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Full text of "Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie Band III Heft 1/2 (8/9)"

■ ' > J 
BAND: 3 HEFT: 12 (8/9) 1936 



KITSCHRIFT FÜR 
POLITISCHE PSYCHOLOGIE 
UND SEXUALÖKONOMIE 

ORGAN DER SEXPOL 
HERAUSGEBER: ERNST PARELL 



i 



I N H A LT: 

Der kulturpolitische Standpunkt der Sexpol 

Ein Briefwechsel über dialektischen Materialismus 

Die Sexpol als Organisation der dial.-mat. Psychologie 22 

Fortpflanzung eine Funktion der Sexualität 

Unklarheit in Sexualpolitik und Sexualhygiene in England 31 

Au secours de la famille 3Ä 

Aus der internationalen Sexpol-Diskussion 43 

Sex-Appeal und kapitalistische Gesellschaftsordnung 49 

Gespräch mit einer vernünftigen Mutter 52 

über kindliches Kriegsspiel 62 

Sexpolbewegung — — 

Kleine Sexpol-Nachrichten — 

Sexpol-Korrespondenz 

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ZEITSCHRIFT FÜR 
POLITISCHE PSYCHOLOGIE 
UND SEXUALÖKONOMIE 

BAND: III 
Doppel-Heft: 1-2 (8-9) 
19 3 6 



Der kulturpolitische Standpunkt der Sexpol 

Die politische Reaktion überschreit sich in den verschiedenen 
Lagern mit der einhelligen Behauptung, dass die Kultur die Blüte der 
Gesellschaft sei und behütet werden müsse. Doch was sie mystisch 
und laut vertritt, verneint sie praktisch. Die soziale Revolution da- 
gegen will praktisch lebensbejahend sein und alle wirtschaftlichen 
Voraussetzungen dafür schaffen. 

Im Kapitalismus stehen die Bedürfnisse der Menschen im Dienste 
der chaotischen Wirtschaft des kapitalistischen Interesses. Der inter- 
nationale revolutionäre Sozialismus erstrebt die Umkehrung des Ver- 
hältnisses: Die Wirtschaft soll planmässig in den Dienst der mensch- 
lichen Bedürfnisbefriedigung gestellt werden. 

Im Kapitalismus lebt die Mehrheit der Erdbevölkerung in realer 
Not und in illusionärer Befriedigung. Der Sozialismus erstrebt eine 
Wirtschaft, die an die Stelle der illusionären Befriedigung und der 
realen Not die allgemeine Befriedigung des lebendigen Lebens setzt. 
Sicherung des Lebens glucks auf Erden ist seine Parole. 

Im Kapitalismus sind die. Massen Spielball ungelcnkter Wirt- 
schaflsprozesse und intriganter Diplomaten, die sich dieser Wirt- 
schaft bedienen und Kriege in Gang setzen, wenn sie mit ihrer Diplo- 
matenkunsl zu Ende sind. Doch weshalb setzt sich die Idee der Plan- 
wirtschaft und des rationellen Lebens in der Masse der Erdbevölke- 
rung so schwer oder garnicht durch? Weshalb errang die politische 
Reaktion nach dieser langjährigen Weltwirtschaftkrise einen so un- 
geheuren Vorsprung? 

Die breite Masse versteht nichts von dem, was vorgeht und in- 
teressiert sich nicht dafür. Sie kennt nur ihre leibliche und seelische 
Not, doch nicht deren objektiven Grund. 

Es zeigt sich, dass die materielle und kulturelle Unterdrückung 
des Lebens innerhalb der Massen der Unterdrückten selbst, sei es in 

INTERNATIONAL 1 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Der kulturpolitische Standpunkt der Sexpol 

Form von Passivität, sei es in Form von politischen Einstellungen, 
die ihren realen Interessen widersprechen, Verankerung gefunden hat. 
Es zeigt sich, dass die menschliche Struktur jeder Autorität hörig ist 
und das Leben, das sie verwirklichen will, fürchtet. Und die revolu- 
tionäre Bewegung hat bisher der Masse nicht klar gemacht, was Frei- 
heit konkret bedeutet. Zu dieser katastrophalen Lebensverneinung 
innerhalb der breiten Masse der Erdbevölkerung trägt eine Unklar- 
heit über die Beziehung von Natur und Kultur, Trieb und Moral, 
Sexualität und Arbeil wohl das allermeiste bei. Die Angst vor dem 
»sittlichen Chaos« im Falle einer sozialen Umwälzung der bestehenden 
Verhältnisse beherrscht nicht nur die politische Reaktion in ihrer 
Führung, sondern auch breite Teile der sozialistischen Führerschaft 
nicht minder als die von lebensverneinender Moral verscuenten 
Massen. 

Unsere Absicht kann im Augenblicke nichts anderes sein, als zu 
einer Erklärung eines unlösbar erscheinenden, aber in Wirklichkeit 
lösbaren Widerspruches unseren Beitrag zu liefern. 

Der Gegensatz von Trieb und Kultur, Sexualleben und Arbeit be- 
steht heute zurecht. Denn die moralische und autoritäre Unter- 
drückung des Lebens hat die Menschen mit asozialen gefährlichen 
Instinkten ausgestattet. Der Hunger erzeugte den Diebstahl, die mo- 
ralische Askese erzeugte die sexuelle Vergewaltigung. Es bestehen 
also Gründe für die Angst vor Chaos zurecht. Doch man vergass da- 
bei, dass die Verrottung und Zermürbung der natürlichen mensch- 
lichen Sexualität einmal entstand und das Chaos längst erzeugt hat. 
Man hält das, was die heutigen Menschen in Familienleben und Krieg, 
in Banditentum und Verbrechertum zur Schau stellen, für ihre na- 
türlichen, ererbten »Anlagen« und schliesst daraus, dass die Not- 
wendigkeit der moralischen Regulierung und Bremsung im Interesse 
des gesellschaftlichen Zusammenhalts naturgegeben sei; dass die 
menschliche Kultur kaputt ginge, wenn man die moralische autoritäre 
Ordnung beseitigen würde. 

Man übersah, obgleich das Leben es auf Schritt und Tritt demon- 
striert, dass der Kern des Kulturprozesses der Sexualitälsprozess des 
Menschen ist, wie die Basis beider die wirtschaftliche Produktion. 
Eine revolutionäre Kulturbetrachtung kann die heulige Kultur nicht 
bejahen. Sie kann auch weder die autoritäre Zwangsmoral noch die 
Triebunlerdrückung bejahen. Sie muss den Widerspruch zwischen 
Natur und Kultur, Trieb und Moral lösen und die Einheit beider Teile 
zustande bringen. Voraussetzung dazu ist, dass sie unterscheiden 
lernt, was natürlicher Lebensanspruch und was gesellschaftlich feind- 
licher, durch die Moral zustande gekommener asozialer Trieb ist. Die 
Kulturfragc kann nicht gelöst werden, wenn man nicht ihren Kern, 
die sexuelle Lebensweise der Menschen rationell und lustbejahend 
erfasst. 

Die Kulturbewegung des Sozialismus scheiterte bisher daran, dass 

2 



^ 



Der kulturpolitische Standpunkt der Sexpol 

sie ebenso wie der Konservativismus an die absolute Gegensätzlichkeit 
von Kulturbildung und Sexualität glaubte und es nicht wagte, an das 
Ungeheuer des drohenden sittlichen Chaos konkret heranzugehen. 
Eine sozialistische Kultur kann sich niemals gegen das lebendige 
Leben wenden, sie kann nur die prächtigste Blüte des jeweiligen 
Lebens sein. Zur Verdeutlichung: 

Wa$ ist sexuelles Chaos? 

Sich im Ehebett auf das Gesetz der »ehelichen Pflicht« zu berufen. 

Eine lebenslängliche sexuelle Bindung einzugehen, ohne vorher 
den Partner sexuell kennengelernt zu haben. 

Ein Prolctariermädchen zu »beschlafen«, weil sie »zu so etwas 
schlecht genug ist«, und gleichzeitig einem »anständigen Mädchen 
derartiges« nicht zumuten. 

Geil von einem schmutzigen Hurenleben oder infolge Abstinenz die 
»Hochzeitsnacht« zu erwarten. 

In der Entjungferung den Höhepunkt männlicher Potenz zu er- 
blicken. 

Mit 14 Jahren gierig jedes halbnackte Menschenbild im Geiste ab- 
zutasten, um dann mit 20 Jahren als Nationalist oder Oxfordianer 
für die »Reinheit und Ehre der Frau« einzutreten. 

Einem Julius Streicher zu ermöglichen, seine perversen Phanta- 
sien zehntausenden Jugendlichen einzubläuen. 

Kinder für Selbstbefriedigung zu bestrafen und Jugendliche glau- 
ben zu machen, dass sie durch den Samenerguss Rückenmark ver- 
lieren. 

Die pornographische Industrie zu dulden. 

Durch erotische Filme die Jugendlichen sexuell zu erregen, um 
Geschäfte zu machen, aber ihnen die natürliche Liebe und Befriedigung 
noch dazu mit Berufung auf die Kultur zu versagen. 

Was ist nicht .sexuelles Chaos? 

Aus gegenseitiger Liebe die körperliche Hingabe ohne Bücksicht 
auf die herrschenden Gesetze und Moralvorschriftcn zu wollen und 
danach zu handeln. 

Kinder und Jugendliche von den sexuellen Schuldgefühlen zu 
befreien und sie ihrem Alter entsprechend leben zu lassen. 

Nicht zu heiraten oder sich dauernd zu binden, ehe man den Part- 
ner körperlich genau kennenlernte. 

Kinder nur dann in die Welt setzen, wenn man sie wünscht und- 
auf ziehen kann. 

Keinen Anspruch auf Liebe oder Hingabe zu erheben. 

Nicht aus Eifersucht den Partner zu morden. 

Nicht mit Prostituierten zu verkehren, sondern mit Freunden des 
eigenen I.ebenskrcises. 



Der kulturpolitische Standpunkt der Sexpol 

Nicht in Hausloren wie die Jugendlichen unserer Kultur, sondern 
in hygienischen ungestörten Räumen den Beischlaf ausüben zu wollen. 

Eine unglückliche zermürbende Ehe nicht aus moralischer Rück- 
sicht zu halten, u. s. f. 

Das Kulturgeschwätz wird nicht aufhören und die revolutionäre 
Kulturbewegung wird nicht siegen, wenn diese Fragen nicht gelöst 
sein werden. 

Das Ziel der sexualpolitischen, kulturrevolutionären Arbeit kri- 
stallisiert sich an Hand der Ereignisse ohne Klügelei heraus: 

Die Menschen haben die ursprüngliche natürliche Lebensfunktion 
mit allem Lebendigen gemeinsam. Man pflegt es Triebleben oder 
Gefühlsleben zu nennen. Dieses vegetative Leben strebt nach Ent- 
fallung, Betätigung, Lust, vermeidet Unlust und erlebt sich selbst in 
Gestalt strömender, drängender Empfindungen. Sie sind die Kern- 
elemente jeder vorwärtstreibenden, also revolutionären Weltan- 
schauung. Auch dem sogenannten »religiösen Erleben« und dem 
»ozeanischen Gefühl« liegen vegetative Lebenserscheinungen zugrunde. 
Es glückte vor kurzem, in einigen dieser vegetativen Erregungen elek- 
trische Ladungsvorgänge der Gewebe zu erkennen. Begreiflich, denn 
der Mensch ist nur ein Stück der Natur, die elektrisch betrieben ist. 

Dem religiösen Gefühl des Einsseins mit dem Weltall entspricht 
somit eine Naturtatsache. Doch die Mystifizierung des organischen 
Wellengangs vollbrachte an Stelle der Entfaltung seine völlige Lahm- 
legung. Christus führte die gläubigen Armen gegen die Reichen. Das 
Urchristentum war im Grunde eine kommunistische Bewegung, deren 
vorwärtsstrebende lebensbejahende Kraft durch die gleichzeitige 
Sexualverneinung ins Gegenteil, ins Asketische und überirdische ver- 
kehrt wurde. Zur Staatskirche geworden, verleugnete das internatio- 
nale, die Erlösung des Menschen anstrebende Christentum seinen 
eigenen Ursprung. Ihre Kraft verdankt die Kirche den mächtigen, 
lebensvcrncincndcn Veränderungen der menschlichen Struktur durch 
die metaphysische Fassung des Lebens: Sie lebt durch das Leben, das 

sie tötet. 

In der marxistischen Wirtschaftstheorie brach sich die Erkenntnis 
der wirtschaftlichen Voraussetzungen des vorwärtsstrebenden Lebens 
Bahn. Die Sowjetunion bewies ihre Richtigkeil. Doch ihre Einschrän- 
kung durch grob ökonomistische und mechanistische Anschauungen 
■verursachte eine bedrohliche Veränderung zur Lebensverneinung mit 
all ihren wohlbekannten Anzeichen. Der Ökonomismus unterlag in 
diesen Jahren schwerster politischer Kämpfe, weil er die Formung 
des vegetativen Lebenswillens als »Psychologie« verdammte und sie 
den Mystikern überliess. 

Im Neuheidentum des deutschen Nationalsozialismus brach sich 
das vegetative Leben abermals Bahn. Der vegetative Wellengang 
wurde von der faschistischen Ideologie besser erfasst als von der 

4 






Der kulturpolitische Standpunkt der Sexpol 

Kirche und ins Irdische herabgeholt. Die nationalsozialistische Mystik 
der »Blutwallung« und der »Verbundenheit mit Blut und Boden« be- 
deutet somit gegenüber der altchristlichen Anschauung von der Erb- 
sünde einen Fortschritt; er erstickt jedoch in neuerlicher My- 
stifizierung und in reaktionärer Wirtschaftspolitik. Die Lebensbeja- 
hung biegt neuerdings in Lebensverneinung um, wird zur Bremsung 
der Lebensentfaltung in der Ideologie der Askese, des Untertanentums, 
der Pflicht und der Volksgemeinschaft mit den Kapitalisten. Trotz- 
dem kann man nicht die Sündcnlehre gegen die Lehre von der »Blul- 
wallung« verteidigen; man mnss die »Blutwallung« vorwärtslreiben, 
sie zurechtbiegen. 

Aus diesem Verhältnis von Allchristenlum und Neuheidentum ge- 
hen viele Missverständnisse hervor. Die einen reklamieren das Neu- 
heidenlum als die Beligion des Proletariats; sie spüren die fort- 
schrittliche Tendenz, sie sehen nicht ihre mystische Umbiegung. Die 
andern wollen die Kirche gegen die faschistische Ideologie in Schutz 
nehmen und meinen dabei, revolutionär zu handeln. Mag sein, dass 
dies aktuell politisch richtig ist, doch auf die Dauer führt es irre. 
Unter den Sozialisten gibt es viele, die das »religiöse Empfinden« nicht 
völlig missen möchten; sie haben recht, sofern sie die vegetative Ent- 
faltungstendenz meinen; sie haben unrecht, sofern sie die reale Ab- 
biegung und Bremsung des Lebens nicht sehen. Niemand wagt noch, 
an den sexuellen Kern der Lebensentfaltung zu greifen und jeder 
nützt seine eigene Sexualangst unbewusst aus, um das Leben zwar in 
Gestalt des religiösen oder revolutionären Erlebens zu bejahen, es je- 
doch im nächsten Atemzuge praktisch durch Sexualverneinung in 
Lebensverneinung zu verkehren. Derart ergänzen einander religiöse 
Sozialisten und ökonomistische Marxisten. 

Das umseitige Schema veranschaulicht das Gesagte: 



DIALEKTISCHER MATERIALISMUS 
UND PSYCHOANALYSE 

VON WILHELM REICH 

Aus dem Inhalt: Die Psychoanalyse als materialistische 
Psychologie. Die Dialektik im Seelischen. Die soziologische 
Stellung der Psychoanalyse. Zur Anwendung der Psychoanalyse 
in der Geschichtsforschung. 

UMFANG 60 SEITEN PREIS: DAN. KR. 2.70 

5 



Der kulturpolitische Standpunkt der Sexpol 







Na'.-soz. Mystik 
Sex. Verneinung 



&* 



Staatskirche 
Sex. Verneinung 



m 



Klassengesellschaft 
Sex. Verneinung 



■ 



Sex. Bejahung als Kern der lebens- 
bejahenden Kulturpolitik aul der 
Grundlage der soz. Planwirtschalt 



Neuheidentum 



urchristliche Bewegung 



Patriarch. Grossfamilie 




Urreligion (Religion = Orgast. Ekstase) 
Sexualbejahung 



Veget. Leben 



Schema der kulturpolitischen Entwicklung 



Die sexualökonomische Forschung hat aus ihrer naturwissen- 
schaftlichen Grundlage und den sozialen Vorgängen den korrekten 
Schluss gezogen: Der Lebensbejahung muss in ihrer subjektiven Form 
als Bejahung der Sexuallust und in ihrer objektiv gesellschaftlichen 
Form als sozialistischer Planwirtschaft zur subjektiven Bewusstheit 
und zur objektiven Entfaltung verholfen werden. Die Lebens- 



U 



- 



^ 



Der kulturpolitische Standpunkt der Sexpol 



bejahung muss organisiert erkämpft werden. Die Lustangst der Men- 
schen ist dessen mächtigster struktureller Gegner. 

Die durch die gesellschaftliche Störung des natürlichen Lust- 
ablaufs entstandene organische Lustangst bietet in Gestalt von Be- 
scheidenheit, Moralität, Führerhörigkeit etc. den Kern der Schwierig- 
keiten aller Art dar, denen die massenpsychologische und sexualpoli- 
tische Praxis im Alltag begegnet. Man schämt sich zwar, impotent 
oder zur Spendung von Lebensglück unfähig zu sein, wie man sich 
schämt, politisch reaktionär zu sein. Die sexuelle Potenz ist das hohe 
Ideal geblieben, Revolutionärsein ebenso; jeder Reaktionär tritt heute 
als Revolutionär auf. Doch man hört nicht gern, dass einem das 
Lebensglück zerbrochen wurde und man eine vertane Zukunft hin- 
ter sich hat. Deshalb wehrt sich das Alter immer mehr gegen die 
konkrete Lebensbejahung als die Jugend. Deshalb wird die alternde 
Jugend konservativ. Man möchte nicht erkennen, dass man es sich 
besser hätte einrichten können, dass man nun verneint, was man ein- 
mal bejahte; dass zur Verwirklichung der eigenen Lebenswünsche 
eine Umstellung des gesamten Lebensprozesses erforderlich ist, 
die viele liebgewordene Ersatzbefriedigungen und Illusionen zerstört. 
Man flucht nicht gern den Exekutoren der autoritären Staatsgewalt 
und der asketischen Ideologie, weil sie »Vater« und »Mutter« heissen; 
man resigniert zwar, aber man verzichtet nie. 

Doch die Entfaltung des Lebens ist nicht aufzuhalten. Nicht ohne 
Grund fasste man den gesellschaftlichen Prozess als Naturprozess 
auf. Die »historische Notwendigkeit«- des Sozialismus ist nichts 
anderes als die aktuelle biologische Notwendigkeit der Lebens- 
entfaltung. Die Umbiegung ins Asketische, Autoritäre, Lebensver- 
neinende kann vielleicht wieder einmal gelingen; doch am Ende steht 
der Sieg der Naturkräfte im Menschen: die Einheit von Natur 
und Kultur. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass das Leben gegen 
die Fesseln der ihm auferlegten Lebensweise in hellste Rebellion ge- 
riet. Der Kampf ums »neue Leben« setzte erst jetzt richtig ein, zu- 
nächst noch in Form schwerster materieller und seelischer Zerrüttung 
des individuellen und gesellschaftlichen Lebens. Doch wer das Leben 
zu begreifen fähig ist, verzagt nicht. Wer satt ist, stiehlt nicht. Wer 
sexuell glücklich ist, braucht keinen »moralischen Halt« und hat sein 
naturwahrstes »religiöses Erleben«. Das Leben ist so einfach wie 
diese Tatsachen. Es wird nur kompliziert durch die lebensängstlich 
gewordene menschliche Struktur. 

Die allgemeine theoretische und praktische Durchsetzung der Ein- 
fachheit der Lebensfunktion und der Sicherung ihrer Produktivität 
heisst Kulturrevolution. Ihre Grundlage kann nur die sozialistische 
Planwirtschaft sein. 



Ein Briefwechsel über dialektischen Materialismus 1 * 

Lieber Wilhelm ! 

Da Du von uns wissen willst, was wir von Deinem Buch über die 
Germanen halten, gebe ich im Folgenden eine unverhohlene Kritik. 
»Die gesellschaftlichen Einrichtungen, unter denen die Menschen einer 
bestimmten Geschichtsepoche und eines bestimmten Landes leben, 
werden bedingt durch beide Arten der Produktion : durch die Ent- 
wicklungsstufe einerseits der Arbeit, andererseits der Familie.« 
(Urspr. d. Familie, Vorwort zur 1. Aufl.) Diese Zwiespältigkeit der 
Produktionsverhältnisse wird allzuoft vernachlässigt. Die biologische 
und später soziologische Entstehung und Entwicklung dieser zwei 
Seiten aus der ursprünglichen Einheit von Arbeit und Geschlechtlich- 
keit, das Wachstum des Widerspruchs zwischen beiden Seiten bis zu 
seiner fast völligen Entäusserlichung (Filmdiva-Arbeiterfrau) und 
infolgedessen die immer grösser werdende Notwendigkeit der Herstel- 
lung einer höheren Einheit in der gemeinsamen Arbeit der Geschlechts- 
partner — wäre zunächst darzustellen. Bereits im genannten Vorwort 
ist darauf hingewiesen, dass die Geschlechtsbande das Primäre sind. 
Sodann müsste das Verhältnis der Produktion von Kindern zur Pro- 
duktion von Lebensmitteln in der gegensätzlichen Einheit beider erör- 
tert werden. (Wie z.B. »Massenpsychologie« 133, 143 und 247 — - im 
letzteren Fall leider einseitig.) Beide Seiten des Widerspruchs im Un- 
terbau (Sex und Oek) dynamisch und statisch dargestellt, würden aus- 
reichend beweisen, dass Du vollkommen im Recht bist, wenn Du eine 
gleichwertige (92) und vernachlässigte Seite des Unterbaus erforschst 
und zur Grundlage einer erweiterten Praxis machst. Diese Stellung 
der Geschlechtsbande im Unterbau wird durch Deine Massenpsycho- 
logie nicht klar genug umrissen (32, 43, 133). An Deinen Aufsatz im 
»Unter dem Banner« erinnere ich mich nicht mehr. Ich glaube aber 
kaum, dass er diese Lücke ausfüllt, denn Du hättest, wenn Du den 
dialektischen Zusammenhang der beiden Widersprüche im Unterbau 
eindeutig erkennst, auf S. 85 nicht von einem »Rätsel« gesprochen. 
Nichtsdestoweniger ist Dein Nachweis der retardierenden Wirkung 
der Geschlechtsbande in diesem Widerspruchspaar unerhört ein- 
leuchtend. 

Also die »Geschlechtsbande« gehören zum Unterbau. Ihren Wider- 
spruch nennst Du Sexualität und Fruchtbarkeit. Wie sich nun ihre 
wiederum ursprüngliche Einheit schon im Tier spaltet, um zunächst 
nur die sexuelle Seite zu entwickeln (Malinowski) und in der patri- 
archalischen Gesellschaft in das Gegenteil, in die reproduktive Seite 
umzuschlagen, bedarf ebenfalls einer Darstellung, die selbstverständ- 
lich auf der Darstellung des oben skizzierten grundlegenderen Wider- 
spruchs fussen müsste. Nur so kann logisch und historisch die Not- 

1) Dieser Nummer der Zeitschrift ließt ein Schema über den »Dialektischen 
Materialismus« bei, der die in diesem Briefwechsel aufgeworfenen Fragen 
veranschaulichen soll. 

8 



' 



Ein Briefwechsel über dialektischen Materialismus 

wendigkeit der Synthese auch dieses Widerspruchs in einer »moder- 
nen« Ehe erklärt werden, wiederum selbstverständlich gemeinsam mit 
der Synthese des ohen erwähnten grundlegenden Widerspruchs: 

Leben 
Seine Reproduktion Seine Produktion 

(Geschlechtsbande) (Lebensmittel) 

sexuell fruchtbar gebrauchswertschaffend wertschaffend 

Synthese 

Soweit der Unterbau. 

Wie sich auf dem widerspruchsvollen Widerspruch des Unterbaus 
allmählich ein überbau entfaltet, dessen Rückwirkung auf den Unter- 
bau sogar grösser werden kann als die Einwirkung des Unterbaus 
(Raphael), ist das schwerste Problem. In sehr vielen Punkten wirft 
Deine Massen Psychologie neues, interessantes, zwingend überzeugen- 
des Licht auf einzelne wichtige Stellen Deines Zusammenhanges. Ja, 
es ist der entscheidende Reitrag zur Lösung dieses Problems. Leider 
— da Du den Zusammenhang der Reproduktion und der Produktion 
des Lebens nicht präzisierst - geben Deine Hinweise auf die Rezie- 
hungen zwischen Unterbau und überbau kein klares Rild darüber, 
welche Seite jeweils gemeint ist. Einmal gehst Du nur auf die Ein- 
wirkungen des ökonomischen Teils des Unterbaus auf den Überbau 
ein (übrigens in sehr interessanter Weise z. R. 83, 84, 93, 110), das 
andere Mal nur auf die Einwirkungen der sex. Seite. Es kann aber 
nichts im Überbau geben, das nicht sexuell und ökonomisch begründet 
ist. Nur so lässt sich zw. a. der Widerspruch in der Psyche der Werk- 
tätigen (37) erklären. 

Vor allem werden — dem Zweck des Ruches entsprechend — die 
Wirkungen der Geschlechtsbande auf den Unterbau auf eine in ihrer 
Redeutung gar nicht überschätzbare Weise enthüllt. (Kirche, Familie, 
Moral, Politik) Leider wird wie gesagt nur bei der Politik die Zwic- 
schlächtigkeit der unterbaulichen Grundlage zum Ausdruck gebracht. 
Die ökonomischen Voraussetzungen von Religion und Kirche (aus der 
Ohnmacht gegenüber der Natur und später gegenüber der Gesell- 
schaft) werden fast ganz, die der Familie auch zu sehr vernachlässigt. 
Aus dieser Einseitigkeit, die auch Marx und Engels für ihre Arbeit 
zugegeben haben, ist Dir genau so wenig, wie irgendeinem anderen 
Pionier ein Vorwurf zu machen. Übrigens denke ich an den Rrief von 
Engels an Bloch (21. X. 1890) in dem E. u. a. schreibt und selber 
unterstreicht: »Die Produktion und Reproduktion des wirklichen 
Lebens « Soweit die theoretische Seite. Es sind »private« Re- 
trachtungen, die nun ihrerseits gewiss in Vielem einseitig sind. Ganz 
anders aber steht es mit den praktischen Folgerungen. Auch meine 
Freunde, soweit sie unvoreingenommen, also geschult sind, geben zu, 
dass Deine Massenpsychologie die Grundlage für die Auffüllung wich- 
tiger Lücken des dialektischen Materialismus, ja, dass Dein »Auf-die- 

9 



Ein Briefwechsel über dialektischen Materialismus 

Beine-Stellen« der kopfstehenden Psychoanalyse theoretisch die wich- 
tigste uns bekannte Leistung auf dem Gebiet des Diamat seit Uljanow 
ist. Doch sie glauben alle — von der Erfahrung ausgehend und in der 
Praxis lebend - dass für die Praxis durch Deine Massen psychologie 
vor der gewaltsamen Synthese wenig zu gewinnen ist. Ihre Ansicht 
ist auch meine Ansicht. 

Wir geben zu, dass in der individuellen Arbeit, vor allem im klein- 
bürgerlichen Bekanntenkreise, viel mit psychoanalytischen Kenntnis- 
sen anzufangen ist. Selbst wenig Wissen auf diesem Gebiete (und wir 
haben alle nur wenig Wissen) führt bei langer Arbeil zu schlagenden 
Wirkungen. Bei dieser Arbeit kann aber nur ein Mann ein bis zwei 
andere erfassen. Wie klein ist aber die Zahl der Materialisten, die der 
Psychoanalytiker. Und das genügt nicht, denn man müsste Deine 
Arbeiten kennen, wenn auch nur in ihren Grundzügen. Wie gross kann 
sie allerbestcnfalls vorher werden? 

Wie Du selber sagst, gibt es hier nur einen wirksamen Weg: den 
der Massenarbeit. Also bei der Jugend, in den Verbänden und im Be- 
trieb. Den letzteren wollen wir ausschalten, weil hier die ökonomische 
Arbeit alles andere überschatten muss. Bei der Jugend allerdings 
bleiben Möglichkeiten. Wie oben gesagt, besteht aber keinerlei Aussicht, 
jene materialistisch und analytisch glänzend geschulten jungen Kräfte 
aufzubauen, die hierzu in grosser Zahl nötig wären. Wir haben über 
die Möglichkeilen, solche Kräfte zu finden und heranzuziehen, zwar 
einen beschränkten, aber doch typischen Überblick (500 Mann, davon 
fast 200 Jugend). Es gibt keinen einzigen, der neben dieser prakti- 
schen Arbeit Zeit für diese doppelte Schulung hätte. (Die materiali- 
stische wird in den meisten Einheiten systematisch und gut durch- 
geführt.) Ja, wir haben nicht einmal einen einzigen Mann, der nicht 
wüsste, dass er, wenn er eine solche Schulung übernimmt, mit seinem 
geringen Wissen mehr Unheil anrichten könnte, als ein Unterlassen 
bedeuten würde. 

Also müssen wir jede Hoffnung auf eine gewaltsame Synthese auf- 
geben? Wir ziehen aus Deiner Massenpsychologie die entgegengesetzte 
Folgerung. Erstens lässt gerade Du es wahrscheinlich erscheinen, dass 
zu dieser Synthese gerade die Entfesselung gestauter sexueller Ener- 
gien erforderlich ist. (55) Zweitens besorgt doch gerade der Gegner 
auf der Ebene von Familie und Religion sehr vieles von dem, was Du 
empfiehlst. Der Widerspruch, den Du in Deiner Massenbasis auf- 
zeigst, verstärkt sich ja von Tag zu Tag. Da nun sich seine fortschritt- 
liche Seite nicht in der Prduktion des Lebens bzw. ihrer Umwälzung 
auswirken kann, zermürbt er immer elementarer die Reproduktions- 
seite des Unterbaus bzw. jene Seiten des Überbaus, die darauf basie- 
ren: in Familie und Religion. Wir stehen heule, vor allem im Süden, 
vor der wichtigen Aufgabe des Bündnisses mit den »verfolgten Sek- 
ten«. Wir können in der Propaganda erfolgreich die vielen Eingriffe 
in das Privatleben hervorheben. Wir müssen also vielfach genau das 
10 






f 



Ein Briefwechsel über dialektischen Materialismus 

Gegenteil davon tun, was Du verlangst. (Selbstverständlich haben wir 
und der Gegner auch oft umgekehrte Rollen.) 

•Umso grösser werden die pädagogischen Aufgaben, die nach der 
Synthese auf Deine Erkenntnisse aufgebaut werden müsslen. (167, 
284.) Einen je grösseren Teil der Materialisten Du für diese Erkennt- 
nisse gewinnst, umso leichter wird es sein, die Hemmungen der Mehr- 
zahl, die ja meistens sehr »komplexreiche« Menschen sind und, was 
Du scheinbar verkennst, im Interesse der Arbeit auch sein müssen, zu 
überwinden. Wir glauben, dass Deine theoretische und praktische 
Aufgabe vor allem hier liegt und nur sekundär in der Sammlung prak- 
tischer Erfahrungen hier, wie in den anderen unter so grossem Druck 
stehenden Ländern, Erfahrungen, die jeder gezwungen sein wird, zu 
sammeln, die Du gewonnen hast. Die Überspitzung Deiner Forderun- 
gen und z. T. die theoretische Ungeklärtheiten ihrer Grundlagen ist 
aber, da sie buchstäblich zur Ablehnung herausfordert, also in An- 
betracht des »Komplexreichtums« deiner wichtigen Leser unpädago- 
gisch ist, ein grosses Hindernis für Deine Arbeit. Wir warten also 
ungeduldig auf eine klarere, systematischere und in ihren praktischen 
Konsequenzen brauchbarere Auflage. 

Mit freundlichen Grüssen 
Dein 
(Aus einer illegalen revolutionären Parteiorganisation) 



Zu Sylvester 1935/36. 
Liebe Genossen ! 

Es hat mich ausserordentlich gefreut, nach so langer Zeit der 
Trennung wieder einmal in Kontakt mit Euch gekommen zu sein.. 
Nach den Erfahrungen von nunmehr 18 Jahren schwerster wissen- 
schaftlicher Arbeit kann ich ruhig sagen, dass eine so verständnisvolle 
Kritik meiner massenpsychologischen Anschauungen, die vor etwa 4 
.Jahren noch wie ein rotes Tuch auf den Stier wirkten, erfrischend war 
und ermutigte. 

Es hat sich auch diesmal bestätigt, dass ernsthafte wissenschaft- 
liche Arbeit niemals Endgültiges sagt, immer wieder und immer neu 
Lücken und Probleme offenlässt. Es wurde mir bei genauer Durch- 
sicht Eurer Erfahrungen völlig klar, dass Ihr recht habt, wenn Ihr 
sagt, dass die Beziehung der Grundelcmente des Unterbaus zueinander 
noch nicht im Detail geklärt wurden. Ich weiss nicht, ob Ihr meine 
Untersuchung über »Der Einbruch der Sexualmoral« kennt; dort 
finden sich (im IL Teil) einige Darstellungen der theoretischen Sach- 
lage, wie ich sie auf Grund der Einfügung der psychischen Tatbestände 
in den dialektischen Materialismus sehe. Ich brauche nicht erst daran 
zu erinnern, dass in unserer Wissenschaft nicht so sehr die Tat- 
sachentheoric das Entscheidende ist wie die Methodik. Das haben 

11L 



_ 



Ein Briefwechsel über dialektischen Materialismus 

unsere Lehrmeister immer wieder betont: Jede neue Entdeckung muss 
mit Notwendigkeit die Gesamtanschauung verändern. Ich glaube, auch 
diese Diskussion hat mich um ein gutes Stück weitergebracht. Doch 
ich hätte sie auf keinen Fall in die Gesamtdarstellung hincingenom- 
men, denn das Buch wäre unlcsbar geworden. Derartige Auseinander- 
setzungen sind doch mehr für den Hausgebrauch. 

Nun zum Sachlichen und zwar zunächst zum Einwand in Eurer 
Darstellung: Widerspruch des Unterhaus. Ihr begehl da, wie ich 
glaube, einen typischen Fehler, dem man immer wieder begegnet. Ihr 
setzt nämlich »Sexualität« und »Ökonomie« nebeneinander und gegen- 
einander. Wir müssen uns zunächst klar machen, dass eine derartige 
Gegenüberstellung unmöglich ist. Wenn ich von Sex spreche und von 
der Sexpolpraxis, dann sagt man mir immer wieder: »Ja, wo bleibt 
denn die Ökonomie?« Dieser typische Einwand beruht auf einer öko- 
nomischen Auffassung des Geschehens. Im gesellschaftlichen Un- 
terbau gibt es drei Grundelemente, die zueinander in bestimmter Be- 
ziehung stehen: Mensch, Natur und Produktionsmittel. Wir können 
bei allen eine doppelseitige Beziehung feststellen, eine Einheit bei 
gleichzeitiger Zweiheit. 

1. Mensch-Natur: Der Mensch ist ein Stück der Natur, wie diese 
im wesentlichen elektrisch betrieben. Der Mensch tritt jedoch der 
Natur auch als »täliges Subjekt« gegenüber, und ebenso die Natur 
dem Menschen als »Naturgewalt« und »Naturschätze«. 

2. Natur — Produktionsmittel: sind ebenfalls eine Einheit und 
eine Zweiheil gleichzeitig. Das Produktionsmittel ist nur ein Stück 
geformter Natur, totes Material. Gleichzeitig aber etwas, das die Natur 
verändert, wenn der Mensch es benützt. 

3. Mensch — Produktionsmittel: Das Werkzeug ist nach alter 
Auffassung »der verlängerte Arm des Menschen«, also mit ihm iden- 
tisch in der Funktion. Das Produktionsmittel ist aber gleichzeitig ein 
Objekt des Menschen und gleichzeitig verändert es den Menscnen 
selbst. 

* 

Soweit das Grundsätzliche: doch es ist noch weiter zu detaillieren. 

