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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik VII 1933 Heft 7"

VII. Jahrg. 



Juli 1933 



Nr. 7 



Zeitschrift für 

psychoanalytische 

Pädagogik 



Steff Bornstein: 



Eine Kinderanalyse 



Sandor Ferenczi *j* 
Aus „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinns" 



Buchbesprechungen 



Preis dieses Heftes Mark 1' — 



T" 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 

Begründet von Heinrich Meng und Ernst Schneider 



August A i c h h o r n 

Wien V, Sdiönbrunnerslraßc 1 10 



Herausgeber: 
Dr. Paul Federn 

Wien VI, Köstlcrgasse 7 



Dr. Heinrich AI eng Prof. Dr. Ernst Schneider 

Krankfurt a. M. Marlcnstraße 15 Stuttgart, Gansheidcstraße 47 



Anna Freud 

Wien IX, Berggassc 19 

Hans Z u 1 1 i g e r 

1 1 1 i n g e ii bei Bern 



Schriftleiter: 
Dr. Wilhelm Ho ff er, Wien, IX., Lustkandlgasse 12 



12 Hefte jährlich M. 10*—, schw. Frk. 1250, österr. S 17'- 
Elnzelheft M. 1'- (schw. Frk. 125, österr. S 170) 

GeichAftllche Zuschriften bitten wir zu richten an 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I. In der Börse 



Zahlungen für die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" können geleistet werden 
durch Postanweisung, Bankscheck oder durch Einzahlung auf eines der 

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bekanntzugeben, denn die Abonnentenkartei wird nach dem Ort und nicht nach dem 

Namen geführt. 



Das nächste Heft dieser Zeitschrift erscheint als Doppelnummer (8/9) 

und wird u. a. Analysen von Kindern und Jugendlichen behandeln. 

In Vorbereifung befinden sich ferner die Sonderhefte „Die Angst des 

Kindes" und „Psychoanalyse des Erziehers". 



ZEITSCHRIFT TÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



VII. Jahrg. 



Juli 1933 Heft 7 



Eine Kinderanalyse 

Von Steff Bornstein, Mailand 

Die im folgenden mitgeteilte Analyse eines dreijährigen Knaben wurde 
nach etwa hundert Behandlungsstunden mit einem günstigen therapeutischen 
Erfolg abgeschlossen. Die Analyse reichte nicht aus um eine zuverlässige 
Auskunft über alle Probleme zu ermöglichen, welche die Erkrankung und 
die Entwicklung des Kindes aufwirft. Aber dieser Nachteil ihrer relativen 
Kürze wird zum Vorteil, wenn man sie auf ihre Eignung zur Darstellbar- 
keit prüft: sie gestattet ein noch übersichtliches Aufzeigen des Weges, den 
die analytische Arbeit nahm. 

Die Mitteilung dieser Analyse lockt aber auch deshalb, weil sie uns 
besonders eindrucksvoll an die Bedeutung eines frühen traumatischen Er- 
lebnisses für die weitere Triebentwicklung erinnert; das hier Entscheiden- 
de, das die Entwicklung des Kindes empfindlich störte, fiel in das frühe 
Alter von eineinhalb Jahren. Es löste genitale Angst aus in einer Zeit, 
in der das Genitalprimat noch nicht aufgerichtet war, prägenitale Trieb- 
ansprüche im Vordergrund standen. Die Wirkung dieser verfrühten geni- 
talen Angst war Hemmung der prägenitalen Strebungen: m dem Alter 
von eindreiviertel bis drei Jahren erfuhren alle sadistischen Regungen, die 
in dem Kinde auftauchten, eine sofortige Unterdrückung, anale Regungen 
waren verdrängt, und die verdrängten in einem neurotischen Symptom 
durchgebrochen. Die Angst aber, welche die prägenitale Erotik an ihrer 
Entfaltung hinderte, störte auch den Durchgang zu genitalen Strebungen; 
sobald diese auftauchten, wurden sie mit Angstvorstellungen besetzt und 
verdrängt. Ein anderer Umstand verdient noch unser Interesse: die Ent- 
deckung wie früh bereits, noch vor der Ausbildung des Genitalprimats, 
eine im Ansatz schon vorhandene Ödipuseinstellung abgebogen werden und 
die Zuwendung zum gleichgeschlechtlichen Elternteil stattfinden kann. 
Peter wird kurz vor seinem dritten Geburtstag in die Analyse gebracht, 
weil er an folgendem Symptom leidet und seine Umgebung leiden macht: 
er kann seinen Stuhl nicht hergeben. Er ist nicht etwa verstopft, denn er 



Zeitschrift f. psa. Päd., VI I/7 253 



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INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




hat regelmäßigen Stuhldrang und sein Stuhl zeigt normale Beschaffenheit, 
aber er hält mit krampfhafter Anstrengung seinen Stuhl mindestens einen 
Tag lang, meistens aber zwei bis drei Tage, gelegentlich vier bis fünf Tage 
zurück. Kann er dann nicht mehr zurückhalten, so läßt er unter größ- 
ter Angst, daß er die Höschen beschmutzen könnte, sich aufs Töpfchen 
setzen und entleert mit einem Ausdruck des Entsetzens im Gesicht, um 
dann sofort vom Töpfchen fortzulaufen, als sei es gefährlich, in der Nähe 
seiner Exkremente zu verweilen. Seine Angst bei dem Entleerungsprozeß 
scheint etwas geringer, wenn er nicht aufs Töpfchen gesetzt, sondern die 
Entleerung im Garten abgehalten wird. Ja, es kam im Sommer vor, daß 
er sein krampfhaftes Zurückhalten eher aufgab, wenn man ihm sagte: 
„Komm, mach im Garten, und wir vergraben dann deinen großen Wunsch 
in der Erde"; man meinte schon, daß ihm der Spaß des Vergrabens zur 
Überwindung der Angst helfen könnte, aber auch im Garten lief er mit 
dem Ausdruck von Angst und Ekel von seinem Stuhl fort. Wir wissen, 
daß Kinder in diesem Alter sich für ihre Entleerungsprodukte zu interessieren 
pflegen, die Menge ihres Stuhls oder die Größe ihrer Kotstange bewundern 
so war Peters Verhalten seinem Stuhl gegenüber sehr abweichend von dem 
üblichen. An den Tagen, an denen Peter entleert hatte, war er sogleich 
nach dem für ihn so schlimmen Prozeß heiter, gleichmäßig in der Stimmung 
spielte vergnügt und nahm an der Umwelt lebhaften Anteil. Am nächsten 
Tag schon, sobald der Stuhldrang sich meldet und Peter mit dem Zurück- 
halten beginnt, ist das sonst heitere und sehr bewegungslustige Kind ver- 
stimmt, ißt schlecht, spielt nicht, sitzt ein paarmal am Tage, offenbar 
jedesmal, wenn er erneuten Stuhldrang merkt, in verkrampfter Haltung 
und der Umwelt ganz entrückt auf dem Stühlchen fest, dabei lutscht er 
und wickelt einen Finger um ein Löckchen, als hielte er sich an einem 
Tau fest. Es war unschwer zu erkennen, wenn man das Kind in dieser 
Situation sah, wie das Zurückhalten des Stuhldrangs, — der Junge nennt 
den Vorgang „ich ziehe meinen großen Wunsch zurück" — in Onanie mit 
deutlichem Orgasmus überging. Das Kind erzählte mir auch im Laufe der 
Behandlung: „das macht mir im Popo so angenehm, wenn ich den großen 
Wunsch zurückziehe. Aber schon die bloße Beobachtung zeigte, daß Peter 
nicht zum Zweck einer onanistischen Befriedigung, sondern aus Angst 
seinen Stuhl zurückhielt. In den ersten Wochen der Behandlung setzte 
sich Peter oft auf den Klosettsitz mit der ehrlichen bewußten Bereitschaft, 
seinen Stuhl herauszudrücken, um dann plötzlich mit ängstlichem Gesicht 
wieder fortzulaufen, sichtlich in dem Augenblick von Angst erfüllt, wenn 
er im Enddarm die Kotstange heraustreten spürte. Also ein aus Angst 
geborenes Symptom (ein Zwangssymptom können wir ruhig sagen, denn 
Peter produziert es wie unter einem Zwang stehend gegen seinen bewußten 
Willen), bekommt in seinem Verlauf einen Befriedigungscharakter, macht 
den Eindruck, als sei es als Abart der Onanie erdacht. 

An den Tagen seines Stuhlzurückhaltens war Peter auch für Unter- 

— 254 — 



haltungen ganz unzugänglich, weinte leicht, war jedem etwas strengerem 
Wort gegenüber sehr empfindlich. Diese Schilderung seines Zustandes gab 
mir die Mutter des Kindes bei der Vorbesprechung und ich überzeugte 
mich dann persönlich davon, daß der Zustand nicht übertrieben dargestellt 
wurde. Das Kind war tatsächlich an solchen Tagen ganz verstört. Wenn 
wir einen Erwachsenen mehrere Tage der Woche in einem solchen Zu- 
stand sehen, so pflegen wir ihn für psychisch schwer krank und eines 
Nervensanatoriums bedürftig zu erklären. 

Das Milieu des Kindes muß als eines der Entwicklung eines Kindes 
besonders zuträgliches angesehen werden. Seine Eltern sind unneurotisch, 
leben in einer glücklichen Ehe und werden mit den Sorgen des äußeren 
Lebens gut fertig. Die Mutter ist pädagogisch gebildet, war bis zur Geburt 
Peters beruflich tätig, ist eine sehr mütterliche, tätige, kluge Frau, liebt 
Peter sehr, verwöhnt ihn aber nicht. Sie hatte Peter meistens allein ver- 
sorgt, nur ein halbes Jahr lang war eine Kindergärtnerin im Haus, Dienst- 
mädchen wurden sorgfältig ausgewählt und über die Erziehungswünsche 
der Eltern aufgeklärt: das Kind sollte in Ruhe, selbständig und ohne Angst 
und Bedrohung aufwachsen. Der Vater des Kindes ist ein psychologisch 
feinfühlender Mensch, hängt sehr an Peter und kümmert sich mehr um 
ihn als es sonst Väter bei so kleinen Kindern zu tun pflegen. Es ist wohl 
diesem liebevollen Milieu und der verständigen Erziehung zuzuschreiben, 
daß der Kern der Persönlichkeit des kleinen Peter von seiner Neurose noch 
nicht sehr angetastet schien. Aber auch der Anteil der glücklichen Säug- 
lingszeit des Kindes darf nicht vergessen werden. 

Zur Umgebung des Kindes gehören noch zwei Brüder, Zwillinge, die 
geboren wurden, als Peter zwei Jahre fünf Monate alt war. Sie sind ein 
halbes Jahr alt, als Peter mit der Behandlung bei mir beginnt. 

Bei der Vorbesprechung frage ich die Mutter, wie die Reinlichkeitser- 
ziehung des Kindes gewesen ist. Diese Frage ist in jedem Fall wichtig, 
wir wissen, daß die Art der Reinlichkeitserziehung, das Verhalten der Er- 
ziehungspersonen dabei, die Reaktionen des Kindes auf diese ersten Versuche 
der Erwachsenen, das Kind an Pünktlichkeit, Sauberkeit, Gehorsam zu ge- 
wöhnen, bedeutsam für die Charakterentwicklung des Kindes sind; in diesem 
Fall, wo das Symptom des Kindes so eindeutig anal war, drängt sich die 
Frage nach der Reinlichkeitserziehung von selbst auf. Die Mutter erzählte, 
daß sie ziemlich früh damit begonnen hätte, das Kind abzuhalten, daß 
alles glatt verlaufen sei, wie überhaupt Peter in seinem ersten Säuglings- 
jahr ein glückliches, zufriedenes, ganz und gar unschwieriges Kind gewesen 
sei. Die Mutter habe zwar auf regelmäßigen Stuhl geachtet, wie es eben 
die Säuglingshygiene erfordere, es habe aber das Interesse an der Verdauung 
nicht im Vordergrund gestanden, wie das in manchen Familien üblich 
sei: Peter habe der Reinlichkeitserziehung keinen Widerstand geleistet, ja 
er habe bereits um das vollendete erste Jahr herum sich mit den Lauten 
a-a gemeldet, wenn er Stuhldrang merkte. Manchmal erfolgte das a-a Rufen, 



— 255 — 



i8* 



wenn es zu spät war, aber es erfolgte stets. Wir dürfen das als ein Zeichen 
eines guten Kontakts zwischen Kind und Mutter deuten: „ich melde mich, 
weil du es wünschst." Strengere Maßnahmen seien bei Peter niemals er- 
forderlich gewesen, später, als Peter schwieriger wurde, erschienen sie den 
Eltern geradezu als unangebracht, weil Peter bereits einem strengeren Ton- 
fall gegenüber in Aufregung geriet. Die Worte „du, du" etwa wirken 
auf ihn so wie auf andere Kinder strenge Strafen: er kommt ins Weinen 
oder wird böse und bettelt: „Mami. nicht du, du sagen." Als Peter ein 
Jahr fünf Monate wurde, ist die Mutter für kurze Zeit allein verreist; das 
war ihre erste Trennung von Peter. Peter blieb mit dem Vater und einem 
Kindermädchen zu Hause, schien auch in dieser Zeit ganz munter, als 
aber die Mutter von der Reise wiederkehrte, meldete er sein a-a nicht 
mehr wie früher an. Die Mutter, die inzwischen durch die analytisch 
orientierte Säuglingspsychologie sich belehren ließ, daß ein zu frühes 
Saubersein der Kinder nicht unbedingt ein Vorteil sei, versuchte nicht 
die Meldungen des Kindes zu erzwingen und wartete geduldig ab, bis er 
verständiger würde. — Wir können aber an dieser Stelle schon etwas 
merken: Peter scheint der Mutter ihre Fortreise übelgenommen zu haben, 
er gibt seiner Enttäuschung an ihrer Untreue Ausdruck, indem er den 
bisherigen Kontakt aufgibt: gehst du weg. so bin ich nicht mehr dein 
liebes Kind und mach dir mit meinem a-a nicht mehr Freude. Für den 
kleinen Peter wurde sehr früh sein Stuhl ein Mittel, seine Freundschaft 
zur Mutter oder eine Gegnerschaft gegen sie anzuzeigen. 

Einige Monate später, erfahren wir von der Mutter, sei Peter plötzlich 

sehr empfindlich gegen das Sich-Beschmutzen geworden und auch heute 

noch sei er unglücklich, wenn er einmal um einen Moment zu spät sich 

aufs Töpfchen setzen lasse; auch sonst sei er entsetzt über jedes Fleckchen, 

das er irgendwo sehe, so sehr, daß man ihm zureden müsse, es sei ja nicht 

so schlimm. Schmutziges könne man ja wieder sauber machen. Wir sind 

neugierig, wie dieser übermäßige Sauberkeitssinn entstanden sein mag. Die 

Mutter vermutet, daß eine Darmerkrankung, als er etwa ein Jahr sieben 

Monate alt war, den ersten Anlaß gegeben haben mochte, er habe sich 

vielleicht damals vor seinem Durchfall geekelt. Diese Auskunft kann den 

Analytiker nicht befriedigen, unsere Erfahrung widerspricht der Annahme, 

daß zu so früher Zeit Ekelgefühle spontan bei einem Kind auftauchen. 

Wir wissen, daß sie unter dem Einfluß der Erziehung früher oder später 

erworben werden, und daß sehr viele und gesunde zweijährige Kinder noch 

sehr wenig Ekelschranken gegen ihre Lust an Schmutz aufgerichtet haben. 

Kurz danach, erinnert sich die Mutter, habe Peter angefangen, seinen Stuhl 

zurückzuhalten, etwa als er eindreiviertel Jahre alt war. Das Zurückhalten 

ist im Laufe der Zeit immer schlimmer geworden, so schlimm aber wie 

zur Zeit sei es seit der Geburt der Brüderchen, — Peter war zweieinhalb 

Jahre alt, als seine Mutter die Zwillinge bekam. Damals, kurz vor und 

kurz nach der Geburt der Zwillinge, habe Peter eine Kindergärtnerin gehabt, 

— 256 — 



an der er sehr gehangen habe, es sei aber möglich, daß diese ihm irgend- 
wie Angst gemacht hätte, denn seit dieser Zeit ungefähr sei Peter besonders 
ängstlich. Ein charakteristisches Beispiel für seine Ängstlichkeit: Er sei ein- 
mal im Park auf den Rasen getreten, um die Enten im Teich besser zu 
sehen, der Parkwächter habe ein wenig gescholten, seither habe Peter eine 
übertriebene Angst vor ihm, die auch nicht zu mildern sei, wenn man ihm 
erzählt, daß der Mann gar nicht so böse sei. 

Wir fragen weiter, wie Peter die Brüderchen aufgenommen habe, denn 
wir vermuten im Stillen, daß die Verschlimmerung eher irgendwie mit der 
Geburt der Zwillinge als mit einem pädagogischen Fehler der Kindergärt- 
nerin zusammenhängen dürfte. Wir erfahren, daß Peter, als ihm die heiden 
Babys gezeigt wurden, zu den anderen Betten im Haus gelaufen sei, mit 
der Frage: „Und die anderen Kinderchen?" Er war von den vielen Kinder- 
besuchen bei der Mutter schon daran gewöhnt, daß sie ihm viele neue 
Kinder ins Haus beschert. Er habe sich im übrigen sonderbarerweise gar 
nicht darum gekümmert, wo die Babys hergekommen seien. Die Mutter 
hatte Fragen erwartet, weil Peter deutlich von ihrem starken Leib in An- 
spruch genommen war und sonst sehr intelligent sich um alles kümmerte. 
Schließlich, als er auch nach der Geburt nicht fragte, und es ihr unheim- 
lich schien, wie das kleine Kerlchen sichtlich mit schweren Problemen 
beschäftigt herumging und sich nicht helfen ließ, begann sie, ihm zu hellen: 
„Peterchen, möchtest du nicht wissen, wo die Babys zu uns hergekommen 
seien?" Peter gab mit einem sehr pfiffigen Gesicht die Antwort: „Aus der 
Klinik." Die Mutter fragte weiter: „Aber wie sind sie dahin gekommen? 
Peter: „Von Wertheim" 1 . Es war ihm deutlich anzusehen, meinte die Mut- 
ter, daß er sich über sie lustig machte und daß er das Thema mit ihr 
nicht weiter zu besprechen wünschte. So ließ sie es fallen, obwohl sie gern 
das Kind aufgeklärt hätte. Es sei überhaupt auffällig, wie verschlossen Peter 
sei, obwohl er von außen gesehen so gut mit den Eltern stünde. Weder 
der Mutter noch dem Vater gelang es, auch das Geringste darüber zu er- 
fahren, warum Peter nicht aufs Töpfchen wolle und weshalb er so ängst- 
lich von seinem Stuhl fortlaufe. Wir werden bald sehen, daß es nicht 
Mangel an Vertrauen war, wenn Peter keine Auskunft gab; er konnte 
nicht antworten, weil die Gründe seines Stuhlverhaltens ihm selbst un- 
bewußt waren, — bewußt war ihm nur die schreckliche Angst und der 
Zwang, seinen Stuhl zurückzuziehen, wie er selbst das, was er tat, nannte. 
Ich ließ mir noch von der Mutter erzählen, wie Peter zu seinen Brüder- 
chen stünde und erfuhr, daß sie von Anfang an dafür gesorgt hätte, dal! 
Peter nicht zu eifersüchtig werden solle. Als er z. B., als sie die Babys 
nährte, mit gierigen Augen zuschaute, erzählte sie ihm, daß auch er als 
Baby so getrunken hätte und daß er, wenn er wolle, auch jetzt von ihrer 
Milch abbekommen könnte. Peter machte bei diesem Angebot sehr über- 
raschte Augen, wollte nicht aus der Brust trinken, als aber bald danach 
l) Warenhaus in Berlin. 

