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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik VI 1932 Heft 10"

VI. Jahrg. 



Oktober 1932 



Nr. 10 



Zeitschrift für 

psychoanalytische 

Pädagogik 



Anna Freud Erzieher und Neurose 

Estelle levj Psychoanalyse eines Kindes 

mit Stehlzwang 

Ricßard Sterba , . . Zur Theorie der Erziehungs- 
mittel 

Irma Hift»$chnierer . Kinderliebe 

Marianne Kris . . , Ein Märdienstoff in einer 

Kinderanalyse 



Preis dieses Heftes Mark 1* — 



eftschrift für psychoanalytische Pädagogik 

gründet von Heinrich Men g „nd Ernst Schneider 



August Aichhorn 

Wien V, Schönbrunnerstraße 110 



Herausgeber 



Dr. Paul Federn 

Wien VI, Kösf lerpasse 7 

Dr. Heinrich M e n e Prof Hr f™„* c l 
Frankfurt » m vr ' ™, Ur. hrnst S c h n e d 

■ turt a - M. Marlenstraße 15 



er 



Stuttgart, Gansheidestraße 47 

Schriftleiter: 
Dr. Paul Federn, Wien VI, Köstlergasse 7 



Anna Freud 

W i e n IX, BergfrMM: 19 

Hans Zul liger 

1 1 t 1 n g e n bei Bern 



12 Hefte jährlich M, 10'- s<W. Frk. 12'50, österr. S 17'- 
EJnzelheft M. 1'- (sdiw. Frk. 1-25, österr. S 170) 

Geschäftliche Zuschriften bitten wir zu rlditen an . 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I, In der Börse 



Zahlungen für die „Zeitschrift für psychoanalytisch,. P u ^ ■ 

Po. tS d,e Ak „„ t , des ., nterna « „ alen P 8yd , oanalyflsdleii ta 

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Din. 136-— 

ZI. 2VJ0 

Lat. 12-30 

hfl. 6'~~ 

dän. Kr X2.JO 



Bei Adreasenänderungcn bitte» wir, freundlich auch den b is h eri , en W,l 
bekanntgeben, denn die Abonnentenkartei wird na* dem OrtiÄ'" 

Namen geführt. m 




Wir bereifen das Sonderheft „Die Angst des Kindes« vor und bitten 

unsere Mitarbeiter, Beiträge dafür rechtzeitig einzusenden 
Das Sonderheft „Erziehnngsberatn»*'' erscheint als nächstes Heft (U/12) 

dieser Zeitschrift 



I 



ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



VI. Jahrgang 



Oktober 1932 



Heft 10 



(Erschienen unter 



Erzieher und Neurose 

Von Anna Freud 

dem Titel „CorwerrängChüd- Analyst in Survey Graphic, 

September 1932) 



Während des letzten Jahrzehnts wird innerhalb und außerhalb der 

V ^tischen Vereinigungen immer wieder das Problem der Laien- 

^"f ° fuCworfen Man Sil zur Entscheidung kommen, wem die 

" ', Wüschen Institute die Möglichkeit geben sollen, sich eine grund- 

K l Ireüthe und praktische Ausbildung zu holen, d. h. wer d,e 

Berechtigung auszuüben. Die Einstellung der einzelnen 

T n alX - di e g Frage, die Ansicht der breiteren Öffentlichkeit und 
Äc" die Gesetzgebung der verschiedenen Lander schwankt immer 
8d S Aschen zwei einander entgegengesetzten Anschauungen. Die eine 
"teme Auffassung vertritt die Meinung: die psychoanalyt 1S che Iherapxe 
^Tje alle Therapie - eine rein ärztliche Angelegenheit ; *•»*»" 
■ S ei ne Erkrankung der menschlichen Seele, die an Schwere und Bedeut- 
et der körperlichen Erkrankung gleichzusetzen und außerdem auf vielen 
Sa Heimen Wegen mit ihr verbunden ist; der Laienanalytiker ist einer 
fZZZritom und einer richtigen Einschätzung während der Behand- 
1 « interkurrierender körperlicher Krankheiten niemals gewachsen, und 
Le Neurosentherapie, die nicht auf eine gründliche Kenntnis der gesamten 
HeUkunde gestützt ist, bedeutet allzu oft eine Gefährdung des Patienten, 
im Gegensatz dazu sträubt sich die extreme Auffassung der anderen Seite 
energisch gegen die Gleichsetzung der Neurose mit den körperlichen 
Erkrankungen. Sie sieht in der Neurose vor allem eine soziale ^"ung, 
!ln Laub! des Individuums gegen die Forderungen der GeseUschaft, die 
rnU den Ansprüchen seines eigenen Trieblebens in Konflikt geraten. Sie 
"eht nicht ein, inwieweit die Schulung des Analytikers m Anatomre, 
Physiologie und Pathologie ihm helfen soll, den Patienten zu veranlassen, 
sich mit diesen Anforderungen und dem neurotischen Konflikt, der aus 



Zeitschrift f. psa. Päd., VI/io 



- 393 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




ihnen entspringt, in normalerer Weise auseinanderzusetzen. Sie meint, daß 
die Schwierigkeit der Diagnosestellung und der Behandlung etwa auftretender 
körperlicher Komplikationen durch die Zusammenarbeit mit einem Arzt 
zu losen ist; un d schließlich, daß die Kompetenz des Laienanalytikers 
groß genug bleibt, auch wenn sie auf der einen Seite bei Übergangszu- 
standen von der neurotischen zur organischen Erkrankung, an der andern 
Seite bei Übergangszuständen von der neurotischen zur psychotischen 
Erkrankung zu Ende geht. 

Daß diese beiden Anschauungen heute in der psychoanalytischen Welt 

nebeneinander existieren, ohne daß der Widerspruch zwischen ihnen 

vorläufig zu einer Lösung gebracht worden wäre, wirkt aber nicht störend 

sondern im Gegenteil aneifernd und belebend auf die Ausgestaltung des 

analytischen Unterrichts. Von der zuerst geschilderten „ärztlichen" Auffassung 

der Psychoanalyse gehen alle jene Bemühungen aus, die darauf hinzielen 

die Psychoanalyse in der medizinischen Wissenschaft heimisch zu machen' 

Die Analytiker, die in dieser Richtung arbeiten, wollen durchsetzen, daß 

die Psychoanalyse an der medizinischen Fakultät der Universitäten wie ' 

anderes medizinisches Spezialfach gelehrt wird. Solange das nicht geschiehT 

halten sie selber im Rahmen der psychoanalytischen Lehrinstitute Kurse 

für Ärzte aller Spezialfächer ab, um sie zu lehren, mit Hilfe der analytische 

Erkenntnisse den neurotischen Anteil an den körperlichen Krankheiten 

festzustellen Sie legen ganz besonderen Wert auf eine immer er l r e 

Zusammenarbeit zwischen Psychoanalyse und Psychiatrie, wollen erreich n 

daß jeder Psychiatiker eine mehr oder weniger gründliche Kenntnis d^ 

Analyse erwtrbt und wurden es nicht ungern sehen, daß jeder Analytik" au ch 

die Befähigung nachweisen kann, als psychiatrischer Facharzt zu IZ 

Im Gegensatz dazu veranlaßt die andere, die „soziale« Auffassung d "r 

Neurose, ihre Vertreter em Interesse für die Kenntnis der Psych oanaW 

bei allen jenen Berufsklassen zu wecken und zu fördern, die direkt oZ 

indirekt mit der Beeinflussung oder Beurteilung von Menschen oder m ? t 

den Wechselwirkungen zwischen Individuum und Gesellschaft zu tun 

haben: also etwa bei den Erziehern, den Fürsorgern, den Seelsorgern und 

den Richtern. Sie wollen sie, je nach den speziellen Bedürfnissen ihres 

Berufes befähigen, vorbeugend oder heilend zu wirken, vor allem aber der 

Ausübung dieser Berufstätigkeilen eine neue und vertiefte Kenntnis des 

menschlichen Wesens, wie sie sich aus der psychoanalytischen Psychologie 

ergibt, zugrunde legen. Sie legen begreiflicherweise vor allem Wert auf 

die Verbreitung theoretischer psychoanalytischer Kenntnisse unter den 

Angehörigen dieser Berufe, sind aber gleichzeitig bereit, Vertreter dieser 

Berufsklassen auch praktisch zur therapeutischen Arbeit an Neurotikern 

auszubilden. 

Verfolgen wir die Einstellung der Außenwelt zu dieser nach zwei 
verschiedenen Seiten gerichteten Lehrtätigkeit der psychoanalytischen Institute, 
so stoßen wir auf einen sonderbaren Widerspruch. Die Ausbildung von 

- 394 - 



■■ 



Ärzten zu Psychoanalytikern gilt als die Grundlage der Tätigkeit der Institute, 
sie steht nicht zur Diskussion und wird von der Gesetzgebung aller Länder 
als Selbstverständlichkeit akzeptiert. Aber der Andrang der ärztlichen und 
besonders der psychiatrischen Ausbildungskandidaten ist ein durchaus mäßiger, 
der die Möglichkeiten der analytischen Lehrinstitute nicht übersteigt. Die 
gefühlsmäßigen und wissenschaftlichen Widerstände gegen die neue Wissen- 
schaft der Psychoanalyse sind in den offiziellen medizinischen Schulen 
noch fest verankert und lassen, wenigstens in Europa, nur einen langsamen, 
allmählichen Zuzug von Ärzten zur psychoanalytischen Bewegung Zustande- 
kommen. Dagegen kommt dem psychoanalytischen Unterricht aus den 
Kreisen der oben angeführten Laienberufe das regste und von Widerständen 
fast gar nicht gehemmte Interesse entgegen. Wäre die Frage des Laien- 
unterrichts nicht so umstritten, würde sie nicht in manchen Ländern 
durch die Strenge der Gesetze aufs äußerste beengt und eingeschränkt, so 
würde die Fülle der zur Ausbildung freudig bereiten Laienkandidaten die 
psychoanalytischen Lehrinstitute in wenigen Jahren in einer für das Gleich- 
gewicht zwischen den beiden Richtungen bedenklichen Weise überschwemmen. 

Unter den oben aufgezählten Berufen sind es vor allem zwei, die sich 
von einer Unterweisung in der Psychoanalyse eine starke Förderung ihrer 
eigenen Tätigkeit versprechen und ihren dringenden Anspruch darauf in 
überzeugender Weise zu begründen verstehen : die Erzieher und die 
Fürsorgeerzieher und Heilpädagogen. Beide machen geltend, daß ihre Arbeit 
direkt darin besteht, Veränderungen an menschlichen Individuen zustande 
zu bringen, daß sie bei dieser Arbeit dem Problem der Neurose nicht 
ausweichen und deshalb ohne die Erklärungs- und Beeinflussungsversuche 
der Psychoanalyse auf die Dauer nicht auskommen können. 

Wir haben allen Grund, diese Einstellung — erst einmal die der Pädagogen — 
ernst zu nehmen, wenn wir uns vor Augen halten, daß die Psychoanalyse 
als erste einen Zusammenhang zwischen Neurose und Erziehung aufgedeckt 
hat. Die Neurose — heißt es, wie oben ausgeführt, in der Psychoanalyse — 
entsteht aus dem Kampf zwischen zwei einander widersprechenden Mäch- 
ten: den aus dem Innern stammenden triebhaften Wünschen des Indivi- 
duums einerseits und den ursprünglich aus der Außenwelt kommenden 
Verboten und Einschränkungen anderseits, die die Befriedigung dieser 
Wünsche betreffen. Den privaten und öffentlichen Erziehern, d. h. den der 
Familie an gehörigen wie den vom Staat angestellten, fällt dabei die Auf- 
gabe zu, dem unreifen Individuum gegenüber die eine Seite, die Forde- 
rungen der Außenwelt, also die Triebverbote und Triebeinschränkungen 
zu vertreten. Das Kind ist darauf eingestellt, unaufhörlich auf die Erfül- 
lung seiner Triebbedürfnisse hinzuarbeiten. Der Erzieher ist verpflichtet, 
die Triebbefriedigungen zu stören, zu erschweren und in vielen Fällen zu 
verhindern. Er erfüllt sein Amt dem kleinen Kinde gegenüber durch tat- 
sächliche Eingriffe und Handlungen, dem größeren Kinde gegenüber durch 
eine lang andauernde psychische Beeinflussung, die darauf ausgeht, das 



395 - 



28' 



Kind die Anerkennung der Forderungen der Außenwelt und die Unter- 
werfung unter sie zu lehren. Seine Funktion ist geglückt, wenn im Innern 
des Kindes das Gewissen oder Über-Ich lebendig geworden ist, eine Instanz, 
die diese Forderungen selbst akzeptiert, vertritt und den Trieben gegen- 
über geltend zu machen versteht. Zwischen dieser seelischen Instanz und 
den Trieb wünschen des Kindes können jetzt dieselben Kämpfe entbrennen, 
die sich vorher oft genug zwischen Erzieher und Kind abgespielt haben. 
Ist dieses Gewissen oder Über-Ich zu unverträglich, streng und unnach- 
sichtig, so erkrankt das Individuum an den Folgen des Konflikts zwischen 
ihm und seinen Triebwünschen. Man möchte sagen, der Erzieher ist mit- 
schuldig an dieser Erkrankung, die ohne seine Arbeit für den Aufbau des 
Über-Ichs nicht möglich gewesen wäre. 

Aber die Erzieher wissen zu ihrer Verteidigung gegen diesen Vorwurf 
verschiedenes zu sagen. Sie bringen vor, daß sie nicht selbständig arbeiten 
sondern bei dem Unternehmen der Kindererziehung nicht viel mehr sind' 
als die Handlanger. Der Inhalt der Gebote und Verbote, die sie dem Kinrl 
übermitteln, ist nicht von ihnen gemacht, sondern von der Gesellschaft 
die sie anstellt oder, wenn sie Eltein sind, beauftragt. Jede erwachsene 
Gesellschaft hat ein Interesse daran, ihren jeweiligen Stand an Ideale 
Sitten und Gebräuchen auf die nächste Generation zu übertragen und be- 
dient sich zur Ausführung dieser Absicht eben der Erzieher. Die Erzieh 
meinen, sie haben das Recht, jede Verantwortung für die Folgen ihrer 
Arbeit abzulehnen, vorausgesetzt, daß diese Folgen nicht aus den Mitteln 
entspringen, mit denen sie arbeiten, sondern sich aus dem Inhalt der Forde- 
rungen ergeben, die sie an das Kind stellen müssen, also aus dem ihnen 
aufgetragenen Erziehungsziel. 

Die Erzieher, die sich an die Psychoanalyse um Hilfe wenden, machen 
geltend, daß es gerade das Studium der von der Psychoanalyse neu ent- 
deckten Tatsachen über das Trieb- und Seelenleben des Kindes ist daß 
dieser Art einer untergeordneten und verantwortungsfreien pädagogischen 
Arbeit ein Ende machen würde. Für Staat und Gesellschaft ist der Inhalt 
der Forderungen, denen die nächste Generation unterworfen werden soll 
das Feststehende und Gegebene; psychologische Rücksichten spielen bei 
dem Aufstellen des offiziellen Erziehungsprogramms die geringste Rolle. 
Aber die Erzieher wurden durch ihr neues Wissen in Stand gesetzt, den 
ihnen gegebenen Auftrag mit ihrer Kenntnis der seelischen Struktur des 
Kindes zu vergleichen und auf seine Durchführbarkeit hin zu prüfen. Sie 
wären dann fähig von vornherein zu erkennen, welche der Gebote und 
Verbote, die sie vor den Kindern zu vertreten haben, vom psychologischen 
Standpunkt aus unsinnig, das heißt mit dem Wesen des Kindes unvereinbar 
und deshalb krankmachend sind. Statt blinde und willenlose Ausführungs- 
organe zu sein, würden sie lernen, Kritik an ihren Auftraggebern zu üben 
und der gesellschaftlichen Gegebenheit des Erziehungsziels die psychologische 
Gegebenheit des kindlichen Wesens als gleichberechtigt entgegenzuhalten. 

- 396 - 



Was für die Erzieher zutrifft, gilt dann in noch gesteigertem Maße für 
die Fürsorgeerzieher und die Heilpädagogen. Die Fürsorgeerzieher arbeiten 
mit „schwierigen" Kindern oder Jugendlichen, denen es nicht gelingen 
will, die eigenen Triebwünsche mit den Verhältnissen in der Außenwelt 
in irgendeine Übereinstimmung zu bringen. Sie sind in Folge des unge- 
lösten Konflikts eingeschränkt, unfähig und unbrauchbar, oder auch gegen 
die Außenwelt revolutionär und dissozial. Man erwartet von den Fürsorge- 
erziehern, daß sie nachholen, was den Erziehern mißlungen ist und Indi- 
viduum und Außenwelt einander anpassen. Aber ihre Arbeit hat nur dann 
Aussicht auf Erfolg, wenn beide Parteien, die miteinander versöhnt werden 
sollen, sich beeinflußbar zeigen. Eine Prüfung der Situation, zu der der 
Fürsorgeerzieher gerufen wird, ergibt gewöhnlich, daß der Druck der Außen- 
welt, unter dem das betreffende Kind oder der Jugendliche steht, ein un- 
gerechter und unerträglicher ist. Der Fürsorger versucht vor allem, die er- 
wachsene Umgebung des Kindes in verständiger Weise zu beeinflussen oder 
auch die materielle Not zu verringern, wenn sie die Entbehrungen ins 
Unerträgliche gesteigert hat. Im günstigen Falle ermäßigen sich daraufhin 
die abnormen Äußerungen des Kindes, das sich der geringeren Anforderung 
gegenüber leichter zugänglich zeigt. Der so erreichte Erfolg ermutigt wieder 
die Ehern zu einem weiteren Entgegenkommen, das schließlich, bei mehr- 
maligem Nachgeben auf beiden Seiten zu einer völligen Losung der Kon- 
flikte führen kann. 

Merkwürdigerweise aber laßt sich dieser erwünschte und in seinem Her- 
gang leicht verständliche Erfolg in der Mehrzahl der Fälle trotz lang- 
wieriger und kostspieliger Bemühungen durchaus nicht herbeiführen. Der 
Fürsorger ist darauf vorbereitet, daß nicht jedes Elternhaus einer aufklärenden 
Beeinflussung zugänglich sein kann. Vorurteile, Krankheit, Dissozialrtäl 
oder Kriminalität der Eltern schließen die notwendige günstige Verände- 
rung im erziehlichen Verhalten dem Kind gegenüber oft von vornherein 
aus. In solchen Fällen ist die Fürsorge zu energischeren Maßnahmen bereit. 
Sie entfernt das Kind aus dem Elternhaus, bringt es in Pflegefamilien 
oder geeignete Erziehungsanstalten und entzieht, wenn notwendig, den un- 
geeigneten Erziehern sogar auf gesetzlichem Wege die elterliche Gewalt 
und jede Möglichkeit zur Fortsetzung der schädlichen Beeinflussung. Die 
Herstellung der günstigen äußeren Situation wäre damit gesichert. Worauf 
der Fürsorger gewöhnlich nicht vorbereitet ist, ist die Tatsache, daß diese 
Veränderung der äußeren Situation auch ganz ohne Wirkung bleiben kann. 
Wenn der Konflikt zwischen Triebwunsch und Einschränkung kein äuße- 
rer mehr ist, der sich zwischen dem Kind und seinen Erziehern abspielt, 
sondern schon im Innern zwischen der Gewissensinstanz, die die Rolle des 
Erziehers übernommen hat und dem übrigen Ich des Kindes vor sich »eht 
dann ist alle Arbeit an der Außenwelt des Kindes vergeblich. Das Kind 
reagiert auf jede Umgebung so, als wäre es die ursprüngliche, auf jede 
Erleichterung und Gewährung so, als stünde es noch immer unter dem 

- 397 - 



Druck der früheren Versagung. Es hat durch seinen inneren — neuroti- 
schen — Konflikt die Fähigkeit zur Anpassung verloren und wird sie erst 
wiedergewinnen, wenn seine Neurose geheilt ist. Der Fürsorgeerzieher, der 
nicht auch Neurosen zu heilen versteht, ist hier mit seinen Möglichkeiten 
zu Ende. 

Die ErzieheT, Fürsorgeerzieher und Heilpädagogen stehen alle vor Auf- 
gaben, für die sie bisher in keiner Weise ausgerüstet waren. Die Erzieher 
sollen, wie wir gehört haben, vorbeugend wirken, Fehler vermeiden, und 
die Neurosen, bei der Generation, die sie aufziehen, dadurch an Zahl herab- 
setzen, daß sie sich wenigstens auf die notwendigen Härten der Erziehung 
beschränken und die überflüssigen vermeiden. Die Fürsorgeerzieher und 
Heilpädagogen sollen Schäden, die nicht vermieden werden konnten, zu 
heilen versuchen. Wenn die Erzieher ein Recht darauf haben, von der 
Psychoanalyse Kenntnisse vermittelt zu bekommen, die ihnen die Kritik an 
der eigenen Arbeit ermöglichen, so verlangen die Heilpädagogen nicht zu viel, 
wenn sie für die Bedürfnisse ihrer Arbeit auch in die psychoanalytische 
Behandlungsmethode, wenigstens die Behandlungsmethode für Kinder, ein- 
geführt werden wollen. 

Vielleicht liegt es an diesem aus der Außenwelt andrängenden erwar- 
tungsvollen Interesse, daß innerhalb der psychoanalytischen Vereinigungen 
in den letzten Jahren die Kinderanalyse eine überraschende Entwicklung 
und eine Veränderung ihrer Stellung durchgemacht hat. Noch vor einem 
Jahrzehnt waren die Versuche zur direkten psychoanalytischen Arbeit mit 
Kindern vereinzelte Kuriositäten. Heute gibt es eine ganze Anzahl von 
Analytikern, die sich mehr oder weniger ausschließlich mit diesem Gebiet 
beschäftigen. Im Laufe der Arbeit und Forschung haben sich zwei in der 
Technik ziemlich scharf von einander geschiedene Richtungen der Kinder- 
analyse herausgebildet, die von Melanie Klein in London einerseits und 
von mir in Wien anderseits vertreten und gelehrt werden. 

