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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik VI 1932 Heft 11/12"

VI. Jahrp. 



NW.— Dez. 1932 



Nr. 11/12 



Zeitschrift für 

psychoanalytische 

Pädagogik 



Erziehungsberatung 



August Äicßßorn 


. Erziehungsberatung 


Hans XuUig.ev . . 


. Der Rorsdiadisdie Testversudi 


Wilfielm Hoffet . 


. Der ärztlidie Berater 


Editßa Sterba . . 


. Ein unerzogenes Kind 


Hans SdJi^ola . . 


. Die narzißtische Kränkung der 
Eltern 


FritSi kedl .... 


. Erziehungsberatung, Erziehungs- 
hilfe, Erziehungsbehandlung 


Preis dieses Heftes Mark 2' — 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 

Bcfjründet von Heinrich Meng und Ernst Schneider 



" liMi \', Sdiönbriinncrsiriili,- riO 



Herausgeber: 
Dr. I^aul Federn 

Wien ^'^ Kösllergasse 7 



Dr. Heinridi M e ii ^ Prof. Dr. Ernst Schneider 

I raiikfiirl a. H. MarlcnsrrnßL- 15 Stiiltjiarl, Gansheldcslrallc -iT 



Anna Freud 

^^' i c n IX, BergKJtssc 19 

Hans Z u 1 1 i t^ e r 

I ( t insc n bei Bern 



Schriftleiter: 

Or. Paul Federn, Wien VI, Köstlergasse 7 



12 Hefte Jährlidi M. lO'— , scfaw. Frk. 12-50, österr. S 17'- 
Kinzelheft M. 1*— (sdiw. Frk. 1-25, österr. S 170) 

CescIiartlJchc Zusdiriftci) blltt-ii wir zu rjditeii an: 

Internationaler Psydioanalytisdier Verlag 



Z.ililimgeii für die „Zeitschrift für psycho analytische PädaffoP'i. ' 

durrh PoBtanweisung. Bankscheck oder di.rM, P- ,, '"*""^" geleistet werden 

aii-ch tmzahlung auf eines der 

Pa..Mi,e.Uonti des „Internationalen Psy<hoanalytisd,en \erlage« In \V 



l'iMliidicfiihundi 
Leipzig ^/.//2 
Ziiric!/ VIII, 11.47$ 
Wien 71.6JJ 
Pari: C II00.9J 
Prag 7?.;^?; 
Stockholm 44-4$ 



Jalircsabonnemenr 

M. w~ 

Frk. I2-J0 

S 17- 

Fr. 6o-~ 

Kd So-~ 

schw.Kr. Jy^o 



Pos(sdicd(konto 
Budapest SI.204 
Zagreb 40.^00 
Warszawa 1^1.2^6 

s'Gravenhage 142.24S 
Kjöbenhavn 24.9^2 



len": 

Jaliresabniiiicniviit 
P 13-60 
Diu. 1)6' — 

ZI. 2ryo 

Lat. !2'ß0 

hfl. 6-— 

däii. Kr. I2'S0 



Bei AdressenfiDderungen bitten wir, freundlidi audr den b i s h e r i ge n Woh n ort 
bekanntzugeben, denn die Äbonnenfenkariei wird nadi dem Ort und nidif na* dem 

Namen geführt. 



Wir bereiten das Sonderheft „DIE ANGST 
DES KINDES" vor und bitten unsere Mit- 
arbeiter, Beiträge dafür rechtzeitig einzusenden. 



ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



VI. Jahrgang 



i;;;:!^;!^^^^ ^He^n^ 



Erziehungsberatung 

Von August Aichhorn 

■ j • ^«. Rptrpl von Eltern dann aufgesucht. 
Die Erziehungsberatung wud m ^e^^^J^^j;" .^^,, Kinder nicht mehr ' 

J, nicht 7"''-^;f-:7;:;:„^':.«"haft U^he und so.a,e No.t.nde 

, üalle beschranKen- ""' J K^nnitpllalionen von Kind 

:^^ ^--^r- mt^h aUr beLh™, würde a.e. .n d.se„ 
r^eit bexei. stunden ta ^^^^^.^ ^^^ BrfordernUses decken, SoU 

Falle nu. e.nen an ^"^^^ ,,„ ,,,h ,U den Ansprüchen 

eine P^y^^'^'^de Erziehungsberatung überhaupt gestellt werden, dann 
genügen, d,e an die ^ g ^^^.^^^ ^^^^^^^ ^.^^ „„e ,^. 

'^''" ;%r:fnU;L der privaten oder üffentlichen Jugendfürsorge orga- 

(fassende ^rg" . 
,isch einhauen mus en. ,,, „, Erziehungsherater ketner 

I„ ersten Fall l^«*"' 7 g^.'^j^^. Indernfalls aber kommt er ohne 
-^l^neltirr IS =. Er.eher, Ittgendl^rsorger ttnd 
fu^^ehutter Wohlfahrtspfleger nicht aus, 



Zetwhriftf.psa-Päa-.VIJli/lS 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSVCHOANALVTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



- 445 -, 




Ohne auf Anforderungen, die sonst an den Erziehungsberater zu steHen 
wären, näher einzugehen, erscheinen noch zwei Feststellungen grundsätzlich 
wichtig. Die Eigenart der Erziehungsberatung erfordert rasches Erfassen, rasches 
und zutreffendes Beurteilen von Menschen und Situationen und sicheres Ent- 
scheiden. Von allen Erziehungsarbeiten ist die Erziehungsberatung die schwie- 
rigste. Erlerntes Wissen reicht allein nicht aus, es muß ein Können dazu kom- 
men, das nur durch Erleben in der Erziehungsarbeit selbst erworben werden 
kann. 

Und entnimmt er Richtung und Ziel für das Eingreifen seiner eigenen 
Weltanschauung, so wird er sich bewußt sein, daß er nicht alle Eltern, 
die die Erziehungsberatung aufsuchen, beraten kann; denn Eltern ver- 
schiedener Gesellschaftsschichten mit oft ganz entgegengesetzter politischer, 
religiöser, sozialer Anschauung suchen ihn auf. Sie erwarten von ihm ganz 
selbstverständlich, daß er ihre Weltanschauung, soweit sie in der Erziehung 
ihrer Kinder in Erscheinung tritt, anerkenne und seine Hilfe nicht dieser 

entgegengesetzt leiste. 

Lehnt der Erziehungsberater ein darauf gerichtetes Kompromiß ab, dann 
wird er am besten schon in der Ankündigung der Erziehungsberatung dies 
deutlich anzeigen. Diese, ganz eindeutig im Sinne einer bestimmten Welt- 
anschauung tätige Erziehungsberatung kommt dann nur für einen bestimm- 
ten kleineren Kreis von Eltern in Betracht. Diese Schwierigkeit ist oft 
durch eine Beobachtung des Dissozialen innerhalb der Familie oder in der 
Beobachtungsstelle zu überwinden. 

Die Beobachtungsstelle wird die Minderjährigen für die Dauer der Beob- 
achtung in Form der Tagesheimstätte oder auch zur Nächtigung über- 
nehmen und im engsten Anschluß an die Erziehungsberatung ihre Arbeit 
durchführen. 

Die Beobachtung innerhalb der Familie und die Arbeit in der Beobach- 
tungsstelle (Beobachtungsheim) setzt neben der analytischen noch eine 
uädagogisch-fürsorgerische Durchbildung voraus. 

Wie aus der nachfolgenden Tabelle (Seite 452/453) ersichtlich, erfordert die 
Ausheilung solcher Fälle einen bedeutenden Aufwand an Personen und Ein- 
richtungen. Darauf bezieht sich die auf der ersten Seite im dritten Absatz 
f^ gemachte Bemerkung, daß auch eine psychoanalytische Erziehungsberatung 

sich in eine umfassende Organisation der privaten oder öffentlichen Jugend- 
fürsorge einbauen müsse. 

Der Versuch, die Fälle der Erziehungsberatung zu klassifizieren und zu 
typisieren, wäre ja sehr verlockend, bleibt aber ergebnislos, solange eine 
Symptomatologie der Verwahrlosung (Dissozialilät) fehlt. Jede Typisierung 
verleitet nur, auf Grund eines hervorstechenden Symptoms zu schematisieren 
und weniger auffällige, aber vielleicht wichtigere Symptome zu übersehen. 
Das Endergebnis ist dann eine falsche Beurteilung des Erziehungsnotstandes 
und die vorgeschlagenen Maßnahmen können ihn nicht beheben. Die bei- 
geschlossene Tabelle darf nicht als Versuch einer Klassifizierung von 

— 446 — 



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Dissoziaien gewertet werden. Sie soll dem Anfänger in der Erziehungs- 
beratung nur als aUererster Behelf dienen, daß er sich in der Vielgestaltig- 
keit der Erziehungsschwierigkeiten und den zu deren Behebung vorhandenen 
Einrichtungen ohne besondere Schwierigkeiten orientieren kann. Der erfah- 
rene Erziehungsberater stellt sich nicht nur seine Behelfe selbst zusammen, 
sorgt nicht nur für geeignete Mitarbeiter, sondern findet auch Anschluß 
an die notwendigen Einrichtungen der Jugendfürsorge, ohne dazu einer 
Anleitung zu bedürfen. 

Vor einer relativ leichten Aufgabe steht der Analytiker als Erziehungs- 
berater, wenn der Erziehungsnotstand nur auf neurotischer Basis erwach- 
sen ist, weil ihm zur Erkennung und Entscheidung über die zutreffenden 
Maßnahmen seine Erfahrung aus der Neurosenbehandlung den Weg weist. 
Die analytische Erfahrung allein reicht nicht aus, wenn einer Dissozialität 
eine Verwahrlosung, eine Mischform aus Verwahrlosung und Neurose zu- 
grunde liegt oder auch noch eine psychotische Komponente den Zustand 
mitbedingt. Wegen der Verschwommenheil des Symptombildes wird sofort 
ein sicheres Erfassen schwierig, ja nicht selten unmöglich. Besonders auf- 
merksam zu machen ist noch auf zwar seltener aber immerhin noch häufig 
genug vorgestellte Kinder und Jugendliche, bei denen mehr oder weniger 
sichtbar, Perversionen der Erreichung des Erziehungszieles entgegenstehen. 

Die Vielgestaltigkeit der zum Erziehungsberater gebrachten Erziehungs- 
notstände entwirrt sich zum Teil, wenn die verschiedenen Entwicklungs- 
phasen der dissozialen Zustände gesehen werden. Was darunter zu ver- 
stehen ist, wird folgende Überlegung klären: Jeweiliger das Kind vom Er- 
wachsenen beeinflußt wird, desto mehr lebt es, geltende Normen nicht 
beachtend, der unmittelbaren Befriedigung seiner Triebwünsche. Dieses 
Verhalten ist ganz allgemein, für alle Kinder gleich und durchaus nicht 
auffällig. Der Zustand, dem es entspringt, gilt als normal. Dasselbe Be- 
nehmen des Erwachsenen wird anders beurteilt. Hält er sich nicht nach 
den Vorschriften, die das Zusammenleben regeln, sondern lebt er nach 
seinen eigenen Wertungen, dann ist er dissozial. Ich schlage vor, die 
Auffassung, die für den Erwachsenen gilt, auch auf das Kind anzuwenden: 
Das Kind ist von Natur aus manifest dissozial. ünerzogen- 
heit und manifeste Dissozialität fallen dann zusammen. Und der Erziehung 
wäre die Aufgabe gestellt, die Kinder vom Zustand der manifesten 
Dissozialität in den der Sozialität überzuführen. 

Erfahrungsgemäß kann dieses Bemühen (das Erziehen) aber nur dann 
erfolgreich sein, wenn parallel dazu die Libido-Entwicklung normal ver- 
läuft. Ergeben sich in deren Organisation bestimmte Störungen, auf deren 
Art hier nicht näher eingegangen wird, so bleibt das Kind entweder 
manifest dissozial, oder es benimmt sich wie der sozial Gewordene, 
ohne aber innerlich die Dissozialität aufgegeben zu haben: es ist latent 
dis sozial geworden. Durch einen geeigneten Anlaß — der immer ein- 
treten kann — wird dann die latente Dissozialität wieder manifest, wie 

- 447 - «»• 



in der ersten Kindheit, wenn auch oft mit anderen Äußerungsformen. 
Dieser Phasenwechsel — von der latenten zur manifesten Dissozialität — 
erfolgt nur ganz ausnahmsweise plötzlich, gewöhnlich braucht es dazu 
längere Zeit, so daß sich zwischen diesen beiden Phasen eine dritte Phase 
einschiebt, die wir die Bereitschaft nennen wollen. Sie ist dadurch 
charakterisiert, daß zwar noch nicht festgefügte Symptome in Erscheinung 
treten, wohl aber im Benehmen des Kindes ganz deutlich dissoziale 
Äußerungen merkbar sind. 

Die Erziehungsfürsorge spricht in dieser Zustandsphase von einem 
„gefährdeten" Kind und erwartet von einem Eingreifen des Erziehungs- 
beraters in diesem Zeitpunkt den besten Erfolg, der auch tatsächlich sehr 
oft eintritt. Das Kind ist aber nicht immer sozial, also ausgeheilt worden, 
londern der symptomlose Zustand bedeutet weit häufiger latente Dissozialität. 
Die Erziehungsfürsorge verhält sich da ganz ähnlich wie das Strafgericht 
das sich durch die Art des Strafvollzuges auch begnügt, die manifeste 
Gesetzesübertretung in die latente Dissozialität umzuwandeln. 

Zusammenfassend: Die ursprünglich manifeste Dissozialität 
des Kindes wird durch die Erziehung nicht immer in die Sozialität umge- 
wandelt; bei gewissen Störungen in der Libidoentwicklung wird die mani- 
feste Dissozialität latent; durch den Eintritt bestimmter Erlebnisse 
kommt sie in den Zustand der Bereitschaft, von der aus sie wieder 
manifest werden kann. 

Diese Einsicht ist weniger für die Beurteilung des Erziehungsnotstandes 
(Diagnose), mehr für die Therapie und die anzuordnenden Maßnahmen 
wichtig. Die Art der Unterbringung — Hort, Tagesheim, Familienwechsel, 
kurz- oder langfristige Anstaltserziehung, Fürsorgeerziehungsanstalt — hängt 
nicht nur davon ab, ob das vorgestellte Kind in günstigem oder ungünstigem 
Milieu lebt, sondern auch, welche Zustandsphase vorliegt: Bereitschaft, 
latente, leichte oder schwere manifeste Dissozialität. 

Der Erziehungsberater ist nicht immer in der Lage festzustellen, wieweit 
das Milieu die Dissozialität mitverursacht hat. Er muß aber auf jeden Fall 
beurteilen, ob das gegenwärtige Aufenthaltsmilieu zur Mitarbeit an der 
Ausheilung der Dissozialität geeignet ist, da er davon auch seine Entschei- 
dungen abhängig machen muß. In diesem Sinn sind die Bezeichnungen 
„günstiges und ungünstiges Milieu" in der Tabelle zu verstehen. Ohne 
genaue Mileukenntnis wird der Erziehungsberater unsicher und wird oft 
Unzutreffendes veranlassen. Deswegen wird er sich darüber hinaus — 
besonders in den Zeiten allgemeiner Wirtschaftsnot — bemühen, über die 
Veränderungen in der Auffassung und im Betriebe der Wohlfahrtsejnrichtungen 
im Bilde zu bleiben. So erfahren wir gerade jetzt, daß der Maßstab, den wir 
als Erzieher an das Milieu legen, nicht mehr als Maßstab für den Wohl- 
fahrtspfleger gilt. Weiß der Erziehungsberater nicht, daß beispielsweise 
gegenwärtig jede Unterbringung von Kindern aus prophylaktischen Gründen 
— sosehr die Notwendigkeit jedermann einsieht — aus Mangel an Mitteln 

- 448 - 



nicht durchzuführen ist, so kann er darauf nicht Rücksicht nehmen, isoliert 
seine Arbeit und macht sie in vielen Fällen nahezu wertlos; denn seine 
vorgeschlagenen Maßnahmen sind nicht mehr durchzuführen. 

Zur Frage des Milieus überhaupt muß bemerkt werden, daß der Erzie- 
hungsberater ohne weiteres ein Milieu als schädlich erkennen wird, in dem 
zufolge großer wirtschaftlicher Not die primitivsten Lebensbedürfnisse nicht 
mehr erfüllt werden können, wo durch Trunksucht des einen oder ande- 
ren Elternteils, durch deren psychische Abnormität, durch manifestes 
Verbrechertum innerhalb der Familie, durch ärgsten Streit, Raufszenen der 
Eltern untereinander, durch bewußten Haß und Wut gegen das Kind von 
einer geordneten Familie oder einer geregelten Er/.iehang innerhalb der 
Familie nicht mehr die Rede sein kann. Leicht kann er die Schädlichkeit 
des Milieus auch dort feststellen, wo das Kind bei einem geschiedenen 
Elternteil wohnt, beide Teile um das Kind kämpfen, es durch ein Über- 
maß an Liebesheweisen für sich gewinnen, durch abfällige Äußerungen 
gegen den anderen Elternteil es beeinflussen wollen. In diesen krassen 
Fällen, in denen auch der Laie das Milieu als ungeeignet erkennt, ist die 
Entscheidung nicht schwierig. 

Der Erziehungsberater wird aber auch Fälle eines nach außen hin 
völlig intakten Familienlebens, in denen Kinder schwersten Schädigungen 
ausgesetzt sind, finden. Hier ist die notwendige Voraussetzung für die 
richtige Erfassung der Situation und die Anordnung geeigneter Maßnahmen 
wieder eine gründliche Ausbildung des Erziehungsberaters. 

Solche seh wierige Milieuverhältnisse liegen vor, wenn zum Beispiel 
Eltern nicht mehr miteinander, sondern ohne Affektausbrüche nur mehr 
nebeneinander leben, wenn die Eltern, unmerklich für die Außenwelt, 
keine gemeinsamen Interessen mehr haben, einander nichts mehr zu sagen 
wissen und dadurch um das Kind eine kühle, liehlose Atmosphäre entsteht, 
in der es sich kaum noch zurechtfindet; wenn Eltern, infolge ihrer Unfähigkeit 
zur Erziehung, unwissentlich die größten Fehler machen ; wenn Eltern 
übermäßige Sorge auf die Bereitstellung der Lebenserfordernisse verwenden 
und daher nie Zeit für ihr Kind haben; wenn den Eltern das Ausleben 
der eigenen Triebe über das Wohl des Kindes geht. 

Aber ebenso schädlich wie die Vernachlässigung des Kindes ist sowohl 
ein Übermaß an Bemühen, — die ängstliche Sorge um das körperliche 
Wohl, den Gesundheitszustand und die sonstige Entwicklung des Kindes 
als auch die Unfähigkeit, den Triehansprüchen des Kindes, wenn not- 
wendig, einen festen Willen entgegenzusetzen, triebeinschränkende Forde- 
rungen aufrecht zu halten und ein Übermaß an inzestuösen Bindungen zu 

verhindern. 

Gerade diese, sehr oft schwierig zu durchschauenden Milieuschädigungen, 
bewirken eine Störung in der Libidoentwicklung, die zum Entstehen mannig- 
facher dissozialer Formen beiträgt. 

Zu beachten sind auch Erziehungsnotstände, die darauf zurückgehen, 



- 449 - 



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daß die Elternteile über die anzuwendenden Erziehungsmittel entgegen- 
gesetzter Meinung sind. 

Eine besondere Rolle spielt ferner jene Eifersucht, die äußerlich als 
solche nicht erkennbar, aber doch da ist und verheerend wirkt. Obenan 
stehen Väter, die, ohne es zu wissen, auf das eigene Kind eifersüchtig sind, 
Mutter and Kind quälen, weil sie sich immer dem Kind gegenüber zurück- 
gesetzt fühlen; dann Mütter, die eine Tochter mit in die Ehe bringen ; 
und eifersüchtig auf das eigene Kind werden, weil der Stiefvater es ihrer 
Meinung nach zu sehr bevorzugt; ferner Stiefmütter, die auf die Tochter aus 
erster Ehe oder die verstorbene erste Gattin eifersüchtig sind, weil der Vater 
die Tochter angeblich bevorzugt oder nicht alles, was an die erste Gattin 
erinnert, aus der Wohnung weggeschafft hat, oder öfters von ihr spricht. ! 

Alle diese erwähnten Eifersuchtssituationen sind den Beteiligten fast nie [ 

bewußt und verraten sich nur in deren Verhalten. ^ 

Ebenso wirken sich manche Ehekonflikte den Kindern gegenüber unbe- 
wußt aus. 

Das geschwängerte Mädchen, das nur aus moralischen Gründen den 
Kindesvater heiratete und für die unglückliche Ehe dieses Kind verant- 
wortlich macht. 

Die Frau, die ein außereheliches Kind in die Ehe mitbringt, die ihre 
Bindung an dessen Vater nicht lösen konnte und dadurch die eigene Ehe zerstört 

Die sich deklassiert fühlende Frau, die nach dem Abbau der Sexual- 
Überschätzung den Mann als unter ihr stehend empfindet. 

Elternieile, die ihr eigenes nicht genug realisiertes Ich-Ideal im Kinde 
realisieren wollen und in diesem Bestreben auf ein Kind stoßen, dessen 
Fähigkeiten nicht ausreichen. Besonders hervorzuheben ist die Stiefmutter 
die mit Rücksicht auf Verwandte, Bekannte und Nachbarn keine „Stief- 
mutter" sein will, sondern ihre besonderen mütterhchen Fähigkeiten durch 
ein tadelloses Verhalten der Kinder und deren hervorragende intellektuelle 
Erziehung beweisen will. 

Endlich die Stiefmutter, die bewußt aus ähnlichen Gründen auf ein 
eigenes Kind verzichtet und für dieses Opfer durch eine tadellose Entwick- 
lung der Stiefkinder belohnt werden will. 

So viel vorläufig über ungünstige Milieuverhältnisse, auf die wir bei der 
Schilderung einzelner Fälle noch zurückkommen werden. 

Zu beachten ist noch, daß Erziehungsnotstände bei körperlich Kranken 
erst nach der Ausheilung in psychische Behandlung zu nehmen sind. Der 
Erziehungsberater wird daher auf eine ärztliche körperliche Behandlung 
dringen und eine spätere Vorstellung verlangen. Bei krüppelhaften und 
nicht vollsinnigen Dissozialen reichen die Mittel der Erziehungsberatung 
nicht aus. Erfolgreiche Arbeit wird erst in Verbindung mit der Krüppel-, 
Blinden- und Taubstummenfürsorge möglich. Liegt Verdacht auf Psychose 
vor oder besteht eine Psychose, so wird der Erziehungsberater immer auf 
psychiatrischer Untersuchung bestehen. Über die Fälle der Erziehungs- 

— 450 - 



\1 



beratung, die in (3er Erfassung und Erledigung keine besonderen Anforde- 
rungen an den Erziehungsberater stellen, wollen wir nicht berichten. 

Es ist selbstverständlich, daß in einer psychoanalytischen Erziehungs- 
beratung vorgestellte Neurosen einer psychoanalytischen Behandlung zu- 
geführt werden. Ebenso selbstverständlich ist, daß mit der Diagnose und 
Zuweisung zur Analyse die Erziehungsberatung in diesen Fällen ihre Auf- 
gabe erledigt hat, es sei denn, daß der Analytiker sie bei Milieuschwierig- 
keiten wieder zur Mitarbeit heranzieht (siehe Tabelle). 

Was mit einer Seh wererzi eh barkeit, die auf neurotischer Basis erwächst, 
zu geschehen hat, weiß der psychoanalytische Erziehungsberater auch aus 
seiner analytischen Erfahrung in der Behandlung von Neurotikern. Und^ 
daß eine tiefer wurzelnde Verwahrlosung eine Heilung nur in der Ver- 
wahrlostenanalyse, in der Fürsorgeerziehungsanstalt finden kann, muß auch 
nicht besonders besprochen werden. 

Wir beabsichtigen, nur die außerordentliche Matinigfaltigkeit und Fülle 
dissozialer Formen aufzuzeigen, auf die Besonderheiten, aus denen Erziehungs- 
notslände erwachsen, aufmerksam zu machen, und auf schwierige Situationen, 
vor die der Erziehungsberater sehr oft gestellt wird, wenn er ein Urteil 
fällen und Anordnungen treffen muß, hinzuweisen. 

Und nun in die Erziehungsberatung selbsti 

Wir empfangen die Hilfesuchenden, lassen Väter und Mütter dann die 
Schwierigkeiten mit ihrem Kind zusammenhängend oder unzusammen- 
hängend schildern und werfen Fragen nur dazwischen, wenn der Redefluß 
stockt, oder wenn wir merken, daß sie sich überhaupt nicht ausdrücken 
können. Sonst lassen wir sie reden, was und wie sie wollen, versuchen 
nicht die Mitteilungen nach einem bestimmten Schema, Fragebogen oder 
auf Grund einer auszufüllenden Drucksorte zu lenken, drängen auch nicht 
darauf, daß der Konflikt und das anamnestische Material in einer von uns 
bestimmten Reihenfolge gebracht werden. Die Leitlinie für die Mitteilun- 
gen von Eltern und Kindern haben nicht wir zu bestimmen, sie muß sich 
aus der Affektsituation der uns Gegenübersitzenden ergeben. Können wir 
jjgut" zuhören, das heißt, benehmen wir uns ohne zu sprechen so, daß 
Kinder und Eltern den Anreiz bekommen, immer mehr aus sich heraus- 
zugehen, so schaffen wir einen Ersatz für die Methode des freien Einfalles, 
mit all den Vorteilen, die der freie Einfall dem Analytiker bringt. Wir 
können dann aus der Reihenfolge der Einfälle (des Mitgeteilten), der Affekt- 
besetzung, aus dem Wechsel im Redetempo (Verzögerung und Beschleuni- 
gung), der Änderung im Benehmen schon bei einer ersten Besprechung 
wichtige Schlüsse ziehen, wenn wir dazu noch die allgemeine affektive 
Situation von Eltern und Kindern beim ersten Zusammentreffen mit dem 
Erziehungsberater ins Kalkül ziehen. 

Bei leichteren Schädigungen, die mit geringem Aufwand zu beheben 
wären, werden Kinder und Jugendliche, wie schon angedeutet, in der Regel 
nicht gebracht. Eltern erscheinen mit ihnen erst, wenn sie sich garnicht 

- 451 ~ 



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mehr zu helfen wissen, wenn es in der Familie, in der Schule, auf dem 
Arbeitsplatz bereits zu den ärgsten Ausschreitungen gekommen ist, und 
wenn trotz mehrmaligen Wechsels von „Lohn und Strafe" — oft bis zur 
schwersten körperlichen Züchtigung — kein Erfolg eingetreten ist. 

Durch das forlgesetzte, vergebliche Bemühen sind die Eltern nach und 
nach in einen dauernden Erregungszustand gekommen, der zu aggressiven 
Tendenzen gegen das Kind oder verschieden abgestufter Resignation geführt 
hat, je nachdem sie sich verärgert, gekränkt oder gestört fühlen. Die Kinder 
und Jugendlichen sind in der gesteigerten Abwehrsituation zu einem wirk- 
lich unhaltbaren Benehmen gekommen. 

Bei der ersten Begegnung in der Erziehungsberatung wirken sich diese 
Affektsituationen von Eltern und Minderjährigen ganz verschieden aus. 

Den Eltern kommt es überhaupt nicht in den Sinn, daß ihr eigenes 
Verhalten den Erziehungsnotstand mitbedingt. Sie sind die Geschädigten 
und treten als Ankläger auf. Sie wissen genau, was sie mit ihrer Vor- 
spräche in der Erziehungsberatung wollen. Das geht aus der Art, wie sie 
die Schwierigkeiten schildern, ganz deutlich hervor. Ihre Mitteilungen sind 
letzten Endes nichts anderes, als eine eindringliche Aufforderung an den 
Erziehungsberater, die Minderjährigen gefügig zu machen. 

Die Kinder und Jugendlichen sind hei diesem ersten Zusammentreffen 
mit dem Erziehungsberater in viel ungünstigerer Situation. Vielfach wissen 
sie überhaupt nicht, wo sie sind und warum sie in die Erziehungsberatune 
gebracht wurden. Oder, sie sind eingeschüchtert und unsicher gemacht 
worden. Sie verfügen auch nicht über eine Redegewandtheit wie die Er- 
wachsenen oder sind durch Angst, Trotz usw. gehemmt. Vielfach wollen 
sie sich auch gar nicht verteidigen. Ihre Mitteilungen sind daher unsicher 
wenig überzeugend und gehen zumeist nicht auf das Wesentliche der Sache 
ein. Das Übergewicht der Eltern gleicht sich nur dann etwas aus, wenn 
der Erziehungsberater von Haus aus bewußt dem „Angeklagten" seine 
Sympathie entgegenbringt. 

In der Erziehungsberalung haben wir die Ursache der vorgestellten Dissoziali- 
tät zu suchen und nicht den „Beschwichtigungshofrat" zu spielen, das heißt, 
nicht den Versuch zu machen, bestehende Konflikte durch Zureden zu beheben. 

In dem wohlgemeinten Streben, ja nicht in diesen Fehler zu verfallen, 
liegt die Gefahr, daß sich durch unser Verhalten in der Erziehungsberatung, 
die Konflikts Situation zu Hause sehr verschärft und dadurch die Aufdeckung 
der Ursachen unmöglich wird, 

Wie das zu verstehen ist: Eine Mutter beklagt sich, daß ihre dreizehn- 
jährige Tochter es ablehne, im Haushalt mitzuhelfen, daß sie sich aus- 
schließlich mit dem Lesen von Romanen beschäftige und statt aufzuräumen 
und Geschirr abzuwaschen mit dem Buch in der Hand auf dem Sofa liege. 
Wenn sie ihr Vorhaltungen mache, statt sich zu schämen, frech werde, die 
Mutter beschimpfe und wenn diese ihr das Buch wegnehme, davonlaufe 
und stundenlang nicht nach Hause komme. 

- 454 - 



Vom Mädchen hören wir, daß sich die Mutter immer aufrege, wenn es 
ein Buch in der Hand habe, ganz gleichgiltig, ob es ein Roman sei oder 
ein Lehrbuch. Sie lerne gern, beschäftige sich lieber mit den Schulbüchern 
als mit Hausarbeiten; Reisebeschreibungen und moderne Autoren interes- 
sieren sie auch. 

Aus den Darstellungen beider entnehmen wir, daß das kluge, bildungs- 
bedürftige Mädchen sich vergeblich gegen den Unverstand einer primitiven 
Mutter wehre und daß seine aggressiven Ausbrüche eine selbstverständliche 
Abwehrreaktion gegen die Brutalitäten der Mutter seien. 

Wir sagen nun dem Mädchen, daß wir es verstehen, wenn sie lieber 
studiere, statt Hausarbeiten zu verrichten, daß wir uns über sein Bildungs- 
bestreben freuen und mit der Mutter sprechen werden, ihr das Lesen zu 
erlauben. Der Mutter erklären wir — wie wir meinen, sehr verständlich 
und Überzeugend mit freundlichen Worten — ihre Pflichten der Tochter 
gegenüber. 

Beide gehen nach Haus und die Konfliktsituation wird katastrophal; denn 
die von uns innerlich nicht überzeugte Mutter hatte uns nur äußerlich 
Recht gegeben und bleibt bei ihren Forderungen. Das Mädchen, durch 
unsere Beurteilung unterstützt, lehnt nun jede Mithilfe im Haushalt, die 
sie bisher, wenn auch widerwillig, so doch zum Teil geleistet hatte, schroff ab. 

Mutter und Tochter erscheinen nicht mehr in der Erziehungsberatung. 
Von dritter Seite hören wir abfälligste Äußerungen der Mutter über unsere 
Arbeit. Wir sind überzeugt, alles getan zu haben, was möglich war, ärgern 
uns natürlich nicht, sondern erledigen die Angelegenheit mit dem Bewußt- 
sein, wieder einmal auf eine Mutter gestoßen zu sein, der nicht zu helfen 
ist. Das wäre möglich, weil es wirklich viele Mütter gibt, die aus ihrem 
eigenen Erleben der gegebenen ungünstigen allgemeinen Situation und ihrer 
unbewußten Einstellung zum Kinde unzugänglich bleiben. Die Berechti- 
gung, diesen Konflikt für den Erziehungsberater als unlösbar aufzufassen, er- 
halten wir aber erst nach strengster Selbstkritik. Eine solche Selbstkritik hätte 
uns in diesem Falle zur Einsicht geführt, daß wir etwas versäumten. 

Unser allgemeines Verhalten dem Mädchen gegenüber war teilweise 
richtig, aber wir unterließen : 

1. dem Kind deutlich zu machen, daß trotz Berechtigung seiner An- 
sprüche ein Zusammenleben mit der Mutter unmöglich werde, wenn es 
restlos auf der Erfüllung seiner eigenen Wünsche bestehe und nicht ge- 
willt sei, den Bedürfnissen der Mutter, wenigstens zum Teil, freiwillig und 
gern entgegenzukommen. Trotzdem wir wissen, daß logische Überlegungen 
das Mädchen nicht zum Abbau seiner affektiven Situation führen können, 
scheuen wir uns dennoch nicht, so mit ihm zu sprechen, weil wir durch 
ein solches Verhalten verhindern, daß durch unser Zutun die affektive 
Situation zur Katastrophe führt. 

2. uns die Mutter zum Bundesgenossen zu machen, indem wir ihr mit 
Wissen des Kindes und mit seiner Einwilligung möglichst genau alles er- 



- 455 - 



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zählen, was wir mit dem Mädchen besprachen, und daß wir vermuten, es 
werde in der nächsten Zeit noch mehr Widerstand gegen die Anforderungen 
der Mutter leisten. 

g. daß wir beide gemeinsam vornehmen und sie erst nach völliger Klar- 
stellung entlassen. 

Noch vorsichtiger müssen wir sein, wenn zu ungünstigen häuslichen 
Verhältnissen eine widerstrebende Schule kommt. Zur Illustrierung: Ein 
fast vierzehnjähriger Junge wird in der Schule durch sein rücksichtsloses, 
den Schulbetrieb störendes Benehmen unangenehm aufTällig. Wir erkennen 
in der Erziehungsberatung, daß er nicht dem hinterhähigen feigen, stets 
in Abwehrstellung befindlichen Typus angehört, sondern daß er der derbe, 
immer zu rohen Spässen geneigte, aber dabei gutmütige Junge sei. Er 
müßte, um in Ordnung zu kommen, weiter erzogen werden. Um die dazu 
geeignete Situation herzustellen, ihn rasch in eine Gefühlsbeziehung zu uns 
zu bringen, damit durch uns diese Ersatzerziehung geleistet werden könne 
gehen wir schon in der ersten Besprechung ganz besonders auf seinen 
Interessenkreis ein. Wir erfahren von ihm, daß er fanatischer Fußballspieler 
sei, eine eigene Fußballmannschaft zusammengestellt habe, diese aber nicht 
in Aktion treten könne, weil der Fußball fehle. Wir haben in der Er- 
ziehungsberatung geringe Mittel zur Verfügung und kündigen ihm an daß 
er in den nächsten Tagen einen Fußball bekommen werde. Die Mutter 
der wir diese Eröffnung auch machen, ist entsetzt: „Der Lausbub wird ^ 

nun noch mehr Schuhe zerreißen." Wir gewinnen sie dadurch, daß wir ihr ' 

auch den Ankauf eines Paar Schuhe zusagen. Mutter und Sohn sind sehr 
befriedigt, denn die Mutter ist ja innerlich gar nicht gegen den Fußball, 
sie fürchtete nur die erhöhten Ausgaben. 

In der Schule erzählt der Junge begeistert von der Erziehungsberatung; 
daß er nun endlich einen Fußball und ein Paar neuer Schuhe bekomme. 
Darüber wird er gehänselt und zu einem Wutanfall durch die ironische 
Frage gereizt, ob die Erziehungsberatung allen Gaunern einen Fußball 
kaufe. Es kommt zu einer argen Rauferei mit blutigen Nasen und die 
ohnehin schwache Stellung des Jungen in der Schule ist damit endgiltig 
erschüttert. Alles weitere Bemühen des Erziehungsberaters ist vergeblich, 
ein halbes Jahr später muß der Junge der Fürsorgeerziehungsanstalt über- 
geben werden. 

Das psychoanalytische Wissen spielt dem Anfänger leicht einen bösen 
Streich, von dem aber auch der erfahrene Erziehungsberater nur gefeit 
bleibt, wenn er bei der ersten Begegnung mit den Eltern sehr vorsichtig 
ist: Wir hören die Mitteilungen der Eltern und Jugendlichen aufmerksam 
an, dabei formt sich in uns ein bestimmtes Bild über den Erz lehn ngsnot- 
Btand, dementsprechend wir unsere Maßnahmen treffen. Was wir anordnen, 
geschieht und zu unserer Überraschung bleibt der Erfolg aus. Wieder haben wir 
eine Situation , in der wir für den Mißerfolg den andern verantwortlich machen 
können und über unseren eigenen Anteil daran nicht nachdenken müssen. 

— 456 — 



Beim Zuhören hat sich unbemerkt schon zu früh eine endgiltige Über- 
legung gebildet, das heißt, zu einer Zelt, in der das Mitgeteilte noch auf 
verschiedene Typen paßt, haben wir uns schon für einen bestimmten Typus 
entschieden. Von da an hören wir nicht mehr, was unser Urteil erschüttern 
könnte, denn auch wir geben eine einmal gewonnene Sicherheit nicht 
gerne auf. Nicht wissend und daher ungewollt haben wir den „Fall" in 
unsere Konstruktion hineingepreßt, statt unsere Überlegungen dem Fall an- 
zupassen. So sind wir für den Mißerfolg verantwortlich. Wir haben gelernt 
umso vorsichtiger zu werden, je früher wir in der Erziehungsberatung das 
Gefühl haben, einen Fall genau zu durchschauen. Seither sind die Miß- 
erfolge geringer geworden. 

Am zweckmäßigsten scheint es, nicht in jedem vorgestellten Kind oder 
Jugendlichen den „interessanten" psychoanalytischen Fall zu vermuten, 
sondern zu versuchen, mit den einfachsten pädagogischen Mitteln das Aus- 
langen zu finden. Reichen diese nicht aus, so führt uns die nicht schwin- 
dende Dissozialität von selbst immer weiter ins Unbewußte, das aufzuhellen 
dann unserer psychoanalytischen Einsicht vorbehalten bleibt. 

Viele Kinder bleiben von der Schule weg, machen ihre Aufgaben nicht, 
arbeiten in der Schule nicht mit und stören den Unterricht, weil niemand 
da ist, der sich für ihre Leistungen und das Benehmen in der Schule 
interessiert, der gute Schulleistungen lobt und schlechte tadelt, der wirk- 
liche Zurücksetzung ausgleicht und bei vermeintlicher durch seine Person 
den Ausgleich schafft. 

Wir haben in hunderlen von Fällen ohne Anwendung psychologischer 
Kunststücke ausreichende Hilfe dadurch geboten, daß wir das Vertrauen 
der vorgestellten Minderjährigen gewannen. Wir verstanden ihre Beschwer- 
nisse und Kümmernisse und gaben ihnen die Möglichkeit, ihr unbefrie- 
digtes Zärtlichkeitsbedürfnis bei uns unterzubringen. 

Die Praxis der Erzieh ungs berat ung hat uns für solche Kinder ein 
bestimmtes Verhalten gelehrt. Bei der ersten Begegnung lassen wir uns auf 
eine Besprechung der vorliegenden Beschuldigungen nicht ein, sondern 
veranlassen es, von zu Haus und von der Schule zu erzählen, geben ihm die 
Möglichkeit zu kritisieren, seine Wut zu entladen und machen nur Bemer- 
kungen solcher Art, daß das Kind in uns seinen Freund sieht, der nicht 
daran denkt, die Beschuldigungen bestünden weiter zu Recht, der überzeugt 
ist, daß es die Schule nicht mehr schwänzen, seine Aufgaben machen, sich 
die größte Mühe geben werde, zwischen sich, dem Lehrer und den Schul- 
kameraden Konflikte zu vermeiden. Wir bestellen das Kind für sehr bald 
wieder und entlassen es mit einem freundlichen Gruß. Es geht mit dem 
Impuls zum Wollen weg. Verstehen wir bei der zweiten Begegnung den 
Impuls zu würdigen und verlangen wir nicht seine restlose Umsetzung 
in die Tat, verstehen wir, mit dem Kind auf dessen gute Absichten einzu- 
gehen, uns bis in die kleinsten Einzelheiten für sein Schulerlebnis zu 
interessieren, so schaffen wir die Basis, auf der bei weiteren Begegnungen 



- 457 - 



vom Kind aus Beziehungen zu uns entstehen, die für das Kind die zwin- 
gende Notwendigkeit uns Freude z.u machen, enthalten. Sehr bald werden 
dann Schulbücher und Hefte mitgebracht, nicht nur die Schulaufgaben 
gelernt und geschrieben, sondern auch Fleißaufgaben angefertigt und vom 
Schul schwänzen ist in kürzester Zeit keine Rede mehr. Wiederholt sind so 
behandelte Kinder unsere Gehilfen geworden, wenn ein zweites Kind aus 
deren Klasse mit ähnlichen Schwierigkeiten geschickt wurde. Der Abbau 
der Beziehungen zu uns ist unschwer dadurch in die Wege zu leiten, daß 
wir das Kind in wachsenden Zwischenräumen bestellen. Er erfolgt endgültig 
dadurch, daß wir die Aufmerksamkeit auf Mitschüler und Lehrer lenken. 
Diese sind in diesem Zeitpunkt nicht mehr ablehnend und nun geneigt, das 
brave" Kind als vollwertiges Mitglied aufzunehmen. Häufig gelingt es 
auch, die Schule zur Mitarbeit zu gewinnen; wiederholte Aussprachen mit 
dem Lehrer unterstützen dann wesentlich unsere Arbeit. Manchmal schafft 
auch die Umschulung des Kindes eine wesentliche Erleichterung. 

Eine besondere Art dieser Fälle sind jene, in denen das Kind auch noch 
einen Hort oder eine Tagesheimstätte besucht und das Benehmen in Schule 
und Hort wesentlich von einander abweicht, oft ganz entgegengesetzt ist. 
Da ist dann das Zusammenarbeiten zwischen Schule und Hort unter unserer 

Führung wichtig. 

Erwachsen die geschilderten Äußerungen auf neurotischer Basis, dann 
bedürfen sie einer anderen Behandlung, auf die noch in einzelnen Beispielen 
eingegangen werden wird. 

Es gibt relativ viele Rinder, deren dissoziale Äußerungen so aussehen, 
als ob sie von schwer verwahrlosten oder schwer neurotischen Kindern 
kämen. Dabei sind diese psychisch vollständig in Ordnung. Ihr Benehmen 
ist nur die Folge einer gesunden Abwehrtendenz von Schädigungen au» 
einem wirtschaftlichen Notstand, zerrütteten Familienverhältnissen oder dem 
ganz abnormen Verhalten des einen oder anderen Elternteiles. In der 
Erziehungsberatung können wir verhältnismäßig rasch feststellen, ob uns 
ein wirklich verwahrlostes oder neurotisches Kind vorgestellt wird, oder 
eines aus der eben geschilderten Gruppe, wenn wir uns sehr eingehend 
für die Familienkonstellation, die wirtschaftliche Situation und den Alltag 
seiner Familie interessieren. 

Ein „schwer verwahrlostes Kind": Ein zehnjähriger Junge ist derart 
„verkommen", daß er in den letzten zwei Wochen während der Pause 
nicht mehr im Schulzimmer belassen werden kann. Weil er stärker und 
größer als seine Mitschüler ist, nimmt er diesen das Gabelfrühstück mit 
Brachialgewalt ab. Er soll der Fürsorgeerziehungsanstalt übergeben werden. 

Der Junge entstammt einer sehr armen Familie, ist körperlich sehr 
kräftig, dessen Äußeres als Sohn eines Schweizer Bauern vom Aussehen 
der Groß Stadtkinder sehr abweicht. 

Die Schule weiß nicht, daß der Junge, der seit Jahren die Schüleraua- 

- 458 — 



Speisung regelmäßig besucht hat, seit zwei Wochen infolge einer Neuordnung 
von ihr ausgeschlossen werden mußte und daß sich die häuslichen Verhältnisse 
gerade jetzt auch sehr verschlechterten. Die Schule weiß nicht, daß der 
Junge wirklich Hunger leidet, er spricht darüber nicht. Da er keine Aus- 
sicht hat, ein Mittagessen zu bekommen, so versucht er eben, sich in der 
Schule etwas zu verschaffen. Die ganze Familie ist sehr ehrlich und ihr 
etwas heimlich zu nehmen, unmöglich. So erklärt sich die „Brachialgewalt" 
des Jungen als die Äußerung des Stärkeren, der mit Gewalt versucht 
Essen zum Stillen seines Hungers zu bekommen. Von wirklicher Verwahr- 
losung keine Spur. 






