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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik VII 1933 Heft 8/9"

VII. Jahrg. 



August— September 1933 Nr. 8/9 



Zeitsdirift für 

psydioanalytisdie 

Pädagogik 



Ernst Scßneider . 

Margaret E. Fries 

Klara Hofstetter . 
Steff Bornstein , . 

Marj Chadwick. 

Ricßard Stetba . . 



Neurotische Depression 
und Stehlen 

Beispiele der Spieltedinik in der 
Analyse des Kleinkindes 

Gebetzwang einer Vierzehnjährigen 

Ein Beitrag zur Psydioanalyse 
des Pädagogen 

Kindheitserlebnisse 
von Pflegerinnen 

Über den Ödipuskomplex beim 
Mäddien 



Erziehung und Kindergarten - Budibesprediungen - Chronik 



Preis dieses Heftes Mark 2" — 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 

Begründet von Heinrich Meng und Ernst Schneider 



August A i c h h o r n 

Wien V, SdiOnbrimnerBtraSe 110 

Dr. Heinrich Meng 

B 9 8 e I, Angenslelnerstraßp IQ 



Herausgeber: 
Dr. Paul Federn 

Wien VT, Kflsllergasse 7 

Prof. Dr. Ernst Schneider 

Stuttgart, Ganfiheldestrafie 47 



Anna Freud 

Wien IX, Berggasu! 19 

Hans Zul liger 

ItliQgen bei Bern 



Schriftleiter: 
Dr. Wilhelm Hoffer, Wien, IX., Lustkandlgasse 12 



12 Hefte (äbrlidi M. 10--, sAw. Frk. 12-50. österr. S 17'- 
Einzelheft M. V— (sdiw. Frk. 1-25, österr. S 1-70) 

GcBcbaftllchc Zuadirlften bmen wir ku rlditen an 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien 1, In der Börse 



Zahlungen für die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" können geleistet werden 

durcli PoatanweiBung, BsnkBcheck oder durch Einzahlung auf eines der 

Po8tsdied(konti des „Internationalen Psydioanalytisdien \'erlages In Wien*: 

Jahres abonnemcnt 



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Leipzig 9^./72 
Zürich, flu, II.4y^ 
Wien JI.6}^ 
Paris C lIOO.p; 
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Zagreb 40.^00 
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dän. Kr. I2'J0 



Bei AdressenSnderungen bitten wir, freundlidi auch den bisherigen Wohnort 
bekanntzugeben, denn die Abonnentenkartei wird nadi dem Ort und nidjt nach dem 

Namen geführt. 



In Vorbereifung befinden sidi folgende Sonderhefte: „Lern- und 
Denkstörungen", „Jugendliche Verwahrlosung und Kriminalität", 

„Pubertätsprobleme". 



ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
AiNALYTlSCHE PÄDAGOGIK 

VII. Jahrg. August -September 1933 Heft 8/9 



■ -;\' 



Neurotische Depression und Stehlen 

Von Ernst Schneider. Stuttgart 



Werner P. ist der Sohn reicher Eltern, die für das Wohl ihrer Kinder 
alles zu tun bereit sind. Trotzdem müssen sie die Erfahrung machen, daß 
er seiner Mutter wiederholt Geldbeträge entwendet. Der Hausarzt empfiehlt, 
den Jungen mit einem reichlichen Taschengeld auszustatten, um der Ver- 
suchung zum Stehlen vorzubeugen. Das nützte leider nichts. Die Geldent- 
wendungen halten sich etwa vom achten bis zum fünfzehnten Lebensjahre 
je nach kürzern oder längern Abständen wiederholt. Darauftrat eine größere 
Pause ein, sodaÖ die Eltern glaubten, ihr Sohn sei von dem Übel befreit. 
Da ereignete sich, ^Is Werner zweiundzwanzig Jahre alt war, ein folgen- 
schwerer Rückfall. Als Mitglied eines Turnvereines entwendete Werner 
aus den abgelegten Kleidern zweier Kameraden wiederholt Geldbeträge. 
Er wurde entdeckt, aus dem Verein und nachher aus der Lehre als 
Mechaniker hinausgeworfen. Nun fragte mich der Hausarzt, ob es möglich 
wäre, daß durch Psychoanalyse die schlimme Neigung zum Stehlen ange- 
gangen werden konnte. Ich meinte, daß eine psychoanalytische Behandlung 
dann einen Erfolg versprechen könne, wenn das Stehlen ein Symptom 
einer Neurose sei. Eine Durchsicht des bisherigen Erfahrungsmaterials ge- 
stattete eine solche Annahme. Werner bestahl zu Hause immer nur seine 
Mutler, nie den Vater oder andere Personen, obschon er hiezu ebenso Ge- 
legenheit gehabt hätte. Mit dem Gelde kaufte er meistens Süßigkeiten, ab 
und zu auch Gebrauchsgegenstände, wie einmal zwei Füllfederhalter gleich- 
zeitig, die er in recht auffälligen Gebrauch nahm. Auch die Entlarvung im 
Turnverein erfolgte durch Selbstverrat. Ein Mitglied des Vorstandes legte 
in die Taschen der beiden Restohlenen markierte Fünfzig-Pfennig-Stücke. 
Als er sah, daß sie verschwunden waren, trat er unter seine Kameraden 
und fragte, ob ihm jemand eine Mark wechseln könne. Ohne Zaudern und 
erfreut, einen Dienst leisten zu können, griff Werner in die Tasche \md 
holte zwei verräterische Fünfziger heraus. 

Eine weitere diagnostische Klärung sollte eine Untersuchung mit dem 



Zeilschrift f. psa.Päd.,VlI/8/9 — 2Q3 — 31 



u 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSVCHOANALVTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Verfahren von Hermann Korschach bringen. Dem Prüfling werden 
zehn schwarze und farbige Tafeln mit Klexfiguren vorgelegt mit der Auf- 
forderung, sie zu deuten. Das Ergebnis war für Werner das eines Menschen 
mit guter Begabung. Jedoch war sofort erkennbar, daß es von einem 
Normalhefund solcher Versuchspersonen zwei bestimmte Abweichungen 
aufwies. Beim Erscheinen der farbigen Tafeln trat eine vorübergehende 
Assoziationssperre ein. Rorschach bezeichnet sie als Farbenschock und be- 
wertet ihn so: „Versuchspersonen, denen dies geschieht, sind immer Affekt- 
verdränger, leichtere oder schwerere Neuroiiker". Die zweite Abweichung 
von der Norm läßt einen Schluß auf die Art der Neurose zu. Werner gab 
im Versuche gar keine Farbdeutungen, die Farbe blieb bei den Deutungen 
unberücksichtigt. Da die Fb (Farbdeutungen) ein Anzeichen für die Affek- 
tivität und die Extratensivität der Versuchspersonen sind, so schließen wir 
in unserm Falle auf eine Loslösung der nach außen gerichteten Gefühls- 
beziehungen und auf einen Zustand der Introvertiertheit. Das läßt uns 
vorerst irgend einen depressiven Vorgang annehmen. Um eine Melancholie 
kann es sich nicht handein, denn sonst wären die meisten Intelligenzan- 
-zeichen stark reduziert und es würden vor allem die Bewegungsantworten 
(B) fehlen. Werner gibt aber die relativ hohe Anzahl von 6 B. Bei solchen 
wird in den Klex hinein nicht bloß eine bestimmte Form gesehen, sondern 
noch eine Bewegung hineinempfunden. Es sind dies reproduzierte Kinästhesien 
die assimilatorisch mit der durch den Klex ausgelösten Fonndeutung ver- 
bunden werden. Sie sind ein .Anzeichen für Innerlichkeit (Introversivität) 
und Eigenlätigkeit, für schöpferisches Denken und piodaklive Phantasie. 
Die B zu den Fb in Beziehung gebracht, ergeben für Rorschach den Er- 
lebnistypus der Versuchsperson, das Verhältnis der introversiven und extra- 
tensiven Tendenzen zueinander im Sinne der Jungschen Einstellungstypen. 
In unserm Falle ergibt sich für den Erlebnistypus die Formel 6 B zu o Fb, 
der Erlehnistypus des Introvertierten, eines Menschen, der seine Interessen 
von der Außenwelt zurückgezogen und sich nach innen gewendet hat. 
Werner bringt schon beim ersten Test ein B. Die andern 5 verteilen sich 
auf den ganzen Versuch. Solche Deutungen gelingen ihm also leicht. Es 
ist daher anzunehmen, daß die Absperrung nach außen eine umso stärkere 
Lebendigkeit Im Innern ausgelöst hat. Bei einem solchen Versuchsergebnis, wie 
das besprochene, diagnostiziert Rorschach eine ^psychogene Depression". 
Er versteht darunter im Sinne Bleulers eine Depression, die zum Unter- 
schied der Melancholie ein neurotischer Vorgang ist. Die psychoanalytische 
Literatur spricht daher von einer „neurotischen Depression"^.) 

1) In meiner Arbeit: „Die Bedeutung des Rorschachschen Formdeuteversuches zur 
Ermittlung intellektuell gehemmter Schüler", Zeitschrift für angewandte Psycho- 
logie, Band 32 (1928) Heft 1-3. habe ich eine Aniahl Protokolle von Versuchs- 
personen besprochen, die den gleichen Erlebnistypus (mehrere B:oFb) wie Werner 
lieferten. In allen Fallen handelte es sich um introvertierte Menschen mit ausoe- 
sprochenen Lern- und Arbeitshemmungen. 

— 294 — 



Das Ergebnis des Rorschachschen Versuches sprach also für das Vor- 
handensein einer Neurose, und die Annahme, daß das Stehlen ein Symplom 
dieser Neurose sei, erwies sich als berechtigt, sodaß eine psychoanalytische 
Behandlung in Vorsthlag gebracht werden konnte. In den ersten Monaten 
der Analyse beschäftigte sich Werner fast ausschließlich mit seinem jungem 
Bruder. Ihm, dem „Nesthäkchen" gegenüber, fühlte er sich durch die 
Mutter sehr zurückgesetzt. Ihm, der sich besser durchsetzen und „beliebt 
machen konnle, ließ er jederzeit den Vortritt. Bei Streitigkeiten, etwa 
um einen Gegenstand oder ein Kecht, trat er zugunsten seines Bruders 
zurück. Dieses Ausweichen und Zurückziehen wiederholte sich später öfters. 
Werner war ein guter Schwimmer und holte sich beim Wettschwimmen 
«rste Preise. Als sein Bruder in den Sfhwimmverein eingetreten war, ließ 
er merklich nach und leistete sich verschiedene Fehlhandlungen, um dem 
Bruder zu ermöglichen, ihn zu überholen. In einem Scbülerverein hatte 
er das Präsidium inne. Im andern Jahr, als der Bruder in den Verein auf- 
genommen worden war, legte Werner die Leitung nieder und zog sich 
ganz in den Hintergrund, während der Bruder eine Rolle zu spielen begann. 
So war es auch bei andern Zusammenkünften. Bei all dem war Werner 
kein sogeniinnter passiver Charakter. Beim Basteln und in verschiedenen 
Sportarten brachte er es 7.u Höchstleistungen. 

Die Analyse konnle anhand von Traumfolgen zwei traumatisch wirkende 
Erlebnisse in der frühen Kindheit nachweisen. Als Werner anderthalb 
Jahre alt war, wurde sein jüngerer Bruder geboren. Schwer muß ihm die 
Enttäuschung durch die Mutter zu schaffen gemacht haben. Haß und 
Beseitigungswünsche richteten sich auf den Bruder, wurden aber infolge 
starker Schuldgefühle verdrängt. Alle diese Erlebnisse wogen deshalb beson- 
ders schwer, weil ein Abslilltrauma voraufgegangen sein mußte. Dies wurde 
von der Mutter bestätigt. Sie schrieb mir; „Was die Entwöhnung von der 
Mutterbrust anbelangt, so kann icli Ihnen mitteilen, daß ich Werner bis 
in den achten Monat hinein genährt habe, und daß er dann aber 7.iemlich 
plötzlich ganz entwöhnt wurde. Ohne mein Wissen war der jüngere Bruder 
Werners schon im Werden und die letzte Zeit hatte mich daher recht 
überanstrengt . Im allgemeinen wurde Werner als ein „stets sehr ruhiges 
und äußerst zufriedenes und anspruchloses Kind" (von der Mutter 
unterstrichen) geschildert, das etwas verträumt war und lange für sich 
allein spielen konnte. Wie froh wäre manche Mutter, wenn sie über ihre 
Kinder ein solches Urleil abgeben könnte. Doch ist nach allem nicht daran 
zu zweifeln, daß die Mutter Werners infantile Depressions- und Introver- 
sionszuslände beschrieb, die zum Vorbild der spätem wurden. Die An- 
spruchslosigkeit muß nicht die ganze frühe Kindheit durchgehalten haben, 
de nn die Analyse beschäftigte sich mit einer Zeit starker Naschhaftigkeit, 
die zwischen dem fünften und siebenten Jahre gelegen sein wird. Nachher 
begann Werner mit seinen Diebstählen bei der Mutter. Wenn wir uns 
erinnern, daß er mit dem Gelde meistens Süßigkeiten kaufte, so gehen wir 



— 295 - 



ai* 



i 



kaum fehl, wenn wir annehmen, daß diese irgendwie die verlorene Mutter- 
brust und die an den Bruder verlorene Mutterliebe ersetzen müssen. Dann 
hätte das Stehlen den Sinn eines oralen Liebesraubes. Es soll die ursprüngliche 1 

Mutterbeziehung wieder hergestellt und die Depression durch ein extra- 
tensives und agressives Verhalten überwunden werden. Sehen wir zu. ob 
uns die weitere Analyse recht gibt! j 

Das Beslehlen der Kameraden in der Turnhalle trotzte lange der ana- ' 

lytischen Auflösung. Den Anschluß an die früheren kleptomanen Hand- 
lungen der Mutter gegenüber brachte uns die Mitteilung, wozu das Geld J 
der Kameraden Verwendung fand. Werner veranstaltete mit einem „süßen 
Mädel" einen frühlichen Abend. Wesentlich war dabei das Trinken und 
Küssen. Aber warum bestahl er hiezu seine Kameraden? Vereinzelte solcher 
Gelage kamen auch früher vor. Sie wurden mit selbstverdientem Gelde 
finanziert. Diese Geldquelle hatte aufgehört zu fließen, als es zu jenem 
Diebstahl kam. Warum entnahm Werner nicht seinem stets reichlichen 
Wechsel den entsprechenden Betrag? Mit dem Gelde des Vaters wirtschaftete 
er sehr haushälterisch und übergewjssenhaft. Luxusausgaben gestattete er 
sich nicht. Beim Essen überlegte er sich zweimal, ob er sich ein zweites 
Bier oder eine Süßspeise gestatten dürfe. Den Ausgang mit dem „süßen 
Mädel" mit dem Gelde des Vaters zu bestreiten, war für ihn vollständig 
unmöglich. Diese Hemmung war offenbar durch ein unbewußtes Verbot 
diktiert. Vom Standpunkt der Moral aus hätte sich Werner sagen müssen, 
daß es jedenfalls moralischer gewesen wäre, seine Extratour mit dem Gelde 
des Vaters zu bestreiten als mit geraubtem Gut. Dieses unbewußte 
Verbot lockerte sich in der Analyse, sodaß es Werner gelang, in einer 
anständigen Form als Übertragungsleistung mich zu ,, bestehlen". Er bat 
mich einmal um zwanzig Mark, da er bis zum Monatsende nicht ganz 
auskomme, er hätte dringende Anschaffungen machen müssen. Als der 
Monatswechsel des Vaters eintraf, wurde mir aber das Geld nicht zurück- 
erstattet. Absichtlich wartete ich zu, bis ich nach einiger Zeil den Ein- 
druck bekam, dieses Zurückbehalten komme einem verkappten Diebstahl 
gleich. Auf meine Frage gab Werner zu, schon zweimal die zwanzig Mark 
zu sich gesteckt zu haben. Das erste Mal brachte er sie in der bekannten 
Art mit einem „süßen Mädel" durch, das andere Mal kaufte er sich Mo- 
torradstiefel. die, wie er meinte, gar nicht unbedingt nötig gewesen wären. 
Nun war vor nicht langer Zeit ein bestimmtes Mädchen in seinen Gesichts- 
kreis getreten, und ich vermutete Zusammenhänge zwischen diesem und 
dem ,, süßen Madel". Jetzt wurden Beziehungen aufgedeckt, von denen der 
Patient keine Ahnung katte. 

Ein Sportverein, dem Werner angehörte, arbeitete an der Einrichtung 
eines neuen Übungsplatzes. Die Mitglieder wurden hiezu in Gruppen ein- 
geteilt. Er arbeitete mit einem Kameraden und einer jungen Dame. Da 
verliebte er sich in sie und glaubte, sie sei ihm auch gewogen, bis er 
eines Tages die Entdeckung machte, daß sie sich für seinen Kameraden 

- 296 - 



mehr interessiere als für ihn. Nach seinen bisherigen Gepflogenheiten über- 
ließ er das Mädchen sofort seinem Kameraden und gab alle Ansprüche 
auf. Mit meinem Geld in der Tasche verschaffte er sich einen ,. süßen" 
Ersatz. Jetzt fiel Werner ein. daß der Raub in der Turnhalle eine ähnliche 
Vorgeschichte hatte. Damals gefiel ihm ein Mädchen, dem er sich zu 
nähern wünschte. Es war die Schwester eines Turnkameraden. Da mußte 
er aber eines Tages feststellen, daß sie einem andern Kameraden näher 
stand. Nun waren dieser und der Bruder des Mädchens die beiden in der 
Turnhalle Bestohlenen. Das Geld war also das Mittel, um sich einen Er- 
satz für das verlorene und dem Konkurrenten überlassene Liebesobjekt zu 
verschafien und zu diesem die ursprüngliche orale Verbundenheit wieder 
herzustellen. Bei den Diebstählen an der Mutler erfolgte der Raub am 
versagenden und enttäuschenden Objekt, hier nun an den „Räubern und 
glücklichen „Besitzern". Die Kameraden und der Analytiker sind Neuauf- 
lagen von Bruder und Vater, die die Beziehungen zur Mutter störten. 

In diesem Zusammenhang müssen wir einen Blick auf die Traume 
Werners werfen, in denen das Stehlen vorkam. Geld stahl er nur emmal 
und zwar der Schwester, „um sie zu ärgern". Alle andern Raublraume 
richteten sich auf den Vater, den er in seinen bewußten Geldanspruchen 
stets so schonte, und zwar nahm er ihm Revolver. Pistolen, Gewehre und 
andere Waffen weg. Beim Gebrauch versagten diese Waffen aber regel- 
mäßig. Diese Träume verarbeiteten verschiedenes. Einmal den Wunsch, 
sich in den Besitz der väterlichen Potenz zu setzen. Dem Gelde kam offen- 
bar auch dieselbe Bedeutung zu. Das Nichtlosgehen der Waffe oder das 
Vermissen der Kugel war einmal eine Entwertung, dann aber auch ein 
durch das Schuldgefühl gebotener Verzicht. Die Waffen sollten ferner dazu 
dienen, die Widersacher und Konkurrenten zu beseitigen. Die Unhrauch- 
barkeit war auch hier das Ergebnis des abwehrenden Schuldgefühls und 
der Strafangst. Auch wurden die Waffen gebraucht zur Verteidigung, 
meistens vor dem Beraubt- und Gelötetwerden durch andere. Auch hier 
war es das Schuldgefühl, das den Gebrauch der Waffe unmöglich machte. 
Der Träumer konnte die nicht bekämpfen, die dasselbe erstrebten, was er 

lun wollte. 

Das Symptom des Stehlens stand in unserm Falle unzweifelhaft im 
Dienste des Strebens, das Abstilltrauma und spätere in der gleichen Rich- 
tung wirkende Versagungen, die eine Depression auslösten, zu verarbeiten. 
Die Zusammenhänge von Liebesversagung und Depression sind uns aus 
den Studien über die Melancholie bekannt. Zu einer solchen Erkrankung 
hat Abraham als ursächliche Voraussetzungen hervorgehoben, daß i. die 
Munderotik konstitutionell verstärkt ist, daß 2. die Libido stark an die 
orale Entwicklungsphase fixiert geblieben ist, daß 3. wiederholte Liebes- 
enttäuschungen den kindlichen Narzißmus schwer kränkten, daß 4. die 
erste große Liehesenttäuschung vor der Bewältigung der Ödipuswünsche 
erfolgte und daß 5. sich die primäre Enttäuschung im spätem Leben als 

— 207 ~ 



Krankheitsanlaß wiederholt. Bei Werner treffen alle diese Bedingungen zu. 
Unzweifelhaft ist eine konstitutionelle Verstärkung der Munderotik nach- 
weisbar. Infolge des langen Gestilltwerdens und der plötzlichen Entwöhnung 
mußte eine starke orale Fixierung entstehen. Durch das Erscheinen des 
jungern Bruders wurde eine Periode wiederholter Liebesenttäuschungen ein- 
geleitet, die in der ödipussituation ihre Fortsetzung erfuhren. Die beiden großen 
Enttäuschungen, das Abstilltrauma und die Geburt des Bruders erfolgten lange 
vor der Verarbeitung der ödipuswünsche. Die Wiederholung der primären 
Enttäuschung ist beim Symptom des Slehlens immer wieder nachweisbar. 
Obschon die Vorbedingungen zu melancholischen Erkrankungen vor- 
handen waren, erfolgte kein Versinken in Melancholie, sondern im Gegen- 
teil Reaktionen, depressive Zustände zu verhindern oder zu überwinden. 
Es seien hier einige neurotische und charakterologische Reaktionen hervor- 
gehoben, die als im Dienste der Verhütung von meianchoüschen Zuständen 
anzusprechen sein dürften. Da ist einmal jene Form zu nennen, die wir 
im Erlebnistypus des Rorschachschen Versuches charakterisierten, das Ab- 
wenden von der versagenden Außenwelt und das Verstärken der innern 
Tätigkeit. Dies tritt uns im bedürfnislosen verträumten Kinde, das für 
sich selbst stundenlang spielt, entgegen. Eine Neigung zu Pseudologie ver- 
schwand und es blieben Perioden von Tagträumerei. Aus dem stillen Spiel 
wurde eine große Vorliebe zum Basteln und diese mündete in die Berufs- 
tätigkeit ein (Mechaniker). Wenn später während dieser ein Introversions- 
zustand eintrat, so wurde eine große Arbeitsunlust durch ein unbestimmtes 
Sehnsuchtsgefühl abgelöst, das dann in Bummeln und Tagträumerei über- 
ging. In günstigen Fällen wurde dann zum Basteln gegriffen oder das 
Bummeln wurde mit einem Photographenapparat unternommen, der etwa 
eine Serie romantischer Orte und Gebäude aufnahm. Au besonders ausge- 
prägten extralensiven Betätigungen sind die sportlichen zu nennen. Werner 
betrieb verschiedene Arten von Sport und entfaltete dabei oft eine Toll- 
kühnheit, die sich von dem Gedanken leiten ließ; „Mir kann nichts 
passieren". Es ist dies jene Vertrauensseligkeit, wie wir sie in Beziehung 
zu positiven Mutterfixierungen oft finden. Sie dürfte als charakterologische 
Parallelerscheinung zu den manischen Äußerungen der Zirkulären zu be- 
werten sein, wie der lustige Abend mit dem „süßen Mädel" nach erfolgtem 
Diebstahl als entsprechende neurotische Leistung anzusprechen ist. 

Es scheint nach allem, daß der „psychogen oder neurotisch Depressive" 
sich um die Abwehr einer Depression bemüht, während der Melancholische 
sich ihr hingibt. Eine Gegenüberstellung von Befunden nach dem Ror- 
schachschen Versuche dürfte dies bestätigen. In meiner bereits erwähnten 
Arbeit über intellektuell gehemmte Schüler habe ich zwei Protokolle eines 
Geschwisterpaares besprochen, die einige Zeit nach dem Tode des Vaters 
aufgenommen worden waren. Beide, der sechzehnjährige Knabe und das 
vierzehnjährige Mädchen gehörten zu den besten Schülern ihrer Klasse. 
Sie versagten aber nach dem Tode des Vaters im Unterricht, der Knabe 

- 298 - 






soweit, daß er gar nicht mehr lernte und bei der Schlußprüfung durchfiel. 
Sein Rorschachbefund war ähnlich demjenigen Werners, der einer „psycho- 
genen Depression". Es fehlen die extratensiven Faktoren, während die 
IntelÜgenzanzeichen mit hohen Werten und besonders eine größere Anzahl 
Bewegungen erhallen sind. Ein Bericht der Schule weist auf einige intro- 
versive Leistungen des Knaben hin. Kr schreibe ,, Romane k la Jack London", 
sei ungezogen und ausgelassen und leide an Gespensterangst. 

Der Erlebnistypus der Schwester ist der einer depressiven Verstimmung, 
während der übrige Befund vollständig der einer Melancholie ist. Die 
Intelligenzanzeichen sind alle, mit Ausnahme des Formsehens, das maximal 
ist, sehr herabgesetzt. Zu dem Rückzug von außen gesellt sich eine innere 
Verarmung, das Bewußtsein wird eingeengt und der Gedanken- und Ge- 
fühlsablauf stereotypisiert, bei der Melancholie festgelegt auf die ent- 
sprechenden Klagen und Anklagen, bei unserer Schülerin auf die Erinnerung 
an den verstorbenen Vater. Wir haben es bei ihr mit dem Zustand der 
Trauer zu tun. Wenn wir die Psychogramme der beiden Kinder ver- 
gleichen, so können wir sagen: Das Mädchen gibt sich der Trauer um 
den Tod des Vaters hin, es überläßt sich der Depression und reagiert ähn- 
lich der Melancholie, während der Knabe sich gegen die Depression wehrt 
und sie in Handlungen, teils neurotischer Natur, zu verarbeiten sucht. 

Das Bild der „neurotischen Depression" bedarf noch sehr der wissen- 
schaftlichen Bearbeitung. So weit ich bis heute urteilen kann, scheint es 
sich dabei um Übergangszustände zu den klassischen Neurosen zu handeln. 
Sie treten offenbar da besonders in Erscheinung, wo starke orale Fixierungen 
und irühinfantile Versagungen vorgekommen sind. 

Wenn ich richlig gesehen habe, so weist die Literatur drei Formen 
von neurotischem Stehlen auf. Bei der ersten liegt der Schwerpunkt im 
Rauben. Das Stehlen läuft unter starker sexueller Erregung ab, sodaß es 
als Ersatz für eine Sexualhandlung anzusprechen ist. Nach vollbrachter 
Tat verliert der geraubte Gegenstand jeden Wert und kann verschenkt oder 
weggeworfen werden ■ 

Bei der zweiten Form handelt es sich darum, sich einen Gegenstand 
vom Liebesobjekt zu verschaffen („ein Halstuch von ihrer Brust"), der als 
unverlierbares Mittel der Ersatzbefriedigung zu dienen hat". Und bei der 
dritten Form wird das Mittel geraubt, um sich damit einen Liebesersatz 
zu verschaffen. Hiezu eignet sich am besten das Geld, das als bevorzugtes 
Tauschmittel vielerlei Umsetzungsmöglichkeilen in sich birgt^. Diese Form 

i) Pfister Oskar: „Die psychoan alitische Methode", 5. Aufl. 1924, S. 78. - 
Fenichel Otto „Perversionen, Psychosen, Charakterstöningen", S. 58: „Ich hatte 
Gelegenheil, eine vieriigjährige Rückfalldiebin m sprechen, die angab, nicht nur bei 
ihren Diebstählen sexuelle Erregung und im Moment des Gelingens Orgasmus zu 
empfinden, sondern auch beim Onanieren phantasierte sie, daß sie stehle". 

2) Alexander und Staub: „Der Verbrecher und seine Richter", S. 65. 

5) Vgl. hiezu die „Drei Fälle von Stehlen", die Alfhild Tamm in der Zeit- 
schrift für psa. Pädagogik, II, 6, veröffentlichte. t^iv • 



- 299 - 



wird sich umsomehr der zweiten annähern, je eindeutiger der Geldraub 
durch den Liebeskonflikt in der Weise determiniert ist, daß das Geld vom 
Liebesobjekt selbst oder dessen Umgebung weggenommen wird. Hier haben 
wir unsern Fall Werner P. einzureihen. Ob den dort aufgedeckten Zu- 
sammenhängen von oraler Versagung, Depression und Geldstehlen zur 
Mittelbeschaffung, die Versagung aufzuheben, allgemeinere Bedeutung zu- 
kommt, ist erst an weiteren Erfahrungen nachzuprüfen. Ebenso dürfte die 
Frage geklärt werden, wie weit der Kleptomanie überhaupt solche Grund- 
lagen eigen sind. 

Noch hingewiesen sei auf den in der analytischen Literatur gut be- 
kannten Zusammenhang zwischen Geld und Kot und auf die Frage, ob 
das Geldstehlen nicht auch den Sinn habe, das Wegnehmen des Kotes 
rückgängig zu machen. In unserm Falle ließen sich Schwierigkeiten bei 
der Reinlichkeitsgewöhnung nachweisen, ebenso Zusammenhänge zwischen 
dem Kote und der Einstellung zum Gelde. Doch es zeigte sich immer 
wieder, daß beim Stehlen die orale Seite primäre und überragende Be- 
deutung beanspruchte. 

Nachdem Werner in der Übertragung den Raub in der Turnhalle 
wiederholt hatte, dieser aufgeklärt und auf die infantile Situation zurück- 
geführt worden war, machte der Heilungsprozeß rasche Fortschritte. Die 
Arbeitslust setzte mit einer bis dahin nie erlebten Stärke ein und hielt 
kontinuierlich an. Werner war besonders erstaunt, wie seine Neigung zum 
Einsiedler schwand und die Fähigkeit da war, in Gegenwart anderer mehr 
aus sich heraus gehen und mit den Mitmenschen Fühlung nehmen zu 
können. Von seiner Familie erhielt ich hiezu eine Bestätigung. Die Schwester 
berichtete an die Mutter nach einem Ferienaufenthalt Werners bei ihr 
folgendes: „Du wolllest ehrlich über Werners Zustand Bescheid wissen. 
Ich glaube, ich kann Dich auf der ganzen Linie vollkommen beruhigen. 
Er war die ganze Zeit munter und vergnügt und machte einen wirklich 
«ehr erleichterten Eindruck. Er war viel offener als sonst, und er hat sich 
auch nett mit Karl (Mann, resp. Schwager) unterhalten. Ich habe ganz 
den Eindruck, als wenn jetzt die ganze Last von ihm genommen ist und 
als wenn er nun das Gefühl hat, wieder ganz vollwertig zu sein. Sonst 
sah Werner auch recht gut aus, war etwas dicker im Gesicht und hatte 
viel frischere muntere Farbe. Dies sind meine ganz ehrlichen Eindrücke 
von mir und auch von Karl." — Ein Jahr später meldete mir die Mutter: 
„Wir haben Werner eben in den Osterferien hier gehabt und können nur 
Gutes von ihm berichten. Er ist in seinem ganzen Wesen viel zugäng- 
licher und macht nicht mehr den Eindruck, als ob etwas auf ihm lastet — 
jedenfalls merkt man ihm eine innerliche Befreiung an. Er hat im letzten 
Jahre sehr fleißig gearbeitet. Seine Briefe kamen pünktlich, waren recht 
ausführlich und auch frisch geschrieben, sodaß wir uns darüber gefreut 
haben." (Früher, während den depressiven Phasen blieben die Briefe wochen- 
lang aus oder waren sehr kurz). 

