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Full text of "Zur Auffassung der Aphasien. Eine kritische Studie"

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OF THE 

University of California. 



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CoOQle Original from 

^ ,W Ö K UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



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^ w ö lL UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



ZUR AUFFASSUNG 



DER 



APH ASIEN 



EINE KBITISCHE STUDIE 



VON 



D* SIGM. FREUD 

PBIVATDOCENT FÜR NEUROPATHOLOGIE AN DER UNIVERSITÄT WIEN. 



MIT 10 HOLZSCHNITTEN IM TEXTE. 

OF THE 

UNIVER8ITY 

OF 

LEIPZIG UND WIEN. 

FRANZ DEÜTICKE, 
1891. 



C^f\f\ri\i> Original frorn 

VjUU^IC UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



3'OLOG 



to£ j L\ 



Alle Rechte vorbehalten. 



K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme In Wien. 



f^f\i~*nl<-» Original from 

^ W Ö K UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



F7 



2JS? 



HERRN 



I> JOSEF BREUER 



IN FREUNDSCHAFTLICHER VEREHRUNG 



GEWIDMET. 



200480 

>y ^UUglt UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



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^ w ö lL UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



OF THE 

UNtVERSITY 

CF 



I. 

Wenn ich, ohne über neue eigene Beobachtungen zu 
verfügen, ein Thema zu behandeln versuche, an welches 
bereits die besten Köpfe der deutschen und fremdländischen 
Neuropathologie, wie Wernicke, Kussmaul, Lichtheim 
und Grashey, Hughlings Jackson, Bastian undRoss, 
Charcot u. A., ihre Kraft gewendet haben, so thue ich 
wohl am besten, sogleich die wenigen Punkte des Problems 
zu bezeichnen, in deren Erörterung ich einen Fortschritt 
einzuleiten hoffe. Ich werde mich also bemühen zu zeigen, 
dass in der Lehre von der Aphasie, wie sie durch das 
Zusammenwirken der eben genannten Forscher geworden 
ist, zwei Annahmen enthalten sind, welche man besser 
durch andere ersetzen kann, oder welche zum mindesten 
vor diesen anderen Annahmen nichts Entscheidendes voraus 
haben. Die erste dieser Annahmen hat zum Inhalte die 
Unterscheidung von Aphasie durch Zerstörung der 
Centren von solcher durch Zerstörung der Leitungs- 
bahnen; sie findet sich bei nahezu allen Autoren, welche 
über Aphasie geschrieben haben. Die zweite Annahme 
betrifft das gegenseitige Verhältniss der einzelnen für die 
Sprachfunctionen angenommenen Centren und findet sich 
hauptsächlich bei Wernicke und jenen Forschern, welche 
Wer nicke's Gedankengang angenommen und weiter ent- 
wickelt haben. Da beide Hypothesen als bedeutsame Be- 
standteile in der Wernicke'schen Lehre von der Aphasie 
enthalten sind, werde ich meine Einwände dagegen in Form 
einer Kritik dieser Lehre vorbringen. Da sie ferner in inniger 

Freud, Aphasie. 1 



{~*rw~»nlr* Original from 

3y\jUUglC (JNIVERSITYOF CALIFORNIA 



2 Die herrschende Lehre von der Aphasie. 

Beziehung zu jener Idee stehen, welche die gesammte neuere 
Neuropathologie durchdringt — ich meine die Beschränkung 
der Functionen des Nervensystems auf anatomisch bestimm- 
bareRegionen desselben, die „Localisation" — so werde ich die 
Bedeutung des topischen Momentes überhaupt für das Ver- 
ständniss der Aphasien in Erwägung ziehen müssen. 

Ich greife also auf einen ruhmvollen Abschnitt in der 
Geschichte der Gehirnkenntniss zurück. Im Jahre 1861 
theilte Broca 1 ) der Societe anatomique von Paris jene 
beiden Sectionsbefunde mit, aus denen er schliessen durfte, 
dass Läsion der dritten (oder ersten, wenn man von 
der Sylvfschen Furche zu zählen beginnt) linken Frontal- 
windung völligen Verlust oder höchstgradige Einschränkung 
der articulirten Sprache — bei sonstiger Intactheit der 
Intelligenz und der anderen Sprachfunctionen — zur Folge 
hat. Die Einschränkung: bei Rechtshändern, kam später 
hinzu; dass der Widerspruch gegen Broca's Entdeckung 
niemals ganz verstummte, fand seinen berechtigten Grund 
darin, dass man vielfach geneigt war, auch die Umkehrung 
des von Broca ausgesprochenen Satzes gelten zu lassen 
und bei Verlust oder Schädigung der articulirten Sprache 
auf eine Läsion in der dritten linken Frontalwindung zu 
schliessen. Dreizehn Jahre später veröffentlichte Wer nicke 2 ) 
jene kleine Schrift, „Der aphasischeSymptomencomplex, 
Breslau 1874," durch welche er ein — man möchte sagen 
unsterbliches Verdienst an seinen Namen geknüpft hat. 
Er beschrieb in derselben eine andere Art von Sprach- 
störung, welche das Gegenstück zur Broca'schen Aphasie 
darstellt, den Verlust des Sprachverständnisses bei erhaltener 
Fähigkeit, sich der articulirten Sprache zu bedienen, und 
erklärte diesen Functionsausfall durch eine von ihm vor- 
gefundene Läsion in der ersten linken Temporalwindung. 
An diese Entdeckung Wernicke's musste sich die Hoffnung 
knüpfen, die vielfaltige Dissociation des Sprachvermögens, 

J ) P. Broca, Sur le siege de la faculte' du language articule' avec 
deux observations d'aphe'mie (perte de la parole) 1861. 

2 ) Wer nicke, Der aphasische Symptomencomplex. Breslau 1874. 



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Wernicke's sensorische Aphasie. 3 

welche die Klinik aufgezeigt hatte, auf ebensoviel ge- 
sonderte Läsionen im Centralorgan zurückzuführen. W er- 
nicke that nur die ersten Schritte zur Lösung dieser 
Aufgabe; aber von der Erklärung der pathologischen Sprach- 
störung durch localisirte Gehirnerkrankung fand er den 
Weg zum Verständniss des physiologischen Sprach Vorganges, 
der sich ihm — kurz gesagt — als ein cerebraler Reflex 
darstellte. Auf der Bahn des Hörnerven gelangen die Sprach- 
klänge an eine Stelle im Schläfelappen, das sensorische 
Centrum der Sprache; von dort aus wird die Erregung 
auf die Broca'sche Stelle im Stirnlappen übertragen, das 
motorische Centrum, welches den Impuls zum articulirten 
Sprechen zur Peripherie entsendet. 

Ueber die Art, wie die Wortklänge im Centrum ent- 
halten sind, machte sich Wer nicke nun eine ganz be- 
stimmte Vorstellung, welche von principieller Bedeutung 
für die gesammte Localisationslehre ist. 

Auf die Frage, wie weit man psychische Functionen 
localisiren dürfe, ertheilt er die Antwort, nur für die 
elementarsten Functionen sei dies gestattet. Eine G-esichts- 
wahrnehmung darf an das centrale Ende des Opticus, eine 
Gehörswahrnehmung an den Ausbreitungsbezirk des Aku- 
sticus in der Hirnrinde verwiesen werden. Alles was darüber 
hinausgeht, die Verknüpfung verschiedener Vorstellungen 
zu einem Begriff u. dgl M ist eine Leistung der Associations- 
systeme, welche verschiedene Rindenstellen miteinander 
verbinden, also nicht mehr an eine Stelle der Rinde zu 
localisiren. Die Sinneserregungen aber, welche in die Hirn- 
rinde gelangen, hinterlassen daselbst dauernde Eindrücke, 
welche Wernicke einzeln in je einer Zelle aufbewahrt 
werden lässt. „Die Hirnrinde mit ihren 600 Millionen Rinden- 
körpern nach Meynert's Schätzung bietet eine hinreichende 
Anzahl von Vorrathsstätten, in welchen die unzähligen von 
der Aussenwelt gelieferten Empfindungseindrücke ungestört 
nacheinander aufgespeichert werden können. Mit solchen 
Residuen abgelaufener Erregungen, die wir Erinnerungs- 
bilder nennen wollen, ist die Hirnrinde bevölkert" 



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4 Die Bewahrung der Sprachvorstellungen in Zellen. 

Solche Erinnerungsbilder der Sprachklänge liegen also 
in den Zellen des sensorischen Centrums in der ersten 
Temporalwindung eingeschlossen, während das Broca'sche 
Centrum die Erinnerungsbilder der Sprachbewegungen, 
die „Sprachbewegungsvorstellungen", birgt. Zerstörung des 
sensorischen Centrums bewirkt Verlust der Klangbilder 
und damit Unfähigkeit die Sprache zu verstehen — sen- 
sorische Aphasie, Worttaubheit; Zerstörung des motorischen 
Centrums raubt die Sprachbewegungsbilder und erzeugt so 
die Unmöglichkeit, die motorischen Hirnnervenkerne zur 
Hervorbringung der Sprachlaute zu innerviren — motorische 
Aphasie. Ausserdem sind aber motorisches und sensorisches 
Centrum der Sprache durch eine Associationsbahn mit 
einander verbunden, welche Wernicke nach den Ergeb- 
nissen anatomischer Untersuchung und nach klinischen 
Beobachtungen in die Eegion der Insel verlegt. Es ist 
nicht mit völliger Klarheit zu entnehmen, ob Wernicke 
diese Association ausschliesslich durch weisse Fasern oder 
auch durch Vermittelung der grauen Substanz der Insel 
geschehen lässt. Er spricht davon, dass von dem ganzen 
Bezirk der ersten Urwindung, welche die Sylvi'sche Furche 
umzieht, Fibrae propriae ausgehen, welche in der Inselrinde 
endigen, so dass die Insel „einer grossen Kreuzspinne ähnelt, 
welche die radiär von allen Bezirken der ersten Urwindung 
in sie einstrahlenden Faserungen in sich sammelt; dadurch 
entsteht, wie nirgends sonst im ganzen Centralorgane, der 
Eindruck, eines wirklichen Centrums für irgend welche 
Functionen". Keinesfalls aber wird der Inselrinde eine 
andere Leistung von Wernicke zugeschrieben, als die der 
Association von „Wortklangbild" und „Wortbewegungsbild", 
welche an anderen Stellen der Hirnrinde localisirt sind: 
eine Leistung, wie man sie für gewöhnlich nur weissen Faser- 
massen zuweist. Auch die Zerstörung dieser Associationsbahn 
bedingt Sprachstörung, und zwar bei Erhaltung des Wort- 
verständnisses und der Wortarticulation Paraphasie, d. h. 
Verwechslung der Worte und Unsicherseit in der An- 
wendung derselben. Diese Art der Sprachstörung stellt 



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Leitungs- und Centrumaphasie. 5 

Wernicke als „Leitungsaphasie" den beiden anderen 
„Centrumaphasien" gegenüber. (Fig. 1.) 



Fig. 1. 



sensotischeAphasie 



3 



u 



A 



Leitungsaphasie 



mährische ApIiasJe 



V 



Ich entlehne den Arbeiten Wernicke's ein zweites, 
dem Gehirne eingeschriebenes Schema des Sprachvor- 



Fig. 2. 




Fig. 3 in Wernicke, Der aphasische Symptomencomplex. 
F das frontale, O das occipitale, T das temporale Ende eines schematisch 
gezeichneten Gehirns. C die Centralspalte, S der erste Urwindungsbogen 
um die fossa Sylvii herum, a das centrale Ende des Akusticus, a, dessen 
Eintrittsstelle in die Oblongata, 6 Ort der zur Lautproduction gehörigen 
Bewegungs vor Stellungen, b, Austritt der centrifugalen Sprachbahn aus der 

Oblongata. 

ganges', um nahe zu legen, in welchem Punkte dasselbe zur 
weiteren Ausarbeitung auffordern musste. (Fig. 2.) 

Das Schema von Wernicke stellt nämlich blos den 
Sprachapparat ausser Beziehung zur übrigen Hirnthätig- 



y f 



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UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



g Entwicklung der Wem ick eichen 

keit dar. wie er bei der Thätigkeit des Nachsprecheiis in 
Betracht kommt Berücksichtigt man die anderweitigen 
Verbindungen der Sprachcentren, welche für das spontane 
Sprechenkönnen unerlässlich sind, so muss sich eine com- 
plicirtere Darstellung des centralen Sprachapparates ergeben, 
welche aber Aussicht bietet, eine grössere Anzahl von 
Sprachstörungen durch Annahme von Läsionen an be- 
schränkten Stellen zu erklären. Indem Lichtheim 1 ) 1884 
diesen Sehritt in consequenter Weiterbildung des Wer- 

nicke' sehen Gedanken - 

Fit? 3 

ganges unternahm, gelangte 

er zu dem Schema des 
Spraehapparates ? welches 
ich hier einschalte, (Fig. 3.) 
In demselben bedeuten 
M das motorische Sprach - 
centniin (die Broc ansehe 
Stelle), 1 die durch Zer- 
störung desselben bedingte 
motorische Aphasie; A das 
akustische Sprachcentrum 
(die Wernicke'sche Stelle), 
, . 2 die durch Zerstörung der* 

iig* 1 m Li elit heim, Ün Aphasia, ° 

Brain VII, p. 43a selben bedingte sensorische 

Aphasie. 8 ß 4 ß 5, 6 und 7 
entsprechen Leitungsaphasien } 3 ist die von Wer nicke 
aufgestellte Leitungsaphasie der Insel Der Punkt B hat 
nicht denselben Werth im Schema wie A und Af ß welche 
anatomisch aufzeigbaren Kegiooen der Hirnrinde entsp rechen , 
er soll vielmehr blos eine schematische Vertretung der 
unzähligen Bindenstellen geben, von denen aus der Sprach- 
apparat in Thätigkeit versetzt werden kann. Auch ist von 
einer Sprachstörung durch Läsion dieses Punktes keine 
Rede, 




J ) Li cht heim, Ueb er Aphasie. Deutsch* ATeh- f. klin. Med* BtL 36. 
— On Aphasia, Brain, Jan. 1885* 



3V 



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Lehre von der Aphasie durch Lichtheim. 7 

Lichtheim unterschied die durch sein Schema gege- 
benen sieben Formen von Sprachstörung als Kernaphasien 
(1, 2), periphere Leitungsaphasienfö, 7) und centrale Leitungs- 
aphasien (3, 4, 6). Wernicke 1 ) hat diese Nomenclatur 
später durch eine andere ersetzt, welche gleichfalls nicht 
ohne Mängel ist, aber den Vorzug hat, zu allgemeiner 
Annahme gelangt zu sein. Wenn wir also letzterer folgen, 
müssen wir die Lichth ei m 'sehen sieben Formen der 
Sprachstörungfolgendermassen benennen undcharakterisiren: 

1. Die corticale motorische Aphasie. Das Sprach- 
verständniss ist erhalten, der Wortschatz aber aufgehoben 
oder auf wenige Worte beschränkt. Spontansprechen und 
Nachsprechen sind gleich unmöglich. Diese Form deckt 
sich mit der altbekannten Broc ansehen Aphasie. 

5. Die subcorticale motorische Aphasie. Die- 
selbe unterscheidet sich von der vorigen nur in einem 
Punkte (Erhaltung des Schreibvermögens), sowie angeblich 
durch eine andere — später zu erwähnende — Eigen- 
tümlichkeit. 

4. Die transcorticale motorische Aphasie. Bei 
dieser Form kann nicht spontan gesprochen werden, aber 
das Vermögen, Gehörtes nachzusprechen, ist erhalten und 
ergibt eine seltsame Dissociation des motorischen Antheils 
der Sprache. 

2. Die corticale sensorische Aphasie. Der Kranke 
versteht nicht, was zu ihm gesprochen wird, kann es auch 
nicht nachsprechen, spricht aber spontan mit unbeschränktem 
Wortschatz. Dass seine spontane Sprache doch nicht intact 
ist, sondern „Paraphasie" zeigt, ist eine Thatsache von 
weittragender Bedeutung, die später gewürdigt werden soll 
(Wernicke'sche Aphasie). 

7. Die subcorticale sensorische Aphasie. Dieselbe 
unterscheidet sich von der vorigen durch das Fehlen der 
Paraphasie beim Sprechen. 



! ) Wernicke, Die neueren Arbeiten über Aphasie. Fortschritte d. 
Medicin 1885, pag. 824; 1886, pag. 371, 463. 



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8 



liichtheim's sieben Formen der Aphasie. 



6, Die transcorticale sensorische Aphasie. 
Diese Form bietet die unerwartetste Trennung der Sprach- 
fähigkeit, die sich aber nothwendig aus dem Lichtheim- 
scheu Schema ableiten lässt Der Kranke spricht spontan 
paraphasisch, ist im Stande nachzusprechen, versteht aber 
nicht, was zu ihm gesprochen wird, und was er selbst 
nachspricht. 

3. Die Leitung saphasie Wernicke's. Dieselbe 

zeichnet sich durch Para- 



Pfr. 4. 




Fig. 2 in Li cht he im, On Aphaaia 
p. 437. In derselben bedeutet O das 
visuelle, t U das Schreibcentrum. Auf 
p. 443 gibt Li cht he im ein anderes 
Schema, welches E in directer Ver- 
bindung mit A und O anstatt mit M 
und zeigt 



phasie bei sonst negativen 
Charakteren aus. 

Ich setze noch ein anders 
SchemaLichtheim'shier- 
her, in welchem der 
Autor durch die Annahme 
eines visuellen und eines 
Schreibcentrums sowie 
deren Verbindungen, den 
zu Aphasie gehörigen Stö- 
rungen der Schriftsprache 
gerecht zur werden ver- 
sucht, (Fig. 4.) Indes hat 
erst Wernicke in einer 
späteren Arbeit (Die neue- 
renArbeiten über Aphasie, 
Fortschritte der Medicin 
1885 bis 1886} diese Auf- 



gabe nach dem von Licht- 
heim gegebenen Beispiel vollends erledigt 

Wenn man erfährt, dass Lichtheim alle Formen von 
Dissociation der Sprachfähigkeit, welche sich aus seinem 
Schema ergeben, durch wirklieh beobachtete Fälle — wenn 
auch in geringer Anzahl — belegt hat, wird man den 
grossen Beifall, den Lichtheim's Auffassung der Aphasie 
fand, gewiss nicht für unberechtigt erklären, Lichtheim J s 
Schema war auf deduetivem Wege entstanden, es führte 
zu überraschenden und bis dahin nicht beobachteten Formen 



3V 



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UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



Werth des Lichtheim 'sehen Schemas. 9 

von Sprachdissociation, und wenn es nachträglich gelungen 
war, diese construirten Formen durch Beobachtung zu 
bestätigen, so musste dies als eine vollgiltige Probe für 
die Berechtigung der Lichtheim'schen Voraussetzungen 
erscheinen. Es* ist auch kein Vorwurf gegen dasselbe, wenn 
man hervorhebt, dass Lichtheim's Schema nicht in dem 
nämlichen Sinne verstanden werden darf wie Wernicke's. 
Letzteres lässt sich sozusagen dem Gehirne einschreiben, 
die Lage der darin enthaltenen Centren und Bahnen ist 
anatomisch verificirt; Lichtheim's Schema fügt neue 
Bahnen hinzu, deren anatomische Kenntniss uns noch ab- 
geht. Es ist darum z. B. nicht anzugeben, ob die Licht- 
heim'schen Centren und Bahnen so auseinanderliegen, wie 
sie dargestellt sind, ob nicht vielmehr eine „ innere" und 
„äussere" Leitungsbahn eines Centrums für eine lange 
Strecke zusammenfallen, was für die Physiologie der 
Sprachfunction absolut gleichgiltig, für die Pathologie des 
Sprachbezirkes in der Kinde sehr bedeutsam sein müsste. 
Beruhte die Darstellung Lichtheim's auf neuen ana- 
tomischen Befunden, so wäre eben ein weiterer Einspruch 
nicht möglich und die Mehrzahl der später anzuführenden 
Bemerkungen erledigt. 

Etwas schwerer fällt es ins Gewicht, dass sich bei 
der Einreihung der wirklich vorkommenden Sprachstörun- 
gen unter das Licht heim 'sehe Schema k regelmässig 
Schwierigkeiten ergeben, weil man meist die einzelnen 
Sprachfunctionen in verschiedenem Grade geschädigt findet, 
anstatt dass die eine gänzlich aufgehoben, die andere 
ungeschädigt sei. Ferner dass die Leichtigkeit, mit der 
man Sprachstörungen, die sich aus einer einzigen Unter- 
brechung im Schema nicht erklären, auf combinirte Läsionen 
zurückführen kann, der Willkür in den Erklärungs- 
versuchen zu weiten Spielraum lässt. Aber während dies 
Mängel sind, die jedem Schematisiren mehr oder minder 
anhaften, lässt sich an das Lichtheim'sche Schema 
speciell eine andere Anforderung stellen, der es thatsächlich 
nicht zu genügen scheint; es muss nämlich seiner Natur 



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10 Bedenken gegen Lichtheim's Schema der Aphasie. 

nach den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, die Unter- 
bringung einer jeden beobachteten Form von Sprach- 
störung ermöglichen wollen. Nun war bereits Lichtheim 
ein häufiger Fall bekannt, dessen Erklärung er aus 
seinem Schema nicht geben konnte, das Zusammentreffen 
von motorischer Aphasie mit Schriftblindheit (Alexie), das 
doch zu häufig ist, um durch das zufällige Zusammen- 
treffen zweier Unterbrechungen erledigt zu werden. Licht- 
heim machte zur Aufklärung dieses Symptomcomplexes 
die Annahme, dass es sich hierbei um Fälle von voll- 
ständigem Verlust aller Sprachfunctionen handle, bei denen 
die am leichtesten rückgängige Störung, nämlich die 
Worttaubheit, bereits überwunden sei, so dass in diesem 
Stadium nur die anderen Hauptstörungen: motorische 
Aphasie und Schriftblindheit, erübrigten. Aber diese Er- 
klärung scheint nicht zuzutreffen, denn Kahler 1 ) hat 
späterhin einen Fall rasch vorübergehender Aphasie be- 
richtet, in welchem der Kranke nach seiner Genesung ver- 
sicherte, er habe nicht sprechen können, nur „gemeckert", 
und nicht lesen können, weil ihm die Buchstaben wie 
„verschmiert" erschienen seien, habe aber alles verstanden, 
was man zu ihm gesprochen habe. Solche und ähnliche 
Erfahrungen mögen einen der besonnensten deutschen 
Neurologen, Eisenlohr, 2 ) dazu veranlasst haben, dem 
Lichtheim'schen Schema der Aphasie doch nur einen 
„vorwiegend didaktischen" Werth zuzugestehen. 



IL 

Die Anschauung, dass die in der Klinik beobachteten 
Sprachstörungen, insoferne sie überhaupt eine anatomische 
Begründung haben, von Unterbrechung der Sprachcentren oder 



1 Kahler, Casuistische Beiträge zur Lehre von der Aphasie. Prager 
med. W., Nr. 16 und 17, 1885. 

2 ) Eisenlohr, Beiträge zur Lehre von der Aphasie. Deutsche med. 
W., Nr. 36, 1889> 



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Prüfung der Unterscheidung von Centrum- und Leitungsaphasie. H 

von Zerstörung der Sprachassociationsbaknen herrühren, dass 
man also ein Eecht habe, Centrumaphasie von Leitungs- 
aphasie zu unterscheiden, ist seit Wernicke von allen 
Autoren ausdrücklich oder stillschweigend angenommen 
worden. Es verlohnt sich wohl, diese Unterscheidung 
genauer auf ihre Berechtigung zu prüfen, da sie mit einer 
principiell so wichtigen Auffassung von der Rolle der 
Centren in der Hirnrinde und von der Localisation psy- 
chischer Functionen, wie oben nach Wernicke erörtert 
wurde, zusammenhängt. 

Wer sich den angenommenen Unterschied zwischen 
einem „Sprachcentrum" und einer blossen Verbindungsbahn 
(die aus einem Bündel weisser Fasern besteht) klar macht, 
wird erwarten müssen, dass durch die Zerstörung eines 
Centrums eine weit schwerere Functionsstörung entstehen 
müsse, als durch die Unterbrechung einer Leitung. Diese 
Erwartung scheint sich aus der Darstellung Wernicke's 
zu bestätigen. Wernicke's Leitungsaphasie durch Unter- 
brechung der Bahn a b in Fig. 1 kennzeichnet sich blos 
durch Verwechslung der Worte beim Sprechen bei erhaltener 
Verfügung über den Wortschatz und bei erhaltenem Wort- 
verständniss, ergibt also in der That ein viel leichteres 
Krankheitsbild als die durch Zerstörung der Sprachcentren 
a und b bedingte motorische und sensorische Aphasie. 

Es hat aber mit der Wernicke'schen Leitungsaphasie 
eine besondere Bewandtniss.Die ihr zugeschriebene Functions- 
störung lässt sich nämlich nicht aus dem Schema Wer- 
nicke's ableiten. Wernicke gibt an, bei Unterbrechung 
der Bahn a — b entstehe Paraphasie; fragen wir uns aber, 
welches die zu erwartende Folge dieser Bahnunterbrechung 
sein müsste, so lautet die Antwort: Auf der Bahn von a — b 
ist das Sprechen erlernt worden, das in der Eeproduction 
eines aufgenommenen Wortklanges besteht; die Aufgabe 
dieser Bahn ist das Nachsprechen; die Folge ihrer Unter- 
brechung müsste sein, dass das Nachsprechen bei er- 
haltenem spontanen Sprechen und erhaltenem Wortver- 
ständniss unmöglich geworden ist. Nun wird aber Jeder- 



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12 Kritik der Leitungsaphasie Wer nicke's. 

mann zugeben, dass eine solche Dissociation des Sprach- 
vermögens noch niemals beobachtet worden ist, und keine 
Wahrscheinlichkeit hat, jemals zur Beobachtung zu kommen. 
Die Fähigkeit des Nachsprechens geht niemals verloren, 
wenn das Sprechen und das Verstehen erhalten sind, sie 
fehlt nur 1. wenn überhaupt nicht gesprochen werden 
kann, oder 2. wenn das Worthören gestört ist. Mir ist 
nur ein einziger Fall bekannt, in dem das spontane Sprechen 
nicht auch vom Nachsprechenkönnen begleitet ist. Es gibt 
nämlich motorisch Aphasische, die gelegentlich einen Fluch 
oder ein complicirtes, Wort, das sich sonst nicht unter 
ihren „Sprachresten" findet, vorbringen können (Hughlings 
Jackson 1 ). Fordert man solche Kranke auf, das eben 
spontan Vorgebrachte nachzusagen, so gelingt es ihnen 
nicht. Hier liegt aber ein ganz anderer Fall vor; es gelingt 
den Kranken auch nicht, diese einmalige Bereicherung 
ihres Sprachschatzes spontan zu wiederholen. Wir werden 
späterhin aus der unzweifelhaften Thatsache, dass es keine 
isolirte Aufhebung des Nachsprechens gibt, dass 
das Nachsprechen (bei intactem Wortverständniss) immer 
gelingt, wenn das spontane Sprechen möglich ist, einen 
sehr wichtigen Schluss ziehen, nämlich dass die Bahn, 
auf der gesprochen wird, identisch ist mit der, 
auf welcher nachgesprochen wird. 

Wir dürfen also sagen, die Wernicke'sche Leitungs- 
aphasie besteht nicht, weil eine Form von Sprachstörung, 
welche ihre Charaktere haben müsste, nicht aufgefunden 
werden kann. Wem icke verlegte diese Sprachstörung in 
die Inselregion; Erkrankung der Insel muss also eine andere 
Form von Sprachstörung erzeugen. In der That finde ich 
in der vorzüglichen Darstellung der Aphasie bei Bastian 2 ) 



^HughlingsJacksoDjOn affections of speech from diseases of the 
brain. Brain I und II, 1878—80. 

2 ) Charlton Bastian, On different kinds of Aphasia. British 
Medical Journal, Oct. 29. u. Nov. 5. 1887. 

— Brain as an organ of Mind 1880. Internat, wissensch. Bibliothek. 
Bd. 52 u. 53. (Auch deutsch u. französisch.) 



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Sie lässt sich nicht aus dem Schema ableiten — Inselaphasie. 13 

die sicher auftretende Angabe, dass Erkrankung der Insel 
typische motorische Aphasie bedingt. Die Frage der Insel- 
aphasie, die für alle unsere Erörterungen von grosser 
Bedeutung wäre, ist leider durch die bis heute vorliegenden 
Erfahrungen nicht geklärt. Meynert, 1 ) de Boyer, 2 ) 
Wer nicke 3 ) selbst u. A. halten daran fest, dass die Insel 
zum Sprachbezirk gehöre, während Charcot's Schüler 
(Bernard 4 ) von einer solchen Beziehung der Insel nichts 
wissen wollen. Aus der 1887 vorgenommenen Zusammen- 
stellung von Naunyn 5 ) hat sich nichts Entscheidendes 
für diese Frage ergeben. Wenn ajich eine überwiegende 
Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass Erkrankung der 
Insel nicht blos der anatomischen Contiguität wegen Sprach- 
störung macht, so lässt sich doch in keiner Weise angeben, 
ob dieser Sprachstörung eine bestimmte Form und welche 
Form ihr zukommt. 6 ) 

Wir behalten es einer späteren Erörterung vor, welche 
Bedeutung das Symptom der Paraphasie (Wortverwechslung) 
beanspruchen kann, und wieso Wernicke dazu gelangte, 
es als charakteristisch für eine Unterbrechung zwischen 
a und b hinzustellen. An dieser Stelle sei nur erwähnt, 
dass die bei Kranken beobachtete Paraphasie sich in nichts 
von derjenigen Wortverwechslung und Wortverstümmlung 
unterscheidet, die der Gesunde bei Ermüdung, bei getheilter 
Aufmerksamkeit, beim Einfluss störender Affecte an sich 



!) Meynert, Oest. Zeitsch. f. prakt. Heilkunde XIII. 

2 ) de Boyer, Etudes cliniques sur les le*sions corticales. Paris 1879. 

3 ) In seiner ersterwähnten Arbeit. 

4 ) Bernard, De Taphasie et de ses diverses formes. Paris 1885. 

5 ) Naunyn, Ueber die Localisation der Gehirnkrankheiten. Correfera 
in den Verhandlungen des IV. Congresses für innere Medicin zu Wiesbaden 
1887. 

6 ) Ch. Bastian (On different kinds of aphasia, 1887) ist geneigt, das 
zuerst von Grass et beschriebene Zusammentreffen von Aphasie mitHemi- 
anästhesie durch die Nachbarschaft zu erklären, in welcher sich die durch 
die Insel ziehenden Commissuren zwischen Broca'scher und Wernicke'scher 
Stelle zum hinteren (sensibeln) Drittel des hinteren Schenkels der inneren 
Kapsel befinden. 



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14 Paraphasie kein Herdsymptom. 

beobachten kann, durch die z. B. unsere Vortragenden 
uns so häufig das Zuhören peinlich machen. Es liegt nahe, 
die Paraphasie im weitesten Umfange für ein rein functio- 
nelles Symptom, für ein Zeichen minder exacter Leistungs- 
fähigkeit des Sprachassociationsapparates anzusehen. Dies 
schliesst nicht aus, dass sie nicht in exquisitester Weise 
als organisches Herdsymptom auftreten könnte. Allein ein 
verdienstvoller Autor, Allen Starr, 1 ) hat sich die Mühe 
genommen, den anatomischen Begründungen der Paraphasie 
nachzuspüren. Er gelangt zum Schluss, dass Paraphasie 
durch Läsionen an seljr verschiedenen Kegionen er zeugt- 
werden kann. Es war ihm selbst unmöglich, eine constante 
pathologische Verschiedenheit zwischen den Fällen sen- 
sorischer Aphasie mit und ohne Paraphasie aufzufinden. 