Noch ein ganz extremer Fall eines „neurotischen' Kindes: Es wird ein 
sechsjähriger Knabe vorgestellt, dessen Schlimmheit die Mutter so schildert, 
daß wir in ihm ohne besondere Schwierigkeit den typischen P'all eines 
Kindes mit „psychopatischer" Reaktion erkennen. Die Erziehung eines 
solchen Kindes ist äußerst schwierig, in der Familie nicht durchzuführen, 
weil es eines besonderen heilpädagogischen Eingreifens bedarf. Allem Anschein 
nach hätte der Junge einer Erziehungsanstalt mit besonders geschultem 
Personal übergeben werden müssen. 

Wir begnügen uns aber mit den Mitteilungen der Mutter nicht, sondern 
fordern sie auf, uns über einen der ganz argen Schlimmheitsanfälle genau 
zu berichten. Wir hören von einem Wutanfall am selben Tag als Antwort 
auf die Aufforderung der Mutter, sich nach dem Essen die Hände zu 
waschen. Uns fallt dieses Verlangen der Mutter auf; in dem Milieu, aus 
dem die Mutter kommt, ist es nicht üblich, sich nach dem Essen die 
Hände zu waschen. 

Wir fragen: „Warum wollten Sie, daß der Junge sich nach dem Essen 
und nicht vor dem Essen wäscht?" 

„Vor dem Essen hat er sie auch waschen müssen." 

Das ist noch auffälliger und wir fragen weiter: „Lieben Sie die Rein- 
lichkeit so sehr?" 

„Freilich, ich bade ihn ja auch jeden Tag und setze dem Badewasser 
Lysol zu?" 

„Warum Lysol?" 

„Es gibt ja viele krankhafte Bakterien in der Luft und das Kind könnte 
leicht krank werden." 

„Ängstigen Sie sich nur um das Kind oder haben Sie auch Angst für 
Ihre eigene Person?" 

Ich bin Bedienerin in einem Büro; da verkehren viele Leute und man 
kann sich leicht anstecken." , . . . . , . 

„Was machen Sie dagegen? , 

„Ich wasche mir die Hände. , .;, 

„Wie oft ungefähr im Tag?" ■ 

„Dreißig- bis vierzigmal. 

— 459 - 



So stellt sich heraus, daß die Mutter an einem schweren Waschzwang 
leidet und ihren Jungen damit quält. Die Schwer-Erziehbarkeit des Jungen 
ist die Abwehr-Reaktion eines gesunden Kindes auf die Neurose der Mutter. 
Als wir das Kind für die Dauer der analytischen Behandlung der Mutter 
in eine andere Umgebung brachten, zeigte es sofort ein normales Verhalten. 

In diesem Fall hat uns das eingehende Ausfragen die Neurose der 
Mutter erkennen lassen. Ein andermal können wir leicht durch so' ge- 
naues Erkundigen irregeführt werden, wenn wir nicht merken, daß uns 
Eltern aus ihrer eigenen neurotischen Situation, oder weil sie das Kind 
los werden wollen, eine übertriebene Darstellung geben. In solchen Fällen 
wird oft normale Vorsicht als neurotische Angst des Kindes gesehen, Ord- 
nungsliebe als Zwangssymptom geschildert, von hysterischem Erbrechen ge- 
sprochen, wenn sich das Kind den Magen verdorben hat, und gewöhnliche 
Ungezogenheit als Verwahrlosung so schweren Grades beschrieben, daß sie 
in der Familie nicht mehr behoben werden kann. 



Wir werden daher darauf achten, ob sich wesentliche Divergenzen in 
den Aussagen der Eltern und des Kindes über ein und denselben Vorfall 
ergeben, — dabei selbstverständlich die verschiedenen Standpunkte von 
Eltern und Kind berücksichtigend — ferner ob ein auffallender Unterschied 
zwischen dem wirklichen Aussehen und Benehmen des Kindes und seiner 
vorangegangenen Beschreibung durch die Eltern besteht und in einer noch- 
maligen Aussprache mit den Eltern größere Sicherheit für die richtige 
Beurteilung der Sachlage gewinnen. 

Auch wenn wir so vorgehen, bleibt von dieser Gruppe noch immer 
eine Anzahl von Fällen, die dem Erziehungsberater kein sicheres Urteil 

ermöglichen. ' ' 

Als Beispiel dazu: Ein Vater bringt seine siebenjährige Tochter in die 
Erziehungsberatung, weil er über deren nervösen Zustand sehr besorgt ist. 
Das Kind ist sehr eigensinnig, zeigt besondere Angst vor Finsternis und 
ganz besonders vor Hunden, träumt so intensiv, daß es in der Nacht 
aufschreit usw. 

Der Vater spricht viel und schildert das Verhalten des Kindes sehr ein- 
gehend. Wir erkundigen uns um Einzelheiten noch genauer und gewinnen 
den Eindruck, daß hier eine Phobie vorliege. Unsere Aussprache mit dem 
blühend aussehenden, eher robusten Kinde, läßt Übertreibungen des Vaters 
vermuten. Wir nehmen ihn ein zweites Mal vor und fragen noch em- 
dringlicher. Erst jetzt geht er mehr aus sich heraus und wir erfahren, daß 
das Kind der Mutter vollständig gleichgiltig sei, daß diese mit dem Vater 
wohl im gemeinsamen Haushalt lebe, aber ihre eigenen Wege gehe und 
Beziehungen zu anderen Männern habe, daß der Vater nur für das Mad- 
chen lebe, es mit überzärtlicher Angst betreue und auch immer seme 
körperliche Pflege besorge. 

— 460 - 



Wir können nicht sicher feststellen, ob das Kind an einer Phobie er- 
krankt sei, oder nur auf die übermäßige Zärtlichkeit des Vaters so abnorm 
reagiere, indizieren daher nicht gleich eine analytische Behandlung, sondern 
veranlassen eine Beobachtung. 

Die Beobachtung erfolgt nur dann in der Beobachtungsstelle, wenn sie 
innerhalb einer Familie nicht durchzuführen ist. 

Der Vater hat uns auch angegeben, daß Verwandte gerne bereit wären, 
das Kind vorübergehend in Pflege zu nehmen. Möglicherweise schwindet 
die Angst und das Kind kommt zu einer normalen Reaktion, wenn es der 
übermäßigen Zärtlichkeit des Vaters entzogen wird. Wir wagen daher den 
Versuch eines Familienwechsels. 

Erst wenn sich die Reaktion des Kindes in längerer Zeit nicht ändert, 
oder noch negativer wird, erscheint die analytische Behandlung am Platz, 



Vor noch größere Schwierigkeiten in der richtigen Erfassung der Situa- 
tion als neurotische und lieblose Eltern den Erziehungsberater stellen, 
stellen ihn Eltern mit ungeordnetem psychologischen Wissen. Sie beziehen 
ihre psychologische Halbbildung aus Vorträgen über Kindererziehung und 
Kinderpsychologie und aus der Lektüre psychologischer und psychoanalytischer 
Literatur. Unverdautes psychologisches Wissen hat ihnen die Fähigkeit, 
kindliche Äußerungen unbefangen zu beobachten, genommen; an ihre 
Stelle sind Gedankengänge getreten, die einem Chaos unverstandener psy- 
chologischer Ideen entspringen. 

Eine Mutter dieses Typus stellt ihren noch nicht sechsjährigen Jungen 
in der Erziehungsberatung mit dem Ersuchen vor, ihr zu raten, wie sie 
dem Kinde helfen könne, den „Ödipus" zu bewältigen. Sie spricht von 
seiner großen Anhänglichkeit an sie, der Abneigung und dem Haß gegen 
den Vater und seiner nächtlichen Angst, die sie als Bemühen, von ihr ins 
Bett genommen zu werden, deutet. Das Kind wird um sieben Uhr zu Bett 
gebracht — es schläft auf einer Ottomane im elterlichen Schlafzimmer — 
aber schon um neun, zehn Uhr, spätestens vor Mitternacht wird der Junge 
wach, weint und schreit, daß er sich fürchte. Er beruhigt sich erst, bis 
er bei ihr im Bett liegt. Das äußerliche Leben schildert sie als voltkommen 
geregelt und geordnet, wie es in bürgerlichen Familien, die im Haushalt 
und in der Pflege der Kinder auf Ordnung sehen. Brauch ist. 

Der Junge macht den Eindruck eines durchaus normalen Kindes, zeigt 
äußerlich keinerlei Auffälligkeiten, von Angst ist nichts zu merken. Die 
Unterredung mit ihm zeitigt ein nicht zu erwartendes Ergebnis: Als die 
Sprache auf die Ottomane kommt, sagt er: „Auf der Ottomane kann ich 
nicht schlafen, ich werde immer wach. Zuerst spüre ich nichts, aber dann 
kommen immer Wanzen und vor ihnen fürchte ich mich so, daß mich 
die Mutter zu sich ins Bett nimmt." Ob die Mutter wisse, wovor er sich 
fürchte? Sie wolle ihm immer ausreden, daß es die Wanzen seien. 



ZeiUchrift f. p»a. Pad.,VI/n/i2 



- 461 - 



33 



Die Mutter muß, so unangenehm es ihr ist, zur Kenntnis nehmen, daß 
nun auch wir diese Tatsache wissen. Durch Erhebungen erfahren wir, daß 
in der Familie das Gegenteil einer geordneten Wirtschaft herrscht und 
gerade die Pflege und Behandlung des Kindes sehr viel zu wünschen übrig 
lassen. Wir versuchen das Interesse dieser Mutter vom psychologischen auf 
den realen Teil der Rindererziehung und -Pflege zu richten. 

* 
Im Gegensatz zu den Fällen, in denen dem Erziehungsberater die Ver- 
wahrlosungs- und neurotischen Symptome übertrieben geschildert werden, 
stehen jene, in denen Eltern die häuslichen Verhältnisse und den Zustand 
des Kindes verschleiern. Häufig werden wichtige Einzelheiten, weil die 
Eltern sich ihrer schämen, absichtlich verkleinert oder verschwiegen: Über 
Zwistigkeiten in der Ehe, deren Kenntnis zur richtigen Erfassung der Situatiori 
unerläßlich ist, wird nicht gesprochen oder sie werden nur nebenbei 
erwähnt, körperliche und moralische Defekte verheimlicht. Bei den Mit- 
teilungen über die Kinder tritt zur Scham noch die Befürchtung, ihnen 
zu schaden. Diese Eltern sind von Haus aus mißtrauisch oder in ihrer 
Vertrauensseligkeit enttäuscht worden. Der Erziehungsberater wird in eine 
Reihe mit jenen anderen gestellt, die vertrauliche Mitteilungen über das 
Kind gegen das Kind verwendeten. 

Von Jugendlichen verschweigen die Eltern häufig strafbare Handlungen 
und geben sie über Befragen zögernd zu. 

Wenn sich der Erziehungsberater grundsätzlich darauf einstellt, zuerst 
das Vertrauen zh gewinnen, so wird er am ehesten Scham, Furcht und 
Mißtrauen der Eltern überwinden. „ . , 

Nicht oft, aber manchmal doch ereignet es sich auch, daß der Erziehungs- 
berater wegen scheinbar ganz harmloser Vorfälle in Anspruch genornxnen 
wird. Er denkt zunächst an überspannte Ängstlichkeit oder ^^^^ J^'^^^^^'^ 
rung aus eben angeführten Gründen. Tatsächlich ist aber der Sachverhalt 
ein anderer: Bestehende Konflikte zwischen Eltern und Kind h^ben sich 
zu einem argen Affektausbruch gesteigert. Noch in diesem Affekt befindlich, 
wird der Weg zum Erziehungsberater eingeschlagen. Bis es zur Unterredung 
mit den Eltern kommt, ist die Aufregung soweit geschwunden, dali die 
Schilderung nur mehr Belanglosigkeiten enthält. 

Es ereignet sich auch, daß Eltern noch im vollen Affekt zum Erziehungs- 
berater kommen. Er wird eine Entladung der Wut provozieren und dann 
leicht einen Vorwand finden, um Eltern und Kind wieder zu bestellen 
Eine endgiltige Entscheidung erledigt sich dann oft von selbst, weil sich 
die Beteiligten mittlerweile wieder ausgeglichen haben. 

* 
Wir haben nun auf übertriebene und verschleierte Darstellung der Eltern 
aufmerksam gemacht und erwähnen noch jene -^f f ^^^f "^J^^^^ 
die darauf zurückgehen, daß ein wirklich neurotisches Verhalten der Kinder 

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von den Eltern als Verwahrlosung gedeutet, oder eine tatsächliche Ver- 
wahrlosung als Neurose angegeben wird. 

Dazu zwei Beispiele: Ein fünfeinhalbjähriger Junge spuckt zeitweilig, 
aber dann tagelang, für die Umgebung ganz unmotiviert auf den Fußboden, 
ist ungewöhnlich wild und absolut negativistisch eingestellt. In diesem Be- 
nehmen sehen die Eltern ärgste Schlimmheit und Renitenz des Kindes und 
strafen es übermäßig auch mit Schlägen. 

Erst bei der Unterredung fällt den Eltern auf, daß das Kind auch andere 
Eigenarten zeigt: Ebenso unmotiviert, wie es spuckt, geht es zeitweilig den 
ganzen Tag auf den Zehenspitzen herum, hat arge Angstanfälle während 
der Kacht und zeigt Eßstörungen. 

Die Eltern hatten auch ganz vergessen, daß sie das Kind schon im Alter 
von zweieinhalb Jahren wegen seines absonderlichen Wesens einer ärztlichen 
Untersuchung zuführen mußten. 

Diese Ehern waren leicht zu überzeugen, daß der Zustand des Kindes 
nicht als Schlimmheit gewertet werden dürfe, sondern krankhafter Natur sei. 

Da wir nicht sofort feststellen konnten, ob eine schwere psychische oder 
organische Störung vorliege, führten wir das Kind einer Beobachtung zu. 

Nicht immer sind neurotische Symptome so ausgebildet. Dann hat der 
Erziehungsberater es schwieriger, Eltern davon zu überzeugen, daß sie Krank- 
haftes als Verwahrlosung sehen. Bei dem Großvater, von dem wir jetzt 
berichten, liegt die Sache anders. Er, ein ehemaliger Tischlergehilfe, stellt 
sein siebenjähriges Enkelkind, das in seinem Haushalt lebt, in der Er- 
ziehungsberatung vor. Der Großvater bringt auch seine eigene Diagnose 
mit; „Kleptomanie und schwere Nervosität." 

Das Kind ist das außereheliche Kind der ältesten Tochter der Familie, 
die seit zwei Jahren unbekannten Aufenthaltes ist. Als sie sechzehn Jahre 
alt war, wurde sie vom Vater zum ersten Male aus dem Haus gewiesen, 
obwohl sie damals, wie die Großmutter sagt, nicht leichtsinniger gewesen 
sei, als Mädchen dieses Alters es zu sein pflegen. Aber der Vater war mit 
seinen Kindern sehr streng, besonders streng aber mit der Ältesten. Ganz 
gegenteilig ist sein Verhalten dem Enkelkind gegenüber. Die Großmutter 
erzählt Einzelheiten aus dem Aufwachsen des Kindes, aus denen hervor- 
geht, daß der Großvater eine Zurechtweisung des Minderjährigen durch sie 
nie duldet. Als beweisend führte sie ganz besonders an: Die Gewöhnung 
des Kindes an Reinlichkeit machte übermäßige Schwierigkeiten. Der Junge 
zeigte wenig Lust, den Topf zu benützen. Hatte ihn die Großmutter dazu 
gebracht und der Großvater kam zufällig zur Tür hinein, so sprang der 
Junge wieder auf, da er wußte, jetzt würde er nicht mehr dazu angeiial- 
ten werden. Auch die jüngeren Geschwister seiner Mutter — von denen 
das Jüngste nur wenig älter war als er selbst — , mit denen er gemeinsam 
aufwuchs, waren ihm gegenüber machtlos. Der Großvater stand immer 
schützend hinter ihm. Bei Streitszenen der Kinder fragte der Großvater 

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nicht, er züchtigte nur die anderen. Keines der Kinder durfte sich wehrer^, 
■wenn ihnen der Kleine etwas wegnahm. !^ 

So wuchs der Junge nahezu ohne Triebeinschränkungen heran. Als das-'J 
Rind auch bei Fremden DlDge und Geld zu nehmen begann, sah der Groß-' 
vater darin nicht eJn Verwahrlosungssymptom, sondern eine nervöse Störung, 
die er ärztlich behandelt wissen wollte. 

Es war aussichtslos, den alten Mann zu einer besseren Einsicht z^i 
bringen. Um eine weitergehende Fehlentwicklung des Kindes zu ver- 
meiden, blieb nur die LoslÖsung von diesem Milieu. 

* 

Die Erziehungsfürsorge kennt „Milieu-Geschädigte". Das sind Minder- 
jährige, die vorwiegend aus äußeren Ursachen verwahrlosten. Auf den Seiten 
458 bis 461 haben wir von den vielen Familienkonstellationen, die für das 
heranwachsende Kind gefährlich werden können, einige aufgezählt. 

In der Piegel kann der Erziehungsberater an diesen Familienverhältnissen, 
nichts ändern und wird gezwungen sein, das Kind in eine andere Um- 
gebung zu bringen. Daß er trachten wird, die günstigsten Entwicklungs- 
bedingungen für das Kind zu finden, ist selbstverständlich. Sehr überlegen 
muß er aber, ob er einen Einfluß der Eltern in der neuen Umgebung des 
Kindes zulassen kann oder nicht. Diese Entscheidung ist unschwer, wenn 
die Liebesbeziehungen des Kindes zum Vater oder zur Mutter deutlich zu 
erkennen sind und festgestellt werden kann, von welchem Ehernteil der 
schädigende Einfluß ausgeht. 

Der Erziehungsberater wird oft um Intervention ersucht, wenn in un- 
glücklichen Ehen, bei in Scheidung begriffenen oder geschiedenen Eltern 
jeder Elternteil das Kind für sich beansprucht. Erkennt der Erziehungs- 
berater nicht, daß der manchmal mit größter Brutalität und Rücksichts- 
losigkeit geführte Kampf um das Kind nur bezweckt, den anderen Elternteil 
schwer zu treffen, so wird sein Eingreifen erfolglos verlaufen. Er wird für das 
Kind nichts leisten können, weil beide Elternteile ihn schließlich ablehnen. 
Durchschaut er aber die Situation sofort, so wird es zu einer vergeb- 
lichen Arbeit nicht kommen. Er legt vom Anfang an seinen Standpunkt 
als Anwalt des Kindes den Eltern gegenüber fest. Diese lehnen ihn dann 
entweder sofort ab oder fügen sich, und er kann das für das Kind Not- 

wendige veranlassen. 

Hier sind einige Bemerkungen über KJndermißhandlungen einzuschalten. 

Die private Erziehungsberatung wird in Fällen von Kindermißhand- 
lungen wohl seltener als die öffentliche aufgesucht werden. Die öffentliche 
Erziehungsberatung ist eine Amtsstelle, vi-ird daher von Polizei und Jugend- 
gericht bei Kindermißhandlungen und von Privatpersonen, wenn diese eine 
Kindermißhandlung wahrnehmen, in Anspruch genommen. Ist der Tat- 
bestand der Kindermißhandlung klar erwiesen, so ist selbstverständlich das 
Kind der Obsorge der bisherigen Erziehungsperson zu entziehen. 

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In den weitaus häufigeren Fällen ist jedoch dieser Sachverhalt nicht 
eindeutig klarzustellen. Mißhandlungsspuren sind nicht mehr wahrzunehmen 
oder werden als Selbstverletzung, als Verletzungen bei Raufereien hingestellt. 
Die Aussagen von Anzeiger und Angezeigtem widersprechen sich und auch 
das Erhehungsmaterial gibt widerholt keinen deutlichen Einblick. 

Für den Erziehungsberater ergibt sich die Notwendigkeit zu entscheiden, 
ob das Kind weiter der bisherigen Erziehungsperson belassen werden könne, 
oder ob es trotz der nicht nachgewiesenen Mißhandlung anderweitig unter- 
gebracht werden müsse. ' - 

Der Erziehungsberater wird sich bei dieser Entscheidung zunächst davon 
leiten lassen, ob bereits ein Gerichtsverfahren anhängig ist oder nicht. 
Ist ein Gerichtsverfahren auf Grund einer Mißhandlungsanzeige eingeleitet, 
so muß das Kind der Erziehungsgewalt des Angezeigten entzogen werden. 

Die Voraussetzung für die Erziehbarkeit des Kindes ist zunächst seine 
körperliche und psychische Unzulänglichkeit. Seine körperliche Bedürftig- 
keit, die Schwäche, Unselbstständigkeit, die Unfähigkeit, sich selbst zu er- 
halten, schaffen die materielle, das Liebesbedürfnis und die Unmöglich- 
keit seinen Willen gegenüber dem stärkeren Willen des Erwachsenen, 
durchzusetzen, die affektive Abhängigkeit vom Erwachsenen. Daraus ergibt 
sich für das Kind die Zwangslage, die Abhängigkeit vom Erwachsenen 
anzuerkennen, sich erziehen 7u lassen. Dieser Situation des Kindes ent- 
sprechend muß der Erwachsene dem Kind gegenüber in einer bestimmten 
Stellung, die nicht erschüttert werden darf, bleiben. Im Falle einer Miß- 
handlungsanzeige, die zu einem Gerichtsverfahren führt, und den damit 
verbundenen Erhebungen und Untersuchungen durch Fürsorgeorgane, Po- 
lizei und Gericht, sowie den Affektreaktionen des Angezeigten darauf, die 
dem Kind auf keinen Fall verborgen bleiben können, wird das Kind in 
seiner Beziehung zur Erziehungsperson (Angezeigten) auf jeden Fall so 
irritiert, daß die Abhängigkeit von ihm verloren geht. Das Kind hat er- 
lebt, daß die Erziehungsperson nicht mehr die oberste Instanz ist und die 
auf seine soziale Einordnung hinzielenden triebeinschränkenden Verbote 
dieses Erziehers bleiben unwirksam. 

Geht die Mißhandlungsanzeige von einem Ehegatten aus. so ist zu über- 
legen, ob das Kind dem anzeigenden Elternteil übergeben werden kann. 
Der Erziehungsberater wird feststellen müssen, ob die zwischen den Eltern- 
teilen bestehenden Konflikte solcher Natur sind, daß auch der anzeigende 
Elternteil als Erzieher für das Kind entwertet ist. 

Der Erziehungsberater wird nur dann für die Überweisung des Kindes 
an den siegenden Elternteil eintreten, wenn das Kind selbst zu diesem die 
stärkeren Liebesbeziehungen hat. Wird bei einer Kindermißhandlung kein 
Gerichtsverfahren eingeleitet, dann wird der Erziehungsberater jeden ein- 
zelnen Fall nach seiner Eigenart beurteilen. Nicht äußere Verhältnisse 
werden für einen Milieuwechsel maßgebend sein, sondern nur die Schwere 
der Schädigung, der das Kind bei weiterem Verbleiben ausgesetzt sein kann. 

— 465 - 



Mißhandelte Kinder kommen sehr häufig aus dem TrinkermiUeu. Xxx 
der Erziehungsberatung kann das Problem der Trunksucht natürlich nicht 
in seiner Gänze erfaßt werden. Da aber immer wieder Falle aus Trinker- 
famiiien in der Erziehungsberatung zur Behandlung kommen, muß der 
Erziehungsberater auch dazu Stellung nehmen. 

Seltener sind Mütter, häufiger Väter der Trunksucht verfallen. Der 
Erziehungsberater wird bei rechtzeitiger Inanspruchnahme ohne Analys^ 
und ohne Fürsorgeerziehungsanstah auskommen, Verwahrlosungsbere.tschaft. 
und manifeste Verwahrlosung durch Familienwechsel beheben können. K^rx 
Familienwechsel erübrigt sich, wenn der dem Trünke ergebene ElternteU 
einer Trinker heilstätte übergeben werden kann, 

Es könnte die Meinung auftauchen, daß eine dahmzielende InterventLon 
nicht mehr in den Wirkungsbereich der Erziehungsberatung fallt. Dazu 
ist aber zu bemerken, daß nicht jeder betrunkene Vater so exzediert daß 
die Mutter selbst ihn wegbringt oder die aufmerksam werdenden Nachbar^ 
eingreifen. Verschüchterte, verängstigte, dem Mann ganz unterlegene Fraiiea 
ertragen jahrelang die Quälereien des betrunkenen Mannes Namentlich 
dann wenn er im nüchternem Zustand immer wieder verspricht, das Trin- 
ken aufzugeben. Sie bringen auch nicht die Kraft auf, der schwer leiden- 
den Kinder wegen eine Änderung herbeizufuhren. 

Auch in der Erziehungsberatung kommen zuerst nur zögernde, unklare. 
Andeutungen, die sofort wieder ängstHch zurückgenommen werden. Erst 
durch vorsichtiges, sanftes Drängen sind diese Frauen zum Sprechen zu. 
bringen Was der Erziehungsberater dann zu hören bekommt, ist recht 
arg. Vielfach ist es nicht das Ärgste, daß die Frau vom Mann im betrun- 
kenen Zustand zum Coitus vor den Kindern gezwungen wird. Da solche 
Situationen nicht ohne schwerste Schädigung für die Kinder bleiben können, 
hat der Erziehungsberater zu intervenieren. 

In Fällen, in denen Trunkenheit des Mannes zu wüsten Exzessen führt» 
in deren Verlauf Frau und Kinder verprügelt und so behandelt werden, 
daß sie die Wohnung verlassen müssen und der betrunkene Mann dann 
die Wohnungseinrichtung zertrümmert, sind wir geneigt, den besonders 
brutalen Mann zu sehen. Das kann, muß aber nicht zutreffen. Wir kennen 
Fälle, die bei genauer Untersuchung erkennen ließen, daß der Mann nicht 
der rohe, gewalttätige, sondern im Gegenteil, der weichhche, schwächhche, 
im nüchternen Zustand gehemmte Mann ist. Auffällig ist, wie diese Männer 
von ihren Frauen geschildert werden: im nüchternen Zustand sehr ver- 
träglich, anständig, brav, gefällig, hilfsbereit bei den häuslichen Arbeiten, 
Der Eindruck, den weibischen Mann beschrieben 2u bekommen, ist 
nicht abzuwehren. Noch auffälliger ist, daß die Frau, die ihn beschreibt» 
der aktive, energische, maskuline Typus ist. 

Wir konnten in einigen dieser Fälle feststellen, daß die Affektausbrüche in der 
Trunkenheit nur der mit ungeeigneten Mittein unternommene Abwehrversuch 
des zu schwachen Mannes gegen die Unterdrückung durch die Gattin bedeutet. 

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Er ist in einer Art höriger Abhängigkeit von seiner energischen Frau. 
Eine Zeitlang lebt er im Sinne der angedeuteten Triebeinstellung, bis er 
durch die gewiß nicht beabsichtigten, aber aus der Ich-Struktur dieser 
Frau bedingten Quälereien schwer gekränkt, wahrscheinlich auch in Angst 
versetzt ist und durch den Anspruch seines Über-Ichs getrieben wird, 
„Mann zu sein. 

Aus dem Gefühl seiner Ohnmacht und der Unmöglichkeit, die eigene 
Passivität überwinden zu können, versetzt er sich durch Alkohol in den 
Zustand einer künstlichen Hemmungslusigkeit. 

Wahrscheinlich ist er in dem Augenblick ganz „Mann", in dem Gattin 
und Kinder die Wohnung fluchtartig verlassen und er die Wohnungsein- 
richtung zertrümmert. 

Der Erziehungsberater muß diese Zusammenhänge kennen, weil er in 
solchen Fällen nicht darauf bestehen wird, die Heilung des Trinkers in 
der Trinkerheilstätte zu suchen. Er dient der Fürsorge um das Kind am 
besten, wenn er versucht, ruhigere Milieuverhältnisse herzustellen. 

Ob dies durch Analyse von Vater und Mutter zu erreichen wäre, konn- 
ten wir nicht fesstellen, da uns die Möglichkeit, diese zu veranlassen, fehlte. 

Eine erträgliche Situation schufen wir in einigen Fällen dadurch, daö 
wir in oftmaligen Besprechungen in der Erziehungsberatung starke Be- 
ziehungen von Vater und Mutter zu uns herstellten, dabei der Frau die 
Möglichkeit einer passiven Einstellung gaben, und außerdem dem Mann 
die Gelegenheit schufen, seine aggressiven Tendenzen in sozialer Form zu 
äußern. Erfahrungsgemäß ist ein stabiler Erfolg aber immer nur dann zu 
erreichen, wenn die Beziehungen zu uns längere Zeit aufrechterhalten und 
nur nach und nach abgebaut werden. 

Eine Änderung in den Familienverhältnissen des Trinkers herzustellen, 
scheint in der Regel ganz aussichtslos zu sein und doch ist sie oft erfolg- 
reich durchzuführen. Im Gegensatz dazu gibt es Familiensituationen, die 
nur einer geringen Änderung bedürften, um zur Mitarbeit bei Behebung 
der Verwahrlosung herangezogen werden zu können. Scheinbar mußte 
diese Änderung leicht zu erreichen sein und duch bleibt alles Bemühen 
des Erziehungsberaters darum erfolglos. Zu diesen Familienkonstellationen 
gehören unter anderem jene, in denen Väter den Schwerpunkt ihrer In- 
teressen außerhalb ihrer Familie verlegen. Es sind nicht schlechte Väter, 
die die Familie bewußt vernachlässigen, aber geschäftliche, öffentliche, 
politische Betätigungen nehmen sie immer wieder in Anspruch. Ruft der 
Erziehungsberater solche Väter zur Mitarbeit heran, so sagen sie gerne zu, 
leisten aber in Wirklichkeit nichts. Die Mütter fühlen sich vernachläßigt, 
können aber nur die Verhältnisse und nicht die Person des Vaters dafür 
verantwortlich machen, werden dem Kind gegenüber ungerecht und die 
Verwahrlosung vertieft sich immer mehr. 

Die erziehungsberaterische Schwierigkeit liegt darin, daß der Vater ver- 
standesgemäß, aber nicht affektiv allem beipflichtet, was der Erziehungs- 

- 4Ö7 - 



berater von ihm verlangt, es daher nicht durchführt. Wir haben wieder- 
holt erfahren, daß der Vater Unterlassungen, die wir von ihm forderten, 
soweit sie nicht seinen oben angedeuteten Interessen kreis berühren, durch- 
führt Er Ist bereit sich passiver zu verhalten, vom Kinde weniger zu 
fordern als bisher, denn aklWere Betätigungen bringt er nicht zustande 

Es sieht aus, als ob der Vater die Hoffnung auf eine, wenn auch ver- 
spätete Wunscherfüllung nicht aufgegeben hätte und deshalb nicht _ im 
Stande sei, von seinem Interessenkreis Libido abzuziehen und seinem Kinde 
zuzuwenden. Dadurch hat er zu seinem Kind weniger starke libidmose Be- 
ziehungen als jene Väter, denen das Kind die letzte Möglichkeit zur Re- 
alisierung eigener unerreichter Wünsche gibt. 

Aus den Milieu geschädigten lassen sich noch als besondere Gruppe jene 
herausheben, die trotz normalen Entwicklungsvorganges bei der Uber-Ich- 
Bildung zu einem, von der Gesellschaft aus gesehen, defekten Uber-Ich 
gekommen sind; denn die Personen, von denen sie dieses beziehen, sind 
Telbst schon verwahrlost, Verbrecher, oder haben ihr Uber-Ich anders 
orientiert, als die Gesellschaft, innerhalb der sie leben. 

Diese Minderjährigen erleben den ersten Zusammenstoß mit der außer- 
häuslichen Realität mit Erstaunen. Sie bleiben unbefangen, weil er ihnen 
unverständlich ist. Später werden sie vorsichtiger, kommen aber nicht zu 
einer Triebverdrängung und einem Triebverzicht wie andere Kinder, sondern 
nur zu einemAufschub mit der Tendenz, durch immer geschickteres Verhalten 
) doch zur ungestraften Triebbefriedigung zu kommen. Die intellektuellen 

1 Funktionen sind viel mehr in Tätigkeit als die affektiven. Dies sind die 

eigentlichen Asozialen, die an dem Jugendrichter ebenso vorbeireden, wie 
er an ihnen, bei denen als Trotz und Verstocktheit gewertet wird, was nur 
Hilflosigkeit aus einem Nichtverstehen ist. Ihre dissozialen Äußerungen 
sind zumeist Eigentumsdelikte. Dieser Typus kommt sehr oft mit neuroti- 
schen Symptomen vor. Er ist in der Erziehungsberatung in der Art seines 
Auftretens zu erkennen: Frechheit, hinter der Unbekummertheit steckt, 
Überlegenheit ohne Arroganz, Verständnislosigkeit gegenüber moralischen 

Vorhalten. 

Volle Sicherheit, daß wir es mit diesem Typus zu tun haben, erhalten 
wir durch Erhebungen bei Polizei, Gericht und in der Familie, durch 
eingehende Aussprachen mit Eltern. Geschwistern, Verwandten. Das Verbrecher- 
milieu, aus dem sie kommen, tritt dann für uns deutlich zu Tage. 

Erziehungserfolge sind nur bei lang dauernder Unterbringung in einer 
Für Sorgeerziehungsanstalt und Verwahrlosten- Analyse zu erwarten. 

* 

In diesem Zusammenhang erwähnen wir auch das bettelnde Kind. 

Wird es von den Eltern zum Betteln angehalten oder ahmt es das Tun 
von Geschwistern oder Eltern nach, so ist das durch Erhebungen im 
Haus oder bei der Polizei zu erfragen. 

- 468 — 

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Ehe wir neurotische Komponenten suchen, die eine Analyse notwenclig 
machen würden, müssen wir erst genau nachprüfen, ob die Tendenz zum 
Betteln nicht der Durchbruch eines auf andere Weise nicht zu befriedi- 
genden Wunsches ist. 

Auch sonst kann noch verschiedenes zum Betteln führen : 

Z. B. : Ein Kind wird wiederholt von der Polizei aufgegriffen, weil et 
Passanten anbettelt. Die wirtschaftliche Situation der Eltern ist sehr schlecht. 
Der Vater ist seit Jahren bettlägerig, die Mutter auf Gelegenheitsverdienst 
angewiesen. Der Verdacht liegt nahe, daß das Kind von zu Hause betteln 
geschickt wird. Die Erhebungen ergeben : Die Familie war früher gut 
situiert, ist jetzt vollständig verarmt, trotzdem aber zu stolz (verschämte 
Arme), Unterstützungen anzunehmen. Jede wirtschaftliche Hilfe des Jugend- 
amtes wird zurückgewiesen. Es erscheint nicht wahrscheinlich, daß das 
Kind zum Betteln angehalten wird. Die Eltern haben, so oft sie vom 
Betteln des Mädchens erfuhren, das Kind aufs heftigste „ausgeschimpft". 

In der Krziehungsberatung spielt sich im Verlaufe des Gespräches mit 
dem zehnjährigen Mädchen folgende Szene ab. Das Kind erzählt: „Ich 
spiele mit meiner Puppe Fortgehen. Ich trage sie auf den Gang hinaus, 
suche sie dann im Zimmer und finde sie nicht. Dann gehe ich auf den 
Gang, hole sie herein und frage sie: ,Wo warst du?' Darauf sagt mir Gretl 
(die Puppe): ,Mach die Augen zu, halt die Hand auf.' Ich mache das und 
sie drückt mir ein Geldstück in die Hand. Ich frage sie: , Woher hast du 
das Geld?' Sie sagt: ,Ich war betteln"." Jetzt erschrickt das Kind, errötet 
tief und sagt; „Das ist aber nur Spiel, denn bettein gehen darf man ja nicht." 

Man kann sich vorstellen, wie intensiv sich das Kind in seiner Phantasie 
mit der häuslichen Not beschäftigt, wie es durch diese bedrückt wird und 
wie stark die kindlichen Wünsche die Behebung der elterlichen Arniut 
zum Inhalt haben. Es laßt sieb unschwer erkennen, daß im Spiel die 
Puppe die eigene Person des Mädchens vertritt und sie selbst den kranken 
Vater spielt, zu dem sie so oft in Wirklichkeit nach dem Betteln gekommen 
ist, freilich ohne den Ertrag des Betteins mitzubringen. In Wirklichkeit 
hatte sie nämlich das erbettelte Geld verworfen oder verschenkt. In den 
seltensten Fällen wurde es zur Stillung des eigenen Hungers verwendet, 
obwohl sie stets hungerte. 

Das Spiel sagt uns aber noch mehr. Das Kind bettelt, um jemanden 
zu überraschen. Weiters; Beim Betteln benimmt sie sich ebenso, wie oben 
bei der Erzählung des Betteins geschildert, als sie plötzlich errötet. Sobald 
sie im Besitz des Geldes ist, werden die elterlichen Verbote wirksam. 
Ferner: In der Phantasie gibt sie das Geld dem Vater. Wenn wir erfahren, 
daß die Mutter das verdiente Geld nicht selbst ausgibt, sondern, um dem 
Gatten Kränkungen zu ersparen, es ihm abliefert, damit er als der geld- 
verwaltende Teil weiter fungieren kann, so können wir schließen, daß das 
Mädchen sich mit der Mutter identifiziert hat und das Spiel eine unver- 
drängte Wunscherfüllung des Kindes darstellt. Ihre sinnvolle und realitata- 

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angepaßte Handlungsweise in Bezug auf den Geldverdienst bestätigt di 
Vermutung der Identifizierung mit der Mutter — sie verdient Geld durch. 
betteln. — Die Sinnlosigkeit in der Geldverwendung, indem sie das Geld 
verschenkt oder verwirft, verrät, daß der Versuch einer Identifizierung mit 
dem Vater — diesen Versuch zeigt das Spiel, indem sie die Pappe das 
eigene Ich spielen läßt und sich selbst so benimmt, wie sie mochte, daß 
der Vater sich verhält, indem sie das Geld im Spiel annimmt {siehe oben> 
— nicht geglückt ist, sondern daß sie wahrscheinlich in einer reinen Objekt- 
beziehung zu ihm steht. Da die Wunscherfüllung dieser Beziehung in der 
Realität nie eintritt, wird sie immer wieder zum Betteln gezwungen. 

Eine Änderung erzielten wir durch Besuch in der elterlichen Wohnung^ 
bei dem es uns gelang, den Vater zu überzeugen, daß er verpflichtet sei, 
die Hilfe des Jugendamtes anzunehmen und das Mädchen in eine Tages- 
heimstätte unterzubringen. Eine analytische Behandlung war nicht notwendig, 
auch nicht die Abgabe in eine Erziehungsanstalt. 



Unter den auf die Erziehungsberatung gebrachten Kindern befinden sie] 
häufig solche, deren Schulschwierigkeiten, die den Anlaß ihres Kommens 
bieten, durch Lernhemmungen verursacht werden. Die meisten von ihnen 
werden von der Schule ganz typisch mit zwei Sätzen charakterisiert: 

Das Kind kann sich nicht konzentrieren. 

Es könnte viel mehr leisten, wenn es wollte. 

Die so beschriebenen Kinder sind in der Regel starke Tagträumer, die 
den Großteil ihrer Energien in Phantasien verbrauchen. Sie könnten ihrer 
Begabung nach wirklich mehr leisten, aber nicht wenn sie „wollten"^ 
sondern wenn sie „wollen könnten". Sie sind keineswegs unfähig sich zu. 
konzentrieren, aber sie konzentrieren sich auf den Inhalt ihrer Tagträume 
und nicht auf die von ihnen verlangte sachliche Arbeit in der Schule. 
Dem Analytiker müssen wir wohl nicht sagen, was hinter den Tagträumen 
steckt und wie er ihnen beikommen kann, vielleicht ist aber ein Hinweis 
auf die Diagnose dieses Typus in der Erziehungsberatung wichtig. Diese 
Kinder sind während der Erziehungsberatung relativ leicht zum phantasieren 
zu bringen. Richtiges Verhalten des Erziehungsberaters wird Assoziationen 
auslösen. Er kann durch Anknüpfung an das kindliche Spie] zunächst 
jene Phantasien, die hinter dem Spiel stecken, erzählen lassen. 

Es gibt aber oft gerade unter diesen Kindern solche, die den Kontakt 
mit der Realität soweit unterbunden haben, daß sie ihre Phantasien nicht 
in ein Spiel einbauten, das Spiel sogar als Störung ihrer lustvollen Phantasie- 
tätigkeit empfinden, sondern vor sich hinträumen, was auch immer um 
sie herum geschieht. Bei diesen Knaben wird ein Anknüpfen an kindliches 
Spiel dahinter steckende Phantasien nicht zu Tage fördern. Dieses Kind, 
nach seinen Phantasien gefragt, wird dieselben infolge des an die Phantasie- 
tätigkeit geknüpften Schuldgefühles nicht erzählen, auch wenn die Phantasien 

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1 



bewußt sind. Bei vielen Kindern hat der Verdrängungsmechanismus bereits 
die Leistung der Umwandlung bewußter Phantasietätigkeit in unbewußte 
vollbracht. Man kann von Ihnen nicht mehr sagen, sie träumen vor sich 
hin, sondern sie schauen bloß vor sich hin. Gefragt könnten sie nur — 
volle Aufrichtigkeit vorausgesetzt — aussagen, an nichts gedacht zu haben. 
Wir wissen aber, daß in diesen Augenblicken scheinbarer Ruhe, verdrängte 
Phantasien ablaufen. 

Es ist oft von Vorteil, es dem Kind in der Erziehungsberatung zu er- 
möglichen. Phantasien so zu erzählen, daß es das Erzählte nicht als eigene 
Phantasie erlebt und daher von Schuldgefühl freibleibt oder bei starken 
Verdrängungen es zu zwingen, seine Phantasien teilweise in das Bewußtsein 
dringen zu lassen. 

Zu diesem Zweck lassen wir das Kind eine bequeme Stellung einnehmen, 
die Augen schließen und versuchen, seine Aufmerksamkeit auf eine bewußte 
Vorstellungswelt zu konzentrieren : es möge sich einen Kinobesuch, eine 
Eisenbahnfahrt, bei der es zum Fenster hinausschaut, oder das Blättern in 
einem Bilderbuch, in dem verschiedene Bilder zu sehen sind, vorstellen 
und uns sagen, was es sieht. 

Geht das Kind darauf ein und beginnt zu assoziieren, dann ist weiter 
keine Schwierigkeit, die Assoziationskette zu verfolgen. 



Ein typisches Gespräch dieser Art führten wir mit einem elfjährigen 
Hauptschüler, den seine Mutter aus berechtigter Angst, er werde das Schul- 
jahr wiederholen müssen, auf die Erziehungsberatung brachte. Die Kon- 
flikte mit der Umwelt, die der Junge infolge seiner Tagträumerei erlebte, 
wurden durch die Quälereien seiner Mutter, denen er ausgesetzt war, und 
durch die Rücksichtslosigkeit seines brutalen Vaters bis ins Unerträgliche 
gesteigert, so daß ihm tatsächlich jedes Motiv, mit der Umwelt, die für 
ihn nur eine Unlustquelle war, in einen realen Kontakt zu gelangen, fehlte. 
Er war infolgedessen — so der Bericht der Mutter — ein schweigsamer, 
verschlossener Junge. Es gelang uns unter Anwendung des oben beschriebe- 
nen Vorganges, in einigen Minuten aus ihm, freilich nur vorübergehend, 
ein fröhlich plauderndes Kind zu machen. 

Wir möchten nur auf jenen Teil des Gespräches hinweisen, in dem 
wichtige Anhaltspunkte für die tiefsten Inhalte seiner Neurose verraten 
wurden. 

Bei der Assoziation im Anschluß an die Kinoleinwand lief eine Assoziations- 
kette ab. die aus folgenden Bildern bestand: Aus schwarzen Ringen kristalli- 
sierte sich eine Landstraße heraus, auf der ein Elefant mit einem Kinde 
stand. Daran schloß sich das Bild des Schulatlas, der Kahlenberg, ein Tunnel, 
in den ein Zug hineinfährt und stecken bleibt. Bis auf den Atlas waren 
dies Inhalte, die es in der Realität nie gesehen hatte. Bringen wir sein 
sonstiges Verhalten in Zusammenhang mit dieser Assoziationskette, dann 

- 471 - 



werden wir nicht zögern, das Kind einer psychoanalytischen Behandlung; 
zuzuführen. 

Aber nicht nur unter den Kindern, auch unter den Jugendlichen finden 
wir solche Tagträurner, die, ganz in ihre Phantasien versunken, realitäts- 
untüchtig sind, die Beziehungen zu der Umwelt mehr oder minder verlieren, 
so richtig als Phantasten bezeichnet werden. 