- 300 — 



Beispiele der Spieltediiiik in der Analyse 

des Kleinkindes 

Von Margaret £. Fries, New-York 
übersetzt von Fritz Redl 



Die Verwendung des Spiels in der Kinderanalyse wurde seiner- 
zeit durch Melanie Klein ausgearbeitet. In Amerika gibt es bis- 
her keine allgemein anerkannten Regeln für die technische Verwertung 
des Spiels, jeder Analytiker bedient sich ihrer in jenem Ausmaße, 
das ihm angemessen erscheint. Die Berührungspunkte und Unterschiede 
dieser beiden oben genannten Schulen darzustellen, würde den Hahmen 
dieser Arbeit sprengen. Nur ein Unterschied soll hier betrachtet werden, 
der allerdings von wesentlicher Bedeutung ist. Soll das Spiel des Klein- 
kindes in den Analysestunden immer so eingeschätzt und verwertet werden, 
wie die Assoziationen der Erwachsenen? Wenn etwa ein Kind in der ersten 
Stunde einen Zug in einen anderen hineinfahren läßt, soll das i.: immer 
symbolisch interpretiert vtfcrden, und 2.: soll es sofort während dieses 
ersten Kontaktes mitdem kleinen Patienten 7.ur D e u t u n g gelangen? Melanie 
Klein entscheidet sich in ihrem Buch' dahin, daß es notwendig sei, diese 
häufigen und frühzeitigen Deutungen alles Spielens zu geben. , 

Nun erhebt sich natürlich die Frage, wie die Analyse eines Kleinkindes 
weiter verläuft, wenn diese sehr aktive Methode nicht zur Anwendung kommt. 
Wir wissen aus der Arbeit Anna Freuds^, daß sie bei Kindern im Latenz- 
alter eine abwartende Haltung einnimmt (Einleitungsphase). Doch liegen 
hier die Verhältnisse ganz anders: Das Kind im Latenzalter hat ja schon 
eine ganz andere Ausdrucksfähigkeit erworben, ist also im Gespräch ent- 
sprechend zu fassen. Anna Freuds Methode ist auch in der Analyse 
einiger kleinerer Kinder mit demselben Erfolg zur Verwendung gelangt. 
Freilich ist die Zahl der Fälle noch gering, so daß jede neue Analyse von 
Wert ist. 

Es folge nun der Bericht über die Analyse eines viereinhalb] ährigen 
Knaben, trotzdem er nur zweieinhalb Monate in Behandlung war. Infolge 
der Kürze dieser Behandlung muß ich fürchten, daß ihre Veröffentlichung 
dahin mißverstanden werden könnte, daß sie als vollständige Analyse zu 
betrachten sei. Es ist aber nicht die Absicht dieses Berichtes, eine voll- 
ständige Analyse zu schildern, sondern nur ein Beispiel anzuführen für die 
Anwendung der passiven Spiehechnik in der Analyse des Kleinkindes. 



1) Die Psychoanalyse des Kindes, Wien, 1932. 

2) Einführung in die Technik der Kinderanalyse, 2. Auflage, Wien, 1929. 

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Bericht über TVilhelm^ 

Wilhelm ist viereinhalb Jahre alt, ein hübsches Kind, sehr furchtsiim 
und ruhig. Er ist unterernährt aber nicht allzu klein. Er ist normal intelligent, 
hat einen reichlichen Wortschatz und spricht deutlich. Er ist sehr nett 
gekleidet und ausnehmend sauber und rein. 

HAUPTSCHWIERIGKEITEN: Wilhelm wurde mir von einem Kinder- 
spezialislen wegen Eßstörungen geschickt, die sich so sehr verschlimmerten, 
daß sie die Gesundheit des Kindes gefährdeten. Weiters litt er an Angst- 
zuständen, sobald er unter Tags oder in der Nacht allein im Zimmer bleiben 
sollte. Seine Mutter oder Großmutter mußten bei ihm bleiben und sich 
neben ihn ins Bett legen bis er einschlief. In letzter Zeit weigerte er sich 
sogar ohne Begleitung vom Tisch in der Mitte des Zimmers bis zum 
Fenster zu gehen ! 

MILIEU: Die vpirtschaftliche Lage der Eltern war sehr ungünstig. Wilhelm 
ist ein illegitimes Kind, Mutter und Großmutter sind arbeitslos, die Tante, 
eine Prostituierte, verdient nur sehr wenig. Alle vier leben gemeinsam 
in einer feuchten Wohnung im Kellergeschoß, aus Zimmer und Küche 
bestehend. Die Räume sind aber peinlichst sauber gehalten. Es scheint sich 
geradezu um eine pathologische Reinlichkeitsliebe zu handeln. Weder Groß- 
mutter noch Mutter waren je dazu zu bringen, in einem Gasthaus oder 
auch nur bei Bekannten zu essen, da sie sich nie sicher fühlten, ob das 
Essen nicht verunreinigt sei. Als die Großmutter einmal im Spital lag, 
mußte ihr die Verköstigung von zu Hause gebracht werden. Das Kind 
weigerte sich, aus einer Schale zu trinken, wenn die Mutter den ersten 
Schluck gemacht hatte. Andrerseits sagte die Mutter: „Wilhelm ißt viel 
besser, wenn er bei Nachbarn essen darf, die sehr schmutzig sind!" Sie 
hatten kaum Geld genug für Kaffee und Brot, ihre Hauptnahrung zu 
Beginn der Analyse. 

Die Mutter lebte mit einem anderen Mann und hatle gehofft, ihn 
heiraten zu können, doch kam es nicht dazu. Im ersten Monat der Analyse 
des Knaben konsultierte sie mich, da sie fürchtete schwanger zu sein. Sie 
behauptete, daß das Kind sie mit diesem Manne niemals zusammen gesehen 
habe, da sie immer zu dem Manne in seine Wohnung gehe. Diese Behaup- 
tung schien mir aber nicht sehr zuverlässig zu sein. 

VORGESCHICHTE: Wilhelms Geburt verlief normal, seine frühe Ent- 
wicklung ging recht rasch vonsiatten. An die Brust wurde er nur acht 
Tage lang genommen, da sich seine Mutter auf die Dauer zu schwach 
fühlte. Die Eßstörungen ergaben sich erst im Alter von einem Jahr. 
Obwohl die Familie damals noch die Mittel hatte, Wilhelm ordentlich zu 
ernähren, weigerte er sich, Gemüse und Eier zu essen und nahm nur 
Milch und Mehlspeisen zu sich. Zwang man ihn zum Essen, so erbrach er. 

i) Diese Analyse wiu-de in Wien unter KontroUe Anna Freuds geführt. 

— 302 — 



Seine beiden Kindcrkrankheilen waren Masern mit zwei und Scharlach- 
mit vier Jahren. Die Reinlichkeitserziehung lialte keine Schwierigkeiten 
ergeben. Man begann mit ihr mit sechs, sie endete mit zehn Monaten. Bett- 
nässen horte im Alter von einem Jahr auf, auch die Entwöhnung von 
der Flasche war mit einem Jahr sehr leicht durchzuführen. Über Mastur- 
bation konnte mir die Mutler keine Auskunft geben, Schlafstörungen hatte 
es schon von klein auf gegeben. Er hatte immer im Bett der Mutter 
geschlafen und bestand darauf, daß beim Einschlafen jemand zugegen sei. 
Jetzt lag er, wohlgeschützt, zwischen Mutler und Großmutter. 

Vor dem Alter von zwei Jahren hatte er keine Spuren von Angst gezeigt. 
Um diese Zeit sperrte ihn ein Nachbar, um ihn zu bestrafen, in den Keller- 
verschlag, ließ ihn aber sofort wieder frei, da er heftig schrie. Im Alter 
von drei Jahren hielt er einmal seinen Mittagsschlaf in der Wohnung der 
Nachbarin, wo die elfjährige Tochter mit ihm spielte. Nach seiner Heim- 
kehr erklärte er seiner Mutter, daß das Mädchen zu ihm gesagt habe: 
„Wilhelm, steck dein Pumfi (ein Wort für Penis) in mein Pumfi", Da 
das Mädchen im selben Haus wohnte, sah er sie oft, und dürfte wohl 
auch andere Gelegenheiten gehabt haben, mit ihr allein zu spielen. Die 
Mutter bestritt diese Möglichkeit, gibt aber zu, den Kindern bis zur Zeit 
der Behandlung erlaubt zu haben in ihrer Gegenwart mitsammen zu spielen^ 
Sie meinte, daß Wilhelms Phobie auf dieses Sexualerlebnis zurückgehe. 

Wilhelm fürchtete sich nicht nur, im Zimmer allein zu bleiben, auch 
im Park war er nicht dazu zu bringen, von der Seite der Mutter zu 
weichen, um mit anderen Kindern zu spielen. Es hat den Anschein, als 
ob sein Bedürfnis, sich an seine Mutter zu klammern, nicht nur durch die 
Angst vor dem Alleinsein bedingt gewesen sei. sondern auch durch die 
Absicht, ihr überall nachzuspionieren. „Ich kann kaum mit Bekannten 
reden", berichtete sie, „ohne daß er zuhört und sagt; Ich werde Groß- 
mama erzählen, was Du gesagt hast!" Wenn seine Mutter nicht dabei war, 
wie etwa im Kindergarten, dann spielte er sehr nett mit anderen Kindern. 

Eines seiner Lieblingsspiele war die Darstellung eines Begräbnisses. Es. 
begann damit, daß er den Leichnam in den Sarg legte und endete mit 
der Beerdigung. So oft er die Musik eines Leichenbegängnisses hörte, war 
er nicht zu halten, sondern lief auf die Straße. Er ist oft genug in direkte 
Berührung mit Toten gekommen. Von klein auf begleitete er die Groß- 
mutter täglich zum Friedhof, um die Blumen auf dem Grabe ihres Gelieb- 
ten zu gießen (sie hatte sich von ihrem Gatten scheiden lassen). Im Aller 
von dreieinhalb Jahren zeigte man ihm den Leichnam seines Großvaters, 

ANALYSE. (Dauer zweieinhalb Monate.) Das analytische Material hißt 
sich in sechs Perioden gliedern, die, so gut sie sich auch bestimmen lassen, 
natürlich ineinander übergehen. Der Klarheit halber soll jede gelrennt ge- 
schildert werden. 

I.) Die erste Periode erstreckt sich über einen Zeitraum von sechs Wochen 
und umfaßt elf Stunden. Drei Wochen mußte krankheitshalber pausiert. 

- 303 - 



werden. Sein Verhalten während der ersten Stunde war das eines furcht- 
samen, ängstlichen, gehemmten Kindes. Die Mutter mußte im Zimmer 
bleiben. Obwohl er mit Spielsachen spielte, sprach er kein Wort. In der 
zweiten Stunde blieb er mit mir allein und begann zu reden. Er blictte 
wiederholt auf mich, um sich meiner Ziistimmung und Billigung bei 
allen seinen Handlungen zu versichern. Am Schlüsse der elften Stunde 
hatte sich sein Verhalten durchgehend geändert. Er war freundlich und 
sicherer geworden. Auf seinen Wunsch hin bestand das Spielmaterial während 
dieser ersten Periode aus ein paar Pferden. Im Laufe der .Analyse fügte 
ich dann allmühlich anderes geeignetes Material hinzu. Zu Beoinn stieß 
er in deutlich aggressiver Weise ein Pferd gegen das andere. Das Pferd, 
dessen gebrochenes Bein mit Leukoplast repariert wurde, nannte er das 
unartige, bissige Pferd". „Es ist wild" „Es haut das andere um" „Es ist tot". 
Wenn ein Pferd umgestoßen war. legte er es in eine Pappschachtel, den 
Leichenwagen, die er dann im Zimmer herumzog. Ein Teppich diente 
als Friedhof. Er begrub das Pferd umständlich auf dem Teppich, wobei er 
seine Hauptaufmerksamkeit auf die Blumen und die Musik richtete. 

In anderen Stunden äußerte er sein Interesse für den Tod in Bemerkungen 
wie: „Ich habe einen Bierwagen zu Hause, Der Kutscher geht in der Nacht 
aus. Ich muß heimgehen und schauen, ob der Kutscher tot ist." Auch 
Blumen waren für ihn sehr eng mit Tod assoziiert. Er brachte mir oft 
Blumen, die seine Tante in der Xacht vorher heimgebracht halte. Bei 
jedem Besuch fragte er mich nach diesen Blumen und sagte zu seiner 
Mutter: „Dij Frau Doktor hat Blumen nicht sehr gern, denn sie läßt 
sie sterben!" Seine Mutter erzählte mir daraufhin, daß er zu Hause nie 
zulasse, daß irgendjemand verwelkte Blumen wegwerfe. Während dieser 
Periode wurde keine Deutung gegeben, obwohl es doch auf der Hand lag, daß 
er in seinem Spiel die „Urszene" darstellte. Mit dieser passivbeobachtenden 
Haltung wollte ich erreichen, daß das Kind die aktuellen, traumatischen 
Szenen, die es erlebt hatte, in die Behandlung bringen sollte. Das ana- 
lytische Material der sechsten Periode rechtfertigte diese passive Technik. 
IL) Die zweite Periode, die ganz plötzlich einsetzte, handelte vorwiegend 
von Löchern, von seinem Kastrationskomplex. Eines Tages sprach er über 
die Löcher in der Rückwand des Leichenwagens und Heß darauf rasch 
Bemerkungen über Knopflöcher folgen, Dann steckte er seinen Finger in 
alle Löcher, die er finden konnte, — in der Vase, im Sessel, im Vorhang, etc. 
Er sagte auch: „Offen ~- sind die Tür und das Fenster Löcher". Mit 
großer PVeude machte er neue Löcher ins Linoleum und zählte sie dann. 
Sein Interesse an Löchern dauerte sechs Stunden lang, in einem Zeitraum 
von über zwei Wochen. Eng verknüpft mit diesem Interesse an Löchern 
war seine Sehnsucht nach Dunkelheit und seine Angst vor ihr. Er ließ 
die Jalousien herab und zog sie rasch wieder auf. Als ich versuchte, seine 
Aufmerksamkeit auf die Löcher im eigenen Körper zu lenken, entwickelte sich 
ein Widerstand, der aber verschwand, als ich erklärte, daß ich auch Löcher 

- 304 - 



I 



habe. Er antwortete; ,.Du liast vier Löcher, zwei Augen und zwei Ohren." 
Um diese Zeit versorgte ich ihn mit Plastilin, damit er seine Phantasien dar- 
stellen könne. Er verlangte, daß ich Figuren von Menschen verfertige und 
machte dann die Löcher hinein. Zuerst deutete er schwach an, wo die Gesichts- 
züge seien. Wenn man ihn dann fragte, ob das alle (ihm bekannten) Körper- 
steilen seien, war er sehr froh, die anderen machen zu können, After, 
Harnrohröft'nung. Finger, Zehen. Brüste, Nabel. Dann behämmerte er heftig 
ein anderes Stück l^lastilin und sagte: „Hosen". „Kann nicht in die Hosen 
gehen, schmutzigmachen!" „Hosenschlitz für Wlwi" „Hinten aufmachen 
für A-A". Als er ein anderesmal wieder Plastilin bearbeitete, sagte er: 
„Hosen, Strafe". Sobald er die Löcher machte, bedeckte er die .\ugen mit 
einem anderen Sfü<:k Plastilin und sagte; „Ks ist der Krampus. Jetzt kann 
er die schlimmen Kinder nicht seilen und mitnehmen!" 

Sein Interesse an menschlichen Plastilinfiguren wich bald dem für Tiere 
aus Plastilin. Er weigerte sich, bei den Tieren für die Harnöffnung und 
den After Löcher zu machen, indem er sagte: ,,'VViwi kommt mit dem A-A 
bei der Haut heraus. Frau Doktor, Sie dürfen kein Loch machen, es wird 
wehTun!" Diese Tiere vorwendete er nun dazu, seine eigenen Erlebnisse 
zu reproduzieren. ,, Diese Schachtel ist der Stall für die Tiere. Die Tür 
muß zu sein, damit niemand hereinkommen kann. Wenn wer herein kommt, 
werden die schlafenden Tiere wiM." Dem kleinen Plastilinjungen gab er 
nur ein Auge: ,,Weil er schlimm war und in den Stall der Tiere gegangen 
ist". Im späteren Verlauf der Analyse kam er auf diese selbe Vorstellung 
wieder zurück, daß Blindheit eine Strafe für die Beobachtung von Ver- 
botenem (coitus) sei, 

Eine große Veränderung in seinem Benehmen machte sich unmittelbar 
nach meiner Aufmunterung, über die Körperöffnungen zu sprechen, be- 
merkbar. Obwohl ich ihm keine tiefere Erklärung seines Kastrationskomplexes 
gegeben halte, wurde er lebhaft, wild, mußte zeitweise sogar davor zurück- 
gehalten werden, Dinge /.u zerbrechen. Zu Hause wurde er ungehorsam 
und frech gegen die Mutter. Diese Aktivität erreichte ihren Höhepunkt 
während der dritten Periode, hielt aber durch die ganze Behandlung an. 
War er früher mit seinen Spielsachen so ordentlich gewesen, so befahl er 
jetzt mir, sie wegzuräumen. Zu Hause ließ er sie über den Boden ver- 
streut liegen, so daß sich die Mutter bei mir beklagte. Sie fragte mich 
auch um Rat, wie sie ihn im Zaume halten solle, er sei ein so übermütiges 
Kind. Es war nicht leicht, sie richtig zu lenken, damit sie ihn nicht all- 
zusehr unterdrücke, dabei aber doch imstande war, seine neu entfesselte 
Energie in die rechten Bahnen zu bringen. 

Da sich sein Verhalten so deutlich verändert hatte, hielt ich den Augen- 
blick für gekommen, die Mutter anzuweisen, nun Veränderungen in seinen 
Schlafge wohn heilen in die Wege zu leiten. Sie sollte ihn allmählich daran 
gewöhnen, allein zu Bett zu gehen. Die ersten zwei Abende war er damit 
zufrieden, daß sie das Zimmer aufräumte, statt neben ihm zu liegen. Am 

— 305 - 



■dritten Abend ließ er es zu, daß sie in der Küche sitze, bestand aber darauf, 
daß die Tür nur angelehnt werde. 

ill.) Während der dritten Periode spielte er mit dem fließenden Wasser 
bei der Wasserleitung. Dieser Wechsel im Spielmaterial war auf seine 
«igene Initiative hin eingetreten. Als er mir nämlich eines Tages Blumen 
brachte, sagte er: „Gib den Blumen zu trinken!" Von da an spielte er 
mit Wasser, zehn Stunden hindurch, in einem Zeitraum von zwei Wochen. 

Während dieser Periode kam wichtiges analytisches Material her\'or. Am 
zweiten Tage bespritzte er seine Kleider. Am nächsten Tage begann er 
die Stunde mit der Feststellung; „Kann nicht mit Wasser spielen heute^ 
(in fragendem Toni) Hab Gefrorenes gegessen und Husten bekommen" 
Als ich mich nicht betroffen zeigte, rannte er mit großer Freude zur 
Wasserleitung und drehte den Hahn auf. Während unseres Spieles sagte 
*M r^^L;""''^'" .T"^I ^''' ^""^ Schluß der Stunde spielen?" Ich sagte- 
"w- . .r "\^*- °-«"f antwortete er nicht, so daß ich fortfuhr: 
„Ware d.e Mutter böse? „Mutter wird nicht böse sein. Sie wirds ja nicht 

^enn"n h^'r ' .""'' "^'"-^ ''' -'«-««te: „Würde sie schimpfen, 
nennen? Er antwortete lachend: „Sie wird sich nicht trauen zu schimpfen 
wegen me.ner Großmutter''^ Zu Ende dieser Stunde zeigte er große Angsi 

gib ich iZ'd n ^" "■"'^"' ''' '^' ''' ^""- -^- ^^^- °-"- 

we^l er et uT"""^^ ^'^ " ^'^''^'^^* «^^^^alb solche Angst hätte 

we. er etwas getan habe, wovon er wisse, daß es seiner Mutter nicht recht wäre 

.ew;?er, ^"^T '^'^' '^'^'^^ "'^ ^'^ ^"""- ^^^ «^ i" ^^ ^acht wach 
sTrlhelte^Vl"^':'^'""' wachgehalten habe, daß er sanft ihr Gesicht 

/.ahne und Ohren weh taten. Als er mit mir allein war. sagte Wilhelm 

sotort zu mir: „Heute werden wir nicht mit Wasser spielen?" Ich sagte- 

,,INicht. Er antwortete freudig: ,. Oh ja, ich will spielen". Als ich ihn 

^agte, warum er nicht mit Wasser spielen sollte, äußerte er Widerstand. 

Wir sprachen dann darüber, ob ihn seine Zähne wirklich geschmerzt hätten 

und aus seinem Verhalten und seiner Art zu reden war offensichtlich, daß 

die ganze Angelegenheit hysterischer Natur gewesen war. Auch diesmal 

sagte ich ihm wieder, er habe sich wahrscheinlich nach dem W^asserspielen 

gefurchtet, weil es ihm die Mutter verboten hatte. ,.0h nein, ich hab 

mich nicht gefürchtet, war seine Antwort. „Oh nein", war die typische 

Antwort, mit der er alle meine Deutungen aufnahm. Es war interessant 

zu bemerken, wie er sein Fehlverhahen bewußt vor seiner Mutter verbarg 

und gleich nachher seine hysterische Krankheit entfaltete. In dieser selben 

Stunde erwähnte er noch eine Tätigkeit, die er für schlimm hielt. Die 

kleinen Holzfiguren von Männern und Frauen, die er ins Wasser geworfen 

i) Von der Mutter erfuhr ich später, daß die Großmutter immer für Wilhelm 
Partei ergriff, wenn sie ihn bestrafen wollte. 

- 306 - 



hatte, klebtRn aneinander. ,, Schlimm, ich muB sie schlagen dafür, daß sie 
beisammenbleibenl Sie dürfen nur beisammensein, wenn sie schlafen!" Diese 
Bemerkung bestätigt meinen Verdacht, daß er Zeuge eines Sexualaktes 
seiner Mutier oder Tante gewesen war. 

Von diesem Tage an spielte er nur mehr zu Beginn der Stunde mit 
Wasser, dann ging er zu Plastilin über. Ich hatte das Gefühl, daß er das 
vor allem darum tat, damit seine Mutter nicht wisse, daß er mit Wasser 
gespielt habe. Uas Spielen mit Wasser war für ihn ein Mittel, alles aus- 
zudrücken, was er für schlimm hielt. Aus diesem Grunde kam dem Wasser- 
spiel solche Bedeutung für seine Analyse zu und machte das wesentlichste 
Moment seiner dritten Periode aus. Doch brachte er während dieser selben 
dritten Periode schon Andeutungen eines neuen wichtigen Spielmaterials, 
dessen Bedeutung sich aber erst in der sechsten Periode erkennen ließ. Er 
ließ einen Ball, mit dem wir spielten, unter das Sofa rollen und befahl 
mir: ,,Frau Doktor, Sie müssen sich auf den Bauch legen und den Ball 
hervorholen!" Wenn ich das nicht tat, wendete er alle möglichen Tricks 
an, um herauszufinden, ob er mich nicht doch dazu bringen könne. Dann 
legte er alle Holzfiguren der Reihe nach auf den Bauch, eine hinter die 
andere. Erst in der sechsten Periode fand ich den Grund für dieses Spiel. 
Sein Plastilinspiel wurde immer aggressiver. Die Köpfe der Männchen 
drückte er dadurch flach, daß er mit einem Bleistift darüberrollte. Statt 
alle Körpcröffnungen zu machen, machte er nur die zwei Augen und eine 
lange Nase. Hatte er die Augen früher nur leicht angedeutet, so bohrte 
er sie jetzt heftig in das Plastilin ein. Auf der einen Seite versuchte er 
nämlich, die Existenz so vieler Körperöffnungen zu verleugnen, auf der 
anderen Seite betonte er die Existenz der paar Locher, die er machte, da- 
durch, daß er sie mit viel Aggression einbohrte. Damit zeigte er seine 
Ambivalenz für die weibliche und männliche Rolle. Diese Figuren nannte 
er Affcii und spielte mit ihnen, wie er früher mit den Menschen gespielt hatte. 

IV.) Die drei folgenden Perioden Fließen mehr ineinander als die vorigen. 
Die vierte könnte man ganz gut die Periode der Neugierde nennen. Er 
fragte nach allen Gegenständen im Zimmer, wollte wissen, was in der 
Lade sei, in jedem Paket, in jeder Kammer. Er war auch um den Ver- 
bleib der Mutter bekümmert. Er lief zum Fenster, um zu sehen, was sie 
tat. während sie im Park auf ihn wartete. Er brachte alle seine Spiel- 
sachen vom Tisch zum Fensterbrett, um sie beobachten zu können. Ich 
konnte nun die Bemerkung der Mutter, daß er ihr nachspioniere, gut ver- 
stehen. Dann verschob er seine Neugierde von der Mutter auf mich und 
wollte wissen, was ich nach der Analysestunde tun würde. ,,Wo gehst Du 
hin? Was wirst Du machen? Du mußt bei mir bleiben, bis mich meine 
Mutter abholen kommt!" Zu Hause tyrannisierte er seine Familie mit 
seiner Phobie. 

Bis zu diesem Punkt der Analyse hatte ich Wilhelm gestattet, das ana- 
lytische Material in der Reihenfolge und Art zu bringen, die ihm paßte. 

- 307 - 



Täglich brachte er ein anderes Spielzeug, das er gewöhnlich in das 
Tagesspiel einbezog. Aus eigenem gab er keine Auskunft, die irgend ein 
Licht auf die Eßfrage geworfen hätte, die doch so akut war. Darum ent- 
schloß ich mich, meine Technik zu ändern. Ich wurde aktiv und beschwor 
dieses Problem herauf, indem ich ihn einlud, bei mir zu essen. Die beiden 
ersten Male aß er ganz nett, das drittemal aber weigerte er sich, irgendet- 
was zu essen außer der Mehlspeise. Er reproduzierte nur die Situation von 
zu Haxise und brachte kein neues Material zur analytischen Bearbeitung. 
Vielmehr schienen die Mahlzeiten das andere Material zu stören, das er 
mir gebracht hatte. Ich entschloß mich daher, es lieber nicht zu versuchen, 
das Problem in die Analyse hereinzubringen, sondern ihn lieber in der 
früheren Art fortfahren zu lassen. Sofort ging die Analyse auch in der 
gleichen befriedigenden Weise vorwärts, wie vorher. 

V.) In der fünften Periode wurde viel von dem schon vorgebrachten 
Material in neuer Form bearbeitet. Wir stellten das Begräbnisspiel nun 
persönlich dar. statt die Holzfiguren zu verwenden. Er war der Kutscher 
des Leichenwagens (Sofa) und schlug die Pferde mit der Peitsche. Er be- 
stand darauf, daß ich der Leichenträger sein sollte. Ein Schirm war der 
Sarg, ein Bleistift der Leichnam. Er befahl mir, den Sarg von der Kirche 
zum Leichenwagen zu bringen, dann bedeckte er ihn mit Blumen, die er 
mir vorher geschenkt hatte. Es war interessant, daß er in dieser neuen 
Variation des Spieles den Leichnam nie mehr begrub, — ja, er erreichte 
garnicht mehr den Friedhof, sondern verwandelte den Stock und Schirm 
m Kanonen. Dabei versicherte er immer, daß er mich töten würde, fürchtete 
aber niemals, daß ich ihn töten könnte. Nach seinem Todeswunsch stellte 
sich sofort Angst ein. denn wenn er mich getötet hatte, pflegte er sich 
unter dem Tisch zu verstecken. 

Außer mir erschoß er auch den Ofen im Zimmer und erzählte dann 
JoJgende Geschichte: „In der Straße hat es gebrannt. Rauch und Feuer 
sind aus dem Loch hinten bei einem Automobil gekommen". Mit einem 
Bhck auf meinen Luster, der einige Perforierungen hatte, erklärte er: 
„Rauch und Feuer können bei diesen Löchern herauskommen, aber nicht 
aus denen, die zu sind". 

Eine Woche lang hatte er nicht mit Wasser gespielt, sondern nur mit 
seinen Plastilinfiguren. Als er einmal mit einem Pferd spielte, das den 
größten Teil seiner ßemalung im Wasser eingebüßt hatte, sagte er; „Das 
Pferd ist blind. Es kann nicht sehen. Es hat sein Auge verloren". Auf 
meine Frage wie dies passiert sei, antwortete er: „Im Wasser". Es war 
das zweitemal, daß er andeutete, daß Blindheit eine Strafe für Schlimmheit 
sei, denn, wie oben erwähnt, in der ersten Periode gab er dem Plastilin- 
kuaben nur ein Auge, da er ungehorsam gewesen war und das Zimmer 
der schlafenden Tiere betreten hatte. Ich gab ihm die Deutung, daß er 
vielleicht auch fürchte, ein Auge zu verlieren und blind zu werden, wenn 
er unartig sei und mit Wasser spiele. Sofort sprang er auf und rannte 

- 308 - 



\ 



L 



wieder zur Wasserleitung. Plötzlich hielt er inne, als er gerade einige 
Stückchen aus dem Wasser zog, und sagie: „Irh kann sie nicht heraus- 
nehmen, mach Du das". Ich fragte ihn, warum er das nicht könne, und 
er antwortete: „Die Mutter hat mirs verboten, ich bin krank geworden". 
Unter meiner Ermutigung fuhr er im Spiel fort und machte dasselbe am 
nächsten Tage. Diesmal warf er das Pferd um. wie er damals getan hatte, 
als er spielle. daß das Pferd gestorben sei. Zu dieser Zeit unterzog sich 
die Großmutter einer dritten Operation wegen eines Leistenbruches^. Leider 
mui3te die Mutter Wilhelm zum Besuche der Großmutter ins Spital mit- 
nehmen, da sie, niemand hatte, bei dem sie ihn hätte lassen können. Er 
nahm so vieles wahr und fragte nach so vielen Details, dai3 sie es für gut 
hielt, ihm eine ausführliche Beschreibung der Operation zu geben. Während 
der Analysestunden operierte er nun an den Plaslilinaffen herum, indem 
er das Wasser drüberlaufen ließ. ,,Die Operation ist vorbei, wenn das Plastilin 
steif wird". „Sie müssen dreimal operiert werden". „Das Wasser läuft bei 
einem Loche herein, dem Auge, und wäscht die Fetzen im Magen aus. 
Die Fetzen kommen beim anderen Loche heraus. Dann haben die Affen 
kein Bauchweh mehr". Seine Kastralionsangst versuchte er dadurch zu 
überwinden, daß er sagte; „An Kindern wird nie operiert". 

