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Full text of "A nonlinear model for evaluation of cotton processed by mills for specific end uses"

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B(Me»iCe8UBRARY 



^v 



Abhandlungen 



aus der 



Seuchengeschichte und Seuchenlehre 



von 



Georg, Sticker 



I. Band: Die Pest 



Erster Teil: Die Oeschichte der Pest 



Mit einer Beilage von 12 Karten 



Giefioii 1908 
Verlag von Alfred Topelmann (yormals J. Ricker) 



Drack von C. G. Roder G. m. b. H., Leipzig. 






; I 






III 



Vorwort. 

dxOicTTi dbuvTi iCTl TUIV ^v dvOpd)TTOiciv 
auxri, TToXXd qppovdovra jirjbevoc Kpateeiv. 

HPOAOTOY KAAAIOnH. 

Ich beabsichtige, eine Folge von Abhandlungen aus der Seuchen- 
lehre herauszugeben, und beginne mit der Darstellung der Pest. 

Zwar ist die Zahl der Biicher uber diese Seuche bereits so groB, 
dafi ein Menschenleben nicht mehr dazn ansreicht, um sie alle zu lesen. 
Aber ich glaube, ein besonderes Recht zu haben, die Pest aufs nene dar- 
zustellen. 

Nicht deshalb, weil ich, als Mitglied der vom Dentschen Reiche 
zur Erforschung der Pest nach Indien entsandten Kommission, sie vor 
elf Jahren an einem ihrer Hauptherde untersncht habe. Das haben 
auBer mir manche Andere getan. Auch nicht deshalb, weil ich sie 
etwa sorgfaltiger nnd eifriger als Andere untersucht hatte. Man kann 
ein gutes, ja ein beriihmtes Buch iiber die Pest schreiben, ohne je 
einen einzigen Pestfall gesehen zn haben, wie das Beispiel GBiEsrNGBBS 
beweist oder noch besser das Beispiel Mubatoris, der nicht einmal 
Arzt war. Auch nicht deshalb, weil ich inich der Geschichte der 
Pest mit soviel Hingebung und Ausdauer wie wenige Andere ge- 
widmet habe. Denn man darf sein ganzes Leben Seuchengeschichte 
und besonders Pestgeschichte getrieben haben und dennoch in der Auf- 
fassung voDig irregehen, wie Heckeb, der in der Pest nicht weniger 
als in den anderen Volkerseuchen eine notwendige Entwicklungsstufe 
der Menschheit sah, oder wie Haeseb, der anfanglich die attische 
Seuche des Thucydides als eine zu ihrer voUen Eigentiimlichkeit noch 
nicht entwickelte, gewissermaCen embryonische Bubonenpest, den schwar- 
zen Tod als die vollausgebildete Pest und die Ausbriiche in der ersten 
Halfte des neunzehnten Jahrhunderts als die letzten Ziige der ab- 



iw37"7CJ^4 



IV Vorwort. 

sterbenden Pest auffaBte und sich bis zuletzt nicht von der Vorstel- 
lung hat befreien konnen, die Pest habe sich stets aus bosartigen 
Fiebern entwickelt, und auf der Hohe von Epidemien konnten auch 
andere Krankheiten den Pestcharakter annehmen. 

Vielmehr mochte ich die Veroffentlichung des vorliegenden Buches 
damit rechtfertigen, dalJ ich gleich in Bombay die richtige Antwort auf 
die Grrundfrage bei der Erforschung der Pest gefunden habe, auf die 
Frage nach den Mitteln und Wegen ihrer Verbreitung. 

In der Praxis der staatlichen Pestabwehr und Pestbekampfung han- 
delt es sich einzig um die Ansteckungsgefahren in der Pest. So- 
lange wir diese nicht bis ins Einzelne kennen, ist die Pest uniiberwind- 
lich. Die kleinen Mitteilungen, worin ich damals die Mittel und Wege 
der Pest dargestellt und im Gegensatz zu den Leliren des Kontagionis- 
mus und Epidemizismus entwickelt habe, fanden keineswegs Anklang. 
Vielmehr blieben die meisten Sachverstandigen bei dem Bemiihen, dem 
alten Kontagionismus in neuer Form den Sieg zu verschaffen, und 
zuckten die Achseln, wenn Einer auf die Unzulanglichkeit der Meinung, 
alle Pestgefahr gehe einzig und allein und unmittelbar vom kranken 
Menschen aus, mit epidemiologischen und historischen Griinden hinwies. 
Im besten Falle gestanden sie den Ratten eine Teilnahme an der Pest- 
verbreitung zu. 

Inzwischen haben die fortschreitenden Erfahrungen in Indien und 
iiberall da, wo die Pest in den let z ten Jahren zu ihrer Abwehr aufge- 
fordert hat, mehr und mehr meine Darstellung bekriiftigt, wonach die 
Pest urspriinglich eine Seuche verschiedener Nagetiere ist, wonach als 
unentbehrliche Zwischentniger zwisclien Tier und Mensch blutsaugende 
Schmarotzer wirken, der Mensch dem Menschen unmittelbar gefahrlich 
nur durch Anhusten, weit ofter mittelbar durch Ungeziefer wird und 
die Verpestung von Gewand, Gerat, Wohnung und Ware wiederum die 
Anwesenheit solchen Uno:eziefers voraussetzt. 

Man fangt heute an, die Einzelheiten zuzugeben, ja zu erkennen, 
dafi fast die ganze Epidemiologic der Pest sich um die Anwesenheit und 
Dichte jenes unterirdischen und blutsaugenden Ungeziefers di'eht und 
sich nach ihren Wurfzeiten und Brutzeiten rich ton mulJ, und dafi der 
Mensch als Pestverbreiter fiir gewohnlich die zweite Rolle hat und grofl- 
artig nur dann diese Rolle spielt, wenn er der Trager von Ungeziefer ist. 



I 
f 



Vorwort, V 

Bei dieser fortschreitendeu Einsicht ist aber dringend zu wiinsclien, 
daU nicht Manche wieder in neue Einseitigkeiten verfallen und ini 
Drange, verwickelte Verhaltnisse zu vereinfachen, den ganzen Umfang 
der vielfaltigen Pestgefahr aus den Augen verlieren und blind bleiben 
fur den Wechsel der Pestepidemien zwisehen dem Menschen und seinen 
Haustieren und Nutztieren. Es ist dringend zu wiinschen, dafi den 
Grdnden und Bedingungen dieses Wechsels nachgeforscht werde, wobei 
allerdings die Pestforsclmng aufs neue das bequeme Laboratorium zu 
verlassen hatte und dort arbeiten miiBte, wo allein solche Fragen gelost 
werden konnen, in den Mordgruben und auf den Schlachtfeldern der 
Pest. Es ist dringend zu wiinschen, daB liierbei jeder Forscher sich stets 
die grofie Lehre der Geschichte der Pestepidemien gegenwiirtig halte, 
die da sagt: Von alien Seuchen, die wir kennen, ist die Pest die viel- 
seitigste und verwickeltste; die Pestansteekung suclit verschlungene man- 
nigfaltige Pfade; in der einen Epidemie waltet die eine Art der Uber- 
tragung, in der anderen die andere vor; unterirdische und oberirdische 
Epidemien bedingen sich gegenseitig, losen sich ab und auch innerhalb 
dersolben Epidemie konnen verschiedene Arten und Gebiete der An- 
stockung unter dem EinfluC zeitlicher und ortliclier Umstande sich folgen 
und untereinander abwechseln. 

Die meisten Pest forscher konnten die Unentbehrlichkeit der blut- 
saugenden Insekten als Zwischentrager der Pest solange bestreiten, als 
es an einwandfreien Experimentan, die Jeden iiberzeugen mufiten, fehlte. 
Die ausgezeichneten Arbeiten Hanktns in Agra und Ogatas in Kobe 
hatten das gewohnliche Schicksal wdchtiger Fortschritte, zunachst un- 
beachtet zu bleiben oder verschw^egen zu werden. Mir lag viel daran, 
neue Versuche im Sinne Hankins auszufiihren und die Ergebnisse unter 
dem Nachdruck epidemiologischer Tatsachen vorlegen zu konnen. Aber 
aufiere Umstande und Widerstande, auf die ich nicht eingehe, zeigten 
sich meiner Absicht unfreundlich, besonders seitdem das Wiener Ungliick 
iiu Jahre 1898 den aufieren AnlaC gegeben hatte, ein Arbeiten mit Pest- 
bazillen hier in Deutschland zu verbieten, es sei denn in bestimmten Insti- 
tuten. So mufite ich versuchen, mir mit dem Bazillus der Geflugelc^holera 
zu helfen, der sich dem Pesterreger in vieler Beziehung durchaus ahnlich 
verhalt und, wie ich hier vorlaufig mitteilen kann, auch in seiner Ver- 
breitung an ahnliche Mittel und AVege wie der Pestbazillus gebunden ist. 



VI Vorwort. 

Ich war so weit, mit ihm einen Analogiebeweis f iir meine Auffassung 
der Pestansteckung zu erbringen, als eine Arbeit erschien, welche der 
Sache unmittelbar auf den Grund gegangen war und sie entschieden 
hat, die Arbeit Listons in Bombay. Diese bedeutet fiir die Pest das- 
selbe, was FiniiAys Werk fiir das Grelbfieber, was Manson fiir die Filaria- 
krankheit, Ross fiir die Malaria, Bruce fiir die Schlafkrankheit und die 
anderen Trypanosomeninfekte. Mit ihr hat die Prophylaxe und Hygiene 
der Pest die wissenschaftliche Grundlage erhalten und einen vorlaufigen 
AbschluB erreicht. 

Im allgemeinen soUte die Praxis nicht auf die wissenschaftliche For- 
schung warten, sondem in Fragen, welche diese noch nicht entschieden 
hat, sich an die Erfahrung halten. Fiir die Pest miifite eine mindestens 
zweitausendjahrige Erfahrung vorliegen. Ihre Ergebnisse sind, so weit ich 
sie tiberblicke und in den nachfolgenden Jahrbiichern der Pest mitteile, 
sehr niederschlagend. Was wir daraus lernen, ist eigentlich nur immer 
wieder die bisherige Ohnmacht der Menschheit gegeniiber einem Ubel, vor 
dem sie ratios steht, sobald es sich irgendwo aufs neue eingenistet hat. 
Zwar triumphiert hier und da Finer, er habe es abgehalten, er habe es 
ausgetilgt, er habe seine Tiicke fur immer besiegt; aber dem Kenner der 
Pestgeschichte ist es fast jedesmal, wo solche frohe Botschaft ertont, nur 
allzusehr wahrscheinlich, dafi der scheinbare Erfolg lobenswiirdiger An- 
strengungen einfach mit dem natiirlichen Nachlassen oder Erloschen des 
angeblich besiegten Pestausbruches zusammengefallen war. Denn beim 
nachsten Ausbruch versagten dieselben Mafiregeln, die vorher sollten 
geholfen haben, regelmaUig. 

Die Geschichte lehrt uns die G-ninde dieser Ohnmacht: Verkennung 
der Pestseuche in ihren Anfangen, Streit der Schulmeister iiber ihre 
Natur und Verbreitungsweise nach vorgefafiter Meinung, Unzulanglich- 
keit der Mittel und der Beharrlichkeit in den Versuchen der Abwehr 
und Bekampfung und nicht am wenigsten die Unfaliigkeit der Menschen, 
die Dinge in ihrer ganzen Breite und in ihrer Folge zu sehen und sich 
damit die Erfahrungen und Fehler der Vorfahren zunutze zu machen. 
Immer wieder, so lehrt die Geschichte, sind die Menschen von der Pest 
iiberrascht worden. Das Ubel und seine tiickische Art war vergessen, 
sobald es zwei oder drei Jahre sich verborgen gehalten hatte. Das trifft 
selbst fiir die Lander und Gemeinwesen zu, in welchen die Pest mehr 



Vorwort. VTT 

oder weniger regelmafiig wiederzukehren pflegte und iiber kurz oder 
lang erwartet werden muCte. Agypten, Spanien, RuBland geben daflir 
die vorziiglichsten Beispiele. 

Der Streit iiber die Natur der Pest hat endlich aufgehort. Die 
Forscbnng, welche Robebt Koch zum Fiihrer hat, muBte das Geheimnis 
der Pest, das die Menschheit Jahrtausende gequalt hat, entschleiem. Sie 
muBte den Pesterreger sichtbar und greifbar machen. Den Mitteln, 
welche Koch im Jahre 1878 in seinen Untersuchungen uber die 
Atiologie der Wundinfektionskrankheiten der wissenschaftlichen 
Seuchenerforschung zur Verfiigung gestellt hatte, konnte sich der Pest- 
keim nicht entziehen. Mit ihnen haben denn auch im Jahre 1894 bei 
der ersten Gelegenheit zwei Arzte, der Japaner Kitasato, ein Schuler 
KocHs, und der Franzose Yebsin, ein Schuler Pastbtjbs, den Pestkeim 
gefunden, wie Pasteub im Jahre 1880 damit den Erreger der Gefliigel- 
cholera fand und fortziichtete. 

Jetzt wissen wir, was die Pfeile trugen, womit der Engel Jehovas 
dem Volke Israels die Sterbedriisen erregte; jetzt wissen wir, was fiir 
ein Samen es war, 'den die Konjunktion der oberen Planeten im Jahre 
1346 erzeagt haben soil; jetzt wissen wir, was jene vom Teufel unter- 
richteten Unmenschen der alten und neuen Zeit in ihre Salben und 
Pulver taten, um die Pest kiinstlich zu verbreiten; jetzt wissen wir, was 
der bose Geist in das Menschenfleisch der mongolischen Munneltiere ein- 
geschlossen hat, um libermutige Jager und ihre Familien zu vernichten; 
jetzt wissen wir, was in Truhen und verkeilten Mauerlochern eingeschlossen 
ruhte, um nach Jahren befreit als Pesthauch iiber das Land zu ziehen; 
jetzt sehen wir wirklich die Wiirmer, die Athaitasius Kibchbb und seine 
gelehrten Freunde mit dem Mikroskop im Pesteiter wahrend der romischen 
Seuche des Jahres 1658 zu sehen meinten. 

Darum kann auch fortan ein Verkennen der Pest und ein, Streit, 
ob im einzelnen Falle Pestkrankheit vorliege oder ein anderes ahnliches 
Leiden sie vortausche, in zivilisierten Landern nicht so leicht mehr vor- 
kommen. Uberall in ihnen gibt es Arzte, welche ihre Zweifel iiber un- 
klare Krankheitsfalle redlich eingestehen und, anstatt zu griibeln und zu 
streiten, die von Koch dargebotenen Mittel der Diagnose anwenden, und 
daneben gibt es vorlaufig staatliche Einrichtungen, welche die Anwendung 
dieser Mittel im Notfall erzwingen. 



VIII Vorwort. 

Nach der Entdeckung des Pesterregers gait es noch, die Wege und 
Mittel seiner Verbreitung zu erkennen, um seine Abwehr und seine Ver- 
folgung mit klarem Blick zu leiten. Auch diese Erkenntnis ist, wie wir 
andeuteten, nunmehr in der Hauptsache gesicliert. 

Was felilt, ist eine griindliche Kenntnis des Seuchenverlaufes bei 
der Pest. Sie mulJ gewonnen und bekannt werden, damit nicht jenes 
alte irrige Triumphgeschrei: Wir haben die Pest besiegt! immer auch da 
wiederkehre, wo sie gar keinen Boden zu ihrer Entwicklung hatt« oder 
wo sie von selbst zuruckgegangen war. Nichts ist verderbliclier als 
solcher Larm. Er betaubt zuerst und dann schlafert er ein. 

Wer den Gang einer Volksseuche richtig begreifen will, muB sie aus 
den Akten der Vergangenheit, aus lebendiger Erfalirung an einem Orte 
ihres Ausbrucbes und aus einer naturwissenschaftlichen Erforschung ihrer 
Ursachen und Bedingungen kennen gelernt haben. Das Eine oder An- 
dere nutzt w^enig. Die Erfiillung der ersten und der dritten Bedingung 
hoffe ich fiir die Pest durch dieses Buch zu leisten. Fiir die Gewahrung 
der zweiten sorgen die Regierungen, welche von Zeit zu Zeit auserwahlten 
Arzten Gelegenheit geben, Seuchen, die von auCen drohen, in der Fremde 
zu erleben. 

Doch genug zur Einfiihrung eines Buches, das seinen Weg j&nden 
wird, nachdem an es der Ruf ergangen ist: 

Der HeiT der Ratten und der Mause, 
Der Fliegen, Flohe, Wanzen, Lause 
Befiehlt dir, dich hei'vorzuwagen! 

Koln, im August 1908. 



Einleitung. 



Einleitung. 

Mein Buch zerfallt in zwei Telle, in einen historischen und einen 
didaktischen Teil. 

Im ersteren gebe ich die Jahrbiicher der Pest. Urspriinglich hatte 
ieh nicht die Absicht, sie zu veroffentlicben, sondern gedacht, mich fiir 
die Geschichte der Pest auf vorbandene Werke zu beziehen. Aber in- 
dem icb versucbte, zu meiner Belehrung die gangbaren historischen und 
geographischen Darstellungen von Schnubkeb, Haeser, Hibsch fiir die 
letzten Jahrzehnte zu erganzen, fand ich bald auch f fir die alteren Zeiten 
so viel bisher Ubersehenes und Unbenutztes und neu Erworbenes nach- 
zutragen und so viele Irrtiimer zu verbessern, daC mir schlieJJlich ein 
ganz neuer und selbstandiger Uberblick iiber die Wanderungen der Pest 
erwuchs, der mir wert erschien, mitgeteilt zu werden. Denn wenngleich 
er keinen Anspruch auf VoUstandigkeit machen kann, so ist er doch 
nahezu liickenlos und jedenfalls zusammenhangender und ausfiihrlicher 
als alle bisherigen Versuche. 

Der Uberblick schien mir an Brauchbarkeit nicht zu verlieren, viel- 
mehr an Klarheit zu gewinnen, wenn ich der Pest allein nachging, un- 
bekiimmert um andere sie gelegentlich begleitende und durchkreuzende 
Seuchen, welche Forscher wie Schnurbeb, Haeser und Lersch mit der 
ausgesprochenen Absicht beriicksichtigt haben, den Ubergang der einen 
Seuche in die andere und ihre Verschmelzung zu neuen Formen hervor- 
treten zu lassen. 