Man könnte den Einwand erheben, dass die vor- 
stehende Kritik der Wernicke 'sehen Leitungsaphasie 
unberechtigt sei, weil sie eine Möglichkeit nicht vorgesehen 
habe. Die Unmöglichkeit des Nachsprechens brauche bei 
derselben nicht vorzukommen, weil das gehörte Wort, das 
nicht direct auf das motorische Centrum b übertragen 
werden kann, auf dem Umwege durchs „Verständniss" nach- 
gesprochen wird. Die Verbindungsbahn ABM (Fig. 3) würde 
anstatt der unterbrochenen Bahn AM, auf der das Nach- 
sprechen sonst vor sich geht, eintreten. Wenn dieser Um- 
weg wirklich gangbar ist, wäre die Leitungsaphasie zu 
charakterisiren als ein Zustand, bei dem Sprachverständ- 
niss und spontanes Sprechen erhalten, Nachsprechen von 
verständlichen Worten gleichfalls erhalten, Nachsprechen 
von unverstandenen Worten, z. B. einer fremden Sprache, 
aber aufgehoben ist. Auch dieser Symptomencomplex ist noch 
nicht beobachtet, allerdings auch noch nicht gesucht worden. 
Es wäre möglich, dass er sich gelegentlich verwirklicht findet. 

Indem wir die Zulässigkeit dieses Ausweges anerkennen, 
gelangen wir aber zu einer zweiten Erwartung, welche an 
die strengste Sonderung von Sprachcentren und deren 

*) Allen Starr, The pathology of sensory aphasia, with an analysis of 
fifty cases, in which Broca's centre was not diseased. Brain, XII. 1889. 



Pnnnl^ Original f rann 

jy K^KJVglK. UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Erörterung der Sprachstörung bei sensorischer Läsion. 15 

Associationsbahnen zu knüpfen wäre. Die Zerstörung eines 
Centrums schafft natürlicherweise einen unersetzlichen 
Ausfall von Function; wenn aber nur eine Leitungsbahn 
unterbrochen ist, sollte es möglich sein, das intacte Centrum 
auf einem Umwege über erhaltene Leitungsbahnen anzuregen 
und dessen Erinnerungsbilder dennoch der Function dienst- 
bar zu machen. Suchen wir nach einem Falle, in dem sich 
eine solche Verschiedenheit der Ausgleichung von Sprach- 
störungen zeigen kann, so ergibt sich uns zunächst ein 
Beispiel, dessen Erörterung für die gesammte Auffassung 
der Aphasie überhaupt von höchster Bedeutung ist. 

Es gibt Fälle -von Verlust des Wortverständnisses 
(Worttaubheit) ohne Störung des spontanen Sprechens. 
Dieselben sind selten, aber sie kommen vor, und man dart 
behaupten, dass die Lehre von der Aphasie eine andere 
Ent Wickelung genommen hätte, wenn Wer nicke's erste 
Beispiele von sensorischer Aphasie von dieser Art gewesen 
wären. Dies traf aber nicht zu; Wernicke's Fälle von 
sensorischer Aphasie zeigten wie die meisten später beob- 
achteten auch eine Störung des sprachlichen Ausdruckes, 
die wir vorläufig mit dem Entdecker der sensorischen 
Aphasie als Paraphasie bezeichnen wollen. Ein solche 
Sprachstörung erklärte sich natürlich aus dem Schema 
Wer nicke's nicht, denn diesem zufolge sind die Wort- 
bewegungsbilder intact, die Wege, die von den Begriffen zu 
ihnen führen, gleichfalls intact; wenn also gesprochen wird, 
ist kein Grund einzusehen, warum nicht auch correct ge- 
sprochen wird. Wernicke musste sich also zur Erklärung 
der Paraphasie bei rein sensorischer Aphasie auf ein func- 
tionelles, nicht aus dem Schema ersichtliches Moment 
stützen. Er erinnerte daran, dass die Bahn a—b l ) diejenige 
sei, auf der das Sprechen erlernt wurde. Später wird auf 
directem Wege vom Begriffe aus gesprochen, aber die Bahn 
a—b behält noch eine gewisse Bedeutung für die Sprache; 
sie wird jedesmal beim Spontansprechen mitinnervirt und 
übt dadurch eine fortwährende Correctur auf den Ablauf 



J ) oder AM nach Figur 3. 



Pnnnl^ Original f rann 

jy ijUUglt UNI VERSITY OF CALIFORNIA 



16 Wer nicke's Erklärungsversuch derselben. 

der Bewegungsvorstellungen aus. Wegfall dieser Neben- 
innervation von a— b bewirkt Paraphasie. 

Wer nicke's Vorstellungen über diesen schwierigen 
Punkt sind keineswegs klar, wie mir scheint, nicht einmal 
consequent. Denn eine Stelle weiter meint er (pag. 23 1. c), 
das blosse Bestehen der Bahn a—b ohne intendirte Inner- 
vation derselben, genüge schon, um die Auswahl der rich- 
tigen Bewegungsvorstellung zu sichern. Wie es zugehen 
kann, dass der blosse Bestand dieser Bahn, auch wenn 
sie nicht mitinnervirt wird, diese mächtige Einwirkung 
auf den motorischen Vorgang beim Sprechen äussern kann, 
oder wie, wenn sie eine collaterale Innnervation beim 
Sprechen empfängt, diese sich äussern kann, ob das 
Centrum b erst dann den Articulationsimpuls aussendet, 
wenn die Erregung vom Centrum a her angekommen 
ist, ob es vielmehr früher zu sprechen beginnt, Fehler 
macht und diese vermittelst der Erregung vom Wort- 
klangscentrum her corrigirt; über all dieses kann ich mir 
nach Wernicke's Darstellung keine anschauliche und 
widerspruchsfreie Vorstellung machen. Li cht he im hat 
diesen Mangel des Erklärungsversuches von Wernicke 
wohl gefühlt, denn er fasst die Bedingung zur Vermeidung 
der Paraphasie weit schärfer. Es genüge hiefür nicht, 
dass die Wortklangbilder intact seien, sie müssten auch 
durch die Bahn a — b in Verbindung mit den Wortbewegungs- 
bildern treten. Ein Schritt weiter hätte Lichtheim zur 
Annahme geführt, dass überhaupt nur auf dem Wege über 
die Klangbilder und die Bahn AM gesprochen wird. Denn 
der Einfluss von A auf dem Wege A — M ist offenbar unnütz, 
wenn er erst anlangt, nachdem von M aus bereits ge- 
sprochen wurde; es wird also nicht eher gesprochen, als 
bis diese Erregung in M eingetroffen ist, und nun lösen 
sich alle Schwierigkeiten befriedigend, wenn wir die über- 
flüssige Annahme weglassen: es bedürfe zum Sprechen 
noch einer besonderen Erregung von M vom Begriffe her. 
Wie dem aber immer sein möge, wir wollen darauf 
zurückkommen, dass bei der sensorischen Aphasie (Zer- 



Pnnnl^ Original f rann 

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V 



Die Klinik ergibt keinen Beweis für die psychische Dignität der Centren. 17 

Störung von A) das spontane Sprechen nach Wernicke 
und Lichtheim paraphasisch wird, weil die eine Correctur 
übenden Klangbilder in A zerstört sind. Nun sollte man 
erwarten, dass sich ein klinischer Unterschied ergibt, 
wenn diese so wichtigen Klangbilder nicht zerstört, sondern 
blos die sie mit M verbindende Bahn unterbrochen ist. 
Wir würden in einem solchen Unterschied einen Beweis 
erblicken müssen, dass Centrum und Leitungsbahnen 
wirklich verschiedene Bedeutung haben, dass Vorstellungen 
nur in ersterem und nicht auch in letzteren enthalten 
sind. Die erhaltenen Klangbilder würden ihren Einfluss 
auf das Sprechen auf dem Umwege über die „Begriffs- 
centren" äussern, wie wir es vorhin bei der Ermöglichung 
des Nachsprechens erläutert haben. Nun liegt der Fall, 
dass das Centrum erhalten, die Leitungsbahn aber unter- 
brochen ist, bei der Leitungsaphasie Wernicke's vor, 
auf die wir hiermit wieder zurückkommen, und es zeigt 
sich, dass ein solcher Umweg nicht eingeschlagen wird. 
Die Unterbrechung von A—M hat dieselbe Folge, wie die 
Zerstörung von A selbst, nämlich Paraphasie beim spon- 
tanen Sprechen. 

Die Leitungsaphasie Wernicke's selbst erweist sich 
aber hierdurch von Neuem als unhaltbar. Denn, wenn 
wir annehmen, dass die Unterbrechung der Bahn a — b (A — M) 
nicht durch einen Umweg der Innervation wettgemacht 
werden kann, müsste sie Unfähigkeit des Nachsprechens, 
und wenn wir diesen Umweg zulassen, dürfte sie auch 
nicht einmal Paraphasie ergeben. 

Auch die Betrachtung der anderen von Lichtheim 
aufgestellten Leitungsaphasien, sowie der nicht centralen 
Störungen des Lesens und Schreibens führt zu dem Schlüsse: 
Die Zerstörung eines sogenannten Centrums kenn- 
zeichnet sich blos durch gleichzeitige Unter- 
brechung mehrerer Bahnen, und jede solche An- 
nahme kann durch die Annahme der Läsion 
mehrerer Leitungsbahnen ersetzt werden, ohne 
dass hierbei die Rücksichtnahme auf die besondere 

Fr e ud, Aphasie. 2 



f^rw~»nlr* Original from 

jyviwglt UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



18 Watteville's Versuch zur Auszeichnung der Centrumaphasie. 

Localisation psychischer Functionen in den Centren 
vermisst wird. 

Da ich mich mit der Forderung — die den Centren 
der Sprache zugeschriebene, besondere psychische Dignität 
müsste sich auch durch irgend etwas in der Klinik der 
Sprachstörungen verrathen — ziemlich isolirt weiss, will ich 
nicht unterlassen anzuführen, dass Watteville *) in einem 
kleinen, aber inhaltsreichen Aufsatze einen sehr ähnlichen 
Gedankengang vorgebracht hat. „Wir haben uns die Vor- 
stellung gemacht," sagt dieser Autor, „dass diese Centren 
Vorrathsstätten sind, an denen die verschiedenartigen moto- 
rischen wie sensorischen Erinnerungsbilder aufbewahrt 
werden. Andererseits dürfen wir das physiologische Substrat 
der Seelenthätigkeit nicht in der Function dieses oder 
jenes Gehirntheiles suchen, sondern als Resultirende von 
weit über das Gehirn verbreiteten Processen auffassen. Aus 
diesen beiden Voraussetzungen lässt sich folgern, dass 
Läsionen, deren Symptomatologie sonst keine erheblichen 
unterschiede erkennen lässt, doch in Bezug auf ihre psy- 
chische Bedeutung sich sehr verschieden verhalten müssen. 
Nehmen wir je zwei Fälle von motorischer Aphasie, von 
denen der eine durch Zerstörung des Broca'schen Centrums 
selbst, der andere durch Unterbrechung des von ihm aus- 
gehenden centrifugalen Bündels bedingt ist Im ersten Falle 
hat der Kranke die Verfügung über die Wortbewegungs- 
bilder verloren, im zweiten Falle ist dieselbe erhalten. 
Nun hat man ja die Wirkung der Aphasie auf die Intelligenz 
so häufig erörtert und ist trotz guter Beobachtungen auf 
beiden Seiten zu so entgegengesetzten Resultaten gekommen. 
Sollte die Lösung dieses scheinbaren Widerspruches nicht 

in dem von uns berührten Verhältnisse liegen? Es 

scheint uns also berechtigt anzunehmen, dass bei centraler 
Läsion der Sprache der Kranke auch eine intellectuelle 
Schädigung erfahren haben muss, während dies bei einer 



! ) de Watteville, Note sur la ce'cite' verbale. Progres me'dical, 
21. März 1885. 



Pnnnl^ Original f rann 

jy V^UUglt UNI VERSITY OF CALIFORNIA 



\ 



Zweifel an der Berechtigung eines localisatorischen Schemas. 19 

Läsion der Leitungsbahnen nicht der Fall zu sein 

braucht " 

Ich glaube nicht, dass bereits jemand sich der Mühe 
unterzogen hat, die von Watteville angedeutete Art der 
Prüfung durchzufuhren; ich habe nur den Eindruck, als 
würde sich der erwartete Zusammenhang einer stärkeren 
-intellectuellen Schädigung mit einer „centralen" Aphasie 
im G-egensatze zu einer Leitungsaphasie nicht- heraus- 
stellen. 



III. 

Während wir uns herauszufinden bemühten, welche 
Verhältnisse in der klinischen Erscheinung der Sprach- 
störungen die behauptete psychische Bedeutung der Sprach- 
centren bestätigen, und zu diesem Zwecke die Leitungs- 
aphasie Wernicke's einer kritischen Beleuchtung unter- 
zogen, sind wir auf Thatsachen gestossen, welche Zweifel 
an der Richtigkeit eines wesentlich auf Localisation be- 
ruhenden Schemas überhaupt in uns erregen mussten. Man 
thut nicht Unrecht, wenn man das Wernicke-Licht- 
heim'sche Schema als ein solches bezeichnet; doch muss 
man daran erinnern, dass beide Autoren ausserdem functio- 
nelle Momente ohne Bedenken zur Erklärung der Sprach- 
störungen heranziehen. Eine Darstellung, welche die beob- 
achteten Sprachstörungen ausschliesslich durch die ver- 
schiedene Localisation von destructiven Läsionen erklären 
wollte, müsste sich auf die Annahme einer Anzahl von 
Centren und Leitungsbahnen beschränken, welche unab- 
hängig voneinander functioniren und mit gleicher Leichtig- 
keit durch Läsionen ausser Thätigkeit gesetzt werden. 
Wie wir gehört haben, haben Wernicke und Licht heim 
aber nicht vermeiden können, die Function des motorischen 
Centrums M nicht nur an dessen anatomische Integrität, 
sondern auch an die Erhaltung von dessen Verbindung 
mit dem sensorischen Centrum A zu knüpfen. Ja, Licht- 

2* 



Pnnnl^ Original f rann 

jy V^UUglt UNI VERSITY OF CALIFORNIA 



20 Wichtigkeit der Lichtheim 'sehen Silbenprobe. 

heim hat einen überraschenden Fund gemacht, dessen 
Bestätigung die Bedeutung des Momentes der Localisation 
noch tiefer herabdrücken würde. Er hat sich die Frage 
gestellt, ob motorisch aphasische Personen über die so- 
genannte „innere Sprache", das Erklingenlassen der Worte, 
welche sie nicht aussprechen können, verfügen. Er Hess 
sich darum z. B. so oft von dem Kranken die Hand drücken, 
als das verlangte Wort Silben enthielt, und fand, dass die 
Kranken nicht im Stande waren, auf diese Art ihre Kenntniss 
des Wortes zu beweisen. Es ist klar, dass eine solche 
Thatsache nicht ohne den tiefgreifendsten Einfluss auf 
unsere Vorstellungen vom Sprachvorgang bleiben könnte, 
denn das Centrum A ist ja intact, dessen Verbindungen 
mit der übrigen Rinde unversehrt, eine Läsion besteht 
nur vom sensorischen Theil des Sprachapparates weit 
entfernt in M, dem Centrum der Wortbewegungsvor- 
stellungen, und doch kann der Kranke wegen des Be- 
standes einer umschriebenen Läsion in der dritten Frontal- 
windung die im Temporallappen enthaltenen Wortklänge 
nicht von seiner sonstigen Hirnthätigkeit (etwa von den 
optischen Wahrnehmungen) her erregen. 

Leider ist diese Thatsache, welche den Eckstein einer 
neuen Theorie der Sprachstörungen bilden müsste, noch nicht 
sichergestellt. Man kann zunächst einen Einwand gegen die 
Art richten, wie Lichtheim sie erweisen wollte. Er prüfte 
die Verfügung über die Wortklänge daran, ob die Kranken 
im Stande waren, die Silbenanzahl der gesuchten Worte an- 
zugeben; man kann aber vermuthen, dass diese Kranken 
gewohnt waren, diese Silbenzahl nur auf dem Wege einer 
Uebertragung des Klanges auf die motorische Sprachbahn 
zu finden; das Prüfungsmittel wäre also ungeeignet gewesen, 
weil es geradezu die Erhaltung der Bahn voraussetzt, welche 
bei motorischer Aphasie zerstört ist. Ein Einwand, den 
Wysman 1 ) gegen die Richtigkeit der Lichtheim'schen 



J ) Wysman, Aphasie und verwandte Zustände. Deutsch Arch. f. klin. 
Med. Bd. 4:7. 



f^rtnnlf* Original fronn 

jy ijUUglt UNI VERSITY OF CALIFORNIA 



Eine directe Bahn für das spontane Sprechen bestritten. 21 

Probe erhebt, fällt, glaube ich, mit dem meinigen zusammen. 
Die Sache hat aber noch ein anderes Bedenken. Lichtheim 
berichtet, dass er seine Probe an Fällen unzweifelhaft moto- 
rischer (corticaler) Aphasie (Zerstörung von M) nicht anwen- 
den konnte, weil er reine Fälle dieser Art in letzter Zeit nicht 
zur Verfügung hatte. Er theilt blos einen Fall sogenannter 
transcorticaler motorischer Aphasie mit, bei dem diese 
Probe einen negativen Erfolg ergab, obwohl ja hier nicht 
einmal das Centrum M, sondern blos dessen Verbindungen 
MB als zerstört angenommen wurden. Ich werde aber 
späterhin zeigen, dass diese Fälle von sogenannter trans- 
corticaler motorischer Aphasie eine andere Auffassung 
erfordern, mit welcher eich die Unkenntniss der Klangbilder 
besser verträgt. Somit erscheint mir die Frage noch als 
völlig unerledigt, ob bei motorischer Aphasie die Verfügung 
über die Klangbilder erhalten oder aufgehoben ist. Ich 
würde aber auch keine Theorie der Aphasie aufstellen 
wollen, ehe ich über diesen Punkt sicheren Bescheid wüsste. 
Kehren wir nun zu den beiden anderen Argumenten 
zurück, auf Grund deren wir die functionelle Unabhängig- 
keit des Centrums M bestreiten müssen. 1. Bestünde eine 
Verbindung des Centrums M mit B (Bahn für das spontane 
Sprechen), welche von der Verbindung mit A (der Bahn, 
welche das Nachsprechen und das correcte Sprechen er- 
möglicht) verschieden ist, so müssten wir Störungen des 
Nachsprechens finden ohne entsprechende Störungen der 
spontanen Sprache. Wir haben ausführlich auseinander- 
gesetzt, dass dies nicht der Fall ist. Wir schliessen daher, 
dass diese beiden Bahnen zusammenfallen. 2. Wir haben 
gehört, dass eine Läsion im Centrum A oder in der Bahn 
AM eine Sprachstörung macht, welche Wernicke und 
Lichtheim genöthigt hat, functionelle Momente zur Er- 
klärung heranzuziehen, ohne doch dadurch die Grundthat- 
sache, das Vorkommen von Sprachstörung bei sen- 
sorischer Aphasie, befriedigend aufzuklären. Auch diese 
Schwierigkeit fallt weg, wenn man annimmt, es bestehe 
nur die Bahn AM und es werde spontan nur über die 



Pnnnl^ Original f rann 

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22 Die Sprachstörung bei sensorischer Läsion ist mehr als Paraphasie. 

Klangbilder gesprochen. Diese Annahme liegt um so näher, 
als ja die Bahn AM unzweifelhaft die erste war, auf der 
das Kind sprechen gelernt hat. Wernicke nimmt zwar 
an, wenn das Sprechen auf dieser Bahn genügend eingeübt 
sei, bilde sich eine andere directere, welche die Klangbilder 
umgehe, allein es ist nicht einzusehen, auf welche Weise 
die für die eine Bahn erworbene Uebung dazu führen 
soll, den eingeübten Weg zu verlassen und einen neuen 
einzuschlagen. Fast alle früheren Autoren mit Einschluss 
von Kussmaul 1 ) haben daran festgehalten, dass das spon- 
tane Sprechen auf demselben Wege wie das Nachsprechen 
über die Klangbilder vor sich gehe, und von den neueren 
ist Grashey 2 ) zu dieser Annahme zurückgekehrt. Ich 
habe auch in der sonst so durchsichtigen Darstellung 
Lichtheim 's nie die Auseinandersetzung verstehen können, 
in welcher dieser Autor seine Behauptung einer directen 
motorischen Sprachbahn gegen Kussmaul vertheidigt. 

Wenn wir die Bahn für das spontane Sprechen über 
das sensorische Centrum A gehen lassen, gewinnt natürlich 
die Sprachstörung* bei sensorischer Läsion für uns ein 
besonderes Interesse. In der That gewinnen wir den 
Eindruck, als ob Wernicke und Lichtheim derselben 
durch die Bezeichnung einer „Paraphasie" keine volle Wür- 
digung hätten widerfahren lassen. Unter Paraphasie müssen 
wir eine Sprachstörung verstehen, bei welcher das passende 
Wort durch ein unpassenderes ersetzt wird, welches aber 
immer eine gewisse Beziehung zum richtigen Worte einhält 
Diese Beziehungen können wir mit Anlehnung an die Aus- 
führungen eines Philologen Delbrück 3 ) etwa folgender- 
massen schildern: Es gehört der Paraphasie an, wenn der 
Sprechende Worte füreinander setzt, die dem Sinne nach 
ähnlich oder durch häufige Association miteinander ver- 



*) Kussmaul, Die Störungen der Sprache. 1877. 

2 ) Grashey, Ueber Aphasie und ihre Beziehungen zur Wahrnehmung. 
Archiv f. Psychiatrie XVI, 1835. 

3 ) Delbrück, Amnestische Aphasie. Jena'sche Zeitschr. f. Naturw. 
XX, Supplement II, 1886. 



Pnnnl^ Original f rann 

jy ijUUglt UNI VERSITY OF CALIFORNIA 



Begrenzung der Paraphasie. 23 

bunden worden sind, wenn er z. B. anstatt „Bleistift" 
„Schreibfeder" anstatt „Berlin" „Potsdam" gebraucht. 
Ferner wenn er Worte verwechselt, die ähnlichen Klanges 
sind, „Butter" für „Mutter", „Campher" für „Pamphlet", 
endlich wenn er Fehler in der Articulation macht (literale 
Paraphasie), bei welchen einzelne Buchstaben durch andere 
ersetzt sind. Man ist versucht, bei diesen verschiedenen 
Arten von Paraphasie die Unterscheidung zu treffen, au 
welcher Stelle des Sprechapparates das Ungeschick ein- 
geleitet worden ist. Paraphasisch ist es überdies noch zu 
nennen, wenn zwei Wortabsichten zu einem Missgebilde 
verschmolzen werden, „Vutter" für „Mutter" oder „Vater", 
und man ist übereingekommen, jene Umschreibungen der 
Paraphasie zuzurechnen, bei denen ein bestimmtes Hauptwort 
durch ein möglichst unbestimmtes („Dings", „machine" : 
„chose") oder durch ein Zeitwort ersetzt wird. Die Sprach- 
störung der sensorischen Aphasie geht aber weit über diese 
paraphasischen Charaktere hinaus. Es gibt Fälle, in denen die 
sensorisch Aphasischen überhaupt kein verständliches Wort 
reden, in unerschöpflicher Folge sinnlose Silben anein- 
anderreihen (Kauderwelsch, Jargonaphasie 1 ) der englischen 
Autoren; in anderen Fällen, wie in dem von Wer nicke 
selbst, ist wenigstens die Armuth an Wortbildungen von irgend 
engerer Bedeutung, die Ueberfülle von Partikeln, Interjectio- 
nen und sonstigem Beiwerk der Sprache, die häufige Wieder- 
holung von einmal ausgesprochen Hauptwörtern und Zeit- 
wörtern bemerkenswerth. Wernicke's Kranke äusserte 
z. B. zu einer Zeit, wo sie bereits „bedeutende Fortschritte 
aufwies," als man ihr etwas geschenkt hatte: „Da lasse ich 
mir viel viel Mal alles Mögliche, was Sie nur haben ge- 
sehen. Ich danke halt viel liebes Mal, dass Sie mir das 
Alles gesagt. Na, da danke ich vielmal, dass Sie sind so 
gut gewesen, dass Sie sind so gütig gewesen." Ich erinnere 
mich, selbst im Wiener Allgemeinen Krankenhause einen 
Fall von sensorischer Aphasie — Frau E., sie wurde uns 

J ) Vgl. Ross, On Aphasia. London 1887 (auch Manchester Medical 
Chronicle). 



Pnnnl^ Original f rann 

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24 W* e erklärt sich Lichtheim 's transcorticale motorische Aphasie? 

als „encephalitische Verworrenheit" vorgeführt — gesehen 
zu haben, deren Sprache dieselben Eigenthümlichkeiten 
darbot: die Verarmung an allen enger bestimmten Rede- 
theilen, Hauptwörtern, Eigenschafts- und Zeitwörtern, den 
Ueberfluss von allen indifferenten Kedetheilen und die Wieder- 
holung derselben Worte, die ihr einmal auszusprechen gelungen 
waren. Wer nicke hat die Sprachstörung der sensorischen 
Aphasie durch die „Erhaltung des Wortschatzes mit Par- 
aphasie" zu charakterisiren versucht. Ich glaube, es ist 
richtiger, sie als „Wortverarmung bei reichlichen Sprach- 
impulsen" zu bezeichnen. 

Wenn wir aber die Bahn für das spontane Sprechen 
BM aus dem Lichtheim'schen Schema streichen, wie 
erklären wir uns dann die Fälle von sogenannter „trans- 
corticaler motorischer Aphasie", die Lichtheim so 
ungezwungen durch die Unterbrechung eben dieser Bahn 
aufklärt? Wir erinnern uns, diese Fälle zeigen die Eigen- 
tümlichkeit, dass das spontane Sprechen ganz unmöglich 
ist, während das Nachsprechen, das laute Lesen (also 
Sprechen nach dem Schriftbild) u. s. w., ungehindert vor 
sich geht. 

Wir sind nun zum Glücke in der Lage, das Verständniss 
dieser Fälle auf anderem Wege zu erreichen. Heubner 1 ) 
hat erst kürzlich eine Beobachtung von Aphasie publicirt, 
auf welche wir uns ihrer grossen Bedeutung wegen noch 
mehreremale werden beziehen müssen. Dieser Kranke 
hatte das Vermögen, spontan zu sprechen, eingebüsst, besass 
aber die Fähigkeit, nachzusprechen und laut zu lesen; er 
zeigte also eine typische transcorticale motorische 
Aphasie. Ausserdem hatte er das Verständniss der Sprache 
verloren und verstand auch nicht, was er selbst las oder 
schrieb oder nachsprach — Störungen, die sich mitdertrans- 
corticalen sensorischen Aphasie Lichtheim's decken. 
Sein Fall liess sich also nicht durch eine einfache Läsion im 
Schema Lichtheim's erklären, wohl aber durch das 

i) Heubner, üeber Aphasie. Schmidfs Jahrbücher 1889, Bd. 224, 
S. 220. 



Pnnnl^ Original f rann 

jy ijUUglt UNI VERSITY 0F CALIFORNIA 



Beobachtung von Heubner* 



25 



Zusammentreffen von zwei Läsionen, nänilich in den 
Bahnen BM und BA. Die Section dieses Kranken ergab 
nun eine Rindenenveichung von höchst interessanter 
Lagerung jedenfalls im sensorischen Gebiet^ welche die 
Wernicke'sche Stelle, die erste Temporalwindung, umzog 
und nach oben, hinten und unten von der übrigen Kinde 
abtrennte, ferner eine etwa linsen grosse oberflächliche 
Ein den erweich ung an einer Windungskante der dritten 
Frontalwindung. (Fig, 5.) 

Somit schiene zunächst das Lichtkeim'sche Schema 
bestätigt, aber bei näherer Ueberlegung muss man 

Fig. ö 




Sectio nsbef und iid Falle Heubner's. 

Heubner Recht geben, dass die Läsion im motorischen 
Gebiet viel zu beschränkt und unbedeutend ist, als dass 
man ihr die „mäfchtige und tiefe Störung der Sprache" 
zuschreiben dürfte* Sie ist übrigens in der Rinde selbst 
gelegen, eine corticale und in keinem Sinne eine trans- 
corticale zu nennen, und wenn sie Störungen verursacht 
hätte, wären dieselben beim Kachsprechen ebensosehr 
hervorgetreten wie beim Sprechen. Es erübrigt also zur 
Erklärung der beobachteten Sprachstörung nur die bedeut- 
same Läsion im sensorischen Gebiet, und wir ersehen aus 
diesem Falle, dass eine Abtrennung der sensorischen Centren 
von ihren anderen Rindenverbindungen, also eine trans- 




Original from 
UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



26 Beobachtung von Magnan 

corticale sensorische Läsion auch Aufhebung der 
spontanen Sprache verursacht, d. h. dass die Bahn BM zu- 
sammenfällt mit der Bahn BA, oder dass nur über die 
Klangbilder gesprochen wird. 

Wir erinnern uns, dass Lichtheim bei seinem Falle 
von subcorticaler motorischer Aphasie vermittelst seiner 
Silbenprobe feststellte, dass der Kranke die Klangbilder 
der Worte nicht von seiner Gedankenthätigheit her erregen 
konnte. Wenn wir aus dem Falle Heubner's auf den 
LichtheinTs schliesen dürfen, der jedenfalls eine geringere 
Schädigung der Sprachfünctionen repräsentirt, so läge auch 
in diesem die Läsion auf sensorischem Gebiete, und der 
negative Ausfall der Probe verlöre hierdurch die Bedeutung, 
die er in einem Falle von sicher motorischer Läsion 
gehabt hätte. 

Es ist indes immerhin misslich, eine Entscheidung 
auf einen einzigen Fall zu stützen, zumal dieser doch eine 
kleine Läsion auf motorischem Gebiete aufweist. Ich habe 
mich daher bemüht, einige andere Fälle von sogenannter 
transcorticaler motorischer Aphasie mit Sectionsbefunden auf- 
zufinden, und bin dabei zu folgendem, für mich unerwartetem 
Ergebniss gelangt. Die Unfähigkeit des spontanen Sprechens 
bei erhaltenem Nachsprechen lässt nicht mit Notwendig- 
keit auf eine Localisation im sensorischen Gebiete schliessen. 
Dieses für die transcorticale motorische Aphasie charak- 
teristische Symptom findet sich auch bei ausschliesslichem 
Sitz der Erkrankung in der motorischen Region; aber 
nur in einem einzigen Falle war die Läsion wirklich als eine 
„transcorticale" zu bezeichnen. Es handelte sich in diesem 
Falle (Magnan 1 ) nämlich um einen Tumor, der auf der 
Innenfläche der Dura mata aufsass, von oben her wie ein 
Keil in die linke Hemisphäre eingedrungen war und mit 
seiner Spitze bis zur dritten Frontalwindung und bis zum 
vorderen Drittel des oberen Randes der Insel reichte. Die 
Kranke war unfähig Auskunft über sich zu geben, sprach 

l ) Magnan, On simple aphasia, and aphasia with incoherence. Brain 
II, 1880. 



Pnnnl^ Original f rann 

jy ijUUglt UNI VERSITY OF CALIFORNIA 



und von "Hammond. 27 

nur einzelne Worte und sinnlose Silben, konnte aber Worte, 
die sie hörte, gut wiederholen. 

In den beiden anderen Fällen, die ich mit Sections- 
befund versehen auffand, befand sich die Läsion in der 
motorischen Rinde selbst, vielmehr sie war „transcorticar 
in dem Sinne dieses Wortes, welcher dieses Wort so un- 
geeignet für seine Verwendung in der Lehre von der 
Aphasie macht. Sie bestand in einem Falle in einer Blutung 
über dem motorischen Centrum, im anderen in einem 
Knochensplitter, der in letzterem steckte. Beide Fälle 
gehören Hammond 1 ) an und werden von ihm folgender- 
massen berichtet: 

I. Als sich Hammond im Sommer 1857 mit einer 
Schaar von Soldaten und Arbeitern in den Rocky Mountains 
befand, bekam einer der Arbeiter, ein Mexikaner, von einem 
anderen mit einem Knittel einen Schlag auf die linke Schläfe, 
so dass er bewusstlos zusammenstürzte. Als der Verletzte 
zu sich kam, hatte er das Wortgedächtniss völlig verloren, 
aber keineswegs das Vermögen der Articulation. Er konnte 
von selbst gar nicht sprechen, wenn man ihm aber Worte 
vorsagte, wiederholte er sie ohne jeden Fehler der Arti- 
culation, vorausgesetzt, dass man ihm nicht zu viele Worte 
auf einmal aufgegeben hatte. Wenn Hammond ihn z. B- 
fragte: „Como sientes ahora?" (Wie geht's dir jetzt?), so 
wiederholte er: „Como sien, sien, sien" und brach dann in 
Thränen aus. Der Kranke starb am nächsten Tage und 
zeigte eine „halbdollargrosse Ecchymose, die den linken 
Vorderlappen an seinem lateralen hinteren Rande betraf, 
ferner eine Zerreissung der rechten Arteria meningea 
media. 

