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Full text of "Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie Band IV Heft 3 (14)"

^BIBLIOTHEK JÖRG SPILLE 

BAND: 4 HEFT: 3 (14) 19 3 7 



ZEITSCHRIFT FÜR 
POLITISCHE PSYCHOLOGIE 
UND SEXUALÖKONOMIE 

ORGAN DER SEXPOL 
HERAUSGEBER: SIGURD HOEL 



I N HALT: 

Der dialektische Materialismus in der Lebensforschung 137 

Irrationalismus in Politik und Gesellschaft 149 

Dialektisch-materialistische Facharbeiter contra geistige Irr- 
lichter der sozialistischen Bewegung 149 

Aus der sexualökonomischen Praxis 162 

Zum heutigen Geschlechtsleben der Jugend 162 

Aus dem Tagebuch meines Kinderhauses 177 

Bericht einer norwegischen Mutter 198 

Der Sinn der «religiös-sittlichen» Erziehung 203 

Aus dem Institut für sexualökonomische Lebensfor- 
schung 205 

Sexpol-Korrespondenz 207 

Sexualpolitische Umschau ! ! 217 

Sexpol-Bewegung 222 

Besprechungen „ 226 



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Die Redaktion 













ZEITSCHRIFT FÜR 
POLITISCHE PSYCHOLOGIE 
UND SEXUALÖKONOMIE 

BAND 4 HE FT 3(1 4) 1937 



Der dialektische Materialismus 
in der Lebensforschung 

Bericht über die Bion- Versuche 

(gegeben am 1. Mai 1937 anlässlich der Eröffnung des 
ausführenden Laboratoriums in Oslo) 

von Wilhelm Reich 

Liebe Freunde und Kollegen! 

Es ist kein Zufall, dass wir die Eröffnung des ausführenden La- 
boratoriums unseres Instituts für den 1. Mai angesetzt haben. Der 
1. Mai ist der internationale Feiertag der Arbeit und der Arbeiter. 
Daran ändert nichts, dass mit dem Begriff «1. Mai» von reaktionärer 
Seite Missbrauch getrieben wird. Eingeschaltet in den Prozess der 
Produktion auf allen Gebieten, sei es nun Fabriksarbeit, naturwissen- 
schaftliche Forschung oder Landwirtschaft, ist es nicht korrekt, die 
wissenschaftliche Arbeit aus dem Rahmen der Arbeit im allgemeinen 
herauszustellen, wie es von akademischer Seite so oft geschieht. Ein 
anderer wichtiger Anlass der Festsetzung des heutigen Tages ist der 
Umstand, dass unsere wissenschaftliche Experimental arbeit auf der 
Grundlage der dialektisch-materialistischen Forschungsmethode auf- 
gebaut ist. 1. Mai als Feiertag der Arbeiter und dialektischer Materia- 
lismus als naturwissenschaftliche Erkenntnismethode gehören un- 
mittelbar zusammen. Einer seiner Grundsätze ist die sogenannte «Ein- 
heit von Theorie und Praxis». Für mich entsteht daraus die Auf- 
gabe, die schwierigen theoretischen Fragen der wissenschaftlichen Un- 
tersuchungsmethoden Euch, die Ihr überwiegend nicht biologische 
Spezialarbeiter seid, so darzulegen, dass die Vorteile des dialektischen 
Materialismus gegenüber anderen Untersuchungsmethoden völlig klar 
einleuchten. Gelänge mir dies nicht, dann würde ich beweisen, dass 
ich den dialektischen Materialismus schlecht anwende. 

137 

INTERNATIONAL 

PSYCHDANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Wilhelm Reich 

Was ist dialektischer Materialismus? Mit Begriffen wird viel Un- 
fug getrieben. Ich erinnere mich an die Zeit vor der Machtergreifung 
durch Hitler in Deutschland, wo man den dialektischen Materialismus 
anzuwenden versuchte, indem man die «dialektische Einheit von Zu- 
fall und Notwendigkeit» diskutierte. Doch so war es nicht gemeint. 
Der dialektische Materialismus ist eine höchst einfache, ich möchte 
fast sagen, die menschlich einfache Art der Anschauung der Dinge 
und Vorgänge. Das bedeutet nicht Oberflächlichkeit. Das meint nur, 
dass der Mensch ein Stück der Natur, das Objekt von Prozessen und 
ebenso Subjekt der gesellschaftlichen Tätigkeit ist; er bildet daher 
mit allem, was er beobachtet, bearbeitet, erzeugt, eine Einheit. Es 
war die geniale Tat Hegels, das philosophische Denken seiner Zeit 
aus dem Statischen, Starren, herausgerissen zu haben, indem er das 
Gesetz der Veränderlichkeit, der Bewegung in allem Seienden dar- 
stellte. Doch bei Hegel war die Welt, war das Ding, war der Pro- 
zess nichts als eine Spiegelung menschlicher «Ideen». Marx gelang 
es, die Methode der Dialektik «auf die Beine zu stellen», wie er sich 
ausdrückte. Bei ihm sind die Ideen der Menschen umgekehrt Spie- 
gelungen wissenschaftlich fassbarer Prozesse und Vorgänge. Und 
eine Idee ist dann korrekt, wenn sie den objektiven Prozess unmittel- 
bar wiedergibt. Ich möchte nun an Hand der Problematik unserer 
biologischen Arbeit das Eigenartige und Selbstverständliche des dia- 
lektischen Materialismus, besonders der neuartigen biologischen An- 
wendung darzulegen versuchen. 

In der biologischen Naturwissenschaft stösst man auf sehr merk- 
würdige und scheinbar unlösbare Widersprüche. So wird z. B. der 
Satz verfochten: «Das Leben kommt nur von Leben». Lebende Na- 
tur und nichtlebende Natur sind als streng voneinander getrennte Ge- 
biete für sich aufgefasst. Doch im Widerspruch dazu beschäftigt sich 
die biologische Forschung überall mit der Frage des «Lebens in der 
nichtlebenden Materie», mit dem alten Problem der Entstehung des 
Lebens aus dem Nichtleben. Sehr oft wird dabei das Nichtleben my- 
stisch belebt. Es wurde auch versucht, durch Zusammensetzung und 
Komplizierung des Eiweissmoleküls künstlich lebendes Eiweiss zu 
produzieren. Ich erinnere an die ersten gelungenen Versuche von 
Fischer, Harnstoff synthetisch darzustellen. Doch zwischen einzel- 
nen organischen Stoffen und einem lebend funktionierenden Plasma- 
klumpen bestehen nicht nur quantitative Unterschiede. Es ist ein 
Unterschied in der Funktionsweise vorhanden. Der Widerspruch be- 
steht also darin, dass man auf der einen Seite das Leben starr vom 
Nichtleben abtrennt, doch auf der anderen Seite es mechanistisch aus 
dem Nichtleben durch «Synthese» zu konstruieren versucht. 

Ein anderer Widerspruch ist der zwischen Mechanismus und Vita- 
lismns. Der Mechanismus behauptet mit Recht, dass das Lebendige 
ebenso von physikalischen, chemischen, elektrischen Prozessen be- 
herrscht ist wie das Nichtleben, dass es also «dasselbe» sei. Der Vi- 
138 









Der dialektische Materialismus 






talist dagegen, der Metaphysiker ist, behauptet, ebenfalls mit Recht, 
das Lebendige sei in seiner ganzen Eigenart derart grundverschieden 
vom Nichtlebendigen, dass eine Gleichheit garnicht in Frage käme. 
Man könne wohl aus einem Teil eines Seeigeleihaufens das Ganze 
wieder rekonstruieren, doch es sei unmöglich, aus der Schraube einer 
Maschine eine ganze Maschine herzustellen (Driesch); und das ist 
zweifellos richtig. So stehen einander mechanistische und vitali- 
stische Anschauungen gegenüber. Sehr oft vergesellschaften sich die 
mechanistischen Anschauungen über das Leben mit religiösen. Im- 
mer ist der Antrieb, das sogenannt «Irrationale» zu begreifen, vor- 
handen und äussert sich in methaphysischer Theorie über das Leben. 
Ich will nun darzustellen versuchen, in welcher Weise der dialektische 
Materialismus den Gegensatz zwischen Mechanismus und Vitalismus 
zu lösen in der Lage ist. 

Vor etwa einem Jahre gelang mir die Herstellung eines Gemisches 
aus nichtlebenden Stoffen, das bei stärkster Sterilisation, wie z. B. bei 
Autoklavierung bei 120° lebensartige Gebilde enthielt. Ich nannte 
die Gebilde Bione. Vor einigen Monaten gelangen die ersten Kul- 
turen dieser Gebilde. Fortpflanzung, Stoffwechsel, biologische Färb- 
barkeit sind bereits nachgewiesen. Ich will nun schildern, in welcher 
Weise ich, meinem Ursprungsarbeitsgebiete nach Psychologe, auto- 
matisch in das Gebiet des biologischen Versuchs geriet. 

Das Leben hat sich im Verlaufe der Entwicklung der Na- 
turwissenschaft in verschiedenste Gebiete aufgesplittert, die heute 
voneinander speziell abgegrenzt bearbeitet werden. Darunter litt die 
Beobachtung des Lebendigen als Einheit trotz all seiner komplizie- 
renden Aufsplitterungen. Dem in Teilgebiete zerschnittenen Leben ent- 
spricht die Zersplitterung der Wissenschaft in mechanistisch von- 
einander getrennte SpezialWissenschaften. Die Einheit der lebendigen 
Apparatur enthüllte sich mir im Verlaufe meiner Arbeit in folgender 
Weise: 

Freud hatte im seelischen Funktionieren einen Dualismus aufge- 
stellt, wonach den «Sexualtrieben» der «Todestrieb» gegenüberstehen 
sollte. Er dachte sich diese beiden Grundtriebe wie etwa zwei 
Säulen, die lief ins Fundament eingesenkt sind, «unten» keine Ver- 
bindung miteinander haben und erst «oben», im hochentwickelten 
psychischen Apparat die kompliziertesten Verbindungen miteinander 
eingehen. Während ich den Sexualtrieb, wie ihn Freud beschrieben 
hatte, mit einigen wesentlichen Korrekturen bestätigen konnte, war 
der Todestrieb nicht nachweisbar. Ein «Wille zum Sterben», ein 
«Sehnen nach dem Tode», biologisch gegeben, widersprach jeder kli- 
nischen Erfahrung. Sehr allmählich wurde mir klar, dass das, was 
Freud mit dem Begriff «Todestrieb» zu fassen versuchte, das gleiche 
Phänomen war, das ich mit der Orgasmustheorie im Laufe der letzten 
eineinhalb Jahrzehnte klinisch erfässt hatte: Die Sehnsucht des Or- 
aanismus nach der Lösung von Spannungen, nach € Auflösung*, «Er- 

139 



Wilhelm Reich 

lösung», «.mit der Welt Verschmelzen». Während Freud die Spannung 
dem Lebenstrieb, die Entspannung dem Todestrieb zuschrieb, also die 
beiden Funktionen mechanistisch trennte, schien mir der Vorgang 
von Spannung und Entspannung eine Einheit bei gleichzeitiger Gegen- 
sätzlichkeit zu sein. Die Triebfunktion besteht wesentlich in dem In- 
einanderwirken von Spannung und Entspannung. Je höher die erste, 
desto stärker das Bedürfnis nach der zweiten; wie der Zug einer 
Spiralfeder um so stärker wird, je mehr sie gedehnt wurde. Hier 
liegt ein typisch dialektischer Tatbestand vor. Die dialektisch-mate- 
rialistische Kritik der Freudschen Triebtheorie führte unerwartet, 
jedoch unmittelbar ins Gebiet der Biologie. Schon sehr früh sah ich, 
dass eine Neurose ohne Störung der sexuellen Entspannungsfunk- 
tion, der orgastischen Funktion von der Pubertät ab, nicht möglich 
ist. Dadurch, dass die Entspannung der sexuellen Energie quantitativ 
geringer ist als die vorhandene Spannung, entsteht ein Energie-Über- 
schuss an sexueller (später sagte ich vegetativer) Energie, der sich 
in dem von Freud beschriebenen neurotischen Symptom-Mechanismus 
äussert. Die Störung der orgastischen Entspannungsfunktion wurde 
somit als der dynamische Kernmechanismus des neurotischen Pro- 
zesses erkannt. Demzufolge wurde die Heilung von einer seelischen 
Erkrankung abhängig von der Beseitigung der Energiequelle der Neu- 
rose, d. h. von der Beseitigung der orgastischen Störung und der Her- 
stellung der vollen genitalen Befriedigbarkeit. 

Die Frage nach der Herkunft der Energie der Neurosen war je- 
doch keine psychologische Fragestellung mehr, denn der Orgasmus 
ist eine biologische Grundfunktion, die gerade das Erlöschen der hö- 
heren seelischen Funktion im Lusterleben voraussetzt; der betref- 
fende menschliche oder tierische Organismus ist am Höhepunkt der 
sexuellen Befriedigung im Grunde genommen nichts anderes als ein 
zuckender Plasmahaufen. Es lag nahe, genau nach dem Mechanismus 
des Orgasmus zu forschen. Es ergab sich nun vor etwa 4 Jahren eine 
Formel, nach der der orgastische Mechanismus funktioniert. Zu- 
nächst tritt bei der sexuellen genitalen Erregtheit eine mechanische 
Füllung der Genitalien auf. Elektrophysiologische Versuche zeigten 
dann, dass die sexuelle Erregtheit abhängig ist von einer elektrischen 
Aufladung der Oberfläche der sexuellen Zonen. Zur mechanischen 
Flüssigkeitsspannung der Gewebe tritt also eine elektrische Ladung 
der Oberfläche hinzu. Damit ist die Voraussetzung der elektrischen 
Entladung gegeben. Die Muskelzuckungen im Orgasmus stellen nichts 
anderes als die Entladung des vorher in der sexuellen Friktion aufge- 
bauten hohen elektrischen Potentials dar. Der vierte Akt ist die me- 
chanische Entspannung: Die sexuellen Organe verlieren ihre Blut- 
überfüllung. Die Formel: mechanische Spannung — elektrische La- 
dung — elektrische Entladung — mechanische Entspannung, die kli- 
nisch und experimentell gefunden wurde, war jedoch eine typisch 
dialektisch-materialistische Formel, ohne als solche erstrebt worden 

140 



Der dialektische Materialismus 

zu sein. Denn jede korrekte Erfassung eines objektiven Tatbestan- 
des ist notwendigerweise dialektisch-materialistisch. Sehr bald wurde 
mir zweierlei klar: 

Erstens, dass diese Formel im anorganischen Geschehen nicht an- 
zuwenden ist. Es gibt in der nichtlebenden Natur keinen Vorgang, 
bei dem eine mechanische Füllung in eine elektrische Ladung um- 
schlägt. Dort gibt es entweder nur den mechanischen Spannungs- 
Entspannungs-Mechanismus, oder nur den elektrischen Ladungs-Ent- 
ladungs-Vorgang. 

Zweitens: Nach der Spannungs-Ladungs-Formel funktionieren 
sämtliche vegetativ-unwillkürlich arbeitenden Organe: Herz, Darm, 

Harnblase etc. 

Fasst man diese beiden Tatbestände zusammen in eins, dann er- 
gibt sich folgende Lösung des Streites zwischen Mechanismus und 
Vitalismus: Das Lebendige enthält die gleichen Mechanismen wie 
das Nichtleben: Mechanik, Elektrik, Chemik. Leben ist also gleich 
Nichtleben. Doch gleichzeitig sind im Lebendigen die Funktionen 
des Anorganischen in einer besonderen, eben nur für das Lebendige 
charakteristischen Weise kombiniert. Leben ist also gleichzeitig etwas 
völlig anderes als Nichtleben. 

Die Orgasmusformel war somit identisch mit der Lebensformel. 

Es lag nun völlig in der logischen Folge meiner Arbeit, dass ich 
nach Abschluss der elektro-physiologischen Versuche, die den Span- 
nungs-Ladungs-Vorgang bestätigten, an neue Versuche heranging, 
verschiedene Stoffe quellen zu lassen, so z. B. Erde und Kohle. Ich 
beschleunigte den Quellungsprozess dadurch, dass ich die Substan- 
zen in der quellungsfördernden Lösung lange kochen Hess. Dabei 
ergaben sich folgende, vorher nicht vermutete Tatbestände: 

1) Alle mir bisher erreichbar gewesenen Stoffe (Kohle, Erde, 
Moos, Lezithin, Cholesterin, Milch, Muskelfleisch etc.) zerfallen sowohl 
bei langsamem wie bei raschem Quellen durch Kochen in Bläschen, 
wobei sie ihre ursprüngliche Struktur völlig verlieren. Die Bläschen 
sind mikroskopisch im Dunkelfeld am allerbesten festzustellen. Man 
sieht die Erscheinung deutlich erst bei etwa 300 facher Vergrösserung 
im Dunkelfeld. 

2) Die Stoffe, die vorher im elektrischen Stromversuch sich neu- 
tral verhielten, weisen, wenn sie in Bläschen aufgelockert sind, eine 
elektrische Ladung dieser Bläschen auf. Hier positiv wie etwa bei 
Erde und Kohle, dort negativ wie etwa bei Lezithin, Moos, Muskel- 
gewebe etc. 

Die Entdeckung des bläschenförmigen Zerfalls quellender Materie 
und des Auftretens von vorher nicht vorhandener elektrischer La- 
dung zeigt die Korrektheit der vegetativen Formel. Die Bläschen sind 
mechanisch gespannte flüssigkeitsgefüllte Gebilde. Die elektrische La- 
dung, die ihnen nicht etwa von aussen her zugeführt wird, lässt sich 
nur daraus erklären, dass bei der Lösung des Zusammenhanges der 

141 



Wilhelm Reich 

einzelnen Teile der Materie bis dahin gebunden gewesene elektrische 
Energie frei wird. Parallelversuche mit verschiedenen Bakterienarten 
wie Staphylokokken, Streptokokken, Krebszellen etc. gaben das glei- 
che positive Resultat: Bläschennatur und elektrische Ladung. 

Es war nur selbstverständlich, dass ich dann den Versuch unter- 
nahm, sämtliche Stoffe, die in der lebendigen Substanz enthalten 
sind, zusammenzumischen und zu kochen. Der Versuch fiel nach 
zahlreichen Fehlschlägen schliesslich positiv aus. Schon bei der Mi- 
schung der vorher hochsterilisierten bzw. autoklavierten Einzelstoffe 
treten mit einem Schlage Gebilde auf, Kokken, Stäbchen, amöboide 
Gebilde, die die Eigenschaften des Lebens zeigen: Bewegung, Kon- 
traktion, Expansion und Farbreaktion. Diese Gebilde widerstehen 
auch dem Kochen im Sterilisator bei 180°, zumindest sofort nach der 
Herstellung der Mischung. Sie sind nachher ebenso vorhanden und 
bewegt wie vorher. Die Frage, ob es sich bloss ! um Modelle lebender 
Materie oder um echtes Leben handle, konnte nur durch den Kultur- 
versuch entschieden werden. Nach mühseligen Versuchen gelang im 
Dezember 1936 die erste Kultur der Bionmischung (Präparat 6b) auf 
Bouillon. Seither wurden Serien von Kulturversuchen vorgenommen, 
und es zeigte sich bisher, dass die Einzelstoffe der Mischung keine 
Kulturen ergaben, während die Mischung überwiegend Kulturen er- 
gibt. Es liegt also nicht ein Modell von Leben, sondern echtes Le- 
ben vor. 

Es lag auch nahe, Kulturversuche von gequollener Erde und Kohle 
vorzunehmen, es zeigte sich, jedoch nicht mit derartiger Häufigkeit 
wie bei der Bionmischung, dass auch Erde und Kohle, ja sogar Moos 
und verschiedene Gewebe nach Quellung durch Kochen Kulturen auf 
Bouillon ergeben, die auf Agarnährboden meist einen cremeartigen, 
jeweils verschiedenfarbigen Aufwuchs geben. Nachdem Kohle und 
Erde trocken bei 180° eine Stunde sterilisiert sind, so dass es sicher 
ist, dass keine lebenden Keime mehr vorhanden sein können, ergibt die 
gleiche Kohle und Erde nach dem Kochen in quellungsfördernden Lö- 
sungen Kulturen. Die Aufwüchse von unsteriler Kohle und unsteriler 
Erde sind völlig verschieden von dem Aufwuchs nach der Sterilisa- 
tion. Es wird also beim Sterilisieren offenbar das vorhandene Leben 
in den Kohle- und Erdpartikelchen getötet; doch während das eine 
getötet wird, entsteht gerade dabei neues, andersartiges Leben. Sie 
können an den Kulturen sehen, dass die Aufwüchse unsteriler Kohle 
und Erde sich von denen der hochsterilen gleichen Kohle und Erde 
in Farbe, Form und Konsistenz unterscheiden. Dieser Umstand mag 
den Mechanisten oder Vitalisten überraschen, doch nach den bisher 
durchgeführten Versuchen steht eindeutig fest, dass es im Verhältnis 
zum Kochen zweierlei Leben gibt: Eines, das durchs Kochen zerstört 
wird, und ein anderes, das durchs Kochen entsteht. Korrekt aus- 
gedrückt: Wir müssen die Vernichtung bereits vorhandenen, früher 
durch Quellung oder Fortpflanzung entstandenen Lebens durch Hitze 

142 









Der dialektische Materialismus 

unterscheiden von der Entstehung gleichen oder andersartigen Lebens 
oberhalb der sonst tötenden Temperaturgrenze. Das gleiche Leben, das 
durch Hitze entstand, kann später nach erfolgter Organisierung durch 
dieselbe Hitze getötet werden. Auch dies ist materialistische Dialektik. 
Als strikten Beweis für die Auffassung, dass es zweierlei Leben 
gibt, und dass die Keime oder Sporen selbst aus nicht organisierter 
Materie durch Quellung und Ladung entstehen, führe ich folgenden 
Versuch an. Ich unternahm ihn, um den Einwand völlig auszuschal- 
ten, dass die gesichteten bewegten Gebilde aus von vornherein vorhan- 
denen Keimen stammen: 

Glüht man Kohle bis zur Rotglut etwa eine Minute lang in einer 
Benzingasflamme; führt man den so geglühten Kohlenstaub sofort in 
eine Lösung, die zu gleichen Teilen aus Fleischbouillon und 0,1 normal 
Kalium-Chlorid besteht, so zeigt sich sofort nach der Hinzufügung der 
geglühten Kohle eine starke kolloidale Trübung der Lösung, wie man 
sie durch Kochen- oder Quellenlassen nie erzielt. Ungeglühte Kohle 
mit Kalium-Chlorid versetzt, ergibt mikroskopisch keinerlei Bewe- 
gung der Kohlenteilchen. Dagegen sieht man die geglühte Kohle so- 
fort nach der Herstellung des Präparats in starker Bewegung. Völlig 
überrascht ist man, wenn man das Präparat nach 24, 48, 72 usf. 
Stunden untersucht. Die Trübung nimmt immer mehr wolkigen Cha- 
rakter an. Mikroskopisch zeigen sich besonders schön bei 3000-f acher 
Immersion s-Vergrösserung lebhaft ortsbewegte, verschiedenartig ge- 
formte und verschieden grosse runde Bläschen, lange Stäbchen und 
kontraktile amöboide Gebilde. Der ganze Charakter der Gebilde, die 
Art ihrer Bewegungen und die beobachteten Teilungen lassen keinen 
Zweifel darüber, dass es sich um echtes Leben handelt. Sichere Kul- 
tivierung dieser Gebilde ist bisher offenbar wegen nicht genügender 
Zusammensetzung von Nährsubstanzen von zwei positiven Ergebnis- 
sen abgesehen noch nicht gelungen. 1 ) 

Der Kohle-Glühversuch erscheint nur dann als absurd oder un- 
wahrscheinlich, wenn man von der vorgefassten Meinung ausgeht, 
dass das später gesichtete Leben vorher in Form von Sporen drin 
gewesen sein muss. Der Versuch reiht sich völlig logisch in unsere 
Gesamtarbeit und Anschauung ein, wenn wir annehmen, dass beim 
Glühen des Kohlenstaubs die Kohlenpartikelchen sozusagen durch die 
grosse Hitze von 1000 bis 1500° zersprengt werden und in feinste 
kleinste Teilchen zerfallen, die mit Quellungs- und Nährflüssigkeit zu- 
sammengebracht, diese gierig aufsaugen. Man kann die Aufnahme der 
Flüssigkeit in die kleinsten Teilchen mikroskopisch direkt beobach- 
ten, wenn man die geglühte Kohle zunächst trocken auf den Objekt- 
träger legt und bei gleichzeitiger Beobachtung die Lösung hinzufügt. 
Ein weiterer Beweis für die Richtigkeit des Experiments ist, dass die 



i) Anm. im August 1937: Mittlerweile gelang die Kultivierung von geglühtein 
Kuss. 

143 



Wilhelm Reich 






so erhaltenen Kohlegebilde eine sehr starke positive elektrische La- 
dung aufweisen, was bei den ungeglühten Kohlepartikelchen nur ver- 
einzelt, wenig ausgesprochen oder garnicht der Fall ist. 

Die Pasteur'sche Sterilisationstheorie wird dadurch nicht im ge- 
ringsten angetastet. Sie besteht zurecht, doch auch die Vertreter 
der Urzeugungshypothese erhalten jetzt auf experimenteller Basis 
recht. Die Beweisführung für die Bichtigkeit der Urzeugungsan- 
schauung war im vorigen Jahrhundert infolge der Mangelhaftigkeit 
der Technik nicht möglich; denn die Phänomene, auf deren Grund 
sich die genannten Tatbestände enthüllten, zeigen sich in korrekter 
Weise erst bei etwa 3000x binokularer Vergrösserung, am allerbesten 
im Dunkelfeld. 

Ich bitte Sie darum, nunmehr nicht die Auffassung zu verbreiten, 
dass ich «künstliches Leben» erzeugt hätte. Dies würde nicht stim- 
men. «Künstliches Leben erzeugen» setzt voraus, dass das Leben et- 
was Jenseitiges, Mystisches, vom Nichtleben völlig Abgesondertes ist. 
Korrekter Weise muss man sagen, dass es jetzt gelang, den Prozess 
der Lebensbildung experimentell zu rekonstruieren. Wir zeugen nicht 
Leben, sondern wir enthüllen experimentell den Prozess der Lebens- 
entstehung. 

Soweit mein experimenteller Bericht. Ich vernachlässige sehr 
viele interessante Beobachtungen, die wir hier am Laboratorium ge- 
macht haben, und möchte diesen Teil mit einer Hypothese abschlies- 
sen, die sich aufdrängt: Bisher glaubte man hypothetisch, dass das 
Leben in Gestalt von «Sporen» aus dem Weltenraume auf die Erde 
kam; primitive Anschauungen sprechen von «Eiweissf locken». Ich 
glaube, dass das Leben an Ort und Stelle entstand. Wir wissen, 
dass unsere Erde glühend war. Dabei mus'ste die Materie völlig auf- 
gelockert worden sein; als sie sich abkühlte, entstanden in der Tiefe 
der Bandschicht der Erde die festen Gesteinsmassen. Doch dort, 
wo das Wasser den Zugang zur Materie fand und wo Quellen elek- 
trischer Ladungen ihren Einfluss geltend machen konnten, setzte der 
Prozess des bläschenförmigen Zerfalls der Materie und der Spannung 
— Ladung ein. Ich möchte kein Gewicht darauf legen, diese Auffas- 
sung allzu ernst zu nehmen. Mag sein, dass sie richtig ist, doch 
Sicherheit darüber können nur genaueste Untersuchungen ergeben, 
die vom geologischen Standpunkte aus den Spannungs-Ladungs- Vor- 
gang beachten. 

Die Pasteur'sche Keimtheorie steht in keinem Gegensatz zur Ur- 
zeugungstheorie mehr wie bisher, denn ein Stück anorganischer Ma- 
terie ist ebenso Keim zum Leben, sobald es die Voraussetzungen der 
Quellung erfüllt, wie es «anorganisch» ist, wenn es nicht quillt und 
lädt. Ein Stäubchen in der Luft hat nicht einen Keim «an sich», 
der zur Entwicklung kommt, sondern es ist unter Erfüllung bestimm- 
ter Bedingungen selbst der Keim zur Kokke oder zum Stäbchen. Die 
Entstehung des Lebens aus nicht organisierter Materie widerspricht 

144 



Der dialektische Materialismus 

natürlich auch in keiner Weise der Entstehung neuen Lebens durch 
die Teilung, die «Fortpflanzung». 

Gehen wir nun zu einer allgemeineren Frage über, die unmittel- 
bar an unsere Experimente anschliesst. Jede naturwissenschaftliche 
Arbeit bekommt früher oder später auch soziale Bedeutung. Die 
Rede von der revolutionierenden, vorwärtstreibenden Wissenschaft ist 
sehr geläufig. Weniger klar ist man sich über den Inhalt des Be- 
griffs «revolutionär». Es bedeutet umwälzend sein, und umwälzen kann 
nur eine Erkenntnis, die die Dinge «an der Wurzel fasst», also im 
guten und echten Sinne «radikal» ist. Die biologische Forschung 
und ihre Theorie sind gegenüber der radikalen sozialen Bewegung sehr 
in Misskredit geraten. Dies hat seinen Grund darin, dass der «sozio- 
logischen» Auffassung die «biologische» gegenübergestellt wurde. Der 
marxistische Soziologe etwa erklärt das Wesen und Denken der Men- 
schen aus ihren sozialen Seinsbedingungen. Die faschistische Auffas- 
sung vom Menschen, wie sie heute ganz Deutschland beherrscht, 
leugnet die soziale Abhängigkeit menschlicher Handlungen und 
menschlichen Denkens überhaupt. Sie stützt sich auf eine Rasse- 
theorie, die nur das absurde Extrem einer von jeher das vulgäre 
biologische Denken beherrschenden Tendenz ist. Wenn man sagt, 
etwas sei «biologisch gegeben», so denkt man unwillkürlich die Un- 
veränderlichkeit dessen mit; dieser Anschauung zufolge gibt es «hö- 
here» und «niedere» Rassen; «Herrenmenschen» und «Untermenschen»; 
zum «Führen geborene» und zum «Geführtwerden geborene Men- 
schen»; die Weltanschauung des Faschismus präsentiert sich als bio- 
logisch begründet. Die Rassetheoretiker sind spezifisch Erö-Wissen- 
schaftler. Die Erbwissenschaft jedoch, so grosses Ansehen sie un- 
gerechtfertigter Weise im Denken der Menschen geniesst, hat, entspre- 
chend dem Kegel, der auf der Spitze steht, höchst vereinzelte Erb- 
befunde mit einem riesigen Wust von Hypothesen und Theorien über- 
baut, die in das tägliche Denken der Menschen — leider, müssen wir 
hinzufügen — eingegangen sind; auch in das Denken von Wissen- 
schaftlern, die sich Sozialisten nennen. Man stellt sich etwa vor, dass 
die Eigenschaften der höheren Organismen ebenso wie die der niede- 
ren angeboren sind, angelegt im Keimplasma in Form von stofflich 
gedachten «Genen». Die Eigenschaften also seien ewig und unver- 
änderlich. Diese Biologie ist in ihrem Grundzug konservativ, mögen 
ihre Vertreter, jeder für sich, auch die fruchtbarsten Einzelergebnisse 
bringen. Sie zerteilt den einheitlichen Lebensstrom künstlich in 
Fächer, wo die einzelnen Zweige des einheitlichen Lebens fein säuber- 
lich geordnet und beschrieben eingekapselt sind. Man sucht im all- 
gemeinen nicht nach Prozessen, Funktionen, Veränderlichkeit, son- 
dern nach Stoffen und chemischen Reaktionen, was an sich nicht 
falsch wäre, wenn es in einen allgemeinen Funktionszusammenhang 
hineingestellt wäre. Gegen diesen konservativen Charakter der Biolo- 
gie, der mechanisch und metaphysisch zugleich ist, wehren sich aus 

145 



Wilhelm Reich 









einem guten Instinkt heraus die radikale soziale Bewegung und die 
fortschrittliche Naturwissenschaft. Denn wenn alles biologisch «fest- 
gelegt» ist, dann gibt es nichts Neues, nichts Unsicheres, dann gibt 
es auch keinen Konflikt mit den vorhandenen Mächten. Hinter diesem 
Denken steht die Angst vor dem Neuen, die Angst vor dem Unsiche- 
ren, die Angst vor dem Eingriff des primitiven, naturnahen Denkens 
der sogenannt «unteren» Schichten der Bevölkerung in das Getriebe 
der vom sozialen Leben abgesperrten biologischen Naturwissenschaft. 
Dies ist die eine Art des biologischen Denkens, des nichtdialektischen, 
mechanistischen und metaphysischen zugleich. 

Demgegenüber steht das dialektisch-materialistische Denken aller 
jener Naturwissenschaftler, die oft ohne es zu wissen vom lebendigen 
Experiment und von der lebendigen Erfahrung her das Fliessende, 
Bewegte, Veränderliche im Lebensgeschehen aufspüren, erfassen, in 
ihrer Funktion formulieren. Es ist des Nachdenkens wert, dass die 
grossen Erfolge in der Erforschung der Mikroorganismen von aussen 
her in die Biologie hineingetragen wurden. Ich nenne Loewenhock, 
Spallanzani, Robert Koch, Louis Pasteur und viele andere. Der Le- 
bensprozess in allen seinen Formen und Gebieten lässt sich in keinen 
Rahmen pressen, ausser um einen Querschnitt momentan festzuhal- 
ten. Alles entsteht und vergeht wieder. Einheitliches splittert sich 
auf; was noch vor kurzem eine Einheit war und sich dannj aufsplit- 
terte, tritt in Gegensatz zueinander. Es gibt Neuscböpfung in der 
Natur. Wir dürfen heute auf Grund der Erkenntnis des Spannungs- 
Ladungs-Vorganges sagen: Das Leben kann nicht irgendeinmal ir- 
gendwoher gekommen sein. Es kann auch nicht vor Jahrhundert- 
tausenden einmal an einer Stelle unserer Erde entstanden sein, um 
sich dann auszubreiten. Jeder Eintrocknungs- und Neuquellungsver- 
such mit Protozoen ebenso wie die alltägliche Betrachtung des Na- 
turgeschehens zeigen: Das Leben spriesst in jedem Frühjahre unter 
der Einwirkung von Feuchtigkeit und Elektrizität aufs neue. Wenn 
richtig ist, dass die Entstehung des primitiven Lebens aus unorgani- 
sierter Materie, aus einfachsten überall vorhandenen stofflichen und 
energetischen Bedingungen vor sich gehen kann, dann ist die neu- 
schöpferische Kraft des Lebens garnicht zu unterdrücken. Eine 
biologische Auffassung, die den Prozess der unendlichen Aufsplit- 
terung des Lebensprozesses, die das erfasst, was Bergson in seinem 
Buche «Schöpferische Entwicklung» in eindrucksvoller Weise zu be- 
schreiben versuchte, kann nicht konservativ sein. Ihr eröffnen sich 
unerhörte Möglichkeiten, aus den Gesetzen des vergangenen Lebens- 
prozesses die der gegenwärtigen und der in die Zukunft reichenden 
Entwicklungsprozesse zu überschauen. Eine derartige biologische 
Grundeinstellung, die eigentlich dialektisch-materialistische, steht in 
keinem Widerspruch zur soziologischen Auffassung von der Entwick- 
lung der Zivilisation und der Kultur. Im Gegenteil: Vom Standpunkt 
der dialektisch-materialistischen Naturauffassung her zeigt sich das 

146 



/ Der dialektische Materialismus 

Ineinanderwirken von Biologischem und Gesellschaftlichem, das 
bisher im Menschen und seiner Organisation, in seinem Denken 
über den Naturprozess selbst die reifste Stufe erreicht hat. Es ist 
klar, dass ein Denken, das mit fliessenden Prozessen zu tun hat, 
das Entstehen und Vergehen sieht und erforscht, das die Aufsplit- 
terung des Lebens und die Gegensatzbildung fasst, jeder konserva- 
tiven Haltung widerspricht. 

Mit dieser Erörterung bin ich unwillkürlich in ein Gebiet geraten, 
das scheinbar weit ab von der exakten experimentellen Laborato- 
riumsforschung liegt: Wir stehen vor der Frage, ob es eine unpoli- 
tische, jenseits des sozialen Lebensprozesses wirkende biologische 
Forschung gibt oder geben kann. Wenn das Leben trotz seiner un- 
endlichen Aufsplitterung im Grunde eine Einheit ist; wenn ein ein- 
heitliches biologisches Gesetz alles Leben beherrscht, dann muss not- 
wendigerweise die Wissenschaft selbst nur ein Stück des allgemei- 
nen Lebensprozesses sein. Die Wissenschaft entstand ja aus nichts 
anderem als aus Lebensbedürfnissen, die zu befriedigen waren. Sie 
büsst jeden Sinn ein, sobald sie den Kontakt mit dem allgemeinen 
Lebensprozess der gesamten Menschheit verliert. Sie kann als Na- 
turwissenschaft nur bestehen, wenn sie aus dem Leben schöpft und 
für das Leben forscht und schafft. Eine unpolitische, d. h. jen- 
seits der sozialen Vorgänge wirkende Wissenschaft gibt es nicht. 
Niemand wird zu behaupten wagen, dass die Erbwissenschaft, im 
speziellen die Eugenik, nicht voll und ganz von politischen Gesichts- 
punkten durchdrungen ist. Es kommt garnicht darauf an, ob eine 
Wissenschaft politisch ist oder nicht, sondern es kommt nur dar- 
auf an, welche Art der sozialen Einstellung in der wissenschaftli- 
chen Forschung liegt. Die eine Einstellung bemüht sich sehr, von 
der Wahrheit möglichst wenig zu erfahren und erfahrene Wahr- 
heiten möglichst rasch umzubiegen. Die andere bemüht sich um 
die Wahrheit ohne jede Rücksicht. Doch die Wahrheit in der Er- 
kenntnis von Natur und Gesellschaft ist die politische Kraft im 
guten Sinne. Denn entweder hat Gott Welt und Lebewesen geschaf- 
fen, oder aber Welt und Lebewesen in ihr entstanden naturgesetzlich. 

Wir sind weder göttlich noch von Gott und glauben daher nicht 
an die göttliche Schöpfung und Bestimmung; doch wir beginnen zu 
begreifen, was die Menschen heute unter dem Drucke grosser Not 
und Hilfsbedürftigkeit fühlen, wenn sie von göttlicher Schöpfung 
und Bestimmung sprechen. Wir verstehen bereits, dass der Gottes- 
begriff dort, wo er von echten und nicht geschäftemacherischen Ge- 
fühlen getragen ist, zwar in irrationaler Weise aber doch im Grunde 
korrekt die Einheit von Mensch und Natur instinktiv erfasst hat. 
Hier zeigt sich der zwiespältige Charakter der Religion. Sie ist der 
Feind aller Naturwissenschaft, doch gleichzeitig pflegt sie das Natur- 
gefühl, wenn auch in mystischer Weise, in den Menschen und erhält 
dadurch das Gefühl der Einheitlichkeit im Naturgeschehen; doch sie 

147 



Wilhelm Reich 

kann es nicht praktisch verwirklichen, sie muss in ihrer Ohnmacht 
dem sprühenden Leben gegenüber aufs Glück im Jenseits verwei- 
sen. Wir aber meinen: Das Leben ist von dieser Welt; sonst würden 
im Frühling nicht die Bäume und Blumen spriessen und mit ihnen 
die Menschen in Lebens- und Liebesrausch geraten. 

Wir stehen als dialektische Materialisten auf dem Standpunkt, 
dass das Philosophieren über den Sinn des Lebens die Funktion 
hat, den wirklichen Sinn des Lebens zu verschleiern. Die Arbeit 
ist seine Grundlage; das, was man Liebe nennt in allen ihren Formen, 
sein Inhalt. Der sogenannte Sinn des Lebens kann nichts anderes 
als die Erfüllung des Lebensprozesses selbst sein, also die Erfüllung 
der Erfordernisse des Tätigkeitsdranges der Menschen und ihrer 
Liebebedürftigkeit. Doch wie sollte eine naturwissenschaftliche An- 
schauung dem Leben weiterhelfen, wenn sie sich unpolitisch gebär- 
det, sich ausserhalb des sozialen Geschehens stellt, wenn sie sich der 
Untersuchung eines der zentralsten Tätigkeitsgebiete aller Lebewe- 
sen, nämlich des der Sexuallust enthält? Es bedeutet einen Triumph 
für die Sexualwissenschaft, dass sich die Formel der Sexualitäts- 
funktion identisch erwies mit der Formel des vegetativen Lebens 
überhaupt. Es wäre nun ausserordentlich verfehlt, hochmütig auf 
den Mechanismus und den Vitalismus «herabzusehen». Sowohl die 
mechanistische Experimentaltechnik, wie die vitalistische Theorie- 
bildung über den Lebensprozess haben eine derartige Fülle an Ein- 
zeltatsachen und an Denkanregungen erbracht, dass man sich eine 
dialektisch-materialistische Lebensforschung ohne diesen ihren Ge- 
gensatz garnicht denken kann. Doch die Verschiedenheit der Grund- 
einstellung biologischen Naturdenkens, die ich früher zu beschreiben 
versuchte, bleibt bestehen. Man kann den «Kampf ums Dasein» als 
ein Grundgesetz in der Biologie auffassen und daraus die «Naturnot- 
wendigkeit» des Abschlachtens einer ganzen Stadtbevölkerung wie 
in Guernizza durch sportlich sich betätigende Flieger erklären. Man 
kann im Gegensatz dazu den schöpferischen Prozess des Lebens 
zur Grundlage seiner eigenen Einstellung machen und alles tun, um 
Leben zu schaffen, dem Lebendigen vorwärtszuhelfen, das Leben zu 
bewahren. Doch die Haltung allein bedeutet nichts gegenüber Ma- 
schinengewehren und ausser Rand und Band geratenen Lebewesen, 
die sich höhere Menschen nennen. Das Leben muss organisiert wer- 
den, seine Sicherung muss erkämpft werden. Der Konservativismus 
hat ein Interesse an der mechanistischen Verewigung alles Bestehen- 
den; doch diejenigen, die arbeiten und Werte schaffen, Erkenntnisse 
bringen, den Lebensprozess vorwärtstreiben, sind an der entgegenge- 
setzten Art der Einstellung interessiert. 

Für oder gegen das Leben ! Hier scheiden sich Freund und Feind 
der wissenschaftlichen Weltanschauung und Tätigkeit! 



148 



Irrationalismus 

in Politik und Gesellschaft 

Dialektisch-materialistische Facharbeiter contra 
geistige Irrlichter der sozialistischen Bewegung 

Von Wilhelm Reich 

In den letzten Monaten entbrannte wieder einmal in sehr vielen 
Organisationen der Arbeiterbewegung der Kampf um die Anwendung 
der Psychologie. Ich sage, wieder einmal, denn die Diskussion um die 
Notwendigkeit der Einordnung korrekter psychologischer Erkenntnis 
und Arbeit in die sozialistische Bewegung ist etwa 10 bis 12 Jahre 
alt. Ich bin dabei, ohne dass ich in den letzten Jahren an den Diskus- 
sionen unmittelbar teilnahm, durch meine sexualwissenschaftliche 
und psychotherapeutische Facharbeit von verschiedenen Seiten her 
einbezogen worden. Die Art der Auseinandersetzung, wie sie in den 
letzten Monaten erfolgte, zwingt mich dazu, mich von den verschiede- 
nen geäusserten Anschauungen und Stellungnahmen abzugrenzen, und 
dies gerade im Interesse der korrekten und einzig fruchtbaren Ein- 
ordnung der Psychologie in den Kampf der dialektisch-materialisti- 
schen Lebensanschauung und Praxis. 