1. Der Mensch ist zunächst weiter nichts als erstens Sexualität und 
zweitens Hunger. Diese zwei Grundelemcnte alles Biologischen über- 
haupt sind eine Einheil. Beim Einzeller funktionieren Sex und Hun- 
ger ähnlich (noch nicht detailliert erforscht), sie sind aber gleich- 
zeitig eine Zweiheit, ja sogar gegensätzlich, denn die Sexualfunktion 
beruht auf Anhäufung von Energie und ihre Befriedigung auf Energie- 
Abbau oder Entladung. Hunger dagegen beruht auf Energie-Ab/ia/ime 
und seine Befriedigung hat Eiicrgicrii/'iinr zur Voraussetzung. Auf 
Grund dieses primitivsten biologischen Widerspruchs erhebt sich nun 
bereits als Zeichen einer Fortentwicklung bezw. einer höheren Stufe 
ein zweiter Grundwiderspruch: 
12 



' 



Ein Briefwechsel über dialektischen Materialismus 

2. Sexualität — Arbeit: Sie sind eine funktionelle Einheit, denn 
ebenso Sex wie Arbeit funktionieren als biologische Aktivität, Expan- 
sion auf Grund innerer vegetativer Spannungen. Ja, in der Tatsache 
der späteren »Sublimierung« von Sex ist die Abspaltung der Arbeit 
von einem einheitlichen Zweige eindeutig festzustellen. Sie sind aber 
gleichzeitig auch eine Zweiheil: Die Arbeit dient einem anderen Zweck 
als die Sex-Funktion, nämlich zunächst und fundamental der Be- 
seitigung des Hungers. Erst in späterer höherer Entwicklungsstufe 
tritt die Arbeil auch in den Dienst subliinierter Sex-Befriedigung, etwa 
in der primitiven Kunst, in der Luxusindustrie oder in der Film- und 
Kunstindustrie. Die Formulierung »Teilung der Arbeit im Sexualakl« 
als »ursprünglichste Teilung der Arbeit« ist sehr irreführend gewesen 
und entsprach nur dem Stand des damaligen Wissens. Doch das 
Wissen isl seither ungeheuer bereichert worden und verändert natür- 
lich die Formulierung. In der gleichen Weise ist die Anwendung des 
Ausdrucks »Produktion« für die Sexfunktion im strengen Sinne un- 
zulässig, weil irreführend, und dennoch, soweit produktive Sexenergie 
gemeint ist, zutreffend. Wir hatten also bisher schon innerhalb der 
biologischen Grundfunktionen zwei einheitliche und gleichzeitig zwei- 
heitliche Funktionen festgestellt. Nun muss jedes der beiden Grund- 
bedürfnisse, Sex und Hunger, jeweils in Beziehung gebracht werden 
zu der gesellschaftlichen Form, in der sie sich betätigen. Also: 

3. Sex — Fanülienform: Sex erfordert zunächst zwei Menschen 
verschiedenen Geschlechts und kann ein drittes Lebewesen schaffen. 
Die Familienform ist das »Produktionsverhältnis«, das das Sex-Grund- 
bedürfnis schafft. Sie sind in ihrer Funktion eine Einheit. Doch 
gleichzeitig beeinflusst die Entwicklung der Familienform wieder die 
Sex-Funktion, indem sie sie verändert (im Patriarchat unter- 
drückt). Aus einfacher Sex wird eine Sex-Struktur (auch »Trieb- 
struktur«). 

4. Hunger — Wirtschaft (»Ökonomie«): So wie die Familienform 
als Organisation der Sex entspricht, so die Wirtschaft (»Produk- 
tionsverhältnisse«) der Hungerfunktion. Sic sind also funktionell 
eine Einheit, doch auch eine Zweiheil, denn die auf Grund des Hun- 
gers entstandenen Verhällnissc der Menschen beeinflussen wieder die 
Art und Weise der Hungerbefriedigung, etwa indem Produktionsmittel 
entstehen, Güteraustausch zwischen Menschen und Menschengruppen, 
in der weiteren Teilung der Arbeit etc. 

Zusammenfassend ist also zu sagen, so wie bei 1 und 2 die Be- 
dürfnisse untereinander in dialektischer Funktion stehen, so sind 3 
und 4 je das betreffende Bedürfnis mit der entsprechenden Organisa- 
tionsform. Dazu kommt aber als weitere Entwicklung: 

5. eine dialektische Beziehung der beiden entstandenen Grund- 
produklionsverhällnisse, nämlich Faniilienform und Wirtschaftsform: 
Sie sind, wie sich in der Urgeschichte zeigt, eine Einheit, denn die 
Urfamilic ist gleichzeitig die gesellschaftliche Produktionseinheit, 

13 



_ 



Ein Briefwechsel über dialektischen Materialismus 

heute noch erhalten in der patriarchalischen Grossbauernfamilie. 
Doch sie sind gleichzeitig eine Zweiheit, denn sie stehen in einer 
gegenseitigen Abhängigkeit und in gegenseitiger Beeinflussung. Sie 
spalten sich auf; jede Veränderung jedes der beiden Teile wirkt ver- 
ändernd, also entwickelnd auf den anderen Teil. So gehen also z.B. 
aus den familiären Verhältnissen bei den mutterrechtlichen Stäm- 
men die wirtschaftlichen Klassenverhältnisse hervor, die ihrerseits 
wieder die Familienform verändern. 



Dies sind also die detaillierten dialektischen Funktionen im Unter- 
bau, die wir dann in der psychischen Struktur jedes unserer mensch- 
lichen Untersuchungsobjekle widergespiegelt finden. Aus dieser Zer- 
legung der Funktionen geht eindeutig hervor, dass man nicht Sexuali- 
tät und Ökonomie einander gegenüberstellen kann, denn die Ökono- 
mie, wie wir sie heute verstehen, ist durch die Entwicklung sehr pri- 
mitiver biologischer Funktionen hervorgegangen und bildet dann spä- 
ter die allgemeine Grundlage, die Basis oder das Fundament, auf 
dem sich die Funktionen sowohl von Sex als auch von Hunger und 
allgemeiner Befriedigung des Lebens abspielen. 

Zu den Funktionen im Unterbau kommen nun die dialektischen 
Beziehungen zwischen Unter- und Überbau in folgender Weise hinzu: 

1. Auf der Gesamtheit des Unterbaus baut sich die Gesamtheit des 
geistigen Überbaus auf; auf der Gesamtheit der Wirtschaft einer be- 
stehenden Menschengeneration bauen sich auf Triebstruktur, Moral, 
Religion, Erziehung etc. Die Gesamtheit des Überbaus ist nicht etwa 
nur eine Spiegelung sondern gleichzeitig der Unterbau selbst in einer 
anderen Form. 

2. Die Gesamtheit des Überbaus erzeugt im Zusammenstosse der 
Gesamtgesellschaft mit den immer wieder mit jeder neuen Generalion 
neu gegebenen Grundbedürfnissen: Sex und Hunger, 

die psychische Struktur: a) Soweit diese Struktur der Gesamtge- 
sellschaft entspricht, ist sie konservativ, soweit Sex und Hunger nicht 
befriedigt sind, bildet sich eine rebellierende Struktur. Jeder Mensch 
hat konservative und rebellierende Struktur in sich. Wenn man sagt, 
»die Produktionskräfte sprengen den Rahmen der Produktionsweise«, 
so ist damit in Wirklichkeit ein Tatbestand gemeint, der sich nicht 
innerhalb der Produktionsmittel abspielt, denn die sind tot, sondern 
innerhalb der menschlichen Struktur, die ja das Produkt sowohl wie 
das tätige Subjekt von allem ist, was sich im gesellschaftlichen Leben 
überhaupt abspielt. 

3. Diemenschliche Struktur (= konservierte Geschichte) wirkt auf 
ihre Grundlage, zurück. Die alte Formulierung, dass »der überbau 
auf den Unterbau zurückwirkt«, ist also höchst unvollständig. Der 
überbau kann nur dann und erst dann überhaupt geschichtlich wir- 
ken, wenn er materielle Gewalt geworden ist; und materielle Gewalt 
14 




Ein Briefwechsel über dialektischen Maferialismus 



kann er erst dann werden, wenn er Sex und Hunger zur psychischen 
Struktur umgeformt hat, sei es im Sinne von konservativ, sei es im 
Sinne von revolutionär. Es braucht nicht erst angefügt zu werden, 
dass der Unterbau den Überbau nicht unmittelbar, sondern mittelbar 
wieder über die Struktur erzeugt; die menschliche Struktur ist sozu- 
sagen der Zentralbahnhof, an dem alle Geleise zusammenlaufen und 
von dem alle Geleise ausgehen; und das, was wir unter »Politik« mei- 
nen, spielt sich weder im Unterbau noch im überbau ab, sondern wird 
praktisch erst dann effektiv, wenn es sich in der Struktur abspielt. 
Es ist selbstverständlich, dass sich die Voraussetzungen der jeweili- 
gen Politik zunächst im Unter- und überbau vorbereitet haben. Wir 
haben bisher natürlich immer von der Massenstruktur gesprochen. 
Die Partei wirkt in einer revolutionären Situation nun subjektiv in 
Form bestimmter vorangeeilter Strukturen auf Grund der Einwirkung 
sowohl persönlicher, struktureller wie auch objektiv allgemeiner Vor- 
gänge. 

4. Entsprechend dem dialektischen Widerspruch in der Struktur 
gibt es nun zwei Möglichkeiten: 

a) revolutionierende Prozesse; das ist dann der Fall, wenn sich 
die Struktur mit dem in die Krise geratenen gesellschaftlichen Unter- 
bau vollkommen einheitlich ausrichtet. Es ist der sozialistische Aus- 
weg aus der Krise. Die Struktur wälzt, selbst vom Unterbau geschaf- 
fen, den Unterbau um: Soziale Umwälzung. 

b) Politische Reaktion innerhalb der Krise oder im Gefolge der 
Krise wie aktuell. In diesem Falle klaffen Struktur und Unterbau 
auseinander. Die Struktur bremst auf der Grundlage des konservativen 
Teils ihres Aufbaus die Entfaltung der Produktivkräfte: Resultat 
ist oder kann sein das »Absinken in die Barbarei«. Das Wichtigste 
am zweiten Teile, den wir gerade behandelt haben, ist also, dass der 
Überbau den Unterbau nicht unmittelbar beeinflusst und auch nicht 
unmittelbar von ihm geschaffen wird, sondern die Beziehung ist in 
folgender Reihenfolge zu sehen: 

1) (entspricht 1 oben): Unterbau — > überbau. 

2) (entspricht 2 oben): Vereinheitlichung von Unterbau und 
Überbau in der Struktur bei gleichzeitiger Erhaltung ihrer Wider- 
sprüche innerhalb der Struktur. Mit voller Konsequenz müssen wir 
sagen: Weder Unterbau für sich noch Überbau für sich, noch auch 
Unter- und Überbau machen Geschichte. Sie wirken sich geschicht- 
lich erst dadurch aus, dass sie lebendige Funktion werden in Gestalt 
der »subjektiven Tätigkeit« — der menschlichen Struktur. Die dialek- 
tisch-materialistische Psychologie ist die Erfassung der Struktur. Nur 
auf diese Weise kann es gelingen, endgültig die metaphysischen Kon- 
zeptionen von Geschichte, Wirtschaft etc. zu begreifen und zu bewäl- 
tigen. Der Vorwurf, den Marx dem mechanistischen Materialismus 
machte, dass er nämlich die subjektive Seite vernachlässige und sie 
dem Idealismus überlasse, war hundertprozentig richtig, wirkte sich 

15 






Ein Briefwechsel über dialektischen Materialismus 

aber praktisch nicht aus, weil sowohl der Strukturbegriff wie die 
Kenntnis der betreffenden Tatbestände fehlten. 

3. (entspricht 3 oben). Indem die menschliche Struktur tätig ist, 
beeinflusst sie wieder den Unterbau (»Rückwirkung«): Überbau — > 
Unterbau. Entweder reale Vereinheitlichung aller Funktionen; also 
des Unterbaus mit dem überbau in revolutionierender Hinsicht, der 
Struktur mit dem Unterbau in revolutionärer Hinsicht, der Struktur 
und des Überbaus in revolutionierender Hinsicht (reifer Unterbau — 
reife Struktur.) 

Das ergibt die Revolution. Oder Vereinheitlichung nur in Form 
der Wunsch phanta.sie, nicht in der Realität. Das entspricht dem Fa- 
schismus, denn die Idee der Volksgemeinschaft ist die Illusion von 
der kompletten Einheil der Gesellschaft (Ideal: »Klassenlose Gesell- 
schaft«). Die Idee des Antisemitismus ist die mystifizierte Idee des 
Antikapitalismus und antisexuclle Ideologie gleichzeitig, der konserva- 
tive Teil der Struktur biegt den revolutionierenden Teil der Struktur 
in die konservative Richtung ab; und die allgemeine Bewegung des 
Faschismus unterscheidet sich von anderen konservativen Formen 
der Gesellschaft dadurch, dass er sich gerade auf die revolutionieren- 
den Strukturelementc stützt. Die Massenbasis des Faschismus ist 
subjektiv revolutionärer und objektiv reaktionärer Natur. 



Ich weiss nicht, ob es mir gelungen ist, dieses so sehr komplizierte 
Gebiet kurz und- versländlich zugleich darzulegen. Ich würde Euch 
empfehlen, die ganze Anschauung dadurch zu überprüfen, dass Ihr 
Euch mal ein ganz gewöhnliches Menschenkind vornehmt, nicht aus 
geschulten Kreisen, und auf Grund seiner Lcbensäusserungcn zu er- 
fassen versucht, wie sich in ihm die verschiedenen Funktionen des 
Unterbaus und des Überbaus erhalten haben und auswirken. — Das 
ist ein, wie ich glaube, brauchbarer Weg zur massenpsychologischen 
Selbstschulung ohne viel Zeitverlust und Mühe. Ich glaube, er ist nicht 
nur wichtig, sondern würde alles ganz ungeheuer beleben. Man muss 
nur dabei ganz primitiv und lebensnahe vorgehen und genau darauf 
achten, dass man alles vergisst, was man gelernt hat und als Dogma 
betrachtet. 

Nun noch einige Bemerkungen zu den mehr praktischen Fragen. 
Für das lebendige Leben und seine Bewältigung ist es ungeheuer ge- 
fährlich und kann Misserfolge erzielen, wenn man von anderem als von 
Sex und Hunger ausgeht, also etwa wie in Eurem Schema das objek- 
tive Resultat in Gestalt der hohen Politik ins Zentrum der praktischen 
Arbeit stellt. Zu Eurer Anschauung, dass vor der Revolution wenig 
zu gewinnen wäre, gibt die Praxis eine eindeutige Antwort. Wir müs- 
sen genau unterscheiden. Das engere Sex. Gebiet: Hier arbeiten wir 
international konkurrenzlos mit viel Erfolg. Für das weitere Ge- 
biet, das sublimiertc, massenpsychologischc also, besteht ein grosses 

16 



-* 



Ein Briefwechsel über dialektischen Materialismus 

Hindernis und zwar die oben genannte Art, in der Praxis vom Objek- 
tiven auszugehen und im Objektiven steckenzubleiben, statt vom klein- 
sten Subjektiven zum Objektiven hinzuführen. 

Für die Jugend lässt sich nicht »nur einiges«, sondern alles auch 
ohne viel massenpsychologische Selbstschulung tun. Man muss nur 
einen endgültig und unbedingt bejahenden Standpunkt einehmen. 

Besonders gefreut hat uns Eure Einsicht über die Möglichkeiten, 
Unheil zu stiften. Wer das weiss, hat schon verstanden, um was es 
geht. Nicht, gar nicht einverstanden sind wir mit der theoretischen 
und praktischen Formulierung in den letzten Zeilen, Seite 2. Wir 
haben jetzt auf Grund eingehender Arbeit unwiderleglich festgestellt, 
dass in dem Konflikt zwischen Kirche und Faschismus nicht die 
Kirche, sondern der Faschismus die yonuärfsstrebenden Funktionen 
vertritt. Wir geben zu, es ist eine komplizierte praktische Frage, 
doch man darf nie vergessen, was man tut. Die Verbündung mit der 
Kirche gegen den Faschismus enthält für die Zukunft allerlei Ge- 
fahren. Für später können wir nicht die Kirche brauchen, sondern 
die Fortführung und Zurechtbiegung des Aktivismus der »Blutwal- 
lung«. 

Wir sind uns völlig im Klaren, dass unsere Hauptaufgabe erst nach 
der Revolution gelöst werden kann. Wir wissen jedoch noch nicht, 
wie wir es machen sollen, dass wir dann ohne allzugrosse Komplex- 
störungen seitens der Genossen durchkommen. Die retardierenden 
Kräfte des Unter- und Überbaus sind nämlich in uns selbst zu mäch- 
tigen Kräften geworden. 

Es ist klar und wird auch Euch klar werden, dass wir keiner An- 
regung, uns einer Partei einzugliedern, folgen können. Die Wider- 
stände gegen psychologisches Denken im Lager der Arbeiterparteien 
sind allzugross und gefährlich. Wir glauben, unter Beibehaltung 
unserer Unabhängigkeit weit mehr tun zu können. Allerhand ist uns 
auch schon gelungen. Doch es ist nur ein Anfang, das wissen wir. 
Wir fürchten aber (und wissen nicht, wie dem entgehen), dass wir 
mit der Führung der KPSU bald in schwere theoretische und wahr- 
scheinlich auch praktische Konflikte geraten werden. Dort steht in 
der Theorie alles Kopf und daher manches auch in der Praxis; zwar 
auf Grund objektiver Verhältnisse, aber ■wenn man auf dem Kopfe 
steht, kann man nicht behaupten, auf den Beinen zu stehen. 

Bitte verwechselt nicht mehr die Sexualökonomie mit der Psycho- 
analyse von heute. 

Wir hoffen sehr, von Euch sebr bald und ausführlich zu hören. 
Wir sind dauernd angestrengtest aufmerksam. Wir wissen, was wir 
tun. 

W.R. 



17 



Eir Briefwechsel über dialektischen Materialismus 



Den 5. Februar 1936. 



Lieber W. ! 

leb habe die Niederlegung Deiner psychologischen Anschauungen 
erst vor wenigen Tagen erhalten. Da sich mein ursprünglich frei- 
williger Aufenthalt in einen unfreiwilligen zu verwandeln scheint, 
kann ich leider nicht, wie ich es ursprünglich tat, als leitender Funk- 
tionär der Partei im Namen anderer Funktionäre und als Mitglied 
eines grösseren Parteikreises schreiben, sondern lediglich als Einzel- 
person, die durch Deine theoretischen Ausführungen ausserordentlich 
profitiert hat, also auch an praktischen Folgerungen teilnehmen 
möchte. 

Ich bedaure, dass die Diskussion Stenogrammstil Deinen 

Mitarbeitern unverständlich war. Es war uns nicht bekannt, uass 
Du Mitarbeiter hast, so dass wir unsere Ausführungen ausschliesslich 
auf Dich einstellten und Fachausdrücken (Deinen Fachausdrucken) 
im Interesse der Gedrungenheit unserer Mitteilung meistens den Vor- 
zug gaben. Dass wir genau so Gegner einer »Geheimwissenschaft« 
sind, wie ein jeder, der an der Vereinheitlichung von Theorie und 
Praxis arbeitet, versteht sich von selbst. 

Ich kann um zunächst von den theoretischen Fragen zu 

sprechen — auf das grossartige Bild von Basis-Struktur-Überbau, das 
Du entwirfst, nicht allgemein eingehen. Dies schon darum nicht, 
weil ich es zwar verstanden, aber noch längst nicht verdaut habe. 
Allgemein kann ich nur sagen, dass mir Deine Konzeption, je mehr 
ich darüber nachdenke, desto mehr gibt und dass sie in vielen Teilen 
Licht auf Grundfragen wirft, deren Beleuchtung bisher nicht gelun- 
gen ist. Mein Urteil über Deine Arbeit hatte sich bereits wesentlich 
modifiziert, als ich vor einigen Wochen Dein Buch »Einbruch der 
Sexualmoral« las. Es zeigt mir, dass die - sagen wir Oberflächlich- 
keit und »Naschhaftigkeit« die wir an Deiner Massenpsychologie 
rügten, nicht charakteristisch ist und bewies mir mit Deinem Schrei- 
ben, dass unsere Kritik in vieler Hinsicht unberechtigt war, schon 
darum, weil Du über viele angeschnittene Fragen wesentlich gründ- 
licher nachgedacht hast als wir. Es tut mir leid, dass ich unsere 
Genossen, die sich momentan in Gefahr befinden, im Augenblick nicht 
über unsere Irrtümer aufklären kann. 

So viel bzw. so wenig über das Allgemeine. Zum Besonderen nur 
einige sich wahllos aufdrängende Gedanken: 

Ich sehe ein, dass die mechanische Gegenüberstellung von Sexuali- 
tät und Ökonomie eine falsche war. Die Bedürfnisgrundlage ist, wie 
Du wohl richtig annimmst, nach Trennung der ursprünglichen Ein- 
heit, der Sexualitätshunger und der Nahrungshunger. Dass sich auf 
Sexualität die Familienform und auf Hunger die Wirtschaft als 
menschliche Organisationsformen zur Befriedigung der Urtricbe auf- 
18 



Ein Briefwechsel über dialektischen Materialismus 

bauen, ist ebenfalls klar - interessanterweise ebenfalls in ursprüng- 
licher Einheit. Klar ist auch ihr dialektisches Verhältnis. Du be- 
zeichnest nun, wenn ich Dich richtig verstehe, beide Dualismen 
Sexualität-Hunger und Familienform-Wirtschaftsform als Basis. 
Über das Verhältnis der beiden Dualismen zueinander, sowie die 
Frage, ob es gerechtfertigt ist, auch Sexualität und Hunger der Basis 
zuzurechnen, bin ich mir noch nicht im Klaren. 

Das Verhältnis Natur - Mensch - Werkzeug versteht man wohl 
am besten, wenn man das Werkzeug als Synthese zwischen These 
Natur und Antithese Mensch betrachtet 

Problematisch ist für mich Deine Anschauung über die funk- 
tionelle Einheit von Sexualität und Arbeit. Sexualität wie Ernährung 
oszillieren wohl beide zwischen der Dualität des Reizes und der Be- 
friedigung. Zur Umwandlung eines Reizes in die Befriedigung und 
umgekehrt ist jedesmal eine Leistung erforderlich. Diese Leistung 
wird vor allem bei der Befriedigung des Hungers, später aber auch 
zur Hervorrufung des Reizes des Hungers (z. B. Sport), sowie zur 
Befriedigung der Sexualität (Suche nach einem Partner) ja zur Her- 
vorrufung des Reizes der Sexualität bewusst durchgeführt: das ist 
Arbeit. Das Verhältnis von Arbeit zur sexuellen Dualität und zur 
Dualität Familie-Wirtschaft wird meiner Ansicht nach durch Punkt 
2 gar nicht oder unklar berührt. 

Der letzte Satz im vorletzten Absatz auf Seite 2 betont wiederum 
richtig, dass man Sexualität und Ökonomie einander nicht gegenüber- 
stellen kann. Er bezeichnet aber die Ökonomie als allgemeine Grund- 
lage der Funktionen von Sexualität, Hunger und allgemeiner Lebens- 
befriedigung. Wäre es nicht richtiger, von hauptsächlicher Grundlage 
zu sprechen? Wenn man auch Sexualität nicht neben Ökonomie 
stellen kann, so muss man es mit der Familie tun. Und so wie der 
Hunger über die Ökonomie die Hauptgrundlage alles weiteren wird, 
so bleibt die Sexualität über die Familie neben der Ökonomie als Pol 
dieser Grundlage bestehen. 

Wir machten Dir den Vorwurf, dass Du die Gesamtheit des Über- 
baus nicht auf die Gesamtheit der Basis, sondern einmal Teile des 
Überbaus auf die Sexualität, das andre Mal Teile des Überbaus auf 
die Ökonomie stützt. Dieser Vorwurf war unberechtigt. Ich möchte 
wiederholen, dass ich, soweit ich eben von der Grossartigkeit Deiner 
Konzeption sprach, vor allen Dingen Deine Ausführungen über die 
Struktur meinte. Insbesondere auch die letzten Sätze des letzten Ab- 
satzes. Hingegen erscheint mir das Schema zwischen 1. — 4. zwar nicht 
als falsch, aber als ein wenig der ganzen Konzeption aufgezwungen, 
als künstlich. Der Zusammenhang zwischen Überbau und Basis in 
der Struktur erscheint mir doch kausaler, ja sagen wir ruhig mecha- 
nischer zu sein, als dass man auf die Weise, wie Du es Inst, ihre 
Vereinheitlichung bzw. ihr Auseinandergehen abstrakt variieren 
könnte. 

19 



£in Briefwechsel über dialekfischen Materialismus 

Genau so geht es mir mit Deiner Charakterisierung der augenblick- 
lichen Machtform als Wunschphantasie. Es stimmt selbstverständ- 
lich, dass in dieser Machtform einem reaktionären Inhalte revolu- 
tionäre Formen gegeben sind. Ja, es muss sogar eine zuweilen charak- 
teristische Phase dialektischer Prozesse sein, dass sich vor dem 
Durchbruch neuer Inhalte und neuer Formen aus alten Formen und 
Inhalten vorerst lediglich neue Formen durchsetzen und damit den 
Durchbruch des neuen Inhalts einerseits beschleunigen, andererseits 

retardieren. Die zwei Absätze auf Seite indessen geben mir das 

unbehagliche Gefühl, als ob dieser interessante und ungeklärte Tat- 
bestand hier einem Aphorismus zum Opfer fallen würde. 

Deine Empfehlung, Deine Darstellung an einem »ganz gewöhn- 
lichen Menschenkind« zu erfassen zu versuchen, ist ein sehr brauch- 
barer Weg, ja ich glaube, eine theoretische Darstellung des ganzen 
Fragenkomplexes müsste von einem solchen gewöhnlichen Menschen- 
kinde ausgehen. 

Deine praktischen Ausführungen enthalten für mich ebenfalls 
sehr viel Interessantes. Hier kann ich noch viel weniger einwenden! 

Zweifelhaft erscheint es mir nur, ob man die Kirche schlechthin 
als retardierende und den Faschismus schlechthin als vorwärtstrei- 
bende Funktion bezeichnen kann. Du weissl, dass in dialektischen 
Prozessen die Pole oft nicht nur in einander umschlagen, sondern 
immer viel von einander enthalten. In bestimmten Situationen kann 
die Kirche derart vorwiegend vorwärtsstrebende Funktionen haben, 
dass ein Bündnis mit ihr selbst auf Kosten von Schwierigkeiten in 
der Zukunft erforderlich sein kann. 

Nun zu einer Frage, die mir schon seit langem viel zu denken gab. 
Was Du von Sowjet-Russland sagsl, stimmt in dieser Hinsicht durch- 
aus. Die Psychologie sieht eben noch auf dem Kopf und leider soweit 
überhaupt, auch »dort« auf dem Kopf. Ich bin überzeugt, dass, sobald 
es die Basis gestattet (erfordert), die auf die Füssestellung elementar 
erfolgen wird, ja, ich glaube sogar, dass dieser, auf dem theoretischen 
Gebiet produktive Vorgang nicht nur bald erfolgen muss, sondern 
auch eine wesentliche Voraussetzung des Übergangs zu einem neuen 
Inhalt und einer neuen Form der Menschheit ist. Die Konflikte, die 
sich mit den Pionieren der Psychologie vor einem solchen üurch- 
bruch ergeben müssen, sind Konflikte, die diese Pioniere ebenso tra- 
gen müssen, wie z. B. die Pioniere der neuerlichen Stachanow-Be- 
wegung auf dem Gebiete der technischen Beherrschung der Umwelt 
sich gegen den Widerstand erhallender Kräfte durchsetzen mussten. 

Da ich aber glaube, dass das notwendig ist, und da ich ferner 
glaube, dass Du nicht nur von unbewussten produktiven Trieben ge- 
lenkt wirst, sondern wirklich weisst, was Du tust, möchte ich gerne, 
soweit ich nach Deiner Ansicht der Psychologie nützen kann, theore- 
tisch oder praktisch mit Hand anlegen. Theoretisch tue ich es ja, 
wie jeder, der Deine »Massenpsychologie« las, negativ oder positiv 
20 



Ein Briefwechsel über dialektischen Material 



ismus- 



vorantreibend schon lange. Ich glaube aber, dass es höhere Formen 
der Arbeit geben muss und bitte Dich, an 



7-u schreiben, wo ich Deine Antwort früher oder später bestimmt 
erhalten werde — nach dem jetzigen Stand meiner persönlichen 
Dinge eher später, x. 



Den 26. Februar 1936. 
Lieber X.! 

Dein zweites Schreiben bewies mir, dass man nicht missmutig zu 
werden braucht, wenn man immer wieder trotz jahrzehntelanger Ar- 
beit auf die gleichen Einwände stösst. Wer sachlich und gefühls- 
mässig mit unserer Arbeit verbunden ist, der ringt sich ja doch durch 
unter dem Drucke der Verhältnisse und persönlicher Anstrengungen, 
sie zu verstehen; doch die meisten Missverständnisse, denen unsere 
Arbeit begegnet, entstehen dadurch, dass der eine zufällig das eine 
Stück aus dem Gesamtfragenkomplex in die Hände bekommt, der 
andere ein zweites, der Dritte ein drittes. Nur sehr wenige kamen 
noch dazu, die Gesamtheit des ungeheuren Fragenkomplexes syste- 
matisch durchzuarbeiten, und so begegnet man Einwänden, die an 
einer anderen Stelle bereits längst geklärt sind, oder Zweifeln, deren 
Klärung noch nicht möglich ist. Doch im grossen ganzen geht es 
entschieden vorwärts. Es steht ausser Frage, dass die Entwicklung: 
der geschichtlichen Verhältnisse in den letzten etwa 5 — 6 Jahren die 
Notwendigkeit einer gut fundierten dialektisch-materialistischen Psy- 
chologie unmittelbar aufgezwungen haben. Ich weiss aus Gesprächen 
mit Freunden verschiedener Kreise, dass heute das Suchen nach einer 
brauchbaren Psychologie immer mehr zunimmt, und wir werden un- 
weigerlich einmal die uns Suchenden in breiter Front treffen. Hotten 
wir, dass es uns gelingt, bis dahin genügend Fundamente gelegt zu 
haben, um über die grundsätzlichen Diskussionen endlich hinweg- 
zukommen und zu detaillierter Praxis durchdringen zu können. 

Du fragst, an welchen Stellen Du positiv mitarbeiten könntest.. 
Ich kann aus der Entfernung nichts Konkretes dazu sagen, doch es 
gibt die Möglichkeil, sich immer wieder die Frage vorzulegen: Wo be- 
ginnt die Schwierigkeit, die Theorie praktisch anzuwenden? Anders 
ausgedrückt: Dass alle Menschen sich nach Frieden, Arbeit und 
Leben Sgl ück sehnen, ist sehr einfach und klar. Das Problem beginnt 
dort, wo die Menschen es selbst ablehnen, ihr Lebensglück zu er- 
kämpfen und zu begründen. Mit diesem Problem sind wir noch lange 
nicht fertig. Einfache theoretische Schulung und ein offener Blick 
für die inneren persönlichen Schwierigkeiten und Konflikte des durch- 
schnittlichen Menschen sind wohl die ersten Schritte, um in das Ge- 
sa in tgebiet einzudringen. 

21 



Ernst Parell 



Ich hoffe sehr, dass wir in Verbindung miteinander bleiben und 
möchte mit einer Bitte schliessen: Helft doch mit, die absurden und 
blöden Gerüchte zu widerlegen und zu zerstreuen, die von Feinden 
und falschen Freunden über uns in die Welt gesetzt werden. 



Mit sehr herzlichem Gruss 
W. Ii. 



Die Sexpol als Organisafion 
der dialektisch-materialistischen Psychologie 

Von Ernst Parell 

1. In der letzten Zeit häuften sich Stimmen der Symphatie aus 
Kreisen kommunistischer Parteiangehöriger für die Ideologie und 
Praxis der Sexpol. Einige meinten, es wäre das Beste, wenn sich die 
Urheber der Sexpolbewegung mit der »Komintern« aussöhnen könnten 
und in die Partei zurückkehren würden. Es gibt vereinzelte kommuni- 
stische Gruppen, die sogar behaupten, dass heute eine politische Ar- 
beit ohne die Erkenntnisse der politischen Psychologie der Sexpol 
undenkbar wäre. 

Diejenigen Freunde, die diesen Vorschlag unterstützen, müssen 
einige Umstände bedenken, die die Frage ins rechte Licht rücken. Die 
Urheber der Scxpolbewegung hatten jahrelang innerhalb der kom- 
munistischen Partei und Internationale für die Revolutionierung der 
Sexualreformbewegung gearbeitet, gekämpft und man muss hinzu- 
fügen, auch gelitten. Unter ihren scharfen Gegnern befanden sich 
nicht nur Polizeivertreter der verschiedenen Länder, sondern auch 
A'ertreter der Komintern. Das ist hier nicht als Vorwurf, sondern nur 
als Tatsache gemeint. Darüber unterrichtet die »Geschichte der Sex- 
polbewegung«, die in der »Zeitschrift für politische Psychologie« ab- 
gedruckt ist. 

2. Der Ausdruck »aussöhnen« wäre dann richtig, wenn die verant- 
wortlichen Scxpolgenossen je »böse« geworden wären. Das ist durch- 
aus nicht der Fall, im Gegenteil, gerade in der Sexpolliteratur finden 
sich unmissverständliche Versuche, den sonst unerklärlichen Tat- 
bestand begreiflich zu machen, dass revolutionäre Organisationen 
gegen die Revolutionierung eines der wichtigsten Gebiete des mensch- 
lichen Lebens derart scharf auftraten. Gerade auf Grund dieser ernsten 
Versuche, Unverständliches zu begreifen, hat sich eine Reihe neuer 
wichtiger Erkenntnisse ergeben. Eine davon ist die, dass die Komin- 
tern die Umwälzung von 300 Jahren Kapitalismus anstrebt, die Sexpol 
dagegen die Notwendigkeit der Umwälzung einer Jahrtausende alten 

22 



Die Sexpol als Organisation der dialektisch-materialisfischen Psychologie 

menschlichen Struktur vertritt. Und darin konnten sich die organisch 
zueinander gehörenden Gruppierungen der revolutionären Arbeiter- 
bewegung nicht verstehen; es war durch die Praxis der Komintern 
bewiesen. 

3. Die Sexpol lehnt den Standpunkt ab, dass »konterrevolutionär« 
ist, wer die Kominternpolitik scharf kritisiert. Der kommunistische 
Parteiangehörige hat es gelernt, die Komintern mit der Revolution, 
und alles, was ausserhalb ist, mit »Konterrevolution« gleichzusetzen. 
Er meint es zwar ehrlich, hat aber dennoch unrecht. Niemand wird 
behaupten, dass, im korrekten Sinne gefasst, Leo Trotzki oder die re- 
volutionären Sozialisten oder Mitglieder der Sozialistischen Arbeiter- 
partei Deutschlands Konterrevolutionäre sind. Es gehört ein tüchtiges 
Mass an mangelhafter Schulung oder an eitler Überheblichkeit dazu, 
derartige Monopolanprüche zu erheben. Es hätte zumindest durch die 
Praxis besser bewiesen sein müssen. Die Sexpol ist, wie in dieser Zeit- 
schrift wiederholt ausführlich dargelegt wurde, die Organisation, die 
den bisher völlig vernachlässigten »subjektiven Faktor der Ge- 
schichte«, in ihrem Sinne: die psychische Struktur der breiten un- 
politischen Masse der Bevölkerung theoretisch zu verstehen und prak- 
tisch zu bewältigen versucht. Sie behauptet, dass die falsche Politik 
der verschiedenen Arbeiterparteiführungen, die sich gegenseitig be- 
schuldigen, selbst der Nichterfassung der Rolle des lebendigen Men- 
schen in der Geschichte zuzuschreiben ist. Wir können nicht wissen, 
aus welchen Kreisen der Bewegung der Arbeiter und des Mittelstandes 
sich die Kräfte ergeben werden, die die Aufgabe der Sexpol begreifen 
und praktisch stützen werden. Es muss unmissverständlich ausge- 
sprochen werden, dass es ein Unsinn ist, bloss revolutionäres Wollen 
oder revolutionären Mut für das Ganze der Aufgabe zu halten; zu 
glauben, dass der proletarische SA-Mann der Hitler folgte, weniger 
mulig oder viel dumpfer war, als der revolutionäre RFB-Mann; dass 
einer der vielen eingesperrten Anarchisten oder SAPisten weniger re- 
volutionär, weniger theoretisch geschult oder ungeschult wäre als 
irgendeiner aus den kommunistischen Reihen. Solange man die 
Mehrheit der Bevölkerung nicht gewonnen hat, hat man kein Recht, 
sich für den Vertreter der Mehrheit der Bevölkerung zu halten. Eben- 
sowenig ist es heule angebracht, sich' für den geborenen Führer zu 
halten, weil wir gar nicht wissen können, wer im künftigen Ringen 
seine Führereigenschaften beweisen wird. Kurz, die Sexpol kann sich 
keiner der bestehenden Arbeiterorganisationen einordnen, denn das 
würde eine Lähmung ihrer praktischen und ideologischen Betätigung 
bedeuten. Es gelingt ihr, den Widerspruch zwischen Selbständigkeit 
und Überall-Einfluss-Gewinnen allmählich zu lösen. Die Sexpol steht 
nicht gegen die oder gegen jene Arbeiterpartei, sondern behandelt po- 
sitiv einen für die kommende Entwicklung lebenswichtigen Abschnitt, 
den jede sozialistische Organisation selber bewältigen inüsste, sofern 
sie ihr Ziel ernsthaft anstrebt. Im Verlaufe der weiteren ideologischen 

23 



Wilhelm Reich 

Kämpfe wird sich ja herausstellen, und zwar mit voller Sicherheit, wer 
die heute drängenden massenpsychologischen Probleme begriffen hat 
und wer nicht. 