Von derartigen Veranderungen und Entwickelungen der Seuchen 
kann in aller Zukunft keine Rede mehr sein. Die folgende Darstellung 
wird gerade die Unwandelbarkeit und Einheit der Seuchen durch die 
Jahi'liunderte hindurch am Beispiel der Pest klar dartun, unbeschadet 
einer zeitweiligen Steigerung oder Abschwachung ihrer Bosartigkeit, und 
damit die Forderung der Epidemiologic nach spezifischen Krankheits- 
erregern als berechtigt erweisen, falls dies iiberhaupt noch notig ist. 

In den Jahrbiichern begleiten wir die Pest durch alle Zeiten, ver- 
folgen sie in alle Lander und betrachten ihre naheren und weiteren 
AVirkungen. Wir lernen das Uralter, die unversiegbare Lebenskraft, die 

Sticker, Abhandlnngen I. Creschiehte der Pest. 1 



2 Einleitung. 

lange behiiteten Geheimnisse dieser groCen Morderin kennen. Wir sehen, 
wie sie das Volk, die Arzte, die Behorden, die Gelehrten in Bestiirzung 
und Verzweiflung setzt, wie sie in das Volksleben und Staatswesen ein- 
greift, die hochste Zivilisation wie die rohesten Zustande gefahrdet, ja 
stellenweise ganzlich vernichtet. 

Wir gewahren mit einem tranrigen Erstaunen, wie langsam und 
unsicher die blinde Menschheit in der Ahnung der Ursachen und Wege 
der Pest fortgeschritten ist, und sehen mit Bewunderung, w^ie durch- 
sichtig und klar heute die alten Ratsel der Pest vor uns liegen, nacli- 
dem die naturwissenscbaftliche Forschung uns die Augen geoffnet und 
das Sehen gelehrt hat und nachdem ein paar Sehende aller Nationen 
aus der Enge des Laboratoriums und des Vaterlandes hinausgezogen 
sind und die Heimat der Pest besucht haben. 

Wir lernen aber auch Bescheidenheit und begreifen die traurigen 
Ereignisse, die sich zu unserer Zeit in einem Lande abspielen, das von 
einem so klugen und sanften Volke wie dem der Indier bewohnt und 
von einer so zielbewuCten und unerschrockenen Regierung wie der eng- 
lischen geleitet wird. 

Als die Pest im Jahre 1896 in Bombay ausbrach, da hielten viele 
Leute, selbst solche, die naturwissenschaftlichen Unterricht genossen 
hatten, es fiir selbstverstandlich, daU sie dieselbe mit den Mitteln der 
modernen Hygiene leicht im Zaum halten, beschranken und ausrotten 
wiirden, und siegesgewiC riisteten sie sich mit dem Losungswort: to 
stamp out the plague! 

Sie verspotteten und schalten die Unfahigkeit der stadtischen Be- 
horden in Bombay, die das tJbel auswachsen lielJ; sie verfluchten das 
Volk, weil es zu vielen Tausenden in feiger Flucht sich von der Insel 
zum Festland rettete und das Ubel mit sich w^eitertrug. Sie frohlockten, 
als im Mai 1897 dank iliren Ratschlagen die Seuche wirklich zu er- 
loschen schien, und schmahten auf die Geschichtskundigen, die ver- 
sicherten, das Ubel werde nach der Regenzeit wiederkehren. Sie w'aren 
emport, als es wirklich wiederkam, und sie wurden allmahlich kleinlaut, 
als es jedes Jahr w^iederkam, sich weiterverbreitete, an alle Erdteilo an- 
pochte, sich hier und dort trotz aller Abwehrversuche einnistete, um an 
anderen Orten, w^o man es in Ruhe liefi, sich wieder zu verziehen. Und 
sie stehen jetzt ratios vor der Tatsache, dafi das Ubel heute, in ihrer 
Zeit, wahrend einer Dauer von elf Jahren in Indien allein iiber sieben 
Millionen Menschen getotet hat. 

Alle diese Uberhebungen, Enttauschungen und Verzagungen sind 
schon dagewesen, immer wieder dagewesen, wann und w^o die Pest aus- 
brach. Eine Pestchronik wiirde selir viel leisten, wenn sie nichts anderes 
tate, als die Staatsleiter und ihre Berater davor zu schlitzen, heute Vor- 



Einleitung. 3 

wiirfe zu empfangen iiber vergebliche MaCregeln oder sicli morgen Er- 
folge zuzuschreiben, die im natiirlichen Gange der Seuche begriindet 
sind. Die Pestchronik mufi aber noch mehr leisten. Sie muJJ die Grund- 
lage fiir eine Vorhersage des natiirlichen Verlaufs zukiinftiger Pestwande- 
rungen geben und zu diesem Zwecke muB sie die bisherigen Gange der 
Seuche kennen lehren. Das tut nicht die Erfahrang oder Einbildung 
des Einzelnen, nicht die Erfahrung und Irrung eines Menschenaltei's; 
dazu gehort der Uberblick uber lange Seuchenperioden. 

Ohne Kenntnis der vergangenen und entfernten Pestausbriiche fangt 
auch der umsichtigste Epidemiologe immer wieder von Neuem an. Denn 
gegen einseitige Auffassungen und irrige Schliisse, welche ihm der be- 
engte Kreis der eigenen Erfahrungen und die Zufalle von Ort und Zeit 
aufdrangen, bleibt er wehrlos und ungewarnt, wenn nicht die Einsicht 
in die Erfahrungen anderer Zeiten und Lander ihm die Trennung des 
Zufalligen vom Gesetzmafiigen ermoglicht, wohingegen die Kenntnis der 
Vergangenheit ihm sogar gestattet, zukiinftigen wissenschaftlichen Fest- 
stellungen vorzugreifen und die wahren Richtwege der Forschung zu 
iiberblicken. 

Darum habe ich die Jahrbiicher der Pest moglichst yollstandig zu- 
sammengestellt. Sie sind, wenn nicht die Geschichte der Pest, so doch 
die Grundlage dafiir. 

Vielleicht wird man die eine oder and ere beriihmte ^Pesf^ in meiner 
Aufstellung vermissen, etwa die Pest von Agina um das Jahr 1500 vor 
Christus, deren Bild uns Ovid liberliefert hat, oder die Pest vor Troja 
um das Jahr 1180, die wir aus der Ilias kennen, oder die attische Seuche 
des Jahres 430, deren Beschreibung bei Thucydides bewundert wird, oder 
die antoninische Pest von 165 bis 168 nach Christus, die Galen erwahnt, 
oder die Pest des Gallus von 251 bis 266, die Cyprian schildert, oder 
die Pest des Diocletian von 284 bis 305, die wir bei Cedben finden. 

Das sind keine Pesten gewesen, sondern zum Teil vortrefflich be- 
schriebene Pockenausbriiche, zum Teil vielleicht eiioschene oder sehr 
schlecht beschriebene und deshalb unkenntliche Seuchen. Was zum Bei- 
spiel die sogenannte attische Pest gewesen sei, lafit sich hochstens ver- 
muten; vielleicht war es das, was wir heute Flecktyphus nennen; aber 
sicher weifl ich das ebensowenig wie diejenigen, die derselben oder 
.widerer Meinung sind und iiber ihre Meinung Biicher gesclirieben haben. 
Sicher ist nur, dafi Thucydides einen verhangnisvoUen Einflufi auf die 
Seuchengeschichte im Allgemeinen und auf die Pestgeschichte im Beson- 
deren geiibt hat, indem viele spatere Schriftsteller, anstatt eine wahre 
Naturbeschreibung nach ihren Erfahrungen oder nach fremden Uberliefe- 
rungen zu geben, es vorgezogen haben, ihre Seuchenberichte mit den 
schonen Satzen und Wendungen des Thucydides auszusehmucken und 

1* 



4 Einleitung. 

damit falsche Ziige in ihre Schilderungen zu bringen. Selbst Arzte wie 
Guy de Chauliac und Heckeb sind dieser Versuchung eriegen, und Histo- 
liker wie Tubeiano und Papon hielten es geradezu fiir ihre Pflicht, die 
trockenen Ergebnisse ihrer Akten von dem abgezogenen Geist des atti- 
schen Redners durchdringen zu lassen. 

Ich habe mich bei der Aufstellung der Jahrbiicher nach Moglichkeit 
gehiitet, den falschen Schmuck mancher sonst wertvollen Pestberichte 
weiter zu iiberliefern, ebenso wie ich es vermied, Seuchengange aufzu- 
nehmen, die mit der wahren Pest, mit der morgenlandischen Beulenpest, 
nichts zu tun haben oder mindestens fragwiirdig sind. Statt jeder Po- 
lemik hielt ich mich an die ersten Berichte und an mein UrteU. Nur in 
den ersten Jahrhunderten wird man einige wenige Epidemien angefiihrt 
finden, fiir welche der Beweis, daJJ es sich um die wahre Pest gehandelt 
habe, mehr nach der Regel ex ungue leonem als aus der Deutlichkeit der 
Uberlieferung sich ergibt. Dem Leser bleibt ja das Recht, seine Zu- 
stimmung zu verweigern. Nach dem Zeitalter des Hippokbates horen die 
Unklarheiten und Zweifel nicht im Einzelnen aber im Allgemeinen ziem- 
lich auf. Der pouPuuv Xoijiujbec, der Morbus inguinarius usw. ist ein un- 
zweideutiger Ausdruck, wenn er zur naheren Bezeichnung eines seuchen- 
haften Massensterbens gebraucht wird. 

Aus der ungeheuren Masse der Pestziige findet der Leser nur ein- 
zelne sorgfaltig und ausfiihrlich bearbeitet, diejenigen namlich, fiir welche 
die Quellen die Einzelheiten geniigend und zuverlassig darboten und 
die fur unseren Zweck, die Entwickelungsgeschichte der Pest kennen zu 
lemen, belehrend erschienen. Das richtige Bild von den Pestlaufen ge- 
winnt man ja erst, wenn man ihr Schleichen und Ausbrechen und Wiiten 
an bestimmten Orten und Landstrichen bis ins Einzelne verfolgt. Be- 
senders dienlich schienen mir dazu die in unseren Schulwerken bisher 
vernachlassigten jiingeren Pestziige am Rhein vom Jahre 1665, im Kau- 
kasus wahrend der Mitte des 19. Jahrhunderts usw. 

Wer solcho Epidemien lebendig vor Augen sieht, vermag sich andere 
Pestausbriiche, deren Andenken uns nur mit wenigen Ziigen, oft nur 
mit den einfachen Wortem Beulenpest, groBes Sterben iiberliefert 
ist, erganzend vorzustellen. 

Von den Anfangen der Seuchenausbriiche habe ich lieber zu viele 
als zu wenige Beispiele geben wollen. Ihre Lehre ist zwar eintonig abei 
um so ausdrucksvoller. 

Was die angefiihrten Sterbeziffem anlangt, so sind mir die Eiu;- 
wiirfe wohl bekannt, womit manche heutigen Historiker und National- 
okonomen solche Zahlen, zumal wenn sie aus friiheren Zeiten herriihren, 
beans tanden. In einer besonderen Schrift iiber den schwarzen Tod 
gedenke ich auf ihre Griinde und Meinungen einzugehen. In diesem 



Einleitung. 5 

Buch und besonders in der Pestchronik, vermeide ich grundsatzlich jede 
Auseinandersetzung und gebe einfach wieder, was ich in glaubliaften 
tlberlieferungen fand; also auch die Zahlen, in der ruhigen Zuversicht, 
daC, wenn manche Seuchenberichter vielleicht willkiirlich oder unwUlkiir- 
lich ubertrieben haben, nicht alle alten Q-eschichtsschreiber Lust an 
tJbertreibungen und Liigen batten und dafi Hion und der ungeheure 
Ruhm der Teukrer und Argiver gewesen ist, wenngleich einige Gelehrte 
vor Schliemann Alles davon in das Reich der Fabel haben verweisen 
wollen. Wer hatte im Jahre 1896 es fiir moglich gehalten, daU Indien 
fortan jahrlich eine Million und mehr Menschen an der Pest verlieren 
wiirde? 

Bedenklicher scheint mir ein Anderes. Ich muiJte die Entstehung 
der Seuchenausbruche natiirlich so angeben, wie sie berichtet wird. Nun 
gibt es da groUe Widerspniche und zweifellos verschiedene Arten zu 
sehen. So zum Beispiel, wenn im 18. und 19. Jahrhundert von der Her- 
kunft eines der zahkeichen Pestgange in der Tiirkei und in Agypten die 
Rede ist. Die Leute in Alexandrien schieben das Ubel fast immer der 
Tiirkei zu, und die Leute in Konstantinopel lassen es von Agypten her- 
kommen, so dafi die einzelne Versicherung, die Pest sei von Konstanti- 
nopel nach den Hafen des Nildeltas, oder sie sei von hier nacli dem 
Bosporus gebracht worden, stets mit Vorsicht aufzunehmen und stets 
mit Riicksicht auf die vorhergegangenen und begleitenden Pestgange 
zu pnifen ist. Berichtigungen habe ich in solchen Fallen nicht vorge- 
nommen, um die Uberlieferung nicht zu falschen; Zweifel nur selten 
angedeutet, da dem Leser die Widerspriiche ohnehin auffaUen miissen. 
Vielleicht wird er mit mir die Vorstellung gewinnen, dafi die Brutstatte 
der Pest zwischen Alexandrien und Konstantinopel haufig gewechselt 
hat, oft in beiden Hafen gleichzeitig gewesen ist. Auf die Moglichkeit 
und XJrsachen eines derartigen Wechsels weisen die sicheren Erfahrungen 
des letzten Jahrzehntes iiber das endemische Gedeihen und Verharren 
der Pest in Seehafen. 

Nicht weniger fragwiirdig als manche Angaben liber den jeweiligen 
Herd der Pest im Osten des Mittelmeeres wahrend friiherer Jahrhunderte 
erscheinen viele Versicherungen iiber die Entstehung ganzer Reihen west- 
europaischer Ausbriiche, besonders in den Jahrzehnten nach der Pest des 
.^ustinian im siebenten Jahrhundert und nach der Zeit des schwarzen 
Todes in der zweiten Halfte des vierzehnten Jahrhunderts. Gemafl den 
bisherigen unvollstandigen Chroniken konnte die landlaufig gewordene 
Meinung von einem periodischen Aufflammen zuriickgelassenen Pest- 
zunders aller sieben Jahre in einem gewissen Sinne fiir richtig gelten; 
aber meine Ubersicht ergibt deutlich, dafi die Pest in unseren Landern 
weit ofter von der Levante frisch eingefiihrt worden als hier von ende- 



6 Einleitung. 

misch gewordenen Herden ausgegangen ist. Xur fiir wenige Stadte im 
Norden Europas ist das jahrelange Bestehen solcher Herde sichergestellt, 
so fiir London wahrend der Zeit von 1601 bis 1629 und wahrend der 
Zeit von 1636 bis 1680. 

Fiir die Jahrbiicber habe ich so viel und so ausschlieClicli wie mog- 
lich nur die Berichte von Augenzeugen und Zeitgenossen benutzt und 
diese getreu wiedergegeben, wenn jiotig ins Enge gezogen, und, wo sie 
ungeordnet waren, in zeitliche oder ortliche Folge gebraclit. Lagen 
mehrere Berichte vor, so erganzte ich den einen aus den anderen. 

Vielleicht wiirden manche Leser es Ueber sehen, wenn ich die Aus- 
ziige aus vergangener Zeit und fremden Landern in der Ursprache der 
Berichte mitgeteilt hatte. Aber ich opfere gerne den Schein der Gelelir- 
samkeit der Deutlichkeit und erspare dem Leser gerne bei einem ohne- 
hin schwierigen Stoff jede iiberfliissige Miihe. Auch darf ich mich wohl 
auf die Treue meiner Ubersetzungen und Auslegungen verlassen. Wer 
die Urberichte zu vergleichen Aviinscht, wird sie mit Bttlfe des Quellen- 
registei's am Schlufi des ersten Teils leicht wiederfinden. Die in Vebsalien 
gedruckten Schlagworter leiten ihn sofort dahin. Auf das Angeben von 
Kapitelziffern und Buchseiten habe ich fast immer verzichtet; im Text 
machen sie argerliche Unterbrechungen ; in FuCnoten storen sie ebenso- 
sehr; der Kundige kann alle Angaben auch ohne sie nachpriifen. 

Die Vorarbeiten Hallebs, Webstebs, Ozanams, Coebadis, Villalbas 
und anderer habe ich, wie Schnubree, Frabi, Haesee, Hibsch es getan 
haben, reichlich benutzt, bin aber immer, soweit es mir moglich war, auf 
die Quellen zuriickgegangen. Wo ich bis dahin nicht gelangen konnte, 
wie bei alien den Tatsachen, die aus ungedruckten Chroniken, Staats- 
und Stadtarchiven gewonnen werden mussen, da habe ich mich gerne 
und bisweilen wortlich an die Darstellungen der Greschichtsforscher von 
Fach gehalten, die uns das betreffende Material miihsam zutage ge- 
fordert haben. Mit Dank muB ich hier Xamen wie Boutiot, Peinlich, 
Tholozan, Cbeighton, AmmAnn, Scheohe nennen. Die vielen Freunde 
und Bibliothekare, die mir mit Ratschlagen und Beitragen geholfen 
haben, werden mir verzeihen, dafi ich ihnen hier nicht einzeln danke. 
Ich miiCte eine Seite mit Xamen fiillen. 

Eine Bemerkung mochte ich nicht unausgesprochen lassen. Es sind 
nicht gerade haufig Arzte, die uns die naturwahrsten Berichte und Ein- 
zelheiten von Pestlaufen iiberliefert haben. Vorurteilslose lichtvoUe Dar- 
stellungen wie die des arabischen Arztes Ibnvl Khatib, des Avignoner 
Arztes Guy de Chauliac, des hoUandischen Pestarztes Pieteb van Fo- 
beest, des siebenbiirgischen Pestarztes Chenot, des russischen General- 
arztes Obbaeus sind Ausnahmen. AUzuoft stehen die arztlichen Werke 
iiber Postej)idemien weit hinter denen von Laien zuriick und ich wiiUte 



Einleitung. 7 

nicht, was die Erorterungen des Galen und so vieler Galenisten und 
Arabisten des Mittelalters und der Neuzeit zn bedeuten haben gegen- 
iiber den Darstellungen des Historikers Pbocop, des Juristen Gabbiel 
DE Mrssis, des Abtes li Mussis, des Kaisers Dschihangeb, des Dichters 
Manzoni oder vielmehr seines Gewahrsmannes des Kanonikus Ripamonti, 
des Kardinals Gastaldus, des Touloner Biirgermeisters D'Antkechaux. 



