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Full text of "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik VI 1932 Heft 9"

VI. Jahrg. 



September 1932 



Nr. 9 



Zeitschrift für 

psychoanalytische 

Pädagogik 



Herta Fuchs 



Psychoanalytische 
Heilpädagogik 
im Kindergarten 



I 



Preis dieses Heftes Mark 1'— 



Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 

Begründet von Heinrich Meng und Ernst Schneider 



August Aichhorn 

Wien V, Sdiönbrunncrstraßc 110 



Herausgeber: 
Dr. Paul Federn 

Wien VI, Köstlcrgassc 7 



Dr. Heinridi Meng Prof. Dr. Ernst Schneider 

Frankfurt a. M. Marienstraße 15 Stuttgart, Canshcldestraßc 47 

Schriftleiter: 
Dr. Paul Federn, Wien VI, Köstlergasse 7 



Anna Freud 

Wien IX, Berggasse 19 

Hans Zulliger 

1 1 1 1 n g c n bei Bern 



12 Hefte jährlich M. 10'-, sAw. Frk. 12'50, österr. S 17'- 
Elnzelheft M. 1 — (schw. Frk. 125, österr. S 170) 

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Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien I, In der Börse 



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ZI. 21-70 

Lat. l2-$0 

hfl. 6 — 

dän. Kr 12. $0 



Wir bereiten die SONDERHEFTE: 

Erziehungsberatung 
Die Angst des Kindes 

vor und bitten unsere Mitarbeiter, Beiträge für dieselben rechtzeitig einzusenden. 

Die Schriftleitung. 



ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHO- 
ANALYTISCHE PÄDAGOGIK 



VI. Jahrgan« 



September 1932 Heft 9 



Psychoanalytische Heilpädagogik 
im Rindergarten 

Bericht über die Versuchsarbeit eines Jahres 
Von Herta Fuchs 

I) Organisation der Sondergruppe 

und - soferne es möglich b« - heilsam oder prophylatach .w, beem 
Aussen. Eine normale, zahlreiche Kindergartengruppe, die für d e Bedu 
„L und Fähigkeiten durchschnitüich gesunder Kinder bestimmt ist kann 
der Eigenart jener Kinder schwer gerech, werden, deren taM«^ 
TJX und Einfügung in die Gemeinschaft sich unter starken Schwierig 
SÄSÄ welche besonders schwer auf die direkte Bergung 
"hrer Triebwünsche verzichten können. Die neurotischen, ge hemm en k« 

anderen in der 4* ruppe g Erzieh erin ie die Möglichkeit hatte, nach 

Benehmens ,-*. ^«"jE -tU** distale Kind nicht 
dem Warum nttf" * uer nur der letzte Ausweg , es 

der G ^;Xf Die bedeutet daß das proletarische Kleinkind die einzige 
ausznschheßen Dies bedeutet F ^.^ ^„^^ 

Eraiehungsmöglichkeit, das (jegengewicm g«g 



Zeitschrift f. psa. Päd., VI/9 



- 349 - *♦ 



J 



INTERNATIONAL 

P5YCH0ANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 






Familienverhältnisse verliert, da in diesem Alter und unter den herrschen- 
den wirtschaftlichen Verhältnissen die Unterbringung in einem Heime 
äußerst schwierig ist. 

Die Aufgabe einer Sondergruppe für schwierige Kleinkinder liegt vom 
pädagogisch-psychologischen Standpunkt aus im Bemühen, den Bedürfnissen 
dieser Kinder gerecht zu werden und vor allem die Art der Störung der 
normalen Entwicklung rechtzeitig zu erkennen; es gilt die Hemmungen 
der Neurotischen zu lösen, die Triebhaften zur Aufgabe ihrer direkten 
Triebbefriedigungswünsche zu bewegen und die schwer Aggressiven zur 
ersten Realitätsanpassung zu bringen, sie kindergartenfähig zu machen und 
vor dem Ausschluß zu bewahren. 

Die Beeinflussung erfolgt innerhalb einer größeren Gemeinschaft, mit Hilfe 
der einfachsten Mittel allgemeiner Milieueinwirkung, auf dem Weg über das 
positive Übertragungsverhältnis zur Erzieherin. Diese Möglichkeiten sind viel- 
fach begrenzt; zum Beispiel bei besonders abnormer Veranlagung und un- 
günstigen äußeren Bedingungen, schwieriger Familien Situation, werden die 
Schwierigkeiten die pädagogischen Mittel einer Sondergruppe überschreiten. 

Die erste Versuchsgruppe wurde im September 1931 an einem größeren 
Kindergarten in einem der ärmsten Proletarierviertel eröffnet. 

Die psychoanalytische Orientierung dieser Versuchsarbeit war durch die 
beratende Mitarbeit Anna Freuds und durch meine Schulung gewährleistet. 
Der Plan war ursprünglich nur, die Anwendung der Psychoanalyse auf 
den für Wien typischen Volkskindergarten zu erproben. Schon bei der Ein- 
schreibung erwies es sich als Vorteil und Annehmlichkeit, einzelne Kinder 
einer geschulten Beobachtung in einer kleineren Gruppe übergeben zu 
können. Unter den ersten fünfzehn Kindern war ein Knabe mit epilepti- 
formen Anfällen, ein Mädchen mit nächtlichem Schreien und Zornaus- 
brüchen, eines mit schweren Eßstörungen und Erbrechen, eines mit starken 
Verwahrlosungserscheinungen und ein Mädchen mit den Symptomen einer 
depressiven Verstimmung und Debilität. Dazu kamen ungefähr zwölf 
„normale" Kinder im Alter von zweieinviertel bis fünfeinhalb Jahren, nach 
den gewohnten Bestimmungen aufgenommen. Ich habe mit sechzehn Kindern 
Sechs Wochen lang gearbeitet, bis durch die positive Übertragung der Kinder 
auf mich und durch eine gute Beziehung der Kinder untereinander, sich die 
Führung der Gemeinschaft völlig konfliktlos gestaltete. Ich entschloß mich 
dann, einen aggressiven Knaben aus einer anderen Gruppe zu übernehmen, 
um ihn vor dem Ausschluß zu bewahren. Diesem sind im Verlau 
Arbeitsjahres noch weitere fünf aggressive und dissoziale Kinder a " s ^ n 
ren Gruppen gefolgt. Während des Jahres ist ein leichter Wechsel dadurch 
eingetreten, daß Kinder fortzogen, andere neue aufgenommen werden 
mußten. 

Von den vierunddreißig bei mir eingeschriebenen Kindern kommen wegen 
Krankheit und aus anderen Gründen gewöhnlich nur sechsundzwanzig. 

- 350 — 



Diese vierunddreißig Kinder lassen sich vom pädagogischen Standpunkt, 
ganz oberflächlich, in vier Gruppen teilen: 

16 normal entwickelte Kinder, die weder im Kindergarten noch zu Hause 
auffällige Schwierigkeiten zeigten; 
7 Kinder, deren Eltern auf Störungen aufmerksam machten; 
6 Kinder, welche in anderen Gruppen Schwierigkeiten bereitet haben; 
3 Kinder, deren Schwierigkeiten sich im Lauf der ersten Zeit inner- 
halb der Gruppe zeigten; 
2 Kinder, welche wegen konstitutioneller Abnormitäten zur Beobachtung 
in der Sondergruppe aufgenommen werden mußten. 
Diese Art der Zusammenstellung hat sich in der Praxis als brauchbar 
und ökonomisch, die Gesamtzahl als zu hoch erwiesen. Die verhältnismäßig 
hohe Zahl von zwanzig erscheint uns als die richtige, da es einer größe- 
ren Masse von Kindern bedarf, damit der Einzelne mit seinen Symptomen 
in ihr untergehen kann. 

In der äußeren Art der pädago gi sehen Führ un g unterscheidet sich 
diese Gruppe fast nicht von einer modernen, von Arbeitsschule und Montesson 
beeinflußten Kindergartengruppe. Den Kindern stehen neben den modernen 
Beschäftigungsmitteln eine Werkstättenecke, Hausarbeitsgeräte und Spiel- 
zeug, Puppen, Tiere usw. zur Verfügung. Blumen und Tiere werden ge- 
pflegt es wird viel Gymnastik betrieben, besonders unter der Anleitung 
meiner dafür besonders geschulten Mitarbeiterin. (Wie in allen städtischen 
Wiener Kindergärten, ist immer nur eine Erzieherin bei den Kindern 
nur in meiner freien Zeit werde ich von meiner Mitarbeiterin vertreten.) 
Für den Außenstehenden bietet die Gruppe das Bild einer normalen 
lebendigen arbeitsfreudigen Kindergemeinschaft, mit der entsprechenden Zahl 
der Musterhaften, der Unauffälligen und der Schlimmen. Die Eltern wissen 
nichts von dem Bestand einer „Sondergruppe", sie führen die stärkere Be- 
ziehung von ihnen selbst und ihren Kindern zur Kindergärtnerin gerne 
und dankbar auf menschliche Teilnahme, nicht etwa aber auf sachliches 

Interesse zurück. 

Es erschien zuerst als Gefahr, die verschiedenen Typen neurotischer und 
aggressiver Kinder mit gesunden zu mischen, da die Möglichkeit zu be- 
fürchten war, daß die Kinder durch Identifizierung untereinander die ver- 
schiedenen Symptome annehmen könnten. Um dieser Gefahr zu begegnen, 
habe ich mit den anderen Kindern in Abwesenheit zum Beispiel eines 
aggressiven Kindes über seine Störung gesprochen, ihnen gesagt, wie ich 
glaube, daß man sich am besten zu ihm verhalten solle, um ihm fürsorg- 
lich und liebevoll zu helfen, seine Schlimmheit oder Dummheit loszu- 
werden und habe ihnen ein ähnliches Verhalten anempfohlen. Diese Art, 
Kinder auf Fehler ihrer Gefährten aufmerksam zu machen und sie vor 
diesen zu warnen, unterscheidet sich gegensätzlich von der jenes Erziehers, 
der das schlimme Kind als böses Beispiel an den Pranger stellt. Mit diesem 
Vorgehen habe ich zwei Ziele verfolgt: das Kind mit seinem Symptom zu 



351 - 



2*" 



isolieren und den anderen Kindern eine deutliche Möglichkeit zu geben, 
sich mit mir statt mit ihm zu identifizieren. 

Die meisten Kinder sind von ihrer Familie her gewöhnt, an deren ver- 
schiedene Mitglieder verschiedene Ansprüche zu stellen, ihnen ein un- 
gleiches Maß von Rechten und Pflichten zuzugestehen und überhaupt 
rücksichtsvoll zu sein. Die meisten wissen genau, daß man sowohl vom 
kleinen oder kranken Geschwisterchen, als auch vom brutalen, rechthabe- 
rischen, vielleicht gar trunksüchtigen Vater nur Bestimmtes verlangen 
kann und sie haben ein feines Gefühl dafür, ihre Spielgefährten in Bezug 
auf ihre Stellung zur Umwelt zu verstehen und sie danach diplomatisch 
und tolerant zu behandeln. Die Kinder befinden sich eigentlich zu Hause, 
in einer normalen Gemeinschaft und in der Sondergruppe unter dem 
gleichen Zwang, Rücksicht auf die Bedürftigen, die Schwachen und auf 
die ewig Fordernden, Aggressiven nehmen zu müssen. In der Sondergruppe 
habe ich die Möglichkeit ergriffen, die Kinder über die Ursachen aufzu- 
klären, weshalb man das eine Kind besonders liebevoll und vorsichtig be- 
handeln müsse, das andere niemals nachahmen dürfe. Wohl nur das klare 
Bewußtsein vermag der Situation die Gefahr zu nehmen. 

Ich habe zum Beispiel auch die Kinder in Abwesenheit des Knaben, 
der unter schweren Anfällen litt, auf seine Krankheit aufmerksam gemacht. 
Ich sagte ihnen, daß der Junge recht zart sei und wenn er sich kränkt 
oder erschrickt, werde er so müde, daß er sich auf den Boden niederlegen 
müsse, um zu schlafen. Das Beste wäre dann, recht ruhig zu sein, um 
ihn nicht noch mehr zu schrecken. Ich wollte dem zu erwartenden Er- 
eignis das Schreckhafte für die Kinder nehmen und sie haben den Knaben 
ungemein rücksichtsvoll und vorsichtig behandelt. Sie sind zu meinen un- 
entbehrlichen, taktvollen Mitarbeitern geworden und haben bei Konflikten 
vermittelnd eingegriffen. Der aggressivste Junge der Gruppe, von welchem 
später noch ausführlich die Rede sein soll, leitete seine wilden Ausbrüche 
gewöhnlich mit Augenverdrehen ein. Die Kinder riefen dann immer ängst- 
lich warnend: „Der Franzi schlängelt" (schielt), und vermochten ihn häufig 
noch rechtzeitig zu beruhigen. Im Verlauf des Arbeitsjahres ist es nur 
zweimal deutlich geworden, daß zwei Kinder aus einem eigenen Konflikt 
heraus und zum Zeichen ihres Widerstandes sich mit dem aggressivsten 
und schwierigsten der Kinder identifizierten. Nach der Deutung ihres Aus- 
bruches hat es sich auch nicht mehr wiederholt. 



II) Kindertypen 

Ich möchte nun ganz allgemein über die Kindertypen sprechen, die 
sich in meiner Gruppe zusammengefunden haben. Ich glaube, daß es 
möglich ist, an jedem größeren Kindergarten, der in einem ähnlich armen 
Proletarierviertel gelegen ist, eine Gruppe zusammenzustellen, die ihrer 
Zusammensetzung nach ungefähr der meinen entsprechen würde, wenn 



- 352 — 



auch das zahlenmäßige Verhältnis, das ich für meine Gruppe eingangs 
aufgestellt habe (Seite 351), sich verschieben kann. 

Ich habe bereits erwähnt, daß ich ungefähr die Hälfte der bei mir 
eingeschriebenen Kinder als gesund bezeichne. Sie sind normal in der Be- 
ziehung, daß ihre Entwicklung dem Alter entsprechend fortschreitet, daß 
sie den körperlichen, seelischen und geistigen Anforderungen ihrer Alters- 
stufe entsprechen und ihre Einfügung in die Ansprüche der Erzieher und 
der Gemeinschaft nicht auf wesentliche Widerstände stößt. Es sind Kinder, 
die sich ohne weiteres in einer kinderreichen Gruppe zurecht finden, bei 
denen Milieuwirkung und kollektive Beeinflussung zu guten Erfolgen 
führten. Unter den günstigen Bedingungen der Sondergruppe, in der klei- 
neren Gemeinschaft, die sich langsam und organisch erweiterte, hat sich 
mir auch diese Schar der Gesunden als Kinder enthüllt, deren Entwicklung 
durch mehr oder minder auffällige körperliche oder seelische Schwierig- 
keiten manchen Schwankungen ausgesetzt ist. 

Es gibt ein unabsehbares' Register, das von dem ideal -heiter- gesunden 
bis zu' jenem Kind führt, welches durch schwere körperliche, seelische 
und geistige Defekte, unbeeinflußbar gegenüber pädagogischen Bemühun- 
gen, außerhalb der Kindergemeinschaft bleiben muß. Im Körperlichen wie im 
Seelischen sind es gewöhnlich nur Q u a n t i t ä t e n, die den Begriff „gesund' 
und „krank" bestimmen. Zwischen dem gesunden Kind, das sich gelegent- 
lich vor realen Geschehnissen fürchtet, und dem neurotischen, das aus 
unbewußten, unerledigten Konflikten, aus Angst, unberechenbare Tob- 
suchtsanfälle bekommt, besteht ebenso ein Unterschied in der Quantität, 
wie zwischen jenem Kind, dessen rachitisch-deformierte Beine sich bald 
ausrichten und jenem, das als Merkmal seiner rachitischen Erkrankung 
eine schwere Haltungsanomalie für sein Leben behält. 

In der Sondergruppe ist die Beobachtung aller Kinder darauf angelegt, 
die Entwicklungsschwierigkeiten zu erkennen und danach Maßnahmen zu 
treffen, die zu ihrer Behebung führen könnten. Von den als gesund be- 
zeichneten bleibt ein ganz geringer Rest von Kindern, die allein robust 
und widerstandsfähig — als absolut gesund angesehen werden dürfen. 
Unter den anderen finden sich einige Kinder, die man vom psychologisch- 
pädagogischen Standpunkt aus wohl als normal betrachten kann, deren 
ungünstige körperliche Entwicklung aber erhöhter Aufmerksamkeit 
bedarf. Zu diesen Kindern zählen zum Beispiel zwei Schwestern, deren 
rachitische Erkrankung zu schweren Haltungsanomalien geführt hat; ein 
Knabe war während des letzten Jahres wegen eines Lungendefektes in 
monatelanger Spitalsbehandlung und auch seine kleine Schwester ist in 
der Richtung der Tuberkulose sehr gefährdet. Einige andere Kinder haben 
sich als besonders anfällig bewiesen und hatten ständig mehr oder minder 
ernste Erkältungen zu überstehen. 

Einige dieser Kinder stehen, wenn sie auch im Kindergarten keiner 
heilpädagogischen Behandlung bedürfen, hart an der Grenze des noch 

- 353 - 



Normalen. Dieses Maß wird durch keine ihrer Wesenserscheinungen inner- 
halb der Kindergemeinschaft überschritten, aber an Einzelheiten zeigt es 
sich, daß ihre harmonische Entwicklung stellenweise durchbrochen ist. 
Ein sonst in seinen Gedankenäußerungen völlig normaler sechsjähriger 
Junge fiel im Kindergarten durch eine gewisse Zerfahrenheit und Bewe- 
gungsunruhe auf; nach der Aussprache mit den Eltern ergab es sich, daß 
der Junge hereditär mit Geisteskrankheit belastet sei und daß die im 
Kindergarten nur angedeutete Schlimmheit zu Hause schwere Führungs- 
schwierigkeiten verursacht. — Eine jetzt Vierjährige, ein freundliches, 
gutentwickeltes, scheinbar robustes Mädchen verbindet hochgradige Er- 
schwerung des Essens mit Agressionen und anderen auffälligen Wesens- 
erscheinungen. Sie benimmt sich manchmal wie eine kleine Wilde und 
peinigt gelegentlich gerade die kleinen Mädchen, deren Gesellschaft sie 
bei ihren Spielen bevorzugt, mit Zwicken, Beißen und Schlagen. Außer 
diesen Durchbrüchen ihrer Triebhaftigkeit ist sie ein liebes, folgsames und 
heiteres Kind. Die Eltern dagegen klagen, daß sie häufig gegen Mutter 
und Großmutter tätlich wird und daß sie oft voll bewußten Widerstands 
jede Mitteilung verweigert. 

Bei näherem Zusehen kann man schließlich auch eine vernünftige Sechs- 
jährige nicht als gesund bezeichnen, die zu Hause unter schweren Angst- 
ausbrüchen leidet und nur aus Angst ein wahres Musterkind ist. Gerade 
unter ihrer auffälligen Gefügigkeit und Bravheit verbirgt sie ihre Störung. 
Nachdem zum Beispiel bei diesen Kindern die schwerwiegendsten Störungen 
sich nicht in der Kindergemeinschaft äußerten und nicht auf die Person 
der Kindergärtnerin übertragen waren, lag leider die Möglichkeit, ihrer 
neurotischen Gefährdung vorzubeugen, vielfach außerhalb des Rahmens 
der Sondergruppenerziehung. 

Gerade durch ihr gleichmäßiges, unauffälliges Wesen entziehen sich 
viele Kinder unserer näheren Beachtung und ihre kleinen und oft auch 
größeren seelischen Mängel können unerkannt ein schädliches Hemmnis 
ihrer Entwicklung bleiben, wenn sie nicht mit der Zeit, begünstigt durch 
gesunde Veranlagung und Erziehungssituation von selbst vergehen; so etwa, 
wie das eine Geschwür unter der Haut unbemerkt zu gefährlicher Größe 
anwächst bevor es schmerzt oder die Haut durchbricht — ein anderes aber 
unbemerkt von selbst verheilt. 

Diese für den Maßstab der Kindergartenerziehung gesunden 
Kinder, die das dankbare Material für alle Kindergartengruppen bilden, haben 
keinerlei heilpädagogischer Sonderbehandlung bedurft, wie sie meine neu- 
rotischen und aggressiven Zöglinge erforderten. Ich habe mir wohl auch bei 
ihnen eine weitgehende Förderung durch die persönliche Beeinflussung im 
Sinne des psychoanalytischen Verständnisses erhofft; doch unterscheidet sich 
ihre Behandlung nicht von der in einer anderen Gruppe, die keine speziellen 
Ziele verfolgt. 