- 257 — 



die Mutter wegen einer Brustwarzenentzündung die Milch für die Babys 
abzapfen mußte, wünschte sich Peter ein Fläschchen von der Muttermilch 
und trank es mit Vergnügen. Von nun an mochte er wieder Milch trinken, 
was er seit langem nicht mehr tat. Später achtete er nicht mehr darauf, 
ob sein Fläschchen mit Muttermilch oder mit gekaufter Milch gefüllt sei. 
Für die Brüderchen interessiere er sich manchmal sehr, bewundere sie dann 
mit Worten der Erwachsenen, manchmal nehme er keine Notiz von ihnen. 
Von Peters Charakter erfahren wir noch, daß er sehr verständig sei und 
meistens leicht auf alle Wünsche eingehe, wenn man sie ihm begründe 
und die Enttäuschungen, denen man ihn aussetzt, nicht zu schwer mache. 
Ist er z. B. sehr bekümmert, wenn die Mutter das Haus verläßt, so ist er 
doch mit irgend einer kleinen Freude zu trösten. Ganz selten, einige Male 
in seinem Leben, habe Peter Wutanfälle bekommen, auf einen kleinen 
Anlaß hin, wenn er einen Willen nicht durchsetzen konnte, — sonst sei 
er ein sehr freundliches Kind, das alle Menschen mit seiner Intelligenz 
und Grazie bezaubere. Es sei aber erstaunlich, daß dieses freundliche Kind, 
das keine anderen als freigebige Menschen kennengelernt hätte, nichts von 
seinen Sachen, Süßigkeiten oder sonst etwas abgeben wolle. Ja, selbst 
Schenken von Zärtlichkeiten hält er für einen Verlust seines Besitzes. Will 
z. B. eine Tante einen Kuß von ihm, so antwortet Peter freundlich aber 
bestimmt: „Nein, ich gebe dir keinen Kuß. denn ich habe keinen." Be- 
kommt er von der Mutter zwei Küsse, so quittiert er sie mit den Worten: 
„Aber ich behalte alle beide für mich." 

Ein auffälliger Charakterzug bei Peter ist das Fehlen jeglicher Aggressions- 
lust, die wir sonst in diesem Alter bei Jungen beobachten. Er zieht sich 
ängstlich vor etwas rauheren Kindern zurück, läßt sich auf keinen Kampf 
mit einem Kinde ein. Wenn die Eltern spielerisch sich raufen, so weint 
er, glaubt ihnen zwar, daß es Spaß sei, meint aber, er könne solchen Spaß 
nicht leiden. Wenn jemand in seiner Gegenwart „du, du" oder „pfui" 
sagt, weint Peter ebenfalls. 

Wir lassen uns noch von der Mutter erzählen, welche Versuche sie ge- 
macht habe, um das Kind zu bestimmen, daß es den Stuhl nicht zurück- 
halten möge. Sie hat kein Mittel der Suggestion oder pädagogischen Beein- 
flussung unversucht gelassen; ganz unabhängig davon, ob sie oder jemand 
anderer sich um die Sache bemühte, ob man sein Zurückhalten beachtete 
oder sich nicht darum kümmerte, Peter änderte sein Verhalten nicht. Ver- 
wendung von abführenden Medikamenten machte seinen Zustand nur 
quälender. Der Eindruck der Mutter, daß Peter einem ihm selbst unver- 
ständlichem Zwange gehorche, gegen den man mit Mitteln gewöhnlicher 
Erziehung nichts ausrichten könne, traf das Bichtige. Auch ihr Gefühl, 
daß seine Unkonzentriertheit, die er seit kurzem zeigte, seine Unfähigkeit, 
bei einer Sache zu bleiben, ein Ausdruck gestörten inneren Gleichgewichts 
sei, konnte bald eine Bestätigung finden. 

Ich wurde dem Peter von seiner Mutter als eine Frau angekündigt, 

— 258 - 






die zu ihm kommen würde, um mit ihm zu spielen. Ich begann die Be- 
handlung im Hause des Kindes, erstens, weil es mir wichtig ist, das Milieu 
des Kindes mit eigenen Augen zu begreifen, zweitens weil es mir bei 
einem so kleinem Kind zu unnatürlich schien, es für eine Stunde täglich 
aus dem ihm gewohnten Tageslauf herauszunehmen, um sich ausschließ- 
lich mit seinen seelischen Problemen zu beschäftigen. Ich besuchte ihn 
auch etwa die ersten dreißigmal nicht für eine Stunde, sondern blieb 
mindestens eineinhalb Stunden, oft zwei und drei Stunden bei ihm, ging 
manchmal mit ihm spazieren, brachte ihn gelegentlich zu Bett, beschäftigte 
mich mit ihm. wie man es eben tut, wenn man ein Kind besucht. Man 
kann fragen, wie trotzdem die analytische Situation hergestellt werden 
konnte Wohl dadurch allein, daß ich nicht allein durch meine analytischen 
Deutungen, sondern auch durch mein ganzes Verhalten Peter verstehen ließ, 
daß mich an allen seinen Äußerungen vor allem sein Verdrängtes angehe, daß 
ich alles, was er auch immer sagte und dächte und mir gegenüber täte, nur 
zum Zweck des Verstehens und Helfern benützen würde, daß er also bei 
mir keinen Liebesverlust zu fürchten brauchte. Dies ergibt eine angstfreie 
Situation, die der analytischen Situation in der Erwachsenenanalyse gleich- 

zustellen ist. 

Es soll nun der Anfang der Behandlungsgeschichte ziemlich genau 
wiedergegeben werden, weil daran am besten zu erkennen ist, wie der 
Kinderanalytiker den Zugang zum Unbewußten des Kindes bekommt, und 
wie sich unsere Arbeit aus einem langsamen Aufbauen, Steinchen aut 
Steinchen, zusammensetzt. Eine Reihe von Behandlungsstunden, die ersten 
und später die aufschlußreichsten, sind sofort nach der Stunde möglichst 
genau protokolliert worden und sollen an Hand dieser Protokolle mitgeteilt 

werden. 

Erste Behandlungsstunde 

Die Mutter macht Peter mit mir bekannt, erzählt, Peter freue sich, daß 
ich gekommen sei, um mit ihm zu spielen, und habe eben gefragt, ob 
ich wirklich nur für ihn käme. 

Als die Mutter an meinem Gesicht merkt, wie entzückt ich von ihrem 
Kind bin, (es ist ein ungemein reizvolles Kind mit einem klugen Gesichts- 
ausdruck und anmutigen Bewegungen) fragt sie: „Aber finden Sie nicht, 
daß er zu dünn ist?" Da sich Peters Gesicht deutlich bei der Frage ver- 
dunkelt, wende ich mich direkt an ihn: „Du bist gerade dick genug, nicht 
zu dünn, gerade richtig. 

Als die Mutter fragt, ob ich mir nicht auch die Babys ansehen möchte, 
legt Peter hastig mir ein Spielzeug auf den Schoß: „Sieh dir das mal an". 
Als nach einer Weile die Mutter wiederholt: „Nun wollen wir nach oben 
zu den Babys gehen", legt mir Peter sofort wieder etwas auf den Schoß, 
ein Tier von ihm, das ich mir ansehen solle, und er legt so viel Intensität 
in diese Geste, daß ich begreife, daß seine Sachen an Stelle der Babys 

— 259 - 



im Vordergrund bleiben sollen. Das wird umso deutlicher, als er hinzufügt: 
„Oben hab ich noch andere Sachen". Ich sage also: „Kann ich mir nicht 
zuerst Peters Zimmer ansehen?" Peter führt mich mit sichtlichem Stolz 
in sein Zimmer. Dort kramt er aus seinem Schrank, ein Spielzeug nach 
dem anderen heraus, deutlich, um mich besonders zu fesseln. Die Mutter 
tritt ins Zimmer, jetzt müsse ich mir die Babys ansehen, ehe sie ein- 
schlafen, — — Peter legt mir sofort hastig einige Spielsachen auf den 
Schoß, und ich sage nun deutlich, sodaß mich die Mutter versteht: „Die 
Babys kann ich mir später ansehen, denn ich bin ja vor allem zu Peter 
gekommen . Peters Gesicht strahlt. 

Dies war nun keine besondere Kunst, aus dem Verhalten des Kindes 
auf seine Eifersucht zu schließen, aber die Konsequenz, die ich zog, war 
schon ein Stück angewandte analytische Technik. Ich ergriff die Partei 
des Patienten. Ich benahm mich so, als ob ich sagen wollte: „du bist 
eifersüchtig, du wirst schon einen Grund zu deiner Eifersucht haben, es 
ist nicht meine Sache, sie durch Nichtbeachtung zu bagatellisieren, ich 
will dich verstehen so wie du bist". So unterbrach ich auch Peter nicht, 
als er unruhig von einer Spielsache zur anderen griff und seinen ganzen 
Schrank ausräumte. Eine pädagogisch gemeinte Störung dieses Verhaltens, 
wie sie im natürlichen Umgang mit dem Kind oft vorgenommen wird, 
würde uns um das Verständnis bringen, weshalb das Kind sich so verhält. 
Eine analytische Störung seines Verhaltens durch eine Deutung (etwa wenn 
man die sich aufdrängende Einsicht ihm mitteilte: „ich soll mich für 
deine Sachen und nicht für die Sachen die [Babys] deiner Mutter inter- 
essieren , oder gar, wenn man ihm seine Einzelaktionen nach ihrer 
Symbolhedeutung übersetzen würde) dürfte als ein vorzeitiger Eingriff in 
sein Unbewußtes das Kind in Angst bringen und verscheuchen. Worauf 
es aber zunächst hier ankam, war, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu 
schaffen. Kinder erfühlen sehr schnell die Haltung des Erwachsenen, und 
so ist es 7.u verstehen, daß der verschlossene Peter mir schon in dieser 
ersten Stunde etwas Wichtiges anvertrauen konnte. 

Als er nämlich seinen Bauch plötzlich sehr vorstreckt, — er begann 
gerade seinen Stuhldrang zurückzuhalten und verkrampfte sich so dabei, 
daß er das Bäuchlein ganz weit vorwölbte, — sage ich: „Peter, du machst 
ja so einen schönen dicken Bauch, was hast du drin?" 

„Brot." 

„Und was noch?" 

„Stulle." 

„Und was noch?" 

Peter verschämt: „Brüderchen . 

Das war sehr überraschend. Peter bekannte damit, daß er wisse, daß 
die Brüderchen nicht aus der Klinik und nicht aus dem Warenhaus, sondern 
aus dem Bauch gekommen sind, und schien mir damit einen der Gründe 
7,u verraten, weshalb er den Stuhl zurückhalte: er macht den dicken Bauch 

— 260 — 



wie die Mutter, als die Babys noch nicht herausgekommen waren, er aber 
läßt sie auch im Bauch drinnen, hält den Stuhl zurück. In meiner Über- 
raschung sagte ich Peter gleich meine Vermutung: „Und darum willst du 
sie im Bauch festhalten? Du denkst wohl, zwei Brüderchen sind genug?" 

Peter lacht dazu. 

„Aber denkst du denn, in deinem Bauch wachsen Brüderchen?" 

„Ja, im Bauch." 
Das denkst du falsch, bei Kindern wachsen die Babys nicht, Babys 
wachsen nur in Mamis drin, bei den Jungen und bei den Herren können 
keine Babys wachsen. 

Diese kleine Aufklärung gab ich Peter, weil ich es ihm leicht machen 
wollte, über seine Probleme mit mir zu sprechen. Peter hörte interessiert 
zu, entspannte seinen Bauch, setzte sich neben mich an sein Tischchen 

und sagte: 

Erzähl mir eine Geschichte . 

Ich erzähle: „Es war einmal ein Junge, der wollte klug werden.^ Da 
hat er alles gefragt, was er wissen wollte. Da ist er klüger geworden . 

Peter: „Noch eine Geschichte von dem klugen Jungen . 

Es wird ihm die gleiche mit der kleinen Variante erzählt „ ... und 
da kam eine Frau zu ihm und ^wollte mit ihm spielen und wollte ihm 
alles sagen, was er wissen wollte' . 

Peter: „Hast du ihm alles gesagt?" 

t « 
„Ja . 

Peter schweigt nachdenklich, darauf: 

„Ich will dir den anderen Schrank zeigen", führt mich vor einen V\ and- 
schrank, in dem selten gebrauchte Gegenstände aufgehoben werden, und 
fragt, auf jeden Gegenstand hinweisend: „wozu ist das?" Auch bei den 
Saclien, bei denen das sehr intelligente Kind natürlich ganz gut weiß, 
wozu sie sind, z. B. bei alten Schuhchen, Gummipüppchen^und ähnlichem. 
Ich gebe schlichte Auskunft, bei Schuhen: „Wozu ist das?" „Für die Füße, 
zum Anziehen", bei der Puppe: „Wozu ist das?" „Für die Kinder, zum 
Spielen". Ich könnte zwar eine Frage zurückweisen mit der Bemerkung, 
„das weißt du doch selbst, Peter, wozu das ist," es kommt aber in dem 
Augenblick auf etwas anderes an, dem Peter zu beweisen: Ja, ich habe 
wahr gesprochen, ich antworte wirklich, wenn du fragst. Etwa zwanzigmal 
hat Peter „wozu ist das?" gefragt und die nackte Antwort erhalten. Einen 
einzigen Gegenstand in diesem Schrank hat Peter ausgelassen, ein Steck- 
becken, wie es als Bettschüssel bei Kranken verwendet wird, und zwar 
eines mit einem kurzen Rohr dran. Als also alle Gegenstände bis auf diesen 
einen durchgefragt waren, frage ich Peter plötzlich: „Und wozu ist das?" 
Peter macht statt einer Antwort den Schrank zu und erklärt: „Nun wollen 

wir spielen . 

Das war die zweite wichtige Mitteilung dieser Stunde, eine negative 
zwar, aber eine deutliche. Ich verstand sie so: „Nach allen Sachen will 



— 261 — 



ich fragen, alles ist harmlos, nach diesem Steckbecken aber frage ich nicht, 
was ich davon erfahren könnte, das will ich nicht wissen, das soll aus 
meinem Bewußtsein verdrängt sein." Ich vermute also, daß sich für Peter 
an dieses Steckbecken irgend ein unangenehmes Erlebnis anschließt. Ich 
erkundigte mich bei der Mutter, ob Peter dieses Steckbecken einmal ge- 
sehen haben könnte. Sie hielt es nicht für ausgeschlossen, daß in der Zeit 
nach der Entbindung der Zwillinge Peter einmal die Pflegeschwester mit dem 
Steckbecken gesehen habe. Aber erst mehrere Wochen später hat Peter erzählen 
können, was er in dem Steckbecken gesehen hat, und noch mehrere Wochen 
später kam erst ganz heraus, welche Phantasien er an dieses Gerät an- 
geschlossen hatte. 

Das ist ein Beispiel für unsere Arbeitsweise: Keine Mitteilung des 
Patienten ist ohne Bedeutung, aber bis wir eine ganz verstehen, kann 
lange Zeit vergehen. Das Tiefstverdrängte offenbart sich nicht gleich, wir 
müssen erst die Widerstände abbauen, die der Aufdeckung des Verdrängten 
widerstreben. Was da Peter tat, wenn er auf meine Frage nicht antwortete 
sondern den Schrank zuschloß und spielen wollte, war ein Zeichen des 
Widerstandes. Würden wir diesen nicht respektieren, sondern weiter drängen 
oder unsere Vermutungen aussprechen, so könnten wir das Kind in eine 
Angst hineinjagen, die es noch nicht bewältigen kann, oder zum mindesten 
seine Mitteilungsbereitschaft bremsen. Der Widerstand stammt ja aus der 
Angst des Kindes, der gleichen Angst, die früher einmal das schlimme 
Erlebnis aus dem bewußten Denken verdrängt hat. Die Kunst der analy- 
tischen Technik besteht darin, immer nur so viel des verdrängten Materials 
an die Oberfläche gelangen zu lassen, wie der Patient ohne allzu große 
Angst bereits verarbeiten kann. Daran z. B. liegt es, daß die analytische 
Behandlung lange Zeit in Anspruch nehmen muß. 

Nach der Besichtigung des Schranks hat Peter in großer Ruhe mit 
einem kleinen Wagen gespielt. Die Geschichte von dem klugen Jungen 
ließ er sich zwischendurch noch einmal erzählen, sonst war nichts Be- 
merkenswertes mehr in der Stunde gesprochen. An seinem Spiel nahm ich 
mit einem Minimum von Aktivität teil, gerade so viel wie nötig ist, um 
einem Kind, mit dem man sitzt, sein Interesse zu zeigen. 

Zweite Behandlungsstunde 

Für die zweite Stunde brachte ich Buntstifte mit. Ich sollte einen 
Jungen malen, tat es, indem ich Peter fragte: „was soll ich von dem 
Jungen malen?" „Gesicht, Augen, Nase, Mund." Ich malte auf primitive 
Weise, was er bestellte. „Und was noch?" „Beine". „Und was noch?" 
„Nichts". „Soll der Junge nackt sein oder in Hosen?" „Nackt". „Gut, 
aber was sieht man denn vom Jungen, wenn er nackt ist?" „Das Pipi". 
„Soll ich das malen?" Peter sagt begeistert: „ja". Der Strich, den ich dem 
Jungen zwischen die Beine mache, ist Peter nicht lang genug. Er ver- 
längert ihn, sodaß das Glied des Jungen größer wird als seine Beine. Ich 

- 262 - 






frage Peter: „Da hast du dem Jungen ein schönes langes Pipi ge- 
macht, wozu aber so lang?" Peter: „Damit der Junge besser Bogen machen 
kann." 

Es muß zugegeben werden, daß ich den Jungen verführt habe, von 
Sexuellem zu sprechen, indem ich ihn auf die Idee gebracht habe, daß 
man einen Jungen nackt malen könne. Es lag mir daran, das Thema des 
Geschlechtsunterschiedes zu provozieren; kam es doch darauf an, Peter 
darüber aufzuklären, warum in seinem Bauch keine Brüderchen wachsen 
können. Solche kleinen Provokationen darf sich der Kinderanalytiker, der 
bereits Erfahrung hat, in manchen Fällen erlauben, sie können die An- 
fangsarbeit beschleunigen; der mit analytischen Erkenntnissen arbeitende 
Pädagoge, dem die Erfahrung in der Bewältigung der aus Angst stammen- 
den Widerstände fehlt, verzichtet besser auf solche Verführungen und 
wartet, bis das Kind von selbst das Thema zur Sprache bringt. In unserem 
Fall war die Hilfe ganz angebracht. Peters Frage- und Mitteilungslust war 
ja bereits gehemmt, trotz seiner freundlichen und offenen Eltern. Man 
mußte also mit einem Plus an Offenheit die seine herauslocken, mußte 
ihm zeigen: ich bin so wie du, mich, große Frau, interessiert das Pipi 
eines Kindes genau so wie dich. Wäre Peter auf meine Verführung, einen 
nackten Jungen zu malen, nicht eingegangen, so hätte ich meinen Plan 
zurückgezogen. Wir sehen aber, wie bereitwillig Peter das Penis-Thema 
aufnimmt und daß er mit seiner Korrektur meiner Zeichnung mir seinen 
Wunsch, ein sehr langes Glied zu haben, anvertraut, und einen Grund da- 
für: mit einem langen Glied könne man besser Bogen machen. 

