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Full text of "Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie I 1934 Heft 3/4"

BAND: 1 HEFT: 3/4 1934 



• 



ZEITSCHRIFT FÜR 
POLITISCHE PSYCHOLOGIE 
UND SEXUALÖKONOMIE 

HERAUSGEBER: ERNST PARELL 



i 



INHALTl 

Roheims .Psychoanalyse primitiver Kulturen" _ 169 

Ein Kinderschicksal 196 

Die vegetative Urform des Libido-Angst-Gegensatzes — 207 

Was ist Klassenbewusstsein? 226 

Zur Kritik der kommunistischen Politik 256 

Zur Geschichte der Sex-Pol-Bewegung . 259 

Sex-Pol-Praxis 269 

Arbeiterbewegung-Massenpsychologie ■■ 273 

Erlebnisse und Beobachtungen — __ 278 

Politik und Wissenschaft . 279 

Marxismus-Ideologie-Psychologie 281 

Anfragen ■ — _ . 284 

Einige Gedanke über freundschaftliche Kritik __^ 289 

Besprechungen — _ 291 

Redaktionelle Bemerkungen '•■ — . 299 



i^* 35 ^ 



An unsere Leser I 

Wir erhielten in den letzten Monaten eine grosse Anzahl von Leserzuschriften 
aus fast allen Ländern, in denen uns die immer dringlicher werdende Notwendigkeit 
der Erweiterung und Intensivierung unserer massenpsychologischen Untersuchungen 
immer wieder entgegengerufen wird. 

Wir wissen, dass alle unsere bisherigen Bemühungen für die noch immer junge 
und relativ kleine sexualpolitische Bewegung, wie wir sie wünschen und propa- 
gieren, nur das Fundament eines Gebäudes sein können, dessen Grösse und Bedeu- 
tung wir noch nicht festzulegen vermögen. 

Wir waren deshalb stets bestrebt, unsere Planierungarbeiten so zu gestalten, 
dass es uns jederzeit möglich ist, den weitestgehenden Ansprüchen der uns ge- 
gebenen Problematik zu genügen, einer Problematik, die schlechthin alle Gebiete 
unseres gesellschaftlich kulturellen Lebens umfasst. Unsere grösste Aufmerksam- 
keit muss deshalb der Frage gelten, durch genaueste Überprüfung unserer Theo- 
rien an der alltäglichen Wirklichkeit des gesamten Lebensbereichs die grösstmög- 
liche Gewähr vor einem Abgleiten in reaktionäre Tendenzen zu schaffen. 

Nur durch breiteste, aber sachliche Kritik aller unserer Freunde werden wir 
imstande sein, die Problematik des kulturellen, im besonderen sexuellen Seins und 
Werdens, wirklichkeitsgetreu wiederzuspiegeln und hoffentlich auch zu meistern. 

Um nun den zahlreichen Leserstimmen, die von uns immer und immer wieder 
ein Programm, eine Organisation u. ä. fordern, gerecht zu werden, wollen wir allen 
unseren Freunden Gelegenheit geben, sich durch Diskussionen an unserer wissen- 
schaftlichen Arbeit zu beteiligen, und dadurch einen breiteren Rahmen zu schaffen, 
als er durch die Möglichkeit zu redaktioneller Mitarbeit bisher gegeben war. 

Wir fragen deshalb unsere Freunde und Leser in allen Ländern, besonders aber 
in den grossen Städten, wieweit sie an der 

Bildung von Freundeskreisen 






zur Unterstützung der wissenschaftlichen Erforschung der Probleme der Sexual- 
ökonomie und Massenpsychologie interessiert sind; konkret: wer zur Teilnahme 
an solchen Zirkeln persönlich bereit ist. Wir betonen ausdrücklich : E s g e h t 
nicht um die Schaffung einer neuen Organisation! 

Worauf es uns ankommt, ist einzig und allein die Förderung unserer wissen- 
schaftlichen Arbeit durch Schaffung eines stofflich speziell interessierten Kreises, 
in dem u. a. spätere Publikationen etc. diskutiert werden. Wir denken dabei 
fernerhin an die 



Herausgabe von zwanglos erscheinenden 
Informationsbriefen 

die in der Hauptsache der Diskussion unserer Probleme seitens unserer Freunde 
dienen sollen; auch würde sich hierdurch die Möglichkeit ergeben, unsere Freunde 
rascher und umfassender als bisher über die unser Arbeitsgebiet angehenden Dinge 
zu informieren, etwa durch Hinweis auf wichtige literarische Neuerscheinungen, 
Tagungen und Kongresse etc. 

Wir hoffen, dass sich umgehend 

alle Interessenten mit Namen und Adresse an die 
Redaktion der Zeitschrift wenden 



und ihre Vorschläge und Wünsche mitteilen. 

Wir werden alle sich weiterhin ergebenden Fragen dann durch persönliche 
Korrespondenz klären, unter Wahrung strengster Diskretion und jeglicher politi- 
schen Sicherung. 

^ Redaktion und Verlag. 



J 



INTERNATIONAL 

CHOANALYTIC 
UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



[ö/ 



ZEITSCHRIFT FÜR 



POLITISCHE PSYCHOLOGIE 
UND SEXUALÖKONOMIE 

BAND: I 
HEFTr 3/4 
19 3 4 

Roheims „Psychoanalyse primitiver Kulturen" 

Von Wilhelm Reich. 
1. Roheims Methode der ethnologischen Forschung 

Im Frühling 1929 unternahm der ungarische Ethnologe und 
Psychoanalytiker Roheim mit Unterstützung der Prinzessin Marie 
Bonaparte eine Expedition nach Australien und New-Guinea. Das 
Ergebnis dieser mehrjährigen Expedition liegt nunmehr in einem vor- 
läufigen Bericht, der einige Hundert Seiten umfasst, vor 1 ). Die Er- 
gebnisse seiner Forschungen, soweit sie nicht nur Beobachtungen 
wiedergeben, sondern zur Theoriebildung fortschreiten, werden nur 
verständlich, wenn man den Grundzug der Methode erfasst, die B. 
anwandte, um, wie er beabsichtigte, der psychoanalytischen Ethnologie 
»eine solide Basis« zu geben. 

R.'s Motiv der Expedition war, wie er schreibt, diejenigen Theorien 
zu entkräften, die an Hand mutterrechtlicher Organisationen das 
allgemeine Vorkommen des »Ödipuskomplexes« leugnen. B. will also 
die Allgemeingültigkeit dieses Komplexes, d. h. seinen biologischen 
Charakter beweisen. Und dies wird zur Urquelle seiner Fehler. Er 
wendet sich gegen Malinowski' 2 ) , der auf Grund der Erforschung einer 
mutterrechtlichen Gesellschaft den Standpunkt vertrat, dass der Kind- 
Eltern-Konflikt, der von Freud in der patriarchalischen Gesellschaft 
erforscht wurde, eine gänzlich verschiedene. Struktur zeigt, wenn man 
eine multerrechtliche Gesellschaft studiert. 

Ob man dann die kindlichen Konflikte noch mit dem Ausdruck 
»Ödipuskomplex« bezeichnet, wenn der eigentliche Erzieher nicht der 
eigene Vater, sondern der Mutterbruder ist, und auch die übrigen 
Verhältnisse andere sind, oder ob man von »Ödipuskomplex anderer 
Form« spricht, ist eine Frage von sekundärer Bedeutung. B. hatte 
aber den Vorsatz mit auf die Beise genommen, nachzuweisen, dass 
der Ödipuskomplex, in der Form, wie. Freud ihn in Europa fand, eine 

1) Roheim: »Die Psychoanalyse primitiver Kulturen«, lmago, 1932, H. 3/4. 

2) Professor für Ethnologie an der »School of Economics«, London. 

169 









Wilhelm Reich 

allgemeine biologische Talsache sei. Auf Grund der Forschungen 
Malinowskis hatte auch ich die biologische Natur des uns bekannten' 
typischen Kind-Ellern-Konfliktes bestritten. 

R. versucht nun, mit Hilfe der psychoanalytischen Deutungstechnik 
die Kultur der Primitiven zu ergründen, und er glaubt dies tun zu 
können, indem er die Gesellschaft, ihre Kultur und Zivilisation mit 
einem Individuum gleichsetzt. Dazu ist zu sagen: Die Untersuchung 
einer gesellschaftlichen Organisation ist mit der psychoanalytischen 
Deutungsmethode nicht zu führen, denn die Gesellschaft hat keinen 
Trieb, kein Unbewusstes, kein Über-Ich, kein Seelenleben. Sie kon- 
stituiert sich aus gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den Men- 
schen, die einen psychischen Apparat bestimmter Struktur besitzen. 
Nur diese Struktur der Menschen kann psychoanalytisch untersucht 
werden, und sofern die Ergebnisse dieser Untersuchung einen kollek- 
tiven, typischen, also massenpsychologischen Tatbestand betreffen, 
erklären sie auch die Struktur der betreffenden gesellschaftlichen 
Ideologie. 

Die Menschen bilden zwar die Gesellschaft und schaffen die gesell- 
schaftlichen Inhalte, des Lebens, aber sie schaffen sie nur unter 
bestimmten äusseren Bedingungen (wirtschaftlichen, klimatischen, 
geographischen etc.), sind also in ihren Willensäusserungen be- 
schränkt: darüber hinaus verselbständigen sich die von ihnen ge- 
schaffenen gesellschaftlichen Beziehungen mit eigener, eben sozio- 
logischer Gesetzlichkeit, denen die Menschen dann unterliegen. Die 
Soziologie ist im wesentlichen die Lehre von den die Menschen beherr- 
schenden, von ihnen unabhängigen Gesetzen des gesellschaftlichen 
Seins, die ausserpsychisch, sozial-ökonomisch sind. Wer sie zugun- 
sten der psychischen Kräfte übersieht, ist Psychologist; wer die 
psychischen Strukturen der Menschen ausschaltet, muss Ökonomist 
werden und dem metaphysischen Soziologismus verfallen. 

R. leugnet nicht nur die grundlegende Funktion der sozial-ökono- 
mischen Gesetze; seine Deutungstechnik ist von derart primitiver Art, 
ähnelt so sehr der »Kunst« der wildesten Analytiker, dass man ihn 
auch als Psychoanalytiker ablehnen muss. 

»So wie der Analytiker bei der therapeutischen Analyse durch 
Deutung der Übertragung imstande ist, die ursprüngliche infantile 
Libidoorganisation zu rekonstruieren, so kann der ethnologisch for- 
schende Analytiker aus den Übertragungsträumen (der Primitiven) 
erkennen, wie die Libidoorganisation und der Charakter eines Volkes 
beschaffen ist,« heisst es auf S. 308/309. Zunächst ist richtigzustellen, 
dass wir die infantile Libidoorganisation unserer Analysanden nicht 
durch Deutung rekonstruieren, wie Roheim es tut, sondern unsere 
Deutung fasst bloss unbewusstes Material, das der Analysand bot, 
zusammen und verleiht ihm die Sprache des Bewusstseins. Ohne 
unbewusstes Material gibt es keine Deutung. Alles andere ist wilde 
Analyse. Zur Rekonstruktion der kindlichen Vorgeschichte ist die 

170 



Roheims „Psychoanalyse primitiver Kulturen" 

wirkliche Reproduktion der Kindheit in Erinnerung und Aktion not- 
wendig. R. analysiert die Träume des »Eingeborenen X, zugleich aber 
eine menschliche Gesellschaft, nämlich die, der X. angehört«. (S. 317.) 
Nehmen wir einen Augenblick an, dass es statthaft wäre, die Struktur 
der Gesellschaft aus der Struktur der Träume zu erschlicssen, statt 
umgekehrt die Struktur der Träume aus der Struktur der Gesellschaft, 
die die Triebstruktur des Individuums bestimmt; dazu würde doch 
zu allererst die freie Assoziation gehören; aber nicht einmal dies 
bringt der Primitive zustande, aus dessen Träumen R. die Möglich- 
keit zu schöpfen glaubt, im Gegensatz zu den Soziologen, »die Formel 
für den unbewussten Wunsch zu finden, durch den jede Gesellschafts- 
struktur determiniert ist, ebenso wie jedem Traum und jeder Neurose 
ein System solcher unbewusster Wünsche zugrundeliegt«. (S. 320.) 
»Einen Primitiven aber kann man unmöglich zum freien Assoziieren 
bewegen, man kann nichts anderes tun als warten, bis er es einmal 
unwillkürlich tut.« Wir können Roheim für den schlechten Dienst, 
den er hier mit seiner »Methode der Kulturforschung« der Psycho- 
analyse leistet, ganz und gar nicht dankbar sein. Wir mühen uns 
in schwerer Arbeit ab, unsere Analysanden zur freien Assoziation 
zu bringen, um ihre Kindheit zu rekonstruieren, und Roheim erschloss 
aus einem Primitiven, der zur Assoziation nicht bereit war, eine ganze 
Kultur. 

»Man mag also ruhig von der Methode der freien Assoziation 
Gebrauch machen, um ein vollständiges Bild der zu untersuchenden 
Kultur zu erhalten,« um dann nur zu bestätigen, was schon vorher 
angenommen war. 

Machen wir uns einen Augenblick klar, wozu die ethnologische 
Forschung dient und was sie will, um voll zu begreifen, was R. mit 
seiner Methode unternahm. Die Menschen stehen dauernd im 
Kampfe um günstigere Lebensformen, um bessere Naturbewältigung, 
um ein wenig Klarheit über ihr gegenwärtiges Sein. Kennt man die 
Geschichte der Vergangenheit, so hofft man, mit der Gegenwart besser 
und leichter fertig werden zu können. Die alltägliche Praxis drängt 
zur Forschung, um die neue Praxis besser zu leisten. Wir sind daran 
interessiert, die alten Wirtschaftsformen und Familienformen zu 
erforschen, um den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung, dem 
wir unterworfen sind, zu verstehen, ein wenig zu lenken und schliess- 
lich meistern zu können. R. ist über derartige Dinge erhaben: »Alle 
Veröffentlichungen dieser Schule (»functional school«), mögen sie 
nun Kanus betreffen, Heirat, Magie oder Handel, kommen, .wie es 
uns scheinen will, umgekehrt zum gleichen Schluss, nämlich, dass 
das in Rede stehende Phänomen das Strukturelement einer Ganzheit 
ist, im sozialen Mechanismus eine wohldefinierte Funktion erfüllt 
und mit anderen sozialen Phänomenen in Wechselwirkung steht. Von 
Weisheiten so selbstverständlicher Art werden wir schwerlich be- 
friedigt sein.« R. kommt es natürlich auf den berühmten unbewuss- 

171 



Wilhelm Reich 

ten Wunsch der Kultur an ! Die ethnologischen Schulen leiden gewiss 
an schweren Mängeln der Untersuchung. Sie kommen meist über die 
reine Beschreibung nicht hinaus, sehen nur die wirtschaftlichen 
Beziehungen, und diese nur psychologistisch ; sie können keinen 
Prozess angeben, der die gesellschaftliche Entwicklung beherrscht; 
sie sind auch weit entfernt von der sexualökonomischen Fragestel- 
lung, wie und mit welchen Mitteln sich das gesellschaftliche Sein 
in psychische Struktur umsetzt und wie diese gewordene psychische 
Struktur der Menschen auf die gesellschaftlichen Beziehungen, aus 
denen sie hervorging, rückwirkt. Das wäre eine marxistische, dialek- 
tisch-materialistische Fragestellung, die ihrem Denken ungewohnt 
und ihrem Empfinden unbehaglich ist. Aber R. geht weit hinter diese 
Leistung der Ethnologen zurück, er verwirrt die Erscheinungen, 
mystifiziert sie, bemerkt das Oberflächlichste nicht, wie zum Beispiel 
die gesellschaftliche Funktion des Mwadare als eines primitiven 
Güteraustausches, der sich der Heiratsbeziehungen bedient: er sieht 
nichts als Symbole und verrät dadurch wie jeder, der wilder Symbol- 
deuter ist, seinen tiefen Zweifel selbst an den Wirklichkeiten des 
seelischen Prozesses. 

Man wird sagen, dass ich übertreibe. Ich bin im Interesse der 
entscheidend wichtigen Rolle der Psychoanalyse in der soziologischen 
Forschung bemüht, nicht zu übertreiben, im Gegenteil, aus den 
Fehlern eines Fachethnologen wie R. zu lernen, welche Fehler man 
vermeiden muss und wie wichtig methodologische Sauberkeit in der 
Geschichtsforschung ist. 

Ich will nun einen von Roheim analysierten Traum eines Primi- 
tiven vorbringen und zu zeigen versuchen, was alles dieser Traum 
enthüllt, wenn man nicht »Übertragungen deutet«, sondern zunächst 
den Traum in seinem sozialen Milieu sieht. 

Der christliche Häuptling von Loboda, Doketa, erzählt R. einen 
Traum, aus dem die Kulturgeschichte auf der Normanby-lnsel er- 
schlossen wird. 

»Ich ging mit Gomadobu angeln. Wir fingen einen quadovara und zogen ihn 
heraus. Bei Bwaruada gingen wir an Land und schnitten den Fisch auf, und er 
kochte, als die Kirchenglocken läuteten. Mr. Walker sagte: »Lasst Euren Fisch, 
er wird auf Euch warten; geht erst zur Kirche, dann kommt zurück und esst«. 
Dann kamen wir zurück und Gomadobu schnitt den Fisch in Stücke. Ich erhielt 
den Rumpf und sagte: »Gib ihn unseren Freunden«. Aber Gomadobu sagte: »Der 
Rumpf ist Dein Teil, ich gebe ihn Dir, unsere Freunde werden ihren Teil später 
bekommen.« 

R. versucht eine komplizierte Rekonstruktion der kindlichen 
Vergangenheit Doketas zu geben, dass er die Eltern beim Koitus 
belauschte, den Vater töten wollte etc. etc. Es gibt keine Möglichkeit, 
nachzuprüfen, ob R.s Deutungen richtig sind; im Zusammenhange 
kulturpolitischer Forschung ist das aber auch nicht wichtig. Man 
lese S. 305 — 308 des Berichtes nach und wird feststellen, wie sehr 
172 






.fT*^ I IHM 



, 






Roheims „Psychoanalyse primitiver Kulturen" 

diese Ergebnisse zu bezweifeln wären, selbst wenn R. Doketa einer 
regelrechten Analyse unterzogen hätte. 

Versuchen wir den Traum aus dem Lebensmilieu und den aktuellen 
Konflikten des Träumers zu verstehen. Wir sind bescheidener als 
R., denn wir massen uns nicht einmal an, über das aktuelle und 
leicht fassbare soziale Milieu hinaus in die kindlichen, individuellen 
Konflikte Doketas einzudringen, der keine Einfälle bringt. Doch ist 
bei Kenntnis der groben aktuellen Anlässe ein Verständnis der im 
Traum erscheinenden aktuellen Konflikte möglich. Wir werden 
sehen, dass wir im latenten Sinn des Traumes auch solche Elemente 
finden, die kein Europäer aufbringt. 

Malinowskis Forschungen, auf die ich meine ethnologische 
Begründung der Sexualökonomie stütze, ergaben, dass der Primitive 
unter zwei schweren typischen Konflikten leidet, die sich aus der 
einsetzenden Änderung der sozialen Organisation ableiten; Kon- 
flikten also, die einmal entstanden sein mussten und mit der weiteren 
Veränderung der sozialen Organisation auch Inhalt und Form ändern 
müssen. Der eine, wirtschaftliche Konflikt ist der Druck des 
Heiratstributs eines Clans auf den anderen, in dem ich eine Vor- 
stufe der privatwirtschaftlichen Ausbeutungssituation zu erkennen 
glaubte; R. beschreibt den Austausch des Heiratsgutes und auch den 
seelischen Konflikt dabei sehr genau, ohne zu ahnen, was er be- 
schreibt. Die jährlichen Heiratsabgaben erfolgen unter dem Scheine 
allergrösster Freundschaft als Liebesgaben, sind aber begleitet von 
wüsten rituellen Beschimpfungen des Gabenempfängers 1 ). Der zweite, 
sexualökonomische Konflikt betrifft die Einschränkung der genitalen 



i) In seinem Buch »Psychoanalyse primitiver Kulturen« beschreibt Roheim.den 
Verteilungsritus bei den Papuas im Duaugebiet. Er stimmt nicht nur wesent- 
lich mit dem von Malinowski beschriebenen überein, sondern ergänzt in den 
Roheimschen Berichten unsere Kenntnis von den psychischen Konflikten, die 
die Abgabe des Heiratsgutes begleiten. 

»Es ist kein Zweifel«, schreibt Roheim, »dass die Güterverteilung (foöd 
distribution) das führende Symptom der Papua-Zivilisation im Duaugebiet 
ist.« Das Mwadare ist ein Fest, das entweder von der Schwester des Mannes 
seiner Frau oder von seiner Frau seiner Schwester gegeben wird. Es besteht 
in einem kompliziert ausgebauten Zeremoniell der Überreichung von Produkten 
des Gartenbaues. Hinter der formellen Überreichung wirkt der ganze dazu- 
gehörige Clan mit. Seinem Wesen nach ist das Mwadare ein ritueller Güter- 
austausch zweier verschiedener Totemgruppen, wobei die Schwester des Gatten 
den einen, seine Frau den andern Clan repräsentiert. Offiziell dienen diese 
Festlichkeiten der Güterübertragung der Manifestation des guten Willens der 
zwei in Heiratsbeziehung zueinanderstehenden Clans. Die beiden Gruppen 
überbieten einander an Hochherzigkeit, in Wirklichkeit dringt der gegenseitige 
Argwohn und Hass aus jedem Detail der Zeremonie. Roheims Gewährsmann 
sagte: »Mwadare Gidemusa seija«, d. h. Mwarare ist wie ein Krieg, bei dem 
jeder Kämpfer seinen besonderen Gegner hat. Wie schwer der Clan, der gerade 
Tribut leistet, seine Pflicht empfindet, bezeugen die Gesänge, die die feierliche 
Handlung begleiten. Während aller Ehrgeiz darauf gerichtet zu sein scheint, 
nicht geizig zu erscheinen, ein besonders reichliches Mwadare zu leisten, kommt 
in den Gesängen das gerade Gegenteil zum Ausdruck, der heisse Wunsch, die 
Yamshütte sollte doch nicht so gross, die Yamshaufen sollten kleiner sein usw. 
Ein Lied hat folgende Text: 

173 



Wilhelm Reich 

Freiheil; diese Einschränkung vollendet sich bis zu einem bestimm- 
ten Zeitpunkt sowohl durch die sich entwickelnde patriarchalische 
Familienorganisation, als auch noch grausamer durch die Kirche, 
die die hohe Sexualkultur der Primitiven bewusst ausrottet, um den 
religiösen Glauben zu verankern. Der sexuelle Konflikt ist im Traume 
klar zum Ausdruck gebracht, der wirtschaftliche ist nur angedeutet. 
Ich weiss nicht, welche Rolle auf Loboda die Fischerei wirtschaft- 
lich spielt. Mag sein, keine. Klar ist jedenfalls, dass die Wahl des 
Penissymbols (Fisch) irgendwie begründet sein muss, und das ist 
sie immer, auch bei uns, vorwiegend durch die soziale Bedingung. 
Ein Primitiver wird wohl kaum einen Regenschirm oder Zeppelin als 
Symbol des männlichen Organs benützen, auch keine Speckwurst, aber 
viel häufiger als ein Zentraleuropäer den Fisch, besonders wenn 
die Fischzucht die. Ernährungsbasis ist. Das ist entscheidend; denn, 
was R. unbekannt zu sein scheint, in den klinischen Analysen ist 
nicht wichtig festzustellen, dass ein Symbol den Penis meint; das 
ist einfach; wichtig aber ist zu erfahren, weshalb der Träumer 
gerade dieses und kein anderes Symbol zur Darstellung wählte. 
Hätte sich R. diese Frage vorgelegt, er hätte der Psychoanalyse 
manche Blamage mit seinem Buch erspart. »Der Fisch kochte, als 
die Kirchenglocken läuteten«. R. geht auf die »Kirchenglocken«, das 
nächstliegende Erlcbniselement bei einem primitiven Volke, das 
die antisexuelle Organisation der Kirche erst vor nicht langer Zeit 
zu spüren bekam, gar nicht ein. Dennoch ist gerade dieses Element 
im Traume das wichtigste, nicht nur um zu erfahren, wie die Kultur 
des Landes aussieht, sondern auch wie sich die Einführung der 
Kirche auf die Struktur der Einwohner auswirkte. In diesem 
Zusammenhange, und nur in diesem, begreifen wir ein Stück des 
Traumes. Der Sinn ist: »Wenn unser Penis .kocht', dann läuten 
gerade die Glocken,« d. h. »wenn wir sexuell erregt sind und uns 



lioe Kotona 
Held sein Nacken 
Janoujama 

Ich habe zurückgezogen 

Janu hetu hetunani 

Ich ziehe, um es kürzer zu machen 

jVi ketaurinu 

Dieses Füllen (mit Yams) 

Tuna heia siwenaja 

Voll geht es über 

ija, 'ja, 'jo, ijo. 
Mit diesem Liede, das offen den Wunsch ausspricht, das Yamshaus sollte 
kürzer (kleiner) sein, um es leichter füllen zu können, wird das Fest ein- 
geleitet. Während das Yamshaus gefüllt wird, werden unausgesetzt Lieder 
gesungen, die von Angst und Trauer handeln, von Katastrophen und Wünschen, 
Kinder möchten nicht geboren werden, usw. Am Ende entsteht nach dem 
Bericht Roheims, der Augenzeuge der Prozedur war, ein grosser Streit, alles 
in Form von zeremoniellen Gesängen, in denen die zwei Parteien einander 
schwere Vorwürfe zu machen scheinen, dass die Früchte nicht gut und nicht 
reichlich sind; Gegenvorwürfe folgen. »Mwadare ist wie ein Krieg.« 

174 






Roheims „Psychoanalyse primitiver Kulturen" 

befriedigen wollen, ruft der Geistliche in die Kirche, hindert er 
unsere Lust: .geht erst zur Kirche'.« Das Kochen des Penis ist ein 
Zeichen sexueller Erregung, verstandlich und sinnvoll nur in diesem 
Zusammenhange. R. findet richtig heraus, dass er mit dem Geist- 
lichen identifiziert wird, auch dass der Primitive Aggression gegen 
ihn empfindet, aber, da er keine soziale Atmosphäre kennt, übersieht 
er, dass diese Aggression eine Riesenbedeutung hat, dass er dem 
Primitiven die ganze weisse Kultur verkörpert, die dieser hasst und 
fürchtet zugleich. R. ist nur daran interessiert, dass der Primitive 
»seine Aggression gegen sich seihst wendet« (offenkundig aus 
Todestriebtendenzen!). »Er erzählt mir, dass er mir einige magische 
Heilmittel vorenthalten habe.« Nein, der Primitive hat den Hass 
gegen den Pfarrer ganz bewusst, er fürchtet R. (deshalb keine Asso- 
ziationen zu den Träumen), und versucht ihn zu beschwindeln, indem 
er ihn besänftigt, ihm ein Geständnis macht: er weiss nur zu gut, 
dass die Weissen so sehr an den magischen Mittelchen interessiert 
sind. Die will er sich nicht rauben lassen. In der Tiefe dürfte das 
Ganze wieder auf die Angst vor der Strafe für sexuelles Tun zurück- 
gehen. Doch wir wollen nicht Roheimsche Fehler machen und hier 
lieber abbrechen. 

Der zweite, wirtschaftliche Konflikt erscheint in dem Traum- 
element, wo von der Teilung des Fisches (sicher neben der Kastra- 
tionsbedeutung) die Rede ist. Doketa berührt selbst, ohne dass R. 
es ahnt, das Thema des Heiratsgutes, dessen soziologische Aufhellung 
R. mir so sehr verübelt: »Überdies weiss jeder, dass es hohe Zeit 
wäre, das Sagari (Festverteilung von Yams) für Lobesenni (den Schwie- 
gervater) zu bereiten. Aber er enthält es ihm vor, da er die Yams 
seines eigenen Gartens für das Trauermahl seiner Schwester 

braucht So lange wie möglich hält er mir gegenüber mit den 

magischen Heilmitteln zurück, wie mit den Erzeugnissen seines 
Gartens gegenüber seinem Schwiegervater. Im Traum ist dies durch 
das Gegenteil dargestellt: Freigebig bietet er den besten Teil des 
Fisches seinen Freunden an.« (S. 305 — 306.) 

Die Verkehrung im Traum gibt nur eine Verkehrung im realen 
Leben dieser Primitiven wieder, und dahinter eine gesellschaftliche 
Tragödie: den ersten wirtschaftlichen Zwang der Menschheit, die 
Abgabe von Heiratsgut. Ich weiss nicht, da R. es nicht erwähnt, 
ob der betreffende Stamm noch multerrechtlich oder bereits vater- 
rechtlich organisiert ist. Man möchte das letzte annehmen, sonst 
hätte Doketa als Gatte nicht an den Schwiegervater zu liefern, son- 
dern bekäme selbst Heiratsgut von dem Rruder bezw. der Familie 
seiner Frau wie bei den Trobriandern. Wir sehen also: Die soziale 
Struktur der Gesellschaft ist in der psychischen Struktur des Primi- 
tiven dieser Gesellschaft in bestimmter Weise reproduziert, ebenso 
das bereits herrschende moralisch-kirchliche System. 

Da R. mit der Vorstellung von einem unabänderlichen, ewigen, 

175 






Wilhelm Reich 

immer und überall in gleicher Weise formierten Kind-Eltern-Kon- 
flikt auf die Expedition ging, erfuhr er nicht nur nichts über die 
spezifischen Unterschiede zwischen der Struktur des Primitiven und 
der unsrigen, was ja auch sehr lehrreich wäre, sondern er übersah 
auch die wichtigsten Bestandteile der sozialen Organisation. Die 
individuellen Konflikte Doketas sind ethnologisch uninteressant; 
wichtig wären für eine differenzielle Psychologie der Massenstruktur 
typische Differenzen. Hätte uns R. nur das. gebracht, wir wären ihm 
dankbar gewesen. Er aber meint: 

»Nach meiner jetzigen Auffassung wird es dereinst auf Grundlage ähnlicher 
Forschungen möglich sein, eine psychologische Klassifikation der Menschheit 
aufzustellen und die einzelnen Völkerschaften nach Graden der Primitivität zu 
ordnen.« 

Das wird mit dieser Methode nicht nur nicht möglich sein, son- 
dern wird die Psychoanalyse als Instrument der Ethnologie restlos 
unbrauchbar machen: »Die Kultur entsteht aus der genitofugalen 
Libidoströmung.« Es ist für den Soziologen interessant zu sehen, 
wie jede derartige These verkehrt ist und in der Luft hängt. Wäre 
die Psychoanalyse nicht ein glänzendes Instrument der Forschung, 
würde nicht sogar R. ungewollt einen wichtigen neuen Gesichtspunkt 
berühren, ohne es zu wissen, wir würden uns nicht abmühen, seine 
Deutungen nachzuprüfen. 



Im Winter 1926 besuchte Roheim mich, und wir diskutierten 
einige Stunden lang über ethnologische Fragen. Wir verstanden uns 
unter anderem in einem wesentlichen Punkte nicht. Wir sprachen 
über die Symboldeutung und im Zusammenhange damit über die 
analytische Deutung der Entstehung der Werkzeuge. Ich vertrat die 
Anschauung, dass eine Axt zunächst aus rationalen Motiven geschaf- 
fen würde, nämlich um Holz leichter zu spalten, dass sie dann 
sekundär auch Symbolbedeutung gewinnen könne, aber nicht un- 
bedingt müsse. Ein Baum oder ein Stock könne, müsse aber im 
Traume nicht einen Phallus bedeuten. Falsche Handhabung der 
Symboldeutung helfe nur den Gegnern der Psychoanalyse, ganz 
besonders dort, wo es sich um gesellschaftliche, rationale Tätigkeit 
handle. Flugzeuge würden zur besseren Bewältigung von Zeit und 
Raum gebaut; dass sie zu phallischen Symbolen in Träumen werden, 
wäre nur individuell psychologisch wichtig, nicht aber soziologisch. 
Roheim dagegen war der Ansicht, dass eine Axt ein Penissymbol 
sei, als solches geschaffen würde, dass das Rationale sekundär wäre, 
und in Wirklichkeit wäre alle Produktion von Produktionsmitteln 
nichts als Projektion unbewusster Symbolismen. Ich verdanke dieser 
Unterredung eine fruchtbare Klärung der Beziehung des Rationalen 

176 




Lm 



Roheims „Psychoanalyse primitiver Kulturen" 

zum Irrationalen, die einige Jahre später erfolgte 1 ). Aber gleichzeitig 
wurde mir die unüberbrückbare Kluft zwischen metaphysischer und 
materialistischer Psychoanalyse klar. Im Grunde geht auch heute 
der Kampf um die Frage ob eine Axt nur ein Penissymbol sei und 
nichts als das, oder höchstens noch sekundär ein Produktionswerk- 
zcug; oder ob das Motiv der Axterzeugung zunächst ein rationales 
sei, nämlich ein Stück Welt zu bewältigen. Und hinter diesem Kampf 
um »das. Wesen der Axt« steht der erbitterte Kampf zweier Welt- 
anschauungen, die nebeneinander nicht existieren können, von 
denen nur eine richtig sein, dass heisst die" Welt korrekt erfassen und 
bewältigen kann. Es ist in der Konsequenz der Millionen Menschen- 
opfer kostende Kampf zwischen dialektisch-materialistischer, marxi- 
stischer, naturwissenschaftlicher und metaphysischer, religiöser, 
faschistischer, mystifizierender Weltanschauung. Es geht um die 
Frage, ob Roheim Recht hat, wenn er seine Kritik an meiner ethno- 
logischen Untersuchung 2 ) in den Satz zusammenfasst: »Es ist nicht 
so, wie Reich es meint, dass die Zivilisation ( — der Kapitalismus) 
aus irgendwelchen wirtschaftlichen Gründen entsteht und dann die 
Neurose erzeugt, sondern umgekehrt; die kollektive Neurose erklärt, 
bedingt, schafft soziale Organisation, Religion, Wirtschaft, Recht 
und alles andere.« Und woher kommt die kollektive Neurose? Offen- 
bar aus der Ewigkeit. 

R. ist der Ansicht, die Kultur entstehe aus der »genitofugalen 
Libidoströmung« . 

An welchem Orte läuft die Libidoströmung der Kultur ab? 

Was veranlasst diesen Ablauf? 

Wann und wie nahm er seinen Anfang? 

Was ist der Unterschied dieses Ablaufs bei den Trobriandern und 
in Amerika? 

Wenn die Antwort ausbleiben sollte, würde Roheim damit 
zugeben, dass er nur Worte gebraucht hat. Denn ein so entscheiden- 
der Satz in einer wissenschaftlichen Arbeit, die den Anspruch erhebt, 
die Ethnologie auf eine neue Basis zu stellen, muss konkret begründet 
werden können. 

Ich versuchte das, was Roheim hier nebelhaft ahnt, vielleicht 
ahnt, denn sein Buch verrät es nicht, konkret zu formulieren. Ich 
meinte, dass zunächst, von Natur aus, keine Einschränkung des Ge- 
schlechtslebens besteht, weil die natürliche Entwicklung derartiges 
nicht bedingen kann. 

Die Sexualeinschränkung, die eine rückläufige Bewegung, eine 
vom Genitale wegstrebende Richtung in den Menschen hervorruft, 
entsteht auf Grund gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse. Neue 



i) In »Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse« II. Auflage 1934 (Verlag 

f. Sexualpol.). 
2) Roheim im Referat über »Der Einbruch der Sexualmoral«. (Int. Ztschr. f. Psa. 

1934.) 

177 



■ 




Wilhelm Reich 

i 

wirtschaftliche Interessen einer Gruppe, die allmählich hervortreten, 
machen die Sexualeinschränkung der Kinder erstmalig zu einem 
grossen Interesse der wirtschaftlichen Nutzniesser. Dadurch ver- 
ändern sich allmählich die Menschen dieser Gesellschaft, sie werden 
umstrukturiert; die Sexualbcjahung schlägt in Sexualverneinung um, 
dadurch entsteht eine »genitofugale Richtung der Libido«, nämlich 
Angst vor der Sexualität in den Menschen, nicht in der Kultur. 
Und die gleichen Menschen, die vorher aus ihrer sexuellen und wirt- 
schaftlichen Freiheit eine bestimmte Kultur geschaffen hatten, bilden 
jetzt eine neue Kultur der Sexualverneinung mit allen Folgen, also 
eine Ideologie und moralische Struktur, wo es keinen Platz für 
irgendwelche Libidoströmungen gibt, weil weder die Gesellschaft noch 
die Kultur einen Körper und ein vegetatives System hat, in dem 
sich ähnliches abspielen könnte. Der gesellschaftliche Prozess hat 
also die Menschen durch Umformung ihrer Sexualstruktur umgestal- 
tet, und die derart umgebildeten Menschen formen nun ihrerseits 
Wirtschaft und Kultur in anderer Weise, halten die Klassenteilung 
und die Sexualeinschränkung aufrecht etc. 

Es gibt also eine »rückläufige Bewegung in der Kultur«, sie ist 
aber nur zu fassen und zu meistern, wenn man zunächst ihren 
gesellschaftlich-wirtschaftlichen Grund und dann ihren psychischen 
Mechanismus erfasst; dieser letztere ist präsentiert als eine Hemmung 
der genitallibidinösen Kräfte der Menschen in der betreffenden Kul- 
tur, die sie zwingt, entweder zu früheren Kulturformen zurückzugrei- 
fen oder andersartige, meist mystische Formen der kulturellen Ent- 
wicklungshemmung auszubilden. (Vgl. den Mystizismus der national- 
sozialistischen Ideologie.) 

R. ist aber auch noch sehr stolz auf seine ethnologische Anwen- 
dung der Psychoanalyse, die er nicht einmal beim Individuum be- 
herrscht. Er bestreitet Malinowski das Recht, zu behaupten, die 
Psychoanalyse in der Ethnologie angewendet zu haben. »Obwohl 
Malinowski selber nicht beansprucht, Analytiker zu sein, könnten 
doch einige seiner Behauptungen hinsichtlich der Analyse zu groben 
Missverständnissen führen. So erwähnt er zum Beispiel, dass er, 
während er sich unter den Trobriandern aufhielt, von Prof. Seligmann 
einige Werke Freuds erhalten habe und sich daraufhin daran gemacht 
habe, die Richtigkeit der Freudschen Traumtheorie an den Trobrian- 
dern zu erproben. Jemand, der zugesteht, bisher nie einen Traum 
analysiert zu haben — und zwar aus dem einleuchtenden Grunde, 
weil er nicht wusste, wie man das macht — , will Freuds Theorien 
nachprüfen!« Zur Ignoranz gesellt sich hier schlecht begründete 
Unbescheidenheit. Ich traf Malinowski persönlich erst Dezember 1933, 
kannte ihn bis dahin nur durch seine Werke. Wenn Malinowski 
zugibt, keinen Traum analysiert zu haben, und Freuds Werke erst auf 
den Trobriandinseln las, wenn Roheim sich dagegen rühmt, der lang- 
erfahrene Psychoanalytiker zu sein und Träume glänzend deuten 
178 












Roheims „Psychoanalyse primitiver Kulturen" 

zu können, dann spricht alles für Malinowski und gegen Roheim; 
denn Malinowski hat das psychoanalytische Wissen so glänzend in 
seinen Forschungen verwendet, Roheim dagegen derart katastrophal, 
seit jeher, dass man beim Lesen Malinowskis wirklich grundsätzlich 
Neues erfährt, durch R. aber nur verwirrt wird. Was das bedeutet, 
werden wir noch sehen. 

2. Wilde Deutung und daher groteske Überspitzung der üblichen 

falschen Anschauungen 

Die bürgerliche Sexualauffassung sieht, sofern sie über die reine 
Tatsachenbeschreibung zur Bildung weltanschaulicher Thesen fort- 
schreitet, die Dinge so: Der Mann ist der geborene Herr der Frau; 
die Kinder verdienen Prügel für ihre sexuellen Handlungen; der 
Sadismus ist eine natürliche Eigenschaft des Mannes, der Masochismus 
eine solche der Frau; diese ist im Geschlechtserleben passiv, jener 
aktiv; die Eifersucht, die sich in Totschlag, Quälerei, Vergällung 
des Lebens äussert, ist eine natürliche Erscheinung, die schon den 
Protozoen eignet, sicher den Tieren ganz allgemein; die Sexualunter- 
drückung in der Kindheit und Pubertät ist die selbstverständlichste 
Sache der Welt, ebenso die daraus resultierende Neurose. R. versucht 
nicht nur, die absolute Natur dieser Dinge ethnologisch zu bestätigen, 
er übertreibt sie ins groteske. Für uns sind R.s Ansichten wichtig, 
denn sie enthüllen die ganze Mentalität der sich objektiv gebärdenden, 
in Wirklichkeit von schwersten Sexualhemmungen und reaktionären 
Tendenzen zerfressenen bürgerlichen Wissenschaft gerade dadurch, 
dass sie sonst mehr oder minder verhüllte, schwer durchschaubare 
Trübungen der wissenschaftlichen Arbeit grell hervortreten lassen. 

Lassen wir einige Proben dieser »objektiven« Wissenschaft an uns 
vorbeiziehen. 

Ich versuchte, die Herkunft der Kastrationsdrohung, die unsere 
Kinder und Jugendlichen an Leib und Seele vernichtet, soziologisch 
zu begründen, ohne in dieser Begründung, wie Roheim es tut, eine 
Rechtfertigung zu suchen. 

Bei den Pitchentara deutet Roheim die Inzestphantasien aus Er- 
zählungen und behauptet, was wir weder bestätigen, noch widerlegen 
können, dass »die Onanie an unbewusste Inzestphantasien geknüpft 
ist.« Er fährt selbst fort: »In Anbetracht dieser inzestuösen Onanie- 
phantasien könnte man erwarten, etwas von Kastrationsdrohungen 
zu erfahren, die sich gegen die Onanie richten. Aber das wäre irrig. 
Niemand hat etwas gegen die Onanie der Kinder einzuwenden, und 
ich habe oft gesehen, wie Tankai mit dem Glied ihres Sohnes Aldinga 
spielte (wie es ja auch unsere Mütter, nur unbewusst, zu tun pflegen, 
W. R.). Auch auf meine ausdrücklichen Fragen wurde das Vorkom- 
men von Kastfationsdrohungen bestritten; trotzdem glaube ich, dass 
diese Auskunft nicht stimmt, und dass meine Gewährsmänner ihre 

179 



Wilhelm Reich 

Erinnerungen an Kastrationsdrohungen nur verdrängt hatten.« R. 
kommt nicht auf die Idee, dass es tatsächlich eine psychische Struktur 
ohne Kastrationsangst geben kann, weil er sie für biologisch hält. 1 ) 
Und wenn er später, um seine Position zu retten, hervorhebt, oft gehört 
zu haben, wie Kinder einander mit dem Penisausreissen spielend 
bedrohten, so bestätigt er nur eine Auffassung, die ich klinisch ver- 
trete: dass' es nämlich nicht darauf ankommt, ob eine Vorstellung an 
sich vorhanden ist, sondern einzig darauf, ob sie energiebesetzt ist 
und dadurch pathologisch wird. Das gilt auch für die Inzestvor- 
stellung; sie gewinnt erst dann Bedeutung, wenn sie infolge allge- 
meiner Sexualhemmung drängende Kraft bekommt. 

Ich fand, dass, was heute nur angedroht und raffinierter vollzogen 
wird, einmal wörtlich genommen durchgeführt wurde: Die puberilen 
Beschneidungen verraten, da sie nicht allgemein vorkommen, bei den 
mutterrechtlichen Stämmen fehlen, sich aber im Übergang zur vater- 
rechtlichen Organisation bereits entwickeln, im Zusammenhange mit 
der gleichzeitig einsetzenden Sexualeinschränkung der Puberilen und 
dem Interesse an der monogamen Ehe von Seiten des Vaters der Frau, 
ihre Funktion als eine Massregel zur Behinderung der puberilen 
Sexualbetätigung. Dies der Kern der Funktion, dem sich beliebig viele 
kultische, religiöse und andere Tendenzen beimischen mögen. R. 
beschreibt nun die Infibulation der Mädchen bei den bereits pa- 
triarchalischen Somali. Man kann auf Seite 322 nachlesen, wie un- 
erbittlich grausam die genitale Sexualität hier vernichtet wird; sein 
Gewährsmann gibt selbst die Begründung dafür an: »Wenn wir diese 
Sitte nicht hätten, so würden wir ja nie wissen, wen wir bekommen. 
Denn die Mädchen laufen ja frei herum und machen, was sie wollen. 
In der Hochzeitsnacht muss der Gatte die Vagina (die vorher vernäht 

wurde) öffnen Diesen Koitus, der für die Frau schrecklich 

schmerzhaft ist, muss man erzwingen Diese Schwäche des 

Mannes (nämlich solches nicht zu können) gilt als grosse 

Schande, als Eingeständnis der Impotenz.« Die Sexualökonomie weist 
nach, dass die patriarchalischen Bräuche der Hochzeitsnacht mit 
natürlichem Sexualleben nichts zu tun haben, dass im Patriarchat 
die Sexualität der Männer ein Beweis der Potenz, die Sexualität der 
Frauen im Grunde eine Schande ist. Sie vermerkt, dass es bei den. 
mutterrechtlichen Völkern anders ist, und fragt nach den Ursachen 
der Wandlung. R., dem überlegenen »psychoanalytischen« Ethnologen, 



)) Um jedem Misverständnis vorzubeugen: Jedes Lebewesen hat Angst vor kör- 
perlicher Beschädigung, ganz besonders vor solcher, die lustspendende Organe 
betrifft. In diesem Sinne ist die Kastrationsangst allgemein. Wenn wir aber 
in der Psychoanalyse von Kastrationsangst sprechen, dann meinen wir etwas 
anderes: nicht so sehr die real begründete Angst, die sich immer einstellt, 
wenn das Genitale wirklich bedroht ist, sondern die neurotische, aktuell 
unbegründete, historisch jedoch wohlbegründete Angst um das Glied. Die 
erste wird nie Potenzstörungen bedingen, wohl aber regelmässig die letzte. 

180 



Roheims „Psychoanalyse primitiver Kulturen" 



sind derartige Fragen zu »oberflächlich«, zu einfach; er hat es nur 
mit der tiefen Wissenschaft zu tun. Hier die Ergehnisse: 

»Wir sehen also,« schreibt R., »dass die Operation eine Verdopplung des 
Jungfernhäutchens erzielt: .Zwei Mal blutet die Frau, einmal, wenn der Gatte 
die Vernähung mit dem Messer durchschneidet, das zweite Mal, wenn er das 
Hymen mit dem Penis durchbohrt'. Man muss also annehmen, dass die Jungfrau 
als Sexualobjekt eine besonders starke Bedeutung für den Somali hat, da er sich 
die Jungfräulichkeit des Weibes durch einen Eingriff von so traumatischem 
Charakter und mit dem Endziel der Verdopplung des Hymens zu erhalten sucht.« 

Sehr richtig, nur vernichtet real derartige Behandlung des Weibes 
ihre Sexualität ebenso restlos, wie sie Hass gegen den Mann erzeugt. 
R. fährt fort: 

»Mir scheint daher die Annahme berechtigt, dass diese doppelt betonte Jung- 
fernschaft der Braut eine doppelte Verneinung der Mutter bedeutet, eine Ver- 
neinung der Gcbärcrin und der kastrierenden Königin.« 

Wir fragen uns, wie wohl diese Verneinung der Mutterschaft (wir 
vergessen keinen Augenblick, dass R. doch gesellschaftliche Prozesse 
erschliessen will) mit dem überragenden Interesse an der unsexuellen 
Mutterschaft des Patriarchats zusammenpasst, mit dem Interesse, die 
Sexualität der Frauen zu töten, um aus ihnen besonders willige Ge- 
bärerinnen zu machen. Wir wissen, wie dies in das Gefüge der Klas- 
sengesellschaft, der Ausbeutung, der sexuellen Entrechtung hinein- 
passt, wie sehr die patriarchalische Sexualideologie des Faschismus 
auf diese Anschauungen zurückgreift. R. möge uns nun seinerseits 
sagen, wo er diese Erscheinung einordnen kann. 

»Wenn die Frauen sich an der Vagina eine Wunde beibringen wollen (!!), 
so deuten sie damit an, dass sie selbst die Vagina als Wunde empfinden, in der 
das »Fleisch« des Mannes verwest. Um diese Angst gegenstandslos zu machen, 

muss die Vagina verschwinden und der Penis der Frau ist die Klitoris, die 

als Vorbereitung zum normalen Sexualleben abgeschnitten wird.« 

Jetzt wissen wir, wie man eine Frau auf die Höhe ihrer Sexualität 
bringt: durch Klitorisexcision ! 

»Für den Mann bedeutet die Infibulation also eigentlich eine volle Ver- 
nichtung des Sexualobjekts: Durch die Vernähung verschwindet die Vagina, durch 
die Klitorisabschneidung der Frauenpenis.« 

Wir dachten, R. meinte kurz vorher, dass der Mann sich das Sexual- 
objekt erhalten wolle, und jetzt kommt das gerade Gegenteil ! Vielleicht 
meint Roheim, dass die Ambivalenz darin zum Ausdruck komme; er 
meint noch mehr: Sogar die phylogenetische und ontogenetische Ent- 
wicklung verlangen die Operation. 

»Ehe wir nun die Frage stellen, warum der Mann eine solche Vernichtung 
des Sexualobjektes braucht, müssen wir den Versuch machen, die Operation von 
dem Standpunkt der Frau aus zu verstehen. Es muss aber vor allem bemerkt 
werden, dass die Operation eigentlich eine dramatisch abgekürzte Wiederholung 
der phylo- und ontogenetischen Entwicklung ist. Die Frau soll(!) die Klitoris- 
erogenität aufgeben und zur vaginalen Erogenität fortschreiten.« 

181 



Wilhelm Reich 

Sic! Wir beugen uns dieser tiefen Wissenschaft, die gänzlich 
unpolitisch in die tiefsten Geheimnisse der Absichten der Phylo- und 
der Ontogenie einzudringen vermochte. Roheim gelangt auch zu 
zentralen Aussagen über die Sexualpsychologie der Frau: 

»Man könnte demnach meinen, die Operation fördere die richtige Einstellung 
der Frau im Sexualleben.« 

R. hat sogar in gewissem Sinne Recht. Diese Operation fördert 
in der Tat die »richtige« Einstellung der Frau im Sexualleben; es 
fehlt nur noch ein Wort, worin der gesamte Unterschied der dia- 
lektisch-materialistischen zur gleichgeschalteten Psychoanalyse in 
dieser Frage enthalten ist: » — im Patriarchat.« 

Obgleich nun R. auch über die Unterschiede zwischen Patriarchat 
und Matriarchat erhaben ist und es nicht liebt, wenn man davon 
spricht, ist doch die bescheidene Frage berechtigt: Wenn diese Opera- 
tion eine Äusserung tiefster phylo- und ontogenetischer Gesetze ist, 
weshalb merken wir nichts davon bei den Trobriandern? Oder haben 
diese eine andere Phylogenie als die Somali? Es ist im Prinzip die 
gleiche Frage, die ich einmal Krische stellte, der behauptete, 60 % 
der Frauen seien aus Vorsorge der Natur vaginal anästhetisch, damit 
nämlich der Geburtsakt schmerzlos verlaufe. Die restlichen 40 % 
sind offenbar von der Natur übersehen worden ! 

Ich hatte beim Vergleich der mutterrechtlichen mit der vater- 
rechtlichen Organisation und dem Übergang der ersten in die zweite 
gefunden, dass sich mit den wirtschaftlichen Interessen einer werden- 
den Oberschichte und der Unterdrückung des Geschlechtslebens der 
Kinder und Jugendlichen auch die sexuelle Erlebnisweise der Ge- 
samtheit verändert, dass Sexualstörungen und Neurosen auftreten, 
sadistische Haltungen im Geschlechtsleben beim Manne, Sexualab- 
lehnung bei den Frauen, wodurch wieder künstliche Massnahmen zur 
Wiederherstellung der zerstörten Sexualität notwendig werden. So 
bestätigte sich ethnologisch eine klinische Erfahrung, die die offi- 
zielle klinische Psychoanalyse systematisch totschweigt, weil sie viele 
Anschauungen umwälzt, dass nämlich der Sadismus im Geschlechts- 
leben seinen heute so breiten Raum erst dann einnimmt, wenn die 
natürlichen genitalen Funktionen behindert oder gestört sind, kurz, 
dass sich gehemmte Sexualität nicht nur in Angst, sondern auch in 
Sadismus umsetzt, ihn vielleicht zum ersten Mal erzeugt. Eine für 
die Neurosenprophylaxe gewiss wichtige Feststellung. Für R. ist 
ebenso wie für die meisten Analytiker der Sadismus eine natürliche 
Haltung im Geschlechtlichen, also biologisch begründet. Infolgedessen 
wird nicht nur die individuelle Entwicklung in starre biologische 
Formeln gepresst, die jede Möglichkeit einer prophylaktischen Praxis 
verrammeln, mehr, auch die Ethnologie muss hier helfen. Statt sich 
zu fragen, woher es kommen mag, dass es bei verschiedenen Völkern 

182 



Roheims „Psychoanalyse primiiiver Kulfuren" 

so verschieden aussieht, dass der Sadismus in. der Sexualität, wie R. 
selbst berichtet, hier fehlt, dort so ausgeprägt ist, wird mit wissen- 
schaftlicher Autorität verkündet: 

»Wir wissen ja, dass die tiefste sadistische Einstellung mit dem ersten 
Erscheinen der Zähne zusammenhängt und als Sexualziel das Aufessen des Part- 
ners hat. Nun sehen wir bei diesem Volk, bei dem die allgemeine Einstellung des 
Mannes der Frau gegenüber so stark vom Sadismus beeinflusst ist, dass für sie 
die wichtigste Vorbereitung zum Geschlechtsverkehr eine tüchtige Mahlzeit, sym- 
bolisch wohl das Aufessen der Frau ist.« (S. 1129.) 

Ich bin zwar kein Ethnologe, habe auch keine Expedition machen 
können, aber ich meine, richtiger gesehen zu haben, wenn ich den 
Esskult der Verheirateten, der bei den Unverheirateten nicht existiert, 
zumindest bei den Trobriandern, damit in Zusammenhang brachte, 
dass das gemeinsame Essen als Symbol der Ehe seinen Sinn aus der 
wirtschaftlichen Gemeinschaft der Ehe bezieht; die wirtschaftlichen 
Produktionsverhältnisse bei den Primitiven drücken sich ja überhaupt 
weit mehr als bei uns sexuell aus. 

Statt die Tatsache, dass »jeder Mann seine Frau schlägt« (S. 329) 
als Problem soziologisch zu fassen, die Herkunft aufzudecken, weil 
ja sicher das Schlagen des Geschlechtspartners weder eine allgemeine 
Naturerscheinung ist, noch auch bei den Menschen überall vorkommt, 
verrät Roheim seine erzreaktionäre Weltanschauung in folgenden 
Sätzen : 

»Im rein physischen Sinne scheint ihre Art, den Verkehr auszuführen, eine 
mehr genitale zu sein als die des Europäers. Sie dringen tiefer ein, arbeiten 
mit stärkeren physischen Reizen, ja man könnte mit einer kleinen Übertreibung 
sagen, dass die Frau eigentlich nur befriedigt wird, wenn sie nach dem Geschlechts- 
verkehr an einer Entzündung erkrankt.« (S. 330.) 

Mit einer kleinen »Übertreibung«? Ist dazu die Psychoanalyse 
begründet, das Unbewusste entdeckt, die krankhafte sadistische 
Auffassung des Koitus enthüllt worden, damit ein offizieller Vertreter 
der Psychoanalyse den Mut aufbringt und die Borniertheit dazu, 
derartige Dinge autoritär zu behaupten? 

Die liberalen Verfechter der »freien wissenschaftlichen Forschung« 
werden sich wahrscheinlich in diesem Falle neutral äussern und sagen, 
sie könnten niemand hindern zu sagen, was er für richtig halte. Wir 
wissen dagegen, dass sie Marxisten gegenüber ganz und gar nicht 
liberal, sondern im Gegenteil höchst diktatorisch sind. Überdies darf 
man die sog. Freiheit der wissenschaftlichen Forschung nicht mit 
wissenschaftlichem Libertinismus verwechseln. Und wenn R., wie 
mir berichtet wurde, über meine ethnologische Untersuchung wütend 
war, so interessiert uns weniger, was in ihm dabei persönlich vorging; 
er wird aber geahnt und gefürchtet haben, dass eine Gesellschaft, in 
der umgekehrt wie heute, wo die menschlichen Interessen im Dienste 
derartiger Wissenschaftler stehen, die Wissenschaft im Dienste der 

183 



r~ 



Wilhelm Reich 

menschlichen Interessen arbeiten wird, kein Platz mehr für Liber- 
tinismus dieser Sorte vorhanden sein kann. 

3. Roheim widerlegt sich selbst und bestätigt den Einbruch der 

Sexualmoral 

Gelegentlich gibt Roheim Beobachtungen ungeschminkt und un- 
verzerrt wieder; wo er dies tut, widerlegt er sich selbst und be- 
stätigt die von mir vertretenen Anschauungen. 

Schon die klinischen Einsichten in die Wirkung der realen Unter- 
drückung des kindlichen Geschlechtslebens veranlassten mich, an der 
biologischen Natur der sogenannten sexuellen Latenzzeit zu zweifeln. 
Es gibt Kinder in unseren Kulturkreisen, die eine beträchtliche 
Herabminderung der sexuellen Agilität im Alter zwischen 7 und 12 
Jahren vermissen lassen; wenn zurecht besteht, was die Klinik ergibt, 
dass in diesem Alter bei anderen Kindern, die äusserlich weniger 
sexuell erscheinen, unbewusst die sexuelle Dynamik unverändert 
fortwirkt, so muss es mit dem von Freud als biologisch angenommenen 
»zweizeitigen Ansatz des Geschlechtslebens«, der die Menschen von 
den Tieren unterscheiden soll, eine andere Bewandtnis haben. Das 
Fehlen der Latenzzeit an sich bei vielen Kindern sprach bereits gegen 
die biologische Begründung; nahm man hinzu, dass dieses Fehlen 
besonders typisch bei proletarischen Kindern, ihr Vorhandensein 
besonders typisch bei kleinbürgerlichen oder sonst streng behüteten 
Kindern ist, so durfte man schliessen, dass es die Erziehungseinflüsse 
sind, die wir für das Auftreten der sexuellen Latenz verantwortlich 
zu machen haben. Nur die ethnologische Forschung konnte hier ein 
abschliessendes Urteil gestatten. Malinowskis Erhebungen bestätigten 
meine Anschauung von der gesellschaftlichen Herkunft der Latenzzeit, 
denn bei den Trobrianderkindern, die — bis auf den Geschwisterin- 
zest sexuell uneingeschränkt leben, gibt es keine Unterbrechung oder 

auch nur Herabminderung der sexuellen Agilität. Die Latenz kommt 
also zustande durch den ersten grossen Verdrängungsschub im 4. bis 
5. Lebensjahr, der ein Erfolg der schweren genitalen Versagung der 
kindlichen Onanie und der kindlichen sexuellen Spiele in diesem 
Alter ist. Dadurch wurde die Freudsche Annahme, dass die Neurosen- 
entstehung biologisch durch den »doppelten Ansatz des Geschlechts- 
lebens« mitbedingt wäre, erschüttert. Derart wurde auch die An- 
nahme einer phylogenetischen Bereitschaft zur Sexualverdrängung 
sehr in Frage gestellt. Einen konkreten Inhalt hatte sie ohnedies nie 
gewinnen können; trotzdem war sie der Keim ZU den in der englischen 
psychoanalytischen Schule immer breiteren Raum einnehmenden 
Anschauungen von der biologischen Natur der Sexualverdrängung, 
die den Zugang zur Soziologie der Verdrängung verrammelte. Es ist 
aber leicht einzusehen, dass die Frage nach der Natur der sexuellen 
Latenz unserer Kinder und der Sexualverdrängung keine akademische, 
184 






Roheims „Psychoanalyse primitiver Kulturen" 

sondern eine praktische im vollsten Sinne des Wortes ist. Sind beide 
Erscheinungen im wesentlichen biologisch, dann gibt es keine Grund- 
lage einer Neurosenprophylaxe, und auch die Therapie der Neurosen 
erhält dadurch einen pessimistischen Aspekt; sind sie aber im wesent- 
lichen gesellschaftsbedingt, dann ist die Frage der Neurosenprophylaxe 
an die der gesellschaftlichen Sexualordnung geknüpft. Meine Unter- 
suchung über den »Einbruch der Sexualmoral« ist im wesentlichen 
eine theoretische Klärung und ethnologische Begründung der künf- 
tigen Neurosenprophylaxe, von der man bis dahin in der Psycho- 
analyse ebensowenig gehört hatte, wie von der sozialökonomischen 
Begründung der Sexualverdrängung. 

R. teilt nun schlicht und einfach, ohne sich über die Tragweite 
dessen klar zu sein, mit, dass sich die zentralaustralischen Primitiven 
von uns durch Fehlen der Latenzzeit (S. 300 ) unterscheiden. Ich bin 
überzeugt, dass er trotzdem in seinem Glauben an die biologische 
Natur dieser Erscheinung unerschüttert ist, denn er kann mit einer 
anderen nichts anfangen, als seine Gesamtauffassung preisgeben. 