Wenn ich jetzt versuchen will, nach dem bisher Mitgeteilten, eine 

- 354 — 



andere, noch immer sehr oberflächliche Einteilung meiner Gruppe vorzu- 
nehmen, diesmal vom Standpunkt der psychoanalytischen Heilpädagogik: 
so habe ich folgende Kindertypen zu unterscheiden: 

1. Kinder, welche wegen Erziehungsschwierigkeiten oder Entwicklungs- 
hemmungen einer eingehenden Behandlung innerhalb der Gruppe bedürfen; 

2. Kinder, welche wohl nur vom Standpunkt der Kindergartenerziehung 
als gesund betrachtet werden dürfen, da ihre zahlreichen Schwierigkeiten, 
die im Vergleich zu jenen der genannten Kinder quantitativ wesentlich 
geringer sind und welchen man mit analytischem Verständnis zu Hufe 

kommen kann; . 

5. Kinder, die wirklich gesund und widerstandsfähig sind, bei welchen 
sich ein tieferes psychologisches Verstehen scheinbar erübrigt, die ihren 
Weg fast ohne Hilfe der Erwachsenen leicht finden; 

4 Kinder, deren ernsthafte Konflikte nicht allein durch kollektive Be- 
einflussung bewältigt werden können und die einer psychoanalytischen 
Einzelbehandlung zugeführt werden müßten, damit ihnen über ihre 
Schwierigkeiten hinweggeholfen werden könnte; (Ein Beispiel dafür bietet 
die kleine Grete, von welcher später ausführlich berichtet wird.) 

5. Kinder, welche zur Beobachtung und besseren Aufsicht in die Sonder- 
gruppe gereiht wurden, da ihr Aufenthalt in einer normalen Gruppe mit 
größerer Kinderzahl Schwierigkeiten verursacht hätte. 

Zu den Letztgenannten zählt ein vierjähriges schwächliches, kränkliches 
Mädchen mit einem deformierten Ohr, stark degenerativem Aussehen und 
sonderbarem Wesen, das mir von der heilpädagogischen Beratungsstelle 
zur Beobachtung übergeben wurde. Es soll festgestellt werden, in 
welchem Maße ihr Entwicklungsrückstand auf Schwachsinn oder aut 
Schwerhörigkeit zurückzuführen sei. Ein sechsjähriger intelligenter Junge 
leidet unter einem schweren Sprach defekt: er stottert, verwechselt manche 
Konsonanten und kann andere garnicht aussprechen. Ich habe die Eltern 
dieser, sowie all der Kinder, welche unter einem körperlichem Defekt 
leiden, zum dauernden Zurateziehen der Ärzte veranlaßt, den sprachge- 
störten Knaben und die beiden rachitischen Mädchen den notwendigen 
therapeutischen Übungen zugeführt, welche sich innerhalb des Kinder- 
gartens nicht durchführen ließen. Wenn sich bei dem kleinen Madchen 
Schwerhörigkeit hohen Grades oder Debilität wird feststellen lassen, wird es 
einer entsprechenden Spezialanstalt übergeben werden. Beide Kinder wurden 
nach kurzer Ablehnung freundschaftlich von der Gruppe aufgenommen, 
nachdem ich die anderen Kinder auf diese konstitutionellen Abnormitäten 
vorbereitet hatte, sowie ich es bei den Kindern mit psychischen Störungen 
getan habe. Durch Identifizierung mit mir halfen alle eifrig bei der für- 
sorglichen Beobachtung mit und beide Kinder wurden sehr taktvoll vor 
einer Zurücksetzung bewahrt, die sie in größerer Gemeinschaft viel- 
leicht bedroht hätte. 

- 355 - 






III) Schlimmheit und ihre Deutung 

Ich werde später versuchen, durch Berichte üher einzelne Kinder darzu- 
stellen, wie weit sich theoretische analytische Kenntnisse bei meiner Gruppe 
praktisch verwerten ließen. Ganz allgemein gesprochen, habe ich als Grund- 
lage der gesamten Arbeit immer das durch die eigene Analyse erworbene 
Verständnis der tieferen seelischen Vorgänge erkannt. Der analysierte Er- 
zieher kann alle Äußerungen der Kinder frei erfassen, bei längerer Be- 
kanntschaft mit dem Kinde, die Zusammenhänge vom Unbewußten her 
erkennen und sie zum eigenen Verständnis deuten und übersetzen. Er kann 
durch einige erklärende Worte die in rationalisierter Form gegebene Äußerung 
auf ihren verdrängten Inhalt zurückführen und diesem direkt begegnen. 

Nur einige der zahlreichen Beispiele aus der Praxis seien angeführt. 
Eine sanfte vernünftige Sechsjährige reagierte mit einer an ihr bisher un- 
bekannten Schlimmheit darauf, daß die jüngere Schwester wegen einer 
langwierigen Krankheit zu Hause bleiben mußte. Die bereits verdrängte 
Eifersucht auf die Geschwister brach durch dieses kleine Ereignis neu hervor 
und zeigte sich, da das Objekt ihrer Widerstände, die Mutter, nicht da war-, 
in auf mich verschobenem Haß gegen die Mutter. Die Kleine hat mir 
einmal anvertraut, daß sie sich schon sehr auf die Schule freut, weil sie 
dann am Nachmittag allein mit der Mutter sein darf, während die kleinen 
Schwestern im Kindergarten sein werden. Nun hat sich die Situation zu 
ihren Ungunsten gewendet und wieder mußte sie, wie schon so häufig, 
auf ihre eigenen Wünsche zu Gunsten der Kleinen verzichten. Ich habe 
ihr ihre Schlimmheit damit zu erklären versucht, daß sie nun böse auf 
die Mutter sei, die die kleine Schwester pflegt und sie, die Große mit 
den älteren Bechten, wegschickt, und daß sie ihr Bösesein nun mir, ihrer 
Mutter im Kindergarten, zeige. 

Eine vollkommen an Bcinlichkeit gewöhnte Dreijährige begann sich 
ganz unerwartet einige Male am Tage einzunässen und ging dabei schreiend 
und schlagend auf den sechsjährigen Bruder los. Zur Erklärung diente 
mir, daß vor einigen Tagen ein kleines Brüderchen gekommen war. Die 
Kleine hatte bereits Erfahrung darin, was die Ankunft eines neuen Kindes 
an Liebesentzug bedeutet, — sie hatte bereits einen einjährigen Bruder. 
Während sie stolz und beglückt vom Baby erzählte, quälte sie den großen 
Bruder mit wütenden Aggressionen und zeigte durch Weinen, Strampeln 
und Einnässen ihre Identifizierung mit dem Neugeborenen. 

Eine Sechsjährige begleitete die zunehmende Gravidität der Mutter mit 
wachsendem Trotz, erzählte einige Male „meine Mutter kriegt ein Kind", 
„sie hat einen großen Bauch", „sie kann nichts mehr essen", dann 
erzählte sie mit sichtlicher Verlogenheit vom Storch. Nach der Geburt 
eines Knaben war sie sehr erregt, weil die Entbindung zu Hause 
stattgefunden hatte und berichtete mir nach einigen Tagen: „Das 
Kind hat schon einen Nabel", womit sie das Glied meinte. Ich fragte 

- 356 - 






dann, ob die anderen auch einen „Nabel" hätten, worauf sie meinte „nur 
die Buben". Ich sagte ihr hierauf beruhigend, daß das auch ganz richtig 
so sei und daß sie, so wie sie ist, was ordentliches werden kann und ich 
und alle Leute sie lieb haben. — Zu dieser Zeit zeigt sie eine sonderbare 
Gewohnheit. Sie nimmt bei jeder Gelegenheit eine Schere, zerschnitzelt 
jeden Faden, jedes Papier, am liebsten die besten Zeichnungen der anderen 
Kinder und hinterläßt überall größte Unordnung. Einmal erhebt sie die 
Schere drohend gegen mich und schneidet sich sofort danach ein Loch in 
ihren Strumpf. Dieses zwanghafte Hantieren mit der Schere ist vielfach 
determiniert, die Aggression kann sowohl aus ihrem Haß gegen ihre Mutter 
und ihrer Eifersucht gegen ihre Geschwister, als auch aus ihrem Penisneid 
erklärt werden. Sie will jemanden schneiden und verletzen, durch die Un- 
ordnung Ärgernis erregen und Wirtschaft machen, wie der kleine Bruder, 
sie will das Glied abschneiden, das gerade sie nicht hat. Daß ihre Aggression 
vor allem gegen die Mutter gerichtet ist, geht daraus hervor, daß sie mich 
bedroht, und schließlich den Strumpf, das Eigentum der Mutter zerschneidet. 
In allen drei Fällen habe ich einfach und eindringlich versucht, den Sach- 
verhalt zu erklären, so wie ich ihn sah und die Symptome waren bald 

verschwunden. 

Eine unüberlegte ungeübte Erzieherin, welche den Äußerungen 
der Kinder nur wenig Verständnis entgegenzubringen vermag, wurde ihr 
ganzes pädagogisches Bemühen darauf richten, die Schlimmheit zu unter- 
drücken. Sie würde mit der Kleinen, die sich plötzlich naß macnt und 
strampelt, ordentlich zanken und sie von dem Bruder trennen, den sie so 
unberechtigterweise mißhandelt hat. Sie würde der Sechsjährigen, die Zeich- 
nungen zerschnitzelt und sich den Strumpf zerschneidet, entrüstete Vor- 
stellungen über ihre Unvernunft und Böswilligkeit machen und ihr auch 
den Ärger der Mutter in Aussicht stellen. Beide Maßnahmen würden im 
Ausdruck gipfeln, daß die Erzieherin das schlimme Kind nicht mehr lieb 
habe. Sie hätte aber damit in beiden Fällen übersehen, daß hinter der 
Schlimmheit dieser beiden Mädchen gerade die quälende Angst vor dem 
Liebesverlust steht, der beide durch die Ankunft des kleinen Bruders be- 
droht. Wenn sie den Kindern nun auch ihre Liebe entzöge, würde sie 
ihnen damit den Beweis für die Berechtigung ihrer Angst bringen, den 
Konflikt nur verschärfen und die Reaktion befestigen, wenngleich die 
Äußerung bewältigt werden konnte. 

Die begabte, feinfühlige aber unanalysierte Erzieherin 
kann vielleicht durch ihr Einfühlungsvermögen die Situation intuitiv rich- 
tig erfassen und ein entsprechendes Wort oder eine Maßnahme finden. 
Aber sie kann wohl auch nur das Symptom, in diesen drei Fällen die 
Schlimmheit, sehen, die in der ganzen Reihe der seelischen Vorgänge, welche 
der Symptomhandlung vorangegangen sind, nur letzten Ausdruck bildet; so 
etwa wie Fieber nur ein Krankheitssymptom bedeutet und nur dadurch 
behoben wird, daß man seine Ursache, etwa eine Entzündung, behandelt. 

- 357 - 



Die analysierte Erzieherin kann um eine Schicht tiefer unter die 
Oberfläche sehen und mit ihrer Antwort direkt diese Schicht treffen. Zum 
Beispiel konnte ich aus der Mitteilung der Kleinen, daß der Bruder schon 
einen Nabel (Penis) habe, die beunruhigte Frage hören: „Er ist so klein 
und hat schon einen; ich bin so groß und habe noch keinen", und 
diese mit der Beruhigung beantworten, daß nicht sie allein so sehr von 
der Natur (der Mutter) benachteiligt und daß sie trotzdem vollwertig sei. 
Dafür ließen sich ungezählte Beispiele aus jedem Kindergartentag bringen; 
denn was das Kind sagt und handelt, ist auch Ausdruck und Mit- 
teilung eines unbewußten seelischen Vorganges, dem ein Erlebnis oder 
eine Triebregung zu Grunde liegen kann. 

Ich habe zur Begegnung von Konflikten mit Kindern zwei Möglichkeiten 
gefunden: Der erste Weg war, daß ich das Kind durch eine zweckmäßige 
pädagogische Maßnahme auf eine beliebte Tätigkeit abgelenkt habe, so 
wie es die verständige Erzieherin zu tun pflegt, die immer ein ruhiges, kon- 
fliktloses Einvernehmen mit ihren Zöglingen zu wahren vermag. Hat das 
Kind seine Schlimmheit wiederholt, konnte ich dieses Ablenkungsverfahren 
beliebig oft wiederholen, um ernste Konflikte zu vermeiden. Die Erfahrung 
aber hat mir oft bewiesen, daß der zweite Weg, der viel mühsamer und 
nicht sofort von sichtbarem pädagogischem Erfolg begleitetet war, doch 
der ökonomische ist: Ich habe das Kind nicht abgelenkt, sondern versucht, 
die Beweggründe seiner Schlimmheit seinem Bewußtsein nahe zu bringen, 
auf die Art, welche ich in den angegebenen drei Beispielen der eifersüchtigen 
Schwestern angedeutet habe. Ich hätte zum Beispiel die aggressive Drei- 
jährige beruhigen und ihr ihre Lieblingspuppe zum Spiel geben können 
(„jetzt hast du selbst ein Kind") — anstatt ihr zu sagen, daß sie sich so 
naß macht und strampelt wie der kleine Bruder, sich über ihn ärgert und 
daß sie anstatt den kleinen, den großen Bruder schlägt. 

Der Erfolg dieser Deutung ist gewöhnlich ein Nachlassen des Zwang- 
haften in der Ausdrucks weise der Kinder, das von dem wohltuenden Ge- 
fühl begleitet ist, vom Erzieher tief und wirklich verstanden zu werden, 
was die Grundlage zu einem dauerhaften, positiven Übertragungs Verhältnis 
bietet. Diese Beziehung, welche dem begabten unanalysierten Pädagogen 
intuitiv herzustellen gelingt, wird hier absichtlich herbeigeführt und vertieft. 

Die Kinder nehmen Deutungen anscheinend ohne Schwierigkeit an. Ihre 
seelische Struktur ist noch im Werden, das Verständnis noch nicht so sehr, wie 
beim Erwachsenen durch Verdrängungen gesperrt. Eine Zweieinhalbjährige 
mußte so früh in den Kindergarten geschickt werden, weil sie zu Hause 
auf ihren kleinen Bruder tätlich losging. Nach kurzer Zeit übertrug sie 
ihren Bruderhaß auf ihre Geschwister im Kindergarten, — VO& die anderen 
Kinder. Ich erklärte ihr einmal, daß sie auf den kleinen Bruder so böse 
sei, weil sie jetzt nicht mehr allein bei der Mutter sein kann und daß 
sie jetzt die anderen Kinder schlage, weil sie glaube, sie nehmen ihr meine 
Liebe weg, so wie der Bruder ihr die Liebe der Mutter entzogen hat. Ein 

- 358 - 



sechsjähriger Bub stand dabei und sagte lebhaft amüsiert: „ja bei mir war's 
auch so, wie ich 8 Tage alt war, hat mich meine Schwester auf die Ofen- 
platte gelegt und jetzt haut sie mich immer noch." 

Die Reaktion der Erzieherin auf das Benehmen der Kinder bestimmt 
deren Verhalten untereinander. In jener Gruppe, wo der Erzieher nur das 
Benehmen scharf kritisiert und bestraft, werden auch die Kinder ent- 
sprechend unbedenklich handeln. Ich konnte in meiner Gruppe bemerken, 
daß die Kinder einander fast ausnahmslos verständig und tolerant behandelten 
und daß sie sich nachdenklich und freimütig äußerten. 



IV) Trieberziehung 

In der Sondergruppe ist im Vergleich zu einer Normalgruppe der Prozent- 
satz von Kindern größer, deren Triebentwicklung sich unter Schwierigkeiten 
vollzieht. Es ist deshalb besonders wichtig, das jedem einzelnen Kinde ent- 
sprechende Maß von Forderungen aufrecht zu erhalten, weder zu viel noch 
zu wenig zu fordern, zu erlauben und zu verbieten. Die Bereitwilligkeit des 
Kindes, die Versagungen und Forderungen der Außenwelt zu akzeptieren, wird 
nicht nur durch den erzieherischen Faktor bestimmt, sondern vor allem durch 
die Intensität sein es Trieblebens. Wir können schon im Kindergarten 
die Wesensart der allzu Gehemmten von der der Hemmungslos-Triebhaften 
unterscheiden und müssen zur Kenntnis nehmen, daß beide Typen ihre 
eigenen Maßstäbe an die Ansprüche der Realität legen. Wir müssen trach- 
ten, bei den einen die allzustarken Hemmungen zu lockern und die Angst 
vor ihren eigenen Triebwünschen zu mindern, den anderen das Aufgeben 
ihrer Wünsche nach direkter Triebbefriedigung zu erleichtern. 

Die Triebe, welche diese frühe Entwicklungsstufe beherrschen, erliegen 
im Kindergarten der gleichen Versagung und Unterdrückung wie inner- 
halb der Familie. Die Eltern aber haben gewöhnlich dafür, daß ihre Kinder 
ihren Forderungen sich nicht unbedingt und immer fügen, kein Verständ- 
nis, sondern empfinden vor allem nur den eigenen Ärger und reihen an 
die unverbesserlichen Unarten des unfolgsamen Kindes eine endlose Kette 
von Verboten und Strafen. Die ständige Häufung von Unarten und der 
darauffolgenden Strafen beweist aber, daß eine starke Triebregung diesen 
Maßnahmen standzuhalten vermag. 

Wir Kindergärtnerinnen sind in der glücklichen Lage, zwischen Forde- 
rung und Kind ein Beschäftigungssystem als Vermittler stellen und den 
Kindern für ihre Verzichte Gegenleistungen bieten zu können. In den 
früher angeführten Beispielen der eifersüchtigen Schwestern handelt es sich 
um tatsächliche Erlebnisse, um die unerwünschte Erkrankung der 
Schwester und um die Geburt eines Bruders, deren seelische Verarbeitung 
unter starken Konflikten vor sich gegangen ist. In diesen Fällen half die 
Aufdeckung der unbewußten Zusammenhänge und deren Deutung; eine 
Ablenkung hätte die Erledigung der Konflikte nur hinausgezögert. 

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Entsteht die Schwierigkeit nicht durch konfliktvolle äußere Erlebnisse, 
sondern direkt durch Triebregungen, dann bedarf es eines anderen 
Verfahrens; in diesem Falle kann die Erkenntnis der unbewußten Ursache 
nicht helfen. Zum Beispiel wäre es wirkungslos, einem Kinde, das aus 
analer Lust schmiert und sich beschmutzt, sein Tun zu deuten; hingegen 
muß man ihm eine Beschäftigung geben, die ihm ähnliche Befriedigung 
verschafft und trotzdem erlaubt ist: etwa im genannten Fall Malen oder 
Formen mit Ton oder feuchtem Sand. Damit wird die Befriedigung vom 
unerlaubten niederen auf das erlaubte höhere Triebziel 
umgeleitet, jener Prozeß, den wir als Sublimierung bezeichnen. 

Dem Zwecke der Sublimierung, der Ablenkung von Triebregungen, sind 
die meisten unserer Beschäftigungsmittel angemessen: Modellieren und Malen 
dem analen Trieb zu Kneten und zu Schmieren, die Gymnastik dem 
primitiven Bewegungstrieb; die Werkstättenarbeit, das Hämmern, Sägen 
und Ausschneiden hilft die destruktiven-aggressiven Tendenzen in höhere 
Befriedigung umzuleiten, und schließlich wird die sexuelle Wißbegier, die 
sich in zahllosen Fragen äußert, welche alles mögliche zum Gegenstand 
haben, durch Vermittlung des der Altersstufe entsprechenden Allgemein- 
wissens in den Dienst der Bildung des Kindes gestellt. 