Ich frage nun Peter, ob er gern einen Bogen mache. Er holt sofort 
ein Töpfchen und ist bereit, mir das vorzumachen, und ist sichtlich stolz, 
als ich bewundernd sage: „Du kannst schon wirklich im Stehen wie ein 
Herr den Bogen machen." Ich frage dann Peter, ob er auch den großen 
Wunsch wie ein Herr machen könne. Peter: „Nein, großen Wunsch mag 
ich nicht." Ich: „Warum magst du den großen Wunsch nicht?" Peter: 
„Weil es nicht nötig ist." Diese Antwort: „Weil es nicht nötig ist", be- 
kam ich in den ersten Wochen manchmal zu hören, mit der gleichen 
Antwort hat Peter alle Fragen seiner Mutter abzuwehren versucht. Fange 
ich also mit dem großen Wunsch an, so behandelt mich Peter wie seine 
Mutter und zwar zeigt er mit sehr charakteristischen Worten seine passive 
Resistenz an. Gewiß hat er oft gehört: „du hast jetzt nötig" und er gibt 
lapidar seinem Trotz Ausdruck: „weil es nicht nötig ist". 

Ich lasse also das Thema fallen und greife das Penis-Thema auf. „Ist 
das Pipi nötig?" Peter antwortet: „Jetzt mal Papi mit dem Pipi, Papi 
hat Pipi auch nötig." Es geschieht. Peter malt selbst dem Papi ein Pipi, 
kleiner als er es dem Jungen gemalt hat. Auch der Mami, die ich dann 
male, macht er einen Strich zwischen die Beine, spricht dazu die Worte 
vor sich hin: „Die Mami hat kein Loch, doch hat ein Loch. Das soll das 
Pipi von Mami sein". Ich protestiere: „Aber Mami hat doch kein Pipi, 

— 263 - 






Frauen haben doch kein Pipi." Peter bestätigt, daß die Mami ein Loch 
hat. Er hat seine Mutter schon nackt beim Baden gesehen. Er will dann 
wissen, was der kluge Junge noch fragt, und als ich die Behauptung auf- 
stelle, daß der kluge Junge wissen wollte, warum Mädchen und Frauen 
kein Pipi haben, erklärt Peter, es auch wissen zu wollen. Es wird ihm 
nun gesagt, daß Frauen und Mädchen ohne das Glied zur Welt kommen, 
„wenn dann später Babys in Mamis Bauch gewachsen sind, wollen sie 
heraus, wenn sie groß genug sind. Dann kommen sie aus Mamis Loch 
vorn heraus . Peter will wissen, ob der kluge Junge gefragt hätte, ob bei 
ihm im Bauch auch Kinder wachsen, zeigt damit an, daß meine kleine 
Aufklärung in der ersten Stunde ihn beschäftigt aber noch nicht befriedigt 
hat. Ich verzichte noch darauf, seine affektiven Widerstände, die mit dem 
Phänomen der Kindergeburt in Zusammenhang stehen, zu verfolgen, sondern 
unterhalte mich mit Peter, als suchte ich zunächst nur mit dem bewußten 
Teil seiner Persönlichkeit in Kontakt zu kommen. Er wird also darüber 
aufgeklärt, daß bei den Männern Kinder nicht wachsen können, sie hätten 
auch im Pipi keinen Platz um herauszukommen, und daß sie aus dem 
Popo auch nicht herauskommen sondern nur vorn aus dem Loch bei den 
Müttern. Es wird eine Papierpuppe zusammengerollt, ein Püppchen ihr in 
den Bauch gesteckt, vorgemacht, wie es vorn herauskommt. Peter ist leb- 
haft interessiert; als er einen Zweifel äußert, ob das bei seiner Mami 
genau so war, gehen wir zusammen zu ihr, und sie bestätigt uns, daß 
sowohl Peter als auch die Brüderchen bei ihr vorn und nicht hinten 
herausgekommen seien. 

In dieser Analyse wurde die Mutter häufiger hinzugezogen, besonders 
dann, wenn es sich um eine Auseinandersetzung Peters mit der Realität 
handelte. Die nicht häufig gegebene Möglichkeit zu dieser Maßnahme, die 
Eltern als Klarer und Bestätiger innerhalb des Wirklichen heranzuziehen, 
bildete in dieser Analyse des Dreijährigen eine nicht zu unterschätzende 
Hilfe im therapeutischen Prozeß. Man muß sich nämlich klar machen, 
daß die Funktion des Analytikers in einer Kinderanalyse nicht nur darin 
besteht, dem Kind zum Bewußtwerden seiner verdrängten Wünsche und 
Phantasien zu verhelfen, sondern zugleich ihm bei der Auseinandersetzung 
mit ihnen beizustehen. Je jünger nun das Kind ist, desto wichtiger ist ihm 
das Erlebnis, daß seine Eltern über die Tatsachen des Lebens nicht anders 
als die Analytikerin denken. 

Dritte Behandlungsstunde 

Wir gehen zuerst miteinander spazieren. Es ist auffällig, wie ängst- 
lich Peter um die kleinste Pfütze herumgeht. Er erzählt vom Parkwäch- 
ter, wie böse der „du, du" sagen kann. Auf die niedrigen Mauern an 
den Vorgärten wagt er nicht hinaufzuklettern, weil ein Mann darüber 
schimpfen könne. Er tut es aber doch, als ich ihn dazu ermutige, indem 
ich ihm sage: „Wenn ein Mann schimpfen will, werde ich sagen: das ist 

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gar nicht so schlimm, das machen alle Kinder in Berlin gern, daß sie da 
klettern." 

Im Park fragt Peter, ob er so groß werden könne wie ein Baum. Bei 
einem dicken Stamm sagt er: „Ich möchte aber doch so groß werden wie 
ein Baum und so dicken Bauch haben wie ein Baum so dick." 

Eine Weile später erzählt er: „Einmal haben die bösen Männer die 
Bäume abgehauen." 

Zu Hause dann malt Peter einen Jungen und sagt dazu: „Ein Pipi so 
lang wie ein Baum". 

Nun gebe ich ihm zum erstenmal eine rein analytische Deutung, in- 
dem ich aus dem Zusammenhang seiner Einfälle in dieser Stunde auf etwas 
schließe, was in ihm ans Bewußtwerden drängt, ohne daß er es deutlich 
aussagen könnte. Ich sage: „Du willst ein Pipi haben so lang wie ein 
Baum. Aber du sagst, der Parkwächter ist böse und paßt auf die Bäume 
auf und daß böse Männer Bäume abhauen. Denkst du vielleicht, man kann 
ein Pipi abhauen wie einen Baum?" (Absichtlich sage ich ihm nicht deut- 
licher, daß zwischen seiner Angst vor dem Wächter und seinem Wunsch 
nach einem langen Penis ein Kausalzusammenhang bestehen könnte.) 

Peter scheint von meiner Frage sehr getroffen zu sein und bestätigt 
meine Frage mit der unsicheren Bemerkung: 

„Nein, das tut man nicht. Kann aber das Pipi von Mami von allein 
abfallen? 

Es erfolgte nun eine nochmalige Aufklärung darüber, daß Frauen nie 
ein Glied gehabt haben, und daß den Männern und Jungen auf keine 
Weise das Glied abhanden kommen könne, weil es angewachsen sei und 
weil niemand in der Welt so etwas täte, niemand sei so böse. 

Diese Aufklärung, die in der ersten Stunde begann und sich den je- 
weiligen Fragen des Kindes anpaßte, zog sich über eine lange Zeit hin. 
Peter hatte immer neue Zweifel geäußert, immer neue Versicherungen ge- 
braucht. Er besprach einzeln jede Gefahr, die dem Glied drohen könne: 
das Absägen, das Abhauen, das Abfallen, das Abschneiden, das bloße Stehlen. 
Wenn ihn in einer Stunde die Erklärung, das Pipi sei ja angewachsen, 
zu beruhigen schien, kam er in der nächsten Stunde mit dem Einwand, 
Bäume seien ja auch angewachsen und würden doch abgesägt 1 . 

Im Anschluß an diese Aufklärungsgespräche ging korrekte analytische 
Arbeit vor sich, d. h. Stück für Stück das Hervorholen früherer verdrängter 
Erlebnisse, verdrängter Wünsche und Phantasien, die im Zusammenhang 
mit Peters Angst vor der Entleerung standen. 

1) Diese Aufklärung, deren Sinn ist, das Kind von seiner übergroßen Kastrations- 
nngst zu entlasten, ist keine eigentliche Analyse, sie ist ein Stück Erziehung zur 
Realität, die sich allerdings auf unser durch die Analyse erworbenes Wissen von der 
Kastrationsangst des Kindes aufbaut. Der Zweck dieser Erziehung ist nur, das schwache 
Ich des Kindes zu stärken. Glaubt das Kind der Analytikerin, daß sie die Kastration 
für etwas Unmögliches hält, so bringt es ihr leichter, weil angstfreier, seine Kastra- 
tionsphantasien entgegen. 

— 265 - 



Vierte Behandlungsstunde 

Ich hatte Peter Plastilin mitgebracht, modeUierte einen Jungen auf 
Peters Wunsch „nackt, daß man das Pipi sehen kann". Dazu modelliere 
ich einen Topf, und rede den Jungen an: 

„Junge, warum willst du nicht auf dem Töpfchen sitzen? 
Peter: „Weil er das Töpfchen nicht gern hat". 
„Junge, warum hast du das Töpfchen nicht gern?" 
„Weil das Töpfchen zu klein ist." 
„Zu klein?" 

Peter setzt den Jungen aufs Töpfchen, hebt ihm das Glied in die Höhe, 
so daß es an den Rand stößt, ruft erregt: „Siehst du, es ist zu klein, es tut 
ihm weh", reißt dann plötzlich dem Plastilinjungen das Glied ab und 
wirft es in das Töpfchen, macht darauf erst das Töpfchen, dann den Jun- 
gen kaputt, schmeißt das Plastilin fort. 

„Warum hast du dem Jungen das Pipi abgerissen?" 

„Weil es nicht nötig ist." 

„Doch, es ist sehr nötig." 

„Weil es nicht schön ist." 

„Doch, es ist sehr schön." 

„Weil Mami das Pipi nicht gern hat." 

„Das kann ich mir nicht denken, Jungen müssen ein Pipi haben, das 
weiß die Mami. 

„Einmal war mein Topf zu klein, da hat es mir am Pipi weh getan 
dann hat Mami einen neuen Topf gekauft." 

Peter erzählt dann noch, daß die Mutter einmal gesagt hätte, daß sie 
lieber ein Mädchen gehabt hätte. 

Wir gehen mit seinem Einverständnis zusammen zur Mutter, die sich 
erinnert, gesagt zu haben, daß es ihr lieb gewesen wäre, wenn eines der 
Zwillinge ein Mädchen gewesen wäre, - sie bestätigt uns aber, daß sie 
sich doch freue, daß ihr Peter ein Junge sei. Als wir sie dann fragen, 
wann Peter ein neues Töpfchen bekommen hätte, erinnert sich die Mutter 
daß er einmal geklagt hätte, daß sein Töpfchen zu klein sei und darauf 
tatsächlich einen neuen bekommen hätte, daß die Sache schon lange zurück- 
läge, Peter sei damals vielleicht zwei Jahre alt gewesen. 

Was Peter in dieser Stunde teils in Aktionen vorgeführt, teils erzählt 
hat, war also: einmal als ich auf dem Töpfchen saß, erigierte sich mein 
Glied, stieß dabei an den Topfrand, das tat mir weh und erschreckte mich 
und ich dachte, daß das Glied mir abfällt. Er ist auf dieses Erlebnis auf 
dem Töpfchen in der zweiundfünfzigsten Stunde noch einmal zurück- 
gekommen und hat die Sensation, die er dabei hatte, in deutlichen Worten 
geschildert. 

In dieser Stunde erzählte mir Peter noch auf eine Frage von mir mit 
einem kleinen aber deutlichen Widerstand, daß er die Erfahrung kenne, 



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daß das Pipi nach oben geht. Er habe das aber gar nicht gern. Es wird 
ihm nun gesagt, daß dies gar nichts Schlimmes sei, daß das bei allen 
Jungen und Männern vorkäme, daß auch, wenn manchmal das Pipi oder 
das Säckchen hinter dem Pipi sich an etwas stieße und wehtäte 1 , dies 
keine Angst zu machen brauchte, das Pipi bliebe immer und immer an- 
gewachsen. 

Ich glaubte nun etwas voreilig, aus dem Wunsche heraus, Peter schnell 
aus seinem quälenden Zustand zu befreien, daß das Erlebnis auf dem zu 
kleinen Töpfchen" seine Topfangst hervorgerufen habe. Ich kannte mich 
auch noch nicht zuverlässig genug in den Daten seines Lebens aus, um 
daran zu denken, daß bereits mehrere Monate vor dem Topferlebnis das 
Stuhlzurückhalten begonnen hatte. Der Umstand aber, daß Peter leichter 
im Garten als auf dem Töpfchen sitzend defäzierte, sprach dafür, daß mit 
dem Topf vor allem seine Angst zusammenhinge. Es wurde nun auf meinen 
Rat und im Einvernehmen mit Peter ein Klosettbrett mit einem breiten 
Rand und kleinem Loch vom Tischler gemacht, auf dem Peter ohne Hilfe 
sitzen konnte. Er war sehr stolz darauf, daß er nun kein Töpfchen mehr 
brauche, sondern wie die Großen ein Klosett benutzen könne. Er saß stolz 
darauf, wenn er zugeknöpfte Höschen und keinen Stuhldrang hatte. Seine 
Angst aber hielt an, ein Beweis, daß wir das Entscheidende noch nicht 
gefunden hatten, das seine Angst so groß werden ließ. 

Drei Wochen nach dieser Mitteilung, in der zwölften Behandlungs- 
stunde, deckte Peter auf, daß ein anderes, schwerer wiegendes Erlebnis, 
in dem auch das Töpfchen eine Rolle spielte, den ersten Anstoß dazu 
gegeben hatte, diesen Gegenstand für einen mit Gefahren verbundenen 
anzusehen. 

Wir übergehen die dazwischenliegenden Stunden, in denen die Auf- 
klärung weitere Fortschritte machte, Peter sich über die Zeugung und die 
Rolle des Vaters bei ihr orientiert hatte. Er hat in diesen Stunden 
scheinbar die Überzeugung, daß Mädchen ohne einen Penis geboren 
werden und ihn nicht durch Kastration verlieren, angenommen. Er hat 
sie nicht wirklich annehmen können, weil wichtige, mit starken 
Affekten besetzte und bereits verdrängt gewesene Erlebnisse sich dieser 
Überzeugung entgegenstellten. Eines davon illustriert die folgende Stunde. 

Zwölfte Behandlungsstunde 

Peter erklärt unvermittelt, während er mit Plastilin knetet: 

„Aber die Kiki hat doch ein Pipi." 

Ich: „Die Kiki ist ein Mädchen?" 

Peter: „Ja, aber ein Pipi hat sie doch." 

Ich: „Das kann nicht sein. 

Peter: „Doch, die Kiki hat doch kein Loch gehabt." 



1) Bekantlich ist der Hodensack sehr schmerzempfindlich, vielen Knaben ist die 
Schmerzvvahrnehmung daran ein sehr beunruhigendes Erlebnis. 



- 267 - 



Weitere Fragen nach der Kiki werden nicht beantwortet. Die Mutter, 
bei der ich mich aber danach informiere, wer Kiki sei, kann aber nun- 
mehr die Anamnese ergänzen: 

Peter war eineinhalb Jahre alt, als die dreijährige Kiki für acht Tage 
bei ihnen einquartiert wurde. Dieses Mädchen hatte aber kurz vorher, nach- 
dem sie einen urinierenden Jungen gesehen hatte, eine so starke Urinier- 
hemmung ausgebildet, daß sie katheterisiert werden mußte. Man machte 
einen Versuch mit dem Milieuwechsel und quartierte das Kind bei der 
Mutter des Peter ein. Wenn man Versuche machte, das kleine Mädchen 
auf den Topf zu setzen, schrie sie gellend durch das ganze Haus: „Tch 
will nichtl — etwas, was auf den damals heiteren Eineinhalbjähricren 
einen großen Eindruck machen mußte. Die Mutter erinnerte sich nun, daß 
kurz nachher Peters Schwierigkeiten bei der Defäkation begannen, und daß 
er eine Zeitlang, aber viel später, ohne Anlässe in Kikis Tonfall vor sich 
hinrief: „Ich will nicht, ich will nicht." 

Von diesem Erlebnis blieben also in Peters Bewußtsein nur Brocken auf- 
gespeichert: Die ängstlichen Worte „Ich will nicht, ich will nicht" und 
die nun aus dem Verdrängten sich herausringende Vorstellung- Aber di P 
iki hat doch ein Pipi. 

Der Bericht der Mutter über die Kiki-Geschichte und die starre Behaup- 
tung von Peter „die Kiki hat doch kein Loch gehabt" machten die Ver- 
mutung wahrscheinlich, daß er damals bei Kiki zum erstenmal das weib- 
liche Genitale sah, und daß er ihre Penislosigkeit in Verbindung mit ihrem 
Schreien brachte, daß er also angenommen hatte, die Mutter hätte die Kiki 
als sie auf dem Töpfchen saß, kastriert, und daß sie deshalb so geschrien 
hatte. Das ganze Erlebnis hat Peter scheinbar verdrängt, kann nichts weiter 
über die K.ki sagen, nun da es im analytischen Prozeß, der schon einige 
Angst verringerte, ans Bewußtsein drängt, und Peter sich an seine alte Vor- 
stellung, die Mutter habe Kiki kastriert, erinnert, hilft er sich, indem er 
die vermutete Kastration der Mutter ungeschehen macht, einfach leugnet. 
Er sagt nur: „Die Kiki hat doch kein Loch gehabt". 

Wir denken uns weiter: Auf-dem-Topfsitzen mußte Peter nach dem Kiki- 
Erlebnis als eine gefährliche Angelegenheit gegolten haben. Verstärkt wurde 
diese Vorstellung der Gefahr auf dem Töpfchen, als er danach einmal auf 
dem Töpfchen sitzend, Schmerzempfindung am Genitale verspürte. 

Ich versuchte nun. die Erinnerung des Kindes an das Kiki-Erlebnis zu 
provozieren, indem ich eine kleine Zelluloidpuppe, der wir zwischen den 
Beinen ein Löchlein gemacht hatten, um ihr weibliches Geschlecht zu 
kennzeichnen, Kiki nannte und auf ein kleines Töpfchen setzte. Das Experi- 
ment glückte überraschend. Peter verlangte erregt, daß ich der Kiki ein 
Papierröllchen als Penis anmache, wie wir es bei den Zelluloidpuppen 
machten, die Jungen darstellten, und er begründet seinen Wunsch mit der 
starr wiederholten Behauptung: „Die Kiki muß ein Pipi haben." Ich gebe also 
nach und setze Kiki mit ihrem Penis aufs Töpfchen. Peter schreit erregt: 

- 268 — 






„Kiki will nicht, sie sagt, ich will nicht, ich will nicht den großen Wunsch 
machen." 

Ich: „Warum willst du nicht, Kiki?" 

Peter: „Weil Kiki ein Pipi hat und sie will Mami mit dem großen 
Wunsch töten." 