Man wird vielleicht geneigt sein anzunehmen, dass 
die Untersuchung Hammond's in diesem Falle keine sehr 
erschöpfende gewesen sein mag, denn er fügt der Beob- 
achtung hinzu: „Ich legte der Verletzung des linken Vorder- 
lappens damals keine besondere Bedeutung bei; erst seit 

') Hammond, A Treatise on the Diseases of the Nervous System. 
Seventh edition. London 1882. 



Pnnnl^ Original f rann 

jy V^UUglt UNI VERSITY OF CALIFORNIA 



28 Die transcorticale motorische Aphasie 

der Discussion in der Pariser Akademie 1861 bin ich zur 
Ueberzeugung gelangt, dass die amnestische Aphasie 
dieses Falles von dieser Verletzung herrührte." 

Fall IL Im Winter 1868/69 sah Hammond einen Mann, 
der einige Monate vorher bei der Arbeit in einem Steinbruch 
einen Stoss gegen die linke Seite des Kopfes von einer 
Maschine erlitten hatte. Der Kranke schien sehr intelligent, 
verstand alles was man zu ihm sprach, machte die ver- 
zweifeltsten Anstrengungen selbst zu sprechen, brachte 
aber nie andere Worte als „ja" und „nein" heraus. Hammond 
fragte ihn: „Sind Sie in Preussen geboren?" — „Nein." 
„In Bayern?" — „Nein." — „In Oesterreich?" — „Nein." — 
„In der Schweiz?" — „Ja, ja, ja, Schweiz, Schweiz." Dabei 
lachte er und bewegte die Hand nach allen Richtungen. — 
Hammond nahm an, dass bei jenem Unfall ein Bruch der 
inneren Schädelkapsel stattgefunden habe und dass ein 
Knochensplitter auf die dritte Frontalwindung drücke. Er 
rieth zur Trepanation, die auch ausgeführt wurde und seine 
Diagnose vollinhaltlich bestätigte. Sobald der Kranke aus 
der Narkose erwachte, war seine Sprache wiederhergestellt 1 ) 

Wir sehen also, dass hier die transcorticale moto- 
rische Aphasie Lichtheim's durch Läsionen zu Stande 
kommt, welche mit der Unterbrechung einer Bahn BM nicht 
das Mindeste gemein haben. 

Bei näherer Betrachtung dieser Fälle ergibt sich uns 
aber ein anderer wichtiger Gesichtspunkt, der auch für 
andere Sprachstörungen in Betracht kommen dürfte. Es ist 
allgemein bekannt, dass die motorische • Aphasie in der 
grössten Mehrzahl der Fälle auf Erweichung beruht. Nun 
ist es gewiss ein beachtenswerthes Zusammentreffen, dass 
die Fälle von sogenannter transcorticaler motorischer 
Aphasie, die ich im Vorstehenden erwähnt habe, durch- 
wegs auf Läsionen anderer Natur zurückgehen, bis auf 

l ) Die Beschreibung dieser beiden Fälle bei Hammond ist nicht 
vollständiger, als ich sie wiedergegeben habe. Da indes Lichtheim den 
ersten derselben als transcorticale motorische Aphasie anerkennt, wage ich 
dasselbe für den zweiten. 



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kommt bei motorischen und sensorischen Läsionen vor. 29 

den Fall Heubner's, der eine sensorische Läsion aufweist. 
Der Musterfall Lichtheim's selbst ist traumatischer 
Natur, desgleichen die beiden Fälle von Hammond. Im 
Falle Magnan's handelte es sich endlich um einen 
Tumor. 1 ; 

Nun wissen wir, dass die Theile des Gehirns, deren 
Erkrankung sich überhaupt durch Symptome verräth, uns 
immer nur Localsymptome ergeben, wobei es uns über- 
lassen ist, aus Nebenumständen des Falles oder aus dem 
Verlaufe der Affection die Processdiagnose zu errathen. 
Der Sprachapparat aber verfügt über einen solchen Eeich- 
thum an symptomatischen Ausdrucksweisen, dass wir von 
ihm allein erwarten könnten, dass er nicht nur die Locali- 
tat, sondern auch die Natur der Läsion durch die Art und 
Weise der Functionsstörung verrathen wird. Vielleicht 
gelingt es uns also einmal, Aphasien durch Blutung von 
solchen durch Erweichung klinisch zu trennen, und eine 
Reihe von Sprachstörungen als charakteristisch für beson- 
dere Processe im Sprachapparat zu erkennen. 



Für die sogenannte transcorticale motorische Aphasie 
ist jedenfalls als erwiesen zu nehmen, dass ihre Existenz 
nichts für die Annahme einer Bahn für das spontane 
Sprechen BM beweist. Diese Form der Sprachstörung 
erfolgt entweder aus Läsionen der sensibeln Sprach- 
bezirke oder aus besonderen Erkrankungszuständen des 
motorischen, durch welche das motorische Sprachcentrum 



*) Der Fall von transcorticaler motorischer Aphasie, auf den sich 
Lichtheim selbst beruft (von Farge, vgl. Kussmaul, p. 49, und 
Nothnagels Topische Diagnostik, p. 358), ergab einen Erweichungsherd 
„im Marklager links in der Nähe der dritten linken Stimwindung". Noth- 
nagel bestreitet, dass dieser Fall für sich allein etwas für die Herkunft 
der Aphasie von Herden im Marklager beweise, da der Tod- am 20. Tage 
erfolgt sei, zu welcher Zeit Fernwirkungen von Seiten des Herdes auf die 
— an sich nicht notwendigerweise anatomisch veränderte — dritte 
Stirnwindung nicht ausgeschlossen seien. 



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30 Sie beruht auf einem herabgesetzten Functionszustand des motorischen 

in einen gegen den normalen herabgesetzten Func- 
tionszustand versetzt wird. 1 ) 

Charlton Bastian 2 ), der für die sogenannte trans- 
corticale motorische Aphasie Lichtheim's dieselbe Er- 
klärung gibt wie wir, unterscheidet nämlich drei Zustände 
von verminderter Erregbarkeit eines Centrums. Die leichteste 
Herabsetzung zeigt sich darin, dass dieses Centrum nicht 
mehr auf „willkürliche" Anregung reagirt, wohl aber noch 
auf Anregung auf dem Wege der Association von einem 
anderen Centrum her und auf directen sensibeln Reiz. Bei 
stärkerer functioneller Schädigung ergibt es nur noch 
eine Reaction auf directen sensibeln Reiz, und endlich auf 
der tiefsten Stufe versagt auch dieser. Für die transcorti- 
cale motorische Aphasie müsste man also annehmen, dass 
das motorische Centrum noch auf directe sensible Erregung 
zur Thätigkeit zu bringen ist, während eine „willkürliche" 
Anregung dies nicht mehr vermag, und da dies motorische 
Centrum immer durch Association mit dem akustisch sen- 
sorischen angeregt wird, kann die Ursache der Erregbar- 
keitsveränderung im sensorischen Centrum ebensowohl 
wie im motorischen selbst gelegen sein. 



Wir merken jetzt, dass wir dazu gelangt sind, eine 
klinisch beobachtete Form von Sprachstörung, anstatt durch 
eine localisirte Bahnunterbrechung, durch eine Annahme 
über eine Veränderung des functionellen Zustandes zu 
erklären. Da dieser Schritt ein so wichtiger für die 
gesammte Auffassung der Aphasie ist, wollen wir uns zu 

*) Eine Zusammenstellung der sechs ätiologisch ergründeten FäUe 
von transcorticaler motorischer Aphasie ergibt: 1. Lichtheim, Trauma, 
Rinden quetschung an unbekannter Stelle; 2. Farge: Fernwirkung auf die 
motorische Region durch benachbarten Erweichungsherd; 3. Heubner: 
Erweichung im sensorischen Gebiet; 4. Magna n: Tumor, der bis an die 
Broca'sche Stelle reicht; 5. Hammond L: Traumatische Blutung über der 
motorischen Stelle; 6. Hammond IL: Trauma, Hemmung der motorischen 
Stelle durch einen in ihr steckenden Knochensplitter. 

2 ) Charlton Bastian, On different kinds of Aphasia. British 
Medical Journal, Oct. 29. u. Nov. 5. 1887. 



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Sprachcentrums. — Die drei Stufen der Erregbarkeit nach Ch. Bastian. 31 

unserer Versicherung wiederholen, dass wir genöthigt 
waren, die localisatorische Erklärung fallen zu lassen, weil 
die Sectionsbefunde (Heubner, Hammond) ihr wider- 
sprachen- Die Annahme, zu welcher wir uns mit Ch. Bastian 
entschlossen haben, erscheint uns als ein ungezwungener 
Ausdruck der Thatsache, dass das Nachsprechen jedesmal 
länger erhalten bleibt als das spontane Sprechen. Wir 
werden späterhin Thatsachen kennen lernen, die uns auch 
erweisen, dass die associative Action eines Centrums 
minder leicht verloren geht, als die sogenannte „spontane". 
Die Annahme Bastian' s hat zunächst allerdings etwas 
Befremdendes; sie steht einem Gedankengang, der sich 
mit circumscripten Läsionen und deren Wirkungen be- 
schäftigt, als etwas Unvermitteltes gegenüber. Eine Herab- 
setzung der Erregbarkeit in einem Centrum, sollte man 
zunächst meinen, bedürfte zu ihrer Erklärung ja keiner 
Läsion, sie erscheint uns als ein rein „functioneller" 
Zustand. Dies ist richtig und es mag ähnliche Zustände 
wie die transcorticale motorische Aphasie geben, welche 
in Folge blos functioneller Schädigung ohne organische 
Läsion entstanden sind. Wenn man sich aber das Ver- 
häitniss von „organischer Läsion" und „Functionsstörung" 
klarer macht, muss man einsehen, dass eine ganze Reihe 
von organischen Läsionen sich nicht anders kundgeben 
kann als durch Functionsstörungen, und die Erfahrung 
zeigt, dass diese Läsionen in der That nichts anderes 
machen. Seit Jahrzehnten von dem Bestreben geleitet, die 
Störungen, welche uns die Klinik bietet, zur Kenntniss der 
Localisation der Functionen zu verwerthen, haben wir uns 
gewöhnt von einer organischen Läsion zu fordern, dass 
sie einen Theil der Elemente des Nervensystems völlig 
zerstöre und die anderen völlig ungeschädigt lasse, weil 
sie nur dann für unsere Zwecke verwerthbar wird. Nur 
wenige Läsionen erfüllen, diese Bedingungen. Die aller- 
meisten sind nicht direct destructiv und ziehen eine grössere 
Anzahl von Elementen in das Bereich ihrer störenden 
Wirkung. 



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32 ßeaction des Sprachapparates auf unvollständig destruirende Läsionen. 

Ferner ist das VerMltniss einer unvollständig destrui- 
renden Läsion zu dem Apparat, den sie befallen hat, 
ins Auge zu fassen. Es sind hier zwei Fälle denkbar, 
die sich auch in Wirklichkeit vorfinden. Entweder der 
Apparat zeigt sich durch die Läsion in einzelnen Theilen 
verstümmelt, während die erhaltenen Theile desselben in un- 
veränderter Weise functioniren, oder er reagirt als Ganzes 
solidarisch auf die Läsion, lässt nicht den Ausfall einzelner 
Theile erkennen, sondern erweist sich in seiner Function 
geschwäcfit; er antwortet auf die unvollständig de- 
struirende Läsion mit einerFunctionsstörung, die 
auch durch nicht materielle Schädigung zu Stande 
kommen könnte. Der centrale Apparat für die obere Ex- 
tremität zeigt uns z. B. beiderlei Reactionsweisen. Wenn sich 
eine kleine organische Läsion in der vorderen Centralwindung 
befindet, so kann deren Wirkung in der isolirten Lähmung, 
etwa der Daumenmuskeln, bestehen. Gewöhnlicher ist es 
aber, dass sich die Wirkung als Parese massigen Grades des 
ganzen Armes offenbart. Der Sprachapparat scheint nun in 
allen seinen Theilen die zweite Art der Reaction gegen 
nicht destructive Läsionen zu zeigen, er antwortet auf eine 
solche Läsion solidarisch (wenigstens partiell solidarisch) 
mit einer functionellen Störung. Es kommt z. B. nie vor, dass 
in Folge einer kleinen Läsion im motorischen Centrum hun- 
dert Worte verloren gehen, deren Natur blos vom Sitze der 
Läsion abhängt. Es lässt sich jedesmal zeigen, dass der 
partielle Verlust Ausdruck einer allgemeinen functionellen 
Herabsetzung dieses Centrums ist. — Es ist übrigens nicht 
selbstverständlich, dass die Sprachcentren sich in dieser 
Weise verhalten, und wird uns später zu einer ganz be- 
stimmten Vorstellung vom Baue dieser Centren verhelfen. 



Ehe ich diese Erörterung über die motorische Aphasie 
abbreche, muss ich zweier Punkte gedenken, die hier die 
passendste Erledigung finden. Wenn die transcorticale 
motorische Aphasie das Symptom eines Zustandes ist, 
welcher zwischen der Norm und der völligen Unerregbar- 



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Logoplegie. 33 

keit liegt, so muss man erwarten, dass sich dieses Symptom 
bei motorischer Aphasie einstelle, wenn dieselbe in Besse- 
rung übergeht, dass also motorisch Aphasische früher und 
besser nachsprechen lernen, ehe sie wieder spontan sprechen. 
Ich glaube, dass ein Fall von Ogle 1 ) diesen Charakter er- 
kennen lässt; im Uebrigen war ich nicht im Stande, zahl- 
reiche Bestätigungen für meine Erwartung zu sammeln. Ich 
darf sagen, dass die Aufmerksamkeit der Beobachter sich 
diesem Punkte nicht zugewendet hat. 

Ferner muss ich einen Einwand berücksichtigen, den 
gewiss jeder der Leser bereits bei sich gemacht hat. 
Wenn das spontane Sprechen auf dem Wege BAM über 
die Klangbilder vor sich geht, so müsste ja jede sensorische 
Aphasie den Verlust der spontanen Sprache, nicht blos 
eine Störung derselben nach sich ziehen. Wie ist es zu 
erklären, dass bei sensorischer Aphasie noch so reichlich, 
wenn auch nicht richtig gesprochen wird? 

Ich kann die Schwierigkeit nur anerkennen und durch 
den Hinweis auf eine andere Schwierigkeit beantworten. 
Es gibt Fälle von Logoplegie, gleichzeitiger Aufhebung des 
Sprachverständnisses und der Sprachäusserung, in denen 
wir unsere Forderung von Verlust der spontanen Sprache 
bei sensorischer Aphasie erfüllt sehen könnten. Sie beruhen 
aber auf mehrfachen oder ausgedehnten Läsionen, die 
motorisches und sensorisches Gebiet gleichzeitig betreffen. 
Diese Fälle pflegen klinisch einen ganz besonderen Verlauf 
zunehmen. Die sensorische Störung bessert sich nämlich, und 
in einem späteren Stadium ergibt der Kranke das Bild einer 
rein motorischen Aphasie. Es kann auch vorkommen, dass 
ein Krankheitsfall von vorneherein als motorische Aphasie 
auftritt, während man bei der Section findet, dass nicht 
nur die Broca'sche Stelle, sondern ein grosser Theil des 
übrigen Sprachbezirkes, darunter die Wernicke'sche Stelle 



*) Bei Bastian, On the various forms of loss öf speech in cerebral 
disease. British and Foreign Med.-Chir. Review, Jan. 1869. 
2 ) VgU Ross 1. c. 

Freud, Apha»ie. 3 



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34 Zerstörung der Wernicke'schen Stelle ohne Worttaubheit. 

mit zerstört ist. Kahler 1 ) hat einen dieser nicht seltenen 
Fälle mitgetheilt und die übrigen zusammengestellt. Man 
kennt also mit Sicherheit Zerstörung des sensorischen 
Centrums A ohne Worttaubheit, wenigstens ohne bleibende, 
wenngleich jede Worttaubheit auf Läsion dieses Centrums 
zu beziehen ist. Wie dieser Widerspruch zu lösen ist, 
kann ich vorläufig nicht angeben; ich vermuthe blos, dass 
dessen Klärung auch die Antwort auf die vorhin gestellte 
Frage, warum sensorische Aphasie nicht immer von völligem 
Verlust der Sprache gefolgt ist, mit sich bringen würde. 
Vom Standpunkte der Theorie der Sprachcentren müsste 
man aussagen, dass uns die Ausdehnung des Centrums A 
noch nicht sicher genug bekannt ist. 

Es kommt übrigens sensorische Aphasie ohne jede 
Sprachstörung vor, mit geringer paraphasiseher, mit hoch- 
gradiger Sprachverarmung und mit Sprachentartung bis 
zum Kauderwelsch. Nach Allen Starr 2 ) soll es nicht 
möglich sein, diese Verschiedenheiten in der Beein- 
trächtigung der motorischen Sprachfunction aus einer ver- 
schiedenen Localisation der Läsion im sensibeln Bezirke 
zu erklären. Vielleicht, dass einige später vorzubringende 
Bemerkungen etwas zur Aufklärung dieser Schwierigkeit 
beitragen werden. 

IV. 

Etwa gleichzeitig mit jener Arbeit Lichtheim's, 
welche die localisatorische Erklärung der Sprachstörungen 
so consequent durchführte, wurde ein Vortrag von Grashey 3 ) 
bekannt, welchem man bald eine fundamentale Bedeutung 
für das Verständniss der Aphasie nachrühmte, ohne dass 
übrigens seither Viele auf den so geschaffenen Grundlagen 



*) Kahler, Casuistische Beiträge zur Lehre von der Aphasie. Prager 
med. W., Nr. 16 und 17, 1885. 

2 ) Allen Starr, The pathology ofsensory aphasia, with an analysis 
of fifty cases in which Broca's centre was not diseased. Brain, XII. 1889. 

3 ) Grashey, Ueber Aphasie und ihre Beziehungen zur Wahr- 
nehmung. Archiv f. Psychiatrie, XVI. 1885. 



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Amnestische Aphasie. 35 

weitergebaut hätten. Grashey's Krankheitsfall zeigte bis 
auf einen einzigen Punkt keine Besonderheiten ; es handelte 
sich um einen 27jährigen Mann, der sich in Folge eines 
Sturzes von der Treppe eine Schädelfractur zugezogen hatte, 
auf dem rechten Ohr nahezu vollständig taub war, Geruch 
und Geschmack verloren hatte, mit dem rechten Auge nur 
noch Handbewegungen wahrnahm, links % Sehschärfe und 
ein concentrisch eingeschränktes Gesichtsfeld hatte. Facialis 
und Hypoglossus, sowie die gesammte Körpermusculatur der 
rechten Seite waren paretisch. Ausserdem zeigte der 
Kranke eine Störung der Sprache, die sich unmittelbar 
nach der Verletzung als Worttaubheit kundgab. Zur Zeit, 
da ihn Grashey seiner Beobachtung unterzog, war sein 
Sprachvermögen sehr weit hergestellt und liess blos 
einige der gewöhnlichsten Störungsreste erkennen. Der 
Kranke konnte zusammenhängend sprechen, gebrauchte 
alle indifferenten Eedetheile ohne Schwierigkeit, auch 
manche Zeitwörter und Beiwörter, fand im Redefluss auch 
hie und da ein Substantiv, stockte aber bei den meisten 
derselben und half sich durch Umschreibungen („Dingsda"). 
Er erkannte jedes Object, das er vor seiner Erkrankung 
erkannt hatte, fand aber niemals den Namen dafür. Sein 
Sprachverständniss war intact. 

Die Unfähigkeit, im Redefluss Substantiva zu gebrauchen 
und erkannte Gegenstände mit Namen zu bezeichnen, ist 
wie gesagt eines der gemeinsten Symptome der sogenannten 
amnestischen Aphasie, die von älteren Autoren neben 
der ataktischen Aphasie unterschieden wurde. 1 ) 

Das Verhältniss dieser amnestischen Aphasie zu den 
Arten von Sprachstörung, welche man durch Bahnunter- 
brechung charakterisiren konnte, hatte der Auffassung 
immer Schwierigkeiten bereitet. Allerdings begreiflicher- 
weise, da die eine Aufstellung auf einem psychologischen, 
die andere auf einem anatomischen Gesichtspunkte beruhte. 



*) Die Unterscheidung von amnestischer und ataktischer Aphasie ist 
1866 von Sanders aufgestellt worden. 



3 



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36 



Der Fall von Grashey. 



Lichtheim hielt es für unstatthaft, die Amnesien den 
anderen Formen von Sprachstörung gleich zu stellen; er 
meinte, Amnesie sei eine häufige Begleiterscheinung der 
von ihm beschriebenen Typen und deren Rückbildungs- 
zustände, sie sei aber kein Herdsymptom und zeige sich 
bei diffuseren krankhaften Processen, bei allgemeiner 



Fig. 6. 




GeschrieienesWo 



Äuge 



Das Schema, an welchem Grashey die Functionstörung seines Kranken 
erläutert. In demselben bedeutet: Ä das Centrum für Klangbilder; B das 
Centrum für Objectbilder; C das Centrum für Symbole, d. h. für geschriebene 
oder gedruckte Buchstaben, Worte und Zahlen; D das Centrum für die 
Bewegungsvorstellungen der Sprache ; F die Kerne der Phonations- und 
Articulationsnerven; G das Centrum für die Bewegungsvorstellungen des 
Schreibens; H die Kerne der beim Schreiben fungirenden motorischen 

Nerven. 



Circulationsstörung im Gehirn oder als Zeichen der senilen 
Rückbildung der Hirnthätigkeit. 

Die Forderung, bei einer ganzen Classe von Sprach- 
störungen jene Gesichtspunkte der Localisation beiseite zu 
lassen, die man für eine andere als allein massgebend erklärt 
hatte, hat nun zunächst nichts Einleuchtendes. Grashey 
unternahm es vielmehr, die Charaktere seines Falles von 
amnestischer Aphasie an der Hand des hier beistehenden 
Schemas zu analysiren (Fig. 6) und gelangte zu dem Schlüsse, 
dass derselbe aufzuklären sei, wenn man annehme, dass die 
Bahn von den Klangbildern zu den Objectbildern frei, die 



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Abweisung der ldcalisatorischen Erklärung. 37 

zu den Klangbildern aber durchbrochen sei. Dann wäre 
der Kranke zwar fähig, ein ihm vorgesagtes Wort richtig 
auf das bezeichnete Object zu beziehen, aber unfähig, für 
ein vorgezeigtes Object das Klangbild zu finden. 

Sein Verdienst bestand nun darin, dass er diesen Er- 
klärungsversuch wieder mit den Worten verwarf: „Auf diese 
Weise Hesse sich schliesslich jedes Symptom erklären .... ich 
habe mich daher mit der willkürlichen Ein- und Ausschaltung 
leitungsfähiger Verbindungsbahnen nicht begnügt, sondern 
den Kranken eingehender untersucht und gefunden, dass 
die anscheinend normalen Centren .... in ihren Func- 
tionen erheblich gestört sind " 

Sein Kranker zeigte nämlich eine auffällige Unfähig- 
keit, „Objectbilder, Klangbilder und Symbole", wie Grashey 
sich ausdrückt, durch längere Zeit festzuhalten. Zeigte 
man ihm einen Gegenstand, den er wohl erkannte, und 
forderte ihn einen Moment später auf, den gezeigten 
Gegenstand zu berühren, so hatte er unterdes vergessen, 
welches der Gegenstand war; sagte man ihm ein Wort 
vor, lenkte ihn durch ein anderes ab und verlangte dann 
von ihm, das erstere Wort nachzusprechen, so hatte er es 
jedesmal vergessen und nur das letzte Wort im Gedächt- 
niss u. s. w. Er war darum auch unfähig, successive und in 
merklichen Zwischenräumen entstehende „Objectbilder, 
Klangbilder, Tastbilder und Symbole" zu einem Ganzen 
zusammenzufassen und als Ganzes zu percipiren. Bedeckte 
man das Bild eines ihm bekannten Objectes mit einem 
Blatt Papier, in dessen Mitte eine Spalte geschnitten war, 
und verschob letztere so, dass das Bild nur successive 
sichtbar wurde, so konnte er das Bild aus den so erhaltenen 
Theileindrücken nicht zusammensetzen; entfernte man das 
Blatt Papier, so übersah er das Bild als Ganzes und er- 
kannte es sofort. Bedeckte man ein geschriebenes oder 
gedrucktes Wort in derselben Weise, so dass dessen 
Buchstaben nur einzeln und successive sichtbar wurden, 
so sprach er nacheinander alle Buchstaben aus, konnte 
in umgekehrter Richtung leitende, von den Objectbildern 



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38 Erklärung desselben durch Verkürzung in der Dauer der Perception. 

aber das Wort nie lesen, weil er beim letzten Buchstaben 
alle früheren vergessen hatte. 

Aus dieser allgemeinen Schädigung der Perception 
erklärte nun Grashey die Sprachstörung seines Kranken, 
ohne eine localisirte Läsion annehmen zu müssen. Ein Object, 
führt er aus, kann vom Auge auch bei momentaner Einwirkung 
des Lichtes wahrgenommen werden; ein Klangbild braucht 
zu seiner Auffassung eine längere Zeit, weil es für unser 
Ohr ein werdendes, successive entstehendes Object ist. 
Sinkt die Dauer des Objecteindruckes auf 0*06 Secunden 
herab, so kann dieses noch als Ganzes erfasst werden, 
während das dazugehörige Klangbild in derselben Zeit 
nur in seinem ersten Bachstaben erfasst werden kann. 
Objectbild und Klangbild entsprechen einander aber nicht 
Theil für Theil, vom Worte „Pferd" entspricht z.B. der Klang 
„P" keinem Theile vom Objecte Pferd; das Klangbild 
muss erst fertig geworden sein, ehe es eine Beziehung auf 
das Object erfahren kann. „Soll also von einem Objectbild 
ein Klangbild hervorgerufen werden, so muss das Object- 
bild fertig sein und so lange dauern, bis successive die 
einzelnen Theile des Klangbildes entstanden sind. Sinkt 
die Dauer des fertigen Objectbildes Pferd auf den Werth von 
0*06 Secunden, so kann von diesem Objectbild aus höchstens 
noch ein einzelner Theil, ein Buchstabe des Klangbildes 
hervorgerufen werden." — „Soll umgekehrt von einem 
Klangbilde ein Objectbild hervorgerufen werden, so kann 
ebenfalls kein Theil des entstehenden Klangbildes irgend 
einen Theil des Objectbildes erregen, weil die Theile 
dieser Bilder einander nicht entsprechen. Das Klangbild 
muss vielmehr fertig sein und so lange dauern, bis das 
Objectbild entstanden ist." Da das Objectbild zu seiner 
Entstehung aber nur eines Momentes bedarf, so 
kommt es auch bei verkürzter Dauer des Klang- 
bildes zu Stande. 

„Man sieht also," schliesst Grashey, „dass durch eine 
und dieselbe Störung der Uebergang von den Objectbildern 
zu den Klangbildern alterirt, der Uebergang von den 



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Namenfinden vom Anfangsbuchstaben. 39 

Klangbildern zu den Objectbildern aber nicht alterirt wird." 
Wir fügen hinzu: ohne Annahme einer Läsion in irgend 
einer Bahn oder einem Centrum. 

Grashey's Kranker zeichnete sich noch durch eine 
andere Eigenthümlichkeit aus. Er konnte die Namen, die 
ihm fehlten, schreibend finden, wenn er dabei das Object 
im Auge behalten durfte. Er sah auf das Object und schrieb 
dann den ersten Buchstaben des Namens nieder, las ihn 
ab und sprach ihn beständig aus, dann sah er von Neuem 
aufs Object, schrieb den zweiten Buchstaben nieder, sprach 
beide gefundenen Buchstaben aus und fuhr so fort, bis 
er den letzten Buchstaben und damit den gesuchten Namen 
gefunden hatte. Dies eigenthümliche Verfahren erklärte 
sich befriedigend aus der kurzen Dauer der einzelnen 
Eindrücke, wenn man bedachte, dass das Niederschreiben 
und Ablesen des gefundenen Buchstabens Mittel waren, 
um den flüchtigen Eindruck zu fixiren. Grashey konnte 
mit Eecht aus dieser Beobachtung schliessen, dass die 
Klangbilder, Schriftbilder und Lesebilder einander Theil 
für Theil entsprechen, und dass deren Association also 
noch zur Wortfindung führen kann, wenn die Dauer der 
einzelnen Sinneseindrücke beträchtlich herabgesunken ist. 

Somit schien es erwiesen, dass es Fälle von Aphasie 
gibt, in denen man nicht auf localisirte Läsion zu greifen 
braucht, sondern die sich in ihren Eigenthümlichkeiten 
aus einer Abänderung einer physiologischen Constanten 
des Sprachapparates erklären. Die „Grashey ' sehe Aphasie" 
liess sich scharf den von Wernicke-Lichtheim be- 
schriebenen, auf Localisation von Läsionen beruhenden 
Aphasien gegenüberstellen und man hatte die Hoffnung, 
andere Formen von „amnestischer Aphasie" durch die 
Aufdeckung anderer functioneller Momente als die Ver- 
kürzung der Dauer der Sinneseindrücke zu erklären. 
Indes hat Wer nicke 1 ) selbst durch eine scharfsinnige 
Kritik diese principielle Bedeutung der Grashey'schen 

*) Wernicke, Die neueren Arbeiten über Aphasie. Fortschritte d. 
Medicin 1885, pag. 824; 1886, ^pag, 871, 463. 



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40 Kritik der Erklärung Grashey 's. 

Analyse vernichtet. Er macht darauf aufmerksam, dass man 
das Klangbild ja nicht als aus Buchstaben bestehend 
hört. Der Klang ist etwas Ganzes, dessen Zerlegung in 
Buchstabenklänge erst später im Leben zum Zweck des 
Einvernehmens mit der Schriftsprache erfolgt. Es entging 
Wernicke auch nicht, dass die Auffassung Grashey's 
einem anderen gewichtigen Bedenken ausgesetzt war. 
Wenn der Kranke darauf angewiesen war, den Klang des 
Wortes aus den Buchstabenklängen zusammenzusetzen, so 
konnte sein Hören nicht besser sein als sein Lesen, er 
hätte unfähig sein müssen, auch nur ein Wort zu verstehen, 
ohne es durch Schreiben zu fixiren. Wernicke drückte 
diesen Einwand folgendermassen aus: „Derselbe Kranke r 
der, wenn ihm verschiedene Objecte oder auch Buchstaben 
nacheinander gezeigt werden, jedesmal über dem zweiten 
den ersten vergisst, kann fliessend lesen, versteht Alles, 
was zu ihm gesprochen wird, kann Wörter auf Dictat 
schreiben. Um ein Wort, einen Satz zu verstehen, muss 
der Klang mehrerer Buchstaben, bei Sätzen der Klang 
vieler Wörter dem Patienten so lange im Gedächtniss haften, 
bis der Sinn des Satzes verständlich zum Ausdruck gekommen 
ist. Die Klangbilder haben also hier eine viel längere 
Dauer als die optischen Objectbilder, und die Gedächtniss- 
störung ist in gewissem Sinne localisirt, indem sie vor- 
zugsweise das optische Gebiet betroffen hat" (p. 470). 

Wir nehmen es zur Kenntniss, dass Wernicke den 
Fall Grashey's nicht anders als durch eine localisirte 
(also ungleichmässige) Functionsstörung zu erklären weiss. 
Allein wir können nicht zugestehen, dass die Versetzung 
dieser Störung ins optische Gebiet die Eigenthümlichkeit 
der Grashey'schen Beobachtung befriedigend aufklärt. 
Wir erinnern uns z. B., dass Grashey die ausserordent- 
liche kurze Dauer auch der Klangbilder für seinen Fall 
direct erwiesen hat. Ferner wäre, wenn nicht die Dauer 
der Klangbilder in massgebender Weise verringert ist, 
nicht zu verstehen, wozu der Kranke der Fixirung des 
gefundenen Buchstabens durch Schreiben und Ablesen bedarf; 



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Die Annahme einer localisirten Läsion ist nicht zu vermeiden. 41 

er müsste zum ganzen Klangbild ohne weitere Hilfe 
gelangen, wenn er den Objecteindruck genügend oft 
erneuert. 