Aus bestimmten klinischen Erscheinungen ergab sich nun des 
weiteren ein Zweifel an der in der heutigen psychoanalytischen 
Theorie vorherrschenden Auffassung, dass die Triebstruktur hereditär 
festgelegt sei und somit die konstitutionelle Grundlage der Neurosen 
darstelle. Nach dieser Auffassung bedeutet zum Beispiel eine quanti- 
tativ besonders stark angelegte orale oder anale Sexualzone die 
hereditäre Grundlage der Neigung zur Entwicklung einer depressiven 
beziehungsweise zwangsneurotischen Erkrankung. Auch hier gab die 
klinische Durchforschung der betreffenden seelischen Erkrankungen 
den ersten Anlass zu berechtigtem Zweifel an der völligen Richtigkeit 
dieser biologischen Ansicht. Es konnte zwar kein Zweifel daran 
bestehen, dass es hereditär festgelegte Unterschiede in der Erregbarkeit 
der verschiedenen erogenen Zonen gibt; aber ebensowenig konnte 
daran gezweifelt werden, dass nicht die Anlage an sich entscheidet, 
ob die betreffende Person einmal erkrankt oder nicht, sondern wieder 
. nur das Zusammenwirken von Anlage und Erleben, und zwar noch 
anders als im Sinne der Freudschen »Ergänzungsreihe«, die Anlage, 
kindliches Erleben und aktuelles Erleben bilden. Nach Freud wirken 
Anlage und Erleben zusammen als einander ergänzende absolute 
Grössen: Ist die neurotische Triebanlage stark, dann genügt ein ge- 
ringeres pathogenes Erleben zur Herstellung der Neurose; ist jene 
schwach, bedarf es intensiverer und gehäufter Erziehungseinflüsse. 
Mir scheint die Beziehung eine solche veränderlicher Grössen, also 
eine dialektische zu sein. Zunächst lässt sich zeigen, dass es Menschen 
mit, starker prägenitaler Veranlagung ohne neurotische Folgen gibt. 
Ferner ergab die Beobachtung der Wandlung der Libidostrukturen in 
der psychoanalytischen Behandlung die Abhängigkeit der verschiede- 
nen erogenen Quellen von einander. Eine als starke anale Zone im- 
ponierende Veranlagung kann verschwinden, wenn die betreffende 

185 









Wilhelm Reich 

Erregung nach der Behebung der genitalen Verdrängung abgeführt 
wird. Die Erregungen kommunizieren also mit einander und hängen 
in erster Linie von der Ordnung des Gesam/sexualhaushalts ab. Man 
konnte ferner sehen, dass ein gutes Stück dessen, was man einer z. B. 
■ analen Veranlagung zuschrieb, Folge der analerotischen Eigenart der 
zwangskranken Mutter war. Wenn eine Mutter ihr Kind partout 
schon mit Vz Jahre völlig rein haben will, dann wird sie sich später 
leicht auf eine anale Disposition des an Zwangsneurose erkrankten 
Kindes berufen. Es wurde weiters klar, dass die Intensität der ver- 
schiedenen crogenen Zonen auch gesellschaftlich durch Art, Tempo 
und Intensität der erzieherischen Massnahmen beeinflusst wird. Wenn 
sich nun eine Gesellschaft fände, die das Kind bis zur Entwicklung 
der genitalen Phase an der Mutterbrust saugen lässt, dann wäre zu 
erwarten, dass solche Kinder keine analen Reaktionsbildungen und 
auch keine Symptome analer Natur aufweisen werden, einfach, weil 
sie keine anale Phase in unserem Sinne durchmachen. Die Tro- 
briander sind trotzdem sehr reinlich; das beweist, dass die anale 
Reinlichkeit nicht unbedingt eine reaktive Bildung wie bei uns zu 
sein braucht. Durch derartige Erfahrungen und Überlegungen geriet 
manche Anschauung ins Wanken. Der wichtigste Schluss aus diesen 
Tatsachen war, dass eine Erziehung, die sämtliche Kinder in ein 
bestimmtes System von Versagung ohne Rücksicht auf die Veran- 
lagung der Triebintensität presst, Zustände erzeugt, die als Ver- 
anlagung imponieren, ohne es in Wirklichkeit zu sein. Ein Kind mit 
geringerer allgemeiner Energieproduktion kann sich der gleichen 
V er s/igungs Situation leichter anpassen als ein Kind mit stärkerer. 
Wenn dieses letzte dann »nervös« wird, schliessen von 100 Psychiatern 
100 auf »nervös-degenerative Veranlagung«. Eine stärkere Energie- 
produktion in einem biologischen System ist aber doch noch keine 
nervöse Veranlagung. Hätte die psychische Energie der verschiedenen 
Individuen der heranwachsenden Generation Spielraum genug, sich 
auszubalancieren, wären sie nicht einer uniformen Ideologie und 
Erziehung unterworfen, die stärkere Trieborganisation würde nicht 
als »nervöse Veranlagung« in Erscheinung treten; es würde dann nur 
das Kind mit der stärkeren Energieproduktion mehr tollen als ein 
anderes mit einer geringeren und jede zweite Nacht sich selbst be- 
friedigen statt wie das schwächere in jeder vierten. Wenn aber von 
fünf Kindern in einer Familie alle gleich »brav«, ruhig, beherrscht 
sein müssen, dann ist klar, dass die Reaktion der verschiedenen 
Kinder eine verschiedene sein muss. Ich meine, diese Überlegung ist 
einwandfrei und widerlegt eine Reihe von hereditären Annahmen. 
Wir leugnen also nicht die Heredität, bestimmen sie aber nur nach 
dem Mass der Energieproduktion im biologischen System. Dann 
, versteht man aber auch, dass gerade die Menschen, die von der 
bornierten Erbwissenschaft als Psychopathen und moral insanity 
angesprochen werden, sich der korrekten Psychoanalyse als die 

186 



Roheims „Psychoanalyse primitiver Kulfuren" 

energiegeladensten, intelligentesten, agilsten erweisen. Sie passen nur 
nicht in diese Gesellschaft und haben es deshalb schwer. Wenn in 
Hitler-Deutschland 15 jährige Mädchen, die einen Freund haben, als 
Psychopathen zur Sterilisation verdammt sein werden, dann urteilt 
man darüber anders von unserem als vom Roheimschen Standpunkt. 
Ich wollte nur zeigen, welche Bedeutung derartige Auseinander- 
setzungen für das Wohl und Wehe von Generationen haben. Deshalb 
ist nicht gleichgültig, ob ein prominenter Vertreter der Psychoana- 
lyse, deren soziologische Bedeutung gerade in ihrer sozialistischen 
Grundtendenz liegt, falsche oder richtige Anschauungen von seiner 
Forschungsreise heimbringt. B. fasst die Triebe absolut und die 
Verdrängung biologisch gegeben auf. Das stützt, ob er will oder 
nicht, die Gesetze über die Sterilisation von Psychopathen und 
Schizophrenien, die eine verrottete Gesellschaftsordnung selbst erzeugt. 
R. selbst aber berichtet, dass in den von ihm durchforschten primi- 
tiven Kulturkreisen die analreaktiven Charakterzüge gänzlich fehlen 
und ebenso die sado-masochistischen Perversionen. B. ist zweifellos 
ein eifriger Vertreter der Theorie von der ursprünglichen Natur der 
sadistischen Aggression. Wie erklärt er ihr Fehlen bei ganzen Kul- 
turkreisen? Da R. es für überflüssig hält, die ökonomischen und 
sozialen Strukturen der durchforschten Organisationen zu beschreiben 
und zu erörtern, bleiben darüber hinaus seine positiven Feststellungen 
ohne Wert. Malinowskis Ergebnisse dagegen gestatteten weitgehende 
Einsichten, darunter die, dass die Entwicklung der natürlichen 
Aggressivität zum Sadismus die gesellschaftliche Hemmung des 
natürlichen genitalen Geschlechtslebens in der Masse der Menschen 
dieser Kultur zur Voraussetzung hat; das betrifft sowohl die sadisti- 
sche Umstrukturierung des Einzelmenschen als auch das Auftreten 
sadistischer Sexualideologie. Der zentrale Mechanismus dieser gesell- 
schaftlichen Entwicklung ist das Interesse an der Dauerehe, die sich 
aus der lockeren Paarungsehe entwickelt. In ihr tritt zum ersten 
Male das sadistische Verhalten des Mannes der Frau gegenüber auf, 
das sonst nicht vorkommt, also nicht biologisch ist, wie B. meint. 

4. Ist die kindliche Angst sozial oder biologisch bedingt? 

Dass die Angst, die unsere Kinder regelmässig zu entwickeln 
pflegen, auf nicht bewältigten inneren Triebregungen beruht, ist heute 
allgemein gekannt und .anerkannt. Für die Frage der Neurosen- 
phrophylaxe ist entscheidend wichtig, zu bestimmen, was für die 
Nichtbewältigung der Triebansprüche verantwortlich ist. Hier gehen 
die Meinungen auseinander, und zwar in einer Weise, die kein »Sowohl- 
als-auch«, sondern nur mehr ein »Entweder-oder« zulassen. Freud 
führt die Angst auf, die Beaktion des Ichs gegenüber äusseren oder 
inneren Gefahren zurück und hält an der Anschauung fest, dass jede 
Angst eine Wiederholung des traumatischen Geburtserlebnisses dar- 

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Wilhelm Reich 



stelle. Die englische psychoanalytische Schule behauptet, die Angst 
des Kleinkindes sei biologisch festgelegt in der Schwäche des kind- 
lichen Ichs, das den mächtigen Triebregungen nicht gewachsen sei 
und sich ihrer durch Verdrängung erwehren müsse. Wir fragen 
dagegen: Wenn die Angst eine Wiederholung der Geburtsangst wäre, 
musste sie ebenso alle Kinder, auch die der Trobriander, betreffen, 
wie wenn sie ein Ausdruck biologischer Unvollkommenheit des Ichs 
wäre) Wenn dies aber nicht zutrifft, dann ist die Frage wichtig, 
was darüber entscheidet, ob das Ich des Kindes gegenüber seinen 
Trieben zurückbleibt beziehungsweise die Geburtssituation reprodu- 
ziert oder nicht. Freud gab seine These auf, dass Angst Ausdruck 
gehemmter Sexualerregung sei. Ich führte diese Annahme konsequent 
S^ T S1 * a,lein ist sin »voll und richtig; sie gestattet 

.TnfL T r J h f S6 u d3SS CS äUSSere stände und Erlebnisse 
sein müssen, die die Verkehrung der Sexualerregung in Angst bedingen 

:l°jz ale , Fakt r n ; Das bedeutet dne SÄ3 

schaftl.chen Sexualordnung in die Neurosenlehre, während die Früher 
skizzierten Anschauungen sie nicht nur ausschliessen, sondern sich 
vielmehr wie zum Zwecke der Vermeidung einer sozio logischen Fra- 

faf tSii H v g6Stel ! te ^ darStel,en " Meine Anschauung 
hat überdies den Vorzug dass sie von der zentralen psychoanalyti- 
schen These über den Konflikt: Bedürfnis-Welt nicht abrückt 
sondern sich ihr voll einordnet und sie weiter entwickelt 

Indem derart die biologische und die soziologische Anschauung 
einander gegenubertreten, stellen sich die weiteren Differenzen ein 
facher dar. Die biologistische Ansicht über die Angst fragt nicht 
nach der sozialen Herkunft oder Verschiedenheit kindlichen Erlebens 
in verschiedenen sozialen Organisationen; sie hat es dadurch 
bequemer, aber sie weiss auch keine Antwort, wenn eine soziale O 
ganisation entdeckt wird, in der die Kinder keine Angst haben M 
merkt, dass derartige gesellschaftliche Organisationen uns die ent- 
scheidenden Mittel an die Hand geben, an die Frage der Neurosen- 
verhütung, deren Kernfrage die kindliche Phobie ist, praktisch heran- 
zutreten; sie verraten uns nämlich beim Vergleich mit unserer Or- 
ganisation die Bedingungen, unter denen die kindliche Angst und mit 
ihr der Kern der Neurosenbildung vermieden werden können, prin- 
zipiell zunächst. Denn in der einen Frage sind sich wieder alle Ana- 
lytiker einig, dass die Angst das Kernproblem der Neurose ist. j 

Roheim bestätigt meine Auffassung auch in der Frage der Angst 
gegen seinen Willen. Er beschreibt nicht nur das Erleben der »furcht- 
losen Söhne und Töchter der Wildnis«, sondern gibt ganz genau auch 
die Beziehung der Angst des Kindes zu seinem Sexualleben wieder 
ohne zu ahnen, wie wichtig diese Tatsachen sind. 



i) Vgl. hierzu meine Ansicht über die Geburtsangst in »Die Funktion des Or- 
gasmus.« 

188 









Roheims „Psychoanalyse primitiver Kulturen" 

»Wenn ich diese Kinder (bei den Arada, Lurüjia, Pitchentara und Jumu) 
'furchtlos' nenne, so tue ich das ganz bcwiisst, obwohl ich weiss, dass sie streng, 
genommen auch nicht gänzlich frei von Angsterlebnissen sind.« 

Gewiss doch nicht! Welches lebendige Wesen ist frei von Angst? 
Es kommt aber doch auf die Unterscheidung von neurotischer und 
realer Angst an! Wenn bestimmte Organisationen angstfreie Kinder 
aufweisen, dann steht die Frage vor uns, was hinzukommt, dass die 
Kinder der anderen Organisation durchwegs ängstlich und neurotisch 
werden. 

R. Schildert ausführlich ein sexuelles Spiel, das Kinder völlig un- 
verhüllt ausführten; es stellt im wesentlichen den Geschlechtsakt 
dar. R. fragt nicht nach der relativen Offenheit, mit der die Kinder 
das Spiel vor ihm demonstrieren; während er wieder den aus Europa 
mitgeführten Ödipuskomplex in das Spiel hineinlegt, spielt sich fol- 
gender Vorfall ab, der uns haargenau enthüllt, was die Sexual- 
ökonomie festgestellt hat: Den Einbruch einer gesellschaftlichen 
Einschränkung des Geschlechtslebens der Kinder und mit ihm eine 
schwerwiegende Veränderung ihrer ganzen Struktur. 

»Was nun kommt, ist eine zwingende, an Deutlichkeit nicht zu übertreffende 
Darstellung des Ödipuskomplexes. Der kleine Junge nimmt eine Schlange und legt 
sie dem Affen an die Brust. 'Die Schlange trinkt Milch'. Dann drängt er^ die 
Schlange zwischen die Beine des Affen. 'Die Schlange koitiert mit dem Affen'. — 
Ein Vorfall, der sich zwei Monate später zutrug, macht es vollkommen deutlich, 
dass Depitarinja selber die Schlange ist, die mit der milchspendenden Frau, d. h. 
der Mutter geschlechtlich verkehrt.« 

Das ist gänzlich uninteressant. Dass auch die Kinder der Wildnis 
mit ihren Müttern und Vätern koitieren wollen, ist selbstverständlich, 
wir zweifeln nicht daran. Wohl aber halten wir es für entscheidend 
wichtig zu erfahren, ob sich die Hemmung dieses Wunsches auch 
dann pathologisch auswirkt, wenn die Kinder sonst untereinander 
völlige Freiheit haben; und die Sexualökonomie behauptet, dass die 
pathogene Natur der Hemmung des Inzestwunsches ausbleibt, wenn 
das Kind sonst uneingeschränkt ist, dass sie sich dagegen voll 
entfaltet, wenn die Sexualhemmung allgemein ist. Das also nicht der 
Inzestwunsch an sich, sondern nur die Bedingungen, unter denen er 
erlebt und erledigt wird, über die Gesundheit des Kindes entscheiden. 
Für die kommunistische Kollektiverziehung der Kinder gibt es hin- 
sichtlich Strukturbildung keine wichtigere Frage. R. fährt fort: 

»Deparintja, sonst ein lebenslustiger Bursche, ist eines Tages sichtlieh nieder- 
geschlagen. Wir sind in Herrmannsburg und die Nachkommen der altjiranga 
matina (totemistischen Ahnen) gehen in die Missionsschule. 'Warum bist du so 
traurig', frage ich ihn. Nach einigem Zögern entschliesst er sich, mir den Grund 
zu sagen. Ich kenne ihn schon im voraus. Er ist von dem Missionar geschlagen 
worden, weil er ein vierjähriges kleines Mädchen geküsst hat. Der Missionar hat 
ihm dafür eine gewaltige Tracht Prügel verabreicht. Nach einer kleinen Pause 
fängt er an zu spielen, indem er behauptet, die Schlange sei traurig. Dann lässt 
er die Schlange an der Vagina der Ziege riechen. Darauf heisst es, die Schlange 
heirate die Ziege.« 

189 



Wilhelm Reich 

Würde der Forscher Roheim das brutale Verprügeln eines Kindes 
für einen Kuss, den es einem Gespielen gab, nicht durchaus im Sinne 
der »natürlichen Ordnung der Dinge« finden und im Interesse der 
»notwendigen Zucht und Ordnung«, er könnte an einer solchen Er- 
scheinung nicht vorbeigehen, ohne zu fragen: »Woher kommt es, dass 
der Junge jetzt gerade die Ziege heiraten will? Ist das nicht eine 
Verschiebung auf ein Tier, die durch die reale Versagung eines 
natürlichen Interesses hervorgerufen und fixiert wurde?« R. aber 
hat's wieder mit der Tiefenpsychologie: 

»Was Deparintja die Schlange tun lässt, ist sein eigenes Vergehen er 

hatte das kleine Mädchen auf das Genitale geküsst. Dafür hatte er auch die 
Prügel bekommen. — Nun geht das Spiel weiter, und alle Spieltiere und Puppen 
müssen an der Vagina und dem After des Affen riechen, der schon immer als 
die Mutter aller dieser Wesen zu gelten hatte. Darauf lässt er eine grosse Gummi- 
puppe als Häuptling auftreten, und dieser Häuptling verprügelt alle anderen Puppen 
und Tiere, weil sie die Ziege herochen hahen. Dahei ist zu hemerken, dass in Herr- 

mannshurg der inkata das Haupt der Missionsstation ist Eine der vielen Aus- 

drucksformen, in denen sich der Ödipuskomplex in den Spielen manifestiert « 

Uns interessiert etwas anderes! Gerade das, was R. jetzt so eifrig 
übersieht, ist eine Bestätigung meiner Aufstellung. Bedeutet nicht 
das von R. beschriebene Spiel eine reale Veränderung im geprügelten 
Jungen? Ist das nicht der Beginn einer für die massenpsychologische 
Entwicklung des ganzen Stammes folgenschweren Identifizierung des 
Jungen mit" dem Sendboten Gottes? Nimmt nicht der Junge gerade 
etwas in sich auf, was er vorher ablehnte und bald anderen gegenüber 
betätigen wird? Ist das nicht die von mir beschriebene Reproduktion 
eines neuen gesellschaftlichen Systems in der Struktur der ihm unter- 
liegenden Menschen, ein kleines Stück zwar, aber ein vorbildliches? 
R. schreibt in seiner »Kritik« des »Einbruch etc.«: 

»Schliesslich sei noch an einigen Heispielen gezeigt, dass Reich Schluss- 
folgerungen aus Annahmen zieht, welche den Tatsachen nicht entsprechen. Reich 
schreibt S. 22: 'da die sexualmoralische Erziehung aber ^erst mit dem Interesse 
an Privateigentum in die Geschichte der Menschen eintritt und Sich mit ihm 
entwickelt, sind die Neurosen Erscheinungen der patriarchall sehen privateigen- 
tümlichen Gesellschaftsordnung.' Bei der Weihe des P !t t,,c ^ a ™knaben, die ich 
mitgemacht habe, wurde mir erklärt, dass mar. ihn glimpflich behandelt hat, 
bei dem Himmelwärtswerfen nicht zu hart geschlagen hat, weil er stets ein guter 
Knabe war, den alten Männern gehorchte und sich nicht zu viel mit den Mädchen 
zu schaffen machte. Die Pitchentara sind gewiss jene Menschen auf Erden, die 
man noch am ehesten als Kommunisten bezeichnen kann. Nebstbei bemerkt sind 
sie weder matri- noch patrilincar organisiert, haben auch keine Promiskuität, 
Eifersucht ist ein Hauptmotiv ihrer Handlungen sowohl im Alltag wie in den 
Märchen — aber hoffentlich würde nicht einmal Reich behaupten, dass es hier 
Klassenherrschaft und Kapitalismus gibt.« (S. 557/558.) 

Niemand hat je behauptet, dass die mutterrechtlichen Primitiven 
Kommunisten sind, wohl aber, dass sie eine «rkommunistische Ge- 
sellschaftsform haben, was etwas anderes ist, als der Kommunismus 
des XX. Jahrhunderts; sie unterscheidet sich sowohl in der Wirt- 
190 



Roheims „Psychoanalyse primifiver Kulturen" 

schaf'ts- wie in der Sexualorganisation von der patriarchalischen 
Form. Es muss auch einen Übergang geben; ich unterschied auf 
Grund des Vergleichs der beiden Grundorganisationen zweierlei Arten, 
in denen sich das Patriarchat aus dem Mutterrecht entwickelt: 
erstens die innere Entwicklung durch den Heiratsgutmechanismus, 
den Tribut von Clan zu Clan, den R. selbst ahnungslos beschreibt, 
zweitens äussere Einflüsse, wie etwa Eroberung durch bereits vater- 
rechtliche Stämme oder Einbruch der weissen »Kultur«. Innerhalb 
der mutterrechtlichen Organisation müssen sich somit die vater- 
rechtlichen Ansätze allmählich in besonderen Formen vom übrigen 
gesellschaftlichen Milieu abzeichnen. So etwa fällt zunächst nur ein 
Teil der Kinder unter die Gewalt der Askese, nur ein Teil unter den 
Druck der puberilen Sexualeinschränkung, nur ein Teil der Erwach- 
senen unter den Zwang der dauermonogamen Ehe; diese keimhaften 
Formen des Patriarchats wachsen ständig auf Kosten der riuütcr- 
rechtlichen. Ich glaubte auch den Punkt angeben zu können, wo das 
Mutterrecht plötzlich in Vaterrecht umschlägt; das geschieht dann, 
wenn die Erbfolge vom Neffen des Mutterbruders auf seinen Sohn 
übergeht. Aus Malinowskis Material geht dies eindeutig hervor, 
während R. erklärt, es gäbe ein Volk, das weder mutterrechtlich noch 
vaterrechtlich organisiert sei. Hätte er sein Material von diesem 
Gesichtspunkt überschaut, er hätte so unmögliches nicht behauptet. 
Denn die genannten Völker müssen, da es nichts drittes gibt, eine der 
beiden genannten Formen aufweisen oder aber sich im übergange 
befinden. 

»Der Grad der Unverhüllthcit, mit dem (die Kinder) Departarinja, Nyiki, 
Iliakurla und die anderen über den Koitus und sexuelle Perversionen sprechen, 
ebenso die Ausschliesslichkeit und Deutlichkeit der Sexualbedeutung ihrer Spiele 
unterscheiden diese Kinder von Kindern unserer Rasse.« (S. 357.) 

Es steht fest, dass sich die von Roheim beobachteten Kinder genau 
so verhalten, wie die von Malinowski beobachteten; das beweisen auch 
die Berichte über ihre Spiele. Und als ob Roheim meine ethnologische 
Auffassung, die zu der seinigen in diametralem Gegensatz steht, restlos 
akzeptiert hätte und sie bestätigen wollte, schliesst er den Bericht 
folgendermassen ab: 



»Wir haben zwei Gruppen von Kindern studiert, die beide der gleichen Rasse 
angehören: die Missionskinder gehen in die Schule und haben ein in mancher 
Hinsicht verändertes Wesen angenommen, wenn sie auch noch in vielen Zügen 
die richtigen Kinder der Wildnis geblieben sind. Die Buschkinder dagegen toben 
herum, balgen sich und koitieren miteinander, aber ich habe bei ihnen nie irgend- 
etwas gesehen, was den sadistischen und masochistischen Spielereien ähnlich 
gewesen wäre, in denen sich Depitarinja erging. (Dep. ist der Junge, der vom 
Missionar geprügelt wurde.) Er ist eben oft genug für ungehemmte Ausbrüche 
seiner natürlichen Triebhaftigkeit gezüchtigt worden, so dass sich ihm die Be- 
tätigung dieser Triebe mit der Vorstellung des Quälcns oder Gequältwerdens 
verknüpft hat. Der Eingeborene hat ursprünglich zwar einen aggressiven, aber 
keinen sadistischen Charakter. Er mag in einem Wutanfall ein Kind anbrüllen, 

191 



Wilhelm Reich 






ja sogar den Bumeraug nach ihm werfen, aber er wird es kaum mit vorbedachter 
Absicht bestrafen. So hat das Buschkind niemals Gelegenheit, ein sadistisches 
Überich durch Introjektion zu erwerben, und wird niemals lernen, aus dem Spiel 
vom Strafen und Gestraftwerden Lust zu ziehen.« (S. 363.) 

Eine bessere Bestätigung der sexualökonomischen Auffassung 
hätte ich mir kaum wünschen können. Was ist aus dem Gesagten zu 
schliessen? 

Dass der Sadismus ein gesellschaftliches Produkt ist, Folge der 
Unterdrückung der natürlichen kindlichen Liebesregungen, das Re- 
sultat einer muskulären Umlenkung libidinöser Energie; 

dass die Erklärung dieser Erscheinung im gesellschaftlichen Ein- 
bruch der sexualmoralischen Regulierung des Geschlechtslebens zu 
suchen und zu finden ist; 

dass die Neurosen aus der patriarchalischen Veränderung der 
sozialen Ordnung hervorgehen und der Kapitalismus nicht eine Folge 
der Neurose ist, wie Roheim meint; 

dass sich das Geschlechtsleben entsprechend natürlichen Gesetzen 
von selbst, sexualökonomisch ordnet, wenn es nicht behindert wird; 

dass mit dem Einbruch der moralischen Regulierung auch ihr 
dauerndes ideologisches Motiv, die Notwendigkeit der Triebbeherr- 
schung, hergestellt wird in Gestalt unnatürlicher, sekundärer, asozialer 
Triebe, wie etwa des Sadismus und Masochismus; das gilt für alle 
perversen Regungen. 

Die Konfusion in Roheims Anschauungen, die gleiche, die in 
weniger grotesker Form überall dort die Psychoanalyse beherrscht, 
wo die naturwissenschaftlichen Entdeckungen der Psychoanalyse mit 
der bürgerlichen Weltanschauung des Psychoanalytikers in Konflikt 
geraten, geht klar daraus hervor, dass er auf der .einen Seite das 
Fehlen des Sadismus selbst behauptet und belegt, dann aber wieder 
anlässlich der Beschreibung eines patriarchalischen Stammes der 
Aranda berichtet: 

»Bei dieser Gesellschaftsordnung kann ein Mann immerzu neue junge Frauen 
bekommen, sei es durch rohe Gewalt, sei es durch sein Ansehen als Häuptling 
Die sadistische Komponente der männlichen Sexualität kann also gut ab- 
reagiert werden. Männer und Frauen verfügen über eine natürliche Grausamkeit.« 
<S. 371.) 



Somit ist alles in Ordnung, auch bei uns ! Der Sadismus ist eine 
natürliche Komponente des männlichen Geschlechtslebens und der 
ungarische Bojar darf weiter seine Frau prügeln, genau so wie bei 
den Aranda, was dann der Kleinbürger, Bauer und Prolet nachahmt; 
denn hier hat Roheim »gezeigt, was für ein glückliches, ungetrübtes 
Sexualleben die Aranda führen; der Mann, jeder Zoll ein Mann, ist 
Herr und Vater seiner Frau«. (S. 385.) Das ist keine Politik und 
keine Weltanschauung, sondern »objektive Wissenschaft!« So denkt 
die gesamte bürgerliche Wissenschaft. Aber diese Wissenschaft kann 
192 













Roheims „Psychoanalyse primitiver Kulturen" 

nicht mehr das Recht der Objektivität für sich in Anspruch nehmen 
und unsere Arbeit mit dem Vorwurf der politischen Befangenheit zu 
(desavouieren versuchen. 

5. Weshalb gewinnt Roheim Bedeutung? 

Es ist schwierig in einer wissenschaftlichen Polemik die Sache 
völlig von ihrem Vertreter zu trennen; wie wir gesehen haben, 
hängt eine wissenschaftliche Anschauung nicht in der Luft, sondern 
ist untrennbar verknüpft mit Struktur, Denken und politischer Stel- 
lung des betreffenden Wissenschaftlers. Ich halte es für richtig, an 
jeder geeigneten Stelle zu betonen, dass es nicht darauf ankommt, 
ob eine Wissenschaft einer Weltanschauung entspringt und durch sie 
gefärbt ist; dass dies nicht anders sein kann, ist jedem Marxisten 
klar- wohl aber ist entscheidend, mit welcher Weltanschauung sich 
eine 'wissenschaftliche Tätigkeit verbündet; mit der, die das Wissen, 
die ganze Persönlichkeit des Forschers und oft auch seine Existenz 
und sein Leben in den Dienst der Erforschung des Seins stellt, oder 
mit der, die alles tut, buchstäblich alles, von der harmlosen falschen 
Theoriebildung über den Boykott des Gegners und wissenschaftlichen 
Raub an ihm bis zu reaktionären Taten und Manifesten, um zwar 
den Nimbus der Wissenschaft für sich zu sichern, aber im übrigen 
jedes Stückchen mühsam errungenen Wissens zu verschleiern, ab- 
zubiegen, seine Konsequenz zu vermeiden. Roheim ist ein glänzendes 
Beispiel solcher Art der Wissenschaft und ist deshalb wichtig. Aus 
dieser Diskussion lassen sich klar die zukünftigen Aufgaben der 
Sexualökonomie ablesen. 

Wir wollen sie kurz zusammenfassen: 

Die Aufrechterhaltung und weitere Fortführung der psychoana- 
lytischen Methode der Forschung ist derzeit eine der wichtigsten Auf- 
gaben jedes Kulturforschers und -Politikers. Wir stehen vor der Auf- 
gabe, eine Frage endgültig theoretisch und praktisch zu lösen, die 
seit Jahrtausenden die Menschheit unbewusst und bewusst be- 
herrscht: Kann es eine gesellschaftliche Ordnung, die ihre Funktion, 
die Regelung der menschlichen Beziehungen und die Sicherung der 
Bedürfnisbefriedigung, erfüllen soll, ohne Sexualunterdrückung und 
Sexualverdrängung geben? 

Die ganze bisherige Kulturforschung behauptet, dass es gesell- 
schaftliche Ordnung bei Triebfreiheit nicht geben kann. Dagegen 
behauptet und beweist die Sexualökonomie nicht nur, das es das 
gibt und geben kann, sondern vielmehr, dass mit der sexualokono- 
mischen Regulierung des Geschlechtslebens, welche restlose Sexual- 
bejahung anstelle der Sexual Verneinung zur ersten Voraussetzung 
hat, sich zum ersten Male einige der grossen Fragen der Menschheit 
lösen lassen werden, die heute ihr Leben bedrücken; dass mit dem 
sexualökonomischen Geschlechtsleben der arbeitenden Bevölkerung 
der Erde die soziale Demokratie und wirkliche Massenkultur erst 
beginnen kann. Da existierende Widersprüche nach den Gesetzen 

193 















If 



Wilhelm Reich 

der Dialektik zu einer Lösung drängen und sie schliesslich auch immer 
finden, so kann der Widerspruch zwischen Sexualität und Moral, 
Natur und Kultur, Sexualleben und Arbeitsleistung, Individuum und 
Kollektiv prinzipiell keine Ausnahme bilden. 
Hierher gehören folgende Detail fragen: 

1. Die Sexualunterdrückung, unter der die Massen der Werktä- 
tigen stehen und die sich als Religion, Aberglauben, Mystik jeder Art, 
Denkhemmung, Autoritätsfurcht, blinder Gehorsam, Opferbereitschaft 
für Ausbeuter, Unfähigkeit zur Kriegsdienstverweigerung etc. etc. 
äussert, ist die mächtigste Waffe der Besitzer der Produktionsmittel. 
Das sexuelle Erwachen der breitesten Massen, das auch das Be- 
wusstsein ihrer wirtschaftlichen Unterjochung entbindet, bedeutet 
das endgültige Ende des Kapitals und seiner Herrschaft. 

2. Die gesellschaftliche Sexualunterdrückung schafft die seelischen 
Leiden, die eine Massenseuche bilden. Eine massenmässige Neurosen- 
prophylaxe hat die Aufhebung der Sexualunterdrückung zur wich- 
tigsten Voraussetzung. 

3. Die. Sexualhemmungen und -Störungen zerrütten die mensch- 
liche Intelligenz, den menschlichen Mut und Realitätssinn, die mensch- 
liche Arbeitskraft. Die Kluft zwischen der Leistungs/aTut/A-ei"/ der 
Menschen und ihren effektiven Leistungen und Arbeitsinteressen ist 
riesenhaft. Eine Lösung der Frage der Produktivkraft »Arbeitskraft« 
ist ohne Sexualökonomie unmöglich. Ist dies, falsch, dann sind die 
ganze psychoanalytische Sexualtheorie und die Orgasmuslehre falsch. 

4. Der Fortbestand der Religion und der Mystik in jeder Form 
ist eine Frage des Fortbestandes der Sexualmoral und der Sexual- 
unterdrückung. Solange die sexualökonomische Regelung des Ge- 
schlechtslebens nicht hergestellt ist, ist mit einer massenmässigen 
Lösung dieser Fragen nicht zu rechnen. 

5. Jedes gesellschaftliche System reproduziert sich ideologisch in 
der Struktur seiner Mitglieder, und die Strukturbildung ist im 
wesentlichen eine Frage der sexuellen Strukturierung. In Sowjet- 
russland, wo die Tendenz zur entsprechenden sexuellen Umstruk- 
turierung in den Jahren 1918 bis 1923 deutlich, jedoch den Führern 
der Revolution nicht bewusst, durchbrach, herrscht heute, und zwar 
fortschreitend, ein Widerspruch zwischen der wirtschaftlichen Grund- 
lage des Sozialismus und der menschlichen Strukturbildung, der eine 
Rückentwicklung der ersten Ansätze zu einer sozialistischen Kultur 
zur Folge hat 1 ). 

Die Anpassung des Menschen an das sozialistische Wirtschafts- 
system muss dort im wesentlichen als missglückt bezeichnet werden. 
Da sich aber jedes gesellschaftliche System entweder in den Menschen 
libidinös reproduziert oder aber, wenn es das nicht tut, sich selbst 
gefährdet; da nur die Menschen, nicht aber die toten Produktiv- 
kräfte, das treibende Material des gesellschaftlichen Prozesses sind 

i) Eine genau Begründung dieser Behauptung ist in Vorbereitung 
194 



- 



Roheims „Psychoanalyse primitiver Kulturen" 

(was Marx genau wusste, wenn er seine Lehre auf dem Unterschied 
zwischen lebendiger und toter Produktivkraft basierte), ist die Frage 
der Sexualökonomie für die Sowjetunion und jeden künftigen Ar- 
bcitciv und Bauernstaat von lebenswichtiger Bedeutung. 

Diese der Erforschung harrenden Probleme rechtfertigen unseren 
Willen zu unnachgiebiger, rücksichtsloser Kritik und ernster, kom- 
promisloser Arbeit. Unser Weg ist mühsam und sozial heute gefähr- 
lich, die Erreichung des Zieles deshalb sehr unsicher, die Wider- 
stände gerade der massgebenden und verantwortlichen Führer der 
revolutionären Bewegung ebenso wie der Wissenschaft sind ungeheuer. 

Unsere Kenntnisse vom menschlichen Sehnen, von menschlicher 
Struktur und ihren Widersprüchen, von den Hindernissen, den 
inneren sowohl wie den äusseren, die der Erreichung der soziali- 
stischen Gesellschaft im Wege stehen, befähigen uns besser als bloss 
gefühlsmässiges Wollen, uns Schritt um Schritt durchzukämpfen. 
Was heute unglaublich klingt, zu politischen Verfolgungen Anlass 
gibt, auch im revolutionären Lager auf gefühlsmässige Widerstände 
stösst, wird einmal zu den einfachsten Selbstverständlichkeiten ge- 
hören. Wir »schwimmen gegen den Strom«, haben aber dabei 
ehrfurchtgebietende Vorbilder. Dass wir hier und dort irren, ist 
sicher. Dass wir eben im Begriff sind, die Geheimnisse einer mehrere 
Jahrtausende alten Kulturbarbarei zu enthüllen und die sexuelle 
Revolution der Zukunft praktisch zu beginnen, ebenso. 



Wilhelm Reich: (Zweite erweiterte Auflage) 

EINBRUCH DER SEXUALMORAL 

Zur Geschichte der sexuellen Ökonomie 
Mit einem Fremwörterverzeichnis und 
zahlreichen graphischen Darstellungen. 

Oktav, 160 Setten Preis: kartoniert Dan. Kr. 6.—. 

Herkunft der Sexualuer drängung. 

Sexuelle Ökonomie in der mutterrechtlichen Gesellschaft. 

Der Einbruch der sexualfeindlichen Moral. 

Mutterrecht — Urkommunismus; Vaterrecht — Privateigentum. 

Bachofen, MacLennan, Morgan — Engels. 

Claneinteilung und Inzestverbot. 

Das Problem der Sexualökonomie. 

Sexualunterdrückung und Klassengegensätze von Mann und Frau. 

Bedürfnisbefriedigung und gesellschaftliche Realität. 

Produktion und Reproduktion der Sexualmoral. 

(Nachtrag) Roheims »Psychoanalyse primitiver Kulturen«. 

VERLAG FÜR SEXUALPOLITIK / KOPENHAGEN: POSTBOX 827 

195 



O. Hansen 



Ein Kinderschicksal 

Beifrag zur Strukturbildung des bürgerlichen Menschen 

Von O. Hansen 

Eine Patientin suchte die Analyse auf wegen einer Reihe von 
Störungen, unter denen Arbeitshemmung, Frigidität und paranoide 
Symptome (Verfolgungsideen) in erster Reihe standen. Wir wollen 
im folgenden zu zeigen versuchen, wie die Wurzeln des neurotischen 
Symptomenkomplexes, wie das ursprüngliche kindliche Erlebnisma- 
terial gerade durch die Familienerziehung unserer heutigen Kultur- 
epoche nicht überwunden, sondern immer stärker in das Leben des 
heranwachsenden Kindes eingebaut wurden und welche Veränderun- 
gen sie in der Struktur der Gesamtpersönlichkeit hervorriefen. 

Die Patientin war von frühester Kindheit an sehr wechselvollen 
Einflüssen ihrer Umgebung ausgesetzt. Sie war das jüngste Kind; 
die anderen Geschwister waren beträchtlich älter, da sie aus der ersten 
Ehe des Vaters stammten. Die Patientin verlor ihre Mutter (die 
zweite Frau des Vaters) vierzehn Tage nach der Geburt. Die ersten 
zwei Jahre verbrachte sie im Hause der Grossmutter, wo sie mit sehr 
viel Liebe und zuviel Zärtlichkeit umgeben wurde. Es wurde alles 
getan, um ihre Eigenliebe (Narzissmus) zu stärken; sie wurde voller 
Stolz allen Bekannten und Verwandten vorgeführt und musste ihr 
Können und ihre Fähigkeiten ständig vor neuem Publikum produzie- 
ren. In der Analyse tauchten Erinnerungsbilder auf, die darauf hin- 
wiesen, dass sie dort auch recht schädlichen Einflüssen ausgesetzt war. 
So erschienen im fortgeschrittenen Stadium der Analyse zwei Bilder 
in kurzem Abstand, die auf frühe sexuelle Spielereien mit einem bei 
der Grossmutter wohnenden Onkel hindeuteten. Zuerst sah die Pa- 
tientin eine kleine Katze vor sich, mit der ein Mann spielt. Er hält 
ihr irgend etwas hin, was sie haben will, ohne es ihr wirklich zu geben. 
Nach einiger Zeit wird der Katze die Sache zu bunt. Sie beisst den 
Mann, der darauf in Wut gerät. Er schimpft heftig »Du verdammte 
Kröte, warte, du Aas« und versetzt ihr mit dem Stiefel einen Tritt in 
die Flanke. Die Katze zieht sich wimmernd unter den Küchenschrank 
zurück, erfüllt von Rache. Nach einiger Zeit nimmt der Mann das. 
196 



■k.. 



Ein Kinderschicksal 

Spiel wieder auf. Die kleine Katze geht scheinbar darauf ein, aber 
plötzlich beisst sie sich tief und fest in den Pinger des Mannes und 
ist nicht abzuschütteln. — Kurze Zeit darauf taucht unter heftigen 
Affekten in der Analyse ein Bild auf, in dem ein Mann halb seitlich 
auf der Erde liegt, ein kleines ca. \ x /% jähriges Kind ist neben ihm. 
Dann sieht die Patientin, wie das Kind mit heftiger Gebärde an der 
Hose des Mannes reisst, das Hemd wegzerrt. Dabei hat sie das drän- 
gende Gefühl, dass sie etwas haben will und nicht wieder geneckt 
werden möchte. Ohne Übergang erlebt die Patientin nun die Erin- 
nerung an schreckliche Prügel, an Eingesperrtwerden in ein halb- 
dunkles Klosett. Das Kind macht Anstrengungen, um sich zu befreien 
und strampelt mit Händen und Füssen. Von Zeit zu Zeit wird die 
Tür geöffnet und sie wird gefragt, ob der Bock schon draussen sei, 
dessentwegen man sie eingesperrt habe. Erst als sie völlig erschöpft 
und ihr Widerstand gebrochen ist, lässt man sie heraus. Es ist ein- 
leuchtend, dass das Kind eine Scene mit dein Onkel erlebt hat, die 
dieselben Elemente enthält wie das Katzenspiel. Wir werden später 
die Einflüsse dieser Erlebnisse in der Entwicklung des Mädchens un- 
tersuchen. 

Ungefähr aus demselben Alter stammt ein anderes Bild, das auch 
im Hause der Grossmutter spielt. Es ist nach Tisch; ein Teil der 
grossen Familie ist spazieren gegangen. Die Patientin, die ursprüng- 
lich mitgehen sollte, musste im letzten Moment zuhause gelassen 
werden, weil sie eingenässt hatte. Sie wurde ausgezogen und aufs Sofa 
zum Schlafen gelegt. Während sie friedlich und ohne Gefühl einer 
Schuld dalag, kam derselbe Onkel zu ihr, von dem oben die Rede war. 
Er deckte das Kind auf, und während er es wegen seines Einnässens 
ausschilt, schlägt er mit leisen rhythmischen Bewegungen auf ihr Ge- 
nitale : die spätere Onanieform des erwachsenen Mädchens. 

Wie tief schon in einem sehr frühen Alter ihre später fast alles 
beherrschende Sehnsucht nach der Mutter war, kann man daraus 
ersehen, dass die Patientin schon während des Aufenthaltes bei der 
Grossmutter, also während der ersten zwei Lebensjahre, ein bestimm- 
tes Wiegenlied nicht hören konnte, ohne bitterlich zu weinen. Sie 
hat bis spät in ihr Erwachsenenalter dieses Lied niemals ohne Weinen 
anhören können. Ihre Lieblingslieder blieben auch später eindeutig 
Wiegenlieder. 

War schon diese erste Lebensperiode nicht gerade geeignet, ein 
kleines Kind in natürlicher unbefangener Weise aufwachsen zu lassen, 
so ergänzte und verstärkte die zweite Epoche die bisherigen schäd- 
lichen Ansätze noch weit mehr. Die Patientin kam mit zwei Jahren 
ins väterliche Haus zurück und war dort dem Einfluss einer Frau 
unterworfen, die schwer pathologisch war. Es war eine jüngere 
Schwester der verstorbenen Mutter, die den Haushalt des Vaters bis 
zum fünften Jahre der Patientin führte. Sie liebte einerseits das 
kleine Kind abgöttisch und krankhaft und zog es wesentlich den an- 

197 













O. Hansen 

deren Geschwistern vor, die iür die Missetaten der kleinen Schwester 
häufig genug gestraft wurden. Dazu kam, dass die Patientin damals 
sehr hübsch war, vor ihren weniger hübschen Geschwistern auffiel 
und dass diese Unterschiede von der Tante noch bedeutend unter- 
strichen wurden. Sie wurde besonders gut angezogen, bekam gedrehte 
Locken, ging Sommer und Winter in Weiss gekleidet, wurde also wie 
eine kleine Prinzessin gehalten. Dazu förderte und unterstützte die 
Tante, alle Anfragen von Fremden, die das Kind pholographieren, 
malen und zeichnen wollten. Es gibt aus dieser Zeit eine Unmenge 
von Kinderbildern in allen möglichen Stellungen und Kleidern. Auch 
diese Tante führte das Kind ständig im Bekanntenkreise vor wie ein 
dressiertes Äffchen. Es musste Gedichte aufsagen, singen, Klavier- 
Spielen — es musste sich, ob es wollte oder nicht, von allen Menschen 
seiner Umgebung bewundern lassen. Es lässt sich denken, dass diese 
Behandlung des Kindes seine Stellung den Geschwistern gegenüber 
nicht gerade erleichterte. Ganz besonders schwierig entwickelte sich 
die Beziehung zu dem vier Jahre älteren Bruder. Dieser Bruder 
scheint sich für die unerhört sadistische Behandlung, die er durch 
dieselbe Tante erfuhr (sie sperrte ihn z. B. einmal im Nachthemd auf 
den Hängeboden), durch häufige Angriffe und Verhöhnungen der 
kleinen Schwester gerächt zu haben. Dafür zum Beleg wieder ein in 
der Analyse aufgetauchtes Erinnerungsbild: Sie sieht den Korridor 
zwischen Küche und Zimmer. Bruder und Schwester sind allein. Der 
Bruder fordert die Kleine auf: »Zeig mir doch mal dein Pinkel.« Sie 
gehen ins Zimmer zum Sofa, wo sich das Mädchen entblösst und sehr 
stolz und selbstbewusst sagt: »Ssön, niss?« Er erwiedert enttäuscht: 
»Ach, das is ja garnischt! « Der Kopf des Bruders ist dicht über dem 
Genitale des kleinen Mädchens. Aus Ärger über die Kränkung uriniert 
sie drauflos - - dem Bruder ins Gesicht. Er schlägt sie, sie heult. Er 
wird bestraft, sie bekommt keine Schokolade, eine Massnahme, die 
immer bei ihrem häufigen Einnässen getroffen wurde. Wir werden 
später noch ausführlicher auf die Stellung zum Bruder zurück- 
kommen. 

Zur Charakterisierung der Tante sei noch erwähnt, dass sie z. B. 
nachts, wenn sie nicht schlafen konnte, die ältere Schwester aus dem 
Schlaf riss und sie zwang, mit ihr Karten zu spielen, bis diese einmal 
ohnmächtig dabei zusammenbrach und von dem entsetzt herbeigeeil- 
ten Vater ins Bett gebracht wurde. Ich möchte gleich hier hinzufügen, 
dass die Analyse der Vaterbeziehung in der frühen Kindheit nicht sehr 
viel Kaum einnahm. Die Patientin war das verwöhnte Lieblingskind 
des Vaters, der sie aber nie ganz CMüt nahm, was sie sehr kränkte. 
Im Übrigen sah er die Kinder sehr wenig, da er mittags nur kurze Zeit 
nachhause kam und abends meist dann, wenn die Kinder schon 
schliefen. Die. Tante machte sich offensichtlich Hoffnungen auf eine 
Ehe mit dem Vater, was auch aus ihren Verhalten in späteren Jahren 
sehr eindeutig hervorging. Aus dem dritten Lebensjahr erinnerte die 
198 



Ein Kinderschicksal 

Patientin eines Tages unter grosser Erregung folgende Sccne: Es ist 
Nacht. Sie wacht auf und sieht im Halbdunkel die Tante unter hef- 
tigen Gestikulationen auf einen Mann einreden, der sich abwehrend 
zur Tür zurückzieht und diese hinter sich schliesst. Das Kind nässt 
vor Schreck ein und die vom Mann enttäuschte Tante entleert ihre 
ganze Wut auf das Kind, das sie furchtbar schlägt und dabei fest 
umklammert hält. Nachher tut ihr das Kind leid und sie bedeckt 
es mit Zärtlichkeiten. Die Patientin glaubt übrigens, dass die Tante 
sie öfters am Genitale und Gesäss geküsst habe. Als die Patientin 
vierzehn Jahre alt war, forderte die Tante sie auf, ihr ihre Brust zu 
zeigen, weil sie schon so schön entwickelt sei. — In diese Zeit, in der 
die Tante im Hause war, fällt auch noch folgende Erinnerung: Eines 
Tages wird die Patientin von einem anderen Bruder der Mutter mit 
auf sein Zimmer genommen. Hier gibt er ihr Bonbons und Schokolade 
und bittet sie, sich ganz auszuziehen. Auf ihre erstaunte Frage ant- 
wortet er: »Ich will dich zeichnen« 1 ). Dann machte er ihr mit zit- 
ternden Händen die Hosen auf. Sie sieht sich ganz nackt auf einem 
Tisch liegen. Er spreizt sanft und ohne Gewalt die Schamlippen und 
betrachtet unter leisen Berührungen ihr Genitale. 

Die ersten fünf Lebensjahre der Patientin waren also im Wesent- 
lichen mit Bemühungen ausgefüllt, aus ihr einen eitlen Zieraffen zu 
machen, einerseits ihren Narzissmus aufs äusserste zu steigern, an- 
dererseits in höchst ungesunder und ihrem Alter nicht entsprechender 
Weise zur Erregung Iibidinöser Wünsche beizutragen und ihre Sexua- 
lität in falsche Bahnen zu lenken. Sehen wir nun, was in den nächsten 
zehn Jahren auf das Kind eindrang und in welcher Weise in sein 
Leben eingegriffen wurde. 

Als die Tante auf Betreiben des ältesten Bruders, der die Quä- 
lereien siner Geschwister nicht mehr mit ansehen konnte, das Haus 
verlassen musste, übernahm eine sogenannte Erzieherin den Haushalt 
und die Erziehung der Kinder. Bei allem, was nunmehr geschildert 
wird, sei vorausgeschickt, dass auch diese Frau bewusst die Patientin 
am meisten von den Kindern geliebt zu haben scheint. Diese Frau, 
ein harter, zärtlichkeitsfremder, engbegrenzter, nüchterner Mensch, 
warf von einem Tag zum andern alle bisherigen »Erziehungs« grund- 
sätze um und führte einen Lebenstil von spartanischer Einfachheit 
und Freudlosigkeit ein. Man konnte zweifeln, welches Motiv dafür 
den grössten Ausschlag gab, ihre Dummheit, ihr. Egoismus oder ihre 
Faulheit. Die kleine Prinzessin verwandelte sich sehr schnell in ein 
Aschenbrödel. An Stelle der hellen Kleider mit den freundlichen 
bunten Schleifen gab es nur noch werktags und Sonntags schlichte 



l) Hier erinnern wir uns daran, dass Gezeichnetwerden nichts Ungewöhnliches, 
für das kleine Mädchen war. Eine Schwester des Onkels, eine Malerin, hatte 
sie im Atelier gemalt. Der Onkel selbst erfreute sich wegen seines Zeichnen* 
grosser Beliebtheit bei den Kindern. Kr starb später an Paralyse, die Ma- 
lerin durch Selbstmord. 

199 



r 



O. Hansen 

dunkle Kleider mit hohem Kragen und langen Ärmeln, die den Vorteil 
hatten, nicht so leicht zu schmutzen und dadurch das Waschen zu 
ersparen. Die Locken wurden mit Gewalt ausgebürstet und Zöpfe 
geflochten, die so fest angezogen wurden, dass der Kopf schmerzte. 
Jeder Fleck, jedes Verlieren, jede Unordentlichkeit wurden hart ge- 
rügt. Alles wurde eingeteilt und reguliert, Ausnahmen gab es kaum. 
Das zärtlichkeitgewohnte und liebedürftige Kind bekam zu allen Ge- 
burtstagen und sonstigen Festtagen einen Kuss, sonst nie. Es hatte 
allerdings die gnädige Erlaubnis, der Erzieherin abends einen Gute- 
nachtkuss geben zu dürfen. Dabei wurde unbedingter Gehorsam ver- 
langt, Auflehnungsversuche streng bestraft. Ausdrücke wie »Ich 
werde dir schon den Bock austreiben« und »Wenn du nicht sofort 
folgst, werde ichmndere Seiten aufziehen«, »Wer nicht hören will, 
muss fühlen«, »Wer sein Kind lieb hat, züchtigt es« kennzeichnen den 
Geist, der ins Haus gezogen war. Dabei versuchte die Erzieherin mit 
allen Mitteln, die Familie der Mutter in den Augen des Kindes her- 
abzusetzen, während diese wiederum heimlich um das Kind warb 
und unter seiner vollzogenen Veränderung litt. Der äussere Unter- 
schied wird vielleicht am besten durch die Tatsache gekennzeichnet, 
dass das einstmals vielbewunderte Kind jetzt in der Schule das fast 
am schlechtesten angezogene war und jede Schulfeier als Qual 
empfand, weil es sich im Kreise seiner festlich gekleideten Kame- 
radinnen in seinen dunklen Kleidern als besonders hässlich empfand. 
Und dasselbe Kind, das nur Schmeicheleien wegen seines Aussehens 
zu hören bekommen hatte, musste in seinem Abendgebet die Bitte 
an den lieben Gott richten, ihm doch anstatt seiner gelben Strohhaare 
(es hatte besonders schönes weiches, blondes Haar) schwarze zu 
geben, nachdem es einmal unbefangen sich darüber geäussert hatte, 
dass es sich im Spiegel hübsch gefunden hatte. Hauptforderung wurde 
nun, artig und folgsam zu sein und aufs Wort zu gehorchen. Ich 
lasse wieder einige der beliebtesten Grundregeln folgen: »Man spricht 
nur, wenn man gefragt wird, nicht von selbst«, »Man nimmt nur, 
wenn man angeboten bekommt«, »Betteln und Fordern gibt es nicht«, 
»Man nimmt nur bescheiden das kleinste Stück Kuchen und nur 
höchstens ein bis zwei Stück«. — »Kinder haben keinen Willen«, »Man 
darf sich nicht aufdrängen und zu Menschen nur hingehen, wenn 
man dazu aufgefordert wird«, »Für jede Freundlichkeit hat man sich 
dankbar zu erweisen und sie zurückzuerstatten«. Ständig die Er- 
mahnung zu bescheidenem und zurückhaltendem Auftreten, denn 
»was würden die Leute dazu sagen«. Dazu kam, dass das Kind keine 
Möglichkeiten hatte, sich im Spiel mit anderen Gefährten ein Stück 
Freiheit zu bewahren. Es durfte nie selbständig einen Weg unter- 
nehmen, nie durften Freundinnen einfach mit nachhause gebracht 
-werden. Nur in Ausnahmefällen wurde gestattet, nach vorheriger 
Anfrage ein Kind nachmittags »einzuladen«. Da sie selbst keine 
Kindergesellschaft während der ganzen zehn Jahre geben durfte, 

2€0 



_ 



Ein Kinderschicksal 

wurde sie auch bald nicht mehr zu den anderen gebeten und so, ganz 
entgegen ihrem Wesen, in die Isolierung gedrängt. 

Was die Zeit dieses Regiments an Triebstauungen und Ver- 
drängungen geleistet hat, sei an ein paar Beispielen illustriert: Kurz 
nach dem Einzug dieser Erzieherin nahm diese mit den brutalsten 
Mitteln den Kampf gegen das Einnässen und später auch gegen die 
Onanie auf. Sie schlug das Kind, ängstigte es mit Drohungen und 
erschreckte es durch Strafen. So hängte sie ihm einmal eine nasse 
Hose auf die Schulmappe und liess es drei Treppen damit hinunter- 
gehen, um es in dem Glauben zu lassen, es müsse so zur Schule 
gehen. — Die Onanie des Bruders wurde mit strengen Mitteln wie 
Händefestbinden zu unterdrücken versucht, während bei dem kleinen 
Mädchen allmählich schon die Aufforderung genügte, mit den Händen 
über der Decke zu schlafen, gewürzt mit Hinweisen, dass der liebe 
Gott ja doch alles sähe, auch im Dunkeln und auch, wenn sich das 
Kind allein glaubte. Sollte sie versucht sein zu schwindeln, so müsse 
sie wissen, dass der liebe Gott dann auf die Stirn ein Kainszeichen 
male, so dass alle Menschen wüssten, was sie getan hätte. Ausserdem 
wurde genau die Zeit bestimmt, die sie auf dem Klosett zubringen 
dürfte und jede Minute darüber hinaus mit argwöhnischen und miss- ■ 
trauischen Fragen begleitet, deren Sinn das Kind schon nicht mehr 

erfasste. 

Jede der beiden geschilderten Erziehungsmethoden hätte aus- 
gereicht, um ein Kind neurotisch werden zu lassen. Wieviel grösser 
mussten die Erschütterungen sein, die diese krasse Gegensätzlichkeit 
im Kinde hervorrief. Dazu kam noch als weiter erschwerend, dass 
das Verhältnis zu dem schon erwähnten Bruder sich mehr und mehr 
verschlechterte. Sie standen wie Hund und Katze. Er schlug und 
kniff sie, zum Teil heimlich aus dem Hinterhalt, sie heulte und 
verpetzte ihn, unfähig, sich aus eigener Kraft gegen ihn zu wehren. 
Als er einmal als Held etwas für sie tun wollte, endete dieser Versuch 
damit, dass er geprügelt und ohne Abendbrot ins Bett geschickt wurde, 
während die Patientin voller Schuldgefühl dabei stand und schwieg, 
anstatt zu sagen, dass sie die eigentliche Urheberin seiner Tat sei. 
Im Übrigen wehrte er sich gegen sie und ihre auch jetzt noch be- 
vorzugte Stellung damit, dass er sie verhöhnte. Die Patientin brachte 
in die Analyse eine Scene, die ihr immer bewusst gewesen war. 
Während der Sommerferien, in denen die beiden in einem Zimmer 
schliefen, steht der Junge im kurzen Hemd am Eimer und uriniert 
hinein, mit Unterbrechungen und im grossen Bogen. Bewundernd 
schaut die Schwester zu. Als sie versuchen will, es ebenso zu machen, 
lacht er sie aus. Er verspottet sie in den Zeiten ihrer Affigkeit, neckt 
sie wegen ihres Einnässens und durchschaut dabei als einziger ihre 
sadistischen Impulse. So ist er es, der entdeckt, wie sie in ihrem 
Puppenwagen sorgfältig aus Angst vor Strafe die Glieder ihrer zer- 
brochenen Puppen aufbewahrt, denen von aussen nichts anzusehen 

201 



- 






O. Hansen 

war. Er macht ein langes Gedicht auf die »Puppenmörderin«, die 
im übrigen als Engel an Sanftmut und Artigkeit bekannt war. Er 
verlacht sie, wo er nur kann. Immer wieder taucht in der Analyse 
sein feixendes Gesicht auf in Situationen, in denen sie wehrlos ist. 
Wie tief sich die Rolle dieses Bruders in ihr ausgewirkt hat, wird 
später deutlich hervorgehen. Sie hasste ihn tief und konnte keine 
Trauer empfinden, als er starb. Ihr erste Gefühl bei der Nachricht 
von seinem Tode war Freude, ihn und seine Quälereien los zu sein. 
Erst darauf setzten dann Schuldgefühle und Depressionen ein. 

Aus der weiteren Entwicklung der Patientin ist noch nachzutragen, 
dass die Erzieherin nach zehn Jahren von der Schwester aus dem 
Hause gedrängt und durch eine andere Tante abgelöst wurde, die 
zum grössten Ärger von Bruder und Patientin die ältere Schwester 
vorzog und sie wegen eines Tuberkuloseverdachtes hauptsächlich 
durch sehr gute Ernährung verwöhnte. Es war wohl die einzige Zeit, 
wo die Patientin und der Bruder sich im Hass gegen die Tante ver- 
standen und schliesslich mit vereinten Kräften ihre Entfernung nach 
ein paar Jahren erzwangen. Die Zeit, in der die Tante im Hause war, 
fiel in die Pubertätszeit der Patientin. Erstaunlicherweise war die 
Patientin durch die vorangegangenen Jahre doch nicht so völlig 
kleingekriegt worden, dass es in den Pubertäts jähren nicht zu den 
wildesten Stürmen, besonders gegen Tante und Schwester gekommen 
wäre. Es gab Jähzornsausbrüche, in denen die Patientin ihre 
Schwester misshandelte, mit Gegenständen warf usw. Die Stimmung 
schwankte zwischen Extremen, ihre Labilität war ungeheuer gross. 
Es war die Zeit, in der die Patientin einerseits eine unstillbare Sehn- 
sucht nach der Mutter empfand und immer wieder Ersatzpersonen 
für sie suchte, verbunden mit den schwersten Schuldgefühlen, weil 
sie sich durch ihre Geburt als Mörderin der Mutter fühlte. Anderer- 
seits tauchten hier zum erstenmal starke Ängste vor dem Verrückt- 
werden auf und der feste Glaube, dass dies das zu erwartende Schick- 
sal sei. Mit 22 Jahren setzte wieder unter schwersten Schuldgefühlen 
die bewusste Onanie ein. Die Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle 
dieserhalb wurden durch das Urteil bekannter Ärzte noch gesteigert. 
Ich möchte hier darauf hinweisen, dass sich in diesem Alter die 
sexualfeindliche und hemmende Einstellung der sogenannten Er- 
zieherin voll auszuwirken begann. Die Patientin war zum grössten 
Stolz der Erzieherin sehr lange »rein und kindlich« geblieben und 
spielte noch mit vierzehn Jahren mit Puppen. Kein Wunder, wenn 
man bedenkt, dass das Kind mit zehn Jahren eine Ohrfeige empfangen 
hatte, als sie eine Frage nach der Entstehung der Kinder gestellt 
hatte. Ausserdem war ihr gründlich eingeprägt Worden, dass Mädchen 
nichts mit Jungen zu tun haben dürften, dass also auch die Patientin 
sich um keinen Jungen zu kümmern hätte. Schon mit fünf Jahren 
war ihr verübelt und als Koketterie ausgelegt worden, dass sie Ar- 
beitern auf der Strasse zugelächelt hatte. Wie sollte dieses Mädchen 
202 







Ein Kinderschicksal 

den Weg zum Mann finden? Sie hatte nie um sich herum ein wirk- 
liches Eheleben kennen gelernt. Der Vater, innerlich weich, verbarg 
seine Weichheit unter seinem rauhen, bärbeissigen Ton, den das Kind 
lange nicht zu durchschauen vermochte. Ich erwähnte schon, dass 
er das Kind nicht ernst nahm, es wegen kleiner Äusserlichkeiten 
verspottete und seine Geheimnisse preisgab. Er war sparsam bis zum 
Geiz, bei eigener grosser Anspruchslosigkeit. Er war Kaufmann bei 
ungefähr 600 Mark monatlichem Einkommen, während der Lebens- 
standard einem Einkommen von ungefähr 300 bis 350 Mark entsprach 
bei einer siebenköpfigen Familie. Das Kind erlebte die Kämpfe ums 
Wirtschaftsgeld, um ein Kleid, ein paar Schuhe mit, während es 
zugleich wusste, dass derselbe Vater nach aussen übertriebene Ge- 
schenke machte. Erst sehr viel später gelang es ihr, ihn objektiv zu 
sehen, seine positiven Seiten anzuerkennen und ihn nicht mehr zu 
fürchten. Was sie am Bruder kennen gelernt hatte, war auch nicht 
dazu angetan, ihr den Mann als erstrebenswertes Objekt ihrer Trieb- 
wünsche erscheinen zu lassen. 

Ich möchte jetzt einmal zusammenstellen, wie die eben ge- 
schilderte Erziehung die Vorstellungen des kleinen Mädchens von 
der Sexualität und ihrem eigenen Genitale beeinflusste und wie ihr 
Erwachsenenleben dadurch entscheidend beeinflusst und gestört 
wurde. Der sehr früh einsetzende und beharrliche Kampf der Er- 
wachsenen gegen die berechtigten Wünsche des Kindes und gegen 
seine Versuche, diese Wünsche auch gegen den Willen der Erwach- 
senen durchzusetzen, hatten offenbar allmählich in dem Kind das 
Gefühl geweckt, dass seine ursprünglichen Vitalität etwas Fremdes 
und nicht zu ihm Gehörendes sei. Vergegenwärtigen wir uns noch 
einmal: Das Kind hatte einen Triebwunsch, wird an dessen Erfüllung 
gehindert, reagiert auf diese Störung mit Wut. Diese Wut wird von 
den Erwachsenen personifiziert und als »Bock« bezeichnet, den man 
austreiben müsse, eine unzählige Male gemachte Äusserung. Langsam 
nimmt das Kind diese Annahme in sich auf, dass der Triebwunsch, 
seine Versuche, zur Erfüllung zu gelangen, seine Hassreaktionen auf 
Behinderungen und schliesslich der hauptsächlichste und bedeutungs- 
vollste Ort seiner Entstehung, das Genitale, ein Fremdkörper in ihm 
sei, der bekämpft und entfernt werden müsse. Dieser Fremdkörper, 
den es in sich zu tragen vermeinte, nahm im Lauf der Kindheit 
verschiedene Gestalt in der Phantasie des Kindes an. Ich lasse einige 
dieser Phantasien folgen. 

Die früheste Form, in der das Kind seine Triebwünsche erlebte, 
war wahrscheinlich deren Gleichsetzung mit einem Tier, wohl hervor- 
gegangen aus der Vorstellung des Bockes und aus Tierbeobachtungen 
(siehe Katzenspiel). Der Patientin wurde in der Analyse unter leb- 
haften Affekten bewusst, dass sie glaubte, ein wildes Tier in sich zu 
tragen, vor dem sie sehr fürchtete. Sie schilderte es als Raubtier, 
Tiger oder Löwin, das unruhig im Käfig hin und her läuft. Sie sah 

203 






O. Hansen 

seine gierigen Augen, den aufgesperrten Rachen vor sich, glaubte 
seine brüllenden und drohenden Schreie zu vernehmen, die Ausdruck 
seines Hungers waren. Die Patientin hatte die plastische Vorstellung, 
dass alles, was in die Vagina eingeführt wurde, von dem Tier 
gefressen wurde, dass z. B. der in die Vagina eingeführte Finger bei 
der Onanie von dem Maul des Tieres erfasst und dass allmählich der 
ganze Körper der Patientin nachgezogen und gefressen werde. 

Dass diese Vorstellung ihren Ursprung in sehr früher Kindheit 
gehabt haben musste, ging aus der Erinnerung an das Katzenspiel 
hervor. Sie musste also in einer Zeit entstanden sein, als infolge 
der Grössen Verhältnisse des Kindes die Katze als wildes Raubtier 
empfunden wurde. 

Nicht minder quälend war für die Patientin die Vorstellung, eine 
Art von Höllenmaschine in sich zu tragen. Sie wurde zuerst in der 
Gestalt eines Nussknackers erlebt in Form eines Hexenkopfes (ein 
Reisegeschenk der Kinder an die Grossmutter) ; später war es eine 
Holzwand, die die Vagina gegen den Bauchraum abschloss und an- 
deren unterem Ende eine kreisrunde Öffnung mit einem Guillotine- 
messer angebracht war. Dieser Messer bewegte sich automatisch, 
unbeirrbar gleichmässig und war durch nichts aufzuhalten. Was in 
die Vagina hineinkommt, wird unweigerlich in kleine gleichmässige 
Teile zerschnitten. Das geschieht mit dem Penis ebenso wie mit den 
Fingern, bei der vaginalen Onanie. 