Als Beispiel: Von einer Fürsorgerin wird ein i7iähriger Junge wegen 
„Hochstapelei" in die Erziehungsberatung gebracht. Seine Eltern sind simple, 
aber sehr brave ältere I>eute. Der Junge selbst hat nach mehrfachem 
Wechsel seiner Lehrstelle jetzt eine Anstellung als Praktikant und arbeitet 
dort angeblich zur Zufriedenheit seines Chefs; es ist aber zu befürchten, 
daß er bald wieder seinen Arbeitsplatz verlieren wird. Da der Junge mit 
15 Jahren unter Mitnahme des Schmuckes seiner Mutter von zu Hause 
durchgebrannt war, wurde er nach bedingter Verurteilung unter Schutz- 
aufsicht gestellt. Die Fürsorgerin, die besorgt ist, daß der Junge bei einem 
neuerlichen Delikt nunmehr unbedingt verurteilt werden würde, berichtet, 
daß er gegenwärtig nächtelang von zu Hause wegbleibt, von einer reichen 
Damenbekanntschaft mit der Frau eines Offiziers erzählt, die ihm viel Geld 
eingetragen habe, ebenso vom Rauschgifthandel, den er betreibt. 

Eine Unterredung mit dem Jungen ergab aber ein wesentlich anderes 
Bild. Wir sprachen über den Rauschgifthandel. Auf unsere Frage nach 
seinem letzten Geschäft, widersprach er seiner zuerst gemachten Behauptung 
und erzählte, daß er jetzt nicht mehr mit Rauschgiften handle, da es zu riskant 
sei, sondern mit Hasardspiel Geld zu verdienen suche. Früher in Deutschland 
allerdings habe er viel Geld mit Rauschgiften verdient. Nach einem 
genauen Bericht eines derartigen Erlebnisses gefragt, ist deutlich zu ersehen, 
daß es sich nicht umRealerlebnisse handelt, sondern Wunschphantasien erzählt 
werden. Ähnlich ist es bei dem Hasardspielen. Aus den großen Hasardspielen 
wurden Kopf- und Adlerspiele in einer kleinen Konditorei am Sonntag- 
Nachmittag. 

Hinter der Damenbekanntschaft, auf die wir nicht mehr eingingen, 
vermuteten wir eine Beziehung mit einem Dienstmädchen, Der Zufall 
wollte es — er war kurze Zeit in Beobachtung — daß seinen Aufschnei- 
dereien tatsächlich ein harmloses Verhältnis mit einem Dienstmädchen zu 
Grunde lag. 

Der „Hochstapler" entpuppte sich als ein gutmütiger, beschränkter 
Phantast, der — ■ wenn die Möglichkeit einer Analyse nicht gegeben ist — 
auch mit einem positiven Üb ertragungs Verhältnis, das durch häufige Vorsprachen 
in der Erziehungsberatung fortgesetzt werden muß, ohne Konflikte mit der 
Realität in eine stabile psychische Situation gebracht werden kann. 

Seine Beschränktheit läßt außerdem eine psychoanalytische Behandlung 
heute als unökonomisch erscheinen. Wichtig ist es bei solchen Fällen, es 
nicht zu Affektstauungen kommen zu lassen, da dieser Typus dann zu 

— 472 — 



explosionsartigen Unüberlegtheiten neigt, wie es beim Diebstahl der Fall 
war, deren nähere Ursachen infolge der Kürze der Beobachtungszeit, die aus 
äußeren Gründen abgebrochen werden mußte, nicht eruiert werden konnten. 



Wenn Kinder in die Erziehungsberatung gebracht werden, bei denen 
wir vermuten können, daß sie in ihrem Heranwachsen subjektiv eine 
weitgehende Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit erlebt haben, so 
werden wir zunächst versuchen, durch die Gewinnung der Erziehungspersonen 
(Mütter. Väter) die Umgebung so zu gestalten, daß das Kind seine bisherige 
Reaktion aufgeben muß. Erst wenn dieser Versuch zu keinem Ergebnis 
führt, werden wir auf tiefere Ursachen der vorliegenden Schwererziehbarkeit 
schließen und Beobachtung durch analytisch geschulte Pädagogen veranlassen, 
oder gleich auf eine Psychoanalyse dringen. 

Eine Mutter kommt mit ihrem siebenjährigen Jungen, der ihr die 
größten Führungsschwierigkeiten macht. Aus ihrer Schilderung das Wesent- 
liche: Das Kind ist über alle Maßen unfolgsam, ungebärdig, wild und 
trotzig. Aus Bosheit zerbricht es Küchengeschirr und Glaser, beschädigt 
Möbel und andere Einrichtungsgegenstände. Wenn die Mutter will, daß der 
Junge etwas Bestimmtes lue, muß sie gerade das Gegenteil verlangen. In 
der Schule ist er der Schrecken des Lehrers. Er ist völlig undiszipliniert, 
unverträglich, rechthaberisch, streitsüchtig, drängt sich auffällig vor, ruft 
während des Unterrichts ganz unmotiviert dazwischen, verschmiert oder 
zerreißt Schulhefte und Bücher seiner Mitschüler, nimmt ihnen Bleistifte 
und Federstiele weg und zerbricht sie. Die Klassengenossen lehnen ihn 
ausnahmslos ab, auch er mag sie nicht. Bemerkt muß werden, daß er der 
begabteste Schüler der Klasse ist. 

Die Mutter macht durchaus nicht den Eindruck, daß sie ihr einzige«, 
von ihr sehr geliebtes Kind, besonders verwöhne. Sie ist eine einfache Frau, 
die zum Haushalt durch Heimarbeit beiträgt. Sie steht fest und aufrecht 
in der Realität, trotzdem sie augenscheinlich nicht sehr glücklich ist, was 
sie aber im Benehmen und Reden zu verbergen sucht. Sie beschuldigt sich, 
daß sie durch ihre Tagesarbeil zu sehr in Anspruch genommen werde, 
um sich dem Kind genügend viel widmen zu können. Vom Gatten spricht 
sie gut. Er ist der brave fleißige Arbeiter, weder Spieler noch Trinker, 
gibt seinen vollen Arbeitslohn für die Familie her, bekommt nur Taschengeld, 
verbringt seine ganze freie Zeit zu Hause und ist doch nicht der richtige 
Mann und Vater. Das Radio ist ihm das Wichtigste. So willenlos und 
schwach er sonst ist, so brutal kann er werden, wenn ihn das Kind beim 
„Radiohören" stört. In seinem Zorn züchtigt er den Buben oft maßlos und 
die Frau kann ihn daran nicht hindern. Bei der Schilderung der häuslichen 
Verhältnisse findet die Mutler viele den Gatten lobende und anerkennende 
Worte. Über seine Wutanfälie und die Züchtigungen des Kindes geht sie 
entschuldigend hinweg, sie streift sie kaum. Und doch schwingt in ihren 

- 473 — 



Worten ein Ton mit, der vermuten läßt, daß sie in der Ehe unbefriedigt 
bleibt. Letzten Endes genügt sich dieser Mann doch selbst, ein wirkliches, 
richtiges Verständnis für die Bedürfnisse von Weib und Kind hat er nicht. 

An den Erfahrungen der Erziehungsberatung gemessen, ist dieses Milieu 
relativ nicht schlecht. Zumindest liegt keine unbedingte Nötigung vor, das 
Kind anderwärts unterzubringen. Es bleibt nur die Möglichkeit einer Be- 
handlung des Kindes in der Familie. Die Mutter zeigt sich sehr verständig 
und es kann der Versuch gewagt werden, ihr die Behandlung anzuvertrauen, 
wenn einmal festgestellt ist, worin diese zu bestehen hat. 

Wüßten wir nur, welche Ursachen das Verhahen des Kindes bedingen, 
so ließen sich die nötigen Anleitungen geben, aber weder eine körperliche 
Untersuchung, noch eine ein- oder mehrmalige Aussprache mit dem Kind 
wird sie finden lassen. Wir können nur vermuten, aus welchen Ursachen 
das dissoziale Verhalten des Kindes zu Hause und in der Schule entspringt 
und müssen dieser Vermutung entsprechend die Behandlung des Kindes 

beginnen. 

Aus der Unterredung mit Mutter und Kind drängt sich die Annahme 
auf daß das Kind in seinem Bestreben sich durchzusetzen, fortwahrend auf 
Hindernisse gestoßen sei. Sein Zustand ließe sich daher vielleicht als eine 
Reaktion auf fortgesetzte Unterdrückung seines Geltungsbedürfnisses, vvie 
Individualpsychologen dies nennen — wir werden es einfach als Ein- 
schränkung der persönlichen Freiheit bezeichnen — zurückführen. Darauf 
stellen wir nun den ersten Behandlungsversuch ein. Zunächst raten wir 
der Mutter, das Kind während einer Woche machen zu lassen, was es 
wolle und dann wieder zu kommen. Die Mutter, die vollstes Vertrauen 
zum Erziehungsberater gewonnen hat, erklärt sich bereit, die, möglicher- 
weise sehr schwierige Aufgabe zu übernehmen. Nach einer Woche berich- 
tet sie wie folgt: 

Am ersten Tag schwenkt der Junge ein halbvolles Tintenfläschchen ab- 
sichtlich so stark herum, daß Wände und Möbel mit Tinte bespritzt sind. 

Verhalten der Mutter: sie reinigt stillschweigend, ohne dem Kind den 
leisesten Vorwurf zu machen, die Möbel und kratzt die Tintenflecke von 
der Wand, damit der heim.kehrende Gatte nichts merkt. 

Am zweiten Tag wirft der Junge einen halbvollen Kohlensack um und 
leert ihn aus. Der herum wirb ein de Kohlenstaub beschmutzt die weiß lackier- 
ten Küchenmöbel. 

Die Mutter reinigt stillschweigend, wieder ohne dem Kind den leisesten 
Vorwurf zu machen, die Küchenmöbel. 

Am dritten Tag kommt der Junge, während die Mutter das Mittagessen 
am Gasherd kocht, in die Küche. Er schließt den Gashahn, die Mutter 
entzündet die Flamme, er schließt den Hahn neuerlich, die Mutter zündet 
wieder an. 

Nachdem das Spiel vom Auslöschen und Anzünden ungefähr eine halbe 
Stunde stattgefunden hat, bemerkt sie ruhig: „Wir können das so fort- 



474 - 



machen, aber dann bekommen wir kein Mittagessen". Der Junge verlaßt 
hierauf die Küche. 

..":Am vierten Tag stellt sich der Junge zum Waschbecken und wäscht 
sich so lange die Hände, bis ein ganzes Stück Seife verbraucht ist. 

Die Mutter läßt ihn stillschweigend gewähren. 

Am fünften Tag wiederholt sich das Spiel beim Gasherd. 

Am sechsten Tag nimmt der Junge seine Eisen bahnlokomotive und läßt 
sie auf dem Fensterbrett laufen, wobei er sie so niederdrückt, daß ihre 
Räder tiefe Rillen in das Holz einschneiden. 

Die Mutter verkittet die Rillen und streicht die Fensterbretter der beiden 
Zimmerfenster neu an, damit der Vater nichts merkt, ohne aus der Ruhe 
zu kommen. 

Am siebenten Tag ist Zeugnisverteilung in der Schule. Er hat den 
besten Lernerfolg aufzuweisen, keiner seiner Mitschüler reicht an ihn 
heran. Et kommt sehr stolz nach Hause und stellt an diesem Tag nichts an. 

Bemerkenswert ist, daß an jedem Tag nur eine „große Untat" vorkommt, 
er sich sonst aber vollkommen normal benimmt. 

Die zweite Woche verläuft bis auf eine „Untat" sehr ruhig. Die Mutter 
geht Milch holen. Als diese in die Kanne gegossen wird, entdeckt sie, daß 
der Boden durchlöchert ist. In der Erziehungsberatung stellt sich heraus, 
daß Vater und Sohn am Sonntag vorher das schadhafte Küchenblechgeschirr 
gelötet haben. Es war keine Arbeit für den nächsten Sonntag mehr da 
und deshalb hat der Junge mit einer abgebrochenen scharfkantigen Feile 
die Löcher in den Boden der Kanne gebohrt, um wieder Material zu 
bekommen. 

In die dritte Woche fällt der Faschingsonntag. Die Mutter bäckt 
Faschingskrapfen und stellt sie zum Auskühlen auf das Fensterbrett. Der 
Junge bleibt allein in der Küche, ißt sechs Stück der heißen schwer ver- 
daulichen Mehlspeise, dazu noch ein Viertelkilogramm vom Kochen übrig 
gebliebenen Staubzucker. Es wird ihm nicht einmal übel; er bleibt gesund. 
Dies war, nach den Berichten der Mutter, das letzte „Stückchen", das er 
sich leistete. Seither benimmt er sich nicht anders als andere Kinder in 
seinem Alter, auch die Schwierigkeiten in der Schule haben nach und 
nach aufgehört. 

In diesem Fall war die Vermutung, die zu dieser Behandlung führte, 
richtig. Der Erfolg ist lediglich dem ungemein tapferen Ausharren dieser 
einfachen, pädagogisch vollständig ungeschulten Frau zuzuschreiben. Hatte 
sich das Benehmen des Knaben bei weiterem Gewährenlassen durch die 
Mutter nicht geändert und wäre auch die Mithilfe des Erziehungsberaters 
(wiederholte Aussprachen mit dem Kind) erfolglos geblieben, so könnten 
nur tiefere Ursachen diesen Zustand begründen. Als solche kamen bei- 
spielsweise in Frage: Haßeinstellung gegen den Vater, eine Verschiebung 
des Hasses zunächst auf Gegenstände, die dem Vater gehören, später auf 
Gegenstände überhaupt und auch auf andere Personen; Todeswünsche 

^ 475 - 



gegen den Vater, verdrängte Schuldgefühle dem Vater gegenüber, Schuld- 
gefühle infolge Masturbation usw. Eine Beseitigung dieser, im Unbewußten 
des Kindes verankerten Ursachen gelingt nur durch deren Aufdeckung, die 
einer psychoanalytischen Behandlung vorbehalten bleiben muß. 



Nicht selten sind die Fälle, in denen die Erziehungsberatung zu sexuellen 
Äußerungen von Kindern und Jugendlichen Stellung nehmen muß und 
von Eltern, die wissen wollen, wie ihre Kinder sexuell aufzuklären sind, 
in Anspruch genommen wird. Neurotische Eltern, die nicht merken, daß 
sie dem Kinde förmlich nachspüren und harmloseste Äußerungen kind- 
lichen Sexuallebens weit übertreiben, verlangen vom Erziehungsberater oft 
•ofortige Abhilfe. Sie sind entsetzt, wenn der Erziehungsberater ihren Ab- 
scheu nicht berechtigt findet und ihre Angst um die Zukunft des „so ver- 
dorbenen Kindes" nicht teilt. 

Der Erziehungsberater wird sich bemühen, diesen Eltern das Unsinnige" 
ihres Verhaltens, ihrer Befürchtungen und ihres Verlangens auseinander- 
zusetzen. Erfahrungsgemäß gelingt dies erst durch mehrere Aussprachen. 
Sehr viel ist schon erreicht, wenn er bei den ersten Vorsprachen die Eltern 
dahin bringt, die sexuellen Äußerungen ihres Kindes harmloser aufzufassen. 
Erst später wird er versuchen, das Interesse der Eltern vom Sexualleben 
des Kindes mehr und mehr abzuziehen. In allen diesen Fällen wird er 
sich vorerst mit den Eltern beschäftigen, deren Angst und Abscheu vor 
der kindlichen Sexualität beheben, und so dem Kinde die Freiheit für seine 
normale, ungehinderte sexuelle Entwicklung verschaffen. 

Wenn es nicht gelingt — was häufiger bei Müttern, seltener bei Vätern 
der Fall ist — eine natürliche Einstellung zum Sexualleben des Kindes zu 
erreichen, dann wird der Erziehungsberater eine Entfernung des Kindes aus 
dem Milieu erst dann verlangen, wenn auch der Versuch, den neurotischen 
Elternteil in Analyse zu bringen, mißlungen ist. 

Wir dürfen aber nicht annehmen, daß nur neurotische Eltern im Sexual-J 
leben ihrer Kinder Auffälliges finden. Teilen uns anscheinend normale Eltern 
sie beunruhigende Beobachtungen aus dem Sexualleben ihrer Kinder mit, 
so werden wir sie nicht mit dem Hinweis auf das Naturgemäße kindlicher 
Sexualität beruhigen, sondern in solchen Fällen den Sachverhalt genau 
prüfen, um nicht krankhafte Äußerungen des Kindes zu übersehen. 

Unter den sexuellen Betätigungen der Kinder, über die sich die Eltern 
am meisten beunruhigen, empören und besonderen Rat haben wollen, sind 
am häufigsten Onanie, gegenseitige Onanie und Verleitung zur Onanie zu 
nennen, Obwohl die Inanspruchnahme der Erziehungsberatung dieser Fälle 
wegen jetzt relativ seltener geworden ist, gibt es immerhin noch genug 
Eltern, die nicht erkennen, daß viele Erziehungsschwierigkeiten auf die, 
aus falscher Auffassung über die kindliche Onanie hervorgehende, unrich- 
tige Behandlung des Kindes zurückgehen. 

^ 476 - 



Der Ei-ziehungsberater wird, ohne seine Einstellung zur Onanie des 
Minderjährigen zu ändern, die jeweilige psychische Situation der Eltern 
berücksichtigen, um nicht durch deren Widerstand für das Kind eine noch 
ungünstigere Situation zu schaffen. Er wird sich auch an die Erfahrungs- 
tatsache halten, daß normale Eltern im allgemeinen auf die Onanie ihres 
Kindes nicht reagieren, weil sie sie in der Regel gar nicht sehen. Wenn 
uns daher beispielsweise nicht neurotische Mütter über die Onanie ihres 
Kindes Auffälliges zu beri<:hlen haben, dann ist fast mit Sicherheit anzu- 
nehmen, daß der Erziehungsberaler Anlaß zum Einschreiten finden wird. 
Wir wissen, daß mancherlei Schulschwierigkeiten auf die Onanie zurück- 
zuführen sind. Möglicherweise sind sie die Folgen langst verdrängter, nur 
mehr in der Analyse aufdeckbarer Schuldgefühle aus der Übertretung des 
Onanieverbotes. Sie können aber auch aus akuten, mit der Onanie zusam- 
menhangenden Konflikten entstanden sein. Diese sind dann in der Erziehungs- 
beratung feststellbar, wie z. B. die beiden folgenden Fülle zeigen: 



* 



Eine Mutter bringt ihren zehnjährigen Jungen in die Erziehungsberatung, 
weil er im letzten Halbjahre vom besten Schüler der Klasse zum nahezu 
schlechtesten in den Lernerfolgen wurde. Sie stellt sich schützend vor das 
Kind und macht den Lehrer verantwortlich, der angeblich ihren Jungen 
schlecht behandelt, seit sie ihm „ihre Meinung" gesagt hat. Daß das Kind 
sich aber auch, sonst auffällig benimmt, verspielt und verträumt ist und 
Sich schwer in eine Gemeinschaft einordnet, merkt sie in ihrer Zärtlich- 
keit nicht, Ganz besonders besorgt ist sie um die sexuelle Entwicklung 
ihres Sohnes, seit sie einen schwachsinnigen Jugendlichen onanieren ge- 
sehen und überzeugt ist, daß er davon schwachsinnig geworden ist. 

Ihrem Jungen verbietet sie die Onanie aufs schärfste mit dem Hinweis, 
daß er sonst auch so werde wie dieser Jugendliche. Jedes andere Gespräch 
sexuellen Inhaltes wird vor dem Kinde ängstlich vermieden und jede seiner 
Fragen über sexuelle Angelegenheiten wird brüsk abgelehnt. Obwohl ihr 
die Erregung des Knaben, wenn sie mit ihm körperlich zärtlich ist und 
ihn badet, also „sexuelle" Erregung ganz deutlich ist, setzt sie beides fort 
und denkt nicht daran, wie sehr sie durch ihr Tun das sexuell frühzeitig 
geweckte Kind schädigt. 

Vom Kinde erfahren wir, daß es in der Klasse einige „schlechte" Kinder 
gibt, die immer gemeinsam im Klosett sind und dort mit ihrem „Ribi" 
herumspielen. Er wurde auch mitgenommen, hat zugesehen, aber habe, auf- 
gefordert mitzuspielen, abgelehnt. Er ist sehr froh, daß er es nicht mache 
denn sonst werde er so wie der Junge im Hause. Trotzdem müsse er viel 
daran denken und könne in der Schule nur schlecht achtgeben. 

Wir können uns leicht denken, daß das Interesse des Kindes in und 
außerhalb der Schule durch seine Trieb an Sprüche anders in Anspruch ge- 
nommen wird, als es für das Lernen erwünscht wäre. Das Versagen des 



Zeltichriftf. psa.Päd.,VI/i]/j2 — 477 



3+ 



1 



Kindes in der Schule ist aber auch noch mit seinen Schuldgefühlen in 
Zusammenhang zu bringen. Dieses Kind muß, ehe es einer psychoanalyti- 
schen Behandlung mit Aussicht auf Erfolg zugeführt werden kann, aus dem 
häuslichen Milieu entfernt werden, da jedes Bemühen, die Mutter zu einer 
anderen Auffassung über die kindliche Onanie zu bringen, vergeblich 
sein wird und es auch unmöglich erscheint sie dahin zu brmgen, die 
das Kind so schädigende Verzärtelung aufzugeben. 

* 

Ein siebzehnjähriger Junge, der bisher in der Schule sehr gut entsprochen 
hat bleibt plötzlich im Lernen so zurück, daß seine Lehrer den Vater 
rufen um ihm das Unerklärliche dieser Erscheinung mitzuteilen. 

Die Erziehungsberatung wird um Hilfe gebeten und wir raten de,^ 
Vater zunächst, den Sohn psychiatrisch untersuchen zu lassen weil wir 
sicher gehen wollen, daß nicht eine beginnende Geisteskrankheit diesen 
Zustand bedinge. Erst als uns der Vater den negativen Befund bringt, be- 
schäftigen wir uns näher mit dieser Angelegenheit. _ 

Die Angaben, die der Vater macht, geben uns nicht die Moghchken, 
jene Richtung zu finden, in der wir die Ursachen für das Versagen des 
Minderjährigen in der Schule hätten suchen können. Deswegen stellen wir 
Fragen und kommen schließlich auch auf das Sexualleben des jungen 
Menschen zu sprechen. Der Vater teih mit. daß er vor einiger Zeit seinen 
Sohn am frühen Morgen beim Onanieren überrascht habe. Der Junge liegt 
im Bett, er reißt ihm die Decke weg und überführt ihn in beschämender 
Weise dieser „strafbaren" Tat. Ganz außer sich über diese Verworfenheit 
schildert er ihm die schrecklichen Folgen, wenn er die Onanie nicht lasse, 
obenan, daß er verblöden und geisteskrank werden müsse. Um seinen 
Worten mehr Nachdruck zu verleihen und damit der Junge nicht meine, 
nur er habe solche Ansichten, gab er ihm ein Buch zum lesen, in dem 
auch die durch die Onanie verursachten Krankheiten geschildert werden. 
Da der Beginn der schlechten Lernerfolge ungefähr mit dem Zeitpunkt 
der Onanie-Überführung zusammenfällt, vermuten wir einen Zusammen- 
hang zwischen beiden und wollen den Versuch, ihn aufzudecken, wagen. 
Dem Vater erklären wir, daß wir versuchen werden, seinem Sohn zu helfen, 
dabei aber ihm wahrscheinlich die Onanie werden erlauben müssen, und 
mit der Arbeit nur beginnen, wenn er {der Vater) damit einverstanden sei. 
Diese Bedingung entsetzt den Vater übermäßig und empört veriäßt er 
uns mit der Bemerkung, daß er unter dieser Bedingung seinen Sohn nie- 
mals werde behandeln lassen. Seine Entrüstung geht so weit, daß er uns 
noch zuruft, er finde unser Ansinnen unerhört, eine Institution, die die 
Onanie unterstütze, sei zum Verderben der Jugend und müsse behördlich 
gesperrt werden. 

Nach einiger Zeit kommt der Vater wieder — der Junge war in der 
Schule noch weiter zurückgegangen — und ersucht, den Jungen, ohne ihm 

- 47S - 



die Onanie zu gestatten, doch zu behandeln. Er ist von der Richtigkeit 
seiner Auffassung so überzeugt, daß er sich ernstlich bemüht, uns über die 
unausbleiblichen Folgen der Onanie aufzuklären. Er hat auch das seiner- 
zeit dem Sohne übergebene Buch mitgebracht. Wir hören seinen Aus- 
führungen zu, lassen uns eines Besseren nicht belehren, versuchen aber 
auch nicht ihn zu einer anderen Meinung zu bringen — es wäre aussichts- 
]os — , halten aber an unserer Bedingung fest. 

Nach einigen Wochen war die Situation des Jungen in der Schule so 
bedrohlich geworden, daß kaum noch die Aussicht des „Durchkoramens'* 
bestand. Da der Vater sehr ehrgeizig war und ein Mißerfolg seines Sohnes 
in der Schule ihn noch mehr beschämt hätte, als die Tatsache, daß er 
onaniert, kommt zum drittenmal in die Erziehungsberatung. Er hat sich 
nun doch entschlossen, uns sein Kind „auszuliefern". 

So unbedingt wir uns vom Vater volle Freiheit in der Behandlung seines 
Sohnes zusichern lassen, so vorsichtig sind wir mit dem Erlauben der Onanie 
dem Minderjährigen gegenüber. Es darf nicht übersehen werden, daß wir 
mit der Onanie-Erlaubnis nicht nur gegen das Verbot des Vaters und gegen 
das Buch ankämpfen, sondern daß wir damit auch den viel schwierigeren 
Kampf mit dem Über-Ich des Jungen aufnehmen. 

Schon nach vier Wochen besserten sich durch unser Eingreifen die Schul- 
leistungen wesentlich und in drei Monaten war er ohne tiefgehende Analyse 
wieder der fleißige, erfolgreiche Schüler. Das konsequente Festhalten an 
unserer Forderung dem Vater gegenüber hat uns zum Erfolg geführt. Wir 
lehnen immer anfängliche Komproraisse, die im Laufe der Behandlung durch- 
brochen werden müssen, ab. f , . ^. 

* 

Sexuelle Spielereien zwischen Geschwistern — wenn sie zu lange fort- 
gesetzt werden oder bei Halbwüchsigen vorkommen — müssen meistens 
unterbrochen werden; am sichersten ist dies durch eine Trennung der 
Kinder zu erreichen. Ob dann noch eine psychoanalytische Behandlung anzu- 
ordnen ist, muß für jeden einzelnen Fall besonders festgestellt werden. 

Ein Fall, bei dem es zu einer Trennung der Kinder kommen mußte. 
Ein elfjähriger Junge und ein zehnjähriges Mädchen werden, weil sie von 
daheim durchgingen, in die Erziehungsberatung gebracht. Ausgerüstet mit 
einem Köfferchen Wäsche gingen sie weg, um am Zentralfriedhof zu 
sterben, weil ihnen die Mutter mit Prügel gedroht hatte. Sie gingen nicht 
auf den Zentralfriedhof sondern nächtigten unter einem Baum im Kat- 
hauspark. Der Junge war uns schon von früher her bekannt. Er hatte 
zwischen Monaten ruhigeren unauffälligen Bravseins Wochen von Ent- 
gleisungen: lernte schlecht, bettelte in Geschäften, durchsuchte heimlich 
die Taschen seiner Mitschüler in deren Mäntel ohne Geld zu nehmen. 
Mehrfache Aussprachen, brachten ihn immer wieder in geregelte Bahnen. 
Das Mädchen hingegen war bis vor einigen Wochen völlig unauffällig ge- 
wesen. Dann nahm sie der Mutter zehn SchiUing, brachte sie in einem 



- 479 - 



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^J 



Nachmittag durch, leistet in der Schule fast nichts mehr und war beim 
Durchgehen so wie in letzter Zeit auch bei kleineren Vergehen immer die 
Anführerin. Bemerkt wurde von der Mutter, einer primitiven aber sehr 
besorgten Frau, daß die Kinder, die sich früher schlecht vertrugen, jetzt 
unbedingt zusammenhielten. Wurden sie erwischt, dann redeten sie sich 
wohl aufeinander aus, der Junge sehr ungeschickt, doch nahmen sie sich 
das gegenseitig nicht übel. Während der Aussprache mit der Mutter, wurde 
im Wartezimmer beobachtet, daß das Mädchen sich ganz frei und unge- 
zwungen benahm, der Knabe schüchtern auf einem Stuhl saß. Wiederholt 
kniete sie sich auf seine Beine und zwang ihn den Kopf hintenüber zu 
legen. Dabei wurde der Junge hochrot im Gesicht, duldete es aber hilflos. 
Auch als sie ihn derb am Ohr zupfte, wehrte er sich nicht. 

Bei der Vorstellung und alleinigen Aussprache ist er sehr irritiert und 
wirft ängstliche Blicke zur Eingangstür. Von selbst spricht er nicht, auf 
Fragen antwortet er sehr befangen, mädchenhaft, schüchtern. Freunde hat 
er nicht. Die Schwester ist sein einziger Spielkamerad. Er hat sie lieb und 
auch nicht. Sie ist stärker, jähzornig, bei Raufereien schlägt sie schon zu, 
ehe er noch daran denkt. Die Raufereien sind oft nur lustige, wilde Bal- 
gereien. Auf die Fragen, warum sie dies oder jenes getan hätten, antwortet 
er immer das Gleiche: „Weil's die Franzi woH'n hat". 

Das Mädchen spricht viel und unbekümmert um die gegen sie vor- 
liegenden Anklagen, benimmt sich sehr selbstbewußt und sicher. Sie fühlt 
sich über dem Bruder, stärker, gescheiter. Sie vergleicht sich in einer Reihe 
von Leistungen mit ihm, immer schneidet er schlecht ab. Sie klagt ihn 
auch ungefragt, spöttisch lächelnd, an. Sie hat auch den Anstoß zum Durch- 
gehen gegeben und den Vorschlag, auf den Zentralfriedhof zu gehen ge- 
macht. Dort zu sterben hat nur der Bruder ernst genommen, sie nicht. 
Sie wollte nur das Krematorium sehen, weil eine Woche früher eine 
Nachbarin dem Sarge ihres Mannes nachspringen wollte, als dieser zur 
Verbrennung versenkt worden war, 

Auftreten, Benehmen und Sprechen der beiden Kinder erwecken unbe- 
dingt den Eindruck ganz besonderer Beziehungen zu einander. Der Knabe 
ist in einem hörigen Abhängigkeitsverhältnis zu seiner Schwester, worauf 
auch die Dissozialität der beiden größtenteils zurückzuführen sein dürfte. 

Wir sprechen nochmals mit der Mutter, die uns noch mitteilt, daß sie 
selbst jeden Einfluß auf die Kinder verloren habe und daß die Schwester 
den Bruder vollständig beherrsche. Die Frage, ob sie gemeinsame sexuelle 
Spielereien der Kinder bemerkt habe, beantwortet sie damit, daß der Buh 
in ihrer Gegenwart einigemale verlangte, die Schwester soll es ihn cin- 
schauen lassen. 

Es bedarf wohl keines besonderen Nachweises mehr, um die Notwendig- 
keit der Trennung dieser beiden Kinder zu erkennen. 



- 480 — 



VVie sehr Eltern darum zu tun ist, ihren eigenen Anteil am Sexualleben 
des Kindes nicht zu sehen, dazu folgendes: 

In einem Kindergarten wird ein Fünfjähriger durch seine sexuellen An- 
griffe Mädchen gegenüber so auffällig und störend, daß Eltern anderer 
Kinder seine Entfernung aus dem Kindergarten verlangen. 

Über Rat der Kindergartenleiterin spricht die Mutter, eine junge, gut 
gekleidete Frau, Ende der Zwanzig, ihrem Benehmen und der Ausdr'ucks- 
weise nach dem guten Mittelstand angehörig, mit dem Kind vor. Sie führt 
die Schwierigkeiten mit dem Kind zunächst auf seine Wildheit zurück. 
Seine Wildheit erklärt sie sich damit, daß sie, weil sie ihrem Beruf nach- 
gehen müsse, sich zu wenig um ihn und seine neunjährige Schwester 
kümmern könne. Erst auf näheres Befragen erzählt die Mutter von ihrer, 
seit zwei Jahren geschiedenen Ehe, und schildert den Mann als den typi- 
schen Hochstapler mit starken homosexuellen Tendenzen. Zögernd enthüllt 
sie die Unstimmigkeiten zwischen ihr und dem Mann in Erziehungsfragen; 
der Mann machte auch ihre Verbote vor dem Kind lächerlich und be- 
willigte Alles, was sie verbot. Dann fällt ihr auch ein, daß es dem Vater 
großes Vergnügen gemacht hatte, das Kind sexuell zu reizen. Bei dem 
einundeinhalbjährigen Kind versuchte er durch genitale Berührungen Erek- 
tionen herbeizuführen. Während des Gespräches meint die Mutter, daß ihr 
nun alles klar geworden sei. Die Schlimmheitsäußerungen des Kindes und 
seine starke sexuelle Erregbarkeit gehen auf das unverantwortliche Ver- 
halten des Vaters zurück. 

Bei Fortführung des Gespräches über die Beziehungen zwischen dem 
Kind und ihr ergibt sich folgendes: 

Seitdem der Vater die Wohnung verließ, läßt sie den Kleinen im Bett 
des Vaters neben sich schlafen. Sie hat dies auch bisher nicht geändert, 
obwohl der Bub häufig zu ihr ins Bett kommt und sich an sie drückt, 
wobei sie seine deutlichen Erektionen spürt. Sie erzählt auch, daß der Bub 
in ungeheure Erregung komme, wenn er sie oder seine Schwester beim 
An- oder Auskleiden beobachte. An der Art, wie sie diese Tatsachen mit- 
teilt, ist deutlich zu merken, daß ihr diese bisher in keiner Weise auffällig 
erschienen, und daß sie weit davon entfernt war, zwischen diesem Ver- 
halten daheim und dem Benehmen im Kindergarten einen Zusammenhang 
zu sehen. 

Es ist ihr noch möglich, das Benehmen des Vaters als Ursache zu er- 
kennen, aber es fällt ihr nicht ein, ihr eigenes Verhalten dem sexuell früh- 
reifen Jungen gegenüber kritisch zu betrachten. 

Wir dringen nicht auf eine sofortige Entfernung des Kindes von der 
Mutter, sondern warten die Wirkungen der in der Erziehungsberatung ge- 
wonnenen Einsichten ab. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Mutler, nun 
ihre eigenen Fehler erkennend, den Knaben richtiger behandeln wird 



4SI — 



^^ 



Zu sexuellen Angriffen auf Kinder und Jugendliche durch Personen, z« 
denen sie in einem Vertrauens- oder Abhängigkeitsverhältnis stehen: 

Eine Mutter erzählt sehr gehemmt und ängstlich, daß ihre Tochter in 
einem Internat untergebracht und dort von einer Lehrerin verführt worden 
sei. Als Beweis dafür bringt sie angebliche Tatsachen, die geeignet wären, 
den Verdacht einer manifest-homosexuellen Beziehung zu rechtfertigen. Die 
Mutler ist sehr verzweifelt und ratlos, erwartet von uns ein sehr energisches 
Vorgehen gegen die Lehrerin, stellt aber dabei die Forderung, weder Lehre- 
rin noch Tochter dürfen je erfahren, daß sie die Anzeige gemacht habe. 
Vorsichtig gefühlte Rücksprachen mit dem Mädchen ergaben schließlich, 
daß es zu keinerlei Beziehung der Lehrerin mit ihr gekommen war, son- 
dern daß lediglich Wunschfantasien die Mutter irregeführt hatten. 

Solche und ähnliche Angaben werden dem Erziehungsberater weit häu- 
figer gemacht, als angenommen wird. Obwohl ihnen fast immer die reale 
Grundlage fehlt, ist in der Erziehungsberatung doch nicht sofort feststell- 
bar, ob von wirklich Erlebtem berichtet, oder nur eine Wunschfantasie 

erzählt wird. 

Der Erzjehungsberater wird notwendige Erhebungen mit größter Vor- 
sicht durchführen und seine Entscheidung erst treffen, bis er auch aus der 
Beobachtung der Minderjährigen ein sicheres Urteil fällen kann. 

Ganz ähnlich wird er sich verhalten, wenn es sich um angebliche Ver- 
gewaltigung durch Lehrer, Erzieher. Meister, Stiefvater oder Vater handelt. 
Liegt talsächlich eine Wunschfantasie vor, so wird die Anordnung einer 
psychoanalytischen Behandlung die Angelegenheit für den Erziehangs- 
berater erledigen, 

In den sehr seltenen Fällen, in denen wirklich manifest-homosexuelle Be- 
ziehungen einer Lehrperson mit ihren Schülern der Erziehungsberatung 
zur Kenntnis gebracht werden, hat der Erziehungsberater mehrfache Auf- 
gaben zu erfüllen: Er muß sich nicht nur um die Verführten bemühen, 
sondern auch die weitere Gefährdung anderer Kinder durch den Verführer 
verhindern, dabei aber auch berücksichtigen, daß in diesem Augenblick, 
eine menschliche Existenz von seinen Maßnahmen abhängig sein kann. 

Was mit dem Verführten zu geschehen hat, wird durch den Grad der 
Schädigung bedingt. Ihn festzustellen gelingt in der Erziehungsberatung 
selbst nicht. Auch hier wird eine Beobachtung notwendig. Sie durchzu- 
führen, ist Aufgabe des psychologisch geschulten Analytikers, der in der 
Erziehungsberatung mitarbeitet. Das Kind muß nicht unbedingt sofort in 
eine andere Umgebung versetzt werden. Was an seinem äußeren Leben zvl 
ändern ist, wird sich im Verlauf der Beobachtung ergeben. 

Der Gefährdung der anderen Kinder in der Schule würde sich sicher- 
lich durch eine Strafanzeige erledigen, weil der Lehrer infolge der Ver- 
urteilung entlassen wird. Und doch fragt es sich, ob die Erstattung der 
Strafanzeige ein zja- eckmäßiges Vorgehen ist. 

- 482 - 



Es ist eine irrige Annahme, daß der homosexuelle Lehrer durch den 
Strafvollzug dazu gebracht werden könnte, auf seine bisherigen Objekte 
zu verzichten. 

Der von der Gesellschaft angestrebte Zweck, den Rechtsbreclicr zu 
bessern oder abzuschrecken, wird also hiemit nicht erreicht'. 

Eine psychoanalytische Behandlung kann Heilung bringen, Kinder als 
Sexualobjekt ausschalten, oder zur Einsicht führen, daß ein Berufswechsel 
erfolgen nnuß. Aber auf jeden Fall wird dadurch eine niemandem nützliche 
aber für den Lehrer katastrophale Losung der Angelegenheit vermieden. 

Wir werden daher, da es sich in der Regel um Menschen handelt, die 
in anderer Beziehung hochwertig sind, versuchen, an sie heranzukommen, 
um in ihnen die Überzeugung für die Notwendigkeit einer psychoanaly- 
tischen Behandlung hervorzurufen. 

.... * 

Ein Vater teilte uns mit, daß sein Sohn zu Hause das Benehmen eines 
seiner Lehrer kritisiere. Ohne es zu wissen, habe das Kind damit homo- 
sexuelle Angriffe dieses Lehrers auf ihn und andere Mitschüler ontluillt. 
Der Vater wollte wissen, was er, um die Kinder zu schützen, zq tun habe. 

Wir brachten ihn dazu, selbst nichts zu unternehmen, sondern die Aus- 
tragung der Angelegenheit uns zu überlassen. 

Es gelang, den Lehrer zu Aussprachen unter vier Augen zu bringen. 
In diesen ließen wir durchblicken, daß wir von seinen homosexuellen 
Angriffen wissen, aber auch ihm helfen wollen. Die Unterredungen, die 
uns vollen Einblick in den schweren Kampf dieses Mannes mit den An- 
sprüchen seines Trieblebens und der beschworenen Pflicht als Lehrer ge- 
währte, führten zu seiner psychoanalytischen Behandlung. — Die Behand- 
lung liegt jahrelang zurück, sie hatte vollen Erfolg gebracht. 

Zu welchen Konsequenzen eine strafgerichtliche Anzeige hier geführt 
hätte, zeigt der Ausspruch des Lehrers am Schluß der Unterredungen: 
„Ich wußte seit jeher, ohne mir helfen zu können, daß einmal die Bombe 
auffliegen wird. Aber was hätte mir geschehen können? Ich hätte mich 
erschossen! 

Ein anderes Beispiel für die Folgen einer Strafanzeige — durch die 
Unvorsichtigkeit des Erzieh ungsberaters veranlaßt: 

Aus den Darstellungen eines sechzehnjährigen Jugendlichen geht ein- 
deutig hervor, daß er in einer öffentlichen Badeanstalt in eine Bande Ho- 
mosexueller geraten, der Verführung unterlegen sei, in ihr als passives 
Objekt festgehalten werde und sich trotz eifriger Bemühung nicht aus ihr 
befreien könne. Er selbst war allem Anschein nach nicht manifest-homo- 
sexuell, sondern wurde durch Erpressung und Geldbestechungen dort fest- 
gehalten. Da aus äußeren Umständen seine Versetzung in ein anderes 
Milieu unmöglich war, erschien es dem Erziehungsberater wichtig, die 

i) Dieselbe Ansicht vertritt L i n d s a y in seinem Buch „Die Kameradschaftsehe" 
ig. Kapitel: Der Fall Pisk, Seite 554—365. 

— 483 — 



i 



Bande unschädlich zu machen. Er riet daher der Mutter und dem Jugend- 
lichen, sich an die zuständige Behörde um Schutz zu wenden. Unter Füh- 
rung des Jugendlichen erschienen Beamte in der Badeanstalt. Anscheinend 
hatten die Beteiligten Lunte gerochen und keiner von ihren wurde ange- 
troffen. Der Jugendliche hatte nun die Tatsache der Verführung und die 
Annahme von Geld eingestanden. 

Da nun einmal eine Anzeige erfolgt war und ein Beteiligter den Be- 
hörden — wenn sie auch zu seinem Schutz angerufen worden waren — 
bekannt war, so wurde dieser eine unter Anklage gestellt und befand sich 
in einer schwierigen Situation, da die Verführer, deren Vorführung ihn 
vor Gericht entlastet hätten, nicht anwesend waren. 

Wir stehen heute auf dem Standpunkt, weder der Schule noch irgend 
einer öffentlichen Institution Mitteilung über sexuelle Vorgänge bei Jugend- 
lichen zu machen, da nicht immer vorauszusehen ist, ob die Verfolgung 
nicht gerade ihn, den wir schützen wollen, trifft, wodurch der Versuch 
einer zweckmäßigen Behandlung zunichte gemacht wird. 

Zum Schluß wollen wir noch von zwei Begebenheiten berichten, die, 
obwohl sie dem Anschein nach über den Rahmen der Erziehungsberatung 
hinausgehen, doch in Behandlung genommen werden mußten. Sie zeigen, 
wie schwierig, ja fast unmöglich eine scharfe Abgrenzung des dem Er- 
ziehungsberater zufallenden Arbeitsgebietes ist. Daraus erhellt auch, wie 
wichtig es ist, sich von gegebenen Situationen nicht überwältigen zu lassen. 

Die Frau eines Fixangestellten erstattet in der Erziehungsberatung die 
Anzeige, daß ihr Gatte mit seiner eigenen siebzehnjährigen Tochter aus 
erster Ehe sexuelle Beziehungen habe. 

Wir können nicht sofort feststellen, ob die Angaben der Frau richtig, 
unrichtig oder maßlos übertrieben sind, und fordern sie daher auf. uns 
nähere Mitteilung zu machen. Aus ihren Darstellungen ist mit größter 
Wahrscheinlichkeit zu entnehmen, daß zwischen Vater und Tochter tat- 
sächlich intimste Beziehungen bestehen. 

An uns tritt die Notwendigkeit heran, zu überlegen, ob wir die Anzeige 
, weiterleiten oder die Angelegenheit im eigenen Wirkungskreis zur Erledigung 
übernehmen sollen. 

Leiten wir die Anzeige weiter und kommt es zu einer Verurteilung des 
Mannes, so verliert er seine Anstellung, den Anspruch auf eine Pension 
und hat kaum Aussicht, bald wieder wo unterzukommen. An Stelle einer 
geordneten wirtschaftlichen Situation tritt materielle Notlage. 

Im Verlauf des Gerichtsverfahrens erfährt der Mann auch, von wem die 
Anzeige ausgegangen ist, und die Ehe wird unhaltbar. 

