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Internationale Psychoanalytische Bibliothek 



Zur Psychoanalyse 
der Kriegsneurosen 



Diskussion ^-O 

gehalten auf dem V. Internationalen Psychoanalytischen 
Kongreß in Budapest, 28. und 29. September 1918. 

Beitrage von: 

Prof. Dr. Signi. Freud (Wien), 
Dr. S.Ferenczi (Budapest), Dr. Karl Abraham (Berlin), 
Dr. Ernst Simmel (Berlin), Dr. Ernest Jones (London). 




LEIPZIG UND WIEN 1919. ^ 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

QES. M. B. H. 



\.?UUgH^ UNIVERSIWOF MICHIGAN 



/ INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG / 
GES. M. B. H., LEIPZIG UND WIEN, I. GRÜN ANGERG ASSE 3—5 

Internationale Psychoanalytische Bibliothek 

Nr. 2 

Dr. S. Ferenezi 

Hysterie und Pathoneurosen 

Inhalt: 

Von Krankheits- oder Pathoneurosen. 
Hysterische Materialisationsphänomene. 
Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse. 
Erklärungsversuch einiger hysterischer Stigmata. ,, 

Zwei Typen der Kriegshysterie. t| 

Psychoanalyse eines Falles von hysterischer Hypochondrie. 

5 Bogen Großoktav. Preis K 6-— = M 4—. 



Im Verlag von Hugo Heller & Cie., Leipzig und Wien 

sind soeben erschienen: 



. I., ? 



Prof. Dr. Sigm. Freud: ■, 

Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre 

Vierte Folge. 45 Bogen Großoktav. 
Preis geheftet K 45-— = M 30-—. 



Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse 

Drei Teile in einem Bande. 
Zweite, um ein Sachregister vermehrte Auflage. 
3. und 4. Tausend. — 37 Bogen Großoktav. 
Preis geheftet K 33-— = M 22-—. 





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UNIVERSIWOF MICHIGAN 



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Internationale Psychoanalytische Bibliothek 

Nrl 

Zur Psychoanalyse 
der Kriegsneurosen 

I. 
Einleitung 

von Prof. Dr. Sigin. Freud. 
IL 

Diskussion 

gehalten auf dem V. Internationalen Psychoanalytischen 
1 Kongreß in Budapest, 28. und 29. September 1918. 

Mit Beiträgen von: 



Dr. Karl Abraham (Berlin). 

$. Z. leitender Arzt dei psychUtrisdien 
Station des XX. Anneekorps in 
Altenstein. 



Dr. S. Fereticzl (Budapest), 

s. Z. Honv^d-Reglmentsarxt, Chefarzt 

der Nervenabteilung des Maria Valerie* 

Barackenspitals In Budapest. 

Dr. Ernst Simmel (Berlin), 

a. Z. kgl. piciiB, Oberarzt und Vorsteher des Festungslazaiettes 19 
für Kriegsneurotiker in Posen. 

III. 

Dr. Ernest Jones (London): 
Die Kriegsneurosen (war-shock) und die Freudsche Theorie. 




LEIPZIG UND WIEN 1919. 

\ NTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 
^ GES. M. B. H. 



C^ r\r\Ci\{> Orrgmaffrom 

.yvjuugu^ UNIVERSIWOF MICHIGAN 



Internationale Psychoanalytische Bibliothek 
Nr. 1: 

Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 



Nachdruck verboten. 

Obersetzungsrecht in alle Sprachen vorbehalten. 

Copyright by Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien, I. 

Verlags-Nr. 1. 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

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/V-^. . ■■" . '^• 



I. 

Einleitung. 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud, Wien. 

Das Büchlein über die Kriegsneurosen, mit dem der Verlag 
die „Internationale psychoanalytische Bibliothek" eröffnet, behandelt 
ein Thema, welches bis vor kurzem den Vorzug der höchsten 
Aktualität genoß. Als dasselbe auf dem V. Psychoanalytischen 
Kongreß zu Budapest (September 1918) zur Diskussion gestellt 
wurde, fanden sich offizielle Vertreter von den leitenden Stellen 
der Mittelmächte ein, um von den Vorträgen und Verhandlungen 
Kenntnis zu nehmen, und das hoffnungsvolle Ergebnis dieses ersten 
Zusammentreffens war die Zusage, psychoanalytische Stationen zu 
errichten, in denen analytisch geschulte Arzte Mittel und Muße 
finden sollten, um die Natur dieser rätselvollen Erkrankungen und 
ihre therapeutische Beeinflussung durch Psychoanalyse zu studieren. 
Ehe noch diese Vorsätze ausgeführt werden konnten, kam das 
Kriegsende; die staatlichen Organisationen brachen zusammen, 
das Interesse für die Kriegsneurosen räumte anderen Sorgen den 
Platz; bezeichnenderweise verschwanden aber auch mit dem Auf- 
hören der Bedingungen des Krieges die meisten der durch den 
Krieg hervorgerufenen neurotischen Erkrankungen. Die Gelegenheit 
zu einer gründlichen Erforschung dieser Affektionen war nun 
leider versäumt. Man muß hinzufügen: sie wird hoffentlich nicht 
so bald wiederkommen. 

Diese nun abgeschlossene Episode ist aber für die Verbreitung 
der Psychoanalyse nicht bedeutungslos gewesen. Während der 
Beschäftigung mit den Kriegsneurosen, die ihnen durch die An- 
forderungen des Heeresdienstes auferlegt wurde, sind auch solche 
Ärzte psychoanalytischen Lehren näher gekommen, die sich bis- 



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V 



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4 Prof. Dr. Sigm. Freud. 

her von ihnen ferne gehalten hatten. Aus dem Referat von 
Ferenczi kann der Leser entnehmen, unter welchen Zögerungen 
und Verhüllungen sich diese Annäherung vollzogen hat. Einige 
der Momente, welche die Psychoanalyse bei den Neurosen der 
Friedenszeit längst erkannt und beschrieben hatte, die psychogene 
Herkunft der Symptome, die Bedeutung der unbewußten Trieb- 
regungen, die Rolle des primären Krankheitsgewinn bei der 
Erledigung seelischer Konflikte („Flucht in die Krankheit"), wurden 
so auch bei den Kriegsneurosen festgestellt und fast allgemein 
angenommen. Die Arbeiten von E. S i m m e 1 zeigten auch, welcher 
Erfolg zu erzielen ist, wenn man die Kriegsneurotiker mit Hilfe 
der kathartischen Technik behandelt, die bekanntlich die Vorstufe 
der psychoanalytischen Technik gewesen ist. 

Der so begonnenen Annäherung an die Psychoanalyse braucht 
man aber den Wert einer Versöhnung oder Abgleichung des Gegen- 
satzes zu ihr nicht zuzugestehen. Wenn jemand, der bisher von einer 
Summe mit einander zusammenhängender Behauptungen nichts ge- 
halten hat, plötzlich in die Lage kommt, sich von der Richtigkeit eines 
Anteiles dieses Ganzen zu tiberzeugen, so sollte man meinen, er 
würde jetzt überhaupt in seiner Ablehnung schwankend werden 
und eine gewisse respektvolle Erwartung zulassen, daß auch der 
andere Teil, über den er noch keine eigene Erfahrung und dem- 
nach kein eigenes Urteil besitzt, sich als richtig herausstellen könne. 

Dieser andere, vom Studium der Kriegsneurosen nicht berührte 
Anteil der psychoanalytischen Lehre geht dahin, daß es sexuelle 
Triebkräfte sind, welche sich in der Symptombildung zum Aus- 
druck bringen, und daß die Neurose aus dem Konflikt zwischen 
dem Ich und den von ihm verstoßenen Sexualtrieben hervorgeht. 
„Sexualität** ist dabei in dem erweiterten, in der Psychoanalyse 
gebräuchlichen Sinn zu verstehen, und nicht mit dem engeren 
Begriff der „Genitalität" zu verwechseln. Es ist nun ganz richtig, 
wie es E. Jones in seinem Beitrag darlegt, daß dieser Teil der 
Theorie an den Kriegsneurosen bisher nicht erwiesen ist. Die 
Arbeiten, die das erweisen könnten, sind noch nicht angestellt 
worden. Vielleicht sind die Kriegsneurosen ein für diesen Nach- 



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Einleitung, 5 

weis Überhaupt ungeeignetes Material. Aber die Gegner der Psycho- 
analyse, bei denen sich die Abneigung gegen die Sexualität stärker 
gezeigt hat als die Logik, haben sich zu verkünden geeilt, daß 
die Untersuchung der Kriegsneurosen dieses Stück der psycho- 
analytischen Theorie endgiltig widerlegt habe. Sie haben sich dabei 
einer kleinen Vertauschung schuldig gemacht. Wenn die — noch 
sehr wenig eingehende — Untersuchung der Kriegsneurosen 
nicht erkennen läßt, daß die Sexualtheorie der Neurosen 
richtig ist, so ist das etwas ganz anderes, als wenn sie 
erkennen ließe, daß diese Theorie nicht richtig ist. 

Bei unparteiischer Einstellung und einigem guten Willen fiele 
es nicht schwer, den Weg zu finden, der zur weiteren Klärung führt. 

Die Kriegsneurosen sind, soweit sie sich durch besondere 
Eigenheiten von den banalen Neurosen der Friedenszeit unter- 
scheiden, aufzufassen als traumatische Neurosen, die durch einen 
Ichkonflikt ermöglicht oder begünstigt worden sind. Gute Hinweise 
auf diesen Ichkonflikt bringt der Beitrag von Abraham; auch 
die englischen und amerikanischen Autoren, die Jones zitiert, 
haben ihn erkannt. Er spielt sich zwischen dem alten friedlichen 
und dem neuen kriegerischen Ich des Soldaten ab, und wird 
akut, sobald dem Friedens-Ich vor Augen gerückt wird, wie sehr 
es Gefahr läuft, durch die Wagnisse seines neugebildeten para- 
sitischen Doppelgängers ums Leben gebracht zu werden. Man 
kann ebensowohl sagen, das alte Ich schütze sich durch die Flucht 
in die traumatische Neurose gegen die Lebensgefahr, wie es 
erwehre sich des neuen Ichs, das es als bedrohlich für sein Leben 
erkennt. Das Volksheer wäre also die Bedingung, der Nährboden 
der Kriegsneurosen; bei Berufssoldaten, in einer Söldnerschaar, 
wäre ihnen die Möglichkeit des Auftretens entzogen. 

Das andere an den Kriegsneurosen ist die traumatische Neurose, 
die bekanntlich auch im Frieden nach Schreck und schweren 
Unfällen vorkommt, ohne jede Beziehung zu einem Konflikt im Ich. 

Die Lehre von der sexuellen Aetiologie der Neurosen, oder 
wie wir lieber sagen: die Libidotheorie der Neurosen ist ursprüng- 
lich nur für die Übertragungsneurosen des friedlichen Lebens 



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6 Prof. Dr. Sigm. Freud. 

aufgestellt worden und bei ihnen durch Anwendung der analytischen 
Technik leicht zu erweisen. Aber ihre Anwendung auf jene anderen 
Affektionen, die wir später als die Gruppe der narzißtischen 
Neurosen zusammengefaßt haben, stößt bereits auf Schwierigkeiten. 
Eine gewöhnliche Dementia praecox, eine Paranoia, eine Melan- 
cholie sind zum Erweis der Libidotheorie und zur Einführung in 
ihr Verständnis im Grunde recht ungeeignetes Material, weshalb 
auch die Psychiater, welche die Übertragungsneurosen vernach- 
lässigen, sich mit ihr nicht befreunden können. Als die in dieser 
Hinsicht refraktärste galt immer die traumatische Neurose (der 
Friedenszeit), so daß das Auftauchen der Kriegsneurosen kein 
neues Moment in die vorliegende Situation eintragen konnte. 

Erst durch die Aufstellung und Handhabung des Begriffs 
einer „narzißtischen Libido", das heißt eines Maßes von sexueller 
Energie, welches am Ich selbst hängt und sich an diesem ersättigt, 
wie sonst nur am Objekt, ist es gelungen, die Libidotheorie auch 
auf die narzißtischen Neurosen auszudehnen, und diese durchaus 
legitime Fortentwicklung des Begriffes der Sexualität verspricht 
für diese schwereren Neurosen und für die Psychosen all das zu 
leisten, was man von einer sich empirisch vorwärts tastenden 
Theorie erwarten kann. Auch die traumatische Neurose (des 
Friedens) wird sich in diesen Zusammenhang einfügen, wenn 
erst die Untersuchungen über die unzweifelhaft bestehenden 
Beziehungen zwischen Schreck, Angst und narzißtischer Libido 
zu einem Ergebnis gelangt sind. 

Wenn die traumatischen und die Kriegsneurosen überlaut vom 
Einfluß der Lebensgefahr reden und gar nicht oder nicht deutlich 
genug von dem der »Liebesversagung", so entfällt dafür bei 
den gewöhnlichen Obertragungsneurosen der Friedenszeit jeder 
aetiologische Anspruch des ersteren, dort so mächtig auftretenden 
Moments. Meint man doch sogar, daß diese letzteren Leiden 
durch Verwöhnung, Wohlleben und Untätigkeit nur gefördert 
werden, was wiederum einen interessanten Gegensatz zu den 
Lebensbedingungen ergibt, unter denen die Kriegsneurosen aus- 
brechen. Nach dem Vorbild ihrer Gegner hätten die Psycho- 



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Einleitung. 7 

analytiker, die ihre Patienten an der „Liebesversagung", an den 
unbefriedigten Ansprüchen der Libido erkrankt finden, behaupten 
müssen, daß es keine Gefahrneurosen geben könne, oder daß die 
nach Schreck auftretenden Affektionen keine Neurosen sind. Dies 
ist ihnen natürlich niemals eingefallen. Vielmehr sehen sie eine 
bequeme Möglichkeit, die beiden scheinbar auseinanderstrebenden 
Tatsachen in einer Auffassung zu vereinigen. In den traumatischen 
und Kriegsneurosen wehrt sich das Ich des Menschen gegen eine 
Gefahr, die ihm von außen droht, oder die ihm durch eine Ich- 
gestaltung selbst verkörpert wird; bei den friedlichen Über- 
tragungsneurosen wertet das Ich seine Libido selbst als den Feind, 
dessen Ansprüche ihm bedrohlich scheinen. Beidemale Furcht des 
Ichs vor seiner Schädigung: hier durch die Libido, dort durch die 
äußeren Gewalten. Ja man könnte sagen, bei den Kriegsneurosen 
sei das Gefürchtete, zum Unterschied von der reinen traumatischen 
Neurose und in Annäherung an die Übertragungsneurosen, doch 
ein innerer Feind. Die theoretischen Schwierigkeiten, die einer solchen 
einigenden Auffassung im Wege stehen, scheinen nicht unüber- 
windlich; man kann doch die Verdrängung, die jeder Neurose 
zu Grunde liegt, mit Fug und Recht als Reaktion auf ein Trauma, 
als elementare traumatische Neurose bezeichnen. 



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v.:-UUgH^ UNIVERSlirOF MICHIGAN 



II. 
Diskussion 

gehalten auf dem V. Internationalen Psychoanalytischen 
Kongreß in Budapest, 28. und 29. September 1918. 



C*rt,rsci\i> Orrgmaffrom 

\^:.UUgl^ UNIVERSIWOF MICHIGAN 



1. 
Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 

Von Dr. S. F e r e n c z i (Budapest). 

Meine Damen und Herren! 

Gestatten Sie mir, daß ich die Behandlung des hochernsten 
und wichtigen Gegenstandes, der das Thema meines heutigen 
Referates bildet, mit der Erzählung einer kleinen Geschichte 
beginne, die uns mitten in die umwälzenden Ereignisse dieses 
Krieges hineinführt. Ein Ungar, der einen Teil des revolutionären 
Umsturzes in Rußland aus nächster Nähe zu beobachten Gelegenheit 
hatte, erzählte mir, daß die neuen revolutionären Machthaber einer 
russischen Stadt mit Bestürzung konstatieren mußten, daß die 
Umwälzung sich nicht so rasch einstellen wollte, wie es nach ihren 
doktrinären Berechnungen hätte sein sollen. Gemäß den Lehren 
der materialistischen Geschichtsauffassung hätten sie ja, nachdem 
sie alle Macht in die Hand bekamen, die neue soziale Ordnung 
ohneweiters einführen können. Statt dessen gewannen unverant- 
wortliche Elemente, Feinde jeder Neuordnung, die Oberhand, so daß 
die Macht den Urhebern der Revolution allmählich entglitt. Da 
steckten die Führer der Bewegung die Köpfe zusammen, um aus- 
zufinden, was in ihrer Rechnung nicht gestimmt hätte. Endlich 
kamen sie überein, daß die materialistische Auffassung vielleicht 
doch zu einseitig gewesen sei, da sie nur die wirtschaftlichen und 
Kräfteverhältnisse berücksichtigt, eine Kleinigkeit aber in Rechnung 
zuziehen vergessen hätte. Diese Kleinigkeit war — das Gemütsleben, 
die Denkrichtung der Menschen, mit einem Wort: das Seelische. Sie 
waren konsequent genug, sofort Emissäre in deutschsprechende 
Länder zu schicken, um von dort — psychologische Werke zu 



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10 Dr. S. Ferenczi. 

beziehen, damit sie wenigstens nachträglich einige Kenntnisse 
über diesen vernachlässigten Wissensstoff erwerben. Dieser Ver- 
geßlichkeit der Umstürzler sind viele tausend Menschenleben, 
vielleicht zwecklos, zum Opfer gefallen, aber der Mißerfolg ihrer 
Bemühung hat ihnen zu einer Entdeckung verholfen : zur Ent- 
deckung der Seele. 

Im Kreise der Nervenärzte hat sich nun im Laufe des Krieges 
etwas ähnliches ereignet. Der Krieg hat massenhaft Nervenkrank- 
heiten produziert, die nach Erklärung und Heilung verlangten; 
die bisher geläufige organisch-mechanische Erklärung aber — 
die etwa der materialistischen Geschichtsauffassung in der Sozio- 
logie entspricht — versagte hiebei vollkommen. Das Massen- 
experiment des Krieges hat vielfach schwere Neurosen gezeitigt 
auch wo von einer mechanischen Einwirkung nicht die Rede sein 
konnte, und die Nervenärzte wurden gleichfalls zur Einsicht ge- 
zwungen, daß in ihrer Berechnung etwas gefehlt habe, und dieses 
etwas war wieder — das Seelische. 

Der Soziologie können wir dieses Versäumnis einigermaßen 
verzeihen; war doch die Würdigung des seelischen Elementes 
in der Gesellschaftskunde bisher tatsächlich eine sehr geringe. Den 
Neurologen können wir aber den Vorwurf nicht ersparen, daß 
sie die bahnbrechenden Untersuchungen Breuers und Freuds 
über die psychische Determinierung vieler nervöser Störungen 
so lange unbeachtet ließen und erst durch die entsetzlichen Er- 
fahrungen des Krieges eines Besseren belehrt werden konnten. 
Und doch besteht seit mehr als zwanzig Jahren eine Wissenschaft 
— die Psychoanalyse — der viele Forscher ihre ganze 
Tätigkeit widmen und die uns zu ungeahnt bedeutsamen Erkennt- 
nissen über den Mechanismus des Seelenlebens und seiner 
Störungen verhalf. 

In meinem heutigen Referate will ich mich darauf beschränken, 
den zum kleineren Teil offen, zumeist aber nur zögernd und 
unter falscher Flagge erfolgten Einzug der Psychoanalyse in die 
moderne Neurologie nachzuweisen und kurz die theoretischen 
Grundsätze mitzuteilen, auf denen die psychoanalytische Auf- 



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Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 11 

fassung der im Kriege beobachteten „traumatischen Neurosen" 
beruht.* 

Der vor Dezennien geführte große Streit über das Wesen 
der seinerzeit von Oppenheim als Krankheitseinheit abgeson- 
derten traumatischen Neurose flammte bald nach Kriegsausbruch 
wieder auf. Oppenheim beeilte sich, die Erfahrungen des Krieges, 
der so viele Tausende plötzlichen Erschütterungen aussetzte, als 
Stütze seiner alten Einsicht zu verwerten, wonach die Erscheinungen 
dieser Neurose immer durch physische Veränderungen 
der nervösen Zentren (oder der peripheren Nervenbahnen, die 
sekundär solche des Zentrums hervorbringen) zustande kommen. 
Die Art der Erschütterung selbst und deren Einwirkung auf die 
Funktionsweise beschreibt er in sehr allgemeinen, man möchte 
sagen, phantastischen Ausdrücken. Glieder aus der Kette des 
Innervationsmechanismus werden da „ausgelöst", feinste Elemente 
»verlagert*, Bahnen „gesperrt **, Zusammenhänge zerrissen, Leitungs- 
hindernisse geschaffen ;usw. Mit solchen und ähnlichen Ver- 
gleichen, denen aber jede tatsächliche Grundlage fehlt, entwarf 
Oppenheim ein eindrucksvolles Bild vom materiellen Korrelat 
der traumatischen Neurosen. 

Die Strukturveränderungen, die durch das Trauma im Gehirn 
erzeugt werden sollen, denkt sich Oppenheim als feinen phy- 
sikalischen Vorgang, gleich jenem, der im Eisenkern dadurch 
hervorgerufen wird, daß er den Magnetismus annimmt. 

Der sarkastische Gaupp bezeichnet solche scheinexakte 
physische und physiologisierende Spekulationen als Hirnmytho- 
logie und Molekularmythologie. Er tut aber damit, unseres 
Erachtens, der Mythologie Unrecht. 

Das Material, das Oppenheim zur Stütze seiner Anschauungen 
produzierte, war keineswegs geeignet, seine abstrusen Theorien 



* Aus der ungeheuren Fülle der neurologischen Kriegsliteratur will ich 
hier nur die wesentlichsten Erscheinungen berücksichtigen, und auch die nur, 
insoweit sie auf die Psychoanalyse Bezug haben. Den Herren Dr. M. E i t i n g o n 
und Prof. Dr. A. v. Sarbö bin ich für die Überlassung der Quellen zu Dank 
verpflichtet. 



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12 Dr. S. Ferenczi. 

zu stützen. Zwar beschrieb er mit der ihm eigenen Präzision 
charakteristische Symptombilder, die gerade dieser Krieg. in be- 
dauerlicher Fülle gezeitigt hat, gab ihnen auch etwas hochtrabende, 
aber über das Wesen nichtsaussagende Namen (Akinesia amne- 
stica, Myotonoklonia trepidans); diese Beschreibungen wirkten 
aber in bezug auf seine theoretischen Annahmen nicht besonders 
tiberzeugend.* 

Es gab allerdings auch Zustimmung zu den Oppenheim- 
schen Anschauungen, wenn auch meist mit Einschränkungen, 
Goldscheider meint, daß sich Mechanisches und Psychisches 
in der Verursachung dieser nervösen Symptome teilen; ähnlich 
äußern sich Cassierer, Schuster und Birnbaum. Wollen- 
bergs Frage, ob die Kriegsneurosen durch Emotion oder Kom- 
motion verursacht werden, beantwortet Aschaffenburg dahin, 
daß es sich hier um die vereinte Wirkung von Emotion und 
Kommotion handelt. Als einen der Wenigen, die starr auf der 
mechanistischen Auffassung beharren, erwähne ich Lilien st ein, 
der kategorisch fordert, man möge das Wort und den Begriff „Seele", 
ferner „funktionell", „psychisch" ganz besonders aber das „Psy- 
chogene" aus der medizinischen Terminologie streichen; das 
vereinfache den Streit und erleichtere die Erforschung, Behandlung 
und Begutachtung der Unfallkranken; die fortschreitende anato- 
mische Technik werde doch sicher einmal die materiellen Grund- 
lagen der Neurosen entdecken. 

Hier müssen wir den Gedankengang v. Sarbös erwähnen, 
der die Ursache der Kriegsneurosen in mikrostrukturellen 
Gewebszerstörungen und feinsten Blutungen im nervösen Zentral- 
organ sucht ; diese entstünden durch direkte Erschütterung, durch 
plötzlichen Druck des Liquor cerebrospinalis, durch Einzwängung 
des verlängerten Markes in das foramen magnum etc. v. Sarbö's 
Auffassung wird nur von wenigen Autoren unterstützt. In diesem 
Zusammenhange nenne ich Sachs und Freund, nach denen die 

* Ein Kritiker Oppenheims schlug vor, diese schwer auszusprechenden 
Worte (damit sie wenigstens zu irgend etwas gut wären) als Testworte bei der 
Prüfung auf paralytische Sprachstörung zu verwerten. 



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Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 13 

Erschütterung die Nervenzellen in einen Zustand erhöhter Erreg- 
barkeit und Erschöpfbarkeit versetzt, die dann die unmittelbaren 
Ursachen der Neurosen seien. Bauer und Fauser schließlich, 
fassen die traumatischen Neurosen als nervöse Folgen der durch 
die Erschütterung hervorgerufenen Störungen der endokrinen 
Drüsensekretion auf, also ähnlich dem posttraumatischen Morbus 
Basedowii. 