Die Sexpol ist die Organisation, die die Wissenschaft der Sexual- 
ökonomie (dialektisch-materialistischen Psychologie) zur theoreti- 
schen Grundlage hat; als eine Organisation, die auf dem naturwissen- 
schaftlichen Prinzip des dialektischen Materialismus beruht, verwirk- 
licht sie nur die Forderung der Einheitlichkeit von Theorie und Praxis, 
wenn sie die wissenschaftliche Forschung politisiert und die Politik 
mit wissenschaftlichem Denken über den Menschen und seine seeli- 
schen Funktionen zu erfüllen versucht. Nur solange die Sexpol diese 
drei Prinzipien verwirklicht, darf sie sich als die Organisation der 
dialektisch-materialistischen Psychologie bezeichnen und für sich in 
Anspruch nehmen, dass sie den »subjektiven Faktor der Geschichte« 
praktisch erfasst. 



Fortpflanzung eine Funktion der Sexualität 

I. Teil 

Von Wilhelm Reich 

1. Der Streit um den Sexualitätsbegriff 

Überblicken wir die breite physiologische, sexuologische und auch 
die philosophische Literatur, so finden wir hinsichtlich des Sexualitäts- 
begriffes mehrere Gemeinsamkeiten: 

1. Die Anschauung einer natürlichen Trennung von Sexualität und 
sogenannter geistiger Erotik. 

2. Die Gleichsetzung von sexuell und genital. 

3. Die Voraussetzung, dass die Sexualität im Dienste der Fort- 
pflanzung stehe, das heisst, dass die Sexualfunktion (gemeint im 
engen Sinne der Genitalfunktion) eine Funktion der biologisch 
gedachten »Fortpflanzungstendenz« sei. 

Die erste Anschauung huldigt einem absoluten psychologischen 
Dualismus: Körperliche und seelische Erotik werden einander ent- 
gegenstellt. Die zweite Anschauung wurde von Freud auf das gründ- 
lichste als unrichtig erwiesen, da es ausserhalb der genitalen Sphäre 
eine Fülle von Erotismen gibt, die mit der Fortpflanzung nichts zu 
tun haben, wie etwa die Mund-, Harn- und Darmerotik usw. Doch 
auch in der Psychoanalyse herrscht noch die Annahme einer biologi- 
schen Fortpflanzungs/ende/iz vor, der die Genitalfunktion diene. Der 
dritte Satz: »Die Sexualität ist eine Funktion der Fortpflanzung« ist 
in den anderen gegenteiligen umzukehren: »Die Fortpflanzung ist eine 
Funktion der Sexualität«; die philosophischen und moralwissen- 
schaftlichen Disziplinen werden sich damit notgedrungen befassen 
24 



Fortpflanzung eine Funktion der Sexualität 

müssen, weil ihre Grundanschauungen mit der These von der Sexuali- 
tät als einer Funktion der Fortpflanzung stehen und fallen. 

2. Ein Problem der -»relativen Sexualität« bei Ma.v Hartmann 

Wenn unsere These gilt, dass nicht die Sexualität eine Funktion 
der Fortpflanzung, sondern umgekehrt die Fortpflanzung eine Funk- 
tion der Sexualität ist, muss sich der Grundzug jeder sexuellen Funk- 
tion, elektrische Ladung und Entladung, ferner mechanische Span- 
nung, Vergrösserung der Oberflächenspannung, und mechanische Ent- 
spannung durch Verkleinerung der Oberflächenspannung, an den Vor- 
gängen der Fortpflanzung erweisen lassen. 

Die Biologie unterscheidet verschiedene Formen der Fortpflanzung: 
Erstens die Fortpflanzung durch Teilung, wobei eine Zelle wächst, 
sich einschnürt, eine Kernteilung durchmacht und schliesslich in zwei 
funktionell und der Form nach gleiche Zellen zerfällt; zweitens die 
Sprossung, bei der aus einem Urstamm ein neuer vollständiger Or- 
ganismus sprosst, der entweder beim Mutterslamm verbleibt oder sich 
von ihm abspaltet; drittens die Kopulation, das heisst die Vereinigung 
zweier sexuell verschiedener Zellen, die man als die eigentlich 
geschlechtliche Fortpflanzung auffasst, zum Unterschied von den 
anderen »ungeschlechtlichen« Arten der Fortpflanzung, Bei dieser 
Unterscheidung einer geschlechtlichen von einer ungeschlechtlichen 
Fortpflanzung ist die Annahme vorweggenommen, dass die Sexualität 
als Verschmelzen zweier Organismen mit dem Resultat der Erzeugung 
eines dritten nur eine bestimmte Art Fortpflanzung sei und nichts 
anderes als dies. 

Nehmen wir zunächst die dritte Art der Fortpflanzung vor, also die 
Kopulation zweier Gameten, aus der eine Frucht entsteht. Die biolo- 
gischen Vorgänge dabei werden wir an anderer Stelle behandeln. 

Bis vor kurzem war die biologische Theorie von der Auffassung 
beherrscht, dass der Unterschied der Geschlechtlichkeil bei den Ga- 
meten auf einer morphologischen Differenz beruhe. Diese Annahme 
erweist sich aufgrund einer Fülle von Befruehtungsexpcrimenten als 
falsch. 

Die Biitschli-Schaudinnsche »Sexualitätshypothese« behauptet, dass 
jede Protisten- und Geschlechtszelle der Anlage nach hermaphrodit 
oder bisexuell ist, das heisst die vollständigen Anlagen des männlichen 
und des weiblichen Geschlechts besitzt. Durch überwiegende Entfal- 
tung der einen und Unterdrückung der anderen Potenz kommt es zur 
Begründung männlicher oder weiblicher Geschlechtszellen (»Game- 
ten«). Mit der Entstehung sexuell verschiedener Gameten wird 
nach dieser Annahme — zugleich die Spannung erzeugt, die die extrem 
differenzierten Geschlechtszellen zur Vereinigung bringt; diese Ver- 
einigung führt ihrerseits zum Ausgleich der Spannung. Die Herstel- 
lung des männlichen Geschlechts kann ebensowohl durch äussere Be- 
dingungen wie erblich durch bestimmte Erbfaktoren erfolgen. Bei den 

25 



Wilhelm Reich 

höheren Tieren sind die Gameten in männliche Samen- und weibliche 
Eizelle differenziert. Man konnte aber experimentell nachweisen, dass 
eine sexuelle Differenz zwischen den kopulierenden oder verschmel- 
zenden Gameten auch dort besteht, wo weder äusserlich noch in der 
feinen Struktur sich Unterschiede vorfinden. Diese physiologischen 
Unterschiede, nicht also morphologisch-strukturelle, bedingen die ge- 
genseitige Spannung, die Vereinigung und die Lösung der Spannung 
in der Verschmelzung. Man bezeichnet »isogame Gameten«, das heisst 
solche, die einander zwar äusserlich gleichen, aber »innerlich sexuell« 
einander entgegengesetzt sind, nicht als »männlich« bezw. »weiblich«, 
sondern als positiv bezw. negativ, weil man in der Regel nicht die 
positiven mit männlichen oder weiblichen bezw. die negativen mit 
männlichen oder weiblichen identifizieren kann. Eine Befruchtung 
findet nur statt zwischen -f- (positiven) und- (negativen) Gameten- 
sorten, niemals zwischen positiven oder negativen untereinander. Bei 
Protisten, Algen und Pilzen, die isogamer Befruchtung unterliegen, 
gibt es also zwei streng geschlechtlich getrennte Gametenformen, trotz 
Fehlens aller äusseren Anzeichen der Getrenntgeschlechtlichkeit. 
Bringt man solche äusserlich völlig gleiche, aber funktionell gelrcnnt- 
geschlechtliche Gametensorten in einer Kulturschalc zusammen, so er- 
folgt eine paarweise Gruppierung: Die Gameten, die vorher gleichmäs- 
sig umherschwammen, sammeln sich in grösseren und kleineren 
Gruppen zusammen und nun erfolgt die Vereinigung je eines Paares 
positiver und negativer Gameten. 

Wir stossen hier zunächst nur auf die Frage, worin die Polarität 
der beiden Gametensorten besteht; dass die strukturelle und äussere 
Unterschiedlichkeit der Gameten bei höheren Tieren die Polarität nicht 
erklären kann, versteht sich nun, da wir die gleiche Polarität, die 
gleiche Anziehung, Verschmelzung und Entspannung auch bei mor- 
phologisch gleichen Gameten sehen, von selbst. Die Polarität ist aber 
auch nicht erklärt, wenn man sie als positiv, bezw. negativ bezeichnet. 
Zur Anbahnung des Verständnisses dient die Hartmannsche Auf- 
fassung der »relativen Sexualität«. Schon Bütschli-Schaadinn hatten 
in ihrer Sexualitätshypothese angenommen, dass jede Protistenzelle 
bisexuell sei, und dass sie durch Überwiegen des einen oder anderen 
Partners männlich oder weiblich inbezug auf andere Zellen werden 
können, in denen der entgegengesetzte Partner überwiege. Hartmann 
sah sich aufgrund gewisser Fälle von autogamer Befruchtung genötigt, 
anzunehmen, dass die Sexualitätshypothese der Befruchtung nur zu- 
recht bestehen könne, wenn die geschlechtliche Differenzierung der 
Gameten keine absolute, sondern eine relative sei; wenn sich also er- 
weisen würde, dass ein normalerweise weiblicher Gamet A sich gegen- 
über einem männlichen Gameten B weiblich, jedoch gegenüber einem 
stärker weiblichen Gameten A männlich verhalten würde. Dieser erste 
Gedanke Hartmanns über die Möglichkeit einer »relativen Sexualität« 
konnte 1925 als richtig erwiesen werden. Zugleich oder schon vorher 

26 



Fortpflanzung eine Funktion der Sexualität 

hatten biologische Versuche ergeben, dass die allgemeine geschlecht- 
liche Differenzierung (auch bei Isogamie) und allgemeine bisexuelle 
Potenz auch der differenzierten Geschlechter und Gameten allgemein 

gültig sei. 

Die Gameten der Braunalge Ectocarpus siliculosus (von Neapel) 
sind morphologisch völlig gleich (isogam), trotzdem ist diese Alge 
streng getrenntgeschlechtlich; hier kopulieren nur Gameten, die von 
verschiedenen Pflanzen abstammen. Die Beobachtung bei der Befruch- 
tung (Gruppenbildung) ergibt dann die verschiedenen Geschlechter; 
derart kann man trotz der Isogamie, das heisst der Gleichheit in der 
Form, die männlichen von den weiblichen unterscheiden: Die weib- 
lichen Gameten setzen sich nämlich fest und. je eine weibliche Gamete 
wird von einer Gruppe männlicher Gameten umschwärmt. Je nach 
der Schnelligkeit und Intensität der Gruppenbildung unterschied man 
stark-, mittel- und schwachmännliche und ebenso stark-, mittel- und 
schwachweibliche Gameten. Es konnten nun ausser den normalen 
Kopulationen positive Befruchtungen zwischen Gameten des gleichen 
Geschlechts festgestellt werden, und zwar zwischen stark- und 
schwachmännlichen, bezw. zwischen stark- und schwachweiblichen 
Gameten. Hart mann schliesst daraus, dass die schwächeren Gameten, 
die mit gleichgeschlechtlichen stärkeren kopulieren, dabei ihr »sexuel- 
les Verhalten ändern«, die in diesem Falle »relativ sexuell« sind. 
Jede Zelle hat die Fähigkeit, sich entweder nach der weiblichen oder 
nach der männlichen Richtung zu entwickeln; und es hängt nach den 
Worten von Hartmann »einzig und allein von den Umweltbedingun- 
gen im weitesten Sinne ab, ob die Zelle eine männliche oder weibliche 
Tendenz erhält«. 

Hartmann hält nun aufgrund der eigenen Versuche und solcher 
anderer Autoren die »doppelgeschlechtliche Potenz« der sexuell dif- 
ferenzierten, aber morphologisch gleichen Gameten für erwiesen. Fas- 
sen wir zusammen : 

1. Auch morphologisch (der Form nach) und zytologisch (der Fein- 
struktur nach) undifferenzierte Gameten weisen eine sexuell gegen- 
sätzliche Differenzierung auf. 

2. Diese sexuell differenzierten Gameten enthalten jedoch die Po- 
tenzen (.Fähigkeiten) sowohl des einen (positiven) wie des anderen 
(negativen) Geschlechts. 

3. Die Gameten sind relativ sexuell, die schwächeren nehmen ge- 
genüber einem stärkeren gleichgeschlechtlichen die sexuelle Funktion 
des entgegengeschlechtlichen an. 

4. Die positive bezw. negative Natur der Gameten lässt sich nicht 
mit männlich bezw. weiblich identifizieren. Diese Bezeichnung drückt 
nur die sexuelle Gegensätzlichkeit aus. 

M. Kopulation isogamer Gameten als elektrischer Vorgang? 

Wir hätten diese Funde Hartmanns im Zusammenhange unserer 
Untersuchung der orgastischen Funktion nicht berührt, wenn sie nicht 

27 



Wilhelm Reich 

den Schlüssel zur Lösung einer Grundlage der Sexualität böten. Dass 
uns die Hartniannschen Versuche die Dialektik der geschlechtlichen 
Differenzierung enthüllen, ist nur ein interessanter Nebengewinn für 
die Theorie des dialektischen Materialismus. Die eigentliche Bedeutung 
gewinnt die »relative Sexualität« erst im Zusammenhange mit der 
Frage nach dem Wesen der Kopulation der Gameten, deren Kräfte uns 
von keiner prinzipiell anderen Art zu sein scheinen als diejenigen, die 
sich in der sexuellen Anziehung zweier geschlechtlich differenzierter 
vielzelliger Organismen kundgeben; liesse sich auch zwischen der 
Gamelenkopulation und der Konjugation zweier tierischer Organismen 
eine funktionelle Identität feststellen, eine Frage, deren einheitliche 
Lösung schon lange in der Luft der biologischen ebensowohl wie der 
physiologischen und psychologischen Forschung liegt, dann wäre ein 
weiteres Stück des Lebensprozesses und ein zentrales dazu enthüllt. 
Wenn wir in der Spannung und Entspannung und der damit ein- 
hergehenden elektrischen Ladung nicht nur das Kernelement der 
orgastischen Funktion, sondern vielmehr auch eine Grunderscheinung 
der lebenden Substanz zu sehen vermeinen, so muss sich diese Funk- 
tion auch an der Wurzel des Lebens, an der Kopulation zweier Ein- 
zeller bestätigen lassen. Gelingt dieser Nachweis, dann ist noch der 
andere zu erbringen, dass auch die sogenannte ungeschlechtliche 
Fortpflanzung durch Teilung und Sprossung im Prinzip der gleichen 
orgastischen Funktion unterliegt. 

Gehen wir von der experimentell erwiesenen Tatsache aus, dass 
sieh ein schwächerer Gamet gegenüber einem stärkeren des gleichen 
Geschlechts gegengeschlcchtlich verhält; dass also ein schwacher weib- 
licher einem stärkeren weiblichen gegenüber, gleichgültig, worin dieses 
»Stärkersein« besieht, männlich und dass ein schwacher männlicher 
sich einem stärkeren männlichen Garnelen gegenüber weiblich be- 
nimmt. Dieses relative sexuelle Verhalten gibt nur die potentielle 
Bisexualität wieder, sagt aber über das Wesen des »Sexuellen«, das 
heisst des Zwanges oder Antriebs zur Vereinigung mit einem anderen 
Gameten nichts aus; vielmehr liesse sich erst aus dem Wesen dieses 
Antriebs das geschlechtliehe Verhalten erklären. 

Nehmen wir zunächst an, dass sich die zwei Gameten, welchen 
Geschlechts immer, wie zwei elektrische Systeme verhallen: dass sie 
also den allgemeinen Gesetzen der lebenden Substanz selbstverständ- 
lich unterliegen. Nehmen wir weiter an, dass die Geschlechlsverschie- 
denheit gegeben wäre in der Herstellung jeweils einer positiven bezw. 
negativen Ladung des Gamelenkolloids. Vergleichen wir weiter die 
beiden Organsysteme mit zwei Elektromagneten. Wenn ein Magnet A 
stark geladen wäre, ein linderer schwach, so würde der Magnet A im 
Magneten B diejenige Ladung an der ihm zugekehrten Seile induzieren, 
die der Ladung von A entgegengesetzt wäre. 

Ist also A positiv, so muss der Magnet B am zugekehrlcn Pol negativ 
werden und A »zustreben«. Das Gleiche wäre der Fall, wenn A slark 
28 



1 



1 



Fortpflanzung eine Funktion der Sexualität 

negativ wäre; dann würde B positiv werden. Dies ist zunächst nur 
eine Analogie, die sieh erst bestätigen muss, wenn die Hypothese hall- 
bar sein soll. 

Wir setzen zur Klarstellung der Problematik am besten die zu- 
sammenfassenden Sätze Hartmanns 1 ) hierher: 

»Alle Voraussetzungen und Forderungen einer Sexualitätstheorie der Befruch- 
tung sind somit sichergestellt. Sic ist heute die einzige, die nicht nur den so 
mannigfachen Erscheinungen der Befruchtung gerecht wird, sondern darüber hin- 
aus auch eine Erklärung der Grundphänomene der Befruchtung physiologisch an- 
zubahnen vermag. Dass sie mit den Tatsachen der Geschlechtsverteilung und 
Vererbung im Einklang steht, haben die obigen Ausführungen zur Genüge ge- 
geben. Durch die (phänotypisch oder genotypisch bewirkte) Verschiedenheit der 
geschlechtlichen Tendenz der Garnelen kann aber bis zu einem gewissen Grade 
auch die liefruchtunijsbedürftiiikeit erklärt iverden, da man annehmen kann, dass 
mit der Entstehung sexuell differenzierter Zellen bezw. Kerne zutjleich die S/hiii- 
nanij erzeugt wird, welche die extrem differenzierten Zellen (Gameten) zur Ver- 
einigung und zum Aus<ileich der Si>annuny bringt (vom Ref. gesperrt). Selbst- 
verständlich scill und kann eine solche Erklärung nicht alle Etappen der Bc- 
frucbtungsphänoinenc erklären. Sie kann und will nur besagen, dass der erste 
ausbisende Schritt der gesamten Kette von Vorgängen, die sich bei jeder Befruch- 
tung abspielen, immer die Herbeiführung einer sexuellen Spannung ist. und dass 
dieses erste Glied früher oder später, oft kausal verknüpft mit anderen Entwick- 
lungsfaktoren, die nächstfolgende Etappe (Kopulation, Kariokincse, Reduktion) 
auslöst, die bekanntlich stets in einer bestimmten gesetzmässigen Reihenfolge 
aufeinanderfolgen.«. 

Die allgemeine bisexuelle Potenz erscheint also derzeit als das 
Grundphänomen, auf das sich der Mechanismus der Verteilung und 
Bestimmung des Geschlechts sowohl wie das Problem der Befruchtung 
prinzipiell zurückführen lassen. »Aber wie so oft bei der Lösung na- 
turwissenschaftlicher Probleme, bedeutet auch hier die Lösung alter 
Problemstellungen zugleich die Stellung eines neuen, schwereren und 
tieferen Problems, und das ist eben die Frage der rätselhaften Fähig- 
keit jeden Organismus' und jeder Zelle, in zweifacher entgegengesetzter 
Bichtung, nämlich weiblich oder männlich sich entfalten zu können, 
die alternative, bisexuelle Reaktionsfähigkeit. Worin diese Fähigkeit 
beruht, ob sie wie andere Eigenschaften der Organismen durch Gene 
oder Komplexe von Genen bedingt ist, das wissen wir nicht. Vieles 
scheint sogar gegen eine solche Auflassung zu sprechen und man 
könnte vermuten, dass hier eine Grundfunktion der lebenden Zelle 
und somit des Lebens vorliege wie Assimilation und Dissimilation. 
Die Fähigkeit ist auf jeden Fall zunächst vollkommen dunkel und 
rätselhaft, und es ist vorderhand auch noch kein Weg sichtbar, der 
zur Lösung dieses Rätsels führen könnte. Doch braucht das die For- 
schung nicht abzuschrecken. Sah es doch noch vor wenigen Jahrzehn- 
ten mit den Problemen der Befruchtung und Geschlechtsbestimmung 
genau so aus. Notwendig zur weiteren Aufklärung auch dieser Frage 
sind aus vergleichender Betrachtung der Erscheinungen gewonnene 
hypothetische Verstellungen, aus denen sich Folgerungen ableiten las- 
sen, die experimentell geprüft werden können.« (1. c. S. 36/37). 

1) Relative Sexualität und allgemeine Sexualitäts- und Befruchtiingstheorie (»Die 
Naturwissenschaften«, 19. Jg. 19:11). 

29 



Wilhelm Reich Fortpflanzung ein« Funktion der Sexualität 

Positive und negative Gameten bilden also Gruppen, sobald sie in 
einer Kulturflüssigkeit zusammengebracht werden: Schüler von 
Hartmann, Moewus und Joüos, versuchen nun zu erklären, wodurch 
die Gruppcnbildung zustande käme, und gelangen zu einer Annahme, 
wonach die Gameten »Stoffe« spezifischer Art in die Flüssigkeit ab- 
sondern sollen, die vom anderen Gametenpartner absorbiert werden. 
Stellt man nämlich von einer positiven Gametensorte ein Zentrifugat 
her, das keine Gameten mehr enthält und setzt man dieses Zentrifugat 
einer negativen Gametensorte zu, so erfolgt keine Gruppierung. Die 
negativen Gameten schwimmen nach wie vor umher. Setzt man aber 
dem Zentrifugat statt Gameten bestimmte reingezüchtete Bakterien aus 
den normalen Kulturen zu, dann erfolgt eine Gruppenbildung genau 
wie beim Zusammenbringen der beiden Gametensorten; nur unter- 
bleibt selbstverständlich die Kopulation. Auch umgekehrt ergeben 
positive Gameten in negativem gametenfreiem Zentrifugal bei Zusatz 
von rein gezüchteten Bakterien Gruppenbildung und paarweise Anord- 
nung. Die Gruppenbildung unterbleibt jedoch, wenn man bakterien- 
haltigc positive Filtratc den positiven Gameten oder negative hakte- 
rienhallige Filirate den negativen Gameten zufügt. Daraus schliesst 
Hartmann, dass zwei »geschlechtsspezifische Stoffe« von den beiden 
Gametensorten abgesondert werden. 

Wir wollen hier zunächst ein grundsätzliches Bedenken vorbringen. 
Ergäbe sich ein derartiger geschlechtsspezifischer »Stoff«, so bliebe 
dennoch die Tatsache der Gruppenbildung, also der gegenseitigen An- 
ziehung ungeklärt; denn der Stoff könnte nur ein spezifisches Vehi- 
kel der Anziehung sein, nicht aber diese selbst erklären. Hier gälte 
das gleiche Bedenken, das die dynamische Betrachtung der Natur auch 
gegen die Erklärung von Vererbungserscheinungen durch gegebene 
festgelegte Stoffe oder Substanzen vorzubringen hätte. Und Harlmann 
selbst äussert Zweifel an derartigen Erklärungen. Sie unterscheiden 
sich im Prinzip nicht von der hirnmythologischen Vorstellung, der 
zufolge das Denken in Gestalt bestimmter einzelner in bestimmten 
Hirnzellen lokalisierter Vorstellungen und Empfindungen gegeben sein 
sollte. 

Hartmann kommt aufgrund besonderer Versuche zum Ergebnis, 
dass sich isogame Gameten zu positiven bezw. negativen Einheiten 
differenzieren, dass also eine erbliche Getrenntgeschlechtlichkeit vor- 
liegt. Nach dieser Annahme können immer nur Gameten zweier ver- 
schiedener Sorten kopulieren; ihr Wesen wäre der Unterschied ge- 
schlechtsspezifischer »Stoffe«. Ich sagte bereits, weshalb mir eine 
derartige Annahme keine Förderung, sondern nur eine Behinderung 
der weiteren Problemlösung zu sein scheint. Zwar widerlegt Hart- 
mann derart die reizphysiologische Annahme von Mainz und Pa- 
scher, wonach es nur eine Sorte Gameten gäbe, die sich durch ver- 
schiedenen Beifezustand unterscheiden sollen. Doch bleibt nach wie 
vor die bipolare Zweigeschlechtlichkeit der Gameten zu erklären. 

30 



Nie Hoel Unklarheit in Sexualpolitik und Sozialhygiene i England 

Im Bakterienversuch fällt zunächst auf, dass die paarweise Grup- 
pierung auch mit Bakterien erfolgt, jedoch nur unter der Vorausset- 
zung, dass das Medium nicht ein Zentrifugal der im Versuch verwen- 
deten, sondern der weggelassenen Gametensorte ist. Dass Bakterien 
genügen, um die Paarung herbeizuführen, kann auch elektrolytisch 
erklärt werden. Gametensorte A plus Zentrifugal der Gametensorte B 
plus Bakterium ergibt ein elektrolytisches System mit zwei Grenz- 
flächen und einem Elektrolyten: Einmal die Grenzfläche Gamet 
A/Zentrifugat von Gamet B, dann die Grenzfläche Bakterium/Zentri- 
fugat. Jeweils sind zwei Grenzflächen zwischen zwei verschiedenen or- 
ganischen Substanzen hergestellt. Die Ladung der Grenzflächen kann 
beiderseits erfolgen, infolgedessen auch die Gruppierung. Fehlen die 
Bakterien, so entfällt die Bildung der zweiten Potentialfläche, die 
Gruppierung bleibt aus, denn nach allen bekannten Voraussetzungen 
können Gameten gleicher Sorte, also gleicher Spannung und wahr- 
scheinlich auch Vorzeichens keine Potentialflächen bilden. Das Weg- 
fallen der Gruppierung trotz Vorhandenseins der Bakterien bei Zentri- 
fugat aus der gleiche Sorte erklärt sich aus dem Wegfall der Potential- 
fläche: Gamet/Elektrolyt (Zentrifugat) ; denn das Zentrifugat ent- 
stammt der gleichen Sorte, muss also gleicher Art sein, was eine 
Grenzfläche verschiedener Spannung nicht zustande kommen lässt, 
daher ebenfalls keine Gruppierung. Fehlt im ersten Falle die Poten- 
tialfläche: Bakterium/Elektrolyt, so im zweiten Falle die: Gamet/Elek- 
trolyt. Diese hypothetische Annahme bedarf natürlich der experimen- 
tellen Bestätigung, wenn sie praktisch brauchbar werden soll. 

Doch die Auffassung der Sexualität als elektrischer Funktion er- 
fährt eine weitere Bestätigung durch die Anwendung der orgastischen 
Formel auf den Vorgang der Zellteilung und durch die von mir durch- 
geführten Versuche über die elektrische Funktion der Sexualität 
(vgl. nächstfolgende Mitteilung). 



Unklarheit in Sexualpolitik und Sozialhygiene 

in England 

Von Dr. Nie Hoel 

Wenn man in den verschiedenen Länder, speziell in England 
herumreist, stösst man immer auf ein lebhaftes Interesse für alles, 
was sexuelle Fragen angeht. Das gilt nicht nur für Durchschnitts- 
menschen, und auch Institutionen, die mit solchen Fragen arbeiten, 
z. B. Geburtenberatungsstellen, mentalhygienische Institutionen, son- 
dern man merkt es auch ganz deutlich in linksradikalen Bewegungen. 
Man kann es schon in den Strassen entdecken, wo man an den Häusern 
allerlei Plakate und Zettel geklebt findet, wo es von Ankündigungen 

31 



Nie Hoel 

über Versammlungen und Diskussionen, die die Fragen der Sexual- 
aufklärung, die des Sexualtriebes und Gesellschaft, über Massen- 
psychologie, über allerlei mystische, antroposophischc und merkwür- 
dige Astralgeschehnisse usw. behandeln, wimmelt. Auch in den Zei- 
tungen findet man sehr oft Annoncen, die darauf hinweisen, wie die 
Menschen unter diesen schwierigen Krankheiten des Sexualtriebes 
leiden und Ratschläge dazu erteilen, also ganz deutlich ökonomischen 
Nutzen aus diesem Leiden ziehen. Z. B. sieht man Ankündigungen 
von Ärzten, die spezielle neu entdeckte Techniken erfunden haben 
wollen, die die Krankheiten des vegetativen Nervensystems heilen 
können u. dgl. Trotzdem man also überall dieses lebhafte Interesse 
für die sexuellen Fragen bemerkt, muss man gleichzeitig sagen, dass 
man eine ganz grosse Unklarheit und Verwirrung auf diesem Gebiete 
spürt. Es gibt selten eine wirklich dynamische Auffassung, die diese 
Sexualnot und den Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Ent- 
wicklung klarmacht. Ja, es ist sogar so, dass das grosse Interesse für 
dieses Gebiet, direkt an allerlei ganz falsche und mystische. Theorien 
gebunden ist. Politisch ist das selbstverständlich sehr gefährlich. 
Diesen Mangel an Kenntnissen und Verständnis findet man nicht nur 
unter den Massenmenschen, sondern leider ebenso stark auf den Ge- 
bieten, wo eine grosse Kenntnis absolut notwendig wäre. Sehen wir 
uns einmal die Geburtenregelungsbewegung in England an, so kommt 
diese Unklarheit ganz deutlich zum Vorschein. Wir rechnen im all- 
gemeinen damit, dass England eine ganz grosse und gut organisierte 
Propaganda für Geburtenregelung ausgeführt hat, dass es glänzend 
organisierte Beratungsstellen gegründet hat und dass man mit Film 
und allerlei modernen Keklametechniken arbeitet. Sehen wir uns aber 
diese Organisationen näher an, stossen wir sofort auf typische Un- 
lust, wirklich in die Tiefe zu dringen und ernsthaft zu diskutieren, 
welche Rolle die Präventivmittel 

1 ) im Sexualleben 

2) in der Bevölkerungspolilik 

3) im Zusammenhang zwischen Geburtenregelung und Abortus- 
frage spielen. Es fand z. B. eine Versammlung in dem Internationalen 
Cenlrum für Geburtenregelung in London statt, wo Margaret Sanger, 
die berühmte amerikanische Gcburtenregclungsvorkämpferin sprach. 
Dort wurden in Wirklichkeit die allen neomalthusianischen Stand- 
punkte vertreten. Die Präventivmittel wurden eigentlich fast als 
magisches Mittel der Menschheit zur Rettung von aller Art von Krisen 
betrachtet. Alle Not der Menschheit könnte damit gelöst werden und 
wenn man versuchte, eine Diskussion durchzuführen, wurde das ver- 
hindert. Man dürfte die Bewunderung für diese Opferwilligkeit und 
Tüchtigkeil Margaret Sangers nicht durch eine Diskussion, die sich 
gegen sie wandte, kränken. Es herrschte in Wirklichkeit eine ganz 
hierarchische Stimmung, man durfte nur anbetungsvoll bewundern. 
Man kann vielleicht verstehen, dass man gern eine Dankbarkeit Mar- 

32 -r 



Unklarheit in Sexualpolitik und Sozialhygiene in England 

garet Sanger gegenüber, die so vieles in Amerika geleistet hat, erweist. 
Andererseits ist es klar, dass, wenn jede Diskussion oder jedes Ent- 
gegentreten als Undankbarkeit oder Frechheit empfunden wird, man 
niemals zu einer gründlichen Durchdiskussion oder Weitertreibung 
dieser brennenden Fragen gelangen kann. Man konnte in dem Vor- 
trag von Margaret Sanger eine Kritik an anderen Ländern feststellen, 
gleichzeitig hat sie sich aber gegenüber der englischen Geburten- 
regelung sehr lobend geäussert. 

Für Ausländer erscheint noch eine andere Sache als sehr merk- 
würdig. Dieselben Leute, die aktiv für die Geburtenregelung in Eng- 
land eingetreten sind, scheuen sich deutlich, die Frage des abortus 
provocatus aufzunehmen. Während man eifrig für die Benutzung der 
Präventivmittcl propagiert, sabotieren manche jeden Einsalz für 
Änderung der Gesetze über abortus provocatus. Es gibt verschiedene 
Leute, die für eine solche Änderung kämpfen, aber wenn man ver- 
sucht, eine Verbindung zwischen der Geburtenregelungsbcwegung und 
diesem Kampf zustandezubringen, wird es hinausgeschoben und nicht 
offen diskutiert. 

Nun könnte man sich ja denken, dass die Geburtenregelungs- 
ausbreitung in England so glänzend durchgeführt wäre, dass 
unfreiwillige Schwangerschaften überhaupt nicht mehr vor- 
kämen, und dass man die Krise in der Schwangerschaftsunter- 
brechung, die man in den verschiedenen Ländern heutzutage spürt, 
in England nicht hätte. Bei näherer Untersuchung zeigt es sich, dass 
dies garnicht der Fall ist. Aus zwei Gründen sind die allgemeinen 
Prüventivmitlcl überhaupt nicht in der ärmsten Bevölkerungsschicht 
durchgedrungen. Ich kam in eine neu gegründete Beratungsstelle in 
einem Arbeiterviertel. Es zeigte sich, dass die meisten Besucher der 
Beratungsstelle, die aus dem Mittelstand und aus der Arbeiterklasse 
stammten, bis dahin nur coitus interruptus getrieben hatten. Teils 
waren sie so arm, dass es ihnen nicht möglich gewesen war, früher 
zu kommen, teils wussten sie garnichts von Geburtenregelung, teils 
hatten sie aus Sexualverdrängung so grosse Scheu, dass sie es nicht 
wagten, die Sexualberatungsstellen aufzusuchen, und endlich waren 
sie aus Not so resigniert geworden, dass sie überhaupt kein Interesse 
mehr für die Zukunft zeigten. Ich glaube, dass diese Tatbestände aus 
verschiedenen Ursachen herrühren. Der wichtigste ist vielleicht das 
Organisationsprinzip vieler solcher Institutionen in England; nicht 
nur der Beratungsstellen, sondern auch der Erzieh ungsinstitutionen 
und modernen Institutionen überhaupt. Sie sind nämlich alle auf 
freiwillige Unterstützung, teils von religiösen Gesellschaften, von der 
Inneren Mission, oder auch von reichen Einzelleulen, aufgebaut. 
Sie haben riesengrosse Komitees, die zwar indirekt, aber doch 
viel darüber zu sagen haben, wie die Beratungsslelle arbeiten 
soll. Und auf diese Weise werden ja die finanziellen Stützen 
und deren Auffassungen über Sexualleben, Eheinstitution usw. 

33 



Nie Hoel 

vollkommen bestimmend für das Wirken einer Beratungs- 
stelle. Es wird also in den verschiedenen Beratungsstellen ganz 
verschieden gearbeitet und zwar je nach der Fortschrittlichkeit 
der Geldgeber. Sehr oft sind dabei natürlich religiöse Auffassungen 
massgebend. Leider nuiss man sagen, dass nur vereinzelte Leute sich 
klar machen, wie unmöglich eine derartige Situation ist, und selbst- 
verständlich noch mehr bei einer Geburtenregelungsstelle als bei 
jeder anderen Institution. Darum ist es kein Wunder, dass junge, 
unverheiratete Leute nicht leicht in Beratungsstellen kommen können. 
Sicher versuchen jetzt die jüngeren Ärzte, die mit diesen Problemen 
arbeiten, dieses besonders aufzunehmen. Sic sehen die Gefahr viel- 
leicht persönlich, aber allgemein lial man den Eindruck, dass die 
Diskussion vermieden wird, allein aus Furcht, kein Geld mehr zu 
bekommen. Resigniert nehmen sie es als eine Notwendigkeil hin, 
allerlei Wohltätigkeitsbälle mit Tees und Soupers zu veranstalten, wo 
der Duke soundso oder der Bischof soundso präsidieren. Denn diese 
Leute müssen sie ja sozusagen als Paradefiguren benutzen, damit 
recht viele Leute die Veranstaltungen besuchen und damit recht viel 
Geld hereinkommt. Trotz der glänzenden Organisationstechnik, die 
man bewundern muss, trotz der vielen Schriften, die die Präventiv- 
technik als solche diskutieren und Erfahrungen über die Anwendung 
solcher Mittel bchandclen, muss man leider feststellen, dass diese grosse 
Arbeil garnichl den richtigen Effekt einbringt. Es werden genau so 
wie in anderen Ländern, viele Schwangerschaftsunterbrechungen vor- 
genommen. Die jüngeren Ärzte können davon erzählen, wie viele 
Nachkrankheilen und Todesfälle daher stammen, dass diese. Unter- 
brechungen medizinisch ganz mangelhaft durchgeführt wurden, ent- 
weder bei Hebammen oder noch schlimmer bei Kurpfuschern. Es gibt 
auch einzelne Ärzte, die Schwangerschaftsunterbrechungen machen. 
Sie nehmen aber, wie mir erzählt wurde, einen Preis von 50 — 500 L, 
also 1.000 — 10.000 Kronen. Eine sehr reiche Frau kann daher ohne 
Schwierigkeit einen Arzt finden, aber für die Frauen im Mittelstand 
und in der Arbeiterklasse ist es komplett unmöglich. Selbst wenn 
medizinische Gründe, ernste Krankheiten usw. vorliegen, kann es 
schwierig sein, eine Unterbrechung zu erreichen. Eine jüngere Ärztin 
mit einer sehr grossen Praxis in London, erzählte mir zahlreiche solche 
Beispiele, wo etwa eine Frau mit mehreren Kindern und einem ganz 
schweren Herzleiden von ihr in ein Hospital geschickt wurde, um 
eine Unterbrechung der Schwangerschaft herbeizuführen; diese wurde 
ohne weiteres nach Haus geschickt und starb später. Noch schlimmer 
als in London sind die Zustände selbstverständlich in »The depressed 
Areas«, den Grubendistrikten und den Bauwollspinnereigegenden in 
Mittelengland. Dort haben sie weder Geld für Präventivmittel noch 
welches für Schwangerschaftsunterbrechungen, und neben der ökono- 
mischen Not spielen dann die religiösen Vorurteile, speziell des Ka- 
tholizismus, eine sehr grosse Rolle. 