Ein Vierjähriger mußte in die Sondergruppe aufgenommen werden, weil 
er in einer anderen Gruppe die Kinder mit Abschlecken, Anspucken, Beißen 
und bösem Schimpfen belästigte jedoch für keine der vorgesehenen Be- 
schäftigungen Geduld und Interesse zeigte. Beim Vergleichen seiner Un- 
arten ist es mir aufgefallen, daß sie alle vom Mund ausgehen und wohl 
gerade deshalb so lustbringend sind und ich habe nach einer Beschäftigung 
gesucht, die ihm eine ähnliche Befriedigung seiner realen Trieb wünsche 
bieten könnte. Ich habe ihn zum Beispiel Seifenblasen machen lassen und 
ihm dafür den Vorschlag gemacht, das Spucken usw. zu unterdrücken. 
Außerdem versuchte ich, seine Schimpfimpulse in Geschichtenerzählen. 
Reimesagen umzuwandeln. Die Eltern sind wohl kaum in der Lage, die 
besonderen Unarten dieses Kindes zu verstehen und üben als einzige Er- 
ziehungsmaßnahme ständig wiederholte Mahnungen und Verbote: „Spuck 
nicht!", „Beiß nicht l" oder gelegentliche Klapse auf den Mund. Und selbst 
wenn eine verständige Kindergärtnerin, die auf direkte Verbote und Strafen 
verzichtet, ihm angeboten hätte zu bauen oder zu turnen, so hätte er sich 
bald gelangweilt, da er ausschließlich zu oralen Betätigungen oder Unarten 
eine innere Beziehung zu haben scheint. 

Eine Mutter klagte über die lästige sexuelle Neugierde ihrer Sechsjährigen. 
Diese war im Kindergarten scheinbar sehr um die Kinder, vor allem um 
den kleinsten Buben bemüht, bot stets ihre Hilfe an, besonders leiden- 
schaftlich dann, wenn es sich darum handelte, den Kleinen aufs Klosett 
zu begleiten. Die gleichen Triebregungen, welche sie veranlassten, der 
Mutter unter die Röcke zu schauen, machten ihr auch die Hilfeleistungen 
auf dem Klosett so begehrenswert. Zur Freude zu schauen kommt die 

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Lust, zu berühren, verbunden mit der phantasieanregenden Sensation des 
anderen Geschlechtes, welches ihr nicht vertraut ist, da sie als einziges 
Kind, von lauter Frauen behütet, aufgewachsen ist. Ich habe ihr nach der 
Deutung ihrer Wißbegier und einer Beruhigung über den Geschlechts- 
unterschied ihre Triebwünsche, die mit dem Begleiten aufs Klosett ver- 
bunden waren, versagt, um den Kleinen vor einer Verführung durch sie 
zu schützen. Zur Entschädigung habe ich mich besonders viel mit ihr be- 
faßt, ihr Bilderbücher vorgelesen, Geschichten erzählt und ihr die Sorge 
für die gesamte Puppenfamilie übertragen. 

Die kindlichen Triebe, die auf direkten Lustgewinn gerichtet sind, müssen 
immer neue Unterdrückungen und Versagungen erleiden. Die weiteren 
Triebschicksale bestimmen die gesamte Persönlichkeitsentwicklung. Die Er- 
ziehung des Kindes erfolgt auf die Weise, daß es die Forderungen einer 
geliebten Erzieherperson schließlich zu seinen eigenen macht. Aus der 
Summe dieser Forderungen stellt sich später in ihm selbst eine eigene 
fordernde und kritische Instanz her, das Üb er- Ich, welches die An- 
sprüche des abwesenden Erziehers mehr oder weniger strenge vertritt. Im 
Kindergarten alter liegt erst der Beginn der Entwicklung des Über-Ichs; 
man erwartet gewöhnlich auch noch gar nicht von so kleinen Kindern, 
daß sie genau wissen, was sie tun dürfen und was sie unterlassen müssen, 
wenn man es ihnen nicht gerade gesagt hat. 

Jede Kindergärtnerin wird in ihrer eigenen Erfahrung mit Zweieinhalb- 
bis Dreijährigen die folgende Beobachtung bestätigt finden. Diese Kleinen 
haben die Forderung nach Reinlichkeit noch nicht unbedingt zu ihrer 
eigenen gemacht. Das Einnässen und Einkoten ist ihnen an sich gar nicht 
unangenehm, wahrscheinlich würde es ihnen, auf der frühen Entwicklungs- 
stufe ihres Trieblebens, mehr Vergnügen bereiten, wären die Folgen im Ver- 
halten der Erwachsenen nicht so unangenehm, denn über das nicht recht- 
zeitig Reinbleiben ist die Strafe des Liebesentzuges verhängt. 

Ich habe bei einem kleinen zweieinhalbjährigen gutentwickelten Jungen 
immer an seinem versonnenen, befriedigten Gesichtsausdruck erkannt, daß 
er in die Hose gemacht hat. Er ist gewöhnlich ganz still mit verträumten 
Augen, den Kopf auf die Hände gestützt, dagesessen und erst bei meinem 
Anruf wurde er blaß und abweisend. Er war sich der Forderung bewußt, 
doch seine unbewußten Trieb wünsche waren stärker als alle Erwägungen 
unangenehmer Folgen. Die Schwierigkeiten seiner Erziehung zur Reinlich- 
keit haben sich eigentlich erst durch die Trennung von der besonders zärt- 
lich geliebten Mutter verschärft — also nach dem Eintritt in den Kinder- 
garten. Er hat einen Rückfall, eine Regression auf eine frühere Stufe 
erlebt, auf welcher vor allem der eigene Körper als Lustquelle diente. Die 
geliebte Mutter war nicht da, die Ersatzpersonen und -Betätigungen wurden 
von ihm nicht akzeptiert, er zog sich in sich selbst zurück. Der Kleine 
war böse auf die Mutter, die ihn fortgeschickt hatte. Deshalb hatte er auch 
keinen Grund mehr, ihr zuliebe auf die Befriedigung seiner Triebwünsche 

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zu verzichten. Später hat er die gleiche Störung unter anderen Formen 
wiederholt. Es ist mir häufig gelungen ihn rein zu erhalten, wenn ich 
mich ständig liebevoll und sorglich mit ihm befaßt habe. War ich einmal 
nicht im Kindergarten, so hat er sich bestimmt immer angemacht. Mit 
meinem Fortgehen und ihn Alleinlassen habe ich dasselbe getan wie die 
Mutter und er war nun auch mir böse. Es ist eine bei den Kindergärtne- 
rinnen allgemein verbreitete Erkenntnis, daß viele Kinder sich naß machen 
oder einkoten, um ihr Bösesein und ihren Widerstand auszudrücken. 



V) Familie und Kindergarten 

Wie grundlegend wichtig für das Verständnis des Kindes die gute Be- 
ziehung des Erziehers zu den Eltern ist, wurde in der gesamten pädago- 
gischen Literatur seit Jahrhunderten beschrieben. Seit Freuds Darstel- 
lung der ödipusshuation haben wir den Schlüssel zum Verständnis des 
eigenartigen Verhältnisses, in dem Eltern und Kinder Spieler 
und Gegenspieler aus dem Unbewußten darstellen. Daß eine gute 
vertrauensvolle Beziehung zu den Eltern die Bedingung für solch ein Ver- 
ständnis und damit auch für die Beeinflussung der Kinder bedeutet, gilt 
für jede Kindergartengruppe und in erhöhtem Maße für diese, welche 
heilpädagogische Ziele verfolgt. 

Verwahrlosungserscheinungen und Symptome jener Kinder, welche zu 
Hause durch zerrüttete Familienverhältnisse, zum Beispiel durch einen 
trunksüchtigen Vater, schweren traumatischen Erlebnissen ausgesetzt sind, 
können auch bei oberflächlicher Beurteilung auf die Einflüsse der Familie 
zurückgeführt werden. Für das analytische Verständnis genügt diese 
oberflächliche Feststellung von Tatsachen nicht. Man muß versuchen in 
die feineren Mechanismen dieser Vorgänge einzudringen. Um das Not- 
wendigste zu erfahren ist es nötig, absichtlich ein Übertragungsverhältnis 
zu den Eltern, vor allem zu den Müttern herzustellen, als ob sie Kinder 
wären. Ich habe die Versuchsgruppe als neue, den Eltern völlig fremde 
Kindergärtnerin übernommen, was ja die Arbeit fürs erste erschwert. Aus 
meiner früheren mehrjährigen Erfahrung an einem Kindergarten weiß ich, 
daß sich das gute Verhältnis zu den Eltern von Jahr zu Jahr leichter ver- 
tiefen läßt. Ich spreche mit den Müttern täglich beim Bringen und Ab- 
holen über das alltäglich Aktuelle, über ihre Familienverhältnisse aber und 
die besonderen Erziehungsprobleme ihrer Kinder vertraulich in Einzel- 
besprechungen an dazu bestimmten Tagen. In Gruppenabenden und Eltern- 
zusammenkünften habe ich mit ihnen allgemeine pädagogische Fragen be- 
sprochen und dabei immer, wie bei den Kindern, den analytischen Standpunkt 
bewahrt, ohne mich jemals eines Fachausdruckes zu bedienen. Ich habe die 
Kinder auf unaufdringliche Weise zu Hause aufgesucht, etwa um ein 
Kind zu begleiten, einen Krankenbesuch zu machen und wurde ausnahmslos 
mit großer Freude aufgenommen. 

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Bei meinen Besprechungen mit den Müttern bin ich gewöhnlich vom 
Körperlichen ausgegangen und es hat mir rasch geholfen, wirkliches Ver- 
trauen zu erwerben, indem ich mich immer besonders stark um das 
körperliche Wohl der Kinder und um eine verstärkte ärztliche Aufsicht 
sorgte. Die Eß- und Schlafstörungen mancher Kinder, rückständige körper- 
liche Entwicklung, Lutschen und Onanieren, sind gewöhnlich die Schwierig- 
keiten, welche den Müttern wahre Sorgen bereiten. Ausgehend von diesen 
Tatsachen, haben die Mütter gerne ihre Beobachtung auf die feineren 
und weniger auffälligen seelischen Konflikte gelenkt. 

Da wir trachten, das Kind zu uns in positive Mutterübertragung zu 
zu bringen, müssen wir uns zuerst über die tatsächlich bestehende Mutter- 
Kindbeziehung klar werden. Ist die Beziehung des Kindes zur Mutter sehr 
gut, dann ist auch die gute Beziehung dieser zur Kindergärtnerin beson- 
ders wichtig. War jedoch die Beziehung des Kindes zur Mutter feindselig 
oder stark zwiespältig, — ambivalent, dann mußte ich zuerst versuchen, 
das Vertrauen des Kindes dadurch zu erwerben, daß ich mich auf seine 
Seite, eventuell gegen die Mutter stellte. 

Bei einer sehr frühreifen, intelligenten Sechsjährigen, die ihrer Mutter 
die größten Schwierigkeiten bereitete, bemerkte ich, daß sie bei der gering- 
sten Versagung oder Zurechtweisung mit herausforderndem Gesichtsaus- 
druck die Hand wie zum Schutz vor den Kopf erhob. Ich habe sie dazu 
gebracht, mir zu erzählen, daß sie den Eindruck habe, von ihrer sehr 
reizbaren Mutter ungerecht und inkonsequent behandelt zu werden. Ich 
habe ihr meine Hilfe dagegen angetragen und ihr erklärt, daß die er- 
hobene Hand nicht nur Schutz sondern auch Aggressionsdrohung deuten soll. 

Bei neurotischen Kindern konnte ich immer wieder die Erfahrung der 
Erwachsenen- und Kinderanalysen bestätigt finden, daß die Neurose des 
Kindes gewöhnlich mit der der Mutter eng verbunden ist. Eine Mutter 
brachte ihr zarte Fünfjährige und sagte gleich bei der Einschreibung, sie 
fürchte, daß es vielleicht nur ein Versuch bleiben werde, weil das Kind 
keine Trennung von ihr ertrage, krankhaft schüchtern sei, in krampf- 
artiges Weinen verfalle, wenn sie unter Fremde käme. Die Kleine hat die 
Befürchtungen der Mutter teilweise bestätigt. Sie hat unter krampfhaftem 
Zittern beim Kommen und Gehen geweint, durch vier Wochen weder 
Spielsachen noch Beschäftigungsmaterial berührt, durch weitere vier Wochen 
nur einen Bleistift angenommen. Ungefähr zwei Wochen nach ihrem 
Eintritt wollte sie einmal mittags, wie die Mutter sie abholte, nicht ihr 
Manterl holen. Ich habe der Mutter erfreut gedeutet, daß ihre Tochter 
damit ausdrückt, daß sie gerne bleiben wolle. Die Mutter war gegen mein 
Erwarten betreten, hatte Tränen in den Augen und versicherte, daß die 
Kleine bestimmt nicht dableiben wolle. 

Sie hat die Eingewöhnung des Kindes als Treubruch gegen sich auf- 
gefaßt und wahrscheinlich das Kind in einer übermäßig starken Bindung 
erzogen, die nicht einmal eine kurze Trennung erlaubte. Sie hat in dem 



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Kind die Angst vor den Folgen dieses Treubruches erweckt und mit der 
Angst die Symptome der Schüchternheit, des verkrampften Weinens her- 
vorgerufen. Sie hat ihre Befürchtungen bei der Einschreibung wahrschein- 
lich als Rückversicherung für den Fall geäußert, daß sie selbst die Tren- 
nung von ihrem Kinde nicht ertragen würde. 

Den Zugang zu einem verwahrlosten, verschlossenen und verbitterten 
sechsjährigen Mädchen habe ich über mein Verhältnis zu ihrer Mutter 
und Großmutter gefunden. Beide Frauen haben das gleiche Wesen wie 
die Kleine und fühlen sich in jeder Hinsicht um ihre Ansprüche an das 
Leben betrogen. Außer vier kleineren Geschwistern ist noch eine acht- 
jährige Schwester da, deren schwere Verwahrlosungssymptome, zahlreiche 
Diebstähle, schon zu ernsteren Konflikten geführt haben. Ich habe die 
Klagen und Ausbrüche der Erbitterung der Großen sowie des Kindes teil- 
nehmend angehört, ihnen in ihren Beschuldigungen, die sich oft gegen 
die größere Schwester und deren Erzieher richteten, beigepflichtet und ihre 
narzißtischen Gefühle auf den inneren Wert der Kleinen gelenkt, der 
über ihr verwahrlostes Äußeres, so wie wohl auch bei den Frauen, über- 
sehen wurde. 

Die Kleine hat in ihrer äußeren Verwahrlosung ganz kraß den Typus 
Kinder vertreten, die allein kommen und gehen, deren Angehörige man 
nicht zu Gesicht bekommt und an deren Verschmutzung und Verlausung 
alle Fürsorgemaßnahmen, selbt die schärfsten, spurlos vorübergehen. Sie 
hatte weder Frühstückstasche, noch jemals angenähte Knöpfe. Jede offizielle 
Mahnung vom Kindergarten aus, das Kind besser zu pflegen, hätte bei 
Mutter und Großmutter die erwartete und gewohnte Beleidigung hervor- 
gerufen und mich allen anderen hochmütigen Personen gleichgestellt 
welche das Kind seiner Armut wegen zurücksetzen. 

Meine erste Beziehung zu dieser Familie begann mit einem kleinen 
Dankbrief der Mutter: ich hatte die Kleine nämlich zum Friseur ge- 
schickt, damit er ihre Frisur, die die Spuren der letzten Radikalkur gegen 
Verlausung noch deutlich trug, einigermaßen schön mache. Später habe 
ich einmal einen Nißkakamm in die Wohnung getragen, ausführlich die 
Gebrauchsanweisung erklärt und unauffällig darauf hingewiesen, wie sehr 
sich bei der Kleinen diese ungewohnte Fürsorge lohne. Ich sagte, daß ich 
die Verlausung als einen Schönheitsfehler betrachte, der verhältnis- 
mäßig einfach zu beheben sei und daß es mir sehr wichtig erscheine, die 
Kleine davor zu bewahren, nochmals geschoren zu werden. Nebenbei 
konnte ich mich auch überzeugen, daß es in diesem Elendsmilieu wirk- 
lich nicht einfach sein kann, ein Kind frei von Ungeziefer zu erhalten. 

Ich habe nicht nur die seelische, sondern auch die körperliche Ver- 
wahrlosung als Ausdruck eines Unvermögens, als eine Krankheit betrachtet. 
Aus unbewußten inneren Konflikten heraus gibt es wahrscheinlich für 
diesen Typus Frauen, der hier in drei Generationen vertreten ist, keine 
Möglichkeit besser auszusehen und ein anderes Leben zu führen. All 

— 364 — 



diese Erscheinungen sind nicht allein mit der realen materiellen Not- 
lage zu erklären. 

Ich habe immer betont, daß die Kleine schön aussehen solle, nicht 
etwa rein und frei von Ungeziefer. Gerade bei ihrem durch Schmutz und Ver- 
wahrlosung entstelltem Äußeren kommt es Mutter und Kind auf die 
Schönheit an, als das durch die äußere und innere Realität versagte Ideal. 
Gerade diese Nuance hat der Mutter tatsächlich den Ansporn gegeben 
ihr Kind, das besser behandelt wird, als sie es in ihrer Kindheit erfahren 
hat, besser zu betreuen. 

Ich habe mit der Kleinen einen Schuhsack genäht. Sie hat sich selbst 
ein schönes Frühstücks- und Kammtaseherl gewebt, hat gelernt, sich 
Knöpfe und Schlingerln anzunähen. Ich habe versucht, ihr den Weg zu 
weisen, sich selbst dazu zu helfen, anders zu werden als die eigentlich 
verachtete, schmutzige Mutter, Ich habe sie und ihre Familie vorsichtiger 
als alle anderen vor jeder Beleidigung und Kränkung bewahrt und sie 
umso stärker hervorgeholt und an mich gezogen. Sie sollte in mir eine 
neue Mutter erkennen, bei der sie das findet, was ihr die leibliche Mutter 
nicht geben kann. 

Es würde zu weit führen, den Entwicklungsgang jedes einzelnen Kindes 
während des einen Jahres darzustellen. Das leidenschaftlich trotzige gegen 
die Außenwelt abgesperrte Wesen dieser Kleinen, deren Verwahrlosung 
sich in Aggressionen, gelegentlichen kleinen Lügen und Diebstählen 
äußerte, hat sich innerhalb der Kindergemeinschaft in warme Anhänglich- 
keit an Kindergärtnerinnen und Kinder und leidenschaftlichen Arbeitseifer, 
ihre Verbitterung in lustigen Mutterwitz umgebogen. Wieweit dieser Er- 
folg beim Schuleintritt durch die verstärkten Einflüsse ihres Milieus, 
wieder aufgehoben werden wird, ist wohl ein soziologisches Problem und 
nicht mehr das der Kindergartenerziehung. 

In den engen, überfüllten Wohnungen sind die Kinder nächste Zeugen 
aller Geschehnisse des menschlichen Zusammenlebens, von Tragödien 
der Armut, der Liebe und Enttäuschung und der Kriminalität. Alle 
menschlichen Beziehungen rücken in diese Enge zusammen und es er- 
weckt mir oft den Anschein, als ob auch die Bindungen der Kinder an 
ihre Eltern und Geschwister mit stärkeren Affekten erlebt werden als bei 
Mittelstandskindern. Ich konnte immer wieder beobachten, daß verwöhnte, 
einzige Kinder, die aus einem geordneten ruhigen Elternhaus in den 
Kindergarten gebracht werden, sich mit dieser neuen Situation rascher 
abfinden, als Kinder einer vielköpfigen Proletarierfamilie, obgleich man 
eigentlich das Gegenteil erwarten möchte. 

Bei diesen armen Proletarierkindern kommt, hervorgerufen durch Fremd- 
heit und Ungewohntheit der neuen Umgebung, die Angst zum Ausdruck 
welche die zahlreichen traumatischen Erlebnisse begleitet hat, denen sie 
seit frühester Kindheit schonungslos preisgegeben waren. Das hilflose Un- 
behagen, das das Kind empfindet, wenn es sich auf die hygienischen, so 



Zeitschrift f. psa. Päd., VTfa 



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25 



sorgfältig für den Zweck ausgeführten Schlafmatten legt, kann man erst 
so recht verstehen, wenn man bedenkt, daß der Schlaf für die Mehrzahl 
der Kinder bedeutet, an einem anderen Körper eng gedrängt zu liegen. 
Diese Erwägung vermag vielleicht auch teilweise die Abneigung fast all 
dieser Kinder gegen die alltägliche Ruhepause zu erklären. 

Wahrscheinlich wird die wohltuende Wirkung des Kontrastes zwischen 
dem engen, schmutzigen Zuhause und dem geräumigen, wohleingerich- 
teten Kindergarten überschätzt. Es ist zur selbstverständlichen Forderung 
geworden, daß unsere Kindergärten den modernen, hygienischen und 
ästhetischen Anforderungen entsprechen, aber es wäre theoretisch möglich, 
daß das Kind eher den pädagogischen Einflüssen zugänglich wäre, wenn 
ihm die Umgebung vertrauter erschiene; so wie es sich erst dem Einfluß 
der Kindergärtnerin erschließt, bis es in ihr eine vertraute Muttergestalt 
erkannt hat. Wohl von anderem Gesichtspunkte aus, vom soziologischen 
und nicht vom psychologischen, ist man zum Beispiel in Rußland dazu 
gekommen, die den Betrieben eingefügten Kinderheime der Form nach 
den primitiven Lebensgewohnheiten der Eltern anzugleichen. 