Der Fall Grashey's erfordert also eine andere Er- 
klärung, und ich hoffe, dass die jetzt anzuführende sich 
unanfechtbar erweisen wird. Die allgemeine Herabsetzung 
in der Dauer der Sinneseindrücke kann thatsächlich nicht 
zu einer Sprachstörung wie zu der in Eede stehenden 
führen, Sieger 1 ) hat einen Kranken mit ganz ähnlicher 
Gedächtnissstörung (gleichfalls in Folge eines Traumas) 
aufs genaueste untersucht und auch dessen Sprachstörung 
die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Dieser Kranke 
hatte im Eedefluss Schwierigkeiten, Hauptwörter und 
Adjectiva zu finden und bedurfte beständigen Zuredens, 
um den Namen für ein gesehenes Object zu sagen. Er 
fand das gesuchte Wort aber immer, nur nach einer 
langen Pause, und diese Pause wurde nicht dazu ver- 
wendet, das Wort buchstabirend zu suchen, sondern es explo- 
dirte auf einmal (p. 69). Zur Erklärung des Grashey- 
schen Falles müssen wir also nebst der allgemeinen 
Gedächtnissschwäche eine localisirte Störung an- 
nehmen und diese ins Centrum der Klangbilder verlegen. 
Es liegt dann der Fall vor, den Bastian als zweite 
Stufe der geminderten Erregbarkeit anführt, dass ein 
Centrum der normalen („willkürlichen") Anregung nicht 
mehr folgt, aber noch auf Association und sensible An- 
regung leistungsfähig ist. Das Klangbildercentrum kann 
im Falle Grashey's nicht mehr direct von den Object- 
associationen erregt werden, gestattet aber noch die 
Fortleitung der Erregung zu dem mit dem Klangbild asso- 
ciirten Lesebild. Von diesem kann während des Momentes, 
da die vom gesehenen Object ausgehende Erregung wirkt, 
der erste Theil (Buchstabe) erkannt werden, und durch 



l ) Eieger, Beschreibung der Intelligenz Störung in Folge einer Hirn- 
verletzung nebst einem Entwurf zu einer allgemein anwendbaren Methode 
der Intelligenzprüfung. Würzburg 1888. 



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42 Erklärung des Falles von Grashey durch 

Wiederholung dieses Ablaufes die übrigen; die so zusammen- 
gesuchten Buchstaben des Lesebildes erwecken dann das 
Klangbild, das von den Objectassociationen aus nicht zu 
erwecken war. 

Meine Erklärung findet eine besondere Unterstützung 
in dem Umstände, dass der Kranke G-rashey's anfanglich 
worttaub war, also eine grobe Läsion an derselben Stelle 
besass, die ich von einer geringfügigeren betroffen annehme, 
um die von Grashey geschilderten Sprachstörungen zu 
erklären. Ich nehme natürlich weiterhin an, dass gegen diese 
Läsion der akustische Theil des Sprachapparates solidarisch 
reagirte, wie ich es bei Besprechung der transcorticalen 
motorischen Aphasie auseinandergesetzt habe. 



Fälle wie der Grrashey's sind übrigens bereits früher 
bekannt gewesen. Ein Kranker, dessen Beobachtung 
Graves 1 ) berichtet, hatte seit einem Schlaganfalle das 
Gedächtniss für Hauptwörter und Eigennamen verloren, 
erinnerte sich aber mit vollkommener Sicherheit an deren 
ersten Buchstaben. Er hatte es für zweckmässig gefunden, 
sich eine alphabetisch geordnete Liste der meist gebrauchten 
Hauptwörter anzufertigen, die er stets bei sich trug, und 
mit Hilfe deren er sprach. Brauchte er ein Wort, so sah 
er unter dem Anfangsbuchstaben nach, erkannte das 
gesuchte Wort offenbar nach dem Lesebild und konnte es 
nun aussprechen, so lange er die Augen auf das Lesebild 
fixirt hielt. Sobald das Buch geschlossen war, hatte er 
das Wort wieder vergessen. Es ist klar, dass auch dieser 
Kranke über die fehlenden Worte vermittelst der Association 
durch das Lesebild verfügte. 

Der Fall, dass die Thätigkeit eines Centrums durch 
die mit ihm associirte Thätigkeit eines anderen unterstützt 
sein muss, wenn eine Sprachleistung erfolgen soll, ist in 
der Pathologie der Sprachstörungen gar nicht selten 



*) Vgl. Bateman, On aphasia or loss of speech etc. London 1870. 



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Annahme einer Bastian'schen Modifikation im akustischen Centrum. 43 

beobachtet worden. Am häufigsten tritt er für das 
visuelle Centrum (den Ort der Buchstabenbilder) sein, 
weshalb in solchen Fällen das Lesen unmöglich ist, wenn 
nicht die einzelnen Buchstaben nachgeschrieben oder in 
der Luft nachgezogen werden. Westphal hat zuerst eine 
solche Beobachtung eines Aphasischen, der nur „schreibend 
las", mitgetheilt; in den von mir übersetzten neuen Vor- 
lesungen Charcot's 1 ) findet sich die ausführliche Kranken- 
geschichte eines anderen Wortblinden, der sich desselben 
Kunstgriffes bediente. Die Pathologie der Sprachstörungen 
wiederholt hiermit einfach einen Zustand, der normaler- 
weise während des Erlernens der Sprachfunctionen vor- 
handen war. So lange wir noch nicht geläufig lesen konnten, 
haben wir Alle uns der Kenntniss der Lesebilder durch 
das Erwecken aller ihrer sonstigen Associationen zu ver- 
sichern gesucht; desgleichen haben wir beim Schreibenlernen 
neben dem Lesebild die Klangvorstellung und die motorische 
Innervationsempfindung angeregt. Der Unterschied liegt nur 
darin, dass wir beim Lernen an die bestehende Rang- 
ordnung der Centren, welche zu verschiedenen Zeiten ihre 
Function aufgenommen haben, gebunden sind (zuerst das 
sensorisch-akustische, dann das motorische, später das 
visuelle und zuletzt das graphische), während in patho- 
logischen Fällen jenes Centrum am ehesten zur Hilfe- 
leistung herangezogen wird, welches eben am leistungs- 
fähigsten geblieben ist. Die Besonderheit der Fälle von 
Graves und Grashey kann nur darin gesucht werden, 
dass es hier gerade das Centrum der Klangbilder ist, 
welches einer Unterstützung von Seiten anderer Centren 
bedarf, die sonst in ihrer Thätigkeit von ihm abhängig sind. 
Wenngleich die Untersuchung Grashey's also nicht 
die Bedeutung behalten hat, die ihr anfanglich als einer 
Aufklärung der amnestischen Aphasie mit Ausschluss der 
Localisation zugesprochen wurde, so kann sie doch wegen 



*) Charcot, Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nerven- 
systems, insbesondere über Hysterie. Uebersetzt von Sigm. Freud, 
Wien 1886, p. 137. 



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44 Bedeutung der Arbeit Grashey 's füis Verständniss der Lesestörungen. 

vieler Nebenbefunde einen bleibenden Werth beanspruchen. 
Sie ist zuerst wieder auf das wirkliche Verhältniss der 
Sprachcentren untereinander, auf deren Abhängigkeit von 
dem Centrum der Klangbilder eingegangen, sie hat uns 
zuerst eine Vorstellung von dem complicirten und viel- 
fach in seiner Richtung geknickten Ablauf der Asso- 
ciationen beim Sprachvorgange vermittelt, sie hat endlich 
durch den Nachweis, dass nie anders als buchstabirend 
gelesen wird, den richtigen Gesichtspunkt für die Be- 
urtheilung der Lesestörungen unverrückbar festgestellt. 
In letzterer Hinsicht ist vielleicht eine Einschränkung an- 
zubringen. Es ist wahrscheinlich, dass bei gewissen Arten 
zu lesen (zumal für gewisse Worte) auch das Objectbild 
desganzen Wortes einen Beitrag zur Erkennung dessel- 
ben leistet. So ist es zu erklären, dass Personen, die für 
alle Buchstaben blind sind, doch ihren Namen oder ein ihnen 
sehr geläufiges Wort im Drucke (Bezeichnung einer Stadt, 
Heilanstalt u. s. w.) lesen können, und dass eine Kranke 
Leube's 1 ) gelegentlich ein Wort, über dessen Buchstabiren 
sie sich lange erfolglos abgemüht hatte, aussprach, sobald 
das Wort ihr entzogen worden war, der Anlass zum 
Buchstabiren also aufgehört hatte. Es ist anzunehmen, 
dass sich ihr das Objectbild des gedruckten oder ge- 
schriebenen Wortes unterdes tief genug eingeprägt hatte 
(Leube's Erklärung). 

Wir sind von einer Auffassung der Sprachstörungen 
ausgegangen, welche die einen Formen von Aphasie durch- 
wegs durch die Effecte beschränkter Läsionen von Bahnen 
und Centren erklären wollte, während sie eine andere 
Reihe von Aphasien ausschliesslich auf functionelle Ver- 
änderungen im Sprachapparate zurückführte. Wir haben 
an dem Beispiel der transcorticalen motorischen Aphasie 
gezeigt, dass für diese die localisatorische Erklärung unzu- 



*) Leube, Ueber eine eigenthümliche Form von Alexie. Zeitschrift 
f. klin. Mediän XVIII, 1889. 



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Bedeutung der Bastian'schen Modificationen. 45 

lässig ist, sondern dass man auch hier auf Annahmen über 
Functionsveränderung eingehen muss. Aus der Kritik des 
Falles von Grashey haben wir hingegen geschlossen, dass 
man die amnestischen Aphasien nicht anders als durch die 
Annahme einer localisirten Läsion erklären könne. Wir fanden 
ein Bindeglied zwischen beiden einander entgegengesetzten 
Annahmen in der Vorstellung, dass die Centren des Sprach- 
apparates gegennicht directdestructiveLäsionenmit 
einer Functionsveränderung sozusagen solidarisch 
reagiren, und haben als solche uns bekannte Aenderungen 
der Function die drei Stufen der Unerregbarkeit nach 
Bastian acceptirt, dass ein Centrum 1. überhaupt nicht 
mehr, 2. nur auf sensibeln Eeiz, 3. noch in Association mit 
einem anderen Centrum leistungsfähig ist. Da wir nun darauf 
gefasst sind, in jedem beliebigen Falle von Sprachstörung 
die Folgen einer Bahnunterbrechung neben einer Modifi- 
cation des functionellen Zustandes zu finden, erwächst uns 
die Aufgabe anzudeuten, nach welchen Kriterien wir ein 
Symptom einer Sprachstörung auf die eine oder auf die 
andere dieser Ursachen beziehen sollen. Ferner würde uns 
obliegen, eine andere Auffassung der Sprachstörungen 
durchzuführen, welche den von uns vorgebrachten Ein- 
wänden nicht ausgesetzt ist. 



Wir haben in einem der vorstehenden Abschnitte 
gehört, dass der Theorie des Sprachvorganges von W er- 
nicke eine ganz bestimmte Annahme über die Rolle der 
„Centren" in der Hirnrinde zu Grunde gelegt wurde, und 
dass die Klinik der Sprachstörungen gewisse Erwartungen, 
welche man aus einer solchen Annahme ableiten möchte, 
nicht rechtfertigt. Dies soll uns veranlassen, jene Theorie 
selbst näher ins Auge zu fassen. 

Wir sollen uns nach Wernicke vorstellen, dass es 
an der Grosshirnrinde bestimmte (allerdings nicht genauer 
abzugrenzende) Stellen gibt (z. B. die Broca'sche, die 



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46 Centren der Hirnrinde durch unbesetztes Gebiet getrennt. 

Wer nicke' sehe Stelle), in deren Nervenzellen die Vor- 
stellungen, mit denen die Sprachfunction arbeitet, in irgend 
einer Weise enthalten sind. Diese Vorstellungen sind Reste 
von Eindrücken, welche auf der Bahn der Seh- und Hör- 
nerven angelangt, oder welche bei den Sprachbewegungen 
als Innervationsgefühl oder Wahrnehmung der ausgeführten 
Bewegung entstanden sind. Je nach ihrer Herkunft von 
einer dieser Quellen liegen sie in der Hirnrinde beisammen, 
so dass eine Stelle alle „Wortklangbilder", die andere alle 
„Wortbewegungsbilder" enthält u. s. w. Die Verbindung 
dieser distineten Rindencentren wird durch weisse Faser- 
massen (Associationsbündel) besorgt, und zwischen den 
Centren befindet sich „unbesetztes Gebiet" der Hirnrinde, 
nach Meynert's Ausdruck „functionelle Lücken". 1 ) 

Mit der letzten Bestimmung haben wir den Gedanken- 
gang Wernicke's verlassen und ihn durch ein Detail 
aus den Lehren Meynert's ergänzt. Wernicke, der bei 
keiner Gelegenheit anzuführen versäumt, dass seine 
Theorie der Aphasie nur eine Anwendung weitergehender 
Lehren Meynert's ist, bevorzugte gerade in Betreff der 
Sprachcentren anfänglich eine etwas abweichende An- 
schauung. In seiner Schrift über den aphasischen Symptomen- 
complex galt ihm noch die ganze erste Urwindung um 
die Sylvi'sche Furche als Sprachcentrum ; in seinem 
Lehrbuch der Gehirnkrankheiten dagegen sind die Sprach- 
centren als Theile der ersten Stirnwindung und der ersten 
Schläfenwindung dargestellt. (Fig. 7.) 

Es erscheint mir zweckmässig, an dieser Stelle das 
Meynert'sche Lehrgebäude über Gehirnbau und Gehirn- 
leistung mit einigen Sätzen zu behandeln. Meine Dar- 
stellung desselben, sowie der dagegen vorzubringenden 
Einwände, wird eine blos flüchtige und skizzenhafte sein 
und der hohen Bedeutung des Gegenstandes nicht ent- 
sprechen können. Eine andere Art der Würdigung ginge 



Meynert, Psychiatrie. Erste Hälfte 1884, p. 140. 



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Die Meynert' sehe Lehre vom Grosshirn. 



47 



aber weit über den Rahmen dieser Arbeit hinaus, welche 
nur von der Auffassung der Sprachstörungen handeln soll. 
Insoferne letztere nicht unabhängig von einer allgemeineren 
Auffassung der Grosshirnthätigkeit sein kann, sehe ich 
mich doch genöthigt, die Frage nach der Bedeutung des 
Grosshirns überhaupt wenigstens zu streifen. 

Die Meynert'sche Lehre vom Gehirnbau verdient 
den Namen einer „cortico-centrischen". In der ihm eigenen, 

Fig. 7. 




Nach Wer nicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten, Bd. I, p. 206. 
Fig. XX. Schema des corticalen Sprachmechanismus. F Stirnende, O Hinter- 
haupts-, T Schläfenende einer linken Hemisphäre, FS Fissura Sylvii. 
c Centralfurche, g vordere Occipitalfurche, i Interparietalfurche, k vordere 
Occipitalfurche o Parieto-occipitalfurche, e Parallelfurche, 7—127 erste bis 
dritte Stirnwindung, X X Uebergangswindungen, x sensorisches Sprach- 
centrum, y motorisches Sprachcentrum, xy Associationsbahn zwischen beiden 

Centren, ax Bahn des Akusticus, ym Bahn zur Sprachmusculatur. 

weitgehenden Ausdeutung anatomischer Verhältnisse äussert 
Meynert, dass die Hirnrinde durch die Aeusserlichkeit 
ihrer Lagerung zum Umfassen, zum Aufnehmen der 
gesammten Sinneseindrücke geeignet wird. 1 ) Sie wird von 
ihm ferner einem zusammengesetzt protoplasmatischen 
Wesen gleichgestellt, das einen Körper, dessen Bestand- 
teile es sich assimiliren will, überzieht, indem es sich zu 



*) Vgl. Meynert, Der Bau der Grosshirnrinde etc. Vierteljahrschrift 
für Psychiatrie I, 1867. 



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48 Verhältniss der Grosshirnrinde zum übrigen Gehirn. 

einer Höhle umgestaltet. 1 ) Das gesammte übrige Gehirn 
erscheint als Anhang und Hilfsorgan der Grosshirnrinde, 
der gesammte Leib als eine Armirung ihrer Fühlfäden und 
Fangarme, welche ihr die Bedingungen gewähren, das 
Weltbild in sich aufzunehmen und auf dasselbe ein- 
zuwirken. 

Zur Hirnrinde nun führen alle Fasersysteme des 
Gehirns oder gehen von ihr aus; alle grauen Massen 
sind Unterbrechungen dieser Fasermassen auf ihrem Wege 
zum Grosshirn. Das Rückenmark leitet sich aus der Gross- 
hirnrinde durch einen zweifachen Ursprung ab, den ein 
Querschnitt in der Hirnschenkelregion blosslegt. Der 
sogenannte Fuss des Hirnschenkels enthält die Bahnen, 
welche Bewegungsimpulse der Hirnrinde zur Peripherie über- 
tragen, sowie die Bahnen, welche die Aufnahme von Sinnes- 
eindrücken in die Hirnrinde vermitteln. Derselbe führt auf 
diese Weise eine Projection des Körpers, insoferne letzterer 
directer Abhängigkeit von der Hirnrinde unterliegt. 2 ) Die 
sogenannte Haube des Hirnschenkels hingegen bringt der 
Hirnrinde die Kenntniss von Reflexverknüpfungen im 
Rückenmark und Hirnstamm und damit die erste Anregung 
für eigene Bewegungsimpulse. Die grauen Massen des 
Hirnstammes sind entweder, wie Vierhügel und Sehhügel, 
durch ihre gleichzeitige Verbindung mit den Rückenmarks- 
strängen und den grossen Sinnesoberflächen Bestandtheile 
jenes reflectorischen Apparates, der durch die Haube mit 
der Hirnrinde verbunden ist, oder sie unterbrechen 
(Linsenkern-Streifenhügel) als Ganglien des Hirnschenkel- 
fusses die directe Grosshirnbahn. Speciell die motorische 
Bahn, welche die Körpermusculatur dem Einflüsse der 
Hirnrinde unterwirft, verläuft von der Rinde zur Peripherie 
in drei Abschnitten (Gliedern des Projectionssystemes), 
welche durch zwei graue Knoten (Linsenkern-Schwanz- 
kern und graue Substanz der Vorderhörner) geschieden 

i) Ebd. und Psychiatrie, p. 127. 

2 ) Meynert, Studien über die Bedeutung des zweifachen Kücken- 
marksursprunges aus dem Gehirn. Wiener akad. Sitzgsb. LX. Bd. II, 1869. 



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Abbildung des Körpers in der Hirnrinde. 49 

werden. In der Brücke findet sie überdies vermittelst der 
grauen Substanz der Brückenkerne und „schleuderförmiger" 
Faserbündel eine Verbindung mit dem Kleinhirn, welches 
sonst von dem Meynert'schen Gehirnplane etwas abseits 
gelassen wird. 

Wie gestaltet sich nun die Abbildung des Körpers in 
der Gehirnrinde, welche durch solche Bahnen mit der 
Peripherie verbunden ist? Meynert nennt diese Abbildung 
eine „Projection", und einige seiner Bemerkungen lassen 
schliessen, dass er in der That eine Projection, d. h. eine 
Abbildung Punkt für Punkt, des Körpers in der Hirnrinde 
annimmt. In diesem Sinne deutet z. B. der so häufige 
Vergleich der Hirnrinde mit der Retina des Auges, einem 
Endorgan, dessen Nervensubstanz von mehreren Autoren 
ein „Stück vorgeschobenes Kindengrau" genannt wurde, 
während dieselbe doch morphologisch einem Stücke Rücken- 
marksgrau entsprechen müsste. Dem Verständniss einer 
Projection im eigentlichen Sinne des Wortes günstig er- 
scheinen ferner manche Bemerkungen, wie: „Es hat aller- 
dings die höchste Unwahrscheinlichkeit, dass jedes einzelne 
der, verschiedene Muskelmassen und Hautober- 
flächen, Drüsen und Eingeweide vertretenden 
Bündel des Hirnschenkels .... sich so weit hin zer- 
streue, um auf der ganzen Rindenoberfläche durch Pro- 
jection repräsentirt zu sein," 1 ) oder: „Ein Querschnitt durch 
den Hirnschenkel umfasst gleichsam den ganzen Organis- 
mus, der nur riechunfähig und blind wäre." -) Indes wieder- 
sprechen andere Entwicklungen der Meynert'schen Lehre 
ein£r solchen Annahme so sehr, dass ich mich nicht getrauen 
möchte, dieselbe hier als die seinige zu bekämpfen. Da- 
gegen wird man kaum irre gehen, wenn man voraussetzt, 
dass Munk und andere Forscher, die auf Meynert'schein 
Boden stehen, die Idee einer vollständigen und topographisch 
ähnlichen Abbildung des Körpers in der Grosshirnrinde 
mehr oder minder klar vertreten. 



1 ) Meynert, Bau der Grosshirnrinde 1. c, p. 83. 

2 ) Meynert, Kückenmarksursprang 1. c, p. 488. 

Freud, Aphasie. 



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50 Berichtigungen der Lehre Meynert's 

Ich darf nun darauf aufmerksam machen, dass die 
neueren Erwerbungen der Gehirnanatomie die Meyner ti- 
sche Auffassung des Gehirnbaues in wesentlichen Stücken 
berichtigt, und damit die von ihm der Hirnrinde zugewiesene 
Bolle in Frage gestellt haben. Diese Correcturen knüpfen 
gerade an den Verlauf der bedeutsamsten und bestgekannten 
Bahn von der Hirnrinde zur Körpermusculatur an. Zuerst 
ist die Auffassung des Streifenhügels als eines die motorische 
Bahn unterbrechenden Ganglions gefallen. Die Kliniker, 
Charcot voran, haben gezeigt, dass eine Läsion desselben 
ihren Einfluss auf die Motilität nur der Nachbarschaft mit 
der sogenannten inneren Kapsel zu danken hat, während 
Läsionen des Ganglions, die ohne Einfluss auf die innere 
Kapsel sind, auch keine Lähmung zu erzeugen vermögen. 
Wernicke 1 ) hat dann nachgewiesen, dass dieses sogenannte 
Ganglion des Hirnschenkels einer irgend ausgiebigen Ver- 
bindung mit der Hirnrinde entbehrt. Das erste Internodium 
war somit aus dem Verlaufe derMeynert'schenProjections- 
bahn herausgerissen. Das Studium der ungleichzeitigen 
Markscheidenbildung bestätigte diese Auffassung und 
brachte in Meynert's Auffassung des Gehirnbaues eine 
neue Lücke. Flechsig konnte nachweisen, dass die 
motorische Bahn von der Grosshirnrinde zur Musculatur 
in der That ohne Unterbrechung vom Rindengrau durch 
die innere Kapsel in den Hirnschenkel zieht, und dass sie 
in der Brücke keinerlei Verbindung mit dem Kleinhirn 
erfährt. Die Pyramidenbahn gilt uns jetzt als directe 
Verbindung zwischen Vorderhorngrau und Grosshirnrinden- 
grau; die von Meynert behauptete Einflechtung des 
Kleinhirns in die motorische Bahn ist somit aufgegeben. 
Von den grossen subcorticalen Massen gehört nur mehr 
der Thalamus opticus der Grosshirnrinde zu, der auch bei 
angeborenem Defect der Grosshirnlappen verkümmert; 
während der Streifenhügel bei Grosshirndefect intact bleibt, 



*) Wernicke, Lehrbuch der Gehirnkrankheiten, 1880 bis 1883, 
I. Bd. 



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durch neuere Funde der Gehirnanatomie. 51 

aber bei angeborener Kleinhirnverkümmerung atrophirt. 1 ) 
Ein mächtiges Stück Gehirnsubstanz: Streifenhügel — 
Brücke — Kleinhirn, stellt sich so dem Grosshirn gegen- 
über als Organ unerkanter Function, nicht ohne ausgiebige 
Verbindung mit dem Grosshirn, aber entwickelungsgeschicht- 
lich und functionell ziemlich unabhängig von ihm. Die 
Meynert'sche Deutung der zwei Etagen des Hirnschenkels 
ist somit nicht mehr haltbar, ist übrigens bis jetzt durch 
keine andere ersetzt worden. Wenn von einem zweifachen 
Ursprung des Rückenmarkes die Rede sein soll, so kann damit 
nur mehr ein Grosshirn-Thalamusursprung und ein Streifen- 
hügel-Kleinhirnursprung gemeint werden. Der gesammte 
Gehirnbau scheint eine Gipfelung in zwei Centralapparaten 
aufzuweisen, von denen die Grosshirnrinde den jüngeren 
darstellt, während der ältere des Vorderhirnganglions einen 
Theil seiner Function beibehalten zu haben scheint. Auch 
ein anderer wichtiger Bestandteil der Meynert'schen 
Lehre, die Annahme einer zweifachen sensibeln Bahn, einer 
directen und einer reflectorischen, scheint der Bekräftigung 
entbehren zu müssen. Unsere bisherigen Erfahrungen lehren 
uns, dass kein Faserzug an andere Hirntheile gelangt, 
ohne mit dem Rückenmarksgrau oder ihm analogen Bildungen 
in Verbindung getreten zu sein, und dass die reflectorischen 
Bahnen überall unmittelbar von den sensibeln abgehen. 

Erscheint so die dominirende Stellung der Grosshirn- 
rinde erschüttert, und entsteht die Nöthigung, manche 
früher für subcortical gehaltene Vorgänge in die Hirn- 
rinde selbst zu verlegen, so stellt sich des Weiteren die 
Frage zur Beantwortung, in welcher Art der Körper in 
der Grosshirnrinde abgebildet ist. Ich glaube, es lässt 
sich zeigen, dass die Annahme einer Projection des Körpers 
auf die Hirnrinde im eigentlichen Sinne des Wortes, wor- 
unter dann eine vollständige und topographisch ähnliche 
Abbildung zu verstehen wäre, zurückgewiesen werden 
kann. 



x ) Flechsig, Plan des menschlichen Gehirns. 1883 

4* 



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52 Projection und Repräsentation. 

Ich gehe dabei von einem Gesichtspunkte aus, den 
noch Henle in der Betrachtung dieses Gegenstandes 
gewürdigt hat, dem der Faserreduction durch graue 
Massen. Vergleicht man nämlich die Summe der ins Rücken- 
mark eintretenden Fasern mit jener der weissen Stränge, 
welche zur Verbindung mit höheren Gehirntheilen das 
Eückenmark verlassen, so zeigt sich, dass letztere Summe 
nur einen Bruchtheil der ersteren ausmacht. Nach einer 
Zählung Stilling's entsprachen in einem Falle 807.738 
Fasern der Nervenwurzeln nur 365.814 Fasern in 
einem Querschnitte des oberen Halsmarkes. Die Beziehungen 
des Rückenmarkes zum Körper sind demnach anderer Art 
als die Beziehungen der höheren grauen Massen. Im 
Rückenmark allein (sowie in den ihm analogen grauen 
Substanzen) sind die Bedingungen für eine lückenlose 
Projection der Körperperipherie vorhanden; jeder peri- 
pherischen Innervationseinheit kann im Rückenmark ein 
Stück grauer Substanz, im äussersten Falle ein einziges 
centrales Element entsprechen. In Folge der Reduction 
der projicirenden Fasern durch das Rückenmarksgrau 
kann von jeder höheren grauen Substanz ein Element nicht 
mehr einer peripheren Einheit, sondern muss mehreren 
derselben entsprechen. Dies gilt auch für die Grosshirn- 
rinde, und daher empfiehlt es sich, diese beiden Arten von 
centraler Abbildung auch durch verschiedene Namen zu 
unterscheiden. Heisse die Abbildung im Rückenmarksgrau 
eine Projection, so wird es vielleicht passend sein, die 
Abbildung in der Grosshirnrinde eine Repräsentation zu 
heissen und zusagen, die Körperperipherie sei in der 
Hirnrinde nicht Stück für Stück enthalten, son- 
dern in einer minder detaillirten Sonderung durch 
ausgewählte Fasern vertreten. 

Dieser bisher so einfache Gedankengang erfährt nun eine 
weitere Ausführung und andere Richtung durch nachstehende 
Bemerkungen : 

Die Fasern des obersten Halsmarkquerschnittes sind 
nicht sämmtlich für die Verbindung mit der Hirnrinde 



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Faserreduction durch graue Massen. 53 

bestimmt. Ein nicht geringer Theil derselben (kurze Bahnen) 
wird sich noch bis zum Ende des Höhlengraues zwischen 
den Nervenkernen der Oblongata erschöpfen, ein anderer 
Theil gelangt ins Kleinhirn. Mit Bestimmtheit können wir 
nur von der Pyramidenbahn aussagen, dass sie in der 
gleichen Stärke, wie sie im Halsmark vorliegt, zum 
Rindengrau gelangt, und diese Bahn ist gewiss eine sehr 
erheblich reducirte Fortsetzung der Fasern, welche von 
den Körpermuskeln durch die vorderen Wurzeln ins 
Rückenmark gekommen sind. Die Reduction der projiciren- 
den Fasern ist aber andererseits nicht so gross, als es 
nach letzterer Erwägung scheinen sollte, denn z. B. für die 
Fasern der Hinterstränge, welche als solche gewiss nicht 
zur Grosshirnrinde gelangen, nimmt letztere die Fasern der 
Schleife auf, welche nach vielfachen Unterbrechungen in 
den Hinterstrangskernen, den grauen Massen der Oblongata 
und des Thalamus, endlich im Grosshirn die Hinterstränge 
vertreten. Es ist nicht bekannt, ob die Schleifenfaserung 
die Hinterstränge an Faserzahl erreicht; wahrscheinlich 
bleibt sie weit hinter derselben zurück. Ferner erhält das 
Grosshirn Fasern aus dem Kleinhirn, in denen man ein 
Aequivalent für die Kleinhirnursprünge des Rückenmarkes 
sehen könnte, und so bliebe es trotz alledem noch zweifel- 
haft, ob der Grosshirnrinde nicht schliesslich doch eben- 
soviel oder mehr Fasern von der Peripherie — wenn auch 
auf Umwegen — zukommen, als zur Projection im Rücken- 
mark erforderlich war. 

Es kommt aber hier noch ein anderer Punkt in 
Betracht, der in der Darstellung Meynert's nicht klar 
genug hervortritt. Für Meynert, der am Faserverlauf 
hauptsächlich die Thatsache der Rindenverbindung hervor- 
hebt, ist eine Faser oder Fasermasse immer noch die 
nämliche, auch wenn sie durch noch so viele graue Sub- 
stanzen gegangen ist. Seine Ausdrucksweise: „Die Faser 
passirt eine graue Substanz", zeigt dafür. Dies erweckt 
natürlich den Anschein, als hätte sich an der Faser auf 
ihrem langen Wege bis zur Rinde nichts verändert, als 



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54 Bedeutungsänderung der Fasern auf ihrem Wege zur Rinde. 

dass sie in mehrere Verbindungsmöglichkeiten einge- 
treten sei. 