Die Kinderanalyse hat es sogar in der letzten Zeit in der Einschätzung 
bei Außenstehenden zu einer Selbständigkeit gebracht, auf die sie vielleicht 
gar kein Recht hat. Als Spezialität und Modifikation innerhalb der Analyse 
läßt sie sich am ehesten der psychoanalytischen Psychosentherapie, wie sie 
bei Dr. Simmel in Berlin geübt wird, oder der psychoanalytischen Be- 
handlung der Dissozialität, wie August A ich hörn sie lehrt, an die Seite 
stellen. Aber die nähere Überlegung zeigt, daß sie diesen beiden an Selb- 
ständigkeit durchaus nicht gleichkommt. Bei der Psychosen- und der Ver- 
wahrlostentherapie handelt es sich um eine Erweiterung des Anwendungs- 
gebietes der analytischen Therapie, von der Neurose, auf die sie anfangs 
beschränkt war, auf andere pathologische Zustände, die ihr bis dahin nicht 
zugänglich waren. Die veränderten, oft geradezu entgegengesetzten psychi- 
schen Mechanismen, die diesen Erkrankungen zugrunde liegen, führen 
zu den Veränderungen an der klassischen analytischen Technik, die die 
beiden Spezialtherapien aufweisen. Die Kinderanalyse ist aber ebenso wie 

- 398 - 



m 



che Erwachsenenanalyse eine Neurosentherapie. Sie arbeitet ebenso wie die 

und der Deutung der Übertragung, um einen neurotischen Konflikt zu 
losen. Sie ist «n Grunde durchaus keine Neuerung. Auch ehe die Analy- 
tik« sich mit allen möglichen Hilfsmitteln direkt mit kleinen Kindern L 
Verbindung gesetzt haben, ist die Analyse der Kindheit Ziel und Zweck 
jeder analytischen Behandlung gewesen. Die analytische Forschung hat 
aufgedeckt, daß jede Neurose des erwachsenen Lebens eine Neurose der 
Kindheit zum Vorläufer hat. Die erwachsene Neurose wäre ohne ihr Vor- 
spiel im infantilen Leben nicht möglich. Aber die Kinderneurose, die mit 
zur Entwicklung gehört, kann von selbst heilen, auch ohne zum Anlaß 
für eine spatere Erkrankung zu werden. Die analytische Therapie hat es 
seit langem als ihre Aufgabe erkannt, von der Neurose unter der der er- 
wachsene Patient leidet, den Weg zurück zur infantilen Neurose zu ver- 
folgen. D.e Heilung der Neurose des erwachsenen Lebens ist erst dlnn 
gesichert, wenn der „eurotische Konflikt der Kindheit in der Rückschau 
aufgelöst wird. ^ucis.scnau 

steh^da^rrf ^ T iSChen Kinderan % se ™d Erwachsenenanalyse be- 

tne H , S -l infantUe NeUr ° Se direkt "**t oh - lK mon- 

tane Heflung oder ahre spätere Wiederkehr in der Erwachsenheit abzuwarten 

Sie hat den Vorteil daß sie als frisches, rezentes Material kennen lernt 

JchichT l f handIUn / dGS E -achsenen erst von vielen dar übergelagerten 
Schichten befreit, mühsam ausgegraben und aus Verzerrungen und Ent- 
stellungen rekonstruiert werden muß. Der Rückweg zu den frühzeitigen 
krankmachen b E Rissen, zu denen sie sich hinarbeiten muß, zu Ln 
Erfahrungen des Oedipuskomplexes und der Kastrationsangst, zu den ersten 
Liebesenttau,chun fi en und Versagungen, die wiederbelebt werden sollen ist 
unvergleichlich kürzer. Dafür aber arbeitet sie mit einem in seinem Urteil 
und semer Intelligenz noch ungereiften Patienten, der nicht wie der Er- 
wachsene imstande ist, sich mit dem Analytiker in die mühsame therapeu- 
tische Arbeit zu teilen. Die verdrängten Erlebnisse, zu denen sie sich nin- 
tasten soll, liegen näher, aber die Spuren, die zu ihnen führen, sind noch 
weniger deutlich zu erkennen als in den späteren Jahren, in denen das 
mimer weuer fortschreitende Mißlingen der Verdrängung uns Anhaltspunkte 
für unsere analyt,sche Suche liefert. Die sprachliche Ausdrucksfähigkeit i st 
weniger gut ausgebildet, die symbolische Ausdrucksweise in Handlungen 
die man zum Ersatz nehmen möchte, ist noch stärkeren Anzweiflungen 
ausgesetzt als der sprachliche Ausdruck. Dazu kommt, daß man mit einem 
in fortwährender Verwandlung begriffenen Patienten arbeitet, der Entwick- 
lungsschüben ausgesetzt ist, die die notwendige Ruhe und Gleichartigkeit 
der Situation, die wir für die analytische Arbeit brauchen würden, erap- 
nndlich stören. " 

Trotz dieser Erschwerungen soll der Kinderanalytiker an der infantilen 
Neurose dieselbe Arbeit leisten, die der Analytiker des Erwachsenen an der 

- 399 - 



späteren Neurose zustande bringt. Es muß ihm gelingen, hinter der Angst, 
den Hemmungen, den phobischen oder zwangsneurotischen Erscheinungen 
des Kindes den neurotischen Konflikt aufzudecken, der diese Krankheits- 
erscheinungen erzeugt. Das heißt, er muß die beiden streitenden Parteien 
imden, die verschiedenen Anteilen der kindlichen Person angehören: ein 
Drängen nach Befriedigung eines Wunsches, das aus dem Triebleben kommt, 
und eine Versagung, die das Über- Ich des Kindes diesem Trieb verlangen 
entgegengesetzt hat. Er muß aufdecken können, mit welchen psychischen 
Mitteln, der Verdrängung, der Verleugnung, der Flucht, diese beiden 
Mächte ihren Streit miteinander ausgetragen haben, und welchen Kompro- 
miß sie schließlich miteinander abgeschlossen haben. Er muß den Kompro- 
miß rückgängig machen, die vollzogenen Verdrängungen aufheben und die 
beiden kämpfenden Kräfte dann beide voll bewußt einander von neuem 
gegenüberstellen. Hier werden sich ihm wieder zwei Unterschiede gegen- 
über der Arbeit an der Neurose der Erwachsenen aufdrängen. Der eine 
Unterschied besteht darin, daß das Über-Ich des Kindes, das die Trieb- 
regungen so streng beurteilt und ihre Verdrängung anregt, noch nicht so 
selbständig ist, wie es sich geberdet, sondern noch stark unter dem Einfluß 
irgendeiner geliebten Erzieherperson arbeitet, von der es eine ähnliche 
Beurteilung erst vor kurzem erfahren und gelernt hat. Schwankungen in 
seiner Liebe zu dieser Person werden auch noch Schwankungen in seinem 
Verhalten dem Trieb gegenüber zur Folge haben können. Das Verhältnis 
zwischen den Trieben und dem Ich des Kindes stabilisiert sich erst nach 
dem Ablauf der infantilen Neurose so, daß es von den Veränderungen in 
den Liebesbeziehungen unabhängig wird. Durch diese Abhängigkeit des 
kindlichen Uber-Ichs erklären sich manche überraschende Charakterverän- 
derungen während der Kinderanalyse, die nicht allein auf die analytische 
Arbeit, sondern auf den direkten Einfluß des Analytikers zurückzuführen sind 
Der zweite Unterschied besteht darin, daß das Kind nach Beendigung 
der eigentlich analytischen Arbeit, das heißt nach dem Bewußtwerden der 
Konfliktsituation, die die Krankheit herbeigeführt hat, nicht ganz ohne 
liilte des Analytikers auskommen kann. Das unreife Kind wird die schwierige 
Frage, was es mit den bewußten Widersprüchen in seinem eigenen Innern 
anfangen soll, nach der Analyse nicht sehr viel besser lösen können als 
vorher. Es besteht die Gefahr, daß es sich in seiner Batlosigkeit wieder 
derselben Mittel, also der Verdrängung oder Kompromißbildung bedient, 
die ihm am nächsten liegen oder, wenn es inzwischen den Mut gefunden 
hat, zur direkten Triebbefriedigung übergeht. Es bedeutet eine ernstlich» 
Abweichung von dem Verhalten in der Erwachsenenanalyse, aber doch nur 
eine Anpassung an die Unreife der kindlichen Urteilskraft, wenn der 
Kinderanalytiker der Lösung des inneren Konflikts nach der Analyse die 
Richtung weist, anstatt diese Hilfeleistung wieder den Eltern oder Erziehern 
des Kindes zu überlassen, die offenbar schon einmal dabei versagt und damit 
die Bildung der Neurose begünstigt haben. 

- 4O0 - 



Diese beiden letztgenannten Unterschiede zwischen der Kinderanalyse 
und der Analyse des Erwachsenen sind prinzipieller Natur. Ihre Grundlage 
ist im ersteren Falle die größere Unselbständigkeit des infantilen Über- 
Ichs, die der Außenwelt, dem Liebesobjekt, noch einen deutlichen Einfluß 
auf die Neurosenbildung einräumt; im zweiten Falle liegt die Ursache 
für das geänderte Verhalten des Analytikers in dem Abstand zwischen 
der intellektuellen und ethischen Urteilskraft des Kindes und des Erwachsenen. 
Von diesen beiden Punkten abgesehen, sind die Modifikationen der analy- 
tischen Technik in der von mir vertretenen Kinderanalyse nur nebensäch- 
licher Art. Es ist selbstverständlich, daß man dem Kind, seinem Alter 
entsprechend, in vielen Augenblicken anders gegenüber treten muß, als 
dem Erwachsenen; daß man ihm die Arbeit angenehmer machen muß, weil 
seine Einstellung zur analytischen Arbeit, wie zu jeder Arbeit überhaupt, 
weniger ernsthaft und ausdauernd ist, als die des Erwachsenen; daß seine 
Einschätzung der psychischen Gesundheit eine weniger hohe ist, weil es 
die Störung seiner Leistungs- oder Genußfähigkeit noch nicht an allen 
Situationen der Außenwelt zu spüren bekommt; und daß schließlich die 
Krankheitsein sl cht bei seiner erwachsenen Umgebung, der Herstellungswille 
ständig im Analytiker lebendig sein muß, um die Angleichung an die 
\ ernaltmsse der erwachsenen Analyse herbeizuführen. Die kleinen Verän- 
derungen der Technik, die sich aus diesen Umständen ergeben, sind nicht 
erwähnenswert. Sie erwachsen als Selbstverständlichkeit aus den jedermann 
bekannten Unterschieden zwischen der erwachsenen und der kindlichen 
Persönlichkeit. 

Die Schwierigkeiten, die die Kinderanalyse vor der Erwachsenenanalyse 
voraus hat, werden schließlich alle wieder durch die unendlich viel größeren 
Möglichkeiten des Erfolges aufgewogen. Die Unabgeschlossenheit der 
Entwicklung, die uns für die Analysentechnik so oft als Hindernis entge- 
gentritt, ist gleichzeitig die beste Unterstützung für den Enderfolg. Die 
Persönlichkeit des Kindes ist noch nicht endgültig ausgeprägt, die Beein- 
flussungsmöglichkeiten zwischen den einzelnen Teilen seiner Person, seinem 
1 nebleben, seinem Ich und seinem Über-Ich sind noch veränderlich, ins 
Ich aufgenommene Identifizierungen mit geliebten Personen lassen sich 
noch rückgängig machen, die Übergänge zwischen dem Unbewußten und 
dem Bewußten sind noch fließend, die Reaktionsbildungen noch nicht er- 
starrt, Sublimierungsmöglichkeiten stehen noch nach allen Seiten offen. 
Der Patient braucht die Rücksicht auf schon vollzogene Entscheidungen, 
wie Berufs- oder Ehewahl nicht zum Anlaß nehmen, um an krankhaften 
Einstellungen und Liebesbedingungen festzuhalten. Wir wissen ja, daß in 
der Analyse der Erwachsenen der Verlust an psychischer Bildsamkeit, der 
Grad der Erstarrung, eine beachtenswerte Schwierigkeit darstellt und dürfen 
uns klar machen, daß wir beim Kinde mit dem vollen Ausmaß einer 
Eignung arbeiten, von der beim Erwachsenen nur ein größerer oder kleinerer 
Rest erhalten ist. Darum gelingt die Auflösung der infantilen Neurose, — 

— 401 - 



wenn auch nicht viel schneller — so doch gewöhnlich viel gründlicher 
als in der Erwachsen heit. 

Diesem Optimismus über den Erfolg der Kinderanalyse muß man ent- 
gegenhalten, daß die infantile Neurose auch spontan heilt, oder doch jeden- 
falls nach Abschluß der ersten Kindheit für einige Jahre zu verschwinden 
pflegt» um erst in der Pubertät wiederzukehren. Vielleicht trifft die analy- 
tische Therapie hier wieder nur auf einen Entwicklungsschub, der das 
Kind auf jeden Fall in die zeitweilige Gesundheit hinübergeleitet hätte. 

Es wird sicherlich nicht möglich sein, alle Kinder zur Zeit ihrer in- 
fantilen Neurose zu analysieren, um eventuellen Narbenbildungen bei der 
Spontanheilung, der Entstehung übermäßiger Reaktionsbildungen und Ein- 
schränkung der Entwicklungsmöglichkeiten entgegenzuarbeiten. Im Falle 
der Erwachsenenanalyse liegt die Entscheidung, ob die Schwere der Neu- 
rose es berechtigt, dem Patienten die mühsame Arbeit der Analyse zuzu- 
muten, gewöhnlich nicht beim Analytiker. Der Patient selbst entscheidet 
je nach dem Grade seines Leidens, ob er sich an die Analyse um Hilfe 
wenden soll. Dieser subjektive Maßstab fehlt im allgemeinen beim neuro- 
tischen Kind. Mit Ausnahme bestimmter Krankheitsformen, besonders der 
Angstzustände, leidet das Kind verhältnismäßig wenig unter seiner Neurose. 
Hier wird die Störung, die das neurotische Kind für die Umgebung be- 
deutet, oder das Stocken seiner Entwicklung, das sich in einem Zurück- 
bleiben gegenüber den Altersgenossen äußert, in den meisten Fällen zum 
Anlaß für den Beginn einer Behandlung werden. Leider bestimmt die 
Umgebung auch häufig die Beendigung der Behandlung nicht nach dem 
Zeitpunkt der endgültigen Lösung des neurotischen Konflikts, sondern nach 
der Ermäßigung des störenden Benehmens und schon den ersten Anzeichen 
des Wiedereinsetzens der normalen Entwicklung. 

Der Erzieher, der die Schwere der infantilen Neurose zu beurteilen hat, 
um danach über ihre Vernachlässigung oder ihre Behandlung zu ent- 
scheiden, der Fürsorgeerzieher oder Heilpädagoge, von dem man diese Be- 
handlung erwartet, können beide ihre Aufgabe ohne Unterweisung und 
Schulung in der Psychoanalyse nicht erfüllen. Sie drängen darauf, aus der 
Kinderanalyse ein Spezialgebiet zu machen, das man der Ausbildung an 
pädagogischen und sozialen Akademien einfügen könnte. Aber diese For- 
derung ist unerfüllbar. Die spezielle Ausbildung zum Kinderanalytiker mit 
Umgehung der allgemeinen analytischen Ausbildung ist ebenso unmöglich 
wie etwa eine spezielle Ausbildung zum Kinderarzt mit Umgehung des 
Studiums der allgemeinen Medizin. Die Ausbildung zum Kinderanalytiker 
ist ein Zusatz zur analytischen Ausbildung, kein Ersatz für sie. Der Kinder- 
analytiker braucht bei der Behandlung der infantilen Neurose alle theoretischen 
und praktischen Kenntnisse, die die Behandlung der erwachsenen Neurose 
erfordert. Darum soll der Weg zur vollen analytischen Ausbildung und damit 
zur Ausbildung in der Kinderanalyse dem in der Praxis bewährten Pädagogen 
und Heilpädagogen, der die Mühe nicht scheut, zu jeder Zeit offen stehen. 

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Psychoanalyse eines Kindes mit Stehlzwang 

Von Es teile Levy, New-York, z. Z. Wien 

Die vorliegende Arbeit bringt eine acht Monate lange Behandlung 
eines Kindes zur Darstellung, das wegen Stehlen« zu mir gebracht wurde 
Die Pflegeeltern des Kindes, durch sein Verhalten und ihre Unfähigkeit' 
es zu beeinflussen, mutlos geworden, waren nahe daran, das Kind einer 
Besserungsanstalt zu übergeben. Sie entschlossen sich aber, dem Kinde die 
Behandlung bei mir noch als letzte Chance zuteil werden zu lassen er- 
hofften sich aber nicht viel davon. 

Peter 1 wurde mir durch seine Pflegemutter, Frau Trojan 1 , gebracht Er 
war zu diesem Zeitpunkt achtdreiviertel Jahre alt, war ein hübscher auf 
geweckter Junge, körperlich und geistig gut entwickelt. 

Frau Trojan sagte, er stehle schon seit längerer Zeit. Anfangs sah sie es 
als gewöhnliche Unart an; als er größer wurde, war sein Stehlen doch zu 
einer ernsten Angelegenheit geworden. Sie beklagte sich auch über seine 
mangelnde Wahrheitsliebe. Der Schulerfolg war gut, die Klasse, in der er 
war, entsprach seinem Alter, er lernte gut und wies keinerlei Besonder- 
heiten im Benehmen auf, 

Peter war ein uneheliches Kind, seine Mutter war Hausgehilfin 1 , sein 
Vater Kutscher . Der Vater war seit dem Krieg meist arbeitslos. Er trug 
niemals etwas zur Erhaltung des Kindes bei und zeigte nicht das geringste 
Interesse für ihn. Wenige Wochen nach seiner Geburt gab Peters Mutter 
das Kind in die Kost zu einer alten Frau, der sie dafür einen minimalen 
Betrag zahlte. Die Frau und ihr Heim standen auf tiefster Stufe. Auch 
die Mutter zeigte kein Interesse für das Kind und stellte schließlich auch 
die Zahlungen ein. Die alte Frau wandte sich hierauf an die Fürsorgestelle. 
Gerade zu jener Zeit suchte das kinderlose Ehepaar Trojan ein Kind, 
um es zu adoptieren. Durch die Schwester des Herrn Trojan, eine Für- 
sorgerin, lernten sie Peter kennen und beschlossen, ihn zu sich zu nehmen. 
Zu dieser Zeit war er zwei Jahre alt. Obwohl er aufgeweckt und lebhaft 
war, konnte er noch nicht sprechen und war in keiner Weise erzogen Er 
war scheu und sehr schreckhaft. Frau Trojan fühlte, daß das Kind von 
der alten Frau mißhandelt worden sei. So war es, als es einmal eine Tasse 
fallen ließ, so entsetzt darüber, daß es sofort unter das Bett kroch und nicht 
hervorkommen wollte. Bis zum Beginne der Behandlung erfolgte seine Er- 
ziehung hauptsächlich durch körperliche Züchtigungen, denn auch seine 
Pflegeeltern kannten kein anderes Erziehungsmittel. 

Trojan ist Anstreichermeister. Sein Einkommen entspricht den Bedürf- 
nissen der Familie. Die Familie bewohnt Zimmer und Küche in einem 
Gemeindehaus, wofür ein geringer Zins gezahlt wird. 



i) Alle Personen, Berufs- und Ortsangaben sind geändert. 



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Die Eheleute Trojan sind Freidenker, sie stehen etwas über dem Durch- 
schnitt ihres Kreises, besonders Herr Trojan. Er ist Sozialist, voll tätigen 
Interesses an den gewerkschaftlichen Angelegenheiten und ist Obmann der 
Eltern Vereinigung in der Schule, die Peter besucht. 

In materieller und intellektueller Beziehung erfreut sich Peter größerer 
Vorteile als der Durchschnitt der Kinder seiner Umgebung; doch stehen 
die Eltern ihm kalt und zurückhaltend gegenüber. Ob sie von Natur aus 
ihm wenig entgegenkommen oder ob diese Haltung nur die Antwort auf 
ihren Erziehungsmißerfolg bei Peter war, wußte ich damals nicht zu ent- 
scheiden. Jedenfalls waren sie sehr streng. 

Bei meinem ersten Zusammentreffen drückt die Mutter ihr Bedauern 
aus, das Kind angenommen zu haben und meint, sie wäre sich der Ver- 
antwortung, die sie mit der Pflege des Kindes übernommen habe, nicht 
bewußt gewesen und Peter bereitete ihr bisher mehr Unannehmlichkeit 
als Freude, 

Schon als Peter dreieinhalb Jahre alt war, nahm er Gegenstände und 
steckte sie in die Tasche, aber sie beachtete dies zu jener Zeit nicht. 
Als er ungefähr sechs Jahre alt war, begann er auch andere Leute zu be- 
stehlen. So stahl er einen Ball in einem Spielwarengeschäft, worauf ihn 
die Mutter zwang, den Ball zurückzutragen und zu sagen, daß er ihn ge- 
nommen habe. Er nahm auch anderen Kindern Sachen weg. Er wurde 
dann geprügelt und mußte die Sachen zurückgeben und gestehen, daß er 
sie genommen hatte. Ein Jahr hindurch hatte er, wenn die Mutter ihn 
etwas besorgen schickte, zu wenig Geld zurückgebracht und auch kleine 
Summen aus ihrer Geldtasche genommen. Einigemale vermißte Herrn 
Trojans Mutter kleinere Betrage in ihrer Börse, nachdem Peter sie be- 
sucht hatte. 

Trojans versuchten alles, das Kind vom Stehlen abzubringen, aber ohne 
Erfolg. Bis eine Woche bevor die Frau zu mir kam, wußte Peter nicht, 
daß sie nicht seine wahren Eltern seien. Als letzten verzweifelten Versuch 
sagte Frau Trojan ihm die Wahrheit über seine Herkunft und drohte ihn 
wegzugeben, wenn er sich nicht bessere. 

Tags vorher war Frau Trojans Namenstag und ihr Mann brachte ihr 
eine Schachtel Zuckerln. Sie gab Peter davon und legte die Schachtel dann 
ins Schlafzimmer; da sie ausgehen mußte und Peter allein blieb, sperrte 
sie die Schlaf zimmert ür ab. Nachts entdeckte sie dann, daß die Schachtel 
ausgeplündert war. Peter leugnete; aber Frau Trojan war von seiner Schuld 
überzeugt, denn als sie ihn beschuldigte, wurde er rot und verlegen. Sie 
erzählte mir, er verrate sich immer auf diese Weise, Wenn er unschuldig 
war, zeigte er auf eine Beschuldigung keinerlei Reaktion. Nach einem 
langen und peinlichen Auftritt gestand er dann den Diebstahl der Zuckerln. 
Er hatte herausgefunden, daß der Schlüssel der äußeren Wohnungstür auch 
das Zimmer öffnete und war so in das Zimmer gekommen. Eine solche 
Schlauheit bei einem Kind seines Alters überzeugte Frau Trojan von seiner 

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verbrechemchen« Anlage, die er , wie sie meinte, geerbt hatte. Sie hielt 
ihn für hoffnungslos verloren. Sie betrachtete Peters Verhalten dabei eleieh- 
zeitig als Folge ihrer Erziehung, was für sie besonders schmerzlich war 
Peter war noch nicht gesetzlich adoptiert. Frau Trojan war bereit ihn 
behandeln zu lassen, erklärte aber, daß sie ihn unter keinen Umständen 
adoptieren würde. 

Die Behandlung 
Peter kam immer regelmäßig und pünktlich und war freundlich und 
gesprachig. Die ersten Stunden vergingen damit, daß wir miteinander be- 
kannt wurden, den Zweck seines Kommens besprachen und ich ihm sam e 
was ich von ihm erwarte; z. B. daß er aufrichtig sein und mir alles sagen 
müsse, auch Unangenehmes und daß das, was wir miteinander besprächen 
nur unter uns bleiben und anderen nicht mitgeteilt werden solle Was ich 
zu tun versuchte, war, die Behandlung einzuleiten wie für eine Analvse 
obwohl ich zu der Zeit keinen Grund hatte zu erwarten, daß ich die 
analyt.sche Methode werde anwenden können. Ich erwartete auch nicht 
daß er aufrichtig sein werde. 

Obwohl wir häufig Gelegenheit hatten, die Gründe für sein Kommen 
zu besprechen, hatte Peter in den ersten Monaten keine Einsicht in die 
Notwendigkeit einer Behandlung. Er war unersättlich im Lesen von Büchern 
besonders von Abenteurergeschichten, die er mir in der Stunde erzählte.' 
Beim Erzählen identifizierte er sich immer mit den Helden. Es wurde bald 
klar, daß er ganz in einer Welt von Phantasien und Tagträumen lebte. 
Ich hörte mit großem Interesse seine Erzählungen an, machte aber dazu 
keinerlei Bemerkungen im Sinne einer Deutung. 

Seit ich Peter als Helden anerkannte, wurde er mutiger. Mehrere 
Charaktereigenschaften, über die seine Mutter geklagt hatte, wurden nun 
offenbar, er wurde prahlerisch und verlogen. Er übertrieb und dramatisierte 
alles, nach seinem Reden ragte er in allem, was er tat, hervor. Eines Tages 
hatte er einige „Kugerln" (Kügelchen zum Spielen) in seiner Tasche und 
rühmte sich, wie ausgezeichnet er Kugerl spielen könne. Er sagte, er ge- 
winne immer, schlage jeden Buben, der ihm unterkomme und habe über 
tausend Kugerln zuhause, die er gewonnen habe. Daraufhin schlug ich 
ihm vor, mit mir zu spielen. Als er verlor, begann er zu schwindeln; dann 
fand er Ausreden, er sei nicht gewohnt auf einem Teppich zu spielen usw 
und obwohl er öfter verlor, als er gewann, behauptete er weiterhin, er sei 
der beste Kugerlspieler. Das war charakteristisch für ihn zu jener Zeit; man 
konnte ihn bei den auffälligsten Lügen ertappen, aber ihn nie dazu bringen, 
zuzugeben, daß er Unrecht habe. Das war es, was seine Pflegeeltern so 
ärgerlich und mutlos machte. So prahlte er viel mit seinen athletischen 
Fähigkeiten und seinem Mut, obwohl seine Mutter feststellte, daß er in 
Wirklichkeit ein rechter Feigling war, der nur mit kleineren Jungen raufte 
Wahrend der ersten Zeit der Behandlung stahl er weiter. Eines Tages 
zeigte er mir ein billiges Federmesser und erzählte, er habe es gefunden. 