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7 



Unklarheit in SexualpolHik und Sozialhygiene in England 

Die Frage zwingt sich aber trotzdem ganz selbstverständlich auf. 
Man versucht jetzt, ein Komitee zusammenzubringen, um die Abortus- 
frage wirklieb ernst aufzunehmen. 

So wurde im Oktober 1935 eine Konferenz von der Nationalliga 
der Frauen in Leicester abgehalten, an der auch die »Mütterorgani- 
sation« beteiligt war. Diese Mütterorganisation hat erst im Jahre 1929 
diskutiert und angenommen, dass der Gebrauch von Präventivmitteln 
unter den verheirateten Frauen notwendig wäre. Diese Konferenz der 
Nalionalliga der Frauen in Leicester war darum sehr wichtig, weil 
ganz offen alle Fragen über aborlus provocatus diskutiert wurden, 
Material vorgelegt wurde, aus dem hervorgeht, das 12% von allen 
Todesfällen der schwangeren und gebärenden Mütter aus dem Fehl- 
schlagen des falsch ausgeführten abortus provocatus stammen. Einige 
der Kongressteilnehmer versuchten zu verhindern, dass die Presse das 
Recht hatte, offen über alle diese Fragen zu referieren. Es wurde aber 
beschlossen, die Presse zuzulassen. Eine Resolution, in der man vor- 
schlug, dass die Regierung ein Komitee einsetzt, das die wirkliche 
Lage untersucht, wurde einstimmig angenommen. Eine andere Re- 
solution wurde vorgeschlagen, in der es hiess, dass man die Regierung 
ebenfalls bitten solle, das jetzige Gesetz so zu verändern, dass 2 Ärzte 
in Zusammenarbeit eine Schwangerschaftsunterbrechung bei jedem 
Mädchen unter 14 Jahren durchführen dürften. Da kam eine unge- 
heure Empörung der Mütter zum Ausdruck, die meinten, das so ein 
Gesetz zu den schlimmsten Ausschreitungen führen müsse. Diese Re- 
solution fiel einfach unter den Tisch, um nicht die erste zu verhin- 
dern. Wir sehen hier einerseits erfreuliche Zeichen, dass diese Fragen 
jetzt endlich aufgenommen werden, andererseits aber unerfreuliche, 
und zwar wie unklar alles das geschieht. Es fehlt ausser bei ganz 
wenigen, so wie Stella Browne, eine prinzipielle Darstellung von dem 
Zusammenhang zwischen Sexualtrieb, Sexualunterdrückung und den 
ökonomischen Verhältnissen in der kapitalistischen Gesellschaft. 

Eine ablehnende Haltung den sexuellen Fragen gegenüber findet 
man nicht nur unter Konservativen, sondern auch unter Sozialisten 
und Kommunisten. Wahrscheinlich am meisten in der älteren Gene- 
ration. Es gibt eine Sexualberatungsstelle »Sexual Education Centre«, 
die von einer sehr tüchtigen Frau geleitet wird. Ich habe Kommu- 
nisten sagen hören, dass man z. Zt. allzusehr an den sexuellen Fragen 
interessiert wäre. Die Stelle wäre eine ganz perverse, hysterische An- 
gelegenheit, die Frau schwer neurotisch, überhaupt wurde sehr 
höhnisch darüber gesprochen. Wenn man hinkommt, findet man 
nichts dergleichen vor, im Gegenteil, eine sehr vernünftige Frau, die 
aber leider sehr isoliert sitzt und darum nicht so viel erreichen kann, 
wie man ihr wünschen könnte. Sie hat eine ganz gute Bibliothek, die 
aber z. B. die Schriften von Wilhelm Reich nicht hatte und die sie 
auch nicht kannte. 

Die sexuellen Fragen werden auch in diesen Kreisen meistens als 

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Nie Hoel 

Reitung von Neurosen und der Not der Bevölkerung angenommen, 
was an sich ganz nützlich ist, aber sie werden wenig politisch betrach- 
tet. England ist überhaupt ein merkwürdiges Land. Man sieht, viel- 
mehr als in anderen Ländern, nebeneinander ganz fortschrittliche In- 
stitutionen und ganz reaktionäre. Sic arbeilen auf Grund persönlicher 
Initiative von Einzelleutcn, haben keine Verbindung miteinander, 
darum findet man ein sehr vielseitiges Gebilde, Positives und Nega- 
tives in wildem Durcheinander. Da wird z. II. ohne weiteres erlaubt, 
dass einzelne Leute ganz radikale Dinge tun, ohne dass jemals einer 
sich hineinmischt. Das kann man z. B. in der Schul- und in der men- 
talhygienischen Erziehung beobachten. Man hat in London nach 
amerikanischem Musler mehrere Beratungsstellen für Erziehungs- 
fragen und für schwer erziehbare Kinder gegründet. Ich kann aber 
in diesem Artikel nicht in Einzelheiten gehen. Sie versuchen, die 
modernen Erziehungsprinzipien anzuwenden, lehren die Eltern, nicht 
strafend und diziplinär zu erziehen, sondern frei die Entwicklung 
des Kindes verlaufen zu lassen, geben auch Ratschläge über die Erzie- 
hung des Sexuallebens der Kinder. Spielen wird als Konsultations- 
technik angeführt und man merkt eine ziemliche Gleichstellung zwi- 
schen Erwachsenen und Kindern. Hier slösst man aber auf genau 
dieselbe Verwirrung. Um verschiedenen psychologischen Schulen recht 
zu tun, versuchen sie, alles zusammen zu mischen. Die richtige Hal- 
tung, von allen Wissenschaftlern, Richtungen, etwas zu lernen, wo es 
zu lernen gibt, aber selbst einen festen dynamischen Ausgangspunkt 
zu haben, verwechseln sie mit einem einfachen schematisehen Zu- 
sammenraffen von allem, was es gibt. Dabei findet man sowohl falsche 
als auch richtige analytische Auffassungen, Individualpsychologie, 
behaviorislischc Auffassungen, u. s. w. Die Mitarbeiter können oft 
den roten Faden nicht finden. Selbstverständlich müssen sie auch auf 
Konflikte mit c\vn Eltern, die allmodisch erzogen sind, stossen. Auch 
prallen sie zusammen mit der ökonomischen Not der Bevölkerung, 
und dadurch können sie natürlich weniger Kindern helfen, als sie sich 
eigentlich vorgenommen haben. Das stellen sie nur fest, ohne aber 
die Konklusion daraus zu ziehen. Sie zeigen solche Unklarheiten in der 
prinzipiellen Auffassung deutlich, dass sie Heime in Verbindung mit 
ihrer Arbeit gegründet haben, die aber von streng religiösen Leuten 
geleitet werden. Was hilft es nun, dass die Eltern zu hören bekom- 
men, die Sexualhandlungen des Kindes sind natürlich, die Affekle des 
Kindes sind natürlich und die Kinder müssen frei aufwachsen, wenn 
diese dann in ein Heim kommen, wo strengste Disziplin und Bravheit 
auf der Tagesordnung stehen? Sehr viele von diesen Heimen leiden 
auch wieder unter denselben Bedingungen, wie die Beratungsstellen, 
dass sie nämlich wie diese privatkapitalistiseh gestützt werden. 

Es gibt aber in England auch einige Schulen, die vollkommen nach 
freien Prinzipien der Kollektiverziehung durchgeführt werden. Das 
gilt z. B. für die Schulen von IL S. Neill und Dora Bussel. Diese wer- 
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Unklarheit in Sexualpolitik und Sozialhygiene in England 

den natürlich nicht von reichen Leuten unterstützt, weil sie allzu 
gefährlich sind, darum leiden diese Schulen wieder unter ökonomi- 
schen Schwierigkeiten und ihre Experimente mit freier Kollektiv- 
erziehung können nicht so durchgeführt werden, wie es in einer an- 
deren Gesellschaft sein könnte. Trotzdem sieht man deutlich Zeichen 
einer Umstrukturierung bei den Kindern. Trotz der vielen Fehler 
herrscht eine ganz andere Atmosphäre als in den meisten Heimen 
und Schulen, die ich gesehen habe. Die Erwachsenen und Kinder sind 
vollkommen gleichgestellt, die meisten Kinder sehen munter und frei 
aus, und die selbständige Beurteilungsfähigkeit der Kinder zeigt sich 
in vielen Details. Hier nur ein kleines Beispiel: 

Ich war mit den kleinen Kindern von 6 — 9 Jahren im Kino, wo 
zwei Filme dargeboten wurden, ein Micky-Mous-ähnlicher und ein 
ganz imperialistischer Film, »Die Helden von Indien«, wo der Kolo- 
nialkampf der Engländer in Indien geschildert wird und wo selbst- 
verständlich alle Engländer voll von Heroismus und Edelmut waren, 
während die meisten Inder, die gegen die englische Kolonisation 
kämpften, meistens als Schurken und brutale Tiere dargestellt wur- 
den, und nur die Inder, die mit den Engländern zusammenarbeiteten, 
waren kluge und brave Menschen. Zwar wurde diese Tendenz teil- 
weise umhüllt von kleinen Konflikten, wo der englische Held unge- 
recht und missverstanden von der englischen Regierung behandelt 
wurde und erst zum Schluss seine Genugtuung bekam. Im Kino waren 
die ersten Bänke von den Kindern der Stadt besetzt, die in gewöhn- 
lichen Schulen und in Familien erzogen wurden. Die Kinder der 
Schule Neills sassen alle zusammen in einer Reihe ungefähr mitten im 
Saal. Man konnte ganz deutlich sehen, wie verschieden die beiden 
Kindergruppen reagierten. Die Kinder Neills waren kollossal begei- 
stert, klaschten und schrieen zum ersten Film, während sie im zweiten 
»Helden von Indien« laut gähnten und ganz still sassen; die anderen 
Kinder schrieen, klatschten und waren sehr ergriffen beim Helden- 
film. Nachher sagten die Kinder von Neill mir, dass der letzte Film 
scheusslich langweilig und nur Humbug war. So allgemein war diese 
Reaktion, dass es erlaubt sein muss, daraus die Schlussfolgerung zu 
ziehen: dass diese Kinder rein gefühlmässig auf die nationalistische 
und sentimentale Propaganda anders reagieren und sich nicht rnit- 
reissen Hessen, einfach weil solche Ideale nicht in ihrer freien Er- 
ziehung existierten. Das freie und natürliche Ausleben und die Sclb- 
steucrung dieser Kinder hat also eine grosse politische Bedeutung. 

Oberhaupt müssen wir sagen, dass alle diese Fragen uns sehr 
stark politisch berühren müssen. Allgemein kann man von der eng- 
lischen Bevölkerung, soweit man es als Ausländer erlebt, sagen, dass 
sie sich ganz anders benimmt, als wir es von irgendeinem anderen 
Lande gewohnt sind. Es ist schwierig, alle Details zu schildern; kommt 
man aber z. B. in ein Armcnviertel, stösst man auf eine merkwürdige 
Einstellung von braver, demütiger Abhängigkeit feinen Leuten gegen- 

37 



Waller 

über, eine sehr behagliche Liebenswürdigkeit -- und zugleich ein etwas 
adeliges Wesen, als wenn sie von dem Adel der alten Geschichte Eng- 
lands etwas selbst hätten. Sie benehmen sich wie Edelleute und sind 
zugleich demütig, dazu eine sehr ausgeprägte Munterkeit, eine überall 
auftauchende Anlage zum Humor selbst in Notlagen. Es ist, als ob 
sie sagen wollten: »Wir befinden uns faktisch wohl dabei.« 
Es wäre eine längere Analyse nötig, zu untersuchen, wie so ein Na- 
tionalcharakter entsteht. Sicher ist, dass diese liebenswürdige und 
friedliche Haltung doch eine grosse Hemmung im politischen Kampf 
darstellt und diese Barmherzigkeits- und Dankbarkeitsideologie, wenn 
reiche Leute von ihrem Reichtum den Armen etwas abgeben, ein sehr 
-wichtiger politischer Tatbestand ist. England hat wohl als Kolonial- 
reich im täglichen Leben mehr überfluss, die reichen Leute haben 
durch ihre Erziehung ein schlechtes Gewissen, darum geben sie auch 
viel mehr, als wir gewohnt sind. Die armen Leute empfinden das nun 
als eine Selbstverständlichkeit und bewundern zugleich die Freigebig- 
keit der Reichen. Sie fühlen sich als mitfein, mitreich (»illusionäre 
Befriedigung«) und sind gleichzeitig vollkommen abhängig. Das muss 
wohl auch ein Teil der Begeisterung dem Könighause gegenüber sein. 
Sie sind wie Dienerrepräsentanten der Reichen. Man könnte sich 
denken, dass eine gefestigte politische Arbeit, die nicht nur mit politi- 
schen, ökonomischen Änderungen und Kämpfen sich befasste, sondern 
diese Frage als eine lebenswichtige mit berücksichtigte und den 
Massen klar machte, sehr viel ausrichten könnte. 



Au secours de la famille 

Von Waller 

Dauernder Geburtenrückgang, Angst vor der zahlenmässigen Über- 
flügelung durch Deutschlands Militärmacht, eine reaktionäre Bevölke- 
rungs- und Familien Propaganda, die sich diese Tatsache zu Nutze 
macht, eine Gesetzgebung, die jede rationelle Sexualpolitik verhindert 
(Verbot, über antikonzeptionelle Mittel öffentlich zu reden und zu 
schreiben) : Das ist die Situation in Frankreich (vgl. dazu auch kleine 
Sex-Polnachr. in d. H.), aus der heraus die Artikelserie der »Huina- 
nite« (Zentralorgan der kommunistischen Partei Frankreichs) be- 
sondere Bedeutung gewinnt. Sie ist überschrieben »Au secours de la 
famille« (zur Rettung der Familie). Angekündigt wurde sie durch 
einen Artikel am 31. /X. 1935: 

■»Zur Rettung iler Familie«. 

Helft uns, am 17. November unsere 
■grosse Knquete im Interesse des Rechts 
auf Liebe anzustellen. 

Man weiss, dass die Geburtenzahl in Frankreich mit erschreckender Raschheit 
abnimmt (folgen Zahlen, der Ref.) Die Kommunisten sehen sich also vor 

38 



Au secours de la famille 

eine sehr ernste Tatsache gestellt. Das Land, das sie gemäss ihrer historischen 
Aufgabe umformen sollen, die französische Welt, die sie auf den rechten Fleck 
zu setzen beabsichtigen, läuft Gefahr, verstümmelt zu werden, zu verkümmern, 
an Menschen zu verarmen. 

Die Bösartigkeit des sterbenden Kapitalismus, die Unsittlichkeit, zu der er 
das Beispiel gibt, der Egoismus, den er entwickelt, die Not, die er schafft, die 
sozialen Krankheiten, die er propagiert, die heimlichen Abtreibungen, die er pro- 
voziert, zerstören die Familie. 

Die Kommunisten wollen dafür kämpfen, die französische Familie zu ver- 

* e,d, Sie" haben ein für allemal mit der alten kleinbürgerlichen — individualisti- 
schen und anarchistischen - - Tradition gebrochen, die aus der Sterilisation ein 
Wcal macit ^ ^ ^^ ^^ ^ ^ zdhlnich Rasse übernehmen Die 
U. S. S. R. weist ihnen den Weg. Aber man muss sogleich wirkliche Mittel an- 
wenden, die Rasse zu retten (race auf französisch ist nicht = deutsch »Rasse« 
sondern ein Mittelding zwischen »Rasse« und »Bevölkerung«, der Ret.). 

I,i meinem Buch »Das Unglück jung zu sein« habe ich ^Schwierigkeiten 
genannt, die die Jugend heute hat, sich ein Heim zu gründen. Und ich habe in 
ihrem Sinne ihr Recht auf Liebe verteidigt. 

Das Recht auf Liebe, Liebe des Mannes und der Frau, des einen für den 
andern,' Kindesliebe, Elternliebe, das soll das Thema der neuen Enquete sein, 
ich sehe sie unterstützt durch die Briefe unserer Leser, die von ihren 
Schwierigkeiten, Ängsten und Hoffnungen berichten, eine Enquete, die die Mittel 
untersuchen wird, die französische Familie zu retten, indem man der Mutter 
schaft, der Kindheit, indem man den kinderreichen Familien den Platz und die 
Vorteile gibt, die sie im Lande haben müssen. 

Schreibt uns Junge, schreibt uns Väter und Mütter! 

P. Vaillant-Coutuner. 

Eine solche Stellungnahme ist katastrophal und verwirrend. Denn 
— man könnte fast sagen nach dem Beispiel des Faschismus — be- 
jaht V. C. hier die Sehnsucht nach »Liebe« nach »Sozialismus«, um 
die Kräfte, die er damit entfesselt, einem reaktionären Ziel dienstbar 
zu machen: Rettung der Familie in ihrer heutigen Form! Statt zu 
zeigen wie das Recht auf Liebe - - besonders bei der Jugend - in 
unauflösbaren Widerspruch zur bürgerlichen Familieninstitution 
tritt wird hier dieses Recht mit »Gründung eines Heims«, Ehe, Fort- 
pflanzung einfach gleichgesetzt. Statt die Perspektive vom Aussterben 
Frankreichs als reaktionäres Schreckgespenst zu entlarven, stellen 
sich hier die Kommunisten an die Seite der bürgerlichen Reaktion 
und ihrer Bevölkerungspropaganda. Und nicht zufällig mit Berufung 
auf die S. U., die nicht nur ein aussenpolitisches Interesse an der Er- 
haltung der französischen Militärmacht hat, sondern auch in ihrer 
Sexualgesetzgebung reaktionäre Wege einzuschlagen begann. 

Geburtenbeschränkung ist selbstverständlich keine Lösung der 
sozialen Frage, denn die herrschende Klasse weiss sich in jeder be- 
völkerungspolitischen Situation durch Ausnützung des technischen 
Fortschritts ihre industrielle Reservearmee zu sichern. Wenn wir 
trotzdem für Verbreitung der Verhütungstechnik eintreten, dann vor 
allem deshalb, weil sie Voraussetzung für sexuelles Lebensglück ist, 
weil der Kampf um dieses Glück die Bewusstheit und die revolutio- 
näre wSchlagkraft der Massen erhöht. 

Wir sind auch für Kinder, aber nicht, »um ein starkes Land zu 

39 



._, 



Wall 



er 









übernehmen«, sondern weil erwünschte Kinder ein Stück Lebens- 
freude bedeuten. Doch diesem Wunsch Kinder zu haben, steht in 
unserer Gesellschaft oft genug Hunger, Wohnungselend und unsichere 
Zukunft im Wege. Wir treten darum auch für erhöhten Mutterschutz 
und Erweiterung der Kinderfürsorge schon in dieser Gesellschaft ein 
(vgl. Programm der dän. Sex-Pol), ohne diese Forderungen aber in 
den Dienst einer reaktionären Familienpropaganda zu stellen. 

Doch kehren wir zu V. C.s Artikeln zurück. Immer wieder können 
wir das Schwanken zwischen sozialistischem Ansatz und reaktionärer 
Umbiegung feststellen. So ist z. B. die Einleitung (17./XI.) in der Art 
und Weise, die Sache anzupacken, ausgezeichnet. 

»Alle Welt beschäftigt sich mit der Familie die Politiker, Soziologen, 

Militärs, Philosophen, Ökonomen, Priester, Ärzte all diese Leute schlagen 

mit Statistiken drein. Es gibt nur eine Kategorie von Leuten, die man niemals 
bittet, darüber zu sprechen. Das sind die Beteiligten, die Objekte der Statistiken.« 

Den Kampf mit Benutzung von Briefen und Zuschriften der Be- 
teiligten selbst zu führen; nicht von oben herab sondern »von unten 
herauf«: Das ist gewiss ein ausgezeichneter Gedanke und liegt in der 
Linie richtiger proletarischer Politik. Aber dazu gehört ein Dis- 
kussionsleiter, der den Schreibern wirklich dazu verhilft, ihre geneim- 
sten Wünsche zu äussern. Doch das Versteht V. C. nicht! Sehen wir, 
was er am 21. /XL schreibt: 

Zwischen der täglichen Post, die ich für diese Enquete erhalte, entdecke ich 
manchmal einen Brief, der etwa in folgender Weise abgefasst ist: 

»Wie? Sie wollen ein Revolutionär sein? Sie interessieren sich für die Ge- 
burtenfrage? Ich glaube, je weniger Kinder man ausbeuten kann, desto weniger 
stark wird der Kapitalismus sein. Im übrigen sind Ehe und Familienleben eine 
Sklaverei. Warum sich binden? Das Recht auf Liebe hängt von jedem Individuum 
ab und nicht nur vom sozialen Regime. So arm ich bin, ich glaube, dass ich mein 
Recht auf Liebe frei ausübe vom Augenblick an, wo ich mich über die Vorurteile 
hinwegsetze und die sexuelle Freiheit ausübe, die ich voll und ganz beiden Ge- 
schlechtern zuerkenne.« 

Hier wäre es V. C.s Aufgabe gewesen, sexuelle Lust und indivi- 
duelles Glück zu bejahen, jedoch zu zeigen auf welche gesellschaft- 
liche Schranken eine individuelle Sexualbefreiung im Kapitalismus 
stösst (sozial bedingte Neurosen, Wohnungselend etc.): dabei hätte 
er auch die Auffassung widerlegen können, dass man durch Gebur- 
tenbeschränkung dem Kapitalismus ernsthaft Schaden zufügen kann. 

Was tut V. C. statt dessen? Er spricht sein feierliches Ver- 
dammungsurteil aus! »Kleinbürgerliche Reaktion gegen die kleinbür- 
gerliche Moral Das Recht auf Liebe wird für solche Leute zum 

Recht auf sexuelles Chaos«. Hier ertönt uns in voller Stärke die Me- 
lodie der politischen Reaktion entgegen. 

Diese Einstellung V. C. begründet natürlich eine Auswahl der ver- 
öffentlichten Briefe im gleichen Sinn. Ein Beispiel (19./XL): 

Von einem jungen Pariser: 

Mit 13 Jahren aus der Schule gekommen! Man hat mich in den Handel ge- 
steckt. 1933 verdiente ich 1000 frs. im Monat. Als ich vom Militärdienst zurück- 
kam, war mein Platz besetzt. Ich bin jetzt 24 Jahre alt. 

40 



I 



Au secours de la famille- 

Ich bin Vertreter mit Kommission. In 5 Monaten habe ich ungefähr 150 frs 
verdient. Ich bin gezwungen, meinen Eltern zur Last zu fallen, die genug davon 
haben. 

Die Liebe? In meiner Situation, was kann ich da einer Frau bieten? Mit 
ihr leben, wenn sie arbeitet, das hiesse praktisch sich aushalten lassen. Sprechen 
wir nicht davon. Also? Sich von Zeit zu Zeit sehen? Auf irreguläre Weise? Ich 
hatte mehrere Freundinnen, die früher oder später von dieser Art zu leben genug 
bekamen 

Und dann, was ich möchte, das ist nicht diese vorübergehende Liebe 

Ich möchte ein Heim gründen, mit der Frau leben, die mir gefällt, die mich ver- 
steht, aber das ist unmöglich. Das Elend macht einsam. 

Sehen Sie, ich hatte eine Freundin, mit der ich 2 Monate zusammen war. 
Ich kam zu ihr ins Haus. Wir hatten verabredet, zu heiraten, wenn ich genug 

zum Leben verdiente. Aber leider! Dieses Mädel war vor mir mit einem 

andern zusammen gewesen. Der ist zurückgekommen. Er hat eine Stelle. Er will 
sie heiraten. Wir haben uns lieb, selbstverständlich, aber mein Mädel hatte genug 
von dieser ungeordneten Lage. Also war es aus. Sie wird vielleicht glücklich 
sein, aber ich bleibe auf dem Pflaster liegen mit meinem Glück in kleinen Scherben. 

Perspektive? Wieder anfangen? Wie oft Bis ich unter die alten Jung- 
gesellen eingereiht werde und allein bin, ohne Heim, ohne Liebe, ohne kleine 
Kinder 

Und so wie dieser Brief sind fast alle. Gewiss, so ist die Einstellung 
des unpolitischen kleinen Mannes — ob er nun bürgerlich oder kom- 
munistisch wählt. Wie viel wäre zu diesem Brief zu sagen! Dass es 
eine verkehrte Eitelkeit ist, dass ein arbeitsloser Mann sich nicht von 
einer Frau, die er liebt, unterhalten lassen darf, bis er Arbeit gefun- 
den hat. Dass wir die Einstellung der Frau nicht billigen, die sich 
die Liebhaber nach den Aussichten auf Versorgung wählt. Dass diese 
Einstellung nicht selbstverständlich ist, so wie der Briefschreiber an- 
nimmt, sondern mit der Erziehung der Frau zur Unselbständigkeit, 
mit ihrer Benachteiligung im Wirtschaftsleben zusammenhängt. Dass 
wir darum für Gleichstellung der Frau nach sowjetrussischem Muster 
eintreten. Dass es an und für sich nichts »Ungeordnetes« ist, dass 2 
Menschen, die wissen was sie wollen, ohne eheliche Bindung zusam- 
menleben. Dass die Ablehnung einer solchen Beziehung mit der uns 
tief eingepflanzten bürgerlichen Moral zusammenhängt, die die herr- 
schende Klasse propagiert, um die Ehe als ökonomische und psycho- 
logische Institution zu retten u. s. w., u. s. w. 

Aber V. C. scheint die Einstellung des Briefschreibers voll zu bil- 
ligen. Er wendet sich bloss gegen die wirtschaftlichen Verhältnisse, 
die das kleinbürgerliche Familienidyll zerstören, ohne dieses Idyll 
selbst in seiner gesellschaftlichen Bedingtheit zu enthüllen. 

Uns jedoch zeigen die Briefe, wie tief dieses Idyll trotz aller 
Debatten über Kameradschaftsehe, Moralkrise, freie Liebe etc. in den 
breiten Massen verankert ist — zumindest in Frankreich. Und es 
wäre zu begrüssen, wenn in andern Länder sozialistische Zeitungen 
ähnliche Rundfragen veranstalten würden. 

An Hand solcher Briefe werden in spätem Artikeln beleuchtet: 
Arbeitslosigkeit, unsichere Zukunft, zu geringer Lohn, schlechte Or- 
ganisation der sozialen Einrichtungen, ungenügende Höhe der in 
Frankreich ausgezahlten Kinderzuschüsse. Doch mit all dem will 

41 




Waller Au secours de la famille 

V. C. immer wieder bloss zeigen und das offenbart sich besonders 
schön in seiner Kritik der dilettantischen Vorschläge der reaktionären 
Bevölkerungspolitiker -: Wir Kommunisten verstehen es viel besser 
als ihr Bourgeois, wie man es austeilen muss, um die Familie zu ret- 
ten, die Ursachen des Geburtenrückgangs aufzudecken. Dabei entgeht 
ihm aber z. B. die Talsache, dass in vielen Ländern gerade die am 
schlechtesten entlohnten Arbeiter die meisten Kinder haben; dies zeigt 
z. B. eindeutig die norwegische Statistik, während die rückständige 
französische es unterlässl, Einkommen und Kinderzahl zu einander 
in ein Verhältnis zu setzen. Trotzdem zeigt sie gleichfalls, wie die 
Zahl der kinderreichen Familien bei den im Durchschnitt besser ge- 
stellten Angestellten wesentlich geringer ist als bei Arbeitern und 
Fischern. Diese Tatsache, die wohl mit der grösseren Aufgeklärtheit 
bei den Bessergestellten zusammenhängt vielleicht auch mit ihren 
kulturellen Lebensansprüchen, die stärker zunehmen als der Lohn — 
führt allen Ökonomismus in der Bevölkerungsfragc ad absurdum und 
stellt einen psychologischen Faktor dar, den V. C. aus seiner ganzen 
Einstellung heraus natürlich nicht berücksichtigt. 

Als Massnahmen gegen den Geburtenrückgang nennt V. C. die For- 
derungen der K. P. F. von 1933: Gründung einer nationalen Mutter- 
schaftskasse, die durch Unternehmerbesteuerung finanziert werden 
und der Kontrolle der Werktätigen unterstchen soll, erweiterter Mut- 
terschulz, vermehrter Bau von Gebärkliniken, Kindergärten etc. Diese 
Forderungen können auch wir bejahen, wenn sie nicht dem reaktio- 
nären Ziel: Rettung der bürgerlichen Familie unterstellt werden. 
Doch bei V. C. ist dies leider nicht der Fall. Er geht typischer Weise 
weder auf die Gleichstellung der Frau im Wirtschaftsleben und im 
Familienrecht ein, noch auf eine Reform des Eherechts im Sinne einer 
Erleichterung der Scheidungen. Um die »Familie« zu retten, bedarf 
es ja dgl. auch nicht, im Gegenteil! 

Hingegen fordert V. C. allerdings Aufhebung der Gesetzgebung 
gegen Abtreibung und Verhütungsmittelpropaganda; aus guter alter 
Tradition fühlt man sich fast verpflichtet zu sagen. Aber man merkt, 
wie sauer ihm die Vertretung dieser Forderungen fällt, er gibt ihnen, 
auch vielfach einen neuen Sinn. 

So meint er (31./XIL), die Unterdrückung der antikonzeptionellen 
Aufklärung schaffe eine »Mystik der Sterilität«. So würden die anti- 
konzeptionellen Mittel aus Mitteln der Eugenik (Zeugung von schönen 
und gewollten Kindern) zu »Elementen der Demoralisation der Paare 
und antisoziale Waffen im höchsten Grad« und das sei die Begrün- 
dung für die Forderung nach Freigabe. Hier reicht V. C. fast seinem 
Antipoden Hitler die Hand. Für illegale Verteilung von Verhütungs- 
mitteln, für die eine wirklich revolutionäre Partei unter französischen 
Verhältnissen sorgen müsstc, dürfte V. C. nicht viel übrig haben. 
Auch was die Abtreibung betrifft, vertritt er reaktionäre Ansichten. 
Sie dürfe nicht ganz frei gegeben werden, da sie oft dauernde Schä- 

42 



Karl Teschitz Aus ^ er i n ' erna '' ona ' en Sexpol-Diskussion 

digung der Frau und Unfruchtbarkeit zur Folge habe, selbst wenn sie 
vom kundigen Arzt durchgeführt wird (eine medizinisch unhaltbare 
Behauptung). Zudem erzeuge sie eine Tendenz, die soziale Verant- 
wortung aufzuheben. Verantwortung wofür? Für schrankenlose 
Vermehrung? Oder ist der Geschlechtsverkehr doch eine Sünde, die 
durch Erzeugung eines Kindes gesühnt werden muss? 

Die Humanite ist seit dem 17. November aus einem Parteiorgan 
auf ein »Volksblatt« umgestellt worden. Sind das die Früchte der 
Umstellung, dass man sich nun den reaktionären Feld-, Wald- und 
Wiesenvorurtcilen des »Mannes aus dem Volk« anpasst? Oder ist es 
bereits die Auswirkung reaktionärer Tendenzen der neuesten russi- 
schen Kultur- und Sexualpolitik auf die grösste westeuropäische Sek- 
tion der Komintern? 



Aus der internationalen Sexpol-Diskussion 

Von Kad Teschilz 

Wir stehen mit Genossen aus fast allen sozialistischen Gruppen in 
regem Briefwechsel. Demgegenüber kommt die öffentliche Diskus- 
sion nur langsam in Gang. Die sozialdemokratische Presse — mit 
Ausnahme der Freidenker — schweigt uns tot, die Kominternpresse 
hat uns ein für alle Mal unter die Konterrevolutionäre eingereiht. 

Die unabhängige sozialistische Presse brachte z. T. sehr freund- 
liche Besprechungen: So z. B. Neue Weltbühne, Unser Wort, Internat, 
ärztliches Bulletin, auch Arbeiderbladet, das Organ der keiner Inter- 
nationale angeschlossenen norwegischen Arbeiterpartei. 

Eine gründliche Auseinandersetzung mit der Sex-Pol findet sich 
in der holländischen Zeitschrift »Bevrijding«, ferner auch ein grund- 
sätzlicher Artikel in der spanischen »Revista blanca«. Beide stehen 
auf dem Boden des Anarchismus bzw. Anarchosyndikalisnws. Das 
ist an sich nicht überraschend. Von jeher waren die Anarchisten die- 
jenigen unter den sozialistischen Gruppen, die auf die Befreiung und 
Revolutionierung des persönlichen Lebens, auf die Aktivierung des 
revolutionären Willens das grösste Gewicht gelegt haben, die sich 
darum auch schon frühzeitig mit dem Problem der sexuellen Be- 
freiung befassten. 

Unter den Einwänden sind diejenigen am interessantesten, die aus 
der anarchistischen Ablehnung des Marxismus, der zentralisierten Par- 
tei sowie jeder autoritären Organisation überhaupt stammen. Wir 
glaubten zwar, wir seien Marxisten, sagen diese Genossen. Aber: 

»Es ist richtig, dass die Auffassungen von Marx betreffend ökonomischer 
Basis und ideologischem Überbau nicht angegriffen weiden. Die Auffassungen 
von Reich bringen aber eine so komplett veränderte Einstellung auf theoreti- 
schem und praktischem Gebiet, dass wir es in Wirklichkeit mit einer theoretischen 

43 



_ 



Karl Teschilz 

Erneuerung des Marxismus zu tun haben. Wäre das nicht der Fall, dann würde 
es nicht so viel Widerstand geben.« (Jong und Kuysten in »Hevrijding«, Juni 

1 i/Oi). ) 

»Reich hat seinen Ausschluss (aus der kommunistischen Partei, der Ref.) 
wohl verdient, denn sein Buch ist eine heftige Attacke auf einen der grundlegenden 
Irrtümer des Marxismus. Des mechanisch nerstamienen Marxismus, sagt er, des 
autoritären Sozialismus im ganzen gesehn, sagen wir.« (Revista blanca 8. No- 
vember 1935.) 

Die Analyse, die die Sex-Pol von der Rolle der Autorität gibt, 
findet bei diesen Genossen besondere Beacbtung. Doch gerade hier 
findet man einen Widerspruch in unserer eigenen Auffassung. 

»Wie ist es möglich, dass Leute, die den psychologischen Grund und die 
Gefahr der Autorität, wie sie sich auch offenbart (Familie, Staat, Kirche, Partei) 

, n n ei \,?° Ch lmmCr CinC Schlin Ö t ' um den Arm haben, wenn es der Komintern 
gilt?« (Hornstra in Bevr. Feb. 35.) 

In diesem Zusammenhang greift Hornstra das Bekenntnis eines 
Mitarbeiters von Heft 3/4 zur Arbeit innerhalb der kommunistischen 
Partei an. Ebenso vermisst er bei den Kritikern des deutschen Auto- 
ritätsprinzips eine entschiedene Kritik des gleichen autoritären Prin- 
zips in Russland, ein positives Bekenntnis zu den Arbeiter- und 
Bauernrälen, die seiner Meinung nach schon zu Beginn der russischen 
Revolution auf Befehl der kommunistischen Parteizentrale in Blut 
erstickt worden sind (Niederschlagung des Kronstädler Aufstandes). 

Noch klarer entwickeln Jong und Kuysten den anarchistischen 
Standpunkt in ihrer Kritik an unserer Meinung über die Partei. 



»Reich's Standpunkt betr. der Notwendigkeit einer straff organisierlen und 




gli 

dgl. 

bürokratische, diktatorische Instrumente waren und nur bestehen konnten durch 
die geistige Ohnmacht des Proletariats.« 

Während sich die Entwicklung vom Urkommunismus zur Klassen- 
gesellschaft ohne ideologischen Bruch vollzog, sei eine komplette ideo- 
logische Revolution vor Aufhebung der Klassenteilung notwendig. 

»Die Auffassung von Engels, das Absterben des Staates betreffend ist nur 
zu hegreifen, wenn man annimmt, dass der ökonomisch-revolutionäre Kampf 
durch die grosse Mehrheil eines unmündigen Proletariats geführt wird, das dann 
auch weder ökonomisch noch politisch Uecht zur Mitbestimmung erhält. Die 
politische Partei hat offenbar die Aufgabe, diese Unmündigkeit aufzuheben und 
Bedingungen zu schaffen, unter denen die ökonomische Macht in die Hände der 
Arbeiter übergeht und die Regierung über Menschen durch Verwaltung von Gütern 
ersetzt wird. Der Verlauf der russischen Revolution hat aber deutlich erwiesen, 
dass in einem solchen Falle die politische Partei, die den Produktions- und Macht- 
apparat, d. h. den Staat in die Hände bekommt, alle Kennzeichen einer herr- 
schenden Klasse entwickelt Eine Entwicklung also, völlig im Gegensatz zu 

der von Engels geschilderten.« 

Zum Schluss stellen Jong und Kuysten fest, es sei bemerkenswert, 
dass die theoretischen Grundlagen für eine Erneuerung des Anarchis- 
44 



Aus der internationalen Sexpol-Diskussion 

mus gerade von marxistischer Seite kommen. Der Anarchismus darf 
allerdings nicht in der bisherigen dogmatischen Abgeschlossenheit 
verharren, sondern muss den Fortschritten des wissenschaftlichen 
Denkens aufgeschlossen sein. 