Darauf zieht ihr Peter den papiernen Penis heraus und sagt unter starkem 
Affekt: „So, nun hat sie ein Loch, weil sie großen Wunsch gemacht hat." 
Peter hatte also das Kiki-Erlebnis tatsächlich so verstanden, wie wir ver- 
muteten und es erinnern können, obwohl es eineinhalb Jahre zurücklag 
und er über ein Jahr lang Kiki nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. 
Deutlicher konnte uns Peter nicht zeigen, daß er die damals vermutete 
Kastration als Folge eines bösen Wunsches ansah. Weil Kiki mit ihrem 
großen Wunsch die Mami töten wollte, ist sie kastriert worden. Seinen 
Gedanken, daß man mit dem großen Wunsch die Mami töten kann, 
konnte Peter nicht aufklären. Fragen danach, wieso er das denke, wehrte 
er mit deutlichem Widerstand ab, leugnete, gedacht zu haben, daß man das 
könnte. Man bekam den Eindruck, daß sich diese Worte im höchsten Affekt 
aus der Tiefe seines Unbewußten vorgedrängt hatten, und daß sein bewußtes 
Ich schon einen Augenblick später keine Beziehung zu ihnen fand. Erst 
im Verlauf der Analyse wurde klar, welche Erfahrungen mit seiner Mutter 
Peter dazu verführten, seinem Stuhl die Macht zu töten anzuphantasieren. 
Die Aufklärung darüber, daß Kiki nicht ihres großen, sondern ihres 
kleinen Wunsches wegen, aus Neid auf sein Pipi, so geschrien hätte, löste 
große Befriedigung aus, Peter lachte befreit. 

Ich glaubte nun, das Wesentliche aufgelöst zu haben. Tatsächlich trat 
eine kleine Erleichterung in Peters Zustand ein; es kam nun einige Male 
vor, daß er sich gleich nach der Stunde das Höschen öffnen ließ, um sich 
aufs Klosett zu setzen. Aber im großen Ganzen dauerte das Symptom noch an. 
Nach dieser Stunde bekamen die Auf klärungsgespräche eine neue Wendung, 
Peter rückte die anale Aufklärung in den Vordergrund. Er orientierte sich 
nun ganz gründlich über den Vorgang der Verdauung, über das Aussehen 
und die Funktion von Magen und Darm. Er hat für diese Aufklärung 
neben mir auch die Eltern beansprucht, und sie bekamen wie ich den Ein- 
druck, daß für Peter die Vorgänge bei der Verdauung ein viel schwereres 
Problem darstellten als der Vorgang der Zeugung. Erst als er diese Dinge 
einigermaßen begriffen hatte, drang er zu der dritten Phase der Aufklärung 
vor, der über die Vorgänge bei der Geburt. Am wichtigsten dabei war ihm 
die Frage, ob das Kindergebären der Mutter nicht sehr weh täte. Seine 
Spiele und Assoziationen in der gleichen Zeit, in der ihn diese Frage be- 
schäftigte, machten es wahrscheinlich, daß für ihn die Geburt eines Kindes 
identisch mit der Kastration der Mutter war, eine Vorstellung, die wir 
häufig bei Kindern antreffen und im Unbewußten bei erwachsenen Patienten 
aufbewahrt finden. 

Aber die Art, mit der Peter das Thema der Kindergeburt erforschte. 



Zeitschrift f. psa.Piid.,VII/7 269 



19 



machte es wahrscheinlich, daß es sich hier nicht bloß um durch Spekulation 
erworbene Phantasien handelte, sondern daß Peter irgendwelche Erfahrungen 
gemacht habe, die ihn die Entbindung für eine Gefahr halten ließen. 
Hätte die Entbindung nicht in der Klinik stattgefunden, so wäre das ver- 
ständlich gewesen. Und hätte Peter nicht schon vor der Entbindung mit 
dem Zurückhalten begonnen, so hätte man vermuten können, daß seine 
Angst vor dem Defäzieren mit seiner Angst zusammenhänge, daß beim 
Stuhlherauspressen bei ihm unter Schmerzen Babys herauskommen könnten. 
In der dreißigsten Behandlungsstunde, die im folgenden mitgeteilt werden 
soll, zeigt Peter, auf welche tatsächlichen Geschehnisse hin in ihm Angst- 
vorstellungen um die gebärende Mutter entstanden sind. 

In den Stunden vorher hatte Peter sehr wichtige Mitteilungen gebracht, 
die nur summarisch berichtet werden sollen, um die Darstellung nicht zu 
komplizieren. Das meist Bemerkenswerte sind Phantasien über seine Schuld 
an Wunden, die er bei der Mutter sah. Die wichtigste historische Mit- 
teilung dabei, die Erinnerung an einen Verband, den die Mutter an den 
Brüsten hatte, als sie ein halbes lahr zuvor eine Brustwarzenentzündung 
bekam. Peter hatte an einem Morgen bei der Mutter im Bett mit einem 
Taschenmesserchen gespielt, das er aus ihrem Kasten herausgeholt hatte 
und sie hatte es ihm mit dem Hinweis auf seine Gefährlichkeit fortgenom- 
men. Am nächsten Morgen sah Peter Blut auf dem Verband der Mutter 
und dieses Blut und sein Spielen mit dem Messerchen am Tage vorher, 
vor dem die Mutter Angst zeigte, waren in assoziative Verbindung geraten. 
Daß dies auf Grund seiner gegen die Brust der Mutter gerichteten aggres- 
siven Phantasien möglich wurde, zeigte eine spätere Phase der Analyse. 

Dreißigste Behandlungsstunde 

Peter setzte ein Bauspiel fort, bei dem er war, als ich kam. Plötzlich, 
ohne Vorbereitung: „Einmal, wie ich klein war, habe ich zu Mamis Brust 
, Bauch' gesagt." 

Dann gleich darauf: „Es war einmal Fräulein Hart, die hat ,du, du' 
gesagt." Da er mir nicht sagen kann, wer und wann Fräulein Hart war 
und weshalb sie „du, du" gesagt hatte, fragen wir gemeinsam die Mutter. 
So hätte, erzählt die Mutter, die Pflegerin geheißen, die nach der Ent- 
bindung im Hause war. 

Peter wieder mit mir allein: „Die Mami hat etwas in den Popo 
hineingepickt bekommen, eine Spritze. Er weiß, wo die Mutter ein 
Spülrohr aus Glas aufbewahrt, bringt es mir: „Damit hat sie bei der 
Mami gepickt." 

Die Mutter ist später überrascht, daß der Junge das gesehen haben 
könne, hält es aber für möglich, daß er unbemerkt ins Zimmer hinein- 
gelaufen war. 

Ich: „Du hast das gesehen?" 

Peter führt mich an den Wandschrank, läßt sich das Steckbecken herunter- 

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reichen: „Und da war Blut von Mami drin und großer Wunsch von 
Mami auch. Warum war das Blut da?" 

Ich erkläre, daß und warum nach der Geburt etwas Blut herauskomme, 
daß das nicht schlimm sei. Peter veranlaßt mich, die Mutter zu bitten, 
daß er mit dem Spülrohr spielen dürfe, füllt die Spritze mit Wasser und 
spritzt das Wasser wieder aus, wiederholt dabei mehrmals meine Worte: 
„da kann man Wasser damit hineinspritzen, das ist gar nicht schlimm". 
Er bricht aus Versehen die Spritze ab, erschrickt, ist glücklich, als die 
Mutter erklärt, es sei nicht schlimm, man könne eine neue kaufen. 

Wir verstehen nun die Verschlimmerung von Peters Zustand nach der 
Geburt der Zwillinge. Er hatte die Vorstellung, die Pflegeschwester habe 
der Mutter mit der Glasspritze weh getan. Als er danach das Steckbecken 
mit dem Stuhl der Mutter heraustragen sah, war für ihn: Wehtun und 
Blut und Kot und Steckbecken und die Babys, die eben geboren waren, 
und die er mit dem Kot zusammen aus dem Bauch herausgepreßt glaubte, 
in ein unklares Etwas zusammen verwoben, in das er keine Klarheit hinein- 
bringen konnte; und er konnte sich dieser beängstigenden Eindrücke nur 
erwehren, indem er alles zu vergessen trachtete, dieses Erlebnis im Alter 
von zweieinhalb Jahren und das Kiki-Erlebnis im Alter von eineinhalb 
Jahren, sein eigenes Töpfchen-Erlebnis im Alter von zwei Jahren, und nur 
eins behielt er im Bewußtsein: am Popo geschehen schreckliche Sachen, 
ich will nichts aus meinem Popo herausgehen lassen, alles von dort zu- 
rückziehen. Zog er aber den Stuhl von der Oberfläche ins Innere zurück, 
sah er wie die schwangere Mutter aus, ehe so schreckliche Sachen ge- 
schehen sind. 

Diese dreißigste Stunde baut eine Brücke zu der ersten, in der Peter 
das Steckbecken nicht beachtet haben wollte. Fragt man aber, wieso Peter 
mit dem damaligen Erlebnis nicht zu den Eltern ging, um sich gleich 
eine Aufklärung zu holen, so muß man vermuten: für Peter war die Er- 
fahrung „Bohr hineingepickt und dann Blut im Steckbecken" in assoziative 
Verbindung mit aggressiven Phantasien geraten, die er damals mit zwei- 
einhalb Jahren in Bezug auf die Mutter gebildet hatte und die höchstes 
Schuldgefühl in ihm erregten. Von solchen Phantasien zeugen Geschichten, 
die Peter in den Analysenstunden dichtete, deren Held immer ein Böse- 
wicht Theodor war. Was für böse Sachen tat nun dieser Theodor? Hören 
wir darüber, was Peter in den Geschichten dichtete, die ich bei seinem 
Erzählen mitschrieb: „Es war ein ungezogener Theodor. Er nahm einen 
Goldfisch aus dem Wasser und hat ihn auf die Erde geschmissen. Er 
konnte den Fisch nicht leiden." 

„Einmal hat der Theodor seiner Mami den Fisch weggenommen und 
ich wollte einmal wirklich einem Fisch im Aquarium die Augen auspicken." 

„Theodor war ungezogen, der hat die Mami verhauen, wie sie so dicken 
Bauch hatte. Die sollte keinen haben." 

Peter hat also verbotene Wünsche, die er jetzt in der angstfreien 



- 271 - 



19' 



Situation der Analyse gestehen kann, wenn er sie dem von seinem eigenen 
guten Ich durch den Namen „der ungezogene Theodor" abgesonderten 
Teil zuschreibt, Wünsche, die ihrer symbolischen Verkleidung beraubt, 
wohl heißen würden: ich will meiner Mutter ihren Penis wegnehmen, 
ich will ihr aus dem dicken Leib die Kinder wegnehmen. So ist die 
Pflegeschwester, die seiner Annahme nach der Mutter tatsächlich etwas 
Böses tat, die Repräsentantin seiner eigenen bösen Triebe; er darf nicht 
nach ihr fragen, aus Angst, sich selbst dabei zu verraten, er darf nicht 
an sie denken, aus Angst, die bösen Phantasien könnten überhandnehmen, 
er darf die Instrumente des Bösen, Spülrohr und Steckbecken, nicht be- 
rühren, um nicht von ihnen zu Phantasien verführt zu werden. So etwa 
können wir uns den seelischen Kampf in Peter vorstellen, dessen Resultat 
war: alle bösen Impulse verdrängen, ein ganz unaggressives und vor 
kleinster Aggression ausweichendes Kind werden, ängstlich und über- 
empfindlich jedem Tadel gegenüber. Wenn nun Peter in der Analvse 
durch die Aufklärung und die Haltung der Analytikerin so weit von Angst 
befreit wird, daß er schon aggressive Phantasien mitteilen darf, so taucht 
aus dem Verdrängten auch das böse Erlebnis auf, das seine Angst vor den 
eigenen Aggressionen damals so sehr gesteigert hatte. (Wir hörten ja von 
der Mutter, daß er seit etwa einem halben Jahr so überängstlich sei.) Und 
es bedeutet gewiß viel in dem therapeutischen Prozeß, der sich in ihm 
vollzieht, daß die Mutter nicht böse wird, als er, in der Fehlleistung seine 
Theodor-Phantasien auslebend, die Spitze des Spülrohrs abbricht. Es ist, als 
ob die Mutter mit ihrer Toleranz sagte: Was du da phantasierst und an 
kleinen Untaten verbrichst, damit tust du mir keinen Abbruch, ich tu 
dir nichts deswegen. 

Man könnte fragen, wieso es der Liebe und der Freundlichkeit, die 
Peters Mutter ihm entgegenbrachte, nicht gelungen ist, in ihm zumindest 
einen Zweifel zu wecken, ob sie wirklich so grausam sei, ihn zu kastrieren; 
hat doch Peter niemals Kastrationsdrohungen von ihr zu hören bekommen, 
etwas, was viele andere Kinder erleben. Wieso hat Peter nicht versucht, 
die Mutter, die Zeit für ihn hatte und alle seine Fragen beantwortete, 
darüber auszuforschen, was sie damals, als er eineinhalb Jahre alt war, mit 
der Kiki gemacht hat? Ist das Kiki-Erlebnis von so ausschlaggebendem 
Gewicht gewesen, daß es durch keine neuen Erfahrungen korrigiert werden 
konnte? Peter antwortet auf diese sich uns aufdrängende Frage im Laufe 
der Analyse mit vielen Erinnerungen, die aus der Zeit eines Alters von 
eineinhalb und zwei Jahren stammen und deren Sinn in die Sprache 
der Erwachsenen übersetzt ist: Ich hatte das Unglück, immer neue Er- 
fahrungen bei meiner Mutter zu machen, die den Vorstellungen, die ich 
mir bei der Kiki-Geschichte machte, Recht zu geben schienen. Allerdings 
hatten jene Erfahrungen deshalb so stark auf mich gewirkt, weil ich nach 
dem Kiki-Erlebnis besonders sensibel geworden war, weil ich mit jenem 
Erlebnis nicht fertig geworden war, weil es zu stark war, als daß ich es 

- 272 - 



mit meinem damaligen schwachen Ich hätte bewältigen können. Diese 
Erfahrungen, die alle einzeln erinnert und durchgearbeitet werden mußten, 
sollen der Übersicht wegen hier zusammenhängend berichtet werden, ob- 
wohl ihre Mitteilung sich über die ganze Analyse erstreckte. Die Daten 
dieser historischen Mitteilungen konnten mit Hilfe der Eltern genau fest- 
gelegt werden: 

Peter ist ein Jahr fünf Monate alt, als seine Mutter zum ersten Mal 
in seinem Leben sich von ihm trennt. Wie Peter diese Trennung verar- 
beitet hat, wissen wir aus dem Bericht der Mutter. Während ihrer Ab- 
wesenheit schließt er sich an den Vater an, — (eine Reaktion auf die 
Enttäuschungen bei der Mutter, die er später immer wiederholte, am 
stärksten nach der Geburt der Zwillinge), dann nach der Rückkehr der 
Mutter trotzt ihr der bisher so Gefügige, meldet seinen Stuhldrang nicht 
mehr, sondern lebt seine anale Selbstherrlichkeit im Beschmutzen von Bett 
und Kleidern aus. Eine Geschichte, die Peter erzählte, gehört zweifellos 
in diese Zeit: „Es war ein verschmierter Theodor, der hat alles beschmiert. 
Seine Mami sagte: Pfui, du ungezogenes Kind. Aber er hat doch das 
Kissen verschmiert". 

Peter ist ein Jahr sechs Monate alt, als der Besuch Kikis stattfindet, 
und jenes erregende Erlebnis der auf dem Töpfchen schreienden Kiki 
Peters guten Kontakt mit seiner Mutter in eine Angst vor ihr verwandelt. 

Peter ist ein Jahr sieben Monate alt, als er mit seiner Mutter an die 
See reist. Kiki kommt mit ihrer Mutter an den gleichen Seebadeort. Peter 
sieht sie oft im nackten Zustand und oft angezogen. Nackt ist sie ohne 
ein Glied, angezogen ist sie aber ein Junge, denn sie trägt nie Mädchen- 
kleider, immer nur Hosen, und ihr Haar ist auch wie bei den Jungen 
geschnitten. (Dieses gewiß nicht unwichtige Detail hat Peter erst zum 
Schluß der Analyse erinnert, und die Mutter bestätigte, daß jene Kiki 
ganz wie ein Junge wirkte.) 

Peter verbringt zwei Monate an der See, Kikis Anblick läßt ihn nicht 
zur Ruhe kommen. Er bekommt einen Magendarmkatarrh. Wir können 
nicht sagen, ob an dessen Entstehung auch Peters Psyche beteiligt war. 
wir denken aber daran, daß dessen Hauptsymptom, der Durchfall, ein 
bekanntes Angstäquivalent, als ein Übermaß an Hergeben einen Gegensatz 
zu Kikis Nichthergeben wollen darstellt. Wir müssen auch daran denken, 
daß eine organische Erkrankung das narzißtische Interesse an dem er- 
krankten Organ steigert. Das Interesse des noch nicht eindreiviertel Jahre 
alten Kindes an seinem Stuhl dürfte während dieser Erkrankung auch 
eine Steigerung erfahren haben. 

Drei Mitteilungen bringt nun Peter aus dieser Zeit: 1. „Mami hat 
,du, du' gesagt, als ich mich schmutzig gemacht habe". 2. „Mami hat 
einmal ,Pfui' gesagt, als der Junge einmal im Wald den großen Wunsch 
in den Mund nehmen wollte". 3-. „Mami hat das Kind gehauen, weil er 
wieder das Bett verschmiert hat". 

— 273 - 



Die Mutter weiß zunächst nichts von der zweiten und der dritten An- 
schuldigung, erinnert sich aber mit Hilfe des Vaters, daß beide Erinnerungen 
des Kindes wahre Tatsachen mitteilen. Sie hat tatsächlich, verzweifelt 
darüber, daß er auch nach dem Durchfall nicht sauber werden wollte, 
ihn zweimal geschlagen. Es muß das ein furchtbarer Eindruck für das 
Kind gewesen sein, denn der Vater, der zum Wochenende kam, fand am 
nächsten Tag den Jungen zitternd im Bett vor, immer die Worte wieder- 
holend: „Mami, nicht hauen, nicht hauen". Der Vater weiß sich auch 
zu erinnern, daß bei einem Waldspaziergang der Junge in einen daliegen- 
den Kothaufen hineinfassen wollte, und daß er dann sehr erschrocken sei 
und geweint hatte, als die Mutter „Pfui" ausrief. Das Erschrecken des Kin- 
des schien so groß, daß der Vater der Mutter Vorwürfe darüber machte, 
daß ihr Ton so heftig gewesen sei. 

Wir verstehen nun, wieso bei Peter das Vertrauen zu der Mutter zerstört 
war, er dachte: sie nimmt Kindern das Pipi weg, wenn sie großen Wunsch 
machen, siehe Kiki. Und sie schlägt Kinder, wenn sie großen Wunsch 
machen, Folgerung: also jetzt mache ich keinen großen Wunsch mehr, 
sonst wird Mami böse und wird mir womöglich das Pipi wegnehmen. 

Es kommt noch ein Erlebnis aus dieser Zeit hinzu, das alle diese Er- 
lebnisse besonders wirkungsvoll machte. 

Es gibt während jenes Seeaufenthalts im Nachbarhaus einen Ziegen- 
bock, der dem kleinen Peter viel Spaß macht, er besucht ihn oft und 
geht dicht an ihn heran. Die Mutter zieht ihn zurück, der Bock könnte 
stoßen. Die Mutter hat aber auch zu ihm, wenn er in jener Zeit seine 
seltenen Trotzanfälle bekam, die Worte gesagt: „Sei wieder ein lieber 
1 etcr, wirf das Böckchen heraus" 1 ). Also die Mutter hat Angst vor dem 
stoßenden Ziegenbock, sie hat auch Angst gezeigt, als er den Kotballen 
im Walde anfassen wollte, sie hat Zorn gezeigt, als er sich schmutzig 
gemacht hat, sie weiß, auch in ihm ist ein kleiner Bock, sie hat vor dem 
großen Ziegenbock und vor dem kleinen, den er als großen Wunsch aus 
sich herausdrücken kann, Angst. Der Ziegenbock stößt und der große 
Wunsch im Körper stößt auch. Wenn die Mami Angst hat, wird sie 
böse und haut. Davor hat er Angst, also zieht er den gefahrenbringenden 
Stuhl zurück, wie ihn die Mutter von dem gefährlichen Ziegenbock 
zurückgezogen hat. — Peter hat diesen Gedankengang nicht in diesen 
klaren Worten gedacht, hätte er es gekonnt, so hätte er wahrscheinlich 
auch einmal darüber sprechen und von seinen Eltern eine Beruhigung be- 
kommen können. 