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Er brachte ausführlich eine lange Geschichte vor, wo er es gefunden habe; 
jemand müsse es im Herbst verloren haben und es müsse über den ganzen 
Winter im Schnee gelegen sein. Ich war darüber erstaunt, daß es nicht 
rostig war; er ging darauf nicht ein, verriet sich aber durch folgende Ge- 
schichte: Sobald seine Mutter das Messer bei ihm entdeckte, habe sie ihn 
beschuldigt, es gestohlen zu haben und sei in die Schule gegangen, es dem 
Lehrer zu sagen. Der Lehrer habe in der Klasse das Messer in die Höhe 
gehalten, so daß jeder es sehen konnte und habe gefragt, wem es gehöre. 
Peters Nachbar sagte, es sehe einem Messer ähnlich, das er verloren habe, 
aber bei näherer Besichtigung meinte er, es sei nicht das seine, und der 
Lehrer gab es Peter zurück. 

In Wirklichkeit hat die Mutter ihn nur gefragt, woher er das Messer 
habe und die Geschichte vom Gang in die Schule usw. war erfunden. Einige 
Zeit darauf erzählt mir Peter, er habe das Messer seinem Nachbarn ge- 
stohlen, es aber zurückgegeben. Er hatte keinerlei Gewissensbisse und gab 
es nicht aus Schuldgefühl zurück, sondern nur aus praktischen Gründen. 
Zuhause hatte er für das Messer nicht viel Verwendung und in der Schule 
konnte er es nicht benützen. Wären nicht sein Erröten und seine Ver- 
legenheit gewesen, die er beide nicht verbergen konnte, so hätte man 
meinen können, daß Peters ethisches Gefühl schlecht entwickelt sei. 

Was folgt, ist ein Beispiel für eine andere Art von Phantasie in dieser 
Periode. Frau Trojans Vater besitzt einen Bauernhof. Peter hatte dort mit 
sechs Jahren einen sehr schönen Sommer verbracht und hatte seither große 
Sehnsucht dahin zurückzukehren. Er hoffte die diesjährigen Sommerferien 
dort verbringen zu können und war sehr enttäuscht, als er erfuhr, seine 
Mutter habe andere Pläne. Eines Tages erzählte er, alle Verwandten seiner 
Mutter aus Niederheim kämen nach Wien zu Besuch; er beschrieb mit 
großer Genauigkeit alle Vorbereitungen, die getroffen wurden, die Gäste 
aufzunehmen. Er nannte den Tag ihrer Ankunft und an diesem Tage sagte 
er: „Wenn ich nachhaus komme, wird die Mutter am Bahnhof sein, um 
unsere Gaste zu erwarten." Das war an einem Freitag; am Montag be- 
schrieb er dann alles, was sie während des Wochenendes getan hätten. 
Die ganze Geschichte klang durchaus glaubwürdig bis auf alle Einzelheiten 
und erst nach einer Besprechung mit der Mutter kam ich darauf, daß das 
Ganze Erfindung war. 

Seine Phantasien zu dieser Zeit waren, wie die meisten Kinderträume, 
einfache Wunscherfüllungen. Da Peter Niederheim nicht in Wirklichkeit 
aufsuchen konnte, brachte er es in seiner Phantasie zu sich. Aber die 
Phantasien nahmen bald einen mehr neurotischen Charakter an. 

Es war kein Anzeichen da, daß Peter die Drohung der Mutter, ihn fort- 
zugeben, wirklich begriffen hätte; er hatte sogar kaum eine Woche später 
die Zuckerlschachtel geplündert. Wahrscheinlich hatte er diese gefährliche 
und unangenehme Drohung sofort verdrängt. Als er aber eines Tages 
gerade darüber redete, was er als Erwachsener tun würde, sagte er unter 

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anderem: „Die Verhältnisse sind hier so schlecht, daß ich wahrscheinlich 
in ein fremdes Land gehen werde, um Arbeit zu finden." Nachdem er 
das gesagt hatte, konnte man ihm deutlich ansehen, wie erschrocken er 
selber darüber war; er wurde rot und fuhr ganz aufgeregt fort: Aber da 
wäre ich ganz allein unter Fremden; nein, nein, es ist mir gleich, wie 
schlecht es hier ist, ich bleibe hier, ich gehe nicht fort." Er war während 
der übrigen Stunde sichtlich gedrückt; sogar als das Gespräch auf Dinge 
kam, die ihn sonst interessierten und ihm gefielen, kehrte seine gewöhn- 
liche Munterkeit nicht wieder. 

Seine Bemerkungen stellten einen Versuch dar, eine drohende Tatsache 
in eine Wunschphantasie umzuwandeln. Jemand hatte versucht ihn zu 
kränken (seine Mutter hatte gedroht ihn fortzuschicken und ihm zu ver- 
stehen gegeben, daß eine solche Veränderung für ihn nicht günstig sein 
werde); statt von Hause fortgeschickt zu werden, kam er in seiner Phantasie 
freiwillig in ein fernes Land, wo er Arbeit fand und auf diese Weise eine 
bessere Stellung erlangte. An diesem Punkt versagte die Phantasie und 
die ganze Ängstlichkeit brach, wohl im Zusammenhang mit der früheren 
Drohung, durch. 

Die Sommerferien nahten. Wenn ich dem, was ich bisher getan hatte, 
einen Namen geben sollte, müßte ich es eine Periode der Beobachtung 
nennen. Die ersten drei Wochen vergingen damit, gute Beziehungen zwi- 
schen Peter und mir herzustellen. Nachdem ich sein Vertrauen gewonnen 
hatte, wurden die nächsten Monate damit zugebracht, seine Art zu reagieren 
zu beobachten. Ich fand ihn unwahr, er log und stahl, er war prahlsüch- 
tig und zeigte eine starke Neigung zum Phantasieren. Er versuchte den 
Eindruck eines unverfrorenen und kecken Jungen zu machen. Flüchtige 
Beobachter hätten ihn für asozial gehalten, für ein Kind mit mangelhaft 
entwickeltem moralischem Sinn. Auch ich hätte mich täuschen lassen, 
wenn nicht sein schlechtes Gewissen im Erröten und in charakteristischen 
Zügen seines Benehmens zum Ausdruck gekommen wäre. So hatte er eine 
bestimmte Art, den Kopf hängen zu lassen, die einer eigentümlichen 
Mischung von Verlegenheit und Scham entsprach. Dazu kam, daß er sehr 
leicht deprimiert wurde. 

Während ich mich bemühte, sein Vertrauen zu gewinnen und zu er- 
halten, versuchte ich auch, Krankheitsbewußtsein und Einsicht in die 
Notwendigkeit einer Behandlung zu erwecken. Der Grund, warum ich zu 
dieser Zeit keine Deutung gab, war der, daß ich Peter noch nicht reif 
dafür fand. Im Moment, wo ich dergleichen versuchte, stieß ich auf einen 
solchen Widerstand, daß daran unsere Beziehung völlig zu scheitern drohte. 
Der Widerstand bei Peter war nicht so, wie gewöhnlich beim Jugendlichen, 
eine bloße Ablehnung, die Deutung anzunehmen oder irgendeine Art negativer 
Reaktion, wie wir ihr in jeder Analyse begegnen. Er zeigte durchaus keine 
Änderung in seinem Benehmen mir gegenüber, aber er wurde für Tage 
ganz farblos, so daß ich das Gefühl hatte, vor einer Mauer zu stehen. Ich 



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fühlte, daß ich nicht weiter auf dieser Deutung bestehen durfte, sonst 
würde Peter Mittel finden, aus der unerträglichen Lage, in die ich ihn 
zwang, zu entfliehen. Ihm fehlte noch jede Krankheitseinsicht; ohne eine 
solche gab es aber keinen Grund für ihn, die Unlust zu ertragen, die ihm 
das Bewußtwerden seiner unbewußten Gedanken bringen mußte. Auch 
war seine Bindung an mich noch nicht stark genug. Es gelang aber nach 
und nach ihm beizubringen, daß ich alle seine Ausflüchte durchschaute 
und ihn doch nicht verurteilte, sondern verstehend und teilnehmend blieb. 

Er begann Fortschritte zu machen. Soviel ich von Peter wie von seiner 
Mutter erfuhr, hatte er durch einige Zeit nichts gestohlen und sein Be- 
nehmen Frau Trojan gegenüber, das sehr unfreundlich gewesen war, besserte 
sich. Diese Besserung war, wie ich glaube, darauf zurückzuführen, daß er 
mir gefallen wollte und auch darauf, daß er seine Phantasien aussprechen 
konnte. Daß er nun Gehör fand und die Möglichkeit hatte, seine Phanta- 
sien jemandem mitzuteilen, der ihm wohlwollte und ohne zu verurteilen 
ihn anhörte, gab ihm Mut und gewährte auch ein Stück Befreiung einem 
Teil seiner unterdrückten Affekte. 

Ehe er nun auf Sommerferien ging, versicherte mir Peter, daß ich 
keine Ursache haben sollte, mich über sein Benehmen während seiner 
Abwesenheit zu beklagen. Seine Mutter war so zuversichtlich, daß sie 
meinte, er sei geheilt. Ich erklärte ihr jedoch, daß meiner Meinung nach, 
Peter noch weitere Behandlung brauche und daß sie weder überrascht 
noch entmutigt sein solle, wenn sein gutes Benehmen nicht anhalten sollte. 
Frau Trojan wollte die Behandlung abbrechen, zu einem Zeitpunkte, da 
sie nach meiner Meinung noch nicht einmal begonnen hatte. Wie so viele 
andere, glaubte auch sie, daß mit dem Verschwinden der Symptome die 
Kur bereits erfolgreich beendet sei. Bedauerlicherweise konnte man ihr 
nicht die tatsächliche Lage erklären; sie hatte es nicht verstanden; da 
das Kind regelmäßig zu mir gekommen war, was für sie eine Behandlung 
bedeutete und da es nun nicht mehr stahl, so war es eben geheilt. 

Was sie als Behandlung betrachtete, war jedoch nichts anderes als die 
einleitende Erforschung, die man jedesmal bei einem Kinderfall machen 
sollte, um die Diagnose zu stellen und die Art der Behandlung, der das 
Kind unterzogen werden soll, zu bestimmen. Ich stand also einer schwie- 
rigen Situationen gegenüber, wie sie häufig jenen begegnen, die sich mit 
dieser Art Arbeit beschäftigen. Ich konnte Frau Trojan ja nicht sagen wie 
wichtig es mir war, Peter wieder in Behandlung zu bekommen, um heraus- 
zufinden, ob nach den gemachten Erfahrungen eine Analyse möglich sei. 
Ich konnte ihr nur sagen, daß ich unter allen Umständen sie beide wieder 
zu sehen wünschte, um zu hören, wie Peter sich während des Sommers 
benommen habe. 

Dabei hoffte ich heimlich, Peter würde etwas anstellen, was seine Rück- 
kehr in die Behandlung notwendig erscheinen lasse; ich wußte ja, daß 
sein gutes Benehmen nicht andauern könne. Seine eigentlichen Probleme 

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hatte ich noch nicht berührt; aber es wäre schwierig gewesen, dies den 
Eltern beizubringen. Sein jetziges gutes Benehmen konnte sie über seine Be- 
handlungsbedürftigkeit hinwegtäuschen, so daß ein neuerlicher Diebstahl die 
Lage ihnen viel hoffnungsloser erscheinen lassen mußte und sie sogar dazu 
hatte veranlassen können, ihrer ursprünglichen Absicht gemäß Peter in 
eine Besserungsanstalt zu geben; was für ihn gewiß verhängsvoll ge- 
worden wäre. 

Bis Ende Oktober hörte ich nichts mehr von Peter; dann schrieb ich 
der Mutter und fragte wie es ihm gehe und wie er sich während des 
Sommers aufgeführt habe. Einige Tage später besuchte mich Frau Trojan, 
Sie erzählte, Peter habe bis zu dem Tag da ich schrieb, keine Schwierig- 
keiten gemacht. Sie waren für einen Teil des Sommers auf einem Bauern- 
hof gewesen, wo Peter genügend Gelegenheit halte sich auszutoben. Er 
hatte auch das Glück gehabt, einen Spielkarneraden gleichen Alters dort 
zu finden und war sehr vergnügt gewesen. Natürlich konnte das nicht der 
wahre Grund für den Wechsel in Peters Verhalten gewesen sein. Wie ich 
bereits festgestellt habe, zeigte er besondere Fortschritte, schon ehe er aufs 
Land ging, und sein Benehmen wahrend des Sommers war wohl denselben 
Ursachen entsprungen. 

Einige Tage vor ihrem Besuch bei mir war Frau Trojan zur Modistin 
gegangen und hatte Peter mitgenommen. Gestern, so erzählte sie, hatte 
sie ihn fortgeschickt, etwas zu besorgen und als er nach seiner Rückkehr 
die Hand in die Tasche steckte, um den Rest des Geldes zurückzugeben, 
stach er sich in den Finger und schrie auf. Frau Trojan entdeckte hierauf 
eine Hutnadel und eine Schnalle in der Tasche, die Peter beide der Mo- 
distin gestohlen hatte. Sie erzählte auch, daß kürzlich ihre Schwiegermutter 
einiges Kleingeld aus ihrer Brieftasche vermißt hatte, nachdem Peter bei 
ihr zu Besuch gewesen war, Frau Trojan war nun gewillt, Peter weiter 
behandeln zu lassen. 

In der ersten Stunde erzählte mir Peter, wie er den Sommer verbracht 
habe, dann sprach er vom Diebstahl der Nadel. Er ließ den Kopf hängen 
und wurde rot, während er davon erzählte. Ich fragte was ihn veranlaßt 
habe, die Nadel zu stehlen ; er antwortete, als er sie sah. kam ihm folgen- 
der Gedanke: „Jö, das ist schön, das mußt du haben.* Als er es hatte, 
dachte er nicht mehr daran, bis er sich in den Finger stach. Er hatte kein 
Bedenken gehabt, auch die Schnalle zu nehmen, da er sie nicht für be- 
sonders wertvoll hielt. Er sagte, er werde kein Geld mehr stehlen, „weil es 
keinen Sinn hat, Geld zu stehlen, sie kommen einem immer drauf. Peter 
denkt, wenn er etwas nimmt und die bestohlene Person vermißt es nicht, 
so hat er vollkommen recht, es zu behalten. Das Stehlen ist kein Unrecht, 
wenn man nicht erwischt wird. Sein Benehmen in der nächsten Zeit war 
ungefähr dasselbe, wie vor seiner Abreise, so daß ich die Art der Behand- 
lung und mein Verhalten zu ihm nicht ändern konnte. 

Während seine früheren Phantasien den Charakter einfacher Wunsch- 

^ett«iurifi f. p 3a . Päd., Vl/io 409 



erfüllungsphantasien hatten, wurden sie nun ausgesprochen sadistisch. Er 
beschrieb darin rohe Straßenszenen von Kämpfen zwischen Platten 1 . Er 
war immer der Anführer einer dieser Platten und immer Sieger. Z. B. 
beschrieb er einmal einen Kampf zwischen zwei Platten; er erzählte, wie 
sie sich bewaffnet hätten und wie sie den Feind überraschten und als er 
fortsetzte, war er in seiner Phantasie bereits der Anführer der einen Platte. 
Zuerst bestand jede Platte aus einem Dutzend Buben, dann wurden je 50 
daraus, dann 100, dann 250, bis er zum Schlüsse der Anführer von 800 
war. Er hatte Reservekompagnien, dann ein Bataillon, schließlich ein ganzes 
Regiment. Er erzählte mir alle diese Geschichten, als ob sie Wahrheit 
wären. Er verhängte sehr drastische Strafen über seine Feinde, gelegentlich 
in der Form, in der er gewohnt war, selbst gestraft zu werden; z. B, sie 
wurden geprügelt und mußten gestohlene Sachen dem Eigentümer zurück- 
geben. Wie phantastisch immer die Geschichten klangen, ich zeigte keiner- 
lei Überraschung, äußerte keinerlei Mißtrauen in ihre Wahrheit. 

So sehr seine Phantasien in der Erzählung auch sadistischen Charakter 
hatten, sie enthielten auch moralische Elemente; die Feinde, die er strafte, 
konnten als er selbst erkannt werden, so daß er in der Phantasie gleich- 
zeitig Sünder und Rächer war. In seinem Unbewußten erkannte er also 
seine Schuld und die Notwendigkeit einer Strafe, die er dann über sich 
selbst verhängte. Er war also mehr neurotisch geworden. 

In dieser Zeit sagte Peter einmal betrübt: „Wenn ich groß bin, möchte 
ich lieber ein Forscher als irgendetwas anderes sein und rauchte im Ur- 
wald leben, wo ich kein Geld brauche." Er wünschte also sich selbst fern 
von jeder Versuchung. 

Um dieselbe Zeit erzählte mir Peters Mutter, daß sie abends nie mit 
ihrem Mann ausgehen könne, weil Peter Angst habe, allein zu bleiben. 
Als ich mit Peter darüber sprach, sagte er, er fürchte sich nicht, allein ge- 
lassen zu werden, er wolle nur nicht allein bleiben, weil er sicher sei, 
seine Eltern würden ihn beschuldigen, daß er etwas angestellt habe. Er 
schützte sich also auch da wieder selbst vor Versuchungen. 

Eines Tages, während ich ihm vorlas, bemerkte ich, wie er einen Ziga- 
retten au slöscher, eine drollige kleine Messingfigur, von meinem Tische an 
sich nahm. Er brachte ihn bis zu seiner Tasche heran und legte ihn dann 
wieder zurück. Es tat mir leid, daß er ihn nicht behielt; wenn er erst 
mich bestohlen hätte, hätte ich ihn dazu bringen können, einzusehen, daß 
etwas geschehen müsse. Jetzt schien der Moment gekommen, mit der 
Analyse zu beginnen. Ich beschloß daher die Gelegenheit zu benützen und 
ihn dazu zu bringen, sein Hauptsymptom, nämlich das Stehlen, in die 
Übertragung zu bringen. Es hieß also, ihn dazu veranlassen, mich zu 
bestehlen. 

Ich hatte eine Schachtel mit Spielzeug, Bleistiften, etwas Kleingeld und 

1) Platten nennt man kleine Organisationen von Verbrechern oder auch von 
Straßenjungen in Wien. 

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verschiedenen andern Kleinigkeiten, an denen Kinder Interesse haben. Ich 
beschloß, Peter allein im Zimmer zu lassen und ihm so Gelegenheit zu 
geben etwas zu nehmen- aber als ich aufstand, um in ein anderes Zimmer 
zu gehen, scheinbar um mein Augenglas zu suchen, folgte mir Peter nach. 
Er wollte nicht allein bleiben. Hier also reagierte Peter in derselben Weise 
wie daheim, wo er auch nicht allein bleiben wollte; er schützte sich selbst 
vor der Versuchung, indem er sie vermied. Diese Reaktion zeigte wieder 
daß Peter nicht wirklich asozial war; denn wäre er es gewesen, so hätte 
er die Gelegenheit begrüßt, allein gelassen zu werden um etwas zu stehlen. 

Ich ließ ihn nun allein im Zimmer, wenn er kam; er spielte mit den 
Kleinigkeiten und zeichnete; einmal sagte er mir, er habe das Geld ge- 
zählt; die längste Zeit nahm er nichts. Eines Tages aber nahm er zehn 
Groschen. Ich sagte nichts, aber als ich die Sachen in die Schachtel zu- 
rücklegte, begann ich das Geld zu zählen. Kaum, daß Peter das bemerkte, 
nahm er gleich seine Börse heraus und gab die zehn Groschen zurück. Er 
ließ den Kopf hängen, errötete und war sehr betrübt, aber nicht halb so 
unglücklich, als ich vorgab, es zu sein. Erst sprach ich über die Größe 
seiner Schuld, dann sagte ich ihm, daß ich nicht glauben könne, daß 
wirklich er stehlen wolle; es müsse etwas in ihm sein, das ihn treibe 
böse Sachen zu tun. Es sei, als ob es zwei Peter gebe, ihn und einen 
inneren Peter. Er sei der Peter, der ein gutes Kind sein möchte und der 
innere Peter sei der böse, der ihn fortwährend zu Unfug dränge. Wir 
hätten nun diesen inneren Peter auszutreiben. Es werde ein hartes Stück 
Arbeit sein, aber wenn wir es gemeinsam unternehmen, würden wir sicher 
Erfolg haben. Und wenn es uns nicht gelinge, ihn zu vertreiben, werde 
der innere Peter stärker und stärker werden und Peters Leben sehr elend 
machen. Peter gab mir recht. Er wolle nicht schlecht sein und wünsche 
den inneren Peter so bald als möglich loszuwerden. 

Wie ich früher erwähnte, konnte man Peter nie dazubringen, sein Un- 
recht einzusehen; es ist daher leicht zu begreifen, daß die Idee vom zweiten 
Peter ihm so zusagte. Er konnte nun jemand andern beschuldigen und 
mußte nicht mehr die volle Verantwortung für seine Übeltaten auf sich 
nehmen. Dies machte ihn auch Deutungen zugänglich ; und von nun an 
begann ich ihm seine Phantasien zu erklären. Bis zu diesem Zeitpunkt 
war seine Angst zu groß gewesen, aber jetzt konnte er bequem den bösen 
Peter verurteilen, denn er brauchte nicht mehr alleine dazustehen, aus- 
geliefert der erwachsenen Welt voll Kritik und zorniger Verurteilung, er 
hatte mich zum Schutz. Von nun an konnte der gute Peter sich darauf 
verlassen, daß ich ihm gegen den bösen Peter helfen würde. Wir waren 
Verbündete geworden. 

Wieder änderten sich die Phantasien. Nun gab es fast immer einen 
Mann, den er auslachte oder verfolgte, oder in irgend einer Weise beschämte. 
Das war entweder sein Vater oder ein Vaterersatz, sein Lehrer, der Katechet 
oder ein Wachmann. Wahrscheinlich, weil er die Verantwortung abwälzen 



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29* 



durfte, konnte er sich jetzt freier ausdrücken; es schien als ob die Phan- 
tasien mutiger geworden wären und als oh mehr von ihrem inneren 
Gehalt zutage träte. Hier einige Beispiele, denen man viele von der gleichen 
Art hinzufügen konnte. Peter erzählte, sein Onkel sei der Kommandant 
der Gendarmerie in Niederheim. Außer einem Revolver und einem 
Gummiknüttel habe er ein paar Handschellen. Er beschreibt dann, wie 
der Onkel ihm die Handschellen anlegt und wie er sich in der kürzesten 
Zeit aus ihnen befreit. Der Onkel steht dann, die Hände auf dem Rücken, 
im Gespräch mit jemandem. Da kommt Peter ganz still herbei und legt 
die Handschellen unbemerkt dem Onkel um die Handgelenke. Bald will 
der Onkel den Arm bewegen und entdeckt nun was geschehen war. Seine 
Bemühungen sich zu befreien bleiben jedoch erfolglos und da wird er sehr 
böse, zankt, droht usw. Alle verspotten ihn nun und machen sich über 
ihn lustig. Es war ja doch zu komisch, daß ihm das Werkzeug der Strafe 
zur eigenen Falle geworden war. 

Eine andere Phantasie: Sein Vater hatte ihm zu Weihnachten ein 
Paar Skier geschenkt. Herr Trojan ist ein sehr guter Skifahrer. Es gab 
keinen Schnee in der Umgebung, daher hatte Peter noch keine Gelegenheit 
gehabt, seine Skier auszuprobieren, als er das Folgende vorbrachte. 

Er fährt mit seinem Vater glatt über die Sprungschanze hinab, springt 
kommt auf die Füße zu stehen und läuft weiter. Dann versucht sein 
Vater das Gleiche, fällt aber in den Schnee und kommt nur mit großer 
Anstrengung wieder auf die Beine. „Wie mußte ich lachen!*', sagte er. 