Die Rcvista blanca (8. und 15. Nov. 1935) meint, der Hauptgedanke 
Reichs lasse sich in dem Salz zusammenfassen: »Die Grundlage aller 
geistigen Sklaverei ist die sexuelle Sklaverei«. Darum sei sexuelle 
Befreiung mit Hilfe einer besonderen Aufklärungs- und Erziehungs- 
arbeit notwendig, um in den Köpfen des Proletariats eine revolutio- 
näre Ideologie zu schaffen. 

Die Gedanken Reichs sind für die revolutionäre Rewegung wichtig. 
Doch es erheben sich folgende Einwände: Befreiung von kleinbürger- 
lichen Vorurteilen in sexueller Hinsicht macht den Menschen noch 
nicht zum Revolutionär. Ein sexuell freier Mensch könnte trotz allem 
jedes menschlichen Solidaritätsgefühls bar sein. Man dürfe auch 
nicht die Bedeutung der Unterdrückung gewisser sexueller Tendenzen 
für die menschliche Solidarität und Zivilisation ausser Acht lassen, 
worauf ja auch Freud in seinem gesamten Werk hingewiesen hat. 

Für den Kampf um den freien revolutionären Sozialismus müsse 
man die Ergebnisse aller psychologischen Forschungsrichtungen ver- 
wenden, auch derjenigen, die die Sexualität nicht in den Mittelpunkt 
ihrer Betrachtung stellen. Man dürfe sich nicht, wie Reich, darauf 
beschränken, den verschiedenen Parteien bessere psychologische Ar- 
gumente zu liefern oder die sexuellen Fragen in den politischen Kampf 
mit einzubeziehen. Sondern in dieser Epoche der »roten und weissen 
Diktaturen« käme es darauf an, den Kampf grundsätzlich für einen 
freien, gegen jeden autoritären Sozialismus zu führen. 

Die hier erhobenen Einwände leiten über zu einer Reihe anderer 
nicht typisch anarchistischer Auffassungen, die in der holländischen 
Diskussion aufgetaucht sind. Sie betreffen: 

1) Die sexiialökonomisehe Auffassung der Beziehung von Sexual- 
befriedigung, Sublimierung und Arbeitsleistung. Hier vertritt (Vrij- 
denker 14./IX. 1935) Jef Last (Mitglied der K. P. H.) in der Abwehr 
eines sehr oberflächlichen Angriffs auf die Sex-Pol eine ähnliche 
Auffassung, wie die Revista blanca. 

»Wir sind uns bewusst, dass gesellschaftlich wie persönlich Beschränkung 
des Sexuellen Voraussetzung ist für die Sublimierung. Die gewaltigen wissen- 
schaftlichen, künstlerischen und andern Arbeitsleistungen der weissen Rasse sind 
nur durch Sublimierung möglich gewesen, die einer sexuellen Moral entstammte, 
deren Strenge nirgends auf der Welt und zu keiner Zeit ihresgleichen gehabt hat. 
Die Menschheit lernte eine neue Art von Glück kennen. Nicht glücklich sein in 
Harmonie mit der Natur in und ausser uns selbst, sondern glücklich sein, in- 
soweit es unserm Willen gelingt, diese Natur zu beherrschen und zu verändern. 
Symbol dieser Beherrschung und dieses VeranderungswiUens wurde die Arbeit 
und daher unser Arbeilsethos.« 

Die Sexualmoral wurde - - gegenüber Altertum und Mittelalter - 
mit der vom Kapitalismus geforderten Arbeitsanspannung ungeheuer 
verschärft, brach jedoch zusammen, als mit steigender Mechanisic- 

45 



Karl Teschitz 

rung die Arbeit für den Arbeiter ihren Sinn verlor. Auch der Sozialis- 
mus wird eine gewisse Sexualeinschränkung verlangen, die aber 
nicht an der Sexualmoral des Privatkapitalismus gemessen werden 
darf. Mit Reichs Sublimierungstheorie erklärt sich Last an anderer 
Stelle ausdrücklich nicht einverstanden. Last vergisst, dass das von 
ihm vertretene Glück in der Masse einer illusionären Befriedigung 
entspricht. 

2) Eine Kritik der Anwendung der Begriffe rational und irrational 
hinsichtlich der Bauern und des Mittelstandes (Jong und Kuysten in 
Bevr., Juni). An der Landwirtschaft habe sich das Marxsche Konzen- 
tralionsgesetz nicht bewährt. Die bestehende Not treibt den indivi- 
duell produzierenden Bauern zur Suche nach einem Ausweg aufgrund 
der bestehenden Produktionsverhältnisse, solange dieser Ausweg noch 
nicht fühlbar deutlich versperrt ist. Es wäre im Gegenteil irrational, 
wenn aus einer gegebenen Situation automatisch die Einsicht für die 
Zukunft folgte. Ähnliches gilt für den Mittelstand, besonders für die 
freien Berufe. Diese Menschen könnte man wohl mit antikapitalisti- 
schen, nicht aber mit sozialistischen Parolen erfassen, ihre Sympathie 
für den Faschismus sei darum begreiflich. 

3) Es werden eine Reihe Fragen gestellt, Probleme aufgeworfen, 
die eingehende historische Studien fordern würden und hoffentlich 
auch zu ihnen Anregung geben. Z. B.: Reich deutet an, dass erst die 
Verbürgerlichung des Proletariats die psychische Untertanenstruktur 
schuf. Wie war aber die Klassenunterdrückung vor dieser Verbür- 
gerlichung psychisch verankert? — Das Problem der Degeneration 
des sexuellen Lebens im Proletariat (etwa im englischen Steinkohlen- 
distrikt Anfang des vorigen Jahrhunderts). — Das Problem der 
Religion im Matriarchat, wo man bei fehlender Sexualunterdrückung 
eine solche nicht erwarten sollte. — Endlich: Warum rebelliert die 
russische Jugend, »die keine sexuelle Unterdrückung und Bindung an 
die Familie kennt« nicht gegen Stalins bürokratische Unterdrückung? 



Antwort auf einige Einwände der anarchistischen Genossen 

1 ) Auf die Frage Russland will ich hier nicht im einzelnen ein- 
gehen. Die Sex-Pol hat übrigens in besondern Schriften dazu Stellung 
genommen. Nur eines will ich sagen: Ich glaube, es geht nicht an, 
in einem Atem von »roter und weisser« Diktatur zu sprechen, die 
russische Revolution einfach in Bausch und Bogen zu verurteilen. 
Alle Fehler, die in Russland gemacht worden sind, schaffen die Tat- 
sache nicht aus der Welt, dass es hier zum ersten Mal in der Welt- 
geschichte einer Arbeiterklasse gelungen ist, die kapitalistischen Aus- 
beuter dauernd zu verjagen und die Produktion selbst bzw. durch die 
selbstgewähltcn Organe in die Hand zu nehmen. Ob und in welchem 
Ausmass diese Organe dann später degeneriert sind, ist eine Frage 
für sich. 

46 



Aus der internationalen Sexpol-Diskussion 

»Leider« geschah diese Machtergreifung mit Hilfe einer zentrali- 
sierten und autoritär geleiteten Partei, während der Anarehosyndi- 
kalismus bisher in entscheidenden Augenblicken versagt hat. Die 
französischen Gewerkschaften marschierten, im Gegensatz zu den 
Bolschewiki, 1914 genau so begeistert in den Krieg, wie die Re- 
formisten, die spanischen Anarchosyndikalisten konnten den Sieg der 
Reaktion in Spanien nicht verhindern. Also mögen sie Lenin und den 
Bolschewismus nicht gar so sehr von oben herab behandeln. 

Auf der andern Seite hat die Sex-Pol ihrer Unabhängigkeit ent- 
sprechend, aus ihrer Kritik an der spätem Taktik und Entwicklung 
der kommunistischen Partei niemals einen Hehl gemacht. Wenn wir 
diese Kritik nicht - - wie manche unserer Freunde wünschen - - mehr 
in den Vordergrund stellen, so scheint mir der Hauptgrund darin zu 
liegen, dass uns die Bearbeitung der Frage »Was geht in den Massen 
vor?«, die Untersuchung von Einzelfragen der Massenpsychologie und 
Sexualpolitik im heutigen Zeitpunkt wichtiger erscheint, als die Aus- 
einandersetzung mit der allgemeinen Politik der kommunistiscncn 
oder irgend einer andern Arbeiterpartei. 

2) Beim Problem »Führung« und »Autorität« inuss man unter- 
scheiden. Es gibt nämlich eine rational völlig berechtigte Autorität, 
der sich auch ganz gesunde Menschen fügen werden. Das ist z. B. 
die Autorität, die aus besonderem Fachwissen stammt. Kein Anarcho- 
syndikalist wird z. B. die Autorität eines guten Arztes bestreiten, der 
ihm eine bestimmte Diät verschreibt. Aber auch im politischen Leben 
gibt es die Autorität des Erfahreneren, besser Geschulten, desjenigen, 
der die Wünsche der Massen besser als die andern auszusprechen, 
sich besser dafür einzusetzen vermag. 

Vielleicht ist jede Autorität zuerst auf dieser rationalen Grund- 
lage geschaffen worden. Erst später hat sich dann der Führer (bzw. 
die Führerclique, der Parteiapparat) verselbständigt und ist zu den 
Massen und ihren Interessen in Gegensatz getreten. Doch diese Massen 
können sich dagegen meistens nicht wehren, hatten es stets schwer, 
die angemasste wieder durch eine natürliche Autorität zu ersetzen. 
Ursache: Die von der Sex-Pol aufgezeigte durchschnittliche psychische 
Struktur, Autoritätsscheu, kindliche Bindung an die einmal einge- 
setzten Führer und Parteien. . 

Diese durchschnittliche Struktur kann in der heutigen Gesellschaft 
nicht radikal beseitigt werden. Und sie ist es auch, die die Massen 
hindert, ohne die Stützung durch eine Organisation, eine Führung, 
in Form der »direkten Aktion« wirkungsvoll gegen die Autorität der 
Unternehmer, des Staates zu rebellieren. Da die Durchführung der 
»totalen ideologischen Revolution« vor dem Sieg des Proletariats un- 
möglich ist (da sie die Herrschaft über den gesamten Erziehungs- 
und Propagandaapparat der Gesellschaft voraussetzt), werden wir bis 
auf weiteres mit Parteien rechnen müssen, die in vielen Punkten nicht 
dem Ideal des freien Sozialismus entsprechen, das auch das unsere 

47 









Karl Teschitz Aus der internationalen Sexpol-Diskussion 

ist. Der beste Beweis dafür ist übrigens Jong und Kuystens eigenes 
Eingeständnis, dass der Anarchismus in dogmatischer Abgeschlossen- 
heit verharrt sei, ein Eindruck, den man auch sonst bei der Beschäf- 
tigung mit ihm bekommt. Also ist auch er einer Autorität verfallen 
— nämlich der Autorität seiner eigenen Doktrin. 

Wäre es darum nicht am besten, innerhalb der grossen Massen- 
parteien für deren Bevolutionierung zu arbeiten (vgl. Anhang zu 
»Was ist Klassenbewusstsein?«) ? Wir müssen vorsuchen, den Massen 
zu Führungen zu verhelfen, die ihre kindliche Bindung nicht gegen 
sondern für die Durchsetzung des Interesses dieser Massen ausnützen. 
Viele Aufgaben ergeben sich dabei: Z. B. die Umstellung der Bildungs- 
arbeit vom autoritären Herantragen irgendwelcher abstrakten - - wenn 
auch an sich richtigen Theorien auf die lebendige Entwicklung 

dieser Theorien aus dem wirklichen Leben; die Arbeit für eine sexual- 
bejahende sozialistische Kulturbewegung. All das wären Aufgaben, 
in denen die Anarchisten ihre Kräfte vielleicht fruchtbarer einsetzen 
könnten als im blossen moralischen Appell an den revolutionären 
Willen kleiner Gruppen. 

'S) Darüber hinaus setzt sich die Sex-Pol für die Schaffung be- 
sonderer sexualpolitischer Organisationen ein, die den Massen ihr 
sexuelles Elend bewusst machen, in einem gewissen Mass zu seiner 
Linderung beitragen, im Ganzen gesehen diese Massen jedoch von die- 
ser, von der Arbeiterbewegung bisher vernachlässigten Seite aus revo- 
lutionieren sollen. 

In welcher Form diese Organisationen ins Leben gerufen werden 
können, darüber ist die Diskussion noch nicht abgeschlossen. Aber 
es ist merkwürdig, dass keiner unserer anarchistischen Kritiker auf 
die Frage der sexual politischen Praxis zu sprechen kommt, obwohl 
doch gerade diese Seite die Freunde der direkten Aktion besonders 
interessieren müsste. 

Ich glaube die spanischen Genossen haben Reich missverstanden, 
wenn sie ihn so verstehen, dass man schon heute durch Propaganda 
und Erziehung die Menschen sexuell befreien und damit revolutionär 
machen solle. Man kann wohl durch Aufklärung, durch Einrichtung 
von Beratungsstellen für Empfängnisverhütung und für psychische 
Schwierigkeilen einiges erreichen, um die Not zu lindern und der 
sexualpsychologischcn Verbürgerlichung vorzubeugen, besonders bei 
der Jugend. Aber ein grosser Teil dieser Arbeit und der Forderungen, 
die dabei erhoben werden müssen, führt zur Kritik an der bestehenden 
Gesellschaft und zum unmittelbaren Zusammenstoss mit der staat- 
lichen Autorität. Dieser Zusammenstoss ist das revolutionierende, 
nicht die heute nur zum kleinen Teil mögliche Sexualbefrciung. 

Darum ist auch der Einwand, es könnte sexuell befriedigte Men- 
schen geben, die nicht revolutionär, ja nicht einmal sozial eingestellt 
seien, nicht stichhaltig. Ja, solche Menschen kann es gewiss geben. 
D. h. ein sexuell wirklich (im Sinne der von der Sexualökonomie ent- 

48 



K. S. Sex-Appeal und kapitalistische Gesellschaftsordnung 

deckten orgastischen Polen/.) befriedigter Mensch kann niemals 
asozial oder faschistisch, wohl aber politisch inaktiv eingestellt sein. 
Aber solche Mensehen finden sieh grösstenteils in der Oberklasse. 
Die Werktätigen slossen bei dem Versuch, ein wirklich befriedigendes 
Sexualleben zu führen, fast immer auf gesellschaftlich bedingte 
Schwierigkeiten (Wohnungsmangel, Scheu des Partners, besonders 
der Frauen vor Verhütungsmitteln, neurotische Einstellung des Part- 
ners, moralische Verurteilung einer freien Beziehung durch Gesell- 
schaft und Kirche, ökonomische Unmöglichkeit, in einem gemein- 
samen Haushalt zusammenzuleben etc.). Sobald sie diese Schwierig- 
keiten als gesellschaftlich bedingt erkennen, was heute grösstenteils 
nicht der Fall ist, werden sie politisch dagegen rebellieren. 

Fassen wir zusammen! Die Sex-Pol strebt an: a) Einbeziehung 
der Sexualpolitik in die revolutionäre Politik, b) eine veränderte Ein- 
stellung der revolutionären Führung zur Masse (Ausgehen von den 
Bedürfnissen, statt von der hohen Politik), c) die Erkenntnis des 
Kulturprozesses als gesellschaftlich bedingten Prozess der Umsetzung 
sexueller Energie, d) die theoretischen und praktischen Vorarbeiten 
für die Erziehung zu freien Menschen in einer sozialistischen Gesell- 
schaft. 

Damit werden auch die Argumente, wir erstrebten bloss eine Ver- 
besserung der psychologischen Propaganda im Dienste der alten 
Führer, oder wir trieben nur Sexualpolitik, gegenstandslos. Denn 
Sexualpolitik umfasst nicht nur alles, was mit Geburtenregelung zu- 
sammenhängt, sondern viel mehr, wovon sich jeder Leser unserer 
Literatur überzeugen kann. 

So trägt die Sex-Pol wesentlichen anarchistischen Forderungen 
Rechnung, ohne die durch Erfahrung erprobten marxistischen Auf- 
fassungen über Wirtschaftsstruktur oder die Rolle der Partei auf- 
zugeben. Damit ist sie, könnte man sagen, die Einheit von Marxismus 
und Anarchismus auf marxistischer Grundlage. 



Sex-Appeal und kapitalistische Gesellschafts- 
ordnung 

Von K.S. 

In Oslo wird jetzt ein dänisches Stück aufgeführt. Es heisst: 
Melodien som blev vekk (die Melodie, die wegblieb). Es handelt von 
einem Mann namens Larsen, d. h. einem richtigen Durchschnitts- 
menschen - - auf deutsch hiesse er Müller oder Meyer. Er ist, wie er 
sich selbst ausdrückt, ein Mittelding zwischen einem höheren Büro- 
assistenten und einem niedrigeren Prokuristen, er bat gelernt, dass 
man stets dezent wirkt, wenn man sich nur an dunkle, allgemeine 

49 






K.S. 



Farben hält, er kann so einigermassen über alles mitreden. Er macht 
seine Arbeit nicht besonders schlecht und nicht besonders gut. 

Aber noch ist er nicht der richtige, steife Büromensch, der zwi- 
schen dem Ehrgeiz emporzukommen und der Angst, dem Chef zu 
missfallen, eingeklemmt ist und sich nicht rühren kann. Ein warmer 
Sommertag lässt seine ganze Sehnsucht nach Freiheit und Glück er- 
wachen, er summt eine süsse kleine Melodie mit, die von der Strasse 
herauftönt. Und als der Chef hereinstürzt und ihn mit wütender 
Stimme darauf aufmerksam macht, dass man nicht zugleich singen 
und arbeiten könne, meint er bloss: »Nein, ich meine eigentlich, das 
wäre die ideale Lösung.« Worauf ihm der Chef mit Herausschmiss 
droht. 

Doch in der aufgeräumten Stimmung, in die ihn die Melodie ver- 
setzt, trifft er das Mädel, mit dem er verlobt ist. Sie ist im Gegensatz 
zum Chef von seiner Frische, Frechheit und Lebenslust ganz begei- 
stert. So kommen sie zu den Eltern des Mädels. Doch da erfährt die 
Stimmung eine gründliche Abkühlung. 

Die Mutter wird entsetzt, da Larsen von Büro und Direktor re- 
spektlos zu reden beginnt und nichts im Kopf hat als die Melodie. 
Sie hat andere Dinge im Kopf: Eine richtige Wohnung für die beiden, 
Möbel z. T. kontant und z. T. auf Abzahlung, auch ein Kaffeeservice 
hat sie im Ausverkauf erstanden, Namen auf Bettücher und Kissen 

gestickt, Seidenzeug hat die Kusine aus Amerika geschickt Und 

da wagt Larsen, das Leben nicht ernst zu nehmen ! Vergebens prote- 
stiert er gegen die aufdringliche Art, mit der die Schwiegereltern dem 
jungen Paar helfen wollen. Denn diese Art Hilfe ist ja nichts als ein 
Druckmittel, um es in dauernder Abhängigkeit zu halten. 

Um das Mädel aus guter Familie möglichst bald zu heiraten und 
sich die 50 Kr. im Monat zu sichern, die ihre Eltern als Unterstützung 
zuschiessen wollen, gibt Larsen allen Protest auf, wird ruhig und 
ordentlich — und vergisst die Melodie! D. h. er wird genau so pedan- 
tisch, kleinlich, würdig und ängstlich zugleich wie seine Schwieger- 
eltern. Frühmorgens beim Aufstehn gibt es keinen Morgenkuss mehr, 
sondern nur ein Gespräch über die Butterbrote, die er ins Büro mit- 
zunehmen hat, die Zeitung, die nicht auf dem Frühstückstisch liegt, 
den Schlips, der nicht gebügelt ist. Den Ärger, den er dem Chef gegen- 
über unterdrücken muss, lässt er seiner Frau gegenüber austoben. 

Das tut er nicht nur wochentags, sondern auch Sonntags, wo Lar- 
sens gezwungen sind, mit den langweiligen und herrschsüchtigen 
Schwiegereltern zusammen zu sein, da sie ihnen alles schulden, von 
den Matratzenfedern bis zum Toilettebesen. Auf die Bitte seiner Frau, 
ihr durch sein Geschimpfe nicht nun auch die Sonntage zu verpatzen, 
antwortet er: Ich bin eben Sadist, Sonntagssadist ! 

Im Büro ist Larsen dabei der geduckte Streber - und erhält doch 
nicht den besseren Posten, auf den er hofft; den erhält ein Verwandter 
des Chefs. Doch als er immer wieder als ein richtiger Sonntagssadist 

50 






Sex-Appeal und kapitalistische Gesellschaftsordnung 



f seinem Ärger nur im Kreise seiner Familie Luft machen kann, fasst 
seine Frau die Verzweiflung. »Das ist nicht er, den ich geheiratet 
habe«, ruft sie aus, »das ist ein ganz anderer«. Und sie sieht nur 
eine Rettung: Man muss die vergessene Melodie wiederfinden. 
Wie sie nun (im zweiten Teil des Stückes) ausziehen, die Melodie 
zu suchen, darauf wollen wir im einzelnen nicht eingehen. Dieser 
zweite Teil enthält im Gegensatz zum ersten viel unklare Symbolik, 
die Melodie wird durch 3 kitschige Ballettmädchen symbolisiert, Frau 
Larsen findet sie zum Schluss beim Kind, beim Arbeiter, beim Wissen- 
schaftler — was an sich einen richtigen Kern enthält, aber in 
seinem innerri Zusammenhang völlig unklar bleibt. Und das 
Schlimmste ist, dass zum Schluss alles doch wieder im happy End 
des Familienidylls endet. 

Wichtiger als die Lösung ist das Problem, das das Stück aufwirft: 
Es zeigt, wie die kapitalistische Gesellschaftsordnung den Menschen 
nicht nur ökonomisch unterdrückt, sondern auch seelisch zerbricht. 
Wie es seinen natürlichen Stolz, seine gesunde Initiative und Lebens- 
frische zerstört, einen Kämpfer in einen »Sonntagssadisten« ver- 
wandelt. Doch Hand in Hand damit geht die Zerstörung dessen, was 
man als erotische Anziehungskraft bezeichnen kann. In den frischen 
mutigen Larsen konnte sich das Mädel verlieben, in den ängstlichen 
und zugleich sadistischen Büromenschen Larsen kann sie es nicht 

mehr. 

Wie kommt diese Haltung bei Larsen zustande? - Auf der einen 
Seite steht der tyrannische Arbeitgeber. Doch der Protest gegen die 
Unterdrückung durch ihn, der sich am Anfang in einer frechen Be- 
merkung Luft macht, könnte sich ja zur bewussten Rebellion weiter- 
entwickeln. Das würde Larsen unbedingt in die Reihen der kämpfen- 
den Arbeiterschaft führen. 

Doch dagegen steht Larsens Hörigkeit der Familie gegenüber, sein 
Ehrgeiz, möglichst rasch zu heiraten, selbst eine Familie zu gründen, 
in der sozialen Stufenleiter aufzusteigen — und er merkt erst spät, 
dass er dieses Strebertum mit seinem wirklichen Lebensglück bezahlt. 
Doch sein Schicksal ist das Schicksal von lausenden jungen Mannern, 
die dem Mittelstand angehören und kann uns darum nicht gleich- 
gültig sein. Ihrer ökonomischen Lage nach würden sie zu uns ge- 
hören Sie haben auch all die Erbitterung gegen ihre Unterdrücker 
in sich die uns dazu treibt, uns zusammenzuschliessen und um eine 
bessere' Gesellschaftsordnung zu kämpfen. Aber Strebergeist und 
Familienegoismus hindern sie, diesen Weg zu gehen, statt Klassen- 
kämpfer werden sie Sonntagssadisten. Nebenbei bemerkt: Es gibt 
diesen Typ von Menschen auch innerhalb der Arbeiterbewegung. Man 
kann nämlich theoretisch Sozialist, aber in seinem Privatleben trotz- 
dem ein Streber und Familientyrann sein. Aber die Erfahrung zeigt, 
dass solche Genossen auch politisch oft unzuverlässig, zu wirklicher 
Solidarität nicht fähig sind. 

51 



Gespräch mit einer vernünftigen Mutter 

Es ist wichtig, dass sich die Arbeiterfrauen diese Zusammenhänge 
mehr bewusst machen, als bisher. Denn der Sonntagssadismus der 
Männer ist nicht nur vom rein politischen Standpunkt aus verwerflich, 
indem er wertvolle psychologische Antriebe dem Klassenkampf ent- 
zieht und statt dessen nutzlos in Familienzwistigkeiten austoben lässt. 
Er ist auch gefährlich, weil er die Menschen hässlich, unansehnlich 
macht, ihnen Charme und erotische Anziehungskraft raubt und so 
das Liebesglück zerstört. 

Der Kampf um die verlorene Melodie, die all das symbolisiert, fällt 
zusammen mit dem Kampf um eine sozialistische Ordnung. Diese 
wird nicht nur die Ausbeutung durch die Kapitalisten, sondern auch 
die Unterdrückung der Frauen in der Familie aufheben, sie wird für 
alle Menschen die Voraussetzungen nicht nur zu ausreichender öko- 
nomischer Versorgung, sondern auch zu einem glücklichen Liebes- 
leben schaffen. 



Gespräch mif einer vernünftigen Mutter 

Mutter: Ich las in der letzten Nummer der »Zeitschrift für politi- 
sche Psychologie und Sexualökonomie« den Aufsatz über die Sexual- 
aufklärung, die ein kleines 3-jähriges Mädchen erfuhr. Wenn man 
das liest, dann leuchtet einem alles sehr ein und scheint so einfach 
zu sein. Ist es nicht so, dass das gefährlich ist? So einfach liegen doch 
die Dinge nicht ! 

Arzt: Wenn ich mich recht erinnere, ist in dem Artikel auch gar- 
nicht die Rede davon, dass die Sache so einfach wäre. Doch bitte 
sagen Sie, welche Bedenken Sie bekamen. Ich weiss doch, dass Sie- 
sonst zur Sexualaufklärung der Kinder sehr vernünftig stehen. 

Mutter: Wenn ich ehrlich sein soll, muss ich Ihnen erklären, dass- 
ich zwar vor vielen Jahren ungefähr die gleiche Ansicht hatte wie 
die, die im Artikel vertreten ist; doch ich sah mich unter dem Druck 
schwerer Erfahrungen und Enttäuschungen an meinen eigenen Kin- 
dern genötigt, meinen früheren Standpunkt aufzugeben. 

Arzt: Bitte, wollen Sie mir das genau darstellen. 

Mutter: Ich habe, wie Sie wissen, meine nunmehr 15-jährige- 
Tochter, als sie 3 — 4 Jahre zählte, vollkommen korrekt über alles- 
aufgeklärt. Doch heute sehe ich, dass sie ein schwieriges Kind ge- 
worden ist, und dass die Aufklärung eigentlich garnichts genützt hat.. 

Arzt: Wenn ich Sie richtig verstehe, haben Sie also seinerzeit von 
der vollkommen konsequenten Aufklärung des Kindes erwartet, dass. 
sie kein schwieriges Kind werden würde. Worin bestehen denn die 
Schwierigkeiten ? 

Mutter: Sie hat z. B. mächtige Angst vor der Onanie. Wie ist das- 
erklärlich? Wir haben sie nicht nur über den Geschlechtsunterschied 
52 







Gespräch mil einer vernünftigen MuHer 

restlos aufgeklärt, und zwar in sehr frühem Alter, sondern ihr auch 
ausdrücklich gesagt, dass sie ruhig sich selbst befriedigen könnte und 
dass die Menschen, die das verbieten oder schlecht finden, unrecht 
haben. Ich glaube sogar, dass wir zuviel des Guten getan haben, denn 
ich und mein Mann badeten nackt zusammen und sprachen auch sehr 
offen über diese Dinge. Wenn nun das Kind heute eine derartige 
Genitalscheu zeigt, so folgt daraus der einzig mögliche Schluss, dass 
eben die sexuelle Aufklärung nichts nützt. 

Arzt: Die Sache sieht ja, so wie Sic sie schildern, wirklich sehr 
merkwürdig aus, und scheint tatsächlich gegen diejenigen zu spre- 
chen, die die folgerichtige Sexualaufklärung der Kinder vertreten. 
Wie würden Sie es denn heute halten, nach diesen Erfahrungen? 

Mutter: Das könnte ich nicht sagen. Ich bin sehr unsicher gewor- 
den. Wahrscheinlich würde ich dem Kinde weniger sagen, nicht so- 
viel aufdrängen, wie wir es damals taten. 

Arzt: Sie meinen also, dass ein Zuviel an Aufklärung den Miss- 
erfolg bedingte? Doch hören Sie mal. Wir haben bisher ohne weiteres 
vorausgesetzt, dass das Kind nicht gut geraten wäre. Doch das ist 
ein sehr relativer Begriff. Worüber haben Sie sich denn eigentlich 
zu beklagen? 

Mutter: Das Kind ist nicht so gleichmässig ruhig, wie ich's mir 
wünschen würde. Sie gerät sehr oft in schweren Zorn, quält sich 
selbst damit, ist oft raunzig, mit der Schule und der Umgebung un- 
zufrieden, hat Perioden, in denen sie sich langweilt; kurz und gut, 
da klappt etwas nicht. 

Arzt: Haben Sie es mit einer Analyse versucht? 

Mutter: Ja. Sie ist bereits fast 3 Jahre in Analyse. Doch mir 
kommt vor, als ob trotz mancher Veränderung zum Ruhigen und 
Gleichmässigen im Grunde alles beim Alten geblieben wäre. 

Arzt: Versuchen wir doch, um die Sache zu verstehen, sie einfach 
zu zerlegen. Nicht alle Erscheinungen, über die Sie sich beklagen, 
sind gleicher Art, gleichen Ursprungs und von gleicher Bedeutung. 
Nehmen wir z. B. die Schule. Das Kind ist also mit der Schule unzu- 
frieden. Wie lernt es denn? 

Mutter: Ausgezeichnet. Sie ist von einer Intelligenz und Begabung, 
die einstimmig als aus dem Durchschnitt hervorragend bezeichnet 
-wird. Doch die Schule freut sie nicht. 

Arzt: War das immer so? 

Mutter: Nein, es gab Zeiten, in denen das Kind die Schule sehr 
gern besuchte. 

Arzt: Können Sie mir äussere Umstände angeben, die diesen Un- 
terschied bedingten? 

Mutter (denkt eine Weile nach): Ich weiss nicht, ob das stimmt, 
aber mir fällt eben ein, dass das Kind immer dann mit der Schule 
unzufrieden war, wenn es sich um öffentliche staatliche Schulen han- 

53 






Gespräch mit einer vernünftigen Mutter 

delte. Sie war z. B. eine Zeitlang in einer Privatschule vom Montes- 
sori-Charakter, wo es ihr sehr gut ging. 

Arzt: Glauben Sie nicht, dass die Unzufriedenheit mit der Schule 
auch real begründet sein könnte, dass eben die Unterrichtsart aut 
dieses intelligente Kind abstossend wirken könnte. 

Mutter: Das ist ja wohl möglich. Aber wie soll sie dann durch- 
kommen und sich's im Leben einrichten? 

Arzt: Sehen Sie. Jetzt berühren wir zum ersten Mal einen Wider- 
spruch, der Ihnen nicht völlig klar zu sein scheint. Ich glaube, Sie 
setzen Ruhig- und Ausgeglichensein mit gesund, und Unruhig — oder 
Protesterfüllt sein mit neurotisch oder misslungen gleich. Ich 
glaube, wir werden uns rasch darüber einigen können, dass ein ge- 
hemmtes neurotisches Kind auf eine objektiv ungünstige und nicht 
kindgemässe Art des Unterrichts weniger stark reagieren wird als ein 
lebendiges intelligentes und kritisches Kind. 

Mutter: Wohl, das könnte mir einleuchten. Doch was hat das mit 
der Frage der Onaniehemmung zu tun? Ihre Analytikerin und ich 
stehen beide auf dem Standpunkt, dass ein Kind eine genitale Struk- 
tur haben muss, dass es also keine Onanieangst haben darf. Ich weiss, 
dass man sie nicht dazu drängen darf, wenn sie es nicht selbst will, 
aber ich kann mir das nicht erklären, da wir ihr doch ausdrücklich 
die Onanie gestattet haben. 

Arzt: Einen Augenblick. Sie sagten soeben »gestattet«. Doch ge- 
statten kann man doch wohl nur etwas, was sonst verboten ist, und 
wir wissen doch beide, dass die Selbstbefriedigung der Kinder ganz 
allgemein verboten ist. Doch ich schlage Ihnen vor, dass wir zwei 
Fragen einbeziehen. Ohne die können wir die Sache nicht verstehen. 

1. Wie lebt denn das Kind sexuell? 

2. Wie haben Sie das Kind bis zu der Zeit erzogen, in der sie die 
volle Aufklärung erfuhr? 

Wollen wir zunächst Frage 1 behandeln. Hat das Kind das, was 
man ein Geschlechtsleben nennt? 

Mutter (etwas erstaunt) : Wie verstehen Sie das? 

Arzt: Nun, so wie es gesagt ist. Betätigt sich das Kind sexuell, 
erlebt es sexuelle Befriedigung? 

Mutter (etwas erregt): Ich verstehe Sie nicht, Herr Doktor. Ich 
klagte doch gerade darüber, dass das Kind Onanieangst hat, sich also 
die genitale Geschlechtsbetätigung nicht gestattet, obwohl wir nichts 
dagegen haben. 

Arzt: Bitte hören Sie doch eine Weile geduldig zu. Es kommt ja 
nicht nur darauf an, ob Sie es dem Kinde gestatten. Sie müssen auch 
die übrigen Lebensumstände des Kindes in Betracht ziehen. Wie lebt 
denn das Kind? 

Mutter: Es lebte eine lange Zeit, als ich im Ausland beschäftigt 
war, in einem Heim, und jetzt lebt es bei mir. 

Arzt: Und wie war die Situation im Heim? 

54 



Gespräch mif einer vernünftigen Multer 

Mutter: Ach, da gab es einmal einen kleinen Flirt mit einem Jun- 
gen, aber das war keine ernste Sache. 

Arzt (erstaunt) : Ja, sagen Sie, weshalb nennen Sie denn diese 
Liebesgeschichte von vornherein einen harmlosen Flirt und keine 
wichtige Sache? Woraus schliessen Sie das? 

Mutter: Es kann doch keine ernste Sache gewesen sein, denn das 
Kind hatte doch Genitalangst. 

Arzt: Ich glaube, dass Sie sich auch hier in einem Irrtum befin- 
den. Aus der Tatsache, dass das Kind Genitalangst hat, also Angst 
hat, sich genital mit einem Jungen abzugeben, schliessen Sie, dass 
dieser Flirt eine harmlose Sache gewesen sei. Halten Sie es nicht für 
möglich, dass dieser Flirt eine sehr ernste Sache war, nämlich so 
ernst, wie ein Kind eben eine Liebesgeschichte erlebt, und dass das 
Kind die Sache dann als harmlos hinstellte, weil es nicht fähig war, 
es zu Ende zu führen und dennoch in irgendeiner Weise damit fertig 
werden musste, also durch Entwertung z. B. 

Mutter: Über diese Frage habe ich mich oft mit meinem Mann 
unterhalten, er ist der Ansicht, dass die Sache von mir unterschätzt 
wurde, denn das Kind hätte angeblich mit ihm sehr ernst darüber 
gesprochen. Ich glaube es aber nicht, denn das Kind merkt, dass der 
Vater sie genital gesund sehen möchte und spricht ihm nach dem 

Munde. 

Arzt: Ja, nehmen wir einen Augenblick an, dass dies der Fall ist, 
spricht das dagegen, dass die Verliebtheit eine ernste Sache war? Das 
kann ich nicht einsehen. 

Mutter (etwas verwirrt): Ja, aber sie hat doch Genitalangst. 

Arzt: Sehen Sie, da sind wir wieder an der alten Stelle. Sie müssen 
doch einsehen, und gerade deshalb, weil sie sonst doch so vernünftig 
sind, ganz anders als Mütter sonst zu ihren Kindern stehen, dass Ihre 
Tochter sich hier in einem Widerspruch befindet. In der Tiefe ist 
der Genitalwunsch doch echt, und er äussert sich doch auch in echter 
Weise; er wird aber, wenn es auf die Betätigung ankommt, ins Harm- 
lose oder ins Ängstliche abgebogen. Das sollten Sie doch verstehen. 
Sie dürfen doch nicht eine Liebesaffäre des Kindes deshalb als un- 
ernst oder harmlos hinstellen, weil das Kind gleichzeitig Genitalangst 
hat. Im Gegenteil, gerade dadurch, dass das Kind sich vor die Schran- 
ken der Angst gestellt sieht, fühlt es sich dem eigenen Triebe gegen- 
über umso verworrener. Und vergessen Sie doch nicht, dass Sie kein 
Kind vor sich haben, dem seine Sexualität unbewusst wäre. Das Kind 
weiss doch alles, spricht über alles, ist dem so? 

