruhte zunächst auf dem Bestreben, 
das Angstobjekt zu vernichten. Einmal zeigte sie Angst vor der 
Maus, dann erklärte sie, die Maus sei weg und im nächsten Moment 
war sie selbst zur Maus geworden (sie hatte sie aufgegessen). Die 
angebliche Maus kam aus dem Kamin. Aus diesem entnahm sie auch 
Euß, von dem sie behauptete, er sei „Babys Ovaltine" oder den sie mir 
auf einen Baustein gelegt als „Toast" anbot. Der Kamin bedeutete den 
Leib der Mutter, der Exkremente (Ruß) und den väterlichen Penis 
(Maus) enthält. Bann spielte sie, wir schliefen zusammen, und plötz- 
lich kam aus meinem oder ihrem Rücken eine Maus heraus, oder ich 
selbst verwandelte mich in eine Maus. Aus diesem und weiteren 
Material ging hervor, daß die Maus den Penis des Vaters im Leibe 
(oder Anus) der Mutter darstellte. 

Vivian sagte immer wieder in überlegener und altkluger Weise, 
ihre Mutti kaufe ihr alles, was sie wolle, ihre Mutti komme wieder, 
wenn sie weggegangen ist usw. Sie hatte auch nie Angst gezeigt, 
wenn die Mutter sie allein ließ. Im Verlauf der Analyse trat eine 
recht heftige Angst davor auf ohne die Mutter zu sein. Zugleich 
zeigte Vivian zum ersten Mal Herzlichkeit der Mutter gegenüber. Sie 
hatte mit ihrer Kritik, ihrer Aggression und ihren Zweifeln zusam- 
men auch ihre Liebe zu ihr verdrängt. In der Analyse wurden ihre 
Haß- und Angstregungen der Mutter gegenüber bewußt; teils indem 
sie selbst im Spiel die „böse Mutter" darstellte, die ihr Kind (nnch) 
mißhandelt, teils in direkter Form: so spielte sie z. B., daß ihre Puppe 
kein Kleid habe und „so friere" und fügte hinzu: „Als ich ein Baby 
war, hatte ich keine Decke und mußte so frieren." Dann beklagte sie 
eich' weiter über die Mutter, erzählte, wie sie sie bestraft hätte usw. 

Während Vivian immer wieder erklärte, wie gut ihre Mutti sei, 
war sie aber mit nichts, was die Mutter ihr je gab, wirklich zufrieden. 
Sie zeigte überhaupt ein paradoxes Verhalten. Sie hatte große Eß- 
Schwierigkeiten, weil sie das Essen als schmutzig empfand, Exkre- 
menten gleichsetzte; zugleich aß sie aber Schmutz. Sie sagte, die Seife 
sei schmutzig, und „reinigte" den Fußboden mit Schmutz. Sie hielt 
etwas zum Feuer, um es zu „waschen" und etwas unter die Wasser- 
leitung, um es zu „verbrennen". Das Gute war für sie schlecht, und 
das Schlechte gut; das Schmutzige rein und das Reine schmutzig. 
Ihrer Auffassung nach gab ihr die Mutter das Böse, vortäuschend es 
sei das Gute, und verweigerte ihr das Gute, behauptend es sei das 
Schlechte. Dieser Vorwurf entsprang ihrem oralen Neide: die Mutter 
besitzt den guten Penis des Vaters, die gute Nahrung usw. und gibt 
ihr nur das Schlechte. Weiterhin entstand er durch die Projektion 



200 



Melitta Sclimidcberg 



ihres Sadismus. Sie selbst wollte der Mutter das Böse geben, um i^] 
zu schaden und das Gute für sich behalten; sie lauschte Liebe voi 
und empfand Haß. So mußte sie von der Mutler die gleiche Einstel, 
Jung erwarten. 

Ähnlich erwies sich ihr Vorwurf, die Mutter hätte ihr d. 
Penis verweigert oder sie kastriert weitgehend als P r o j e k-l 
tion ihrer eigenen Kastrationswünsche. Z. B. warf sie mir eirunalj 
heftig vor, ich hätte ihr schönes Spielauto (das bei ihr immer den] 
Penis darstellte) weggenommen. Tatsache war aber, daß sie selbst! 
den Tag vorher mir ein Auto weggenommen hatte. (Diesen Mechaais- 
mus fand ich auch in anderen Fällen.) 

Dieses Mißtrauen der Mutter gegenüber bestimmte ihr ganze^ 
Verhalten. Sie konnte eigensinnig eine Stunde schreien, weil' 
sie einen Gegenstand wollte, und wenn sie ihn dann bekam, nahm sie 
ihn oft nicht an, weil ihr der Umstand, daß die Mutter ihn ihr gab 
bewies, daß es doch etwas Schlechtes sei. Die Mutter ließ ihr gewöhn- 
lich die Wahl, was sie essen wolle; wenn Vivian die gewünscht© 
Speise erhielt, konnte sie sie dann nicht essen. Diese Einstellung war 
auch der Grund für ihre Unersättlichkeit und Unzufriedenheit: immer 
war der Gegenstand, den sie nicht haben konnte, der ,Gute', der, den 
sie besaß, der »Schlechte*. . ;' 

Ihr schlechtes Verhältnis zur Mutter war auch weitgehend dadurch 
bedingt, daß sie die homosexuelle Einstellung nicht einnehmen durfte 
weil sie sich dann mit dem sadistischen (die Mutter durch Lärm zer' 
brechenden, folternden usw.) Vater identifiziert hätte. Dadurch wäre 
sie auch in eine Konkurrenzeinstellung mit dem Vater geraten: sie 
konnte die Brust, das Essen, die Liebe der Mutter nur erhalten, wenn 
sie die Mutter dem Vater raubte. Ihr Wunsch, die Mutter für sich 
allein zu haben, mit den damit verknüpften Regungen von Eifersucht 
Haß und Angst agierte sie in der Übertragungssituation sehr deut- 
lich, wobei sie meine andern Patienten und den „Doktor" als Rivalen 
auffaßte. Als sie in einer späteren Phase der Analyse spielte, sie 
bereite das Essen für den Vater, so diente diese Identifizierung mit 
der „guten Mutter" z. T. auch der Wiedergutmachung ihrer eifersüch- 
tigen Wünsche, die gute Mutter dem Vater wegzunehmen. Vivian 
wollte immer etwas Neues haben und nichts befriedigte sie wirklich 
Ihre Unersättlichkeit agierte sie in der Analyse; lange 2eit 
ging sie nie von mir weg, ohne etwas mitzunehmen. Sie nahm den 
Ball, den Besen, Spielsachen mit, einmal wollte sie eine Tasse Seifen- 
wasser nacbhause nehmen usw. Die Gegenstände, die sie verlangte 
bedeuteten für sie unbewußt Teile des Vaters oder der Mutter. Einmal 
wollte sie alle meine Kleidungsgegenstände der Reihe nach w^eg- 



Die Spielaiialyse eines dreijährigen Müdclieiie 



201 



nehmen, dann begann sie meinen Jumper, meine Schuhe, Strümpfe 
usw. zu beißen. Plötzlich hörte sie damit auf und sagte: „Ich will 
dich doch nicht foltern." Meine Kleidungsstücl^e stellten einen Ersatz 
für meine Körperteile dar; sie wollte mich in Stücke beißen, meine 
Brust abbeißen usw. Es stellte sich heraus, daß sie jeden Tag einen 
Gegenstand mitnahm, weil sie jeden Gegenstand im Zimmer, das 
ganze Zimmer, eigentlich aber mich selbst nachhause nehmen wollte. 
Als ich ihr nun sagte, sie halte mich für die gute Mufter, die sie mit- 
nehmen wolle, damit ich sie gegen die „böse" Mutter, ihre eigene 
Mutter beschütze, klagte sie traurig: „Ich habe kein gutes Bett zu- 
hause." Der Deutung, sie meine, sie hätte keine gute Mutter zuhause, 
stimmte sie bei. 

Zur Zeit, als sie Angst bekam, wenn die Mutter nicht bei ihr war, 
konnte sie nur durch ein Geschenk beruhigt werden. Das Geschenk 
bedeutete einen Ersatz für die Mutter (oder einen Körperteil der 
Mutter) und bewies ihr gleichzeitig, daß die Mutter gut sei. Ihre Un- 
ersättlichkeit bedeutete weitgehend eine Regression auf die Stufe der 
Partialliebe; diese Regression erfolgte, wenn die Mutter sie in Wirk- 
lichkeit verlassen hatte, oder wenn sie psychisch aus Angst die Be- 
ziehung zur Mutter als Person nicht aufrechterhalten konnte. Als sie 
ein besseres Verhältnis zur Mutter gewann, brauchte sie weniger Ge- 
schenke; als sie die Mutter in der Phantasie besitzen konnte, brauchte 
sie nicht so viel Gegenstände, die einen Ersatz für die Mutter be- 
deuteten; als ihr Vertrauen zur Mutter sich verstärkt hatte, mußte 
sie nicht dauernd Beweise für ihre Güte haben; als sie in der Objekt- 
liebe und in Phantasievorstellungen mehr Befriedigung und Trost zu 
finden vermochte, konnte sie leichter verzichten. 

Zufolge ihrer intensiven Ambivalenz wurde das, was sie besaß, für 
sie sehr schnell zu etwas Bösem; und dann mußte sie gleich wieder 
etwas Neues, Gutes erhalten. Sie wünschte sich immer Essen und 
Süßigkeiten, konnte diese aber dann nicht verzehren und bei sich 
behalten. Sie erbrach, weil sie in ihrer Vorstellung zu etwas „Bösem" 
geworden waren. Als ihr Glaube an die Güte der Mutter sich ver- 
stärkte, glaubte sie auch eher, daß der Inhalt ihres eigenen Körpers 
gut sei. Nun konnte sie das, was sie besaß, schätzen und behalten und 
hatte ein geringeres Bedürfnis nach neuem Besitz. Indem sie sieh 
nun mit der guten, nährenden Mutter identifizierte, wurde sie frei- 
gebiger, bereit zu schenken. 

Das Mitnehmen der verschiedenen Gegenstände aus meinem Zim- 
mer bedeutete einen oralen Angriff auf den Leib der Mutter und 
dessen Inhalt; Exkremente (den Euß aus dem Kamin, den sie als 
„Toast", als „Babys Ovaltine" bezeichnete; einmal sagte sie, sie 



202 Melitta Sehmideherg 



wolle den mitern Teil des Klosetts nachimuse nehmen); Urin (Seifen- 
\vasser); Milch (Seifenwasser); Brust (meinen Jumper); den Penig 
des Vaters und der Kinder. Einmal erklärte sie, oben weine ein Baby, 
In Wirklichkeit war dies nicht der Fall, aber über Vivians Wohnung 
befand sich ein Baby. Daran anschließend spielte sie, meine Kissen 
seien Babys und beim Nachhausegehen erklärte sie, sie müsse ihre 
Babys doch mitnehmen. Die phallische Bedeutung des Besens und 
des Balles ging auch daraus hervor, daß sie sie in den Mund oder 
ins Genitale zu stecken versuchte, — sie oral oder genital einverleiben 
wollte. Einmal sagte sie, sie nehme mir meine Nase weg, dann werde 
sie zwei Nasen haben und fügte hinzu, wer mir wohl die Nase gg. 
geben hätte, ob der Doktor? (Der Vater gab der Mutter den Penis.') 

Ihre aggressiven Regungen waren sekundär durch verschiedene 
Momente verstärkt worden. Sie begründete ihren Wunsch, das Spiel- 
zeug der andern Kinder mitzunehmen, damit, ihr eigenes sei schlecht 
oder kaputt (ihre Kastrationswünsche waren durch die Angst ein be- 
.■^ehädigtes oder minderwertiges Genitale zu besitzen, verstärkt wor- 
den). Einmal verletzte sie ihren Finger und verlangte nun so hartnäckig 
den Besen nachhause nehmen zu dürfen, daß ich nachgab. Der Besen 
der große Finger sollte einen Ersatz für den beschädigten Finger -■ 
bilden. .-i-;; •: 11 

Der „gute" Penis stellte einen Schutz gegen das „böse" introjizierte 
Objekt dar. Diesem galt ihre tiefste Angst: durch den Besitz eines 
gewünschten Gegenstandes konnte ihre Angst gemildert werden 
Wenn sie den Gegenstand aber nicht bekam und ihre Angst sehr stark 
war, erbrach sie (um sich vom gefährlichen Objekt zu befreien). Sie 
wollte immer das Spielzeug der andern Kinder haben (jedes Kind hat 
sein Spielzeug in einem besondern, abgesperrten Kasten) und sagte, 
sie werde in der Nacht kommen, um es zu stehlen. Deshalb fürchtete 
sie nun als Vergeltung, daß die andern Kinder ihr Spielzeug stehlen 
würden und wollte es nachbause nehmen, um es vor ihnen zu sichern 
(Sie muß den „guten" Penis haben, um ihn vor der sadistischen Mut- 
ter zu schützen, die ihn als Vergeltung für ihre Aggression zerstören 
will.) Nach einiger Zeit nahm sie die Gegenstände nicht mehr nach- 
hause, sondern übergab sie im Wartegimmer der kleinen Joyce, — , 
der Patientin, die nach ihr kam, — die sie dann mir überreichte. Auf 
diese Art wollte sie Joyce, die für sie eine Mutterimago darstellte 
a) versöhnen, b) ihren Neid erwecken. Sie mußte das „Gute" also auch 
haben, damit sie es der Mutter geben könne und damit sie den Keid 
der Mutter wecke. 

Vivians primärer Wunsch nach dem „guten Penis" („Kastrations- 
kompiex") wurde also durch verschiedene Momente verstärkt: 1, J;« 



I 



Die Spielanalyse eines dreijährigen Mädchens 203 

bildete einen Schutz gegen den „bösen" Penis. 2. Sie konnte nicht 
glauben, daß es ihrer sei, daß er wirklich gut sei ustt. und mußte 
deshalb immer Trieder konkrete Dinge haben, die einen Penisersatz 
bedeuteten. 3. Sie wollte ihn besitzen, um ihn vor der sadistischen 
Mutter zu schützen. 4. Er half ihr, ihr eigenes beschädigtes Genitale 
wiederherzustellen. 5. Sie mußte ihn besitzen, um in der Lage zu sein, 
ihn der Mutter zurückzuerstatten. 6. Dadurch konnte sie über die 
Mutter Macht gewinnen, ihren Neid und ihre Angst wecken. 

Vivian war sehr unverträglich mit andern Kindern; diese 
bedeuteten für sie Elternimagines, deren Besitz beneidete Körper- 
teile oder Besitzstücke der Eltern. Einmal spielte sie in der Analyse 
— nachdem sie mit Euss gespielt hatte — sie werfe (imaginären) 
Sand auf (imaginäre) Kinder; dies pflegte sie in Wirklichkeit zu 
tun. Diese Handlung bildete einen Ersatz für einen analen Angriff 
gegen die Eltern. An andern Kindern rächte sie sich auch für das, 
was ihre Eltern ihr zugefügt hatten. Einmal hatte Vivians Mutter 
die Stunde dadurch gestört, daß sie an der Türe klopfte; in der darauf- 
folgenden Stunde klopfte Vivian sehr aggressiv an die Tür, um Joyce 
(meine andere kleine Patientin) zu stören. Vivian wollte das Zimmer 
gewöhnlich nicht verlassen oder alles Begehrenswerte mitnehmen, 
weil sie es Joyce nicht gönnte. War ich mit Joyce allein, bedeuteten 
wir für Vivian die vereinigten Eltern, die miteinander ein Geheimnis 
haben und die sie nicht stören darf. Dabei befürchtete sie, daß wir 
uns als Strafe für ihre Aggression gegen sie verbünden; Vivian 
hatte Angst vor Joyce, obzwar Joyce schwächer und kleiner war. 
Diese Angst verstärkte ihren Haß und Neid. Sie lieh z. B. andern Kin- 
dern kein Spielzeug, weil sie fürchtete, daß diese es ihr beschädigen 
würden, als Vergeltung dafür, daß sie deren Besitz zerstören wollte. 

Vivian pflegte meine andern Kinderpatienten zu verleumden; 
sie behauptete von ihnen meist Dinge, die sie selbst angestellt halte 
oder anstellen wollte. Sie projizierte ihre verpönten Triebregungen 
auf die andern Kinder, und identifizierte sich mit dem verurteilenden 
Über-Ich, um meine Liebe und Bewunderung zu erringen. Ähnlich 
bat sie mich anfangs, Spielfiguren zu zerbrechen und nachher be- 
klagte sie sich bei der Mutter deswegen. Diese Vorstellungen gingen 
auf die sadistische Auffassung des Koitus zurück; die schlimmen 
I^inder stellten die sadistischen Eltern dar. Indem sie ihre Aggression 
auf den Vater projizierte, wollte sie der Mutter beweisen, daß sie 
(Vivian) besser sei, und die Mutter sie deshalb dem Vater vorziehen 
solle. Das Gleiche wollte sie meinen andern Patienten gegenüber 
erreichen. 

Vivians Angst vor Musik erwies sich als ein hartnäckiges 



204 Melitta Schmideberg 

Symptom, Die Analyse hatte ergeben, daß sie Lärm mit der Vorstel- 
lung des sadistischen Vaters verknüpfte {die Männer zerbrechen das 
Haus) und auch mit dem Geräusch beim Urinieren und Defäzieren 
assoziierte. Aber ihre Angst schwand erst, als sie einmal klagte, si© 
hätte schreckliche Kopfschmerzen, weil ihr Baby so geschrien hatte 
und ich ihr nun deutete, sie selbst hätte als Baby so geschrien, damit 
die Mutter Kopfschmerzen bekomme (sie wollte ihr durch das Schreien 
den Kopf zerbrechen); nun fasse sie Musik und Lärm als Vergeltunff 
hierfür auf^). Als sie nun am nächsten Tag Musik hörte, zeigte sie * 
keine Angst, spielte aber, die Puppe sei krank, weil sie Musik gehört 
hatte. Als ihre Angst sich vermindert hatte, konnte sie durch das 
Spiel bewältigt werden. Zu dieser Zeit zeigte sie Angst, wenn sie die 
Mutter nicht im Wartezimmer vorfand; sie unterdrückte ihr Weinen 
machte aber „Musik", die einen Ersatz für das Weinen darstellte und 
wirklich jämmerlich klang. Nun war der genaue Zusammenhang z-ppi, 
sehen „Musik" und dem Weinen klar. 

Vivian projizierte ihre eigene, im Schreien sich äußernde Aggres- 
sion auf den Vater. Dadurch entstand ihre Vorstellung vom sadisti- 
schen, die Mutter durch Lärm zerbrechenden Vater. Durch Identi- 
fizierung mit diesem sadistischen Vater verstärkte sich wiederum 
ihre primäre Aggression. 

Einmal spielte sie, sie sei der Doktor, der mir in den Hals schaue, 
und mir dabei etwas Böses, das „chii" mache (schreie) herausnehme! kj 
Das was in mir schrie, — die eigene Aggression, — die sie dem bösen* * 
die Menschen durch Lärm zerbrechenden Vater gleichsetzte, machte 
sie also krank. Wenn sie Musik hörte, die sie als Vergeltung für ihp fli 
Schreien empfand, erbrach sie oft. Einmal sagte sie mir lachend 
„iß das Feuer", während sie mit Wasser pantschte. Im nächsten 'M^l 
ment klagte sie über Haare im Mund und bekam intensive Angst 
Hätte ich sie damals nicht nachhause gehen lassen, hätte sie zweifel- 
los erbrochen. Sie kratzte mich einmal und am nächsten Tag war sie 
sehr unwohl und litt an Erbrechen. Als sie beim Arzt war, der dieses 
Symptom für hysterisch hielt, zeigte sie ihm einen kleinen Kratzer 
am Finger. Weil sie mich gekratzt hatte, fürchtete sie, etwas Gefähr- 
liches, Kratzendes in sich zu haben, — dies versuchte sie zu erbre- 
chen. Diese Angst wollte sie durch das Vorhandensein eines äußer- 
lich sichtbaren Kratzers beruhigen und so beweisen, daß nicht sie s-a 
kratzt hätte, sondern daß sie gekratzt worden war. Es wiederholte sich 
viermal in zwei Wochen, daß sie mir gegenüber aggressiv wurde und 



s 



3] AuL-!i die Worte der Mutter faßta eio als Vergoltuti); ihrer iici ^,^„ „u-ucrnri 

AggrcBeinn auf. Jbre UnftilgMinkoil, ilir „Niflit-Hören"' bmltulyte eine VerlcugnunR dos An« *^ 



l=i.-lireien eh-h fiiEenidt 
... ... _ Verleugnung dos An^e 

obiektee, ein NicIit-zur-KenDtnis-Neluiien der Worte der Sliitler. 



Die Spiehiiiiilyse eines [iroiiäiirigeii Mädchens 205 

prompt darauf ein hysterisches Symplora bekara^). Sie spielte öfters 
die Puppe sei krank, wei) sie Schmutz gegessen hätte. Das Er- 
brechen bedeutete einen Versuch sich vom brennenden, haarigen 
Penis, von etwas Schreiendem, Kratzendem, Gefährlichem, Schmutzi- 
gem zu befreien. Wenn sie aggressiv war, wurde das verinnerlichte 
Objekt in ein böses verwandelt, von dem sie sich befreien mußte. 

Vivian hatte zuerst im Alter von drei Monaten AngstvorMän- 
nern, vor allem vor dem bärtigen Großvater gezeigt. Im Alter von 
vier Monaten begann sie zu erbrechen. Die Angst vor Männern galt 
dem Vater. Manifest halte sie aber nie Angst vor dem Vater gezeigt. 
Die Angst vor dem Vater war teilweise durch Verdrängung ihrer 
libidinösen, auf den Vater gerichteten Wünsche bedingt, teilweise 
durch ihre Kaslrationswünsche hervorgerufen. Sie spielte z. B., ich 
sei ein „Säugling in der Wiege", und wolle jemandem den Finger ab- 
beißen; dann schreie ich aber vor Angst, weil ein bärtiger Mann mir 
den Finger absehneiden wolle. Ihre Angst vor dem Vater war auch 
durch die sadistische Vorstellung des Koitus bedingt. Sie projizierte 
ihre eigene Feindseligkeit auf den Vater, aus dem Wurisehe, er solle 
der Mutter weh tun, und nun fürchtete sie, er würde ihr das Gleiche 
antun. Sie erklärte, daß der Doktor die Patientin foltere; zu einer 
späteren Zeit sprach sie aber davou, daß sie selbst mich foltere. Diese 
Projektion verursachte ihre Angst vor dem Arzt. Mit dem Forlsehrei- 
ten der Analyse und dem Bewulitwerden ihrer Aggression trat die 
sadistische Vorstellung des Vaters zurück und die liebende Einstel- 
lung wurde deutlicher. 

Eine „Unart" Vivians war, daß sie sich weigerte, sich die 
l^ägelschneiden zu lassen. In der Analyse spielte sie öfters, 
daß sie mir die Nägel schneide, — tat dies aber so, daß sie mir dabei 
den Finger niitabgesehnitten hätte, wenn ich sie nicht daran gehindert 
hätte. Das Nägelschncidcn faßte sie als Strafe für das Kratzen auf, 
fürchtete aber, daß die Mutler ihr nicht nur die Nägel, sondern auch 
die Finger abschneide. Als passageres Symptom trat Hinken auf. 
Eines Tages konnte sie plötzlich nicht gehen. Es zeigte sich, daß dies 
die Strafe dafür war, daß sie mich am Vortage gestampft hatte und 
daß sie den Spielfiguren Arme und Beine abzubrechen pflegte. Fol- 
gende Bemerkung ergab aber erst den Schlüssel dazu: Joyce (meine 
andere kleine Patientin) stand den Tag vorher mit am Rücken ver- 
schränkten Armen da, und Vivian sagte beim Hinausgehen: „Joyce 
hat ihre Hände verloren." Zur Strafe dafür, daß Joyce ihre Hände 

*) Ein Syinpliirii, das als Reuktiim auf ilira AggresBiuii niirtnil, w;ir U r t i i' a i' i n. (Sie be- 
ksra zienilieli Iiiiufig Urlinarin.) Reitilem. ir^li in die£eni ZiiEiminienliang die iin!>Gwiißte EodeMUing, 
die dieser AiisHchlag für sie iialte (vnr allem eine Nni:l[-Außeii-Vei]ea:iiiig des „Bösen", Bren- 
nenden, Koti;T]) analysiert Jintte, ist er niehl mehr aufgetreten, 

Zeitschrift 1. pen. Päd., VITI/5-8 . & 



! 

206 Melitta Schmideberg . .,_.,<)■: .; | 

—^^^..^ - - I 

verloren hatte, — nämlich weil Vivian sie ihr abbrechen wollte 
verlor sie nun ihr Bein, d. h. hinkte. Nach dieser Stunde sehwand <Jqo 
Symptom, trat aber noch vorübergehend auf, als sie im Wartezimu^Q- 
Joyce begegnete. Als sie wieder auf der Straße war, konnte sie aber 
schon normal gehen. 

Vivian sträubte sich oft, wenn die Mutter sie ankleide^g 
Einmal setzte sie mir ihren Hut auf und erklärte dann lachend: „Jetzt 
ist eine Maus auf deinem Kopf, die wird dich beißen." Manchmal behielt 
sie in der Analyse den Hut auf und erklärte, es sei „Schabbes". Xia.- 
durch, daß sie den Hut aufbehielt, wurde sie ein Mann; der Hut stellte 
den begehrten Penis dar. Wenn sie meinte, der Hut verwandle sich in 
eine Maus, so symbolisierte er den gefährlichen, beißenden Penis 
Kleidungsstücke bedeuteten für sie Liebesbeweise (die Lieblosigkeit 
der Mutter illustrierte sie durch die Behauptung, die Mutter hätte sie 
frieren lassen), Kleidungsstücke sind gute Dinge, die sie ■wärmen. 
schützen, verschönern; andererseits können sie auch gefährlich sein. 
daher ihr Sträuben beim Ankleiden. Das Anziehen eines Kleidungg, 
stükes setzte sie der Einverleibung dieses gleich. 

Ich erwähnte schon, daß Vivian vor der Analyse nicht an P a v o r 
nocturnuB gelitten hatte, dieser aber im Verlauf der Beliandlung 
auftrat. Dieses Symptom war weitgehend durch ihre Vorstellung vom 
sadistischen Verkehr der Eitern bedingt. Sie hatte sowohl Angst um 
die Eltern, als auch Angst vor ihren Angriffen (als Vergeltung ftir 
ihre Aggression). Sie wollte z. B. in der Nacht kommen und das Spiel- 
zeug der andern Kinder stehlen; ähnlich wollte sie die Eltern in der 
Nacht angreifen und ihre Genitalien stehlen. Ich erinnere hier auch 
an ihr Spiel, daß wir zusammenschlafen und eine Maus aus meiuem 
Rücken herauskommt und sie beißt oder ich selbst mich in eine Maus 
verwandle. Vivians Puppe konnte nicht schlafen, weil sie fürchtete, 
aus dem Bett geworten zu werden. Dies war die Strafe für die analoge 
Aggression. Vivian war sehr gehemmt und unselbständig, als sie in 
Analyse kam; sie kletterte z. B. nie auf einen Stuhl, weil sie fürchtete, 
daß ich sie hinunterstoßen könnte. Mit Vorliebe warf sie aber kleine 
Spielfiguren — die Eltern — um, brach ihnen die Beine ab und pro- 
bierte dann, ob sie noch stehen könnten. Sie klagte, wenn sie ein- 
schlafen sollte, daß sie nichts sehe, wenn sie die Augen schließe, gj^ 
fürchtete 1. daß ihre Augen als Strafe für ihr aggressives Schauen 
beschädigt würden, 2. daß sie nicht sehen könne, was vor sich geht 
und 3. daß sie ihre Augen nie mehr werde öffnen können. Diese Änggj-ä 
waren jedoch noch nicht genügend analysiert, als Vivian mit der ßo-' 
handluug aufjiörte. 

Vivians Angst vor dem Zug klärte sich folgendermaßen aufj 



Die Spielanalyse eines dreijährigen Mädchens 207 

Einmal spielte sie, sie fahre im Zug. Sie halte den Tisch umgedreht 
und war hineingekrochen. Plötzlich fürchtete sie, sie werde nicht 
mehr herauskönnen. Aus den Einzelheiten ging hervor, daß das Innere 
des Tisches das Innere des Mutterleibes bedeutete, in das sie ein- 
dringe, aus dem sie aber nicht mehr herauskönne. Bemerkenswert ist, 
daß es ihr in dieser Stunde, in der sie am deutlichsten ihre Angst, im 
Mutterleib gefangen zu sein, agiert hatte, zum ersten Mal gelang 
selbst die Türe zu öffnen. Ihre Angst vor dem Zug war auch durch 
das Geräusch des Zuges und den Dampf bedingt. Im Zug konnte sie 
nicht urinieren, und wenn sie doch einnäßte, fürchtete sie als Strafe 
dafür vom Dampf (dem Urin der Lokomotive) verbrüht zu werden. 
Der Zug bedeutete für Vivian den lärmenden, urinierenden, brennen- 
den, rauchenden Vater. Ihre Angst vor dem Rauch ging auf das Rau- 
chen des Vaters zurück. In späteren Phasen der Analyse spielte sie 
gerne, daß sie im Zug zur Großmutter fährt. Ich sollte eine schöne 
Station bauen und aulpassen, daß der Zug die Station nicht zerstöre; 
sie wollte sich versichern, daß der elterliche Verkehr (das Fahren des 
Zuges) nicht gefährlich sei, nicht die Station (die Mutter) beschädige, 
daß der Zug sie nicht an gefährliche Orte (in das gefährliche Innere 
des Mutterleibes) bringe, sondern zu ihrer Großmutter. 

Solange Vivian mir beweisen wollte, daß sie brav sei, vermied sie 
es mit Wasser zu spielen. Als die vorhin beschriebene Gharakter- 
änderung einsetzte, identifizierte sie sich mit dem sadistischen Vater 
und nun pflegte sie Wasser auf den Boden zu gießen. Sie wollte das 
Zimmer überschwemmen. Sie meinte, ich könnte auf dem nassen 
Boden ausrutschen und erzählte mir von jemandem, der sich auf diese 
Art den Fuß gebrochen hatte. Sie wollte Wasser auf mich gießen, 
damit ich eine Erkältung bekomme. Die Analyse des Zusaninienhan- 
ses zwischen diesen urethralsadistisehen Phantasien und den E r- 
kältungskrank heilen bewirkte, daß die Anfälligkeit von 
Vivian, — die früher jedesmal, wenn sie bei schlechtem Wetter 
draußen war, eine Erkältung bekam, — sich wesentlich verminderte. 
Einmal ließ sie Wasser fließen und sagte, es sei „Wiwi". Ein ander- 
mal hielt sie etwas unter die Wasserleitung, um es zu „verbrennen". 
Beim Waschen des Fußbodens erklärte sie, das „Baby" — nämlich das 
Staubtuch, aus dem ich öfter ein Baby gemacht hatte — mache Wiwi. 
Auf meine Deutung, sie selbst wollte auf den Fußboden Wiwi machen, 
lacht sie erst und sagt dann, sie schlägt das Baby, weil es Wiwi ge- 
macht hat. Ich erkläre, die Mutter hätte sie geschlagen, wenn sie naß 
gemacht hat. Darauf sagte Vivian klagend: „Ja, und sie schlägt 

so fest." 

Vivian war erst gegen Ende des zweiten Jahres unter großen 

15' 



208 MeVilUi Schmideberg 

Schwierigkeiten sauber geworden. In der Analyse trat wieder Näs- 
sen auf, das teilweise durch das stärkere Agieren der urethral 
sadistischen Phantasien, teilweise aber auch dadurch bedingt -war 
daß sie die gefährliche Handlung agieren mußte, um zu sehen ob 
diese wirklich so gefährliche Folgen nach sich zieht, wie sie he- 
füchtete. Das Auftreten passagerer Symptome, deren unbewußter Xn- 
halt vorwiegend sadistische Phantasien sind, scheint häufig durch 
diesen Mechanismus verursacht zu werden. Durch das Bewußtwerden 
der urethralsadistischen Phantasien in der Analyse wurde der XJrin 
von Vivian in stärkerem Maße als etwas Gefährliches empfunden, yq« 
dem sie sich durch Nässen zu befreien suchte. 

Besonders im späteren Verlauf der Analyse traten auch die mit dem 
Nässen und Waschen verknüpften libidinösen Phantasien und Wieder- 
gutmachungstendenzen deutlicher hervor. Nun wusch sie immer wie- 
der die Möbelstücke und den Fußboden, wobei sie ihr eigenes Taschen- 
tuch {Ersatz für ihren Körper) verwenden mußte, — um die vorher 
agierten Beechmutzungs- und Zerstürungstendenzen gutzumachen 
Gleichzeitig wusch sie sich selbst, ihr Taschentuch, wollte ihre Klei- 
dung waschen usw. Auf diese Art bewältigle sie nun ihre Angst 
daß etwas Gefährliches, Schmutziges in ihr sei, — eine 
Angst, die früher zum Erbrechen geführt hatte oder die sie nur durch 
ihr Alles-Haben-Wollen beruhigen gekonnt hatte. Das hysterische 
Symptom wurde durch eine Sublimierung ersetzt. Sie knüpfte allerlei 
Grübeleien daran; fragte, welche Farbe die Seife hat, ob nun das 
Wasser die gleiche Farbe haben wird, nb das Wasser nur den Sehmuta 
oder auch die Farbe aus dem Tasehenluch herausnehmen wird usw I 
— ob das Wasser heilsam oder schädlich sei, eine Frage, die aur 
Befürchtungen beim sadistisch aufgefaßten Koitus, sowie bei deri 
Onanie zurückging. Sie schloß z. B. an ihre Grübeleien, ob das Wasser 
nicht die Farbe herausnehme, plötzlich die besorgte Frage, wieso in:] 
der Seife ein Loch sei? (Sie hatte kurz vorher eine Höhlung gemacht > 
Sie äußerte auf diese Art (sowie durch anderes Material) die Bp_' 
sorgnis die Vagina sei ein zufolge der Onanie entstandenes Loci 
im Körper. 

Vivian litt seit dem Alter von zwei M^ochen an Obstipatio 
Alle Motive, die ihre geizige Einstellung, ihre Unfähigkeit zu schen-^ 
ken bedingten, verursachten auch ihre Verstopfung. Ihr Trotz und ihr 
Wunsch, alles Gute für sich zu behalten, wurden durch Angst noch 
verstärkt. Weil sie das Spielzeug der andern Kinder wegnehinen 
wollte, weil sie in der Nacht deren Besitz stehlen wollte, versteckte aia.i 
ihren Besitz, um ihn vor den andern zu schützen. Vivian befürehte+p. 
daß die Mutter sie angreifen würde und mußte deshalb die „gute 



Die Spleliinalyse oines dreijährigen Mädchens 20^ 



Exkremente" und den Penis des Vaters vor ihr geheimhalten. Inso- 
ferne sie mit dem Defäzieren aber sadistische Phantasien verband 
und die Exkremente als gefährliche Waffen aulfaßte, führte die Ver- 
drängung dieser Phantasien zur Obstipation. Im späteren Verlauf 
der Analyse konnte sie freier mit dem Defäzieren sowohl sadistische 
als auch iibidinöse Phantasien verbinden und eich hierbei mit dem 
potenten Vater und der guten spendenden Mutter identifizieren. Zu- 
gleich wollte sie nun durch das Defäzieren beweisen, daß sie „gute 
Exkremente" besitze und so den Neid der Mutter wecken. 