Es erschienen in letzter Zeit mehrere Artikel, die unter dem Titel 
«Psychoanalyse» meine Anschauungen vertraten. Ich möchte nun 
zunächst ausdrücklich hervorheben, dass ich nicht Psychoanalytiker 
bin und es vermeide, meine Anschauungen unter diesem Titel zu ver- 
treten. Ich war zwar fünfzehn Jahre lang in der psychoanalytischen 
Bewegung tätig, doch meine Theorie der Sexualökonomie und politi- 
schen Psychologie ist keine Fortsetzung der Freurf'schen Triebtheorie 
und Massenpsychologie. Es liegt mir daran, keinen Zweifel darüber 
zu lassen, dass meine Anschauungen infolge jahrelanger praktischer 
Arbeit innerhalb der Arbeiterbewegung aus der Kritik der Freud' sehen 
Theorie entstanden sind. J)ie Psychoanalys e ist ^ine Psychologie des 
unbewusste n Seelenlebens? MeintTTheorie ist diäHntfiTcn-materiaTTsii^ 
sehe Sexualwisse nschaft (« Sex ual Ökonomie».), also keine Psychologie. 
Sie erforscht die Sexualität auch im Psychischen (dialektisch-materia- 
listische Psychologie»). Einige Beispiele sollen zeigen, wie gegen- 
sätzlich Psychoanalyse und Sexualökonomie sind. Freud' s Kulturtheo- 
rie behauptet, dass man «im Interesse der Kultur», die bei ihm ausge- 
sprochen die bürgerliche Kultur meint, auf sexuelles Glück im we- 
sentlichen verzichten müsse. Meine Forschungen auf sexualärztlichem 
und soziologisch-politischem Gebiet führten mich gerade zu der ent- 

149 



Wilhelm Reich 






gegengesetzten Anschauung, dass in der privatwirtschaftlichen, patriar- 
chalischen, kapitalistischen Gesellschaft sexuelles Lebensglück der 
Masse und bürgerliche Kulturentwicklung Gegensätze sind; dass die 
Unterdrückung des Geschlechtsglücks der Masse im Dienste ihrer 
sicheren ideologischen Beherrschung steht; dass jedoch die sozialisti- 
sche Entwicklung der Gesellschaft dies aufhebt und die sexuell ge- 
sunde Lebensfreude der Menschen zu einem zentralen vorwärts- 
treibenden Kulturfaktor macht. Bei Freud ist die Familie biologisch 
unveränderlich gegeben; für die Sexualökonomie ist die Familie in 
Einklang mit Engels und Morgan in der heutigen Form eine einmal 
entstandene Institution, die notwendigerweise einmal ihre Form so 
ändern wird, dass man von Familie nicht mehr sprechen kann. Bei 
Freud stammt das Leiden der Menschen aus einem Trieb, dem soge- 
nannten Todestrieb. Meine gesamte dialektisch-materialistische An- 
schauung von den menschlichen Trieben ging gerade von der Wider- 
legung der Freudschen Todestrieblehre aus und führte den Nachweis, 
dass das seelische Leiden in konkreten Institutionen der patriarcha- 
lisch-kapitalistischen Gesellschaft wurzelt. Ich betone ausdrücklich, 
dass Freud und seine gesamte Schule meine Anschauungen ablehnen 
und mit ihr nichts zu tun haben wollen. Die Entwicklung dieser An- 
schauungen, ursprünglich zwar als «Psychoanalyse» vertreten, führte 
zu meinem Ausschluss aus der Internationalen Psychoanalytischen 
Gesellschaft. Meine Mitarbeiter und Schüler gruppieren sich um das 
«Internationale Institut für Sexualökonomische Lebensforschung». 

Eine Vertretung der fortschrittlichen, naturwissenschaftlichen Er- 
rungenschaften Freuds mir gegenüber ist überflüssig. Ich weiss in 
der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung keinen, der diese 
Errungenschaften besser verstanden hätte und besser zu vertreten 
bereit wäre als ich. 

In der Diskussion um die Stellung der Arbeiterbewegung zur Psy- 
chologie sind seit Beginn zwei Lager vorhanden. Das eine meint, dass 
die Psychologie in der Arbeiterbewegung nichts zu suchen und diese 
nur mit sozialökonomischen Faktoren zu operieren habe. Das andere 
behauptet, dass die Arbeiterbewegung sämtliche Fragen des gesell- 
schaftlichen und durchschnittlichen individuellen Lebens theoretisch 
und praktisch zu lösen habe und ohne Psychologie wesentliche Fragen 
nicht bewältigen könne. Der Kampf wird gewöhnlich ins Leere ge- 
führt, weil die Grundfrage nicht gestellt wird : Welche Psychologie ist 
abzulehnen und welche ist notwendig? Und: Wie ist die Psychologie 
einzuordnen ? 

Die Arbeiterbewegung muss den üblichen psychologischen Syste- 
men mit vollem Misstrauen entgegentreten, weil die offizielle Psycho- 
logie in der heutigen Gesellschaft wesentlich die Funktion hat, die 
sozialökonomischen Grundlagen der Klassengesellschaft und des Klas- 
senkampfes wegzudeuten und zu verhüllen. Man kann nicht «ein we- 
nig Psychologie» und «ein wenig Ökonomie» miteinander mischen; 

150 



Dialektisch-materialistische Facharbeiter 

man kann nicht jede Psychologie nehmen; man muss schliesslich ge- 
nau wissen, welche Art psychologischer Arbeit unerlässlich ist. Ge- 
wöhnlich sind es gerade die Feinde der Psychologie in der Arbeiter- 
bewegung, die die konservativsten psychologischen Anschauungen in 
die sozialistische Bewegung tragen. Bei Freud bedingen die Triebe, 
die ewig und unveränderlich gedacht sind, die Entwicklung der Ge- 
sellschaft. Diese Ansicht ist mit einer dialektisch-materialistischen, 
also umwälzenden Anschauung unvereinbar. Die Triebdynamik der 
Menschen ist selbst von ihren Seinsbedingungen abhängig. Die Psycho- 
logie ist, wenn sie nicht Schaden stiften und der Arbeiterbewegung 
Nutzen bringen soll, nur in einer einzigen Weise einzuordnen. Marx 
und Engels zeigten, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse der Men- 
schen und im speziellen ihre ökonomischen, die Grundlage sind, auf 
der sich alles übrige aufbaut: Moral, Gesetz, staatliche Einrichtun- 
gen etc. Doch darüber, wie sich diese ökonomische Basis in der Trieb- 
slruktur der Menschen auswirkt, war damit nichts gesagt. Die dialek- 
tisch-materialistische Psychologie hat also die Aufgabe, zu erforschen 
und praktisch zu bewältigen, wie sich das soziale Sein der Menschen 
auf die biologischen Grundtriebe Hunger und Sexualität auswirkt, 
und wie sich daraus (nicht die abstrakte «menschliche Natur», wie 
sie der Bürger nennt), sondern der konkrete lebendige Mensch in den 
verschiedenen Schichten herausbildet («Seelische Strukturbildung» ) . 
Die Psychologie kann also nicht erklären, weshalb jetzt in Amerika 
die Arbeiter streiken, sie ist aber unerlässlich zum Verständnis, wes- 
halb Arbeiter in einer ökonomischen Situation, die Vernünftigermassen 
zum Streik drängt, nicht streiken, welchen Hemmungen sie dabei 
unterliegen. Die psychischen Hemmungen zu streiken, entstammen 
selbst äusseren gesellschaftlichen Einflüssen aus der familiären Früh- 
zeit, die sich mit Hilfe ungewusster kindlicher Angst in den Arbeitern 
verankern. Die dialektisch-materialistische Psychologie ist in der Ar- 
beiterbewegung unerlässlich. Sie muss aus dem bürgerlichen Wissen 
herausholen, was anerkannte Tatsachenfeststellung ist, z. B. von Freud 
die Feststellung übernehmen, dass das Kind sexuell ist, dass es ein 
unbewusstes Seelenleben gibt etc. Doch man muss wissen, dass jede 
bürgerliche Forschung an einer bestimmten Stelle umbiegen muss, 
weil sie die Konsequenz von ihren Feststellungen nicht sehen kann und 
nicht sehen will. Die Psychoanalyse in der heutigen Form ist für die 
Arbeiterbewegung schädlich. Man schädigt den Kampf um die Ein- 
ordnung einer umwälzenden psychologischen Arbeit in die Arbeiter- 
bewegung, wenn man die Psychoanalyse als Hilfswissenschaft pro- 
klamiert; dann hat es der Gegner leicht, irgendeinen Artikel aus der 
psychoanalytischen Zeitschrift 1936 abzudrucken und die vernünftigen 
Sozialisten werden mit Recht ablehnen. Doch man wird dabei mit dem 
Bade das Kind ausschütten und über Psychologie nur reden, wenn 
man sich nicht in jahrelanger fachlicher, praktischer Arbeit gründ- 
lich geschult hat, um unterscheiden zu können, was in der vorhande- 

151 



'•■ 



Wilhelm Reich 

nen psychologischen Wissenschaft richtig, was falsch ist, was man 
übernehmen kann, was man ablehnen muss. Man muss gleichzeitig 
in der Arbeiterbewegung praktisch tätig sein, um genau beurteilen zu 
können, wie man einordnet und was man tut. Gerade die wüstesten 
«Kritiker» meiner ungelesenen Anschauungen vertreten die überhol- 
teste bürgerliche Psychologie in der Arbeiterbewegung. Damit komme 
ich zur Notwendigkeit, mich von einer anderen Gruppe abzugrenzen. 
Es gibt Intellektuelle in der Arbeiterbewegung, die richtig fühlen, 
dass es in der Massenpropaganda und auf kulturellem Gebiet an po- 
sitiver und fruchtbarer, aufbauender Arbeit überall fehlt. Sie sagen 
richtig, dass man ohne Psychologie keine Kulturarbeit machen 
kann; denn «Kultur» hat mit menschlichen Strukturen, menschlichem 
Denken, Fühlen zu tun. Überdies hat Hitler mit einer glänzenden 
psychologischen Intuition betreffs der krankhaften Kindlichkeit des 
Massenfühlens die Ökonomisten vernichtend geschlagen. Das ist alles 
psychologisches Tatsachengebiet. Was tun nun viele solcher Intellek- 
tueller? Aus dieser richtigen Einsicht heraus glauben sie sich das 
Recht zusprechen zu dürfen, auf die Funktionäre der Arbeiterbewe- 
gung, die psychologisch nicht geschult sind und daher auch wichtige 
Fragen nicht zu lösen imstande sind, zu schimpfen, ihnen Vorwürfe 
zu machen. Ich möchte unterstreichen und zwar aus meiner eigenen 
praktischen Erfahrung in der Arbeiterbewegung: Man muss erst 
den Beweis vor sich selbst, dann auch vor den anderen, geliefert ha- 
ben, dass man es besser machen könnte als der, den man kritisiert; 
erst dann hat man das Recht, auf den Gegner der kulturellen Aufbauar- 
beit zu schimpfen. Man muss also mit den konkreten Fragestellungen 
der Arbeiterbewegung vertraut sein. Man muss selbst die Schwierig- 
keiten erfahren haben, die besonders in einer Weltsituation wie heute 
einer derartigen Arbeit entgegenstehen. Man muss schliesslich die 
ganze Kompliziertheit und teilweise Ungelöstheit der Probleme ge- 
fühlt und erlebt haben, man muss eine durchführbare praktische Ant- 
wort auf die Fragen haben, ehe man sich aufs hohe Ross der Kritik 
setzt. Es genügt nicht, gefühlsmässig und «prinzipiell» Recht zu 
haben. 

Es gibt eine dritte Gruppe von Intellektuellen und Fachleuten, von 
denen ich mich prinzipiell abgrenzen möchte. Die Tatsachen des Ge- 
schlechtslebens und seiner Beziehung zur psychischen Struktur und 
zur gesellschaftlichen Ideologie wie der Religion, die ich bisher er- 
arbeitet habe, leuchten vielen von ihnen sehr ein. Sie machen die Er- 
fahrung, dass diese Probleme die Menschen überall erregem interes- 
sieren, aktivieren. Es ist dann sehr leicht, die Mechanismen in der 
Sexualität und ihren Störungen zu popularisieren, wenn man dabei 
zweierlei unterlässt: Erstens die Hervorhebung der sozialpolitischen 
Konsequenzen solcher Erkenntnisse, die ich an vielen Stellen meiner 
Arbeit sehr genau und ausführlich dargelegt habe. Zweitens die Bewäl- 
tigung der aufgeworfenen Fragen in der sozialistischen Bewegung. 

152 



-t 



Dialektisch-materialistische Facharbeiter 

Man stellt die Sache ganz einfach und leicht dar, verschweigt die 
Schwierigkeiten, die notwendigen gesellschaftlichen Voraussetzungen, 
ist nicht bereit, die Konsequenzen zu ziehen und zu tragen und hat 
dadurch gerade das Gegenteil von dem erreicht, was man vorgab. Ein 
Beispiel: Ein Schriftsteller dieses Typus könnte einen wunderbaren 
Roman über den Hunger der chinesischen Kulis schreiben, das Sterben 
vor Hunger so packend schildern, dass er innerhalb von zwei Wochen 
zehn Auflagen des Buches verkaufen könnte. Man stelle sich nun vor, 
dass dieser Schriftsteller nichts anderes als dies täte. Er würde da- 
mit nur sadistische Phantasien bei den Lesern hervorrufen und be- 
friedigen; aber für die Frage des Kulis, dessen er sich in dem Buche 
so warm angenommen hat, hätte er nichts geleistet. Denn das Buch 
erreicht den Kuli nicht, und wenn es ihn erreichte, würde er sofort, 
wenn er sein Denken nicht verlernt hat, folgende Fragen stellen: 

1. Was ist jetzt aktuell zu tun, um soweit wie möglich der Not ab- 
zuhelfen? 

2. Wie kann man mit dieser Not prinzipiell und radikal aufräumen? 

3. In welcher Weise willst Du, Schriftsteller, uns den Weg dazu 
zeigen? 

Man muss vor allem den Kuli zum Schriftsteller seiner eigenen 
Sache machen helfen! 

Bücherschreiben über die Not ist leicht, doch den Kampf um die 
Beseitigung der Not zu führen, ist eine ganz andere Angelegenheit. 
Besonders auf sexualwissenschaftlichem Gebiet ist nichts leichter, 
als fortschrittliche Einstellungen in das grosse Publikum einzuschlei- 
chen. Doch das Einschleichen revolutionierender Erkenntnisse ist 
sehr gefährlich. Man weiss nämlich nicht, wann man vom Gegner, 
der ja auch arbeitet und kämpft, infiziert wird. Es ist der Ursprung 
und das Wesen jedes seichten Reformismus, dass man auszieht, um 
mit einer guten Sache den Gegner zu schlagen, um am Schluss vom 
Gegner eingefangen zu sein. 

Konkret: Das aktuelle Liebesglück der Menschen zu propagieren, 
ist sehr einfach. Das wird auch der extremste Reaktionär bejahen. 
Doch die sozialen und erzieherischen Voraussetzungen praktisch schaf- 
fen zu helfen, um das warmherzig propagierte Lebensglück der Masse 
der Menschen praktisch durchzusetzen, führt unmittelbar in den 
Kampf mit allen Mächten des Konservativismus auch in der Arbeiter- 
bewegung hinein. Es ist Irreführung derjenigen, für die man zu schrei- 
ben glaubt, wenn man schreibt, ohne die Konsequenzen und Schwierig- 
keiten anzudeuten, und ohne die Bereitschaft zu haben, für sie zu 

kämpfen. 

Die Arbeiterbewegung hat, sofern sie parteimässig politisch or- 
ganisiert ist, bisher die Umwälzung der sexuellen Verrottung nicht in 
ihr Programm aufgenommen; ja an vielen Stellen ist sie nicht nur 

153 



Wilhelm Reich 

unklar über die Ursachen dieser Not und über Ziel und Weg der 
Abänderung, sondern sie stellt sich sogar gelegentlich feindselig zu 
sexualpolitischen Theorien ein. 

Die bürgerliche Literatur, die Kunst, der Film etc. leben nun zu 
99 % gerade von der Ungelöstheit der sexuellen Seinsfragen. Sehen 
wir von den Schundromanen ab, die auf die brutalste und krankhaf- 
teste Phantasie der unbefriedigten Menschen spekulieren, so finden wir 
in der bürgerlichen Literatur immer wieder gute Arbeiten, die in 
fruchtbarer Richtung ansetzen, d. h. zu einer Lösung der Frage auf- 
rufen und drängen; sie gleiten jedoch immer wieder ab, weil ihnen die 
Zusammenhänge der individuellen menschlichen mit den allgemeinen 
gesellschaftlich politischen Fragen nicht bekannt sind. Sie tun es 
nicht, weil sie schlechte Kerle sind, sondern einfach, weil sie es 
nicht wissen. Sie geraten dann leicht in antisozialistisches, ja reaktio- 
näres Fahrwasser. Es ist eine der Hauptaufgaben der Arbeiterbewe- 
gung, hier nicht etwa zu schimpfen oder beiseite zu stehen, sondern die 
vom Bürgertum aufgeworfenen Fragen aufzunehmen und der Masse 
der Menschen in einer Weise begreiflich zu machen, so dass sie selbst 
befähigt wird, ihre eigenen Lebensfragen in die eigene Hand zu neh- 
men und praktisch zu lösen. Wir können niemals erwarten, dass ir- 
gendein neuer Jesus vom Himmel herabsteigen wird, der etwa das 
so zentrale Lebensproblem der Geschlechtlichkeit der Menschen, ihrer 
Lebenskultur für sie lösen wird. Es gibt keinen Sozialismus ohne die 
bewusste Verwaltung des Lebens durch die Massenmenschen selbst. 
Gute, bekannte, fortschrittliche, ja an vielen Stellen richtig re- 
volutionär gesinnte Schriftsteller greifen also diese Probleme auf, doch 
sie tun es unvollständig, wählen schlechte Beispiele, Probleme, die 
den Massen der arbeitenden Bevölkerung gleichgültig sind; sie baden 
in ihrem Ästhetizismus, den sie von ihrer früheren oder erträumten 
sozialen Lage erworben haben und gelangen daher zu keiner sozialen 
Perspektive; sie schreiben daher «individualistisch», man möchte 
sagen im luftleeren Raum. Doch dies alles ist kein Einwand gegen 
die Richtung, die sie eingeschlagen, gegen das Problem, das sie auf- 
gegriffen haben; wenn auch schief und falsch; sie gehören zu den 
Grundproblemen menschlichen, gesellschaftlichen Lebens. 

Was tun nun heute die «prinzipiell Radikalen», sozusagen wütende 
Marxisten? Sie erklären alles, was diese ehrlichen, zum Sozialismus 
hinstrebenden Schriftsteller und Wissenschaftler tun, für reaktionär, 
überflüssig, der Arbeiterbewegung fremd und damit punktum. Sie 
konstruieren einen Gegensatz von Sexualproblem und sozialistischem 
Problem. Sie glauben, die Arbeiterbewegung gegen die «Schädlinge 
und Marodöre» verteidigen zu müssen. In Wirklichkeit sind solche 
«prinzipielle Marxisten», die ich sehr genau kenne, schwere Sexual- 
neurotiker, die sich nie die Mühe gemacht haben, hier einmal ganz ein- 
fach ins Leben unterzutauchen und sich erst mal dieses Leben ohne 
jede Theorie anzuschauen. Ihr sozialistischer Radikalismus ist ein 
154 



Dialektisch-materialistische Facharbeiter 



Ausfluss einer krankhaften Rebellion gegen tiefe Bindungen an die 
bürgerliche Familiensituation und an bürgerliche Ideologie; sie sind 
von Neid und Minderwertigkeitsgefühlen vor dem bürgerlichen Fach- 
mann gequält. 

Sie haben dies so stark in sich, dass sie sich immerfort beweisen 
müssen, wie «radikal» sie sind und wie «sozialistisch» und wie sehr 
«marxistisch». Als Neurotiker sind sie nicht in der Lage, über das 
Problem der Sexualität ruhig und sachlich zu sprechen und zu den- 
ken. Das Motiv, von dem aus sie an die Fragen herangehen, ist re- 
aktionärer Antisexualismus. Sie haben nicht das geringste Verständ- 
nis dafür, dass die Verrottung des Geschlechtslebens in unserer heu- 
tigen Gesellschaft die Menschenmassen, wovon sich jeder an Hand der 
Literatur, die diese Menschen mit Vorliebe lesen, überzeugen kann, 
zentral beschäftigt und zermürbt. Aber sie sind prinzipielle wütende 
Marxisten! Sie handeln und schreiben aus einem schlechten Motiv 
heraus; nicht um eine Zentralfrage des Lebens besser zu lösen als 
die Bürgerlichen es können; nicht um der Masse in dieser Frage 
wirklich zu helfen; sondern weil sie fachlich und sachlich im Leben 
komplett versagt haben und glauben, in der Arbeiterbewegung ihre 
fachliche und sachliche Unfähigkeit durch radikales Geschrei verdek- 
ken zu können. Diese Ultraradikalen im Geschwätz sind für die Ar- 
beiterbewegung viel gefährlicher als offene klare Reaktionäre. Sie 
kranken an einem sozialistisch verhüllten trockenen Intellektualismus, 
an Prinzipienreiterei, und was das schlimmste ist, sie machen den 
Marxismus, eine lebendige Anschauungsweise und Theorie, unpopu- 
lär, der Masse unverständlich und unbeliebt; denn der Marxismus als 
Methode ist die lebendige Anschauung vom Leben und nicht nur 
Wirtschaftslehre, nicht nur Technik von Tarifabschlüssen mit den 
Unternehmern. 

Es häufen sich in der letzten Zeit mehr versteckte als offene An- 
griffe seitens einzelner Personen, die in Arbeiterparteien eingeschrie- 
ben sind, gegen eine Erneuerung und Befruchtung der sozialistischen 
Arbeit an allen Fronten. Man verknüpft die Kulturdiskussion mit 
meiner Arbeit als dialektisch-materialistischem Sexualforscher und 
Naturwissenschaftler, meist, ohne auch nur eine Zeile von mir ge- 
lesen oder die konkreten Tatsachen aus meiner Arbeit in der deut- 
schen und österreichischen Arbeiterbewegung zu kennen. Man stellt 
mich als «Intellektuellen» hin, als längst abgesplitterten «Aussensei- 
ter» der Arbeiterbewegung; ich wurde aus der KPD erst Herbst 1933 
ausgeschlossen, weil es vorher, so lange ich in der Jugend arbeitete, 
nicht gewagt, wenn auch erstrebt wurde. Meine Stellungnahme zum 
Intellektuellenproblem ist folgende: 

Es hat sich bisher, besonders in der russischen Revolution ge- 
zeigt, dass die Arbeiterschaft ohne die Übernahme, Verarbeitung und 
Korrektur des vom Bürgertum angesammelten Wissens nicht dauerhaft 
siegen kann. Die Intellektuellen sind nun Sachwalter dieses Wissens, 

155 



Wilhelm Reich • 

vom Standpunkt der Arbeiterbewegung meist unverlässliche Sach- 
walter. Doch' das praktische Fachwissen liegt nun mal in ihren Hän- 
den, sei es als Ingenieure, als Ärzte, als Baumeister, als Sexuologen, 
Psychologen, Pädagogen etc. Sie haben also ein Wissen, auf das man 
nicht verzichten kann. Sie verfügen über eine durch ihre soziale Si- 
tuation ermöglichte Übung zu denken; sie sind die wichtigsten techni- 
schen und kulturellen Soldaten des Bürgertums. Sie verfügen über 
eine Eigenschaft, die unsern prinzipiellen marxistischen Luftfechtern 
meist abgeht. Die Intellektuellen haben sehr oft ein völlig eigennutz- 
loses Sachinteresse an der Erkenntnis und an der Bewältigung wissen- 
schaftlicher Probleme. Doch sie haben gleichzeitig Eigenschaften, 
durch die die genannten für den Sozialismus unerlässlichen Vorzüge 
unbrauchbar werden. Sie wehren sich gegen die Identifizierung mit 
der arbeitenden Masse der Bevölkerung meist aus intellektuellem 
Hochmut, aus Angst und Eitelkeit. Man muss wissen, dass die aller- 
meisten Intellektuellen, sofern sie ökonomisch besser gestellt sind, 
was ja nicht bei allen der Fall ist, ein ungeheures Schuldgefühl gegen 
arme Menschen haben. Daraus resultieren dann als Schutz vor sich 
selbst intellektueller Hochmut oder Hyperradikalismus, dieses meist 
nur in Worten; das Gegenstück dazu ist der Hass gegen den Intellek- 
tuellen beim Arbeiter, der dessen Gefühl der Minderwertigkeit ent- 
stammt. Die geistigen Facharbeiter sind indirekte Teilhaber am Ka- 
pitalprofit, sind also unbewusst vom Kapital abhängig; das wollen 
sie wieder nicht wahrhaben und überdecken es mit der Ideologie von 
der «intellektuellen Unabhängigkeit». Wenn ein Intellektueller aus 
Sentimentalität oder auch aus einem Fünkchen Überzeugung zur Ar- 
beiterbewegung stösst, so entpuppt er sich zuerst immer als Besser- 
wisser. Er fühlt sich durch seinen Intellektualismus über die Arbei- 
termasse und deren Organisationseinrichtungen erhaben. Für Klein- 
arbeit im politischen Leben fühlt er sich zu gut, in Wirklichkeit ge- 
niert er sich vor dem Arbeiter und seinen Kollegen. Er hat, meist 
dem Mittelstand entstammend, Scheu vor den «primitiven», «unkul- 
tivierten» Lebensformen des Proletariats. Das hindert nicht, dass er 
sehr oft sich träumerisch die Rückkehr zur Natur ersehnt. Er ist 
meist sexuell gestörter als der durchschnittliche Arbeiter. In der 
Masse der arbeitenden Bevölkerung werden die Sexualfragen ursprüng- 
licher, direkter gestellt; das ist ihm zu «grob». Wenn er dann nicht 
bald sich wieder von der Arbeiterbewegung entfernt, wird er zum 
Vertreter raffiniertester Kulturschmockerei in der Arbeiterbewegung. 
Das sind die wesentlichsten Widersprüche des durchschnittlichen 
ernsthaften intellektuellen Facharbeiters. Ich glaube, dass das Ver- 
halten der Arbeiterorganisationen zu den Intellektuellen diesen Wider- 
spruch nicht zu ignorieren und durch Schimpfen zu erledigen, son- 
dern dass sie auch auf diesem Gebiete eine notwendige Aufgabe zu 
lösen haben: Nämlich den Intellektuellen aus den Grenzen seiner 
Facharbeit im bürgerlichen System heraus gefühlsmässig und ver- 

156 






Dialektisch-materialistische Facharbeiter 

standesmässig zu überzeugen, dass er als Arbeiter sich der soziali- 
stischen Bewegung anschliessen muss. Die Arbeiterbewegung hat 
nicht nur wirtschaftliche, sondern alle schwebenden gesellschaftlichen 
Fragen praktisch zu beantworten. Ihr fehlt das notwendige Wissen in 
breitem Umfange, die Technik etc., sie braucht also die Intellektuellen. 
Die Intellektuellen ihrerseits müssen dazu erzogen werden, dass Kriti- 
sieren und Schimpfen und Besserwissen unzulässig ist, solange keine 
praktische Hilfe in der Bewegung geleistet wurde, solange der Intel- 
lektuelle nicht mit mühseliger und schwieriger Kampfarbeit seine Er- 
kenntnisse in den allgemeinen Rahmen eingefügt hat. Er muss die 
Probleme, die vor der Arbeiterbewegung stehen, praktisch lösen hel- 
fen, nicht als Diener der Arbeiterklasse, sondern in seiner Eigenschaft, 
selbst Facharbeiter zu sein. Nur so kann er die Gewissheit bekom- 
men, dass die dialektisch-materialistische, sozialistische Weltanschau- 
ung auch in Geistesfragen überlegen ist. Doch sie ist nur dann über- 
legen, wenn man nicht als Sozialist sich anmassend benimmt und sich 
auf seine brave sozialistische Gesinnung beruft. Man muss als Sozia- 
list auch wirkliches, tiefes und ernstes Fachwissen haben. Die Be- 
rufung auf die Gesinnung allein genügt nicht. Erst wenn er nach 
langer Zeit praktischer Mitarbeit sich überzeugt, dass ihm in der Be- 
wegung Unwissenheit, ja vielleicht Konservativismus in vielen Fra- 
gen gegenüberstehen; wenn er sich selbst demgegenüber vollkom- 
men als vorwärtstreibender Sozialist und Fachmann fühlt, dann hat 
er nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, den Kampf um die 
Durchsetzung seiner wohlbegründeten Anschauung aufzunehmen. 

Meine Arbeit innerhalb der sozialistischen Bewegung besteht im 
Grunde darin, das Sexualitätsproblem vom Standpunkt des dialek- 
tischen Materialismus zu erforschen und aus dem Scheitern der rus- 
sischen Sexualrevolution zu lernen, wie die Geschlechtsfrage im Mas- 
senmasstabe praktisch und positiv gelöst werden könnte. Ich bin be- 
reit und darauf eingestellt, für die Durchsetzung der Ergebnisse mei- 
ner wissenschaftlichen Arbeit den Kampf aufzunehmen und durch- 
zuführen; doch ich lehne es ab, Verantwortung für Anschauungen und 
Ansichten zu tragen, die ich weder vertrete noch zu schonen ge- 
willt bin. 

Wie sollen wir uns nun gegenüber Angriffen seitens der «Prin- 
zipiellen» verhalten? 

Ich möchte an einem einzigen Beispiel klarstellen, welcher Metho- 
den sich die Skribenten bedienen, um Verwirrung zu stiften und sich 
vor der Klarstellung ihrer eigenen wissenschaftlichen Impotenz zu 
bewahren. Ich hatte in der «Massenpsychologie des Faschismus» und 
in der Arbeit über die Anwendung der Psychologie im historischen 
Materialismus klarzustellen versucht, dass Aktionen der werktätigen 
Menschen, die unmittelbare Notzustände beseitigen wollen, völlig ra- 
tional, d. h. zweckmässig und verständlich sind, ohne weitere psycho- 
logische Erklärung zu benötigen. Dass hingegen seelische Haltungen, 

157 



Wilhelm Reich 



die die Unterdrückung bejahen und dulden, aus der unmittelbar ge- 
gebenen wirtschaftlichen Situation der Betreffenden nicht zu erklä- 
ren sind, denn sie widersprechen ja dieser wirtschaftlichen Lage. Die 
Bremsung, gegen Unterdrückung zu rebellieren und sich sein Lebens- 
recht zu erkämpfen, entspricht inneren psychischen Hemmungen. 
Doch diese psychischen Hemmungen selbst wie etwa Autoritätsgläubig- 
keit und Gefühle der Hilflosigkeit sind seinerzeit durch eine frühere 
gesellschaftliche Einwirkung entstanden. So begründet die frühe fa- 
miliäre autoritäre Erziehung das psychische Versagen in einer späte- 
ren aktuellen Notsituation, in der der Kampf um das Lebensrecht 
das einzig Vernünftige wäre. Was macht daraus der Ignorant? Er 
referiert meine Anschauung wie folgt: «Wenn Arbeiter streiken, weil 
sie zu niedrige Löhne haben oder wenn Hungernde stehlen, so treten 
sie rationell auf, d. h. in Übereinstimmung mit ihrer objektiven Lage. 
In diesem Falle kann ihr Auftreten mit sozialökonomischen Gründen 
erklärt werden.» Das ist richtig wiedergegeben; doch jetzt beginnt er 
zu schwindeln:» . . . Doch wenn sie zu streiken oder zu stehlen unter- 
lassen . . .», nun hat er den Dieb und den Arbeiter in eines gesetzt und 
dadurch den lesenden Arbeiter gegen die ganze Formulierung beein- 
flusst. Es folgt weiter: «oder wenn die Unterdrückten nicht sofort 
auf die Strasse gehen und Barrikaden bauen . .» (jetzt hat er gelo- 
gen, denn das habe ich garnicht geschrieben) «. . mit andern Worten 
irrationell handeln, so hat bisher der menschliche Verstand stillge- 
standen. Erst Dr. Beich hat der Menschheit den Schüssel zu diesen 
rätselhaften Prozessen gegeben.» 

Wie arbeiten also diese Leute? Sie verdrehen die Worte, reissen 
Sätze aus dem Zusammenhang, statt das Gesamtproblem, wie es dar- 
gelegt ist, auseinanderzusetzen; sie beantworten nicht eine einzige 
praktische Lebensfrage, stellen keine andere Lösung an die Seite 
derjenigen, die sie verunstaltet haben. Und diese Schwindler wagen 
dann folgende Worte zu schreiben: «. . . Zu solchen idiotischen plum- 
pen Taschenspielerkünsten muss Dr. Beich greifen, um seine Quack- 
salbermedizin auf den Markt zu bringen. Nur ein unverbesserlicher 
Metaphysiker oder so etwas wie ein Scharlatan kann der Men- 
schen Handlungen in rationelles und irrationelles Auftreten ein- 
teilende.') Ich rate allen unseren Freunden, allen denjenigen 
die begriffen haben, was wir bearbeiten und wie wir an die 
Dinge herangehen, sich in keinerlei Diskussionen mit diesem in- 
tellektualistischen Gelichter einzulassen. Sie sind die geistigen Irr- 
lichter des Sozialismus. Wir müssen den Weg ehrlicher Arbeit an 
der Aufdeckung von vorhandenen Zusammenhängen unbeirrt weiter- 
gehen. Wenn wir solchen Menschen antworten, mit ihnen diskutieren, 
so geben wir ihnen prinzipiell das Becht der Diskussion, erwecken wir 
selbst in den Lesern unserer Arbeiten den Eindruck, als ob die Skri- 
benten aus einem ehrlichen Motiv heraus und mit einem einiger- 
massen gründlichen Wissen an die Kritik unserer Arbeit herantreten. 

158 






Dialektisch-materialistische Facharbeiter 

Wir können nichts anderes tun, als unsere mühsam erworbenen Kennt- 
nisse als einfache Arbeiter den anderen Arbeitenden zu vermitteln, 
ebenso wie wir uns die Erkenntnisse und praktisch brauchbaren An* 
Weisungen anderer Arbeiter zu eigen machen. Wir werden uns von 
niemandem, er sei wer er will und was immer er in den Augen gläu- 
biger Menschen darstellen mag, in dieser Arbeit stören lassen. Ich 
möchte keinen Zweifel darüber lassen, dass wir die Mittel und Wege 
finden werden, um nicht in die Rolle armer, von Banausen misshan- 
delter Märtyrer zu verfallen! Lasst die Schwätzer schwätzen! Sie 
haben nichts zu sagen ! Je mehr sie schwätzen desto mehr werden wir 
gehört. Verweigert jede Diskussion mit ihnen, es sei denn vor aller 
öffentlichkeit der Arbeitenden. Stellt ihnen ganz konkrete Fragen, 
so dass sie auf keinen Fall mehr ausweichen können, z. B. was sie 
selbst praktisch zur Bewältigung des Wirrwarrs unserer Zeit geleistet 
haben. Weist ihnen nach, dass sie genau dasselbe sagen, was die 
extremsten Faschisten und Priester behaupten. 

Fragt sie, 

was sie von Marx gelesen und wie sie es verstanden haben, 

fragt sie, 

was sie auf marxistisch wirtschaftlichem Gebiet ausser edler Ge- 
sinnung geleistet haben, 

fragt sie, 

ob sie jemals mit einer Arbeiterfrau über die Sorge, die Kinder 
während der Arbeit zu behüten, gesprochen haben, 

oder darüber, 

wie eine Mittelstandsfrau mit einem trotzig schreienden, um sich 
strampelnden Kind vernünftigerweise fertig werden kann, 

was man mit Kindern tut, die bettnässen oder in der Schule schlecht 
vorwärtskommen. 

Fragt sie, welche wirtschaftlichen und sozialen Veranstaltungen 
zur Lösung dieser Massenfragen erforderlich sind, und fragt sie das 
ausschliesslich in Gegenwart einfacher, unpolitischer, von Sorgen un- 
terdrückter Menschen. Verteidigt euch nicht gegen sie. Behandelt 
sie nicht so, als wären sie die rechtmässigen Vertreter und Verfech- 
ter der sozialistischen Weltanschauung! Greift sie an, stellt diese 
Kletten des sozialistischen Kampfes in das helle, klare Licht einfachen 
menschlichen Denkens. Lasst sie vor tausenden Arbeitern und An- 
gestellten die Frage beantworten, wie 18-jährige Jungens und Mädels 
die Schwierigkeit, im Liebeserlebnis ungestört zu sein, lösen sollen. 
Stellt sie vor die klare Frage: Was hast du bisher ernsthaft für 
die Klärung auch nur einer der zermürbenden Fragen in dieser Welt- 
situation getan? Sie wissen keine Antwort. Sie haben sich nicht 
einmal die Fragen vorgelegt. Sie verpesten die Luft des politischen 
Kampfes, sie verwirren die ohnedies verwirrten Köpfe. Sie bersten 
vor Eitelkeit, Neid und dem Gefühl der eigenen Unfähigkeit. Lasst sie 
eine einzige menschliche Frage beantworten wie die: Wie sollen die 

159 



Wilhelm Reich 

Frauen ihre Geschlechtsbefriedigung haben, ohne jedes Mal schwanger 
zu werden? Wie wollen sie die Freizeit der Jugend ausfüllen? Der 
Masse der Arbeiter die Arbeit erfreulich und die Freizeit glücklich 
gestalten? Wie erklären sie die Mystik des Nationalsozialismus und 
die Macht dieser Mystik, die sich als faschistische Flut über Europa 
ergoss? Ihr weidet nichts als Stroh entdecken. Führt mit ihnen keine 
gelehrten Diskussionen über Klassenkampf und Parteiprinzipien, son- 
dern stellt sie öffentlich und jedem verständlich zur Rede! Wie wollen 
sie Wohnungen für Millionen Menschen bauen, so dass die Kinder von 
den Konflikten der Erwachsenen nicht zerschlagen werden, dass die 
Ehegatten nicht aneinander kaputtgehen wegen der Gleichzeitigkeit 
von Hass und Liebe; dass Jungs und Mädels nicht mehr an den Ecken 
der Strassen gelangweilt und sehnsüchtig herumstehen; dass Frauen 
nicht zu zehntausenden an verbotenen Eingriffen verbluten; wie ver- 
hindern, dass Millionen Menschen, die keinen Krieg wollen, trotzdem 
in den Krieg ziehen; dass diese Millionen Arbeitende und Schaffende 
den Frieden wollen und einander nicht zur Erkämpfung der gemein- 
samen Lebensfreude finden können; dass die Menschen schuften, 
ohne über die Früchte ihrer eigenen Arbeit zu verfügen! 

Lasst sie unter allen Umständen vor aller Öffentlichkeit über der- 
artige konkrete Fragen Rede und Antwort stehen, gebt ihnen den 
verdienten Tritt, wenn es sich zeigt, dass sie von Marxismus und Sozia- 
lismus geschwätzt haben, ohne vom Leben begriffen zu haben, was 
eine Dirne täglich am eigenen Leibe erfährt. 

Vertraut Eurem eigenen Lebensinstinkt, was richtig und was 
falsch, was menschlich und was unmenschlich, was sklavisch und 
was freiheitlich ist. Lasst euch nicht verdummen und verschwätzen. 
Jeder spontane Gedanke eines völlig ungeschulten Arbeitermädels ist 
wichtiger, produktiver, wertvoller und richtiger als tausend Sätze 
solcher Theologen! 

Erfassen wir die Aufgabe des sozialistischen Facharbeiters: 
Man muss imstande sein, dem durchschnittlichen unpolitischen 
Lehrer in seinen eigenen Schwierigkeiten zu helfen; ihm zu zeigen, 
wie er mit seiner eigentlichen Aufgabe in Konflikt gerät, wenn er 
gleichzeitig ein Freund seiner Schüler und Vollzugsorgan der bür- 
gerlichen autoritären Erziehungsdisziplin sein will. Man muss begrei- 
fen, an welchen Stellen und aus welchen Gründen die biologische 
Forschung heute versagt, das ärztliche Studium seine Aufgabe nicht 
erfüllt. Man muss der Kindergärtnerin praktisch helfen können, die 
Konflikte des Kleinkindes zu begreifen und zu bewältigen. Ja mehr, 
man muss sogar dem ehrlich gesinnten Priester klarmachen können, 
weshalb er bei bestem subjektiven Wollen so wenig ausrichten kann 
mit seiner Barmherzigkeit, wo und wie er im Grunde das Elend er- 
halten hilft. Man muss den Mut aufbringen, auch dem heutigen poli- 
tischen Gegner, sofern er der Masse angehört, Ehrlichkeit seiner Über- 
zeugung zuzubilligen, aber ihm auch begreiflich zu machen, weshalb 

160 



Dialektisch-materialistische Facharbeiter 

seine Anschauung nicht zu dem von ihm selbst erstrebten Ziele hin- 
führen kann. Man muss jedem Jugendgruppenführer helfen können, 
den jugendlichen Konflikt in seiner persönlichen und sozialen Seite 
gründlichst zu verstehen. Man muss an der sogenannten kulturellen 
Front tiefes naturwissenschaftliches, pädagogisches, ärztliches etc. 
Wissen haben, kritisches Wissen und vor allem besseres Wissen als 
der durchschnittliche bürgerliche Fachmann. Diktatorisch Millionen- 
massen in Unwissenheit und Elend halten, ist sehr leicht. Doch Millio- 
nenmassen zu selbständigem Denken, Urteilen und Handeln hinzu- 
führen, erfordert unerlässlich die brutale Ausschaltung des Geschwät- 
zes über die «neue sozialistische Kultur». Es erfordert ehrliches Wis- 
sen, Mut, Energie, Umsicht, Einfachheit, Vielseitigkeit und Gründ- 
lichkeit. 

Für unsere eigene Arbeit wollen wir uns klarmachen: Wenn man 
uns heute vor die Aufgabe stellen würde, grosse gesellschaftliche 
Verbände auf allen Gebieten zu führen, dann würden wir nein sa- 
gen, weil wir's nicht leisten könnten. Doch wir wissen ganz genau, 
auf welchen Gebiete wir uns auskennen und wo und wie wir es besser 
machen könnten als die bürgerlichen Reformer und Wissenschaftler. 
So sehr wir es ablehnen, uns politischen Phantasien zu überlassen, 
so genau müssen wir auch wissen, wofür wir im jeweiligen Augen- 
blicke die Verantwortung übernehmen können und sollen. 

Fürs nächste wollen wir bei unserer schweren Forschungs- und 
Heilarbeit in Ruhe gelassen werden! 

Unsere Ansichten und Absichten sind an verschiedenen Stellen 
unserer Publikationen so eindeutig klargelegt, unsere Ziele in der 
Jugend- und Kindererziehung sowie in der allgemeinen Sexualhygiene 
so fest umrissen, dass uns niemand später den Vorwurf machen kann, 
er hätte es «nicht gewusst». Wir werden uns in unserer Arbeit und in 
der Aufdeckung dessen, was wir erkennen, unter keinen Umständen 
und von niemandem, er sei, wer immer er will, stören lassen. Die 
Borniertheiten und die Niedertracht, die die heutige Welt regieren, 
werden wir nicht mitmachen und wir werden uns von jedem abgren- 
zen, der nicht stark genug wäre, standzuhalten. Dies angesichts einer 
totalen Faschisierung der Welt zu sagen, beruht auf der Überzeugung, 
dass sich irgendwo auf dieser Erde noch ein Platz finden kann, wo 
ein Stück ehrlicher Arbeit durchführbar sein wird. Den Anschluss 
an den grossen Umbruch, der den heutigen Wirrwarr ablösen wird, 
werden wir schon nicht versäumen. 



161 



Aus der sexual- 
ökonomischen Praxis 



Zum heutigen Geschlechtsleben der Jugend 

Ein Vortrag vor Gymnasiasten 
Von August Lange, Mittelschullehrer 

Vor einiger Zeit korrigierte ich einen norwegischen Aufsatz, in dem 
folgender Ausspruch vorkam : «Das ist doch zum Teufelholen, sagt man, 
falls man eben so erwachsen ist, dass man «Teufel» zu sagen wagt.» 
Vielleicht geben diese Worte Ausdruck für die Anschauung, die sehr 
viele junge Burschen vom Fluchen haben: sie haben gehört, dass es 
Unrecht sei zu fluchen, aber sie hören, dass die Erwachsenen es tun. 
In Kameradenkreisen ist es guter Ton zu fluchen, einige tun es aus 
alter Gewohnheit, als eine Selbstverständlichkeit, andere wieder, um 
sich hervorzutun. Das ist etwas, was alle — auch die Lehrer — wis- 
sen. Aber wenn nun ein Junge in einer Schulstunde flucht, kann 
daraus schon eine grosse Affäre werden. Und wenn ein Lehrer sich 
gehen lässt und in der Stunde flucht, werden sehr viele der Schäler 
sich darüber ärgern. 

Was zeigt dieses Beispiel? 

Es gibt eine Moralregel, eine Benehmensvorschrift, die besagt, 
dass man nicht fluchen soll. Viele richten sich in der Praxis nicht 
nach dieser Regel, ja, es kann sogar Sitte und Brauch sein, sie zu 
durchbrechen. Aber alle gehen stillschweigend davon aus, dass diese 
Regel theoretisch eingehalten werden müsse. Man muss so tun, als 
ob sie auch in der Praxis eingehalten werde, und daher muss man 
bei gewissen Anlässen sich verärgert zeigen, wenn sie durchbrochen 
wird. 

Wenn wir nachschauen, wie es sich mit dem Trinken verhält, 
dann finden wir einen ähnlichen. Sachverhalt. Die Leute trin- 
ken, — die Erwachsenen trinken, die Jugend trinkt, und hinterher 
schilt man darüber. Aber fragt man eine Anzahl Menschen, die zu 
trinken pflegen, wie sie zur «Alkoholfrage» stehen, dann wird man 
zu hören bekommen, dass es selbstverständlich verkehrt sei zu trin- 
ken. Nur dass sie es eben gleichwohl tun. 

In der Mittelschule geben wir hin und wieder ein Aufsatzthema, 
das so lautet: «Was kannst du im Heim zu Behaglichkeit und 
Nutzen beitragen?» Wer einen Haufen Aufsätze über dieses Thema 
liest — geschrieben von Jugend im Alter von 15 — 16 Jahren 
- - der wird viele schöne Worte finden über die grosse Bedeutung 

162 









Zum heutigen Geschlechtsleben 

des Heimes, und darüber, dass die Jugend zuhause sitzen und es sich 
am Abend heimisch machen solle. 