Das Kind kommt in den Kindergarten, erfüllt von seinen häuslichen 
Erlebnissen und diese werden an Tragweite fast niemals von den Erleb- 
nissen der Kindergemeinschaft erreicht. Die Kinder agieren im Kinder- 
garten in ihren gesamten Äußerungen das, was in ihnen vorgeht und 
finden in Spiel, Arbeit und Gemeinschaft die Möglichkeit zur Abfuhr 
ihrer Affekte. Ein Kind aus meiner früheren Gruppe stand in analytischer 
Behandlung und hat während deren einjähriger Dauer niemals vom Kinder- 
garten gesprochen. Gerade dieses Kind war besonders affektvoll an allen Vor- 
gängen des Kindergartens beteiligt und doch scheint diese Teilnahme nur ein 
Überbau über seine eigentlichen Erlebnisse und Konflikte gewesen zu sein. 
Sind die Einflüsse des häuslichen Milieus so schlecht, daß sie durch 
die Beeinflussung im Kindergarten nicht abgeschwächt werden können, 
so bleibt als notwendige Konsequenz die Verpflanzung in ein neues besseres 
Milieu. Die allgemeine wirtschaftliche Situation beschränkt uns entgegen 
dieser Erkenntnis auf unsere in diesen Fällen unzulänglichen Mittel der 
pädagogischen Beeinflussung im Kindergarten und auf die umso stärkere 
Bemühung, den Einfluß auf die Eltern zu erweitern. 

Einer ähnlichen Einschränkung unterlag auch meine Elternarbeit im 
analytischen Sinne. Unter der gegebenen Form der Arbeit kann es kaum 
zu einer Aufdeckung der tieferen seelischen Mechanismen kommen, wie 
man sie gewohnt ist in analytischen Behandlungen zu erzielen. Ich mußte 
mich gewöhnlich mit einer oberflächlichen Herstellung der Zusammen- 
hänge begnügen, die sich vielleicht durch längere Erfahrung mit den 
gleichen Familien noch wird vertiefen lassen. Es sei in diesem Zusammen- 
hange aber auch noch darauf hingewiesen, daß die Ziele einer analytischen 
Behandlung sich von denen einer heilpädagogischen Kindergartengruppe 
auf psychoanalytischer Basis dimensional unterscheiden. 



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VI) Drei neurotische Kleinkinder: Walter, Dora und Grete 

Es kommt häufig vor, daß manche, durch krankhafte Erscheinungen 
ihrer Kinder beunruhigte Eltern diese voll ernster Besorgnis der Kinder- 
gärtnerin übergeben. Sie befürchten ungünstige Folgen der ungewohnt 
neuen, unruhigen Umgebung, werden aber häufig schon nach kurzer Zeit 
durch eine rasche Besserung des Allgemeinbefindens ihrer Kinder über- 
rascht. Es ist nicht immer festzustellen, worauf die Besserung zurückzu- 
führen ist. In meiner Gruppe hat in solchen Fällen wohl vor allem die 
Milieuwirkung und die auf psychologischem Verständnis aufgebaute Be- 
einflussung der Kinder und ihrer Eltern zu einem unerwartet raschen Er- 
folg geführt. Zur Aufdeckung des eigentlichen analytischen Materials und 
zu einer Deutung der neurotischen Erscheinungen auf Grund der unbe- 
wußten Zusammenhänge konnte die Arbeit nicht führen. Daß speziell bei 
diesen Kindern kurze Deutungen an ihre Aussprüche und Handlungen 
angeschlossen wurden, womit tiefere Bewußtseinsschichten berührt werden 
konnten, geht wohl aus der früheren allgemeinen Darstellung meiner 
analytischen Darstellung hervor. Aus Handlungen und Mitteilungen von 
Eltern und Kindern konnte ich vielfach Schlüsse auf die Mechanismen 
der Störungen ziehen und darauf meine pädagogischen Maßnahmen bauen. 

Manche der neurotischen Symptome haben sich rückgebildet und manche 
sind ganz geschwunden, ohne durch andere ersetzt zu werden. Aus der 
analytischen Erfahrung wissen wir, daß zahlreiche Analysen Erwachsener 
passagere Neurosen der frühen Kindheit aufgedeckt haben, welche durch 
Jahre, gleich den meisten Erlebnissen der ersten Kindheit, in völlige Ver- 
gessenheit geraten waren und deren Erinnerung erst im Verlauf der Analyse 
erweckt wurde. Die folgenden drei Beispiele passagerer neurotischer 
Zustandsbilder stehen für die zahlreiche Reihe von Störungen neurotischen 
Charakters welche Erzieher und Eltern häufig beunruhigen und die nach 
einiger Zeit fast von selbst vergehen, bevor man noch zu besonderen Hilfs- 
mitteln greifen muß. Es ist anzunehmen, daß erst eine spätere Analyse 
des Erwachsenen den wahren Mechanismus der Störungen seiner Kindheit 
aufdecken könnte. 

So wie in den ersten Jahren von den Kindern die grundlegende Ent- 
wicklung ihres Körperbaues geleistet wird, müssen sie zu dieser Zeit auch 
die Grundlage ihres Seelenlebens und ihrer Gesamtpersönlichkeit aufbauen. 
Wie gut das Kind vermag, die Schwierigkeiten, die es auf diesem Entwicklungs- 
weg vorfindet, zu bewältigen, hängt sowohl von der Gesundheit und Wider- 
standskraft seiner Veranlagung, als auch von der Gunst der äußeren Situation 
ab, in welcher es aufwächst. 

Während der ersten Kindheitsjahre gestaltet sich aus der Beziehung des 
Kindes zu seinen Eltern, aus seiner ödipussituation, und aus seinem 
Verhältnis zu den Geschwistern die Form seiner gesamten späteren Liebes- 
beziehungen. Gleichzeitig erreicht die sexuelle Wißbegierde ihren ersten Höhe- 



- 367 - 



25* 



punkt, verbunden mit der Besorgnis, die der konstatierte Geschlechtsunter- 
schied hervorruft. Die Kastrationsangst beunruhigt die Kinder jeweils 
durch Vergleich mit dem anderen Geschlecht. Die Mädchen fürchten, das 
an den Buben bemerkte Glied bereits verloren zu haben, oder hoffen es 
noch zu bekommen. Die Buben erkennen durch das Aussehen der Mäd- 
chen für sich die Gefahr, daß ihr Glied ihnen abgeschnitten werden könnte. 

Die drei Kinder, von welchen die Rede sein wird, wurden von den 
Eltern unter besonderem Klagen über ihr krankhaftes und schwieriges 
Verhalten in den Kindergarten gebracht. Aus der näheren Schilderung des 
Wesens dieser Kinder wird zu erkennen sein, daß Walter und Dora 
sich der Bewältigung der ersten Konflikte nicht gewachsen gezeigt haben. 
Beide scheinen aber im Laufe des Jahres einen Teil der seelischen Ent- 
wicklung, deren Ablauf durch Störungen verlangsamt wurde, nachgeholt 
zu haben und es ist zu hoffen, daß sich ihre Symptome bei fortgesetzter 
verständiger Erziehung weiter rückbilden werden. 

Das dritte und vielleicht schwierigste der Kinder, Grete, erscheint 
bei schwerer hereditärer Belastung in ein erzieherisch äußerst ungesundes 
Milieu versetzt, das bei ihr eine Abkehr von der Realität erzwungen hat. 
Diese Abwendung von der Wirklichkeit zu einer eigenen Realität, die nur 
in der Phantasie besteht, könnte, verbunden mit ihrer erblichen Belastung, 
die Gefahr bilden, den Boden für eine spätere psychotische Erkrankung 
vorzubereiten. 

Es handelt sich um drei einzige Kinder, der Knabe ist unter scheinbar 
normalen und günstigen Verhältnissen aufgewachsen, die beiden Mädchen 
waren in ihrer frühesten Kindheit schwierigen Veränderungen ausgesetzt. 
Die Eltern, beziehungsweise Pflegeeltern sind, liebevoll und vernünftig, 
meiner Beeinflussung zugänglich und haben meine Ratschläge bereitwillig 
befolgt, ohne neue Konflikte in das Leben der Kinder zu bringen. Alle 
drei Kinder sind wenig mitteilsam, sehr zurückhaltend und scheu, ver- 
stummen, wenn ich sie anspreche, oder werden verwirrt und geben müh- 
sam nur grade über das rein Tatsächliche kurze Auskunft. Nur vom Spiel 
mit den anderen Kindern und von ihrem Gesamtverhalten kann man auf 
ihre seelischen Vorgänge schließen; auch die Eltern können sehr wenig 
von ihnen erfahren. Dadurch ist das rein analytische Material recht dürftig 
und ich war darauf angewiesen, mit Hilfe meines analytischen Verständ- 
nisses Schlüsse aus ihren Handlungen und Mitteilungen zu ziehen. 



Walter war bei seiner Aufnahme ein schlanker, großer, schöner Junge 
von fünfeinviertel Jahren, mit zartem, blassen Gesicht und mädchenhaft 
weichen Zügen. Seine Bewegungen, besonders der Gang, waren unsicher 
und ungeordnet, die Sprache war sehr schlecht, die Handlungen besonders 
langsam und zerfahren, das Benehmen das eines empfindsamen Muster- 
knaben, der gerne über die anderen Kinder klagte. Er wurde nur probe- 






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weise aufgenommen, weil er seit seinem ersten Jahr an Anfällen litt, die 
sich früher einige Mal in der Woche, seit seinem fünften Jahr seltener 
gezeigt haben. 

Beim ersten Anfall hat die Mutter den Kleinen auf dem Arm gehalten, 
die heiße Suppe auf den Tisch gestellt, um ihn zu füttern. Plötzlich ist 
er steif geworden und dann in Krämpfe verfallen. Danach haben sich die 
Anfälle sehr häufig wiederholt. Er wurde von vielen Ärzten untersucht, 
einmal wurde sogar eine Kopfoperation zum Zwecke der Untersuchung 
vorgeschlagen, zu welcher sich die Eltern nicht entschließen konnten. Er 
bekam die Anfälle immer nur, wenn er erschrak oder wenn er irgend 
etwas erreichen wollte. Walter klagte oft über Kopf- und Beinschmerzen, 
diese führten gewöhnlich zur Störung der Nachtruhe der Eltern. Er weckte 
diese am späten Abend, klagte über Fußschmerz, bekam einen „Verband" 
auf ein Knie, worauf er beruhigt einschlief. 

Die Eltern leben in guten Verhältnissen, sind beide besonders ruhige 
und ernste Menschen. Der Vater war nach dem Krieg wegen nervöser 
Depression lange Zeit berufsunfähig gewesen. Die Mutter hat eine jetzt 
achtjährige uneheliche Tochter, die in einer anderen Stadt lebt und zeit- 
weise auf Besuch kommt, von Walter aber abgelehnt wird. Erst einige 
Monate nach unserer Bekanntschaft hat mir die Mutter unter großen 
Hemmungen erzählt, daß auch sie als kleines Kind ähnliche Anfälle ge- 
habt habe, sie wüßte sich an nichts mehr zu erinnern, ihre Schwester 
hätte es ihr erzählt. Beide Eltern waren noch während der ersten Zeit, in 
der Walter den Kindergarten besuchte, überaus verängstigt und besorgt, 
haben den Jungen nie allein gelassen und jeder Klage besondere Beachtung 
geschenkt. Bevor er in den Kindergarten gekommen ist, sind oft Wochen 
zwischen den einzelnen Anfällen vergangen. Walter hat immer im eigenen 
Bett im Schlafzimmer der Eltern geschlafen. 

Aus meinen täglichen Aufzeichnungen geht hervor, daß Walter am 
ersten Tag besonders oft das Klosett aufgesucht und dann seine Beobachtungen 
in Form von Anklagen berichtet hat: „Der Bub hat dem Mädel zugeschaut". 
Der Bub hat sich zu mir gestellt". Er fürchtete sich vor den Kindern 
der anderen Gruppen und gab weinend als Grund an, daß sie ihm etwas 
wegnehmen könnten. Er suchte oft weinend seine Kleider und beruhigte 
sich erst langsam, bis er einsah, daß alles an seinem Platze lag. Nach 
einiger Zeit klagte der Vater über Walters zunehmende Unruhe; seitdem 
er in den Kindergarten ging, konnte er nicht mehr die Ruhe gewinnen 
um zu essen oder zu schlafen. 

Am Samstag nach der zweiten Kindergarten woche, als ihn der Vater ab- 
holte, bekam er vor der Haustür den ersten Anfall. Er hatte seinen Kopf 
an der Türschnalle angestoßen und stürzte. Der Vater suchte nicht in der 
Kindergartenkanzlei Hilfe, sondern trug ihn nach Hause. Er war nachher 
sehr oft gereizt und klagte über Kopfschmerzen, griff sich an den Kopf 
und war in diesen Tagen sehr unverträglich. Er blieb mit Ohren-, ein 



— 369 



anderes Mal mit Bauchschmerzen einige Tage zu Hause, ohne daß der 
Arzt eine somatische Ursache dafür finden konnte. Im Kindergarten machte 
er sich durch nervöse Unruhe und Zerfahrenheit bemerkbar; er hatte das 
zarteste der Mädchen zur Freundin, ließ ihre Hand nicht los und ließ 
sich von ihr verwöhnen. 

Nach ungefähr sechs Wochen blieb sein Wesen zwar passiv, wurde 
aber sicherer; auch die Eltern wurden hoffnungsvoll und besonders durch 
ein Gutachten der heilpädagogischen Beratungsstelle beruhigt. Nach diesem er- 
schien die Befürchtung einer Epilepsie als nicht zutreffend und Walters Störung 
als prognostisch unbedingt günstig. Am 23. November hatte er den letzten 
Anfall, der sehr leicht und rasch beendet war. Er wurde von Woche zu 
Woche zusehends mehr aktiv, tauschte die Freundschaft mit dem kleinen 
Mädchen gegen eine ständige Spielgemeinschaft mit den größten, lebhaftesten 
Buben ein. Nach den Beobachtungen im Kindergarten läßt sich vermuten, 
daß Walters Kastrationsangst über das normale Maß gesteigert war. Am 
ersten Tag zeigte er, daß ihn der Geschlechtsunterschied stark beschäftigte, 
zwei Tage darauf war er voller Angst vor den fremden Kindern, die ihm 
etwas wegnehmen könnten. 

Seit dem letzten Anfall im November klagte er seltener über Schmerzen, 
und störte daher nicht mehr die Nachtruhe der Eltern. Während er früher 
weinerlich und in seinen Neigungen mädchenhaft war, schien er jetzt 
diese weibliche Identifizierung aufzugeben. Er spielte nur mehr mit Buben, 
sein Gang war sicherer und er wurde weniger musterhaft und fügsam. 
Die Eltern waren nicht mehr so übermäßig besorgt, ihr Schuldgefühl war 
auch erleichtert, da sie den Jungen als beiderseits schwer belastet an- 
gesehen hatten. 

Anscheinend hat vor allem die Kindergemeinschaft bei Walter, der als 
das typische einzige Kind aufgewachsen war, eine allgemeine wohltätige 
Beruhigung hervorgerufen. Das Zusammenleben der kleinen Buben und 
Mädchen hat ihm bald ein klareres Wissen über sein Geschlecht verschafft 
und seine Kastrationsangst gemildert. Gleichzeitig besserte sich die gewiß 
auch konstitutionell bedingte nervöse Anfälligkeit. 

Jetzt, nach Abschluß seines Kindergartenjahres und vor seinem Schul- 
eintritt, erscheint Walter als ein selbständiger, ruhiger, aber etwas em- 
pfindsamer, mädchenhafter und feiger Junge, jedoch überschreiten diese 
Eigenschaften nicht mehr das normale Maß. Manchmal, wenn er nieder- 
fällt und sich wehgetan hat, beginnt er sonderbar zu zappeln und krampf- 
haft zu weinen und hält sich an mir fest. Es scheint mir, daß es sich 
dabei um eine abgeschwächte Form seiner früheren Anfälle handelt. Ich 
pflege ihn dann sachlich zu beruhigen, indem ich ihm zeige, wie wenig 
seine Affekte dem Geschehnis angemessen sind und ihm immer zu wieder- 
holen, daß seine Angst mit Träumen oder Phantasien, die er hatte, zu- 
sammenhängen müsse. Um diese aufzudecken, bedürfte es einer analytischen 
Behandlung, die fürs erste seine Unfähigkeit sich mitzuteilen lockern 



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müßte. Zum Zeichen seines Verständnisses kommt er häufig nach einem 
kleinen Unfall zu mir, zeigt stolz seine blanken Augen und sagt: „Ich 
bin nicht erschrocken . 

So ist seine Sicherheit größer geworden. Er spielt ausschließlich mit Buben, 
wählt sich aber bei ihren wilden Spielen gewöhnlich eine ihm entsprechende, 
gefahrlose Rolle, etwa die des Wachmannes oder Aufpassers, der das für 
alle verhüten könnte, was er für seine eigene Person befürchtet. Wenn 
die Buben von einer Bank springen, steigt er mit hinauf, macht die mutige 
Gebärde des Springens mit und klettert dann ungeschickt ängstlich und 
vorsichtig hinunter. 

Dora ist ein fünfjähriges, dunkles, hübsches kleines Mädchen mit 
großen stillen Augen. Sie mußte wegen Wohnungsnot der Eltern nach 
der Geburt dem Zentralkinderheim übergeben werden. Nach drei Monaten, 
nach einer überstandenen Lungenentzündung kam sie für ein halbes Jahr 
zu den Eltern, die beim Großvater wohnten, der aber das kleine Kind 
nicht lange bei sich dulden wollte. Mit neun Monaten kam sie wieder 
in ein Kinderheim, wo sie bis zum vollendeten dritten Jahr blieb. 

Das Verhalten des Kindes war bald sehr beunruhigend. Sie war körper- 
lich sehr kräftig, konnte aber erst nach zwei Jahren stehen. Die Eltern 
kamen regelmäßig zu Besuch, Dora sprach nie ein Wort, klammerte sich 
krampfhaft an sie und weinte so herzzerbrechend beim Abschied, daß die 
Eltern ratlos waren. Nach dem Tod des Großvaters nahmen sie das Kind 
sofort zu sich. Sie weinte während der ganzen Fahrt und hielt sich krampf- 
haft fest, weinte durch viele Wochen, aß nichts und sprach vor allem gar 
nicht. Die Eltern fragten einen Arzt, der Taubstummheit vermutete. Am 
nächsten Tag wollten sie mit der Kleinen zur Untersuchung, in der gleichen 
Nacht rief sie aus dem Schlaf deutlich „Tante", so wie die Pflegepersonen 
im Kinderheim genannt wurden. Ein älterer Kusin spielte viel mit ihr und 
mit ihm begann sie auch zu reden, nur mit der Mutter sprach sie durch 
Monate nichts. 

Dora machte im Kindergarten in der ersten Zeit einen völlig passiven, 
apathischen Eindruck. In den ersten Tagen hatte sie furchtbar geweint, 
mit krampfhaft aufgerissenen Mund, fast lautlos, mit strömenden Tränen. 
Sie hat fast nur einzelne Worte, nie zusammenhängende Sätze gesprochen 
und immer ganz verloren und hilflos herumgeschaut. Den gleichen ver- 
ängstigten Gesichtsausdruck und verkrampften Körper konnte ich vorher 
nur bei einem einzigen Kinde beoabachten, das seit seiner Geburt von einer 
Pflege in die andere gekommen war und jedesmal, während der zwei Jahre 
seines Kindergartenbesuches, vor Angst erstarrte, wenn die Tür geöffnet 
wurde. Dora hat nie ein Spielzeug genommen, sich alles von den Kindern 
wegnehmen lassen und fast nichts gegessen; sie konnte fast ebenso schwer 
schlucken wie reden, es war für beides eine Hemmung vorhanden. Manchmal 
hat sie ihre Schokolade so lange in der Hand gehalten, bis sie ganz zer- 

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schmolzen war und hat sich und die Möbel ganz mit dem braunen Brei 
verschmiert. Alle haben sie für schwachsinnig gehalten, vor allem ihre 
eigene Familie. Viele Anzeichen haben aber dafür gesprochen, daß sie nur 
in mancher Beziehung gehemmt sei, z. B. hat sie sich mit erstaunlicher 
Schnelligkeit und Geschicklichkeit jederzeit allein an- und ausgekleidet, hat 
ganz still und ohne aufzusehen lange schöne Perlenketten gefaßt. Sie wurde 
einen Vormittag lang an der heilpädagogischen Beratungsstelle beobachtet, 
wo man zu dem gleichen Schluß gekommen ist, daß es sich um eine 
normale, durch Hemmungen nur in mancher Hinsicht verzögerte Ent- 
wicklung handelt. 