Um mich im Dunkel der altesten Pestgeschichte und im Wirrwarr 
spaterer Zeiten zurechtzufinden und das Brauchbare auswahlen zu konnen, 
bedurfte ich einer gewissen Vorkenntnis der Hauptmerkmale der Pest als 
Seuche und als Krankheit. Ich gewann diese durch die Anschauung und 
durch eine lange Beschaftigung mit der Seuchengeschichte. Dem Leser, 
der von der Pest noch nichts oder zu wenig weiB, versuche ich. den 
Begriff davon in aller Kiirze zu geben. 

In ihrer Heimat beginnt die Pestseuche gewohnlich sofort mit plotz- 
lichen fieberhaften rasch todlichen Krankheitsfallen. Fern von ihren Ur- 
sprungsstatten aber schleicht sie sich geme unter leichten, scheinbar 
harmlosen Larv-en ein, um erst nach einigen Wochen jene bosartigen 
Erkrankungen zu haufen, die durch schwere Gehirnstorungen und die 
Bildung von schmerzhaften Driisenbeulen an bevorzugten Stellen, in der 
Schenkelweiche, in der Achselhohle oder am Halse, gekennzeichnet sind, 
gelegentUch auch mit dem Ausbruch von Karfunkeln oder von Lungen- 
entzundungen, sowie mit punktformigen Blutungen und blutigen Striemen 
auf der Hautr einhergehen. Die Mehrzahl der Ergriffenen stirbt binnen 
drei Tagen. Das Sterben breitot sich zuerst langsam, spater schnell aus 
und hauft, wenn die Seuche zur voUen Entwicklung gelangt ist, Leiche 
auf Leiche, bis nach einer bestimmten Zeit, gewohnlich nach drei oder 
vier Monaten, spatestens nach neun Monaten die epidemische Wut plotz- 
lich, selten allmahlich, fur lange Dauer oder nur vonibergehend erlischt. 

Die Vervielfaltigung kann im Beginn und auf der Hohe der Seuche 
ausgehen vom Kranken selbst, von seiner Leiche, seiner Kleidung, seinem 
Hausrat, seiner Wohnung, nicht selten von alien diesen Dingen zugleich, 
so dafl das Hinzutreten zum Kranken, das Beherbergen des Kranken, 
der Besuch des Sterbehauses, das Antreten der Hinterlassenschaft des 
Verstorbenen fiir die Gesunden auCerst gefahrlich wird, in manchen 
Zeiten fast sicheren Tod zur Folge hat. Auf solche Erfahrungen griindet 
sich das Urteil, das das wichtigste Merkmal der Pest neben einer grofien 
Bosartigkeit ihre furchtbare Ansteckungskraft sei, und auf solche Er- 
fahrungen hin hat man in vielen Zeiten das Wort Kontagion als gleich- 
bedeutend mit Pest gebraucht. 

Als die Kontagionisten versuchten, sich von ihrem Kontagium, das 
den Kranken verlasse und auf den Gesunden iibergehe, eine Vorstellung 



g Einleitung. 

zu machen, da kamen sie zu der Meinung, die libertragbare Krankheits- 
ursache sei ein fester Stoff, entweder ein Samen, der im Organismus zu 
boser Saat auswachse, oder ein unsichtbares giftiges Tierclien, das sicli 
rasch darin vervielfaltige. 

Anderen schien diese Annahme eines korperlichen anklebenden und 
eindringenden Wesens bedenklich. Sie sahen deutlich, daJJ der Gesunde, 
um die Pest zu fangen, gar nicht immer notig habe, den Kranken oder 
die von ihm beschmutzten Sachen zu beruhren, sondem schon bei der 
Annaherung an den Kranken oder an die Leiche auf etwa drei Schritt 
Entfemung, ja durcli das Betreten des Zimmers, worin ein Kranker oder 
eine Leiche gelegen hatte, und sogar durch. die einfache Hausnachbarscliaft 
in Grefahr komme, sich anzustecken. Daraus schlossen sie, daU die Pest 
nicht durch ein fixes Kontagium verbreitet werde, sondem durch ein von 
dem Kranken an die Luft abgegebenes fliichtiges Gift, welches der Ge- 
sunde mit den Hautporen oder der Atemluft aufnehme und sich so 
infiziere. Die Unterscheidung zwischen Infektion und Kontagion schien 
ihnen wichtig genug. Denn gegen ein fixes Kontagium miisse sich 
der Gesunde durch Vermeidung des Kranken und der von ihm ver- 
pesteten Dinge, ganz sicher aber durch Einsperrung in ein gesundes 
Haus verwahren konnen, wahrend gegen ein fliichtiges Luftgift nichts 
anderes schiitzen konne als die weite Flucht, die ja auch von jeher alle 
Erfahrenen als einzige Hilfe in der Post erkannt und empfohlen haben. 
Man diirfe die Pest nicht Kontagion nennen. Pest und Infektion seien 
gleichbedeutend. 

Bei diesem Streit leugneten die erfahrenen Infektionisten, wie Pkukeb, 
naturlich keineswegs die GefahrUchkeit der Beriihrung des Kranken und 
seiner Sachen wahrend der Zeit, wo das fluchtige Gift von ihnen aus- 
gehaucht werde, und die einsichtigen Kontagionisten, wie Griesinger, 
trugen der gelegentlichen Fliichtigkeit ihres Kontagiums Rechnung mit 
der Bemerkung, dafi sich allerdings auf der Akme der Epidemic eine 
allgemeine Pestatmosphare zu bilden scheine, gegen die keine Absperrung 
mehr schiitze. 

Noch eine dritte, der Kontagionslehi^e wie der Infektionslehre ganz 
entgegengesetzte Ansicht uber die Natur und Art der Pestausbreitung 
wufite sich Geltung und Achtung zu verschaffen, die Ansicht namlich, 
dafi die Pesterkrankung Folge einer urspriinglichen Verderbnis der Atmo- 
sphare sei, Folge nicht Ursache einer Luftveranderung. Der Kranke habe 
mit der Verbreitung und Vervielf altigung des tJbels gar nichts zu tun; die 
Ansteckung von Mensch zu Mensch sei nur scheinbar; der Ergriffene sei 
ein Opfer der epidemischen Konstitution, des epidemischen Genius. 

Zur Begrundung ihrer Ansicht wiesen die Epidemisten zunachst auf 
die Tatsache hin, dafi es Umstande und Zeiten gibt, in denen alle Pest- 



Einleitung. 9 

gefahr mil einem Schlage aufhort, nachdem noch kurz vorher die Pest- 
furie aufs hochste gewiitet hat; wo denn die Gesunden mit Pestkranken 
und Pestleichen, mit verpesteten Sachen und in verpesteten Raumen so 
viel verkehren und sie so viel beruhren diirfen, wie sie wollen. Wie 
solle aber je die Seuche zn einem Ende kommen und gar zu einem so 
plotzlichen und voUstandigen, wenn die Pestausbreitung auf Kontagion 
oder auf Infektion beruhe? 

Die pesterzeugende Verunreinigung der Luft sei die Folge einer all- 
gemeinen Verderbnis der Atmosphare — so sagen die Einen; — nein, 
sie werde durcb eine ortliche Beimischung krankheiterregender Schadlich- 
keit zur Luft bewirkt, durch ein vom Boden' aufsteigendes oder sonst 
wolier ausgehendes Miasma, denn bei allgemeiner Luftvergiftung miilJte 
die ganze Menschheit auf einmal erkranken und aussterben, — so meinen 
Andere. 

Darin sind beide einig, daU das Aufhoren weiterer Erkrankungen 
die Reinigung der Luft, das Nachlassen der Seuche die Tilgung des 
Miasmas zur Voraussetzung habe. Sie betonen beide die auffallige Tat- 
sache, daC der Pest die ausgesprochene Neigung zu einer epidemischen 
Verallgemeinerung, sei es der anfanglich nur bei einzelnen vorhandenen 
Disposition, sei es des anfanglich ortlich gebundenen Miasmas, eigentiim- 
lich sei, und nennen deshalb die Pest auch wohl Epidemic schlechtweg, 
im Gregensatz zu den von Mensch zu Mensch sich verbreitenden Konta- 
gionen, wie Pocken und Schwindsucht, und zu den ortlich beschrankten, 
endemischen Infektionen wie Malaria und Kropfiibel. 

AUmahlibh, besonders seit dem funfzehnten Jahrhundert, hat sich die 
TJnterscheidung zwischen den Ausdriicken Kontagion, Infektion und 
Epidemie fur die Pest so verscharft und ihr Gebrauch so verf alscht, daiJ, 
wer von Pestkontagion und von Pestinfektion sprach, die Gelegenheit 
zur seuchenhaften Steigerung der Pestausbreitung nur in einer Ver- 
mehrung des Menschenverkehrs sah und, wer von der Pest als Epidemie 
sprach, ihren Ursprung nur in einem ortHch entstehenden und von der 
Luft weitergetragenen Miasma suchte. Nur wenige Arzte und Behorden 
vermochten es, die scheinbar widersprechenden Tatsachen in der Pest- 
verbreitung festzuhalten und, austatt um Meinungen und Definitionen 
zu streiten, eine wahre Naturansicht zu bewahren, die sich in der An- 
erkennung zeigt, daC zu gewissen Zeiten eine Verbreitung durch kranke 
Menschen, zu anderen eine Verbreitung unabhangig von jeglichem Men- 
schenverkehr vorherrscht; dafi auf der Hohe der Seuche beide Verbrei- 
tungsweisen zusammenwirken und sich steigern und daJJ auch da, wo der 
Mensch allein als Verbreiter der Seuche zu wirken scheint, mindestens 
drei Formen der Mitteilung des Krankheitssamens oder Krankheitszunders 
sich auBem: pesiifer afficit contactii, fomite et ad disfans: Die Pestiiber- 



10 Einleitung. 

tragnng erfolgt durcli Beriihrung des Kranken, durch Gebraiicli seiner 
Sachen und Wohmingen und Waren nnd auf drei Schritt Entfernung. 

Der Streit, welchen die Kontagionisten, die Infektionisten und die 
Epidemisten mit veranderten Namen auch heute noch, nachdem wir das 
Kontagium oder Infiziens oder Miasma in Gestalt eines Bakterium kennen, 
widereinander weiterfiihren mochten, ist so alt wie das Nachdenken des 
Menschen iiber die Ansteckungsweise der Pest. Er war stets nnfruchtbar 
und hatte in vielen Jahrhunderten nur die Folge, dafi die Vertreter der 
einen Meinung die Tatsachen, welche fur den Gegner sprachen, nicht sahen 
oder mit der Hef tigkeit der nicht sehen WoUenden leugneten und sich dabei 
allmahlich in ganz einseitige Behauptungen hineinsteigerten, so daC am 
Ende der Kontagionist sagte, nur der Mensch tragt und iibertragt die Pest, 
und der Epidemist: nur die Luft ist Quelle und Tragerin der Ansteckung. 

In pestfreien Zeiten vei-fingen die spitzen und breiten Griinde bei 
den Sdiiilern der feindlichen Lehrstiihle um so mehr, je grober der ab- 
wesende Gegner und seine Meinung verunglimpft wurde. In Pestzeiten 
liaben sicli die Behorden um das Schulgezanke nur solange gekiimmert 
und dem Einen oder dem Anderen geglaubt, als Zeit zum Streiten war 
und das Ubel nicht zu drangen schien. Sobald aber dieses liberhand- 
nalim, verstummte jedesmal der Streit, denn man wurde gezwungen, den 
Tatsachen Rechnung zu tragen; oder das Volk lemte ohne Leitung aus 
eigener Erfahrung die Pestkranken meiden, die Pesthauser fliehen, Her- 
kiinfte aus verpesteten Orten abweisen, alle Uberbleibsel aus Pestseuchen, 
Menschen und Vieh, Kleider und Wohnungen nicht eher in den freien 
Verkehr zu geben als bis sie durch die Dauer einer erfahrungsmaCigen 
Zeit von selbst entpestet oder durch ganz besondere MaUnahmen gereinigt 
worden waren. 

Es machte sich seine Spriiche wie: Gegen die Pest hilft am 
sichersten ein neu Paar Schuhe, gebraucht, bis sie brechen. — 
Wenn die Pest einen Pfennig von dir fordert, so gib ihr zwei 
und laiJ sie laufen. — Wenn man die Pest mit in die Stube 
nimmt, so ist bald kein Aufhoren (Wander). 

Wir miisson also neben der groGen Bosartigkeit die furchtbare An- 
steckungskraft der Pest betonen als eines ihrer wichtigsten Merkmale, 
ohne damit zuzugeben, dafi Ansteckung und Ubertragung durch Beriih- 
nmg, Infektion und Kontagion gleichbedeutend seien und ohne damit 
vorweg entscheiden zu woUen, wie weit die Annahme eines Miasmas 
neben dem Kontagium und die Unterscheidung beider Sinn habe. 

Das dritte Kennzeichen der Pest wiu'de schon angedeutet. Die Pest 
bes^hrankt sicli nicht lange auf einen Ort. Sie begniigt sich nicht da- 
mit, nur die Menschen, die in den Bereich ihres Herdes kommen, zu er- 
greifen und zu toten, sondern sie beginnt, wenn sie eine Zeitlang als 



Einleitung. 1 1 

stehende Seuche gewirkt hat, als Wanderseuche sich auszubreiten und 
zieht von Haus zu Haus, von Ort zu Ort, von Land zu Land weiter, 
bisweilen schnell und unaufhaltsam, so dafi sie in Jahresfrist einen 
ganzen Erdteil erobert, meistens aber langsam, flutend und ebbend, bis 
sie entweder iiberallhin gedrungen ist, soweit Menschenverkehr reicht, 
oder nach und nach kraftlos erlischt. 

Noch ein viertes Merkmal kommt der Pest zu. Als Wanderseuche 
ist sie durchaus an die Verkehrswege des Menschen und seiner Waren 
gebunden. Auf LandstraUen und WasserstralJen verfolgt sie unser Ge- 
schlecht mit den Verkehrsmitteln, die wir selber schaffen. Keine Tat- 
sache ist bekannt, die mit Sicherheit dartate, daJJ ohne Menschen oder 
ohne menschliche Verkehrsmittel . in ein unverseuchtes Land die Pest ge- 
kommen ware. Die friihere Meinung, daU etwa Heuschreckenschwarme 
oder Vogelzuge dann und wann die Pest einfiihren und verbreiten konnten, 
bedarf durchaus noch der Begriindung, falls liberhaupt etwas Wahres dar- 
an ist. Dagegen ist es ein Lrtum, wenn man wohl gesagt hat, daC der 
Mensch allein Trager und Verbreiter der Seuche sei. Vielmehr ist sicher, 
daC zwar nicht ohne die menschlichen Verkehrsmittel, aber jedenfalls 
ohne Menschenverkehr die Pest sich einschleichen und iibertragen werden 
kann: Einsame Hirten und Jager haben sich in bestimmten Gebirgs- 
gegenden und Steppenlandern die Pest geholt. Kleider und Waren, aus 
Pestlandern versendet, haben den Pestkeim in weite Fernen gebracht. 
Schiffe, die aus Pestlandern abgefahren waren, ihre Mannschaft verloren 
hatten und dann wochenlang und monatelang von den Wogen des Meeres 
umhergetrieben wurden, haben beim Landen oder Scheitern die Pest an 
entlegene Kiisten getragen. Das alles sind Tatsaclien, die nur der fiir 
Marchen erklaren kann, der nie die Akten der Pestgeschichte durch- 
blattert oder sie mit stenopaischer Brille gelesen hat. 

Dail der Mensch nicht allein Trager und Verbreiter der Pest ist, 
zeigt sich gelegentHch in ein em massenhaften Sterben gewisser Tiere, 
besonders in einem Hinfallen der Mause, der Ratten und anderer Nage- 
tiere, welches Sterben von den Erfahrenen als Vorlaufer der Menschen- 
pest so gefurchtet wird, daC sie fiir Wochen und Monate Haus und Hof 
verlassen und in die traurigste Wildnis fliehen. Dafi es neben dem 
Menschen andere, weit wirksamere Trager und Ubertrager der Pest gibt, 
zeigt sich in dem innigen und zahen Gebundensein des Pestzunders an 
den Wohnort, an den Boden der menschlichen Wohnung, an die Betten 
und die Kleider der Kranken, welches die Erfahrenen veranlassen kann, 
ihren Hausrat, ihr ganzes Haus, ja ein ganzes Doi'f, eine ganze Stadt 
niederzubrennen, wenn die Pest sich bei ihnen eingenistet hat und sie 
nicht hoffen diirfen oder vergeblich erwartet haben, dafi ein voriiber- 
gehendes Verlassen ihrer Habe zur Entseuchung genuge. 



12 Einleitung. 

Dafi unabhangig vom Menschen sich der Pestkeim zu seuchenhafter 
Wut entwickelt, zeigt die gesetzmafiige Folge von Pestausbriichen in 
vielen Orten, wo die Pest einheimisch ist; das zeigt femer die seuchen- 
hafte Steigerung der Pesterkrankungen zn bestimmten Jahreszeiten; das 
plotzliche Aufhoren des Sterbens und der Anstecklichkeit aller verpest^ten 
Sachen zu ebenso bestimmter Zeit; der gesetzmafiige Wechsel zwischen 
Driisenpest und Lungenpest in der Art, dafi diese fast nur in den Winter- 
epidemien hervortritt und in der folgenden Sommerepidemie sicher in 
die gewohnliche Driisenpest umschlagt. 