Die Drohungen mit dem lieben Gott, der alles sieht und weiss, und 
später die Bekanntmachung mit den Religionsgeschichten führten zu 
der Phantasie, dass in der Vagina ein Flammenschwert sei, mit der 
Spitze nach aussen gerichtet, das, wie einstmals Adam und Eva nach 
ihrer Vertreibung aus dem Garten Eden, jedem Eindringling den 
Eingang in die Vagina verwehrte. Gerade hierbei tritt besonders 
deutlich die ganze Schwere der sexualverdrängenden Momente zutage. 
Das Flammenschwert tritt ja in der Bibel als Strafe für den Wunsch 
nach Erkenntnis auf. Statt des Wissens wird nur der blinde Glaube 
gestattet. Wir werden die Wirkung dieser Geschichten nicht unter- 
schätzen dürfen bei einem Kind, das mit Ohrfeigen empfangen wird, 
wenn es selbstverständliche Fragen stellt (siehe oben) und das z. B. 
angeschrien wird, wenn es sich beim An- und Auskleiden der Er- 
zieherin umzudrehen wagt. Es besteht Jahre hindurch die strikte 
Weisung, zu dieser Zeit mit dem Kopf zur Wand zu liegen. 

Aber noch etwas anderes geht aus all diesen Phantasien hervor: 
Man kann sich schwer vorstellen, dass eine Frau sich einem Mann 
unbefangen nähern kann, wenn sie von dem Bewusstsein der von ihr 
beherbergten Mordinstrumente erfüllt ist. Sie muss also angstvoll 
jede eigene Aktivität unterdrücken, da sie nicht verantworten kann, 
bewusst den Mann in sein Verderben zu locken. Ausserdem schwebt 
sie immer in der Angst, dass die Anderen dieses Geheimnis erfahren 
könnten. Es ist dann nur ein schwacher Trost, als Träger des Flam- 

204 






Ein Kinderschicksal 

menschwertes, sich als treue Dienerin Gottes zu fühlen und zu wissen, 
dass die zunehmende Isolierung und Triebeinschränkung eine de- 
mütige Erfüllung von Gottes Gebot ist. 

Damit kommen wir schon zu der Frage: Wie muss das Welt- 
bild eines Menschen aussehen, der unter den geschilderten Um- 
ständen aufgewachsen ist? Eingeengt durch Verbote, geängstigt durch 
Drohungen, abgeschreckt durch Strafen bei Übertretung der harten 
und strengen Gesetze schwindet mehr und mehr die Möglichkeit, sich 
einen den Kräften entsprechenden Lebensraum zu schaffen. Was 
ursprünglich gradlinig und kraftvoll war, wird zerschlagen und zer- 
trampelt. Und so wird aus einem sehr vitalen, interessierten, der 
Welt geöffneten Kind mit starkem Willen langsam aber sicher ein 
ängstliches, schüchternes, oft depressives, das alle Anforderungen an 
Artigkeit und Bescheidenheit weitgehend erfüllt, das sich unter der 
Macht der Umgebung deren Gesetzen allmählich fügen lernt, weil 
seine Kräfte nicht im Verhältnis stehen zu den angewandten Mitteln. 
Die Analyse konnte nachweisen, wie die erwachsene Frau weitgehend 
beherrscht von den kindlichen Vorstellungen war. Da ihr statt 
Wahrheit und Realität nur verfälschende Geschichten und Märchen 
geboten worden waren, konnte sie sich unmöglich die Waffen zur 
Beherrschung des Lebenskampfes schaffen. Sie blieb in den infantilen 
Märchenvorstellungen und ihren magischen Beziehungen zur Umwelt 
haften und fasste alles im Sinne der angebotenen Märchen auf. Dafür 
einige Belege: 

Das ganze Leben ist eine Reihenfolge von Aufgaben, die von einer 
unbekannten Macht gestellt werden. Von ihrer rechtzeitigen Erfüllung 
hängt es ab, ob man weiter leben darf oder ob man selbst oder ein 
anderer (die Mutter?) dem Tode verfällt (vergleiche das Märchen 
von der blauen Wunderblume). Die Analyse dient dazu, bei der 
Erfüllung dieser Aufgaben zu helfen. Aber es ist eine zwiespältige 
Hilfe. Sie wird von der Patientin adäquat der Hilfeleistung emp- 
funden, die Rumpelstilzchen der Königin angedeihen lässt. Auch da 
lauert im Hintergrund schwerer Verlust. Dazu kommt, dass ein 
teuflisches Wesen, ein Kobold, der in der Patientin sitzt, sie an der 
Erfüllung ihrer Wünsche hindert. Er lässt sie zu keinem ganzen 
Erlebnis kommen. Er droht bei allem, dass er ein gutes Ende vereiteln 
werde. Sie könne sich anstrengen soviel wie sie wolle, er werde jeden 
Erfolg zu unterbinden wissen. Dieser Kobold wird von der Patientin 
»der Höhner« genannt und wir werden unschwer in ihm die Gestalt 
des Bruders wiedererkennen. Nach der gründlichen Analyse des. 
Höhners schwanden die paranoiden Symptome mehr und mehr. 

überlegen wir uns noch einige der Schwierigkeiten, die der thera- 
peutischen Arbeit entgegenstehen mussten. In der Analyse kam es 
darauf an, alle diese Fremdkörper (Tier, Maschine, Schwert, Höhner) 
zu zerstören. Das war etwas, was die Patientin mit einem Teil ihres 
Wesens bejahte, denn sie litt ja sehr unter inrem vermuteten Vor- 

205 



Wilhelm Reich 

handensein, aber dagegen stand die Tatsache, dass diese Dinge weit- 
gehend ihr Leben bisher an- und ausgefüllt hatten. Es wird uns nicht 
so unverständlich erscheinen, wenn die Patientin auf die Vorstellung 
der Entfernung zunächst mit heftiger Angst reagierte und zwar sowohl 
mit einer Angst vor einem Vakuum in sich als auch mit schwerster 
Angst vor Einsamkeit und grenzenloser Verlassenheit, die sich zeit- 
weise zu ausgesprochener Todesangst steigerte. 

Ausserdem hatte sich die Patientin mehr und mehr daran gewöhnt, 
in Ermangelung positiver Lustmöglichkeiten, aus ihrem Leiden Ge- 
winn zu ziehen. Ihre ganze Haltung schien auszudrücken: »Habt ihr 
mich ruiniert, dann tragt auch die Konsequenzen, ich wollte anders 
werden. Wenn ihr mich nicht nach meinen Anlagen aufwachsen liesst, 
dann wundert euch nicht, wenn ich als unselbständiger, ängstlicher 
Mensch unfähig, allein zu sein, immer an irgend einem Objekt klebend 
und Mitleid heischend durchs Leben gehe. Ihr wolltet es ja nicht 
anders. Bitte schön, da habt ihrs.« So ging sie wirklich ihren Weg, 
bedrückt von Angst und Minderwertigkeitsgefühlen, als dauernder 
stummer Vorwurf und Anklage gegen ihre Umgebung. 

Wir gaben dies Beispiel als eines von vielen. Wir könnten aus den 
Erfahrungen der Praxis es um beliebig viele vermehren. Wir wollten 
nur einmal eindrucksvoll schildern, wohin die soviel gepriesene, 
als unantastbares Gut hingestellte Familienerziehung führen kann. 
Wieviel Arbeitsmöglichkeiten wurden zerschlagen, wieviel Glück und 
Lebensfreude zerstört! Und wir betonen noch einmal: Ein Beispiel 
aus beliebig vielen herausgenommen. Nichts Besonderes, nichts Un- 
gewöhnliches! Aber wir verstehen hier, wie auf solche Weise die 
Grundlagen geschaffen werden zur geduldigen leidensvollen Einfügung 
in die bestehenden Ordnungen und wir begreifen die wichtige Rolle 
der sexualverneinenden triebfeindlichen Erziehung, die innerhalb der 
bürgerlichen Gesellschaft nur ganz besonders starken Menschen ge- 
stattet, frei zu bleiben und nicht im blinden Glauben die jetzigen 
Verhältnisse als unwiderruflich und von Gott geschaffen anzusehen. 



Wilhelm Reich 5.-10. Tausend 

Der sexuelle Kampf der Jugend ^ kTVZ. 

Umfang 160 Seifen. Mit einem Fremdwörterverzeichnis und vielen Abbildungen 

NEUE I.EHRERZEITUNfi : 

» Reich (gibt) eine gründliche Analyse der sozialen Wurzeln der Sexualnot 

und zeigt, dass die sexuelle Befreiung nur von einer Änderung des wirtschaftlichen 
und politischen Fundaments der Gesellschaft erwartet werden kann. Die Sprache 
des Buches ist volkstümlich, so dass es besonders der proletarischen Jugend, für 
die es geschrieben ist, als Wegweiser dienen wird. Wir empfehlen es aber darüber 
hinaus allen Lehrern und Erziehern « 



206 



Die vegetafive Urform des Libido-Angsl-Gegensatzas 



' 



Abhandlungen zur personellen Sexualökonomie 

Die vegetative Urform des Libido-Angst-Gegensatzes 

Von Wilhelm Reich 

1. Flüssigkeitsströmung und psychische »Tendenz« im Orgunismus 
Fassen wir, um den Anschluss an das Weitere zu finden, die bis- 
herigen Tatbestände zusammen 1 ): 

1) Im Angstzustand strömt die Körperflüssigkeit, das Blut und 
die übrigen Körpersäfte, aus der Peripherie ab. In der sexuellen Er- 
regung erfolgt das Gegenteil, stellen sich erhöhter Turgor der peri- 
pheren Gewebe, Blutüberfüllung der Haut und Schleimhaut, ver- 
mehrte Sekretion der Speichel- und Genitaldrüsen ein. 

2) Plötzliche chemotoxische Erweiterung der peripheren Gefässe 
löst Angst (Cholinwirkung). Verhinderung der sexuellen Motilität, 
d. h. des peripheren Turgors erzeugt Angst (Adrenalinwirkung). 

3) In der psychischen Apparatur sind wir auf Grund der Erschei- 
nungen genötigt, ganz unabhängig von diesen physiologischen Tal- 
beständen eine Richtung seelischen Interesses »zur Welt hin« und 
eine ihr entgegengesetzte »von der Welt weg« anzunehmen. 

4) In der biologischen Welt finden wir ganz allgemein zwei ein- 
ander entgegengesetzte Richtungen oder Funktionen, deren Ergebnis 
die Kugelform beziehungsweise deren Gegenteil, Fortsatzbildung und 
Ausbreitung ist. 

Uns fällt auf, dass überall jeweils die Richtung der Flüssigkeits- 
strömung mit der psychischen oder besser biologischen Richtung 
gleichsinnig ist: Tendenz zur Welt, Ausbreitung, Angstlösung gehen 
mit zentrifugaler, Tendenz weg von der Welt, Abkugelung, Angst- 
bildung gehen mit zentripetaler Strömung einher. Uns interessiert 
nun, festzustellen, ob es sich um ein zufälliges Zusammentreffen 
oder aber um eine wichtige, bisher übersehene grundlegende Gesetz- 
mässigkeit des Organischen handelt. Sie wäre für unsere Auffas- 
sung der funktionellen Identität psychischer und physischer Funktio- 
nen von allergrösster Bedeutung; wir wollen zunächst einige elemen- 






1) Vergl. »Der Urgegensatz des vegetativen Lebens«, Heft 2 der '/.. t |>. P. u. S. 

207 



Wilhelm Reich 

tare Tatbestände zusammentragen, deren Zusammenfassung uns be- 
fähigen wird, eine Reihe sonst unverständlicher Zusammenhänge von 
körperlichen und seelischen Funktionen klar zu begreifen. 

Bei den Einzellern und solchen Vielzellern, die noch kein Blut- 
system zur Entwicklung brachten, wurde eine Plasmabewegung fest- 
gestellt, die in bestimmten gesetzmässigen Beziehungen zu den pri- 
mitiven Lebensfunktionen steht. In den pflanzlichen Zellen zeigt das 
Plasma rotierende und zirkulierende Bewegungen. Diese Bewegungen 
sprechen auf elektrische Reizungen prompt an. So rufen schwache 
elektrische Reize Verlangsamung, stärkere völligen Stillstand der 
Plasmabewegung herbei. 

Am deutlichsten tritt die Erscheinung der Plasmabewegung, sowohl 
die spontane wie die durch elektrische Reizung veränderte, bei den 
Amöben auf. In ihrem Protoplasma gibt es korpuskulare Elemente, 
die sich als mit Wasser gefüllte kugelige Bläschen erweisen. Die «kon- 
traktile Vakuole« ist eine solche kugelige Wasserblase, die von Zeit 
zu Zeit zusammenfällt und dabei die in ihr enthaltene Flüssigkeit 
entleert. Die Bewegung der Amöben hängt nach Mar Hartmann 
unmittelbar von der Plasmaströmung ab. In der Bewegung nach vorne 
strömt Plasma aus dem Zentrum an die Peripherie, wodurch das 
Plasmafüsschen erst entsteht, und an den Seiten des Amöbenlcibes 
wieder zurück. Wird die Amöbe berührt, so kehrt sich die Plasma- 
strömung um, das heisst, das Plasma strömt aus der Peripherie des 
Pseudopodiums ins Zentrum zurück. Damit geht das Einziehen des 
Pseudopodiums einher. Hat die Amöbe mehrere Pseudopodien aus- 
gestreckt und berührt sie zufällig etwas Festes, so strömt das Plasma 
in der Richtung desjenigen Füsschens, das in Berührung mit dem 
festen Körper ist, während die anderen Pseudopodien durch Plasma- 
entleerung eingezogen werden. Beim Fressen strömt das Plasma 
immer in peripherer Richtung. Die Amöbe reagiert mit den Plasma- 
strömungen auf chemische, thermische, elektrische und Helligkeits- 
reize, auf die letzten negativ, abwendend. Nach Beobachtungen von 
Rhumbler, Engelmann, Harrington, Daunport u. a. lassen fressende 
Amöben bei plötzlicher Belichtung das Fressen, geben sogar die ver- 
schlungenen Fäden wieder heraus und ziehen sich zusammen; sie 
strömen frei bei rotem Licht, werden gehemmt durch blaues, doch 
bewegt sich die Amöbe stets in der Richtung der konstanten Licht- 
strahlen. 

Bei den Amöben besteht nichts als vegetative Strömung des Plasmas 
als Unterbau des lebendigen Aktionssystems. 

Fassen wir die wichtigsten Funde der Biologen über die Strömung 
und die mit ihr einhergehende Formbildung zusammen. Zunächst 
ist festzuhalten, dass sich nach Rhumbler bei der zentrifugalen Plas- 
maströmung die dünnflüssige Plasmamasse des Zelleibes (Ento- 
plasma) in dickflüssiges Plasma der Peripherie verwandelt (Ekto- 
plasma). Bei der zentripetalen (auch sphärogen genannten), also 

208 









Die vegetative Urform des Libido-Angst-Gegensatzes 

umgekehrten Strömung verwandelt sich wieder das zähflüssige Ekkr- 
in dünnflüssiges Entoplasma. Diese Beobachtung dürfte die An- 
nahme von Fr. Kraus bestätigen, dass es sich bei den grundsätzlichen 
organischen Bewegungserscheinungen um Hydration beziehungsweise 
Deshydration kolloider Substanz handelt, also um Veränderung der 
Dichte der Substanz durch Veränderung des Wassergehalts . 

Die meisten Erscheinungen der Pseudopodienbewegung demon- 
strieren nach Max Hartmann den vorwiegend flüssigen Aggregatzu- 
stand des Protoplasmas. Die Bewegung selbst ist nach den vorlie- 
genden Untersuchungen ein Ergebnis stetigen Wechsels von Expan- 
sion und Kontraktion, beim Plasma des Einzellers nicht anders als 
beim Muskel des Vielzellers. Auch hier liegt ein Wechsel von Kon- 
traktion (Tendenz: Kugelform) und Expansion (Tendenz: Längs- 
form) vor. Wir kommen in anderem Zusammenhange auf die Iden- 
tität der Plasma- und der Muskelbewegung als einer Flüssigkeitsbewe- 
gung zurück. Wichtig scheint uns, dass nach Hofer und Gruber 
auch kernlos gemachte Protoplasmaleiber tagelang Pseudopodienbil- 
dung zeigen. 

Über die heute allgemein bekannte, zuerst von Bütschli, Berthold und 
Quincke vertretene Auffassung, dass die Pseudopodienbewegung auf 
hydromechanische Gesetze der Oberflächenspannung zurückzuführen 
sei, herrscht bei aller fliessenden Pseudopodienbewegung Überein- 
stimmung. An der Grenze zweier nicht mischbarer Flüssigkeiten 
(z. B. Öl und Wasser, Salzelektrolyt/Kolloidelektrolyt) treten Oberflä- 
chenspannungen und -energien in Kraft, so auch beim Plasma. Als 
solche Energien sind anzusehen erstens der Binnendruck, der vom 
Zentrum her die Oberfläche zu vergrössern sucht, zweitens die Ober- 
flächenspannung, die von der Peripherie her auf das Zentrum wirkt 
(und überdies tangential zur Krümmung der Oberfläche). Die Grösse 
des Drucks der Volumenenergie ist proportional der Oberflächenspan- 
nung und umgekehrt proportional dem Radius. Ist die Oberflächenspan- 
nung des umgebenden Mediums geringer als die des Plasmatropfens, 
so muss die Oberflächenspannung des letzteren überwiegen und die 
Kugelform (Gleichgewichtszustand) erzwingen. Man nimmt nun an, 
dass sich ein Pseudopodium dann bildet, wenn die Oberflächenspan- 
nung an irgendeiner Stelle der Oberfläche aus irgendeinem Grunde 
kleiner wird. Diese Auffassung kann nicht das Wesentliche am Vor- 
gang erfassen, denn in diesem Falle läge nur eine passive Bewegung 
vor. In Wirklichkeit deutet der einsetzende Plasmastrom auf eine 
aktive Leistung von innen her hin. Das verlockt leicht zu vorschnellen 
vitalistischen Annahmen, die zu vermeiden wir allen Grund haben. 
Gewiss reicht die Wirkung des Binnendruckes allein zur Erklärung 
der endogenen Expansionstendenz nicht aus, wir müssten denn be- 
greifen, weshalb der anorganische Tropfen sich nicht bewegt, obgleich 
er ebenfalls einen Binnendruck hat. Es muss aber beim Lebendigen 

209 



ä 



■—- 



Wilhelm Reich 

etwas zur mechanischen Spannung hinzukommen, um aktive Bewe- 
gung zu erzeugen. 

Sehr wichtig sind in diesem Zusammenhange die Modellversuche, 
die von Bütschli zur Nachbildung der organischen Plasmaströmung 
bei der Amöbe angestellt wurden. Setzt man Mengen von öltropfen. 
und Kaliumkarbonat einige Zeit Wassertropfen aus, so erhält man 
ölschaumtropfen, die nach Auswaschen mit Wasser gewöhnlich ohne 
viel Gestaltsveränderung zu fliessen beginnen. Ersetzt man das Was- 
ser durch verdünntes Glyzerin, quetscht man ferner die Öltropfen 
durch Auflegen eines Deckglases, so fliessen sie nicht nur umher, 
sondern bilden verschiedenartig geformte Fortsätze; dabei beobachtet 
man die gleichen zentrifugalen Axialströme und Rückströme am 
Rande wie bei der Amöbe im Zustand der Pseudopodienbildung. Und 
wie bei der Amöbe lässt sich auch beim öltropfen die künstliche 
Pseudopodienbildung durch Erhöhung der Temperatur stark be- 
schleunigen. 

Hartmann hält die Oberflächenenergie als Prinzip der Bewegung 
bei der Pseudopodienbildung für gesichert, meint aber, dass trotz 
vieler Hypothesen die Frage nach der Ursache der Verminderung 
bezw. Erhöhung der Oberflächenspannung nicht beantwortet sei. 
Nach einer Annahme von Jensen, soll Assimilierung eine Verminde- 
rung, Dissimilierung eine Erhöhung der Oberflächenspannung und 
mithin im ersten Falle eine Expansion, im zweiten eine Kontraktion 
zur Folge haben. Das Wesen dieses Vorganges soll die Vermehrung 
der Molekülzahl bei der Dissimilation (Abbau) bezw. die Verminde- 
rung der Molekülzahl (Aufbau) bei der Assimilation sein. 

Wie immer dem sei, haben wir doch keinen Grund zu zweifeln,, 
dass in den zwei gegensätzlichen Strömungsrichtungen des Plasmas 
beim Einzeller das Urbild der zwei von uns angenommenen psychi- 
schen Strömungen, der »sexuellen« zur Welt und der »ängstlichen« 
von der Welt weg gegeben ist. 

Hier zweigen einige Probleme ab, die wir nur andeuten, aber bis 
auf eine in dieser Abhandlung nicht weiter verfolgen werden. 

Zunächst ist klar, dass der Sprung von der passiven, durch me- 
chanische Veränderung der Oberflächenspannung erzeugten Bewegung 
des öltropfens zur aktiven, endogen bedingten Plasmaströmung des 
Einzellers das Rätsel der Entstehung des Organischen aus dem An- 
organischen in sich birgt. 

Weiter berühren wir mit dem Problem der Oberflächenspannung 
die Frage der Zellteilung, die an anderer Stelle unsere Aufmerksam- 
keit auf sich ziehen wird. 

Schliesslich entsteht hier die Frage, welche Brücken es von den 
zwei Plasmaströmungsrichtungen zu den komplizierten Libido-Angst- 
Erschcinungen gibt. Denn nur durch den Nachweis des Kontinuums 
der Funktion können wir unsere Grundannahme stützen, dass. 
210 



Die vegetative Urform des Libid0-Angst-Gegensat7.es 

Sexualität und Angst gegensätzliche Urfunktionen des Lebendigen 
überhaupt sind. 

2. Die Kraus' sehe »Nässetheorie des Lebens« 
Die konsequente Verfolgung der psychoanalytischen Libidotheorie 
führte nach Ablehnung des angenommenen Urdualismus von Sexu- 
alität und Todestrieb 1 ) zu einer Grundvorstellung, die neben den be- 
reits mehrfach beschriebenen Zusammenhängen von Flüssigkeits- 
strömung und Angst bezw. Sexualerregung eine funktionelle Gegen- 
sätzlichkeit von Zentrum und Peripherie des Organismus postuliert. 
Die Angst wird uns grundsätzlich verständlich aus einer zentralen 
Stauung von Flüssigkeit (psychologisch ausgedrückt zentralen »Er- 
regung«), und die Lust im allgemeinen sowie die Sexuallust im be- 
sonderen aus einer peripheren Ausbreitung der Körperflüssigkeit 
(psychologisch: peripheren Erregung). Im ersten Falle liegt gleich- 
zeitig eine periphere Entleerung von Flüssigkeit und zentrale Er- 
regung, im letztem Falle eine zentrale Entlastung und periphere 
Erregung vor. Die Spannung wird im Angstzustand zentral verspürt 
(Beklemmung), im Falle der Sexualspannung peripher (etwa bei 
der Erektion) . Es bleibt die Frage, ob diese Spannungszustände etwas 
mit der Verminderung der Oberflächenspannung bei peripherer Ent- 
lastung bzw. mit der Zunahme der Oberflächenspannung bei peri- 
pherer Hyperämie zu tun haben. Zur Verdeutlichung erinnern wir 
an die Wirkung zweier Pharmaka, des Adrenalins und des Alkohols, 
die auf das Blutgefässystem entgegengesetzte Wirkungen haben. 
Adrenalin erzeugt unmittelbar physiologisch Angst. Alkohol löst 
Beklemmungen und Angst ähnlich wie Cholin durch Erweiterung der 
peripheren Gefässe. Uns liegt nun viel daran, die Beziehungen des 
vegetativen Apparats zum Gefässapparat genauer kennen zu lernen, 
denn sie stehen sowohl zum Angstaffekt wie zur Sexualerregung in 
konkreter Funktionsbeziehung. 

Wenden wir uns nun der »Nässetheorie des Lebens« von Fr. Kraus 
zu. Sie scheint mir die Aufgabe zu leisten, die man von einer Physio- 
logie der Lebensnerven zu erwarten hat: Zusammenfassung der Er- 
scheinungen und Funktionen der lebenden Substanz zu einer ein- 
heitlichen Grundauffassung. Den Einwand, auf diese Theorie zu 
bauen wäre gefährlich, denn sie sei selbst umstritten, würde ich durch 
den Hinweis entkräften, dass es bestimmte Kriterien für die Brauch- 
barkeit und Richtigkeit einer Theorie gibt, die eine Beurteilung 
ermöglichen. Theorien mögen reichlich umstritten sein. Wir wissen 
aus der Psychoanalyse, wie wenig Neuentdeckungen auf die Gunst 
der Fachkollegen im besonderen, der Wissenschaftler im allgemeinen 
zu rechnen haben. Von der vielgerühmten Objektivität der wissen- 
schaftlichen Kritik ist nicht allzuviel zu halten; das Miterleben des 



1) Vgl. »Der masochistische Charakter« in »Charakteranalyse« 1933. 

211 









Wilhelm Reich 

wissenschaftlichen Getriebes lehrt, wie sehr die Kritik durch per- 
sönliche Neigungen, traditionelles Denken und freundschaftliche 
Bindungen innerhalb der Fachkreise getrübt ist. Sich selbst ein 
fachliches Urteil über neue Theorien aus fremden Spezialgebieten zu 
bilden, ist meist unmöglich. Auf die Plausibilität einer neuen Auffas- 
sung allein zu bauen, scheint gefährlich, weil das Plausible nicht 
immer auch richtig sein muss, und weil man allzusehr seinen 
Erwartungen und Neigungen zu verfallen droht. Wenn aber ver- 
schiedene Disziplinen unabhängig von einander, ohne Ahnung der 
Konsequenzen ihrer Forschung, ohne Vorsatz, einander je zu begegnen, 
immer mehr nach einem bestimmten Punkte zu konvergieren schei- 
nen, über den Konvergenzpunkt in der Problematik ähnliche oder 
gar gleiche Anschauungen entwickeln, wenn schliesslich bestimmte 
Probleme sich nur unter der Berücksichtigung zweier oder dreier 
autonomer Anschauungen lösen, und nicht unter Zuhilfenahme irgend- 
welcher beliebig anderer, dann zweifeln wir nicht, dass diese Theorien, 
und nicht die heuristisch wertlosen, isolierten die grössere Wahr- 
scheinlichkeit für sich haben. 

Wenn sich also zeigen wird, dass bestimmte Funde des Biologen 
Hartmann, des Internisten Kraus, des Psychologen Freud, unabhängig 
von einander gewonnen, in bestimmter Richtung konvergieren, wenn 
mich schliesslich die sexualökonomische Erforschung der Funktion 
des Orgasmus und seiner Beziehung zum vegetativen System in die 
gleiche Richtung führte, wenn diese Auffassungen teils meine Auf- 
stellungen bestätigen, teils zu einem einheitlichen Bilde der psycho- 
physischen Beziehungen gestalten, so darf mich nicht ein Zweifel 
von irgendeiner Seite an einer der fremden Anschauungen abhalten, 
sie auszuwerten, so lange die Kritiker nichts besseres, plausiblereres 
an ihre Stelle zu setzen haben. 

Ich beschränke mich in der Darstellung der Krausschen Theorie 
auf das Grundsätzliche, für das Verständnis unserer Problematik 
Unerlässliche, empfehle aber jedem Leser, der tiefer in die vorliegende 
Problematik eindringen will, das genaue Studium des Krausschen 
Werkes (»Allgemeine und spezielle Pathologie der Person«, »Klinische 
Syzygiologie«, Thieme, 1926). 

Ehe wir dazu übergehen, wollen wir daran erinnern, dass wir in 
der Plasmabewegung der Amöbe im Prinzip die gleichen zwei einander 
entgegengesetzten Richtungen feststellen konnten, die uns im Zu- 
sammenhange der Probleme des Gegensatzes von Sexualität und 
Angst als Strömung »hin zur Welt« und »weg von der Welt« beschäf- 
tigten; dass ferner die psychischen Tendenzen und physiologischen 
Flüssigkeitsrichtungen in engster, noch zu erfassender Beziehung zu 
einander stehen. 

Von den Krausschen Grundanschauungen kommen unseren charak- 
teranalytisch gewonnenen Auffassungen einige in konkreter Weise 
entgegen. 

212 



Die vegetafive Urform des Libido-Angsf-Gegensafzes 

Kraus geht von der Grundtatsache aus, dass die lebendige Substanz 
im wesentlichen kolloid aufgebaut ist. Kolloide sind Lösungen von 
Stoffen in Wasser, die nicht bis zur molekularen Auflösung, sondern 
nur bis zur Auflockerung in grösseren Teilchen führen. Von der kolloi- 
den Lösung zur Lösung eines Salzes gibt es alle Übergänge. Dadurch 
verwischt sich die lange Zeit hindurch verfochtene starre Grenze 
zwischen organischer und anorganischer Welt. Die Kolloidlösung 
unterscheidet sich von der Salzlösung zunächst dadurch, dass sie 
Membranen nicht durchdringt; sie hat mit ihr gemeinsam, dass sie 
wie diese ein Elektrolyt ist. Kraus sieht im Biosystem ein Erregungs- 
system, eine »relaisartige Auslösevorrichtung«, einen auf Ladung, das 
heisst Arbeitsspeicherung, und Entladung eingerichteten Apparat, 
der durchaus auf energetischen Grenzflächen beruht. Unter diesen 
Grenzflächen sind die massgebendsten die zwischen Salzelektrolyt und 
Kolloidelektrolyt. Der Lebensprozess ist gekennzeichnet durch seine 
sauerstoffentziehende Kraft, durch seine Kohlensäureproduktion und 
die Erzeugung von elektrischer Energie an den Grenzflächen. Die. 
Salzlösung ist ein unentbehrlicher Faktor des Lebens, lange bevor 
es zur Entwicklung von Blut kommt. Der Stofftransport und die 
Stoffverteilung erscheinen Kraus als weitaus wichtiger für die Re- 
produktion des Lebensprozesses als der Stoffwechsel, also die rein 
chemische Umwandlung der aufgenommenen Stoffe selbst. Der 
Lebensprozess kann definiert werden als selbsttätige vegetative Strö- 
mung, im wesentlichen als Flüssigkeitskonvektion. Zu unterscheiden 
sind: Die mechanische Konvektion der Flüssigkeit wie etwa der 
Blutkreislauf und die Lymphzirkulation; die gerichtete Vektion der 
Diätflüssigkeit; schliesslich als wichtigstes die mikroskopische Pro- 
toplasmabewegung. Die allgemeine Flüssigkeitsbewegung im Orga- 
nismus hat weit mehr Bedeutung als bloss die der Versorgung der 
Gebiete mit Nahrungsstoffen; die Funktion ist vielmehr erst dadurch 
gesichert, dass sich zwischen den Flüssigkeiten verschiedener Dichte 
und Zusammensetzung Grenzflächen in unendlicher Zahl bilden, an 
denen elektrische Spannungen entstehen; zu den elektrischen Grenz- 
flächen kommen als vektorieller Faktor die rein mechanischen Ober- 
flächenspannungen hinzu. Das Biosystem wird durch den Ausgleich 
der Grenzflächenspannungen betrieben, indem Flächen verschiedener 
Spannung genau wie elektrolytische Systeme wirken, an denen sie die 
Elektroden darstellen. Als Grenzflächen wirken im wesentlichen die 
organischen Membranen und die Salzelektrolyt/Kolloidelektrolyt/ 
Grenzfläche. Zum Fliessen des elektrischen Stromes ist nicht nur 
Ladung der Membranen (Elektroden) nötig, sondern auch eine Ver- 
bindung zwischen beiden; diese Verbindung stellen die Körperflüssig- 
keiten als Elektrolyte dar, aber nicht nur als das. Das Biosystem 
ladet nicht nur selbst elektrische Energie auf, sondern gleicht auch 
diese Spannungen aus und bildet Ströme zwischen und in den Mem- 
branen im Innern durch die leitende Substanz des Organismus selbst. 

213 









Wilhelm Reich 

Eine zu experimentellen Zwecken angelegte leitende Verbindung von 
aussen wäre somit nur ein Nebenschluss. Die Elektrizität entsteht 
durch Flüssigkeitsbewegungen; in den Kapillaren etwa wandern 
nach Kraus freie elektrische Ladungen. Die fraglichen Potentialdiffe- 
renzen, die. den Ausgleich herbeiführen, haben ihren Sitz an der 
Grenzfläche zwischen bewegter und unbewegter Flüssigkeit. Im 
Ausgleich verwandelt sich die elektrische Energie in mechanische. 

Diese »Nässetheorie des Lebens« lässt sich aber nur dann aufrecht- 
erhalten, wenn das protoplasmatische Geschehen mit den Gesetzmäs- 
sigkeiten kolloidaler Lösungen überhaupt in Beziehung gebracht wer- 
den kann. 

Verweilen wir kurz bei dieser Auffassung von Kraus: sie beschreibt 
zweifellos ohne Namengebung das gleiche, was ich dem Orgasmus 
zugrunde lege: Verwandlung mechanischer Spannung in elektrische 
Ladung (Spannungs-Ladungs-Vorgang), wieder Verwandlung der 
elektrischen Entladung in mechanische Entspannung (Entladungs- 
Entspannungs-V organg ) . Der Orgasmus wäre somit der potenzierte 
Spezialfall allgemeiner vegetativer Strömung. 

Wenn man bei einer Mimose die untere Hälfte des Pulvinus loka- 
lisiert, etwa thermisch reizt, so fällt das Blatt; man erhält galvanische 
Negativität. Dabei beobachtet man Austreibung von Wasser aus dem 
Gelenk des Blattes und dementsprechend Verminderung der Tur- 
geszenz. Beizt man dagegen die obere Seite, so wird das Blatt ge- 
streckt. Verhindert man die mechanische Beaktion, so findet man 
doch die elektrische. Wenn der Pulvinus durch Eintauchen des 
Zweiges in Wasser überturgid, das heisst erigiert wird, kommt es 
wegen der Schwierigkeit der Wasserexpulsion nicht zum Blattfall. 
Alle Pflanzen und alle Pflanzenorgane reagieren elektrisch. 

Wir halten hier fest, dass Wasseraufnahme mit Steigerung der 
Turgeszenz und Expansion (»Erektion«), die Wasseraustreibung mit 
Blattfall und Verminderung der Turgeszenz einhergeht. Die Bedeutung 
dieses Versuchs für das Verständnis der Peniserektion und des 
Penisschrumpfens wird an anderer Stelle hervortreten. Prinzipiell 
sind die Vorgänge funktionell identisch. 

An den Haarzellen von Cucurbita Pepo, die ein in zirkulierender 
Bewegung befindliches Plasma besitzt, stellte. Veiten eine Zusammen- 
setzung des Plasmas aus einer dunkleren, körnigeren, wahrscheinlich 
kolloidreicheren und aus einer helleren, wasserreicheren hyalinen 
Substanz fest. Beide zusammen bilden nach Kraus das sogenannte 
»kritische Flüssigkeitsgemisch«, das eine Grundeigenschaft der 
lebendigen Substanz darstellt. Nach der mikroskopischen Beobachtung 
des Verhaltens solcher »kritischer Flüssigkeitsgemische« in der leben- 
den Substanz herrscht zunächst Buhe der Körnchen vor. Gelangen 
nun Körnchen aus der dichteren in die dünnere, weniger viskose, 
wasserreichere Schicht, so zeigen sie lebhafte Brownsche Bewegung. 
Lässt man nun einen schwachen Induktionsstrom durch die Zelle 

214 






Die vegetative Urform des Libido-Angst-Gegensatzes 

gehen, so fängt eine grosse Zahl der Körnchen an, molekulare Be- 
wegung zu zeigen; die Strömung verlangsamt sich. Bei stärkerer 
elektrischer Einwirkung treten an verschiedenen Stellen Anschwel- 
lungen auf. Der Plasmafaden zeigt dann entweder kugelige Auftrei- 
bungen oder er treibt feine Plasmafäden hervor. Unterbricht man 
die Reizung, so werden die Fortsätze wieder eingezogen und die regel- 
mässige Plasmaströmung setzt sich fort. Die Anschwellungen beruhen 
auf Wasseraufnahme aus der wasserreicheren Schicht des Plasmas. 
Das kann so weit gehen, dass sich die angeschwollene Stelle voll- 
ständig vom Plasmastrang abschnürt und frei im Zellsaft herum- 
schwimmt. 

Jeder organische Körper weist einen stationären Wasserstrom 
auf; die wesentlichsten Funktionen des Wasserstroms sind Stoff- 
wechsel zum Ansatz in den Geweben, zur Ausscheidung fester Stoffe, 
Stoffwechselschlacken und Salze. Wasserverdunstung von der Haut 
her und der Lunge, Wasserersatz durch Aufnahme in Speisen und 
Getränken, aus dem Stoffwechsel etc. Der Wassergehalt der Körper 
bleibt durchschnittlich gleich; er beträgt nach Kraus beim Erwach- 
senen etwa 70 % Wasser, das Blut 80 %, die Haut 70 %, das Ge- 
hirn 75 % etc. Wir sagten bereits, dass das wichtigste die Plasma- 
bewegung ist. Stern 1 ) konnte feststellen, dass die Plasmabewegung 
auf schwache elektrische Reize mit einer Verlangsamung, auf stärkere 
mit Stillstand reagiert. Im wesentlichen bestehen die Plasmaverän- 
derungen, die bei Heranbringung von Reizen auftreten, im Auftreten 
und Verschwinden von Beschleunigung und Verlangsamung, von Quel- 
lungen und Entquellungen, Expansion und Kontraktion, Entmischun- 
gen und Mischungen, Fällungen und Lösungen von Substanzen, Ver- 
schwinden und Auftreten von Körnchen, auch Viskositätsänderungen 
f Kraus J . 

Die Wirkungen der Reize (elektrischer wie auch anderer) 
bestehen in Verschiebungen und Konzentrationsänderungen der im 
Medium, im Zellsaft und im Plasma vorhandenen Jonen. 

A. W. Greeley führte als erster den allgemeinen Gedanken experi- 
mentell durch, dass die Wirkungen des elektrischen Stromes auf die 
Zellen auf Konzentrationsänderungen von Jonen und ihre Wirkung 
auf das kolloide System zurückzuführen sind. Er fand, dass Säuren 
und Salze, mit mehrwertigen Katjonen das Plasma verfestigen, die 
Laugen und Salze mit mehrwertigen Anjonen es verflüssigen. Kraus 
zieht daraus einen grundlegenden Schluss: Wenn jeder Reiz, der die 
protoplasmatische Substanz trifft, die Stabilität der kolloiden Substanz 
bedroht, so liegt das an der Verschiebung in den Komplexen der 
kolloiden und der anorganischen Elektrolyte des Körpers; dadurch 
verändern sich die Energiepotentiale an den Grundflächen der Mem- 
branen, was wieder elektrische Entladungen fördert. Da die Orga- 



l) »Elektrophysiologie der Pflanze«, Springer 1924. 

215 






Wilhelm Reich 

nismen nun ständig äusseren und inneren Reizen ausgesetzt sind, 
ist die Veränderung der Energiepotentiale und das Ausgleichen der 
stattgehabten Veränderungen als Wechsel zwischen Ladung und Ent- 
ladung, Spannung und Entspannung das grundsätzliche Kennzeichen 
des Lebendigen. 

Wir dürfen schon an dieser Stelle eine, prinzipielle Frage aufwerfen. 
Ladung und Entladung, Spannung und Entspannung sind physika- 
lische Vorgänge, die auch die anorganische Natur beherrschen. Zu- 
nächst unterscheidet sich das Lebendige vom Anorganischen durch 
selbsttätigen Wechsel dieser Funktionen. Was stellt die Selbsttätigkeit 
her? Die Untersuchung der orgastischen Funktion, in der wir ein 
elementares Geschehen des Lebendigen sehen, lehrte uns, dass Span- 
nung und Ladung, Entspannung und Entladung in bestimmtem funk- 
tionellem Zusammenhang stehen. Die mechanische Spannung führt 
eine elektrische Ladung herbei und die elektrische Entladung führt 
zu einer mechanischen Entspannung, die wieder in mechanische Spän- 
nung übergeht u. s. f. Ist vielleicht gerade diese spezifische Verbindung 
von Mechanik und Elektrik das Kennzeichen des Lebendigen? Wir 
werden auf diese Frage noch des öfteren zurückkommen. 

Für unsere Untersuchung wichtig wird zunächst die Überlegung, 
dass sich die analytische Psychologie den Grundmechanismus des 
seelischen Apparats ähnlich denkt als ein System wechselnder, wie 
wir sagen, »libidinöser« Spannung und Entspannung. Unser Trieb- 
begriff steht und fällt mit der Vorstellung, dass es sich um seelisches 
Geschehen, um Spannung und Entspannung, um Ladung und Ent- 
ladung von Energie handelt. Das würde wenig besagen, wenn es nur 
eine Analogie wäre. Es geht aber um mehr, es liegen Homologien, 
Identitäten vor. 

Wir können hier nicht die umfangreiche und einleuchtende Be- 
weisführung, die Kraus liefert, vollständig wiedergeben, um seinen 
Gedankengang dem Leser begreiflich zu machen. Es ist auch nicht 
wichtig, in unserem Zusammenhange seine Beweisführung einer Kritik 
zu unterziehen. Wir könnten sie auch gar nicht geben. Unter der 
Voraussetzung der Richtigkeit seiner Grundauffassung, dass das Or- 
gansystem (organische Grenzflächen, System: Kolloid/Salzelektrolyt, 
das Biosystem als elektrolytischer Relaisapparat etc.) betrieben wird 
durch die vegetative Flüssigkeitsströmung, erlangen die nun zu nen- 
nenden Versuche von Kraus an lebenden Präparaten für uns ausser- 
ordentliche Bedeutung. Wir geben sie in kurzer Zusammenfassung 
wieder. Sie gehen von einer Anschauung aus, die Kraus wie folgt 
zusammenfasse »Es gibt keinen individuellen Lebensvorgang, der 
nicht irgendwie, mittelbar oder unmittelbar, ausschliesslich oder teil- 
weise auf Jonentätigkeit zurückgeführt werden müsse. Wie der 
Sauerstoff kann der Elektrolyt durch nichts ersetzt werden. Auch die 
meisten Krankheitszustände, funktionelle wie sog. organische haben 
ihren letzten Grund in der vegetativen Strömung.« 

216 



Die vegetative Urform des Libido-Angst-Gegensatzes 

3. Kalium und Calcium als vegetativ wirkende Jonen 
Der animalischen Person ist die willkürliche Muskelinnervation 
zugeordnet, den vegetativen Funktionen (Herz, Darm, Sexualorgane 
etc.) die unwillkürliche, vom Bewusstsein unabhängige Innervation 
von glatten Muskeln und Drüsen und der Flüssigkeitsstrom. Doch 
setzt sich die vegetative Funktion in die willkürliche fort, etwa in 
Form des Muskeltonus als der Folge einer vegetativen Dauerinner- 
vation. Beim Celebraten ist das vegetative System in einer besonderen 
Nervenorganisation, im Zusammenhange der sympathischen und 
parasympathischen Ganglien, repräsentiert. Es entsteht nun die Frage, 
ob es ein System oder dergleichen gibt, das bei Lebewesen ohne aus- 
gebildeten vegetativen Apparat diejenigen Funktionen ausübt, die 
wir später als Funktion des vegetativen Systems kennenlernen: Pe- 
ristaltik, Kreislauf, Tonus und Turgor. Bei den Metazoen ohne knö- 
chernen Stützapparat treffen wir bereits ausgebildete nervöse Gang- 
lien an. Beim Einzeller und beim Vielzeller bis zu einer bestimmten 
Stufe der Entwicklung gibt es kein formiertes Nervensystem. Was 
also vertritt hier seine Funktion? Es ist die Frage nach der morpho- 
logischen Vorstufe des vegetativen Nervenapparats. Solche Völlig 
unspekulativen Fragen drängen sich auf, wenn man von den Prozes- 
sen des unbewussten Seelenlebens zu den Funktionsproblemen der 
lebendigen Substanz überhaupt gelangt. 

Die Physiologie beschäftigt sich schon lange mit der Frage nach 
der spezifischen Wirkung der Jonen auf das kolloidale System, die 
die Grundsubstanz des Lebendigen darstellen. Wenn es chemische 
Substanzen gibt, die 
erstens die Wirkungen der vegetativen Innervation verstärken bzw. 

abschwächen können, 
zweitens diese Wirkungen ersetzen können, 

drittens einander in der Wirkung ergänzen bzw. neutralisieren kön- 
nen, schliesslich 
viertens Substanzen sind, die ein spezifischer Bestandteil des Proto- 
plasmas sind, wie etwa Lezithin-Cholesterin, dann ist man zur 
Annahme berechtigt, dass diese anorganischen Substanzen vor 
der Entwicklung des vegetativen Apparates seine späteren Funk- 
tionen erfüllen; ja, vielleicht sogar, dass dieser Apparat eine or- 
ganisierte Fortentwicklung einfacher chemischer Substanzen ist. 
Hier sind experimentelle Versuche von Kraus, Zondek, Dressel 
u. a., wenn sie grundsätzlich stimmen, von bahnbrechender Bedeu- 
tung. 

Kraus kommt auf Grund seiner Experimente zur Auffassung, dass 
Nervenwirkung, Giftwirkung und Elektrolytwirkung sich im biolo- 
gischen System in Hinsicht auf die Hydration bezw. Deshydration der 
Gewebe (wie wir hörten, die Grundfunktion des Lebendigen) gegen- 
seitig austauschen lassen. Die organischen Gewebe sind eine Kom- 
bination aus Membranen und Flüssigkeit. Die Membranen sind Kom- 

217 



Wilhelm Reich 

plexe aus Eiweiss, Phosphatiden und Sterinen; daneben die Kolloide, 
vor allem Lezithin und Cholesterin. Salzelektrolyte finden sich in 
verschiedenster Form und Zusammensetzung. Chemisch als Reizsub- 
stanz wirksame Salze sind nur die in gelöster, jonisierter Form, vor 
allem die Katjonen: Natrium, Kalium, Calcium, Magnesium, Eisen 
und die Anionen: Chlor, Phosphor, So 3 , Jod, Co«. Diese Salzelektrolyte 
verlangsamen beziehungsweise beschleunigen die Wasserbewegung, 
vor allem die Wasseraufnahme und -abgäbe der Gewebe. Da die 
Quellung und Entquellung konkrete Beziehungen zu den Schwan- 
kungen der Oberflächenspannung hat, sind sie für das biopsychische 
Problem der Spannung und Entspannung von grundlegender Bedeu- 
tung. »In der Wechselwirkung zwischen Kolloid- und gewissen anta- 
gonistischen Salzelektrolyten für die Hydration der kolloiden Mem- 
branen und Teilchen steckt alles Funktionieren und alle funktionelle 
Anpassung.« 

Zondek wies zuerst nach, dass Kalium (auch Natrium) auf das 
Froschherz diastolisch, also lösend, peripher erweiternd, Kalzium 
dagegen systolisch, also verengend, zentral spannend wirkt. Es handelt 
sich im wesentlichen um Flüssigkeitsbewegungen: Das eine Jon führt 
dem Herzen Wasser zu, das andere entzieht Wasser. Kraus und 
Zondek haben die Wasserbewegung am Straubschcn Präparat direkt 
beobachtet und sie auch aus der Kurve des Aktionsstromes ableiten 
können. Im Zusammenhange mit anderen Experimenten ergab sich, 
dass der Vagus so wirkt wie Kaliumzusatz in der Nährflüssigkeit 
eines Muskelpräparates, der Sympathicus wie Kalziumzusatz. 

Kraus fasst den durchaus konsequenten Gedanken, dass Nerv 
und Muskel nicht voneinander unabhängige Gebilde sind, sondern 
dass das Nerv- und Muskelsystem ein »Syzygium« bildet, eine im 
Zusammenhange funktionierende Einheit. Insbesondere der »vege- 
tative Nervenapparat stellt als Protoplasmaverbindung Bezie- 
hungen her zwischen den Membranen verschiedener Organe«. Als 
zusammenhängende Plasmamasse ist das Nervensystem den Gesetzen 
des Kolloidelektrolyts unterworfen. Da in diesem die gegensätzlich 
wirkenden K- und Ca-jonengruppen immer vorhanden sind, setzt 
also das vegetative Nervensystem nur eine Funktion in organisierter 
Form fort, die im Prinzip schon im nervenlosen Tier besteht: Die 
Funktion der Plasmabewegung, Hydration und Deshydration, Kon- 
traktion und Expansion, Spannung und Entspannung durch die 
Jonen der Salzelektrolyte. Wichtig ist nun die Feststellung, dass 
Cholesterin und Lezithin, nie fehlende Bestandteile des organischen 
Kolloids, sich verhalten wie Ca und Sympathicus bezw. wie K und 
Vagus. Der Antagonismus zwischen Lezithin und Cholesterin drückt 
sich zunächst darin aus, dass Lezithin ein hydrophiles, also die 
Wasseraufnahme förderndes, Cholesterin dagegen ein hydrophobes, 
d. h. wasseraustreibendes Kolloid ist. Dresel stellte eine Lezithin- 
Cholesterinmischung her als physiologisches Modell zur Überprüfung 

218 



■ 






Die vegetative Urform des Libido-Angst-Gegensatzes 

der Wirkungen der Salzelektrolyte auf kolloide Substanzen. Versetzt 
man ein derartiges Gemisch unter bestimmten Bedingungen (an- 
nähernd physiologische Konzentration, entsprechende molekulare 
Zusammensetzung der Elektrolyte) mit Kalium- bezw. Calzium- 
chlorid, so sieht man den Jonenantagonismus insofern auftreten, als 
KCl eine Erhöhung der Oberflächenspannung am Lezithin-Cholesterin- 
Gemisch, CaCk eine Erniedrigung bedingt. Lauge verhält sich ähnlich 
wie Ca, Säure wie K. Das wird für das Verständnis gewisser organ- 
neurotischer Phänomene wichtig. 

Lezithin-Ringerlösung ruft am Straubschen Froschherzen einen 
Herzstillstand in Diastole, also vayischen Effekt, Cholesterin-Ringer- 
Lösung einen solchen in Systole, also sympathischen Effekt, hervor. 
Dieser Wirkuny am Herzmuskel ist jedoch die Wirkuny am peri- 
pheren Muskel entgegengesetzt. Kalium bringt den peripheren Muskel 
in tonische Kontraktur oder erhöht die Wirkung einer elektrischen 
Reizung; Kalzium dagegen verringert die Wirkung der elektrischen 
Reizung und bringt den Muskel zum Erschlaffen. Dieser Gegensatz 
der Wirkung der Elektrolyte auf den Herzmuskel und den peripheren 
Muskel, der von Kraus nicht weiter erklärt wird, gewinnt für unsere 
Untersuchung zentrale Bedeutung: Er zeigt uns unmittelbar den 
Gegensatz von zentraler Herzfunktion und peripherer Funktion des 
muskulären Erfolgsorgans an. Auch in diesem Gegensatz verhält sich 
Ca und K genau so wie Sympathicus und Vagus. Die vagische Inner- 
vation erhöht den Tonus des peripheren glatten und quergestreiften 
Muskels, die sympathische setzt sie herab, wie K und Ca im Frosch- 
experiment. Auf den Herzmuskel wirkt dagegen der Vagus (N. depres- 
sor) verlangsamend bis zum diastolischen Stillstand in Erschlaffung; 
der Sympathicus ( N. accelerans) wirkt umgekehrt wie am peripheren 
Muskel auf das Herz systolisch, erhöht also die Aktivität und den 
Tonus und bringt bei Überreizung das Herz zum systolischen Still- 
stand. Die Vaguswirkung lässt sich ferner durch Ca-Zufuhr herab- 
setzen bezw. aufheben, durch K-Zusatz verstärken ; die Sympathicus- 
wirkung am Muskel lässt sich durch K-Zusatz aufheben, wieder Be- 
weise für die funktionelle Identität von vegetativem Nervensystem 
und gewissen antagonistischen Jonengruppen. Die steigernde Wir- 
kung des Digitalis auf das Herz lässt sich durch K aufheben und 
durch Ca unterstützen, da ersteres das Herz lähmt, letzteres fördert. 
Ca-Übergewicht in Geweben ergibt H-Jonendissoziation, K-Übergewicht 
ergibt OH-Jonen -Dissoziation. H-Jonen-Übergewicht bedeutet den Tod 
des Gewebes. Es mag sehr wichtig für das Verständnis des vegeta- 
tiven Lebens werden, dass nach der Feststellung von Kraus K (also 
das hydrophile Jon) im Epithel, Ca (also das hydrop/io&e, wasser- 
entziehende Jon) im Bindegewebe überwiegt, ebenso K im Wachstum, 
Ca im Alter. Im Krebsgewebe soll sowohl K als auch Ca reichlich 
gefunden worden sein, was vielleicht die Wucherungstendenz des 
Gewebes ( K-Reichtum ! ) erklären könnte. Derartige Funde gestatten 

219 



Wilh 



elm Keich 



die Hypothese, dass wir in der K-Jonen-Gruppe die lebensfördernden, 
in der Ca-Jonen-Gruppe die zerstörenden Wirkungen zu suchen 
haben 1 ). Der Tonus der Muskulatur ist nach Kraus im wesentlichen 
nicht Ausdruck irgendeines mysteriösen Nervenfluidums, sondern 
plasmatischer Elektrolytturgor, ein Ausdruck der Durchtränkungs- 
spannung des Muskels. Wachstum und Kraftzuwachs müssen nach 
dieser Anschauung auf Bedingungen beruhen, nach denen bei der 
Dynamogenese mehr gewonnen als verbraucht wird. 

Am peripheren Gefässystem wirkt der Vagus erweiternd, die Ober- 
flächenspannung erhöhend, der Sympathicus verengend, die Ober- 
flächenspannung erniedrigend. Auch in den Drüsen wie Gl. sub- 
maxillaris herrscht die antagonistische Innervation, wobei nach einem 
Versuch von Cl. Bernard der Sympathicus spärlichen und zähen 
(Ca hydrophob!), der Vagus dagegen reichlichen und flüssigen 
Schleim ergibt. Sekretionsversuche ergaben, dass der erhöhte Druck 
des Drüsenparenchyms auf Vaguseinfluss beruht, und zwar auf der 
Erweiterung der Gewebe und erhöhtem Turgor, was nach der Ansicht 
von Kraus die beschleunigte Blutbewegung bedingt und nicht (oder 
nicht nur) umgekehrt. Nach einem Versuch von Bernard erhöht die 
Durchschneidung des Halssympathicus die Vitalität der Gewebe, 
was auf die Ausschaltung der symphatischen Niederhaltung der Va- 
guswirkung zurückgeführt wird. 

4. Der Gegensatz von Zentrum und Peripherie 
Ich lasse zunächst eine Übersicht der Funktionen des parasympa- 



i) Ergibt sich aus der vorliegenden physiologischen Grundlegung der Angst eine 
Bestätigung für die heute die psychoanalytische Theorie beherrschende Todes- 
triebhypothese? Ein Vertreter dieser Auffassung könnte sagen: Wenn die 
Anhäufung von K-Jon-Gruppenwirkung die sexuelle Funktion darstelle, so 
ergebe die Ca-Jon-Gruppenwirkung die Todesfunktion, das Absterben der Ge- 
webe. Ich würde dem das Gleiche entgegenhalten, was ich in der charak- 
terlichen Untersuchung anführte, und noch ein Argument mehr: Die K-Jonen- 
Konzentration macht sich innerpsychisch als triebhafter Drang geltend. Die 
Ca-Jonen-Konzentration hingegen wird nicht als Trieb, dem ein Sterben- 
wollen entspräche, sondern als, Angst erlebt. Der Todestrieb ist nicht etwa 
stumm, sondern das, was als Todestrieb angesprochen wird, nämlich die 
rückläufige Bewegung der Lebensenergie, macht sich sehr deutlich als Angst 
bemerkbar. Die Überlegung führt noch ein Stück weiter. Es ist richtig, dass 
die Ca-Gruppe Erscheinungen produziert, wie wir sie beim Sterben beobach- 
ten: Kontraktion der peripheren Gefässe, Blässe, Angst, Tremor etc. Aber 
diese Erscheinungen sind nur objektiv gegeben, nicht subjektiv gewollt, wie 
die K-Jonen-Effekte. Es ist auch richtig, dass die Ca-Jonen-Gruppe eine Funk- 
tion offenbart, die das Altern und Sterben fördern und beschleunigen. Doch 
wir würden fehlgehen, wenn wir nicht beachten wollten, dass dies eine Folge 
der Behinderung sexueller Funktionen ist, und dass sich der Organismus 
gegen die Erhöhung der inneren Spannung in Form der Angst wehrt; wenn 
schliesslich chronische Angstprozessc das Sterben beschleunigen sollten, dann 
wäre nicht der Todestrieb, sondern nur die lebensfeindliche Wirkung der 
Sexualhemmung bewiesen, indem Unterdrückung der Vagusfunktion die Sym- 
pathicusfunktion, also das Eintrocknen, Erschlaffen, In-sich-selbst-zurück- 
kriechen, kurz, die Herabsetzung aller Lebensfunktionen, fördert. Hier sind 
also Argumente für die Todestrieblehre, die eine Apologie der lebenhemmen- 
den Wirkung von Gesellschaft und Krankheit darstellt, nicht zu holen. 

220 



Die vegetative Urform des Libido-Angst-Gegensatzes 

thischen und des sympathischen Nervensystems folgen, die zusammen 
als das »vegetative« bezeichnet werden; die Übersicht ist dem Hand- 
buch von Müller »Lebensnerven und Lebenstriebe« (Springer, 1931, 
III. Aufl.) entnommen. 



Sympath. System 
Erschlaffung des Pupil- 
lenschliessmuskels, Erre- 
gung des Erweiterers 
Hemmung 
Hemmung. 
Anregung 

Konstriktion (Blässe) 

Erregung 

Erweiterung! Erschlaffung 

Erregung, Beschleunigung 

Hemmung 

Hemmung der Funktion 



Adrenalinsekretion 

fördernd 

Hemmung d. Detrusor 

Erregung, Schliessung 

Erschlaffung des Penis 

(Gefässkontraktion) 

Hemmung d. weiblichen 

Genitaldrüsen u. d. Ge- 

fässe 

Erregung 

Erregung 
Erregung 



Einwirkung 
— Irismuskulatur + 



— Tränendrüse + 

— Speicheldrüse -f 
+ Schweissdrüsen - — 

des Gesichtes 
+ Gefässe — 
+ Haarmuskeln — 

— Bronchialmuskeln 
+ Herzmuskel — 



+ 



— Speiseröhre + 

— Magen, Bauchspei- 
cheldrüse, Dünndarm, 
Niere, Drüsen, Dick- 
darm, Enddarm + 

+ Nebenniere — 

— Harnblase + 

+ Blascnschliessmus- + 
kel 

— Genitalien + 

— weibl. Genitalien + 



+ Schweissdrüsen des 

Rumpfes' — 
4- Haarbalgmuskeln — 
+ glatte Muskeln des 

Hodensackes — 



Parasympath. System 
Erregung (Verengung d. 
Pupille) 

Anregung 
Anregung 
Hemmung 

Dilatation (Böte) 
Erschlaffen 
Verengung, Spannung 
Hemmung, Verlangsa- 

mung 

Anregung, Kontraktion 
Anregung 



Hemmung 

Kontraktion, Harnaus- 

stossung 

Hemmung, Öffnung 

Vergrösserung, Erektion 
( Gef ässerweiterung) 
Vasodilatation, Erregung 






Hemmung 

Hemmung 
Hemmung 



Wir sehen in der Übersicht, wie verschieden die jeweilige Inner- 
vation an den verschiedenen Organen ist. Das eine Mal erregt der 
Parasympathicus Muskeln, an anderer Stelle der Sympathicus; so 
wird die Darm- und Magenmuskulatur vom Parasympathicus erregt, 
vom Sympathicus gehemmt, während am Herzen die Innervation ge- 
rade umgekehrt ist. Während der Sympathicus sonst im allgemeinen 
erschlaffend auf glatte Muskulatur wirkt, kontrahiert er die Muskeln 
der peripheren Gefässe und verengt sie dadurch. Es fällt auf, dass 
der Sympathicus die Speicheldrüse hemmt, während er die Neben- 
nierenfunktion, die Ausschüttung von Adrenalin, fördert, und der 
Vagus fungiert umgekehrt. Besonders zu beachten ist, dass an ein 
und demselben Organ, wie etwa an der Harnblase, der Sympathicus 
den Muskel erregt, der den Abfluss des Harns verhindert, den Muskel 
aber, der durch Zusammenziehen den Harn auspresst, zum Erschlaffen 

221 



Wilhelm Reich 






bringt, und der Parasympathicus umgekehrt. Der Musk. retractor 
Penis beim Hunde wird sympathisch nicht gelöst sondern erregt, 
ebenso die glatte Hodenmuskulatur beim Menschen. Der glatte Iris- 
muskel wird dagegen, sofern er erweitert, erregt, sofern er verengt, 
gehemmt, beim Parasympathicus umgekehrt. 

Die Innervationsgesetze scheinen gänzlich willkürlich zu sein; die 
Physiologie hat bisher darüber keine Meinung gebildet, zumindest 
soweit mir die Literatur zugänglich war. Dennoch ist anzunehmen, 
dass die »Unordnung« in der Innervation nur eine scheinbare ist, 
dass sie dennoch einer bestimmten Gesetzmässigkeit folgt. Neben der 
Gegensätzlichkeit von parasympathischer und sympathischer Organin- 
nervation herrscht eine funktionelle Einheitlichkeit in der Innervation 
jedes der beiden Systeme, die zu begreifen erst aus der Gesamtfunktion 
des Organismus möglich ist. 

Ich lasse nun eine Gegenüberstellung folgen, die sich an der 
Gesamtfunktion orientiert. 



Vegetative Gruppe 
(Gegenseitige Steigerung 
und Ersetzbarkeit) 

Sympathicus 
Calcium (Gruppe) 
Adrenalin 
Cholesterin 
OH-Jonen 



Vagus 

Kalium (Gruppe) 

Cholin 

Lezithin 

H-Jonen 



Allgemeine Wirkung 
auf Gewehe 



d. Oherfl.-Span- 
(hydro- 



systolisch/vasokon strikt 

Herzmuskel erregt 
/ Darm gehemmt 



diastoliseh/dilatatorisch 
Herzmuskel schlaff 
Darm gefördert 



Erniedr. 
nung 

Wasserexpulsion 
phob) 

Ouergeslr. Muskel: schlaff 
Verringerung der clek. 
Erreghkt. 

Steigerung des O-Ver- 
hrauchs 

Steigerung des Blut- 
drucks 

Erhöhung d. Oherfl.- 
Spannung 

Wasseraufnahme (Qiiel- 
lung d. Gewebe) 
Muskel tetanisch verkürzt 
Steigerung d. elekt. Erreg- 
barkeit 

Herabsetzung des O-Yer- 
hrauchs 
Senkung des Blutdrucks 

Wir erkennen in der Sympathicus-Gruppen-Wirkung die Angst, 
in der Vagus-Gruppen-Wirkung die Sexualerregung wieder. — Die 
Vagus- (Sexus-) Wirkung ist im wesentlichen die Funktion der or- 
ganischen Expansion und peripheren Spannung, die Sympathicus- 
( Angst-) Wirkung ist im wesentlichen die Funktion der Kontraktion 
und zentralen Spannung, wenn wir nicht einzelne Organe, sondern 
die Gesam/funktion des Organismus ins Auge fassen. Peripherie und 
Zentrum stehen in antagonistischer Funktionsbeziehung zueinander; 
Expansion und Kontraktion beherrschen als Grundfunktionen die 
Gesamtinnervation des Organismus. 

222 



zenlrallperipher 









Die vegetative Urform des Libido-Angsl-Gegensatzes 

Die in dem Schema zusammengeschlossenen Tatbestände ergeben 
somit : 

1. die Gegensätzlichkeit der Kalium- (Vagus ) und der Calcium- 
( Sympathicus J Gruppe: Expansion und Kontraktion; 

2. die Gegensätzlichkeit von Peripherie und Zentrum in Bezug auf 
Erregung; 

3. die funktionelle Identität der sympathischen bezw. vagisehen 
Funktionen mit denen chemischer Reiz-Stoffe. 