Das Mädchen ist in der öffentüchkeit bloßgestellt und kann, weil in 
der Gegend verfemt, sich kaum auf der Straße zeigen ohne unangenehm- 
ster Kritik ausgesetzt zu sein. 

— 484 - 



Wird die Strafanzeige erstattet und Mutter und Tochler entschlagen sich 
der Aussage, so wird wohl die Verurteilung des Gatten und Vaters vielleicht 
nicht erfolgen, aber alle sonstigen an geführten Folgen werden doch herbeigeführt. 
An Positivem ist durch ein solches Vorgehen nur zu erreichen, daß Vater 
und Tochter getrennt werden, womit die Beziehungen gewaltsam unter- 
brochen werden und daß das Mädchen vielleicht einer Behandlung zugeführt 
werden kann. 

Dasselbe positive Ergebnis, aber ohne die angedeuteten schädigenden 
Wirkungen ist auch zu erreichen, wenn wir uns selbst der Angelegenheit 
annehmen. 

Wir lassen die Frau weitersprechen. Vorsichtig gestellte Fragen führen 
sie bald zu Mitteilungen über ihre eigenen sexuellen Beziehungen mit dem 
Mann. Wir lenken das Gespräch absichtlich in diese Richtung, weil wir 
erkunden wollen, inwieweit unbefriedigtes Sexualleben und Neurose den 
Gatten zu den strafbaren Beziehungen mit der Tochter führten. 

Die sexuellen Beziehungen zwischen Gatte und Gattin leben sich aus- 
schließlich im coitus interruptus aus, der die Frau, nach ihrer eigenen 
Angabe, völlig befriedigt, was sie auch vom Mann als ganz selbstverständ- 
lich annimmt. Als wir das Letztere bezweifeln, versucht sie, uns Tatsachen 
anzuführen, findet aber keine. Im Suchen nach solchen wird sie immer 
unruhiger, weil ihr Verschiedenes bewußt wird, das das Gegenteil beweist, 
Sie kommt in größte Aufregung, als ihr einfällt, daß der Mann sie wie- 
derholt gebeten, sich eine „Kapsel" machen zu lassen, und daß sie das 
immer mit den Worten „ich dulde keinen Fremdkörper in meinem Leib" 
abgelehnt hat. In diesem Zeitpunkt der Unterredung zeigen wir der Frau, 
daß sie, ohne sich um die Bedürfnisse des Mannes zu kümmern, sehr 
selbstsüchtig lebe, ihn dadurch in Situationen, aus denen er sich nicht 
erretten könne, treibe und er eigentlich durch sie zu der strafliaren Hand- 
lung komme. Wir schildern ihr auch die eingangs erwähnten Folgen einer 
Strafanzeige. Sie erkennt nahezu plötzlich ihre Mitschuld, bittet uns, die 
Anzeige nicht zur Kenntnis zu nehmen und fragt, ob sie ihren Mann 
werde zurückgewinnen können. Wir antworten ihr, daß wir das nicht 
wissen, daß es aber durch richtiges Verhalten möglich wäre. A.uf ihr Ei^ 
suchen um Rat weisen wir sie an eine Frauenärztin. 

Nach sechs Wochen erscheint die Frau glückstrahlend wieder in der 
Erziehungsberatung. Die Ehe ist wieder hergestellt. Gatte und Gattin 
leben im besten Einvernehmen. 

So wurde aus der Erziehungsberatung eine Eheberatung. 

Und das Mädchen I Es ist naheliegend, ein Mädchen, das derartiges er- 
lebt hat, in ein anderes Milieu zu bringen und eine psychoanalytische 
Behandlung zu veranlassen. Milieuänderung und psychoanalytische Behand- 
lung sind, wenn wir nicht eine Entscheidung des Jugendgerichtes provo- 
7ieren, ohne Einwilligung des Vaters nicht zu erreichen. Diese Entscheidung 
kommt nicht in Frage, da wir ja keine Strafanzeige erstalten. 

- 485 - 



Den Vater in die Erziehungsberatung zu rufen, um von ihm die Ein- 
willigung zu erhalten, ist zwecklos, weil wir ihm den wahren Sachverhalt 
seiner Gattin wegen nicht mitteilen dürfen. 

Obwohl wir uns der schärfsten Kritik als Erziehungsberater aussetzen, 
warten wir in diesem Fall trotzdem zu. Das Verhalten der Stiefmutter in 
Erziehungsberatung läßt uns mit größter Wahrscheinlichkeit vermuten, daß 
die ehelichen Beziehungen der Gatten in kürzester Zeit wieder geregelt 
sein werden und daß der Vater dann aus eigenem Interesse das Mädchen 
aus dem Hause geben werde. 

Trifft diese Vermutung nicht zu, dann steht uns noch immer der Weg 
über das Jugendgericht offen. 

Wir wollen richtig verstanden sein I Wir schonen alle anderen Interessen 
nur so lange, als es unsere Pflicht dem Kinde gegenüber erlaubt. 

Unsere Vermutung traf zu. Als die Mutter das zweite Mal in die Erzie- 
hungsberatung kam (sechs Wochen nach dem ersten Besuch), teilte sie uns 
auch mit, daß es zu Haus zwischen Vater und Tochter zu den ärgsten 
Auftritten gekommen sei und der Vater das Mädchen seit drei Wochen bei 
Verwandten untergebracht habe. 

Nun berufen wir den Vater in die Erziehungsberatung und besprechen 
mit ihm die Notwendigkeit einer psychoanalytischen Behandlung des Mädchens, 
mit der er ohne besonderes Zögern einverstanden war. 



Eine Dame, der Gesellschaft aus dem Ausland, nimmt unsere Hilfe für 
ihre achtzehnjährige Tochter, die. wie sie sagt, an einer schweren Melancholie 
erkrankt sei, in Anspruch. Sie schildert den Zustand des Mädchens so, daß 
an eine wirklich schwere Erkrankung gedacht werden muß. In der Regel 
übernimmt die Erziehungsberatung die Behandlung von Melancholien nicht, 
wir wollen uns aber, bevor wir der Mutter raten einen Psychoanalytiker 
aufzusuchen, doch noch näher informieren und nehmen daher ihre Tochter vor. 

Schweigend kommt sie bei der Tür herein, schweigend setzt sie sich 
dem Er/.iehungsberater gegenüber und es vergehen Minuten, ohne daß das 
Schweigen von einem der beiden unterbrochen worden wäre. 

Dann beginnt der Erziehungsberater zu sprechen: 

„Es wird recht langweilig werden, wenn wir ohne zu reden, einander 
gegenübersitzen. Ich kann mir gut denken, daß Sie einem fremden Menschen 
nicht gleich etwas zu erzählen wissen." 

Das Mädchen bleibt schweigsam, scheinbar ganz unbeteiligt. 

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag*', sagt der Erziehungsberater, „lassen 
Sie sich etwas einfallen, das einige Zeit zurückliegt. Sie brauchen mir den 
Einfall nicht einmal zu sagen. Das ist gewiß ungefährlich. Wollen Sie?« 

„Ja." 

„Haben Sie einen Einfall? 
Ja." 



» 



— 486 — 



, Lassen Sie sich jetzt etwas einfallen, das ungefähr zwei Jahre zurück- 
liegt. Haben Sie einen Einfall? 

Ju 
a. 

^Sie brauchen mir ihn wieder nicht zu sagen. Aber zwischen diesen 
beiden Einfällen müssen Beziehungen bestehen. Sie konnten sich nicht 
einfallen lassen, was sie wollten. Finden Sie solche Beziehungen?" - . ;■ 

^Nein." 

.Doch." 

„Aber nein, sage ich. 

„Ich möchte gern wissen, wer recht hat, Sie oder ich. Wollen Sie viel- 
ieicht doch mir Ihre Einfälle sagen?" (Dem Erziehungsberater ist es darum 
2U tun, das Mädchen zum Sprechen zu bringen.) 

„Ja.« 

, Welches sind Ihre beiden Einfälle?" 

„Vor sechs Wochen hat die Prokuristin meines Onkels mir erzählt, daß 
ihre Tochter ein sehr geschlechtskühles Mädchen sei. — Und vor zwei 
Jahren wollte mich ein junger Mann küssen und ich habe abgewehrt." 

„Zwischen diesen beiden Einfällen besteht ja doch ein Zusammenhang.** 

„Welcher?" 

,Die geschlechtskühle Tochter der Prokuristin und Sie, das Mädchen, 
das sich nicht küssen läßt." -. ,-, , 

„Mir ist ja die Prokuristin nicht wegen ihrer Tochter eingefallen, son- 
dern weil ich mit ihr verrechnen muß." 

„Sind Sie bei Ihrem Onkel angestellt?" 

„Nein, Ich trage nur Erlagscheine zur Post und nachher verrechne ich 
mit der Prokuristin." 

Werden Sie dafür bezahlt? 

„Nein. 

„Bekommen Sie vom Onkel Taschengeld?" 

„Nein. 

, Bekommen Sie von der Mutter Taschengeld?" 

„Nein, ich habe überhaupt kein Geld. Ich habe Schulden." 

„Wem sind Sie Geld schuldig?" 

.Meiner Freundin. 

^Wieviel sind Sie ihr schuldig?" 

„Dreihundert Schilling." 

^ Wofür hat sie Ihnen das Geld geborgt?" 

„Für eine Arztrechnung. 

^Warum haben Sie den Kindesvater nicht herangezogen, die Kosten des 
Operateurs zu bezahlen?" 

Über diese Frage ist das Mädchen entsetzt und fragt ganz verwirrt: 

^Woher wissen Sie das? 

„Sie haben es mir doch gerade selbst gesagt. 

„Ich habe doch kein Wort davon gesprochen.** 

— 487 - 



„Doch. Ein Mädchen aus Ihrer Gesellschaftsschichte, die von der Freundin 
dreihundert Schilling für eine Arztrechnung borgt, kann von dem Besuch 
heim Arzt zu Hause nichts erzählen. Sie waren gezwungen, einen Gynäkologen 
aufzusuchen," 

Unter heftigem Schluchzen erfolgt nun ein volles Geständnis. Dahei 
stellt sich heraus, daß Schwängerung und Operation ohne besonderen Auf- 
hebens ziemlich ruhig erledigt worden waren. Jetzt aber, einige Monate 
später, drängt nun die Freundin auf baldigste Rückzahlung der Schuld. 
Das Mädchen weiß sich das Geld nicht aufzutreiben und überlegt, die 
dreihundert Schilling von den Beträgen zu nehmen, die sie auf dem Post- 
amt einzuzahlen hat, und einen Verlust zu fingieren. Dem Onkel gegen- 
über wäre die Lüge möglich, doch der Prokuristin gegenüber wäre sie 
nicht aufrecht zu erhalten. 

Die Notwendigkeit, die Schuld zurückzuzahlen, die Unmöglichkeit, sich 
das Geld auf redliche Art verschaffen zu können, die Überlegung, das Geld 
zu entwenden oder es nicht zu tun, das Hin und Her im Für und Wider 
brachten das Mädchen in einen Gemütszustand, den die Mutter fälschlicher 
Weise als Melancholie deutele, da sie den wirklichen Sachverhalt nicht kannte. 

Wir brachten die Angelegenheit zu einem guten Abschluß. Nicht die 
Ausheilung der „Melancholie" gibt uns Anlaß, den Fall mitzuteilen. Wir 
wollen damit auch kein allgemeines „Rezept*, größte Verschlossenheit 
Minderjähriger zu überwinden angeben. Wir wollen uns nicht bemühen, 
schon jetzt eine Norm aufzustellen, wie man in der Erziehungsberatung 
Minderjährige zum Sprechen bringt. Erfassen wir jeden einzelnen Fall nach 
seiner Besonderheit, dann wird sich mit der Zeit eineTechnik herausbilden, 
mit der es gelingen muß, auch schwierigste Widerstände zu überwinden. 



AUGUST AICHHORN | 

VERWAHRLOSTE JUGEND | 

Die Fsydioanalyse in der Fürsorgeerziehung § 

Mit einem Geleitwort von SIGM. FREUD S 

_ 2. Auflage. In Leinen M 8' — , Geheftet M 6' — S 

= ... Ein solcher Mensch beweist uns, daß alle Wunder der Technik nichts = 

^ sind, gemessen an den mög-lichen Wundern der Erziehung . . . Wir beneiden ^ 

= Wien um diesen Mann. (Revue Internationale de VEnJant, Genf) g 

g AUS DEM INHALT: g 

= Eine Symptomanalyse — Einige Ursachen der Verwahrlosune — Eine Ausheilung in der ^ 

^ Ubenragune — Die Übertragung — Von äer Für!orgeeniehunesanstalt — Die kggres- = 

^ liven — Die Bedeutung des Realiliilsprinzip? für das soziale Handeln — Die Bedeutung des = 

= Ichldeah für das soziale Handeln. = 

= Internationaler Psychoanalytischer Verlag in Wien | 



- 488 — 



Der Rorschachsche Testversuch im Dienste der 

Erziehungsberatung 

Von Hans Zulliger, Ittigeti (Bern) • 



an 



Die Erziehungsberutung beschäftigt sich heute fast ausschließlich damit 
Erzieher und Eltern Anweisungen darüber zu erteilen, was mit ZögHnffen 
anormaler oder schwieriger Art anzufangen sei. Der Berater sieht sich in den 
meisten Fällen vor die nicht gtinz leichte Aufgabe gestellt, innerhalb kurzer 
Zeit Wesentliches über die Fundierung der Eigenart und des Charakters eines 
Kindes zu erfahren, um darauf gestützt zu erkennen, worauf eine fehlerhafte 
Äußerung oder Entwicklung beruht, und wie sie zu beheben ist. 

Für die Untersuchung werden allerlei Metlioden verwendet, die sich gegen- 
seitig ergänzen. Ein Hilfsmittel, das viel zu wenig bekannt ist, bedeutet das 
von Dr. med. Hermann Rürscliach^ auf empirischer Grundlage ausgearbei- 
tete Testverfahren-. „Durch Zusammenstellung von Durschnittsbefunden als in- 
telligent (und als normal) bekannter Personen oder bestimmter klinisch bekann- 
ter pathologischer Falle ergab sich aus den Rorschachschen Untersuchungen 
rein empirisch, wodurcli sich die Wahrnelimung und Auffassung dieser Personen 
im Versuch auszeichnete, und es konnten dann später umgekelirt von Unbe- 
kannten, mit denen der Versuch gemacht wurde, sehr differenzierte 
Intelligenz-, Charakter- und T ale n td i agn o s cn bzw. genaue 
klinische Diagnosen pathologischer Fälle gemacht werden, w«s z. B. in 
zweifelhaften Grenzfällen, wie bei der Frage ob Schizophrenie 
oder Neurose, von Wichtigkeit sein konnte" — so faßt Dr. med. Hans 
Behn-Eschenburg die Verwendbarkeit des Rorschach Tpsts zusammen*. 
Der leider viel zu früh verstorbene Dr. H, Rorschach lial seine Arbeit in 

i) Dr. Hermann Rorschach, der älteste Solui eines Zeichenlehrer», wurde im 
November 1884 in Zürich geboren. Er verlebte seine Jugendieit in Schaff hausen und 
entschied sich unter dem Einfliisse Ernst Hiickels für das Studium der Meiliiin. 
Es führte ihn an die Universitäten von Neuenbürg, Zürich. Bern und Berlin. Niich 
dem Staatsexamen im Jahre 1910 verheiratete er sich mit einer Ärztin. Als Assiitent- 
arzt war er in den Pflegeanstallen Münsterlingeii und in Münsingen. Nach einem 
Aufenthah in Moskau, wo er an einem Privalsauatoriiim tiitig war, kiun er als Arxt 
an die psychiatrische Klinik der Irrenanstalt Waldnu (Beni), spater wurde er Sekun- 
därarzt an der Heil- und Pflegeansiall Herisau. Im April 1922 riß ihn nach kuricm 
Krankenlager der Tod mitten aus seinen wissenschaftlichen Arbeilcii. 

Schon im Jahre 1911 begann Dr. Korse h ach mit den Experimenten, aus denen 
»ich schließlich der Formdeiit- Versuch ergab, wie er ihn in seinem Buche „P » v C h o - 
diagnostik" ausführlich und klar dargelegt hat. Er ist in der Praxis entstan- 
den, und die Schlüsse, die sicji aus dem Experiment ziehen lassen, betrachtet der 
Schöpfer des Test-Versuc!ies selbst „eher als Befunde, denn als theoretische Ableilungen" 

2) Dr.H.Rorschach, Psychodiagnostik. Mit loTaf., 11. Aufl. Verl. Huber, Bern, 19^3" 

5) Dr. H. Behn-Eschenburg, Psychische Schüleruntersuchungen mit dem 
Formdeutversiich. Verlag Huber, Bern, 1921. 

Weitere Publikationen: Dr. A. LÖpfe, Über Rorschachsche Form- 

— 489 - 



den Dienst der Psychiatrie gestellt. Aber schon zur Zeit als er noch lebte, 
■wurde sein Testverfahren mit der Pädagogik in Beziehung gesetzt. Unter seiner 
jjersönlichen Anleitung wurden ganze Schulklassen untersucht. Insbesondere ist 
augenfällig, daß eine Methode, die auf relativ einfache Art ermöghcht, „sehr 
differenzierte InteUigenz-, Charakter- und Talentdiagnosen" festzustellen, von 
der Erziehungsberatung nicht unbeachtet bleiben darf. 

Der A'ersuch besteht im Deutenlassen von Zufallsformen. Dr. Rorschach hat 
aus einer verhältnismäßig großen Menge von schwarzen und farbigen Klecks- 
bildern zehn ganz bestimmte Tafeln ausgelesen (die zu seinem Werke geliefert 
werden), von denen eine jede an die Wahrnehmungsfunktion der Versuchs- 
person besondere Anforderungen stellt. 

Dem Experimente mit der Versuchsperson, die za jeder Tafel auf die Frage: 
„Was könnte das sein?" Antwort gibt, folgt eine Berechnung. Die Fragestellung 
dieser Berechnung bezieht sich erst in letzter Linie auf das Inhaltliche der Deutun- 
gen. Viel wichtiger ist das Formale. Aus dem Versuchsprotokoll wird festgestellt: 

I) Wie groß ist die Anzahl der gegebenen Antworten? Kommen Versager 
vor? Wieviele? Wieviel Zeit brauchte die Versuchsperson zur Durchnahme 

der zehn Tafeln? 

II) Beziehen sich die Antworten auf die Deutung des ganzen Kleckses (Ganz- 
antworten), wieviele Details, kleine Details und ungewöhnliche Details, wie- 
viele Aussparungen wurden gesehn? Sah die Versuchsperson an Stellen, wo 
andere ganze Figuren sehn, nur Teile von solchen? (Z. B. nur einen Kopf, wo 
gewöhnlich ein ganzer Mensch gesehen bzw. gedeutet wird). Inwiefern wirkten 
Färb- oder kinasthethische Momente auf die Deutung ein, und wurde eine 
solche mehr durch die Farbe oder durch die Form veranlaßt. 

III) Sind die Formen „scharf" oder „schlecht" gesehn? (Aus der Erfahrung 
sind Anhaltspunkte zur Bewertung von „scharf" oder „schlecht" gewonnen.) 

IV) Was ist inhaltlich gesehen? 

Nach der Bestimmung dieser Versuchsfaktoren werden Summen und Ver- 
hältnisse zusammengestellt: 

1. Konfabulierte Ganzantworten. 

2. Kombinierte Ganzantworten. 

5. Aus Details zusammen konstruierte Ganzantworten. 

4. Abstraktiv erfaßte G a n z deutungen (Ganzantworten). 

5. Häufig gesehene Details. 

6. Kleine oder sehr selten gesehene größere Details. 

7. (sog.) Oligophrene Details (wenn an Stelle einer leicht erkennbaren mensch- 
lichen Figur nur ein Kopf, oder ein Körperteil gesehen wird). 

8. Erfaßte Zwischenformen (Deutung der weißen Aussparungen im 
KlecksbUd). 

deutversuche mit zehn- bis dreiiehnjährigen Knaben. Verlag Barth, Leipzig, 1925, 
Dr. A. F u r r e r, Der Auffassungsvorgang beim Rorschachschen psycho-diagnostischen 
Versuch. Buchdruckerei Zur alten Universität, Zürich, 1930. — Ein voUständiges 
Literaturverzeichnis beiindet sich im Buch von Dr. Rorschach. 

- 490 - 



9- Wieviele ^scharfe" F o r m antworten wurden gegeben? .. ■ 

10. Wieviele „schlechte" F o r m antworten wurden gegeben? 

1 1 . Bei wievielen Antworten gab das kinästhetische Erfassen für die 
Deutung den Ausschlag? 

12. Wurden kleinste Bildteile als bewegte Objekte gedeutet? 

ig. Bei wievielen Antworten spielte die Farbe mit? (Reine Farbantworten 
— z.B. Grün einfach als „Wiese" gedeutet; — Far b fo r m antworten, wenn 
die Form unscharf gesehen und die Antwort hauptsächlich durch den Farbton 
zustande kam ; F o r m f a r b antworten, wenn die Form scharf gesehen, die 
Deutung aber zugleich von der Färbung mitbestimmt ist.) 

14. He 11 d u n k el antworten? 

15. Auszählung der inhaltlichen Aussagen, insbesondere wieviele ganze, 
v/ieviele Teile von menschlichen Figuren v/urden gesehn, wurden „anatomische" 
Antworten gegeben, wieviele Tiere und Tierdetails wurden gedeutet, wieviele 
Objekte, wieviele typische Schülerantworten, wieviele Antworten waren als 
„Originalant Worten" (auf hundert Versuche nur einmal), wieviele als Vulgär- 
antworten (auf jeden dritten Versuch einmal) zu bewerten? 

16. Wie folgten die unter 1. — 12. angegebenen Arten der Erfassung auf- 
einander? Wiederholten sie sich oder wechselten sie regellos, oder nach einer 
erkennbaren Regel? (Frage nach der Sukzession der Erfassungsmodi.) 

17. Wie verhält sich die Anzahl der gegebenen Ganzantworten zu der 
Zahl der Details, Kleindetails, Zwischenformen? 

18- Wie ist das Verhältnis der B e w e gun gs antworten zu den 
Farh antworten? 

19. Wieviele Prozent gutgesehenerFormen, wieviele Prozent Tierileutungen, 
Objektdeutungen, Originaldeutungen, Vulgärdeutungen enthält das Protokoll? 

30. Wurde ein Stutzen vor den Farben, insbesondere vor der roten Farbe 
beobachtet? (F a r b s c h o c k.) 

Nach der Auszählung der Versuchsfaktoren kommt nun die Zusammenstellung 
des „Psychogramms". Allen Faktoren kommt für den psychischen Aufbau der 
Versuchsperson ein bestimmter Symptomwcrt zu; doch läßt sich die Bestimmung 
einer Diagnose, der Intelligenz- und Charakterart, der Anlagen und Talente 
nicht einfach so bewerkstelligen, daß man wie mit Hilfe eines Chiffrier schlüsseis 
verfährt. Daraus ergeben sich gewisse Fehlerquellen, die sich durch Betrachtung 
einzelner Versuchsfaktoren in Bezug auf andere und auf den Gesamtbefund 
vermeiden lassen. 

Es wurde hier die lange Reihe der Versuchsfaktoren absichtlich aufgezählt. 
Wenn man nämlich die Rorschachschen Arbeiten nur oberflächlich durchliest, 
oder gar nur die Testtafeln beschaut, so kommt man zu dem oft gehörten 
Fehlurteil, es handle sich um eine „Phantasieprüfung". Oder — weil man 
Dr. Rorschach als Psychoanalytiker kannte und dessen Kenntnis der Psycho- 
analyse in seiner Arbeit überall merkt — - glaubte man, der Experimentator 
stütze sich auf das Inhaltliche der Deutungen und bewerte sie als „Einfälle" 
wie in einer psychoanalytischen Ordinationssitzung; deshalb könne der Rorschach- 

— 491 - 



Test nur den ausgebildeten Psychoanalytiker interessieren, die Psychoanalyse sei 
die notwendige Voraussetzung für eine Arbeit mit dem Test. 

Rorschach stützt sich ausschließlich auf das Formale seines Experimentes. 
Wenn der Psychoanalytiker sich des Versuches bedient, so wird er gewiß 
da und dort auf Antworten stoßen, deren Inhalt ihn stutzig machen und die 
ihn oft schlaglichtartig Zusammenhänge erraten lassen. In diesem Falle unter- 
stützt das psychoanalytische Wissen den Experimentierenden, es wäre jedoch 
falsch zu glauben, daß der Versuch von der Psychoanalyse abhängig sei. 

+ 
Wenn jemand als Pädagoge „freie Erziehnngsberatung" betreibt und weder 
vom Staate, der ihn nicht berufen hat, noch durch ein Medizinalgeset/, geschützt 
ist, so muß er doppelt auf der Hut sein, Fehler zu machen. Es kommen ihm 
Kinder und Jugendliche in die Hände, deren Symptome vielleicht unverdächtig 
sind, hinter denen jedoch ernsthafte psychische Erkrankungen stecken, denen 
mit einfachen erzieherischen Maßnahmen nicht beizukommen ist und die eine 
ärztliche Behandlung erfordern. Die Schwierigkeit Hegt in der Diagnosestellung! 
Zum Erziehungsberater kommen oft Eltern und Erzieher, die vorher keinen 
Arzt konsultiert haben. Sie fassen die Symptome eines Kindes, das nicht ganz 
normal reagiert, keinesfalls als derart auf, als daß da ein Mediziner zu Hilfe ge- 
zogen werden müßte. Beispielsweise: bei Auftreten von plötzlichem Versagen 
in einem Schulfach, plötzlichem Versagen und Interesselosigkeit in allen Schul- 
fächern, Trotzeinstellung aus unbekannten Motiven, Unfähigkeit sauber zu 
schreiben oder zu zeichnen, Händelsucht und Unfähigkeit zur Ein- und Unter- 
ordnung in die Schüler- oder eine andere Gemeinschaft, Nägelbeißen und an- 
deren unschönen und störenden Gewohnheiten, Grausamkeit und Tierquälerei, 
Zerstörungssucht, störenden Lach- oder Weinkrämpfen, Angst vor Tieren, Gewitter 
Dunkelheit, gewissen Räumen, vor Prüfungen, Hang zur Naschhaftigkeit, zu 
Diebereien, zur Lügenhaftigkeit — und beim Beobachten von vielen anderen 
Eigenheiten und Charakterfehlern der Kinder suchen selbst Gebildete nicht einen 
Arzt auf Man geht zum Erziehungsberater und traut dem erfahrenen Fachpädagogen 
zu, daß er ein Erziehungsmittel kenne, um dem Fehler beizukommen. 

Hier leistet nun das Rorschachsche Testverfahren ausgezeichnete Dienste. 
Wenn dann der Berater sagt, es sei nötig, daß man eineu Arzt aufsuche, so 
kann er gewiß oft den erstaunten oder entrüsteten Einwand hören: „Mein 
Kind ist doch nicht verrückt! — Das ist doch keine Krankheit!" usw. Oft ge- 
lingt es, die Ratsuchenden zu überzeugen. Wenn es nicht gelingt und die Eltern 
oder Erzieher die abnorme Angelegenheit bei ihrem Kinde oder Zögling ohne 
Eingriff fortbestehen lassen, dann kann sich der Berater damit trösten, daß er 
den einzig richtigen Rat erteilte, und daß er selbst nichts unternahm, was dem 
Kinde zum Schaden gereicht hatte, oder womit man ihm nachweisen konnte, 
daß er sich gegen das Medizinalgesetz verfehlt liabe. 
Zur Illusti'ation lasse ich einige Berichte folgen: 

I) Siebzehnjähriger Junge, ältestes Kind neben zwei Schwestern. Eltern in 
mittleren Verhältnissen, Vater Inhaber eines kleinen, aber gutgehenden Ge- 

— 4Q2 — 



Schaftes. Junge besucht Gymnasium, Sekunda, zeigt plötzlich gar kein Interesse 
mehr am Lernen. Arzt hielt viele Besprechungen mit ihm ab, Schizophrenie- 
verdacht, riet zu privatem Unterricht, bzw". Privatgymnasium mit vielerlei 
Studienerleichterungen. Resultat negatir. Aufsuchen der freien Erziehungsbera- 
tung. Rorschach-Testversuch ergibt eine Mischung von konstruktivem Talent 
und abstrakter Intelligenzart, dazu Sinn fürs Lineare. Befragt ergibt sich, daß 
der Junge einst Freude am Technischzeichnen hatte, ein Fach, das im Literar- 
gymnasium nicht weiter gepflegt wurde. 

Vater hätte einit gerne Jurist werden wollen, will, daß sein Sohn es wird. 

Vater wird umgestimmt, Sohn kommt als Zeichnerlehrling in ein technisches 
Bureau einer Maschinenfabrik. Fühlt sich dort außerordentlich wohl, hat nach 
zwei Jahren Bedürfnis nach Weiterbildung auf Technikum, dann Eidgenössische 
Technische Hochschule, Ingenieur. 

II) Vierzehnjähriger Junge, Sohn eines Mittelschullehrers, zahlreiche Ge- 
schwister beiderlei Geschlechtes, Realschüler, leistet immer weniger in der 
Schule, zeigt sich gereizt gegenüber Eltern und Geschwistern, sondert sich von 
seinen Kameraden ab. 

Rorschachversuch ergibt ausgesprochene „Künstlerintelligenz", Sinn fürs Kon- 
krete, Plastische, Phantasie, Gefühl für Bewegung und das Szenische, viel Ori- 
ginalität, genügend Einfühlungsfähigkeit und Anpassung des Denkens in dasjenige 
der Allgemeinheit, aber auch Insuffizienzgefühle, Zweifel an sich selbst. 

Trägt sich heimlich mit dem Gedanken, Bildhauer zu werden, weiß, daß in 
der Familie die finanzieUe Grundlage zu solcher Berufsergreifung nicht vor- 
handen i»t. 

Nach Abmachung mit dem Vater Rat an den Burschen: Scliule beendigen 
(zwei Jahre), dann Lehre bei einem Grabsteinbildhauer, nachher ist Brot- 
erwerb gesichert, und wenn Lust weiter vorhanden, Weg zur Kunst offen. 
Vater konferiert gestützt auf die Ergebnisse des Rorschach- Versuches mit den 
Lehrern des Jungen; Folge: besseres Verständnis, der Junge lebt auf, beruhigt 
sich, leistet wieder mehr, weil er sich abgefunden hat und fleißiger wird im 
Hinblick auf sein Ziel, zu dem der Weg ihm nun offen steht. 

III) Dreizehnjähriges Mädchen, stottert, Kind eines Fabrikarbeiters mit guter 
Anstellung, ältere und jüngere Schwestern und Brüder. Menses seit dem Alter 
von elfeinhalb Jahren. Vater bringt es hauptsächlich wegen des Stotterns zur 
Erziehungsberatung. Klagt, das Kind sitze stumpfsinnig herum, wolle nicht 

arbeiten. 

Schularzt vermutet, daß alle Störungen wegen des Stotterns kamen : Angst, 
ausgelacht zu werden, Vereinsamung, Nichtbeteiligung bei Arbeiten. 

Rorschach: Versagen bei Tafel i und 5. Formen unscharf, wurstig, sehr hohes 
Tierprozent, nur zwölf Antworten, keine Bewegungsantworlea, eine Färb- und 
eine Farbformantwort. 

Schizophrenieverdacht (latente Hebephrenie). 

Beratung: Psychiater aufsuchen (die Diagnose wurde den Eltern nicht Ter- 
raten). Bestätigt Diagnose. Keine weitere Behandlung. 



Zeitschrift f. p»a.Päd..VI/n/ia — 4Q3 



35 



' ^ 



IV) Dreizehnjähriges Mädchen, stottert, ältestes Kind eines Beamten. Wurde 
mehr und mehr menschenscheu, will keine Besorgungen mehr machen, möchte 
immer zu Hause bleiben; Abnahme der Schulleistungen. Eigenbrödlerin von Ju- 
gend auf. Fürchtet sich, verrückt zu werden. 

Rorschach: Angstneurose. Schlechte Prognose (Beugerkinästhesien). 

Rat: psychotherapeutische Behandlung. 

Wurde nicht befolgt. Behandlung durch einen im Lande herumfahrenden 
Mann, der sich „ Sprachfeliler^nstitut" nannte, hatte vorübergehenden Erfolg 
(halbes Jahr), dann Zustand wie vorher. 

V) Dreizehnjähriges Mädchen, Tochter eines Fabrikarbeiters und Kleinbauers. 
Ältere und jüngere Geschwister beiderlei Geschlechts. Vor Jugendgericht des 
Brandstiftungsversuches angeklagt. Frage, ob zu Impuhhandlungen fähig, ob im 
Zustand fehlender Bewußtheit {„Absence") Brand gelegt, ob Lügenhaftigkeit 
vorhanden und welche besondere Erziehungsmaßnahmen nötig. 

Rorschach: Keine Abnormität, nicht sehr intelligent, doch nicht debil. Die 
Brandlegung entpuppt sich als unglückliches Spiel mit Zündhölzchen, ohne be- 
absichtigten Brandstiftungs versuch. 

Rat: Verwarnung, keine weitem Maßnahmen. 

VI) Fünfzehnjähriges Mädchen, Tochter aus höherer Beamtenfamilie in besten 
Verhältnissen. Macht sich in der Schule durch Unverträgliclikeit und Intrig^en 
unmöglich. Dabei sehr intelligent und fleißig, ehrgeizig, seit Eintritt der Menses 

oft krank. 

Rorschach: Hysterie. Eignet sich gut für Psychoanalyse (Streckerkinästhesien). 

Rat: Psychotherapeutische Behandlung. Psychoanalyse einundeinhalb Jahre, 
Erfolg: gut. 

VII) Sechzehnjähriger Junge, Jüngster aus Beamtenfamilie. Unverträglich, hos- 
haft gegenüber Geschwistern und Schulkameraden. Lügenhaft. 

Rorschach: Verdacht auf versteckte Epilepsie. 

Rat: Arzt aufsuchen. Diagnose: Epilepsie. Noch in medizinischer Behandlung^ 
Medikamente. (In der E.-B. w^urden Absenzen verschwiegen!) 

VIII) Fünfzehnjähriger Junge, Ältester neben Schwestern; Vater Fabrik- 
arbeiter. Junge pedantischer Nörgler, unverträglich mit Geschwistern, allerlei 
kleine Diebereien. 

Rorschach: FVrtige Zwangsneurose. Keine gute Prognose. 

Rat; Psychotherapeutische Behandlung. Sucht Arzt auf, Katharth. Methode 
nach Dr. Franck. Erfolg: Besserung, Behandlung mußte vorzeitig abgebrochen 
werden. 

IX) Vierzehnjähriger Junge, mittleres Kind zwischen Schwester und Bruder, 
Sohn eines Beamten. Unverträglich mit Geschwistern und Mutter, sehr gehor- 
sam gegenüber A'^ater, in der Schule Pechvogel, der für die Streiche der Kame- 
raden ausfressen muß. 

Rorschach: Gute Intelligenz, kerne Abnormität, weder Neurose noch Psychose. 

Besprechungen ergeben Schuldgefühle wegen Onanie; um sie loszuwerden, 

provoziert er Strafen bei der strengen Mutter und bei Lehrern. Besprechungen 

— 494 — 



ereeben Erleichterung der Schuldgefühle, gesteht zuerst der Mutter, nachher 
dem Vater die Onanie. {Eltern wurden ohne Wissen des Jungen auf das Ge- 
ständnis und ihr nachheriges Verhalten vorbereitet.) Nachher tritt Beruhigung 
ein nach und nach gewinnt der Junge auch wieder die Selbstsicherheit in 

der Schule. 

X) Achtzehnjähriger Junge, einziges Kind, arbeitsscheu, läuft überall aus 
Lehrstellen, EigenhrÖdler, man hält ihn für geisteskrank, so taxiert ihn auch 
der Hausarzt. Eltern Geschäftsleute in Dorf. Frage: „Was können wir mit X. 
noch anfangen, wenn er verrückt ist und sich doch noch so verhält, daß man 
ihn nicht in eine Pflegeanstalt geben kann?" 

Rorschach: Nichts Psychotisches, Zwangsneurose. Gute Prognose bei psycho- 
analytischer Behandlung. ■■ 

Rat: Psychotherapeutische Behandlung. Psychoanalyse. — Rat befolgt, nach 

zweijähriger Behandlung guter Erfolg. 

Ist nachher ins Geschäft seines Vaters eingetreten, tüchtiger Mitarbeiter, der 
später das Geschäft übernehmen kann. 

Diese Beispiele zeigen den Wert des Korschachschen Testverfahrens. Beson- 
ders bei psychischen Erkrankungen kann es dem Erziehungsberater in außer- 
ordentlicher Weise dienen: es ermöglicht sogar die Angabe, was für ein Spe- 
zialist aufgesucht werden muß. Aber sehr oft leistet der Rorschach-V ersuch 
auch bei psychisch völlig normalen Kindern außerordentlich gute Dienste, weil 
er die besondere Intelligenzart, die Anlagen und Talente deutlich macht. 

Er verdient Beachtung und Anwendung, und die viele Zeit, die es zu seiner 
Erlernung und Handhabung braucht, lohnt sich reichlich. Zu seiner Erlernung 
darf wohl empfohlen werden, daß man sich zu Gruppen zusammenschließt, 
sich gegenseitig Aufgaben stellt und diese gegenseitig kontrolliert und bespricht. 
Besonders günstig liegen die Verhältnisse dort, wo sich Lernende aus ver- 
schiedenen Berufsklassen vereinigen, z. B. Pädagogen mit Neurologen, Psychia- 
tern und Kinderärzten. Je einer von ihnen kann dann ein Versuchsprotokoll 
bringen, worüber die andern eine Blinddiagnose stellen müssen, die man durch- 
bespricht, woran man Differenzen ausmerzt, und die schließlich mit dem khm- 
sehen Befunde verglichen wird. Wenn jemand die Vereinigung leitet, der den 
Versuch bereits kennt, erlernt man ihn wohl noch rascher. Immerhin wird ei 
nötig sein, etwa hundert Versuchs-Versuche zu machen, um selbständig arbeiten 
zu können. Dabei kommen dem Lernenden eine Anzahl von Pubhkationen za 
Hüfe, die von Schülern Dr. Rorschachs verfaßt worden sind, und wovon sich 
ein großer Teil auf Versuche mit Kindern bezieht. 



- 495 - 35- 



Der ärztlidie Berater 

. Von Dr. Wilhelm Hoffer, Wien 

Der Vergleich einer psychoanalytischen mit einer anderen Erziehungs- 
beratungsstelle scheint vorerst zugunsten der letzteren auszufallen, was die 
Raschheit und Sicherheit des Beratens, die Anzahl der angewandten Unter- 
suchungsmethoden und die Berücksichtigung der körperlichen Erscheinungen 
betrifft. Der Unorientierte will es anfangs gar nicht glauben, daß mindestens 
ein Arzt, meistens mehrere der psychoanalytischen Erziehungsberatuug zu- 
gezogen werden. Sie legitimieren sich nicht als solche durch ein Abzeichen 
(etwa einen weißen Mantel), noch führen sie öfter als unbedingt notwendig 
körperliche Untersuchungen durch, sie sehen ihre Aufgabe mehr darin, den 
zu Untersuchenden gleich an die richtige Stelle zur Spezialuntersuchung z\x 
dirigieren und dem nicht ärztlichen Berater behilflich zu sein, den erhobenen 
ärztlichen Befund mit den anderen Befunden in Übereinstimmung zu bringen. 

In anderen Beratungsstellen bildet die körperliche Untersuchung den 
Ausgangs- oder Mittelpunkt der Erhebung und manche Berater wollen auch 
heute noch keinen anderen als einen somatischen Befund zur Grundlage 
der Erklärung einer Erziehungsschwierigkeit machen. Dabei werden bedeut- 
same und interessante Gebiete medizinischer Forschung, wie etwa die Unter- 
suchungen Kretschmers über „Körperbau und Charakter oder die 
Endokrinologie (Lehre von den Drüsen mit Innerer Sekretion) oft voreilig 
in die Überlegungen des Beraters einbezogen, was dann die psychischen 
und Milieubefunde zu solchen zweiten Ranges stempelt und der Behand- 
lung einen falschen Weg weist. Wenn es sich hier auch nur um unver- 
meidliche Modeerscheinungen in der als Wissenschaft jungen Heilpädagogi^ 
handelt, so müssen sie umso aufmerksamer verfolgt werden, weil sie sich als 
deutliche Schwierigkeit bei der Beeinflussung von Eltern und Erziehern in 
unseren Beratungen bemerkbar machen. Diese schließen sich der medizinisch- 
somatisch orientierten Denkrichtung nur zu gern an, denn sie erspart ihnen 
die oft peinliche Nötigung, die eigene Beteiligung an Erziehungsschwierigf- 
keiten mitzuberichten und diese mitbehandeln zu lassen. Wenn dann auch 
noch die Vorurteile des Ratsuchenden dem Forscherinteresse des Beraters 
entgegenkommen, dann bleiben die Mitteilungen an der Oberfläche und 
beide klammern sich an falsche oder sehr überschätzte, jedenfalls für die 
Erziehung unfruchtbare Vorstellungen, sei es nun in erbbiologischer, inner- 
sekretorischer oder gehirnpathologischer Richtung. 

Unser Bestreben in der Erziehungsberatung geht dahin, den Laien erst 
gar nicht auf die Idee einer körperlichen Verursachung der seelischen Hal- 
tung eines Kindes zu bringen. Wir sind dabei vor dem gefürchteten Über- 
sehen einer solchen dadurch geschützt, daß die Kinder früher ärztlich unter- 
sucht und ohne Erfolg behandelt wurden, daß bei der Erhebung der 

— 496 — 




Anamnese (Vorgeschichte) nach früheren Erkrankungen gefragt wird. Auch 
erkundigen wir uns hei den Eltern oder Erziehern jedesmal nach ihrer 
eigenen Meinung über die vermutliche Entstehung der Schwierigkeit. Sie 
teilen uns dabei ohnehin ihre Theorien über die körperlichen Ursachen 
mit; schließlich gehört die einzeitige Beratung bei uns zur Seltenheit. Wir 
sehen die Kinder gewöhnlich mehrere Wochen hintereinander, so daß die 
mitgeteilten Beobachtungen und auffällige Symptome berücksichtigt werden. 
Oft liegt auch ein haus- oder schulärztlicher Befund vor oder wir holen 
einen solchen ein. Schließlich kann auch bei der ärztlichen Untersuchung 
eine körperliche Veränderung z. B. eine Erkrankung oder ein Neugebilde des 
Gehirns unerkannt bleiben, wenn sie sich zuerst in seelischen Verände- 
rungen ankündet. Es muß freilich bemerkt werden, daß unsere psycho- 
analytische Einstellung fälschlich als Spitze gegen die somatische Medizin 
ausgelegt wird und wir an Zulauf und Ansehen in jenen Kreisen gewinnen 
würden, welchen die Psychoanalyse auch heute noch ein Dorn im Auge 
ist. Dagegen erreichen wir bei jenen Fällen aufmerksame und bereitwillige 
Mitarbeit, welche als Schwererziehbare oder Nervöse mit Luftveränderung, 
blutbildenden Mitteln, Mast-, Liegekur, Gymnastik, mit Milieuwechsel ohne 
gleichzeitige Analyse behandelt wurden. 

I 

Damit sind wir bei der ersten Aufgabe des Arztes in der psychoanalyti- 
schen Erziehungsberatung angelangt. Er hat Vorurteile über das Wesen einer 
Reihe von Schwierigkeiten im Leben der Kinder und im Zusammenleben 
mit ihnen zu zerstreuen und die Behandlung von Neurose, Schwererzieh- 
barkeit und Verwahrlosung vorzubereiten. In manchen Fällen wird dabei 
die bloße Überredung genügen, in anderen wird man damit gar nicht erst 
beginnen und das Kind gleich mit einer brieflichen Anfrage an die Stelle 
weisen, die dafür geeignet ist. Es handelt sich ja darum, den Angehörigen 
zu beweisen, daß die Annahme einer körperlichen Verursachung eines 
Leidens falsch war und das geschieht manchmal am besten so. daß das 
hetrt-ffende Organ untersucht und für gesund befunden wird. Da wir ja 
dann die Ratsuchenden nicht mit der Versicherung entlassen, daß sie „ganz 
gesund sind", vielmehr mit Berufung auf die körperliche Untersuchung 
die Notwendigkeit seelischer Behandlung betonen, so gehen Vertrauen und 
Erwartung rasch auf den Berater über. 