Vivians Eßschwierigkeiten waren eng mit ihrer Bezie- 
hung zur Mutter verknüpft. Sie wollte die Mutter im Ganzen oder in 
Stücken verzehren. Sie agierte dies in der Analyse, indem sie nieme 
Kleidungsstücke biß und mich selbst „foltern" (beißen) wollte. Ihre 
Eßsehwierigkeiten galten vor allem fester Nahrung und waren durch 
ihre Beißhemmung bedingt. Das Essen stellte einen Ersatz für die 
Mutterbrust dar und war ein Liebesbeweis. Diesen konnte sie aber 
nicht annehmen, a) aus Schuldgefühl der Mutter gegenüber, b) wei 
die homosexuelle Einstellung zu starke sadistische Elemente enthiel 
und eine Identifizierung mit dem sadistischen Vater bedeutet^e, c) weil 
sie die Rivalitätseinstellung zum Vater vermeiden wollte, d) weil sie 
zufolge der Projektion ihrer eigenen Aggression die Mutter a s 
schlecht und schmutzig empfand and das Essen, das sie ihr gab, als 
Exkremente und Urin auffaßte. (Ich erwähnte früher, daß sie Wass r 
als Wiwi" bezeichnete und mir Ruß als „Babys Ovaltine und „ loast 
anbot) Ich habe ihr Mißtrauen der Mutter gegenüber ausführlich be- 
schrieben; dieses führte dazu, daß sie das Essen, das die Mutter ihr 
^ab als schmutzig empfand, in Wirklichkeit dabei aber Schmutz aß. 
"^ Vivian war ein „trinkfauler" Säugling gewesen. Dies erklärte sich 
zum Teil dadurch, daß bei der Geburt (es war eine Zangengeburt ge- 
wesen) ihre Lippe verletzt worden war. Sie saugte aber, nacli- 
dem die Lippe geheilt war, auch nicht besser. Vivians Sauge- und EU- 
Schwierigkeiten waren vorwiegend durch die Abwehr gegen den 
oralen Sadismus bedingt. Der Umstand, daß Vivian zunächst zufolge 
der Verletzung nur schlecht saugen konnte, nur wenig Befriedigung 
fand, dürfte den oralen Sadismus gesteigert haben und dies scheint 
wieder eine Störung der Nahrungsaufnahme bedingt zu haben. Im Alter 
von sechs Wochen wurde Vivian entwöhnt, mit drei Monaten zeigte 
sich starke Angst vor Männern, mit vier Monaten trat hysterisches 
Erbrechen auf. Die Entwöhnung verstärkte ihren oralen Sadismus 
und Neid und bewirkte eine Zuwendung zum Vater. Da aber der Vater 
ihre libidinösen Wünsche auch nicht befriedigte, richtete sich ihr 
Sadismus — und in der Projektion: die Angst — gegen diesen. (Vgl. 



210 Melitta Sehmideborg 



das Spiel, wo der Säugling den Finger abbeißen will, S. 205.) t)^^ 
das seit dem Alter von vier Monaten auftretende Erbrechen auf ^ 
Angst vor dem bösen introjizierten Objekt zurückging, habe ich scho^ 
ausgeführt. 

Vivian war schon im Alter von sechs Monaten fast sauber, ß- 
Mutter beging nun den Fehler, sie auf einem Stuhl mit eingebautem 
Topf sitzen zu lassen, so daß das Kind wieder verlernte zu bestimmte 
Zeiten zu urinieren. Erst gegen Ende des zweiten Jahres gelang gg 
der Mutter mit großer Mühe unter Anwendung häufiger Strafe 
Vivian an Reinlichkeit zu gewöhnen. Es scheint zweifellos, daß dies 
doppelte Reinlichkeitsgewöhnung ungünstig wirkte und auch dazu 
beitrug, Vivians Glauben, daß die Mutter ihr immer das Schlechte 
gebe, von ihr das Verkehrte verlange, ihren guten Willen nicht » 
erkenne usw. verstärkte. Vivians Symptome und Charakterfehler 
(Eigensinn, Unersättlichkeit, Unzufriedenheit usw.) bestanden schon 
im ersten Lebensjahre, verstärkten sich aber im zweiten und dritten 
Jahre noch. Hierzu trug sicherlich auch der Umstand bei, daß ^^ 
durch, daß das Nässen im zweiten Jahr aufhörte, die bisher im Nässe« 
befriedigten Tendenzen auf die andern Symptome verschoben wurd^« 
und diese verstärkten. " 

Bei der Untersuchung der Struktur dieses Falles habe ich ana-^ 
nommen daß die unbewußten Determinierungen der Symptome, it 
die Analyse im Alter von drei Jahren aufdeckte, auch schon zu der 
Zeit, als die Symptome zum ersten Mal auftraten, wirksam waren 
Diese Annahme kann nicht bewiesen werden. Es ist aber die gleich. 
Annahme, die die Psychoanalyse machte, als sie aus Erwachsenen 
analysen auf die frühe Kindheit dieser Patienten RückschlüsT« 
machte. So wie diese Rückschlüsse aber erst durch direkte BeX 
achtungen an kleinen Kindern gesichert werden konnten, köunen 
Rückschlüsse auf das Säuglingsalter erst durch weitere Analysen 
kleiner Kinder, deren Symptome auf das Säuglingsalter zurückgehen 
und durch direkte Beobachtungen über das Verhalten und die N^y 
rosen von Säuglingen wahrscheinlich gemacht werden. 

Vivians Fall beweist die Bedeutung konstitutioneller Faktoren- 
es bestand bei ihr eine frühreife Ich-Entwicklung und Triebentwick" 
lung, ein frühes Einsetzen der genitalen Kegungen und des Ödipug" 
konfliktes in Beziehung zu realen Personen. Es wird häufig ane 
nommen, daß jüdische Kinder in jeder Hinsicht frühreifer sind, do(^ 
■wurde diese Auffassung bis jetzt noch nicht im Lichte der psych 
analytischen Ergebnisse untersucht. Weitere konstitutionelle Fakt^' 
ren in diesem Falle waren: Unfähigkeit, Spannung und Angst zu e^' 
tragen, starke Ambivalenz und besondere intensive Triebregungel" 



Die Spielanalyse eines dreijährigen Mädchens 211 



vor allem eine Verstärkung des Oralsadjsmus. Diese verschiedenen 
konstitutionellen Faktoren seheinen sich gegenseitig zu beinflussen 
und als Reaktion auf bestimmte äußere Erlebnisse verstärkt zu wer- 
den. Z. B, dürfte der Umstand, daß Vivian zufolge der Lippenver- 
letzung nicht gut saugen konnte sowie die frühe Entwöhnung eine 
Steigerung des Oralsadismus bewirkt zu haben. Andererseits führt 
ein starker oraler Sadismus — wie wir wissen — zu einer verfrühten 
Ich-Entwicklung und einem vorzeitigen Einsetzen der genitalen Re- 
gungen. Die Tatsache, daß Vivian wenig oral-erotische Befriedigung 
erhielt, dürfte ihre Unfähigkeit, Spannungen zu ertragen, verstärkt 
haben. 

Dieser Fall zeigt zugleich airch die Bedeutung der äußeren Er- 
lebnisse im Säuglingsalter. (Die Lippenverletzung, die frühe Entwöh- 
nung, das Verhalten des Vaters und die doppelte Reinlichkeitsgewöh- 
nung.) Die Neurose dieses Kindes hatte sich im ersten Lebensjahr 
entwickelt und war sowohl durch konstitutionelle Faktoren als auch 
durch die psychischen Reaktionen auf bestimmte äußere Erlebnisse 
bedingt. Die Neurose steigerte sich im zweiten und dritten Jahre. In 
diesem Alter ereigneten sich keine bestimmten, traumatisch wirkenden 
Erlebnisse. Aber die Summation der täglichen Ereignisse ist sicher- 
lieh nicht weniger wichtig. Icli erwähnte schon, daß Vivians Um- 
gebung sie übermäßig verwöhnte und zu ihrem allklugen Wesen stark 
beitrug Vivians Mißtrauen der Mutter gegenüber war teilweise die 
Reaktion auf die ambivalente Einstellung der Mutter. Die Mutter hatte 
eine gewisse Neigung zu Lügen und Ausreden zu machen. Zu- 
gleich war sie aber eine gute Mutter, wie auch überhaupt Vivians 
Umgebung sicherlieh nicht ungünstiger war, als die Mehrzahl der 
Familien in diesen Kreisen. Die Tatsache, daß Vivian ihren Vater 
wochentags kaum sah, verstärkte ihren Glauben, daß die Mutter ihr 
alles Gute, also auch den Vater vorenthalte. 

* 

Ich möchte in diesem Rahmen darauf verzichten, aus dieser Analyse 
theoretische Folgerungen zu ziehen und nur kurz darauf hinweisen, 
daß dieser Fall verschiedene neuere theoretische Annahmen bestätigt. 
Vor allem: die frühe Entwicklung des Ödipuskomplexes und der Über- 
Ich-Bildung^); das Vorhandensein von Serien von ödipuskernsituatio- 
nen«); die Komplexität der sogenannten „phallischen Phase'); die 
Rolle der Vagina in der fr ühen Kindheit^); die psychologische Be- 

51 Moinnic K I B i »■ Die pBVchottnaK'Be ilea Kindes. I. V. V. 1932. 

B Edward Glover: Zur Itlologfe d.r Sucht Inl ZtBd^. t Psa. m) und A Psyclm- 
Analvtic Approach to the ClossilionlioD of Mental Dieorders. The Joiarn. of Med. t-'nence. 1932. 

i-xxvin 

i) Erneet Jones: The Phallic Phase: Int. Jonrn. of Fe. A. 1933. XIV, 
B) Horcey, Klein. Müller: Literatur sielie bei Jones. 



212 Melitta Sclimideberg 

deutung des Schreiens*); die Rolle der Kleidung in der Überwindun 
der paranoiden Angst"). ® 

Vivians Symptome waren vorwiegend durch ihre sadistischen Tm 
pulse (Schreien, Beißen, Stampfen, oral-, anal- und urethralsadistische 
Regungen) verursacht; doch dürfen die libidinösen Faktoren hierh " 
nicht übersehen werden. Überdies hatten die aggressiven Reguue 
auch ein libidinöses Ziel, — sie waren auf die libidinöse Befriedig^^" 
seitens des Vaters oder der Mutter oder den Besitz des Penis gericht f 
Wenn auch zweifellos in der Hysterie die libidinösen Faktoren ej^ ' 
größere Rolle spielen, als in andern Erkrankungen ~ was auch ^ ^^ 
aus hervorgeht, daß die Konversionssymptome sich am Körper »b" 
spielen und meistens mit den erogenen Zonen verknüpft sind 
zeigt dieser Fall doch, daß das Moment der Aggression für ri^*^ 
Ätiologie der Hysterie bedeutungsvoller ist, «1^ 
bisher angenommen wurde. ' 

Introjektions- und Projektionsmechanismen spielten in diesem Fall 
eine größere, die Verschiebung und Regression eine geringere Ron 
als in den bisher beschriebenen Fällen von Hysterie. Vivians K.o^' 
versionssymptome (die z. T. auch als „Funktionsstörungen" mfJL 
faßt werden können) bezogen sich auf die Körperteile, mittels de^t 
sie die Eltern angreifen wollte (Mund, Urethra, Anus. Fuß) oder w M 
die die den Körperteilen der EUern eutsprachen, die sie angreifen '' 
wollte (Kopf Fuß). Das frühe Auftreten ihrer Konversionssymptom^ 
macht es wahrscheinlich, daß sie nur zum geringen Teil durch ^1 
gression bedingt waren, - wenn ich diesen Faktor auch nicht galt 
ausschließen möchte. Da bei Vivian schon in den ersten Leb^ ' M 
monaten genitale Regungen wirksam zu sein schienen, besteht d' ' 
Möglichkeit, daß schon in diesem Alter die orale Introjektion und 
Ausstoßung (das Erbrechen) zum Teil einen Ersatz für die vagin ", 
Introjektion und für die urethrale Exkretion darstellte. Insofern^ 
diese Symptome durch Regression zustandekamen, bestand auch ei«^ 
Verschiebung (Mund für Vagina und UretJira). Trotzdem müaa 
aber diese frühen Symptome mehr vom Standpunkt der Progressi^'* 
und Fixierung als der Regression und Verschiebung betrachtet w ^" 
den. Auf das wichtige Problem, welche Struktunmterschiede zwischl^ 
der Hysterie in der frühen Kindheit und im Erwachsenenalter K " 
stehen, möchte ich hier nicht näher eingehen. ^ 

* 
Durch was für Veränderungen im seelischen Haushalt war h- 



I 



N'. M. Sea r 1: Tlie Paycliology of ScrMining. Int. Journ. of Pa. A. 1933. XIV. "^^^ 



1") tdward G 1 V ö r: On tho Aeliolopy uf Drug-AdJictiuu. Int. J^urn. of Ps. A. 1932 



Die Spielaiialysc eines dreijährigen Mädchens 213 

Analyse imstande, Vivians Symptome zu beseitigen und ihre Charak- 
tei'schwierigkeiten zu vermindern? 

Vor der Analyse versuchte Vivian ihre Angst und Aggression zu 
leugnen, zu „schlafen", brav und gehemmt zu sein. Dieser Vorgang 
gelang indessen nur unvollkommen: in den immer wieder auftreten- 
den Anfällen von ,Schlimmheit' kamen die unterdrückten Affekte und 
die Angst in vehementer Form zum Durchbruch, — in ihren Phobien 
war die noch manifeste Angst lokalisiert. Es war auffallend, wie sehr 
in so frühem Alter die Angst schon in der ungünstigen Charakter- 
entwicklung verarbeitet war. Die wichtigste, durch die Analyse be- 
wirkte Änderung bestand darin, daß sie nun imstande war, ihre Angst, 
ihre Aggression und ihre Konflikte zu ertragen, weil deren Intensität 
durch die Analyse gemildert worden war. Zufolge der verminderten 
Intensität konnten die Triebregungen besser sublimiert werden und 
dadurch, daß sie in der Sublimierung einen ich-gerechten Ausweg 
fanden, verringerte sich wiederum ihre Vehemenz. Die Befriedigung, 
die sie nun in der Phantasie und im Spiel zu finden vermochte (sie war 
früher sehr phantasiegehemmt gewesen: dies bildete die Hauptursache 
für ihr altkluges Wesen), ermöglichte ihr auch den für die Anpassung 
notwendigen Verzicht. Ich erwähnte, daß sie einmal meinen Besen 
nachhause nahm; in einer analogen Situation zi. einem späteren Zeil- 
penkt zeichnete sie einen. Nun genügte ihr die halluzinatorische Be- 
friedigung Ich beschrieb, wie ihre Unersättlichkeit und Unfähigkeit 
zu verzichten durch Störungen der Objektbeziehung bedingt warei^ 
und sich mit diesen zusammen milderten. 

Die Angst und Triebregungen, die sie erst durch Hemmung oder 
Symptome abwehrte, vermochte sie später durch Sublimierungen und 
im Spiel zu bewältigen. Während ihre Angst vor dem gefährlichen 
introjizierten Objekt früher zum Erbrechen oder Nässen geführt hatte, 
konnte sie diese Angst nun dadurch bewältigen, daß sie z. B. ihr 
Taschentuch wusch (aus diesem, d. h. aus ihrem Körper den Sehmutz 
entfernte). Ich erwähnte vorhin, wie sie ihre durch die Musik ge- 
weckte Angst — die früher Erbrechen verursacht hatte — durch das 
Pflegen des Puppenkindes bewältigte; ein anderes Spiel, das in ana- 
loger Weise ihre Angst beruhigte, war das Bauen eines Kranken- 
hauses. Die Ärzte und Pflegerinnen im Krankenhaus stellten die guten 
Eltern dar, die sie gesund machen; das Bauen des Krankenhauses be- 
deutete das Herstellen ihres Körpers. Als sie mir einmal erzählte, sie 
hätte Leibschmerzen gehabt und erbrochen, fragte ich sie, wo sie 
Schmerzen gehabt hätte. Da wies sie auf die Schachtel mit den Bau- 
steinen und sagte: da. Die Schachtel mit Inhalt setzte sie ihrem Kör- 
per und dessen Inhalt gleich. Wenn sie aus der Schachtel und den ein- 



214 Melitta Sehmideberg 




zelnen darin enthaltenen Stücken ein Krankenhaus (ein ,gutes' Hai \ 
bauen konnte, hatte sie — unbewußt — aus ihrem zerbrochenen l^Jl 
ein gutes Ganzes gemacht. 

Ihre Angst und hysterischen Symptome waren weitgehend dureh 
die Angst vor dem gefährlichen einverleibten Objekt bedingt. Die 
Angst beruhte auf dem Gegensatz zwischen dem Ich und dem ei^v ^* 
leibten Objekt. Als dieses stärker libidinisiert wurde, konnte es bess ^ 
mit dem Ich verschmelzen, d. h. A^ivian konnte sich mit dem sadiftf-'^ 
sehen Vater identifizieren. Auf diese Art wurde ihre Hemmung dur h 
Aggression, ihre Geräuschangst dureh ein lärmendes Verhalten k 
gelöst; durch weitere Libidinisierung wurde die Aggression zu Akf" 
vität und Wißbegierde, das Lärmen zu Singen modifiziert. ^* 

Während sie früher aus Angst vor dem sadistischen Vater H' 
heterosexuelle Einstellung nicht einnehmen konnte, vermochte sie ** 
nun, nachdem der Vater für sie mehr zu einem , guten' Objekt ^* 
worden war. Gleichzeitig verstärkte sich auch ihr Glaube an f^ 
„gute" Mutter, mit der sie sich nun identifizieren konnte, — *^ 
meiner Ansicht nach für die normale heterosexuelle Einstellu ^^ 
grundlegendes Moment. Zufolge der Verringerung ihrer Angst ka"^ 
sie nun sowohl die heterosexuelle, als auch die homosexuelle Einst^r 
lung besser einnehmen, — sie hat zu beiden Eltern ein herzlir^i,^ 
Verhältnis. ^^öes 

* 

Vivians Analyse umfaßte siebzig bis achtzig Stunden. Die Anali. 
erstreckte sich über sieben Monate. Seitdem sind eineinviertel jÄ^ 
vergangen. Vor acht Monaten wurde ihr eine kleine Schwester t'* 
boren. Ihre Symptome: Angst, Eßschwierigkeiten, Obstipation ,f^ 
fassen haben aufgehört. Sie hat noch eine gewisse Schwieri^w^ 
beim Einschlafen, wenn sie aber einmal eingeschlafen ist, schläft ^ !■ 
die Nacht durch. Ihre Charakterschwierigkeilen haben sich so Lr'' 
vermindert, daß die Eltern sie für ein verändertes Kind erklären t^ 
hat eine sehr gute und liebevolle Einstellung zur Mutter, bemuttt't 
und hebt die kleine Schwester, vergöttert den Vater. Ihre Anfälle l 
Eigensinn haben aufgehört und sie ist ein leicht zu behandelndes .T*"^ 
einsichtsvolles Kind. Intellektuell ist sie sehr gut entwickelt u^t 
Ihrem Alter weit voraus. Sie spielt gerne und verträgt sich gut ^t A , 
andern Kindern. Zweimal, als sie körperlich krank war, zeigte ' 

stärkere Angst und „Nervosität", die sich aber nach einiger Zeit w^*^ 
der gaben. Die Geburt der Schwester bewirkte keine Verändern,!^ 
Interessant sind folgende Beobachtungen der Mutter: Während Viv' 
von Geburt an ein schwieriges und nervöses Kind war, das ni^^° 
zufriedengestellt werden konnte, ist die kleine Schwester v j' 



Die Spielanalyse eines dreijährigen Mädchens 215 

kommen verschieden, zufrieden, angetfrei und leicht behandelbar. Die 
Mutter erklärt diesen Unterschied damit, daß sie während Vivians 
Schwangerschaft mehreremale erschreckt worden und die Geburt 
schwierig war"). 



itv; l«: 



iua- .1' 



* ■ * 



"] Seit Fertigstellung diesoe BprichtPS sind flinfzchn Uonate vergniigeo, Vjvian Lat eich in 
dieser Zeit weiter recht aufriedcnBlellend eotwickelt. 



; Aus der Analyse einer Bettnässerin 

Von Anny Angel, Wien 

- _ Die Analyse der kUiiien Hilie, die ürh im folgenden wieda-m,'^ 

üt leider imvotlendet geblieben. Das Bruchstück der ^rbeif- 
ihr eruiü-ht aber durch die gelungene üyniptomheiUing vicZiJ^ 
trotzdem Anspruch auf ebi gewisses Interesse. "-'-»«ci'lf 

Hilde kam mit zwölf Jahren zu mir: ein für ihr Alter ungew-öh 
lieh großes, entwickelt und erwachsen aussehendes Kind. Sie ■«,-» 
hübsch und auffallend, ihr Benehmen abwechselnd geniert und drei-i 
Die Vorgeschichte, die ich von der Mutter erfuhr, war traurig ß"-^ 
zum dritten Jahr war das Kind angeblich gesund und völlig saub *" 
gewähnt. Damals weilte die Familie in Jugoslavien bei der Groß'' 
mutter. Die Eltern waren genötigt für einige Zeit zu verreisen und 
ließen das kleine Mädchen in Obhut der Großmutter. Als sie zurü k 
kehrten hatte die Kleine inzwischen eine rätselhafte und schwe 
Erkrankung durchgemacht. Niemand wußte, was es war, noch wie -^ 
entstand. Sie hatte sehr viel und heftig erbrechen müssen und angeblf'f 
auch gefiebert. Seit dieser Krankheit bestand Bettnässen und zwa 
jede Nacht ohne Ausnahme. Von der energischen und besore-i^'" 



Mutter wurde alles versucht. Strenge und Milde, Schläge und V*. 
sprechungen, alles umsonst. Nach Wien zurückgekehrt wanderte «,*"' 
mit der Kleinen von Arzt zu Arzt. Alle Katschläge wurden oi.,!* 



sprechungen, alles umsonst. Nach Wien zurückgekehrt wanderte 
mit der Kleinen von Arzt zu Arzt. Alle Katschläge wurden , 
Ausnahme befolgt. Alle Arten von Diäten wurden eingehalten 
minimale Quantitäten Flüssigkeit genommen, sie mußte Mo 



Ausnahme befolgt. Alle Arten von Diäten wurden eingehalten n. 
minimale Quantitäten Flüssigkeit genommen, sie mußte Mona. 
schwer unter Durst leiden. Schlafmittel und Narkotika, eiskat 



Bäder, Drohungen, wieder Schläge, und Versprechungen. Als all t 
nichts half, wurde das Kind mit neun Jahren in eine Bettnässeransia^! 
aufgenommen. Wieder ähnliche Prozeduren, wieder Durst und Xi\ 
und jeden Abend wurde überdies angeblich das Genitale mit Chlorätvl k\ 
vereist. Das Kind blieb zwei Monate in der Anstalt ohne den gerins- 



eten Erfolg. Der Chefarzt erklärte schließlich, hier sei nichts 
machen, es bestehe Hoffnung, daß das Symptom mit Eintritt der Menses 
schwinden werde, wenn auch das nicht der Fall sei, könne vielleicht 



eine Operation versucht werden. Die Mutter wußte nicht anzugeben 
welcher Eingriff gemeint sein könnte. Hilde hatte aber von der drohe ' 
den Operation gehört und lebte seit diesem Tag in ständiger Ane-i 
davor. Nun waren die Menses vor drei Monaten eingetreten, das Sym^ 
tom verschärfte sich eher noch statt sich zu verringern. Eben 
steigerte sich Hildes Angst. Sie war zu keinem Arzt mehr zu bringe ^ 
Den Eintritt der Menses hatte sie mit Depression und Verzweiflun^' 
aufgenommen. Sie war zu Hause schwer zu behandeln, trotzig, wein ^ 



lieh, in der Schule zerstreut, verträumt und Ubcrouipfindlicti, iiumer 
in Angst, man könnte von ihrer Sehamle (ihrem Symptom) erfahren. 
Der Lernerfolg war trotz ihrer augenscheinlichen Begabung naiiirlich 
sehr mäßig. Der Zeitpunkt für den Beginn einer Analyse war günslig, 
denn die Mutter hatte wirklich alles versucht und setzte ihre letzte 
Hoffnung auf eine psychische Behandlung. Hilde war ihr einziges 
Kind, trotz ärmlicher, kleinbürgerlicher Verhältnisse, halle das Kind 
niemals unter Mangel leiden müssen, war immer gut crnähri, .sauber 
und hygienisch aufgezogen worden. Die energische Müller spielte die 
Hauptrolle in der Familie, während der Vater, der unimelligeni. 
ziemlieh .stumpf und ungebildet war, in die Krziehung der Kleinen 
bis dahin wenig eingegriffen hatte. 

Hilde mußte erst lange überredet werden, bevor sie mich aufsuchte. 
Sie fürchtete in einen Hinterhalt gelockt und docli noch operiert zu 
werden. Im Gespräch mit mir beschwichtigte sicli ihre Ang.^i aber 
bald, als sie erfuhr, daß ich gegen jeden arztlichen Eingriff in Bezug 
auf ihr Bettnässen sei, solange sie sich bei mir in Behandlung be- 
finde. Sie war sehr dankbar und erzählte bereitwillig alles, was sie 
von ihrem Symptom wußte, aber das war sehr wenig. Das Betlnässen 
komme jede Nacht ohne Ausnahme, sie schlafe so fest, daß sie meist 
davon gar nicht wach werde. Wecken und urinieren hei Knchl hatte 
nichts geholfen, denn vor- oder nachher sei das Belt doch inuner naß 
geworden. An besondere Träume könne sie sich nicht erinnern, sie 
wisse aber, daß sie sehr viel träume, denn sie rede oft aus dem Schlaf. 
Sie habe oft Angst, besonders allein in der Wohnung und habe auch 
Ekel tmd Angst vor Schlangen und Kegenwürmern. Sie kmu luuuer 
mehr ins zutrauliche Plaudern, berichtete von der Lehrerin und ihren 
Schulschwierigkeiten. Eine Bekannte der Mutter hiitte neulich gesagt, 
nur die Buben seien gescheit genug, um zu studieren, da halte sie eich 
so geärgert, daß sie sich vornahm, doch noch ins Gymim.'^ium zu 
gehen, aber mit einem Dreier in Deutsch werde das schworlicb geben. 
Die Schulaufsätze wollten immer nicht recht gelingen. Diesmal hätten 
sie die Aufgabe, ein oder mehrere Oslermärchen zu erfinden. Ich 
forderte Hilde auf, sie mir zu erzählen und tUgo sie hier wörtlich an; 

/. „Wie der Osterhase zu so einem kurzen Schtvauzerl kam." Er hatte 
früher einmal eine?i langen großen Schwanz, da kam der Uhc Jdßcr 
und schoß ihn ihm weg, da wurde es ein ganz kleines Srumpfrrl. 

2. Der Vater Osterhase macht Ostereier und schimpß sehr viel, die 
Mutter kocht Chokolade, Wutzli-Putzli der Sohn ist sehr schlimm, er 
nascht von der Chokolade. Kr soll dann die Eier austragen und J'äUt 
mit den Eiern hin, die sind alle zerbrochen und dabei hat rr sich das 
Scbwanzerl abgebrochen. 



218 Aniiy Angel 



;. Die neugierige Grefe belauscht den Osterhasen, wie er die Eier 
malt und die Gluckhenne wie sie zusammen sprechen. Ihr Bruder kommt 
dazu und gibt ihr einen Stoß, daß sie in den Farbtopf füllt und da 
hat sie eine grüne Nase und den Hasen, den hat sie dabei verletzt, der 
hat sein Schweif erl abgebrochen und die Gluckhenne hat sie zur Strafe 
verlassen, ist mit dem Osterhasen weggezogen. 

Das vierte Märchen hatte sie nur so zum Vergnügen ausgedacht. 
es hat nichts zu tun mit Ostern. Es ist sehr ähnlich dem Rumpel- 
stilzchen, eine deutliche Nachdichtung, nur gibt es vier Teufelchen 
und Patzli-Mur ist einer der vier, deren Beschäftigung es ist, Kinder 
in den Wald zu verführen, die dort ihre Seele dem Teufel verkaufen 
sollen. 

In diesen Märehen hatte Hilde schon viel von ihrem Geheimnis 
verraten. In der ersten Geschichte ist ein böser Mann schuld, daß sie 
ein so verstümmeltes Genitale hat. Im zweiten Märchen gibt sie ein 
getreues Familienbild, denn ihr Vater sehimpft zu Hause so viel 
herum, besonders mit ihr und die fleißige und arbeitsame Mutter 
muß sie immer in Schutz nehmen. Aber Verbotenes, heimliches Naschen 
des Kindes dieser Familie wird schwer bestraft. Ein Unfall ver- 
stümmelt es. Hier hat das Kind sich die Strafe selbst zugezogen. Im 
dritten Märchen erfahren wir noch mehr über ihre eigene Schuld an 
der Versttimmehmg und dem Sehandfleck. Neugier ist schuld, sie hat 
eine nicht für sie bestimmte Szene belauscht und beobachtet und wird 
deshalb bestraft. Im vierten endlich spielt ein böser Teufel, der ein 
Kmd verführt, eine Rolle. 

Einige Wochen später brachte Hilde einen Traum, der uns wieder 
um ein wichtiges Stück dem Verständnis näher brachte. Er lautet: 

Sie geht mit der ganzen Schule auf der Straße, die Lehrerin ist auch 
dabei. Da kommen angeheiterte Burschen ihnen in den Weg und rauben 
: „^ /z.Ar^« sie in ein Haus in eine Rumpelkammer. Sie solle ihnen 
die Wirtschaft führen, Sie stellt sich so, als wäre sie gerne da, damit 
man sie herausläßt in den Garten und dann lauft sie davon. Aber am 
nächsten lag kommt sie als Pfadfinderin gekleidet wieder und die 
Burschen maciren ihr Vorwürfe, daß sie davon ist. Aber sie ist dann 
wieder weg m der Schule, bei der Lehrerin und dem Herrn Lehrer und 
macht ihnen Vorwurfe, daß sie so wenig Acht auf sie gegeben haben. 

Zu diesem Traum wollte Hilde nichts einfallen. Ich fragte sie ein- 
dringlich nach Einzelheiten. Sie zuckle nur die Achseln. Dann fragte 
sie plötzlich: „Was ist das ein Kreuzverhör? Ich habe es in der 
Zeitung gelesen." Auf meine Erklärung sagte sie: „Ich kann mir 
nicht denken, wieso diese Mörder und Unholde sich verraten! Ich 



Aus der Analyse einer Bettnäsaerin 219 

würde einfach immer auf alles sagen: Jch weiß nicht!' Da könnte 
man mich nie überführen." 

Nun wußte ich, warum sie nur mit den Achseln gezuckt hatte, 
offenbar gab es etwas in ihrem Leben, das sie angestellt hatte, 
worüber sie auf keinem Fall Auskunft geben wollte, und das sie mit 
allergrößter Hartnäckigkeit leugnen würde. Im Inhalt des Traumes 
mußte aber etwas davon enthalten sein. Sie wird geraubt und ver- 
führt, aber man sieht aus dem Traum, daß sie ja einen Anteil daran 
hatte, nachher aber macht sie den Aufsichtspersonen Vorwürfe, daß 
sie nicht besser auf sie achtgegeben haben. An dieser Stelle konnte 
man schon vermuten, daß diese Vorwürfe sich gegen die Eltern 
richteten, die sie damals mit drei Jahren allein ließen, und es wurde 
wahrscheinlich, daß sich damals während der Abwesenheit der Eltern 
etwas Traumatisches im Leben der kleinen Hilde ereignet haben 
mußte, an dem sie selbst schuld zu haben meinte. 

In den nächsten Wochen gab Hilde mir Gelegenheit, mit ihr über 
sexuelle Probleme zu sprechen. Der Anlaß war ein wenig merk- 
würdig. Die Lehrerin hatte verlangt, die Kinder sollten Worte sagen, 
die mit der Silbe „Ver" beginnen. Hilde hatte sich gemeldet und hatte 
rasch herausgeschrien: „Verliebt, verlobt, verführt, vergewaltigt.'* 
Sie stellte sich dabei auch noch mir gegenüber so, als hätte sie keine 
Ahnung vom Sinn dieser Worte. Der Schwindel war so plump, daß 
sie ihn selbst bald durchschauen mußte, und dies führte zur Be- 
sprechung dessen, was sie über sexuelle Vorgänge wußte, nur daß sie 
dabei etwas plumper vorgab, nichts zu wissen, als andere Kinder dies 
zu tun pflegen. So behauptete sie natürlich, vom Geschlechtsunter- 
schied gar nichts zu wissen und erklärte schließlich: „Ach, natürlich, 
ich hab' ja vergessen, man muß die Säuglinge bei der Geburt bloß 
gleich röntgenisieren und dann kommt man wohl darauf." Dieser 
Sehwindel verriet, daß sie besondere Angst hatte zuzugeben, daß sie 
vom dem Genitale schon zu viel wisse. Es stellte sich auch bald her- 
aus, daß Hilde nicht weniger als drei Exhibitionisten gesehen hatte, 
und daß vor vier Jahren ein Tischler einen Betastungsversuch an ihr 
vorgenommen hatte, dem sie sich durch wilde Flucht in panischer 
Angst entzogen hatte. Es brauchte also nicht mehr zu überrascheu, daß 
sie mich in der nächsten Stunde über den Sinn und Gebrauch der 
Präservativs ausfragte, und schließlich kam die Frage nach dem Sinn 
der Menstruation. Hier zeigte sich ihr Unwillen, daß sie ein Mädchen 
sei und so etwas haben müsse, während es doch den Buben so viel 
besser gehe. 

Nun folgte eine lange Widerstandsphase, in der sie immer wieder 
erklärte, sie wolle zu den Ferien nicht nach Jugoslawien fahren 



220 Anny Angel 

(derselbe Ort, an dem sie erkrankt war iiTid den sie in den Ferien 
fast jedes Jahr wieder besuchte). Als Gnmd gab sie an, weil sie doch 
heuer nnwohl sei, und wenn sie zu dieser Zeit nicht ins Bad gehe, 
dann würden der Vater und der Onkel es wissen, und das könne sie 
nicht ertragen. Und nun brach die große Wut gegen die Männer los, 
Sie könne keine mehr sehen. Auch den Vater nichl. Sie sind doch alle 
nichts wert, schrie sie. Man sagte, sie sind das starke „Glied" (sie 
meinte Geschlecht) der Familie und das schwache Geschlecht ist die 
Frau. Sie will das nicht wahr haben, sie möchte gerne die Mutter 
beschützen und mit dem Vater darin konkiirrieren; wenn der Vater 
darauf mit Necken reagiert, was oft in höchst ungeschickter Form 
geschieht, weint Hilde bitterlich. Und sie gedenkt der Zeiten, als sie 
als ganz kleines Kind immer weinerlich war und gar nicht anders 
als mit klagender Stimme sprechen konnte. 