4. Die Abhängigkeit der Innervation der Erfolgsorgane von der 
funktionellen Einheit und Gegensätzlichkeit des Gesamtorga- 
nismus. 

Zunächst erklären sich aus der funktionellen Gegensätzlichkeit von 
Zentrum und Peripherie eine Reihe bisher unverstandener Phänomene 
der Physiologie. Dass der Vagus auf das Herz hemmend, auf die 
willkürliche Muskulatur dagegen motorisch wirkt, der Sympathicus 
dagegen umgekehrt auf das Herz fördernd, kontraktil, auf den Muskel 
aber hemmend, verrät den Funktionszusammenhang erst, wenn man 
die Muskulatur als der Peripherie der Person, das Herz dagegen als 
dem Zentrum zugehörig zuzählt. Jede Schreckreaktion weist diese 
Gegensätzlichkeit auf: Lähmung der Extremitätenmuskulatur und 
Erregung des Herzens. Schon hier sehen wir die Funktionen des Or- 
ganismus nicht an einzelne Organe gebunden, sondern in einer den 
Gesamtorganismus beherrschenden Gesetzmässigkeit, der die Organe 
nur Mittel der Durchführung sind. Nicht die Erregung eines Nerven 
gibt Bewegung, sondern ein Impuls des Gesamtorganismus, konkret 
.repräsentiert in seiner funktionellen Einheitlichkeit (Plasmasynzy- 
tium), teilt sich dem seiner Richtung und Funktion entsprechenden 
Nerven mit. Das führt keineswegs in die Teleologie oder zur Annahme 
einer überindividuellen Entelechie. Denn wir sehen nunmehr auch, 
dass sich die funktionelle Einheit des Vielzellers zurückführen lässt 
auf die funktionelle Einheit des Einzellers; beide weisen die gleichen 
zwei Grundgesetzmässigkeiten der Ausbreitung und der Zusammen- 
ziehung auf nicht nur in funktioneller Beziehung, sondern auch in 
Hinsicht auf Mittel und Organe der Durchführung. Es ist in beiden 
Fällen die genetisch-funktionelle Identität von Plasma und Blut, Plasma 
und Nerv, Plasma und Muskel. Es bleibt abzuwarten, ob die Ent- 
wicklungslehre diese funktionelle Identität wird bestätigen können. 
Physiologisch erscheint jedenfalls erwiesen, dass im Plasma die glei- 
chen anorganischen (Kalium, Kalzium) und organischen (Lezithin, 
Cholesterin) Substanzen in der Funktion der Ausbreitung und Zu- 
sammenziehung wirken, wie später in der morphologisch zusammen- 
gefassten Form des vegetativen Systems der Vagus und Sympathicus. 
Die Gegensätzlichkeit der beiden Grundfunktionen setzt sich in der 

223 



Wilhelm Reich 

Gegensätzlichkeit der Innervation des Vagus und des Sympathicus 
fort. Der Vagus ist im wesentlichen das System der peripheren Er- 
regung und zentralen Entlastung, das heisst der libidinösen Ausbrei- 
tung, psychologisch der Richtung »Zur Welt«, der Sympathicus we- 
sentlich das System peripherer Entlastung und der zentralen Erre- 
gung, das heisst der ängstlichen Zusammenziehung, psychologisch 
ausgedrückt der Richtung »Von der Welt weg — in sich zurück«. 

Nunmehr lässt sich auch der Gegensatz von Sexualität und Angst 
in das allgemeine organische Naturgeschehen einordnen. Die Angst 
ist als psychischer Affekt nicht »Ausdruck«, nicht »Folge«, auch 
nicht »Begleiterscheinung« des sympathischen Sich-in-sich-selbst- 
Verkriechens, sondern unmittelbare innere Wahrnehmung des Vorgan- 
ges, mit ihm funktionell identisch. Ebenso ist die sexuelle Lust im wei- 
testen und engsten Sinne, jede Empfindung vom einfachsten gelocker- 
ten Wohlbefinden bis zur sinnlichen Erregungsspannung, die innere 
Wahrnehmung der vagischen Funktion der Ausbreitung, die mit der 
Steigerung der Oberflächenspannung im mechanischen und elektro- 
physiologischen Sinne einhergeht; sie ist die innere Wahrnehmung 
des Zerschmelzens und mit der Welt Verschmelzens, des Aus-sich- 
vöIlig-Heraustretens, mit dem physiologischen Vorgang funktionell 
identisch. In diesem Sinne, und nur in diesem Sinne scheint uns das 
Leibseeleproblem fassbar, fällt die Berechtigung weg, die sogenannt 
funktionelle von der sogenannt organischen Natur von Erkrankungen 
prinzipiell zu trennen. Nur die Anmarschwege der pathogenen Reize, 
die Angriffspunkte am biologischen System der Person sind ver- 
schieden; sie setzen das eine Mal als toxische, traumatische oder 
physiochemische Irritation, das andere Mal als eine soziale Hemmung 
der psychischen Beweglichkeit der Person ein. Im Effekt erzielen 
sie das gleiche: eine Störung des energetischen Gleichgewichts der 
Person. Eine Schizophrenie etwa ist in diesem Lichte weder als »psy- 
chogen« noch als »somatogen« aufzufassen, sondern einzig als eine 
so oder so veranlasste Störung lebenswichtiger vegetativer Grund- 
funktionen. 

In der Strömungsn'ch/u/jp' und mit ihr im psychischen Erleben 
gegensätzlich, sind Sexualität und Angst doch sozusagen einem 
Stamme entwachsen; mehr, die spezifischen Erregungen der Angst 
und der Sexualität können in einander übergehen oder sogar völlig 
umschlagen. Sie sind also nicht absolute Gegensätze, sondern relativ, 
in der Gegensätzlichkeit doch auch identisch. Die Empfindungen 
in der Gegend des Ganglion Coeliacum (des Zwerchfells und des 
Herzens) bei Angst und bei Lust sind im Ansatz der Empfindung 
kaum von einander zu unterscheiden. Nur die weiteren Schicksale 
der Erregung entscheiden über die Entwicklung zur Angst oder zur 
Lust. 

Eine neue Anschauung von Dingen und Vorgängen verdient nur 
dann aufmerksame Beachtung, wenn sie eine Reihe bisher unver- 

224 



Die vegetative Urform des Libido-Angst-Gegensatzes 

standener oder nur mit Hilfe einer Vielheit von Annahmen verständ- 
licher Tatsachen auf einen gemeinsamen Nenner zurückzuführen 
gestattet. Dieses Prinzip der naturwissenschaftlichen Forschung muss 
sich auch bei unserer Annahme beweisen, über die Reichweite ihrer 
Konsequenzen bin ich mir völlig im klaren, auch wenn diese sich 
noch nicht zureichend überblicken lassen. 



WILHELM REICH 

CHARAKTERANALYSE 

TECHNIK UND GRUNDLAGEN 

FÜR STUDIERENDE UND PRAKTIZIERENDE ANALYTIKER 

Oktav, 288 Seiten, In Leinen Kr. 12.80. Geheftet Kr. 11.25 

mmamm^^^mamm Aus dem Vorwort: ■■■■■■■■ 

Die technisch-therapeutischen Ausführungen und die dynamisch-öko- 
nomischen Auffassungen des Charakters als Gesamtformation entstammen 
überwiegend den reichlichen Erfahrungen und Diskussionen im Wiener 
»Seminar für psychoanalytische Therapie« am obengenannten Institut, das 
ich sechs Jahre hindurch unter tätiger Mithilfe einer Reihe arbeitsfreudiger 
junger Kollegen leitete. Ich muss bitten, auch jetzt weder Vollkommenheit 
in der Darstellung der aufgeworfenen Probleme noch Vollständigkeit ihrer 
Lösung zu erwarten. Wir sind auch heute wie vor neun Jahren von einer 
umfassenden, systematischen psychoanalytischen Charakterologie noch weit 
entfernt. Ich glaube nur, mit dieser Schrift die Entfernung um ein er- 
hebliches Stück zu verringern. 



Verlag für Sexualpolitik Kopenhagen, Postbox 827 



E. Parell 






Was isf Klassenbewussfsein? 

(III. Teil, Schluss) 
Bürgerliche und revolutionäre Politik 

Von E. Parell 

Die Sex-Pol-Bewegung hat gegen vielerlei Fronten zu kämpfen; 
eine davon ist das Gestrüpp der festgefahrenen Begriffe, in denen 
man keinen Inhalt mehr finden kann, wenn man zufällig auf die Idee 
kommt, sich sehr banale Fragen vorzulegen. Eine derartige Frage 
lautet: »Was ist Politik?« Den Anlass, sie zu stellen, bildet ein Ein- 
wand, den man immer wieder zu hören bekommt, wenn man die Grund- 
sätze der sich aus der Sexualökonomie ableitenden Massenpsychologie 
vorbringt: »Das alles mag ja sehr richtig und auch nützlich sein, 
aber vor allem komme es doch auf die .Politik' und die .ökonomischen 
Faktoren' an.« Man kann dann beobachten, wie die stillen Zuhörer 
der Versammlung oder des Vortrags, die den massenpsychologischen 
Ausführungen mit grossem Interesse und zustimmend folgten, Be- 
denken bekommen, unsicher in ihrem Urteil werden, das sie bisher 
gebildet hatten, und einer merkwürdig scheuen Verehrung vor dem 
Worte »Politik« verfallen. Es mag dann oft geschehen, dass sogar 
der Vertreter des massenpsychologischen Standpunktes, so einfach und 
einleuchtend dieser auch ist, beim Worte »Politik« einen Schritt 
zurückweicht und zur Auskunft greift, die Beziehungen der Politik 
zur massenpsychologischen Praxis müssten »erst untersucht werden«. 
Die Vertreter der hohen Politik und der »ökonomischen Faktoren«, 
die sie immer vernachlässigt sehen, obgleich in den Journalen und 
Zeitungen kaum anderes als »ökonomische Faktoren«, niemals aber 
massenpsychologische behandelt werden, pflegen gewöhnlich eine 
konkrete Antwort darüber schuldig zu bleiben, was denn das eigentlich 
sei: »Politik«; ein Wort, das auf den gewöhnlichen Sterblichen wie 
ein Fetisch wirkt. Man muss sich daran gewöhnen, jede fetischartig 
wirkende Angelegenheit in das grellste Licht naiver Fragen zu stellen, 
die bekanntlich die peinlichsten, aussichtsreichsten und meist tiefst- 
reichenden sind. 

226 



Was isf Klassen b uwussisein ? 

Fetisch »Politik« 

Der politische Laie versteht unter »Politik« zunächst diplomatische 
Unterredungen von Gross- oder Kleinmächtevertretern, bei denen über 
die Schicksale der Menschheit entschieden wird; davon, sagt er mit 
Recht, verstehe er nichts. Oder er sieht in der Politik parlamentari- 
sches Paktieren mit Freunden und Feinden, aber auch gegenseitiges 
Beschwindeln, Bespitzeln, Uebervorteilen, Entscheidungen nach »ge- 
schäftsordnungsmässigen« Formeln treffen; er versteht auch davon 
nichts, sehr oft stösst es ihn ab, und er bezieht daher den erlösenden 
Standpunkt, »mit Politik nichts zu tun haben zu wollen«. Er sieht 
dabei den Widerspruch nicht, dass bei diesem von ihm mit Recht 
verachteten Handel über ihn entschieden wird, und dass er trotzdem 
diese folgenschweren Entscheidungen gutwillig Menschen überlässt, 
die er für Schwindler hält. 

Politik kann schliesslich bedeuten, dass man Massen der Be- 
völkerung gewinnen will. Jedem marxistisch Geschulten ist sofort 
klar, dass bürgerliche Politik immer demagogisch sein muss, denn 
sie kann den Massen nur Versprechungen machen, aber nichts erfüllen. 
Im Gegensatze dazu ist die revolutionäre Politik, da sie den Massen 
alles, was sie verspricht, auch erfüllen kann, im Prinzip undema- 
gogisch. Wo sie demagogisch ist oder wirkt, kann man mit Sicherheit 
auf Preisgabe der revolutionären Grundsätze schliessen. 

Wir wollen nun eine Probe jener typischen politischen Erörterungen 
abdrucken, die erfahrungsgemäss von der Masse der Bevölkerung 
als »hohe Politik« empfunden, nicht verstanden, mit grosser Scheu 
und Verehrung angesehen und passiv oder garnicht erlebt werden. 

» wenn man — wie England — die Legalisierung der Aufrüstung dem 

Wettrüsten vorzieht, so muss man zugeben, dass im Zuge einer solchen Legali- 
sierung auch Sicherheiten gegen neue Vertragsbrüche geschaffen werden müssen. 
Und über diese Sicherheiten, die Garantien für die Durchführung einer Abrüstungs- 
konvention, müsste auf der sogenannten Abrüstungskonferenz in Genf verhandelt 
werden. Deutschland nimmt aber die französische Bedingung nicht an. Es schweigt 
sich in seinen amtlichen Mitteilungen darüber aus und hat sich in den berliner 
Gesprächen mit dem britischen Geheimsiegelbewahrer Eden geweigert, nach Genf 
zu kommen. Damit sind, wie gesagt, die britisch französischen Verhandlungen 
gegenstandslos geworden. Der diplomatische Meinungsaustausch ausserhalb der 
genfer Abrüstungskonferenz ist beendet, ohne zu einem Ergebnis geführt zu haben. 
Es ist nunmehr an der Abrüstungskonferenz, ohne Deutschland die erforderlichen 
Friedensbürgschaften zu schaffen. Frankreich zählt dabei auf die Mitwirkung 
Grossbritanniens. 

Das ist Inhalt und Sinn der langen französischen Note vom siebzehnten April, 
der Antwort auf die britische Note vom achtundzwanzigsten März und auf das 
Aide-Memoire Sir John Simons vom zehnten April.« 

Ich brachte diese Probe ohne Quellenangabe, absichtlich, um 
niemand zu kränken. Wer sich darin erkennen sollte, den meinen 
wir. Anders kann man ja der leichten Gekränktheit der Politiker 
nicht begegnen. 

Wer ist »Deutschland«, wer »Frankreich«? Was ist »diplomatischer 
Meinungsaustausch«? Ist das wirklich Inhalt und Sinn der französi- 

227 












E. Parell 

sehen Note? Welche Beziehung hat diese »politische Note« zu den 
Bedürfnissen der Masse, zu ihrem Denken, Fühlen, Leben, Vegetieren? 
Gar keine! Man vergleiche damit Lenins Politik beim Brester Frieden. 
Die Parole »Schluss mit dem Krieg!« verstand der kleinste hungernde. 
Bauernjunge, während die Vertreter der hohen Politik dagegen -waren. 

Die breite Masse, der die revolutionäre Politik Willen und Zukunfts- 
gestaltung sichern soll, deren Ausdruck sie also sein müsste, denkt 
und spricht anders. Wer heute noch von Barthou-Reiscn spricht, ohne 
einfach, deutlich, jedem verständlich zu erklären, worin das reaktio- 
näre, der Schwindel dieser Reisen liegt, macht ungewollt mit. 

Kontrollieren wir die Wirkung der hohen Politik auf die breite 
Masse, so sehen wir, dass sie im besten Falle von Einzelnen als 
eine Art Bierhauspolitik nachgeäfft wird. Die breite Masse reagiert 
darauf durchaus passiv, duldend, uninteressiert und spielt dauernd die 
Rolle von Statisten der »grossen Politik«. Man muss sich restlos 
klarmachen, dass das Affentheater der sogenannten »hohen Politik« 
ein plötzliches und für die Diplomaten sehr unangenehmes Ende 
nähme, wenn die Masse die Statistenrolle mit einer aktiven Stellung 
ablösen würde, kurz, wenn sie nicht mehr unpolitisch wäre. Wer sich 
die für die revolutionäre Politik grundlegende Frage »Was geht in 
den Massen vor?« nicht unausgesetzt vorlegt und beantwortet, muss 
notwendigerweise, ob er will oder nicht, dem Gestrüpp der bürgerlichen 
Politik verfallen und entweder unpolitisch werden oder sie mitmachen. 
Das Unpolitischsein der breiten Masse ist die eine Stärke der politi- 
schen Reaktion. Die andere ist der Nimbus, mit dem sie ihre Politik 
umhüllt, so dass sogar Sozialisten seiner teilhaftig werden wollen. 

Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben des revolutionären Poli- 
tikers, genau zu fühlen, zu erfahren, zu wissen, wie die Masse die 
Kulissenpolitik erlebt. Als Hitler im Sommer 1932 an Hindenburg 
die erste Forderung der Reichskanzlerschaft stellte und von diesem 
zurückgewiesen wurde, nachdem sich in den Kulissen ein den Massen 
nie einsichtiger Intriguenkampf abgespielt hatte, wandte er sich an 
seine Anhänger mit einem glühenden Bekenntnis zum »Willen des 
Volkes«. Anlass dazu bot der Fall von Potempa: 

S. A.-Leute ermordeten auf bestialische Weise einen polnischen 
Arbeiter und wurden zum Tode verurteilt. Hitler trat laut für sie ein. 
Den Hintergrund dieser Geste Hitlers bildete in Wirklichkeit die 
Abfuhr, die er kurz vorher von Hindenburg erfahren hatte, als er von 
diesem die Reichskanzlerschaft forderte. Hitler spielte seine Massen- 
basis aus, als seine feudalen Verbindungen versagten. 

Die Masse durchschaute in keiner Weise das Spiel, das mit ihr 
getrieben wurde. Sie fühlte sich von Hitler vielmehr in nationalisti- 
scher Identifizierung »verstanden«. Hitlers Bekenntnis zu Menschen, 
die aus »nationalem Ehrgefühl« einen »Marxistenhund« abgeschlachtet 
hatten, seine Stellung gegen die verhasste Regierung, die die Mörder 
zum Tode verurteilt hatte, überwogen bei weitem die Wirkung der 

228 



Was ist Klassenbewusstsein? 

falschen kommunistischen Gegenpropaganda, die sich damit begnügte, 
die Mörder eben »Mörder« zu nennen und dies für die berühmte 
»Entlarvungspolitik« zu halten. Hätten die Kommunisten in breiter 
Agitation die Zusammenhänge zwischen der Absage Hindenburgs an 
Hitler mit Hitlers Appell an das Massengefühl enthüllt, die Wirkung 
wäre nicht ausgeblieben. Die KPD sprach aber nur viel über die 
»Gleichheit« aller reaktionären Richtungen, vermochte die realen 
Widersprüche innerhalb der Bourgoisie nicht zu fassen und hatte 
es überdies nicht gelernt, die Reaktionen der eigenen sowie der 
gegnerischen Massen genauestens zu verfolgen. Indem sie nichts tat, 
als, die Mörder Mörder nennen, stellte sie sich automatisch in den Augen 
der gesicherten Nazimassen und der vorerst nur schwach Sympathi- 
sierenden auf die Seite der von diesen Massen gehassten Regierung. 

Warum sprach Litwinow nicht zur Masse? 

Revolutionäre Politik wird in Inhalt und Sprache entweder Aus- 
druck des primitiven, ungebildeten, lebensverbundenen Wesens der 
breiten Masse sein, oder sie wird sich nur revolutionär nennen und 
im Effekt ergebnislos und reaktionär sein. Auch dort, wo sie grund- 
sätzlich richtige Dinge vorbringt, wird sie von der Masse unverstanden 
bleiben und derart im objektiv antirevolutionärem Sinne wirken. 

Die Welt steht am Eingang eines neuen mörderischen Krieges. 
Barthou und Litwinow traten beide in Genf vom Standpunkt der 
Staaten, die sie repräsentieren, als Vertreter des Friedens gegen 
Deutschland auf. Eine korrekte Kritik des Auftretens Litwinows vom 
internationalen revolutionären Standpunkt fand sich bisher nur in 
Trotzkis Organ »Unser Wort« (2. Juniwoche 1934) ; allen anderen 
Organisationen des Proletariats scheint das Verständnis, ja das Emp- 
finden für das, was jetzt in Genf geschah, völlig abhanden gekommen 
zu sein. Doch auch diese Kritik ermangelt der grundsätzlichen massen- 
psychologiscben Fragestellung: »Wie erlebt der durchschnittliche un- 
politische Arbeiter, Angestellte, Bauer Deutschlands, Frankreichs, 
Englands, ja selbst der Sowjetunion das Auftreten der beiden Staats- 
männer? Fühlt er, dass hinter Litwinow ein proletarischer Staat steht? 
Merkt er einen Unterschied zwischen dem Friedenswillen Barthous 
und dem Litwinows? Versteht er die feine Unterscheidung der Sowjet- 
regierung, die vom »Imperialismus als Ganzes« und von »speziellen 
Kriegsparteien« spricht? Weiss der russische Arbeiter, dass er auf 
Grund der gegenwärtigen Bündniskonstellation mit dem französischen 
Arbeiter gegen den deutschen und englischen ins Feld ziehen und auf 
ihn schiessen wird? 

Wie soll ein einfacher Sterblicher in folgende Kommentierung durch 
Bela Kun eindringen? 

»Oft bekämpfen wir den Krieg ganz allgemein. Nicht selten fühlen 
sich verschiedene kommunistische Redakteure in Verlegenheit. 'Wie 
ist das', fragen sie, 'der Imperialismus bereitet den Krieg vor, und 

229 






E. Parell 

■ 

Herriot fährt nach der Sowjetunion und wird hier gut empfangen. 
Wie ist das zu erklären?' Ich hahe sehr schlechte Artikel über die 
Reise Herriots gelesen. Und in keinem Artikel hat man das gelesen, 
was jetzt nach der Rede des Genossen Stalin auf dem 17. Parteitag 
vollkommen klar ist, dass es unter dem Imperialismus stets Kriegs- 
parteien gibt. Der Imperialismus als Ganzes, als Epoche, ist" für den 
Krieg, aber es sind verschiedene Kriegsparteien vorhanden, die den 
Krieg am meisten forcieren. Die aktuelle Aufgabe ist, dass man das 
Feuer gegen jene Gruppe der Bourgeoisie konzentriert, die eben die 
Kriegspartei ist und den Krieg am meisten forciert. 

Natürlich muss man dabei immer betonen, dass die Gruppen der 
Bourgeoisie, die sich heute einen pazifistischen Mantel umhängen, 
oder die heute den Zeitpunkt des Krieges noch für verfrüht halten, 
im geeigneten Zeitpunkt ebenso für den Krieg sein werden, für den 
Krieg gegen die Sowjetunion, wie die führende Kriegspartei. Das 
müssen wir immer betonen, das Feuer jedoch müssen wir in erster 
Reihe gegen die Kriegsparteien konzentrieren: in Japan gegen die 
militaristisch-faschistische Clique der Generäle, Feudalen und Trust- 
magnaten, in Deutschland gegen die Hitlerfaschisten, in Grossbritan- 
nien gegen die Diehards usw.« 

(Bela Kun, Die Aufgaben der kommunistischen Presse — Rund- 
schau 33/1934 S. 1259). 

Und wo bleibt die französische Rüstungsindustrie? 

Warum, wird der von hoher Bündnispolitik nichts Verstehende 
fragen, wandte sich Litwinow in Genf nicht an die breiten Massen 
aller Länder, die den Krieg um keinen Preis wollen? Warum schliesst 
er Bündnisse nur mit imperialistischen Regierungen, die den Krieg 
wollen, und nicht mit ihnen? Warum unterstützt er die Illusion, die 
gerade die imperialistischen Mächte nähren, als ob der längst ge- 
storbene Völkerbund den Krieg tatsächlich verhindern könnte? Warum 
sagte er nicht klar und offen, jedem verständlich, dass niemals der 
Völkerbund, niemals irgend eine bürgerliche Regierung der Welt, 
sondern einzig und allein die solidarische Aktion der Munitions- und 
Transportarbeiter aller kapitalistischen Länder den Krieg wirklich 
verhindern könnte? Dass die Aussenpolitik der S. U. vom unpolitischen 
Werktätigen irgendeines Landes besser verstanden wird als die 
Frankreichs, kann man nicht behaupten. Und gerade dies wäre das 
wichtigste Kennzeichen einer proletarischen Politik! 

Wir sparen uns die Beantwortung der Frage, weshalb der Vertreter 
eines proletarischen Staates die revolutionäre Diplomatensprache voll- 
ständig verlernt hat, auf, bis wir hören werden, was die »einzigen 
Führer der Revolution« dazu zu sagen haben. Klar ist jedoch: Auch 
nur ein Wort eines Litwinow am Rednerpult des Völkerbundes, gegen 
Brauch, Anstand und Völkerbundssitte, unter völlig undiplomatischem 
Bruch aller eventuellen Abmachungen an die Munitions-, Transport- 

230 






Was ist Klassenbewusslsein? 

arbeiter und Soldatenmütter aller Länder hätte zur Verhinderung des 
Krieges mehr geleistet als zwanzig papierene Bündnispakte. Glaubt 
Litwinow wirklich, den Krieg durch seine Politik zu verhindern? Ist 
nicht ein Appell wie der Karl Liebknechts 1914 in Form der Ver- 
weigerung der Kriegskredite ein tausendfach stärkerer Wall gegen 
Kriegschauvinismus gewesen als die hochpolitischen Begründungen 
der Sozialdemokratie? Doch unsere proletarisch revolutionären Führer 
haben derartigen Respekt vor einem diplomatischen Vertreter, schon 
gar einem sowjetistischen, dass sie die Sprache der Geführten nicht 
mehr verstehen und uns für verrückt erklären werden. Dennoch, und 
immer wieder: Die Zustimmung von fünf oder zehn Millionen 
künftigen Kriegsopfern ist mehr wert als 500.000 sogar sowjetistische 
Bajonette! Die kommende Katastrophe wird diesen Satz, heute für 
verrückt erklärt, blutig einbläuen ! 

Es gibt für die Sowjetunion als proletarisch-revolutionären Staat 
nur eine Rettung: die eigene Armee im Bündnis mit den Arbeitern 
der Kriegs- und Transportindustrie sowie den einfachen Soldaten aller 
Länder gegen die kapitalistischen Regierungen und Generalstäbe aller 
Länder. Wenn sie heute Bündnisse mit den Generalstäblern und 
Diplomaten kapitalistischer Länder schliesst, so deshalb, weil die 
revolutionäre Bewegung international versagte. Lenin wandte sich in 
Schrift und Wort immer an die breite Masse. Daraus ergibt sich die 
Lösung unserer Frage: Kann es. der revolutionären Politik je gelingen, 
die bürgerliche Politik zu schlagen, wenn sie deren Sprechart, Taktik, 
Strategie anwendet, kurz, bürgerliche Methoden anwendet? Das kann 
ihr nie gelingen. Sie kann sich nur im Irrgarten der Politik verirren, 
den Ereignissen nachhinken, es schlechter machen als die bürger- 
lichen Politiker. Es gibt nur eine Möglichkeit: den unentwirrbaren 
Knoten, den die bürgerliche Politik als Irrgarten bildet, zu durchhauen, 
indem die bürgerliche Politik nicht nachgeäfft, sondern ihr das Grund- 
prinzip der revolutionären Politik entgegengesetzt wird: unausgesetzt, 
unermüdlich, einfach und klar an die Masse wenden; die Gedanken 
der Masse, die gedachten und unausgedachten, aussprechen, ihnen 
Ausdruck verleihen, den Respekt der Masse vor der hohen Politik 
zerstören, den Schwindel nicht ernst nehmen, sondern erbarmungslos, 
unermüdlich aufdecken, in der Sprache der Masse sprechen, nicht die 
Masse der »hohen Politik«, sondern die Politik der Masse anpassen, 
sie demokratisieren, vereinfachen, jedem zugänglich machen. Der 
Leninsche Satz, jede Köchin müsse fähig sein, den Staat zu regieren, 
indem Politik und Staatsführung vereinfacht werden, enthält unaus- 
geführt den Grundgedanken der sozialen Demokratie. Die »hohe 
Politik« kann nur existieren, weil die revolutionäre Politik sich ihr 
in Form, Sprache, Gedankengängen, wenn auch mit revolutionären 
Inhalten, anpasste, weil sie sich nicht an die Masse wandte, sondern 
diese wie ein zu überzeugendes Kind behandelte, das endlich erkennen 

231 



r 



E. Parell 

muss und »auch immer mehr erkennt«, dass mit ihm Schindluder 
getrieben wird. 1 ) 

Schema der revolutionären Politik 
Wenn die Behauptung der sozialen Revolution richtig ist, dass sie 
die sozialen Probleme der Wirtschaft und Kultur wirklich im Sinne 
der sozialen Demokratie lösen kann, dann haben nur folgende politi- 
sche Fragestellungen und Grundsätze Platz. 

1. Welche Manöver führen die verschiedenen Richtungen der Bour- 
geoisie auf, um Massen hinter sich zu bekommen oder einander 
abzujagen? 

2. Was geht in diesen Massen vor, dass sie politischen Gruppen oder 
Parteien folgen, die nie ihre Versprechungen erfüllen können? 

3'. Was für Bedürfnisse hat die Masse in ihren verschiedenen Schat- 
tierungen? 

4. Welche dieser Bedürfnisse sind gesellschaftlich möglich und be- 
rechtigt, welche sind lebensnotwendig? 

">. Ist der Stand der Weltwirtschaft derart, dass die Bedürfnisse bei 
Ausschaltung der kapitalistischen Herrschaft und Einrichtung der 
Planwirtschaft an Stelle der Wirtschaftsanarchie befriedigt werden 
können? 

6. Wissen die Massen, welche Einrichtungen der Gesellschaft ihrer 
Bedürfnisbefriedigung im Wege stehen, weshalb diese hinderlichen 
Einrichtungen existieren? 

7. Wie sind sie zu beseitigen und wodurch zu ersetzen? 

8. Welche wirtschaftlichen, sozialen, massenpsychologischen Voraus- 
setzungen sind zur Erfüllung der Bedürfnisbefriedigung der breiten 
Massen notwendig? 

Aus jeder dieser Fragen lässt sich die unausweichliche Notwendig- 
keit der sozialen Revolution ableiten, ausnahmslos aus jeder, auf 
ausnahmlos jedem Gebiete des menschlichen Lebens. Anders aus- 
gedrückt: Die massenpsychologische Arbeit hat nicht im Schatten der 
Wirtschaftspolitik zu stehen, sondern die Wirtschaftspolitik hat in 
den Dienst der Massenpsychologie zu treten, die die Masse begreift, 
führt; die Bedürfnisse der Menschen sind nicht für die Wirtschafts- 
politik, sondern die Wirtschaftspolitik ist für die Bedürfnisbe- 
friedigung da. 

Bürgerliche Politik der K. P. D. 

Die Erfahrungen aus dem Parteileben der K. P. D. lehren, dass diese 
einzig mögliche Form revolutionärer Politik in Deutschland fehlte; 
wenn Führer der K. P. D. im Sportpalast stundenlang über die In- 
teressengegensätze der Grossmächte und die ökonomischen Hinter- 



*) Die Frage der sowjetistischen Aussenpolitik und ihr Zusammenhang mit den 
massenpsychologischen Problemen bedürfen einer ausführlichen Darstellung. 

232 






Was is* Klassenbewussteein? 

gründe des kommenden Krieges sprachen, ahmten sie, ohne es zu wollen, 
ohne es zu wissen, die bürgerliche Form der Politik nach. Unsere 
revolutionären Politiker sind allzu eifrig in diesem Wetteifer mit den 
Boncours. Weshalb sie hier nachahmen und dadurch alle Möglich- 
keiten verlieren, ist eine Strukturfrage des revolutionären Führers. 
Sie werden sich wieder sehr beleidigt fühlen, wenn sie dies lesen, und 
es als »trotzkistische Konterrevolution« bezeichnen; es besteht auch 
keine Hoffnung, sie zu überzeugen, dass sie in der Form, und 
daher auch objektiv-sachlich bürgerliche Politik machen. Um jede 
Möglichkeit eines sachlichen Protestes abzuschneiden, bringen wir an 
Stelle von vielen nur ein konkretes Beispiel dafür, dass die K. P. D. 
das revolutionäre Prinzip der Politik gegen das bürgerliche ein- 
getauscht hatte. 

Im Dezember 1932 veranstaltete die S. P. D. eine Lustgartendemon- 
stration. Die kommunistischen Organisationen, im besonderen die 
Kampfbünde, schlössen sich dem Demonstrationszug an, mischten sich 
unter die demonstrierenden sozialdemokratischen Massen, schlössen 
ohne viel Theorie über die amerikanisch-japanischen Gegensätze die 
praktische Einheitsfront. Es war die Sprache der Masse, ihr Wille. 
Die Führung der K. P. D., die eine Einheitsfront »nur unter kommu- 
nistischer Führung« wollte, vielmehr zu wollen vorgab, erteilte 
nachträglich an die Funktionäre Rüffel; der Parteibefehl hatte nur 
gelautet, an den Randsteinen zu bleiben und die sozialdemokratische 
Demonstration »zu begrüssen«. Zur gleichen Zeit verhandelte Torgier 
im geheimen mit der sozialdemokratischen Führung über die Bildung 
der Einheitsfront, wovon die Masse nichts wussle; sie war vielmehr 
offiziell im Glauben gehalten, dass eine Einheitsfront mit der Spitze 
der Sozialdemokratie »konterrevolutionär« wäre. Ich selbst hatte 
damals an einer geheimen Sitzung zwischen einigen kommunistischen 
und sozialdemokratischen Spitzenfunktionären über die Bildung einer 
Einheitsfront teilgenommen. In den Zellen durfte niemand etwas 
davon wissen. Das ist bürgerliche Politik. Das gerade Umgekehrte 
wäre proletarisch-revolutionäre Politik gewesen: den Kommunisten 
die Weisung geben, die sozialdemokratische Demonstration zu unter- 
stützen, und im Lustgarten mit Lautsprechern der Masse mitteilen, 
dass man mit den Sozialdemokraten über die Bildung der Einheits- 
front verhandelt. Das heisst, der Ideologie der Masse vorwärtshelfen, 
ihren Wünschen Ausdruck verleihen. Statt dessen trieb man »hohe 
Politik«, »Strategie« und »Taktik«, ohne Masse, gegen sie, und schloss 
jeden aus, der revolutionäre Politik wollte und durchführte. 

Ein alter Grundsatz der Revolution ist die Abschaffung der Geheim- 
diplomatie. Er ist selbstverständlich, denn da die soziale Revolution 
der Vollzug des Volkswillens gegen die Besitzer der Produktionsmittel 
unter Führung des Industrieproletariats ist, bleibt nichts mehr zu 
verheimlichen. Dann gibt es nichts mehr, das die Masse nicht hören 
dürfte; im Gegenteil sie muss alles wissen und kontrollieren können. 

233 



E. Parell 

Innerparteiliche revolutionäre Politik. 

Ueberblickt man die Entwicklung der Politik der kommunistischen 
Parteien, seitdem Lenin starb, wird man feststellen, dass fort- 
schreitend der Grundsatz, sich ständig an die Massen zu wenden, 
verloren ging, und dass mit dem Nachahmen der Formen der bürger- 
lichen Politik innerhalb und ausserhalb der Partei die Bürokratisierung 
einsetzte. An die Stelle der innerparteilichen Demokratie trat die 
Kulissenpolitik des gegenseitigen Hereinlegens und der Cliquenbildung. 
Das unterhöhlte die Kraft der revolutionären Partei restlos, obwohl 
sie die besten revolutionären Elemente umschloss. 

Als im Oktober 1917 Lenin den Zeitpunkt für den Volksaufstand 1 

gekommen sah und sich gegen ihn in der Führung der Bolschewiki 
Hindernisse erhoben, blieb er seinem Grundsatz der revolutionären 
Politik treu: Er wandte sich an die Masse der Parteimitglieder, bildete 
keine Clique, intrigierte nicht, suchte nicht durch Fraktionsbildung 
zu siegen. Jeder Ausschluss der Masse aus politischen Erwägungen 
und Massnahmen ist, gleichgültig, was subjektiv gedacht wird, konter- 
revolutionär. Die revolutionäre Politik hat vor den Massen nichts zu 
verbergen, sie will alles enthüllen. Die bürgerliche Politik darf nichts 
enthüllen, muss alles verbergen. An der Kulissenpolitik, wo immer 
sie auftreten mag, erkennt man die politische Reaktion. 

Es ist ein ungeheurer Vorteil der revolutionären Sexualpolitik, dass 
sie ständig die Sprache der Masse sprechen muss, dass ihr von der 
Bourgeoisie nichts entgegengesetzt werden kann, weil es eine positive 
bürgerliche Sexualpolitik nicht geben kann; der revolutionäre Sexual- 
politiker kann daher auch nicht bürgerlich entarten; es kann nicht 
eine Geheimdiplomatie auf sexualpolitischem Gebiet geben ; die Sex-Pol 
kann sich nur an die Massen wenden, oder sie hört überhaupt zu 
existieren auf. 



Klassenbewußtsein aus dem Leben der Masse entwickeln 
Führung, Partei und Masse. 

Es ist vielleicht kränkend, es zu hören, gewiss vom Standpunkt 
der revolutionären Bewegung schädlich, aber nicht zu leugnen: Die 
einzelnen revolutionären Gruppen überbieten einander in der Ver- 
sicherung, die »einzigen« und »wahren« Erben des »echten Marxismus 
und Leninismus« zu sein; überblickt man jedoch die Differenzen, die 
sie von einander trennen, dann findet man, dass sie im Verhältnis 
zu den zu leistenden riesenhaften Aufgaben sehr geringfügig sind; 
die eine Gruppe will zuerst die revolutionäre Partei herstellen, die 
andere will zuerst die Masse haben, ehe sie die neue Internationale 
gründen hilft, die dritte proklamiert sich ständig als »die Arbeiter T 
klasse« und als die einzige Führerin der Revolution, ohne es entfernt 
zu sein, die vierte vertritt in irgend einer Detailfrage eine eigene 

234 



t 



Was ist Klassenbewußtsein? 

Richtung etc. Wir sagten bereits, dass diese Zersplitterung an 
unkorrekten oder unvollständigen Fragestellungen liegt, dass das 
gegenseitige Beschimpfen nicht einen Schritt weiter führt. Wir suchen 
in der heutigen revolutionären Diskussion vergebens nach der Frage- 
stellung und nach ihrer Beantwortung, weshalb denn die Formierung 
der neuen revolutionären Partei nicht gelingen will, weshalb die 
frühere revolutionäre Organisation trotz bestehenden Apparats die 
Massen nicht gewann, weshalb überhaupt 17 Jahre nach der russischen 
Revolution die Frage über das Verhältnis von Führung, Partei und 
Masse noch immer soviel Kopfzerbrechen macht. Ist nicht wahrschein- 
lich, dass hier in der ganzen Rechnung ein wichtiger Fehler unentdeckt 
blieb? Es ist doch ganz unwahrsheinlich, dass die Katastrophe deshalb 
hereinbrach, weil Stalin die Bürokratie grosszüchtete oder die sozial- 
demokratische Führung seit Jahrzehnten bürgerlich entartete oder 
Hitler viel Geld von den Industriellen bekam. Die Grundfrage ist, 
immer und immer wieder, weshalb sich die Industriearbeiterschaft 
den Reformismus und den Bürokratismus auflud. Es geht um die 
Grundfrage nach der Beziehung von Führung, Partei und Masse. 

Die Gründer der IV. Internationale stehen, zumindest wenn man 
ihre Funktionäre hört und ihre Zeitungen liest, auf dem Standpunkt, 
dass man zuallererst die revolutionäre Partei schaffen müsse, dann 
müsse man das Proletariat gewinnen, dann erst käme das Kleinbürger- 
tum an die Reihe. Ich zweifle nicht daran, dass die verantwortlichen 
Führer der internationalen Kommunisten selbst die Fehlerhaftigkeit 
derartiger Fragestellung verurteilen. Man kann nicht sich Marxist 
nennen und derartig schematisch Führung, Partei und Masse trennen. 
Die Beziehung ist eine — um das hohe Wort einmal zu nennen — 
dialektische; kurz: Eine revolutionäre Partei kann nicht in der Luft 
entstehen, sie kann sich nur aus der Masse herausbilden, zunächst 
aus dem proletarischen Teil der Masse; dies setzt voraus, dass die 
Initiatoren der Partei die Sprache derjenigen Massen sprechen, die 
die Partei bilden sollen. Die Masse versteht aber von den feinen 
Differenzen zwischen den einzelnen revolutionären Richtungen nichts, 
sie ist daran uninteressiert. Die revolutionäre Partei formiert sich 
nicht nur durch klare Herausarbeitung einer der Wirklichkeit ent- 
sprechenden Anschauung und Praxis, sondern auch in erster Linie 
durch die Behandlung derjenigen Fragen, die die verschiedenen 
Schichten der Bevölkerung interessieren. Dann und nur dann liefert 
die breite Masse auch die Funktionäre, die die Partei benötigt. Das 
wirkt wiederum zurück in Form besserer Erfassung der Masse und 
wieder umgekehrt. Partei und. Masse heben sich gegenseitig in die 
Höhe; nur durch diese innige Verschmelzung und gleichzeitige Aus- 
sonderung der Führerkader aus der Masse entsteht das Gebilde der 
Massenpartei, d. h. der nicht quantitativ sondern qualitativ bestimmten 
Partei, die die Massen führt. Die K. P. D. veranstaltete Wettwerbungen 
von Mitgliedern, die sie wahllos aufnahm. Sie war eine quantitative 

235 



E. Parell 

»Massenpartei«, zerging aber teils durch die Fluktuation ihrer Mit- 
gliedschaft, teils durch die fehlende Differenzierung von geschulten 
Funktionären und Massenmitgliedern. Wir kommen auf diese Frage 
in einem organisatorischen Artikel noch zurück. 

Die deutsche Sex-Pol Hess sich immer von der Einsicht leiten, dass 
die Führung einer Massenarbeit niemals alles in Details überblicken 
kann, dass die Masse niemals allein die grossen Zusammenhänge 
erfassen, formulieren, in geschlossene Praxis umsetzen kann, dass es 
eines lebendigen Kontaktes zwischen Führung und Masse bedarf, dass 
aus dem Leben der Masse die Theorie geschöpft und als Praxis der 
Masse widergegeben werden muss. Sie hatte aus dem Parteibetrieb 
gelernt, dass die Funktionäre nicht Ausführungsorgane von Be- 
schlüssen der Führung sein dürfen, sondern einzig die Vermittler 
zwischen Massenleben und Führung. Um diesen Kontakt herzustellen 
hatte daher die Sex-Pol sogenannte »Instruktionsabende« einge- 
richtet; diese Zusammenkünfte waren nicht etwa dazu da, die Funk- 
tionäre zu instruieren, sondern sich von ihnen instruieren zu lassen. 
(Wer erinnert sich nicht der berühmten Parteikonferenzen der K.P.D., 
wo derartiges direkt unterbunden wurde!) Man setzte kein Thema 
an und keine Diskussion, sondern stellte einfach an die Funktionäre 
und einfachen Genossen die Frage, wo sie gegenwärtig die grössten 
Schwierigkeiten hätten. Schon dadurch konnte man nicht fehlgehen 
in der Beurteilung dessen, was momentan am wichtigsten war. Man 
beriet gemeinsam die Schwierigkeit, fand hier eine Lösung, die der 
praktischen Ueberprüfung überlassen wurde, schob dort eine Ent- 
scheidung auf, bis man mehr Material zur Entscheidung vorliegen 
hatte; das lebendige Leben flutete aus den kameradschaftlichen Be- 
sprechungen; man brauchte nicht Theorien aus den Fingern zu 
saugen, sie ergaben sich von selbst. Die wachsende Beteiligung und 
die Lebhaftigkeit der Diskussion zeigten, dass die Instruktionsabende 
ein glücklicher Griff gewesen waren. Man erwarb die Ueberzeugung, 
dass das Leben sich nicht betrügen, sondern klar, einfach fassen lässt. 
Man musste nur die einfachen Organisationsmitglieder (es waren auch 
viele Nichtmitglieder anwesend) einfach von der Leber weg reden 
lassen. Als einzige ernste Schwierigkeit ergab sich immer nur die 
Verbauung durch falsche, von der bürgerlichen Ideologie vermittelte 
Anschauungen, die aber im Lichte lebensnaher, unverbogener, un- 
dogmatischer Besprechung in Nichts zerflossen. Der vierte Instruk- 
tionsabend kam nicht mehr zustande. Der offizielle Parteivertreter 
berief nicht mehr ein. 

Die Stellung der Sex-Pol zur »Neuen Partei« 
Die derzeit brennendste Frage der sich neu formierenden Arbeiter- 
bewegung lautet: neue Partei oder revolutionäre Erneuerung der 
III. Internationale? Die Sex-Pol kann sich aus zwei Gründen weder für 
die eine noch für die zweite Richtung heute schon eindeutig ent- 

236 






Was isf Klassenbewusstsein? 

scheiden. Erstens weiss sie nicht, in welchen Gruppen, Organisa- 
tionen, Zirkeln ihre Anschauung von den Notwendigkeiten der re- 
volutionären Sexualpolitik, die sie vertritt, sich am raschesten und 
fruchtbarsten durchsetzen wird. Nach dem bisherigen Verhalten der 
wichtigsten politischen Organisationen zu schliessen, bestehen keine 
besseren Aussichten bei den Organisationen, die für eine neue Inter- 
nationale sind. Das allein kann jedoch nicht entscheiden; die Sexual- 
politik ist nur ein Teil, wenn auch ein unerlässlicher, zentraler der 
revolutionären Front überhaupt; wichtig ist daher für die Ent- 
scheidung, welche Kader den Kern der erneuerten Arbeiterbewegung 
bilden werden, Das ist bisher in keiner Weise klar hervorgetreten. 
Wüsste man heute positiv, dass etwa die heutigen Mitglieder der 
K. P. diesen Kern bilden werden (für die heutige Führung trifft das 
bestimmt nicht zu), dann wäre die Gründung einer neuen revolutio- 
nären Partei sinnlos; dann aber müsste die revolutionäre Mitglied- 
schaft der K. P. D. die alte Führung, die nicht den geringsten Ansatz 
zu echter Selbstkritik zeigt, nicht nur praktisch »abhängen«, wie sie 
es bereits vielfach getan hat, sondern sie auch offiziell absetzen und 
sich aus ihrer Mitte eine neue Führung allmählich zusammensetzen. 
Man kann auf die Dauer nicht praktisch die Durchführung der Ekki- 
Beschlüsse verweigern, etwa den »revolutionären Aufschwung« nicht 
proklamieren und zu »Massenstreiks« nicht auffordern, obwohl es 
das Ekki verlangt, und gleichzeitig mit dem Begriff »kommunistische 
Partei« das Ekki gleichsetzen. Das ist politisch verwirrendes Ver- 
halten. Die Frage, was und wer ist »die Partei«, bedarf heute mehr 
denn je einer Klärung. Ist es die Gesamtmitgliedschaft, oder nur der 
angestellte Apparat, oder nur das Ekki? Wir wissen, dass auch die 
besten Kräfte in der Sozialdemokratie mit dem Begriff der »Partei« 
wie mit einem Fetisch operieren; je nach der Struktur der Partei, 
ihrer Politik, ihrer objektiven Wirkung kann die Unantastbarkeit der 
Partei, ihre Einheit und Geschlossenheit ebenso in dem einen Zeit- 
punkt eine mächtige Kraft wie in dem anderen eine schwere Be- 
hinderung der revolutionären Bewegung sein. 

Die Kerntruppen der sozialen Revolution, die Industrie- und 
Verkehrsarbeiter, sind heute »noch immer nicht« bei der kommu- 
nistischen Partei. Die Parteimitglieder bemühen sich mit allen Mitteln 
nach wie vor, sie zu gewinnen, aber Wille und subjektiver Mut allein 
machen es noch nicht. Man muss auch Erfolg haben, und um Erfolg 
zu haben, muss man auch den besten Weg kennen, das Ziel zu 
erreichen. Vielleicht werden diese Kerntruppen bald den Kern der 
revolutionären Organisation bilden, ohne sich der heutigen K. P.- 
Organisation einfügen zu wollen; sie waren 1923 drin, gingen dann 
heraus; man muss verstehen, warum dies so war. Jedenfalls bekäme 
dann die Frage einer neuen revolutionären Organisation grosses 
Gewicht. Ebenso dann, wenn der Beginn einer tragfähigen, dauer- 
haften, nicht magnesiumfeuerartigen Massenbewegung nicht innerhalb 

237 



E. Parell 

der sozialdemokratischen Industriearbeiterschart, sondern innerhalb 
der revolutionär gesinnten proletarischen S. A. sich einstellen würde. 1 ) 
Das können wir heute, wo alles in Gärung begriffen ist, gar nicht 
bestimmen. Die Frage einer neuen Partei wäre auch nie aufgetaucht, 
wenn es innerhalb der K. P. die notwendigen Möglichkeiten gegeben 
hätte, derartige Fragen überhaupt aufzustellen, miteinander zu be- 



a ) (Anmerkung während der Korrektur) : 

Die Ausrottung der Führerschaft der S- A. in Deutschland am 30. Juni 1934 
zeigte, dass die in der »Massenpsychologie des Faschismus« dargelegten Wider- 
sprüche zwischen Revolutionärem und Reaktionärem innerhalb des Faschismus, 
die in seiner Ideologie zu einer Einheit zusammengefasst waren, mit einem 
Schlage auseinanderklafften. Ich sage das hier nicht, um wie die einzigen 
Führer der Revolution es ständig tun, zu beweisen, dass die »Analyse« be- 
stätigt wurde, sondern aus einem anderen Grunde: Noch vor kurzem hatte 
die Kominternpresse jeden Versuch, in der N. S. D. A. P. mehr zu sehen als 
blos eine Garde des Finanzkapitals, nämlich die ins reaktionäre umgebogene 
revolutionäre Energie der Masse, mit wüstem Geschimpfe zurückgewiesen. Jetzt 
sah sie ihre Perspektive des revolutionären Aufschwungs darin bestätigt, dass 
der linke Flügel der N. S. D. A. P. enthauptet wurde. Derartige Stümperei und 
Oberflächlichkeit wird die Geschichte der revolutionären Bewegung hoffentlich 
nicht mehr zulassen. Wer die innerparteilichen Kämpfe 1929 bis 1933 mit- 
gemacht hat, weiss, dass jeder als Schädling hingestellt wurde, der auf die S. A. 
als eine dumpf revolutionäre Truppe hinwies; der den unleugbaren Tatbestand 
voranstellte, dass grosse Teile des früheren R. F. B. zur S.A. gegangen waren; 
der betonte, dass die S. A. sich aus Werktätigen rekrutierte und nur objektiv, 
aber nicht subjektiv eine Söldnertruppc des Kapitels war. Man hörte dies 
nicht gerne, sah im Faschismus nur seine reaktionäre Funktion, nicht aber 
die revolutionären Energien in seiner Massenbasis und verlor dadurch die 
Schlacht. Jetzt, nachträglich, nachdem es nicht mehr schwer ist, die Wider- 
sprüche zu sehen, gibt man zu, was früher verfemt war. »Parteitreue« werden 
beruhigend sagen, das sei ja schon etwas, man dürfe nicht zuviel verlangen, 
die Komintern schwenke ja um, in der Einschätzung des Faschismus ebenso 
wie in der Frage der Einheitsfront mit der Sozialdemokratie. Darauf ist zu 
antworten: Eine Führung, die in der Erkenntnis der Dinge und Vorgänge nicht 
der Masse vorangeht, die nicht voraussieht, ist keine Führung, sondern eine 
Bremsapparatur der gesellschaftlichen Entwicklung. Wenn gute Kommunisten 
derart mit der Führung Mitleid haben, so tun sie es aus unbewusster Autori- 
tätsangst. Die praktische Erfahrung im Parteileben lehrte, dass der durch- 
schnittliche Funktionär, wenn er nicht Parteibeschlüsse vertrat, aus eigenem, 
aus reinem Instinkt besser sah und dachte, als irgendein Funktionär in der 
Spitze. Es gibt auch heute wieder neue Prozesse, die man voraussehen muss, 
aus den Widersprüchen der Jetztzeit entwickeln muss, wenn man die Zukunft 
meistern, ihr nicht unvorbereitet entgegentreten will. Wir stehen zum Beispiel 
vor der grauenhaften Gefahr, dass die riesenhaften Massenbewegungen, die 
jetzt hier und dort einzelne Länder erschüttern, (U. S. A., Frankreich), un- 
geführt, ohne. Zielbewusstheit, verpuffen und der bittersten Enttäuschung und 
Lethargie Platz machen werden. Das ist ebenso möglich, wie dass das neue 
Anwachsen der Empörung und der Einsicht in den Massen sich zu einer 
weltrevolutionären Situation entwickelt. Man darf ruhig sagen, dass wir 
heute nach den Ereignissen vom 30. Juni mit Unterstützung der schweren 
wirtschaftlichen Desorganisation Deutschland zum entscheidenden Schlage 
hätten ausholen können, wenn die kommunistische Führung in Deutschland 
seit 1923 oder zumindest 1929 gründlich vorbereitet hätte. Nicht entschuldigen, 
sondern lernen muss man aus dem Vergangenen. Wir müssen heute durch 
korrekte Erfassung der grossen Entwicklungslinien und Rückschläge im ge- 
sellschaftlichen Prozess alles vorbereiten, um die Zügel der gesellschaftlichen 
Ordnung zu ergreifen, wenn das Chaos ausbricht. Bis dahin muss die breite 
Masse der Bevölkerung der Erde langsam und gründlich das unerschütterliche 
Empfinden bekommen, dass wir die einzigen sind, die sie begreifen, — sie 

238 



Was ist Klassenbewussfsein? 

raten, Möglichkeiten der Entwicklung zu sondieren. Dies war und 
ist nicht der Fall. Wir können nur den revolutionären Sammlungs- 
und Reifungsprozess, der sich in allen Schichten der Bevölkerung 
Deutschlands gegenwärtig vollzieht, genau verfolgen und im jeweiligen 
Augenblick die konkrete Stellung beziehen. 

Würden die heutigen revolutionären Kader nicht in erster Linie 
jede für sich ihre Organisation, sondern in erster Linie die Sache der 
revolutionären Sammlung verteidigen, dann wäre sie auch beweglich 
genug, auf die Vorgänge in der Masse prompt und richtig zu reagieren; 
sie würde dann, statt abstrakt und mechanisch zu Massenstreiks auf- 
zurufen, dem S. A.-Mann, dem Jugendfunktionär, der Frauenorganisa- 
tion in jeder akuten Schwierigkeit mit konkreten Aufklärungen über 
Widersprüche, Lösungen und Notwendigkeiten helfen und sich da- 
durch automatisch das Vertrauen und schliesslich die Führung 
siebern. Darin liegt ja eben das Oede, Scholastische, Hemmende, die 
Massen Abstossende, dass jede bestehende Organisation sich bereits 
für die gottgewählte Führerin der künftigen Revolution hält und aus 
diesem Grunde jede andere als konterrevolutionär zu diffamieren 
versucht. Diese eitle Ueberheblichkeit und kindische Prestigereiterei 
kann nicht oft genug und gründlich genug angeprangert werden. Die 
Sex-Pol muss sich davon freihalten, sich in ihrer heutigen personellen 
und organisatorischen Zusammensetzung für die Führerin des sexual- 
politischen Flügels der Revolution zu halten. Die schliessliche Führung 
ist kein Anspruch, gewiss kein Recht, sondern nur das Ergebnis eines 
Prozesses: Wer die Vorgänge in der Welt am besten begreifen, sie 
den breiten, vor allem unpolitischen Massen am besten verständlich 
machen, der revolutionären Gärung am klarsten zur Ausreifung ver- 
helfen wird, dem wird die Führung zufallen. Die Führung der Re- 
volution ist kein Verdienst, keine Eigenschaft, kein Anspruch, sondern 
nur eine schwere Verantwortung, ein Ergebnis und kann daher nicht 
proklamiert oder ergattert werden. Wer heute, in dieser verworrenen, 
komplizierten, so wenig verstandenen, mit so vielen Ausgangsmöglich- 
keiten behafteten Weltsituation sich am lautesten als der einzige, 
wahre und hundertprozentig klare Führer der erst herbeizuführenden 
Revolution proklamiert, wird am raschesten und lautlosesten in der 
Versenkung verschwinden, wenn es einmal so weit ist, vom revolu- 
tionären Aufschwung mit Berechtigung zu sprechen. 



die Masse, und nicht nur Barthou, Litwinow und wie sie heissen, und nicht 
nur unsere eigenen Wünsche — ; dieses Vertrauen kann nicht erschlichen 
werden, sondern sie muss echtes, heisses Vertrauen zu uns, zum Kommunis- 
mus, erwerben, das die »einzigen Führer« in zehn Jahren nicht nur nicht 
aufkommen Hessen, mehr, direkt durch ihre Fehler und Einsichtslosigkeit 
ruinierten. Der kommende Krieg ist wohl die nächste sichtbare, riesenhafte 
Chance der sozialen Revolution. Wir dürfen sie nicht verpassen, wie wir die 
Chancen des 20. Juli 1932, des Dezember und Januar 1933/34 und des 30. Juni 
1934 verpassten. Dazu müssen die Revolutionäre zunächst die Autoritäts- 
gläubigkeit in sich selbst vernichten! 

239 






E. Parell 

Für das Gelingen des Neuaufbaus ist ferner folgendes von Be- 
deutung: 

Das wirklich klassenbewusste Proletariat befindet sich in der 
Gesamtnation weitaus in der Minderheit; wenn ihm auch die Führung 
zusteht, so braucht es doch Bundesgenossen. Man hört immer wieder 
von deutschen Genossen, dass aller Grund zum Optimismus bestehe, 
weil die guten Revolutionäre einander wieder finden und miteinander 
diskutieren, arbeiten, sich gegenseitig beraten. Das ist zweifellos sehr, 
sehr wichtig, aber noch kein Grund optimistisch zu sein. Es kommt 
in erster Linie darauf an, ob diese guten Revolutionäre auch Kontakt 
mit den breiten, unzusammenhängenden Massen bekommen; ob sie 
ferner, um diesen Zusammenhang zu bekommen, auch genau auf die 
Sprache, das Denken, die Widersprüche dieser breiten unpolitischen 
oder politisch verbildeten breiten Masse hören, sie auch verstehen, sie 
ins Revolutionäre übertragen und in klarer, klassenbewusster Form 
wieder vermitteln können. Diese Kader werden ein Generalstab ohne 
Heer bleiben, wenn sie die Parteifunktionäre nicht befähigen, ein Teil 
der breiten Masse zu bleiben, sich nicht abzusondern und die Un- 
politischen oder politisch Verbildeten ganz genau zu verstehen; 
Sektierertum ist ausgeschlossen, wenn die Parteimitgliedschaft nicht 
Vollzugsorgan der Führung und ihrer Analysen wird, sondern 
lebendiger Vermittler zwischen Masse und Führung. Die Führung hat 
nicht die Aufgabe, das »kommunistische Programm in die Masse zu 
tragen« oder die »Masse zu klassenbewussten Kämpfern zu machen«, 
sondern sie hat die, neben der Verfolgung des objektiven historischen 
Prozesses, wichtigste Aufgabe darin zu sehen, das vorhandene revolu- 
tionäre Streben aus der Masse zu entwickeln; und zwar gleichzeitig 
das des indifferenten Proletariats, Kleinbürger- und Bauerntums. In 
den heutigen revolutionären Zeitungen findet man fast nichts als die 
Parteisprache; von einem verständnisvollen Eingehen auf die Wider- 
sprüche der verschiedenen Schichten der Bevölkerung findet man 
kaum je etwas Brauchbares. Es sollte jedoch die sprachliche und 
sachliche Verbindung mit der breiten Masse mindestens drei Viertel 
jeder Zeitung füllen; der Rest genügt für die Wiederholung der 
marxistischen Grundprinzipien. Man kann auch so formulieren: Bis 
wir es gelernt haben, die schwere Theorie in einfacher, jedem ver- 
ständlicher Sprache vorzubringen, bis die Massen so weit sein werden, 
sich für Theorien überhaupt zu interessieren, muss man das Gleiche 
in doppelter Niederschrift vorbringen, unausgesetzt; in der marxisti- 
schen Sprache und gleichzeitig übersetzt in die Sprache derer, für 
die allein es gilt, ohne deren Verständnis und aktives Einsetzen für 
die Sache der Revolution wir elende Debattierer bleiben. 

In Diskussionen über diese Fragen pflegt man von der Sex-Pol 
fertige Rezepte zu fordern. Schon diese Forderung zeigt, wie wenig 
der Marxismus verstanden wurde, wie wenig die. Grundaufgabe des 
revolutionären Marxisten, nämlich selbständig denken und handeln zu 

240 






Was isi Klassenbewusstsein? 

können, erfasst wurde. Man kann nur an Beispielen Grundsätze 
demonstrieren, aber was für den einen Spezialfall gilt, kann für einen 
anderen falsch sein. Um zu zeigen, was wir meinen, will ich einige 
wichtige Beispiele nennen: 

Volkslied und Volkstanz als Ansatz revolutionären Fühlens 

Lenin lehrte mit Recht, dass sich der Revolutionär auf allen 
Lebensgebielen zurechtfinden muss. Wir müssen dies dahin noch 
präzisieren, dass er aus jedem Lebensgebiete die spezielle revolutionäre 
Tendenz herausentwickeln können muss. Bisher wurden, denken wir 
nur an die proletarischen Schauspieler und roten Truppen, von den 
wirklich guten Leistungen abgesehen, die Gewerkschaftsparolen me- 
chanisch in die Kunst hinübergetragen, wurde etwa einer bürgerlichen 
Chansonform eine revolutionäre Tendenz aufgeklebt. Die revolutio- 
nären Künstler haben aber keine wichtigere Aufgabe, als dasselbe zu 
tun, was die Sex-Pol auf ihrem Gebiet lernen musste: nämlich, aus 
dem Stoff und der Form ihres Gebietes schon im Kapitalismus die 
spezifischen revolutionären Tendenzen und Formen herauszuarbeiten. 
Das lässt sich ohne viel »Wissenschaft« rein durch unbefangene, 
freie, unverkrampfte, also revolutionäre Betrachtung des Lebens 
durchführen. Die kommunistische Partei Hess die roten Kabarets auf- 
treten, um mehr Menschen, auch unpolitische, in die Versammlungen 
zu bekommen. Das bewährte sich. Es zeigte sich dabei, dass je 
künstlerischer, rhythmischer, volkstümlicher die Darbietungen waren, 
desto besser die Wirkung zutage trat; je ähnlicher in der Form dem 
bürgerlichen, je aufgeklebter die revolutionäre Losung war, desto 
geringer war der Erfolg. Man kann nun nicht genügend rote Kabarets 
schaffen, um die Gesamtbevölkerung in die Versammlungen zu 
bringen. Daraus ergibt sich, dass man die revolutionäre Kunst, das 
revolutionäre Fühlen, die revolutionäre Rhythmik, die revolutionäre 
Melodie dorthin tragen muss, wo die Massen leben, arbeiten, dulden, 
leiden. Das ist in noch demokratischen oder halbfaschistischen Staaten 
gewiss, in vollendet faschistischen Staaten nur mit besonderen Kniffen, 
aber doch auch möglich. Die revolutionären Musiker, Tänzer, Sänger 
etc. können mit einfachsten Mitteln Gruppen zusammenstellen mit 
Jungs, Mädels, grösseren Kindern, aber auch Erwachsenen, die, wie 
die Strassensänger es tun, in die Höfe, auf die Rummelplätze, kurz 
überall dorthin gehen, wo sich die Träger der kommenden Revolution 
gewöhnlich aufhalten; sie können durch gute Volksmusik, einen 
Volkstanz, durch Volkslieder, die die Revolution übernehmen kann, 
die in sich antikapitalistisch sind, die dem Fühlen der Unterdrückten 
angepasst sind oder werden, jene Atmosphäre schaffen und verbreiten, 
gefühlsmässig verankern, die wir bitter notvendig haben, um die 
breiteste Masse zu Sympathisierenden der Revolution zu machen. 
Eine bürokratische Natur wird an diesem Vorschlag dieses und jenes 
auszusetzen haben, wenn sie nicht gar behaupten wird, dass dadurch 

241 



E. Parell 

von der »Hauptsache, vom Klassenkampf, abgelenkt wird«. Ich weiss 
nicht, ob und welche konkreten Schwierigkeiten hier bestehen. Wer 
Rezepte erwartet, wird nie etwas leisten. Doch im Prinzip, ob nun 
in dieser oder jener Form durchgeführt, gilt, was die Sex-Pol be- 
hauptet: dass man die Massen gefühlsmässig an sich binden muss. 
Gefühlsmässige Bindung aber heisst: Vertrauen, wie es ein Kind zur 
schützenden und führenden Mutter hat, in seinen geheimsten Sorgen 
und Wünschen verstanden werden, auch und mit in erster Linie im 
Geheimnisvollsten, im Sexuellen. 