In der nun folgenden Phantasie geht Peter mit einigen Buben seiner 
Klasse in die Kirche. Er steht in der Nähe des Katecheten und bemerkt, 
daß dieser statt die Gebete zu sagen, nur murmelt. Da wirft einer der 
Buben ein Buch dem Geistlichen an den Kopf; ehe sich dieser von dem 
Schlage erholen kann, wirft ein anderer etwas nach ihm und so fort. 
Dabei übersteigert sich Peter immer mehr und endet damit, daß der 
Kirchendiener dem Priester zu Hilfe kommen muß und die Buben aus 
der Kirche jagt. 

Peter triumphierte stets über alle Autoritätspersonen. Seine Rachephan- 
tasien sind so durchsichtig, daß jede Erklärung überflüssig ist. Er akzeptierte 
meine Deutung und gab zu, daß er auf seinen Vater böse sei, daß er ihn 
gerne lächerlich machen und solche Strafen über ihn und über alle andern 
Personen verhängen möchte, die über ihn gestellt sind. Seine Phantasien 
wandten sich nun immer deutlicher gegen den Vater. Die Deutung der 
oben angeführten Phantasien machte die Produktion der nun folgenden 
wahrscheinlich erst möglich. 

Ich besitze einige Zeichnungen, die er um diese Zeit anfertigte und die 
sicherlich einige seiner Konflikte darstellen. Die erste Zeichnung zeigt 
einen Ritter in voller Rüstung in den Kampf reitend. Die zweite zeigt den 
Feind im Anrücken, während auf der dritten der besiegte Feind zu sehen 
ist. Der siegreiche Ritter steht mit erhobenem Schwert über seinem Opfer, 

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das ungefähr doppelt so groß ist wie er selbst, um ihm den Todesstoß zu 
geben. Der gefallene Ritter hält einen Teil eines gebrochenen Speeres 
in der Hand. 

Ich fragte Peter, was die Zeichnungen bedeuteten. Er sagt, er hat in 
der Schule von den Rittern gelernt, daß der Sieger das Recht habe den 
Besiegten zu töten. „Ich bin der Ritter vom roten Kreuz (der Sieger). Sie 
können sehen, daß es derselbe wie auf den anderen Bildern ist, nicht 
wahr?'' Ja, und wer ist das, frage ich und zeige auf den gefallenen Krieger, 
„Der Vater," antwortet Peter sofort. Dann errötet er und war sichtlich 
erschrocken. „Nein, nein," rief er, „nicht der Vater, Faker, Sie wissen, 
Herr Faker, der in unserem Haus wohnt." 

Daß wir es hier mit der Vater- Sohn bezieh ung zu tun haben, wäre auch 
ohne Peters Antwort klar gewesen. Der Inhalt seiner früheren Phantasien 
hatte dies schon erwiesen. Auch die Zeichnungen waren dahin verändert, 
daß der kleine Ritter den großen besiegt, ebenso wie er in seinen Phanta- 
sien den Vater oder sonst eine über ihm stehende Person demütigte und 
verfolgte. Der zerbrochene Speer wies ohne Zweifel auf Strafbefürchlungen 
wegen der Onanie hin ; die Zeichnung verschob aber die Strafe von Peter, 
dem wirklichen Sünder, auf den Vater, den er in Wirklichkeit als Rächer 
fürchtete. 

Peter sagte dabei ganz offen, daß er seinen Vater lieber habe als die 
Mutter. Nach den Äußerungen Peters und auch nach den persönlichen 
Eindrücken, Hebte Herr Trojan den Knaben mehr, als seine Frau es tat. 
Diese war mit dem Buben sehr ungeduldig und schlug ihn oft. Dennoch 
beklagte er sich über sie nur selten. Bei einem Anlaß murrte er einmal 
und als ich seine Partei gegen die Mutter nahm, verteidigte er sie sofort. 

Auch Herr Trojan war streng, aber er behandelte Peter mehr wie einen 
Kameraden. Sie besuchten zusammen die Museen und besprachen, was sie 
gesehen hatten. Vergangenen Sommer bauten sie gemeinsam ein Boot. Zu 
Weihnachten schenkte er ihm ein Paar Skier und lehrte ihn laufen. Er 
ist auch viel intelligenter und verständiger als seine Frau, beispielsweise 
beurteilte er Peters sexuelles Leben ganz richtig. Als der Bub kleiner war 
und onanierte, pflegte Frau Trojan ihn auf die Hand zu schlagen und 
ihm mit verschiedenen Strafen zu drohen, Peter onanierte gelegentlich auch 
jetzt noch, aber Trojan warnte seine Frau davor, es überhaupt zu beachten. 
Als Frau Trojan entdeckte, daß Peter über sexuelle Dinge orientiert sei, 
und sie einmal ein gewissermaßen obzönes Gespräch mit andern Schul- 
kameraden belauschte, wollte sie ihm den Verkehr mit diesen Kindern 
verbieten und sich dem Lehrer gegenüber beklagen. Doch ihr Mann hielt 
sie davon ab. Trotz der Tatsache also, daß Trojan in der Realität verhältnis- 
mäßig nachsichtig war, spielte er in den Phantasien des Kindes immer 
die Rolle des Rächers. 

Ungefähr um diese Zeit trat ein anderes bedeutendes Ereignis in Peters 
Leben. Frau Trojan hatte eine Schwester, deren Mann ein Taugenichts 

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war, Das Ehepaar lebte in Wien und hatte ein einziges Kind, ein kleines 
Mädchen von fünf Jahren. Diese Schwester, Frau Beck, erkrankte. Frau 
Trojan holte ihre kleine Nichte in ihr Haus, um ihrer Schwester die Sorge 
um das Kind abzunehmen. Bald zeigte sich, daß der Zustand der Frau 
gefährlich war und Hellie blieb bei der Familie Trojan bis nach dem 
Tode ihrer Mutter. 

Erst war Peter entzückt bei dem Gedanken an eine Gespielin. Sein 
Benehmen ihr gegenüber war so großmütig und liebevoll, daß Herr Trojan 
sagte, Peter benehme sich wie ein Verliebter. Bald jedoch wurde er sehr 
eifersüchtig und dies nicht ohne Grund. Seine Mutter äußerte beständig, 
wenn auch verschleiert, die Drohung, ihn wegzuschicken und Hellie zu 
behalten. Das war wirklich das, was sie unbewußt und wahrscheinlich 
auch bewußt am liebsten getan hätte. 

Vielleicht könnte jemand, in Unkenntnis der bei Kinderanalysen ange- 
wandten Technik, erstaunt sein, daß ich nicht zu Peters Mutter von 
seiner Eifersucht sprach und nicht versuchte, ihre Haltung ihm gegenüber 
zu ändern. Aber man möge sich daran erinnern, wie schwierig es war, 
Peter zur Einsicht in die Notwendigkeit einer Behandlung zu bringen. 
Hätte er daheim keine drängenden Konflikte gehabt, so wäre die Notwendig- 
keit meiner Hilfe bald vergessen gewesen und die Analyse hätte nicht 
fortschreiten können. Tatsächlich ging sie durch den Ansporn der drohenden 
Gefahr viel rascher vorwärts. 

Die folgenden Phantasien sind gute Beispiele für die Art des Materials 
das Peter mir brachte, als seine Impulse etwas freier wurden von 
Hemmungen und Verdrängungen, 

Es war Sonntag morgens, die Eltern lagen im Bett; Peter begann den 
Vater zu kitzeln, so daß der Vater dabei unabsichtlich nach der Mutter 
stößt. Nun fängt Peter an zu übertreiben: Der Vater hat die Mutter ins 
Gesicht geschlagen, und so entstand eine richtige B auferei zwischen den 
Eltern. Dann drehte der Vater sich um, um nach Peter zu schlagen; Peter 
versuchte den Schlag abzuwehren, indem er den Vater beim Ellbogen packte. 
Er traf ihn aber beim Handgelenk, wo er eine Verletzung hatte, und fügte 
ihm einen empfindlichen Schmerz zu. 

Peter setzt diesen Streit in Szene, um seine Eltern zu entzweien. Dann, 
um die Stelle des Vaters bei der Mutter einzunehmen, läßt er ihn den 
Gebrauch seiner Hand einbüßen, die, wie leicht zu ersehen, an Stelle eines 
noch bedeutungsvolleren Organs steht. Durch die Methode, die er benützte, 
um die Eltern zu trennen, rächt er sich auch an der Mutter dafür, daß 
sie ihn dem Vater vorgezogen hatte. Die Ödipussituation tritt hier klar zutage. 

Eines Tages erzählt mir Peter, er war mit dem Vater im Museum und 
sie haben die meiste Zeit in einem Saal mit Rüstungen verbracht. Er hatte 
dort einen tiefen Eindruck von der Rüstung eines Riesen empfangen. 

„Ich wollte, ich wäre ein Riese", sagt Peter. 

„Warum?" 

- 414 — 






„Weil ich, wenn ich ein Riese wäre, meine Eltern überwältigen könnte." 

„Natürlich", setzte er hinzu, „nur wenn sie mit mir unfreundlich sind, 
wie die Hellie." (Er hatte geklagt, daß Hellie ihn immer in Unannehm- 
lichkeiten bringe.) „Heute ärgerte ich mich sehr über den Vater; die 
Mutter sagte, ich könne Kohle nachlegen, der Vater weiß genau, wie gern 
ich es mache, und er tat es doch selbst. 

„Macht es dir soviel Freude, Kohle nachzulegen?" 

„Ja, ich freue mich sehr, wenn ich Kohle in den Ofen schütten kann,* 
Hier wich er von der Wirklichkeit ab und stürzte sich in eine phantastische 
Beschreibung, wie er ganze Kübel voll Kohle in den Ofen tue. „Und der 
Kohlenstaub flog im ganzen Zimmer umher, das Bett sogar war davon 
bedeckt. Nun ging ich in die Küche, holte einen Schwamm und eine 
Schüssel mit Wasser und wischte es vom Bett herunter. Ich ließ ihn bei 
dem Thema und er fuhr fort, Ofenphantasien auszuspinnen. 

„Einmal kam der Kaminfeger und kehrte unseren Kamin. Als er fort- 
ging, machte die Mutter die Ofentür auf und der Kohlenstaub kam wie 
eine Lawine heraus. Meine Mutter war von Ruß ganz bedeckt, sie war 
wütend und wollte mich schlagen, aber ich lief auf die andere Seite des 
Zimmers. Da nahm sie eine Vase und wollte sie nach mir werfen, sie zer- 
brach aber und meine Mutter verwundete sich am Handgelenk und an 
der Schulter. Ich rannte in den Hof." Außer dem sadistischen Charakter 
seiner früheren Phantasien hatte diese noch ein Element mehr, die Freude 
am Schmutz. Peter war vor seinem zweiten Jahre nicht zur Reinlichkeit 
erzogen worden und Frau Trojan sagte, sie habe mehr als ein halbes Jahr 
gebraucht, um ihn zimmerrein zu bekommen. Er beschmutzte öfters sein Bett. 
Sie prügelte ihn jedesmal, wenn er sich schmutzig oder naß gemacht hatte. 

Ich deute Peter diese Phantasien, sage ihm, er beschuldige seine Mutter 
schmutzig zu sein, geradeso wie er die Schuld der Onanie auf den Vater 
verschob. In der Zeit, da die Mutter ihn an Reinlichkeit gewöhnte, hatte 
sie ihm wahrscheinlich oft gesagt, was für ein schmutziger kleiner Junge 
er sei. In seiner Phantasie konnte er nun sagen: „Du bist ein schmutziges 
Ding." Das Beschmutzen des Bettes, sowie das Holen von Schwamm und 
Wasserschüssel war wahrscheinlich eine Deckerinnerung, hinter der alle 
diese peinlichen Erlebnisse versteckt waren. Der Kohlenstaub, der seine 
Mutter bedeckte, sollte sie demütigen und beschämen, wie es Peter in Wirk- 
lichkeit gerne getan hätte, aber nicht wagte. In der Phantasie von der Vase 
ließ er sie sich das selbst zufügen, was e r ihr gerne angetan hätte. Er 
nahm die Deutung an und fuhr fort: 

Wir haben einen Buben in unserer Klasse, der noch immer seine 
Hosen und sein Bett beschmutzt und sein Hinterteil ist immer dick mit 
Stuhl bedeckt. Er macht dies auch in der Schule und es riecht furchtbar. 
Es war so arg, daß sein Nachbar eines Tages brechen mußte, und da 
mußte der nächste Bub auch erbrechen und dann übergaben sich alle in 
der Klasse, außer „Ernst" und er selbst. Der Boden war fußhoch mit Er- 

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brochenem bedeckt. Dann kam der Katechet zur Religionsstunde herein ; 
er blickte nicht auf, weil er in seinem Gebetbuch las, und er trat gerade- 
wegs in das Erbrochene hinein und begann auch sich zu übergeben. Man 
schickte um den Schuldiener, aber er konnte nichts reinigen, weil auch 
er sich erbrach und die Klasse wurde fortgejagt. Ein Bub brach direkt in 
des anderen Mund! Selbst als sie auf die Straße hinauskamen, konnten 
einige von ihnen nicht damit aufhören und ein Junge brach den Rücken 
eines Wachmannes ganz voll. Dieser bemerkte es nicht, aber als er in die 
Wachstube kam, wurde er von allen ausgelacht." 

So bearbeitete seine Phantasie das Schmutzthema mit derselben Über- 
treibung wie vorher die des Straßenkampfes. Er ließ wieder den Katechet 
und den Wachmann an Stelle seines Vaters eine lächerliche Rolle spielen. 
Er dramatisierte dies alles und hatte eine ganz besondere Freude diese 
Dinge zu erzählen. Anale und orale Phantasien traten zu jener Zeit be- 
sonders hervor. 

Nun folgt ein Beispiel einer anderen Art von Phantasie: „Gestern nach- 
mittag war ich allein daheim, die Mutter ging mit Hellie aus. Wenn das 
Zimmer nicht schon geheizt gewesen wäre, hatte ich massenhaft Kohle in 
den Ofen geschüttet, gerade nur, um die Mutter zu ärgern. Ich tue alles 
was ich kann, um sie zu ärgern und zu reizen. u Dann folgte eine lange 
Phantasie, die zeigt, was er alles tut, um Hellie zu ärgern und zu reizen. 
In Wirklichkeit neckte er sie tatsächlich viel. 

Bei einer anderen Gelegenheit erzählte er anal-sadistische Phantasien 
und fügte hinzu : „Dies war der glücklichste Tag meines Lebens, Ärger 
und Freude gehen immer Hand in Hand, es ist mir das größte Vergnügen, 
Leuten, die ich hasse, Böses zuzufügen." 

Peter beschrieb sich als Anführer einer Platte, bewaffnet mit einem 
Stock, an dem ein Stück Leder befestigt war, einer Peitsche ähnlich. Er 
traf seinen Feind und sie kämpften, selbstverständlich war er der Sieger; 
er überwältigte den Führer der anderen Gruppe und zeichnete ihn mit 
seiner Lederpeitsche, indem er das Malzeichen auf seine Wangen, Arme 
und Beine einhieb. Dann bestrich er sich mit Teer, so daß er einem Neger 
glich. Später reinigte er sich davon und warf auch eine Handvoll Teer 
seinem Opfer ins Gesicht, es rann von des Jungen Nase in seinen Mund 
und er erbrach. An dieser Stelle sagte Peter: „Ich habe es gern, anderen 
weh zu tun und mich zu beschmutzen und andere auch." Er machte noch 
mehr Gefangene und schloß sie in eine nasse, schmutzige Kammer ein. 

Alle diese Erfindungen zeigen die Tendenz, auf die anal-sadistische Stufe 
zurückzukehren. Daß der Vater Kohle in den Ofen legte, war für ihn auch 
eine symbolische Darstellung der Liebes verbin düng zwischen Vater und 
Mutter, wobei er gerne des Vaters Stelle eingenommen hätte. Daher die 
Stärke seiner zornigen Reaktion, als der Vater ihm das Vergnügen. Kohle 
auf das Feuer zu tun, untersagte. Die Analyse dieser Phantasie brachte 
nur anales Material zutage, während der genitale Wunsch der Mutter 

— 416 - 



gegenüber verborgen blieb. Doch lassen die Zeichnungen, die Ofenphantasie 
und die Phantasie vom Sonntagmorgen, ebenso wie seine Stellung zum Vater 
eine typische ödipussituation erkennen. 

An diesem Punkte angekommen, wurde die Analyse abgeschlossen; was 
folgte, muß als Resultat der Behandlung betrachtet werden. 

Die Ursache von Peters asozialem Benehmen war nun recht genau be- 
nimmt. Die Analyse seiner Phantasien zeigte zwei determinierende Ele- 
mente; das erste war der Wunsch groß und mächtig zu sein wie sein 
Vater, das zweite war der, bei der Matter die Stelle des Vaters einzunehmen. 
Erst sahen wir nichts als den Wunsch, die Stellung von Vater und Sohn 
zu vertauschen, aber als die Phantasien mutiger wurden und mehr von 
ihrem Inhalt zeigten, konnten wir sehen, daß er auch wünschte, jenes 
Verhältnis zur Mutter zu gewinnen, dessen der Vater sich erfreute. Es war 
natürlich, daß dieser Wunsch, seinen Vater zu ersetzen, in ihm die Furcht 
vor dem Zorn des Vaters, die Kastrationsangst, erweckte. Dies zu verbergen, 
wurde er zum Aufschneider und Prahler. Sein Stehlen, seine Auflehnung 
und seine Rachephantasien gegen alle autoritativen Personen, entstammen 
derselben Quelle. Je feindlicher seine Gefühle gegen seinen Vater wurden, 
desto mehr steigerte sich seine Angst und je größer seine Angst wurde, 
umsomehr mußte er vorgeben, größer und stärker zu sein als sein Vater. 
Er geriet so in einen circulus vitiosus. Als seine Phantasien fortschritten, 
wurde klar, wie sehr er seinen Vater um die Beziehung zur Mutter benei- 
dete, und zwar mit mehr analer Auffassung dieser Beziehungen. 

So gehören die Gefühle und Phantasien des Knaben jener Periode seiner 
psychischen Entwicklung an, die die Psychoanalyse als prägenitale be- 
zeichnet; die Methode der Reinlichkeitserziehung, die seine Pflegemutter 
angewendet hat, trug das ihre dazu bei, ihn an die Erlebnisse von Strafe 
und Züchtigung zu fixieren, mit anderen Worten, ihn mehr sadistisch zu 
machen. Andererseits war die Stimme des Gewissens in seinem Innern, 
sein Über-lch, verhältnismäßig schwach. Daß es überhaupt existierte, wissen 
wir aus seinem Erröten und seiner Verlegenheit, aber es war nicht stark 
genug, um seine Impulse zu beherrschen. Peter war ein Kind, das sich 
nach Liebe sehnte, aber praktisch ja viel negative Erfahrungen in dieser 
Hinsicht gemacht hatte. Wir wissen, daß ihm in den ersten zwei Lebens- 
jahren jede Gelegenheit zur Befriedigung seines Liebesbedürfnisses fehlte. 
Auch seitdem er bei seinen jetzigen Pflegeeltern war, konnte dieses Liebes- 
bedürfnis infolge des verwahrlosten Zustandes, in dem sich das Kind befand 
und wegen der Erziehungsmethoden, die sie anwendeten, nicht wirklich 
befriedigt werden. Wie die Neurose des Erwachsenen ist auch die Kinder- 
neurose determiniert durch Konflikte zwischen unbewußten Triebregungen 
und dem Ich und Über-lch. Im Kinde ist das Über-lch aber noch nicht 
voll entwickelt; auch hat das Kind noch nicht die gleichen Möglichkeiten 
zur Sublimierung. Ein normales Über-lch kann nur durch Liebesbeziehungen 
entwickelt werden und die sind in Peters Leben nie recht groß gewesen. 

- 417 - 



Der Grund, warum er die Wirklichkeit nicht hat akzeptieren können 
und zur Phantasie Zuflacht nahm, war seine Angst vor Strafen, vor der 
Kastration. Im Augenblick, da er vor sich selbst seine wirkliche Lage, näm- 
lich daß er nur ein kleiner Junge sei, zugegeben hatte, mußte er fürchten, 
daß ihn der große Mann, sein Vater, wegen der bösen Gedanken und Ab- 
sichten zugrunde richten werde. Durch die Deutung seiner Phantasien war 
ich nach und nach imstande, ihm begreiflich zu machen, daß sie eben 
Phantasien und nicht Tatsachen waren, wie er lange hartnäckig behauptet 
hatte. Nachdem er dies begriffen hatte, fiel es ihm nicht mehr so schwer, 
genauer bei der Wahrheit zu bleiben. 

Ungefähr um diese Zeit begann er wieder von Straßenkämpfen zu er- 
zählen, daß er am Sonntag, am Weg von der Wohnung seines Freundei, 
einen Kampf mit einem Buben zu bestehen hatte und unterlegen war. 
Daß Peter so etwas zugeben konnte, zeigt, daß er nun ohne Angst der 
Wirklichkeit ins Auge zu sehen vermochte. So hatte sich das verlogene, 
prahlerische Kind verwandelt, als welches wir ihn kennen gelernt haben. 

Wie das Verhältnis von Ich und Über-Ich sich verändert hat, wird 
durch folgende Geschichte, die er erzählte, gut beleuchtet. Gegen Ende 
der Behandlung produzierte er mehrere solche Phantasien. 

„Einmal war ein Ritter, Peter genannt. Er lebte in einem Schloß, vom 
Wald umgeben. Als er eines Tages ausritt, sah er plötzlich einen Mann, 
der genau so aussah wie er selbst und der sagte: , Peter, du must alles tun, 
was ich dir befehle/ Peter machte ihn zum Gefangenen und nahm ihn 
ins Schloß. Dann fragte er ihn um seinen Namen, den der Fremde aber 
nicht sagen wollte, worauf er ihn ins Burgverließ werfen ließ. 

Am nächsten Tag fragte Peter den Mann wieder um seinen Namen, 
aber alles, was er sagen wollte, war, daß der Name mit dem Buchstaben P 
beginnt. Da befahl Peter, daß er gehenkt und geköpft würde. 

Wie er am nächsten Tag wieder in den Wald ritt, kamen ihm vier 
Männer entgegen und fragten, ob er im Schloß gewesen sei, Wegen der 
auffallenden Ähnlichkeit hielten sie ihn für ihren Anführer, ihren Spion. 

Peter sagte: ,Ja, kommt nur gleich mit mir.* Als sie zur Zugbrücke 
kamen, warf er einen nach dem andern in den Burggraben, wo sie sofort 
ertranken, weil ihre Rüstung so schwer war. Als Peter in den Burghof 
kam, trat ihm wieder der Spion entgegen, der abermals sagte: ,Du mußt 
genau das tun, was ich befehle.' Nun entdeckte Peter, daß der Kerker- 
meister der Bruder des Spions war und diesen in einer Kammer verborgen 
hatte, statt Peters Befehle auszuführen, Peter fesselte nun den Spion selbst, 
erhenkte ihn und schlug ihm mit eigenen Händen den Kopf ab, ,u n d 
nun hatte ich Ruhe. 

Diese Phantasien bezeichnen die Einleitung eines Kampfes zwischen 
seinem Ich und seinem Über-Ich. Der innere Peter ist durchaus nicht 
.ganz besiegt, aber der äussere Peter weiß nun genau, wo sein Feind zu 
finden ist. 

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Als ich Peter in einen „inneren" und „äusseren" Peter spaltete, tat 
ich dies nur aus technischen Gründen. Aber diese Phantasie zeigt uns, 
wie sehr ihm das nahe lag. Er versuchte sich das, was aus seinem Unbe- 
wußten zutage gebracht wurde, zu eigen zu machen und folgte mir so 
auf dem Weg, den ich ihm gezeigt hatte: das bedeutete aber, daß er sein 
Uber-Ich dem Ich gegenüber stellte. Er hatte das in sehr dramatischer 
Weise ausgearbeitet; wenigstens im Wunsche gelang es ihm, den inneren 
Peter zu besiegen. Dies war eine ganz andere als die vor wenigen Monaten • 
damals sagte er, wenn er etwas stehle und der Bestohlene es nicht ver- 
misse, sei er, Peter, vollkommen im Recht, es zu behalten; „das Stehlen 
ist kein Unrecht, wenn man nicht erwischt wird." Zu jener Zeit verlegte 
er alle Äusserungen der kritischen Instanz in die Aussenwelt, jetzt aber 
fühlte er sie in seinem Inneren. 