Inzwischen gab es allerlei aktuelle Erlebnisse. Hilde, die für ihr 
Alter besonders groß und erwachsen aussah, war schon öfters auf der 
Straße angesprochen worden. Diese Erlebnisse begannen sich nun in 
auffallender Weise zu häufen. Es gab kaum einen Tag, an dem ihr so 
etwas nicht zustieß, und es war ganz klar, daß sie diese Erlebnisse 
provozierte. Mir berichtete sie von allen Ereignissen immer voll 
größter Empörung über die Männer, die es wagten, Kinder wie sie 
zu belästigen. Nun provozierte Hilde auch zu Hause einen Konflikt. 
Sie begann der Mutter in besonders kecker Weise ihre gesamten, bei 
mir erworbenen Sexualkenntnisse und eine Menge nicht bei mir er- 
worbener unter die Nase zu reiben. Als die Mutter, die sich ja mir 
gegenüber schon früher mit einer sexuellen Aufklärung Hildes voll- 
kommen einverstanden erklärt hatte, darauf zu wenig reagierte, er- 
klärte sie, sie werde sehr bald einem Manne angehören; daran sei 
gar nichts, auch wenn man nicht verheiratet sei. Kurz, sie tat, was 
in ihren Kräften stand, um die Mutter und mich zu entzweien und die 
Mutter zu veranlassen, sie aus der Behandlung zu nehmen, die sie 
ja 80 verderbe. Eines Tages, als sie wieder angesprochen wurde, wies 
sie den betreffenden Mann nicht wie sonst ab, sondern blieb stehen 
und ließ sieh in ein Gespräch ein. Hier mußte ich ihrem Agieren und 
Provozieren Einhalt tun, da zu befürchten war, daß ihr Agieren sehr 
weit gehen könnte. Da ich aber den Sinn der Aktionen noch nicht 
verstand, ihr deshalb mit direkter Deutung noch nicht beikommen 
tonnte, erklärte ich ihr, ich sei sehr überrascht, ich hätte doch 
gemeint, sie habe die sexuelle Aufklärung von mir haben wollen, 
weil sie unsicher und beunruhigt gewesen sei, so Vieles, daß sie sehr 
interessierte, nur halb und ungenau zu wissen, und ich hätte ihr ja 
mit meiner Erklärung und diesen Gesprächen zu wirklichem Wissen 



Aus der Analyse einer Bettnässerin 



221 



len 



verhelfen und sie von der Angst und Unsicherheit befreien wollte 
und hätte doch nicht gemeint, sie solle das nun alles gleich aus- 
probieren. Die Folge meiner Erklärung war klar und vorauszusehen. 
Hatte ich doch mit einem Mal ganz die Rolle der verbietenden Mutter 
übernommen. Hilde wurde gedrückt, verärgert und verschlossen 
gegen mich, es folgten die Sommerferien und das Kind verließ mich 
noch in diesem Widerstand. Und auch nach dem Sommer gelang es 
erst nach einigen Wochen und mit großer Mühe sie zu veranlassen, 
ihrem Aerger über mich Luft zu machen. Dann erst verstand sie 
richtig, daß sie ja alles denken dürfe und mir alles sagen solle, nur 
noch nicht tun, damit müsse sie noch etwas warten. Aber es dauerte 
ziemlich lange, bis ich Hildes Mißtrauen, ich stecke doch mit der 
Mutter unter einer Decke und werde sie verraten, behoben war und 
die Analyse ihren ungestörten Fortgang nehmen konnte. 

Sie füllte nun ihre Stunden mit Phantasien aus, wie es wohl sein 
würde, wenn ich ein männlicher Arzt wäre, und erzählte schließlich 
unter großen Widerständen von ihren Wünschen, schon erwachsen 
zu sein, Kleider zu tragen wie die Mutter, ?.n heiraten und einen 
eigenen Mann zu haben. AH das brachte sie unter sländiger Angst 
vor, die Mutter könnte es hören. Sie muß oft nachdenken, ob alle 
Mädchen in ihrem Alter schon von Burschen träumen, oder ob sie ein 
Sonderling sei. Ja, das sei sie jedenialls und ein Unglücksrabe dazu, 
weil sie diese Krankheit habe. Manchmal, sie weiß selbst nicht 
warum, muß sie denken, der Vater sei schuld daran, denn entweder 
wäre sie nicht auf der Welt, wenn sie einen anderen Vater hätte, oder 
6ie hätte die Krankheit nicht. Sie weiß selbst nicht, warum sie den 
Vater so beschuldigen muß. Im allgemeinen denkt sie wenig an die 
Krankheit, wenn sie aber durch die Analyse nicht gesund wird, so 
kann sie nur Klosterschwester werden, um so nie mit einem Mann 
zu tun zu bekommen. 

Eine neue Reihe von Straßenerlebnissen geben uns Gelegenheit, 
ihre Neugierde zu besprechen. Sie meint selbst, diese sei so stark, daß 
sie immer gemeint habe, einmal durch sie zu Schaden zu kommen. Sie 
erkennt, daß diese Neugierde besonders auf das männliche Genitale 
gerichtet ist und der Neid und Zorn den Männern gegenüber wird ihr 
bewußt. In dieser Zeit verträgt sie sich besonders schlecht mit dem 
Vater, was, wie die Mutter mir berichtet, nicht allein an Hilde liegt. 
Hildes Vater ist nicht gesund und sehr leicht erregbar. - • • 

Nun beginnt ein Schwimmeister, der Hilde ein wenig den Hof 
macht, in ihren Phantasien und Träumen eine große Rolle zu spielen. 
In dem einen Traum trifft sie diesen Schwimmeister beim Eislaufen, 
fällt dann aber hin, bekommt eine Gehirnerschütterung und muß ins 



Zeilfichrift f. pea. Püd.. Vni/5-8 



16 



222 Aony Angel 



Spital gebracht werden, wo sie ein Arzt sofort operieren will. Der 
Begegnung mit dem Manne folgt also im Traum die Bestrafung sofort 
nach. In einer anderen Traumphantasie geht sie mit dem Schwimm- 
meister nach Amerika durch; sie heiratet ihn und er vergewaltigt 
sie auf einer Wiese. Dann bekommt sie ein Kind, schreibt der Mutter 
und kehrt zurück. Die Mutter ist aber böse und boshaft, redet den 
Mann von ihr ab und zwingt sie, sich scheiden zu lassen. Sie gesteht 
hiezu, daß der Schwimmeister sie wirklich in ein Zimmer gelockt 
und dort von ihr einen Kuß verlangt habe; sie hatte den Kuß zwar 
verweigert, sali aber ein, daß sie ihm doch merkwürdig bereitwillig 
in ein Zimmer gefolgt war, obwohl sie natürlich wußte, welche Ab- 
sichten er hatte. Es folgt noch eine ganze Serie von Träumen, in denen 
Hilde meist von einem Fremden vergewaltigt und dann von der 
Mutter bestraft und in den Tod getrieben wird. In dieser Zeit ver- 
ändert sich ihr Wesen stark, sie kann der Mutter und mir nicht in 
die Augen schauen. Nun spreche ich Hilde gegenüber die Vermutung 
aus, daß sie irgendeininal etwas angestellt haben mußte, oder ihr 
irgendeinmal etwas geschehen sei, daß sie für ganz schrecklich hielt 
und weswegen sie sich vor der Mutter so fürcliten müsse und immer 
ein schlechtes Gewissen habe. Sofort fällt ihr darauf die Zeit in 
Jugoslawien ein, als sie drei Jahre alt war, und sie beginnt in merk- 
würdiger Aufregung zu erzählen; Dort habe es einen Zigeuner 
gegeben, den sie so geliebt habe, er sei so schön gewesen, und nach- 
denklich meint sie dann, ihre Krankheit habe doch gerade zu jener 
Zeit begonnen. Seit damals habe sie doch immer die Vorstellung, 
etwas in ihr sei nicht in Ordnung, der Harn und das Menstruations- 
blut kämen bei ihr aus derselben Oeffnung, diese sei größer als bei 
anderen Mädchen. Sie habe oft die Phantasie, wenn sie nur Ge- 
schlechtsverkehr mit einem Burschen hätte, würde irgendeine Ver- 
änderung mit ihr vorgehen, so daß sie gesund werden würde. Sie 
stellt sich das vor, wie ein Wunder. Dieser Wunderglaube Hildes, sie 
könnte durch Geschlechtsverkehr gesund werden, ließ leicht die Ver- 
mutung zu, daß ihr Symptom durch einen geschlechtlichen Vorgang 
ausgelöst worden sein mußte. Zu dieser Zeit exazerbierte das Sym- 
ptom, sie näßte zwei bis drei Mal in einer Nacht das Bett. 

Wieder führt uns ein Traum weiter. Er lautet: 

Sie hat ein Geheimnis mit dem Herrn Lehrer. Kr nimmt sie in seine 
Klasse, um sie zu bevorzugen. Die Direktorin kommt darauf und schickt 
den Lehrer und sie fort, jeden wo anders hin. 

Hilde klagt im Anschluß an den Traum, daß sie nicht mir und nicht 
der Mutter und auch der Lehrerin nicht in die Augen schauen könne. 
Sie habe ein ständig schlechtes Gewissen, als verberge sie etwas. Sie 



Aus der Analyse einer Bettnässerin 223 

wisse aber nicht was. Aber im näehstien Augenblick taucht wieder 
der Zigeuner auf. Der Gedanke an ihn kommt jetzt sehr oft, immer 
daß er so schön gewesen sei. Und überhaupt an Jugoslawien müsse 
sie nun fortwährend denken. Auch damals, als kleines Kind, als sie 
nach Wien zurückgefahren waren und sie so sehr weinerlich und 
verraunzt war, mußte sie immer an Jugoslawien denken. Die Mutter 
hatte ihr verboten, mit dem Zigeuner zusammen zu sein, aber sie lief 
doch immer wieder zu ihm. Sie fühlt nun plötzlich selbst, daß damal.«^ 
mit dem Zigeuner etwas Wichtiges vorgegangen war, und wenn sie 
es wüßte, wäre sie gesund. Es müsse etwas Aehnliches vorgefallen 
sein, wie sie damals vom Schwimmeister geträumt, überhaupt sei das 
Amerika ihrer Träume Jugoslawien. Es kommen ihr undeutliche 
Bilder ins Gedächtnis, wie sie damals beim Zigeuner stand und er 
Mandoline spielte oder Tee kochte. Hildes Angst besteht nur vor 
Männern, der Mutter und Aerzten. Vor Männern, weil die trauma- 
tische Szene mit einem Mann stattfand, vor der Mutter, weil sie dafür 
Strafe erwartete, und vor Aerzten, weil sie den Gedanken nicht los 
wurde, ein Arzt, der sie am Genitale untersuche, müsse etwas ent- 
decken, daß bei ihr nicht stimme, irgendetwas sei nicht an seinem 
Platz, jedenfalls anders als bei anderen Mädchen. Es folgen nun eine 
ganze Reihe von Träumen, in denen das Kind vom Krampus oder 
irgendeinem Manne geschlagen wird, und wenn sie sich bei der Mutter 
darüber beklagt, will diese nichts von ihr wissen. Sie überträgt ihre 
große Angst vor der Mutter und das Schuldgefühl auf mich. Es wird 
Hilde zu dieser Zeit außerordentlich schwer, mir Geständnisse zu 
machen. Sie wird aufgeregt und schlaflos, endlich wird es ihr möglich 
über ihre Onanie zu sprechen. Aber vorerst ist es die Vergangenheit, 
die sie beschäftigt. Sie erinnert sich, schon mit drei Jahren „gespielt" 
zu haben. Es gab damals ein Doktorspiel, das sie in einer einsamen 
Scheune mit einer kleinen Freundin spielte. Das eine Kind war krank 
und sollte operiert werden, das andere Mädchen war der Doktor, hatte 
ein Stäbchen als Messer in der Hand und reizte damit das Genitale. 
Und nun folgen gleich Bedenken, ob sie sich nicht damals selbst ver- 
letzt haben könnte. 

Wir sehen nun, welche Rolle die Doktorangst und -phantasie in 
Hildes Leben gespielt hatte. Jeder Arzt war für sie der Mann mit dem 
gefährlichen Penis, der ihr dasselbe Trauma, das sie schon einmal 
erlebt, neuerlich zufügen würde. Wir erinnern uns auch an ihre 
Phantasie, sie würde geheilt sein, wenn sie dasselbe Trauma noch 
einmal erlebte. Eine Onaniephantasie, die sie mir später berichtete, 
war: sie werde geraubt, erkälte sich aber dabei und komme zu einem 
Doktor. Dieser klopfe sie dann überall ab, auch am Genitale. Hierher 

16* 



224 Anny Angel 



gehörten auch die schon erwähnten Vorstellungen, wie es wäre, wenn 
ich ein männlicher Arzt wäre. Oft hatte sie gedacht, sie könne nur 
einen Doktor heiraten, der schon von ihrer Krankheit wisse. Der 
Arzt in der Bettnässeranstalt sei ganz wie der Zigeuner, so schwarz 
gewesen. Wäre ich ein männlicher Arzt, wären Angst und Scham 
größer, so meinte sie. Aber sie könnte rascher gesund werden. (Zu 
ergänzen wäre hier; „wenn ich das Trauma mit ihr wiederholen 
würde.") Hildes Onanie war eine vaginale, was eine Verführung von 
vorneherein sehr wahrscheinlich machte. Sie hatte immer geglaubt, 
die Öffnung an der sie onaniere, sei auch die nämliche, aus der der 
Harn fließe. Sie konnte sich gut erinnern, auch schon mit drei Jahren 
auf diese Weise „gespielt" zu haben, doch hatte sie damals ständig 
Angst, sich dabei weh zu tun. Hier nun erkläre ich Hilde, daß Kinder 
in diesem Alter allein nicht darauf kämen, auf diese Art zu spielen 
und daß es ihr wohl von jemandem gezeigt worden sei. Zuerst wurde 
Hilde auf diese Deutung hin außerordentlich böse auf mich, sie wolle 
überhaupt nichts mehr denken, doch gestand sie bald, daß ihr sofort 
der Zigeuner eingefallen sei, ein deutliches Bild, wie sie mit ihm in 
einem dunklen Raum sitze. In der Nacht, nach dieser Stunde träumt 
sie den wichtigsten Traum der Analyse: 

Sie ist ganz klein, hat nur ein Hemdchen an und macht Purzelbäume. 
Der Zigeuner lacht sie selir aus. Und einen zweiten TrB.um: Die Mutter 
ist so böse auf sie, daß sie sie zwingt, wieder krank zu werden, nach- 
dem ich sie heimlich gesund gemacht habe. Soviel war nun klar: der 
Zigeuner hatte sie in einen dunklen Raum gelockt, sie dort veranlaßt, 
ihr Genitale zu zeigen und sie ausgelacht. Sie hatte sich ihrer Penis- 
losigkeit schämen müssen. Nach diesem Traum setzte das Bettnässen 
zum ersten Mal seit zehn Jahren drei Tage lang aus. Hilde begann 
nun, die Großmutter, die inzwischen nach Wien gezogen war, über 
die damaligen Erlebnisse mit dem Zigeuner auszufragen. Die Groß- 
mutter erinnerte sich bloß, wie merkwürdig es gewesen sei, daß sie 
den Zigeuner zuerst so sehr geliebt habe, daß man sie gar nicht hin- 
dern konnte, zu ihm zu laufen und daß sie plötzlich eines Tages nicht 
mehr zu ihm gehen wollte. Bald tauchte eine angebliche Erinnerung 
auf, die Großmutter habe sie abends einmal etwas holen geschickt, 
da habe ihr ein Mann sein Glied gezeigt, damit gespielt und sie ver- 
sprechen lassen, es auch so zu machen. Ob es der Zigeuner war oder 
ein anderer Mann, ob das eine Erinnerung oder eine Phantasie war, 
konnten wir nicht genau feststellen. Das Symptom war inzwischen 
wiedergekehrt, doch schien es erschüttert, es kehrte nicht mehr so 
regelmäßig jede Nacht wieder. 

Nun trat in der Behandlung heftigster Neid gegen mich und die 



Aus der Analyse einer Bettnässerin 225 

Mutter auf: Diese habe alles, was sie nicht haben dürfe. Sie mißgönne 
ihr alles. Was die Multer haben und tun dürfe, ließe sie sie nicht 
machen, auch das Sexuelle. Neid und Eifersucht, die sich in ihren 
Träumen deutlich zeigen, steigern sich zur Wut. Aber auch auf die 
Männer ist sie wieder zornig. Es folgen bald Phantasien, sie hätte ein 
Glied gehabt, wie diese, das sei ihr aber zur Strafe genommen wor- 
den, wie dem armen Häslein in ihren Ostergeschichten. Nun treten 
nachts richtige Angstanfälle auf, und zwar jedesmal, wenn sie Ver- 
suche machen will aus dem Bett zu steigen, um ein Nachtgeschirr 
au benützen. 

Hilde schläft von jeher im Schlafzimmer der Eitern. Wir sprechen 
von diesem Umstand und ich bekomme nun mehr Material über den 
Vater zu hören, der bis jetzt in ihren Berichten nur die Rolle eines 
Wauwaus und Ruhestörers gespielt hatte. Der Vater war der Mutter 
zweimal untreu gewesen, hatte eine Geliebte gehabt. Die Mutter 
■wollte sich jedesmal scheiden lassen. Wenn nun der Vater zu Hause 
jetzt oft schlecht gelaunt ist, fürchtet Hilde, es könnte wieder so sein 
wie damals. Sie hätte es nicht ertragen können, daß die Mutler sich 
hätte scheiden lassen. Nun erkennt sie, daß sie den Vater doch viel 
lieber haben müsse, als sie sich bis jetzt eingestanden. Sie weiß sich 
2u erinnern, wie sie als ganz kleines Mädchen um ihn geworben und 
immer wollte, er solle zu ihr genau so lieb sein wie zur Mutter. Aber 
immer hätte sie zugleich vor ihm Angst gehabt. Sie hätte niemals im 
Bett neben ihm liegen wollen, wahrscheinlich weil sie die böse Er- 
fahrung mit einem Mann schon hatte, das er zuerst lieb sei und einem 
dann plötzlich etwas tue. Nach diesem Gespräch verringerte sich ihre 
Angst bei Nacht, ihre Abwehr in der Außenwelt wird besonders stark. 
Sie hat keine Erlebnisse mehr mit Männern auf der Straße. In der 
Schule wird sie keck und schlimm wie ein Lausbub und phantasiert, 
wie es wäre, wenn sie selbst ein junger Mann wäre und den Mädeln 
<Jen Hof machen würde. Sie selbst, versichert sie immer wieder, wolle 
mit Burschen nichts zu tun haben, ihre Angst vor ihnen sei allzu- 
groß. Diese Ablehnung des Mannes und Angst steigerten sich bei ihr 
immer zur Wut. 

Nun trat durch eine lange Erkrankung der Mutter, die Hilde zu 
Hause brauchte, eine längere Pause in der Analyse ein. Nach längerer 
Unterbrechung kam sie dann in der Behandlung wieder auf ihr^ 
Onanieangst zu sprechen. In der Schule reden die Mädchen darüber 
nnd meinen ,,raan würde geschlechtskrank'*. Ihre Krankheit aber sei 
doch auch so eine „Geschlechtskrankheit". Immer wieder müsse sie 
daran denken, sie habe sich verletzt, ihre Genitalöffnung erweitert 
oder aufgerissen und ein Arzt könnte das konstatieren. Wenn ihr ab 



226 Aüiiy Angel 



1 



und zu der Gedanke kam, ein Mann könnte ihr das zugefügt haben, 
folgte jedesmal ein Angetanfall. 

Nun folgt ein Traum, aus dem deutlich hervorgeht, daß Hilde den 
Zigeuner beschuldigt, sie um den Besitz des männlichen Gliedes ge- 
bracht zu haben. Auch wird es immer wahrscheinlicher, daß der 
Zigeuner sie mit Drohungen abgehalten hatte, ihn zu verraten, über- 
haupt wurde sie nach dem Erlebais ein angsterfültles Kind, das vor 
allen Zigeunern davonlief. Auch ihre merkwürdige Erkrankung 
damals erkannte Hilde als Folge ihres Erlebnisses. Wieder hat sie 
die Vorstellung, sie müsse noch einmal so krank gemacht werden, 
dann würde sie erst gesund werden. Hier konnte ich ihre Phantasie 
deuten. Daraals habe der Zigeuner etwas mit ihr gemacht, ihr den 
Penis genommen, da sei sie krank geworden, jetzt solle wieder ein 
Mann so etwas mit ihr machen, dabei werde sie ihm den Penis weg- 
nehmen, sich ihn zurückerobern und dadurch wieder gesund werden. 
Naeh dieser Deutung tritt der Drang, Männerbekanntschaffen zu 
machen, der bei Hilde so heftig war und recht gefährlich schien, völlig 
zurück. Ihre Keckheit, Aggression und Schlagfertigkeit, die sie dabei 
gezeigt hatte, verloren sich und machen Angst und Verlegenheit 
Männern gegenüber Platz. Zugleich zeigt sich ein heftiges Schuld- 
gefühl Frauen gegenüber. Ob der Zigeuner nur nicht verheiratet war, 
dann wäre ihre Sünde besonders groß, dann wäre sie doch eine Ehe- 
brecherin. Auch vor mir empfindet sie wieder Angst, plötzlich könnte 
ich sie doch strafen, wenn ich erst alles wüßte. Sie mobilisiert sogar 
Lehrerin und Katechet gegen die Analyse, kommt aber dann selbst 
auf ihre Zweifel an der Religion zu sprechen. Besonders an die un- 
befleckte Empfängnis habe sie niemals glauben können. Während sie 
davon spricht, fällt ihr plötzlich ein, daß sie eben die Menstruation 
habe und welche Angst sie das erste Mal dabei ausgestanden. Sie 
war von ihren Schulkolleginnnen schon genau informiert gewesen. 
Kaum bemerkte sie das Menstruationsblut, begann sie zu fürchten, 
die Mutter werde nun erkennen, daß sie sich selbst bei der Onanie 
verletzt habe, oder daß ihr durch einen andern eine Verletzung zu- 
gefügt worden sei. Sie stellte sich erst, als wüßte sie von nichts, als 
aber dann die Mutter bedauernd meinte, sie habe das so sehr jung 
schon bekommen, rief sie schnell: Bei den andern Kindern sei das 
schon mit elf Jahren eingetreten. Sie benahm sich, als wollte sie damit 
einen Verdacht von sich abwälzen. Hier schlössen sich bald angst- 
volle Fragen über die Jungfernhaut, ihre Lage und Bedeutung an 
und die Furcht, daß diese verletzt worden sein konnte. Dann aber 
kam plötzlich eine Vorstellung, wie der Zigeuner sie verlockte mit 
ihm zu geben, er werde ihr etwas Schönes zeigen und es sei sein 



Aus der Analyse einer Bettnässerin 227 

Penis gewesen, den er ihr gezeigt. Abei- bis heute habe sie die Vor- 
stellung, daß der Mann eigentlich zwei Penisse habe, einen kleinen 
dicken zum Urinieren und einen großen und langen für die Frau. 
An dieser Phantasie konnte Hilde deutlich bewiesen werden, daß sie 
von der Erektion Kenntnis haben mußte. Nach dieser Deutung wurde 
im Zusammenhang damit ihre Schlangen- und Regenwürmer angst be- 
sprochen, die daraufhin völlig zurücktrat. 

Es kamen nunmehr andeutungsweise Phantasien und Träume, der 
Zigeuner habe sie mit Sperma vergiftet, darum habe sie in ihrer 
Krankheit damals so erbrechen müssen. Sie habe zugleich wieder 
Angst vor der Mutter, diese kömile auf alle Sünden draufkommen. 
Zugleich aber tritt Zorn gegen Mutter und Analytikerin auf, diese 
dürften alles tun und ihr sei alles verboten. 

Zu dieser Zeit wurde eine ärztliche Untersuchung bei Hilde nötig, 
die ständig an Schnupfen und Erkältung litt. Sie begab sieh völlig 
angstfrei und ohne Begleitung iler Mutter '/ur Untersuchung, während 
sie sonst in Anwesenheit der Mutter immer das kleine ängstliche Kind 
hatte spielen müssen.öie beschloß, sich die Wucherungen, die fest- 
gestellt worden waren, in Abwesenheit der Mutter operieren zu 
lassen und führte das tatsächlich durch. Sie hatte ihre Angst vor 
Ärzten und Operationen verloren, Zu dieser Zeit rekonstruierte Hilde 
das stattgefundene traumatische Erlebnis wie folgt: 

Der Zigeuner habe sie zu sich in seine Kammer gelockt, sie habe 
ihm auf seine Aufforderung hin ihre Kunst in Purzelbäumen gezeigt 
und sich dabei entblößt, sein Lachen habe sie als Verhöhnung emp- 
funden. Er habe ihr sein Glied gezeigt, sie aufgefordert, es zu be- 
rühren und dann an ihrem Genitale gespielt. Daran, meinte sie, habe 
sieh bei ihr die Vorstellung angeschlossen, ohne Glied, mit einem so 
defekten Genitale, könne man doch den Harn nicht mehr halten, und 
er müsse gegen ihren Willen ausfließen. 

Hildes Mutter war zu dieser Zeit mit dem Erfolg der Behandlung 
leider allzu zufrieden geworden. Die Lernschwierigkeiten des Kin- 
des waren behoben, ja sie hatte sich als so lernbegabt erwiesen, daß 
ihr der Übertritt von der Hauptschule in die Mittelschule ermöglicht 
wurde. Das Bettnässen fand noch ab und zu in ganz geringen Mengen 
statt, um nach den nun folgenden Ferien völlig zu verschwinden. Die 
Mutter war zufrieden und nahm das Kind aus der Behandlung. So 
mußte diese Analyse leider ein Bruchstück bleiben. Es war nicht mehr 
möglich, die aktuelle Onanie, die damit verbundenen Phantasien und 
die ödipussituation zu analysieren. Die präoedipalen Vorgänge, die 
in diesem Falle sicher eine besonders große Rolle gespielt haben, 
waren völlig ungeklärt geblieben. Aber durch die wahrscheinlich nur 



228 Aiiny Angei 



teilweise Aufhellung der Amnesie für eine traumatische Szene, konnte 
üas Symptom zum Schweigen gebracht werden. Die Katamnese be- 
trägt nun drei Jahre und ist insoweit günstig, als das Symptom nie 
wieder auftauchte. Doch behielt Hilde eine sehr labile Stimmung, 
ein Schwanken zwischen Depression und Lustigkeit, zwischen Be- 
fangenheit und Dreistigkeit, das weit über das in der Pubertät übliche 
Maß hinausgeht. 



Enuresis und Kleptomanie als passageres Symptom 

Von Berta Bornstein, Wien 

Obwohl die Enuresis der Kinder ein verbreitetes Symptom darstellt, 
gegen welches sowohl die Erzieher als auch die Kinder selbst einen 
heftigen Kampf führen, gelangen Kinder gerade dieses Symptoms 
wegen relativ selten in analytische Behandlung. Man verläßt sich 
darauf, daß das Symptom des Einnässens irgendwann durch irgendeine 
Maßnahme schwinde, oft genug auch mit der Zeit ohne irgendeinen 
Eingriff von außen. Übersehen wird bei dieser Einstellung zur 
Enuresis, welche schwerwiegenden Folgen gerade dieses Symptom für 
die spätere Sexual- und Charakterenlwicklung zu haben pflegt. Aus 
den Erwachsenenanalysen wissen wir, daß die Ejaculatio praecox 
häufig auf der kindlichen Enuresis aufgebaut ist. Menschen, die als 
Kinder an Enuresis litten, werden die damals erworbenen Minder- 
wertigkeitsgefühle schwer los. Menschenscheu, das Gefühl der Hoff- 
nungslosigkeit, starke Passivität, aber auch ganz andere Haltungen 
und Eigenschaften, z. B. unstillbarer Rededrang, Verlogenheit, sind 
häufig Überreste einer zwar aufgegebenen, aber in ihren Quellen nicht 
erledigten Enuresis. 

Am geläufigsten ist uns die Auffassung, die Enuresis sei ein Onanie- 
äquivalent, welches häufig nach Unterdrückung der Onanie auf- 
tauche.*) Wie in der Onanie die verschiedensten Sexualwünsche ihre 
Abfuhr finden, so geschieht dies auch bei der Enuresis. In der Identifi- 
zierung mit dem jüngeren neugeborenen Geschwister beginnt häufig 
das ältere Kind einzunässen und sagt damit, daß es von der Mutter 
ebenso geliebt und gepflegt sein wolle wie das Baby. Bei beiden Ge- 
schlechtern spielt der Trotz gegen die Reinlichkeitserziehung und die 
Auflehnung gegen die vermeintlich von der Mutter verschuldete Be- 
schaffenheit des Genitales eine Rolle. Die frühkindliche Sexualtheorie, 
nach der ein Koitus irgendwie mit dem Urinieren zusammenhängt, 
findet oft Ausdruck in der Enuresis. 

Der kleine Knabe verrät manchmal durch dieses Symptom seine 
passiv-femininen Wünsche. Er dirigiert nicht seinen Urinstrahl, 
sondern läßt ihn ziellos fließen imd erlebt zuweilen dieses ziellose 
Fließen als besonders lustvoll. Dagegen finden wir in der Enuresis 
der Mädchen die maskulinen Tendenzen vorherrschen. 

In der Analyse eines ÖJ^jährigen Mädchens tauchte das Einnässen 
als passageres Symptom auf und ließ sich in statu nascendi beobachten. 

i) Einige psj'chisehe Folgen des anatomischen Gesohleclitsuntersi'liiedes. Freud Ges Sehr 
Bd. XI. 



230 Eerta Bornstein 



Die Kleine hatte einen um vier Jahre älteren Bruder, zu dem sie 
bewundernd aufschaute, und den sie heimlich beneidete. Zur Zeit der 
Analyse lebt sie vom Bruder getrennt. Sie hat aber im Kindergarten 
Gelegenheit, mit gleichaltrigen Buben zu spielen und ihre weiteren 
Beobachtungen über den Geschlechtsunterschied dort zu machen. Si& 
hatte sich einem gleichaltrigen Buben in Freundschaft angeschlossen 
und geriet in Trauer und ohnmächtige Wut, als dieser plötzlich mit 
seiner Männlichkeit zu protzen begann, weil er stärker sei als sie^ 
längere Beine habe und mehr und schneller gehen könne als sie und 
deshalb lieber mit einem etwas älteren Buben spiele als mit ihr. 

Ihre Sucht, groß und erwachsen zu sein, nimmt auffallende Formen 
an. Sie weigert sich eine kurze Zeit hindurch, mit Kindern zusammen 
zu kommen, die älter sind als sie, und obwohl sie über den Durch- 
schniit weit begabt ist, fürchtet das sonst selbstsichere Kind, hinter 
anderen zurückstehen zu müssen. Daneben entwickelt sie, wenn sie 
allein ist, einen heimlichen Ehrgeiz, sich in der Welt der Erwachsenen 
zu orientieren, das Lesen und Schreiben zu erlernen, wie es der Bruder 
und jener Kindergartenfreund schon können. Plötzlich zeigt sie sieh, 
die bis dahin zähe und geduldig Kenntnisse zu erwerben verstand, 
deainteressiert am Erlernen des Lesens und Schreibens. Es ist ihr 
durch das Gefühl verleidet, nie die Buben einholen zu können. Einmal 
findet man sie bei ihrem Bad, wie sie mit gespanntem Gesichtsaus- 
druck ihr Genitale inspiziert. Befragt, was sie denn suche, antwortet 
sie scheu: „Da ist etwas, und manchmal ist es nicht da. Und niemand 
kann mir dabei helfen, ich muß alles allein herausfinden." Aus dieser 
Bemerkung ist zu entnehmen, daß dem Kinde Klitorisaensationen 
bekannt sein müssen, daß sie wahrscheinlich die erigierte Klitoris 
für ein dem Penis gleichwertiges Organ halte und nicht verstehen 
könne, daß es manchmal verschwindet. 

"Um diese Zeit machen sich exhibitionistische Neigungen bei ihr 
bemerkbar. Sie pflegt sich zum Essen mit gespreizten Beinen an den 
Tisch zu setzen und an das Genitale zu greifen. In der Analyse will 
sie mir einmal ein neuerstandenes Hoserl zeigen, streift es ab und 
steht so mit entblößtem Genitale vor mir, womit sie mir zeigt, daß das 
Herzeigen ihres Genitales wichtiger für sie ist als das Zeigen der 
Höschen. 

Oft spricht sie davon, was für ein häßliches Gesicht sie habe, und 
daß man sie deswegen nicht lieben könne. Dabei weiß sie, daß sie als 
hübsches Kind gilt und ist auch im Grunde von ihren Reizen über- 
zeugt, jedoch hat sie auf ihr Gesicht das Mißfallen an ihrem Genitale 
verschoben, Gespräche darüber, ob ich ihr Gesicht schön oder häßlich 
finde, führte sie mit mir, indem sie sich auf den Boden legte und beide 



Enuresis und Kleptomanie als passagferes Symptom 231 



Beine gespreizt in die Luft hielt. Als sie einmal eine Diskussion mit 
mir führte, warum Väter ihre Töchter nicht heiraten können und über 
die Lösung dieser Frage in ihrer eigenen Familie nachdachte, geriet 
sie plötzlich wieder in diese Stellung und sagte: „Ich glaube, mein 
Vati würde mich nie heiraten wollen, ich habe ein viel zu häßliches 
Gesicht für ihn." 

Nachdem dieses Material immer wieder auftauchte, wurde dem Kinde 
gedeutet, daß ihr Bösesein auf den ursprünglich begehrten Freund von 
einer Enttäuschung über ihn stamme, weil sie sich eines Buben wegen 
von ihm zurückgesetzt fühle, daß sie eifersüchtig sei auf den Penis 
der Buben und das sie auch so ein Glied haben wolle. Ihre plötzliche 
Desintereseiertheit am Lernen, ihre Ablehnung älterer Kinder, ihr 
Verhältnis zu ihrer eigenen Person, ihr Gefühl, ein häßliches Gesicht 
zu haben, wurden ihr schrittweise im Zusammenhang mit ihrer Fenis- 
iosigkeit und ihrem Penisneid gedeutet. Es wurde versucht, ihr klar 
zu machen, daß ihre Reaktionen im Kindergarten vom Bruder lier 
Übertragen seien. 

Das Kind hatte auf alle diese Aufklärungen in der ihm eigenen 
freundlich-trotzigen Art reagiert: „Alles, was du sagst, ist gar nicht 
einmal wahr und ganz falsch", ein Ausspruch, den sie bevorzugte, 
wenn sie sich getroffen fühlte. 