Etwas schwieriger wird diese Aufgabe, wenn die Eltern mit Grund auf 
eine vergangene oder bestehende körperliche Abweichung von der Norm 
hinweisen können und sie für das Verhalten des Kindes verantwortlich 
machen. Ganz allgemein kann gesagt werden, daß es keine körperliche 
Abart gibt, die nicht als vermutete Ursache hingestellt würde. Am häufig- 
sten wird wohl „erbliche Belastung" und abnorme Konstitution genannt. 
Zur Überraschung des Anfängers nennen auch heute noch sehr viele Eltern 
aller Gesellschaftsschichten als Ursache der abnormen Verhaltungsweisen 

- 497 — 



und der Lemhemmungen: Blutarmut, mangelhaften Appetit, zu viel oder 
2U wenig Bewegung und alle möglichen überstandcnen Krankheiten. Körper- 
liche Traumen, besonders das Fallenlassen des Säuglings oder Operationen 
werden für die verschiedensten Erziehungsschwierigkeiten verantwortlich 
gemacht. Seitdem die postencephalitischen Charakierveranderungen (nach 
Gehirngrippe) bekannt wurden, wird für ein schlimmes Kind gern eine 
fieberhafte Erkrankung mit Kopfschmerzen zur Erklärung der Schlimmheit 
mitgeliefert. Solche Erklärungsversuche sind für uns eine iMahnung zur 
besonderen Vorsicht bei der Beratung und ein Zeichen, daß der Ratsuchende 
nicht gern auf unsere Erklärung vom Zusammenwirken der von uns ja 
gar nicht geleugneten „Anlage" und den Wirkungen des Zusammenlebens 
eingehen wird. Es gibt eben viele Eltern, denen eine Kur mit Arsen- 
injektionen oder Höhensonnebestrahlung eindrucksvoller erscheint, als eine 
mit viel Zeitaufwand verbundene, die Ursachen erfassende seelische Be- 
handlung, in die das Milieu mit eingeschlossen werden muß. Da uns die 
erleichternde Autorität einer „amtlichen Beratung" nicht zu Hilfe kommt, 
müssen wir in solchen Fällen die Erzieher durch vorsichtiges Eingehen auf 
ihre Denkgewohnheiten für unsere Arbeit gewinnen. Dem ärztlichen Beidiensi 
kommt dabei die Rolle eines Helfers für den Berater zu, indem er die körper- 
liche Begutachtung vornimmt, den Eltern die Sorge nimmt, sie wären an die 
unrichtige Stelle geraten und die weitere Behandlung dem Berater überläßt. 

n 

Der zweite Aufgabenkreis entspricht dem eines ärztlichen Gutachters; 
in unklaren Fällen erleichtert er die Beurteilung, Diagnosestellung und 
Behandlung, hilft den psychischen mit dem somatischen Befund in Über- 
einstimmung zu bringen und unterstützt, wo es nötig ist, das heil erzieherische 
Handeln, namentlich, wenn neben den psychischen auch körperliche Er- 
scheinungen vorliegen, die der Berater allein nicht beurteilen kann. Da 
wir mit unseren Überlegungen immer bei der Praxis der Beratung bleiben 
wollen, lassen wir hier jede Erörterung, was unter „psychisch", was unter 
„körperlich" verstanden werden kann, weg, und da man gegen den vorher 
skizzierten ersten Aufgabenkreis einwenden könnte, daß ein geschickter 
Berater auch ohne Arzt die Vorurteile der Angehörigen zerstreuen kann, 
sollen einige Beispiele zeigen, daß eine moderne, wissenschaftlich orientierte 
Erziehungsberatung diese Zusammenarbeit gar nicht entbehren kann. Manche 
Kinder, die zu uns gebracht werden, sind vorher körperlich nicht oder 
mangelhaft begutachtet worden. Wir müssen das nicht nur wegen ver- 
schiedener Vorstellungen der Eltern, Lehrer und Fürsorger vom Wesen 
einer psychoanalytischen Erziehungsberatung nachholen, Der Berater hat 
auch sachliche Gründe, ein Kind erst auf seine Eignung für unsere Be- 
ratung ärztlich nachprüfen zu lassen, denn es kann sich ergeben, daß wir 
Kinder zur ausschließlich ärztlichen oder Spitalsbehandlung bestimmen. 

Von der vierzehnjährigen Hilda erfahre ich, daß sie bis vor drei Wochen 

— 498 — 



täglich ihrem Vater das Essen zum Arbeitsplatz nachtrug und dabei über 
ein freies Feld gehen mußte. Eines Tages kam sie atemlos zum Vater 
gerannt und erzählte ihm, daß ein Mann auf sie zugekommen wäre, die 
Hosen aufgeknöpft und ihr Anträge gestellt hätte; sie lief weg, er hinter 
ihr her. Das Mädchen schien davon sehr beeindruckt, wollte und durfte 
auch nicht mehr allein das Essen bringen. In der Vorstadt wurde darüber 
viel gesprochen. Allmählich fällt der Mutter auf, daß das Kind schlechter 
aussieht, müde und matt ist und trotz guten Appetits abmagert, sie führt 
aber alles auf den überstandenen Schrecken zurück. Bis das Kind vor zwei 
Tagen über Kopfschmerzen, Benommenheit und Schwindel klagt. Zustände, 
die sich nach dem Essen etwas bessern. Bei der Unterrodung benimmt 
sich das Mädchen etwas unruhig, doch nicht mehr als es vor einer ärztlichen 
Untersuchung in diesem Alter, bei einem seit kurzem menstruierendem 
Mädchen zu erwarten war. Man wäre geneigt, die Erscheinungen auf die 
Begegnung mit dem fremden Mann zurückzuführen und dann diesen 
sch^einbar typischen Fall weiterer Behandlung zuzuführen. Manche Mädchen 
ertragen solche Begegnungen gut, andere reagieren im Sinne einer „trau- 
matischen Neurose" darauf. Bei dem Gespräch mit dem Mädchen fiel mir 
aber ein charakteristischer Geruch aus dem Munde auf, der auf das Vor- 
handensein von Aceton, einem Abbauprodukt bei pathologischem Stoffwechsel, 
im Blute und Harn mit Sicherheit schließen läßt. Aceton findet sich im 
Harn des Zuckerkranken, wenn die Krankheit vorgeschritten ist. Die Unter- 
suchung ergab tatsächlich eine bedrohlich hohe Zuckerausscheidung mit 
hohem Acetongehalt und den ersten Erscheinungen des charakteristischen 
Vergiftungszustandes, des Coma diabeticum. Alle von der Mutter angeführten 
Erscheinungen wie Müdigkeit, Mattigkeit, Benommenheit und Kopfschmer7.en. 
das alles bei starkem Appetit, auch die Besserung nach den MahheiteD 
gehören zum Bild der Zuckerkrankheit. Das Mädchen wurde rasch der 
klinischen Behandlung zugeführt, sie bestand in Diät und Insulinkur. Es 
starb aber einige Monate spater im Coma, als es anläßlich der Weihnachts- 
feiertage mit den Injektionen aussetzte. Steht die Zuckerkrankheit mit der 
Begegnung im Zusammenhang? Vielleicht lag schon vorher eine leichte 
Form der Zuckerkrankheit vor, die nur nicht bemerkt wurde; daß sie 
durch den Schrecken zu der von uns beobachteten Hübe anstieg, ist srhr 
wahrscheinlich. Es ist bekannt, daß der Diabetes unter seelischen Einflüssen 
sich verschlimmert und bessert. Ein altes Ärztesprichwort sagt: „Fallen an 
der Börse die Kurse, so steigt der Zucker der Börsianer". 

Während dieser Fall nach ärztlicher Begutachtung für die Erziehungs- 
beralung nicht in Frage kam, benötigen andere erst des engen Einverständ- 
nisses zwischen Berater und Arzt, um inr richtigen Diagnose zu kommen. Oft 
ist mit einer kurzen Untersuchung nicht geholfen, das Kind rnuß längere 
Zeit in Beobachtung stehen, an der der Berater wie der Arzt mitwirken 
müssen. Der dreizehniährige Herbert kommt mit seiner Mutter in die 
Beratung und wir hören folgenden Bericht: Herbert ist das Jüngste von 

- 409 - 



A 



drei Kindern, die beiden anderen sind Töctiter, zwanzig, resp. vierundzwanzi^ 
Jahre ah. Der Vater starb als Herbert acht Jahre alt war. Seit dem zweiten, 
Lebensjahr leidet der Knabe an Krämpfen, welche die Mutter epileptische 
nennt; ihrer Schilderung nach stehen sie solchen sehr nahe. 

Sie treten in Intervallen von drei bis vier Monaten auf und melden 
sich zwei Tage vorher durch eine gewisse Unruhe und Heißhunger an. 
Im Anfall, der mit einem Krampf beginnt (dabei läßt der Knabe nicht 
unter sich, auch Zungenbiß wurde nie beobachtet), ist der Knabe entweder 
sehr ängstlich, so daß er das Bett nicht verläßt oder äußerst aggressiv, ins- 
besondere gegen seine Schwestern. Aber auch in der anfallsfreien Zeit ist 
er unverträglich, gegen die Schwestern brutal, nörgelnd und kritisch, sowohl 
in der Schule als auch zu Hause. Im Vorjahr war er viele Monate in 
einem Heim untergebracht; während dieser Zeit besserte sich sein Zustand 
zu aller Überraschung sowohl im Heim als auch in der Schule. Er mußte 
wieder nach Hause, als die Mutter den Kostenbeitrag nicht mehr leisten 
konnte. Damit setzte der alte Zustand wieder ein. Mutter und Schwestern 
machen einen sehr guten Eindruck, zweifellos waren die Krämpfe seit 
jeher für sie eine schwere Szene. Aichhorn nennt diese Situation „der 
Bub mit den drei Müttern" und fragt nach dem ärztlichen Gutachten, 
Dieses ist in diesem Fall insofern leicht zu stellen, als Mutter und Sohn von 
dem Vorstand eines Spitals für Nervenkranke an uns gewiesen wurde mit der 
Versicherung, daß hier keineswegs eine Epilepsie vorliege. I3iese Diagnose, die 
sich auch auf die Beobachtung des Knaben im Anfall stützt, veranlaßt uns 
ihn in Beobachtung mit der Möglichkeit zur anschließenden psychoanalytischen 
Behandlung zu nehmen, die wir dadurch fördern wollen, daß wir den 
Knaben fürs erste außer Haus unterzubringen bemüht sind; dorthin soll 
er erst zurückkehren, bis die Anfälle an Zahl und Intensität soweit gemildert 
sind, daß die Kontinuität der Behandlung nicht fortwährend bedroht ist. 
Wir lassen die Frage offen, ob der Zustand nicht doch einer Form der 
Epilepsien entspricht, ob es eine Hysterie ist und konzentrieren unser Interesse 
auf den Verlauf der analytischen Behandlung, die uns die unbewußten 
Mechanismen zeigen soll; dann kann entschieden werden, ob die Erziehungs- 
schwierigkeilen, die die Entwicklung des Knaben bedrohen, Überbau über 
eine Epilepsie sind oder Ausdruck einer Neurose, die dann auch die Anfalle 
versländlich machen müßte. Unser Versuch würde nicht nur einen Beitrag 
zu dem Epilepsieproblem, das Wissenschaft und Heilkunde heute gleicher- 
weise beschäftigt, liefern, er soll auch dazu führen, daß der Knabe von 
dem dauernden Gebrauch von Beruhigungsmitteln befreit wird. Der hier 
angeführte Fall, wie viele andere, fordern jedenfalls eine andere Behandlung 
als die mit Brom und Luminal und auch eine andere als die bloß erzieherische; 
bei ihnen ist eine systematische, wissenschaftlich fundierte seelische Behandlung 
am Platze, auch wenn sie bisher nur versuchsweise bei solchen Krankheiten 
verwendet wurde. Würde die Erziehungsberatung solche Kinder mit Berufung 
auf die herrschenden Anschauungen zurückweisen, so würde sie bald an Wert 

— 500 — 



für jene verlieren, welche von den überkommenen Behandlungsmethoden ent- 
täuscht wurden. Die Ehern sehen ja nicht die inneren Vorgänge, sondern die 
ßtÖrenden Begleiterscheinungen und diese sind unter allen Umständen, auch 
wenn sie nicht unmittelbarer Ausdruck der Krankheit sondern Überbau wären, 
der seelischen Behandlung zugänglich. Dem Kranken wird oft sehr geholfen, 
wenn er die körperlich bedingten Unlustgefühle von den seetischen trennen 
lernt, ja wenn er überhaupt weiß, daß so etwas möglich ist. Trotzdem die 
körperliche Abart nur eine verschwindend kleine Bolle in der störenden 
Charakterhaltung spielt, ist gerade sie es, die vergeblich und lange Zeit 
hindurch behandelt wurde. Die Angehörigen des Kindes und diese selbst 
haben sich daran gewöhnt, dem körperlichen Zustand eine entscheidende 
Rolle zuzuschreiben und glauben, daß nur dieser behandelt werden kann. 
Solange der Erzieher durch seine physische Überlegenheit, oft mit roher 
Gewalt die Äußerung von Neurose und Verwahrlosung unterdrückt, ist er 
nur schwer zu einer anderen Auffassung zubringen; erst wenn der heran- 
wachsende Jugendliche selbst stark genug ist, sich — und damit auch allei 
Krankhafte und U'riebhafte — durchzusetzen, nimmt der Erzieher Hilfe in 
Anspruch, jetzt kann er ein vorhandenes körperliches Gebrechen allein nicht 
mehr verantwortlich machen und wendet sich spät genug an den Berater. 
Ein elfjähriger Gymnasiast wird mit seinen Eltern von einem Nervenarzt 
in die Beratung geschickt; seit jeher war er nervös, rauflustig und trotzig, 
störte den Unterricht, bei sonst ausgezeichnetem Schulfortgang, indem er 
Mitschüler und Lehrer hänselte und neckte. Die Aggressivität steigert sich 
zu Hause zu wilden Schrei- und Wutanfällen, bei kleinen, unscheinbaren 
Versagungen; er kratzt die Mutter, zertrümmert in der Wut seine Spielsachen; 
wenn er zu Strafe geschlagen wird, so nimmt er eine Hacke und bearbeitet 
damit Fußboden und Türslock, „damit die Nachbarn es hören". Seit jeher 
Grausamkeitsäußerungen; zerstückelt Regenwürmer, quälte eine Maus und 
andere Tiere. Bis vor einem Jahr führten die Eltern das Verhalten de« 
Knaben auf einen angeborenen Herzfehler zurück. Er wehre sich gegen 
die ihm notwendigerweise auferlegte Schonung und wolle nicht verstehen, 
daß man als Herzkranker sich nicht so bewegen dürfe, wie ein Herzgesunder. 
Der Spezialist bestätigt die Diagnose: angeborener Herzfehler, wahrscheinlich 
eine der bekannten Mißbildungen des Herzens. Der Berater fragt an, ob 
die Wutanfälle im direkten Zusammenhang mit dem Herzfehler stehen. 
Wir verneinen diese Frage und können den Berater in seiner Annahme 
über das Zustandekommen der Erziehungsschwierigkeit bestärken; sie gründet 
sich auf folgende Beobachtungen und Überlegungen: Vater und Mutler des 
Knaben sind relativ alt, einundfünfzig und fünfundvierzig Jahre, beide sind 
Beamte, acht Stunden im Dienst, die Mutter noch dazu Telephonistin, 
der Knabe meistens sich selbst oder strengen Nachbarinnen oder Verwandten 
überlassen. Der angeborene Herzfehler ist der willkommene Anlaß, von 
dem unwillkommenen Kinde soviel Ruhe, Beherrschung und Schonung zu 
verlangen, als die müden Eltern am Abend haben wollen. Das führt zu 

— 501 — 



immer wiederkehrenden Versuchen die Aktivität des Knaben zu unterdrücken- 
es ist bequem den Herzfehler, nicht die Erziehungsmetliode verantwortlich 
zu machen. Mit unseren Mitteln hier einzugreifen erscheint uns schwer, 
wenn nicht sinnlos. Wir möchten den Eltern dadurch helfen, daß wir 
ihren eigenen Wunsch, den Knaben unterzubringen, unterstützen, und dem 
Knaben, indem wir seine Unterbringung in einem der human geführten 
Heime anregen; wird er von vernünftigen Erziehern in eine Gemeinschaft 
eingereiht, so kann er die „Folgen seines Herzfehlers" noch in der Pubertät 
überwinden. Voraussetzung dafür ist, daß man nicht weiter versucht bei 
dem Knaben Triebeinschränkungen mit Berufung auf seinen Herzfehler zu 
erzwingen und das wird nicht ohne Reaktion auf den früheren Zwang zur 
Ruhe verlaufen; er wird eine Zeit lang wilder sein und sein wenig leistungs- 
fähiges Herz wird zweifellos eine Kraftprobe zu bestehen haben. Soll der 
Arzt hier dem Erzieher in die Arme fallen, wenn er Erziehungsschwierig- 
keiten beseitigen will und sich um den Herzfehler nicht mehr kümmert, 
als die relative Gesundheit des Knaben erfordert? Die Relation zwischen Arzt 
und Heilpädagogen hat sich zwar zu Gunsten desHeilpädagogen verschoben, vor- 
läufig aber gilt die Heilpädagogik doch noch als der Kinderheilkunde zugeteilt 
und der Heilpädagoge als ein Heilgehilfe des Arztes. Nicht alle Krampf- 
zustände, Ohnmächten, Eß-, Magen-, Darm Störungen, Mictions- (Harnent- 
leerung) und Menstruationsstörungen, nicht alle Erscheinungen von Seiten 
der Augen, der Haut oder anderer Organe müssen bloß medikamentös oder 
operativ behandelt werden. Sind derartige Symptome mehr als eine deutliche 
vorübergehende Illustration einer Neurose, so weisen wir das Kind ohnehin der 
ärztlichen Behandlung zu. Oft kann die Entscheidung nicht gleich getroffen 
werden und es müssen Berater und Arzt zusammenwirken, freilich muß es 
ein Arzt sein, der psychologischen Erwägungen zugänglich ist. 

m 

Wie verhält sich die Beratungsstelle bei Jugendlichen, welche an einer 
beginnenden, aber noch nicht erkannten Geisteskrankheit leiden? •— Wenn 
der Berater bei jedem Anlaß zum Verdacht auf Geisteskrankheit, vor allem 
auf Jugendliches Irresein (Schizophrenie) eine psychiatrische Beobachtung 
veranlassen wölke, so würde sich auf den psychiatrischen Stationen bald 
ein großer Teil aller Jugendlichen mit Erziehungsschwierigkeiten versam- 
meln. Denn hinter vielen Konflikten des Jugendlichen mit sich oder der 
Umwelt kann eine Geisteskrankheit verborgen sein. Die psychiatrische Beob- 
achtung würde doch nur das Ergebnis liefern, daß Geisteskrankheit nicht mit 
Sicherheit ausgeschlossen werden kann. Man mag hier welchen Weg immer ein- 
schlagen ; in jeder Erziehungsinstitution für Jugendliche — daher auch in einer 
Beratungs steile für diese — wird es latent Geisteskranke geben; die er- 
zieherischen oder fürsorgerischen Probleme, die sie zu lösen geben, gehen 
den Erzieher ebensoviel an wie den Arzt. Auf diese Tatsache reagieren die 
Erzieher gewöhnlich mit zu viel Besorgnis und übertriebenem Veranlwor- 

— 502 — 



r 



tungsgefühl und mit Angst vor der zum Teil sagenhaft gewordenen Ge- 
fährlichkeit aggressiver Kranker. Die Erzieher ziehen sich zurück, die Ärzte 
werden gemieden; so kommt es, daß solche Kranke sich selbst und den 
ratlosen Eltern überlassen bleiben. So teilen sie das Schicksal der Rechts- 
brecher und Trinker, welche erst anstaltsbedürftig werden müssen, damit 
sich die öffentlichen Einrichiungen ihrer annehmen; der Geisteskranke 
wird wohl dem Arzt zugeschoben, der aher muß heute noch sein Ein- 
greifen davon abhängig machen, ob ein Grund zur Intertiierung vorliegt 
oder nicht. Die Beratungsstelle, welche den praktischen Bedürfnissen nachzu- 
kommen bestrebt ist, darf sich aber diesen Kranken nicht verschließen, solange 
sie nicht gemeingefährlich oder aus anderen Gründen zu internieren sind. 

Ich möchte hier erwähnen, daß bedeutsame Bestrebungen bestehen, die 
geschlossene Irrenpflege möglichst weitgehend in eine offene zu überführen ; 
sie nehmen von Frankreich ihren Ausgang und werden vom Internationalen 
Komitee für psychische Hygiene propagiert. In dieser offenen Irrenpflege 
wird äie Mitwirkung der Erzieher sicher sehr geschätzt werden. In der 
Erziehungsberatung spielt die Differenzialdiagnose, vor allem die Frage, ob 
Neurose oder Psychose vorliegt, eine überaus wichtige Rolle. Wie schwer 
die Entscheidung ist, soll an folgender Beobachtung dargestellt werden: 

Ein fünfzehnjähriger Junge, der immer ein guter Durchschnittsschüler 
war, an dem auch die Eltern nie Auffälliges beobachten konnten, hat in 
der vierten Klasse der Realschule mitten im Schuljahr Schwierigkeiten in 
Mathematik und Geographie. Zuerst fühlt er sich abgelenkt, zerstreut, nicht 
mehr konzentrationsfähig. Er reagiert mit erhöhter Anstrengung, um mit- 
zukommen. Zuerst merkt er diese Veränderung selbst, dann auch der Lehrer; 
er klagt es den Eltern, die das Gehörte einem bekannten Nervenarzt weiter- 
erzählen. Zweifellos liegt solchem Verhallen ein innerer Konflikt zugrunde, 
vielleicht ein Onaniekonflikt, vielleicht eine beginnende Dementia praecox. 
Die ersten Unterredungen ließen an eine Zwangsneurose mit Grübelzwang 
denken; Onaniekonflikte und Ängste lagen ganz an der Oberfläche, aber 
das ist so bei den meisten Jugendlichen. 

In dieser Situation ist Zurückhaltung bei der Verwertung des Gehörten 
geboten, denn das Vorgehen ist ein anderes im Falle einer Neurose, ein 
anderes bei einer Psychose. Die Neurosenbehandlung ist die ursprüngliche 
und eigentliche Domäne der psychoanalytischen Therapie. Bei ihr erstrebt 
die Behandlung die Bewußtmachung eines unbewußten Konfliktes. Bei einer 
Psychose kämpft der Kranke gegen den Verlust der Wirklichkeit, wie die Unter- 
suchungen von Freud, H. Nunberg, I. Hollos. P. Federn u. a. zeigten, 
und er bedarf dabei der Hilfe von einsichtigen Helfern zur Bekämpfung seiner 
Wahnbildungen. Die Helfer beschränken sich auf den Versuch, und es ist 
zuerst immer nur ein Versuch, die natürlichen Heilungstendenzen zu unter- 
stützen und dem Kranken von seinem Unbewußten möglichst wenig bewußt 
werden zu lassen; soweit es aber wahnhaft bewußt wurde, muß man 

— 503 — 



ihm konsequent lehren, das Wahnhafte zu verstehen und zu beherrschen 
P. Federn hat jüngst diese Art der Behandlung und des Umgangs mh 
Geisteskranken, bei Schizophrenen und Manisch-Depressiven eingehend dar- 
gestellt und die von ihm angegebenen Richtlinien kann der Erziehungs- 
berater nicht entbehren, weil er geisteskranke Jugendliche, die psychiatrischer 
geschlossener Fürsorge noch nicht bedürfen, nicht abweisen kann. 

Bei unserem Jugendlichen stellten sich nach vier Wochen noch in A 
ersten Phase der Behandlung, in der wir nur auf die Gewinnung seines 
Vertrauens hinarbeiteten, im fünften Monat nach den ersten Anzeich 
von Zerstreutheit, Phantasien ein, die wir als schizophrene ansehen mußten 
Zwei Wochen später schildert er seinen Zustand bereits so: „Es ist m.- 
wie wenn mir ein Tuch über den Kopf geworfen würde, wie wenn Raub ' 
über mich kommen. Ich kann nicht aus und da versucht man das Ti u 
wegzudrängen. Wenn man das Experiment länger macht, so kann eine 
das 2um Wahnsinn bringen. Jetzt bin ich nicht krank, es ist ein Gefühl 
in mir, von dem ich glaube, daß mich ein anderer Mensch nicht versteht 
Daß Sie mich nicht verstehen, und das Gefühl ist ein so überzeugend 
daß es so brennt in mir. Ein anderer Mensch, ich bin überzeugt 
anderer Mensch, sehen Sie, das ist ohne Phantasie gesprochen, ein andf 
Mensch kann das nicht verstehen. Mutter, ruf mich zu dir, heÜ3t da *' 

Was sich hier zuerst als Hemmung beim Lernen, dann als Störung h " 
Schulfortgang zeigte, was sich schließlich vom inneren Konflikt zu a 
mit der Außenwelt, mit den Eltern, den Lehrern, dem Arzte steigerte 
im Kotschmieren und mehrmonatigen Anstaltsaufenthalt zu kulminieren w 
also Ausdruck einer Schizophrenie. Die Erfahrungen bei Kranken, dievorüV» 
gehend anstaltsbedürftig wurden, bestärken uns in der Richtigkeit unseres V 
gehens; denn der aus der Anstalt als gesund Entlassene sucht uns wieder 
um über uns, die wir Übertragung und Widerstand, die Grundpfeiler psvrV. ' 
analytischer Therapie, richtig zu handhaben verstehen, den Kontakt mit A 
vorher verloren gegangenen Umwelt rascher wiederzugewinnen. 

IV 

In der Medizin der Gegenwart gibt es verschiedene Purifizierun 
bestrebungen. Denken wir hier nicht an die, welche sich gegen den p- 
bruch des Kurpfusch ertums wenden! Es gibt eine Gruppe, welche sich f ■ 
erhöhte, wissenschaftliche Bildung und für gewissenhafteres, wissenschaf 
liches Vorgehen einsetzt. Wenn sie damit nicht bloß Wissenschaft um ih 
selbst willen meint, sondern auch ihre praktische Anwendung aJs LgU 
vom Menschen, wird sie die Erzieher und die Erziehungswissenschaft d 
Zukunft auf ihrer Seite haben. Sie wird dann aber auch dafür sor^e 
daß der Erzieher als Gleichberechtigter aufgenommen werde. Er soll nich' 
bevormundet oder argwöhnisch auf Kompetenzüberschreitungen beobacht 
werden! Denn bekanntlich geschehen solche Überschreitungen dort am leich- 
testen, wo die Schwäche der Position Schranken des Anstoßes aufgerichtet hat 

— 504 - 



Ein „unerzogenes" Kind 

Aus der Praxis der Erziehungsberatung 
Von Dr, Editha Sterba, Wien 

Die kleine achteinhalb) ährige Minna, Schülerin der dritten Volksschulklasse, 
wurde von der Schule in die Erzieh ungsberatung geschickt, weil niemand mit 
ihr fertig werden, niemand sich mit ihrem sonderbarem Wesen zurechtfinden 
konnte. Nach dem Schulbericht war Minna in der Schule völlig unzugänglich. 
Sie heteiliste sich gar nicht am Unterricht, gab niemals Antworten auf Fragen 
und schien debil zu sein. 

Ich nahm die kleine Minna in Beobachtung, um festzustellen, ob sie Ut- 
sächlich geistig zurückgeblieben sei oder ob nicht eine neurotische Störung dies 
nur vortäusche. Als ich die Kleine zum erstenmal in der Erziehungsberatung 
sah, machte sie in der Tat auch auf mich einen debilen Eindruck. Das kleine, 
für sein Alter sehr schwächliche und zarte blonde Mädchen stand mit ganz 
teilnahmslosem Gesichtsausdruck da, ließ die Unterlippe etwas herunterhängen, 
schielte, hatte beide Hände fest verkrampft im Muff und gab auf keine meiner 
Fragen eine Antwort. Nur als ich sie fragte, ob sie nicht xu mir, in meine 
Wohnung, kommen wolle, sagte sie sehr energisch und abweisend: „Nein". 

Sie wurde dann noch auf meinen Wunsch einige Tage auf der heilpädagogi- 
schen Abteilung der Kinderklinik beobachtet. Aber man kam zu keinem Ergeb- 
nis, weil das Kind auf Fragen nlclit antwortete und renitent war. Man meinte, 
„das Kind scheint infolge schwächlicher und nervöser Konstitution ganz dissozial 
zu sein," und empfahl einen Erholungsaufenthah in einem Heim für einen späteren 
Zeitpunkt, wenn sich die ablehnende EinsteUung des Kindes abgeschwächt hätte, 

Minna stammte aus sehr ärmlichem und schlechtem Milieu. Der Vater war 
ein Handlungsvertreter, der sich mit Mühe und Not durchbrachte. Es war ihm 
früher einmal viel besser gegangen. Unehelicher Sohn eines hohen Staatsbeamten, 
hatte er sich in allen möglichen Berufen versucht, es in keinem zu etwas ge- 
bracht, wurde im Krieg Reserveoberleutnant und hatte sehr viele Beziehungen 
zu Frauen; im großen und ganzen war er eine richtige Hochstaplernatur. Er 
hatte nichts, konnte nichts, war aber ein großer Prahlhans und versuchte durch 
lügnerische Art sich bei allen Leuten Achtung und Geld zu verschaffen. Nach 
dem Krieg heiratete er ein 18 jähriges, bildschönes Madchen, das offenbar 
Prostituierte gewesen war, Der Mann erfuhr das aber erst nach der Ehe. E« 
gab fort Streitigkeiten zwischen den beiden ; sie waren im Bogriff sich zu 
scheiden, da erkrankte die Frau an einer schweren Tuberkulose und starb, als 
das Kind, die kleine Minna, 22 Monate alt war. Die kleine Minna kam nun 
zu fremden Leuten in Pflege. Durch vier Jahre wanderte das Kind von einer 
PHegestelle zur andern, teils weil der Vater seine Beiträge sehr unregelmäUig 
zahlte, teils weil die Pflegeeltern mit dem zarten, kränklichen und dabei sehr 
schwierigen Kind, das auch nicht die allerprimitivste Erziehung erhalten hatte, 

— 505 — 



nicht fertig werden konnten. Zeitweilig war die Kleine auch in verschiedenen 
Heimen und Anstalten, ■tt^^rde aber auch hier immer nach kurzer Zeit weggegeben, 
da sie den Anstaltsbetrieb störte und ihrer Art niemand beikommen konnte. 

Als Minna schulpflichtig wurde, heiratete der Vater wieder, um eine Häus- 
lichkeit zu haben und den Pflegebeitrag fürs Kind zu ersparen. Zwei Jahre 
lang Tvar Minna tagsüber in einer Klosterschule, dann -weigerte man sich, sie 
dort zu behalten und so kam sie in die dritte Klasse einer öffentlichen Volks- 
schule, von wo man sie nach einigen Wochen in die Erziehungsberatuiig schickte. 
Die Stiefmutter berichtete mir gleich, man habe es ihr nirgends glauben wollen, 
aber die Stumpfheit und Dummheit des Kindes seien nur gespielt, weil Minna 
von der Schule und dem Lernen nichts wissen wolle und so am leichtesten 
jedem Zwang dazu entgehe. Beide Eltern, ebenso wie die Lehrerin aus der 
Klosterschule gaben übereinstimmend an, das Kind besitze alle schlechten Eigen- 
schaften, die man überhaupt haben könne und es sei völlig unerziehbar. Weil 
Minna so versclilossen, abweisend und unsympathisch und niemals anhänglich 
gewesen sei, habe man sie nirgends länger behalten wollen und sie von allen 
Plätzen nach kurzer Zeit weggeschickt; man konnte es mit ihr nicht aushalten. 
Die Stiefmutter blieb dabei, die Kleine sei ganz normal intelligent und beobachte 
alles genau, reagiere aber nur auf Fragen, wenn es ihr passe. Sie habe nie ein 
Zärtlichkeits- oder Anlehnungsbedürfnis gezeigt, sei immer verschlossen, wort- 
karg und eingeschüchtert, niemals sei sie froh, spiele nie mit andern Kindern 
und habe nie eine Freundin gehabt. Sie kann bei keiner Arbeit bleiben und 
zeigt weder Ehr- noch Verantwortungsgefühl. Sie folgt niemandem, Strafe und 
Belohnungen sind ohne jede Wirkung. Dabei lügt sie, wo sie nur kann, bewußt 
und mit Absicht und stiehlt was ihr gefällt. Wenn sie der Stiefmutter, die 
Näherin ist, Schnallen oder glänzende Knöpfe gestohlen hatte, nahm sie sie 
dann in die Schule mit und versuchte die anderen Kinder durch ihren Besitz, 
mit dem sie prahlte, zu ärgern. 

Besonders wurde aber von der Stiefmutter und der Schule hevorgehoben. daÜ 
die Onanie der kleinen Minna sehr störend sei. Als die Stiefmutter die Kleine 
übernahm, onanierte sie fast ununterbrochen und völlig schamlos auch in Gegen- 
wart anderer. Wenn man sie fragte, was sie mache, zeigte sie genau, wie sie 
onanierte und sagte, sie tue das, weil es gut sei. Die Stiefmutter war entsetzt, 
verbot es dem Kind, und als das nichts nutzte, griEE sie zu Prügeln. Auch das 
half nichts, das Kind brüllte derart, daß die Passanten aufmerksam wurden 
und gegen die Mutter eine Anzeige wegen Kindennißhandlung erstattet wurde. 
Trotz, Prügeln onanierte sie weiter, bis sie schließlich aufgerieben wurde und 
die Mutter sie ins Spital bringen mußte. Dort empfahl man kalte Sitzbäder 
gegen die Onanie, die aber wieder schreckliche Szenen und Gebrüll auslösten. Zu 
der Zeit ging die Kleine auch einmal durch, wurde von einem Wachmann auf- 
gegriffen, dem sie erzählte, sie sei vom Hause weggelaufen, weil man sie so 
entsetzlich geprügelt habe. Das führte natürlich auch wieder zu einer Anzeige 
gegen die Mutter, der man als der Stiefmutter nie Glauben schenkte, wenn 
sie auf die Schlimmheit des Kindes verwies. 

— 50Ö — 



r 



Die öffentliche Volksschule bestätigte alle diese Angaben und Minnas Lehrerin, 
eine erfahrene Pädagogin mitfünfundzwanzigjähriger Lehrtätigkeit, beschwor mich' 
das Kind aus der Schule zu nehmen, weil sie befürchtete, sich durch das Benehmen 
des Kindes einmal zu einer so unbedachten Handlung hinreißen zu lassen daß 
sie ihre Stellung verlieren würde. Wenn die Kinder lesen oder schreiben sollten 
sagte Minna laut; „Mich freut das nicht, ich leg mich schlafen". Dann streckte 
sie sich auf der Bank aus, schlief wirklich ein oder onanierte ganz offen und 
ohne jede Scheu. Sie las nie, schrieb kein Wort ohne viele Fehler, gab nie 
Antworten, so daß die Annahme der Schule, das Kind sei debil, wolü begreif- 
lich erscheinen mußte. 

Die äußeren Umstände, unter denen das Kind lebte, waren in der Tat denk- 
bar ungünstig. Die Kleine war mit der Mutter tagsüber in der Schneiderei der 
Großmutter, wo die Stiefmutter mithelfen mußte, um etwas zu verdienen. Sie 
gingen erst abends miteinander nach Hause. Der Vater kam auch erst immer 
abends nach zehn Uhr aus dem Kaffeehaus und kümmerte sich gar nicht um 
Minna, die er seit jeher als pekuniäre Last und unangenehme Plage empfand. 
Die Stiefmutter, eine nette, einfache Frau, hatte sich wohl anfangs um das 
Kind bemüht, sie hatte es mit Güte mit ihm versucht, hatte sich mit ihm be- 
schäftigt und mit ihm lernen wollen. Da ihr das Kind aber nur Ablehnung 
entgegenbrachte und sie mit ihm nichts machen konnte, verlor auch sie die 
Geduld. Sie begann das Kind zu hassen und prügelte es. Dabei machte ihr noch 
der Vater Vorwürfe, sie, die Stiefmutter, sei an den schlechten Erziehungs- 
resultaten schuld, was die Beziehung zum Kind natürlich auch niclit besser 
machte. 

Während der ungefähr zehnwöchigen Beobachtung kam die Kleine oft nur 
viermal wöchentlich zu mir ; oft war der Mutter der Weg zu weit oder Minna 
hatte sich, eine Krankheit simulierend, ins Bett gelegt, tun ungestörter ona- 
nieren zu können. 

Als die Stiefmutter Minna das erstemal in meine Wohnung brachte, zeigte 
sie denselben debilen, abweisenden Gesichtsaus druck, wie bei unserem ersten 
Zusammentreffen in der Erziehungsberatungsstelle. Auf meine Aufforderung 
an die Mutter, die Kleine allein bei mir im Zimmer zu lassen, reagierte das 
Kind mit ohrenbetäubendem, nicht endenwollendem Gebrüll und versuchte, bei 
der Tür hinauszustürzen. Ich hatte nun keine andere Möglichkeit mit dem 
Kind in Verbindung zu treten und es an mich zu binden, als die, ihm zu zeigen, 
daß ich mich seinem Verhalten gegenüber ganz anders einstelle als alle andern 
Menschen. Nun wußte ich aus den Erzählungen der Mutter und aus dem 
Schulbericht, daß der Gegenstand der ärgsten Klage und der fruchtlosesten 
Erziehungsbemühungen bei der kleinen Minna, die Onanie des Kindes sei. Ich 
machte also den kühnen Versuch, sofort an diesem schwierigsten Punkt anzu- 
setzen und ihr da zu zeigen, daß ich ihr anders als alle andern begegne. 

Ich sagte ihr leise ins Ohr, daß ich wisse, warum sie Angst habe, mit mir 
allein im Zimmer zu bleiben. Sie wisse, ich sei eine Doktorin und sie liabe 
nun Angst, ich werde sie wegen des allzu häufigen „Spielens" (Onanie) dort 

- 507 — 



unten untersuchen und es verbieten und sie dafür bestrafen lassen. Aber ich 
hätte gar nichts dagef^en, sie dürfe es ruhig tun, ich wolle nur mit ihr plaudern, 
Bilder besehen usf. Kaum hatte ich das gesagt, verwandelte sich der Gesichts- 
ausdruck der Kleinen zu freundlichem Zutrauen, sie nahm mich bei der Hand 
und sagte: „Ich bleibe da, die Mutter kann fortgehen." Die Mutter konnte 
daraufhin mein Ordinationszimmer verlassen. Als wir allein waren, bat ich die 
Kleine, mir etwas zu erzählen, was immer sie wolle, es könne auch ein Traum 
sein. Da rief sie gleich begeistert; „Einen Traum will ich der Dokterin 
, erzählen, der träumt mir in einem fort ; ich muß immerfort zwischen zwei 
galloppierenden Pferden in der Mitte mitlaufen, die beide so wild schnaufen, 
bis ich ganz atemlos und verschwitzt bin. Dann beißt mich das große Pferd 
in den Arm, die Mutter will es nicht verbinden und keine Salbe aufstreichen 
und es wird nicht gut. Dann wach' ich immer auf." 

Dem Analytiker hat das Kind viel von seinen nächtlichen Erlebnissen mit diesem 
Traum verraten. Es schlief tatsächlich zwischen den Eltern in den Ehebetten. 
Es hatte häufig darunter zu leiden, daß es dort war. Daß das Heißwerden im 
Traum der Ausdruck sexueller Erregung ist, versteht man leicht. Die Wunde, 
die die Mutter nicht heilen lassen will, läßt uns bereits ein Motiv ihres reni- 
tenten Verhaltens gegen die Mutter erkennen, nämlich den Vorwurf der Penis- 
losigkeit. Der Vater spielt die Rolle des Aggressiven, der die Wunde verursacht. 
So hat mir Minna mit der Erzählung dieses wiederkehrenden Traumes in vollem 
Vertrauen ein ganz großes Stück ihres geheimen Seelenlebens geoffenbart. 

In den nächsten Stunden war die kleine Minna sehr zutraulich. Nachdem 
ich ihr wiederholt zugesichert hatte, strenges Geheimnis über alles zu bewahren, 
was sie mir erzählen würde, berichtete sie mir, wie schwrer sie es zu Hause 
habe, wie sie unter den ständigen Verboten zu leiden habe, wie die Mutter 
sie schlage, der Vater immer schimpfe und sie gar keine Freude zu Hause habe. 
Ich hütete mich während dieser ganzen Zeit freilich, auch nur die geringste 
Kritik laut werden zu lassen oder eine Versagung zu setzen, da ich wußte, daß 
nur auf diese Weise die Bindung der Kleinen an mich zu erhalten wäre. Dabei 
bemühte ich mich unaufhörlich, der Kleinen volles und warmes Verständnis für 
alles, auch für die nebensächlichsten Details ihrer Erzählung zu zeigen und gab 
ihr so ein Erlebnis, das ihr völlig neu war. So fand sie den Mut, mir immer 
deutlicher zu offenbaren, wie unglücklich sie sei, daß nichts so sei, wie sie es 
wolle, daß sie gar nichts freue: Das Schönste sei es, im Bett zu liegen und sich 
um nichts zu kümmern. Sie schimpfte weidlich über Schule und Lehrerin und 
über die vielen Unannehmlichkeiten, die notwendiger oder ungerechtfertigter- 
weise ihr ständig im Alltag widerfuhren. Dabei zeigte sie ganz normale In- 
telligenz, Beobachtungsgabe und Fähigkeit zur Schlußfolgerung und hatte auch 
vom Lehrstoff alles, bei dem sie zugehört hatte, verstanden. 

Ich war immer voll Mitgefühl und versuchte auch sonst mich ihr wertvoll 
IM machen, was bei dem Kinde, das für gar nichts Interesse hatte, besonders 
schwer war. Es gelang mir, mit viel Mühe und Geschicklichkeit, ihr Interesse 
für eine Puppe zu erwecken, der wir gemeinsam Kleider nähten. Im Spiel mit 

— 508 - 



dieser Puppe lernte ich eine neue Seite ihres Wesens kennen. Als sie einmal 
die Puppe bei der Kleideranprobe an den Haaren riß, hedauerte ich die Puppe 
lebhaft. Da widersprach sie energisch: „Das tut ja nicht weh, das ist ja eut" 
imd als ich sie zweifelnd ansah, begann sie sich selbst auf den Mund zu ohr- 
feigen, bis ihre Lippen bluteten und forderte auch mich auf, das an mir zu 
tun, um zu sehen, wie angenehm das sei. Ein anderesmal war sie wieder kaum 
davon abzuhaUen, immer wieder an einem wackHgen Zahn herumzureißen bis 
sie blutete. Ein anderesmal wieder riß sie sich selbst mit großem Vergnügen 
büschelweise die Haare aus. 

Es zeigte sich, daß auch ihre Onanie von stark masochistischen Phantasien 
begleitet ■war. Sie spielte einmal mit meinem Fullofen, w^arf sich dann aufs 
Sofa, preßte die Schenkel zusammen und sagte: „Der Teufel wirft mir mit der 
Schaufel glühenden Koks auf den Kopf und verbrennt mir alle Haare. Es ist 
ein besonderer Teufel, rotbraun und schwarz gestreift. Seine Ohren gehen von 
mir zu dir," dabei zeigt sie die Länge der Ohren, indem sie die Arme gegen 
mich ausstreckt, „die Arme von dn zu dir, die Füße von da zu dir. Er hat 
einen langen gestreiften Schwanz, wenn man den angreift, ist er dick und hart. 
Den Schwanz hat er nicht hinten, sondern vorne. Hinten ist kein Platz dafür, 
da hat er eine Butte, drin sind viele kleine Kinder, so kleine Kinder wie die 
Kinder vor der Geburt sind." Diese Phantasie zeigt ihre sexuelle Erregung 
(glühende Kohlen — verbrennen), die sie gleichzeitig in Onanie abführt, in 
Verbindung mit einer masochistischen Einstellung zum Vater, der in Gestalt 
des Teufels auftritt und dessen erigiertes Glied sie offenbar zu beobachten Ge- 
legenheit gehabt hat. Sie erzählte auch, daß sie oft mit dem Vater, wenn er 
bei der Mutter im Bett war „Tuchent wegziehen", also ihn entblößen, spielen 
wollte, was er immer sehr übel nahm, Ihre Schwangerschaftsphantasien kommen 
in der Geschichte von der Butte, die der Teufel am Rücken hat, zum Ausdruck. 
Im Anschluß daran zeigte sie mir, daß sie über Geburt und Schwangerschaft 
vollkommen informiert war, indem sie einer Puppe eine Schachtel um den 
Leib band und zwei kleine Püppchen in diese Schachtel hineinsteckte, die sie 
dann nacheinander herausnahm, 

Ihre Beobachtung des elterlichen Verkehrs war auch noch aus einer andern 
Phantasie deutlich zu entnehmen, die sie mir oft bald als nächtlichen Angst- 
traum, bald als Tagtraum berichtete: Zwei weiße Geister (die Eltern im 
Nachtgewand) kommen beim Fenster herein, packen sie an den Haaren, reißen 
sie aus dem Bett und werfen sie aus dem Fenster hinaus. Die Köpfe der Geister 
waren immer undeutlich, meist weiß mit gelb. Sie sähen so aus, sagte sie, wie 
reifer Löwenzahn, vor dem sie sich immer fürchtete, wenn er herumflog, weil 
ihr einmal so ein fliegendes Samenkorn ins Auge geflogen war und es sehr 
entzündet hatte. 