Wir können diese Anschauung nicht mehr festhalten. 
Wenn wir sehen, wie sich im Laufe der individuellen Ent- 
wickelung die Markscheidenbildung stückweise von einer 
grauen Substanz zur anderen vollzieht, wie für eine 
zuführende Bahn drei oder mehr weiterführende aus einer 
grauen Substanz hervorgehen, erscheinen uns die grauen 
Substanzen und nicht mehr die Faserbündel als die 
Einzelorgane des Gehirns. Wenn wir eine , sensible (centri- 
petale) Bahn, soweit sie uns bekannt ist, verfolgen und 
als Hauptcharakter derselben eine möglichst häufige Unter- 
brechung in grauen Substanzen und Weiterverzweigung 
durch dieselben erkennen, 1 ) müssen wir den Gedanken 
aufnehmen, dass eine Faser auf dem Wege zur Gross- 
hirnrinde ihre functionelle Bedeutung nach jedem neuen 
Auftauchen aus einer grauen Substanz geändert hat. 
Nehmen wir eines der uns verständlich gewordenen Bei- 
spiele: Eine Faser des N. opticus leitet einen Retinal- 
eindruck bis zum vorderen Vierhügel ; in diesem findet sie 
ein vorläufiges Ende, 2 ) und an ihrer Statt geht aus der 
Substanz des Ganglions eine andere Faser zur Occipital- 
rinde. In der Substanz des Vierhügels hat aber die Ver- 
bindung des Retinaleindruckes mit einer Augenmuskel- 
bewegungsempfindung stattgehabt; es ist nun überaus 
wahrscheinlich, dass die neue Faser zwischen Vierhügel 
und Hinterhauptsrinde nicht mehr einen Retinaleindruck, 
sondern die Verknüpfung eines oder mehrerer solcher 
Eindrücke mit den Bewegungsempfindungen fortleitet. Noch 
complicirter muss sich diese Bedeutungsänderung der 
Fasern für die Leitungssysteme der Haut- und Muskel- 
sensibilität gestalten; wir haben noch keine Ahnung davon, 



*) Vgl. Edinger's, Bechterew' s und des Verfassers Untersuchungen 
über den Verlauf der Hinterstrangbahn und des Akusticus. 

2 ) Vgl. Darkschewitsch, Ueber die sogenannten primären Opticus- 
centren und ihre Beziehung zur Grosshirnrinde. Arch. f. Anat. u. Phys. 1886. 



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Der Körper ist in der Hirnrinde nicht mehr topisch abgebildet. 55 

welche Elemente hier zu dem neuen Inhalt der fort- 
geleiteten Erregung zusammentreten. 

Wir ersehen nur so viel, dass die nach Durchsetzung 
von grauen Substanzen in der Hirnrinde anlangenden 
Fasern zwar noch eine Beziehung zur Körperperipherie ent- 
halten, aber kein topisch ähnliches Bild derselben mehr geben 
können. Sie enthalten die Körperperipherie, wie — um ein 
Beispiel dem uns hier beschäftigenden Gegenstande zu ent- 
lehnen — Bin Gedicht das Alphabet enthält, in einer Um- 
ordnung, die anderen Zwecken dient, in mannigfacher Ver- 
knüpfung der einzelnen topischen Elemente, wobei die 
einen davon mehrfach, die anderen gar nicht vertreten 
sein mögen. Könnte man diese Umordnung, welche von 
der spinalen Projection an bis zur Grosshirnrinde vor sich 
geht, im Einzelnen verfolgen, so würde man wahrscheinlich 
finden, dass das Princip derselben ein rein functionelles ist, 
und dass topische Momente nur insoweit beibehalten werden, 
als sie mit den Anforderungen der Function zusammen- 
fallen. Da nichts dafür spricht, dass in der Hirnrinde 
diese Umordnung wieder rückgängig gemacht wird, um 
eine topographisch vollständige Projection zu ergeben, so 
dürfen wir vermuthen, dass die Körperperipherie in den 
höheren Hirntheilen, wie auch in der Hirnrinde, überhaupt 
nicht mehr topisch, sondern blos functionsgemäss 
enthalten ist. Das Thierexperiment muss diese Thatsache 
allerdings verdecken, indem es nichts Anderes als eine 
topische Beziehung zu ergeben vermag. Ich glaube aber, wer 
ernsthaft ein Centrum des M. extensor pollucis longus, des 
M. rectus internus oculi oder der Sensibilität einer bestimmten 
Hautstelle in der Hirnrinde aufsucht, der verkennt sowohl 
die Function dieses Hirntheiles, als auch die Complication 
der Bedingungen, welche diese Function voraussetzt. l ) 



*) Ich deute blos an, dass diese Auffassung von der Repräsentation 
des Körpers in der Grosshirnrinde zum Widerspruche gegen die Munk'sehe 
Lehre von der fleckweisen Projection der Retina im Hinter hauptslappen her- 
ausfordert und durch eine Würdigung der corticalen Hemianopsien zur 
Bestätigung oder Widerlegung gelangen müsste. 



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56 Di e Localisation psychischer Elemente gründet sich nur 

Wir kehren nach dieser Abschweifung zur Auffassung 
der Aphasie zurück und erinnern uns, dass auf dem Boden 
Meynert' scher Lehren die Annahme erwachsen ist, der 
Sprachapparat bestünde aus distincten Rindencentren, in 
deren Zellen die Wortvorstellungen enthalten sind, welche 
Centren durch functionsfreies Eindengebiet getrennt und 
durch weisse Fasern (Associationsbündel) verknüpft werden- 
Man kann nun zunächst in Frage ziehen, ob eine An- 
nahme dieser Art, welche Vorstellungen in Zellen bannt, 
überhaupt correct und zulässig ist. Ich glaube: nicht. 

Gegenüber der Neigung früherer medicinischer Epochen, 
ganze Seelenvermögen, wie sie der Sprachgebrauch der 
Psychologie abgrenzt, an bestimmte Bezirke des Gehirns 
zu localisiren, musste es als grosser Fortschritt erscheinen, 
wenn Wer nicke erklärte, dass man nur die einfachsten 
psychischen Elemente, die einzelnen Sinnesvorstellungen 
localisiren dürfe, und zwar an die centrale Endigung des 
peripherischen Nerven, der den Eindruck empfangen hat. 
Im Grunde aber begeht man nicht denselben prin- 
cipiellen Fehler, ob man nun einen complicirten Begriff, 
eine ganze Seelenthätigkeit oder ob man ein psychisches 
Element zu localisiren versucht? Ist es gerechtfertigt, 
eine Nervenfaser, die über die ganze Strecke ihres Ver- 
laufes blos ein physiologisches Gebilde und physiologischen 
Modiflcationen unterworfen war, mit ihrem Ende ins 
Psychische einzutauchen und dieses Ende mit einer Vor- 
stellung oder einem Erinnerungsbild auszustatten? Wenn 
der „Wille" die „Intelligenz" u. dgl. als psychologische 
Kunstworte erkannt sind, denen in der physiologischen 
Welt sehr complicirte Verhältnisse entsprechen, weiss man 
von der „einfachen Sinnesvorstellung" denn mit grösserer 
Bestimmtheit, dass sie etwas Anderes als ein solches 
Kunstwort ist? 

Die Kette der physiologischen Vorgänge im Nervensystem 
steht ja wahrscheinlich nicht im Verhältniss der Causa lität 
zu den psychischen Vorgängen. Die physiologischen Vor- 
gänge hören nicht auf, sobald die psychischen begonnen 



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** OF THE 

UNIVERSITY 



auf eine Verwechselung: des Psychischen mit dem Physischen. 57 

haben, vielmehr geht die physiologische Kette weiter, nur 
dass jedem Glied derselben (oder einzelnen Gliedern) von 
einem gewissen Moment an ein psychisches Phänomen ent- 
spricht. Das Psychische ist somit ein Parallelvorgang des 
Physiologischen („a dependent concomitant"). 

Ich weiss wohl, dass ich den Männern, deren Ansichten 
ich hier bestreite, nicht zumuthen kann, sie hätten diesen 
Sprung und Wechsel der wissenschaftlichen Betrachtungs- 
weise ohne Erwägung vollzogen. Sie meinen offenbar nichts 
Anderes, als dass die — der Physiologie angehörige — 
Modification der Nervenfaser bei der Sinneserregung 
eine andere Modification in der centralen Nervenzelle 
erzeugt, welche nun das physiologische Correlat der „Vor- 
stellung" wird. Da sie von der Vorstellung weit mehr zu sagen 
wissen als von den physiologisch noch gar nicht charakteri- 
sirten, unbekannten Modificationen, bedienen sie sich des 
elliptischen Ausdruckes: In der Nervenzelle sei eine Vor- 
stellung localisirt. Allein diese Vertretung führt auch 
sofort zu einer Verwechselung der beiden Dinge, die mit 
einander keine Aehnlichkeit zu haben brauchen. In der 
Psychologie ist die einfache Vorstellung für uns etwas 
Elementares, das wir von seinen Verbindungen mit 
anderen Vorstellungen scharf unterscheiden können. Wir 
kommen so zur Annahme, dass auch deren physiologisches 
Correlat, die Modification, die von der erregten, im Centrum 
endigenden Nervenfaser ausgeht, etwas Einfaches ist, was 
sich an einen Punkt localisiren lässt. Eine solche Ueber- 
tragung ist natürlich vollkommen unberechtigt; die Eigen- 
schaften dieser Modification müssen für sich und unabhängig 
von ihrem psychologischen Gegenstück bestimmt werden. 1 ) 



*) Hughlings Jackson hat aufs schärfste vor einer solchen Ver- 
wechselung des Physischen mit dem Psychischen beim Sprachvorgang 
gewarnt: In all our studies of diseases of the nervous system we must be 
on our guard against the fallacy, that what are physical states in lower 
centres fine away into psychical states in higher centres ; that for example, 
vibrations of sensory nerves become sensations, or that somehow or 
another an idea produces a movement. Brain I, p. 306. 



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58 Unmöglichkeit, Vorstellung und Association zu trennen. 

Was ist nun das physiologische Correlat der einfachen 
oder der für sie wiederkehrenden Vorstellung? Offenbar 
nichts Ruhendes, sondern etwas von der Natur eines Vor- 
ganges. Dieser Vorgang verträgt die Localisation, er geht 
von einer besonderen Stelle der Hirnrinde aus und ver- 
breitet sich von ihr über die ganze Hirnrinde oder längs 
besonderer Wege. Ist dieser Vorgang abgelaufen, so hinter- 
lässt er in der von ihm afficirten Hirnrinde eine Modifikation, 
die Möglichkeit der Erinnerung. Es ist durchaus zweifel- 
haft, ob dieser Modification gleichfalls etwas Psychisches 
entspricht; unser Bewusstsein weist nichts dergleichen 
auf, was den Namen „latentes Erinnerungsbild" von der psy- 
chischen Seite rechtfertigen würde. So oft aber derselbe 
Zustand der Rinde wieder angeregt wird, entsteht das 
Psychische als Erinnerungsbild von Neuem. Wir haben 
freilich nicht die leiseste Ahnung davon, wie die thierische 
Substanz es zu Stande bringen mag, so vielfältige Modifi- 
cationen durchzumachen und auseinander zu halten. Dass 
sie dies aber kann, beweist das Beispiel der Spermatozoen, 
in denen die mannigfaltigsten und detaillirtesten solcher 
Modificationen zur Entwickelung bereit liegen. 

Lässt sich nun am physiologischen Correlat der Em- 
pfindung der Antheil der „Empfindung" von dem der 
„Association" unterscheiden? Offenbar nicht. „Empfindung" 
und „Association" sind zwei Namen, mit denen wir ver- 
schiedene Ansichten desselben Processes belegen. Wir 
wissen aber, dass beide Namen von einem einheitlichen 
und untheilbaren Process abstrahirt sind. Wir können 
keine Empfindung haben, ohne sie sofort zu associiren; 
mögen wir die beiden begrifflich noch so scharf trennen, 
in Wirklichkeit hängen sie an einem einzigen Vorgang, 
der, von einer Rindenstelle beginnend, über die gesammte 
Einde diffundirt. Die Localisation des physiologischen 
Correlats ist also für Vorstellung und Association dieselbe, 
und da Localisation einer Vorstellung nichts 
Anderes bedeutet, als Localisation ihres Correlates, 
so müssen wir es ablehnen, die Vorstellung an den einen 



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Die Associationsbahnen liegen in der Binde selbst. 59 

Punkt der Hirnrinde zu verlegen, die Association an einen 
anderen. Beides geht vielmehr von einem Punkte aus, und 
befindet sich an keinem Punkte ruhend. 

Mit dieser Abweisung einer gesonderten Localisation 
für das Vorstellen und das Associiren der Vorstellungen 
entfällt für uns ein Hauptmotiv, zwischen Centren und 
Leitungsbahnen der Sprache zu unterscheiden. An jeder 
Rindenstelle, welche der Sprachfunction dient, werden 
ähnliche functionelle Vorgänge vorauszusetzen sein, und 
wir haben es nicht nöthig, weisse Fasermassen heran- 
zuziehen, denen die Association der in der Rinde befind- 
lichen Vorstellungen übertragen ist. Wir sind sogar im 
Besitze eines Sectionsbefundes, welcher uns nachweist, 
dass die Association der Vorstellungen durch in der Rinde 
selbst liegende Bahnen geschieht. Ich meine wiederum 
den Fall von Heubner, aus dem wir bereits eine wichtige 
Lehre gezogen haben (vgl. p. 25). 

Der Kranke Heubner's zeigte jene Form der Sprach- 
störung, welche Li cht heim als transcorticale sensorische 
Aphasie bezeichnet, und von der Unterbrechung der Bahnen 
vom sensorischen Sprachcentrum zu den Begriffsassociationen 
ableitet. Es wäre also nach der in Rede stehenden Theorie 
der Sprachstörungen eine Erkrankung im Marke unterhalb 
des sensorischen Centrums zu erwarten gewesen. Anstatt 
dessen fand sich eine oberflächliche Rindenerweichung, 
welche das sonst (auch der Function nach) intacte sen- 
sorische Centrum von seinen meisten Rindenverbindungen 
ausserhalb des Sprachgebietes selbst abtrennte. Heubner 
versäumt nicht die Wichtigkeit dieses Befundes hervor- 
zuheben, und Pick 1 ) zieht aus ihm denselben Schluss 
wie wir, dass die Associationsbahnen der Sprache durch 
die Rinde selbst zu laufen scheinen. Wir brauchen im 
Uebrigen nicht zu bestreiten, dass auch Associationsbündel, 



*) Pick, lieber die sogenannte Ee- Evolution (Hughlings- Jackson) 
nach epileptischen Anfallen nebst Bemerkungen über transitorische Wort- 
taubheit. Arch. f. Psych. XXII, 1891. 



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60 Die Annahme der „functionslosen Lücken". 

welche unterhalb der Rinde verlaufen, zu derselben Function 
beitragen mögen. 

Unsere Vorstellung vom Sprachapparat wird eine 
gründliche Umwandlung erfahren, wenn wir noch die dritte 
Bestimmung der Meynert -Wernicke'schen Lehre, 
nämlich dass die functionirenden Sprachcentren durch 
„functionslose Lücken" getrennt sind, in Betracht ziehen. 
Eine solche Bestimmung erscheint zunächst als unmittel- 
bares Ergebniss der pathologischen Anatomie dem Zweifel 
entzogen zu sein. Wenn man aber auf die Art und Weise 
eingeht, wie aus der Verwerthung von Sectionsbefunden 
die distincten Centren erschlossen werden, merkt man, 
dass die pathologische Anatomie unfähig ist, diese Frage 
zu entscheiden. Man werfe z. B. einen Blick auf die Tafel, 
in welcher Naunyn die Ausdehnung der Läsion in 71 Fällen 
von Sprachstörung verzeichnet. Dort, wo die^Läsionen 
am dichtesten übereinander fallen, nehmen wir die Centren 
der Sprache an. Es sind dies ihrer Definition nach Stellen, 
deren Erhaltung für die Ausübung der Sprachfunction 
unentbehrlich ist; es mag aber ausserdem andere Rinden- 
stellen geben, welche gleichfalls der Sprachfunction dienen, 
deren Zerstörung aber von der Function der Sprache 
leichter ertragen wird. Wenn es solche Rindenstellen 
gibt, werden wir sie durch das Studium der Naunyn- 
schen Tafel nicht entdecken können. Es kann sein, dass 
die Sprachstörung durch Läsion an anderen Stellen nur 
von der Fernwirkung herrührt, welche solche Läsionen 
auf die Sprachcentren üben; es ist aber auch möglich, 
dass die in der Tafel seltener besetzten Stellen gleichfalls 
„Sprachcentren" sind, nur nicht unentbehrliche oder constante. 

Wenden wir uns darum lieber der Frage zu, welche 
Function dem functionslosen Rindengebiet zwischen und 
neben den Sprachcentren von den Autoren zugewiesen wird. 

Meynert äussert sich über dieselben unumwunden 
(Psychiatrie, p. 140): 

„Es folgt hieraus natürlich, dass im physiologischen 
Gange der Occupation der Hirnrinde durch Erinnerungs- 



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Die Rolle der „functionsloseri Lücken". ßl 

bilder eine wachsende Ausbreitung der Besetzung von 
Eindenzellen stattfindet, auf welcher die weitere Entwicke- 
lung des kindlichen Anschauungskreises durch Vermehrung 
von Gedächtnissbildern beruht. Es ist sehr wahrscheinlich, 
dass dem Gedächtniss als der Grundlage aller intellectuellen 
Leistungen auch eine Grenze der Aufnahme durch die 
Zellen der Kinde gesetzt ist." Letzteren Satz darf man 
wohl in dem Sinne interpretiren, dass nicht nur die kind- 
liche Entwickelung, sondern auch die Erwerbung späterer 
Kenntnisse (z. B. die Erlernung einer neuen Sprache) 
auf der Occupation des bis dahin unbesetzten Bodens in 
der Einde beruht, etwa wie sich eine Stadt durch Ansied- 
lungen von Strecken ausserhalb ihrer Eingmauern vergrössert. 

In einer früheren Bemerkung hatte Meynert jenen, 
den Centren benachbarten, aber unbesetzten Gebieten die 
Function zugesprochen, nach experimenteller oder sonstiger 
Zerstörung der Centren deren Function neu aufzunehmen, 
eine Anschauung, die sich auf Versuche von M unk stützt, 
jenes Forschers, dessen Voraussetzungen ja durchaus in 
dem Boden Meynert' scher Lehren wurzeln. Wir haben 
also jetzt erfahren, in welcher Absicht die Annahme der 
„functionslosen Lücken" in der Hirnrinde gemacht worden 
ist, und können daran gehen, ihre Brauchbarkeit für das 
Verständniss der Sprachstörungen zu prüfen. 

Wir finden dabei, dass das gerade Gegentheil von dem 
statt hat, was auf Grund dieser Annahme zu erwarten ist. 
Die Sprachfunction weist die vortrefflichsten Beispiele von 
Neuerwerbungen auf. Bereits das Lesen- und Schreiben- 
lernen ist eine solche gegen die primäre Sprachthätigkeit, 
und diese neue Erwerbung ist in der That durch neue 
Localisationen der Läsion zu schädigen, weil bei ihr neue 
Sinneselemente (die optischen und die cheiro-motorischen) 
in Betracht kommen. Alle anderen Neuerwerbungen der 
Sprachfunction — ob ich nun mehrere fremde Sprachen ver- 
stehen und sprechen lerne, ob ich ausser dem erstgelernten 
Buchstabenalphabet das griechische und hebräische mir 
aneigne, und neben meiner Cursivschrift Stenographie und 



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62 Association und Superassociation. 

andere Schriften ausübe — alle diese Leistungen (und die 
für sie aufzuwendenden Erinnerungsbilder können an Zahl 
die der ursprünglichen Sprache um ein Vielfaches über- 
treffen) sind offenbar an denselben Stellen localisirt, die 
wir als die Centren der ersterlernten Sprache kennen. Es 
kommt nämlich nie vor, dass durch eine organische Läsion 
eine Störung in der Muttersprache gesetzt wird, der 
eine später erworbene Sprache entginge. Wären die fran- 
zösischen Wortklänge bei einem Deutschen, der auch fran- 
zösisch versteht, anderswo als die deutschen localisirt, so 
müsste es irgend einmal geschehen, dass in Folge eines 
Erweichungsherdes der Deutsche zwar nicht mehr deutsch, 
aber noch französisch verstünde. Es ist immer das Um- 
gekehrte, und zwar für alle Sprachfunctionen, der Fall. 
Wenn ich die betreffenden (leider im Verhältnisse zu ihrem 
Interesse nicht genug zahlreichen) Fälle durchmustere, finde 
ich nur zwei Elemente, welche die Erscheinung der Sprach- 
störung bei einem Mehrsprachigen bedingen: 1. DenEinfluss 
des Alters der Erwerbung, 2. den der Uebung. In der 
Regel wirken ja beide Momente in derselben Eichtung; 
wo sie sich widerstreiten, kann bemerkenswertherweise 
die früher erworbene Sprachfähigkeit selbst die besser 
eingeübte überdauern. Niemals aber findet sich ein Ver- 
hältniss, das durch abweichende Localisation zu erklären 
wäre, und nicht durch die beiden angeführten functionellen 
Momente. Es liegt offenbar so, dass die Sprachassociationen, 
mit denen unsere Sprachleistung arbeitet, einer Super- 
association fähig sind, welchen Vorgang wir noch deutlich 
wahrnehmen, so lange wir die neuen Associationen nur 
mit Schwierigkeit ausführen, und dass das Superasso ci irte, 
die Läsion mag sitzen, wo sie will, eher geschädigt 
wird, als das primär Associirte. 

Wie sehr auch eine, selten aber intensiv erfolgte Mo- 
dification des Sprachapparates — ganz im Widerspruch zu 
allen Gesichtspunkten der Localisation von Vorstellungen — 
Schädigung überdauern kann, geht vielleicht aus keinem Bei- 
spiele nachdrücklicher hervor, als aus folgendem, das ich 



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Sprachreste und „letzte Worte". 63 

Hughlings Jackson entlehne. Dieser Forscher, auf dessen 
Anschauungen ich in fast allen vorstehenden Bemerkungen 
zurückgegangen bin, um mit ihrer Hilfe die localisatorische 
Theorie der Sprachstörungen zu bestreiten, bespricht den 
nicht seltenen Fall, dass motorisch Aphasische ausser dem 
„Ja" und „Nein" einen anderen Sprachrest zur Verfügung 
haben, der sonst einer hochstehenden Sprachleistung ent- 
sprechen würde. Dieser Sprachrest besteht nicht selten 
in einem kräftigen Fluch (Sacre nom de dieu, Goddam etc.), 
und Hughlings Jackson erörtert, dass ein solcher auch 
in der Gesundheit der emotionellen, und nicht der intellec- 
tuellen Sprache angehört hat. In anderen Fällen ist dieser 
Sprachrest aber kein Fluch, sondern ein Wort oder eine 
Redensart von enger Bedeutung, und man dürfte sich 
füglich verwundern, dass gerade diese Zellen oder diese 
Erinnerungsbilder der allgemeinen Zerstörung entgangen 
sein sollten. Manche dieser Fälle gestatten aber eine sehr 
plausible Deutung. Ein Mann z. B., der nur sagen konnte: „I 
want protection" (etwa: Ich bitte, zur Hilfe) verdankte seine 
Aphasie einem Raufhandel, in dem er nach einem Schlag auf 
den Kopf bewusstlos zusammengestürzt war. Ein anderer 
hatte den merkwürdigen Sprachrest „List complete"; es war 
ein Schreiber, den die Erkrankung traf, nachdem er in 
angestrengter Arbeit einen Katalog fertig gemacht hatte. 
Solche Beispiele legen die Annahme nahe, dass diese Sprach- 
reste die letzten Worte sind, welche der Sprachapparat 
vor seiner Erkrankung, vielleicht bereits in Ahnung der- 
selben gebildet hatte. Ich möchte das Verbleiben dieser 
letzten Modification aus deren Intensität erklären, wenn 
sie im Momente einer grossen inneren Erregung erfolgt. 
Ich erinnere mich, dass ich mich zweimal in Lebens- 
gefahr geglaubt habe, deren Wahrnehmung beidemale 
ganz plötzlich erfolgte. In beiden Fällen dachte ich mir: 
„Jetzt ist's aus mit dir", und während mein inneres 
Sprechen sonst nur mit ganz undeutlichen Klangbildern 
und kaum intensiveren Lippengefühlen vor sich geht, 
hörte ich in der Gefahr diese Worte, als ob man sie mir 



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64 Das Sprachgebiet ein zusammenhängender Rindenbezirk. 

ms Ohr rufen würde, und sah sie gleichzeitig wie gedruckt 
auf einem flatternden Zettel. 



Wir weisen also die Annahmen zurück, dass der 
Sprachapparat aus gesonderten Centren bestehe, welche 
durch functionsfreie Rindengebiete getrennt sind, ferner 
dass an bestimmten Rindenstellen, welche Centren zu 
nennen sind, die Vorstellungen (Erinnerungsbilder), welche 
der Sprache dienen, aufgespeichert liegen, während deren 
Association ausschliesslich durch weisse Fasermassen unter- 
halb der Rinde besorgt wird. Dann bleibt uns nur übrig, 
die Anschauung auszusprechen, dass das Sprachgebiet 
der Rinde ein zusammenhängender Rindenbezirk 
ist, innerhalb dessen die Associationen und Uebertragungen, 
auf denen die Sprachfunctionen beruhen, in einer dem Ver- 
ständniss nicht näher zu bringenden Complicirtheit vor 
sich gehen. 

Wie erklären wir aber auf Grund solcher Annahme die 
Existenz der Sprachcentren, welche die Pathologie uns 
enthüllt hat, vor Allem der Broca' sehen und der Wer nicke- 
schen Stelle? Hier kann ein Blick auf die convexe Ober- 
fläche einer linken Hemisphäre die Aufklärung bringen. 
Die sogenannten Centren der Sprache zeigen nämlich 
Lageverhältnisse, welche nach einer Deutung verlangen 
und auf Grund unserer Anschauungen dieselbe auch finden 
können. Sie liegen weit voneinander ab; wenn wir 
Naunyn folgen, im hinteren Theil der ersten Temporal- 
windung, im hinteren Theil der dritten Stirnwindung, im 
unteren Scheitelläppchen, wo der Gyrus angularis in den 
Hinterhauptslappen übergeht; die Lage eines vierten 
Centrums für die Schreibbewegungen scheint nicht genügend 
sichergestellt (hinterer Theil der mittleren Stirnwindung?). 
Sie liegen ferner so, dass sie ein. grosses Rindengebiet, 
dessen Läsion wahrscheinlich immer mit Sprachstörung 
verbunden ist, zwischen sich fassen (die Insel mit den 
sie bedeckenden Windungsantheilen), und obwohl ihre 
Ausdehnung nach der Zusammenstellung der bei Aphasie 



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Die Centren sind die Ecken des Sprachfeldes. 65 

gefundenen Läsionen nicht genau abzugrenzen ist, kann 
man doch sagen, dass sie die äussersten Bezirke des von 
uns supponirten Sprachgebietes bilden, dass Sprach- 
störung nach innen von den Centren (gegen den Mittel- 
punkt des Hemisphärenbogens) vorkommt, während nach 
aussen von ihnen Eindentheile anderer Bedeutung liegen. 
Erscheinen die „Centren" so als die Ecken des Sprach- 
feldes, so kommt ferner in Betracht, an welche andere Ge- 
biete diese Centren aussen anstossen. Die Broca'sche Stelle 
liegt in nächster Nachbarschaft der motorischen Centren 
für die Bulbärnerven; die Wernicke'sche Stelle liegt 
in einem Gebiete, welches die Akusticusendigung enthält, 
deren genauer Ort nicht bekannt ist, und das visuelle 
Centrum stösst an die Stellen des Hinterhauptlappens, in 
denen wir die Endigung des Nervus opticus suchen. Eine 
solche Anordnung, nach der Theorie der Centren bedeutungs- 
los, erklärt sich uns folgendermassen: 

Das Associationsgebiet der Sprache, in welches optische, 
akustische und motorische (oder kinästhetische) Elemente 
eingehen, breitet sich eben darum zwischen den Rinden- 
feldern dieser Sinnesnerven und den betreffenden 
motorischen Eindenfeldern aus. Denken wir uns nun 
in diesem Associationsfelde eine Läsion verschiebbar, so 
wird dieselbe um so mehr Effect machen (bei gleicher Aus- 
dehnung), je näher an eines der Rindenfelder sie heranrückt, 
je peripherischer im Sprachbezirk sie also liegt. Stösst sie 
unmittelbar an eines dieser Rindenfelder an, so wird sie 
dem Associationsgebiet der Sprache einen seiner Zuflüsse 
abschneiden, dem Sprachmechanismus wird das optische, 
akustische Element u. s. w. fehlen, da jede Associations- 
anregung dieser Natur von dem betreffenden Rindenfelde 
ausgegangen ist. Verschiebt man die Läsion weiter ins 
Innere des Associationsfeldes, so wird ihr Effect ein un- 
deutlicher sein; keinesfalls - wird sie alle Associations- 
möglichkeiten von einer Art vernichten können. Auf diese 
Weise gewinnen die an die Rindenfelder des Opticus, 
Akusticus und der motorischen Hirnnerven anstossenden 

Freud, Aphasie. x 



rw-*nlf" Original from 

sy^U^lL UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



66 Di e Centren haben blos eine pathologisch-anatomische Bedeutung. 

Theile des Sprachfeldes die Bedeutung, welche die Pathologie 
aufweist, und welche zu ihrer Aufstellung als Centren der 
Sprache geführt hat. Diese Bedeutung gilt aber blos für 
die Pathologie und nicht auch für die Physiologie des 
Sprachapparates, denn man kann nicht behaupten, dass in 
ihnen andere oder bedeutsamere Vorgänge stattfinden, als 
in jenen Theilen des Sprachfeldes, deren Läsion besser 
vertragen wird. Es folgt diese Anschauung unmittelbar aus 
der Weigerung, den Vorgang der Vorstellung von dem der 
Association zu trennen, und beide Vorgänge an verschiedene 
Stellen zu localisiren. 

Wer nicke hat sich diesen Anschauungen in etwas 
genähert, wenn er in seinen letzten Aeusserungen über 
dieses Thema die Berechtigung bezweifelt; für das Lesen 
besondere Centren innerhalb der optischen Rindenendigung, 
für das Schreiben innerhalb der sogenannten motorischen 
Armregion anzunehmen (1. c. p. 477). Seine Bedenken sind aber 
nicht principieller Natur, indem sie auf die blos anatomische 
Abänderung hinauslaufen, dass die für die Sprache wichtigen 
optischen und cheiromotorischen Erinnerungsbilder inner- 
halb der anderen gleicher Natur zerstreut liegen. Dagegen 
ist Heubner durch die Würdigung des von ihm mit- 
getheilten Falles zu einer zweifelnden Frage gedrängt 
worden, welche der für die Sprache von uns behandelten 
analog ist: „Oder gibt es vielleicht gar keine Rindenfelder 
für die Seelenblindheit, -taubheit, -lähmung? Entsteht 
vielmehr das Symptom dieser Zustände nur dadurch, dass 
die den genannten Functionen unmittelbar dienenden 
Rindenfelder von der übrigen Hirnrinde durch benachbarte 
Erweichungsherde abgesperrt werden?" 



Wir haben noch zwei Bedenken zu erledigen, welche 
sich gegen den Werth unserer Auffassung von den Centren 
richten könnten. 

1. Wenn die Zerstörung des Stückes vom Sprach- 
gebiet, welches unmittelbar an ein Rindenfeld (des 



f Original fronn 

jy V^UUglt UNI VERSITY OF CALIFORNIA 



Consequenzen aus der einseitigen Ausbildung des Sprachfeldes. 67 

Opticus, Akusticus, der Hand, Zunge etc.) anstösst, die 
geschilderten Folgen für die Sprachfunction hat, blos weil 
dadurch die Verbindung mit den optischen, akustischen und 
anderen Associationsanregungen unterbrochen ist, so müsste 
ja die Zerstörung dieser Eindenfelder selbst dieselbe Folge 
für die Sprache haben. Dies würde aber direct unseren 
Erfahrungen widersprechen, welche uns die Localsymptome 
aller solcher Läsionen ohne Sprachstörung nachweisen. 
Dieser erste Einwand erledigt sich leicht, wenn man in 
Betracht zieht, dass alle anderen Eindenfelder doppel- 
seitig vorhanden sind, das Associationsfeld der 
Sprache aber nur auf einer Hemisphäre organisirt 
ist. Die Zerstörung des einen optischen Rindenfeldes z. B. 
wird die Verwerthung der visuellen Erregungen für die 
Sprache (das Lesen) nicht stören, weil das Sprachfeld dabei 
seine (diesmal durch gekreuzte weisse Fasern) hergestellte 
Verbindung mit dem optischen Rindenfeld der anderen 
Seite behält. Rückt die Läsion aber an die Grenze des 
optischen Rindenfeldes, so tritt Alexie auf, weil nicht nur 
die Verbindung mit dem gleichseitigen, sondern auch die mit 
dem gekreuzten optischen Rindenfeld unterbrochen sein mag. 
Wir haben also die Annahme hinzuzufügen, dass der Anschein 
von Centren weiterhin dadurch entsteht, dass die ge- 
kreuzten Verbindungen von den Rindenfeldern der anderen 
Hemisphäre an denselben Stellen, nämlich an der Peripherie 
des Sprachfeldes, hinzukommen, wo auch die Verbindung 
mit dem gleichseitigen Rindenfelde vor sich geht. Dies ist 
plausibel, weil ja für die Leistung der Sprachassociation 
das doppelte Vorhandensein der optischen, akustischen 
und anderen Anregungen keine physiologische Bedeutung 
besitzt. 