AUe diese Tatsachen sind weiter auszufiihren und zu begriinden. 
Hier dienen sie uns dazu, folgendes festzustellen: Fiir die wahre Pest 
die Beulenpest, die orientalische Pest, bezeichnend sind, 1. die Kiirze und 
Todlichkeit der Krankheit und das Vorherrsehen der Driisenbeulen im 
Krankheitsbilde; 2. die groBe Sterbeziffer, welche auf der Hohe der Epi- 
demie der Zahl der Erkrankten, ja der Menschenzahl fast gleichkommen 
kann; 3. die Gefahrlichkeit der Nahe von Pestkranken und des Verkehrs 
an Pestorten; 4. das lange Haften der Pest an den Wohnungen, Sachen 
und Verkehrsmitteln der Menschen; 5. die gesetzmafiige Steigerung und 
AViederkehr der Pestverheerungen zu bestimmten Jahreszeiten; 6. die 
Neigung der Seuche, sich von Jahr zu Jahr weiter auszubreiten; 7. die 
gelegenthche Entwicklung der Seuche nach oder mit einem Sterben 
von Nagetieren, besonders von Murmeltieren, Maulwiirfen, Mausen und 
Ratten. 

Diese Summe von Merkmalen unterscheidet die Pest so deutlich von 
alien anderen Seuchen, dafi es erlaubt ist zu sagen: 

Wenn von einer Seuche berichtet wird, dafi sie die Mehrzahl der 
Menschen rasch und wahllos befiel und eine fast unbedingte Sterblich- 
keit verursachte, dann ist es in der alten Welt hochstwahrscheinlich die 
Pest gewesen. Die Walirscheinliclikeit wachst, wenn man erfahrt, dafi 
die Menschen vor der Seuche geflohen sind, Haus und Hof verlassen 
haben. Sie wird zur Sicherheit, wenn bei den meisten Kranken und 
Grestorbenen Driisenbeulen an den Gliederansatzen gefunden worden 
sind. Auch die totlichen Seuchen, denen ein Sterben der unterirdisch 
lebenden Nagetiere voraufging oder die mit der Beriihrung eines kranken 
Nagetieres durch einen gesunden Menschen begonnen und sich dann von 
Mensch zu Mensch wie ein Zunder in brennbarem Stoff weiterentwickelt 
haben, sind mit Bestimmtheit als Pestseuchen aufzufassen. Wenigstens 
kennen wir bisher keine andere Seuche, die sich als rasch und massen- 
haft totende Bubonenkrankheit aufiert und ihren Ursprung von kranken 
Nagetieren nimmt. Schwankend, unregelmafiig und der weiteren Er- 
forschung dringend bedurftig ist die Teilnahme der gezahmten Haus- 
tiere und der Stalltiere an der Pestseuche unter den Menschen. 



Einleitung. 13 

Wir machten von den obigen Feststellungen Gebrauch beim An- 
legen der Jahrbiicher der Pest, halten indessen fiir ganz sichere Pest- 
seuchen nur diejenigen, welche als ein massenhaftes Sterben nnter den 
Erscheinnngen rasch todlicher Driisenbeulen sich geauBert haben oder 
von den Berichterstattem ausdriicklich als Beulenpest bezeichnet worden 
sind. Das ist fur uns die wahre Pest der Vergangenheit. 

Fiir alle Znkunft verlangen wir, daC neben den genannten AuBe- 
ningen der Pest auch ihr Erreger, der Pestbazillus, in einer bedeutenden 
Zahl der Seuchenopfer naehgewiesen werde, ehe wir eine Epidemie als 
eehte Pest bezeichnen. 

DaB zur Bezeichnung eines einzelnen Ej'ankheitsfalles als Pestfall 
der Nachweis dieses Erregers unbedingt gehort, daB auBerhalb einer 
Beulenseuche ancb die ausgepragteste fieberhafte Bubonenerkrankung 
oder sonst irgendeine Erkranknng ohne Aufzeigung des Pestbazillus 
keineswegs als Pestfall bezeichnet werden darf und daB umgekehrt die 
Nachweisung des Pestbazillus bei einem Kranken auch ohne Bubonen 
oder ohne ein anderes „typisches Krankheitsbild" geniigt, ihn als Pest- 
kranken zu bezeichnen, das wird spater ausfiihrlich zu begriinden sein. 

Jetzt bitten wir den Leser, sich von uns zu den friihesten Aus- 
briichen in die Dammerung der Geschichte zunickfiihren zu lassen und 
die hilfesuchende Menschheit auf ihrer langen Kreuzfahrt durch die 
Jahrhunderte unaufhorlicher Pestnot bis zuriick in unsere Tage zu ge- 
leiten. Am Ende dieses miihevollen Lehrganges trete er mit uns auf 
den Gipfel der Gegenwart und uberschaue mit einem geiibten Blick den 
Zug der volkerverschlingenden Wiirgerin in einem lebhaften Naturbilde. 

So vorbereitet wird er sich dann im zweiten Teil unseres Buches 
geme eingehend beschaftigen mit der schulmaBigen Ausfiihrung aller 
Einzelheiten, die fiir die Erkennung der Pestseuche und Pestkrankheit 
und fiir die Abwehr, Ausrottung und Heilung des Ubels wichtig sind. 

Vielleicht stimmt er am Ende des Buches in Goethes Wort ein: 

Isis zeigt sich ohne Schleier, 
Doch der Mensch der hat den Star. 



Die Geschichte der Pest. 



1. Periode. Nachrichten von der Pest bei den Israeliten. 17 



1. Periode. 
Alteste Nachrichten von der Pest. 

Die erste Andeutung eines Pestausbruches finden wir in Agypten, 
nach dem Auszug des jiidischen Volkes. Die Bibel berichtet davon. 

Jehovah hatte die Agypter und ihr Stallvieh mit den schwarzen Pest in 
Blattem gestraft, well sie sein auserwahltes Volk knechteten. Zugleich ^^^^^ 
hatte er das Herz des Pharao verhartet, dafl dieser die Strafe nicht 
achtete und sich dem Auszug der Sohne Israels widersetzte. Jetzt liefi 
der Herr durch Moses dem Pharao damit drohen, sein Gott werde den 
Konig und das Volk der Agypter mit einer noch schwereren Seuche 
schlagen, mit dem Deber, und sie damit alle vom Erdboden vertilgen , y— -* , 

(Veelle Semoth, IX). Das war um das Jahr 1320 vor Christus. ' l ^L^'^titj '3 " 

Eine Seuche, die schlimmer ist als die Pocken und alle Menschen 1320 
totet, ist die Pest. „Wenn die Pest herrscht, gelten die Blattern fiir ^* 
nichts", heiJJt ein deutsches Sprichwort (Wandbe). 

Diesmal blieb es bei der Drohung. Aber bald darauf sandte der 
Herr den Deber iiber die Agypter in der Wiiste so schwer, daU noch 
nach zweihundertfunfzig Jahren die Philister derselben mit Schrecken 
gedenken (I. Samuel. IV. 8). 

Um diese Zeit, es ist ungefahr das Jahr 1060, brach der Deber 1060 
aufs neue aus. Die Schilderung, 'welche das erste Buch Samuel davon pj^^^^^* 
gibt, lafit kaum einen Zweifel daran, dafi es sich um die wirkliche Beulen- den 
pest gehandelt hat. Piiiiistem 

Die Philister hatten die Lade Grottes geraubt und nach Asdod ge- 
fuhrt, welches an der Kiiste des Mittelmeeres siidlich vom heutigen Jaffa 
lag. Da kam die Hand Jahwes schwer auf die Asdoditer; er setzte sie 
in Schrecken und schlug sie mit den Apholim (Beulen), sowohl Asdod 
wie sein Gebict. Die Philister erkannten, dafi der Gott Israels, derselbe, 
der vorzeiten die Agypter mit der Pest geschlagen, erziirnt w^ar, und 
fiihrten die Lade weiter und brachten sie nach Gath. Aber jetzt kam 
die Hand Jahwes uber diese Stadt; er schlug die Bewohner, klein und 

sticker, Abhandlangen I. Geschicbte der Pest. 2 



18 1. Periode. 

groB, dafi die Beulen an ihnen hervorbrachen. Da schickten sie die 
Lade Gottes nach Ekron. Als sie hier ankam, wehklagten die Ekroniter: 
Sie haben die Lade des Gottes Israels iibergefuhrty um mich und mein 
VoLk dem Tode preiszugeben. Die Leute, die nicht starben, wurden mit 
Beulen geplagt, und das Wehgeschrei der Stadt stieg zum Himmel empor. 
So war die Bundeslade im Lande der Philister sieben Monate, und wo 
sie hinkam^ da kamen die Beulen unter das Volk. Da beschlossen end- 
lich die Philister, die Lade zu den Israeliten zuriickzublingen und zu- 
gleich ein Suhngeschenk mitzusenden. Sie lieflen auf den Rat ihrer 
Priester fiinf goldene Bilder der Beulen und fiinf goldene Bilder der 
Mause, die zugleich das Land verheerten, anfertigen, entsprechend der 
Zahl ihrer fiinf Fiirsten, und sie brachten die Lade mit den Weihege- 
schenken tiber die Grenze. Bei Bethsemes empfingen die Leviten die 
Lade und das Kastlein mit den goldenen Beulen und Mausen. Den Sohnen 
Jechonjas aber bekam es iibel unter den Leuten von Bethsemes, daB sie 
sich die Lade Jahwes besahen; der Herr totete von ihnen siebzig und 
vom gemeinen Volk 50000, und die Leute von Bethsemes riefen aus: 
Wer vermag in der Nahe Jahwes, dieses heiligen Gottes, zu bestehen! 
Und sie heiligten den Eleazar, um die Lade zu hiiten. (Kautzsch, Budde.) 
Die Vulgata und die Septuaginta fiigen der Thora, wo sie von Asdod 
spricht, noch hinzu: Die Landhauser und Acker in jener Gegend brachen 
auf und entlieBen Mause, und es erhub sich unter dem Volke eine Be- 
st urzung ob des groBen Sterbens. — Die Beulen entstanden, gemaB 
beiden tJbersetzungen, an den Schamteilen. 
1000 Wiederum kam der Deber iiber die Israeliten nm das Jahr 1000. 

V. Chr. David hatte das Volk zahlen lassen und 800000 (Samuel) oder 1100000 

Pest in ^ ^ , 

Pal&stina (Paralipomena) streitbare Manner in Israel gefunden. Da schickte der 
Herr die Pest und totete 70000 der Manner binnen drei Tagen (II. Sa- 
muel. 24; L Dibre hajamim 21). Uber dieselbe Seuche macht Josephus 
Flavius folgende Angaben: Die Menschen gingen nicht auf eine Art 
zugrunde, sondem unter verschiedenen KrankheitsauBerungen. Einer 
starb iiber dem Anderen. Das tJbel begann heimJich und totete rasch. 
Die Einen erlagen ihm plotzlich unter heftigen Schmerzen und bitteren 
Klagen. Andere wurden von der Krankheit so abgezehrt, daB fast nichts 
iibrig blieb, was man nach dem Tode hatte begraben konnen. BeiEinigen 
verdunkelte sich plotzlich das Gesicht, und sie gingen in Erstickung zu- 
grunde. Manche, welche die Toten begraben wollten, starben selbst noch, 
ehe sie das Begrabnis vollendet hatten. Von der Morgenstunde bis zum 
Mittag raffte die Seuche 80000 Menschen dahin. (Josephi, Antiq. jud.) 
Bis auf den letzten Satz k5nnte das Alles in eine Pestbeschreibung 
hinein passen; aber es ist undeutlich und nur im Zusammenhang mit den 
anderen Ausbriichen des Deber brauchbar. 



Nacbrichten von der Pest bei Hippokrates. 19 

Eine weitere Senche, die vielleicht die Pest war, ging Tim das Jahr 
700 vor Christus von Agypten aus. Als Sennacherib, der Konig der 700 
Assyrer, wider den jiidischen Konig Ezechias (Hiskia) und die mit ihm 
verbiindeten Agypter auszog, erschien plotzlich der Engel des Herm und 
erschlug im Lager der Assyrer 185000 Mann (11. Melaghim 19. 35; 
Jbsajas 37. 36.). — Diese Seuche holte sich das Heer des Sennacherib 
nach dem Berichte des Hbeodot aus Pelusium in Agypten. Hier hatten 
die Assjrrer auf dem Zug gegen den Agypterkonig Sethos Halt gemacht. 
Wahrend der Nacht sei eine Schar Feldmause gekommen und habe die 
Kocher und Schildriemen der Krieger zemagt, so daU das Heer wehrlos 
fliehen mufite. Auf der Flucht seien viele umgekommen. Und noch 
stehe ein Steinbild des Konigs Sethos bei dem Tempel des Hephaistos 
mit einer Maus in der Hand und spreche durch Buchstaben also: ^Siehe 
mich an und sei gottesfurchtig." (Hbbodot, Euterpe 141). 

Im Bericht des Herodot sind Irrtiimer. Sethos herrschte nicht zur 
Zeit des Sennacherib, sondem siebenhundert Jahre friiher. Viele Ge- 
lehrte, welche von den neuen Forschungen iiber den Zusammenhang 
zwischen Mausen und Pestausbriichen keine Kenntnis haben konnten, 
sehen bei der Seuche der Assyrer wie bei der Pest der Philister in der 
Maus das Sinnbild der Pest (Feiedrbich, Stadb, Guthb, Nibbuhb) und 
einige meinen, die angebliche Statue des Sethos habe den Horus darge- 
stellt, den agyptischen Apollo, dem die Feldmaus heilig war. Im britischen 
Museum befindet sich das eheme Bild einer Maus aus Theben, die dem 
Seuchengott Horus in Esneh als Weihgeschenk dargebracht worden war 
(WiBDBMANN, Sayce). Uud in der Hafenstadt Chryse in Kleinasien er- 
richtete um die Mitte des vierten Jahrhunderts vor Christus Scopas im 
Tempel des Apollo Smintheus eine Bildsaule des mausetotenden Gottes 
mit einer Maus am Fufle (Stkabo). 



In den Hippokratischen Schrif ten finden sich drei oder vier Stellen, Pest bei 

die nach den Auslegungen vieler spateren Arzte auf die Bubonenpest zu ^^^^ 

beziehen sind. Sie sprechen fiir sich selbst: Die Fieber, die bei Bubonen (460—377 

(Driisenbeulen, besonders in den Leisten) auftreten, sind alle schlimm, ^* ^^^'^ 

mit Ausnahme der Eintagsfieber. (Aphorism. IV. 55, Epidem. 11.) — 

Die Fieber, welche zu Driisenbeulen hinzutreten, sind bosartig; aber die 

Beulen, welche zum Fieber hinzutreten, sind noch schlimmer, wenn sie 

sogleich mit dem Beginn des hitzigen Fiebers einsinken (Epidem. 11.). 

— Wenn Kranke mit fieberhaften Driisenbeulen anfangen zu husten, so 

liegt eine Entziindung der Lunge zugrunde .... (Epidem. IV.). — Im 

siebenten Buch der Epidemien wird berichtet, dafi im Sommer bei Vielen 

Driisenbeulen in den Leisten entstanden, die zum Teil bosartig verliefen. 

Spater ist die Rede von harten und schmerzlosen Bubonen, die sich bei 

2* 



20 J- Periode. 

den Tuchwalkern in den Leisten und am Halse als grofle Geschwiilste 
ausbildeten, nachdem ein zehntagiges Fieber voraufgegangen war; dazu 
habe sich Blutspeien und Hasten gesellt; unter Erbrechen, Durchf alien, 
Fieber, Anstrocknung der Zunge und qualendem Durst seien die Befalle- 
nen am dritten oder vierten Tage (? oder Monat ?j gestorben (Epidem. 
VII.). — Die Ubersetzung wie der Text der letzteren Stelle ist unsicher. 
Die wichtigsten Kommentare zu den ersten beiden Stellen des Hippo- 
KEATE8 geben Galen (131 — 200 nach Chr.j und Paulus von Agina (Mitte 
des siebenten Jahrhunderts nach. Chr.). Die Driisenbeulen, welche zu 
Fiebem hinzutreten, sind viel bosartiger als diejenigen, zu welchen sich 
Fieber nachtraglich zugesellt. Denn sie zeigen eine innere Entzundung 
und innere Verderbnis der Safte an. So sieht man in Pestseuchen die 
Driisenbeulen zu Fiebern schlinimer Art hinzutreten. Wenn sie friih- 
zeitig einsinken, so haben sie eine besonders schlimme Bedeutung, weil 
sie einen Mangel an naturlichen Kraften beim Kranken anzeigen (Galen, 
im Kommentar zum 35. Aphorismus der 4. Abteilung und zur Stelle im 
2. Buch der Epidemien; ferner im 1. Buch iiber die Unterscheidung der 
Fieberkrankheiten). — Am schlimmsten sind die Bubonen, welche zum 
Fieber hinzutreten; meistens sind sie das Zeichen der Pest, ob sie nun 
die Schenkel oder die Achseln oder den Hals befallen (Paulus Aegineta). 
Man konnte fragen, warum hat Hippokrates eine so wichtige Seuche 
wie die Pest mit den paar Worten abgetan? Hochstwahrscheinlich aus 
demselben Grunde, aus welchem er die AulJerungen anderer Volkskrank- 
heiten, etwa des Wechselfiebers, nur kurz andeutet; er durfte die Zeichen 
und den Verlauf desselben als bekannt voraussetzen, weil die Krankheit 
zu seiner Zeit als stehende Seuche einheimisch war. In den Jahraehnten, 
die der Pest des Justinian (531 — 595 nach Chr.) und dem schwarzen 
Tode (1346 — 1351) folgen, sprechen die Arzte wie das Volk auch nur 
kurzweg von den Driisen, der Driisenkrankheit und so weiter, weil 
jeder wuBte, was damit gemeint war. Sie batten um so weniger Grund 
viele Worte dariiber zu machen, als das tlbel da, wo es endemisch waltete, 
unter milderen Ki^ankheitserscheinungen und weit weniger gefahrlich ver- 
lief, als vorher, wo das Driisensterben epidomisch wiitete. 
300 V. Chr. Um das Jahr 300 vor Christus waren in Kleinasien und in Griechen- 

Pest an i^^^ totliclie Driisenbeulen, die aus Libyen, Ag^-pten und Syrien kamen, 
Levante wohlbekannt. Die Schiller des Dionysius des Buckligen haben sie be- 
schrieben (Rufus, vgl. das Jahr 100 n. Chr.). Wie weit die verheerenden 
Seuchen wahrend des vierten und dritten Jahrhunderts vor Christus in 
Rom, etwa die vom Jalire 387 nach dem Einfall der Gallier, oder von 
384 unter Manlius Capitolinus, oder von 362 mil dem beriihmten Leeti- 
sternium, und so weiter die Seuchen der Jahre 349, 335, 293, 262, 213 
zu jener Beulenseuche gehoren, ist vorab nicht festzustellen. 