Peter hat nicht gestohlen, seit die Behandlung fortgesetzt worden war. 
Er machte keinerlei Schwierigkeiten, weder daheim noch in der Schule. 
Ich war zu Ostern drei Wochen abwesend. Nach meiner Rückkehr 
brachte er kein Material mehr und schien sehr vergnügt und in guter 
Verfassung. Ich ließ seine Mutter kommen; sie stellte fest, daß sein Be- 
nehmen während meiner Abwesenheit überraschend gut gewesen sei; er 
half ihr unaufgefordert, wo er nur konnte, und sie wiederum war frei- 
giebig im Spenden von Lob und in materiellen Belohnungen. Zu ver- 
schiedenen Malen, wenn Trojan an seiner Frau etwas aussetzte, hat Peter sie 
verteidigt. Andererseits wieder identifizierte sich Peter mit seinem Vater; 
er versuchte ihn in jeder Weise nachzuahmen. Sein übertriebenes Interesse 
für Tagträume, für das Phantasieleben wichen nach und nach einem 
größeren Interesse für die Wirklichkeit. Er las weniger und arbeitete mehr, 
er spielte mit seinem Matador, wichste den Fußboden, brachte Kohle aus 
dem Keller und trug Kehricht hinunter, alles ohne ausdrückliche Aufforderung. 
Er legte eine Markensammlung an, wie sein Vater eine besaß. Er spielte 
auch mit der Mutter, oder mit Vater und Mutter verschiedene Spiele, 
statt allein zu lesen und lernte es auch, mit Anstand zu verlieren. 

Durch meinen häufigen Kontakt mit seiner Mutter, die leicht zu be- 
einflussen war, besserte sich das Verhalten der Eltern merklich. Durch ihre 
Mitarbeit und durch die Änderung in ihrem Verhalten bekam Peters Lie- 
besbedürfnis jetzt mehr Befriedigung und durch die Identifizierung mit 
dem Vater richtete sich seine kritische Instanz auf eine bessere soziale 
Einpassung. 

Bei näherer Bekanntschaft mit Peter und seinen Eltern wurde es mir 
beständig klarer, wie sehr die Stellung des Ehepaares dem Kinde gegenüber 
die Folge seines Benehmens und seiner Haltung ihnen gegenüber war. Ich 
meine damit nicht das Stehlen und Lügen, sondern seine Prahlerei, seinen 
Mangel an Kameradschaftlichkeit, seine Selbstsucht usw. Diese Eigen- 
schaften waren es weit mehr als sein wirklich asoziales Benehmen, die 
eine negative Reaktion seiner Eltern provozierten. Ich bin davon überzeugt, 

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daß die Änderung in Peters eigenem Benehmen das Ehepaar Trojan zu 
einer positiven Beziehung zu dem Kinde brachte, und ich nur etwas dazu 
beitragen konnte, um sie zu beeinflussen. Diese und ähnliche Falle haben 
mich gelehrt, in der Beurteilung des Verhaltens von autoritativen Persön- 
lichkeiten gegenüber schwierigen Kindern, sehr vorsichtig zu sein. Gewiß 
hat das Ehepaar Trojan manche Fehler begangen und war gegen Peter 
oft unfreundlich und ungerecht. Im Verlaufe der Behandlung aber wurde 
es möglich, ihnen zu erklären, inwieweit sie selbst für seine ungesunden 
Reaktionen verantwortlich waren und ihnen bessere und modernere Metho- 
den der Erziehung zu zeigen, als sie bisher gekannt hatten. 

Vom psychoanalytischen Standpunkt enthielt die Behandlung nur eine 
unvollständige Analyse; es war bloß die Analyse der Oedipussituation auf 
der analen Stufe. Und doch war, vom therapeutischen Standpunkt gesehen, 
damit die Hauptursache seiner Symptome aufgedeckt und anscheinend be- 
hoben, es war die Oedipussituation, die sich in den Prahlereien und Über- 
treibungen äußerte und die Kastration sangst, die in die Leugnung des Unter- 
schiedes zwischen groß und klein, zwischen Vater und Sohn, mündete. 

Die meisten Gegenstände, die Peter gestohlen hat, Geld, Bleistifte, ein 
Taschenmesser u. dgl. sind Penissymbole, d. h. Symbole der Männlichkeit, 
die er an sich nahm, um sich für den Verzicht der Vaterrolle, die er ein- 
zunehmen wünschte, zu entschädigen. 

In seiner Arbeit „Kastrationskomplex und Charakter" 1 zeigt Alexander 
den Zusammenhang zwischen Kleptomanie und Penisneid. Sein Patient hat 
im Alter von neun bis zehn Jahren eine Periode von zwanghafter Stehl- 
sucht durchgemacht, wobei er dieselben Dinge nahm wie Peter. Alexanders 
Patient hat ausschließlich zwei Schulkameraden bestohlen, die die besten 
Schüler waren. In diesem Falle hatte das Symptom die Bedeutung, sich 
den großen Penis, letzten Endes den des Vaters anzueignen, wie die Ana- 
lyse eindeutig ergeben hat. Das Geld bekam die Penisbedeutung über die 
von Freud gefundene unbewußte Gleichung Geld — Kot — Penis. 

Auch Peters Analyse zeigt die Rolle des Kastrations Wunsches und des 
Penisneides. Die Phantasie vom Sonntagmorgen, die David-Goliath-Phantasie, 
die Zeichnungen, die sie illustrieren, sind gute Beispiele dafür. Doch im 
Gegensatz zu Alexanders Patienten hat Peter jedermann bestohlen. Es 
besteht kein Zweifel, daß das Stehlen im Kastrations komplex verankert war, 
gerade wie sein Prahlen und Lügen, und wir können es verstehen, warum 
mit der Analyse des Kastrationskomplexes allein alle drei Symptome 
verschwunden sind. Doch gab es für das Stehlen noch andere Determinanten, 
von denen der Mangel an Befriedigung seiner Lieb es wünsche der wichtigste 
ist. Alexander zitiert eine Bemerkung von Abraham, daß es außer dem 
Penisneid noch andere Determinanten für zwanghaftes Stehlen gebe ; er 



1) Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse. Heft a, 19,22. 

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erwähnt von diesen den Drang, sich die Liebe, die einem die Eltern 
versagt haben, und die Lust, die man nicht bekommen hat, einfach m 
nehmen. 

Verglichen mit den gewöhnlichen klinischen Methoden, ist die Behand- 
lung sehr tief in die psychischen Vorgänge eingedrungen, denen die 
Symptome entstammten. Andererseits ist auch in der unvollständigen 
Analyse nur ein Teil des psychischen Materials völlig durchgearbeitet worden. 
Die Methode hat sich streng an die durch Anna Freud in ihrem 
Buche „Einführung in die Technik der Kinderanalyse" vorgeschriebene 
Technik gehalten. 

Seit dem Abschluß der Behandlung habe ich Peter und seine Mutter 
mehrere Male gesehen und es hat von keiner Seite Anlaß zur Klage gegeben 
Vor den Sommerferien jedoch erzählte mir Frau Trojan, daß Peter eines 
Abends plötzlich einen Weinkrampf bekommen habe und auf Fragen 
geantwortet habe, er fühle sich so unglücklich, weil er so ganz allein 
auf der Welt sei. Ich richtete es so ein, daß Peter mich besuchte, weil 
ich mich bemühen wollte, etwas mehr darüber zu erfahren: Es ergab 
sich dabei, daß er ein Gespräch seiner Pflegeeltern belauscht hatte, in dem 
einige Bemerkungen über seine wirklichen Eltern gefallen waren, die er 
als abfällig gedeutet hatte. Herr Trojan hatte gemeint, wie sonderbar 
und unverständlich es doch sei, daß die richtigen Eltern nie nach ihm 
gefragt haben. Peter suchte nun nach Entschuldigungen für seine wirklichen 
Eltern, während man doch eigentlich erwarten sollte, daß er nur Haß 
und Groll für sie empfinde, so daß man vermuten muß, daß Phantasien 
über sie hinter seinem Weinanfall steckten. Er mag später wohl noch 
weiterer Behandlung bedürftig werden. 

Ich hatte Gelegenheit, Peter und seine Mutter einige Monate nach 
diesem Vorfall zu sehen und erhielt von beiden sehr gute Berichte. Peter 
ist in die Mittelschule gekommen und macht gute Fortschritte. Er schien 
zufrieden und glücklich. Auch die Pflegeeltern waren mit ihm durch- 
aus zufrieden und ich hoffe, daß es noch zur rechtlichen Adoption kom- 
men wird. 



llliililiillUllillllllM^ 

- 42! - 



llillllül 



Zur Theorie der Erziehungsmittel 

Von Richard Sterba, Wien 

Im Sonderheft „Strafen" der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik* 4 
sind einige Autoren teils durch praktische Erfahrung, teils durch theoretische 
Konklusion zu Resultaten gekommen, welche mit meinen Ergebnissen 1 so 
gut übereinstimmen, daß ich daraus die Berechtigung erschließe, die von 
mir dargelegte Theorie der Erziehungsmittel auch diesem Leserkreise vor- 
zulegen. Es kommt mir dabei darauf an, nicht die Fülle an Komplikationen 
beim einzelnen Erziehungsakt und -mittel darzustellen, sondern den ideellen 
Reinvorgang seiner Wirkung klar zu machen. So wendet sich dieser Auf- 
satz an das theoretische Empfinden, in der berechtigten Voraussetzung aller- 
dings, daß theoretische Klarheit über Vorgänge das praktische Handeln 
fördert und sicherer werden läßt. 

Ich dachte mir die von mir dargestellte Theorie der Erziehungsmittel 
als für jenen Bereich der Erziehertätigkeit giltig, der sich mit der Trieb- 
erziehung des Kindes beschäftigt. Dieser Teil der Erziehertätigkeit versucht, 
das Verlangen mancher Triebe nach direkter Befriedigung zu beeinflussen, 
wobei er Aufschub, Veränderung der Form der Befriedigung oder schließ- 
lich Verzicht auf jegliche solche als Ziel der Beeinflussung setzt. Im Säug- 
ling und noch im frühaltrigen Kleinkinn 1 finden sich eine Reihe von 
ungeordneten, ungehemmten Trieben. Sie sind durch organische Reize 
entstanden, wie es ja zum Wesen des Triebes gehört, äußern sich als 
psychische Spannungszustände und veranlassen das Individuum die Auf- 
hebung des Spannungszustandes durch Beseitigung der Reizzufuhr an der 
Triebquelle anzustreben. Diese Beseitigung wird als lustvolle Befriedigung 
erlebt. Die Impulsivität der Triebe ist dabei eine sehr große, das Kind ist 
ihnen ausgeliefert, der schwache, unentwickelte Seelenapparat des Kindes 
steht ihnen mehr minder hilflos gegenüber und vermag nur unter beson- 
deren Bedingungen den Ablauf des Triebstrebens zur direkten Befriedigung 
zu verhindern, wie es die Realität oft verlangt und der Erzieher es wünscht. 
Aichhorn hebt in seiner Arbeit „Lohn und Strafe als Erziehungsmittel" 
hervor, daß eine solche Trieberziehung auf natürliche Weise oft durch die 
starke Unlust, die auf das befriedigende Triebverlangen hin einsetzt, auto- 
matisch geschieht. Er bringt das Beispiel von dem gebrannten Kind, das 
das Feuer scheut, weil es die Unlust der Berührung mit Heißem kennen 
gelernt hat. Zahlreiche Triebe werden so an der Realität aus dem Streben 
nach Hnlustvermeidung automatisch erzogen. Diese Triebe gehören meist 
jenen Notwendigkeiten zu und entstehen aus ihnen, die die unmittelbare 
Erhaltung des Lebens fordert. Freud nannte sie Selbsterhaltungstriebe und 
stellt sie im Gegensatz zu einer andern Gruppe, deren Befriedigungsver- 

i) Kurz dargestellt in „Zur Theorie der Erziehungsmittel". Image 1932, XVIII, Heft 1. 

— 422 — 



langen in Verbindung, wenn auch in sehr weiter und lockerer, mit der 
Arterhaltung steht und die er Sexualtriebe nennt. Diese nun entziehen 
sich der Erziehung zur Realität, weil sie anfänglich kaum in selbständige 
Beziehung zu Objekten der Außenwelt treten. Sie finden ihre Befriedigung 
nämlich vielfach gleichzeitig dann wenn die Bedürfnisse der Selbst- 
erhaltungs- oder Ichtriebe gestillt werden, Sie „schmarotzen" an der Be- 
friedigung der Ichtriebe, die gewährt werden muß, will der Erwachsene 
das kleine Menschenkind am Leben erhalten. Der Lutschtrieb z, B., jener 
Trieb also, dessen Befriedigung im Lutschakt unabhängig von der Nahrungs- 
aufnahme besteht, wird im primitiven Ernährungsakt des Gesäugtwerdens 
durch Brust und Flasche notwendigerweise mitbefriedigt; er hat also Ge- 
legenheit, bei jeder Nahrungsaufnahme zu profitieren, da sein Objekt das- 
selbe ist, wie das des Nahrungstriebes. Aber noch mehr. Der Lutschtrieb 
kann sich vom äußern Objekt unabhängig machen, indem er die Befriedigung 
von einem Teil des eigenen Körpers kommen läßt, etwa vom Daumen. 
Die Tatsache der autoerotischen Befriedigung vieler Sexualtriebe nach 
und neben der parasitären Befriedigung am Ichtriebobjekt ist die zweite 
Möglichkeit für die Sexualtriebe, sich den direkten erzieherischen Einflüssen 
der primitiven Realität zu entziehen. Auch kann der Erzieher mit seinen 
Ansprüchen nicht direkt an den Trieb heran, wenn dieser autoerotisch 
sich befriedigt, denn er kann das einfachste Mittel zur Verhinderung der 
Triebbefriedigung, den Objektentzug meist nicht anwenden. Auch ver- 
läuft die autoerotische Befriedigung leicht unbemerkt und entgeht dem 
wachsamen Auge selbst geübter Erzieher oft durch lange Zeit, 

Diese geringe Notwendigkeit der Sexualtriebe, sich primitiven Lebens- 
einflüssen zu unterwerfen, bedingt nach Freud ihre schwere Erziehbarkeit. 
Und gerade mit den Sexualtrieben hat der Erzieher zu tun, sie hat er zu 
beeinflussen, abzulenken, zusammenzufassen, höheren Aufgaben zuzuführen. 
Zwei Fragen drängen sich hier auf; Die erste nach der Möglichkeit der 
Trieberziehung vom Trieb her. also lautend; Was kann mit einem Trieb - 
verlangen geschehen, das nicht durch die direkte Befriedigung erledigt 
wurde? Die zweite, für unsere Darstellung wichtigere, die nach den dyna- 
misch-ökonomischen Prinzipien der Erziehung, also lautend: Wie bringe 
ich es als Erzieher dazu, einen Trieb beim Kinde von seiner mir uner- 
wünschten direkten Befriedigung abzuhalten? 

Die erste Frage führt uns auf eine Grundeigenschaft der Sexualtriebe, 
durch die eine Veränderung an ihrem direkten Ablauf: Verlangen — Be- 
friedigung möglich wird. Die Sexualtriebe haben nämlich die Eigenschaft 
der Plastizität, die z. B. darin sich äußert, daß der Trieb mit dem Objekt, 
das er zur Befriedigung verlangt, nicht sehr innig verbunden ist, und die 
Befriedigung durch ein anderes, ähnlich geartetes findet. Statt der Brust- 
warze, dem ursprünglichen Objekt des Lutschtriebes, kann der Gummi- 
sauger oder der Daumen denselben Dienst tun. Statt mit Kot zu spielen 
kann feuchter Sand oder Straßenkot oder Plastilin geformt oder geknetet 

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werden. Das Objekt des Triebes ist also vertauschbar. Aber noch eine 
andere Eigenschaft zeichnet die Sexualtriebe als „plastisch** aus; sie können 
nämlich einander vertreten, das heißt für die verhinderte Befriedigung 
eines Teil- (Partial-) triebes der Sexualität vermag die Befriedigung eines 
andern Partialtriebes einzutreten ; es ist als ob die Partialt riebbefriedigun gen 
einander ersetzen könnten. Freud bringt die Vorstellung, als ob der Sexual- 
trieb in seiner Gesamtheit durch ein System von untereinander verbundenen 
Röhren flöße; ist ein solches Rohr verstopft, so drängt der Strom durch 
die anderen nach außen. Solche Möglichkeit ist leicht daran einzusehen, 
daß z. B. bei Menschen, die von Genossen anderen Geschlechtes dauernd 
oder lange entfernt sind, die gleichgeschlechtliche Liebe die andere ersetzt. 
In Kasernen, Internaten, auf Schiffen kann man dies unter Erwachsenen 
leicht beobachten. Wenn der heterosexuelle Abfluß durch den Objektmange] 
versperrt ist, fließt der Sexualtrieb durch die homosexuelle Bahn ab, die 
vielleicht seit der Kindheit nicht mehr als Abfluß gedient hatte, Bei Kindern 
geschieht das viel leichter und deutlicher. So leicht wie Spielzeuge bisweilen 
werden Libido wünsche vertauscht. Die Libido hat in diesem Sinne etwas 
Bewegliches, Verschiebbares, das ihre Handhabung durch die Erziehung 
erleichtert. Besonders die Triebe, die in Gegensatzpaaren angelegt sind, 
können leicht eine gegenseitige Vertretung erfahren, Statt des Trieb- 
wunsches zu schlagen, tritt der unter Umständen viel leichter zu befrie- 
digende Wunsch geschlagen zu werden ein; wenn das Kind sich nicht nackt 
zeigen darf, kann sich sein Verlangen zu schauen verstärken und so fort. 

Vermöge der Plastizität können die Triebe in ihrem Ablauf gewissen 
Umformungen unterliegen, die Freud in vier Arten unterschieden und als 
Triebschicksale bezeichnet hat. Diese sind: Die Verdrängung, welche 
im Wesentlichen die Ausstoßung der Wunschinhalte des Trieb verlängern 
aus dem Bewußtsein umfaßt. Der Trieb bleibt dabei oft im Unbewußten 
bestehen, drängt gegen das Bewußte an und muß durch eine Gegenkraft 
vom Bewußt werden abgehalten werden. Die Wendung gegen die 
eigene Person und die Verkehrung ins Gegenteil gehen aus 
der paarweisen Triebanlage hervor. Beispiele dafür haben wir schon genannt. 
Auch für die S u b 1 i m i e r u n g haben wir die Voraussetzung bereits 
erläutert, die in der Möglichkeit des Ziel- und Objektwechsels besteht. Bei 
der Sublimierung wird das Triebziel ein höheres, sozialeres. Die Trieb- 
schicksale bedeuten mit Ausnahme gewisser Formen der Verdrängung für 
den Trieb eine zwar geänderte, aber doch entspannend wirkende Abfuhr, 
das heißt Triebenergieerledigung für den psychischen Apparat. 

Schließlich dürfen wir auf eine letzte Möglichkeit wenigstens zeitweiser 
Triebbewältigung nicht vergessen, die darin besteht, daß die Triebspannung 
ertragen und die Triebbefriedigung aufgeschoben wird. In der Erziehung 
zur Regelmäßigkeit der Nahrungsaufnahme, in der Erziehung zur Rein- 
lichkeit und in vielen andern Erziehungszielen spielt diese Fähigkeit eine 
große Rolle. 

- 424 - 



Der psychische Apparat nun hat die Fähigkeit zu lernen, indem Ab- 
läufe nach Erfahrungen modifiziert werden. Am Beispiel des gebrannten 
Kindes haben wir beobachten können, wie das für die Triebe vor sich 
geht. Wenn auf eine Lustbefriedigung regelmäßig eine Unlust folgt, die 
größer ist als die gewonnene Lust, so wird schließlich der Triebablauf 
gegen diese Lust hin verhindert. Jenen Anteil des Apparates, der die 
Fähigkeit besitzt aus der Erfahrung zu lernen, nennen wir das Ich und 
sondern ihn von den triebhaft lustw ansehen den Anteilen. Das Ich nun 
arbeitet gegen den Triebanteil der Seele, wenn es mit einem Wunsche 
desselben nicht einverstanden ist, trotz seiner sonstigen Schwäche mit einem 
sehr kräftigen und beinahe allmächtigen Mittel, indem es jene große Un- 
lustquelle zu eröffnen vermag, die wir Angst nennen. Wenn das Ich die 
Regelmäßigkeit einer Unlustfolge auf eine bestimmte Befriedigung hin 
begriffen hat, dann nimmt es diese Unlustfolge beim Herannahen eines 
neuen solchen Trieb Verlangens probeweise vorweg; die Unlustkostprobe er- 
weckt Angst und der Triebablauf wird verhindert, oder abgelenkt oder 
aufgeschoben. Der Einfluß der Erfahrung modifiziert also das bisherige 
direkte Lustgewinn -Unlustverweigerungsbestreben; diese Veränderung 
nennen wir den Einfluß des Realitätsprinzips. Um die Einsetzung des 
Realitätsprinzips nun bemüht sich die Erziehung. 

An einem einfachen Beispiel soll dieser Vorgang klar gemacht werden. 
Es ist bekannt, daß das Kind in der analen Phase den Stuhlgang zum 
erotischen Lustgewinn verwendet und danach trachtet, diesen Lustgewinn 
möglichst groß und intensiv zu gestalten. Es wird Ort und Zeit der Ent- 
leerung wählen, wann sie ihm die meiste Lust bringen, dann also, wenn die 
Massen von Stuhl reichlich genug sind, den After beim Durchbruch intensiv 
zu reizen oder dann, wenn durch das Verbleiben des Kotes am Körper, 
in der Kleidung, Lust empfunden werden kann; oder es wird seine Lust 
am Verweilen der Kotmassen im Mastdarm finden und daher den Stuhl 
zurückhalten. Von einem bestimmten Zeitpunkt an, der nach den ver- 
schiedenen Erziehungsprinzipien wechseln wird, tritt der Erzieher dem 
entgegen. Er will Ort und Zeitpunkt der Defäkation dem Kinde vor- 
schreiben. Wir nennen das die Reinlichkeitserziehung. Er erreicht dies 
dadurch, daß er dem Kind seinen Wunsch kundgibt, durch die Sprache, 
wenn es diese schon versteht, durch Äußerungen des Bei- oder Mißfallens, 
wenn es noch nicht so weit ist. Die Befolgung dieses Wunsches aber 
bejaht und belohnt er, die Verweigerung lehnt er ab und bestraft sie. 
Belohnung ist Lust, Strafe ist Unlust und Unlust auf Lustgewinn und 
Lustgewinn auf Lustverzicht sind die wirksamen Faktoren der Erziehung. 

Damit haben wir die Beantwortung unserer zweiten Frage gegeben, die 
lautete: Wie bringe ich es als Erzieher dazu, das Kind von einer uner- 
wünschten direkten Befriedigung abzuhalten. Wir sehen, daß es die 
Unlustsetzung ist, die uns hier zu Hilfe kommt. Sie bedeutet immer 
einen Umweg, muß auf einen Prozeß des Abwagens von Lust- und Un- 



Zeitschrift f. psa. Päd., VI/10 425 



30 



lustquantitäten hin vom Erzieher berechnet werden und ist daher immer 
schwierig zu handhaben. Für eine Reihe von Fällen wird man sie ent- 
behren können, da man ein anderes einfacheres Mittel zuweilen anwenden 
kann, einen Trieb von der direkten Befriedigung abzuhalten. Dieses ein- 
fache Mittel ist der Objektentzug. 

Wenn ich einem Trieb das zur Befriedigung nötige Objekt entziehe, so 
erzwinge ich einen von mir erwünschten Aufschub der Befriedigung oder 
veranlasse zu Umwegen für die Abfuhr. Es ist etwas so Gangbares in der 
Erziehung, daß man einem Kind das wegnimmt, was ihm uns uner- 
wünschte Lust verschafft, daß eine Darstellung durch Beispiele sich erübrigt. 