Revolutionäre wissenschaftliche Arbeit 

Zur Massenarbeit gehören auch die wissenschaftliche Forschung 
und die Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Wissenschaft aller 
Gebiete, nicht nur mit der Nationalökonomie. Die bürgerliche Wissen- 
schaft beherrscht die Ideologiebildung in der Gesellschaft, und zwar 
umso mehr, je lebensnäher die betreffenden Gebiete sind. Man denke 
bloss an die sexualpolitische Literatur (Rassenlehre). Daraus geht 
klar hervor, dass die Vernachlässigung der revolutionären wissen- 
schaftlichen Arbeit in Ländern mit hoher Kultur sowohl die Erringung 
des Masseneinflusses erschwert, als auch die Hindernisse bei der 
Neuordnung der Gesellschaft nach dem Siege der sozialen Revolution 
beträchtlich vermehrt. Löst man überdies die Frage der revolu- 
tionären wissenschaftlichen Arbeit, dann löst man gleichzeitig ein 
grosses Stück des Intellektuellenproblems. 

Auch hier muss der neue Aufbau der revolutionären Bewegung mit 
einer Rechenschaftsgebung über die bisherige Art der revolutionären 
wissenschaftlichen Arbeit beginnen; das kann natürlich hier nur 
grundsätzlich geschehen; es sollen nur einige wichtige Tatsachen 
hervorgehoben werden. Die marxistische Methode wurde für sich als 
Philosophie betrieben, meist in Form von endlosen Debatten über 
»Zufall und Notwendigkeit«, die kein gewöhnlicher Sterblicher ver- 
stand. Das berühmt gewordene Buch von Kurt Sauerland über den 
»Dialektischen Materialismus« war ein Musterbeispiel dieser Art; es 
war Verflechtung von philosophischem Formalismus und Partei- 
opportunismus. Die wissenschaftliche Forschungsarbeit auf natur- 
wissenschaftlichem Gebiet lag brach; auf gesellschaftlichem kaum 
weniger. Der Sachkenntnis der bürgerlichen Forscher war man nicht 
gewachsen. Selbst die Zeitschrift »Unter dem Banner des Marxismus«, 
die die Aufgabe hatte, die marxistische Wissenschaft zu pflegen und 
auszubauen, erstarrte, von einigen guten Arbeiten abgesehen, in formel- 
hafter Sprache und in abstrakter Dialektik. Keine Rede davon, dass 
sie Diskussionen angeregt, in bürgerlich-wissenschaftliche Streit- 
fragen anders eingegriffen hätte, als durch Beteuerung der revolutio- 
nären Treue. Das betrifft einen prinzipiellen Punkt. Es genügt an 
der wissenschaftlichen Front nicht, ganz und gar nicht, sich der 
Aufgabe dadurch zu entledigen, dass man den Gegner rügt, dass er 

242 



. 



Was ist Klassenbewusstsein? 

die Klassenkampftheorie übersieht, oder dadurch, dass man an die 
Stelle sachlicher Arbeit in jedem dritten Satz sich zur Revolution 
bekennt. 

Zunächst bedarf es einer genauen fachlichen Einsicht in die Situa- 
tion und Struktur der bürgerlichen Wissenschaft überhaupt. Sie ist 
zersplittert in hunderttausendfacher individualistischer Weise, dient 
entweder der Karrieremacherei der unteren oder dem Privatspleen der 
oberen Wissenschaftler; in ein und demselben Fachgebiet versteht 
der eine Forscher den anderen nicht; sie ist akademisch nicht nur in 
der Sprache, sondern auch in der Wahl der Themen; man vergleiche 
etwa die Zahl der Abhandlungen über die Feinheiten des Hirngewebes 
bei chronischen Trinkern mit der Zahl der Abhandlungen über die 
Frage, welche sozialen Umstände einen Menschen zum Trinker machen; 
die bürgerliche Wissenschaft ist umso lebensfremder, produziert umso 
groteskere Theorien, verirrt sich umsomehr im Streit über diese 
Theorien, je lebensnäher das behandelte Gebiet ist. Daher ist etwa 
die Mathematik noch am freiesten von den Einflüssen bürgerlichen 
Denkens, während etwa die Tuberkuloseforschung es noch nicht 
einmal zu einer gründlichen Erhebung der Einwirkung von Volks- 
ernährung und Wohnmisere auf die menschlichen Lungen gebracht 
hat; von der Psychiatrie, dem Tummelplatz der wüstesten Borniertheit, 
sei nur gesagt, dass sie, die die Aufgabe hätte, die Grundprinzipien 
der seelischen Hygiene zu erarbeiten, wie ein eigens dazu fabriziertes 
Werkzeug funktioniert, gerade dies unmöglich zu machen. Wir 
begnügen uns mit diesen Beispielen, um anzudeuten, dass die marxisti- 
sche Forschung konkurrenzfähig im reinen Stoffwissen sein muss, 
um nicht nur die bürgerliche Wissenschaft sachlich zu übertreffen, 
sondern mehr: um ein Anziehungspunkt für die jungen Intellektuellen 
und Forscher zu werden, die wir nach der Revolution dringend 
brauchen werden. 

Die marxistische Wissenschaft kann nicht dadurch entwickelt 
werden, dass man die Klassenkampfparole in die Wissenschaft trägt 
und nichts tut, als die Etikette »Klassenkampf« aufkleben; sie kann 
nur entwickelt werden aus den Fragestellungen, Problemen, Er- 
gebnissen der einzelnen Wissenschaftsgebiete selbst. Es muss sachlich 
nachgewiesen werden, wo die bürgerliche Forschung versagt, weshalb 
sie versagt, wo sich die bürgerliche Weltanschauung der Erkenntnis 
hindernd in den Weg stellt, wie sie das tut etc. Dann, nachdem man 
dies getan hat, wirklich sachlich geleistet hat, hat man auch das Recht, 
sich selbst marxistischer Wissenschaftler zu nennen und die Beziehung 
der einzelnen Wissenschaft zur Frage des wirtschaftlichen Klassen- 
kampfes herauszuarbeiten. 

Diese Auffassungen sind nicht leere Behauptungen, sondern durch 
die Erfahrungen aus der Entwicklung der Sexualökonomie begründet. 
Es soll daher an diesem Spezialbeispiel eine weitere Frage der wissen- 
schaftlichen Diskussion zwischen Proletariat und Bürgertum prin- 

243 



£. Parell 

zipiell geklärt werden; sie mündet in die allgemeine Frage nach den 
Grundsätzen der revolutionären Politik ein. 

Wer die Diskussion innerhalb der bürgerlichen Wissenschaft kennt, 
hat sich auch von der Hoffnungslosigkeit jedes Versuchs überzeugt, 
die gegnerische falsche Anschauung durch Debatten auszuschalten. 
Freud entdeckte, dass die seelischen Erkrankungen Folgen der Sexual- 
verdrängung sind. Die kapitalistischen Staaten bersten in ihren Irren- 
häusern, Psychopathenanstalten, Fürsorgehäusern von den Folgen der 
bürgerlichen Sexualökonomie. Ein Spassvogel leistete sich vor kurzem 
den Witz, auszurechnen, dass es nach dem Anwachsen der Zahl der 
Geisteskranken in der U. S. A. zu urteilen in 250 Jahren nur mehr 
Geisteskranke geben wird. Das ist gar nicht so unwahrscheinlich, 
wie es klingt. Bis vor einigen Jahren hatte man noch hoffen können, 
dass die umstürzenden Entdeckungen Freuds die Psychiatrie erobern 
werden und dadurch die Frage der Neurosenprophylaxe scharf zur 
Diskussion kommen wird. Das wäre der erste Schritt zur Auseinander- 
setzung zwischen marxistischer und bürgerlicher Anschauung auf 
diesem Gebiet geworden, ohne dass zunächst das Wort Marxismus 
gefallen wäre. Statt dessen blieb die Psychiatrie unberührt, behielt 
sie die geistige Obhut über den Irrsinn von »degenerativer Ver- 
anlagung« als Ursache der seelischen Erkrankungen weiter, mehr: Sie 
eroberte sogar die Psychoanalyse in grossen Teilen, in wichtigsten 
Stücken. Vor kurzem sagte ein führender Psychoanalytiker, dass man 
sich nicht um die Neurosenprophylaxe kümmern solle, man habe nur 
individuelle Therapie zu treiben. Klar, denn die Frage der Neurosen- 
prophylaxe rollt die gesamte Frage der bürgerlichen Sexualordnung 
und der Existenz von Religion und Moral auf. Wenn man Freuds 
wissenschaftliche Fehler dadurch »marxistisch« bekämpfen wollte, 
dass man ihn als »Reaktionär entlarvte«, wäre man ein Dummkopf. 
Wenn man sachlich nachweist, wo Freud Naturwissenschaftler genialer 
Art und wo er bürgerlicher Philosoph ältester Schattierung ist, hat 
man echte, fruchtbare marxistisch-revolutionäre Arbeit geleistet. 

Kann man also hoffen, durch wissenschaftliche Diskussionen den 
Kampf auf wissenschaftlichem Gebiet zugunsten der Revolution zu 
entscheiden? Das kann niemals gelingen. Das bedeutet nicht, dass 
man nunmehr jede Diskussion ablehnt; im Gegenteil, man muss 
sie pflegen, man muss in allen wissenschaftlichen Organisationen 
führende Stellungen durch sachliche Arbeit erobern; man muss aus 
den Diskussionen lernen, warum und wo der bürgerliche Forscher 
falsch denkt, das wesentlichste übersieht; nur so kann man sich selbst 
besser schulen. Aber der reale Kampf wird anderswo geführt; um 
beim Beispiel der Sexualwissenschaft zu bleiben: Kein bürgerlicher 
Psychiater durchschnittlichen Denkens wird je die Auffassung ak- 
zeptieren, dass die Neurosen, Psychosen, Süchte etc. Folgen einer 
verrotteten Sexualökonomie der Massen sind; die breiten Massen in- 
teressieren sich dagegen sehr für diese Fragen, einfach deshalb, weil 

244 









Was isf Klassenbewusslsein? 

sie darunter schwer leiden, weil sich die Borniertheit der Psychiater, 
dieser Sachwalter der kapitalistischen Sexualordnung, und das seeli- 
sche Elend seihst konkret an ihrem eigenen Leibe abspielen. Ich 
versichere, dass jeder durchschnittliche. Arbeiterjunge den Zusammen- 
hang von unterdrückter Sexualität und seelischer Depression und 
Arbeitsstörung besser begreift als die meisten durchschnittlichen 
Psychiater der Welt zusammengenommen. Wir dürfen sagen: Wenn 
einmal die Massen sexuell befriedigt, gesund leben werden, wird sich 
die Diskussion darüber, ob die seelischen Leiden Ausdruck gestörter 
sexueller Oekonomie sind, von selbst entscheiden; auch für die 
Vertreter der bürgerlichen Moral im Lager des Marxismus, für die 
bürgerlich verbildeten sozialistischen Aerzte, Pädagogen etc., die 
»die Psychoanalyse ablehnen zu müssen glauben«, weil sie nichts 
davon verstehen. Der Grundsatz, sich immer und immer wieder ver- 
ständlich an die Massen zu wenden, gilt auch hier, im heiligen Be- 
reiche der angeblich unantastbaren Wissenschaft. Die Sex-Pol ver- 
dankt ihre Popularität, das Verständnis, das ihr breite Schichten der 
Bevölkerung Deutschlands und Oesterreichs entgegenbrachten, keiner 
Organisation, denn sie hatte keine; keiner Macht, denn sie besass 
keine; sie verdankt sie einzig und allein ihrem Grundsatz, die Frage 
der sexuellen Gesundheit öffentlich zu stellen. Deshalb war sogar die 
Parteibürokratie gegen sie machtlos und wird es bleiben. 

Was für die Sex-Pol in hohem, höchstem Grade gilt, trifft für 
jede Art medizinischer oder anderer Wissenschaft zu, so etwa gewiss 
für die Tuberkuloseforschung. Voraussetzung hierfür ist freilich, dass 
die revolutionäre Wissenschaft nicht falsche, bürgerliche Auffassungen 
in die breite Masse trägt, was nur der Reaktion hilft, sondern sich 
zunächst selbst über die Grundsätze einer aus der Sache zu ent- 
wickelnden dialektisch-materialistischen Naturwissenschaft klar wird 
und sich dann erst an die Masse wendet. Es leuchtet ein, dass es 
besser ist, gar nichts zu sagen, als dem proletarischen Jugendlichen 
die bürgerliche Auffassung von der Schädlichkeit des Geschlechts- 
verkehrs im jugendlichen Alter zu vermitteln und dazu »Hoch die 
Revolution« zu rufen. 

Die Massen haben für richtige Tatsachenfeststellungen einen 
prächtigen Instinkt, der nur dann nicht sichtbar ist, wenn die re- 
volutionäre Organisation ihm nichts und die Quacksalber ihm alles 
bieten, vom Tischrücken bis zur Quelle von Lourdes. 



Die Angst vor der Revolution 

Die kommunistisch-revolutionäre Bewegung will das Gleiche wie 
die kleinbürgerlich-pazifistische: die Abschaffung der Kriege, die 
Herstellung des Friedens auf Erden. Die revolutionäre Anschauung 
behauptet mit Recht, dass dieses Ziel nur durch gewaltsame Be- 

245 






E. Parell 

seitigung der Herrschaft des Kapitals zu erreichen ist, z. B. durch Ver- 
wandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg. Der 
Pazifismus lehnt auch den Bürgerkrieg als Gewaltanwendung ab, ohne 
wahrhaben zu wollen, dass er dadurch nur den Fortbestand des 
kriegegebärenden Systems sichert. In der breiten unpolitischen Masse 
gilt der Kommunist als »Gewaltmensch«. Die Ansicht der breiten 
Masse ist jedoch entscheidend; sie fürchtet die Gewalt, will Frieden 
und Ruhe haben und will deshalb nichts vom Kommunismus wissen. 
Trotzdem fördert sie gegenwärtig gerade das, was sie nicht haben will. 
Die bisherige kommunistische Propaganda hat mechanisch und absolut 
die Theorie der Gewalt der Theorie des Pazifismus entgegengestellt. 
Ein ganz grosser Teil der Sozialdemokraten kam deshalb nicht zum 
Kommunismus. Die Theorie der gewaltsamen Machtergreifung kann 
nicht aufgegeben werden, doch kann, wie sich zeigte, auch die breite 
Masse dafür nicht ohne weiteres gewonnen werden. Es war eine der 
grossen Stärken der nationalsozialistischen Bewegung, dass sie neben 
der Vortäuschung einer »deutschen Revolution« die Masse mit dem Ver- 
sprechen der gewaltlosen Machtergreifung erfasste. Sie trug dadurch 
sowohl dem revolutionären wie dem pazifistischen Empfinden der 
Masse gleichzeitig Rechnung, natürlich völlig unbewusst. Man braucht 
nun nur zwei Fragen zu stellen, um diesen Widerspruch zu lösen: 
Die erste Frage ist die, wie die Massen über die Gewalt denken. Die 
Erfahrung lehrt, dass sie pazifistisch sind, vor der Gewalt Angst haben : 
die zweite Frage ist, wie sich die Frage der dennoch notwendigen 
Gewaltanwendung zur Stellung der Massen dazu verhält. Die Antwort 
auf beide Fragen lautet und kann nur lauten: Je grösser die Massen- 
basis der revolutionären Bewegung, desto geringere Gewaltanwendung 
ist notwendig, desto mehr schwindet auch die Angst der Masse vor 
der Revolution. Je grösser der Einfluss in Heer und im Staatsapparat, 
ebenso. Die russische Revolution vollzog sich deshalb mit geringsten 
Blutopfern. Erst die Intervention der Imperialisten verursachte das 
Blutbad. Die Schuld daran war historisch klar und jedem sichtbar 
auf Seiten der Imperialisten und der übriggebliebenen weissen Garden. 
Wie gross aber die revolutionäre Massenbasis ist, hängt davon ab, 
wie gut die revolutionäre Partei die Sprache aller werktätigen Schichten 
der Bevölkerung sprechen, wie treffend sie ihren Wünschen und 
revolutionären Ideen Ausdruck schaffen konnte. Dazu gehört bewusste 
massenpsychologische Praxis. Sollte an dieser Stelle wieder ein »prin- 
zipieller Gegner« einwenden, was man oft hört, die russische Revolu- 
tion hätte ohne Sexualpolitik und Massenpsychologie gesiegt, so würden 
wir sofort antworten : Die russischen Bauern waren auch nicht ver- 
bürgerlicht wie die amerikanischen, das russische Proletariat nicht 
wie das englische, und überdies war Lenin, der grösste Massen- 
psychologe aller Zeiten, Führer der russischen Revolution. 

Um zur Frage der Massenbasis der Revolution zurückzukehren 
bringen wir ein zweites noch konkreteres Beispiel. 

246 



. 



Was isf Klassenbewussfsein? 

Schupo als Staat und als Privutmensch 

In der deutschen Schupo gab es merkwürdige Widersprüche. Die 
K. P.D. wütete in den Zeitungen über die »kleinen Zörgiebels«, die 
»Polizistenhorden« etc. Das folgte konsequent aus der Sozialfascismus- 
theorie. Die Wut auf die Polizei war gewiss begreiflich, denn sie 
schoss und schlug immer wieder in die Demonstranten hinein. Aber 
■eine revolutionäre Führung darf nicht ihren begreiflichen Wutaffekten 
verfallen und dabei übersehen, dass man ohne die Sympathie und 
tälige Hilfe grosser, ja grösster Teile der Polizei einen Aufstand nicht 
oder nur mit unerhörten Blutopfern erzielen kann. Das Gleiche gilt 
für das Heer. Sie darf keinen Augenblick vergessen, dass der Schupo- 
beamte und der Wehrmann Söhne von Proletariern, Bauern, An- 
gestellten etc. sind. Statt wütend zu sein, ist es klüger, sich die 
Frage vorzulegen, was in dem durchschnittlichen Schupo und Wehr- 
mann vorgehen mag, dass er sich derart aus seiner Klasse heraus- 
schwingen kann. Ich weiss nicht, ob gerade die folgende Skizzierung 
die richtigste ist; mag sein nicht. Aber man denke sich einmal einen 
Schupobeamten, der auf der Strasse, hoch zu Ross, mit Helm und 
Waffen so imponierend aussieht, einmal zu Hause im Kreise seiner 
proletarischen Angehörigen, als Familienbruder, Gatte oder Vater, 
im Bette oder sogar in Unterhosen! Auf der Strasse fühlt er sich als 
»der Staat« und die kleinen proletarischen Mädchen machen unwill- 
kürlich einen Knix vor dem Wachmann, denn die Mutter drohte, ihn 
zu holen, wenn sie »schlimm« wären, d. h. unfolgsam, mit den Ge- 
schlechtsteilen spielten etc. Der Schupo fühlt sich also als Hüter der 
Ordnung und kommt sich dabei grossartig vor. Das ist das Reaktionäre 
in ihm. Zu Hause und in der Kaserne ist er der schlecht bezahlte, 
mit einer Nummer versehene, dienende, zum ewigen Ducken ge- 
zwungene Knecht der Kapitalisten. Ein Widerspruch, der entscheidend 
ist für den revolutionären Kampf, gerade dieser Widerspruch unter 
vielen anderen. 

Die Mehrzahl der preussischen Schupos waren Sozialdemokraten. 
In den Wochen der Hitlerschen Machtergreifung schützten viele von 
ihnen die von der S. S. verfolgten Kommunisten und anderen So- 
zialisten. Eine konsequente, vernünftige, verständnisvolle revolutio- 
näre Agitation kann ohne viel Geschrei den psychischen Widerspruch 
im Schupo lösen. Noch einmal: Wir haben keine Rezepte, nur die 
Methode der Anschauung. 

Ein Beispiel, wie man es nicht machen darf. Als die Papenregierung 
im Juli 1932 zur Regierung kam, war eine ihrer ersten Aktionen, dass 
sie den Schupoleuten den Mädelbesuch in der Kaserne untersagte, der 
bis dahin gestattet war. Die Stimmung war deshalb sehr rebellisch. 
Wer in den unteren Organisationen arbeitete, hörte von vielen Seiten, 
dass sich die jungen Schupos durchschnittlich wie folgt äusserten: 
»Wir haben uns viel nehmen lassen, ohne aufzubegehren: Unser Lohn 

247 






r— 



E. Parell 

wurde gedrückt, unsere Dienstzeit über Gebühr in Anspruch ge- 
nommen etc. Die Mädels aber lassen wir uns nicht nehmen.« Die 
Sex-Pol verständigte sofort das Z.K. und riet, dieser Stimmung 
Rechnung zu tragen, gerade dieses Interesse öffentlich zu vertreten. 
Davon wollte es aber nichts wissen. Das hätte doch nichts mit dem 
Klassenkampf zu tun. Die Erfahrung lehrte, dass überall dort, wo 
sich Sex-Pol-Aerzte befanden, wo die Polizei die Beratungsstellen in 
Anspruch nahm, auch die arbeiterfeindliche Stimmung abflaute. Man 
hatte kein Ohr und kein Auge für derartige Dinge, die freilich keine 
»hohe Politik« waren. Sie zeigen aber unmissverständlich, dass man 
an die verschiedenen Schichten der Bevölkerung nicht mit den 
abstrakten politischen Fragen herankommen kann, sondern einzig 
aus den Bedürfnissen und Sorgen der Massen aller Art die Politik 
zu entwickeln hat. 

Wenn wir kein Ohr für die kleinen, scheinbar zufälligen, scheinbar 
nebensächlichen Erscheinungen des Massenlebens haben werden, 
werden uns die Massen erst recht nicht glauben, dass wir sie verstehen 
werden, nachdem wir die Macht eroberten. Ein Freund der Sex-Pol 
nahm auf einer Autofahrt auf der Landstrasse zwei wandernde prole- 
tarische Lehrlinge auf. Bald kam ein Gespräch über Politik in Gang. 
Es waren richtige proletarische Jungs, die das im betreffenden Land 
hohe Mindestwahlalter noch nicht erreicht hatten. Sie waren so- 
zialistisch gesinnt, aber, wie sie sagten, für die Politik uninteressiert. 
Das überliessen sie gern dem würdevollen sozialdemokratischen 
Ministerpräsidenten; sie würden ihm auch gern ihr Stimmrecht 
überlassen, wenn er ihnen nur die netten Mädels Hesse, die sie auf 
ihren Fahrten kennen lernten. Der Berichterstatter versicherte, dass 
es sich nicht um verwahrloste Landstreicher, sondern um durch- 
schnittliche, frische Arbeiterjungs handelte. Wer kein Ohr, kein 
Verständnis, keinen Willen, aus solchen Dingen zu lernen, hat, ist 
ein hoffnungsloser Fall. 

In Oesterreich schössen Wehrmänner aus Arbeiter- und Bauern- 
familien die Arbeiterhäuser in Schutt und töteten Hunderte ihrer 
Klassengenossen. Wir fanden in keiner Zeitung, in keinem Bericht 
auch nur eine Spur der Frage, wie derartiges möglich ist und wie 
dem beizukommen ist. Von dieser Frage und ihrer Beantwortung 
hängt nicht mehr und nicht weniger als die Antwort auf die »hohe, 
strategische Frage« ab, ob und wie ein Aufstand und Strassenkampi 
bei der heutigen militärtechnischen Ausrüstung des Staatsapparats 
möglich ist. Nicht mehr und nicht weniger. Statt einander Un- 
ratkübel von Schimpfwörtern an den Kopf zu werfen und gegenseitig 
»Arbeiterverräter« zu rufen, was nirgendwo hinführt, weil keiner es 
besser versteht, täten die sich Führer des Proletariats Nennenden gut 
daran, erst mal derartige Fragen zu stellen, diese Soldaten zu begreifen 
und daraus die Praxis der Beeinflussung von Heer und Polizei 
zu lernen. 
248 



Was ist Klassenbewusstsein? 

Entwicklung der revolutionären Staatspolitik 
aus den Bedürfnissen der Bevölkerung 
Bei einer Aussprache des Sex-Pol-Vertreters mit dem Z. K.- Vertreter 
Pieck 1932 erklärte dieser, die im »Einbruch der Sexualmoral« ent- 
wickelten grundsätzlichen Anschauungen widersprächen denen der 
Partei und des Marxismus. Nach Begründung gefragt, sagte er: »Ihr 
geht von der Konsumtion aus, wir aber von der Produktion; Ihr seid 
daher keine Marxisten.« Der Sex-Pol-Vertreter fragte, ob die Be- 
dürfnisse um der Produktion willen erfolge oder ob nicht umgekehrt 
die Produktion der Bedürfnisbefriedigung diene. Pieck begriff diese 
Frage nicht. Erst zwei Jahre später wurde klar, um welche Differenz 
es ging: Der Oekonomismus entwickelt seine ganze Arbeit und Propa- 
ganda einzig von der objektiven Seite des gesellschaftlichen Seins her, 
vom Fortschritt der Produktivkräfte, von den wirtschaftlichen Gegen- 
sätzen der Staaten, von der Ueberlegenheit der sowjetistischen Plan- 
wirtschaft über die kapitalistische Anarchie etc. und »knüpft diese 
Staatspolitik an die kleinen Tagesnöte an«; er erlitt vollkommenes 
Fiasko mit diesem »Anknüpfen«. Die Sex-Pol entwickelte die Not- 
wendigkeiten der sozialen Revolution von den subjektiven Bedürfnissen 
her, leitete sämtliche Fragen der Politik aus dem Ob und Wie der 
Bedürfnisbefriedigung der Massen ab, und erzielte dadurch das grösste 
Interesse auch der politisch unklarsten Menschen aller Kreise. Hier liegt 
nicht nur die Grunddifferenz zwischen der lebendigen revolutionären 
Arbeit und dem dogmatischen, scholastischen Partei-»Marxismus«, 
sondern auch der Grund, weshalb selbst beste Funktionäre, die in der 
hohen Staatspolitik sich »eingefahren« hatten, die Fragestellung der 
Sex-Pol nicht begreifen. 

Manche Kominternfunktionäre spüren ja die Lücke in ihrer Arbeit,, 
vermögen aber die Stelle der konkreten Verknüpfung von Staatspolitik 
und Massenbedürfnis nicht zu finden. So sagte z. B. Manuilski in 
seinem Referat »Die revolutionäre Krise reift heran« auf dem XVII. 
Parteitag der K. P. S. U. (III. T. »Der Zustand der Sektionen der 
Komintern«) (Zitiert nach Rundschau Nr. 16, S. 586): 

»Nehmen wir unsere Kommunistische Jugendinternationale. Die 
Kommunistische Jugendinternationale hat im Laufe einer Reihe von 
Jahren unter der Leitung der Komintern eine prächtige Generation 
junger Bolschewiki erzogen, die mehr als einmal ihre grenzenlose 
Hingabe an die Sache des Kommunismus bewiesen haben. Aber tief 
in die Massen der Arbeiterjugend vermochte sie nicht einzudringen. 
Auch die Sozialdemokratie hat nicht diese Jugend. Die Jugend ist in 
den kapitalistischen Ländern von den nach vielen Millionen zählenden, 
von der Bourgeoisie, ihren Militärstäben und ihren Pfaffen ge- 
schaffenen Sportorganisationen erfasst. In Deutschland ist ein ge- 
wisser Teil der erwerbslosen Jugend in die faschistischen Kasernen 
gegangen. Aber die K.J.V. -Mitglieder haben diese Lehre nicht ganz 
begriffen. Sie schlugen sich mutig gegen die Faschisten in Deutsch- 

249 






' 



E. Parell 

land. In einer Reihe von Ländern entfalten sie nicht übel die Arbeit 
in der Armee und heimsen dafür langjährige Zuchthausstrafen ein, 
aber z. B. in eine katholische Sportorganisation einzutreten, wo zehn- 
tausende jugendlicher Arbeiter beisammen sind, fällt ihnen ebenso 
schwer, wie dem römischen Papst der Anschluss an den Verband 
der Gottlosen, um für den Katholizismus Propaganda zu machen. 
(Heiterkeit.) Aber die K.J.V. -Mitglieder und die Kommunisten sind 
doch durch keine Prestige-Erwägungen gebunden, wie der Statthalter 
Christi. Die kommunistischen und K.J. V. -Organisationen müssen 
beweglich sein, sie müssen überall da sein, wo es Arbeiter gibt, sie 
müssen in den Sportorganisationen sein, in solchen, Organisationen 
der Arbeitermussest unden sein, wie die 'Dopolavoro' in Italien, in den 
Arbeitsdienstlagern, aber vor allem müssen sie in den Betrieben sein.« 

Das ist alles durchaus korrekt, ermangelt aber des wesentlichsten. 
Wenn der K. J. V.-Jugendliche innerhalb der christlichen Organisa- 
tionen arbeitet, steht er mit den wirtschaftlich-staatspolitischen 
Analysen des Ekkis in der Hand dem christlichen Jugendlichen völlig 
hilflos gegenüber. Er muss ja wissen, worüber er mit dem christ- 
lichen Jugendlichen sprechen soll und welche Lösungen der Kom- 
munismus, zunächst nicht für die Frage der Nationalwirtschaft, 
sondern für die speziellen Sorgen des christlichen Jugendlichen hat. 
Erst aus diesen Sorgen Iässt sich ganz allmählich die Notwendigkeit 
der sozialistischen Planwirtschaft als der Grundlage der Lösung der 
persönlichen Sorgen ableiten. Im Prinzip ist also, was die Frage der 
innerorganisatorischen Arbeit der Kommunisten anlangt, die Sex-Pol 
mit Manuilski einig. Die Differenzen treten aber sofort berghoch auf, 
wenn es um die konkrete Frage geht, was den christlichen oder 
anderen durchschnittlichen Jugendlichen interessiert, an welchem 
konkreten Lebensinhalt sich die Arbeit des K.J.V.-Jugendlichen zu ent- 
wickeln hat. 1 ) Das gleiche gilt für jede formalistische Formel der 
Kominternführung. Sie sagt immer richtig, dass Massenarbeit geleistet 
werden muss, aber sie wehrt sich selbst gegen die konkreten Inhalte 
der notwendigen Massenarbeit; und dies umsomehr, je entfernter diese 
Inhalte vom Hochpolitischen, je näher sie dem Persönlichen stehen. 
Sie setzt einen absoluten Gegensatz von Persönlichem und Politischem, 
statt die dialektische Beziehung beider zu sehen. Nicht nur gibt es 
persönlichste Fragen, die zugleich typischste Fragen der gesellschaft- 
lichen Ordnung sind, wie etwa die sexuelle Partnerfrage oder 
Wohnungsfrage in der Jugend, sondern die Politik überhaupt ist nichts 
anderes als die Praxis der verschiedenen Bedürfnisintercssen der ver- 
schiedenen sozialen Schichten und Altersklassen der Gesellschaft. 

Kurz zusammengefasst unterscheidet sich die revolutionäre von 
jeder Art bürgerlicher Politik dadurch, dass jene die Politik in den 
Dienst der Bedürfnisbefriedigung der Masse stellt, diese jedoch ihre 

l) Vgl. »Der sexuelle Kampf der Jugend« von Reich; dieses Buch wurde von der 
K. P. D. verboten, während die Jugend aller Kreise es brennend aufgriff. 

250 



i 



Was ist Klassenbewusstsein? 

ganze Politik auf der strukturellen, geschichtlich bedingten Anspruchs- 
losigkeit der Massen aufbaut. 

Wer in den kommunistischen Zellen arbeitete, weiss, wie selbst 
die Parteimitglieder auf die »hohe Politik« reagierten. Das politische 
Referat gehörte zu den wöchentlichen Zusammenkünften. Ein »Re- 
ferent« stellte die Politik der Bourgoisie dar, besser oder schlechter, 
die Mitgliedschaft hörte mehr oder weniger interessiert, immer aber 
passiv zu. Diskussionen entwickelten sich gewöhnlich nur in solchen 
Zellen, wo die Intellektuellen oder alte geschulte Funktionäre in der 
Mehrzahl waren, die hochpolitische Diskussionen vorzogen. In den 
letzten Monaten vor der Machtergreifung durch Hitler mehrten sich 
die Fälle, wo proletarische Mitglieder, die zwar in der »hohen Politik« 
nicht bewandert, aber sich dessen bewusst waren, dass etwas ge- 
schehen müsse, die öden politischen Referate unterbrachen und strenge 
sagten: »Darüber, was die Bourgoisie will und was sie tut, hören wir 
Eure Referate seit Jahren. Nun wollen wir aber endlich hören, was 
wir tun, was wir für Politik treiben sollen.« Die Referenten wussten 
dazu nichts zu sagen. Als in einigen Bezirken die Erfolge der ge- 
schulten Sex-Pol-Referenten bekannt wurden, die das ungebildetste 
Massen- und Parteimitglied für die Politik durch Aufrollung der 
politischen Fragen von den Bedürfnissen, vom persönlichen her zu 
interessieren verstanden, wandten sich Parteifunktionäre an die 
Sex-Pol um Referenten; man wollte die »Unpolitischen« in die 
Gruppenabende bekommen. Die Frauen-Arbeit, die Jugendarbeit ver- 
sagte überall, weil man überall die gleiche Art anwandte, über die 
»politische Lage« zu sprechen und überall die gleiche Langeweile 
erzielte. Die Sex-Pol-Referenten waren jedoch geschult, zunächst die 
Frage zu stellen, was die Frau, der Jugendliche, der Arbeitslose etc. 
an persönlichen Sorgen hatte. Man setzte ein »unpolitisches« Thema 
an, etwa »Wie werde ich mit meinem Kinde erzieherisch fertig«, oder 
für die Jugend »Junge und Mädel in der Organisation«. Jede Erörterung 
einer Frage des persönlichen kleinen Lebens weckte grosses Interesse, 
lebhafte Beteiligung der Zuhörer und führte regelmässig zu den 
grossen politischen Fragen, die in der anderen Form jedes revolutio- 
näre Empfinden erstickten. Statt »hohe Politik« zu betreiben und 
von »Anknüpfen an die Tagesnöte« zu reden, um sie dann praktisch 
auszuschalten, ging die Sex-Pol regelmässig und immer nur vom Per- 
sönlichen aus, z. B. um bei der Hitler-Brüning Politik zu enden. Diese- 
Methode, statt in hoher Politik stecken zu bleiben, vom Persönlichsten 
zu den grossen Fragen der Klassenpolitik zu gelangen, nannten die 
Parteivertreter »konterrevolutionäre Ablenkung«. Ihre Funktionäre 
riefen aber uns nach Oranienburg, Jüterbog, Dresden, Frankfurt, 
Steglitz, Stettin u. s. f., um »an die Unpolitischen heranzukommen«. 
Die Sex-Pol konnte in Grossbetrieben mit Angestellten, die national- 
sozialistisch verseucht und den roten Gewerkschaften jahrelang un- 
zugänglich waren, auf die blosse Ankündigung ihrer Themen Dutzende 

251 






E. Parell 

•von Menschen zusammenbringen, die Zellenarbeit beleben, unpolitische 
Frauen und Jugendliche interessieren. Die Bewegung war zu jung, 
zu schwach, von der Parteiführung zuerst ungern gesehen, dann 
verboten, sie konnte nur Erfahrungen sammeln. Was als Ablenkung 
vom Politischen und als reaktionär bezeichnet wurde, war die wirkliche 
revolutionäre Propaganda. Das bezeugte das Interesse der Unpoliti- 
schen für die Politik, das sich schliesslich einstellte. 

Ohne revolutionäre Politisierung der für die hohe Politik in dieser 
Form uninteressierten Masse wird keine revolutionäre Organisation 
siegen. Die sogenannten revolutionären Aktionen, denen die Masse 
mehr oder minder gleichgültig gegenüberstand, waren Versuche, die 
Masse durch Beispielgebung zu »mobilisieren«. Es misslang in den 
meisten Fällen. 

Die Erfahrungen der Sex-Pol-Arbeit in Deutschland lassen sich 
auf jedes Gebiet der revolutionären Politik übertragen. Die Politi- 
sierung der trägen Masse kann nicht allein durch Beispielgebung, 
ebensowenig durch — wohlgemerkt — ■ psychologisch falsche Aufrufe 
ä la »An die Werktätigen der ganzen Welt« erfolgen. Wenn die Masse 
politisch aktiv werden soll, muss sie sich selbst zunächst die Grund- 
frage der revolutionären Politik stellen: »Was wollen wir? Wie 
erreichen wir es?« Wenn es richtig ist — und wir zweifeln nicht 
daran, dass es richtig ist — dass die soziale Revolution den Gedanken 
der sozialen Demokratie verwirklicht, die Teilnahme der Gesamt- 
bevölkerung an der Politik, d. h. nicht an der bürgerlichen Diplo- 
matiererei sondern an der revolutionären, zur Tatsache macht, die 
breiteste Masse nicht nur zur Einrichtung des gesellschaftlichen Lebens 
»heranzieht«, sondern ihr die Hauptarbeit daran überantwortet, dann 
ergeben sich mit Notwendigkeit einige Grundsätze der revolutionären 
Massenarbeit, die hier nur an Beispielen umrissen werden können. 
Sie erheben keinen Anspruch auf Vollgültigkeit, dienen nur als 
Beispiele der Überlegung, ob und wie die in den Massen schlummernde 
Aktivität geweckt werden könnte. 

Inbesitznahme des eigenen Besitzes 

Es ist klar, dass es keine Führung je geben kann, die alles über- 
blicken und dirigieren könnte, was das gesellschaftliche Leben an zu 
bewältigenden Problemen und Aufgaben hervorbringt. Das bringt nur 
die bürgerliche Diktatur zustande, weil sie die Bedürfnisse der Massen 
nicht in Rechnung stellt, weil sie gerade auf der scheinbaren Be- 
dürfnislosigkeit der Masse und auf deren politischer Stumpfheit ruht. 
Im heutigen kapitalistischen System ist die Arbeit längst vergesell- 
schaftet, nur die Aneignung der Produkte ist eine private des Unter- 
nehmers. 

Die soziale Revolution will etwa die Grossbetriebe sozialisieren, 
das heisst, sie der Selbstverwaltung der Arbeiter dieser Betriebe über- 
geben. Wir wissen wie schwer die Sowjetunion im Anfang und auch 

252 



^ 









Was ist Klassenbewussfsein? 

heute mit dieser Selbstverwaltung zu ringen hat. Die revolutionäre 
Arbeit in den Betrieben kann nur erfolgreich sein, wenn sie das 
Interesse des Arbeiters für den Betrieb weckt, als sachliches Interesse 
an der Produktion, und an diesem Interesse ansetzt. Der Arbeiter 
hat aber kein Interesse am Betrieb als solchem, schon gar nicht am 
Betrieb in seiner heutigen Form. Um revolutionäres Interesse am 
Betrieb schon heute zu gewinnen, muss er diesen sich schon jetzt im 
Kapitalismus als ihm selbst gehörig zunächst vorstellen. In den 
Belegschaften muss das Bewusstsein geweckt werden, dass der Betrieb 
und seine Führung auf Grund ihrer Arbeit ihnen und nur ihnen zusteht; 
dass dieses Recht, das derzeit der Kapitalist für sich in Anspruch 
nimmt, mit vielen Pflichten verbunden ist, dass man über Betriebs- 
lenkung, Betriebsorganisation etc. Bescheid wissen muss, wenn man 
sein eigentlicher Herr ist. Eis muss klar in der Propaganda zum 
Ausdruck kommen, dass der eigentliche Herr des Betriebes nicht der 
gegenwärtige Besitzer des Kapitals und der Produktionsmittel, sondern 
die Arbeiterschaft ist. Es ist massenpsychologisch ein grosser Unter- 
schied, ob wir sagen: »Wir enteignen den Grosskapitalisten«, oder 
ob wir sagen : »Wir nehmen unser Eigentum in unseren rechtmässigen 
Besitz«. Im ersten Falle reagiert der durchschnittliche unpolitische 
oder politisch verbildete Industriearbeiter auf die Enteignungsparole 
mit einem Schuldgefühl und einer Hemmung, als ob er sich fremden 
Besitz aneignete. Im zweiten Falle wird er sich seiner, auf Grund 
seiner Arbeit, gesetzmässigen Eigentümerschaft bewusst, und die 
bürgerliche Ideologie von der »Unantastbarkeit des Privateigentums« 
an den Produktionsmitteln verliert ihre Gewalt über die Massen. Denn 
nicht, dass die herrschende Klasse eine derartige Ideologie verbreitet 
und verteidigt, ist das Problem, sondern dass und weshalb die Masse 
davon ergriffen wird und sie bejaht. 

Sollte es eine revolutionäre Organisation nicht zustandebringen, 
der Belegschaft der Betriebe beizubringen, dass sie die rechtmässige 
Herrin ist und sich schon jetzt um ihre Aufgaben zu kümmern hat? 
So wie sich die kleinbürgerlichen Kaufmannsfrauen und die Ar- 
beiterinnen in den Sex-Pol-Gruppen darüber eingehend klar zu werden 
versuchten, wie man eigentlich die Erziehung der Kinder am besten 
gestalten, die Hausarbeit am praktischsten einrichten könnte, ob es 
nicht vorteilhafter sei, in einem Wohnblock eine kollektive Küche 
einzurichten, so können, werden und müssen die Belegschaften schon 
jetzt die Vorbereitung für die Uebemahme der Betriebe treffen. Sie 
müssen ganz aus Eignem überlegen, sich schulen, verstehen, was alles 
notwendig ist und wie es am besten einzurichten wäre. Die sowjetisti- 
schen Erfahrungen können ihnen dabei nur helfen, ihnen aber die 
Arbeit nicht ersetzen, da die Verhältnisse und Möglichkeiten dort 
andere sind. Dass so und nur so die Belegschaften für die soziale Re- 
volution interessiert werden können, und nicht durch gelehrte Referate 
über die politische Lage und den Fünf jahresplan, ist ganz gewiss. 

253 



E. Parell 

Der realen Uebernahmc der Macht in den Betrieben durch die Beleg- 
schaften muss die ideelle Uebernahme der Macht durch konkrete 
Vorbereitung vorangehen. Das gleiche gilt für jede Jugendorganisa- 
tion, jede Sportorganisation, jede militärische Truppe. Dies und nur 
dies heisst »Weckung des Klassenbewusstseins«. Die revolutionäre 
Parteiführung hat keine andere Aufgabe und kann keine andere haben, 
als diesen Vorstufen der revolutionären sozialen Demokratie nach der 
Machtergreifung zur restlosen Klarheit zu verhelfen, die Vorbe- 
reitungen zu lenken, mit dem grösseren Wissen nachzuhelfen. Derart 
in die konkrete Arbeit einbezogen, wird jeder Arbeiter sich als eigent- 
licher Herr des Betriebs fühlen und den Unternahmer nicht mehr 
als Lohngeber, sondern als Ausbeuter seiner Arbeitskraft empfinden. 
Muss der revolutionäre Führer wissen, was Mehrwert ist, so muss 
der Arbeiter genau wissen, wieviel Profit für den Unternehmer er 
im jeweiligen Betrieb aus seiner Arbeitsleistung wirklich schafft. 
Das ist Klassenbewusstsein. Er wird dann streiken, nicht nur aus 
gefühlsmässiger Solidarität, nicht nur aus Bindung an den Gewerk- 
schaftsführer, sondern aus eigenem Interesse, und kein Gewerkschafts- 
führer wird ihn dann betrügen können. Er wird kämpfen für eigene 
Interessen, mehr, er wird lendenlahmen Führungen den Streik auf- 
zwingen und sie beseitigen, wenn sie versagen. Die revolutionäre 
Propaganda war im wesentlichen nur eine negative Kritik; sie muss 
es lernen, ausserdem aufbauend, vorbereitend, positiv zu sein. 

Ganz das gleiche Prinzip praktischen Bewusstwerdens gilt für die 
Jugend aller Kreise und Schichten. Wo die Jugend im Betriebe steht, 
wird sie an der konkreten Gewerkschaftsarbeit teilnehmen. Wo sie 
nicht in Betrieben arbeitet, wird sie sich um die Einrichtung ihres 
persönlichen Lebens, um die Lösung ihrer Elternkonflikte, um die 
sexuelle Partnerfrage, um die Wohnungsfrage kümmern. Sie wird 
derart nicht nur aus eigenem neue Formen des gesellschaftlichen 
Lebens schaffen, zunächst nur ersinnen, dann sich dafür einsetzen und 
schliesslich dafür kämpfen; sie wird vielmehr nicht mehr zu bändigen 
sein. Mit Referaten über politische Lage, ja selbst über »die sexuelle 
Frage der Jugend« ist nicht gedient. Das ist lenkende Arbeit von oben. 
Die Jugend muss sich ihr Leben auf jedem Gebiet schon jetzt ein- 
zurichten beginnen. Sie kann sich dabei zunächst weder um Polizei 
noch Behörden kümmern und soll es auch nicht tun; sie soll einrichten 
und tun, was sie für richtig hält und was sie einzurichten vermag. 
Sie wird dann bald erkennen, dass sie auf harte Schranken stösst,, 
dass ihr die Einrichtung auch nur der einfachsten, selbstverständ- 
lichsten Dinge des jugendlichen Lebens unmöglich gemacht werden 
wird; und so, praktisch, wird sie erkennen, was revolutionäre Politik, 
was revolutionäre Notwendigkeit ist. Wenn ihr die kapitalistischen 
Behörden etwa bei der Beschaffung von Empfängnisverhütungsmitteln, 
bei der Organisation der gegenseitigen Hilfe in der Wohnungsfrage 
usf. dazwischenfahren werden, zunächst mit Drohungen, dann mit 

254 



J 






Was ist Klassenbewussfsein? 

Arretierungen, schliesslich mit schweren Gefängnisstrafen, dann, nur 
dann, werden sie innerlichst spüren, wo und wie sie unterdrückt 
werden; dann wird sie kämpfen lernen, nicht im luftleeren Raum, 
nicht auf Grund von aussen herangetragener Parolen, sondern im 
Zusammenstoss mit der harten Wirklichkeit des Lehens im Kapi- 
talismus. So lernten es die tschechischen Wanderjugendbünde 1931, 
als ihre Mitglieder in Zelten ihr Geschlechtsleben lebten und die Gen- 
darmerie Verhaftungen vornahm; sie kämpften dann auf der Strasse 
mit der Faust gegen die Staatsmacht für ihr Recht. Heute ist in 
Deutschland das Zelten nur mit Eheausweis gestattet, die deutsche 
Jugend nimmt dies Verbot murrend aber stillschweigend hin, sucht 
sich andere Plätze, umgeht das Verbot. Das Bewusstsein ihres guten 
Rechts, sich ihr Leben einzurichten, wird sie unweigerlich auch zum 
Kampf dafür zwingen. Sie braucht nur noch eine Stütze, eine Or- 
ganisation, eine Partei, die sie versteht, ihr hilft, sie vertritt. 

Schlussfolgerung 
Das Klassenbewusstsein der Masse ist nicht die Kenntnis der 
geschichtlichen oder wirtschaftlichen Gesetze, die das Dasein der 
Menschen regieren, sondern: 

1. die Kenntnis der eigenen Lebensbedürfnisse auf allen Gebieten; 

2. die Kenntnis der Wege und Möglichkeiten ihrer Befriedigung; 

3. die Kenntnis der Hindernisse, die die privatwirtschaftliche Gesell- 
schaftsordnung ihr in den Weg legt; 

4. die Kenntnis der eigenen Hemmungen und Aengstc, sich über die 
Notwendigkeiten des eigenen Lebens und ihrer Hindernisse klar zu 
werden (»der Feind steht im eigenen Land« gilt auch besonders für 
die seelische Hemmung des einzelnen Unterdrückten selbst) ; 

5. die Kenntnis der Unüberwindlichkeit der eigenen Kraft gegenüber 
der Macht der Unterdrücker im Falle ihrer massenmässigen 

• Zusammenfassung. 

Das Klassenbewusstsein der revolutionären Führung (der revolu- 
tionären Partei) ist nichts anderes als die Summe des Wissens und 
der Fähigkeiten, für die Masse auszusprechen, was sie selbst nicht 
auszudrücken vermag; und die revolutionäre Befreiung vom Joche des 
Kapitals ist die zusammenfassende Tat, die aus dem voll entwickelten 
Klassenbewusstsein der Masse von selbst erwächst, wenn die revolu- 
tionäre Führung auf allen Lebensgebieten die Masse begriffen hat. 



Was ist Klassenbewusstsein? 

Die gesamte Arbeit liegt nunmehr vollständig in einer ßrochüre vor. Als Anhang 
sind »Grundsätze zur Neuformierung der Arbeiterbewegung« sowie ein Fremdwörter- 
verzeichnis darin enthalten. 

Umfang 72 Seiten ■■■Hi^HBl^^^^H Preis 1.30 dän. Kronen 

255 



Karl Teschifz 



Zur Kritik der kommunistischen Politik 

(Ein Nachtrag) 

Von Karl Teschifz 

Mein unter dem gleichen Titel in Heft 2 dieser Zeitschrift ver- 
öffentlichter Aufsatz hat bei zahlreichen Genossen Anstoss erregt. Ein 
Teil der Kritiker lehnt ihn ab mit der Begründung, dass jeder derartige 
Artikel, ausserhalb der Parteipresse veröffentlicht, der revolutionä- 
ren Arbeit schädlich und darum zu verurteilen sei. Ihnen möchte ich 
zunächst antworten: Auch mir erscheint die Veröffentlichung einer 
solchen Kritik »von aussen« nur als ein Notbehelf, veranlasst durch 
die seit Jahren geübte Unterbindung und Niederschlagung jeder in- 
nerparteilichen Diskussion und Kritik. Lieber heute als morgen würde 
ich die Diskussion über die Fragen, die meine Arbeit anschneidet, im 
Rahmen der Partei selbst führen — wenn die Möglichkeit dazu ge- 
geben wäre. 

Durch eine sachliche innerparteiliche Diskussion kann die revolu- 
tionäre Arbeit nur gewinnen. Dass es sich aber bei meiner Kritik 
um sachlich berechtigte Einwände gegen die bisherige Politik der 
Partei handelte, bezeugt mir — niemand anders als die Komintern 
selbst. Seit dem Abschluss meines Artikels (Mitte April, die Veröf- 
fentlichung erfolgte aus technischen Gründen leider erst in Nr. 2) 
hat sich in fast allen Punkten, die er angreift, in der kommunistischen 
Politik eine Wendung vollzogen. Einheitsfront wird nicht mehr »nur 
von unten« gemacht, die Sozialdemokratie erscheint nicht mehr als 
»Zwillingsbruder des Faschismus«, man bemüht sich ernsthaft und 
wie es scheint mit Erfolg, die kommunistische Gewerkschaftsarbeit 
aus der hoffnungslosen Isolierung herauszuführen, in die sie geraten 
war. Man vergleiche zu dem Gesagten vor allem die Ereignisse in 
Frankreich und im Saargebiet. Aber auch in der Beurteilung der 
deutschen Ereignisse hat sich manches geändert. Varga spricht in 
seinem letzten Viertel jahrsbericht von der Niederlage des deutschen 
Proletariats: Noch vor einem halben Jahr wurde man dafür als 
Konterrevolutionär ausgeschlossen 1 ). — Natürlich bleibt noch sehr 
viel zu tun übrig. Etwas anderes ist es, eine Kursänderung zu be- 
schliessen, etwas anderes, sie bis in die untersten Einheiten hinein 
durchzuführen. Dies wird ohne wirkliche innerparteiliche Diskussion, 
ohne entschiedene Selbstkritik nicht möglich sein — und eben diese 
steht noch aus. Anderfalls kann das plötzliche Herumwerfen des 
Kurses zu Opportunismus, z. B. zu Herbeiführung der Einheit um 
jeden Preis, führen. Doch wir wollen uns mit dieser Skizzierung be- 
gnügen und der ausführlichen Analyse, die von dieser Wendung in 
unserer Zeitschrift gegeben werden soll, nicht vorgreifen. 

1) z. B. Wilhelm Reich. 

256 






^ 



" 



Zur Kritik der kommunistischen Politik 

Und hier komme ich auf einen andern Teil meiner Kritiker zu 
sprechen, die mit meinem Artikel zwar im ganzen einverstanden 
sind, jedoch eine positive politische Stellungnahme darin vermissen. 
Diesen Kritikern muss ich recht geben. Doch, dass ich damals positiv 
nicht Stellung nahm, lag einfach an meiner eigenen Unklarheit, welche 
zuzugeben man sich in keinem Fall schämen soll. Ich wusste damals 
nur, wie es nicht hätte gemacht werden sollen — und davon nehme 
ich kein Wort zurück. Inzwischen aber bin ich, meinerseits wenig- 
stens, zu einer vollkommen eindeutigen Perspektive gekommen. Ich 
glaube, dass auch kritische Kommunisten nichts anderes tun können, 
als sich in die Reihen der kommunistischen Partei zu stellen, die Chan- 
cen, die ihnen die Wendung gibt, auszunützen, die neue Politik theo- 
retisch und organisatorisch zu unterbauen. Dies gilt vor allem für 
Deutschland; in anderen Ländern wird man vielleicht die revolutio- 
näre Opposition innerhalb der reformistischen Parteien weiter treiben 
oder in syndikalistischen Gewerkschaften arbeiten müssen. Nur ge- 
naue Kenntnis der jeweiligen Verhältnisse (die ich nicht besitze) wird 
den Revolutionären die Entscheidung vorschreiben. Die Überzeugung 
davon erwuchs einerseits aus der Beobachtung der Arbeit der andern 
Gruppen. Von diesen wiederholen etwa die Trotzkisten die Fehler, die 
die KP ihrerseits der Sozialdemokratie gegenüber beging: An allen Feh- 
lern ist »der Stalinismus« schuld (so wie bei der SP »die verräterische 
Führung«), man muss diesen Stalinismus bloss »entlarven«, um der 
vierten Internationale ans Tageslicht zu verhelfen. Dabei ist ihnen die 
Frage nach dem, was in den Massen vorgeht, die man stellen muss, 
lange ehe man zur eigentlichen Massenpolitik übergehen kann, über- 
haupt bedeutungslos. — Aber auch sonst sind nirgends Anzeichen 
wahrzunehmen, dass die revolutionäre Avantgarde in Deutschland aus 
andern Menschen hervorgehen wird, als aus den heute innerhalb der 
kommunistischen Partei kämpfenden — besonders wenn wir an die 
wachsende Zahl derjenigen denken, die an der bisherigen falschen 
Politik Kritik üben. Unter ihnen besteht vorläufig auch noch die 
grösste Chance, Menschen zu finden, die für eine richtige psycholo- 
gische Einschätzung und Bearbeitung der Massen im Sinne der Sex-Pol 
Interesse und Verständnis haben. 

Die Arbeit dieser Genossen wird allerdings noch vielfach durch 
die Bürokratie gehemmt, die den neuen Kurs nicht einschlägt, ja 
vielfach persönlich gar nicht mehr in der Lage ist, ihn einzuschlagen; 
die dem Druck der Massen nur widerwillig weicht, statt führend voran- 
zuschreiten. Darum muss neben dem Kampf um innerparteiliche Dis- 
kussion auch ein solcher um Erneuerung der Funktionärkader bis in 
die höchsten Spitzen geführt werden. 

Manche Genossen halten diesen Kampf für hoffnungslos. Sie be- 
rufen sich dabei auf die Erfahrungen der Vergangenheit. Doch die 
heutige Situation ist so neuartig, dass mir der Hinweis auf die Ver- 
gangenheit nicht als stichhaltig erscheint. Dennoch könnte der Kampf 

257 



I 



Karl Teschitz 

misslingcn. Die Perspektive einer solchen Entwicklung kann man 
stellen — selbst wenn man ihr mit allen Kräften entgegenarbeitet. 
Wenn dann eine wachsende Zahl von Parteigenossen an der Führung 
und ihrer Beiehrbarkeit verzweifelt — dann und nur dann wäre 
die Perspektive »neue Partei« zu stellen. Aber davon sind wir — 
besonders nach der oben nachgewiesenen Wendung — weit entfernt. 
All dies mag unbequem sein. Aber wir können als Marxisten kei- 
nen organisatorischen Wunschträumen nachjagen, wir müssen uns 
an die Wirklichkeit halten, ihre Widersprüche sehen und entwickeln. 
Die Erfahrung zeigt, dass jene kritisch eingestellten Genossen ge- 
radezu begierig danach sind, neue Arbeitsmethoden, neue praktische 
Wege der Massengewinnung kennen zu lernen. Nützen wir die 
Chance, die wir als Sex-Pol-Gruppe haben, ihnen nicht nur Kritik an 
der »Linie« sondern wirklich fruchtbare Arbeitsmöglichkeit in poli- 
tischem Neuland zu zeigen! Helfen wir ihnen, geben wir ihnen theo- 
retisches Rüstzeug für den Kampf um innerparteiliche Gesundung — 
aber vor allem für ihren Kampf um die Mehrheit der Arbeiterklasse 
unter dem Banner der kommunistischen Partei! 



RELIGION, KIRCHE, 
RELIGIONSSTREIT IN DEUTSCHLAND 

VON KARL TESCHITZ 

Aus dein Inhalt: Kritik an der bisherigen Stellungnahme der 
Arbeiterpresse zum Religionsstreit. Das Wesen der Religion (mit 
Einbeziehung der sexualökonomischen Theorie). Die Sünden- 
lehre. Die protestantische und die katholische Kirche und ihr 
Streit mit der Nazi-Regierung. Die deutsche Glaubensbewegung 
(Neu-Heidentum). Gesichtspunkte für die proletarische anti- 
religiöse Arbeit. 

UMFANG CA. 32 SEITEN PREIS: DKR. — .80 



Verlag für Sexualpolitik, Kopenhagen, 

Poslbox 827 Postgirokonto 30302 



258 






Zur Geschichte der Sex-Pol-Bewegung. 



Zur Geschichte der Sex-Pol-Bewegung 

Vorbemerkung der Redaktion: Verschiedentliche Versuche, unsere Arbeit 
zu diskreditieren, zwingen uns, in grossen Zügen über die Geschichte der Sex-Pol- 
Bewegung zu berichten. 

Hierzu drängt vor allem, dass man neuerdings sich nicht mehr damit be- 
gnügt, Sätze aus unseren sexualpolitischen Schriften aus dem Zusammenhang 
herauszureissen, so dass der Sinn verfälscht wird. Man geht sogar dazu über, 
direkt falsch zu zitieren und Tatsachen zu verdrehen. 

Unter diesen Umständen sehen wir uns veranlasst, zur Illustration 2 Rezen- 
sionen zu veröffentlichen. 

Im »Gegenangriff« vom 7.1.34 erschien folgender Artikel: 

Wohin die Vereinsmeierei führt. 

Wir brachten eine kurze Anzeige des Buches von Wilhelm 
Reich »Massenpsychologie des Faschismus«. Ein Mitarbeiter 
sendet uns folgenden Beitrag als Kritik des Buches. 
Zunächst ist festzustellen, dass der Titel »Massenpsychologie des Faschismus« 
irreführt: wir finden A-eine Analyse der spezifischen faschistischen Propagan- 
damethoden und ebensowenig eine ernsthafte Untersuchung der Art des Zusam- 
menhaltes der faschistischen Verbände, noch weniger eine Darstellung der — 
doch gewiss sehr interessanten — Wechselbeziehung zwischen Propaganda und 
Terror. Was wir finden, ist — neben abgedroschenen freudistischen Formeln, die 
am Nationalsozialismus exemplifiziert, aber ebensogut auf jede andere Form der 
kulturellen Reaktion angewandt werden — eine nochmalige Bestätigung zweier 
uns genügend bekannter Tatsachen : erstens, dass der vorübergehende Erfolg Hitlers 
allerhand Kleinbürger, darunter auch solche, die sich — wie Reich — für »Kom- 
munisten« halten, mitgerissen hat. Zweitens, dass naturwissenschaftliche Halb- 
wahrheiten, schon innerhalb der Naturwissenschaft dogmatisiert zum Mystizismus 
führend, auf die gesellschaftlichen Verhältnisse angewandt, jenen sektiererischen 
Charakter annehmen, der seit des seligen Eugen Dührings Zeiten die Propagierung 
der bürgerlichen Verfallserscheinungen innerhalb der Arbeiterbewegung kennzeichnet 
— und dabei in grösste ideologische Nachbarschaft zum Faschismus gerät. 

Bestrebt, die »entsetzlichen« Konsequenzen der Vernachlässigung seines 
Steckenpferdes zu beweisen, vertritt Reich natürlich die sozialdemokratische 
Theorie vom »Versagen der Arbeiterbewegung«, wobei er ausdrücklich die kom- 
munistische Partei einbezieht. Hitlers Erfolg hat ihm gewaltig imponiert und 
also verneigt er sich mit tiefem Respekt — das Werkzeug mit seinem finanz- 
kapitalistischen Inhaber verwechselnd — vor dem ach so vernachlässigten »Mittel- 
stand«, der, »wenn auch nicht auf die Dauer, so doch für geschichtlich kurz 
begrenzte Perioden Geschichte machen kann und macht (!), wie es der italienische 
und deutsche Faschismus lehren« (S. 69). Den gleichen Respekt erweist Reich 
auch dem »Führer des deutschen rebellierenden Mittelstandes« (S. 60) Herrn Hitler 
persönlich, der — als notwendiges Resultat der Analyse seiner Persönlichkeit 
»nur objektiv ein Volksbetrüger ... subjektiv ein ehrlich überzeugter Fanatiker 
des deutschen Imperialismus ist« (S. 7) — als ob ein ehrlicher Agent des Im- 

259 









I 






Zur Geschichte der Sex-Pol-Bewegung 






perialismus nicht ganz bewusst die Massen betrügen könnte! Der Faschismus kann 

— S. 20 — »schon deshalb« — keine blosse Garde des Finanzkapitals sein, »weil 
er eine Massenbewegung ist« ! Diese wenigen Kostproben werden hoffentlich ge- 
nügen, Herrn Reich von der unter irrtümlichen Voraussetzungen eingegangenen 
Zugehörigkeit zu Arbeiterorganisationen zu befreien. 

Als Ansatzpunkt seiner »Kritik« dient ihm die genügend bekannte Tatsache, 
dass es der Bourgeoisie, so lange sie herrschende Klasse, gelingt, grosse Teile der 
unterdrückten Klassen mit ihrer Ideologie zu erfüllen. Reich »entdeckt«, dass 
Randschichten des Proletariats -— wie Heimarbeiter, Angestellte, Hausgehilfen 
usw. — eine kleinbürgerliche Ideologie entwickeln und er sucht für das irratio- 
nale, d. h. nicht von revolutionärer Klarheit getragene Verhalten rebellierender 
Kleinbürger die »Erklärung« in verdrängten Sexualkomplexen. 

Gesündigt hat die Arbeiterbewegung, indem sie die materielle Not der Aus- 
gebeuteten in den Mittelpunkt ihrer Propaganda stellte, das »Kernproblem an der 
Kulturfront, die Sexualfrage« aber vernachlässigte. Doch mit den ökonomischen 
und politischen Losungen erobert man — nach Reich — nur das »ohnehin schon 
linksgerichtete« Industrieproletariat — die indifferenten Massen gewinnt man 
mit der Aufzeigung ihrer sexuellen Not und mit der Ausmalung eines »kultur- 
bolschewistischen« Zustandes der schrankenlosen Freiheit, dessen psychologische 
Herkunft aus den Zersetzungserscheinungen der Bourgeoisie wir sehr gut verstehen 

— dessen Propagierung durch den »Kommunisten« Reich aber für die Hitler- 
propaganda ein gefundenes Fressen ist. Und allen Ernstes wird uns erzählt, dass 
man die christlichen Arbeiter am besten gewinnen könne, indem man — wie ein 
Kapitel lang ausführt — ihnen beweist, dass ihre Kirche eine zum Zwecke der 
Behinderung ihrer Sexualität aufgebaute Organisation ist. Den »proletarischen 
Wirtschafts- und Sozialpolitikern«, die diesen Blödsinn nicht begreifen wollen und 
können, drohen am Schlüsse Reich samt seiner sexual-politischen Sippschaft — 
»sie mit ganz den gleichen Mitteln zu bekämpfen, wie Kirche und politische 
Reaktion«. Bitte sehr. R. G. 

Die »Deutsche Volkszcitung« vom 20. 4. 34 Hess sich sogar folgenden Artikel 
liefern: 

Durch Sexualhemmunu ins Dritte Reich von Arnold Arm. 