Nachrichten von der Pest bei Posidonius. 21 

Ebensowenig laJJt sich liber die Seuchen 175 in Rom, 168 in Illyrienl25v.Chr. 
nach einem Heuschreckeneinfall Genaueres sagen. Die Afrikanische ^^^^l^ 
Seuche des Jahres 125 vor Christus, welche ebenfalls nach ungeheuren afrika 
Heuschreckenverwiistungen ausbrach, tragt Ziige, die wir nur bei der 
Pest kennen. Sie raffte in Xumidien 800000 Menschen, an der Nord- 
kiiste Afrikas bei Carthago und Utica iiber 200000 Menschen hin. 

In Utica selbst blieben von 30000 Soldaten, welche die Besatzung 
der Stadt bildeten, kaum 10 iibrig. Das Sterben war so rasch und furcht- 
bar, dafl von jenen jungen Mannern in Utica an einem Tage durch ein 
einziges Stadttor mehr denn 500 als Leichen liinansgetragen warden. 
(Livius Epitomator lib. LX., Augustinits De civit. Dei III. 31., Julius 
Obsequens prodig. c. 90, Obosius, histor. V. 10 et 11.) 

Um das Jahr 50 vor Christus herrschte in Libyen eine Seuche, sov.Chr. 
welche durch heftiges Fieber, Schmerzen, Erregung des ganzen Korpers, ^®f^ ^^ 
Raserei und das Anschwellen groCer barter eiterloser Bubonen gekenn- 
zeichnet war; die Bubonen zeigten sich dabei nicht nur an den gewohn- 
lichen SteUen, in den Leisten, in den Achseln und am Halse, sondem 
auch hier und da an den Kniekehlen und in den Ellenbeugen. Beschrei- 
bungen dieser Bubonenpest gaben Posidonius, der im Jahre 49 vor Christus 
in Rhodus gestorben ist, und Dioscoeides, der um das Jahr der Geburt 
Christi in Alexandrien lebte. Sie sind fiir uns verloren gegangen. Aber 
RuFUS hat das obige Bild aufbewahrt (vgl. das Jahr 100 n. Chr.). 

Im Herbst des Jahres 66 nach Christus wiitete in Rom eine Seuche, 
die 30000 Einwohner hinraffte (Suetonius, Nero cap. 39). Tacitus schil- 
dert sie in den Annalen folgendermaflen: In der Hauptstadt verwiistete 
die Macht der^ Pest das Menschengeschlecht, ohne dafl eine Luftverderb- 
nis zu erkennen war. Die Hauser wurden mit Toten, die StraCen mit 
Leichenzugen erfiiUt; kein Geschlecht, kein Alter entging der Gefahr, 
Sklaven und Edelgeborene starben rasch dahin unter den Wehklagen 
der Gatten und Kinder, und indem diese den Kranken beistanden und 
die Toten beweinten, folgten sie ihnen oft auf denselben Scheiterhaufen. 
(Ab excessu Divi August! XVI. 13). 

Wir erwahnen zu dieser Seuche das Auftreten einer Bande von 
Stechern unter Domitian (81 — 96) in Rom und sonst im Reiche, welche 
die Leute mit vergifteten Nadeln unbemerkt stachen und schnell toteten 
(Dio Cassius Lxvn). Die Beziehungen dieser Mitteilungen zur Beulen- 
pest werden sich spater ergeben (vergleiche die Epidemic 532 — 595 und 
weiterhin). 

Dafi in der zweiten Halfte des ersten Jahrhunderts nach Christus 
die Beulenpest in den Landern des Mittelmeeres herrschte, ergibt sich 
aus dem Folgenden: 

Eine Stelle bei Abetaeuh, der im ersten Jahrhundeit nach Christus 



22 ^ . Periode. 

in Kappadozien lebte, erwahnt die Beulenpest unzweideutig: Die seuchen- 
ha ft en Bubonen in den Leisten entstehen aus der Leber; sie sind sehr 
bosartig (De acutis 11. 3). — Es ist noch im Mittelalter eine allgemeine 
Anschauung, dafi die fauligen, malignen, biliosen Ej*anklxeiten aus der 
Leber entstehen. Der biliosen Pneumonie im 18. Jahrhundert wird die- 
selbe Herkunft zugeschrieben. 

Etwa um dieselbe Zeit wie Abbtaeub wirkte Rurus von Ephbsus, 

lOOn.Chr. der zur Zeit des Trajan (98—117) lebte. Ihm verdanken wir das erste 

iJrika ausfiihrliche Krankheitsbild der Pest: Der Bnbo, der aus einheimischen 

undanderUrsachen am Halse^ in den Achseln oder in den Weichen sich erhebt, 

Levante y^^ig^^ ^^^ q^qj. ^j^^e Fieber, das mit Frost verbunden ist. Er lost 

sich leicht und ist gefahrlos. Dagegen verlaufen die seuchenhaft auf- 

tretenden Driisenbeulen aufierst heftig und werden sehr rasch tot- 

lich. Sie kommen am haufigsten aus Libyen, Agypten und Syrien. Die 

Schiller des buckligen Dionysius erwahnen sie. Dioscorides und Posido- 

nius haben sich sehr weitlaufig dariiber geauBert in ihrer Schrift von 

der Seuche, die zu ihrer Zeit in Libyen herrschte. Sie sagen, daH ein 

heftiges Fieber, Schmerz, Erregung im ganzen Korper, Raserei und das 

Aufschwellen von gro£en harten eiterlosen Bubonen sie auszeichne; 

letztere seien nicht nur an den gewohnlichen Stellen, sondern audi an 

den Kniekehlen und EUenbeugen erschienen, wo sich sonst derartige 

Geschwulste nicht erheben. Wahrscheinlich, fiigt Rufus bei, ist die 

Bubonenkrankheit des Hippocrates dieselbe wie die, von welcher 

wir hier reden. 

Die Beule an der Scham und das Pestgeschwiir und das Pest- 
fieber sind meistens epidemische Ubel. Man mufi sie genau kennen 
und von dem gewohnlichen Bubo unterscheiden, der als ein ungefahr- 
liches Leiden zu betrachten ist. Den pestigen epidemischen Bubo mufi 
man mit der grofiten Umsicht behandeln. 

Pestkarf unkel nennt man die Geschwulst, die mit groCer wasse- 
riger Geschwulst, mit heftigem Schmerz und Delirien einhergeht. Manche, 
die daran leiden, bekommen harte und schmerzhafte Driisenbeulen hinzu. 
Die Kranken sterben an diesen Karfunkeln rasch. Besonders haufig 
findet man sie bei Leuten, die an Siimpfen wohnen. (Rufxjs bei Obiba- 
sius; vgl. Angelus Majtjs und Osann.) 

In der Pest gibt es die verschiedensten und vielfaltigsten Storungen: 
Irrereden, galliges Erbrechen, Auftreibung der Magengegend, Schmerzen, 
Schweifiausbriiche, Kalte der Glieder, diinne gallige Durchf alle mit Winden, 
wasseriger heller oder gelber oder schwarzer Ham mit bosen Nieder- 
schlagen, von denen die am schlimmsten sind, welche in der Mitte des 
Urintopfes hangen; Nasenbluten, Hitze in der Brust, trockene Zunge, 
Schlaflosigkeit, gewaltsame Krampfe; dazu schlimme Geschwiire und 



Nachrichten von der Pest bei Rufus. 23 

verderbliche Karfunkel, entweder irgendwo am Korper oder im Gesicht 
Oder an den Mandeln (Fragment des Rtjfus bei Aetius). — 

Wie weit die Pest im zweiten Jahrhundert an den seuchenhaften 
Verheerungen im romischen Reich teil gehabt hat, laCt sich nicht sagen. 
Sicher ist, daii die grofie, lange Seuche des Q-alenus unter dem Kaiser 
Antoninus, die mit hoher Ansteckungskraft und groBer Sterblichkeit im 
Jahre 165 von Syrien aosging und in den Abendlandern fast ununter- 
brochen bis 180 wahrte, keine Pest war, sondern eine Pockenepidemie; 
an manchen Orten scheint sie, falls die Berichterstatter Selbstgesehenes 
und nicht von Thucydides Entnommenes berichten, der attischen Seuche 
sehr ahnlich, also vielleicht der Flecktyphus gewesen zu sein, und so 
mogen sie auch hier und da Pestausbriiche begleitet oder vertreten haben. 
Aber die kargen Bemerkungen des sonst weitschweifigen Galen zu den 
Beulenfiebem des Hippocrates verbieten, der Pest einen erheblichen An- 
teil an der epidemischen Konstitution jener Jahre zuzuschreiben. 

Auch die Pandemie im Jahre 189—190 unter der Regierung des 
Kaisers Aurelius Commodusj sowie die Seuche des hi. Cyprian unter 
Gallus und Volusianus (251 — 266) ist im wesentlichen eine Pockenseuche, 
bei welcher die Pest, falls sie iiberhaupt in Frage kommt, eine neben- 
sachliche Rolle spielt, soferne die Beschreibungen der Krankheitsbilder 
maBgebend sind. Die Stecher, welche im Jahre 189 fiber das ganze 
Reich ausgebreitet sind, konnen auch als Pockenimpfer gedeutet werden 
(Dio Cassius Lxxn. — Vgl. Pestis manufacia im zweiten Teil). 

Eine Seuche des Jahres 308 in Mesopotamien (Papon) und eine 
Seuche des Jahres 362 zu Nisibis, der romischen Grenzfestung wider die 
Perser im oberen Mesopotamien, seien hier angefiihrt, weil uns heute das 
QueUgebiet des Euphrat und Tigris als ein endemisches Pestgebiet be- 
kannt ist. Die Seuche von 362 erwahnen Sozomenos und Chrysostomus; 
der syrische Prophet Efhbem der im Jahre 306 in Nisibis geboren 
wurde, hat sie in einem Gedicht besungen. Aus diesem kann ich nicht 
ersehen, um welche Krankheit es sich damals gehandelt hat (vgl. Zingeble). 



24 2. Periode. 



2. Periode. 
Die grofie Pest des sechsten Jahrhunderts nach Christus. 

Nach allem ist ein Auftreten der Pest wahrend des zweiten, dritten, 
vierten und fiinften Jahrhunderts im romischen Reiche zweifelhaft, min- 
destens aber ganz unbedeutend. gegeniiber der Ausdehnung und den 
Verheerungen der Pockenseuchen wahrend dieser Zeit. Dagegen beginnt 
niit dem Anfang oder um die Mitte des sechsten Jahrhunderts eine lange 
Herrschaft der Pest in den frankischen und italischen Landem. Kleinere 
Ausbriiche erscheinen hier als Vorboten der furchtbaren Pandemie, welche 
vom Jahre 542 ab die ganze damals bekannte Erde verwiistet nnd nur 
im schwarzen Tode des vierzehnten Jahrhunderts ihresgleichen gehabt 
liat. Die Berichte iiber die Anfange sind auBerst wortkarg, aber deut- 
lich, freilich zum Teil durchaus zweifelhaft. 

503 Im Jahre 503 herrschten die Leistenbubonen in Marseille (Papon). 

517 517 waren in Venetien, Ligurien und weiterhin in Italien grofle 

tJberschwemmungen ; dann kam die pestis inguinaria, der von zahllosen 
Ergriffenen nur wenige entrannen (Regino). 

532 532 Pest in Konstantinopel (Agathias). 

538 538 unter den Goten, die Rom belageiten (Pbocopius). 

640 540 in der Auvergne (Papon). 

Papon gibt seine Quellen nicht an. Regino schrieb zu Ende des 
neunten Jahrhunderts, berichtet also nicht als Zeitgenosse. Zudem sagt 
er, dafi um die Zeit der Pest, die er in das Jahr 517 setzt, der Papst 
Gregor den Thron bestiegen habe; das war aber im Jahre 590, wo aller- 
dings in Rom die Beulenpest herrschte. 
So setzen wir den Anfang der 

•2f2-595 Pest des Justinian 

Jivst'iJian ^^^f das Jahr 532. 

Im Jahre 532, dem fiinften Regierungs jahre des ostromischen Kaisers 
Justinian, brach bei dem stiirmischen Aufstand der Griinen und Blauen 
in Konstantinopel eine Feuei'sbrunst aus, wobei die Sophienkirche und 



Die grofie Pest des sechsten Jahrhunderts nach Christus. 25 

das groBe Krankenhaus zerstort wnrden und an vierzigtausend Menschen 
um ihr Leben kamen. Bald darauf zeigten sich die Anfange einer Seuche 
die einige Jahre hindurch nur wenige ergriff, diese aber sicher wegraffte 
(Agathias), die dann ein Jahrzehnt spater, im Friihling des Jahres 542, 
sich erhub, um den ganzen Erdkreis zu durchziehen, die Lander des 
Mittelmeeres viermal in funfzehnjahrigen Perioden heimzusuchen und 
endlich nach sechzigjahriger Herrschaft statt bevolkerter Reiche wiiste 
Einoden zu hinterlassen. 

Ihr Walten leiteten ein und begleiteten furchtbare Umwalzungen 

• « 

der Erdrinde; vor allem Vulkanausbriiche, Uberschwemmungen und bei- 
spiellose Erdbeben in der Umgebung der ostlichen Halfte des Mittel- 
meeres. Sie begannen mit dem gi'ofien Ausbruch des Vesuv im Jahre 513, 
sie gipfelten in dem Untergang Antiochias, der Hauptstadt von Syrien, 
am 25. Mai 526, und horten erst auf nach wiederholten Zerstorungen 
der Hauptstadt des ostromischen Reiches und anderer grofier volkreicher 
Stadte und Landerstrecken (Seibbl). 

Drei groBe Kometen zogen am Himmel auf, der erste im September 
531, der zwanzig Nachte hindurch leuchtete und den man Lampadias 
nannte: derselbe, der 44 Jahre vor Christi Geburt nach dem Tode Casars 
erschienen war und in Zeitraumen von 575 Jahren siebenmal wieder ge- 
sehen worden ist, der Komet Halley's. Der zweite kam im Jahre 539 
und blieb vierzig Tage. Der letzte erschien im Jahre 542 vor dem 
Wiiten der Pest in Konstantinopel. 

Die fast alljahrhchen Einbniche der An ten, Bulgaren und Slaven 
in das byzantinische Reich, die Kriege der Ostromer mit den Avaren 
und Persem, mit den Vandalen in Afrika (534), mit den Ostgoten (bis 
555) und dann mit den Langobarden in Italien (seit 568) begiinstigt^n 
die Wanderung der Seuche. 

Die Zeitgenossen geben ihren Ursprung verschieden an. Procopius, 
der Geheimschreiber des Feldherm Belisar, berichtet, sie sei von Pelusium 
im Nildelta ausgegangen. Der Bischof Euagbius, der bis 594 in Anti- 
ochia die Seuche viermal wiederkehren sah, lieB sich sagen, sie sei in 
Athiopien entsprungen. Noch weiter her laBt Zaccharias Rhetob sie 
kommen. Dieser schreibt nach dem Zeugnis des Bar Hebraeus (Ohron. 
Sjnr. 80, 4 — 26), daB die Seuche zuerst bei den inneren Volkern des Siid- 
ostens begann, namlich bei den Indiern, den Athiopen, den Himjaren Zeutral- 
in Siidarabien usw., dann in die oberen Lander des Westens kam, zu -"^f^'^^*? 
den Volkern der Romer, Italier, Gallier und Spanier. Es verlautete, daB Arabien, 
die Leute rasend wurden, den Verstand verloren, einander antielen, in ^"''^^P^ 
die Gebirge hinaasgingen und sich selbst umbrachten. Die Plage ge- 
langte aber in die Lander Athiopien s an der Grenze von Agypten, und 
von dort fing sie in Agypten an, ging nach Alexandrien hinliber, breitetf* 



26 2- Periode. 

sich liber Libyen, Palastina, Phonizien, Arabien und Afrika aus und ge- 
langte nach Galatien, Kappadokien^ Armenien und Antiochien und all- 
mahlich in das Perserreich und zu den Volkem des Nordostens. Man 
sah verlasseneS; zersprengtes und herumirrendes Yieh, aber niemand war 
da, es zu sammeln; Acker, vol! von Saaten, aber niemand emtete; Wein- 
berge, deren Lesezeit voriiberging, ohne dafi jemand die Lese hielt, da 
es mit den Menschen ein Ende genommen hatte und kaum einer von 
tausend ubrigblieb. Nachdem drei Jahre verflossen waren, lieB der 
Zom nach. Man sagt, die Plage habe, als sie nach der Residenzstadt 
hiniiberging, zuerst bei den Armen angefangen und bis zu 16000 Tote 
habe man an einem Tage hinausgebracht. Nachdem die Besitzlosen ge- 
storben waren, streckte die Seuche ihre verderbenbringende Hand nach 
den Besitzenden und Angesehenen und nach denen aus, die dem augen- 
blicklichen Tode entronnen waren. Bei dieser Beulenplage schwoUen die 
Leute an, und es erschienen in den Handfiachen drei tiefe Blutflecken, 
und sofort starben sie; und als die Leute miide waren, zu begraben, 
warfen sie die Leichen haufenweise in das Meer (Zaccharias Rhetor bei 
Ahbens und KBi>GEB). 

541 Sicher ist, da£ die Seuche im Jahre 541 von Agypten aus (Malalas, 
evante p^tocopius) ostwarts nach Palastina und Syrien ging, Kleinasien und 

Persien uberzog und tief in Zentralasien eindrang. Chosroes floh mit 
seinem Heer vor der Seuche nach Assyrien. Sie zog ihm nach. Im 

542 Friihling 542 erschien das Ubel in Westasien und Konstantinopel; von 
tino^' ^®^ *^® eroberte es Thrazien und Hellas, die Lander der slavischen, 
Mittel- hunnischen und deutschen Volker und allmahlich ganz Europa. West- 
iTnder "Wort's von Unteragypten verbreitete es sich iiber Alexandrien und Tunis 

langs der Nordkuste von Afrika bis zum aufiersten Westen. So unter- 
warf es sich in fiinf Jahren das ganze Romerreich und die Lander der 
Barbaren bis zu den Grenzen der Erde. 