Auch in der Analyse kann er zunächst nicht darüber sprechen, stellt 
das Erlebnis erst in einem dramatischen Spiel dar, in dem er ein Ziegen 
bock ist und mich, die Mami, stößt, wobei ich große Angst zu zeigen 
habe. — Dann bekomme ich die Doppelrolle: bald Ziegenbock, bald 

1) Man sagt in Deutschland zu trotzenden Kindern, sie hätten einen „Bock". 

- 274 - 






Mami zu spielen, während er ein kleiner Peter ist, und ich muß 
ihn nun vom Ziegenbock zurückziehen mit aufgeregten Worten: denn 
er stößt dich doch noch einmal". 

Dieses Spiel, das eine Verdichtung eines vergangenen und unerledigten 
Erlebnisses mit der verbotenen Phantasie, die Mutter zu stoßen, darstellt, 
spielte Peter mehrere Tage lang mit mir, ohne auf meine Frage, wo und 
wann er die Bekanntschaft eines Ziegenbocks gemacht hätte, einzugehen. 
Nach einigen Stunden gehorsamen Mitspielens, zeigte ich Peter meinen 
Abstand von seinem Spiel, indem ich erklärte, niemals würde ich und 
ebensowenig die Mami eine so übertriebene Angst vor einem stoßenden 
Ziegenbock haben oder gar vor dem Stoßen eines kleinen Jungen. Mag 
er doch stoßen, der kleine Junge, wir stoßen eben wieder, und das macht 
bloß Spaß. Darauf begann Peter die oben berichtete Geschichte mit klaren 
Worten zu erinnern, und die Mutter konnte wieder seine Erinnerung an 
den Ziegenbock und an ihre Angst bestätigen. Peter hat in der nächsten 
Stunde mich auf die Probe gestellt, stieß mich mit dem Kopf vor den 
Bauch und lachte, als ich nun nicht mehr wie in dem bisherigen Spiel 
Angst mimte, sondern ihn wieder stieß und sich daraus ein Boxen ent- 
wickelte. Hierbei lernte Peter von seinen zarten, kaum spürbaren Angriffen 
zu stärkeren überzugehen, was ihm dann große Lust machte. Auch die 
Erziehung zu Aggressionen, die von der Außenwelt eine Bejahung finden, 
scheint mir nicht unbeteiligt an dem Erfolg dieser Analyse, die das Kind 
nicht nur zur Aufgabe seines Symptoms sondern auch zu einer sehr auf- 
fälligen und anhaltenden Veränderung seines ganzen Wesens führte. Und 
wiederum muß unterstrichen werden, daß einen großen Anteil an diesem 
Erfolg die Eltern hatten, die nun mit vollem Verständnis auf das „Unge- 
zogenwerden", das Aggressiv werden des Jungen eingingen; auch der Vater 
lernte es, sich mit seinem jungenhaft werdenden Sohn zu prügeln. 

Als ich Peter den Zusammenhang zwischen seinem Zurückhalten des 
Stuhls und den Phantasien, die er an das Ziegenbock-Erlebnis angeschlos- 
sen hatte, deutete, schwand seine Angst bei dem Vorgang des Defäzierens 
gänzlich. Er brachte es nun fertig, seinen Stuhl anzusehen, lief von ihm 
nicht weg, sah nicht verängstigt aus, wenn er seinen Stuhl absetzte. Sein 
Stuhl hat die phantastische Bolle eines lebendigen, Gefahr bringenden Feindes 
verloren. Aber das Zurückhalten des Stuhls hielt noch an, nur an manchen 
Tagen ging es ohne Zurückhalten, ohne daß jedesmal ein Zusammenhang 
zwischen der Analyse und der Besserung greifbar verständlich geworden wäre. 

Ehe wir nun zu dem Analysenabschnitt übergehen, der den Rest von 
Ängsten und Zweifeln erledigte, die Peter noch hemmten, sein Symptom 
aufzugeben, gestatten wir uns eine kritische Betrachtung der an diesen Bei- 
spielen dargelegten analytischen Technik. Die wörtliche Auslegung des Stoß- 
spiels könnte wie eine Naivität klingen, weil sie den tieferen Sinn des 
Stoßens zu vernachlässigen scheint (ebenso wie ich in dem vorher dargestell- 
ten Material den tieferen unbewußten Sinn des Zerbrechens der Spritze in 

- 275 - 



meiner an den Jungen gerichteten Deutung aufzudecken unterließ). Dies ge- 
schah, weil bei kleinen Kindern meinem Eindruck nach erst die Schuldgefühle, 
die an den gewöhnlichen, täglichen, mehr und minder erlaubten Aggressionen 
wie Stoßen, Zerbrechen, Schlagen, Beschmutzen, Spucken hängen, gemildert 
werden müssen, ehe das Kind sich mit den Schuldgefühlen, die mit seinem 
Ödipuskomplex zusammenhängen, fruchtbar auseinandersetzen kann. Andere mögen 
anders vorgehen und die Erfahrung machen, daß mit dem Auseinanderfallen 
der Ödipusschuldgefühle, die man sogleich angehen könne, der Mut zu den erlaub- 
ten (und für die Entwicklung eines Lebensmuts sogar notwendigen) Aggressionen 
von allein wächst. Ich ziehe ein Vorgehen wie das oben geschilderte aus zwei 
Gründen vor: Die Angstquantitäten und Widerstände, die der analytische Prozeß 
erregt, werden so in feineren Dosierungen gegeben und vom Kind und Analytiker 
leichter zu bewältigen sein ; das Ich des Kindes nimmt an dem Prozeß der Ver- 
wandlung tieferen Anteil, stärkt sich allmählich für die doch sehr komplizierte 
Auseinandersetzung mit seinem Es und seinem Uber-Ich (seinen Triebwünschen 
und seiner Gewissensinstanz). In unserem Fall hatte das Auffangen des Stoßens 1) 
in seiner wörtlichen Bedeutung 2) in seiner auf den analen Vorgang übertrage- 
nen Bedeutung auch deshalb einen guten Sinn, weil Peter in der Phase seines 
Lebens, die er jetzt verarbeitete, vor allem anal-sadistisch orientiert war. Damals 
als die Ziegenbockgeschichte spielte, interessierte Peter naturgemäß das tatsäch- 
liche Stoßen und Gestoßenwerden am meisten und das plötzliche Sich-herausstoßen 
des Stuhls beim Durchfall und dann das Herausstoßen des Stuhls, wann und 
wo es ihm paßte, um der seit der Kiki-Geschichte als feindlich aufgefaßten 
Mutter zu trotzen, und dann die Hemmung des Herausstoßens, das von der Mutter 
wie etwas Gefährliches gefürchtet und bestraft wurde. Aber bei dem Dreijährigen, 
der diese Sachen erzählte, hat das Stoßen eine neue Bedeutung, die des genitalen 
Angriffs auf die Mutter, dazu bekommen. Diese beschäftigte uns erst gegen das 
Ende der Analyse, als Peters anale Vorgeschichte schon geklärt war und Peter nun 
deutlich seine genitalen und auf die Mutter gerichteten Wünsche zum Ausdruck 
brachte. Er hat dann mit großer Ruhe und Intelligenz, weil mit einem wirklich 
bereits gestärkten Ich, sich damit auseinandersetzen können, weshalb ein Kind noch 
keinen Geschlechtsverkehr ausüben und ein Sohn die Mutter niemals besitzen könne. 

Der fünfzigsten Analysenstunde, die Peter dazu brachte, sich nun ganz von 
seinem Symptom zu befreien, waren Spiele und Phantasien vorausgegangen, in 
denen die Mutter als ein beißendes Schaf erschien. Im Anschluß daran waren 
seine eigenen unterdrückten oralen Aggressionen gegen die Mutter deutlich ge- 
worden, und es zeigte sich, daß das Angebot der Mutter, von ihrer Brust Milch 
zu bekommen, seinen Milchneid nicht verringert hatte, ihn vielleicht sogar zu 
so aggressiven Wünschen verführte, daß er sich ihrer nur mit Hilfe der 
Verdrängung erwehren konnte. In einer Geschichte, die wörtlich zitiert 
zu werden verdient, setzt Peter seine Kastrationsangst und seine oralen 
Aggressionen dicht nebeneinander: 

„Es war einmal ein Theodor, ein gedorrter 1 . Er dachte, sein Pipi fällt ab. 
Er war so dumm. Und dann hat er gedacht, wenn das Pipi fällt ab, dann 

1) Solche Wortspiele begann Peter in dieser Zeit zu lieben, in der ihm die Analyse 
sein inneres Spiel mit dem Kot zu verleiden begann. 

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kommt der große Wunsch mit dem Pipi heraus. Er wollte immer die 
ganze Milch aus Mamis Bauch trinken. Der hat die Brüderchen weg- 
genommen und dann hat er getrunken. Da hat sie die Brüderchen wieder 
rangenommen. Da hat er wieder die Brüderchen weggenommen und hat 
ganz ausgetrunken, alles. 4 * 

Der Erfolg der Analyse seiner oralen Aggressionen war, daß er sich 
vertrauensvoll an die Mutter anzuschließen begann und es gelegentlich 
duldete, daß sie bei unseren Unterhaltungen zugegen war, eine Maßnahme, 
die bei dieser sehr verständigen und unneurotischen Mutter möglich war 
und sich auch deshalb empfahl, weil die Behandlung aus äußeren Gründen 
nicht sehr lange dauern konnte 1 . 

Fünfzigste Behandlungsstunde 

In dieser Stunde, deren Verlauf genau wiedergegeben werden soll, hatte Peter 
gewünscht, daß ich mit ihm ins Badezimmer ginge, damit ich zusähe, daß er 
bereits ohne Angst sich seines Stuhls entledigen könne. Er wünschte danach von 
mir gebadet und zu Bett gebracht zu werden. Es wurde dabei nichts Besonderes 
gesprochen, ich las ihm dann im Bett auf seine Bitte und in Gegenwart der Mut- 
ter ein Gedicht von Richard Dehmel vor, in dem ein Kind zum Kaufmann 
läuft, um Sonne zu kaufen, und ich erzählte dann der Mutter, daß Peter 
an vorhergehenden Tagen verstanden hätte, daß das nicht wirklich, sondern 
ein Witz sei. Ich sagte etwa folgende Worte: „Jetzt versteht der Peter schon, 
daß man sich manchmal etwas ausdenken kann, was nicht wahr ist, eine 
Dummheit oder einen Witz. 

Prompt auf diesen Satz von mir wendet sich Peter an seine Mutter 
mit einem Ausdruck, als sei er plötzlich von einer Eingebung überfallen 
worden: „Mami, aber wozu ist das Rohr an dem Topf gewesen, wie Du 
krank warst?" 

Mutter: „Damit man den Topf besser anfassen kann, das ist der Griff, 
so wie der Henkel bei deinem Topf." 

Peter mit einem Gesichtsausdruck, der anstrengende Gedankenarbeit 
verrät: „Aber wozu ist das Rohr an deinem Topf." 

Mutter: „Damit man den großen Wunsch besser ausgießen kann durch 
das Rohr." 

Peter: „Aber wozu ist das Rohr?" 

Die Mutter erklärt noch einmal mit sehr einfachen Worten, daß das 
Rohr praktisch zum Ausgießen des Topfinhaltes sei. 

Peter wiederholt die Frage, als gingen ihn alle diese Erklärungen nichts 
an: „Aber Mami sag mir, wozu ist das Rohr?" 

Ich bringe ihm das Steckbecken herbei, damit wir besser demonstrieren 
können, was er zu wissen verlangt. 

1) Wünschte Peter, daß seine Mutter nicht zugegen sei, so wurde sein Wunsch 
selbstverständlich respektiert. Niemals war die Mutter zugegen, wenn Peter seine 
feindseligen Tendenzen gegen sie äußerte. 

- 277 - 






Peter gibt sich auch dann nicht zufrieden, faßt das Steckbecken an, 
fragt: „Mami, hast du dich so draufgesetzt?" 

Mutter: „Ja, weil ich so schwach war, da durfte ich nicht aus dem 
Bett heraus." 

Peter: „Mami, ich will mich auch drauf setzen." Er deckt sich ab, 
erklärt, er könnte hineinfallen, legt ein kleines Kissen aufs Steckbecken, 
setzt sich dann darauf, denkt scheinbar angestrengt nach, macht sein 
Schlafhöschen auf, schiebt das Kissen etwas weg, richtet mit ängstlichem 
Gesichtsausdruck sein Glied auf die Öffnung des Rohrs, man sieht es seiner 
Bewegung an, daß er es hineinstecken möchte und sich nicht traut, da- 
bei wiederholt er nachdenklich: „Wozu ist aber das Rohr?" Seine Gesten 
machen mir plötzlich deutlich, was das Kind mit seiner Frage meint. Ich 
sage also: „Ach, du meinst, Mami hat doch ein Pipi gehabt, so wie du 
und hat es hineingesteckt und dann ist es drin im Rohr geblieben. Du 
denkst vielleicht, das Blut damals kam von Mamis Pipi?" 
Peter ganz erlöst: „Ja, das hab ich gedacht". 

Der ganz veränderte, befreite Gesichtsausdruck des Kindes wirkten auf 
die Mutter und mich völlig überzeugend, daß er nun endlich die Lösung 
der Frage bekam, die ihn noch quälte. Er lachte befreit auf: „Da hab ich 
einen Witz gedacht, Mamis Pipi kann nicht abbrechen, Mami hat doch 
kein Pipi gehabt, sie ist ohne Pipi geboren, Frauen haben keine Pipis". 
So, als hätte er erst jetzt diese Tatsache völlig glaubhaft gefunden. 

Die erlösende Wirkung der Deutung zeigte sich in der Stunde darauf, 
in der Peter ohne Angst mit dem Steckbecken spielte, Puppen und Tiere 
hineinsetzte, Wasser aus dem Rohr ausgoß und dazu erzählte, so als staunte 
er über seine frühere Dummheit: „Das hab ich einmal dumm gedacht, 
Pipis können nicht abbrechen". 

Am nächsten Morgen verlangte Peter, in das Bett der Mutter hinein- 
genommen zu werden, etwas was er seit ihrer Brustentzündung ängstlich 
mied. Die Wandlung seines ängstlichen Wesens in ein freies, jungenhaftes, 
wurde noch auffälliger, und das Zurückhalten des Stuhls war in den 
nächsten Tagen verschwunden. Er war stolz, jeden Morgen „wie ein Herr 
nach dem Frühstück" aufs Klosett zu gehen. 

Es scheint, daß Peter erst volle Klarheit darüber gewinnen mußte, daß 
die Mutter nicht kastriert sei, um ihr zu trauen. Als dächte er: hat man 
ihr nichts Böses getan, kann man ihr dieses Böse überhaupt nicht antun, 
so wird sie auch mir nichts Böses antun. 

Diese fünfzigste Stunde erst macht verständlich, was Peter eigentlich 
in der ersten Stunde sagen wollte und noch nicht konnte, als er bei allen 
Gegenständen des Schranks, wozu sie seien, gefragt hat und nur das Steck- 
becken ausließ. Der Prozeß der Klärung schien ganz abgerundet, als nun 
Peter in der zweiundfünfzigsten Stunde das Erlebnis mit dem zu kleinem 
Töpfchen wieder aufgriff, das er in Form des Agierens in der vierten 
Stunde dargestellt hatte. Er hatte am gleichen Tage, an dem er morgens 

— 278 — 









in das Bett der Mutter gekommen war, nach seinem Mittagsschlaf die 
Mutter ängstlich an sein Bettchen gerufen und erschreckt seinen erigierten 
Penis gezeigt. Die Mutter hatte ihn beruhigt, er werde wieder von allein 
weich. In der Stunde darauf, der zweiundfünfzigsten, erzählt mir Peter von 
diesem Erlebnis des Vortages, und als wollte er selbstständig seine Angst vor 
dem erigierten Penis analysieren, berichtet er nun das uns bereits bekannte 
Erlebnis, aber jetzt in ganz klaren Worten: 

„Einmal war auf dem Topf mein Pipi hart geworden, wie ich großen 
Wunsch gemacht habe. Da hat es mir weh getan, da hat mich der Topf 
am Pipi gestoßen. Da hab' ich gedacht, mein Pipi ist abgebrochen. Weil 
mein Topf zu klein war". 

Die nächste sehr viel weniger dramatische Phase der Analyse machte 
deutlich, wieso Peter an dem gleichen Tage, an dem er die Mutter im 
Bett besuchte, eine Erektion bekommt, vor ihr erschrickt und die bisher 
gefürchtete Mutter zur Mitwisserin und so gleichsam zur Entlastungs- 
person macht. Er begann jetzt, nachdem er die Angst vor der Mutter ganz 
verloren hatte, deutliche Zeichen des Ödipuskomplexes zu äußern. Und 
erst jetzt, nachdem seine frühinfantile anale Zeit in Ordnung gebracht 
war, machte er einen kecken Vorstoß in die genitale Phase 1 . Sehr inte- 
ressant war dabei, daß es nun für einige Tage eine Neigung, den Urin 
möglichst lange zurückzuhalten, entwickelte, und sich darin übte, die Blase 
nicht ganz zu entleeren, „etwas von meinem Bogen halte ich zurück". 
Diese Gewohnheit schwand, als die Analyse seine ödipuswünsche ans 
Licht brachte und seine Angst vor ihnen. Der Penis, der scheinbar nun 
an Stelle des Darms der Hauptträger der sexuellen Erregung und der 
agressiven Wünsche zu werden begann, verfiel in konfliktvollen Situationen 
auf die gleiche Kompromißleistung wie bisher der Darm: Zurückhalten, 
aber dabei Lust gewinnen, Retentionslust. 

Es ist in dieser kurzen Zeit nicht gelungen, eine völlige Klarheit über 
die Onanie des Kindes zu gewinnen. Zu der Zeit als die Analyse begann, 
hat Peter vor dem Einschlafen, aber auch sonst häufiger am Penis gespielt, 
scheinbar ohne Schuldgefühle, und scheinbar ohne dabei zu großer Lust 
zu gelangen. Dagegen brachte er es bei seinem Stuhlzurückhalten deutlich 

i) Selbstverständlich waren ihm auch schon vorher genitale Sensationen bekannt, 
wie die Erektion auf dem Töpfchen im Alter von zwei Jahren bezeugt. Manches 
spricht dafür, daß auch Phantasien, in denen der Penis eine Rolle spielt, ihn in der 
erregenden Zeit zwischen dem Kiki-Erlebnis (i 1 /, Jahre) und der Geburt der Brüder 
(a'/s Jahre) beschäftigten. Aber genitale Erregungen und Phantasien sind in jener 
Zeit verwoben mit prägenitalen, oralen, analen und sadistischen Regungen, von denen 
sein Tagesleben erfüllt ist. So kommt das Phänomen zustande, daß die durch trauma- 
tisches Erlebnis vor Erreichung des Genitalprimats entstandene genitale Angst ein 
Symptom hervorruft, das nicht die genitale, sondern die anale Sphäre betrifft. Der 
Fall erinnert darin wie auch in einigen anderen Punkten an den von Berta Born- 
stein mitgeteilten Fall eines zweijährigen Mädchens. (Die Phobie eines zweieinhalb- 
jährigen Kindes. Int. Zeitschr. f. PsA., XVJJ, 1951, S. 344fr.) 