VI.) Die sechste Periode dauerte nur einige Tage, da sie durch meine 
plötzliche Abreise unterbrochen werden mußte. Sie war sehr wichtig, da 
er über sein Erlebnis erzählte, als er von dem Mädchen verführt worden 
war. Er steuerte auf dieses Thema los, indem er das elektrische Licht auf 
und abdrehte. „Jetzt ist es Nacht." „Jetzt ist es Morgen." Ich saß gerade 
am Sofa und er kam her und setzte sich neben mich. ,.Ich will neben 
Dir schlafen-'. Ich wies darauf hin, daß er doch jetzt sein eigenes Bett 
habe, und stellte zwei Sesseln für ihn zusammen. Er sagte: „Nein, das ist 
Dein Bett und idas Sofa ist mein Bett". Wir schliefen beide in unseren 
Betten, als er flüsterte: „Frau Doktor, es ist ein Mann an der Tür, er klopft. 
Geh schauen, wer es ist. Wenn es Vater ist, dann laß ihn herein, sonst 
dreh das Licht aus!" Als ich zurückkehrte und fragte wie sein Vater aus- 
sehe, antwortete er: „Ich habe keinen Vater. Ich bin der Vater". Er 
fuhr mit dem folgenden Bericht fort: „Einmal schlief ich bei einer 
Nachbarin und wir spielten Pferd. Nein, spielten Hund und ich war Willi- 
Hund und sie war Kati-Hund. Ich war das Kind und sie war die Mutter." 
Damit hörte er zu erzählen auf, sobald ich ihn aber aufmunterte, die 
Szene darzustellen, tat er dies. Er kroch auf allen Vieren wie ein Hund, 
mit seinem Popo gegen mich gerichtet. Dann streckte er seine Beine nach 
hinten auf mich zu. Ich erkannte dabei, daß das dieselbe Stellung war, 
in der er mich sehen wollte, wenn er seinen Ball unter das Sofa rollen 
ließ. Das war das letzte analytische Material, das ich erhalten konnte, da 
die nächsten paar Stunden dafür verwendet wurden, die Übertragung zu 

i) Seit der Operation der Großmutter schlief er in einem Bett allein. 

Zritschriftf.pM. P8d..VIl/8'9 — 30Q — 22 



mir zu lösen und ihm in der Übertragung auf eine andere Analytikerin 
zu helfen. 

ZUSAMMENFASSUNG: 

Es ist nicht möglich, aus einer unvollständigen Analyse irgendwelche 
allgemeine Schlußfolgerungen zu ziehen. Ich hoffe jedoch, daß die Dar- 
bietung dieses Berichtes für diejenigen von Wert sein möge, die in ähnlicher 
Richtung arbeiten, da er Gelegenheil gibt, zu sehen, welche Ergebnisse 
mit Hilfe der mehr passiven Spieltechnik Anna Freuds zu erzielen waren. 

Das wichtigste klinische Ergebnis, das sich erzielen ließ, war der große 
Wechsel im Charakter des Kindes. Der trat nach einem Analysemonat ein. 
Und zwar schien es nicht bloß die Folge einer guten Übertragung zu 
sein, sondern einer grundlegenden seelischen Veränderung. Dabei ist interessant 
festzuhalten, daß keine tiefe Deutung, die in sein Unbewußtes hinabgereicht 
hätte (Kastrationskomplex) dieser Charakleränderung vorausgegangen ist. 
Unsere Besprechung über Löcher und das Spiel mit den Öffnungen der 
Plastilinfiguren genügte dazu. 

Vom analytischen Standpunkt ist es wieder zu sehen, daß sich auch kleine 
Kinder an ihre traumatischen Erlebnisse erinnern und sie darstellen können. 
Da dies aber das Ziel jeder Analyse ist, können wir daraus folgern, daß diese 
passive Methode auch für viele andere Kinder ebenso anwendbar, ja sogar 
ebenso vorteilhaft ist, wie für Wilhelm. 



■... t .<■! . .-"j; 



ll|[llllllllllll!IIIIIIIIIHIIIIIIIII(IIIIIIl!llll]IIIIIIIIIIIHIIIIIIillllllll[flllll1lllllllin»^ 

— 310 - 



^ 



''Gebetzwang einer Vierzehnjährigen 

I 

Von Klara Hofstetter, Bern 

„Gebet ist Schwindel", sclireibt die vierzehnjährige Haiini in ihr Tage- 
buch. „Erstens kann ich mir Gott ja gar nicht vorstellen. Wie konnte ich 
denn erwarten, er würde hören, was wir kleinen Menschlein von ihm er- 
bitten und erbetteln möchten. Wenn der Pfarrer in der Kirche betet, glaubt 
er denn wirklich, Gott erhöre ihn?" 

Vierzehn Tage später: „So steht es mm mit meiner Festigkeit: Ich wollte 

nicht mehr beten. In der Kirche setze ich mich gleich in die Bank, ohne 

vorher ein Gebet zu sprechen. Es ist ja doch Heuchelei. Und am Abend? 

Ja, da ist's mit all meinen Überlegungen vorbei. Ich schäme mich vor mir 

selber. Wie ein kleines Kind spreche ich ein Abendgebet, das ich schon 

als siebenjähriges Mädchen lernte. Ich muß einfach, ich kann sonst nicht 

emschlafen, bin unruhig, habe ein schlechtes Gewissen, wie wenn ich etwas 

Schlimmes getan hätte. Aber ich bete nicht mehr: 

Müde bin ich, geh' zur Riili . . . 
sondern: 

Müde sind wir, geh'n aur Ruh . . . 

Nachher kann ich ruhig sein und denken, es passiere kein Unglück." 

Die ganze Sache scheint etwas rätselhaft. Warum ist H. unruhig, wenn 
sie ihrer Überzeugung gemäß kein Abendgebet sprechen will? Weshalb 
dieser Zwang? Woher die besonders erwähnte Abänderung im Gebet? 
_.vEin freier Aufsatz aus dieser Zeit, für die heißgeliebte Deutschlehrerin 
geschrieben, gibt vielleicht nähere Angriffspunkte. 

H. schreibt: „Sie (die Lehrerin) wissen nicht, wie schlecht ich bin, was 
für häßliche Dinge ich mir oft ausdenke. Abends im Bett stelle ich mir 
vor, die ganze Stadt sterbe aus, und nur Sie und ich blieben am Leben. 
Oder ich denke auch, meine Eltern und Geschwister kämen bei einem 
Eisenbahnunglück ums Leben und ich bliebe allein und unabhängig zurück. 
Manchmal male ich mir auch aus, ich zünde ein Haus an oder ich ver- 
gifte die anderen, ich schleiche mich nachts ans Bett der Mutter und 
schneide ihr den Hals ab. Oft muß ich mir auch vorstellen, mein Vater 
liege tot im Sarg. 

Mir ekelt vor mir selbst. Ich hasse mich. Ich habe Angst vor meinen 
Phantasien. Ach, können Sie mich dennoch achten? Ich kämpfe ja gegen 
diese schrecklichen Gedanken. Was das Schlimmste ist, ich muß immer 
denken: Wenn du so sehr an diesen Dingen herumsinnst, werden sie plötz- 
lich wahr. Ich bekomme Angst vor mir selbst und weiß mir gar nicht 
mehr zu helfen." 

Daß H. sich doch gegen die Angst zu schützen weiß, die sie ob ihren 
ßeseitigungswünschen gegen Angehörige und Mitmenschen befällt, zeigt 



- 311 - 



aa* 



P Textes. 



ihr Gebetzwang und erklärt die ebenfalls zwangsmäßige Abänderung des 



Peinlich sorgfältig ändert sie jedesmal alle „ich" des Gebetes in „wir 

um. £s heißt nun: 

Müde sind wir, geh'n lur Ruh, 
Schließen u n s r e Augen zu. 
Vater, laß die Augen dein 
Über unsern Betten sein. 

Haben wir Unrecht heut' getan, 
Sieh es, lieber Gott, nicht an. 
Deine Gnad' und deine Huld 
Stets vergeh uns unsre Schuld. 

Wir werden wohl nicht daneben greifen, wenn wir den Gebetzwang mit 
den Phantasien vorher in Verbindung bringen und das Gebet als Abwehr 
dieser Wünsche betrachten. Es wäre nur in Kürze zu erklären, wie H. zu 
dieser Aggression der Mitwelt und den Eltern gegenüber gekommen ist. 
Als Kind schenkte H. ihre ganze Liebe dem Vater. Die Mutter ist eine 
ganz unzärtliche, ehrgeizige, am Geld hängende Frau, H. kann sich nicht 
erinnern, je eine Liebkosung von ihr erhalten zu haben. Der Vater hin- 
gegen kam jeden Abend, wenn die Kinder im Bett lagen, um ihnen einen 
Gutenachtkuß zu geben. Die Ellern lebten unglücklich miteinander. Bei 
jeder Gelegenheit setzte die Frau ihren Mann vor den Kindern herab, warf 
ihm seine mittelmäßige soziale Stellung und seine Largeheit in Geld- 
angelegenheiten vor, was bewirkte, daß die Kinder immer mehr zum Vater 
hielten und die Mutter ablehnten. Diese spürte das und reagierte mit noch 
größerer Lieblosigkeit, was wiederum den Haß der Kinder ^-erstarkte (Mord- 
phantasien). Von Zeit zu Zeit versuchte H. ihrer Mutter näherzukommen, 
was von dieser aber jedesmal auf sehr ungeschickte Art vereitelt wurde. 
Tagebuch: „Ich dachte, vielleicht liegt der Fehler doch auch bei dir. Wenn 
du ihr eine Freude bereiten würdest! Da habe ich gestern abend Mimosen 
gekauft und heute auf den Frühstückstisch gestellt. Das erste, was sie sagte, 
als sie sie bemerkte war: Schade fürs Geld ! Die gehn ja doch gleich kaputt 
Ich hasse sie. Wenn sie tot wäre, wäre alles viel besser." 

Hanni will also die Mutter beseitigen. Dann besäße sie den Vater für 
sich. Aber der Inzest ist ihr vom Gewissen und von der Mitwelt nicht 
gestattet. Sie kann und darf den Vater nicht besitzen und flüchtet schließ- 
lich in ihrer Not in die Homosexualität. Sie bindet sich sehr stark an ihre 
Lehrerin. Diese ist ihr Mutterersatz, indem sie mütterlich auf H.s Klagen 
und Nöte eingeht. Andererseits stützt sie aber auch H.s Ich-Ideal, indem 
sie große intellektuelle Leistungen verlangt. Sie wird in allem H.s Vor- 
bild, als die Frau, die ohne Mann Kinder gebiert — »geistige Kinder" — , 
die männliche Mutter. H. lehnt nun auch den Vater ab. Sie kommt zu 
der Ansicht, die Mutter sei doch wohl nicht allein an der Zerrüttung der 
Ehe schuld, der Vater habe sich halt von seiner Frau unterkriegen, zer- 
mürben lassen und sei ein Schwächling, 

■i — 312 — 



1 



In diese Zeit fallen die häufigen Gedanken an Gott und der Gebetzwang. 

Tagebuch: „Durch die ganze Woche habe ich mich jeden Tag in die 
katholische Kirche geschlichen und habe versucht, mich auf Gott zu kon- 
zentrieren, ihn mir vorzustellen." 

Die Liebe zum Vater ist verdrängt und kehrt wieder in zwanghaften 
Gottgedanken. Aber Gott kann das Gebet nicht hören, Gott ist nicht all- 
mächtig, Gott ist auch ein Schwächling. Das Gebet ist überflüssig und 
doch kann H. es nicht lassen. Irgendwo existiert nämlich doch eine All- 
macht — in ihr selbst. Sie besitzt die Allmacht der Gedanken. So wie sie 
durch ständiges Herumsinnen an phantasiertem Unheil dieses wirklich 
herbeilocken könnte, so vermag sie es durch ihr Gebet auch wieder abzu- 
lenken, indem sie mit dem „wir" all die von ihren Phantasien Bedrohten 
umfaßt und für sie um Schutz und Gnade bittet. Und sie hat damit die 
neurotische Zauberformel zur Vermeidung der Angst und zur Rückgängig- 
machung der Aggressionstendenzen gefunden. 

Diese Erklärung des Betens „wider Willen" und der zwangsmäßigen 
Abänderung der Worte erschöpft den Sinn des Symptoms wohl noch nicht. 
Wir finden darin, wie in jedem neurotischen Symptom, einen Triebdurch- 
bruch. Wir fragen uns: Was bedeutet denn die Abänderung des „ich" in 
„wir**? Was bedeutet das: „Müde sind wir. Wir gehen zur Ruh"? Wir 
gehen wohl nicht fehl, wenn wir vermuten, daß H. da in der Phantasie 
etwas im Sinn ihrer Wünsche abzuändern sucht, was der ursprüngliche 
Wortlaut des Gebetes unterläßt oder nicht zu denken gestattet. H. will 
nicht einsam, nicht allein zu Bette gehen, sie will jemanden bei sich haben. 
Als Kind, wissen wir, betete sie richtig: Müde hin ich . . . Damals wurde 
sie vom Vater regelmäßig zu Bett gebracht und erhielt den Gutenachtkuß. 
Als älter gewordenes Mädchen muß sie auf diese väterliche Zärtlichkeit 
verzichten — und phantasiert sie einfach hinzu — , phantasiert gerade noch 
ein Stück weiter und betet den Vater mit dem „wir" ins Bett, wohl in ihr 
Belt. — Dieses kleine Bruchstück zeigt deutlich die mehrfache Determinie- 
rung eines seelischen Symptoms, besonders gut tritt hier der Anteil von 
Vermeidungsmechanismen hervor, wie sie die psychoanalytische Klinik bei 
der „Zwangsneurose beschrieben hat. 






■ t 



313 - 



Ein Beitrag zur Psydiocinalyse des Pädagogen 

Einleitung zu einer Diskussion in der Pädagogisdien Arbeitsgemeinsdiaft 
des Berliner Psydioanalytisdien Instituts im November 1931 



Von Steff Bornstein 



«M 



Das in der Analyse einer Lehrerin gewonnene Material soll uns als 
Grundlage einer Untersuchung folgender Teüfragen dienen: 

a) Wie komml hier die pädagogische Sublimierung zustande? 

b) Welche unbewußten Motive drängen diesen Erzieher zu dieser oder 
jener Art der pädagogischen Betätigung? , . , I 

c) Wie sind die Störungen beim Ausüben seiner Berufsarbeit zu erklären? 
(Maßnahmen oder Stimmungen etwa, bei denen dieser Erzieher sich 
bei einem Widerspruch zu seinem bewußten Ich, seinem rational 
fundierten Wollen ertappt und dadurch beunruhigt fühh.) 

Ein einzelner Fall wird selbstverständlich nicht alle für die Psychologie 
des Erziehers bedeutsamen Zusammenhänge erklären können, doch enthalt 
der Fall, von dem ich sprechen will, typische Probleme und mag darum 
als Grundlage einer Diskussion geeignet sein. Es handelt sich um eine 
Lehrerin, die sich in ihrer Arbeit durch überdurchschnittliche Qualitäten 
auszeichnet, sie fühlt sich in ihrem Beruf glücklich, ist bei Kindern beliebt, 
hat Erfolge und findet Anerkennung. Bereits mit sieben und acht Jahren 
beschäftigte sie sich mit der Idee, Kinder zu unterrichten. In diesem Alter 
haben ihre Zukunftspläne den Wortlaut: „Ich werde barfüßige Kinder unter- 
richten. Im neunten und zehnten Jahr kommt hinzu: „Im Sommer bar- 
füßige Kinder unterrichten, im Winter aber auf arme, verständnislos be- 
handelte und wegen irgend eines Vergehens vor Gericht stehende Kinder 
erschütternde und anonyme Gedichte machen." 

In der frühen Pubertät leitet sie in ihren Taglräumen, in denen sie Ideale 
Schulen und Kinderheime einrichtet und ganze Kinderdörfer organisiert, 
eine Auseinandersetzung mit der Realität ein, und allmählich findet sie 
auch ein Publikum für ihre revolutionären pädagogischen Ideen. Ein Auf- 
satz der Sechzehnjährigen über eine Umgestaltung des Geschichtsunterrichts 
wird in eine pädagogische Zeitschrift aufgenommen, ihre Seminarlehrer 
lassen sich von ihr eine Kritik an ihren Lehrmethoden gefallen, und sie 
findet Anschluß an einen Kreis jugendlicher Schulrevolutionäre. Es wird 
bei ihr schon in der Latenzzeit, sicher aber in der Pubertät sichtbar, daß 
sie auf dem Gebiete der Pädagogik Sublimierungen entwickeln kann- In 
ihrem Umgang mit Kindern und in ihrer theoretischen Beschäftigung mit 
Erziehungsproblemen eröffnet sich ihr ein Weg zur Verwirklichung libidinös 
bestimmter Phantasien, schließlich vollbringt sie Leistungen, die von der 
Welt anerkannt werden. 

- 314 — 



Aus der weiteren Entwicklung ihrer Sublimierungsfähigkeit wir^ uns 
folgendes interessieren: 

So wie sie bereits als Schülerin die Neigung zeigt, die Lehrer von ihren 
umstürzlerischen Ideen zu überzeugen, ein Mittler zwischen ihnen und den 
übrigen Kindern zu sein, so versucht sie später als Lehrerin, die gleiche 
Situation zwischen den Eltern und ihren Schülern herzustellen. Hierbei 
erlebt sie nun recht häufig Mißerfolge, die ihr unverständlich bleiben. Bei 
ihrer Bemühung, gemeinsam mit den Eltern das Kind zu erziehen, geht 
sie oft so unklug vor, daß sie von den Eltern abgelehnt wird; wenn es 
dann auf einen Kampf um ihre und des Kindes Rechte ankommt, läßt sie 
das Kind, das ihrer bedarf, im Stich. Ihrem Zwang, dem Kinde nur in 
geraeinsamem Bestreben mit dessen Vater nder Mutter seine Rechte zu ver- 
schaffen, opfert sie das Wohl des Kindes 

Ferner interessiert uns der Umstand, daß sie in ihrer beruflichen Lauf- 
bahn eine Speziali ähigkeit entwickelt: ein besonderes Geschick im Unter- 
richten schwachsinniger Kinder, unter denen die in ihrer Sprechfähigkeit 
Behinderten sie besonders anziehen; gehemmte, talentlose, unverstandene 
und ungeliebte Kinder versteht sie gut zu fördern. 

Wir haben also bei dieser Lehrerin die Möglichkeit, an unsere drei 
Fragen heranzukommen: Auf Grund welcher Voraussetzungen hat sie von 
klein auf pädagogische Absichten? Warum hat sie gerade diese Form der 
pädagogischen Betätigung gefunden? Woraus erklärt sich das wiederholte 
Versagen ? 

Mit sieben und acht Jahren hat sie das Fdeai, barfüßige Kinder zu unter- 
richten. Wenn wir erfahren, daß sie im siebenten Jahr einen kleinen Bruder 
und im achten .lahr noch einen bekam, so erraten wir richtig, daß mit den 
barfüßigen Kindern die Säuglinge, die Neugeborenen der Mutter, gemeint 
sind. Wie die Analyse zeigte, gelangte damals ihr Schmerz, daß es nicht 
ihre eigenen Kinder waren, nicht in direkter Form in ihr Bewußtsein. Aber 
in der Schule phantasierte sie sich an die Stelle der Lehrerin, achtete darauf, 
was diese verkehrt machte, und dachte: „Das merke dir. damit du das später 
besser machst. Für ihr damaliges Bewußtsein verdichtete sich in den 
Worten „barfüßiges Kind'" die Vorstellung: Armes, von der Mutter schlecht 
versorgtes Kind mit dem Gefühl — ein glückliches Kind, das alle Freiheilen 
genießt. Dieses „alle Freiheiten" war aber durch die Freiheit, im Straßen- 
schlamm und Regenwasser mit nackten Füßen zu plantschen, repräsentiert; 
eine Freiheit, um die sie, selbst ein besonders sauberes Kind, die Kinder der 
Straße beneidete. Aber auch die kleinen Brüderchen genossen als Säuglinge 
das Recht auf anale Freiheit. 

Sie, die damals ein Ausbund an Bravheit war und mitten unter zwölf Ge- 
schwistern Übung im Verzichten und Sichzurückstellen besaß, hat die Rechte 
der kleinen Brüder auf Triebbefriedigung mit zähem Trotz verteidigt. Zwei 
Beispiele sind dafür charakteristisch: Die Mutter verbot, die Kleinen in der 
Wiege zu schaukeln, es sei ungesund. Sie aber fand: „Es tut dem Kind 

- 315 — 



gut, denn es hört auf zu weinen und schläft ein, wenn ich es wiege . Und 
so schaukelte sie die Wiege, sobald sie unbewacht -war. Nahm die Amme 
dem Kleinen den Finger aus dem Mund, so brachte sie ihn wieder an den 
Mund des Kindes und dachte dabei: „Das hat dich niemand gelehrt, dann 
hat auch niemand das Recht, es dir zu verbieten," 

Dieses Verständnis für die Triebansprüche der Kinder hat sich von ihrem 
siebenten Jahre bis in ihre Erwachsenheit unverändert erhalten, und wahr- 
scheinlich beruht auf diesem Verständnis ihre Fähigkeit, leicht den Zugang 
zu Kindern zu bekommen. 

Als sie damals den Plan entwickelte, barfüßige Kinder zu unterrichten, 
erfüllte sie damit in der Phantasie einen aus ihrem Odipus-Komplex stam- 
menden Wunsch, sich an die Stelle der Mutter zu setzen, aber um, im 
Gegensatz zu der realen Mutter, als bessere Mutter den Kindern Freiheiten, 
TriebbefriedigUQgen zu erlauben. Ferner: Indem sie sich so gut in die Be- 
dürfnisse der Kinder einfühlt, genießt sie in der Identifizierung mit dem 
Kind ein Glück, das ihr selbst in der Realität bereits versagt ist: das Glück 
infantiler Triebbefriedigung. 

Sie hat die Triebwünsche von ihrer eigenen Person abgelenkt und auf 
das Kind verschoben. Analog dem Dichter etwa, der durch seine Helden 
Wünsche laut werden laßt, die ihm selbst verboten sind. Auch in einem 
anderen Sinne bedeutet für sie das Kind etwas Ähnliches wie der Held 
der Tragödie für seinen Dichter. Dem Kinde seine von seiner Natur ge- 
forderten Wünsche gestatten, heißt: beweisen, daß es unschuldig 
schuldig wird; so wie der Tragödiendichter durch die psychologisclie Dar- 
stellung seines Helden erweist, daß der im, Sinne objektiver Wertungen 
Schuldige subjektiv unschuldig ist. 

Es scheint, daß das sieben- und achtjährige Mädchen bewußt keinen 
Schmerz erlebt hat, daß nicht sie, sondern die Mutter die Kinder bekom- 
men hatte. Was sie aber damals bewußt erlebt und auch später nicht ver- 
drängt hat. so daß sie mit deutlichen Erinnerungen daran in die Analyse 
kam, waren Phantasien, denen sie an der Wiege der kleinen Geschwister 
nachhing; sie sei die eigentliche Mutter, nicht die wirkliche, aber die 
eigentliche. Und darum könne sie ja die Sprache der Kinder, ja sogar ihre 
stumme Sprache, verstehen, viel besser als die Mutter. 

Daß diese Phantasien nicht verdrängt wurden, scheint eine wichtige 
Voraussetzung für das Gelingen der späteren Sublimierung. Fragen wir 
zunächst: Wieso brauchten sie nicht verdrängt zu werden, da doch ihr Inhalt 
schuldhaft scheint: die Mutter wird ja fortgeschoben. Die Analyse zeigte, 
was mit der eigentlichen Mutter gemeint war: die Mutter des Vaters, 
die Großmutter. Diese Großmutter war im fünften Jahre des Mädchens 
gestorben, und die Entwicklung des Kindes zeigt, daß es sich mit dieser 
sehr geliebten Großmutter nach deren Tod, so gut sie konnte, identifizierte. 
Die Großmatter verhielt sich ihr gegenüber tatsächlich wie eine besser ver- 
stehende Mutter, von ihr fühlte sie sich geliebt, verstanden und vor allem 

- 316 - 



in ihrem kindlichen Narzißmus gestärkt. Indem sie sich nun den Neu- 
geborenen gegenüber mit der Großmutter identifiziert („Ich will zu euch 
so gut sein wie die Großmutter zu mir war und dafür werdet ihr mich 
sicher auch so lieb haben wie ich die Großmutter liebgehabt habe") kann 
sie sich die Eifersucht auf die Geschwister, den Haß gegen sie und die 
grobe Eifersucht auf die Mutter ersparen. 

Wieso die Identifizierung mit der Großmutter geeignet war, die Eifer- 
sucht auf die Mutter zu überwinden, wurde verständlich mit Hilfe von 
Kindheitserinnerungen an Situationen, die sich zwischen dem Vater und 
der Mutter, und an solche, die sich zwischen dem Vater und der Groß- 
mutter abspielten. Die Kleine hatte beobachtet, daß der Vater zwar die 
Schönheit der Mutter bewunderte und sie verliebt behandelte, daß er aber 
mit seiner Mutter, der Großmutter, geistig irgendwie stärker verbunden war; 
ferner, daß er mit der Mutter unbekümmert und ungehemmt, mit der 
Großmutter aber rücksichtsvoll zart umging. Verlangte sie nun die Roile 
der Großmutter für sich, so war es nicht nötig, ihre Wünsche nach der 
Zärtlichkeit des Vaters aufzugeben; durch die Identifizierung mit der Groß- 
mutter entstand in ihr die Vorstellung, sie werde vom Vater besser geliebt 
als die Mutter, und zwar so, daß sie keine Angst vor ihm haben mußte. 
Es war ein ich-gerechter Ausweg aus ihrem Ödipuskomplex, denn nun 
brauchte die Mutter nicht vernichtet zu werden, bekam nur eine unter- 
geordnete Rolle als sexuelles Wesen, während ihr das Geistige als ein Binde- 
mittel zwischen sich und dem Vater blieb. An dieser Lösung ihres ödipus- 
dramas war aber für die Entwicklung ihrer speziellen Sublimierungsfähigkeit 
der Umstand wichtig, daß das Objekt ihrer Identifizierung, die Großmutter, 
eine Frau war, die Kinder liebte und sie doch nicht als eigene besaß. 
Freud sagt im „Ich und Es", daß wahrscheinlich jede Sublimierung über 
eine Identifizierung geht. Hätte sich aber die Kleine mit der zu ihren 
Kindern ambivalent eingestellten Mutter identifiziert, so wäre das Resultat 
dieser Identifizierung keineswegs eine solche Umwandlung des Kindes- 
wunsches gewesen, nämlich das Bestreben, eine gute Pädagogin für die 
Kinder fremder Mütter zu werden. Die Identifizierungen müssen, wenn sie 
ein Sprungbrett zu Sublimierungen bilden, von der Art sein, daß sie eine 
gewisse Entlastung von Schuldgefühlen garantieren; wir wissen, daß eine 
Sublimierung gelingt, wenn die libldinösen Ansprüche in Einklang mit 
dem Über-Ich gebracht werden können. Im Fall unserer Lehrerin: Liebt 
sie die Kinder wie die Großmutter sie liebt, so ist sie genügend weit ent- 
fernt von dem dahinter liegenden Wunsch, die Kinder mit dem Vater ge- 
zeugt zu haben; das Über-Ich ist beruhigt, denn sie nimmt der Mutter 
den Vater und die Kinder nicht weg, sie hilft vielmehr der Mutter, die 
Kinder zu erziehen. Ferner aber; Da die Großmutter wirklich pädagogische 
Fähigkeiten hatte und Kinder lieble, wird es der Enkelin durch eine An- 
gleichung an sie möglich, sich so zu Kindern einzustellen, daß sie das Lob 
der Umwelt erntet. Sie ist also nicht nur unschuldig, sondern kann sich 

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sogar als verdienstvoll erweisen. Sie hat von der ursprünglich inzestuösen 
Phantasie „Meine Kinder'' den Weg zur Realität gefunden: „Die Kinder 
anderer Frauen". Mit ihrer Bemühung um diese Kinder, die viel Verzicht 
auf egoistische Wünsche erfordert, besticht sie das Über-Ich, denn sie büßt 
mit dieser Bemühung für die ursprünglich schuldhafte Tendenz, sich fremde 
Kinder anzueignep. Auch in einigen anderen mir bekannt gewordenen Fal- 
len von guten Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen, Fürsorgerinnen war es so: 
Sie haben sich in ihrer pädagogischen Tätigkeit nicht mit ihren Müttern 
identifiziert, sondern mit entfernteren Frauen, Mutterersatzfiguren, Lehre- 
rinnen, älteren Schwestern, Dienstmädchen, also mit Frauen, die ihnen ein 
Wegweiser zu einem geeigneten Kompromiß wurden, denn sie lebten in 
einer Situation, in der der Wunsch und das Verbot, Kinder zu besitzen, 
gleich beteiligt waren. 

in unserem Falle bildet insbesondere der Umstand, daß die Großmutter 
von der Enkelin ohne Ambivalenz geliebt werden konnte, eine bedeutsame 
Holle in der Entwicklung ihrer Sublimierungsfähigkeit. Als das Kind nach 
ihrem Tode sich mit ihr identifizierte, ihre Eigenarten und ihre Gebote 
in sein Ich aufnahm, um die in der Außenwelt Verlorene in der Innen- 
welt lebendig zu erhalten (einige Erlebnisse aus der Kindheit zeigen greif- 
bar die einzelnen Stationen dieser Identifizierungsversuche und ihre Funktion) 
geschah das deutlich nach dem Plan : So zu werden, wie die geliebte Groß- 
mutter es gern gesehen hätte. Die Großmutter vertrat in ihrem Über-Ich 
einen milde waltenden, leicht zufriedenzustellenden Richter; was die un- 
arabivalent Geliebte forderte, war leicht zu erfüllen. Und so hat sie auf 
den Gebieten, auf denen die Großmutter ein Beispiel bot, wie in der Be- 
handlung der Kinder, mit Selbstvertrauen und ruhiger Sicherheit sich ent- 
falten können. . _r.j.i_ ^-.,, 

Betrachten wir weiter die Entwicklung der Lehrerin: Mit neun und 
zehn Jahren tagträumt sie von zukünftigen Gedichten, deren Hauptfiguren 
lieblos behandeke und schuldig gewordene Kinder sein sollten. Die Quellen 
dieses Tagtraums waren: Sie entdeckt damals, daß ihr Vater, vor dessen 
jähzorniger Art sie Angst hat und der sie unter den vielen Kindern Über- 
sieht, weich und aufmerksam wird, wenn man ihm Gedichte vorträgt. Die 
Vorwürfe, die sie dem Vater machte, hat sie verdrängt und erst in der 
Analyse wieder aufgefunden. Aber in jenem Traum von anklagenden Ge- 
dichten wurde der Wunsch erfüllt, einmal dem schlechten Vater die Wahr- 
heit zu sagen, einmal in einer Form, die er beachtet, auf sich selbst als 
die lieblos Behandelte hinzuweisen. In einem jener infantilen Tagträume 
erscheint ein barfüßiger, fast nackter Junge vor Gericht, weil er — ver- 
hungert — etwas gestohlen hat. Während die irdischen Richter das Kind 
verurteilen, schmilzt das über ihnen hängende Kruzifix, weil dem Christus 
das Herz vor Mitleid verbrennt. Als die Richter das sehen, erkennen sie 
die Unschuld des Kindes. 