Der Berufstheoretiker und Sexualökonom Dr. Wilhelm Reich, der schon vor 
ein paar Jahren von sich reden gemacht hat, als er den Versuch unternahm, den 
historischen Materialismus zu revidieren, indem er neben der Entwicklung der 
Produktivkräfte den Sexualtrieb als geschichtsbestimmenden Faktor einführen 
wollte, ist mit einem neuen Buche: »Massenpsychologie des Faschismus« auf den 
Plan getreten. Für diejenigen unserer Leser, die diesen Sexualprediger von früher 
nicht kennen, sei vermerkt, dass nach Reichs Meinung Marx und Engels den 
Sexualtrieb noch nicht kennen konnten, weil ... Freuds Forschungsergebnisse zu 
ihrer Zeit noch nicht vorlagen. Dieser Reich ist auch der Verfasser eines Buches, 
in dem er der Jugendbewegung einen totsicheren Weg zur Massenorganisation 
weist. Seine Ratschläge waren: Die Jugend soll sich weniger mit Politik und 
Kampf gegen das wirtschaftliche Elend befassen und dafür eifriger der sexuellen 
Lust leben. Reich musste damals die bittere Enttäuschung erleben, dass die undank- 
bare Jugendbewegung seinen wohlgemeinten Bemühungen keinerlei Sympathie 
entgegenbrachte. Er blieb mit seinen Vorschlägen allein; ein verkannter Erotiker- 
Eremit in der sexuellen Wüste. 

Dieser besagte Doktor setzt in seinem neuen Buche mit sturer Konsequenz 
seine alte einseitige und fehlerhafte Linie fort. So weit, dass sie schon in offene 
konterrevolutionäre Politik umschlägt. Schon das Vorwort seines neuen Buches 
verrät, das er in den Fragen des Klassenkampfes völlig die Position des konter- 
revolutionären Trotzkismus bezogen hat. 

Er beginnt mit der Feststellung: »Die deutsche Arbeiterklasse hat eine grosse 

Niederlage erlitten «, und stellt die Behauptung auf, dass die Arbeiterklasse 

eine Zeit der Ebbe durchmache. Dieses Leugnen der revolutionären Perspektive 
ist mit versteckten trotzkistischen Verleumdungen gegen die Kommunistische 
Partei gespickt. So, wenn er schreibt, dass die politische Reaktion sich »nicht 
mit bürokratisierten Parteiapparaten, sondern nur mit innerlich demokratischen, 
jeder Initiative Raum gebenden Arbeiterorganisationen und überzeugten Kampf- 
truppen schlagen lassen wird.« (S. 5 — 6). 

260 



L 



Zur Geschichte der Sex-Pol-Bewegung 

Entpuppt sich Reich schon im Vorwort als konterrevolutionärer Trotzkist, so 
bleibt er dieser Position auch in einer »wissenschaftlichen« Untersuchung treu. 
Die Frage, wie es kam, dass die Massen des Kleinbürgertums sich dem Faschismus 
zuwandten beantwortet Reich so: »Die Sexualhemmung verändert den wirtschaf- 
lich unterdrückten Menschen strukturell derart, dass er gegen sein materielles 
Interesse handelt, fühlt und denkt.« (Seite 54). 

Kann sich die Sozialdemokratie einen besseren Verteidiger wünschen? Denn 
sie war es, die durch ihre Spaltungspolitik die wuchtige proletarische Massenak- 
tion verhindert hat, die das schwankende Kleinbürgertum auf die Seite des anti- 
faschistischen Kampfes gerissen hätte. Denn darin zeigt sich ja eben die Rolle 
des Kleinbürgertums, dass es sich in kritischen Zeiten stets auf die Seite schlägt, 
die ihm als die stärkere erscheint. Und darin gerade besteht die doppelte Schuld 
der SPD-Führung. Aber nein, versichert uns der neue Advokat des Sozialfaschis- 
mus, es liegt »nicht so sehr an der Politik der Parteiführung als an der massen- 
psychologischen Basis in der Arbeiterschaft« (S. 110). Die Arbeiterschaft litt 
eben so an der Sexualhemmung, dass sie nicht gegen den Faschismus kämpfen 
konnte. 

Auch eine Definition des Faschismus liefert Reich, indem er versichert: »dass 
der Faschismus ideologisch das Aufbäumen einer sexuell ebenso wie wirtschaftlich 
totkranken Gesellschaft gegen die schmerzhaften, aber entschiedenen Tendenzen 
des Bolschewismus zur sexuellen, ebenso wie ökonomischen Freiheit ist.« (S. 94.) 

Wir haben es heim Faschismus also nicht mit einer terroristischen Klassen- 
diktatur der reaktionärsten und chauvinistischsten Elemente des Finanzkapitals 
zu tun, sondern mit einem Aufbäumen der ganzen Gesellschaft (konkret: wer 
oder was bäumt sich auf?) gegen — bolschewistische Tendenzen — zur Freiheit! 
Es ist schwer, soviel Unsinn auf einmal zu verdauen. Kein Klassenstandpunkt, 
nichts von politischer Unterdrückung, der Bolschewismus als etwas ausserhalb 
der Gesellschaft stehendes (asiatisches?), nur tendenzielles, keine Spur der pro- 
letarischen Millionenbewegung. Und zum Tröste das Ganze mit der faden sexuel- 
len Sosse übergössen. 

So geht es weiter. Die Rassentheorie Hitlers entspringt nicht übersteigertem 
Nationalismus zur ideologischen Kriegsvorbereitung. Reich ruft Rosenberg als 
Zeugen auf, dass »der Kern der faschistischen Rassentheoric Angst und Scheu vor 
der sinnlichen, körperlichen Sexualität ist.« (S. 128). Das Hakenkreuz ist be- 
merkenswert, weil es »ursprünglich ein Sexualsymbol« war, das auch heute »auf 
tiefe unbewusste Schichten des Seelischen einen grossen Reiz ausübt, der um 
so stärker ausfallen muss, je unbefriedigter, unbewusst oder bewusst sexuell 
sehnsüchtiger der Betreffende ist.« (S. 153). 

Der starke Reiz den das Hakenkreuz gerade auf die zu sexueller Enhaltsam- 
keit gezwungenen katholischen Geistlichen ausübt, tritt ja gerade in dieser Zeit 
grell ins Licht. 

Sparen wir uns, was Reich noch über Familie, Kirche, Religion ausführt. Alles 
wird bei ihm in sexueller Tunke serviert. Es gibt keine politische, wirtschaftliche 
oder sonstige gesellschaftliche Erscheinung, die er nicht mit dem Massstabe un- 
befriedigter Sexualität misst. 

Trotz aller Komplexe leidet unser Sexualökonom und Psychoanalytiker poli- 
tisch weder an Minderwertigkeitsgefühlen noch an Bescheidenheit. Er liefert eine 
sexuelle Verteidigung für die sozialfaschistischen Führer. Er überzieht den 
Klassencharakter des Faschismus mit einer undurchsichtigen Schleimhaut ge- 
hemmter Sexualität. Und damit nicht genug, will er das Proletariat auch noch 
im antifaschistischen Kampfe schulmeistern. Auch hierbei bewegt er sich natürlich 
auf sexuellem Geleise. »Wer z. B. bedenkt, was eine weitere Erschwerung des 
Vertriebs von Schutzmitteln wie sie kürzlich erfolgte, in einem Deutschland 1933 
bedeutet, der erkennt, dass hier die revolutionäre Arbeit zunächst weit leichteres 
Feld hätte, als auf wirtschaftlichem Gebiet.« (S. 258). 

So ist es also! Nicht die tapferen Proleten, die unter Lebensgefahr illegale 
Betriebszeitungen herausgeben, sind die wahrhaften antifaschistischen Kämpfer, 
sondern der Reklamechef von Fromms Act. Und wer damit nicht einver- 
standen ist, der hat nach Reichs hoher Meinung eben keine Ahnung davon, wie 
man Massenbewegungen führt. »Der Kommunismus missverstand bisher diese 
Situation, und versuchte den unpolitischen Menschen dadurch zu politisieren, dass 
er ihm nur seine wirtschaftlichen Interessen, die unerfüllt bleiben, zum Bewusst- 
sein zu bringen suchte.« (S. 273). 

261 



Zur Geschichte der Sex-Pol-Bewegung 

Darum sind die Massen oben zu den Nazis gelaufen, weil diese mit lihidi- 
nösen, d. h. sexuellen Mitteln arbeiten. (Hoppla! Sagte Herr Reich nicht früher, 
dass die Nazis die Massen mit der Angst vor sinnlicher Sexualität fangen?) Die 
Kommunisten sind also, versichert der konterrevolutionäre Sexualökonom, mit- 
schuldig am Sieg des Faschismus, weil sie es nicht verstanden haben, mit Hilfe 
des sexuellen Angelpunktes die bürgerliche Welt umzuwerfen. 

Bleibt nur die grosse Frage, auf die Reich keine Antwort zu geben vermag: 
Wie kam es dann, dass in Russland der Kommunismus siegte, trotz der »Unter- 
schätzung der sexuellen Frage?« 

Wilhelm Reich ist konsequent seinen Weg gegangen. Er hat damit begon- 
nen, Marx mit Freud zusammenzuwerfen. Dann hat er eine offene freudistische 
Revision des Marxismus versucht und nun ist er den bankrotten Sozialfaschisten 
zu Hilfe geeilt und begeifert nach trotzkistischer Manier die Kommunistische 
Partei. Die revolutionäre Arbeiterbewegung hat ihn über Bord gespült. Jetzt ist 
er dort gestrandet, wo ihn sein Kurs hinführen musstc, im konterrevolutionären 
Sumpf.« 

* 

Während derartige Funktionäre der revolutionären Arbeiterbewegung sich 
nicht scheuen, zu schreiben: 

»Reich setzt seine sture konterrevolutionäre Sexualpolitik fort«; »Reich hat 
schon früher von sich reden gemacht«; »die Jugend wollte von Reich nichts 
wissen«; »Reich will Wirtschaftspolitik durch Sexualpolitik ersetzen«; sehen 
die Tatsachen folgendermassen aus: 

1) Das ZK der KPD hatte selbst die seinerzeit von Reich entwickelten Grund- 
sätze für die sexualpolitische Arbeit akzeptiert. Nach näherer Bekanntschaft 
mit den Schwierigkeiten, die sich infolge der mangelhaften sexualpolitischen 
Schulung der Funktionäre ergaben, wich es jedoch in der Linie des geringsten 
Widerstandes zurück. Reich hatte bei den Jugendlichen durch sein Verständ- 
nis für ihr wirkliches Leben und ihre sexuelle Unterdrückung grossen Erfolg. 

2) Die Partei versagte völlig bei der Organisierung der Bewegung. 

3) Die Sex-Pol-Theorie bestätigte sich in der Praxis durch schnelles Anwachsen 
der Bewegung bis zum Eingriff des Parteiapparates, trotz eines ausser- 
ordentlichen Mangels an genügend geschulten Funktionären. 

4) Die Grundursachen für das Versagen der Partei waren im wesentlichen fol- 
gende : 

a) Ökonomistische Auslegung des Marxismus bei Funktionären der KPD. 

b) Unbekannlschaft mit der Sexualwissenschaft und der Anwendung der- 
Methode des dialektischen Materialismus auf neue Gebiete. 

c) Sexualreaktion (Rolle der bürgerlichen Sexualmoral und Ablehnung dir 
Sexualität) in den eigenen Reihen. 

d) Die offizielle Sexualideologie der KPSU erwies sich als Hemmschuh. 

e) Die Ablehnung der Psychoanalyse ohne Prüfung, welche ihrer Lehren 
reaktionär und welche revolutionär sind, verhinderte eine ernsthafte 
Kritik und Weiterentwicklung. 



GESCHICHTE DER DEUTSCHEN SEX-POL-BEWEGUNG 

i. 

Die Geschichte der Sex-Pol-Bewegung beginnt mit Erfahrungen an Wiener 
Scxualbcratungsstcllcn in den Jahren 1926/30. Diese ersten Erfahrungen erwei- 
terten sich durch Versammlungspraxis der »Sozialistischen Gesellschaft für 
Sexualberatung und -forschung in Wien« (1929/30). 

Eine vorläufige kritische Zusammenfassung bildete der Vortrag auf dem 
dritten internationalen Kongrcss der Weltliga für Sexualreform im September 
1930 mit dem Titel »Die Sexualnot der Werktätigen«. 

Anschliessend hieran erfolgte die Ausarbeitung einer sexualpolitischen Platt- 
form im Auftrage eines Komitees der Weltliga. Mitglieder dieser Kommission 
waren : K., J., K., Reich. Die von Reich ausgearbeitete Plattform wurde vor der 
Diskussion in der Wcltliga zur Beratung der Agitprop im ZK der KPD (K.) 

262 



Zur Geschichte der Sex-Pol-Bewegunß 

überreicht. Die Agitprop übergab diese Plattform der Ärztefraktion innerhalb 
der KPD (damalige Leitung L. W., R. B., F.). Das ZK der KPD akzeptierte die 
Plattform auf Grund eines positiven Bescheides der Ärztefraktion. Mit Zustim- 
mung Rcich's wurden einige kleine Abänderungen vorgenommen. 

Das Komitee der Weltliga lehnte die Plattform im Beisein Lcunbach's und 
M. K.s als »kommunistisch« ab. 

Daraufhin machte Reich dem ZK der KPD den Vorschlag, einen sexualpoliti- 
schen Massenverband auf kommunistischer Basis zu gründen. Die KPD hatte 
bis zu jenem Tage keinen eigenen sexualpolitischen Verband. Die Sexualpolitik 
lag mit reformistischer und vorworrener Ideologie in den Händen teils von So- 
zialdemokraten, teils in den Händen von Leuten, die den Zusammenhang von 
Sexualreform und Politik entweder überhaupt leugneten, oder die Änderung der 
bürgerlichen Gesellschaft von der Sexualaufklärung erwarteten (Magnus Hirsch- 
feld, Elkan usw.). 

Das Sexualleben der Kinder und Jugendlichen wurde negiert; die bürger- 
liche Familie und Ehe als eine ewige Institution angesehen. Max Hodann er- 
klärte sich noch gegen den Geschlechtsverkehr der Jugend (»Bub und Mädel«). 
Diese sexualpädagogischen Ansichten stimmten überein mit der Sexualideologie der 
Sowjetunion (Genss, Ratkis, Gurewitsch, Paasche-Oserski). Zwar darf nicht über- 
sehen werden, dass in Sowjetrussland zum ersten Male ein Einbruch in die bür- 
gerliche Eheideologie (Scheidungserleichterung, Gleichstellung der registrierten und 
der unregistrierten Ehe etc.) erfolgt, jedoch lieferten diese Sexualwissenschaftler 
der SU keine Kritik der sozialistisch-reformistischen Sexualideologie, sondern 
propagierten im wesentlichen lediglich sowjetistische Geburtenregelungsmethoden. 

Das Z. K. der KPD beauftragte die »XYZ« (verantwortliche Leiter: F. B. und 
F. S.) mit der vorläufigen Organisierung der Sex-Pol- Bewegung als Unterorgani- 
sation der »XYZ«. In die Reichsleitung wurden delegiert: S., B., B., S., F., Reich. 

Die »XYZ« organisierte im Herbst 1931 einen Kongress in Y., auf Grund der 
folgenden von W. Reich verfassten und zum Kongress ergänzten Plattform. Auf 
diesem Kongress erfolgte die Gründung des westdeutschen Verbandes. Er erfasste 
mit einem Schlage rund 20,000 Mitglieder. 

Die sexualpolitische Plattform (vom Juni 1931) hatte folgenden Wortlaut: 

Sexualpolitische Platfform des „Deutschen Reichsverbandes 

für proletarische Sexualpolitik" 

Der »Deutsche Reichsverband für proletarische Sexualpolitik« konstituiert 
sich mit dem Ziele, die deutsche Sexualreformbewegung, die bisher zersplittert 
und unpolitisch war, unter einheitlicher Führung zusammenzufassen, um sie mit 
klassenmäßigem, revolutionärem Inhalt zu erfüllen und auf eine zielbewusste 
sexualpolitischc Plattform zu stellen. Die zersplitterte Sexualreformbewegung 
konnte der ständig um sich greifenden kulturellen und insbesondere sexuellen 
Reaktion nicht wirksam entgegentreten. Zu diesem Zwecke ist eine organisierte 
revolutionäre Kraft notwendig, und diese Kraft kann nur die vereinigte Masse 
der unter der sexuellen Unterdrückung Notleidenden, welcher Parteirichtung immer 
sie angehören mögen, selbst sein. Soll unsere sexualpolitischc Bewegung den 
realen Tatbeständen Rechnung tragen, soll sie ihr gesetztes Ziel, die sexuelle 
Befreiung des werktätigen Volkes, erreichen, so muss sie 

a) von den Zusammenhängen zwischen den Grundelementen der sexuellen Mas- 
senmisere mit der herrschenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung aus- 
gehen, 

b) auf Grund dieser Zusammenhänge ihre Forderungen aufstellen, und 

c) die Massen zum Kampfe gegen die sexuelle Reaktion zusammenfassen, indem 
sie sich eine organisatorische und propagandistische Basis für die praktische 
Arbeit schafft und die Sexualfrage vollkommen revolutionär politisiert. 

Sexualunterdrückung und Sexualnot ah unabtrennbare Elemente 
der kapitalistischen W irtschaftsordnunc/ 

Das sexuelle Elend der Massen ist ein Ergebnis der Klassenherrschaft und 
der Privatwirtschaft; es lastet besonders hart auf den armen und verarmten 
Schichten der Bevölkerung. Wenn es auch die besitzenden Kreise durchsetzt 
so können sich diese leicht jede Art von ärztlicher Hilfe und sonstiger Erleichte- 

263 



Zur Geschichte der Sex-Pol-Bewegung 

rung verschaffen, während den breiten Schichten keine Hilfe im Kapitalismus 
offen steht. • 

Es ist für die gesamte Auffassung und Praxis der Sexualreform entscheidend, 
ob man die sexuelle Not der Massen als ein zufälliges oder als ein notwendiges 
Ergebnis der kapitalistischen Wirtschaftsordnung betrachtet. Hält man sie für 
zufällig, also nur für das Ergebnis eines blossen Mangels der heutigen Gesell- 
schaftsordnung, so folgt daraus der Schluss, dass der Mangel innerhalb der kapi- 
talistischen Wirtschaftsordnung beseitigt werden kann. 

Kommt man aber zum Schluss, dass es sich um ein notwendiges, das heisst 
von diesem Gesellschaftssystem unabtrennbares Ergebnis seiner Ordnung handelt, 
so folgt daraus, dass nur die Beseitigung des Gesamtsystems der sexuellen Mas- 
sennot ein Ende machen kann. In dem Durcheinander von sexualreformerischen 
Richtungen kann man im ganzen zwei Hauptgruppen unterscheiden: die liberal 
reformerische, mehr oder weniger links gerichtete Gruppe, die eine Änderung der 
Verhältnisse, ja der gesellschaftlichen Ordnung überhaupt von der parlamenta- 
rischen Gesetzgebung erwartet; auf der anderen Seite die revolutionäre Sexual- 
politik, die den Standpunkt vertritt, dass erst die Änderung der Wirtschaftsord- 
nung, also der Sturz des kapitalistischen Systems, eine sexuelle Reform, die den 
Ansprüchen der werktätigen Bevölkerung entspricht, möglich machen wird. Auf 
dieser Grundlage ist die Sexualpolitik vor der sozialen Revolution wesentlich 
gekennzeichnet als revolutionäre Kritik der bestehenden Sexualordnung, als pro- 
pagandistische Tätigkeit zum Sturze des Gesamtsystems. Ihren positiven auf- 
bauenden Inhalt kann die revolutionäre Sexualreform erst bekommen, wenn die 
wirtschaftlichen Grundlagen dazu geschaffen wurden. 

Der Kapitalismus befindet sich in einer schweren Krise. Weit davon ent- 
fernt, die kulturellen Fragen, die die Bevölkerung angehen, zu lösen, ist er nicht 
einmal imstande, die primitivsten Anforderungen, wie die Stillung des Hungers 
und die Wohnungsansprüchc zu erfüllen. Fünf Millionen Arbeitslose, d. h. etwa 
15 Millionen hungernde Menschen und Millionen Arbeiter in Kurzarbeit kenn- 
zeichnen diese Krise. Die Rationalisierung der Produktion, die Verbesserung der 
Maschinen, die den Menschen viel Mühe und Not ersparen könnte, führt im 
Kapitalismus im Gegenteil zur Verelendung der Massen durch ständig wachsende 
Arbeitslosigkeit. Statt Arbeitszeitverkürzung: Verlängerung der Arbeitszeit, statt 
Lohusteigerung: fortschreitende Lohnkürzung. Das Kapital versucht, sich aut 
Kosten der werktätigen Bevölkerung über Wasser zu halten, durch Abbau der 
Sozialversicherung und durch Massensteuern und Notverordnungen. Überpro- 
duktion an Waren auf der einen Seite, Hunger und Geldmangel, um diese Waren 
zu kaufen, bei der Masse der Bevölkerung auf der anderen Seite. Um sich gegen 
die durch den Hunger immer revolutionärer werdenden Arbeiter und Angestellten 
zu schützen, geht die Bourgeoisie mit Terrormitteln vor. (Rüstet der Kapitalismus 
spezielle Garden, die Faschisten, aus.) Die Bourgeoisie erhöht standig die Aus- 
gaben für Polizei und Heer, unterdrückt die revolutionäre Presse, unterstutzt die 
faschistischen Bürgerkriegstruppen. 

Aber ausser mit nackter Gewalt unterdrückt der Kapitalismus die Werktäti- 
gen, indem er sie in seine Gefolgschaft zwingt durch geistige Beeinflussung: 
Schule, Kirche und Sexualmoral. Daher geht mit der politischen Reaktion die 
kirchliche und sexuelle Reaktion Hand in Hand. 

Warum unterdrückt der Kapitalismus das Sexualleben? Was erzielt er damit.' 
Die sexuelle Unterdrückung ist ein reaktionärer Faktor von grossem Gewicht, 

1.) sie stützt als mächtige ideologische Kraft die Kirche, die sich mit Hilfe der 
sexuellen Angst im Seelenleben der ausgebeuteten Massenindividuen zutiefst 

verankert; 
2.) sie stützt die Familien- und Eheordnung, welche zu ihrem Bestände \er- 

kümmerung der Sexualität erfordert; 
3.) sie macht die Kinder und Jugendlichen den Eltern und auf diese Weise 

später die Erwachsenen der staatlichen Autorität und dem Kapital hörig, 

indem sie in den Unterdrückten autoritäre Ängstlichkeit hervorruft: 
4.) sie lähmt die Kritik der Unterdrückten, denn die sexuellen Schwierigkeiten 

verbrauchen viel Energie, die sonst zur kritischen Verstandesarbeit verwendet 

würde; 
5.) sie lähmt, indem sie die Menschen scheu und unentschlossen macht, die 

revolutionären Kräfte im Individuum. 

264 



. 






Zur Geschichte der Sex-Pol-Bewegung 

Die Verdummung und geistige Versklavung sind also Sinn und Zweck der 
sexuellen Unterdrückung der Massen im Kapitalismus. Sie dienen der sexuellen 
Reaktion, die ihrerseits die wirtschaftliche und politische stützt. Daher ist auf 
dem Gebiete der Scxualpolitik rücksichtsloser Kampf für sexuelle Befreiung gegen 
Kapitalismus und Faschismus notwendig. 

Der Widerspruch zwischen den sexuellen Ansprüchen der Menschen und der 
bürgerlichen Sexualordnung steigert sich und zwar fortschreitend mit dem Zer- 
fall des Kapitalismus und seiner Moral in der jetzigen imperialistischen Phase 
zum Höhepunkt der sexuellen Krise, zur sexuellen Massenverelendung. Die libe- 
rale Sexualreformbewegung, die an der kapitalistischen Wirtschaftsordnung nicht 
rütteln will, bemüht sich seit Jahrzehnten, die sexuelle Massenmisere zu lindern. 
Keine der versuchten Massnahmen hat jedoch daran im geringsten zu rühren 
vermocht. Die gemachten Vorschläge hinken immer nur dem Elend nach, und 
diese Reform erleidet, wo immer sie auftritt, vollkommenes Fiasko. Ja mehr, 
das Kapital vermochte sogar mit Hilfe der sozialdemokratischen Parlamentsfrak- 
tion dem Volkssturm gegen den § 218 entgegenzutreten, indem diese gegen dessen 
Abschaffung stimmte. 

Die Grundelemente der sexuellen Not und ihre Verankerung im Kapitalismus 
1.) Die Abtreibungsfrage 

Eine Million kriminelle Abtreibungen, ca. 20,000 Todesfälle, 60—80,000 fieber- 
hafte Erkrankungen, 6000 Einkerkerungen proletarischer Frauen jährlich sind die 
Folge des Abtreibungsparagraphen. Jahrzehntelange Diskussion, Tausende von 
Vereinsgründungen, Resolutionen und Kongressen haben an der Frage nicht im 
geringsten gerüttelt. Warum? Deshalb, weil der Kapitalismus und der Imperialis- 
mus nicht verzichten können auf die proletarische Überbevölkerung, die Quelle 
der industriellen Reservearmee und der militärischen Kaders und auf den mora- 
lischen Druck, den der Abtreibungsparagraph als sexualeinschränkender Faktor 
auf die Massen im Sinne der bürgerlichen »Sittlichkeit« ausübt. So sehr sich 
auch im Laufe der Entwicklung diese Beziehungen durch die strukturelle Arbeits- 
losigkeit verändert haben, die Aufhebung des Abtreibungsparagraphen würde 
Prestigeverlust und ideologische Erschütterung der Ehe- und Familienmoral be- 
deuten. Dass der Abtreibungsparagraph die vom Kapitalismus erwartete Funk- 
tion, die Steigerung der Geburtenzahl nicht erfüllt und dass die Ehe- und Fa- 
milienmoral des Bürgertums schon seit langem bankrott ist, ändert nichts an 
zähem Festhalten. 

Ferner hat die Abschaffung des Paragraphen nur einen Sinn, wenn gleich- 
zeitig an seine Stelle die gesellschaftliche Befürsorguug tritt; kostenlose Schwan- 
gerschaftsunterbrechung in staatlichen Kliniken, Propaganda und kostenlose 
Ausgabe der Verhütungsmittel, ausgiebige Säuglings- und Mutterfürsorge. Der 
Kapitalismus, der sich heute nur mehr auf Kosten des Arbeitslohnes und durch 
die Massensteuern hält, kann es sich nicht leisten, soziale Hilfe zu gewähren. 

Im Gegensatz dazu sehen wir im revolutionären Sowjet-Russland alle Mass- 
nahmen durchgeführt; der Abtreibungsparagraph gestrichen, staatliche Schwan- 
gerschaftsunterbrechung, Propaganda der Verhütungsmittel, ausgiebige und sich 
von Jahr zu Jahr steigernde Mutter- und Säuglingsfürsorge und trotzdem oder 
gerade deshalb ein Anstieg der Geburtenzahl. 

2.) Die Wohnungsfrage 

Hygienisches Sexualleben setzt zumindest Alleinseinkönnen der Sexualpartner 
voraus. Die Wohnungslage der Massen verroht ihr Sexualleben, schädigt durch 
die unhygienischen Bedingungen des Geschlechtsverkehrs ihre Gesundheit und 
setzt überdies schwere Schädigungen in die Sexualentwicklung der Kinder. Die 
Wohnreform im Kapitalismus erreicht die breiten Massen nicht, lässt die Sexual- 
frage unberücksichtigt und erleidet fortschreitende Einschränkung ihrer Versuche 
durch die ständige Verschärfung der Reaktion und der Wirtschaftskrise. Die 
Wohnungsmisere der Massen hängt mit dem privaten Charakter des Hauseigentums 
und dem noch kapitalistischen Charakter der kommunalen Wohnbautätigkeit, also 
letzten Endes mit dem Privateigentum an Grund und Häusern untrennbar zu- 
sammen. 

Demgegenüber sehen wir im proletarischen Sowjet-Russland, wo das Eigen- 
tum an Grund und Boden abgeschafft ist, zwar noch Wohnungsnot, aber daneben 

265 












.Zur Geschichte der Sex-Pol-Bewegung 

eine aufkeimende Wohnkultur, die die breiten Massen erfasst: eine Basis für 
die künftige Lösung der Wohnungsfrage. 



•3.) Die Prostitution 



Ihre Grundlagen sind die Massenarbeitslosigkeit der proletarischen Frauen und 
die doppelte Moral der kleinbürgerlichen Jugend und das unbefriedigende Eheleben 
der breiten kleinbürgerlichen Schichten, die die jungen und alten Männer die 
Ware (Frauenkörper) auf dem Markte der Prostitution jeder Art suchen und 
kaufen lässt. Sie ist also mit dem Kapitalismus doppelt, von ihm untrennbar, 
verbunden: in seiner materiellen Basis (durch die Arbeitslosigkeit) und in seinem 
ideologischen Überbau (bürgerliches Sexualleben und doppelte Moral). Der Ka- 
pitalismus führt den Kampf gegen das von ihm selbst erzeugte Produkt, die 
Prostituierte, indem er Polizei auf sie hetzt, sie in Gefängnisse, Geschlechts- 
krankenhäuser genannt, sperrt, sie moralisch entrechtet. Wir sehen trotz Jahr- 
zehnte alter Debatten in Parlamenten und wissenschaftlichen Vereinen keinen 
Kampf gegen die Ursachen der Prostitution, wohl aber ein Anschwellen der Pro- 
stitution mit dem ungeheuren Anschwellen der Arbeitslosigkeit. 

In Sowjet-Russland hingegen sehen wir die eine Ursache der Prostitution, die 

. Arbeitslosigkeit, bereits beseitigt, die Frau immer mehr einbezogen in den Pro- 

duktionsprozess als gleichwertiger Genosse des Mannes; und wir sehen die andere 

Ursache, die doppelte Moral, fast verschwunden, nachdem sie fortschreitend na- 

1 türlichen, unverbogenen Ansichten über das Sexualleben Platz macht. Gegen die 

Reste der Prostitution kämpfen die Sowjets, indem sie Prophylaktorien für Pro- 
stituierte bauen, wo sie lernen, sich in den Produktionsprozess wieder ein- 
zugliedern. Wir sehen nicht Kampf gegen die Prostituierte, sondern gegen die 
Prostitution als Erbe des Kapitalismus. 

4.) Die Neurosen und sexuellen Störungen 

Diese durchscuchcn die Massen der Werktätigen nach noch nicht abgeschlos- 
senen Berechnungen zu etwa 60 % bei Männern und 90 % bei Frauen; sie 
steigern die materielle Not und das subjektive Leiden, das die seelischen Krank- 
heiten schaffen. Sie sind unmittelbare Folgen der bürgerlichen Sexualerziehung 
des Kindes, die sich in die verderbliche asketische Beeinflussung der Jugend und 
die Misere des späteren Ehelebcns fortsetzt. Sie erwachsen auf dem Boden der 
Sexualunterdrückung, der Abbiegung der biologisch-normalen sexuellen Bedürf- 
nisse durch Geldinteressen, Erziehung und Moral ins Perverse und Lüsterne. Aus 
der sexuellen Lüsternheit, die der Kapitalismus mit der Unterdrückung des na- 
türlichen Geschlechtslebens erzeugt, schlägt er grossen Profit (Luxusindustrie, 
Filmindustrie, pornographische Industrie). So hat die Sexualunterdrückung auch 
einen direkt ökonomischen Sinn für den Kapitalisten. In den werktätigen Massen 
wuchern die Neurosen und Sexualleiden auf dem Boden des Konfliktes zwischen 
natürlichem Sexualleben und der ihnen aufgepfropften bürgerlichen Moral. Sie 
sind auch hier der Ausdruck gestörter sexueller Ökonomie. 

Auch die Neurosenfabrikation ist kein zufälliger, sondern ein notwendiger 
Bestandteil der in erster Linie von Profitinteressen getragenen bürgerlichen 
Sexualordnung, letzten Endes ein Ergebnis des bürgerlichen Ehe- und Familien- 
lebens, in das auch die nicht bürgerlichen Massen hineingezwängt sind. 

Die therapeutischen Institutionen (Kliniken. Ambulatorien) können nur 
einen verschwindenden Bruchteil erfassen. In den Sexual- und Eheberatungsstel- 
len steht man der Masse der Neurosen und Sexualstörungen ohnmächtig gegen- 
über. Überdies ist die Masse der Ärzte sexual wissenschaftlich nicht ausgebildet: 
an den. reaktionären Hochschulen wird auf diesem Gebiet kein Unterricht erteilt. 
Und die wenigen ausgebildeten Ärzte stehen in materialler Abhängigkeit von den 
Reichen, die ihre sexuellen Leiden für viel Geld kurieren lassen können. An 
«ine Massenprophylaxe der seelischen Erkrankungen ist noch nicht einmal theo- 
retisch herangegangen worden. Die ganze bürgerliche Wissenschaft ist auf Indi- 
vidualtherapie eingestellt. Massenprophylaxe der Neurosen setzt aber eine Um- 
stellung der gesamten Sexualcrziehung voraus, also eine Beseitigung aller jener 
Institutionen, die sie engros produzieren. Das sind Eheleben und Familien- 
erziehung, an denen gerade dem Kapitalismus soviel liegt, weil die Familie seine 
politische Ideologiefabrik ist. 

Das Eheproblem wird unlösbar in der bürgerlichen Gesellschaft wegen des 

266 



"■^ 




Zur Geschichte der Sex-Pol-Bewegung 

zunehmenden Widerspruchs zwischen der dauernd bindenden sozialen und öko- 
nomischen Abhängigkeit der Frau, der im Kapitalismus auch die beste Gesetz- 
gebung nicht abhelfen kann und der physiologischen Abstumpfung der sexuell 
unbefriedigenden Beziehungen bei längerer Dauer, die zur Trennung drängt. 

In Sowjet-Russland sehen wir mit der Änderung der wirtschaftlichen Daseins- 
Sinne 
iehung 

bildliche Ehereform, Austilgung jedes Unterschiedes zwischen »ehelich« und 
»unehelich« im materiellen und ideologischen Sinne, Erschütterung der Familie 
als zentralen Punktes des Geschlechtslebens und der Erziehung. 

Wir sehen dort die vom Zwange des Elternhauses und der Familie befreite, 
ins kollektive Dasein immer mehr einbezogene Jugend nach neuen sexuellen 
Lebensformen ringen, die, so unklar und verworren sie auch sein mögen, doch 
einen Bruch bedeuten mit den Bedingungen der kapitalistischen Atmosphäre. 

In der Sowjetunion sehen wir in deutlichen Umrissen sich jene öko- 
nomischen und sozialen Verhältnisse herausbilden, die eine Prophylaxe der Neu- 
rosen ermöglichen werden. (Hebung des kulturellen Niveaus der Massen, Lohn- 
steigerung, Arbeitszeitverkürzung, Umstellung der gesamten Medizin auf Krank- 
heitsverhütung etc.). 

Stellt man die innere Unfähigkeit des Kapitalismus, die Sexualfrage zu lösen,, 
den enormen Fortschritten und Reformen der Sowjet-Union gegenüber, so bleibt 
dem Sexualreformer, er mag politisch stehen wie er will, nichts anderes übrig, 
als sich auf den Boden der sowjetistischen Sexualreform zu stellen. Das kann 
er nur unterlassen, wenn er entweder Tatsachen nicht sehen will, oder aber, 
wenn er sich dem Zwang des Kapitals unterwirft und opportunistisch wird. 

Unsere Kampfforderunyen 

Unsere Endforderungen, die eine umfassende gesellschaftliche Befürsorgung 
des Geschlechtslebens der Massen anstreben, sind also: 

1) a. Kostenlose Verteilung der Empfängnisverhütungsmittel an Minderbemittelte 

durch Krankenkassen und Beratungsstellen, 
b. Breite Propaganda der besten Geburtenregelungsmcthoden zum Zwecke der 
Bekämpfung des Abortus. 

2) Restlose Abschaffung des Abtreibungsparagraphen; kostenlose Schwanger- 
schaftsunterbrechung an öffentlichen Kliniken, Gewährung eines Schwanger- 
schaftsurlaubes von zwei Monaten vor und zwei Monaten nach der Nieder- 
kunft bei voller Lohnauszahlung; Gewährung von Hebammenhilfe, ärztlicher 
Behandlung, Arzneien, Heilmitteln und Krankenpflege bei Entbindung oder 
bei Schwangerschaftsbeschwerdcn; Zahlung des Krankengeldes in Höhe des 
Arbeitsverdienstes bei Arbeitsunfähigkeit infolge der Schwangerschaft; Zahlung 
eines einmaligen Zuschusses zur Entbindung in der Höhe von RM. 100. — ; 
Errichtung von Entbindungs- und Wohnheimen für Mütter und Kinder, sowie 
von Säuglingsheimen und Krippen; Einrichtung von Schwangeren- und 
Mütterberatungsstellen; Verbot der Entlassung von Schwangeren und Stillenden 
bis zu einem Jahr nach der Niederkunft; Gewährung von bezahlten Still- 
pausen; Begrenzung der Arbeitszeit für Schwangere und Stillende auf sechs 
Stunden täglich; Ausdehnung des Schwangerenschutzes auch auf Land- 
arbeiterinnen und Hausangestellte. 

3) Aufhebung aller Zwangsbestimmungen über Eheschliessung und -trennung; 
amtliche Eintragung sei freigestellt; Sicherung der Alimentation der Kinder 
durch die Eltern, so lange gesellschaftliche Versorgung und Aufzucht der Kinder 
nicht möglich ist; Aufhebung jedes rechtlichen und weiteren Unterschiedes 
zwischen ehelich und unehelich; Beseitigung aller Bestimmungen über 
Ehebruch, Konkubinat etc. 

Beseitigung der Prostitution durch Kampf gegen ihre Ursachen, die Ar- 
beitslosigkeit, doppelte Geschlechtsmoral und Keuschheitsideologie; Ein- 
ordnung der Prostituierten in das Wirtschaftsleben durch Einrichtung von 
Prophylaktorien nach dem Muster der sowjetistischen Anstalten für Pro- 
stituierte; strenge Bestrafung jeder Art geldlicher Ausnützung des Geschlechts- 
lebens (gewerbsmässige Kuppelei, Erpressung, Machtausnützung). 

4) Ausrottung der Geschlechtskrankheiten durch Massenaufklärung, Masscnpro- 

267 






— 



Zur Geschichte der Sex-Pol-Bewegung 

phylaxe und hauptsächlich durch sexualökonomische Regelung der Beziehungen 
der Geschlechter; sexuelle Belehrung und Erziehung der Jugend. 

5) Verhütung von Neurosen und sexuellen Störungen durch entsprechende sexual- 
hefürsorgende Erziehung; Einrichtung von speziellen Studienkommissionen 
zur Ausarbeitung von sexualpädagogischen Richtlinien; Einrichtung ge- 
nügender Heilanstalten für sexuelle Störungen. 

6) Ausbildung der Ärzte, Pädagogen und Fürsorger in allen Fragen des sexuellen 
Seins, der Ärzte insbesondere in der Technik der Empfängnisverhütung und 
der Schwangerschaftsunterbrechung; obligatorische Ausbildung der Studie- 
renden der Medizin in allen Fragen des Geschlechtslebens, von der Emp- 
fängnisverhütung bis zur Sexualpsychologie. 

7) Aufhebung aller Bestimmungen und Strafen über den Geschlechtsverkehr unter 
Blutsverwandten; Aufhebung aller Bestimmungen und Strafen für Sexual- 
verbrechen; an dessen Stelle Einrichtung genügender Heilanstalten für sexuell 
Kranke, Verhütung von Sexualverbrechen durch entsprechende Sexual- 
erziehung und durch Beseitigung ihrer wirtschaftlichen Ursachen; Schutz 
der Kinder und Jugendlichen vor Verführung und vor Vergewaltigung durch 
Erwachsene. 

Die Plattform ist, darüber muss volle Klarheit herrschen, im kapitalistischen 
Staat nicht zu verwirklichen. Trotzdem darf man sich von ihr nicht entfernen, 
wenn man die Massen nicht betrügen will. Tritt man mit dieser Plattform auf, 
ohne Klarheit darüber zu schaffen, dass sie im Kapitalismus nicht durchführbar 
ist, so weckt man Illusionen und gerät, ob man will oder nicht, in das Fahrwasser 
des liberalen, hoffnungslosen Sexualreformismus. Andererseits sind die sexuellen 
Fragen für die breiten Massen so brennend, dass man sie nicht mit der Tröstung 
beiseiteschieben kann, man werde sich nach der Revolution damit beschäftigen. 
Die Bevölkerung will konkrete Antwort haben und keine Ausflüchte. Und überdies 
wäre es ein unrevolutionärer Standpunkt, im Kapitalismus auf sexualreformeri- 
schem Gebiet die Hände in den Schoss zu legen und auf den Wirtschaftspolitiker 
zu vertrösten. Ein Drittes ist das richtige; aus eigener Kraft Sexualberatungs- 
stellen, Frageabende und überhaupt Institutionsabende zu schaffen, die im Rahmen 
des Möglichen Abhilfe leisten können, in denen aber auch neben der notwendigen 
idividuellen Hilfe die entsprechende politische Aufklärung geleistet werden kann. 

Die Hauptsache aber bleibt im Kapitalismus die vollständige Politisierung der 
Sexualfrage. Sie muss vor den Massen immer schärfer gestellt werden; es muss 
in voller Öffentlichkeit unerbittliche Kritik an allen jenen sexualreformerischen 
Organisationen geübt werden, die die Massen durch Entpolitisierung der Sexual- 
frage vom Hauptmittel zur Lösung dieser Frage, dem Klassenkampf, ablenken. 
Die Sexualfrage ist eine Kampffrage erster Ordnung, eine Machtfrage der Werk- 
täligen gegen Kapital und Kulturreaktion, sie darf nicht vernachlässigt werden, 
aus dem einfachen Grunde, weil sie brennend ist und in falscher Behandlung 
zu einem bremsenden Faktor der revolutionären Bewegung wird. Sie muss daher 
der gesamten proletarischen Bewegung eingeordnet werden als Kampf gegen 
sexuelle Kulturreaktion und liberalen Sexualreformismus, der in seinen ökonomi- 
schen Grundlagen aufgedeckt und in seiner das Kapital stützenden Funktion 
entlarvt werden muss. 

Es muss Grundsatz werden, die Massen zu überzeugen, dass vom Parlament 
her keine Hilfe zu erhoffen ist, dass sie ihr Schicksal auch auf diesem Gebiete 
selbst in die Hand nehmen müssen, dass sie ihr Leidensbewusstsein in revolu- 
tionären Kampfeswillen umsetzen müssen, um durch politischen Kampf, wenn 
notwendig, durch ausserparlamentarische Mittel (Demonstrationen etc.) den 
kapitalistischen Regierungen Zugeständnisse abzuringen. Die sowjetistische Sexual- 
reform beweist, dass, was wir als Ziel aufstellen, keine Utopie ist, sondern Wirk- 
lichkeit werden kann, wenn wir nur den Weg beschreiten, der in der Sowjetunion 
beschritten wurde: den Weg der Revolution. Daher gehört zum sexualpolitischen 
Kampf breiteste Propaganda der sowjetistischen Sexualreform. Wer als Sexual- 
reformer auftritt und schöne Forderungen stellt, ohne die Errungenschaften der 
Sowjetunion auf sexualpolitischem Gebiet zu erwähnen, muss, was immer er 
sei, als Schädling der Bewegung, als Opportunist entlarvt und bekämpft werden. 
Der Einwand, dass wir mit dieser Propaganda auf die Massen abstossend wirken 
können, weil es »kommunistisch« klingt, muss mit dem Hinweis erledigt werden, 
dass das diplomatische Lavieren die Massen noch mehr abstösst und, was 
schlimmer ist, irreführt. So werden die Massen sehr bald verstehen, dass wir 

268 



Sex-Pol-Praxis 

nicht, wie die Anderen, nur Diskussionen führen, sondern, dass wir entschlossen 
sind, die sexuelle Not zu beseitigen und die sexuelle Freiheit zu begründen, 
indem wir mit allen Mitteln den Kampf aufnehmen zur Durchführung folgender 
Massnahmen: 

1) Grosszügige Bekämpfung der Wohnungsnot durch planmässigen Wohnungs- 
neubau auf Kosten der grossen Vermögen und Einkommen, durch Bereit- 
stellung von Reichs- und Staatsmitteln für den Arbeiter-Wohnungsbau, durch 
Streichung arbeiterfeinlicher Ausgaben, durch Einführung von Luxussteuern, 
durch Enteignung des notwendigen Bau- und Siedlungsgeländes, durch völlige 
Beseitigung der Hauszinssteuer und entsprechende Senkung der Mieten, durch 
Herabsetzung der Mieten auf 100 % der Friedensmiete. 

2) Streichung des Abtreibungsparagraphen, Empfängnisverhütungsparagraphen, 
Homosexuellenparagraphen, Reform der Ehegesetze. 

3) Verpflichtung der Krankenkassen zur kostenlosen Ausgabe von Empfängnis- 
verhütungsmitteln. 

4) Ausbau der Sozialpolitik, Mutter- und Kinderschutz, Freigabe der sexuellen 
Massenaufklärung durch Radio, Presse, Kino usw. 

. 5) Einrichtung von Beratungsstellen und Krippen in jedem Grossbetrieb. 

6) Abschaffung aller Gesetze, die die sexuelle Belehrung unter Strafe stellen. 

7) Gewährung von Urlaub für die Gefangenen. 

Diese Forderungen können nur durchgeführt werden im Rahmen des gesamten 
proletarischen Kampfes 

gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung! 

gegen Kulturfaschismus! 

gegen religiöse und sexuelle Verdummung ! 

gegen Hunger, Ausbeutung, Lohndruck, kapitalistische Rationalisierung ! 



Sex-Pol-Praxis 

Zum Arbeitsdienstflugblatt aus „Massenpsychologie 
des Faschismus." Seite 261 f. 

Bericht eines deutschen Genossen 

Das obige Flugblatt wurde in tausend Exemplaren abgezogen. Ein 
Teil ging an Funktionäre, die sich von dem Flugblatt keine Wirkung 
versprachen. Einige waren der Meinung, dass zum grossen Teil die 
jungen Menschen von dem Sexualproblem noch nicht berührt werden. 
Andere meinten, dass die sexuellen Fragen im Arbeitsdienstlager nicht 
diskutiert werden und deshalb für die politische Arbeit unbrauchbar 
seien. Ein Funktionär sagte: »Wir haben uns mit wichtigeren Dingen 
als mit der Sexualität der Jugendlichen zu beschäftigen.« 

Wie War aber nun die Wirkung des Flugblattes auf die Jugendlichen 
selbst? 

Ein Arbeitsdienstler, der das Flugblatt in die Hände bekam, freute 
sich riesig und lief zu einem anderen Arbeitsdienstler und sagte: »Du, 
da draussen sind noch verständnisvolle Menschen, die sich für unsere 
Not und Entbehrung einsetzen.« Der andere erwiderte: Hast Du noch 
mehr solches Material?« Den anderen Tag war im Arbeitsdienstlager 
von Mund zu Mund eine rege Unterhaltung über das Flugblatt und die 
Jugendlichen drückten ihre Freude aus, dass sie dafür sorgen wollen, 
dass die Jugendlichen abends ausgehen dürfen. 

269 



. 






Sex-Pol-Praxis 

Viele Jugendliche in den Lagern onanieren, wenn sich sich un- 
beobachtet fühlen; ebenfalls wächst die Homosexualität, die sich 
unter den Jungens durch Witze, Bemerkungen, Spielereien im Wasch- 
raum unter der Dusche kennzeichnet. 

In dem Spandauer Arbeitsdienstlager sind Jugendliche nachts heim- 
lich ausgebrochen und haben ihre Freundinnen in unmittelbarer Nähe 
des Lagers aufgesucht. Die Folge davon war, dass ein Teil der Mäd- 
chen schwanger, ein anderer Teil krank wurde. Daraufhin wurde das 
Lager wegen Gefährdung der Umgebung aufgelöst. 

Mein Bruder schrieb mir aus dem Arbeitsdienstlager: »Lieber Bru- 
der, wie ich Dir bereits vor kurzem mitteilte, hat das Flugblatt bei 
uns grosse Zustimmung hervorgerufen. Viele Jugendliche forderten 
am anderen Morgen Freizeit und unkontrollierten Ausgang. Der La- 
gerkommandant erklärte, dass sie viel zu jung seien, um an so etwas 
zu denken. (Diese Bemerkung bezog sich auf das Ausgehen mit einer 
Freundin.) Als trotzdem abends einige Jugendliche ohne Urlaub das 
Lager verliessen und spät nachts etwas angeheitert und lustig gestimmt 
heimkamen, wurden sie auf Befehl des Lagerkommandanten von an- 
deren, eigens zu diesem Zweck ausgesuchten Arbeitsdienstlern ver- 
prügelt und einige Tage in Arrest gesteckt. Das unterirdische Murren 
und Grollen über diese Seite der Behandlung wächst von Tag zu Tag 
und ich glaube, wenn man der Jugend aufzeigt, was sie durch den 
Arbeitsdienst in ihrer Jugendzeit entbehren muss, wird sie eines Tages 
gegen ihre Führer offen rebellieren und für ihr eigenes Leben und 
ihre Freiheit in den Reihen des revolutionären Proletariats kämpfen.« 

Hieraus ergibt sich klar die Notwendigkeit, die Jugend nach besten 
Kräften zu unterstützen und weiteres Aufklärungsmaterial dieser Art 
in die Arbeitsdienstlager zu schaffen. 

Anmerkung der Redaktion: 

Dieser Bericht bestätigt die Erfahrung: 

1 ) dass die sexualpolitischen Fragen die breiteste, sonst unpolitische 
Masse interessieren und zur Rebellion bringen: 

2) dass es dringend notwendig ist, zu verstehen, weshalb die meisten 
Führer der Arbeiterorganisationen hier versagen; mehr, sich ge- 
gen die Kenntnisnahme der Tatsachen affektbetont wehren; 

3) dass es dringend einer umfassenden Sex-Pol-Organisation bedarf. 



Arbeitsdienst und Sexualproblem 

Vorbemerkung der Redaktion : Zur Illustration des obigen 
Berichtes veröffentlichen wir folgend eine Stelle aus einem 
Bericht, den die »Neue Weltbühne« Nr. 36/1934 brachte. 

»F., die durch drei Lager gegangen ist, berichtete, dass in den 
Mädchenlagern im Allgemeinen ein guter Ton herrscht. Natürlich ist 
das von den einzelnen Leiterinnen abhängig. Durch die ungewohnte 

270 



Sex-Pol-Praxis 

Isolierimg treten nach sechs Wochen zahlreiche Fälle von Hysterie 
auf, die sich aber durch die Gewöhnung an die neuen Verhältnisse 
wieder legen. In allen drei Lagern spielte die sexuelle Frage eine 
grosse Rolle. Es wurden in allen Verbindungen zu den benachbarten 
Jungenlagern aufgenommen. Einer Kameradin wurde bei einer Be- 
schwerde über den Gutsinspektor geantwortet, dass sie stolz auf die 
Mutterschaft sein müsste.« 

Wie sollen wir zur Frage der Homosexualität 
ind der SA Stellung nehmen 
Die Nazis haben das Blutbad vom 30. Juli propagandistisch u. a.- 
so gerechtfertigt: Es war endlich notwendig, gegen die Schweinerei 
und die unnatürliche Unzucht einzuschreiten, die sich in den höchsten 
Spitzen der SA breit gemacht hat. Der Nationalsozialismus, der stets 
für die sittliche Ertüchtigung des deutschen Volkes kämpft, konnte 
einen solchen Schandfleck in seinen Reihen nicht länger dulden. — 
Hitler ist in seiner Rede sogar so weit gegangen. Röhms staatspolitische 
Pläne dadurch zu diffamieren, dass er sie als im wesentlichen aus 
der unnatürlichen Veranlagung Röhms erklärte. 

Unsere Presse hatte dieser Propaganda bisher im wesentlichen 
keine klare Analyse gegenüberzustellen. Sie konnte zwar zeigen (und 
das mit Recht), dass die Röhmrevolte in der Unzufriedenheit der Nazi- 
proleten mit ihrer Verelendung eine Massenbasis hatte und dass nicht 
der Spleen einiger Führer dabei entscheidend war. Aber die Homo- 
sexualität prangerte sie mit fast denselben Worten, wie die Nazis an, 
warf Hitler höchstens insofern Unehrlichkeit vor, als er über die Ver- 
anlagung seines Stabsschefs nicht erst seit dem 30. Juni sondern seit 
Jahr und Tag informiert war, ohne eingeschritten zu sein. 

Wir meinen aber, dass diese Stellungsnahme angesichts einer das 
Leben der Massen so sehr berührenden Frage, wie die Homosexualität 
in der SA, ungenügend ist, dass wir gerade diesen Anlass benützen 
können, um die ideologische Propaganda der Nazis noch viel gründ- 
licher zu zersetzen und in ihrer Heuchelei zu entlarven. 

Die Nazis spielen sich bei dieser Gelegenheit als Hüter der Sittlich- 
keit, als Propagandisten eines gesunden Verhältnisses zwischen den 
Geschlechtern auf? — Sie selbst sind es doch, die durch den Aufbau 
der SA in dieser Truppe die Homosexualität geradezu erzeugten und 
züchteten. Die strenge Disziplin und Unterordnung unter den »Füh- 
rer«, die Verherrlichung der unbedingten Treue und Hingabe an ihn, 
musste die unbewussten Neigungen zur Homosexualität, die viele bür- 
gerlich erzogene Jungens in der Pubertät und Nachpubertät haben, 
aktivieren. Normalerweise macht diese Zeit der schwärmerischen Jun- 
gensfreundschaften bald einer Hinneigung zu einem Mädel Platz. Wird 
dies aber durch ständigen Bereitschaftdienst, Exerzieren etc. schon rein 
zeitlich erschwert, werden die Jungens durch eine Keuschheitsideologie, 
durch die Betonung des Werts der »Kameradschaft« auch ideologisch 

271 









Sex-Pol-Praxis 

verbaut — kein Wunder wenn dann ihr natürlicher Trieb mangels 
eines gesunden Auswegs die verkehrte Richtung einschlägt. Kein 
Wunder, wenn Menschen, die schon von vornherein homosexuell ver- 
anlagt sind, eine Institution wie die SA ausnützen, um zu Führerstel- 
lungen zu gelangen und diese dann im Sinne ihrer Neigungen miss- 
brauchen. 

Denn Missbrauch ist es, wenn Menschen mit der Möglichkeit 
einer gesunden Entwicklung künstlich in die Homosexualität hinein- 
gedrängt werden. Sogar von schon verheirateten Ehemännern wird 
erzählt, dass sich ihre Frauen über eine ungünstige Beeinflussung 
der Männer beklagen. 

Mit heuchlerischen Geschick wurde darum auch der SA-Urlaub 
damit begründet, man wolle die Männer wieder auf eine Zeit lang 
ihren Frauen wiedergeben. Ob die so homosexuell und sadistisch um- 
gebauten Männer für die Ehe noch sehr brauchbar sein werden? 

Wenn wir hier gegen die Homosexualität auftreten, tun wir es aber 
nicht wie manche Kommunisten aus moralischer Entrüstung; wir 
Marxisten sind überhaupt nicht »moralisch«. Sondern wir sind gegen 
die Homosexualität, weil 1 ) der homosexuelle Verkehr niemals so be- 
friedigt und beglückt, wie der heterosexuelle; 2) der Homosexuelle, 
wenn er aus seinem »Männerbund« draussen ist, in der heutigen Ge- 
sellschaft ausserordentlich benachteiligt ist und 3) weil die Homo- 
sexualität eine ausserordentlich starke psychische Verankerung der 
faschistischen Ideologie, darstellt. 

Die Homosexuellen selbst dürfen wir — besonders wenn sie nicht 
an andern Schaden stiften — nicht wie die Bourgeois moralisch ver- 
urteilen. Viele leiden schwer unter ihrer Störung. Moralschnüffelei 
und moralisches Muckertum ist ihnen gegenüber gänzlich unange- 
bracht. Die meisten verdanken ihre Perversion nicht einer natürlichen 
Veranlagung sondern der sexualunterdrückenden bürgerlichen Er- 
ziehung. Erst eine kommunistische Gesellschaft, die auch die Sexual- 
unterdrückung abschaffen wird, wird auch die Zahl der Perversen, 
Sexualverbrecher etc. zum Verschwinden bringen (und nicht die heuch- 
lerischen Nazis mit ihrem Sterilisationsgesetz). 

Doch diese Zusammenhänge dürfen wir nicht für uns behalten. 
Wir müssen sie an die unter ihrer sexuellen Not leidenden Jungen in 
den faschistischen Verbänden herantragen — als eine Unterstützung 
unserer an die ökonomische und politische Unterdrückung anknüpfen- 
den Propaganda. 

Nachbemerkung: Dieser Artikel will zeigen, wie etwa in einer il- 
legalen Zeitung in allgemeinverständlicher Weise zu einem aktuellen 
Ereignis sexualpolitisch Stellung genommen werden könnte. Er wurde 
kurz nach dem 30ten Juni an den Herausgeber einer solchen Zeitung 
weitergeleitet. 



272 



Arbeiferbewegung-Massenpsychologie 

Arbeiferbewegung-Massenpsychologie 

Der Führer will das nicht 

»Früher hörte man unwissende Leute sagen, wenn sie Unrecht erlitten: »Ja, 

wenn das der Kaiser wüsste ! Der Kaiser will das nicht !« Dieser Glaube an 

die Unfehlbarkeit der Kaiser und Könige und sonstiger »Landesväter«, der den 
Untertanen Jahrhunderte hindurch von der ersten Schulstunde an eingetrichtert 
wurde, war so tief eingewurzelt, dass einmal eine blutarme, alte Holzfrau im 
Wildpark eines thüringischen Kleinstaat-Fürsten »ihren« seit vielen Jahren schon 
geistesgestörten Landesvater sehr beleidigt und böse werdend mit den Worten 
verteidigte: »Nu dcswäg'n is'r unser Ferscht, wenn'r ooeh verrickt is' !« 

Nun ist der deutsche Untertan wieder so weit, wie seine Grossväter waren: er 
glaubt wieder an eine unfehlbare Instanz. An Stelle eines nicht mehr vorhandenen 
Landesvaters hat er den »Führer« Adolf Hitler dazu erhoben. 
»Der Führer weiss das nicht! Das will der Führer nicht!« 

So sagt der Untertan heute. Es macht ihn nicht irre, dass dieser selbe 
»Führer« vor dem deutschen Reichsgericht feierlich erklärt hat: »Nichts ge- 
schieht in meiner Partei ohne mein Wissen!« Es macht den Untertan nicht 
stutzig, dass Hitler die Verfehlungen und moralischen Mängel jener Unterführer, 
die er meuchlings erschiessen liess und die er im Tode schmäht, von Anfang 
an gekannt und die er geduldet hat, solange ihm diese Leute willig waren. 

Inwieweit heute schon dieser Glaube an den »Führer« nur noch ein Strohhalm 
ist, an den der Untertan aus Furcht vor der letzten Erkenntnis seiner Selbsttäu- 
schung sich klammert — das ist schwer zu sagen. Umso beflissener sind die 
Götzendiener des Dritten Reiches, diesen Glauben den ahnungslosen Kindern ein- 
zutrichtern.. Und das ist das Schlimmere; es ist schnöder Missbrauch des kind- 
lichen Vertrauens. Und wieder ist es die Schule, sind es Lehrer, die diesen Scelen- 
fang am eifrigsten betreiben. 

Der Erfolg dieser schmählichen Arbeit ist es, wenn der zwölfjährige Sohn 
einer sozialdemokratischen Funktionärin, die monatelang im Konzentrationslager 
gequält worden ist, nach ihrer endlichen Entlassung und beim heiss ersehnten 
Wiedersehen die Mutter tröstet: »Mutter, dass Du gefangen warst — das hat 
nur die SA gemacht! Der Führer will das nicht!« 

Das muss eine Mutter, die die furchtbarste Zeit ihres Lebens dem Regime dieses 
»Führers« verdankt, aus dem Munde ihres Kindes anhören ! Das lehrt man ihrem 
Kinde für das Schulgeld, das sie zahlt! Wenn Worte Dolchstösse sein könnten, 
dann sind diese Worte Dolchstösse ins Herz einer Mutter. 

Das erschütterndste Beispiel aber berichtet P. Delihotte, der Berliner Korre- 
spondent des Journal des Debäts. Er war in Berlin der Wohnungsnachbar Gregor 
Strassers. Dieser ehemalige Freund Hitlers wurde am Morgen des 30. Juni, als 
er im Begriffe war, in sein Büro zu gehen, von zwei Beamten der Polizei Görings 
verhaftet. Zwei Stunden später wurde bekannt, dass auch Gregor Strasser »im 
Zuge der Reinigungsaktion« erschossen worden sei. Vier Tage lang wollte die 
Frau Strasser die furchtbare Wahrheit nicht glauben, bis sie endlich einsehen 
musste, dass es Zweifel und Hoffnung nicht mehr gab. 

Die Kinder Strassers aber teilten ihren französischen Spielgefährten die Nach- 
richt mit. »Unser Vater ist tot.« »Mein Sohn,« so berichtet Delihotte, »erstaunt 
und empört, rief ihnen zu: »Jetzt denke ich, werdet ihr wohl den Hitler nicht 
mehr lieben können!« Und ich hörte, wie eines der Waisenkinder, ein Vierzehn- 
jähriger, langsam, die Augen starr, aber ohne eine Träne, die Antwort gab: »Er 
ist aber trotzdem unser Führer«. 

So wachsen Kinder im Dritten Reich heran: Der Sohn preist den Mörder 
seines Vaters! Man braucht nur dieses eine Beispiel zu kennen, um zu ermessen, 
in welche Verderbnis der Rattenfänger aus Braunau die Kinderseelen führt! 

Manfred.« 
Vorstehender Artikel erschien am 29. Juli 1934 im »Neuen Vorwärts«. Er 
illustriert in geradezu klassischer Weise unsere Behauptung, dass die bisherige 
Arbeiterbewegung in erster Linie deshalb nicht imstande war, ihre historische 
Mission, die soziale Revolution, durchzuführen, weil sie den »subjektiven Faktor« 
der Geschichte, den »wirklichen Menschen« (Karl Marx) nicht verstand. Auch der 
sogenannte Untertan ist ein Teil dieser wirklichen Menschen und der Revolutio- 

273 



Arbeiterbewegung-Massenpsychologie 

när muss, er hat keine andere Wahl, sich mit diesem Phänomen beschäftigen. Er 
muss diesen Typus verstellen lernen, wenn er ihn benutzen will. Und er muss 
ihn auch dann verstehen, wenn er des Glaubens sein sollte, dass der Untertan 
stets und immerdar sein Gegner sein und bleiben wird. Wer mit einem Gegner 
fertig werden will, muss ihn kennen lernen. 

Falsch in dem Artikel sind vor allem zwei Meinungen : erstens die Annahme, 
dass der Glaube an die Unfehlbarkeit und Gerechtigkeit des Landesvaters oder 
Führers auf Unwissenheit basiere; zweitens die Annahme, dass der Untertan ein 
Produkt von Schule und Lehrer sei. 

Richtig ist vielmehr, dass die Beziehung Landesvater (Führer) — Untertan 
keine rationale (verstandesmässige), sondern eine irrationale (auf unbewussten 
Gefühlen basierend) ist und ferner eine Reproduktion der Beziehung Vater (Mut- 
ter) — Kind; diese letztere erst schafft die latente Bereitschaft zur Reproduktion 
der ersteren. Richtig ist fernerhin, dass der Untertan kein Produkt der Schule 
und der Lehrer ist, sondern diese beiden »erfolgreich« arbeiten können nur des- 
halb, weil die ersten Erzieher des Kindes (Vater und Mutter oder Ersatzpersonen) 
infolge eines autoritären (auf »Gehorsam« aufgebauten) Erziehungsverhältnisses 
entsprechend vorgearbeitet haben, so dass Schule und Lehrer nur fortzusetzen brau- 
chen, was die ersten Erzieher begonnen haben. Schule und Lehrer säen also auf 
einem Boden, den die Eltern (oder Ersatzpersonen) bereitet haben und der Lan- 
desvater erntet mühelos, weil die ersten beiden Instanzen fleissige und tüchtige 
Arbeit verrichteten. 