Mutter: Ja, ich weiss, dass sie sehr viel über solche Dinge nach- 
denkt und spricht, aber ich vermeide es, mit ihr drüber zu sprechen, 
denn ich möchte sie nicht zu einer Sache hindrängen, zu der sie nicht 

selbst reif ist. 

Arzt: Jetzt verstehen wir einander besser. Wenn ein Kind alles 
weiss und infolge der erfahrenen Sexualaufklärung die genitale 

55 



L 



Gespräch mit einer vernünftigen Mutt«r 

Sexualität als etwas Natürliches und Selbstverständliches auffasst, 
dann folgt daraus ganz eindeutig, dass dieses Kind es nicht leichter, 
sondern viel schwerer hat als andere Kinder, wenn es genital ängst- 
lich ist. Die Genitalangst in diesen Fällen spielt doch eine ganz an- 
dere Holle als im Falle eines genital negativ strukturierten Kindes. 
Können Sie mir vielleicht sagen, in welcher Weise die Analytikerin 
diese Frage handhabt? 

Mutter: Nun, sie tut das, was man in solchen Fällen zu tun pflegt. 
Man macht dem Kinde die Angst vor den eigenen genitalen Antrieben 
hewusst. 

Arzt: Ist das alles, was sie tut?' 

Mutter: Ja, was soll sie denn sonst als Analytikerin noch tun? 

Arzt: Wieder ein Punkt, an dem eine Mutler unklar ist und ein 
Kind unglücklich wird. Können Sie sich vorstellen, dass man eine 
Funktion, die lebt und arbeitet, nur dadurch befriedigend handhabt, 
dass man darüber spricht? Darüber zu sprechen ist wohl eine erste 
Voraussetzung der Abänderung, doch es kann nieht dabei bleiben. 
Die Angst, die das Kind psychisch hat, ist doch in einer bestimmten 
Ablaufsart ihrer genitalen Funktionen festgelegt, und wir wissen aus 
unseren Erfahrungen, dass man bei Erwachsenen z. B. die genitalen 
Störungen nicht im luftleeren Raum bebandeln darf, sondern sie 
ganz konkret verändern muss. Das geschieht dadurch, dass man die 
krankhafte Art der genitalen Betätigung, die ja sicher vorhanden ist, 
nicht als Äusserung ihrer natürlichen genitalen Triebhaftigkeit auf- 
last, und sie daher auch nicht dazu verhält, das angstfrei und schuld- 
gefühlsfrei auszuleben. Der Weg ist ein ganz anderer. Nachdem sich 
insbesondere die genitale Angst in abwegigen, muskulären Aktionen 
festgelegt hat, muss man diese Aktionen, Bewegungen, körperliche 
Verhaltungsweisen des Kindes selbst als einen Schulz entlarven, den 
sie vor der echten organischen Genitalbetätigung hat. Das sage ich 
aus den Erfahrungen an Erwachsenen und auch an Kindern. Ich bin 
vollkommen sicher, dass es sich bei ihrem Kinde nicht anders verhält. 

Mutter: Ja, ich habe wohl schon von so etwas gehört, aber ich 
kann es doch nicht verstehen, dass eine genitale Onanie ein Schulz 
gegen genitale Onanie sein soll. Und die Angst soll in Wirklichkeit 
nicht an die Onanie gebunden sein, sondern die pathologische Form 
der Onanie soll ein Mitlei der Angst sein, den biologisch genitalen 
Rhythmus nicht zutage treten zu lassen? Das verstehe ich nicht. 

Arzt: Es ist nicht leicht zu versieben und doch ganz einfach. Sehen 
Sie, die meisten Menschen bilden von Kindheil auf, nachdem ihnen 
einmal ihr biologischer und natürlicher Rhythmus durch die Erziehung 
zerschlagen wurde, eine andere Art, eine künstliche Form der ge- 
nitalen Betätigung aus, sofern sie nicht überhaupt auf diese Betätigung 
verziehtet haben. Wir wissen nun seil kurzem, dass die meisten Ana- 
lytiker den schweren Fehler begehen, die an die Stelle der biologi- 
schen und natürlichen Genitaliläl getretenen Handlungen als die Ge- 
56 



Gespräch mit einer vernünftigen Muffer 

nitalität zu betrachten, während es sich in Wirklichkeit um eine 
Abwehrfunktion handelt, verstehen Sie das? 

Mutter: Ja, das kann ich verstehen, denn ich habe viel darüber 
gelesen. Aber praktisch kann ich es mir nicht vorstellen. 

Arzt: Es gibt ein sicheres Anzeichen, dieses festzustellen. Wenn 
man einen derart gehemmten Menschen eine Weile sich vollkommen 
entspannen lässt, sofern das überhaupt möglich ist, so treten ohne 
jedes Hinzutun spontane vegetative Wallungen und Anregungen auf, 
besonders am Genitale. In dem gleichen Augenblick wird, wenn Ge- 
nitalangst vorhanden ist, eine Unruhe hervortreten, die aber nicht 
Ausdruck der Erregung ist, sondern, wie genaue Untersuchungen er- 
gaben, Aktionen, die den Zweck haben, diese Erregung niederzurin- 
gen. Wie ich orientiert bin, anerkennt die psychoanalytische Schule 
diesen Tatbestand nicht. Eine Analyse genitaler Hemmungen kann 
dann unendlich fortgesetzt werden. Der Erfolg kann sich nicht ein- 
stellen, denn es wird an den falschen Stellen eingegriffen. 

Mutter: Ja, jetzt begreife ich etwas davon; aber wie kann es denn 
möglich sein, dass das Kind derartige Angst vor der Erregung hat. 
Sie wurde doch aufgeklärt? 

Arzt: Ich will versuchen, Ihnen an einem einfachen Beispiel dar- 
zulegen, worum es hier geht. Nehmen Sie an, ein Kind wäre bis zum 
3. oder 4. Lebensjahr motorisch frisch und lebendig gewesen, hätte 
herumgetollt, wie ein Kind es soll. Es wäre auf die Tische geklettert, 
auf die Bänke, wäre am Geländer heruntergerutscht, kurz, es hätte 
sich wie ein kleines wildes Tier benommen. Wir sind doch nicht der 
Ansicht, wie so viele, dass das unnatürlich oder ärgerlich wäre, im 
Gegenteil. Stellen Sie sich nun vor, dass man diesem Kind nun er- 
klärte, dass das Tollen, Laufen, Springen absolut natürlich wäre, und 
selbstverständlich, dass es gut wäre, und dass alle andern unrecht 
hätten, die das für schlecht hielten. Das Kind würde nun tollen wollen, 
doch es bestünde keine Möglichkeit dazu, das Kind müsste aus diesen 
oder jenen Gründen ruhig sitzen; ja mehr, erweitern wir das Beispiel: 
Es müsste jahrelang ganz still sitzen, es könnte seinen Körper nicht, 
wie es die Natur vorschreibt, bewegen und betätigen. Mit 15 Jahren 
wäre es dann nicht nur gelähmt, sondern mehr, wenn Sie dann ver- 
suchen würden, das Kind zu neuer Bewegung seiner Muskulatur zu 
bringen, würde es zweifellos eine schwere Angst davor entwickeln. 
Sie begehen den gleichen Fehler, den so viele fortschrittliche Päda- 
gogen, auch solche der Frcudschcn Schule, begehen. Sie bejahen zwar 
die Sexualaufklärimg, sie verneinen vielleicht nicht theoretisch die 
Möglichkeit des Tollcns, in unserem Falle das reale Geschlechtsleben 
des Kindes, doch Sie beurteilen das Endergebnis nicht nach dem wirk- 
lichen Leben des Kindes, wie es sich den äusseren und inneren Be- 
dingungen entsprechend abspielt, sondern nur nach der Tatsache, ob 
und wie es aufgeklärt wurde. Doch Sie werden es sicher nicht schwer 
haben, zu begreifen, dass ein Kind, das nicht aufgeklärt wurde und 

57 












Gespräch mit einer vernünftigen Mufter 

sich nicht geschlechtlich betätigt, es entschieden leichter hat als ein 
Kind, das aufgeklärt wurde und sich praktisch so verhält wie ein 
nicht aufgeklärtes. Dies ist der erste Punkt. 

Mutler: Ja, das verstehe ich schon. Aber wir haben das Kind doch 
nicht gehindert, sich zu betätigen. 

Arzt: Theoretisch nicht, praktisch ja. Bitte seien Sie eine Weile 
sehr geduldig. Es geht um sehr wichtige und für das Kind entschei- 
dende Dinge. Haben Sie nicht die keimende Liebesbeziehung zu dem 
Jungen als eine harmlose Affäre aufgefasst? Haben Sie sich dadurch 
nicht der Verpflichtung entzogen, dem Kind weiter zu helfen, als Sie 
wissen sollten, dass das Kind eine Unterstützung in dem Konflikt 
brauchte? Sie haben ja mit dem Kind nicht einmal darüber ge- 
sprochen ! 

Mutter: Ja, verlangen Sie denn, dass ich mich dem Kind auf- 
dränge? Ich lasse dem Kind volle Handlungsfreiheil, es kann tun 
und lassen, was es will. Ich behindere es nicht. 

Arzt: Sehen Sie, wieder eine Stelle, an der Sie im Unrecht sind. 
Wir haben uns darüber geeinigt, dass die allgemeine Umgebung, in 
der das Kind lebt, dem Kind die Betätigung unmöglich macht. Ver- 
hält sich denn diese Umgebung neutral wie Sie? Das tut sie doch 
nicht. Sie behindert das Kind in jeder erdenklichen Form, durch 
Atmosphäre, durch direkten Einfluss, durch Schule etc. Das Kind 
steht nun mit seinem durch die Sexualaufklärung relativ freien ge- 
nitalen Anspruch einer Welt von Sexualfeindschaft gegenüber, und 
Sie stellen sich in dieser Situation auf den Standpunkt, dass Sie das 
Kind machen lassen, was es will! Sie unterscheiden nicht, ein Kind 
zu etwas zu drängen, was es nicht will, und ein Kind unterstützen in 
einer Sache, die es will und wovor es nur eine bestimmte Angst hat. 
Dies ist die soziale Seite der Angelegenheit. 

Mutter: Ich muss mir das alles erst durch den Kopf gehen lassen. 
Es ist zuviel auf einmal. Ich kann noch nicht recht begreifen, dass 
das Kind nicht den Weg selbst zu etwas findet, zu dem wir ihm alle 
Freiheit gegeben haben. 

Arzt: Ja, gerade an dieser Stelle setzt die zweite Frage an. Das 
Kind hat nicht nur mit einer ganzen Well zu kämpfen, sondern es 
ist in diesem Kampf auch geschwächt durch eine Angst vor der 
Organlust, das haben wir bereits festgestellt. Wollen wir uns nun 
einmal dieser Frage zuwenden. 

Mutter: Ich verstehe noch immer nicht, weshalb Sic das für ein 
solches Problem hallen. Das Kind hat doch einfach Genitalangst und 
deshalb Angst, sich zu betätigen. 

Arzt: Ich sehe, ohne die zweite Frage wird das Ganze unverständ- 
lich für Sie bleiben. Die Angst, die von aussen an das Kind heran- 
getragen wird, muss ja im Kind irgendwie sich verankert haben, um 
zu wirken, ist das richtig? 

Mutter: Ja, das ist mir vollkommen klar. 

58 



Gespräch mit einer vernünftigen Muttar 

Arzt: Sic behaupten, und nehmen wir an, dass richtig ist, was Sie 
behaupten, weder wSic noch Ihr Mann hätten dem Kind Genitalangst 
eingeflösst. Nehmen wir also an: das Kind unterschiede sich von 
den andern Kindern dadurch, dass es zwar eine Genitalangst zeigt, 
aber in der Kindheit keine Genitalangst von aussen erworben hat. Es 
bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder hat dann die allgemeine 
gesellschaftliche Atmosphäre so auf das Kind gewirkt, oder aber, 
wenn wir dies ausschalten wollen, bleibt nur noch die zweite Möglich- 
keit, dass es einen anderen Grund für die Verankerung von Genital- 
angst gibt. Wo könnte der zu suchen sein? 

Mutter: Ich kann das nicht verstehen. 

Arzt: Versuchen wir doch ein wenig zu erraten. Die Entwicklung 
eines Kindes in der Zeit der genitalen Erregung ist doch nicht für 
sich allein von den Erlebnissen dieser Zeit bestimmt, sondern doch 
auch besonders durch Erlebnisse, die dem vorangingen. Können Sic 
sich vielleicht erinnern, in welcher Art und Weise Sic die Reinlich- 
keitserzichung des Kindes durchgeführt haben? 

Mutter (schweigt, denkt nach) : Ich weiss nicht, ob ich da schlech- 
tes Gewissen haben soll. 

Arzt: Bitte, jetzt geht es nicht um schlechtes oder gutes Gewissen, 
sondern jetzt geht es darum, eine für das Kind schlimme Situation 
aufzuklären. 

Mutter: Ja, ich muss zugeben. In den ersten zwei Jahren des 
Kindes waren weder mein Mann noch ich klar genug, um zu be- 
denken, was wir tun. Das Kind litt bis zum Ende des zweiten Lebens- 
jahres vielleicht noch sogar darüber hinaus, daran, dass es das Bett 
beschmutzte. 

Arzt: Sie sagten, »litt«? Warum denn »litt«? Es ist doch ganz 
natürlich, dass ein Kind bis zu dieser Zeit und vielleicht noch etwas 
darüber hinaus, gelegentlich mal das Bett beschmutzt. Geschah es 

denn oft? 

Mutter: Nein, nicht allzu oft, sondern nur in einer bestimmten 
Periode; die dauerte einige Wochen, wo das Kind jede Nacht nässte 
und gelegentlich sich einkotete. 

Arzt: Und was taten Sie dagegen? 

Mutter: Wir schimpften das Kind immer aus, zeigten ihm den 
Fehler; ja, ich erinnere mich sogar, dass wir das taten, als das Kind 
noch überhaupt nicht sprechen konnte, also etwa mit einem Jahre. 

Arzt: Erinnern Sie sich vielleicht an besondere Veränderungen, 
die mit dem Kind vor sich gingen. 

Mutter: Ich weiss, dass das Kind zwischen dem 2. und 3. Lebens- 
jahr eine schwere Schrei- und Trotzperiode durchmachte, dass es sich 
gelegentlich in Schreikrämpfen wand und nicht zu beruhigen war. 

A.: Nun klärt sich die Sache ja doch auf. Sie wissen doch, dass 
ein Kind mit Schrei- und Trotzanfällen reagiert, wenn die Erziehung 

59 



. 



Gespräch mit einer vernünftigen Mutter 

ihm etwas verbietet oder dies zu einem Zeitpunkt tut, in dem es 
weder das Was noch des Warum verstehen kann. Das gehört viel- 
leicht zum Tragischsten, was Kinder erleben. Sie tun etwas yanz 
Harmloses, ahnen nicht, etwas »Böses« getan zu haben. Die Eltern, 
ebenso ahnungslos, fürchten für die »kulturelle« Zukunft des Kin- 
des und hauen in irgendeiner Weise drein. 

Mutter: Ja, das weiss ich. Heute verstehe ich es ja. Aber was hat 
das mit der Gcnitalangst zu tun? Um die geht es doch! 

Arzt: Das hat sehr viel damit zu tun. Sehen Sie mal, die psycho- 
analytische Theorie behauptet, dass das Zurückhalten des Kotes beim 
Kleinkinde eine Art Lust am Zurückhalten sei. Neue Forschungen 
haben diese Erklärung für unrichtig befunden. Der Hergang ist der: 
Zunächst ist das Kind in seiner analen Funktion vollkommen harm- 
los und schöpft daraus nur die entsprechende Lust. Nun setzt ge- 
wöhnlich sehr früh, schon mit dem 6. Monat, spätestens jedoch am 
Ende des 1. Lebensjahrs in mehr oder weniger strenger Form das 
Verbot ein, das Bett zu beschmutzen. Das Kind entwickelt nun zu- 
nächst nicht etwa die Lust am Zurückhalten, sondern Angst vor dem 
Herauslassen des Kotes. Das äussert sich natürlich objektiv als Zu- 
rückhalten, und das erweckt dann den Eindruck, als ob das Kind die 
frühere Lust in einer anderen Form fortsetzen würde. Dem ist aber 
nicht so. Zunächst hat das Kind Angst vor den Folgen des Heraus- 
lassens des Kotes. Wann fängt es dann zurückzuhalten an? Wenn 
sich das bekannte Gefühl im Dann einstellt, das das Vordringen des 
Kotes ankündigt. Wenn Sie genau überlegen, werden Sie finden, dass 
die Empfindungen, die man dabei hat, durchaus ähnlich sind den 
Empfindungen, die man hat, wenn das Genitale in Erregung kommt. 
Also: Sobald sich die Erregung im Darm einstellt, beginnt das Kind 
voll Angst zu krampfen und hält zurück. So entstehen die ver- 
schiedensten Arten der kindlichen Stuhlverslopfung. 

Mutter: Ja, aber ich verstehe noch immer nicht. 

Arzt: Doch, das werden Sie sehr bald. Das Kind ist nun in einem 
Konflikt zwischen einer inneren Spannung und einer Angst, die die 
Lösung der Spannung verhindert. Gehl nun der Darm im Schlaf los 
und wiederholen sich dann die Erziehungsmassnahmen, dann ver- 
schärft sich auch der genannte Widerspruch im Kinde. Analysen er- 
geben ganz eindeutig, dass die Trotzaktionen des Kindes in diesem 
frühen Alter immer dann auftreten, wenn die Erziehung zur Rein- 
lichkeit ungefähr in der geschilderten Art und Weise vor sich ging. 
Man kann dann zwei Phasen unterscheiden. In der ersten Phase der 
Trotzreaklion wehrt sich das Kind noch in völlig gesunder Weise 
gegen die Vergewaltigung durch die Erziehung. Doch dann tritt der 
Trotz unter dem Drucke von Schuldgefühl oder unter dem Drucke 
der Angst, die Liebe des Erziehers zu verlieren, auf und beginnt nun 
zwangsartig und selbstquälerisch zu werden. Dies hat Ihr Kind durch- 
gemacht. 

60 



Gespräch mit einer vernünftigen Mufler 

Mutter: Ja, ich verstehe noch immer nicht, was das mit der Ge- 
nitalangst zu tun hat. 

Arzt: Doch, es kommt schon. Wenn ein Kind mit derartigen Er- 
lebnissen aus der Periode der Reinlichkeitserziehung in die genitale 
Phase eintritt, dann muss sich automatisch der Zustand herstellen, 
in dem sich Ihr Kind befindet. Die genitale Retäligung für sien hat 
es zwar frei und intellektuell sowohl wie gefühlmässig bejaht. Doch 
diese Betätigung ist natürlicherweise verknüpft mit bestimmten 
Strömungsempfindungen im Genitale. Ging eine derartige Reinlich- 
keitserziehung voran, dann verknüpfen sich zwar nicht die Betäti- 
gungen, wohl aber die Empfindungen, die das Kind als gefahrvoll 
am Darm kennengelernt hat, mit den genitalen Empfindungen, da sie 
ja qualitativ gleich sind. Das Kind entwickelt dann eine Genitalangst, 
die zwar am Genitale sich auswirkt, aber in Wirklichkeil nicht Ge- 
nitalangst, sondern Angst einzukoten ist. 

Mutter: Jetzt beginne ich endlich zu begreifen. 

Arzt: Das wird Ihrer Tochter und Ihnen sehr gut tun. 

Mutter: Ja, ich verstehe aber noch eines nicht. Das Kind ist doch 
in Analyse und da werden doch die analen Hemmungen auch auf- 
gelöst? 

Arzt: Wieder ein Irrtum, der heute die analytische Therapie be- 
herrscht. Es kommt nicht darauf an, dass eine Angst als solche er- 
kannt und »gedeutet« wird, sondern es kommt darauf an, dass man 
die Methode entwickelt, die einzig hinreichend ist, um die erfolgte 
Verschiebung der Angst bzw. die Verschiebung der ihr zugrunde 
liegenden Strömungsempfindungen vom After zum Genitale wieder 
rückgängig zu machen. Das geht nicht mit einfacher Deutungsarbeit, 
und wie die Erfahrung lehrt, auch nicht mit einfacher Widerstands- 
analyse. Dazu gehört eine Technik, die die verschiedenen Formen 
der Angst und die verschiedenen Formen der Abwehr, die das Kind 
ausgebildet hat, in einer bestimmten Reihenfolge zerlegt. Doch 
darüber kann ich jetzt nichts mehr sagen. Leider ist das für den 
Laien und den Ungeschulten unverständliche Facharbeit. 
Mutter: Was soll ich nun aber tun? 
Arzt: Zunächst einmal lassen Sie das, was wir heute miteinander 
besprachen, auf sich wirken, kontrollieren Sie es am realen Leben 
des Kindes, machen Sie sich vor allem auch klar, ob Sie auch in der 
Tiefe, in Ihrer eigenen inneren Einstellung zu den Dingen, bereit 
sind, das durchzuführen, was Sie Ihrer Überzeugung und Ihrem 
Wissen nach bejahen. Sehr oft sind es eigene frühere Erlebnisse bei 
den Müttern, die sie behindern, die aus Überzeugung und Wissen 
gewonnenen Schlüsse real zu ziehen. Wir sprechen uns sicher noch 
einmal wieder. Ich hoffe, dass wir uns dann noch besser verstehen 
werden als heute. Diese Dinge sind sehr schwierig, zum Teil noch 
unbekannt, unverstanden. Und alles braucht Zeit zur Reifung. Auf 
Wiedersehen ! 

61 



Irma Kessel 

über kindliches Kriegsspiel 

Von Kinderheimleiferin Irma Kessel 

Wer in den letzten Jahren in Deutschland gelebt hat, konnte beob- 
achten, wie plötzlich eine spontane Welle intensiven Interesses für 
Krieg und alles, was damit in Zusammenhang steht, Uniformen, 
Tanks, Flugzeuge, Soldaten, Burgen, bei den Kindern um sich griff. 

Man kann die Ursachen dieser Atmosphäre in ihrer allgemeinen 
Propagierung suchen; dann bleibt aber immer noch die Frage offen, 
warum die Kinder mit einer Bereitschaft, die einem Heisshunger 
gleichkommt, diese Anregung aufgriffen. Bei diesem Kriegsinteresse 
kann man zwei Phänomene beobachten, die wert sind, vom psycho- 
logischen Standpunkt aus untersucht zu werden: 1) beschränkte sich 
das Kriegsspiel fast ausschliesslich auf die Jungens, auch da wo in 
Bezug auf Beschäftigung und Spiel kein Unterschied der Geschlechter 
gemacht wurde, wo z. B. die Jungen auch mit Puppen spielen. Wenn 
die Mädchen sich an diesen Spielen beteiligten, so fehlte innen 
meistens der innere Impuls und die aggressive Note und man hatte den 
Kindruck, dass es ihnen nicht auf das Kriegsspiel ankam, sondern 
auf die Gemeinschaft mit den Jungens. Weiter konnte man beob- 
achten, dass auch Kinder, die aus einem pazifistischen Milieu 
stammen, bei denen also das Moment der Propagierung abgebogen 
und entwertet wurde, mit gleichem Enthusiasmus das KricgsspieL 
bejahten. 

Es ist eine in pädagogischen Kreisen allgemein bekannte Tatsache, 
dass es Spiele gibt, die periodisch auftreten und wieder abklingen. 
Von dieser Art sind die Kriegsspiele nicht, sondern die Kinder kleben 
an ihnen, ohne sie zu überwinden und von ihnen loszukommen. 

Es muss also einen psychischen Faktor geben, der die Kinder an 
dieses Kriegsspielcn, die Vorliebe für Uniformen, Bomben, Flieger, 
Gewehre, Säbel, Tanks u.s.w. fixiert. Einzelne Pädagogen versuchten 
diesem Kriegsspiel entgegenzutreten, indem sie den Kindern gegen- 
über ihre ablehnende Stellung klar zeigten und das Grausame und 
Vernichtende des Krieges klarzumachen versuchten. Andere vertraten 
den Standpunkt, dass eine ablehnende Haltung eher eine Befestigung 
dieses Interesses bewirke und dass absolutes Nichlbcachten es am 
ehesten zum Abklingen bringen müsste. All diese pädagogischen 
Massnahmen scheiterten an dem intensiven Beharren der Kinder. 

Der analytisch orientierte Pädagoge wird sich klar sein, dass bei 
Kindern, bei denen das Kriegsspiel einen so grossen Raum einnimmt, 
der psychische Haushall nicht in Ordnung ist und eine Verschiebung 
des Kräftespiels stattgefunden hat. Und es steht zu untersuchen, wo 
die Ursachen dieser Kräfteverschiebung liegen. 

Aus diesem Grunde möchte ich über ein Kind sprechen, bei dem 
das Kriegsproblem zentral liegt. 

62 



über kindliches Kriegsspiel 

Klaus war, als er ins Kinderhaus kam, vier Jahre alt. Er kam aus 
einem bürgerlichen Milieu, in dem ihm nicht nur jede Art von Onanie 
und sexuellem Spielen mit Mädchen verboten, sondern sogar jede 
sexuelle Aufklärung verweigert wurde. Er war einziges Kind, sah 
blass und zart aus und machte einen aufgeregten, überlebhaften Ein- 
durek. Als erstes fiel mir an ihm auf, dass er sich zu allen Mädchen 
ablehnend verhielt, während er mit gleichaltrigen Jungens schnell 
Kontakt hatte; dabei bevorzugte er intelligente, triebbejahende Kinder, 
zu denen er eine Beziehung hatte, auf die ich etwas näher eingehen 
möchte, weil sie für seine spätere Entwicklung aufschlussreich ist. 
Er sah voller Bewunderung zu der triebbejahenden, lebengeniessenden 
Einstellung dieser Jungens empor, ohne ihnen hörig zu sein, aber 
auch ohne sich die an ihnen bewunderte Fähigkeit zu erwerben. 
Seine Freundschaft zu ihnen bestand vorwiegend aus langen, intel- 
ligenten Unterhaltungen und Diskussionen, die sich meist mit Krieg 
beschäftigten. Die durch seine Genitalangst bedingte Minderwertig- 
keitsvorstellung war ihm. so unerträglich geworden, dass er den Aus- 
weg der Kompensation wählte und mit prahlerischem Grosstun und 
Renommieren die Angst zu überschreien und seine Umwelt über sich 
zu täuschen suchte. Seine phallisch narzisstische Situation zeigte er 
am deutlichsten dadurch, dass er fast nie ohne Säbel, Gewehr, Helm 
oder irgend ein anderes Kriegssymbol kam. Auffallend an ihm war 
weiter seine grosse Sympathie zu Hunden, an die er eine Bindung 
hatte, die der zu seinen Freunden nicht nachstand. In der Gymnastik 
verhielt er sich ablehnend. Mit grossen Gesten wie: »das ist nur was 
für Mädchen« oder: »Schupos und Soldaten machen keine Gymna- 
stik!«, nahm er sich die Berechtigung, sich nicht zu beteiligen. Seine 
liebsten Beschäftigungen waren Bauen, Zeichnen und Malen. Beim 
Zeichnen und Malen, zu denen er grosse Begabung hatte, wählte er 
nur Motive mit Menschen und Tieren. 

Ich habe Klaus hier geschildert, wie er, als er zu mir ins Kinder- 
haus kam, für den oberflächlichen Beobachter zu sehen war. Jetzt 
möchte ich auf seine psychische Struktur und seine Entwicklung 

eingehen. 

Man kann, wenn man sich mit Klaus beschäftigt, beobachten, wie 
er zwischen zwei Polen schwankt: zwischen absoluter Bewunderung 
der vitalen Triebbejahung und gleichzeitiger Angst vor derselben. Seine 
Freunde und Hunde scheinen diese Genussfähigkeit und Trieb- 
bejahung zu verkörpern um] ich habe den Eindruck, als wollte er 
sich in den Auseinandersetzungen und Unterhaltungen mit ihnen klar 
werden über dies ihm unheimliche Element. Seine Abneigung gegen 
Gymnastik, vor allem aher seine Ablehnung der Mädchen hat keine 
andere Ursache als Angst, sich mit seinem Körper zu beschäftigen 
und gerade die grosse prahlerische Geste ist ein Zeichen, dass hier 
einer seiner heftigsten Widerstände und ein Herd latenter Angst liegt. 
Nur auf dem Wege gestaltender Beschäftigungen, Zeichnen, Malen, 

6S 



Irma Kessel 

Modellieren, Linoleumschnitte etc. ist es ihm möglich, zwanghaft 
immer wieder das Problem des Menschen und des menschlichen Kör- 
pers zu behandeln, denn da kann er es soweit abstrahieren und von 
seinem eigenen Körper isolieren, dass es ihm nicht gefährlich zu 
werden braucht. Seine Darstellungen sind fein, er arbeitet mit Be- 
tonung der Konturen, vermeidet jedes Schmieren, ja sogar das flächige 
Arbeiten. Ich habe feststellen können, dass das Interesse der Kinder 
für Malen und Zeichnen zweierlei Ursprünge haben kann: die Subli- 
mierung analer Triebregungen, die zu rein malerischem Können und 
Farbensinn führen und, wie es bei Klaus der Fall war, eine Phase, 
in der das Kind nach Aufklärung verlangt und sich mit Fragen über 
den menschlichen Körper beschäftigt. Dieser Ursprung des Interesses 
führt mehr zu zeichnerischer, konstruktiver Begabung und erklärt 
bei Klaus gleichzeitig sein reges Interesse für Bauen. 

Es ist leicht zu erraten, dass Klaus Genitalangst hat. Seine Scheu, 
mit seinem Körper in Beziehung zu treten, seine Ablehnung der 
Mädchen, seine Vorliebe für Hunde, deren Schwänze man ja be- 
ruhigenderweise immer deutlich sehen kann, seine Wahl absolut 
männlicher Berufe, Schupo, Soldat, lassen darauf schliessen. Auch 
seine Lieblingsspielzeuge, Bomben, die vernichten, Säbel, die ab- 
schneiden, Gewehre, die töten, Flieger, die die Luft durchbohren, sind 
ihren Formen nach Penissymbole, ihrer Funktion nach kastrierend. 

Mit dieser oberflächlichen Erkenntnis der Genitalangst ist aber 
weder für den Pädagogen noch für das Kind etwas geholfen, sondern 
es kommt jetzt darauf an, den Weg bis zu den traumatisch wir- 
kenden Ursachen zurückzufinden. Erst dann können falsche Vor- 
stellungen geklärt, verschobene Affekte aufgelöst und der Komplex 
der Genitalangst aufgehoben werden. Da Klaus' Eltern sich der ana- 
lytischen Theorie gegenüber ablehnend verhielten, konnte nur ein 
Arbeiten in vorsichtig beschränkten Grenzen durchgeführt werden. 
Immerhin lassen einige Gespräche aufschlussreiche Zusammenhänge 
erkennen. Klaus tägliche Lhiterhaltung war ein prahlerisches Renom- 
mieren über Krieg. Die Kinder reagierten mit offener Bewunderung. 
Ich unterliess es nicht, Klaus bei jeder günstigen Gelegenheit meine 
kritische und ablehnende Stellung zum Krieg zu zeigen und hinter 
dem Heroischen des Krieges seine Grausamkeit aufzudecken. Auch 
sagte ich ihm offen, dass ich, wenn es Krieg gäbe, mich nicht freuen, 
sondern Angst haben würde. Klaus stutzte und fragte: »Wie, du hast 
Angst? Du bist doch aber erwachsen!« Worauf ich antwortete, dass 
zuweilen auch erwachsene Menschen vor Gefahren Angst haben und 
dass man sich wegen Angst nicht zu schämen brauche. 

Das nächste Stadium war, dass Klaus die phallisch narzisstische 
Kompensation des Bcnommierens, die er wie einen Panzer gegen die 
eigene Angst und gegen die Verachtung seiner Mitmenschen gebraucht 
hatte, aufgeben musste, weil sie ihm entwertet war, und dass er tat- 
sächlich Angst vor Krieg halte, die er vorsichtig in Gesprächen verriet, 

64 



über kindliches Kriegsspiel 

wie etwa: »Wenn es Krieg gibt, und man wird krank, oder hat 
Grippe oder nur einen kleinen Schnupfen, dann wird man sofort tot- 
geschossen.« Oder er schilderte furchtbare Verstümmelungen, die die 
Bomben anrichten können oder sagte: »Wenn es Krieg gibt, ist der 
nicht in Deutschland oder in Berlin, weil wir schon einen Krieg hallen, 
sondern der wird dann wohl in Amerika sein und da ist das Meer 
dazwischen.« 

Sein prahlerisches Grosstun und mutiges Auftreten schwand immer 
mehr und er stellte Fragen, aus denen zu erkennen war, dass er sich 
mit der Realität auseinandersetzte und Schutzmassnahmen gegen den 
Krieg überlegte. Dieses Stadium, in dem Klaus zaghaft und feige war, 
hielt lange an und ich wusste nicht, wo die Verbindung von Kriegs- 
angsl und Genilalangst zu suchen war, bis eines Tages ein Gespräch 
Aufschluss gab. Klaus erzählte, dass sein Vater, von dem er wieder- 
holte Male berichtet halte, er sei auch im Kriege gewesen, früher gut 
hätte Auto fahren können: aber jetzt könne er es natürlich nicht 
mehr. Ich frage: »Warum nicht?« und bekomme die Antwort: »Weil 
er einen Finger, nein, eine Hand, nein, einen halben Arm nicht hat« 
und mit auffallend veränderter, heller, begeisterter Stimme und ober- 
flächlicher Geste fügl er hinzu: »Haben sie ihm abgeschossen im 
Krieg«. Es besteht also für Klans eine ganz direkte, deutlich sicht- 
bare und an seinem eigenen Vater erlebte Verbindung von Krieg und 
Verstümmelung. Der Zusammenhang von Kriegsbcgeistcrung, resp. 
-angst und Genilalangst bei ihm ist gefunden. 

Durch wiederholte Unterhaltungen versuche ich, ihm das Objekt 
»Krieg« zu entreissen, z. B. dass jetzt kein Krieg sei und in abseh- 
barer Zeit keiner kommen würde. Da greift seine Angst zu anderen 
Objekten. Er gesteht beim Spazierengehen in einer Unterhaltung über 
Autos, dass er sich, wenn er gross sei, kein Auto kaufen würde, höch- 
stens ein Fahrrad, denn bei Autos passiere zu oft ein Unfall. Auch 
hier halte Klaus in der Zeil, als er ins Kinderhaus kam, übertriebene 
Begeisterung für Aulos und Autofahren gezeigt. 

Klaus befand sich in einem Stadium, in dem die Kräftekonstella- 
tion sich änderte, indem die Überkompensationen sich zurückbildeten 
in ihr vorheriges Element, die Angst. Dadurch, dass man der Angst 
aber immer wieder ihr Ohjekt entriss und unreal machte, wurde Klaus 
in eine Bereitschaft gebracht, die eigentliche Quelle der Angst, wenn 
man sie ihm aufzeigen würde, anzuerkennen. 