Gerade in dieser Phase der Analyse trat als passagferes Symptom 
eine Enuresis auf. Die kleine Patientin wachte eines Nachts mit ängst- 
lichem Aufschreien auf. Sie hatte geträumt, ihre Katze hätte ihre zwei 
schönsten Kugeln aus dem Säckchen gestohlen, welches sie einige Tage 
zuvor von der Mutter geschenkt bekommen hatte. Sie ließ sich schwer 
davon überzeugen, daß sie nur geträumt habe, wachte später noch 
einmal mit Weinen auf, zählte ihre Kugeln und blieb bei der Be- 
hauptung, zwei seien gestohlen, wahrscheinlich von der Katze. Noch 
ein drittes Mal wachte das sonst gut schlafende Kind auf. Man fand 
sie verzweifelt weinend neben ihrem Bettchen stehen mit nasser Pysama- 
hose, die sie bereits abgestreift hatte. Sie behauptete, mit so starkem 
Harndrang erwacht zu sein, daß es nicht gelungen wäre, bis zum Topf 
zu kommen. 

An den nächsten zwei Tagen wachte das Kind wieder vorzeitig 
auf und machte sich wieder stehend naß. Sie war danach verzweifelt 
und beschämt, obwohl ihr keinerlei Vorwürfe gemacht wurden. Am 
dritten Tage wurde die Kleine von der Mutter aufgefordert, mir von 
ihrem Mißgeschick Mitteilung zu machen, vielleicht könne ich ihr 
helfen. Bis dahin hatte sie ihr Einnässen mit keinem Wort in der 
Analyse erwähnt, wohl aber den Traum von den gestohlenen Kugeln 
berichtet. Als wichtigste Assoziation zum Traume brachte sie, daß ich 



232 -. Berta Bornstein 



eben jenem beneideten Kindergartenfreund einige Kugeln geschenkt 
hätte. Sie begann dann, wie unter einem Zwang stehend, ihre mit- 
gebrachten Kugeln bei mir zu zählen, stürzte sich auf die mir ge- 
hörenden Kugeln, zählte diese, verlangte einige von ihnen zum Ge- 
schenk. Sie erhielt sie, blieb aber unbefriedigt, steigerte ihre An- 
sprüche auf immer mehr Kugeln, bis ich mit dem Bemerken stoppte: 
Es hätte keinen Sinn, ihr sämtliche Kugeln zu schenken. Uns würden 
sie in der Stunde zum Spielen fehlen, und sie würden diese Kugeln 
auch gar nicht froh machen können, wie sie selbst merken müsse. Es 
scheine sich gar nicht um Spielkugeln zu handeln, die von sie mir wolle. 
Wirklich wolle sie ja ein Glied wie der Bruder und der Spielkamerad 
mit einem Sackerl und den zwei Kugeln darin.-) (Die Existenz des 
Hodensacks und der Hoden war dem Kinde bekannt.) Dieses Saekerl 
und diese Kugeln könne man ihr aber gar nicht schenken. So wie sie 
jetzt sei, sei sie auf die Welt gekommen. Und wenn ich auch ihrem 
Freunde einige Kugeln geschenkt hätte, so sei ich doch nicht wie die 
Katze in ihrem Traume, die etwas raubte, um es den Buben zu schen- 
ken. In Wirklichkeit könne weder eine Katze, noch ihre Mutter noch 
sonst irgendwer auf der Welt etwas nehmen, was zu ihrem Körper 
gehöre. Ihre Antwort darauf war: „Aber ich, ich bin ein Dieb und 
stiehl dir deine Kugeln, wenn du sie mir nicht gibst", und ließ diesen 
Worten die Tat folgen, 

Mit dieser Aktion zeigte sie, was als unbewußter Wunsch den Traum 
gebildet hatte. Sie möchte der Mutter etwas nehmen, weil diese dem 
Bruder etwas gab, was ihr selber fehlte. Als schließlich ihr morgend- 
liches Mißgeschick, das Naßniachen, in die Analyse kam, sagte ich 
ihr, daß dieses mit all ihren Gedanken über das Problem des Ge- 
schleehtsunterschiedes zusammenhängen müsse. Sie wies, obwohl ja 
alles für ihre Wünsche sprach, ein Knabe sein zu wollen, meine 
Deutungen in dieser Richtung ab. Mit ernstem Gesicht erklärte sie 
immer wieder, mit ihrer Rolle als Mädchen zufrieden zu sein. „Ich 
bin ganz zufrieden, daß ich ein Mädchen bin; meine Mutti ist ja auch 
zufrieden, daß sie eine Frau ist. Und was macht mir das, daß ich ein 
Mädel bin? So kann ich doch wenigstens ein Baby haben, bis ich groß 
bin." Es war gewiß nicht bloße Verlogenheit, die die Kleine so reden 
ließ. Neben ihren lebhaften Peniswünschen bereitete sich vielleicht ge- 
rade wegen der nahenden Erkenntnis, sie müsse auf das Glied verzich- 
ten, eine echte passiv-feminine Einstellung vor, die einige Zeit später in 
der Analyse und besonders im Verhalten zum Vater deutlich wurde. 

»] In einer tiBteren bewuGtHeinsferneren Sciiioht stehen die Kugeln als Symbol für die Brüate. 
Ein hfiuligor im Unbewußten tieHtehendar Vorwurf und Groll der MSdchen gegen die MoUnr bat 
uen Inhalt, die Mutter hätte ihnen nicht lange genug die Brust gereiclit und sie dadurch um dea 
Penis gebracht. 



Enuresis und Kleptomanie als passageres Symptom 233 

Noch aber war sie nicht entschieden. Die damals von ihr ersehnte 
Lösung kleidete sie in die Worte: „Ich möchte ein Bub sein und zwei 
80 herzige kleine Bnben haben wie Franzi und Gert." Als ich ihr ver- 
sicherte, daß auch die Erwachsenen manchmal mit ihrem Schicksal 
nicht zufrieden wären, daß es sogar Buben gebe, die mit der Tatsache, 
als Bub auf die Welt gekommen zu sein, nicht einverstanden sind, 
meinte sie: „Wenn ich aber ein Bub wäre, dann möchte ich es mein 
Leben lang bleiben und dann wäre mir alles in der Welt recht." 

Nach diesem Geständnis begann sie bereitwillig die Hintergründe 
ihrer beginnenden Enuresis aufzudecken. Sie erzählte, daß sie schon 
vor dem Katzen-Kugeltraum manchmal die Absicht gehabt hätte, 
stehend wie ein Bub zu urinieren, daß sie diese Absicht aber immer 
wieder hinausgeschoben hätte. Der Traum scheint nun zu verraten, 
warum sie den ihr bewußten Wunsch, stehend zu urinieren, nicht ira 
Wachen ausgeführt hatte. 

Sie hatte Angst vor der Durchführung. Als wenn sie gedacht hätte: 
Wenn ich das tue, ohne einen Penis, mit dem ich den Urinstrahl diri- 
gieren könnte, mache ich mich ja naß, und um das zu tun, bin ich 
bereits zu gesittet. Da aber der Wunsch sehr stark ist, träumt sie, 
das männliche Genitale zu stehlen. Danach uriniert sie stehend, noch 
im Schlaf befangen, im Grenzzustand zwischen Schlafen und Wachen. 
Die Traumzensur ist noch stark genug wirksam, um sie erwachen 
zu lassen, wenn sie den Harndrang spürt. Sie kann mit Recht zu ihrer 
Entschuldigung sagen: ich wollte aufs Töpfchen, ich wollte sauber 
bleiben. Das Einnässen zwischen Schlafen und Wachen zeigt, daß sie 
niit ihrem Wunsch einzunässen, noch kämpft. Wir vermuten, daß sie 
mit diesem Wunsch noch kämpfen kann, weil er nicht wirklieh ver- 
drängt ist, sondern der Erwachsenenmoral zuliebe von ihr abgewehrt 

wird. 

An dieser Stelle muß nachgeholt werden, daß die Kleine mehrere 
Monate vor Beginn der Analyse einmal in Wut und scheinbar absicht- 
lich auf den Boden uriniert hatte. Es war dies nach einem Konflikt 
mit der Mutter. Als wollte die Kleine damals sagen: Du tust nicht, 
was ich will, du liebst mich also nicht. Das weiß ich schon lange, sonst 
hättest du mir ja auch wie meinem Bruder ein Glied gegeben. Warte, 
aber daiin trotze ich dir und ärgere dich so, wie du mich ärgerst, und 

mache naß. 

Daß der Kleinen ein halbes Jahr später dieser Ausgang, ira offenen 
Trotz einzunässen, nicht mehr zur Verfügung stand, zeigt, daß ein 
Stück Ichentwicklung vor sich gegangen ist. 

Nach Aufdeckung all dieser Zusammenhänge trat das Einnässen 
nicht mehr auf. Keineswegs waren aber damit die Konflikte des Kin- 



V 



234 Berta Bornstein 



des erledigt. Sondern diese verschafften sich Ausdruck in einem 
weiteren passag^ren Symptom. Die Enuresis war durch eine Klepto- 
manie ersetzt worden. Dieses Symptom trat nur in der Analysen- 
stunde auf und erwies sich als ausgesprochenes Ubertragungssymptom. 
Sie brauchte es scheinbar, um alle Seiten ihres Konflikts zur Dar- 
stellung zu bringen. Sie stahl vor allem Bleistifte, aber auch Kugeln, 
kleines Holzspielzeug, einmal den Rüssel eines Elefanten, den sie ab- 
gebrochen hatte. Daneben verlangte sie gierig nach Näschereien und 
nahm sie sich trotzig, wenn ich sie ihr nicht sofort gab; die kleinen 
und fast wertlosen Gegenstände verlor sie meistens bald oder warf 
sie in Mißachtung fort. Naschwerk, das sie sich nahm, aß sie oft gar 
nicht sondern zerkrümelte es auf den Boden. 

Interessant war die Haltung ihres bewußten Ichs zu diesen Taten, 
die sie zwanghaft ausführte, Sie hatte ja schon bei Beginn der Be- 
sprechung ihres Penisneides geäußert, daß sie ein Dieb sei und sich 
hole, was man ihr verweigere. Es erscheint ihr selbstverständlich, 
daß sie sich mit Gewalt holt, was ihr freiwillig nicht gegeben wird. 
Zwar weiß sie, daß Stehlen etwas Unerlaubtes ist, sie weiß es aus 
Anpassung an die Erwachsenen. Aber sie besteht, wenn sie eich 
frei gibt, auf ihr gutes Recht zu nehmen. Dieb sein erscheint ihr ein 
Beruf wie jeder andere, ja sie neigt dazu, diesem Beruf den Vorzug 
vor anderen zu geben, weil er so viel Klugheit und Mut erfordere, 
„wenn man mit den Polizeimännern kämpft". 

Diese Hochschätzung für den kämpfenden Dieb erwarb sie am Bei- 
spiel des älteren Bruders, der mit seinen Räuber- und Indianer- 
spielen ihr imponierte. Dieb sein ist für sie fast gleichbedeutend mit 
Mann sein. Ist sie ein Dieb, so hat sie die Aussicht, unter die Männer 
eingereiht zu werden. So versucht sie in trotziger Bejahung ihres 
Stehlens die unbewußten Schuldgefühle zu betäuben, die sie über- 
fallen, wenn sie mir Gegenstände stiehlt, die als Penissymbole zu er- 
kennen sind. 

Wenn sie in der Analyse mir im Spiele die Rolle des Diebes zu- 
weist, mich dann nie entkommen läßt, sondern dafür plädiert, daß die 
Polizei mich streng bestrafe, mich womöglich töte, so zeigt sie damit, 
daß sie das Stehlen doch als ein bestrafungswürdiges Verbrechen er- . 
lebt. 

Denn in Wirklichkeit geht es ihr nicht um den Besitz der kleinen 
Dinge, die sie mir fortnimmt. Worum es ihr geht, zeigt sie im Spiel, 
wenn sie mich, in der Rolle des Diebes, kleine Kinder aus den Armen 
schlafender Mütter stehlen läßt. Die Kinder werden malträtiert und 
letzten Endes unter Zubilligung des Königs getötet. Der König ver- 
bietet den Müttern traurig zu sein. 



Enuresis und Kleptomanie als passageres Symptom 235 

Mit diesem Spiel greift sie auf ein vor Monaten behandeltes Thema 
zurück. Damals ging es darum, ihr unbewußtes Schuldgefühl zu ver- 
stehen, das sie zu Aggressionen gegen sich selbst und gegen andere 
zwang. Dieses Schuldgefühl war mit dem plötzlichen Tode eines 
jüngeren Bruders verknüpft, der erfolgte, als sie erst IK Jahre alt 

■WSkT. 

Sie hatte in der Analyse im Spiel dargestellt, wie sie Kinder aus 
dem Fenster werfe. Aber um diese Zeit lehnte sie sich selber so un- 
vorsichtig aus dem Fensler, daß man ihr zeigen mußte, daß sie aus 
Schuldgefühlen sich selber aus dem Fenster stürzen möchte. Ihre 
Antwort damals war: „No, was macht mir das, wenn ich tot bin, und 
wenn ich aus dem Fenster falle? Ich will ja tot sein. O, und Vati und 
Mutti werden sich eben ein neues Kind machen. Ich bin ja ohnehin 
so dumm und habe ein häßliches Gesicht." 

Greift sie jetzt bei Besprechung ihres Stehlens im Zusammenhang 
mit dem Penisneid auf das alte Spiel zurück mit einem neuen Detail, 
nämlich des Malträtierens der kleinen Kinder, so deutet sie damit an, 
daß sie vielleicht schon damals vor Erreichung des zweiten Jahres dem 
kleinen Bruder nicht nur die Brust der Mutter sondern auch den Besitz 
des Penis mißgönnt hat. Ihr Penisneid mochte dann immer wieder durch 
den Anblick des vier Jahre älteren Bruders und der männlichen Spiel- 
kameraden erregt worden sein. 

Wenn den gestohlenen Kindern im Spiel Arme, Beine, Hände, ja, 
Glied für Glied abgebrochen werden sollen, so dürfen wir wohl an- 
nehmen, daß sie im Spiel die Aggression darstellt, die gegen den Penis 
der Brüder gerichtet war. Den Brüdern solt fortgerissen werden, was 
sie nicht besitzt, und worauf sie Anspruch zu haben glaubt. 

Und da sie auch in einer späteren Phase der Analyse den Müttern 
Arme und Beine im Spiel ausreißen läßt, und da sie, in der Über- 
tragung agierend, mir Gegenstände mit symbolischer Penisbedeutung 
stiehlt, deute ich ihr, daß sie trotz ihres jetzigen besseren Wissens 
neben diesem Wissen, doch noch die Meinung habe, die großen Frauen 
hätten auch ein Glied wie die Buben und hallen es ihr nur vor- 
enthalten. 

Nun stehle sie; aber auch wenn sie jeden Tag einen neuen Bleistift 
«teble, so könne sie damit doch nicht froh werden. Sie verliere und 
werfe die gestohlenen Sachen auch deshalb wahrscheinlich fort, weil 
sie spüre, ein Bleistift ist doch eben nur ein Bleistift und nicht das 
Glied, daß sie wirklich wolle. So wie sie mir aber oft heimlich die 
Bleistifte stehle, und so wie sie im Spiele heimlich den schlafenden 
Müttern das Liebste, was sie haben, das kleine Kind, aus den Armen 
stehle, so möchte sie in Wirklichkeit am liebsten der Mutti heimlich 



236 Berta Bornstein 



das Glied fortnehmen. — Und ich erinnere sie an die Beschädigungen, 
die sie — wenn auch unabsichtlich — an den Sachen der Mutter vor- 
genommen hatte. Auch an ihr selbstgediehtetes Lied, das sie gesungen 
hatte, als sie einmal die Mutter nackt sah: „Ich sehe deinen kleinen 
schmutzigen Schwanz." 

Einige Tage später — das Stehlen hatte sie inzwischen eingestellt 
— sagte sie, nachdem ich ihr das Grimmsche Märchen „Vom Fischer und 
syner Fru" erzählt hatte, aus tiefen Gedanken: „Ich glaube, die Frau 
vom Fischer ist dumm, ich glaube, sie will immer mehr werden und 
■will immer mehr haben, bloß weil sie ein Zipferl haben will. Und da 
ist sie nicht zufrieden, wenn sie König wird und Kaiser. Sie soll lieber 
Königin sein wollen oder Kaiserin. Das kann sie auch mit ihrem 
Babyloch ohne Zipferl." 

Diese Geschichte ließ sie sich immer wieder erzählen, knüpfte 
etliche Male ähnliche Bemerkungen daran und zeigte damit, wie sie 
dabei war, ihren Penisneid zu verarbeiten. 

Es wäre reizvoll darzustellen, wie sie im Verlauf der nächsten 
Wochen — während sie in verschiedenen Formen ihre Reaktionen auf 
ihren Penisneid auslebte — zu einer weiblichen Haltung gelangte. 

Ihr Lied vom „kleinen, schmutzigen Schwanz" hatte uns den Weg 
über das Anale gewiesen, So äußert sie einmal: „Ich weiß ganz genau, 
daß die Mutti kein Zipferl hat, aber sie hat so viele Sachen und einen 
King mit dem schönen Stein." Schon früher in der Analyse hatte sie 
mit der Mutter um den Besitz rosafarbener Höschen gekämpft. Und sie 
träumte danach, daß sie vom Vater einen Kofler mit lauter rosa 
Wäsche- und Kleidungsstücken bekommen hätte. Die Analyse des 
Traumes zeigte, daß sie die Mutter um den Besitz eines Ringes mit 
einem rosaschimmernden Stein beneidete, den die Mutter vom Vater 
als Geschenk bekommen hatte. Was der Vater der Mutter gab, soll 
diese ihr weitergeben. Die Enttäuschung darüber, daß die Mutter 
diesen Wunsch nicht erfüllt, führt sie zu einer stärkeren Zuwendung 
zum Vater. 

Ihr Wunsch, ein Mann zu sein, geht in den Wunsch über, etwas vom 
Mann zu bekommen. Das ist oft der Weg, wie ein Mädchen von 
ihrem Männlichkeitswunsch zu ihrem Wunsch nach dem Manne und 
nach seinen -Gesehenken gelangt, wie sie ihren Peniswunsch gegen 
den Wunsch nach dem Kinde eintauscht. 

Der Sinn dieser kleinen Mitteilung ist, an einem leicht darstellbaren 
Beispiel die Hintergründe der Enuresis und der Kleptomanie aufzu- 
decken. Die hier aufgezeigten Zusammenhänge sind dem Psychoana- 
lytiker gut bekannt. Von Interesse dürfte die Ablösung des einen 



Enuresis und Kleptomanie als pa ssagferes Symptom 237 

Symptoms, der Enuresis, durch ein anderes, das Symptom der Klepto- 
manie, sein. 

Bei beiden Symptomen ist uns die Bedeutung des Peniswunsehes 
bekannt. Während aber in der Enuresis die Urethralerotik sich aus- 
lebt, sehen wir in der Kleptomanie das anal-sadistische Element deut- 
licher in "Wirksamkeit. Wir wissen auch sonst, daß im Hintergrunde 
des Urethralen das tiefer abgewehrte Anale sich verbirgt. 

Der Peniswunsch der kleinen Patientin konnte besser verstanden 
werden, als das in tieferer Schichte mit ihm verknüpfte orale Element 
des „Auch-haben-wollens" und das anal-sadistische des Nehmens, Be- 
haltens in die Analysen kamen. 

Das Ineinandergreifen von Tendenzen, die verschiedenen Stufen 
der Entwicklung zugehören, zeigt sich in dieser Analyse der Fünf- 
jährigen in besonders klarem Licht: die Männlichkeitswünsche und 
die Identifizierungsversuche mit dem Mann neben dem weiblichen 
Wunsch, vom Vater geliebt zu werden und ein Kind von ihm zu be- 
kommen, genitale Tendenzen neben prägenitalen. 



-. ' , ■ i . 



Zeiteclirjlt i. pea. Püd., Vlll/ä— 6 

17 



über einen Fall von exhibitionistisdier Onanie 

Von Edith Buxbaum, Wien 

I. 

Poldi kam mit zehn Jahren zu mir in Behandlung. Er war für sein 
Alter groß und sehr kräftig, gut proportioniert, ohne besonderen Fett- 
polster oder sonstige Auffälligkeiten. Sein Gesicht zeigte ein tick- 
artiges Zucken, ein Zwinkern, Rümpfen der Nase, Zucken des Mun- 
des, das sich in Momenten der Erregung bis zum Grimmassieren 
steigerte. In solchen Augenblicken kam noch etwas hinzu: er trippelte 
ununterbrochen auf den Zehenspitzen von einem Fuß auf den andern, 
gleichzeitig schloß und öffnete er die Hände krampfartig, indem er 
beide Arme einmal vorne, dann wieder hinter dem Rücken zusammen- 
brachte. Dieser Zustand konnte durch jede unbedeutende Erregung 
ausgelöst werden, so daß Poldi sich eigentlich in ständiger motori- 
scher Unruhe befand. 

Zu diesem ohnedies außergewöhnlichen Zustand kamen noch andere 
Symptome hinzu, die die Eltern dazu veranlaßten, immer wieder Hilfe 
bei den Ärzten zu suchen: Poldi war von ständiger Angst gequält, 
die es ihm unmöglich machte auch nur für kurze Zeit allein zu blei- 
ben. Dies war für die Mutter, eine Proletarierin, äußerst störend. 
Auch war er nicht imstande, sich irgendwie zu beschäftigen, weder 
allein, noch mit jemand anderem. Er onanierte in exzessiv-exhibitioni- 
stischer "Weise und war deshalb schon aus Kindergarten und Schulen 
ausgeschlossen worden. 

Er war manuell besonders ungeschickt, auch seine Ausdrucksweise 
und sein "Wortschatz entsprachen keineswegs seinem Alter. Besondere 
Schwierigkeiten hatte er im Rechnen; er konnte nur mit Hilfe der 
Finger addieren und subtrahieren und auch dies nur mangelhaft; das 
mechanische Multiplizieren fiel ihm leichter, jede Art von Textrech- 
nung war ihm unmöglich. 

Poldi wurde einer gründlichen organischen und neurologischen 
Untersuchung unterzogen. Der Eindruck, daß es sich um eine Er- 
krankung auf organischer Grundlage handle, ließ sich weder ein- 
deutig bestätigen, noch aussehließen. Das Kinderspital, in das er mit 
sechs Jahren sechsWochen zur Untersuchung aufgenommen war, schloß 
in dem Gutachten einen cerebralen Defekt nicht aus. Eine mit zwölf 
Jahren während der Analyse gemachte privatärztliehe Untersuchung 
schloß aus dem Rorsehachschen Test auf eine abgelaufene Encephalitis. 
Dazu würde die Aussage der Mutter stimmen, die behauptete, daß 



über einea Fall von exbib itionistiscber Onanie 239 

Poldis krampfartige Bewegungen nach einer mehrtägigen Fieber- 
attaeke unbekannten Ursprungs im Alter von zwei Jahren aufgetreten 
seien. 

Trotz des Verdachtes, daß es sich um eine Kombination psychisch 
und organisch bedingter Symptome handeln könnte, habe ich den Ver- 
such einer Behandlung unternommen und darüber im Seminar zur 
Technik der Kinderanalyse von Anna Freud berichtet. Ich wollte 
sehen, ob und wieweit Poldis Symptome einer psychischen Beein- 
flussung zugänglich seien; wenn die Angst etwa ganz neurotisch 
oder neurotisch verstärkt war, mußte es gelingen, sie durch Analyse 
zu vermindern oder zu beseitigen. Falls ein Zusammenhang zwischen 
seiner Angst und seiner motorischen Unruhe bestehen sollte, so mußte 
auch dieses Symptom beeinflußbar sein. Auch war zu erwägen, ob 
seine übermäßige Angst seine geringe Intelligenz nicht noch über- 
dies hemmte und so den Eindruck einer geistigen Zurückgebliebenheit 
hervorrief. Die psychischen Determinanten seiner krampfartigen Be- 
wegungen aufzusuchen, schien zwar sehr verlockend, doch hatte ich 
wenig Hoffnung, darüber etwas zu erfahren; der Verlauf der Be- 
handlung gab mir mit dieser Vermutung recht. 

Poldis Behandlung konnte nicht in der Form einer Kinderanalyse, 
die seinem Alter entsprochen hätte, geführt werden. Das verhinderte 
seine geringe Intelligenz und der große, sekundäre Krankheits- 
gewinn, den er aus seiner Krankheit bezog. 

Unser Bestreben in der Analyse geht immer dahin, den Kranken 
zur Krankheitseinsicht zu bringen, wenn er sie nicht in die Behand- 
lung mitbringt. Er muß verstehen, daß die Nachteile, die er durch 
seine Krankheit hat, größer sind als die Vorteile, die er sich dadurch 
seiner Umwelt gegenüber verschafft. Mit Hilfe dieser Einsicht for- 
dern wir dann von ihm Mitarbeit an der Beseitigung der unbewußten 
Widerstände, die den primären Krankheitsgewinn, die Ersatzbefrie- 
digung im Symptom, festzuhalten bestrebt sind. Wir appellieren an 
seine Vernunft, an seinen Wunsch, ein gesunder, glücklicher Mensch 
zu werden, an seinen Willen, an sein Ich. Dieses muß unser Ver- 
bündeter gegen seine Krankheit sein. Auch in der Erwachsenen- 
Analyse müssen wir diese Einsicht, den Willen zur Mitarbeit, immer 
wieder herbeirufen und stärken, da er in Zeiten des Widerstandes 
teilweise oder ganz verloren geht, als Krankheitswille selbst ein 
Widerstand wird. In der Kinderanalyse ist dies noch viel mehr der 
Fall. Das Kind kommt nur in seltenen Ausnahmsfällen aus eigenem 
Antrieb in die Behandlung, für gewöhnlich wird es vollkommen gegen 
seinen Willen halb mit List, halb mit Gewalt zu uns gebracht. Es 
leidet bewußt weniger an seiner Krankheit als die Umgebung. Wir 

17* 



240 Edith Buxbaum 



brauchen eine mehr oder weniger lange Vorbereitungszeit, um in dem 
Kind selbst die Krankheitseinsicht hervorzurufen und dieser Zeit- 
punkt fällt nicht notwendigerweise mit der Entstehung des Gene- 
sungswunsches zusammen*). Erst dann, wenn das Kind unsere Hilie 
anruft, um es von seinen Ängsten, seinen Dummheiten, seinem 
Schlimmsein, oder wie es selbst seine Krankheit benennen mag, zu 
befreien, ist es mit den Mitteln der Erwachsenen-Analyse analysierbar 
geworden. Es fängt an, bewußte Mitteilungen zu machen, es arbeitet 
mit, das Wort tritt an die Stelle des Agierens. Auch diese Entwicklung 
hat ihre Parallele in der Erwachsenen- Analyse: das Agieren außer- 
halb der Analyse und das Benehmen in der Analyse müssen erst 
allmählich und in jeder Phase neu durchgearbeitet werden, damit der 
Patient Distanz dazu gewinnt und bereit ist, sein Verhalten zu analy- 
sieren. Diese Phasen aktiver Mitarbeit des Kindes sind von Wider- 
etandephasen unterbrochen, in denen es wieder zu seinen früheren 
Mitteilungsformen, Spiel und Agieren zurückgreift; ist der Wunsch 
zur Gesundung und damit die Lust zur Mitarbeit aber einmal dage- 
wesen, so ist es verhältnismäßig leicht, sie wieder hervorzurufen, ihr 
Verschwinden ist dann ein Widerstand wie jeder andere. 

Poldis Krankheitseinsicht war nur in seltenen Augenblicken vor- 
handen. Seine geringe Intelligenz war zur Mithilfe kaum heranzu- 
ziehen, der sekundäre Krankheitsgewinn war so groß, daß er ihn nicht 
aufgeben wollte: infolge seine Krankheit war die Mutter gezwungen, 
bei ihm zu bleiben; er wünschte daran auch für die Zukunft festzu- 
halten, die Mutter sollte immer für ihn sorgen, er wollte Kind bleiben 
und auf alles verzichten, wenn er nur immer von ihr erhalten würde. 
In dieser Beziehung erinnert Poldi an die Rentenneurosen; da diese 
Kranken ihre Rente im Falle ihrer Gesundung verlieren würden, 
verzichten sie darauf, gesund zu werden. Dieser Gedanke, den Poldi 
im Laufe der Analyse entwickelte, ist nicht als Rationalisierung auf- 
zufassen, sondern als Ausdruck seiner Kleinkinderangst, von der 
Mutter verlassen zu werden und zu verhungern. Überdies schützte 
ihn die Krankheit vor den Anforderungen der Schule, da man ihn doch 
als Kranken glimpflich behandelte. Er konnte, durch die Mutter ge- 
schützt, ungestört seinen lustvollen Phantasien nachhängen, die er 
— wie jeder Patient — nicht gerne gegen eine meist unlustvolle 
Realität vertauschen wollte. 

Da ich also auf Poldis freiwillige Mitarbeit so gut wie ganz ver- 
zichten mußte, mußte ich hauptsächlich sein Spiel und sein Agieren 
in der Behandlung als Material benützen. Ich mußte mehr und auf 
weniger gesicherter Basis als wir es sonst in der Kinderanalyse tun, 

i) Vgl. Anna Freud: Einführung in die Technik der Kinderanalyee. Erste Vorlesung. 

.r 



über einen Fall von exhib ittonistlscber Onanie 241 

deuten. Waren meine Deutungen richtig, so reagierte er darauf zu- 
meist mit Aggression und brachte durch verändertes Spiel und Agie- 
ren neues Material. 

Poldi zeigt alle Schwierigkeiten, die die Kinderanalyse auch sonst 
kennt, in sehr verstärktem Maße: dieses quantitative Moment hat mich 
zu einer Veränderung der Technik gezwungen, die bei näherem Zu- 
sehen auch nur eine quantitative Veränderung ist, eben zu den ge- 
häuften, nicht immer mit Tatsachen und Erinnerungen belegten Deu- 
tungen. Dennoch versuchte ich, so wie es in den Kinderanalysen aus 
Anna Freuds Schule üblich ist, das Material, das mir bewußtseins- 
nahe schien, zuerst zu deuten, also von der Oberfläche her in die 
Tiefe des Unbewußten einzudringen, die Schichtung des Material zu 
berücksichtigen. 

II. 

Poldis Eltern waren intelligente Proletarier. Die Mutter hatte durch 
den Beruf, den sie vor ihrer Ehe ausgeübt hatte, zu gebildeten Mittel- 
etandskreisen Beziehungen gehabt, die sie hoffen ließen, selbst ein- 
mal durch eine Heirat in diese Kreise aufgenommen zu werden. Tief 
enttäuscht hatte sie sich zu der Ehe mit einem Proletarier entschlos- | 

sen, durch die sie sich ständig deklassiert vorkam. Sie entwickelte 
dem Manne gegenüber eine tiefe Sexualabneigung. Häufig kam es 
vor, daß er sich den Verkehr durch Szenen erzwang. Poldi, der im 
Schlafzimmer der Eltern schlief, sah dies mit an. Die Frau setzte ihre 
ganze Hoffnung in das einzige Kind, das sie für ihr unglückliches 
Leben und ihre unglückliche Ehe entschädigen sollte. Solange Poldi 
klein war und ein gesundes, normales Baby, schien alles gut. Mit 
seiner Krankheit wuchs ihre Enttäuschung immer mehr. Besonders 
unerträglich war der sexualablehnenden Frau seine exhibitionistisch- 
exzessive Onanie. Befragt, ob sie ihm jemals mit Abschneiden, Weg- 
nehmen oder ähnlichem gedroht habe, leugnete sie, wie das Eltern 
gewöhnlich tun. Einmai aber sagte sie in vollem Affekt: „Wissen 
Sie, Frau Doktor, wenn ich ihn so seh', tat' ich ihm am liebsten alles 
abschneiden!" Was sie mir im Affekt gesagt hat, hat sie sicherlich 
auch ihm gesagt, ihm sicher häufig mit Kastration gedroht. Wegen 
seiner motorischen Unruhe, die wirklich quälend und für sie schwer 
zu ertragen war, hat sie ihn nach Aussagen des Vaters in voller Wut 
häufig geschlagen. Vielleicht war sie so besonders gereizt, weil sie 
seine Unruhe unbewußt als Onanieäquivalent verstand. 

Der Vater war durch die Verhältnisse in seinem Beruf behindert, 
war selbst in seinem Ehrgeiz gekränkt und fühlte dies doppelt durch 
die Vorwürfe, die ihm seine Frau machte. Sie warf ihm ständig vor, 
daß er zu wenig Geld verdiene, es zu nichts bringe und daß sie etwas 



242 Edith Buxbaum 



Besseres hätte haben können. Auch er hatte gehofft, daß sein Sohn 
seine unerreichten Ziele erreichen würde und daher konnte er ihm 
seine mangelnde Intelligenz, sein schlechtes Lernen in der Schule 
nicht verzeihen. Er lernte mit ihm, was für Vater und Sohn eine Qua! 
war; dabei schlug ihn der Vater häufig nach Angaben der Mutter. 
Beide Eltern gaben nur zu, daß der andere Teil den Buben geschlagen 
habe und beschuldigten einander, ihn „dumm geschlagen" zu haben. 
Übereinstimmend berichteten sie, daß das Schlagen auf Rat des 
Lehrers eingestellt wurde, bis auf „seltene" Male. Auch Poldis neu- 
rotische Angst war ein Quelle schwerster narzißtischer Kränkung 
für den Vater, der sich eines so feigen, unmännlichen Sohnes schämte. 
Durch seine brutale Strenge brachte er es auch wirklich so weit, daß 
Poldi aus Angst vor ihm seine ängstliche Unruhe und die Onanie 
verbarg, ja sogar allein die Stiege hinunterging, wozu er sonst nicht 
zu bringen war. 

Als Poldi zu mir kam, war er vollkommen verschüchtert und sprach 
kein Wort. Einige Tage hindurch saß er in einer Ecke des Zimmers 
und schaute Bilder an, ich saß am anderen Ende des Zimmers, schein- 
bar ohne mich um ihn zu kümmern. Anfangs war er so ängstlich, daß 
er auch die Bilder nicht ansah, sondern nur hastig die Seiten des 
Buches umblätterte. Als ich bemerkte, daß er sich an meine Anwesen- 
heit soweit gewöhnt hatte, daß ihn die Bilder wirklich zu interessieren 
begannen, fragte ich, was das eine oder andere bedeute, worauf er mir 
mit Fliisterstimme den darunter stehenden Text vorlas. Es dauerte 
noch einige Zeit, bis ich es wagen konnte, die räumliche Entfernung 
zwischen Poldi und mir zu verringern. Erst nach etwa sechs Wochen 
fing er an, das Zimmer und die darin befindlichen Dinge näher zu 
besichtigen, wobei er schließlich auch einige Spiele entdeckte. Er 
wählte ein paar Papierpuppen, mit welchen wir Theater zu spielen 
begannen. Der Inhalt des ersten Stückes war folgender: Poldis Mann 
begegnet dem meinigen. Er stoßt ihn an, provoziert einen Streit, aus 
dem schließlich eine Rauferei wird. Poldis Puppe bringt meine um; 
sie muß aber wieder lebendig werden und seine Puppe umbringen; 
das gegenseitige Umbringen setzt sich solange fort, bis Poldi er- 
klärt, meine Puppe dürfe jetzt nicht mehr auferstehen; auf diese 
Weise beherrscht er als Sieger das Feld. 