Ihre kleine Kusine, welche auch in der gleichen Gruppe ist, wurde 
manchmal früher abgeholt, weil sie regelmäßig zum Arzt ging. Darauf 
hat Dora durch viele Wochen immer wieder bitterlich geweint, so ver- 
krampft wie in den ersten Tagen. Bei diesen Anlässen habe ich mit ihr 
häufig über das Gehen und Wiederkommen gesprochen und sie nach der 
Zeit im Heim befragt, wo die Besuche der Eltern immer so viel Aufregung 
verursacht haben. Sie hat kaum geantwortet, die nächsten Male aber ver- 
ständnisvoll und ernsthaft genickt. 

Die Familie ist zwei Monate, nachdem Dora in den Kindergarten ge- 
kommen ist übersiedelt und die Eltern ließen sich von der Schädlichkeit 
des neuen Wechsels der Erzieherin so weit überzeugen, daß Dora trotz der 
weiten Entfernung in den gleichen Kindergarten gebracht wird. 

Nach den Erzählungen der Eltern hat Dora besonders zur Zeit ihrer 
Rückkehr aus dem Heim eine Periode starken Mutterhasses durchlebt. Die 
Mutter selbst beschuldigt sich, durch ihre ungünstige Familiensituation 
verursacht z-u haben, daß das Kind von den Eltern fort mußte. Die Frau 
ist sehr ernst, auch bedrückt durch zahlreiche Fälle von Geisteskrankheit 
in der Familie. Der Vater ist sehr heiter und in seiner Gesellschaft zeigte 
sich Dora zum ersten Mal so sonnig und übermütig, wie sie es jetzt ge- 
wöhnlich ist. 

Die durch kurzes Wiedersehen erst recht schmerzliche Trennung von 
den Eltern hat die Entwicklung der Ödipussituation bei Dora kompliziert 
und verzögert. Erst mit drei Jahren ist sie in die normale Familiensituation 
gekommen. Körperlich war sie wohl ihrem Alter entsprechend, in ihrer 
Beziehung zur Umwelt hatte sie die wichtigste Entwicklung noch nach- 
zuholen. Durch ihre besonders zarte, empfindsame Veranlagung hat sie 
das wiederholte Erlebnis des Verlustes der geliebten Personen mit besonders 
starkem Affekt empfunden. 

Ihre Schwierigkeit bestand darin, daß sie durch eine allgemeine Ver- 
krampfung ihres Wesens zuerst von der Familie, später von Kindergärtnerin 
und Kindern abgesperrt war, was sich am deutlichsten in ihrer Unfähigkeit, 
sich sprachlich auszudrücken, zeigte. Nach und nach hat sich diese Ver- 
krampfung gelöst, wenn auch eine gewisse Hemmung zurückgeblieben ist: 
Dora ist ein „dummes" Kind, das wenig Anzeichen eines intellektuellen 

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Interesses und einer Selbständigkeit im Denken besitzt, die man bei Kindern 
ihres Alters zu finden gewohnt ist. Ob diese Dummheit ein neurotisches 
Symptom darstellt, oder durch einen tatsächlichen geistigen Mangel be- 
dingt ist, wird sich vielleicht noch im Laufe ihres weiteren Kindergarten- 
besuches zeigen. 

Sie ist jetzt eines der heitersten Kinder, hat aber ihre Zurückgezogenheit 
und Empfindsamkeit nicht aufgegeben. Gerade durch diese Eigenschaften 
konnte ich ihr die besondere Hochschätzung der Kinder sichern. Sie hat 
es auch gelernt, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, ihr Gang ist 
sicherer geworden, sie plappert den ganzen Tag aus rein motorischem Ver- 
gnügen wie eine Dreijährige und auch beim Essen haben sich ihre Hemmungen 
etwas gelöst. 

Doras Zustand bietet das Bild einer schweren seelischen Verstimmung, 
hervorgerufen durch die zu starke Versagung, den Mangel an Liebe, wofür 
sie anscheinend die Mutter verantwortlich machte. Das reale Substrat dieser 
Beschuldigung zeigte die Selbstbeschuldigung der Mutter, ihr Kind fortge- 
schickt zu haben. Möglicherweise wurde der Konflikt erst nach der Rück- 
kehr aus dem Heime so stark, weil erst jetzt das Objekt ihres Mutter- 
hasses zugegen war. Im Kindergarten schien sich ihre Verkrampfung durch 
den gesamten Einfluß des Milieus zu lösen und vielleicht auch dadurch, 
daß die Mutterbeziehung aufgespalten werden konnte. Sie fand eine zweite 
Mutter vor, die heiter war und die sie nicht hassen mußte. 

Doras Verhalten ist auch von ihrer Mutteridentifikation aus zu erklären. 
Auch die Mutter scheint ja nach den Angaben des Vaters depressiv zu 
sein. Wir erinnern uns, daß auch Walters Mutter in ihrer Kindheit die 
gleichen Anfälle wie er gehabt hat. Man kann vermuten, daß die Reaktionen 
der Mütter auf das ihnen wohlbekannte Symptom das Verhalten der Kinder 
sehr beeinflußt hat und daß hier wie überall Kinder und Eltern Spieler 
und Gegenspieler vom Unbewußten aus sind. 



Grete wurde von ihrer Großmutter mit der Bemerkung in den Kinder- 
garten gebracht, daß sie an Schreikämpfen, Wutausbrüchen und nächt- 
lichem Weinen leide. Sie hat das Kind schon einige Male untersuchen 
lassen, ohne daß die ärztlichen Verordnungen Besserung gebracht hätten. 
Im Alter von zwei Jahren waren zweimal die Krämpfe so stark gewesen, 
daß sie durch lange Zeit bewußtlos liegen blieb. Die Wutausbrüche 
wiederholten sich unter verkrampftem Schluchzen täglich. Die böseste 
Störung war das nächtliche Weinen; jede Nacht wachte sie um 12 Uhr 
verschreckt auf und weinte so laut bis zwei Uhr früh, daß sich die Nach- 
barn beschwerten. 

Grete war beim Eintritt vier Jahre alt, sehr zart, mit großen ernsten 
Augen und feinen Zügen. Sie war ähnlich zurückhaltend wie Dora, aber 
lebhafter und aktiver, bewegte sich sicher und war sprachlich und intellek- 

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tuell gut entwickelt, Sie ist seit ihrem vierten Monat bei ihrer Groß- 
mutter väterlicherseits. Der Vater ist jetzt fünfundzwanzig und seit einem 
Jahr im Ausland. Die Mutter ist im Herbst 1930, als Grete zweieinhalb 
Jahre alt war, in einer Irrenanstalt im Alter von zwanzig Jahren gestorben. 
Sie war ein sehr schönes, aber verwahrlostes leichtsinniges Mädchen. Schon 
während ihrer Schwangerschaft hatte sie zu anderen Männern Beziehungen, 
kam aber immer wieder, trotz stetem Zank mit dem Mann zur Schwieger- 
mutter. Diese hat sich des Kindes, obgleich es außerehelich war, sofort 
angenommen, die Mutter kam regelmäßig auf Besuch und spielte dann 
sehr glücklich mit dem Kinde. Im Sommer 1930 kam sie wegen eines 
Nervenleidens ins Spital, von dort in eine Irrenanstalt und starb dort durch 
Selbstmord, dem zahlreiche mißglückte Versuche vorausgegangen waren. 

Man hat Grete den Tod der „Anni-Mama" verheimlicht und immer 
gesagt, sie wäre im Spital. Einmal wurde in ihrer Gegenwart darüber ge- 
sprochen, worauf sie in Tränen ausbrach und schrie: „Die Anni-Mama 
ist nicht gestorben, sie ist im Spital". Zu den Großeltern sagt sie Vater 
und Mutter, sie schläft mit der Großmutter im Bett und schläft sehr 
spät ein, erst bis sie sich an die Großmutter schmiegen kann. Sie 
wird von Allen sehr verwöhnt und geschont und verlangt von Allen immer 
wieder Ausdruck und Beweis ihrer Liebe. In der Nacht wußte sie nie 
anzugeben, wovor sie sich fürchtete. Sie hat angeblich früher manchmal 
erzählt, sie hätte von der Anni-Mama geträumt. 

In den Kindergarten hat sie sich sehr leicht gefunden, aber doch durch 
viele Wochen beim geringsten Anlaß krampfhaft geschluchzt. Aus dem 
Nachmittagschlaf ist sie in der ersten Zeit täglich mit furchtbarem Weinen 
aufgeschreckt und wurde dabei blaurot und steif. In den ersten Wochen 
hat sie sich einige Male unter krampfhaftem Schluchzen eingenäßt. Nach 
kurzer Zeit hat sie mit den kleinen Mädchen wilde laute Puppenspiele 
begonnen, wobei sie immer eine sehr anspruchsvolle Mutter darstellte. 

Einmal brachte die Großmutter eine Photographie von Grete als Säug- 
ling auf dem Arm ihrer Mutter, einer auffallend schönen Frau. Auf die 
Frage, was das Bild darstelle, sagte sie mit glücklich verklärtem Gesicht: 
„Das ist die Anni-Mama und das bin ich als kleines Putzerl". Auf die 
Frage, wo denn die Anni-Mama sei, deutete sie erstaunt und abweisend 
auf das Bild. Dieses war nach der Erzählung der Großmutter, Gretes 
liebstes Spielzeug. Sie suchte es hervor, und erzählte der Anni-Mama Ge- 
schichten. Sie sagte zu dieser Zeit, wenn man sie nach Mutter fragte, 
nicht mehr, daß diese im Spital sei, sprach nicht mehr darüber und 
wurde bei Befragen erstaunt und abweisend. Im Kindergarten hat das Weinen 
nach kurzer Zeit fast ganz aufgehört und die Großmutter berichtete sehr 
dankbar von ruhigem Schlaf, ungestörten Nächten und daß sich Gretes 
schwieriges Wesen zum besten verändert hätte. 

Grete ist die undurchsichtigste und wohl die am meisten gefährdete, 
trotzdem auch bei ihr der Kindergarten eine so rasche Besserung hervor- 

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rufen konnte. Es ist möglich, daß sie ihr richtiges Wissen vom Wesen 
und Schicksal ihrer Mutter geschickt verbirgt und sich gut in der Lügen- 
welt zurechtgefunden hat, in welche sie die Erwachsenen gebracht haben. 
Es ist auch möglich, daß sie sich in die lustvolle Phantasie von der 
schönen, unerreichbaren Mutter hineingerettet hat. Es mag sein, daß 
gerade während der ersten Zeit ihres Kindergartenbesuches, während 
ihre nächtliche Angst und ihre Schreiausbrüche sich beruhigten, sich ihre 
seelische Umstellung vollzogen hat: daß durch die Aufstellung einer 
eigenen Realität in ihren Phantasien das klare Wissen vom Tod der 
Mutter verdrängt wurde. Sie scheint unzugänglich, oft etwas mißtrauisch, 
überempfindlich und schreckhaft. 

Es ist möglich, daß diese Konflikte später zu wirklich ungünstiger 
Charakterveränderung oder Erkrankung führen werden. Schließlich ist ihre 
Mutter als Dissoziale und Geisteskranke außerhalb der Gesellschaft gestan- 
den und hat dafür ihre Kindheit verantwortlich gemacht, die womöglich 
noch unglücklicher war wie die Gretes. Vielleicht könnte gerade bei ihr 
eine prophylaktische Analyse bessere Voraussetzungen für ihre weiterhin so 
stark gefährdete Entwicklung bieten, sofern das Verständnis der Familie die 
für eine Analyse notwendigen Bedingungen ergeben würde. 

Für die Großmutter und ihre zahlreiche Familie verkörpert dieses eigen- 
artige Kind der fremden, schönen, unglücklichen Frau eine Romanfigur 
ihrer lustvollen Phantasie und sie haben diese Einstellung gegen meine 
bisherigen Bemühungen aufrechterhalten. Grete konnte in den letzten Monaten 
wegen Keuchhusten und ständigen Bronchialkatarrhs den Kindergarten nicht 
besuchen und ich hoffe, daß es mir im nächsten Arbeitsjahr gelingen kann, 
mein Verständnis ihrer Situation praktisch zu verwerten. 



Die Rückbildung und das Verschwinden der schweren Symptome war 
bei diesen drei Kindern verhältnismäßig sehr leicht. Wir konnten bei diesen 
drei Beispielen sehen, daß solche neurotische Zustandsbilder, die erst bei 
Fortbestehen zu Neurosen werden können, anscheinend mit so einfachen 
Mitteln zum Verschwinden zu bringen waren. Wir können darin eine Be- 
stätigung der allgemeinen Annahme finden, daß das Kind eben noch viel 
plastischer ist als der Erwachsene und daß sein ganzes Wesen noch nicht 
in bestimmte Bahnen festgefahren ist. 

VII) Angst, Wut und Schlimmheit: Der Franzi 

Franzis Eltern hatten sich im Ausland kennengelernt, wo beide in einer 
Wäscherei bedienstet waren. Sie heirateten und eröffneten in einem öster 
reichischen Provinzort einen kleinen Betrieb. Im ersten Jahre schon 
begann der Vater zu trinken und mißhandelte die Mutter. Seine Trunk- 
sucht steigerte sich immer mehr, bis das gesamte Eigentum verpfändet 
war und die Familie, bestehend aus der sechsjährigen Hilde und dem drei- 

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jährigen Franzi nach Wien übersiedeln mußte. Im Laufe der nächsten drei 
Jahre war der Vater wegen seiner Exzesse viermal in der Trinkerheilstätte. 
Nach seiner Rückkehr blieb er eine Zeitlang nüchtern, begann dann wieder 
mit kleinen Mengen, bis er schließlich neuerlich in der Heilstätte interniert 
werden mußte. Nach den Schilderungen der Mutter ist er nüchtern ein 
äußerst liebenswürdiger, intelligenter, tüchtiger Mensch, der sehr an seinen 
Kindern hängt. Uie Mutter ist eine kleine, resolute Brünette, geschickt 
und intelligent. Der Vater klagte, daß sie ihm ständig Grund zur Eifer- 
sucht gegeben hat, sie dagegen klagte über seine Brutalitäten, zahlreiche 
lärmende Auseinandersetzungen wurden mit dem Beschluß, sich scheiden 
zu lassen, beendet, worauf immer wieder eine Versöhnung erfolgte. Ein 
jetzt zweieinhalbjähriges Mädchen, Erna, ist dazu gekommen. 

Hilde und Franzi kamen sofort nach ihrer Übersiedlung nach Wien im 
Jahre 1929 in unseren Kindergarten. Beide waren besonders schwierig und 
wild, unzugänglich und unberechenbar. Franzis frühere Kindergärtnerin 
schildert ihn mir als den schwierigsten Buben ihrer Gruppe. Sie konnte 
bis zu der Zeit, wo er mir übergeben wurde, drei Phasen in der Aus- 
drucksform seiner Schlimmheit beobachten. 

In der ersten Zeit hieß er allgemein „Franzi der Haaresser". Ohne jeden 
sichtlichen Grund warf er sich auf den Boden, warf auf Kindergärtnerinnen 
und Kinder böse Blicke und riß sich einige Büschel Haare aus, die er in 
den Mund steckte, zerkaute und schluckte. Das wiederholte er etliche Male 
des Tages. 

Später wurde das Haaressen seltener, dafür führte Franzi ein „Hunde- 
leben". Er kroch auf allen Vieren im Zimmer herum, hörte tagelang auf 
zu reden und bellte nur, war vom Boden nicht wegzubekommen, biß die 
Kinder in den Fuß und benagte Bausteine. 

Später wurde auch diese Form der Schlimmheit seltener, dagegen er- 
zählte er viel vom betrunkenen Vater und benahm sich selbst wie ein B e- 
trunkener, sprach heiser und drohend, torkelte im Zimmer herum und 
war zeitweise brutal und rachsüchtig gegen die anderenKinder. Der Kinder- 
gärtnerin gegenüber blieb er völlig unbeeinflußbar, warf ihr böse Blicke 
zu, beschimpfte sie und es blieb häufig nichts anderes übrig, als ihn zu 
isolieren. War er gerade nicht schlimm, so war Franzi ein lieber, außer- 
ordentlich intelligenter, geschickter, lebhafter blonder Bub, dem man die 
andere Seite seines Wesens nie zugetraut hätte. Seine Scharlacherkrankung 
im Sommer 1931 brachte eine vorübergehende Besserung. Im Herbst stei- 
gerte sich seine Schlimmheit immer mehr, er war überhaupt nur mehr 
schlimm und unzugänglich, so daß sein Ausschluß beantragt wurde. 

Beeinflußt von dem guten Eindruck, den der Junge auf mich wie auf 
jedermann machte, nahm ich ihn versuchsweise in meine Gruppe, um ihn 
eventuell vor der Ausschulung zu bewahren. Ich kannte ihn daher, daß er 
häufig in der mir benachbarten Garderobe herumtobte, an den Kleiderhaken 
turnte und meine Kinder anspritzte und sah ihn oft, wie er mit allen 

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Zeichen erbosten Widerstandes aus seiner Gruppe entfernt werden mußte. 
Auf meine Fragen gab er immer sehr gescheite, treffende Antworten und 
erklärte sich gerne bereit, in meine Gruppe zu kommen, damit ich ihm 
helfe, braver zu werden. 

Am ersten Tag, während der ersten zwei Stunden, war er lebhaft inter- 
essiert für alles und musterhaft brav. Dann machten wir einen Spazier- 
gang und trafen einen Mann, der eine Kuh am Strick vorbeiführte. Franzi 
erzählte nun sehr ausführlich und pathetisch, von Schlachthaus und Blut, 
daß man den Kühen die Augen verbinden müsse, damit sie beim Schlach- 
ten nicht wild werden. Wir kamen nachher auf einen Spielplatz, wo er 
sich von den Kindern absonderte, umherraste, auf Laternenpfähle kletterte, 
an Bäumen rüttelte und über die Bänke sprang. Er weigerte sich einem 
Kind für den Rückweg die Hand zu geben und ließ sich unwillig von 
mir ziehen. 

Wir kamen an einer Remise vorbei, in welche eine heißgelaufene 
Tramway gefahren wurde. Die Kinder waren alle sehr interessiert und 
Franzi sagte pathetisch: „Jetzt fahrt's hinein und kommt nimmer wieder 
heraus." Ich entgegnete, daß sie nun repariert, frisch geputzt und gestrichen 
werde, um wie eine neue Tramway wieder auszufahren. Er wurde darauf 
nachdenklich und ruhig und ließ sich gerne von einem kleinen Mäderl führen. 

Am gleichen Tage wurde er vom betrunkenen Vater abgeholt. Die Mutter 
erzählte mir später, daß sie, als sie um acht Uhr abends nach Hause kam, 
die beiden größeren Kinder verschreckt in der Küche vorfand. Sie erzähl- 
ten, der Vater hätte einen schweren Rausch. Er hatte noch eine volle 
Flasche Rum, welche sie unbemerkt ausleerte und wieder hinstellte. Er 
begann nun furchtbar zu schimpfen, sie hätte ihm den Rum ausgesoffeu, 
es kam zu einer Rauferei in der Küche, die Flasche zerschellte auf dem 
Steinboden, der Mann fiel in die Scherben und verletzte sich tief an der 
Hand. Die durch den Rauschzustand verstärkte Blutung verwandelte den 
Küchenboden in eine Blutlache, in der sich die Streitenden wälzten. Schließ- 
lich gelang es der Frau, den Mann auf dem Boden zu halten und sie 
schickte die Kinder auf die Polizei. Der Mann beschuldigte die Frau, ihm 
die Hand verletzt zu haben und wurde zuerst auf die Polizeistation und 
am nächsten Tag in die Trinkerheilstätte gebracht. 