Einer der ersten, die sich gegen die rein organisch-mecha- 
nische Auffassung der Kriegsneurosen aussprachen, war Strümpell, 
der übrigens schon vor längerer Zeit auf gewisse psychische Mo- 
mente in der Verursachung der traumatischen Neurosen hinwies. 
Er machte die richtige Beobachtung, daß bei Eisenbahnkata- 
strophen etc. zumeist solche Personen schwer an Neurose er- 
kranken, die ein I n t e r e s s e daran haben eine durch das Trauma 
verursachte Schädigung nachweisen zu können, z. B. Personen, 
die gegen Unfall versichert waren und eine hohe Rente heraus- 
schlagen wollten, oder die einen Prozeß gegen die Eisenbahn- 
gesellschaft um Schadenersatz anstrengten. Ebensolche, oder 
noch viel gewaltigere Erschütterungen blieben aber ohne dauernde 
nervöse Folgen, wenn der Unfall beim Sport, durch eigene Un- 
vcfrsichtigkeit, überhaupt unter Umständen geschah, die die 
Hoffnung auf Schadenersatz von Vorneherein ausschließen, so daß 
der Patient nicht am Krankbleiben, sondern am ehesten Gesund- 
werden Interesse hatte. Strümpell behauptete, daß sich die 
Erschütterungsneurosen immer sekundär, rein psychogen, aus 
Begehrungsvorstellungen entwickeln ; er gab den Ärzten 
den wohlmeinenden Rat, die Klagen dieser Patienten nicht, wie 
Oppenheim, ernst zu nehmen, sondern sie durch möglichst 
karge Bemessung oder Entziehung der Rente ehestens dem Leben 
und der Arbeit zuzuführen. Die Ausführungen Strümpells 
machten großen Eindruck auf die Ärztewelt noch in der Friedens- 
zeit, man führte den Begriff der „Rentenkampfhysterie* 
ein, behandelte aber die daran Leidenden nicht viel besser als 
wären sie Simulanten. Strümpell meint nun, daß auch die 
Kriegsneurose eine Begehrungsneurose sei, die der Absicht des 



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14 Dr. S. Ferenczi. 

Patienten dient, mit möglichst hoher Rente vom Militär loszu- 
kommen. Dementsprechend verlangt er eine strenge Beurteilung 
und Begutachtung der Neurosen bei Militärpersonen. Der Inhalt 
der pathogenen Vorstellungen sei immer ein Wunsch ; der Wunsch 
nach materieller Entschädigung, nach den Fembleiben von An- 
steckungen und Gefahr, und dieser Wunsch bewirke auf auto- 
suggestivem Wege das Haftenbleiben der Symptome, die Persi- 
stenz von krankhaften Empfindungen und von Innervations- 
störungen der Motilität. 

Von diesem Gedankengange Strümpells klingt dem 
Analytiker manches von Vornherein sehr wahrscheinlich. Weiß 
er doch aus der analytischen Erfahrung, daß die neurotischen 
Symptome überhaupt Wunscherfüllungen darstellen, auch das 
Haftenbleiben von unlustvollen seelischen Eindrücken und ihre 
Pathogeneität ist ihm geläufig; doch muß er dem Strümpell- 
schen Gedankengange große Einseitigkeiten vorwerfen, so die un- 
gebürliche Hervorhebung der pathogenen Vorstellung und 
die Vernachlässigung der Af f ektivität, sowie das vollstän- 
dige Außerach tlassen unbewußt-psychischer Vorgänge, was ihm 
übrigens schon Kurt Singer, Schuster und Gaupp vorge- 
halten haben. Strümpell ahnt es auch, daß diese neurotischen 
Krankheitsbilder nur durch psychische Untersuchung aufgeklärt 
werden 'können, teilt uns aber seine diesbezügliche Arbeits- 
methode nicht mit. Wahrscheinlich versteht er unter psychischer 
Exploration einfach die genaue Ausfragung des Traumatikers 
über seine materiellen Umstände und über die Motive seiner 
Rentensucht. Wir müssen uns aber dagegen verwahren, daß er 
diese Exploration „eine Art individuelle Psychoanalyse* nennt. 
Auf diesen Namen hat nur ein Verfahren Anrecht, das sich die 
genau angegebene Methodik der Psychoanalyse zu eigen macht. 

Als Argument zu Gunsten der Psychogenie der Kriegsneu- 
rosen gilt die auffallende Tatsache, daß — wie es Mörchen, 
Bonhöffer und andere mitteilten — die traumatische Neurose 
bei Kriegsgefangenen fast nie zur Beobachtung kommt. Die 
Kriegsgefangenen haben kein Interesse daran, nach ihrer 



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Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 15 

Gefangennahme lange zu kränkeln, auch können sie in der Fremde 
nicht auf Entschädigung, Rente und auf Mitleid der Umgebung 
rechnen. Sie fühlen sich in der Gefangenschaft vor den Gefahren 
des Krieges einstweilen geborgen. Die Theorie von der mecha- 
nischen Erschütterung kann uns diesen Unterschied im Ver- 
halten der eigenen Soldaten und der Kriegsgefangenen niemals 
erklären. 

Die Beweise für die Psychogenie häuften sich rasch. 
Schuster und viele andere Beobachter wiesen auf die Dis- 
proportion zwischen dem Trauma und deren nervösen Folgen 
hin. Schwere Neurosen entstehen nach minimalen Erschütterungen, 
während gerade die mit großer Erschütterung einhergehenden 
schweren Verwundungen zumeist ohne nervösen Folgen bleiben. 
Noch schärfer betont das Mißverhältnis zwischen Trauma und 
Neurose Kurt Singer, er sucht sogar diese Tatsache psycho- 
logisch zu erklären: «Bei dem blitzartigen psychischen Trauma, 
dem Schreck, dem lähmenden Entsetzen handelt es sich um eine 
Erschwerung oder ein Unmöglichwerden der Anpassung an den 
Reiz." In einer schweren Verwundung sei eine Befreiung vom plötz- 
lichen Spannungszuwachs ohne Weiteres gegeben ; wenn aber keine 
schwere äußere Verletzung vorhanden ist, so finde der über- 
mäßige Affekt seine Lösung „durch ein sprunghaftes Ab- 
reagieren in körperlichen Erscheinungen". — Wieder Freudsche 
Ausdruck „Abreagieren" zeigt, muß dem Verfasser beim 
Ausdenken dieser Theorie die Psychoanalyse vorgeschwebt haben. 
Sie hört sich wie eine Nachempfindung der Breuer-Freud- 
schen Konversionstheorie an. Bald stellt sich aber heraus, daß 
sich Singer diesen Vorgang allzu rationalistisch vorstellt; er 
hält die Symptomatik der traumatischen Neurose nur für das Er- 
gebnis einer Anstrengung der Kranken, für ihr unbestimmtes 
Krankheitsbewußtsein eine dem Individuum faßbare Erklärung zu 
finden. Von der dynamischen Auffassung des Psychischen, wie 
sie die Psychoanalyse lehrt, sind also die Arbeiten dieses Autors 
noch weit entfernt. 

Hauptmann. Schmidt und andere machten dann auf 



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16 Dr. S. Feienczi. 

die zeitlichen Verhältnisse in der Entwicklung der kriegsneuroti- 
schen Symptome aufmerksam. Handelte es sich um einen 
mechanischen Insult, so müßte der Effekt unmittelbar nach der 
Gewalteinwirkung am stärksten sein. Statt dessen beobachtet man, 
daß die von der Gewalt Erschütterten im Momente nach dem 
Trauma oft noch zweckmäßige Anstalten zu ihrer Rettung treffen, 
sich zum Verbandplatz begeben etc. und erst nachdem sie sich 
in Sicherheit brachten, zusammenbrechen und die Symptome 
entwickeln. Bei Einzelnen treten die Symptome erst auf, wenn 
sie nach erfolgter Labung in die Feuerlinie zurückkehren sollen. 
Schmidt führt dieses Verhalten der Kranken mit Recht auf 
psychische Momente zurück; er meint, daß die neurotischen 
Symptome sich erst entwickeln, nachdem der Zustand vorüber- 
gehender Bewußtseinstrübung geschwunden war und die Er- 
schütterten die gefahrvolle Situation in der Erinnerung neu 
erleben. Wir würden sagen: diesen Verletzten ergeht es wie 
jener Mutter, die ihr Kind mit Kaltblütigkeit und Todesverachtung 
aus drohender Lebensgefahr errettet, aber nach vollbrachter Tat 
ohnmächtig zusammenbricht. Daß hier das gerettete Wesen nicht 
eine geliebte fremde, sondern die geliebte eigene Person war, 
ist für die Beurteilung der psychologischen Situation unwesentlich. 

Von jenen Autoren, die die Psychogenie der traumatischen 
Neurosen im Kriege mit besonders großem Nachdruck betont 
haben, führe ich in erster Linie Nonne an. Nicht nur, daß er 
die Symptome der Kriegserschütterungsneurosen ausnahmslos als 
hysterische erkannte, er war auch imstande, durch hypnotische 
und suggestive Maßnahmen die schwersten kriegsneurotischen 
Symptome momentan zum Schwinden zu bringen und wieder 
hervorzurufen. Damit war die^Möglichkeit einer auch nur „moleku- 
laren" Störung im Nervengewebe ausgeschlossen; eine Störung, 
die durch psychischen Einfluß zurecht gerückt werden konnte, 
kann selber nicht anders als psychisch gewesen sein. 

Dieses therapeutische Argument wirkte am stärksten; im 
mechanistischem Lager wurde es allmählig recht still, es wurde 
auch vielfach versucht die früheren Äußerungen psych ogenetisch 



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Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 17 

umzudeuten. Den Streit führten nunmehr die Vertreter der 
einzelnen psychologischen Auffassungen untereinander fort. 

Wie soll man sich die Wirkungsweise der psychischen Mo- 
mente vorstellen und wie das psychogene Zustandekommen so 
schwerer, als organisch imponierender Krankheitsbilder? 

Man erinnerte sich der alten C h a r c o t'schen Auffassung, 
wonach der Schreck und die Erinnerung an ihn nach Art einer 
Hypnose oder Autohypnose in ähnlicher Weise körperliche 
Symptome erzeugen kann, wie sie der posthypnotische Befehl 
des Hypnotiseurs absichtlich Zustandekommen läßt. 

Dieses Zurückgreifen auf Charcot bedeutet nichts weniger 
als die Auflassung der unfruchtbaren Spekulation und das 
Wiederentdecken der Quelle, der letzten Endes auch die Psycho- 
analyse entstammt; wir wissen ja, daß Breuers und Freuds 
erste Untersuchungen über den psychischen Mechanismus der 
hysterischen Phänomene unmittelbar unter dem Einfluß der 
C h a r c o t'schen und Jane t'schen klinischen und experimentellen 
Erfahrungen entstanden sind. DieHysterischen leiden an 
Reminiszensen: dieser erste Hauptsatz der keimenden Psycho- 
analyse ist eigentlich die Fortsetzung, Vertiefung und Verallge- 
meinerung der C h a r c t'schen Auffassung der Erschütterungs- 
neurose; beiden gemeinsam ist die Idee von der Dauerwirkung 
eines plötzlichen Affekts, der bleibenden Verknüpfung gewisser 
Affektäußerungen mit der Erinnerung an das Durchlebte. 

Vergleichen wir nun damit die Ansichten deutscher Neurologen 
über die Genese der Kriegsneurose. Goldscheider sagt: 
„Plötzliche und schreckhafte Eindrücke können unmittelbar und 
mit assoziativer Hilfe des Vofstellungslebens Affekte hinterlassen; 
diesem Erinnerungsbilde werden erregbarkeitserhöhende und erreg- 
barkeitsherabsetzende Folgen zukommen. So ist es die Emotion, 
der Schreck, welche dem Trauma diejenige Verteilung und Fixie- 
rung der nervösen Reizfolgen verleiht, welche dem rein somatischen 
Reiz an sich nie zukommt." Es ist nicht schwer zu erkennen, 
daß diese Beschreibung sich an die Charcofsche Trauma- 
theorie und die Freu d'sche Konversionstheorie anlehnt. 

Zur Psychoanalyse der Kriegsneuroseo. 2 



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18 Dr. S. Ferenczi. 

Ähnlich Gaupp: „Trotz aller Bestrebungen der modernen 
Experimentalpsychologie, trotz aller vertieften und verfeinerten 
neurologischen und psychiatrischen Untersuchungstechnik bleibt 
eben ein nicht unerheblicher Rest, bei dem wir nicht durch die 
noch so exakte neurologisch-psychiatrische Untersuchung des 
momentanen Zustandes, sondern nur durch ihre Verbindung mit 
einer sorgfältigen Anamnese, mit einer mühevollen Erforschung 
der Pathogenese des vorgefundenen Zustandes zum diagnostischen 
Ziele kommen." Gaupp akzeptiert sogar ausdrücklich eine 
Freud'sche Annahme, indem er die Kriegsneurose als eine 
Flucht vor psychischen Konflikten in die Krankheit beschreibt 
und auf die Psychoanalyse anspielend, erklärt: „Viel lieber doch 
das Postulat der Wirkungen des Unbewußten auf Bewußtsein 
und Körperlichkeit, als eine psychologische Theorie, die mit 
Worten aus der anatomisch-physiologischen Wissenschaft die 
Tatsache zu verschleiern sucht, daß der Weg vom Körperlichen 
zum Seelischen und umgekehrt uns gänzlich unbekannt ist." Ja 
an einer anderen Stelle geht er noch weiter und stellt das 
psychoanalytische Postulat des Unbewußten ins Zentrum des 
ganzen Problems: „Gibt man nur zu, daß seelische Vorgänge 
im Körper wirken, auch wenn sie nicht im Blickfeld des Bewußt- 
seins liegen, so verschwinden die meisten der vermeintlichen 
Schwierigkeiten". Hier muß auch Hauptmann genannt werden, 
der die traumatische Neurose als eine durch emotionelle Momente 
ausgelöste, psychogen verarbeitete seelische Erkrankung auffaßt 
und ihre Symptome als „unbewußte Weiterverarbeitung der 
emotionellen Momente im Sinne der freiliegenden Bahnen". 

Bonhoeffer scheint die komplex-psychologischen Er- 
fahrungen der Psychoanalyse voll akzeptiert zu haben, er hält 
die traumatischen Symptome für „psychoneurotischeVerankerungen, 
Sejunktionserscheinungen, durch die unter dem Einfluße schwerster 
Emotion erfolgte Abspaltung des Affekts vom Vor- 
stellungsinhalt ermöglicht wird," 

Birnbaum konstatiert in seinem trefflichen Sammelreferate 
über die Literatur der traumatischen Neurosen, daß in vielen 



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Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 19 

Erklärungen dieser Neurosen (so z. B. in Strümpells Begeh- 
rungstheorie) eine Wunschpsychogenie der Hysterie sub- 
summiert ist und sagt: „Ist aber die Wunschpsychogenie, die 
Wunschfixierung etc. ein wesentlicher Bestandteil der Hysterie, 
dann gehört sie unbedingt in die Krankheitsdefinition." Dieser 
Forderung hat aber die Psychoanalyse längst entsprochen, sie 
faßt bekanntlich die neurotischen Symptome überhaupt als Äuße- 
rungen unbewußter Wünsche oder als Reaktionen auf solche auf. 

Auch Vogt bezieht sich auf den „berühmten Freud'schen 
Satz** nach dem die bedrängte Seele sich in die Krankheit flüchtet 
und erkennt an, daß „der Zwang, der daraus entsteht, oft mehr 
unbewußt als bewußt ist". Liepmann scheidet die Symptome 
der traumatischen Neurose in die unmittelbaren Folgen des 
psychischen Traumas und in „final gerichtete psychische Mechanis- 
men". Schuster spricht von Symptomen, die durch „unter- 
bewußte Vorgänge" hervorgerufen werden. 

Sie sehen, meine Damen und Herren: die Erfahrungen an 
Kriegsneurotikern führten allmählig weiter als zur Entdeckung 
der Seele, — sie führten die Neurologen beinahe zur Entdeckung 
der Psychoanalyse. Wenn wir von den in der neueren Literatur 
des Gegenstandes so heimisch gewordenen Begriffen und An- 
schauungen hören, — Abreagierung, Unbewußtes, psychische 
Mechanismen, Loslösung des Affekts von seiner Vorstellung 
etc. — , so wähnen wir in einem Kreise von Psychoanalytikern 
zu sein und doch fiel es noch keinem dieser Forscher ein, sich 
die Frage vorzulegen, ob man nach diesen Erfahrungen bei 
Kriegsneurosen die psychoanalytische Anschauungsweise nicht 
auch bei der Erklärung der uns vom Frieden her bekannten, 
gewöhnlichen Neurosen und Psychosen verwerten kann. Die 
Spezifizität des Kriegstraumas wird ja einstimmig geleugnet; 
allgemein wird gesagt, daß die Kriegsneurosen nichts enthalten, 
was der bisher bekannten Symptomatologie der Neurosen etwas 
neues hinzufügte, ja die Münchner Tagung deutscher Nerven- 
ärzte verlangte förmlich die Abschaffung des Wortes und des 
Begriffes: „Kriegsneurose". Wenn aber Friedens- und Kriegs- 

2» 



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20 Dr. S. Ferenczi. 

neurosen im Wesen identisch sind, dann werden die Nerven- 
ärzte nicht umhin können, alle diese Vorstellungen von emotio- 
neller Erschütterung, vom Haftenbleiben pathogener Erinnerun- 
gen und von deren Fortwirken aus dem Unbewußten etc. auch 
bei der Erklärung der gewöhnlichen Hysterie, der Zwangsneurose 
und der Psychosen anzuwenden. Sie werden überrascht sein, wie 
leicht es ihnen werden wird, den von Freud begangenen Weg 
zu gehen, und werden es bedauern, seinen Weisungen so hart- 
näckig Widerstand geleistet zu haben. 

Auf die Frage der Disposition zur Erkrankung an einer 
Kriegsneurose gaben die Autoren widersprechende Antworten. 
Die meisten folgen der Anschauung Gaupps, Laudenhei- 
mers u. A., nach denen die meisten Kriegsneurotiker ab ovo 
Neuro- und Psychopathen sind und der Erschütterung nur die 
Rolle des auslösenden Faktors zukommt. Bonhoeffer sagt 
direkt: „Die psychogene Auslösbarkeit eines psychopatologischen 
Zustandes ist ein Kriterium der degenerativen Anlage.** Ähnlich 
Förster und Jendrassik. Nonne hingegen findet weniger 
die persönliche Konstitution, als vielmehr die Art der einwirken- 
den Schädlichkeit für die Erkrankung an einer Kriegsneurose aus- 
schlaggebend. Die Psychoanalyse nimmt in dieser Frage eine 
vermittelnde Stellung ein, die von Freud oft und ausdrücklich 
präzisiert wurde. Sie spricht von einer „aetiologischen Reihe", 
in der Anlage und traumatischer Anlaß als reziproke Werte figu- 
rieren. Geringe Anlage und starke Erschütterung können die- 
selben Wirkungen nach sich ziehen, wie bei erhöhter Disposition 
schon ein geringfügiges Trauma. Die Psychoanalyse begnügte 
sich aber nicht mit dem theoretischen Hinweis auf dieses Ver- 
hältnis, sondern sie bemüht sich — mit Erfolg — den kom- 
plexen Begriff der „Disposition" in einfachere Elemente zu zer- 
legen und jene konstitutionellen Faktoren festzustellen, die die 
Neurosenwahl (die spezielle Neigung an dieser oder jener Neu- 
rose zu erkranken) bedingen. Auf die Frage, wo die Psycho- 
analyse die spezielle Disposition zur Erkrankung an traumatischer 
Neurose sucht, will ich noch zurückkommen. 



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Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 21 

Die Literatur über die Symptomatologie der Kriegs- 
neurosen ist schier unübersehbar. Von hysterischen Symptomen 
z. B. werden nach Gaupp beobachtet: „Anfälle leichter bis 
allerschwerster Art, bis zum stundenlangen arc de cercle, manch- 
mal von epileptischer Häufigkeit und Rücksichtslosigkeit des 
Ablaufs, Astasie, Abasie, Haltungs- und Bewegungsanomalien des 
Rumpfes bis zum Gang auf allen Vieren, alle Varianten des Tic 
und Schütteltremor, Lähmungen und Kontrakturen in monople- 
gischer, hemiplegischer und paraplegischer Form, Taubheit und 
Taubstummheit, Stottern nnd Stammeln, Aphonie und rythmisches 
Bellen, Blindheit mit und ohne Blepharospasmus, Sensibilitäts- 
störungen aller Art, dann vor allem Dämmerzustände in nie 
gesehener Zahl und Kombination mit körperlichen Reiz- und 
Ausfallserscheinungen." Sie sehen: es ist wie ein Museum 
schreiender hysterischer Symptombilder und wer das einmal 
gesehen hat, wird Oppenheims Ansicht, nach der reine Neu- 
rosenbilder bei den traumatischen Neurosen des Krieges selten 
sind, glatt ablehnen müssen. Schuster lenkt die Aufmerksam- 
keit auf die vielen vasomotorisch-trophischen Erscheinungen hin ; 
diese sind seiner Anschauung nach nicht mehr psychogen. Die 
Psychoanalyse wird aber jenen zustimmen, die auch diese Symp- 
tome — analog den in der Hypnose produzierbaren Körperver- 
änderungen — z. T. auf psychischem Wege entstehen lassen. — 
Schließlich weisen alle Autoren auf die Gemütsänderung, Apathie, 
Übererregbarkeit etc. nach dem Trauma hin. 

Aus diesem Chaos von Symptombildern ragt durch Häufig- 
keit und Auffälligkeit die Zitterneurose hervor. Sie kennen alle 
die mitleiderregenden Gestalten, die mit schlotternden Knien, 
unsicherem Gang und mit eigenartigen Bewegungsstörungen 
behaftet durch die Gassen humpeln. Sie machen den Eindruck 
hilfloser und unheilbarer Invaliden ; und doch zeigt die Erfahrung 
daß auch dieses traumatische Krankheitsbild rein psychogen ist. 
Eine einzige suggestive Elektrisierung, wenige hypnotische Maß- 
nahmen genügen oft, solche Leute, wenn auch nur vorüber- 
gehend und bedingungsweise, voll leistungsfähig zu machen. Am 



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22 Dr. S. Ferenczi. 

genauesten hat diese Innervationsstörungen Erben untersucht; 
er fand, daß sich die Störungen nur dann einstellen oder steigern, 
wenn die betreffenden Muskelgruppen eine Aktion ausführen 
oder intendieren. Seine Erklärung hiefür ist, daß hier „der 
Willensimpuls den Krampf bahnt", was aber nur die physiologi- 
sierende Umschreibung des Tatbestandes ist. Die Psychoanalyse 
vermutet hier eine psychische Motivierung: die Aktivierung 
eines unbewußten G e g e n w i 1 1 e n s, der sich den bewußt ge- 
wollten Leistungen in den Weg stellt. Am auffälligsten gilt dies 
wohl für jene Patienten Erbens, die am Vorwärtsgehen durch 
heftigste Schüttelkrämpfe gehindert sind, aber der viel schwierigeren 
Aufgabe des Rückwärtsgehens ohne Zittern entsprechen. Erben 
ist auch hier mit einer komplizierten physiologischen Erklärung 
bei der Hand und vergißt, daß die Rückwärtsbewegung, die ja 
den Kranken von gefährlichen Bewegungszielen — und schließlich 
auch von der Frontlinie — entfernt, von keinem Gegenwillen 
gestört zu werden braucht. Eine ähnliche Deutung erfordern auch 
die übrigen Arten von Gehstörung, sowie insbesondere das an 
die Propulsion bei Paralysis agitans gemahnende, unhemmbare 
Laufen vieler Kriegsneurotiker. Es sind dies Leute, die sich von 
der Schreckwirkung nicht erholten und immer noch vor Gefahren 
fliehen, denen sie einstmal ausgesetzt waren. 