Die Grundform dieses Spieles wurde beibehalten, die Details 
variiert. Häufig wurde die Szene auf den Friedhof verlegt, wobei 
Poldi die auferstandenen Gespenster noch einmal tötete, so daß ihnen 
die Lust zum Auferstehen verging. Um die Krampuszeit (6. Dezember) 
nahm sein Feind die Gestalt des Teufels an; aber er fürchtete ihn 
nicht, forderte ihn vielmehr zum Kampf heraus und schlug 



"über einen Fall von exhibitionistischer Onanie 243 

ihn in die Flucht. Die Mutter berichtete, daß der als Krampus ver- 
kleidete Vater den vierjährigen Poldi einmal sehr erschreckt habe 
und daß Poldi seitdem am Abend ängstlich aufhorcht, wenn er glaubt, 
den Schritt des Vaters im Stiegenhaus zu hören. In einer anderen 
Phantasie begann Poldi den Kampf auf dem Klosett, verfolgte seinen 
Feind durch die Kanäle bis an die Donau; dort entpuppte sich der 
Verfolgte als Teufel. Da Poldi eine Wette, wer von ihnen besser 
angeln könne, gewinnt, zerspringt der Teufel unter „Gestank und 
Geschrei". In Wirklichkeit bestand Poldis schönstes Vergnügen darin, 
mit dem Vater an die Donau zu gehen, um zu angeln. Die Mutter be- 
stätigte, daß er besser angle als der Vater. 

Nach diesem Material konnte Poldi gedeutet werden, daß seine 
Aggression dem Vater gelte. Der Vater schlug ihn, zwang ihn zum 
Lernen, schalt mit ihm, er hatte Grund genug, ihn als den bösen Vater 
zu fürchten und zu hassen. Da seine Angst vor dem Vater aber aus 
Angst vor dessen Rache — wenn Poldi ihn erschlagen wollte, könnte 
der Vater ihn selbst dafür töten — übergroß war, traute er sich nur 
in der Phantasie mit seiner Aggression hervor, während er in Wirk- 
lichkeit vor dem Vater zitterte. Sein Todeswunsch wurde ihm in der 
negativen Form gedeutet: „Du möchtest ja niemanden töten, denn 
dann hättest du Angst, selbst umgebracht zu werden." Poldi war über 
die Deutung so böse, daß er nicht mehr zu mir kommen wollte, wie 
mir die Mutter berichtete. Er beklagte sich ihr gegenüber darüber, 
daß ich „ibm so viel einrede, was gar nicht wahr sei". Ich berichtete 
ihm was mir die Mutter gesagt hatte und bat ihn, mir selbst zu 
eagen was er gegen mich habe. Er war nicht dazu zu bringen. End- 
lich nach vielem Zureden und wiederholter Versicherung, daß ich 
nicht böse sein und ihn nicht strafen werde, schrieb er folgendes auf: 
Sie reden oft in mich hinein wie ein altes Nasch markt weib. Dann 
sind Sie eine angeschissener Buxbaum. Alte Hei (Hexe), verdammte, 
Dich soll der Teufel holen." 

Der erste Teil seiner Beschimpfung enthielt seine bewußte Klage. 
Wobei ich hinzufügen möchte, daß die zitierte Deutung die erste und 
einzige war, auch nur einmal gegeben, die er von mir bekommen 
hatte. Der zweite Teil zeigte die Richtung seiner Aggressionen ins 
Anale, die sich in der Folgezeit noch sehr verstärkte. Die anale Be- 
schimpfung war ambivalent, wie sich später herausstellte, sie enthielt 
die anale Liebeserklärung. Dies läßt uns auch den Kampf mit dem 
männlichen Gegner, den er die ganze Zeit dargestellt hatte, in seiner 
tieferen Bedeutung ahnen. Er zeigte darin nicht nur seine Feindselig- 
keit gegen den Vater, sondern dieser Kampf ist wahrscheinlich über- 
dies eine Darstellung des sadistisch aufgefaßten Koitus, den zu sehen 



244 Edith Buxbaum 



er häufig Gelegenheit hatte, der oft mit Kampf und Streit zwischen 
den Eltern verbunden war. Welche Kolle er in seiner Phantasie dabei 
spielt, die männliche, weibliche oder beide, können wir vorläufig 
noch nicht erkennen. Von dieser ti,eferen Bedeutung der Beschimpfung 
und des Spieles wurde ihm nichts gedeutet. .,.,,, 

Nach diesem ersten Durchbruch der Aggression traute sich Foldi 
immer mehr damit heraus. Zunächst mir gegenüber: er lebte sich in 
analen Ausdrücken sowie in Flatuleszenz als Ausdruck seiner Ag- 
gression aus. Allmählich wagte er seine Aggression in gemäßigter 
Form auch zu Hause seiner Mutter gegenüber zu äußern, während er 
dem Vater gegenüber noch lange damit zurückhielt. Allerdings hatte 
er reale Ursachen genug, sich vor dem Vater zu fürchten. Ich bemühte 
mich, Poldi klar zu machen, daß er seine Aggressionen auch dem 
Vater gegenüber zeigen könne, ohne sich dadurch in allzu große 
Gefahr zu begeben. Der Vater aber schlug ihn beim geringsten Ver- 
such eines Widerstandes oder einer Kritik. Die Mutter war darin viel 
einsichtiger: ihr konnte ich begreiflich machen, daß Poldi Gelegen- 
heit haben müsse, die Irrealität seiner Ängste zu erkennen. Als°ich 
schließlich sehen mußte, daß meine Argumente beim Vater auf 
keinerlei Verständnis stießen, daß er nicht gewillt war, etwas von 
seiner angsterzeugenden Stellung Poldi gegenüber aufzugeben, griff 
ich zu einem Pressionsmittel, indem ich erklärte, wenn Poldi weiter 
geschlagen würde, müßte ich die Behandlung aufgeben. Diese Drohun- 
hatte schließlich den gewünschten Erfolg. Der Vater verzichtete 
darauf, Poldi zu schlagen, nicht ohne sich in der Erfindung anderer 
Strafen genial zu zeigen. Immerhin war die ständige Ursache von 
Poldis größter Angst aus dem Wege geschafft und er war nun im- 
stande, seine Kritik am Vater sowohl mir als auch dem Vater ge<^en- 
(iber etwas freier zu äußern. 0^=«" 

Das Aufhören der Prügel hat gewiß an und für sich eine Herab- 
setzung der Realangst bewirkt. Ebenso wichtig aber war das Stück 
Befreiung seiner Aggression, die nun nach außen abgeführt werden 
konnte. Daß die gehemmte Aggression gegen sich selbst gerichtet 
wurde, ließ sich aus einem bereits damals auftretenden Spiel sehen 
das wir das „Zirkusspiel" nannten. Er machte dabei als Clown und 
Akrobat alle möglichen Kunststücke. Vor allem liebte er es, von 
irgendwo herunterzuspringen und sich der Länge nach hinzuwerfen, 
wobei er sich manchmal wirklich weh tat. Den tiefereu Sinn des 
Spieles konnte ich erst später erkennen, die Selbstschädigungstendenz 
darin wurde schon zu dieser Zeit deutlich. — wurde aber nicht ge- 
deutet. Ich begnügte mich, wie oben erwähnt, mit der Deutung seines 
Hasses und seiner Wut, die er aus Angst vor Strafe nicht äußerte. 



über einen Fall von exhibitionistischer Onanie 245 

Seine Angst verringerte sich wesentlich, als er imstande war, seine 
Aggression in Worten und Taten zu äußern: er schimpfte gegen mich, 
die Mutter, den Vater, den Lehrer. Er ging gegen meine Sachen los, 
was ihm als Aggression gegen mich gedeutet wurde und daher wieder 
die Aggression auf mich lenkte. Dies war nicht immer angenehm und 
es war nicht immer leicht, ihn dazu zu bringen, an Stelle der agierten 
Aggression seine Angriffe in Worten auszudrücken. Er begann, allein 
auf die Straße zu gehen und spielte stundenlaug mit den Buben Fuß- 
ball — ebenfalls eine Ablenkung seiner Aggression. Mit Einbruch der 
Dunkelheit kehrte er allerdings ängstlich zur Mutter zurück. Wir 
wissen, die Nacht ist die Zeit, in der sich die angsterregende Szene 
zwischen den Eltern abspielt, wo seine Erregung und daher seine 
Angst gesteigert ist; es dauerte noch einige Zeit, bis wir diese 
spezielle Angst in der Analyse besprechen konnten. Immerhin war die 
Mutter glücklich darüber, daß sie für ein paar Stunden des Tages 
von ihm befreit war. Außerdem kam er nun auch allein zu mir, was 
früher unmöglich gewesen wäre. Dies war insofern erfreulich als 
es die einzige Möglichkeit war, Poldi in der Behandlung zu behalten, 
da die Mutter die Zeit, ihn zu bringen und auf ihn zu warten, auf die 
Dauer nicht zur Verfügung gehabt hätte. Diese Phase, in der das 
Hervortreten der Aggression, die sich hauptsächlich gegen den Vater 
richtete das wichtigste Moment war, dauerte etwa zwei Monate. Mit 
einem neuen Spiel begann dann eine neue Phase der Analyse 

Er kam eines Tages mit zwei Stöcken, einem großen und einem 
kleinen, in die Stunde und begann mir, auf „seiner Geige" etwas vor- 
zuspielen, indem er leise und mit Unterbrechungen ohne Worte dazu 
«ane Durch meine Aufforderungen ermutigt, sang er lauter und nach 
zwei" bis drei Tagen war schließlich die ganze Stunde von diesem 
Geigenspiel erfüllt. Es waren Bruchstücke von wenigen lakten aus 
Schlagern, Operetten, Opern, klassischer Musik. Diese Melodien waren 
von unartikulierten Lauten, Prusten, Ächzen, Stöhnen und ganz hohen 
Locktönen, wie von einem Vogel, flötenartigen Tönen und Schreien 
unterbrochen. Je länger er spielte, umsomehr traten diese Geräusche 
hervor das ganze Spiel bestand schließlich nur mehr daraus, ohne 
Melodien; dabei kam er in eine ungeheure sexuelle Erregung, wurde 
rot im Gesicht und machte deutliche Koitusbeweguugen. Mein Be- 
streben dieses Spiel ohne Worte, in dem er deutlich eine Koitus- 
szene darstellte, in ein Spiel mit Worten zu verwandeln, war lange 
Zeit vergeblich; bis mir einfiel, daß er alle diese Melodien aus dem 
Radio kennen mußte und ich mich dementsprechend als Eadiohörer 
benahm. Ich regulierte ein fiktives Kadio, behauptete, schlecht zu 
hören — da waren einzelne Worte verständlich — und nach einigen 



246 Edith Buxbaum 



weiteren Versuchen, besser zu hören, sprach mein „Radio" deutlich 
in Worten. Nun verwandelte sich das Geigenspiel in ein Theater- 
spielen, dessen Höhepunkt a'ber auch weiterhin jene unartikulierten 
Laute und koitusartigen Bewegungen blieben. Das Theaterspiel selbst 
war von der Art, wie Kinder sonst spielen, weitgehend verschieden. 
Sowie sein Geigenspiel aus Bruchstücken von Melodien bestand, be- 
stand sein Theaterspiel aus Gesprächsfetzen, Redensarten, Ausrufen, 
die ebenfalls vollkommen unzusammenhängend schienen. Man mußte 
die Darstellung zu verstehen suchen wie die scheinbar sinnlosen, 
unzusammenhängenden Teile eines Traumes. Ich wurde allmählich 
zur unentbehrlichen Partnerin in diesem Spiel. So lud er mich z. B. 
schriftlich ein, bestimmt zu seinem Konzert zu kommen: „Verehrtes 
Titterl! Ich lade Sie ein, ins Raimund theater zu kommen, es spielt 
der Verschwender. Das fängt um 8 Uhr abends an und hört um 10,S0 
auf. Bitte heute um 8 Uhr. Eintrittskarte 1.50 S, Balkon 2.20 S. Ich 
gehe heute um 2 Uhr nach Hause, niemand sagen." 

Den Namen „Titterl" hat er mir in Anlehnung an meinen Namen 
PMith, Ditta, gegeben. Im übrigen klingt es an den Vulgärausdruek 
für Brust „Tutterl" an. Seine Einladung bedeutet: „Wir wollen von 
8 bis 2 Uhr nachts zusammen spielen und das soll unser Geheimnis 
sein." Wobei „spielen" im sexuellen Sinn zu verstehen ist. Indem ich 
u. a. die Rolle einer Sekretärin annahm, gelang es mir, einige seiner 
Stücke aufzuschreiben. Vieles mußte ich auslassen, da ich ihn nicht 
verstand; er sah darauf, daß ich auch seine Melodien in Noten auf- 
schrieb. Ich will eines dieser Stücke zur Illustration hier anführen. 
Sie sind im Dialekt, ich übersetze sie soweit als möglich ins Hoch- 
deutsche. 

„Polenblut" 

„1. Bild. Ho, hoho, makulasch, joi, die alten Leut, Kracher sind da. 
Da muß man sich tummeln und ein Bier dazu und ein kleines Glaserl 
Wein. Bist so schön, muß man sieh ja freuen! 

Jetzt kommen wir wieder! Jetzt haben wir schon gewartet, jetzt 
kommt die Alte, das hab ich mir nicht gedacht. Bist du besoffen? 
Ich nicht. Was singst du denn? Meine alten Wiener Gstanzeln. Das 
darfst du nicht. 

2. Bild. Heraus aus der Butten! Wer hat denn die Gstanzeln? 
Jetzt hah ich gestampft mit mehr Pfeifen. Jetzt geh ich wieder au 
meinen Gstanzeln. Greuel ist da, nicht!? (Machen Sie Rufzeichen und 
Fragezeichen.) 3. Bild — nein, streichen Sie aus. Es pfeift. Holla, 
Kölner Junge! Wer schreit denn da? Mein Glaserl Wein will ich. Da 
muß ich warten, denn ich verdiene noch nicht. Du wirst schon schön 



über einea Fall von exhibitionistischer Onanie 247 



gepflanzt. Die Kracher sind schon da, da muß man schaun bei der 

Nacht. 

Pause 

3, Bild. Was macht die Possa? Die Trr! ch, rr, ch (er macht 
Schlafen und Schnarchen nach). Ch . . . (unartikulierte Laute). Die 
alten Kracherleut. (Wieder unartikulierte Laute, er spuckt und gei- 
fert, macht Koituebewegungen.) Alte Leut sind wir da! Rrr! Herein!" 
Dieses Stück allein wäre wohl vollständig unverständlich für mich 
geblieben. Da aber die anderen Stücke ähnliche Redewendungen und 
Szenen Verbindungen aufwiesen, mußte ich die typischen Kombina- 
tionen schließlich als das Wesentliche erkennen. Ich wußte bereits, 
daß das Geigenspiel ein Onanieäquivalent war; er stellte eine be- 
lauschte S/ene dar. Dasselbe galt für das Theaterspiel. Er spielte mir 
vor was er gfhört und gesehen hatte. Er wurde dadurch erregt, und 
wünschte selbst mitzuspielen. Die „alten Kracherleut" in diesem Stück 
sind die Leute, die Alten, die Krach machen, d. h. Lärm - was sich 
sowohl auf die Geräusche beim Verkehr beziehen kann, als au".h auf 
den Krach, Streit, der nach Anagben der Mutter dem Verkehr häufig 
voranging. Wir wissen überdies, daß Kinder den Verkehr als einen 
Kampf .K]-ach", auffassen. „Da muß man zuschaun bei der Nacht . ist 
der deutliche Einweis auf die nach der Pause geschilderte nächtliche 
Szene Fs war zunächst nicht klar, mit welchem der beiden Eltern er 
eich identifizierte, welche Rolle er übernehmen wollte. In einem an- 
deren Stück „Czardasfürstin" spielte er im ersten Akt den Baron, im 
zweiten die Braut - was er dann abänderte mit der Bemerkung: 
Nein es muß ein Mann sein, also ein Sklave!" Er versuchte zwar, die 
weibliche Rolle abzulehnen, dennoch setzte sich der passiv-masochi- 
ßtische Wunsch soweit durch, daß die neue Gestalt, mit der er sich 
identifizierte, zwar ein Mann, aber der Gefesselte, Geschlagene war. 
Erst im dritten Akt fand er wieder zur Männlichkeit zurück; indem 
er die Rolle des Prinzen für sich wählte, überhöhte er die Männlich- 
keit gewissermaßen um seine vorangegangene Passivität zu über- 
decken Er schwankte in seiner Wahl, wies aber die weibliche Rolle 
aus Angst vor der drohenden Kastration ab. Ich erinnere an das erste 
Spiel das er in der Behandlung spielte: die zwei einander bekämpfen- 
den Männer, von denen bald der eine, bald der andere unterlag. Seine 
puppe, in diesem Spiel er selbst, mußte schließlich doch siegen aus 
Angst vor der Vernichtung. Es ist dasselbe Thema, dort wie hier. 

Ein anderes Moment, das immer mit der Darstellung der Szene in 
Verbindung gebracht wird, ist das Essen und Trinken. Dieses Motiv 
fand einige Zeit später eine weitgehende Aufklärung. Als ich zu 
Ostern für einige Tage wegfuhr und ihm dies mitteilte, fragte er, ob 



N.; 



248 Edith Buxbaum 



ich „nur mit Frauen" wegfahre. Auf meine Gegenfrage, ob er nicht 
möchte, daß ich mit Männern wegfahre, wollte er mir mit seinea 
Geigenstöcken unter den Rock fahren. Er zeigte mir damit, daß er 
nun aus dem Spiel Ernst machen wollte; er wollte das mit mir tun, 
was nach seiner Vorstellung die Männer, mit denen ich wegfuhr, mit 
mir machen würden, dasselbe, was der Vater mit der Mutter tat. Nach- 
dem ich ihm dies gesagt hatte, wollte er mir zunächst die Röcke auf- 
heben und schauen. Ich verwehrte ihm dies, versprach aber, ihm zu 
sagen, was er wissen wollte. Darauf zeichnete er ein Bild, auf dem ein 
Arzt einen Spiegel in den Mund einer Frau einführt und fragte: 
„Wieweit kann er hinunter?" Er sagte mir mit diesem Bild, daß er 
meinte, daß der Vater nicht nur unten etwas einführte, sondern das- 
selbe auch beim Mund tat; es war dieselbe Verbindung von genitalen 
und oralen Vorstellungen wie in seinen Theaterstücken, wo das Essen 
und Trinken immer eine so große Rolle spielte. Diese stereotype Ver- 
bindung konnte eine Verschiebung auf Grund einer oralen Fixierung 
sein; ebenso aber war es möglieh, daß er auch hierin in seiner Aus- 
drucksweise, im Theaterspiel und im Bild, reproduzierte, was er ge- 
sehen hatte. Die Vermutung, daß er eine Fellatio gesehen haben 
könnte, bestätigte die Mutter auf meine diesbezügliche Frage. Die 
Frage, ob außerdem eine orale Fixierung bestand, ist damit keines- 
wegs ausgeschaltet, im Gegenteil — dieses Erlebnis ist sicher ein ge- 
waltiger Zuschuß zu einer oralen Fixierung, sei sie nun primär oder 
durch Regression wiederbelebt. Der Spiegel, nach seiner Erklärung 
em zahnärztlicher - als Penissymbol, ist der Ausdruck einer Ver°- 
dichtuug von genitalen und Schau wünschen: sowie der Zahnarzt mit 
dem Spiegel m den Mund der Frau hineinsieht, will Poldi den Penis 
in das Genitale der Frau einführen. Nachdem ihm das Ansehauen des 
Genitales sowie vorher der Koitus verboten worden war, zeichnete er 
dieses Bild, in dem er das Motiv des Schauens in die Darstellung der 
Szene, der er zusah, mit übernahm. Ich befriedigte einen Teil seiner 
Wünsche, indem ich ihm nun die gewünschte Aufklärung über das 
weibliche Genitale in Wort und Zeichnung gab. 

In den Spielen bisher, wieder durch etwa zwei Monate hindurch, 
hatte Poldi vorwiegend die männliche Rolle gespielt, mit ängstlicher 
Ablehnung der weiblichen. Nun trat ein Umschwung ein. Er hatte 
schon seit einiger Zeit im Wartezimmer offen onaniert, wie mir von 
Patienten berichtet wurde. Eines Tages kam er mit offener Hose in 
das Behandlungszimmer und konnte nicht Theater spielen. Er zeigte 
mir sein Glied statt Theater zu spielen, eine Aufforderung an mich, 
das, was er mir sonst vorspielte, wirklich mit ihm zu tun. Überdies 
aber fürchtete er, ich könnte über seine Unanständigkeit böse sein 



über einen Fall von exhibitionistischer Onanie 249 

wie die Mutter oder der Vater. Nur diese Angst wurde mit ihm be- 
sprochen. Trotzdem kam er am nächsten Tag nicht. Als er wiederkam 
wiederholte ich die Deutung, daß er Angst habe, ich könnte böse sein. 
Nun begann er wie zu Anfang des Geigenspieles wortlos zu geigen. 
Als auch ich wie zu Anfang des Geigenspieles „das Radio regulierte", 
um ihn zum Sprechen zu bringen, erstarrte er plötzlich, wurde sehr 
blaß und sprang dann auf mit dem Ruf: „Ich bin das Greuel!" Er ging 
aggressiv auf mich los und „wollte mich umbringen". Er warf sein 
Messer so auf den Boden, daß es mit der Spitze stecken blieb und 
nannte bei jedem Stoß einen meiner Körperteile, den er getroffen zu 
haben vorgab: Arm, Bein, Bauch, Kopf, schließlich „Arsch"; damit 
hörte er auf, indem er befriedigt konstatierte: „Jetzt sind Sie eh' schon 
ganz zerfetzt!" Als ich ihn fragte, warum er so böse auf mich sei, 
sagte er: „Weil Sie mich beleidigt haben." In derselben Stunde spielte 
er bald darauf mit besonderer Wildheit und der deutlichen Absicht 
sieh zu verletzen, Zirkus; er rief dazu: „Ich bin das Greuel, ich bin 
ein Krüppel!" Meine Deutung, daß er jetzt an sieh selbst dasselbe 
mache, was er vorher an mir tun wollte, wehrte er damit ab, daß 
er so wild gegen mich losging, daß ich ihn aus dem Zimmer entfernen 
mußte. Gleichzeitig bestätigte er dadurch in seiner gewohnten Weise 
meine Deutung. Am nächsten Tag spielte er Polizei, und zwar war 
er der Verbrecher und verlangte von mir, dem Polizisten, daß ich ihn 
ins Gefängnis bringe, schlage, „massakriere". Als ich das ablehnte, 
bat er: „Wenigstens kitzeln." Auf meine neuerliche Weigerung wollte 
er wieder so aggressiv werden wie tags vorher, aber es gelang mir 
diesmal, dies durch die Deutung zu verhindern. Diese zwei aufein- 
anderfolgenden Stunden zeigen den Kernkomplex dieser Neurose 

deutlich auf. 

Poldis Exhibitionismus, eines der Symptome, derentwegen er in 
Behandlung gebracht worden war, hatte sich mir gegenüber in der 
Übertragung zunächst im Geigenspiel und Theaterspielen gezeigt. 
Schließlich war er dazu übergegangen, direkt genital zu exhibieren. 
"Wir konnten auf Grund des vorangegangenen Materials diese Ex- 
hibition als einen Verführungsversuch verstehen, als eine Über- 
tragung dessen, was er zu Hause der Mutter gegenüber ständig machte. 
Ich hatte ihn, wenn auch in äußerst schonender Form, aber doch ab- 
gewiesen, ich hatte ihn „beleidigt", wie er in der folgenden Stund© 
eagte. Deshalb war er böse auf mich; sein Bösesein verband sich mit 
seinen sexuellen Wünschen, er wollte mich nun vernichten, und zwar 
genital. Er stach in der Phantasie in mich, in meinen „Arsch" — 
sein Ausdruck für das weibliche Genitale — mit dem Messer hinein, 
wie der Vater mit dem Penis in die Mutter hineinslach. Dabei nannte 



250 Edith Buxbaum 



er sich „das Greuel" — in dem zitierten Stück hatte er sich vor der 
Darstellung der Koitusszene, im „2. Bild" ebenfalls als „das Greuel" 
bezeichnet. Es mag sein, daß die Mutter den Vater in den erwähnten 
Auseinandersetzungen wegen des geforderten Verkehrs so bezeichnete, 
vielleicht auch hatte sie es zu dem onanierenden Kind gesagt — das 
wissen wir nicht; sicher aber ist, daß Poldi sich und den Vater so 
nannte, wenn er, resp. der Vater eine sexuelle Aggression vorhatten. 

Dieser Höhepunkt der Aggression ist von der Wendung der Ag- 
gression gegen sich selbst gefolgt: er will sich vernichten, wie er 
mich vernichten wollte, indem er sich zum Krüppel macht. „Ich bin 
das Greuel, bin ein Krüppel", heißt, weil er ein Greuel war, muß er 
nun zum Krüppel werden. 

Die nächste Stunde zeigt, daß seine Kastrationsangst auch den 
Kastrationswunsch enthält. Der Polizist, uns bekannt als Vaterimago, 
ich in der Übertragung, soll ihn für sein sexuelles Verbrechen strafen 
und ihm durch die Strafe, das Kitzeln, zur Befriedigung verhelfen. 
Die Kastration soll gleichzeitig der Liebesbeweis sein, er will als 
Kastrierter vom Vater geliebt werden. Dies ist die zweite Kompo- 
nente seines Exhibitionismus: wenn ihn die Mutter nicht liebt, will 
er durch die Exhibition den Vater dazu reizen, ihm das Glied zu 
nehmen und ihn als Frau zu lieben. Dieselben zwei Komponenten ent- 
hält auch seine Onanie; einerseits ist sie der Ausdruck seiner Aggres- 
sion gegen die Mutter, andrerseits will er durch die Onanie sein Glied 
vernichten, um dann vom Vater geliebt zu werden. Beide Strebungen 
kommen in der folgenden Zeit voll heraus: die Mutter berichtet, daß 
er direkt genital aggressiv gegen sie ist, als ich mit ihm davon 
spreche, wiederholt er dasselbe bei mir. Nach meiner Zurückweisung 
spielt er Zirkus, d. h. er will sich selbst verletzen; er beendet das 
Spiel und will nun das tun, was ich gerade mache, also etwa nähen 
oder stricken. Diese Reihenfolge von genitaler Aggression, Selbst- 
kastration und Identifizierung mit mir, d. i. in der Übertragung mit 
der Mutter, wiederholte sieh einige Zeit hindurch, ohne daß die Deu- 
tung etwas fruchtete. Schließlich verbot ich die sexuelle Aggression 
auf mich, indem ich ihm erklärte, daß er so seine Angst nicht ver- 
lieren könne. Er meinte darauf, dann wolle er lieber seine Angst be- 
halten und das weitermachen; worauf ich hinzufügte, daß es mir nicht 
gefällt und daß es mir unangenehm ist. Am nächsten Tag eröffnete 
er die Stunde damit, daß er erklärte: „Ich bin entlassen worden." Da 
ich ihn als sexuellen Partner abgelehnt hatte, stellte er nun auch sein 
Geigenspiel, das Werbung und Verführung war, ein, da es zwecklos 
geworden war — er war als Geiger entlassen, weggeschickt. Damit 
war diese Periode der sexuellen Aggression beendet. 



über einen Fall von exhibitionistischer Onanie 251 



Infolge der endgültigen Abweisung verzichtete er nun vollkommen 
auf die männliche Rolle; er wollte nur mehr so sein wie ich — in 
meinem Sessel sitzen, an meinem Schreibtisch, meine Dinge haben — 
und versuchte dies durch gesteigerte Selbstsehädigungstendenzen 
zu erreichen. Schließlich gelang es ihm eines Tages, sieh bei jenem 
hiezu benützten Zirkusspielen wirklich zu verletzen. Er erschrak 
maßlos, weinte, schrie, war nicht zu beruhigen, bis er vor Erschöpfung 
einschlief. Am anderen Tag brachte er mir eine Reihe von Zeichnun- 
gen mit, die er mir erklärte. Sie enthielten u. a. auch solche, die Teile 
des Zirkuspiels erklärten: ein Bild zeigte ein Kind in einem Gitter- 
bett, das auf die Ehebetten schaute, „wie die Eltern spielten". Ein 
anderes zeigte ein Kind, das auf dem Bettrand stand und ein zweites 
Kind, das auf jemanden fiel, eine Krankenschwester stand mit drohend 
erhobenem Finger daneben. Poldi erzählte, daß das Sichhinwerfen ein 
beliebtes Spiel im Spital gewesen sei, das die Schwester immer ver- 
boten habe. Wir sehen, das Sichhinwerfen hat wieder verschiedene 
Determinanten: er wirft sich auf jemand — wie der Vater auf die 
Mutter. Die Schwester droht strafend Verletzung an — sei es nuu in 
Identifizierung mit ihr oder um der Strafe zu entgehen, er wirft sich 
hin, um sich zu strafen und zu verletzen; überdies aber, um seine 
Erektion, für die man bestraft wird, zu verbergen. 

Dies war eines der wenigen Male, wo Poldi bereit war, sich von 
mir helfen zu lassen. Wir verstehen, daß er sich vor seinen gegen sich 
gerichteten Kastrationstendenzen schützen wollte, daher brachte er 
auch bewußt Erinnerungsmaterial. Es wundert uns nicht zu erfahren, 
daß er in dieser nun abgelaufenen Phase der Selbstkastration wieder 
mehr Angst gehabt hatte. Mit der Deutung des Zirkusspieles ver- 
schwand das Spiel aus der Analyse wie das Geigenspiel und seine 
Angst wurde wieder geringer. 

Da der Sommer herankam und Poldi zur Erholung in ein Kinder- 
heim kommen sollte, war es notwendig, daß er das Exhibieren nach 
außen hin einschränke. Ich versuchte ihn nach einer nochmaligen zu- 
sammenfassenden Deutung zur Einstellung der exhibitionistisehen 
Onanie zu bringen. Ich erklärte ihm aber ausdrücklich, daß er ona- 
nieren dürfe, nur sollte es niemand sehen. Ich schenkte ihm für sein 
Versprechen einen langersehnten Fahrplan, dessen Bedeutung mir 
erst bei der Wiederaufnahme der Behandlung nach den Ferien klar 
wurde. Zu meiner großen Überraschung war er imstande, sein Ver- 
sprechen zu halten. Die Deutung seiner Exhibition war keineswegs 
vollständig gewesen. Sie umfaßte in jener Zeit die Deutung seiner 
sexuellen Aggression gegen die Mutter und seinen Wunsch, vom 
Vater kastriert zu werden, jener beiden Tendenzen, die sich im Geigen- 



252 Edith Buxbauni 



spiel und Zirkusspiel mit dem nachfolgenden Agieren und Erzählen 
klar herausgestellt hatten. Sie genügten anscheinend, um seinen Ex- 
hibitionismus beherrschbar zu machen. Dazu kam noch, daß ich der 
Mutter verboten hatte, nach ihm zu sehen, wenn er onanierte. Ich tat 
(lies, da ich wußte, daß ihr Stören, wie sie es meinte, für ihn die Be- 
friedigung eines Teiles seiner Wünsche war, denn sie kam und schaute 
ihn an. Da sie nicht mehr zu ihm kam, war der Exhibition ihr gegen- 
über ein Hauptmotiv entzogen. Sein Wunsch, vom Vater kastriert zu 
werden, war im Zusammenhang mit dem Zirkusspiel gedeutet worden; 
seine Aggression gegenüber dem Vater, für die er fürchtete und 
wünschte, selbst kastriert zu werden, war zu Beginn der Behandlung 
besprochen worden. Die Exhibition dem Manne gegenüber konnte da- 
her eingeschränkt werden. Schließlieh hatte ich ihn mit der Erlaubnis, 
heimlich zu onanieren, zu einer Situation zurückgeführt, die ja auch 
lustvoll für ihn war: er hatte mit mir ein Geheimnis — und eine ge- 
meinsame Phantasie, die sich um den Fahrplan zentrierte. 

Als wir nach zehnwöehiger Unterbrechung die Behandlung wieder 
aufnahmen, verhielt sich Poldi wieder genau so wie zu Beginn der 
Analyse. Er wiederholte im Laufe von sechs Wochen alle Phasen der 
Behandlung des vergangenen Jahres, vom Schweigen angefangen bis 
zur Exhibition. Die einmalige Wiederholung der damals gegebenen 
Deutung, manchmal auch nur eine Andeutung davon, genügte, um 
ihn in die nächstfolgende Phase zu treiben. Dabei kamen einige er- 
gänzende Details: anläßlich eines Kurzschlusses während der Stunde 
entwickelte er eine Phantasie, die seine Angst im Dunkel enthielt: 
Kinder, die er „Nachtgespenster" nennt, sind unartig, werden dafür 
vom Vater erstochen, werden aber immer wieder lebendig. — Das 
Erstochen- und wieder Lebendigwerden ist dasselbe wie in der ersten 
Phantasie in der Analyse, in der zwei Männer einander umbrachten 
und wieder lebendig wurden. Dieser Kampf spielte sich in manchen 
Spielen auf dem Friedhof zwischen Mann und Gespenst ab. Jetzt 
spielte sich dasselbe zwischen Kind und Vater, also ihm selbst und 
dem Vater ab. Das „Nachtgespenst" — er selbst, der in der Nacht 
herumgeistert, d. h. lauscht und schaut, was die Eltern machen, wird 
dafür bestraft und erlebt gleichzeitig in der Identifizierung mit der 
Mutter das Erstochenwerden durch den Vater, das uns aus der Greuel- 
ezene bekannt ist. 

Ein anderes Detail war, daß er bei einer Puppe die Stelle des 
Genitales küßte. Auch versuchte er, seine Beine auf meine Schultern 
zu legen — ein weiterer Beweis, daß er die Fellatio deutlieh gesehen 
hatte. 

Schließlich kamen wir zu neuem Material, das teilweise unbe- 



über einen Fall von exliibiüoiiistischer Onanie 253 

eprochenes Material aus der Zeit vor den Ferien war. Es zei^t sich 
in einer neuen Phantasie, die mit dem Fahrplan zusammenhängt 
einem neuen Symptom, und zwar einem Stehlzwang, und dem Wieder- 
auftreten der Exhibition. 