Aber von den Eltern hört man eine ständige Klage darüber, dass 
die Jungen an den Abenden «ausschwärmen». Wie hängt das zu- 
sammen? Warum schwärmen denn die Jungen aus, wenn es so mass- 
los behaglich ist, zuhause zu sitzen. Vielleicht ist die Erklärung die, 
dass man in einem Aufsatz das schreibt, von dem man glaubt, dass 
der Lehrer (d. h. alle Erwachsenen) erwartet, dass man es schreiben 
solle. Aber in Wirklichkeit tut man etwas anderes. 

Und sehen wir uns die Stellung der Moral zum Geschlechtsleben 
an, so wissen wir alle, wie das Gebot lautet: »Du sollst nicht ehe- 
brechen » . 

Aber bekanntlich handeln 90 Prozent aller Filme und ein gut 
Teil aller Magazin-Erzählungen von Ehebruch in der einen oder an- 
deren Form. Die Leute füllen die Kinos und kaufen Magazine. 
Warum? Das Sprichwort sagt: «Verbotene Frucht schmeckt am 
besten». Aber warum schmeckt denn die verbotene Frucht soviel 
besser als die erlaubte? Diese Frage möge vorläufig offen bleiben, 
Aber anhand der Beispiele, die ich gegeben habe, können wir ver- 
suchen zu definieren, was man unter doppelter Moral versteht. 

Es gibt eine Moral, die offiziell anerkannt ist und die die Au- 
toritäten verkündigen. Aber gleichzeitig sind sich alle stillschwei- 
gend klar darüber, dass die Menschen in allen Lagen ihr Leben auf 
eine Weise einrichten, die mit den Geboten der Moral im Widerstreit 
steht. Man kann das auch Heuchelei nennen. 

Was die moralischen Autoritäten verlangen, ist 

1) dass man die Moral offiziell anerkennen soll, 

2) dass man so tun soll, als ob man nicht wisse, wie die Dinge 
in Wirklichkeit liegen, 

3) dass man seine Übertretungen der Moralgebote in Heimlich- 
keit begehen soll, so dass die Autoritäten nichts davon zu wissen 
bekommen, 

4) dass man ein schlechtes Gewissen haben soll — oder ein Sün- 
denbewusstsein — wenn man solche Übertretungen der Moralregeln 
begeht. 

Das Ärgernis, das Geheul und die Klagen über den Sittenverfall 
und die Verderbtheit der Jugend kommen erst, wenn eine Übertretung 
der Moralgebote so deutlich und laut vor sich geht, dass die Auto- 
ritäten nicht mehr gut so tun können, als ob sie. nichts sähen und 
hörten. 

Wir wollen uns nun ein etwas umfassenderes Beispiel vornehmen, 
um zu untersuchen, wie dieses System in der Praxis wirkt. Das Bei- 
spiel ist die «Russe»-Sache 1936. Was geschah, war in Kürze fol- 
gendes: 

163 



August Lange 

Am 12. Mai wurde das «Russe» 1 ) -Programm des Jahres auf den. 
Schulen verteilt. Es weckte — laut «Aftenposten» vom 13. Mai — 
«Bestürzung in weiten Kreisen», und auf den Einspruch des Rek- 
torenrates hin zog der Russe-Vorstand das Programm ein und liess 
eine neue, revidierte Ausgabe drucken. «Aftenposten» teilt das in 
einem Artikel mit, der mit folgenden Worten schliesst: «Mehr zu 
sagen sollte in dieser Sache wohl nicht notwendig sein.» Das war 
am 13. Mai. Am 14. fand man in der gleichen Zeitung auf der zweiten 
Seite mit dreispaltiger Überschrift Domprobst Hygens Artikel «Noch 
einmal Russe-Moral». Der Domprobst nennt das Russe-Programm ein 
«schreckliches Schmutzprodukt». «Es ist das Roheste und Schwei- 
nischste, was ich in meinem Leben gesehen habe. Diejenigen, die das 
geschrieben haben, stempeln sich selbst zum Rinnsteinpöbel.» 

Nun war ja freilich das Programm zurückgezogen und es gab nicht 
viele, die es gesehen hatten. Domprobst Hygen sorgte jedoch dafür, 
dass die Abschnitte, die ihn am meisten geärgert hatten, veröffentlicht 
wurden. In einem Aufsatze in «Aftenposten» vom 19. Mai zitiert 
er zwei Abschnitte des beschlagnahmten Programms: Den Aufruf 
«Sünderinnen» und das Lied »Die Nacht ist unser». Gleichzeitig cha- 
rakterisiert er auch die inzwischen herausgekommene Russe-Zeitung 
als ein Schmutzprodukt und greift den Osloer Rektorenrat an, weil 
dieser die Zeitung nicht beschlagnahmt hatte. 

Was taten die «Russe» selber? Am Abend des 14. Mai wurde eine 
Massenversammlung einberufen, die dem Russe-Vorstand ein ein- 
stimmiges Vertrauensvotum erteilte. 

Am gleichen Tag, am 14. Mai, ergriffen indessen 4 Russe die 
Initiative zu einer Protestaktion. Listen gingen auf den Schulen der 
Stadt herum. Am 19. Mai hatten 133 Russe unterschrieben.. Es 
dürfte von Interesse sein zu beachten, dass ein Teil dieser 133 bei 
der Massenversammlung am 14. zur Stelle war und sich auch an 
dem Vertrauensvotum für den Russe-Vorstand beteiligte. 

Untersuchen wir nun, was das Russe-Programm und die Russe- 
Zeitung von 1936 uns über doppelte Moral im allgemeinen und über 
Russe-Moral im besonderen lehren können. 

Das Russe-Programm — jenes, das eingezogen wurde — enthält 
zuerst den Aufruf, den der Domprobst in «Aftenposten» abdrucken 
liess: «Sünderinnen, Hohepriesterinnen in Satans Tempel». Man hat 
gesagt, dass dieser Aufruf deutlich genug ironisch gemeint war, — 
als eine Antwort an Lars Eskeland und seine Gesinnungsfreunde, 
weil sie einige Zeit vorher grundlose Gerüchte über die Russe-Mädel- 
verbreitet hatten. Möglich, dass das richtig ist, aber es kann auch 
sein, dass die Ironie etwas war, auf das man später kam, um sich 
zu entschuldigen. Ich komme auf den Aufruf noch zurück. 



') Die Abiturienten in Norwegen heissen um die Zeit des Examens (Mai) «Russe». 
Einige Dokumente aus dem «Russe-Streit» 1936 wurden in dieser Zeitschrift, 
Heft 3—4 (10/11), Ss. 160 — 164 abgedruckt. 

164 



Zum heutigen Geschlechtsleben 

Das Programm enthält weiter die übliche Übersicht über die Ver- 
anstaltungen der «Russe». Wie alle Russe-Programme im letzten 
Menschenalter ist es gefüllt mit mehr oder weniger wohlgelungenen 
Witzen, viele von ihnen mit schlüpfrigem Inhalt. Aber dieses Pro- 
gramm ist unzweifelhaft besser als viele seiner Vorgänger. 

So kommen nun die Lieder. Einige von ihnen enthalten Hiebe auf 
Eskeland und Gulla Grundt. Aber jenes, das Ärgernis weckte und in 
mehreren Zeitungen abgedruckt wurde, war «Die Nacht ist unser». 
Das Lied ist ziemlich banal und sein Inhalt ist eine Huldigung an 
den Sinnesrausch. Ich kann mich «Dagbladet» anschliessen, das 
schrieb: «Genau solche Refrains werden (auf englisch) jede Woche 
in den Kinos der Stadt gesungen, selbstverständlich, ohne dass ir- 
gendjemand daran Anstoss nimmt. Der Russe von heute ist 20 Jahre 
alt und ziemlich sprachkundig.» — Das war also das Russe-Programm, 
das eingezogen wurde. 

Nehmen wir uns nun die Russe-Zeitung vor, die nicht beschlag- 
nahmt wurde. Über sie kann getrost gesagt werden, dass sie bedeutend 
talentvoller und viel besser gemacht war als Russe-Zeitungen zu sein 
pflegen. Sie hatte eine Tendenz und eine Pointe. Der Leitartikel 
«Blatt vom Mund» enthält u. a. folgendes: 

«Jede Äusserung jugendlicher Lebenskraft wird von den Alten 
mit Wehgeschrei aufgenommen. Das kleinste Zeichen von Lebens- 
entfaltung — und es erhebt sich ein verärgertes Gebrüll von Seiten 
der Ausgelebten und die Zeitungen hallen wieder von: Wir pro- 
testieren ! Wir protestieren ! Wir protestieren ! — Wir können 

sagen, dass die Russen ab und zu über den Strich hauen. Sich gegen 
Moral und Anständigkeit und andere ausgefranste Begriffe versündi- 
gen. Sich versündigen heisst leben. Moral nennen sie es. 

Blutarmut ist das rechte Wort. Moralisten nennen sie sich. Mumien 
ist das rechte Wort. Schutz der Jugend nennen sie es. Racheakt ist 
das rechte Wort. Racheakt gegen die Jugend schlecht und recht, 
weil sie herumgeht und jung ist. So ganz verflucht und unverschämt 
jung. Sowas, darf man nicht dulden. Moral kann man definieren 
als die Haiti • des Ausgelebten gegenüber dem Lebenstüchtigen.» 
Die Zeitung enthält eine Rundfrage unter den Russe-Mädchen 
des Jahres mit dem Titel «Was ist Moral?» Ein Teil der Antwor- 
ten ist bemerkenswert. Eine lautet kurz und gut «Adernverkalkung.» 
Eine andere: «Moral ist etwas, das die Pädagogen herausgefunden 
haben, um ihre mehr freigesinnten Mitmenschen zu Sündern zu ma- 
chen.» Eine dritte: «Moral ist ein Ausdruck der Sehnsucht von Eltern 
und alten Lehrern nach dem, auf das sie selbst in ihrer Jugend 
verzichten mussten». Aber eine der Antworten lautet so: «Moral 
ist Leben in hektischer Entfaltung. Leben in Harmonie mit Natur 
und Trieben.». 

Bemerkenswert ist auch das Lied «Moral der Zeit». Es schildert 
zunächst die Verärgerung darüber, dass es Russen gibt, die «paar- 

165 






August Lange 

weise ins Bett gehen». Aber dann fragt der Verfasser des Liedes, 
ob die Verärgerten nicht selbst die Dinge tun, die sie den Russe ver- 
bieten wollen. 

Wenn wir versuchen, in wenigen Worten die Tendenz zusammen- 
zufassen, die in den von mir verlesenen Zitaten liegt, so muss man 
sagen: Zum ersten Aufruhr gegen die Generation der Väter. Zum 
zweiten Forderung nach Lebensentfaltung, weil Jugend in sich selbst 
Lebensentfaltung ist. Und als Folgerung daraus: Die Forderung, 
ein Geschlechtsleben wie erwachsene Menschen leben zu dürfen. 

So müssen wir weiter fragen: Meinen die Russe von 1936 diese 
Dinge? 

Darauf ist zu antworten, dass nicht die Rede von allen Russe ist, 
sondern nur von denen, die das Programm und die Zeitung redigierten, 
und von denen, die sich ganz dem Russe-Vorstand und der Redak- 
tion angeschlossen haben. 

Aber diejenigen, die diese Dinge geschrieben haben, meinen sie 
das in vollem Ernst, sind sie bereit, ihren Standpunkt in einer Dis- 
kussion zu vertreten und die Konsequenzen daraus in ihrem Handeln 
zu ziehen? 

Auf diese Frage müssen wir sowohl ja wie nein antworten. 

Ja — weil sowohl die Weise «Die Nacht ist unser» wie auch 
die Aufsätze im Russe-Blatt zweifellos aus einem echten Gefühl heraus 
geschrieben sind, aus einem echten Drang nach Lebensentfaltung, 
zugleich mit Sehnsucht nach Liebe und einem echten Aufruhrs- 
geist. 

Aber ich glaube nicht, dass diese Dinge der Ausdruck sind für 
einen bewusst durchdachten Standpunkt zur Moral. Ich glaube sogar, 
wenn man die Verfasser der Russe-Zeitung fragen wollte, dann würden 
sie Abstand nehmen von den Schlüssen, zu denen ich am Ende meines 
Vortrages komme. 

Wenn das richtig ist, dann sehen wir, dass viele und verwickelte 
Fronten sich um die Moral der Jugend streiten. Zunächst einmal 
stehen — im Ganzen gesehen — Alte gegen Junge. Zum zweiten gibt 
es zwei Lager in den eigenen Reihen der Russe selbst: auf der einen 
Seite die 133, die protestierten, auf der anderen Seite die etwa 600, die 
dem Vorstand ihr Vertrauensvotum gaben. Aber zum dritten steht 
der Kampf in jedem einzelnen «aufrührerischen Russe». Das, wo- 
gegen sie sich empören, ob sie es nun «Moral» oder «Altmännergene- 
ration» nennen, das findet sich auch in ihnen selbst. Und gerade dass 
dieser Aufruhr so heftig — und talentvoll — zum Ausdruck kommt,, 
zeigt, dass es starke Kräfte sind, die in den Aufrührern streiten. 

Welche Kräfte sind das? 

Auf der einen Seite Gesundheit und Lebenslust der Jugend selbst, 
das ganze Triebleben. Und das ist in der Wurzel gesund. Auf der 
anderen Seite das Ergebnis von 20 Jahren Erziehung, von «Moral», 

166 



Zum heutigen Geschlechtsleben 

deren Kernpunkt ist: «Du darfst nicht ;-4-». Der rote Faden durch 
die ganze Erziehung hindurch ist ja gerade dies gewesen: Du sollst 
nicht deinen Gelüsten folgen, du sollst sie beherrschen. Das Trieb- 
leben — und das heisst in Wirklichkeit: der Geschlechtstrieb — ist 
gefährlich, ist sündig. Du darfst nicht — . 

Es ist also nicht weiter merkwürdig, dass der Kampf heftig wird. 
Denn, was die aufrührerische Jugend trotz aller Erziehung zu innerst 
weiss, ist, dass der Sinn des Daseins Lebensentfaltung ist. Das ist 
diese innerste Gewissheit, die in den Artikeln, in den Liedern, in der 
Rundfrage zum Ausdruck kommt. Aber gleichzeitig hat sich die An- 
schauung der Erziehung vom Geschlechtstrieb als. etwas Niedrigem 
und Sündigem gründlich im Bewusstsein festgesetzt. 

Im Leitartikel des Russe-Blattes findet sich ein kleiner Satz, der 
in der Nussschale zeigt, in welchem Konflikt die aufrührerische Jugend 
steht. Der Satz lautet so: «Sündigen heisst leben.» 

Was bedeutet das? 

Wer das sagt, hat ein unmittelbares Gefühl davon, dass Leben 
heisst, sich auf allen Gebieten zu entfalten, auch in der Liebe zum 
anderen Geschlecht. Aber wenn er ein Wort für dieses Gefühl finden 
soll, dann stolpert er über die Moralanschauung: Lebensentfaltung 
ist Sünde. Das Ergebnis ist: «Sündigen heisst leben.» Der Satz zeigt, 
wie effektiv die moralische Erziehung gewesen ist, und dass er ge- 
schrieben ist von jemand, der nur halbwegs frei ist, aber sich damit 
herumschlägt, ganz frei zu werden. 

Ein anderer Ausdruck für dasselbe findet sich in dem Aufruf 
«Sünderinnen» im Russe-Programm. Hier wendet sich der Russe- 
Vorsitzende an die Russe-Mädchen und sagt : « Wenn die Jun- 

gens moralisch werden, dann beschwert euch bloss bei mir. Ich will 
euch helfen. Denkt daran, dass keiner an den Gefahren der Russe- 
Zeit vorbeidarf. Alle müssen das ihre tun, um den Jungens ein 
schlechtes Gewissen zu geben P Die Reue wird sie zu besseren Men- 
schen machen.» 

Es ist von geringem Interesse, ob das «ironisch gemeint» ist oder 
nicht. Die Sätze zeigen in jedem Falle die gleiche Zersplitterung: auf 
der einen Seite Aufruhr gegen die «Moral». Auf der anderen Seite 
ein Sprachgebrauch, der ganz mit dieser gleichen Moral übereinstimmt : 
das übertreten ihrer Gebote führt zu schlechtem Gewissen und Reue. 

Nun können wir vielleicht eine neue Antwort auf die Frage «Was 
ist doppelte Moral?» geben. 

Die übliche Moral ist eine doppelte Moral, weil sie in der Gesin- 
nung der Menschen einen Konflikt, eine Zersplitterung, eine Doppelt- 
heit schafft und aufrechterhält. Die Zersplitterung zwischen Trieb 
und Moral, zwischen Lebensentfaltung und Selbstbeherrschung. Diese 
Doppeltheit wiederholt sich auf vielen Gebieten und hat viele Namen. 
Wir finden sie in dem Gegensatz zwischen «der himmlischen und der 

167 






August Lange 

irdischen Liebe», zwischen Geisl und Materie, zwischen Kultur und 
Natur. Und in der Praxis gibt es, wie wir alle wissen, eine Moral für 
Herren, eine andere für Sklaven, eine Moral für Männer, eine 
andere für Frauen, eine Moral für die Älteren, eine andere für die 
Jugend. 

Kehren wir zur Russe-Angelegenheit zurück und sehen wir uns ein 
wenig näher an, was die Verärgerten schreiben. Domprobst Hygen 
behauptet, dass das Blatt der Oslo-Russe voll sei von «Aufforderungen 
zu Völlerei und Unzucht». «Es gibt zwei Strömungen innerhalb der 
Jugend, die eine will weiterhin auf dem Boden der Moral stehen, die 
andere will die Leidenschaften entfesseln». Indessen versichert der 
Domprobst, dass er den Russe «allen nur möglichen Frohsinn und 
Freude» gönne. Unter denen, die um der Jugend willen bekümmert 
waren, fanden sich auch andere, die unterstrichen, dass sie keines- 
wegs «mit Unwillen oder Missbehagen die Lebenslust und Freude der 
Russe ansähen». Nun gab es viele, die gern herausbekommen hätten, 
auf welche Art Lebenslust und welche Freuden man nicht mit Un- 
willen sah. Mumie Gaasegg versuchte, eine Antwort auf diese Frage in 
einer Glosse zu geben, die «Schaut euch das Laub an» hiess und im 
«Dagblad» vom 16. Mai stand: 

«Es ist bedenklich mit dieser Lebenslust, die so umgeht. Nun 
hat die Osloer Schulverwaltung beschlossen, dass sie angemessene 
Formen haben soll. In einem gedruckten Rundchreiben in die El- 
ternhäuser bittet diese Verwaltung, dass man das Seinige tun möge, 
die Lust zu zügeln. Als ob man in den Elternhäusern jemals anderes 
getan hätte. 

Man klagt nicht über den gesunden und natürlichen Ausdruck 
jugendlicher Lebenslust, schreibt die Osloer Schulverwaltung. Man 
soll das bloss nicht in dieser Richtung missverstehen. Man ist libe- 
ral (Denn selbstverständlich könnte ja Grund zur Klage über Lebens- 
lust überhaupt sein, aber nein). Man setzt eine Grenze: nämlich beim 
gesunden Ausdruck. Man hat nichts dagegen, dass jüngere Menschen 
mit dem Hut in der Hand gehen und eine Strophe aus dem Liede 
singen «Juchhe und spring' mit dem wilden Ren». Nein, den unge- 
sunden Ausbrüchen will man zuleibe. 

O diese ungesunden Ausbrüche der Lebenslust! 

— Die gesunde Form besteht darin, dass man sein Mädel 

an der Hand nimmt und das Laub betrachtet, das auf den Bäumen 

spriesst. Wir erlauben euch zu singen. Anständig — umgottes- 

willen — aber singt. Ihr habt ja das Leben und alle Freude daran vor 
euch. Singt nun — und schaut euch das Laub an.'» 

Diese Glosse ist scherzhaft in der Form, aber die Frage, die sie be- 
handelt, ist in Wirklichkeit ernsthaft genug. Im Grunde dreht sich 
ja der ganze Streit um folgendes: Was ist gesunder und was ist unge- 
sunder Ausdruck von Lebenslust? 

168 



Zum heutigen Geschlechtsleben 

über einige Dinge sind wir uns wohl gleich einig: wenn die Russe 
sich volltrinken und im Rausch Unfug in Restaurants und Strassen 
verüben, dann sind das ungesunde Ausbrüche von Lebenslust. 

Wenn alle Russe-Programme «rohe Witze» enthalten, verschleierte 
Andeutungen über Dinge, die mit dem Geschlechtsleben zu tun haben, 
so ist das auch kein gesunder Ausdruck von Lebenslust. (In Paren- 
these bemerkt braucht man nicht erst in den Drucksachen der Russe 
herumzusuchen, um solche Witze zu finden. Die finden sich in ganz 
gewöhnlichen, für Erwachsene bestimmten Witzblättern. Und man 
braucht nicht erst die Jugend aufzusuchen, um rohes Geschwätz zu 
hören. Dergleichen floriert in allen Gesellschaftsschichten, wo Männer 
versammelt sind, am liebsten am Kneiptisch.) 

Wenn wir uns also darüber einig sind, dass die hier genannten 
Dinge ungesunde Ausdrücke von Lebenslust sind, müssen wir die 
Frage stellen: Warum tun die Russe diese Dinge? Lebenslust ist in 
sich selbst gesund, in ihrer Wurzel gesund. Woher kommt es dann, 
dass sie sich Ausdruck gibt in Sauferei, Unfug und rohem Ge- 
schwätz? 

Diese Frage gilt nicht nur dem Russe. Sie gilt aller Jugend, und 
sie gilt allen Ausbrüchen, vom gewöhnlichen Krach und Strassenunfug 
bis zu ernsthaften Gewalttätigkeiten. 

Die Moralisten werden antworten: wenn die Jugend solche Dinge 
tut, dann deswegen, weil die foatur über die Erziehung geht. 

Ich will antworten: Der Grund ist, dass die Erziehung die Natur 
verkrüppelt hat. 

Wenn man einen Wall aufrichtet vor den natürlichen Lebens- 
äusserungen eines Menschen, dann werden Energie, Lebenslust, Drang 
nach Entfaltung, die keinen natürlichen Ablauf finden, sich andere 
Wege suchen — und Verwüstungen anrichten. Saufen, Unfug und ein 
grosser Teil aller Gewaltverbrechen und Neurosen sind der Ausdruck 

D 

einer Lebenslust, die auf Abwege gekommen ist, weil ihr natürlicher 
Lauf versperrt wurde. Die Energie, die Lebenskraft selbst kann näm- 
lich nicht im Menschen ausgerottet werden. Aber sie kann aus ihrem 
natürlichen Bett abgelenkt werden. 

Was sind die natürlichen Lebensäusserungen des Menschen? Nah- 
rungstrieb und Geschlechtstrieb sind die beiden stärksten Triebe. 
Über den Geschlechtstrieb wissen wir, dass er bereits in den aller- 
ersten Lebensjahren des Menschen auftritt und dass er sich mit be- 
sonderer Stärke in den ersten Jahren nach eingetretener Geschlechts- 
reife meldet. 

Aber was tut die übliche Erziehung? Von der frühesten Kind- 
heit an hemmt sie alle Lebensäusserungen des Kindes, verbietet des- 
sen Lusthandlungen, schränkt seine Bewegungsfreiheit ein. Man be- 
gnügt sich nicht damit, dafür zu sorgen, dass das Kind nicht allzu 
störend in das Dasein der Erwachsenen eingreift. Man stellt eine 
Reihe Forderungen über «Wohlerzogenheit», Reinlichkeit und Gehor- 

169 






August Lange 

sam, die in Wirklichkeit unbillig sind auf einer so frühen Altersstufe. 
Wer erinnert sich nicht an die Ermahnungen: «Sitz' nett und still! 
— Iss auf! — Schweig still, wenn die Erwachsenen reden! — Grüss" 
die Dame nett!» Und wenn der Junge »was verkehrt gemacht» hat: 
«Pfui, schäm' dich!» 

Die Kinder lernen - — mehr oder weniger vollkommen — sich nach 
all diesen Geboten zu richten, wenn die Erwachsenen sie sehen oder 
hören können. Was sie sonst tun, darauf wollen wir hier nicht näher 
eingehen. 

Was sagt nun die gewöhnliche Erziehung, die Moral, zu der Ju- 
gend, die das geschlechtsreif e Alter erreicht hat? Sie sagt: Ihr sollt 
euch beherrschen. Ihr sollt «ein reines Jugendleben» führen — und 
das bedeutet im Munde der Moralisten ein enthaltsames Jugendleben. 
Pastor Arne Fjellbu, der sicherlich ein sehr liberaler Mann ist, schreibt 
in seinem Buch «Die christliche Moral, für Gymnasiasten dargestellt» : 
«Selbstbeherrschung ist das Adelszeichen des Menschen. Verlieren wir 
sie und lassen uns von unseren Trieben leiten, versimpeln wir.» 

Wenn nun die Jungen fragen: «Ihr sagt immer, was wir nicht 
tun sollen. Könnt ihr uns nicht erzählen, was wir tun sollen?» — 
dann antwortet Fjellbu: man soll «beschäftigt sein mit nützlichen Auf- 
gaben, gesunde und gute Vergnügungen suchen, ein frisches Kame- 
radenleben führen, körperliches Training in Sport und Leibesübun- 
gen treiben.» 

Pastor Fjellbu ist also auch nicht einer, der mit Unwillen und 
Missbehagen auf die Lebenslust und die Freude der Jugend sieht. 
Die Dinge, die er nennt, sind auch an und für sich lauter wert- 
volle Beschäftigungen. Aber die volle Freude daraus — und die 
volle Fähigkeit dazu — , seinen Anweisungen zu folgen, die bekommt 
man erst, wenn die Erfüllung nützlicher Aufgaben, Vergnügungen, 
Kameradenleben und Leibesübungen sich als Teil in ein ganzes Men- 
schenleben mit einfügen. Und ein ganzes Menschenleben umfasst auch 
ein Liebesleben. — Aber wenn Fjellbu der Jugend diese guten Rat- 
schläge gibt, dann gibt er in Wirklichkeit Anweisung zu Surrogaten. 
Die eigentliche Absicht mit seinen Worten ist: Denkt an was anderes! 
Schaut euch das Laub an! Wartet mit der Liebe, bis ihr erwachsen 
seid! Das bedeutet in dieser Verbindung: Wartet, bis ihr selber ver- 
dient. Dann könnt ihr euch verheiraten. 

Wann können junge Menschen sich heutzutage verheiraten? Die 
Volkszählung von 1930 gibt folgende Zahlen hinsichtlich der Män- 
ner: in der Alterklasse 20 — 24 Jahre sind 935 von 1000 Männern 
unverheiratet, also 65 von 1000 verheiratet. In der Altersklasse 25 
— 29 Jahre sind 651 von 1000 Männern unverheiratet, also 3b9 von 
1000 verheiratet. 

■ Die Jugend, mit der wir uns hier besonders beschäftigen, die 
studierende Jugend, hat eine lange Ausbildungszeit, und wir wissen, 
dass es ausserordentlich wenige sind, die vor dem 25. Jahre verdienen. 
170 



Zum heutigen Geschlechtsleben 

Ihr Heiratsalter liegt also beträchtlich über dem Durchschnitt. 

Das Heiratsalter für Frauen liegt etwas niedriger, aber dafür 
gibt es einen Frauenüberschuss, die überhaupt nicht heiraten kön- 
nen. 

Seien wir optimistisch und rechnen wir damit, dass junge Men- 
schen sich im allgemeinen im Alter von 25 — 30 Jahren verheiraten. 
Die Jungen sollen also nach der Meinung der Moralisten warten von 
der Geschlechtsreife an bis zum Alter von 25 — SO Jahren. 

Das gibt eine ganze Reihe von Wartejahren. 

In der Zwischenzeit sagt man der Jugend: Solange ihr auf die 
Schule geht, habt ihr euch dem zu beugen, was die Schule verlangt. 
Solange ihr zuhause wohnt, habt ihr euch nach dem zu richten, was 

die Eltern sagen. 

Was tut nun die Jugend, während sie wartet? Etliche werden 
Sportsidioten. Andere werden rastlos, interesselos, verschlossen, ein- 
sam, krank im Gemüt. 

Viele von den jungen Männern trinken sich dann und wann voll, 
verüben Unfug, reissen Zoten — und begehen im Rausch sexuelle 
Handlungen, die sie nicht wagen oder überhaupt begehen möchten, 
wenn sie nüchtern sind, weil sie eben «moralisch erzogen» sind. Wir 
sind uns wohl rasch einig darüber, dass diese Handlungen nicht zum 
gesunden Ausdruck von Lebenslust gehören, weil sie im Rausch be- 
gangen werden, dazu mit zufälligen Partnern, die von den jungen 
Männern verachtet werden und die sie nicht lieben. 

Viele — besonders unter den jungen Mädchen — verleugnen 
ihre eigenen Schwierigkeiten und sagen, sie hätten keine sexuellen 
Bedürfnisse. Oft ist das auch wahr, insofern nämlich die Erziehung 
vermocht hat, ihr Triebleben so gründlich zu hemmen, dass sie nicht 
einmal wissen, dass sie eines haben. Und die Moralisten reiben sich 
die Hände nach wohlgetanem Werk: Da kann man sehen, — die 
Jungen würden überhaupt nicht so mit sexuellen Fragen beschäftigt 
sein, wenn da nicht welche kämen und sie mit dem Gerede über diese 
Dinge beunruhigten. Aber die Moralisten vergessen — oder wollen 
nicht erkennen — dass diese «unbekümmerte» Jugend durch die Er- 
ziehung so gründlich mitgenommen wurde, dass sie niemals — auch 
im späteren Leben nicht — die Fähigkeit erhält, ein menschenwürdiges 
Sexualleben zu haben. Die «reinen» jungen Mädchen finden wir 
später als frigide Hausfrauen wieder. 

Es gibt indessen auch einen Teil der Jugend, der mehr oder we- 
niger bewusst mit der üblichen Doppel-Moral bricht und versucht, zu 
anderen, gesünderen und reicheren Lebensformen hinzufinden. 

Ich werde später auf die Schwierigkeiten zurückkommen, die 
dieser Jugend begegnen. 

Bevor wir dazu übergehen, müssen wir uns eine bestimmte Seite 
der doppelten Moral genauer ansehen. Ich sagte vorher, dass es eine 
Moral für Männer und eine andere für Frauen gibt. Jeder weiss, dass 

171 









August Lange 

die Forderung nach geschlechtlicher Enthaltsamkeit ganz anders un- 
bedingt an die Mädchen als an die Jungen gerichtet wird. Ein junges 
Mädchen, das sich über die Forderung der Enthaltsamkeit hinweg- 
setzt, wird viel stärker von der moralischen Verurteilung betroffen 
als ein Junge in der gleichen Situation. Mit den Jungens nimmt man 
es in dieser Hinsicht nicht so genau, da sieht man allseitig gern ein 
wenig durch die Finger, wenn es nur im Verborgenen vor sich geht 
und am liebsten mit bösem Gewissen. 

Was tat der männliche Russ in früherer Zeit? 
Er hatte in ausgedehntem Masse Umgang mit Mädchen aus einer 
anderen Gesellschaftsschicht. Es waren durchaus nicht immer Pro- 
stituierte, aber es waren jedenfalls nicht Mädchen aus dem eigenen 
Kreise der Russe, es waren nicht ihre Kameraden, es waren nicht die 
Töchter der Freunde ihrer Väter. Das Neue, was die grösste Ver- 
ärgerung geweckt hat, ist, dass nunmehr der männliche Russ an- 
scheinend sich Partner unter seinen weiblichen Russe-Kameraden zu 
suchen beginnt. 

Und so kommt der Schrei: Die Tugend der Russemädchen ist 
in Gefahr! Und nun wird der Russ Rinnsteinpöbel genannt. 

Zur gleichen Zeit, als der Russestreit in Oslo raste, kamen Tele- 
gramme aus Stavanger, dass man dort ein Hurenhaus entdeckt habe. 
Mehrere achtbare Rürger der Stadt waren Kunden gewesen. Etliche 
der Mädchen waren minderjährig. Die Osloer Zeitungen nützten 
natürlich diese sensationelle Neuheit aus. Aber ich habe nicht ge- 
sehen, dass von der moralischen Seite her irgend eine Aktion aus 
Anlass der Stavanger-Affäre eingeleitet worden wäre. Es schien, als 
ob das, was in Stavanger vorging, weit weniger unmoralisch war 
als Programm und Zeitung der Oslo-Russe. 

Dieser Fall kann auch ein wenig erzählen von dem, was doppelte 
Moral ist. 

Ich habe versucht durch Beispiele zu zeigen, was ich unter «dop- 
pelter Moral» verstehe. Hoffentlich ist es deutlich genug aus dem 
Vortrag hervorgegangen, dass ich diese Moral — die die übliche ist 
— nicht als sonderlich wertvoll ansehe. Sie ist von Heuchelei durch- 
säuert, und weil sie allen Kindern durch die übliche Erziehung ein- 
gebläut wird, trägt sie in hohem Grade dazu bei, die Menschen 
unglücklich und lebensuntüchtig zu machen. 

Nun hat man das Recht, mich am Schluss zu fragen: Was kann 
an ihre Stelle gesetzt werden? Zu einer ausführlichen Antwort bleibt 
nicht mehr Zeit, aber ich möchte doch einige Dinge hinzufügen. 

Eine gesunde Moral kann nur aufgebaut werden, wenn man den 
Geschlechtstrieb als eine positive, wertvolle Kraft anerkennt. Eine 
gesunde Moral kann nur geschaffen werden in Zusammenarbeit mit 
den Kräften des Trieblebens im Menschen. 

172 










Zum heutigen Geschlechtsleben 

Was antwortet man auf eine solche Überlegung? — Domprobst 
Hygen sagt: Das heisst die Leidenschaften entfesseln! Eine sol- 
che Lehre führt zu Zügellosigkeit, zu moralischem Chaos! — Ist 
nicht die Selbstbeherrschung die Adelsmarke des Menschen? Wenn 
wir uns von unseren Trieben leiten lassen, versimpeln wir! sagt Pa- 
stor Fjellbu. 

Ich antworte: Jeder, der sich in der Gesellschaft umsieht, in 
der wir leben, jeder, der wirklich seine Augen und seinen Verstand 
braucht, wird sehen, dass die Zustände, die wir haben, moralisches 
Chaos sind. 

Haben wir nicht Prostitution? Haben wir nicht Sittlichkeits- 
verbrechen? Leben nicht um uns Menschen, die lebensuntüchtig 
sind, die niemals gewusst haben, was ein glückliches Menschenleben 
sein kann? Alle diese Dinge sind unvermeidlich im Gefolge der dop- 
pelten Moral. 

Für die Moralisten sind die Triebe, die Leidenschaften — oder 
die «Menschennatur», wie sie es auch gern nennen — etwas Böses 
und Gefährliches, etwas, das vor allen Dingen beherrscht werden 
muss. Aber solange die herrschende Moral von diesem Gesichtspunkt 
ausgeht, solange werden wir auch solche Zustände haben, wie wir 

sie um uns sehen. 

In jeder Moral-Debatte muss «die menschliche Natur» als das 
entscheidende Argument herhalten, als eine Art unveränderliches 
Schicksal. Aber diejenigen, die sich auf die Menschennatur berufen 
zur Verteidigung der doppelten Moral, die begehen einen groben 
Fehler in ihrem Gedankengang. Sie verwechseln das, was wirklich 
Menschennatur ist, mit dem Produkt eines bestimmten Erziehungs- 
und Entwicklungsprozesses unter unseren Gesellschaftsverhältnissen. 
Ein fünfjähriges Kind im heutigen Norwegen hat seine Menschennatur 
bereits ziemlich gründlich verändert bekommen. Noch gründlicher 
ist die Natur verändert bei einem zwanzigjährigen jungen Menschen. 
— Das ist wahrhaftig eine eigentümliche Beweisführung: Erst unter- 
drückt man die Menschenkinder durch die Erziehung. Wenn sich 
dann die Ergebnisse dieser Unterdrückung zeigen, dann ruft man: 
Seht wie gefährlich die Menschennatur ist! Hier muss noch mehr 
Unterdrückung dazu! Hier muss Selbstbeherrschung dazu! 

Und damit kommen wir auf die Frage zurück, die ich vorher ge- 
nannt habe: Welche Schwierigkeiten begegnen der Jugend, die ver- 
sucht, eine neue und gesunde Moral zu praktizieren? Diese Jugend 
ist durch die ganze übliche Erziehung hindurchgegangen. Aus Ur- 
sachen heraus, die für das einzelne Individuum äusserst verschieden 
seih können, versucht sie mit der angewöhnten Moral zu brechen. 
Das. ist nicht leicht und es geht nicht ohne Konflikte ab. 

Da ist zunächst der innere Konflikt, über den ich vorhin im Zu- 
sammenhang mit der Russe-Zeitung und den aufrührerischen Russe 
gesprochen habe. Es ist nicht leicht, zu «einem Leben in Harmonie 

X73 




August Lange 

mit Natur und Trieben» hinzufinden — wie eine der Antworten in 
der Russemädchen-Umfrage lautete — wenn man durch alle die 
Jahre zur Disharmonie zwischen Natur und Trieben erzogen wurde. 
Daher kommt so oft etwas Krampfhaftes über die Anhänger der 
neuen Moral. Daher hat man so oft den Eindruck, dass sie aus Trotz 
und nicht in natürlicher Freude handeln. 

Hier muss man auch die wichtigste Ursache zu dem Partner- 
wechsel suchen, der so grosse Verärgerung unter den Vorkämpfern 
der Moral erregt. Erst wenn beide Partner die Fähigkeit zu voller 
Hingabe mit Körper und Gemüt haben, ist die Voraussetzung dafür 
gegeben, dass ein Verhältnis dauernd und glücklich werden kann. 
Aber eine solche Fähigkeit haben nur äusserst wenige von den Men- 
schen, die durch die übliche Erziehung hindurchgegangen sind. Und 
wenn so viele Verhältnisse kaputgehen, dann deswegen, weil einer 
oder auch beide Teile unzufrieden wurden. Sie vermissen etwas — «■ 
und sie suchen es in neuen Verhältnissen. 

Die zweite grosse Schwierigkeit für die Jugend, die mit der übli- 
chen Moral zu brechen sucht, liegt in der Haltung der Umgebung. Die 
meisten Jungen, die ein Verhältnis mit einem Kameraden des anderen 
Geschlechts haben, müssen das geheimhalten. Sie leben in ständiger 
Angst, entdeckt zu werden, sie müssen ständig befürchten, eine Sünd- 
flut moralischer Verärgerung über sich zu bekommen. Besonders 
schwierig wird es, weil die nächste Umgebung die Familie ist, an 
die sie mit starken Banden geknüpft sind. Aber für die meisten 
überschattet ein Problem alle anderen. Andreas Eriksen hat es in 
«Nachher gingen wir* heim» so ausgedrückt: 

«Wohin sollen die jungen Burschen gehen, wenn sie richtig mit 
ihren Freundinnen zusammen sein wollen? 

Sollen sie nachhause gehen? Zu Vater und Mutter?» 
Die dritte grosse Schwierigkeit liegt darin, dass ein Verhältnis 
Folgen in Form von Kindern haben kann. Viele von den Jungen 
haben ausreichende Kenntnis von vorbeugenden Mitteln. Aber viele 
wissen nicht ordentlich in diesen Dingen Bescheid. — Woher sollten 
sie übrigens auch? — Und sie scheuen sich, ordentliche Aufklärung 
zu suchen. Ausserdem kosten vorbeugende Mittel Geld. Daher liegt 
die Angst vor den Folgen wie ein Schatten über so vielen freien Ver- 
hältnissen. Wenige Dinge zeigen besser, wie verrückt die Zustände 
sind. Kinder sollten doch eine gute Gabe für gesunde junge Men- 
schen sein. Aber so ist die Gesellschaft eingerichtet, in der die Jugend 
lebt, dass ein Kind das meist Gefürchlete ist. 

Das Schlussergebnis ist: diejenigen, die ernsthaft und ehrlich 
versuchen, zu einer neuen und gesunden Moral hinzufinden, die haben 
es schwer. Und die Mädchen haben es schwieriger als die Jungens, 
hier wie überall sonst auch. Wenn ich überhaupt einen Rat 
geben soll, dann müsste es dieser sein: Niemand sollte versuchen, 
«freier» zu spielen, als er oder sie wirklich ist. Man muss mit seiner 
174 



L 



" 



Zum heutigen Geschlechtsleben 

Vergangenheit rechnen. Und man muss damit rechnen, dass man 
nicht fähig ist, im gleichen Augenblick auf eine neue Weise zu leben, 
in dem man mit dem Alten theoretisch gebrochen hat. Noch eins: 
Niemand soll einen anderen Menschen zu etwas zwingen, auf das der 
andere nicht von sich aus eingeht. 

Unter der Jugend, die sich der doppelten Moral auf die eine oder 
andere Weise anpasst, sind viele, die an ihren Schwierigkeiten zu- 
grundegehen und noch mehr werden abgestumpft und schlapp für 
das Leben. Auch in den Reihen der «aufrührerischen Jugend» finden 
sich welche, die daran innerlich zerreissen. Aber von den meisten 
gilt es, dass sie an ihren Konflikten wachsen. Sie haben es auf eine 
andere und reichere Weise schwer als ihre «moralischen» Brüder 
und Schwestern. Unter ihrem Kampf um neue Lebensformen lernen 
sie, was wirklich Verantwortungsbewusstsein ist: Verantwortung 
sich selbst gegenüber und Verantwortung gegenüber denen, die sie 

gern haben. 

Sie lernen auch, das Gerede der Moralisten von «Selbstbeherr- 
schung» zu durchschauen, was bloss ein anderer Name für Unter- 
drückung und Verzicht ist. Diese «Selbstbeherrschung» wird über- 
flüssig und fällt von selber weg bei Menschen, die ihr eigenes Trieb- 
leben anerkennen und es seinen natürlichen Bahnen folgen lassen. 
Wer die Fähigkeit hat, einen Partner zu finden und in einem glück- 
lichen und harmonischen Liebesverhältnis zu leben, der wird nicht 
vergewaltigen oder sich an kleinen Kindern vergreifen. 

Aber wenn die Jugend zu einem solchen natürlichen Liebesleben 
gelangen soll, ohne durch aufreibende Konflikte hindurchzumüssen, 
dann müssen Gesellschaft und herrschende Moral das Recht der Ju- 
gend auf Liebesverhältnisse anerkennen und die Erziehung muss von 
den Kinder jahren an von einer neuen und positiven Einstellung zum 
Sexualleben geprägt sein. 

Für die Jugend indessen, die mitten drin in den Schwierigkeiten 
steht, ist es heute ein magerer Trost zu hören, dass eine spätere 
Generation zu glücklicheren und harmonischeren Lebensformen ge- 
langen wird, sofern die Erziehung von den Kinderjahren an ganz 
umgestellt wird. Die heute jung sind, fordern vor allem Hilfe für 
ihre eigenen aktuellen Schwierigkeiten. Ausserdem werden sie mit 
Recht einwenden, dass eine Erziehungsreform allein auch nicht ge- 
nug sein wird, um einer zukünftigen Jugend zu helfen. 

Wir wollen versuchen, ganz kurz zusammenzufassen, welche 
Massnahmen notwendig wären, um der Jugend heute zu helfen. 

Zum ersten müsste man durch sachliche und erschöpfende Auf- 
klärung mit der Unwissenheit und den verkehrten Vorstellungen auf- 
räumen, die heute in der Jugend auf sexuellem Gebiete herrschen. 
Vor allem tut Aufklärung darüber not, welche Rolle ein gesundes 
Geschlechtsleben für die ganze Persönlichkeit spielt, weiterhin Kennt- 
nis von der anatomischen und physiologischen Seite des Geschlechts- 

175 















August Lange 

lebens. Die zweckmässigste Ordnung würde wahrscheinlich die sein, 
dass man Beratungsstellen für die Jugend einrichtete, wo alle, die 
es wünschen, gratis Aufklärung und Anleitung bekommen könnten. 

Zum zweiten müssten diese Stellen gratis oder zu sehr billigem 
Preise Präventivmittel an die Jungen ausgeben, die darum bitten, und 
sie in deren Gebrauch unterrichten. 

Zum dritten müssen junge Menschen, die sich lieben, die Mög- 
lichkeit haben, ungestört beieinander sein zu können. Jeder Mensch, 
der die Geschlechtsreife erlangt hat, sollte volles Verfügungsrecht 
über ein eigenes Zimmer haben. Das ist wahrhaft eine bescheidene 
und selbstverständliche Forderung, aber infolge der immer noch 
herrschenden Wohnungsnot hört sie sich in unseren Tagen vollstän- 
dig utopisch an. 

Zum vierten müsste jede Mutter — verheiratet oder ledig — die 
Sicherheit dafür haben, dass die Gesellschaft ihrem Kinde zurei- 
chende Lebensverhältnisse gewährt, wenn die Mutter nicht imstande 
ist, ihr Kind selber zu unterhalten. Ausserdem müsste bis zum drit- 
ten Monat die Möglichkeit der Schwangerschaftsunterbrechung be- 
stehen und zwar durch einen Arzt in einem Krankenhaus. 