Franzi kam erst am übernächsten Tag und erzählte unter größter Er- 
regung die Ereignisse der letzten Tage. Er sagte sichtlich erleichtert: „Jetzt 
werden wir ein leichtes Auskommen haben, wenn der Vater nicht alles 
vertrinkt. Jetzt bleibt er immer in der Heilstätte, bis er stirbt." In der 
nächsten Zeit erzählte er auch von früheren Auftritten. In der Nacht hätte 
der Vater oft das kleine „Putzerl", die kleine Erna, aus dem Wagen ge- 
nommen und sie fest „gebeutelt" ; einmal hätte er sie mit der Zigarette 
im Gesicht angebrannt. Ich sagte immer sehr bedauernd, daß er, wenn er 
das alles mit ansehen mußte, sicher auch Angst gehabt hätte, daß ihm 
selbst etwas geschehen könnte, wobei er zustimmend nickte. Seine Ableh- 

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nung des Vaters zeigte sich in allen seinen Phantasien und Aussprüchen. 
Zum Beispiel sagte ein Mäderl vor ihm: „Die Mädeln haben die Mutter 
lieber, die Buben den Vater", worauf er protestierte: „Ist gar nicht wahr, 
die Buben haben auch die Mutter gern." 

Gleichzeitig bestätigte sich meine Beobachtung vom ersten Tag (Tramway- 
geschichte), daß durch irgendeine reale Wahrnehmung seine angsterfüllten, 
blutrünstigen Phantasien und danach seine unbändige Raserei ausgelöst 
wurden. Der Anblick eines Vogels im Käfig erinnerte ihn an Löwen (eigent- 
lich an den eingesperrten Vater), ein Feuerwehrbild veranlaßte ihn zu 
wilden Phantasien, daß die Leute, die noch im Hause wären, verbrennen 
müßten. Meine Antworten waren immer auf die Beruhigung seiner 
unbewußten Angst gerichtet und erzielten, daß sich auch seine 
Bewegungen beruhigten. 

Seine Mutter war trotz meiner Aufforderung nicht in den Kindergarten 
gekommen. Am Ende der ersten Woche sagte ich zu Franzi, ich möchte 
gerne seine Mutter sehen, die er so lieb hat und begann einen Brief an 
sie zu schreiben, daß sie zu mir kommen solle. Während er bisher immer 
nur wild und ungebärdig war, veränderte sich jetzt sein ganzes Wesen. Er 
gröhlte mit heiserer Stimme, verdrehte die Augen und schlug wild um 
sich. Ich erklärte ihm nochmals den Inhalt des Briefes, daß ich die Mutter 
gerne sehen würde, worauf er gröhlte: „Sie schaut aus wie ein Kinder- 
verzahrer (Kinderverführer), so lange Haar hat's wie du." Dann folgte eine 
wüste Phantasie, daß ihm der Kinderverzahrer im Park aufgelauert, daß 
aber er mit seinem Vater dem „Wildling" den Schädel eingehaut habe. 
Zum erstenmal brachte er damit seine Mutter in Beziehung zu meiner 
Person und bedrohte sie in seinen Phantasien gemeinsam mit dem Vater. 

Er besuchte am Sonntag den Vater, der an der verletzten Hand eine 
Gewebseiterung hatte. Vom Hergang dieser Verletzung hat Franzi wider- 
sprechende Berichte gegeben : einmal, daß sich der Vater mit der Hand an 
einem Eck angeschlagen, ein andermal, daß er ein Fenster eingeschlagen 
und sich an den Scherben geschnitten hätte, schließlich brachte er neben 
der Beschuldigung des Vaters, die Mutter hätte ihn verletzt, auch unklar 
die von der Mutter berichtete Version von der zerschlagenen Rumflasche. 
Es mag sein, daß er die Beschuldigung des Vaters irgendwie teilte. In der 
nächsten Zeit erzählte er auch, der Vater hat einmal im Vorzimmer auf 
den Boden uriniert. Darauf holte die Mutter verzweifelt die Nachbarin, 
welche zum Vater „Sie Schwein!" sagte. Darauf hat dieser aus Zorn auch 
noch auf den Boden defäziert. Ein anderes Mal hat er mit der Mutter ge- 
rauft, ihr eine „Watschen" gegeben, aber im Rausch sei er ja ganz schwach: 
die Mutter versetzte ihm daraufhin „einen Tritt in die Eier", worauf er 
auf den Diwan getaumelt sei. 

Franzi beklagt sich täglich über seine größere Schwester Hilde, sie hätte 
ihn verdorben. Früher wäre er so brav gewesen, sie aber konnte ihn nicht 
leiden und hat ihn auf die Ofenplatte gelegt, als er acht Tage alt war. 

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Sie sei immer gesund, „teufelsg'sund", während er, der Bub, immer irgend 
etwas habe. Sie beschimpft die Fräuleins im Kindergarten, zum Beispiel 
sagte sie, ich sei „teppert" (dumm) und er möge nicht zu mir kommen, 
weil er da Schläge bekäme. Von der kleinen Erna ist er sehr begeistert! 
Sie ist sein „Putzerl" (den gleichen Ausdruck verwendet er übrigens für 
sein Glied), doch manchmal erzählt er, seine Schwester hätte ihn gezwickt, 
hätte ihm sein Spielzeug verdorben, ohne daß es klar wird, ob er die Große 
oder die Kleine meint, 

Ungefähr zwei Wochen nach seinem Eintritt bekam er, ausgelöst durch 
scheinbare Nichtigkeiten, etwa durch den Gebrauch einer Schere, schwere 
Tobsuchtsanfälle. Sein ganzes Äußere war dabei verändert, die Haare standen 
hoch, die Augen waren verdreht, er konnte nicht gehen, sondern torkelte, 
er sprach nicht, sondern gröhlte heiser und unverständlich abgerissene 
Worte, wälzte sich auf dem Boden und war fürs erste völlig unzugänglich. 
Einmal hielt ich ihn fest am Arm, worauf er mich wütend anschrie: „Du 
hast mir wehgetan", mit kalter Feindseligkeit seinen Rock abwarf und 
nach Spuren meines Griffes suchte. 

Während man ihn früher bei solchen Anfällen isolierte, wählte ich die 
gegensätzliche Behandlungsweise. Ich ließ die Gruppe mit einer anderen 
Kindergärtnerin zurück und forderte ihn freundlich auf, mich zu begleiten. 
Während wir allein waren, entweder etwas gemeinsam arbeiteten, oder ich 
ihm seine Kleidung oder Frisur in Ordnung brachte, deutete ich ihm immer 
wieder sein Benehmen. Ob er es nicht selbst sähe, daß er es genau so 
mache wie sein Vater und daß er doch nicht so wie dieser werden wolle. 
Der Vater sei ja krank und arm. Ein Mensch, der soviel trinken müsse, 
sei ja nicht gesund; man hätte ihn nicht länger unter den Gesunden lassen 
können und mußte ihn fortschicken. Wenn Franzi das Gleiche tue wie 
der Vater, so bedeute das auch, daß er fortgeschickt werden wolle, so wie 
er schon aus der früheren Gruppe fortgeschickt worden war. Diesen Deu- 
tungen schloß ich immer die Beruhigung an, daß ich ihm dazu ver- 
helfen wolle, ein gescheiter, gesunder Bub zu werden, den jedermann gerne 
hat und nicht wegschicken will. Ich zeigte ihm, wie er zeitweise der brave 
und manchmal der schlimme Franzi sei, welche beide dem Vorbild der 
Mutter oder des Vaters entsprechen. Diese Teilung seiner Person akzep- 
tierte er als erstes und erklärte mir manchmal: „Heute war der schlimme 
Franzi da. 

Außerdem begann er mich nach allen Richtungen zu erproben. Zum 
Beispiel riß er sich ein paar Haare aus, aß sie und sagte drohend, er 
werde sich ein ganzes Büschel ausreißen. Ich zeigte mich wenig betroffen 
und fragte nur, warum er das getan habe. Er sagte, sie wären gut, „süß 
wie Zucker" und er zerbeiße sie so klein, wie die Haare einer Kuh, so 
daß nichts passieren könnte. Ich gab ihm danach ein Stück Schokolade 
und er bestätigte lachend, daß diese besser sei als die Haare. Das Haar- 
ausreißen hat er niemals wiederholt. 

- 379 - 



Er wollte meine politische Gesinnung erproben, erklärte, er wäre „schwarz 
und christlich", und könnte die „Roten u nicht leiden, weil sie den Himmel- 
vater beschimpften. Ich gab ihm humoristisch-entwertende, abweisende Ant- 
worten, darauf brachte er einmal eine kleine Muttergottesfigur (die er 
übrigens, wie sich später herausstellte, dem Vater gestohlen hatte und 
die er später verlor) und spielte provozierend mit ihr. Ich forderte ihn mit 
der Frage heraus, ob er sie mir wohl zum Geschenk gebracht hätte, worauf 
er meinte, die Himmelmutter darf man nur Christlichen schenken, mit 
der klaren Absicht, von mir Näheres über meine Gesinnung zu erfahren. 
Auf meine Entgegnung, daß ich in meinem Zimmer zwei schöne Bilder 
der Himmelmutter hängen habe, wurde er sehr nachdenklich. 

Ungefähr zu dieser Zeit zeigte er seine Ablehnung im schwersten Aus- 
bruch, den ich je an ihm gesehen habe. Ich war an diesem Tag erst am 
Nachmittag in den Kindergarten gekommen und empfing schon auf der 
Stiege Berichte über Franzis Untaten. Er mußte gleich am Morgen in die 
Kanzlei gebracht werden, hatte eine Wärterin an der Nase verletzt und 
war schließlich in der Privatwohnung der Leiterin gelandet, weil man ihn 
nirgends anders halten konnte. Er begrüßte mich mit verlegenem Lachen, 
setzte aber gleich seine Feindseligkeit fort, in die er sich immer stärker 
hineinsteigerte. Zuerst versuchte er im Garten die Kinder mit dem Reifen 
einzufangen, was ich ihm verwehren mußte, als er ein Kind umriß. Dann 
lief er durch eine tiefe Pfütze. Später sprang er in ihr herum, daß er 
ganz angespritzt war. Nachdem er auch durch diese Provokationen bei mir 
keine Beachtung erzielte, begann er die Kinder anzuspritzen, worauf ich 
einschreiten mußte. Bald darauf kam seine Schwester, um ihn abzuholen; 
er lief grußlos davon und kam am nächsten Morgen in der gleichen Stim- 
mung ins Zimmer gestürzt. Ich deutete ihm die Steigerung seiner Schlimm- 
heit vom letzten Tag: daß ich gut verstehe, daß er mir böse sei, denn so 
lange er sich selbst naß gemacht hatte, war ich nicht eingeschritten, erst 
als er die anderen Kinder anspritzte, hatte ich es ihm verboten. Ich sagte 
ihm auch sehr eindringlich, daß er ja selbst wisse, daß solches Treiben im 
Kindergarten nicht möglich sei, worauf er völlig erschöpft in Tränen aus- 
brach und sich unter verzweifeltem Schluchzen an mich lehnte. 

Ich habe diesen stärksten Ausbruch bereits als Ausdruck seiner beginnen- 
den positiven Übertragung auf mich angesehen : er war mir böse, weil 
ich ihn so lange allein gelassen habe. Am nächsten Tage kam er wohl noch 
sehr provozierend in den Kindergarten, als er aber meine unveränderte 
Freundlichkeit bemerkte, erfaßte ihn eine, mir an ihm noch unbekannte 
glückliche Stimmung. Er kramte aus seinen Taschen Geschenke für alle 
Kinder, darunter auch einen Lutscher für unseren Allerkleinsten und — 
für mich ein altes Küchenmesser, das er am gleichen Abend wieder nach 
Hause nahm, um es mir am nächsten Tag geschmirgelt und glänzend 
wiederzubringen. Den Kindern verteilte er die Geschenke, Glasperlen und 
Spagatreste, väterlich und gönnerhaft; bisher hatte er sie, so wie die Kinder 

- 380 - 



seiner früheren Gruppe, überhaupt nicht beachtet. Er spielte allerdings auch 
weiter immer ganz allein. 

Nun trat eine überraschende Wendung ein: an einem Nachmittag, an 
dem ich abermals nicht im Kindergarten war, erklärte er, seiner früheren 
Kindergärtnerin bei einer Arbeit helfen zu wollen. Er zeigte sich dort sehr 
verwendbar und gesprächig. Er erklärte: „Glaub net, daß i hamgeh' zu 
der Drecksau von aner Mutter!" Wie zweideutig diese Beschimpfung ge- 
meint war, daß sie sich auch auf mich bezog, bestätigte das Ereignis des 
folgenden Tages: Franzi erklärte mir am Morgen nämlich sehr selbstver- 
ständlich, daß er in seine frühere Gruppe zurückkehre. Ich war natürlich 
voll damit einverstanden, bedauerte nur, daß ich gerade heute den Draht 
mitgebracht hatte, um mit ihm ein Mannderl aus dem roten Kreppapier 
zu machen, das er mir Tags zuvor geschenkt hatte. Dann meinte ich aber, 
er könnte das Mannderl ebensogut in der anderen Gruppe machen. Er lief 
nun freudig erregt von einem Zimmer ins andere, holte sich Kleister und 
schenkte mir schließlich das fertige Mannderl. Durch vier Tage war er brav, 
ohne den geringsten Zwischenfall und unsere Beziehungen waren die von 
gutbefreundeten Nachbarn. Wir begrüßten einander immer sehr herzlich, 
ohne ein Bedauern über die Veränderung in unseren Beziehungen zu zeigen. 

Am fünften Tage ging er grußlos durch mein Zimmer und knallte 
beide Türen hinter sich zu. Das bedeutete die Anmeldung; nach einer 
Weile kam meine Kollegin und erklärte, Franzi wolle wieder zurück. Die 
Begrüßung war besonders von sehen der Kinder, die seine Flucht beleidigt 
und eifersüchtig gemacht hatte, besonders herzlich. Er war sehr glücklich, 
klagte aber über Kopfschmerzen, hatte tatsächlich 38 Grad Fieber und 
blieb deshalb einen Tag zu Hause. 

Ich hatte vom Anfang an sehr auf sein Aussehen geachtet. Er war zu 
dieser Zeit, entsprechend den chaotischen Verhältnissen zu Hause voll- 
kommen zerlumpt gewesen. Ich stopfte ihm die größten Löcher, er nähte 
sich selbst mit großer Freude Knöpfe und Schlingel an und webte sich 
eine Frühstückstasche; da sein Schuhwerk in einem unbeschreiblichem 
Zustand war, besorgte ich ihm ein Paar neue Schuhe. Eine Folge davon 
war, daß die Mutter, die ich durch vier Wochen wiederholt vergebens 
auffordern ließ, mich aufzusuchen, zu einer Besprechung erschien. Sie be- 
klagte sich vor allem über den Vater, erzählte, daß der Bub zu Hause 
brav sei. Wenn er sich widersetze, brauche sie nur den Kochlöffel in die 
Hand zu nehmen oder ihn knien zu lassen, worauf er sofort wieder brav sei. 

Zwei volle Wochen nach seiner vorübergehenden Bückkehr in die frühere 
Gruppe, war er musterhaft brav, aber immer noch völlig von den anderen 
Kindern isoliert. Ende November und anfangs Dezember, zur Zeit wo alle 
Auslagen rot von Krampussen werden, wurde er wieder etwas unruhiger. Er 
hatte eine kleine rote Pullmannkappe bekommen und prügelte einmal 
an einem Morgen die Kinder vor dem Kindergarten mit einer Rute und 
schreckte sie als Krampus. Er begann ein großes Bild zu malen, geriet in 



Zeitschrift f. psa. Päd., VI/g 3g] 



26 



L 



unruhige Stimmung und übermalte die ganze Fläche mit grellem Rot. 
Auf mein Befragen erklärte er, daß er die rote Farbe sehr gerne habe. 
Ich äußerte meinen Zweifel, in Erinnerung an unser politisches Gespräch 
und meinte, daß das viele Rot ihn sicher an unangenehme Geschichten 
erinnere, worauf er sehr erregt begann vom letzten Abend zu erzählen, 
den sein Vater zu Hause verbracht hatte. Einige Tage nachher erkundigte 
ich mich, ob er nicht glaube, daß seine neue Unruhe daher komme, daß 
ihn die roten Auslagen und Krampusse an das Bluten des Vaters erinnerten. 
Er meinte, er sähe ohnedies immer weg von den Krampussen und beachte 
nur die grünen. Kurz darauf begann er ein neues großes Bild auf ähnliche 
Art wie das letzte, nur viel sorgfältiger, zu machen. Er erklärte es mir: 
ein Haus, in welchem er wohnt, davor stehen Nikolaus und Krampus. 
Oben in die Luft malte er einen Raffler (Drachen) mit einem Gesicht 
und einem langen Schwanz, der um die Gabel des Krampus gewickelt ist. 
Diesen Drachen bezeichnete er schadenfroh als seine Schwester Hilde und 
war entzückt über meine Deutung, daß er damit dargestellt habe, wie seine 
Schwester vom Teufel geholt würde. 

Ich hatte versucht, ihm sein Agieren zu deuten, indem ich ihm riet, 
mir alles Schlimme, an das er denken müsse, zu erzählen, anstatt es selbst 
zu m a c h e n. Er sagte nun gewöhnlich auf meine Frage, woran er gedacht 
hätte: „An meine Schwester", wobei ich ihm häufig meine Ungläubigkeit 
zeigte. Er erzählte mir einmal, seine Schwester hätte Scharlach. Als ich 
ihn nach einer Weile lustig fragte, was es denn für eine Bewandtnis mit 
der Hilde und ihrem Scharlach hätte, antwortete er vergnügt: „Is ja gar 
net wahr, aber vergunnen tat ich ihr's". 

Aus den wahren und unwahren Beschuldigungen gegen die Schwester 
konnte ich jedenfalls entnehmen, daß er seine eigenen Schuldgefühle mit 
ihrer Person verband. Die Vermutung, daß die ältere Schwester ihn zu 
allerlei sexuellen Spielereien verführte, erschien mir aus verschiedenen 
Äußerungen sehr wahrscheinlich. Auf seine Beschuldigung, daß sie ihn 
verdorben hätte, stellte ich die Frage, womit sie ihn denn verdorben hätte. 
„Sie hat mir allerhand vorgezeigt." „Was?" „Zunge, lange Nase, Hintern". 
Daß er gerade das nicht erwähnte, was wohl den stärksten Eindruck auf 
ihn gemacht haben muß, spricht nicht gegen die Vermutung. Dann' er- 
zählte er Phantasien, daß die Hilde Katzen an den Schwänzen gerissen habe 
und die Katzen sie dafür erschlagen hätten. Einmal war er sehr unruhig. 
Auf meine Frage weshalb, antwortete er: „Ich habe an die Hilde gedacht. 
— Sie hat mich geschlagen. — Weil ich sie heute früh nicht zu mir 
ins Bett gelassen hab'". 

Gleichzeitig war er mir gegenüber sehr werbend und zärtlich, schmiegte 
sich an mich, spielte mit meiner Halskette und Brosche und wollte beides 
geschenkt haben. Er spielte zum ersten Mal einige Nachmittage vollkommen 
ohne Störung mit einem großen vernünftigen Jungen; zu einer großen 
sanften Sechsjährigen und zum Allerkleinsten hatte er bereits wirklich gute 

- 382 — 



Beziehungen. Diese väterlichen Gefühle bezogen sich vor allem auf unser 
Fischerl, das er fütterte und dessen Glas er immer selbständig reinigte. 
Wir gingen einmal alle zum Fischhändler und Franzi wählte für unseren 
Goldfisch einen schwarzgefleckten Gefährten. Er trug das Glas mit dem 
neuen Fisch und phantasierte: „Unser Fischerl wird aber große Angt haben, 
wenn es den Neuen mit der schwarzen Nase sieht. Und das wird dauern 
bis sich das Neue eingewöhnt hat. Und wenn ich ihm Futter geb', wird 
es noch geschreckt sein, aber bald wird's schon merken, wie gern' ich's 
hab'. Ich darf jetzt nie vergessen, eine doppelte Portion Futter zu geben". 
Seine mitfühlende Teilnahme verriet, daß er in's Fischerl seine eigenen 
Gefühle projizierte, die er als Neuling hatte, als er durch seine Schlimmheit, 
— wie das neue Fischerl durch die schwarze Nase — gezeichnet zu uns kam. 
Vorsichtig aber gab er mir manchmal zu verstehen, daß er meine 
Deutungen wohl aufgenommen habe. Einmal, nachdem er schlimm war, 
sagte er spontan : „Ich habe an meinen Vater gedacht. Am gleichen Tage 
rief ich ihn: „Franzi", und er erklärte mir plötzlich: „Ich heiß' nicht 
Franzi, ich heiß' Burschi". In der allerersten Zeit, wo ich ihm klarzu- 
machen versuchte, daß er sich mit dem Vater identifizierte, hatten wir 
über die Namensgleichheit gesprochen; von der Mutter wird der Vater 
Franzi und er selbst Burschi gerufen. Mit dem Vorbild seiner Schlimmheit 
hat er die Namensgleichheit assoziiert und seinen Wunsch, eine klarere 
Trennung zwischen dem schlimmen und dem braven Franzi zu treffen, 
drückte er dadurch aus, daß er mit dem Kosenamen der Mutter gerufen 
werden wollte. Seit damals heißt Franzi bei allen Kindern der Gruppe 
und bei mir nur mehr Burschi. 