Solche und ähnliche Beobachtungen führten dann mehrere 
Forscher — auch Nichtpsychoanalytiker — zur Annahme, daß 
diese Störungen keine direkten Wirkungen des Traumas, sondern 
psychische Reaktionen darauf sind und im Dienste der 
Sicherungstendenz gegen die Wiederholung des unlust- 
vollen Erlebnisses stehen. Wir wissen ja, daß über solche Schutz- 
maßregeln auch der normale Organismus verfügt. Die Symptome 
des Schrecks : das Festwurzeln der Beine, das Zittern, das Stocken 
der Sprache, scheinen nützliche Automatismen zu sein ; man wird 
durch sie an das Sich-Totstellen gewisser Tiere bei Gefahr er- 
innert. Und wenn Bonhoeffer diese traumatischen Störungen 
als Fixierungen der Ausdrucksmittel der erlittenen schreckhaften 
Emotion auffaßt, so geht Nonne weiter und entdeckt, daß „die 



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Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 23 

hysterischen Symptome zum Teil eine Reminiszenz an angeborene 
Abwehr- und Verteidigungsvorrichtungen darstellen, deren Unter- 
drückung eben bei denjenigen Individuen, die wir hysterisch 
nennen, nicht im normalen Maße oder überhaupt nicht gelingt.* 
Nach Hamburger stellt der häufigst vorkommende Typus von 
Steh-, Geh- und Sprachstörung mit Schtitteltremor einen „Vor- 
stellungskomplex von Hinfälligkeit, Schwäche, Versagen und 
Erschöpfung dar" und G a u p p denkt bei denselben Symptomen 
an das Verfallen in infantile und puerile Zustände offensicht- 
licher Hilflosigkeit. Einige Autoren sprechen geradezu von der 
„Festnagelung" in der traumatischen Körperhaltung und Innervation, 

Keinem Kenner der Psychoanalyse wird es entgehen, wie sehr 
sich hier die Autoren, ohne es zu bekennen, der Psychoanalyse 
nähern. Die von ihnen beschriebenen ^ Ausdrucksbewegungs- 
fixierungen" sind ja im Wesen nur Umschreibungen der Breuer- 
Freud'schen hysterischen Konversion, — und das Verfallen in 
atavistische und infantile Reaktionsweisen besagt nichts anderes 
und nicht mehr, als was Freud als den regressiven Cha- 
rakter der neurotischen Symptome hervorhob, die nach ihm alle 
nur Rückfälle auf bereits überwundene onto- und phylogene 
Entwicklungsstufen bedeuten. Jedenfalls konstatieren wir mit 
Nachdruck, daß sich die Neurologen nunmehr entschlossen haben, 
gewisse nervöse Symptombilder zu deuten, das heißt auf un- 
bewußte psychische Inhalte zu beziehen, was vor der Psychoanalyse 
niemandem eingefallen ist. 

Ich komme nun auf die wenigen Autoren zu sprechen, die 
sich mit den Kriegsneurosen im psychoanalytischen Sinne be- 
schäftigen. 

Stern veröffentlichte eine Arbeit über die psychoanalytische 
Behandlung von Kriegsneurosen im Kriegslazarett. Die Arbeit 
ist mir im Original nicht zugänglich, aus Referaten erfahre ich, 
daß der Autor vom Gesichtspunkte der Verdrängung ausgeht und 
die Situation des dienenden Soldaten infolge der vom Dienste 
erforderten Affektunterdrückungen zur Erzeugung von Neurosen 
besonders geeignet findet. Schuster gibt zu, daß die Unter- 



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24 Dr. S. Ferenczi. 

suchungen Freuds „wie man sich zu ihnen auch stellen mag* 
ein Streiflicht auf die Psychogenese der Neurosen geworfen haben; 
sie verhalfen dazu, den versteckten, schwer auffindbaren, aber 
dennoch vorhandenen Zusammenhang zwischen Symptom und 
psychischen Inhalt aufzudecken. Mohr behandelt die Kriegs- 
neurosen mit der kathartischen Methode Breuers und Freuds, 
indem er die Kranken, die kritischen Szenen neu erleben und ihre 
Affekte durch Wiederauflebenlassen der schreckhaften Emotion zur 
Abreagierung bringt. Der Einzige, der sich bisher methodisch 
mit der Psychokatharsis der Kriegsneurosen befaßte, war Sim mel, 
der über seine Erfahrungen dem Kongresse selber Bericht erstatten 
wird. Schließlich erwähne ich meine eigenen Untersuchungen 
über die Psychologie der Kriegsneurosen, in denen ich den Ver- 
such machte, die traumatischen Krankheitsbilder in den Kategorien 
der Psychoanalyse unterzubringen. 

In diesem Zusammenhange will ich noch auf eine sehr weit 
verzweigte Diskussion hinweisen, die sich unter den Autoren über 
die Frage entsponnen hat, ob eine Gewalteinwirkung noch psy- 
chogen wirken kann, wenn der von ihr Betroffene sofort bewußt- 
los wurde. Goldscheider und viele andere meinen noch, daß 
eine psychische Wirkung durch die Ohnmacht unmöglich gemacht 
werde und Aschaffenburg versteift sich zur Äußerung, dafi 
die Bewußtlosigkeit vor Erkrankung an Neurose schützt. Dieser 
Anschauung tritt Nonne mit Recht entgegen, indem er auf 
unbewußte seelische Strömungen, die trotz der Bewußtlosig- 
keit psychisch wirken können, hinweist ; L. M a n n vertritt sogar 
— wohl auf der B r e u e r'schen Hypno'idtheorie fußend — die 
Ansicht, daß die Bewußtlosigkeit vor Erkrankung nicht schützt, 
sondern indem sie die Entladung der Affekte hindert, zur Erkran- 
kung an Neurose noch disponiert. Am vernünftigsten äußert 
sich in dieser Streitfrage Orlovsky, der auf die Möglich- 
keit hinweist, daß die Ohnmacht selbst ein psychogenes Symptom 
sein kann, eine Flucht in die Bewußtlosigkeit, die den Betrof- 
fenen das bewußte Erleben der peinlichen Situation und Sensa- 
tion ersparen soll. 



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Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 25 

Für uns Psychoanalytiker ist die Möglichkeit psychogener 
Symptombildungen auch in der Ohnmacht, ganz gut verständlich. 
Dieses Problem konnte eben nur von Autoren aufgeworfen werden, 
die auf einem von der Psychoanalyse überwundenen Standpunkte 
stehen, der das Seelische mit dem Bewußten gleichsetzt. 

Ich weiß nicht, meine Damen und Herren, ob auch Sie aus 
dieser Reihe von Zitaten und Hinweisen (die nur Stichproben 
aus der Literatur wiedergeben) den Eindruck gewonnen haben, 
daß sich in der Einstellung maßgebender Neurologen gegenüber 
den Lehren der Psychoanalyse eine, wenn auch uneingestandene 
Annäherung vollzog. Es fehlt übrigens auch an offener Anerken- 
nung nicht, so z. B. die Äußerung Nonnes, wonach Freuds 
Erfahrungen über die Verarbeitung im Unbewußten durch die 
Erfahrungen des Krieges interessante Beleuchtungen und Bestäti- 
gungen erfahren haben. 

Doch derselbe anerkennende Satz enthält ein vernichtendes 
Urteil Nonnes über die Psychoanalyse; er behauptet, daß 
Freuds Meinung von der fast ausschließlich sexuellen Grund- 
lage der Hysterie, eine entscheidende Niederlage durch den Krieg 
erfahren hätte. Diese immerhin nur partielle Ablehnung der Psycho- 
analyse können wir nicht mehr unbeantwortet lassen ; auch ist 
uns die Antwort sehr leicht gemacht. Die Kriegsneurosen gehören 
eben laut der Psychoanalyse zu einer Neurosengruppe, bei der 
nicht nur, wie bei der gewöhnlichen Hysterie, die Genitalsexualität, 
sondern auch eine Vorstufe davon, der sogenannte Narzißmus, 
die Selbstliebe, betroffen ist, ähnlich wie auch bei der Dementia 
praecox und der Paranoia. Es ist nun zuzugeben, daß die sexuelle 
Grundlage dieser sogenannten narzißtischen Neurosen weniger 
leicht ersichtlich ist, besonders für jene, die die Sexualität mit Genita- 
lität gleichsetzen und es verlernt haben, das Wort „sexuell" im Sinne 
des alten platonischen Eros zu verwenden. Zu diesem uralten 
Standpunkte kehrt aber die Psychoanalyse zurück, wenn sie alle 
zärtlichen und sinnlichen Beziehungen des Menschen zum andern 
und dem eigenen Geschlechte, Gefühlsregungen gegenüber 
Freunden, Verwandten, den Mitmenschen überhaupt, ja das Affekt- 



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26 Dr. S. Fcrenczi. 

Verhältnis zum eigenen Ich und zum eigenen Körper zum Teil in 
der Rubrik »Erotik", respektive „Sexualität" behandelt. Es ist nicht 
zu leugnen, daß die, denen diese Auffassung fremd ist, sich von der 
Richtigkeit der sexualtheoretischen Annahme Freuds gerade bei 
einer narzißtischen Neurose (z. B.bei der traumatischen) nicht so leicht 
überzeugen können. Wir möchten ihnen raten, sich einmal auch 
bei der gewöhnlichen (nicht traumatischen) Hysterie und Zwangs- 
neurose umzusehen und sich streng an die von Freud vor- 
geschlagene Methodik der freien Assoziation, der Traum- und 
Symptomdeutung zu halten. Da werden sie sich viel leichter von 
der Richtigkeit der Sexualtheorie der Neurosen tiberzeugen können ; 
die Verständigung über den sexuellen Hintergrund der Kriegs- 
neurosen wird sich dann von selber ergeben. Jedenfalls ist das 
Triumphieren über den Sturz der Sexualtheorie etwas verfrüht. 
Für die Beteiligung sexueller Momente bei der Symptom- 
bildung auch der traumatischen Neurose spricht übrigens auch 
die von mir gemachte Beobachtung, daß bei den trauma- 
tischen Neurotikern die Genitallibido- und Potenz zumeist 
stark beeinträchtigt, in vielen Fällen und für längere Zeit sogar ganz 
aufgehoben sein kann. Dieser eine positive Befund allein genügt 
wohl, um die Voreiligkeit der Nonn ersehen Schlußfolgerung zu 
demonstrieren.^^ 

Meine Damen und Herren ! Mit dem Gesagten hätte ich die 
hauptsächliche Aufgabe meines Referates, die kritische Sichtung 
der Kriegsneurosenliteratur vom Standpunkte der Psychoanalyse, 
erledigt. Ich benütze aber diese seltene Gelegenheit, Ihnen auch 
einiges von den persönlich gemachten Erfahrungen mitzuteilen 
und Gesichtspunkte zu eröffnen, die diese Zustände psycho- 
analytisch zu erklären helfen. 

In der psychischen Sphäre des Traumatisch - Neurotischen 
herrschen hypochondrische Depression, Schreckhaftigkeit, Ängstlich- 
keit un(4 hochgradige Reizbarkeit mit Neigung zu Zornausbrüchen 

* Diese Tatsache ist im Laufe der Kongreßverhandlungen von allen 
Diskussionsteilnehmern bestätigt worden. 



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Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 27 

vor. Die meisten dieser Symptome lassen sich auf gesteigerte 
Ich-Empfindlichkeit zurückführen (insbesondere die Hypo- 
chondrie und die Unfähigkeit, körperliche oder seelische Unlust 
zu ertragen). Diese Überempfindlichkeit rührt davon her, daß 
infolge der — einmal oder wiederholt erlebten — Erschütterung 
das Interesse und die Libido der Patienten von den Objekten 
ins Ich zurückgezogen wurde. Es kam so zu einer Stauung der 
Libido im Ich, die sich eben in jenen abnorm-hypochondrischen 
Organgefühlen und der Überempfindlichkeit äußert. Nicht selten 
artet diese gesteigerte Ich-Liebe in eine Art infantilen Narziß- 
mus aus : die Kranken möchten wie Kinder verhätschelt, gepflegt 
und bedauert werden. Man kann also von einem Rückfall in das 
kindliche Stadium der Selbstliebe sprechen. Dieser Steigerung 
entspricht die Abnahme der Objektliebe, oft auch der genitalen 
Potenz. Ein schon von vornherein narzißtisch Veranlagter wird 
selbstverständlich eher an traumatischer Neurose erkranken ; aber 
ganz gefeit ist niemand davor, bildet doch das Stadium des 
Narzißmus einen bedeutsamen Fixierungspunkt in der Libido- 
entwicklung eines jeden Menschen. Häufig ist die Kombination mit 
anderen narzißtischen Neurosen, besonders mit der Paranoia 
und Demenz. 

Das Symptom der Ängstlichkeit ist das Zeichen der vom 
Trauma verursachten Erschütterung des Selbstvertrauens. Am 
Auffälligsten äußert sich dies bei Leuten, die infolge einer Explosion 
umfielen, fortgeschleudert oder verschüttet wurden und hiebei 
ihre Selbstsicherheit dauernd einbüßten. Die charakteristischen 
Gehstörungen (Astasien-Abasien mit Zittern) sind Schutz- 
maßregeln gegen die Wiederholung der Angst, also Phobien im 
Sinne Freuds. Die Fälle, in denen diese Symptome vorherr- 
schen, sind als Angsthysterien anzusprechen. Jene Sym- 
ptome hingegen, die einfach die Situation (Innervation, Körper- 
haltung) im Momente der Explosion etc. festhalten, sind kon- 
versionshysterisch im Sinne der Psychoanalyse. Auch bei 
der Ängstlichkeit gibt es natürlich ein dispositionelles Entgegen- 
kommen; es erkranken daran leichter Personen, die trotz eigent- 



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28 Dr. S. Ferenczi. 

lieber Feigheit sich aus Ambition zu mutigen Leistungen zwangen. 
Die angsthysterische Gehstörung ist zugleich ein Rückfall auf ein 
infantiles Stadium des Nichtgehenkönnens oder des Gehenlernens. 

Auch die Neigung zu Wut- und Zornausbrüchen ist eine 
höchst primitive Reaktionsweise auf eine tibermächtige Gewalt; 
sie können sich bis zu epileptischen Krämpfen steigern und 
repräsentieren mehr minder inkoordinierte Affektentladungen, wie 
sie in der Säuglingszeit zu beobachten sind. Eine mildere Abart 
dieser Hemmungslosigkeit ist die Disziplinlosigkeit, die fast bei 
keinem Traumatisch-Neurotischen fehlt. Die tibermäßige Liebe- 
bedtirftigkeit und der Narzißmus bedingt auch diese gesteigerte Reiz- 
barkeit. 

Die Gesamtpersönlichkeit der meisten Traumatiker entspricht 
also der eines infolge Erschreckens verängstigten, sich verzärteln- 
den, hemmungslosen, schlimmen Kindes. Es paßt zu diesem 
Bilde das tibermäßige Gewicht, das fast alle Traumatiker auf 
gutes Essen legen. Die minder gute Bedienung in dieser Hinsicht 
vermag bei ihnen die heftigsten Affektausbrüche, auch Anfälle 
auszulösen. Die meisten wollen nicht arbeiten, sie wollen wie 
ein Kind erhalten und ernährt werden. 

Es handelt sich hier also nicht allein, wie Strümpell 
meinte, um ,das Produzieren von Krankheitsbildern eines aktuellen 
Nutzens wegen (Rente, Schadenersatz, Flucht von der Front), 
das sind nur sekundäre Krankheitsgewinne ; das primäre 
Krankheitsmotiv ist das Vergnügen selbst, im sicheren Hort der 
einstmal ungerne verlassenen kindlichen Situation zu verbleiben. 

Sowohl diese narzißtischen, als auch die ängstlichen Krank- 
heitsäußerungen haben alle auch ihr atavistisches Vorbild; 
es ist sogar möglich, daß die Neurose manchmal auf Reaktions- 
weisen zurückgreift, die in der individuellen Entwicklung über- 
haupt keine Rolle spielten (Sichtotstellen der Tiere, Gangarten 
und Säuglingsschutzarten von Tieren in der Ahnenreihe). Es ist. 
als ob ein überstarker Affekt sich nicht mehr auf den normalen 
Bahnen ausgleichen könnte, sondern auf bereits aufgelassene, 
aber virtuell vorhandene Reaktionsmechanismen regredieren müßte. 



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Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 29 

Ich zweifle nicht, daß sich noch viele andere pathologische 
Reaktionen als Wiederholungen überwundener Anpassungsarten 
entpuppen werden. 

Als noch wenig gewürdigte Symptome der traumatischen 
Neurosen, erwähne ich die Überempfindlichkeit aller Sinne 
(Lichtscheue, Hyperakusis, ungeheure Kitzlichkeit) und die Angst- 
träurae. In diesen Träumen werden die real erlebten Schrecknisse 
(oder ihnen ähnliche) immer und immer wiedererlebt. Ich folge 
einem Winke Freuds, wenn ich diese Schreck- und Angst- 
träume, wie auch die Schreckhaftigkeit bei Tage als selbsttätige 
Heilungsversuche der Kranken auffasse. Sie bringen sich 
den in seiner Totalität unerträglichen, unfaßbaren, daher in Sym- 
ptome konvertierten Schreck stückweise zur bewußten Ab- 
reagierung und tragen so zur Ausgleichung des gestörten Gleich- 
gewichtes im psychischen Haushalte bei. 

Diese wenigen eigenen Beiträge mögen Ihnen — meine 
Damen und Herren — als Beweis dessen dienen, daß die psycho- 
analytische Auffassung auch dort noch Gesichtspunkte eröffnet, 
wo uns die übrige Neurologie im Stiche läßt. 

Von der methodischen Psychoanalyse vieler Fälle aber dürfen 
wir die volle Erklärung, vielleicht auch die radikale Heilung 
dieser Krankheitszüstände erwarten. 

Während der Drucklegung dieses Referates las ich die 
interessante Arbeit Prof. E. Moros, des Heidelberger Kinder- 
arztes, über „das erste Trimenon", d. h. die Besonderheiten der 
ersten drei Lebensmonate des Säuglings. „Legt man einen jungen 
Säugling auf den Wickeltisch** — heißt es dort — „und schlägt man 
zu beiden Seiten mit den Händen auf das Kissen, so erfolgt ein 
eigenartiger Bewegungsreflex, der ungefähr folgendermaßen ver- 
läuft: Beide Arme fahren symmetrisch auseinander, um sich 
hierauf unter leicht tonischen Bewegungen im Bogen wieder 
annähernd zu schließen. Ein ähnliches motorisches Verhalten 
zeigen gleichzeitig beide Beine." Wir würden sagen: Moro hat 
hier eine kleine Schreck- (oder traumatische) Neurose künstlich 



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30 Dr. S. Ferenczi. Die Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 

erzeugt. Das Merkwürdige an der Sache ist nun, daß dieser 
Reflex beim Erschrecken des jungen (weniger als drei Monate 
alten) Säuglings Andeutungen eines natürlichen Umklammerungs- 
reflexes zeigt, wie sie die »Tragsäuglinge" charakterisiert, d. h. 
Tier- (Affen) Säuglinge, die gezwungen sind, sich mit Hilfe eines 
ausgesprochenen Klammerreflexes sich mit den Fingern an das 
Fell der auf den Bäumen herumklettemden Mutter festzuhalten 
(Siehe Abbildung.) Wir würden sagen: atavistischer Rückfall der 
Reaktionsweise bei plötzlichem Schreck*, 





(»Mänchner Mediz. Wochenschrift- 1918, Nr. 42, p. 1150.) 



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Erstes Korreferat. 

Von Dr. Karl Abraham (Berlin). 

Die Schulneurologie ist während des Krieges bezüglich der 
Ätiologie der traumatischen Neurosen mehr und mehr zu psycho- 
logischen Gesichtspunkten tibergegangen. Von unserer Anschau- 
ungsweise bleibt sie, trotz der von Ferenczi erwähnten An- 
näherungen, in zwei Hinsichten entfernt. Sie berücksichtigt fast 
ausschließlich die Reaktion der Ich triebe auf das Trauma und 
hält sich ganz an die manifesten Äußerungen der Neurose. 
Die Aufgabe meines Korreferats ist, neben jenen von uns nicht 
bestrittenen Faktoren das Unbewußte und das Sexuelle 
zur Geltung zu bringen. 

Vertrat die Psychoanalyse in Friedenszeiten die sexuelle 
Ätiologie der Neurosen, so hielt man ihr oft die traumatischen 
Neurosen entgegen. Ebenso wird jetzt die Meinung laut, die 
Entstehung der Kriegsneurosen widerlege unsere Anschauungen. 
Schreck, Sorge vor Wiederholung der gefährlichen Situation, 
Rentengier und eine in ihrem Wesen recht unklare Disposition 
reichen als Krankheitsursachen angeblich vollkommen aus; man 
sehe an der Masse der im Kriege ausgebrochenen Neurosen so 
recht die Bedeutungslosigkeit der sexuellen Ätiologie. 

Meine Friedenserfahrungen mit traumatischen Neurosen 
hatten mich längst eine ähnliche Bedeutung der Sexualität bei 
diesen vermuten lassen wie bei den sonstigen Neurosen, waren 
aber zur Veröffentlichung noch nicht zahlreich und geschlossen 
genug gewesen. Ich erwähne ein junges Mädchen, das einen leichten 
Straßenbahnunfall erlitt zur Zeit, da sie sich in einem ernsten 
erotischen Konflikt befand. Die Analyse ergab, daß der Unfall 



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32 Dr. Karl Abraham. 

gewissermaßen den Vorwand zum Ausbruch der Neurose gegeben 
hatte. Die Symptome standen mit dem erwähnten Konflikt in Zusam- 
menhang; das Trauma trat an Bedeutung hinter ihm durchaus 
zurück. Ich erwähne ferner die Erfahrung, daß einige von mir genauer 
beobachtete Unfallquerulanten durchweg an Impotenz litten; diese 
Störung war durch den Unfall ausgelöst, schien aber in alten, un- 
bewußten Sexualwiderständen ihre eigentliche Begründung zu haben. 

Die Untersuchung der Kriegsneurotiker hat meine Ver- 
mutungen, die sich an solche Beobachtungen knüpften, voll be- 
stätigt. Außerdem aber erschien mir die Wiederkehr bestimmter 
Symptome bei den Kriegsneurotikern bemerkenswert, die mir 
nicht nur von traumatischen Neurosen der Friedenszeit, sondern 
auch von zwei nicht-traumatischen Erkrankungsformen geläufig 
waren. Ich meine den Symptomenkomplex, den wir bei den 
Angstzitterern während des Krieges so oft beobachten konnten: 
Zittern, Unruhe, Reizbarkeit, Empfindlichkeit, Schlaflosigkeit, 
Kopfschmerz, Angst, depressive Stimmung und Gefühle der 
Insuffizienz. Zwei neurotische Typen mit den gleichen Symptomen — 
wenn diese auch nicht so grob hervortraten wie im Kriege — waren 
der impotente Mann und die frigide Frau. Eine so weitgehende 
Ähnlichkeit der äußeren Erscheinungen ließ auch eine Ähnlich- 
keit der inneren Vorgänge erwarten. 

Alle meine Erfahrungen stimmen mit den von Ferenczi 
bereits mitgeteilten vollkommen überein. Das Trauma wirkt auf 
die Sexualität vieler Personen in dem Sinne, daß es den Anstoß 
zu einer regressiven Veränderung gibt, welche dem 
Narzißmus zustrebt. Ich bemerke, daß wir beide zu dieser 
Anschauung, der wir heute Ausdruck geben, gelangt sind, ohne 
uns vorher im geringsten verständigt zu haben. Das Trauma hat 
aber die erwähnte Wirkung nur bei einem Teil der Kriegsteil- 
nehmer. Der Annahme einer individuellen Disposition können 
wir daher nicht antraten, sind aber in der Lage, sie weit be- 
stimmter zu präzisieren als die herrschende Schulneurologie es 
vermag. Ein Paar von Beispielen mag zunächst eine klarere 
Problemstellung ermöglichen. 



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Erstes Korreferat. 33 

Ein bei Kriegsbeginn ins Feld gezogener Soldat wird bereits 
am 12. August 1914 verwundet, verläßt vor vollständiger Heilung 
heimlich das Lazarett und geht wieder zur Front, macht bald 
eine zweite, nach wenigen Monaten eine dritte Verwundung 
durch. Nach abermaliger Rückkehr zur Front wird er durch 
Granateinschlag verschüttet und bleibt zwei Tage lang bewußtlos. 
Er bietet nach diesem vierten Trauma zwar Folgeerscheinungen 
der Kommotion, aber kein neurotisches Bild, ist speziell nicht 
ängstlich, verstimmt oder erregt. — Ein anderer Mann kommt 
ins Feld, stürzt bei einem Nachtgefecht in eine Grube, ohne sich 
zu verletzen, erkrankt aber unmittelbar darauf an einer Zitter- 
neurose schwerster Art und bietet das Bild eines seelisch Zu- 
sammengebrochenen. Wie erklären sich solche Unterschiede? 

Die Vorgeschichte solcher Leute, noch mehr natürlich eine 
tiefer gehende Analyse, läßt uns begreifen, warum der eine unter 
schwersten körperlichen und seelischen Einwirkungen des Krieges 
im Wesentlichen gesund bleibt, der andere auf relativ geringe 
Reize mit schwerer Neurose reagiert. Mit großer Regelmäßigkeit 
ergibt sich, daß die Kriegsneurotiker schon vor dem Trauma — 
um es zunächst mit einem allgemeinen Ausdruck zu bezeichnen — 
labile Menschen waren, und zwar besonders hinsichtlich 
ihrer Sexualität. Es sind Menschen, die im praktischen Leben 
teils ihre Aufgaben nicht zu erfüllen vermochten, teils zwar hierzu 
imstande waren, aber wenig Initiative, wenig vorwärts drängende 
Energie an den Tag legten. Durchweg aber war ihre sexuelle 
Aktivität verringert, ihre Libido durch Fixierungen gehemmt; 
viele von ihnen waren bereits vor dem Feldzug schwach potent 
oder nur bedingungsweise potent. Ihre Einstellung zum weib- 
lichen Geschlecht wurde durch teilweise Fixierung der Libido im 
Entwicklungsstadium des Narzißmus in mehr oder weniger 
erheblichem Grade gestört. Ihre soziale und sexuelle Funktionsfähig- 
keit war von gewissen Konzessionen an ihren Narzißmus abhängig. 