Den Wunsch, einen Fahrplan zu haben, äußei-te er zum ersten 
Mal nach Ostern; damals war ich weggefahren. Es schien, als hinge 
sein Wunsch, einen Fahrplan zu besitzen mit dem Wunsch, mit mir 
wegzufahren, zusammen. Als ich ihm den Fahrplan dann schenkte, 
spielte er, wie die Mutter berichtete, die ganze Zeit damit. Es war 
wieder ein Theaterspiel, das die Erklärung für seine phantasierten 
Reisen brachte: nach einem Streit, in dem die Mutter vom Vater 
Geld verlangte, reist der Vater mit der Mutter nach Hamburg; dort 
erschlägt er alle Leute, die ihn an der Ausführung von irgend etwas 
Unbestimmtem hindern wollen. — Wir erkennen in dieser Phantasie 
unschwer dieselben Elemente wie in den früheren Theaterstücken: 
den Streit zwischen den Eltern identifizieren wir mit dem „Krach"; 
die Reise nach Ham-burg ist die Reise nach der Stadt, in der man 
„Harn" — in der Kindersprache Essen — bekonmit. Der Kampf mit 
den Leuten, die den Vater aufhalten wollen, ist der Streit zwischen 
dem Vater und den Kindern, die den Verkehr der Eltern verhindern 
wollen. — Die Reise ist ein neues Element in der Phantasie, sie zeigt 
uns die Verbindung zu dem leidenschaftlich betriebenen Fahrplan- 
spiel, das sichtlich die Stelle des Geigenspiels vertritt. Die Phantasie 
enthält wieder die gcnital-orale Verbindung im Namen Ham-burg, wir 
sehen die darin enthaltene Urseene; die Syrabolbedentiing des Eisen- 
bahnfahrens ist nur eine weitere willkommene Bestätigung dafür. 

Der Streit um Geld war eine Reproduktion der Vorkommnisse zu 
Hause; daß er aber von den vielen Streitigkeiten zu Hause gerade 
diese herausgriff, wies darauf hin, daß er noch etwas anderes damit 
ausdrücken wollte. Doch war es erst einige Zeit später möglich, dies 
zu verstehen. 

Im Laufe der Wiederholung der Phasen aus der Zeit vor den 
Ferien war auch das Thema Sehen und Gesehenwerden wieder auf- 
getreten. Dieses aber blieb trotz der Wiederholung der bereits gege- 
benen Deutungen bestehen, ein Beweis, daß es noch nicht vollständig 
gedeutet war und daß uns noch wichtige Determinanten zu seinem 
Verständnis fehlten. — Wie schon früher wollte er zu dieser Zeit 
überall hineinsehen, alle Kasten, Laden und Taschen Öffnen; nach 
der Deutung, daß er sehen wolle, wie es in mir ausschaue, reagierte 
er darauf in seiner gewohnten Weise, indem er mir wirklich unter 
die Röcke schauen wollte. Als ich ihm dies verwehrte, aber mit ihm 
über das weibliche Genitale sprach, stellte es sieh heraus, daß er 



■^ 



Zeitschrift i. pM. Pfid,, VTlI/5— 8 



18 



254 Edith Buxbaum 



Überzeugt davon war, daß ich und die Mutter ein „Zipferl", einen 
Penis, hätten, wenn er auch wußte, daß die anderen Frauen es nicht 
hätten. Meine Aufklärung hatte keine "Wirkung, weil er sie nicht 
glaubte, er wollte sich selbst davon überzeugen. Seine fortgesetzte 
Exhibition war eine Aufforderung an mich, ihm doch ebenfalls mein 
Glied zu zeigen. Die Deutung, daß er nicht wissen wolle, daß die 
Frauen kein Glied haben, weil er fürchtete, daß auch er sonst seines 
verlieren könnte, traf sichtlich nicht das Richtige. 

Gleichzeitig mit der verstärkten Exhibition trat das Stehlen immer 
mehr in den Vordergrund. Er hatte nach Angaben der Mutter früher 
nie gestohlen. In der letzten Zeit vor den Ferien hatte er begonnen, 
der Mutter Geld zu stehlen; in der Behandlung hatte er oft ge- 
beten, ein Spiel oder Buch mitnehmen zu dürfen und hatte es trotz 
meiner Weigerung oft davongetragen. Nun aber steigerte sich das 
Stehlen in der Stunde immer mehr. Es gab nichts, was er mir nicht 
wegnehmen wollte, dabei war er äußerst geschickt und ich konnte 
ihn oft nicht daran hindern. Auf dem Höhepunkt der Exhibition aber 
legte er auf das Verbergen seines Diebstahls keinen Wert mehr, er 
stahl vollkommen offen — und steckte den gestohlenen Gegenstand in 
den Hosenschlitz. Er zeigte mir dadurch, was und wozu er stehlen 

mußte. 

Das Verbot der Exhibition und des Stehlens zwang ihn dazu, statt 
zu agieren in Wort und Spiel Material zu bringen. Ich hatte zwar 
immer wieder versucht, dies zu erreichen, aber ohne Erfolg. Es 
scheint, daß das Kind erst zu dieser Verbindung der beiden zueinander 
gehörigen Symptome kommen mußte, bevor es imstande war, mir 
Mitteilungen zu machen an Stelle des unklar drängenden Tuns. — 
Er beklagte sieb nun darüber, daß er nicht dasselbe tun könne wie die 
anderen Kinder, weil ihm die Mutter nicht gab, was er brauchte, 
Sehlittschuhe. Fußball usw.; als ich mich bereit erklärte, ihm einen 
Fußball zu schenken, lehnte er ab, er wollte ihn nicht. Damit zeigte 
er, daß er nicht diese Dinge meinte, sondern daß ihm etwas Anderes 
fehlte. Ale er mir wieder Bücher und Geld wegnehmen wollte und 
ich ihm dies verbot, sagte er „er habe ein Recht darauf" und „er 
werde mir alles wegnehmen, was er wolle". Auf meine Frage, wieso 
er ein Recht auf meine Sachen habe, sagte er; „Weil Sie mir auch 
was weggenommen haben!" 

Schließlich brachte er mir die Erklärung für sein Stehlen in seiner 
gewohnten Form, einem Theaterstück, das eine Erweiterung des 
Stückes von der Reise nach Hamburg war: er verlangt im Stück 
Geld von mir, ich gebe es ihm. er steigert seine Forderung und ich 
gebe ihm so viel er verlangt. Mit dem Geld geht er zum „Bratwurst- 



über einen Fall von exhibitionistisclier Onanie 



255 



glöckerl" und ißt dort „stinkerte Würstel", tanzt mit einer Frau 
und fährt mit ihr nach Hamburg, wo er alle Leute erschlägt, die ihm 
in den Weg treten. Während des Spiels sagt er: „Die Haar muß man 
einzeln ausreißen und sich selber einsetzen, dann hat man's". In 
diesem Satz, der mit dem Stück nicht in logischem Zusammenhang 
steht, spricht Poldi die Bedeutung des Stückes und des Stehlens aus. 
Er vermutet, wie wir bereits wissen, daß auch die Frau einen Penis 
hat, wahrscheinlich glaubt er ihn hinter der Genitalhehaarung ver- 
borgen. Das Geld, die Bücher und Spiele, die er von mir haben will, 
sind Symbole für den Penis, den er von mir verlangt und nicht be- 
kommt; seine Diebstähle bei der Mutter haben dieselbe Bedeutung. — 
Das Geld ist aber auch das Mittel, mit dem man sieh etwas kaufen 
kann — und zwar wieder den ersehnten Penis, in der Form des 
„stinkerten Würsteis". Poldi pflegte an seiner Hand zu riechen, 
wenn er sein Glied berührt hatte. „Stinkerte Würstel" sind aber auch 
schlechte, verdorbene Würstel; es könnte sein, daß Poldi das nervöse 
Erbrechen der Mutter am Morgen mit der nachts beobachteten Fellatio 
in Zusammenhang brachte und dachte, die Mutter erbreche, weil sie 
das „stinkerte Würstel" des Vaters in den Mund genommen hatte. 
Vielleicht hatte er das In-den-Mund-nehmen des Penis als eine Be- 
drohung des Vaters aufgefaßt. In seiner Stellung zum Vater ist zwar 
nichts, das darauf hinwiese, daß Poldi meinte, der Vater habe sein 
Glied verloren, sei kastriert durch die Mutter. Der Vater war in 
seinen Äugen viel zu mächtig, als daß ihm so etwas passieren konnte. 
Nur der Kampf der beiden Männer zu Beginn der Behandlung, in dem 
wir auch die Darstellung einer Coitusseene erkannt haben, läßt durch 
seinen ungleichen Ausgang die Möglichkeit durchscheinen, daß auch 
der Vater in diesem Kampfe unterliegen könnte. Auch der Kampf mit 
dem lächerlichen Teufel, der „unter Gestank und Geschrei" zer- 
springt, weist darauf hin, daß der Vater-Teufel doch auch besiegt 
werden kann. Die Fellatio wäre dann die Rache der Mutter am Vater, 
wobei sie ihm seine Waffe, den Penis, mit dem er sie besiegte, wegaß. 
In seinen Phantasien machte Poldi dasselbe mit der Mutter wie 
der Vater, fürchtete aber, daß ihm das wirklich geschehen war, was 
dem Vater nur drohte, wogegen er sich aber erfolgreich schützte. 
Ihm selbst hatte die Mutter sein großes Glied weggenommen, sodaß er 
nur ein kleines, unzureichendes übrigbehielt. Wahrscheinlich wurde 
diese Annahme dadurch gestützt, daß er Gelegenheit hatte, das 
erigierte Glied vor dem Verkehr mit dem klein gewordenen nachher 
zu vergleichen. Überdies war dies die phantasierte Ausführung der 
von der Mutter angedrohten Kastration. Sie hatte es ihm gestohlen. 
Was sie ihm gestohlen hatte, konnte er sich „mit Recht" zurück- 



256 Edith Buxbaum 



Stehlen, dann „hätte er es", könnte mit der Mutter tanzen und nach 
Hamburg fahren, könnte ein Mann sein wie der Vater. 

Mit dieser Deutung hörte sein Exhibieren aul nach kurzer Zeit und 
wiederholter Deutung auch das Stehlen. Ein Gespräch über Babys, 
„bei denen man erst nach drei bis vier Monaten wissen könne, ob es 
ein Bub oder ein Mädel wird", führte zu Erinnerungen aus seiner 
Kleinkinderzeit. Er erzählte, wie er damals Nudeln mit den Händen 
gegessen habe; ich deutete ihm, daß er meine, deshalb sei er ein Bub 
geworden, man bekomme das Glied durch Essen, so wie es die Mutter 
jetzt habe, weil sie es ihm weggegessen habe. 

Nach einiger Zeit holte er sich von mir die die Deutung ergänzende 
Aufklärung, indem er wieder wissen wollte, wie ich, respektive die 
Mutter gebaut sei. Er vermutete, daß der Penis doch irgendwo ver- 
steckt sein müsse: „Zwischen den Brüsten — oder vielleicht geht er 
vom Nabel aus in den Bauch — oder er steckt im Loch". Er zeigte mit 
diesen Überlegungen, daß er nicht nur das Wegnehmen des Gliedes 
durch den Mund, sondern auch durch die Seheide fürchtete. Als ich 
dies Alles verneinte und ihm die Anatomie dieser Körperteile erklärte, 
war er zufrieden und kam auf dieses Thema nicht mehr zurück. 

Poldis Befürchtung, das Glied könne durch die Scheide wegge- 
nommen werden, war weitaus geringer und daher leichter zu zer- 
streuen, als seine Angst vor dem Wegessen. Dies dürfte wohl mit 
seiner oralen Fixierung zusammenhängen, vielleicht war es die Rache 
der Mutter für sein Trinken und Beißen an der Brust, Die Brust war 
für ihn ein Gegenstand großen Interesses, er griff der Matter häufig 
liebkosend an die Brust, benannte mich „Titterl", was für ihn Brust 
hieß. Doch ist dieses Stück nicht in die Analyse gekommen. — Diese 
Phase der Behandlung dauerte von ihren ersten Anfängen bis zur 
vollen Deutung und bis zum Verschwinden des Symptoms etwa ein 

halbes Jahr. 

In der letzten Periode der Behandlung brachte Poldi Phantasien, 
die seine Rivalitätseinstellung zum Vater zeigten. Ein Beispiel da- 
für: Poldi und ich bauen uns ein Haus mit einem hohen Turm, wir 
erwarten einen Überfall des „wilden Indianers". Da Poldi meint, der 
würde den Turm sofort einreißen, wenn er ihn sähe, reißt er ihn lieber 
selber ein — Das Selbsteinreißen des Turmes ist die Darstellung der 
Selbstkastration durch die Onanie. Andere Spiele zeigten Poldis 
Besorgnis, sein Glied durch die Onanie geschädigt zu haben; die 
Onanie war zu dieser Zeit das Mittel, sich immer wieder seiner 
Intaktheit zn versichern. - Schließlich erkundigte sich Poldi beim 
Vater, als er ihn nackt sah, ob sein Glied auch einmal so groß werden 
würde, wie das des Vaters. Diese direkte Anfrage an den Vater ist 



Übpr einen Fall von exhibitiopistischer On^inie 257 



gewissermaßen als eine Frage, ob der Vater nichts dagegen hätte 
aufzufassen; sie zeigt, daß Poldi seine Angst vor dem kastrierenden 
Vater weitgehend überwunden hatte und — trotz noch vorhandener 
gegenteiliger Tendenzen — doch in die überwiegend männliche Rolle 
gekommen war. 

Wie weit dieser Vorstoß zur Genitalität der Behandlung zuzu- 
schreiben ist, wie weit er die natürliche Folge des Einsetzens der 
Pubertät ist, ist schwer zu entscheiden. Es werden wohl beide Momente 
zu dieser Entwicklung beigetragen haben. Vor allem aber ist insofern 
ein großer Fortschritt festzustellen, als Poldi mit dieser Anfrage an 
den Vater nicht nur sichtlich seine Angst überwunden hat, sondern 
sich auch realitätsangepaßt zeigt. Während er sich sonst unter Ver- 
leugnung der Realität in seinen Phantasien verlor und darin den 
großen Mann spielte, schob er nun seine Wünsche, ein Mann zu sein, 
auf die Zukunft auf und trug der Tatsache, daß er noch ein kleiner 
Junge war und daher auch ein kleineres Glied als der Vater hatte, 
Kechnung. 

Zu dieser Zeit wurde die Behandlung abgebrochen. Poldi hatte 
Exhibition und Stehlen aufgegeben, seine Angst war bedeutend herab- 
gesetzt, so daß sie ihn und die Mutter nicht mehr wesentlich störte, 
seine Onanie war auf ein normales Maß reduziert. Die Mutter war mit 
seinem Zustand so zufrieden, daß sie keinen Grund mehr sah, die Be- 
handlung fortzusetzen. Infolge dieses äußeren Umstandes ist dieAnalyse 
ein Bruchstück geblieben, so daß wir nicht mit Bestimmtheit sagen 
können, ob nicht doch auch die restlichen Symptome, Tick, krampf- 
artige Bewegungen, sowie das Stück Angst, das er behalten hat, durch 
eine weitere Behandlung zu lösen gewesen wären. Ebensowenig 
können wir wissen, wieweit seine unanalysierte, orale Fixierung 
an die Mutter und die anal-passive Fixierung an den Vater seine 
weitere Entwicklung stören werden. 

III. 

Die erste sichtbare Herabsetzung der Angst war eingetreten, als 
Poldi seine Aggression äußern konnte. Wir müssen uns fragen, wie 
Angst und Aggression bei ihm zusammenhängen. 

Während er in seinen Spielen und Phantasien wild und aggressiv 
war, fürchtete er sich in der Wirklichkeit vor den siegreich be- 
kämpften Gestalten seiner Phantasien. Wenn das Spiel zu realitats- 
oahe wurde, fürchtete er sich auch im Spiel. So konnte er z. B. im 
Spiel nicht verlieren; erst in der letzten Phase der Behandlung, als 
er sich in die angstfreiere Konkurrenzeinstellung zum Vater begeben 
hatte, verlangte er von mir, daß ich spiele, so gut ich könne, er wollte 



258 EiHth Buxbaum 



„sich nichts schenken lassen" — im Gegensatz zu früher, wo er eine 
drohende Niederlage nicht ertragen konnte. 

Weil er in der Phantasie seinen Gegner, den Vater, mit Haß ver- 
folgte, fürchtete er die Rache des Vaters in der Realität. Ein Teil 
dieser Angst war Realangst, den Poidi hatte oft genug vom Vater 
Böses in der Form von Strafen erlebt. Dieser Teil der Angst mußte 
von dem strafenden Vater selbst zurückgenommen werden, der Vater 
selbst mußte ihm zeigen, daß er ihn nicht zu fürchten habe. Dies war 
die "Wirkung der Einstellung der Prügel. Nun erst konnten wir zu den 
neurotischen Quellen der Angst kommen. 

Im Zirkusspiel strafte sich Poldi selbst. 1. um der Strafe des Vaters 
zu entgehen, 2. in Identifizierung mit dem strafenden Vater, 3. in 
Identifizierung mit der Mutter, die vom Vater so wie er bestraft wurde, 
4. um des Vaters Liebe in Identifizierung mit der Mutter zu gewinnen. 

Je weniger Poldi seiner Aggression Ausdruck geben konnte, umso- 
mehr sammelte sie sich in ihm an, umsomehr mußte er den Vater 
hassen. Mit dem steigenden Haß steigerte sich die Phantasie von der 
zu erwartenden Rache des Vaters. Je grausamer die Vorstellungen 
von der Rache des Vaters wurden, umso größer wurde seine Angst vor 
ihm, umso größer wurden aber auch seine Selbstbestrafungstendenzen, 
in welchen er die phantasierte Strafe selbst an sich vollzog. Die Ag- 
gression, die ursprünglich gegen den Vater gerichtet war, wendete 
sich gegen ihn selbst. Die Angst war also die Angst vor der gegen 
sich selbst gerichteten Aggression. Als die Aggression einen Abfluß 
nach außen bekam, verringerte sich die im Inneren angesammelte, 
gegen sich selbst gerichtete Aggression und die Angst wurde geringer. 

Andrerseits konnten wir beobachten, wie Poldi auf die Zurück- 
weisung seiner sexuellen Aggressionen damit reagierte, daß er seine 
männlich-aktive Rolle aufgab und — nachdem er sich symbolisch 
kastriert hatte — die entgegengesetzte, passiv-weibliche Rolle agierte, 
indem er sich mit mir, aus der "Übertragung mit der Mutter, identi- 
fizierte. Das, was er nicht haben konnte, wollte er nun selbst sein. 
Während er zu dieser Zeit seine Bestrebungen, sich zu kastrieren, im 
Spiel voll zum Ausdruck brachte, steigerte sich gleichzeitig seine 
Angst in der Realität. Er hatte Angst, seine Kastrationswünsche, den 
Wunsch, sich einem Mann, dem Vater, als Frau hinzugeben, zu reali- 
sieren. Seine Angst schützte ihn vor der gewünschten Kastration. 

Wir sind erstaunt, daß Poldi zunächst anal exhibiert, statt, seinem 
Symptom entsprechend, genital, daß auch seine Aggression sich zu- 
nächst anal äußert. 

Aus der Analyse sind uns jene Patienten zur Genüge bekannt, die 
uns zu Beginn der Behandlung mit sexuellen Geständnissen über- 



Über einen Fall von cxhibitionisÜFcIier Onanie 



259 



schütten. Wir schreiben diesem Material sekundäre Bedeutung zu und 
nehmen es als vorgeschoben an. Der Patient will die Toleranz des 
Analytikers ausprobieren, bevor er sich ihm gewissermaßen preise 
gibt. Das Material, das er zu diesem Zweck benützt, entstammt einer 
tieferen Schichte. 

In der Vorpubertät und zu Beginn der Pubertät können wir bei- 
nahe regelmäßig die Erfahrung machen, daß die Kinder ihre sexuellen 
Interessen hinter analen Witzen verbergen. Erst nachdem sie sich 
davon überzeugt haben, daß man bereit ist, auch diese Dinge ernst zu 
nehmen und sie dafür nicht zu bestrafen, kommen sie mit den gefähr- 
lichen sexuellen Gedanken hervor. 

Das anale Material, das Poldi bringt, ist von diesen beiden Gesichts- 
punkten aus zu verstehen: er zeigt etwas, das zwar auch verboten, 
aber mit geringeren Gefahren für ihn verbunden ist, als die genitale 
Aggression und Exhibition, für die er die Strafe der Kastration 
fürchtet. Er probiert mich damit aus. Gleichzeitig aber gibt er Material 
einer tieferen Libido- und Fixierungsstufe preis; aber auch dieses ist 
noch doppelt geschichtet, indem das Anal-Aktive das Anal-Passive 
überdeckt. Dieses Überdecken der passiven Strehungen durch die akti- 
ven ist in allen Phasen der Behandlung typisch; seine überlaut betonte 
Aggression soll seine Passivität verbergen und ihn davor schützen. 

So hat seine genitale Aggression den Sinn, die Frau zu erstechen 
(Greuelszene) ; soweit sie sich gegen den Vater richtet, den Vater zu 
töten und zu kastrieren. Masochistisch wünscht er selbst vom Vater 
kastriert zu werden. Da er auch bei der Mutter ein Glied vermutet, 
will er auch ihr das Glied wegnehmen, das sie, wie er meint, ihm weg- 
genommen hat. 

Das Wegnehmen vollzieht sich nicht nur genital, sondern, wie wir 
gesehen haben, hauptsächlich oral. Er will essen und trinken, Fellatio 
ausüben, d. h. das Glied abbeißen, und wünscht, daß man bei ihm das- 
selbe tut. (Die Puppe an der Steile des Genitales küssen, mir die Beine 
auf die Schultern legen wollen.) 

Das Vorwiegen der Aggression, die sich auf allen Libidoslufen 
zeigt, läßt vermuten, daß das erste traumatische Erfassen der Szene 
sich in der anal-sadistischen Phase abgespielt hat. Der Koitus wurde 
eicher als Kampf aufgefaßt, wahrscheinlich auch als ein Hinein- 
defäzieren in den Partner. (Beschissener Buxbaum, stinkerte Würste.) 
Die Beobachtung der Fellatio wurde ebenfalls sadistisch, als Abbeißen, 
interpretiert. Das Essen des stinkerten Würsteis weist darauf hin, daß 
anale und orale Vorstellungen sich hier verbinden. Es scheint, daß 
durch die Beobachtung der Fellatio, die bereits verlassene orale 
Libidostufe regressiv wieder besetzt wurde, wobei die neu erwor- 



60 Edith Buxbaum 



benen sadistisch-aggressiven Mechanismen auf die oi-ale Stufe mit- 
genommen und zur Verstärkung der oral-sadistischen Triebe ver- 
wendet wurden. 

Sowie sich neben der sadistisch-analen die passiv-anale Einstellung 
entwickelte, zeigt sich parallel dazu neben der sadistisch-oralen auch 
die passiv-orale Einstellung in der Vorstellung, das eigene Glied 
durch Abbeißen zu verlieren. 

Der Penis ist für Poldi das Ausdrucksmittel der oralen und analen 
ji ggressionen, er hat nur scheinbar die genitale Stufe erreicht, ist 
in Wirklichkeit prägenital fixiert. Erst zu Ende der Behandlung 
macht er einen Vorstoß zur Genitalität, der aber sicherlich, wie es in 
der Pubertät gewöhnlich und bei ihm infolge der passiv-analen Ein- 
stellung zum Vater besonders zu erwarten ist, noch vielen Schwan- 
kungen unterworfen sein wird. 

Mit dieser frühen Fixierung scheint auch Poldis Exhibitionismus 
zusammenzuhängen. Seine Exhibition weist auch die bekannten Kom- 
ponenten auf: er zeigt sein Glied, um dadurch zu verführen, um sich 
und andere — gegenüber seiner Angst, ein geschädigtes Glied zu 
haben — von seinem Vorhandensein und seiner Intaktheit zu über- 
zeugen. Vor allem aber ist die Exhibition seine Mitteihmgsform: er 
zeigt im Theaterspiel, was er gesehen hat; er zeigt sein Glied als 
Aufforderung an den andern, ihn dasselbe sehen zu lassen. Auf Deu- 
tung reagiert er zumeist so, daß er das Gedeutete, das er bisher sym- 
bolisch getan hat, nun in Realität ausführen will, als wollte er damit 
sagen: „Ja, das will ich tun!" Er setzt die Aktion an die Stelle der 
verbalen Mitteilung. Sein Exhibitionismus ist ein Teil dieser agierten 
Mitteilung. Es könnte sein, daß dem sehr kleinen Kind zur Zeit, als es 
zum ersten Mal eine Szene als Trauma erlebte, die Worte gefehlt 
haben, so daß es das erlebte, überwältigende Erlebnis nicht anders 
verarbeiten konnte, als das ihm passiv Widerfahrene nun aktiv zu 
wiederholen. Sowie er an das Trauma in seiner Libidoentwicklung 
fixiert blieb, war er auch an der Mitteilungsform von damals fixiert 
geblieben. Diese Annahme läßt sich dadurch stützen, daß Poldi die 
Exhibition aufgab, als ihre Bedeutung verstanden und in Worten 
ausdrückbar geworden war. 

Auch Poldis Ich-Entwicklung ist auf einer sehr niedrigen Stufe. 
Er ist leicht dazu bereit, seinen Trieben freien Lauf zu gewähren. 
Nur die Angst vor Strafe hält ihn im allgemeinen zurück, von einem 
inneren Verbot weiß er nichts. 

Wenn man annehmen will, daß er in Libido- und Ich-Entwicklung 
auf jener Stufe fixiert ist, auf der er war, als er das fixierende Trauma 
erlebte, so könnte man vermuten, daß auch seine intellektuelle Zu- 



Über einen Fall von exhibi tiopistischer Oiianie Oßl 

rückgebliebenheit einer Fixierung der intellektuellen Entwicklunff 
auf der damaligen Stufe gleichkommt. Doch scheint diese Erklärung 
nicht ausreichend zu sein. Trotzdem Poldi die Exhibtion aufgab, die 
Angst soweit zurückging, daß sie ihn praktisch nicht mehr störte, 
hat sich an seinem intellektuellen Zustand nichts geändert. Auffal- 
lend erscheint, daß den Wortspielereien und Wortassoziationen ein 
breiter Raum zukommt. Poldi bildet eine Menge von Unsinns werten, 
deren Bedeutung vollkommen unverständlich bleibt, manche scheinen 
aus Silben gehörter Wörter zusammengestellt. Schließlich finden 
sich einige Assoziationen, deren Verbindung mehr durch die laut- 
liche als die sachliche Ähnlichkeit gegeben scheint, wie z. B.: Gstan- 
zeln — Stampfen, Dilta — Titterl, Greuel — Krüppel, Ham— bürg. 
Manchmal hatte es den Anschein, als ob Poklis unverständliche Worte 
eine fremde Sprache imitieren sollten, wie das Kinder manchmal im 
Spiel tun. Befragt, was er da sage, war er manchmal bereit, das 
Kauderwelsch für mich ins Deutsche zu übersetzen. Es war eine Ge- 
heimsprache, die er gegen mich zur Wahrung seiner Geheimnisse 
benützte. Doch war dies sicher nicht immer der Fall. Oft war es nur 
ein Spielen mit Lauten, in der Art ganz kleiner Kinder. 

Die geistige Zurüekgebllebenheit im Zusammenhang mit dieser 
Eigenheit läßt weiterhin eine über die Neurose hinausgehende und 
neben ihr bestehende Störung vermuten. 

Poldis Tick und krampfartige Bewegungen waren bei Abbruch 
der Behandlung selten geworden, da die sie auslösenden Erregungs- 
zustände infolge der verminderten Angst ebenfalls seltener geworden 
waren. Ihre Form aber war unverändert geblieben — auch hier muß 
wohl an ein Mitspielen von organischer Seite her gedacht werden, da 
wegen des vorzeitigen Abbruchs der Behandlung dies nicht mit voller 
Sicherheit auszuschließen ist. 



BERICHTE 



Zur Psydiologie der Strafe und des Strafens 

Von Heinrich Meng, Basel 

fon Dr. Heinrich Meng erscheint soeben ein Buch: y^Strajen 
und Erziehen", nus welchen wir — mit Genehmigurig des 
Verlages Hans Huher, Bern — das j. Kapitel zum Abdruck 
bringen. Mit dieser Schrift wird die Reibe ^Bücher des 
Werdenden, Herausgegeben von Paul Fevern wid Heinrich 
Meng'' fortgesetzt. 

Was ist Strafe? — Die Entwii-klnnp des kindlidien Ichs und des Gewi^■aenB. — Bestraft werden 
Tind SelballMBtrafen des Kindee. — Analociö znm Priniitiven. — Das Schuldeefülil. — Naturstrafe, 
Dreaaur und ErzieliungEstrafe. — Der Konflikt des Ödipua als normale Entwicklungsstufe. — 
Beispiele — Uae Alter des Kindee und die Entwicklung seines logischen Denkens andern den Ein- 
fluß des Strafens — Anakgio zwiEclien den Stufen des einzelnen Kindes und denen der Mensch- 
heit. — Schnidgefühl, StrafbedilrfuiH und Geetiindniazwang. — Reifa Eur Strafe. 

Strafe ist die bewußte ZufÜgung eines tl'bels wegen Übertretens irgend- 
welcher Vorschriften ethischer und auch niclit etliischer Norraen, durch eine 
bestimmte Persönlichkeit. Die Bereitschaft zum Strafen, Bestraflwerden und 
Sichse]bstbe.strafen wird in der gleichen Zeit im Kind erweckt und aufgebaut, 
in der es von den Erziehern die ersten sittlichen Gebote empfängt. Mit ihnen 
zugleich erfährt es von der Strafgewalt der Erzieher und der Forderung, so 
zu handeln, daß die Strafe vermieden wird. Es gleicht sieh seinen Erziehern 
an und „identifiziert" sich mit ihnen, d. h. es übernimmt Eigenschaften und 
Verhaltensweisen von ihnen. Das geschieht zuerst unbewußter- und allmäh- 
lich bewußterweiee aus dem natürlichen Bedürfnis nach Kontakt und Anleh- 
nung, der Vorform des Autoritätsbedürfnisses, aber auch aus 
N o t und Angst vor Liebesentzug und Strafe — und aus Liebe. 
Das Kind nimmt in diesem Verähnlichungs- oder Assimilationsprozeß das Be- 
dürfnis nach Erziehung und nach Strafe als aktive Strebung in seine eigene 
Persönlichkeit auf. Es erlebt aber auch gleichzeitig in seiner leibliehen und 
Beelisciien Hilfslosigkeit passiv Erziehung und Strafe. Die Spannung zwischen 
seinem Icli un(i der erziehenden und strafenden Umwelt wird zum AnUvft zu 
einer Spannung im Ich des Kindes; sein triebhaftes Ich spaltet — als Nieder- 
schlag der Erzieher in seiner Seele — einen Teil des Ichs ab, gleichsam einen 
Verbündeten der Erzieher. Das Ergebnis ist, daß je nach seinen biologischen, 
sozialen und seelischen Bedingungen das Kind sich bald als das wollende 
Ich, bald als das eigene Trieb- Ich fühlt und handelt. Ersteres ver- 
tritt die strafenden Erzieher, welche im Sinn von Recht, Moral und Kultur 
eingreifen, letzteres das primitive, unsoziale Triebhafte, das sich gegen 
fremde Eingriffe wehrt. Gewöhnlich sind beide Richtungen des Ichs gleich- 
zeitig vorhanden und kämpfen gegeneinander. Um der Strafe zu entgehen, 
verbietet sich das Kind allmählich seihst Unerlaiibtes, ja. es wird bei be- 
stimmten Erzieliungsmetlioden und bei bestimmten Erziehern oft ein viel 



1 



Zur Psychologie der Strafe und des Strafens 263 

gtreugerer Richter gegen sich selbst als der Erwachsene, dem es sieh gleich- 
gesetzt hat. Überstrenge und au große Weieliheit desselben Erziehers sind 
daher Extreme, die sich in einer ihrer Wirkungen auf das Kind — Selbst- 
gtrenge und Verweichlichung — berühren. Je mehr einerseits das Kind ver- 
weichlicht und daher seinem Triebhaften und „Kriminellen", von dem es be- 
dräng* wird, nachgibt, und je stärker und härter andererseits von auUen da- 
gegen gekämpft wird, um so unerbittlicher baut sich sein Gewissen auf. 
go wird das unbewußte und bewußte Verhalten des Kindes beeinflußt und 
gesteuert. 

Spaltung im Seelenleben des Erziehers oder des Lehrers, Zwiespalt zwi- 
Bcben den Eltern oder zwischen Eltern und Schule rufen bei der Aufwühl- 
barkeit des Kindes in ihm ein reichhaltiges, unliarmonisches Echo hervor, 
während Geschlossenheit der Personen und einheitliche Umwelt die Reifung 
und gute charakterliche Entwicklung begünstigen. Von der Umwelt hängt 
in hohem Maße ab, welche Forderungen aus Anlehnung oder durch Ab- 

, ßyjig das Kind sicii als eigene Moral stellt. Bei dem seelischen Waclistum 

enielt nicht nur das objektiv Wahrgenommene des Kindes, sondern auch die 

Phantasie eine Rolle. Es gibt eine magische Entwicklungsstufe 

des Kindes, die mit der des erwachsenen Primitiven zu vergleichen ist. 

Greifen wir aus dieser Verwandtschaft nur folgendes heraus; Das Kind 

renzt nur langsam sein individuelles Ich von der Umwelt ab. Es ist mit ihr 

rschinolzen, also mit Personen, Tieren, Pflanzen und Sachen. Die mangelnde 

Abeegrcnztheit des kindlichen Ichs von der Du- und Sachwelt erleichtert 

,. Identifizierung und die wechselnde pliantastische Veränderung des Ichs, 

vor allem seine Neigung zur Spaltung. Wie es je nach Erfahrung und Wunsch 

. gute" und „böse" Mutter kennt, sie liebt und haßt, so spricht es auch 

sich als von einem bösen und guten Kind. Ein bezeichnendes Beispiel er- 

"hlt S c u p i n in seinem Tagebuch, es gibt auch einen Hinweis auf eine Art 
^glbstbestrafungi 

Als der Bubi sicli in sein Fläschchen eigenmächtig Tee gegossen hatte 

A nicht ganz sieher war, wie wir das aufnelimen würden, sagte er zaghaft: 

Per Bubi hat mir Tinte gegeben!', redete also von sich gleichzeitig in der 

rsten und dritten Person. Kurz darauf fanden wir ihn bitterlich weinend vor, 
und auf unsere bestürzte Frage, was denn geschehen sei, stammelte der 
Schein] hervor: ,Dee Bubi hat mich gesieht an Haardel' (Haare), und recht 
drastisch zupfte er sich noch einmal am eigenen Haar. In fast keinem Beispiel 
. ^ gich so klar, daß das Kind zwei Personen in sich unterscheidet, ein 
cTites, braves ,Ic]i' und einen bösen ,Bubi', dem alle Entgleisungen und Un- 
arten in die Schuhe geschoben werden, der stets nur das Böse will und sein 
besseres ,Ich' foppt und ärgert." 

Bis das Kind die Wirklichkeit erkennt im Sinne ob,iektiver Beobachtung 
und Wertung, plianlasiert e.s die Erfüllung eigener Wünsche in Spiel und 

Unart". Dem Primitiven und gewissen Geisteskranken verwandt, liest es 
instinktiv unbewußte Vorgänge seiner Umweltpersonen stärker ab als der 
erwachsene Kulturmensch; es schließt oft aus Gesten und Bewegungen der 
Zustimmung oder Ableliuung mehr als aus den Worten der Erwachsenen,. 