Es ist dies übrigens keine neue Annahme, sondern eine 
der Centrentheorie entlehnte, dass solche Verbindungen 
des Sprachbezirkes mit den beiderseitigen Rindenfeldern 
existiren. Die anatomischen Verhältnisse' dieser gekreuzten 
Association sind übrigens noch nicht sichergestellt und 
dürften, wenn bekannt, manche Eigenthümlichkeit in Lage 

5* 



C^f\f\ri\i> Original frarm 

VjUU^K, UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



68 Das Sprachfeld hat keine besonderen zuführenden Bahnen. . 

und Ausdehnung der scheinbaren Centren, sowie manche 
individuelle Ausprägungen der Sprachstörungen erklären. 
2. Man könnte fragen, welchen Werth es wohl hat, 
besondere Centren für die Sprachfähigkeit zu bestreiten, 
wenn wir dabei doch genöthigt sind, von Rindenfeldern, 
also Centren, des Opticus, des Akusticus und der motorischen 
Sprachorgane zu reden? Darauf lässt sich erwidern, dass 
ähnliche Betrachtungen auch für die anderen sogenannten 
motorischen und Sinnescentren der Rinde zu wiederholen 
wären, dass man aber Rindenfelder, selbst besser abgegrenzte, 
für die anderen Functionen nicht bestreiten kann, weil solche 
durch die anatomische Thatsache der Endigung des Sinnes- 
nerven oder des entsprechenden Antheiles der Pyramidenbahn 
in bestimmten Hirnrindengebieten charakterisirt sein mögen. 
Das Associationsfeld der Sprache aber entbehrt dieser 
directen Beziehungen zur Peripherie des Körpers, es hat 
sicherlich keine eigenen sensibeln, und höchst wahrschein- 
lich auch keine besonderen motorischen „Projections- 
bahnen". 1 ) 

VI. 

Unsere Vorstellung vom Aufbau des centralen Sprach- 
apparates ist also die eines zusammenhängenden Rinden- 
gebietes, welches den Raum zwischen den Endstätten des 
Nervus opticus, acusticus und der motorischen Hirn- und 



*) Den wesentlichen Inhalt dieser Studie habe ich bereits im Jahre 1886 
in einem Vortrage dem „Wiener physiologischen Club" mitgetheilt, dessen 
Verhandlungen aber statutengemäss keinen Anspruch auf Priorität begründen. 
1887 erstatteten Nothnagel und Naunyn auf dem Congress für innere 
Medicin zu Wiesbaden jenes so bekannt gewordene Referat: „Ueber die 
Localisation der Gehirnkrankheiten", welches in mehreren wichtigen 
Punkten mit dem Inhalt der vorliegenden Schrift zusammentrifft. Die Aus- 
führungen Nothnagel^ über die Auffassung der Rindencentren, sowie die 
Bemerkungen Naunyn's über die topographischen Verhältnisse der Sprach- 
centren, werden wahrscheinlich jeden Leser auf die Vennut hung bringen, 
dass meine Studie auf den Einfluss des hochbedeutsamen Referates jener 
beiden Forscher zurückzuführen sei. Doch trifft dies nicht zu ; die Anregung 
zu dieser Arbeit erwuchs mir vielmehr aus den Arbeiten Einer' s mit 
meinem verstorbenen Freunde Josef Paneth in Pflüger's Archiv. 



CoOQle Original from 

\juugic (JNIVERSITYOF CALIFORNIA 



Alle Aphasien beruhen auf Leitimgsunterbrechung. 69 

Extremitätennerven in der linken Hemisphäre einnimmt, und 
demnach wahrscheinlich gerade jene Ausdehnung besitzt, die 
Wernicke in seiner ersten Arbeit ihm zuweisen wollte: 
das Gebiet der ersten Urwindung um die Sylvi'sche Spalte. 
Wir haben es abgelehnt, die psychischen Elemente des 
Sprachvorganges an bestimmte Stellen dieses Gebietes zu 
localisiren, haben die Vermuthung zurückgewiesen, als 
beständen innerhalb dieses Gebietes Eegionen, welche von 
der gemeinen Sprachthätigkeit ausgeschlossen sind und für 
neue Erwerbungen an Sprachkenntnissen frei gehalten 
werden ; wir haben endlich die Thatsache, dass die Patho- 
logie uns Centren der Sprache in allerdings unbestimmter 
Begrenzung kennen lernt, auf die anatomischen Lagever- 
hältnisse der begrenzenden Eindenfelder und der von der 
rechten Hemisphäre einstrahlenden Verbindungsbahnen 
zurückgeführt. Somit sind die Centren der Sprache für uns 
Rindenstellen geworden, welche zwar eine besondere 
pathologisch-anatomische, aber keine besondere physio- 
logische Bedeutung beanspruchen dürfen; wir haben das 
Recht erworben, die Unterscheidung der sogenannten 
„Centrum"- oder corticalen Aphasien von den Leitungs- 
aphasien zu verwerfen und zusagen, dass alle Aphasien 
auf Associations», also auf Leitungsunterbrechung 
beruhen. Aphasie durch Zerstörung oder Läsion eines 
„Centrums" ist für uns nicht mehr und nicht weniger als 
Aphasie durch Läsion jener Associationsbahnen, die in dem 
Centrum genannten Knotenpunkte zusammenlaufen. 

Wir haben auch behauptet, dass jede Aphasie auf 
Störung in der Hirnrinde selbst (direct oder durch Fern- 
wirkung entstandene) zu beziehen ist, was so viel bedeuten 
will, als das Sprachgebiet besitze keine ihm eigentüm- 
lichen zu- und ableitenden Bahnen, die bis zur Körper- 
peripherie reichen. Der Beweis dieser Behauptung liegt 
darin, dass subcorticale Läsionen bis zur Peripherie keine 
Sprachstörung erzeugen können, wenn wir dieAnarthrie 
von den anderen Sprachstörungen der Definition nach 
absondern. Es ist niemals beobachtet worden, dass ein 



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70 Die subcorticale sensorische Aphasie. 

Mensch durch eine Läsion im Akusticusstamm, in der 
Oblongata, im hinteren Vierhügelpaar oder in der inneren 
Kapsel worttaub geworden wäre, ohne auch sonst taub zu 
sein, oder dass eine partielle Läsion des Opticusstammes, des 
Zwischenhirns u. s. w. ihn leseblind gemacht hätte. Allerdings 
unterscheidet Lichtheim eine subcorticale Worttaubheit, 
eine subcorticale motorische Aphasie, undWernicke nimmt 
subcorticale Alexien und Agraphien an. Diese Formen 
von Sprachstörung leiten sie nicht von Läsionen sub- 
corticaler Associationsbündel ab, welche unsere Betrach- 
tung von den in der Einde selbst verlaufenden Associations- 
bündeln nicht zu sondern braucht, sondern von Läsionen 
radiärer, also zu- und abführender, Sprachbahnen. Es 
erwächst uns also die Aufgabe, auf die Analyse dieser 
subcorticalen Sprachstörungen näher einzugehen. 

Die Charakteristik einer subcorticalen sensorischen 
Aphasie lässt sich aus dem Lichtheim'schen Schema, 
welches eine besondere Hörbahn ccÄ (Fig. 3) für die Sprache 
kennt, leicht ableiten. Der Kranke wäre nicht im Stande, neu 
anlangende Wortklänge aufzunehmen, verfügt aber über 
die Klangbilder und vollzieht alle Sprachfunctionen voll- 
kommen correct. Lichtheim hat auch in der That einen 
derartigen Fall aufgefunden, dessen erste Krankheitsstadien 
zwar nicht völlig aufgeklärt sind, der aber in seinem 
Endverhalten dem durch Unterbrechung von aA entstehen- 
den Bilde völlig entsprach. Ich gestehe, dass es mir mit 
Rücksicht auf die Bedeutung, welche den „Klangbildern" 
für den Gebrauch der Sprache zukommt, ausserordentlich 
schwer gefallen ist, dieser subcorticalen sensorischen 
Aphasie eine andere Erklärung unterzulegen, welche auf 
die Annahme einer zuführenden Hörbahn aA verzichtet. 
Ich war schon im Begriffe, diesen Lichtheim' sehen Fall 
durch eine individuelle Unabhängigkeit der anderen 
Sprachelemente von den Klangbildern zu erklären, denn 
Lichtheim's Kranker war ein hochgebildeter Zeitungs- 
schreiber. Doch wäre hierin mit Recht nichts als eine 
Ausflucht zu sehen gewesen. 



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Giraudeau's Fall von Wortschwerhörigkeit. 71 

Ich habe darum nach ähnlichen Fällen in der Literatur 
gesucht. Wernicke theilt anlässlich seiner Besprechung 
der Lichtheim' sehen Arbeit mit, dass er eine ganz ana- 
loge Beobachtung gemacht und dieselbe in den fort- 
laufenden Berichten aus seiner Klinik mittheilen werde. 
Ich habe aber das Ungeschick gehabt, diese Mittheilung 
in der Literatur nicht aufzufinden. 1 ) Dagegen stiess ich auf 
einen Fall von Giraudeau, 2 ) der wenigstens eine grosse 
Aehnlichkeit mit dem Lichtheim'schen hat. Die Kranke 
{Bouquinet) war in ihrer Sprache vollkommen ungestört 
und dabei gleichfalls in hohem Grade worttaub, ohne taub 
zu sein (wenngleich die Feststellung des letzteren Punktes 
etwas zu wünschen übrig lässt). Sie war zum mindesten 
„wortschwerhörig" Sie verstand an sie gerichtete Fragen, 
aber erst wenn man dieselben mehrmals vor ihr wieder- 
holte, und häufig auch dann nicht. Hatte sie einmal eine 
Frage verstanden und beantwortet, so setzten alle späteren 
Antworten den einmal angeregten Gedankengang fort, ohne 
auf die später gestellten Fragen Kücksicht zu nehmen. 
Der Unterschied der beiden Fälle verringert sich noch mehr, 
wenn wir in Betracht ziehen, dass Lichtheim's Kranker 
ein anderes Verhalten als sonst Worttaube zeigte. Er gab 
sich gar keine Mühe, die an ihn gerichten Fragen zu 
verstehen, er gab überhaupt keine Antwort und schien 
seine Aufmerksamkeit dem Gehörten gar nicht zuwenden 
zu wollen. Vielleicht dass der Kranke durch dieses vor- 
sätzliche Benehmen den Anschein der völligen Worttaub- 
heit erwarb, während sich sonst gezeigt hätte, dass sein 
Sprachverständniss wie das der Bouquinet durch wieder- 
holte dringende Anforderungen zu erzwingen war. Die Wort- 
tauben vernehmen sonst die Sprache, die sie nicht ver- 
stehen, sie glauben etwas verstanden zu haben, und 



*) Nachschrift bei der Correctur: Auf eine private Anfrage an 
der Breslauer Klinik erhielt ich die Antwort, dass die von Wernicke in 
dem erwähnten Zusammenhange berührten Fälle in der That noch nicht 
publicirt worden sind. 

2) Giraudeau, Revue de midecine, 1882, auch bei Bernard 1. c. 



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72 Schwierigkeiten und wahrscheinliche 

ertheilen gewöhnlich eine aus dieser Voraussetzung folgende 
unpassende Antwort. 

Giraudeau's Kranke gelangte nun zur Section, und es 
erwies sich als Ursache ihrer Sprachstörung eine Läsion der 
ersten und zweiten Schläfenwindung, wie sie so häufig als 
Ursache gemeiner sensorischer Aphasie gefunden worden 
ist. Niemand, der einen Blick auf die Zeichnung wirft, die 
Griraudeau's Mittheilung beigegehen ist, wird vermuthen 
können, dass diese Läsion etwas Anderes als die gewöhn- 
liche Form der sensorischen Aphasie mit schwerer Sprach- 
störung verursacht habe. Es kommt aber noch etwas 
Anderes in Betracht. Die Läsion im Falle Giraudeau's 
ist wiederum eine ungewöhnliche, ein Tumor (Gliosarkom). 
Wir erinnern uns dabei einer Vermuthung, die wir bei 
Besprechung der transcorticalen motorischen Aphasie 
geäussert haben, dass der Sprachapparat wahrscheinlich 
nicht blos Localanzeichen gebe, sondern auch eine beson- 
dere Natur des Krankheitsprocesses durch eine Abänderung 
seiner functionellen Symptomatik verrathen dürfte. Wir 
sehen also, dass der Fall Giraudeau's nichts für die 
Existenz einer subcorticalen zuführenden Bahn ccA beweist. 
Der Tumor, den die Section aufdeckte, war nicht etwa 
von der weissen Substanz her nach aussen gewachsen, 
so dass er in einem früheren Stadium eine blos subcorti- 
cale Läsion ergeben hätte. Er war vielmehr mit den Hirn- 
häuten verwachsen, und aus der erweichten weissen 
Substanz leicht ausschälbar. Ich glaube also für die sub- 
corticale sensorische Aphasie annehmen zu können, dass 
sie nicht auf der Läsion der subcorticalen Bahn ccA, sondern 
auf einer Erkrankung derselben Eegion beruht, welche 
sonst für die corticale sensorische Aphasie verantwortlich 
gemacht wird. Für den besonderen functionellen Zustand, 
den ich in der so erkrankten Stelle voraussetzen muss, 
kann ich allerdings keine volle Aufklärung geben. 1 ) 

*) Nachschrift bei der Correctur: Ich bin trotz der oben stehen- 
den Erörterungen unter dem Eindrucke verblieben, dass die Erklärung der 
subcorticalen sensorischen Aphasie (der Worttaubheit ohne 



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Erklärung der subcorticalen sensorischen Aphasie. 73 

Für die subcorticale motorische Aphasie können wir 
uns kürzer fassen. Lichtheim charakterisirt sie durch 
die erhaltene Schreibfähigkeit bei sonstigem Verhalten wie 
die corticale motorische Aphasie. W ernicke, der die 



Sprachstörung) mir grosse Schwierigkeiten bereitet, während sie sich nach 
dem Lichtheim'schen Schema durch eine einfache Unterbrechung (der 
Bahn ccÄ) erledigt. Es war mir darum von grossem Werthe, noch während 
der Correcturen dieser Arbeit auf eine Mittheilung von Adler (Beitrag 
zur Kenntniss der selteneren Formen von sensorischer Aphasie. Neurol. 
Centralblatt vom 15. Mai und 1. Juni 1891) zu stossen, welche einen 
derartigen Fall als „Combination von subcorticaler und transcorticaler 
sensorischer Aphasie" beschreibt. 

Die Vergleichung des Adler'schen Falles mit dem Lichtheim'schen 
(und dem von Wernicke) lässt nun eine bessere Einsicht in die Bedingungen 
der sogenannten subcorticalen sensorischen Aphasie gewinnen Es sind insbe- 
sondere zwei Punkte, die hier aufklärend wirken: 1. Li cht heim erwähnt 
die Möglichkeit, dass sein Kranker „in leichtem Grade taub" genannt werden 
müsse, die Angaben über sein Hörvermögen sind sonst nicht ganz voll- 
ständig. Bei Wernicke's Kranken bestand ein Defect für hohe Töne, bei 
dem Kranken Adler's eine zweifellose Herabsetzung des Hörvermögens, 
die nach dem Autor höchstwahrscheinlich durch eine Störung im Schall- 
leitungsapparat bedingt war. Es ergibt sich heraus die Wahrscheinlichkeit, 
dass — wie bei den später zu erwähnenden Fällen von Arnaud — eine 
gemeine, peripherisch oder central bedingte Taubheit nicht ohne Einfluss 
auf das Krankheitsbild geblieben ist. 2. Entscheidender ist noch die folgende, 
kaum zufällig herbeigeführte Uebereinstimmung. Beide Fälle (Lichtheim 
und Adler; die knappe Mittheilung Wernicke's schweigt hierüber) haben 
das Bild der subcorticalen sensorischen Aphasie erst nach wiederholten 
Anfällen von Gehirnerkrankung ergeben, von denen mindestens einer 
die rechte, nicht der Sprachfunction dienende Hemisphäre betraf, denn 
der Kranke Lichtheim's wies eine linksseitige Facialparese, der 
A d 1 e r's eine linksseitige Hemiplegie auf. Adler hebt 
dies Zusammentreffen auch hervor, ohne natürlich dessen Bedeutung 
für die Erklärung der reinen Worttaubheit zu erkennen. Ich halte 
mich aber zur Annahme berechtigt, dass die subcorticale sensorische Aphasie 
nicht, wie es nach Lichtheim's Schema sein sollte, durch eine einfache 
Bahnunterbrechung, sondern durch unvollständige doppelseitige 
L ä s i n e n des Hörfcldes vielleicht unter dem Einflüsse peripherischer 
Hürstörungen (wie bei Arnaud) entsteht und finde, dass diese Compli- 
cation von Vorbedingungen für das anscheinend so einfache Bild von 
Sprachstörung besser zu meiner, als zu Lichtheim's Auffassung der sen- 
sorischen Aphasien stimmt. 



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74 Subcorticale motorische Aphasie und Anarthrie. 

Störungen der Schriftsprache einer eingehenderen Analyse 
unterzogen hat, beseitigt selbst dieses unterscheidende 
Merkmal. Für ihn kennzeichnet sich die subcorticale 
motorische Aphasie dadurch, dass die Kranken „im Stande 
sein werden, die Silbenzahl anzugeben". Wir haben gehört, 
welchen Controversen diese Licht heim' sehe Probe unter- 
liegt. Einige Beobachtungen von Dejerine 1 ) haben seither 
die Bedeutung der Lichtheim'schen Silbenprobe für die 
Diagnose der subcorticalen motorischen Aphasie bestätigt; 
nur, dass wir diese Fälle mit ebensogutem Rechte der 
Anarthrie, und nicht der Aphasie zurechnen könnten. 

Mehrere gut beobachtete Fälle, zuletzt einer von 
Eisenlohr, 2 ) lassen glauben, dass Läsion unterhalb der 
Broca' sehen Stelle eine Sprachstörung schafft, welche sich 
als literale Paraphasie bezeichnen lässt und den Ueber- 
gang zur Anarthrie darstellt. Für den motorischen Theil 
des Sprachapparates allein wäre also eine besondere Bahn 
zur Peripherie zuzugeben. 

Legen wir dem motorischen Rindengebiet der Sprache 
ein besonderes abführendes Bündel bei, so wollen wir doch 
bemerken, dass dessen Läsion Erscheinungen macht, welche 
sich, je tiefer, desto mehr, einer Anarthrie nähern. Die 
Aphasie bleibt darum doch eine Rindenerscheinung. 

Fügen wir also unserer Auffassung des Sprachapparates 
hinzu, dass er bis auf die Bahn, deren Läsion sich durch 
Anarthrie verräth, keine besonderen zu- oder abführenden 
Bahnen besitzt. Von den sogenannten subcorticalen Lese- 
und Schreibstörungen werden wir später in Kurzem handeln. 



Wir wollen nun nachsehen, welcher Annahmen wir 
für die Erklärung der Sprachstörungen auf Grund eines 
solchen Aufbaues des Sprachapparates bedürfen, mit an- 



1 ) Dejerine, Contribution ä Tdtude de Taphasie motrice sous-corticale 
et de la localisation ce're'brale des centres laryngis (muscles phonateurs). 
Compt. rend. de la Soc. de Biologie 1891, No 8. 

2 ) L. c. 



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Die Wortvorstellung. 7 5 

deren Worten, was uns das Studium der Sprachstörungen 
für die Function dieses Apparates lehrt. Dabei wollen wir 
die psychologische und die anatomische Seite des Gegen- 
standes möglichst voneinander trennen. 

Für die Psychologie ist die Einheit der Sprachfunction 
das „Wort", eine complexe Vorstellung, die sich als zu- 
sammengesetzt aus akustischen, visuellen und unästhetischen 
Elementen erweist. Die Kenntniss dieser Zusammensetzung 
verdanken wir der Pathologie, welche uns zeigt, dass bei 
organischen Läsionen im Sprachapparate eine Zerlegung 
der Rede nach dieser Zusammensetzung eintritt. Wir 
werden so darauf vorbereitet, dass der Wegfall einer dieser 
Elemente der Wortvorstellung sich als das wesentlichste 
Kennzeichen erweisen wird, welches uns auf die Locali- 
sation der Erkrankung zu schliessen gestattet. Man führt 
gewöhnlich vier Bestandtheile der Wortvorstellung an: 
„das Klangbild", das „visuelle Buchstabenbild", das „Sprach- 
bewegungsbild" und das „Schreibbewegungsbild". Diese 
Zusammensetzung erscheint aber complicirter, wenn man 
auf den wahrscheinlichen Associationsvorgang bei den 
einzelnen Sprachverrichtungen eingeht: 

1. Wir lernen sprechen, indem wir ein „Wortklan g- 
bild" mit einem „Wortinnervationsgefühl" associiren. 
Wenn wir gesprochen haben, sind wir in den Besitz einer 
„Sprachbewegungsvorstellung" (centripetale Empfin- 
dungen von den Sprachorganen) gelangt, so dass das 
„Wort" für uns motorisch doppelt bestimmt ist. Von den 
beiden bestimmenden Elementen scheint das erstere, die 
Wortinnervationsvorstellung, psychologisch den geringsten 
Werth zu besitzen, ja es kann deren Vorkommen als 
psychisches Moment überhaupt bestritten werden. Ausser- 
dem erhalten wir nach dem Sprechen ein „Klangbild" des 
gesprochenen Wortes. So lange wir unsere Sprache nicht 
weiter ausgebildet haben, braucht dieses zweite Klang- 
bild dem ersten nur associirt, nicht gleich zu sein. Auf 
dieser Stufe (der kindlichen Sprachentwickelung) bedienen 
wir uns einer selbst geschaffenen Sprache, wir verhalten 



GoOöle Original from 

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76 Der Associationsvorgang 

uns dabei auch wie motorisch Aphasische, indem wir ver- 
schiedene fremde Wortklänge mit einem einzigen selbst 
producirten associiren. 

2. Wir lernen die Sprache der Anderen, indem wir 
uns bemühen, das von uns selbst producirte Klangbild dem 
möglichst ähnlich zu machen, was den Anlass zur Sprach- 
innervation gegeben hat. Wir erlernen so das „Nach- 
sprechen". Wir reihen beim „zusammenhängenden 
Sprech en" dann die Worte aneinander, indem wir mit 
der Innervation des nächsten Wortes warten, bis das 
Klangbild oder die Sprachbewegungsvorstellung (oder beide) 
des vorigen Wortes angelangt ist. Die Sicherheit unseres 
Sprechens erscheint so überbestimmt und kann den Aus- 
fall des einen oder des anderen der bestimmenden Momente 
gut vertragen. Indes erklären sich aus diesem Wegfall 
der Correctur durch das zweite Klangbild und durch das 
Sprachbewegungsbild manche Eigenthümlichkeiten der — 
physiologischen und pathologischen — Paraphasie. 

3. Wir lernen buchstabiren, indem wir die visuellen 
Bilder der Buchstaben mit neuen Klangbildern verknüpfen, 
die uns indes an die bereits bekannten Wortklänge er- 
innern müssen. Das den Buchstaben bezeichnende Klang- 
bild sprechen wir sofort nach, so dass der Buchstabe uns 
wiederum durch zwei Klangbilder, die sich decken, und 
zwei motorische Vorstellungen, die miteinander correspon- 
diren, bestimmt erscheint. 

4. Wir lernen lesen, indem wir das Nacheinander der 
Wortinnervations- und Wortbewegungsvorstellungen, die 
wir beim Sprechen der einzelnen Buchstaben erhalten, nach 
gewissen Kegeln verknüpfen, so dass neue motorische 
Wortvorstellungen entstehen. Sobald letztere ausgesprochen 
sind, entdecken wir nach dem Klangbild dieser neuen 
Wortvorstellungen, dass uns beide Wortbewegungs- und 
Wortklangbilder, die wir so erhalten haben, längst bekannt 
und mit den während des Sprechens gebrauchten identisch 
sind. Nun associiren wir diesen buchstabirend gewonnenen 
Sprachbildern die Bedeutung, welche den primären Wort- 



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beim Sprechen und Lesen. 77 

klängen zukam. Wir lesen jetzt mit Verständniss. Wenn 
wir primär nicht eine Schriftsprache, sondern einen Dialekt 
gesprochen haben, so müssen wir die beim Buchstabiren 
gewonnenen Wortbewegungsbilder und Klangbilder den 
alten superassociiren und so eine neue Sprache erlernen, 
was durch die Aehnlichkeit von Dialekt und Schriftsprache 
erleichtert wird. 

Aus dieser Darstellung des Lesenlernens ersieht man, 
dass dasselbe einen sehr complicirten Vorgang ausmacht, 
dem ein wiederholtes Hin und Her der Associationsrichtung 
entsprechen muss. Man wird ferner darauf vorbereitet, dass 
die Störungen des Lesens bei der Aphasie in sehr ver- 
schiedenartiger Weise erfolgen müssen. Massgebend für eine 
Läsion des visuellen Elementes beim Lesen wird blos die 
Störung im Buchstabenlesen sein. Das Zusammensetzen 
der Buchstaben zu einem Worte geschieht während der 
Uebertragung auf die Sprachbahn, es wird also bei moto- 
rischer Aphasie aufgehoben sein. Das Verstehen des Gelesenen 
erfolgt erst vermittelst der Klangbilder, welche die ausge- 
sprochenen Worte ergeben, oder vermittelst der Wortbe- 
wegungsbilder, welche beim Sprechen entstanden sind. Es 
erweist sich also als eine Function, die nicht nur bei moto- 
rischer, sondern auch bei akustischer Läsion untergeht, ferner 
als eine Function, die unabhängig von der Ausführung des 
Lesens ist. Die Selbstbeobachtung zeigt Jedermann, dass 
es mehrere Arten des Lesens gibt, von denen die eine 
oder andere auf das Verständniss des Lesens verzichtet. 
Wenn ich Correcturen lese, wobei ich vorhabe, den visuellen 
Bildern der Buchstaben und anderen Schriftzeichen beson- 
dere Aufmerksamkeit zu schenken, entgeht mir der Sinn 
des Gelesenen so sehr, dass ich für stilistische Verbesse- 
rungen der Probe einer besonderen Durchlesung bedarf. 
Lese ich ein Buch, das mich interessirt, z. B. einen Roman, 
so übersehe ich dafür alle Druckfehler, und es kann mir 
geschehen, dass ich von den Namen der darin handelnden 
Personen nichts im Kopfe behalte als einen verworrenen 
Zug und etwa die Erinnerung, dass sie lang oder kurz sind, 



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78 ^ er Associationsvorgang 

und einen auffälligen Buchstaben, ein x oder z, enthalten. 
Wenn ich vorlesen soll, wobei ich den Klangbildern meiner 
Worte und deren Intervallen besondere Aufmerksamkeit 
schenken muss, so bin ich wieder in Gefahr, mich um den 
Sinn zu wenig zu kümmern, und sobald ich ermüde, lese ich 
so, dass es zwar der Andere noch verstehen kann, ich selbst 
aber nicht mehr weiss, was ich gelesen habe. Es sind dies 
Phänomene der getheilten Aufmerksamkeit, die gerade hier 
in Betracht kommen, weil das Verständniss des Gelesenen 
erst auf einem so weiten Umwege erfolgt. Dass von solchem 
Verständniss keine Rede mehr ist, wenn der Lesevorgang 
selbst Schwierigkeiten bietet, wird durch die Analogie mit 
unserem Verhalten beim Lesenlernen klar, und wir werden 
uns hüten müssen, den Wegfall eines solchen Verständ- 
nisses für Anzeichen einer Bahnunterbrechung zu halten. 
Das Lautlesen ist für keinen anderen Vorgang zu halten, 
als das Leiselesen, ausser dass es die Aufmerksamkeit von 
dem sensorischen Theil des Lesevorganges abziehen hilft. 

5. Wir lernen schreiben, indem wir die visuellen 
Bilder der Buchstaben durch Innervationsbilder der Hand 
reproduciren, bis gleiche oder ähnliche visuelle Bilder ent- 
standen sind. In der Regel sind die Schriftbilder den Lese- 
bildern nur ähnlich und superassociirt, da wir Druckschrift 
lesen und Handschrift schreiben lernen. Das Schreiben 
erweist sich als ein verhältnissmässig einfacher und nicht 
so leicht wie das Lesen zu störender Vorgang. 

6. Es ist anzunehmen, dass wir die einzelnen Sprach- 
functionen auch späterhin auf denselben Associationswegen 
ausüben, auf welchen wir sie erlernt haben. Es mögen 
dabei Abkürzungen und Vertretungen stattfinden, aber es 
ist nicht immer leicht zu sagen, von welcher Natur. Die Bedeu- 
tung derselben wird noch durch die Bemerkung herabgesetzt, 
dass in Fällen von organischer Läsion der Sprachapparat 
wahrscheinlich als Ganzes einigermassen geschädigt und 
zur Rückkehr zu den primären, gesicherten und umständ- 
licheren Associationsweisen genöthigt sein wird. Für das 
Lesen macht sich bei Geübten unzweifelhaft der Einfluss 



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beim Lesen und Schreiben. 



79 



des „visuellen Wortbild es" geltend* so dass einzelne 
Worte (Eigennamen) auch mit Umgehung des Buchstab irens 
gelesen werden können. 



Das Wort ist also eine complexe, aus den angeführten 
Bildern bestehende Vorstellung oder, anders ausgedrückt, 
dem Wort entspricht ein verwickelter Associationsvorgang ? 
den die aufgeführten Elemente visueller, akustischer und 
kinästhetischer Herkunft miteinander eingehen. 





Fig. 8- 


■ \ J^\Mße&t-Ässomatiöncn, 








J 


Wort* 


[ ^Ki&tttfhild 


( L— - — " ~ 




Betv#$ungs biid 





P syc ho logisch es Schema der Wortvoreteilung. 

Die Wortvnrwhdlung erscheint als ein abgeschlossener Vorstellungscomplex, 
die Ob jeetvor Stellung dagegen als ein offener. Die Wortvürstellung ist nicht 
von allen ihren Bcstundth eilen, sondern blas vom Klangbild hei" mit der 
Objectvorstcllung verknüpft Unter den Objecto sociatlünen sind es die 
visuellen, welche das Object in ähnlicher Weise vertreten wie das Klangbild 
das Wort vertritt. Die Verbindungen des Wortklangbild es mit anderen 
Objectassociationen als den visuellen sind nicht eingezeichnet. 

Das Wort erlangt aber seine Bedeutung durch die Ver- 
knüpfung mit der „Objectvorstellung" wenigstens wenn wir 
unsere Betrachtung auf Substantiva beschränken. Die Object- 
Vorstellung selbst ist wiederum ein Associationscomplex aus 
den verschiedenartigsten visuellen, akustischen, taktilen, kin- 



3V 



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UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



80 Wort- und Objectvorstellung. 

ästhetischen und anderen Vorstellungen. Wir entnehmen der 
Philosophie, dass die Objectvorstellung ausserdem nichts 
Anderes enthält, dass der Anschein eines „Dinges", für dessen 
verschiedene „Eigenschaften" jene Sinneseindrücke sprechen, 
nur dadurch zu Stande kommt, dass wir bei der Aufzählung 
der Sinneseindrücke, die wir von einem Gegenstande er- 
halten haben, noch die Möglichkeit einer grossen Reihe 
neuer Eindrücke in derselben Associationskette hinzu nehmen 
(J. S. Mill). 1 ) Die Objectvorstellung erscheint uns also 
nicht als eine abgeschlossene, kaum als eine abschliess- 
bare, während die Wortvorstellung uns als etwas Ab- 
geschlossenes, wenngleich der Erweiterung Fähiges erscheint. 
Die Behauptung, die wir auf Grund der Pathologie der 
Sprachstörungen nun aufstellen müssen, geht dahin, dass 
die Wortvorstellung mit ihrem sensibeln Ende 
(vermittelst der Klangbilder) an die Objectvor- 
stellung geknüpft ist. Wir gelangen somit dazu, zwei 
Classen von Sprachstörung anzunehmen: 1. Eine Aphasie 
erster Ordnung, verbale Aphasie, bei welcher blos die 
Associationen zwischen den einzelnen Elementen der Wort- 
vorstellung gestört sind, und 2. eine Aphasie zweiter Ord- 
nung, asymbolische Aphasie, bei welcher die Association 
von Wort- und Objectvorstellung gestört ist. 