Es fing immer von den Kustenstrichen an, um von da in das Binnen- 
land zu schleichen. Dabei riickte es planmafiig vor und bedurfte uberall 
einer gewissen Zahl von Tagen, um sich zu verbreiten. Es wahrte uberall 
zwei bis vier Monate. Keinen Ort befiel es aufier der Reihe, als ob es 
fiirchtete, unklugerweise einen Winkel der Erde oder eine Zufluchts- 
statte der Menschen zu iiberschlagen, und so kam es allmahlich bis an 
die Grenzen der Erde. Es vergaU keine Insel, keine Hohle und keinen 
bewohnten Berggipfel. Hatte es einmal einen Ort iibersprungen, wo es 
niemanden angefafit oder sich nur leicht angemeldet hatte, so kam es, 
ohne die schon befallenen Orte nochmals heimzusuchen, zuriick und wich 
nicht eher, als bis es diejenige Zahl von Leichen gesammelt hatte, die 
ihm nach der Starke seines Wiitens in der Umgebung zuzukommen 
schien. Vielfach wiederholte es in funfzehnjahrigen Gangen seine Aus- 



Die grofie Pest des secbsten Jabrhunderts nacb Christus. 27 

bruche. Euagbius, der diesen Bericht gibt, erlebte in Antiochia vier 
solcher Zeiten und sah das Ubel jedesmal im zweiten Jahre der fiinf- 
zehnjahrigen Indiktion am heftigsten wiiten. 

Der Ausbruch der Seuche hielt sich an keine bestimmte Jahreszeit. 
Einige Orte iiberfiel sie mit dem Beginn des Winters, andere am Ende 
des Fruhjahrs, andere im Sommer, andere im Spatherbst. Die Verbreitung 
der Krankheit war verscbieden. Sie teilte sich, wie Euagbius sah, leicht 
den Gesunden mit, welche mit den Kranken zusammenwohnten oder 
welche Kranke beriihrt oder ihre Hauser betreten hatten. Andere warden 
auf dem Markt ergnffen. Manche, die aus verseuchten Stadten flohen, 
blieben gesnnd, brachten aber das Ubel in bisher verschonte Orte. Um- 
gekehrt erkrankten andere Leute, die aus verseuchten Orten in gesunde 
Gegenden flohen, hier, ohne das Ubel anderen mitzuteilen. Viele wurden 
nicht ergriffen, wie sehr sie sich auch jedem Verkehr mit Kranken und 
Leichen aussetzen mochten und sogar die Ansteckung und den Tod auf 
jede Weise suchten, weil der Verlust ihrer Kinder oder Angehorigen 
ihnen das Leben verbittert hatte. 

In Antiochia, wo die Seuche sechzig Jahre hindurch sich zeigte, 
boten die Kranken verschiedene Krankheitsbilder dar. Bei Einigen be- 
gann es im Kopf, machte blutunterlaufene Augen und Anschwellung 
des Gesichtes und totete jeden, den es befallen hatte. Bei Anderen ent- 
stand ein DurchfsdL Bei Anderen kamen Beulen in den Leisten mit 
einem gefahrlichen Fieber, das die meisten Kranken am zweiten oder 
dritten Tage hinraffte, entweder bei vollem BewuBtsein oder nachdem 
sie den Verstand verloren hatten. Manche starben viele Tage spater. 
Bei Vielen brachen Karfunkel hervor, die sehr todlich waren. Wer den 
dritten Krankheitstag iiberstand, hatte Hoffnung auf Genesung. Mehrere 
starben in einem neuen Anfall, nachdem sie einmal oder zweimal das 
Ubel iiberwunden hatten. Bei ihrer Wiederkehr verschonte die Seuche 
gewohnlich die friiher Ergriffenen und von ihr Genesenen. 

In Byzanz, wohin die Seuche im Fruhjahr 542 auf Kornschiffen 
von Agypten her gekommen war, war das Bild der Krankheit im wesent- 
lichen dasselbe. Viele Leute fuhlten, ehe sie erkrankten, einen Schlag 
oder Stich, den ihnen ein Gespenst unter irgendeiner menschlichen 
Gestalt versetzte. Sobald sie das Gespenst gesehen hatten, war die 
Krankheit da. Anfanglich suchten solche, denen es begegnete, durch An- 
rufung der hochheiligen Namen und durch eine sorgfaltige Aussohnung 
mit Gott das Ubel abzuwenden. Aber vergeblich. Denn sogar die Meisten, 
welche in die Kirchen geflohen waren, wurden hier vom Verderben er- 
eilt. Manche schlossen sich dann in ihre Hauser ein und liefien sogar 
ihre Freunde, die sie besuchen wollten, nicht hinein. Wenn diese dann 
drau£en mit Klopfen anhielten, so taten sie, als ob sie es nicht horten; 



28 2. Periode. 

denn sie furchteten, daU der Rufer ein Gespenst sei. Wieder Andere 
sahen die Gespenster im Traume oder sie horten eine Stimme, die sie 
zum Tode weihte. Die Meisten aber erkrankten, ohne dafi ihnen solche 
Schrecken im Wachen oder im Schlafe begegnet waren. Sie wurden 
plotzlich, beim Erwachen aus der Nachtrube oder auf einem Gange oder 
bei ihrem Geschafte von Fieber ergriffen. Dabei war die auBere Warme 
nicht erhobt, auch bestand keine Entziindung, sondern vom Morgen bis 
zum Abend war das Fieber so gelinde, daU weder der Kranke, noch 
selbst der Arzt, der den Puis fiiblte, die Gefalir abnten. Dann kam am 
ersten oder zweiten Tage, bei Einigen erst spater, eine Driisengeschwulst, 
entweder in der Weichengegend oder in der Achsel oder in der Ohr- 
gegend oder an anderen Korperstellen. Soweit war die Krankheit bei 
fast Allen gleich. Im iibrigen zeigte sie groBe Verschiedenheiten. Einige 
lagen in tiefem Todesschlaf, Andere wurden von heftiger Aufregung um- 
hergetrieben. Beide litten nach ihrer Art. Jene schienen immer zu 
schlafen, ohne ein Bewufltsein von den Dingen umher zu haben. Pflegte 
sie jemand, so nahmen sie zuweilen Speise zu sich; war niemand da, der 
sich um sie kiimmerte, so verhungerten sie. Die Rasenden aber, von 
ihren Voi'steUungen getrieben, waren sehr unruhig; sie sahen Morder vor 
sich und versuchten mit fiirchterlichem Geschrei zu entfliehen. Hire 
Warter batten eine harte Arbeit, so daU man sie nicht weniger bedauerte 
als die Kranken selbst, doch nur, well sie dadurch sehr erschopft wurden, 
nicht well sie sich der Gefahr der Ansteckung aussetzten; denn weder 
Arzt noch Nichtarzt, weder Krankenpfleger noch Totengraber hat sich 
durch die Benihrung der Kranken angesteckt, da Viele, die sogar ihre 
kranken Freunde pflegten oder begruben, hierbei wider Erwarten gesund 
blieben, wahrend hingegen Andere ohne Veranlassung von der Krankheit 
ergriffen und sogleich hingerafft wurden. 

Immer wieder muBten die Warter diejenigen, welche aus dem Bette 
fielen und sich auf der Erde walzten, ins Bett zuriickbringen und die, 
welche sich vom Dach hinabstiirzen woUten, gewaltsam zuriickhalten. 
Kamen die Ejranken an ein Wasser, so brannten sie vor Begierde, sich 
hineinzusturzen, nicht aus Durst — denn viele liefen zum Meer — son- 
dern nur vom Wahnsinn getrieben. Dieselbe Mtihe batten die Pfleger 
wegen der Speisung, die nicht leicht beizubringen war. Nicht Wenige, 
die ohne Pflege waren, kamen um ihr Leben durch Hunger oder durch 
einen jahen Sturz. 

Solchen, die weder von Schlafsucht noch von Tobsucht befallen 
waren, wurden die Driisenbeulen brandig, und sie starben aus iibermaBigem 
Schmerz. Manche aber fiihlten den Schmerz in ihrer Betaubung nicht. 
Die Einen starben schnell, Andere viele Tage spater. Bei Einzelnen ent- 
standen am ganzen Korpcr schwarze linsengroBe Flecken. Diese liber- 



Die grofic Pest des sechsten Jahrhunderts nach Christus. 29 

lebten nicht den Tag, sondern starben alsbald. Viele starben unter 
blutigem Auswurf rasch weg. 

In der Vorhersage des Ausganges irrten sich die gelehrt^sten Arzte. 
Manche, denen sie ein sicheres Ende verkiindigt batten, erholten sich, 
nnd Viele, deren Znstand keine Besorgnis erregte, starben schnell. Darum 
war in dieser Krankheit keine vernunftgemaCe natiirliche Ursache zu 
finden; denn alle erfuhren einen Ausgang, der nicht vorherzusehen war. 
Wenn dem Einen das Bad niitzte, so schadete es dem Anderen. Viele 
starben aus Mangel an Pflege; aber Viele blieben auch ohne Pflege am 
Leben. Pflege bekam hier gut, dort schlecht. Das Erkranken schien 
ohne Ui*sache, der Ausgang vom Zufalle abhangig zu sein. 

Allen Schwangeren, die von dem Ubel ergriffen wiu'den, stand ein 
sicherer Tod bevor; die einen kamen vorzeitig nieder, die anderen ge- 
baren zur richtigen Zeit; alle aber starben sofort, nachdem sie die Frucht 
verloren hatten. Nur von drei Wdchnerinnen horte Pbocopius, daB sie 
mit dem Leben davonkamen, und von ein em Neugeborenen, daU er am 
Leben geblieben sei, nachdem die Matter gestorben war. 

Wenn der Bubo anschwoll und vereiterte, so trat Genesung ein; die 
Erfahrung hat dies als ein ziemlich sicheres Zeichen der Rettung fest- 
gestellt. Blieb aber die Beule unverandert, so kam es zu einem iiblen 
Ausgang. Bei Einigen verdorrte der Schenkel. Andere starben zwar 
nicht, aber sie behielten einen Fehler der Zunge, so dalJ sie zeitlebens 
stammelten oder nur schwer und undeutlich redeten. 

Einige Arzte untersuchten die Leichen und offneten die Driisen- 
beulen, die sie fiir den Hauptsitz der Krankheit hielten; sie fanden darin 
eine schlimme Verschwarung. 

Die Seuche dauerte in Konstantinopel vier Monate lang, bis zum 
Nachsommer. Die Sterblichkeit war ungeheuer. Anfangs starben nui 
wenige iiber die gewohnliche Zahl, allmahlich aber wuchs die Zahl der 
Leichen auf 500 fiir jeden Tag, bald auf 10000 und mehr. Zuerst be- 
grub ein Jeder seine Toten ; bald brachte man sie heimlich und gewaltsam 
in fremde Begrabnisstatten; hernach ging alles durcheinander. Knechte 
verloren ihre Herren, Reiche ihre Dienstleute, so dafi endlich die Leichen, 
weil es uberall an Ordnung und Hilfe fehlte, viele Tage unbeerdigt 
blieben, wie sehr auch der Kaiser fiir die Beerdigung der Armen sorgen 
liefi. Als alle Graber und Grabkeller voU Leichen waren, begrub man 
sie auf den umliegenden Ackern, wo man konnte, und als auch hier kein 
Platz mehr war, hob man von den Tiirmen der Sykaischen Mauern die 
Dacher ab und fiillte sie mit Leichen und deckte sie wieder zu. Der 
Verwesungsgestank, den von hier aus der Wind zur Stadt wehte, war 
furchtbar und den Einwohnern von Tag zu Tag beschwerlicher. 

Kirchliche Begrabnisse fanden nicht melir statt. Ohne Begleitung 



30 2. Periode. 

und ohne Sterbegesange trug man die Leichen hinaus. Oft wnrden sie 
haufenweise auf Lastschiffe gebracht und in das Meer geworfen, wo es 
sich gerade traf. Der Hader der Parteien schwieg; alle vereinigten sich 
in der Wegschaffung der Toten. 

Wolliistlinge und Lasterhafte erfiillten ihre religiosen Pflichten, nicht 
als ob sie plotzlich keusch und tugendhaft geworden waren, sondern 
weil sie den Tod fiirchteten. Sobald sie die Gefahr fern sahen, wurden 
sie ausgelassener als je und uberboten sich in Lastern aller Art, und 
diese herrschten bald so vor, als ob der Zufall oder die Vorsehung mit 
sorgfaltiger Wahl in dieser Pest die Lasterhaften aufgespart hatte. 

Der Schrecken in Konstantinopel wurde aufs Hochste gesteigert 
durch eine furchtbare Erderschutterung, die am 16. August die Stadt 
zum Teil in Trummer legte. Schon vorher batten sich die Qualen der 
Hungersnot geltend gemacht, die bald liberall, wo die Pest ihre Ver- 
heerungen geubt hatte, herrschte, weil es an Menschen fehlte, die Acker 
zu bebauen oder die Friichte einzuholen. 

So genaue Nachrichten, wie sie Euagbiijs uber die Pest in Antiochia 
und Peocopius uber die Pest in Konstantinopel gegeben haben, besitzen 
wir fiir andere Orte nicht; immerhin zeigen die sparlichen Berichte aus 
den iibrigen Landern deutlich genug, dafl das Elend dort nicht anders 
und nicht geringer war. 

Uber den Verlauf der Pandemic in Europa laflt sich folgendes zu- 
sammenstellen: Seitdem die Seuche zum ersten Male im Jahre 531 sich 
in Konstantinopel eingeschlichen hatte, war sie nie ganz erloschen ge- 
wesen, sondern, wie Agathias berichtet, immer wieder von einem Oit 
zum anderen gezogen und dann nach der Hauptstadt zuriickgekehrt. 
Als sie im VorfriihUng 542 aufs neue hierher kam, diesmal, wie erwahnt, 
auf Komschiffen von Agypten her, entwickelte die Ovfjcic dTr6 Poupdvuuv 
zum ersten Male ihre voile Wut in Konstantinopel (Malalas, Euagmtis, 
543 Pbocopius). Im nachsten Jahre brach sie nicht weniger verheerend aus. 

Konstan- -p^j, Kaiser lieB tausend neue Tragbahren anfertigen und viele Karren 
und Maultiere bereithalten, um die Leichen aus der Stadt zu schaffen. 
Im gleichen Jahre uberzog die Pest Thrazien, wo ein Meeresaustritt weite 
Uberschwemmungen gemacht hatte. Ebenfalls im Jahre 543 herrschte 
sie in Italien. 543 und 544 uberzog die Lues inguinaria von der Rhone- 
miindung aus die Provence, drang bis Clermont vor und eroberte das 

546 Rhein alte Gallien (Gregob von Tours). 546 verwiistete sie die Rheinlande, 
besonders das linke Rheinufer in der Gegend von Bingen und Mainz. 

550 Nord- Von hier aus ging sie weiter nach Rheims. Im Jahre 550 herrschte das 

^^^^^^^^^^ Inguifinrimn in Soissonnais; es schlug jeden Menschen, Arme und Reiche, 
und totete fast alle Ergriffenen. Die Wenigen, welche genasen, blieben 
lange Zeit schwach, abgezehrt-, blau. Das Ubel war so ansteckend, dafi 



Die grofie Pest des seclisten Jahrhunderts nach Christus. 31 

man bald nicht mehr wagte, die Toten, die sich in den Straflen der Vor- 
stadte von Soissons anhauften, wegzutragen. Das Volk schrieb die Ent- 
stehnng der Senche dem gewtJttatigen Vorgehen des Merowingerkonigs 
Chlotar zu^ der den tugendreichen Bischof Bandered eigemnachtig abge- 
setzt hatte^ und schrie laut nacb der Wiedereinsetzung des Bischofs. 
Schon wollte es Gewalt brauchen, als Chlotar nachgab. Sofort mit der 
Ruckkehr des Bischofs horte die Pest auf (Vita Sancti Banderidi^ Acta 
Sanctobum). 

Im Jahre 552 wiitete die Seuche unter den Alamannen. Es ent- 552 Stid- 
standen in den Leisten und an anderen zarten Stellen Driisen von NulJ- <^®^^8^^" 

land 

grofle, denen ein Fieber mit unertraglicher Hitze folgte. Hatte Einer den 
dritten Tag tiberlebt, so durfte er auf Genesung hoffen. Es hieU, daB 
man durch Flucht dem Ubel entgehen konne. Endlich lagen die Hauser 
verlassen, das Yieh war auf den Weiden allein; iiberall lagen unbeerdigte 
Menschenleichen. Das Sterben drang bis zu den Grenzen der Alamannen 
und Bajuvarier vor. UberaU war nichts als Trauer und Tranen. Ganze 
Stadte warden durch die allgemeine Elucht der Bewohner entvolkert. 
Die heiligsten Bande der ITatur waren zerrissen. Das ganze Land glich 
einer Ode, und die menschlichen Wohnungen wurden Zufluchtsstatten 
wilder Tiere (Paulus Wabnbfbibd). 

Inzwischen hatte die Pest 547 in Byzanz einen neuen Ausbruch ge- 
macht (Agathias). 

Einen zweiten Zug begann die Seuche im Jahre 558 von Konstan- 558 
tinopel aus. Die Stadt war kurz vorher, im Dezember 557 — seit dem ^?"«**J^- 
Jahre 542 zum dritten Male — durch ein schreckliches Erdbeben, das 
zehn Tage andauerte, in Triimmer gelegt worden und hatte noch ein 
Jahr friiher wiederum einen neuen Kometen gesehen. Im Januar 558 
kamen Ziige der Avaren aus Skythien und Mosien hieher. Bald darauf, 
im Februar, brach die Pest aus, die sechs Monate lang, bis zum Hoch- 
sommer, mit ungeheurer Wut herrschte. Viele wurden plotzlich weg- 
gerafft, wie von einem schweren Schlagflufi hingestreckt. Aber auch die, 
welche der Kraft der Krankheit am langsten widerstanden, iiberlebten 
nicht den funften Tag. Sonst verhielt sich die Krankheit wie im Jahre 
547. Sie auBerte sich in andauerndem Fieber mit Driisenbeulen; das 
Fieber fiel erst mit dem Tode des Ergriffenen ab. Am meisten starben 
JungUnge und Erwachsene. Wiewohl der Kaiser viele neue Totenbahren 
herstellen Uefl, blieben dennoch die meisten Leichen bis zum sechsten 
Tage unbeerdigt liegen (Malalas, Agathias, Cedrenus). 