264 Heinrich Meng 



welche Sympathie- oder Antipathiegefühle ihm entgegengebracht werden, es 
steigert seine Enttäuschungen oft zu explosiven Aktionen, die von den Er- 
ziehern als böswillige Unart aufgefaßt und bestraft werden. Aber auch das 
objektive und durch die fünf Sinnesorgane aufgenommene Verhalten der Er- 
zieher wirkt auf ein Kind ähnlich wie das Verhalten von Tieren, in deren 
Rolle es sich im Spiel gerne hineinphantasiert, im Rollenspiel 
(Ch, Bühler). Mit dem Wesen dieser Vorbilder versclimilzt es zeitweise 
ähnlich wie der Primitive mit seinem Totemtier. Eine Beobachtung, die Otto 
Rühle mitteilt, „Wie Nesthäkchen der Vater war", verdeutlicht, was ge- 
meint ist. 

„Bei einer befreundeten Familie war ich zu Gaste. Wir waren sechs Per- 
sonen zu Tische, wodurch die gewohnte Tischordnung verschoben wurde. Auf 
des Vaters Platze saß Nesthäkchen, ein munteres Guck-in-die-Welt mit 
Schelmenaugen. 

Der Vater, etwas nervös, hatte die Gewohnheit, beim Sprechen immerfort 
mit dem Kneifer zu hantieren. Bald setzte er ihn auf die Nase, bald nahm er 
ihn herunter. Dabei zwinkerte er mit dem linken Auge und zog den Mund- 
winkel nach dem Ohr. Man hätte nicht sagen können, daß sein Gesicht da- 
durch gewonnen hätte, aber niemand hatte ihn bisher darauf aufmerksam 
gemacht. Die Gattin nicht, aus Güte und verstehender Rücksieht; die Kinder 
nicht, weil sie es nicht wagten. 

Bei Tische nun fiel mir auf, daß die Kleine plötzlich zu schielen begann, 
die Augen zusammenkniff und schließlich mit Eifer Gesichter schnitt. Bald 
traf sie ein verweisender Blick der Mutter. Das half nichts, auch ein kurzer, 
halblauter Zuruf war erfolglos. 

,Na, was soll das heißen', fragte endlich streng die Mutter. ,Was sind das 
für Grimassen bei Tisch?' 

Da schaute der kleine Schalk der Mutter keck ins Gesicht und erklärte 
mit dem Brustton der Überzeugung: ,Ich bin doch heute der Vadder!' 

Wir lachten hellauf, die Mutter nicht ohne peinliche Verlegenheit. Auch 
der Vater besaß Humor genug, die kleine Lektion mit Heiterkeit zu quittieren. 

Das Gesichterschneiden hatte er sich daraufhin abgewöhnt." 

Wir sprachen von der Spannung im Ich des Kindes zwischen 
seinem Trieb-Ich und dem Ich-Teil, der, aufgebaut auf der ererbten Anlage 
zur Gewissensbildung, sich als Nachahmer und Verbündeter der Erzieher 
formt. Er wird zum eigenen Gewissen des Kindes. In der Spannung zwischen 
beiden ruht und wirkt der Keim der Schuldgefühle. Eine ihrer für Erziehung 
und Charakterbildung bedeutsamen Funktionen ist — ihre normale Entwick- 
lung vorausgesetzt — überstarke Triebforderungen einzudämmen. Je mehr 
das Kind allmählich auch die Forderungen der Gesellscltaft kennenlernt, bildet 
es sein der Familie angepaßtei^, kindliches Gewissen zum sozialen aus, woraus 
oft zwei voneinander wohl unterschiedene Gewisscnsriclitungen entstellen. 

Eine Vorform der menschlichen Erzieliungsstrafe als instruktiven Ver- 
such, dem heranwachsenden Lebewesen gefahrbringende Erfahrungen zu er- 
sparen, wird von Tierforschern bei zahlreichen Vögeln und Säugetieren be- 
schrieben, z. B. von B e n g t Berg. Die menschliche Erziehuugsstrafe ahmt 



Zur Psychologie der Strafe und des Strafen; 



265 



das Wirken unpersönlicher Natnrkräfte nach und tut das uinsomehr, je ver- 
nünftiger sie gehandliabl wird. Durch eigene Erfalirung und fremde Ein- 
wirkung hat das Kind aUmählich den Zusammenhang zwischen Feuer und 
Verbrennen des Fingers unter Schniera begriffen. Das ist eine Art Dressur. 
Zur Vermeidung von Schmerz und Not verzichtet es auf manchen M'unseh, 
wenn seine Erfüllung ähnlich „straft" wie das Feuer. 

Die weitere biologische, seelische und gesellschaftliche Entwicklung des 
Kindes versetzt es immer wieder in solche Zwangslagen. Beim Versuch, ihnen 
zu entgehen, findet es zwei Wege offen. Der eine ist das Streben, klein und 
damit unverantwortlicli für eigenes Tun wie das Neugeborene zu bleiben, der 
andere aber ist das Streben, rasch erwachsen zu werden, auszureifen und als 
eigener Richter zu walten. Dieser Zv^iespalt wird gesteigert durch die sieh 
widersprechenden Eindrücke der strafenden und belohnenden Erzieher, der 
strengen und der gütigen Mutter. So wtichst das Kind heran, bald vorwärts 
stürmend, bald zurückweichend. Ein hartes und unerbittliches Gewissen ist 
entstanden und schafft Schuldgefühle, fordert Strafen. Es entsteht das un- 
bewußte Strafbeürfnis des Erwachsenen, weil das viele „Böse-wollen" und 
„Gutes-wollen" des Kindes mit der weiteren Entwicklung aus dem Bewußt- 
sein verdrängt worden ist. Anlaß zu Konflikten ergeben sich schon ganz früh. 
Viele sind und bleiben unbewußt, sie hinterlassen kaum Spuren in dem Be- 
wußtsein des Kindes. Gut bekannt — aus der Psychoanalyse — ist die man- 
gelhafte Bewältigung der triebhaften sinlichen Bindung an die Eltern in Liebe 
und Haß — die ö d i p u s s i t u a t i o n. 

Diese Entwicklungsstufe wird auch von Forschern anerkannt, welche wie 
Homburger und Benjamin der Psychojinalyse fernstehen und sie durch 
eigene Beobachtungen bestätigt sehen. 

Im Mythus aller Völker kommt die Ödipussituation zum Ausdruck, Der 
Vater, bzw. die Mutter werden als „Nebenbuhler" gehaßt, denn der Knabe hat 
zu Mutter und Schwester und das Mädchen zu Vater und Bruder eine stärkere 
Beziehung als zu den gleichgeschlechtlichen Familiengliedern. Többen 
zeigte an umfassendem geschichtlichen Material, daß der Inzest biologiscii 
tief verankert ist. Er wies darauf hin, daß in Irland. Ägypten, Persien und 
anderen alten Kullurländern die Geschwisterehc und die Ehe des Vaters mit 
der Tochter selbstverständlich war, ein Inkakönig mußte die eigene Schwester 
stets zur Frau nehmen, um für heilig zu gelten. Bei den Persern steht fest, 
daß vierzehn Herrscher hintereinander die Inzestehe führten und daß erst in 
späteren Kulturstufen der Abschen vor dem Inzest sich als Reaktion aus- 
bildete. Wie tief die Ödipusbindung die Menschenscele beherrscht, geht auch 
aus der schöngeistigen Literatur hervor. In Henrik Ibsens ,, Gespenster" liebt 
Oswald Alwin seine St ief. seh wester Regine, olme das Verwandtschaftsver- 
hältnis zu kennen. Hunderte von Dichtern der alten und neuen Zeitepoche, 
unbeeinflußt von psychologischen oder pädagogischen Tendenzen und lange 
vor der Freud'schen Entdeckung der elementaren Bedeutung der Ödipiis- 
eituation für Charakter und Schicksal, haben dieses Motiv für Drama, Sage, 
Legende und Dichtung benützt. Bei Sophokles, Calderon, Lope de 
Vega, Shakespeare, Richard Wagner, Ibsen und vielen von ge- 



266 Heinrich Meng 



ringerer Bedeutung sind von Otto Rank die Inzcstmotive durch ihre ge- 
eamto Produktion verfolgt worden. Auch die kiminalistische Literatur 
spricht eine deutliche Sprache. Sie erbringt den Nachweis, wie oft beim 
Kulturmenschen unter Rückfall in urmenschliche Verhaltensweisen die 
Neigung zum Inzest es zum Versuch oder zur Tat kommen laßt. Beim sozial 
und neurotisch gestörten Mensehen kommen Anlagen zur Entwicklung, die 
beim Normalen latent sind. Schmidt stellte auf Grund der Akten unter achtzig 
Fürsorgefällen vierzigmal wirklichen Inzest fest, ähnliche Zahlen werden 
von anderen Unlersuchern beigebracht. Eine so stark biologisch und psycho- 
logisch gegebene Triebriclitung muß sieh auch in der Latenz bei dem nor- 
malen Kinde des Kulturmenschen bemerkbar machen. Das Kind wird aber 
durch die Umwelt gezwungen, seine ödipusbildung zu enfsinnlichen und 
die Kräfte, die sich in ihr auswirken, zu vergei.=tigcn. Bei der Stärke ripr 
Triebe und ihrer biologischen Verankerung in der Erbmasse hat es das Kind oft 
schwer, den Wandlungsprozeß ohne allzu große Störung seiner Ich- und Ge- 
wissensentwicklung zu bewältigen. 

In der schwierigen Kampfpliase zwischen drei und fünf Jahren ist diese 
Situation Quelle vieler Unarten und steigert und erweckt Schuldge- 
fühle, durch die das Kind oft geneigt wird, Strafen zu provozieren, um innere 
Spannungen zu lösen. Kaum eine andere Feststellung der Tiefenp-sychologie 
hat bei den Erziehern so viel Kopfzerbrechen und Ablehnung verursacht wie 
die Betonung der Bedeutung der ödipu.ssituation für die Erziehung. Aus ihr 
entstehen zahlreiche Anlässe, in denen die Erwachsenen ein eigensinniges 
Verhalten des Kindes mit Strafe belegen, vor allem dadurch angeregt, daß 
die meisten Konflikte im Reifevorgang zwisclien drei und sechs Jahren als 
Trotzerscheinungen sich bemerkbar maclien. Das einzige Kind erlebt 
die Ödipusbindung besonders stark, es hat meist große Schwierigkeiten, 
sich in die Gesellschaft einzuordnen. Freud und einige seiner Schüler, wie 
Sadger, haben wictitigo Charakter-Untersuchungen durchgeführt über die 
Entwicklung des Kindes in der Reihe der Geschwister, auch über die Be- 
dingungen, unter denen sie die ödipusbindung bewältigen, sich gegenseitig 
erzieherisch fördern oder stören. Benjamin gibt ein Beispiel für die 
Ödipussituation: 

„H. M., 4,2 Jahre alt, ist einziges Kind. Der Vater ist zwanzig Jahre älter 
als die Mutter und die Ehe augenscheinlich überaus unglücklich. Als Säug- 
ling hat sich H. gut entwickelt, nur lernte er erst spät sprechen. Mit zwei 
Jahren wäre das Kind unglaublich eigensinnig gewesen. So hätte es 2. B. 
abends so lange dröhnend mit dem Kopfe gegen das Gitter seines Bettchens 
geschlagen, bis er sein Ziel, ins elterliche Schlafzimmer zu kommen, erreichte. 
Meist habe H, bei den Eltern geschlafen, wäre bei allen elterlichen Szenen 
zugegen und er benehme sich der Mutter gegenüber wie ein Liebhaber. Er 
streichle ihre Brust, führe wahre Liebesszenen auf, wolle sie keine Minute 
entbehren, brülle sinnlos, wenn sie sich ihm versage, und es hätte sieh all- 
mählich eine ausgesprochene Eifersucht auf den Vater, den er auch gelegent- 
lich tätlieh angegriffen habe, entwickelt. Dieser unterstütze die Bindung des 
Knaben an die Mutter, weil sie ihm scheinbar zu einer Lustquelle geworden 



Zur Psychologie der Str afe und des Strafens 267 

ist und weil er iindererseits durch die t^einer Frau auüerlpgte Binduno- einer 
Befriedigung seiner Eifersucht findet. Scliließlich sei der Zustand dei5 Kindes 
so bedenklich geworden, daß der Arzt an eine Psychose gedacht habe. Die 
Mutter hätte immer das Unheilvolle dieser Erziehung gesehen, sie sei aber 
zu nachgiebig gewesen, um sich den brutalen Forderungen des Vaters zu ent- 
ziehen, der z. B. auch aus den erwähnten Gründen den Besuch eines Kinder- 
gartens Ptreiige verboten hätte. So sei H., ohne mit Altersgenossen zusammen- 
gekommen zu sein, aufgewachsen. Im Laufe der letzten zwei Jahre wäre das 
Kind im großen und ganzen ruhiger geworden, immerliin wären aucli heute 
noch erhebliche Erzlehungs,schwierigkeilen vorhanden, die sich vor allem in 
Trotz, Selbstsucht und großer Unselbständigkeit äußern. Reinlieh sei H. erst 
mit drei Jahren geworden. Er schlüge auch heute nocli mit dem Kopf an das 
Gitter des Bettes, wenn er ins elterliche Schlafzimmer kommen wolle, er 
onaniere, zupfte an den Lippen, erbräche willkürlich und klage oft grundlos 
über Bauchschmerzen." 

Bevor wir die Frage des Schuldgefühls und ihre pädagogische Auswertung 
weiter verfolgen, erinnern wir noch jin zwei Tatsachen, die uns das Ver- 
ständnis des Kindes und des Erziehers im Erziehungsprozeß erleichtern: Das 
eine ist, daß das Kind in seiner Entwicklung geraume Zeit braucht, bis es 
im Sinne des Erwachsenen geordnet denkt und wie dieser seine Gefühle und 
Triebregungen reguliert. Bis dahin bestehen für das Kind gunz anders 
logisf^be Zusammenhänge zwischen Schuld und Strafe. Die andere wohlbe- 
kannte Tateache ist, daß aus biologischen Gründen das Alter, in dem eine 
Maßiti^hme erlebt wird, über üire Wirkung entscheidet. Ob ein Kind vier oder 
zehn Jahro ist, bedeutet einen großen Unterschied. W. Stern gibt eine Ana- 
logie, sie entspricht zwar nicht jni einzelnen der Wirklichkeit, deutet aber die 
Wichtigkeit der Entwicklungsphase für die Wirkung unserer 
Maßnahmen an: 

„Das menschliche Individuum steht in seinen ersten Lebensmomenten als 
,Säugling' mit dem Vorwiegen der niederen Sinne, des dumpfen Trieb- und 
Eeflexlebens, auf dem Stadium des Säugetieres, erreicht im ersten halben 
Jahr mit der Tätigkeit des Greifens und des vielseitigen Nachahmens das 
Stadium der höchsten Säugetiere, der Affen, und erlebt im zweiten Halbjahr 
durch Erwerbung des aufrechten Ganges und der Sprache die eigentliebe 
Menschwerdung. In den n,*ichsten fünf Jahren des Spiels und des Märchens 
steht es auf der Stufe der Naturvölker. Sodann folgt der Eintritt in die Schule, 
die straffe Eingliederung in ein soziales Ganzes mit festen Pflichten, die 
scharfe Scheidung von Arbeit und Muße — es ist die ontogenetisehe Parallele 
zum Eintritt des Menschen in die Kultur mit ihren staatlichen und ökonomi- 
schen Organisationen. In den ersten Jahren des Schulalters sind die einfachen 
Verhältnisse der Antike und des Alten Testaments dem kindlichen Geist am 
adäquatesten, die mittleren Jahre bringen die schwärmerischen Züge der 
christlichen Kultur und erst die Zeit um die Pubertät herum erreicht jene 
geistige Kultur, Differenziertheit, die dem Kulturstand der neueren Zeit ent- 
spricht. Hat man doch oft genug das Pubertätsaiter selbst als die .Aufklä- 
rungszeit' des Individuums bezeichnet." , .. 



268 Heinrich Meng 



Der Erzieher kanii einerseits von diesem Gepielitspunkt aus abscliätzoii, 
wie Strafen und Belohnen hietoriseli verankert sind und wie sich ihre Wirk- 
lichkeit gewandelt haben, andererseit auch verstehen, daß für das Kind Schuld 
ujjd Strafe etwas anderes sind als für den reifen Menschen. 

Nicht wenige Kinder erleben das Bestrafen anderer Kinder so 
heftig mit, daß ihr eigenes Schuldgefühl sich dadurch mehrt. Das Kind zeigt 
als Folge oft ein sinnlos schlimmes Verhalten. Es reizt unbewußt den Er- 
zieher dazu, es selbst körperlich zu bestrafen, es tut das aus dem schon er- 
wähnten unbewußten Stralbedürfnis heraus. Aber keine Strafe kann zur 
echten Sühne und Heilung führen, wenn sie nicht die inneren Quälereien löst, 
sondern es entsteht merkwürdigerweise Lust und Reiz zu neuer Kebellion und 
neuer Gewissensqual. Das Kind macht sich aus ihm unbewußten Gründen 
unbeliebt. 

Weil es sich selbst verachtet und gleiche Verachtung von den Erziehern 
schon erwartet, will es unbewußt Strafe, um danach wieder liebenswert zu 
sein und geliebt zu werden. Daher sind die Reaktionen von Kindern, die durch 
eigene oder fremde Bestrafung gereizt werden, paradox, gemessen an der Er- 
wartung jener Erzieher, die Fe r n w i r k u n g v o n Strafen auf die Cha- 
rakterentwicklung nicht auch die Tatsache der Leidenslust (Masoehismus) 
berücksichtigen. Was sonst als Strafe Unlust erzeugen müßte, erregt bei 
vielen Kindern physische und psychische Lust. Wer darauf aufmerksam ge- 
macht worden ist, kann das unschwer selbst bestätigen. Der unbewußte Selbst- 
vorrat des Kindes in Sprechen und Spiel ist oft deutlich. In die Sprache des 
Erwaebseuen übersetzt, teilt das Kind mit: so sieht es in mir aus, ich bitte, 
mieli ernst zu nehmen und anzuhören, mich zu strafen, oder mich ohne Strafe 
zu lieben. Alle Ausdrucksformen, Mimik, Motorik, Wortpprache stellen sieb in 
den Dienst der verpönten triebhaften Kegungen und gleichzeitig des strafen- 
den Gewissens. Aber Herkunft und Inhalt des Geständnisses sind dem Kind 
unbewußt, es handelt zwanghaft. Das Kind leidet unter dem Schulgefühl und 
gleichzeitig auch unter der Angst vor Strafe. Um solche Schuldgefühle, Straf, 
bedürfnisse und Geständniszwänge entstehen zu lassen, muß eine starke ge- 
fühlsmäßige Bindung zwischen Ehern und Kindern vorhanden sein. Das Kind 
ist, wenn es den andern liebt, mit einem Teil seiner Persönlichkeit an den 
anderen gebunden. Es liat ein Bündnis mit dem Erzieher geschlossen, es 
identifiziert sich mit ihm und erlebt das Leid, das es dem Erzieher durch die 
Unart angetan hat, als eigenes. Daraus folgt, daß jede Erziehung und jede 
Strafe viel tiefer wirksam sind, wenn die Liebe des Kindes aktiviert ist. Sie 
ist der Kern der erzieherischen Beeinflussung überhaupt, der autoritativen 
Verständigung mit dem kindlichen Trieb — und mit seinem Gewissens-Ich 
— dem ,,Ü b e r-I c h" Freuds. Die Liebe des Kindes muß richtig entwickelt 
und allmählich zur angstlosen Verbindung verwandelt werden. Jeder vom 
Triebhaften angeregte Vorgang strebt danach, sich Affekten und Hand- 
lungen zu entladen. Das Schuldgefühl treibt schon nach den ersten Erleb- 
nissen des Lobes und des Tadels zu einer spontanen Entladung in Wort und 
Tat. R e i k erkannte diesen Geständniszwang als Ausdruck der Ten- 
denz zur Befriedigung des Strafbedürfnisses. 



Zur Psychologie der Strafe und des Strafens 269 

Id den ersten Formen der Selbstbestrafung ist noch kein bewußtes Streben 
nach Sühne erkennbar, es ist aber bereits eine Vorform der Sühne gegeben. 
Schon beim Zweijährigen ist die Selbstbestrafung deutlich wirksam. Das Kind 
muß also bereits die Erfahrung gemacht liaben, daß eine bestimmte Handlung 
Strafe nach sich zieht und schon danach denken und handeln. Bei der Selbst- 
bestrafung ist das Ich des Kindes bereits Subjekt und Objekt des Vergeltungs- 
irapulses, des Talionprinzips. W. Stern bringt folgendes Beispiel; „Wenn 
Hilde {2—2%) trotzig ist, weint oder schreit, wird sie immer noch ins andere 
Zimmer oder in die Ecke gestellt. Manchmal kommt es aber vor, daß sie in 
solchen Fällen selber verlangt: Ecke stellen. Neulich, als sie diesen Wunsch 
weinend äußerte und sich wirklich von selbst in einen W'inkel begab, fragte 
ich: Ist denn Hilde unartig? Antwort: Ja. Nach einer Weile rief sie gewöhn- 
lich mit sanfter Stimme: Mama, Mama. Ich fragte; Will die Hilde artig sein? 
Antwort Ja. Ich erlaubte ihr herauszukommen, und mit den Worten: K.onimt 
die atje Hilde, lief sie vergnügt herbei." 

Der Autor nimmt au, daß die Empfänglichkeit für Strafen als 
Subjekt und Objekt drei Stufen durchlaufe: die Wirkung der Strafe wurzelt 
in der mit der Tat assoziierten Unlust, dann wird die Strafe als die aus der 
Handlung natürlich hervorgehende Konsequenz erlebt und dann wird allmäh- 
lich der Sühnecharakter in der erlebten Strafwirkung bewußt. Diesem seelisch 
ablaufenden Prozeß entspricht biologisch der uralte Vergellungstrieb und die 
dämonische Scheu vor der Allmacht der Umwelt, der realen und der phanta- 
sierten. Das Kind ist davon überzeugt — und hier verwandt dem Primi- 
tiven — , daß man seine Gedanken sehen könne, ja, daß man sie ihm weg- 
nehmen könne (Piaget). Im Konflikt zwischen Triebhaftem und Forde- 
rungen der Umwelt zwingt sich das Kind zur Aufrichtung einer eigenen 
Eechfssphäre, in der es bald selber Urteile fällt und vollzieht oder wenn es 
aus irgend welchen Gründen damit zögert, den Erzieher aufmerksam macht, 
daß es „traffällig" sei. Es gibt reichlich Beispiele aus der früheren und 
späteren Kindheit, die den Geständniszwang demonstrieren. Wir entnehmen 
eines den Beobachtungen von Eeik: 

„Mein Sohn Arthur, acht Jahre alt, spielt eines Tages Polizeimann und ver- 
hört dabei Verbrecher, die seine Phantasie geschaffen hatte. Zuletzt redete er 
einen solchen Verbrecher mit Arthur au und sagt: ,Ah, ich weiß schon. Du 
hast einen Eevolver gestohlen, du wirst eingesperrt.' Als die Erzielierin ihn 
fragt, was mit dem Verbrecher Arthur sei, zieht der Junge einen Blech- 
revolver aus der Tasche, den er vorher in seiner Schule entwendet hatte." 

Der Autor untersucht im einzelnen und allgemeinen die Lage seines Kna- 
ben und die anderer Kinder in ähnlichen Situationen und kommt dann zu dem 
Schluß: Der Effekt, den das Spiel hatte, lasse unzweifelhaft einen Rückschluß 
auf sein Motiv zu. Das Spiel wird zu einem Ersatz der Beichte; das Ge- 
ständnis erfolgt ja dann wirklich. Die verborgene, aber doch sich offenbarende 
Bedeutung des Spieles auch anderer Kinder zeigt, daß viele Kinderspiele un- 
bewußt dargestellte Geständnisse sind. Sie verstehen lernen, das ist eine der 
wichtigsten Forderungen an den Erzieher zur Beurteilung von Eichten und 
Erziehen. 

Zaitscliriff f. psa. Pfid., VIII/5-8 j. 



270 H. Christoffel 



Die kuUureile Anpassung des Kindes ist unmögiich, wenn nicht eine Reihe 
von Verboten sein Verhalten modifizieren. Jedermann muß lernen, natürliche 
Reaktionen zu unterdrücken und bei vielen Handlungen den Verstand, statt 
das Gefühl vorherrschen za lassen. Jeder erworbenen Reaktion liegt eine an- 
geborene zu Grund, die durch Milieueinflüsae verändert wird. Die Frage ist: 
wie weckt man im Kind lebensnützliche Reaktionen und die selbständige 
Fähigkeit zu verantwortungsvollem und lebensfreudigem Handeln? Meist wird 
das Mittel der Strafe eingesetzt. Bevor wir unsere Stellung zn der Zweck- 
mäßigkeit dieses Verfahrens festlegen, müssen wir aus der pädagogischen 
Erfahrung und der pädagogischen Psychologie einige Kenntnisse zu Rate 
sieben. ■• ■' ■- 

Zur Biologie der Enuresis 
Von H. Christoffel, Basel 

Unter obigem Titel veröffentlicht Verf. eine ausführliche 
Studie, die in der neugegrilndeteii ^Zeitschrift für Kinder- 
psychiatrie — Journal dt Psychiatrie infantile" nachgelesen 
werden kann. Mit Rücksicht auf die Arbeiten von K. Levy, 
A. Angel und S. Bornstein im vorliegenden Heft unserer 
Zeitschrift veröffentlichen wir auszugsweise die Studie 
H. Christoffels. 

„Wiewohl der Enuresis geheißene Symptomenkomples ein ärztliches AUtags- 
problem ist, kann nicht behauptet werden, daß es gelöst sei. Und wenn der 
Versuch einer Klarstellung gewagt werden soll, so zeigt sich die Notwendig- 
keit einesteils auf vernachlässigte Einzelheiten des unmittelbaren Tatbestan- 
des einzugehen, andernteils die Enuresis in größerm Rahmen als üblich zu 
betrachten. Die Psychologie ist bei solcher Betrachtung ebenso wichtig wie 
die Physiologie. Nur im Verein beider Methoden können Lebensvorgänge er- 
forscht werden; wenn ich also von Psyehophysiologie oder Physiopsychologie 
spreche, so meine ich Biologie. Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich 
mit der Biologie der Miktion (Harnentleerung) und ist zentriert um deren 
Enuresis geheißene Störung. Enuresis ist eine psychogene Miktionsstörung, 
eine somatische Dysergie bei körperlicher Integrität." — „Zwar hat die soma- 
tische Mythologie mit ihren lokalistischen Deutungen und dementsprechonden 
Eingriffen allmählich mehr psychischer Auffassung bei maßgebenden Autoren 
weichen müssen. Doch sind die psychologischen Ansätze zum Verständnis der 
Enuresis meistenteils dürftig. Der Nur-Somatismus ist noch lange nicht er- 
ledigt. Vom Cerebrum bis zum Praeputium pflegt jede Verursachung für die 
Enuresis in Betracht gezogen zu werden, eine Ganzheitsbetrachtung, oder 
auch nur die Ansätze dazu, aber zu fehlen." 

Im ersten Teil beschäftigt sich nun der Autor mit den Zusammenhängen 
von körperlichen Erkrankungen und Störungen der Miktion (Harnlassen); 
es wird vorwiegend der Zusammenhang von Bewußtheitszustand und Ver- 



Zur Biologie der Enuresis o?! 



halten der Blaseninnervation untereucht. Diese Erörleruflgen bewegen sieh 
vorwiegend im Gebiete der Physiologie und anatomiBchen Pathologie. 

Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit den Abhängigkeiten und 
Wechselwirkungen von Miktion und Schlaf. Um das Problem der Enuresis 
besser abgrenzen zu können, stellt der Verfasser eine zusammenfassende Be- 
trachtung der Harnsammlung und -ausscbeidung voraus. Eine Harnsekretion 
findet schon intrauterin statt. Eine Exkretion erst während oder unmittel- 
bar nach der Geburt. Die tägliche Harnmenge beträgt bei gesunden Männern 
ungefähr 1500 bis 2000 ccm, bei Frauen nur 1000 bis 1500 ccm. Die Spannung 
der Harnblasenwand ist mehr oder weniger unabhängig von der Füllung der 
Harnblase, trotzdem löst eine Füllung von 300 bis 500 ccm normalerweise das 
Bedürfnis nach Entleerung aus. Diese Tafsachen sind deshalb wichtig für 
den hier behandelten Zusammenhang, weil die Enuresis eine vorwiegend 
männliche Erkrankung ist. Auf Grund unserer heutigen Kenntnis über die 
Psycho-Physiologie des Harnapparates dürfen wir vermuten, daß die Blnsen- 
wandspannung die körperliche Repräsentanz dessen ist, was wir psychisch 
als Harndrang bezeichnen. In Perioden des Wachseins uriniert der Säugling 
in Abständen von wenigen Minuten und setzt dann im Schlaf für Stunden aus. 
Stiernimann („Das erste Erleben des Kindes", Huber & Co., Frauenfeldt, 
1933, Seite 155) hält es für „unrichtig, die Säuglingsmiktion einfach als 
Automatismus zu bezeichnen; psycliische Faktoren spielen von Anfang an 
mit und können z. B. den Säugling veranlassen, den Urin bis zu zwölf Stun- 
den zurückzubehalten, wenn er Angst vor Schmerzen bei der Entleerung hat, 
wie wir dies regelmäßig nach der Erweiterung der Vorhaut Verengerung sehen". 

Die Anatomie belehrt uns, daß beim männlichen Gesehloeht der Blasen- 
verschluß in seinen glattmuskeligen und quergestreiften Teilen mehr ausge- 
baut und voluminöser ist wie beim weihlichen. Anatomisch betrachtet wäre 
also „Blasenschwäche" ein Stigma des weiblichen Geschlechtes und trotzdem 
kommen nach Noeggerath-Eekstein auf eine weibliche Enuresis zwei männ- 
liche. Aus diesen Tatsachen ergibt sich die Folgerung, daß Inkontinenz und 
Enuresis in keinen ursächlichen Zusammenhang zu bringen sind. Bei den 
Untersuchungen über Enuresis fehlen Beobachtungen über die Beziehung 
zwischen Schlaf und Miktion. Pfaundlers Handbuch vertritt die Meinung, 
daß der Tiefsehlaf, der den Bettnässer an der Wahrnehmung seines Harn- 
reizes verhindert, für die „automatische" Entleerung verantwortlieh zu 
machen sei. Dem widerspricht Bernfelds Beobachtung („Psychologie des 
Säuglings", Julius Springer, Wien, 1925), der nachweist, daß man beim Säug- 
ling nur „ganz kurze Perioden unbezweifelbaren Vollwachseins und nicht 
viel längere Perioden sicheren Tiefschlafs unterscheiden könne" (Seite 15), 
Die physiologische Enuresis des Säuglings ist mit der nächtlichen Enuresis 
nicht in direkte Beziehung zu bringen. Denn der Säugling näßt nicht im 
Schlaf, sondern im Erwachen. Gegenbeweise für die von Pfaundler vertretene 
Auffassung bieten auch die Erfahrungen einer Schweizer Enuresisstation. 
Die dort gemachten Beobachtungen lehren, daß die nächtliche Enuresis dann 
am geringsten ist, wenn die Kinder durch einen längeren Naelimittags- 
spaziergang ermüdet sind. Auch eine Diskussion in der Schweizer Gesell- 



272 H. Christoffel 



Bcliaft für Pädiatrie führte zu dem Ergebnis, „daß Tiefschlaf nur zu Unrecht 
als Ursache der Enuresis angegeben werde". 

Ein psychologisches Teilproblem ist in diesem Zusammenhang die schwere 
Erweckbarkeit der Enuretiker. Wäre Enuresis als rein somatisches Phänd- 
tnen aufzufassen, so müßte wohl der Harnreiz als spezifischer Weckreiz wir- 
ken. Die Erfahrung lehrt, daß der Enuretiker nur sehr schwer zu wecken ist 
und sich in dieser Beziehung völlig anders verhält wie etwa ein Nieren- 
kranker, den man zum Zwecke des Urinlassens weckt. Enuretiker pflegen 
den Bemühungen der Erziehungsumgebung einen energischen Widerstand 
entgegenzustellen, 

Verständnis für die psychologische Seite des Schlafproblems und für den 
Hüter des Schlafes, den Traum, bahnen Freuds Untersuchungen an. Im 
Anschluß an diese Untersuchungen und Freuds Auffassung vom Denken 
als Probehandeln, kommt Verfasser zu der Ansicht, die „Enuresis nocturna 
als die häufigste motorische Schlafhandlung zu bezeichnen". Klinisch rückt 
damit die Enuresis nocturna in die Nähe von Schlafwandeln und Schlaftiks, 
die einem „partiellen Wachsein" gleichkommen, so daß man in Fortführung 
dieses Gedankenganges wie Troemmer es auch tut, von einem ,.rein 
motorischen Erwachen" sprechen kann. Ebenso wie boi Tik oder Schlafwan- 
deln ist auch für die Enuresis die morgendliche Amnesie typisch. 

Im dritten Teil seiner Arbeit bemüht sich der Verfasser um die psycholo- 
gischen Einsichten in das Enuresisproblem. Er betont nochmals, daß unser 
Wissen um die Enuresis im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Häufigkeit 
steht. Den ersten Schritt zum Verständnis bahnt die Tierbeobachtung. Nicht 
mehr ganz junge, männliche Hunde zeigen die bekannte Hundepollakurie, die 
also ebenso wie die menschliche Enuresis das -männliche Geschlecht bevor- 
zugt. Brunstnässen findet sich besonders bei Hauskatern. Eine merkwürdige 
Analogie zu Kinderbeobachtungen zeigt der ausführlich beschriebene Fall 
eines Hauskalers. Nach der Rückkunft von den Ferien und der dadurch er- 
folgten Trennung von einer Katze kam der Kater in eine mehr wiSch entliehe 
Unreinlichkcitspliase. Die erhöhte Aufmerksamkeit und die gehäuften Liebes- 
beweise, die die Umgebung dann dem Tiere zuteil werden ließ, brachten die Un- 
reinlicbkeit völlig »■um Verschwinden. Nach Brehm werden Urinspiele von 
Ziegen, Kühen und Affen zitiert. Urinverhalten zeigen Bauernpferde der 
Freiberger Rasse und andere, so daß man im Gegensatz zur Hundepollakurie 
von einer Oligakurie (Harnverhaltung) der Pferde sprechen kann. 