Jeder mag sich selber eine Meinung darüber bilden, wie gross 
die Möglichkeiten sind, dass diese Forderungen im heutigen Norwe- 
gen durchgeführt werden. Es sind durchweg Forderungen, die 
durchgeführt werden können. Und gleichwohl wissen wir, dass 
jede einzelne von ihnen auf erbitterten Widerstand stösst. 

Aber diejenigen, die meinen, dass die Jugend ein Recht auf ein 
Liebesleben hat und die ihr wirklich in ihren sexuellen Schwierig- 
keiten helfen wollen, die müssen auch die praktischen Konsequen- 
zen aus ihrem Standpunkt ziehen. Es ist verantwortungslos, «sexu- 
elle Freiheit» so ganz allgemein zu verkünden, wenn man nicht gleich- 
zeitig fordert, dass die Voraussetzungen geschaffen werden, die ge- 
geben sein müssen, wenn ein Liebesverhältnis junger Menschen 
glücklich werden soll. 



176 



^" 



Aus dem Tagebuch meines Kinderhauses 

(Auszug aus dem Bericht über Michael) 
Von Irma Kessel 

Von einer Kinderhausl eiterin wurden uns folgender Brief und Tagebuchblätter 
zugesandt: 

An die pädagogische Redaktion der Sexpol-Zeitschrift! 

... ich habe folgende Niederschriften vor ein paar Jahren in meinem Kin- 
derhaus gemacht und sende euch einen Ausschnitt, der ein besonders schwieriges 
und gestörtes Kind mit einer schweren Zwangsneurose betrifft. Die Aufzeich- 
ungen laufen durch die Zeit von ungefähr einem halben Jahr und teilweise bin 
ich in meiner Arbeit von der psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft beraten 

worden. 

Ich weiss, dass meine Kindergeschichte mehr Fragen aufwirft als beantwortet 
und weiss, dass meine damalige Art, den kleinen Michael zu behandeln, ihm nur 
sehr teilweise und ganz vorübergehend geholfen hat. Aber vielleicht könnt Ihr 
mir und allen Lesern zeigen, wo die Fehler liegen. 

i. November. 

Heute ist Michael ins Kinderhaus gekommen. Er ist fünf Jahre 
alt. Sein Vater ist der bekannte Schriftsteller X. und sein Onkel der 
berühmte Mathematiker Y. Michaels Mutter arbeitet als Journalistin, 
wobei ihr Hauptthema «das Kind und seine Erziehung» ist. 

Michael war schon vorher in drei verschiedenen Fröbelkindergär- 
ten, in denen man ihn nie länger als drei Monate behalten konnte, 
weil er durch seine «sadistischen Aktionen» alle Kinder gefährdete. 
Seine Eltern zögerten lange, bevor sie sich entschlossen, ihn zu uns 
ins Kinderhaus zu schicken, weil sie fürchteten, dass die Montessori- 
Methode den «frühreifen, überentwickelten Jungen» noch mehr auf- 
regen werde. 

Körperlich ist Michael gesund und normal entwickelt. Trotzdem 
macht er durch die Eigenart, sich zu bewegen, einen abnormen Ein- 
druck: Er stellt die Füsse stark auswärts und dreht die Knie über- 
trieben nach aussen. Dadurch bekommt sein Gang etwas Unge- 
geschicktes. Alle seine Bewegungen haben etwas Eiliges, Greifendes. 
Den Oberkörper hält er nach vorn gebeugt und die Augen wirken, 
als träten sie hervor, als wollten sie dem Körper immer voraus- 
eilen. 

Geistig scheint Michael nicht nur, — wie seine Eltern sich aus- 
drücken, — «überentwickelt und frühreif» zu sein, sondern er ist ein 
ganz aussergewöhnliches Phänomen. Wir werden es wohl nicht 
leicht haben, ihn zu verstehn und ihm gerecht zu werden. 

5. November. 

Michael hat nur für geistige Dinge Sinn und Interesse. Es ist, 
als bestände das ganze Kind nur aus einem Kopf. Heute ist er 

177 






Irma Kessel 

eigentlich schon das, was man landläufig «ein zerstreuter Professor» 
nennt. Zum Beispiel: 

Alle praktischen Arbeiten fallen ihm schwer, er tut sie ungern. 
Trotzdem hat er sofort begriffen, dass man im Kinderhaus möglichst 
alles allein macht. Heute morgen kommt er, — setzt sich breitbeinig 
auf den Boden, beginnt, seine Stiefel auszuziehn, um Hausschuhe an- 
zuziehen, — erzählt dabei zieht den Mantel aus, — erzählt, er- 
zählt, erzählt und merkt garnicht, was seine Hände tun. Er zieht das 
Leibchen aus, die Strümpfe, — da rede ich ihn an und mache ihn 
aufmerksam, dass er sich ja vollkommen auszieht! «Ach so«, sagt 
er zerstreut und zieht sich genau so gedankenlos, wie er sich auszog, 
wieder an. Und dabei erzählt er unaufhörlich weiter. 

Die Komik der Situation wurde ihm überhaupt nicht klar, weil 
er nur mit dem beschäftigt ist, was er mir eben erzählte. 

9. November. 

Spielen kann Michael überhaupt nicht. Dazu hat er keine Phan- 
tasie und keine Lust. Er weiss garnicht, wie man das macht. Im- 
mer beschäftigt er sich mit intellektuellen Fragen. Am liebsten rech- 
net er. Im Garten kommt er zu mir und bittet mich, sieben-bis zehn- 
stellige Zahlen; in den Sand zu schreiben wie: 7 439 862 oder 
2 337 452 765. Dann liest er wie der Blitz: «sieben Million vierhundert- 
neununddreissig Tausend achthundertzweiundsechzig oder zwei 
Billion dreihundertsiebenunddreissig Millionen vierhundertzweiund- 
fünfzig Tausend siebenhundertfünfundsechzig». Oder ich soll ihm 
Rechenaufgaben geben wie 28:7 oder 79 + 532 + 64 — 27. Wenn 
er mal — was selten genug vorkommt, — eine Aufgabe nicht sofort 
lösen kann, verschränkt er die Hände auf dem Rücken, schiebt den 
Kopf weit vor und läuft unruhig, fast gequält hin und her, bis er 
die Lösung weiss. In dem Augenblick aber, wo ich aufhöre, Michael 
Aufgaben zu stellen oder Zahlen zu schreiben, — d. h. mich in der 
Weise, die ihm Vergnügen macht, — privat mit ihm und nur mit 
ihm zu beschäftigen, wird er aggressiv, stürzt sich auf die Kinder, 
würgt sie, schlägt sie, wirft sie zu Boden, schleudert grosse Ziegel- 
steine nach ihnen und wenn sie weinen, lacht er anhaltend und 
nervös. Sowie ein Kind aus irgendeinem Anlass weint, lässt er alles 

liegen, stürzt zu dem Kind, starrt es an lacht schallend und 

quält es mit Stössen, Knuffen, Beissen und Schlagen. 

Alle Kinder haben Angst vor Michael. Aber ich glaube, im Grunde 
hat Michael vor den Kindern noch mehr Angst! 

19. November. 

Zu Gegenständen hat Michael manchmal eine eigenartige Bezie- 
hung. Er scheint sie zu personifizieren. Als er mit der geometrischen 
Kommode arbeitete, griff er plötzlich und spontan nach der Ellipse 
und streichelte sie zärtlich. Zu Hause sprach er dann tagelang von 

178 



Aus dem Tagebuch 

der Ellipse, wie andre Kinder von einem Freund reden. Das war 
am 9. Nov. Heute kommt er mit einer Zeichenfigur zu mir: «Ist 
das die Ellipse?» — «Nein, das ist ein Oval. Die Ellipse ist in der 
geometrischen Kommode». Er packt alle Figuren (ca. 36) aus. End- 
lich findet er die gesuchte Ellipse, nimmt sie zärtlich in die 
Hände, streichelt sie und trägt sie den ganzen Morgen glück- 
lich mit sich herum: «Ich wusste ja, dass ich die Ellipse heute 
wiedersehn würde.» (Er sagt nicht wiederfinden, wie man bei 
einem Ding tut, sondern wiedersehn, als sei sie ein Mensch!) 

Genau so weint er ein anderes Mal tagelang um einen Fächer, den 
er verloren hat. 

Zu den Kindern hat Michael dagegen gar keine Beziehung. Er 
hat keinen Freund, keine Freundin. Als ich ihn einmal deswegen 
fragte, antwortete er mir: «Ich mag keine Kinder leiden. Aber auch 
keine Grossen!» Immer ist er kühl, zurückhaltend, — niemals zärt- 
lich und niemals verlangt er nach Zärtlichkeit. Es ist, als habe er 
sich mit einer Mauer umgeben und diese Mauer ist sein Interesse für 
Zahlen, Abstraktes! Alle toten Dinge schützen ihn scheinbar vor der 
Berührung mit Lebendigem. 

22. November. 

Manuell ist Michael unbeschreiblich ungeschickt. Er kann nicht 
zeichnen und schreiben, — er kann kaum den Bunt- oder Bleistift 
halten. Dagegen konnte er schon mit dreieinhalb Jahren auf der 
Schreibmaschine schreiben. Manchmal schreibt er «mir zu Gefal- 
len», weil er es doch irgendwie irgendmal lernen muss! Aber dann 
sind seine Zahlen oder Figuren so schwach, dass man sie kaum sehen 
kann. Ich glaube, Michaels druckschwache Schrift hängt mit seiner 
Abneigung gegen alles «Schmutzige» zusammen. Vor Sidol, Schuh- 
krem, Bohnerwachs, Ton, allem Weichen hat er einen Ekel. Wenn 
er Kinder sieht, die sich damit beschäftigen, läuft er ängstlich fort. 

Darum spreche ich mit Michael: 

«Warum schreibst Du alles so dünn? Ich glaube, du hast Angst, 
dass du das Blatt schmutzig machst. Aber selbst wenn du das tust, 
ist es ja nicht weiter schlimm. Alle Menschen sind zuweilen schmut- 
zig. Ausserdem kann man den meisten Schmutz wieder wegmachen.» 

Wirklich werden Michaels Zahlen und Zeichnungen kräftiger. 
Aber immer noch wagt er nicht, Farbe anzurühren und geht ins Ne- 
benzimmer, wenn ein Kind in seiner Nähe malt. Will ich darüber 
mit ihm reden, schüttelt er sich nur und sagt «Hu!» oder «Pfui!» 

Zufällig war Michael heute im Waschraum, als Bruno auf die 
Toilette ging. Ich sprach mit Bruno: 

«Schön, dass du nun allein und im Stehn machen kannst, Bruno.» 
Michael stand abseits und bemühte sich, sein brennendes Inter- 
esse zu verbergen. Er hat eine ganz unnatürliche Geniertheit, die 

179 



Irma Kessel 

ich noch nie so stark bei Kindern seines Alters erlebte. Wenn er 
selber austreten muss, — was er so selten wie nur möglich tut, 
vollführt er eine lange Zeremonie von Hinstellen und Hosehoch- 
krempeln, damit er nur ja weder mit den Beinen noch mit den Hän- 
den sein Glied berühren muss, für das er keinen Namen hat. Auf 
mein Fragen sagt er: 

«Das ist das Einzige auf der Welt, was keinen Namen hat!» Ich 
nenne ihm einige Namen, da antwortet er aufgeregt: 

«Du brauchst mir das garnicht erst zu sagen, ich vergess es ja 
doch sofort wieder!» 

«Aber wie sagst du denn, wenn du davon sprichst?» 

«Ich sprech eben nicht davon. Oder sonst sag ich das Ding 
da.» 






3. Dezember. 

Hanne erzählt, dass der Uri schon schreiben kann. Michael hört 
das und fragt: «Mit der Maschine oder mit der Hand?» Er hat nur 
vor letzterem Respekt. Er kann genau wie Erwachsene ganze Briefe 
schreiben und hat auch orthographisch kaum Schwierigkeiten. 

Heute las ich einigen Kindern etwas etwas vor. Eine Stelle in 
dem Buch ist breit, unkindlich und grausam, darum erzählte ich sie 
in kürzerer einfacher, veränderter Form, sah aber dabei ins Buch, 
so dass die Kinder denken konnten, ich läse. Da fährt Michael mich 
an: 

«Was tust du? — Wo steht: Drei junge Füchse? Zeig mir, wo- 
drei junge Füchse steht! Bitte lies richtig!» 

«Michael, kannst du denn lesen?» 

Verlegen errötend sagt er «Ja, etwas». Er hat das bis 
heute vor mir verborgen. — Ich gebe ihm das Buch und er liest den 
Kindern fliessend vor. Er kann verschiedene Druckschriften lesen, 
aber er hat Schuldgefühle, als täte er etwas sehr Verbotenes. Seine 
Kinderfrau erzählt mir: 

«Wenn Michael seine Eltern zu Hause etwas fragt und sie ant- 
worten nicht sofort oder nicht, was er wissen will, so schlägt er 
(mit fünf Jahren!) im Lexikon nach und liest selber, was er wis- 
sen will.» , 






Einige Gespräche von Michael: 

«Gestern habe ich auf der Schreibmaschine «Sascha, Monika, Anne, 
Michael und Marianne» geschrieben. — Einmal bin sich sechsund- 
fünfzig Stunden mit der Bahn gefahren und habe immer im Zug auf 
der Schreibmaschine geschrieben. Da war ich fünfzig Jahre alt (sein 
Vater) und war immer im Büro und habe immer gearbeitet. Da bin 
ich nach Leningrad gefahren. Wenn man nach Garmisch-Parten- 
kirchen reist, muss man in München übernachten. Und wenn man 
nach Schweden will, muss man mit der Fähre nach Hälsingborg 
180 



Aus dem Tagebuch 



oder Malmö oder Trälleborg übergesetzt werden. Einmal, als ich 
fünfzig Jahre alt war, bin ich nach Paris gefahren. Da musste ich in 
Köln übernachten.» (Michael hat keine dieser Reisen wirklich ge- 
macht. Er kann aber sofort jeden genannten Platz auf der Land- 
karte zeigen). Während er so erzählt, rennt er meist wie ein Beses- 
sener herum, reisst an seinen Mantelknöpfen, ohne den Mantel offen 
zu bekommen. 

«Nein, ich komm in die Montessori-Schule.» 

«Ostern kommst du nun ja in die Schule.» 

Nein, ich komm in die Montessori-Schule.» 

«Kommst du zu Fräulein X. oder Y.?» 

«Wer ist das?» 

«Die Lehrerin.» 

«Ich komm zu keiner Lehrerin. Ich komm zu einer Montessori- 
Lehrerin.» 

«Ja, das ist ja eine Montessori-Lehrerin.» 

«Woher weisst du das?» 

«Weil ich auch eine bin.» 

«Aber hier ist doch keine Montessori-Schule.» 

«Nein, aber was ist hier eigentlich?» 

«Hier ist ein Kinderbüro. Hier arbeiten die Kinder.» Und nach 
einer Weile: «Es gibt auch Herrengärten und Damengärten. Da 
können die grossen Leute spielen.» 

Das klingt komisch und amüsant. Aber wer Michael kennt und 
erlebt, wie er redet, kann bange werden, wenn er die ganze Welt in 
seiner Phantasie auf den Kopf stellt. Vater, Mutter und die übrigen 
Erwachsenen als die Älteren, die arbeiten, — er, der noch klein 
ist und in die Schule muss, das kann er scheinbar nicht denken, 
nicht ertragen. 

Dieselbe Verkehrung macht er im Kinderhaus. Wenn er einem 
Kinde Sympathie und Anerkennung zeigen will, betitelt er es «Herr» 
oder «Frau». Aber das ist ganz anders, als wenn andere Kinder 
Erwachsener «spielen». Seine Umgangsform mit den Kindern ist 
absolut unkindlich! Einmal kommt Borris zu mir: 

«Michael schlägt den Jürgen mit einem Brett auf den Kopf. Kann 
ich den Michael dafür mal ordentlich verkeilen?» «Rede doch vor- 
her lieber mit dem Michael.» 

Borris geht zu Michael: 

«Michael, der Jürgen ist erst drei. Das ist gemein von Dir! Du 
bist schon fünf Jahre und zwei Monate! Das ist gemein!» 

Michael hat bereitwillig zugehört. Aber wie Borris sagt: «Fünf 
Jahre und zwei Monate», ruft er erregt: 

«Stimmt nicht, Borris! Stimmt nicht! heute bin ich doch fünf 
Jahre und drei Monate geworden!» 

Ich sehe im Formular nach, — tatsächlich stimmt das Datum. 
Michael schreit Borris an: 

181 



Irma Kessel 

«Gratulier mir, weil ich fünf Jahre und drei Monate bin». 

Borris: «Ich gratulier dir zum Geburtstag.» 

Michael: «Ist doch falsch! Ich hab doch gar keinen Geburtstag!» 

Borris macht völlig verschüchtert, eine tiefe Verbeugung und 
betet seinen Vers: «Ich gratulier dir auch, weil du heute fünf Jahre 
und drei Monate alt bist!» 

«Gut Borris!» sagt Michael, gibt ihm die Hand und geht seinen 
Rundgang von Kind zu Kind, um sich gratulieren zu lassen. Obwohl 
sie ihn fürchten, schenken die meisten ihm Zeichnungen, Kirschen 
oder was sie gerade haben. 

20. Dezember. 

Michaels Aggressionen sind im Freien so heftig, dass ich ihn nicht 
allein mit den Kindern lassen kann. Er wird ihnen lebensgefährlich. 
So bleibt er immer bei mir, bis ich drinnen Ordnung gemacht habe 
und geht dann mit mir raus zu den Kindern. Gestern passierte 
Folgendes: 

Michael: 

«Du denkst wohl, ich sei ungeschickt? Aber ich fall nicht die 
Gartentreppe runter. Ich geh' vorsichtig und mach' auch alle Türen 
hinter mir zu.» 

«Nein, dass du ungeschickt bist, hab ich nicht gemeint. Aber 
ich hab' Angst, dass du die Kinder quälst.» 

«Jetzt ist aber Schluss damit!» 

«Gut.» Da geht er in den Garten und hält, wie die Praktikantinnen 
später erzählen, folgende Ansprachen; mit erhobenen Armen steht 
er in der Sandkiste auf einem Berg, den die anderen Kinder gebaut 
hatten und ruft: 

«Hört ihr, Kinder, — heute ist Schluss! Von heute an werdet 
ihr nicht mehr beissen und schlagen und stossen und kleineren Kin- 
dern Steine auf den Kopf haun! Hört Ihr? Man quält doch keine 
kleineren Kinder!» Alle Kinder antworten im Chor, ohne sich klar 
zu sein, dass er die Anschuldigung gegen sich selber und nicht ge- 
gen sie brauchen müsste: «Ja!» Kein einziger merkt, dass Michael 
die Situation einfach verkehrt. 

Den ganzen Morgen spielt Michael mit den Kindern in der Sand- 
kiste (zum ersten Mal, so lange er bei uns ist!) und hält für sich 
und unter den Andern Ruhe und Ordnung wie ein Schutzmann. Da- 
durch wirkt er wieder wie ein Aussenseiter. 

13. Januar. 

Michael nimmt einen Ast und zählt die Aststellen daran. Da 
setzt Hanne sich neben ihn und sagt: 

«Michael, du bist so klug. Ich glaube, du wirst mal ein Lehrer 
später.» — ■ Sie sagt es wie eine Liebeserklärung und Michael nimmt 
es auch so. Seitdem ist Hanne ihm nicht mehr gleichgültig. Er 

182 






Aus dem Tagebuch 

merkt alles, was sie tut und redet, aber niemals wagt er direkt, mit 
ihr zusammen zu spielen und zu sprechen. 

28. Januar. 

Es ist, als hätte Michael überhaupt keinen Körper. Scheinbar hat 
er Angst, ihn zu fühlen. Vor Gymnastik, Sport und allen rein körper- 
lichen Spielen hat er eine an Grauen grenzende Unlust! Niemals be- *> 
teiligt er sich daran. 

Heute kamen die Zwillinge, die einige Tage gefehlt hatten, wieder. 
Die Zwillinge sind zwei lebendige und sehr zärtliche Jungen von 
drei Jahren. Sie stürmen mit einer wilden Umarmung auf mich zu. 
Ich freue mich auch, die Beiden wiederzusehn und nehme sie herzlich 
in die Arme. Das sieht Michael und läuft dazu: 

«Mich! — Mich!' Nimm mich in deinen Arm! Du sollst mich 
lieb haben!» Nun nehme ich Michael in den rechten und die Zwil- 
linge in den linken Arm. Aber sie schmiegen sich an und Michael 
steht steif und kalt und macht ein verlegenes Gesicht. Der Uri 
umarmt Michael und streichelt ihn. Da fängt Michael sofort wieder 
mit seinen hastigen, zwanghaften Gesprächen an: 

«Uri, bist du älter als ich? Bist du grösser oder kleiner? Nein, 
Uri, du bist kleiner». 

Die Situation, die er heftig und impulsiv gewünscht hat, macht 
ihm, nun er sie erreicht hat, Angst! 

Im März. 

Michaels Aggressionen sind ganz wüst. Im Zimmer, solange er 
sich zu seinen intellektuellen Beschäftigungen flüchten kann, ist er 
ruhig und wirkt wie ein kleiner Erwachsener. Aber sowie er ins 
Freie geht, wo der Motorik mehr Baum und Möglichkeit gegeben 
ist, fängt er an, die Kinder, besonders Hanne, die er eigentlich gern 
hat, zu quälen. Wenn es gefährlich für die andern Kinder wird, 
fordere ich ihn auf, sich neben mich auf die Bank zu setzen, weil 
die Kinder Angst vor ihm haben. «Wie lange? Wie viel Minuten?» 
fragt er dann. 

«Mit Minuten hat das nichts zu tun. Solange, bis du etwas 
ruhiger geworden bist.» 

«Das ist nun!» sagt er und steht auf, um unentwegt, vielleicht an die 
hundert Mal vom Band der Sandkiste zu springen, wobei er irgend- 
welche Worte wie: «Warschauer, Warschauer, — Dessauer, Des- 
sauer!» oder «Heiderassa, Heiderassa, Heiderassasa!» ruft. Dann kann 
man sagen und tun, was man will. Nichts kann diesen Zwang, dem 
Michael unterliegt, brechen. Wenn man ihn anredet, sagt er: «Wie? 
Gleich» und hört nicht hin, was man sagt. Es ist, als zerhacke er 
mit diesem mechanischen Springen, mit dem Takt, in dem er die Worte 
ruft, seine Aggressionen. Oft macht er solche Zwangshandlungen eine 
Viertelstunde und länger und meist beendet er sie, indem er sich wie 

183 



Irma Kessel 

ein tanzender Derwisch um seine eigene Achse dreht und dabei 

schreit: «Warschauer Brücke, Dessauer Strasse, — u. s. w.» Seine 

Aggressionen und Zwangshandlungen stehen also bestimmt in irgend 
einer Wechselbeziehung zueinander. Ich muss dabei immer an Schnee 
und Wasser denken: Es ist ein und dasselbe und doch etwas Ver- 
schiedenes, aber bestimmt ist es eine Energie, die beide speist. 

In der psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft, in der ich Mi- 
chaels Fall seit November bespreche, kritisierte man, dass ich seinen 
Aggressionen nicht freien Lauf Hess und sie, indem ich ihn auffor- 
dere, sich neben mich zu setzen, bremse. Michaels Triebe sollen frei 
werden, sagt man da. Aber was soll ich tun, wenn gleichzeitig neun- 
undzwanzig andere Kinder durch ihn eine Angstneurose bekommen? 
Wenn er die ganze Athmosphäre schwängert und womöglich ein Kind 
totschlägt oder schwer verletzt? — Er soll unter Kinder. Aber wie 
soll man ihm und den andern gerecht werden? Michael bindet zum 
Beispiel kleine Kinder an einen Baum, um sie mit Brennesseln zu 
schlagen. Wenn sie weinen, lacht er. Oder er nimmt einen grossen 
Backstein, den er selber kaum tragen kann und läuft damit auf ein 
Kind zu, um ihm den auf den Kopf zu schlagen. Soll ich dann auch 
nicht seine «Triebe» bremsen? Gespräche helfen garnicht bei ihm. 
Er sagt einfach: 

«Ich hab die Kinder nicht lieb! Sie sollen ruhig sterben. Das 
tut mir nicht weh. Ich hab es gern, wenn ein Kind weint.» 

Aber Michaels Fall ist — wenn auch besonders stark — nur einer 
von vielen. Wenn man einem einzelnen Kind helfen will, schadet 
man oft der Gemeinschaft und wenn man das Interesse der Gemein- 
schaft im Auge hat, leidet das einzelne, besonders das schwierige 
Kind. Doch gerade diese Kinder sollen wiederum auch in einer Ge- 
meinschaft aufwachsen. 

Am schlimmsten sind Michaels Aggressionen, wenn er Hanne sieht. 
Dann will er sich auf sie stürzen, sie würgen und schlagen. Läuft 
Hanne dann in den Hausarbeitsraum und ruft: «Michael, ich bin 
bange vor dir!», so geht er sofort an eine intellektuelle Arbeit, meist 
an das Dezimalsystem. Dann nimmt er manchmal den Tausender- 
kubus zärtlich in die Hand, streichelt ihn und sagt: «Der Tausender- 
kubus und das ganze Dezimalsystem ist das Schönste von der gan- 
zen Welt!» 

Er verkörpert geradezu diese Büro-Maschinen-und Universitäts- 
menschen, welche Bücher, Wissen, Formeln und Abstraktionen an 
Stelle des richtigen Lebens setzen, — die ihren Verstand gebrauchen, 
um mit ihm die Ansprüche ihres Körpers zu zähmen. 

Im April. 

Ich möchte Michael helfen. Aber dazu müsste ich ihn verstehen. 
Ich sehe seine Schwierigkeiten und Symptome. Verstehn aber tu ich 
sie und ihn nicht. 

184 



«. 



Aus dem Tagebuch 

Da ist vor allem die Sache mit Hanne, die er gern hat und am 
meisten quält — , um die er besondere Phantasien zu haben scheint: 

Einmal, als ich Michael fragte: «Was wirst du heute nachmittag 
tun?» antwortete er: 

«Da spiel ich.» 

«Allein?» 

»Nein, mit einem Kind, was noch bei mir wohnt.» — Ich weiss, 
dass er keine Geschwister hat. 

«Wohnt sie im selben Haus wie Du?» — 

«Ja, in der selben Etage.» 

«Wie alt ist sie denn?» 

«Fünf Jahre» (das ist Hanne auch). 

«Und wie heisst sie?» 

«Hanne.» 

«Und wie weiter?» 

«Mehr Namen hat sie nicht.» 

«Wie heisst denn ihre Mutter?» 

«Frau X.» (Er nennt seinen eigenen Namen.) «Meine Mutter ist 
doch ihre Mutter.» 

Dann beginnt er sehr schnell und sehr aufgeregt zu erzählen. Immer 
mehr steigert er sich: «Weisst du, einmal, da ist ein grosser Hund 
gekommen. Der ist immer hinter Hanne hergelaufen. Ich wollte 
noch schrein und ihn wegjagen, — aber da hatte er Hanne schon 
aufgefressen. Und dann hat er alle deine Kinder aufgefressen. Nur 
Heini und Ursel nicht. — Aber dann ist ein noch viel grösseres, 
schrecklicheres Tier gekommen. Das hat Heini und Ursel aufgefres- 
sen. — Aber sei man nicht traurig, dass alle deine Kinder tot waren. 
Es kommen schon wieder neue Anmeldungen. — Und dann sind 
alle Kinder durch eine Maschine gedreht worden. Da sind sie ganz 
orange wieder heraus gekommen. Und dann sind lauter Fische ge- 
kommen und haben sie aufgefressen. — Nur Heini und Ursel nicht. 
Aber dann ist ein noch viel schrecklicherer Fisch gekommen, der hat 
Heini und Ursel aufgefressen. — Da hab' ich noch rufen wollen, — 
aber da waren schon alle tot. Da hab' ich geweint. — Und dann ist 
der Borris gekommen und hat Hanne mit hundert-neunundneun- 
zig grossen Steinen auf den Kopf geschlagen. Da habe ich gesagt: 
«Borris, das darfst du doch nicht.» — Aber da war Hanne schon 
tot — .» 

Morgens hatte Michael einen kleinen Holzkegel mitgebracht. Den 
hatte er wie einen Fetisch mit sich herumgetragen. Aber 1 beim Früh- 
stück hatte er ihn verloren. Das war nun zwei Stunden her. An dieser 
Stelle seiner Erzählung fängt er furchtbar an zu weinen : «Mein Kegel ! 
— Mein Kegel ist weg! — » Zu Hause soll er den ganzen Tag ge- 
weint haben. — (Meint er sich mit Heini und Hanne mit Ursel?) 

Ein anderes Mal beginnt er, alle Formen, Schaufeln und Eimer 

185 






r 



Irma Kessel 

über die Mauer zu werfen. «Michael, warum tust du das? Dann 
haben die Kinder ja nichts zum Spielen.» 

Er läuft aufgeregt hin und her: «Die kommen auch noch. — 
Ich hab' geträumt — da hab' ich alle Kinder über die Mauer gewor- 
fen, den Jürgen und den IM und die Ursel und den Sascha und 
Borris und Marianne, — alle, nur Hanne nicht. — Aber Hanne hab' 
ich dann auch noch hinterher geworfen. — Und dann hab' ich dich 
hinterher geworfen. — » 

Pause. — 

«Dann warst du hier also allein?» 

«Ja, aber dann hab ich mich auch rübergeworfen.» 

Wieder Pause. — 

«Warum hast du denn alle rübergeworfen? Was war denn da 
drüben?« 

«Drüben war es schrecklich! — » und er rennt wie verfolgt fort, 
geht zur Bank und fängt wieder mit seinem zwanghaften Springen 
an: «Warschauer Brücke, — Dessauer Strasse, Warschauer Brücke, 
Dessauer Strasse.» — 



\ 



* 

Was hat das alles zu bedeuten? — Wie kann man ihm helfen? — 

Michael ist ganz ruhig. Wie Hanne in den Baum kommt, rennt 
er wie wild herum und erzählt: «Ich habe geträumt. Alle Kinder 
sind auf ein Dach geflogen, — und alle Kinder haben in einem Bett 
geschlafen. — Das ganze Kinderhaus! — So gross war das Bett. 
Alle Familien, die in einem Haus wohnen, alle in einem Bett.» 

Und zwei Stunden später: «Alle Kinder waren da. Aber du und 
die Detta (seine Kinderfrau) waren nicht da. — Und alle Kinder 
haben gearbeitet und gegessen und geschlafen haben sie auch. Ein- 
mal wollte der Borris die Hanne schlagen. Da hab ich gesagt: «Bor- 
ris, lass das.» — 

«War das im Kinderhaus?» 

«Nein, das war doch in meinem Zimmer. Alle waren doch in 
meinem Bett.» 

«Wer hat denn neben dir gelegen?» 

«Ach, niemand. Das Bett war doch so gross.» Dann rennt er weg. 



Hanne ist verreist. Den ganzen Tag fragt Michael nach ihr. 

«Sag mir, wieviel Stunden fährt man an die See? — Wie lange 
bleibt Hanne fort? — » 

«Hanne kommt erst im September wieder.» 

«Nein, du musst Hanne schreiben oder noch besser telephonieren, 
sie soll schon im August wiederkommen. — Nein im Juli. — Morgen. 
— Morgen soll sie schon wiederkommen.» Er hat richtige Sehnsucht 
nach Hanne. 

«Hast du Hanne eigentlich gern?» 
186 



Aus dem Tagebuch 

Er antwortet nicht. 

«Wen hast du aus dem Kinderhaus am liebsten?» 

«Den Uri. Dich habe ich nur sehr wenig gern und Hanne habe 
ich garnicht gern. Wie ich klein war, habe ich mal meine Detta ge- 
heiratet» (seine Kinderfrau). 

«Bist du nun mit Detta verheiratet?» 

«Nein, nur wie ich klein war. — Nun bin ich mit keinem ver- 
heiratet.» 

«Und wenn du gross bist, wirst du dann eine Frau heiraten?» 

«Ja, Ursel oder Hanne. Aber Hanne am liebsten.» 

Täglich redet Michael jetzt von Hanne. Er spielt, dass er mit 
ihr und ihrer Mutter telephoniert. Oft läuft er lange durch den Gar- 
ten und ruft ihren Namen: «Hanne Lunde, Hanne Lunde — Hanne 
Lunde!» 

Meist nimmt man alles, was kleine Kinder betrifft, so klein und 
unwichtig. Michael hat nach Hanne eine grosse, wehe Sehnsucht. 

Einmal bittet er den Borris: «Du kannst mir doch ein Bild von 
Hanne schenken.» 

«Aber ich hab' doch keins, Michael.» 

«Aber wenn ich dich doch darum bitte!» 

Ich habe eine Photographie von Hanne, die schenke ich dem Mi- 
chael und dieses Bild trägt er wie eine Reliquie mit sich herum, redet 
mit ihm, legt es, — wenn er arbeitet, neben sich. Dann aber hält 
er es wieder dem Borris hin: «Borris, hau Hanne mal!» 

Ich frage: «Warum soll Borris Hanne denn haun?» 

«Weil ich so gern seh', wie sie weint!» Dabei strahlt er über das 
ganze Gesicht. Was tu ich nun mit meinem Wissen, dass er ein 
Zwangsneurotiker ist, dass das sadistische Regungen sind? Ich möchte 
Michael helfen. Aber wie kann ich das? 

26. April. 

Michaels Mutter hat mir erzählt, dass in den Kindergarten, in 
dem Michael vor unserm war, einmal ein kleines Mädchen kam, — 
die hat Hanne Tordsen geheissen und war drei Jahre alt und hat 
drei Stunden lang geweint. Sie meint, dass Michael damals einen 
Chock bekommen habe und dass er daher so «sadistisch» sei. 

27. April. 

Darum erzähle ich Michael eine Geschichte von Peter Luft. «Pe- 
ter Luft» ist der Phantasiejunge, von dem wir beiden reden, wenn 
wir Michael meinen und Michael nicht gemeint sein will. Peter Luft 
spielt Michaels Rolle, wenn die für ihn aus irgend einem Grunde 
nicht annehmbar und unangenehm ist. Der böse, gemeine, grausame 
traurige Michael, der ist immer «Peter Luft». 

Also ich erzähle: «Einmal kam ein kleines Kind in Peter Lufts 
Kindergarten. Das wollte nicht da bleiben. — Das hatte Angst. — 

187 



. 



Irma Kessel 






Da hat es geschrien und geweint, — drei Stunden lang.» Michael 
unterbricht mich: 

«War das bei Tante Mary?» 

«Ich glaube ja.» 

«Ja! Ja! Ich weiss, es war bei Tante Mary!» schreit er aufge- 
regt. «Sag, war es ein Junge oder ein Mädchen?» 

«Ich weiss es nicht genau.» 

«Ein Mädchen war es! Bestimmt! Ich weiss, dass es ein Mädchen 
war! Hiess das Mädchen Hanne Tordsen?» Er ist wahnsinnig auf- 
geregt. 

«Ja, ich glaub' wohl, dass es Hanne Tordsen hiess.» 

«Ja! Ja! Es hiess Hanne Tordsen! Und da hat Tante Mary 
Hanne Tordsen gehaun, nicht?» Er läuft weg. Ich rufe ihn, geh zu 
ihm, aber er wehrt heftig ab: «Ach, erzähl deine Geschichten jemand 
anders! Ich mag das nicht!» 

Besteht eine Beziehung zwischen Hanne Tordsen und Hanne 
Lunde? Ist die Prügelscene erlebt oder phantasiert? Man lernt 
so viel über Kinder. Wie wenig weiss man in der Wirklichkeit oft 
von ihnen! 

Im Mai. 

Auf Anregung der analytischen Arbeitsgemeinschaft erzähle ich 
Michael folgende Geschichte: 

«Es war einmal ein Junge ». 

«Wie hiess der?» 

«Peter». 

«Und wie weiter?» 

«Luft. Peter Luft.» 

«Und wie alt war der?» 

«Fünf Jahre und acht Monate.» 

Nachdrücklich sagt er «Ja!» und jetzt ist er bereit zu hören. 

«Peter Luft hatte immer Angst. — Vor allem war er bange. — 
Er hatte Angst vor Hunden. — Er hatte Angst vor Fischen. — Er 
hatte Angst vor Kindern. — Und vielleicht hatte er auch Angst vor 
grossen Leuten. — Aber vor Kindern hatte er am allermeisten Angst! 
Er glaubte, dass sie ihn mit Steinen werfen und mit Brettern auf den 
Kopf schlagen würden und hinwerfen und würgen könnten. Und 
dabei hatten die Kinder ihn doch lieb und selbst wenn eins ihm wirk- 
lich mal was tat, war das ja auch nicht so furchtbar schlimm. — 
Als Peter fünf Jahre alt war, meinte er: «So ein grosses Kind darf 
keine Angst mehr haben. — Ich will es jetzt anders herum machen. 
Jetzt sollen die Kinder mal vor mir Angst haben ! — Da fing er an, die 
Kinder zu quälen und mit Steinen zu werfen und zu würgen — .» 

In diesem Augenblick springt Michael von der Bank herunter, 
läuft fort und ruft: «Erzähl deine Geschichten dem Sacha und Uri 
und Marianne und Irmgard und den andern Kindern. Ich mag sie 

188 



Aus dem Tagebuch 

nicht leiden. Es sind hässliche Geschichten.» — Jetzt kommen alle 
Kinder nach einander und wollen Geschichten erzählt bekommen. 
Michael steht in einiger Entfernung und hört misstrauisch zu. — 

Zwei Stunden später sitzt er mit gekreuzten Beinen auf dem Ra- 
sen und sieht mich an: «Hör mal — .» 

«Ja?» — 

«Wovor hatte Peter eigentlich Angst?» 

«Ja, dass weiss ich eben nicht. Weisst du es?» 

Mit ganz hastigen Atemzügen sagt er: 

«Vor dem Nicht-Liebhaben vielleicht?» 

«Ja, vielleicht vor dem Nichtliebhaben. — Du denkst manchmal 
auch wohl wir hätten dich nicht lieb? Wir haben dich lieb, Mi- 
chael.» 

Marianne, die dabei gesessen hat, streichelt Michael: «Ja, ich 
hab dich nämlich auch lieb» und Borris sagt: «Michael, du bist 
mein Freund. Willst du einen Berg mit mir baun?» 

«Nein, Herr Borris! Wir wollen lieber ein Auto baun!» 

Michael spielt ruhig mit Borris und Marianne. Aber er macht 
einen niedergeschlagenen Eindruck. 

16. Mai. 

Michael wirft alle Eimer, Schaufeln und Formen über die Mauer 
in den Nachbargarten. Plötzlich kommt er weinend an: 

«Mein Fächer! Mein Fächer ist weg! Ich habe meinen Fächer 
verloren ! » 

Wir suchen den Fächer lange Zeit. Dabei habe ich den Eindruck, 
dass Michael garnichts daran gelegen ist, den Fächer wirklich zu 
finden. Er will nur klagen über irgend etwas Verlorenes, wie er schon 
öfter tat. 

In der analytischen Arbeitsgemeinschaft hatten wir oft darüber 
gesprochen, dass Michael Kastrationsangst habe. Nun benutze ich 
die Gelegenheit, mit ihm zu reden. Ich nehme ihn auf den Schoss 
und erzähle: 

«Ein Buchbinder nahm weisse Pappe und Leinewand, schnitt Strei- 
fen aus der Pappe und klebte einen Fächer daraus. Den Fächer ver- 
kaufte er an einen Laden. Und in dem Laden sah ihn der Doktor 
Klokke. Der kaufte ihn und brachte ihn Mara mit. Mara schenkte 
den Fächer Michael. Aber Michael hatte immer Angst, dass er den 
Fächer verlieren würde. Peter Luft hatte auch dauernd Angst, dass 
er was verlieren würde. Er halte sogar Angst, er könnte seinen Zipfel 
verlieren.» 

«Was ist das?» 

«Wie nennst Du das, womit du Pipi machst?» 

Wie schon etliche Male antwortet er: 

«Das hat keinen Namen. Es ist das einzige Ding auf der Welt, 
was keinen Namen hat!» 

189 






Irma Kessel 

«Denk dir doch einfach einen Namen aus, damit es endlich mal 
einen Namen bekommt, Michael. Peter Luft hat sich den Namen 
«Zipfel» ausgedacht. Manche Menschen nennen es auch «Glied». 

«Nein, es darf keinen Namen haben!» 

«Warum denn nicht?» 

«Weil es unanständig ist!» 

«Es ist doch garnicht unanständig. Garnichts ist so unanständig, 
dass es keinen Namen haben und dass man nicht darüber sprechen 
kann.» 

«Erzähl' weiter! Was war denn mit Peter Luft seinem Zipfel?» 
(Zum ersten Mal spricht er das Wort aus und läuft nicht fort.) «Pe- 
ter Luft hatte ganz einfach Angst, dass er den Zipfel verlieren 
könnte! — Oder dass er abfallen würde. — Oder dass jemand ihn 
wegnehmen würde ! — Das war natürlich Unsinn. Kein Mensch denkt 
daran, Peter Luft seinen Zipfel fortzunehmen. Wer das sagt, der 
lügt. Und wer das versuchen würde, würde bestraft. Aber es will 
überhaupt keiner. Peter Luft wird seinen Zipfel immer behalten 
und du deinen auch und alle Jungen ihre.» 

«Und alle Mädchen ihre!» 

«Nein, die Mädchen haben keine Zipfel. Die Männer und die 
Jungens haben Zipfel. Und die Frauen und die Mädchen haben an 
der selben Stelle ein kleines Loch, das geht in eine weiche, warme 
Tasche.» 

«Warum sind die Männer und die Jungens immer zusammen und 
die Frauen und die Mädchen?» 

. «Die Jungens werden Männer, wenn sie gross sind und die Mäd- 
chen werden Frauen. Du wirst später ein Mann. Und ich war ein 
Mädchen, als ich klein war.» 

«Ja, und Mutti war ein Mädchen früher und Detta auch, mit ei- 
nem Loch und einer kleinen Tasche. Und Vati war ein Junge und 
hat einen Zipfel wie ich.» 

«Ja, nur grösser. Deiner wird auch grösser, wenn du selber 
wächst — .» - 

Solange ich Michael kenne, sitzt er heute zum ersten Mal still und 
ruhig ohne seine hastigen, nervösen, zappeligen Bewegungen und lehnt 
sich an. Da ist nichts von seiner sonstigen Steifheit und Gehemmtheit. 

«Du bist wirklich sehr klug!» sagt er mittags beim Abschied aner- 
kennend und macht eine tiefe Verbeugung. 

24. Mai. 

Heute waren wir im Zoologischen Garten. Michael ging den gan- 
zen Tag nicht von meiner Seite und fragte bei jedem neuen Tier: 
«Ist das ein Vater*- oder ein Muttertier? — Woher weisst du das? — » 
Wenn ich ihm dann bei den männlichen Tieren das Glied zeigte, . 
war er zufrieden und sagte manchmal wieder: «Du bist wirklich 
klug!» was er in den letzten Tagen wiederholt äusserte. 

190 






, Aus dem Tagebuch 

26. Mai. 

Frau X. hat mich eingeladen. Ich soll mit ihr über Michael spre- 
chen, — wegen «Aufklärung». 

29. Mai. 

Heute -war ich bei X. 

Vor der Tür höre ich schon Michael's aufgeregte Stimme. Er 
ist ausser sich vor Freude, dass ich ihn besuche. Jetzt zeigt er manch- 
mal spontane Äusserungen und Affekte, die ganz gesund sind. Früher 
waren wüste Aggressionen seine einzigen Affekte. Alles andere war 
gelähmt. 

Michael hat ein eigenes, sehr schönes Zimmer, aber wenn man 
danach auf den kleinen Bewohner schliessen sollte, bekäme man ein 
sehr verkehrtes Bild von ihm : Auf einem Bord über seinem Bett sitzen 
sieben kleine weisse Stoffhasen, süsse Hasen, über die ein anderes Kind 
sicher beglückt gewesen wäre. Aber ich bin überzeugt, dass Michael 
sie noch nie angesehn und richtig mit ihnen gespielt hat! Dagegen 
zeigt Frau X. sie mir strahlend ! Sie sind scheinbar ihr Spielzeug oder 
das Spielzeug ihres gewünschten, ersehnten, geträumten Kindes, was 
spielerisch und kindlich ist und ihr eine kleine Puppe sein kann. 
Dann zeigt sie mir den grossen weissen Spielschrank, in dem das neu- 
ste, modernste, teuerste Spielzeug liegt, fein geordnet, aber schein- 
bar nie berührt. «So ist er! Wie manches Kind würde glücklich 
damit sein!» sagt sie vorwurfsvoll. — Aber Michael fasst mich ener- 
gisch bei der Hand, um mir seinen Schreibtisch zu zeigen, einen klei- 
nen Tisch, den er in einen Schreibtisch gewandelt hat. Für das Geld, 
was die teuren Spielsachen kosteten, hätte man wohl einen kleinen 
Kinderschreibtisch bauen können. Aber das ist nichts für Kinder. 
Kinder müssen spielen. Michaels Mutter ist doch Spezialistin auf 

diesem Gebiet! Sie muss es ja wissen. Über dem «Schreibtisch» 

hängt eine Tafel mit Zahlen und daneben die Tafel des Pytagoras. 
Papiere, Zahlenblätter, Bücher, ein Lineal und ein Zentimetermass 
liegen in Michaels .zwangshafter Weise symmetrisch geordnet da und 
in der Mitte, sozusagen als Zentrum von allem Schönen, Interessanten, 
Lieben, steht die Photographie von Hanne. 