Ich verwende die Bezeichnung Asymbolie in anderem 
Sinne, als seit Finkelnburg') gebräuchlich ist, weil mir die 
Beziehung zwischen Wort und Objectvorstellung eher den 
Namen einer „symbolischen" zu verdienen scheint, als die 
zwischen Object und Objectvorstellung. Störungen im Er- 
kennen von Gegenständen, welche Finkeinburg als Asym- 
bolie zusammenfasst, möchte ich vorschlagen „Agnosie" zu 
nennen. Es wäre nun möglich, dass agnos tische Störungen, 
die nur bei doppelseitigen und ausgebreiteten Rindenläsionen 



*) J. St Mill, Logik I, Cap. III, und: An examination of Sir William 
Hamiltons philosophy. 

*) Nach Spam er, Ueber Aphasie und Asymbolie, nebst Versuch 
einer Theorie der Sprachbildung. Archiv f. Psych. VI, 1876. 



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Die drei Arten von Aphasie. 81 

zu Stande kommen können, auch eine Störung der Sprache 
mit sich ziehen, da alle Anregungen zum spontanen Sprechen 
aus dem Gebiet der Objectassociationen stammen. Solche 
Sprachstörungen würde ich Aphasien dritter Ordnung 
oder agnostische Aphasien heissen. Die Klinik hat uns 
in der That einige Fälle kennen gelehrt, welche diese 
Auffassung fordern. 

Die erste dieser agnostischen Aphasien ist ein Fall 
von F arges, 1 ) der schlecht beobachtet und durch die 
Bezeichnung „Aphasie chez une tactile" auch in möglichst 
unpassender Weise gedeutet worden ist. Doch hoffe ich so 
viel klärstellen zu können, als zur Erkennung des That- 
bestandes hinreicht. 

Es handelte sich um eine Kranke, die aus cerebraler 
Ursache erblindet war, also wahrscheinlich doppelseitige 
Rindenherde hatte. Dieselbe reagirte nicht auf Anreden 
und wiederholte unaufhörlich, wenn man sich mit ihr in 
Verbindung setzen wollte: „Je ne veux pas, je ne peux 
pas !" im Tone der äussersten Ungeduld. Sie erkannte den 
Arzt auch nicht an seiner Stimme. Sobald der Arzt ihr 
aber den Puls fühlte, ihr also eine Tastvorstellung zukommen 
liess, erkannte sie ihn, nannte richtig seinen Namen, unter- 
hielt sich mit ihm ohne Sprachstörung u. s. w., bis er ihre 
Hand freiliess und dadurch wieder für sie unerreichbar 
wurde. Dasselbe geschah, wenn man ihr eine Tastvorstellung 
(Geruchs-, Geschmackvorstellung) von einem Object ver- 
schaffte. So lange sie dieselbe hatte, verfügte sie auch über 
die erforderten Worte und benahm sich in zweckmässiger 
Weise; sobald ihr dieselbe entzogen war, wiederholte sie 
ihre monotone Betheuerung der Ungeduld, oder sprach 
unzusammenhängende Silben und erwies sich dem Sprach- 
verständniss unzugänglich. Diese Kranke hatte also einen 
vollkommen intacten Sprachapparat, über den sie so lange 
nicht verfügen konnte, bis er nicht von den allein erhaltenen 
Objectassociationen aus angeregt worden war. 



*) F arges, Aphasie chez une tactile. L'ence'phale. 1885. Nr. 5. 

F r eu d, Aphasie. ß 



{~*rw~»nlr* Original from 

jyviwglt UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



82 Die agnostische Aphasie. 

Eine zweite solche Beobachtung hat CS. Freund 1 ) ver- 
anlasst, die Kategorie der optischen Aphasie aufzustellen. 
Freund's Kranker zeigte Schwierigkeiten beim spontanen 
Sprechen und beim Benennen der Gegenstände ganz wie 
bei sensorischer Aphasie durch Läsion des akustischen 
Gebietes. Eine „Kerze" nannte er z. B. eine „Brille"; 
bei nochmaligem Ansehen sagte er: „Es ist halt so zum 
Aufsetzen, ein Cylinder", hierauf: „Es ist doch halt mal ein 
Stearinlicht." Liess man ihn aber den Gegenstand bei 
geschlossenen Augen in die Hand nehmen, so fand er 
schnell den richtigen Namen. Der Sprachapparat war also 
intact, er reagirte blos fehlerhaft von den optischen Object- 
associationen her, während er bei Anregung von den 
tactilen Objectassociationen richtig arbeitete. Der Einfluss 
der Störung in den Objectassociationen geht im Falle 
Freund's übrigens nicht so weit wie in dem von 
F arges. Freund' s Kranker verschlechterte sich pro- 
gressiv, wurde später vollkommen worttaub und zeigte 
bei der Section Läsionen, die nicht nur das Sehgebiet, 
sondern auch das Sprachgebiet betrafen. 

Die Thatsache, dass Störungen in den optischen 
Elementen der Objectvorstellungen eine solche Einwirkung 
auf die Sprachfunction üben können, erklärt sich daraus, 
dass die Gesichtsbilder die hervorragendsten und wichtigsten 
Bestandtheile unserer Objectvorstellungen sind. Wenn sich 
bei einem Menschen die Denkarbeit wesentlich mit Hilfe dieser 
optischen Bilder vollzieht, wofür nach Charcot individuelle 
Ausprägung massgebend ist, müssen doppelseitige Läsionen im 
optischen Rindengebiet Störungen auch der Sprachfunctionen 
hervorrufen, die weit über das durch Localisation Erklärbare 
hinausgehen. Farges hätte seine Beobachtung mit weit mehr 
Eecht als „Aphasie chez une visuelle" bezeichnen dürfen. 

Während diese Fälle von agnostischer Aphasie auf 
functioneller Fernwirkung ohne organische Läsion des 
Sprachapparates beruhen, muss bei den Fällen von ver- 

*) C. S. Freund, Ueber optische Aphasie und Seelenblindheit. Arch. 
f. Psych. XX, 1889. 



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Anatomisches Schema des Sprachap parates. 



83 



baier und ^symbolischer Aphasie die Läsion des Sprach- 
apparates selbst zum Ausdrucke kommen. Wir werden uns 
jetzt bemühen, hier die functionelien wie die topischen 

Fit?. & 




Anatomisches Schema des Sprachassociationsfeldes, 

Zur Erklärung des Anscheines von Sprachcentren. Die Rindenfelder des 
Akustkus, Opticus, des Armes und der Sprachmuseulatur sind durch Kreise 
schematisirt; die von ihnen in das Innere des Sprachfeldes gelangenden 
Associationsbahiien durch Strahlenbüsehel dargestellt. Wo letztere durch 
die von ihren Ursprüngen angeschnittenen Büschel gekreuzt werden, entsteht 
ein „Centrum" für das betreffende Associationselement Für das Akusticus- 
feld sind die doppelseitigen Verbindungen nicht eingezeichnet, theils um 
die Figur nicht zu verwirren t theils wegen der Unklarheit, die gerade über 
das Verhältnis von Hörfeld und akustischem Sprachcentrum besteht. — 
Die Verbindungen mit dem Opticusfeld auch räumlich in zwei Eündel zu 
zerlegen, gestattet die Erwägung, dass zur Lescassociiition die Atigen- 
bewegungen in besonderer Weise herangezogen sind* 

Momente, die bei der Erklärung dieser Sprachstörungen 
iu Betracht kommen, möglichst zu sondern. 

Wir entwerfen uns ein Schema, welches von den ge- 
naueren anatomischen Lage Verhältnissen absieht und nur die 
Beziehungen der einzelnen Elemente der Sprachassociationen 
darstellen soll (Fig. 9)* Wir stellen in demselben durch 



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84 Die reine Asyrabolie. 

Kreise nicht die sogenannten Centren der Sprache, sondern 
die Rindenfelder dar, zwischen denen die Sprachassociationen 
verlaufen. Die ihnen zunächst anstossenden Partien des 
Sprachfeldes gewinnen die Bedeutung von Sprachcentren 
durch die (bei der Hand, der Sprachmusculatur und beim 
Opticus eingezeichneten) gekreuzten Verbindungen mit der 
anderen Hemisphäre. Es ergibt sich dann, dass es drei Sprach- 
störungen gibt, welche in der verbalen Aphasie dieLocalisation 
einer Läsion zum Ausdruck bringen. Sitzt die Läsion nämlich 
in den, den Eindenfeldern benachbarten, als Centren der 
Sprache bekannten Theilen des Sprachfeldes, so wird sie zum 
Effect haben, dass die: 1. Uebertragung auf die Sprach- 
bahn, 2. auf die Schreibbahn der Hand, 3. das Erkennen 
der Buchstaben unmöglich ist, somit dass uncomplicirte 
motorische Aphasie, Agraphie, Buchstabenalexie entsteht. 
Je weiter central die Läsion ins Sprachfeld hineinrückt, 
desto weniger wird ihr Effect sich als Ausschaltung eines 
der Elemente aus den Sprachassociationen geltend machen, 
und desto mehr wird die Erscheinung der Sprachstörung 
von den functionellen Momenten abhängen, welche für den 
Sprachapparat unabhängig von dem Orte der Läsion be- 
stimmend sind. Wir können also in der verbalen Aphasie 
blos den Ausfall einzelner der Associationsele- 
mente auf Localisation beziehen und durch solche 
erklären. Es wird die Sicherheit der Diagnose fördern, 
wenn sich die Läsion zwar nicht tiefer ins Sprachgebiet, 
aber wohl weiter in die dasselbe begrenzenden Rinden- 
felder erstreckt, wenn also die motorische Aphasie von 
einer Hemiplegie, die Alexie von einer Hemianopsie 
begleitet ist. 

Die asymbolische Sprachstörung kann in einzelnen 
Fällen rein und als Folge einer Läsion, welche nicht aus- 
gebreitet ist, und senkrecht auf die Associationsrichtung 
verläuft, vorliegen. So ist es im Falle von Heubner, der 
eine geradezu ideale Abtrennung des Sprachgebietes von 
seinen Associationen durch einen Erweichungsherd aufzeigt, 
der um den Knoten des Sprachgebietes, die akustische Region, 



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Die Echolalie. 85 

herumläuft. Asymbolische Sprachstörung ohne Complication 
(mit Erhaltung aller Wortassociationen) kann sich vielleicht 
auch durch einen blos functionellen Zustand des ganzen 
Sprac happarates ergeben, denn Manches deutet darauf hin, 
dass die Verbindung von Wort- und Objectvorstellung der 
erschöpf barste Theil der Sprachleistung ist, gewissem assen 
ihr schwacher Punkt. Pick hat z. B. in einer interessanten 
Arbeit der vorübergehenden Worttaubheit nach epileptischen 
Anfallen Aufmerksamkeit geschenkt ! ) Die von ihm beobachtete 
Kranke zeigte während der Erholung vom Anfalle asym- 
bolische Sprachstörung. Sie war früher im Stande, Vor- 
gesprochenes zu wiederholen, ehe sie es verstand. 

Die Erscheinung der Echolalie, des Wiederholens von 
Fragen, scheint durchaus der asymbolischen Störung zuzu- 
gehören. In manchen dieser Fälle, z. B. in dem von 
Skwortzoff 2 ) (Obs. x) und Fränkel 3 ) (bei Ballet) 
erweist sich die Echolalie als ein Mittel, die erschwerte 
Beziehung des Gehörten zu den Objectassociationen durch 
Verstärkung der Wortklänge zu erreichen. Diese Kranken 
verstanden nämlich die Frage nicht unmittelbar, verstanden 
sie aber und konnten sie beantworten, nachdem sie sie 
wiederholt hatten. Wir werden uns an dieser Stelle auch 
der Aufstellung von Ch. Bastian erinnern, dass ein 
Sprachcentrum, das in seiner Function geschädigt ist, zuerst 
die Fähigkeit verliert, auf „willkürliche' ' Anregung hin zu 
arbeiten, während es noch auf sensibeln Anreiz und in 
Association mit anderen Sprachcentren leistungsfähig 
bleiben kann. Jede „willkürliche" Anregung der Sprach- 
centren geht aber durch das Gebiet der akustischen Vor- 
stellungen und besteht in einer Anregung derselben von 
den Objectassociationen aus. 

1 ) Pick, Zur Localisation einseitiger Gehörshallucinationen nebst 
Bemerkungen über transitoriscbe Worttaubheit. Jahrb. f. Psych. VIII. 1889 
und 1. c. Arch. f. Psych. XXII, 1891. 

2 ) Skwortzoff, De la ce'cite' et de la surdite* des mots dans Taphasie. 
Paris 1881. 

3 ) Ballet, Le langage inte*rieur et les diverses formes de Taphasie. 
Paris 1886. 



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86 Die gemischte asymbolisch- verbale Aphasie. 

Wir finden so, dass die Entstehung einer sogenannten 
transcorticalen sensorischen Aphasie auf Läsion beruhen 
kann, aber jedenfalls auch functionell begünstigt ist. 
Beiderlei Momente wirken hier in derselben Richtung. 

Häufiger als die reine Asymbolie ist die gemischte 
asymbolisch-verbale Aphasie durch Läsion des akustischen 
Elementes der Sprache. Da alle anderen Verbalassociationen 
an das Klangbild anknüpfen, wird eine irgend ausgiebige 
Läsion des Sprachgebietes in der Nähe des Akusticusfeldes 
beides zur Folge haben, sowohl die Unterbrechung der 
Wortassociationen untereinander, als die Störung der 
Wortassociation mit den Objectassociationen. Das so resul- 
tirende Bild ist das der sensorischen Aphasie Wer nicke's, 
welches auch Störungen im Lesevers tändniss, im Sprechen 
und Nachsprechen in sich fasst. Das Gebiet, um dessen 
Läsion es sich handelt, ist wahrscheinlich so gross, dass 
bei kleineren Läsionen bald die verbale, bald die asym- 
bolische Störung sich reiner ausprägt. Eine genaue ana- 
tomische Kenntniss der Stellen, an denen die verschieden- 
artigen Bahnen des akustischen Sprachfeldes einlangen 
wäre natürlich für alle Zwecke einer genaueren Localisation 
unentbehrlich. Eine solche ist derzeit nicht vorhanden. 

Wir dürfen nur annehmen, dass die wichtigste Associa- 
tionsrichtung für die Symbolassociation die zum optischen 
Rindenfeld ist, da unter den Objectassociationen die optischen 
Erinnerungsbilder gewöhnlich die Hauptrolle spielen. Sind 
diese Associationen unmöglich, so kann das Sprachfeld 
allerdings noch Impulse von der übrigen Rinde, nämlich 
von den tactilen, gustativen und anderen Associationen her 
erhalten, es kann überhaupt noch zum Sprechen angeregt 
werden. Wir erklären uns so, dass das spontane Sprechen 
bei noch so ausgeprägter asymbolisch -verbaler Aphasie 
nicht aufgehoben ist, aber die Charaktere der Verarmung 
an Redetheilen von enger Bedeutung zeigt. Diese (Haupt- 
wörter, Eigenschaftswörter) wurden meist auf optische 
Anregung hin gesprochen. Auf die Anregung von den 
anderen Objectassociationen her, welche wahrscheinlich an 



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Die sogenannte optische Aphasie. 87 

anderen Stellen des akustischen Feldes eintreten, producirt 
das Sprachfeld eben eine verstümmelte Sprache, oder es 
überträgt alle in ihm möglichen Anregungen, welche keiner 
engeren Objectassociation bedürfen, wie Partikeln, Silben 
(Kauderwelsch), auf die motorische Sprachbahn. 

Wir erinnern uns, dass zwischen der (allerdings sehr 
ausgebreiteten) Rindenendigung des Opticus und der 
des Akusticus nicht nur die Associationsbahnen verlaufen, 
welche Wort- und Objectvorstellung verknüpfen, sondern 
auch die Bahn, welche das Verständniss der visuellen Buch- 
stabenbilder ermöglicht. Es ist also möglich, dass bei 
gewisser Localisation eine Lesestörung nebst einer asym- 
bolischen Sprachstörung aus Gründen anatomischer Con- 
tiguität zu Stande kommt, und die Klinik zeigt, dass eine 
derartige Combination von Alexie mit grösseren oder 
geringeren Graden von Asymbolie thatsächlich bei Erkran- 
kung des parietalen Randes der ersten Urwindung beob- 
achtet wird. Das Zusammentreffen der beiden Symptome 
ist aber, wie gesagt, kein nothwendiges. Läsionen dieser 
Region erzeugen sonst nur Alexie" als rein verbale Störung; 
wenn ausserdem Asymbolie entstehen soll, so müssen 
doppelseitige Läsionen des optischen Rindengebietes vor- 
handen sein. In der Nähe des akustischen Sprachgebietes 
entsteht Asymbolie bereits in Folge einseitiger Läsion 
(wegen der Verbindung des „Sprachcentrums" mit den 
optischen Einstrahlungen aus beiden Hemisphären). Die 
Combination von Asymbolie mit Worttaubheit kommt also 
leichter zu Stande, als die von Asymbolie mit Alexie; die 
erstere bedarf einer nur einseitigen Läsion in der Nähe des 
akustischen Rindenfeldes, die zweite einer doppelseitigen 
Läsion, die aber dann von letzterem entfernt liegen kann. 1 ) 



1 ) Es ist wahrscheinlich nicht ohne Bedeutung, dass die reine (nach 
W ernicke subcorticale) Alexie so häufig bei Läsion des parietalen 
Randes der ersten Urwindung (Gyrus angularis und supramarginalis) gefunden 
wird. Wir erinnern uns, dass die Läsion des unteren Scheitelläppchens eine 
dauernde Seiten Wendung beider Augen hervorruft, jene Art der Augen- 
bewegung, die beim Lesen mit den visuellen Buchstabenbildern associirt wird- 



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88 Reaction des Sprachapparates 

C. S. Freund hat die in Eede stehende combinirte 
Sprachstörung als optische Aphasie beschrieben, indes, wie 
mir scheint, den Antheil der agnotischen Aphasie von dem 
der asymbolischen hierbei nicht getrennt. 1 ) 

So weit, scheint es, können wir den Einfluss des 
topischen Momentes der Läsion für die Symptomatologie der 
Sprachstörungen verfolgen. Wir haben im Wesentlichen 
herausgefunden, dass dieser Einfluss sich geltend macht, 
wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: 1. Wenn die Läsion 
in einem der Sprachcentren in unserem Sinne (den extremen 
Eegionen des Sprachassociationsfeldes) sitzt, und 2. wenn 
sie dasselbe völlig functionsuntüchtig macht. Der Erfolg der 
Läsion zeigt sich dann als Ausfall eines der Elemente, welche 
mitsammen die Sprachassociationen eingehen. Für alle 
anderen Fälle werden sich neben dem topischen Moment 
functionelle Verhältnisse bemerkbar machen, und zwar 
müssen wir dann unterscheiden, welche der beiden ange- 
führten Bedingungen unerfüllt geblieben ist. Sitzt die 
Läsion zwar in einem -der Knoten des Sprachapparates, 
aber ohne denselben zu destruiren, so wird dieses Element 
der Sprachassociation auf die Läsion als Ganzes mit einer 
Veränderung seiner Functionsbedingungen reagiren. Es 
kommen dann die Bastian'schen Modificationen zur Geltung. 
Sitzt die Läsion dagegen central, so wird sie selbst bei 
destructiver Wirkung nichts Anderes machen können, als 

*) Siemerling (Ein Fall von sogenannter Seelenblindheit nebst 
anderweitigen cerebralen Symptomen. Archiv f. Psych. XXI, 1890) hat 
gezeigt, „dass es gelingt, experimentell einen Zustand hervorzurufen, welcher 
dem der Seelenblindheit ähnlich ist, lediglich durch Herabsetzung der 
Sehschärfe und durch Monochromasie". Was man aber so experimentell 
erzeugt, deckt sich nicht völlig mit dem klinischen Bilde der optischen Agnosie. 
Es kommt hinzu, dass der Kranke auf Grund seiner undeutlichen Wahr- 
nehmungen illusionirt, während sich der Gesunde einfach unschlüssig 
fühlt. Desgleichen illusioniren die Aphasischen mit Alexie oder Worttaub- 
heit. Ein Kranker Boss' (1. c.) konnte stundenlang in der Zeitung lesen, 
ohne sie zu verstehen ; er wunderte sich dann darüber, was für Unsinn man 
jetzt in die Zeitung setze. Die Worttauben geben gewöhnlich Antwort, weil 
sie vermeinen, eine Frage verstanden zu haben. 



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auf central gelegene Läsionen. 89 

solche Functionsherabsetzungen, wie ich sie nun aufzu- 
zählen versuche, und wie sie sich aus der allgemeinen 
Beschaffenheit eines Associationsapparates überhaupt er- 
geben. Die Ausdehnung der Läsion beschränkt sich in 
diesem Falle durch die Bemerkung, dass sie nach keiner 
Seite ein Centrum berühren darf. 

Wir stellen für die Beurtheilung der Function des 
Sprachapparates unter pathologischen Verhältnissen den Satz 
von Hughlings Jackson voran, dass alle diese Reactions- 
weisen Fälle von functioneller Rückbildung (Dis-invo- 
lution) des hochorganisirten Apparates darstellen, und somit 
früheren Zuständen in dessen functioneller Entwickelung ent- 
sprechen. Es wird also unter allen Bedingungen eine spät 
entwickelte, höher stehende Associationsanordnung verloren 
gehen, eine früh gewonnene, einfachere erhalten bleiben. 

Unter diesem Gesichtspunkt erklärt sich eine grosse 
Anzahl von Erscheinungen der Aphasie. 1. Zunächst der 
Verlust neuer Spracherwerbungen als Superassociationen 
bei Erhaltung der Muttersprache in Folge irgend einer 
Erkrankung des Sprachapparates. Ferner die Natur der 
Sprachreste bei motorischer Aphasie, wobei so häufig nur 
„Ja" und „Nein" und andere seit Anfang des Sprechens 
gebrauchte Worte der Verfügung des Kranken er halten bleiben. 

2. Eine andere Behauptung kann lauten, dass die am 
häufigsten eingeübten Associationen der Zerstörung 
am ehesten widerstehen. Dahin gehört es, dass Agraphische 
noch am ehesten ihren Namen schreiben können, sowie viele 
Schreibunkundige gerade nur ihren Namen schreiben können. 
(Eine Erhaltung des eigenen Namens bei motorischer Aphasie 
kommt hingegen nicht vor und ist auch nicht zu erwarten, 
weil wir unseren Namen sehr selten aussprechen.) Der 
Einfluss des Berufes kann sich auf Grund dieses Satzes 
sehr auffällig zeigen; so entnehme ich z. B. Hammond die 
Beobachtung eines Schiffscapitäns, der, asymbolisch-aphasisch 
geworden, alle Gegenstände mit dem Namen von Schiffs- 
objecten bezeichnen musste. Auch ganze Sprachfunctionen 
werden sich diesem Satze entsprechend bei Läsionen mehr 



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90 Functionelle Momente, die sich aus 

oder minder widerstandsfähig verhalten. Ich bin geneigt, 
den Fall des Advocaten bei Marcö, 1 ) in dessen Aphasie 
das Schreiben nach dem Gehör besonders wenig geschädigt 
war, mit dem Autor auf die Einübung dieser Leistungen 
beim Aufnehmen der Informationen zu beziehen. Dass manche 
Symptome der Aphasie bei Hochgebildeten anders ausfallen 
als bei wenig Sprachfähigen, ist wohl zu erwarten und wäre 
im Einzelnen zu verfolgen. 

3. Dass das intensiv Associirte auch als Ergebniss eine s 
seltenen Sprachvorganges eine die Läsion überdauernde 
Kraft gewinnt, habe ich vorhin bei Erwähnung der Sprach- 
reste, welche nach Hughlings Jackson letzte Worte 
sind, angeführt. 

4. Es ist ferner bemerkenswertb, dass Wortvorstellungen, 
die zu Reihen associirt sind, besser erhalten werden als 
einzelne, und dass Worte desto leichter erhalten bleiben, 
je weitläufiger ihre Associationen sind. Ersteres gilt z. B. 
für die Zahlenreihe, die Reihe der Wochentage, Monate u. s.w. 
Der Kranke Grashey's konnte eine verlangte Zahl nicht 
direct angeben, er half sich dadurch, dass er von Anfang 
an zählte, bis er die verlangte Zahl erreicht hatte. Mitunter 
kann die ganze Associationsreihe hergesagt werden, aber 
nicht ein einzelnes Glied derselben, wofür Kussmaul 
u. A. reichliche Beispiele erbringen. Ja, es kommt selbst 
vor, dass Personen, die nicht ein Wort für sich heraus- 
bringen, den ganzen Text zu einem Liede singen können. 

5. Bei der Redestörung in Folge von Asymbolie sieht 
man deutlich, dass diejenigen Worte am ehesten verloren 
gehen, welche die engste Bedeutung haben, d. h. die nur 
von wenigen und bestimmten Objectassociationen aus auf- 
zufinden sind. — Eigennamen werden schon bei physiologischer 
Amnesie am ehesten vergessen, bei Asymbolie leiden zunächst 
die Hauptwörter, dann Eigenschaftswörter und Zeitwörter. 2 ) 



*) Bei Bastian, On the various forms etc. 1869. 
2 j Vgl. hierzu Broadbent, A case of peculiar affection of speech 
with commentary. Brain I, 1878—1879, pag. 494. 



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der Natur eines Associationsapparates ergeben. 91 

6. Die Einflüsse der Ermüdung bei längeren Associations- 
vorgängen, der herabgesetzten Dauer der Sinneseindrücke, 
der wechselnden und unsteten Aufmerksamkeit sind Momente, 
die bei der Ausprägung einer Sprachstörung oft sehr auf- 
fällig in Betracht kommen, aber keiner besonderen Belege 
bedürfen. 

Die meisten der hier zusammengestellten Momente 
ergeben sich aus den allgemeinen Eigenschaften eines auf 
Association eingerichteten Apparates und haben in ähn- 
licher Weise für die Leistungen anderer Hirnbezirke unter 
pathologischen Verhältnissen Geltung. Vielleicht das auf- 
fälligste Gegenstück zur Rückbildung der Anordnungen im 
Sprachbezirk bietet der Verlust des gesammten Gedächt- 
nisses, also aller Eindenassociationen bis zu einer bestimmten 
früheren Epoche, welcher gelegentlich nach Kopftrauma 
beobachtet worden ist. 



Wir haben bereits mehrmals die drei Stufen vermin- 
derter Functionsfahigkeit besprochen, welche Ch. Bastian 
für die Centren der Sprache aufgestellt hat. Wir können 
dieselben annehmen, auch wenn wir von Centren der 
Sprache im physiologischen Sinne absehen, indem wir sagen, 
der optische, akustische, kinästhetische Bestandtheil des 
Sprachapparates sei noch unter diesen oder jenen Bedin- 
gungen leistungsfähig. Dabei wollen wir noch im Auge 
behalten, dass die Bastian'schen Modificationen haupt- 
sächlich für Läsionen nicht völlig destruirender Natur 
gerade unserer Centren Geltung haben werden, denn 
wenn die Läsion nicht alle Sprachelemente einer Herkunft 
betrifft, wie dies bei ihrem Sitz an den Sammelpunkten der 
Fall ist, wird die Function des intact gebliebenen Nerven- 
gewebes die des beschädigten ersetzen und deren Schädigung 
verdecken. Hinter einer solchen Behauptung steckt natür- 
lich die Anschauung, dass eine einzelne Nervenfaser und- 
Nervenzelle nicht für eine einzigeSprachassociationsleistung 
in Anspruch genommen wird, sondern dass hier ein complicir- 
teres Verhältniss obwaltet. 



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92 Functionelle Modificationen des akustischen Elementes. 

Die Bastian'schen Modificationen stellen in gewissem 
Sinne gleichfalls Grade von Dis-involution, functioneller 
Eückbildung dar. Ich halte es aber für zweckmässig, die- 
selben für jedes Element der Sprachassociationsthätigkeit 
besonders in Erörterung zu ziehen. 

1. Das akustische Element ist das einzige, welches 
auf drei verschiedene Arten von Anregung hin arbeitet. 
Die von Bastian „willkürlich" genannte besteht in der 
Anregung von den Objectassociationen, genauer ausgedrückt 
von aller anderen Kindenthätigkeit her. Sie ist, wie wir 
gehört haben, diejenige, welche bei Schädigung des 
akustischen Centrums am leichtesten versagt, woraus eine 
partielle asymbolische Störung resultirt. Die Kundgebung 
letzterer besteht in Störung der spontanen Sprache und 
des willkürlichen Nennens von Gegenständen, in leichtesten 
Fällen in Schwierigkeit des Auffindens von Worten enger 
Bedeutung und geringer Associationsweite. 

Die associative Thätigkeit des akustischen Elementes 
steht im Mittelpunkte der gesammten Sprachfunction. Einen 
Fall von willkürlichem Versagen bei Erhaltung der Associa- 
tionsfähigkeit mit dem visuellen Element illustrirt das Beispiel 
von Grashey und das von Graves. Beispiele dafür, dass 
das akustische Element keine Association mehr leistet, 
während es noch auf directen Anreiz arbeitet, kann ich 
nicht auffinden; .ein solcher Zustand fällt wahrscheinlich 
mit der völligen Leistungsunfähigkeit zusammen, da die 
Arbeit des akustischen Centrums in der Association und 
nicht in einer Uebertragung auf eine zur Peripherie 
laufende Bahn besteht. Dagegen mag der Fall vorkommen, 
dass das akustische Element auf peripherische Anregung 
zwar noch Verbalassociationen, aber nicht mehr die Symbol- 
association herzustellen vermag. Diese Störung würde sich 
wiederum durch Asymbolie (Lichtheim's transcorticale 
sensorische Aphasie) verrathen. Wir sind geneigt, daraus 
zu schliessen, dass letztere Form der Sprachstörung so- 
wohl durch eine Läsion im akustischen Centrum selbst, 
als durch eine entferntere Läsion zwischen akustischem 



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Die Wortschwerhörigkeit. 93 

Centrum und optischem Eindengebiet erzeugt werden kann. 
Im ersteren Falle wäre sie functionell, im zweiten topisch 
begründet 

Die Unerregbarkeit der akustischen Elemente, die 
sich als Worttaubheit kundgibt, ist wohl jedesmal als 
topisches Symptom zu deuten. Eine Ausnahme scheint für 
jene ziemlich dunklen Fälle zu gelten, die ich nur bei 
Arnaud 1 ) erwähnt finde und als Wortschwerhörigkeit 
bezeichnen möchte. Ihre Auffassung muss davon ausgehen, 
dass sie jedesmal einen erheblichen Grad von gemeiner und 
doppelseitiger Schwerhörigkeit aufweisen. Diese Kranken 
sprechen völlig correct, verstehen aber nur mühsam 
bei besonders langsamer und deutlicher Articulation des 
Vorgesprochenen. Da sie dann ein lückenloses und un- 
bedenkliches Sprachverständniss zeigen, muss man von 
der Annahme einer centralen Läsion im akustischen Sprach- 
gebiete absehen. Der Unterschied im Verhalten dieser 
Kranken von dem gemein Schwerhörigen liegt nur darin, 
dass letztere gleichzeitig mit dem Hören verstehen, d. h. 
associiren, während bei ersteren das Sprachverständniss 
erst beginnt, wenn der peripherische Reiz gewisse Schwellen- 
werthe überschritten hat. 