Das Scheinargument, dass die »Dummen eben nicht alle werden« und dass 
sie »eben eine Knute brauchen« wird nicht dadurch zu einem wirklichen Argu- 
ment, wenn es immer und immer wieder vorgebracht wird. Wenn es berechtigt 
wäre, käme man zu dem grotesken Schluss, dass 13 Millionen Schwachsinnige 
Hitler vor seiner Machtergreifung gewählt haben und ihm dadurch ermöglichten, 
seine Terrormittel (S-A, S-S, Verfassungsbruch, Reichstagsbrand usw.) zweckent- 
sprechend zu verwenden-. 

Grundsätze zur Diskussion über die Neuformierung 
der Arbeiferbewegung 

Zusammenfassung derjenigen Umstellungen in der Arbeitsmethode, die infolge 
der Erkenntnis der begangenen Fehler notwendig wurden. 

Grundsatz: Es ist unmöglich, in Einzelheiten Anweisungen zu geben; man muss 
die Grundsätze der Anschauung und des Betrachtens klar haben und sie auf 
die Einzelheiten anwenden; ist der Grundsatz richtig, dann begeht man im 
einzelnen Falle keine Fehler. Ist der Grundsatz der Anschauungsmethode 
falsch, dann sind richtige Entscheidungen in Einzelfällen nur Zufall und die 
Quelle von Fehlern ist riesengross. 



Zur Beurteilung des politischen Geschehens 

1. Bei der Fassung jedes Vorgangs sind zwei Fragen notwendig: a) Steht der 
Vorgang in der Richtung der reaktionären oder der revolutionären Entwick- 
lung? h) Glauben diejenigen, die den Vorgang durchführen, damit im Sinne 
des Sozialismus oder des Kapitalismus zu handeln? 

(Objektiv und subjektiv ist meist verschieden: SA ist objektiv konterrevolu- 
tionär, subjektiv revolutionär.) 
"2. Zur Bewältigung der Aufgaben ist unerlässlich, bei jeder Beurteilung und 
Stellungnahme sich zu fragen: 

Was geht in den verschiedenen Schichten der Masse vor? 

Was in ihr ist für und was ist gegen uns? 

Wie erlebt die breite unpolitische oder verbildete Masse die politischen 

Ereignisse? 

Wie erlebt und empfindet die Masse die revolutionäre Bewegung? 

274 



Arbeiferbewegung-Massenpsychologie 

3. Jedes Ereignis ist widerspruchsvoll, enthält Elemente für und gegen die 
' Revolution; Voraussehen ist nur möglich: 

a) durch Erfassung der Widersprüche, 

b) durch Aufstellung der möglichen Varianten der Entwicklung, ( z . B. reak- 
tionäre und revolutionäre Elemente im Faschismus.) 

4. Der gesellschaftliche Prozess enthält gleichzeitig vorwärtsdrängende und 
zurückhaltende oder rückwärtsdrängende Kräfte; revolutionäre Arbeit ist das 
Erfassen beider und das Vorwärtstreiben der revolutionären Tendenzen (z. B. 
Hitlerjugend: sexuelle Freiheit ist vorwärts, Autoritätsgläubigkeit rückwärts- 
drängende Kraft). 

5. Die Bedürfnisse sind nicht für die Wirtschaft, sondern die Wirtschaft ist 
für die Bedürfnisse da. 

6. Polizei und andere Gegner, vor denen man Angst hat, sich in Unterhosen 
vorstellen. Ebenso jede gefürchtete Autorität. 

Zur Arbeitsmethode 

7. Die Suggestion als Mittel der Massengewinnung gilt nur für die politische 
Reaktion; die revolutionäre Bewegung hat nicht zu suggerieren, sondern der 
Masse zu enthüllen, die unausgesprochenen und unausgedachten Wünsche der 
Masse zu erraten und auszusprechen (Theorie vom revolutionären Aufschwung 
ist Suggestion). 

8. Die Geheimdiplomatie ist die Politik der Reaktion; sich immer an die Massen 
wenden und Vernichtung der Geheimpolitik ist die Politik der Revolution. 
(Gegenbeispiel Litwinows Rede bei der letzten Sitzung der Abrüstungs- 
konferenz.) 

9. Wenn man die eigenen Wünsche in die Masse hineinverlegt und die wirkliche 
Lage nicht unabhängig von den eigenen Wünschen beurteilt, bleiben die er- 
füllbarsten Wünsche unerfüllt. (Die Situation aus einem kleinen Kreis in die 
Masse projizieren.) • 

10. Oekonomismus führt zum Misserfolg: Der Mensch, nicht die Maschine macht 
die Geschichte; dazu braucht er die Maschine. Die Wirtschaft setzt sich nie 
unmittelbar in Bewusstsein um, sondern es gibt viele Zwischenglieder und 
auch Widersprüche (vergl. den christlichen Arbeiter, die arme Nazifrau etc.). 

11. Wenn die Masse gegen materielles und sexuelles Elend rebelliert, so ist das- 
kein Problem: immer dann ein unverstandenes Problem sehen, wenn die 
Masse gegen das eigene Interesse handelt (»irrationales Verhalten«); z. B. 
Frauen bejahen die Ehe, auch wenn sie zum Joch wird. Arbeiter vergessen 
die Tatsache der Ausbeutung, wenn es dem Betrieb gut geht, Jugendliche 
bejahen die Sexualunterdrückung. 

12. Klassenbewusstsein nicht als System von Lehrsätzen schulmeisterlich an die 
Massen herantragen, sondern aus dem Erleben der Masse entwickeln. Politi- 
sierung aller Bedürfnisse. 

13. Deutlich machen, dass das Proletariat, wenn es die eigenen Interessen ver- 
tritt, damit gleichzeitig die Interessen aller Werktätigen vertritt. Keine Gegen- 
überstellung von Proletariat und Mittelstand. Industrieproletariat ist im 
Hochkapitalismus zahlenmässig in der Minderheit und überdies verbürgerlicht. 

14. Lieber keine Flugblätter (und sonstige Agitation) als schlechte. Jede Ent- 
täuschung der Masse verhüten! Entscheidend ist nicht der Wille, sondern 

275 



Ar heile rhi :we Qu ng-Massen psycho log ie 

dic Wirkung auf die Masse! (Vergl. Volksentscheid.) Vertrauen vor aller 
sachlichen Beeinflussung herstellen: z. B. zugeben, etwas nicht zu wissen. 

15. Der Masse nicht mehr zumuten an Aktionen als sie gerade tragen kann. Lang- 
sam steigern! Auf lange Sicht gründlich arbeiten, aber auf plötzliche Wen- 
dungen gefasst sein! 

16. Ueber das Schicksal der Revolution entscheidet immer die breite unpolitische 
Masse. Daher Privatleben, kleines Leben auf den Rummelplätzen, Tanzböden, 
Kinos, Märkten, Schlafzimmern, Herbergen, Wettbüros politisieren! Die 
revolutionäre Energie liegt im kleinen Alltagsleben! 

17. Immer international, nie nur national denken. »Wir in Deutschland interes- 
sieren uns nicht für die Einheitsfront in Frankreich und im Saargebiet oder 
für die chinesische Revolution.«) 



18. 



Wir selbst — die Partei 

Es gibt zweierlei Klassenbewusstsein: das der Masse ist anders als das der 



Führung. (Bedürfnisse der Jugendlichen, z. B. nach eigener Wohnung, Wider- 
stand der Betriebsarbeiter gegen Lohnabbau, Empörung der SA-Leute über 
ihre Entwaffnung auf der einen Seite — Wissen über den Mechanismus des 
Krisenablaufs, über die Technik der sozialistischen Planwirtschaft, über die 
imperialistischen Gegensätze und Kriegsrüstungen auf der ganzen Welt bei 
gleichzeitiger genauester Einfühlung in die Bedürfnisse der Massen auf der 
anderen Seite.) 

19. Ueber das politische Gewicht einer Organisation oder Bewegung entscheidet 
nicht ihr Wille oder ihr Programm, sondern ihre Massenbasis, d. h. dasjenige, 
was in der Masse dem entgegenkommt. Die revolutionäre Führung kann sich 
daher nicht leisten, zu lavieren wie etwa Goebbels, der dem Massacre vom 
30. Juni entging, weil er keine Massenbasis zu vertreten hatte, an die er 
gebunden war, und daher auf die »richtige« Seite fallen konnte. 

20. Grundsätzliche Frage: Wo bin ich, der Revolutionär, selbst bürgerlich, reli- 
giös, moralisch verseucht? Wo stört mich diese Verseuchung in meiner revolu- 
tionären Arbeit? Wo bin ich selbst autoritätsgläubig? 

21. Von der revolutionären Führung ist zu fordern, dass sie nicht nur subjektiv, 
sondern auch objektiv im Interesse der Revolution arbeitet. 

22. Begeht sie Fehler, dann ist alles daran zu setzen, dass diese nicht nur in den 
unteren Einheiten, sondern auch oben korrigiert werden. 

23. Die politische Linie muss stets der Kontrolle der Basis unterstellt werden. 
(Innerparteiliche Diskussion.) 

24. Es genügt nicht, politische Wendungen stillschweigend, manchmal sogar ver- 
steckt vorzunehmen, sonst stiftet man Unklarheit und Verwirrung. Ueber jede 
politische Wendung ist den Mitgliedern der Partei genaue Rechenschaft zu 
geben, begangene Fehlet sind einer wirklichen Selbstkritik zu unterwerfen, 
die die Schuld nicht mechanisch auf die unteren Einheiten abschiebt (»die Be- 
schlüsse des xten Parteitags sind nicht genügend durchgeführt worden«). 

25. Darüber hinaus ist die Frage der Führung, der personellen Erneuerung der 
mittleren und oberen Funktionärkader zu stellen. Wer nicht im Erkennen 
vorangeht, wer nachhinkt, ist auch dann als Führer ungeeignet, wenn er 
unter dem Druck der Massen schliesslich nachgibt. 

276 



Arbeiterbewegung-Massenpsychologi« 



26. 



27. 



28. 



29. 



:so. 



31. 



32. 



33. 



34. 



-35. 



Schon jetzt nach Mitteln suchen, zu erfassen, wie man die Bürokratisicrung 
einer lebendigen revolutionären Organisation von vornherein unterbinden 
kann. Warum verbonzt der einfache Arbeiter so gern, wenn er als Funktionär 
aufsteigt? Bestes Kennzeichen: Sexualmoralische Einstellung zur Frage der 
Jugend und der Ehe! 

Woran kann man den künftigen Verräter, Spitzel, Ueberläufer, den in ent- 
scheidenden Augenblicken Umfallenden erkennen, noch ehe er es selbst 
weiss oder ahnt? (Eitelkeit, diplomatische Begabung, Weichheit in der Ver- 
tretung des eigenen Standpunktes, Uebcrfreundlichkeit, forciertes Zurschau- 
tragen revolutionärer Gesinnung etc.). 

Wie erkennt man die charakterlichen Eigenschaften des festen Revolutionärs? 
(Aeusserlich einfache Haltung, Fähigkeit zu unmitelbarcm Kontakt mit Men- 
schen, einfache selbstverständliche Haltung im Sexuellen, Phrasenlosigkeit, 
nicht nur gefühlsmässige, sondern in erster Linie verstandesmässige Ueber- 
zeugung vom Sozialismus, keine Verbonzung in höherer Funktion, keine 
patriarchalische Stellung zu Frau und Kindern.) 

Struktur der aufzubauenden Partei: Qualität des Kerns, nicht Quantität! Kern 
(Partei) + umgebende sympathisierende Masse (= frühere einfache Partei- 
mitglieder). Bewährungsfrist vor Aufnahme wieder einführen. 
Funktionäre nicht überlasten! Freizeit unbedingt lassen! Privatleben nicht 
ausschalten, sondern in Ordnung haben! Immer Ersatzmänner schulen und 
bereithaben. Arbeit in kleinen Portionen verteilen. Sitzungen kurz und 
sachlich! Kritik sachlich fördern, Krittelei erbarmungslos ausschalten! Immer 
den Standpunkt des Anderen erst verstehen! Vermeiden von Strohfeueraktio- 
nen, keine »Kampagnen«, sondern gründlichste Durchdringung, bis die Aktion 
sich wie von selbst auslöst. 

Kein unnötiger Heroismus! Nicht auf Märtyrertum stolz sein, sondern Kräfte 
schonen! Es ist keine Kunst und kein Ruhm zu sitzen, sondern es ist die 
grösste Kunst, nicht zu sitzen ! Nicht mit »proletarischer Solidarität« prahlen, 
sondern wirkliche Solidarität üben (vergl. Misstände in der »Roten Hilfe«). 
Persönliche Konflikte und Beziehungen stören oft die Arbeit! Lernen, das 
Persönliche nicht auszuschalten, sondern zu politisieren (z. B. Frau, die 
eifersüchtig und den Mann behindert oder umgekehrt). 

Im Denken muss man lernen, sich umzustellen; dies ist zu unterscheiden 
von Ueberzeugungslosigkeit; kontrollieren, wo Bindung an Organisation und 
an überlieferte Anschauungen das Sehen der lebendigen Wirklichkeit behin- 
dert (die revolutionäre Organisation und die bewusste Solidarität in ihr ist 
die Grundlage für die revolutionäre Arbeit des Einzelnen; wo sie darüber 
hinaus unbewusst zum Ersatz für Heimat und Familie wird, kann der Blick 
für die Wirklichkeit getrübt werden). 

Auch in innerparteilichen Fragen immer vor der breiten Oeffentlichkeit der 
Partei verhandeln (gilt natürlich nur für die Zeit der Legalität). Innerpartei- 
liche Geheimdiplomatie ist schädlich. Wer seine Meinung verbirgt, gehört 
nicht zu uns. Wer die Sache der Revolution in den Dienst der Taktik stellt 
statt umgekehrt, ebenso. 

Eigene Initiative entwickeln heisst nichts anderes, als das Leben unverbogen 
ansehen und die Konsequenzen ziehen. 



277 






Erlebnisse und Beobachtungen 

Erlebnisse und Beobachtungen 

Anmerkung der Redaktion. Im ersten Heft der Z. f. p. P. u. S. veröffentlichten 
wir auf Seite 77 f. einige Tatsachenberichte unter dem Titel »Aussprüche und 
Erlebnisse«. Diese Berichte verfolgen die Absicht, den Leser zum massenpsycho- 
logischen Denken ohne theoretische Analyse unsererseits zu veranlassen. Wer hat 
Lust, einen oder mehrere »Fälle« zu bearbeiten? Wir veröffentlichen derartige 
Arbeiten. Sie haben für Jen Ausbau der massenpsychologischen und sexual- 
ökonomischen Theorie allergrösste Bedeutung. Niemand darf aus Angst vor Kritik 
passiv bleiben. Um die Auswahl eines Falles zu erleichtern, veröffentlichen wir 
in diesem Heft wieder einige Berichte dieser Art. 

I. 

Ein junger, sehr beliebter SAJ-Führer erkrankt nach dem Umsturz an einer 
schweren Depression, die durch ein persönliches Erlebnis noch verstärkt wurde. 
Man schickt ihn für einige Wochen in ein Sanatorium, was auch nicht zur wesent- 
lichen Besserung seines Zustandes beiträgt. Nach seiner Rückkehr bleibt er mo- 
natelang verschlossen, in sich gekehrt, sieht elend und mager aus. Auf wieder- 
holte Nachfragen kommt die Nachricht, dass die Nazis an ihn herangetreten seien, 
um ihn mit seiner Gruppe zum Übertritt in die Hitlerjugend zu bewegen. Der 
Vorschlag wird eine Zeitlang abgewehrt. 

Nach vielen Monaten erfährt man, dass eine auffallende Besserung in dem 
bis dahin schlechten Zustand des jungen Mannes eingetreten ist; zugleich kommt 
die Mitteilung, dass er weiter stark umworben werde und wohl nachgeben müsse, 
wenn er sich nicht verdächtig machen wolle. Kurze Zeit danach hat er mit seiner 
ganzen Gruppe den übertritt vollzogen, wird aus seiner bisherigen Berufsbahn 
herausgenommen und bekommt ein Büro eingerichtet, in dem er sich nur der 
HJ-Arbeit widmet. 

Die Besserung seiner Gesundheit schreitet fort. Bald ist er wieder der alte 
lustige Jugendführer, der auch ausserhalb der offiziellen Abende viel und gern 
mit seinen Jungens und Mädels zusammen ist und mit ihnen musiziert. Jetzt 
stehen mehrere Tausend Jugendliche unter seiner Führung. Dabei vertritt er mit 
Eifer die Interessen der Jugendlichen, verklagt z. B. ein grosses Warenhaus, weil 
es seinen Angestellten nicht rechtzeitig zu Sportswettkämpfen freigab. 

Auf Anfragen ergab sich, dass er nunmehr von der Richtigkeit des NSDAP- 
Programms überzeugt sei und ihm beistimme. Dabei zeigten sich allerdings schon 
bei oberflächlichem Befragen Widersprüche, so z. B. in der Frage des Antisemi- 
tismus, den er bejahte, aber seine jüdischen Freunde trotzdem beibehielt. 

II. 
In einem grossen Warenhaus meinte eine Verkäuferin Anfang Juni beim 
Einkauf einer Wollsache: »Kaufen Sie doch jetzt! Wir wissen ja gar nicht, ob 
wir im Herbst noch etwas hereinbekommen. Wir haben ja alle solche Angst.. 
Denn wenn noch etwas hereinkommt, steht der Preis nicht im Verhältnis zu dem, 
was verdient wird. Das kann dann keiner mehr zahlen.« Die Angst davor wurde 
mehrfach betont. 

III. 

Tagelang gibt es in allen Geschäften eines Wohnviertels keine Margarine zu 
kaufen. Wenn sie dann kommt, wird an die bekannte Kundschaft höchstens ein 
halbes Pfund abgegeben. 

In derselben Gegend haben in kurzer Zeit zwei Filialen einer grossen 
Lebensmittel-Firma schliessen müssen. 

Die Inhaber der kleinen Geschäfte murren offen über den schlechten Ge- 
schäftsgang und äussern wenig Hoffnung auf Besserung. 

IV. 

In einen Obstladen tritt ein Mann mit kräftigem Hitlergruss ein. Er ver- 
langt Apfelsinen. Nachdem er den Preis erfahren hat, meint er: »Ich kaufe 10 
Stück. Da lassen Sie wohl billiger.. Sie wissen ja, meine Frau will damit was 
machen, was sparsamer ist. Das muss man unterstützen.« Und der verdutzte 
Händler, eingeschüchtert durch den Hitlergruss, lässt tatsächlich billiger! 

278 



Politik und Wissenschaff 



Politik und Wissenschaft 

Wo liegt die gesellschaftliche Bedeutung der Angstpsychologie? 

Die Leser dieser Zeitschrift äussern immer wieder ihr Erstaunen darüher 
f- S t -T 'S? "' aUf UnSer Fach ß"biet beschränken und in einem Rahmen 

politische Fragen zusammen mit streng fachwissenschaftlichen erörtern Dieses 
Erstaunen zeigen auch revolutionäre Sozialisten. Wir haben in der Einführung 
dieser Zeitschrift angekündigt, dass wir zwar die bürgerliche Forschung im 
strengsten Sinne fortführen, aber gleichzeitig auch mit dem akademischen Ton 
und der akademischen Wcltahgewandtheit brechen wollen. Das genannte Staunen 
der Sozialisten beweist, dass die Ideologie unserer Gesellschaft trefflich verstanden 
hat, sich in den Reihen der Antikapitalisten einzunisten, sonst würden nicht 
sogar Sozialisten uns mahnen, uns auf Fachliches zu beschränken, würden sie 
aus eigenem uns auffordern, die Verbindungswege der Wissenschaft zur Politik 
zu zeigen. Ganz bestimmt wirkt eine Untersuchung wie die über den Urgegensatz 
des vegetativen Lebens in einer politisch-psychologischen Zeitschrift und in einer 
Zeit, in der die ganze Welt verrückt geworden zu sein scheint, erstens unzeit- 
gemäss, zweitens eigenbrödlerisch und drittens an den Haaren herbeigezogen. 
Wir wollen, wie wir es schon anlässlich der Untersuchung der elektrophysiologi- 
schen Natur des Orgasmus taten, versuchen, kurz die Zusammenhänge zur Politik zu 
zeigen. Voraussetzung des Verständnisses bleibt, dass man sich vom üblichen 
Begriff der »Politik« als einer Geheimwissenschaft von Diplomaten freimacht und 
darunter das versteht, was man als Sozialist allein daraus zu machen hat: Die 
wissenschaftlich fundierte Praxis der gesellschaftlichen Ordnung. 

Tragen wir zunächst einige scheinbar nicht zusammengehörige, bereits fest- 
gestellte Tatsachen zusammen: 

1) Die Religion und Mystik ist vielleicht die mächtigste Machtstütze des Ka- 
pitals, das die menschliche Arbeitskraft ausbeutet und die Bewohner dieser 
Erde in Sklaverei hält. Schlussfolgerung: Religion und Mystik müssen aus- 
gerottet werden. 

2) Religion und Mystik halten sich seit Jahrtausenden trotz klarster wissen- 
schaftlicher Widerlegung. Schlussfolgerung: Es muss erstens etwas in der 
Art und Weise, wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse gehandhabt werden, 
nicht in Ordnung sein; es muss zweitens die Erkentnis von der Macht der 
Religion und Mystik selbst unvollständig geblieben sein. 

Die Achse der Religion und der Mystik ist unzweifelhaft ihr antisexueller 
Gehalt. In der Psychoanalyse von Individuen zerfällt die Mystik und Re- 
ligiosität in dem Masse, in dem sie das klare Bewusstsein von ihren sexuellen 
Notwendigkeiten erlangen. Schlussfolgerung: Die Sexualbejahung und Be- 
friedigung ist das wirksamste Gegengift gegen die Religion und Mystik. 

4) Die bürgerliche Wissenschaft zeigt eine merkwürdige Scheu, sich mit der 
Sexualfrage naturwissenschaftlich korrekt auseinanderzusetzen. Schluss- 
folgerung: Sexualität muss etwas mit der ganzen Frage zu tun haben. 

Zwischen Angst und Religion gibt es bestimmte Beziehungen; zwischen Wst 
und Sexualität ebenfalls. Religion scheint vor allem die zu Ideologie ge- 
wordene neurotische Angst zu sein; neurotische Angst wird abgebaut wenn 
die sexuelle Stauung infolge Unbefriedigtheit behoben wird. Schlussfolgerung- 
Die Beziehung von Religiosität und Sexualunterdrüekung ist keine unmittel- 
bare; als wichtigstes Zwischenglied wirkt die neurotische Angst, die die 
Kinder anlässlich der Unterdrückung ihres natürlichen Geschlechtslebens 
erfahren; die scheinbare Unausrottbarkeit der Religiosität weist auf die Tiefe 
ihrer Verwurzelung hin. 

Die Menschen halten an ihrer Religiosität so inbrünstig fest, wie sonst nur 
sexuelle Triebhaftigkeit dies zuwegebringt; die Religion negiert die Sexualität 
und bedient sich gleichzeitig zentral dieser negierten Sexualität, um sich zu 
halten und in den Menschen zu reproduzieren. Schlussfolgerung: Alle Wege 
die von der Religion zur Sexualität führen, werden von den bürgerlichen 
forschem gemieden, um nicht mit der bürgerlichen Gesellschaft in Konflikt 
zu geraten. """ 



3) 



5) 



6) 



279 



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Politik und Wissenschaff 

7) Der Kampf gegen die Religion kommt mit Verstandesargumenten lange nicht 
gegen den gefühlsmässigcn Gehalt der Religiosität auf. Schlussfolgerung : 
Um die Religion und alles, was mit ihr zusammenhängt, wirksam zu be- 
kämpfen, muss man die Menschen umstrukturieren; wenn Religiosität ver- 
kehrte Sexualität ist, dann bedeutet Wiederherstellung der natürlichen Ge- 
schlechtlichkeit das Ende der Religiosität. 

8) Die Umstrukturierung des Menschen erfordert genaue Kenntnis nicht nur 
seiner psychischen, sondern auch seiner physiologischen Apparatur. Schluss- 
folgerung: Sexualität und Angst sind Urfunktionen des Lebendigen; sie 
müssen zu allererst verstanden werden, wenn man die Religion nicht stümper- 
haft, sondern naturwissenschaftlich korrekt ausrotten, will, wie man die Pest 
nur durch genaueste Erforschung des Pestbazillus, seiner biologischen und 
sonstigen Natur, auszurotten vermochte. 

Aus diesen Gründen ist schon jetzt die »unzeitgemässe«, »akademische«, 
»weitabgewandte« Durchforschung der Gesetze des vegetativen Lebens des Men- 
schen notwendig. Denn nur dann können wir hoffen, dass an die Stelle der 
Verbundenheit des Menschen mit »Gott« einmal seine Verbundenheit mit der 
eigenen und der ihn umgebenden Natur treten wird. 






Wilhelm Reich Zweite Auflage. 

Massenpsychologie des Faschismus 

Zur Sexualpolitik der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolifik 

In der .Neuen Weltbühne" schreibt Ludwig Marcuse u. a. 

» Das Motiv zu dieser Untersuchung ist weder eine 

sorglose Neugier, noch jene üble Rechtfertigungsmanie, die nach 
jeder Niederlage immer beweist, dass kommen musste, was ge- 
kommen ist. Reich sucht im Gegenteil das theoretische Funda- 
ment für eine realistische, also wirksame Propaganda gegen 
den Faschismus. Er ist, wohl mit vollem Recht, der Ansicht, 
dass der Marxismus in seiner heutigen theoretischen Gestalt eine 
solche Propaganda nicht fundieren kann. Was war denn bisher 
das A und seiner Attacke auf die gegnerischen Ideologien? 
Politische Institutionen, religiösen Dogmen, moralische Begriffe 
wurden als Einhüllung des wirtschaftlichen Interesses der 
herrschenden Klasse »entlarvt«. Jetzt, da nun das Resultat 
dieser jahrzehntelangen Entlarvungspädagogik sichtbar ge- 
worden ist, hilft man sich zur Erklärung der Tatsache, dass 
alle soziologische Aufklärung die Massen nicht gehindert hat, 
zu Thyssen zu gehen, mit Vokabeln wie »Ablenkungsmanöver«, 
»Folgen von Versailles«, »Hitler-Psychose«. Reich deutet auf 

die Ergebnislosigkeit solcher Wortprägungen hin 

1 Massen sind nicht durch Theorien zu überzeugen, 

sondern nur durch' den konkretesten Hinweis auf das Glück 
und Unglück, das jeder Einzelne am eignen Leibe und eignen 
Leben erfährt.« 



Preis: 

broschiert 
Dan. Kr. 8.-. 

gebunden • 
Dan. Kr. 9.— 



280 



Marx, Peuchet und die Psychoanalyse 

Marximus - Ideologie - Psychologie 

Marx, Peuchet und die Psychoanalyse 

Von Julius Epsfein 

Im dritten Band der ersten Abteilung der historisch-kritischen Gesamtaus- 
gabe der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels (im Auftrage des Marx- 
Engels-Instituts Moskau, herausgegeben von V. Adoratskij, Marx-Engels-Verlag 
G. m. b. H., Berlin 1932) findet sich eine ausserordentlich interessante Studie 
von Marx: »Peuchet: Vom Selbstmord«. Diese Studie erschien zuerst in dem 
von Moses Hess redigierten »Gesellschaftsspiegel, Organ zur Vertretung der 
besitzlosen Volksklassen und zur Beleuchtung der gesellschaftlichen Zustände 
der Gegenwart«, und zwar im VII. Heft des II. Jahrgangs im Januar 1846. Sie 
beweist den hohen Rang der französischen Gesellschaftskritik, die bereits auf 
dem Fundament einer durchaus tauglichen, wenn auch noch unentwickelten 
Sozialpsychologie ruhte. Sie beweist ferner, welch unbestechlichen Blick der 
junge Marx für die Qualitäten dieser Gesellschaftskritik hatte, indem er die 
Studie Peuchets, eines Polizeifunktionärs von 1827, ausgrub. Jacques Peuchet, 
der 1760 geboren wurde, hatte ein ziemlich reichhaltiges Schicksal. Marx be- 
richtet darüber folgendes: »Jacques Peuchet (geboren 1760) ging von den schönen 
Wissenschaften zur Medizin, von der Medizin zur Jurisprudenz, von der Juris- 
prudenz zur Administration und dem Polizeifach über. Vor dem Ausbruch der 
französischen Revolution arbeitete er mit dem Abbe Morellet an einem diction- 
naire du commerce, wovon indessen nur der Prospekt erschienen ist, und be- 
schäftigte sich damals vorzugsweise mit der politischen Ökonomie und Admini- 
stration. Nur sehr kurze Zeit war Peuchet ein Anhänger der französischen Re- 
volution; er wandte sich sehr bald der royalistischen Partei zu, hatte eine 
Zeitlang die Hauptleitung der Gazette de France und übernahm sogar später 
von Mallet-du-Pan den berüchtigten royalistischen Merkur. Er wand sich indes 
höchst schlau durch die Revolution hindurch, bald verfolgt, bald im Departe- 
ment der Administration und der Polizei beschäftigt. Die von ihm 1800 publi- 
zierte Geographie commercante, 5 Vol. in folio, zog die Aufmerksamkeit Bona- 
partes, des ersten Konsuls, auf ihn, er wurde zum membre du Conseil de com- 
merce et des arts ernannt. Später nahm er unter dem Ministerium von Francois 
von Neufchäteau eine höhere Verwaltungsstelle ein. 1814 machte ihn die Restau- 
ration zum Zensor. Während der 100 Tage zog er sich zurück. Bei der Wieder- 
einsetzung der Bourbonen erhielt er den Posten eines Archivbewahrers der Poli- 
zeipräfektur zu Paris, den er bis 1827 bekleidete. Peuchet war direkt und als 
Schriftsteller nicht ohne Einfluss auf die Redner der Konstituante, des Kon- 
vents, des Tribunats, wie der Deputiertenkammern unter der Restauration. 
Unter seinen vielen, meist ökonomischen Werken ist ausser der schon zitierten 
Handelsgeographie seine Statistik von Frankreich (1807) das bekannteste.« Von 
der speziellen Studie Peuchets über den Selbstmord und der Qualität jener 
französischen Gesellschaftskritik sagt Marx: »Ich werde in einigen Auszügen 
über den .Selbstmord' aus den ,memoires tires des archives de la police etc. 
par Jacques Peuchet' ein Beispiel dieser französischen Kritik geben, das zugleich 
zeigen mag, inwiefern die Einbildung der philantropischen Bürger begründet 
ist, als ob es sich nur darum handle, den Proletariern etwas Brot und etwas- 
Erziehung zu geben, als ob nur der Arbeiter unter dem heutigen Gesellschafts- 
zustand verkümmere, im übrigen aber die bestehende Welt die beste Welt sei.« 
Der 15 Folioseiten lange Aufsatz Peuchets beweist, dass dieser Denker, der 
noch als Kind des XVIII. Jahrhunderts anzusprechen ist, Erkenntnisse hatte, die 
seiner Zeit soweit voraus waren, dass sie von der zünftigen Wissenschaft unserer 
Tage noch immer nicht anerkannt sind. Wiewohl die marxistische Soziologie 
und die Psychoanalyse sie seitdem hundert Mal erhärtet haben. 

Gleich zu Anfang seiner Abhandlung geht Peuchet gegen das Geschwätz der 
Mme. de Stael vor, die gegen den Selbstmord vor allem zwei »Argumente« ins 
Feld führte. Erstens die Behauptung, der Selbstmord sei eine widernatürliche 
Handlung, ferner hielt sie ihn für den Ausdruck der Feigheit. Es sind dieselben 
»Einwände«, die wir heute wieder aus dem Munde der neudeutschen Prügel- 
pädagogen hören. Was meint Peuchet dazu? 

281 



Julius Epsiein 



Marx, Peuchet und die Psychoanalyse 



»Frau von Stacl, deren grösstes Verdienst darin besteht, Gemeinplätze 
glänzend stilisier! zu haben, hat zu zeigen versucht, dass der Selbstmord eine 
widernatürliche Handlung ist, und dass man ihn nicht als eine Tat des Mutes 
betrachten könne; sie hat vor allem aufgestellt, dass es würdiger sei, gegen 
die Verzweiflung zu kämpfen, als ihr zu unterliegen. Derartige Gründe 
affizieren wenig die Seelen, welche das Unglück überwältigt. Sind sie religiös, 
so spekulieren sie auf eine bessere Welt; glauben sie dagegen an nichts, so 
suchen sie die Ruhe des Nichts. Die philosophischen Tiradcn haben in ihren 
Augen keinen Wert und sind eine schwache Zuflucht gegen das Leiden. Es ist 
vor allem abgeschmackt, zu behaupten, dass eine Handlung, die sich oft voll- 
zieht, eine widernatürliche Handlung sei; der Selbstmord ist in keiner Weise 
widernatürlich, weil wir täglich seine Zeugen sind. Was gegen die Natur ist, 
ereignet sich nicht. Es liegt im Gegenteil in der Xatur unsrer Geseilschaft, Diele 
Selbstmorde zu gebären, während die Tartaren sich nicht selbst morden. Alle 
Gesellschaften haben also nicht dieselben Produkte, das ist's, was man sich 
sagen muss, um an der Reform der unsrigen zu arbeiten und sie eine höhere 
Stufe erklimmen zu lassen. Was den Mut betrifft, wenn man für mutig pas- 
siert, sobald man dem Tod trotzt am hellem Tag auf dem Schlachtfeld unter 
der Herrschaft aller vereinigten Aufregungen, so beweist nichts, dass man not- 
wendig seiner entbehrt, wenn man sich selbst in finstrer Einsamkeit den Tod 
gibt. Man durchhaut eine solche Streitfrage nicht durch Insulte gegen die 

Toten.« 

Nach dieser Zurückweisung billiger Phrasen, wirft Peuchet selbst die Frage 
nach den Gründen der Selbstmorde auf. »Woher kommt es, dass der Mensch 
trotz so vieler Anatheme sich selbst ermordet? Weil das Blut nicht in derselben 
Weise in den Adern verzweifelter Leute fliesst, wie das Blut der kalten Wesen, 
die sich die Müsse nehmen, alle diese unfruchtbaren Redensarten zu debütieren. 
Der Mensch scheint ein Geheimnis für den Menschen; man weiss ihn nur zu 
tadeln und man kennt ihn nicht.« Mit dieser Antwort sagt Peuchet, dass er 
von der reinen Bewusstseinspsychologie nicht viel hält, sondern, dass eben damit' 
der Mensch dem Menschen ein Geheimnis geblieben ist. Und in dieser richtigen 
Behauptung immanent liegt die weitere, bei Peuchet unausgesprochene, dass 
etwas existieren muss, was uns nicht bewusst wird, woraus sich die Fremdheit 
der Menschen gegeneinander erklärt. »Was ist das in der Tat für eine Gesell- 
schaft, wo man die tiefste Einsamkeit im Schoss von mehreren Millionen findet; 
wo man von einem unbezwingbaren Verlangen, sich selbst zu töten, überwältigt 
werden kann, ohne dass irgend einer uns errät? Diese Gesellschaft ist keine 
Gesellschaft, sie ist wie Rousseau sagt, eine Wüste, bevölkert mit wilden Tie- 
ren.« Auch hier haben wir eine Beobachtung — klassisch formuliert — die 100 
Jahre später im Alterswerk Freuds »Das Unbehagen in der Kultur« als das 
denkerische Produkt einer Lebensarbeit gigantischen Ausmasscs niedergelegt ist. 
Peuchet begnügt sich aber nicht mit dieser Erkenntnis. Er forscht weiter 
nach dem Ursprung der Selbstmorde, untersucht hunderte von Fällen — drei 
sind in der abgedruckten Arbeit analysiert — und kommt zu einer für seine Zeit 
erstaunlichen Feststellung, einer Feststellung, die für uns von höchstem Inter- 
esse ist, denn auch sie ist ein halbes Jahrhundert später vom Schöpfer der 
Psychoanalyse gemacht und über jeden Zweifel hinaus erhärtet worden. »Die 
Revolution hat nicht alle Tyranneien gestürzt; die Cbel, die man den willkür- 
lichen Gewalten vorgeworfen hat, bestehen in den Familien; sie verursachen 
hier Krisen, analog denen der Revolutionen.« Peuchet entdeckt hier die psycho- 
dynamische Bedeutung der frühen Kindheit, die Bedeutung des Familienromans. 
Und eine Seite später deckt er einen der Gründe auf, den er für die Roheit elter- 
licher Autorität dem Kind gegenüber verantwortlich macht: Einen der Psy- 
choanalyse wohlbekannten Verschiebemechanismus: »Die feigsten, widerstands- 
unfähigsten Menschen werden unerbittlich, sobald sie die absolute elterliche 
Autorität geltend machen können. Der Missbrauch derselben ist gleichsam ein 
roher Ersatz für die viele Unterwürfigkeit und Abhängigkeit, denen sie sich 
in der bürgerlichen Gesellschaft mit oder wider Willen unterwerfen.« 

Der Rest der Abhandlung beschäftigt sich mit den sozialen Ursachen des 
Selbstmordes und geht uns in unserem Zusammenhang nichts an. Aber auch 
dieser Teil beweist, dass sein Autor bereits die Wechselwirkung von sozialer und 
psychischer Dynamik kannte, sie jedenfalls ahnte. 



282 



Marxismus - Ideologie - Psychologie 



Lenin: „Agitation und Propaganda" 

»Wir wissen nicht und können nicht wissen, welcher Funke — unter der 
.Unmenge von Funken, die jetzt in allen Ländern unter dem Eiufluss der öko- 
nomischen und politischen Weltkrise umherfliegen — imstande sein wird, den 
Brand zu entzünden, d. h. die Massen aufzurütteln, und wir sind deshalb ver- 
pachtet, mit unseren neuen, kommunistischen Grundsätzen an die »Bearbei- 
tung« aller und jeder, sogar der ältesten, muffigsten, anscheinend hoffnungslosen 
Gebiete zu gehen, denn sonst werden wir nicht auf der Höhe der Aufgaben 
stehen, werden nicht allseitig sein, werden nicht alle Waffenarten beherrschen, 
werden weder zum Siege über die Bourgeoisie (die alle Gebiete des öffentlichen 
Lebens auf bürgerliche Art organisiert, jetzt aber desorganisiert hat) noch auf 
die bevorstehende kommunistische Umgestaltung des gesamten Lebens nach 

diesem Siege vorbereitet sein « 

(Marxistische Bibliothek Band 8, Wien-Berlin, 1929, Seite 218/19.) 
»Können Sie mir ernsthaft versichern, dass in den Lese- und Diskussions- 
abenden die Sexual- und Ehefrage vom Standpunkt des reifen, lebendigen histo- 
rischen Materialismus behandelt wird? Das hat ein vielseitiges tiefes Wissen zur 
Voraussetzung, klarste marxistische Bewältigung eines ungeheuren Materials.« 
Clara Zetkin, Erinnerungen an Lenin (Wien-Berlin 1929) Seite 58. 

»Worauf denn läuft die unzulängliche, unmarxistische Behandlung der Frage 
hinaus? Dass die Sexual- und Ehefragc nicht als Teil der grossen sozialen Frage 
erfasst wird. Umgekehrt, dass die grosse soziale Frage als ein Teil, als ein 
Anhängsel der Sexualprobleme erscheint.« (a. a. 0. Seite 58.) 

Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates 

»Ist nur die auf Liebe gegründete Ehe sittlich, so auch nur die, worin die 
Liebe fortbesteht. Die Dauer des Anfalls der individuellen Geschlechtsliebe ist 
aber nach den Individuen sehr verschieden, namentlich bei den Männern, und 
ein positives Aufhören der Zuneigung, oder ihre Verdrängung durch eine neue 
leidenschaftliche Liebe, macht die Scheidung für beide Teile wie für die Gesell- 
schaft zur Wohltat. Nur wird man den Leuten ersparen, durch den nutzlosen 
Schmutz eines Scheidungsprozesses zu waten. 

Was wir also heutzutage vermuten können über die Ordnung der Ge- 
schlechtsycrhältnisse nach der bevorstehenden Wegfegung der kapitalistischen Pro- 
duktion, ist vorwiegend negativer Art, beschränkt sich meist auf das was wegfällt. 
Was aber wird hinzukommen? Das wird sich entscheiden, wenn ein neues Ge- 
schlecht herangewachsen sein wird: ein Geschlecht von Männern, die nie in 
ihrem Leben in den Fall gekommen sind, für Geld oder andere soziale Macht- 
mittel die Preisgebung einer Frau zu erkaufen, und von Frauen, die nie in den 
Fall gekommen sind, weder aus irgendwelchen andern Rücksichten als wirklicher- 
Liebe sich einem Manne hinzugeben, noch dem Geliebten die Hingabe zu verweigern 
aus Furcht vor den ökonomischen Folgen. Wenn diese Leute da sind, werden sie sich 
den Teufel darum scheren, was man heute glaubt, das sie tun sollen: sie iverden 
sich ihre eigene Praxis und ihre demnach abgemessene öffentliche Meinung 
über die Praxis jedes einzelnen selbst machen — Punktum.« 

(Berlin 1931, Seite 57 f.) 
Lenin: Der .Radikalismus' die Kinderkrankheit' des Kommunismus 

»Die Geschichte, insbesondere die Geschichte der Revolution, war stets in- 
haltsreicher, mannigfaltiger, vielseitiger, lebendiger, ,schlauer', als die besten Par- 
teien, die klassenbewusstesten Vortrupps der vorgeschrittensten Klassen es sich 
vorstellen. Das ist auch verständlich, denn die besten Vortrupps bringen das 
Bewusstsein, den Willen, die Leidenschaft, die Phantasie von Zehntausenden zum 
Ausdruck; die Revolution aber wird in Augenblicken eines besonderen Auf- 
schwunges und einer besonderen Anspannung aller menschlichen Fähigkeiten 
durch das Bewusstsein, den Willen, die Leidenschaft, die Phantasie von Dutzenden 
Millionen verwirklicht, die vom schärfsten Klassenkampf angepeitscht werden. 
Hieraus ergeben sich zwei sehr wichtige praktische Schlussfolgerungen: erstens, 
dass die revolutionäre Klasse zur Verwirklickung ihrer Aufgabe es verstehen 
muss, alle (von Lenin gesperrt!) Formen oder Seiten der gesellschaftlichen Tätig- 
keit, ohne jede Ausnahme zu beherrschen (wobei sie nach der Eroberung der 
politischen Macht, mitunter mit grossem Risiko, unter ungeheurer Gefahr, das. 
zu Ende führt, was sie vorher nicht beendet hat) ; zweitens, dass die revolutionäre 
Klasse auf die schnellste und plötzlichste Ablösung der einen Form durch die 
andere gerüstet sein muss.« (Berlin 1932, Seite 83.) 

283 



Anfragen 



Anfragen 



England: 

(1) Am erfreulichsten an der Zeitschrift ist für mich der Bruch mit jeder Form 
von antimarxistischem Ökonomismus. Immer wieder ist auf seine nichtmarxistische 
Wurzel (Bentham und die englischen Utilitaristen) hinzuweisen, die Marx selbst 
auf's schärfste angriff, da sie gerade die Herolde der mit Riesenschritten raum- 
gewinnenden grosskapitalistischen Produktion waren. Eine derartige Ideologie, 
die das Bürgertum schon längst überwunden hat, wirkt heute noch im Proletariat, 
sogar in seinen geschultesten Teilen nach. Ein schönes Beispiel für »nachhinkendes 
Anlehnen«. 

(2) Alle Sehnsüchte der Massen in unsere Propaganda einbeziehen! Aber in 
den elendesten Massen existiert ja bei weitem nicht das Bewusstsein dieses Elends, 
oftmals ging sogar das Gefühl dafür verloren. Was geblieben ist, ist das über- 
setzte Elend: Die Sehnsüchte und Hoffnungen vielleicht nach »Gerechtigkeit« oder 
»Freiheit«. Es sind dies keine religiös-sozialistischen Relikte, die hier bei mir 
an die Oberfläche stossen. Es ist doch typisch, dass es eine ganze Reihe von Ver- 
suchen einer ethischen Fundicrung des Sozialismus gibt, gegeben hat (z. B. ISK 
in Deutschland). Massenmässig waren die Gruppen bedeutungslos. Auf der andern 
Seite vereinigten sie aber nicht nur typische Sektierer und unheilbare Allcrwelts- 
diskutanten, sondern gerade in diesen Gruppen fanden wir oftmals glühende, in 
ihrem Innern überzeugte Revolutionäre (Vgl. z. B. Dein Zusammentreffen mit 
dem KAP-mann). Und wenn wir typische Diskutanten und Sektierer fanden: Von 
Geburt an waren die wenigsten so beschaffen, auch nicht seit der Zeit ihres 
Sozialist-werdens. Die Gruppe hat sie oft dazu gemacht. 

(3) Vor drei Jahren sprachen wir einmal über Frankreich und Belgien. Dabei 
sagte ich mit Deiner Zustimmung ungefähr folgendes: »Die liberte, egalite, fraternite 
bedeutet hier z. B. jungen Intellektuellen (ich dachte dabei an Studenten) etwas 
ganz anderes als bei uns. Das Erbe der bürgerlichen Revolution ist dort sehr 
stark«. Das bedeutet aber, dass eine sozialistisch-revolutionäre Propaganda u. a. 
auch hieran anzuknüpfen hätte. Marx selbst tat es. In jener Zeit (1843 — 48), 
in der er auf eine Revolution direkt hinarbeitete, stand bei ihm »die Emanzipation 
des Menschen« im Vordergrund. Gerade das Studium dieser Epoche, des »primitiven 
Marxismus«, wie Kautsky sagt, ist für uns wichtig und kann bedeutungsvoll sein, 
denn hier hatte Marx viel mehr als später nicht nur Kontakt mit der geschicht- 
lichen Realität eines gesellschaftlichen Gcsamtablaufs, sondern er hatte auch 
zeitlich unmittelbare Beziehung zu den revolutionären Bewegungen etc. Dass das 
kein Urteil über die Zeit und Ergehnisse seiner Studierstubenarbeit ist — nur 
nebenbei. 

(4) Betreffend Sexualmoral. 

Da man im Kapitalismus und in der bürgerlichen Gesellschaft gewohnt ist. 
Regeln zu empfangen, die bei bewusster oder unbewusster Anerkennung zur »Moral« 
werden, verlangen viele Genossen, die mit Reichs Gedanken in Berührung kommen, 
»neue« Regeln. Oftmals kann man etwas nicht ausrotten, sondern höchstens er- 
setzen. Immer wieder kommt die Frage: Alles schön — ■ alles gut. Aber was sollen 
wir jetzt und heute tun? — Da ist unter anderm die wirtschaftliche Unselb- 
ständigkeit der Frau, die nicht arbeiten darf und wegen wirtschaftlicher Ab- 
hängigkeit auch nicht könnte. Das Zusammenbleibenmüssen der Kinder wegen. 
Die grössere, weil innere Unselbständigkeit der Frau, etc. etc., die uns oft zwingen, 
unhaltbare Verhältnisse hinzuschleppen. 

Hierauf muss die Zeitschrift unbedingt einmal eingehn. fieich wäre dazu 
der einzig Berufene, denn es ist ja doch »seine« Bewegung. Ich sauge mir diese 
Bitte nicht aus meinen Daumen, sie ist ein praktisches Bedürfnis vieler Genossen. 

(5) Wie steht Ihr überhaupt zur Kinderfrage? In Eurer gesamten Theorie 
über die »richtige« Regelung des Geschlechtslebens wird sie gar nicht berührt. 
Es könnte der Eindruck entstehen, sie wäre Euch überhaupt gleichgültig, wenn 
nicht gar, ihr lehntet das Kinderkriegen als unbequeme Beigabe der geschlecht- 
lichen Befriedigung überhaupt ab (was ich natürlich nicht glauben kann). 
Praktisch spielt diese Frage aber eine ungeheure Rolle, nicht nur ökonomisch 
sondern auch psychologisch. 

(6) Dann noch etwas: In der Kritik der Massenpsychologie (Heft 1, 

S. 63) wird der Entwurf des Flugblattes (Massenpsychologie S. 261 ff) als lächerlich 
bezeichnet. Das Flugblatt ist meines Erachtens jene Stelle, die aus einer zweiten 

284 



Anfragen 

Auflage zu streichen wäre.i) Ich selbst hatte diesen Eindruck. Um nichts zu 
verschreien, fragte ich hier und in Belgien eine Reihe deutscher und nichtdeutscher 
Genossen; überall dasselbe. Wenn sie gar nichts am Buch auszusetzen hatten, dann 
kam bestimmt die Flugblattkritik. Oder wenn sie viel kritisierten, dann stand 
diese mit in allererster Reihe. 

Antwort: Zu 1 — 3:Die Fragestellung ist ganz ausgezeichnet. Wir haben bisher 
den Ökonomismus nur prinzipiell und psychologisch behandelt. Es wäre heraus- 
zuarheiten, ob er nicht auch eine bestimmte historische Tradition hat und wie 
diese in die aktuellen Verursachungen mit einfliesst. Auch die Kritik des ethischen 
und utopischen Sozialismus, die Marx für seine Zeit geleistet hat, ist für die 
Gegenwart zu wiederholen: Mit Anwendung all der Fortschritte, die unsere Er- 
kenntnis seither gemacht hat. Dabei wäre eine Untersuchung der Bedeutung der 
Menschenrechte besonders interessant. Ihre grundsätzliche Bedeutung hat Marx 
bereits analysiert (»Zur Judenfrage«). Herauszuarbeiten wäre der Mechanismus 
ihrer immer neuen massenpsychologischen Verwurzelung — besonders in den 
westeuropäischen Ländern. Wir erhoffen — sei es von H., sei es von einem andern 
Leser — Beiträge zu diesen Themen. 

Zu 4: Fragestellung wiederum vollkommen richtig. Was wir anstreben, ist 
die Ersetzung der moralischen durch die sexualökonomische Regelung des Ge- 
schlechtslebens. Was heisst das? In der bürgerlichen Gesellschaft wird die natürliche 
Sexualität in dreifacher Weise unterdrückt: a) beim Kind durch das Onanieverbot, 
durch Verweigerung der Aufklärung u. s. w. b) in der Pubertät durch Verbot des 
Geschlechtsverkehrs der Jugendlichen, c) all dies soll die Menschen psychologisch 
präparieren für die Einschränkung im erwachsenen Alter, die durch lebenslängli- 
che und ausschliessliche Bindung an einen einzigen Partner in der Ehe geschieht, 
welche die Reaktion nicht mit Unrecht als Keimzelle des (bürgerlichen) Staates 
bezeichnet. Um aber alle diese Einschränkungen durchzuführen, bedarf es ihrer 
Verankerung in den Individuen selbst durch zunächst von aussen herangetragene 
Regeln und Vorschriften, die aber »verinnerlicht« d. h. ins eigene Bewusstsein 
aufgenommen werden, als wären sie ein Stück dieses Bewusstseins selbst: Das 
ist die Moral. Bei einer den natürlichen sexuellen Bedürfnissen entsprechenden 
Erziehung und Gesetzgebung in einer sozialistischen Gesellschaft wird die Moral 
wegfallen können. Brutalität und Rücksichtslosigkeit gegen die Frau z. B. werden 
von selbst verschwinden, da sie im wesentlichen in der gehemmten Sexualität 
begründet sind; gleiches gilt von der Eifersucht. Auf der andern Seite wird die 
Frau auch keines besondern Schutzes bedürfen, da ihr die Erziehung die psycho- 
logische, die Wirtschaft die ökonomische Selbständigkeit gewährleisten. Für die 
Kinder wird die Gesellschaft sorgen: Sexüalökonomische Regelung. 

Nun ist es allerdings selbstverständlich, dass der an den Empfang von Regeln 
gewöhnte Mensch der bürgerlichen Gesellschaft (und auch das Proletariat ist in 
ihr in dieser Hinsicht meist »ideologisch verseucht«) Gefahr läuft, die Erkennt- 
nisse der Sexualökonomie als moralische Regeln misszuverstehen. Z. B. er hört, 
das Geschlechtsleben sei von den bürgerlichen Hemmungen zu befreien. Und nun 
setzt er diesen Satz rücksichtslos und mechanisch in die Praxis um, lässt Frau 
und Kinder im Stich, löst seine Beziehungen zu Frauen, wann es ihm gerade 
passt, ohne zu fragen, ob die unbewusst vielleicht monogam eingestellte Frau nicht 
dadurch schwer geschädigt wird; dieses Verhalten entspricht der sogenannten 
»Glas-Wassertheorie« (»die sexuellen Bedürfnisse werden in der sozialistischen 
Gesellschaft so leicht zu befriedigen sein, wie der Durst durch ein Glas Was- 
ser«). Doch diese Theorie ist falsch. Der Libertinismus ist bloss eine mechanische 
Umkehrung der bürgerlichen Gehemmtheit, nicht ihre dialektische Aufhebung. 
Diese »frei« tuenden Kommunisten sind in Wirklichkeit kaum weniger sexuell 
gestört, als der streng monogame Kleinbürger. Schon die »Versachlichung« der 
Geschlechtsbeziehung deutet darauf hin — beim sexuell gesunden Menschen sind 
Sinnlichkeit und Zärtlichkeit nicht getrennt. Zudem hat man seine Hemmungen 
noch lange nicht wirklich beseitigt, wenn man sich rein intellektuell über sie 
hinweg gesetzt hat. Das laute »frei« Tun ist oft nichts als eine Überkompensation 
einer versteckten Liebesunfähigkeit. 

Wir müssen darum die »Glas-Wasser-Theorie« ablehnen: Weil sie das Leben 
der revolutionären Organisation zerstört; weil sie das Ansehen der revolutionären 



i) Vgl. hierzu den Abschnitt Sex-Pol-Praxis Seite 269 vorliegender Nummer. 

285 



Anfragen 

Bewegung innerhalb der Bevölkerung schädigt und endlieh, weil sie Oberhaupt das 
Zeichen nicht einer gesunden sondern einer gestörten Sexualität ist. 

Was aber nun wirklich jetzt und heute tun? — Vor allem: Einsehen, dass die 
Frage in der heutigen Gesellschaft überhaupt nicht in befriedigender Weise gelöst 
werden kann; diese Hinsicht muss zu einer Triebfeder mehr werden, auf ihren . 
Sturz hinzuarbeiten. Dann: die Auffassungen der Sexualökonomie gründlich sieh 
aneignen, ehe man eine Anwendung versucht; den Schwierigkeiten, die hier 
durch den Mangel einer populären Einführung gegeben sind, soll nächstens durch 
Herausgabe eines entsprechenden kleinen Buchs abgeholfen werden. Doch all das 
ist nur halbe Arbeit, wenn keine Organisation da ist, die die durch die sexual- 
ökonomischen Gedankengänge aufgeworfenen Probleme kollektiv bewältigt; die 
vor allem durch Einrichtung von Beratungsstellen dem Einzelnen bei der Lösung 
seiner persönlichen Schwierigkeiten hilft. Dia Beratungststellen müssen von 
wirklich fachlich geschulten Ärzten oder Pädagogen geleitet werden (d. h. diese 
müssen vor allem selbst eine Lehranalyse durchgemacht haben). Nur eine solche 
Organisation kann verhindern, dass das Interesse für Sexualfragen nicht in un- 
fruchtbare, organisationsschädliche Grübelei und Diskutiererei ausartet, sondern 
dass die persönlichen Fragen jedes Einzelnen, soweit dies möglich ist, einer Lö- 
sung zugeführt, die freiwerdenden Energien für die politische Arbeit fruchtbar 
gemacht werden. Beim Aufbau solcher Organisationen wird die Sex-Pol natürlich 
den Genossen, die sich an sie wenden, in jeder Weise Rat und Unterstützung an- 
gedeihen lassen. Gleichzeitig warnt sie aber auch vor »wilder« Sexualpolitik und 
-beratung. Ohne gründliche Schulung wird hier mehr zerstört als gefördert. 

Zu 5: Zur Kinderfrage wissen wir noch sehr wenig. Wir wissen nur, dass 
Geschlechts- und Fortpflanzungstrieb nicht identisch sind, ja dass es einen »Fort- 
pflanzungstrieb« nach Art des Geschlechtstriebes überhaupt nicht gibt. Trotzdem 
könnte auch der Wunsch nach Fortpflanzung biologisch bedingt sein. Doch wir 
sind Naturwissenschaftler und schweigen, ehe wir nicht Erfahrungstatsachen aus 
der Erforschung des Unbewussten anführen können. 

Abgesehn davon gibt es eine rein psychologisch bedingte Freude an Kindern, 
die bei der Frage »Kinder oder keine Kinder« mitspricht. Der gesunde, neurotisch 
nicht gehemmte Mensch hat einen natürlichen Kontakt zu Kindern, seine Unmittel- 
barkeit und Vitalität entspricht der ihren. Darum wird er auch gern selbst Kinder 
haben wollen — während die gehemmte, konventionelle Gesellschaftsdame sie 
bloss als Störung empfindet. Hier liegt ein Grund neben anderen für die der 
ökonomischen Lage widersprechende Verteilung des Kinderreichtums (das Pro- 
letariat lebt in dieser Hinsicht sexuell gesünder, als die herrschende Klasse) — ein 
andrer Grund für den Kinderreichtum der unterdrückten Klasse ist natürlich: Un- 
aufgeklärtheit, kein Geld für ärztliche Beratung .und für die Verhütungsmittel 

selbst. 

Darum ist nicht anzunehmen, dass in einer sexuell gesund lebenden soziali- 
stischen Gesellschaft die Geburtenzahl sehr sinken wird, wenn Aufklärung über 
Verhütungsmittel und Abtreibung freigegeben werden. Doch erst ihre Wirtschafts- 
ordnung wird verhindern, dass dieser »Kindersegen« so wie in der kapitalistischen 
Gesellschaft zum Fluch wird. 

Zu 6: Den geäusserten Bedenken steht ein Bericht aus Deutschland gegenüber, 
der in der Rubrik Sex-Pol-Praxis veröffentlicht ist. 

Dieser Bericht bestätigt die Erfahrung: 

1.) dass die scxualpolitischen Fragen die breiteste, sonst unpolitische Masse 
interessieren und zur Rebellion bringen; 

2.) dass es dringend notwendig ist, zu verstehen, weshalb die Führungen der 
Arbeiterorganisationen hier bisher komplett versagt haben; mehr, sich gegen die 
Kenntnisnahme der Tatsachen wehren; 

3.) dass es dringend einer Sex-Pol-Organisation bedarf. 



Deutschland: 



I. 



»Mit der Begründung des Faschismus auf Seite 93/94 des Buches (Reich, ,Mas- 
senpsychologie des Faschismus') konnte sich einer der Teilnehmer unserer Arbeits- 
gemeinschaft nicht einverstanden erklären. Seiner Meinung nach gäbe es l 
Italien und anderen faschistischen Ländern keinen Antisemitismus, folglich wai 
dieser auch kein wesentliches Merkmal des Faschismus.« 

286 



in 
wäre 



Anfr, 



agen 



II. 

»XYZ will nicht einsehen, dass die Bindungen der kathol. Jugend an ihre 
Kirche sexueller Natur sind, sondern seiner Meinung nach sind das vor allen 
Dingen ökonomische Gründe. Reich hat seiner Meinung nach unrecht, dass er 
alles auf das Sexuelle abschiebt und daraus zu erklären versucht.« 

III. 

»ABC steht auf dem Standpunkt, dass die stärkeren Hemmungen bei der Frau 
biologisch bedingt seien und dass mithin die Frauen monogam und die Männer 
polygam veranlagt seien.« 

IV. 

»XYZ kann sich nicht mit Reichs Meinung befreunden, dass sexuelle Unter- 
drückung bei den Jugendlichen die mystische Führerverehrung fördert. Er meint, 
in der Sowjet-Union seien die Jugendlichen sexuell befreit und trotzdem gäbe 
es einen Führcrkultus. Mithin müssten für den Führerkultus andere Faktoren 
verantwortlich sein.« 

Antwort: 1) Von Reich ist nicht behauptet worden, dass der Antisemitismus 
ein wesentliches Merkmal des Faschismus sei. Dagegen wird in dem erwähnten 
Buch untersucht, an welche unbewussten Vorstellungen der Massenindividuen die 
nationalsozialistische Agitation anknüpft und welche unbewussten Affekte der Mas- 
senindividuen Hitler zur Rindung an sich und seine Bewegung verwendet hat. 

2) Fs wird niemand im Ernst behaupten wollen, dass die rund 1 % Millionen 
Jugendlichen in Deutschland, die von den katholischen Priestern beeinflusst und 
geführt werden, aus ökonomischen Gründen diese Führung freiwillig anerkennen. 
Gewiss mag zugegeben werden, dass in manchen Fällen der Jugendliche ökono- 
misch schwer geschädigt werden kann, wenn er versucht, dem Einfluss der katho- 
lischen Priester zu entgehen. In weitaus den meisten Fällen jedoch erkennt 
der katholische Jugendliche den Führungsansprunch des Priesters vollkommen frei- 
willig an. Als den Kitt, der den Jugendlichen an den Priester bindet, hat Reich 
das sexuelle Schuldgefühl bezeichnet. Wenn Ihr mit dem Genossen das in Frage 
kommende Kapitel noch einmal sorgfältig durchlest, werdet Ihr selbst die Schein- 
argumente widerlegen können. Im Übrigen schiebt Reich durchaus nicht »alles auf 
das Sexuelle ab«, sondern er hat nur sexuelle Beziehungen (im Sinne von »lust- 
betont«) dort entdeckt, wo man bisher diese Tatsachen aus Mangel an speziellem 
Wissen nicht sehen konnte oder aus affektbetonten, jedoch unbewussten Motiven 
nicht sehen wollte. 

3) Zuerst muss man die Begriffe »die« Frauen und »die« Männer konkreti- 
sieren und von »Frauen der bürgerlichen Gesellschaft« bezw. entsprechenden Män- 
nern sprechen. Erst dann ist man berechtigt zu sagen, dass die Frauen der heu- 
tigen Gesellschaftsformation tatsächlich stärker gehemmt sind als die entsprechen- 
den Männer. Das hängt damit zusammen, dass die Mädchen und Frauen einer 
viel stärker sexualunterdrückenden Ideologie (doppelte Moral etc.) ausgesetzt 
sind. Mithin wird das weibliche Geschlecht viel stärker geschädigt als das männ- 
liche. Wie notwendig die erwähnte Konkretisierung der Begriffe Frau und Mann 
ist, ersieht man daraus, dass Menschen einer anderen Gesellschaftsformation, die 
noch keine sexualunterdrückenden Interessen und Tendenzen kennt, nach allem, 
was man bisher darüber weiss, ebensowenig gestört und gehemmt sind, wie die 
entsprechenden Männer. Vgl. darüber W. Reich, »Der Einbruch der Sexualmoral« 
(2. Aufl. in Vorbereitung). Unter keinen Umständen ist man nach dem bisherigen 
Stande des Wissens zu der Annahme berechtigt, dass »die« Frauen monogam seien 
und »die« Männer polygam. 

4) Hier liegen mehrere Missverständnisse vor. Die Tendenz zur mystischen Füh- 
rerverehrung entstammt der frühkindlichen Vater (Mutter)- Verehrung und wird 
später aufrechterhalten vor allem infolge eines mangelhaft heterosexuellen Liebesle- 
bens. Im übrigen empfiehlt sich auch in diesem Falle nochmalige Lektüre des betr. 
Kapitels. Ihr werdet selbst die begangenen Denkfehler entdecken. Was nun den 
behaupteten Führerkultus in der Sowjet-Union anbelangt, so muss gesagt werden, 
dass erstens einmal die heute lebende Generation notwendigerweise nicht dadurch 
schon eine spezifisch andere seelische Struktur bekommen hat, weil im Jahre 1917 
die proletarische Revolution siegte. Zweitens sind die bisher vorliegenden Berichte 
über die Lösung des Sexualproblems in der Sowjet-Union derart widerspruchsvoll, 
dass es ausserordentlich gewagt wäre zu behaupten, dieses Problem sei auch nur 

287 



Anfragen 

annähernd gelöst. Drittens enthält die offizielle Scxualideologie in Sowjetrussland 
noch derart viel asketische und damit sexualverneinende Elemente, dass unter 
keinen Umständen gesagt werden könnte, die heutige russische Jugend wachse 
bereits ohne sexuelle Schuldgefühle und damit ohne Tendenz zu Mystik auf. Hier- 
bei sei betont, dass es sich natürlich um die Müsse der heutigen russischen Jugend 
handelt. Es kann zugegeben werden, dass bereits Inseln sexualbejahender Ideologie 
vorhanden sind, die zu Elementen einer grundsätzlichen Wandlung werden können. 
Vorläufig jedenfalls ist die Lage noch sehr widerspruchsvoll, doch wird sich dar- 
über niemand verwundern, der je von Dialektik und historischem Materialismus 
etwas verstanden hat. 