Ich deutete ihm immer wieder an, ich verstünde wohl seine Angst, 
im Kriege etwas zu verlieren, er habe überhaupt immer Angst, etwas 
zu verlieren. Er fragt: »Woher weisst du das?« und ich antworte: 
»Einmal weiss ich es, weil Du vor lauter Sachen Angst hast, die dir 
garnicht gefährlich sind. Und dann weiss ich es, weil Du sooft deine 
Spielsachen vergisst und verlierst. Das tust du nur. um mir zu zeigen, 
dass Du Angst hast, noch was anderes zu verlieren. Und dann weiss 
ich es noch, weil sehr viele Jungens diese Angst haben.« Er fragt: 

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Irma 



Kessel über kindliches Kriegsspiel 



»Hat der Robert auch Angst?« Diese Frage, dir mir bestätigt, dass 
er meine Andeutungen, die ich wegen seiner Eltern nicht klarer geben 
konnte, verstanden und angenommen hat, benutze ich, um seine Angst 
weiter abzubauen: »Ich glaube, der Robert hat keine Angst, der weiss 
sicher genau, dass man Jungens nichts fortnimmt, was zu ihrem 
Körper dazugehört.« Ähnliche Gespräche hatte ich öfters mit Klaus. 
Auch in seinen Interessen und Beschäftigungen zeigte sich die Um- 
schichtung seines psychischen Haushaltes. Er bevorzugte motorische 
Arbeiten, bejahte die Gymnastik voll und beteiligte sich regelmässig 
an ihr. Seine liebste Arbeit war gründliches Rein machen, wobei er 
alle Möbel verschob und keinen Gegenstand am alten Platz Hess. Bei 
diesem Reinmachen war er am aufgeschlossensten und freisten. Da 
das Reinmachen eine von den grösseren Mädchen besonders bevor- 
zugte Beschäftigung war, ist anzunehmen, dass er hier den ersten 
Schritt machte, über die von den Mädchen oft und gern ausgeführte 
Beschäftigung die Mädchen selber kennen zu lernen und sich mit 
ihnen zu beschäftigen. Seine Vorliebe zu diesen körperlichen Be- 
tätigungen ist ein Zeichen, dass er das erste Stück Triebbejahung 
vollzogen hat. Seine Fähigkeit, jetzt auch mit Mädchen befreundet 
zu sein und auch kleine Kinder anzuerkennen und eine positive Be- 
ziehung zu ihnen zu haben, lässt mich annehmen, dass er die Auf- 
hebung der Angst in Bezug auf Krieg und Verkehrsunglücke auch 
auf seine Genitalangst überträgt und sich in seiner Position als Junge 
ungefährdeter fühlt. Das ist jedoch nur eine Annahme, für die erst 
weiteres Arbeilen an diesen Fragen den Beweis hätten bringen müssen. 
Die letzten Gespräche, die Klaus mit mir führte, lassen darauf 
schliessen, dass er bereit ist, die Vorstellung der Kastration aufzu- 
geben und eine triebbejahendere Einstellung anzunehmen. Ich möchte 
eins dieser Gespräche wiedergeben: Er fragt, während er reinmacht: 
»Sag mal, wenn man sich als Kind etwas wünscht, was man später 
werden will, wird man das dann auch?« Ich antworte: »Wenn man 
später immer noch dasselbe werden will, ist das gut möglich«, worauf 
er erklärt: »Ich will dann ein Schullehrer werden. Schullehrer 
brauchen nicht in den Krieg.« Ich erzähle ihm: »Als ich klein war, 
-wünschte ich mir immer, eine Mutler mit sieben Kindern zu werden«, 
worauf er entgegnete: »Und du hast noch mehr gekriegt, zwanzig 
Kinder und dann kommen immer noch Anmeldungen dazu!« 

Wie ist dieses Gespräch aufzufassen? Klaus identifiziert sich mit 
mir, denn ein Schullehrer ist mein Beruf ins männliche übersetzt. 
Ich benutzte die durch meine Stellung als Kindcrhausleiterin bedingte 
Autorität dazu, in der ganzen Zeit den Gegenpol zu seiner Angst, 
nämlich Vitalität und Triebbejahung zu stützen. Indem Klaus sich 
mit mir identifiziert, akzeptiert er auch diese Triebbejahung. Ein 
Beweis dafür ist, dass er den Beruf des Kriegers, der sich verstümmeln 
lassen muss, mit dem des Schullehrers eintauscht, der inmitten vieler 
Kinder ein triebbejahendes, aufbauendes Leben führt. 
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Sexpol-Bewegung 

Hier möchte ich wieder an den Gedanken anknüpfen, von dem ich 
ausging, dass die pathologische Kriegsbegeisterung immer frühinfan- 
tile psychische Störungen als Ursache hat. In dem individuellen Falle 
von Klaus war die Genitalangst besonders an die Kriegsangst und 
ihre Kompensation, die Kriegsbegeisterung fixiert, da sein Vater im 
Kriege verstümmelt worden war. Verschiedene andere Reaktionen 
anderer Kinder lassen mich aber darauf schliessen, dass diese Kom- 
bination eine häufige Erscheinung ist. Z. B. trafen wir einen Krüppel 
ohne Beine. Sofort erklärten die Kinder von sich aus, die Beine seien 
ihm im Kriege abgeschossen worden. Sie sprachen eine Zeit lang leb- 
' haft über Krieg, um dann in wüste Kriegsspiele mit lautem Gebrüll 
und prahlerischem Mut überzugehen, um ihre Angst zu bewältigen. 
Bei Klaus hat das traumatische Erlebnis sich nicht in einem 
Symptom befreit, sondern eine charakterliche Verbiegung zum Ventil 
genommen. Der einzige Weg, ihn zur vollen Gesundheit zu führen, 
wäre nach einer wirklichen ins Detail gehenden Aufklärung aller 
sexuellen Fragen, ihm den Weg frei zu legen zu einer Freundschaft 
mit gleichaltrigen Mädchen, mit denen er in sexuellen Spielen seine 
Minderwertigkeitsvorstellungen und seine Genitalangst verlieren, Be- 
ziehungen anknüpfen und seinen phallischen Narzissmus hätte auf- 
geben können. Doch die Sexualablchnung seiner Eltern und seiner 
Umgebung hinderte mich, diesen Weg einzuschlagen. 



Sexpol-Bewegung 



„Internationales Institut für Sexualökonomische Forschung" 

Die Entwicklung unserer Forsch ungs- und Lehrarbeit erfordert eine formale 
Zusammenfassung unserer wissenschaftlichen Tätigkeit. Es bedeutet keine Ver- 
änderung des bisherigen Verlaufs dieser Tätigkeit, wenn man ihr einen Namen 
gibt. Ein »Internationales Institut für Sexualökonomische Forschung« existiert 
faktisch seit dem Zeitpunkt, in dein die Theorie der Sexualökonomie von ihren 
Ursprungsgebieten sich loslöste und den Anspruch erhob, als selbständige wissen- 
schaftliche Disziplin betrachtet zu werden. Mit dieser Loslösung entstanden die 
Pflicht und die Notwendigkeit, die wissenschaftliche Arbeit und ihre Ergebnisse 
nach aussen hin zu schützen. Audi die Abgrenzung gegenüber den so vielfältigen 
falschen Anschauungen über das Gebiet der Sexualökonomie, die heute existieren, 
und die Verflachung unserer Anschauungen zwingen uns die offizielle Namens- 
gebung auf. Ich ziehe es vor, diese Gründung ohne die üblichen Feierlichkeiten, 
Programme und Erklärungen allen Freunden und Mitarbeitern zur Kenntnis zu 
bringen. Wilhelm Reich 

Kleine Sexpol-Nachrichten 

Ein neuer Verband zur Bekämpfung der „Schmutzliteratur" in Norwegen 

Nach dem Bericht einer bürgerlich-liberalen Zeitung soll nun nach Muster 
des schwedischen »kristelig literaturbevegelse« auch in Norwegen eine ähnliche 
Bewegung gestartet werden. Eine Reihe von Theologen hat die Sache in die Hand 
genommen. Sie wollen sich offenbar nicht von der fachistischen »Fedrelandslag« 
{vaterländischen Vereinigung) den Rang ablaufen lassen, die vor einigen Tagen 

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X 















Sexpol-Bewegung 

eine Klebezettelaktjon gegen Kioske von Stapel Hess, die pornographische Lite- 
ratur verkaufen. 

Mit Aufrufen, Sammlung von Unterschriftenlisten und Agitationsversamm- 
lungen will man dazu beitragen, »einen Krebsbazillus zu entfernen, der von allen 
denkenden Menschen als ernsteste Gefahr für ein frisches Volksleben und eine, 
gesunde Jugend bezeichnet wird«. 

Es würde eine ausführliche klinische Untersuchung lohnen, warum geistig 
überlegene Propaganda für sexuelle und ökonomische Befreiung von reaktionärer 
Seite immer wieder als Vergiftung, Ansteckung mit einer heimtückischen, 
schleichenden Krankheil etc. empfunden wird: Von der Schlange in der 
Schöpfungsgeschichte geht hier eine Linie zur nationalsozialistischen Angst vor 
Volksvergiftung. Die durch sexualfeindliche Erziehung geschaffene Furcht vor 
der Freiheit, besonders der sexuellen, ist der allgemeine Hahmen. der für eine 
solche Untersuchung gesteckt wäre. 

Aber kehren wir zu dem Zeitungsbericht zurück. Als bürgerlich-liberales Blatt 
fühlt man sich verpflichtet, gegen diese Aktion theologischer Tugendapostel 
Stimmung zu machen. Man stellt mit Hecht fest, dass sich sie weniger gegen die 
eigentliche Pornographie als gegen die freiheitliche Literatur im ganzen gesehen 
richten wird, wie dies auch in Schweden der Fall war. So machte der Sekretär 
des norwegischen christlichen .hingmännervereins auf die entsetzliche Tatsache 
aufmerksam, dass es noch immer Verlage gäbe, deren Konsulenten »vor allem 
künstlerische Masstäbc an ein Buch legen«. Und die meisten Kritiker täten das 
gleiche, »ohne sich um die Tendenz des Buches zu kümmern«. 

Und nun -- versichert das Blatt weiter - seien in Schweden Publizisten auf- 
gestanden und hätten gerade vom christlichen Standpunkt aus gegen den falschen 
Hochmut der literarischen Tugcndapostel Einspruch erhoben. »Achtet gerne auf 
Reinlichkeit«, schreibt ein schwedischer Dr. Theol. »aber lasst die Kunst in 

Buhe Nur wer sich gesund und ehrlich in den Versuchungen des Lebens 

bewahrt hat, kann das Recht haben, zu moralisieren. Doch das F.igcntümliche 
ist, dass derjenige, der das getan hat, nicht die geringste Lust verspürt, sich aufs 
hohe Boss zu setzen«. 

Wollte die Sex-Pol publizistisch gegen die christlichen St. George auftreten, 
die auf der Jagd nach dem Drachen der Pornographie sind, so müsste sie es auf 
ganz andere Weise tun. Wir machen der bürgerlichen Moral keine Konzessionen. 
Die Reinlichkeit, aus der heraus wir die Pornographie ablehnen, ist die Reinlich- 
keit des sexuell gesunden Menschen, dem aus der vollen Bejahung der sexuellen 
Lust alles »Schweinigeln« und alle Vcrstcckthcil in sexuellen Dingen zuwider ist. 

Der internationale Kampf gegen die Pornographie 

Nicht nur in Schweden und Norwegen, auch in verschiedenen andern Ländern 
stösst die Beaktion zum Kampf gegen die Pornographie vor. Überall ist die Vor- 
gangsweise ähnlich: Man gibt vor, nur gegen gewisse Magazine etc. vorgehen zu 
wollen, die nichts anderes als eine kapitalistische Spekulation auf die durch die 
Sexualunterdrückung in unserer Gesellschaft krankhaft gesteigerte Lüsternheit 
darstellen. Auch wir als Sozialisten müssen uns gegen diese Art Literatur wenden, 
u. a. deshalb, weil sie viele Menschen gegen eine Sexualaufklärung in gesundem 
und revolutionärem Sinn voreingenommen macht. 

Doch die politische Beaktion verfolgt mit ihrer Propaganda gerade den Zweck, 
den Kampf gegen die Pornographie nur zum Anlass zu nehmen, um zusammen 
mit den pikanten Magazinen die viel gefährlichere gesunde Sexualbejahung in 
Kunst und Literatur auszurotten. Der deutsche Nationalsozialismus begann mit 
einer Propaganda gegen die »entsittlichenden Einflüsse der Asphaltliteratur«. Von 
da ging er über zum Verbot der proletarischen Nacktkulturbewegung, die einen 
Ansatz zu einer gesunden Überwindung der bürgerlichen Sexualscheu darstellte. 
Er verbrannte die Bücher von Freud, während Streichers Pornographie blüht und 
gedeiht. 

England ist das klassische Land des sexuellen Muckertums. Von der Ver- 
urteilung Oscar Wildes lässt sich eine Linie verfolgen zum Verbot von »Lady 
Chatterley's lover« von Lawrence, einem Buch, das mit einer in der englischen 
Literatur noch nicht dagewesenen Offenheit über sexuelle Dinge spricht. In jüng- 
ster Zeit folgte das Verbot von »The sexual Impulse« (vgl. Besprechung i. d. H.). 
Charakteristisch für die englische Mentalität ist die Aktion der Organisation dei- 
englischen Schauspieler »British Kquity« gegen die unanständigen Witze in den 

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Sexpol-Bewegung 



L 



Westend-Varietes; sie wäre wohl in keiner andern Weltstadt denkbar. Ohne diese 
Varietes, die rein bourgeoise VergnügungSStJUten sind, und ihre Schlüpfrigkeit 
etwa in Schutz nehmen zu wollen, müssen wir auch gegen solche Aktionen Stellung 
nehmen, da sie eine allgemeine Atmosphäre des Muckertums schaffen, unter der 
dann auch saubere sexualpolitische Arbeit und sexualbejahende Literatur zu 
leiden haben. — Die Arbeit gegen die »Pornographic« ist in England zentralisiert 
im »Public Morality Council«. Dieses hat im Jahre 1934 680 Films begutachtet 
und einen Teil verworfen. Es unternimmt Schritte beim Filmzensor und beim 
Innenministerium zur Verschärfung der Film- und Theaterzensur, veranstaltet 
populäre Vorträge im Hydepark, schreitet nun zum Ausbau von Ortsgruppen im 
ganzen Land. Für 1936 will es 3000 £ (= ca. 70.000 Kr.) aufwenden. Der Rischof 
von London hat massgebenden Einfluss darin. 

Auch in Belgien sind es vor allem kirchliche Kreise, die eine Verschärfung 
der Zensurvorschriften verlangen. Anfang Dezember brachten 6 katholische Ab- 
geordnete eine Interpellation im Parlament darüber ein. Bisher kennen die bel- 
gischen Gesetze nur ein Transportverbot für pornographische Schriften, die aus 
dem Ausland eingeführt werden. Von diesem Verbot wurden allerdings nicht 
nur die berühmten Magazine, sondern auch das »Journal de Moscou« betroffen: 
Sexuelle und politische Reaktion marschieren auch hier Hand in Hand! Liberale 
und sozialistische Abgeordnete wandten sich in der Diskussion scharf gegen die 
unklare Fassung des katholischen Antrags, der eine Ausdehnung des Verbots über 
den Hahmen der im engern Sinne pornographischen Schriften erlaubt. Sie machen 
darauf aufmerksam, dass man aus moralischen Gründen auch Madame Bovary 
von Flaubert verbot und nächstens auch den Fabeln von La Fontaine die Einfuhr 
verweigern könnte, »wenn Ihr (d. h. die Katholiken) darüber zu bestimmen habt, 
was moralisch ist«. 

Ähnlich wie in Belgien verfahren die Katholiken auch in der Schweiz. Die 
»Neue Schweiz« (26. Oktober 1935) bringt einen Artikel über »Die Gefahren des 
Buches«. Auch hier geht man von den Magazinen aus, gelangt aber rasch zur 
Erotik im allgemeinen und von da mit einem Salto mortale zur politischen Lite- 
ratur. Aber »nicht die politische Literatur sachlicher Art ist gemeint, sondern 
die auf Umwegen (als Roman oder Tatsachenbericht) politische Propaganda 
treibt«. Hier wie überall erkennt die Reaktion richtig die Zusammengehörigkeit 
von politischer und sexueller Befreiung; auch dass ihr Romane und Tatsachen- 
berichte wirkungsvoller erscheinen, als politische Leitartikel, müssen sich die 
Sozialisten merken. 

Auch in Spanien hat eine katholische Kampagne gegen die Kioske in Barce- 
lona begonnen, die bisher allerdings sich auf die pornographischen Magazine im 
engern Sinne beschränkt hat. Doch auch hier knüpft »El Mati« an die Aufforde- 
rung an die Behörden, gegen die »Pest« einzuschreiten, Betrachtungen wie diese: 
»Wie soll eine Behörde ihre Massnahmen zur Gesundung der Moral durchführen 
können, wenn sie nicht allgemein von den Bewohnern unterstützt wird, weil die 
erforderliche Einigkeit der Kritik fehlt. Und wo soll die herkommen in einer 
Epoche, die die Unabhängigkeit in Kunst und Moral predigt, in der Ehe und Ver- 
hältnis gleichgestellt werden, in der in keinem Kinoprogramm die Serie scham- 
loser Bilder fehlt;« m. a. W. Benützung des Anlasses der Pornographiebekämpfung 
zu allgemeiner reaktionärer Kulturpropaganda. 

Auf der ganzen Welt sehen wir bei dieser Propaganda Kirche und Reaktion 
miteinander im Bunde. Unsere Aufgabe ist es natürlich nicht, uns ihr gegenüber 
etwa schützend vor die kapitalistischen Ausbeuter der Sexualunterdrückung zu 
stellen. Darum hört man Sozialisten auch oft sagen: »Selbstverständlich sind 
auch wir gegen die Pornographie. Aber wir müssen die künstlerisch wertvolle 
Literatur vor den Angriffen der Reaktion schützen.« — Doch dieser Standpunkt 
ist unklar, er deckt sich im wesentlichen mit dem des liberalen Bürgertums. 
Ein konsequent sozialistischer Standpunkt muss von folgender Überlegung aus- 
gehen: Die Fabrikation von Pornographie ist kapitalistische Ausbeutung der 
Sexualnot und eindeutig reaktionär. Was aber kommt in den Massen dieser Aus- 
beutung entgegen? Nicht nur durch Sexualiinterdrückung erzeugte kranke 
Lüsternheit, sondern auch der Protest gegen die bürgerliche Moral, die die zärt- 
liche Seite der sexuellen Beziehung idealisiert ( Magazinromanc !), die sinnliche 
verhüllt. Das Bedürfnis, auch von dieser sinnlichen, körperlichen Seite zu lesen, 
kann durch die Pornographic ins Reaktionäre umgebogen werden, es kann aber 
auch durch richtige, sexual-politische Arbeit zum bewussten, revolutionären Protest 

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Sexpol-Bewegung 

gegen die bestehende Gesellschaftsordnung weiter entwickelt werden. Der Junge, 
der sich ein pikantes Magazin kauft, greift aus dem gleichen Impuls vielleicht 
ein anderes Mal zu einer populären sexualpolitischen Broschüre. 

Gegenüber dem reaktionären Kampf gegen die Pornographie genügt also nicht 
die Parole: »Schutz der guten Literatur«, sondern sie sollte eher lauten: »Wir 
verdrängen die schmutzige Pornographie durch offene, saubere, sexualbejahende 
Stellungnahme in unserer eigenen Literatur, Kunst und populärwissenschaftlichen 
Propaganda.« 

Ein peinlicher Psychotherapeut 

Warum lesen die Leute so gern Kriminalberichte, besonders solche mit sexuel- 
lem Einschlag: Eifersuchtsattentate, Lustmorde, »Verhaftung eines Zuhälters«,. 
»Skandalaffäre einer amerikanischen Millionärsgatün mit einem Wiener Gigolo«,. 
etc? 

.Möchten Sie etwa wirklieh selbst der Gatte gewesen sein, der die Frau beim 
letzten, vergeblichen Versuch, sie zur Heimkehr zu bewegen, niederknallt? Oder 
die Frau, die schluchzend in die Arme des Verteidigers sinkt, als sie nach den 
Liebesabenteuern des Gatten gefraßt wird, den sie zu vergiften versuchte? — 
Gewiss nicht. Was wirkt also an solchen Berichten anziehend? 

Das Leben der meisten Menschen ist öde. 8 — 10 Stunden freudlose Arbeit: 
Das ist die Einbussc an Lebensfreude, die ihnen die ökonomische Unterdrückung 
abpresst. Traurige Familienverhältnisse und sexuelle Schwierigkeiten: Das ist die 
Einbusse, die auf Rechnung der sexuellen Unterdrückung fällt. Das Ergebnis ist 
oft Abstumpfung, ist Unfähigkeit Liebe, Hass, Begeisterung wirklich voll zu 
spüren: Oberflächlichkeit. 

In den Berichten wird von leidenschaftlichen Menschen erzählt. Der Leser 
lebt ihr an starken Affekten reiches Leben mit: »Ach und diese Frau«, ruft er 
aus, »wie sie in die Anne des Verteidigers sinkt!« und schaut sich das dazu- 
gehörige Bild an. 

Man bejaht die Leidenschaft, zu der man sich seihst unfähig fühlt, nicht 
das Leid (was ein Teil des Geheimnisses der Wirkung von Trauerspielen sein 
dürfte). Man lässt sich in der Phantasie aus dem Alltag herausheben, ohne die 
Angst und Gefahr zu erleben, die in Wirklichkeit damit verbunden ist. So wird 
dfil. Lesestoff zum Opium, das die Menschen durch phantasierte Leidenschaft, 
verhindert, die Quelle der wirklichen Öde aufzusuchen. 

Wilhelm Stekel hat einen Namen als wissenschaftlicher Psychotherapeut. Nun 
ist er auf das Niveau der Massagesalons gesunken; er gründete in Wien eine 
»Klinik für Eifersüchtige«. Ein solches Unternehmen erfordert Reklame. Stekel 
lässt sich darum nicht nur in einem Käseblatt über seine Absichten interviewen, 
sondern schreibt auch in dem berüchtigten »Wiener .Journal« (29. Sept. 1935) 
einen Artikel mit dem anziehenden Titel: 

Eilersucht — Leidenschaft oder Krankheit? 

Als Ursachen der Eifersucht nennt er — was an sich nicht unrichtig ist - 
Mangel an Selbstvertrauen und versteckte homosexuelle Regungen: Z. B. projiziert 
eine Frau ihre Neigung zu andern Frauen in den Gatten hinein. Aber von den 
sozialen Ursachen, die die weite Verbreitung dieser Störungen bedingen, lesen 
wir natürlich kein Wort. Und die Beispiele, die Stekel dann aus seiner Praxis, 
erzählt, dienen nicht der Aufklärung. Indem sie groteske Fälle auf amüsante 
Weise erzählen (z. B. Eifersucht zwischen 70-jährigen etc.), reihen sie sich der 
oben charakterisierten Art von Literatur ein, die kitzelt, amüsiert — und gerade 
dadurch die soziale Bedingtheit seelischer Leiden verhüllt. 

Doch für einen Psychotherapeuten sind diese Leiden kein Thema zu publi- 
zistischen Boudoirplaudereien, solange er sich und seine Aufgabe ernst nimmt. 
Er am allerwenigsten darf seine ärztliche Erfahrung zu Scnsationsartikel- 
schreiberei missbrauchen. 

Neue Gesetze über Abortus provocatus in Island 

Während in manchen kapitalistischen Ländern selbst die sozialistischen 
Parteien dazu übergeben, ihre Stellung zur Schwangerschaftsunterbrechung im 
bürgerlichen Sinn zu revidieren, hat man in Island ein Gesetz angenommen, das 

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Sexpol-Bewegung 

wohl das äusserst* an Radikalismus darstellt, was im Rahmen eines bürgerlich - 
regierten Landes bisher möglich war. 

Das alte isländische Gesetz bestimmte: »Wer vorsätzlich eine Frucht abtreibt 
oder sie im Mutterleib tötet, wird mit Zwangsarbeit bis zu 8 Jahren bestraft.« 

Schon der Name des neuen isländischen Gesetzes klingt ungewohnt. Er lautet: 
»Gesetz über Anleitung der Frauen zur Vorbeugung der Schwangerschaft und zur 
Schwangerschaftsunterbrechung.« Es wird darin bestimmt, dass der Arzt ver- 
pflichtet ist, eine Frau vor Schwangerschaft zu warnen, wenn diese mit Gefahren 
für sie verbunden ist und ihr Anleitung im Gebrauch vorbeugender Mittel zu 
geben. Aber auch wenn sie gesund ist, hat der Arzt die Pflicht, sie in der An- 
wendung vorbeugender Mittel auf Wunsch zu beraten. 

Ferner wird Schwangerschaftsunterbrechung im Fall ernster Lebens- oder 
Krankheitsgefahr erlaubt. Aber auch wenn die Gefahr gerintjer ist, kann Schwan- 
gerschaftsunterbrechung erlaubt werden. 

Unter den Gefahren, die die Gesundheit der Frau im Fall einer Geburt be- 
drohen und die einen erlaubten Eingriff begründen können, werden im Gesetz 
auch genannt: Zahlreiche Geburten in kurzen Zwischenräumen, kurze Zeit seit 
der letzten Geburt, schlechte ökonomische Verhaltnisse, schwere Krankheit in der 
Familie. 

Allerdings werden die Eingriffe durch folgende Bestimmungen erschwert: Sie 
dürfen nur auf einem anerkannten Krankenhaus vorgenommen werden und müssen 
vom Oberarzt des Krankenhauses und vom behandelnden Arzt schriftlich begut- 
achtet sein. Das Gutachten muss, bevor die Operation vorgenommen wird, der 
obersten Medizinalbehörde (Landsfysikus) vorliegen. 

Wie wir sehen, ist das Gesetz weit davon entfernt, wirklich entschiedenen 
sozialistischen Forderungen zu entsprechen. Die Möglichkeiten, die es gibt, sind 
der Kontrolle der Ärzte und Oberärzte unterworfen und es ist anzunehmen, dass 
diese (besonders die Oberärzte) in Island wie in allen andern kapitalistischen 
Ländern im Durchschnitt bürgerlich eingestellt sind. 

Allerdings wird die radikale Anwendung des Gesetzes eine starke Stütze im 
derzeitigen Landsfysikus Vilmundur Jonsson erfahren, der das Gesetz nicht nur 
ausgearbeitet sondern auch mit einer Begründung versehen hat, in der er gegen 
alle moralischen Argumente Folgendes einwendet: »Die Welt ist noch nicht besser 
eingerichtet, als dass man nicht zumindest für das Kind, das geboren werden 
soll, verlangen kann, dass auf jeden Fall die Mutter seinem Kommen mit Freude 
entgegensehen kann. Tut sie das nicht, dann ist es für beide Teile besser, dass 
das Kind nicht zur Welt kommt.« 

Da Gesetz wurde mit den Stimmen der Fortschrittspartei (einer radikalen 
Bauernpartei) und der Sozialisten im Alting angenommen. Es zeigt die äusserste 
Grenze des im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft Möglichen. Die weitere 
Entwicklung der politischen Verhältnisse in Island, die Kraft, die die Sozialisten 
aufbringen können, die Bevölkerung und die Ärzte von ihren Gesichtspunkten zu 
überzeugen, radikale Ärzte in führende Stellungen zu bringen etc. wird ent- 
scheiden, wieviel von den Erleichterungen, die das Gesetz bietet, der arbeitenden 
Bevölkerung wirklich zu Gute kommt. 

Bevölkerungsfragen in Deutschland und Frankreich 

Einer der grössten Erfolge der nationalsozialistischen Politik, den wir als 
internationale Sozialisten keinesfalls in seiner Bedeutung unterschätzen dürfen, 
liegt in der starken Zunahme der Ehcschliessungen und der Geburten. Die Zahl 
der Ehcschliessungen in Deutschland war im Jahr 1933 um rund 122.000 grösser 
als im Jahr 1932. Im Jahr 1934 stieg sie um weitere 100.000, d. h. im Vergleich 
zu 1932 um 42%! Die Geburtenzahl hat im Jahre 1934 um 225.000 zugenommen 
und betrug 1.196.000; 1935 nahm sie weiter zu. Worin die Gründe für diesen 
»Erfolg« liegen mögen? Die Ehestandsdarlehn, die direkte Propaganda für den 
Kinderreichtum, sind gewiss nicht allein massgebend. Es könnte sein, dass wir 
es hier mit einer Wirkung der nationalsozialistischen Ideologie als Ganzes, mit 
einer Wirkung der Rassenmystik zu tun haben. 

Diese Kassenmystik nützt ja die Sehnsucht der Massen nach Bejahung ihrer 
sexuellen Wünsche auf sehr geschickte Weise aus. Sie bejaht der lebensfcind- 
lichen Lehre von der Sündigkeit des Fleisches gegenüber nicht etwa die Sexualität 
— aber dafür den Körper, sein Mitschwingen, f-:insu>erden mit dem »Volks kör per« • 
endlich die Stärkung dieses Volkskörpers durch Vermehrung selbst unter Ausser- 

71 



» 



Saxpol-Korrespondenz 

achtlassung der Schranken der bürgerlichen Mond (Forderung nach Gleichstellung 

der unehelichen Mütter und Kinder mit den ehelichen). Unter diesen Umständen 
ist es kein Wunder, dass sich Hitlermädels ihrer unehelichen Kinder häufig gar 
nicht schämen. Das Gefühl, den Körper bejahen zu dürfen, wirkt auf die sexuell 
Unterdrückten irgendwie berauschend: Und dieser Rausch wird durch die Rassen- 
lehre unmittelbar in den Dienst der Vermehrung nesteln. 

Doch zum Kinderkriegen greifen auch viele Bewohner Ilitlcrdcutsclilands, 
denen andere Freuden versagt worden sind. Es wird von proletarischen Genossen 
erzählt, deren ganzer Lebensinhalt vor dem Umsturz die politische Arbeit war. 
Nun ist ihnen diese Freude genommen, auch Kino und Bücher bieten «lern revolu- 
tionär geprägten Arbeiter im dritten Reich keine Heize mehr, die Sportorganisa- 
tionen, in denen man mit Gleichgesinnten trainieren konnte, sind auch zer- 
schlagen. Was tut man? — Illegale Arbeil ist ja doch nur Sache von Wenigen 
— Man schafft sich ein Kind im I 

Ein ganz anderes Bild finden wir in Frankreich. Hier ist der Geburtenrück- 
gang unaufhaltsam. Der »eongres de la natalite et des familles nombreuses«, der 
Ende September in Nantes tagte, entwarf ein düsteres Bild von Frankreich im 
Jahr 1956, wo Deutschland eine doppelt so grosse Bekruten/.ahl haben wird, wie 
Frankreich, wenn man seine doppelt so hohe Geburtenzahl im Jahre 1935 zu 
Grunde legt. Der Kampf gegen den Geburtenrückgang beschränkte sich in Frank- 
reich wesentlich auf eine sehr ausgedehnte Propaganda, die von verschiedenen 
privaten und halb offiziellen Vereinen in einem durchaus reaktionären Sinne 
geführt wird (vgl. oben). Daneben gewährt das Gesetz kinderreichen Familien 
Zuschüsse (Assistance aux familles nombreuses und encouragement national). Sic 
sind aber ganz unzureichend und steigen auf höchstens lfiT»0 pro Kind und Tag 
(bei Familien mit 5 Kindern); meist sind sie viel geringer. Der Mutterschutz 
steht gleichfalls in Frankreich auf einem sehr tiefen Niveau. 

Endlich soll die Entvölkerung durch das Gesetz von 1921 verhütet werden, 
das jede öffentliche Erwähnung antikonzeptioneller Mittel mit strengen Strafen 
belegt. Es wurde unter andern gegen den revolutionären Sexualpolitiker Humbert 
und seine Frau angewandt. Vor kurzem wurden die Geschäftsleute Friedrich 
Maak und Gertrude Goetz in Strassburg zu mehrmonatlichen Gefängnisstrafen 
verurteilt, weil sie durch Agenten empfängnisverhütende Mittel vertreiben Hessen. 
Allerdings lagen hier keine politischen sondern rein geschäftliche Motive zugrunde. 



Sexpol-Korrespondenz 

Zur Frage der Sexualaufklärung 

Ich gestatte mir anlässlich der Äusserungen Ernas auf Seite 176 Band II, 
Heft .! — 19.'15 dieser Zeitschrift eine Anekdote zu erzählen: 

Erna verteidigt dort den Wunsch, mit der gründlichen Aufklärung nicht ZU 
warten, bis die Kinder fragen und es schon zu spät sein könnte. Und die Schrift- 
stellerin fragt nebenbei: »Und was sollte es denn schaden, wenn man wirklich 
einmal zu früh aufklärt?« Eine moderne holländische Mutter erfuhr folgende 
Antwort. Sie hatte, so wie Erna empfiehlt, ihr Töehterchcn vollkommen über 
das Thema Gravidität aufgeklärt. Ein Verbot, wie öfters üblich, mit andern 
Kindern darüber zu reden, wurde nicht gegeben, absichtlich, um nicht dadurch 
die Materie mit dem bürgerlichen, deshalb quasi-anständigen Schleier des Ge- 
heimnisses zu umnebeln. 

Sobald aber der Eintritt in die Schule stattfand, kam das Problem mit den 
kleinen Freundinnen zur Sprache, und wer schildert das Staunen der Mutter, als 
die Kleine eines abends beim Auskleiden sagte: »Mutter, über das Kinderkriegen 
bist Du aber schlecht orientiert. Die ganze Schule sagt. Du lügst und die Kinder 
kommen vom Storch. Du scheinst mir wohl verrückt mit Deinem Gerede über den 
Bauch !« 

Sexpolfreundinnen sind nicht so ängstlich, ihre Autorität gegenüber den 
Kindern zu gefährden, und die Verwirrung dieser Mutter stammt auch nicht aus 
dieser Furcht. Aber sie wusste, dass es bei der Erziehung darauf ankommt, immer 
für die Kinder die vertraute Stelle zu sein, wo diese ihre Fragen vorlegen und 
besonders ihre sexuelle Neugierde befrieden könnten. Um der Möglichkeit einer 

72 



Besprechungen 

unfachroässigen Mitschüleiv>Aufkl*rung« vorzubeugen, war die mütterliche Auf- 
klärung dem Kinde so gegeben worden mit dem entgegengesetzten, unerwarteten 
und unerwünschten Erfolg, dass diese vorzeitige Instruktionen später Misstrauen 

hervorriefen. . ... 

Wir sehen hier wieder einmal, welche Schwierigkeiten einer richtigen gesuncl- 
sexuellen Erziehung inmitten bürgerlicher Kreise in den Weg treten können. 

Antwort der Redaktion: 

Es kommt darauf an, in welchem Zusammenhange die Aufklärung erfolgt. 
Der Hinweis auf die sexualfeindliche Natur der Umwelt ist unerlässlich und hat 
nichts mit Geheimtuerei zu tun. Den Schwierigkeiten muss völlige Offenheit ent- 
gegengesetzt werden. Das führt unweigerlich auf politisches Gebiet. Man kann 
nicht sexuell aufklären, ohne auf die Frage der heutigen Gesellschaftsordnung 
einzugehen. Entscheidend ist auch die Art der Erziehung vor der Aufklärung in 
der Genitalperiode. Es besteht auch die Möglichkeit, dass Kinder das sexuelle 
Wissen aus unbewussten Motiven ablehnen. 

Ein Bericht 

Es wird Sie vielleicht interessieren, die Reaktion unserer Kinder auf das 
»Kreidedreieck« zu erfahren. 

Während meine Erau die Übersetzung korrigiert, greift Anneke (10 Jahre) 
nach den Bogen und fängt sehr gewissenhaft an zu lesen. Sofort nach ihrem 
Mittagsschlaf greift sie wieder nach dem Buch und liest es in einem aus. »Mutter,« 
fragt sie, »ist das nun ein Buch für Kinder oder für Erwachsene?« »Wir meinen 
für Kinder,« sagt meine Frau, »aber was meinst Du?« — A. »Femke (die ältere 
Schwester, 12 Jahr) soll es jedenfalls auch lesen!« (Meine Frau). »Und Mickie?« 
(die jüngere Schwester, 8 Jahr). (A.) sehr bestimmt) »Nein, Mickie ist dazu 
noch zu jung!« 

Folglich liest Femke am selben Abend auch das Buch. Im Gegensatz zu 
Anneke sehr hastig und mit rotem Kopf. Sie sagt, tief auf atmend: 

»Es ist sehr schön, Mutter, und weisst Du, es war Verschiedenes drin, was 
ich selbst noch nicht wusstc.« 

Dann, zaudernd: »Aber wollt Ihr das verlegen?« 

»Warum denn nicht?« 

»Na, die Menschen werden es sehr unsittlich finden und die Erwachsenen 
kaufen es bestimmt nicht.« 

»Aber wir wollen den Preis sehr niedrig halten, 25 cents, dann können die 
Kinder es vielleicht selbst kaufen.« 

Femke, klatscht in die Hände: »Ja, das ist sehr schön, 25 cents, dann kaufe 
ich vier davon von meinem Spargeld für die Kinder in der Schule.« 



Besprechungen 



Fritz Sfernberg : Der Faschismus an der Macht 
(Verlag Contact, Amsterdam, 328 Seiten) 

Sternberg behandelt in seinem Buche im wesentlichen die ökonomisch-wirt- 
schaftlichen Prozesse, die, wie wir sagen würden, die Machtergreifung des Faschis- 
mus vorbereiten und sie dann begleiten. Sternberg allerdings versucht aus diesen 
wirtschaftlichen Prozessen die Machtergreifung des Faschismus zu erklären. So 
glänzend die Darstellung der wirtschaftlichen Vorgänge ist, so unrichtig ist der 
Schluss, den Sternberg daraus zieht. Man kann, wie wir schon öfter darzulegen 
versuchten, den Sieg der politischen Reaktion in schwerer Krisenzeit nicht aus 
den zerrütteten kapitalistisch ökonomischen Verhältnissen erklären. Das wider- 
spricht der marxistischen Auffassung; denn betrachtet man den gesellschaftlichen 
Prozess zunächst nur wirtschaftlich, so ergibt sich die Voraussetzung, dass eine 
Krise von den Ausmassen der von 1929 bis dato eine Li/iA-sentwicklung in der 
Ideologie der breiten Bevölkerungsmasse mit sich bringen müsste. Wenn also eine 
derartige Linksentwicklung der Ideologie stattgefunden hätte, dann hätte man 
mit Recht sagen können: Die wirtschaftliche Verelendung in der Krise hat das 

73 



Besprechungen 



bewirkt, was wir erwarteten. Wenn sieh aber eine objektive Rechtsentwicklung 
in der Ideologie von melir als der Hälfte der deutschen Wähler ergab, so kann 
man das nicht aus der Krise erklären. Es muss also etwas zur Krise hinzuge- 
kommen sein, das ihre erwartete Wirkung nicht nur nicht zuliess, sondern viel- 
mehr sogar ins Gegenteil verkehrte. Die Sexpol hat darauf eine bestimmte Ant- 
wort gegeben. Aus dieser Antwort ergibt sich auch eine Kritik an der Stcrnbcrg- 
seben Auffassung, die er ja mit den bisherigen Anschauungen der verschiedenen 
sozialistischen Gruppierungen teilt: dass nämlich die K. I\ D. und die S. P. I). 
eine »falsche Politik« gemacht hätten und dies die subjektive Ursache des 
faschistischen Sieges gewesen wäre. So wie die Stcrnbcrgschc Wirtschaftsanalyse 
einleuchtet, so ist auch die Feststellung, dass die zwei grossen Linksparteien eine 
falsche Politik gemacht hatten, richtig, doch auch dies erklärt nicht den Sieg des 
Faschismus, denn wir müssen fragen: »Aus welchem Grunde konnten KPD und 
SPD eine falsche Politik durchführen?« Würde man, wie man es tut, diese Frage 
damit beantworten, dass die Führer Opportunisten oder Dltralinke oder sonst 
irgendetwas gewesen wären, dann hätte man zwar wieder recht, aber es wäre 
völlig unmarxistisch, d. h. es entspräche nicht der Auffassung des historischen 
Materialismus: Die Geschichte bestimmt sich nicht durch den Opportunismus 
oder das ultraradikale Wesen eines oder einiger sozialistischer Parteiführer. Dia 
Frage liegt tiefer, wie folgt: Wie mar es möglich, dass die Masse der deutschen 
Industriearbeiterschaft und der Arbeitslosen, die ja eine alte klassenmässige Tra- 
dition hatten, sich von derartigen Führern in den Faschismus fuhren Hessen. Die 
SPD-Führung erklärt: Die KPD ist schuld; die KPD-Führung erklärt: Die SPD 
ist schuld und Ste.rnberg erklärt: KPD- und SPD-Führung sind schuld. Diese 
Argumentation ist eine komplette Sackgasse. Sic entwickelt nämlich nicht die 
geringste neue Praxis. 