Überraschend an dieser deutlich für sich sprechenden Phantasie ist folgen- 

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des: Die Kleine war ja "besonders brav und scheinbar fiel ihr das Bravscin 
nicht schwer. Warum phantasiert sie sich in die Rolle des barfüßigen, 
d. h. triebhaften und schuldig gewordenen Kindes? Offenbar weil sie es gern 
gewesen wäre, aber aus Angst vor dem menschlichen Richter, dem Vater, 
nicht zustande brachte, es zu sein. 

Als sie dann später die ungeliebten schwierigen Kinder mit besonderem 
Geschick unterrichtete, gelang ihr das, indem sie sich mit dem Kind 
identifizierte: du bist ja so, wie ich beinahe geworden wäre. Ich will dir 
helfen, wie man mir hätte helfen müssen, indem ich dich mit Liebe und 
Langmut behandle. '^'■"■- ■'"■■ 

Wir sehen, wie in dieser Fähigkeit zweierlei zusammentrifft: Auf der 
einen Seite ein aus dem Es stammender Anspruch, böse, anal (barfuß), 
exhihitionistisch (fast nackt) zu sein und dem Besitzenden etwas wegzu- 
nehmen, und trotz alledem vom Vater nicht verurteilt, sondern geliebt zu 
werden — auf der anderen Seite eine vom Über-Ich stammende Anforde- 
rung: Solche Kinder müssen unterrichtet, besser belehrt werden. Indem ihr 
das gelingt, ist das Über-Ich zufriedengestellt, und sie kann sich immer 
weiter mit solchen Kindern identifizieren. Indem sie das Kind der Umwelt 
als veredelungsfähig zeigt, entlastet sie sich von den Schuldgefühlen wegen 
der verpönten Wünsche, sagt damit etwa: Seht, ich bin ja gar nicht böse, 
ich werde gut und schuldlos, wenn man mich nur liebt. 

Wir hörten, daß unsere Lehrerin besonders am Unterrichten geistig zurück- 
gebliebener Kinder interessiert ist. Sie erzählt darüber, es sei eigentlich 
ganz gegen ihren Wunsch, sich mit debilen Kindern zu beschäftigen. Wenn 
sie um Rat gefragt werde, riete sie immer, die Kinder in die Hilfsschule 
der Nachbarschaft zu schicken, sobald sie aber ein solches Kind vor Augen 
bekäme, fühle sie den unwiderstehlichen Drang, sich selbst um das Kind 
zu kümmern. Diese Neigung und die Fähigkeit, die sie beim Unterrichten 
solcher Kinder entwickelt, zeigten sich folgendermaßen in ihrer Kindheit 
determiniert: Das nach ihr geborene eineinhalb Jahre jüngere Kind war 
ein Knabe, und es war in der sehr kinderreichen Familie das einzige Kind, 
das schwer lernte. Obwohl es nun keineswegs debil war. wurde es von 
dem Vater und den älteren Geschwistern als der Dumme der Familie be- 
handelt. Unsere Analysandin, die sehr früh schon, als Reaktion auf ihre 
Feindseligkeit gegen ihn, Mitleid für ihn empfunden hatte, weil sie 
und die ältere Schwester ihn nicht mitspielen ließen, wagte doch nicht, 
sich seiner anzunehmen, bewußt, um nicht der älteren Schwester zu wider- 
sprechen, unbewußt, weil sie dem Penisbesitzer gegenüber wenigstens auf 
ihre geistige Überlegenheit stolz war. Obwohl sie dann für den Rnider die 
gute ältere Schwester wurde, brachte sie es nicht über sich, ihm bei seinen 
Schularbeiten zu helfen, was sie doch bei anderen gleichaltrigen, älteren 
und jüngeren Kindern gewohnheitsmäßig tat. Es sieht nun so aus, als ob 
sie mit ihrem geschickten Unterrichten geistig behinderter Kinder das alte 
Unrecht am Bruder wieder gutmachen wollte. 

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Wir können uns hier daran erinnern, daß ein besonders empfindliches 
Gewissen, das die aus dem. Verdrängten heraufkommenden Tendenzen leicht 
registriert, eine gute Prognose für die Entwicklung von Subümierungs- 
fähigkeiten bietet, sofern andere Bedingungen für diese vorhanden sind. 
Ein weniger strenges Ühor-Ich beunruhigt weniger, es bedarf geringerer 
Anstrengung, um sich seines Drucks zu entledigen. Andererseits übt ein 
allzu strenges Uber-Ich leicht einen hemmenden Einfluß auf die Entfal- 
tung einer Begabung aus. 

Eine andere Seite der pädagogischen Begabung dieser Lehrerin beruhte 
auf ihrem besonderen Interesse an den oral gehemmten Kindern. Es fallt 
ihr leicht, sich mit diesen zu identifizieren, da sie selbst ein Kind war, 
das niemandem sagen konnte, was es litt. Sie wurde von den übrigen rede- 
gewandten Geschwistern unterdrückt, so daß sie ein schweigendes Kind 
wurde, das die Redegabe des Vaters und der Geschwister neidlos bewun- 
derte. Die Analyse zeigte aber, wieviel Anklagen gegen den Vater und die 
älteren Geschwister sie damals zu verdrängen hatte. In ihren Bemühungen 
um die nichtsprechenden Kinder phantasiert sie sich einerseits in die Rolle 
eines guten Vaters oder einer guten älteren Schwester, die dem verschüch- 
terten Kind Mut zum Sprechen macht, und bringt damit in sublimierter 
Form ihren Widerspruch gegen den realen Vater und die reale Schwester 
ihrer Kindheit zum Ausdruck: So hättet ihr es mit mir machen sollen. 
Andererseits genießt sie in der Identifizierung mil dem Kind ein früher 
ersehntes Glück: Endlich finde ich einen, der mich zum Sprechen bringt, 
endlich bin ich so mächtig wie die anderen. 

Wir fragen nun, warum diese Frau, die nach allein, was wir hörten, 
gute Voraussetzungen für die Arbeit einer Heilpädagogin mitbringt, nicht 
das Heilen, Pflegen und Erziehen dem Unterrichten vorgezogen hat, und 
ob es etwa nur an äußeren Umständen liegt, daß sie ihre Tätigkeit an einer 
Schule ausübt. Ihre Kindheitsgeschichte weist ein Erlebnis auf, das die 
Wahl dieser Form der pädagogischen Betätigung verständlich macht. 

Sie war etwas über vier Jahre alt. als die ältere Schwester an ihrem 
ersten Schultag prol?.!, daß sie schon lesen könne, und vor ihr eine Zeitung 
entfaltet. Ihre Bewunderung verwandelt sich bald in Erschrecken, als die 
Schwester aus der Zeitung dichtet, eine Zigeunerbande werde die Jüngere 
demnächst abholen, weil sie nicht zur Familie gehöre, sondern früher von 
den Zigeunern gekauft worden sei. Später wußte sie, daß sie betrogen 
worden war, begriff es aber erst in aller Schärfe am Todestage der Groß- 
mutter, ein Jahr später, als man ihr den Tod der Großmutter verheim- 
lichen wollte, und die gleiche Schwester vorgab, sie und die anderen Ge- 
schwister weinten, weil sie schlechte Schulzeugnisse mitgebracht hätten. 
Bald nach dem Tode der Großmutter, die sie seinerzeit über das Zigeuner- 
märchen mit den Worten getröstet hatte: „Später wirst du selber aus der 
Zeitung lesen können und nicht solche Dummheiten glauben müssen", 
begann sie als Autodidaktin lesen zu lernen und überholte bald die ältere 

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Schwester in ihrem Schulwissen. Kindern Wissen 2u vermitteln bedeutet 
nun für sie auf Grund jener Erlebnisse dafür zu sorgen, daß sie sich nicht 
aus einer Gemeinschaft ausgestoßen fühlen, und es wundert uns nicht, 
daß sie sich besonders freut, wenn sie eine Anfängerklasse übernimmt. 
Als sie dann als Kind selbst in die Schule kam, pflegte sie erst der intel- 
ligenteren, aber weniger lernbegabten Schwester bei den Schularbeiten zu 
helfen, ehe sie an die eigenen Schularbeiten ging, und diese Assistenz be- 
deutete für sie eine Steigerung ihres Selbst, an der sich ihr Narzißmus 
immer wieder erholte, Der Umgang mit den jüngsten Geschwistern bot 
ihr aber vollends Tröstung für ihr Versagen Erwachsenen gegenüber, die 
sie übersahen, weil sie vor den geliebten Menschen scheu war und mit 
den ungeliebten nicht zu kämpfen verstand. So kam zu allem Positiven, 
das sie für den Beruf geeignet machte, etwas Negatives hinzu, das sie diesen 
Beruf als einen für sie am wenigsten gefährlichen wählen ließ (Adler). Da 
sie auf Grund einer in der Kindheit unterdrückten, nicht ausgebildeten 
Aggressivität für den Kampf mit der erwachsenen Welt schlecht ausgerüstet 
war, wählte sie sich ein Gebiet, auf dem der Partner schwächer ist als sie selbst. 

Wir sprachen am Anfang von einer Schwierigkeit, die diese Lehrerin 
häufig im Umgang mit den Eltern ihrer Schüler erlebte. Wir fragen uns, 
wie ihre Tendenz, mit den Eltern gemeinsam das Kind zu erziehen, zu 
verstehen sei. Hierbei verrät sich die Inzestphantasie, die ursprünglich ihrer 
Liebe zu Kindern zugrunde lag. Es zeigt sich nämlich, wenn man im 
einzelnen untersucht, daß sie bei ihren Unterredungen mit der Mutter oder 
dem Vater des Kindes entweder den guten Vater spielt, der das Kind be- 
sonders gut versteht und die Mutler belehrt, wie das Kind richtig zu lieben 
sei, oder daß sie den Vätern gegenüber die Rolle der Großmutter spielt. 
Im ersten Fall versteht sie es zunächst, die positive Übertragung der Muiter 
auf sich zu ziehen. Wenn diese dann aber merkt, daß nicht ihr, sondern 
dem Kinde das Interesse der Lehrerin gilt, zieht sie sich gekränkt zurück 
und wird neidisch. Dann muß die Lehrerin das Feld räumen und das im Stich 
gelassene unglückliche Kind repräsentiert für sie die Erfüllung einer alten 
unbewußten masochis tischen Phantasie: die Mutter rächt sich am Kinde, 
weil der Vater es liebte. 

Spielt sie aber den Vätern gegenüber die Rolle ihrer Großmutter, so 
besticht sie den Vater mit ihrem liebevollen Verständnis, lockt also auch 
hier die positive Übertragung heraus; dann aber fürchtet sie die Gefahr 
und versteht es offenbar mit einer überlegenen Großmutterhaltung, das 
Selbstgefühl des Mannes zu kränken und ihn zu verstimmen. Wieder ist 
das Kind das Opfer dieses im Unbewußten der Beteiligten sich vollziehen- 
den Spiels. Das Kind repräsentiert dann ihrem Unbewußten, wie man ge- 
straft wird, wenn man das Begehren des Vaters auf sich lenkt. Im Verkehr 
mit den Kindern gelingt ihr die Sublimierung alter Wünsche; im Ver- 
kehr mit den Eltern versagt sie so oft, weil sie in der Verführungssituation 
der Anziehung der unbewußten Kindheitswünsche zu leicht erliegt. 



321 - 



Kindheitserlebnisse von Pflegerinnen 
kleiner Kinder 

Von Mary Chadwick London 

übersetzt von Erik Homburger 

Neurotische Schwierigkeiten im Leben der Kinder werden vom Laien 
verschieden erklärt; die einen sehen in den schlimmen Kindern eine Strafe, 
die ihnen der Himmel auferlegt hat, die anderen glauben, daß eine an- 
geborene Charakterschwäche die Ursache aller Unarten sei. Tatsächlich 
käme man mit der Vorstellung von der Vererbung der Lösung einen Schritt 
näher, wenn man darunter all das verstehen wollte, was das Kind von 
Seinen Eltern übernimmt. Und das wären dann nicht bloß die im Keim- 
plasma festgelegten Entwicklungstendenzen, sondern auch die von den 
Eitern ausgehenden frühesten Einflüsse auf das Kind. Da wir aber Ver- 
erbung im Sinne angeborener Neigung verstehen, so müssen wir gegen 
die Vorstellung von der Erblichkeit neurotischer Verhaltensweisen bloß auf 
die Tatsache verweisen, daß neurotische Erzieher, auch ohne mit dem Kind 
blutsverwandt zu sein, ihre neurotischen Neigungen auf es weitergeben — 
ebenso wie die Eltern. Welche neurotische Tendenzen der Erwachsenen 
werden nun im allgemeinen auf die Kinder übertragen und woher stam- 
men sie? 

Die Psychoanalyse lehrt uns, daß die ersten Wünsche, die nicht genug 
oder gar nicht befriedigt wurden, im Erwachsenen ebenso gut wie im Kind 
weiterbestehen können, sein Benehmen, seine Gedanken und Meinungen 
beeinflussen und ihm ein infantiles Gepräge geben können. In ähnlicher 
Weise werden die Erfahrungen aus der eigenen frühkindlichen Erziehung 
auf die spätere Erziehung der eigenen Kinder übertragen: die Neigung zu 
Verboten, Drohungen und Strafen, aber auch die Überängstlichkeit und 
ängstliche Sorgfalt. So kommt es, daß die unerfüllten und verdrängten 
Wünsche aktiv bleiben können, im Unbewußten des Erziehers eine Sonder- 
existenz führen, an die die Erziehungslehren nicht herankommen können. 
Das Unbewußte solcher Erzieher wirkt dann wie eine Quelle, von der 
Störungen des rationalen Handelns ausgehen: gegenüber bestimmten Un- 
arten des Kindes entwickelt der Erzieher besondere Strenge, auch wenn er 
vom Standpunkt der Vernunft aus das Unzweckmäßige seines Handelns 
einsieht, dann übergeht er wieder abnorme Züge des Kindes oder er för- 
dert, ohne zu wissen warum, abnorme Impulshandlungen von Kindern, 
die ihm anvertraut wurden. Vor allem übt die Gestaltung des elterlichen 
Zusammenlebens einen oft genug betonten Einfluß auf die Charakterent- 
wicklung aus. Aus verschiedenen Gründen mögen die Eltern ein Kind 
mehr als das andere lieben und dabei das bevorzugte Kind mit so starken 

- 322 - 



GefühlsbantJen fesseln, daß ihm die normale Entwicklung mißlingen muß. 
Eine solche Bindung veranlaßt später eine Änderung der Einstellung gegen- 
über den Eltern, wenn die Unabhängigkeit des Kindes wachst und der 
elterliche und häusliche Einfluß allmählich nachläßt. Gelegentlich ist es 
auch der Haß, die Kehrseite der Liebe oder die Eifersucht, die das Familien- 
leben untergraben. Ein Kind, das unerwünscht geboren werden mußte 
oder dessen Geschlecht enttäuscht hat, muß nach Liebe hungernd auf- 
wachsen und auf ein für seine seelische Entwicklung ebenso notwendiges 
Mittel verzichten wie es die Vitamine für den Körper sind. Es kann sich 
sogar ungeliebt und unerwünscht fühlen, trotzdem es von allen Zeichen 
der Liebe und der unzweifelhaften Bevorzugung umgeben ist, wenn es in 
einer Phantasiewelt lebt, in der es das unerwünschte und ungeliehie Kind 
der Familie spielt; oder es kann verzweifelt versuchen, diesen tatsächlichen 
oder eingebildeten Stand der Dinge zu verändern, indem es bald um den 
Beifall der einen, bald der anderen Person kämpft im aussichtslosen Be- 
mühen, so geliebt wie andere Angehörige zu werden. Rivalisiert ein Kind 
um einen Elternteil, so können die anderen Geschwister zu mächtiger, 
aussichtsloser Eifersucht gereizt werden. Für die Eifersucht der Kinder 
dient die der Erwachsenen als Vorbild und die der Erwachsenen stammt 
selbst wieder häufig aus Enttäuschungen der eigenen Kindheit. Sie suchen 
dann beim eigenen Kind eine Entschädigung für den einmal erlebten 
Liebeskummer und vergessen, daß Kinder andere Liebe benötigen als eine 
solche, welche aus den Entbehrungen und Enttäuschungen der eigenen 
Kindheit kommt; Kinder brauchen echte Liebe, nicht eine reaktive, durch 
die den alten, vielleicht schon toten Erziehern gezeigt werden soll, wie 
man Kinder erzieht und liebt. „ ,r. 

Ehern, deren Liebesbedürfnisse durch den Ehepartner nicht genügend 
befriedigt wird, neigen oft dazu, ihre Kinder mit einer allzu erwachsenen 
Liebe zu überschütten, sie in ganz frühem Alter zu Vertrauten zu machen 
und ihr Mitfühlen zu erlisten ; die Kinder sollen so verführt werden, Partei 
zu ergreifen, was leicht dazu lührt, daß sie Vorurteile entwickeln, die dann 
auf andere Personen oder auf das Geschlecht verschoben werden können. 

Werden kleine Kinder genötigt zu gefallen, so schließt das immer ein, 
daß sie auch furchten, nicht zu gefallen. Hier ist oft eine Quelle größter 
Angst zu finden. Jedes Mißfallen, jede Kritik bezieht das Kind dann auf 
sich und es wird später unfähig, ein unabhängiges Urteil zu bilden, weil 
es immer fürchtet, daß es dadurch Mißfallen erregt. So wird jede große 
oder kleine Entscheidung unmöglich, bis eine geliebte Person gesagt hat, 
was zu tun ist. Diese Hemmung kann äußerst unangenehm werden und 
ein ernstes Hindernis für ein zufriedenes Leben darstellen. Das Opfer dieser 
Ängste glaubt auch gern, daß, was immer es tut, den anderen böse machen 
wird, während die anderen durchaus mit ihm zufrieden sind. Ein Kind, 
das beiden in ihren Grundsätzen ganz verschiedenen Elternteilen zu ge- 
fallen strebt, verfängt sich in einem Netz von Konflikten, dem schwer zu 

~ 323 - 



entkommen ist. Wie kann ein solches Kind später unabhängig werden und 
seinen eigenen Weg gehen? Denn dieser ist natürlich das Ziel der nor- 
malen Entwicklung, der nur dann unterbunden ist, wenn dem heranwach- 
senden Kind nicht eine gewisse ökonomische Unabhängigkeit zu Hilfe 
kommt oder wenn zu starke Gefühlsfessel die Trennung verhindern. So- 
lange das Kind aber tatsächlich untet dem Schutz der Eltern lebt, erlaubt 
die reale Abhängigkeit und die häufige Besitzeinstellung der Eltern dem 
Kind keinen anderen Ausweg, als mitten im Kreis der Familie in einer 
seltsamen seelischen Isolierung zu leben; so entstehen Ausgleichsversuche 
mit Hilfe der Phantasietätigkeit, oder ganz bestimmte neurotische Neigun- 
gen, durch die das Kind Schutz und Lust erreicht. 

Wir sind nun schon mit dem Weg vertraut, auf dem das Kind Beispiel 
und Vorbild der Eltern in sich aufnimmt und in seiner Uber-Ich-Bildung 
verkörpert. So verstehen wir auch, daß besondere Charakterzüge oder auch 
Symptome der Ehern im Kind sich wiederholen und, weil sie ihm beson- 
ders liebenswert gepriesen wurden, im Kind verstärkt weiterleben. 

Jener Muttertypus ist heute seltener geworden, der den Gatten und die 
Kinder durch ein Leben halber Invalidität zu fesseln wußte, immer ihren 
Willen durchsetzte und sich mit Tränen und Migräne die entbehrte Be- 
achtung erzwang. Das waren mächtige Waffen, die Kinder der Herzlosig- 
keit zu überführen; die aber waren bloß traurig, daß schöne Plane durch 
die Indisposition der Mutter wieder durchkreuzt wurden. Sie fühlten 
sich dann auch schuldig, wenn ihnen ihre Traurigkeit vorgeworfen wurde. 
Die ganze Familie war vom Lebensgenuß abgeschnitten, nicht bloß weil 
die Mutter nicht allein gelassen werden durfte, sondern weil es ja nicht 
richtig war, sich zu vergnügen, während ein anderer krank war oder 
Schmerzen hatte. Wir kennen unter solchen Umständen heranwachsende 
Kinder, die jede Freude mit Gewissensbissen zu zahlen bereit sein müssen, 
weil sie immer an das Leiden der anderen denken müssen. 

Anderseits, wo die Mutter dominierte, mußte der Vater in den Hinter- 
grund treten; der Vergleich mit anderen Familien ist der äußere Anstoß 
zur Verwirrung der kindlichen Gefühle, die aktive Mutter spielt in der 
Leidensgeschichte mancher Neurotiker eine überragende Rolle. Nicht weni- 
ger schädlich ist die Wirkung des brutalen Vaters, des Neuroiikers mit 
Zornausbrüchen oder des Alkoholikers, der das Haus durch die Furcht, 
die er erregt, beherrscht. Solche Vaterlosen bei den Kindern maßlosen Haß aus, 
der aus Vergeltungsangst unterdrückt werden muß, um später im Familien- 
oder Berufsleben an anderen sich auszutoben. Dieser Haß kann sich dann 
mit der selbstverständlich vorhandenen Liebe mischen, so daß es zu jenem 
Schwanken zwischen beiden Gefühlen kommt, das als „Ambivalenzkonflikt" 
ein bekanntes neurotisches Krankheitsbild darstellt. Das Zerrbild jenes Er- 
ziehers, der zuerst maßlos strenge straft, um dann in überbetonter, re- 
aktiver Liebe das bestrafte Kind zu verzärteln, ist uns aus den Beobach- 
tungen auf den Kinderspielplätzen und gelegentlich aus den Gerichtssaal- 

- 324 - 



noiizen genügend bekannt. Und fragen wir nach den tieferen Ursachen 
der Abnormitäten in der Erziehung, dann finden wir die übliche Antwort: 
mangelndes Wissen der erziehenden Eltern und Unverstand — recht un- 
zureichend; in jeder Erziehungsabnormität spielt ein Stück infantiler Neu- 
rose des Erziehers eine Rolle. 

Die folgenden Auszüge aus der Lebensgeschichte einiger Erzieherinnen 
sollen unsere Beobachtungen beleuchten und illustrieren. 

1 

Der folgende Bericht handelt von einer älteren Frau, die, in ihrer 
Mentalität ein Kind und, tief an ihre Mutter fixiert, in Gesellschaft Gleich- 
altriger nie glücklich ist. Sicher fühlt sie sich nur während der Pflege von 
Säuglingen und von kranken Kindern, die ganz und gar von ihr abhängen 
müssen und sie den anderen Pflegerinnen gegenüber ausgesprochen bivor- 
zugen. Ängstlich gegenüber den Ärzten und allen Männern in autoritärer 
Stellung, sucht sie nach Beweisen der Liebe und Anerkennung bei irgend- 
einer älteren Frau, der sie dann übertriebene Ergebenheit bezeugt. 

Dies ist in Kürze ein Abriß der störenden Charakterzüge der Frau A. B. 
Ihr Wunsch, immer die Beliebteste 7.u sein und eine ältere Frau zu finden, 
der gegenüber sie (trotz deutlichster Hinweise, daß ihre leidenschaftlichen 
Dienste oft unwillkommen sind) die ergebene Tochter spielen konnte, hatte 
zu vielen Schwierigkeiten an ihren verschiedenen Arbeitsstätten geführt 
und ihr selbst tiefes Unglück gebracht. Jede Matrone oder Oberschwester, 
die auf ihre Demonstrationen nicht reagierte oder ihr nicht die Bevorzugung 
angedeihen ließ, nach der sie sich sehnte, wurde von ihr als ungerecht 
und grausam angesehen. Gleichgestellte im Spital mochte sie nicht; Erfolg- 
reiche betrachtete sie als Rivalen und setzte sie mit ihren beiden älteren 
Schwestern gleich, auf die sie als Kind äußerst eifersüchtig gewesen war. 

Zwei Ereignisse ihrer Kindheit standen ihr vor allen anderen immer 
seltsam klar vor Augen. Beim ersten war sie ungefähr zwei Jahre alt 
gewesen: Ihr Vater war mit der Mutter böse geworden, weil sie ihn often- 
bar wegen seiner Betrunkenheit in der Nacht zuvor beschimpft hatte. Er 
war plötzlich vom Frühstückstisch aufgesprungen, hatte einiges im Tisch- 
tuch gesammelt und ins Feuer geworfen. Sie selbst hatte ganz erschrocken 
ihren Kopf im Schoß der Mutter geborgen und so gewartet, bis der Vater 
brummend hinausgegangen war. Dies scheint in ihr den Gedanken hinter- 
lassen zu haben, daß man Männern nie trauen dürfe, daß sie jederzeit 
gewalttätig werden könnten und immer schlecht aufgelegt seien. Wenn sie 
ihn nur los werden könnte und statt seiner für die Mutter sorgen — wieviel 
glücklicher wären sie da. Während ihrer ganzen Spitalslaufbahn fürchtete 
sie immer Autoritäten und ältere Ärzte und mochte nur knabenhaft junge 
Chirurgen, die mit den Kindern spielen konnten. Sie konnte nicht verstehen, 
wie irgendeine ihrer Kolleginnen mit Liebe von ihrem Vater sprechen konnte. 
Ihre zweite frühe Erinnerung, die für ihr späteres Berufsleben von 

Zeitschrift f. pEfl.Pfld.,VIi/8/9 325 M 



größter Wichtigkeit war und ihre Berufswahl weitgehentl beeinflußt liatte. 
war der Tod eines Brüderchens in seinem neunten Lebensnionat. als sie 
zwischen drei und vier Jahre alt war. Ihre Mutter weinte darüber und sie 
versuchte sie zu trösten, indem sie ihr versprach, ein anderes Baby zu kaufen, 
wenn sie eines ohne eine Mutti finden könnte. Sie hatte zehn 
Groschen und wollte gerne das Ganze für das Baby ausgeben. 

Dabei war ihre Einstellung zu diesem Brüderchen denkbar haßerfüllt 
und eifersüclitig gewesen. Obwohl sie den Vorfall selbst und das Gelächter 
der Schwestern über ihren Glauben, sie könne für zehn Groschen ein 
neues Baby kaufen, gut erinnern konnte, hatte sie doch kein wirkliches 
Bild von dem Kind selbst. Sie konnte sich an einen langen Aufenthalt bei 
den Großeltern erinnern, als es gerade einige Monate alt war; denn die 
Mutter war ernstlich krank geworden, an Spaziergänge mit dem Großvater 
und an Blumen, die sie zusammen gepflückt hatten, an Spiele mit ihm 
in einem weiten Speicher, aber es war keine Erinnerung vorhanden, daß 
das Brüderchen wirklich dabei war, nocli wie es ausgesehen hatte. 

Es war offenbar, daß sie später versucht hatte, sicli an seinen Platz zu 
stellen und die leergewordene Stelle in den Gefühlen der Mutter einzu- 
nehmen ; sie fühlte aber, daß ein Knabe immer beliebter ist als ein Mädchen 
und ein kostbareres Glied der Familie. Im Verlauf der Analyse wurde es 
wahrscheinlich, daß das kleine Mädchen Todeswünsche gegen das Babv 
gehabt und dann unter schwerem Schuldgefühl gelitten haben mußte, als 
diese Wünsche plötzlich scheinbar in Erfüllung gingen; und so versuchte 
sie, schon zu jener Zeit Ersatz zu schaffen, indem sie sich vornahm, ihr 
ganzes weiteres Leben zu diesem Versuch zu verwenden und die Tränen 
der Mutter zu trocknen. — was dann später der Inhalt ihrer Lebensarbeit 
blieb. 

Sie begann ihre Pflegerinnen-Laufbahn in einem alten Kinderspital und 
war immer ganz verzweifelt beim Tod eines Kindes, wie ihr denn auch 
keine Mühe zu viel war, das Leben eines tranken ßab3s zu retten; war 
es offensichtlich ihre Bemühung, der man seine Genesung verdankte, so 
war sie überglücklich. Den ültern und besonders der Mutter eines Babys 
oder Kindes sagen zu müssen, es sei gestorben, war für sie der Anlaß 
starker Angst, und sie vermied diese Pflicht auf jede mögliche Weise 
während ihrer ganzen Tätigkeit als Abteilungsschwester, Xachtschw^ester 
und Hilfs Vorsteherin eines Spitals auf dem Lande. 