558 bis 572 herrschte die Bubonenseuche in ItaUen. Im Jahre 561 558 
trat sie im Gebiet von Trier auf (Gregob von Toubs). Ravenna und ^^?"' 
Istrien litten in demselben Jahre; Glandulae, heftiges Fieber und der lande 
Tod binnen drei Tagen waren die Zeiclien der Seuche (Paulus Diaconus). 



32 2. Periode. 

566 Venetien, die Lombardei und Ligurien werden 564 und 565 verwiistet. 
j.gj^j^' Im folgenden Jahre herrschte die Pest in Frankreich. Sie richtete, er- 
zahlt Gbegok von Toubs, eine solche Verheerung unter dem Volke an, 
dafi die Zalil der Tausende, die starben, nicht angegeben werden kann. 
Bald fehlte es an Sargen und Brettem, so dafl man die Leichen in 
Gniben warf, oft zehn und mehr beieinander. Der Tod iiberfiel die 
Menschen plotzlich. Sie wurden, nachdem in der Weiche oder in der 
Achsel eine Geschwulst wie von einem Schlangenbili entstanden war, so 
rascli vom Gift ergriffen, dafi sie schon am zweiten oder am dritten Tage 
verschieden. Die Kraft des Gift«s raubte den Befallenen die Besinnung. 
Noch im Jahre 570 litt Frankreich unt^r der Seuche, und 571 starben 
viele Menschen in der Auvergne mit Achselbubonen oder Leistenbubonen 
binnen zwei und drei Tagen oder spater. 

579 579 oder 580 brachten die Langobarden Hunger und Peststerben, 

* ^®^ Mortalitas et pestiSy nach Italien (Hbrmannus Contractus, Sigefridis 
MiSNENsis, Mabiantjs Scotuk). 

582 582 war der Morbus inguinarius wieder in Gallien, besonders in Nar- 

re^cli' bonne (Gbegor von Tours; Thomas). 584 ist sie im Westgotenreich und 
in Spanien; 587 und 588 in Marseille und an der unteren Rhone, in 
Aries, Lyon, Narbonne, Avignon, Bourges, Chalon, Dijon, Albi, Treves, 
Viviers. In Viviers wurden an einem Tage mehr als 300 Leichen in 
einer einzigen Kirche zu Grabe getragen. Den Ziindstoff, morhi fofnes, 
hatte ein Handelsschiff aus Spanien zum Hafen von Marseille gebracht. 
Viele Burger aus der Stadt kauften Waren von dem Schiff. Dabei ging 
die Ansteckung, contagium, auf eine Familie von acht Kopfen iiber, die 
rasfch starben, so dafi das Haus leer stand. Aber der Seuchenbrand 
breitete sich nicht sofort iiber die anderen Hauser aus, sondem es ver- 
strich zuerst eine gewisse Zeit, und dann loderte er wie eine Flamme in 
der Saat iiber die ganze Stadt und verwiistete sie voUig. Viel Volk war 
beim Wuten der Seuche geflohen und kehrte erst wieder, als diese zwei 
Monate lang aufgehort hatte. Sofort brach das Ubel aufs neue aus und 
totete die Zuriickgekehrten. So hat sich das Sterben in Marseille wieder- 
holt erneuert. (Gbegor von Tours.) 

589 Im September des fo]g(^ndon Jahres begann die chtde^ inguinaria, 

pestis inguinaria aposfenia sive ivflatura in inguine (Sigfrid von Melszen 
setzt sie irrig in das Jahr 581) in Rom zu herrschen, nachdem die Tiber 
hinab eine Menge von Kriechtieren (serpentes) mit einem balkengroCen 
Drachen geschwommen, im Meer verendet und an das Ufer gespiilt 
worden waren. Viele sahen, wie Pfeile vom Himmel flogen und die 
Menschen durchbohrt^n. Von den zahlreidien Opfern der Pest war eines 
der ersten der Papst Pelagius. Wahrend einer Prozession, die zur Ab- 
wehr der Seuche gehalten wurde, beliel zahlreiche Menschen ein plotz- 



Die groBe Pest des sechsten Jahrhunderts nach Christus. 



33 



liches Niesen und Gahnen, wobei sofort achtzig tot Mnstiirzten. Ans 
dieser Pest soil der Gnifi beim Niesen: Gott segne dich! und das Be- 
kreuzen des Mundes beim Gahnen herriiliren (Gbbgoe Tubonensis, Hee- 

MANNUS CONTBACTUS, SiGEFBIDUS MiSNBNSIs). — Auch in VivierS und Siid- 

Avignon und in der Provinz von Marseille wiitete die Beulenpest wieder, f^ankreich 
nachdem ein heftiges Erdbeben und starke Regengiisse voraufgegangen 
waren (Gbbgob von Totjbs). 

591 herrschte sie in der Bretagne, in der Touraine, im Vivaraiso9l Nord- 
und Arragonais; zugleicb in Istrien und in Ravenna, hier bis 595 (Patjlus 

DiACONUS). 

594 war die Pest in Mittel- und Oberitalien; zugleich machte sie 
ihren letzten Ausbruch in Antiochia (Eusbbius). 

Damit batten die groBen Ziige der Pest des Justinian ein Ende. 
Den Menschenverlust, den sie dem byzantinischen Reich zugefugt hat, 
schatzt PBOCOPros schon im Jahre 565 auf die Halfte der Bewohner. 
Gibbon halt eine runde Zahl von hundert Millionen Leichen wahrend 
der ganzen Periode keineswegs fiir iibertrieben. 



frankreich 



594 
Italien, 
Syrien 



Nach der groflen Pandemie des sechsten Jahrhunderts werden im 
Morgenland und im Abendland wahrend der folgenden Jahrhunderte 
eine Reihe zusammenhangloser Pestausbriiche von kleinerer oder groflerer 
Ausdehnung verzeichnet. Es diirfte kaum zu entscheiden sein, ob es sich 
dabei um beschrankte Epidemien aus zuriickgelassenen glimmenden Her- 
den gehandelt hat oder um zerstreute Einschleppungen aus einem ge- 
meinsamen Urherde oder um Symptome einer weiten endemischen Herr- 
schaft der Pest, also um periodische Steigerungen eines alltaglichen Ubels, 
das den Chronisten und Arzten nur dann der Erwahnung wert erschien, 
wenn es sich iiber seine gewdhnlichen Wirkungen erhob. Sicher ist, dafi 
das Bild der Beulenpest fiir die Folge allgemein bekannt ist und hoch- 
stens von einzelnen Theoretikern mit anderen Seuchen zusammengeworfen 
oder verwechselt wird. 

591) pestis inguinaria in Ravenna (Paulus Diagonus); clades glando- 
laria in Marseille und in der ganzen Provence. 

600 clades glandolaria im ganzen ostromischen Reich, in Syrien, 
Persien und Mittelasien (Hjlrmannus Contbactus). 

608 Driisenpest in Rom. 

615 heftiges Erdbeben und Pest in Rom (Papon). 

618 in Deutschland (Papon). 

628 in Syrien und Irak (A. von Kbembb). 

638 und 639 Syrien und Irak (von Kbembb), besonders in Medina. 
Die Araber nennen das Jahr 639 das Jahr der Zerstorung; sie brachten 
um diese Zeit unter Omar die Pocken nach Agj^pten (Wbbstbb). 

sticker, Abtaandlnngen I. Geschichte der Pest. 3 



599 

Mittel- 

meer- 

kUsten 

Asien 



Italien 



628 

* 

Syrien 



34 2. Periode. 

Um die Mitte des siebenten Jahrhunderts schreibt Paulus von Agina 
eine Abhandlung iiber die Pest: Die Bubonen, welche nach Verletzungen 
oder nach Geschwiiren oder Sclimerzen entstehen, sind gefalirlos; die 
aber auf ein seuchenhaft auftretendes Fieber folgen, sind hochst gefahr- 
lich, mogen sie nun am Schenkel oder unter den Achseln oder am Halse 
ausbrechen. 
664—684 Im Jahre 664 brach in England eine Senche aus, die in Sage und 

p St '* Schrift noch lange hemach als das groJJe Sterben zu Cadwalladers 
England Zeiten Schrecken erregt hat. Sie entvolkerte zuerst die Sudkiisten Eng- 
lands, ging dann anf die Provinz Northumbria iiber, wutete hier weit 
und breit und forderte groBe Menschenopfer. Auch zu den Ostsachsen 
zog sie hiniiber. Im August 664 oder 665 kam sie nach Irland und liefi 
nur ein Drittel der Menschen iibrig. Im Kloster Rathmelsigi (Melfont in 
Meath) waren alle Monche vor dem Ubel geflohen oder daran gestorben. 
Nur ein junger Monch aus edlem englischen Geschlecht, Egbert, blieb 
iibrig und fuhrte fortan ein heihgmafiiges Leben; er starb, 90 Jahre alt, 
im Jahre 729. Wahrend der Jahre 665 bis 684 werden einzelne Xach- 
richten iiber die herumziehende Seuche in Essex, Sussex und Northum- 
bria verzeichnet. Diese wird als pestis ictericia erwahnt; ein Name, den 
'Donovan wohl mit Recht im alten humoral -pathologischen Sinne er- 
klart, als Uberflufi der gelben Galle, die den Menschen blafl macht. 
Wenigstens stimmt diese Erklarung, die Ckeighton unterstiitzt, zu der 
oben angefiihrten Bemerkung des Aretaeus iiber die Entstehung der 
Pestbubonen. Fiir den Sachverstandigen bedarf es keiner Erwahnung, 
dalJ jene yellow plague mit dem westindischen Gelbfieber nichts zu tun 
hat. — Die Verwaisung mehrerer bischoflicher Stiihle in England war 
die Veranlassung, dafi ein Presbyter Vighard nach Rom zum Papst ge- 
schickt wurde; bald nach seiner Ankunft starb er dort mit alien seinen 
Begleitern an derselben Krankheit, die in England wiitete (Beda) und 
zur gleichen Zeit in Agypten herrschte (Paulus Diaconus). 
680 Rom Im Jahre 680 wiitete wahrend der Monate Juli, August und Sep- 

tember die Pest in Rom und Pavia. Die Einwohner der Stadte flohen 
in die Berge (Sigonius). Die Seuche horte auf, als dem hi. Sebastian 
eine Earche gelobt wurde. Seitdem wird dieser Heilige als Schutzpatron 
in Pestzeiten verehrt (siehe die Jahre 824 und 1329). Dieselbe Seuche 
herrschte zu Konstantinopel wahrend des Konzils iiber den Monothele- 
tismus (Paulus Diac). 
686 ff. 686 Beulenpest in Agypten (von Krbmer). 

A^ten ggg ^ Languedoc (Thomas). 

Levante 695 in Konstantinopel. 

698 in S3rrien und Irak (von Kremeb). 
704 in Agypten (von Keemer). 



Die grofie Pest des secbsten Jahrhunderts nach Christus. 35 

706 in Syrien und Irak (von Kbemeb). 
709 in Brescia (Papon). 

716 und 717 in Konstantinopel, wo 300000 Menschen starben (Ma- 

RIANUS SCOTUS). 

717 und 719 in Syrien und Irak (von Kremer). 
734 in Irak (von Kbemeb). 

745 in Irak (von Kjbemeb). 

Im Anfang des Jahres 745 verwiistete ein schreckliches Erdbeben 
die Kiiste von Syrien. Zu Ende des Jahres verbreitete sich in Sizilien 
und Kalabrien die Pest, die von dort zum griechischen Archipel ujid 
weiter nach Konstantinopel gezogen sein soli. Hier begann sie im Friih- 
ling 746 und herrschte unter der Regierung des Leo Isauricus und Con- 
stantinus Copronimus voUe zv^ranzig Jahre. Sie trat anfangs unter dem 
Zeichen der Himwut auf, entlarvte sich aber bald als Beulenpest. Schon 
im Sommer 746 war das Sterben so grofi, daU die Leichen nicht weg- 746—766 
geschafft werden konnten und schliefilich die Stadt so verodete, daU sie ^®®* *^ 
mit Fremden bevolkert werden muBte. Das Erscheinen von olartigen Levante 
Flecken in Kreuzesgestalt auf den Kleidern der Leute, auf Kirchen- 
gewandem, an Tiiren und Torpfosten ging den Erkrankungen vorauf. 
Viele sahen auf der StraUe fremde und miUbildete Menschen, die mit 
ihnen redeten und ihnen den Tod anderer vorhersagten. Manche sahen 
solche fremden Gestalten in die Hauser eintreten, deren Biewohner dann 
erdrosselt oder erstochen geianden wurden. Das pesiilens bubanis virus 
(Theophanes) war so todlich, daU Viele, die am Morgen eine Leiche zur 
Grube getragen hatten, selbst am Abend schon tot waren. (Nicephobus, 
Cbdbentjs, Landulphus.) 

Auch in Rom war wahrend des Jahres 746 ein grofies Sterben, so 
daU manche Hauser vollig geleert wurden und eine groBe Panik entstand. 

763 Pest in Agypten (von Kbemeb). 763 

775 desgleichen. Am 14. September dieses Jahres stirbt der Kaiser 
Constantinus Copronimus auf einem Zuge gegen die Bulgaren an der 
Beulenpest. 



36 3. Periode. 



3. Periode. 

Pestepidemien im achten, neunten und zehnten 

Jahrhundert, 

In der Zeit von 775 bis 836 finde ich keine sichere Pestseuche auf- 

824 gefiihrt. Ich will abfer nicht unerwahnt lassen, dafl im Jahre 824 eine 

relch" ^^lic^® Seuche im ganzen Frankenlande begann (Paulus Diaconus) und 

dafi am 9. Dezember 826 die Reliquien des ersten christlichen Pestpatrons, 

des heiligen Sebastian, znr Abwehr dieser Seuche von Rom abgeholt und 

nach Soissons gebracht worden sind. 

In den Jahren 836, 863 und 872 werden von arabischen Chronisten 
Pestepidemien in Irak (von Keemee), fiir 882 und 883 solche in der 
Chronik von Steierraark (Peinlich) verzeichnet. 

Um das Jahr 900 erwahnt der arabische Arzt Rhaze8 (850 — 923) 
ein epidemisches Geschwiir, welches in den Leisten oder unter den 
Achseln entsteht und am vierten oder fiinften Tage totet. Ob er es 
aus eigener Anschauung oder aus der Uberlieferung des alexandrinischen 
Arztes Ahron (5. Jahrhundert) kennt, ist ungewifi. 
913 In den Jahren 913, 957 und 958 gibt es wieder Ausbriiche in Irak 

(voN KjtEMEE). Fiir das neunte, wie fiir das zehnte und elfte . Jahr- 
hundert sind die Jahrbiicher der Pest zweifellos sehr liickenhaft; nicht 
weil es an Quellen fehlt, sondern well diese darauf wenig durchforscht 
sind. Wo sie, wie fiir Arabien von von Keemee oder fiir Steiermark 
von Peinlich, griindlich benutzt wurden, da zeigt sich deutUch, daU die 
Pest wenigst^ns in Vorderasien nicht erloschen war und immer Avieder 
zeitweilige Ausbriiche nach Westen machte. Die folgende Ubersicht ist 
nur ein diirftiges Gerust fiir eine zukiinftige Pestgeschichte wahrend 
jener Jahrhunderte: 

Pest in li'ak in Steiermark an anderen Orten 

836 — ' — 

863 — — 

872 882 und 883 — 

913 — — 



Vorder- 
asien 



Pestepidemien im achten, neunten und zebnten Jahrhundert. 



37 



Pest in Irak 


in Steiermark 


957 und 968 


1006 bis 1009 


1015 




1031 im Orient 




1032 


— 


1034 


1046 bis 1049 


1056 und 1057 


1059 und 1060 


• • 

Syrien und Agypten 




1085 


1085 


— 


1120 


1097 Antiochia 


__ 



an anderen Orten 

(1008 und 1015—1021 in Amiens) 

(1016 in Prag) 

1031 Konstantinopel 

(1038 Italien) 

(1044 Frankreich) 

1056 in Mazedonien 

1083 Salerno 

1090 Magdeburg (RuCland) 

1098 Deutschland 

Zum Beweis, daU den Arabern um diese Zeit die Pest, welche sie 
Ta'tin, Beulenpest, im Gegensatz zu tvdba, Seuche, nannten, genau be- 
kannt war, geniigt es, die Beschreibung derselben von Avicenna, der 
von 980 bis 1037 in Persien gelebt hat, anzuftOiren. Vor dem Erscheinen 
der Pest, sagt der arabische Meister, sieht man die Ratten und andere 
unterirdisclie Tiere auf die Oberflache kommen und sich wie betrunken 
gebarden. Wahrend der Seuche und in den verseuchten Gegenden tritt 
die Pestbeule auf; sie erscheint in den Leisten, unter den Achseln und 
hinter den Ohren. Die Beule, die anfangs rot ist und spater gelb wird, 
hat einen guten Verlauf ; die schwarze ist todlich, weil sie durch die 
Adern auf das Herz wirkt, Erbrechen und BewulJtlosigkeit hervorbringt. 
(Canon, lib. 4.) 

Es ist moglich, dalJ in der vorstehenden Ubersicht die eine oder 
andere Seuche keine echte Pest gewesen ist. So wird die Seuche in 
Amiens von 1008 und 1015 bis 1021 nur wegen der groBen Sterblich- 
keit (Dubois), die Epidemie des Jahres 1016 in Prag nur wegen der Zeit 
ihres Wiitens, von Februar bis September, und wegen des gewaltigen 
Sterbens, das blofl ein Zehntel der Bewohner iibriglieU, als Pest ange- 
sprochen (Lupacz bei Schnubber). Ich fiihre sie aber an, weil sie zeit- 
lich mit sicheren Pestgangen zusammenfallen. Jedenfalls kann fiir die 
meisten Ausbriiche kein Zweifel erhoben werden. 

Die Pest des Jahres 1031 begann in Indien, verheerte die Provinzen io31 
Ghazna, Ohorassan, Armenien und drang im folgenden Jahre bis Klein- Pestzug 
asien und Syrien und bis Konstantinopel vor (Deguignes, von Keemeb). Byzanz^^ 

Im Sommer des Jahres 1038 brach eine verheerende Seuche unter 
dem kaiserlichen Heer in Italien aus; Konrad II. brachte mit dem Rest 
seiner Truppen die Seuche nach Deutschland, sie verwiistete besonders 
Bayern (A vent Chronik bei Schnxjreer). 