Das Wortverständniss bei peripherischer Anregung 
haben wir uns wahrscheinlich nicht als blosse Fortleitung 
von den akustischen Elementen zu denen der Objectasso- 
ciationen zu denken; vielmehr dürfte beim verständniss- 
vollen Anhören einer Eede von den akustischen Elementen 
aus gleichzeitig die Verbalassociationsthätigkeit angeregt 
werden, so dass wir das Gehörte innerlich in gewissem 
Masse nachsprechen und dann das Verständniss gleichzeitig 
auf unsere Sprachinnervationsgefühle stützen. Ein höherer 
Grad von Aufmerksamkeit beim Zuhören wird mit einer 
erheblicheren Uebertragung des Gehörten auf die motorische 
Sprachbahn einhergehen. Man kann sich vorstellen, dass 
Echolalie dann eintritt, wenn sich der Associations- 

*) Arnaud, Contribution ä lMtude clinique de la Surdite* verbale. 
Arch. de Neurol. Mars 1877. 



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94 Modificationen des visuellen Elementes. 

leitung zu den Objectassociationen hin ein Hinderniss 
entgegenstellt, wo dann die gesammte Erregung sich in 
stärkerem, also lautem Nachsprechen äussert. 

2. Das visuelle Element steht nicht in directer Ver- 
bindung mit den Objectassociationen (unsere Schriftzeichen 
sind nicht wie die anderer Völker directe Symbole von 
Begriffen, sondern von Klängen); es entfällt also bei ihm 
die Würdigung der willkürlichen Anregung. Es tritt zu- 
meist auf peripherische Anregung in Thätigkeit, und der 
Fall, dass es blos associativ in Anspruch genommen wird, 
liegt beim spontanen Schreiben vor. Als Ausdruck der 
Schädigung des visuellen Sprachelementes darf nur das 
Nichterkennen von Buchstaben betrachtet werden, da das 
„Lesen" eine weit complicirtere Function ist, welche bei 
sehr mannigfachen Läsionen 'geschädigt werden kann. Hier 
scheint nun der abnorme Fall vorzukommen, dass ein 
Element nicht mehr zur peripherischen Anregung geeignet 
ist, associative aber noch gestattet. Es gibt nämlich Fälle, 
wo Buchstabenbilder nicht erkannt werden, dabei aber gut 
geschrieben wird. Wem icke nennt solche Fälle subcor- 
ticale Alexie und erklärt sie localisatorisch, durch topische 
Momente der Läsion. Er unterscheidet drei Störungen des 
Lesens, bei denen der sonstige Wortbegriff (C) intact ist 
(Fig. 10). 1. Die corticale Alexie charakterisirt durch aufge- 
hobeneFähigkeit zu lesen und zu schreiben. 2. Die subcorticale 
Alexie: Aufgehobene Fähigkeit zu lesen. Schreiben ohne 
jede Störung mit Ausnahme des Schreibens nach Vorlage. 
3. Transcorticale Alexie: Aufgehobene Fähigkeit zu lesen 
und zu schreiben bis auf das erhaltene Vermögen, Ge- 
drucktes und Geschriebenes mechanisch zu copiren. 

Der Einwand gegen das Schema für die Störungen 
des Buchstabenlesens ist ein einfacher. Wenn die Unter- 
brechung bei der subcorticalen Alexie auf der peripherischen 
Bahn sitzt, die zu a führt, so gelangt von dem vorgelegten 
Buchstaben kein Eindruck in die Rinde, er wird nicht 
gesehen und kann daher auch nicht nachgeahmt werden. Es 
müsste denn sein, dass jeder solche Buchstabe auf zwei 



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Die so genannte subcorticale Alexie. 



95 



Bahnen gesehen wird, von denen ihn die eine als gewöhn- 
liches visuelles Object, die andere als Sprachsymbol auf- 
fasst. Bei der sogenannten subcorticalen Worttaubheit 
konnte dieser Einwand nicht gemacht werden, denn das 
nicht gehörte Wort wird auch nicht nachgesprochen. Da 
der nicht erkannte Buchstabe aber nachgeahmt werden 
kann, ist die Annahme, dass er in Folge einer Läsion vor 
a nicht erkannt wird, ausgeschlossen ; es handelt sich um 
keine Störung in der 



Wahrnehmung, sondern 
um eine Störung in der 
Association, Wer nicke 
unterscheidet allerdings 
zur Rettung seines Erklä- 
rungsversuches^Cüpiren" 
von „ Nachzeichnen" Aber 
ich halte dafür, dass für 
beide motorischen Lei- 
stungen die Unterbre- 
chung vor a ein Hinder- 
niss abgibt, wenn wir 
nicht in der That an- 
nehmen, dass ein Buch- 
stabenbüd auf zweierlei 
peripherischen Bahnen 
ins Gehirn gelangt, als 



Fig. 10. 




Wernicke's Schema der Lesestörnngen 
(Die neueren Arbeiten über Aphasie, 
Fortschritte der Medicin, 1886, p. 464), 
a das optische Schriftbild* ß das moto- 
rische C entmin der Schreibbewegungen, 
c = a-|-& der WortbegrilT. 



gemeines Object und 
als Object für die Sprache. 1 ) 

Das Copiren unterscheidet sich vom Nachzeichnen 
entweder blos graduell durch die grössere Leichtigkeit, 
die das Verständniss der Vorlage mit sich bringt. 



*) Mau könnte den Einwand erheben, dass dieser Fall thatsächlich vor- 
liegt, da diese Alexis meist neben rechtsseitiger Hemianopsie gefunden wird» 
Der Buchstabe würde mit der linken Hemisphäre als Object für die Sprache, 
mit der rechten als gemeines Sehobject anfgefasst werden. Allein, dann 
müsste jede rechtsseitige Hemianopsie mit Alexie complicirt sein, was nicht 
der Fall ist. 



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96 Erklärung der subcorticalen Alexie. 

es ist sonst dieselbe Handlung und vollzieht sich auf 
derselben Bahn. Jeder von uns wird zum Nachzeichnen 
ihm unverständlicher Zeichen einen hohen Grad von Auf- 
merksamkeitbrauchen, der bei den Aphasischenim Allgemeinen 
schwer zu Stande kommen wird. Oder aber das Copiren 
besteht in einer Umsetzung der Druckbilder der Buchstaben 
in Schriftbilder. Dieselbe erklärt sich daraus, dass wir 
Druck- und Cursivschrift lesen, aber nicht Druckschrift 
schreiben lernen, und zeigt sich unabhängig von dem 
Verständniss des Gelesenen. Ein kleiner Patient Bernard' s 
(Obs. V) war durch die Leichtigkeit und Sicherheit auf- 
fällig, mit der er beim Copiren diese Umsetzung vollzog, 
ohne im mindesten lesen zu können, was er copirte. 

Ich glaube die Erklärung der sogenannten subcorticalen 
Alexie anderswo suchen zu müssen. Wir erhalten beim 
Schreiben wie beim Sprechen kinästhetische Empfindungen 
von den Bewegungen, welche die betreffenden Muskeln 
ausführen. Die kinästhetischen Empfindungen der Hand 
sind aber deutlicher und intensiver als die der Sprachmus- 
culatur, sei es weil wir diesen Empfindungen der Hand 
auch für andere Functionen einen grossen Werth beizulegen 
pflegen, sei es, weil sie noch mit visuellen Eindrücken 
verknüpft sind. Wir sehen uns nämlich schreiben, sehen uns 
aber nicht sprechen. Wir sind darum im Stande, direct von 
den Klangbildern aus mit Hilfe der kinästhetischen Empfin- 
dungen zu schreiben und das visuelle Element dabei zu 
umgehen. 

Bei der subcorticalen Alexie dürfen wir annehmen, 
dass es sich um eine extreme Läsion im Sprachfelde handle, 
da sie so häufig mit Hemianopsie zusammen vorkommt. 
Der gesammte motorische Theil des Apparates kann also 
bei ihr intact, und das Schreiben auf directem Wege von 
den Klangbildern her möglich sein. In einigen dieser Fälle 
subcorticaler Alexie wird, wie bereits früher erwähnt, 
schreibend gelesen; die der directen Association mit dem 
akustischen Element unfähigen Buchstabenbilder werden 
durch die beim Nachzeichnen geweckten kinästhetischen 



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Lesestörungen. 97 

Empfindungen in diese Association, und somit zum Ver- 
ständniss gebracht. 

Fast alle Autoren, welche von den Schreib- und Lese- 
störungen bei gemischter Aphasie Beispiele aufführen, geben 
an, dass die Schreibstörung dabei eher mit der motorischen 
Sprachstörung, als mit der Lesestörung gleichen Schritt hält. 
Dies wäre unmöglich, wenn sich das Schreiben bei Geübteren 
nicht unabhängig von den Buchstabenbildern gestaltet hätte. 
Ich glaube, auch die Selbstbeobachtung zeigt, dass man 
sich ausser bei Fremdwörtern, Eigennamen und Worten, die 
man nur lesend gelernt hat, beim spontanen Schreiben nicht 
an das visuelle Element anlehnt. ') 

Die Störung im Buchstabenerkennen bringt natürlicher- 
weise auch die Unfähigkeit zu lesen mit sich. Dagegen 
kann Lesestörung bei erhaltenem Vermögen die Buchstaben 
zu erkennen vorhanden sein, und zwar in Folge sehr 
verschiedenartiger Läsionen und Zustände, wie aus den 
früheren Bemerkungen über die verwickelten Associations- 
vorgänge beim Leseacte leicht begreiflich wird. Die Lese- 
störung kann blos Folge einer leichten Erschöpfbarkeit 
der visuellen Function sein, ohne dass dabei motorische 
Aphasie oder akustische Associationsstörung besteht (z. B. 
ein Fall von Bertholle bei Bernard; die von Berlin 2 ) 
sogenannteDy slexie). Man wird diesenFall daran erkennen, 
dass der Leseunfahigkeit ein für kurze Zeit gelingender 
Buchstabirversuch vorausgeht, und ihn in dem Sinne deuten, 
dass das geschädigte visuelle Element zwar der einfacheren 
Leistung, die visuellen Bilder einmalmit dem akustischen 
oder kinästhetischen Element zu associiren, gewachsen ist, 
der mehrfachen Wiederholung und richtigen Anordnung 

i ) Ich glaube, manche physiologische und individuelle Eigenthümlichkeit 
des Gedächtnisses erklärt sich aus der wechselnden RoUe der einzelnen 
Erinnerungselemente. Man kann ein sehr gutes Gedächtniss besitzen und 
doch Eigennamen und Zahlen nicht behalten können. Personen, welche sich 
durch ein besonderes Namen- und Zahlengedächtniss auszeichnen, sind 
visuelle, d. h. sie erinnern sich mit Vorliebe in Objectbildern, auch 
wenn sie in Klangbildern denken, 

2 ) Berlin, Eine besondere Art der Wortblindheit (Dyslexie) 1887. 

Freud, Aphasie. 7 



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98 Das motorische Sprachassociationselement. 

dieser Leistungen aber, — welche, um zum Lesen zu führen, 
noch mit einer gewissen Raschheit ablaufen müssen, — nicht 
nachzukommen vermag. Es ist dies ein Fall von Verlust der 
complicirteren Leistung bei Erhaltung der einfacheren. 

Die Lesestörung kann ebensowohl Ergebniss einer 
Schädigung des motorischen und anderemale des akustischen 
Sprachelementes sein, wobei natürlich eine diagnostische 
Bedeutung derselben wegfällt. Ich glaube, man kann im 
Allgemeinen behaupten, dass motorische Aphasie sowohl 
das Leseverständniss wie das sogenannte mechanische Lesen 
aufhebt, da das Leseverständniss erst nach der Uebertragung 
der Erregung von den visuellen Elementen auf die moto- 
rischen durch die Association letzterer mit den akustischen 
Elementen zu Stande kommt. Bei akustischer Läsion dagegen, 
sowie bei Asymbolie kann das rein mechanische Lesen 
erhalten bleiben. Im Uebrigen bereitet die Erklärung der 
Lesestörungen, auf die ich im Einzelnen einzugehen nicht 
beabsichtige, manche Schwierigkeiten, die weder durch 
blos topische Momente noch durch die Annahme bekannter 
Functionsveränderungen zu erledigen sind. Es bleiben in 
complexen Fällen bald diese, bald jene Stücke der Function 
erhalten, wahrscheinlich je nachdem von den Elementen, 
die zur Association nach einer bestimmten Richtung dienen, 
hier oder dort eine grössere Anzahl leistungsfähig ge- 
blieben ist. 

3. Das motorische Element (Innervations- und 
Bewegungsbild) bietet unserer Betrachtung geringere 
Schwierigkeiten. Wir nehmen an, dass für dasselbe will- 
kürliche und associative Anregung meist zusammenfällt, 
da beim spontanen Sprechen über die Klangbilder gesprochen 
wird. Auch die sogenannte peripherische Anregung ist 
eine Association, da sie entweder (beim Nachsprechen) von 
dem akustischen, oder (beim Lautlesen) vom visuellen Ele- 
mente her erfolgt Es scheint der Fall vorzukommen, dass 
letztere Anregung Erfolg hat, während die erstere versagt 
und umgekehrt. In der sogenannten transcorticalen moto- 
rischen Aphasie haben wir den Fall kennen gelernt, dass das 



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Probleme in der motorischen Aphasie. 99 

motorische Element auf peripherisch-associative Anregung 
noch leistungsfähig ist, während es auf willkürlich- 
associative versagt. 

Im Uebrigen bietet die Auffassung der ältest- und best- 
bekannten Form der Sprachstörung, der motorischen 
Aphasie, mehr Schwierigkeiten, als man meinen sollte. Wir 
haben der Unsicherheit bereits Erwähnung gethan, ob bei 
motorischer Aphasie die symbolische Associationsleistung 
(willkürliches Erwecken der Klangbilder) in der That 
ungeschädigt ist. Die Sicherstellung des Gegentheils würde 
zeigen, dass Ausschaltung des motorischen Elementes einen 
ebensolchen schwächenden Einfluss auf die Function des 
akustischen Elementes hat, wie wir ihn in umgekehrter 
Einwirkung bereits lange kennen. Unerklärt sind ferner 
die Fälle von motorischer Aphasie mit Buchstabenblindheit, 
die man kaum auf zufälliges Zusammentreffen beziehen 
kann. 1 ) Endlich harrt die Thatsache einer befriedigenden 
Aufklärung, dass die Fälle von totalem motorischen Sprach- 
verlust so häufig sind, die von Einschränkung des Sprach- 
schatzes auf die Hälfte, ein Drittel so gut wie gar nicht 
vorkommen. Fälle letzterer Art stellen sich bei genauerer 
Analyse stets als sensorische Aphasien heraus. Es scheint, 
dass, sobald eine Läsion geeignet ist, die motorische Sprach- 
leistung zu stören, sie dieselbe meist auch vollständig (bis 
auf die bekannten kärglichen Sprachreste) vernichtet. * 

Es gibt hier sozusagen keine Parese, sondern blos 
eine Paralyse. Auch die Unfähigkeit der meisten Fälle von 
motorischer Aphasie zur Besserung verdient Beachtung. Die- 
selbe steht in grellem Gegensatze zur plötzlichen und völligen 
Wiederkehr der Sprache in anderen Fällen. Dass eine Sprach- 
losigkeit in den ersten Tagen nach der Erkrankung keiner- 
lei diagnostische Bedeutung besitzt, ist selbstverständlich. 
Eine solche kann erfolgen, wo immer die Läsion sitzen mag* 
und begreift sich aus der Erschütterung des Apparates, der 
bis dahin gewöhnt war, mit allen seinen Mitteln zu arbeiten. 



*) Einen anderen solchen Fall bei Bernard (1. c), p. 125. 

7* 



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100 Charcot's Gesichtspunkt der 

4. Auf eine ähnliche Erörterung für das cheiro- 
motorische Element gedenke ich nicht einzugehen. Einige 
für dasselbe wichtige Bemerkungen sind bei der Erörterung 
der visuellen Sprachthätigkeit vorgebracht worden. 



Dagegen muss ich 'einen interessanten und wichtigen 
Gesichtspunkt würdigen, dessen Einführung in die Lehre 
von der Aphasie wir Charcot 1 ) verdanken, weil dessen 
Annahme uns nöthigen würde, unsere Erklärungsbemühungen 
in noch höherem Masse einzuschränken. Wir sind von der 
Voraussetzung ausgegangen, dass trotz einer allseitigen 
Associationsmöglichkeit zwischen den Elementen der Sprach- 
function doch bei der functionellen Thätigkeit gewisse 
Associationsrichtungen bevorzugt sind, so dass die Patho- 
logie der Sprachstörungen nicht mit allen möglichen, son- 
dern nur mit einer bestimmten Anzahl von Associationen 
zwischen den Sprachelementen zu rechnen hat. Wir haben 
ferner angenommen, dass dies jene Associationsrichtungen 
sind, welche beim Erlernen der Sprachleistungen in Betracht 
kamen. Für die Auffassung Charcot's besteht eine solche 
allgemein giltige Auszeichnung einzelner Associations- 
richtungen nicht ; alle Verknüpfungen zwischen den Sprach- 
elementen erscheinen zunächst gleich functionsberechtigt, 
und es ist der individuellen Einübung oder der individuellen 
Organisation überlassen, dieses oder jenes der Sprach- 
elemente zum Zusammenhalt, zum Knoten für die anderen 
zu machen. Demnach spräche, schriebe, läse der Eine vor- 
wiegend oder ausschliesslich mit Hilfe seiner kinästhe- 
tischen Empfindungselemente, der Andere bediente sich zu 
demselben Zwecke der visuellen u. s. w. Eine durchgehende 
Abhängigkeit der Sprachassociationsthätigkeit von der 
Betheiligung der akustischen Elemente würde entfallen. 

Man sieht leicht ein, wie sich unter Voraussetzung 
einer solchen Beziehung die Sprachstörungen bei denselben 

! ) Charcot, Neue Vorlesungen etc. 1886. — Ausserdem die Arbeiten 
seiner Schüler Ballet, Bernard und Marie. 



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individuellen Variation in der Sprachassociation. 101 

Läsionen verschieden gestalten müssten. Wer ein „motorischer 
Sprecher" ist, der könnte eine Schädigung der akustischen 
und visuellen Elemente mit kaum merklichem Effecte ver- 
tragen ; eine Schädigung des motorischen Elementes würde 
ihn nahezu aller Sprachleistungen, nicht nur der motorischen, 
berauben. Ein „visueller" Sprecher würde in Folge einer 
Läsion des visuellen Elementes nicht nur buchstabenblind, 
er könnte sich des ganzen Sprechapparates nicht mehr 
oder nur in kümmerlichster Weise bedienen. Die Diagnostik 
der Aphasie würde in die gröbsten Irrthümer verfallen, 
wenn sie aus dem Functionsausfall einen Schluss auf Sitz 
und Ausdehnung der Läsion machen wollte, ohne sich vor- 
her der Kenntniss der individuellen Bevorzugung eines ein- 
zelnen Elementes versichert zu haben. Diese Kenntniss 
wäre in den seltensten Fällen zu erwerben. 

Es hat noch Niemand den erwähnten Gesichtspunkt 
Charcot's gänzlich abweisen wollen. Es steht aber doch 
dahin, wie weit dessen Bedeutung für die Lehre von den 
Sprachstörungen reichen mag. Extreme Forderungen, wie 
sie z. B. von Stricker 1 ) für den hervorragenden Werth 
des motorischen Elementes beim Sprechen erhoben worden 
sind, hat Ch. Bastian mit der Bemerkung zurückgewiesen: 
er warte zunächst, bis ihm ein Fall gezeigt werde, dass 
ein Mensch nach Zerstörung der Broca'schen Stelle wort- 
taub geworden sei. Ich glaube, dass die Pathologie der 
Sprachstörungen bisher keinen Anlass gefunden hat, der 
Vermuthung Charcot's eine grosse Bedeutung für die 
grobe Erscheinung des Functionsausfalles einzuräumen. 
Es ist ja auch die Möglichkeit nicht auszuschliessen, dass 
eine solche gewohnheitsmässige Bevorzugung des einen 
oder anderen Elementes der Sprachassociation besteht, so 
lange der Sprachapparat über alle seine Mittel verfügt, 
dass aber in Fällen von Erkrankung, bei allgemeiner Herab- 
setzung der Associationsleistung, die Bedeutung der ur- 
sprünglich eingeübten Associationsrichtungen wieder her- 



*) Stricker, Studien über die Sprachrorstellungen 1880. 



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102 Zusammenfassung. 

vortritt. Gewiss wäre es aber Unrecht, an die Idee 
Charcot's ganz zu vergessen und sich zu einer schema- 
tischen Starrheit in der Deutung der Sprachstörungen 
verführen zu lassen. „Different amounts of nervous arrange- 
ments in differents positions are destroyed with different 
rapidity in different persons" sagt Hughlings Jackson. 



Wir können nun den Weg übersehen, den wir in 
dieser Abhandlung zurückgelegt haben: Wir sind von der 
Entdeckung Broca's ausgegangen, der zuerst eine 
bestimmte Form von Sprachstörung, die motorische 
Aphasie (die er Aphemie nannte), an die Läsion einer 
bestimmten Hirnrindenstelle geknüpft hat. Indem Wernicke 
diese That für eine zweite Form der Aphasie wiederholte, 
war der Weg eröffnet, verschiedene Sprachstörungen durch 
verschiedene Localisationen der Läsion zu erklären. 
Wernicke unterschied in aller Strenge Centren und 
Leitungsbahnen der Sprache, charakterisirte die Centren 
als Ablagerungsstätten von Erinnerungsbildern und stellte 
neben den beiden früher erwähnten Hauptformen eine 
Leitungsaphasie auf. Indem dann Lichtheim auf die 
wahrscheinlichen Verbindungen der Sprachcentren mit der 
übrigen Hirnrinde Eücksicht nahm, vermehrte er die An- 
zahl der Leitungsaphasien und versuchte eine grössere 
Mannigfaltigkeit der Formen von Sprachstörung als sub- 
corticale und transcorticale Aphasien zu erklären. Somit 
war ein Gegensatz von Centrumaphasien und Leitungs- 
aphasien als Schlüssel zum Verständniss der Sprach- 
störungen gegeben. Andererseits verliess Grashey in der 
Erklärung der Amnesien ganz den Boden der Erklärung 
durch Jjocalisation und führte eine Classe von Sprach- 
störungen in einer scharfsinnigen Analyse auf Veränderung 
einer functionellen Constanten im Sprachapparat zurück. 
Damit schieden sich die Sprachstörungen in zwei Classen, 
die Aphasien durch localisirte Läsion und die Amnesien 
durch nirgends localisirte functionelle Veränderung. 



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Zusammenfassung. 103 

Wir sind von der Absicht ausgegangen zu prüfen, ob 
die Localisation wirklich so viel für die Erklärung der 
Sprachstörungen zu leisten vermöge, worin die Frage 
eingeschlossen war, ob man berechtigt ist, Centren und 
Leitungsbahnen der Sprache und denselben entsprechende 
Sprachstörungen zu unterscheiden. Wir haben zunächst 
die Leitungsaphasie Wernicke's analysirt und gefunden, 
dass dieselbe nach Wernicke's Schema selbst andere 
Charaktere haben sollte, als er ihr zuschreibt, Charaktere, 
die man übrigens wahrscheinlich niemals verwirklicht finden 
wird. Nunhaben wir uns einer Leitungsaphasie Lichtheim's, 
der sogenannten transcorticalen motorischen Aphasie 
zugewendet und auf Grund von mehreren Sectionsbefunden 
dargethan, dass dieselbe in einer Läsion der Centren selbst 
(des motorischen oder sensorischen) und nicht einer Leitungs- 
bahn begründet ist, ja dass die Bahn, durch deren Läsion 
Lichtheim diese Form erklärt, wahrscheinlich gar nicht 
existirt. Im Verlaufe der Arbeit haben wir dann noch 
andere sub- und transcorticale Aphasien in Erwägung 
gezogen und jedesmal gefunden, dass es sich bei ihnen 
um Läsionen der Rinde selbst handle. Nur der transcorti- 
calen sensorischen Aphasie haben wir unter dem Namen 
der „Asymbolie" eine besondere Localisation zugestehen 
müssen. Ein Fall von Heubner bot unseren Ansichten 
eine geradezu unersetzliche Stütze. Wir bedurften aber einer 
Erklärung dafür, dass Läsionen von gleicher Lage (nur in 
der Hirnrinde selbst gelegen) so verschiedene klinische 
Bilder machen, und suchten dieselbe in der Annahme, 
dass die sogenannten Sprachcentren auf unvollständig 
destruirende Läsionen als Ganzes mit einer Functions- 
veränderung reagiren. Die Arten dieser Functionsver- 
änderung entnahmen wir Ch. Bastian, der drer patho- 
logische Zustände eines Centrums kennt: 1. dessen Un- 
erregbarkeit auf willkürliche Anregung bei Erhaltung der 
Erregbarkeit auf associativem Wege und auf sensibeln 
Reiz; 2. dessen Unerregbarkeit ausser durch sensibeln 
Reiz; 3. dessen völlige Unerregbarkeit. 



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104 Ergebnisse. 

Während wir so zur Erklärung der sogenannten 
Leitungsaphasien functionelle Momente heranzogen, mussten 
wir bestreiten, dass Grashey die Erklärung eines Falles 
von Amnesie durch Functionsveränderung allein gelungen 
wäre. Wir wiesen auch hier das topische Moment der 
Läsion nach und erklärten den Fall Grashey's mit Zu- 
hilfenahme einer der Basti ansehen Modifikationen. 

Somit hatten wir die Unterscheidung von Centrum- und 
Leitungsaphasie und die Trennung von Aphasien und 
Amnesien verworfen. Es oblag uns nun die Aufgabe, eine 
andere Vorstellung vom Bau des Sprachapparates zu gewinnen 
und anzugeben, in welcher Weise topische und functionelle 
Momente bei den Störungen desselben zur Geltung kommen. 

Wir haben also, nach einer kritischen Abschweifung 
zur Meynert'schen Lehre vom Gehirnbaue und von der 
Localisation der Vorstellungen in der Rinde, der Reihe 
nach die Annahmen zurückgewiesen, dass man die Erin- 
nerungsbilder, mit denen die Sprachfunction arbeitet, 
anderswohin verlegen dürfe als den Vorgang, durch welchen 
dieselben assoeiirt werden, dass die Association durch subcor- 
ticale weisse Bündel besorgt werde, und dass die abgegrenzten 
Sprachcentren durch ein functionsloses Gebiet getrennt 
werden, welches der Besetzung durch neue Erwerbungen harrt. 
Zu unserer Vorstellung vom Bau des Sprachapparates verhalf 
uns die Wahrnehmung, dass die sogenannten Sprachcentren 
nach aussen (randwärts) an andere Rindencentren, die für 
die Sprachfunction bedeutsam sind, anstossen, während sie 
nach innen (kernwärts) ein von der Localisation unbelegtes 
Gebiet umgrenzen, das wahrscheinlich gleichfalls Sprachfeld 
ist. Der Sprachapparat enthüllte sich uns also als ein 
zusammenhängendes Stück Rindengebiet in der linken 
Hemisphäre zwischen den Rindenendigungen des Hör- und 
Sehnerven, der motorischen Sprach- und Armfasern. Die 
diesen Rindenfeldern anstossenden Stücke des Sprachfeldes 
erlangen — in nothwendig unbestimmter Begrenzung — die 
Bedeutung von Sprachcentren im Sinne der pathologischen 
Anatomie, nicht der Function, weil deren Läsion eines 



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Ergebnisse. 105 

der Elemente der Sprachassociation von der Verknüpfung 
mit den anderen ausschliesst, was einer im Sprachfeld central 
gelegenen Läsion nicht mehr gelingt. Wir fügten die Annahme 
hinzu, dass dieses Sprachfeld durch weisse Fasern aus 
der grossen Gehirncommissur auch mit den Eindenfeldern 
der rechten Hemisphäre zusammenhängt, und dass diese 
Verbindungen gleichfalls in die periphersten Theile des 
Sprachfeldes (die Sprachcentren!) einstrahlen. Innerhalb 
dieses Sprachfeldes anerkannten wir nur Leitungs- 
aphasien — Aphasien durch Associationsunterbrechung, 
und wir gestanden keiner subcorticalen Läsion die Eignung 
zu, Aphasie zu erzeugen, da das Sprachfeld nur eine ihm 
eigene Bahn zur Peripherie hat, das Bündel, welches durch 
das Knie der inneren Kapsel geht, und dessen Läsion sich 
durch Anarthrie verräth. 

Indem wir dann die Wirkung von Läsionen auf diesen 
Apparat in Betracht zogen, sahen wir, dass Läsionen 
dreierlei Arten von Aphasie erzeugen können: 1. rein ver- 
bale, 2. asymbolische und 3. agnostische Aphasie. Die Auf- 
findung der letzteren war eine nothwendige Forderung 
unserer Theorie, nach welcher die gleichzeitige Zerstörung 
des rechten und linken Rindenfeldes für eines der in die 
Sprachassociation verwobenen Elemente die gleiche Con- 
sequenz haben musste wie die Zerstörung des einseitigen 
Knotenpunktes für dieses Element. 

In psychologischer Hinsicht haben wir das Wort als 
einen Vorstellungscomplex erkannt, der an seinem sensibeln 
Ende (vom Klangbild aus) mit dem Complex der Object- 
vorstellungen zusammenhängt. Die verbale Aphasie haben 
wir als eine Störung innerhalb des Wortcomplexes, die 
asymbolische Aphasie als eine Abtrennung desselben von 
den Objectassociationen, und die agnostische Aphasie als eine 
rein functionelle Störung des Sprachapparates bezeichnet. 

Endlich hat sich uns Folgendes als massgebend für 
die Einwirkung von Läsionen auf den so aufgebauten 
Sprachapparat ergeben: Es handelt sich darum, ob die 
Läsion vollständig oder unvollständig destructiv, und ob 



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106 Schlusswort. 

sie im Innern oder an der Peripherie des Sprachfeldes 
gelegen ist. Ist sie an der Peripherie des Sprach feldes 
gelegen (also in einem der sogenannten Sprachcentren), so 
wirkt sie topisch; je nachdem sie dann vollständig oder 
nur unvollständig destruirt, ergibt sie blos einen Ausfall 
eines der Elemente der Sprachassociation, oder versetzt 
dieses Element in einen veränderten Functionszustand, wie 
er durch die Bastian'schen Modificationen beschrieben ist. 
Sitzt die Läsion im Sprachfelde central, so erleidet der 
gesammte Sprachapparat Functionsstörungen, die sich aus 
seiner Natur als Associationsmechanismus ergeben, und 
deren Aufzählung wir versucht haben. 



Ich weiss wohl, dass die vorstehenden Auseinander- 
setzungen dem Leser keinen befriedigenden Eindruck hinter- 
lassen habenkönnen. Ich habe eine bequeme und ansprechende 
Theorie der Sprachstörungen zu erschüttern gesucht, 
und wenn mir dies gelungen ist, nur minder Anschauliches 
und minder Vollständiges an die erledigte Stelle bringen 
können. Ich hoffe nur, dass die Auffassung, die ich ver- 
treten habe, den wirklichen Verhältnissen besser gerecht 
wird, und die wirklich vorhandenen Schwierigkeiten besser 
ins Licht setzt. An solche klar bezeichnete Probleme 
knüpft ja die weitere Erhellung eines wissenschaftlichen 
Themas an. Den Kern meiner Meinung möchte ich noch 
einmal in einigen kurzen Sätzen ausdrücken: Die früheren 
Autoren über Aphasie, denen nur von einer Stelle in der 
Grosshirnrinde eine besondere Beziehung zur Sprach- 
störung bekannt war, sahen sich durch diese Unvollständig- 
keit ihres Wissens gedrängt, die Erklärung der Mannigfaltig- 
keit der Sprachstörungen in den functionellen Eigenthüm- 
lichkeiten des Sprachapparates zu suchen. Nachdem 
Wer nicke die Beziehung der nach ihm benannten Stelle 
zur sensorischen Aphasie entdeckt hatte, musste sich die 
Hoffnung ergeben, diese Mannigfaltigkeit ganz aus Ver- 



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Schlusswort. 107 

hältnissen der Localisation zu verstehen. Es scheint uns 
nun, dass hierbei die Bedeutung des Momentes der Locali- 
sation für die Aphasie überschätzt worden ist, und dass 
wir Eecht daran thun werden, uns wiederum um die 
Functionsbedingungen des Sprachapparates zu bekümmern. 



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