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zu orgastischen Sensationen. Noch mehrere Monate nach dem Aufhören 
der Analyse, in der Zeit, als Peter bereits täglich entleeren konnte, liebte 
er es doch, fast regelmäßig eine halbe Stunde zu warten, bis er das 
Klosett aufsuchte. Auf die Frage des Vaters, ob er nicht auch das noch 
mit mir besprechen möchte, warum er das täte, äußerte Peter: „Ach, ich 
schaukle nur noch ein bißchen meinen großen Wunsch im Popo hin und 
her". Wir wissen nicht, wie es ihm gelungen ist, auch auf diesen Rest 
der Retentionsneigung zu verzichten, wir können nur vermuten, daß ein 
Weiterschreiten in seiner genitalen Entwicklung den Verzicht auf die 
anale Onanie möglich gemacht hat. 

Mit der Änderung von Peters Einstellung zur Mutter ging eine inter- 
essante Wandlung seiner Beziehung zum Vater vor sich. Als Peter ein Jahr 
fünf Monate alt war, erlebten seine Eltern eine Szene mit ihm, die wie 
eine gute Prognose für die Ausbildung eines normalen und kräftigen Ödipus- 
komplexes aussieht. Peter ist morgens im Bett bei der Mutter, als der Vater 
ihr einen Kuß gibt. Peter sieht den Vater drohend an und gibt ihm eine 
schallende Ohrfeige mit den Worten: „Meine Mami!" Kurz danach — wir 
wissen, welche Erlebnisse kurz danach Peters liebevolle Einstellung zur Mutter 
zerstört haben — finden wir nichts mehr von einer so aggressiven Haltung 
bei ihm vor. Er schließt sich im Gegenteil immer stärker an den Vater 
an, läßt sich von ihm anziehen, beim Urinieren helfen, Geschichten er- 
zählen, geht zu ihm ins Bett, zieht ihn sichtlich der Mutter vor. Wie sehr 
aber der Vater von dem Kind zu dieser mütterlichen Haltung verführt 
wurde, ersehen wir daraus, daß nun, nachdem das Kind sein ängstliches 
Wesen gegen ein jungenhaftes vertauscht hat, auch der Vater seine Haltung 
ihm gegenüber änderte: Vater und Sohn boxen miteinander, streiten ge- 
legentlich, zeigen Eifersucht aufeinander. Peter phantasiert, ein Haus für 
sich und die Mutter zu bauen, dem Vater ein anderes, der Vater könne 
die Mutter und ihn manchmal besuchen, müsse sich aber vorher tele- 
phonisch anmelden. 

Nachtrag 

Diese Behandlung hat vor bald zwei Jahren stattgefunden. Peter ent- 
wickelte sich in der Zwischenzeit völlig normal, hat gute Beziehungen zu 
anderen Menschen und Kindern, zeigt gute Sublimierungsfähigkeiten 
auf allen Gebieten, nimmt zwar sensibel alle Eindrücke auf, setzt sich 
aber nun kräftig mit den Widrigkeiten und beängstigenden Eindrücken 
auseinander, von denen keines Menschen Leben verschont bleibt. Die Eigen- 
schaften des Analcharakters, Geiz und pedantisch übertriebene Sauberkeit, 
sind geschwunden. In der Zwischenzeit habe ich alle paar Monate eine oder 
mehrere Stunden mit ihm verbracht, ihm auch einige Analysenstunden ge- 
geben, wenn er danach verlangte. Während er kurz nach Abschluß der Behand- 
lung, wenn von mir die Rede war, von oben herab sagte: „Ach, die Steff von 
den dummen Sachen", so, als gingen ihn diese nichts mehr an, hat er später, 

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jedesmal, wenn er etwas erlebte, was tatsächlich geeignet war, das Gleich- 
gewicht eines Kindes zu erschüttern, den Wunsch geäußert, zu mir zu kommen. 
Er nimmt mich deutlich als die Instanz, die in Dingen des Unbewußten und 
der Kindererziehung fachmännisch beraten kann. Was ihn dann beunruhigte, 
konnte er mit einer oder einigen Stunden erledigen. Fast jedesmal zeigte 
sich dabei, daß in der Analyse des Dreijährigen ein Problem nicht genügend 
beachtet oder nicht gut genug durchgearbeitet war, so z. B. Peters Wunsch, 
nicht nur ein Mann, sondern auch eine Frau zu sein, um Kinder wie die 
Mutter zu gebären. 






- 281 - 



B E R I C HTE 



Aus „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinns" 

Von Sandor Ferenczi t 

Am 22. Mai 193} verschied in Budapest Dr. Sandor Ferenczi; von 
seinem reichen wissenschaftlichen Nachlaß brachte die Zeitschr. f. P sa . 
Pädagogik in diesem Jahrgang (Heft ) 4) die vom Standpunkt der Kinder- 
psychologie so aufschlußreiche Arbeit „Ein kleiner Hahnemann" . I m 
Jahrgang io28 dieser Zeitschrift erschien „Die Anpassung der Familie 
an das Kind", im Jahrgang ;■;_'■) die von Dr. Ferenczi herausgegebenen 
Aufzeichnungen „Aus der Kindheit eines Proletarier mädchens". Im fol- 
genden geben wir auszugsweise eine der theoretischen Arbeiten wieder 
(Erschienen in der Zeitschr. f. PsA. 19t) und im Band I der „Bausteine 
zur Psychoanalyse" .) 

Die Erzieher nehmen es wie eine Selbstverständlichkeit hin oder buchen es als 
einen Erfolg der Erziehungskunst, wenn bei einem Kind die ersten Anzeichen einer 
aufschiebenden, überlegenden Denktätigkeit zwischen Wünschen und Handeln bemerk- 
bar werden. Sie wundern sich kaum, daß das kleine Kind so wird, und sehen bloß 
das fertige Produkt, erwarten, daß das Kind so beschaffen sein wird, wie es nach den 
Wünschen der Großen sein soll; sie geben sich aber nicht Rechenschaft darüber, wie 
das Kind dorthin kommt. In der Erziehungsarbeit sieht man bloß die groben Züge 
der kindlichen Entwicklung, die bedeutsamen Vorgänge spielen sich aber in der Tiefe 
ab, dort, wo das unbewaffnete Auge nicht mehr sehen kann; mit dem Mikroskop der 
Psychoanalyse ist es noch möglich seelische Abläufe zu beobachten, die den Kinder- 
psychologen bisher entgehen mußten. 

Vom kleinen Kind ist längst bekannt, daß es sich in den ersten Monaten und 
Jahren nicht immer so verhält, wie die zoologische Einordnung es vom homo sapiens 
erwarten ließ. Das Bekanntwerden mit der Wirklichkeit folgt merkwürdigen Wegen, 
sie wird keineswegs, wie wir früher glaubten, von der Vernunft gelenkt. Vieles spricht 
dafür, daß das Kind sogar einen Widerstand gegen die Anpassung entwickelt. Wenn 
es sich schon teilweise dazu entschlossen hat, führen einzelne seiner Körperteile so- 
zusagen noch ein Sonderdasein, in welchem die Forderungen und Vorteile der Realitäts- 
anpassung noch nicht wirksam sind. „Ein kleiner Junge, dem das Bohren in der Nase 
verboten wurde, antwortete der Mutter: „Ich will ja nicht, aber meine Hand will 
und ich kann sie nicht hindern." 

Die vergleichende Psychoanalyse von Kindern, Primitiven, Neurotikern und Geistes- 
kranken erlaubt es, die Entwicklung des Wirklichkeitssinns in vier Phasen ablaufen 
zu sehen. Der direkten Beobachtung bieten sich bloß Reste dieser Phasen, in patho- 
logischen Abläufen sind sie oft viel deutlicher erkennbar. Wie eine bloße gedank- 
liche Konstruktion mutet die erste Phase an: Periode der bedingungs- 
losen Allmacht. 

„Ich meine die im Mutterleib verbrachte Lebenszeit des Menschen. In diesem Zu- 
stand lebt der Mensch wie ein Parasit des Mutterleibes. Eine „Außenwelt" gibt es 
für das aufkeimende Lebewesen nur in sehr beschränktem Maße; sein ganzes Be- 
dürfnis nach Schutz, Wärme und Nahrung wird von der Mutter gedeckt. Ja, es hat 

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nicht einmal die Mühe, sich des ihm zugeführten Sauerstoffes und der Nahrungsmittel 
zu bemächtigen, denn es ist dafür gesorgt, daß diese Stoffe durch geeignete Vorrich- 
tungen geradewegs in seine Blutgefäße gelangen. — Im Vergleich hiezu muß z. B. 
ein Eingeweidewurm viel Arbeit leisten, die „Außenwelt verändern", wenn er sich 
erhalten will. Alles Sorgen um den Fortbestand der Leibesfrucht ist aber der Mutter 
übertragen. Wenn also dem Menschen im Mutterleibe ein wenn auch unbewußtes 
Seelenleben zukommt, — und es wäre unsinnig zu glauben, daß die Seele erst mit 
dem Augenblick der Geburt zu wirken beginnt, — muß er von seiner Existenz den 
Eindruck bekommen, daß er tatsächlich allmächtig ist. Denn was ist Allmacht? 
Die Empfindung, daß man alles hat, was man will, und man nichts zu wünschen 
übrig hat. 

Der „Kindergrößenwahn" von der eigenen Allmächtigkeit ist also zumindest kein 
leerer Wahn; das Kind und der Zwangsneurotiker fordern von der Wirklichkeit 
nichts Unmögliches, wenn sie davon nicht abzubringen sind, daß ihre Wünsche sich 
erfüllen müssen; sie fordern nur die Wiederkehr eines Zustandes, der einmal 
bestanden hat, jener „guten alten Zeit", in der sie allmächtig waren. 

Versuchen wir, uns in die Psyche des Neugeborenen nicht nur (wie es die Pflege- 
personen tun) einzufühlen, sondern auch hineinzudenken, so müssen wir uns sagen, 
daß das hilflose Schreien und Zappeln des Kindes eine scheinbar recht unzweckmäßige 
Reaktion auf die unlustvolle Störung ist, die die bisherige Befriedigungssituation 
infolge der Geburt plötzlich erfahren hat. Gestützt auf Überlegungen, die Freud 
im allgemeinen Teile seiner „Traumdeutung" ausführt 1 , dürfen wir annehmen, daß 
die erste Folge dieser Störung die halluzinatorische Wiederbesetzung 
der vermißten Befriedigungssituation: der ungestörten Existenz im warmen, ruhigen 
Mutterleibe, gewesen ist. Die erste Wunschregung des Kindes kann also 
keine andere sein als die, in diese Situation zurückzugelangen. Das 
Merkwürdige an der Sache ist nun, daß sich diese Halluzination des Kindes — nor- 
male Kinderpflege vorausgesetzt — tatsächlich realisiert. Es hat sich also die bis- 
herige bedingungslose „Allmacht" vom subjektiven Standpunkte des Kindes nur inso- 
fern verändert, als es sich die Wunschziele nur halluzinatorisch besetzen (vorzustellen), 
aber an der Außenwelt sonst nichts zu ändern braucht, um nach Erfüllung dieser 
einzigen Bedingung die Wunscherfüllung wirklich zu erlangen. Da das Kind von der 
realen Verkettung der Ursachen und Wirkungen, von der Existenz und Tätigkeit der 
Pflegepersonen sicher keine Kenntnis hat, muß es sich im Besitze einer magischen 
Fähigkeit fühlen, alle Wünsche einfach durch Vorstellung ihrer Befriedigung tatsäch- 
lich realisieren zu können. (Periode der magisch-halluzinatorischen 
Allmacht.) 

Da der Wunsch nach Triebbefriedigungen sich periodisch meldet, die Außenwelt 
aber von dem Eintreten jenes Momentes, wo der Trieb sich geltend macht, keine 
Kenntnis hat, genügt die halluzinatorische Repräsentation der Wunscherfüllung bald 
nicht mehr dazu, um die Wunscherfüllung wirklich herbeizuführen. Die Erfüllung 
wird an eine neue Bedingung geknüpft: das Kind muß gewisse Signale geben, 
also eine wenn auch inadäquate motorische Arbeit leisten, damit sich die Situation 
in seinem Sinn verändert und die „Vorstellungsidentität" von der befriedigenden 
„Wahrnehmungsidentität" gefolgt wird 1 . 

Schon das halluzinatorische Stadium war durch das Auftreten unkoordinierter 
motorischer Entladungen bei Unlustaffekten charakterisiert (Schreien, Zappeln). Diese 

l) Freud: „Traumdeutung". 1900. Ges. Sehr., Bd. II, S. 48af. 

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benutzt nun das Kind als magische Signale, auf deren Ruf dann die Wahrnehmung 
der Befriedigung (natürlich mit äußerer Hilfe, von der aber das Kind keine Ahnung 
hat) prompt eintrifft. Das subjektive Empfinden des Kindes bei diesen Vorgängen ist 
dem eines wirklichen Zauberers zu vergleichen, der nur eine bestimmte Geste vor- 
zunehmen hat, damit in der Außenwelt die kompliziertesten Ereignisse nach seinem 
Willen vor sich gehen 1 . 

Wir merken, wie die Allmacht des menschlichen Lebewesens bei Zunahme der 
Kompliziertheit der Wünsche an immer mehr „Bedingungen" geknüpft wird. Bald 
genügen auch diese Abfuhränßerungen nicht mehr, um die Befriedigungssituation 
hervorzurufen. Die sich mit der Entwicklung immer spezieller gestaltenden Wünsche 
erfordern entsprechend spezialisierte Signale. Solche sind zunächst: die Nachahmungen 
der Saugbewegungen mit dem Mund, wenn der Säugling gestillt werden will, und 
die charakteristischen Äußerungen mittels Stimme und Bauchpresse, wenn es von den 
Exkrementen gereinigt werden möchte. Allmählich lernt das Kind auch, die Hand 
nach den Gegenständen auszustrecken, die es haben will. Später entwickelt sich daraus 
eine förmliche Gebärdensprache: durch entsprechende Kombination der Gesten ver- 
mag das Kind ganz spezielle Bedürfnisse zu äußern, die denn auch sehr oft wirklich 
befriedigt werden, so daß sich das Kind — wenn es nur die Bedingung der Wunsch- 
äußerung mittels entsprechender Gesten einhält — immer noch allmächtig vorkom- 
men kann : Periode der Allmacht mit Hilfe magischer Gebärden. 

Mit der Zunahme des Umfanges und der Kompliziertheit der Bedürfnisse mehren 
sich natürlich nicht nur die „Bedingungen", denen sich das Individuum unterwerfen 
muß, wenn es seine Bedürfnisse befriedigt sehen will, sondern auch die Zahl der 
Fälle, in denen seine immer dreisteren Wünsche selbst bei strenger Einhaltung der 
einmal wirkungsvoll gewesenen Bedingungen unerfüllt bleiben. Die ausgestreckte 
Hand muß oft leer zurückgezogen werden, der ersehnte Gegenstand folgt der magischen 
Geste nicht. Ja, eine unbezwingliche feindliche Macht mag sich dieser Geste mit 
Gewalt entgegensetzen und die Hand zwingen, ihre frühere Lage einzunehmen. Hat 
sich bislang das „allmächtige" Wesen mit der ihm gehorchenden, seinen Winken 
folgenden Welt eins fühlen können, so kommt es allmählich zu einem schmerzlichen 
Zwiespalt innerhalb seiner Erlebnisse. Es muß gewisse tückische Dinge, die seinem 
Willen nicht gehorchen, als Außenwelt vom Ich, d. h. die subjektiven psychischen 
Inhalte (Gefühle) von den objektivierten (den Empfindungen) sondern. Ich benannte 
einmal das erste dieser Stadien die Introjektionsphase der Psyche, da hier 
noch alle Erfahrungen ins Ich aufgenommen werden, die spätere die Projektions- 
phase 2 . Man könnte nach dieser Terminologie die Allmachtsstadien auch als 

1) Wenn ich in der Pathologie nach einem Analogon dieser Entladungen suche, muß ich immer 
an die genuine Epilepsie, diese problematischeste unter den großen Neurosen, denken. Und 
obzwar ich ohne weiteres zugebe, daß in der Frage der Epilepsie Physiologisches und Psychologisches 
schwer zu sondern ist, erlaube ich mir doch darauf aufmerksam zu machen, daß die Epileptiker als 
ungemein „empfindliche" Menschen bekannt sind, hinter deren Unterwürfigkeit beim leisesten Anlaß 
furchtbare Wut und Selbstherrlichkeit zum Vorschein kommt. Diese Charaktereigenschaft wurde bis- 
her meist als sekundäre Entartung, als Folge oft wiederholter Anfalle gedeutet. Man muß aber auch 
an eine andere Möglichkeit denken: an die nämlich, ob denn die epileptischen Anfälle nicht als 
Regressionen in die infantile Periode der Wunscherfüllung mittels unkoordinierter 
Bewegungen zu betrachten sind. Die Epileptiker wären dann Wesen, bei denen sich die Unlust- 
affekte aufhäufen und sich periodisch in Paroxysmen abreagieren. Erwiese sich diese Erklärung als 
brauchbar, so müßten wir die Fixierungsstelle für eine spätere Erkrankung an Epilepsie in dieses 
Stadium der unkoordinierten Wunschäußerungen verlegen. — Das irrationelle Strampeln mit den 
Füßen, das Ballen der Fäuste, das Zähneknirschen usw. bei Zornesausbruch wäre eine mildere 
Form derselben Regression bei sonst gesunden Menschen. 

2) Siehe Introjektion und Übertragung. 1909, „Bausteine zur Psychoanalyse". Band I, S. 9. 

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Introjektionsstufen, das Realstadium als Projektionsstufe der Ich- Entwicklung an- 
sprechen. 

Doch auch die Objektivierung der Außenwelt zerreißt nicht jeden Faden zwischen 
dem Ich und dem Nicht-Ich. Das Kind lernt zwar sich damit bescheiden, daß es 
nur über einen Teil der Welt, über das „Ich" verfügen kann, der Rest, die' Außen- 
welt aber seinen Wünschen oft Widerstand entgegensetzt, es hängt aber immer noch 
dieser Außenwelt Qualitäten an, die es an sich kennengelernt hat, d. h. Ich-Qualitäten. 
Alles spricht dafür, daß das Kind eine animistische Periode der Realitätsauf- 
fassung durchmacht, in der ihm jedes Ding beseelt vorkommt und es in jedem Ding 
seine eigenen Organe und deren Tätigkeiten wiederzufinden sucht 1 . 

Es wurde einmal gegen die Psychoanalyse die spöttische Bemerkung laut, daß 
nach dieser Lehre das „Unbewußte" in jedem konvexen Gegenstand einen Penis, in 
jedem konkaven die Vagina oder den Anus sieht. Ich finde, daß dieser Satz die Tat- 
sachen gut charakterisiert. Die kindliche Psyche (und die daraus restierende Tendenz 
des Unbewußten beim Erwachsenen) kümmert sich am eigenen Leibe zunächst aus- 
schließlich, später hauptsächlich um die Befriedigung seiner Triebe, um die Lust- 
befriedigungen, die ihm das Saugen, das Essen, die Berührung der erogenen Körper- 
partien und die Exkretionsfunktionen verschaffen; was Wunder, wenn auch seine Auf- 
merksamkeit in erster Linie durch solche Dinge und Vorgänge der Außenwelt ge- 
fesselt wird, die auf Grund einer noch so entfernten Ähnlichkeit an die ihm liebsten 
Erlebnisse erinnern. 