Außer den masochistisch gefärbten Phantasien und Träumen hatte sie aber 
auch andere Tagträume, mit ablehnender Einstellung gegen ihre Umgebung 
besonders gegen den Vater. Eine ihrer Lieblingsphantasien war: Sie muß nicht 
mehr in die Schule gehen, hat ein eigenes Haus, das sie allein bewohnt. Da 

Zeit»chriftf.psa.PBd.,Vl/i]/i3 50Q 



kommen nun die Eltern sie besuchen, sie hat sich aber eingesperrt, beobachtet 
von drinnen die vergeblichen Bemühungen der Eltern, ins Haus einzudringen, 
dann endlich läßt sie die Mutter zu kurzem Besuch herein, der Vater muß 
aber ganz draußen bleiben, — Ein eigenes Haus muß sie haben, weil sie da 
machen kann, was sie will, und auch allein im Bett liegen kann, nicht wie 
zu Hause, nur zwischen den Eltern. Die bewußte und äußere Ablehnung des 
Vaters wird verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß er diesem Kind 
nie irgendwelche Liebe und Zuneigung gezeigt hatte, es direkt haßte und miß- 
handelte. Ihre Art, eine Beziehung zu ihm zu gewinnen, war die, daß sie, was 
sie von ihm zu leiden hatte, in ein lustvoll masochistisches Erleben umwan- 
delte. Die Mutter darf in der Phantasie zum Hause herein, weil sie doch die 
einzige Person ist, die ihr Pflege und Fürsorge hat angedeihen lassen. 

Die spärlichen Bemühungen, die ich in dieser kurzen Zeit an das Rind 
wenden konnte, zeigten einen überraschenden Erfolg, zuerst am Symptom der 
Lügenhaftigkeit. Diese war tatsächlich als eine pathologische zu bezeichnen. Z. B. 
erzählte sie der Lehrerin einmal, sie habe keine Aufgabe machen können, denn 
zu Hause sei ein kleines Brüderchen angekommen. Das berichtete sie so genau, 
und mit so viel richtigen Details, daß die Lehrerin wochenlang daran glaubte 
und erst durch einen Zufall von der Lüge erfuhr. Auch mich belog sie im 
Anfang ständig. Obgleich das leicht zu durchschauen war, tat ich, wie wenn 
ich ihr alles glaubte, weU ich ihr Vertrauen gewinnen wollte und auch aus 
den Lügen viel von ihr erfuhr. Als sie aber manchmal bei besonders krassen 
Lügen doch zögerte, da sie einerseits oft selbst die Fortsetzung der Lüge ver- 
lor, andererseits meine Gutgläubigkeit prüfen wollte, beruhigte ich sie freund- 
lich und sagte: „Wenn du dich nicht genau erinnerst, macht es nichts. Wir 
werden das schon zusammen herausfinden, wie es wirklich war." Dabei gab 
sie dann manchmal zu, es nicht genau zu wissen, ich half aus und sie gewöhnte 
sich daran, sich bei ihrem Berichte von mir helfen zu lassen. Dabei fragte sie 
mich oft und oft nach Dingen, von denen sie vermutete, ich würde ihr nicht 
offen antworten, z. B. Details aus meinem Familienleben und meinem Haushalt 
usw. und war dann immer sehr erstaunt, wenn ich ihr alles so sagte, wie es 
sich wirklich verhielt. Es ist kein Zweifel, daß meine Wahrhaftigkeit dem 
Kinde gegenüber und die Tatsache, daß sie meine Antworten auf ihren Wahr- 
heitsgehalt prüfen konnte, tiefen Eindruck auf sie machte. Dies imiso mehr, als 
sie von mir, wie es für solche Fälle notwendig ist, in der ersten Zeit niemals 
ein direktes Verbot, nie einen Tadel oder eine Rüge oder auch nur irgendeine 
Kritik zu hören bekam. Sie hatte aber durch meine Offenheit Gelegenheit, ihr 
Verhalten mit meinem zu vergleichen. Ihr Urteil über sich selbst im Vergleich 
zu mir unterstützte ich durch kaum merkbare Zustimmung oder Ablehnung, die 
unausgesprochen, nur in meinem Verhalten zum Ausdrucke kamen. Wie tief 
dabei aber die Wirkung dieses so sanft geübten Einflusses war, mag aus den 
drei folgenden kleinen Begebenheiten erkannt werden. 

Sie tat einmal zu Beginn der Stunde beleidigt, wollte mir nichts erzählen 
und auch für ihr Schweigen keinen Grund angeben. Auf mein Drängen sagte 

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r 



sie, es stecke ihr ein Zwetschkenkem im Hals, der sie am Roden hindere. Ob- 
wohl ich natürlich wußte, daß das reine Erfindung sei, ging ich darauf ein, 
zeigte mich sehr besorgt und ängstlich, riet ihr zum Arzt zu gehen und be- 
mitleidete sie sehr. Einige Tage später hatte sie tatsächlich eine Lymphdrüsen- 
schwellung am Unterkiefer. Ich war wieder nett und tröstend, sie lehnte aber 
mein Mitleid ab und sagte strafend: „Jetzt bin ich da geschwollen, wo ich 
früher den Kern hingelogen hab." Es war das erstemal, daß sie sich als Lüs- 
nerin bezeichnete und daß sie mir zu verstehen gab, sie wisse, daß Lügen 
nicht recht sei. 

An einem der nächsten Tage w^ar sie wieder böse^ und wollte von mir nichts 
wissen. Nach Drängen sagte sie beleidigt: „Die Dokterin hat der Mama gesagt, 
ich bin a lugete Gans." Darauf sagte ich: „Du weißt doch, daß ich das nicht 
gesagt habe." Dann nach langem Hin und Her behauptete sie wieder sehr be- 
leidigt: „Die Mama hat der Dokterin gesagt, daß ich a lugete Gans bin." Auch 
das konnte ich verneinen. Da brach sie in Tränen aus und schrie in größter 
Erregung: ^Aber ich sag's der Dokterin, ich bin a lugete Gans." 

Einige Zeit später bat sie mich einmal, auf ein Leinenlleckchen mit farbiger 
Seide zu sticken: Du sollst nicht lügen. Das nahm sie dann und heftete es auf 
ihr Hemd an die Stelle des Herzens, um, wie sie sagte, immer daran erinnert 
2U werden, daß man nicht lügen dürfe. Alle diese tiefgreifenden Veränderungen 
gingen, wie ich nochmals betone, ohne den geringsten aktiven Eingriff von 
meiner Seite vor sich. 

In dieser Zeit hatte sie schon eine sehr gute Beziehung zu mir, sie kam 
regelmäßig und gerne, fragte mich in allem um meine Meinung und klagte 
sogar über ihre Unfähigkeit, aufzupassen und sich zu konzentrieren. Sie begann 
Interesse für die Schule zu zeigen, schrieb oft bei mir in der Stunde und gab 
sich sichtlich Mühe. In der Schule war ihr Benehmen viel besser, sie störte 
nicht mehr den Unterricht und versuchte mitzuarbeiten. Auch zu Hause wurde 
sie zusehends sozialer und leichter zu behandeln. Sie begann zu folgen, wurde 
sogar freundlich und zugänglich, so daß sich die Beziehung zur Mutter, die ja 
selbst guten Willen hatte, ausserordentlich besserte. Immer besprach sie alle 
Schwierigkeiten mit mir, fragte mich um mein Urteil und befolgte alle meine 
Ratschläge, die ich in dieser Zeit bereits geben konnte. Dabei erkundigte sie 
sich genau, ob ich mit ihrem Verhalten zufrieden sei und wünschte ständig, 
alles so zu machen, wie es ihrer Annahme nach, meinen Wünschen ent- 
sprechen würde. 

Als sie ungefähr zehn Wochen zu mir gekommen war, erhielt sie einen 
Freiplata in einem Erholungsheim. Ich fürchtete zuerst, sie würde dort der 
übermäßigen Onanie wegen sofort weggeschickt werden. Die Arztin, die sie 
kannte, wollte sie auch zuerst gar nicht mitnehmen. Die Mutter hatte mir zwar 
erzählt, daß sie fast gar nicht mehr onaniere, seitdem sie zuhause lernte und 

i) Wenn sie am Beginn einer Stunde, in der sie ein Stück Selbst Verurteilung zeigt, 
auf mich böse ist, so will sie damit ausdrücken, ich soll auf sie böse sein, oder sie 
verdiene nicht, daQ ich gut mit ihr sei. 



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56* 



zu spielen pflegte. In der Behandlung war die Onanie insoweit zur Sprache 
gekommen, als mir die Kleine erzählt hat, was sie sich beim Onanieren aus- 
denke. Ich sprach jetzt wieder davon und stellte ihr vor, welche Unannehm- 
lichkeiten sie früher in den Heimen, besonders in der Liegestunde, wegen der 
übermäßigen Onanie gehabt hatte. Da sagte sie ganz spontan; „Reiben werde 
ich jetzt nimmer; wenn's zu schwer ist, werde ich an dich denken oder die 
Decke so fest über den Kopf ziehen, daß es niemand sieht." 

So hat sie es auch wirklich gehalten. Sie blieb drei Monate im Erholungs- 
heim und man war sehr zufrieden mit ihr. Als sie aus dem Heim zurück- 
kehrte, ließ ich sie ein paarmal zu mir kommen; alle Veränderungen zum 
Guten hatten sich erhalten und auch die Nachrichten, die ich in der Folge von 
ihr erhielt, zeigten, daß ihre Entwicklung einen normalen Verlauf zu nehmen 
schien. — , . • 

Wenn auch der Fall der kleinen Minna als ein besonderer zu bezeichnen 
ist, erscheint er mir einerseits für die Struktur einer Reihe von Fällen, die man 
in jeder Erziehungsberatung zu sehen bekommt, als sehr charakteristisch, ande- 
rerseits auch typisch für die Technik der Behandlung eines solchen Falles im 
Rahmen der erweiterten Erziehungsberatung. 

Als man die kleine Minna in die Erziehungsberatung brachte, war sie ein 
ganz dissoziales, ausschließlich der Befriedigung seiner Triebe lebendes kleines 
Wesen, das keine Versagung, keine Einschränkung kannte. Sie war sozusagen 
auf der frühesten Entwicklungsstufe stehen geblieben, in der es keine Anpassung 
an die Wirklichkeitsforderungen, also kein Real-Ich, sondern nur Triebbefriedi- 
gungen, also nur ein Lust-Ich gibt. Die geringe Bindung dieses Kindes an die 
Personen seiner Umgebung, seine ganze autoerotische Einstellung, die in der 
reichlichen Onanie zum Ausdruck kam, und seine masochistischen Erlebnisse 
machten es der Umgebung unmöglich, zu diesem Kind eine solche Beziehung 
zu gewinnen, daß man es seine Triebe hätte einschränken lehren können. Mit 
einem Wort, das Kind hatte noch keine wirksame Objektbeiiehung vollzogen, 
und es war keine Identifizierung erfolgt, auf Grund deren es zur Übernahme 
der Forderungen seiner Umgebung, also zur Bildung eines Über-Ichs gekommen 
wäre, die ja die Voraussetzung ist für die soziale Anpassung. 

Wenn man nun fragt, wieso dieses Kind auf dieser primitiven, nur die Lust- 
befriedigung kennenden Entwicklungsstufe stehen geblieben ist, wird man zur 
Erklärung dafür wohl zwei Faktoren heranziehen müssen. Zunächst den dispo- 
sitionellen Faktor: Beide Eltern zeigten starke Züge von Verwahrlosung, sowohl 
die Mutter wie der Vater des Kindes könnte man als „triebhafte" Charaktere 
bezeichnen. Dazu kam als zweiter Faktor, dem wohl der stärkere Einfluß zu- 
zuschreiben ist, der der Einwirkung des Milieus, in dem das Kind aufgewachsen 
ist. Zuerst in der Säuglingsperiode genoß es gar keine vernünftige Behandlung. 
Einerseits wurde es durch die seit der Geburt des Kindes schwerkranke Mutter 
verwöhnt, andrerseits mangelte es ihm an Körperpflege, an Reinlichkeit imd 
Ordnung. Als dann plötzlich die Übergabe an eine Pflegestelle erfolgte, war 
das Kind, für das der Vater wenig zahlte, schlecht befürsorgt, wurde schlecht 



V 



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behandelt, da es immer lästig und unerwünscht war. So hatte es in der wich- 
tigsten Periode seiner Entwicklung keine richtige Liebesbeziehung zu irgend 
jemandem finden können, selbst wenn es das versucht hätte. Ständiger Wechsel 
der Pflegeplätze und der Heimaufenthalte machten auch jede Identifizieruns 
unmöglich, das Kind blieb zum großen Teil in seinem Sexualverhalten auto- 
erotisch, in seinen Beziehungen narziiBtisch und suchte sich für die schlechten 
äußeren Verhältnisse durch Rücksichtslosigkeit gegen die Umgebung, Nicht- 
beachtimg der Forderungen, die diese an sie stellte und durch hemmungslose Be- 
friedigung aller Triebe zu entschädigen. Es wurde so zu dem unzugänglichen 
ganz verwahrlosten Triebwesen, das die Maske der Debilität annahm, um sich 
gegen die Forderungen der Umwelt abschließen zu können. 

In diesem Zustand kam die kleine Minna zu mir. Die Veränderungen, die 
innerhalb der zweimonatigen Behandlung an ihrem Wesen zu beobachten 
waren, lassen deutlich erkennen, wie sehr sich ihre innere Struktur in dieser 
Zeit verwandelte. Wie sie zuerst mit mir zusammen forschte, was wahr und 
was Lüge sei, dann die Kiefergeschwulst als Strafe für das Lügen hinnahm, 
sich selbst als „lugete Gans" bezeichnete und schließlich die Forderung, „Du 
sollst nicht lügen" an ihr Herz heftete, zeigt ganz klar, daß sie sich auf Grund 
der guten Beziehung zu mir mit mir identifizierte, meine Forderung nach 
Wahrheit übernahm und sie zu ihrer eigenen machte. An diesem kleinen Aus- 
ichnitt kann man die Entwicklung ihres Über-Ichs deutlich erkennen. 

Die masochistische Komponente hat die Gestaltung ihres Über-Ichs entschei- 
dend beeinflußt. Ihre Beziehung zu mir konnte sie nach meinem Verhalten 
nicht zu einer dauernd masochistischen gestalten. Sie fand daher ihre maso- 
chistische Befriedigung durch das innere Erleben im Verhalten zu ihrem Über- 
ich. Ihr Über-Ich wurde in erster Linie ein strafendes. Dennoch kam es auch 
gelegentlich zu masochistischen Objektbeziehungen. Das zeigen zwei kleine Be- 
gebenheiten, die vorfielen, als die kleine Minna nach dem Erholungsaufenthalt 
zu mir kam. Sie sagte einmal: „Die Krot' hat mir den Kopf abbissen," — dabei 
zeigte sie auf mich. Dann wieder einmal: „Die Dokterin hat mir den Fuß mit 
der Hacken abgschlagen. " Als ich sie fragte, warum denn, sagte sie: „Die 
Dokterin ist bös, weil ich ihr nichts mehr erzähl und nicht gesagt hab', daß 
ich wieder hingriffen hab." So stark waren schon ihre moralischen Forderungen 
geworden ; sie hingen allerdings noch sehr ab von ihrer Beziehung zu mir. 
Während sie früher ohne jede Scham vor jedem öffentlich onanierte, befürchtet 
sie jetzt schon das „böse sein" und Strafen, nur weil sie „hingriffen" hat. 

Es bleibt einiges Allgemeines über die Technik der Behandlung solcher 
Fälle zu sagen. Keiner besonderen Erwähnung bedarf wohl, daß die an der 
kleinen Minna vorgenommene Behandlung „keine Kinderanalyse" war, sondern 
lediglich eine auf Grund analytischer Erkenntnisse vorgenommene Beeinflussung 
der eine wieder nur auf Grund analytisclier Erfahrung mögliche Beobachtun? 
voranging. Es wurden keine unbewußten Zusammenhänge gedeutet oder auf- 
gezeigt. Ich habe zunächst die Situation des kleinen Mädchens analytisch zu 
verstehen versucht und dann durch mein besonderes Verhalten und berechnetes 

— 513 — 



Bemühen eine Beziehung zu mir hergestelU, die es der Kleinen ermögUchte, die 
Über-Ich-BUdung und Realitätsanpassung nachzutragen und dadurch sozial zu 
werden. 

Es ist dies eine Technik in der Anwendung der Analyse, deren Urheber- 
schaft August Aichhorn zuzuschreiben ist, der sie in seinem genialen Buch 
, Verwahrloste Jugend" darstellt. 

Im Rahmen dieser Behandlung mußte viel ungelöst bleiben und so besteht 
weiter die Möglichkeit einer späteren Neurose bei der kleinen Minna. Den- 
noch werden gerade solche Beobachtungen und Beeinflussungen auf Grund ana- 
lytischer Erfahrung sehr viel für die Erziehungsberatung und die Heilpädagogik 
leisten. Meine bisherige Erfahrung spricht wenigstens dafür. Die kurzen „Er- 
ziehungsbehandlungen auf analytischer Grundlage", wie ich sie nenne, sind in 
allen Fällen, in denen die Störmig der Über-Ich-Bildung die Ursache der Dis- 
sozialität war, das Mittel der Wahl, um solche Kinder in verhältnismäßig kurzer 
Zeit sozial werden zu lassen. Die Methode hat femer den großen Vorteil, daß 
die Behandlung jederzeit in eine richtige Kinder- oder Jugendlichenanalyse 
übergeführt werden kann. 



I MELANIE KLEIN 

I Die Psydioanalyse des Kindes 

324 Seiten. Gr. 8°. Broschiert M 10.—. In Leinen M 12.— 

INHALT 

I. Teil: DU Technik der Kinderaiialyie: Die psychologischen Grundlagen 
der Kinderanalyse — Die Technik der Friihanalyse — Die Zwangs- 
neurose eines sechsjährigen Mädchens — Die Technik der Analyse im 
Latenialter — Die Technik der Analyse im Pubertätsalter — Die Neu- 
g rose des Kindes — Die Sejcualbetätigung des Kindes 

S' II. T e i i : Frühe Angstsituationen und ihre Auswirkung auf die Gesamtent- 

= Wicklung: Frühstadien des Ödipuskonfliktes und der Über-Ich-Bildung — 

M Die Beziehung zwischen der Zwangsneurose und den Frühstadien der 

S Über-Ich-Bildung — Die Bedeutung früher Angstsituationen für die Ich- 

= entwicklung — Die Auswirkungen früher Angstsituationen auf die weibHche 

S Sexualentwicklung — Die Auswirkungen früher Angst Situationen auf die 

(männliche Sexualentwicklung 
Anhang: Wirkungsweise, Grenzen undMöglichkeiten der Kinderanalyse. 
_ Literaturverzeichnis / Autorenregister / Sachregister 



I Internationaler Psydioanalytisdier Verlag in Wien = 



— 514 — 



Die narzißtisdie Kränkung der Eltern durdi die 

Erziehungsberatung. 



Von Dr. Hans Schikola. 



- !■■• 



Für die Praxis der Erziehungsberatung ist eine genaue Kenntnis von 
der Art der Übertragung wichtig, die von den Eltern auf den Erziehungs- 
berater gemacht wird. Von gleicher Notwendigkeit wäre übrigens auch die 
Untersuchung des zwischen Eltern und Lehrern, bzw. anderen Erziehungs- 
personen bestehenden Übertragungs Verhältnisses. Zum Erziehungsberater be- 
steht meist eine viel günstigere Einstellung als zu dem wertenden und 
Noten gebenden Lehrer, so daß die Beeinflussungsmöglichheit für den Er- 
ziehungsberater schon von vornherein größer ist. Ebenso wichtig wie die 
Kenntnis der Übertragung ist aber auch die Kenntnis der Widerstände, 
die die Eltern der Erziehungsberatung im allgemeinen und dem einzelnen 
Erziehungsberater persönlich entgegenbringen. Eine gedeihliche Beratung 
Terlangt, daß beide Arten des Widerstandes so wie in der Analyse ständig 
im Auge behalten und überwunden werden, was allerdings in der Er- 
ziehungsberatung oft viel schwerer ist als in der Analyse. 

Für die Erziehungsberatung besteht eine ähnliche Lage wie für die 
Kinderanalyse. Auch bei ihr steht der Berater nicht bloß dem Kinde gegen- 
über, er muß als einen sehr wichtigen Faktor für seine Arbeit die Ehern 
des Kindes in Betracht ziehen. Die Schwierigkeiten, die sich für die Kin- 
deranalyse aus den Übertragungs Verhältnissen und den Widerständen der 
Eltern ergeben, hat kürzlich Dorothy Burlingham in einer Abhand- 
lung „Kinderanalyse und Mutter" besprochen^. Sie gelten in ähnlicher 
Weise auch für die Erziehungsberatung. Ich möchte die Widerstände der 
Eltern, die für die Erziehungsberatung in Betracht kommen, in drei Gruppen 
teilen: a) in solche, die sich aus dem Übertragungsverhältnis zum Berater 
ergeben, b) in solche, die auftreten, sobald der Berater durch seine An- 
ordnungen libidinöse Befriedigungen stört, die die Eltern aus ihrem Ver- 
halten zu den Kindern genießen, c) solche, die aus dem Narzißmus der 
Eltern entspringen. Besonders einer dieser aus dem Narzißmus stammenden 
Widerslände bildet das Thema dieser Arbeit, 

Vor- und Nachteile der positiven Übertragung sind bei der Erziehungs- 
beratung ähnlich wie in der Analyse des Erwachsenen. Die Eltern proji- 
zieren auf den Berater Gefühle, die, wenn dies auch der Narzißmus des 
Beraters nicht immer vor sich selbst zugeben will, nicht von ihm selbst 
hervorgerufen werden, sondern in der frühen Kindheit der Eltern ganz an- 
deren Personen gegolten haben. Sie sehen in dem Berater ein Abbild dieser 
Menschen und machen auf ihn eine Vater-, Mutter- oder Geschwister-Über- 



i) Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, VI, 7/8, 

- 515 - 



tragung. In der positiven Übertragung allein ist die Beratung möglich. 
Hier liegt der große Unterschied zur Analyse des Erwachsenen, bei der 
der Analytiker auch aus der negativen Übertragung, wenn sie nicht allzu 
groß wird, brauchbares Material für die Analyse schöpfen kann. Kommen 
dagegen Eltern von vornherein mit einer negativen Übertragung zum Be- 
rater und gelingt es nicht, diese aufzuheben, dann bleibt die Beratung 
erfolglos. Der Erziehungsberater steht auch hierin gegenüber dem Analy- 
tiker im Kachteil, weil er nicht so wie dieser die Möglichkeit hat, in 
wochenlanger Arbeit die negative Übertragung aufzulösen. Wie in der 
Analyse wird aber auch die positive Übertragung zur Verdeckung von 
Widersländen benützt: Die Eltern fühlen sich in ihrer Liebe zum Berater 
oft gekränkt, werfen ihm vor, daß er andere Ratsuchende oder deren Kinder 
bevorzuge, rechnen ihm genau vor, um wie viele Minuten er mit anderen 
länger gesprochen habe als mit ihnen und verbergen hinter dieser großen 
Zuneigung ihre Widerstände. Auch größere Gefahren birgt die positive 
Übertragung in sich und kann wie in der Analyse zum Abbruch der Be- 
ratung zwingen, wenn sie übermäßig stark wird: In einem von mir erlebten 
Falle wurde die Beratung dadurch unmöglich, daß die Mutter des Kin- 
des, anscheinend eine erotomanische Person, nach einigen harmlosen Be- 
sprechungen eine Beihe von Briefen an mich richtete, die ziemlich unverhüllt 
die Aufnahme eines intimen Verhältnisses anregten. 

Recht beträchtliche Widerstände werden selbst bei günstigen Übertra- 
gungsverhältnissen wachgerufen, wenn der Berater gezwungen ist, im In- 
teresse des Kindes Forderungen an die Eltern zu stellen, die ihre libidinÖsen 
Triebbefriedigungen stören. Beispiele hiefür anzuführen, würde zu weit 
führen, weil ja, je nach den Komplexen der Eltern, alle Triebregungen 
überhaupt in Betracht kommen. Die Abwehr der meist nicht analysierten 
Eltern ist oft sehr begreiflich, wenn man denkt, welch große Forderungen 
der psychoanalytisch eingestellte Erziehungsberater an sie stellt. Eine Reihe 
von Beispielen aus der Abhandlung von Dorothy Burlingham gelten auch 
für die Erziehungsberatung, denn der Kinderanalytiker arbeitet ja unter 
ähnlichen Verhältnissen wie der Erziehungsberater. Im allgemeinen tauchen 
starke Widerslände der Eltern besonders dann auf, wenn man übermäßige 
Zärtlichkeiten und Liebkosungen, die dem Kinde schädlich sind, einzu- 
dämmen versucht. Sie können sich dabei überdies hinter ihrer großen 
Liebe verschanzen. Auch auf dem Wege der Identifizierung kommen diese 
Widerstände zustande und können die Beratung gefährden: Eine Mutter 
kommt um Rat, weil ihre zwölfjährige Tochter Angslvorstellungen zeigt. 
Das Mädchen schläft mit dem fünfzehnjährigen Bruder in einem Bette 
und hierin scheint die Ursache für ihre Ängste zu liegen. Die Mutter, die 
ziemlich deutlich an ihren beiden Kindern die inzestuösen Wünsche auf 
ihren eigenen Bruder unbewußt erfüllen will, weicht meinem Rate, 
die Kinder getrennt schlafen zu lassen, lange Zeit aus, mit der Begründung, 
sie habe kein Geld für ein Bett. Als ich es durchsetze, daß der geschiedene 

- 516 — 



Mann ihr einen größeren Geldbetrag zur Verfügung stellt, der ausdrück- 
lich für das Bett bestimmt ist, kommt sie nicht mehr. 

Vielleicht die größten Schwierigkeiten bereiten dem Erziehungsberater 
die narzißtischen Widerstände. Schon die Tatsache allein, eine Erziehunes- 
beratung aufsuchen zu müssen, kränkt die Eitelkeit der Eltern sehr. Be- 
sonders Männer sind oft empfindlich verletzt, wenn man ihnen zumutet 
eine Erziehungsberaterin zu befragen. Auch die Notwendigkeit, intime 
häusliche und persönliche Verhältnisse dem Berater anzuvertrauen, verletzt 
den Narzißmus der Eltern. Häufig ergeben sich Fälle ähnlich wie der: Ein 
Knabe erzählt mir von den schweren Züchtigungen, die er oft genug vom 
Vater erleiden muß. An der Wahrheit seiner Erzählung ist nicht zu 
zweifeln. Aber er bittet mich, ja nicht mit dem Vater darüber zu sprechen, 
sonst dürfe er bestimmt nicht mehr zu mir kommen. Derselbe Vater hat 
mir gesagt, daß er seine Kinder nie schlage. Ich bin auch überzeugt, daß 
er niemals zugegeben hätte, es doch zu tun. 

Im folgenden will ich eine Form des narzißtischen Widerstandes der Eltern 
gegen die Erziehungsberatung hervorheben, in der ich eine Grundform all 
der Widerstände zu erkennen glaube, die die Eltern gegen jede Einmischung 
in die Erziehung ihrer Kinder richten. Jedenfalls tritt dieser Widerstand 
regelmäßig und immer wieder auf. Er verrät sich oft durch die ängstliche 
Frage: „Glauben Sie nicht, daß mir das Kind durch die Erziehungsberatung 
entfremdet werden wird?" Logisch ist diese Frage recht wenig be- 
gründet; es ist kaum anzunehmen, daß ein Kind dadurch entfremdet 
werden könne, daß es alle acht bis vierzehn Tage eine Unterredung mit 
dem Berater hat. Viel näherliegeud wäre ein freudiges Zugreifen der Eltern 
nach einer sich darbietenden Hilfe, Das läßt vermuten, daß es sich hier 
um eine rationalisierte Form eines tiefcrliegenden Widerstandes handle. 
Ein solcher muß vorhanden sein, wenn Eltern schwer oder überhaupt 
nicht zu bewegen sind, die Erziehungsberatung aufzusuchen. 

Wir sehen dann immer, wie wenig gewissenhaft die Anordnungen und 
Ratschläge des Erziehungsberaters von den Eltern befolgt werden. Wohl 
gibt es hier im Verhalten des Patienten zum Arzte eine Parallele. Auch 
der Patient erfüllt nicht immer in wünschenswerter W'eise die Anordnungen 
des Arztes. Aber er tut dies bloß, weil gewisse libidinöse Strebungen durch 
die Vorschriften des Arztes betroffen werden. Bei den Eltern scheint aber 
noch ein anderer Widerstand zu wirken. Schließlich legt schon die Tat- 
sache, daß die Menschheit so lange dazu gebraucht hat, die Notwendigkeit 
der Erziehungsberatung zu erfassen, die Vermutung nahe, es sei in dieser 
Frage ein schwerer, unbewußter Widerstand am Werke, in dessen Folge 
sie blind gegen die Forderungen der Erfahrung geblieben ist. Trotz der 
jahrtausendalten Differenzierung der menschlichen Tätigkeiten hat der 
Großteil der Menschen es bis heute als selbstverständlich betrachtet er- 
ziehen zu können. Der besondere Beruf des Erziehers war gleich dem 
des Künstlers eine innere Berufung und erst seit kaum zwanzig Jahren 

- 517 - 



reifte der Gedanke, auch auf diesem Gebiete Fachleute fachmäßig aus- 
zubilden. 

Die Erklärung dieses Grundwiderstandes der Eltern gegen jede Ein- 
mengung in die Erziehung ihrer Kinder denke ich mir folgendermaßen: 
Freud hat gezeigt, wie die primitiven Menschen im Glauben an die 
„Allmacht der Gedanken" leben, d. h. sie sind davon überzeugt, 
daß schon die Tätigkeit des Denkens dazu genüge, ihre Wünsche zur Er- 
füllung zu bringen^. Freilich ist diese Erfüllung an gewisse magische Hand- 
lungen geknüpft. Sie glauben auf diese Weise Naturvorgänge beeinflussen 
^u können, sich ihrer Feinde erwehren und sich vor Krankheiten schützen 
zu können, es gibt dabei für sie kein Hindernis der Entfernung — kurz, 
ihrem Wünschen sind keine Grenzen gesetzt. Denselben Glauben hat er 
auch in den Neurosen wiedergefunden, besonders in den Zwangsneurosen. 
Die Zwangshandlungen dieser Kranken hat er als magische Handlungen 
gedeutet, die der Abwehr drohenden Unheils dienen. Überreste dieses Glau- 
bens finden sich innerhalb der heutigen Kultur noch in Religion und 
Kunst sowie im Aberglauben. 

Ferenczi hat im Anschluß an diese Annahmen Freuds und auf Grund 
von Beobachtung angenommen, daß jeder Mensch als Kind eine Periode 
der magischen Gedanken durchmacht, in der es sich „im Besitze 
zauberhafter Fähigkeiten" dünkt^. Er versteht darunter jene Zeit, in der 
das Kind beginnt, bewußt zu denken und seine Gedanken miraisch oder 
in Worten kundzugeben. Da sich die Pflegepersonen bemühen, die Wünsche, 
die das Kind auf diese Weise ausdrückt, möglichst sofort zu erfüllen, kommt 
sich das Kind allmächtig vor. Genauer gesagt, behält es auf diese Weise 
den Glauben an seine Allmacht bei, den es in früheren Phasen seiner Ent- 
wicklung gewonnen hat und der nach Ferenczis Meinung seine Wurzel in 
der Erinnerung an das intrauterine Leben hat, in dem das Kind in der 
„Periode der unbedingten Allmacht" lebt. 

Von diesen Grundlagen ausgehend kann man nun zur Erklärung der 
Widerstände der Eltern folgendes annehmen: Alle Menschen erleben als 
kleine Kinder diese Allmacht und durchlaufen eine Periode der magischen 
Gedanken. Im Laufe der Entwicklung geben sie jenen Glauben unter dem 
Drucke der Realität nur schwer und ungern auf. Das geschieht aber nicht 
vollständig. Nun hat schon Freud in dem obengenannten Werke auf die 
enge Verbindung dieses Glaubens mit dem Narzißmus hingewiesen, das ist 
jenes Stadiums, in dem das Objekt der Sexualtriebe kein äußeres ist. son- 
dern das eigene Ich. Aus dieser starken narzißtischen Liebe zum eigenen 
Ich erklärt er die Überschätzung der psychischen Fähigkeiten. Schon hier 
betont er, daß eine Regression auf den Narzißmus dieselben Folgen haben 
muß, wie die ursprüngliche libidinöse Überbesetzung des Denkens beim 

i) Freud, Ges. Schriften, X: „Totem und Tabu" tAnimismus, Magie u. Allmacht). 
a) Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse, I: „Entwicklungsstufen des Wirk- 
lichkeitssinnes." 

— 518 — 



Kinde: die Allmacht der Gedanken. An anderer Stelle^ hat er die Liebe 
der Eltern zum Kinde „als Wiederaufleben und Reproduktion des eigenen, 
längst aufgegebenen Narzißmus" aufgefaßt. Er betrachtet gerade die Eltern- 
liebe als einen wichtigen Beweis für die Annahme eines primären Narzißmus 
beim Kind. Aus der Art, wie die Eltern ihre Kinder lieben, schließt er 
daß die Eltern selbst als Kinder ein Stadium des Narzißmus durchlaufen 
haben mußten. Zusammenfassend sagt er geradezu: „Die rührende, im 
Grunde so kindliche Elternliebe ist nichts anderes als der wiedergeborene 
Narzißmus der Eltern.** Es liegt nun nahe, daß mit dem Wiederaufleben 
der starken narzißtischen Strebungen, die mit dem Besitze eines Kindes 
verbunden sind, auch eine Wiederbelebung des Glaubens an die Allmacht 
der Gedanken auftritt. Anders ausgedrückt kann man sagen: Die Geburt 
eines Kindes hat für die Eltern eine Kegression auf den primären Narzißmus 
zur Folge. Mit dieser ist die Regression auf die Periode des magischen 
Denkens verbunden. 

Weil aber diese Wiederholung des magischen Denkens sich mit einem 
vollausgebildeten Wirklichkeitssinn abzufinden hat, muß sie eine starke 
Abänderung gegenüber der Kindheitsmagie zeigen. Das Denken in der 
magischen Periode des Kindes ließe sich so formulieren: Ich kann mit 
Hilfe meiner Gedanken und Wünsche alles, was ich will. Die Formel für 
das durch den wiederbelebten Narzißmus erfüllte Denken der Eltern lautet 
so: Ich habe als Kind geglaubt, allmächtig zu sein. Diesen Glauben habe 
ich aufgeben müssen. Ich wünsche nun, wenigstens über mein Kind All- 
macht zu besitzen. In diesem Wunsche zur Allmacht über das 
Kind erhält der in den Eltern durch den Besitz eines Kindes so ver- 
stärkte Narzißmus die Möglichkeit, jenen infantilen Wunsch nach Allmacht 
einer gewissen Befriedigung zuzuführen und sich im Verhalten gegen das 
Kind für die vom Realitätsprinzipe einst erzwungene Aufgabe dieses Wun- 
sches zu entschädigen. 

Vielleicht liegt hier der Grund, daß auch für die Männer der Besitz 
eines Kindes soviel Befriedigung bringt, obgleich bei ihnen alle die libi- 
dinösen Befriedigungs quellen fehlen, welche der Frau in Schwangerschaft, 
Geburt, Stillen und Wartung des Kindes zuströmen und sie so stark an 
das Kind binden. Möglicherweise ist der Mann gerade deshalb, weil eben 
die libidinösen Befriedigungs quellen fehlen, darauf angewiesen, in dem 
Wunsche nach Allmacht über das Kind besondere Befriedigung zu suchen. 
Diese Annahme erklärt, weshalb meistens die Männer es sind, die inner- 
halb der Familie die Leitlinien für die Erziehung der Kinder angeben, 
d. h. also, ihre Allmacht den Kindern gegenüber auszuüben suchen. Das 
zeigt sich besonders deutlich z. B. in der Kindheit der großen Künstler, 
bei denen meistens die Väter sich dem Wunsch nach einer Künstlerlauf- 
bahn widersetzten. 



i) Freud, Ges. Schriften, VI: „Zur Einführung des Narzißmus", S. 174. 

- 519 - 



In früheren Zeiten hat bekanntlich der Vater wirklich eine an Allmacht gren- 
zende Gewalt über das Kind besessen und zwar in Hinsicht auf das Leben und 
den Körper. Ich meine das, was wir heute mit dem von den Römern stammenden 
Ausdruck die patriapotestas nennen. Der römische Vater hatte wirklich das Recht, 
über das Leben seines Kindes zu verfügen. Nach der Geburt wird ihm das Kind 
vor die Füße gelegt. Hebt er es auf, dann kann es am Leben bleiben. 
Läßt er es liegen, dann muß es sterben (ursprünglich zertritt er es wohl 
mit den Füßen). Derselbe Brauch findet sich auch bei den Germanen. 
Dieses Recht stand dem römischen Vater dem Gesetze nach bis in die 
Kaiserzeit zu, wenn es auch schon Jahrhunderte vorher kaum in Anspruch 
genommen wurde. Noch früher hatte der Vater sogar das Recht, auch 
herangewachsene Kinder zu töten, worauf z. B. eine Stelle bei Livius (I. 27) 
hinweist, wo der Vater des Horatius erklärt, er würde auf Grund seines 
Rechtes aJs Vater den Sohn tüten, der die Schwester gemordet hatte. Der 
Vater hat auch das Recht, die Kinder in die Sklaverei zu verkaufen. Tacitus 
berichtet (Ann. IV, 72), daß die Friesen aus Not Kinder an die Römer ver- 
kauften. Vielleicht ist bei uns ein solcher VN'unsch nach Allmacht über das 
Leben der Kinder zu finden, wenn Selbstmörder ihre Kinder mit in den 
Tod nehmen. Sie wollen nicht, daß nach ihnen jemand anderer Macht 
über ihre Kinder haben soll. Auch im Verhalten der Kindesmörderinnen 
könnten solche Allmachtsgedanken eine Rolle spielen. 

VVie eifersüchtig auch die heulige Gesellschaft an dem Wunsche nach 
der Allmacht über das Kind festhält, zeigt sich darin, wie schwer es noch 
immer in der Gesetzgebung ist, dem Vater die väterliche Gewalt abzuer- 
kennen (die ja juristisch ein direkter Abkömmling der patria potestas ist), 
obwohl die Kreise der Kinderfürsorge lebhaft eine Gesetzesänderung in dieser 
Hinsicht anstreben. Daß diese Allmacht nur den Eltern zustehen soll, läßt 
sich auch aus dem sicher nicht ganz selbstverständlichen Verhalten gerade 
der niederen Volksschichten erschließen, in denen es strenger Grundsatz 
ist, ein fremdes Kind nicht zu schlagen, der merkwürdig konsequent ein- 
gehalten wird. Zur väterlichen Gewalt gehört auch das Züchtigungsrecht 
Folgerichtig gab das Gesetz bis vor kurzem dieses Recht allen jenen Per- 
sonen, die in der Rolle des Vaters dem Kinde gegenüberstehen, z. B. Lehrern 
und Lehrherren. Das tiefe Bedauern über die Schmälerung dieser Allmacht 
charakterisiert^ in seiner satirischen Weise Ludwig Thoma in seiner 
„Tante Frieda", wenn der Volksschullehrer immer wieder schwer entrüstet 
erklärt: „Man darf keinen mehr auf den Kopf hauen." 

Auffällig ist auch die Tatsache, daß die meisten primitiven Völker ihre 
Kinder fast gar nicht züchtigen und viel milder zu ihnen sind als wir^ 
Vielleicht ist es gerade der Umstand, daß die primitiven Völker ihre All- 
machtswünsche in der sie rings umgebenden Magie erfüllen können, der 
es ihnen um so viel leichter macht, ihren Kindern gegenüber milde zu sein. 

i) Vgl. Alice Balint: „Die Psychoanalyse des Kinderzimmers", Zeitschrift 
für psychoanalytische Pädagogik, VI, 2/5, Seite 57. 

— 520 — 



Bisher hat man zur Erklärung der Aggressionen der Eltern gegen die 
Kinder nur die sadistischen Triebregungen herangezogen. Mir erscheint 
diese Erklärung nicht ausreichend, wenn man das Verhalten der Primitiven 
in Betracht zieht. Denn selbst wenn wir annehmen, daß sie viel größere 
Möglichkeiten als wir besitzen, ihren Sadismus zu befriedigen, bleibt noch 
unerklärt, warum ihre sadistischen Triebregungen gerade vor ihren eigenen 
Kindern haltmachen. Ich glaube vielmehr, daß das Züchtigen der Kinder aufler 
den sadistischen Triebfedern immer auch magischen Charakter hat. 
Das findet auch in der Sprache seinen Ausdruck, Die Androhung körper- 
licher Strafen mit den Worten: „Das werde ich dir schon austreiben" 
erinnert an das Austreiben von Dämonen, die ja auch sonst, z. B. im Toten- 
iult, mit Schlägen ausgetrieben werden. (Noch deutlicher in der öster- 
reichischen Umgangssprache: „Dir werde ich die Mucken austreiben." 
Mucken, mundartlich für Mücken sind wahrscheinlich die geflügelten Dä- 
monen.) Es ist ja auch so sonderbar „primitiv", wenn der heutige Mensch 
trotz seiner so hohen Intelligenz, seelische Störungen noch immer in allzu 
einfacher körperlicher Art beheben will. 

Für unsere heutigen Kulturmenschen aber spielen diese Wünsche nach 
Allmacht über das Kind in körperlicher Hinsicht keine so große Rolle 
mehr. Im allgemeinen haben sie unter dem Drucke der Kultur auf sie 
verzichtet. Sie wollen sich aber dafür entschädigen, wenn sie sich diese 
Allmacht auf geistigem Gebiete, d. h. in der Erziehung, sichern wollen. 
Freud hat gezeigt, wie die Eltern bemüht sind, die Kinder nach ihren 
Wünschen und Idealen zu formen'. Ich sehe darin wieder den Wunsch, 
wenigstens dem Kinde gegenüber die Allmacht zu besitzen. Daher sind die 
Eltern so schwer enttäuscht und zum Haß geneigt, wenn die Kinder diese 
AUmachtswünsche durchkreuzen. In der magischen Periode glaubt das Kind, 
daß der Vater alles könne; in der Regression auf diese Periode glaubt der 
Vater, daß sein Kind alles könne. Aus diesem mit dem magischen Denken 
verbundenen Glauben an zauberische Fähigkeiten kommt vielleicht die Selbst- 
BJcherheit in Erziehungsfragen und die Blindheit, mit der sie den durch 
die Wirklichkeit gegebenen Fähigkeiten und Anlagen der Kinder gegen- 
überstehen. Die psychologisch so vortreffliche Erzählung: „Der Vorzugs- 
ichüler" von Maria Ebner-Eschenbach gibt ein Musterbeispiel dafür. 

Aus diesen Allmachtswünschen heraus vertragen die Eltern auch so schwer 
jede Einmengung in die Erziehung ihrer Kinder. Damit sind wir wieder 
bei der Erziehungsberatung angelangt. Jetzt läßt sich der anfangs erwähnte 
Einwand der Eltern verstehen, die Erziehungsberatung könne ihnen ihre 
Kinder „entfremden". Das „Entfremden" heißt umgedeutet: die Eltern 
fürchten mit gutem Instinkt, die Kinder könnten ihren Allmachlswünschen 
entzogen werden. Dagegen wehren sie sich, sie verzichten nur ungern auf 
eine Befriedigung, die ihnen umso teurer geworden ist, als sie durch die 



i) Freud, Ges. Schriften VI, 175: „Zur Einfülirung des Narzißmus". 

- 521 - 



ganze magische Art ihres Mechanismus sich so gut der Enttäuschung duxch 
die Wirklichkeit zu entziehen vermag. 