Sie war als Kind höchst begierig gewesen zu erfahren, woher die Kin- 
der kommen und wie sich die Knaben und Mädchen genau voneinander 
unterscheiden, war aber nicht imstande gewesen, von ihrer offenbar darin 
sehr zurückhaltenden Mutter irgend etwas in Erfahrung zu bringen. Wahr- 
scheinlich hatte A. B. den Pflegerinnenberuf teilweise gewählt, um durch 
Erwerbung von Kenntnissen dieses Problem zu lösen; sie erhielt aber in 
der ersten Zeit keinerlei befriedigende .Antwort. Schließlich drängte sie ihr 
Bedürfnis nach Aufklärung dazu, einen Studiengang nach dem andern, ein 

- 326 - 



I 



Examen nach dem anderen zu absolvieren, um es schwarz auf weiß 7,u 
haben, daß sie kenntnisreich und tüchtig sei — bis sie auch einen Heb- 
ammenkurs mitmachte, wo sie einen Teil iener Details über die Geburt 
von Kindern erfuhr, die man ihr früher vorenthalten hatte. Aber ihr 
Wißtrieb zeigte interessante Einschränkungen. Vorlesungen und Instruk- 
tionen, die ihr als einer unter Vielen erteilt wurden, interessierten sie 
nichti auch fand sie es fast unmöglich, aus Büchern zu lernen. Wenn sie 
eine Seite gelesen hatte, verlor sie sich in Tagträumen, von denen sie 
nachher nichts erinnerte. Die einzige Form, auf befriedigende Weise Kennt- 
nisse zu erwerben, war die individuelle Belehrung durch eine jener Frauen, 
die sie sich zum Mutterersalz erkoren hatte. 

Ihre Einstellung zu den Kindern ihrer Obhut, die ihr so viel Vertrauen 
und Trost schenkten, war einerseits die des kleinen Mädchens, das mit 
Puppen spielt — andrerseits die einer Mutter, die so zärtlich war, wie sie 
sich eine gewünscht hatte; sie identifizierte sich dabei mit ihren kleinen 
Patienten. Sie hatte das Gefühl, sie besser als die andern zu verstehen und 
von ihnen bevorzugt und mehr gewünscht zu sein als alle anderen, und 
sie versuchte, sie immer glücklich zu machen und ihnen alles zu geben, 
was sie sich wünschten, sicher, daß sie so schneller gesund würden. Wenn 
sie von Babys sprach, wurde sie außerordentlich sentimental und sprach 
mit der Stimme eines ganz jungen Mädchens. Wer ihrem Gefühl nach 
zu den Kindern nicht lieb oder vernünftig war, machte sie wild; doch war 
sie geneigter, darüber innerlich zu wüten, als ihre Meinung zu sagen. Es 
war auch auffällig, daß sie immer bereit war, sich eher auf die Seite 
eines Kanditaten oder jungen Mitglieds des Personals zu stellen, wenn ein 
Streit über eine Frage der Disziplin oder des Benehmens entstand, als auf 
die der Autorität. War einmal eine Schwierigkeit in ihrer Arbeit entstanden 
oder mißlang es ihr. bei den Autoritäten recht zu behalten, so wollte sie 
weggehen und keinen Versuch mehr machen. Das führte sie dazu, ein 
Spital nach dem andern zu verlassen. Ihre unausgesprochene kritische Ein- 
stellung gegenüber Älteren war sehr stark, obwohl sie sich äußerlich immer 
einverstanden zeigte aus Furcht — Männern oder Frauen — zu mißfallen. 

II 

In einer anderen Weise illuBtriert den Einfluß der Kindheit auf das 
Interesse an der Arbeit mit kleinen Kindern eine Frau aus Australien, die 
mit ihrem Gatten nach Europa gekommen war, um persönliche Hilfe durch 
Psychoanalyse zu suchen. 

Einzelheiten ihres früheren Lebens auf einer großen Schaffarm, die ihr 
Vater leitete, waren außerordentlich interessant und man muß es aus 
vielen Gründen {im Zusammenhang mit der Psychologie dieser Patientin) 
bedauern, daß man sie nicht im Ganzen wiedergeben kann. Sie war das 
zweite Kind einer zahlreichen Familie; eine Schwester war älter als sie, 
zwei Schwestern und ein Bruder jünger. Der Vater und die Muttir waren 



- 327 - 



»s* 



nicht glücklich miteinander; die Mutter kämpfte sehr darum, den Kindern 
7.U verheimlichen, daß der Vater ein schwerer Trinker war; sie hatte aus 
diesem Grund ihr Heim verlassen und in eine große Stadt ziehen müssen, 
während der Vater allein landeinwärts 7,u einer anderen Farm gezogen war. 

Die Frau, die wir C. D. nennen wollen, war immer „Mutters liebes 
kleines Mädchen" gewesen, die wohl immer alles tun würde, um ihre 
Liebe und ihre Zustimmung zu gewinnen und zu erhalten. Als sie dann 
alt genug war, wurde sie aus eigener Wahl das Kindermädchen der jüngeren 
Kinder und besorgte, um von der Mutter gelobt zu werden, sogar die 
Wasche, trotzdem ihr vor den schmutzigen Windeln ekelte. Man sieht, 
wie die Mutter der Patientin, selbst ein psychisch gehemmter Mensch mit 
ausgebildetem Reinlichkeitszwang und mit Befleckungsangst, viele ihrer 
Symptome sowie zahlreiche Befürchtungen und Ängste auf die kleine 
Tochter übertrug. 

Sie wurden dazu erzogen, sich den Nachbarn gegenüber erhaben zu 
fühlen und waren so, praktisch genommen, Kinder, die keine Spielkameraden 
halten. Alle anderen Kinder, mit denen sie hätten spielen können, wurden 
als viel zu roh angesehen, um mit ihnen zu verkehren. Dies wurde zu 
einem ernstlichen Hindernis, als sie ihr einsam gelegenes erstes Heim 
verließen und nun in einer großen Stadt leben und die Schule besuchen mußten. 
Da fanden sie sich in allem hinter den Schulkameraden zurückstehen, 
außer im Gut-und-gehorsam-sein, erhielten aber von der Mutter die Ver- 
sicherung, daß das größere Wissen und die Tüchtigkeit der anderen Kinder 
in ihren Augen gleich Null seien gegenüber den Tugenden der eigenen 
Kinder: Wahrhaftigkeit und Gehorsam. Sie waren liebe, kleine, unschul- 
dige Landkinder und als solche diesen frühreifen, unartigen Stadtbewoh- 
nern weit vorzuziehen. 

Nun kam die Zeit, da C. D. die Schule verlassen sollte und man er- 
klärte ihr, daß sie für sich selber aufkommen müsse. Was sie tun sollte, 
war allerdings ein Problem. Ihre Mutter übernahm es, ihr eine Stelle zu 
suchen und nahm für sie eine solche als Buchhalterin bei einem Fleisch- 
hauer an. Niemand fiel es ein, daß eine vorherige Kenntnis der Buch- und 
Rechnungsführung für das gute kleine Mädchen nötig sei. So wurde C. D. 
nach einer stürmischen und erniedrigenden VToche als ganz unbrauchbar 
nach Hause geschickt. Daraufhin entschloß sie sich, die Welt der Erwach- 
senen samt den Schrecken ihres Berufs- und Geschäftslebens hinter sich 
zu lassen. Man fand auch schließlich eine Möglichkeit in einer Kinder- 
gärtnerjnnenschule, die C, D. mit den größten Schwierigkeiten absolvierte, 
um schließlich als Kindergärtnerin ins Leben hinausgeschoben zu werden. 

Durch ihre ganze Ausbildungszeit und ihre Tätigkeit als Lehrerin an 
einer Schule und in einer Familie verfolgte sie Schritt für Schritt die 
Schwierigkeiten, die aus ihrer eigenen Erziehung stammten. Ich kann hier 
aus Raummangel nicht näher darauf eingehen. Wie wir es nicht anders 
erwarten können, bevorzugte sie immer die guten, gehorsamen kleinen 

- 328 — 



4 



Mädchen, die sauber, liebenswürdig, ordentlich und gehorsam waren; die 
gesunden, schmutzigen, ungezogenen machten ihr vielerlei Sorgen. Ältere 
Mädchen machten sie unruhig und sie erschrak darüber, daß sie sie nicht 
in Ordnung halten konnte, ja von ihnen ausgelacht und kritisiert wurde. 
Wenn jemand weinte, so schmolz sie — so wie es zwischen ihr und 
der Mutter gewesen war. Gar kein Verständnis brachte sie für kleine 
Knaben auf; daß sie sie nicht mochte, hing mit ihrer Eifersucht auf den 
kleinen Bruder und mit ihrem Wunsch, selber ein Knabe zu sein, zu- 
sammen. 

Ernstere Schwierigkeiten entstanden während ihrer Lern- und Lehrarbeit, 
wenn sie vor Zuschauern mit Kindern arbeiten sollte. Zu Hause war es 
eine unverzeihliche Sünde gewesen, sich aufzuspielen oder zu behaupten, 
man könne oder wisse dies oder jenes. Wenn sie allein mit den Kindern 
war, konnte sie ihnen Geschichten erzählen und sie in genügender Weise 
in Ordnung halten; dies aber vor der Klasse der Mitsludierenden und unter 
den Augen der Lehrer oder Examinatoren tun zu müssen, ließ jeden Ge- 
danken aus ihrem Sinn verschwinden und nichts von der so gut vorbe- 
reiteten Lektion über ihre Lippen kommen. Sie hätte nie zugegeben, daß sie 
etwas nicht wußte. Es war deshalb schwierig für sie, die Belehrungen an- 
zunehmen, die andere ihr gerne geben wollten. Sie nahm es innerlich 
sehr übel, wenn jemand andeutete, daß sie etwas anders mache oder sie 
irgendetwas über ihre Arbeit mit Kindern fragte. Es war für sie eine aus- 
gemachte Sache, daß in jeder Frage eine Kritik stecke, und sie war überempfind- 
lich gegenüber ausgesprochenem oder eingebildetem Tadel von Seiten einer 
geliebten Person. Immer verehrte sie Frauen, war glücklich, wenn sie eine 
hatte, die sie leidenschaftlich lieben konnte. 

Schließlich gab sie — nach einer Krankheit — die Kindergarten- 
arbeit auf, nachdem sie erfahren hatte, daß sie nun Studenten an ihrer 
Schule ausbilden sollte — und heiratete. Das brachte schwere Komplika- 
tionen mit sich, hauptsächlich weil sie einerseits in ihrem Gatten einen 
Beschützer vor der Härte der Welt zu finden hoffte, anderseits aber das 
Gefühl hatte, daß er ihr weit unterlegen sei, zu ihr aufschauen und sie be- 
wundern werde, ja von ihr Belehrung wie die Kindergarlenkinder brauchen 
und ihr dafür dankbar sein würde. Grenzenlos war ihr Erstaunen, als sie 
merkte, daß das keineswegs geschab, der Mann vielmehr fand, sie selber 
brauche noch ein gutes Stück Erziehung für das Leben der Erwachsenen, 
und es unternahm, ihr das seinerseits beizubringen. 

Wie man sich denken kann, wiederholten sich eine ganze Anzahl ihrer 
Schwierigkeiten während der psychoanalytischen Behandlung. Eigentlich 
zeigte ihr Benehmen oft eine starke „Alte-Mutter"-Fixierung und starke 
negative Gefühle und tiefe Verstimmungen gegen die Mutter und die 
frühe Erziehung, verborgen hinter der bewußt nie in Frage gestellten Liebe 
und gehorsamen Dienstbarkeit. Auch fühlte sie sich nur leicht und froh 
wenn sie mit Kindern war und sich als eines von ihnen fühlen konnte. 

- 320 - 



Die Vorsiellung, sie sei erwachsen, — hieß für sie anspruchsvoll 
sein und sich aufspielen. Sie war im Gemüt und im Geist Kind geblieben. 
Mutlers gutes kleines Mädchen, nach außen hin bereit, alles zu tun und 
zu allem Ja zu sagen, um nur geliebt zu sein und sich beliebt zu machen, 

Es war interessant, daß sie andere kindische Symptome beibehielt, die 
sie sehr störten. Sie hatte eine Neigung, bei jeder schwierigen, ungelegenen 
oder beschämenden Situation, in die sie geriet, zu weinen — - was nicht 
selten eine gute Ausflucht war; so auch, wenn die geringste Meinungs- 
verschiedenheit mit ihrem (iatten entstand. Auch litt sie — besonders in 
der Nacht — unter einer Inkontinenzangst^ und sie hatte vor ihrer Analyse 
die Gewohnheit, in der Nacht öfter aufzustehen, um Zwischenfällen vorzu- 
beugen. Sie erinnerte sich dunkel an einen solchen bedauerlichen, nächtlichen 
Vorfall während eines Besuches irgendwo mit der Mutter, auch an mehrere 
solche am Tag, wofür sie dann immer die Mutter verantwortlich machte. 

Eigene Kinder hat sie keine, obwohl dies eine Quelle schwerer, be- 
wußter Enttäuschung für sie war. 

lil 

Unser dritter Bericht über E. F. beinhaltet in vieler Hinsicht das Gegen- 
teil der bisherigen; und doch wurde auch diese Frau von kindlichen Im- 
pulsen und Erlebnissen dazu geführt, ihr T^^ben größtenteils der Arbeit 
mit und unter Kindern zu widmen. Ihrer eigenen Meinung nach waren 
das die glücklichsten .lahre ihres Lebens — eine Behauptung, dit; bedeut- 
sam genug ist. 

Auch E, F. war Australierin und bis zu der Übernahme einer Arbeit 
in einer Großstadt ganz auf der großen Farm ihres Vaters aufgewachsen. 
Ihre Eltern waren aus einer Stadt dahin gezogen, als ihr Bruder noch 
ein kleines Kind und sie selbst ein Säugling gewesen war. Ihre Mutter, 
gerade damals von England gekommen, scheint in dieser Einsamkeit, in 
der sie und ihre kleine Tochter die einzigen weiblichen V\'^esen auf viele 
Meilen umkreis waren, nie ganz glücklich gewesen zu sein. Die Mutter 
war offensichtlich tief verstimmt darüber, daß sie die ganze Hausarbeit 
allein machen und eine Unzahl Kinder in die Welt setzen sollte und hatte 
die älteste Tochter, sobald diese groß genug war, zur Hilfe in der Haus- 
arbeit angehalten, zum Geschirr waschen. Brotbacken, zur Familien wasche 
und Kinderbeaufsichtigung. E. F. war das keineswegs angenehm; sie hätte 
so viel lieber dem Vater und den andern Männern auf der Farm geholfen. 
Hie Gespanne anzuschirren, die Pferde zur VS'eide und wieder zurück zu 
reiten und ein hitziger Rivale der alteren Brüder zu sein. Sie brachte ihren 
Vater dazu, auf seine kluge Tochter stolz zu sein und fühlte wohl, daß 
sie sein Eiebling war. War ihre Mutter fort, um ein Baby zu bekommen, 
so besorgte sie dem Vater das Haus ganz allein und dachte, wieviel glück- 
licher sie seien als wenn die Mutter zu Hause wäre, 

i) Angst, unwillkürlich Harn zu lassen oder Stuhl abzusetzen. 

- 330 - 



Die Mutler war oft krank und war — oder glaubte es zu sein — herz- 
leidend; sie erschreckte die Kinder damit, wenn sie Herzanfälle hatte, von 
denen das Mädchen später annahm, sie seien nur gespielt gewesen. Dies 
hinderte sie daran, mit einer großen Anzahl ihrer Patientinnen Mitleid 
zu haben, indem sie glaubte, sie agierten ihre Krankheilen und bildeten 
sich ihre Beschwerden ein. 

In dem Gefühl, der IJebling des Vaters 7.u sein, veranlaßte sie ihn oft, 
ihre Partei gegen die Mutter zu ergreiien, die sie bewußt haßte und ver- 
achtete; sie fühlte sich ihr in jeder Hinsicht weit überlegen — und war 
doch auch selber in die Haushaltmühle eingespannt. In ihrer Mädchenzeit, 
wenn die Sonne unterging, ging sie hinaus und hinunter zum Ufer des 
breiten Flusses, der durch ihre Wiesen floü — sehnsüchtig, sich in ihn 
zu stürzen; sie genoß alle Arten von melancholischen, aber trotzdem an- 
genehmen und befriedigenden Phantasien. Wie stark ihr Neid und ihre 
Rivalitätsgel ühle gegen die älteren Brüder waren, hatte sie selber erst er- 
kannt, als sie einige Monate in psychoanalytischer Behandlung war. Sie 
besorgte und beherrschte ihre vielen, jüngeren Brüder und Schwestern und 
ging darin ganz auf; sie machte ihnen Kleider, brachte sie zur Schule, 
unterhielt sie an Ferientagen ~ aber alles mit dem Beweggrund, sie mache 
es besser als ihre Mutter, sie verstehe die Kinder besser als die Mutter und 
sie wisse besser als die Mutter, wie man Kinder beliandelt und aufzieht. 

Das war ihr Lebensprinzip: etwas besser als die Mutter zu wissen und 
zu machen, es vom Vater anerkannt zu bekommen und den Vater auf 
ihrer Seite gegen die Mutter zu sehen. 

immer und immer wieder setzte sie diese Reaktionsweisen und diese 
Versuche in Szene, sich die eine Erfüllung zu verschaffen, daß die Mutter 
überwunden und von ihr ersetzt sei und sie selber offen vom Vater bevor- 
zugt — und sie zwang die verschiedensten Menschen in diese Vater- oder 
Muiterrolle. 

Die Kinder folgten ihr ohne zu fragen. Sie sah darauf, daß sie das taten. 
Sie zwang ihnen ihren Willen und ihre VVünsche noch lange, nachdem 
sie schon erwachsen waren, auf — oder versuchte, es zu lun. Auch ihre 
Patienten sind noch kleine Brüder und Schwestern, von denen sie unbe- 
dingten Gehorsam verlangt und deren Verwandte sind für sie Vater und 
Mutter. Die weiblichen Autoritäten des Spitals oder die Ärztinnen, mit 
denen sie in Berührung kommt, zählen nicht, Sie wissen nicht halb so 
viel wie sie, Sie behandeln sie ungerecht und sind eifersüchtig auf sie. Was 
Ärzte oder männliche Autoritäten anlangt — vorausgesetzt, daß sie ihr die 
Bevor/.ugung oder Beachtung erweisen, die sie mag — so sucht sie ihre 
Sympathie zu erlisten und sie bei einem Disput mit den ihr vorgesetzten 
Frauen auf ihre Seite zu ziehen. Sie bietet ihnen auch Ratschlage an oder 
erwartet von den Ärzten, daß sie einen Fall, den sie pflegt, mit ihr wie 
mit ärztlichen Kollegen besprechen; sagen sie ihr nicht, was sie über die 
Krankheit des Patienten denken, so ist sie böse. 

— 331 — 



Auch sie hatte einen kleinen Bruder gehabt, der als Kind gestorben 
war — wie sie glaubte, wegen der Unwissenheit und Unachtsamkeit ihrer 
Mutter. Jetzt hat sie durch besondere Übung das Wissen erworben, Kliniken 
zu leiten, den Müttern Rat und Anleitung zur Pflege und Ernährung der 
Kinder zu geben. Es war der glücklichste Teil ihres Berufslebens gewesen, 
als sie die Leitung einer dieser Beratungsstellen innehatte, besonders da sie 
die Haupt- Autorität in einem Komitee war und nie einen Fall Ärzten oder 
Ärztinnen zu berichten hatte. Es kann sein, daß sie sich von den Truby 
King-Methoden zur Aufziehung und Ernährung von Kleinkindern teilweise 
deswegen so angezogen fühlte, weil die Ratschläge nicht von einer Frau, 
sondern von einem Mann erteilt waren. Auch sind diese extrem-didaktisch, 
jede kleinste Einzelheit genauest festgelegt. Diese Anweisungen gibt sie den 
Müttern weiter, die bei ihr Rat suchen, und sie sieht darauf, daß die 
Mütter und die Babys diese Regeln für die Ernährung, Reinlicfakeits- 
erziehung und allgemeine Pflege buchstabengetreu erfüllen. 

Ein armer Säugling (ein privater Fall in England), der Schwierigkeiten 
mit dem Saugen hatte, wurde von ihr geschüttelt, um ihn zur Schnellig- 
keit anzuregen, weil er sie warten ließ und von der übrigen Arbeit abhielt, 
Ihre Babys müssen Muster an gutem Betragen sein, zur rechten Zeit geboren, 
gehorsam und durch und durch pünktlich sein. Sie müssen ihr Vertrauen ent- 
gegen bringen und alle Beteiligten müssen ihre überragenden Eigenschaften als 
Nurse und Hebamme anerkennen. 

Während ihrer Analyse starb ein Baby, das sie gepflegt halte. Dieses 
Ereignis und die Erregung darüber, beleuchteten grell die Einzelheiten 
ihres Charakters als Erzieher. Sie zeigte die stärksten Angst- und Schuld- 
gefühle und hatte das Gefühl, irgendwie die Ursache seines Todes gewesen 
zu sein, weil sie es zu schnell genährt hatte. Sie war gegen die Mutter 
wütend gewesen, weil diese sich geweigert hatte, ihm die Brust zu geben, 
und hatte darauf bestanden und der Mutter trotz ihrer Weigerung die 
Milch für das Kind abzapfen lassen. Sie hat das Gefühl, die Kontrolle 
über Leben und Tod ihrer Patienten zu sein. An jedem Todesfall glaubt 
sie schuld zu sein, jede Heilung war auf ihre geschickte Pflege zurückzu- 
führen. 

Wenn ein Baby sein Erscheinen auf dieser Well verzögert und sie 
weiß nicht, wem sie die Schuld geben soll, dem Vater, der Mutter oder 
dem Arzt, sich selbst oder gar Unbeteiligten, so steigert sich ihre Ängstlich- 
keit zu krankhaften Befürchtungen. Aber schließlich glaubt E. F. doch 
immer wieder, daß sie es am besten oder besser weiß. 

IV 

Die Erzieherin, von der ich hier noch als G, H. berichten möchte, war 
nur sehr kurze Zeit in psychoanalytischer Behandlung, Sie war gekommen, 
weil sie persönliche Hilfe und Belehrung über die Psyche der ihr anver- 
trauten Kinder und deren Eltern erwartete. 

- 332 - 



Sie stand in mittleren Jahren, war als Nursery nurse ausgebildet und 
mehr als gewöhnlich für tiefere Probleme ihrer Arbeit interessiert. 

Eine ihrer ersten Beobachtungen besagte, es sei doch merkwürdig, daß Eltern 
ihre Kinder so schnell Fremden zur Erziehung übergeben, besonders wenn es 
gar abnormale Kinder sind oder solche, die für die Eltern keine Ehre einlegen. 

Sie ihrerseits fühlte sich von diesen zurückgebliebenen und schwierigen 
Kindern stark angezogen; sie waren so unerwünscht, so hoffnungslos und 
so davon abhängig, ob jemand sie liebe und pflege. 

Offenbar hatte sie selbst eine traurige Kindheit gehabt, eine voller 
Tragik; wenigstens erschien es ihr so. Daß sie um das Vergessen der 
Vergangenheit kämpfte, war deutlich, und einer ihrer Gründe die 
Behandlung später aufzugeben war der, daß diese mit Lebhaftigkeit und 
Schärfe die alten Erinnerungen wiederbelebte, als sie einmal über sie zu 
sprechen begann. Auch sie hatte das Gefühl gehabt, ein unerwünschtes 
Rind zu sein, hatte ihre eigene Normalität bezweifelt, und sich dumm 
gefühlt im Vergleich mit den begabten Brüdern und Schwestern. 

Bei der Pflege jüngerer Kinder oder etwa des abnormalen Mädchens, 
bei dem sie zu dieser Zeit war, fühlte sie dann ihr Selbstvertrauen steigen. 
Da war sie die Starke, Kluge, geliebt und gebraucht von diesen hilflosen 
Kleinen, die mit ihren Noten bei ihren eigenen Verwandten keine Hilfe 
finden konnten. Die Liebe und Abhängigkeit dieser Kinder war der Halt 
ihres Lebens, und sie fürchtete, die Psychoanalyse konnte ihre Einstellung 
zu allem ändern, was ihr vorher wertvoll erschien. Hatte die Psychoanalyse 
ihr einen Trost oder eine Ersatzhefriedigung für das zu bieten, was sie zu 
verlieren fürchtete? Würde sie ihr rauben, was für sie so hart zu erringen 
gewesen vsrar, die Liebe dieser Kinder, zugleich ihr Minimum an Selbst- 
vertrauen? Sie war äußerst eifersüchtig auf die Eltern der ihr anvertrauten 
Kinder. Sie hatte das Gefühl, es seien ihre Kinder und kämpfte mit ver- 
zweifelter Eifersucht dagegen, daß die Mütter viel mit ihnen zu tun haben 
oder vielleicht ihre Autorität bei ihnen untergraben könnten. Zuguterletzt 
tat sie alles, um die Kinder ihren eigenen Eltern zu entfremden und war 
nur glücklich in dem Gefühl, von ihnen am meisten geliebt zu sein. 

Sie wagte nicht, ihre Lebensarbeit und ihren Trost, die ihr zugleich 
als Abwehr dienten, aufs Spiel zu setzen. Die Abgeschlossenheit der Kinder- 
stube, ihr Königreich, und das Glück ihrer Pfleglinge und ihrer selbst, war 
zugleich ihre Verteidigungsstellung gegen den Anspruch des Lebens; sie 
ersparte ihr den Kontakt mit ihren Altersgenossen und Altersgenossinnen, 
die für den Lebenskampf so viel besser gerüstet, klüger und vielfach über- 
legener waren. Jedesmal, wenn sie die Kinder zur Besuchsstunde bringen 
sollte oder die Eltern in ihre Festung zu Besuch kamen, war sie voll 
Besorgnis; die Zeit stand still, bis sie mit den Kindern wieder allein war. 
So zeigen diese rier biographischen Skizzen den engen, bisher nicht 
genug gewürdigten Zusammenhang an Kindheitsentwicklung und Berufs- 
tätigkeit bei Pädagogen, 

- 333 - 



iiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiituiiiniiiiiiHifiiiiniRiM^^^^ 
PSYCHOANALYTISCHE THEORIE 



■ 4 ■ * 

Über den Ödipuskomplex beim Mäddhen 

Von RichartI Sterha, Wien' 

Der Darstellung einer so komplizierten Phase der Entwicltlung, wie es 
die Odipussiiuation ist, stellen sich nicht unerhebliche Schwierigkeiten 
entgegen. Sie liegen vor allem in den allgemeinen Mängeln unserer Dar- 
sleUungstechnik, die so wenig geeignet ist, ps^-chologisches Material einer 
so beziehungsreichen Epoche der Entwicklung wiederzugehen, weil sie in 
ihrem notwendig linearen Aufbau niemals durch den einfachen Wortlaut 
der Beschreibung der Polydimensionalität gerecht wird, die reicher ver- 
zweigte psychische Bildungen und Abläufe so sehr auszeichnet. Von den 
Gewaltsamkeiten, die der linearen Darstellung zuliebe den Tatsachen an- 
getan werden können, ist gewiß die Vereinfachung die allergröbste; wenn 
ich sie in diesem Aufsatze dem Material, das wir behandeln sollen, trotz- 
dem angedeihen lasse, so geschieht es nicht ohne Warnung an den Leser 
und aus didaktischen Gründen. Wer freilich ein vereinfachtes Schema für 
die genaue Wiedergabe der komplizierten und verzweigten Strukturen einer 
der wichtigsten Entwicklungsepochen des Kindesalters hält, geht irre. Doch 
bleibt die Aufrollung eines solchen Schemas der beste Weiser für eine 
erste Orientierung in der Fülle der Erscheinungen; dieses Schema zu er- 
weitern und weitmaschig genug zu nehmen, daß es auch die Fülle des 
dazugehörigen, hier nicht erwähnten, komplizierleren Materials fassen könne, 
muß dem, der es auf beobachtete Erscheinungen an Kindern selbst an- 
wendet, überlassen werden. 

Wenn einiges, was im vorigen Aufsatz dieser Folge {„Über die phallische 
Phase und ihre Störungen beim Mädchen", von Grete Bibring-Lehner) 
gesagt ist, hier zur Wiederholung gelangt, so rechnet sich dies der Autor 
nicht zum Üblen an; es entspricht der Wichtigkeit des Wiederzugebenden 
und kehrt wohl auch in neuen Zusammenhängen wieder. 

Als Ödipuskomplex definieren wir die psychologische Situation auf 
einer bestimmten Stufe der kindlichen Entwicklung, in der die Liebesbeslre- 
bungen dem gegengeschlechtlichen Ellernteil zugewendet werden, während 
der gleichgeschlechtliche Elternteil als störender Bivale empfunden und seine 
Beseitigung und Ersetzung gewünscht wird. In der Entwicklungsfolge der 
Libidostufen entspricht die Etablierung des Ödipuskomplexes der genitalen 
Organisation, oder genauer der phallischen Stufe beim Knaben, der 

i) Nach einem Kursvortrag am Wiener Psychoanalytischen Lehrinstitiit. 

— 334 ~ 



auf die phallische folgenden heim Mädchen. Daß die psycho- 
logische Situation des Ödipuskomplexes für das Mädchen in einen späteren 
Zeitpunkt der Libidoentwicklung fällt als für den Knaben, ist eine wichtige 
Erkenntnis, die Freud erst 1925 uns übermittelt hat'. Die folgenden Er- 
läuterungen sollen dem Verständnis dieser Zeitdifferenz aus der Entwick- 
lung dienen; ihre weiteren Auswirkungen für die an den Ödipuskomplex 
des Mädchens sich anschließenden Phasen werden sich dann zwanglos aus 
unserer Darstellung ergeben. 

Die Entwicklungsslufen der Libido dürfen als bekannt vorausgesetzt 
werden. Sie laufen als orale, anale und schließlich als phallische Stufe ab. 
Auch die phallische Stufe ist beiden Geschlechtern gemeinsam. Ihre 
Bezeichnung rührt daher, daß das phallische Organ, d. h. der Penis beim 
Knaben und die entwicklangsgeschichtlich dem Penis entsprechende Klitoris 
beim Mädchen als prävalierende erogene Zone über die übrigen erogenen 
Zonen dominiert (phallisches Primat). Der hauptsächlichste Ausdruck der 
sexuellen Strebungen dieser Periode ist die phallische Onanie, d. h. die 
reibend-rhythmische Berührung des phallischen Organs (Penis, resp. Klitoris) 
zum Zwecke des Lustgewiniis und zur Abfuhr der sexuellen Erregungen. 
Die Onanie tritt aber nicht erst in dieser Periode /.um ersten Mal auf. 
Wir wissen, daß schon der Säugling die hocherogenen Zonen des Genitales 
entdecken und zum Lusterwerb benützen kann; in den der Saugestufe 
folgenden Phasen bleibt der Lustwert der genitalen Region keineswegs un- 
benutzt. In der phallischen Phase aber wird die Onanie besonders reichlich 
geübt, wobei sie in charakteristische Verbindung mit den Liebesstrebungen 
des Ödipuskomplexes tritt; sie wird der grobsexuelle Ausdruck der ödipus- 
regutigen, deren psychosexuelle Spannung darin abgeführt wird. 