Die Folklore beleuchtet das Problem von der psychischen Seite. Verfasser 
erwähnt zuerst Koheims Beobachtungen bei den Zentralaustraliern. „Ein 
immer wiederkehrender Zug des Rituale besteht... darin, daß die Männer ihr 
eigenes Blut auf den Boden fließen lassen, und das Blut, mit dem dies ge- 
schiebt, stammt aus der Subinzisionswunde der Urethra. Ich konnte auch 
beobachten, daß während und nach der Zeremonie viel häufiger uriniert 
wurde als sonst" (Seite 423). „In Liedern. Mythen und auch in der Realität 
erscheint der Geruchsinn als sexuelles Stimulans." Im Anschluß an eine Er- 
fahrung aus der ärztlichen Praxis verweist der Verfasser dann auf die Riech- 



Zur Biologie der Enuresis 273 

lust aJs Teilerscheinung der Urophilie. Auch in unserem Kulturkreie sind 
primitive Reaktioaen Erwachsener, wie die Beobachtungen in HallenBcbwimm- 
bädern u. a. erweisen, keineswegs selten. Auch dabei läßt sich ein Über- 
wiegen des männlichen Geschlechtes feststellen. Männliche Eedürfnisanstalten 
sind häufiger als weibliche. Knabenspiele, die als Iniliationsritus dienen oder 
solche ohne diese Motivierung, enden of im Anpissen unter bestimmten Be- 
dingungen. Als Abschluß dieser Beobachtungen erwähnt Verfasser das be- 
rühmte Männeken-Pies in Brüssel und einen bis im 19. Jahrhundert in der 
Luzerner Gegend erhaltenen Weihnachtsbrauch, wo für die „Bettseiher" 
öffentlich gebetet wird. In Anlelinung an Freuds „Drei Abhandlungen zur' 
Sexualtheorie" vertritt Verfasser die Ansicht, die Harnerotik als AUgemein- 
erscheinung aufzufassen, die in unterschiedlicher Stärke vorkommt. Im End- 
effekt wäre die Enuresis eine Wiederherstellung des intrauterinen Zustandes 
im Annäherungswert. Wenn Enuresis "bei älteren Kindern, z. B. Jiach der Ge- 
burt eines Geschwisters auftritt — .wäre diese nicht nur als üegreesion, sop:; 
dem auch als Säuglingsiraitation aufzufassen. Vom Widerstand des Säug- 
lings gegen das Abheben bis zum Harnstotter und Harnverhalten von emi- 
retischem Typ finden sich alle Übergänge. „Das Kind gibt seinen Urin und 
seinen Stuhl demjenigen ab, zu welchem es Zuneigung hat. Es versagt Beine 
Ausscheidungen anderen." — „Das Kind wird dann auf Enuresis verzichten, 
wenn es seine Umwelt liebt. Damit es das kann, benötigt es aber Liebe und ^ 

Verständnis von selten dieser Umwelt." Die Erfahrungen, die man in Er- ""x 

ziehungsanstaltea und Waisenhäusern machte, bestätigen die Annahme des 
Verfassers. Wenn man das besondere Regime für die Enuretiker aufgibt und 
sie auch sonst liebevoll behandelt, so war es nach den jahrelangen Erfahrun- 
gen einer Schweizer Anstalt möglich, den Prozentsatz von 40% auf 4% her- 
unterzudrücken und zeitweise auch bei den Dauernässern eine vollkommene 
Reinlichkeit zu erzielen. Für das erste Lebensjahr muß die Enuresis als Norm 
gelten. Während des zweiten Lebensjahre.': wird das Kind rein. Wälirend des 
dritten und vierten Lebensjahres, also in der Zeit der ödipussituation und mit 
beginnender Pubertät, zeigt der Knabe leicht Rückfälle. Als Entwicklungs- 
störung muß man es bezeichnen, wenn ein Kind vor der ödipnsphase kein 
Stadium der Reinlichkeit erreicht bat, oder wenn während der ödipuszeit 
ein bis zur Pubertät fortgesetzter Dauerzustand von Einnässung eintritt. ■ 

Die Enuresis als Onanieäquivalent zeigt die besonders engen Zusammen- 
hänge zwischen genitalen und urethralen Regungen. Klinische Erfahrung lehrt 
z. B., daß beginnender Orgasmus durch plötzlichen Harndrang abgelöst wer- 
den kann. ' • 

Häufiger als der ausgeprägten Form der Enuresis begegnet man der 
Pollakurie. Pollakurie oft in Verbindung mit häufigem Stuhldrang und an- 
fallsweisen Diarrhöen finden sich bei Angstneurotikeru. Die Arbeiten der 
Freud sehen Schule zeigen die Zusammenhänge zwischen Urethralerotik und 
Charakterbildung und zwischen Enuresis und Ejaculatio praecox. Pavor noo- 
turnus wird in Verfolgung dieser Probleme als' ein Bewältigungsversueh 
enuretischen Dranges aufgefaßt. 



274 Prager Brief 



' .. - Prager Brief 

Im November 1933 wurde in Prag auf Initiative einiger Kindergärtnerin- 
nen unter der Leitung von Steff Bornstein ein psychoanalytisch-pädago- 
gischcs Seminar begonnen, an dem auch eine größere Anzahl von Ärzten und 
Ärztinnen teilnahm. Die Teilnehmerzahl wuchs im Laufe der zwei Semester 
von 20 auf 40, ein Zeichen für das große Bedürfnis nach Erweiterung analy- 
tischer Kenntnisse, das unter den Prager Pädagogen und Eltern besteht. Die 
Sitzungen fanden einmal wöchentlich statt. Das Ziel der Arbeitsgemeinschaft 
bestand darin, analytisch Interessierten, aber nicht Vorgebildeten, ilie Grund- 
lagen der analytischen Kinderpsychologie an praktischen Fällen zu vermit- 
teln. Meistens bericliteten Kindergärtnerinnen oder Mütter über Schwierig- 
keiten, die ihnen ein Kind bereitete. Es gelang der Leiterin, die Teilnehmer 
zur offenen Aussprache zu ermutigen und sie einerseits zum wirklichen Ver- 
ständnis, andererseits zur Überzeugung von der Anwendbarkeit der Analyse 
für die praktische Pädagogik zu bringen*). 

Am ausführlichsten kamen die Schwierigkeiten der Kinder im dritten Jahr 
zur Darstellung. Es wurde über den Trotz des Kleinkindes diskutiert und im 
AnschluA daran wurde die aoal-sadistische Triebentwicklung und die Probleme 
der Reinlichkeitserziehung erörtert. Fälle von Fragezwang führten zur gründ- 
lichen Aussprache über sexuelle Aufklärung. Es wurde an Beispielen das 
frühkindliche Zwangssymptom und Zeremoniell erörtert und der Mechanis- 
mus des neurotischen Symptoms geklärt. Außerdem wurde über die kindliche 
Onanie, über Eßschwierigkeiten, über nächtliche Ängste, über Nägelknabbern, 
über Märchen und anderes diskutiert. — Im zweiten Semester wurden mehrere 
Abende folgenden Themen gewidmet; Probleme der Pubertät, Homosexualität, 
Probleme der Gemeinschaltsbildung, das Unbewußte des Erziehers in der 
Erziehung. 

Da eine Gruppe das Bedürfnis nach Erweiterung ihrer theoretischen Er- 
kenntnisse äußerte, bildete sich ein Kreis von zehn Teilnehmern, der in 
18 Kursstunden die „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" durcharbeitete. 

Aus dem Gebiet der analytischen Pädagogik wurden außerdem folgende 
öffentliche Vorträge gebalten: Steff Bornstein sprach an einem Eltern- 
abend einer Schule über „Eßstörungen und Schlafstörungen des Kindes". Teil- 
nehmerzahl etwa 150. Edith Glück sprach in dem Volksbildungshaus 
Urania über das Thema: „Das Märchen vom Glück der Kindheit". Teilnehraer- 
zahl etwa 50. Dr. A n n ie Re i ch sprach über das Thema: „Ängste der Kin- 
der und Neurosen der Erwachsenen". Teilnehmer etwa 75. Steff Born- 
stein sprach in einer Loge über das Thema: „Das Unbewußte der Eltern 
in der Erziehung der Kinder. Teilnehmerzahl 70. Steff Bornstein wurde 
außerdem nach Teplitz zu einem Vortrag „Über infantile Sexualität" ein- 
geladen. ^^- Kichard Karpe. 

t) Die Im letzten Heft erscliienene Arbeit von Liselotte Gero: „Pa yc ho anaLyt lache Geapricha 
mit einem kteinen Kinde" ging auf diesem SemlDar berver. 



Bücher 



275 



Kurs über psydiisdie Hygiene des Kintlesalters in Schweden 

Die schwedische Zeitschrift für Kinder- und Jugendforschung (Tidskrift 
för Barnavard och Ungdomsskydd) berichtet in Nr. 5/1933 über die Sommer- 
kurse, welche der Hcktor derSiljansskolan (des bekannten schwedischen Land- 
erziehungsheims) Harald Alm alljährlich veranstaltet. Die Kurse waren 
in diesem Sommer von 125 Teilnehmern aus allen Teilen der Welt besucht; 
fünf verschiedene Kurse wurden veranstaltet. Nach den beiden ersten wurde 
ein zweiwöchiger Kurs über psychische Hygiene des Kindes- und Jugend- 
alters gehalten und hiezu Dr. med. et phil. Wilhelm Hoffer aus Wien 
als Vortragender verpflichtet. Das überaus rege Interesse der Teilnehmer, 
vorwiegend skandinavische Pädagogen, eimöglichle es in Vorträgen und 
Seminaren die Grundlagen der psychischen Hygiene zu besprechen, einzelne 
Teilnehmer widmeten sieh außerdem noch der Durchsicht der einschlägigen 
Literatur. Nach Besprechung biologischer und medizinischer Fragen. Erb- 
lichkeit, Disposition und einiger soziologischer Grundbegriffe ging der Vor- 
tragende zur Darstellung der psychoanalytischen Grundbegriffe Über, wobei 
die Anfänge des Werkes Sigm. Freuds ausführlich besprochen wurden. 
An der Hand von Beispielen aus der Erziehungsberatung und Kinderanalyse 
wurden die Charakterentwicklung, die Konflikte, die Neurosen und Verwahr- 
losungen behandelt. Der zweite Teil des Kurses war für die Besprechung der 
Organisation und Arbeitsweise der Erziehungsberatung reserviert. Nunmehr 
konnte auch die Psychologie der Erzieher eingehend besprochen werden, da 
sie für die psychische Hygiene ebenso wichtig ist wie die Psychologie des 
Kindes. — Manchen der Hörer war die Psychoanalyse infolge der Pionier- 
arbeit von Alfhild Tamm (Stockholm) nicht mehr ganz neu; wenn man 
bedenkt, daß es unter den Hörern solche gab, welche an einsamen Land- 
schulen wirken, so darf man erwarten, daß die skandinavischen Pädagogen 
sich bald eingehender mit der Psychologie und Psychoanalyse werden be- 
schäftigen wollen; den Weg hiezu geebnet zu haben, ist Harald Alms 
Verdienst. 

Büdier 

Dr. Jeanne Stephani Cberbaliez, Le sexe a ses raisons. Librairie Payot &, 
Cie. 1933, 263 S. 

Die Arbeit wendet sich an alle Eltern und Erzieher, die „guten Willens" 
sind; sie will belehren und Anregungen für eine sexuelle Erziehung geben. 
Die Verfasserin betont die sexuelle Unfreiheit der Elterngeneration und geht 
den Ursachen dieses Sachverhaltes nach. Sie macht die unrealisierbaren, ethi- 
schen Forderungen der Religion, den Alkohol und die Legislatur dafür ver- 
antwortlich. Sie schildert die Folgen dieser Situation; das Vertrauen zwischen 
Eltern und Kindern wird gestört, der Mangel an Aufrichtigkeit demoralisiert 
und die Konflikte des Abwehrkampfes stoßen das Kind in die Neurose. Da 
die Eitern in sexuellen Dingen meist selbst gehemmt und zwiespältig sind, so 
müsse man versuchen an Stelle der Einzelaufklärung die Kollektivaufklärung 
in der Schule, etwa im Anschluß an den Naturgeschichtsunterricht zu setzen. 



276 Büdher 

Wünschenswert und für die Kinder günstiger wäre die Aufklärung durch' die 
Mutter. Im idealen Fall würde sich die Aufklärung als ein wesentlicher Be- 
standteil der gesamten, durch das Elternhaus zu leistenden Erziehungsarbeit 

einfügen. . '. ■' ■ 

Die Ratschläge und Beispiele, die die Verfasserin im Sehlußteil ihrer 
Arbeit gibt, sind nicht immer glücklich. Die Erfahrungen der letzten Jahre 
haben den Beweis erbracht, daß eine Aufklärungsarbeit in der Schule, wie es 
der Verfasserin vorschwebt, nicht durchführbar ist. Das Problem liegt nicht 
auf der Linie,. auf der es die Verfasserin sieht. Sexuelle Aufklärung ist ja nur 
ein Sonderfall in dem ganzen Problemenkreis, der die Beziehung zwischen 
Kind und Erwachsenen einerseits und die Entwicklung des kindlichen Trieb- 
lebens andererseits umfaßt. Eltern und Erzieher, die um das infantile Trieb- 
leben wissen und dieses Wissen auch verarbeitet haben, werden auf jeden 
Fall eine pädagogisch und psychologisch richtige Form finden. 

H. Hoffer-Schaxel. 

Dr. Edith Klamroth. Mutter und Tochter. Ein Beilrag zur Psychologie des 
reifenden Mädchens. Friedrich Manns pädagogisches Magazin. 169 pag.. Her- 
mann Beyer & Söhne, Langensalza. 1934, 

Die Verfasserin versucht den Ablösungeprozeß des reifenden Mädchens 
von der Mutter psychologisch zu ergründen. Problemstellung und Problem- 
beantwortung basieren auf W. Sterns Arbeiten über den Personalismue und 
beziehen von M. Schelers Werk über „Wesen und Formen der Sympathie" 
mancherlei Anregung. Das Material umfaßt 24 schriftliche Berichte von Müt- 
tern, das Ergebnis eines Fragebogens; und 24 Äußerungen junger Mädchen, 
die durch Überlassung von Tagebüchern oder Briefwechseln der Verfasserin 
zugänglich wurden. Die Autorin glaubt folgende typische Gestaltung fest- 
stellen zu können: aus der ursprünglichen un geschiedenen Wir-Welt der 
Familie, in der Mutter und Kind im „Mitvollzug der Akte" wesenhaft ver- 
bunden waren, löst sich das Mädchen allmählich in der Ausgestaltung einer 
eigenen personalen Welt, die sich von der der Mutter mehr oder weniger 
Unterscheidet, Entscheidend für den Ablösungsprozeß der Jugendlichen von 
ihrer Mutter ist die Entwicklung der individuellen Wertstruktur. Sie stellt 
.cjch dar: a) in der zunehmenden Beschäftigung mit dem eigenen Ich; b) in 
der Idealbildung; c) in der Errichtung autonomer Gegensätze (p. 164). 

Das ungleichartige und ungleichwertige Material wird nur schlagwort- 
artig mitgeteilt; dadurch wird jede ernsthafte Auseinandersetzung mit den 
gestreiften. Problemen selir erschwert. H, Hoffer-Schaxel. 

j)r- Ij. Szondi Konstitutionsanalyse psychisch abnormer Kinder. Fünf Vor- 
lesungen. Mit 55 Abbildungen im Text, 1933, Verlag Carl Marhold, Halle-Saale. 

Der Leiter" des Staatlichen Laboratoriums für Pathologie und Therapie 
au der Hochschule für Heilpädagogik in Budapest veröffentlicht hier fünf 
Vorlesungen, die er im Februar 1932 in Holland gehalten hat. Ihr Studium setzt 
biologische und medizinische Schulung voraus, sie werden niemanden ent- 
täuscheü, wenn man sich ihnen aus Vorliebe für saubere wissenschaftliche 
,4rbeit und nicht aus Hoffnung auf praktische Kutznieflung widmet. Für die 



Blichet 



277 



Praxis des Heilpädagogen bietet die wissenschaftliche Konstitutionsanalyse 
Szondis bloß eine Handhabe: die objektive Prognostik der Bildungsfähig- 
keit Ton Schwachsinnigen. „Welche krankmachenden Faktoren beeinträchtigen 
am meisten die Bildungsfähigkeit der Schwachsinnigen und welche am wenig- 
sten? Wir versuchten die Antwort auf diese Frage auf den vier Wegen der 
biologischen Forschung zu suchen. Erstens forschten wir, ob in der Ätiologie 
der bildungsunfähigen Schwachsinnigen andere pathogenetische Faktoren zu 
finden sind als in der Ätiologie der bildungsfähigen. So gelangten wir zu 
den generellen „pathogenetischen Grundlagen" der kinderpsychiatrischen 
Prognostik. Zweitens untersuchten wir, ob wir aus der genealogischen, erb- 
biologischen Struktur der Familie auf die Bildungsfühigkeit des schwach- 
sinnigen Probanden irgendwelche Schlüsse ziehen können. So gelangten wir 
zu der „genealogischen Grundlage" unserer Prognostik. Drittens fragten wir, 
ob die biologische Analyse des Prohanden, also sein Ahweiehungsquantum von 
der Norm- zur Grundlage der Bildungsfähigkeit dienen kann. So gelangten 
■wir zur prognostischen Bedeutung des „biologischen Abweichungsquantums" 
des Probanden. Schließlich prüften wir, ob das Verhalten des Probanden in 
der Schule, in der Familie und in der Gesellschaft, also sein Behaviour, als 
Grundlage der Bildungsfähigkeit zu verwenden ist." Von den Antworten auf 
diese Fragen will ich einige hervorheben, weil sie geeignet sind, Vorurteile 
auch bei dem zu zerstreuen, der sieh beruflich nicht mit Schwachsinnigen be- 
seliäftigt: vergleicht man nach Szondi in einer Gruppe Schwachsinniger 
die Fälle „rein endogenen" Ursprungs (Schwachsinn, Psychosen und andere 
Abnormitäten in der Sippscliaft) mit denen „rein exogenen" Ursprungs (Lues, 
anatomisches Geburtstrauma, abgelaufene Hirn- respektive Hirnhautentzün- 
dung), so überwiegen die Fälle exogenen Ursprungs (13,2% endogen, 59% 
exogen, der Kest gemischt). Die Bildungsfähigkeit einer solchen Gruppe ist 
umso größer, je weniger exogene Fälle in ihr vertreten sind, oder „je größer 
die Endogenität, umso größere Bildungsfähigkeit". — „Die Bildungsunfähigkeit 
der Probanden ist umso wahrscheinlicher, je weniger psychisch extrem 
abnorme Familienmitglieder durchschnittlich auf jeden Probanden einer 
Schwachsinnigengruppe entfallen." Gehirn- oder Hirnhautentzündung (exo- 
gener Faktor) beeinträchtigen am meisten die Bildungsfähigkeit der Pro- 
banden. Das Verhalten eines Schwachsinnigen kann nicht als objektiv 
verwendbare Basis zur Beurteilung der Bildungslähigkeit dienen. Schwach- 
sinn ist mehr als intellektuelle Schwäche, er ist die Verkümmerung der Gp- 
samtpersönlichkeit. 

Alle anderen praktischen Folgerungen, insbesondere solche aus der vom 
Verfasser vertretenen Pathogenese des Stotfcerns wären voreilig und wohl 
nicht in der Absicht des Autors gelegen. Dieser vertritt ja bloß die Meinung, 
daß die Krankheitsbereitschaft des Stotterns ererbt sei, daß der Konstiliitions- 
bereitschaft bei der Entwicklung des Stotterns eine fördernde Rolle zuzu- 
schreiben ist. Erbbedingte oder konstitutionelle Bereitschaft zu einer Krank- 
heit schließt nicht aus, daß ihre Manifestationen durch eine entsprechende 
Trieben! Wicklung verstärkt oder vermindert, kompliziert oder vereinfaclit 
werden. Verfasser hat Recht, wenn er meint, die Kenntnis wissenschaftlicher 



278 Zeitschriften 



Ergebnlese, z. ß. die Kenntnis von der konstitutionellen Grundlage vieler 
Fälle von Stottern wird den Blick des Heilerziehers nur schärfen und seine 
Methoden verbessern helfen. Auch bei der Erklärung der psychischen Abnor- 
mitäten, mit denen sich die psychoanalytische Therapie beschäftigt und die 
abseits der Forschung Szondis liegen, greifen wir oft auf den Begriff vom 
„konstitutionellen Faktor" zurück. Wenn S z o n d i und die wissenschaftliche 
Konstitutionsforschung objektive Maßstäbe dafür schafft, so kann man das 
nur warm begrüßen. Und von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet ist das 
Studium seiner Vorlesungen lohnend und genußreich. W. Hoffer. 

Zeitsdiriften 

Zeitschrift für Kinderpsychiatrie — Journal de Psychiatrie Infantile — 
redigiert und herausgegeben von Dr. M. Tramer, Priv.-Doz. der Univ. Bern 
uuter Mitwirkung von H. W. Meier, E. Glanzmann, A. Repond, F. Braun, 
J. Wintech, H. Christoffel. 1. Jahrgang, 1. Heft, April 1934. Verlag Benno- 
Schwabe, Basel, jährlieh 6 Hefte ä 32 Seiten. Preis schw. Fr. 12.—. 

In dieser neuen Zeitschrift wird der Versuch unternommen, eine Kinder- 
psychiatrie von Psychiatrie und Pädiatrie abzugrenzen. Dieses Unternehmen 
hat wohl alle Aussicht auf Erfolg, es ist ein Ergebnis der entwicklunge- 
psychologischen Richtung in der modernen Psychiatrie, aus wissenschaftlichen 
und humanen Gründen begrüßenswert. Ein programmatischer Entwurf des. 
Herausgebers, M. T r a m e r, skizziert die K. Ps. (Kinderpsychiatrie) und 
rechtfertigt ihre Sonderstellung in der Medizin wie folgt: 1. durch die Be- 
Sonderheit der für Kindheit und Jugend spezifischen psychiatrischen Unter- 
suchungsmethoden, 2. durch die Strukturdifferenzen der kindlichen Neurosen, 
Psychopathien und Psychosen gegenüber denen der Erwachsenen, 3. durch die 
Modifikationen der Therapie und schließlich 4. durch die Besonderheit der 
Prognosenstellung, welche nach Tramer „Entwickhmgsprognostik" sein muß. 
Die weitere Entwicklung wird zeigen, ob die Abgrenzung einer K. Ps. von 
Pädiatrie und Psychiatrie tatsächlich ein fruchtbares Arbeitsgebiet für ärzt- 
liche Forschung und Praxis schaffen wird, wie Herausgeber und Mitarbeiter 
erwarten. Es darf wohl nicht übersehen werden, daß die Kinderpsychiatrie 
Anleihen bei der Heilpädagogik und Fürsorgeerziehung wird aufnehmen 
müssen; beide Disziplinen reichen mit einem Sektor in die K. Ps. hinein, sie 
decken sich aber keineswegs mit praktisch-medizinischer Tätigkeit. Es ist 
zu hoffen, daß die fruchtbare Arbeitsgemeinschaft zwischen Medizin und Heil- 
pädagogik durch die K. Ps. eher gestärkt als geschwächt werde. Da die K. Ps. 
die kindlichen Neurosen, Charaktorschwierigkeiten, leichtere Formen der 
Psychopathien, die milieubedingten Verwahrlosungen und Pubertätskonfliktfr 
in ihre wissenschaftliehe und praktische Arbeit einbeziehen will, wird sie di& 
Auseinandersetzung mit der Kinder- und Verwahrloslenanalyse nicht um- 
gehen können. Die Psychoanalyse ist ja von den ersten Anfängen an Psycho- 
pathologie des Kindesalters gewesen, sie verfügt über ein Erfahrungsmaterial, 
dem keine Psychologie ähnliches zur Seite stellen kann. Wird die K. Ps. diese 
Stütze ihres Fundaments nicht bloß würdigen? Wird sie auch auf ihr ruhen? 



Zertschriften 



279 



II. Behn-Escheiibur g, Küsnacht-Züricli, nimmt „Zur Frage der Kinder- 
neurosen" Stellung. Er will dem psy^choanaly tischen Laien das Verständnis 
der Kinderneurosen von den Neurosen der Erwachseneft her näher bringen 
und dem Satz Sigra. Freuds: „Keine Erwachsenenneurose ohne vorher- 
gehende Kinderneurose" allgemeine AnefkennuTig verschaffen. Verfasser 
geht von Gedanken aus, welche Freud „Über die zwei Prinzipien des seeli- 
schen Geschehens" ausgesprochen hat und zeigt, daß der Erwachsene in seiner 
Neurose selbst noch ein Stück Kindheit agiert, weil er schon als Kind beim 
Übergang vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip gesciieilert ist und am man- 
gelhaft bewältigten Konflikt erkranken mußte. B. E. meint, die medizinische 
Psychologie beschäftigt sich mit den mißglückten Formen der Realanpassung. 
die pädagogische mit den Bedingungen, unter denen die geglückte Anpassung 
erreicht werden kann; an den praktischen Zielsetzungen gemessen wäre die 
erste Neurosentherapie, die zweite Neurosenprophylaxe zu nennen. „Kinder- 
psychiatrie und Erziehung" von Rutishauer handelt von den ärztlichen 
und pädagogischen Arbeitsprinzipien im ärztlichen Landerziehungsheim Er- 
mattingen; Ermattingen ist eines der vier ältesten ärztlichen Landerziehungs- 
heime des deutschen Sprachgebietes. Als ärztlicher Helfer benützt R, „ein- 
zeln oder kombiniert die Heilmethoden, die Forel, Dubois, Breuer und die 
Psychoanalytiker aufgestellt haben, natürlich je nach Indikation und aktueller 
Situation". Wer die psychoanalytische Therapie aus eigener Erfahrung genau 
kennt, findet gewöhnlich Legierungen der Psychoanalyse mit anderen psycho- 
therapeutischen Methoden für überflüssig; wo Modifikationen der Technik in- 
folge der besonderen seelischen Struktur der Kranken nötig sind, bemüht sieh 
die psychoanalytische Forschung um solche; es sei hier auf die besondere 
Technik der Kinderanalyse (Anna Freud, Melanie Klein) und der 
Verwahrlostenanalyse (August Aichliorn) hingewiesen, den Boden der 
analytischen Technik (TTbertragungs- und Widerstandsanalyse) wird der 
Analytiker ebenso ungern verlassen wie der Chirurg den der Asepsis seihst 
■bei dringlichen Operationen ungern verläßt. H. Chrietoffel veröffentlicht 
den ersten Teil einer Arbeil „Zur Biologie der Enuresis", die wir in vor- 
liegendem Heft ausführlich referieren. — Über eine Insolationsencephnlitis 
mit schizophrenem Krankheitsbild berichtet J- Lutz (aus der psychiatrischen 
Poliklinik für Kinder und Jugendliche in Zürich). Eine zehnjährige Patientin 
zeigte am l^eginn der Krankheit ein kataton-schizophrenes Krankheitsbild: 
später traten extrapyramidalo Störungen auf, der Liquorbefund und die 
Anamnese (vier Wochen vorher intensive Besonnung des Kopfea bei einer 
Turnvorführung) erhärteten die Diagnose: HirnontzUnduug. M. Tramer 
berichtet über den sehr interessanten Verlauf von „freiwilligen Schweigen'* 
bei einem oben schulpflichtigen Knaben; die Schweigsamkeit beschränkt sieh 
„auf den Verkehr mit einem (wenn auch unbewußt) ausgewählten, umschrie- 
benen Kreis von Personen", weshalb der Autor dafür den Terminus „Elek- 
tiver Mutismus" vorschlägt. Tramers Fall von Mutismus verlief in folgender 
Weise: ein Knabe war mit Eintritt in die Schule dem Lehrer gegenüber nicht zum 
Reden zu bringen; während er sich zu Hause nach wie vor wie ein normales 
Kind benahm, verstummte er Fremden gegenüber völlig. Die psychotherapeu- 



280 Zeitschriften 



tischen Methoden schlugen bei ihm fehl; weder die Persuasion (vom Vater^ 
Lehrer und dem Arzt angewendet) noch die Drohung, er werde nicht mit der 
Klasse aufsteigen, verfingen. Erst zu Beginn des dritten Schuljahres, das der 
Knabe in der zweiten Klasse verbringen sollte, trat ein Umschwung ein; jetzt 
ist der Knabe nach zwei Jahren ein in jeder Hineicht normaler Schüler. Leider 
muß die Dynamik der Heilung dieses Falles ungeklärt bleiben. Der Autor läßt 
PS offen, ob die Drohung und ihre Verwirklichung in der zweiten Klasse zu 
verbleiben das freiwillige Schweigen brach, ob es ein Lehrerwechsel war oder 
ob es nicht vielleicht doch die Wirkung von „gesegnetem Wachs" war, 
das die Mutter auf Anraten eines Kapuziners dem Knaben zu essen gab. „In 
den Osterferien 1931 hatte die Mutter, wie sie der Fürsorgerin im Jahre 1932 
berichtete, von einem Kapuziner, dem sie darüber geklagt hatte, gesegnetes 
Wachs bekommen, von dem sie dem Knaben zu essen geben oder es in seine 
Weste einnähen sollte." „Am ersten neuen Schulfage sprach der Knabe nichts, 
obwohl ihm obiges (nämlich in der zweiten Klasse verbleiben) eröffnet wurde. 
Er blieb daher in der zweiten Klasse, wobei noch zu erwähnen ist, daß zu- 
fälligerweise auch ein Lehrerwechsel stattfand. Die Mutter gibt an, sie habe 
vergessen, ihm an diesem Tage, wie sie es in Aussicht genommen, von dem 
gesegneten Wache zu geben. Am folgenden Tage holte sie es nach. Er habe 
das Wachs „mit Freude genommen. In der Schule habe er an diesem Tage ge- 
Rproehen, wenn auch bloß leise. Von da an ging es vorwärts. Nach drei 
Wochen, während der nur ein schwacher Rückfall sich gezeigt hatte, konnte- 
er in die dritte Klasse versetzt werden und ist jetzt nach Angabe des Lehrers 
Fein bester Schüler". — Bei der Erklärung dieses so prägnanten Krankheits- 
bildes geht Tramer von der kindlichen Scheu überhaupt aus, sieht in ihr 
wohl mit Recht eine archaische Reflcxform aus der Kategorie der Abwelir-- 
reflexe, die im vorliegenden Fall durch einen Zuschuß von Trotz zu dem 
Krankheitsbild führten. Wie in der Katatonie dürften hier archaische Tod- 
steil- und Sehfiinfodreflexe wirksam sein. An diese Deutung der Scheu als 
archaische Reflexform möchte Referent folgende Bemerkung anschließen; den 
arcliaisehen Sinn des Redens und Schweigens bestätigt auch die Traum- 
Symbolik. Das Sprechen wird zur Darstellung des Lebens, das Schweigen für 
das Totsein benützt. Doch würde unser Kausalitätsbedürfnis eher befriedigt 
werden, wenn bei der Deutung des „Elektiven Mutismus" ebenso wie bei der 
kindlichen Scheu das „Rezente Material" mehr berücksichtigt worden wäre. Die 
vorliegende Krankengeschichte muß im Verhältnis zu dem Material, auf das 
wir unsere analytische Deutungsarbeit aufzubauen gewohnt sind, zwar dürftig- 
genannt werden, aber es läßt immerhin vermuten, daß der elektive Mutis-- 
mus ähnlich wie der hysterische Mutismus durch einen Konflikt zwischen 
Triebleben und Außenwelt (introjoziert als Uber-Ieh) zustandekommt (selbst-- 
verständlich mit regressiver Belebung archaischer Denk- und Darstellungs- 
forraen). W. Hoffer. 



Zeitsdirift für psyAoanalytisdie Pädagogik, VIII. Jahrgans Heft 5— 8 

INHALT: 

SteH Bernstein: Eine Technik der Kinderanaiyae bei Kindero mit Lernhemraungen 141 

Fritz Eedl: Zum Begriff der „LernatBrung" jgg 

Eata L6vy: Vom Bettnässen des Kindes 1^ 

Melitta Sclimideborg; Dio Spielanolyse eines droijBhrigcn Mädchens iflß 

Aany Angel; Aus der Analyse einer Bettniisserjn 216 

Berts Bornstein: Enuresis und Kleptomanie als passag&res Symptom 239 

Edith Buxbaum: Über einen Fall von exhibi t ion ist is eher Onanie 238 

BEHICHTE 

Heinrich Meng: Zur Psychologie der Strafe und des Strafens .262 

H. Christoffel: Zur Biologie der Enuresis 270 

Präger Brief 274 

Kurs über psychische Hygiene des Kindesalters in Schir-eden 275 

BUCHER UND ZEITSCHRIFTEN 

Dr. Jeanne Stophani Cherbuliez: Le soxe a ses raisons (Hoffer-Sckaxel) ... 275 

Dr. Edith Klamroth: Mutter und Tochter iHoffer-Schaxct) 276 

Dr. L. Saondi: Konstitutionsanalyae psychisch abnormer Kinder {^Hoffer) 276 

Zeitschrift für Kindei-psyehialrie (Hofferj 278 



BEIHEFTE ZUR „INTERNATIONALEN ZEITSCHRIFT 
FÜR PSYCHOANALYSE" UND ZUR „IMAGO" NUMMER I: 



I 



IMRE HERMANN 

DIE PSYCHOANALYSE 
ALS METHODE 

Großoktav. 114 Seiten. Geheftet KM 6.50 

Aus dem Inhalt: 

Das Bewußte und das Unbewußte / Die psycho- 
analytische Konstellation. Die Beschaffung des 
Materials iDie Grundregel — Die Rolle der Auf- 
nierksainkeit; Die ruhige Selbstbeobachtung. — 
Das Lebendigwerden der Vergangenheit; Die Ab- 
leitung der Affekte in Worte. — Das Geheimnis; 
Die rezeptive Einstellung des Analytikers; Die 
"Widerstände; Die Grundstimmnng. — Affekt- und 
Konfliktübertragung; Sicherung der freien Asso- 
ziation; Niveau- und Schlichtung der Assoziations- 
ketten) / Die Verarbeitung des gesponnenen Ma- 
terials (Das psychoanalytisch Sinnvolle. — See- 
lische Kontinuität und Determinismus; Zur Konti- 
nuität der seelischen Geschehnisse; Spielraum. Zu- 
falL Kausalität; Die Sinngebung in der Praxis. Die 
Funktion des „Sinn-Organs") / Die Kontrolle. 



INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 



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Aus dem Inhalt: 

Das Yergcsseu von Kindheitserlebnissen, Triebleben, 

Vorpubertät und Reifung, Psychoanalyse und Pädagogik. 

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VON DER BEFREIUNG DES IRREN 
Aus dem Inhall: 

Oeäpcnsterapuk, Lehen und Tod, Städte, Mütter, Be- 
freiung der Gesunden, das Urtier in ans — unsere Not 
und Notwendigkeit. 

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STIMME 

Aus dem Inhalt: 

Kultur, Zivilisation und innere Sicherheit. Die Wieder- 
herstullung der Spre eh stimme. Das Stottern. Hypnose 
und Psyehoanalyae. 

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Aus dem Inhalt: 

Das Vergessen i'on Kindheitserlehnisscn, Tric bieben 

Vorpubertät und Reifune, Psychoanalyse und Pädagogik! 

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VON DER BEFREIUNG DES 
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GeapensterHpuk, Leben nnd Tod, Städte, Müttor, Be- 
freiung der Gesunden, das Urtier in uns — unsere Not 
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