Dort, wo ein solches Objekt leicht durch ein anderes ersetzt werden 
kann, wird dieser einfache Vorgang der Triebbewältigung nun natürlich 
hinfällig. Wenn z. B. ein Kind Anfälle von starker wuterfüllter Zer- 
störungslust hat, für deren Befriedigung ein unerreichbares Objekt leicht 
durch ein anderes erreichbares Objekt ersetzt werden kann, dann gelingt 
der Objektentzug schon schwerer. Es steht wohl nicht immer ein gegen- 
standsleerer Raum für die Tri ebbe wältung zur Verfügung. 

Em anderer Teil der Triebe gewinnt seine Befriedigung autoerotisch, 
das heißt er bedarf keines äußeren Objekts zum Lustgewinn. Die Onanie, 
das Lutschen, die analen Lustpraktiken sind solcher Art. Manchmal kann 
auch da noch das autoerotische Objekt entzogen oder verleidet werden. So, 
wenn dem Kind die Hände durch Anbinden an die Bettseiten wände von 
der Mundzone ferngehalten werden oder wenn der Zugang zur Geschlechts- 
zone durch entsprechend streng sitzende Unterkleidung auch nachts ver- 
schlossen bleibt und was dergleichen mittelalterliche Praktiken mehr sind. 

Bei der Wirkung des Objektentzuges hat man immer zu berücksichtigen, 
daß sie durch den Unwillen, den der Erzieher bei seiner Anwendung 
häufig kundgibt, oft über das Maß des Objektentzuges hinaus wirksam 
ist, weil der Unwillen des Erziehers als Androhung des Liebesentzuges 
wirksam werden muß, wovon im Späteren zu reden sein wird. 

Unlustsetzende Erziehungsmittel nennen wir solche, die durch 
Spannungserhöhung infolge Zufuhr solcher Reizmengen wirken, die nicht 
aus der zu unterdrückenden Triebregung selbst stammen. Wir können zwei 
Arten davon unterscheiden, nämlich die Leidzufügung und den Liebesentzug. 

Die Leidzufügung erfolgt als körperliche oder als seelische Reizzufuhr. 
Hierher gehören alle körperlichen Strafen sowie der strafweise Entzug eines 
Objekts, das nicht mit der zu verhindernden Triebregung in direktem 
Zusammenhange steht. Die Formel dafür lautet: „Wenn du das machst 
oder jenes unterläßt, dann darfst du etwas anderes, was du gerne möchtest, 
nicht tun"; oder „dann bekommst du etwas nicht, was du dir wünschst. 
Dann darfst du nicht mit der Eisenbahn spielen, oder: nicht zur Kinder- 
jause gehen, oder: nicht in den Park spielen gehen, oder: dann bekommst 
du keine Mehlspeise." Es erfolgt dabei eine Spannungserhöhung durch 
einen Objektentzug unabhängig vom Triebbedürfnis, das unterdrückt werden 

- 426 — 



— ■ 



soll. Es ist klar, daß man auf solche Art auch auf autoerotische Vorgänge 
und auf triehhaftes Verhalten, dessen Objekt nicht entziehbar ist, ein- 
wirken kann. Voraussetzung dafür ist allerdings ein Stück intellektuelle 
Entwicklung, auf Grund deren dem Kind die Einsicht in die Verbindung 
von Triebbefriedigung und Straffolge bereits möglich ist. 

Für das Verständnis des zweiten Mittels der Unlustsetzung, des Liebes- 
entzuges oder der Androhung desselben, ist es notwendig, daß wir auf 
die neuere Angsttheorie Freuds eingehen. Freud nimmt an, daß die Angst 
nach dem Vorbilde eines gewaltigen katastrophalen Erlebnisses gebildet 
wird. Dieses Erlebnis ist die Geburt. Wir müssen uns wohl vorstellen, 
daß die Trennung vom Mutterleib, die Austreibung durch die gewalt- 
samen, deformierenden Muskelkräfte der Gebärmutter und der Bauchpresse, 
die enormen Quantitäten neuer Reize für die Sinnesorgane, wenn die Ge- 
burt vollzogen ist, daß also dies alles als eine unerhörte Störung im psychi- 
schen Haushalte, im seelischen Gleichgewichte erlebt wird. Für die 
Sensationen dieses Erlebnisses und seine gewaltige Unlust wird nun eine 
Erinnerung bewahrt. Ja mehr, es werden Sensationen dieses Erlebnisses 
sogar andeutungsweise wiederholt, wenn dem Ich die Gefahr einer ähn- 
lichen Störung droht, wie sie bei der Geburt erfahren wurde, so die 
Atemnot, die Herzbeschleunigung, das Gefühl des Beengtseins. Diese 
Wiederholung wird von dem entwickelteren, fester organisierten Anteil 
des Apparates, dem Ich, gegeben, wenn eine Gefahr droht. Das Erlebnis 
der Wiederholung dieser Sensationen nennen wir eben Angst. Wenn dieses 
Signal in Form von Angst aultaucht, können damit Triebregungen, die 
die Gefahr einer ökonomischen Störung im psychischen Haushalte etwa 
als Straffolge mit sich bringen, am Ablaufe gehindert werden. 

Freud hat nun in seinem Buche „Hemmung, Symptom und Angst 
sehr klar betont, daß die biologische Einheit Mutter — Kind durch die Ge- 
burt nur eine zeitweise Unterbrechung erfahre, daß diese Einheit sich 
nach der Geburt gewissermaßen fortsetze und durch die Brutpflege 
erhalten bleibe. Die Verhältnisse der psychischen Erregungen sind durch 
die Fürsorge von Seiten der Mutter oder Pflegeperson, die alle Bedürfnisse 
des Säuglings zu erfüllen trachtet, denen im Mutterleibe sehr weit an- 
gleichen, das heißt der psychische Apparat ist infolge der reichlichen Be- 
friedigung der Bedürfnisse nahezu spannungsfrei. Wohl tritt das Erlebnis 
der Geburt als Einschnitt, als Gäsur zwischen die intrauterine und die 
extrauterine Situation, aber die Liebe und Pflege von seilen der Mutter 
überbrückt ständig diese Cäsur und gleicht so die beiden Situationen weit- 
gehend einander an. Damit aber wird das Fehlen, das Fortsein der Mutter 
und ihrer liebenden Pflege zu einer eminenten Gefahr, nämlich zur Mög- 
lichkeit der Wiederholung der furchtbaren traumatischen Situation, wie 
sie bei der ersten großen Trennung, bei der Geburt erlebt wurde. Auf 
diese Gefahr aber reagiert das primitive Seelenwesen mit einer Wieder- 
holung der Sensationen jener ökonomischen Störung, die durch die erste, 

— 427 — so* 



die biologische Trennung von der Mutter verursacht wurde. Wenn diese 
Gefahr des Fortseins der Mutter als Drohung auf eine Triebäußerung auf- 
getreten ist, die der Mutter eben unerwünscht war, dann wird beim 
nächsten Auftreten dieser Triebregung, als Signal und zur Verhinderung 
derselben Angst, produziert, das heißt die mögliche ökonomische Störung 
probe- und signal weise vorweggenommen. 

Die Erregung dieser Angst ist im Beginne der Erziehung neben der 
groben Unlustsetzung das einzige Mittel gegen unliebsame Trieb regungem 
Sie wird ausgelöst durch die Androhung oder partielle Ausführung des 
Liebesentzuges. Durch die auf diese Maßnahmen folgende Angstentwicklung 
muß der Liebesentzug als wirksamstes, aber auch als grausamstes Erziehungs- 
mittel überhaupt bezeichnet werden, da die Angst im allgemeinen, beson- 
ders aber die Trennungsangst zu den quälendsten Erlebnissen überhaupt 
gehört. Da der Liebesentzug oder seine Androhung als bloßes Bösesein das 
in der ersten Zeit fast ausschließlich anwendbare Erziehungsmittel ist, kann 
es keine Erziehung ohne Angst geben, ein Besultat, zu dem auch 
Aichhorn in der genannten Arbeit gelangt. Der Liebesentzug ist also 
in der ersten Phase der Erziehung das kardinale Erziehungsmittel. 

Das zweite Hauptmittel der Erziehung ist die Liebesprämie. Diese 
Liebesprämie besteht darin, daß ein Verzicht auf eine Triebbefriedigung 
oder die Ueberwindung einer Unlust mit einer nicht mehr durchwegs 
erlangbaren Lustbefriedigung belohnt wird. Für die Wirkungsmöglichkeit 
der Liebesprämie ist es Voraussetzung, daß es bereits Trieb verzichte gibt. 
Im Anfange der Entwicklung befindet das Kind sich gewissermaßen dauernd 
im Zustande der Befriedigung sämtlicher Triebansprüche, da diese von der 
pflegenden Mutter ständig erfüllt werden. Fin Mehr an Zuwendung, an 
Triebbefriedigung, das man als Liebesprämie bezeichnen könnte, kann es 
gar nicht geben. Wirksam werden kann nur ein Weniger an Befriedigung 
oder die Gefahr eines solchen, auf die eben mit Angst reagiert wird. Erst 
wenn durch das Erziehungsmittel des Liebesentzuges das Kind teilweise von 
der Situation entwöhnt ist, in der ihm alle Befriedigung gewährt wird und 
die eine Fortsetzung der störungsfreien Mutterleibssituation bedeutet, erst 
dann ist ein teilweises Wiedereintauchen in diesen Zustand der intrauterinen 
Befriedigungssituation wieder möglich, den die Liebesprämie gewisser- 
maßen vorstellt. 

Es ergibt sich also in der Früherziehung das Paradoxon, daß die Ent- 
wöhnung aus einem Zustand (nämlich dem der absoluten Befriedigung) 
erfolgt einerseits durch Androhung der Abstellung dieses Zustandes und 
partielle Ausführung dieser Drohung (Liebesentzug}, andrerseits durch ein 
Wiedereintauchen in diesen Zustand, dessen Entwöhnung angestrebt wird 
(Liebesprämie). Dieser anscheinende Widerspruch aber löst sich, wenn man 
sich vor Augen hält, in welchem Zeitpunkte jeweils diese Erziehungsakte 
gesetzt werden. Der Entzug oder seine Androhung erfolgt dann, wenn das 
Kind allzustark an Befriedigungssituationen, letzen Endes also am spannungs- 

- 428 - 



freien Intrauterin zustand und seiner Fortsetzung nach der Geburt festhält. 
Die wenn auch nur partielle Wiederherstellung des Glückszustandes der 
Befriedigung, also relativer Spannungsfreiheit dann, wenn ein Akt der Ab- 
lösung vom spannungsfreien Zustand, also ein Unlustertragen, ein Stück 
Triebbewältigung gelungen ist. Durch die Wahl der Zeitpunkte und die 
Verteilung nach ökonomischen Rücksichten, das heißt durch das Abwägen 
der Menge von verpönter Lust im Vergleich mit dem folgenden Liebes- 
entzug einerseits, sowie der Menge an Befriedigung mit der Höhe des 
Triebverzichtes andrerseits, wird der Liebesentzug zur Strafe, die Liebes- 
prämie zum Lohn. Es ist klar, daß hier die ökonomische Abwägung durch 
den Erzieher, deren Schärfe von Erfahrung und Einfühlung abhängen wer- 
den, die wichtigste Rolle für die richtige Anwendung spielt. Über die 
Schwierigkeit dieser Dosierung unterrichtet Aichhorn in seiner Arbeit (S. S78 
des Sonderheftes „Strafen" dieser Zeitschrift). 

Wenn man die Unlustsetzung außer der Angst als Erziehungsmittel in 
ihrer Wirkung untersuchen will, hat man freilich zu berücksichtigen, daß 
eine solche Unlustsetzung dem Kind immer den Unwillen des Erwachsenen 
zeigt, ja oft von Ausdrücken des Unwillens vom Strafenden begleitet wird. Dies 
aber wird häufig auch die Wirkung des Liebesentzuges zur Folge haben und so 
tiefer wirksam sein, als es der Spannungshöhe der gesetzten Unlust entspricht, 
weil die Angst vor dem Liebesverlust mit in Wirkung tritt. Freilich kann 
auch die masochistische Lustquelle andrerseits die Wirkung verringern. 

Man kann so an der Erziehung drei Phasen unterscheiden. In der ersten, 
die wohl nur ein sehr frühes Entwicklungsstadium umfaßt, gibt es als 
Mittel der Erziehung nur die Gefahr des Liebesentzuges und die Androhung 
desselben. Eine Liebesprämie ist in ihr unmöglich, weil sich das Kind zu 
dieser Zeit ständig sozusagen im Zustande der Liebesprämiierung befindet. 
Erst wenn es durch die Triebbewältigungen verschiedener Art gelungen ist, 
das Kind aus der Mutter — Kindeinheit zu lösen ist, vermag ein vorüber- 
gehendes Wiedereintreten dieser Einheit in Form eben der Liebesprämie 
wirksam zu sein. Zu dieser Zeit besteht dann die Möglichkeit, beide Mittel, 
den Liebesentzug sowohl wie die Liebesprämie wechselnd anzuwenden. In 
der dritten Phase soll sich die Erziehung bemühen, die Liebesprämie mehr 
minder von den Ehern und Erziehern unabhängig werden zu lassen, indem 
sie zum sozialen, wirtschaftlichen, ethischen, intellektuellen und nicht zuletzt 
sexuellen Genuß und Erfolg verändert wird. 

Die erste Phase der Erziehung könnte man die der ausschließlichen 
Wirksamkeit des Liebesentzuges, die zweite die der Wirksam- 
keit von Liebesentzug und Liebesprämie, die dritte die der 
Entpersönlichung der Liebesprämie nennen. Die dritte Phase 
gehört vor allem der Latenzzeit und der Pubertät an . 

1) Die erste der drei Phasen entspricht der ersten Schicht, die beiden folgenden 
Phasen entsprechen der zweiten Schicht nach Edoardo Weiß. (S. 229 des Heftes 
„Strafen" d. Zeitschr. f. psa, Päd.) 

- 429 - 



Die sekundären Komplikationen der Unlustsetzung durch die libidinösen 
Komponenten sind von Melitta Schmideberg in ihrer Arbeit „Die 
durch die Strafen ausgelösten psychischen Vorgänge" erschöpfend dargestellt 
worden. Auch der Angst kann bisweilen eine libidinöse Komponente nicht 
abgesprochen werden, durch die die Einsicht in die Wirkung als Er- 
ziehungsmittel kompliziert wird (Angstlust). 



Am Schlüsse unserer Darlegung möchten wir nochmals darauf hinweisen, 
daß diese nur eine gerüstmäßige ist und keineswegs der Fülle an Erschei- 
nungen, die der einzelne Erziehungsakt in mehrfacher Richtung auslöst, 
gerecht zu werden versucht. Insofern kann an unseren Ableitungen und 
Ergebnissen der Anschein des allzu Theoriemäßigen nicht verleugnet werden. 
Zur Abschwächung dieses Vorwurfs in den Augen der Praktiker sei aber 
darauf hingewiesen, daß alle theoretischen Züge darin auf die praktischen 
Beobachtungen der Erzieher und Analytiker aufgebaut sind und daß ihre 
Darstellung dem praktischen Erzieher die Orientierung in der Mannigfaltig- 
keit der Wirkungen seiner Erziehungsakte erleichtern soll. So sei die Be- 
rechtigung der Wiedergabe dieses Stückes theoretischer Bemühung, die also 
aus der Beobachtung in die Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen und von 
da bestimmend zurück ins Handeln führen soll, erbeten. 

iiiiiiiiiiiiJiiiiiiiiiiiiiiiiiiiJitiiiiiiiriiiiiiM^ 




Siegfried Bern feld = 

| Sisyphos oder: Die Grenzen der Erziehung | 

Zweite Auflage. Geh. M f. — , Ganzleinen M 6.J0 



= Der geistreichste unter den Schülern des Ein Buch, das alle Kulissen unserer päd- = 



großen, genialen Sigmund Freud hat da 
den Pädagogen ein Büchlein gewidmet, das 
sie hoffentlich lesen und so bald nicht ver- 
gessen werden. . . . Seit langem im frag- 
würdigen Bereich der Pädagogik keine -wich- 
tigere Erscheinung zu verzeichnen. . . . 
Übrigens auch keine bei allem bitteren Ernst 
witzigere und vergnüglichere. Gustav 
Wyneken im ,B e rl' ner Tageblatt", 



alogischen Verbrämungen beiseite schiebt 
und jene Stelle aufdeckt, und zwar mit un- 
widerleglichen Griffen und Schlüssen, an 
der die wirklichen pädagogischen Probleme, 
nämlich die Verankerung der Staatsmacht 
in der Schule, bloßgelegt werden, nüchtern, 
leidenschaftlich, hinreißend. (Arnold 
Zweig auf eine Umfrage über „Das beste 
Buch des Jahres" im „Tagebuch".) 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 



^^EniiiiiiiiuuininiiHmiBimiiniiiuiniBiniiiiiniuiniiDniiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiuHiiiiBiiiiBiiiiiiiiniiiiiiiuiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiii nimm miuinmin? 

— 430 — 



Kinderliebe 

Von Dr. Irma Hift-Sdinierer, Wien 

Wenn man von Sexualität bei Kindern , von Kinderliebe und dergleichen 
spricht, gerät man leicht in Gefahr mißverstanden zu werden. Viele Menschen, 
besonders Mütter „vom alten Schlag" fühlen sich durch solche Feststellungen 
beleidigt und lehnen es zumindest für ihre eigenen Sprößlinge ab, daß man 
sie derartiger „Schweinereien" verdächtige. Der Fehler liegt vor allem an der 
Auffassung, natürliche Vorgänge als „unanständig" anzusehen. Aber das Miß- 
verständnis hat auch eine andere Seite: die Überschätzung und Vergröberuns; 
der Tatsachen und oft viel zu weit gehende Schlußfolgerungen. Diese falsche 
Einstellung steigert sich dann meist zu heftigen Klagen über die „heutige Zeit", 
in der die Kinder angeblich ganz anders sind als früher. Für die Schulkinder 
höherer Jahrgänge und für die schulentlassenen Jugendlichen trifft es ja zum 
Teil zu, daß die Nachwirkungen des Krieges und die außergewöhnlichen wirt- 
schaftlichen Zustände der Krisenepoche die Entwicklung der Heranwachsenden 
stark beeinflussen und eine „neue Jugend" geformt haben, die wissender, mate- 
rieller, früherreif ist als die Vorkriegsgeneration. Aber die Kleinen sind durch- 
aus nicht von Grund aus „anders", wir sehen sie nur anders und besser, 
richtiger, weil wir heute manches von ihrem Trieb- und Seelenleben wissen, 
was uns früher verborgen war. Das danken wir der modernen Forschung und 
der Erziehung, die neue Wege eingeschlagen und das Verhältnis zwischen Eltern 
und Kindern auf eine viel vertrauensvollere Basis gestellt hat. Es gibt weniger 
Geheimnisse zwischen Führern und Geführten und die Kinder trauen sich zu 
sagen, was sie bewegt und berührt. 

Die Beobachtungen, die hier zusammengetragen wurden, um die Frage der 
Kinderliebe" nicht so sehr vom wissenschaftlichen Standpunkt als direkt vom 
Leben und von der Erfahrung aus zu beleuchten, beziehen sich, da mir anderes 
Material leider nicht zur Verfügung stand, ausschließlich auf „gepflegte" Kinder. 
Das ist wichtig vorauszuschicken, da die ungepflegten Kinder unter ganz anderen 
Bedingungen aufwachsen. In ihren Kreisen setzt die „Praxis" bedauerlich früh 
ein und der Sexualtrieb findet reichste Nahrung im „Mitansehen". Wo Kinder 
kein eigenes Bett haben, sondern zu dritt und viert zusammengepfercht, oft 
gemeinsam mit Erwachsenen, einen einzigen Raum bewohnen, in dem sich 
nächtlicherweile alles Menschliche abspielt, da bleibt es auch gewöhnlich nicht 
beim Zusehen, sondern Nachahmen schafft die gewünschte Befriedigung. 
Erst kürzlich wurde bekannt, daß in einem Teile Österreichs, in Tirol, zahl- 
reiche Schulkinder im Alter von acht bis vierzehn Jahren ganz ernstliche Liebes- 
verhältnisse haben, daß eine namhafte Anzahl von Pärchen in regelmäßigem, 
geschlechtlichem Verkehr steht und daß rund 65 Prozent dieser Kinder in die 
innersten Geheimnisse des Geschlechtswesens voll eingeweiht sind. Mit dem 
steigenden Elend der letzten Jahre erleben wir es aber auch schaudernd mit, 
daß die Kinderprostitution sich immer mehr ausbreitet und nicht nur Prostitution 

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Erwachsenen gegenüber, sondern daß die Hingabe an Gleichaltrige gegen Ent- 
gelt erzielt wird. 

Diesen durch soziale Notstände bedingten frühzeitigen Erfahrungen stehen 
die weit harmloseren Formen des Liebesspiels gegenüber, die man bei „gepfleg- 
ten" Kindern beobachten kann. Die angeführten Beispiele beruhen auf gewissen- 
haften Eintragungen in ein Tagebuch, ehe noch Erinnerungstäuschungen ihr 
zerstörendes Werk beginnen konnten. Zu den Beobachtungen, das Kind Liese 
betreffend, das hier die Hauptrolle spielt, gesellen sich weitere, die an Lieses 
Freunden und Freundinnen, an Kindergartenkameraden und Sommerbekannten 
angestellt wurden. Liese selbst ist ein munteres, gut entwickeltes, hübsches 
Ding mit ziemlich sinnlicher Veranlagung, dabei Knaben gegenüber zurück- 
haltend, was die kleinen Kavaliere anscheinend besonders reizt. 

Ihr erstes „Liebesabenteuer" fällt in das Alter von zwei Jahren drei Monaten. 
Wir fuhren zum erstenmal mit der Eisenbahn und die Aufregung war nicht 
gering. Bald aber wurde die auf die vorübergleitende Landschaft konzentrierte 
Aufmerksamkeit abgelenkt durch einen etwa vierjährigen Jungen, der gleich 
nebenan auf einer Bank kniete und gleichfalls angelegentlich zum Fenster hin- 
ausschaute. Die Kinder guckten einander an, blickten fort, guckten wieder, 
Händchen flogen zum Gruß in die Höhe und plötzlich stellte sich der Knabe 
(ohne Vermittlung eines Erwachsenen) vor: „Ich bin der Heinzi. Ich werd' 
bald vier Jahre. Und wie alt bist du und wie heißt du?" Liese, die sonst der- 
artige Auskünfte sehr ungern gibt, antwortete ohne Zögern. Kaum war die Be- 
kanntschaft gemacht, wandte sich der Junge fragend an seinen Vater: „Darf 
ich dem Mäderl sagen, daß es sehr hübsch ist?" Dabei wurde er rot bis über 
die Ohren. Der Vater hatte nichts dagegen. Nun wurde Heinzi kühner. Wieder 
am Ohr des Vaters: „Darf ich dem Mäderl auch sagen, daß ich es heiraten 
möchte, wenn ich groß bin?" Liese, mit ihren zweiein viertel Jahren, verstand 
natürlich nicht, was damit gemeint war, aber man merkte ihr an, daß Heinzis 
Bewunderung ihr sehr schmeichelte, und als es zum Abschiednehmen kam, gab 
es ein Winken und Händeschütteln, als wäre eine Freundschaft fürs Leben ge- 
schlossen worden. 

Drei Monate später nahm Liese an einem Kinderfest in der Sommerfrische 
teil. Ein etwa vierjähriger Bub forderte sie zum Tanz auf. Aber Liese war 
davon keineswegs entzückt. Sie drehte sich um und sagte — es klang fast 
höhnisch — über die Achsel hinweg: „Ich tanze mit diesem Herrn nicht, ich 
tanze nur mit meiner Mutti." 