Wir sind gewohnt, den psychosexuellen Entwicklungsgang des kleinen 
Mädchens im Vergleich zur Entwicklung des Knaben aufzurollen, weil die 
komplizierten Entwicklungswege des weiblichen Kindes am besten dadurch 
sich aufzeigen lassen, daß man ihre Abweichungen vom relativ einfachen 
Entwicklungsschema des Knaben klarlegt, und wir wollen dieser Gewohn- 
heit folgen. 

Die große Einfachheit in der Entwicklungslinie des männlichen Kindes 
liegt darin, daß für alle Stufen der psychosexuellen Entwicklung der Kind- 
heit das Hauptobjekt der Sexualbestrebungen dasselbe bleibt. Die Mutter 
ist das Objekt der oralen Strebungen, ein Teil von ihr bildet ja das 
Objekt des Saugakles, in der Beißphase stellt die Brust, später die ganze 
Mutter das einzuverleibende Objekt dar. In der analen Phase sorgen die 
Regelung der Stuhltätigkeh, die Verabreichung von Klysmen, die Prozeduren 
der Reinigung, die alle von der Mutter ausgehen, dafür, daß das ursprüng- 
liche Objekt in die neuen Sexualziele übernommen werde. Und in der 
genitalen Phase, die im vierten bis fünften Lebensjahre durchlaufen 

1) Freud: „Einige psycliische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds". 
Ges. Sehr. Bd. XI. 

— 335 ~ 



wird, gilt wieder der Mutter das aktive Liebesstreben, das in dem grob- 
sinnlichen Begehren gipfelt, die Mutter mit dem phallischen. Organ zu 
erobern. Der Vater, der bis zur phallischen Phase nebenbei geliebt und 
verehrt worden war, wird auf dieser Stufe nunmelir als Rivaie empfunden 
und unter Haßgefühlen abgelehnt. 

Als Ausdruck der grobsinnlichen Regungen des Ödipuskomplexes wird 
die Onanie reichlich geübt. Die Onanie ist vielfach an den Kindern be- 
obachtbar, während die psychosexuellen Strebungen und Regungen unter 
der psychischen Oberfläche ablaufen, selten die Schwelle eines direkten 
und deutlichen Geständnisses erreichen, sich meist in Ausdrücke kleiden, 
die der Erwachsene ohne analytische Deutungstechnik kaum versteht; 
wenn sie sich deutlich äußern, werden sie vom Erwachsenen meist rasch 
unterdrückt und das Kind hütet sich, sie wieder verständlich laut werden 
zu lassen. Es möge also niemand erstaunt sein, wenn das, was sorgfältigste 
analytische Beobachtung mit geschulter verdrängungs freier Feinhörigkeit 
aus der kindlichen Seele erlauscht hat, nicht sofort gröberem, Zusehen deut- 
lich ist. 

.■; Bei dieser reichlich geübten Onanie der phallischen Phase wird nun 
der Knabe fast regelmäßig einmal betroffen, sie wird ihm untersagt und 
die Wiederholung wird typischer Weise mit der Bestrafung durch eine 
körperliche Schädigung, vor allem am Genitale, bedroht. Betrifft die 
Drohung die Hände, etwa man werde die böse Hand, die das tut, ab- 
schneiden, dann wird sie trotzdem auf das Genitale bezogen. Stammes- 
geschichtliche Vorkommnisse regelmäßiger Abfolge, die in der Beschneidung 
der Primitiven sich abgeschwächt erhalten haben und wohl als Kastration 
der Sühne durch den Urvater gedacht werden müssen, erleichtern als erb- 
mäßig niedergelegte Bahnungen die Auffassung als sei jede der Onanie 
wegen gegeben'e Bedrohung direkt gegen das Genitale ausgesprochen 
worden. Wenn nun der kleine Knabe gleichzeitig entdeckt, daß es 
Geschöpfe gibt, die keinen Penis haben, oder wenn er eine früher 
gemachte solche Beobachtung eines weiblichen Genitales auf Grund 
der Drohung wieder aktiviert, — und das geschieht ganz regel- 
mäßig — so resultiert aus Drohung und Beobachtung eine ganz große, 
heftig und qualvoll erlebte Angst um das von ihm als Lustorgan so sehr 
geschätzte Genitale. Die Auswirkungen dieser Angst, die wir zu den inten- 
sivsten Angsterlebnissen des Kindes zählen müssen, sind in ihrer Bedeutung 
kaum zu schildern. Die Nachwirkungen reichen bis in die Erwacbsenheit; 
die Umstellungen, die unmittelbar auf das Auftauchen dieser Angst in der 
kindlichen Seele sich vollziehen, sind von einschneidender Bedeutung, 
und verursachen eine so radikale Änderung in den Triebstrebungen des 
Kindes, wie in seinen psychischen Systemen überhaupt, daß keine andere 
Einwirkung ihr an Intensität auch nur annähernd gleichkommt. 

Die unmittelbarste Folge des Auftauchens der Kastrationsangst ist die, 
daß die Strebungen des Ödipuskomplexes aufgegeben werden, d. h. die 

- 336 — 



sinnlichen Wünsche, die auf die Mutter gerichtet sind und die feindseligen 
und Beseitigungswünsche gegen den Vater werden verdrängt, während die 
zärtlichen Regungen zu beiden Elternteilen erhalten bleiben. Diese Ver- 
drängung geschieht aus Angst um das Genitale, da diese Strebungen ja 
aufs innigste mit der Onanie verflochten sind und die Drohung gegen 
das Genitale der Onanie wegen ausgesprochen wurde. Die Intensität der 
Angst ist nun so hoch, daß im Normalfalle die Verdrängung der verpönten 
Regungen eine sehr gründliche ist, so gründlich, daß auch im Unbewußten 
relativ wenig von den ursprünglichen Regungen erhalten bleibt. Freud ge- 
hraucht für diesen katastrophenähnlichen Untergang des Ödipuskomplexes das 
Wort „zerschellen". Der Ödipuskomplex zerschellt an der Kastrationsangst. 

Für den zweiten Teil dieser Wiedergabe der Entwicklungsverhältnisse 
der kindlichen Periode, die wir abzuhandeln haben, für das Verständnis der 
Über-Ich-Bildung ist es nötig, sich um das Schicksal der Triebenergien 
jener Regungen, die durch die Kastrationsaugst der Verdrängung verfallen 
sind, zu kümmern. Die vollständige Verdrängung gestattet eine relativ 
freie Verwendung der Triehenergien, d. h. es gelingt ihre Ablösung von 
den ursprünglichen Triebrepräsentanzen sehr weitgehend. Der größte Teil 
der Objektstrehungen des Ödipuskomplexes erfährt nun eine Umwandlung 
in eine narzißtische Bildung, d. h. in eine Beziehung zum eigenen Ich statt 
wie bisher zum Objekt. Es ist dies der gewöhnliche W'eg, wie Objekt- 
bezlehungen aufgegeben werden; was das Objekt an Liebe zugewendet be- 
kommen hatte, wendet das Individuum nach Aufgabe der Beziehung nun 
sich selbst zu, es tröstet sich über den Verlust mit dem eigenen Wert und 
schätzt 'sich selbst an Stelle des Objekts. Aber die rückgekehrte Libido, 
deren Zuwendung zum Ich wir als sekundären Narzißmus bezeich- 
nen — zum Unterschiede von dem Zustande vor jeder Objektbeziehung, in 
dem alle Libido von Anfang an der eigenen Person gilt und der primärer 
Narzißmus heißt — diese rückgekehrte Libido tragt Spuren der stattgehab- 
ten Objektbeziehung an sich. Sie hat vom Objekt gekostet und will auch 
am Ich die Züge des Objekts nicht vermissen. Und das Ich nimmt daher 
Züge des Objekts an, ein Vorgang, den wir als Identifizierung be- 
zeichnen. 

Auch das Aufgeben der Ödipusbeziehungen endet in einen narzißtischen 
Zustand. Der Teil des Ichs aber, der Züge des Objekts angenommen hat, 
verbleibt in diesem Falle nicht im Niveau des Ichs, er rückt gewisser- 
maßen um eine Stufe höher und bildet einen Anteil des Ichs, der dem 
übrigen Ich entgegentritt, mannigfaltige Beziehungen zu ihm unterhalt, 
und das übrige Ich von ihm abhängig hält, wie es die Eltern mit dem 
Kind getan. Diese neue Bildung im Ich-Innern, erhöht, mit narzißtischer 
Libido besetzt, aus idealisierten Zügen der Eltern Vorbilder durch Aufnahme 
derselben ins Innerseelische entstanden, nennen wir das Über-Ich: sein fühl- 
barer Ausdruck ist das moralische Gewissen, das im Inneren jede unserer 
Handlungen und Denkweisen regelt. Die zahlreichen feindseligen Trieb- 

— 337 — 



regungen, die der Knabe den Eltßrn, dem Vater als Rivalen, der Mutler 
der reichlichen Enttäuschung wegen zugewendet halte, linden sich wieder 
in der Strenge und Unerbittlichkeit der moralischen Forderungen des Über- 
Ichs. Die minutiöse Folgsamkeit des Ichs dem Über-Ich gegenüber ist gleich- 
zeitig eine neue Auflage der alten Selbstüberschätzung im primären Narziß- 
mus, die Allmacht des Ichs ist umgewandelt in eine Allmacht des Über-Ich s. 
Die Übertretung der Über-Ich-Gebote straft sich im Schuldgefühl und in 
freiwilligen und unbewußten Sühnehandlungen, die wir besonders bei 
Neurotikern so reichlich finden (Selbstbeslrafungstendenz). 

Das Über-Ich ist somit, wie Freud es nennt, der Erbe des Ödipus- 
komplexes, aber auch der Erbe des primären Narzißmus, 

An diesem vereinfachten Schema der Entwicklung des männlichen Kindes 
in der Ödipusperiode müssen wir aber zumindest eine Korrektur vornehmen. 
Wir sprachen davon, daß der Vater vom frühen Anfang an neben der 
Mutter als Liebesobjekt auftritt, indem ihm zahlreiche zärtliche und bewun- 
dernde Regungen der kindlichen Seele gellen. Es treten nun in wechselnd 
starkem Ausmaße, das sich nach der bisexuellen Anlage richtet, auch sinn- 
liche Strebungen gegenüber dem Vater auf, die in der Ödipusphase eine 
besondere Intensität erlangen können und in dem Wunsche gipfeln, dem 
Vater sowie die Mutter ein Kind zu gebären. Besondere Verstärkungen der 
passiv analen Erotik, sei es auf konstitutioneller Grundlage, sei es als Er- 
gebnis der Erlebnisse auf der analen Stufe, lassen diese Wünsche für den 
Vater eine beträchtliche Höhe erlangen. Die Mutter bekommt in diesem 
Verhältnis die Rolle des Rivalen. Diese Libidosituation, die wir als um- 
gekehrten oder negativen Ödipuskomplex bezeichnen, besteht in An- 
deutungen oder deutlicher ausgesprochen neben dem positiven Ödipus- 
komplex. Die Triebstrebungen gegen die Elternteile haben also freundliche 
und feindselige Inhalte einem und demselben Objekt gegenüber, eine Er- 
scheinung, die wir als Ambivalenz bezeichnen. Die Über-Ich-Bildung 
bedeutet nun iiuch eine Erledigung des Ambivalenzkonfliktes, indem die 
positiven Regungen in narzißtische Libido, die negativen in die aggressive 
Tätigkeit des Über-Ichs gegenüber dem Ich umgewandelt werden. 

Kassen wir kurz zusammen. Der Knabe liebt die Mutter durch alle 
Stufen der Libidoentwicklung als das gleiche Objekt. In der phallischen 
Phase wird die Onanie der Ausdruck der intensiven sexuellen Begehrungen 
nach der Mutter. Die Drohung gegen das Genitale, nachdem die Onanie ent- 
deckt wird, und die Beobachtung des weiblichen Genitales, die die Möglichkeit 
des Verlusles des Penis vermeintlich in sich schließt, ergeben eine heftige 
Angst vor der Gefahr, das Genitale zu verlieren, die wir Kastrationsangst 
nennen. Aus dieser Angst werden die Strehungen des Ödipuskomplexes auf- 
gegeben, die Elternobjekte introjiziert, mit narzißtischer Libido besetzt und 
so das Über-Ich gebildet, das die verbietende und strafende Funktion der 
Eltern innerseelisch fortsetzt. So die Verhältnisse beim Knaben. 

An Hand dieser scheraatischen Darstellung der Entwicklung des Knaben 

— 338 — 



in der Ödipusperiode woUen wir nun die Entwicklung des Mädchens in 
der gleichen Zeit studieren, indem wir uns dabei hauptsachlich an den 
Ahweichangen von der EntwickUmgslinie des Knaben orientieren. Die erste 
und bedeutendste Schwierigkeit für das Verständnis der Entwicklung des 
Mädchens in dieser Periode ist der O b j e k t w e c h s el, den das kleine 
Mädchen beim Eintritt In die Ödipusphase zu vollziehen hat; denn zum 
positiven Ödipuskomplex des Mädchens gehört es natürlich, daß der Vater 
Objekt der Liebesstrebungen ist, während zur Mutter das Rivalitätsverhüll- 
nis besteht. Nun war aber vor dieser Zeil des Ödipuskomplexes die Multer 
genau so wie beim Knaben das Liebesobjekt in der oralen und analen 
und, wie wir erläutern müssen, auch In der phallischen Phase. Wir haben 
gehört, daß die Klitoris der Träger der genitalen Strebungen und Sensationen 
dit^ser Phase ist; und in der Tat hat die Klitoris für das kleine Mädchen 
in dieser Zeit den Lustwert und die Bedeutung eines Organs zur aktiven 
Eroberung des Liebesobjekts, also der Mutter, genau so wie der Penis für 
den Knaben diesen Wert und diese Bedeutung hat; und ebenso ist die 
Onanie an der Klitoris der Abfuhrvorgang für die der Mutter geltenden 
sexuellen Erregungen. Das Mädchen läuft also in seiner Entwicklung dem 
Knaben soweit parallel, daß auch die phallische Stufe beiden in der Be- 
deutung der erogenen Zonen (Penis resp. Klitoris) in der aktiven Beziehung 
zum Objekt (Mutter) und in der Art der sexuellen Betätigung (Onanie am 
phallischen Organ) gemeinsam ist. Dabei ist, wie Helene Deutsch mit 
Recht und besonderem Nachdruck hervorhebt, die Klitoris dem Penis psycho- 
sexuell absolut gleichwertig und mit denselben hohen Lihidoquantitäten 
ausgestattet. 

Und aus der Situation, in der also die Mutter vom kleinen Mädchen 
it dem phallischen Organ begehrt wird, wobei in wechselndem Ausmaße 
her regelmäßig auch grausame Eroherungsgelüste und lustbetont sadistische 
Vorstellungen der Mutter gegenüber in den Phantasien eine Rolle spielen, 
aus dieser Situation also erfolgt ein relativ jähes Übergehen auf ein neues 
Objekt, mit neuen Triebtendenzen, jener Wechsel auf den Vater also, von 
dem wir sprachen, während die Beziehung zur Mutter ein deutlich negatives 
Vorzeichen erhält, indem sie zur feindselig abgelehnten und gehaßten Rivalin 
wird. Die Erklärungen für diese Umschaltung in der Seele des kleinen 
Mädchens sollen uns nun beschäftigen. 

Freud gibt zweierlei Gruppen von Gründen dafür an, die einander in 
ihrer W^irkung ergänzen. Die erste Gruppe ist allgemeiner Natur und steht 
im Zusammenhang mit den allgemeinen Reaktionen auf die Versagungen, 
die die infantilen Wünsche notwendigerweise erleiden. Der Mutter wird 
die Enttäuschung, die sie den infantilen Triebregungen, selbst wenn 
sie ihnen eine Zeitlang Befriedigung bot, doch schlieÖUch zuteil werden 
lassen muß, vom Kinde sehr übel genommen und mit aggressiven Regungen 
beantwortet. Sind jüngere Geschwister im Laufe der ersten Lebensjahre 
aufgetaucht, so geben sie reichlich Anlaß zur Eifersucht; das Kind 

- 339 - 



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fühlt sich benachteiligt und zurückgesetzt, weil das jüngere Geschwister 
in der Pflege, Ernährung, in der notwendigen allgemeinen Schulzhülle, 
deren es in der Brutpflege so sehr bedarf, wenn es gedeihen soll, Freuden, 
Befriedigungen und Lust genießt, die ihm als älterem schon versagt sind. 
Und so ungehändigt sind die infantilen Triebe, daß solche Versagung mit 
intensivem Haß gegen das Geschwister und gegen die Mutter beantwortet 
wird. Aber auch die Beziehung der Mutter zn Erwachsenen der Umgebung, 
besonders zum Vater, betrachtet das Kind als eine schwere Beeinträchtigung 
seiner Beziehung zur Mutter. Von besonderer Wirkung sind die Verbote, 
die aktiv von der Mutter gegeben werden. So ist es ja meist die Mutter, 
die gegen die Masturbation des Kindes einschreitet, weil sie viel leichter 
Gelegenheit hat, sie zu entdecken. Gegen das Verbot der Onanie entsteht 
im Kinde eine heftige Auflehnung, die von intensiven Haßgefühlen und 
Trotzbereitschaft begleitet ist. Notwendigerweise werden gerade die aktiven 
Strebungen gegen die Mutter enttäuscht. Das Kind möchte auch gerne an 
der Mutler die Verrichtungen aktiv' ausführen, die es von der Mutter in 
der Pflege erleidet, ein Triebsireben, dem die Enttäuschung unausbleiblich 
ist, und das im Kind-Puppenverhältnis nur teilweise seine Befriedigung 
findet. 

Aber all das, das in der gleichen Weise für das männliche Kind wie 
für das weibliche gilt, könnte die positive Beziehung zur Mutter nicht 
untergraben, käme nicht noch ein folgenschwerer Umstand hinzu, der diese 
bereitl legen den negativen Reaktionen erst zur Auslösung bringt, indem er 
sie in eine losbrechende Haßwelle gegen die Mutter mitreißt. Diesen Um- 
stand, der der zweiten Gruppe von Ursachen für die Mutterlösung zugrunde 
liegt, näher zu erläutern, müssen wir uns das über die vor der Ödipus- 
phase geübte Onanie des Knaben Gesagte auch für das Mädchen geltend 
in Erinnerung bringen. Der Luslwert der Kliioris wird früh entdeckt. 
Dafür sorgen die zahlreichen Reizungen, die die Sekrete — der Urin, die 
Schleimabsonderung des Genitales — und deren Zersetzungsprodukte bringen. 
Auch die Reinigungsprozeduren, das Waschen und Einpudern und kleine 
Entzündungen mit ihrem Juckreiz machen das kleine Mädchen auf den 
l.ustwerl dieser Stelle aufmerksam. Die Onanie geschieht zunächst wohl 
als eine objektlose körperliche Befriedigung ohne besonderen psychischen 
Inhalt. In der phallischen Phase tritt die Onanie in Verbindung mit den 
aktiven, zum Teil sadistischen Wünschen des kleinen Mädchens der Mutter 
gegenüber. Wir betonen nochmals, daß in ihrer psychosexuellen Bedeutung 
und in ihrer Fähigkeit zur Erregung und Lustabfuhr die Klitoris dem 
Penis des Knaben in dieser Phase völlig gleichwertig ist. 

Und nun macht das kleine Mädchen, neugierig in sexueller Hinsicht 
und aufmerksam auf die Genitalien der Gespielen, eine folgenschwere Ent- 
deckung. Sie nimmt bei irgendeiner Gelegenheit das viel größere genitale 
Lustorgan des Knaben, den Penis, wahr, und „ist im Nu fertig mit ihrem 
Urleil und ihrem Entschluß. Sie hat es gesehen, weiß, daß sie es nicht 

— 340 — 



hat, und will es haben"^. Die Schuld aber daran, daß sie selbst ein solches 
Organ wie der Knabe nicht besitzt, gibt sie der Mutter. Auch mit diesem 
Urteil ist sie rasch fertig, indem die erwähnten angebahnten Haßregungen 
dieses Urteil bestimmen. ^Die Mutter hat mich so gemacht, wie ich bin, 
und ihr habe ich meine Penislosigkeit zu verdanken" lautet etwa die Formel 
für diese Reaktion. Ziemlich jäh rückt sie von der Mutter ab und neben 
die zärtliche Beziehung, soweit sie zum Teil bestehen bleibt, tritt eine 
deutlich feindselige und aggressive Haltung. Ein zweites Moment tritt hinzu, 
welches die Beziehung zur Mutler verschlechtert. Das kleine Mädchen, das 
bisher an lebhafter Intelligenz und Selbstsicherheit, rascher Auffassung und 
psychischer Aktivität die Knaben oft übertrofFen hat, beginnt, lebhüfte 
Minderwertigkeitsgefühle zu entwickeln, die von der konstatierten Minder- 
wertigkeit seines Genitales ausgehen. Gleichzeitig und damit im Zusammen- 
hang aber dehnt sich die Beurteilung „minderwertig" auf alle Personen weib- 
lichen Geschlechtes aus. Weiblichen Geschlechtes ist aber auch die Mutler und 
diese Tatsache zieht ihr eine beträchtliche Entwertung und Geringschätzung 
von Seiten der kleinen Tochter zu. So untergräbt die Beobachtung der eige- 
nen Penislosigkeit in zweifacher Wirkung die gute Beziehung zur Mutter. 

Beide Reaktionen auf die eigene Penislosigkeit sind an Töchtern im Ver- 
hältnis zur Mutter bis in die Erwachsenheil beobachtbar. Wie oft findet 
man, daß eine Tochter alles, was sie an sich als minderwertig betrachtet, 
was ihr zum Fortkommen fehlt, was ihrer Intellektualität an Konkurrenz- 
fähigkeit mit dem Manne nach ihrer Meinung mangelt, der Mutter als 
Schuld zuschiebt. Oft resultiert daraus ein schlechtes, ganz häßliches Ver- 
hältnis zur Mutter, die sich vergeblich bemüht, der Tochter alles erdenk- 
lich Gute zu tun, um die Beziehung zu bessern. Aber dies ist erfolglos, 
denn der Haß speist sich aus einer Schichte des Unbewußten, in die die 
Güte und Liebe der Mutter nicht mehr hinreichen, er kommt aus jener 
Kinderzeil, in der die Entdeckung der eigenen Penislosigkeit den heftigsten 
Vorwurf gegen die Mutier verursacht hat. Und wieder in anderen Fällen 
beobachtet man. daß Töchter bis zur Urteilsfähigkeit des Erwachsenen 
herauf für ihre Mutter einfach, weil sie eine Frau ist, grenzenlose Ver- 
achtung hegen, und eine Art von Verachtung, bei der man aus der Gering- 
fügigkeit der angeblichen Gründe, aus detien sie Nahrung zieht, schon 
vermuten kann, daß ihr die heftigsten affektiven Ursprünge zugrunde 
liegen. Hand in Hand geht damit häufig eine grenzenlose Bewunderung 
für den Vater, im weiteren für alles Männliche überhaupt und dies allein 
schon offenbart uns. daß der Grund für dieses Verhalten einfach in dem 
überschätzten Stückchen Mehr Hegt, mit dem das Männliche ausgestattet ist. 

Die hauptsächlichsten fünf Gründe für die Verschlechterung der Beziehung 
zur Mutter, die Enttäuschung der kindlichen Liebe sstrebun gen, die Eifer- 
sucht auf andere Personen und Geschwister, die Auflehnung gegen die Ver- 

i) Freud: „Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlecht sunterschiedi". 
Ges. Sehr. Ed. XI. S. 13. 

Zeittchriftf.p5a.Päd.,Vli;8'9 — 341 — ai 



böte zusammen als erste Gruppe, die Schuld an der Penislosigkeit und die Ver- 
achtung wegen der Weiblichkeit als zweite Gruppe haben wir damit genannt. 

Die Wirkungen, die die Entdeckung der eigenen Penislosigkeit außerdem 
noch auslöst, sollen nun im folgenden dargestellt werden; diese Wirkungen 
sind nämlich nicht nur für die Losung von der Mutter, sondern auch für die 
Etablierung der erotischen Bezieiiung zum Vater, also für die Konstituierung 
des Ödipuskomplexes überhaupt von einschneidender Bedeutung. 

Zunächst ist das kleine Mädchen in seinem Stolz und in seiner Selbst- 
liebe bitter gekränkt in dem Gefühl, es mit dem Knaben nicht aufnehmen 
zu können. Es rückt im Laufe der folgenden Zeit häufig von der Onanie 
ab, weil ihm der Vergleich mit dem männlichen Glied und die Empfin- 
dung, kein dem Knaben gleichwertiges Lustorgan zu besitzen, die Onanie 
verleidet. Auf die Änderung der Phantasieinhalte der Onanie, soweit sie 
doch noch geübt wird, wollen wir später noch zu sprechen kommen. In 
pathologischen Fällen geht diese Verdrängung der Lustbetätigung am Genitale 
soweit, daß das Mädchen sich überhaupt von allem Sexuellen in seinem 
BewußtseiTi zurückzieht, woraus eine ernste Sexualstörung im Sinne einer 
Frigidität oder einer sexuellen Anästhesie in der sexuellen Keifezeit resul- 
tieren kann. Jedenfalls aber werden im Normalfalle die aktiven, genital- 
sadistischen Triebzielp durch den Penismangel unbrauchbar. Es gibt nun, 
wenn Triebziele aktiver Art unbrauchbar, weil unerreichbar sind, einen 
oft begangenen Weg, der den Trieb doch zur Abfuhr bringt, und das ist 
die Verkehrung ins Gegenteil. Es wird anstatt des aktiven Zieles ein passives 
gewählt, und die Befriedigung durch die Erreichung dieses passiven Zieles 
gefunden. Und so nehmen auch die sexuellen Strebungen des kleinen Mäd- 
chens, die bisher aktiver, sadistischer, manngleicher Art waren, eine Wen- 
dung in das Passive, Leidfreudige; was aktives, nach außen gerichtetes 
Triebziel war, kehrt sich nun gegen die eigene Person. Als Objekt dieser 
passiven masochistischen Triebstrebungen aber wird die aktivste Persönlich- 
keit der Familie gewählt, nämlich der Vater. Der Vater wird also der aktiv - 
sadistische Partner der nunmehr passiven, zum Teil masochistischen Sexual- 
strebungen. Damit ist der Ödipuskomplex bereits eingeleitet. -,;> 

Diese Wendung der aktiven Sexualstrebungen ins Passive, die Helene 
Deutsch mit dem glücklichen Namen „Passivilätsschub" belegt hat und 
die für die Entwicklung der Weiblichkeit von enormer Wichtigkeit ist, 
birgt andererseits Gefahren gerade für diese Entwicklung zur Weiblichkeit. 
Waren nämlich die aktiven Strebungen infolge reichlicher Beimengung 
aus der sadistisch-analen Organisation besonders grausam und mit großen 
Quantitäten von Zerstörungs- (Deslruktions-) Lust gemischt, so wird die 
Wendung der Aktivität ins Passive für das Ich gefährlich. Denn mit der 
Wendung der Wünsche ins Passive erhält auch die Zerstörungslust ein 
negatives Vorzeichen, d. h. sie wendet sich gegen die eigene Person und 
die Wunsch/.iele werden dementsprechend masochistisch. Die Inhalte dieser 
Wünsche sind dann : grausam behandelt, geschnitten, zerfleischt, blutig 

- 342 - 



malträtiert 7.u weiden, Alle diese Inhalte Irelen in Verbindung mit genitalen 
Wünschen auf, da ja das Genitale, zunächst sogar noch die Klitoris als 
Hauplsitz der sexuellen Erregung fungiert. Vom Passivitätsschub her erhal- 
ten in der Folge die meisten genitalen Vorgänge der Frau im Unbewußten 
das Blutjg-masochistische, das ihnen so häufig anhaftet und das so oft 
neurotische Reaktionen auf diese Vorgänge veranlaßt. Die erste Menstruation 
insbesondere, aber auch jede folgende, die Defloration, die Geburt, der Ein- 
tritt ins Klimakterium, \a auch der Sexualakt selbst werden damit im Un- 
bewußten vielfach zu grausamen, blutig passiven Erlebnissen für die Frau. 
Hierin, in dieser allzu großen unbewußten Erlebnisbereilschaft für das 
Grausam-blutig-passive liegt eine große Klippe für die Entwicklung zur 
Weiblichkeit, deren genaue Kenntnis und Würdigung wir vor allem Helene 
Deutsch verdanken; wir wollen noch auf diese Schwierigkeit zu sprechen 
kommen. Andererseits freilich ist eine mäßig masochisiisch-passive Trieb- 
grundlage die Voraussetzung für eine geordnete weibliche Sexualfunktion. 

Die Wendung ins Passive, der Passivitätsschuh, gehört zu den wichtig- 
sten Folgen der Entdeckung der eigenen Penislosigkeit. Durch ihn wird 
der Vater zum aktiven Partner im Inhalt der sexuellen V\'ünsche, in ihm 
erhält die gesamte Sexualität des Mädchens die entscheidende, spezifisch 
weibiiche, passive, masochistisch gefärbte Prägung. 