«Oft wünsche ich mir, wir hätten ein Mädchen bekommen! Er 
hat so niedliche Sachen! Aber Zahlen! Zahlen! und immer wieder 
Zahlen! Es macht gar keinen Spass!» sagt Frau X., die in der literari- 
schen Welt «Kennerin der Kinderseelen» genannt wird! 

Wie wir ins Nebenzimmer gehn wollen, protestiert Michael : 

«Sie gehört doch in mein Kinderhaus! Ich nehme dir deinen Be- 
such doch auch nicht weg ! » Wir reden ihm zu, die. Zeit mit seiner 
Mutter zu teilen : Die erste Hälfte gehört ungestört ihr und die zweite 
ungestört ihm. Damit ist er einverstanden. 

Michaels Mutter fragt mich, wie ich «zur Aufklärung kleiner Kin- 
der» stände? Eine Bekannte hat ihr gesagt, sie solle Michael «aufklä- 

191 



Irma Kessel 



ren». Nun wolle sie mich fragen, ob er dazu nicht viel zu klein sei? 
— Sie will eine Befreiung von dieser unangenehmen Pflicht. Aber 
die kann ich ihr leider nicht geben. 

«Zu klein ist Michael bestimmt nicht! Ein Kind, das mathema- 
tische Aufgaben löst, das Fragen, die man ihm ungenügend beantwor- 
tet, selber im Lexikon nachschlägt, das soll zu klein sein, um über 
seinen eigenen Körper zu erfahren, was es wissen will? Nein!» 

«Würden Sie einem Kind denn die ganze Wahrheit sagen?» 

«Natürlich!» 

«Ja, wenn es fragt, vielleicht. — Aber Michael fragt ja garnicht. 
Er will ja garnicht sowas wissen. Er ist so unschuldig!» 

«Bei uns fragt er aber doch nach diesen Dingen.» 

«Wie? Mein Michael? » 

«Ja, Michael!» 

«Wieso? Was fragt er denn?» 

#Na, zum Beispiel nach dem Unterschied von Jungen und Mäd- 
chen. Und im Zoo neulich nach den Erkennungszeichen von weibli- 
chen und männlichen Tieren.» 

Sie ist sprachlos! — «Also uns fragt er sowas nicht! Wie erklä- 
ren Sie sich, dass er mich das nicht fragt, wo er doch alle Fragen 
beantwortet bekommt?» 

«Er will ja immer gross sein! Vielleicht denkt er, dass ihn Fragen 
hier in einer Umgebung von lauter Erwachsenen zum Kinde stem- 
peln würden?» 

«Nein! Nein! Er fragt ja andere Dinge! — Sagen Sie mir, klären 
Sie die Kinder im Kinderhaus auf?» 

«Was meinen Sie damit? Ich finde es ganz falsch, feierliche, offi- 
zielle »Aufklärungen» zu geben und die sexuelle Frage anders zu be- 
handeln als irgend eine andere. Aber natürlich beantworte ich alle 
sexuellen Fragen genau so wie jede andere Frage. Und die Kinder 
fragen viel nach sexuellen Dingen.» 

«Ja, was sagen Sie denn zum Beispiel?» 

Sie ist ganz hilflos und fassungslos. Sie wagt nicht, das, was 
ich sage, falsch zu finden. Aber sowas hat sie denn doch noch nie 
gehört. — 

«Zum Beispiel sprechen wir über den Unterschied von Jungen und 
Mädchen.» 

«Was sagen Sie denn über die Geburt der Kinder? Das erklären 
Sie doch nicht?» 

«Natürlich erkläre ich das, sogar sehr genau. Ich erkläre den 
Kindern den Vorgang der Zeugung und die Schwangerschaft und die 
Geburt. Ich erkläre ihnen, dass der Mutterleib das Zarteste und Weich- 
ste und Wärmste ist, was es auf der Welt gibt. Und dass so ein klei- 
nes, ungeborenes Baby noch so empfindlich ist, dass es sterben würde, 
wenn es das helle Licht, die warme und kalte Luft, den Lärm und all 
die andern Einflüsse der Aussenwelt erleben müsste. Darum trägt 

192 






Aus dem Tagebuch 

die Mutter es in ihrem Bauch und schützt und ernährt es da, bis es 
gross genug ist. Dann lässt sie es durch das Loch zwischen ihren Bei- 
nen raus. Das nennt man: «Das Kind wird geboren.» Alle Kinder ver- 
stehen das.» 

«Aber das ist doch nicht wahr, dass Sie den Kindern den Vorgang 
der Zeugung erzählen? Dann müssten Sie doch vom Geschlechtsakt 
mit ihnen sprechen?» 

«Das tu ich auch. Ich erkläre ihnen, dass der Mann und die Frau 
verschieden gebaut sind, gerade so, dass das Glied des Mannes in die 
Tasche der Frau hineinpassl. Und wenn sie sich sehr lieb haben, 
wollen sie ganz nah beieinander sein. Dann taucht der Mann mit sei- 
nem Glied in die Tasche der Frau und die fühlen, wie sie nah bei- 
sammen sind und das ist sehr schön und tut ihnen gut. 

Und wenn sie ein Kind haben wollen, spritzt der Mann der Frau 
von seinem Samen in diese warme kleine Tasche. 

Dann sucht der kleine Same sich ein kleines Ei von der Frau. Und 
die legen sich zusammen, ganz nah, — so nah, dass sie verschmelzen, 
wie zwei Wassertropfen verschmelzen können, wenn sie ganz zusam- 
menkommen. Und aus dem Samen und dem Ei zusammen wird dann 
allmählich der kleine Mensch. Ich zeige den Kindern auch die Bil- 
der eines Embryo und eines Fötus. Es interessiert sie. Sie verstehen 
das alles gut und leicht. Sie sind selber im Zustand des Wachsens. 
Alles, was wächst, ist ihnen nah, interessant und begreiflich. Immer 
wieder wollen sie die Bilder sehen von den Samen und den Eiern und 
den kleinen Zellen und dem kleinen Fötus, der immer etwas grösser 
und immer etwas menschenähnlicher wird. Daran haben sie viel 
Freude. «Nun ist er bald ein Baby!» — «Nun kann er aber wirklich 
bald geboren werden!» reden sie dabei.» 

Jetzt gesteht Michaels Mutter, dass sie ihm bis heute das Märchen 
vom Klapperstorch erzählt hat! — 

«Ja, dann versteh ich auch, warum Michael Sie nicht nach sol- 
chen Dingen fragt! Er ist doch viel zu intelligent, um auf solche Mär- 
chen reinzufallen. Sie haben ihn nicht ernst genommen. Woher soll 
er da Vertraun haben?» 

Ja, sie will Michael «aufklären», um «sein Vertraun zu gewinnen!» 
und ihm zu zeigen, dass sie ihm Alles sagt. Aber wie? 

«Ich habe mir ausgedacht, es ihm an Blumen zu erklären. Er soll 
selber Blumen säen und dann beobachten, wie sie wachsen.» — Sie 
ist sehr stolz auf diesen entzückenden Einfall. Aber auch den muss 
ich ihr wieder zerstören. 

«Bei Blumen ist es doch aber anders als bei Menschen ! Das kann 
ein Kind ja nur verwirren! Warum wollen Sie denn ein Gleichnis 
nehmen und nicht alles einfach ohne schöne Umschreibungen sagen? 
Die Wirklichkeit ist viel wunderbarer als alle Märchen und Symbole 
und Dichtungen! Kinder lieben die einfache, wahre Wirklichkeit!» 

Jetzt wird Frau X. vollkommen nervös: «Mein Gott, so sagen Sie 

193 



Irma Kessel 



mir doch, wie ich es machen soll ! Es ist doch mein erstes Kind. Ich 
bin in einem Pensionat aufgewachsen. Wir waren fünfzig junge Mäd- 
chen, meist aus Offizierskreisen. Uns hat niemand aufgeklärt. Vor 
der Ehe hab ich nichts um all diese Dinge gewusst. Aber wir sind 
auch gross geworden!» 

«Natürlich sind wir alle gross geworden. Ob wir aber gesund 
und glücklich geworden sind? Ob diese Erziehungsfehler nicht viel 
Schuld haben an all den Schwierigkeiten, die wir im Leben haben? 
Irgend etwas ist bei Michael doch nicht richtig. Wir wollen ihm doch 
helfen.» 

«Ja, ja. Aber sagen Sie mir nur wie.» 

Dann gehen wir zu Michael hinüber. Diese Zeit jetzt gehört ihm. 
Er hat nicht ein einziges Mal gestört, als ich bei seiner Mutter war. 
— Aber sie drängt sich jetzt immer wieder dazwischen: «Sag mal, Mi- 
chael, die J. hat mir gesagt, dass du soviel fragst im Kinderhaus. Wa- 
rum fragst Du mich denn nicht?» Sie bemüht sich, liebevoll und 
freundlich zu ihm zu sein. Aber das ist keine echte Liebe. Sie sieht 
und kennt ihn garnicht, wie er ist, sondern sie hat eine «Kind- Vor- 
stellung». Die hat Michael nicht erfüllt und darum ist sie ihm un- 
bewusst böse. Michael reagiert garnicht auf ihre Fragen. 

«Nein, du sprichst jetzt nicht! Ich rede nun mit J. Die Zeit gehört 
doch mir. Ich hab dich doch auch nicht gestört. So geh doch raus!» 

Er zeigt mir sein Zentimetermass: 

«Sieh mal, auf der Seite wird es immer mehr und auf der immer 
weniger!» Seine Mutter unterbricht ihn: 

«Michael, was habt ihr denn neulich im Zoo gesehn?» 

«Vatertiere, Muttertiere und Tierbabys», sagt er prompt. 

Sie fragt weiter: «Michael, sag mal, sehn Jungens und Mädchen 
gleich aus?» Sie scheint meinen Berichten doch nicht zu traun. Aber 
Michael antwortet kurz und bündig: «Nein, verschieden!» Sie ist 
sprachlos. 

«Woher weisst du denn das? Hast du denn schon mal ein Mäd- 
chen gesehn?» (Sie meint «nackt» gesehn, aber sowas sagt man doch 
nicht!) 

«Ja», sagt Michael, ohne zu verraten, wen. 

«Wie sah das denn anders aus?» fragt sie und jetzt kommt die 
Rache auf ihre umschriebenen Fragen: 

«Andre Augen, — andre Nase, — andre Haare, — andre Brust, — 
— - und wenn du's nicht weisst, du warst ja auch ein Mädchen! Hät- 
test dich ja ankucken können!» 

Michaels Mutter ist feuerrot geworden. Aber sie fragt weiter: 

«Michael, sag mal, weisst du denn, woher die kleinen Kinder 
kommen?» 

Da kommt der zweite Schlag: «Vielleicht vom Klapperstorch?» 
fragt der Fünfjährige mit überlegenem Lächeln zurück! — 

«Michael, das mit dem Klapperstorch, das sagt man kleinen Kin- 

194 









Aus dem Tagebuch 

dein. Du bist nun gross. Möchtest du, dass ich dir erzähle, woher 
die kleinen Kinder kommen?» 

Michael antwortet kurz, fast streng: «Nein!» 

Ich frage ihn: «Michael, warum willst du es denn nicht wissen?» 
Da sieht er mich an und sagt: «J., wir beiden wissen; es doch!» 

Seine Mutter gibt aber immer noch nicht nach, denn in meiner 
Gegenwart ist sie sicher, da kann sie eher über diese unangenehmen 
Fragen sprechen: 

«Siehst du, Michael, die kleinen Kinder waren im Leib von ihrer 
Mutter. Da hat sie sie in sich getragen. Und darum hat sie sie auch 
so lieb, weil sie so viel Sorge und Schmerz darum gehabt hat!» 

«Ach was! Manchmal habt ihr Sorgen um mich und manchmal 
habe ich Sorgen um euch!» sagt Michael. So soll er kurze Zeit vorher 
auch geäussert haben: 

«Jetzt ärgert ihr euch um mich. Aber oft ärgere ich mich auch über 
euch!» Er steht zu seiner Mutter wie zu einem heimlichen Feind. 

Nachtrag: 

Im Juli und August verreiste Michael. Noch bevor er zurückkam, 
beantragten die Eltern sämtlicher Kinder einen Elternabend und ver- 
langten geschlossen, dass ich Michael nicht wieder ins Kinderhaus 
nähme. 

Er kam dann in einen andern Kindergarten. Da nahm die Leiterin 
ihn, wenn er «Anfälle» bekam, ins Nebenzimmer, um mit ihm Turn- 
und Atemübungen zu machen und ihn auf diese Weise, also mit dem, 
was ihm am verhasstesten und angsterregendsten war, zu beruhigen. 
Er hasste daraufhin diese Leiterin, was sie selber mir traurig erzählte, 
denn sie hatte Michael gern. Er blieb zwei Monate in diesem Kinder- 
garten, dann musste er auch ihn verlassen. 

Manchmal besucht Michael mich. Dann bittet er «Lass mich doch 
wieder zu euch kommen!» 

Drei Jahre später: 

Immer noch besucht Michael mich von Zeit zu Zeit. Er ist, da er 
in keine öffentliche Schule einzureihen war, in eine kleine Privat- 
schule gekommen! Jedes Fach hat er in einer andern Klasse, zum 
Beispiel: Rechnen und Mathematik mit ganz Grossen, Deutsch, Ge- 
schichte und Erdkunde in einer höheren Mittelstufenklasse, alle manu- 
ellen Sachen nach drei Jahren immer noch mit den Sechsjährigen in 
der untersten Klasse! Die Differenz in seinem Können wird immer 
klaffender. Seine Aggressionen haben sich gelegt. Er ist kalt und 
steif gegen Grosse und Kleine und gegen seine Eltern ist er hart. Über 
sexuelle Fragen redet er garnicht mehr und hat wieder all seine alten 
Hemmungen. So schiebt er es stundenlang auf, bevor er austreten 
muss, weil das unanständig ist. Er macht da eine lange Rechnung: 
«Wenn er eigentlich innerhalb von vierundzwanzig Stunden vier Mal 

195 



Irma Kessel 






muss und es jedesmal um so und so lange hinausschiebt, werden 
es nur drei oder zwei mal innerhalb derselben Zeit.» 



Irma Kessel bittet uns, ihr zu zeigen, wo die Fehler in ihrer Auf- 
lassung und Behandlung des kleinen Michael liegen. 

Beim Lesen dieser Tagebuch-Berichte stiessen mir vor allem fol- 
gende Fragen auf: 

9. November. «Alle Kinder haben Angst vor Michael. Aber ich 
glaube, im Grunde hat Michael vor den Kindern noch mehr Angst.» 
Warum hat er denn Angst vor den Kindern? Was an ihnen scheint 
ihm gefährlich zu sein? 

Schon in der nächsten Aufzeichnung gibt die Schreiberin — ohne 
dass sie es wohl selber weiss, — eine teilweise Antwort: 

«Niemals ist Michael zärtlich. Niemals verlangt er nach Zärtlich- 
keit. Alles Tote, alles Abstrakte schützt ihn scheinbar vor der 

Berührung mit dem Lebendigen.» 

In der Schilderung der Scene mit den Zwillingen (am 28. Januar) 
wird noch deutlicher gezeigt: Liebhaben und liebgehabt-werden ist 
gefährlich. Das muss man mit intellektuellen Leistungen abwehren. 

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal das Gespräch (am 27. 
April), wo Michael meint, Peter Luft habe Angst vor dem nicht lieb- 
gehabt werden, — ziehen wir Michaels Art, alles in sein Gegenteil zu 
verkehren in Betracht, — so heisst das gerade: Vor dem lieb-gehabt- 
werden hat er Angst. 

In der Aufzeichnung vom 22. November wird Michaels Abneigung 
gegen Bohnerwachs, Sidol, Schuhkrem, Ton u. s. w. erwähnt. Wir 
wissen, dass die Psychoanalyse den Zusammenhang zwischen «analen 
Fixierungen» und Zwangsneurosen aufdeckte. Dieser Zusammenhang 
ist bei Michael deutlich zu erkennen: Wechsel von sadistischen Ak- 
tionen, übersteigerter Sauberkeit und Zwangshandlungen schlimmster 
Art, — das Gespräch über die Kinder, die zerhackt und orange aus 
der Maschine wieder herauskommen (Verdauungsvorgang) und die 
darauf folgenden grausamen Phantasien u. s> w. 

Irma Kessel versucht durch ihre Deutungen, dass Michael vor 
«allem Schmutzigen Angst habe», diesen Mechanismus anzugreifen. 
Die Zahlen und Zeichnungen werden zwar kräftiger, einzelne Symp- 
tome lösen sich nach und nach auf, — aber die sadistischen Impulse 
und ihre Abwehr durch Zwangshandlungen bleiben unberührt und 
unverändert. Michael produziert, — wie man das bei vielen Kindern, 
die in einer analytischen Behandlung sind, beobachten kann, — eine 
Fülle von Phantasien, die, wenn wir sie aus ihrer Symbolsprache zu- 
rückübersetzen, ein Beweis der psychoanalytischen Theorien sind. 
Wieweit all diese Phantasien — und nicht allein Michaels — unter 
dem Einfluss einer Übertragung produziert werden, soll hier nicht 
untersucht werden. Wohl aber müssen wir feststellen, dass all diese 

196 






— 



Aus dem Tagebuch 

Gespräche, von denen wir nur einen Teil veröffentlichen können, nicht 
viel mehr erreichten, als ein Auflockern und eine ganz minimale Ent- 
hemmung. 

In der analytischen Arbeitsgemeinschaft sieht man ganz richtig, 
dass hinter der Zwangsneurose die Aggressionen liegen und dass ein 
Verbot oder eine Zurechtweisung dieser Aggressionen eine Befestigung 
der Zwangsneurose bedeuten. Aber man bringt Irma Kessel in einen 
schweren Konflikt zwischen der Verantwortung vor den andern Kin- 
dern und dieser Forderung, Michaels Aktionen gegen die andern Kin- 
der nicht zu hemmen. 

Das ist der Konflikt, den der Analytiker, der ein neurotisches Kind 
allein hat, nicht kennt, dem aber jeder Pädagoge, der der Gemeinschaft 
und dem Individuum verantwortlich ist, dauernd ausgesetzt ist. Ich 
glaube, Irma Kessels Frage ist die dringendste der meisten Pädagogen. 

Ich weiss auf diese Frage keine Antwort. Ich weiss nicht, wie man 
den Konflikt in der Praxis lösen soll. (Dieser Konflikt war es, der 
im vornazistischen Deutschland die ewige Frage aufrollte, ob «schwie- 
rige Kinder» in einer gesonderten Gemeinschaft unter sich oder aber 
unter «normalen Kindern» aufwachsen sollten.) 

Aber soviel kann man sagen, das dieser Konflikt längst alle Pä- 
dagogen, die unter ihm litten und leiden, veranlasst haben sollte, 
auf Grund dessen, was sie durch die Phychologen und Therapeuten 
erfuhren, eine bessere Prophylaxe aufzubaun. 

Was bedeuten die Schuldgefühle, die Michael wegen seiner intellek- 
tuellen Arbeiten und Fähigkeiten empfindet? 

Sie wurden in der psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft als 
Reflex auf die Identifizierung mit dem Vater gedeutet. Michael ist 
im Alter des «Ödipuskomplexes», in dem die Kinder sich an die Stelle 
des gleichgeschlechtlichen Elternteils wünschen, um den andersge- 
schlechtlichen als Liebespartner zu besitzen. Doch wir finden, dass Mi- 
chael zu seiner Mutter eben so wenig eine direkte warme Beziehung 
hat wie zu irgend einem andern Menschen. Im Gegenteil, er hatte einen 

— hinter Ironie, künstlicher Naivität und Distanzierung verborgenen 

— Hass. 

Die Frage scheint hier in der Praxis sehr viel komplizierter, ver- 
worrener und verschachtelter zu sein als in der Theorie. 

Die Hauptarbeit Irma Kessels, angeregt durch die Gespräche in 
der psychoanalytischen A. G., ging darauf hin, Michael seinen «Ka- 
strationskomplex» zu deuten. (Das Gespräch über den verlornen 
Fächer und Peter Lufts Ängste ist nur eins von vielen.) 

Aber ist überhaupt alles mit diesem «Kastrationskomplex» erklärt? 

Michael braucht ja nicht nur zu fürchten, man könnte ihm in Zu- 
kunft mal sein Glied wegnehmen, — er hat ja tatsächlich was ver- 
loren! Man hat ihm seine Vitalität, seine Lebendigkeit genommen! 
Soviel können wir nach dieser Krankengeschichte sehn, dass Michael 
ein aussergewöhnlich temperamentvolles, triebstarkes Kind gewesen 

197 






Bericht einer norwegischen Mutter 

sein muss. Denn sonst wäre die Abwehr gegen seine Triebhaftigkeit 
weniger heftig gewesen. 

Man hat also in den fünf kurzen Jahren seines Lebens all diese 
Lebendigkeit, das Beste, was Michael besass, zerbrochen! 

Wie man das machte, können wir nicht mehr feststellen. Aber der 
Besuch bei der Mutter, die in einem Pensionat unter fünfzig «jungen 
Mädchen, meist aus Offizierskreisen» ohne jede «Aufklärung» auf- 
wuchs, regt unsere Phantasie an, uns allerlei Prozeduren von morali- 
schen Fesseln, ästhetischen Zäunen u. s. w. — wie sie in diesen Kreisen 
statt grober Verbote gegeben werden und viel verheerender als diese 
wirken, — vorzustellen. Vielleicht erklären diese Prozeduren, — diese 
moralischen Folterungen, die wir bei Michael nicht genau genug ken- 
nen, die aber das Leben fast jeden Kindes heute einengen, Michaels 
Sadismus teilweise. 

Diese Zäune und Gitter, mit denen man das Leben unserer Kinder 
einengt, besser zu kennen und heftiger zu bekämpfen, — die Mütter 
über die Wirkungen dieser Erziehungsmittel, die sie meist ohne Über- 
legung anwenden, weil man das eben allgemein so macht, — aufzu- 
klären, das ist eine wichtigere Aufgabe, die einen weiteren Kreis er- 
fasst, als eine Behandlung wie die des kleinen Michael. 



Bericht einer norwegischen Mutter 

Wir wohnen auf dem Lande. Die Kinder unserer Umgebung 
spielen den grössten Teil des Tages ohne Aufsicht von Erwachsenen 
im Freien. Dabei stehen ihre Handlungen und Spiele oft in scharfem 
Gegensatz zu ihrem guten Gewissen. Alle Wünsche, die sie sich 
zuhause nicht erfüllen dürfen, setzen sie, wenn sie unter sich sind, 
in Wirklichkeit um. Sie plagen Tiere, tyrannisieren einander, werfen 
mit Steinen, verstecken sich vor den Erwachsenen und treiben sexu- 
elle Spiele. Soviel ich weiss, beschränken sie diese rein auf Ansehen 
und auf Worte und Verse, die Verbotenes enthalten. Die beiden 
wohlerzogensten Kinder sind in diesen Dingen immer tonangebend 
und gehen stets am weitesten. 

Oft wählen die Kinder einen Gefährten aus ihrer Schar, der für 
einen oder mehrere Tage Sündenbock wird. Dieses Kind wird dann 
ausgestossen, darf nirgends mitmachen, man spricht schlecht von 
ihm, nimmt ihm Spielsachen fort oder macht ihm etwas entzwei. 
Versucht das ausgestossene Kind, sich dem zu widersetzen, drohen 
ihm Prügel, Tritte, Steine. Zuletzt laufen alle vor ihm fort. 

In diesem Kinderkreis sind etwa zehn Mädchen im Alter von 4 
bis 7 Jahren, ein Junge von fünfeinhalb Jahren und ein Junge, der 
eben vier Jahre alt wurde. Der letztere wird nur von den vierjäh- 

198 



I 



Bericht einer norwegischen Mutter 

rigen Mädchen geschätzt und anerkannt. Er spielt alle Spiele mit 
und ist beim Puppenspielen der 5- bis 7-jährigen Mädchen sehr ge- 
sucht. Er bekommt dann die Aufgabe, Vater und Onkel zu sein. 
Er fügt sich übrigens den strengeren Forderungen der Mädchen, so 
oder so zu sein, -wenig oder gar nicht. Sie müssen ihn nehmen 
wie er ist. 

Eines Tages kommt ein fünfjähriger Junge, Hans, aus Oslo zum 
Besuch seiner Tante, einer Frau in unserer Nachbarschaft. Er spielt 
besonders viel mit meiner kleinen viereinhalbjährigen Tochter und 
sagt, dass er nicht wieder nach Oslo reisen wolle, um immer mit 
ihr zusammen sein zu können. 

Einmal sehe ich eine wilde Schlägerei auf der Strasse zwischen 
der viereinhalbjährigen Dore, der fünfjährigen Björg und der sechs- 
jährigen Ester. 

«Was ist denn los?» frage ich ein Kind, das aus der Ferne zu- 
sieht. 

«Die schlagen sich um den Hans, wer ihn zum Mann nehmen und 
wer mit ihm spazieren gehen soll», ist die Antwort. 

Wir sitzen beim Mittagessen. Meine jetzt fünfjährige Tochter 
erzählt betrübt: 

«Nun wird doch die Björg den Rolf heiraten (Björg ist fünfein- 
halb Jahre), dann habe ich gar keinen Freund. Die Björg hat über- 
haupt alle Jungen zu Liebsten. Rolf will gar nichts von mir wissen.» 
— Aber vor ein paar Tagen, als meine Tochter Rolf erklärte, er sei 
ihr Freund, sah ich ihn sehr ergeben und beglückt, auch ein biss- 
chen verschämt lächeln. Ich sage zu meiner Tochter: «Soweit ich den 
Rolf kenne, glaube ich, dass er Dich gern hat.» Das freut die Kleine 
und macht sie zufrieden. 

Im Kindergarten (privat, die Kinder kommen freiwillig und ohne 
etwas zu bezahlen. Es sind dieselben Kinder unserer nächsten Um- 
gebung.) Ich erzähle ein norwegisches Märchen von einem Wid- 
der, einem Schwein, einem Hasen und einem Hahn, die ausgehen, 
um sich im Wald ein Haus zu bauen. Anschliessend zeichnen die 
Kinder mit bunten Kreiden. Alle Kinder fangen damit an, das Haus 
zu malen. 

Zwei Schulkinder aus den untersten Klassen, die diesmal mit 
dabei sind, sind völlig gehemmt und ratlos. Sie schneiden unbewusst 
Gesichter und scheinen sehr mit sich zu kämpfen. Nach wiederhol- 
ten Aufforderungen zeichnen sie schliesslich ein unendlich trocke- 
nes, ganz fantasieloses Schema von einem Haus. Am Schluss sind 
sie mit ihrer Arbeit ebenso unzufrieden wie mit sich selbst und drük- 
ken das in Worten aus. 

Die anderen Kinder malen eifrig und zufrieden. Die wohlerzo- 
gene Vierjährige ist mit dem Haus fertig. Ich schlage ihr vor, die 
Tiere zu malen, z. B. das Schwein, weil sie das so gut kennt. 

«Das kann ich nicht», antwortet sie. 

199 






Bericht einer norwegischen Mutter 

«Das ist doch nicht schwer», sage ich, «das Schwein hat so einen 
dicken runden Körper, man fängt einfach mit einer Art Wurst an.» 

Wie ich erwartete, ruft das eine Art Explosion in dem Kind her- 
vor. Sie lacht laut auf, bekommt leuchtende Augen, die sagen: — • 
ja, wenn das erlaubt ist, — und zeichnet unverzüglich folgende Fi- 
gur: 




Beim Lesen vorstehender Arbeit, die uns von einer Mutter zuge- 
sandt wurde, hat man irgendwie das Gefühl, dass etwas nicht richtig 
ist. Spürt man diesem Etwas nach, so findet man in der Arbeit 
zweierlei einander widersprechende Richtungen vertreten: 

Einmal ist da die Schreiberin, die sich als «freier, sexualbejahen- 
der Mensch mit psychologischem Verständnis» fühlt. Zum Beispiel: 

«Die Kinder spielen meist ohne Aufsicht von Erwachsenen ». 

«Die Spiele stehen in scharfem Gegensatz zu ihrem guten Gewissen — », 
z. B. «quälen die Kinder Tiere, tyrannisieren einander, werfen mit Stei- 
nen, verstecken sich und treiben sexuelle Spiele» usw. 

Die Schreiberin stellt das alles sachlich und ohne moralische 
Entrüstung fest. Wie die «Wohlerzogene» etwa zeichnet, was ein 
Schwein werden soll und ein Mann mit Penis wird, ist die Schreibe- 
rin nicht, — wie reaktionäre Menschen in einem solchen Fall, — ent- 
setzt, böse, ablehnend oder chockiert, sondern sie hat die sachliche 
Haltung des modernen Pädagogen. Ihre Arbeit ist das Beobachten und 
Feststellen von Tatsachen. 

Aber — wahrscheinlich, ohne dass sie es weiss, — stellt sie sich 
im Umgang mit Kindern gleichzeitig als eine, wenn auch versteckte 
und vielleicht nur unbewusst autoritative Erzieherin heraus. Z. B. 
«Ich erzähle ein Märchen — — anschliessend zeichnen die Kinder 
mit bunten Kreiden. Alle Kinder fangen damit an, das Haus zu 

malen ». Weil die zwei Schulkinder völlig gehemmt und ratlos 

sind, Gesichter schneiden und sehr mit sich kämpfen», fordert sie 
sie wiederholt auf zu zeichnen. Wie aber die Zeichnungen «unendlich 
trockenes, ganz phantasieloses Schema» werden, kann sie doch ein 
moralisches Entsetzen über die Schulmethode, die diese Kinder so 
stur machte, nicht ganz unterdrücken. 

Warum müssen die Kinder — wenn auch nur durch wiederholte 

200 






Bericht einer norwegischen Mutter 

Aufforderungen, — zum Zeichnen gezwungen werden? Alles, was 
nicht spontan und impulsiv aus einem Menschen hervorbricht, kann 
nicht originell, phantasievoll und begabt sein. Jeder Mensch könnte 
in gewissem Sinne ein Künstler sein und das Glück einer impulsiven, 
schöpferischen Haltung geniessen, wenn wir nicht alle in dieser hier 
erwähnten Weise unsere ganze Kindheit hindurch in der Gestal- 
tungsfähigkeit vergewaltigt worden wären. Wenn diese beiden Schul- 
kinder, — wie die Schreiberin meint, in der Schule — (wir meinen, 
durch viel mehr und tiefe pädagogische Massnahmen in einem weit 
früheren Alter) soweit kaput gemacht worden sind, dass sie sich nicht 
mehr spontan äussern können, dann muss jede Beeinflussung dazu 
ein Mittel werden, diese Hemmung zu befestigen. (Vielleicht wären 
diese beiden lieber auf Bäume geklettert? — Vielleicht wäre es ihnen 
am gesündesten gewesen, einmal gar nichts zu sollen?) 

Am klarsten tritt die autoritative Haltung hervor der «Kleinen» 
gegenüber, die nach dem Haus ein Tier malen soll. (Warum können 
die Kinder, wenn sie frei gestalten, nicht selber angeben, was und 
wie sie es wollen?) 

«Ich schlage ihr vor, ein Tier zu malen, z. B. ein Schwein, weil 
sie das doch so gut kennt.» «Das kann ich nicht,» antwortet sie. 
«Das ist doch nicht schwer» sage ich. «Das Schivein hat so einen 
dicken, runden Körper, man fängt einfach mit einer Wurst an.» 
Wie ich erwartete, ruft das eine Explosion im Kinde hervor. Sie 
lacht laut auf, bekommt leuchtende Augen, die sagen: «Ja, wenn das 
erlaubt ist», und zeichnet unverzüglich folgende Figur» . 

Der Schweinemann ist also offensichtlich unter Suggestion der 
Schreiberin und («wie ich erwartete»), mit ihrem bewussten oder 
unbewussten Wunsch nach einem derartigen Produkt entstanden. 
Der Gedankensprung von einem Schwein zu einer Wurst — den die 
Erwachsene tat — ist ein viel grösserer als der des Kindes von .einer 
Wurst zu einem Penis. Derartige Beeinflussungen, die meist den 
Erwachsenen genau so unbewusst sind wie den Kindern, können wir in 
der psychoanalytischen Therapie und bei den analytisch eingestellten 
Pädagogen oft genug beobachten und auch in ihren Schriften fest- 
stellen. Wir müssen uns vor ihnen hüten, denn haben wir es nötig, 
die Sexualität der Kinder mit solchen Mitteln zu beweisen? Liegen 
nicht die Schicksale zerbrochener, kranker Menschen, die vielerlei 
Schwierigkeiten gehemmter, nervöser Kinder, deren Ursache oft klar 
und eindeutig in den Verboten aller oder einzelner triebmässiger Ak- 
tionen zu erkennen ist, offen genug vor uns? 

Und haben wir nicht von kleinen, vitalen Kindern den Beweis, 
dass sie Regungen, Impulse und Aggressionen zeigen, die nur mit dem 
Begriff einer weiter gefassten Sexualität zu fassen sind? 

Wir haben es — entgegen der Meinung der Schreiberin — nicht 
nötig, diese Impulse in den Kindern zu wecken, anzuregen und zu 
forcieren. Sie sind ohnedies da! 

201 



Bericht einer norwegischen Mutter 

Nötig aber haben wir es, zu studieren, warum diese Impulse nicht 
wagen, frei heraus zu kommen und warum ihnen so oft die Äus- 
serungsmöglichkeiten, die Gestaltungen und Konkretisierungen ver- 
loren gegangen sind. 

Wenn die Schreiberin uns helfen will, eine tiefere psychologische 
Kenntnis und ein feineres Verständnis für die Kinder zu bekommen 
und unser Wissen um das Leben, Fühlen und die Konflikte des Kin- 
derlebens besser zu erfassen, dann soll sie immer dann und da, wo 
sie einen Widerspruch entdeckt, wo sie vor einem Rätsel, vor einer 
Unklarheit steht, studieren, beobachten, forschen, warum und woher 
das so ist. 

Ein Beispiel soll zeigen, was ich meine: 

Der vierjährige Junge wird ausser von einem Mädchen (der Ing- 
rid scheinbar) von keinem anderen Kind «geschätzt und anerkannt». 
Trotzdem ist er bei «allen Spielen sehr gesucht». Er fügt sich nicht 
den strengen Forderungen der Mädchen, so oder so zu sein. Sie 
müssen ihn nehmen, wie er ist.» 

Das ist doch eine unverständliche Reaktion der Mädchen! Wenn 
der Junge sich so unbeliebt macht und trotzdem so, «gesucht ist», 
muss das ja einen Grund haben. Dieser Grund ist für uns inter- 
essant. 

Oder: 

Wie die «Vierjährige» Rolf eine Liebeserklärung macht, reagiert 
er «sehr ergeben und beglückt», auch ein bisschen verschämt lä- 
chelnd. 

Wenn ein fünfeinhalbjähriger Junge auf die Erklärung seiner 
Freundin, dass sie ihn zum «Freund» haben möchte, mit solchen 
einander widersprechenden, in dieser Mischung ungesunden und un- 
kindlichen Gefühlen antwortet, so muss das einen nicht unwichtigen 
Anlass haben. Warum kann Rolf sein Glück nicht unmittelbar ge- 
messen und äussern, sondern muss es mit Ergebenheit und Ver- 
schämtheit mischen und entwerten? 

Oder: 

Die Kinder quälen Tiere, tyrannisieren einander usw. Es ist rich- 
tig, dass die Schreiberin darüber nicht moralisch entrüstet wird. Man 
kann das so wenig, wie man sich über das Fieber oder die Magen- 
verstimmung eines Kindes entrüsten kann. 

Dass aber diese Art von Spielen absolut keine gesunde ist, son- 
dern etwas Entartetes, Krankhaftes, Asoziales, der Auswuchs irgend 
einer falschen Entwicklung, wird die Schreiberin zugeben. Aber so 
wenig sich ein Arzt damit begnügen darf, lediglich festzustellen, dass 
der Patient einen entzündlichen Prozess an der Haut hat, sondern 
den Krankheitsherd, die Verursachung dieser Entzündung suchen 
muss, wenn er dem Kranken wirklich und dauernd helfen will, genau 
so wenig darf der Pädagoge sich damit begnügen, nur die Symptome 
festzustellen und örtlich zu behandeln (Tierquälerei), sondern auch 

202 



Der Sinn 

er muss, -wenn er dem Kind aus seiner psychischen Krankheit her- 
aushelfen will, die Verursachung der Entartung und Erkrankung fin- 
den und die Therapie nicht am Symptom sondern an der Quelle 
vornehmen. Das bedeutet im Falle der Schreiberin, dass sie erst 
einmal forschen muss, wann, wo und wie diese Symptome zuerst auf- 
traten, wie lange das Kind noch ein natürliches, ungebremstes, trieb- 
freies Leben führte, — wann dieses natürliche, organische Leben 
umgebogen wurde und die gesunde Triebhaftigkeit in das tote, un- 
produktive Bett einer kranken übergeleitet wurde. 

Wenn die Schreiberin — und mit ihr alle an einer neuen, ge- 
sunden Kinderpädagogik Interessierten — so mit uns arbeiten wollen, 
werden sie neben einer therapeutischen Arbeit am einzelnen Kinde 
zu einer Forschungsarbeit kommen, die die Fehlerquellen der heu- 
tigen Erziehung erkennen wird. 



Der Sinn der «religiös-sittlichen» 
Erziehung 

In den meisten kapitalistischen Staaten gilt für die Schulerziehung 
der Jugend noch das Wort: «Ohne Religion keine Erziehung». Denn, 
so argumentiert das Bürgertum, indem es ein beliebtes Schlagwort 
des Klerikaüsmus übernimmt: «Ohne Religion keine Moral!» 

Wie sieht diese Moral aus und welches Interesse hat die herr- 
schende Klasse, gerade eine religiös fundierte Moral für die Jugend- 
erziehung zu akzeptieren? — Nun, jede Religion beinhaltet Autoritäts- 
gläubigkeit, eine gewisse Weltfremdheit, vor allem aber Ergebenheit 
in ein durch die gottgewollte Gesellschaftsordnung auferlegtes 
Schicksal. , 

Insbesondere das Christentum hat es verstanden, durch Weckung 
von Schuldgefühlen aller Art, Demut und Unterwürfigkeit in die Seele 
der Arbeitssklaven zu pflanzen. Willig ertragen diese Verdammten 
ihr schweres Los auf Erden, um dereinst im Jenseits für alle Ent- 
behrungen entschädigt zu werden. 

Es ist bisher — selbst von Freidenkern — viel zu wenig beachtet 
worden, dass im Mittelpunkt der christlichen Moral das Gebot der 
Keuschheit steht. Ja, unter der Herrschaft des Christentums ist es 
dahin gekommen, dass man das Wort Moral geradezu nur im Sinne 
von Sexualmoral gebraucht. Und zwar im Sinne von Enthaltsamkeit 
und nicht etwa nur im Sinne der Ablehnung jeder sexuellen Verge- 
waltigung von minderjährigen oder sozial abhängigen Personen. 

Die christliche «Moral» beherrscht die seelische Struktur der meisten 
Erwachsenen, die ihrerseits bemüht sind, schon dem Kleinkind Sexual- 

203 






Der Sinn 

angst beizubringen. Insbesondere der Katholizismus hat sich in der 
Beichte ein Instrument geschaffen, um die Menschen von früher Ju- 
gend an «moralisch» zu erfassen. Und aus seinem innersten Wesen 
heraus muss die katholische Kirche unnachgiebig auf allen ihren 
Forderungen beharren, die sich auf das Sexualleben der Menschen 
beziehen: Priesterzölibat, Unlöslichkeit der Ehe, Abtreibungsverbot. 

Dem aufgeklärten Menschen mag dieser scheinbar unzeitgemässe 
Starrsinn sonderbar vorkommen und doch erweist sich da die Kirche 
wieder einmal als besser versiert in praktischer Psychologie. Man 
lese die Ehe-Enzyklika des gegenwärtigen Papstes und man wird — 
bei aller persönlichen Gegnerschaft — die tiefe Einsicht in die seelische 
Struktur der heutigen Menschen anerkennen müssen. Der Papst weiss 
genau, dass die Frauen, durch die Wirtschaftskrise zermürbt, neuer- 
lich die Vorteile der Ehe schätzen gelernt haben: Hier sind sie nur 
einem einzigen Mann versklavt, während sie als Einzelgängerinnen 
— im harten Konkurrenzkampf stehend — oft genötigt waren, vielen 
Männern sexuell zu Willen zu sein, von denen sie ökonomisch ab- 
hängig waren. In der Ehe ist die Frau mehr oder weniger versorgt 
und sie ist daher bereit, das Bibelwort anzuerkennen: «Er soll dein 
Herr sein!» (Hier haben wir — nebenbei bemerkt — auch die Er- 
klärung dafür, dass die Frauen in Deutschland, durch den National- 
sozialismus entrechtet, sich dennoch für denselben einsetzten). Ja, 
die Frau ist sogar an der Unlöslichkeit der Ehe interessiert, selbst 
wenn sie unglücklich ist. Was sich dann «christliche Moral» nennt. 

Die Familienautorität des Mannes ist wieder hergestellt. Alle 
Männer partizipieren nunmehr wieder an den sexuellen Dividenden, 
welche diese Gesellschaft zu vergeben hat. Bei dem Geschäft profi- 
tieren am meisten die Proleten, die im «trauten Familienkreise» ihre 
Minderwertigkeitsgefühle abreagieren können, von denen sie im Be- 
trieb geplagt werden, wo sie — ihrer Menschenwürde beraubt — zu 
blossen Handlungen der Maschine degradiert sind. Der Prolet wird 
im Kreise seiner Familie zum Diktator und mag er nach aussen hin 
noch so revolutionär tun. So wird die heutige Familie — auch jene 
des Lohnsklaven — zur Keimzelle des Kapitalismus. 

Damit ist der Klassencharakter der religiösen Erziehung enthüllt. 
Die religiöse Frau ist die — sexuell — bequemere Frau. Beligiöse 
Kinder sind «bravere» Kinder; allerdings ist ihr seelisches Rückgrat 
zerbrochen. Nebenbei ist der durch die Familie gebundene Arbeiter 
an der Aufrechterhaltung der «Ordnung» interessiert; er hat mehr 
zu verlieren als seine Ketten. Der Kapitalismus hat wahrlich alle 
Ursache, die religiös-sittliche Erziehung der Jugend in der Schule zu 
fördern. 

Wenn der Nationalsozialismus in Deutschland heute versucht, ohne 
den seelischen Beeinflussungsapparat der Kirche auszukommen, so 
stützt er seine autoritären Bestrebungen auf dem Gebiet der Jugend- 
erziehung auf einen neuen Mystizismus, der übrigens eine verdammte 

204 



^ 



Sexualökonomische Lebensforschung 

Ähnlichkeit mit der Religion des einst «auserwählten Volkes» hat. 
Ob der Mythos von Blut und Boden auf die Dauer ausreichen wird, 
um die psychologischen Erfahrungen der Kirche zu ersetzen, wird 
erst die Zukunft lehren. Vorläufig erliegen tatsächlich zahlreiche Pro- 
leten der imperialistischen Ekstase des Faschismus genau so, wie einst 
die leibeigenen Bauern der religiösen Ekstase, als die Wirtschaftskriege 
noch im Zeichen der Religion ausgekämpft wurden. 

Jedenfalls hat es bisher der Sozialismus wenig verstanden, die 
Jugend für seine Ideale zu begeistern. Es mag dies nicht zuletzt daran 
liegen, dass die ältere Generation selbst noch — wie oben angedeutet 
wurde — an Sexualhemmungen leidet und daher entgegen den pro- 
letarischen Klasseninteressen bei der Jugenderziehung in kleinbürger- 
lichem Sinne wacker mittut und so dazu beiträgt, den Gang der revolu- 
tionären Entwicklung zu verzögern. Mit der bloss freidenkerischen 
Propaganda als Gegengewicht der religiös-sittlichen Erziehung ist da 
noch wenig getan. 

Prof. Th. Hartwig, 
ehem. Vorsitzender der «Internationale proletarischer Freidenker». 



Aus dem Institut für I 

sexualökonomische Lebensforschung 



Die Eröffnung des ausführenden Laboratoriums in Oslo 

Wenn dieses Heft in die Hände unserer Leser kommt, wird in dem neuen aus- 
führenden Laboratorium des Instituts für sexualökonomische Lebensforschung in 
Oslo bereits seit fünf Monaten gearbeitet. Trotzdem möchten wir nicht ver- 
säumen, unseren Freunden noch nachträglich kurz von der Eröffnung dieses La- 
boratoriums zu berichten, die am 1. Mai dieses Jahres erfolgte. 