Ein Jahr darauf, Liese war damals genau dreieinhalb Jahre alt, hatte ich 
Gelegenheit, eine „dauernde" Beziehung zwischen ihr und dem sechsjährigen 
Hans zu beobachten. Die Kinder spielten sehr viel miteinander und Hans 
machte Liese eifrig den Hof. Er schrieb ihr sogar Liebesbriefe mit „vielen 
Grüßen und Küssen", was auf das winzige Ding, das von Lesen und Schreiben 
noch keine Ahnung hatte, natürlich großen Eindruck machte. Eines Tages spielte 
Musik auf dem Dorfplatz und Liese drehte ihr Körperchen eifrig nach den 
Klängen der Geigen und Trompeten. Aber Hans schaute nicht zu. Da packte 

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Liese helle Wut. Sie stampfte mit den Füßen, ballte die Fäuste und rief: „Du 
bist -wirklich ein undankbarer Junge! Da tanz' ich so schön für dich (!) und 
du schaust gar nicht her!" Als sie dem verdutzten Bürschchen noch andere 
liebenswürdige Dinge sagte, griff ich ein und rügte: „Wie kannst du nur so 
sprechen! Mit was für einem Recht tust du das? Aber Liese war mit der Ant- 
wort nicht faul: „Mit meinem Recht als seine Freundin." 

Eine Zeitlang dauerten die Beziehungen noch an, obwohl die Kinder schon 
mehrere Wochen getrennt waren. Als ich einmal für Liese eine Karte an Hans 
schrieb und auch in meinem eigenen Namen Grüße an ihn und seine Eltern 
hinzufügen wollte, nahm mir Liese das sehr übel. „Die Karte ist nur von mir 
an den Hans", war ihr Argument! — Heute, nach fast drei Jahren, erinnert 
sie sich noch des großen, blonden Jungen, aber ihre Gefühle sind bereits ganz 
wo anders. Denn inzwischen war ja ein großes Ereignis in ihr Leben getreten, 
sie war Kindergartenschülerin geworden. 

Liese erzählte mir viel von ihren neuen Kameraden und Kameradinnen, bald 
aber fiel mir ein immer wiederkehrender Name auf. Wenn sie von „Karli" 
sprach, hatte ihre Stimme einen leise girrenden Ton und überhaupt redete sie 
von ihm nur zu mir und dem Kindermädchen, an dem sie mit großer Zärt- 
lichkeit hing. Vor dem Vater oder anderen Familienangehörigen durfte der 
Name nicht einmal erwähnt werden! 

Daß sie sehr oft an ihn dachte, bewies mir folgende Beobachtung, Es bestand 
eine aus frühen Kindheitstagen übernommene Gewohnheit, wenn es mit dem 
Essen einmal nicht ganz flott ging, die Bissen nach Personen, Tieren oder 
Pflanzen zu benennen. Gewöhnlich gingen wir dabei alphabetisch vor. Kamen 
wir nun zu dem Buchstaben K, so verständigte sich Liese meist lächelnd und 
errötend mit mir, daß „K" natürlich nichts anderes sein dürfe als „Karli", 

Längere Zeit hindurch kannte ich den Jungen gar nicht, gab aber ohne 
weiteres zu, daß er zur Geburtstags] ause geladen wurde. Als Liese, die an diesem 
Tage vier Jahre alt wurde, ihre Gäste erwartete, schien sie mir besonders un- 
ruhig. Ich tröstete sie, daß es ja noch gar nicht spät sei und alle wohl kommen 
würden. Aber Liese gestand mir ganz offen, daß ihr an den anderen Kindern 
gar nichts liege und daß sie sich einzig und allein auf Karli freue. Als er dann 
schließlich eintraf, hatte sie nur Augen und Ohren für ihn, er mußte neben 
ihr sitzen und als abends, nachdem alle Gratulanten gegangen waren, auch die 
Geschenke fortgeräumt und die Blumen aus dem Kinderzimmer geschafft wurden, 
ließ Liese es ruhig geschehen, beharrte aber darauf, daß Karlis Veilchen auf 
dem Tischchen neben ihrem Bett blieben. Später, als sie verwelkt waren, wollte 
sie die Blumen sogar pressen, wie sie es bei ihrem Kindermädchen gesehen 
hatte! 

Lieses Liebe blieb nicht unerwidert. Karlis Mutter wußte mir zu erzählen, 
daß ihr Junge sehr von Liese schwärme und sich ihr gegenüber gerne als 
Kavalier aufspiele. So berichtete er auch einmal daheim, daß er Liese immer 
auf seinen Schultern reiten lasse, „obwohl es ihm sehr weh tue; er lasse sich 
aber nichts anmerken." Eine Nachfrage im Kindergarten ergab, daß diese Er- 

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Zählung auf bloßer Aufschneiderei beruhte, aber Karli wollte eben seiner Mutter 
einreden, daß er auch für seine Liebe leiden konnte. 

Seitdem ich den Buben von der Geburtstags] ause her kannte, schenkte mir 
Liese noch größeres Vertrauen. Ich mußte es als Zeichen ganz besonderer Zu- 
neigung werten, daß Liese mir wiederholt erklärte, sie habe mich ebenso lieb 
wie den Karli, doch fügte sie eines Tages seufzend hinzu: „Ich möchte ihn halt 
gerne auch bei Nacht bei mir haben." Ich überschätzte diese Bemerkung keines- 
wegs, aber aus einem anderen Grunde wurde ich bald darauf stutzig. Das Rinder- 
mädchen erzählte mir nämlich, daß Liese aus dem Schlaf gesprochen und deut- 
lich gesagt habe: „Laß 1 mich, Karli, ich werd' eh' schon zu Hause mit dir sek- 
kiert." Von diesem Augenblick an vermieden wir, Karlis Namen zu erwähnen 
oder das Kind gar zu necken. Einige Wochen später verließ der Junge, der 
inzwischen sechs Jahre alt geworden war, den Kindergarten und verursachte 
damit unserer Liese viel Herzeleid. Beim Mittagessen entwickelte sich einmal 
folgendes Gespräch zwischen ihr und dem Kindermädchen: 

Liese (klagend): „Ach, wenn du wüßtest!" 

Das Mädchen: „Was denn?" 

Liese: „Der Karli ist weggefahren und ich habe ihn gefragt, wann er zurück- 
kommt und er hat gesagt, er weiß es nicht!" 

Das Mädchen (tröstend): „Es gibt doch so viele andere Kinder im Kinder- 
garten. " 

Liese: „Aber ich habe nur den Karli lieb." 

Nun versuchte es das Mädchen auf andere Weise: „Er wird schon zurück- 
kommen." 

Liese (sehr traurig): „Ich glaube nicht." 

Das Mädchen: „Warum denn nicht?" 

Liese: „Seine Mutter wird schon dahinter sein." 

Wieso das Kind zu diesem Ausspruch gekommen ist, kann ich mir keine s- 
wegs erklären! 

Die Erinnerung an den Freund hielt ein ganzes Jahr hindurch an. Als aber 
Karli, zur nächsten Geburtstagsjause eingeladen, in seinem „Schülerstolz" weder 
kam noch sich entschuldigte, schien Liese ernstlich beleidigt und von da an 
hörten wir sie nie wieder von dem einst so geliebten Spielgefährten sprechen. 

Sehr interessant gestaltete sich ihr Gefühlsleben im darauffolgenden Sommer, 
in dem sie fünfeinhalb Jahre alt war. Die Buhen rissen sich um das kleine 
Persönchen, es kam zu wahren Prügeleien, wenn einer dem anderen den Platz 
neben ihr streitig machte. Liese aber kümmerte sich fast gar nicht um ihre 
Verehrer. Sie hatte eine kleine Italienerin zur Gespielin erwählt, mit der sie 
sich zwar kaum verständigen konnte, an der sie aber mit großer Zärtlichkeit 
hing. Da tauchte Manfred auf, ein etwa siebenjähriger, sehr geweckter, aber 
besonders unhübscher und nervöser Junge. Deutscher von Geburt und in Italien 
lebend, beherrschte er beide Sprachen und hoffte, sich als „Dolmetsch" bei den 
beiden Freundinnen aufspielen zu können. Die Mädelchen wollten von ihm 
jedoch nichts wissen und Manfred litt schwer unter der Zurücksetzung. Die 

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anderen Buben hatten es bald heraus, daß er sich besonders Lieses wegen 
kränkte und der elfjährige Kurt erfand daher ein grausames Spiel, zu dem er 
Liese mit Leichtigkeit gewann. Die Kinder verabredeten, daß Liese ein Stein- 
chen in die Hand nehmen sollte; erriet Manfred die richtige Hand, so sollte 
ihm das ein Beweis sein, daß Liese seine Gefühle erwiderte. Sie wurde aber 
unterwiesen, daß sie Manfred absichtlich das falsche Händchen entgegenstrecken 
sollte. Das Spiel verlief in der vereinbarten Weise. Manfred war sehr beleidigt, 
suchte sich aber zu verstellen: „Ich weiß schon, warum du mich nicht magst. 
Ich bin dir zu klein, zu häßlich und zu kränklich. Aber es liegt mir auch gar 
nichts daran." Kurt, der die Unaufrichtigkeit der letzten Worte herausfühlte 
und dem vielleicht sein Streich schon leid tat, versuchte den Jungen zu trösten: 
„Es ist ja gar nicht wahr, daß du der Liese nicht gefällst. Aber sie hat eben 
so viele Verehrer, daß ihr die Wahl schwer fällt." (!) 

Das Sonderbarste war aber, daß Liese sich über Manfreds Bemerkung ärgerte. 
Als der Knabe abreiste und ich das Kind aufforderte, sich freundlich von ihm 
zu verabschieden und ihm eine Tafel Schokolade zu übergeben, setzte Liese sich 
zur Wehr: „Ich brauche gar nicht nett zu ihm zu sein. Er hat ja gesagt, es 
liegt ihm nichts daran. Ich wäre nur froh, wenn er sich kränken würde." 

Gegenwärtig, im letzten Kindergartenjahr, spielt Peter eine gewiße Bolle 
in Lieses Leben. Zuerst beachtete sie ihn kaum. Denn er ist klein, zart, gar 
nicht „männlich", dabei außerordentlich klug und liebenswürdig. Bisher hatte 
sie sich immer an „erwachsenere" Buben angeschlossen, aber Peters Zähigkeit 
hat schließlich den Sieg davongetragen. Seine Mutter, die den Knaben sehr 
genau beobachtet, erzählte mir einiges Aufschlußreiches über dieses Kapitel 
„Kinderliebe"! Peter war sehr unglücklich, daß Liese sich so wenig um ihn 
kümmerte. Aber eines Tages kam er nach Hause und berichtete strahlend, daß 
Liese schon zehn Plomben in den Zähnen habe. „Ich fragte", fuhr Peters Mutter 
fort, „ob Liese denn jetzt mehr zu ihm spreche?" Darauf Peter: „Augenblick- 
lich liebt sie mich ja. Aber wie lange das dauern wird, weiß ich leider nicht." 
Der Junge teilte der Mutter auch einen Traum mit: Er wollte in einen Uber- 
1 and- Autobus einsteigen, in dem Liese saß, fiel hinunter, ohne sich etwas zu 
machen, und wurde hierauf von einem fremden Herrn in den Wagen gehoben, 
so daß er die ganze Reise neben Liese machen konnte. Ein anderes Mal er- 
klärte er, unbedingt seine kleine Freundin heiraten zu wollen, um sie - — wie 
er mit schlauem Lächeln hinzufügte — „immer bei sich zu haben." Zur Kinder- 
jause duldet er nicht, daß auch andere Kinder eingeladen werden, damit er mit 
Liese allein bleiben kann und nun hat er sie bereits so weit, daß sie diesen 
Wunsch aufrichtig teilt. 

Das hindert sie naturlich nicht, auch für den um fast fünf Jahre älteren 
Walter lebhafte Sympathie zu empfinden und ihm folgenden Liebesbrief zu 
schreiben: „Lipsda Walta, ich schik dir 1000 pusi." Walter strahlt über diesen 
ersten Liebesbrief und erwidert auf einem formlosen Zettel: „Heiratsantrag, 
gültig in zehn Jahren." Ohne ganz zu begreifen, was damit gemeint ist, fühlt 
sich Liese doch geschmeichelt und ist sehr stolz auf diese Auszeichnung. 

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Ich möchte durch Hinzufügung von ein paar weiteren Beispielen darauf hin- 
weisen, daß man ähnliche Feststellungen immer wieder machen kann, wenn 
man sich die Mühe gibt, Kinder und ihr Verhalten zueinander gründlich kennen 
zu lernen. Ein kleines Mädchen, gegenwärtig sieben Jahre alt, ein überaus ge- 
wecktes, kräftig entwickeltes Kind, hatte sich bereits mit vier Jahren einen 
„ Sklaven" erzogen, einen um etwa einundeinhalb Jahre jüngeren Buben, der ihr 
geistig und körperlich keineswegs gewachsen war und sich der Größeren willenlos 
unterordnete. Dabei handelte es sich aber nicht etwa nur um eine „Führerrolle", 
sondern auch um eine stark betonte gefühlsmäßige Bindung, die bei Grete 
sogar viel ausgeprägter war als bei ihrem anhänglichen Freund. Eines Tages 
charakterisierte sie ihn der Mutter gegenüber: „Der Willi ist zwar blöd 
aber brauchbar." 

Ein anderes Mädchen aus Lieses Freundinnenschar, ein sanftes Kind, sonst 
ohne viel Initiative, bestand bei einer Kinderjause darauf, ein ganz bestimmtes 
Kleid anzuziehen, weil ihr bevorzugter Spielkamerad einmal geäußert hatte, er 
sehe die betreffende Farbe gern an ihr! — Zum Schluß will ich noch das 
merkwürdige Benehmen des schon früher erwähnten elfjährigen Kurt schil- 
dern, der in jener Steinchen-Geschichte sehr aktiv aufgetreten war. Als „beinahe" 
erwachsener junger Mann wollte er nicht zugeben, daß auch er sich für Liese 
„ interessierte". Er tat meist sehr von oben herab, war aber trotzdem häufig in 
ihrer Nähe zu finden. Am Abend vor seiner Abreise aus der Sommerfrische kam 
er ziemlich verlegen auf mich zu und ersuchte mich, eine aus Hagebutten ver- 
fertigte Kette der Kleinen zu übergeben, „da er die Kette zufällig übrig habe 
und nicht mehr brauche." Ich erwiderte, daß Liese sich bestimmt freuen würde, 
wenn er ihr die Kette selbst bringe, sie werde wohl noch wach sein. Kurt 
stürzte freudestrahlend davon und der Abschied war — wie mir das Mädchen 
tags darauf berichtete — überaus herzlich. Kurt soll Liese förmlich mit den 
Augen verschlungen haben, während sie Nachttoilette machte, und mußte 
schließlich mit sanfter Gewalt aus dem Zimmer gedrängt werden. Seine Mutter 
aber, eine Frau, die ihr Kind sehr genau beobachtet, erzählte mir, daß Kurt 
mit einem sonst selten an ihm bemerkten Eifer die Hagebutten gewaschen und 
aufgefädelt habe, dabei aber jede Auskunft, weshalb er sich denn mit der Kette 
so große Mühe gebe, verweigerte. 

Kurt scheint mir unter den Kindern, mit denen ich mich etwas eingehender 
beschäftigt habe, das einzige zu sein, das schon ziemlich deutliche sexuelle Regungen 
zeigte, während die „Kinderliebe" der anderen ganz „unverdächtig" war, wenig- 
stens soweit die Beobachtung reichte. Wohl waren einige Begleiterscheinungen 
zu bemerken, wie Großsprecherei, Eitelkeit, Besitzerwillen, Sich-in-Szene- setzen 
und dergleichen mehr, sonst aber entzückte geradezu die wundervolle Unbe- 
fangenheit, die Zartheit und Innigkeit der Gefühle. 



iiiiiii[iiiiiiiiiii[[iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii.!i!;iii!iiiiiiiiiiiiiii iiiuiii ii mwmwmmmmm&p UBl,,,ll1H IIIIIIIllllllil1 

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Ein Märchenstoff in einer Kinderanalyse 

Von Dr. Marianne Kris— Rie 

Aus der leider nur kurzen Analyse eines siebenjährigen Mädchens möchte 
ich einige, für Technik und Schwierigkeiten der Kinderanalyse kennzeichnende, 
Einzelheiten berichten. 

Wenige Wochen vor Beginn der Analyse war das kleine Mädchen an einer 
hysterischen Lähmung der Beine erkrankt, die nach dreitägiger Dauer geschwun- 
den war. Diese Erkrankung, deren Wiederkehr sie fürchteten, war für die Eltern 
das Motiv, das Kind psychoanalytischer Behandlung zu übergeben. Die Anamnese 
ergab, daß die kleine Patientin Erna auch an Eß-Schwierigkeiten litt, am Abend 
ungewöhnlich lange nicht einschlafen konnte, und der Lehrerin, nun, im zweiten 
Schuljahr, durch Zerstreutheit und Verschlossenheit auffiel, während ihr Ver- 
halten im Jahre vorher zu keinerlei Klagen Anlaß gegeben hatte. 

Zur Zeit, als Erna in meine Behandlung kam, war ihr kleiner Bruder ungefähr 
dreiviertel Jahre alt. Kurz vor der Geburt des Bruders war die Großmutter, 
die mit der Familie zusammengelebt hatte, gestorben. Die alte Frau, die viele 
Jahre hindurch gelähmt war, konnte zuletzt nur mit Mühe sprechen. Erna war 
die einzige, die die Großmutter verstand und deren Wünsche den anderen zu 
vermitteln vermochte. Dafür ist denn auch die Großmutter immer für die 
Enkelin eingetreten und hat sie gelegentlich vor Strafen des Vaters geschützt. 
Unmittelbar vor dem bevorstehenden Tode der Großmutter hat man Erna aus 
dem Hause gebracht. Das hat sie, die doch der Großmutter am nächsten ge- 
standen war, als schwere Kränkung empfunden und so hat sie vielleicht den 
Tod der Großmutter den Eltern zur Last gelegt; wenn die Mutter später von 
der Großmutter sprach, soll das Kind ihr das immer mit den Worten: „Du 
sollst nicht von der Großmutter sprechen" verwehrt haben. 

So hatte die kleine Patientin innerhalb weniger AVochen zwei schwere 
Traumen erlebt; den Tod der Großmutter und kurz darauf die Geburt des 
Bruders. 

Zu Hause soll Erna meist heiter gewesen sein und auch in der Stunde war 
sie freundlich und lustig, zum Spielen stets gerne bereit, aber nur schwer zum 
Sprechen zu bringen. 

Schon in der ersten Stunde ergab sich ein Hinweis auf den in der aktuellen 
Situation schwierigsten Konflikt, auf die Beziehung zum kleinen Bruder, den 
sie nach Angabe der Mutter so besonders zärtlich liebte. — Auf die Frage nach 
der Situation beim Auftreten der Lähmung, erzählt Erna, daß eine Freundin 
ihr ein Märchen vorgelesen habe, während sie mit überkreuzten Beinen da- 
gesessen sei. Am Schluß des Märchens konnte sie dann die Beine nicht mehr 
bewegen. Es war das Märchen vom Brüderchen und Schwesterchen, aus dessen 
Inhalt sie nur einen Teil zu erinnern vermochte. Es war ihr gegenwärtig, daß 
zwei Geschwister, das ältere ein Mädchen, das jüngere ein Bub, nach dem Tode 

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der Mutter von Hause fort und in den "Wald gehen. Dort wird das Brüderchen 
von einer Hexe in ein Reh verzaubert. Wie das geschieht, ist Erna ebenso un- 
bekannt, wie der weitere Gang des Märchens — sie weiß nur noch, daß später 
ein Prinz vorkommt. Mehr zu wissen lehnt sie auch auf eindringliches Fragen 
hin ab, und wird fast unwillig. Überhaupt ist mit Fragen bei ihr wenig aus- 
zurichten; sie ist mit zusammenhängender Rede und zielgerechtem Darstellen 
sehr zurückhaltend. Läßt sie sich zum Erzählen herbei, dann ist sie bemüht 
alles in möglichst rosigem Licht zu schildern, während ich von der Mutter 
über die zahlreichen Konflikte in Haus und Schule unterrichtet werde. Über 
diese für die Kinderanalyse typische technische Schwierigkeit, nämlich über die 
Unmöglichkeit, das Kind auf die Grundregel zu verpflichten, konnten in diesem 
Falle die frei oder im Anschluß an Spiele reichlich vorgebrachten Phantasien, 
leichter als bei manchen anderen Kinderanalysen hinweghelfen. Ich greife eine 
besonders illustrative Phantasie heraus, die aus verschiedenen Märchen entlehnte 
Motive zu einer Geschichte verbindet, in deren Mittelpunkt das Verhältnis zum 
Bruder steht. — Ich hatte zum Spielen Ausschneidebogen, Papierpuppen und 
eine Zimmereinrichtung, vorbereitet. Auf einem dieser Bogen war auch ein Esel 
abgebildet, den Erna sofort in ihr Spiel einbezieht. Sie nimmt den aus zwei noch 
nicht zusammengeklebten Lappen bestehenden Esel in die eine Hand und die 
einen kleinen Jungen darstellende Papierpuppe in die andere, schiebt den Jungen 
in den — also noch offenen — Leib des Esels hinein, nimmt ihn wieder heraus, 
schiebt ihn wieder hinein und so fort und entwickelt dabei spontan folgende 
Phantasie : 

„Bruder und Schwester gehen zusammen fort. Ein Esel verschluckt den 
Bruder und will auch die Schwester verschlucken, die aber läuft noch recht- 
zeitig davon. Die Mutter zu Hause denkt schon, wo stecken denn die Kinder, 
es ist schon sieben Uhr!' Da kommt gerade das Mäderl gelaufen. Die Mutter 
fragt, wo hast du denn den Bruder gelassen?' Aber vor Schreck hat das Mäderl 
vergessen, wo der Bruder ist. Dann später fällt es ihr ein, daß ein Esel den 
Bruder verschluckt hat. Dann kommt der Vater nach Hause und fragt was los 
ist. Jetzt hat die Mutter es vor Schreck vergessen; aber da erinnert sich das 
Mädchen und sagt, daß ein Esel ihn verschluckt hat. Nun aber weiß es nicht, 
wo der Esel ist und welchem Bauern er gehört. Da gehen die Eltern von einem 
Bauern zum anderen und kommen zu einem in den Stall, da ruft es aus dem 
Bauch des Esels ,Hilfe, Hilfe'. Da hat die Mutter aber doch nicht gewußt, wer 
,HihV ruft und hat gefragt ,wer ruft, wie heißt du?' Da hat's geantwortet 
,Hans Müller'. (Der Vorname ist der eines Onkels, der Zuname der eines be- 
kannten Jungen.) Da hat die Mutter gewußt, daß es der Bruder ist. So wollten 
sie dem Esel den Bauch aufschneiden. Da ist aber der Bauer gekommen ,ah 
nein, das gibts nicht; dem Esel wird der Bauch nicht aufgeschnitten; deswegen 
weil er den Jungen verschluckt hat? ! Der wird schon von selber herauskommen.' 
So sind die Eltern wieder fortgegangen. In der Nacht ist der Junge wirklich 
heraufgekrochen zum Mund, da hat er sehr aufpassen müssen, daß er nicht 
zwischen die Zähne kommt und gebissen wird. Vom Speichel ist er ganz weiß 

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geworden. Jetzt hat er sich ins Stroh auf den Boden gelegt, weil er in der 
Nacht nicht nach Hause konnte; es war zwar nur drei Häuser weit, aber in 
der Nacht kannte er den Weg nicht. Wie es Früh wird, steht er rasch auf 
damit die Magd, wenn sie in den Stall kommt, ihn nicht sieht und ihn nicht 
für einen Dieb hält. So geht er nach Hause. Die Mutter sieht gerade zum 
Fenster hinaus, wie er kommt. Weil er aber ganz weiß bedeckt ist erkennt 
ihn die Mutter nicht. Sie hat Angst vor ihm und geht rasch noch die Haustüre 
zusperren. Da weiß er nicht was er tun soll; doch da sieht er noch ein Fenster 
offen und klettert durchs Fenster hinein." 