Im Kriege werden diese Männer unter völlig veränderte Ver- 
hältnisse und vor außerordentliche Anforderungen gestellt. Sie 
sollen jederzeit zur bedingungslosen Hingabe zu Gunsten der 

Zar Psychoanalyse der Kriegsneurosen. 3 



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34 Dr. Karl Abraham. 

Gesamtheit bereit sein. Das bedeutet den Verzicht auf alle narzi- 
stischen Privilegien. Eine so vollkommene Unterdrückung seines 
Narzißmus vermag der Gesunde zu leisten. Wie er nach dem 
Übertragungs-Typus liebt, so ist er zur Aufopferung seines Ich 
für die Gesamtheit fähig. In dieser Hinsicht stehen die zur Neu- 
rose Disponierten den Gesunden nach. 

Es wird von ihnen im Felde aber nicht nur das Erdulden 
gefahrvoller Situationen — also eine rein passive Leistung — 
verlangt, sondern noch ein Zweites, das viel zu wenig beachtet 
wird. Es handelt sich um die aggressiven Leistungen, zu denen 
der Soldat stündlich bereit sein muß. Neben der Bereitschaft 
zum Sterben wird die Bereitschaft zum Töten von ihm 
gefordert. 

Ein weiterer Faktor, der auf die labile Sexualität der zur 
Neurose Disponierten einwirkt, ist das fast ausschließliche Zu- 
sammensein mit Männern. Die Sexualität des Normalen nimmt 
hieran keinen Schaden; anders diejenige der Männer mit stärkeren 
narzistischen Zügen. Die Kenntnis des Zusammenhangs zwischen 
Narzißmus und Homosexualität läßt uns dies verstehen. 

Die schon früher unsichere Einstellung zum Weibe gerät 
unter solchen Verhältnissen ins Wanken. Ist die Labilität der 
Einstellung zum anderen Geschlecht recht groß, so bedarf es 
nicht einmal des Kriegstraumas, um bei solchen Männern 
eine Neurose zum Ausbruch zu bringen. So beobachtete ich einen 
Mann, der auf der Rückkehr von einem Heimatsurlaub einen 
Krampfanfall erlitt und, ins Lazarett gebracht, Zeichen schwerer 
Angst und Depression darbot. Der Mann war von jeher durch 
sein weiches, wenig männliches Wesen aufgefallen, in der Ehe 
schwach potent und stets zur Eifersucht geneigt gewesen. Als 
er auf Urlaub daheim war, versagte er seiner Ehefrau gegenüber 
sexuell vollkommen. Seine Befürchtungen, seine Frau werde ihm 
untreu werden, stiegen auf den Höhepunkt, und bald nach der 
Abreise vom Heimatsort erlitt er seinen Krampfanfall. 

Solche Männer mit labilem heterosexuellem Triebe bedürfen 
für ihre Sexualität einer Stütze. Sie finden sie vielfach in der 



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Erstes Korreferat. 35 

Ehefrau, von der ihre Libido völlig abhängig wird, oder sie 
müssen sich ihrer sexuellen Unsicherheitsgefühle erwehren, indem 
sie sich bei Dirnen immer von neuem davon tiberzeugen, daß 
sie potent sind. So bedürfen sie auch im Kriege einer Stütze für 
ihre schwankende Aktivität. Auch ihre militärische Brauchbarkeit 
ist von Bedingungen abhängig. Sie sind oftmals in Reih* 
und Glied brauchbar, halten eben ihre Aktivität an derjenigen 
der Kameraden aufrecht. Eine veränderte Situation, ein Ereignis, 
das bei starker Disposition nur sehr geringfügig zu sein braucht, 
bringt sie aus dem Gleichgewicht, macht den vorher schwach 
aktiven Mann gänzlich passiv. Die Passivität äußert sich dann 
nicht bloß auf dem Gebiet der Ichtriebe, sondern ebenso sehr 
auf dem der Sexualtriebe. Der Narzißmus bricht hervor. Die Fähig- 
keit der Libido-Übertragung erlischt ebenso wie die Fähigkeit der 
Hingabe zu Gunsten der Gesamtheit. Im Gegenteil haben wir nun 
einen Kranken vor uns, der selber der Pflege und Rücksicht von 
Seiten anderer bedarf, der in typisch narzistischer Weise in steter 
Angst um Leben und Gesundheit schwebt. Narzistisch ist auch 
die Aufdringlichkeit der Symptome (Schüttelzittern, Anfälle usw.) 
zu bewerten. Viele der Kranken zeigen sich vollkommen weiblich- 
passiv in der Hingabe an ihr Leiden. In ihren Symptomen er- 
leben sie immer von Neuem wieder die Situation, die die Neu- 
rose zum Ausbruch gebracht hat und werben um die Teilnahme 
der Menschen. 

An dieser Stelle muß nochmals auf die schon erwähnte 
Erfahrung zurückgegriffen werden, daß bei unsern Kranken die 
Angst vor dem Töten von ähnlicher Bedeutung ist, wie die vor 
dem Sterben. Die Symptome werden zum Teil nur in diesem 
Sinne verständlich. Besonders instruktiv ist der Fall eines Mannes, 
der im Felde den Rückfall einer sechs Jahre zuvor durch- 
gemachten Neurose erlitt. Damals war er im Anschluß an einen 
Traum, in welchem er jemanden ermordete, an einem schüttelnden 
Armtremor erkrankt; im Felde löste ein Nahgefecht das alte 
Symptom wieder aus. Hysterische Krampfanfälle werden nicht 
nur durch gefahrvolle Situationen, Schreck usw. ausgelöst, sondern 

3* 



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36 Dr. Karl Abraham. 

nicht selten kommt in ihnen eine unterlassene Aggressions- 
handlung zum Ausdruck. Namentlich schließt sich ein solcher 
Anfall oft an Wortwechsel mit Vorgesetzten an ; der unterdrückte 
Impuls zur Gewalttätigkeit findet in ihm seine motorische Abfuhr. 

Die völlige Haltlosigkeit vieler Kriegsneurotiker, ihre fassungs- 
lose Niedergeschlagenheit, ihr Hang zu Todesgedanken finden 
noch eine weitere Erklärung in einer besonderen Wirkung des 
Traumas. Viele der neurotisch Veranlagten haben sich bis zu 
dem Augenblick, da das Trauma sie umwarf, nur durch eine 
mit ihrem Narzißmus zusammenhängende Illusion aufrecht 
erhalten, nämlich durch den Glauben an ihre Unsterblichkeit und 
Unverletzlichkeit. Die Einwirkung einer Explosion, eine Verwun- 
dung oder dergleichen zerstört diesen Glauben plötzlich. Die 
narzistische Sicherheit weicht einem Gefühl der Ohnmacht, und 
die Neurose setzt ein. 

Bis zu welchem Grade die Regression gedeihen kann, zeigen 
jene auch in der Literatur beschriebenen Fälle, in welchen die 
Kranken das Verhalten ganz kleiner Kinder zur Schau tragen. 
Einer meiner Kranken, schon früher neurotisch, war durch die 
Schreckwirkung eines Mineneinschlags in einen derartigen Zustand 
versetzt worden. Er benahm sich lange Zeit wie ein verängstigtes 
kleines Kind. Wochenlang konnte er auf alle Fragen nach seinem 
Leiden nur die zwei Worte „Mine bums" hervorbringen. Er war 
also zur Ausdrucksweise des Kindes im zweiten Lebensjahre 
zurückgekehrt. 

Bemerkenswert erscheint folgender scheinbarer Ausnahmsfall 
von der eingangs aufgestellten Regel, in welchem ein früher 
gesunder, beruflich und sexuell voll leistungsfähiger junger Mann 
im Felde von einer schweren Neurose befallen wurde. Er litt an 
einer schweren Astasie und Abasie und an einer enormen Ober- 
erregbarkeit der Affekte. Der Patient war durch eine Explosion 
mit der unteren Rückenpartie gegen die Grabenwand geworfen 
worden, hatte also ein Trauma erlitten und war von verschiedenen 
Neurologen bereits wegen „traumatischer Hysterie" behandelt 
worden. Die genaue körperliche Untersuchung ergab mir die 



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Erstes Korreferat. 37 

sicheren Anzeichen einer Affektion des Conus medullaris (offenbar 
einer Haematomyelie). Anamnestisch ließ sich feststellen, daß der 
Patient nach dem Trauma Urin und Stuhl nicht halten konnte. 
Er blieb dennoch auf seinem Posten, da er diese Störungen als 
Folgen des Schrecks ansah. Sie besserten sich in den folgenden 
Wochen. Während der gleichen Zeit bemerkte er aber das Er- 
loschensein aller sexuellen Gefühle. Er suchte diese ihn beun- 
ruhigende Erscheinung zunächst auf harmlose Weise zu erklären, 
nicht ahnend, daß er eine organische Impotenz davongetragen 
hatte. Während eines Heimaturlaubs mußte er sich tiberzeugen, 
daß die sexuelle Unempfindlichkeit auf keine Art zu überwinden 
war. Nun brach die Neurose bei ihm aus, nicht als Folge des 
psychischen Eindrucks der Explosion, sondern als Reaktion auf 
die traumatisch entstandene organische Impotenz. Übrigens unter- 
schied sich diese Neurose von den üblichen traumatischen Neurosen 
durch die euphorische, zeitweise manisch zu nennende Stim- 
mungslage. 

Dieser Unterschied bedarf einer besonderen Würdigung und 
Erklärung. Auch andere organisch schwer Geschädigte zeigen eine 
solche Stimmungslage, die uns überraschen muß. Ich habe zum 
Beispiel immer gefunden, daß auf den Amputiertenstationen eine 
auffallend heitere Stimmung herrschte. Im Beginn des Krieges 
wurde ich auf diese Euphorie der Schwergeschädigten durch ein 
besonderes Erlebnis aufmerksam. Ich hatte auf einer allgemeinen 
Lazarett-Station vier Soldaten zu behandeln, denen durch Splitter 
der gleichen Granate das rechte Auge schwer verletzt worden 
war. Alle vier hatten in einem anderen Lazarett bereits die 
Enucleatio bulbi durchgemacht. Sie waren keineswegs deprimiert, 
sondern gaben sich einer sorglos-heiteren Stimmung hin. Als sie 
nun — alle zu gleicher Zeit — ihr künstliches Auge erhielten, 
spielte sich eine merkwürdige Szene ab. Die Leute sprangen, 
tanzten, lachten in ausgelassener Stimmung, etwa wie Kinder, die 
sich in einen Rausch von Freude hineinsteigern. Auch hier liegt 
zweifellos eine Regression zum Narzißmus vor. Sie ist aber mehr 
partieller Natur. Diese Patienten verdrängen die Wahrnehmung, 



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38 Dr. Karl Abraham. 

daß sie durch die Verstümmelung eine Entwertung in mehr oder 
weniger hohem Grade erfahren haben, insbesondere in den Augen 
des weiblichen Geschlechts. Was ihnen an Liebe von außen ent- 
geht, ersetzen sie nun durch Selbstliebe. Der verletzte Körperteil 
erhält eine ihm vorher nicht zukommende Bedeutung als erogene 
Zone.* 

Alle hier mitgeteilten Erfahrungen sprechen einhellig im dem 
Sinne, daß die Kriegsneurosen ohne Berücksichtigung der Sexualität 
nicht zu verstehen sind. Diese Auffassung empfängt eine wert- 
volle Bestätigung durch die im Kriege beobachteten Geistes- 
störungen, die — wie Geistesstörungen überhaupt — ihren 
latenten Vorstellungsinhalt oft sehr viel leichter offenbaren als die 
Neurosen. Die im Felde ausgebrochenen Geistesstörungen sind, wie 
auch andere Beobachter festgestellt haben, nur zum geringen Teil mit 
Wahnbildungen verknüpft. Liegt aber ein Wahn vor, so hat er einen 
sogar manifest-sexuellen Inhalt. In den von mir beobachteten Fällen 
handelte es sich teils um Eifersuchtswahn, teils um den Wahn homo- 
sexueller Verfolgung durch Kameraden. Ich erwähne die paranoide 
Erkrankung eines Soldaten, die zum Ausbruch kam, als er, nach 
längerem Felddienst, auf Urlaub in die Heimat kam und sich 
der Ehefrau gegenüber als impotent erwies. Eine sehr durchsichtige 
Symbolik und andere Zeichen wiesen mit Sicherheit auf die Be- 
deutung der homosexuellen Komponente für die Entstehung des 
Wahns hin. Ein anderer Mann hatte den Wahn, im Lazarett von 
Kameraden während des Schlafes mit Syphilis infiziert zu sein; 
der Ursprung des Wahns lag auch hier in der mangelhaft ver- 
drängten Homosexualität. 

In diesem Zusammenhang sei noch eine bemerkenswerte 
Beobachtung erwähnt. Im Jahre 1915, als ich auf einer chirurgi- 
schen Station tätig war, wurde dort ein Mann mit Schußverletzung 
des Penis behandelt. Die von einem bekannten Chirurgen aus- 
geführte Operation gelang sehr gut. Zwei Jahre später kam der- 

* Die HalluzinaUonen, welche dem Amputierten das Vorhandensein des 
abgenommenen Körperteils vortäuschen, dürfte aus dieser Quelle eine Erklärang 
finden. 



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Erstes Korreferat. 39 

selbe Patient auf meine psychiatrische Station. Der früher psychisch 
unauffällige Mann bot jetzt eine paranoide Geistesstörung dar. 
Befragung ergab, daß bei ihm infolge der Schußverletzung eine 
gänzliche genitale Unempfindlichkeit bestand. Auch hier schien 
die Psychose in einem engen Zusammenhang mit dem Aufhören 
der genitalen Männlichkeit zu stehen. 

Die sogenannte Rentengier mancher Kriegsverletzter wird 
durch die landläufigen Begründungen ebensowenig erklärt, wie 
die Symptome der Neurose. Auch sie steht wie die neurotischen 
Symptome mit den Veränderungen der Libido im Zusammenhang. 
Nur scheinbar kämpft der Kranke um eine Entschädigung für 
die Versteifung seines Handgelenkes, für den abgeschossenen 
Finger, für seine neurotischen Beschwerden. Ganz übersehen wird 
in der Regel, daß der Neurotiker die Veränderung, welche mit 
seiner Libido vorgegangen ist, innerlich wahrnimmt. Er ist erfüllt 
von dem Gefühl eines ungeheuren Verlustes. Und 
er hat insoweit Recht, als er tatsächlich seine Fähigkeit zur 
Libido-Übertragung und damit eine wichtige Grundlage seines 
Selbstgefühls eingebüßt hat. Mir erzählte einmal ein Unfallverletzter 
vor dem Kriege, er habe sich mit seiner Versicherungsgesellschaft 
auf eine bestimmte Entschädigung geeinigt. Kaum war das 
geschehen, so durchfuhr ihn der Gedanke, mit dieser Summe sei 
sein wirklicher Schaden nicht entfernt gedeckt. Von nun an stieg 
die Summe, die er seiner Meinung nach hätte beanspruchen 
sollen, rapide weiter, bis ins Riesenhafte. Die Rente entschädigt 
stets nur für die objektiv nachweisbare Beschränkung der Erwerbs- 
fähigkeit, nicht aber für das, was der Kranke subjektiv am höchsten 
bewertet; für seine Verarmung an Objektliebe kann er nicht 
entschädigt werden. Der Narzißmus erklärt auch hier das Verhalten 
der Kranken. Wo früher die Fähigkeit der Hingabe (in jedem 
Sinne des Wortes) bestand, herrscht jetzt die narzistische Habgier. 
Die Genitalzone hat ihre Vorherrschaft verloren; die Analerotik 
ist verstärkt. Daß die Staatsrente die geschilderten Charakterzüge 
in ihrer Entwicklung begünstigt, ist klar; sie vermag das aber 
nur, wenn bei dem Verletzten bereits die Neigung bestand, 



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40 Dr. Karl Abraham. 

narzistisch auf eine von außen kommende Verletzung seiner 
Integrität zu reagieren. 

Nun zur Frage der Therapie, und besonders der psycho- 
analytischen ! 

Im Anfang des Krieges nahm man von den Neurotikern 
wenig Notiz, verlegte sie etwa in Erholungsheime, ohne sie 
eigentlich zu behandeln. Die Masse der neurotischen Erkrankungen 
nötigte zu anderen Maßnahmen. Die alte Methode der „Über- 
rumpelung" wurde wieder ausgegraben. Es kam die Zeit der 
„aktiven" Heilverfahren, deren bekanntestes das Kauf m ann'- 
sche ist. Diese Methoden blendeten zunächst durch ihre Eigen- 
schaft, die rasche Besserung einer großen Krankenzahl zu ermög- 
lichen. Sie haben aber bezüglich der Dauer der Erfolge nicht 
gehalten, was man erhoffte, und außerdem gewisse unerwünschte 
Erscheinungen nach sich gezogen. Die militärischen Medizinal- 
behörden zeigen daher ein lebhaftes Interesse daran, den allzu 
„aktiven" Methoden andere wirksame, aber milder wirkende an 
die Seite zu stellen. 

Vermag die Psychoanalyse in die bestehende Lücke zu treten? 
Theoretisch sind wir zu dieser Annahme berechtigt, weil die 
Psychoanalyse allein von allen Behandlungsmethoden eine causale 
ist. Aber wir haben auch bereits praktische Erfahrungen für uns. 
Ich verweise auf die Publikation von S i m m e 1 und sein nachher 
zu erstattendes Korreferat. Mit Rücksicht auf dieses letztere will 
ich mich hinsichtlich meiner eigenen therapeutischen Erfahrungen 
kurz fassen. Für uns Psychoanalytiker war die größte Zurück- 
haltung in der Behandlung der Kriegsneurosen unbedingtes Gebot, 
hatten uns doch die Kongreßreden und die Literatur vor dem 
Kriege die Ablehnung unserer Auffassungen und Bestrebungen 
seitens der Ärzteschaft überdeutlich gezeigt. Als ich 1916 eine 
Station für Neurosen und Geisteskrankheiten begründete, sah ich 
von jeder gewaltsamen Therapie ebenso wie von Hypnose und 
andern Suggestivmitteln vollkommen ab, ließ dagegen die Kranken 
im wachen Zustande abreagieren und suchte ihnen in einer Art 
vereinfachter Psychoanalyse Ursprung und Wesen ihres Leidens 



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Erstes Korreferat. 41 

verständlich zu machen. Ich erzielte bei den Kranken das Gefühl des 
Verstandenwerdens, weitgehende Entspannung und Besserung. 
Später erhielt die Station den Charakter einer reinen Beobachtungs- 
station, hauptsächlich für Geisteskranke. Ich konnte daher nur 
noch vereinzelte therapeutische Erfahrungen sammeln. 

Der Einwand, die Psychoanalyse wirke zu langsam, ist nach 
bereits vorliegenden Erfahrungen nicht stichhältig. 

In neuerer Zeit hat sich herausgestellt, daß die nach Kauf- 
mann behandelten Kranken oft rückfällig wurden, wenn sie dem 
Einfluß des Arztes entzogen waren oder den Gefahren des Front- 
dienstes wieder ausgesetzt wurden. Ob die Psychoanalyse nach- 
haltiger wirken wird, muß erst die Erfahrung lehren. Ich teile 
zum Schluß das in dieser Hinsicht instruktive Ergebnis einer privaten 
Neurosenbehandlung aus letzter Zeit mit. Es gelang mir, eine 
schwere Phobie bei einem zwölfjährigen Knaben, die sich auf 
Fliegerangriffe bezog, in einigen Wochen zu beseitigen. Die 
Heilung erwies sich als beständig, als der Patient in seine Heimat 
zurückkehrte; er war dort wieder täglich der Gefahr der Flieger- 
angriffe ausgesetzt und ertrug diese Situation nicht anders wie 
ein Gesunder. Vielleicht berechtigt dieser Erfolg zu der Erwartung, 
die Psychoanalyse werde hinsichtlich Nachhaltigkeit der Erfolge 
die bestehende Lücke tatsächlich ausfüllen. Der Psychoanalyse, 
die uns weit tiefer als jede andere Betrachtungsweise in die 
Struktur der Kriegsneurosen blicken läßt, wird möglicherweise 
auch der therapeutische Vorrang auf dem Gebiete der Kriegs- 
neurosen zuteil werden.* 



♦ Die seitens der Medizinalabteilung des preußischen Kriegsministeriums 
in Erwägung gezogene Einrichtung psychoanalytischer Behandlungsstationen kam 
infolge der bald nach dem Kongreß eingetretenen politischen Lage nicht mehr 
zur Ausführung. 



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3. 

Zweites Korreferat. 

Von Dr. Ernst Simmel (Berlin). 

Seit eineinhalb Jahren leite ich ein Speziallazarett für Kriegs- 
neurotiker. 

Die in einem solchen Lazarett notwendige Massenbehandlung 
von Kranken hat das vergleichende Studium der verschiedenen 
sogenannten psychotherapeutischen Methoden ermöglicht. Abgesehen 
von der, Verwerflichkeit aller Gewalts- und Beeinträchtigungs- 
methoden, die meist neue psychische Insulte setzen, hat auch die 
reine Suggestivbehandlung in Form der Hypnose ihre schweren 
Bedenken, sofern sie kritiklos als leere Technik am Kriegsneuro- 
tiker verübt wird. Die Behebung des Symptoms, die hiebei ohne 
Berücksichtigung der übrigen psychischen Konstellation des 
Erkrankten betrieben wird, erzielt meist gleichzeitig eine beträcht- 
liche Allgemeinschädigung mit starken subjektiven Beschwerden 
wie Kopfschmerzen, Kopfdruck, Schlaflosigkeit, Abnahme der 
intellektuellen Fähigkeiten, sexueller Impotenz u. a. 

Andererseits hat gerade die häufig beobachtete Tatsache, 
daß nach Schwinden des manifesten Symptoms die Neurose in 
einer anderen Ausdrucksform auftrat, erwiesen, daß mit all der- 
artigen äußeren Palliativmethoden der Kern des Leidens nicht 
berührt wird. 

Eine wirkliche ärztliche Behandlung kann sich nur auf der 
Pathogenese einer Krankheit aufbauen. Die Psycho-Patho- 
genese der Kriegsneurose, an deren psychischen Ursprung ja 
kein Einsichtiger mehr zweifelt, kann selbstverständlich nur durch 
die Psycho-Analyse aufgehellt werden. 

Es ist verständlich, daß ein Lazarettbetrieb, der die gleich- 
zeitige Behandlung einer großen Anzahl von Kranken und schnelle 



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Dr. Ernst Simmel. Zweites Korreferat. 43 

Heileffekte erfordert, eine ausgedehntere Einzelanalyse nur in 
seltenen Fällen möglich macht. Ich war deswegen von vornherein 
auf die Verkürzung der Behandlungsdauer angewiesen. Eine Kom- 
bination von analytisch-kathartischer Hypnose mit wachanalytischer 
Aussprache und Traumdeutung — letztere sowohl im Wachen 
wie in tiefer Hypnose ausgeübt — hat mir eine Methodik ermög- 
licht, die durchschnittlich in zwei bis drei Sitzungen eine Befrei- 
ung von den kriegsneurotischen Symptomen ergibt. Diese Behand- 
lungsart bedeutet einen automatisch wirksamen, ätiologisch beding- 
ten und systematischen Abbau der Symptome, wie sie infolge 
der Inkongruenz des Kriegserlebnisses und der psychischen Bereit- 
schaft des Erkrankten zu Tage getreten sind. Mit dem Schwinden 
dieser Symptome muß bei dem heutigen Lazarettbetrieb die eigentliche 
Behandlung des Kriegsneurotikers als beendet angesehen werden. 
Eine analytische Heilung der Gesamtpersönlichkeit auch mit 
einer verkürzten und kombinierten Methodik wird erst der Psycho- 
Klinik der Zukunft vorbehalten bleiben. 

Die psychoanalytische Klärung der Kriegsneurosen selbst hat 
mit bewundernswerter Klarheit die Richtigkeit der Freud'schen 
Hysterieanschauung ergeben, nach der alle körperlichen Symptome 
Konvertierungen des Psychischen darstellen. Der Körper ist das 
Instrument der Seele, auf dem sie ihr Unbewußtes in plastischem 
und mimischem Ausdruck in Erscheinung treten läßt. Auch bei 
der Entstehung und dem Aufbau der Kriegsneurosen sind die 
Funktionen des Unbewußtseins entscheidend. Das so häufig kon- 
statierte Vergessen selbst jüngstvergangener Erlebnisse, die von 
ichfeindlicher Gefühlstönung begleitet sind, läßt schon rein äußer- 
lich die Versenkung und Verdrängung unlustbetonter Vorstellungen 
und Affekte erkennen. Es ist verständlich, daß unter dem jahre- 
langen Zwang der Disziplin, die die Persönlichkeit des Einzelnen 
einengt und damit jede individuelle Reaktion auf die Gescheh- 
nisse behindert, die Disposition zur Verdrängung außerordentlich 
begünstigt wird. Wie weit eine erzwungene sexuelle Abstinenz 
diese Dispositon noch vermehrt, konnte nicht nachgeprüft werden. 