Die Wahl dieses Tages war nicht zufällig, denn «1. Mai als Feiertag der Ar- 
beiter und dialektischer Materialismus als naturwissenschaftliche Erkenntnisme- 
thode gehören unmittelbar zusammen». 

Es ist möglich geworden, ein Haus in der unmittelbaren Nähe von Oslo zu 
mieten, in dem neben dem Laboratorium auch noch die anderen Arbeitszweige 
des Instituts untergebracht sind, und das somit zum eigentlichen Domizil des In- 
stituts für sexualökonomische Lebensforschung geworden ist. 

Die ungefähr vierzig Freunde unserer Arbeit, die sich am Abend des 1. Mai 
zu einer kleinen Einweihungsfeier zusammenfanden und denen das fertig einge- 
richtete Laboratorium und die übrigen Räume des Hauses vorgewiesen werden 
konnten, werden sich schwerlich einen Begriff gemacht haben, welche Mühen und 
Schwierigkeiten zu überwinden waren, ehe es gelang, diesen sichtbaren Ausdruck 
unserer Arbeit und des Instituts zu schaffen, von der Beschaffung der erhebli- 
chen finanziellen Mittel, die notwendig waren (und ständig notwendig sind) bis 
zu der Mühe, die es machte, rechtzeitig zum 1. Mai mit den Einrichtungsarbeiten 
fertig zu werden. 

Im Mittelpunkt dieser Zusammenkunft stand ein Referat des Leiters des Insli- 

205 



Sexualökonomische Lebensforschung 

tuts Dr. Wilhelm Reich, der den Zweck des Instituts als den eines Arbeitsplatzes 
für naturwissenschaftliche Forscher und Facharbeiter auf der Grundlage der dia- 
lektisch-materialistischen Forschungsmethode darlegte und zugleich über die bis- 
herigen Arbeiten an den «Bion-Versuchen» berichtete. Den genauen Wortlaut dieses 
Referats finden unsere Leser an anderer Stelle dieses Heftes. Hieran schloss 
sich die Vorführung mehrerer Schmalfilme über verschiedene Arbeitsgebiete des 
Instituts. 

Die erschienenen Freunde und Kollegen blieben dann bei einfacher Bewir- 
tung noch mehrere Stunden beisammen. Wilhelm Reich ergriff nochmals das 
Wort, um insbesondere den norwegischen Freunden zu danken, dass es durch ihre 
tatkräftige Hilfe und ihre sachliche Verbundenheit, mit der sexualökonomischen 
Forschungsarbeit möglich war, das Institut zu schaffen und hoffentlich auch 
gegen die Feindschaft und den Widerstand einer irrsinnig gewordenen Welt zu 
sichern und zu erhalten. 

Über die seither am Laboratorium geleistete Arbeit ist ein ausführlicher Be- 
richt in Vorbereitung, der im Herbst unseren Freunden und der wissenschaft- 
lichen Welt vorgelegt werden soll. 









Der Besuch Professor du Teil's von der Universität Nizza 
in Oslo vom 26.7. bis 7.8 1937 

Bekannt ist von jeher die Methode des Totschweigens; Ablehnung von vornherein, 
ohne sich die Grundlagen des Urteils zu schaffen, ebenso. Manche blamieren sich 
für immer dadurch, dass sie die Pionierarbeit als charlatancsk diffamieren oder 
die Forscher gar für verrückt erklären. Dass man der Arbeit alle erdenklichen 
Hindernisse in den Weg legt, materielle, ideologische, ja sogar moralische Ver- 
leumdungen wirken lässt, gehört zu den für diese Welt «normalen» Erscheinun- 
gen. Ist die Arbeit zukunftsreich, dann tut man am besten, derartige Harakiri- 
Aktionen ruhig geschehen zu lassen. Es ist peinlich, oft schwierig, doch vor- 
läufig nicht zu ändern. 

Doch es gibt auch eine korrekte, wissenschaftliche Art, Neuem zu begegnen . . . 
Ihr erster Vertreter wurde Professor Roger du Teil von der Universität Nizza. 

Als Professor du Teil im Dezember 1936 die erste Mitteilung über die sterili- 
sierte Bionmischung erhielt, untersuchte er das Präparat gewissenhaft in Zusam- 
menarbeit mit einem Bakteriologen, überprüfte die Korrektheit der Versuchsan- 
ordnung und schickte sofort einen Bericht an die französische Akademie. An Wil- 
helm Reich schrieb er folgendes: Die Versuche wären korrekt und interessant, 
doch derartige Versuche wären schon früher, wenn auch nicht in dieser Art vor- 
genommen worden ; das Entscheidende wären Kulturen der sterilen Gebilde. Zu 
dieser Zeit waren die ersten Kulturen bereits gelungen. Im Februar 1937 erhielt 
du Teil die ersten Kulturproben von den sterilisierten Bionen. Daraufhin grün- 
dete er sofort nach einem Vortrag in der Naturphilosophischen Gesellschaft in 
Nizza am 7. März 1937 eine Kommission, die aus Pharmakologen, Bakteriologen 
und Hygienikern bestand und unter seiner Führung stand. Diese Kommission be- 
kam die Aufgabe, parallel mit dem Osloer Sexualökonomischen Institut Kontroll- 
arbeiten durchzuführen und nach Ablauf derselben an die Französische Akademie 
Bericht zu erstatten. Im Nizzaer Vortrag Roger du Teils sind die ersten Äusserun- 
gen dortiger Bakteriologen festgehalten. Die Weiterimpfung der übersandten Kul- 
turen fiel positiv aus, ebenso die Feststellung, dass es Reinkulturen waren. Auch 
die Versuchsanordnungen wurden als korrekt- bezeichnet. Doch die Arbeit der 
Herstellung der Bione, ihrer Kultivierung, ihrer Natur nach von vornherein 
schwierig, stockten. Du Teil fasste im Sommer 1937 den Bcschluss, nach Oslo 
zu fahren, um 14 Tage lang an Ort und Stelle sich vom Gang der Arbeit, von 
ihren Ergebnissen und von der Möglichkeit der Durchführung von Kontrollen in 
Frankreich zu überzeugen. Er scheute keine Geld- noch Zeitopfer, um sich die 
Möglichkeit der kompletten Kontrolle zu schaffen. Zehn Tage lang arbeitete du 

206 



Sexpol-Korrespondenz 

Teil am Osloer Laboratorium des Instituts zusammen mit allen wissenschaft- 
lichen Arbeitern einen Versuchsgang durch, der durchaus positiv verlief (inklu- 
sive der Kulturen von sterilisierten Bionen). In Paris wartete währenddessen 
eine Kommission französischer Fachwissenschaftler, darunter ein Bakteriologe und 
ein führender Professor der Chirurgie, auf du Teil, der die in seiner Anwesen- 
heit hergestellten Bionc samt Kulturen und Filmen vom Arbeitsprozess mitbrin- 
gen sollte. Am 7. August 1937 reiste du Teil nach fruchtbarster Arbeit mit etwa 
600 m Mikro-Film und einem Haufen von Präparaten, die in seiner Anwesenheit, 
teilweise von ihm selbst hergestellt worden waren, ab. Am 9. August demon- 
strierte du Teil die Filme und Präparate vor einer Gruppe französischer Biolo- 
gen, Chirurgen und Mediziner zum ersten Male. 

Dies die fruchtbare, korrekte, gleichzeitig kritische und freundschaftliche 
wissenschaftliche Kontrollarbeit. Wir zweifeln keinen Augenblick daran, dass 
wir in Boger du Teil einen objektiven, kritischen und gleichzeitig produktiv hel- 
fenden Freund gewonnen haben. 

Die Leitung des Instituts 

* 

Mitteilung der Institutsleitung 

Die häufigen Fälle von Missbrauch unserer Kenntnisse und unserer therapeu- 
tischen Verantwortung zwingt folgende Massnahmen auf: 

Das Institut trägt die Verantwortung nur für solche Therapeuten und Päda- 
gogen, die am Institut unmittelbar arbeiten oder dort zur Ausbildung als sexual- 
ökonomische Therapeuten und Pädagogen angemeldet sind. 

Wir ersuchen darum, sich in Fragen der Ausbildung in Sexualökonomie, po- 
litischer und dialektisch-materialistischer Psychologie direkt an das Institut, 
Postbox 3010, Oslo, zu wenden. 

Wilhelm Reich 

* 

Der Institutsbericht Nr. 4, «Experimentelle Ergebnisse über die' elektrische 
Funktion von Sexualität und Angst» ist den wichtigsten Physiologischen Instituten 
aller wesentlichen Länder vorgelegt worden. — Als einziges hat das Physio- 
logische Institut der Universität Kopenhagen diesem Bericht die Annahme ver- 
weigert und ihn ohne Begründung zurückgesandt. 



Sexpol-Korrespondenz 



SPANIEN 

Ein Augenzeugenbericht 

Stellungnahmen zu Ereignissen und Organisationen, die sich in 
diesem Bericht finden, sind persönliche Ansichten des Berichterstatters. 

Die Redaktion 

Es ist verdammt nicht einfach, unter den hiesigen Bedingungen Optimist zu 
bleiben. Wenn man die blutige Maiwoche in Barcelona erlebt hat, wenn man 
die Rechtsverlagerung bei der Regierungsneubildung in Valencia sah, dann kann 
man schon allein deswegen besorgt genug werden. Wenn man die Zerfleischung 
der Kräfte im antifaschistischen Lager sieht, die Verfahrenheit auf wichtigsten 
Gebieten des öffentlichen Lebens, die Verkrampftheit in einem perspektivenlosen 
Antifaschismus auf der einen Seite, einem infantilen Revolutionarismus auf der 

207 



Sexpol-Korrespondenz 

andern, dann könnte man verzweifeln. Wenn man dieser Tage den noch massi- 
veren Angriff des internationalen Faschismus vor Augen hat, dann kann man sich 
fragen, ob wir stark genug sein werden, das auszuhalten. Wenn man die Norma- 
lisierung des Lebens in bürgerlichen Formen täglich fortschreitend vor Augen hat 
(das «buenos dias, senor» statt des «salud, companero», die betressten Mützen 
und Jacken statt der Arbeiter-Milizuniformen, die vielfarbigen Fähnchen statt 
der roten, die zunehmende Zahl Püppchen und Fettwänste in den «besseren» Ka- 
fees statt der Arbeiterjugend usw. usw.), dann kann einem abwechselnd kalt und 
hei ss werden. 

Und trotzdem bin ich Optimist geblieben. Warum? Zu einem grossen Teil 
darum, weil ich bei all den rückläufigen Tendenzen den Geist der Leute an der 
Basis kennengelernt habe, und vor allem den Geist der Genossen an der Front, 
die tatsächlich — und nicht nur in der Zeitungsphrase — das «sterben oder siegen» 
zum Leitwort haben. Bei ihnen liegen entscheidende Garantien. Weil ich von 
den Genossen weiss, die sich noch im Sterben die Hände reichten und beim Sin- 
gen der «Internationale» starben, von dem Freund, der mit unausgeheiltem Lun- 
genschuss nicht früh genug wieder an die Front zurückkommen konnte, von den 
prächtigen Kadern der Sturmbataillone draussen, der Antitankisten an der Madrid- 
front, der Guerilleros im Rücken des Feindes. Weil ich die Reinmachefrau kenne, 
die uns eines Morgens leuchtenden Auges berichtete, dass ihr Bruder nun endlich 
zu uns übergegangen sei. Weil ich die steigende Zahl der Überläufer und «frei- 
willigen» Gefangenen kenne, die freudig an unserer Seite wieder in den Graben 
gegangen sind. Weil ich neben allem Chaotischen die ungeheure schöpferische 
Kraft gesehen habe, die einfache Arbeiter in den von ihnen geleiteten Fabriken 
und noch einfachere Bauern in ihren Kollektiven oder Genossenschaften entfaltet 
haben, weil ich von dem erst seit Monaten organisierten Fabrikmädel weiss, das 
mit unglaublicher Treffsicherheit ihre Stossbrigade organisierte und leitete. Weil 
ich nun die Jugend genügend kennengelernt habe, die darauf brennt, lesen und 
schreiben zu lernen und zu lehren, die Bücher selbst im Schützengraben ver- 
schlingt, die neben allen andern grossen Aufgaben im Hinterland ganz neue kul- 
turelle Veranstaltungen pflegt. Weil ich sehe, wie sich trotz des jahrhunderte- 
alten Drucks der katholischen Kirche die Freimachung des Mädels vollzieht, weil 
auch heute noch kräftig genug gepfiffen wird, wenn im Kino eine Kirche oder ein 
Kreuz gezeigt werden. Und das alles heisst: weil die Revolution lebt, trotz alle- 
dem . 

Wir würden einen verhängnisvollen Fehler begehen, würden wir nicht die 
ungeheuren Gefahren sehen, die die spanische Bewegung, die spanische Revolution 
bedrohen. Ich spreche jetzt nicht von der militärischen Seite und von der Gefahr 
des Zerquetschtwerdens durch die internationale Konterrevolution oder des Ver- 
ratenwerdens durch die Manöver eines Waffenstillstandes. Die Hauptgefahr, die 
ich meine, ist diese: dass die Reuolution vom Krieg verschlungen wird. Dass nicht 
nur die Revolution nicht weitergetrieben wird, sondern dass revolutionäre Errun- 
genschaften abgebaut, der revolutionäre Wille gelähmt, revolutionäre Kräfte mit 
Vernichtung bedroht werden. Man könnte sagen, und das wird ja gesagt: lasst 
uns nur erst mal den Krieg gewinnen, lasst uns nur erst mal den Faschismus 
schlagen, ganz gleich was hinterher kommt, denn alles andere ist besser als der 
Sieg des Faschismus. Abstrakt genommen ist das sogar richtig, und kein Zweifel 
kann darüber bestehen, dass allein eine Niederlage des Weltfaschismus eine un- 
geheuer progressive Angelegenheit wäre. Aber die Fragestellung ist dennoch 
falsch, kurzsichtig. Menschen haben diese Revolution begonnen und haben in 
diesem Freiheitskrieg geblutet. Für sie sind Revolution und Freiheitskrieg nicht 
nur Sachen einiger Kombinationen auf der Ebene der internationalen Politik. 
Diese Menschen wollen wissen, wofür sie zu bluten und zu opfern haben. Sie 
kämpfen heute für die Freiheit ihres eigenen Lebens und das ihrer Brüder, für 
ihr Land, für ihre Fabrik, für ihre revolutionären Errungenschaften, gegen ihre 
gehassten Ausbeuter und Unterdrücker. Ihre revolutionäre Energie kann man 
nicht auf Eis legen. Man kann dreierlei tun: sie weiterentwickeln, sie abdrosseln 
oder sie umlenken. Das Umlenken treibt aber irgendeiner faulen Lösung zu, auf 
deren Boden eben dieselben Verhältnisse wieder heranreifen könnten, die zum 1». 
Juli geführt haben. Das Umlenken kommt letzten Endes dem Abdrosseln gleich. 
Die Revolution ist nicht aufzustückeln. Ebensowenig können Revolution und 
Freiheitskrieg, die den gleichen Ursprung und dieselbe Kraftquelle haben, ausein- 
andergehackt werden. Das heisst nicht eine ultrarevolutionäre Fragestellung des 

208 









Sexpol-Korrespondenz 

«Alles oder Nichts» befürworten, sondern vielmehr ein realistisches Erkennen 
dessen, dass die Elemente der bürgerlichen Revolution nicht von denen der soziali- 
stischen und dass die Elemente des Krieges nicht von denen der Revolution zu 
trennen sind. 

Nun muss man zugleich ganz klar die gewaltigen Veränderungen sehen, die 
seit dem Juli vor sich gegangen sind, die auch heute lebendig sind und die eine 
Rückkehr zum 19. Juli einfach unmöglich machen. Die Bauern haben ihr Land 
genommen, und selbst wenn es keine einheitliche Regelung der Bodenfrage gibt, 
selbst wenn es eine Zerfahrenheit zwischen den Befürwortern der kollektiven 
oder individuellen Bodenbewirtschaftung gibt, die Herrschaft der Grossgrund- 
besitzer, der Feudalherren ist grundlegend gebrochen. Mit Ausnahme der beson- 
deren Lage im Baskerland — wo die nationalistischen Katholiken in der Volks- 
front stehen und siebzig Pfarrer im Volksheer Politkommisare sind — ist die 
Macht der katholischen Kirche gebrochen. In der Wirklichkeit ist sie als poli- 
tische, soziale und kulturelle (d. h. antikulturclle) Macht erledigt und im Be- 
wusstsein der Masse ist sie ein für allemal erledigt als das was sie war. Die 
Katalanen und Basken haben ihre nationale Selbständigkeit erkämpft (selbst 
wenn das in Bezug auf Katalonien nach den Ereignissen der letzten Wochen 
etwas fragwürdig geworden ist), der Grossteil des reaktionären, korrupten Büro- 
kratentums ist hinweggeräumt worden. Die Aufgaben der bürgerlichen Revolu- 
tion wurden im ersten Ansturm der Julibewegung erfüllt. Sie wurden erfüllt mit 
proletarischen Kampfformen, entscheidend von den Arbeitermassen, die um sich 
grosse Teile der Bauernschaft und des städtischen Mittelstandes scharten. Aber 
mehr: die Bewegung hatte nicht allein überwiegend proletarische Kampfform, sie 
nahm auch wesentliche Schritte auf dem Wege der sozialistischen Revolution vor. 
Die beiden wesentlichsten sind die Übernahme der Fabriken durch die Arbeiter, 
vor allem in ganz Katalonien, und die Entwicklung einer neuen Macht durch die 
Milizen und neuer Machtorgane durch die Komitees. Gerade an diesen Punkten 
offenbart sich allerdings die rückläufige Tendenz der spanischen Revolution. An 
die Stelle der Milizen sind im Hinterland die regulären Polizeiformationen und 
ist an der Front das Volksheer getreten. Gewiss, diese Polizei und noch mehr 
dieses Heer sind nicht Heer und Polizei von gestern. Sie sind umgekrempelt, neu- 
aufgcfüllt, mit dem Geist des Juli weitgehend durchdrungen. Aber sie sind doch 
eben der Ausdruck für die Normalisierung auf nichtrevolutionärer Ebene, die im 
vergangenen Jahr eingeleitet wurde, als mit der Neubildung der Regierungen in 
Madrid und Barcelona nicht der Weg der fortschreitenden Mobilisierung der Mas- 
senselbsttätigkeit und der Entwicklung neuer Machtorgane aus ihr heraus, son- 
dern der der Wiederautorisierung des alten Machtrahmens durch die Repräsentan- 
ten des revolutionären und antifaschistischen Spanien beschritten wurde. Trotz- 
dem kann man feststellen, dass die Brechung der Macht der Kirche und der 
feudalen Mächte, und die tiefgreifende Erschütterung der Macht der Kapitalisten 
sowie auch die heutige Beschaffenheit von Staatsapparat und Heer wichtige Ga- 
rantien gegen eine Rückkehr zum Ausgangspunkt dieses Kampfes und gegen eine 
kapitalistische Restaurierung bilden. 

Von der Masse her gesehen muss man aber vor allem noch auf einen Ge- 
sichtspunkt aufmerksam machen, der viel zu wenig Beachtung findet, nämlich 
darauf, dass die Fragestellung «Faschismus oder Sozialismus» in Spanien ganz 
anders steht als das etwa in Deutschland der Fall war. In Deutschland war 
zwar der Faschismus auch objektiv die Sturmgarde des verfaulten kapitalistischen 
Regimes, in den Augen seiner Anhänger, in den Augen einer faschistischen Mas- 
senbewegung aber trat der falschverstandene Sozialismus der Nazis gegenüber 
dem kompromittierten, ausgehöhlten organisierten Sozialismus der Arbeiterbewe- 
gung hervor. In Spanien hingegen ist der Faschismus in den Augen der brei- 
ten Massen die militaristische Schutzgarde des verkommenen und verfaulten Re- 
gimes der Ausbeuter, Pfaffen und Gutsbesitzer und der kriegführenden internatio- 
nalen Reaktion. Der spanische Faschismus hat keine Massenbasis. Spanien 
würde faschistisch garnicht aus den eigenen Kräften des Landes regiert werden 
können, sondern nur als Kolonie der faschistischen Grossmächte. Auf Grund der 
besonderen Bedingungen, unter denen sich der spanische Krieg entwickelt, musste 
auf der faschistischen Seite schon jetzt der Teil ihrer Bewegung, der noch junge 
mit subjektiv revolutionärem Idealismus erfüllte Elemente enthielt, die Falange 
Espanola, aufgelöst werden. Franco hat selbst in den von ihm beherrschten Ge- 
bieten keine wirkliche Massenbasis. Er stützt sich auf blinden Terror und die 



209 









Sexpol-Korrespondenz 

ausländischen und marokkanischen Truppen, daneben zu einem Teil auf die 
Rückständigkeit der Bevölkerung. Diesem spanischen Faschismus steht gegen- 
über eine zwar mit vielen Fehlern behaftete, mit Gefahren angefüllte, aber doch 
aktive Bewegung breitester Volksmassen. Überhaupt eine Bewegung ! 

Wenn wir die Frage stellen, wie sich der Kampf im Kopf des einfachen Man- 
nes auf der Strasse, in der Fabrik und an der Front spiegelt, dann dürfen wir 
uns keinerlei Illusionen hingeben. Wir dürfen uns auch nichts darüber vor- 
machen, dass es genug Menschen des arbeitenden Volkes gibt, für die der Krieg 
einfach ein Schrecken ist, dem man sich nicht anders gegenüber verhalten kann, 
als dass man am Kampf teilnimmt: Ein dumpfes Empfinden, überfallen zu sein 
und sich wehren zu müssen. Diese dumpfe unklare Haltung ist aber nicht die 
typische. Die grosse Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung, d. h. des Volkes, und 
eigentlich die ganze Arbeiterklasse, war bereits erfasst in jener demokratischen 
Massenbewegung, die nach aussen hin im Wahlerfolg der Volksfront vom 16. 
Februar 1936 gipfelte. Damals ging es um die Eroberung primitivster demokra- 
tischer Freiheiten und um die Wiedergutmachung des Unrechts vom Oktober 34, 
um die Befreiung der Gefangenen, um die Wiedereinsetzung der sozialistischen 
Gemeindeverwaltungen, um die Zurückgabe der gestohlenen Häuser der Gewerk- 
schaften. Die Bewegung war nicht erledigt mit dem Wahlsieg und mit der Bil- 
dung einer schwächlichen Volksfrontregierung. Sie ging weiter und griff gewal- 
tig um sich, sie nahm neue und radikalere Formen an, ihre Erscheinungsform waren 
gewaltige Streiks der Arbeiter, die bereits zu einzelnen übernahmen von Betrieben 
führten und mächtige Agrarbewegungen der Kleinbauern, Landarbeiter und Päch- 
ter, die spontan zur Landaufteilung schritten. Eine solche weitgehende Massen- 
bewegung geht nicht vorbei, ohne in den Köpfen der an ihnen Beteiligten, und 
auch der andern, entscheidende Spuren zu hinterlassen. Der Prolet in Stadt und 
Land, mit ihnen andere Vplksteile, die schlimmer Ausbeutung ausgesetzt waren, 
standen in erbitterter Frontstellung gegen den Grossgrundbesitzer, den Pfaffen, 
den Kapitalisten, den Bankier, den teuren Staatsapparat, den arroganten Offiziers- 
klüngel, ihre faschistischen Terrorbanden. Diese ganze reaktionäre Front ist für 
den «einfachen Mann» der Faschismus. Diesem Faschismus hat er sich, zunächst 
in Abwehr, dann in der Offensive, entgengeworfen. Ihm hat er nun seit bald 
einem Jahr standgehalten. Für ihn ist Faschismus häufig noch viel mehr, alles 
nämlich, womit er nicht einverstanden ist. Das Volk hasst den Faschismus, und 
das Schimpfwort Faschist ist zwar nicht selten gebraucht, aber das verletzendste, 
das empörendste. Neulich gebrauchte es da der eine Antifaschist gegen den 
andern auf einer belebten Strasse Barcelonas. Der andere holte sogleich seinen 
Revolver heraus und schoss dem einen eins durch den Arm. Die Sache war 
schlagfertig beantwortet. 

Das spontane Element spielt eine gewaltige Rolle in dieser spanischen Be- 
wegung. Das hat seinen unverkennbaren Vorzug. Die Massen sind nicht «preus- 
sisch» erzogen. Sic warten nicht darauf, wann der Befehl von oben kommen 
wird. Sie warteten darum auch nicht auf Befehle, die ausgeblieben wären oder 
sie nicht mehr gerettet hätten. Aber das hat auch grosse Nachteile. Am stärksten 
hat sich das wohl in der ersten Zeit an der Front ausgewirkt, als alles Hals über 
Kopf losgezogen ist, als man teilweise auf die eigenen Leute geknallt hat, weil 
man einfach nicht wusste, wo überall eigene Leute waren. Das hat sich schlimm 
ausgewirkt, als sich die Durchsetzung einer militärischen Ordnung als unum- 
gänglich notwendig erwies und zum Teil nur durch Bruch mit dem spontanen 
Anfang durchzusetzen war. Zweifellos spielen bei der Spontaneität und der anti- 
autoritären Einstellung auch «rassische» Gründe eine Rolle. Neben allem andern 
braucht man nur daran zu erinnern, dass der Ausgebeutete, selbst tief Herunter- 
gekommene im Süden anders reagiert als in den mittel- und nordeuropäischen 
Ländern. Er demoralisiert weniger leicht, da die klimatischen Bedingungen z. B. 
es ihm leichter machen, sich durchzuhalten. In ihm sammelt sich stärker die 
Erbitterung, die Wut der geknechteten Kreatur. Das spontane Element drückt 
aber auch ein Stück Rückschrittlichkeit der spanischen Gesellschaft, ihres Hän- 
genbleibens in halbfeudalen Formen, ihrer ökonomischen Unentwickeltheit, der 
materiellen Misere der breiten Massen, der kulturellen Uranachtung fast ebenso 
grosser Volksteile, aus. Die spanische Arbeiterbewegung hat Entwicklungsformen 
angenommen, die zum grossen Teil durch diese Rückständigkeit der Gesellschaft 
bestimmt sind. Der kollektive Kampf hat keine starken Traditionen. Streik- 
käinpfe haben früher nicht selten so ausgesehen, dass «das Komitee» den Streik- 

210 



Sexpol-Korrespondenz 

beschluss gefasst und dann am Morgen am Fabriktor oder in den Zugangstrassen 
mit Revolvern in den Händen stand und den Kollegen zu verstehen gab, dass 
jetzt gestreikt werde. 

Die gewaltige Aufgabe des Zusammenführens der spontanen Massenbewegung 
mit einer auf der Höhe der geschichtlichen Aufgaben stehenden Führung ist nicht 
gelöst. Es gibt einen Massenfetischismus auf der einen Seite («die Massen wer- 
dend schon machen»), und er musste angesichts der hier stehenden Aufgaben 
und Probleme versagen. Es gibt eine Missachtung der Massenkraft und Massen- 
initiative («wir werden die Massen schon rumkriegen») auf der andern Seite, und 
diese Missachtung musste die Bewegung auf einen Irrweg führen. Er musste an 
den Abbau der Massenselbsttätigkeit gehen und sie zu ersticken beginnen. Der 
Weg, der durch die Trennung der Revolution vom Krieg, durch einen allge- 
meinen Antifaschismus ohne sozialistische Perspektive, durch Hinzielen auf eine 
reguläre bürgerlich-demokratische Entwicklungsform der Bewegung gekennzeich- 
net ist, ist zugleich der Weg der Lähmung der revolutionären Energie. Zum Teil 
hat man sicherlich die Verwandlung des spontanen revolutionären Elements in 
das organisiert-revolutionäre nicht für möglich gehalten und hat sich in das 
nichtrevolutionäre geflüchtet. Aber diese Flucht ist die Flucht vor der Revolu- 
tion selbst. Denn die Revolution ist eine Sache des unmittelbaren Eingreifens 
der Massen. Niemand kann sich anmassen, ihnen die Revolution «zu machen». 
Der nicht revolutionäre Weg kann nicht zu revolutionären Ergebnissen führen. 

Dass eine Normalisierung im vorigen Jahr notwendig war, darüber kann es 
keinen Zweifel geben. Die alten Verwaltungsorgane hatten keine Autorität mehr, 
die neuen, die Komitees, verschafften sich keine. Sie entarteten vielfach in ein 
Komiteeunwesen. Wo liegt der entscheidende Grund? Nicht einfach darin, dass 
man anstelle der neuen Organe, der Komitees, den alten Staatsapparat wieder 
eingesetzt hat, dass die Räte durch die Organe des bürgerlichen Staates ersetzt 
wurden. Die Komitees waren nämlich im Gegensatz zu wirklichen Räten nicht 
unmittelbar von der revolutionären Masse ausgegangen, von; ihr getragen und mit 
ihr in lebendigem Kontakt. Sie waren eingesetzt durch die Leitungen der ver- 
schiedenen Organisationen. Und das ist etwas ganz anderes. Die revolutionären 
Massen hatten durchweg überhaupt kein eigenes Organ. Nicht einmal in den 
Milizen, die nach Organisationszugehörigkeit zusammengestellt wurden und in 
denen sich meist nicht einmal Kontrollorgane entwickelten, weil die Kontrolle 
gegen die Kommandeure ausgeübt werden musste, die in diesem Fall durchweg 
Funktionäre der eigenen Organisation waren. Es hat keine Versammlungen an 
der Front und im Hinterland gegeben, in denen die Arbeiter und Bauern selbst, 
und vor allem quer durch die Organisationsgrenzen, miteinander reden und be- 
raten konnten. Es hat bis heute in Spanien keine Diskussionsversammlungen, 
sondern nur Meetings gegeben, auf denen «Kanonen» zu den Massen sprechen. 
Man muss sehen, dass in der Rückschrittlichkeit der Masse selbst ein wesentlicher 
Grund für diese Situation liegt, die fortgeschrittensten Elemente der Masse wur- 
den ja gleich durch die vielfältigen Aufgaben an der Front und im Hinlerland 
aufgesogen und viele, allzu viele von ihnen, sind na<jh kurzer Zeit nicht mehr da 
gewesen.' Aber die Rückschrittlichkeit konnte nur überwunden werden durch ent- 
schlossenes Vorwärtstreiben der Massenbewegung. In solchen revolutionären 
Zeiten, in denen sich Entscheidungen von Jahrzehnten und Jahrhunderten und 
für Jahrzehnte und Jahrhunderte auf einen kurzen Zeitabschnitt zusammendrän- 
gen, ist auch eine radikale Umkrempelung des Massenbewusstseins möglich. Man 
muss allerdings den Willen dazu haben und man muss die Mittel dazu kennen. 
Am Willen hat es weitgehend gefehlt, die Mittel sind in der ganzen internationa- 
len Arbeiterbewegung noch wenig bekannt. 

Als die Normalisierung in den nichtrevolutionären Formen begonnen war, 
begann es schon mit dem Ruf nach dem «starken. Staat», nach der «starken Re- 
gierung». Wir opponieren gegen eine solche Losung nicht von der anarchistischen 
Ideologie her, die den Staat auch in den Händen der Arbeiterklasse ablehnt, 
sondern wir fragen uns: muss man mit einer solchen Formulierung, der eine 
entsprechende Politik zugrundeliegt, nicht geradezu das Selbstvertrauen, die Wei- 
terentwicklung der Massenbewegung an der Basis kaputtmachen? Sicherlich. 
Das Verhältnis der Massen zu dieser «starken Regierung», zu diesem «starken 
Staat» wird weitgehend wieder das der Ehrfurcht zu «dem da oben», dem man 
folgt, dem man gehorcht. Allerdings mit dem Unterschied, dass man jetzt viel- 
leicht gehorcht, weil man in der Regierung mit Recht die Führung dieses gemein- 

211 



Sexpol-Korrespondenz 

Samen Krieges gegen den Faschismus sieht. Und dennoch haben wir es mit einem 
Irrweg zu tun. Die Massen sollen überhaupt nicht «gehorchen», oder anders: sie 
sollen niemand gehorchen ausser sich selbst. Eingeschlagen wurde der Weg der 
Weckung des Gehorsams gegenüber der neuen Obrigkeit, und nur ansatzweise der 
der entschlossensten Entwicklung des Verantwortungsbewusstseins, von daher des 
freiwilligen Einordnungswillens der Masse gegenüber ihrer eigenen Vertretung, 
gegenüber sich selbst. 

Es folgte die Forderung nach einer «geordneten Wirtschaft». Gewiss, Ord- 
nung. Aber auf das Wie kommt alles an. In der Fabriken haben wir es mit 
einer ziemlich unübersichtlichen Situation zu tun. In Katalonien sind sie kollek- 
ti visiert, d. h. die Arbeitersyndikate bzw. die Belegschaften haben den Betrieb in 
ihre eigenen Hände übernommen. Im übrigen Spanien ist die Übernahme der 
kriegswichtigen Betriebe durch den Staat erfolgt, bei Kontrolle durch die Beleg- 
schaft, ausserdem hat dort der private Besitz noch freiere Hand. Der Kleinbetrieb 
ist unangetastet geblieben, nachdem man die Kinderkrankheit der Kollektivisierung 
der Schusterwerkstätten etc. überwunden hatte, die nur geeignet war, Unwillen 
unter dem Kleinbürgertum hervorzurufen, ausser dass sie wirtschaftlich völlig 
unrentabel war. Die Kollektivisierungslinie in Katalonien haben die Anarchisten 
durchgesetzt. Sie haben sie sich gedacht als eine höhere Form und als ein Boll- 
werk gegen den «Staatskapitalismus». In der Tat ist daraus geworden weitgehend 
ein Gewerkschaftskapitalismus, eine Gleichmacherei ungeachtet der Leistungen der 
Betriebe, ein in die Tasche der eigenen Belegschaft Arbeiten, und eine Zusam- 
menhangslosigkeit in der katalanischen Wirtschaft, die mit den Erfordernissen 
des Krieges ebensowenig übereinstimmt wie sie mit Sozialismus etwas zu tun hat. 
Das steht nicht im Widerspruch dazu, dass in diesen kollektivisierten Betrieben 
zum Teil auch Vorzügliches geleistet worden ist. Der vom CNT-Syndikat in Bar- 
celona wahrgenommene Verkehr klappt z. B. ausgezeichnet. Aber in der grossen 
Linie ist es absolut sicher, dass man unter der Kontrolle der Gewerkschaften 
und unter der Kontrolle der Arbeiter selbst eine straffe Zentralisierung der ge- 
samten Wirtschaft, besonders der Grossindustrie, aber auch vor allem der Le- 
bensmittelversorgung erreichen muss. Und leider hapert es gerade am Punkt 
der Kontrolle. Es gibt nicht wenig solche Beispiele, wo überhaupt nie eine Neu- 
wahl des Fabrikkomitees in Frage kommt, weil auf keiner der monatlichen Ver- 
sammlungen sovicle Arbeiter anwesend sind, wie erforderlich sind, um eine Neu- 
wahl vorzunehmen. Es ist klar, viele der Besten sind aus den Betrieben heraus- 
gezogen. Ausserdem ist die Betriebskontrolle weitgehend auf der Einsetzung von 
Komiteemitgliedern durch die beiden Gewerkschaftszentralen basiert, und nicht 
auf der Entwicklung der Kontrollorgane von der Basis her. Auf dem Lande hat 
man zu Anfang schlimme Schnitzer mit Zwangskollektivisierungen gemacht. Da- 
von ist man abgekommen. Von den heute bestehenden Kollektiven arbeitet ein 
Teil sehr gut, grosse Fähigkeiten haben sich angesichts der neuen Aufgaben auf 
dem Dorf entwickelt. Aber in vielen andern Fällen weiss man nicht, was mit 
der Kollektive anzufangen. Auf dem Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens hängt 
man zwischen der Unfertigkeit der sozialistischen «Kezepte» und der Tendenz 
des Zurückschraubens von oben her. 

Die andere Forderung war die eines «regulären Heeres». Natürlich auch 
hier, ein Heer brauchte man, das in der Lage war, es mit den wohlausgerüsteten 
faschistischen Armeen aufzunehmen. Aber die Organisierung des neuen Volks- 
heeres ist in sehr starkem Masse unter einfacher Übernahme der alten Formen 
der Disziplin vorgenommen worden, mit Exerzieren, übertriebener Lohndifferen- 
zierung zwischen Soldat und Offizier usw. usw. Viele ergebene Hevolutionäre 
haben die Milizen verlassen, als sie die neuen Formen des Volksheeres über- 
nehmen mussten. Wir sind uns ganz darüber im Klaren, dass es sich zum Teil 
hier wie anderswo um solche Bevolutionäre handelt, die über dem Morgen das 
heute vergessen, die nicht imstande sind, die durch die Notwendigkeiten dieses 
Krieges aufgezwungenen Bedingungen zu verstehen. Es hat immer diesen Kon- 
flikt gegeben und wird ihn geben weiterhin, zwischen den Kräften, die ihren ent- 
scheidenden Einsatz beim Niederreissen leisten und jenen, vor denen vor allem 
die Aufgabe des Neuaufbaus steht. Man hat keine ernsten Beiträge zur Frage der 
Entwicklung einer neuen Disziplin geleistet. Die Kommunisten, die immer stär- 
ker zur heute zentralen Kraft geworden sind, machen ihre Politik «russisch». 
Aber sie lösen dabei überhaupt nicht die Frage, wie dieser spanischen Masse, vor 
der die alten Autoritäten zusammengebrochen sind, eine neue Form des Zu- 

212 



Sexpol-Korrespondenz 

sammenhalts, eine neue Ordnung, die revolutionär sein muss und nicht konserva- 
tiv, die den Bruch mit dem Althergebrachten nicht nur formell sondern inhaltlich 
erfüllen muss, entwickelt werden kann. 

Meiner Überzeugung nach hat sich die anarchistische Ideologie den hier 
stehenden Aufgaben nicht gewachsen gezeigt. Das besagt kein Wort gegen ihren 
wahrhaft heroischen Einsatz im Juli und in all den Monaten hinterher. Aber 
ihre Ideologie ist vor allem eine destruktiv ausgerichtete gewesen. Soweit sie mit 
den Aufgaben des Neuaufbaus zu tun hat, ermangelt sie einer konkreten Vorstel- 
lung in allen Fragen des Übergangs, in der Frage des Machtkampfes wie der des 
Kampfes um den «neuen Menschen». Und beides ist in Wirklichkeit ein und die- 
selbe Frage. Ein Kernelement -des Anarchismus ist das der Verfechtung des Fö- 
deralismus gegenüber dein Zentralismus. Föderalismus ist aber nicht nur heute 
in der Phase des Kriegs illusionär, sondern ajuch in der nachfolgenden Etappe des 
Neuaufbaus unmöglich. Der Weg zur Auflösung der zentralen staatlichen Gewalt, 
und das ist der Sinn des föderalistischen Prinzips, geht über die straffste Erfas- 
sung der Mittel des Staates in den Händen des arbeitenden Volkes.« Und die Ge- 
fahr des Bürokratismus, der Regression zu ausbeuterischen Zuständen ist nicht 
durch die andere des Chaotischen zu bändigen. Angesichts der ungeheuren unmit- 
telbaren Aufgaben, denen die spanische Bewegung gegenübersteht, ist sie ausge- 
sprochen unproduktiv gewesen, was das Aneinanderarbeiten der gesunden Ele- 
mente der Doktrin des anarchosgndikalistischen und des marxistischen Flügels 
der spanischen Arbeiterbewegung angeht. Die Kernfrage ist die der sozialen 
Demokratie. An sie ist man nicht nur nicht ernsthaft herangegangen, sondern 
wir sehen von den Verfechtern des «demokratischen Zentralismus» eine Haltung 
des Parteiimperialismus, einer Tamtam- und Apparatpolitik, die eine Synthese 
mit den eigengearteten Elementen der spanischen Bewegung, die zugleich ihre' 
revolutionäre Tradition verkörpern, beinahe unmöglich machen. 

Die Kulturrevolution hat einen mächtigen Aufschwung dadurch genommen, 
dass ihr Haupthindernis, die katholische Kirche fiel. Es ist eine gewaltige Auf- 
lockerung eingetreten und wichtige Voraussetzungen für eine wirkliche kulturelle 
Revolution werden erfüllt. Mehr noch nicht. Man lernt lesen und schreiben, 
man liest. Man entwickelt eine neue Schule, stark unter dem Einfluss des rus- 
sischen Vorbildes. Man macht auf sozialem Gebiet vielversprechende Versuche 
und wichtige praktische Arbeit, Kampf gegen Seuchen und Geschlechtskrank- 
heiten, Schaffung von modernen Kinder- und Altersheimen. Man hat, zumindest 
in Katalonien, ein modernes Scheidungsgeselz eingeführt. Man hat in Kata- 
lonien die Abtreibung freigegeben und die Organisierung des Vertriebs von Prä- 
venlivmitteln dekretiert. Das Mädel und die Frau nehmen fortlaufend stärkeren 
Anteil am politischen und sozialen Leben. Das Mädel ist nicht mehr dasselbe 
wie früher. Sein Verhältnis zum Jungen ändert sich. Aber das alles ist noch 
eine sehr zögernde, widerspruchsvolle Entwicklung. Zu Anfang hatte man zwei 
Haupttendenzen: die eine war eine Kampfansage an die Prostitution (die auch 
heute gewaltige Dimensionen hat) ohne zu wissen, dass eine solche «Kampf- 
ansage» unsinnig bleibt, solange die ökonomischen Bedingungen der käuf- 
lichen Liebe und die bürgerliche Familie nicht überwunden sind. Die andere 
war bei einem kleinen Teil ein überschlagen der «sexuellen Befreiung», wie sie 
eintreten musste, da es an einer Richtung für die Neugestaltung des Lebens 
mangelte. Die Organisationen haben zumeist von diesem wichtigen Gebiet des 
menschlichen Lebens, von der Wichtigkeit seiner Mobilisierung für den poli- 
tischen Kampf, keine Ahnung. Wo sie sich damit beschäftigen, beschränkt es 
sich zumeist auf die Veröffentlichung von Aufklärungs- oder grundsätzlichen 
Broschüren der «Klassiker». Eine ernsthafte proletarische Kinderbewegung gibt 
es nicht. Die Jugendbewegung kümmert sich kaum um die eigentlichen kultur- 
rellen Aufgaben. Das muss man aber alles im richtigen Zusammenhang sehen. 
Man muss die Zange spüren, in der die spanische Revolution steckt. Erst dann 
versteht man den zu Anfang ausgedrückten Optimismus, dass die Revolution 
dennoch lebt. 

Was wollen die Massen heute? Sie wollen auf der einen Seite ihre Errun- 
genschaften verteidigen und sie ausbauen. Auf der andern Seite sehen sie, dass 
eine konsequente Kriegspolitik der einzige Weg ist, um erst mal aus dieser be- 
engenden Umklammerung herauszukommen. Die Politik der offiziellen Kom- 
munisten hat aus diesem Grund steigenden Anklang gefunden. Gleichzeitig aber 
gibt es, besonders von Seiten beträchtlicher Schichten der Bauernschaft und des 

213 












Sexpol-Korrespondenz 

Kleinbürgertums, eine Basis für gefährliches, faules Kapitulantentum, ausgehend 
von der Sehnsucht, doch endlich einen Schluss dieses furchtbaren Krieges zu er- 
reichen, doch endlich «Frieden» zu bekommen. Dieser Friede kann aber nur 
zweierlei sein: entweder ein radikaler Sieg über den Faschismus und seine Re- 
serven oder ein Friede auf der Basis der Abschlachtung einiger hunderttausend 
spanischer Arbeiter. Darum kann es nichts anderes geben als: den Krieg ge- 
winnen und die Revolution retten! 



PALASTI NA 

Bericht aus Palästina 

Alle politische Tätigkeit muss mit der Überwindung der gewaltigen politischen 
und kulturellen Zwiespältigkeit des Landes, — halbfeudale Zustände bei den 
Arabern, und •europäisch - kapitalistische Struktur der jüdischen Bevölkerung, — 
beginnen. Unerlässliche Voraussetzung hiefür ist die umwälzende Praxis der 
sexuellen Revolutionierung, sowohl der arabischen, als auch der jüdischen Massen. 
Da die offizielle jüdische Arbeiterpartei sexualpolitische Fragen nicht einmal in 
ihren eigenen Kreisen stellt, ist sie ausserstande, mit den arabischen Massen po- 
litischen Kontakt zu gewinnen, und so die ihr zufallende Rolle des Hegemons zu 
spielen. Die erstaunliche Kontaktlosigkcit, ja Feindseligkeit zwischen dem arabi- 
schen und dem jüdischen Arbeiter, deren Ursache man in Rassen- und Sprach- 
unterschieden sehen will, beweist treffend die Richtigkeit und grosse strategische 
Bedeutung, die der erweiterten scxualpolitischen Theorie vom Klassenkampf 
(Reich, Parell) zukommt. Der arabische Arbeiter in der Stadt, der Fellach, auf 
dem Lande, im Betriebe und auf den Orangeplantagen oft genug mit dem jüdi- 
schen Arbeiter zusammen, steckt unvorstellbar tief in der allgemeinen sexuellen 
Misere. Es klingt phantastisch, wenn man hört, dass der arabische Arbeiter noch 
heute dafür Jahre auf dem Bau schuftet, um sich dann später eine Frau kaufen 
zu können. Die Möglichkeit nichtehelichen Geschlechtsverkehrs ist für weite 
Kreise der arabischen Bevölkerung fast völlig ausgeschlossen. Dazu kommt, dass 
in Palästina die Prostitution — im Gegensatz zum französischen Syrien — streng 
verboten ist, und z. B. die Entdeckung eines geheimen Bordells mit schweren 
Strafen für alle Beteiligten verbunden, ist. Die Homosexualität unter den Arabern 
ist sprichwörtlich. Dies hingegen stört die Polizei wenig, die ruhig ganze Grup- 
pen von Lastträgern nachts auf den Strassen schlafen lässt. Der Ausweg, den 
der europäisierte Araber, etwa der Taxichauffeur, der Büroangestellte, der kleinere 
Beamte etc. sucht, sich nämlich mit jüdischen Frauen zu befreunden, ist total 
versperrt, da jede Jüdin, die zu einem Verhältnis mit einem Araber bereit ist, 
von den Juden aller Schichten masslos kompromitiert wird. 