Es entstehen so jene innigen, fürs ganze Leben bestehen bleibenden Beziehungen 
zwischen dem menschlichen Körper und der Objektwelt, die wir die symbolischen 
heißen. Einerseits sieht das Kind in diesem Stadium in der Welt nichts als Abbilder 
seiner Leiblichkeit, andererseits lernt es, die ganze Mannigfaltigkeit der Außenwelt 
mit den Mitteln seines Körpers darzustellen. Diese Fähigkeit zur symbolischen Dar- 
stellung ist eine bedeutende Vervollständigung der Gebärdensprache; sie befähigt das 
Kind zum Signalisieren nicht nur solcher Wünsche, die unmittelbar seine Körperlich- 
keit angehen, sondern auch zur Äußerung von Wünschen, die sich auf die Verände- 
rung der nunmehr als solche erkannten Außenwelt beziehen. Ist das Kind von liebe- 
voller Pflege umgeben, so muß es selbst in diesem Stadium seiner Existenz die Illusion 
seiner Allmacht nicht aufgeben. Es braucht ja immer noch einen Gegenstand nur 
symbolisch darzustellen, und das (beseelt geglaubte) Ding „kommt" oft wirklich 
zu ihm; denn diesen Eindruck muß das animistisch denkende Kind bei der Befriedi- 
gung seiner Wünsche haben. Allerdings läßt ihn die Ungewißheit des Eintreffens der 
Befriedigung allmählich ahnen, daß es auch höhere, „göttliche" Mächte gibt (Mutter 
oder Amme), deren Gunst es besitzen muß, soll der magischen Gebärde die Befrie- 
digung auf dem Fuße folgen. Übrigens ist auch die Befriedigung unschwer erfüllt, 
besonders bei großer Nachgiebigkeit der Umgebung. 

Eines der körperlichen „Mittel", die das Kind zur Darstellung seiner Wünsche 
und der von ihm gewünschten Gegenstände verwertet, gelangt dann zu besonderer, 
alle anderen Darstellungsmittel überflügelnder Bedeutung — nämlich die Sprache. 
Die Sprache ist ursprünglich* die Nachahmung, d.h. stimmliche Darstellung der durch 
d ie Dinge produzier t en oder m it ihrer Hilfe produzierbaren Laute und Geräusche; 

i) Zum Thema des Animisrnus siehe uuch die Abhandlung „Über Naturgefühl" von Dr Hunn* 
Sachs. Imago, I, 1912. 

a) S. K 1 ei npaul: Leben der Sprache" (Leipzig, 1893), und Dr. Sp«r ber: „Über den Einfluß 
sexueller Momente auf Entstehung und Entwicklung der Sprache (Imago. 1, Wia). 



Zeitschrift f. pso. Pad..VII/7 285 



ao 



die Geschicklichkeit der Sprachorgane gestattet eine viel gTÖßere Mannigfaltigkeit 
von Gegenständen und von Vorgängen der Außenwelt, und zwar viel einfacher, zu 
reproduzieren, als es mit Hilfe der Gebärdensprache möglich war. Die Gebärden- 
symbolik wird so von der Sprachsymbolik abgelöst: gewisse Reihen von Lauten wer- 
den mit bestimmten Dingen und Vorgängen in feste assoziative Verbindung gebracht, 
ja, allmählich mit diesen Dingen und Vorgängen identifiziert. Daraus erwächst 
der große Fortschritt, daß man der schwerfälligen bildlichen Vorstellung und 
der noch schwerfälligeren dramatischen Darstellung enthoben wird; die Vor- 
und Darstellung jener Reihe von Sprachlauten, die wir Worte nennen, gestattet eine 
weit spezialisiertere und ökonomischere Fassung und Äußerung der Wünsche. Zu- 
gleich ermöglicht die Sprachsymbolik das bewußte Denken, indem es sich an die an 
sich unbewußten Denkprozesse assoziiert und ihnen wahrnehmbare Qualitäten verleiht'. 
Nun ist das bewußte Denken mittels Sprachzeichen die höchste Leistung des 
psychischen Apparates, die schon die Anpassung an die Realität durch Aufhalten der 
reflektorischen motorischen Abfuhr und der Unlustentbindung ermöglicht. Und trotz- 
dem versteht das Kind sein Allmachtsgefühl selbst in diesem Stadium seiner Entwick- 
lung hinüberzuretten. Die gedanklich gefaßten Wünsche des Kindes sind nämlich 
noch so wenig zahlreich und von verhältnismäßig so unkomplizierter Art, daß es der 
aufmerksamen, um das Wohl des Kindes besorgten Umgebung leicht gelingt, die 
meisten dieser Gedanken zu erraten. Die das Denken (besonders bei Kindern) immer 
noch begleitenden mimischen Äußerungen machen den Erwachsenen diese Art Ge- 
dankenlesen besonders leicht. Und wenn gar das Kind seine Wünsche in Worte faßt 
so beeilt sich die hilfsbereite Umgebung, sie womöglich sofort zu erfüllen. Das Kind 
aber dünkt sich dabei wirklich im Besitze zauberhafter Fähigkeiten, befindet sich 
also in der Periode der magischen Gedanken und der magischen 
Worte. 

Wir können nur wiederholen: alle Kinder leben im glücklichen Wahne der All- 
macht, der sie irgend einmal — wenn auch etwa nur im Mutterleibe — wirklich 
teilhaftig waren. Es hängt von ihrem „Daimon" und ihrer „Tyche" ab, ob sie die 
Allmachtsgefühle auch ins spätere Leben hinüberretten — und Optimisten wer- 
den können, oder ob sie die Zahl der Pessimisten vermehren werden, die sich 
mit der Versagung ihrer unbewußten irrationellen Wünsche nie versöhnen, sich durch 
die nichtigsten Anlässe beleidigt, zurückgesetzt fühlen und für Stiefkinder des Schick- 
sals halten, — weil sie nicht seine einzigen oder Lieblingskinder bleiben 
können. 

Die Entwicklungsstufen des Realitätssinnes wurden in den bisherigen Erörterungen 
nur an den egoistischen, in den Dienst der Selbsterhaltung gestellten sogenannten 
„Ich-Trieben" dargestellt; die Realität hat eben, wie es Freud festgestellt hat, 
innigere Beziehungen zum „Ich" als zur Sexualität, einerseits, weil die letztere weniger 
von der Außenwelt abhängig ist (sie kann sich lange autoerotisch befriedigen), anderer- 
seits, weil sie während der Latenzzeit unterdrückt ist und gar nicht mit der Realität 
in Berührung kommt. Die Sexualität bleibt also zeitlebens mehr dem Lustprinzip 
unterworfen, während das Ich nach jeder Mißachtung der Wirklichkeit sofort die 
bitterste Enttäuschung erfahren müßte 2 . Betrachten wir nun das das Luststadium 
charakterisierende Allmachtsgefühl in der Sexualentwicklung, so 
müssen wir feststellen, daß hier die „Periode der bedingungslosen All- 
OS. Freud: „Traumdeutung". Ges. Sehr., Bd. II, S. 519. 
2) Freud: „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens." Ges. Sehr., Bd. V. 

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mach t" bis zum Aufgeben der autoerotischen Befriedigungsarten andauert, wo doch 
das Ich schon längst an die sich immer mehr komplizierenden Bedingungen der 
Realität angepaßt ist und über die Stadien der magischen Gebärden und Worte hin- 
aus, fast schon bei der Kenntnis der Allmacht der Naturgewalten anlangte. Auto- 
erotismus und Narzißmus sind also die Allmachtsstadien der Erotik; und 
da der Narzißmus überhaupt nie aufhört, sondern nebst der Objekterotik immer auch 
erhalten bleibt, so kann man sagen, daß — insofern man sich darauf beschränkt, sich 
selbst zu lieben — man sich die Illsusion der Allmacht in Sachen der Liebe zeit- 
lebens bewahren kann. Daß der Weg zum Narzißmus zugleich der stets gangbare 
Regressionsweg nach jeder Enttäuschung am Objekte ist, ist zu bekannt, um bewiesen 
werden zu müssen; autoerotisch-narzißtische Regressionen von pathologischer Stärke 
dürften hinter den Symptomen der Paraphrenie (Dementia praecox) und der 
Hysterie vermutet werden, während die Fixierungsstellen der Zwangsneurose und der 
Paranoia auf der Entwicklungslinie der „erotischen Realität" (der Nötigung 
zur Objektfindung) zu finden sein dürften. 

Im allgemeinen stellt sich die Entwicklung des Realitätssinnes als eine Reihe von 
Verdrängungsschüben dar, zu denen der Mensch nicht durch spontane „Entwicklungs- 
bestrebungen", sondern durch die Not, durch Anpassung erheischende Versagung ge- 
zwungen wird. — Die erste große Verdrängung wird durch den Geburtsvorgang not- 
wendig gemacht, die wohl sicher ohne aktive Mithilfe, ohne „Absicht" des Kindes 
zustande kommt. Die Leibesfrucht wäre viel lieber auch weiter ungestört im Mutter- 
leibe geblieben, wird aber grausam in die Welt gesetzt, muß die liebgewonnenen 
Befriedigungsarten vergessen (verdrängen) und sich an neue anpassen. Dasselbe grau- 
same Spiel wiederholt sich bei jedem neuen Stadium der Entwicklung. 

Es ist vielleicht erlaubt, die Vermutung zu wagen, daß es die geologischen Ver- 
änderungen der Erdoberfläche mit ihren katastrophalen Folgen für die Stammvorderen 
der Menschheit gewesen seien, die zur Verdrängung liebgewonnener Gewohnheiten 
und zur „Entwicklung" gezwungen haben. Solche Katastrophen können die Ver- 
drängungsstellen in der Entwicklungsgeschichte des Stammes gewesen sein und zeit- 
liche Lokalisation und Intensität solcher Katastrophen mögen über den Charakter und 
die Neurosen der Rassen entschieden haben. Nach einer Aussage von Professor Freud 
ist der Rassencharakter der Niederschlag der Rassengeschichte. Haben wir uns aber 
einmal so weit über das sicher Wißbare hinausgewagt, so dürfen wir auch vor der 
letzten Analogie nicht zurückscheuen und den großen Verdrängungsschub des Indivi- 
duums, die Latenzzeit mit der letzten und größten Katastrophe, die unsere 
Stammvorderen (schon zu einer Zeit, wo es sicher Menschen auf der Erde gegeben 
hat) traf, d. i. mit dem Elend der Eiszeiten in Konnex bringen, die wir in unse- 
rem Individualleben immer noch getreulich wiederholen 1 . 

Das neugierig ungestüme Alleswissenwollen, das mich in diesen letzten Aus- 
führungen in märchenhafte Fernen der Vergangenheit verführte und das noch Un- 
wißbare mit Hilfe von Analogien überbrücken ließ, bringt mich zum Ausgangspunkt 
dieser Betrachtungen: zum Thema der Blüte und des Niederganges des Allmacht s- 



1) Der Auffassung, daß nur auüerer Zwang und nie spontaner Drang das Verlassen gewohnter 
Mechanismen (Entwicklung) veranlaßt, scheinen Fälle zu widersprechen, in denen die Entwicklung den 
realen Bedürfnissen vorausläuft. Ein Beispiel dafür war die Entwicklung des Respirationsmechanismns 
schon in utero. Das kommt aber nur in der Ontogenese vor und ist hier schon als Rekapitulation 
eines notgedrungenen Entwicklungsvorganges in der Stammesgeschichte zu betrachten. Auch die 
Übungsspiele der Tiere (Groos) sind wohl nicht Vorstufen einer künftigen Rassenfunktion, sondern 
Wiederholungen phytogen erworbener Eähigkeiten. Sie gestatten also eine rein historisch-kausale 
Erklärung und zwingen nicht zur finalen Betrachtungsweise. 

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gefühls zurück. Die Wissenschaft muß sich von dieser Illusion — wie gesagt — los- 
sagen, oder zumindest immer wissen, wann sie das Gebiet der Hypothesen und Phanta- 
sien betritt. In den Märchen dagegen sind und bleiben die Allmächtigkeitsphantasien 
die herrschenden 1 . Gerade wo wir uns vor den Naturgewalten am tiefsten beugen 
müssen, kommt uns das Märchen mit seinen typischen Motiven zu Hilfe. Wir sind 
in der Realität schwach, darum sind die Helden der Märchen stark und unbesiegbar; 
wir sind durch Zeit und Raum in unserer Tätigkeit und unserem Wissen beengt und 
gehemmt: darum lebt man im Märchen ewig, ist gleichzeitig an hundert Orten, sieht 
in die Zukunft und weiß die Vergangenheit. Schwere, Härte. Undurchdringlichkeit, 
der Materie stellen sich uns jeden Augenblick hinderlich in den Weg: im Märchen 
aber hat der Mensch Flügel, seine Augen durchdringen die Wände, sein Zauberstab 
öffnet ihm alle Türen. Die Wirklichkeit ist hartes Kämpfen ums Dasein; im Märchen 
genügen die Zauberworte: „Tischlein deck dich!" Man lebt in unausgesetzter Furcht 
vor Angriffen gefährlicher Tiere und grimmiger Feinde; im Märchen befähigt eine 
Tarnkappe zu jeder Verwandlung und macht uns unerreichbar. Wir schwer erreicht 
man in der Realität die Liebe, die alle unsere Wünsche erfüllen könnte: im Märchen 
ist der Held unwiderstehlich oder er bezaubert mit einer magischen Gebärde. 

Das Märchen also, in dem die Erwachsenen so gerne die eigenen unerfüllten und 
verdrängten Wünsche ihren Kindern erzählen, bringt eigentlich die verlorene Allmachts- 
situation zu einer letzten, künstlerischen Darstellung." 

Büdier 

MARY CHADWICK, Adolescent Girlhood (Das Jugendalter des Mädchens). 
London, George Allen & Unwin Ltd. (1932), 303 Seiten. 

Die Verfasserin unterscheidet scharf zwischen ^puberty" und ,,adolescaice u . Unter 
„puberty" versteht sie im wesentlichen die physischen Vorgänge, die mehr oder weniger 
schubartige körperliche Reifung; unter „adolescence" in seelischer Beziehung den sich 
über mehrere Jahre hinziehenden Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein, 
„adolescence" , — wir wählen nicht ohne Bedenken als Übersetzung die viel gebrauchte 
Bezeichnung „Jugendalter" — deckt sich daher nur zu einem Teile mit dem, was 
Pubertät in unserem Sprachgebrauch bedeutet. 

Die Verfasserin behandelt das seelische Erleben des heranwachsenden Mädchens 
etwa vom 12. bis zum 17. Lebensjahr. Die Physis spielt in ihrer Darstellung nur in- 
sofern eine Rolle, als sie Anlaß wichtiger seelischer Reaktion ist. 

Im Mittelpunkte des Jugendalters des Mädchens steht der Eintritt der Menstrua- 
tion. Die Wirkungen dieses Ereignisses, die je nach psychischer Gesundheit, Schwäche 
oder Krankheit verschieden stark sind, manchmal verheerend, nie aber bedeutungs- 
los für die Entwicklung des Mädchens zum erwachsenen Weib, schildert Chadwick 
ausführlich und einleuchtend. Diese an inneren Konflikten reiche Entwicklungsphase 
wird nach Ansicht der Verfasserin durch cias Verhalten der Umgebung erschwert. 
Vor nicht langer Zeit noch ließ man dem Mädchen im allgemeinen ein Übermaß 
an Schonung und Aufmerksamkeit angedeihen. Modernen Ideen liegt es näher, dieses 
innerlich betonte Ereignis vollkommen unbeachtet zu lassen. Chadwick weist auf die 
Gefahren hin, die in diesen beiden extremen Einstellungen liegen. Als eine der 
wichtigsten psychologischen Veränderungen im Jugendalter wird das Wiederaufleben 

1) Vgl. Fr. Riklin: „Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen 1 -. Schriften zur angewandten 
Seclenkundc, Heft 2. Wien, Deuücke, 1908. 

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infantiler Wünsche und deren Erledigungsformen geschildert. Zugleich mit den in- 
fantilen Wünschen aber tritt auch das Schuldgefühl meist im Anschluß an mastur- 
batorische Handlungen und Phantasien auf. Die Erledigung dieser Konflikte und die 
Einfügung des jungen Mädchens in die Umwelt ist nach Chadwick eine der ent- 
scheidenden „Aufgaben" der „adolescence" . Auch der äußere Aspekt weist auf die 
frühe Kindheit hin: Wie in der Zeit der ersten Domestizierung der Triebwünsche 
entstehen auch jetzt Konflikte mit der Umwelt, die letzten Endes aus der Bindung 
an die Elternsituation hervorgehen. Daraus erklärt sich auch das Wiederaufleben 
charakteristischer Phantasien unter denen etwa die des „Familienromans" besonders 
hervorzuheben sind. Die Beziehungen des heranwachsenden Mädchens zu den einzelnen 
Familienmitgliedern werden sorgfältig geschildert, „vor allem die zur Mutter in 
ihren positiven und negativen Auswirkungen. Keine Beziehung ist durch stärkere 
Affekte ausgezeichnet; mit Recht wird auf die im ätiologischen Sinne oft entschei- 
dende Bedeutung hingewiesen, die dem Verhalten der Mutter der Tochter gegenüber 
zukommt. Je weniger die Mutter von übertriebenen Gefühlseinstellungen beherrscht 
ist, desto leichter wird sich von Seiten der Tochter eine zärtlich-freundschaftliche 
Beziehung ausbilden können. Störungen der harmonischen Einstellung der Mutter, 
äußere Schicksale, die etwa dem Mädchen einen Elternteil frühzeitig entreissen, 
können Fehlentwicklungen begünstigen. Die Einstellung des Jugendalters spiegelt 
aber auch — und gerade — in dieser Beziehung die Erlebnisse der frühen Kindheit 
wieder. Die Sonderstellung der Mutter-Tochter-Beziehung wird durch den Vers eines 
englischen Volksliedes glücklich beleuchtet, der in deutscher Übertragung etwa 
iolgendermaßen lautet: 

Der Sohn ist mein Sohn — bis daß er gefreit, 
Die Tochter bleibt Tochter — auf Lebenszeit. 
Mit großer Anschaulichkeit werden typische Verhaltensweisen des Mädchens zu 
seinem Vater dargestellt: Die um den Vater werbende Tochter, u. zw. die, die mit 
rein weiblichen Mitteln um ihn wirbt und die, die sich, den oft i nbewußten Wün- 
schen des Vaters entsprechend, männliche Züge aneignet um sich seiner Aufmerk- 
samkeit und Liebe zu empfehlen; oder die, die früher Eifersuchtskonflikte wegen, 
in denen sie die Mutter als Rivalin empfand, aus Schuldgefühl dazu getrieben wird, 
den Vater abzulehnen und mit der Mutter eine einheitliche Front gegen ihn zu 
bilden. Mit gleicher Ausführlichkeit werden die Beziehungen zu den Geschwistern 
behandelt; auch hier wieder werden typische Situationen geschildert, etwa das ein- 
zelne Mädchen unter Brüdern, die Stellung mehrerer Töchter zu einander (vom 
Standpunkt der ältesten, der mittleren oder der jüngsten Tochter) oder etwa 
Schwierigkeiten und Vorteile der Tochter als einziges Kind. 

In einem besonderen Teile führt uns die Verfasserin auf einen anderen Schau- 
platz des sozialen Lebens des heranwachsenden Mädchens, in das Forum der Schule. 
Auch die Einstellung zu Lehrer und Mitschülern wird als Erbe der frühen Kind- 
heit verstanden. Unter den hier entstehenden Schwierigkeiten wird die Bewältigung 
der Eifersucht ausführlich dargestellt. Dem Verständnis des Verhaltens des Mädchens 
im Jugendalter dienen an den Anfang des Buches gestellte Abschnitte, in denen die 
soziale Stellung des jungen Mädchens im Laufe der Geschichte geschildert wird; 
an Hand eines weitschichtigen Materials wird der Weg vom ägyptischen Altertum 
bis in die Gegenwart durchmessen. Dieser wird zwar ein besseres Verständnis für 
die Konflikte des Jugendalters zugebilligt, die Konflikte selbst aber sind wesens- 
mäßig gegeben und kaum zu mindern. Die Einsicht in die psychologische Eigenart 

- 28Q — 



" 



des Jugendalters wird durch ausführliche Abschnitte vertieft, die Folklore, Sagen 
und Märchen gewidmet sind. Die Initiationsriten der Primitiven werden als Maß- 
nahme aufgefaßt, die in zweckentsprechender Weise die emotionalen Ansprüche des 
Jugendalters befriedigen und zugleich eine reale Vorbereitung auf die Einfügung in 
die Gesellschaft bedeuten. Die Verfasserin weist auf das Fehlen ähnlicher Institutio- 
nen in unserer Gesellschaft hin, zeigt aber auch, daß in den verschiedenartigen 
Verbänden der Jugendlichen selbst analoge Riten spontan entstehen. 