Der unbewußte Sinn der kriegsneurotischen Symptome ist. 



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44 Dr. Ernst Simmel. 

wie vorweg genommen werden soll, meist nicht sexueller Natur, 
sondern in ihnen dokumentieren sich alle jene kriegsgeborenen 
Affekte des Schreckens, der Angst, der Wut u. a., verknüpft mit 
Vorstellungen, die den aktuellen Erlebnissen des Krieges ent- 
sprechen. Die Auffassung Stekels, die aus dieser meiner Feststellung 
eine kategorische Ablehnung der sexuellen Bedingtheit der Neu- 
rosen überhaupt herleiten will, ist irrig, denn vorläufig ist auf 
Grund dieser analytischen Forschungen nur die S y m p t o m a t o 1 o- 
gie der Kriegsneurosen geklärt. Die Tatsache der Neurosen- 
bereitschaft ist damit noch längst nicht erschöpft. Das Faktura, 
daß bei denselben Erlebnissen ein Soldat gesund bleibt, ein anderer 
an Neurose erkrankt, kann sehr wohl auch nach meinen Erfahrun- 
gen mit der psychosexuellen Konstellation des Betreffenden zusam- 
menhängen. Die systematische Durchforschung des Traumlebens 
des Soldaten, auch nach Abtragung der kriegsneurotischen Sym- 
ptome, hat doch recht häufig Fäden erkennen lassen, die in das 
Wurzelgewirr infantiler Sexualität hinabführen. Auch lassen viele 
Soldaten, die lediglich unter dem Druck der Disziplin zusammen- 
gebrochen sind, selbst bei dieser abortiven Form der Analyse als 
unterbewußte Bedingung ihres Auflehnungsbedürfnisses eine Vater- 
trotzeinstellung infolge infantiler Mutterbindung erkennen. Selbst 
das sexuelle Trauma der Kindheit ist in dem raschen und tiefen 
Aufriß, den die Hypnose gerade in der kombinierten Handlungs- 
form gibt, einigemal als der latent gewesene Kern der Kriegsneu- 
rosen zutagegetreten. Eine gewisse innere Beziehung zur Sexualität 
haben andererseits die symptombildenden Kriegsaffekte und Vor- 
stellungen insofern, als sie gleich an die primitivsten Instinkte im 
Menschen gebunden sind, die an den Selbsterhaltungstrieb 
anknüpfen. Entspringt der Sexualaffekt letzten Grundes dem Trieb, 
der auf die Erhaltung der Gattung gerichtet ist, so sind die 
Affekte der kriegsgeborenen Angst, des Schreckens, der Wut u. a. 
gebunden an den elementaren Drang der Erhaltung des Indivi- 
duums, und zwar nicht, wie oberflächliche Beobachter glauben, 
lediglich zum Zv/ecke der Gewährleistung der leiblichen, sondern 
vor allem das der psychischen Existenz. 



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Zweites Korreferat. 45 

Die Kriegsneurosen sind im wesentlichen eingeschaltete 
Sicherungen, die den Soldaten vor der Psychose bewahren sollen. 
Wer ein so großes Krankenmaterial seit eineinhalb Jahren mit ana- 
lytisch geschärftem Blick mustert, muß zu der Erkenntnis kommen, 
daß die verhältnismäßig geringe Anzahl von Kriegspsychosen 
nur durch die verhältnismäßig große Anzahl von Kriegsneu- 
rosen zu erklären ist. 

Man muß die Kriegsereignisse selbst oder ihre Rekapitulation 
in der analytisch-kathartischen Hypnose miterlebt haben, um zu 
verstehen, welchen Anstürmen das Seelenleben eines Menschen 
ausgesetzt ist, der nach mehrfacher Verwundung wieder ins Feld 
muß, bei wichtigen Familienereignissen von den Seinen auf un- 
absehbare Zeit getrennt ist, sich unrettbar dem Mordungetüm 
eines Tanks oder einer sich heranwälzenden feindlichen Gaswelle 
ausgesetzt sieht, der durch Granatvolltreffer verschüttet und ver- 
wundet, oft stunden- und tagelang unter blutigen, zerrissenen 
Freundesleichen liegt und nicht zuletzt der, dessen Selbstgefühl 
schwer verletzt ist durch ungerechte, grausame, selbst komplex- 
beherrschte Vorgesetzte, und der doch still sein, sich selbst 
stumm niederdrücken lassen muß von der Tatsache, daß er als 
einzelner nichts gilt und nur ein unwesentlicher Bestandteil der 
Masse ist. 

Es ist dabei erklärlich, daß die Kriegsneurose des Offiziers 
im allgemeinen nicht so grob in ihren Symptomen ist, wie viel- 
fach die des gemeinen Mannes. Er hat ja, emporgehoben über 
die Masse und auf Grund seiner gehobenen Geistesbildung mehr 
Möglichkeiten, individuell die ihn treffenden Insulte zu subli- 
mieren. Gleichwohl werden auch die Offiziersneurosen bald noch 
in weit höherem Maße unser seelenärztliches Handeln in Anspruch 
nehmen, sobald sich die Kollegen dazu verstehen werden, die 
Neurosen nicht mehr vom Moralstandpunkte aus zu betrachten 
und ihre Kameraden des Offiziersstandes mit Gefälligkeits- 
diagnosen, wie Neurasthenie, Ischias, Neuralgie und andere zu 
bedenken. 

Die Kriegsneurose ist gleich der Friedensneurose der Aus- 



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46 Dr. Ernst Simmel. 

druck einer Persönlichkeitsspaltung. Diese wird ange- 
bahnt durch die konsequente Einengung des Persönlichkeits- 
komplexes als Folge des Disziplinzwanges und vor allem der 
psychischen und körperlichen Erschöpfung eines oder mehrerer 
Kriegsjahre. Der so mit unerledigtem Seelenmaterial schwer 
belastete Soldat ist gezwungen, abnorm hohen Anforderungen zu 
genügen. Ein Zufall oder auch ein katastrophales Ereignis bringt 
dann die verschtittete Persönlichkeit zum Zusammenbruch. Ge- 
fühlsbetonte Komplexe, im Unbewußten verankert, treten ihr 
überwertiges Regiment an, und die Kriegsneurose ist manifest. 
Das Entgleiten des Psychischen aufs Physische bedeutet aber 
hier noch mehr als einen Selbstsicherungsprozeß der Psyche. Die 
Erkrankung ist, meines Erachtens, gleichzeitig der Beginn des 
Heilprozesses. Die konsequente Anwendung der analytischen 
Hypnose hat immer wieder bewiesen, daß die körperlichen Sym- 
ptome in ihrem stummen Ausdruck darnach ringen, dem Menschen 
Kunde zu bringen von den persönlichkeitsstörenden Elementen, 
die in seinem Unbewußtsein eingekerkert und verschüttet sind. 
Da im Innern die Verbindung zwischen Bewußtem und Unbe- 
wußtem durch die starke Wand des Widerstandes unterbrochen 
ist, wird der Umweg über die äußeren, körperlichen Bahnen 
nötig, um so den harmonischen Zusammenschluß der Persönlich- 
keit wieder herzustellen. 

Sind die überwiegend körperlichen Symptome der 
Kriegsneurose Ausdruckserscheinungen unter bewußt determinierter 
Vorstellungen, so ringen in den mehr psychisch be- 
tonten Formen, in den Hemmungs- und Erregungszuständen im 
wesentlichen die verdrängten Affekte um die Wiederherstellung 
des gestörten psychischen Gleichgewichtes. Eine strenge Scheidung 
zwischen ätiologisch wirksamen Vorstellungen und 
Empfindungen ist natürlich nicht denkbar. Das Verhältnis 
kann nur ein quantitatives sein. Alle Vorstellungen stehen selbst- 
verständlich in ganz besonderer Beziehung zum Ich des Kranken 
durch ihre Gefühlsbetontheit; anderseits sind die Affekte an ihre 
ursächlichen Vorstellungen gebunden. 



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Zweites Korreferat. 47 

Den Sinn der neurotischen Heiltendenz, der im Symptom 
liegt, zu erkennen, ist der erste Teil unserer seelenanalytischen 
Therapie, unsere Erkenntnis den Kranken zu vermitteln, die zweite. 
Die Krönung unserer Behandlung besteht in der Heranziehung 
des selbsttätigen Mitwirkens des Neurotikers, der, von seiner 
Affektstauung befreit, nun im Zusammenhange mit sich selbst, 
auf GruncJ seines erweiterten geistigen Blickfeldes, für seine 
Willenstätigkeit einen erweiterten Spielraum hat. Der Mensch 
kann nur wollen, was er weiß. Daraus wird dem Analytiker die 
Erkenntnis, daß die Diagnose : „mala voluntas", die oft den nicht 
analytisch geschulten Arzt mit seinem Patienten in Konflikt 
bringt, meist eine mala potentia des Arztes bedeutet, der von 
den Funktionen des Unbewußten nichts weiß. 

Die Schwächung des Persönlichkeitskomplexes des Soldaten 
in der vorher angedeuteten Weise und sein Unterworfensein 
anderen gefühlsbetonten Vorstellungen gegenüber, die irgendwie 
im Unterbewußtsein verankert sind, die damit verknüpfte dauernde 
Unterordnungsbereitschaft unter ichfeindliche Stre- 
bungen stellt das Wesen der sogenannten krankhaften 
Suggestibilität dar. Diese Suggestibilität zu Heilzwecken 
benutzen, ohne an ihren Grundlagen zu rühren, heißt die Krank- 
heit vertiefen und nicht heilen. 

Der Neurotiker erliegt, meines Erachtens, in erster Linie 
Autosuggestionen, das heißt überwertigen gefühlsbetonten 
Vorstellungen, die in ihm selbst entstehen zu einer Zeit, da der 
Ichkomplex in seiner Herrschaft geschwächt oder völlig aufge- 
hoben ist. 

Einengungen und Aufhebungen des Bewußtseins stellen nach 
meinen Beobachtungen das I n i t i a 1 s t a d i u m der Kriegsneurose 
dar. In den kleinsten Absenzen, den Chockwirkungen des Schrecks, 
bis zur tiefen Ohnmacht, den lang dauernden Bewußtlosigkeiten 
nach Verschüttung, sehen wir das Bewußtsein der Persönlichkeit 
von sich selbst mehr oder weniger ausgelöscht und das Tor zum 
Unbewußten geöffnet. Hier wirken im Beginn unzweifelhaft 
bereits jene Zweckmäßigkeitsmechanismen, die grundlegend für 



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48 Dr. Ernst Simmel. 

die Neurosen und ihre Symptombildung sind. Das Bewußtsein 
sträubt sich, Vorstellungen aufzunehmen, beziehungsweise im 
Moment zu verarbeiten, die in ihrer Realität zu grausig sind, um 
bewußt ertragen werden zu können. Jene psychischen „Chocks" 
also, jene Obnmachtsanfälle und tiefen Bewußtlosigkeiten bedeuten, 
falls keine Verletzung in cerebro vorliegt, ein Regiment des Unbe- 
wußten, das in wohltätiger Weise die Gesamtpsychose ai; sich reißt. 

Von diesen Vorgängen gibt uns die Hypnose ein anschau- 
liches Bild. Sie bietet uns den Kranken in der gleichen Bewußt- 
seinslage, wie diejenige, in der er den Krankheitskeim im Kriege 
aquiriert hat. — In der Hypnose erzählt oder rtickerlebt der 
Soldat noch einmal all die Dinge, die er in jenen Zuständen nur 
unbewußt aufgenommen hat. Wir erfahren von qualvollen 
Schmerzen, die im Zustande der Verschüttung niemals zur be- 
wußten Apperception gelangten. Wir sehen in solchen Hypnosen 
seine Angst, seinen Schreck sich lösen, seine Wut sich aufbäumen, 
die im Moment der Erregung erstarrt blitzartig ins Unbewußte 
hinabgerissen wurden. 

Einige Beispiele mögen das bisher Gesagte etwas näher 
erläutern. — Der so häufig vorkommende einfachste Fall einer 
schlaffen Lähmung des Armes zum Beispiel nach einer unwesent- 
lichen längst verheilten Schußverletzung, der als ein rein körper- 
liches Leiden erscheint, stellt seine unbewußten psychischen 
Zusammenhänge meist schnell in einer Sitzung dar. Das Bewußt- 
sein weiß nur: «ich kann den Arm nicht bewegen" und alle 
vernunftgemäßen Vorstellungen fruchten nichts. Aber das Unbewußte 
spricht in der Hypnose: „In der Erregung des Gefechts schwanden 
mir die Sinne. Als der Schuß kam, war der Anprall der Schrapnell- 
kugel so groß, daß der Arm nach hinten gerissen wurde und 
ich sofort denken mußte, der Arm ist abgerissen.'* Die Korrektur 
dieses Unbewußten in der Hypnose, die den abgerissenen Arm 
gewissermaßen dem Bewußtsein wieder einfügte, gab hier schnell 
eine organische Beseitigung des Symptoms. Daß ein solch in Ver- 
gessenheit geratener Arm auch völlig analgetisch ist, ist ohne 
weiteres verständlich. 



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Zweites Korreferat. 49 

Kriegsneurotische Symptome, die derartig plötzlich eintretenden 
Ereignissen ihre Erscheinung verdanken, können wir somit in 
ihrem Effekt als realisierte posthypnotische Auto- 
suggestionen betrachten. Diese Auffassung hat sich mir an 
zahllosen Beispielen bestätigt. Ich erwähne einen Soldaten, der 
an einem schweren Gesichtstic, einem ständigen Grimassieren 
litt, gleichzeitig an einer Kontraktur des rechten Kniegelenkes, 
die sich in der gewöhnlichen Suggestionstherapie völlig refraktär 
gezeigt hatte. Die Hypnose, die die Bewußtseinssituation der 
initialen Verschüttung wieder herstellte, gab sehr bald den Auf- 
schluß. Während der Patient bewußtlos unter Steintrtimmern lag 
und Bilder aus der Heimat vor ihm traumhaft auftauchten, war 
er ständig gezwungen zu grimassieren, um die Sandmassen, die 
auf seinem Gesicht lagen, zu entfernen und die Atmung freizu- 
halten. Gleichzeitig rührte ein spitzer Stein an die Ferse seines 
rechten Fußes, der ihm zwang, das Bein krumm zu halten. — 
Dieser Zwang, der an unbewußte Vorstellungen geknüpft war, 
wirkte also als posthypnotische Suggestion noch über ein Jahr weiter, 
bis endlich der Befehl, den das Unbewußte dem Patienten auf- 
erlegt hatte, in der Hypnose durch meine Korrektur aufgehoben 
werden konnte. Damit war die Beseitigung dieser Symptome 
gegeben. — Ich könnte noch mehrere ähnliche Beispiele anführen, 
bei denen derartige Kontrakturen Zwangsentlastungs- 
haltungen auf Grund unbewußter Schmerzempfindungen dar- 
stellen. 

Abgesehen von verdrängten körperlichen Schmerzempfindun- 
gen spielen bei neurotischen Zwangshaltuhgen natürlich auch die 
eigentlichen Affekte eine große Rolle. Ich denke an einen Soldaten 
mit einer Zwangshaltung beider Augen, die seit Monaten starr 
nach links oben gerichtet waren. Suggestionsmittel versagten. Die 
Analyse in der Hypnose ergab innerhalb wenigen Minuten die 
Klärung und Beseitigung des Symptoms. Patient erwartete immer 
noch angstvoll die von links oben durch Granateinschläge herab- 
stürzenden Baumstämme während eines Trommelfeuers. In Angst 
vor dem hereinbrechenden Verhängnis waren die Augen erstarrt. 

Zu? Psychoaiuüyse der Kiiegsneurosen. 4 



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50 Dr. Ernst Simmel. 

Die auslösende Situation war inzwischen gegenstandslos geworden, 
die Angst an sich jedoch bestand zu Recht weiter. Noch War 
der Kranke ja Soldat und hielt in seiner Neurose die Angst 
fest — aus Angst vor ähnlichen Situationen. — Sehr instruktiv 
und in ihrem Behandlungserfolg erfreulich war die Neurose eines 
anderen Soldaten, die man lange Zeit für organisch begründet, 
ja sogar einer Bulbärparalyse für verdächtig hielt. Der Betreffende 
litt im Anschluß an eine anscheinend harmlose oberflächliche 
Rückenschußverletzung an Spasmen der Schlundmuskulatur, einer 
Dysphagie, die ihm den Genuß fester Speisen unmöglich und den 
flüssiger Speisen nur in beschränktem Maße möglich machte. 
Der Schlund- und Kaumuskelkrampf stellte sich im wahrsten 
Sinne des Wortes als „verbissene Wut** heraus. Auf einem 
Patrouillengang versprengt, schlich unser Soldat einsam durch den 
Wald und sah, wie ein deutscher Kamerad auf der Chaussee von 
Franzosen mißhandelt wurde. Diese Szene reproduzierte er voll- 
kommen dramatisch in der Hypnose, schlich geduckt mit auf- 
einander gebissenen Zähnen herum und knirschte in ohnmächtiger 
Wut über das erlebte Schauspiel. Da traf ihn ein zufälliger 
Schuß im Rücken, der ihn in eine kurze Ohnmacht senkte. Er 
gelangte dann zu seinem Truppenteil zurück und kam seiner 
Rückenhautverletzung wegen in ein Lazarett. Das affektvolle 
Wiedererleben dieser einen Szene befreite ihn vollkommen von 
seiner Disphagie. Das Beispiel zeigt außerdem, wie verdrängte 
Wut als mehr positiver Gefühlston sich im Spiegel körper- 
licher Tonussteigerung manifestiert, im Gegensatz zu 
den vorher geschilderten Fällen mit negativer und depressiver 
Gefühlsbetonung, die körperlich sich in einer Tonussenkung, in 
schlaffen Lähmungen darstellen. Es sei bei der Gelegenheit darauf 
hingewiesen, daß man in der Hypnose unschwer die Umschaltung 
vom Psychischen ins Physische demonstrieren kann. Unterbrechen 
wir einen Kranken bei der Abreaktion seiner Wut in der Hypnose, 
so reagiert er mit einem allgemeinen Tremor oder dem 
Tremor einer Extremität, die bereits irgendwie psychisch belastet ist. 
Im Anschluß daran darf ich von einem Neurotikei berichten, 



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Zweites Korreferat. 51 

der an einem Schütteltremor des rechten Armes mit eigentamlich 
kreisenden Bewegungen von Daumen und Zeigefinger litt Dieser 
Tremor war auf rein suggestivem Wege beseitigt worden, war 
aber eines Morgens plötzlich wieder, wie der Kranke sagte, 
„\|on selbst" da. Bei näherem Befragen erinnerte er sich, daß 
das Schütteln im Anschluß an einen schreckhaften Traum 
während der letzten Nacht wieder aufgetreten sei; den Traum- 
inhalt selbst hatte er vergessen. In der Hypnose wurde der Kranke 
sich des Traumes sofort wieder bewußt und durch ihn jener 
Vorgänge, die ihn noch immer den Arm zu schütteln zwangen. — 
Des Nachts hatte er von einem schwarzbärtigen Russen geträumt, 
der auf sein Bett sprang, um ihn zu erwürgen. Vor Angst und 
Schreck erwachte er mit dem Schütteln des Armes. Das Gesicht dieses 
Russen hatte der Kranke auf der Brustwehr auftauchen sehen, 
als er in wütendem Handgranatenkampf im Begriff, einen Zünder 
auf eine Granate zu schrauben, plötzlich verschüttet wurde. Sein 
Bewußtsein verlöscht mit einer unerledigten Wut und einer 
intendierten Bewegung, die der mimischen Abreaktion dieser 
Wut dienen sollte. 

Aus diesem Beispiel, dem ich zahlreiche anfügen könnte, 
wird ersichtlich, daß sich das Traummaterial dem einsichtigen 
Psychotherapeuten für die Behandlung der Kriegsneurosen zur 
Mitbehandlung geradezu aufdrängt. 

Ich behandle keinen Kranken, dessen Träume ich nicht 
kenne. Ich habe längst gelernt, den Traum meiner Kriegsneuro- 
tiker als einen Versuch der Selbstheilung namentlich im psycho- 
kathartischen Sinne zu werten. Niemals gehe ich medikamentös 
gegen die Angst-, Schreck- und Wutträume meiner Patienten 
vor. Ich freue mich der Mithilfe des Kranken, lausche seinen 
Träumen die eigene Heiltendenz ab und setze in der Hypnose 
da ein, wo der Traum der Nacht aufhört oder auch, was mir 
mehrfach gelungen ist, veranlasse den Patienten, im Nachttraum 
da fortzufahren, wo die Hypnose aufgehört hat Nebenbei sei 
bemerkt, daß ich nach all diesen Erfahrungen die Hypnose nicht 
als einen künstlichen Schlaf, sondern als ein bestimmtes 



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52 Dr. Ernst Slmmel. 

Stadium des natürlichen Schlafes auffassen muß, das mir 
nach künstlicher Einleitung noch einen direkten Rapport mit 
dem Schläfer gestattet. 

Autohypnotischer Initialzustand, Hypnose und Traum stellen 
das gleiche Niveau dar, in dem die Krankheitskeime gebettet 
liegen und behoben werden können. 

Zur Bekräftigung dieser Anschauung erwähne ich einen 
Kranken, der an einem allgemeinen Stupor mit Lähmung sämt- 
licher Gliedmaßen litt, dabei nahezu taub und stumm war. Durch 
Einwirkung der Massensuggestion, d. h. durch Lagerung unter 
andere Kranke während deren hypnotischer Einschläferung war 
endlich auch bei ihm die Hypnose möglich. Aber auch jetzt ver- 
hielt sich der Kranke vollkommen stuporös. Erst als es seiner 
Schwester gelungen war, wenige Worte von ihm über einen 
Angsttraum zu erfahren, und als ich diese Worte während der 
Hypnose wiederholte, kam starke Erregung in den Stupurösen. 
Das Unbewußte war sensibilisiert, und in effektvoller Entladung 
kam die Rekapitulierung des ursächlichen Ereignisses. Patient 
stürzte beim Schleppen von Baumästen, wozu er von mißgün- 
stigen, stärkeren Kameraden gezwungen wurde, in eine Schlamm- 
grube, in der er völlig zu ersticken drohte. Die unterbewußte 
Vorstellung war die, Mund und Ohren seien vollständig vom 
Schlamm erfüllt und die Glieder in Schlamm eingepreßt. In der 
Hypnose wurde dieser imaginäre Schlamm mit aller Macht ab- 
geschüttelt. 

Es gibt andererseits auch Patienten, die umgekehrt den 
Anstoß zur kurativen Selbstentladung von der Hypnose i n d e n 
Traum hinübernehmen. Ein junger Leutnant half so sehr zweck- 
mäßig bei dem Abbau seiner Affektstauung mit. Er war nach 
einer Verschüttung wochenlang geistesgestört und tobsüchtig 
gewesen und litt noch an Erregungszuständen, sowie dem Ver- 
lust der einfachsten intellektuellen Fähigkeiten wie Rechnen, 
Lesen etc. Nach der ersten Hypnose, die eine Rekapitulierung 
der zeitlich zuletzt liegenden Vorgänge mit entsprechender Affekt- 
entladung brachte, folgte ein kolossaler Wuttraum in der nach* 



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Zweites Korreferat. 53 

sten Nacht. Der Patient riß mehrere Eisenstäbe seines Bettes 
heraus und zerschlug sie an dier Wand. Im Traum schlug er 
damit auf einen Kanalarbeiter, den er täglich vor dem Fenster 
unseres Lazarettes sah. Die Besprechung am nächsten Morgen 
ergab, dafi dieser Kanalarbeiter das Gesicht eines Krankenwärters 
hatte, der ihn im ersten Feldlazarett hindern wollte, in die Front 
zurückzukehren und seinen Bruder zu rächen. Der Bruder unseres 
Kranken war beim selben Regiment kürzlich gefallen ; und gerade 
kämpfte der Leutnant in Wut und Schmerz, um ihn zu rächen, 
als er verschüttet wurde. Gegen denselben Wärter hatte sich 
sein erster Tobsuchtsanfall gerichtet. 

Zuweilen gelingt es, die Selbstbehandlung des Patienten im 
Traum direkt anzuregen. Ich erinnerte mich eines Neurotikers, 
der an einer schweren Sprach- und Gehstörung infolge spa- 
stischer Lähmung der Beine und Mundmuskulatur infolge starker 
Wutverdrängung litt. Die Entladung, die hier in der Hypnose 
erfolgte, war dermaßen gefährlich für die Umgebung, daß ich 
die Behandlung vorzeitig abbrechen mußte. Vor dem Erwachen 
aber forderte ich den Patienten auf, das Nichterledigte im Traum 
selbst zu besorgen. Ich ließ ihn allein mit einem Wärter schlafen. 
Mitten in der Nacht sprang er auf und rückerlebte unter Schreien 
und Toben ein Angst- und Wuterlebnis, wobei der vorher Ge- 
lähmte das ganze Treppenhaus des Lazaretts hinuntersprang. 