Kein Wunder, dass Sexualverbrechen an der Tagesordnung sind, begangen auf 
offener Strasse von Arabern an Jüdinnen. Die hebräische Presse, unter ihr 
«Davar», das Arbeiterblatt und die grösste Zeitung im Lande, bringt derlei Vor- 
fälle jedesmal sensationell aufgemacht und benutzt sie, um die Araber als Wüst- 
linge hinzustellen. Es ist wie in Deutschland, nur dass an Stelle des «geilen 
Juden» der «blut- und sexualgierigc Araber» tritt, eine L'mkehrung, wie man sie 
in Palästina, wo sich die Juden im eigenen Hause fühlen, oft beobachten kann. 
So ist es einfach undenkbar, dass arabische Jugendliche, die verstreut in den 
jüdischen sozialistischen Parteien sind, selbst wenn sie als gute Genossen gelten, 
Freundschaften mit jüdischen Genossinnen schliessen könnten, obwohl gerade 
diese Möglichkeit immer wieder arabische Jugend zu jüdischen Veranstaltungen 
hinzieht. 

Unter solchen Umständen ist es natürlich nicht verwunderlich, dass auch un- 
ter den Juden schlimmste Unfreiheit in sexualibus herrscht. Im Widerspruch 
dazu stehen einige äusserst fortschrittliche Tendenzen, eigentlich nur Ansätze zu 
sexualrevolutionärer Entwicklung, die jedoch am entscheidenden Punkt immer 
wieder reaktionär umgebogen wird. So besteht z. B. in den sogen. Kibbuzzim 
(Kollektiven auf einer eher utopisch sozialistischen Stufe stehend, da der Boden, 
den das Kollektiv bearbeitet, erstens dem Keren Kayemeth — Jüd. Nationalfonds 
— gehört, Geldanleihen von ähnlichen Instituten genommen werden müssen, der 
Kibbuz auf Jahrzehnte Schuldner ist und selbst wenn er einmal schuldenfrei wird, 
wegen seiner Beziehungen zur kapitalistischen Umwelt, seine Mitglieder auf eine 

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Sexpol-Korrespondenz 

freilich kaschierte Weise ständig ausbeuten muss) immerhin die Möglichkeit freier 
Paarung. Kein Mensch ist dort «richtig», d. h. rabbinisch verheiratet (weshalb 
der jüdische Bourgeois natürlich von chaotischer Freiheit spricht), die Kinder 
werden vom ersten Lebenstag an gemeinsam in Kinderhäusern erzogen, und den- 
noch hat mit der Zeit jene Bremsung eingesetzt, die WiUielm Reich in der SU 
konstatiert hat: Sexueller Klatsch, Anstössigkcit des Ehebruchs, Moralpredigten, 
verdächtiger Eifer zwei, die miteinander was haben, zur »Mischpacha» (Familie) 
zu stempeln, und vor allem, jene berüchtigte Kameradschaftlichkeit (Jungen und 
Mädels sitzen nachts stundenlang in dunklen Zimmern und — singen) sind die 
ersten Anzeichen der moralischen Regulierung. Gesunde Mädchen von 20 Jahren 
erzählen, dass Abstinenz von einem Jahre üblich sei, und ihnen auch gar nichts 
ausmache (!). Interessant, dass das Kontingent der Geisteskranken und Selbst- 
morde, das der Kibbuz stellt, unverhältnismässig gross ist. Die besonders häufigen 
Aiigslneurosen werden alle auf die arabischen Unruhen zurückgeführt. Solche 
Nervenkranke wurden unlängt in einer privaten Statistik, die der «Davar» veröf- 
fentlichte, als «nationale Opfer» bezeichnet. Viele Kibbuzzim sträuben sich, ein 
Budget für Verhütungsmittel zu halten, weil man Geburten als zertifikatslose 
sogen, «innere Aliyal (Einwanderung)» begrüsst. In allen Kibbuzzim gibt es 
gemischte Schlafzimmer für die Ledigen (auch erklärte Paare haben nicht immer 
ein Zimmer für sich allein) wobei es Ehrensache ist, dass niemand dem andern 
was abguckt, und man die Mädchen überdies nur mit den Jungen zusammentut, 
damit so Ordnung und Reinlichkeit, der Mädchen schönster Zug, in den Schlaf- 
räumen gewährleistet sei ... . 

Die zahlreichen Austritte aus dem Kibbuz haben ein einziges Motiv: Ungenü- 
gende Liebesbeziehungen. Deshalb geht man in die Stadt, wo es mehr Auswahl 
gibt. 

Aber auch in den Städten herrscht Unzufriedenheit mit diesen Dingen. Ob- 
wohl die jugendlichen Einwanderer, die Altersschichten von 18 bis 24 dem Lande 
das Gepräge geben, und obwohl diese Jugendlichen ökonomisch alle auf sich selbst 
gestellt und meistens ohne ihre Eltern hier sind, klagen die meisten über Ver- 
einsamung und mangelnde Gelegenheit, Beziehungen anzuknüpfen. Das wird dann 
mit dem angeblich jüdischen Hang zur Askese und Ungeselligkeit erklärt, ist 
aber tatsächliche starke neurotische Gehemmtheit. Das in Deutschland so leicht 
praktizierte «Ansprechen» ist hier streng verpönt. Die meisten Mädchen müssen 
schwer arbeiten, alle fürchten sich vorm schnellen Altwerden im heissen Klima, 
deshalb drängt alles auf die «sichere» Ehe. So bleibt vielen unaufgeklärten Ar- 
beitern nichts anderes übrig, als sich vom Rabbi unter der «Chuppa» trauen zu 
lassen. Für dieses komische Ritual, standesamtliche Trauungen gibt es nicht, 
steckt der Pfaffe soviel ein, wie ein Arbeiter in drei Tagen beim Betonbau ver- 
dient. Doch der Druck der Gesellschaft ist zu gross. Schliesslich hört und liest 
der jüdische Arbeiter immer wieder, dass die jüdische Religion eine nationale, 
also seine Sache sei, deshalb isst man in den Arbeiterküchen koscher und fastet 
man am Versöhnungstag, ganz wie die nationale Schicklichkeit will. Es ist kein 
Witz, aber die hebräischen Zeitungen kommen mit dem jüdischen Datum heraus, 
also ist der Arbeiterfeiertag am ersten Mai 1937 oder am 19. Ijar, 5697 Jahre seit 

Erschaffung der Welt .... 

Der Klassenkampf in Palästina ist erst jetzt wieder einmal aufgehoben wor- 
den, Histadruth (die der 2. Internationale angeschlossene Gewerkschaft) schliesst 
Bündnisse mit der faschistischen sogen. «Nationalen Gewerkschaft» gegen — die 
arabischen Arbeiter, «Mapai» (jüd. sozialdem. Partei) propagiert «Kibbusch 
Awoda» (Prinzip der ausschliesslich jüdischen Arbeit), wer arabische Zigaretten 
rauclit und statt «Eretz Jisrael» (Land Israel) «Palästina» ausspricht, ist schon 
ein «Assimilant». 

Auf der anderen Seite leistet sich die illegale kommunistische Partei (Sektion 
der 3. Internationale) die grössten Schnitzer, hält den Chauvinismus der arabi- 
schen halbfeudalen Bourgeoisie für einen progressiven freiheitlichen Faktor, for- 
dert die Aufhebung der jüdischen Einwanderung, weil die Juden die Araber an- 
geblich verdrängen. Obwohl die Verdrängung der Araber, selbst wenn sie erwiesen 
ist, nicht Sache des einwandernden jüdischen Proletariers und Pauperisicrten ist, 
sondern seiner Bourgeoisie, die ihn mit Arbeitsmöglichkeiten und mittelmässigen 
Löhnen aus dem antisemitischen Europa in die «sichere Heimstätte» lockt. 

So hat das jüdische Proletariat, in Europa oft so klassenbewusst und revo- 
lutionär, seine Bolle in Palästina ausgespielt. Koloniale Profitabfälle, Antisemi- 

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Sexpol-Korrespondenz 

tismus in Europa, das besonders ungünstige «jüdische» Milieu mit seinem sexuel- 
len Fiasko, hat die palästinensische Arbeiterbewegung soweit heruntergebracht, 
dass sie endlich zum getreuen Abbild der englischen Mutterpartei geworden ist, 
was nun, seit Lansbury Hitler besucht hat, wie eine demonstratio ad oculos poli- 
tischer Verräterei und Unfähigkeit ist. 

Wenn wir inmitten dieses Berichts von rein sexual-politischen Feststellungen 
zu allgemeinerer politischer Kritik an Religion und Nationalismus abgesprungen 
sind, so ist das kein Abschweifen vom Thema gewesen, sondern im Gegenteil ein 
Zeichen der Bedingtheit des politischen Überbaus von der sexualpolitischen Basis. 

H. O. 

ÖSTERREICH 

Neues aus Österreich, 

von einem Wiener Genossen 

Meinen Bericht «Scxualpolitik in Österreich», der in der letzten Nummer der 
Zeitschrift erschien, hatte ich im November vorigen Jahres abgeschlossen. Heute 
muss ich ihn in einem wesentlichen Punkte ergänzen und korrigieren. In der 
Abortusfrage haben sich die Dinge grundsätzlich geändert. Noch 1935 zeigten Po- 
lizei und Gerichte in Abtreibungssachen nur wenig Eifer. Die Zahl der Ver- 
folgungen blieb gering, die Urteile waren milde, Ärzte wurden fast gar nicht be- 
helligt. In privaten Krankenanstalten wurde täglich eine Reihe Schwangerschafts- 
unterbrechungen vorgenommen. 

Anfang Jänner 1937 brachten die Zeitungen eine kurze Notiz, die Regierung 
beschäftige sich mit einer Verschärfung 1 des § 144. Die erste Folge war, dass die 
Sanatorien den Tarif hinaufsetzten. Man nannte das eine Aktion gegen die Ab- 
treibungsseuche. Bald ging es weiter. Eine Spezialkommission wurde gebildet, in 
einigen Anstalten Razzien gemacht, alte Krankengeschichten ausgehoben und ein 
paar Operateure in Untersuchung genommen. All das geschah ohne grosses Auf- 
sehen, leise, fast im Geheimen. Ich kann deshalb auch keine Details bringen, 
keine Namen von Verhafteten u. s. w. Jedenfalls bekamen es die Ärzte mit der 
Angst. Zuerst wagten es die «kleinen» Internisten nicht mehr, Indikationen zu 
geben, und ein paar über allen Verdacht erhabene katholische Primarii machten 
ein gutes Geschäft. Aber auch das hat aufgehört und man bekommt heute tat- 
sächlich auch für sehr viel Geld in Wien keine Indikation und auch keinen Ope- 
rationssaal. Einige Ärzte sind dazu übergegangen, in der Sprechstunde «aus- 
zukratzen» — ohne Indikation — aber das traut sich natürlich nicht jeder. Viele 
schöne Schillinge rollen ins Ausland, besonders nach Bratislava und Brunn. Die 
Proletarierfrauen aber müssen zur Hebamme gehen, wenn sie ihre Schwanger- 
schaft loswerden wollen. 

Unterdessen hat die Regierung ihre Strafgesetznovelle durch den Staatsrat 
geschleift und auch durch den Bundeskulturrat und Anfang Juni dem Bundestag 
vorgelegt. Das neue Gesetz dürfte also beim Erscheinen dieser Zeilen schon 
längst in Kraft getreten sein. Es enthält zunächst eine Verschärfung der ange- 
drohten Strafen, daneben aber — und das ist wichtiger — verfügt es die Ein- 
richtung ärztlicher Prüfungsstellen, die jeweils aus einem Amtsarzt, einem Gynä- 
kologen und einem Internisten bestehen und darüber entscheiden sollen, ob auch 
wirklich «alle Möglichkeiten zur Erhaltung des keimenden Lebens erschöpft sind». 
Kenner der Materie werden verstehen, dass es bei dieser Fragestellung auch ge- 
wissenhaften und humanen Ärzten überaus schwer wird, mit «Ja» zu antworten. 
Aber auch in diesem Fall wird die Kommission keine Indikation zur Schwanger- 
schaftsunterbrechung stellen», sondern überlässt die letzte Entscheidung dem Ge- 
wissen und Verantwortungsbewusstsein des Arztes. «Durch diese Regelung wird 
ein Zustand der Unsicherheit geschaffen, ein Verfahren, das im autoritären Staate 
oft wirksamer ist als eine direkte Strafandrohung. «Wo so heikle Probleme her- 
ankommen, die tief in das Seelische und Religiöse reichen, hat die Moraltheorie 
mitzusprechen; vornehme Vertreter haben die getroffene Lösung gebilligt». 
(«Reichspost» vom 9. 4. 1937). Die Einleitung der Fehlgeburt ausserhalb einer 
Krankenanstalt wird grundsätzlich verboten, in unaufschiebbaren, lebensbedro- 
henden Fällen ist binnen 24 Stunden die Anzeige an die Prüfungsstelle zu er- 
statten. 

Ein Kommentar zu diesem mörderischen Gesetz erübrigt sich. 

216 






Sexualpolitische Umschau 



RUSSLAND 

Vorbemerkung 

Die aachfolgenden Berichte aus Russland und Zitate aus russischen Zeitun- 
gen könnte man mit dem Titel versehen «Worauf sie stolz sind — und was dabei 
herauskommt». Wir -haben in dieser Zeitschrift bereits mehrfach ausführlich 
zu der reaktionären Sexualgesetzgebung der Sowjetunion in den letzten Jahren 
Stellung genommen und auch rund in der Welt ist die Diskussion über dieses 
Thema nicht zum Schweigen gekommen. 

Um so eifriger sind sind daher die leitenden Stellen der Sowjetunion und 
die Sowjetpresse bemüht, das Abbremsen der Sexualrevolution in Russland als 
ein fortschrittliches Ereignis hinzustellen, sei es durch propagandistische Zweck- 
darstellung, sei es durch Auswertung an sich positiver Tatsachenberichte im Sinne 
der jetzt massgebenden reaktionären Sexualideologie. 

Wir lassen nun nachstehend die Berichte für sich selbst sprechen: 

«Iswestija» v. 29. Juni 1937 

Der Rückgang der Zahl der Geschlechtskrankheiten 

von Professor Bronner . 

Kein Land hat im Kampf mit den Geschlechtskrankheiten so erstaunliche 
Erfolge aufzuweisen wie die Sowjetunion. Das ist auch durchaus verständlich, 
denn nur in unserem Lande wurden mutig und entschlossen die Seuchenherde 
selbst bekämpft: die Ausnutzung einer Millionenbevölkerung, Armut, Prostitution. 

Mittels einer Stichwahl, die im Jahre 1935 mehr als drei Millionen Stadt- 
bevölkerung und acht Millionen Landbevölkerung umfasstc, konnte aufgewiesen 
werden, wie erheblich unsere Erfolge im Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten 
sind. Im Vergleich mit 1913 ist die Zahl der Syphiliserkrankungen im Jahre 1935 
in der Stadt auf den zwölften und auf dem Dorf auf den vierten Teil gesunken. 
Die Erkrankungen an weichem Schanker sind fast auf den zweihundertsten Teil 
gesunken. Diese Angaben sind von besonderem Interesse, da diese Krankheit 
mehr als die anderen Geschlechtskrankheiten mit der Prostitution zusammen- 
hängt. 

Bei den Rekruten, die sich im Jahre 1935 in Weissrussland, Turkmenien, 
Armenien, dem Swerdlowskcr, Kursker, Charkower u. a. Bezirken und Republiken 
zum Militärdienst stellten, gab es keinen einzigen Syphiliskranken. 

Ein besonders starker Rückgang der Geschlechtskrankheiten ist seit Anfang 
der zweiten Hälfte des Jahres 1936 zu verzeichnen. Es genügt zu sagen, dass die 
Syphiliserkrankungen in der zweiten Hälfte 1936 im Vergleich mit dem ent- 
sprechenden Zeitabschnitt 1935 — also innerhalb eines Jahres — in Moskau um 
38 %, die Zahl der Gonorrhoeerkrankungen um 18 % gesunken sind. Es ist vor 
allem zu betonen, dass innerhalb derselben Zeit die Zahl der Erkrankungen an 
weichem Schanker um 77 % gesunken ist. 

Im Jahre 1935 waren in Leningrad 329 Fälle von Erkrankungen an weichem 
Schanker registriert, in der ersten Hälfte 1937 sind dagegen nur 1 — 2 Fälle pro 
Monat zu verzeichnen. 

Dieser erhebliche Rückgang der Geschlechtskrankheiten in der zweiten Hälfte 
1936 und im Jahre 1937 hängt eng mit dem Regierungsdekret über das Verbot 
von Abtreibungen und der veränderten Gesetzgebung bezüglich der Eheschei- 
dungen zusammen. Für uns Sowjetärzte, die wir in engem Kontakt mit der Bevöl- 
kerung stehen, tritt der segensreiche Einfluss dieses Dekrets auf die Gesundheit 
nicht nur der Frauen, sondern der ganzen Bevölkerung besonders klar zu Tage. 

Das Dekret über das Verbot von Abtreibungen und die veränderte Gesetz- 
gebung bezüglich der Ehescheidungen haben ungeheuer viel dazu beigetragen, die 
Autorität der Familie und der Familienbeziehungen zu stärken und zu heben. 
Tatsachen beweisen, dass in den breiten Massen der Bevölkerung die Achtung vor 

217 



>■■ 



Sexualpolitische Umschau 

den gegenseitigen Verpflichtungen, die die Ehe beiden Ehepartnern auferlegt, be- 
deutend gestiegen ist. Man steht zufälligen, vorübergehenden Beziehungen viel 
kritischer gegenüber, die doch vor allem zur Verbreitung der Geschlechtskrank- 
heiten beitragen. Natürlich haben auch die Angst vor der Schwangerschaft bei 
der Frau und das Gefühl der Verantwortung für die Folgen beim Manne eine 
gewisse Rolle gespielt. Aber, nach unserer tiefen Überzeugung, hat diese Tatsache 
nicht die dominierende Rolle gespielt. 

Eine sehr erhebliche Bedeutung für den Rückgang der Geschlechtskrankheiten 
hatte zweifellos auch das immer steigende kulturelle und ökonomische Niveau 
der Bevölkerung, 

«Iswestija» v. 30.6.37 

Der Rückgang der Scheidungen 

In der Zentralverwaltung des statistischen Amtes sind unserem Mitarbeiter 
sehr interessante Angaben bezüglich des starken Rückganges der Zahl der Schei- 
dungen gemacht worden. 

Von Januar bis April des laufenden Jahres sind 24.331 Scheidungsfälle regi- 
striert worden gegenüber 82.001 Fällen für den entsprechenden Zeitabschnitt des 
Vorjahres. In der Ukraine ist die Zahl der Scheidungen um mehr als drei Mal 
zurückgegangen (von 25.888 auf 8.243) und in Weissrussland von 3.173 auf 850. 

Angaben über den Rückgang der Zahl der Scheidungen laufen auch ein aus 
den örtlichen statistischen Ämtern anderer Republiken, Bezirke und Rayons. 

«Pravda» vom 6.6.37, No. 154 
Geburtenzuwachs in Moskau 

«Nach den Angaben des Moskauer volkswirtschaftlichen statistischen Amtes 
sind in den Monaten Januar-Mai 1937 in Moskau 56.376 Kinder zur Welt gekom- 
men — um 26.205 mehr als im gleichen Zeitabschnitt des Vorjahres. Im Mai 
des laufenden Jahres waren 11.944 Geburten zu verzeichnen (im Mai 1936 nur 
C.113). 

In den ersten 5 Monaten 1937 (im Vergleich mit demselben Zeitabschnitt des 
Vorjahres) ist der natürliche Bevölkerungszuwachs um 3,4 mal gestiegen. 

Die Zahl der Scheidungen hat erheblich abgenommen. In den Monaten Ja- 
nuar bis Mai (im Vergleich mit demselben Zeitabschnitt des Vorjahres) ist ihre 
Zahl um 66 % gesunken.» 



«Iswestija» v. 14.5.37, No. 112 

Die Geburtenzunahme in der Sowjetunion 

Mit jedem Monat wächst die Zahl der Geburten in der Sowjetunion. Im 
Januar dieses Jahres war sie im Vergleich mit Januar 1936 um 21,7 % gewachsen. 
Nach den unvollständigen Angaben des statistischen Reichsamtes der Sowjetunion 
(ZUNCHU) war die Zahl der Geburten im ersten Quartal des Jahres 1937 im 
Vergleich mit der entsprechenden Zeit des Vorjahres um etwa 30 % gestiegen. 

Die erste Stelle nimmt hier die Ukraine ein (eine Zunahme von etwa 70 %). 

Eine erhebliche Zunahme der Geburtenzahl ist auch in den Hauptstädten der 
Bundesrepubliken zu vermerken. 

Geburtenzahl 



Moskau 


18.246 


Leningrad 


13.328 


Charkow 


3.180 


Kiew 


4.146 


Minsk 


1.488 


Tbilissi 


2.196 


Erevan 


1.416 


Baku 


5.382 


Taschkent 


3.818 


Aschchabad 


640 


Stalinabad 


536 


Franse 


662 



ihl 


Prozentsatz 


Quartal 37 


d. Zunahme 


32.632 


78,8 % 


22.937 


72,1 % 


5.958 


87,4 % 


5.883 


41,9 % 


2.037 


36,9 % 


3.292 


49,9 % 


1.812 


28,0 % 


7.643 


42,0 % 


4.918 


28,8 % 


1.256 


96,3 % 


764 


42,5 % 


914 


38.1 % 



218 



Sexualpolitische Umschau 

Nach den Angaben des statistischen Reichsamtes ist gleichfalls eine erheb- 
liche Geburtenzunahme in den nationalen Republiken und Bezirken festzustellen. 

Nach den Angaben des Volkskommissariats für Finanzen ist den Ortsbehörden 
zum 1. April 1937 die Summe von 566 Millionen Rubel ausbezahlt worden als 
staatliche Unterstützung für kinderreiche Mütter. Nach unvollständigen Angaben 
erhalten 270.000 Mütter diese Unterstützung. 



Die vorstehenden Zahlen zeigen eine ganz ausserordentliche Steigerung der 
Geburtenziffern, aber es wäre sicherlich verfehlt, aus diesen Zahlen ohne weiteres 
auch eine entsprechend grössere Gchärf reudigkeit zu folgern und diese stolz damit 
zu begründen, dass eben der allgemeine Wohlstand und Lebensstandard in der 
SU sich derart gehoben habe, dass für alle diese Neugeborenen ein «wohlgedeckter 
Tisch des Lebens» bereitstünde. 

Um diese Zahlen, deren Höhe und Verschiedenheit besonders auffällt, wirk- 
lich einigermassen korrekt auszuwerten, müsste man untersuchen, in welchem 
Masse sich zahlmässig der allgemeine Wohlstand gehoben hat und in welchen 
Ausmasse sich die einzelnen Bezirke der SU hinsichtlich der Steigerung des Le- 
bensstandards voneinander unterscheiden. 

Wahrscheinlich würde man auch nach einer solchen Untersuchung zu dem 
Ergebnis kommen müssen, dass die enorm hohen Zahlen zum Teil das Ergebnis 
der neuen Ahortgesetzgebung in der SU sind — einfacher ausgedrückt, dass viele 
von den Müttern dieser Kinder gebären mussten, weil das Gesetz sie dazu zwang. 

Dass die neue Abortgesetzgebung in der SU nicht, wie man uns klarzumachen 
versuchte, der einmütigen Haltung der SU-Bevölkerung entspricht, zeigt sich in 
der immer weiter fortgesetzten ideologischen Beeinflussung in der Sowjetpresse 
und besonders in der Art, wie dies geschieht. Der nachstehend abgedruckte Aus- 
schnitt «Schuld und Sühne» aus der Iswestija vom 3. 4. 47 arbeitet mit all den 
Mitteln der Beeinflussung, die angewandt werden, wenn eine Zustimmung zu 
einer Massnahme wie z. B. eben dieser Abortgesetzgebung erzwungen werden soll, 
weil man der unmittelbaren natürlichen Einsicht und Zustimmung bei der Masse 
der Bevölkerung nicht sicher ist; nämlich mit einer Darstellung, die Angst, 
Schrecken und Furcht vor Strafe hervorrufen soll und einen Konflikt, dessen 
Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Zuständen und der Gesetzgebung der 
SU auch noch in dem Artikel der Iswestija nicht verborgen bleiben kann, ab- 
schicht auf eine individuelle «Schuld» eines «Individuums», das dann noch zum 
Uberfluss als minderwertig und verabscheuenswert hingestellt wird. 



«Iswestija», 3.4. 37 
Schuld und Sühne 

Der verantwortliche wissenschaftliche Mitarbeiter des Volkskommissariats für 
Landwirtschaft Alexejew kam nach Witebsk kurz nach seiner Rückkehr von einer 
Dienstreise ins Ausland. Aus diesem Grunde erzählte er oft und ausführlich von 
den Annehmlichkeiten der europäischen Zivilisation («zwar verfault, aber doch 
Kultur»), und begann jeden zweiten Satz mit Äusserungen wie: «Als ich in Paris 
war . . .» oder «und da gehe ich die Rue Pigalle entlang . . .». Mit einem Worte, 
er spielte sich auf als der glänzende, aber enttäuschte Europäer, der müde war 
von den Annehmlichkeiten der «verfaulten Kultur» und den Begeisterungsaus- 
brüchen der lieben Verwandschaft. 

Dieser inneren Einstellung entsprechend trug er eine Art Tropenhelm, apfel- 
sinenfarbene, durchbrochene Schuhe, einen orangenen Anzug mit einem Abzeichen 
im Knopfloch, eine schreiende Krawatte und seine Schultern waren so unwahr- 
scheinlich, dass sie die Vermutung aufkommen Hessen, sie seien zumindest mit 
einem Balken 'gepolstert. 

Da er in Privatgesprächen mit hochmodernen wissenschaftlichen Ausdrücken 
nur so um sich warf, hielt man ihn bald für eine sehr komplizierte und tiefe 
Natur. Er betonte auch immer wieder, dass ihn niemand verstünde und "dass er bald 
die Welt durch eine unerhörte Erfindung in Staunen versetzen würde. Dabei schim- 

219 



Sexualpolitische Umschau 

inerten seine Augen fett wie Oliven. Deshalb wohl (oder eher — seltsam, dass 
gerade deshalb) verliebte sich sehr bald nach seiner Ankunft in Witebsk die junge 
Tierärztin Maria Pavlova in ihn, sie liebte ihn heiss und glühend — es war die 
erste Liebe eines zwanzigjährigen Mädchens, die nicht immer Mache von Wahr- 
heit, wahren, inneren Gehalt von maskierter Hohlheit zu unterscheiden vermag. 

Ihr trügerisches Glück währte einen Monat. Dann musste Alexejew nach 
Moskau zurück. Zwei Wochen später wurde Maria Pavlova in bewusstlosem Zu- 
stande ins Witebsker Krankenhaus geschafft, wo sie einige Tage später an einer 
Blutvergiftung starb — die Folge einer unsachgemäss und ungeschickt durch- 
geführten Abtreibung. Trotz der Bitten ihrer Mutter und der Ärzte weigerte sie 
sich, den Namen der Person zu nennen, die' die Abtreibung vorgenommen hatte, 
und sie starb, ohne ihr Geheimnis aufgedeckt zu haben. 

Vom Untersuchungsrichter befragte Zeugen wiesen auf eine weise Frau, die 
bereits früher unter der Beschuldigung illegaler Abtreibungen gestanden hatte und 
behaupteten, dass sie es gewesen sei. Aber der Untersuchungsrichter Piskunow 
Hess sich nicht durch das trügerische Zusammentreffen gewisser äusserer Um- 
stände verführen. Er gehörte zu der Kategorie der beharrlichen und unermüd- 
lichen Wahrheitssucher. Mit der grössten Geduld durchblätterte er alle Bücher, 
die sich in Marias Bücherschrank befanden und fand schliesslich einen Liebes- 
brief, der nach naiver Jungniädchenart zwischen die Seiten eines Buches gelegt 
war. 

Diese Quintessenz von Abgeschmacktheit wäre es nicht wert, überhaupt er- 
wähnt zu werden, wenn sie nicht ein bezeichnendes Licht auf diese ganze tragische 
Sache werfen würde. 

«Marusinka, mein Sternlein! 

Ich habe heute den ganzen Tag an Dich gedacht. Am Abend spielte ich Geige, 
und die Wogen zarter Töne riefen Dein Bild hervor. Ich fühle, wie Frühlings- 
gefühlc mich überströmen .... Als ich in Berlin war, hörte ich den Ausdruck: 
«Andere Städtchen — andere Mädchen». Erst seit ich Dich traf, mein Schätzchen, 
weiss ich, dass dieses Sprichwort nicht immer zutrifft. Kannst Du Dich an das 
Lied erinnern «Bald ist der Herbst vorbei»? Erinnerst Du Dich, es wurde bei 
E. W. gesungen? Nun, ich küsse Deine Äuglein, «Ich küsse Ihre Hand». Dein 
Veniamin Alexeeff.» 

Einige Seiten weiter lag ein anderer Brief. Er klang schon etwas anders. 

«Genossin Maria Afanassiewna, — begann der Brief trocken und geschäfts- 
mässig — «ich sende Ihnen die versprochenen Rezepte und einen Teil der ent- 
sprechenden Gegenmittel (es folgen die lateinischen Bezeichnungen verschiedener 
medizinischer Präparate). Ausserdem kommt noch Ergotin hinzu, die Dosierung 
müssen Sie im Lehrbuch für Pharmazeutik nachsehen. Man muss mit 10 Tropfen 
anfangen und bis 20 Tropfen gehen — und zwar dreimal täglich. Gut ist auch 
— — — (es folgt wieder Latein). Diese Mischung hat man mir im Ausland 
empfohlen. Es ist meiner Ansicht nach ein ausgezeichnetes Mittel, das sehr stark 
wirkt und womit man den gewünschten Effekt erzielen kann. Sollte es nicht 
helfen, so werde ich zum 20tcn in Witebsk sein. V. A.» 

Nachdem der Untersuchungsrichter diese beiden Briefe gelesen hatte — diese 
erschütternden Zeugnisse der Evolution eines Schurken im Laufe eines Monats — 
nahm er den «Geiger» gründlich ins Verhör. Nach kurzem Leugnen, gab Alexejew 
zu, dass er, als das «im Ausland empfohlene» Mittel nicht die gewünschte «Wir- 
kung» hatte, nach Witebsk gekommen war und eigenhändig die Abtreibung vor- 
genommen hatte. 

Nach diesem barbarischen Eingriff, von einem ungebildeten Laien ohne In- 
strumente und ohne Rücksicht auf die primitivsten Regeln der Hygiene vorgenom- 
men, liess der Schurke sein ohnmächtiges Opfer liegen, lief zum Bahnhof und 
fuhr nach Moskau. 

Das Witebsker Gericht verurteilte den Mörder nur zu vier Jahren Gefängnis. 
Ist das nicht eine zu milde Sühne für die tierische Ermordung einer zwanzig- 
jährigen Frau, einer jungen Sowjetspezialistin? 

Swift hatte einst die Absicht, eine Satire zu schreiben, die Iieissen sollte: 
«Ein bescheidener Versuch zur Verteidigung schurkischen Benehmens zu allen 
Zeiten». Haben die Witebsker Richter im Ernst beschlossen, diese traurigen Lor- 
beeren dem grossen Klassiker zu entreissen? 

Eine Kassierung des viel zu milden Urteils über diesen niederträchtigen 

220 









Sexualpolitische Umschau 

Schurken, eine Neuaufrollung des Prozesses im Rahmen der weitesten öffentlich- 
keit — dies ist unserer Ansicht nach eine unbedingte Notwendigkeit. Dies muss 
getan werden, selbst wenn es mit Verspätung geschieht. 

* 

Und zum Abschluss noch eine Notiz über «Geheime Aborte» : 



«Iswestija» v. 10.6.37, No. 135 
Geheime Aborte 

Eine geheime «Abortanstalt». Mitglieder der Moskauer Miliz haben im 
Hause No. 15 in dem Wtoroi Syromjatnitschesky Pereulok eine geheime «Abort- 
anstalt» ausgehoben. In einer der Wohungen lebte eine gewisse F. Gurbunowa, 
Strassenkehrerin des Moskauer Strassenbahntrustes. Während einiger Monate 
hatte sie ihr Zimmer der 60-jährigen E. Dulnewa vermietet, die in dem Zimmer 
Abtreibungen vornahm. Von jeder Patientin erhielt die Dulnewa 200 Rubel, von 
denen die Gorbunowa ein Viertel für sich beanspruchte. Das. dritte Mitglied 
dieser Bande war eine gewisse A. Prispeschkina, die Patientinnen für die Dul- 
newa warb. Die Untersuchung stellte fest, dass im Laufs eines einzigen Tages 
, — des 30. Mai — die völlig ungebildete Alte 4 Abtreibungen vorgenommen hatte, 
wobei fast alle Operierten nachher schleunigst in medizinische Behandlung ge- 
bracht werden mussten. 

Wie festgestellt wurde, war die Dulnewa bereits zweimal für dieses Ver- 
gehen verurteilt worden.» 



SCHWEIZ 

Eine nichterschienene Rezension 

In einer Zeitschrift für Arbciterbildung sollte folgende Rezension von Annie 
Reich, Wenn dein Kind dich fragt . . erscheinen: 

«Das Problem der geschlechtlichen Aufklärung war einst brennend. Ammen- 
märchen und Heuchelei haben sich viel zu schulden kommen lassen. Aber ebenso 
gefährlich ist eine Aufklärung, die fast zu einem Kolleg des Sexualapparatcs wird. 
In dieser Beziehung und durch eine Verallgemeinerung von Einzelfällen halten wir 
diese Schrift für nicht geeignet. Umsomehr, als die darin zutage tretende Auf- 
fassung über die Freigabe der Abtreibung, wie Überschätzung des Sexuallebens 
überhaupt durch die Wissenschaft überholt sind. Auch in dem zum Schluss als 
Muster angeführten Sowjetrussland.» 

Die Redaktion der betreffenden Zeitschrift legte uns diese Rezension vor und 
teilte uns mit, dass sie in unserem Interesse von einer Veröffentlichung Abstand 
genommen habe. Wir teilen diese Ansicht nicht und legen daher diese Bespre- 
chung von uns aus unseren Lesern vor. 

Denn: abgesehen davon, dass man verschiedener Meinung sein kann, in wel- 
chem Umfang und in welcher Weise man Kindern die Tatsachen des Geschlechts- 
lebens bekannt machen soll, so zeigt diese Rezension und die Tatsache ihres 
.Vicft/erscheinens in der dafür vorgesehenen Zeitschrift besonders klar, welche 
Verwirrung und auch Scheidung der Geister die neue Sexualgesetzgebung in der 
SU auch im sozialistischen Lager hervorgerufen hat ; darüber hinaus hat ja leider 
der Rezensent Recht mit seinem Hinweis darauf, dass das Sowjetrussland von 
heute nicht mehr als Muster einer revolutionären Sexualgesetzgebung angesehen 
werden kann. Dieser Tatsache mussten ja auch wir Rechnung tragen in der Nach- 
bemerkung zu dem Buch von Wilhelm Reich, «Der sexuelle Kampf der Jugend», 
die unsere Leser an ancTerer Stelle dieses Heftes finden. 

* 

Max Hodann versucht zu vermitteln 

Max Hodann schrieb im «Internationalen Ärztlichen Bulletin», Heft 6/7 1937, 
in einem Aufsatz «Die Freigabe des Abortus provokatus in Katalonien» Seite 71 : 

221 



. 



Sexpol-Bewegung 

«. . . Die Sowjetunion hal am 26. Juni 1936 die Abortusfreiheit wieder auf 
solche Fälle beschränkt, in denen bei Fortbestehung der Schwangerschaft eine 
Gefahr für Leben oder Gesundheit der Mutter vorliegt. Die katalanische Regierung 
geht einen anderen Weg: Sie gibt die Unterbrechung frei mit der Beschränkung: 
Höchstens einmal in einem Jahr! . .» 

Also: die katalanischen Regierung, in der zur Zeit der Erlassung des Gesetzes 
die anarchistische Gewerkschaft mitbestimmte, geht auf das «gleiche Ziel» wie 
die Sowjelregicrung in der Sexualgesetzgebung, nur einen anderen Weg, — nach 
Max Hodann. 

Hat Stalin 1936 wirklich nichts anderes getan als «einen anderen Weg zum 
gleichen Ziel» eingeschlagen? Nichts anderes? Hat er nicht ein restlos reaktio- 
näres Sexualgesetz eingeführt? 

Da ist Bessmcrtny in der «Neuen Weltbühne» vom 29. Juli 1937 aufrichtiger: 
«Entscheidend ist für die SU wohl, dass der Zuwachs an wehr- und aufbaufähigen 
Menschen nicht eingeschränkt werden darf . .» 

Max Hodaun, der alte Kämpfer für die ursprüngliche Sexualgesetzgebung in 
der Sowjetunion und gegen den Abortusparagraphen in Deutschland, der gegenüber 
Redaktionsmitgliedern dieser Zeitschrift sich von der Sowjetgesetzgebung abgrenzte, 
versucht katastrophale Tatsachen zu verwischen ! ? Wir protestieren gegen der- 
artige Verwischung und gegen den Versuch einer Vermittlung von Revolutionärem 
und Reaktionärem. 

Die Reduktion 



Sexpol-Bewegung 



Die Sexpol in der internationalen Diskussion 

Norwegen. Die Diskussion bewegt sich hier auf 2 Gebieten, die natürlich inein- 
ander übergreifen. 

a) Unsere Stellung zur russischen Entwicklung und zu den Moskauer Pro- 
zessen. 

Zum neuen Abortgesetz hat Leunbach bereits in H. 10/11 dieser Zeitschr. 
Stellung genommen, zu den Prozessen Sigurd Hoel in H. 13. Dazu kommen: 
Nie Hoels Artikel über «Abortus provocatus und Sowjetunion» (in Kamp og Kul- 
tur, 1936/10) und Sigurd Hoels Artikel «Wohin geht der Weg?» (in «Veien frem», 
einer der KP nahestehenden Zeitschrift, 1937/1). 

Hoel bezeichnet in «Veien frem» die beiden Moskauer Prozesse als einen ge- 
fährlicheren Schlag für den Radikalismus, als ein verlorener Krieg in Spanien 
oder ein Sieg Mussolinis; ganz gleichgültig, wie man sie auffasst und verdol- 
metscht. Im nächsten Heft antwortet ihm der dänische Schriftsteller Hans Kirk. 
Er stellt sich hinsichtlich der Prozesse uneingeschränkt auf den Standpunkt Mos- 
kaus: Die Angeklagten waren Verräter, schon seit Jahren. Er wirft Hoel Mü- 
digkeit, Schlappheit vor, die gerade im jetzigen Zeitpunkt für einen revolutionären 
Schriftsteller nicht am Platze sei. Und vor allem überschätze Hoel nach Ästheten- 
manier die Kulturfragen, in denen eben das russische Proletariat z. T. andere 
Auffassungen habe als westeuropäische Intellektuelle; besonders gilt dies für die 
Stellung zum Abortus. Was Hoel jedoch unterschätze, das ist die rein materielle 
Seite des sozialistischen Aufbaus, Brot, Wohnungen, Kleider, in deren Produktion 
ungeheure Fortschritte erzielt wurden. 

Es ist anzunehmen, dass diese Diskussionen die revolutionären Schriftsteller 
Skandinaviens in 2 Lager spalten werden: In solche, die kritisch und in solche, 
die unkritisch zur SU stehen. Über die Notwendigkeit der Verteidigung und Un- 
terstützung der SU trotz aller Kritik herrscht Einigkeit. 

b) Die Kulturdebatte 

Sie entbrannte im April 1937 an der Kritik eines Schauspiels «Aufbruch» von 

222 



Sexpol-Bewegung 

Helge Krog. Dieses schildert in literarisch vollendeter Form die Auflösung der 
bürgerlichen Ehe in einem ausgesprochen grossbourgeoisen Milieu und den Auf- 
bruch einer begabten Frau aus unlösbaren Liebes- und Ehekonflikten zur Lösung 
aus der ökonomischen Abhängigkeit vom Mann und vielleicht — dies ist nur sehr 
vage angedeutet — zu sozialer Betätigung. 

2 Meinungen standen einander gegenüber: Die einen behaupteten, dgl. Kon- 
flikte der verrotteten Bourgeoisie haben keine Bedeutung für die Arbeiterklasse 
und ihren Kampf, besonders nicht in der heutigen politischen Situation (Kriegs- 
gefahr, spanische Revolution). Das Stück muss als psychologisierendes Degenera- 
tionsprodukt abgelehnt werden. Diese Auffassung wurde von einer Anzahl der 
KP nahestehenden Leuten und von alten Arbeiterfunktionären vertreten. 

Dagegen wurde von einer Anzahl sozialistischer Intellektueller, die sich z. T. 
um die Zeitschrift «Kamp og Kultur» gesammelt haben, die Auffassung vertreten, 
dass das Stück auch für uns Sozialisten von grösster Bedeutung sei. Denn selbst 
wenn sich die Konflikte in der Form, die das Stück schildert, nur in der herr- 
schenden Klasse abspielen, selbst wenn die Darstellung Unklarheiten enthält: 
Die Erschütterung der Ehe- und Sexualmoral muss die Arbeiterklasse im höchsten 
Grad interessieren. 

Von der andern Seite aus wurde die Situation zu Angriffen gegen die Intellek- 
tuellen und gegen die «moderne Psychologie» ausgenützt, wobei über das Wesen 
dieser Psychologie völlige Unklarheit bestand. 

Es folgte im Mai eine Auseinandersetzung über die Wochenbeilage von Ar- 
beiderbladet (Hauptorgan der norw. Arbeiterpartei), dem von «Kamp og Kultur» 
mangelndes politisches und literarisches Niveau vorgeworfen wurde. Bei der 
Abwehr dieser Angriffe wurden von der Redaktion von Arbeiderbladet grundsätz- 
liche Vorwürfe gegen die Selbstüberschätzung der Intellektuellen erhoben. Zu- 
gleich wurde diese Selbstüberschätzung mit trotzkistischer Gesinnung in Verbin- 
dung gebracht. Anlass dafür war die Kritik eines führenden Mitglieds derKamp- 
og-Kultur-Gruppe an der Haltung der Regierung bei der Ausweisung Trotzkis. 

Es ist nötig, diese Vorgeschichte zu kennen, um den Angriff Dag Bryns auf 
die Sexpol richtig zu verstehen, der unter der Überschrift «Arbeitsvolk, Kultur, 
Sexualität etc.» in Arbeiderbladet vom 1., 3. und 4. Juni erschien. 

Nach Bryn haben sich die Intellektuellen in der Arbeiterbewegung im wesent- 
liche auf fachliche Arbeit zu beschränken. Den Freunden Reichs wird vor- 
geworfen: Doginatisch-sektiererische Haltung, Überschreitung ihrer Kompetenz 
als Facharbeiter durch Einmischung in die politische Diskussion. «Man 
möchte von Trotzkismus sprechen, wenn das Wort nicht so abgebraucht wäre.» 
Trotz mancher richtiger Erkenntnisse im Einzelnen überschätzten Reichs Anhänger 
die Holle der Sexualunterdrückung beim Proletariat ungeheuer — die Erfahrun- 
gen der Analytiker stammten ja auch meist aus Beobachtungen an Menschen, die 
aus der Bourgeoisie kommen. 

Die Tendenz geht deutlich dahin, durch eine Verbindung von Vorwürfen 
wegen Trotzkismus, Kritik an der SU, Kritik an der Arbeiterregierung und Über- 
schätzung der Sexualität Stimmung gegen die Sexpol zu machen. Dabei werden 
unsere Freunde mit Unrecht für Äusserungen des Kreises um «Kamp og Kultur» 
verantwortlich gemacht, mit denen sie nicht das geringste zu tun haben (das gilt 
besonders für die von Bryn erwähnte Kritik an der Arbeiterregierung). 