Wie die Initiationsriten der Primitiven das Verständnis für die sozialen Ansprüche 
des Jugendalters erleichtem sollen, so werden an Sagen und Märchen die Trieb- 
wünsche aufgezeigt, die das junge Mädchen beherrschen. Daß sie an dieser Stelle 
begegnen, zeigt, wie wenig sie durch den Wandel des geschichtlichen Szenariums 
beeinflußt wurden, erklärt aber auch die Rolle des Märchens im Lesestoff des jungen 
Mädchens, das nicht selten sogar auch zum Dichter von Märchen wird. Als Vor- 
läufer solcher Dichtungen dürfen wir die „gemeinsamen Tagträume" ansehen, in 
denen die Triebwünsche des jungen Mädchens in sozial „unschädlicher" Form sich 
auswirken. Auch der Weg in die Kunst, den die Gesellschaft positiv bewertet, wird 
häufig beschritten; die Quelle aber, aus der der künstlerische Impuls stammt, ver- 
siegt meist, wenn die Konflikte des Jugendalters in den Lebenssituationen des Er- 
wachsenen verebben. 

Als eine für diese Zeit charakteristische Fehlentwicklung, in der an Stelle der 
Sublimierung die Selbstbefreiung der Triebe getreten ist, wird die Kriminalität des 
Jugendalters geschildert. Durch geschicktes Verhalten der Umgebung, die durch Ver- 
ständnis für innere und äußere Schwierigkeiten des Einzelfalles, durch den Hinweis 
auf andere Befriedigungsmöglichkeiten, gegebenenfalls durch analytische Therapie, 
kann oft geholfen werden. 

Das vorliegende Buch wendet sich an einen weiten Leserkreis. Eltern, Pädagogen 
und Lehrer werden hier auf Grund psychoanalytischer Einsichten in vorbildlicher 
und anregender Weise in das Verständnis des Jugendalters des Mädchens eingeführt. 
Durch die kritische Einstellung zu sozialer Situation und pädagogischer Tradition 
wird nicht nur das Verständnis des Lesers angeregt, sondern zugleich unausge- 
sprochenermaßen eine Summe wertvoller, praktischer Anweisungen gegeben. Wo die 
Verfasserin Ratschläge ausdrücklich formuliert, geschieht es mit großer Zurückhal- 
tung: Ein willig geliehenes Ohr, Verständnis für innere und äußere Konflikte 
empfiehlt die Autorin als wesentliche Hilfe; sie warnt vor allzu rasch und gerne ge- 
gebenen „wohlgemeinten Ratschlägen" der Erwachsenen, „Erfahrenen", die es nicht 
nur an der Beobachtung der Jugendlichen, sondern ganz wesentlich an Selbstbeob- 
achtung und Selbstkritik häufig mangeln lassen. Dem guten Vorbild, das geeignete 
Identifizierungsmöglichkeiten bietet, falle die wichtigste Rolle in der Erziehungs- 
arbeit in Haus und Schule zu. 

Hier wie auch sonst kann man die pädagogischen Anweisungen des Analytikers 
einer Formel einfügen, die sich ganz allgemein fassen läßt. Das Überbetonte. Ex- 
treme ist schädlich, stört Harmonie und Gleichgewicht; was im Übermaß geschieht, 
trägt den Keim der Krankheitsverursachung in sich. 

Das Verhalten des Kindes und der Jugendlichen sind die feinsten Reagentien auf 
die psychischen Störungen der Erwachsenen. 

Wir wollen nicht schließen ohne die Hoffnung auszusprechen, daß sich bald eine 
deutsche Übersetzung dieses Buches ermöglichen lassen werde. Marianne Kris Rie 

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ARNOLD GESELL: „Körperlidie Entwicklung in der frühen Kindheit." Carl 
Marhold- Verlag, Halle a. S., 1931, 56 Abbildungen, 42 Kurven und 17 Tabellen. 378 S. 

Der Autor stellt die Methode und die Ergebnisse seiner Erforschung frühen 
menschlichen Wachstums dar. Das Material ist vorwiegend gewonnen aus Beobach- 
tung, Beschreibung und Registrierung des Verhaltens von Säuglingen und Klein- 
kindern im „Observatorium": Das Kind ist vom unsichtbaren Beobachter getrennt, 
sodaß es sich völlig unbeobachtet verhalten kann. Ein Schirm, der nur in einer 
Richtung durchsichtig ist, eine Kinderstube mit abgetrenntem Raum zur Beobach- 
tung, eine Standardkuppel zum Photographieren mit fester und beweglicher Kamera, 
ein Beobachtungshäuschen sind die Instrumente zur Beobachtung des Kindes. 

Die Schlüsse über typische und atypische Abläufe der Frühkindheit sind aus 
Prüfungen gezogen, die so oft wiederholt wurden, bis der Autor gewisse Regel- 
mäßigkeiten in Verhaltungsweisen und körperlicher Entwicklung feststellte. Für den 
Leser dieser Zeitschrift sind manche Bemerkungen von besonderem Interesse: Im 
Abschnitt: „Der Einfluß der frühen Kindheit auf das geistige Wachstum" betont 
Gesell die Brauchbarkeit der psychoanalytischen Anschauung für die moderne Er- 
forschung der Frühkindheit als Modell der Erwachsenheit, allerdings, wie er selbst 
sagt, nur flüchtig und unzureichend. Bei der Bearbeitung der Frage, weshalb von 
6 Geschwistern sich 5 normal und 3 abnorm entwickelten, wird darauf hingewiesen, 
daß die Wachstumsmöglichkeiten nicht bestimmt werden durch die Verschmelzung 
oder quantitative Vermischung zweier verschiedener Artungen, sondern daß sie 
wahrscheinlich der Ausdruck verborgener, von den Vorfahren stammender Einwir- 
kungen seien. So wird angenommen, daß diese 6 Kinder zwei verschiedenen Wurzeln 
entstammen, wobei die abnormale Verminderung der Wachstumskräfte der einen 
Gruppe die tadellose Entwicklung der andern Gruppe erblich bedingt seien. Beson- 
ders gute Beobachtungen bringt der Abschnitt über „Zeichnen als Entwicklungs- 
index". Das Verhalten des Kindes zu Papier und Bleistift wird vorwiegend in Be- 
ziehung auf die Altersstufe untersucht. 

Bei Besprechung der Entwicklung körperlich schwer behinderter Kinder im Ver- 
gleich zur Entwicklung von Helen Keller findet sich folgende Stelle : „Die ein- 
geborene psychologische Wachstumsenergie ist jedoch nicht alles. Helen Keller be- 
kennt in ihrer Autobiographie, daß sie einem Zustand relativer geistiger Verwilderung 
verfallen gewesen wäre, wenn sie nicht in ihrer frühen Kindheit das umgestaltende 
soziale Erlebnis des Wortes empfangen hätte. In einem dramatischen Augenblick, 
dessen sie sich noch erinnert, macht sie die befreiende Assoziation zwischen Wasser 
und der Berührung mit dem Worte Wasser, das ihre Lehrerin ihr in die Hand 
buchstabierte. Dieses Ereignis erwies sich als der Keim zu Helen Kellers außeror- 
dentlichem geistigen Wachstum, das durch den Umgang mit ihren Freunden, ihrer 
Familie und ihrer geschickten Lehrerin unterstützt und bedingt wurde. Diese Ein- 
flüsse dirigierten — man kann fast sagen schufen — den Antrieb zur fortschreiten- 
den Entwicklung. Im Fall unseres behinderten Knaben hat gleichfalls die hingebende 
kluge Pflege der Familie seiner Entwicklung Nährboden und Form gegeben. Ohne 
ihre unermüdliche LLebe und Ermutigung hätte er nicht seine jetzige geistige Ver- 
fassung erreichen können, noch hätte er so sehr wie er es tut, am allgemeinen 
Leben teilnehmen können. Die soziale Anregung hat wirklich so stark gewirkt, daß 
er in Nachahmung anderer motorische Erlebnisse wünscht, die ganz außerhalb 
seiner Möglichkeiten liegen." 

Gesell verwertet bei der Frage des geistigen Wachstums des vorzeitig gebore- 

— 291 — 



nen Kindes auch Beobachtungen Minkowskis über die Verhaltenszeichen von 
Foeten m den ersten Monaten nach der Befruchtung. Er wirft dabei die naturwissen- 
schaftliche und philosophische Frage auf nach dem absoluten Nullpunkt geistiger 
Entwicklung und vermutet, daß bei exakter Forschxmg sich dieser Nullpunkt immer 
mehr in die Zeit der Empfängnis zurückverschieben werde. Bei Besprechung der 
Unterschiede zwischen der menschlichen Frühkindheit und der anderer Lebenswesen 
verwertet der Autor das Tagebuch eines Forschers über die Entwicklung des Königs- 
adlers. Es ist besonders schön und lebendig: In diesem seltsamen Drama aus dem 
Adlerleben wenden sich die Eltern nach monatelanger liebevoller Sorgfalt plötzlich 
femdlich von dem jungen Adler ab, stoßen ihn mit Gewalt aus dem Nest und über- 
lassen ihn auf Tod und Leben dem ferneren Schicksal. Gesell bezweifelt vor allem 
auf Grund der Zwillingsforschung, daß die Temperamenteigenschaften des Kindes 
durch die Umgebung beeinflußt werden können. Seine Zusammenfassung lautet- 
„Das Wesen des geistigen Wachstums liegt in der Mischung von Determiniertheit 
und N.chtdeterminiertheit, Tempo, Richtung und Temperament sind weitgehend 
durch innere und erbliche Faktoren determiniert, aber der Reichtum an Einzelheiten 
im dynamischen Aufbau, den wir Persönlichkeit nennen, wird erst durch die Er 
fahrung determiniert. Die Wachstumspotenz hängt von den ursprünglichen Gegeben" 
heilen ab. Aber die Persönlichkeit wird durch die sozialen Bedingungen, unter denen 
der Geist wächst, tatsächlich „fabriziert". 

Es sind hier nur einige Beobachtungen und Schlüsse des Autors hervorgehoben 
Das Buch zeigt, daß auch innerhalb der Grenzen des Beschreibens und Registrierens 
noch viel Arbeit geleistet werden kann, daß aber auch gerade die Probleme der 
psychologischen Forschung nur in beschränktem Maße mit den Methoden der Ver 
haltenspsychologie zu fördern sind. Gesell ist einer ihrer hervorragendsten Vertreter 
mit gutem Blick für Geltung, Umfang und Grenzen seiner Wissenschaft; er ist be- 
sonders interessiert an der Fragestellung des „sozialen Orts" (Bernfeld) für die Ent 
Wicklung in der Frühkindheit. Es darf noch darauf hingewiesen werden, daß die 
Tests von Gesell durch die Wiener Schule (Charlotte Bühler und ihre Mitarbeiter) 
weiter ausgebaut wurden, um das Gesamtniveau des Kindes zu erfassen. Darüber 
gibt das Buch „Kleinkindertests" von B ü h 1 e r / H e t z e r (Leipzig i 932 ) Aufschluß. 

Meng 

A.!SSr\ ^r M,D " , -« C ' Th « '■»ch..».I 7 „c Treatmen, „f 
AsocUlChildren. The New Era. Vol. 14, No. 3, 1933, P. 87-91. 

An Hand von Analysen von Kindern zwischen achteinhalb und sechzehn Jahren v.ird 
gezeigt, daß asoziales Verhalten dadurch zustande kommen kann, daß die Aggression 
keinen normalen Ausweg findet oder dadurch, daß die primitiven Triebregungen durch 
Angst übermäßig und ,n abnormer Weise verstärkt werden. In einem Fall wurden 
zwangsneurotische Symptome später durch asoziales Verhalten abgelöst; beide waren 
durch ähnliche Momente, vor allem durch Beschmutzungsangst bedingt. Die morali- 
schen Gefühle fehlten diesen Kindern nicht einfach; sie waren aber andersartig und 
abnorm entwickelt, ähnlich wie die Moral der Primitiven sich von unserer unter- 
scheidet. Das anscheinende Fehlen von Krankheitseinsicht kann durch übermäßige 
Angst verursacht sein. Die frühe Kindheit (bis zu zwei bis drei Jahren) dieser Kinder 
war liebeleer und entbehrungsreich; dies bewirkte eine abnorme Verstärkung von 
Angst und Haß. Spätere gute Behandlung seitens der Pflegeeltern konnte diese Schädi- 
gungen nicht mehr gut machen; sie konnten nur durch Psychoanalyse behoben werden. 

Autoreferat. 

— 292 - 






7 



Sonderhefte 

der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" 


Sexuelle Aufklärung 

(= I. Jg., Heft 7—8—9} 

Mark 2.50 

EnthilH 17 Beitrüge von Bernfeld, Friedjung, Graber, 

Hitschinann, Hollös, Landauer, Liertz, Meng, Reich, 

Schneider, Wolffheim, Zulliger u. a. 


Stottern 

(= II. Jg., Heft 11—12) 

Mark 2.— 

Aus dem Inhalt: Schneider: Über den Sinn des j 
Stotterns — Gräber: Redehemmung und Anal- j 
erotik — Coriat: Die Verhütung des Stotterns — ! 
usw. 


Erziehungsberatung 

(= VI. Jg., Heft 11—12) 

Mark 2.— 

Mit Beitragen von Aichhorn, Hoffer, Redl, Schikola, 
Storba, Zulliger 


Spielen und Spiele 

(= VI. Jg., Heft 5-6) \ 

Mark 2 

Mit Beiträgen von Burlingham, Hoffer, Nunberg, 

Pipal, Roubiczek, Schneider, Wälder, Wolffheim, 

Zulliger u. a. 


Die Psychoanalyse 
des Kinderzimmers 

Von Alice Baiint 
(= VI. Jg., Heft 213) 

Mark 2.— 


Intellektuelle Hemmungen 

(= IV. Jg., Heft 11—12) 
Mark 2 

Aus dem Inhalt: Federn: Psychoanalytische Auf- 
fassung der intellektuellen Hemmung — Her- 
mann: Begabtheit und Unbegabtheit — Born- 
stein: Sexual- und Intellekthcmmung — Stern: i 
Episodischo Dummheit einer 16jährigen — usw. . 


Sterba: Einführung in die 
psychoanalyt. Libidolehre 

(= V. Jg., Heft 2—3) 
Mark 2.— 

Aus dem Inhalt: I) Trieblohre — 11) Sexualtlioorio — 

III) Triebschicksalo — IV) Wiederholungszwang und 

Todestrieb 


Menstruation 

(= V. Jg., Heft 5—6) 

Mark 2.— 

Aus dem Inhalt: Hornoy: Prämenstruelle Ver- 
stimmungen — Landauer: Menstruationserlebnis 
des Knaben — Chadwick: Menstruationsangst — 
Pipal: Wie es bei Hansi war — usw. 


Verlag der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" 

Wien I, In der Börse 



Die Psychoanalyse 

wird in ihrem Zusammenhang mit 
der Gesamtmedizin dargestellt in 

DAS ÄRZTLICHE VOLKSBUCH 

Herausgegeben von Dr. Heinrich Meng, Frankfurt a. M. und 50 
anderen bewährten Ärzten und Forschern aller Schulen. 

Erscheint in Lieferungen je M 2.—, von denen 
monatlicß eine, zwei oder drei bezogen werden 
können. Mit Erscheinen der letzten Lieferung wer- 
den kostenlos 3 Ganzleinen~Einbanddeaien mit 
Goldpressung geliefert. 

3 Bände, aooo Seilen, wo Tafeln, Gr. 8°. 

Pressestimmen: 

„Der ungeheure Stoff ist in bewundernswerter 
Weise bearbeitet worden. Das einzigartige Werk 
scheint berufen, die nur allzuvielen populären 
Medizinbüdier entscheidend zu verdrängen." 

Kosmos 

„Das Ärztliche Volksbuch" hat ein Anrecht dar- 
auf, zum Standardwerk ernannt zu werden und 
den Namen „Meng" so populär zu machen wie 
„Meyer oder Brockhaus". Neue Freie Presse 

„Durch drei Werke hat sich das deutsche Volk 
selbst ein Denkmal gesetzt: das Konversations- 
lexikon, den Sprachunterricht von Toussaint- 
Langenscheidt und Baedeckers Reisehandbücher. 
Diesen drei Werken stellt sich das „Arztliche 
Volksbuch" ebenbürtig an die Seite." 

Prager Tagblatt 



HI PPOKRATES -VERLAG 
STUTTGART- LEIPZIG - ZÜRICH 



Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag. Gesellschaft m.b.H., Wien 1, Börse- 
gasse 11. — Verantwortlicher Redakteur: Dr. Wilhelm Hoff er, Wien IX, Lustkandlg. 12. Druck von Emil M. Engel, 
Druckerei und Verlagsonstalt. Wien I. In der Börse. 



Die Psychoanalyse 



wird in ihrem Zusammenhang mit 
der Gesamtmedizin dargestellt in 

DAS ÄRZTLICHE VOLKSBUCH 

Herausgegeben von Dr. Heinrich Meng, Frankfurt a. M. und 50 
anderen bewährten Ärzten und Forschern aller Schulen. . 

Erscheint in Lieferungen je M 2.—, von denen 
monatlich eine, zwei oder drei bezogen werden 
können. Mit Erscheinen der letzten Lieferung wer- 
den kostenlos 3 Ganzleinen-Einbanddeaien mit 
Goldpressung geliefert. 

3 Bände. 3000 Seiten. WO Tafeln, Gr. 8". 

Pressestimmen: 

„Der ungeheure Stoff ist in bewundernswerter 
Weise bearbeitet worden. Das einzigartige Werk 
scheint berufen, die nur allzuvielen populären 
Medizinbücher entscheidend zu verdrängen." 

Kosmos 

„Das Arztliche Volksbuch" hat ein Anrecht dar- 
auf, zum Standardwerk ernannt zu werden und 
den Namen „Meng" so populär zu machen wie 
„Meyer oder Brockhaus". Neue Freie Presse 

„Durch drei Werke hat sich das deutsche Volk 
selbst ein Denkmal gesetzt: das Konversations- 
lexikon, den Sprachunterricht von Toussaint- 
Langenscheidt und Baedeckers Reisehandbüdier. 
Diesen drei Werken stellt sich das „Ärztliche 
Volksbuch" ebenbürtig an die Seite." 

Prager Tagblatt 



HI PPORRATES -VERLAG 
STUTTGART- LEIPZIG - ZÜRICH 



Eigentümer, Herausgeberund Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Gesellschaft m.b.H., Wien I, Börse- 
gasse n. — Verantwortlicher Redakteur: Dr. Wilhelm Hoffor, Wien IX, Lustkandlg. 12. Druck von Emil M. Engel, 
Druckerei und Verlagsanstalt, Wien I, In der Börse. 



VII. Jahrg. 



Juli 1933 



Nr. 7 



Zeitschrift für 
psychoanalytische 

Pädagogik 



Steff Bornstein: 



Eine Kinderanalyse 



Sandor Ferenczi t" 
Aus „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinns" 



Buchbesprechungen 



Preis dieses Heftes Mark 1' —