Ein besonders häufiges kriegsneurotisches Symptom — die 
Krampfanfälle — stellen meines Erachtens direkt einen 
anfallsweise auftretenden autohypnotischen Zustand dar. 

Die Verschüttung mit ihrer totalen Auslöschung des be- 
wußten Ichs, die naturgemäß häufigste Urheberin der Kriegs- 
neurosen gibt meist den ersten Anlaß. Die Bewußtlosigkeit wäh- 
rend des Krampfanfalles und die darauf folgende Amnesie ist 
jenes wohltätige Nichtwissen, in das der Neurotiker hineinflüchtet 
vor der Einnerung an jene allzu grausige Situation oder vor der 
Erkenntnis einer später notwendig werdenden eigenen Tat, die 
auf Grund der vorhandenen Affektstauung vom Neurotiker aus- 
geübt werden muß, in ihren Konsequenzen jedoch eine schwere 



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54 Dr. Ernst Slramcl. 

Gefahr für ihn bedeutet. Ich habe schon in meiner früheren 
Arbeit darauf hingewiesen, daß das körperliche Ausdrucksbild 
dieser Krämpfe ein sehr verschiedenes ist, je nach ihrem sym- 
bolischen unbewußten Sinn. Die häufigste Form der Krämpfe 
stellt einfach eine Wiederholung jener Abwehrbewegungen dar, 
die der Patient machte, als er bei der Verschüttung zerschmet- 
tert zu werden drohte. Die Krampfanfälle setzen immer dann 
ein, wenn die im Unterbewußtsein haftenden Vorstellungen von 
diesen Vorgängen und die an sie gebundenen, stark verdrängten 
Affekte associativ angeregt werden. Ein Türzuschlagen, ein 
Donnerschlag, ein ferner Schuß läßt den Patienten zusammen- 
brechen und seine vordem unbewußte Angstvorstellung über- 
wertig werden. Lebensangst und Schreck bilden hier meist den 
ersten Grund zur Dissoziation der Psyche, zum anfallsweise 
Beherrschtwerden des Bewußten vom Unbewußten. 

Ein Soldat, der so einmal durch die Schreckemotion in 
seinem bewußten Ich vorübergehend gelähmt war, ist vielfach 
nicht mehr imstande, der Verdrängung, die der Disziplin- 
zwang erfordert, bewußt zu genügen. Es ist fast immer wieder 
die Wut auf Vorgesetzte, die dann weitere Krampfanfälle ver- 
anlaßt. In der Hypnose, die den Vorhang von dieser im Anfall 
halluzinierten Traumhandlung hebt, sehen wir immer wieder den 
Kranken im Kampf mit seinen höchsten Vorgesetzten. Er schlägt, 
beißt, sticht und erschießt sie, tritt sie mit Füßen unter schreck- 
lichen Flüchen. Die wildesten Instinkte entlädt er hier gegen 
Personen, die sein bewußtes Ich einzwängten. 

Es ist nur erklärlich, daß derartige Krämpfe, ehe sie zur 
Behandlung kommen, oft mit einem Mutismus verbunden sind. 
Der Kranke versagt sich gewissermaßen die ganze Sprache, weil 
er fürchten muß, bestimmte Worte zu sprechen, die ihn ins 
Unglück stürzen würden. 

In einem Fall gelang es mir sogar ohne Hypnose, die 
meiner Auffassung an sich schon autohypnotischen Krampf- 
anfälle des Patienten direkt zur Behandlung zu benützen. Ich 
vermochte mit dem Kranken im Anfall in einen Rapport zu 



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Zweites Korreferat. 55 

kommen, so daß er mir während des einzelnen Krampfanfalles 
selbst über die gerade von ihm halluzinierten Vorgänge berichtete. 

Das Gebiet der rein psychischen Kriegsschädigungen ohne 
jede körperliche Ausdruckserscheinung, die sich in dieser Weise 
behandeln lassen, ist ebenfalls groß. — Ich erwähnte vorhin 
einen Fall von Stupor. Es ist ganz verständlich, daß es besonders 
geistige Hemmungserscheinungen sind, die dieser Behandlung 
zugänglich sind, weil der Stillstand der geistigen Vorgänge durch 
eine Affektstauung hervorgerufen wird, die ihre Entstehung 
ganz bestimmten Kriegserlebnissen verdankt. Die Psychokatharsis 
als Grundlage weiterer analytischer Behandlung wirkt hier 
Wunder. 

Bei der Gelegenheit sei eingeschaltet, daß für den Kriegs- 
neurotiker in dieser gedrängten Form der Behandlung meist eine 
Abreaktion durch Worte nicht genügt. Der Soldat steht unter 
der Suggestion der Tat, des ,Aug' um Auge, Zahn um Zahn**. 
Sein so belastetes Unterbewußtsein wird nun befreit durch eine 
Tatabreaktion. Ich habe darum längst dazu übergehen müssen, 
ein gepolstertes Phantom zu konstruieren, gegen das der Neu- 
rotiker in seinem Urmenscheninstinkt kämpfend, sich selbst 
siegreich befreit. 

Angst- und Schreckneurosen, sofern sie durch Kriegsereig- 
nisse manifest geworden sind, lassen sich mit Erfolg behandeln. 
Dabei ist zu bemerken, daß auch bei dem Schuldgefühl des 
Kriegsneurotikers nicht nur wirkliche eigene, komplex bedingte 
Kriegsuntaten der innere Kern sind, sondern daß auch hier nur 
in der Phantasie erlebte Dinge ausschlaggebend sein können. 

Eines der häufigsten kriegspsychoneurotischen Symptome 
stellt, was nach allem ohne weiteres verständlich ist, der Gedächtnis- 
verlust dar. Er erstreckt sich auf eine begrenzte Zeit während 
des Krieges, auf die ganze Kriegszeit oder auch noch bis in 
die Vorzeit des Krieges hinein. Das ganze Gedächtnis ist aus- 
geschaltet, um bestimmte Dinge nicht rückerinnem zu brauchen. 
Wenn diese einmal mittels des Traumes oder der Hypnose ins 
Bewußtsein gezogen und hier verarbeitet sind, ist die Tendenz 



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56 Dr. Ernst SImrael. 

des Unbewußten gegenstandslos geworden und das Gedächtnis 
automatisch wieder eingeschaltet. 

Der häufige Verlust sonstiger intellektueller Fähigkeiten gleicht 
sich meist ebenfalls nach genügender Affektentladung von selbst 
aus. Es ist begreiflich, daß gerade die Fähigkeiten, die die 
höchste Sublimierkunst des Betreffenden darstellen, wie künst- 
lerische Fähigkeiten, durch das Kriegserlebnis noch besonders 
leiden können. So hatte ein nicht unbekannter Maler als Rekrut 
im Kriege sein Farbenempfindungsvermögen verloren. Meine 
Aufforderung in der Hypnose, die unterbewußten Zusammenhänge 
seiner Krankheit nachts in einem Bilde zu träumen und dieses 
am anderen Tage zu zeichnen, hat er prompt erfüllt und 
damit zur Beseitigung dieses für ihn bedeutsamen Symptoms 
beigetragen. 

Über die Erregungs- und Tobsuchtszustände, die ich reich- 
lich zu behandeln Gelegenheit hatte, brauche ich nach dem, 
was ich über die Krampfanfälle gesagt habe, kein Wort mehr 
zu verlieren. Sie stellen das Positiv zu dem Negativ der Krämpfe 
dar. Sie werden associativ ausgelöst und beziehen sich in ihrer 
Affektrichtung auf bestimmte Personen oder Ereignisse, die in 
charakteristischer Weise vom Patienten mehr oder weniger ver- 
gessen sind. Die Art der associativen Auslösung läßt oft die 
typisch neurotische Verschiebung, eine Projektion nach außen 
erkennen. Es gibt zahlreiche solcher Kranke, die bereits beim 
Anblick von Offiziersachselstücken oder eines Arztkittels Wut- 
anfälle bekommen, weil sie einmal einem bestimmten Offizier 
oder Arzt gegenüber, von dem sie sich psychisch mißhandelt 
fühlten, ihre Wut hatten verdrängen müssen. — Ein Wort noch 
über die psychische Erkrankung der echten Rentenneurose. 
Auch hier vermittelt uns die Traumdeutung namentlich in der 
Hypnose die Erkenntnis darüber, ob wir eine wirkliche Kriegs- 
psychoneurose oder die vielfach fälschlich angeschuldigten 
bewußten „Begehrlichkeitsvorstellungen* vor uns haben. — 
Ich habe gefunden, daß die eigentliche Rentenneurose eine Art 
Minderwertigkeitsneurose darstellt. Der Kranke schätzt sich höher, 



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Zweites Korreferat. 57 

als er sich von seiner Umgebung geschätzt fühlt. Er hat meist 
nach seiner Ansicht eine besondere militärische Leistung voll- 
bracht. Er hat auf eine Auszeichnung oder mindestens irgend- 
wann einmal auf eine bestimmte Beförderung gerechnet. Sie ist 
ihm versagt geblieben. Eine Krankheit oder Verwundung hebt 
ihn endlich über die allgemeine Masse der Nichtgekannten her- 
vor und für das vermiißte E. K. oder den Gefreitenknopf wird 
nun die Rente der Ersatz, mit dem der Kranke dem Staat 
gegenüber seinen besonderen Wert zu beweisen trachtet. 

Daß bei der im ganzen verhältnismäßig schnellen Behandlung 
Rezidive vorkommen, ist verständlich. Mit Hilfe der geschil- 
derten rein analytischen Methodik aber läßt sich der Charakter 
des Rezidivs unschwer feststellen. — Häufig handelt es sich 
lediglich darum, daß Kranke durch militärische Wiederverwendung 
in das alte militärische Milieu gelangen, dem sie, psychisch nicht 
gewachsen, eben mit Hilfe ihrer Neurose entronnen sind und 
nun zur Abwehr mit einem Rezidiv reagieren. 

Andererseits läßt sich häufig feststellen, daß die Behandlung 
in ihrer Kürze nicht alles unbewußte Material gehoben hat. 
Ich erwähne als Beispiel einen Soldaten, der an Erregungs- 
zuständen und Krampfanfällen gelitten hatte. Nach zwei Behand- 
lungen waren die Erregungszustände geschwunden und innerhalb 
vier Wochen keine Anfälle mehr aufgetreten. Der Kranke, der 
trotzdem einen noch etwas bedrückten Eindruck machte, mußte ent- 
lassen werden. — Nach einigen Monaten bekam ich ihn wegen 
erneuter Anfälle ins Lazarett zurück. In jener ersten Behandlung 
waren lediglich Dinge zutage getreten, die mit der Verschüttung 
zusammen hingen. In der jetzigen Hypnose erzählte der Patient, 
daß er immer noch das Gefühl hatte, als ob „jemand hinter ihm 
her sei**. Dies Gefühl der Angst steigere sich oft so entsetzlich, 
daß er dann in einem Krampfanfall zusammenbreche. In diesem 
Krampfanfalle sah er dann stets einen toten Russen in einem 
weißen Hemd, gebieterisch einen goldenen Ring zurückveriangend, 
den ihm unser Kranker nach der Tötung geraubt hatte. Nachdem 
ich dieses Geschehnis, das völlig in Vergessenheit geraten war, 



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58 Dr. Ernst Simmel. 

mit dem Kranken im Wachen durchgesprochen hatte, war er wie 
umgewandelt, frisch und arbeitsfreudig und von seinen Krampf- 
anfällen wohl nunmehr dauernd geheilt. 

Meine bisherigen theoretischen Ausführungen, gestützt durch 
die darauffolgenden praktischen Beispiele, mögen für eine prin- 
zipielle Darstellung der Kriegsneurosensymptomatologie genügen, 
Es ist im Rahmen dieses Referats bei der Fülle des mir zu 
Gebote stehenden Materials unmöglich, die zahlreichen hier 
nicht erwähnten Neurosenformen noch weiter in ihrer unbewußten 
Bedingtheit im einzelnen darzustellen. 

Als Abschluß sei mir die kurze Schilderung der Neurose 
eines jungen Referendars gestattet, die trotz aller Kürze der 
Behandlung in klassischer Deutlichkeit ein abgeändertes Bild vom 
Wesen der Neurosenbereitschaft und dem eigentlichen Krank- 
heitsausbruch enthüllt. 

Diese Krankheit erschien, von außen betrachtet, als eine völlig 
einwandfreie Neurose des Krieges, ohne irgendwelche „zivilen* 
Ursachen. Der Patient war lange im Felde und dauernd in vor- 
derster Linie außerordentlichen Strapazen ausgesetzt gewesen. 
Er war verwundet und erkrankte erst nach zweifacher Verschüttung 
an seiner Neurose, einem schweren Sprachfehler, infolge eines 
fast völligen Intentionsspasmus der Lippen, verbunden mit Er- 
regungs-, Wutzuständen und Absenzen. — Die erste Aussprache 
ergab bereits, daß alles körperliche Mißgeschick den Kranken 
nichts bedeutete, er dagegen völlig zermürbt war durch seine 
Kämpfe und Reibungen mit seinen Vorgesetzten. — Im ersten 
Traum erhielt Patient einen Brief, der zu seiner maßlosen Wut 
vom Vater bereits aufgerissen war, so daß das rote Kuvertfutter 
in Fetzen heraushing. — In der Hypnose erleidet Patient beim 
Vorlesen dieses Traumes einen außerordentlichen Erregungs- 
zustand, bei dem er unter unsäglicher Angst und Entsetzen 
seine letzte Verschüttung erlebt. Das rote Kuvertfutter war die 
zerrissene Kinnlade eines guten Freundes und Kameraden, der 
bei jener Verschüttung neben ihm zerschmettert wurde. — Das 
Verhältnis zu seinem Vater kam zur Sprache und die Wut, daß 



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Zweites Koneferat. 39 

jener all die großen Bravourleistungen, die der Sohn im Felde 
vollbringt und dem Vater mitteilt, nicht achtet — Der nächste 
Traum nach dieser Hypnose bringt eine Szene zwischen Vater 
und Sohn. Der Vater in der Robe des Staatsanwaltes verbietet 
nach dem Gesetz dem Sohn, mit in einem unterirdischen Verließ 
gefangen gehaltenen Frauen zu sprechen. Der Sohn begehrt auf 
und sagt, er hätte sein eigenes Gesetzbuch, das liege bei einer 
jener Frauen. Er geht, um es zu holen und irrt durch unter- 
irdische Gänge. Er findet in verschiedenen Räumen mehrere 
frühere Geliebte, aber nicht sein Gesetzbuch. Endlich kommt er 
in die letzte Kammer, an ihrer Schwelle tritt ihm seine Mutter 
im Nachthemd entgegen. 

Ich glaube, ich brauche in diesem Kreise nicht viel Worte 
zur eingehenden Deutung hinzuzufügen. — Der Kranke erfüllte 
sein , Gesetz* als er als Kriegsfreiwilliger hinauszog, um durch 
seine Mannhaftigkeit sich über seinen, Vater zu stellen und die 
Mutter zu gewinnen. Das Symbol des Briefumschlages, der, für 
den Sohn bestimmt, widerrechtlich vom Vater eröffnet war, ist 
in seiner Bedeutung klar. Eigenartig und interessant ist, wie in 
diesem Brief, der für den Kranken das Geheimnis seines Lebens 
umschließt, in der kombinierten Darstellung sich der lückenlose 
Zusammenhang von Ursprung und Ausbruch der Neurose — 
vom mütterlichen Genitale bis zur Leiche des zerrissenen Freundes, 
dem Denkmal des letzten völligen Niederbruches des Ichs durch 
die Verschüttung darstellt. 

Ich bin am Schlüsse meiner Ausführungen und hoffe er- 
wiesen zu haben, daß die kombinierte psychoanalytische Methodik 
uns schon heute eine wirkliche ärztliche Behandlung der 
Kriegsneurotiker ermöglicht. — Jene Ärzte, welche ein System 
von Qualen ersonnen haben — Hungerkuren, Dunkelzimmer, 
Briefsperre, schmerzhafte Starkströme u. a. — um die Preisgabe 
der neurotischen Symptome vom Kranken zu erpressen, 
erkennen unbewußt in der Umkehrung des Freudschen Prinzips 
seine Grundanschauung an. Sie machen die Behandlung zu 
einer Peinigung, um den Neurotiker zu veranlassen, aus ihr ,i n die 



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60 Dr. Ernst Simmel. Zweites Korreferat. 

Gesundheit zu fliehen/ — Der psychoanalytisch geschulte 
Seelenarzt hat nicht nötig, seinem, in die Krankheit gehetzten 
Patienten nach entgegengesetzter Richtung zu jagen. Er nimmt 
ihm die Ketten seines Unbewußten und ist so imstande, den Neurotiker 
in die Gesundheit als Erlösung hinüberzugeleiten. 



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^ 



III. 
Die Kriegsneurosen und die Freudscfie Theorie*. 

Von Ernest Jones. (Übersetzt von Anna Freud.) 

Es hat den Gegnern der Psychoanalyse von jeher einige 
Verlegenheit bereitet, daß man der psychoanalytischen Neurosen- 
theorie keine andere ernsthaft haltbare gegenüberstellen konnte. 
Es war offenbar unmöglich, allen neurotischen Erscheinungen 
mit den beiden Schlagwörtern „Heredität" und «Suggestion" 
gerecht zu werden. Der Begriff der Erblichkeit kann zwar in 
Zukunft, wenn man mehr darüber wissen wird, in diesem Zu- 
sammenhang von großer Bedeutung werden; heute ist er noch 
viel zu unbestimmt, als daß man ihn zur Erklärung komplizierter 
psychologischer Phänomene heranziehen könnte. Die Suggestion 
aber stellt uns vor ein neues Problem, ohne etwas zur Lösung 
der alten beizutragen. 

Nun hat die Kenntnis der durch den Krieg entstandenen 
neurotischen Affektionen die Kritiker der Psychoanalyse instand 
gesetzt zu behaupten, daß die von Freud zur Neurosenerklä- 
rung herangezogenen Faktoren überhaupt nicht vorhanden 
sein müssen, also auch nicht die grundlegende Bedeutung 
haben können, die er ihnen zuschreibt. Statt dessen stellen sie 
eine andere Reihe zweifellos wirksamer Faktoren fest und lassen 
es sich an deren Vorhandensein so vollkommen genügen, daß 
sie jede weitere Nachforschung für überflüssig halten. Besonders 
einige Gegner der Psychoanalyse, denen es mehr um die Bekämpfung 
einer unliebsamen Theorie als um die Erforschung der Wahrheit 
zu tun ist, behaupten, daß die Erfahrungen des Krieges alle An- 

* Vortrag gehalten in der Royal Society of Mediclne, Section of Psychiatry, 
9. April 1918. Veröffentlicht in den .Proceedings* vol. XI. (Papers on Psycho- 
Analysis. 2^ ed. 1918.) 



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62 Emest Jones. 

sichten Freuds als unhaltbar und unrichtig erwiesen hätten. 
Obwohl es mir ein leichtes wäre, Kritik an dieser Auffassung 
zu üben, ist dies doch hier keineswegs meine Absicht. Ich will 
mich nur auf zwei Punkte näher einlassen. Wenn, wie manche 
Autoren behaupten, die übermäßigen Anforderungen des Krieges 
an sich und ohne Hinzutreten anderer Faktoren genügen, um 
Psychoneurosen entstehen zu lassen, wie sollte man dann das 
immerhin vereinzelte Auftreten der Kriegsneurosen erklären? 
Neurotische Symptome, die stark genug sind, um ein aus- 
gesprochen klinisch-pathologisches Bild zu ergeben, sind keines- 
wegs so häufig wie manchmal angenommen wird. Ich kenne 
keine statistischen Aufstellungen über das Vorkommen dieser 
Zustände, es würde mich aber sehr erstaunen, wenn man sie bei 
mehr als 27o unserer in Frankreich stehenden Armee fände. Diese 
Erwägung allein zeigt uns schon, daß neben den Anforderungen 
des Krieges noch andere aus der früheren Disposition der Er- 
krankten stammende Momente wirksam sein müssen. Die Lösung 
unseres Problems fällt mit dem Aufzeigen dieser Momente zu- 
sammen. — Gehen wir nun zu der dogmatischen Behauptung 
über, daß die Neurosentheorie Freuds auf die Kriegsneurosen 
keine Anwendung finden könne. Es ist eine Grundlehre der 
psychoanalytischen Theorie, daß die Psychoneurosen unbewußten 
seelischen Konflikten entstammen. Um deren Wirksamkeit im 
einzelnen Falle nachzuweisen, muß man sich einer Methode — 
wie eben der Psychoanalyse — bedienen, die einen Zugang zum 
Unbewußten verschafft. Es besteht, glaube ich, kein Zweifel daran, 
daß die Autoren, die den Anteil dieser unbewußten Konflikte 
an der Bildung der Kriegsneurosen und — wie wir sie im Gegen- 
satz fiazu nennen wollen — der Friedensneurosen leugnen, die 
Anwendung einer derartigen Methode für überflüssig halten. Sie 
benehmen sich also wie ein Forscher, der a priori die Details 
und sogar die Existenz der Histologie leugnet, ohne je durch 
ein Mikroskop, den einzigen Zugang zur Histologie, geblickt zu 
haben. Ich habe gerade diesen Vergleich gewählt, weil es mir 
scheint, daß die Beziehung der Psychoanalyse zur klinischen 



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Die Kriegsneurosen und die Freudsche Theorie. 63 

Psychiatrie treffend der Beziehung der Histologie zur Anatomie 
an die Seite gestellt werden kann*^. Doch lassen sich auch auf 
rein medizinischem Gebiet Analogien finden. Wenn ein Arzt eine 
Reihe von Fällen behandelt, in denen Tuberkulose nach Masern 
oder Typhus auftritt und diese Aetiologie als einen Beweis für 
das Nichtvorhandensein des Koch'schen Bazillus und die Grund- 
losigkeit der Koch'schen Tuberkulosentheorie verwenden wollte, 
so hielten wir uns sicher berechtigt zu fragen, ob in den be- 
sprochenen Fällen überhaupt nach dem Bazillus gesucht wurde, 
und ob der Beobachter den Unterschied zwischen Ursache und 
Veranlassung einer Krankheit erfaßt hat. Bekämen wir eine ver- 
neinende Antwort, so würden wir die Widerlegung der K o c h - 
sehen Theorie kaum allzu ernst nehmen. Der Gedankengang eines 
solchen Arztes gleicht aber vollkommen dem der Forscher, die 
behaupten, die Neurosentheorie Freuds sei widerlegt, weil es sich 
gezeigt hat, daß Neurosen auch unter dem Druck der Kriegs- 
anforderungen entstehen können. 

Ich habe jedoch nicht die Absicht, die gegenteilige Behaup- 
tung aufzustellen, nämlich zu sagen, daß sich die Giltigkeit der 
Theorie Freuds bei den Kriegsneurosen ebenso erweist, wie es 
meiner Meinung nach bei den Friedensneurosen der Fall ist. Ich 
glaube, daß die Frage einfach noch unentschieden ist, und es 
bleiben muß, bis sie durch eingehende Untersuchungen in der 
einen oder anderen Weise gelöst wird. Auch in Friedenszeiten 
war zufällig das Gebiet der traumatischen Neurosen von der 
Psychoanalyse weniger durchforscht als irgend ein anderes der 
Psychopathologie. Die Gelegenheiten zur psychoanalytischen 
Untersuchung der Kriegsneurosen aber waren, wenigstens bei 
uns, so selten, daß sich aus den Ergebnissen noch keine allge- 
meinen Schlüsse ziehen lassen. Ich habe, für meine Person, eine 
ziemliche Anzahl von Fällen in der oberflächlichen Weise, wie 
sie die Spitalsbehandlung mit sich bringt, untersucht, jedoch 
auch Gelegenheit gehabt, etwa ein halbes Dutzend Fälle ein- 
gehend zu studieren ; andere Anwendungen der psychoanalytischen 

* Vgl. Freud in seiner .Allgemeinen Neurosenlehre', 1917, S. 286. 



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64 Ernest Jones. 