Nie Hoel hat in ihrer Antwort auf Bryns Artikel seine mangelnde Fachkennt- 
nis auf sexualpolitischem Gebiet hervorgehoben. Ein grosser Teil ihrer Patienten 
— schreibt sie — ist proletarischer Herkunft. Ausserdem stammt ihr Wissen 
nicht nur aus ihrer psychotherapeutischen Praxis, sondern vor allem aus ihrer 
sozialen und politischen Tätigkeit. In einem Artikel in der Juninummer von 
«Kamp og Kultur» versucht Sigurd Hoel den künstlich aufgerissenen Gegensatz 
zwischen Intellektuellen und Arbeiterbewegung wieder einzuebnen. Wir nehmen 
an der Arbeiterbewegung — so schliesst er etwa seinen Artikel — als Arbeiter 
teil; allerdings als Facharbeiter auf unserm Gebiet. Als solche haben wir auch 
das Hecht zu sachlicher Kritik. Doch diese Kritik muss in der richtigen Form 
und zur richtigen Zeit vorgebracht werden. 

Kurz vor dieser Auseinandersetzung erschien auch in «Veien frem» (H. 3, 1937) 
ein Ausfall von Digernes gegen die «Psychologie» (gemeint ist die Sexpol), die 
er als ideologischen Abweg mit dem von Lenin bekämpften Machismus auf eine 
Linie stellt. _ . 

Abgesehn von diesen grossen Auseinandersetzungen sind in Norwegen erschie- 

223 



Sexpol-Bewegung 

nen: Eine Übersetzung des Artikels «Religiöse Exlase als Ersatz der sexuellen 
Auslösung» (vgl. H.. 12) in «Kamp og Kultur» (Nov. 1936); ferner eine sehr aner- 
kennende Besprechung von Irma Kessels «Kinder klagen an» (Arbeiderbladet 
24. Mai). 

Dänemark, über den Ausgang des Prozesses gegen unsere dänischen Freunde und 
die daran sich knüpfenden Ereignisse berichtet H. 13. Inzwischen hat sich auf 
Initiative von Lehrer Worin (Aalborg) ein Landesverband für sexuelle Gesundheit 
gebildet. Er will einem Zeitungsbericht zufolge «unabhängig von Partei, Rasse, 
Geschlecht und Alter auf einer breiten volkstümlichen Basis für folgendes Pro- 
gramm arbeiten: Naturwissenschaftliche Sexualaufklärung; freiheitliche Sexual- 
gesetzgebung; Verbreitung von sicheren, unschädlichen und billigen Vorbeugungs- 
mitteln, darunter Errichtung von Sexualkliniken; eine Sozialgesetzgebung, die auf 
jede Weise die sexuelle Gesundheit fördert und ermöglicht, dass alle mit Freude 
und Sicherheit Kinder in die Welt setzen können. Hilfe für die Jugend in ihren 
sexuellen Schwierigkeiten; und endlich: Zurückgabe der vollen bürgerlichen 
Rechte an die durch die Schwangerschaftsgesetzgebung betroffenen Personen». Im 
folgenden betont Worm noch besonders, dass seine Bewegung die revolutionäre 
Basis verlassen habe und sich auf alle in sexueller Hinsicht freiheitlichen Men- 
schen ohne Rücksicht auf ihre politische Überzeugung, Partei, Klasse stützen 
wolle. 

C. S, R. In der C. S. R. bringt «Liebe und Leben» (Mai 1936) eine ausführliche und 
sehr verständnisvolle Besprechung von Reichs «Sexualität im Kulturkampf», in 
der die wichtigsten Auffassungen über die sexualökonomische Regelung des Ge- 
schlechtslebens in Form von Zitaten referiert werden. «Freier Gedanke» (Te- 
schen-Bodenbach), vom Juni 1937 und «Der Kampf» vom Mai 1937 besprechen 
ausserordentlich anerkennend Irma Kessels «Kinder klagen an». Das gleiche Buch 
bespricht auch in durchaus positivem Sinne die französische Zeitschrift «Ten 
dehors» von Mai/Juni 1937. 

Frankreich. Ausführlich zu Reich und seiner Arbeit hat in Frankreich «Das neue 
Tagebuch» vom 6. Februar 1937 Stellung genommen unter dem Titel «Ein moderner 
Ketzer» (von Stephan Lackner). Er gibt einen kurzen Überblick über Reichs 
Lebensgang, seinen Ausschluss aus der KP und der Internationalen psychoanaly- 
tischen Vereinigung und bemerkt dazu «. . damit hat Reich erreicht, was er für 
die Menschheit erstrebt: Die schrankenlose Freiheit — allerdings in einem be- 
schämenden Sinn.» Es folgt ein knapper aber sehr verständnisvoller Überblick 
über die Grundauffassungen der Sexualökonomie, wie sie kritisch zur psychoana- 
lytischen Trieblehre entwickelt wurden. Reich wird das ehrende Zeugnis ausge- 
stellt, er sei «ein Fachmann, der, ohne es zu wollen, das Format eines echten 
Philosophen erreicht hat.» 

«In einem wichtigen Punkt allerdings,» fährt Lackner fort, «irrt Wilhelm 
Reich: Seine Lehre ist nicht marxistisch.» Begründung: Der Angelpunkt von 
Reichs System ist der Konflikt zwischen Trieb und Ausscnwclt, während nach 
marxistischer Auffassung die Triebe durch die Aussenwelt bedingt seien. 

Lackner zitiert dazu Engels «Feuerbach» : «Die Einwirkungen der Aussen- 
welt auf den Menschen drücken sich in seinem Kopfe aus, spiegeln sich darin ab 
als Gefühle, Gedanken, Triebe, Willensbestimmungen.» Lackner Übersicht, dass 
Reich die primären biologischen Bedingtheiten wie Sexualität und Nahrungstrieb 
unterscheidet von den sekundären Trieben (Sadismus, Masochismus, Machtwillen 
etc.). Die ersten 'gehören zur «Basis», sind nicht soziologisch ableitbar; dagegen 
sind die sekundären Triebe durch die Einwirkung der Gesellschaft auf die natür- 
lichen Bedürfnisse bedingt, etwa der sadistische Geschlechtstrieb. 

Holland. In der pazifistischen Zeitschrift «De Wapens neder» erschien im Juli- 
heft (Nr. 7f eine Übersetzung des Aufsatzes «Aus dem chinesischen Patriarchat» 
aus Nummer 2(13)-1937 unserer Zeitschrift; Heft 8 (Augustausgabe) der gleichen 
holländischen Zeitschrift brachte eine Besprechung von Irma Kessels «Kinder 
klagen am. 



Amerika. Hier ist seit einiger Zeit reges Interesse für unsere Publikationen zu 

224 






Sexpol-Bewegung 

spüren, insbesondere für «Sexualität im Kulturkampf» und «Exerimentelle Er- 
gebnisse über die elektrische Funktion von Sexualität und Angst». 

Indien. Schliesslich muss noch das Mai-Heft (Nr. 4—1937) von «Marriage Hy- 
giene», Bombay erwähnt werden mit einer Übersetzung der Seilen 55 — 62 von 
«Sexualität im Kulturkampf» unter dem Titel «The blind Alley in Sexual Educa- 
tion» (Die Sackgasse der Sexualerzichung). Ferner findet sich in dem Heft ein 
kurzer empfehlender Hinweis auf Heft 12 unserer Zeitschrift. 



Nachbemerkung zu «Der sexuelle Kampf der Jugend» 

Die Veränderungen in der politischen Haltung der Komintern und die jetzige 
rückschrittliche Ehe- und Sexualgesetzgebung in der Sowjetunion haben es not- 
wendig gemacht, dem Buche von Dr. Wilhelm Reich, «Der sexuelle Kampf der 
.lugend», von jetzt ab eine Nachbemerkung beizulegen, deren Wortlaut wir unseren 
Lesern nachstehend zur Kenntnis geben: 

In den fünf Jahren, die seit dem Erscheinen dieses Buches verflossen sind, 
hat sich im politischen Leben der Welt Vieles verändert, darunter auch das Leben 
in der Sowjet-Union. 

Als ich mit deutschen Jugendlichen 1931 gemeinsam das Manuskript dieses 
Buches verfertigte, traf noch Alles zu, was hier positiv über die beginnende Neu- 
ordnung des Geschlechtslebens in der Sowjet-Union ausgesagt wurde. Dies ist 
heute leider in keiner Hinsicht mehr der Fall. Die gesamte revolutionäre Sexual- 
gesetzgebung aus den ersten Revolutionsjahren wurde in den letzten Jahren nicht 
nur aufgehoben, sondern darüber hinaus durch eine höchst rückschrittliche Ehe- 
und Sexualgesetzgebung ersetzt. Sie ist viel rückschrittlicher als in manchen 
bürgerlich-demokratischen Ländern. Von der Freiheit und Selbständigkeit des re- 
volutionären Jugendverbandes blieb nichts mehr übrig. Es stimmen also die- 
jenigen Stellen in dem Buche nicht mehr, in denen von der sexuellen Befreiung 
der Jugend in der Sowjet-Union gesprochen wird. 

Da die Bezeichnungen «Kommunismus» und «Kommunisten» durch das po- 
litisch katastrophale Verhalten der Komintern im Verlaufe des letzten Jahrzehnts 
ihren eigentlichen Sinn verloren haben, ist überall dort, wo im Buche diese Aus- 
drücke gebraucht sind, «revolutionär» zu setzen. Das Buch hält also an den 
Grundprinzipien des von Marx gegründeten Kommunistenbundes, wie sie im Kom- 
munistischen Manifest niedergelegt sind, .grundsätzlich fest. Es ergänzt sie nur 
durch Einführung der Sexualpolitik in die Arbeiterbewegung. 

Weshalb der Rückschritt erfolgte und welche Probleme des kulturellen Lebens 
dadurch aufgeworfen wurden, habe ich mittlerweile in meinem Buche «Die Sexu- 
alität im Kulturkampf» (1935) darzustellen versucht. 

Oslo, 1937 

Wilhelm Reich 



225 



^ 



Besprechungen 



Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 1936 

Aus einer Reihe von Eindrücken, die bei der Lektüre des letzten Buches von 
Anna Freud entstehen, seien drei hervorgehoben, die mir besonders charakter- 
istisch erscheinen. Einmal fällt hier wieder die ausserordentlich weitgehende 
Schematisierung der Begriffe Ich, Es und Über-Ich auf, wie wir sie in der ge- 
samten psychoanalytischen Literatur finden. Kaum etwas spricht noch dafür, dass 
diese Begriffe einst abkürzende Bezeichnungen höchst lebendiger Prozesse waren. 
Auch Anna Freud hat diese Begriffe verabsolutiert und arbeitet mit ihnen wie 
mit scharf abgegrenzten Systemen. 

Aus dieser Starrheit lässt sich zweitens auch erklären, dass Anna Freud die 
Charakteranalyse im Grunde nicht verstehen konnte, obgleich sie sicher von sich 
aus eine Bereitschaft dazu hatte. Die Art ihres Denkens in den vorher genannten 
abgrenzbaren Systemen hindert sie, gerade das Ineinanderspielen im charakter- 
aualytischen Prozess zu erfassen. Für sie sind die Bearbeitung des Ichs und des 
Es zwei von einander getrennte Dinge. So schreibt sie: «Eine Technik, die 
extrem nach der andern Seite arbeiten, also die Analyse der Widerstände aus- 
schliesslich in den Vordergrund rücken würde, hätte in ihren Ergebnissen auch 
die Lücken auf der andern Seite. Wir bekämen auf diese Weise ein vollständiges 
Bild des Ich-Aufbaues im Analysierten, würden aber auf die Tiefe und Vollstän- 
digkeit seiner Esanalyse verzichten müssen.» (S. 32.) Sie kann sich demnach 
nicht vorstellen, dass gerade die genaueste Analyse des Ich die beste Möglichkeit 
gibt, das Es aus allen Tiefen herauszuholen, in die es ja gerade durch die Ab- 
wehrhaltung des Ich hineingedrängt war, — wenn man diese Vorgänge in der 
psychoanalytischen Sprache benennen will. 

Geradezu erschütternd ist aber das Missverhältnis zwischen Beobachtung und 
Auswertung, wie wir es schon in ihren pädagogischen Schriften kennen gelernt 
haben. Es würde zu weit führen, es an allen Stellen nachzuweisen. Ich greife 
hier nur als Beispiel einige Punkte aus ihrer Behandlung der Pubertätsfrage her- 
aus. Sie beschreibt zunächst wieder mit grosser Klarheit und vollkommen richtig 
die wichtigsten Pubertätserscheinungen, ihre Verläufe, Vielfältigkeiten etc. Sie 
stellt dann eine Fülle von Vermutungen und Hypothesen über die Entstehung, die 
Kämpfe auf, die zu den Erscheinungen geführt haben. Dabei lässt sie sich zu 
folgender Behauptung hinreissen: «Das analytische Studium der Neurosen hat 
nun schon seit langem zu der Vermutung geführt, dass im Menschen eine Neigung 
zur Abweisung bestimmter Triebe, besonders der Sexualtriebe, ohne alle Erfahrung 
und ohne spezielle Auswahl aus phylogenetischer Erbschaft schon von vornherein 
vorhanden ist . . .» (S. 181.) Sic! Und bei der Beurteilung der Verstandcstätig- 
keit kommt sie zu nicht minder merkwürdigen Ergebnissen: «Reale Gefahr und 
reale Entbehrungen spornen den Menschen zu intellektuellen Leistungen und .Lö- 
sungsversuchen an, während reale Sicherheit und Überfluss eher dumm und be- 
quem machen». (S. 189). Wir werden uns dieser Einstellung nicht wundern, wenn 
sie die Verstandesarbeit, die das Ich in der Latenzzeit leistet, viel höher bewertet 
als die intellektuellen Leistungen in den Zeiten gesteigerter Sexualität. 

Bei all ihren Untersuchungen ve.rgisst sie nur eine: wie nämlich alles aus- 
sehen würde, wenn der Jugendliche die ihm zukommende sexuelle Befriedigung 
ohne Angst und Schuldgefühle geniessen könnte. Was dann mit der Angst vor 
dein Trieb und mit den Perversionen und andern schrecklichen Dingen geschähe. 

Die Zusammenstellung! dieser 3 Punkte erfolgte nicht zufällig. Sie haben alle 
eine gemeinsame Grundlage: die Unfähigkeit, das Leben in Bewegung sehen zu 
können und nicht an die Naturgegebenheit bestehender Tatsachen glauben zu müs- 
sen. Sic sind wieder ein Beweis dafür, dass auch das richtigste und klarste 
Beobachtungsmaterial nichts nützt, wenn die Grundhaltung durch all die uns be- 
kannten Momente des bürgerlichen Wissenschaftlers starr bleiben muss. 

L. 

228 



Besprechungen 



/ 



Luden Henry: Les origines de la religion, Paris, Editions Sociales 
internationales, 1936 

David Forsyth: M. D., D. Sc. (Lond.), F.R.C.D, Psychology and religion, 
London, Watts & Co., 1935 

In einer Zeit, in der der politische und religiöse Mystizismus täglich seinen 
ungeheuren Masseneinfluss beweist und sogar im bürgerlich-radikalen und im 
sozialistischen Lager Sympathisierende gewinnt, ist das Erscheinen zweier popu- 
lärwissenschaftlicher Bücher besonders erfreulich, die von sehr verschiedenen Ge- 
sichtspunkten aus die Unvereinbarkeit jeder wissenschaftlichen bzw. sozialisti- 
schen Auffassung mit jeder Art religiösem Glauben klar herausarbeiten. 

Henry ist Marxist. Im ersten Teil seines Buchs, der sich mit der primitiven 
Religion befasst, zeigt er klar, wie allen bürgerlichen Theorien über die Entstehung 
der Religion die metaphysische Vorstellung von einer ewigen, unveränderlichen 
Neigung der Menschennatur zugrunde liegt: Neigung, die Umwelt zu projizieren, 
Sehnsucht nach einem übernatürlichen, Vatersehnsucht etc. Alle diese Theorien 
berücksichtigen nicht die wirklichen Lebens- und Produktionsverhältnisse, die bei 
der Entstehung der Religion entscheidend sind. 

Leider bleibt uns auch Henry eine entsprechende Erklärung der Entstehung 
der Religionen schuldig. Z. B. sagt er über den Animismus, der ältesten Form der 
Religion, einem primitiven Geisterglauben: 

«Wenn die Quellen des Animismus die soziale Organisation selbst und der 
Widerspruch sind, der sie — hervorgerufen durch die schwache Entwicklung der 
Produktivkräfte — unterhöhlte, so sind die Nebenursachen dieses Glaubens sehr 
zahlreiche; es sind die Nebenursachen, die die bourgeoisen Animisten für Haupt- 
ursachen gehalten haben: Schlaf, Tod, Ohnmacht, Bild des Körpers, das sich im 
Wasser spiegelt etc.» (S. 98). 

Gewiss: All diese Ursachen können nur in einem bestimmten sozialen Milieu 
wirksam werden. Aber wie wirken Milieu, Produktionsverhältnisse und unmittel- 
bare Ursachen wie Schlaf, Tod und Traum zusammen, um jenen primitiven Gei- 
sterglauben zu erzeugen? Gerade auf diese Fragen antwortet H. nicht. 

Im Abschnitt über die Tabuvorschriften weist er deren Zusammenhang mit 
der Organisation der Arbeitsteilung nach. Doch auch hier scheint es mir, als 
ob er die Grundbegriffe der marxistischen Gesellschaftslehre allzu schematisch 
an die ethnologischen Tatsachen herantrüge; diese Tatsachen sind ihm offenbar 
nicht genügend vertraut, um ein wirklich lebendiges Bild der Zusammenhänge 
zu geben. 

Im zweiten Teil seines Buchs behandelt H. die Entstehung des Urchristen- 
tums. Er hält sich in seiner sozialen Analyse im wesentlichen an die Auffassung 
von Engels: Das Urchristentum mit seiner passiven Jenseitshoffnung war der 
ideologische Reflex der hoffnungslosen Lage, in der sich die antike Sklavengesell- 
schaft befand. Sie konnte aus ihren inneren Widersprüchen keine höhere gesell- 
schaftliche Organisation entwickeln, da in der Sklavcngcsellschaft die Ausbildung 
technisch vollkommenerer Produktivkräfte unmöglich war. 

Von hier aus greift H. die Meinung bürgerlicher und reformistischer Theore- 
tiker (Kautsky) an, die im Urchristentum eine revolutionäre Bewegung sehen wol- 
len. An Hand zahlreicher Zitate zeigt er, dass die Kirche sich nirgends kritisch 
zur Sklaverei stellte, diese vielmehr anerkannte und rechtfertigte. 

Zu wenig berücksichtigt H. die Tatsache, dass wohl niemals die Massen von 
der neuen Lehre so stark ergriffen — und bis heute festgehalten — worden 
wären, enthielte diese Lehre nicht eine Scheinkritik an den sozialen Verhält- 
nissen: «Selig sind die Armen im Geiste, denn das Himmelreich ist ihrer.» 
«Ein Kamel geht leichter durch ein Nadelöhr als ein Reicher durch die Pforten 
des Himmelreichs.» «Man kann nicht zugleich Gott dienen und dem Mammon.» 
All diese Worte appellieren an die revolutionäre Sehnsucht der Massen, wecken 
Vertrauen zu dem, der sie ausspricht — und mit Hilfe dieses Vertrauens gelingt 
es dann desto besser, die Massen in Passivität und Jenseitsglauben hineinzu- 
führen. 

Interessante Fragen, wie etwa die Verwandlung des Urchristentums aus einer 
Ideologie der untergehenden Sklavengesellschaft in eine des aufsteigenden Feu- 
dalismus bleiben unbeantwortet. Zu den eingehenden Studien der Originalquel- 

227 



Besprechungen 

len, die dazu nötig wären, fehlt einem aktiven Marxisten in der heutigen Situa- 
tion leider die* Zeit. 

So hat H.s Buch seinen Wert vor allem in der Popularisierung bekannter Tat- 
sachen und Ergebnisse auch der bürgerlichen Religionsforschung, die dazu geeignet 
sind, die Entstehung der Religion des mystischen Schleiers zu entkleiden, in die 
ihn die Kirche gerne hüllt. 

Im Gegensatz zu H. versucht Forsyth eine psychologische Analyse der Reli- 
gion. Nach einer Übersicht über die Geschichte der abendländischen Wissenschaft 
und der christlichen Kirche, die die Unverträglichkeit beider in der Vergangenheit 
erweist, gibt er eine Erklärung der religiösen Erscheinungen im wesentlichen auf 
psychoanalytischer Grundlage. 

Dabei popularisiert er bekannte Auffassungen: Der Gotlesglaube hat seinen 
Ursprung in der Bindung an die Gestalt des Vaters, das Sündenbewusstsein wur- 
zelt im Schuldgefühl, das den Kindern durch die Erziehung in der heutigen Fa- 
milie eingeimpft wird. — F. vernachlässigt dabei leider die Unterdrückung, der 
Kinder und Jugendliche heute auch ausserhalb der Familie, in Schulen, Kinder- 
gärten, bürgerlichen Organisationen etc. unterworfen sind. 

Er sieht die Rolle der Sexualität bei Verursachung religiöser Phänomene (z. 
B. der Bekehrungen im Pubertätsalter), lehnt es allerdings ab, ihr die alleinige 
und entscheidende Rolle dabei zuzuerkennen. Wichtig ist seine Feststellung, dass 
der sexuelle Orgasmus genaustens der religiösen Extase entspricht: 

«Die Parallelen zwischen dieser (der Extase) und der sexuellen Erregung sind 
nicht zu übersehen — die intensive Erregung, der Verlust der Selbstkontrolle, der 
Verlust der Empfindung äusserer Eindrücke . . . Und während des sexuellen 
Orgasmus ist die Unterscheidung zwischen Objekt und Subjekt in der Tat auf- 
gehoben und «alles ist in eine Einheit aufgelöst». (S. 137). 

Religion ist für F. Infantilismus (kindliche Einstellung), den die Menschheit 
im Laufe der Entwicklung zugunsten einer wissenschaftlichen Einstellung auf- 
geben wird. 

Hier fehlt die Beantwortung der Frage: Was hält die Menschen an diesem 
Infantilismus fest? Wir können im Rahmen dieser Besprechung nur ganz kurz 
antworten: Individuell ist es die Störung der vollen sexuellen Befriedigungs- 
fähigkeit; ferner die Anziehung, die die religiösen Ersatzbefriedigungen unter 
diesen Umständen ausüben. Sozial gesehn wird dieser Zustand durch die gesamte 
Moral und den Machtapparat unserer Klassengesellschaft verankert. 

Diese Zusammenhänge bleiben von F. unberücksichtigt. Nur an einer Stelle 
(S. 154) spricht er ganz kurz von der Religion als Mittel in der Hand der wenigen 
zur Unterdrückung der vielen. 

Seine vielfach abstrakten und allzu theoretischen Ausführungen zeigen, dass 
er wenig praktische, anschauliche Kenntnis vom religiösen Leben hat. Sonst 
würde er sich eingehender damit auseinandersetzen, was die Gläubigen mit solch 
ungeheurer Kraft an ihren Glauben gebunden hält. Und er würde die sozialen 
und politischen Fragen mehr berücksichtigen, deren Lösung mit der Befreiung 
vom religiösen «Infantilismus» verbunden ist. 

Ist sein Schweigen über diese Fragen auf Unklarheit zurückzuführen? Oder 
ist es die Taktik des populären Schriftstellers, dem in solchen Fragen empfind- 
lichen englischen Publikum nicht zu viel auf einmal zuzumuten? — Trotz der 
genannten Mängel ist sein Buch wertvoll als Propagandaschrift für naturwissen- 
schaftliches Denken — auf einem so «dunklen» Gebiet, wie dem der Religion in 
einem so reaktionären Land wie England. 

M. 



Leon Trotski: La Involution trahie, Bernard Grasset, Paris 

(Leo Trotsky: The Betrayed Revolution, Faber & Faber, London) 

Victor Serge: Destin d'une revolution, Bernard Grasset, Paris 

Diese beiden Bücher sind wohl einige der umfassendsten Untersuchungen der 
Entwicklung in der Sowjetunion in den letzten Jahren und bringen eine Fülle 
von Material zum Beweis für die These, dass Bussland sich immer stärker vom 
Sozialismus wegentwickelt, weil die Bürokratie und die bevorzugten Schichten, auf 
die sie sich stützt, andere Interessen haben als die breiten Massen und deshalb in 

228 






Besprechungen 

einen Gegensatz zu diesen treten und so den Weg zu einer neuen Klasseneinteilung 
einschlagen, ohne dass diese sich jedoch vorderhand voll herauskristallisiert hätte. 
Für uns ist hier von besonderem Interesse, was Trozkij und der belgische 
Kommunist, der bis vor einem Jahr Gelegenheit hatte, die Entwicklung selbst 
mitzuerleben, uns über Dinge wie Stellung der Frau, Familienleben, Sexualleben 
der Jugendlichen und Prostitution zu sagen haben. Das Material leidet darunter, 
dass diese Dinge, wie sich aus der Einstellung der beiden Autoren von selbst 
ergibt, nur nebenbei angeschnitten und nicht zum Gegenstand gesonderter Unter- 
suchung gemacht werden. Doch ergibt sich trotzdem für uns manches Inter- 
essante. 

Ausgangspunkt für die rückschrittliche Entwicklung der Familienverhältnisse 
ist für Trozkij die Abschaffung der Brotkarten Anfang 1935. Seit diesem Zeit- 
punkt wenden die besser bezahlten Arbeitnehmer sich immer mehr von der 
«gesellschaftlichen» Ernährung ab und kehren zu dem dank ihrer hoben Löhne 
immer besser versorgten Familienmittagstisch zurück. Das bedeutet in Zusam- 
menhang mit der immer schlechter werdenden Bezahlung für Frauenarbeit eine 
neue Bindung der Frau an den Kochtopf, besonders in den Schichten, wo der Mann 
genug verdient, um hochwertige Nahrungsmittel sich kaufen, aber nicht genug, 
um' sich Dienstboten leisten zu können, deren Zahl übrigens immer zu- und deren 
Entlohnung immer abnimmt. Die Festigung der Familienbande nimmt auch auf 
dem flachen Lande zu: «Der Kolchos liefert durchwegs dem Landwirt nur Ge- 
treide und Futter für sein Vieh. Fleisch, Milcherzeugnisse und Gemüse entstam- 
men fast vollständig dem Privateigentum der Kolchosmitglieder. In dem Mo- 
ment, wo die wichtigsten Nahrungsmittel Früchte der familiären Arbeit sind, 
kann von Kollektivernährung keine Rede mehr sein» (Trozkij). 

Mit der wirtschaftlichen Festigung der Familie geht eine ideologische Festi- 
gung derselben einher, und das ist kein Zufall: «Das drängendste Motiv für den 
augenblicklichen Familienkult ist ohne jeden Zweifel der Bedarf der Bürokratie 
nach einer festen Rangordnung der gesellschaftlichen Beziehungen und nach einer 
Jugend, die diszipliniert wird durch vierzig Millionen Heime, die der Obrigkeit und 
dem Regime als Stützpunkte dienen» (Trozkij). Kurz, die Familie ist auch hier 
die «Urzelle des Staates», genau wie in den bürgerlichen Ländern. 

Diese wiedererstarkte Familienwirtschaft weist auch dieselben Schatten- 
seiten auf wie in den kapitalistischen Ländern. Die «Vernunftehe» lebt wieder auf: 
«Der Beruf, das Gehalt, die Stellung, die Anzahl der Streifen auf dem Ärmel ge- 
winnen immer steigende Bedeutung, denn Dinge wie Schuhe, Pelze, Wohnungen, 
Badeeinrichtung und — höchster aller Wunschträume — Auto hängen davon ab. 
Allein der Kampf um ein Zimmer vereint und entzweit in Moskau jedes Jahr 
nicht wenig Paare. Die Verwandtschaftsfrage hat eine ausserordentliche Be- 
deutung erlangt. Es ist bedeutsam, als Schwiegervater einen Offizier oder einen 
cinflussreichen Kommunisten zu haben, als Schwiegermutter die Schwester eines 
grossen Tiers» (Trozkij). 

Hand in Hand mit der Wiedererslarkung der Familenbande geht ein Wieder- 
aufleben der Prostitution, von der Trozkij sagt: «Es kann sich nicht um ein 
Überbleibsel der Vergangenheit handeln, denn die Prostituierten rekrutieren sich 
aus den jungen Frauen.» Serge will diese Erscheinung vor allem mit «der sehr 
niedrigen Entlohnung der überwältigenden Mehrheit der jungen Frauen» erklären, 
die die Mädchen auch veranlasst, «gut verdienende Heeresangehörige oder Partei- 
mitglieder zu heiraten». Ein besonders trauriges Kapitel sind die grausigen äus- 
seren Umstände, unter denen die Prostitution, weil illegal und wegen der Woh- 
nungsnot, arbeitet. 

Einen Eindruck von dem Ausmasse der Prostitution, die nach Serge noch 
weit hinter der anderer Länder zurückbleibt — wegen der Konkurrenz der Nicht- 
professionellen — gibt eine von Trozkij zitierte Meldung in den «Iswestija», 
nach der bei einer der in den Grosstädten der Union üblichen nächtlichen Razzien 
in Moskau fast 1000 Prostituierte auf einen Schlag verhaftet worden sind, wonach 
ihnen nach Serge administrative Verbannung nach dem Norden oder nach Sibirien 
droht. 

«Die Mädchen führen ihre Freier in dunkle Hinterhöfe, halb abgerissene Kir- 
chen, finstere Gänge, verlassene Gärten, Rumpelkammern. Nachtwächter werden 
verhaftet, weil sie ihnen Windfangwände von grossen Geschäftsportalen stunden- 
weise vermietet haben. Badeanstalten sind manchmal ihre Zufluchtsorte. Man 
sieht Trustchauffeure nachts ihre Wagen anbieten.» 

229 



Besprechungen 

über die Sexualverhältnisse im allgemeinen gibt Serge folgende Pauschal- 
unsicht an: «Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind einfach und eher 
gesund trotz der Brutalität, die der junge Mann oft aufweist, der falschen Ver- 
achtung für kleinbürgerliche Vorurteile, der wirklichen sexuellen Freiheit (Les 
rapports entre les sexes y sont simples, plütot sains, malgre la brutalite souvent 
affectee du jeune male, le faux dedain des prejuges petits-bourgeois, la reelle 
liberle sexuelle). Die gemeinschaftliche Erziehung in allen Instanzen ergibt im 
grossen ganzen gute Resultate. Man bemüht sich um einander, man liebt sich 
und die Zahl der glücklichen Verbindungen ist sicher nicht geringer als anderswo. 
Die Jungfräulichkeit hat einen Teil ihres Werts verloren, ohne dass die Eifersucht 
merklich nachgelassen hätte. Arm wie sie ist, ist diese Jugend ganz von dem 
Kampf ums Dasein beansprucht. Sobald sie einigermassen vor dem Hunger sicher 
ist, denkt sie an die Kleidung, die Koketterie stellt ihre Ansprüche, und nach dem 
Vorbild, das die Privilegierten ihr geben, bemüht sie sich, Kleidung und Manieren 
des Westens nachzunahmen. Ein französisches oder deutsches Modeblatt geht von 
Hand zu Hand und wird eifrigst diskutiert.» Demgegenüber stellt Trozkij von 
den Privilegierten fest: «Die Laster, die die Macht und das Geld um die sexuellen 
Beziehungen herum erzeugt, blühen in der Sowjetbürokratie, als stellte sie sich 
als Ziel, die Bourgeoisie des Westens einzuholen.» 

Was die Auswirkungen des Abortverbotes betrifft, so bringt Trozkij eine 
Nachricht, nach der «195 von Engelmachern verstümmelte Frauen», davon 33 
Arbeiterinnen, 28 Angestellte, 65 Kolchosbäuerinnen und 58 Hausfrauen die 
Jahresernte für 1935 von einem einzigen Dorfkrankenhaus im Ural gewesen ist. 

lei. 



Willy Schlamm, Diktatur der Lüge. Verlag Der Aufbruch, Zürich. 1937 
158 S. Preis kart. Fr. 3,80, gbd. Fr. 5,50 

Nach dem Erscheinen der vorigen Nummer dieser Zeitschrift mit dem Auf- 
satz Sigurd Hoels über den Moskauer Prozcss ging uns obiges Buch zu, das sich 
gleichfalls mit diesen Prozessen und den sonstigen Wandlungen der russischen 
Herrschaftsmethoden befassl. Es ist interessant festzustellen, dass Schlamm im 
4. Kapitel seiner Arbeit (Ss. 74 — 89) fast genau die gleichen Gedankengänge bringt, 
die Hoel in seiner Untersuchung vorlegt. 

Als Ganzes bringt Schlamm ein sorgfältig zusammengestelltes Tatsachen- 
material von erschütternder Eindringlichkeit und enthebt den Leser somit der 
Arbeit, sich diese Tatsachen selbst mühsam zusammensuchen zu müssen. Die 
Wenigsten erfahren ja auch solche Details wie die Tatsache, dass der Staatsan- 
walt Wyschinski früher führender Politiker der rechten menschewistischen Frak- 
tion war — und' dass der Mann, der in der «Prawda» die ideologische Kampagne 
gegen die Verurteilten leitete, Saslawski, vor der Oktoberrevolution die Bank- 
zeitung «Den» redigierte (Lenin spricht in Aufsätzen aus dem Jahre 1917 stets nur 
von «Saslawski und anderen Schurken»). 

Leider wird die Wirkung dieser Materialzusammenstellung abgeschwächt 
durch Art und Ton der. Verarbeitung und Erklärung. Schlamm spielt mit der 
Sprache, verliebt sich in Wortspiele und dadurch verliert der anklagende Ton 
an Eindringlichkeit. Die Darstellung Schlamms ist eine Streitschrift, zwar an die 
Arbeiter und Intellektuellen gerichtet, aber er irrt sich, wenn er sich davon eine 
Wirkung verspricht. Solange die Massen, die sich in den Arbeiterparteien befin- 
den, nicht durch die unwiderlegbaren Tatsachen selbst überzeugt werden, solange 
sie nicht vor die unmittelbare Notwendigkeit gestellt werden, um ihrer selbst 
willen mit den Methoden, die jetzt in der SU Sozialismus genannt werden, zu 
brechen, solange kann ein noch so flammendes Pamphlet keinen Widerhall finden. 

Das allgemeine Gefühl aller derer, die sich mit den kürzlichen und besonders 
den gegenwärtigen Ereignissen in Russland beschäftigen, ist das des Nichtbegrei- 
fens, des Schreckens, der Unsicherheit und des Verlierens aller gewohnten Mass- 
stäbe. Schlamm hilft aus diesem Konflikt nicht heraus. Denjenigen, die Russ- 
land und alles, was dort geschieht, als Fetisch und unantastbar betrachten, stellt 
er seinerseits abstrakte Moralkategorien entgegen — aber Stalins Handlungsweise 
kann nicht durch Schimpfen auf ihn und seine Taten bewältigt werden, sondern 
nur durch gründlichste und ernsthafteste Untersuchung, wie es in Russland zu 

230 



Besprechungen 

einer Entwicklung kommen konnte, die ein solches Handeln von Stalin für ihn 
notwendig und unabweislich macht. Diese Arbeit muss noch geleistet werden. 
Gleichwohl ist aber Schlamms Buch ein erstes mutiges Wort. 

H— P 



Bernhard Menne: Krupp, Deutschlands Kanonenkönige 
Europaverlag, Zürich 1937 

In seiner Geschichte der Familie und Firma Krupp vom 14. Jahrhundert bis 
zur Gegenwart zerreisst Menne eine Reihe propagandistischer Legenden. Um ein 
paar Beispiele zu geben: Krupp, der Patriot, der sogar auf die Weltkriegsgewinne 
verzichtet haben will, hat stets — und sogar mitten im Krieg — den Feind des 
Vaterlands mit den neusten Errungenschaften der Kriegstechnik beliefert und am 
Weltkrieg insgesamt 800 Millionen Mark verdient. Krupp, der soziale Unter- 
nehmer, der als einer der ersten für seine Arbeiter moderne Werkswohnungen 
baut, macht mit diesen Wohnungen das beste Geschäft. Denn diese Wohnungen, 
die am Tag der Entlassung geräumt werden müssen, liefern ihre Bewohner völlig 
der Werksleitung aus. 

Wie ist es den Krupps gelungen, ihre Fabrik zum grössten in der Hand einer 
einzelnen Familie befindlichen Unternehmen der Welt emporzuarbeiten und alle 
Konkurrenten zu erdrücken. oder aufzusaugen? Neben der allgemeinen technisch- 
ökonomischen Entwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts war vor allem die poli- 
tische Geschicklichkeit der Leitung entscheidend. Sie interessierte stets die Ver- 
wandten der einflussreichsten Diplomaten, Militärs und Beamten geschäftlich und 
persönlich am Unternehmen — falls diese Herrn nicht vorzogen, selbst aus dem 
Staatsdienst zu Krupp — und von dort oft wieder in den Staatsdienst — hinüber- 
zuwechseln. Diese «Querverbindungen», vor allem aber ihre persönlichen Bezie- 
hungen zum Kaiserhaus haben die Krupps in skrupellosester Weise dazu ausge- 
nützt, die deutsche Politik im Interesse ihres Profits zu beeinflussen. Wie das 
im Einzelnen vor sich ging, wird an Hand eines reichen Quellenmaterials von 
Menne meisterhaft geschildert. ' 

Für diejenigen, die sich vorwiegend mit der Psychologie und mit den Bedürf- 
nissen der Massen beschäftigen, ist das Buch besonders unter diesem Gesichts- 
punkt lesenswert: Es zeigt krass, wie wenig die Bedürfnisse, überhaupt der Wille 
dieser Massen in unserer Gesellschaft das politische Geschehen bestimmten. Wie 
leicht es einer Hand voll Rüstungskapitalisten fällt, hinter dem Rücken der Mas- 
sen nationale Begeisterung, Krieg, Tod — und Profit kühl berechnend zu organi- 
sieren. 

» M. 



Agnes Smedley, China kämpft 

Während das Buch «China blutet» von Agnes Smedley mit seiner klaren und 
unerbittlichen Darstellung chinesischen patriarchalischen Lebens Anlass zu neuen 
Fragestellungen und Gedanken gibt, die in dem Aufsatz «Aus dem chinesischen 
Patriarchat» im vorigen Hefte unserer Zeitschrift dargelegt wurden, so ist das 
weitere Buch «China kämpft» der gleichen Verfasserin eine Enttäuschung. 

In diesem Buch ist Agnes Smedley — leider — nicht mehr als eine Kriegs- 
berichterstatterin, deren sehr gut und eindringlich geschriebene Reportagen aber 
an keiner Stelle in die Tiefe der klassen- und strukturmässigen Auseinander- 
setzungen eindringen wie dies in «China blutet» der Fall ist. 

H. 



231 



Vor etwa anderthalb Jahren wurde die sexualökonomische Forschung 
und Lehrtätigkeit im 

Institut für sexual ökonomische Lebensforschung 
unter der Leitung von Wilhelm Reich 

zusammengefasst. Schon vorher hatte sich das Schwergewicht der Arbeit 
vom rein psychologischen auf physiologisches und biologisches Gebiet 
verschoben. In Oslo entstand neben der Lehrtätigkeit in charakterana* 
lytischer Theorie und Technik ein biosphysiologisches Laboratorium. 

Diese Entwicklung erfordert die Herausgabe von Berichten, die die Ergebe 
nisse dieser Arbeiten in einheitlicher Form der Welt übermitteln sollen. 
Es erscheinen somit nunmehr die 

Klinischen und experimentellen Berichte aus dem 
Institut für sexualökonomische Lebensforschung 



Als erster der obengenannten Berichte liegt vor: 
WILHELM REICH 

Experimentelle Ergebnisse 

über 

die elektrische Funktion von Sexualität und Angst 

41 Seiten, 33 Photodiagramme Preis 5.— Dan. Kronen 



SOEBEN ERSCHIENEN: 

WILHELM REICH 

Orgasmusreflex, Muskelhaltung und Körperausdruck 

Zur Technik der charakteranalytischen Vegetotherapie 

Der dialektische Materialismus in der Lebensforschung 

Bericht über die Bion=Versuche 

64 Seiten, 7 Photos Preis 6.— Dan. Kronen 

Zu beziehen durch den unterzeichneten Verlag 



SEXPOL* VERLAG, KOPENHAGEN — OSLO, Postbox Oslo 2806 

Gedruckt bei Aasland &. Garbeis Boktrykkeri, Oslo 



Im Spätherbst erscheint der erste umfassende und ausführliche 
experimentelle Bericht 

Zur Entstehung des vegetativen Lebens 

Dieser Sammelband enthält u. a. folgende Arbeiten: 

REICH, Experimentelle Untersuchungen über die Entstehung des 
vegetativen Lebens 

ROGER DU TEIL, Professor am Centre Universitaire Mediterraneen, 
Nizza, Leben und Materie 

ODD HAVREVOLD, Kulturversuche mit tierischen Geweben 

Ferner eine Zusammenfassung über die Entwicklung der Auffassungen über 
Ursprung und Entstehungsweise des organischen Lebens (Die Darstellung 
umfasst den Zeitraum seit dem 17. Jahrhundert.) 

Bestellungen, die uns im Laufe der nächsten vier Wochen zugehen, werden 
mit einem Sonderrabatt von 10 % beliefert. 



POLITISCHE PSYCHOLOGIE FÜR SOZIALISTEN 

Bisher sind erschienen: 

Nr. 1 IRMA KESSEL: 

KINDER KLAGEN AN 

Das Büchlein Irma Kessels .... «ruft jene Menschen, die erkennen, 
wie schweres Unrecht den Kindern getan wird, zum Kampf auf. Die 
sozialistischen Erzieher — die Lehrer und die Funktionäre der «Kin« 
derfreunde» — müssen Kämpfer für das Recht und die Freiheit des 
Kindes sein. Sie, aber auch alle Eltern, die guten Willens sind, sollen 
Irma Kessels Schrift lesen.» — Der Kampf, Prag. Preis DKr. 2.50 

Nr. 2 KARL TESCHITZ: 
RELIGIÖSE EKSTASE 

Der Verfasser von «Religion, Kirche, Religionsstreit in Deutschland» 
fuhrt aufgrund eigener Beobachtungen in norwegischen Sektenkreisen 
den Nachweis, dass religiöse Ekstase als Ersatz für natürliche sexuelle 
Auslosung angesehen werden muss. — Preis DKr. 1.— 

Zu Geziehen dwtek: 

SEXPOL, VERLAG, KOPENHAGEN— OSLO, Postbox Oslo 2806 
Postgirokonto Kopenhagen 30 302 



Wir empfehlen der Beachtung unserer Leser: 

(Verschiedene Werke im Preis bedeutend herabgesetzt) 

W. REICH: 

MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS 

II. verbesserte Auflage 

Zur Sexualpolitik der pol. Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik. 
Herabgesetzter Preis: Broschiert dänische Kr. 6.— 
(früher dänische Kr. 8. — ) 

\V. R E I C H : 

DER SEXUELLE KAMPF DER JUGEND 

Eine Kampfschrift zur Politisierung der sexuellen Frage der Tugend. 
Herabgesetzter Preis: Kartoniert dänische Kr. 1.75 
(früher dänische Kr. 2.45) 

W. REICH: 

EINBRUCH DER SEXUALMORAL 

ZUR GESCHICHTE DER SEXUELLEN ÖKONOMIE 

Neuauflage 1934 bedeutend erweitert. — Eine wissenschaftliche Unter« 
suchung über die Funktion der Sexualmoral im gesellschaftlichen Pro* 
zess. Preis : Kartoniert dänische Kr. 6.- , gebunden dänische Kr. 8.— 

W. REICH: 

CHARAKTERANALYSE / Ihre Technik und Grundlagen 

Eine bedeutende Zusammenfassung klinischer Erfahrungen mit grundle« 
gcnden techn.*therapeutischen Ausführungen z. Thema: Charakterologie 
Preis: Broschiert dänische Kr. 11.25, gebunden dänische Kr. 12.80 

W. R E I C H : 

DIALEKTISCHER MATERIALISMUS UND 
PSYCHOANALYSE 

Erste zusammenfassende Schrift über die Anwendung der Psychoanalyse 
in der Geschichtsforschung und des dialektischen Materialismus auf 
psychologischen Gebiet 60 Seiten. — Herabgesetzter Preis: dänische 
Kr. 1.75 (früher danische Kr. 2.70) 

ERNST PARELL: 

WAS IST KLASSENBEWUSSTSEIN? 

Eine wegweisende Studie zur Frage Psychologie des Massenindividuums, 
zum Problem Masse=Staat, ParteüMasse. — Herabgesetzter Preis- dänische 
Kr. 0.50 (früher dänische Kr. 1.30) 

KARL TESCHITZ: 

RELIGION, KIRCHE, RELIGIONSSTREIT IN 
DEUTSCHLAND 

Eine Darstellung des Religionskampfes in Deutschland und eine Unter, 
suchung über die Grundlagen der Religion. — Herabgesetzter Preis- 
dänische Kr. 2.00 (früher dänische Kr. 3.50) 



Verleger: VERLAG FÜR SEXUALPOLITIK, Kopenhagen—Oslo 
Verantw. f.d. Redaktion: SigurdHoel. Trykk Aasland &Garbel, Oslo