Noch ein Moment, das aus der Beobachtung der eigenen Penislosigkeit 
stammt, führt die Sexualwünsche des kleinen Mädchens entscheidend in 
die Richtung gegen den eigenen Vater. Der Verzicht auf den Penis gelingt 
durch die Wendung ins Passive nicht völlig, die Hoffnung auf ihn wird 
nicht ganz aufgegeben, im Gegenteil, sie besteht als eine starke Slrebung 
der weiblichen Seele weiterhin. Aber der Wunsch verschiebt sich aul ein 
neues Objekt, daß den Penis ersetzen soll, auf das Kind. Es wird also 
an Stelle des Penis ein Kind gewünscht, ein entscheidender Schritt aus der 
Reaktionsreihe, die wir als Männlichkeitskomplex bezeichnen, in die Weib- 
lichkeit. Hierin liegt die Möglichkeil einer weitgehenden Identifizierung 
mit der Mutter, vor allem aber auch ein neuer Anlaß für die Wendung 
der Liehesstrebungen und sexuellen W^ünsche zum Vater. Denn das Kind 
ahnt in dieser Zeit bereits die Rolle, die der Vater beim Kinderkriegen 
innehat. Es hat nächtliche Szenen zwischen den Eltern belauscht, die es 
sich allerdings blutig und grausam mißdeutet, und bringt sie instinktiv 
mit der Kindzeugung in Zusammenhang. Und der Wunsch, ein Kind als 
Ersatz für den so heiß verlangten Penis zu bekommen, läßt von einer neuen 
Seite her in dieser Absicht das kleine Mädchen seine sexuellen Wünsche auf den 
Vater richten. Die Mutter, der der Vater das Kind ja gegeben hat und immer aufs 
neue geben kann, wird auch von diesen Wünschen her zur feindseligen Rivalin. 

Fassen wir die Folgen der Penisbeobachlung, also der Entdeckung der 
eigenen Penislosigkeit durch das Mädchen, zusammen. 

1. Das Mädchen macht die Mutter für diesen Mangel verantwortlich 
und rechnet ihn ihr aufs übelste an; 

- 343 — ^- 



2. die penislosen Geschöpfe werden verachlel, die Mutter inbegriffen. 
Beide vorgenannten Folgen verschlechtern die Beziehung zur Mutter; 

3. das Mädchen rückt von der aktiv gerichteten, phallischen Onanie ab, 
weil es narzißtisch gekränkt ist, es mit dem Organ des Knaben nicht auf- 
nehmen zu können; ■, 

4. die aktiven Strebungen werden ins Passive, Masochistische gewendet, 
wobei der Vater als aktiver Sexualpartner gewünscht wird; 

5. die narzißtische Besetzung gleitet vom Penis auf das gewünschte und 
phantasierte Kind über, es tritt also der Kindeswunsch ein; der Vater wird 
als Zeuger des Kindes zum Liebesobjekt genommen. Die Folgen 4 und 5 
führen dazu, daß der Vater das Objekt der sexuellen Strebungen wird. 

Wir können sagen, daß die Entdeckung der eigenen Penislosigkeit in 
ähnlicher Weise umschichtend auf die libidinösen Einstellungen und auf den 
gesamten Libidohaushait des kleinen Mädchens wirkt, wie dies die Kastrations- 
drohung für den Knaben tut. Wir rechnen nun den Penisneid und das Gefühl 
der eigenen Benachteiligung am Genitale zum Kastrationskomplex, denn wir 
definieren als Kastrationskomplex die Summe der stark affektbesetzten V'or- 
slellungsgruppen. die mit dem drohenden oder vermeintlich vollzogenen 
oder gewünschten Verlust des phallischen Organs zusammenhängen. 

So kann Freud die Beziehung zwischen Kastrationskomplex und Ödipus- 
komplex im Vergleich von Knaben und Mädchen wie folgt definieren : 
„Während der Ödipuskomplex des Knaben am Kastralions- 
komplex zugrunde geht, wird der des kleinen Mädchens 
durch den K a s t ra t i o n s k o m p I e x ermöglicht und eingelei- 
tet . Daraus allein schon ergibt sich die zeitliche Differenz in der Etablie- 
Tung des Ödipuskomplexes für Knaben und Mädchen, indem beim Mädchen 
erst die der phallischen Stufe folgende Periode für den Ödipuskomplex geeignet 
ist, während der Knabe den Ödipuskomplex in der phallischen Stufe erlebt und 
ihn mit dem Aufgeben der phallischen Onanie aus Kastrationsangst verdrängt. 

Das Mädchen übt die phallische Onanie wohl noch eine Zeitlang weiter, 
aber ohne die phallischen Tendenzen der Eroberung und des Eindringens, 
sondern mit passiven, masochistischen Wünschen, die dem Vater gelten. Es 
bleibt also zunächst die Klitoris noch das Exekutivorgan auch der passiven 
Wünsche, und auch die Wünsche nach grausamen Erleidungen beziehen 
sich zunächst noch auf die Klitoris als sexuelle Erregungsquelle, bis die 
vermeintliche Minderwertigkeit des Organs die Aufgabe der Klitorisonanie 
allmählich veranlaßt, was übrigens nicht immer der Fall sein muß. Die 
Entdeckung der Scheide als Lustorgan geschieht, wenn nicht besondere 
Verführungen auf diese Zone aufmerksam machen, im allgemeinen erst 
nach dem ersten Koitus, also in Verbindung mit der Defloration. Auch da 
hat die Klitoris noch die Funktion des „Kienspans" (Freud), der die 
vaginale Erregung zu entflammen hat. 

1) Freud: „Einige psychische Folgen des anatomiechen Geschlechtsunterschi eds", 
Ges. Sehr. Bd. XI, S. 17. 

— 344 — 



Während also der Ödipuskomplex des Knaben am Kastrationskomple* 
zugrunde geht, leitet der des Mädchens den Ödipuskomplex erst ein, indem 
er 1. die negativen Strömungen gegen die Mutter aktiviert, a. den Kinder- 
wunsch verursacht, und 3. die Wandlung von der Aktivität in die Passivi- 
tät inauguriert. 

Daß die Beziehung zum Liebesobjekt der ödipussituation für das Mäd- 
chen eine sekundäre Bildung ist, nicht wie für den Knaben eine primäre, 
läßt sich nicht selten an der Beziehung des Mädchens zum Vater und zu 
»einen Ersatzobjekten konstatieren. Vielfach sind starke orale Züge in diese 
Beziehung eingetragen, die als Übertragung der oralen Beziehung zur Mutter 
zu werten sind. Die symbolische Gleichung Penis -= Mutterbrust wird dabei 
häutig als Brücke für die Verschiebung dieser Wünsche auf den Vater resp. 
Mann benützt; so reagieren hysterische Mädchen in typischer Weise auf 
die sexuelle Annäherung des Mannes mit Übelkeit und Erbrechen als Aus- 
druck der Abwehr oraler Wünsche, die im tiefsten Ursprung der Mutter- . 
brüst gegolten haben. Auch die quälerische, vorwurfsbereite Haltung, die 
manche Frauen ihrem Gatten gegenüber einnehmen, ist eine Transponierung 
der schlechten Beziehung zur Mutter auf den Gatten. Wo eine besonders 
intensive, schwer lösbare Beziehung zum Vater besteht, ist ihr regelmäßig 
eine solche intensive Beziehung zur Mutler vorausgegangen. Freud gebraucht 
neuestens für die Übertragung der Beziehung zur Mutter auf den Vater 
das treffliche Wort „Überschreibung". Es stammt wohl aus der Juristen- 
sprache und wird dort etwa für grundbücherliche Eintragsänderung auf 
einen neuen Besitzer gebraucht. Es ist das alte Gut geblieben, nur der Be- 
sitzer hat gewechselt und die Spuren des früheren Besitzers sind noch deut- 
lich an diesem Gut erkennbar. So ist es mit der Überschreibung der Be- 
ziehung zur Mutter auf den Vater bei der Konstituierung des Ödipuskomplexes. 

Während nun der Knabe mit dem Auftauchen der Kaslratiousangst den 
Ödipuskomplex jäh abbricht, so daß es ziemlich vehement zur Errichtung 
des Über-Ichs kommt, das in kurzer Zeit relativ konsolidiert ist. gleitet 
gerade am Kastrationserlebnis das Mädchen erst in den Ödipuskomplex hinein. 
Der große Anlaß zur Zertrümmerung des Ödipuskomplexes beim Knaben, 
die Entwicklung der Kastrationsangst, fällt aber damit für das Mädchen 
weg. Es ist nun unsere Aufgabe, darzustellen, aus welclien Motiven und 
in welcher Form das kleine Mädchen den Ödipuskomplex verläßt. 

Was veranlaßt das Mädchen, die Ödipussituation zu verlassen? Freud 
gibt zunächst die Auskunft, daß er gar nicht immer so rasch verlassen 
werde. Er klingt vielmehr langsam aus, ja, bleibt oft bis in späte Zeiten 
erhalten, ist an Mädchen, die sich der Erwachsenheil nähern, viel häufiger 
zu konstatieren als an Knaben der gleichen Zeit. Als Gründe für das endliche 
Verlassen des Ödipuskomplexes nun nennt Freud die E n 1 1 ä u s c h u n g e n, 
die das Mädchen in der ödipussituation erfährt. Die sexuellen Wünsche 
werden nicht erfüllt, das als Ersatz für den Penis so hi'iÜ ersehnte Kind 
bleibt aus, und aus diesem Grunde rückt das Mädchen langsam und all- 

- 345 - 



J 



mählich von seinem Liebesobjekt ab. Als Ergänzung hat Helene Deutsch 
einige weitere Motive genannt, die in der Ursachenreihe für das Aufgeben 
des Ödipuskomplexes eine wichtige Rolle zu spielen scheinen. Es sind 
dies das Schuldgefühl und die Folgeerscheinungen der Wendung ins 
Masochistische. 

Nach Helene Deutsch ist die Genese des Schuldgefühls in der ödipus- 
phase an zwei Stellen einzusetzen. Zunächst knüpft sich das Schuldgefühl 
an die phallische Onanie. Die Entdeckung der Penislosigkeit läßt das kleine 
Mädchen glauben, daß seine Onanie eine so schwere Strafe, wie es der 
Penis Verlust ist, nach sich gezogen habe. Es meint also, seiner Onanie 
wegen habe es den Penis verloren. Diese assoxiative Verbindung von Onanie 
und Strafe wirkt onaniehemmend oder erzeugt, wenn die Onanie weiter 
geüht wird, heftiges Schuldgefühl. Andererseits verstärkt das Aufgeben der 
Onanie das Schuldgefühl dadurch, daß die aktiv-sadistischen Strebungen, 
mit denen ja die Onanie zunächst verknüpft ist. in destruktive Trieb- 
äußerungen gegen die eigene Person sich wandeln, die sich dem Schuld- 
gefühl beifügen. Sekundär ist dieses Schuldgefühl dann an der Aktivierung 
des Passivitätsschubs beteiligt, indem es das masochistische Verhatten des 
Ichs begünstigt. 

Das zweite Moment, das zur Entwicklung von Schuldgefühl Anlaß gibt, 
besteht nach Helene Deutsch in der Feindseligkeit gegen die Mutier. 
Die Mutter war ja bis zum Eintritt in die ödipussituation geliebtes Objekt. 
Reste dieser positiven Beziehung erhalten sich natürlich auch in die Ödipus- 
zeit. Diese positiven Gefühle für die Mutter sind stark genug, den nega- 
tiven Regungen gegen die Mutter allmählich entgegenzutreten und sie 
hintanzuhalten. Nun liegt es im Wesen des Ödipuskomplexes, daß positive 
Strebung gegen den einen Elternieil und negative gegen den anderen un- 
lösbar verknüpft sind und nicht getrennt werden können. Eine Liebes- 
beziehung zum Vater ist innerhalb des Ödipuskomplexes unmöglich ohne 
eine gleichzeitige Feindseligkeit gegen die Mutter; das eben macht ja den 
Ödipuskomplex aus. Wenn die Reste der guten Beziehung zur Mutter all- 
mählich die negativen Strebungen gegen sie in Schach zu halten ver- 
mögen, andererseits jede Liebesregung zum Vater den Wunsch nach der 
Mutterbeseitigung notwendig in sich schließt, müssen eben beide Strebun - 
gen des Ödipuskomplexes aufgegeben werden, da die negative gegen die Mutier 
im Inneren nicht geduldet wird. So führt das Schuldgefühl des Mutterhasses 
wegen zum allmählichen Verlassen der Liebeseinstellung gegen den Vater, 
Wir haben von der Gefahr, die die Wendung ins Masochistische 
für die Entwicklung zur Weiblichkeit mit sich führt, schon gesprochen, je 
aktiver und sadistischer die Beziehung des Mädchens zur Mutter war. um- 
so masochistischer wird ihre Verkehrung ins Gegenteil ausfallen. Das Ich 
aber hat Angst vor den masochislischen Wünschen des Es, weil ja der 
Inhalt dieser Wünsche eine Zerstörung oder Verletzung, jedenfalls De- 
struktion der eigenen Person ist. Und diese Angst des Ichs vor der passi»- 

- 346 - 



masochistischen Haltung im Ödipuskomplex trägt ebenfalls zur Verdrängung 
des Ödipuskomplexes bei. In pathologischen Fällen erfolgt eine Regression 
7,ur Mutterbeziehung aus Angst vor der masochistischen Beziehung zum 
Vater; es ist dies eine der möglichen Ursachen der weiblichen Homo- 
sexualität. In anderen Fällen resultiert aus dieser Angst eine Fehl- 
identifizierung mit dem aktiven Vater, also jene unweibliche Einstellung der 
Frau, die wir als durch den Man nl ich ke i iskompl ex verursacht kennen. 
Wir sehen also, daß eine Reihe von Gründen vorliegt, durch die wir 
uns das Aufgeben des Ödipuskomplexes beim Mädchen veranlaß!: denken. 
Wir müssen uns diese Gründe im jeweiligen Fall mit verschiedener In- 
fensität, aber immer gleichgerichtet wirksam vorstellen. 

Aus den verdrängten Ödipusbeziehungen geht nun ebenso beim weib- 
lichen wie beim männlichen Kind das Über-Ich hervor. Für die Bildung 
des Über-Tchs kann es gewiß nicht gleichgütig sein, in welcher Form 
der Ödipuskomplex verlassen wird. Wir bringen die Strenge und Un- 
erbittlichkeit des männlichen Über-Tchs mit dem raschen Untergang des 
Ödipuskomplexes beim Knaben in Zusammenhang. Sachs spricht vom 
drohenden Charakter des männlichen Über-lchs, den es im Zusammenhang 
mit der Kastrationsaugst erhalte^ und in der Tat ist das Über-Ich der 
Krau anders geartet als das männliche. Freud spricht von einem Unter- 
schied im Niveau des Sittlich-Normalen zwischen Mann und Frau. Das 
Über-Ich der Frau sei nie so unerbittlich, persönlich unabhängig von 
seinen affektiven Ursprüngen wie beim Manne. Daraus entspringe das 
geringere Rechtsgefühl, die schwächere Neigung zur Unterwerfung unter 
die großen Notwendigkeiten des Lebens. Frauen sind affektiver, strenger 
logischer Konsequenz weniger geneigt, sie beharren hartnäckiger auf ihren 
Wünschen entgegen den strengen Forderungen des Realitätsprinzips als 
Männer. Denn die geschilderten Eigenschaften und Einstellungen hangen 
in ihrer Exaktheit, Genauigkeit und strengen Einhaltung von der Solidität 
und vom Energieausmaß des Über-Ich ab. Das langsame Verlassen des 
Ödipuskomplexes läßt auch die daraus entstehende Bildung, das Über-Ich, 
schwankender, energieschwächer werden. Das gilt freilich nur als grober 
Durchschnittsbefund und gestattet reichlich Ausnahmen für den Einzelfall. 
Das Über-Ich des Mädchens entsteht im übrigen sowie beim Knaben, 
aus den aufgegebenen Objektbeziehungen des Ödipuskomplexes. Über die 
genaueren Vorgänge dieser Bildung sind wir noch nicht allenthalben orien- 
tiert. Nach Helene Deutsch wird zunächst die aktive Strebung der 
phallischen Onaniephase, die auf Grund gleichgerichteter Ansprüche gegen 
die Mutter eine Identifizierung mit dem Vater bedingt, nicht völlig ins 
passive verkehrt, sondern ein Teil wird nach Aufgabe der aktiv-phalÜschen 
Onanie desexualisiert und auf die liöhore Stufe der Über-Ich-Bildung ge- 
rückt. Die männlich-subli mierenden Forderungen des väterlichen Ideals 

i) Hanna Sachs: ,,Über einen Antrieb bei der Eildung des weiblichen Über- 
Ichs", Intern. Zeitschr. f. Psa.. Bd. XIV, 1928. 

— 347 — 



werden damit ins Über-Ich aufgenommen und es resultiert daraus der 
männiich-aktive, tätige Leistung auf intellektuellem, kulturellem, sozialem 
Gebiet fordernde Anteil des Über-Ichs. Bei Frauen, die einer inneren, 
strengen, unerbittlichen Forderung entsprechend männlich gerichtete Be- 
rufe wählen und diese in äußerster Pflichllreue mit vollwertigen Leistungen 
erfüllen, überwiegt dieser männlich-aktive Teil der Über-Ich-Bildung. Ent- 
sprechend dem Objektwechsel aber ist auch das Über-Ich der Frau wie 
doppelt angelegt. Der zweite Teil entstammt der Beziehung zur Mutter, 
resp. der Identifizierung mit ihr auf der erhöhten Stufe des Über-Ichs 
nach Aufgabe der ambivalenten Einstellung zur Mutter. Sein Inhalt sind 
die Forderungen der idealisierten Mutterschaft. Die Idealforderungen der 
reinen, madonnenhaften Mütterlichkeit und die den Frauen unserer Kultur- 
kreise zukommende besondere Sexualmoral und Sexualhemmung entstammen 
dieser Introjektion der idealisierten Mutter in die Über-Ich-Bildung. 

Die genaueren Ansichten der verschiedenen Autoren über die Teilvor- 
gänge bei der Über-Ich-Bildung der Frau, die nicht völlig harmonieren 
und jedenfalls die Undurchsichtigkeit und Unzugänglichkeit der damit 
verknüpften Vorgänge bezeugen, fällt wohl außerhalb des Rahmens dieser 
mehr didaktisch gedachten Ausführungen. 

Wir hoffen, daß es uns in diesen Ausführungen gelungen ist, der Scylla 
der allzugroßen Vereinfachung sowohl wie der Charybdis der allzugroßen 
Komplikation, wie sie bei exakterer Darstellung unvermeidlich wäre, zu 
entgehen. Wenn die weibliche Entwicklung in dieser Darstellung kompliziert 
genug erscheint, daß man daraus ersehen kann, welche Schwierigkeiten 
sich der normalen Entwicklung zur vollen Weiblichkeit entgegenstellen 
und um wievieles leichter dadurch die Frau der Neurose verfällt, und 
wenn die Entwicklung als solche doch als ein verständliches Geschehen 
dem Leser sich geboten hat, so glauben wir die Aufgabe dieser Abhand- 
lung erfüllt. 

Literatur: 

Helene Deutsch: „Psychoanalyse der weiblichen Sexualfimktionen". Int. psych. 
Verl- Wien. 1935. 

— „Der feminine Masochismus und seine Beziehung zur Prifi^idität" Int Ztschr 
f. Psa., XVr. 1950. 

— „Über die weibliche HomoBexualität". Int. Z:schr. f. Psa., XVIII. 1932. 
Sigmund Freud: „Der Untergang des Ödipuskomplexes". Ges. Sehr., Bd. V. 

— »Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds". Ges. 
Sehr., Bd. XI. 

— „Über die weibliche Sexualität". Int. Ztschr. f. Psa.. XVIII. 19(52. 

Jeanne Lampl-De Graot: „Zur Entwicklungsgeschichte des Ödipuskomplexe« 
der Frau". Int. Ztschr. f. Psa., XIII, 1927. 

L H ä r n i k : „Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib". Int. Ztschr. f. Psa., 
IX, 1925. 

Carl MüUer-Braunichweig: „Zur Genese des weiblichen Über-Ichs". 
Int. Ztschr. f. Psa,. XII, 1926. 

Hanns Sachs: „Über einen Autrieb bei der Bildung dos weiblichen Über-Ichs**- 
Int. ZUchr. f. Psa., XIV, 1928. 

- 348 - 



i 



B E R I C HTE 

«niBiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiuiiiiiiuiiiiuiiiiiiiiiiii>iHi>>>i"i"i">>ii'""">'""'"'>"''>"""^ tiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiitimHiii 

Erziehung im Kindergarten 

Am 4- Mai d. J. hitlt Anna Freud in der Vollversainmliing det Fach.- 
Vereins der Wiener städt. Kindergärtnerinnen einen Fbrtrag, über den der 
Y.tsclir. f. psa. Päd. folgender Bericlit zuging. 

Anna Prend betonte einleitend, daß sie diesmal nicht ein theoretisches Speiial- 
ffebiet besprechen, sondern von praktist;h«n Fragen ausgehen wolle, die ihr bei ver- 
schiedenen Gelegenheiten von Kindergärtnerinnen gestellt worden seien. Solche Fragen 
wären z. B. gewesen: „Wann ist eine Gruppe ordentlich? Wenn alles wie am Schnür- 
chen geht, tadellose Ruhe und Ordnung herrscht?" Oder „Ist eine gewisse Unordnimg 
natürlich und der Beweis, daß die Kindergärtnerin sich bemüht, der Indiv.duahtat 
des einzelnen Kindes zu folgen?« „Darf man verbieten?" „Soll jedes K.nd sich seine 
Beschäftigung frei wäl.Ien oder soll das Kind lernen, beiseitezuschieben, was es w.U 
und in der Gruppe mitxutun?" Alle diese und ähnliche Fragen, me.nte Anna Freud, 
lassen sich bei genauerer Betrachtung auf zwei Fragen reduzieren, die dann lauten : 
S-id unsere Kindergärten dazu da, damit das Kind endlich einen Ort hat. wo es 
;ich frei ausleben kann?" Oder „Sind unsere Kindergärten der Platz, wo das Kind 
Einschränkungen zu erlernen hat?" „i,.,„„. 

Die Beantwortung dieser beiden Fragen erfordert, daß wir uns die Erziehung.- 
«ufgabe jene. Lebensabschnittes ansehen, den das Kind im Kindergarten verbn««^. 
Diese Aufgabe ist bestimmt durch ihren Ausgangs- und Endpunkt. Das zweie.nlmlb- 
fäLr ge Kind ist schlimm, es spuckt, kratzt, beißt. - kurz, es folgt allen seinen IVie- 
Len ! ist valiig von seinen Triebregungen beherrscht. Das sechsjährige K-nd dagegen 
ist brav, es ist auf kollektive Arbeit eingestellt, es wiU wis.en, was e. tun darf und 
was nicht. Der Weg von der Triebhaftigkeit des kleinen Kindes zur ^-^ " ^^ 
des sechsjährigen Schulkindes stellt die Erziehungsanfgabe des Kindergartens d^ 
Bei dieser Klarstellung angelangt, erklärte Anna Freud, daß s,e wohl w^se d^ 
diese Aufgabe des Kindergartens seit langem festgesetzt sei. Der ^'"f ^S;"^^" ^J 
sich seiner Aufgabe, triebhemmend zu wirken, immer bewußt und habe diese Aul- 
gabe vollauf erfüUt. Erst seit kurzer Zeit würden Zweifel an dieser Aufgab ens et zung 
laut und diese Zweifel gingen von den Erkenntnissen der Psychoanalyse aus. welche 
immer mehr beweise, daß sie ein Recht habe, die Kindergärtnerinnen an ihrer Aut- 
gabe irrezumachen und zu zeigen, daß Triebeinschränkung allein als Erziehungs- 
tiel nicht genüge, ja vielmehr, daß eine Erziehung, die nur darauf gerichtet sei. die 
Triebhaftigkeit des Kindes zu bekämpfen, auf diesem Wege vieles mitreiße und zum 
Untergang bestimme, was weiterleben sollte. Es ist nicht schwer, em Kind '^"«■J"^^- 
einschränkuiig zu bringen, man muß dem Kinde nur Angst einjagen oder ihm drohen. 
es nicht mehr liebzuhaben — nur ist der Erfolg dann ein zu weitgehender; es wird 
nicht nur aus dem schlimmen ein braves Kind, sondern auch aus dem gescheiten ein 
dummes, aus dem lustigen ein gedrücktes, aus dem geschickten ein ungeschicktes 
Kind. So wird dos Ziel zu teuer erkauft. Die Erziehung muß wohl triebeinschränkend 
bleiben, aber triebeinschränkend im notwendigen Ausmaß und ohne daß dadurqh die 

- 349 — 



I 



Persönlichkeit des Kindes, seine Freude an der Arbeit, seine guten Beziehungen, seine 
Heiterkeit, seine Klugheit gestört werden. 

„iMit Recht", sagte Anna Freud, „werden Sie mich an dieser Stelle fragen: Wie 
macht man das aber, diese ideale Beziehung, wo man nicht, zuviel und nicht zu wenig 
tut? Welches sind die Wege, die wir einschlagen, um unser Ziel zu erreichen? Die 
altmodische Erziehung kannte nur einen Weg: Niederhallen. Wie aber machen wir 
es, daß das Kind sich bemülit, so zu werden, wie wir es wollen?" 

Die Antwort auf diese Fragen erhielt Anna Freud einmal von einem kleinen 
Patienten, mit dem sie sicli darüber unterhielt, unter welchen Bedingungen er sich 
bemühen würde, etwas ganz besonders gut lu machen. Er antwortete ihr, es gebe 
awei Fälle: Entweder jemand käme und drohe ihm, er würde eingesperrt, wenn er 
es nicht sehr schön mache oder aber, er wolle seiner Mutti eine ganz besondere 
Freude machen. Eine dritte Möglichkeit fügte Anna Freud hinzu: Die Bemühung 
aus Freude an der Sache, und sie führte diese dritte Mögliclikeit dahin aus, daß diese 
Freude an der Leistung umso größer sei und umso leichter zu wecken wäre, je näher 
die Beschäftigung dem stehe, was das Kind ursprünglich triebhaft gewollt habe 
Darauf seien auch die Erfolge der Montessori-Methodc zurückzufüliren, da es Mon- 
tcssori instinktiv gelungen sei, so viele Beschäftigungsmittel in Anlehnung an Trieb- 
wünsche des Kindes zu gestalten. 

Die drei wirksamen Erziehungsmittel wären also: Angst, Liebe zu einer Person. 
Liebe zur Sache. In der modernen Erziehung versuchen wir die Angst so weit als 
möglich auszuschalten. Natürlich greifen die Erziebungswege ineinander. Ein Kind 
das eigentlich ein anderes hauen will, läßt sich dahin ablenken, Nägel einzuschlagen. 
Und es läßt sich leicht ablenken, nicht nur, weil ihm diese Beschäftigung Freude 
macht, sondern auch, weil es weiß, daß das Nägele inschlagen der geliebten Erzieher- 
person gefällt, das Schlagen eines Kameraden aber von ihr verurteilt wird. Auch bei 
der Ablenkung spielt also die Liebe zur Erzieherperson eine große Rolle. 

Von der Besprechung der Erziehungsmittel leitete Anna Freud zum Begriff der 
Heilpädagogik über. Sie meinte, daß man in der letzten Zeil immer deutlicher unter- 
scheide zwischen Kindern, die mit den vorher angegebenen Möglichkeiten erzogen 
werden könnten und Fällen, bei denen alle sonst Üblichen Hilfsmittel versagen. Hier 
muß dann vor allem festgesteUt werden, warum das Kind nicht erz i eh ungs fähig ist 
und au welchem Punkt seine Entwicklung eine Störung erfahren hat. Man muß sich 
klar werden, daß in heilpädagogischen Fällen die Anwendung normaler Erziehungs- 
mittel nichts nützt, sondern einzig und allein das Stück Erkenntnis, das ims erklärt, 
was das Kind erlebt hat. Anna Freud sagte: „Denken Sie an eine Maschine, die mit 
ein paar Handgriffen zu bedienen ist; es kann aber der Fall eintreten, daß die Hand- 
griffe weiter richtig gemacht werden und die Maschine doch nicht funktioniert. Dann 
hilft: es nichts, die sonst richtigen Handgriffe immer weiter zu wiederholen, sondern 
man muß nachschauen, wo der Fehler steckt. In diesem Vergleich liegt der Schritt 
Ton der Pädagogik zur Heilpädagogik." 

■"' Anna Freud führte dann ein sehr eindrucksvolles Beispiel eines Knaben an, der 
sich im Kindergarten immer wieder naß machte. Alle sonst üblichen F.rziehimgs- 
mittel, ein Kind sauber zu machen, halfen nichts, bis die Kindergärtnerin in einem 
Gespräch mit der Mutter des Kindes dessen Verhalten verstehen lernte. In diesem 
Gespräch horte sie zu ihrer Verwunderung, daß das jetzt vierjährige Kind bereits mit 
zwei Jahren sauber gewesen sei und seine Sauberkeit erst nach einer Operation am 
Genitale eingebüßt hatte. Der Arzt hatte der Mutter damals eingeschärft, das Kind 

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an der operierten Stelle besonders rein ^u halten und üim nach dem Waschen immer 
die Haut zurückzuschieben, damit sie nicht wieder vorwachse. Aus dem Graiisen. 
uaA der» Ekeläiißernng'en, die die Mutter noch bei der Schilderung dieser Manipula- 
tionen zeigte, verstand die Kindergärtnerin, daß die Frau den Auftrag des Arales nur 
mit größtem iimeren Widerstreben ausgeführt hatte und erhielt dies auch von der 
Mutter bestätigt. Nun verstand sie auch das Verhalten des Kindes. Das Kind machte 
sich nur dann naß, wenn es die Harnentleerung allein besorgen mußte. Ging eine 
Wärterin mit ihm und half ihm dabei, blieb es sauber. Das Kind hatte den Ekel der 
Mutter ühenionimen, es benalim sich so, wie es annehmen mußte, daß die Mutter es 
von ihm wünsche. Bei diesem Kind mußten Lob und Strafe wirkungslos bleiben; 
keine Blasen- oder Nierenuntersuchung hiitte den wirklichen Sachverhalt erklären 
können. In diesem Fall half nur das eine: Das scheinbare Verbot des Berührens anf- 
auheben, vor allem die Mniter zu verajilassen, das Mißverständnis, das ihr Verhalten 
verursacht hatte, dem Kinde gegenüber aufzuklären. Dies ist auch geschehen und das 
Kind wurde nach kurter Zeit sauber. 