Zu dieser Zeit zeigte er eine deutliche Krankheitseinsicht, deren 
Ausdruck es bereits war, daß er nicht mehr des Vaters Namen tragen 
wollte. „Gestern war ich ein bisserl schlimm, ich hab's zu Hause erzählt 
und hab's schön gekriegt von der Mutter." Oder er bereitete mich gleich 
am Morgen vor: „Heute bin ich fad." Seine Schlimmheit kündigte sich immer 
im Augenverdrehen an und die Kinder riefen dann warnend: „Der Burschi 
scheangelt!" (schielt), worauf er einmal aufsprang, die Türschnalle fest- 
hielt und rief: „Ich laß den schlimmen Franzi nicht herein!" Auf meine 
Frage, ob er wirklich glaube, daß der Franzi durch die Türe käme, sagte 
er lachend „nein" und deutete auf seinen Kopf. Einmal sagte er, als wir 
über seine Schlimmheit sprachen: „Der Vater hat auch seinen schlimmen 
Franzi und der läßt ihn immer saufen." Seine Beziehungen zu den Kindern 
wurden immer herzlicher, er arbeitete mit besonderer Geschicklichkeit und 
Ausdauer und war beinahe musterhaft. 

Um die Weihnachtszeit war ich wegen eines Todesfalles in meiner Familie 
längere Zeit fern vom Kindergarten. Franzi begrüßte mich nachher freudig, 
aber sichtlich befremdet wegen meiner Trauerkleidung. Ich erklärte ihm 
meine lange Abwesenheit und fragte ihn, wie er die Feiertage verbracht 
hätte. Nun folgte ein Ausbruch schwerster Beschuldigungen gegen die 

- 383 — a* 



Mutter: sie hätte ihm seine Goldfischer] verbrüht, sie hätte nicht, wie sie 
versprochen hatte, ihn, sondern die Hilde in ihren Geburtsort geschickt. 
Die Mutter rechtfertigte sich damit, daß er selbst erklärt hat, in Wien 
bleiben zu wollen, was er dann auch bestätigte. In dieser zum Teil un- 
berechtigten Beschuldigung äußerte sich seine ambivalente Gefühlseinstel- 
lung zur Mutter. Vor Weihnachten war er ihr einmal sehr böse, weil sie 
unter einem nichtigen Vorwand über Nacht ausgeblieben war. Die Vor- 
würfe des Vaters, daß die Mutter sich während der Nächte herumtreibe, 
waren ihm wohlbekannt. Deshalb hat er sowohl gerne in Wien bleiben 
und die Mutter beobachten, als auch fortfahren wollen. Gegen die Mutter 
war er frech und trotzig, mir gegenüber fast so abweisend wie in der ersten 
Zeit. Der Deutung, daß seine eigene böse Stimmung, sein Zorn auf die 
Mutter und mich, ihm seine gute Laune verderbe, war er zugänglich. Daß 
er Angst vor meiner Trauerkleidung habe, konnte ich ihm an einem Bild 
deuten, das er in den ersten Tagen malte: ein großes Haus mit einem 
Kreuz. Auf meine Frage, ob es eine Kirche sei, belehrte er mich, daß in 
diesem Hause ein Toter liege und malte nun auf das Bild schwarze, un- 
heimliche Totenköpfe mit roten Augen, darunter zwei gekreuzte Striche, 
welche Maschen" bedeuten sollen, um die „grauslichen Baner" (Knochen) 
zuzudecken. Ich erzählte ihm ein Märchen und fügte daran die Frage, wer 
eine Sense habe; er antwortete „der Tod". 

Der wahre Grund seines Böseseins auf die Mutter wurde mir erst nach 
einiger Zeit klar. Er und einige andere Kinder hatten zu Weihnachten 
durch meine Vermittlung Kleider bekommen, darunter auch Hubertus- 
mäntel. Franzi sprach beglückt von den Geschenken; als er aber böse wurde, 
sagte er: „Montag nehm' ich meinen neuen Mantel und geh' fort, geh' 
fort, geh nimmer in den Kindergarten. Ich versicherte ihm immer, daß 
er wohl vor allem von zu Hause fortwolle, daß der Grund aber nur in 
seiner eigenen Unzufriedenheit mit Mutter und Schwester und als deren 
Folge in seiner Abneigung gegen mich liege. Eines Tages erzählte mir meine 
Mitarbeiterin, daß Franzi ihr gesagt habe, die Mutter habe seinen Mantel ver- 
setzt, daß er es aber sofort wieder ableugnete. Ich sagte ihm nachher, daß ich 
gut verstehe, daß die Mutter ihm aufgetragen habe, nichts davon zu erzählen, 
weil sie befürchtete, nie wieder etwas zu bekommen, daß ich aber auch 
wüßte, wie wenig Geld sie habe: ich hatte bei meinem letzten Besuch in 
seiner Wohnung bemerkt, daß das elektrische Licht abgesperrt war, — daß 
er mir aber trotzdem alles erzählen könne. Franzi leugnete weiter sehr 
erregt, sagte, der Mantel sei bei einer Schneiderin, — auf dem Boden, — weg- 
geliehen; er wußte jedesmal eine neue Ausflucht. Am nächsten Tag kam er 
mit den Worten: „Meine Mama hat gesagt, sie räumt morgen das Vers atza . . ., 
nein, bei der Schneiderin aus, wenn sie den Mantel nicht kriegt." Er erzählte 
mir täglich, daß er bald den Mantel bekommen werde, ohne durch das starke 
mütterliche Verbot die Möglichkeit aufrichtig reden zu können zu haben. 
Meine Andeutungen, den Sachverhalt zu verstehen, freuten ihn aber sichtlich. 

- 384 - 



:. 



Er erzahlte oft Lügengeschichten, Phantasien, für deren Wahrheit er 
sich lebhaft einsetzte. Ich forderte ihn immer zum Erzählen auf bekam 
aber immer einen heftigen Hustenanfall, wenn er die Wahrheit zu stark 
betonte. Er war zum Beispiel in Venedig und hatte dort gesehen, daß die 
Häuserln im Wasser stehen und die Leute in Schifferin spazieren gehen. 
Er war aber auch schon in Indien, ist im Expreßzug dreißig Stunden lang 
hingefahren. Er konnte mir aber nichts über das Gesehene berichten, denn 
er war damals noch ein Wickelkind und gleich nach der Ankunft' hatte 
ihn die Mutter ins Wagerl gelegt und er war eingeschlafen. 

Ich pflegte nach solchen Geschichten vom Mantel zu sprechen; nach 
der Indiengeschichte sagte er plötzlich: „Dir glaub' ich alles; nur einmal 
hast du nicht wahr gesprochen : wie du gesagt hast, daß mein Mantel ver- 
setzt war." Damals hatte er den Mantel schon wieder, der allerdings nach 
einiger Zeit wieder verschwand. Auf meine scherzhafte Frage erfand er 
noch lachend, daß der Mantel in dem Kasten des Vaters gehängt sei, daß 
er ihn aber garnicht hatte anziehen wollen. 

In einer Unterredung mit der Mutter verlangte ich von ihr, daß sie dem 
Buben ausdrücklich erlauben müsse, mir alles zu erzählen, da ich sonst 
außerstande sei, ihn weiter günstig zu beeinflussen. Sie erfüllte wohl meine 
Forderung in meiner Gegenwart, vielleicht hätte sich auch Franzi danach 
gerichtet, wenn nicht die folgenden Ereignisse der Mutter verstärkten Grund 
zur Heimlichkeit gegeben hätten. Nach zwei unruhigen Tagen erst erfuhr 
ich, daß der Vater aus der Heilstätte ausgebrochen sei. Er erschien in der 
Wohnung, ließ sich aber bewegen wieder zurückzugehen und nahm das 
Reisegeld an. Nach zwei Tagen kam er wieder in fürchterlichem betrunke- 
nem Zustand, schmutzig und zerlumpt; er hatte sich zwei Tage lang herum- 
getrieben. Er fürchtete nun die Folgen seines Ausbruches und wollte um 
keinen Preis zurück. Die Frau erwirkte für ihn einen Urlaub von der Heil- 
stätte; er aber war täglich betrunken, bis Franzi eines Tages bestürzt er- 
zählte, sein Vater liege mit einer Verletzung im Spital. In der Früh wußte 
er schon verschiedene widersprechende Erklärungen dafür, wie die Ver- 
letzung zustande gekommen sei. Am Abend erzählte mir die Mutter unter 
Tränen, daß der Vater sie bei der Polizei wieder beschuldigt hat, daß sie 
ihn verletzt habe. Diesmal kam es sogar zu einer Verhandlung, die mit 
dem Freispruch der Mutter endete. Der Vater wurde vom Spital aus zurück 
in die Heilstätte geschickt. 

Auf dieses neue Trauma reagierte der Junge mit verstärkter Angst. Wir 
hatten Ende Februar für die Kinder ein Faschingsfest, wofür sie sich selbst 
Masken anfertigten. Franzi freute sich sehr auf das Fest, war aber, als es 
wirklich kam, vollkommen unbändig und wagte sich nicht allein ins Stiegen- 
haus. Ich konnte ihm damals wieder deuten, daß es die Angst vor all dem 
Schrecklichen sei, das er schon mitgemacht hat, die ihn soviel wilder und 
schlimmer machte als alle Kinder. Er erzählte mir, er freue sich darauf 
wie er seine kleine Schwester mit der Larve schrecken werde. Ich zeigte 

ZeiUchrift f. psa. Pud.. VI/9 385 



ihm, daß er nur seine eigene Angst bewältigen wollte, wenn er für andere 
recht schreckhaft zu sein versuchte. Er war ja zu den Kindern eigentlich fast 
niemals brutal, er ging nur darauf aus, sie zu schrecken. Er hatte seinen 
Sitzplatz gegenüber dem Spiegel gewählt und ich konnte einige Male be- 
merken, daß er sich im Spiegel beobachtete, wenn er anfing den Kopf 
herumzuwerfen, daß ihm die Haare flogen und er dabei die Augen verdrehte. 
Gewöhnlich steigerte er sich dann in einen wilden Ausbruch hinein. 

Nach diesem kleinen Fest probten wir für eine kleine Aufführung für 
die Eltern. Franzi hatte bisher noch niemals bei einem Kindergartenfest 
mitwirken können und wir hatten besprochen, daß es seiner Größe und 
Geschicklichkeit zieme, dabei nicht ausgeschlossen zu sein. Seine Beziehung 
zum Kindergarten war zu dieser Zeit schon ausgezeichnet, seine Mutter 
erzählte, daß es für ihn die schwerste Strafe bedeute, nicht in den Kinder- 
garten gehen zu dürfen, während es früher einen täglichen Kampf kostete, 
ihn hineinzubringen. Schon damals begann seine Führerrolle unter den 
Kindern, die ihn ausnahmslos mit größter Liebe werbend und vorsichtig 
behandelten. Während unserer Proben verfiel er wieder einige Male in 
Tobsucht, während welcher er besonders viel weinte und vor allem sicht- 
lich unglücklich war. Ich besprach in diesem Zusammenhang mit ihm, 
daß er oft dem betrunkenen Vater bei seinen furchtbaren Szenen zuschauen 
mußte, daß er nun selbst oben auf der Bühne stehen und alle Leute ihm 
zusehen sollten; gerade dieses Zuschauen und Angeschautwerden mußten 
die Angst vor dem Vater wachrufen. Er konnte daraufhin störungslos bei den 
letzten Proben und auch bei der ersten Aufführung mitwirken, wobei er 
als netter blonder Bub sich unauffällig der Gruppe einfügte. 

Am nächsten Tag mußte die Aufführung wiederholt werden. Vorher 
wurden die Kinder photographiert. Da ich nicht mit einer Blitzlichtauf- 
nahme rechnete, wurden sie von dem grellen Aufblitzen unvorbereitet er- 
schreckt. Bei allen folgte nach wenigen Sekunden ein befreiter Heiterkeits- 
ausbruch. Franzi war dagegen verstummt und stellte sich dann auf der 
Bühne mit dem Ausdruck bösester Verstimmung gereizt hin. Seine Mutter 
war beim Ankleiden behilflich gewesen, bemerkte seine Verstimmung und 
bedrohte ihn wütend mit Ohrfeigen. Ich beschwichtigte sie und deutete 
beiden, daß Franzi weiter der brave Bub bleibe, daß er nur sehr erschrocken 
sei. Daß selbst Erwachsene bei Blitzlichtaufnahmen erschrecken, weil sie 
an allerlei Gefahr, an Gewitter und Schießen erinnert würden. Seine Ver- 
stimmung verstehe ich deshalb gut, weil ich schon weiß, daß er gewöhn- 
lich nur schlimm wird, wenn er sich fürchtet oder wenn er an unange- 
nehme Erlebnisse erinnert wird. Er hörte versonnen zu und blieb während 
der ganzen Aufführung ruhig und freudig. 

Nachher geriet er in einen Glückstaumel und war sichtlich erleichtert, 
die Aufführung überstanden zu haben. Er schmiegte sich an mich und 
erzählte mir, daß er am nächsten Tag Namenstag hat und sobald schon 
Geburtstag. Dabei erinnerte er mich daran, daß er in den ersten Tagen 

- 386 - 



i 






in unserer Gruppe eine Geburtstagsfeier wütend gestört hatte und auf 
meine Einwendungen kalt die Antwort gab, daß er bis zu seinem eigenen 
Geburtstag im April ohnedies längst hinausgeworfen sein werde. Ich ging 
auf seine freudig-dankbare Stimmung ein und sagte, daß wir sicher beide 
Grund hätten, zufrieden zu sein, daß wir uns aber noch weiter bemühen 
wollten, aus ihm einen prächtigen frohen Buben, den alle nur gerne haben, 

zu machen. _. _ _ i • t? 

Ungefähr zwei Wochen nachher fragte mich die Mutter, als sie Franzi 
abholte: „Hat Ihnen Franzi nichts erzählt? Sein Vater ist gesund entlassen 

wieder zurück. , c • 

Am nächsten Tage befragte ich ihn vorwurfsvoll nach seinem Schwel- 
B, .«. heiser- Weil i net will!" Nach einer Weile zerriß er die 
fcTonstenleichnu gen" eines Kindes, warf sich auf meinen Vorwurf auf 
den Boden und bliet unbeweglich liegen. Ich deutete ihm, daß er wegen 
lef Schweigens und wegen seiner unfreundlic hen ^«-« £ *£ 
Gewissen habe und sich auf dem Weg über das ^rstoren de r A^e« eines 
Kindes meine Strafe holen wollte. Am nächsten Tag deutete er nur an 
daß er mir etwas ins Ohr sagen wolle: „Der Vater hat «-ta£ £ 
habt.« Er flüsterte mir nun häufig Mitteilungen über «» ^ £. 
Ohr, erzählte auch glücklich von heiteren Famihen-sflugen. Er sp, 1 
sehr freudig mit den Kindern, doch wiederholten sich seine a 
wieder häufige, Er weinte dabei sehr ^J^f^Ä» 

Zu dieser Zeit klagte die Mutter auch, daß der Vater tag 
s ei, daß es abendlich Streit und Rauferei zwischen ihnen g«^ !<*«*££ 
ihm sein Verlangen nach Hause zn gehen aus seiner ^ Angst, der Va er 
Könnte der Mutter etwas zu Leide tun, was er — bestätigte. Als er em 
mal sehr trotzig und zornig zu mir war, deutete ich ihm daß : «g, 
Kindergarten wieder wie früher den Vater darstelle und daß er mit mir 
£e SzLn, die sich zwischen den Eltern abspielen, wiederhole: er s« e 
mi, mir und überhäufe mich mit ungerechten Beschuldigungen. Ich stellte 
ihm den Vater als krank dar, während er doch ein gesunder Bub sei, der 
wissen müsse, was er wolle. Wenn er seinen Vater nicht nachahmen wolle, 
so müsse er es gar nicht tun. , 

In der nächsten Zeit schienen die ehelichen Konflikte und die Trunkenheits- 
exzesse abermals einen Höhepunkt erreicht zu haben. Der Vater randalierte 
auch im Kindergarten und sagte Franzi, daß er einer Kindergärtnerin auflauern 
werde Franzi kam immer schon am Morgen mit verstörtem Gesichtsaus- 
druck müde und unausgeschlafen. Einen Vormittag lang war er ein Hund, 
wie vor zwei Jahren, kroch auf allen Vieren, bellte und benagte Bausteine. 
Er refüsierte die Hälfte meiner Orange mit den Worten: „Em \vech frißt 
keine Orangen." Er erzählte von Mäusen Katzen, Hunden und verlangte 
von mir das Märchen „Tischlein deck' dich, Esel streck' dich . Schließlich 
sagte er versöhnt: „Weißt, ich bin selbst ein Esel, ich bin selbst narrisch. 
Es mag sein, daß er damit den vertierten Vater darstellen, seine Erregung 

— 387 — 27 ' 



^ 



über Beobachtungen sexueller Vorgänge und seine Angst vor seinen eigenen 
lnebe„ ausdrucken wollte. Er sagte auch lachend: „Ich bin ganz heiser 
weils so viel geschrien haben zu Haus'." ' 

Nachdem meine Kolleginnen und ich zu der Erkenntnis gekommen 
waren, daß eine Veränderung getroffen werden, daß entweder Vater oder 
Bub m ein Heim kommen mußte, ersuchte ich um eine fürsorgerische 
Intervention, und zwar um eine neuerliche Internierung des Vaters. Meinem 
Wunsche, meine Intervention unbedingt geheim zu halten, konnte leider 
nicht entsprochen werden. Die Fürsorgerin war Zeugin stundenlanger Aus- 
einandersetzungen des Ehepaares, wobei beide einander sich mit den schwer- 
sten Beschuldigungen überhäuften. Schließlich versprach der Mann neuer- 
dings, sich zusammenzunehmen und es blieb alles beim alten, nur mit dem 
einen Unterschied, daß Franzi jetzt als Urheber aller Unannehmlichkeiten 
der Sundenbock für beide Eltern wurde und beide ihm ein verstärktes 
^rebot zu schweigen auftrugen. 

Ich erklärte Franzi nachträglich mein Vorgehen aus meiner Absicht, 
ihm zu helfen: Ich hatte geglaubt, daß nicht er, sondern der Vater in ein 
Heim gehöre und wollte die Fürsorgerin davon überzeugen, daß nicht er 
allein die Schuld an seinen Ausbrüchen trage. Er zeigte sich anfangs ziem- 
lich unberührt reagierte aber bald auf eine von mir unerwartete Weise: 
Er begann deut ich Partei für seinen Vater zu ergreifen, der damals tat- 
erimt Z ; R trmken ^ Ufh r e Und S6hr ZärtHch zu dem Buben war. Franzi 
brocken hI "V T. T *** "* ** Wi ~ W " Um *""« « 
^ LT erzaht * ^ "* **»** ™ ***** ™ d daß - *m 



Während n er r b^f hUr,g / U ?" ^^ ^^ sich e ™ Umstellung: 
Wahrend er bisher nur Freundinnen gehabt hatte und nur gelegentlich mit 

ebenso hose wte auf die Mutter, die dech die kleine Ichwester so 1 
verwohnt und trrnner alle Schuld auf den Vater schieb«. 

wohl mÜT" f rZä " ,emir aUCh Dach eM ^ Z*» »iader, daO der Vater 

leutlr ' m Mem Frieden und nur sehr ™ ni g «**»• Franzi 

leugnete es unmer standhaft. Ich erklärte ihm, sein Schweigen wohl zu 

verstehen: er dürfe doch mir nichts über den Vater erzählen, da ich doch 

wieder zur Fürsorgerin gehen könnte. Ich versicherte, daß ich seine Mit- 



teilungen nicht mißbrauchen würde und er erzählte mir, der Vater sage 
jedesmal, wenn er schlimm war: „Hörst Bua, sei endlich brav, sonst sagt 
die Fürsorgerin wieder, i bin's." 