So hat denn Erna die Heimkehr des Bruders aus dem Leib des Esels mit allen 
Mitteln zu erschweren gesucht. Ihre Phantasie näher zu deuten ist einerseits 
wohl unnötig, weil sie so klar ist, andererseits aber das analytische Material 
fehlt, um Einzeldeutungen zu begründen. 

Es ließen sich noch mehrere Phantasien ähnlichen Inhalts vorbringen, die 
Erna an Hand der Puppenspiele entwickelt. Sie läßt die Puppenfamilie aus Vater, 
Mutter, Bruder und Schwester bestehen, denen sie späterhin noch eine Freundin 
hinzugesellt. Bald läßt sie nun im Spiele den Puppenbruder verschwinden, oder 
aber sie beseitigt die Puppeneltern und dann bleiben die Geschwister allein, die 
sie dann nebeneinander in die bis dahin den Eltern gehörigen Betten legt; ein- 
mal läßt sie dieses idyllische Zusammenleben und Spielen durch eine plötzliche 
Rückkunft der Eltern stören, schickt sie aber eiligst wieder auf Reisen. Manch- 
mal kopiert sie im Spiel wirklichkeitsgetreu die Konflikte, die sie im Erzählen 
zu verheimlichen bestrebt war. 

Hingewiesen auf ihre Unzufriedenheit mit dem Vorhandensein des Bruders, 
läßt sie sich nur zu der Klage herbei, daß er noch so klein sei und sie infolge- 
dessen noch nicht miteinander spielen könnten. Diesen Gedanken drückt auch 
eine Zeichnung aus — ein bei Erna ebenfalls viel verratendes Hilfsmittel — die 
sie in der zweiten Stunde spontan ausführte. Wir sehen zwei Kinder auf dem 
Schulweg, das eine soll ein Mädchen, das andere ein Junge sein. Zur Erklärung 
des Bildes sagt sie: Das Mädchen ist sieben Jahre, der Junge sechs Jahre alt; 
plötzlich ändert sie ihre Meinung: das Mädchen ist nun sechs, der Junge ist 
sieben. So wird sie zum jüngeren Kind, Und eine Einzelheit an der Zeich- 
nung interpretiert sie selbst lachend: Der Junge hat eine so große Nase, daß 
sie fast ins Mäderl stößt. 

Wie diese eine dient auch die zweite Zeichnung desselben Blattes einer 
Wunscherfüllung: Dargestellt ist die Anordnung eines Schlafzimmers. Zu jedem 
Bett schreibt Erna den Namen dessen, dem es gehört. So sehen wir das Bett 
des Mädchens zwischen dem des Vaters und des Bruders stehen, während das 
Bett der Mutter sich in einer entfernten Ecke befindet. So hat Erna dem Ödipus- 
wünsche entsprechend das (mit den Eltern gemeinsame) Schlafzimmer derart 
umgestaltet, daß sie ihr Bett mit dem der Mutter vertauscht, denn in Wirklich- 
keit steht ihr eigenes Bett von den drei anderen Schlafstellen entfernt in einer 
Ecke. Später zeichnet sie noch zwei Betten hinzu, die sie — mündlich — als 
die der Großeltern bezeichnet, die ein anderes Zimmer bewohnt hatten und vor 

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der Geburt des Bruders gestörten waren. Dabei trennt wieder das Bett ihrer 
Mutter die Betten von deren Eltern — und zugleich wird vielleicht damit auch 
die Zeit vor der Geburt des Bruders zurückgerufen, 

Wie sehr die Situation des Schlafzimmers das Kind beschäftigte, geht auch 
aus dem Zeitpunkt eines Rückfalls, den die Lehrerin nach einer Zeit der besse- 
ren Aufmerksamkeit in der Schule plötzlich beobachten konnte ; wir dürfen ihn 
wohl mit einer beiläufigen Bemerkung Ernas in Zusammenhang bringen, daß der 
Schlafkorb des Brüderchens zu klein geworden und der kleine Junge zwischen 
die Eltern gebettet worden sei. Aus dem gleichen Zusammenhang konnte auch 
die Schlafstörung verstanden werden : sie will erst einschlafen, wenn der Bruder 
seine späte Mahlzeit eingenommen hat und endlich auch zur Nachtruhe gelangt. 
Mit dem Vater, der nach dem Berichte der Mutter, gleichfalls dem kleinen 
Bruder den Vorzug gab, kam es während der Behandlung auch zu bewußten 
Konflikten, deren Niederschlag in der Analysenstunde Ernas Verhalten gut kenn- 
zeichnet. Die bevorzugte Schulfreundin erregte, wegen ihres Mangels an Er- 
ziehung, das Mißfallen der Eltern. Als sie gar einen Radioapparat, der Ernas 
Vater gehörte, beschädigte, wurde der Verkehr endgültig untersagt. In der Stunde 
sagte nun Erna in Bezug auf ihre Freundin: „Die Grete ist wirklich unmöglich, 
man kann mit ihr nicht verkehren". Aus der Diktion schon waren die Worte 
der Eltern herauszuhören. Auf meine erstaunte Frage: „Wirklich, hast du die 
Grete nicht mehr gerne" veränderte sich ihr Gesichtsausdruck und nun sprudelt 
es hervor: „Nicht wahr, man kann nicht so auf einmal aufhören sie gerne zu 
haben; ich hab' sie lieb." 

Zum Abschluß möchte ich noch einen Beitrag zur Charakteristik der Ver- 
drängungsarbeit vorbringen, der Erna ihren hauptsächlichen Konflikt zu unter- 
werfen im Begriffe war. Eines Tages, kurz vor Abbruch der Analyse finde ich 
sie im Wartezimmer, wie sie eben das Märchen vom Brüderchen und Schwester- 
chen zu lesen begann; sie mochte eine halbe Seite gelesen haben. Ich frage sie 
ob sie das Märchen kenne. Sie verneint es ganz entschieden. Ich mache sie dar- 
auf aufmerksam, daß sie es mir selbst erzählt hätte; sie aber kann sich doch 
nicht erinnern. Nun sage ich ihr, daß dieses Märchen ihr unmittelbar vor der 
Erkrankung ihrer Beine vorgelesen worden sei, da erinnerte sie sich doch und 
weiß das Märchen sogar weit ausführlicher und folgerichtiger zu erzählen als 
das erste Mal; weiß zu erzählen, daß die Geschwister in einen verzauberten 
Wald gekommen seien, daß das Brüderchen aus einem Quell getrunken und in 
ein Reh verwandelt worden sei; weiß dann die Schicksale des Schwesterchens 
im Walde zu berichten, wie der Prinz auf der Jagd das Reh in das Bein ge- 
schossen und verfolgt habe, dabei in die Hütte des Schwesterchens gekommen 
sei und das Schwesterchen als Prinzessin heimgeführt habe. Auch was dann ge- 
schehen ist, und die recht verwickelten Vorfälle, die sich abspielen, wie die Hexe 
der Prinzessin nach dem Leben trachtet und das Schwesterchen nur mit Müh 
und Not gerettet wird, sind dem Kind gegenwärtig. Nur das letzte Stück des 
Märchens fehlt in Ernas Erinnerung und kann auch mit Hilfe meiner Frage: 

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„Was ist denn mit dem Reh geschehen?" nicht wieder erweckt werden. Daß 
am Ende des Märchens, als die Hexe stirbt, auch das Reh wieder in den Bruder 
rückverwandelt wird, bleibt vergessen. 

In den allerletzten Tagen mochte es den Eindruck machen, als ob die kleine 
Patientin nun der Anerkennung ihrer Eifersucht weniger Widerstand entgegen- 
setzte oder, richtiger ausgedrückt, weniger entschlossen war, sie zu verleugnen. 
Sie getraute sich schon, über die Schlimmheit des Bruders zu klagen. Doch 
konnte diese Einstellung nicht weiter verfolgt werden, da Ernas Symptome — 
die Schwierigkeiten in der Schule, die Störungen des Essens und des Schlafes 
— die Mutter weniger belasteten als der tägliche Zeitverlust von drei Stunden, 
der sie bewog, die Behandlung abzubrechen. 

Auch war der Schreck über die Lähmung schon vergessen. So blieb es denn 
unmöglich, tiefer in das Verständnis dieses Falles einzudringen, und etwa auch 
zu prüfen, inwieweit die Identifizierung mit der gelähmten Großmutter Ernas 
(sagen wir: erste) hysterische Erkrankung, ihre Beinlähmung, mitbestimmt hat. 

iiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiM 

BERIC HTE 

MIlllllllllllM [liiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiniiiiii u iigiiitimi 

Büdier 

ELSA KÖHLER, Karl Reininger und Inge borg Hamberg, 
Entwicklungsgemäßer Schaffensunterricht als Hauptproblem der Schulpädagogik. 
(Deutscher Verlag für Jugend und Volk.) 1932. 

E. Köhler bringt in ihrem Buch eine Fülle von Anregungen für den Lehrer 
und Psychologen. Man .spürt in jeder Zeile, in der sie vom Leben und Treiben ihrer 
Schülerinnen schreibt, die zielbewußte, erfolgreiche Pädagogin. Sie gibt ihren Schülerinnen 
größtmögliche Freiheit, repräsentiert dabei in ihrer eigenen Person die objektiven 
Forderungen der Materie und des Lehrplans, den sie nolens volens mitschleppen 
muß; dennoch läßt sie die Kinder an diese Forderungen nicht vergessen. Das Material, 
das sie über das „Schaffen", aber innerhalb der „pädagogischen Situation" bringt, ist 
für den Psychologen von großer Bedeutung. — Anderseits bietet die theoretische 
Auswertung nicht so viel, wie man erwarten sollte. Die Aktivität wird sehr klar in 
verschiedenen Gruppen eingeteilt: Spielen, Lernen, Üben, Arbeiten, Schaffen Wir 
erfahren auch genau — vielleicht sogar zu genau, da wir ja alle wissen, wie individuell 
verschieden diese Angaben sein müssen — wann die einzelnen Etappen eintreten: 
warum der Übergang vollzogen wird; welche Triebkräfte da im Spiel sind, erfahren 
wir nicht. Erst bei der Frage des Schaffens wird als Erklärung Fischers Begriff 
der Askese" eingeführt. Askese nennt Fischer das Erlebnis des eigenen inneren 
Wachstums an der Arbeit. Sie unterscheidet die Arbeit vom Spiel, das als reine 
Funktionslust bezeichnet wird. In der umgewandelten Formulierung C h. Biihlers 
akzeptiert auch Köhler: „im Werkschaffen des Kindes offenbart sich das erstmalige 
Einsetzen asketischen Tuns, jenes Moment der Unterordung des Ichs unter Normen, 
die dem Menschen von der Objektwelt gestellt werden". Das „geistige Werkschaffen" 
aber, charakterisiert durch „Bewußtheit der Zielsetzung, Bewußtheit der Eigenleistung, 
Selbstkritik" setze nicht vor dem Eintritt der Schulzeit ein. — Was hier als über 

Zeitschrift f. psa. Päd., VI/io — 441 31 



die „Funktionslust" — d. h. wohl über die Triebhaftigkeit — hinausgehend bezeichnet 
wird, die „Askese" des Schaffens setzt sich aus verschiedenen uns bekannten Paktoren 
zusammen; es ist eine Sublim ierung, d. h. eine veränderte Triebabfuhr, bei der der 
Lustgewinn dem Realitätsprinzip zuliebe hinausgeschoben ist. Das Kind akzeptiert 
die von der Umwelt gesetzten Forderungen infolge seiner Objektbeziehungen zu 
Menschen und Dingen; diese uns längst bekannte Phase „entdeckte" — wie so vieles von 
Freud erforschte — Ch. Bühler neu als die „wachsende Fähigkeil, Objektbezüge 
zu stiften". Das Kind ist sich der Eigenleistung bewußt und freut sich dessen - wir 
kennen dies als eine der entwicklungsmäßig ältesten Tatsachen — als Narzißmus; 
es kritisiert seine Leistung mit den Maßen der Umwelt, die es sich durch Identifi- 
zierung — Ch. Bühler sagt Nachahmung — - aneignet, daher meist erst bei erreichter 
Schulreife, was ja sonst nicht gerade ein besonders treffender, psychologischer Ausdruck 
ist. (Im Übrigen ist es auch nicht richtig, daß der erstmalige Kontakt des Kindes 
mit der Kultur erst durch den Eintritt in. die Schule zustande kommt.) 

Uns scheint die Frage nach den Triebkräften des Schaffens durch die Einführung 
des [Begriffes „Askese" nicht gelöst; vielmehr bleiben die Probleme Sublimiernng, 
Identifizierung, Narzißmus, Über- Ich-Bildung für uns weiterbestehen; für die nach- 
hinkende Eühlerschule allerdings, sind sie noch nicht vorhanden, da ja eine Klärung 
nicht möglich ist, solange mehrere Teilbegriffe in einem zusammengefaßt sind, wie 
das eben bei dem besprochenen Begriff der Askese der Fall ist. 

Ahnlich ergeht es uns, wenn wir E. Köhler in der Zergliederung der „pädagogischen 
Situation" folgen. Die Elemente: Kind — Reiz — Erwachsener — Gruppe, stehen 
klar vor uns. Wir erfahren eine Reihe von Beobachtungen, wie das Kind sich in der 
Gruppe und gegenüber dem Lernstoff, d. h. dem „Reize" verhält; wir erfahren, von 
besser oder schlechter funktionierenden Gruppen; die Frage „warum" wird manchmal 
deutlicher, manchmal sehr nebenbei, dahin beantwortet, es seien zu viele ausgesprochene 
Individualitäten in der Klasse oder keine eigentlichen Führernaturen. Die Frage: 
was macht aber den Führer aus? wird nicht gestellt. Deutlich ist die Tendenz zu 
spüren, dem Gegenstand, der Sache, mehr an Interesse zuzuschieben, als ihr wirklich 
zukommt; daher sind auch die Aktivitätsformen des Kindes, und die Reize, die ihm 
adläquat sind, besonders gut herausgearbeitet. Umsomehr wundert es uns, daß das 
Werk Montessoris „Selbsttätige Erziehung des Kindes" nicht herangezogen wurde, 
da doch Montessori für das Kleinkind dieselbe Arbeit wie E. Köhler für das Schulkind 
geleistet hat und ein ganzes, bekanntes System darauf aufgebaut ist, das auch schon 
für die Grundschule benützt wird. — Auch darin stimmen diese beiden Systeme 
überein. daß sie die Persönlichkeit des Lehrers möglichst ausgeschaltet wissen wollen; 
ihm soll nur die Aufgabe der Reizzufnhr bleiben. Aber trotz gegenteiliger Behauptungen 
( „Bindung an seine Persönlichkeit allein kommt wohl auch vor. ist aber bei starker 
Einstellung zum Werkschaffen immer eher ein Nebenmoment." S. 67) gibt E. Köhler 
schließlich doch zu: „Die eigene Haltung des Lehrers, der unerschütterlich an seiner 
Rolle festhält, sowie die langsam sich einstellende Konvention wirken als Suggestiv- 
kräfte. Für jeden einzelnen Schüler entsteht so eine Art suggestiver Umwelt, der 
er sich gewöhnlich von selbst fügt." fS. 71.) Und was ist Suggestion? Da bleibt die 
Verfasserin stecken, weil sie die Frage nicht stellt. — Es wäre natürlich interessant. 
ob von dieser Frage aus nicht das ganze Problem der „pädagogischen Situation" in 
ein anderes Licht käme, etwa im Sinne der Freud sehen Untersuchungen über Massen- 
psychologie, in der auch die Probleme des Führers und der Suggestion, der Über- 
tragung und verweigerten Gegen üb ertragung und einiges mehr schon längst enthalten sind. 

— 442 — 



Wir haben den schulpädagogischen Wert der Untersuchungen der Frau E. Köhler 
schon anfangs hervorgehoben. Der Psychoanalyse hat das Buch eine Menge interessanten 
Materials zu bieten in seinem praktischen Teil. Es wäre aber wohl wünschenswert, 
daß die beiden Schulen, Freud und Bühler. nicht so abwehrend gegeneinander stunden, 
daß in einem Buch wie in dem Köhlers, bei so gründlichem Literaturstudium und 
Literaturangaben, der Name Freud nicht einmal im Literaturverzeichnis genannt ist. 
Es würde eine wesentliche Vereinfachung sein, wenn nicht jede Schule eine eigene 
Sprache spräche und als neu entdeckt brächte, was schon gefunden ist, statt Gefundenes 
nachzuprüfen, zu erweitern oder au verwerfen. Die in großem Maßstäbe durchgeführten 
Untersuchungen Bühlers bieten der Analyse Material; wir haben der Buhle rschule 
eine neue, in die Tiefe führende Problematik geboten; denn die Probleme der Analyse 
setzen deutlich dort an, wo E. Köhler keine mehr sieht; was zum Teil auch dadurch 
zu erklären ist, daß für die Psychoanalyse schon längst jene „neue Phase der Erzie- 
hungswissenschaft angebrochen ist", (S. 11), in welcher Psychologie und Pädagogik 
in Beziehung zu einander treten. 

HANS ZULLIGER, Adler, Preucl und derSchuIlehrer. Schweize- 
rische Erziehungs-Rundschau 1931, 7—8. 

In außerordentlich anschaulicher Weise setzt Z u 1 1 i g e r der Lehrerschaft aus- 
einander, wie es einem Lehrer geht, der vom Drange nach besserem Verständnis für 
He seelischen Vorgänge seiner Schüler getrieben, sich in der modernen Psychologie 
„ach Brauchbarem umsieht. Ein solcher Lehrer werde bald erkennen, daß nur Indi- 
vidualpsychologie und Psychoanalyse in Frage kommen, er werde aber zunächst dazu 
neigen, die Lehre Adlers vorzuziehen, da sie all das vermeidet, was dem „gesunden 
Menschenverstand" an der Psychoanalyse so anstößig erscheine. An dem konkreten 
Fall eines Lehrers, der mit einer schwierigen Schülerin nicht fertig wurde, sich der 
Individualpsychologie zuwandte und mit ihrer Hilfe eine Besserung erzielte, dann 
aber an dem Kind eine schwere Rezidive erleben mußte, um schließlich zu erkennen, 
daß und wie die Psychoanalyse dort mit ihrer eigentlichen Forschung und daher auch 
mit ihrer praktischen Wirksamkeit beginne, wo die Individualpsychologie aufhöre, 
wird allgemeinverständlich gezeigt, was die Psychoanalyse ist und vermag, und warum 
hier nicht, der „gesunde Menschenverstand" das letzte Wort zu sprechen hat. Das 
gelingt ganz besonders eindrucksvoll, weil sich die Diebstähle des betreffenden Mäd- 
chens als genaue Wiederholung eines ersten, in sexuellen Konflikten der frühen Kind- 
heit begangenen Diebstahls herausstellen. O. Fenichel, Berlin 

HANS ZULLIGER, Schwierige Schüler. Schweizerische Zeitschrift für 
Hygiene XII, 1931- 

Die Arbeit stellt in allgemein verständlicher und ausgezeichneter Weise die er- 
eiehungsberatende Tätigkeit Zulligers dar. An Hand von zwei zum Teil in der psycho- 
analytischen Literatur schon publizierten Fällen wird dargelegt, wie Zulliger mit 
seinen Zöglingen erst Kontakt herstellt, dann in wenigen Gesprächen Einblick in die 
unbewußte Situation gewinnt und schließlich, ohne eine richtige Psychoanalyse durch- 
zuführen, durch sein psychoanalytisches Wissen bedingte pädagogische Ratschläge 
„ibt. — Das für uns Bemerkenswerteste an dieser Arbeit ist ihr Ursprung: Es han- 
pelt sich um die Niederschrift eines Vortrags, der an einem Fortbildungskurs für 
Schulärzte gehalten wurde. Daß Ärzte durch einen Lehrer wie Zulliger in der Psy- 
chologie unterrichtet werden, scheint ein erfreuliches Zeichen für das Fortschreiten 
der psychoanalytischen Bewegung. O. Fenichel, Berlin 

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Eigentümer und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien I, Börse- 

sasse n. — Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Dr. Paul Federn, Wien VI, Köstlergasse 7, 

Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Verlagsanstalt, Wien I, In der Börse, 



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ALMANACH DER 

PSYCHOANALYSE 

193 3 

Mit 5 Bildbeilagen, fn Leinen gbd. RiM 4—, in Halbld. RM 8 — 

AUS DEM INHALT; 

Sigmund Freud LibidinÖse Typen 

Albrecht Schaeffer Der Mensch und das Feuer 

E. H. Erlenmeyer Bemerkungen zur „Gewinnung des Feuers« 

Sigmund Freud Zur Gewinnung des Feuers 

Lou Andreas-Salome Der Kranke hat immer Recht 

Arnold Zweig Odysseus Freud 

M ' D ' Eder D" Mythos vom Fortschritt 

Ludwig Jekels Das Schuldgefühl 

Hermann Nunberg Magie und Allmacht 

Paul Federn Das l ch -Gefühl im Traume 

Frrtz Witteis Das Überich in der Geschlecht« entscheid™* 

Melanie Klein Die Sexualbetätigung des Kindes 

Robert Wälder Die psychoanalytische Theorie des Spiels 

Dorothy Burimgham Ein Kind beim Spiel 

Anna Freud Psychoanalyse des Kindes 

Marie Bonaparte Der Tod Edgar Poes 

Stefan Zweig Das eheliche Mißgeschick Marie iWiloinettos 

Eduard Hitschmann Werfel als Erzieher 

Ernest Jones Die Wortwurzel MR 

Oskar Pfister . . . Psychoanalyse unter den Navaho- Indianern 

Theodor Reik Der Selbstverrat des Mörders 

Alfred Frh. v. Berger Die Dichter hat sie für sich . . . 

R. Baissette Der Sohn A l exanders des Reichen 



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VO RLESUNGEN 

ZUR 

EINFÜHRUNG 

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PSYCHOANALYSE 



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In Leinen sieben Mark 



in den Jahren 1916 und 1917 veröffentlichte FREUD seine 

m wori FQiiiMGEN ZUR EINFÜHRUNGEN DIE 
grundlegenden VORLESUNbtiM ^^ t 

PSYCHOANALYSE. Mit diesem neuen Werke setzt FREUD 

die Darlegung seiner Lehre, um die Errungenschaften der 

letzten fünfzehn Jahre bereichert, fort. 



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INHALT 
Revision der Traumlehre 
Traum und Okkultismus 

Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 
Angst und Triebleben 
Die Weiblichkeit 

Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen 
Über eine Weltanschauung 

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Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I 



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Hinter der gelben Mauer 

Von der Befreiung der Irren 

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denn ein Mann, der gütig und weise genug war, um zu wissen, was er sagen darf, hat das 

Buch geschrieben, 

Fritz Witteis 

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1 Zu beziehen durch; H 

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diPft-n Traum verwirklichen kann, ist ein Heid; wer ihn besehreiben kann ein Dichter' wer 
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denn ein Mann, der gütig und weise genug war, um zn wissen, was er sagen darf, hat da« 

Bach geschrieben, 

Fritz Witteis 

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Die Befreiung des Kindes 

Broschiert RM. 4.50, in Ganzleinen RM, 6.3 

„l'er Bund" (Bern): Ein Buch von urwüchsiger Kraft, geschrieben im heiligen Glauben an 

die langsame, aber sichere Befreiung des Menschen aus den schwersten inneren Nuten, einem 

Glauben, der aus der Liehe und dem Mitleid eines grollen Menschen nnd Arztes quoll, 

Fritz Witteis 

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Broschiert RM. 4.^0, in Ganzleuien RM. 6.30 

,,D eutsche Republik": Dieses Buch, ven einem Arzt geschrieben, acheint mit das Wert- 
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Buches allein beweist, daß die Strafreehtsreform keine rein innerliehe Angelegenheit ist und 
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VI. Jahrg. 



Oktober 1932 



Nr. 10 



Zeitschrift für 

psychoanalytische 

Pädagogik 



Anna Freud Erzieher und Neurose 

Estelle Levy Psychoanalyse eines Kindes 

mit Stehlzwang 

Richard Sterba . . . Zur Theorie der Erziehungs- 
mittel 

Irma Hift~Scßnierer . Kinderliebe 



Marianne Kris 



Ein Märchenstoff in einer 
Kinderanalyse 



Preis dieses Heftes Mark 1" — 



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