Für den Erziehungsberater ergibt sich hieraus die Erkenntnis, wie tief 
verankert gerade diese Form des Widerstandes ist. Sie bedarf besonders 
schonender Behandlung. Es empfiehlt sich für ihn, die Eltern mit feinem 
Takt so zu lenken, daß sie das Gefühl haben, die vom Berater vorgeschla- 
genen Maßregeln kämen aus ihrem eigenen Antrieb. Er verletzt auf diese 
Weise nicht die Allmachts wünsche der Eltern. Zur Illustration will ich die 
Äußerung einer Mutter mitteilen, die ich an eine Erziehungsberatungsstelle 
gewiesen hatte. Nach zweimaliger Beratung erklärte sie mir voll Freude, 
sie habe schon immer sich so zu dem Kinde verhalten wollen, wie es ihr 
jetzt die Erziehungsberaterin empfohlen habe, es habe ihr nur die innere 
Sicherheit dazu gefehlt. Um gerade diesen Widerständen zu begegnen, habe 
ich Eltern, die ich in meiner Eigenschaft als Lehrer auf die Erziehungs- 
beratung hinwies, erst dann in die ßeratungsstunde geschickt, wenn es mir 
gelungen war, sie richtig darauf vorzubereiten, d. h. analytisch gesprochen: 
ihre Widerstände gegen die Erziehungsberatung zu beseitigen. Ich ließ sie 
aber auch weiter ständig in meine Sprechstunde kommen, um die gegen 
den Erziehungsberater sich ergebenden W'iderstände zu erfahren und aufzu- 
lösen. So erleichtert der Lehrer dem Berater seine Aufgabe und wirkt im 
Sinne der Erziehungsberatung mit. Ich habe mich von der Notwendigkeit 
dieser Hilfe oft überzeugt und kann dieses Vorgehen empfehlen. Der Er- 
ziehungsberater wird freilich die Widerstände der Eltern trotzdem ständig 
im Auge behalten. 



p In zweiter, vermehrter Auflage erschien: S 

I Einführung in die Tedinik der Kinderanalyse | 

I Vorträge am Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1 

S = 

I ANNA FREUD 1 

s g 

B I n h alt: I) Die Einleitunß der Kinderanalyse - II) Die Mittel der Kinderaualyse - 1 

111] Die Rolle der Übertraßune in die Kinderanalyse — IV) Das Verhältnis der Kinder- S 

analyse zur Erziehung — Anhang : Zur Theorie der Kinderanalyse b 

Geheftet M. 2.yo, Ganzleinen M. 4. — g 



^ Internationaler Psydioanalytisdier Verlag in M^ien l 



- 522 — 



Erziehungsberatung, Erziehungshilfe, Erziehungs- 

behandlung 

Von Dr. Fritz Redl 

Die richtige Benennung eines Wissenschaftsgebietes ist nicht leicht. Wai 
wir für eine bescheidene terminologische Frage halten, birgt oft tiefgreifende 
prinzipielle und methodische Probleme. Besonders deutlich zeigt sich diei 
dann, wenn es sich um ein praktisch gerichtetes Wissenschaftsgebiet handelt, 
dessen Fragenkreise nicht nur von den engeren Fachleuten erörtert werden, 
sondern an dem auch die breitere Öffentlichkeit interessiert ist. Die Schwierig- 
keit, die in solchen Fällen entsteht, liegt vorwiegend darin, daß sich die 
Aufgaben eines solchen Wissenschaftsgebietes längst so sehr erweitert 
haben, daß sich die jetzt vorherrschende Arbeitsweise von dem, was für die 
Benennungseinerzeit ausschlaggebend war, wesentlich unterscheidet, während 
die Öffentlichkeit noch zähe an den mit der alten Bezeichnung verbundenen 
Vorstellungsweisen festhält. Der Name Psychoanalyse selbst ist dafür ein 
deutliches Beispiel, doch auch der Begriff „Erziehungsberatung" scheint 
dieses Schicksal zu teilen. Die Erweiterung, die der Aufgabenkreis des Er- 
-ziehungsberaters bei gleichbleibendem Namen mitgemacht hat, läßt sich 
in drei Etappen schildern. 

Der Name haftet an der sinnfälligsten dieser Aufgaben, nämlich am Er- 
teilen von Ratschlägen an die mit der Erziehung des Kindes betrauten 
Personen. Was dabei als Beratung bezeichnet werden kann, geschieht in 
zweierlei Richtung: Der unmittelbare Sinn, der sich mit diesem Aus- 
druck verbindet, ist der eines Helfens für das Erziehen durch allge- 
meine Ratschläge, durch das Mitteilen gewisser Regeln, die für die Be- 
handlung von Kindern als richtunggebend gelten. Doch selbst wenn wir 
zugeben, daß allgemeine Verhaltensweisungen solcher Art gelegentlich nicht 
nutzlos sind, ist man sich heute wohl darüber einig, daß die viel wichtigere 
Aufgabe in der individuellen Beratung zu suchen ist. Sie allein könnte 
die wünschenswerte Ergänzung zu all den belehrenden Vorträgen und Auf- 
sätzen über Erziehungsfragen bilden, die der Laienwelt seit Jahren geboten 
werden, ohne daß sich im einzelnen Verhalten viel bessern würde. 

So zeigt sich schon in dieser ersten Schicht der Tätigkeit des Erziehungs- 
beraters eine deutliche Verschiebung seiner Aufgabe. Daß die Öffentlichkeit 
von dieser Tatsache Kenntnis genommen hätte, kann nicht behauptet wer- 
den. Die meisten Eltern kommen in die Erziehungsberatungsstellen mit 
der Erwartung, sich mühelose Anweisungen für ihr jetziges und für alles 
künftige Verhalten in Erziehungsfragen holen zu können. Soll man Kinder 
strenge behandeln oder milde, soll man mehr mit Lob arbeiten oder mit 
Tadel, mit Belohnung oder mit Strafe? usw. — solche Fragen möchten 
sie gerne entschieden wissen. Sie sind dann meist auch sehr enttäuscht 

— 523 - 



wenn man ihnen, statt sie mit Phrasen abzuspeisen und ihnen bequeme 
Rezepte zu verschreiben, den ungeheuren Müheaufwand einer individuellen 
Behandlung ihrer Kinder aufzubürden hat. Sie pflegen sich für diese Ent- 
täuschung zu rächen, indem sie unsere Erklärungsversuche zuerst mit Ge- 
ringschätzung entgegennehmen. 

Im Begriffe einer individuellen Beratung liegt aber schon etwas Wei- 
teres beschlossen; der Schritt von der Auseinandersetzung mit den Erziehern 
zu einer intensiveren Beschäftigung mit dem Kinde selbst. Diese dient 
zunächst freilich nur der Absicht, zu einer klaren Diagnose zu gelangen, 
doch weit ist es nicht mehr von einer solchen rein informativen Beschäfti- 
gung mit dem Kinde zum Versuch einer erzieherischen Beeinflussung. 
Damit haben wir aber unseren Aufgabenkreis wieder um ein beträchtliches 
Stück erweitert und können auch leicht den Grund dafür angeben, 
daß wir gerade auf dieses Stück heute mehr Gewicht legen. Denn bei so 
ungünstigen Verhältnissen, wie wir sie in der Heim-Umgebung der Kinder 
meist antreffen, ist die Prognose für die Beeinflussung der Eltern so schlimm, 
daß wir froh sein müssen, wenn es uns gelingt, dem Kinde durch unseren 
Einfluß zu ersetzen, was ihm von seinen Erzieherpersonen vorenthalten 
wird. Dabei spielt sich diese nicht mehr beratende, sondern schon erziehe- 
rische Tätigkeit wieder in zwei Stufen ab: Zunächst kommen wir häufig 
genug in die Lage, rein äußere „fürsorgerische". Maßnahmen zu treffen 
oder zu veranlassen. Mit einer Umschulung des Kindes, einer Versetzung 
in ein anderes Milieu usw. erfüllen wir, was sonst eigentlich die Eltern 
selbst oder der Vormund zu tun hätten. Noch wichtiger ist aber unsere 
Hilfeleistung dann, wenn die Erzieherpersonen des Kindes zwar da sind 
und auch fürsorglich richtig funktionieren, wenn sie aber durch ihr un- 
richtiges Verhalten zum Kinde nicht den nötigen „inneren" erzieherischen 
Kontakt herzustellen vermögen. In allen diesen Fällen ist etwas in den 
Beziehungen des Kindes zu seinen Erziehern fehlgegangen. Dann haben 
wir die Aufgabe, ihm die entsprechenden Beziehungen zu uns zu ermög- 
lichen. So übernehmen wir häufig genug ein Stück Vater- oder Mutterrolle 
und erreichen dadurch, was dem „wirklichen" Vater oder der „wirklichen" 
Mutter des Kindes zu erreichen nicht möglich sein konnte. 
U ■ Diese Schicht unserer Tätigkeit ist mit dem Worte „Erziehungshera tu ng** 
noch nicht bezeichnet. Man könnte höchstens sagen, daß sie dabei anklingt, 
denn wir verwenden den Ausdruck „Jugendberatung" in ähnlichem Sinn. Die 
Öffentlichkeit ahnt von dieser zweiten Schicht unserer Tätigkeit nicht viel, in 
ihrem Bewußtsein hat sich die mit dem Worte „Beratung" fest verbundeneVor- 
stellung zähe eingewurzelt. Um so wichtiger wäre es. einen geeigneten Namen 
dafür einzuführen. Wesentlich ist dabei, daß es sich in dieser Schicht um nichts 
Neues handelt, das der Erzieh ungs her ater den sonstigen pädagogischen Maßnah- 
men hinzufügen würde, sondern nur darum, eine Lücke auszufüllen, die in den 
Beziehungen des Kindes zu seiner Umgebung entstanden ist. Dem Wesen nach 
bewegt sich diese Tätigkeit des Erzieh ungsberaters also ganz im Rahmen dessen, 

— 524 — 



was man auch sonst unter „Erziehung" im weitesten Sinne versteht. Je 
nach dem Ausmaß also, in dem wir mit der Unterstützung der Eltern 
rechnen können, könnten wir sie als „Miterziehung" bezeichnen oder ge- 
radezu als „Erziehungsersatz' . Um beides in einem Ausdruck zu treffen 
nennen wir sie vielleicht am besten „E r zi e h u n gs h i 1 f e", obgleich wir 
dabei keinen Augenblick vergessen, daß dieser Ausdruck weder sprachlich 
noch begriffs technisch als einwandfrei bezeichnet werden kann. 

In den meisten Fällen jedoch, mit denen wir es in unseren Erziehungs- 
beratungsstunden zu tun haben, finden wir mit den landläufig unter „Er- 
ziehung" gemeinten Methoden nicht unser Auslangen. Es muß oft genug 
erst ein Stück Neurose beseitigt oder ein Stück Charakterentwicklung nach- 
geholt werden, ehe wir Aussicht haben können, der Schwierigkeiten 
Herr zu vverden, doretwegen das Kind in Beratung gebracht wurde. Dazu 
reichen aber weder die Mittel, die uns die „Erziehung" zur Verfügung 
stellt, noch sind die „natürlichen" Erzieherpersonen, die auf das Kind ihren 
Einfluß auszuüben pflegen, zu solchen Maßnahmen zu gebrauchen. Was 
der Erziehungsberater hier vorzunehmen hat. ist nicht gewöhnliche Beein- 
flussung des kindlichen Verhaltens, sondern ein Stück Erfassung und Ge- 
staltung des kindlichen Unbewußten. Dazu bedarf es aber ganz be- 
sonderer Bedingungen, als deren erste wir wolil die entsprechende analaty- 
tische Schulung des Beraters werden bezeichnen müssen. Wie neuartig das 
ist, was der Erziehungsberater da zu tun hat, geht schon daraus hervor, 
daß wir dafür überhaupt keinen Namen besitzen. Ja, es fällt uns schwer, 
anzugeben, worum es sich eigentlich handelt. Leichter ist es vielleicht, 
auf dem Umweg über eine negative Definition zum Verständnis des hier 
Gemeinten zu kommen. 

Zur Erziehung im gewöhnlichen Sinne des Wortes gehört jedenfalls 
diese Tätigkeit des Erzieh uiigsberaters nicht mehr, sie dringt bedeutend 
tiefer. Zur Erziehung bedarf es einer festen Bindung an die erziehende 
Person und bestimmter Methoden, diese Bindung unmittelbar zur Trieb- 
einschränkung auszunutzen. Was aber hier geschieht, verlangt eine andere i 
Verwendung der bestehenden affektiven Eindungen, nämlich nicht zur 
Triebeinschränkung oder Triebbefreiung, sondern zum Bewußlmachen von 
Triebregungen und zum Erfassen des Unbewußten überhaupt. Dazu ist 
vor allem der Verzicht auf jedes autoritative Verhalten nötig. Was wir 
brauchen und herstellen, ist ein Stück „analytischer Situation", wenigstens 
als Ausgangspunkt unserer Arbeit. Das erfordert aber gerade die entgegen- 
gesetzten Bedingungen wie das Sichern eines handfesten erzieherischen Ein- 
flusses. Andrerseits handelt es sich aber auch nicht um ausgesprochene 
Analyse, denn zu einer solchen ist weder Zeit noch Möglichkeit ge- 
geben, wenngleich ihre Anwendung oft angezeigt ist. Praktisch niuß sich 
der Erziehungsberater mit einer viel weniger lief greifenden Arbeit be- 
gnügen, umsomehr als er ja auf ein Stück unmittelbarer Einflußnahme 
auf das Tun des Kindes kaum wird verzichten können. Was wir meinen. 

Zeitichriftf.psfl,Päd.,VI/ii;i2 525 m 



liegt also theoretisch zwischen dem üblichen „Erziehungskontakt" und der 
„analytischen Situation". Praktisch wird es sich nicht um ein Entwedei^ 
Oder handeln, sondern um ein Sowohl-Als auch. Wir werden mit der 
prinzipiellen Möglichkeit, ein Stück analytischer Situation von Zeit zu 
Zeit herstellen zu können, zufrieden sein müssen. Wo auf der Linie 
zwischen erzieherischer Bindung an uns und analytischer Situation die 
Beziehungen des Kindes tatsächlich zu liegen kommen, wird vom 
Einzelfall abhängen'. . *• - .- ■ i- - . - 

Jedenfalls wird die Tätigkeit, die wir hier meinen, immer mehr zu 
unserer eigentlichsten, engsten Aufgabe. Sie ist aber weder bloßer Ersatz, 
noch bloße Ergänzung dessen, was das Kind bei richtiger Erziehung ohne- 
dies bekommen würde und nur wegen des mangelhaften Funktionierens 
seiner Erzieherpersonen nicht finden kann, sondern sie bedeutet etwa« 
wesentlich Neues, von allem anderen Verschiedenes. Mit der Betonung 
dieser Tätigkeitsschicht erweitern wir also unseren Aufgabenkreis aufs neue, 
diesmal aber um etwas, das in den landläufig mit dem Begriff „Erziehung" 
verbundenen Vorstellungen überhaupt noch nicht enthalten ist. 

Umsomehr muß uns darum zu tun sein, einen Namen zu finden, mit 
dem wir diese dritte Schicht abgrenzen könnten von den beiden anderen, 
zum Zwecke der Darstellung nach außen und auch für unseren eigenen 
Gebrauch. Bei näherem Zusehen nämlich stellt sich ein geradezu bizarr 
zu nennender Tatbestand heraus: wir vvissen zwar alle recht wohl, was 
wir mit dieser Tätigkeitsschicht meinen, weichen aber einer eindeutigen 
Bezeichnung durch allerlei Umschreibungen aus, indem wir von einem 
„Stück analytischer Beeinflussung" reden oder von einem „Stück Erziehung 
auf analytischer Grundlage". Ein solches Ausweichen ist auf die Dauer 
unhaltbar und muß zu unliebsamen Ungenauigkeiten führen. Es ist aber 
vor allem auch verdächtig, denn es scheint der Flucht vor der Notwendig- 
keit der Auseinandersetzung mit einem schwierigen Problem zu dienen. 
Nun sind aber Probleme noch nie dadurch gelöst worden, daß man ihnen 
aus dem Wege geht. Darum sei hier versucht, die Dinge beim richtigen 
Namen zu nennen, selbst auf die Gefahr hin, daß diese Untersuchung 
vorerst von Analytikern und Pädagogen mißverstanden würde. 

Wovor wir nämlich mit all den Umschreibungsversuchen ausweichen. 
ist leicht anzugeben, denn die ganze Benennungssorge hätte mit einem 
Schlage ein Ende, wenn wir uns dazu entschließen könnten, uns des Aus- 
druckes „analytische Erziehung" zu bedienen. Um dies zu er- 
weisen, sei mir auf einen Augenblick gestattet, diesen Ausdruck zu ge- 
brauchen, um ihn dann gleich wieder zurückzuziehen: Wir könnten dann 
die Tätigkeitsschichten des Erziehungsberaters leicht in ihre drei Schichten 
zerlegen. Von der Aufgabe individueller Beratung der Erzieherpersonen 

i) „Über den methodischen Gegensatz zwischen Erziehung und Psychoanalyse" 
siehe Freud, Vorrede zu Aichhorns Buch „Verwahrloste Jugend" und Anna 
Freuds Arbeiten, 

w - 526 — . 



als Randgebiet unserer Tätigkeit steigen wir zu dem Versuch unmittel- 
barer Erziehungshilfe im landläufigen Sinne des Wortes „Erziehune" 
auf, um dem Kind in all den Fällen, wo es sich um ernstere Störungen 
handelt, durch ein Stück analytischer Erziehung hilfreich zur 
Seite zu stehen. Es ist auch klar, daß diese „analytische Erziehung" nur 
deshalb in das Tätigkeitsfeld des Erziehungsberaters fällt, weil sie sonst in 
unserem Schul- und Erzieh ungswesen noch nicht geübt wird. Da keine 
Erziehung ihrer gänzlich entbehren kann, müssen wir analytische Er- 
ziehung bei allen Erziehungsinstanzen fordern, eben um zu erreichen, daß 
die Kinder nicht mehr in den Erziehungsberatungsstellen landen'. 

Doch — trennen wir uns wieder von unserem Terminus, wenden wir 
unser Interesse aber der Frage zu, warum seine Einführung auf so großen 
Widerstand stoßen würde. Als Grund dafür drängt sich uns eine Gegen- 
sätzlichkeit^ auf, die zwischen den Begriffen „Analyse" und „Erziehung" 
zu bestehen scheint. 

Auf den ersten Blick muß uns der Widerspruch befremdlich erscheinen. 
Weisen wir auf ihn nicht gerade in einer Zeitschrift für „analytische Pä- 
dagogik" hin? Wenn es also analytische Pädagogik gibt, ist dann der Be- 
griff „analytische Erziehung" nicht als gesichert zu betrachten? Der 
Fehler, auf dem eine solche Vermutung beruhen würde, liegt auf der 
Hand. Die Rolle, die die Analyse für die Pädagogik auf alle Fälle zu 
spielen vermag, ist ganz offensichtlich darin zu suchen, daß aus ihren Er- 
gebnissen eine Reihe von wertvollen Folgerungen für die pädagogischen 
Forschungsgebiete gezogen werden kann. Die gründliche Kenntnis des fruh- 
kindlichen Trieblebens, das Verständnis der als Verdrängung, Sublitnierung 
usw. bezeichneten Vorgänge muß jeder Art von Pädagogik zu denken 
geben, sie bei der Gestaltung ihrer Methodik unbedingt beeinflussen. In 
diesem Sinne gibt es also ohne Zweifel analytische Pädagogik, sie ist die 
Verwertung analytischer Forschungsergebnisse für die Erfüllung pädago- 
gischer Aufgaben und für die theoretische Bearbeitung pädagogischer 
Problemkreise. 

Was wir aber auf Grund solcher aus der Analyse gewonnener Einsichten 
pädagogisch tun, bleibt immer noch Erziehung im ganz gewöhnlichen 
Sinne. Mit Analyse hat das noch nichts zu tun. Ich werde mich bei der 
Behandlung des schlimmen Kindes bestimmt anders verhalten, wenn ich 
einen analytischen Einblick in die Wurzeln seiner Schlimmheit gewonnen 
habe. Ich werde in der Wahl meiner Erziehungsmittel klüger sein. Das 
Ziel meiner Tätigkeit, die Beseitigung seiner Schlimmheit und die reibungs- 
losere Einordnung des Kindes in seine Umgebung, ändert sich darum 
nicht, wohl aber der Weg zu diesem Ziel. Die Analyse desselben Kindes 

i) Vgl. dazu meinen für ein analysefremdes Publikum geschriebenen Aufsatz über 
„Erxiehungsberatung in der eigenen Klasse", Zeitschrift für pädagogische Psychologie 
(H. Stern), Jahrgang 1952, Heft 10/11. 

2) Siehe AnnaPreud. ,,, 



- 527 - 



57' 



aber mußte gegebenenfalls wenigstens eine Zeitlang auf diese Absicht einer 
Einordnung verzichten, um die unhcwußten Widerstände, die sich ihr in 
den Weg steilen, greifbar werden zu lassen. Nicht Setzung sondern Auf- 
hebung von Hemmungen, nicht Triebeinschränkung sondern Bewußt- 
machen unbewußter Triebenergien wäre ihr Mitlei. Insofern kann es eine 
analytische Erziehung tatsächlich nicht gehen, ja, ein solcher Begriff schiene 
geradezu eine contradictio in adjecto zu enthalten. 

Wie ist dieser Widerspruch zwischen Analyse und Erziehung entstan- 
den? Wie ist er zu lösen? Wenn wir die Pädagogik in dieser Absicht 
befragen, so zeigt sich von diesem Widerspruch gar nichts. Wir finden 
den Begriff „Erziehung" ungemein weit gefaßt. Was die verschiedenen 
Zeiten darunter zu verstehen vermochten, ist so mannigfaltig, daß kein 
Grund besteht, daß er sie sich einem neuen Adjektivum mit solcher Un- 
liebenswürdigkeit versperren sollte. 

Denn im allerweitesten Sinne läßt sich unter „Erziehung" jeder Ver- 
such einer Beeinflussung eines Individuums verstehen, der von der Ab- 
sicht getragen ist, es realitätsfähig zu machen. Alles Erziehen hat 
also „Anpassung an die Realität" als ausschließlichen oder wenigstens als 
wichtigen Endzweck. Was man freilich jeweils als Realität zu betracli- 
ten wünscht, entscheidet erst eine ethische Wertung, so daß dieser eine 
Endzweck unter dem Drucke weltanschaulicher Meinungsdifferenzen 
in eine Reihe recht verschiedener „Ziele" der Erziehung zerfallen mag'. 
Sind wir von der Überzeugung durchdrungen, daß diese Welt nur eine un- 
vollkommene Verzerrung einer höheren, besseren, jenseiligen sei, dann muß 
sich die Erziehung zum Ziele setzen, die menschliche Seele dieser höheren. 
„eigentlichen" Realität anzupassen. Begnügen wir uns mit dem Wunsche! 
ein möglichst hohes Kulturniveau auf dieser Erde zu erreichen, dann wer- 
den wir alles das als Realität verstehen, was Bedingung zur Erreichung 
dieses Zieles werden kann. Denken wir schließlich daran, daß jede, auch 
die religiös-ethische Zielsetzung sich irgendwie mit der gewöhnlichen 
Wirklichkeit des augenblicklichen Soseins der sozialen Machtlage aus- 
emandersetzen muß. dann können wir doch sagen, daß wir als Realität 
die gegenwärtige Struktur der Gesellschaft mit ihrer Kultur zu betrachten 
haben . Denn mit ihr haben wir es auf alle Fälle zu tun. gleichgültig. 
ob wir uns mit dieser „Realität" begnügen wollen, oder ob wir dahin- 
ter noch nach Wertverwirklichung besonderer Art streben. Die Anpassung 
an diese Realität ist das nächste praktische Ziel der heutigen Erziehung. 
Aus der Struktur unserer Gesellschaft aber und ihrer Kultur ergibt sich, 
was uns als bestimmtes Ziel der einzelnen Erziehungsbehandlung vorzu- 
schweben hat: jenen psychischen Zustand im Individuum herzustellen, der 
die größte Angepaßtheit an die wichtigsten Realitätsforderungen verbürgt. 
In diesem Sinne nun ist Trieb verzi c h t das notwendige Ziel aller mensch- 

ij Siehe Aichhorn, diese Zeitschrift, Sonderheft „Strafen". 

a) Siehe B e rn f e 1 d „Sisyphus". Psychoanalytischer Verlag, Wien. 

•i - 528 - 



liehen Erziehungstätigkeit. Dieses Ziel scheint also, wenn es schon nicht 
dem Begriffe der Erziehung immanent ist, mit diesem Begriffe doch 
solange unlösbar verwachsen, als sich die „Realität" nicht wesentlich ge- 
ändert hat, wozu keine Aussicht zu sein scheint. 

Unter diesem Gesichtspunkt ist nun freilich Analyse der schärfste 
Gegensatz zu Erziehung jeder Art, doch eben nur unter diesem Ge- 
sichtspunkle, das heißt, solange wir den Begriff „Erziehung" mit Hinblick 
auf ihr Ziel betrachten. Mit den verwendeten Erziehungsmitteln hat 
es eine ganz andere Bewandtnis, Es ist richtig, alles, was wir in dieser 
Hinsicht a!s „Erziehung" tun, also eigentlich unser ganzes „Erziehen", 
ist wirklich sehr deutlich auf Triebeinschränkung; aus, die verwendeten 
Mittel scheinen artgleich zu sein mit den Zwecken, denen sie dienen. 
Doch was verschlägt's, wenn man bisher eben nur das als Erziehung 
kannte oder anerkannte. Jeder wissenschaftliche Begriff verändert sich in 
dem Augenbhcke, wo sich unsere Kenntnis von seinem Gegenstand er- 
weitert hat. Es ist das aber noch durchaus kein Grund, einen bewährten 
Namen fallen zu lassen! Wenn der Naturwissenschaftler z. B. plötzlich die 
Entdeckung macht, daß es auch schwarze Schwäne gibt, warum sollte er 
diesen Tieren dann eine neue Bezeichnung beilegen? Bloß etwa, aus der 
Erwägung heraus, daß der Begriff „schwarzer Schwan" eine „contradicüo 
in adjecto" sei? Keineswegs! Er freut sich vielmehr über diese Bereicherung 
seines Wissens, verringert den Begriffsinhalt einfach um das Merkmal 
„weiß" und stellt fest, daß sein Umfang eben doch zwei Unterarten um- 
fasse, nämlich weisse und schwarze. 

Tatsächlich kannte die Menschheit nun, um zu unserem Fall zurück- 
zukehren, bis auf Freud fast keine anderen Wege, menschliches Verhallen 
zu beeinflussen, als die unter dem Titel „Erziehung" heute noch gebräuch- 
lichen Methoden zur Triebeinschränkung. Wenn es so nicht gelang, zum 
Ziele zu kommen, dann war eben „einfach nichts zu machen". Freud 
zeigt uns nun plötzlich, daß seelische Fehlentwicklungen durch Aufhebung 
der auferlegten Hemmungen und eine Art Triebumlagerung überwunden 
werden können: warum sollte sich dann eine solche Umlagerung nicht 
ebenfalls den Zielen der Erziehung dienstbar machen lassen? Zugegeben, 
die Analyse verfolgt andere Zwecke — warum sollte nicht ein Stuck 
analytischen Prozesses in den Dienst der Erziehung gestellt werden können? 
Es fällt leicht, die eigentliche Wurzel für dieses ganze Mißverständnis auf- 
zudecken. Es handelt sich um eine unscharfe Scheidung zwischen Mittel 

und Zweck. 

Zweck des Erziehens bleibt auf alle Fälle die Herstellung eines Zu- 
standes einer gewissen Triebunterdrücktheit und Sublimiertheil, wie sie 
eben Gesellschaft und Kultur fordern. Daß sich aber auch die einzelnen 
Erziehungshandlungen immer nur der Triebunterdriickung als Erziehungs- 
mitte! bedienen müssen, ist damit noch keineswegs gesagt. Ist z. B. ein- 
mal ein Zuviel solcher Triebunterdrückung erfolgt, oder hat sie falsche 

- 52Q - 



Bahnen eingeschlagen, dann wird es eben notwendig, dieses „Zuviel" oder 
„Falsch wieder aufzuheben. Was so auf einem Wegstück Aufhebung 
ist, ordnet sich doch dem Endzweck als Mittel unter. - •■ 

Der Analytiker hat nun freilich weniger Interesse an der Erziehung, so- 
fern er seine Analysen im Auge hat, als der Erzieher an der Analyse. Darum 
werden wir uns nicht wundern, wenn vor allem der Analytiker manchmal 
nur die Gegensätzlichkeit von Erziehungsziel und Analyse hervor- 
hebt, während wir als Pädagogen fordern müssen, daß man uns als Mittel 
leiht, was wir nicht mehr entbehren können, 

So löst sich unsere Schwierigkeit dahin auf. daß Analyse und Erziehung 
zwar Widersprüche zueinander darstellen, sofern wir ihre Ziele im Auge 
haben. Analytisches Verfahren und Erziehung werden aber in dem Augenblicke 
verträglich, wo wir das eine als Mittel dem anderen als Zweck unterordnen, 
so wie das Adjektivum dem Substantivum „analytische Erziehung". 
Doch — einen Terminus als widerspruchsfrei erweisen und ihn ein- 
führen wollen wäre zweierlei. Letzteres bedürfte der Übereinstimmung aller. 
für die er in Betracht kommt. Es sei deshalb hier nur als Möglichkeit hinge- 
stellt. Ob eine solche Einführung auch zweckmäßig ist, hängt von vielen 
Nehenumständen ab, nicht zuletzt von der Verwendbarkeit in der Praxis. 
Damit kehren wir zu unserem Ausgangspunkte zurück. Es ist uns ja 
besonders daran gelegen, die Kluft zwischen den tatsächlichen Aufgaben 
der Erziehungsberatung und den in der Öffentlichkeit herrschenden Vor- 
stellungen davon zu überbrücken. Dazu nun brauchen wir gerade für jene 
dritte, bedeutsamste Schicht unserer Tätigkeit eine einheitliche Bezeichnung 
und können die Erledigung dieses terminologischen Problems kaum abwarten. 
Aus diesem Grunde empfiehlt es sich wohl, vorläufig an dem von Editha 
Sterba verwendeten Ausdruck „Erz iehungsbeh an dl ung" festzuhalten. 
Auf welchem Weg wir zur Beseitigung der Differenz zwischen dem 
Begriffsinhalt und den Vorstellungen der Öffentlichkeit zu gelangen ver- 
mögen, ist ein Problem für sich. Der Grund, warum uns ein solcher Ver- 
such überhaupt wünschenswert zu sein scheint, liegt darin, daß wir dadurch 
ein Stück Widerstand gegen die Erziehungsberatung zu brechen hoffen. Auf 
den ersten Blick freilich muß eine solche Hoffnung recht naiv erscheinen. 
Als ob der Widerstand gegen unsere Tätigkeit aus dem Namen stammen 
könnte, als ob er nicht viel tiefer säße, in Schichten, die mit terminolo- 
gischen Klärungen bestimmt nicht faßbar sind! Den Widerstand der Eltern 
und Erzieher in die Hand zu bekommen, kann immer nur dem einzelnen 
Berater im einzelnen Falle gelingen, es ist selbst ein Stück analytischer 
Tätigkeit und gehört mit zu seiner Aufgabe. Doch es ist kein Zweifel, daß 
dieser Widerstand schon da ist, bevor das Kind in Beratung gebracht 
wird. Wo er stark genug ist, verhindert er es sogar, daß das Kind 
einer Beratung zugeführt wird. Umso wichtiger ist es deshalb, ihn auch 
in diesem Stadium schon packen zu können. Nun zeigt aber die Er- 
fahrung, daß sich alle Widerstände eben in diesem Stadium schon gegen den 

— 530 - 



<. 



. J — ^?-J^ 



bloßen „Namen" Erziehungsberatung zu richten pflegen. Dadurch erhält die 
Frage der richtigen Namengebung auch besondere praktische Bedeutung. 

Aus meinen bisherigen Beobachtungen bei meinen Versuclien, Ehern 
oder Lehrer von der Notwendigkeit zu überzeugen, ein Kind in Beratung 
zu schicken, glaube ich folgendes festhalten zu können: 

Spüren wir in der Erziehungsberatung den stärksten Widerstand begreif- 
licherweise da, wo unsere Tätigkeit zu tiefgehenden Beeinflussungsversuchen 
führt, nämlich in der dritten, als „Erziehungsbehandlung" bezeichneten 
Schicht, so ist es bei den Besprechungen, die der Erziehungsberatung vor- 
ausgehen, gerade umgekehrt. Denn da ahnen die Eltern von den wirk- 
lichen, oft auch nur scheinbaren Gefahren, die ihrer Position beim Kind 
durch unsere Tätigkeit erwachsen können, noch nicht viel. Sie fühlen sich 
aber in ihrer Eitelkeit durch ihre Stellung als Beratene auf das empfind- 
lichste gekränkt. Die Art des Widerstandes, der geleistet wird, ist nach 
den drei Schichten unserer Tätigkeit deutlich abgestuft: 

Die Erwartung vom Erziehungsberater allgemeine Weisungen zu be- 
kommen, Vorschriften für die Erziehung ihrer Kinder, wird von den Eltern 
so erlebt, als ob es sich damit um ein Zugeständnis intellektueller Minder- 
wertigkeit oder wenigstens pädagogischer Unfähigkeit handeln würde. Erst 
in dem Maße beginnt diese Widerstandsarl nachzulassen, als es gelingt, be- 
greiflich zu machen, daß es sich um die Einsicht in den Einzelfall han- 
delt, daß die Fähigkeit des Beraters, diese Einsicht besser zu gewinnen, 
nicht aus einer intellektuellen Überlegenheit oder einem pädagogischen 
Besserwissen stammt, sondern „bloß" aus seiner Gelegenheit zur Spezial- 
erfahrung an so vielen Kindern und „Fallen . 

Einen Schritt weiter sind wir gekommen, wo wir die Aufmerksamkeit 
von der Beratungssituation auf den Gedanken der Er z i e h u n g s h 1 1 f e 
zu verschieben vermochten. Doch da erwächst uns ein neuer, nicht weniger 
heftiger Widerstand. Denn selbst wenn wir diesen gefährlichen Ausdruck 
vermeiden, verdächtigt man uns, wenigstens in vielen Fällen, andeuten zu 
wollen, daß die Beziehung der Eltern zum Kind nicht gut genug, ihr 
Wille nicht ehrlich genug sei. Solche Eltern akzeptieren das Einmischen 
eines Fremden nur dann, wenn man die Notwendigkeit seines Eingreifens 
so zu erklären vermag, daß nicht sie, sondern höchstens Mangel an Zeit 
usw. schuld an ihrem Versagen sind. In beiden Fällen wird es übrigens 
davon abhängen, wie weit die Person dessen, der den Rat zum Aufsuchen 
der Erziehungsberatung gibt, selber zur Herstellung und zum Aufrechter- 
halten einer guten Beziehung geeignet ist, wie weit es ihm gelingt, die 
elterliche Empfindlichkeit zu schonen und doch soviel Unsicherheit übrig- 
zulassen, daß sie nicht mit dem Gefühl heimgehen, es sei ohnedies wie- 
der alles in bester Ordnung; sie müßten vielmehr das Bedürfnis fühlen 
nach weiterer Hilfe zur ausdauernden Überwindung der Schwierigkeilen. 

Fürchten manche Eltern, in der Person des Beraters eine Instanz 
über sich zu setzen, durch Beanspruchung der Erziehungshilfe einen 

- 531 - 



/ 



Rivalen neben sich zu stellen, so akzeptieren sie die Notwendigkeit eine» 
Stückes Erziehu n gs heh andl u ng nur unter der Bedingung, daß da- 
bei alle für die Bewertung ihres Kindes kränkenden Umstände verwischt 
werden. Je mehr es gelingt, diese „Behandlung" als etwas von ihren eige- 
nen Beziehungen zum Kinde Wesensverschiedenes verständlich zu machen, 
desto mehr verschwindet ihre Angst vor Blamage. Denn nun brauchen 
sie ja nicht mehr Rat und Hilfe, sondern das Kind, und noch dazu 
einer Art Hilfe, die gar nicht mehr in ihrem Pflichtbereich liegt. Sie kön- 
nen zum Erziehungsberater gehen wie zum Zahnarzt oder Gymnasliklehrer, 
ohne Schuldgefühle über Versauranisse fürchten zu müssen. 

Daß sich in dem Augenblick, wo diese Behandlung zur Tatsache wird, 
der Widerstand gerade auf diese Tätigkeitsschicht richtet und umso wir- 
kungsvoller, je geschickter er sich vorher hinter Ratbedürfnis und Hilfe- 
bereitschaft zu verstecken gewußt hat, davon weiß jeder Erziehungsberater 
ein Lied zu singen. Nicht schwächer als bei Eltern findet sich dieser der 
Beratung vorausgehende Widerstand auch bei Lehrern und E rz i e h e rn, 
denen die Abneigung gegen die Beratungssitxiation ja ganz besonders nahe 
liegen muß. Ihnen gegenüber ist eine Aufklärung über unsere Akzent- 
verschiebung auf diese dritte Tätigkeitsschicht daher ganz besonders nötig, 
mit ihr fiele oft der größte Teil des Widerstandes weg. Denn bei ihnen 
scheint er sich ja auf diese Angst vor der Beratungssituation zu beschrän- 
ken. Sie sind an der Person des Kindes viel zu wenig affektiv interessiert, 
als daß sie der Behandlung seihst solche Schwierigkeiten entgegensetzen 
würden, wie es die Eltern tun. Der Widerstand ist auch bei Lehrern im 
allgemeinen geringer als bei Erziehern. 

Ähnliche Bedingungen, wie für die Bekämpfung des Widerstandes bei 
den einzelnen Ellern und Erziehern, werden wohl auch im Rahmen der 
breiteren öfTentlichkeit gelten. Das Interesse für Erziehungsberalung 
scheint augenblicklich in Eltern- und Ärztekreisen recht beträchtlich zu 
sein, wie ich aus meiner eigenen Tätigkeit besonders in ersteren bestätigen 
kann. Damit aus diesem Interesse heraus bald der Schritt zu ernster Ver- 
wirklichung gemacht werde, sollten den maßgebenden Instanzen die Begriffe 
Erziehungsberatung. Erziehungshilfe, Erziehungsbehandlung klar dargestellt 
werden. Heute stehen wir einem Knäuel von Widerständen gegenüber, 
ihre Erledigung wird erschwert, wenn die dreischichtige Aufgabe 
mit dem einen Wort „Erziehungsberatung" bezeichnet wird. 



Berichtigung 

Der Name des Kefereiiten über das Buch „Entivicklungsgemäßer S ch äffen sunter- 
rieht als Hauptproblem der Schulpadagogik" von Elsa Köhler, Karl R e i n i n g e r 
und Ingeborg Hamberg in Heft lo des VI. Jahrgangs dieser Zeitschrift wurde ver- 
sehentlich weggelassen. Die Verfasserin des Referats ist Frau Dr. Edith Buxbaum. 

— 532 - 



Register zum VI. Jahrgang 



Abgewöhnnngakampf 27 

Ableokbarkeit der Soxiialfriebo 
119, 4L3ff 

Ablöaung von KItorn 17 f, 303 

Ahraliam, K. 71, 81, 134 136, 
13B. i:.o f. 4W 

Abreagieren in Spiel 193 f 

Adler, Alf. 65, 115, 443 

Aggression ; Deutungen 858 ; 
der Eltern 452, 45ü; u. Homo- 
sexualität 324; u. Identifizie- 
rung liü; 11. Kindorgftrton 
353 ff; u. Koiluebcobaclitung 
301; u- Lektüre 333. 341; ii. 
Schuidegfühl SCO ff; u. Spie! 
212 ff, £39 f, 247 f, 3£9 f 

Aggressive Kinder 00; n. Ein- 
dergarten 3:6 ff, 375 ff 

Agieren; und Kinderanalyso 
279 f ; im KinderRarlen 3G6 

ALchhorn, A. 40, 171, 30ß, 422, 
<(£8 f, 445 ff, 500, 514, 526, 528 

Aktivität und Spiel 177, 191 

Alexander, F. 35, 141, 4£0 

Aiiers 346 

Allmaclit, paj'chieche u. Spiel 
214; Tl. Kind 5l8 f 

Ambivalenz 73. 296 f, 320 

Arancsio. Kindliclie 8 ff, 50, 
2C3 f; u. Latenzzeit 15 

„Anale Geburt" 82 

Analerotik; und Besitzangst 
319 1; Fhnntaaion 302; und 
Spiel 179 t; u. Stottern 164 ff; 
und Steblnwang 415 f; und 
Zeichnen 328 

Analogiezanber 241 

„Analytische Erziehung" 52G f 

Angewandte Pßyebopaihoiogio, 
Kongroß für 45 f 

Angat; -bewüHicimg «■ Spial 
223 ff; vor Eltern SOOf; u. 
Erziehung 428; vor der Frau 
96, 148; u. Geburtstmuraa 
427 ff; vor Geaclienkon 3lS ff; 
neurotiBcha 346 f; u. Reali- 
tätBanpassung 297; u. se- 
suolle Plianlasien 302 f ; u. 
Rchlimmhfiit 375 ff; u. Spiel 
177 f, 181, 221; u. Trieb- 
bolierrschung 425; u. Vater- 
hindung 460 

Anciinalion. Körperliche, und 
Homosexnalililt 152 

..AnschluDverhrechen'' 33 

Arbeit, Kindliche, und Triab- 
bofricdigunK 331 

Archaischer Charakter da» 
Spiels ?30 ff 

Arzt und Erziehwngsberatung 
490 ff 

,.AskeBe" und Werksehaffen 
441 f 

Asozialitai 468 

ABaimilntionsversaeh und Wie- 
dorholungszwBng 189 f 



Atavismus >ind Spiel 251 
Atkinson 85 

Auflehnung gegen Vater 136 
Aufrichtigkeit als Erziehungs- 

gruiidlage 1^8 f 
..Austreiben" durch Strafe u. 

Dämonenglaube 52l 
Autoerotik 423; u. Identifizi- 

rung 104 f 

Babyspio) 166 
Baldwin 2491 

Bälinl, Alice 15. 49 ff, 520 
Balzac 66 

Basedow, J. B, IK 
Baumgarten, Kinderheim 40 
Beaumont. Mmo de 195 
„Befreiung des Kindes" 124 ff 
Bef riodigungsaufechub 59 f 
Befnichlungsphantasieii und 

Spiel 227 
Bohn-EBchenburg, H. 490 
Beoliachtungsstelle und Erzia- 

hungsliernlung 446 
„Bereitschaft" zur Dissoziali- 

tllt 448 
Bergmann, W. 346 
Bernfeld, S. .lO, 216. 238, 262. 

528 
Berufsbemmung und Spiel- 

hnniniung 293 
Berufswahl und Spie! 230 
BeeoitigungPwUnache und 

Spiel £27 
Desit:{angst und Analkomplex 

Sl9f 
Bettelnde Kinder 468 ff 
Bawogungsspiele lEO 
Bisexuolitiit 144 f 
Blilcber, H. 147 
Blutrache 141 
Bock 198 

Boehm, Felii lS3 f f . 322 
Bfibm, Fr. M. 197, 210 
Bolle 199 
Bnpp 316 t 

Brnuili und Spiel 211 f 
Brautscbau HB f 
BrautwerbungSBpielo 197 ff 
Bruderhaß 1.16 
Bruder.SchwBstor-Verhaitnia 

479 ff 
Brustwarze und Spiel 216 
Biihler, Ch. 441 f 
Bühler, K. 46. 186, 194, 250 
Burlincham, Dorothy 245 H, 

296 ff, 515 f 
BuRph. W. e? 
Buxbaum, E. S24 tl 

Carr 237 f, 251 
Chndwiek, Mary 44 
Charakter-; .dingnose 489ffi 

-Ri'hwiHrigkoiten 295 
Chevalier 144 
Chrialmann 34S 
Corneille 137 



Darwin, Ch. 251 
Daudet, A. 160 
Daunienlutscher 167 ff 
Deekerinnerung u. Spiel 263 f 
Deutsch. Helene 151 
Dichterische Betätigung und 

Spiel 175 
Diderot, D. 12 
Diebskleobtatt, jugendliches 

21 ff 
DiebstHhle als Onanieoreatz 27 
DionysosraythoB 207 
DiGEoxialitiit 393; manifeste 

447 t; u. Autoorotismua 512 f 
Disziplin u. Erziehung 324 f( 
Dohrn 167 ft 

Doktorspiel 120, 189. 283, 285 
Dornröaclien 207 f, 211 
Dostojewski 143 
Dürer 148 

Duldsamkeit u. Erziehung h^ 
Dynamischer Gesichtspunkt 

der PsA. 19 f 



Ebert 141 

Ebnur-Eschenbacb, M. iGl. 521 

EhezerwUrfniB und Erziehung 

47Sf 
Eifersucht; auf Geschwister 

438 ft; u. MilicuBchfiden 450; 

U, Spiel 225 
Eigenwillnn 115 ( 
Einfülle, freie u, Erziehungs- 

beralung 451; and Tag- 

triiunio 471 1 
Einsicht statt Identifizierung 

1E2 

Einllbungslhcorie n. Spiel 251 

Einverleibung, psychische 106 

Eitelkeit, weibliche 98 f 

Eliaeharg 46 

Eltern-; bindung bei Proleta- 
ricrkindernSSS; -fehler 124 fr; 
-fehler u. Sexualleben der 
Kinder 4^0 1; .Kind-VerhKIt- 
nis 121, SRSff; -konrikte u. 
Kind 3l3 ff; -spiel 186: -wi- 
derstände 269 ff, -155, 515 

..Entant terrihle" 51 

Englisch. P. 165 

Entfremdung; /wischen Eltern 
u. Kindern 321; -gefahr u. 
Erziehungsheratung 517. 521 f 

Entmannungfitendenz 152 I 

Enttäuschung; durch Frau 143; 
u. Lutschen 247 

Entwölinungstrauma nnd 
Spiel £27 

EpilepBipdiagnnse und Erzie- 
hungsberalung 500 t 

„Erbliche Belastung" u. seo- 
liache Pchwierigkoilen 497 f 

Erhflhingslheorie u. Spiel 249 

Ernst und Spiel 212 

Erotik und Kinderreigon 195 ff 



— 533 - 



Eraatzbofriedigungen 61; und 

KntHUgung 119 
ErwacliHoiiuii- und Kindcr- 

analyac 3SKJ ff 
Erzielihai'keit und Odipua- 

Itüiüples 114 
Erzieher u. Identifizierung 112; 

u. Neurose 124 fl, 3'j3 II 
£rziehuDgKbohaii<llung, psa. 