Tschechoslowakei : 

»Erwähnen möchte ich noch, dass der Nationalsozialismus m. E. die Erkennt- 
nisse der Psychoanalyse, eingestanden oder uneingestanden, verwendet hat. Die 
psychische Energie der Massen wurde in masochistischer Richtung transformiert, 
was hauptsächlich in der Betonung der Opferbereitschaft, der Disziplin und in 
der religiösen Anbetung des Führers zum Ausdruck kommt. Es ist wahrscheinlich, 
dass auf diese masochistische Phase eine mehr sadistische folgen wird, was in den 
Ereignissen des 30. Juni und 25. Juli ihren Anfang findet. 

Ob Sie mit dieser psychologischen Prophezeiung einverstanden sind, darauf 
wäre ich sehr neugierig und ich möchte Sie bitten, falls Ihr Programm das ge- 
stattet, im Rahmen Ihrer Zeitschrift darauf eingehen zu wollen.« 

Antwort- 1) Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Propagandisten und 
Agitatoren der N. S. D. A. P. sich mit der psychoanalytischen Masscnpsychologie 
auseinandergesetzt und ihre Ergebnisse bewusst angewendet haben. Selbst wenn 
es aber der Fall sein sollte, dann wäre dieser Umstand nur vom Erfolgsstandpunkt 
her interessant. Viel wichtiger hingegen ist der Umstand, dass Hitler von seiner 
typischen psychischen Struktur aus imstande war, auf die typischen Verhaltungs- 
weisen und Reaktionen der Massenindividuen bei Not, Sorge, Angst um die Zu- 
kunft mangelhafte Befriedigung der Bedürfnisse etc. »zweckentsprechend« und 
»wirksam« einzugehen. Nur dieser Fähigkeit, zum mindesten aber in erster Linie 
dieser Fähigkeit, verdankt er seinen Riesenerfolg. Vor allem diese Fähigkeit, die 
nicht etwa bewusst angewendet. und eingesetzt wird, sondern »Intuition« ist, er- 
möglichte ihm, einer der erfolgreichsten Agitatoren der modernen Geschichte zu 

werden. 

2) Richtig ist, dass der nationalsozialistische Beeinflussungsapparat haupt- 
sächlich an zwei psychische Elemente des Durchschnittsmenschen, des Massen- 
individuums, anknüpft: Masochismus (Opferbereitschaft, Unterordnung, kritiklose 
Führerverehrung etc.) einerseits und Sadismus andererseits. Jedoch wäre es voll- 
kommen falsch und eine metaphysische und mechanistische Betrachtungsweise, 
diese beiden psychischen Elemente erstens voneinander absolut zu trennen und 
zweitens von einer masochistischen bzw. sadistischen Phase der nationalsoziali- 
stischen Bewegung zu sprechen. Masochismus und Sadismus sind in Wirklichkeit 
nur psychische Phänomene der Menschen einer Bewegung, also ihrer Träger. Falsch 
an der undialektischen Trennung des Sadismus vom Masochismus ist vor allem 
die Annahme, dass eine masochistische Phase der Träger (Personifizierungen) 
der nationalsozialistischen Bewegung bestanden hätte und nunmehr in eine sadi- 
stische Phase übergehe. Richtig ist vielmehr, dass das psychische Element des 
Masochismus in den Massenindividuen der N. S. D. A. P. in der oben angegebenen 
Weise Verwendung fand (Opferbereitschaft etc.), gleichzeitig jedoch der Sa- 
dismus der Massenindividuen auf die Gegner der N. S. D. A. P. (Kommunisten, 
Sozialdemokraten etc.) und auf den Popanz »Welt Judentum« gerichtet wurde. 
Über die massenpsychologischen Wurzeln des Antisemitismus finden sich im Heft 2 
Seite 181 einige Bemerkungen. 

Zusammenfassend kann man also sagen: Die tiazi-Bewegung ist masochistisch 
und sadistisch zugleich, weil die Träger dieser Bewegung (die Menschen) diese 
beiden psychischen Elemente aufweisen. Der Masochismus wirkt sich aus an den 
Führern und Mitkämpfern, der Sadismus an den Gegnern. Die Bewegung ist also 
von allem Anfang an beides: masochistisch und sadistisch. Die Frage wie diese 
beiden psychischen Elemente sich in der Struktur des Massenindividuums ver- 
ankern, ist in dem Buch »Massenpsychologie des Faschismus« von Wilhelm Reich 
eingehend beantwortet werden. Vgl. ferner vom gleichen Autor »Charakteranalyse«. 

288 



Einige Gedanken über freundschaftliche Kritik 

Einige Gedanken über freundschaftliche Kritik 

oder 
„Der Stein von Eslöv" 

Wenn mir jemand den kritischen Vorwurf macht, dass ich »die 
Politik in die voraussetzungslose Wissenschaft trage«, weltanschau- 
lich befangen sei, unduldsam oder aggressiv mich verhalte, dann 
weiss ich, dass meine Anschauungen und Beobachtungen den Kritiker 
in seiner Ruhe gestört haben. Wenn mir aber wohlgesinnte Freunde, 
loyal eingestellte Fachkollegen oder jene ruhig überlegenen »unter 
vier Augen« sagen: »Du hast ja mit Deinen Anschauungen vollkom- 
men Recht; aber Du machst Dir die Sache zu schwer; Du provozierst 
zu sehr. Und überdies schematisierst Du zu stark, nimmst keine Rück- 
sicht auf die Kompliziertheit der Materie, die Du darstellst, und machst 
derart Freunde zu Feinden,« dann frage ich mich zweierlei: »Tue 
ich es wirklich? Bin ich nicht subtil genug?«, und »Wer bringt diese 
Einwände vor?« Im ersten muss ich Recht geben, ich schematisiere 
wirklich, und ich bin nicht subtil genug. Im zweiten zeigt sich aber 
die Voraussetzung des Kritikers, derart viel Gewicht auf das Schema 
und so wenig auf seinen Inhalt zu legen. 

Zwei Gleichnisse sollen zeigen, um was es geht. 

Wenn ich als Baumeister eine Strasse, sagen wir von Malmö nach 
Oslo, bauen will, auf einem Gelände, das, angenommen, unerforscht 
ist, werde ich zunächst versuchen, einen Gesamtüberblick über das 
Terrain zu gewinnen, auf einer provisorischen Karte das Grundrelief 
der Erdformation und die wesentlichsten Hindernisse einzuzeichnen; 
auf diese Weise werde ich ungefähr das Richtige treffen, Raum für 
Korrekturen lassen, und an einzelnen wichtigen Punkten des Gelän- 
des, die auf der Gesamtlinie liegen, also in probeweiser Detailarbeit 
die erste Verbindung von Ganzem und Detail herstellen. Wenn ich 
nun mit diesem ersten Plan vor den Kritiker meines Bauplanes hin- 
trete, ruft er vorwurfsvoll: »Du hast ja im ganzen Recht, aber Du 
schematisierst zu sehr! Auf dieser Strecke liegt Eslöv, ein kleiner 
aber sehr interessanter Ort ! In diesem Ort gibt es eine Haupt- und 
fünf Querstrassen. In der dritten Querstrasse rechts liegt auf der lin- 
ken Seite, zwanzig Meter von der Hauptstrasse weg ein zwei Meter 
hoher Felsblock; er ist vorne mit Moos bewachsen, hat in der Mitte 
einen Sprung, der mit Erdreich ausgefüllt ist; da wachsen einzelne 
Gräser; das ist ja hier nicht wichtig, aber botanisch interessant. Ich 
meine nun, Du machst Dich mit Deinem Plan nicht verständlich und 
schaffst Dir Gegner, ganz unnötigerweise, wenn Du nicht genau be- 
weist, wie Du mit diesem Stein beim Strassenb'au fertigwerden willst. 
Ich meine es ja gut mit Dir, und gerade deshalb scheint mir wichtig. 
Dich vor Verallgemeinerung zu warnen. In Deinem Plan darf die Be- 
wältigung des Steins von Eslöv nicht fehlen.« Ein anderer Kritiker 
derselben Denkstruktur mag vielleicht sogar die Möglichkeit des 

28* 



Einige Gedanken über freundschaftliche Krifik 

Slrassenbaus als ganzen bezweifeln, weil es in Eslöv dritte Querstrasse 
rechts, zwanzig Meter entfernt einen wirklich grossen Stein gibt. 

Es gibt Menschen, die das Detail keinen Augenblick aus den Augen 
lassen können (weil sie Angst vor dem Weiten, dem Ungewissen, dem 
Abgründigen haben). Neunundneunzigneunzehntel Prozent der bürger- 
lichen Wissenschaft plant eine Strasse von Malmö nach Oslo und 
beschreibt Jahrhunderte lang die Steine von Eslöv, bis einer kommt 
und die Strasse mit oder ohne Kenntnis des Steines von Eslöv wirklich 
baut. Dann hat er aber wohlmeinende Kritiker. Es kommt dennoch 
darauf an, sich solche Eslöver Steine zur Forschung herauszusuchen, 
die einem etwas über Tragfähigkeit des Erdbodens an bestimmten 
gefährlichen Stellen des Strassenbaus genaueste Auskunft geben. Dann 
aber muss der Stein von Eslöv bis ins kleinste Detail erforscht werden. 
Gewöhnlich sinds aber gerade die wichtigen Steine, die nicht unter- 
sucht werden, gerade weil sie den Gesamtplan in kleinstem Format 
enthalten. 

Man denke sich, um ein zweites Gleichnis anzufügen, einen Strom, 
der in seinem natürlichen Flussbette von keiner künstlichen Störung 
beeinflusst dahinströmt. Versetzen wir diesen Zustand in die dunkle 
Vorgeschichte des Stroms. Irgendeinmal wurde ein künstlicher 
Staudamm errichtet, der bestimmten nützlichen Zwecken diente, 
gleichzeitig aber verheerende Wirkungen hatte. Er verstärkte die 
Energie der aufgestauten Wassermassen und bedrohte derart sich 
selbst; neue Verstärkungen der Stauwehr wurden immer wieder 
notwendig. Der Strom überschwemmte das Gelände, veränderte deren 
Formation, verwandelte kleine Erdsenkungen in tiefe Risse, vermurte 
fruchtbaren Ackerboden, riss Sträucher und Bäume um, die nun 
von Unkraut überwuchert sind. Die Wissenschaftler, unter ihnen auch 
unsere wohlgesinnten Freunde, machen es sich zur Lebensaufgabe, 
•die genaue Struktur und Beschaffenheit der kleinsten Geländeverän- 
derungen zu studieren und zu beschreiben. Dass es sekundäre Ver- 
änderungen sind, glauben sie nicht. Dass es vor allem darauf ankommt, 
den Staudamm zu beseitigen, wollen sie nicht zugehen. Wir stören 
sie in ihrer Arbeit nicht, auch dann nicht, wenn sie zu falschen Schlüs- 
sen kommen, weil sie die künstliche Natur der Bodenveränderungen 
nicht zugeben. Wenn wir aber die Erdlöcher vernachlässigen und den 
Staudamm genau durchforschen, in der Absicht, ihn zu zerstören und 
dem Strom zu seinem natürlichen Lauf wieder zu verhelfen, dann 
sagen sie: »Du hast ja Recht, aber Du schematisierst zu sehr! Der 
Staudamm ist doch nicht das einzige, was der Erforschung wert ist! 
Du kümmerst Dich zu wenig um die kleinen Rillen und Risse in der 
Erdformation, die nun' einmal vorliegt!« Sie haben uns nicht begrif- 
fen. Sie wollen, dass wir unsere Arbeit wie sie einrichten; wir aber 
wollen die feinsten Details des unglückseligen Staudamms erfassen, 
um ihn zu zerstören. 

Dies ist die wissenschaftliche Auffassung der Sexualökonomie. 
290 W. Reich. 



Besprechungen 



Besprechungen 



Vorbemerkung der Redaktion: Wenn mit dem vorliegenden Heft die Be- 
sprechung von neuerschienenen (und auch älteren) Büchern im grösseren Umfange 
aufgenommen wird, so muss zugleich festgestellt werden, dass in den meisten 
dieser Besprechungen noch nicht die Betrachtung und Stellungnahme vom Zentrum 
unserer sexualökonomischen Auffassungen her erreicht worden ist, d. h. die Klippe 
einer allzu schematischen Einordnung in »links-rechts«, »gut-schlecht« ist nicht 
immer vermieden worden. 

Auch auf diesem Gebiete gilt es für uns alle, zu lernen und weiterzuarbeiten, 
und das ist die gemeinsame Aufgabe nicht nur der »Referenten«, sondern aller 
unserer Leser. 

Psychoanalyse 

R. und Y. Allendy: Capitalisme et Sexualite 
Verlag de Noel und Steele, 
Paris VII. 19 rue Amelie 

Die in Deutsehland von Wilhelm Reich unternommenen Versuche, psycho- 
analytische Forschungsergebnisse für Sexualsoziologie und -politik fruchtbar zu 
machen, haben erfreulicher Weise in Frankreich ein Gegenstück erhalten: Rene- 
und Yvonne Allendy arbeiten in ihrem Buch die Unvereinbarkeit der natürlichen 
biologischen Ansprüche des menschlichen Trichlebeus mit der heutigen Gesell- 
schaftsordnung heraus und bedienen sich dabei weitgehend psychoanalytischer 
Gcdankengängc-wobei sie allerdings von der Freudschen Libidotheorie derart weit 
abweichen, dass man das Buch eigentlich im Ganzen kaum mehr als ein psy- 
choanalytisches bezeichnen kann. 

Die Allmächtigkeit des Geldinteresses — so führen sie aus — beeinträchtigt 
durch Bindung starker instinktiver Kräfte das gesunde Liehcsleben. Sein Über- 
wiegen in der bürgerlichen Ehe zerstört deren scxualpsychologisches Fundament. • 
Auf der andern Seite sind die Frauen aus psychologischen Gründen meist nicht 
im Stande, wenigstens die ihnen in neuerer Zeit auf dem Papier gewährte Frei- 
heit wirklich auszunützen. Ihre Unfähigkeit, sich selbst zu erhalten, versperrt 
ihnen den Weg zur freien Vereinigung mit einem Manne. Ihre — in Frankreich 
gesetzlich geschützte — Unwissenheit über den Gebrauch von Verhütungsmitteln 
(S. 22) lässt den Kindersegen oft zur unerwünschten Last werden; die fatale 
Rolle, die die Kirche dabei spielt, wird (S. 183—186) beleuchtet. 

Gestützt auf biologisch-psychologische Erwägungen deckt das Ehekapitel auf, 
wie die natürliche, polygame Veranlagung des Mannes der christlich-bürgerlichen 
Form der Ehe widerspricht (über die unrichtige Auffassung, die dabei hinsichtlich 
der Frau vertreten wird, siehe unten). Die Prostitution — natürliche Reaktion, 
gegen die Monogamie — wird auf die neurotisch frigide Veranlagung vieler Frauen 
zurückgeführt, ohne die die ökonomische Notlage nicht wirksam werden könnte: 
Eine Auffassung, die gegenüber der Zurückführung auf »degenerative Veranlagung« 
oder »unmoralische Erziehung«, wie sie in Frankreich etwa durch Prof. Paul- 
Boncour vertreten wird (vgl. Temoignage de notre temps, Nr. 4, Verlag der »Vu«)„ 
einen ungeheuren Fortschritt darstellen. 

Das Kapital über die Fortpflanzung enthält eine schlagende Widerlegung 
der populationistischen Theorien. Statt Geburtenvermehrung empfiehlt A. den 
Leuten, die daran Interesse haben, die Herabsetzung der französischen Sterblich- 
keitsziffer auf den Prozentsatz Belgiens oder Deutschlands. Doch diese Leute 
sind die Militärs, die einen künftigen Krieg verbereiten und die Fabrikanten, 
die schon im Frieden die Löhne drücken wollen. »C'est tout« (S. 237). 

Als Voraussetzung einer zukünftigen Lösung sieht A. die Beseitigung des. 
Gcldinteresses durch eine sozialistische Wirtschaft. Er unterscheidet sich hier 
vorteilhaft von allen Utopisten, die eine ausreichende Form der Sexualreform 
im Kapitalismus für möglich halten. Als Form der Vereinigung von Mann und 
Frau in einer solchen Gesellschaft schlägt er eine Art * Sowjetehe vor 
Doch sollen nicht, wie bei dieser die Eltern die Lasten der Kinderernährung tra- 
gen, sondern der Staat. Dieser hätte durch Verringerung der Unterstützung bei 
bestimmter Kinderzahl sogar die Möglichkeit, die Geburtenzahl nach der Richtung 
eines Optimums zu beeinflussen. 



291 



ps 



■ 






Besprechungen 

Trotz dieser wertvollen Feststellungen ist die Methode, mit der sie erhalten 
werden, der Kritik bedürftig. Die entscheidenden Ursachen des Widerspruchs von 
Kapitalismus und Sexualität werden nämlich übeihaupt nicht klargelegt. Darum 
folgen aus A.s Darlegungen auch keine Richtlinien für eine praktische Sexual- 
politik, desgleichen auch keine für eine praktische Sexualerziehung, die im Gegen- 
satz zur bürgerlichen die Menschen in einer sozialistischen Gesellschaft erst 
psychisch in die Lage versetzen würde, von ihren Freiheiten wirklich Gebrauch 
zu machen. 



2.) Allcndys Trieblehre. 
Wir beginnen mit einer Kritik von A.s Trieblehre, da sie die methodische 
Grundlage ist, aus der sich alle weiteren Fehler ableiten. A. ist mit Freuds Rück- 
führung der Triebe auf biologische Gegebenheiten nicht einverstanden. »Die 
Freudsche Definition erscheint zu eng. Es scheint willkürlich, den Triebcharakter 
unbewussten Tendenzen abzusprechen, die nicht spezifischen Organen entstammen. 
Wir halten uns lieber an die Definition von Hesnard, nach der der Trieb eine 
(zugleich materielle und moralische) anziehende und abstossende Kraft ist, die 
ihre Existenz bei allen Umständen offenbart, die die vitalen Ziele des Indivi- 
duums berühren.« (S. 32). 

Mit dieser verschwommenen Definition wird aber der Spekulation Tür und 
Tor geöffnet, der Boden der empirischen Naturwissenschaft verlassen. 

»Für Freud, der den Trieb auf spezifische Organe und eine spezifische Lust 
beschränkt, könnte die Sozialität nicht aus einem autonomen Trieb entspringen, 
es sei denn, man betrachte die Kehle und die willkürlichen Muskeln als Organe 
der Sozialität. Wenn wir uns nicht in die Schranken einer solchen Konvention 

einschliessen hindert uns nichts, besondern anziehenden und abstossenden 

Tendenzen die Anpassung an das soziale Milieu zuzuordnen.« (S. 53). 

»Im übrigen ist es eine Notwendigkeit des menschlichen Geistes, an jeder 
Organisation, an jeder Einteilung drei Momente zu unterscheiden: Ein positives, 
ein negatives und ein intermediäres (das man theoretisch unterdrücken kann, um 
auf zwei grössere zurückzukommen). Darum wird unsere Einteilung in Aneig- 
nungstriebe (instinets digestifs) : , Hingabetriebe (instinets sexuels) und Aus- 
tauschtriebe (instinets sociaux) mit allen möglichen philosophischen und wis- 
senschaftlichen Kategorien übereinstimmen « (S. 89, 90). Wir sehen hier 

die spekulative Quelle von A.s Trieblehre. Doch ein solches zwangsneurotisches 
Symnietriebedürfnis ist wohl in der abstrakten Logik am Platz, aber nicht in 
einer dialektischen Naturwissenschaft. 

Dem instinet social weist A. eine entscheidende Bedeutung zu. »Es ist nicht 
zu leugnen, dass die Gattung, die Nation, die soziale Klasse, die Familie dahin 
tendieren, die individuellen Bestrebungen zum Zusammenwirken für gemein- 
same Ziele zu gewinnen. Darin bestehen gerade die instinets sociaux.« (S. 54). 
Diese bestimmen auch die instinets de chef (Führertriebe). So wird es für A. 
unmöglich, die vernünftige Unterordnung unter den Schutz eines Stärkern etwa 
von der triebhaften Führerbindung in der faschistischen Massenbewegung zu 
unterscheiden, die — wie Reich in der »Massenpsychologic des Faschismus« 
gezeigt hat — jenem Übergewicht der Vaterbindung ihr Entstehen verdankt, wie 
es besonders die kleinbürgerlich-patriarchalische Familie durch ihre Prüderie 
erzeugt. Doch auch die Beziehungen der Kinder zu den Eltern entspringen dem 
instinet sozial und werden erst nachträglich sexualisiert. Dass die Elternbindung 
nicht libidinösen sondern, sozialen Ursprungs sei, geht nach A. auch daraus 
hervor dass Kinder, die nicht in der Familie aufgewachsen sind (etwa Waisen- 
hauskinder) auch die Erscheinungen des Ödipuskomplexes zeigen, »den Freud 
als ausschliessliches Produkt des Familienlebens betrachtet«, (S. 61), eine Be- 
hauptung, die bei einem Mann wie Allendy auf einem unentschuldbar oberflächli- 
chen Missverständnis der Freudschen Auffassung beruht. Freud hat nur be- 
hauptet, dass die Libido sich zuerst an Personen heftet, die dem Kinde Liebe 
erweisen, also im allgemeinen Vater und Mutter. Doch diese können natürlich 
durch andere vertreten werden (Lehrer, Kinderfrauen, Pflegerinnen). 

Nicht weniger seltsam aber ist, was A. über den indinet digestif zu sagen hat. 
Was wir für gewöhnlich als orale und anale Fixierung der Libido bezeichnen, 
anale Charakterzüge, Sadismus, Agression, sogar der Narzissmus (S. 51) sind 
Auswirkungen der instinets digestifs. A. kommt auf die Erscheinungen zu sprechen, 

1892 



Besprechungen 

die Freud beim Kinde beschreibt als »Säugung, Autoerotismus (die Tatsache, dass 
das Kind sich an seinem eigenen Körper befriedigt, besonders in der Masturba- 
tion), Partialtendenzcn • (Neugierde, Exhibitionismus, Sadismus). Wir sagen nur, 
dass Säugung, Entleerung, der Sadismus primitive Äusserungen des instinct dige- 
stif sind, die sich später sexualisieren, desgleichen der Schautrieb und der Ex- 
hibitionismus, die aus dem instinct social stammen.« (S. 67). 

Mit diesen Behauptungen ist die Freudsche Libidotheorie, die empirisch 
tausend Mal gesicherte Entwicklungsgeschichte der Libido preisgegeben. An die 
Stelle des Konflikts Trieb — Aussenwelt ist eine innere Konkurrenz der Triebe 
selbst getreten, was später, wenn wir auf A.s Soziologie zu sprechen kommen 
werden, noch deutlicher werden wird. Mit dieser Wendung der Trieblehre reiht 
sich A. aber einer Reihe anderer Analytiker an. Über ihre prinzipielle Bedeutung 
vgl. das Referat über Reichs Osloer Vortrag (im zweiten Heft der Z. f. p. P. u. S.). 
Doch es lässt sich unschwer zeigen, dass A. durchaus ungleichartige Erschei- 
nungen des Seelenlebens als Trieb nebeneinanderstellt. Gehen wir etwa von dem 
Triebbegriff aus, den Freud in »Triebe und Triebschicksale« (theoret. Schriften 
S. 58) entwickelt. Er unterscheidet hier Drang, Ziel, Objekt und Quelle des Trie- 
bes. Während wir diese Momente bei Libido und Aggression ohne weiteres an- 
zugeben vermögen, fragen wir beim instinct social vergebens: Was ist sein Ob- 
jekt, welcher Reizzustand wird durch seine Befriedigung beseitigt, welchen Quel- 
len entspringt er? Dass er nicht aus körperlichen Quellen entspringt, muss uns 
hindern, ihn andern Phänomenen beizuordnen, die wir auf eine solche Quelle 
zurückführen können. 

Freud selbst ist weit davon entfernt, alle psychischen Mechanismen me- 
chanisch auf Organfunktionen zurückzuführen. Nur reserviert er für solche 
Erscheinungen nicht das Wort Trieb. Er stellt darum die Realitätsanpassung 
nicht etwa als Realitätstrieb oder Sozialtrieb neben die andern Triebe, sondern 
er stellt sie (vgl. »Formulierung über zwei Prinzipien des psychischen Gesche- 
hens« theoret. Schriften S. 5) als Realitätsprinzip dem Lustprinzip gegenüber 
als zwei durch das ganze Triebleben hindurch greifende Prinzipien. Es wird beim 
gesunden erwachsenen Menschen massgebend für die gesamte Triebbefriedigung. 
Der Neurotiker kann ihm infolge der Verdrängungen, infantilen Fixierungen etc. 
seiner Triebe nicht Folge leisten. Führt man diese Störung etwa auf eine Beein- 
trächtigung des instinct social zurück, so hat man den für die Therapie ent- 
scheidenden triebökonomischen Gesichtspunkt verlassen und eine heillose ter- 
minologische Verwirrung angerichtet, die Freud durch seine wohlüberlegten 
Definitionen glucklich vermieden hat. Womit nicht gesagt werden soll, dass 
die ganze psychoanalytische Trieblehre nicht noch viele ungelöste Fragen auf- 
weist und einer vertieften Begründung durchaus noch bedarf. Doch kann ein 
solches Weiterbauen nur auf dem Boden des bereits vielfach Gesicherten geschehn. 
Doch auch für die Anwendung in der Soziologie sind die Auffassungen Freuds 
unendlich viel fruchtbarer als die Trieblehre A.s, besonders in der Korrektur 
und Weiterbildung, die sie durch Reich erfahren haben. Denn mit dem instinct 
social wird man versucht sein, sehr vieles biologisch zu erklären, was in Wirk- 
lichkeit auf die Einwirkung der sozialen Umwelt auf die persönliche Entwicklung 
zurückgeht. Während Begriffe wie Ödipuskomplex, libidinöse Identifizierung. 
Überich, Realitätsprinzip, mit denen die Psychoanalyse der Sozialität beizukom- 
men sucht, stets auf einen Umweltfaktor verweisen, ist dies nicht der Fall bei 
der Zurückführung auf einen instinct social, der sich, man weiss nicht aus 
welchen biologischen Quellen im dritten oder vierten Lebensjahr entwickeln soll, 
wo doch die Einwirkung des sozialen Milieus mit dem Tage der Geburt beginnt.' 
Dies ist auch an die Adresse R. Jollys gerichtet, der in der Besprechung des 
A.schens Buchs in der Commune (Zeitschr. der französischen revolutionären 
Schriftsteller) vom November 1933 den instinct social als eine besonders marxi- 
stische Errungenschaft der Psychoanalyse preist. 

Auch der Begriff des instinct digestif wird bei genauerer Untersuchung 
unhaltbar. Die Zusammenfassung so vieler verschiedener Erscheinungen unter 
einen Nenner widerspricht aller klinischen Erfahrung. Die Therapie vermag etwa 
die Genitalität zu kräftigen, indem sie die Libido aus analen Bindungen löst, 
an die sie einst durch Umwelteinflüsse fixiert wurde. So zeigt sich, dass es 
sich um Verwandlungsformen einer einheitlichen Kraft und um einen' Konflikt 
zwischen Trieb und Aussenwelt handelt: Und nicht um 2 Triebe, die mit ein- 
ander in Konflikt geraten. 



293 



Besprechungen 






Ebenso fehlerhaft ist die Einbeziehung der Aggression in die instinets 
digestifs. Denn Aggression ist dem Sadismus nicht gleich zu setzen und wird 
auf allen Stufen der Libidocntwicklung angetroffen, besonders auch auf der 
genitalen. Weder die revolutionäre Kampfesenergie noch auch die Arbeitsleistung 
braucht, wie A. Seite 153 und 155 annimmt aus neurotischen Störungen und Ver- 
sagungen ihre Kraft ZU ziehen. 

Da A. die verschiedenen Triebe mechanisch gegenüberstellt, entgeht ihm 
natürlich auch ihr gegenseitiges ökonomisches Abhängigkeitsverhältnis. Wir 
können uns — nach einem Bild von W. Reich — das Triebsystem als ein System 
von kommunizierenden Röhren vorstellen: Genitale Yersagung lässt die präge- 
nitale Libido anschwellen, libidinöse Versagung überhaupt bewirkt, dass ein 
Teil der Energie in Aggression umgewandelt wird, die unter bestimmten Um- 
ständen die Form der Destruktion und des Sadismus annimmt; wobei wir na- 
türlich entsprechend den prägenitalen Entwicklungsstufen verschiedene Arten von 
Sadismus zu unterscheiden haben: Zusammenhänge, die bei A. alle unklar bleiben. 

Es ist aber bemerkenswert, wie A. in den Krankengeschichten, die er bringt, 
(S. 130, 140 — 44) wiederum die falsche Stellung zum Geld auf gestörte Libido- 
cntwicklung zurückführt und nicht etwa auf den Konflikt der instinets digestifs 
und amoureux. Auch vom instinet social steht in den Krankengeschichten nichts: 
Hier scheint A.s eigene klinische Erfahrung seine Theorien zu widerlegen. Aber 
auch an andern Stellen springt A. oft zwischen der richtigen psychoanalytischen 
Terminologie und seiner eigenen hin und her — was die Lektüre und Beurteilung 
nicht gerade erleichtert. 

3.). Falsche Konsequenzen aus A.s Trieblehre. 

Die psychische Struktur der heutigen Gesellschaft ist nach A. vorwiegend 
charakterisiert durch eine Beeinträchtigung der instinets amoureux- durch die 
instinet digestifs. 

In der Feststellung, dass das Festhalten am Privateigentum, die Angst vor der 
unklar vorgestellten Enteignung in analen Regressionen der durchschnittlichen 
Massenindividuen unserer Gesellschaft eine psychologische Verankerung erfährt, 
dass diese Fixierung zugleich die Genitalität beeinträchtigt: In dieser Feststellung 
liegt zweifellos etwas Richtiges. Aber über die sexualökonomischen und gesell- 
schaftlichen Ursachen dieser Fixierung bleibt A. die Antwort schuldig. 

Die Enstehung des analen Gharakters wird im Kapitel über die instinets 
en cause S. 36 im Wesentlichen richtig auf anale Fixierung der Libido zurück- 
geführt und zum Schluss heisst es: Wenn ein solcher Charakter in einer Ge- 
sellschaft vorherrscht, dann gibt es Banken, Militär, Grausamkeit, u. s. w. Aber 
er nennt nicht die sexualökonomischen Ursachen: Nämlich die Unterdrückung 
der kindlichen Sexualität, die der Analität erst ihre Energie verleiht (vgl. das 
über den Mangel des ökonomischen Gesichtspunktes bei A. oben Gesagte). 

Statt dessen stellt er eine Entwicklungstheorie auf: Die Ägypter waren anal, 
die Griechen entsprachen den Kindern zwischen 8 und 10 Jahren, die Römer waren 
phallisch-sadistisch (10 — 12 Jahre) im Mittelalter endeckt man die genitale Liebe 
(Zeitalter der Troubadours), wir selbst befinden uns am Übergang in die Zeit, 
wo die Liebe wirklich herrschen soll, sind aber noch nicht frei von Rückfällen' 
in die Infantilität (S. 103—4). 

Dies ist nun schlimmster analytischer Psychologismus: Hier führt die falsche 
Trieblehre, die alles nur aus einem innern Triebkonflikt, statt aus der Beziehung 
des Trieblebens zur Aussenwelt begreift, dazu, nicht nur die Entwicklung des 
Einzelnen sondern sogar die der ganzen Menschheit zu biologisieren. Das 
Prinzipielle über diese falsche Art der Anwendung der Psychoanalyse ist bereits 
in dieser Zeitschrift von Reichi) gesagt worden; hier nur so viel: Die Psychologie 
kann nur die Umsetzung objektiver Faktoren im Menschen und die Rückwirkung 
seiner psychischen Struktur auf die objektiven Faktoren darlegen, niemals aber 
das objektive Geschehen als solches biologisiert und vermenschlicht unmittelbar 
zum Gegenstand ihrer Betrachtung machen. 

Der Psychologe, der die Psychoanalyse in der Geschichtsforschung anwendet 
muss allerdings über diese objektiven Faktoren besser Bescheid wissen als A., 
der die objektive »Schuld« an der Entstehung des Kapitalismus niemand anders 
zuschreibt als den Juden (S. 154). Ein Blick in eine gute Wirtschafts- 
geschichte oder in die Aufsichtsratslisten der wichtigen Grossunternehmen hätte 
ihn eines besseren belehrt. 

294 



Besprechungen 

Es ist letzten lindes A.s Triehlehrc, die ihn verleitet, die objektiven Gegeben- 
heiten zu vernachlässigen und die Massenstruktur der bürgerlichen Gesellschaft 
auf den innern Konflikt von instincts digestifs und instincts amoureux zurück- 
zuführen: Ein schönes Beispiel für die praktische Bedeutung scheinbar so theo- 
retischer Diskussionen wie der über die Trieblehre. 

Wie vollzieht sich aber in Wirklichkeit die Einwirkung dieser Gegebenheiten? 
Die auf Privateigentum und Monogamie gestellte Gesellschaft schafft eben jene 
christlich-bürgerliche Tradition und Ideologie, auf der wiederum die oben er- 
wähnte sexualunterdrüekende Erziehung beruht. Die schädliche Wirkung dieser 
Tradition wird von A. zwar im Kapitel über die Ehe herausgestellt: Doch zeigt 
er nicht, wie sie sich durch Einwirkung auf die Jugenderziehung in jeder neu 
heranwachsenden Generation aufs neue verankert und reproduziert. So ist auch 
das Problem der Neurosenprophylaxe, das A. sehr richtig stellt, nicht gelöst 
durch ärztliche Überwachung der Jugenderziehung, wobei man nicht weiss, 
wodurch sich diese Jugenderziehung prinzipiell von der bisherigen unterscheiden 
soll. Hier, im Kampf um eine neue Sexualerziehung der Jugend eröffnen sich 
schon innerhalb der bestehenden Gesellschaft wichtige Aufgaben einer revolutio- 
nären Sexualpolitik: Doch eine solche muss in A.s Gedankengängen fehlen, da 
er zwar manches über das objektive Geschehen -weiss (das Kapitel über' die 
Fortpflanzung ist eine gründliche Auseinandersetzung mit den Problemen der 
Bevölkerungspolitik), aber infolge seiner Trieblehre eben jenen Ansatzpunkt nicht 
findet, um die Verknüpfung von objektiver Einwirkung und subjektiver Reaktion 
zu verstehen ein Verständnis, das instinktiv oder klar hewusst die Seele aller re- 
volutionären Politik ist. 

Diese bürgerliche Erziehung — zusammen mit der bürgerlichen Ideologie in 
ihrer Gesamtheit — ist auch im wesentlichem schuld an der masochistischen 
Erotik vieler Frauen und der sadistischen vieler Männer, die A. irrtümlicher 
Weise auf biologische und daher unveränderliche Gegebenheiten zurückführt. 
Hierbei fasst er manchmal typisch französische Verhältnisse als allgemein mensch- 
lich auf. So werden etwa dänische Geschworene bei Eifersuchtsattentaten gewiss 
nicht so milde urteilen wie die französischen, von denen A. berichtet. Auch tritt 
hier in Dänemark der durchschnittliche Sadismus des Mannes etwas zurück, um 
andern durchschnittlichen Störungen Platz zu machen (Impotenz, bei den Frauen 
Frigidität). Doch die wichtige Aufgabe einer Völkerpsychologie auf analytisch- 
marxistischer Grundlage ist ja noch gar nicht in Angriff genommen. 

So ist es auch unrichtig, ganz allgemein zu behaupten, dass die Befreiung 
der Frau gegen ihren Willen werde erfolgen müssen. (S. 270). Einerseits 
scheint schon heute die Selbständigkeit der Frau etwa in den skandinavischen 
Ländern grösser als in den romanischen. Und zudem wird es durch eine richtige 
Sexualpolitik vielleicht möglich sein, schon innerhalb der heutigen Ordnung 
starke Kräfte gegen das Leidenwollen der Frau aktiv zu machen: Gerade indem 
man zeigt, dass ihre Unbeholfenheit nicht biologisch, sondern gesellschaftlich 
bedingt ist. Die führende Rolle, die viele Frauen in der Sexualreformbewegung 
spielen, weist in die gleiche Richtung; ebenso die bürgerliche Frauenbewegung, 
wenn sie sich auch ihres sexualpsychologischen Kerns nicht bewusst war. 

Wir haben uns bei unserer Kritik im allgemeinen auf den Nachweis grund- 
sätzlicher Irrtümer beschränkt. Merkwürdig bleibt, wie trotz der falschen Methode 
so viel Richtiges in dem Buch gesagt wird. Es scheint, dass die Unsinnigkeit der 
heutigen Sexualordnung so schreiend ist, dass sie jedem, der sich nur mit etwas 
wissenschaftlichem Ernst und ohne bürgerliche Vorurteile an die Probleme macht, 
klar werden muss. Und diesen Ernst wollen wir dem Buch im Ganzen nicht 
absprechen, vor allem auch nicht das Verdienst, in einem sexualwissenschaftlich 
und sexualpolitisch so rückständigen Land wie Frankreich eine vorgeschobene 
Position zu verteidigen. 

Eine Lösung der Probleme erwarten wir allerdings nur von einer Methode, 
die konsequent auf dem Boden der Sexualökonomie steht. t 

K. M. 



1) »Zur Anwendung der Psychoanalyse in der Geschichtsforschung«, Heft 1 der 
Z. f. p. P. u. S. 

295 



— 



Besprechungen 

Aktuelle politische Schriften 

Otto Sfrasser: 30. Juni. Vorgeschichte, Verlauf, Folgen 

Sozialistische Revolution oder faschistischer Krieg? 

Der Marxismus ist tot. Der Sozialismus lebt. Sämtlich: Heinrich Grunow, Prag 

Die erste Broschüre ist eine Zusammenstellung interessanten Materials über 
die eigentlichen Gründe des Massenschlachtens am 30. Juni und über die Vorgänge 
selbst. Da eine Nachprüfung zur Zeit ganz unmöglich ist, bleibt nur eine Beur- 
teilung unter dem Gesichtswinkel der Wahrscheinlichkeit. Mithin: 0/i klingen 
wahrscheinlich. Weniger wahrscheinlich jenes i/in. dass von den unpersönlichen, 
»objektiven« Zwängen des Hitlerschen Handelns spricht. 

Die zweite Broschüre behandelt knapp und für einen Romantiker, wie es leider 
Otto Strasser ist (vgl. unten), klar, die Alternative: sozialistische Revolution oder 
faschistischer Krieg. Der Autor hat von den Marxisten gelernt, objektive soziale 
Tatbestände (Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse) als Basis sozialer 
und politischer Phänomene anzunehmen. Er verwendet diese beiden Begriffe nicht. 
Er wird gegen diese Behauptung polemisieren. Trotzdem: er ist halbmarxistisch 
infiziert. Und darum gefährlich. 

Die dritte Broschüre ist das eigentliche Glaubensbekenntnis des Autors. Prä- 
ziser: das Glaubensbekenntnis eines publizistisch begabten Romantikers. Seine 
Polemik ist berechtigt — gegen die Ökonomisten ! Unberechtigt — gegen die 
Marxisten. Wenn es ihm nicht um Demagogie, sondern um die »Wahrheit« geht. 
Und wahr in der sozialen und politischen Ebene ist noch immer und trotz Otto 
Strasser: das historisch Notwendige. Nochmals und unmissverständlich: Er be- 
schreibt den Zusammenbruch des Ökonomismus. Aus Platzmangel nur ein Beispiel. 
Auf Seite 13/14 polemisiert er gegen den »Kardinalsatz des Marxismus«: ,Das 
gesellschaftliche Sein bestimmt das gesellschaftliche Bewusstsein'. Sehen wir 
davon ab, dass diese Formulierung ungenau ist, unterstellen wir ihre Richtigkeit, 
so demaskiert sich Strasser selbst als romantischer Kämpfer gegen die Ökonomisten 
(die' es unter den Marxisten leider in Massen gab und nicht nur unter den sog. 
einfachen Mitgliedern) wenn er schreibt: »Es ist seltsam, wie überhaupt die Be- 
hauptung auftreten und Glauben finden konnte, dass die Gleichartigkeit der Rolle 
im Produktionsprozess eine Gleichartigkeit des Wesens, des Wollens, der Haltung 
zur Folge habe « Der Autor polemisiert also — das wird mit vollem Be- 
wusstsein hier drei Male ausgesprochen — gegen seine eigene ökonomistische 
Auslegung. Ob aus »Demagogie« oder Verständnislosigkeit ist eine Frage für sich 
und letzlich irrelevant. Bewahre ein gütiges Geschick, oder noch sicherer eine 
ernsthafte Selbstprüfung der marxistischen Politiker, Deutschland und damit die 
heutige und zukünftige Menschheit vor dem Geschick, von Romantikern geführt 
zu werden. Sollten die Marxisten unfähig sein, zwischen sich und den Ökonomisten 
einen deutlichen Trennungsstrich zu ziehen, dann allerdings — - fürchten wir — 
wird die Romantik und schliesslich die Barbarei »siegen«. Iiw. 

Adolf Sturmthal: Das amerikanische Experiment 

Der Zentral-Metallarbeiterverband Zürich gibt diese Broschüre über die Roose- 
vcltsche Nirapolitik zur Information seiner Mitglieder heraus. 

Diese Analyse des Rooseveltschen Experimentes, die gleichzeitig eine gut zu- 
sammengestellte Materialsammlung über die wirtschaftlichen Ereignisse und Um- 
wälzungen in der U. S. A. seit 1929 ist, zeigt, dass ein derartiger Teilwirtschafts- 
plan, der die Grundlagen der kapitalistischen Wirtschaft fortbestehen lässt, nur 
geringe Erfolgsaussichten hat. Adolf Sturmthal sieht drei Möglichkeiten für den 
Ausgang dieses Experimentes. 1) Wendung des Systems gegen die Arbeiterschaft, 
Zerstörung der Arbeiterorganisationen, Rückkehr zu den alten grosskapitalischen 
Methoden der Vorkriegszeit. 2) Abgleiten in den Faschismus. 3) Die Stärkung 
der Rooseveltschen Front durch Schaffung starker Gewerkschaften und einer 
Arbeiterpartei, die dem Druck der kapitalistischen Mächte entgegenzuwirken 
vermag (gemeint sind wohl hier reformistische Gewerkschaften und eine sozial- 
demokratische Partei. D. Ref.). 

Eine vierte Möglichkeit, die der revolutionären Lösung der amerikanischen 
Situation, erwägt der Verfasser nicht. 

Zusammenfassend wollen wir sagen, dass diese Broschüre wohl als Material- 
sammlung über die Nira und das Roosevcltsche Programm interessant und nützlich 
ist, — als marxistische Analyse der Probleme der amerikanischen Wirtschaft ist 
sie allerdings nicht anzusehen. P. S. 

296 






Besprechungen 

Cassie Michaelis, Heinz Michaelis, W. O. Somin: Die braune Kultur 
Europa-Verlag, Zürich 

Der Untertitel »Ein Dokumentenspiegel« deutet schon den Inhalt an. In der 
Tat handelt es sich um eine systematische Sammlung von Publikationen des 
Nazi-Regimes. Sehr interessant. Sehr nötig. Sehr aufschlussreich. Leider durch- 
zieht das ganze Buch die beabsichtigte oder unbeabsichtigte Tendenz: »Zu 
derartigen Dummheiten ist die Gattung Mensch fähig.« Das ist eine Gefahr, die 
noch nicht allen antifaschistischen Kreisen bewusst wird. Wenn statt dieser 
schiefen Tendenz die richtige durchblicken würde: »Zu einer derartigen Massen- 
psychose ist die Gattung .zivilisierter' — lies: bürgerlicher bzw. verkleinbürger- 
lichter — Mensch fähig, wenn statt eines marxistisch geschulten Agitators ein 
ehrgeizbesessener Monomane und Demagoge zur Macht kommt«, so wäre der 
heutigen und zukünftigen Menschheit mit diesem Buch ein Riesendienst erwiesen 
worden. Nur aus diesem Grunde bleibt ein »leider«. Bw. 

Das Schwarzbuch. Tatsachen und Dokumente 
Edition du Rond-Point, Paris 

Tatsachenmaterial über den Antisemitismus des Hitler-Regimes. In sehr wis- 
senschaftlicher Aufmachung. Voluminös. Gründlich. Vollständig. Daraus ent- 
springt sein kulturhistorischer Wert. Aber sonst unzulänglich, weil die sozialen 
Gründe des Antisemitismus, noch weniger seine massenpsychologischen, nirgends 
aufgezeigt werden. Man begnügt sich, vom »Gesetzstandpunkt«, diesem Standpunkt 
par excellence aller sozialen Romantiker, zu polemisieren. Hier liegt die Be- 
grenzung des Buches. Insofern ist es ein Schulbeispiel, dass Nichtmarxisten zwar 
imstande sein können, Tatsachen zusammenzutragen, dass sie aber versagen müs- 
sen, notwendigerweise, bei der Interpretierung der Tatsachen. Bw. 

Das III. Reich in der Karikatur 
Simplicus-Verlag, Prag 1934 

Diese ausgezeichnete Sammlung der bekanntesten antifaschistischen Karika- 
turisten füllt eine bedeutende Lücke im Waffenarsenal der antifaschistischen Front. 
Es wäre eine Herabsetzung seiner Wirkung, würde man den Versuch machen, den 
Inhalt dieser Sammlung durch eine Besprechung ausschöpfen zu wollen. Soviel 
muss allerdings gesagt werden: So treffend und blutvoll (im wahrsten Sinne des 
Wortes!) diese Porträtsammlung der deutschen Naziführer auch gestaltet ist 

— leider ist das III. Reich keine Karikatur (wie es unglücklicherweise im An- 
kündigungsprospekt des Verlages heisst) sondern das grösste und grauenvollste 
Leichenschauhaus aller Zeilen, schwimmend in einem Meer von Blut und Tränen 
unserer besten und tapfersten Freunde, die — und das dürfen wir keinen Augen- 
blick vergessen! — nicht nur »unentbehrliche Opfer« unseres gemeinsamen 
Kampfes bleiben dürfen! Ihre qualvollen Todesschreie müssen uns selbst keine 
Ruhe mehr lassen bis wir den Henkern des III. Reiches ihre Fehlrechnung mit 
Zins und Zinseszins — ehrlich, tapfer und entschlossen! — bezahlt haben. »Wer 
wird wohl der nächste sein, Hermann?« (lautet die Unterschrift zu einer der letzten 
Karikaturen dieser Sammlung), und eine andere: »Völker, hört die Signale!«. Nun 
wir wissen bereits, wer der nächste ist und mit dem letztgenannten Symbol werden 
wir eines Tages unseren Kampf beginnen und nach dem Sieg der Unterdrückten 
gegen ihre Unterdrücker unsere letzte grosse Massentotenfeier beschliessen. 

Bis dahin wollen wir dem Faschismus auch mit den Waffen des Witzes und 
der Satire zu Leibe gehen und dabei wird uns diese Sammlung von Karikaturen 
ausgezeichnete Dienste leisten. Dass die Bildunterschriften dreisprachig (englisch, 
deutsch, französisch) sind, ermöglicht die weitgehendste internationale Verbreitung. 
Und weil auch der Preis unerhört niedrig ist (Frcs. 6. — ), wird jeder Antifaschist 
mit dieser Waffe in der Lage sein, sich an den vorbereitenden Schiessübungen gegen 
den Faschismus zu beteiligen. flo. 

II ja Ehrenburg: Bürgerkrieg in Österreich 
Malik-Verlag, Prag 

Tatsachendarstellung des Kampfes in Österreich. Die Anordnung des Materials 
ist dramatisch gesteigert. Die Sprache — bei Ehrenburg nicht anders zu erwarten 

— gepflegt. Die Scenen anschaulieh, zum weitaus grössten Teil erschütternd, 
gestaltet. Das Ganze erinnert seinem künstlerischen Gehalt nach an Gorkis be- 
rühmte Schilderung des »Erwachens der russischen Arbeiter und Bauern« aus dem 

297 



(Besprechungen 

Jahre 1905. Auch Ehrenburg hat es verstanden, die sogenannt nüchternen Tat- 
sachen in künstlerische Form zu kleiden. Dadurch bekommt seine Arbeit propagan- 
distischen Seltenheitswert. Bllt. 

F. C. Weiskopf: Die Stärkeren 
Malik-Verlag, Prag 

Ein ähnliches Buch wie das vorstehende. Nur der Stoff ein anderer insofern, 
als nicht der offen sichtbare und heroische Kampf der Unterdrückten gestaltet 
wird, sondern der unterirdische, ohne jede bengalische Beleuchtung zum Herois- 
mus erhobene Kampf der Illegalen in Deutschland. Auch dieses Büchelchcn er- 
schüttert durch die künstlerische Gestaltung des Stoffes. Die Sprache ist gedrungen, 
auf das Wesentlichste beschränkt. Die einzelnen Scenen wechseln kaleidoskopartig 
und trotzdem bleibt ein unauslöschlicher Eindruck: In Deutschland kämpfen ein- 
fache, unkomplizierte Menschen für die Zukunft der Menschheit mit einer Selbst- 
verständlichkeit, unposierten Opferbereitschaft und Konsequenz, die eben keiner 
bengalischen Beleuchtung bedarf; weil diesen Menschen ihre Grösse nicht von 
Zuschauern bestätigt werden braucht. 

Bw. 

Bruno Frei: Hanussen. Ein Bericht. Mit einem Vorwort von Egon Erwin Kisch 
Sebastian Brant-Verlag, Strasbourg 1934 

In formal und inhaltlich ausgezeichneter Darstellung zeichnet Frei das Bild 
eines skrupellosen Ausbeuters des Wunderglaubens, dem sich heute ein grosser 
Teil der Massen Deutschlands verschrieben hat. 

»Wer an Hanussen glaubt, glaubt an Hitler oder ist innerlich bereit, an Hitler 
zu glauben. Man muss das Übel an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Glaubens- 
mystik, der Betterideologie liegt im Wunderglauben schlechtin Wir müssen 

den Wunderglauben treffen — das ist ein Stück antifaschistischen Kampfes.« 

In dem zitierten Satze kennzeichnet Frei wohl am prägnantesten die Grund- 
richtung seines Angriffes, zeigt hier aber auch gleichzeitig, inwieweit sein Wurf 
zu kurz gegangen ist. Denn — das muss immer wieder betont werden — die 
Wurzel der Glaubensmystik usw. liegt nicht im Wunderglauben, sondern »die 
Sexualunterdrückung, unter der die Massen der Werktätigen stehen und die sich 
als Beligion, Aberglauben, Mystik jeder Art, Denkhemmung, Autoritätsfurcht, 
blinder Gehorsam, Opferbercitschaft für Ausbeuter, Unfähigkeit zur Kriegsdienst- 
verweigerung etc. etc. äussert, ist die mächtigste Waffe der Besitzer der Produk- 
tionsmittel.« (Vgl. »Boheims Methode der ethnologischen Forschung« von Wilh. 
Beich im vorl. Heft). 

Erst diese Einsicht, die der Arbeit Freis fehlt, trifft den Wunderglauben an 
seiner Wurzel und schützt davor, ein Symptom mit einem anderen bekämpfen 
zu wollen. 

PL 

Joachim von Kürenberg: 14 Jahre - 14 Köpfe 
Universitas Deutsche Verlag-Aktiengesellschaft, Berlin 1933 

»Das Buch will objektiv und gerecht sein« — sagt der Verfasser in seinem 
Vorwort. Objektiv und gerecht beurteilt, bleibt nur die Feststellung eines wilden 
Sammelsuriums ungeordneten Materials, von Klatschgeschichten, Verleumdungen, 
Schimpfkanonaden, ohne die geringste Kenntnis innerer Zusammenhänge, ja auch 
nur der äusseren Vorgänge, falls man es nicht vorzieht, etwa die Darstellung der 
Ermordung Karl Liebknechts einfach als bewusste Lüge zu bezeichnen. Aber das 
ist bei den Leuten, die es so unentwegt mit den 14 Jahren haben, ja nicht un- 
gewöhnlich. 

Pi. 



Zeitungen — Zeitschriften 

.Westland- 
Unabhängige Deutsche Wochenzeitung, Saarbrücken 

»Westland«, eine Saarzeitung die sich den Kampf gegen die Bückgliederung 
der Saar an Hitlerdeutschland und für die Einheitsfront der Katholiken, Sozial- 
demokraten und Kommunisten zur Aufgabe gestellt hat. Diese Zeitung verdient die 
allerweitcste Verbreitung, nicht nur an der Saar, sondern auch an all den Plätzen, 

298 



Besprechungen 






wo deutsch gesprochen und verstanden wird. Sic ist journalistisch ausgezeichnet 
aufgemacht, mit viel Wissen und Geist geschrieben, sehr genau ober alle Fragen 
der Saar, wirtschaftlich und politisch, informiert. 

Westland bringt eine neue und bedeutungsvolle Note in den Ton der bishe- 
rigen antifaschistischen Blätter. Seine Redakteure und Mitarbeiter machen sieh 
die Mühe zu untersuchen, was der kommunistische Kumpel, das katholische Ge- 
werkschaftsmitglied, der oppositionelle S. A.-Mann, der S. P. D. -Arbeiter oder der 
heute noch Hitlertreue denkt und fühlt, wie er lebt, wie er auf die Ereignisse in 
riitlerdeutschland oder der »grossen Politik« reagiert, welche Stellung er zu der 
Präge der Rückgliederung einnimmt. Hier wird konkret an einzelnen Fällen gezeigt 
und bewiesen, wie die Herren Röchling, Brückner, Pirro und Konsorten Schindluder 
mit den Werktätigen der Saar treiben, wie das »Hitlerparadies« in Wirklichkeit 
aussiebt, und wie sich die wirtschaftliche und kulturelle Lage der Saarbevölkerung 
bei Aufrechterhaltung des »Status quo« oder bei der Rückgliederung an das Dritte 
Reich gestalten wird. 

Warum können nicht auch kommunistische Zeitungen mehr Raum dieser so 
wichtigen Frage: wie erleben, wie denken, wie fühlen, wie beantworten die Mit- 
glieder der verschiedenen wirtschaftlichen und politischen Gruppierungen die Er- 
eignisse der »grossen Politik«, kurzum der Frage: »was geht in den Massen vor?«, 
geben? Gerarie das Fehlen einer klaren Analyse dieser Frage hat dazu geführt, dass 
es in Deutschland bei der Führung der Arbeiterklasse zu einer schiefen Beurteilung 
der subjektiven Holle der Faschisten kam, dass man sich mit Begriffen wie Massen- 
psychose, Vcrnebelung dvr Gehirne usw. begnügen musste, statt feststellen zu kön- 
nen, die und die Parolen des Faschismus haben aus den und den Gründen die 
und die Wirkung auf die Massen. Erst im Besitz dieser Kenntnisse kann man er- 
folgreich daran gehen, die Massen von der faschistischen Ideologie zu befreien, und 
sie zum Kampf für den Sozialismus zu mobilisieren. 

. Wenn sich die Saarbevölkerung für den »Status quo« entscheidet, so hat die 
Arbeit von »Westland« sicher keinen geringen Anteil daran, dass die Saar nicht 
den Weg in die Hitlerbarbarei einschlagen will. 

Allen, die die Lösung der Frage »Was geht in den Massen vor?« für entschei- 
dend für die Weiterentwicklung der Arbeiterbewegung halten, empfehlen wir: Lest 
Westland! Denn hier wird an der Beantwortung dieser Frage gearbeitet. 

P. S. 
Eingegangene Schriffen 

Max Klinger, Volk in Ketten, Georg Decker, Revolte und Bevolution, Justinian. 
Reichstagsbrand, Konzentrationslager (Ein Appell an an das Gewissen der Welt), 
Julius Deutsch, Putsch oder Bevolution, Grenzen der (iewalt, Historikus, Der 
Faschismus als Massenbewegung, Landgerichtsdirektor, Der Faschismus und die 
Intellektieuuen, sämtlich Verlagsanstalt Graphia, Karlsbad CSR. 

Werner Sombart, Deutscher Sozialismus, Die Zukunft des Kapitalismus, beide 
Verlag Buchholz und Weisswange, Berlin. 

Mannheim. Die Träger der öffentlichen Meinung, Verlag Rudolf B. Mohrer, Praha. 

11. Egycdi, Die Irrtümer der Psychoanalyse, Verlag F>nnst Reinhardt, München. 

Kelsen, Staatsform und Weltanschauung, .J. C. B. Mohr, Tübingen. 

[gnazio Silone, Die Reise nach Paris, Ve.lag Oprecht und Helhling, Zürich. 

Rudolf Schlichter, Das widerspenstige Fleisch, Tönerne Füsse, E. Rowohlt, Berlin. 

Otto Bernhard Wendler, Himmelblauer Traum eines Mannes, Kasimir Edschmid, 
Westdeutsche Fahrten, beide Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 

Theodor Koch-Grünberg, Am Roroima. Bei meinen Freunden, den Indianern 
vom Rosigen Fels, F. A. Brockhaus, Leipzig. 

Andre Malraux, So lebt der Mensch, Europa-Verlag, Zürich. 

Redaktionelle Bemerkungen 

Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse 

Vielfache Nachfragen haben uns veranlasst, die grundsätzliche Arbeit Wilhelm 
Reich's, »Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse« neu aufzulegen. Die 
Broschüre erscheint in den nächsten Wochen. Sie enthält ausser einer neuen 
Einführung und 63 längeren Fussnoten die in der ersten Nummer der Z. f. p. P. u. S. 
erschienene Arbeit »Zur Anwendung der Psychoanalyse in der Geschichtsforschung«. 
Damit liegen die entscheidenden methodologischen Publikationen über dieses 
Thema in handlicher und übersichtlicher Form vor. 

299 



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straat 50 

JUGOSLAWIEN: 

Librairie — Edition Breyer, Zagreb II, Masarykova 5 

Deutsche emigranten und fortschrittliche jugoslawische Literatur 

PALÄSTINA : 

Literaria, Buch- und Zeitungszentrale, Tel-Aviv, P. O. B. 976 

POLEN: 

B. Neuländer, Import — Export, Katowice, ul. Szopena 18 

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Libraria Populär«, Volksbuchhandlung, Cernauti, str. J. Flondor 24. 

SCHWEIZ: 

Schweizer Vereinssortiment, Ölten 

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Firma Bibliofil, Amsterdam, N. Spiegelstraat 70 
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N. V. Litteraire Boekwinkel Verbraek und Colmjon, Den Haag, Körte Voorhout, 
P. B. 73 

Deutsche Grossbuchhandlung Meulenhoff und Co., Amsterdam 
Firma Ge Nabrinks Boekhandel en Antiquariaat, 's-Gravenhage, Wagenstraat 

146 a 
Scheltema u. Holkema's Boekhandel en Uitgevers Mij. N. V. Amsterdam-C,, 
Rokin 74—76 
Firma Scholtens en Zoon, Groningen 

JAPAN: 

Firma Schowa, Shoten Inc., Tokyo, 5 Gochome, I longo 

LETTLAND: 

Firma Hazenfuss, Riga, Baznicas- iela 5, 'dz. 24 

LUXEMBURG: 

Librairie E. Marx, Luxemburg (Stadt) 

NORWEGEN: 

Cammermeyer Boghandel, Oslo 

i 
POLEN: 

Firma Ksiegarnia, Naukowa, Warschau, Marzalkowska 132 

SAARGEBIET: 

Buchhandlung der Volksstimme, Saarbrücken, Bahnhofstrasse 32 

SCHWEDEN : 

Firma C. E. Fritze, Stockholm, Fredsgatan 2 
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SÜDAFRIKA: 

Vanguard Bookseilers (Pty.) Ltd., Johannesburg, S. A., 51 a, von Brandisstreet 

UNGARN: 

Volksstimme Buchhandlung, Budapest 7, Erzsebetkörut 35 

VEREINIGTE STAATEN : 

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KARTONIERT: 3.- DAN. KR. 



MARTIN ANDERSEN NEX0 schreibt über dieses Buch: 

» Eine starke Stimme — vielleicht die stärkeste bis heute — aus der Tiefe, 

wo die Seele kämpft Es ist ein Schrei. Ein Angstschrei aus der Tiefe um 

Hilfe, um Rettung. Ein Notruf aus einer Welt, in der die Seele versunken ist 
und das Tier obenauf schwimmt.« 






Trobris Verlag» Kopenhagen, Postbox 827. 

INTERNATIONALES 
ÄRZTLICHES BULLETIN 

BULLETIN MEDICAL INTERNATIONAL / INTERNATIONAL MEDICAL BULLETIN 
MEZINARODNI LEKARSKY BULLETIN 

Das in Prag monatlich erscheinende Zentralorgan der Internationalen Ver- 
einigung Sozialistischer Ärzte brachte u. a. folgende Beiträge: 

Der Appell von Prof. Sauerbruch und unsere Antwort; Liste von gemassregelten 
Professoren der Medizin: Dr. Neverklufova : Zum Bonhöffer-Gutachten im Fall 
Lubbe; Dr. Viktor Haas: Arbeiterschutz und Arbeiterversicherung im Bergbau; 
Dr. Arnold Holitscher: Wien; Dr. Th. Gruschka: Die Medizin der Primitiven; 
Die Vivisektion des Proletariats; Dr. Emil Franzel: Die geistigen Arbeiter und 
der Kampf gegen den Faschismus; Dr. Gertrud Lukas: Kritische Gedanken zur 
Sterilisierungsfrage; Dr. Bela Totis: Rassenreine Sterne; An die geistigen Arbeiter 
aller Länder!; Dr. Silva: Soziale Lage und Ärzteschaft im neuen Deutschland; 
Dr. Karl Evang: Sozialismus und Rassenhygiene; Prof. Bronner: Die Erfolge der 
Sowjetunion bei der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. 



Redaktion und Verwaltung: 
Praha XII Caslavska 15 



Abonnementspreis: Kc. 30. — jährlich 
dan. Kr. 7. - 



Verlegen Verlag für Sexualpolitik Kopenhagen, Postbox 827 

Verantwortl. f« d. Redaktion i Dr. phll. Martin Ellehauge, Kopenhagen 
Gedruckt bei Universal Trykkeriet - Kopenhagen - Rigensgade 21. 



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Dr. Arnold Holitscher: Wien; Dr. Th. Gruschka: Die Medizin der Primitiven; 
Die Vivisektion des Proletariats; Dr. Emil Franzel: Die geistigen Arbeiter und 
der Kampf gegen den Faschismus; Dr. Gertrud Lukas: Kritische Gedanken zur 
Sterilisierungsfrage; Dr. Bela Totis : Rassenreine Sterne; An die geistigen Arbeiter 
aller Länder!; Dr. Silva: Soziale Lage und Ärzteschaft im neuen Deutschland; 
Dr. Karl Evang: Sozialismus und Rassenhygiene; Prof. Bronner: Die Erfolge der 
Sowjetunion bei der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. 



Redaktion und Verwaltung: 
Praha XII Caslavska 15 



Abonnementspreis: Kc. 30. — jährlich 
dän. Kr. 7. - 



Verlegen Verlag für Sexaalpolitik Kopenhagen, Poatbox 827 
Verantwortl. f. d. Redaktion « Dr. phil. Martin Ellehause, Kopenhagen 
Gedruckt bei Universal Trykkerlet - Kopenhagen - Rlgensgade 21. 



BAND: 1 



HEFT: 3/4 



1934 



ZEITSCHRIFT FÜR 
POLITISCHE PSYCHOLOGIE 
UND SEXUALÖKONOMIE 

HERAUSGEBER: ERNST PARELL 



INHALT! 

Rohelms .Psychoanalyse primitiver Kulturen" - 
Ein Kinderschicksal 



Die vegetative Urform des Libido-Angst-Gegensatzes- 
Was Ist Klassenbewussisein? 



Zur Kritik der kommunistischen Politik 
Zur Geschichte der Sex-Pol-Bewegung- 
Sex-Pol-Praxis 



Arbeiterbewegung-Massenpsychologie - 

Erlebnisse und Beobachtungen — — 

Politik und Wissenschaft 



Marxismus-Ideologie-Psychologie- 
Anfragen 1 



Einige Gedanke über freundschaftliche Kritik- 
Besprechungen - 



Redaktionelle Bemerkungen^ 



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