Methode auf Kriegsneurosen, sind mir nicht bekannt. Trotz dieser 
Spärlichkeit des Materials, die wieder mit der Gründlichkeit der Arbeit 
zusammenhängt, fordern die Kritiker der Psychoanalyse mit Recht von 
dem Analytiker, der sich ja ein ziemlich tief reichendes Verständnis der 
neurotischen Affektionen im allgemeinen anmaßt, daß er sich 
wenigstens eine greifbare Vorstellung von dem Verhältnis der 
psychoanalytischen Theorie zu den bei den Kriegsneurosen beob- 
achteten Erscheinungen gebildet habe. Ich will in den folgenden 
Ausführungen versuchen, dieser Forderung gerecht zu werden, 
wenn auch, wie oben auseinandergesetzt wurde, nicht die Rede 
davon sein kann, die zahllosen, noch gar nicht in Angriff ge- 
nommenen Probleme, die die Kriegsneurosen uns aufgeben, 
schon zu lösen* 

Es wird von Nutzen sein, zuerst einige Mißverständnisse zu 
beseitigen. Die Aufgabe, die Erfahrungen des Krieges mit früheren 
Neurosentheorien in Einklang zu bringen, ist entschieden durch 
das Verhalten jener Forscher erschwert worden, deren Interesse 
für diese Probleme erst aus der Gegenwart stammt. Anstatt die 
bekannteren und besser verstandenen Phänomene heranzuziehen, 
haben sie das Hauptgewicht auf deren neuere, wohl auch sensa- 
tionellere Erscheinungsformen gelegt Manche gehen darin so weit, 
daß man meinen könnte, es habe vor dem Krieg niemals Schiff- 
brüche, Erdbeben und Eisenbahnunfälle gegeben und Menschen 
wären niemals unter dem Drucke von Entbehrungen, Übermüdung 
und drohenden Gefahren zusammengebrochen. Bekannte Sym- 
ptome, wie hysterische Blindheit oder Lähmung, erscheinen bei 
ihnen fast wie Neuheiten der Psychiatrie und werden einer ein- 
gehenden Beschreibung gewürdigt. Wenn aber einige Symptome, 
wie z. B. die Granatenangst, in ihrer Form durch die Kriegs- 
erfahrungen bestimmt erscheinen, so gibt es doch, meiner Erfah- 
rung nach, kein Symptom und kaum eine Symptomgruppe bei 
den Kriegsneurosen, denen nicht Analogien aus den Friedens- 
neurosen aaxlie Seite gestellt werden können, eine Tatsache, die 
schon an und für sich darauf hinweist, daß in beiden Fällen sehr 
ähnliche Erreger am Werke sein müssen. 



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Die Kriegsneurosen und die Freudsche Theorie. 65 

Ein anderes weit verbreitetes Mißverständnis, das sich durch 
den allgemeinen Gebrauch des unglückseligen Schlagwortes 
,Granatshock** eingebürgert hat, besteht in der Meinung, daß 
die Kriegsneurosen mehr oder weniger einheitliche Gebilde sind. 
Man vergißt zu oft, daß das Wort „Granatshock" ursprünglich 
gewiß nur einen einzelnen aetiologischen Faktor, nicht aber die 
Krankheit selber bedeutete. 

Ich ziehe es vor, mich der weniger zweideutigen und deut- 
licher aetiologischen Bezeichnung „Kriegss hock**" zu bedienen, 
die, wie ich glaube, von Eder geprägt worden ist. Wird aber 
selbst das Wort „Granatshock" vermieden, so findet man statt 
dessen nur allzu häufig den alles umfassenden Ausdruck .Neu- 
rasthenie", besonders in allen jenen Fällen, in denen sich keine 
somatischen Hysteriesymptome zeigen. Die wahre Neurasthenie 
in ihrer reinen Form ist aber, ganz im Gegenteil, eine äußerst 
seltene Krankheit; ich selber habe sie in Verbindung mit dem 
Kriege noch kein einziges Mal nachweisen können. Die Folgen 
der Kriegserschütterungen sind alles eher als einheitlich; man 
kann das Auftreten fast aller verschiedenen Formen der Neurosen 
und Psychoneurosen feststellen, und ehe man es nicht versucht 
hat, diese von einander zu unterscheiden, ist auch ein befrie- 
digendes Eindringen in die Pathologie der einzelnen Krankheits- 
formen unmöglich. Ein anderer, noch öfter vernachlässigter und 
vielleicht noch bedeutsamerer Punkt ist die Tatsache, daß nicht 
nur die Folgen verschiedene, sondern daß auch die aetiologischen 
Faktoren komplizierter sind, als man gemeinhin annimmt. Ein 
sorgfältiges Eindringen in die einzelnen Fälle zeigt uns oft, daß 
das bei einem Patienten wichtigste krankheitserregende Moment, 
bei der Neurose eines anderen, obwohl es ebenso vorhanden 
war, wirkungslos geblieben ist. So kann z. B. der Anblick, wie 
ein guter Freund fällt, den einen Soldaten stark erschüttern und 
in enger Beziehung zu seiner späteren Neurose stehen, bei einem 
anderen Patienten aber braucht dasselbe Erlebnis die Neurose 



* Shell-shock. 
** Eder, .War Shock', 1917. 

Zur Psychoanalyse der KriegsneuroscD. 



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66 Ernest Jones. 

nicht zu beeinflussen; das gleiche gilt von anderen qualvollen 
Situationen des Krieges, von dem unerträglichen Warten im 
Geschützfeuer, von der Verschüttung und ähnlichem. Diese Über- 
legungen zeigen uns die große Bedeutung der individuellen 
Disposition zu den einzelnen neurotischen Reaktionsweisen und 
weisen uns auf die Notwendigkeit hin, die verschiedenen krank- 
heitserregenden Momente in einer Anzahl von Fällen sorgfältig 
zu zergliedern, ehe wir daran gehen können, Verallgemeinerungen 
über die Art aufzustellen, in welcher die verschiedenen, als 
Kriegserschtitterung zusammengefaßten Einflüsse wirksam werden 
können. 

Wenn wir jetzt die Berührungspunkte der Theorie Freuds 
mit den Erfahrungen des Krieges suchen, so fällt uns vor allem 
die Übereinstimmung auf, in der die Tatsachen des Krieges 
selber mit Freuds Ansicht stehen, daß das Seelenleben der 
Menschen unter seiner Oberlläche eine Masse unvollkommen 
beherrschter, zum Ausbruch drängender Triebe birgt, die ihrer 
Natur nach in Widerspruch mit den Forderungen der Zivilisation 
stehen. Den im Kriege stehenden Männern eines Volkes ist es 
nicht nur erlaubt, es ist ihnen sogar anbefohlen, sich in einer 
jeder Forderung der Kultur spottenden Weise zu benehmen, 
Taten zu vollbringen und Szenen mitanzusehen, die unsere 
aesthetischen und moralischen Gefühle im tiefsten verletzen. Alle 
vorher verbotenen und tief begrabenen grausamen, sadistischen 
und mörderischen Impulse werden zu größerer Tatkraft ange- 
stachelt und die alten innerpsychischen Konflikte, die nach 
Freud die Hauptursache aller neurotischen Störungen bilden 
und früher durch Verdrängung erledigt wurden, bekommen jetzt 
Verstärkung zugeführt und müssen unter vollkommen veränderten 
Umständen einer neuen Erledigung unterzogen werden. 

Es ist, wie Mac Curdy* dargelegt hat, leicht einzusehen, 
daß Männer bei ihrem Eintritt in die Armee, besonders aber 
bei Beginn ihres Frontdienstes eine Neuanordnung ihrer seelischen 
Einstellungen und der Richtlinien für ihr Verhalten vornehmen 

♦ Mac Curdy, .War Neuroses*, Psychiatric Bulletin, Juli 1917, S. 252 u. f. 



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Die Kriegsneurosen und die Freudsche Theorie. 67 

müssen, eine Anpassungsarbeit, die nicht bei allen im gleichen 
Ausmaße notwendig ist und nicht von jedem gleichmäßig be- 
friedigend zustande gebracht wird. Die Anforderungen, die jeder 
vorher in bezug auf Moral, Reinlichkeit, aesthetische Gefühle 
und das Verhältnis zu seinen Nebenmenschen an sich gestellt hat, 
müssen einer gründlichen Umwandlung unterzogen werden. Er 
wird gezwungen, in jeder Beziehung Dinge zu tun, die gegen 
seine zu tiefst eingewurzelten Ideale verstoßen. Diese Ideale 
werden von manchen — z.B. Trott er*, dem sich auch Mac 
Curdy angeschlossen hat — der Wirksamkeit eines Herden- 
instinktes zugeschrieben, mit anderen Worten dem Einfluß des 
sozialen Milieus, in den das Schicksal den Einzelnen versetzt 
hat. Ich persönlich vermute hinter diesem Einfluß noch andere, 
mehr individuelle Momente, die ererbten Tendenzen und den 
frühesten Beziehungen des Kindes zu seinen Eltern entstammen. 
Wie sich das auch verhalten mag, es steht jedenfalls fest, daß 
jeder solche Ideale — wenn auch nicht immer unter diesem 
Namen — besitzt, und daß er im Laufe seiner Entwicklung eine 
Anzahl von Richtlinien ausbildet, die sein Ich billigt — die ich des- 
halb mit dem von Freud geprägten Ausdruck Ich-Ideal bezeichnen 
will — gleichzeitig mit einer Reihe anderer, die sein Ich verwirft. 

Die genetische Psychologie lehrt uns, daß ein solches stufen- 
weises Aufbauen niemals glatt vor sich geht, sondern immer 
von einer Ari/ahl bewußter wie auch unbewußter seelischer Kon- 
flikte zwischen dem bewußten Ich einerseits und verschiedenen 
Impulsen und Wünschen anderseits, wie auch von einer Reihe 
teilweiser Verzichtleistungen und Kompromisse begleitet wird. 
Der Erfolg ist auch selten ein ganz befriedigender; es bleiben 
immer in einzelnen Gebieten, besonders im Gebiete des Ge- 
schlechtslebens, die Lösungen unvollkommen. Gerade diese 
unvollkommenen Konfliktslösungen aber sind es, denen nach 
Freud die neurotischen Affektionen entstammen. Die Frage, 
ob in einem bestimmten Fall eine Neurose ausgebildet werden 
kann oder nicht, ist eine hauptsächlich quantitative, 

* Trotter, .Instincts of the Herd in Peace and War*, 1916. 

5* 



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68 Ernest Jones. 

Das menschliche Seelenleben ist so eingerichtet, daß es die mit 
dem Ich zerfallenen Wünsche und Strebungen in einem gewissen 
Ausmaße ohne Schädigung ertragen kann ; überschreiten sie aber 
dieses Maß, so wird die ihnen entstammende Energie zum Auf- 
bau neurofischer Bildungen verwendet. Es gibt verschiedene 
Methoden, die aus den ichfeindlichen Impulsen herrührende 
Energie befriedigend zu bewältigen ohne Schaden an der Gesund- 
heit zu nehmen, und Neurosen entstehen nur dann, wenn sie 
nicht in ihrer Gänze bewältigt werden konnte. Auf zwei dieser 
Methoden will ich näher eingehen. Die eine besteht in der Ab- 
lenkung der Energie von ihrem primären, verbotenen Ziel zu 
einem, das sich mit den sozialen Idealen des Ichs in Einklang 
bringen läßt; der Sport ist, wie jeder Erzieher weiß, ein Schul- 
beispiel dafür. Man nennt diesen Vorgang eine „Sublimierung", 
wenn die Ablenkung von einem ursprünglich sexuellen Ziel zu 
einem nicht sexuellen vor sich geht; ähnliche Umwandlungen 
und Veredelungen finden wir aber auch bei allen anderen ich- 
feindlichen Impulsen, wie z. B. bei der Grausamkeit. Es kann 
aber auch ein zweiter Ausweg gefunden werden. Das bewußte 
Denken kann sich von jedem direkten Verkehr mit diesen Im- 
pulsen zurückziehen, sie im Unbewußten in einem Zustand der 
Verdrängung erhalten und sich gegen ihren Einfluß durch die 
Errichtung von Schutzwällen, sogenannten Reaktionsbil- 
dungen, sichern. Nehmen wir einen Fall von primärer 
Grausamkeit als Beispiel. Ein grausames Kind kann sich zu 
einem Menschen entwickeln, dem der bloße Gedanke, Grausam- 
keiten zuzufügen, wesensfremd und abstoßend erscheint, da der 
ursprüngliche Impuls vom Ich abgelöst und in das Unbewußte 
verstoßen wurde, und bei dem der Abscheu und die Über- 
empfindlichkeit für Schmerz und Leiden als Reaktionsbildung 
einen Platz im Bewußtsein einnehmen. Wenn das Ichideal 
genügend Macht besitzt, um die ihm widerstrebenden Wünsche 
und Impulse zu unterdrücken oder durch Umwandlung für seine 
eigenen Zwecke zu verwerten, so kann es gelingen, ein für das 
normale Leben genügendes seelisches Gleichgewicht herzustellen. 



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Die Kriegsneurosen und die Freudsche Theorie. 69 

Bei manchen Menschen ist das so erreichte seelische Gleich- 
gewicht außerordentlich stabil ; sie haben einen Überschuß an 
geistiger und moralischer Kraft, der es ihnen ermöglicht, die Ent- 
täuschungen und Schwierigkeiten des Lebens zu überwinden; 
sie haben mit anderen Worten eine bedeutende Anpassungs- 
fähigkeit an vollkommen neue Situationen. 

Wenn wir jetzt wieder zum Kriege zurückkehren, finden wir, 
daß die Anpassung, die hier von den Menschen verlangt wird, 
schwer zu leisten ist, wenn auch noch lange nicht so schwierig wie 
oft in den verschiedenen Situationen des Geschlechtslebens. Die 
Erfahrung lehrt uns, daß die überwiegende Majorität der Männer 
imstande ist, diese Leistung zu vollbringen. Das Ausmaß 
des Gelingens ist aber zweifellos bei verschiedenen Menschen 
ein sehr verschiedenes und schwankt wahrscheinlich sogar bei 
einer und derselben Person von Zeit zu Zeit nach inneren und 
äußeren Gründen, je nach den begleitenden Umständen und den 
gleichzeitigen Kriegserlebnissen. Es ist auch leicht einzusehen, 
daß das Gelingen der Anpassung zum größten Teil von dem 
Erfolg abhängt, von dem die früheren Anpassungsversuche des 
Individuums während seiner Entwicklung begleitet waren. Die 
Bedeutung dieser Behauptung soll über die auf der Hand 
liegende Tatsache, daß ein Mann die Probleme und Schwierig- 
keiten des Kriegführens umso leichter überwindet, je gefestigter 
er in seinem Wesen ist, noch hinausgehen. Es besteht nämlich 
eine wichtige Beziehung zwischen den beiden Phasen der 
schwierigen Anpassung, der aktuellen und der vergangenen. Es 
ist im Grunde dieselbe Schwierigkeit und derselbe Konflikt, nur 
die Form ist verschieden. Nehmen wir zum Beispiel an, daß die 
ursprüngliche Anpassungsschwierigkeit von den grausamen Im- 
pulsen ausgegangen sei, daß in der Kindheit der Konflikt zwischen 
stark ausgebildeten solchen Tendenzen mit besonders hohen 
entgegengesetzten Idealen ein ungewöhnlich scharfer gewesen 
wäre, der nie eine vollkommene Lösung finden konnte, obwohl 
sich das praktische Gleichgewicht auf der Basis kräftiger 
Reaktionsbildungen herstellen ließ mit Hilfe umfassender Vorsichts- 



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70 Ernest Jones. 

maßregeln, die jede Berührung mit dem Kapitel der Grausam- 
keit verhüten sollten. Wir können leicht begreifen, daß es einem 
solchen Menschen besondere Schwierigkeiten bereitet, sich an 
die unvermeidlich grausamen Szenen und Taten des Krieges zu 
gewöhnen, die seinen längst begrabenen, gänzlich unbewußten 
grausamen Neigungen, deren bloße Existenzmöglichkeit er schon 
mit Abscheu von sich gewiesen hätte, neue Nahrung zuführen. 
Man lehrt ihn z. B. im Bajonettkampfe die schrecklichsten Ver- 
letzungen zuzufügen und treibt ihn zu Betätigungen seiner Im- 
pulse, gegen deren Vorstellung er sich sein ganzes Leben mit 
Schaudern gewehrt hat. Er ist nun gezwungen, den alten inneren 
Konflikt zwischen seinen beiden Naturen von neuem zu lösen, 
er muß eine Umwertung seiner Ideale vornehmen und sie in 
vielen Hinsichten vollkommen zu nichte werden sehen. Er muß 
neue Richtlinien für sein Verhalten aufstellen, neue seelische 
Einstellungen ausbilden und sich an den Gedanken gewöhnen, 
daß Neigungen, die er früher mit der ganzen Schärfe seines 
Ichideals verurteilte, jetzt unter gewissen Bedingungen erlaubt 
und sogar lobenswert werden. Man würde sich von den Ver- 
hältnissen, die ich hier zu schildern versuche, ein falsches Bild 
machen, wenn man glaubte, daß dieser Anpassungsprozeß im 
bewußten Denken des Menschen vor sich geht. Die wichtigste 
Arbeit, oft überhaupt die ganze, wird im Unbewußten geleistet. 
Wir sehen also, daß es zum vollen Verständnis der Probleme 
eines einzelnen Falles und zu seiner therapeutischen Beeinflußung 
oft notwendig ist, die Beziehung eines aktuellen Konfliktes zu 
einem der Vergangenheit angehörigen richtig einzuschätzen, 
denn die Stärke und Bedeutung eines aktuellen Konfliktes liegt 
oft nur in der Wiedererweckung des längst begrabenen und un- 
vollkommen gelösten. 

Ich habe die Grausamkeit als ein Beispiel herausgegriffen, 
hätte aber noch viele andere aus dem Leben des Krieges finden 
können. Man kann im allgemeinen sagen, daß die für den Krieg 
notwendige Anpassungs- und Umwandlungsarbeit nach zwei 
verschiedenen Richtungen vor sich geht: Der Krieg erlöst einer- 



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Die Kriegsneurosen und die Freudsche Theorie. 71 

seits zahllose bisher verpönte Neigungen aus ihrer Verbannung 
— wir sehen den Erfolg davon auf allen Gebieten, selbst in den 
im Felde üblichen Sprach- uud Redewendungen—; anderseits 
aber legt er dem Menschen Selbstbeherrschung und strenge 
Disziplin auf, wie sie in ähnlichem Ausmaße in Friedenszeiten 
niemals gefordert wurden. Die Einsicht, daß diese beiden 
Richtungen einander ergänzen, läßt vielleicht in uns ein psycho- 
logisches Verständnis für die dem Zivilisten unbegreiflichste Er- 
scheinung des militärischen Lebens aufdämmern, nämlich für den 
übertriebenen Wert, den eine strenge Disziplin selbst auf die Erledi- 
gung der scheinbar gleichgültigsten Dinge legt. Eine undiszipli- 
nierte Armee ist noch jedem ihrer Befehlshaber zum Verhängnis 
geworden. Vielleicht stehen die Gefahren der Disziplinlosigkeit 
im Zusammenhang mit der vom Krieg herbeigeführten Befreiung 
unvollkommen beherrschter Impulse aus ihrer Verdrängung. 

Die Entstehung der Kriegsneurose aus einem relativen Ver- 
sagen der Anpassungsfähigkeit läßt sich durch einen analogen 
Vorgang bei den uns vertrauteren Friedensneurosen illustrieren. 
Denken wir uns eine junge Frau, die als Mädchen nie imstande 
war, ihre sexuelle Natur mit ihrem Ichideal in Einklang zu 
bringen, und die dieser Seite des Lebens nicht anders als mit 
möglichst weiter Verdrängung ins Unbewußte zu begegnen 
wußte. Es kann sein, daß sie nach ihrer Verheiratung keine Ver- 
söhnung ihrer beiden Naturen mehr zustande bringt. Da sie ge- 
zwungen ist, den früheren Modus, der ihr die Herstellung ihres 
seelischen Gleichgewichtes ermöglichte — nämlich die Fern- 
haltung von der Sexualität — aufzugeben, so bildet sie jetzt 
eine Neurose aus, in der die unterdrückten sexuellen Wünsche 
einen symbolischen und verhüllten Ausdruck finden. So kann 
sich in ähnlicher Weise bei der Kriegsneurose, wenn das alte 
Verhältnis zwischen dem Ichideal und den verdrängten Impulsen 
gestört ist, die Unfähigkeit erweisen, unter den neuen Verhält- 
nissen ein neues herzustellen, und der Ausdruck für die ver- 
drängten Impulse in der Form irgendeines neurotischen Symptoms 
gefunden werden. 



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72 Ernest Jones. 

Soweit ich es beurteilen kann, stehen die spezifischen für 
die Kriegsneurosen charakteristischen Probleme mit zwei großen 
Gruppen der seelischen Prozesse in Zusammenhang, nämlich mit 
der bereits behandelten Kriegsanpassung und mit der Angst, 
Man kann die letztere nicht als eine Untergruppe der ersten be- 
trachten, da das typischste Moment, die Umwandlung der Wert- 
einschätzung, hier fehlt. Die moralische Bewertung der Angst 
mit den daraus entspringenden Konflikten bleibt im Krieg die- 
selbe, die sie im Frieden war. Hier wie dort gilt es als mo- 
ralischer Defekt, Angst zu zeigen oder sich von ihr, besonders 
wo es sich um Erfüllung einer Pflicht handelt, beeinflussen zu 
lassen. Der Soldat, der aus dem Geschützfeuer entfliehen möchte, 
befindet sich, was die moralische Bewertung anbetrifft, in der- 
selben Lage wie der Mann in Friedenszeiten, der sich scheut, 
mit eigener Lebensgefahr ein Kind aus dem Wasser zu retten. 
Der Konflikt, in dem der Soldat sich befindet, muß sogar der 
geringere sein. Sein sehr begreifliches Verlangen würde in weiten 
Kreisen einem tieferen Verständnis begegnen und weniger Schande 
auf ihn laden, als den letzterwähnten Mann treffen müßte. Es 
scheint also, daß das Problem der Angst, dem, wie überein- 
stimmend angenommen wird, die Hauptrolle bei der Bildung der 
Kriegsneurosen zufällt, nichts mit der oben besprochenen An- 
passungsfähigkeit an den Krieg zu tun hat. 

Ehe ich aber an die Erörterung des Angstproblems gehe, 
scheint es mir von Nutzen, mir einen Überblick über die Lage 
zu verschaffen und zu untersuchen, in wie weit es uns bis jetzt 
gelungen ist, die Erscheinungen der Kriegsneurosen mit der 
psychoanalytischen Theorie in Einklang zu bringen. Diese 
Neurosentheorie ist eine sehr umfassende, die sich mit den 
Problemen der unbewußten Mechanismen, der Unterscheidung 
zwischen den Dispositionen, den charakteristischen Mechanismen 
der verschiedenen Neurosen und vielem anderen beschäftigt. Ich 
will den Versuch machen, ihre Grundlehren in ihrer einfachsten 
Form zusammenzustellen. 

L Freud stellt in seiner Neurosentheorie die Grundlehre 



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Die Kriegsneurosen und die Freudsche Theorie. 73 

auf, daß die Symptome dem Willen des Patienten entspringen. 
Diese Wahrheit, die von den Ärzten und Laien seit langem voraus- 
geahnt wurde und dem neuerdings weitverbreiteten Simulations- 
verdacht zugrunde liegt, würde keiner weiteren Erklärung bedürfen, 
wenn es sich hier um den Willen in dem gewöhnlichen Sinne der 
bewußten und gewollten Absicht handeln würde. Es ist aber hier 
nicht von dem ganzen, sondern nur von einem Teil des Willens 
die Rede, und zwar von einem Teil, von dem der Patient selber 
nichts weiß. Die Neurosen sind also nicht, wie die französische 
Schule der Psychiatrie behauptet, Krankheiten und Unglücksfälle, 
die einem Menschen zustoßen können, sondern Erscheinungen, 
die das Seelenleben aus irgendwelchen Tendenzen heraus und 
zu bestimmten Zwecken ausbildet. Freud unterscheidet drei 
Arten von Motiven, die in dieser Weise wirksam sind, eine wesent- 
iche und zwei nebensächliche. Das wesentliche und unumgänglich 
notwendige Motiv ist der unbewußte Wunsch, aus der imaginären 
Befriedigung verdrängter und abgespaltener Impulse Lust zu ziehen, 
ein Motiv also, das dem mit dem Ichideal zerfallenen Teil des 
Seelenlebens angehört. Das zweite Motiv strebt nach Erreichung 
irgend eines Zieles in der Außenwelt; will z. B. einen lieblosen 
Gatten zum Mitgefühl zwingen, was sich mit Hilfe einer Neurose 
leichter als auf jedem andern Weg bewerkstelligen läßt. Das 
dritte Motiv dient den gleichen Zwecken, bedient sich aber dazu 
eher einer schon bestehenden Neurose, als daß es zur Bildung 
einer neuen führt. Die beiden letzteren Motive sind gewöhnlich, 
aber nicht immer, unbewußt; sie gehören, genauer gesagt, dem 
Vorbewüßtsein an, d. h. sie entstammen schwach verdrängten 
Neigungen und lassen sich infolgedessen leicht aufdecken; Freud 
bezeichnet sie als primären und sekundären Krankheitsgewinn. 
Es scheint mir nun, daß diese Lehre von dem Willensursprung 
der Symptome von den modernen Psychiatern im allgemeinen 
schon anerkannt wird; die Hauptmotive sind auch bei den Kriegs- 
neurosen deutlich und verständlich genug: sie bestehen aus dem 
Wunsch, die Flucht vor den Schrecken des Krieges genügend 
motivieren zu können. 