Sternberg gelangt selber in die Nähe der korrekten Beantwortung der Frage. 
Er schreibt S. 30: 

»Wir sind darauf eingegangen, wie sich die Lebenslage der gesamten 
Mittelschichten innerhalb der Krise verschlechtert bat, und es bleibt jetzt 
wieder die Frage offen, wieso sie eine konterrevolutionäre Antwort auf den 
Prozess stärkster Proletarisierung ihres Daseins gaben.« 

Stern berg erfasst also hier richtig das Scherenproblem, das Auseinanderklaffen 
von wirtschaftlicher Verelendung und ideologischer Hechtsentwicklung. Doch seine 
Antwort ist falsch: 

»Der Prozess der Proletarisierung der Mittelschichten war erst verhältnis- 
mässig jungen Datums« 

d. h. Sternberg nimmt an, dass die Mittelschichten zur KP gelaufen wären, wenn 
die Proletarisierung (wir müssten korrekter Weise von Paui>erisicrung sprechen) 
grössere Fortschritte gemacht hätte. Sternberg schreibt weiter: 

»So war ihre Proletarisierung ein Prozess, der ihren Traditionen, der 
ihren Erfahrungen von Generationen widersprach. So antworteten sie auf 
ihre Proletarisierung, indem sie ihre Kntprolctarisicrung verlangten.« 
Das ist richtig, doch wir können keine praktische Antwort auf diesen Prozess 
in den Mittelschichten geben, wenn wir nicht nach denjenigen ökonomischen und 
gesellschaftlichen Institutionen fragen, die sie veranlassen, auf die Proletarisie- 
rung mit der Tradition zu antworten. Es ist die Wirkung der Familie! Sternberg 
schreibt weiter: 

»Der städtische Mittelstand wollte natürlich von einer, im niedergehenden 

Kapitalismus sich zwangsläufig ergebenden Proletarisierung nichts wissen.« 

»Natürlich« ist es nicht, das müsste erst erklärt werden, d. h. der Unterschied 

der Reaktion des Industriearbeiters zu der des Mittelständlers auf die Verarmung 

muss seine Gründe haben. 

Sternbergs Kritik des Leninschen Begriffs der Arbeiteraristokratie ist zwar 
richtig, leidet aber daran, dass er nicht erklärt, was das Wesen dieser sogenannten 
»Korrumpierung« ist. In den westlichen hochkapitalistischen Ländern hat sieh in 
den Jahrzehnten der Sozialreform eine Verkleinbürgerliehung des Proletariats 
abgespielt; dies ist die gesuchte Beziehung. Lenin erfasste also etwas Richtiges 
— für die russischen Arbeiter, bei denen die Verkleinbürgerliehung tatsächlich 
nur für die Spitzen der Arbeiterklasse galt; doch wir zweifeln nicht daran, dass 
Lenin hei der Untersuchung der westlichen Arbeiterbewegung den Prozess in den 
breiten Schichten des Proletariats festgestellt hätte. Daraus ergibt sich: Ein uer- 
kleinbiirtjt'rlirhtes Proletariat muss anders behandelt werden, als ein primiliues. 

74 



Besprechungen 



Die Nachteile, die sich für die revolutionäre Praxis aus der Vernachlässigung 
der «Jassenpsychologiseben Fragestellung mit Notwendigkeit ergeben, treten gerade 
an denjenigen Stellen klar hervor, die die Keife der objektiven Bedingungen der 
sozialen Revolution klar darlegen. Sternberg sehreiht (S. 231): 

»Es ist nur notwendig, dass die Arbeiterklasse sich die politische Führung 
und Organisation gibt, die in diesem Zerfall die Aktionen der Massen aus- 
löst, die nach vorn in der Richtung zum Sozialismus führen«. 
Es ist »nur« notwendig. »Nur« kann man schlecht sagen. Es ist gerade das 
die Jetztzeit speziell kennzeichnende grosse Problem: Weshalb hat sich die 
Arbeiterklasse diese Führung nicht geben können, weshalb fehlt sie international? 
Wir behaupten, die Arbeiterklasse hätte diese Führung hervorgebracht, wenn in 
der revolutionären Theorie die Erkenntnis über das Denken und Fühlen der breiten 
unpolitischen Masse, also über den entscheidenden »subjektiven Faktor der Ge- 
schichte« genügend herangereift gewesen wäre, denn dann hätte entweder der 
vorhandene revolutionäre Führer eine bessere Politik den unpolitischen Massen 
gegenüber machen können, oder aber aus der Arbeiterklasse selbst hatten sich 
diejenigen Menschen ergeben, die ihn ersetzt hatten. Wenn die Komintern auf 
ihren Kongressen immer wieder feststellt: »Wir müssen die Massen gewinnen«, 
-so haben wir immer wieder die Frage anzufügen: Aber wie? Was geht m diesen 

Massen vor? . 

Man pflegt gewöhnlich die Politik in das eine Eck und die Massenpsychologie 
in das andere Eck des sozialen Lebens zu stellen, und zu sagen: »Vor allem muss 
eine, »gute Politik« gemacht werden, dann kann man natürlich auch massen- 
psychologisch arbeiten.« Diese Auffassung ist vollkommen falsch. Zur Er- 
klärung: Die Kirche hat keine Ahnung von dem objektiven gesellschaftlieben 
Prozess, aber sie verfügt über eine glänzende massenpsychologische Praxis. Sie 
hält sich bereits tausende Jahre. Hitler hat keine Ahnung vom Wirtschaftsprozess, 
war aber ein glänzender Masscnpsyehologe und eroberte die Macht. Otto Bauer 
war kein revolutionärer Politiker, aber ein guter Masscnpsyehologe und hielt die 
Massen viele Jahre lang in seinem reformistischen Bann; so gut, dass, als man 
zum Aufstand schritt, die Massen wegblieben. Lenin war revolutionärer Politiker 
und glänzender Masscnpsyehologe zugleich. Kr eroberte der Revolution die Macht. 
Die Komintern nach Lenin hatte im ganzen richtige Wirtschaftsanalysen geliefert, 
aber massenpsychologisch völlig versagt. Sie eroberte nirgends die Macht. Aus 
diesen Vergleichen ergibt sich, dass der entscheidende Faktor im Kampf um 
jegliche Macht das richtige massenpsychologische Erfassen der Masse ist, gleich- 
gültig nun, ob dieses Erfassen im reaktionären oder im revolutionären Sinne er- 
folgt. Die revolutionäre Absicht und Wirtschaftstheorie allein führen nicht zur 
Macht, dagegen könnte eine revolutionäre, d. h. eine die Rehellion der Masse zu 
Ende führende Massenpsychologie auch ohne sehr korrekte Wirtschaftsanalyse zur 
Machtergreifung führen. Sie könnte nur ohne korrekteste Kenntnis der Gesetze 
der Wirtschaft die. Macht nicht halten und die Basis der sozialistischen Kultur 

nicht schaffen. 

Wir empfehlen das Buch von Sternberg jedem, der sich eingehende Kenntnisse 
über den Wirtschaftsprozess Deutsehlands in den entscheidenden Jahren ver- 
schaffen will. Rv - 

Christian Schjelderup: Paa vei mot hedenskapet (Aul dem Weg zum Heidentum) 
(Aschehoug & Co., Oslo 1935) 

»Ein katholischer Bischof wegen Devisenschmuggels verhaftet!« »Massen- 
versammlung der Neuheiden im Sportpalast« »Die Führer der Bekenntnis- 

kirebe bezeichnen den Reichsbisehof als Werkzeug des Satans« Seil langein 

haben wir keine Nachrichten gelesen, die das kulturpolitische Interesse starker in 
Spannung versetzten. 

Chr. Schjelderups Buch bringt keine wirkliche Klärung der Fragen, die der 
deutsche Religionsstreit aufwirft; aber es regt zum Nachdenken an. 

Fährerglaube und Rassenlehre -- so führt er aus - sind es, die Christentum 
und Nationalsozialismus scheiden. Man kann nicht den Mythus von Blut und 
Roden als alleinige Wahrheilsquelle anerkennen und dem »Führer« Altäre^ errich- 
ten; und zugleich vor dem gekreuzigten Juden Jesus knien. Die deutschen Christen, 
die beides versöhnen wollten, sind an der Unvereinbarkeit der Gegensätze ge- 
scheitert. Doch auf der Grundlage des neuen Mythus erhebt sich nicht nur eine 
politische Bewegung sondern auch eine religiöse. 

75 



. 



Besprechungen 

Lässt sich diese, die deutsche Glaubensbewegung, allein aus dem Durchbracht 
der nationalsozialistischen Politik erklären? Oder handelt es sich um religiöse 
Tendenzen, die schon vorher vorhanden waren, die durch den Sieg des National- 
sozialismus bloss ausgelöst wurden und die jetzt etwas zu schaffen im Begriff 
sind, was über den deutschen Faschismus hinaus Bedeutung und Bestand hat. 
Schj. nimmt das zweite an und begründet das mit der religiösen Krise der Gegen- 
wart überhaupt. Natur- und Geschichtswissenschaft, Psychologie und das prakti- 
sche Leben unserer Zeit selbst haben die Absolutheitsforderung des Christentums 
erschüttert. Sie gehört der Geschichte an. Alle Rettungsversuche der neuesten, 
Theologie sind vergebens. Trotzdem kann man nach Schjelderups Meinung auf 
Religion nicht verzichten. »Die seelischen Klärte, die sich in der religiösen Ein- 
stellung Ausdruck geben, sind zu wertvoll, als dass dies geschehen könnte« (S. 93). 

Darum bedarf es einer Wirklichkeitsreligion, wie sie die lil>erale Theologie 
vergebens aus dem Christentum zu entwickeln versuchte, die Deutsche Glaubens- 
bewegung nun z. T. verwirklicht hat: Diesseitsfrömmigkeit, Bejahung der Wirk- 
lichkeit und des Lebens, Echtheit -- d. h. Glaube an die eigenen, dem Leben inne- 
wohnenden Gesetze in Übereinstimmung mit dem Volk und der Gesellschaft, von 
der man selbst ein Teil ist, keine Dogmen und keine Absolutheitsforderung. Wenn 
es der D. G. gelingt, den politischen Rahmen zu sprengen, an den sie jetzt noch 
gebunden ist, dann könnte sie das werden, was sie zu sein vorgibt: Eine Religion 
für freie Menschen. — Dazu müsste sie allerdings den Rassenhass und den 
Chauvinismus aufgeben, der sie heute noch bestimmt und sich etwas von der 
Humanität des Christentums aneignen. 

Soweit Schjelderup. 2 Einwände erheben sich gegen ihn: Er beschreibt bloss 




seine hinstellung zur Religion und wie unerfüllbar die 
roideiung an das Ncuhcidentum ist, seine rassische Beschränktheit aufzugeben. 

Versuchen wir das von Schj. Versäumte nachzuholen und sehen wir uns die 
Rassenlehre etwas naher an. 

Die Rassenlehre hat 2 Seiten Der Judenhaß ist nur die eine, negative. Die 
andere die pos.t.ve stellt sich dar als Gefühl der Ehre, die in Gegensatz zum 




gegen christliche I-amilienerziehung, anderseits aber auch nationalistische Identi- 
fikation mit dem eigenen Volk gegen christliche Menschheitsverbundenheit 

All diese Züge der Rassenlehre haben ihre psychologische Ursache in einem 
eigenartig gestörten Gefühl vom eigenen Selbst, vom eigenen Körper. Man fühlt 
sich gehemmt, gespannt, unsauber, gedrückt und möchte rein, gross stark werden 

Wer hat dieses gestörte Selbstgefühl? Fast alle Jugendlichen,' die durch die 
gesellschaftlichen Umwälzungen aus traditionellen Lebensformen herausgerissen 
worden sind. Und warum haben sie es? Weil die Erziehung in der patriarchali- 
schen Familie, besonders im Kleinbürgertum, ihre Sexualität, besonders die 
Fälligkeit zu voller und gesunder Befriedigung gestört hat und die Gesellschaft 
diese Befriedigung durch Ausbildung einer scxualverneinenden Moral noch ausser- 
dem erschwert ?2) 

i) Dabei gibt gerade das von ihm zusammen mit seinem Bruder Harald ver- 
fasste Buch »Über die drei Haupttypen der religiösen Erlebnisformen und 
ihre psychologische. Grundlage« wertvolle Hinweise für eine psychologische 
Analyse des »religiösen Urwillens des deutschen Volkes«, von dem die deutsche 
Glaubensbewegung so viel redet, besonders etwa für den Zusammenhang 
dieses »Urwillens« mit der Mutterbindung. Hat Schj. in den 3 seit Erscheinen 
dieses Buches vergangenen Jahren seine psychologische Bildung in die 
Schublade gelegt? In seinem letzten Buch hat er sie jedenfalls verleugnet. 

2) Das Festhalten an der patriarchalischen Familie als privilegierter Form 
sexuellen Zusammenlebens, an der scxualverneinenden Erziehung und Moral 
ist durch die Klassenverhältnissc in der bürgerlichen Gesellschaft, also 
letzten Endes durch die Produktivkräfte begründet. Eine ausführliche Dar- 
legung dieses Sachverbalts kann im Rahmen einer kurzen Buchbesprechung 
nicht gegeben werden, sie ist in anderen Schriften der Sex-Pol genügend 
ijs- behandelt worden. 



Besprechungen 

Auf der andern Seite bringt das Leben in der Grosstadt, die kollektive Lebens- 
Und Arbeitsweise mit ihrer Zerreissung aller traditionellen Bindungen eine Locke- 
rung dieser Moral mit sich, der zugespitzte Klassenkampf befreit zudem eine 
Reihe sonst unterdrückter aggressiver Regungen. 

Resultat: Der durchschnittliche kleinbürgerliche junge Mann kommt aus dem 
•Gleichgewicht. Ströme sexueller Energie durchbrausen seinen Körper, ein Wogen 
und Wallen, wie jeder Jugendliche es kennt — und in den geordneten Verhält- 
nissen der guten alten Zeit meist unterdrücken konnte. In der heutigen Zeit mit 
ihren vielen »Versuchungen« ist das schwerer. Doch hier kommt, wie gerufen, 
der Nationalsozialismus und und deutet ihm dieses Aufwallen z. B. als Aufbrausen 
des religiösen Urwillens des deutschen Volkes. Wie jeder sexuell unbefriedigte 
Mensch fühlt sich unser junge Mann dreckig und zerschlagen. Jemand muss ihn 

— das deutsche Volk - vergiftet haben. Wer anders als der Jude, der aus ge- 
schichtlichen Gründen ihm in kaufmännischer und geistiger Arbeit oft überlegen 
ist. Auf ihn projiziert er seine ganzen »Komplexe«, der Jude wird zum 
schmutzigen, sexuell .schweinischen, dem der blonde, blauäugige, »nordische Mensch« 
als Verkörperung asexucller Reinheit gegenübertritt. Und wer diese zum ersten 
Mal von Willi. Reich aufgestellte Erklärung des Rassenhasses als massenpsycho- 
logische Erscheinung bisher nicht akzeptiert hat den klärt jetzt Julius 
Streicher mit seiner sadistischen Pornographie auf. 

Aus ähnlichen Gründen erklärt sich die Überbetonung körperlicher Er- 
tüchtigung, das Forcieren der Vermehrung (Angst vor dem Gefühl persönlicher 
Vernichtung), mit dem das Naziregime einen unzweifelhaften, wenn auch nicht 
dauernden Erfolg erzielt hat. 

All diese durch die gesellschaftlichen Verhältnisse indirekt und für die Be- 
teiligten unbewusst geschaffenen Einstellungen beutet nun die herrschende Klasse 
bewusst für ihre Zwecke aus: Sie lenkt die Wut gegen die kapitalistischen Aus- 
beuter mit ihrer Hilfe auf die Juden allein, schafft sich begeisterte Kindererzeu- 
gerinnen, Terrortruppen, Arbeitsdicnstlcr und Soldaten. 

Und trotzdem müssen wir feststellen, dass der Nationalsozialist vor dem 
altmodischen christlichen »kleinen Mann« manches voraus hat. Er schwebt nicht 
in ethischen und religiösen Jcnseitslräumen, sondern ist dem — wenn auch miss- 
verstandenen — Diesseits zugewandt: Nicht zuletzt die rein wirtschaftliche Not 
war es, die ihn dazu erzog. Er ist nicht passiv — gottergeben, sondern aktiv. Er 
handelt nicht aus Moral, sondern aus leidenschaftlichen Mitschwingen mit einer 

— wenn auch illusionären — Volksgemeinschaft. Er hat überhaupt manche 
Züge mit dem revolutionären Klassenkämpfer gemeinsam. Doch er ist nicht nur 
aktiv, rebellisch, sondern — infolge seiner Familienerziehung auch zugleich 
autoritätsgebunden und gehemmt. Darum gelang es, seine Impulse in den Dienst 
der Reaktion zu stellen: Das ist das Wesen jeder faschistischen Bewegung. — Es 
hängt von individuellen Bedingungen ab, ob die beschriebene Lebenshaltung sich 
in einem rein politischen »Mythus« oder in Form einer Religion ihren »Überbau« 
schafft. 

Kehren wir zu Schjelderups Buch zurück. Seine Auffassung, Heligion sei 
etwas Unaussprechliches, rational überhaupt Unfassbares (S. 96) bedeutet den 
Bankrott der Wissenschaft. Ola Raknes hat in seinem Buch »Mutet med del 
heilage« (Begegnung mit dem Heiligen) diese und andere »Religionstheorien« als 
tinwissenschaftlich enthüllt und gezeigt, dass die psychologisch wohlbekannten 
Erscheinungen der Extase den Schlüssel zum »guddommelige i gud« (Göttlichen 
4n Gott) in die Hand geben, während Schj. davor, wie er schreibt, die Gedanken 
stille stehen. Täten sie das nämlich nicht, dann würde auch er einsehen, dass die 
Behauptung, die Religion müsse erhalten Werden, eine ganz willkürliche ist. Die 
einzelnen, persönlich sympatischen Menschen, die die religiöse Erziehung etwa 
hervorbringt, werden hundertmal aufgewogen durch all das Leid, all die seelischen 
Störungen, die diese Erziehung in gesellschaftlichem Masstab verursacht. 

Darum können wir seine Rettung der Religion nicht gutheissen, wenn wir 
auch gewisse sympathische Züge am Neuheidentum nicht in Abrede stellen können. 
Doch diese sympathischen Züge dürfen nicht etwa, so wie es geschehen ist, einen 
Sozialisten dazu verleiten, dem unf nicht baren Intellektualismus und Individualis- 
mus einer gewissen Art demokratischer Politik durch eine Spritze neuheidnischer 
Begeisterung und Aktivität auf die Beine helfen zu wollen. Wir müssen die Im- 
pulse die dieser Aktivität und Begeisterung zu Grunde liegen, erkennen und durch 

77 






Besprechungen 

eine richtige Kulturpolitik für unsere Zwecke umforme. 1 und dienstbar machen, 
ohne dabei in irgend einer Weise faschistische Methoden zu kopieren. 

Doch sowenig wie wir als Sozialisten von den Neulieiden einfach etwas ko- 
pieren können, ebensowenig würden diese Neulieiden mit Schjelderup einver- 
standen sein, der meint, bestimmte zentrale Vorstellungen, wie die des Deutsch- 
seins, des Blutes, der Hasse aus ihrem Vorstellungsgchäude herausbrechen zu 
können. Nur durch seine Anlehnung an die politische Bewegung gewinnt das 
Neuheidentum Substanz, wurde aus einer Anzahl unbedeutender Sekten und idea- 
listischer Ideologen zu einer Massenbewegung. Ohne konkrete Bestimmung des 
»religiösen Urwillens des deutschen Volkes« durch die Rassenlehre und die ge- 
samte nationalsozialistische Politik bleibt von dem ohnedies nicht übermässig 
gehaltvollen Deutschen Glauben nur ein dünner Aufguss von Gemeinplätzen. Etwas 
»Sei aktiv, echt, gefühlvoll, lebensnah, achte dein Volk, deinen Körper und deine 
Frau«, eine Art Knigge für moderne Menschen in mystischer Form. Das mag für 
die religiösen Bedürfnisse eines Intellektuellen, wie Schjelderup, genügen, nicht 
für die des einfachen Massenmenschen. 

Dennoch können diese Gemeinplätze, mit der gehörigen Redegewandtheit und 
mystifizierendem Pathos vorgetragen, so wie es bei Schjelderup geschieht, ver- 
wirrend wirken - genau so wie der für deutsche Bedürfnisse angepasste und 
darum meist noch viel hochtrabendere Phrasenscbwall der Deutschen Glaubens- 
bewegung. Sie können, indem sie eine unklare Sympathie für »das neue Deutsch- 
land« schaffen, die Kritik gegen Mystizismus und Gefühlsduselei im eigenen Land 
schwächen, die stets Wegbereiter der Reaktion waren. Dagegen hilft nichts als 
die Verbreitung klaren Wissens über die Grundlagen der faschistischen Kultur- 
politik. 

Doch bis dieses klare Wissen sich Bahn geschaffen bat, wird noch mancher 
liberale Professor Bücher schreiben, die so voll von einem, aus der eigenen 
Schwäche geborenen »tiefen« Verständnis für den faschistischen Gegcner sind, 
dass sie sich — in subjektiv ehrlichster Absicht ohne es zu wissen, halb und 
halb auf seinen Standpunkt stellen. Sehj.s Buch ist ein Ausdruck des Zerfalls, 
der Selbstauflösung eben jenes Liberalismus, von dem es getragen ist. Ä. T. 

Heinz Liepmann: Das Vaterland 
(Van Kampen & Zoon, 1 933) 

Heinz Liepmann ist der mutige Schilderer des heutigen Deutschlands. Sein 
Buch »Das Vaterland« ist den in Hitlerdeutschland ermordeten Juden gewidmet. 
Fr wählte gerade sie, weil an ihnen die Sinnlosigkeit der Martern dadurch be- 
sonders krass hervortritt, dass auch nicht der Sehein einer Gegnerschaft besteht. 
Liepmanns Sprache erinnert an Barbusse. Ruhig, sachlich reiht er Tatsache 
an Tatsache. Gerade diese ganz einfache Darstellung, die jeder versteht, packt. 
Das Verstehen der Zusammenhänge, auch beim Gegner. Das sind keine »schönen 
Geschichten«, das ist tausendmal erlebte und erlittene Wirklichkeit. Wir alle 
wissen, dass nicht eine Zeile, ein Wort übertrieben ist. Das alles geschieht noch, 

gestern, heute, morgen. »Und was sagt die Welt dazu? Ach, die Welt spielt 

Golf, die Welt will Unangenehmes nicht wissen.« (S. 94.) 

Was ist das Entsetzliche an den geschilderten Kreignisscn? Warum wühlen 
sie uns im Innersten auf? Weil all das Elend, das sonst auf der Welt ist, nicht 
so bewusst gewollt ist. Frage den einzelnen Kapitalisten -- wir wollen ihn ganz 
gewiss nicht verherrlichen. Aber es ist so: subjekÜO fühlt er sich schuldlos, 
subjektiv glaubt er daran, dass er z. B. seinen Arbeitern wohlgesinnt ist und es 
gut mit ihnen meint. Er will das Elend nicht, das um ihn herum herrscht. Kr 
wäre entrüstet, wenn man ihn dafür verantwortlich machte. Er will verdienen, 
aber er will seine Arbeiter nicht quälen. Aber in Deutschland, wenn die Bestialität 
durchbricht, wenn Menschen andere Menschen peinigen, nur um sich daran zu 
ergötzen — das ist yewolll und das isl das Furchtbare daran. Liepmann sagt in 
seinem Vorwort, dass es um simple Menschlichkeit gehl, »um das, was den Men- 
schen vom Tier unterscheidet«. Aber denken wir daran: nie könnte ein Tier sich 
solches ersinnen ! 

■Die Sexpol ist nicht dazu da, um bei der Klage stehen zu bleiben. 
Sie hat andere Aufgaben: sie inuss erstens an der Verbreitung des Wissens 
all dieser Dinge mitarbeiten. Sie muss mithelfen, die Well aus ihrem Schlaf 
wachzurütteln. Das hat sie mit den grossen revolutionären Organisationen ge- 
meinsam. Darüber hinaus aber hat sie eine für sie spezifische Aufgabe: das 









78 



Besprechungen 

Verständnis zu schafren dafür, wie es möglich sein kann, dass Menschen so werden 
können. All diese Menschen aus dem Buch und aus der Wirklichkeit, die do 
foltern und quälen, waren auch einst kleine Kinder wie Du und ich. Was hat 
sie so grauenhaft verändert, dass sie alles Menschliche abstreiften und zu Teufeln 
wurden? 

Das ist keine Frage des Individualismus und keine Frage der trocknen 
Theorie. Das ist etwas, was uns alle angeht. Die Sexpol weiss, dass sie eine 
Antwort schon bereit hat. Diese Antwort in die Tat umzusetzen, ist die Aufgabe 
der Sexpol. '-■ 

Edward Charles: The sexual Impulse 
(Boriswood, London) 

Das Buch ist in England beschlagnahmt und verboten worden. Weshalb? 
Wahrscheinlich wie Lawrence'* Buch: »Lady Chatterley's Lover«, das hier im 
Heft 1/1935 besprochen wurde, wegen der unbedingt sexualbejahenden Tendenz. 
Die Sexualität wird als das Primäre hervorgehoben und von der Fortpflanzung 
schaff getrennt, ab und zu — wie es den Engländern liegt — fast paradoxal, 
indem der Gegensatz zwischen Sexualität und Fortpflanzung besonders hervor- 
gehoben wird. 

Die grosse Bedeutung des Orgasmus wird betont. Polemisierend gegen Have- 
lock Ellis stellt Charles die gesundheitlichen Forderungen vor die ethischen 
Rücksichten — also aUch in der Beziehung revolutionär, sexualbejahend. 

Sonst scheint er in der sozialen Frage sehr unklar zu sein, sieht überhaupt 
nicht die sozialen Wurzeln des Sexuallebens, das er an und für sich kennt. 

Aber nicht nur die sozialen Kenntnisse des Verfassers, sondern überhaupt die 
wissenschaftlichen Voraussetzungen sind leider sehr lückenhaft. Er verwechselt 
Verdrängungen mit Instinkten, spricht von »inhihitory instinets« (hemmende 
Instinkte), als ob sie etwas Naturgegebenes wären. Er verkennt offenbar die 
kindliche Sexualität und ihre Unterdrückung. 

Seine Kentnisse der empfängnisverhütenden Technik sind auch nicht genügend, 
um seine Stelhingsnahme Tür die chemischen Mittel zu begründen. Er empfiehlt 
eine Art coitus interruptus mit Einführung des chemischen Mittels im letzten 
Augenblick vor dem orgastischen Abschluss. So was könnte ein erfahrener Sexual- 
heraler kaum empfehlen. 

Charles versucht neue Definition von Worten wie Masturbation und Keusch- 
heit einzuführen. Es ist m. FI. ziemlich unpraktisch, sich zu weit vom gewöhn- 
lichen Sprachgebrauch zu entfernen. Er hat auch eine Neigung, eigene »morali- 
sche« Hegeln zu schaffen, z. B. betreffs der Masturbation und des Küssens. Zwar 
stimmen seine Hegeln ganz gut mit dem Benehmen, das man von selbsteuernden 
Menschen in einem sexualökonomisch geregelten Milieu erwarten kann aber 

die Begeln werden als eine Art autoritative »Moral« dahingestellt. 

Überhaupt macht das Buch den Eindruck, nicht eines wissenschaftlichen Weg- 
leiters, sondern einer causerie spirituelle. 

Eine Causerie kann auch wertvoll sein und die vorliegende Causerie ist sehr 
wertvoll, hauptsächlich wegen der sexualbejahenden Tendenz. Charles' Einstel- 
lung ist, von unserem Standpunkt gesehen, die richtige. Ihm fehlt nur das 
sexualökonomischc Wissen. Leu. 

Liebe und Leben, Organ der Liga für Mutterschutz und soziale Hygiene 
Herausgeber: Prof. Th. Hartwig, Praha 

Die Zeitschrift erscheint in Prag. Im Laufe vom Jahre 1935 sind 4 Nummer 
erschienen. Nr. 2, das Juli-Heft, wurde beschlagnahmt. Beanstandet wurden: 
1) Ein Artikel: »Gibt es Jugendsünden?« 2) Die Vorankündigung einiger Themen, 
3) Die Fragebeantwortung: »Soll man Kinder prügeln?« 

Ein solches Eingreifen von Seiten der Behörden konnte darauf deuten, dass 
die Zeitschrift eine wahre sexualhejahende, revolutionäre Aufklärung bringt. Das 
ist leider nicht der Fall. Die Redaktion, und besonders der Herausgeber, scheinen 
sieh Mühe zu machen, die Zeitschrift gut zu gestalten. Es gelingt aber nicht, weil 
die Zeitschrift keinen einheitlichen Standpunkt hat. 

Wir haben es öfters hervorgeheben, dass es 3 Standpunkte gibt: 

1) Den sexualfeindlichen, scxualuntcrdrückcndcn. reaktionären. 

2) Den sexualduldenden, reformistischen. 

3) Den scxualbcjahcndcn, revolutionären. 

79 









Besprechungen 

In den Spalten von »Liebe u. Leben« findet man alle drei Tendenzen mit 

einander vermischt. Die sexualfeindliche Tendenz tritt - sicherlich fielen die 
l>ewussten Ahsichten der Redaktion — besonders hervor durch Bildermaterial, 
das die Sexualangst provoziert, zum Beispiel : Die Aussenseite der Nummer 3 und 
tlas Bild: »Notzucht im Bausch« in Nr. 4. Dieses Bild wäre dazu geeignet, in 
Streicher's »Stürmer« reproduziert zu werden, vielleicht mit einem anderen Titel, 
z. B. Jude u. Arierin. 

Die reformistische, sexualduldende Tendenz herrscht vor. In der Beziehung 
mag die Kritik, die ich in Bd. 2, Heft 1 über die Weltliga für Sexualreform ge- 
schriehen habe, auch für »Liebe u. Leben« gelten. 

In einem Aufsatz über Empfängnisverhütung wird geschrieben: 

»Allerdings wollen unsere Ratschlage und Schutzmittel nicht zu leichtfertigem 
Genuss der Liebesfreuden verführen.« Im Gegensatz dazu würde ich vom sexual- 
bejahenden Standpunkt aus behaupten: Jedem .Menschen muss die Möglichkeit 
gegeben werden, ohne Angst vor einer unerwünschten Schwangerschaft den Ge- 
schlechtstrieb befriedigen zu können. 

Im genannten Aufsatz wird hauptsächlich vom Fortpflanzungstrieb ge- 
sprochen: »Auch der Mensch ist ein Lebewesen, das natürliche Fortpflanzungs- 

organe in sich trägt« »Dem Mensehen bietet die Natur für das Bemühen 

der Vereinigung beider Geschlechter zur Zeugung die grösste Wollust.« 

»Allen Müttern hat sie in ihr Herz die Liebe gepflanzt, damit sie die Frucht 
betreuen«. Also nur die Fortpflanzung wird bejaht, der Geschlechtstrieb nur 
geduldet, und eigentlich nur der Trieb der Männer: »Ohne Liebe und ohne Weib 
wäre die Welt wertlos«. Der Männerstandpunkt wird später anscheinend wider- 
rufen: »Wir betrachten heute die Frau nicht als ein niederes Wesen, das zur 
Wollust und Fron bestimmt ist« um gleich danach in einer verschönerten 

Form wieder aufzutauchen: »Das Weib ist uns die zweite, vielfach bessere Hälfte 
des Menschenwesens, wir haben ihr Achtung entgegenzubringen, usw.« Die hohe 
Verehrung der Frau und Mutter ist eine verhüllte Form der Ächtung der sexuellen 
Frau. 

Folgende Sätze sind für die sexualduldende Tendenz typisch : 

»Wir anerkennen, dass der Geschlechtstrieb unwiderstehlich ist, aber wir 
wissen auch, dass die meisten Menschen Liebesfreuden gemessen und keine Ver- 
antwortung tragen wollen. Vergeblich ist es, Moral und geschlechtliche Enthalt- 
samkeit zu predigen« - - »Die grössten Beschwerden ergehen sich bei ledigen 
Frauen und .Mädchen. Auch den besterzogenen und bravsten i><m ihnen kann ein 
Malheur plissieren.« 

Also: der Geschlechtstrieb wird geduldet, die Enthaltsamkeil doch eigentlich 
bejaht. Kein Wort davon, dass Enthaltsamkeit und Triebunterdrückung gesund- 
heitsschädlich sind. Weiter: 

»Der Mensch der grauen Vorzeit kannte keine Unterdrückung der Triebe. Der 
Kulturmensch hat sich jedoch aus der Notwendigkeit des Zusammenlebens heraus 
eine vernünftige Beschränkung auferlegt und auch die Gesellschaft zwingt mit 
ihren Strafgesetzen dazu. Rücksichtslosigkeit rächt sich an den Einzelmenschen, 
den Kindern und der Nation.« 

In demselben Heft wird Reich's Einbruch der Sexualmoral besprochen. Dies 
Buch ist besonders dazu geeignet, die Vorstellungen von den Beziehungen 
zwischen »Kultur« und Sexualunterdrückung aufzuhellen und mit der hier ver- 
tretenen Ansicht aufzuräumen, dass es einen Gegensalz zwischen Kultur und 
Sexualität gibt. 

Sexualbejahende Tendenzen findet man herzlich wenig in »Liehe und Leben«, 
und nirgends klar ausgesprochen. In den beanstandeten Artikeln der beschlag- 
nahmten Nummer, wo man diese Tendenz zu finden erwartet, gibt es keine Spur 
davon. Der Artikel über Onanie erwähnt weder die sozialen Ursachen noch die 
Unterdrückung der kindlichen Sexualität. Das Kinderprügeln wird nur wegen 
der Gefahr des Masochismus abgeraten. Wörtlich wird geschrieben: »So sollte 
ein älterer Knabe niemals von einer Person des anderen Geschlechtes, sofern es 
nicht seine Muller ist (gespert vom Ref.) gezüchtigt werden.« Das ist eine in- 
direkte Bejahung der Prügelstrafe. 

Sexualaufklärung tut Not! Zeitschriften zu diesem Zweck sind zu hegrüssen. 
Sie müssen aber besser sein ! l.eunbmh. 



80 



Wilhelm Reich 

Die Sexualität im Kulturkampf 

Zur sozialistischen Umstrukturierung des Menschen 

II. erweiterte Auflage 
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Preis: Kart. Dan. Kr. 10.—, In Leinen geb. Dan. Kr. 12.—. 







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Inhaltsverzeichnis: 



ERSTER TEIL: 

Das Fiasko der Sexualmoral 

I. Kapitel: Die klinischen Grundlagen der sexualpoli- 
tischen Kritik 

II. Kapitel : Die Misere der Sexualreform 

III. Kapitel : Die Eheinstitution als Grundlage von Wi- 
dersprüchen des bürgerlichen Sexuallebens 

IV. Kapitel : Der Einfluss der bürgerlichen Sexualmoral 

V. Kapitel : Die bürgerliche Familie als Erziehungs- 
apparat 

VI. Kapitel : Das Problem der Pubertät 

VII. Kapitel: Ehe und sexuelle Dauerbeziehung 

ZWEITER TEIL: 

Der Kampf um das »neue Leben« in der Sowjetunion 

I. Kapitel : Die »Aufhebung der Familie« 

IL Kapitel : Die sexuelle Revolution 

III. Kapitel: Die Bremsung der Sexualrevolution 

IV. Kapitel : Befreiung und Bremsung in der Geburten- 
regelung und der Homosexualität 

V. Kapitel : Die Bremsung in den Jugendkommunen 

VI. Kapitel: Einige Probleme der kindlichen Sexualität 

VII- Kapitel : Was folgt aus dem sowjetisti sehen Kampf 
um das »Neue Leben«? 



Zu beziehen durch: 

Sexpol-Verlag, Kopenhagen/Dänemark» Postbox 827 

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Verantwortlich f. d. Redaktion* Dr. J. H. Leunbach, Kopenhagen 
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