Seine Loslösung von der Frau zeigte sich mir deutlich an seinem Ver- 
hältnis zu Lisi, dem ältesten und größten Mädchen. Sie hatte sich seiner 
vom ersten Tage an angenommen, hatte ihn immer verteidigt; sie war 
das erste Kind, zu welchem er eine Freundschaft zeigte, die sämtliche 
Konflikte überdauerte. Nun verfolgte er Lisi mit leidenschaftlichem Haß. 
beschimpfte und schlug sie gelegentlich und überhäufte sie mit sonderbaren, 
unglaubwürdigen Beschuldigungen. Zum Beispiel zerriß er vor meinen Augen 
selbst seine Schürze und behauptete nachher unter Tränen des Zornes, Lisi hätte 
sie ihm zerrissen. Oder er sagte plötzlich, Lisi hätte ihm zehn Groschen 
gestohlen. Unglücklicherweise wurde gerade zu dieser Zeit Lisls zweieinhalb- 
jährige Schwester, die so wie seine eigene kleine Schwester Erna hieß, in 
den Kindergarten aufgenommen. Am ersten Morgen, wahrend alle Kinder 
die Kleine umringten und sich freuten, stand er bleich vor Feindseligkeit 
in einer Ecke. Ich deutete ihm seine Abneigung gegen die Kleine aus 
seiner Eifersucht gegen seine Geschwister und seinem Haß gegen die Mutter, 
wies auch auf die Namensgleichheit mit der eigenen Schwester hin und 
versicherte ihm, daß er weiter mein lieber Bub bleibt, auch wenn ich mich 
anfangs mehr um die Kleine bekümmern müsse. Er hörte wohl zu, bewarf 
aber nach einer Weile die Kleine mit Bausteinen und begann, wie seit 
Monaten nicht mehr, zu weinen und zu toben. Ich ging mit ihm in einen 
anderen Raum, konnte ihn aber nicht versöhnen. Er schrie, daß er nach 
Hause zu seiner Mutter wolle. 

Diese kam sehr verstört und erzählte, daß der Mann wieder täglich in 
schwersten Rausch gerate und daß besonders in den letzten Tagen sich 
wüste Szenen abspielten. Dafür, daß der dadurch erregte Junge im Kinder- 
garten diese wüsten Szenen darstellte, fehlte ihr jedes Verständnis und sie 
sagte zornig: „Der Bub muß brav sein." Ich erinnerte sie daran, daß der 
Mann sich auch nicht durch das „Muß" bewegen ließ, das Trinken auf- 
zugeben und daß sie nie vergessen dürfe, wie weit die schreckhaften Er- 
lebnisse die Schlimmheit des Kindes verursacht hätten. Um ihm sein Brav- 
sein im Kindergarten zu erleichtern, riet ich der Mutter, dem einem Kinder- 
garten fast entwachsenen großen Buben die Mittagspause mit dem Schlafen 
zu ersparen und ihn zum Wäschetrocknen auf die Wiese mitzunehmen. 
Es wurde nun so eingerichtet, daß Franzi täglich nach dem Essen allein 
nach Hause ging. 

Auf meine Frage, warum er mir nichts von den neuen Trunkenheit- 
szenen seines Vaters erzählen konnte, sagte er traurig: „Du weißt ja eh, 
daß der Vater trinkt". Ich antwortete, daß ich davon wohl wisse, daß es 
aber gerade darauf ankomme, daß er es mir erzähle. Wenn er die Sachen 
ausspricht, nennt und erzählt, könnte ich ihm helfen, alles klarer zu sehen 
und besser das zu tun, was richtig ist. 

- 389 - 






Seine neue Selbständigkeit bereitete ihm viel Freude. Seit dem Morgen 
wo er die kleine Erna abgelehnt hatte, seit sechs Wochen, ist er ein «£* 

TelcL ef -' ch tÜChtiger . ****-. so wie seine beiden Freund", an 
welche er S1 ch immer inniger anschließt. Sie sind fast niemals wild, spielen 

h intensiv immer miteinander, oder gehen in ruhigem Gespräch" um" 
chl unge d h den Garten Se . n Verhähn . s ^ m . r S besond P rs erfreu _ 

lieh; er begrüßt mich mit besonders glücklichem Ausdruck und kommt 
seit einiger Zeit freiwillig auch am Nachmittag wieder. Gelegentlich drücken 
wir einander unsere Freude darüber aus, daß die Schlimmheit jetzt an- 
scheinend fort sei, - aber mit seiner Schlimmheit ist auch seine Bereit- 
schaft zur Mitteilung geschwunden. Nachdem Franzis Aufenthalt im Kinder- 
garten nach wenigen Wochen zu Ende gehen wird, hoffe ich, seine Wesens- 
umstellung, die Herabminderung seiner Affektivität und seine Loslösun ff 
von den Einflüssen der Frau und des Kindergartens als brauchbare Grund 
läge für seine Einstellung zur Schule und als ersten Ausdruck der be- 
gmnei,d«i Latenzzeit betrachten zu dürfen. Nur ist es freilich keineswegs 
sichergestellt, daß die Besserung in seinem Benehmen weiter anhalten wird. 

* 
Ich möchte nun abschließend versuchen, die einzelnen Entwicklumrs- 
phasen der Behandlung Franzis vom Standpunkt der Psychoanalvse 1 
hervorzuheben. J dus 

Unter dem Einfluß seiner Ödipussituation festigte sich seine 
posmve Übertragung auf mich als Mutter, nachdem er mich ungefähr 
r 4 Tage hmg ausprobierte (durch Ausbrüche aller Intensitätsgrade, politische 
Gespräche, Haarausrerssen) und nachdem er in seiner fluchtartigen BuX 

den B h ^ den Ve " UCh gemaCht h "' sich — « entscheiden- 

den Beztehung mtr zu entziehen. Der erste k 1 a r e Ausdruck dieser übet 

2r:iz:™* esch r ke: dem Weinsten Kind •* - -- ^ 

schenk er TmL^Ts^T' f, s*"**" ^^ mir 

-nk i d um ::;::«- :- -— 

akte auch zu den Bratahtaten des Vaters gehörten. 

als LLl\ mhmem r SChmUCk SpiCl,e ' «=<*>• IWh. und Halskette oft 

angethen w™T * r"**' T" W ° U * ^»«•oli.eh. Liebeswerbung 
angesehen werden dze von der Mutter auf mich verschoben wurde. Nach 

Svmn^hi T ^ T/^ gegen die Einflüsse des V "' re «*<l ■"*» 
NeX» /^ Uaaa ' "" ausdrü ^. «tfl sich seine eigenen 

s^em ft" «^stände für und gegen den einen Eltern.eil klar in 

e fersTch^ ? UDgS n erhäl,niS " mlr: War " der MuttCT b5 -- ™ « 

Mantel "f ",, e \ 1 u ttaU,e ^ lhr (a ' S " e Mch " f °" bM >. <* * d ™ 

Angsf vo de v T " miCh a ' S die g6haß,e Mm "- »™ " 

Angst vor dem Vater, suchte er meinen Schutz und meine Hilfe 

erfolgTe seineThV^ Vm »;*> a * und endgültigen Rückkehr des Vater, 
erfolgte seme Abkehr von der Mutter und vom weiblichen Geschlecht, 



— 390 - 



nelleicht auch aus eigenem Schuldgefühl. Seine Mutter hat wohl sicher 
häufig etwa vor ihm gesagt: Gegen dieses Elend (Trunksucht und Streit) 
hilft nur mehr das Eine Tod)«. Und ich hatte in meinem der Fürsorgerin 
geäußerten Wunsch, den Vater wieder zu internieren, ähnliche Beseiti JLs- 
wunsche ausgedrückt. Früher hat Franzi diese Wünsche geteilt ( jetzt 
bleibt er in der Heilstätte, bis er stirbt"). Später hat er für Vater und 
Mann Partei ergriffen und dies auch in seinen beginnenden Knabenfreund- 
schaften ausgedrückt. Schließlich war auch meine positive Stellung zur 
Mutter nicht eindeutig geblieben: besonders in meiner Forderung nach 
Aufrichtigkeit hatte ich mich weit von den Wünschen seiner Mutter ent- 
fernt und vielleicht dem Vater genähert. 

Die analytischen Deutungen, die ich ihm hartnäckig immer wieder- 
holte, oft auch wenn er tobte und scheinbar nicht hörte, bezogen sich 
vor allem auf seine Identifizierung mit seinem Vater und auf 
seine Angst. Abgesehen von realen Anlässen zur Angst, die ihm die 
häuslichen Szenen immer neu boten, fürchtete er die Mutter, die mit 
energischen Drohungen seine Schlimmheit zu unterdrücken wußte und 
die große Schwester, die ihm in den ersten Tagen nach dem Leben 
trachtete (sie hat ihn auf die Ofenplatte gelegt) und die ihm wahrschein- 
lich durch sexuelle Verführung traumatische Erlebnisse bereitet hat. Er 
fürchtete die Kindergärtnerin und Kinder, wie er es in der Tramway- 
geschichte am ersten Tag und in seinen Phantasien über das neue Fischerl 
geäußert hat. Er scheint häufig die Deutungen akzeptiert zu haben, daß 
er mit seinen Ausbrüchen seine unbewußten, beunruhigenden Erlebnisse 
agiert oder seine Haßregungen gegen Mutter und Schwester, auf 
mich und die Kinder verschoben, darstellt. 

Im Verlaufe unserer zehn Monate währenden Bekanntschaft scheint 
Franzi über seine größten Schwierigkeit hinweggekommen zu sein: Er 
konnte im Kindergarten bleiben und mußte nicht ausgeschlossen werden. 
Wahrend ich in den ersten Wochen ernstlich an seinen sozialen Fähig- 
keiten zweifeln mußte, ist er jetzt sozial und hat freundschaftliche Be- 
ziehungen zu den Kindern gefunden. Die Durchbrüche seiner negativistischen 
Aggressionen sind jetzt annähernd so selten, wie es früher liebevolle, soziale 
Regungen waren. Die angriffsbereite Verkrampfung seines Wesens hat sich 
gelockert, er macht den Eindruck eines heiteren, zugänglichen Kindes, das über 
außergewöhnliche Geschicklichkeit, Tatkraft und körperliche Kräfte verfügt 
Sein Aufenthalt in der Sondergruppe hat ihm gezeigt, daß es die Mög- 
lichkeit gibt, Schlimmheit zu verstehen und zu erklären und hat ihn die 
Beruhigung erleben lassen, daß er kein durch Schlimmheit gezeichneter 
Outsider der Kindergemeinschaft zu sein brauche. Sein Benehmen in der 
Schule wird zeigen, ob dieses Erlebnis stark genug war, um den Boden 
für eine weitere günstige Entwicklung zu bereiten. 



- 391 - 



INHALT: 

Herta Fuchs: Psychoanalytische Heilpädagogik im Kindergarten 



I. Organisation der Sondergruppe 54g 

II. Kindertypen »- 2 

III. Schlimmheit und ihre Deutung seß 

IV. Tri eher ziehung ; 55g 

V. Familie und Kindergarten 562 

VI. Drei neurotische Kleinkinder: Walter, Dora, und Grete 367 

VII. Angst, Wut und Schlimmheit: Der Franzi 575 



Eigentümer und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., "Wien I, Börse- 

ßasse 11. — Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Dr. Paul Federn, Wien VI, Köstlergasse 7. 

Druck von Emil M. Engel, Druckerei und Verlagsanstalt, Wien I, In der Börse. 



Seite 



SONDERHEFTE J 

der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" 

__________ _ _ 

„Spielen und Spiele" (= vi.jg.,Heft 5-6) 2 — 

Alice Balint: „Psychoanalyse des Kinderzimmers" 

(= VI. Jg., Heft 2-5) 2 ._ 

Marie Bonaparte: „Die Sexualität des Kindes 
und die Neurosen der Erwachsenen" 

(= V. Jg., Heft 10) -,_ 

„Strafen" (= v. j g ., Heft 8- 9 ) 2i _ 

„Menstruation" (=v. j g ., Heft 5-6) , 2 ._ 

Richard Sterba: „Einführung in die psycho- 
analytische Libidolehre"(= v. jg., Heft 2 3 ) .... 2 - 
„Intellektuelle Hemmungen" (=iv. j g .,Heft __-__) .... _.— 

„Selbstmord" (=m. j g ., Heft __ -12-15) 5.— 

„Die Kindheit eines Proletariermädchens" 

(- in. Jg., Heft 5-6) 2 .- 

„Stottern" (=11. j g ., Heft _*-»«) 2.— 

„Onanie" (=11. j g ., Heft 4-5-6) 2.50 

„Nacktheit" (=n. Jg., Heft 2 - 3 ) 2.- | 

„Sexuelle Aufklärung" (= 1. j g ., Heft 7 -8- 9 ) 2 . 5 o 

Demnächst erscheinen: 

Erziehungsberatung — Die Angst des Kindes 



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| Psychoanalytische Literatur f 

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Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung. Mit einem Geleitwort 
von Sigm. Freud. Zweite Auflage. Geh. 6. — , in Ganzleinen S. — 

Siegfried Bernfeld: Sisyphos oder Die Grenzen der Erziehung. | 

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Siegfried Bernfeld: Vom Gemeinschaftsleben der Jugend. 

In Halbleinen 12. — § 

Siegfried Bern feld: Vom dichterischen Schaffen der Jugend. 

In Ganzleinen ij. — ^ 

Anna Freud: Einführung in die Technik der Kinderanalyse. j 

Zweite Auflage. Geh. 2.J0, in Ganzleinen 4.— ~ 

G. H. 6 r ab er: Die Ambivalenz des Kindes. 

In Halbleinen J. — || 

Melanie Klein: Die Psychoanalyse des Kindes. (S. beil. Prospekt) y 

-- Geheftet 10. — , Ganzleinen 12. — ~ 

Oskar Pf ist er: Elternfehler. Geb. 1.— | 

Vera Schmidt: Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrußland. ^ 

Geheftet I. — ~j 

Neils Wolffneim: Psychoanalyse und Kindergarten. 

Geheftet 2.40, in Ganzleinen 4. — g 

Siehe auch die Anzeige der Sonderhefte auf Seite }<)2 d. H. 

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Wien I, In der Börse 



HIPPOKRATES-VERLAG G.M.B.H. STUTTGART/ LEIPZIG 



NEUERSCHEINUNG! NEUERSCHEINUNG! 

I DR. G. BAISSETTE I 

I LEBEN UND LEHRE I 
| DES HIPPOKRATES ] 

Deutsche Übertragung von Dr. Benno Hepner 
Vorwort von Dr. Erwin Liek, Danzig 

300 S., 4 Taf., steif karl. ca. RM 4.25, Ganzl. ca. RM 5.25 

H = 

Eine in begeisternder Sprache und vorzüglichem Stil geschriebene Biographie 
des großen Hippokrates, in welche die wichtigsten Lehren der hippokra- 
tischen Schule, teils wörtlich wiedergegeben, teils geistig verarbeitet, ein- -: 

geflochten sind. Die Biographie selbst baut auf den spärlichen Angaben = 
auf, die in den hippokratischen Schriften enthalten sind, weiterhin auf 
den pseudohippokratischen Briefen und den vielen später entstandenen, 
z.T. sagenhaften Erzählungen, die an den Namen Hippokrates anknüpfen, 
also — Wahrheit und Dichtung. Die Pariser Fakultät hat dem Autor für 
dieses Buch die goldene Medaille verliehen, ein Zeichen, welch starke Be- 
s achtung man dieser lebensvoll gestalteten Biographie schenkte. 

Hippokrates als Vorläufer der Psychoanalyse 

H niiMiDBiiiniiiiiiiiiinM 

= Le Progres Girique schreibt: §§ 

„Gaston Baissette veröffentlicht soeben über Hippokrates ein gut dokumentiertes 
Werk, dessen Lektüre sehr fesselnd ist. Wir werden hier dieses Buch, welches das 
Leben und das Werk des Vaters der Medizin so vollständig als möglich darstellt, 
nicht zergliedern. Wir werden einfach einige sehr merkwürdige Einzelheiten hervor- 
heben, die erweisen, daß Hippokrates bereits eine Erkenntnis der psychoanalytischen 
H Wissenschaft gehabt hatte." || 

Es folgt die Anführung der betreffenden Stellen des Buches, ganz besonders die be- 
kannte Heilung des Königs Perdikkas von Mazedonien, die als eine wirkliche psycho- 
ll analytische Heilung anzusehen ist. s 

I Leon Bernard, Prof. der Medic. Akademie: H 

„. . . Es ist das seltene Verdienst des Autors, „Hippokrates wiedergefunden" zu haben. 
Mit einem Schlage kann man jetzt das große Werk ermessen, das die Unwetter der = 
Religion und Magie von der Medizin befreite, das die Fundamente unserer Wissen- 
schaft legte, indem es die Methoden festsetzte, die ersten Wege urbar machte und H 
gleichzeitig die Vorschriften, die Verpflichtungen und die Vorrechte unseres Standes rj 
= formulierte ..." = 



Zu beziehen durch: 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien I, In der Börse 



illllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllN 

HIPPOKRATES -VERLAG G.M.B.H. STUTTGART/ LEIPZIG 








1 

■ 
1 

1 


1 VI. Jahrg. September 1932 Nr. 9 

Zeitschrift für 

psychoanalytische 

Pädagogik 




H NEUERSCHEINUNG! NEUERSCHEINUNG! 1 

I DR. G. BAISSETTE I 

I LEBEN UND LEHRE 1 
| DES HIPPOKRATES ( 

Deutsche Übertragung von Dr. Benno Hepner 1 
Vorwort von Dr. Erwin Liek, Danzig j 
300 S., 4 Taf., steif kart. ca. RM 4.25, Ganzl. ca. RM 5.25 j 

ß Eine in begeisternder Sprache und vorzüglichem Stil geschriebene Biographie 1 
n des großen Hippokrates, in welche die wichtigsten Lehren der hippokra- 

tischen Schule, teils wörtlich wiedergegeben, teils geistig verarbeitet, ein- • 
geflochten sind. Die Biographie selbst baut auf den spärlichen Angaben 3 
- auf, die in den hippokratischen Schriften enthalten sind, weiterhin auf 
den pseudohippokratischen Briefen und den vielen später entstandenen, 
z.T. sagenhaften Erzählungen, die an den Namen Hippokrates anknüpfen, 1 
also — Wahrheit und Dichtung. Die Pariser Fakultät hat dem Autor für I $ 
dieses Buch die goldene Medaille verliehen, ein Zeichen, welch starke Be- 
achtung man dieser lebensvoll gestalteten Biographie schenkte. (, 

Hippokrates als Vorläufer der Psychoanalyse ] 




Herta Fuchs 

Psychoanalytische 
Heilpädagogik 
im Kindergarten 




= Le Progres Girique schreibt : 

„Gaston Baissette veröffentlicht soeben über Hippokrates ein gut dokumentiertes f 
Werk, dessen Lektüre sehr fesselnd ist. Wir werden hier dieses Buch, welches das 
Leben und das Werk des Vaters der Medizin so vollständig als möglich darstellt, 
nicht zergliedern. Wir werden einfach einige sehr merkwürdige Einzelheiten hervor- 
heben, die erweisen, daß Hippokrates bereits eine Erkenntnis der psychoanalytischen 
= Wissenschaft gehabt hatte." s e 

Es folgt die Anführung der betreffenden Stellen des Buches, ganz besonders die be- 
kannte Heilung des Königs Perdikkas von Mazedonien, die als eine wirkliche psycho- 
= analytische Heilung anzusehen ist. §§ J 

1 Leon Bernard, Prof. der Medic. Akademie: 1 h 

„. . . Es ist das seltene Verdienst des Autors, „Hippokrates wiedergefunden" zu haben. 
Mit einem Schlage kann man jetzt das große Werk ermessen, das die Unwetter der = 
Religion und Magie von der Medizin befreite, das die Fundamente unserer Wissen- 
schaft legte, indem es die Methoden festsetzte, die ersten Wege urbar machte und 
gleichzeitig die Vorschriften, die Verpflichtungen und die Vorrechte unseres Standes 
= formulierte ..." = 


I 

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s Zu beziehen durch: 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien I, In der Börse 

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Preis dieses Heftes Mark 1 —