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74 Ernest Jones. 

2. Eine zweite Grundlehre der Psychoanalyse lautet, daß 
jedes neurotische Symptom das Produkt eines unvollkommen ge- 
lösten innerpsychischen Konfliktes ist und eine Kompromißbildung 
zwischen den beiden miteinander kämpfenden Kräften darstellt. 
Ich glaube, daß sich die Erforscher der Kriegsneurosen auch 
dieser Behauptung anschließen müssen. Besonders Mac Curdy* 
hat im einzelnen die Konflikte der Soldaten beschrieben, die hin- 
und hergeworfen werden zwischen dem Bestreben, ihre Pflicht 
zu tun und das aufsteigende Gefühl der Unfähigkeit und Furcht 
zu verbergen, und dem von niederdrückender Scham begleiteten 
übermächtigen Wunsch, den Schrecken ihrer Lage zu entfliehen. 
Die Neurose ist für manche Menschen die einzige Lösung dieses 
Zwiespaltes und die Symptome, die — wie die Blindheit — die 
Leistungsfähigkeit oft vollkommen lahmlegen, sind die Erfüllung 
des Wunsches, gegen den sie so lange angekämpft haben. Wir 
halten also jetzt bei der Wunscherfüllungstheorie Freuds. 

3. Die dritte Grundlehre lautet, daß der für die Neurosen- 
bildung wirksame Wunsch ein unbewußter sein muß. Freud 
nimmt das Wort „unbewußt" hier in seinem strengsten Sinne, 
und in diesem Sinne ist es noch nicht gelungen, die Richtigkeit 
der Behauptung für die Kriegsneurosen zu beweisen. Es gibt 
jedoch für einen seelischen Vorgang verschiedene Grade der 
Unbewußtheit und Freud legt das Hauptgewicht hier nicht so 
sehr auf das Moment der Bewußtseinsfremdheit — das ja nur 
ein Beweis für die Verdrängung ist — sondern auf die Abspaltung 
vom Ich, auf die Verdrängung, die zu dieser Bewußtseinsfremd- 
heit geführt hat. Er behauptet eben, daß der neurosenbildende 
Wunsch ein mit dem Ichideal zerfallener ist, der deshalb mög- 
lichst aus dem Wege geschafft werden muß. Wer die erschütternden 
Schilderungen gelesen hat, die Mac Curdy oder Rivers** 
von dem Gefühl der Scham machen, die Soldaten über ihre 
wachsende Angst empfinden, von den Bemühungen, sie zu unter- 



* op. cit. 

** Rivers ,The Repression of War Experience." Proceedings of the Royal 
Society of Med., Section of Psychiatry, 4. Dezember 1917. 



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Die Kriegsneurosen und die Freudsche Theorie. 75 

drücken, sie vor anderen und womöglich vor sich selber zu ver- 
hehlen, der wird einsehen, daß der fragliche Wunsch dem Ichideal 
entfremdet ist und sich, selbst wenn er noch halb eingestanden 
wird, in dem ersten Stadium der Verdrängung befindet. 

4. Die vierte Grundlehre lautet, daß die aktuellen unter- 
drückten Wünsche nur dann eine Neurose erzeugen können, wenn 
sie Wünsche, die in vergangenen ungelösten Konflikten unter- 
drückt wurden, wiederbeleben und verstärken. Eine krankheits- 
verursachende Enttäuschung oder Anpassungsschwierigkeit führt, 
nach Freud, zuerst zu einer Introversion, einer Wendung des 
Affektes nach innen; der in seiner Befriedigung gehemmte Wunsch 
sucht nach anderen Befriedigungsmöglichkeiten. Er zeigt eine 
Neigung zur Regression in frühere Lebensperioden und somit zur 
Vereinigung mit ähnlich gehemmten und unterdrückten älteren 
Wünschen. Erst die Kombination der beiden, des gegenwärtigen 
und des vergangenen Wunsches, gibt, zum Unterschied von andern 
Reaktionsmöglichkeiten auf die Schwierigkeiten des Lebens, die 
charakteristische Pathogenese der neurotischen Störungen. 

Freud ist der Ansicht, daß fast jede Neurose aus drei 
Momenten aufgebaut ist: eine besondere hereditäre Disposition, 
ein ungelöster infantiler Konflikt, durch den die individuelle Ent- 
wicklung von einem gewissen Punkt an gestört war — der Be- 
treffende ist, mit andern Worten, an ein bestimmtes Entwicklungs- 
stadium fixiert geblieben — und drittens eine aktuelle 
Schwierigkeit. Diese drei Momente stehen in einem reziproken 
Verhältnis zu einander, so daß bei besonderem Hervorstechen 
des einen die andern in den Hintergrund treten können. Ist 
z. B. das hereditäre Moment stark betont, so reagiert die betreffende 
Person auf die gewöhnlichsten Kindheits- und Lebenseindrücke 
neurotisch; sie bringt keine normale Bewältigung zu stände. Es 
liegt auf der Hand, daß bei den Kriegsneurosen das aktuelle 
Moment, das ja auch bisher als einziges die Aufmerksamkeit auf 
sich gezogen hat, das wichtigste ist. Spuren infantiler Momente 
konnte ich nur in den Fällen nachweisen, wo sich die Lokali- 
sierung hysterischer Symptome nach dem Sitz ehemaliger Ver- 



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76 Ernest Jones. 

letzungen richtete; dann, in mehr allgemeiner Art, allerdings 
auch bei den vielen kindischen Zügen, wie z. B. der Überempfind- 
lichkeit für Zurücksetzung, dem Egoismus und dem Wunsch 
gepflegt, gewartet und behütet zu werden, — Züge, die wir bei 
manchen Fällen von Kriegsneurose in ungemein starker Aus- 
prägung finden. 

Wir sehen also, daß bisher nur die eine Hälfte der psycho- 
analytischen Theorie durch die bei der Kriegsneurose gemachten 
Beobachtungen eine Bestätigung erfahren hat. Der psychoanaly- 
tischen Theorie zufolge, müssen zwei Arten von Wünschen an 
der Bildung einer Neurose beteiligt sein. Die eine Art, der 
aktuelle Wunsch, der „primäre Krankheitsgewinn," der dem Ich- 
ideal entfremdet und darum halb verdrängt, und — wenn über- 
haupt — nur teilweise bewußt ist, ist von einer großen Anzahl 
von Forschern nachgewiesen und in seiner Bedeutung gewürdigt 
worden; tatsächlich hängt der Erfolg der Behandlung haupt- 
sächlich von dem Maße ab, in dem es gelingt, Einfluß auf ihn 
zu nehmen. Die Forschung nach der andern Art, dem infantilen, 
gänzlich verdrängten und unbewußten Wunsch, der, der Psycho- 
analyse zufolge, auch an der Neurosenbildung beteiligt gewesen 
sein muß, ist noch nicht systematisch vorgenommen worden; 
mir ist seine Auffindung, in den wenigen Fällen, die ich einer 
eingehenden Untersuchung unterziehen konnte, jedesmal gelungen. 
Sein Vorhandensein oder Fehlen ist, selbst wenn die praktische 
Bedeutung gering ist, von größerer theoretischer Wichtigkeit, als 
man gemeinhin annehmen würde. Ich für meinen Teil kann 
überhaupt nicht glauben, daß ein aktueller, halb oder ganz 
bewußter Wunsch, so stark er auch immer sei, imstande sein 
sollte, eine Neurose hervorzubringen; eine solche Annahme 
würde nicht nur unserer gesamten Kenntnis von der Natur der 
Neurosen, sondern auch meinen bei der Beobachtung der Kriegs- 
neurosen gemachten Erfahrungen widersprechen. Es scheint mir 
infolgedessen unumgänglich nötig, die Fällung eines end- 
gültigen Urteils bis zur Vornahme eingehenderer Forschungen 
aufzuschieben. Über die praktische Seite werde ich bei Besprechung 



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Die Kriegsneurosen und die Freudsche Theorie. 77 

der chronischen Fälle zu reden haben, bei denen die Kriegs- 
in eine Friedensneurose tibergeleitet worden ist. 

5. Das Stück der psychoanalytischen Theorie, das dem stärksten 
Widerstand begegnet ist, war die Lehre, daß der primäre ver- 
drängte Wunsch, dem letzten Endes die Neurosenbildung zu- 
zuschreiben ist, immer ein sexueller ist, daß also der Konflikt 
zwischen den beiden Triebgruppen entbrennt, aus denen sich 
die Persönlichkeit aufbaut, nämlich den Trieben zur Selbsterhaltung 
und Erhaltung der Art. Dr. Mac Curdy meint, das komme 
daher, daß in Friedenszeiten der Sexualtrieb das Ichideal stärker 
als irgend ein anderer bedrohe, daß aber im Kriege der Konflikt 
zwischen Selbsterhaltungstrieb und Ichideal gentige, um eine 
Neurose herbeizuführen. So plausibel diese Annahme erscheint, 
würde mich ihre Bestätigung durch künftige Forschungen doch 
sehr überraschen. Daß eine Neurose, die schließlich eine Störung 
der unbewußten Seelentätigkeit darstellt, aus dem Konflikt zweier 
voll bewußter Einstellungen zur Realität hervorgehen sollte, wäre 
allen unseren aus der Erfahrung gezogenen Voraussetzungen 
ebenso entgegengesetzt, wie die Entstehung der Neurose aus dem 
Konflikt von zwei dem Ich zugehörigen Tendenzen. Ich werde 
bei der Erörterung der Angst, zu der ich jetzt übergehen will, 
die Aufstellung einer anderen Hypothese versuchen. 

Freud* lehrt, daß man von einem gewissen Gesichts- 
punkte aus, alle neurotischen Symptome als Schutzmaßregeln 
gegen die Entwicklung von Angst auffassen kann; wir haben 
hier einen neuen Berührungspunkt seiner Lehre mit den Er- 
forschern der Kriegsneurose, die sicher zugeben werden, daß das 
Problem der Angst im Mittelpunkte ihrer Arbeit steht. Unter 
Angst verstehen wir hier den seelischen Zustand von Furcht und 
Schrecken, der von deutlichen körperlichen Erscheinungen be- 
gleitet ist. Die Angst ist entschieden das häufigste neurotische 
Symptom und es ist, um in ihr Verständnis einzudringen, eine 



* Freud, op. cit. p. 470. 



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78 Ernest Jones. 

ganze Reihe von Untersuchungen* angestellt worden, die, meiner 
Meinung nach, reichliche Früchte getragen haben. Wir finden 
sie in Gestalt einer ängstlichen Erwartung von drohendem Unheil 
und Gefahren, als Angstneurose, und auch bei der Hysterie in 
Gestalt scheinbar freier Angstanfälle und zahlloser Phobien. Der 
hervorstechendste Zug bei allen Erscheinungsformen der neuro- 
tischen Angst ist das Mißverhältnis zwischen ihrer Intensität und 
ihrer äußeren Berechtigung, das es uns außerordentlich erschwert, 
sie auf den ersten Blick mit der biologischen Auffassung von 
der Zweckmäßigkeit des Angstaffektes als Reaktion auf eine 
Gefahr in Einklang zu bringen. Alle neueren Forschungen nach 
ihrer Entstehuog haben fast übereinstimmend ergeben, daß sie 
in enger Beziehung zu unterdrückter und unbefriedigter Sexualität 
steht. Die Behauptung, daß Angst den Ausdruck verdrängter 
unbewußter Libido vorstellt, scheint mir sicherer als alle übrigen 
Lehren der Psychopathologie; es ist mir nicht möglich, mich 
hier in die sehr ausgedehnte Beweisführung einzulassen, und ich 
muß mich darauf beschränken, auf die bereits veröffentlichten 
Arbeiten hinzuweisen.** 

Unsere nächste Frage lautet nun: „In welcher Beziehung 
steht die aus den Friedensneurosen bekannte nervöse Angst zu 
der realen, d. h. objektiv berechtigten Angst, die in gefährlichen 
Situationen und so überdeutlich in den Kriegsneurosen auftritt?" 
Der Punkt, an dem sich die beiden berühren, ist der Abwehr- 
charakter, der der Angstreaktion anhaftet. Die uns aus den 
Friedensneurosen vertraute Angst ist die Abwehr des Ichs gegen 
die Ansprüche der nicht anerkannten Libido, die — wie z. B. bei 
den Phobien — in die Außenwelt projiziert und als Bedrohung 
von außen her behandelt werden ; sie ist, mit anderen Worten, 



* Die neueste Erörterung des Themas finden wir in Freuds .Allgemeiner 
Neurosenlehre" 1917, Kap. XXV. »Die Angst." Siehe auch seine Arbeiten in 
der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre* 1906, Kap. V., VI , VII. 
und einen allgemeinen Überblick über das Thema in Kap. XXVII. meiner 
,Papers on Psycho-analysis.* 

** Siehe auch Stekel .Angstzustände-, 2. Aufl., 1912. 



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Die Kriegsneurosen und die Freudsche Theorie. 79 

die Furcht des Ichs vor dem Unbewußten. Der große Unter- 
schied zwisehen der nervösen und Realangst besteht aber darin, 
daß die letztere sich auf das Ich als Ganzes bezieht, nur dann 
auftritt, wenn dem Ich von außen her Gefahr droht und nichts 
mit verdrängter Libido zu tun hat. Man könnte sagen, daß sie 
ein normaler, der Selbsterhaltung dienender Instinkt ist, frei von 
allen abnormen Mechanismen der nervösen Angst. Nur ist hier, 
wie auch sonst meistens, die Grenzlinie zwischen dem Normalen 
und Abnormen nicht so scharf zu ziehen, als man glauben sollte, 
und eine nähere Überlegung der Sache führt uns dazu, auch die 
Natur der Realangst eingehender zu erforschen. Wir sehen dann, 
daß sie sich in drei Komponenten zerlegen läßt, und daß die 
ganze Reaktion nicht so rationell und zweckmäßig ist, als wir 
angenommen haben. Die normale Reaktion auf eine von außen 
drohende Gefahr besteht in einem noch näher zu beschreibenden 
seelischen Angstzustand und in verschiedenen, der Situation 
angepaßten Aktionen, im Fliehen, Verbergen, tätiger Abwehr 
oder sogar im Angriff. Auf affektiver Seite finden wir zuerst die 
ängstliche Bereitschaft auf die Gefahr, die sich in sensorischer 
Aufmerksamkeit und motorischer Spannung äußert. Diese Er- 
wartungsbereitschaft ist unbedenklich als vorteilhaft anzuerkennen, 
geht aber oft in einen Zustand von Furcht und Schrecken über, 
der das gerade Gegenteil ist, der nicht nur jede angemessene 
Aktion, sondern sogar die Überlegung lähmt, so daß der Be- 
treffende nicht mehr imstande ist, sich für eine Handlungsweise 
zu entscheiden. Die Reaktion der Realangst besteht also aus 
zwei vorteilhaften und einer nachteiligen Komponente, und gerade 
die letztere läßt sich in allen ihren Erscheinungsformen der 
nervösen Angst an die Seite stellen. Wir finden auch hier das 
völlige Mißverhältnis zwischen der Angstentwicklung und dem 
Grade der Gefahr und den gegen sie ergriffenen Abwehrmaß- 
regeln. So ergreift man z. B. nicht die Flucht, weil man sich 
fürchtet, sondern weil man die Gefahr bemerkt; in den gefähr- 
lichsten Lagen benehmen sich die Menschen oft auf die ver- 
nünftigste Weise, fliehen oder kämpfen usw., ohne die geringste 



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80 Ernest Jones. 

Angst zu empfinden; der Neurotiker aber kann in Abwesenheit 
jeder äußeren Gefahr lebhafte Angst entwickeln. Wir ziehen aus 
den obigen Erwägungen den Schluß, daß selbst bei wirklich 
gefährlichen Situationen ein übermäßiger Schreckenszustand nichts 
mehr mit dem biologischen Selbsterhaltungstrieb zu tun hat, 
sondern eine der nervösen Angst gleichende abnorme Reaktion 
vorstellt. 

In einer kürzlich veröffentlichten Arbeit* stellt Freud die 
beachtenswerte Behauptung auf, daß die in gefährlichen Situationen 
entwickelte Angst — nicht wie die nervöse Angst der Friedens- 
neurosen, von der Objektlibido, sondern — von ihrem narzißti- 
schen Teile, der Ichlibido herrührt. Ich getraue mich nun die 
Annahme aufzustellen, daß wir hier den Schlüssel für das Ver- 
ständnis der bei den Kriegsneurosen so bekannten Angstzustände 
gefunden haben. Die psychoanalytische Forschung der letzten 
Jahre hat besonderes Gewicht auf die Unterscheidung zwischen 
der «Objektlibido", den nach außen gerichteten sexuellen Stre- 
bungen, und der »Ichlibido*', dem nach innen gewendeten Anteil, 
der Eigenliebe, gelegt. Wir haben allen Grund anzunehmen, daß 
die letztere die primäre und — wenn wir auch noch weniger 
davon wissen — die ausgiebigere ist, gewissermaßen das Reservoir, 
die Objektliebe den Überschuß darstellt. Es drängt sich uns 
unwillkürlich auch der Vergleich mit den protoplasmatischen Aus- 
strahlungen in die Pseudopodien der Amoebe auf, besonders da 
das reziproke Verhältnis der Scheinfüßchen zu dem Körper dem 
Verhältnis der Objekt- zu der Eigenliebe ähnelt. Es ist uns seit 
längerer Zeit bekannt, daß der Organismus nur ein gewisses Maß 
von Libido — in dem alten Sinne der Objektliebe — vertragen 
kann, ohne Schaden zu nehmen; die psychoanalytische Unter- 
suchung der Psychosen, besonders der Paraphrenie, hat uns 
gezeigt, daß es sich mit der Ichlibido nicht anders verhält. In 
beiden Fällen erfolgt bei Überschreitung dieses Maßes vor der 
Symptombildung, durch die die betreffenden Energien gebunden 
werden, ei n Ausbruch in der Form von nervöser Angst. Wir 

* Freud, op. cit. S. 502. 



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Die Kriegsneurosen und die Freudsche Theorie. 81 

gelangen so zu dem tröstlichen Schluß, daß ein normaler Mensch 
auch der drohendsten Gefahr frei von Angst, furchtlos wie Sieg- 
fried, gegenüberstehen müßte; solche Menschen scheint es, 
erfreulicherweise in unserer Armee in reichem Maße zu geben. 
Es scheint mir nicht unwahrscheinlich, daß die Unduldsamkeit 
gegen die narzißtische Libido, die in der Gefahr zur Angst- 
entwicklung führt, mit der Unterdrückung der anderen Erschei- 
nungsformen der Angst und dem verstärkten Druck, den das 
Leben im Schützengraben mit sich bringt, zusammenhängt. 

Ich würde deshalb vorschlagen, daß man von diesem Gesichts- 
punkte aus Untersuchungen von Kriegsneurosen, insbesondere 
an Fällen mit ausgeprägter Angst vornimmt. Viele der von Mac 
Curdy* beschriebenen Züge z. B. würden gut zu dem Bilde 
einer verletzten Eigenliebe stimmen: so die Ungeselligkeit, die 
sexuelle Impotenz, die geringe Zuneigung für Verwandte und 
Freunde, das Gefühl der Vernachlässigung, der Zurücksetzung 
und des Verkanntseins. Wir könnten vielleicht von hier aus auch 
die Einstellung der Patienten zum Tode verstehen. Von vielen 
Forschern ist ein großer Teil der kriegsneurotischen Symptome 
und der Schlachtenträume im besonderen als symbolischer Aus- 
druck des Wunsches zu sterben und den Schrecken des Lebens 
zu entfliehen, gedeutet worden. Mir will es scheinen, daß diese 
Deutung mit der eben so weit verbreiteten Ansicht, daß die 
Todesangst die Hauptursache dieser Neurosen sei, nicht gut in 
Einklang zu bringen ist. Ich, für meine Person, zweifle über- 
haupt daran, daß das verursachende Moment in der Todesfurcht 
oder in dem Todeswunsche zu suchen sei. Schon unserem Be- 
wußtsein macht es Schwierigkeiten, sich das absolute Aufhören 
des Lebens vorzustellen, und wir haben allen Grund, anzunehmen, 
daß unser Unbewußtes gar nicht imstande ist, eine solche Idee 
zu erfassen. Unser unbewußtes Denken, übersetzt den Begriff 
des Todes in eine ihm verständliche Sprache: entweder als 
Herabsetzung der wichtigsten Lebenstätigkeit — eine typische 
Form dafür ist die Kastration — oder als einen Zustand von 

* Mac Curdy, op. cit. S. 269—272. 

Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. *' 



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82 Ernest Jones. Die Kriegsneurosen und die Freudsdie Theorie 

Nirvana, in dem das Ich, von den Störungen der Außenwelt 
befreit, fortleben kann. 

Zum Schluß will ich noch ein Wort tiber die therapeutischen 
Aussichten der Psychoanalyse bei den Kriegsneurosen anfügen. 
Selbst wenn es möglich wäre, sähe ich keinen Grund, in der 
Mehrzahl der Fälle eine Analyse vorzunehmen; die Heilung 
kann auf weit kürzeren Wegen erfolgen. Ich bin aber der Ansicht, 
daß eine psychoanalytische Schulung bei der Behandlung solcher 
Fälle von dem allergrößten Werte ist, da sie den Schlüssel zum 
Verständnis der Symbolbedeutung der Symptome, der Konflikts- 
mechanismen, der wirksamen Kräfte usw. vermittelt. Es gibt 
auch ohne Frage eine beträchtliche Anzahl von Fällen, für die die 
Psychoanalyse den besten — und oft den einzigen — Weg zur 
Heilung bedeutet, nämlich alle jene chronischen Fälle, in denen 
die eigentliche Kriegsneurose durch die Verbindung aktueller 
mit vergangenen Konflikten in eine Friedensneurose übergeleitet 
und als solche verankert wurde. 



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Inhaltsverzeichnis : 



Seite 

I. Einleitung von Prof. Dr. Sigmund Freud 3 

II. Diskussion: 

1. Die Psychoanalyse der Kriegsneurösen. Von Dr. S. 
Ferenczi 9 

2. Erstes Körreferat. Von Dr. Karl Abraham 31 

3. Zweites Korreferat. Von Dr. Ernst Simmcl 42 

III. Die Kriegsneurosen und die Freudsche Theorie. Von Dr. 
Ernest Jones 61 



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Prof. S. Freud: Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. — Eine Kindheits- 
erinnerung aus .Dichtung und Wahrheit". Dr. Ludwig Jekels: Shakespeares 
.Macbeth*. Dr. Ludwig Levy: Sexualsymbolik in der biblischen Paradies- 
geschichte. Dr. Marcinowski: Zum Kapitel Liebeswahl und Charakterbilder. 
Dr. H. Protze: Der Baum als totemistisches Symbol in der Dichtung. Dr. Otto 
Rankt Homer. Psychologische Beiträge zur Entstehungsgeschichte des Volksepos. 
Dr. Theodor Reik: Das Kainszeichen. Dr. Q^za Köheim: Spiegelzauber. 
Frieda Teller: Musikgenuß und Phantasie. 

Jährlich 4 Hefte, zusammen 24 bis 30 Bogen, 

zum Preise von K 40* — = M 25- — . 

Heft 4 des V. Jahrganges, das soeben zur Ausgabe gelangte, enthält: 
Dr. Hanns Sachs (Wien): .Der Sturm." Dr. Sigmund Pfeifer (Budapest): 
Aeußerungen infantil-erotischer Triebe im Spiele. Dr. Siegfried Bernfeld (Wien): 
Zur Psychoanalyse der Jugendbewegung. Dr. Ludwig Levy (Brunn): Ist das 
Kainszeichen die Beschneidung? — Vom wahren Wesen der Kinderseele. 

In Vorbereitung befinden sich: 

Dr. Otto Rank: 

Psychoanalytische Beiträge zur Msrthenf orschung 

Gesammelte Studien aus den Jahren 1912—1914. 

Inhalt: L Mythologie und Psychoanalyse. II. Die Symbolik. III. Der 
Sinn der Griseldafabel. IV. .Die Matrone von Ephesus." V. Das Schauspiel in 
.Hamlet". VI. Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien, -g 
VII. Die Symbolschichtung im mythischen Denken. Vlll. .Um Städte werben." y 
IX. .Nachträglicher Gehorsam" als Sagenmotiv. X. Die Nacktheit in Sage und 
Dichtung, XT. Der Doppelgänger. XII. Das Brüdermärchen. XIII. Mythus und 
Märchen. 

Dr. Theodor Reik: 

Probleme der Religionspsychologie. I. Teil: Das Ritual. 

1. Einleitung. — 2. Die Convade. — 3. Die Pubertätsriten der Wilden. — 
4. Stimme des Gelübdes. — 5. Das Widderhorn. 

Dr. G£za Röheim: 

Spiegelzauber. 



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