„Mit der Schilderung dieses Falles", sagte Anna Freud, „habe ich Uuien einen 
weiteren Erziehungsweg gezeigt; Eine Störung wird sehr oft dadurch behoben, daß 
wir dem Kind etwas aus seiner Vergangenheit mitteilen, wir sagen .deuten". Man 
darf Tor diesem Wort nicht Angst haben und nicht denken, man müsse dabei aus 
seinen eigenen Gedanken etwas Geheimnisvolles herausfinden. Deuten heißt, sich sehr 
gut anschauen, was das Kind tut und .hm dann die nötigen Erklärungen geben. W,r 
brauchen diese Erklärungen in allen jenen Fällen, wo hinter den Aggressionen des 
Kindes, hinter seiner Schlimmbeit Angst steckt und gerade diese Angst das Kmd un- 
fähig macht, sich ablenken zu lassen. Z.im normalen Verhalten des Kleinkindes gehört, 
daß es gelegentlich rauft, kratzt, beißt, spuckt, mit Bausteinen wirft usw. Aber all 
das hat keinen sehr ernsthaften Charakter und geht selten so weit, daß d>e Kmder 
sich beschädigen. Meist lassen sich diese Aggressionen leicht bewäll.gen. Die Kmder, 
die hauen wollen, sind glücklich, wenn sie hämmern dürfen, die Kinder, d.e spu<tken, 
wenn sie Seifenblasen machen können usw. - bis eben auf vereinzelte Falle, die so 
raunustig sind. dai3 wir nichts mit ihnen anfangen können; sie sind beim Hämmern 
ebenso unbrauchbar wie beim Perlenauffassen, d. h. sie sind unablenkbar." 

Anna Freud schilderte dann aus ihrer Praxis solche aggressive Kinder, deren 
Aggressionen sich jedesmal als Antwort auf einen erlebten Schock und als Abwehr- 
maßnahme folgender Art erklärte: Ich hin gar nicht der, der Angst hat, ich benehme 
mich vielmehr so, daß die anderen sich vor mir fürchten müssen. Solche Schock- 
wirkungen gingen einmal von einem betrunkenen Vater, ein andermal von einem 
unerwartet schmerzlichen Erlebnis heim Zahnarzt, ein drittesma! von einem UnfaU 
und in einem vierten Fall von einem besonders strengen Lehrer aus. In jedem dieser 
Fälle übernahm das Kind die Rolle dessen, vor dem es die lieftigste Angst empfand 
und gab sein Verhalten erst auf, nachdem es ihm als Abwehr gedeutet worden war. 
Zum Schluß meinte Anna Freud, es werde vielleicht viele Ziüiörer enttäuscht 
haben, daß auch sie verlange, daß man das Kind einschränken müsse. Viele Erzieher 
hätten das erste Mal von der Psychoanalyse erfahren, daß hinter dem Tun der Kiuder. 
ja sogar hinler ihren Schlimmheiten Kräfte stünden, vor denen man Respekt hahen 
müsse und die man nicht kurzerhand unterdrücken dürfe. Sie mißverstünden dies 
aber dann und dächten, daß man diese Kräfte nur wirken lassen müsse und seihst 
untätig zu bleiben hätte. Dies ist eine große Gefahr. Die Erkenntnis von Nalurkräf- 
ten hat nie so ausgesehen, daß der Mensch sie bestaunte, ihnen aber ruhig gestattete^ 

- 351 - 



Nutzen und Schaden zu stiften. Die Erkenntnis des Blities als elektrische Kraft führte 
■iur Erfindung des Blitiableiters. Und dies ist auch der Weg, zu dem die psycho- 
analytischen Erkenntnisse den Erzieher führen sollen: die Kräfte des Kindes kenuen- 
■mlenien, sie zu achten und mit ihnen lu arbeiten, aber unsere Erkenntnisse über sie 
wieder dazu zu verwenden, sie beherrschen und lenken zu lernen, um sie so wieder 
der menschlichen GeselUchaft nutzbar zu machen. Hedwig Schwarz. 

Rüdber 

BÜHLER, CHARLOTTE; „Der mensAIidie Lebenslauf als psydiologisdies 
Problem", 28 Abbildungen und 1 TafeL 328 Seiten. Verlag S. Hirzel-Leipzig 1933 
Geh. M 8.—, gebd. M 10.50. 

Charlotte Bühler versucht aus dem Studium des Lebenaablaufs und der Werk- 
gestaltung einzelner Menschen zu erfassen, was Menschen „letzlich im Leben waren*', 
und wie bis zu diesem „Letzlichen" hin ihre Ziele gestaffelt sind. Im allgemeinen 
vermeidet sie theoretische Erörterungen. Sie verwertet zur systematischen Ordnung 
ihres Materials Gesichtspunkte Karl Bühlers für die Kinder- und Jugendpsycho- 
logie. Ihr Material sind zweihimdert Lebensgeschichten ans den letzten iwei Jahr- 
hunderten des europäischen und amerikanischen Kulturkreises, vorwiegend der Literatur 
entnommen. Der Lebenslauf wird untersucht, auf typische Verhaltungsweisen des 
Einzelnen im Aufbau und Abbau des Körpers und seiner Punktionen, femer in 
seinem individuellen Verhalten und persönlichen Erleben und dann in seinem objek- 
tiven Ergehen nnd seiner Wirkung auf andere. Die biographischen und autobio- 
graphischen Daten werden nach „Dimensionen" geordnet: Berufliche Tätigkeit, Ehe- 
leben, soziale Position. Auszeichnungen, die einer erwirbt oder verliert, die wesent- 
lichen wirtschaftlichen Veränderungen des Lebens, bedeutsame Gemein schaftsbil- 
dungen oder ihre Verluste, wie Liebesbeziehungen. Freundschaften, Partei- oder 
Vereinsbeziehungen, schließhch auch Taten und Werke. Die Hauptfrage lautet, oh 
bei Durchsicht von Lebensläufen sich etwas objektivieren ließe, was als „Bestimmung" 
gelten dürfe. Darunter wird die Tatsache verstanden, daß Menschen nicht nur im 
Bewußtsein mit „etwas« befaßt, gegenständlich gerichtet sind, sondern daß sie auch 
faktisch fiir „etwas" da sind, da sein wollen, wirken und dasein zu müssen glauben. 
Zur Charakterisierung der Methode sei folgende Stelle erwähnt: „Uns inter- 
essiert hier nicht, daß Humboldt, weil er ein Romantiker war, weil er aus der 
und der Familie stammte, weil er mit Goethe uud Schiller in Kontakt kam, weil er 
ökonomisch so gestellt war, daß er sich ein relativ freies Leben erlauben konnte, 
weil er die uud die Neigungen, die und die Gelegenheiten vorfand, nun diesen einen 
ganz bestimmten Lebenslauf führte, wie er als dieses Individuum oder er als Typus 
oder er als dieser Charakter oder er als Vertreter dieses Zeitalters, Kreises usw. es 
getan hat. Das heißt, uns interessiert an dieser Stelle weder das Individuelle, noch 
das Typologische als solches und auch nicht seine Genese, sondern uns interessiert 
Humboldt nur insoweit, als er eine allgemein menschliche Erfahrung in besonders 
ausgeprägter Weise erlebt und beschrieben hat. sodaß wir vermöge seiner die for- 
male Struktur dieses Phänomens ganz besonders prägnant vor uns haben." 

An anderer Stelle heißt es: „Von der historischen Bedingtheit der Einstellung 
und Bestimmung des einzelnen Menschen können wir aber für unsere Untersuchung 
ebenso absehen wie von ihrer gelegentlich krankhaften Verursachung. Kommt es uns 
djch nur an auf die Feststellung dessen, was sich vorfindet, unbeschadet seiner Genese." 

- 352 — 



Es soll der Anfang ni einer Typologie des Lebenslaufs gemacht werden, irni 
später — in einem anderen Werk — theoretische Folgerungen zu ziehen. Bei Be- 
sprechung der Vorarbeiten weist CK. Bühler auf Freud hin, von dem der erste 
Entwurf eine Theorie des menschlichen Lebens stamme auf Grund seiner systema- 
tischen Forschung der Verfehlungen des menschlichen Lebenslaufs. Die bearbeiteten 
Biographien enthalten wertvolles Material auch für den Psychoanalytiker. Genannt 
seien u. a. Mary Baker-Eddy', Ernst von Brücke, Casanova, Goethe, Hebbel, Heine. 
Hölderlin, Kainz, Alexandra Kollontaj, D. H. Lawrence, Leibniz, Lenin, Nansen, 
Nietzsche. Popper-Lynkeus, Rilke, Romain Rolland, J. J. Rousseau, Schopenhauer, 
Albert Schweitzer Tolstoi. Wilde. 

Im Schlußkapitel vergleicht Cb. Biihler das Ergebnis der neuen Lebenslauffor- 
schung mit dem Ergebnis der Phasenforschung Karl B ü h I e rs. Sie schlJeDt aiie 
ihrem Material auf einen parallelen Vorgang zwischen Kindlieit und Jugendenl Wick- 
lung mit dem gesamten Lebenslauf. Charlotte Biihler sieht mehr als Vergleich und 
Analügisierung. Sie vermutet, daß die Komplikationen des P üb ertäts alters durch das 
Ergebnis ihrer Forschung unserem Verständnis neu erschlossen würde. „Die V. Jugend- 
phase, welche das 14. bis jg. Lebensjnhr umfaßt, ist ja zugleich Ansalzstelle der 
11, Lebensphase, die meist zwischen dem 16. und 19. Lebensjahr anhebt. Es begegnen 
sich also in der V. Jugendphase die Tendenzen, die den Abschluß mit Kindheit und 
Jugend verkörpern, mit denen, welche bereits die 11. Lebensphnse anklingen lassen. 
So gehört z. B. das praktische Bedürfnis nach Bewährung und Leistung und die 
ersten persönlichen Bindungen an neue selbslgewählte Menschen in den Aufbau der 
IL Lebensphase, während der Versuch der theoretischen Überschau über Leben imd 
Welt, Vorausblick und Rückblick in eigene Zukunft u-,d Vergangenheit im Zuge der 
Ablösung von Kindheit und Jugend zu verstehen sind, Diese Interferenz, ja Kollision 
zwar fundamentaler Tendenzen des LebenSalifbailS erklärt uns die bisher noch nie 
vöUig einsichtig und durchsichtig gewordene außerordentliche Komplikation des 
Pubertälsallers.^' Es wird dann folgende Hypothese aufgestellt: „Kindheit und Jugend 
stellen, wie s<;hon hiüifig gesellen wurde, einerseits Rekapitulation der Phylogenese, 
andererseits jedoch prospektiv betrachtet, einen Entwurf des Lebens, also der Onio- 
genese dar. Kindheit und Jugend als Ganzes gesehen ist eine Vorwegnähme und eui 
provisorischer Aufriß des Lebens, dem das Leben als die definitive Ai sführung folgt, 
unter Einbeziehung des Entwurfs uls meiner Exposition.'- 

Es scheint dem Referenten, daß diese „neue Hypothese" eigentlich nicht neu sei. 
zumindest eine Umschreibung eines Tatbestandes darstelle, der durch die Freud'sche 
Forschung schon Jahrzehnte zur Diskussion steht. Freud spricht nicht von prospektiv, 
wohl aber von determinierend. Vermutlich erfüllt sich die Hoffnung, die Bern Feld 
(Imago, XIII. Band; aussprach, daß die weitere Lektüre der Psychoanalyse — viel- 
leicht zum eigenen Staunen der Autorin — weiter führende Übereinstimmungen mit 
Freud zeigen werden. Eine psychoanalytische Stellungnahme zum Buch muß her- 
vorheben, daß in ihm — absichtlich — die mannigfaltigen individuellen Umstände 
der einzelnen Entwicklung der Persönlichkeit nicht zur Sprache kommen, und daß 
die Untersuchung allgemeine Erscheinungen und ihre rein formelle Struktur hervor- 
hebt unter bewußter Vermeidung des genetischen Gesichtspunktes. 

Mit großem Interesse erwarten wir das von Charlotte Büliler und ihren Mitar- 
beitern angekündigte weitere Material, auch die Folgerungen, die dann theoretisch 

1) Wie Stefan Zweig in seinem Werk „Heihing durch den Geist", nimmt auch Charlotte Bühler 
an, daß die Gründerin der „Christlichen Wissenschaft" eine Hysterie «ufwies. Genaueres Studium 
des verfügbaren Materials zeigt, Aaü es sicli um eine Psychose (jehandelt haben muß. 

- 353 - 



geaogtjn werden sollen. Wie die früliere Veröffentlichung der Autorin bringt auch 
die vorliegende wertvolle und reichhaltige Kasuistik, zum Teil auch Ergehnisse ex- 
perimenteller Untersuchungen über Grenzfragen der Psychologie und der Biologie. 
Es seien nur hervorgehoben die Abschnitte über Plastizität und Alter, endogene und 
exogene Kurzleben, Fehlhaiidlung und Tod. u 

THROi:)OR RF.IK. Nachdenklidie Heiterkeit. Internationaler psydioanalytisther 
Verlag in Wien. 1933, 123 Seiten. • ■ . ,.■ ■ ■ 

Schon Freud hat in seinem sonnigsten Buche- es entspricht ungefährden, Meister- 
singern« im Schaffen Richard Wagners - darauf hingewiesen, daß irn Hintergrund 
des Witzes oft ihre dunkle Scliwester, das Leid, steht. In Heines berühmtem Witz 
Über die „famillionUre" Behandlung des Hühnerauger Operateurs Hyazinth findet er 
d.e ernsthafte Bitterkeit, die den sich arm und verachtet fühlenden Verwandten quält 
(Oes. Werke IX. 15, 158). in den Judenwitzen die Anspielung auf das mannigfaltige 
hoffmingsJose Elend der Juden (126), in einzelnen Grenzfällen des Witzes tief pessi- 
mistischen Zjmismus (125). Wenn wir uns entsinnen, dal3 die ganz großen Witzbolde 
und Humoristen meistens unter Depressionen litten, so wird uns Freuds Entdeckung 
nicht befremden. 

Reik weitet Freuds Forschungen im Geiste seines Meisters scharfsinnig und kühn 
aus. Der erste Teil seiner Schrift beschlägt das Grenzland des Witzes. Über- 
zeugend begrüßt er im Witzigen den Kollegen, dessen seelenkundliches Wissen der 
akademischen Psychologie noch fehlt .^g). Im witzigen wie im zwangsneurotischen 
Hohne laßt er die Ersparungstendenz und die unierdrückte Aggression eine partielle 
Befriedigung erhalten (22). Ironie und Sarkasmus deutet er als eine Art von Wort- 
kannibalismus (25). Eine Gruppe von Witzen wird als ein unbewußter Besuch im 
Kmderland ausgewiesen (25); auch witziges Versprechen, dieser vertrakte Kobold- 
streich des Unbewußten, fällt unier diese Regression. 

Die Überschrift des zweiten Abschnitts „Aus Scherz wird Ernst" schildert die Er- 
fahrung des Analytikers, wahrend der Witzige und Witzempfänger umgekehrt Ernst 
m icherz verwandelt. Als Motiv des Lachens, dessen man sich schämt- anerkennt 
Reik mit Freu d die Tatsache, daß man durch die Verlockungsprämie der kleine- 
ren Lu.t an der Witztechnik innere Hemmungen überwinden und zu sonst unzugäng- 
lichen Lustquelleu gelangen kann (45J. Der Glaube an die AUmacht der Gedanken 
entpuppt sich als Werkzeug des Witzigen (49), wie auch Ül^errasdumg und Auslassung 
sieb ihm dienstbar machen (58), wobei ein unbewußter Schrecken bewältigt wird Im 
Judenwitz findet Reik gleich seinem Meister melancholische und manische Erschei- 
nungen (79), die das Schicksal der Nation spiegeln, aber auch unbewußte Schuld- 
^fühle ausdrücken können (86). 

Vier Aufsätze (Das Unbewußte in der Zote. Die Zote in Goethes „Faust", Der Tod 
und die Liebe, Humor und Gnade) werden unter dem Titel „Zwischen Schrecken 
und Gelächter" (9,-122) zusammengefaßt. Wenn die These, daß die fromme Schluß- 
szene des „Faust" hinter sublimsten Zielsetzungen eine unbewußte Wunschvision des 
greisen Dichters nach Erektion bringe (108), manche Leser in Entrüstung versetzen 
wird, so versöhnt dafür das Schiußkapitel über Humor und Gnade, welch letztere im 
Sinn einer Art von Selbstbegnadigung verstanden ist. 

Das kleine Rucli erfreut nicht nur durch die Aufdeckung wichtiger Gedanken- 
arbeit und wertvoller biologischer Schutzfunktionen hinter der Lustwirfcung des Witzes, 
sondern auch durch die tiefschürfende und formschöne Weiterführurg der Forschung 
^'""^ "'**=■ Pfister. 

— 354 — 



Chronik 



V. S. A. Am Institut für Psychoanalyse 
in Chicago hielten Ür. Alexander 
und Dr. H o r n e y einen Kurs für Sozial- 
fürsorger und Lehrer, der von 6ig Hörer» 
besucht war. 

ENGLAND. London Institut o£ 
Psychoanalysis veröffentlicht den Bericht 
Über das Studienjahr igS^/sS- ^^^ ^"^- 
wickhuig der Abteilung für Kinder war 
einer der bedeutendsten Fortschritte des 
Instituts. ■"■,.-_... . ' 

SCHWEIZ. Am 25. Februar 1935 
vollendete Pfarrer Dr. O. Pfister sein 
60. Lebensjahr. Der Vorsitzende der 
Schweizerischen Geseilschaft für Psycho- 
analyse, Dr. Philipp Sarasin, begrüßte ihn 
in der Sitzung vom 25. Februar unter leb- 
haftem Beifall der Anwesenden mit fol- 
genden Worten: 

Sehr verehrter Herr Pfarrer! 

Gestatten Sie mir, Ihnen lieute, im Schöße der 
Bereinigung, meine hersHchsten Glückuiünsche 
XU Ihrein bo. Geburtstage zu überreichen. 

Das große und reiche Lehenswerk eingehend 
SU würdigen, auf das Sie zurückblicken dürfen, 
ist wohl jetzt nicht meine Aufgabe. Einige 
Worte personlichen Dankes möchte i^h aber 
doch beisteuern. 

Vor niehr als zehn Jahren konnte man im 
Wartezimmer von Professor Freud photo- 
graphische Aufnahmen verschiedener psycho- 
analytischer Kongresse bemerken, u)Uer deren 
Teilnehmern Sie sich bereits befanden, jener 
fernen Kongresse vor dem Kriege, in jener 
heroisclien psychoanalylisclun Frühwit. 

Bereits SijoS erkannten Sie ja mit sicherem 
Bück, was der geniale Wiener Psychologe :u 
bieten hatte, und hielten ihm durch alle Stürme 
der Zeit getreue Gefolgschaft. 

Als die mannigfachen Ahfnllbewegungen 
einsetzten und die Ziirclu:rische Gesellschaft für 
Psychoanalyse im Jahre 1914 den Bruch mit 
Fr eud vollzog, gab es für Sie kein Schwan- 
ken und Sie setzten sich wieder frisch daßir 
ein, als im Jahre r?'^ die Gründung der heuli- 
gen Schweizerischen Vereinigung gelang, der 
Sie Ihre reichen Kräfte zur Verfügung stellten. 

Zahlreiche Werke sind im Laufe der Zeit 
Ihrer fleißigai Feder entsprungen und gehören 
xwn eisernen Beslarui- der psychoanalytischen 
Literatur. Unzählbar ist aber die Menge sedisch 



Notleidetider, die bei Ihnen Verständnis, Hilfe 
njirf Heilung gefunden haben. 

Wir bewundern an Ihnen Ihre Tatkraß, 
getragen von belebendem Optimismus, wir be- 
wundern den ärztlichen Blick, womit Sie dem 
semitisch Geschädigten erfolgreich beistehen, wir 
beiuund^rn Ihre Beharrlichkeil, mit der Sie 
Fr eud die Treue halten und der Schweize- 
rischen Vereinigung Ihre Kräfte und Ilire Zeit 
opfern. 

Wir daidien Jhiu-n für Ihre zuverlässige 
Hilfsbereitschaft und wünschen Ihnen noch viele 
fruchtbare Jahre. 

IN MULTOS ANNOS. 

(Aui Inf. 7.eitschi: f. Psa. XlXjj, 19}}) 

BASEL. Die Volkshochschule der 
Universität Basel beauftragte den Heraus- 
geber der Ztschr. f. Psa. Päd., Herrn Dr. 
Heinrich Meng, Vorlesungen über 
Pädagogik und Erzieh ungs lehre 
zu halten. Dr. Meng beginnt seine Vor- 
leaimgen in diesem Wintersemester und 
hat seinen Wohnsitz von Frankfurt a. M. 
nach Basel. AugensteinerstraOe 
Nr. ib, verlegt ' ** 

ÖSTERREICH. Der Lehrausschuß 
der Wiener Psychoanalytischen 
Ver e in iguu g hat eben Richtlinien 
für die Lehrtätigkeit herausgegeben. Der 
Lehrgang für Pädagogen be- 
zweckt die Vertiefung des pädagogischen 
Wissens und beruflichen Könnens durch 
das Studium der analytischen Psychologie 
und vermittelt die Erfahrungen, die bis- 
her in der Anwendung der Psychoanalyse 
in verschiedenen Zweigen der Päd- 
agogik erarbeitet wTirden. Der Lehr- 
gang ist zweijährig. Aufnahms- 
bedingung für den ersten Jahrgang 
ist der Nachweis einer pädagogischen 
Berufsvorbildung und einer längeren 
praktischen pädagogischen Betätigung. 
Aufnahmsbedingimg für den zweiten 
Jahrgang ist der Nachweis erfolgrei- 
cher Teilnahme am ersten Jahrgang oder 
entsprechender psychoanalytischer Vorbil- 
dung. Für die Absolventen des zweiten 
Jahrganges, die eine eigene Analyse 



- 355 - 



(Pädagogenanalyse) durchgemacht 
haben, stehen die dauernden pädagogisch- 
analytischen Fortbildungsinsti tu- 
t i o 11 e 11 fArbeitsgemeinschaften, Semi- 
nare, Erziehungsberalung) oifen. 

Der pädagogische Lehrgang setit sich 
demnach folgendermaßen zusammen : 

a) Theoretisch-praktische Ausbildung. 
Kr st er Jahrgang. 
Eiiifiihriiiigskurse : 

1. Teil: Einführung in die Psychoanalyse, 

2. Teil: Psa. Kinderpsychologie, 

g. Teil: Übersicht über die psa. Pädagogik. 
Seminar: Lektüre Freudscher Schriften. 

Zweiter Jahrgang. 

Seminare: Besprechung praktischer Fälle 
in pädagogischen Fachgruppen. 

Kurs: Einführung in die Eriiehiuigs- 
berutung. 

Seminar: Die Einwände gegen die Psycho- 
analyse. 

bj Fortbildung: 

Seminar für Eniehungsberater, 
Praktikum der Eriiehungsberatung 

{in Gruppen), 
Seminar für Pädagogen. 



Das Programm dts fVintersemesttrs 

enthält für Pädagogen folgende Spezial- 

veranstaltungen; 

5. Bemfeld: Einführung in die Psycho- 
analyse (für Studenten. Pädagogen, Aka- 
demiker), zehnstündig. Dienstag 8 bis g Uhr 
abends. Beginn; lo. Oktober (IX.. Pelikan- 
gasse i8). 

A. Aichhorn: Einführung in die Erzie- 
hungsberatung. Jeden zweiten Montag um 
8 Uhr abends. Beginn: -3. Oktober {IX.. 
Pelikangasse 1 8) . 

A. Aichhorn: Seminar für Erziehung'^- 
berater. Jeden zweiten Montag um 8 Uhr 
abends. Beginn: 50. Oktober 'I., Bürseg. 11'. 

A. Aichhorn^ S. Bernfcld, Anna Freud, 
W. Hoffer: Seminare zur Besprechung pj ak- 
tischer Fälle. In pädagogischen Fachgrup- 
pen. Näheres wird noch bekanntgegeben. 

A. Aichhorn, fV. Hoffer, Editha Surba : 
Praktikum der Erziehimgsberatung 'in 
Gruppen). Jeden Donnerstagvon 6 bis 8 Uhr 
abends. Beginn wird noch bekanntgegeben 
(Wasagasse 10). 

H'/fo^r .-Seminar für Pad;igügeii, Jeden 
zweiten Dienstag um 9 Uhr abends. Be- 
ginn: 24. Oktober il., Börsegasse 11). 



«""«""""'i' "iii'iHffliiMiiiiiitmniiiiiiiiiitimiiiiiiiiniiiifiiniinifliiniiiiim 

- 356 - 



Sonderliefle 

der „Zeitsdirift für psydioanalytisdie Pädagogik" 


Sexuelle Aufklärung 

(= I. Jg., Heft 7S—9) 
Mark 2,50 

Enthalt 17 Beitrüge von Bernfeld, Friadjung, Graber, 

Hitschiuanii, Hollös, Landauer, Liertz, Meng, Reich, 

Schneider, Wollfheim, Znlliger u. a. 


Stottern 

(= 11. Jg.. Heft 11—12) 

Mark 2, — 

Aas dem Inhalt: Schneider: Über den Sinn des 

Stotterna — Gräber: Redehemmang and Anal- 

orotik — C r i a t: Die VerbUluag des Stotterna — 

nsv. 


Erziehungsberatung 

(= VI. Jg.. Heft 11—12} 
Mark 2. — 

Mit Beitragen von Alchhorn, Hoffcr, Ked), Sohikola, 
Sterba, Zulliger 


Spielen und Spiele 

(= VI. Jg.. Heft 5—6) 
Mark 2. 

Hit Beitrügen von Burlingbam, Hoffor, Nnnberg. 

l'ipal, Ruubiczek, Schneider, W&lder, Wül^heiu, 

ZuUiger u. a. 


Die PsychoanalysB 
des Kinderzimmers 

Von Alice Bdlint 
(= VI. Jg., Heft 213) 

Mark 2 


Intellektueiie Hemmungen 

(= IV. Jg.. Heft 11—12) 

Mark 2. 

Ana dem Inhalt: Federn: Psychoanalytische Auf- 
fassung der intellekliiellen Hemmung — Her- 
mann: Begabtbeit nnd Vnbegabtbcit — B o r n- 
atein: Sextial- und Intel leltlhem mang — Sterne 
Episodische Dummheit einur lejUbrigen — usw. 


Sterba: Einführung in die 
psycboanalyt. Libido/ehre 

(= V. Jg., Heft 2—3) 

Mark 2, — 

Aus dem Inhalt: I) Tiioblehra — II) Seiualtheorlo — 

111) Triebe cliit-kealo — IV) Wieder holunganwang and 

Tödoa trieb 


Menstruation 

(= V. Jg., Heft 5-6) 

Mark 2, 

Ana dein Inhalt: Hornoy; Pramenatroolle Vor- 

stinmiungen — Landauer: Menatruationserlabnia 

des Knaben — Cbadvick: Menetrnatlonsangst — 

P i p a I: Wie es bei Hanei war — nsw. 


Verlag der „Zeitsdirift für psydioanalytisdie Pädagogik" 

Wien 1, In der Börse 



ANNA FREUD 

Einführung in die Psychoanalyse 

für Pädagogen 

100 Seiten Kl. 8° Kartoniert RM. 3-50 

I N HALT: 



ERSTER VORTRAG: 

Die infantile Amnesie und der 
Oedipuskompi ex. 



ZWEITER VORTRAG: 

Das infantile Triebleben. 



DRITTER VORTRAG: 

Die Latenzperiode. 



VIERTER VORTRAG: 

Die Beziehungen zwischen Psychoanalyse 
und Pädagogik. 



Anna Freud ist vielleicht die geschickteste Interpretin, 
die ihr Vater gegenüber den Pädagogen finden konnte. 
Sie hat eine große praktischeErfahrung und eine glück- 
liche Art, Erfahrungs- und Forschungsergebnisse in 
einfach er Form darzustellen. Vielleicht gelingt es gerade 
diesem Buch, durch seine Schlichtheit weitere Kreise 
praktischer Pädagogen überhaupt erstnial zu ernst- 
hafter Beschäftigung mit der Psychoanalyse anzuregen. 

Djjs Pf'rrdende 7.eitaltei\ 

VERLAG HANS HUBER, RFJIN 



EJgentümei, Herauigcbcr und Verleger; Intecnalionaler PsychoanalyüSL-her Verlag. GeielhqhBft m.b.H., Wien 1, Börse- 
gasse n. — Verantwortlicher Hedakleur: Dr. Wilhelm Hoffer, Wien IX. Luslkandlg, 12. Druck von Emil M. Eneel. 
Druckerei und Ver1a£Sanstnlt. ^^»Pn 1, In der Bbrse, 



ANNA FREUD 

Einführung in die Psychoanalyse 

für Pädagogen 

100 Seiten Kl. 8° Kartoniert RM. 3-50 



INHALT: 



ERSTER VORTRAG: 



Die infantile Amnesie und der 
Oedipuskomplex. 



ZWEITER VORTRAG: 



Das infantile Triebleben. 



DRITTER VORTRAG: 



Die Latenzperiode. 



VIERTER VORTRAG: 



Die Beziehungen zivischen Psychoanalyse 
und Pädagogik, 



Anna Freud ist vielleiclit die gesciiickteste Interpretin, 
die ihr Vater gegenüber den Pädagogen finden konnte. 
• Sie hat eine große praktische Erfahrung und eine glück- 
liche Art, Erfahrungs- und Forschungsergebnisse in 
einfacher Form darzustellen. Vielleicht gelingt es gerade 
diesem Buch, durch seine Schlichtheit weitere Kreise 
praktischer Pädagogen überhaupt erstmal au ernst- 
hafter Beschäftigung mit der Psychoanalyse anzuregen. 

Das fVerdtndt Zdtalur. 

VERLAG HANS HUBER, BERN 



EigEntümet, HGrEmgeher und Verleger: Internationaler PsychoanolyÖ seh er Verlag, Gesellschaft m.b.H., Wien I. Börie- 

gESSe II, — Verantwortlicher Redakteur; Dr. Wilhelm Hoffer, Wien IX, Lunkondlg. 13. Druck von Emil M, Engel, 

Druckerei und Verlagsanstalt. Wlpn I, In der Börse. 




August-September 1933 Nr. 8|9 



Zeitsdirift für 
psychoanalytische 

Pädagogik 



Ermt Schneider . 

Margaret E. Fries 

Kiara Hof Steuer . 
Steff Bornstein . . 

Marj Chadwick. 

Richard Sterba . . 



Neurotisdie Depression 
und Stehlen 

Beispiele der Spieltedinik in der 
Analyse des Kleinkindes 

Gebetzwang einer Vierzehnjährigen 

Ein Beitrag zur Psydioanalyse 
des Pädagogen 

Kindheitserlebnisse 
von Pflegerinnen 

Über den Ödipuskomplex beim 
Mäddien 



Erzieiiung und Kindergarten - Budibesprediungen - Chronik 



Preis dieses Heftes Mark 2*—