014, 5i:afr, ffian 

ErzieUuugaburatung 445 fl, 
üiaif; u. RuiacliaclilesUSgff; 
u. Arzt 496 ff; u. Eitern- 
narKißtoua &15 ff 
Erziehungs-; .„orsatz" 524 f; 
-„hilfö'' 523 ff; mittel und 
PsA. 529 f; -mittel, Theorie 
dor 4'22 ff; -Schwierigkeiten 
29j; -ziel tiud Gesellschaft 
396. 528 
Eakiinoerziehung 57 f 
Eßstörungen 290. 3lÜ, 437 
Exbibition u. Spiel 179, 228 

Familie TS. Kindergarten 36211 
FamilisiikonOikte und Kinder- 

analyse 2S2; und ErKiehußgs- 

beratung 473 t 
Federn, P. 451, 171, 173, 50S f 
Feblorzieiiung 170 
Fehihandlungen 135; n, Kinder- 

analyaon 278 
Fenichel, O. 443 
Ferenczi. S. 78 87, 117 f, 122. 

177, 213, 215, E38. 215, 518 
Feste und Kind 294 
Fetischismus und Spiel 253 ff 
Feuer und Spiel 197 
Fibeln 196 
Fingerlulsebou 61; siebe anch 

Lutaohon 
Fischer 441 

Fliegetraumo und Spiel 180 
FlieE. W. 144 
Formallust u. Inhaltslnst beim 

Spiel 187 
„Fort8ein"-Spiel 176 
,,Frau mit dum Penis" 301 
Freier Einfall und Erzietiungs- 

beratiuiR 451 
FreüieilaboBelirftnLuiig und 

Schlimmhcit 473 ff 
Freikörperkultur 333 ff 

Freud. Anna 5 ff, 350. .=193 ff . 
421. 526 f 

Freud. S. 34, 39, 44, 50 f. 53, 
G9. 75, SO, 83. 85, 87, 90, 94, 
lOJ. 109, 117, 133, 185. 140 f, 
143 ff, 151, 153, 167 ff, 170, 
173—183. 187, 189. 192, ?02, 
212 f. 215 f. 220, 222. ?3l, 238, 
252, 260, 263, ?95. 307, 316. 
32], 326, 346 f. 3S2. 420, 422 ff, 
427, 442 f, 5Ü3, 5I8, f,21, 526, 
529 

Freundschaft und Diobslählo 
91 ff 

FriedjMng. J. 170. 259 

FriRiditHt und Homosexualität 
153 f 

Fromra-Reichmann, P, IÜ3 

FruchtbarkRitezauber und Kin- 
derspiel 3)5 

Frilhkindheit und seeüscbe 

Entwicklung 8 f 
Fuchs, Herta 349 ff 



FUrsorgeerzieber u. FaA. 397 f 
FunktionsluEt und Spiel 186 f 
Furror. A. 49Ü 
Fußballspiel 217, 456 

Gatzuck 46 

Geburtspbanlasien 80, 83 f, 286, 
438 f; u. Spiel 178 f, 228, 263 f 

Geburtstagsfeiern 294 

Geburtatrauraa und Angst 427 

Gefahren Verheimlichung der 
Krziober 129 f 

Gefühl und Einsicht (beim 
Kindj 67 

Gehorsam und Erziebung 324 ff 

Geiieretarn 146 

Geisteskrankheit und Eraie- 
hungsberatung 502 ff 

Genitalerotik 68 f, 93 

Genitalprimat 86 f; u. Puber- 
tät 17 

Gorüuschapiola 238 

Geschenk ; -angst 3lBli; und 
Kind £93 

Gcscbw ist ereilersucht 11, 14G, 
356 ff, 43Sf: u. Kpiel 263 f 

Geschwistereinfluß und Homo- 
sexualität S^ 

GeschwieterinKest and Milieu- 
wechsel 479 ff 

„GeaelluQgstrieb" 231 

Gewinnlust im Kinderspiel £47 

Gewisaen 116; a. a. Über- 
leb 

Gewöhnung und Trieb- 
erziehung 56 

Glückselig, Elfriede 325 f 

Goethe 12, 175; über Erzie- 
hung 166 

Guldschmidt 145 

Gräber, G. H. 44 

Groos 186, 248 f 

Großvater als Vorbild 138 

Guraperl. Th. v. 195 

Gutachter, ärztlicher und Er- 
zieh uu gäbe ratung 498 ff 

Haarausreißen 376 

Haecltel, E. 489 

Hatzerin, Kl. 165 

,,Hahn6mann"-Spiel 177 

Halbbildung, paychologieche 
der Eltern 461 

Hall, O. St. 237 f, 251 

HalluzinatoHficho Wnnacb- 
ertüllung 213 

Hamborg. Ingeborg 441 ff 

,,Hnus. Kleiner" 174 

Härnik. J. 9S. 144 

Hartmann. H. 45 

Hasenclever 137 

Haß; u. Realitatabeziehung 215: 
u. Spiel 217; gegen Vator 
137 f 

Hebbel, Fr. 136 

Heidegger, M. 346 

Heilpüdagogik. psa. u. Kinder- 
garien M9 ff; u. Ersiehnngs- 
beratung 496 ff 

Helm, Cl. 195 

Hemmungen 291 

Her hart 195 

Horbertz 33 

Herder 195 

Hennaun, G. lii 



Herodat 210 

Herzfehler und Erztehnnga- 

Schwierigkeiten 501 I 
Hift-Schnierer, Irma 431 ff 
Hirschfeld, M. 144 
Hitschmann, E. 45, 322 ff 
Hochstapelei, scheinbare 472 
Hochzeitsbränche ':ü6 f 
Hochzeitsspiel und Kinder- 
reigen 1^7 
Hoffer, W. 230 ff . 238, 496 ff 
Hoffniann. Fr. 195, 198. 210 
Hüllös, I. 503 
Homburger. E. 167 
HomoBPxualitiit n. Erziehunge- 
beratung 482 ff ; u, Kindheits- 
konfliktfl l3Sff, 322; und 
Trunksueht 466 ff 
UonioseKuelle; Angriffe eines 

Lehrers 4S3; Fixierung 800 
Hoppereiterapiel 134 
Hern, W. O. v. 195 
Horuey. K. 143, 151 
Uort u. Erziehungsberatung 458 
Eundeideotifizierung 376. 367 
Hysterie und Kleinkind 369 f 
Hysterische Lähmung und Kin- 
deranalyse 437 

Ich-Ideal der Eltern und Er- 
ziehung 449 
Ich-Spaltung und Ober-Ich- 

bÜdung 116 ff 
Identifizierung 63. 103 ff; und 

Spiel 212 
Idiotie und Eraiehungs- 

berntung 450 
Indiauergeschichten 155 fl 
Individuelle Beratung 523 ff 
InfantilismuB, padagogiscbei 

195 
Tnitiationstraum 234 ff 
Tntetiigcni^diagnose 489 ff 
Inzest; u. Erzichungsberatnng 
4&1 ff; -Phantasien und Dieb- 
stahl 28 ff; -verbot 85 
Irrenpflege, offene 503 

Johannisbaum 202 
Jones, E. 138 
Joyce, J. 346 
Jugendger icWe 36 f 
Jugendliteratur 195 
Jung, C. G. 139, 167 

Kästchenwahl 207 

Kapp 3^6 

Kastrationsangst (komplex] 18, 
30, S6ff, 147f, 2l8f, 3ll. S68(; 
u. Spiel 214, 223 ff, 2.')8 fl: 
u. Onanie ?6, 90; u. Stehl- 
zwang ^13 ff, 417 ff, 420; u. 
Traum 134 ff 

KatharKistheorio und Spiel 
237. 251 

Kegelspiel 241 ff 

Kettenspiel 205 

Kielholz, A. 34 f 

Kierkegaard. S. 346 

Kindwunseh der MHdchen lOQ f 

Sinderanalyse yff, 307ff, 33Sff; 
u. Märchen 137 ff; u. Hutter 
569 ff; Technik 421 

Kindergarten u. PaA. 849 ff 



- 534 — 



EinderglUck 1251 

Kinder lektüre und Sadiemna 
155 ff, 337 ff 

Kinderliebe 431 ff 

KiodermitihandlUDgeQ 464 U 

Kinderneu rusen SȆ ff, 399 

KiudurproBtiLutiun 431 1 

Kindorpsycbologie u. PbA. 6, 
12f 

Kindarroigen 195 fl 

Kindereaxualitüt 11 

KiDder^immer, FbA. des 4S II 

Kindheit und Sexustitüt 6 

Kiudlieitskonflikte und Homo- 
Bexualitiit 133 ff, 3S2 f f 

Kindheit srekonatruktion 5 

Kino 160 

Kinobleibonwollen 79 

Klavierunterricbt 45 

Klein, Melanie 133, 213, 221, 
241. 290 ff, 314, 317, 398 

Kleinkind-Erziehung, Kongrefl 
für ITÜf 

Kleptomanie und Kind 403 ff 

Klitorisonanie lOl t 

KlosettBpiel 179 

Knabengeburten bevorzugt 1S3 

Knabenweilie £30 ff 

,.Knipa"spiel £45 ff 

Külilcr, Elsa 441 Xt 

Köhler, Reinh. 210 

Kürper-; -befnnd und Erzie- 
hungsberatung 496 ff; -de- 
fekte nnd Kindergarten 355; 
defekte und Erziebungebera- 
tnng 4Ü0I; -krankhoilou n. 
Kind 294 f; 6eut^atlanen und 
Schaiiergeschicblen 157 ff 

Kagerer 4(> 

Kohn, E. 231, 233 

Koitusbelauscliung (-beohacli- 
lune) 76 f, 312; u. Spiel 160; 
o, Trnakaaclit 466; n. Maao- 
chismua 509 

Koitus internptus 485 

Krjitnsayrabolik u. Spiel 223 If 

Kunflikl, neurotiBcber beim 
Kinde 400 

KonservativieniuB des Rindes 
115 

Konfititution und Homo- 
sexualität 145 

KontagiQse Magie 241 

KonzontrationauiifübiKkeil 
470 f 

Koprolalie und Stottern 165 

Kotspiele 22G If, £61 f 

,, Krämpfe" ond Erziehongs- 
achwierigkeiten 500 

Krafft-Ebing 144 

KraftüberscliuJltheorie und 
Spiel flSf 

Krankenpflege und Psycho- 
tberapie 44 

Krankhoitsoinsieht und Stehl- 
zwang 4071, 411 

KreliB 346 

KretHPhmer. E. 49S 

Krimina! itöl und Symbol- 
han diu ng 36 

Krifl-Rio, Marianne 437 ff 

Kronprinzenkomplex 138 f 

Kühn, Marie 197 

Kulomeyor, W. 37 If 



Kulthandlung und Spiel Sil 1 

Knlturfürderung und Trieb- 
loban 67 f 

Kurpfugchertum 5ü4 

Kuß und Genitulerregung 74 

Laienanalyee 393 ff 

Lang, Andrew 85 

L'Arrouge 149 

Latenzzeit 135; n. Frühklnd- 

beit 14 ff 
Lazarus 249, 252 
Lehrer u. Ödipuskomplex 136 
Lehrtätigkeit der pea. Insitute 

391 ff 

Leidzufügung und Erziehung 
4£6£ 

Loktiire; Schulkinder- und 
SadismuB 1Ü5 ff , 337 ff 

Lernhcnimuug und Spielhem- 
muug S92 

Lesewut 155 ff, 337 ff, 405 

LsBsing 137 

Levy, Eetello 403 fl 

Libidinöse Befriedigung der 
Ültern und Widerstand 516 

Libidoenlwicklung 7; und Er- 
ziehung 447 

Liebermann 228, 245 

Liebe und IdeulifiziernnE; 
107, 112 

Liebes-; -bürg 210; -enttfiu- 
tüusnbung und Anßenwelt- 
interosso 114; -ontzug und 
Erziehung 427 ff; -prämio u. 
Erziehung 4381; -vpriuet 
(-angst) 18, 356 f, 374; -wähl 
150; -Werbung und Spiel 2(rä 

LBpfo, A. 430 

Lügen ^05 

LuBt-; -gefllhio dßr Analzone 
61 ff; -Ich und Identifizie- 
rung 105; u. Spiel 2£5; -Un- 
luetprinzip und Spiel 165 ff; 
-UnluEtprinzip und Reslitäts- 
anpassung 107; -verzieht 60 t 

Luther 165 

Lutschen Gl, 64 f, 167 tf, 216, 
245 ff 

Uüdchen und ödipue- 

koinplex 97 ff 
Märchen 156 f ; und Kinder- 

analyse 487 ft 
Magie und ErKiehnng 519 M; 

u. Spiel 240 ff 
Magische Gedanken El6 
Mannhardt, W. 197 
Martorungspliantaeien 338 ff 
Masochii^mus; u. Lektüre 341 II: 

u. Onanie 311 ff. 509 ff; n. 

Über-Ich- Bildung 513 
Medizin u. Erziehungsberutung 

496 ff; u. PeA. 393 ff 
Meisenbeimer 145 
Melancholie, scheinbare 466 tt 
Meng. H. 45 f, 164—167. 170 

sief 

Milieu; -schaden 464 H; -Wech- 
sel und Erziehungeberalung 
448 f 

Mimikry, seoliache, u. Identi- 
fizierung 112 

Mißhandlung der Kinder tmd 
Erciehnngsberatung 464 tt 



Mitleid 161 

Montesaori 442; -Methode S24 ff 
Moral und Kind 13 
Morgentlialer 46 
Moszkowicz 145 

Mülhauee-Vogeler, Thereae 
338 f£ 

Müller-Brounschweig, C. 171 

Mnrehison, Carl 5 

Mueikbegabung 217 t 

MutterbaD 384 

Mutter-Kind-Beziühung 288 1; 
u. Erziehung -l:.? ff; u. Kin- 
doranalyso £69 ff ; u, Kinder- 
garten 3631; u. Kinderneu- 
rose 363 

Mutter-Tochter-Konflikt 98 II, 
102, 372. 451 f 

Nacbabmen u. kindliche Sexu- 
al itüt 431 

..Kaohabmungstrieb" 174 

KacLtwaiiilelu 44 

Nackterziehung 333 ff 

Niigolbeißen 308 ff 

Narzißmus 87 f; nnd Identili- 
zierung lüö f , 118; Kränkun- 
eeii 110; u. Penisnoid OH; u, 
Spiel 217, £27; der Eltern n. 
Gednnkonallmacht 519 f 

Narzißtische Kränkung der 
Eltern und Erziebungsbera- 
tung 515 ff 

Nasa, G. 347 

Nadmachen und Sexual- 
er rogung 77 

Nebenbuhler und Homo- 
sexualität 14S f 

Nöraeth. P. v. 37 

Neugierde, sexuelle 3601 

Neurose; u. Erzieher 124 ff. 
393 ff; und Erziobungsbera- 
tung 447 ff. 451; -forschong 
u. Frühkindheit 9; u. Kind 
290 ff; u. Kindercarton ÜiStt; 
u. Kloinkind 367 ff; u. Nackt- 
erziebung 33G; scheinbare 
459; u. Vor'wahrloHuag 463 

Niorilz. G, lEß 

Nietzsche 146 

Normale Kinder 29S 

Nunberg, H. 263 f, 503 

Objcktentzag und Trieb- 

behorrei-hung 4£6 

Objeklwabl 69 

Obszün; Kinderinschriftnn 37; 
Worte u. Kinderzimmer 52 

ödittuskomplox (-bindung uaw \ 
12, 14. 6Sff, M f. ISa ff. 367 f : 
u. Elternkonflikte 3l3ff; n, 
Erziehungfllwratuns iS\; und 
Identifizierung 113; u. Lek- 
türe 312 fr; Phantasien 410 ff- 
u. Spie! 221. 227 f, £38; u' 
Etebizwang 4£0 

ökonomiseher Gesichtspunkt 
der PsA. £0 

Ocalreieh, P. i7l 

Olinraauht. kindliclio und 
Spiel 214 



— 535 - 



^r» 



Onanie 26, 08 !; -drohnngen 89; 
-erlaulinis Sil ff; u, Erzie- 
hung Ü2, ÜG, 285 ff. 476 ff; 
V. KastratlonKkiiniplex S7; u. 
Kindorlelttiire 162, 339 f; ii. 
ödipuaiviijischo M: -phanla- 
a[en 75, 102; u. Schuldgefülil 
öö, £S7, EHd; 1]. Selbstliebe 
111; u. StclilKwang 413; -vor- 
bei 78 f. I';'; ff; u. Masochia- 
niuB :äig ff 

Ophuijsen, van 151 

Oralerutik C5 ff ; u. Identifizie- 
rung HI'J; u. Suliliiniorung 
3(10; Plianlaaien 309 

■Oreankiaiiklieit u. Erziehunge- 
beralung 450, 496 ff 

Organlust nnd Spiel 180 

PHdüKOgik u. JuKondüteratur 

19."i: u. ThA. 3113 ff 
Pnedicatio 144 
Pappen he im, M. 45 
pHssivii;ii 3G9ff; und Spiel 

177, 191 
renisnuid Ö7 f, 103, 15], 356 f; 

»ind Puppenspiel 255 ff; und 

Spiel 'm, £58 fl; nnd Etehl- 

zwanR 4^0 
PoniEplmnlaaien, infantile M 
PenisGvinhnlik 283; und 

Spiel 223 ff 
J'erversiun und Kind 7 i 
Pfeifor, S. ::37 f, 560 
Pferdclionspiolen 180 
PfiBler, A. 34 
PhnntaRJp; -feindlichUeit der 

HontoBserimnthodfi 331 f; ge- 

se.liiehlen 3S5; lustvoUe und 

Kenzentratinnsunfiihigkeit 

470; 11. Spiel 175, IWi. 212 ff ; 

vardriinpHng SOG; u. Wiinsch- 

orfllllunR 4061 
Pliilanthrnpiniemus 195 
Phimose und Hnmo- 

Ko^ualiliit 3?3 f 
Phfiliinn, kindliche 290; und 

Fpiol IPO t 
Pipnt, K. 155ff, 2Glf, 337ff 
rostennppliaiitische Charakter- 

vprilndeninRen 4!W 
Potonzphantasien u. f-piel 227 
Priigenitalo Phantasien und 

Rtohlzwang 417 

Prahlen 405 

Priinilive u. Triebarziehnng 
57 f 

Projektion 111, 117 

PropiiylnktiFrhe Erziehungs- 

boratung 4'J5 
pBoudodebilitlit, ein Fall von 

505 ff 
Psyphonnalype (s. auch K i n- 

doranalyöe); u. Erzie- 

biinKsbi^rntunfj 445 ff, 5?5 ff; 

U, KindorKarten 34'J ff. 357 ff; 

des Kinderziininere ■iO ff; u. 

Medizin 393 ff; u, Spiel 184 ff 
..pHychnfrrainni" 49| 
Psychologie u. Erziehung l!5 
Paychoee; u. Er^iehungshera- 

tunß 447. 450; Kindlieho 298; 

-thernpio 398; u. Erzlehunga- 

borntuiiK 502 ff 

Pubertät 17. 136; -riten 91 1 
Pupponspiel 178, 1841, 239 f 



Räch epha Utas ieu 4I2 

Rank. 0. 136, EOS f 

Rasmusaen ;i8, 71, 73, 81 ff, 117 

Reaktionsbildungen 16 

Realität; -anpassung 294, 395ff, 
528; -flucht und Identifizie- 
rung 107; -Ich-Verbältnis 
104; -interesse u. Eltern 114; 
u. Luätvcrzieht 60; U. Spiel 
212 ff, 240. 252 

Rechnenlernen 46 

Redl, F. 5S3 ff 

Regression: u. Reinlichkeita- 
ßrziehnng 361 f ; n. Spiel 218; 
-wiinscliB 247 

Reich, W. 292 

Reigenballnde 210 t 

Reik. Th. 141, COt'. 231, t33. 2SB 

Reininger, K. 441 ft 

Reinliolikeilpgewöhnung Gl, 133, 
403; u. Feindsfiiigkeit ll3; u. 
Kindergarten 361! 

Reizzufuhr durch Leidzn- 
lügung 426 f 

RcpreduktioDsfunktion des 
Spiels 174 

Eöheim. G, ES3, 23B 

Rursehach, H. 24, 48911 

Roswitha 165 

Roubiczek. Liii 248 ff, 325, 
327, 3^9 f 

Rousseau 195 

RuDland u. Sexual problem 40 

Sachs. H. 306 

Sadger. 1. 146 

Badiamus; u. Erziehung 167 ff; 
u. Kinderleklüro I5äff, 337fl; 
u. Spiel £28 f 

Sadistische Phantnaien n. Angat 
37fi; und Stehlzwang 410 tf, 
41* f 

Säuglingspielen 218 

Bchaffensunlerricht und 
Schule 441 ff 

Schatzsur-henspiele 201 ft, 261 f 

Schauergeschichten 155 ff , 
337 ff 

Schaulust 68; u. Sadismus 340 

6cha:iel, H. 40 ft 

Scheidung u. Milieu- 
wechsel 449 

Scheinheiligkeit n. Geschlechts- 
leben 77 

Pchikola. H. 515 fl 

Schiller 137, 248 

Schlafstörungen 390 

Siililafzimraer u. Ktnder- 
nmigierde 74 

Schliinraheit 375 tf; n. elter- 
liche Zwangsneurose 459 f; 
u, Kindergarten 356 (f; ein 
Fall von 505 ff 

Schmid, Chr. V. 195 

Sehniidobcrg. Melitta 2211, 
307», 430 

Schmidt. Ferd. 195 

EehnoiilGT, E. 195 ff 

Schottlaender, F. 44 

SchreikrBrapfe 373 I 

Schuhspiel 25311 



Schulbueh u. Literalnr 198 

Scliuldgefühl, kindliches 78; n. 
Agieren 382 fr; u. Ellern- 
konflikte 313 ff; u. Onanie 
93; nnd PhantasielStigkeit 
470 f; ubw. 141 f 

Schule; u. Erziehungsheratung 
456; B. ,,Individualpsyclia- 
logie" 443 

Schulpsychologie u. Spiel 184 

Schwangererhatt; heimliche n. 
Erziehungsberatung 436 ff; 
der Mutter 2S t 

Schwierige Kinder; u. Kinder- 
garten 349 ff; u. PsA. 397 1 

Searl. M. N. 212 ff, 297 

Seelische Entwicklung dar 
Friiiikindheit 8 t 

Seidiiiann-Freud, Tom 46 

Sei batautga beschütz 111 

Selbst best rafung 116. 307. 320 11 

SelhsterhnltungE- und Seiual- 
trJobo 422 f 

Selbsterkenntnis 125 

Selbst herrlichkeit nnd Identi- 
liziorung 123 

Selbstliebe des Kindes 90 1 

Seihst Zerstörung a. Onanie 
312 1 

Sexual-; -biologie 145; -for- 
Bchung u. Spiel 227 ff; -tno- 
ral 78; -neugierde £0; objekt, 
Kind als 482 ft; -schüdigun- 
gen durch Erziehungsperso- 
nen 462 ff; -Symbolik und 
Kinderreigen 205; -Symbol ik 
und Spie! 553 ft; -theorien 
(kindliche) 74; -triebe «. Er- 
ziehung 423 ff 

Sexualität, kindliche 6 t, 431 11; 
u, Erziehungsberatung 47611; 
u. Kinderneurose £99 

SeiQclIe Phantasien und 
Angst 302 f 

Shakespeare £07 

Silhorcr, H. 241 

Simmel, E. 398 

Siiurock. K. 1S7 

Singer 199, 207. 211 

,, Sinnlose" Spiele 25311 

Sohn; -Mutlerverhällnie lS9i 
-Valervcrhriltnia 133 

Soldalenspiel :30 ff 

,, Sorglosigkeit" der Kind- 
heit 6 f 

, .Soziale" u. medizinische Anf' 
fassung der Neurose 33311 

Spannung u. Erotik i63 

Spencer, H. 2481 

Sphinx rStsel 207 

Spiele(n) 173—264; Einteiluns 
2£6; u. Kinderanalyse 261 1. 
299: u. Traum 300 

Spielfreiheit im 

Spielhemmung 219, 292, SM ff; 
u. Neurose 297 

Spieltheorie, psa. 184 ff 24811 

Spuckenspiel 243 1 

Stadtkultur n. Kind 126 

StBrcko. A. 133 

SUub, H. 35, 141 



536 — 



s. 



stehlen Slff 

Btohlzwang 403 H 

Btokel. W. 34 

Blerba, Kditha 505 ff , 580 

fiUrba, R. <32 f f 

Stern, Clara 53 

Stern, H. 253 ff 

Eiern, W. 53 

Btiofmiitter 450; -moliv 817 f 

Btortor, A. J. 171, 173 

Storin, Th. 195 

Stoltern u, Analerotik ]64 ff 

Straf bcdiirfnla 142; u. DiebalaU 

31; uUw. 140 
Strafe; u. Erziehung 422, 429 f; 

n. OnanieacliuldgefULl 91; n. 

KjranBkv. E. 45 
Btraiiß-Weigert, Dora 25B ff 
Slruwalpcter 167 ff - . 
Rtulilvorhallung 62 
Bublimiorung 16, 61. iU\ -fB- 

liJRkolt VJä\ 1). Kindergarton 

360 ff; u- Onanie 93, und 

Spiel 305 f 
Symbolwort von Diebstäblon 30 
Sympalhiezauber 241 
Pymptora; -liise Neuroaen 296; 

u. Selbstlwstrafung 3Ü7ff; u. 

S|iiel 25Gff 

Tätigkeit n. Erziehung 3S7 f t 
Taglriiume; und Erziohunga- 

beralung 47üf; u. Lektüre 

163 
Talent; -diagnüse 469 ff und 

Triebleben 64 
Talion 141 
Taram, Alfbild 239 f 
Technik; der ErKiehungebera- 

tiing 451 ff; der Kinderaiia- 

iyB8 437 ff; psn. 39S ( 
Tel eul OK ist: he Funktlun des 

h'picia 191 
Torenz 165 
Torry. E. 307 
Teslversucb, Eorscbach- 

Biiber 489 ff 
Theater und Rind 291 
Thoma, Ludwig 5£0 
Tic 292 
Tierilngslo 224 
TobsnclitsnnfätlB im Einder- 

B arten 379 
Todeephanlasien 138 f 
TodeswUnacha u. Spiel 

2E7. 246 I 
Topiseher Gesichtspunkt der 

PsA. ra 

Tolernlior u. Spiet 1771 

Tranor o. Spiel ]92 

Traum; u. Rpiol 225. 256 ff . 
300; vom weibl, Genitnle 148 

Trauma; und Spiel 190 f; und 
WiederholungBKwang 189 

TroDrunR u. Identifinie- 
rnng 108 

Trieb; .liußornngen des Kindes 
51 ff; -beoinfluesuiig a. Er- 
zielinng 4£2ff; -befriedipung 
n, Milieu 468; -bofriedigung 
n. Vorsagnng 395 f; -be- 
BChrilnltung n. Stndtktlltnr 
1E7; n. Spiel 325, 2J9 f. 240; 
-orziehung 54 ff . 4^2 ff; -er- 
aialiung and Kindergarlen 



359 ff; -traibeit 58; -hafte 
Cliaiaktcro 512; -hafligkeit 
u. Kindorzimiuor liz\ -lubcu 
des Kleinkindes 10; -Itslirs 
13; •subliniiorung u. MouleH- 
eoii 3^1; -vordriln(j;uug und 
Kultur 5S i\ -vorziulil und 
Liabespriimie 426; -verziiiht 
u. tjjjiel 176f, 162X; -ver- 
zieht u. Erziehung 5^8 ( 

Trostonaiiie 95 

Trunksucht des Vaters 375 ff; 
u. Erzichungeberatung 466; 
u. Milieuwechsel 449 

Uberdcterminiertheit dos 
Spiels IIA 

Uber-li;li lä f ; -bildung 42, 116, 
3bl. 3!l6. 512 ff; -defekte und 
MUiousi;hiidon iCK; -pbaulaBia 
SU; u. Stehlawang 417 ff; u. 
Triebleben UG 

Übarlubhariigkeit 2911 

ÜborlraRuiiß; u. Aggressivitäl 
37d if ; u. Erz icliungsbo ra- 
tung 455 f. 458. 467, 515 ff; u. 
Goliursam 3'25 f; u. Kinder- 
garten 3.)0 

UberzÜrtlicbkeit 78; zum 
Vater 140 

UnbuivuHtoe. des Kindes, und 
ErKieliungKbßratung 5S5 

Unbeimßtheil der Lriiehungs- 
nolstlinde 452 

Unerwünai-Iiles Gesclilecht dos 
Kindes 3i:2 ff 

Unerzogen bei t, ein Fall 
von :00 ff 

UnfnlinDurosa u. Spiel 192 

UnRO^ugeuholt 290 

Unlust; u. Spiel Ifö; u. Triob- 
belierrschung 4S5 ff; -Vermei- 
dung u. Jdentifii'.ioruiig lO'i; 
-Setzung u. Erziehung 425 ff 

Uureinlifhkeit und Kinder- 
garten 361 f 

Urinierspiiile 227 f. 2G1 f 

llrplianlasion u. Spiel 236 t 

Varrö. M. 45 

Viitorlicbo Gewalt 519 f 

Vater; -bindung und Ängste 
460 f; -bindung und Beiteln 
469 f; -enttilupchung &. Toch- 
ter 149 t; -hiili 85. 91; -ideal 
134 f ; -idontifizierung 376; 
-Muttpr-Ppiel 138; -Solin-He- 
ziebnng 412 f; -TophterinKcst 
u. Erzichungaberntiing 481 ff; 
-bezieliung des KindpH 11 1; 
■vorlielithoit dos Sobiics 142 

Verbnto u. Idenlitiziorußg l2l; 
u. Luslverziclit 60; u. Ober- 
Ich 116 

Verbrocbormilieu 408 

Vordrfingung IG, 424; -arbeit 
440 f; u Kindosalter 50 f 

Verfillirunir 489 f; u. Peliuld- 
gefulil 363 

Verheiuilli-hung u. Erziehunga- 
borntung 462 

Verliablbeit. Itindlichs 432 ff 

Vorangung £94; u. Triob- 
erziehung S.VJ f 

Verstell luesenheit 471 

Vorwalirlusung; u. Erziohnnga- 
hnr.'iliing 417. 46?: u. Kinder- 
gfirtiin 364 f; und Neurose 
4i;i'tf; -Problem in UuDland 
41 ff; scheinbare 458 ff; The- 
rapie 398 



VerwBbnung 95; und Milien- 
weulisel 149; und Verwahr- 
luBuug 4U3 f 

Volkskindergärtun 319 (t 
Voltaire 137 
Vorborg. G. 165 
Vorlust 21G 
Vorübung u. Spiel IM 

WackernDgel 195 

Wülder, li. 184 ff 

Wagüor, R. £07 

WaiB, K. T. 136 

WasHuraplui 2ia l 

Woddiug, A. 346 

„Weg ins Leben", Der (Filml 

10 ff 
Wühlaidigkoit 293 
Weiliiiches Genitale; u. Hurao- 

ee^ualitiit 147 f; u. Kastra- 

tiuiisaugat 97 
Weinerlicükeit 160 
Weiß, B. 429 
Weisse. Chr. F. 195 
WultaiiücLauunij und Erzi»- 

hungsberntung 146 
WerkBchutfon 441 f( 
Wii-ke-s, Fr. G. 1G7 
Widorsland; gegen Erxiohungö- 

lierütung 4r>ö, 515 ff, 531) ff; 

gegen Kindoranalyso LG9 ff; 

gegon Ubw. Theorie 6; ge- 

guu Sexual tlie^irio G 
WiedeiboluiigSKwaag u. Spiel 

181. lS7ff, 191 ff. 210 f 
Wiederkäuen und Wiedor- 

holungSÄWung 18S 
Wlnterstoin. A. 202 
Wirklii-bkoiti=äinn u. Idenlifi- 

fiziorung 1Ü7; u. Spiel I75 
Wirklichkuitsvorlust 503 
Wirtscliaftauot u. Eniohung«- 

beratung 448 
Wißtriab 74. 297 f ; u. Hemmung 

293; u. Ppiöl 161 f 
Wörtorbncb doa Kindor- 

ziianiors 52 f ,, _,,„ 

WoKfhoim. Kelly 44, 1G7 ff. 328 
WolgaBl. H. 1K> 
..Wortkaiien" iGl 
Wrodc 207 
Wnndt. W. 251 

WunstilierfUllnng tt. Spiel 182 
Wunschlonifikoil C33 
WunBchpbnntasie und Ppiel 

174. Iö3ff 
Wnl; -anfülle, viltorlirbe und 

Rcliliinmheit 473; u. fii-hlimm- 

hoit 375 tt; und Uerzfeliler 

501 f 

..Zärtliches Schimpfen" i8] 

ZHrtlirhkcitsliedarfniB und Er- 
sieh iniL'abcrH In ng 457 

Knlinarztspiel IK, 187. 191 

Znpnlickmt 292 

Zeichenspiela u. AnalitSt 328 

Zeieolnat 68 

ZorVlrnutlinit 437 

Zcmrungcsvnibolik und 
Spiel 223 fr 

Zui-ht und Erzinliung 324 ff 

Zuckerkrnnkheil und 
Neurnac 499 

Züricher, Gertrud 197 

Zulligor. H. Slff, 223 ff, 240 fr 

443, 4S9tf 
ZwanganmirriBo. Kindliche 

277 f; u. Spiel 238. 258 !I 
Zwangaonanio 312 t 



— 537 - 



4»^- 



Inhalt des VI. Jahrganges '-.S. 

Seite 

August Eichhorn: Erziehungsberatung ^j 

Alice BdlJnt: Die Psychoanalyse des Kinderi immers ^o 

Felix Boehm: Kindheitskonflikte und Homosexualität Ij5 

Darothy Burlingham: Ein Kind beim Spiel »45 

— Kinderanalyse und Mutter sog 

Edith Buxbaum: Analytische Bemerkungen zur Montessori-Methode .... 534 

Anna Freud: Psychoanalyse des Kindes 5 

— Erzieher und Neurose jg^ 

Herta Fucks: Psychoanalytische Heilpädagogik im Kindergarten j^g 

Irma Hift-Schnierer: Kinderliebe ^ji 

Eduard Hitschmann: Kindheitskonflikte und Homosexualität «aa 

Wilhelm Hofjer: Das Archaische im Spiel . ago 

— Der äritliche Berater ^gg 

Melanit Klein: Die Neurose des Kindes 300 

Marianne Kris: Ein Märchenstoff in einer Kinderanalyse 437 

Walter Kulemeyer : An Straßen und Zäunen i^ 

Estelle Levy: Psychoanalyse eines Kindes mit Stehlzwang xox 

Heinrich Meng: Aus der Analyse eines Stotterers iß. 

Therese Mülha u s e-Vo g el er : Wohin führt die Nackteriiehung? 355 

Hermann Nunberg: Deckerinnerungen an ein Spiel 265 

Xarl Pipal: Beim Lesen schöner Geschichten 1« asy 

— Halterbuben spielen ngi 

Fritz Redl: Erziehungsberatung, Erziehungshilfe, Erziehungsbehandlung . . , 515 

Lili E. Roubiczek: Die wichtigsten Theorien des Spieles aig 

Hedwig Schaxel: „Der Weg ins Leben" .q 

Hans Schikola: Die narzißtische Kränkung der Eltern durch die Erziehungs- 
beratung ^,5 

Melitta Schmid eh e r g : Aus Kinderanalysen , , ,„- 

Ermt Schneider : Kinderreigen . . , . iqjj 

M. N. Searl; Spiel, Realität und Aggression sts 

Editha Sterba: Ein unerzogenes Kind rar 

Richard Sterba: Zur Theorie der Erziehungsmittel 42« 

Heinrick Stern: Sexualsymbolische Wunscbphantasien in einem frei erfundenea 

Kinderspiel a» 

Dora St rauß- Weigert : Kinderspiel und Fetischismus tjS 

Alfhild Tamm: Die geköpfte Puppe «59 

Robert Wälder; Die psychoanalytische Theorie des Spieles 184 

Nelly Wolf f heim: Aus dem Schrifttum Freuds 175 

Hans Zulliger : Ein jugendliches Diebskleehlatt 31 

— Zur Psychologie des Kinderspiels »»5 

— Magie im Kinderspiel §40 

— Der Rorschachsche Testversnch im Dienste der Erziehungsberatung . . , 489 

— 538 — 



BERICHTE 

B C C H E R 



Seite 

W. Bergmann: Die Angst der Psychopathen (Meng) 546 

Chadwick, Nursing Psychologie al Patients (N. Wolffheim) . , 44 

Dohrn, Der Daumenlutscher (N. Wolffheim) igj. 

F r i e d j u n g. Die Fehlerziehung in der Pathologie des Kindes 

(Meng) 170 

Grab er, Psychoanalyse und Heilung eines nachtwandelnden 

Knaben (Schottlaender) 44 

1. Internationale Tagung für angewandte Psychopathologie und 

Psychologie. Referate und Vorträge (Meng) 45 

Köhler, Reininger u. Hamberg: Entwicklungsgemäßer Schaffens- 
unterricht als Hauptproblem der Schulpädagogik (Buxbaum) 4i(,i 

Seidmann-Freud, Hurra, wir rechnen (Meng) 46 

Varrö, Der lebendige Klavierimterricht (A. Bdlint) 45 

Wedding, Ede und Eunku (Meng) 54^ 

Wickes, Analyse der Kinderseete (Meng) 167 

Zulliger, Adler, Freud und der Schnllehrer (Fenichel) .... 44a 

— Schwierige Schüler (Fenichel) 443 

TAGUNGEN . ... ■ ^ 

Kongreß für Kleinkind- Erziehung ^7" 

VI. Tagung der heilpädagogischen Gesellschaft für Nordwest- 
Deutschland 347 



Elientüm« und Verleger : Internationaler Psychoanalytischer Verlae. Ges. m. b. H., Wien I Böne- 

gaaic )i. — Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Dr. Paul Federn, Wien VI, KöstlergaMe J. 

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Low A^dreas-Salom^' .' .' .' ." ' De" ^^Tr^ '" ^'""^ 
Arnold Z«-eig . ^7 ^'* ^™"''" ^'*^* 

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Ludwig Jekels. . ■ ■ ■ J^" Mythos vom Fortschritt 

H«.ann Nunberg ^ ' -^'^"'^^^f^'^' 

Paul Federn . ' ^'^7 ^''^ ^^^«"-''t 

Fritz Witteis ^^' ^ch-Gefübl im Traume 

Melanie Klein ^!" ^^^''-^^h^^derGeschleehtsentscheidunff 

Robert Wälder ^ ^ Sexualbetätigung des Kindes 

Dorothy Burlingham p'^ Psychoanalytische Theorie des Spiels 

Anna Freud t'" ^'""^ ^^''" Spiel 

Marie Eonaparie ^^Jchoanalyse des Kindes 

Stefan Zweig ^^^ ^'''^ ^'^^^ ^^es 

Eduard Hitschmann ^"' ff ^'f^ Miflgeschick Marie Antoinettes 

Kniest Jones . . Z„} ^'' ^"^«1'" 

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INHALT 
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Traum und Okkultismus ^„„r-hkait 

Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit 

Anost und Triebleben 

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Aulklärunoen, Anwendungen, Orlentierunoen 

Über eine Weltanechauung 



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BroDon WnhrlicilsprugunePr gcliSrl. VLPin A] 1 min: htiekcUst räum im Kindesaltcr lieiflt es: ,,Wer 
diasBQ TroUTIi vcin-irklLchen kann, iat ein Held; wer ihn bescIirGibeii kann ein Dichter; wei 
cndgallig in dieaen TrJinm ^urLckalnkt — 1=1 der Geietesfcranfce," Hier veri^tunimpa Gedenken. 
d"iui ein Mnnn, der Billig und ivoisQ geung war, um in wissen, -wne er S!if;en darf, hat dns 

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Glnuben, der aus dar I-lebe und dem Mitlpjd eines giuflcii MenFrhen und Antes nnnll 

Fritz Witteis 

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BiuhcB allein bcnuial, dnE die Sliaftecbisrpforni keine rein Inncrli^iio Aagelegfnbnit iat und 

ilnfi sie die nilfo der Arzte und Sujiaip»l;iikcr niebt ivntbchrau linun. 



iiici.iiiiiMiEiiiJiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiinii 



Zu bczlelicn durch: 
Internationaler Psydioanalytisdicr Verlag, Wien I, In der Börse 



HI PP O K RATE S-VE RL AG 

STUTTGART 



'mmmttmam» 



Istvan Hollös 



Hinter der gelben Mauer 

Von der Befreiung der Irren 

Broschiert RM. }.iß, i„ Ganzleinen RM. 4.^; 

.J™.. p.. M,nn, ,1., e.l.^. und w.i.o g.n^g w«r. „,„ .„ „i^^cu. „oa «. s««™ d»r£, ". 

Bueh geadi rieben. 

Fritz Witteis 



Die Befreiung des Kindes 

Broschiert RM. 4.JO, in Ganzleinen AM. 6.JO 

„Ui>.- Bun^l" (BeinJ; !C:n ]3i,«h vun urwücliäige. Xratt, sasehiicl-eii im lioiligcn Uinulwn „„ 

d,fi laoBBome, aber sichern Befreiung dos Mcnscben „na dun achweral™ iünorcn Kulan pl.wra 

Glnub™, der aus dor Li.-bn und ,kra MillBid eines piuBen Menfrliou und Arztes quoll, 

Fritz Witteis 



Die Welt ohne Zuchthaus 

Broschiert RM. 4.^0, in Ganzleinen RM. 6.)0 

„IJuutsi^bu Ropuljl ik-: DicEOB liU(!h, vuu oinoin Aril goäcbriobcn, ttiiBiul mir dBa Wwl 

vollele, wns bithcr «nr Frnge der StrufreclilarBforiii geBcbriaben worden jbI. Die Esistenz dieei« 

Buches allein heweiet, daß die Straf teoblsrcforiu kcino rein innorlithc Angelegenheit iel and 

dnB 310 die flilJa der 5rr,te und SoJiilpoliliker nkhl oritbehiou konn. 



Zu bcüfclicn durch: 
internationaler Psydioanalytisdicr Verlag, Wien 1, In der Börse 



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VI. Jahrp. 



Nov.— Dez. 1932 



Nr. Ii/12 



Zeitschrift für 

psychoanalytische 

Pädagogik 



Erziehungsberatung 

August Äicßßorn . Erziehungsberatung 

Hans XuUig.ef . . . Der Rorsdaadisdie Testversudi 

WUßelm hoffet . . Der ärztliche Berater 

Izditßa Sterbe . . . Ein uner/ogenes Kind 

tians Scßikota . . . Die narzißtische Kränkung der 

Eltern 

Frits. Redl Erziehungsberatung, Erziehungs- 
hilfe, Erziehungsbehandlung 



Preis dieses Heftes Mark 2 —