1044 war in Frankreich ein grofies Sterben, das ganze Flecken und 
Dorfer entvolkerte; die Menschen flohen vor der Ansteckung (Her- 

MA2fNTJ8 CONTEACT.). 



38 3. Periode. Festepidemien im achten, neunten und zchnten Jahrhundert. 

1083 herrschte im Kloster La Cava bei Salerno ein bosartiges Fieber 
mit Parotideii und Petechien (db Renzi). 

^IsLgde- 1090 Pestilentia inguinaria in Magdeburg (Monumenta German: VIL). 

p^B^^H Im selben Jahre groBes Sterben in RuBland (Richtbb). 
1097 1097. Unter den Ki'euzfahrem in Antiochia starben vom September 

Levante bis zum 24. November 200000 Mann (Raimond de Giles) oder 100000 
(Albert von Aix bei Schnurbee). Ein deutsches Heer von 1500 Mann, 
das zur See in Palastina ankommt, wird alsbald nach der Landung yon 
der Ansteckung ergriffen und vernichtet. Riickkehrende Kreuzfahrer 
bringen im Jahre 1098 das Kontagium nach Deutschland. Zweifel daran, 
r fs^^' ^ ob die in Rede stehende Seuche die Bubonenpest oder eine andere Kon- 
tagion gewesen sei, werden durch den Nachweis behoben, dafi von den 

Spanien Kreuzfahrem auch nach Spanien eine ansteckende Seuche mitgebracht 
wurde, die man in Katalonien und in ^ndalusien glanola, in Kastilien 
landre nannte; beide Worter sind gleichbedeutend mit gland ula (Bofa- 
KULL T Beoca). 






4. Periode. Pestepidemien im zwSlften und dreizehnten Jahrhiindert. 39 



4. Periode. 
Pestepidemien im zwOlften und dreizehnten Jahrhundert. 

Vom Jahre 1098 bis zum Jahre 1128 fehlt jegliche Nachricht von 
der Pest. 

Im September des Jahres 1128 tritt zugleicb mit dem Mai des ardentsli28 Pest 
(Pestis igneus, Morbus cancri) d. h. Mutterkornbrand in Soissons die Pestis ^^ "?^^-^l 
suhita auf. An einem Tage starben 300 Menschen in der Stadt; die Leute 
flohen einander; die Familien waren aufgelost. Die Seuche endete im 
anderen Jahre mit dem Vergehen der Winterkalte. An anderen Orten 
Frankreichs nannte man sie Inguinarium (Flettey). 

1154 und 1156 Pest in Bohmen (Peinlich). ^\?5^ 

1157 herrscht die Bubonenpest zwischen Hedschas und Yemen in ^^^-y 
Arabien und verbreitete sich nach Syrien und Agypten (Sojuty bei Arabian 
VON Kremeb). 

Wiederum wutete sie in Arabien im Jahre 1163 (von Keemeb). Im 
selben J^dire .i^blT sie in Mailand, in der Normandie und in Aquitanien 
geherrscKt taben (Schntjbreb, ohne Quelle). 

1167 war sie in ItaUen und im Gebiet von Toulouse (Cayla), 1168 1167 

in Bohmen (Peinlich). P^ro!?nce 

1179 neuer Ausbruch in Arabien (von Keemer). und 

1185 bis 1187 in Bohmen (Peinlich). ^^^"'^'^ 

1201 trat in Agypten, nachdem zwei Jahre zuvor die Nilschwelle 1201 
ausgeblieben und im letzten Jahre nur eine kurze Flut gewesen war, .P®st in 
eine groBe Hungersnot ein und im AnschluB daran nach dem Riickgang syrien ' 
der diesjahrigen Niliiberschwemmung eine verheerende Seuche, welche ^^<l M®so- 
vornehmlich diejenigen ergriff, die mit der Bearbeitung des Bodens be- 
schaftigt waren. Sie forderte in Kairo allein 111000 Opfer, wiitete nicht 
weniger in Damiette, Kous und Alexandria und soil in ganz Agypten 
liber eine Million Menschen getotet haben. Die Leichname trieben zu 
Tausenden den Nil hinunter. Die Seuche verbreitete sich iiber Syrien 
bis zum Orontes und zum Euphrat (Abd-Allatie). 



40 



4. Periode. 



1229 war auf Majorka unter den Armen und Reichen ein groBes 
Sterben, welches Villalba als Pest erklart (vgl. das Jalir 1474). 

Die weiteren Ausbruche im dreizelinten Jahrhundert iiberblickt man 
in der folgenden Tabelle, die nach den Arbeiten von von Kbemeb fur 
Irak und Agypten, von Peinlich fiir Steiermark und die angrenzenden 
Lander, von Schbeibeb und von Doebeck fiir Rufiland zusammenge- 
stellt ist: 



Pest in Agypten 


Pest in Steiermark 


Sterben in Rnfiland 


— 




— 


1230 


1236 




— 


1237 


1249 






1251 


1258 Ag. und 


Syrien 


1259 St. und Ungarn 




1273 und 1 


1274 


1271 Osterreich 




— 




1274 


1278 






1281 und 1282 








1283 Bohmen 


1283 und 1284 


— 






1286 


1295 




— 




1296 




• 


1308 und 1309 






1311 


1318 









1321 


^_ 




1342 


1341 



Das groBe Sterben in Rufiland vom Jalire 1230 nahm in Smolensk 
32000 Menschen weg. 

Im Jalire 1249 wurde das franzosische Heer Ludwigs des Heiligen 
auf dem Zug von Damiette nach Kairo von der Pest aufgerieben, nach- 
dem schon zuvor der Skorbut es verwiistet hatte. 

1258 war die Pest aufier in Agypten und Syrien audi im Langue- 
doc (Cayla). ^, , 

1283 und 1284 verheerte die Seuche, die in Rufiland wiitete, gleich- 
zeitig Polen und die Tataren der goldenen Horde. Im Jahre 1286 wurden 
die Tataren der Brunnenvergiftung angeklagt, als die Seuche aufs neue 
ausbrach. (Dorbeck.) 

1312 starben zu Holin in Zentralasien an der „Pest" 3000 Menschen 
(Cabl Rittek). 

In den Jahren 1313 bis 1316 herrschte neben grofier Hungersnot 
iiberall in Deutschland, Brabant und England eine Seuche, welche viele 
Menschen am ersten Tage, die meisten am dritten Tage, die anderen 
spatestens am sechsten Tage totete. Die Chroniken geben ungeheure 
Menschenverluste an. Ob es sich um Pest handelte, ist nicht sicher zu 
entscheiden. (Scitnurreb, Lersch.) 



Pestepidemien im z wolf ten und dreizehnten Jabrhundert. 41 

Eine sichere Bubonenpest verheerte in der Zeit von 1325 bis 1351 1325—51 
Vorderindien. Die Armee des Mohamed Tiglak ging in Malabar daran ^^^^^^ 
zugrunde. Der arabische Reisende Ibn Batuta aus Tanger, der davon indien 
berichtet, erkrankte selbst an der Pest in Muttra, der Hauptstadt Tiglaks, 
im Jahre 1332. (Ibn Batuta.) ^,. ,. .. , . , j, ♦ 

Das Jakr 1329 brachte die Beulenpesfiiber Italien. Was wir davon 1329 
wissen, bezieht sich auf die Lebensgeschichte des hi. Rochus, der in^^ 
Aquapedente, Cesena, Rimini, Rom nsw. die Kranken pflegte und 1332 
selbst in Piacenza an der Pest erkrankte. Sein Name ist dem katho- 
lischen Volk in Pestseuchen heilig. Fiir die Pestgeschichte hat er die 
Bedeutung, daJJ iiberall, wo man seinen Namen, sein Bild und Weihe- 
geschenke fiir ihn findet, an Pestlaufe zu denken ist. Genaueres iiber / ^' i; 
ihn, wie iiber den anderen grofien Schutzpatron in der Pest, den hi. Se- 
bastian (vgl. das Jahr 680), findet man im zweiten Teil dieses Buches. — .. 
Ebenfalls im Jahre 1329 herrschte eine Pestseuche im Languedoc, von ' ' ' . i 

welcher Pierre Bardin einen sagenhaften Bericht gibt: Am Karsamstag sad- 
dieses Jahres erschreckte ein boser Komet und eine Erderschutterung die ^rankreich 
Menschen in Siidfrankreich, und besonders in Toulouse. Sie horten und 
lasen folgende Worte: Seufzet und biiUet, denn der grolJe Tag, der furcht- 
bare Tag nahet! Der Komet zeigte sich achtunddreiGig Nachte hinter- 
einander und strahlte von zehn Uhr abends bis zum Morgen. Mit dem 
Herannahen des Herbstes kam eine Seuche und wiirgte mehrere tausend 
Einwohner von Toulouse und verbreitete sich von hier schnell durch die ^ / 
ganze Provence. Die Befallenen fiihlten zuerst ein kleines schleichendes ' '' 

Fieber; dann spien sie Blut drei Tage lang und gaben am vierten Tage -^;'// / / 
dten Geist auf. Die Kunst der Arzte war ohnmachtig. Alle, die von der '-' V 

Ansteckung ergriffen waren, starben ohne Ausnahme. (Cayla). 



42 5. Periode. 



u 



5. Periode. 
Die Pestpandemie des vierzehnten Jahrhunderts. 

Die Nachricht von der Pest in Muttra, siidlicli vom oberen Ganges- 
lauf, in der NShe des heutigen Agra, gelangte nach Europa erst, als Ibn 
Batuta, der Bach seiner Genesung von einem Anfall des Ubels noch fast 
zwanzig Jahre weiter gewandert war, endlich in die Heimat zuriickkehrte. 
Inzwischen waren hier furchtbare Ereignisse voriibergegangen. Dem Ur- 
1332—51 sprungsort derselben war Ibn Batuta im Jahre 1332 in Muttra nahe ge- 
VordeT- ^esen. .Das Quellgebiet des Granges in den heutigen Provinzen Q-arwal 
indien und Kamaon am Siidabhange des Himalaya, mulJ nach allem, was wir 
wissen, das Ursprungsgebiet der Pest gewesen sein, die nach jenem 
Jahr ganz Indien und besonders die Malabarkiiste verheert hat. Das 
Jahr 1332 war fur Garwal ein WaUfahiisjahr, das alle zwolf Jahre 
wiederkehrt. In ihm pilgern die indischen Fakire nach den heiligen 
Statten der GangesqueUen und bringen dann gelegentlich die Pest von 
dort mit. Diese breitete sich damals bis zum Jahre 1351 in Vorderindien 

1 Oil 

BuBland ^^®- -^^® obenerwahnten Pestgange des Jahres 1341 in RuBland und des 

1342 Jahres 1342 in Steiermark moffen wohl westliche Ausbriiche der indischen 

mark" Epidemic gewesen sein. Sie haben in den Chroniken nur fliichtige Spuren 

hinterlassen. Niemand konnte ahnen, daU sie die ersten Vorboten einer 

Pandemic waren, die wie kein anderer Siegeszug der Pest sich in die 

Erinnerung der Volker eingepragt hat. 

Der schwarze Tod. 

1346—52 Im Jahre 1346 nahm ein Sterben seinen Ausgang aus dem Lande 

schwarze ^^^ Indier, aus der Sonnenstadt. Es kam als Strafe Gottes iiber die 
Tod Menschen im Osten und iiber die Stadte Omatsch, Chastorakan, Sarai 
am Don und Besdesch und iiber andere Stadte in jenen Landern, und es 
P ndemi ^^^ ®^^ grofics Sterben unter den Bessermenen und Tataren und Tscher- 
in Aaien kessen und unter alien, die dort lebten, so dafi niemand da war, der die 



Die Festpandemie des vierzelinten Jahrhunderts. 43 

Leichen hatte beslatten konnen. Wie Gott einst die Agypter bestrafte, 
so bestrafte er auch jene. (Nowgorodsche Ohronik und Nikonsche Chronik 
bei RiCHTEB.) 

Die Nachricht von diesem Sterben kam Ende des Jahres 1347 zum 
Papst in Avignon. Ein Geistlicher, der hier im Geleit seines belgischen 
Bischofs im April 1348 weilte, schrieb unter dem 27. April nach Brugge: 
Die Pest sei im September 1347 feme im Osten in einer Provinz von 
India major entstanden. Nachdem es dort einen Tag Frosche, kriechende 
Tiere, Eidechsen, Skorpione und vielerlei andere giftige Tiere geregnet 
habe, seien am anderen Tage groJJe Ungewitter mit Blitz und Wetter- 
leuchten und wundergroflem Hagel niedergegangen und batten GroB und 
TQein getotet; den Rest der Menschen und Tiere hatte am dritten Tage 
ein Feuer vom Himmel mit stinkendem Ranch verzehrt. Von den Leichen 
sei die ganze Provinz und weiterhin das Gestade des Meeres und die 
Nachbarlander angesteckt worden, und die Ansteckung habe sich von 
Tag zu Tag vermehrt. Durch drei Frachtschiffe sei sie im Januar des 
Jahres 1348 nach Genua und von hier nach Marseille und weiter nach 
Avignon gekommen. (Clericus anonymus bei li Muisis.) 

Einen ahnlichen sagenhaften Bericht uberliefert der Rechtsgelehrte 
Gabbebl de Mussis aus Piacenza: Im femen Osten, in Cathay, dem heu- China 
tigen China, wo das Haupt der Welt und der Anfang der Erde ist, da 
erschienen schreckhche und schauderhafte Zeichen: Kriechende Tiere und 
Kroten, die in dichtem Regen niederfielen, kamen in die Wohnungen 
der Menschen und toteten UnzaMige mit ihrem atzenden Gift und ihren 
nagenden Zahnen. Im Siiden bei den Indiern wurden Orte von Erdbeben 
zerriittet und Stadte zerstort, wobei brennende Feuerfackeln vom Himmel 
fielen. Zahllose Menschen wurden von Feuersdilnsten verbrannt und an 
einigen Orten regnete viel Blut und fielen Steine nieder. 

Dasselbe erzahlt niichterner der arabische Arzt und Gelehrte Ibnul 
Kjbatib zu Granada. Die grofie Pest, schreibt er, begann im Lande 
Khita und China im Jahre 734. Dies wird von mehreren glaubwiirdigen 
Mannern, die weite Reisen gemacht haben, berichtet; so von dem Scheikh 
Qadi Hadjdj Abu Abdallah Ibn Batuta und anderen. Sie sagen, das 
Ubel sei durch viele Leichname entstanden, die von einem Krieg in 
jenen Landern liegen blieben und verfaulten; vorher sei dort ein groBer 
Feuerbrand gewesen, welcher Pflanzen.und Baume in einer Strecke von 
etwa zehn Tagereisen verheerte. Hierdurch sei die Luft verdorben und 
die nachsten Ursachen seien durch entfemte verstarkt worden, und so 
habe, sich unter den Geschopfen dieses Sterben, diese aufierordentliche 
Pest, verbreitet, zu deren EigenttimUchkeiten die Weiterverbreitung und 
Ubertragbarkeit und das Schleichen gehort. So habe sie sich von der 
verseuchten Gegend jenes fernen Landes aus zu den nachsten Orten und 



44 5' Periode. 

immer so weiter fortgepflanzt, habe sich an empfangliche Mensclien ge- 
hangt, wiewohl die sie umgebende Luft gesund war, bis die Ansteckungen 
in vielen Gegenden des Landes zahlreich und alles verseucht war. Die 
Verderbnis setzte sich dann fort, bis sie den groBten Teil der bewohnten 
Erde umfalJte und sieben Zehntel der Menschieit ausgerottet hatte. Die 
kundigen Geschichtsforscher kennen keine Pest von so gewaltiger Wir- 
kung wie diese, die bis zu den Inseln des Meeres vordrang und die Be- 
wohner eines Hauses wie einer Stadt in gleicher Weise ausrottete, indem 
sie die Menschen ergriff, wie das Feuer Spartgras und Heu ergreift, durcli 
die geringste Annaherung an einen Kxanken oder durch Beriihrung seiner 
Kleider oder seiner Gerate. Am heftigsten war die Ansteckung, wo 
Blutspeien auftrat, am starksten, wenn die Menschen im Sterben lagen. 
'J^ (Ibnul Khatib bei Casibi und bei M. J. Mullee.) 

Auch der arabische Geschichtsschreiber Aboel Mahasin und ein chine- 
sisches Jahrbuch geben Kathay als Ausgangsland der grolJen Pest an 
(Deguignbs IV.). Die oben mitgeteilten Tatsachen iiber das friihe Auf- 
treten der Seuche in Indien sprechen nicht dafiir; das Fehlen zuver- 
lassiger Berichte in den chinesischen Quellen spricht dagegen (TkigantiL'S). 
Krim > Sicher ist, dafi f iir Europa das Ubel von den hyperboraischen Skythen 
Ktisten d. am Schwarzen Meer ausging. Im Friihling 1347 war die Pest nach dem 
Meeres Bericht des Kaisers Johannes VI. Kantakuzenes von Byzanz (1341 — 1355) 
und des byzantinischen Geschichtsschreibers Nikephoros Gregoras (1295 
bis 1360) auf der Krim, am maotischen Sumpf, d. h. dem Asowschen 
Meer, und an den Miindungen des Don. Sie herrschte dort wahrend des 
ganzen Jahres und verbreitete sich zugleich entlang den Gestaden des 
Pontus bis nach Konstantinopel. Im folgenden Jahre verheerte sie die 
Kiisten Thraziens und Mazedoniens; sie kam weiterhin nach Griechen- 
land, nach Italien, zu den Inseln des Archipels, nach Rhodus und Zypern, 
nach Agypten, Libyen, Judaa und Syrien und so fort iiber den ganzen 
Erdkreis bis zu den Saulen des Herkules, indem sie sich immer zuerst 
an die bewohnten Kiisten hielt. 

Einzelheiten iiber iliren Ausgang erzahlt nach glaubwiirdigen Augen- 
zeugen und nach eigenen Erlebnissen Gabriel de Mussis: Im Jahre 1346 
starben im Osten eine unzahlbare Menge von Tataren und Sarazenen als 
Opfer einer unerklarlichen Krankheit und eines plotzlichen Todes. Weite 
Gebiete, grofie Provinzen, herrliche Reiche mit Stadten und Dorfern und 
Burgen wurden dabei rasch entvolkert. In Tana auf der Krim, wohin 
die italienischen Kaufleute zahlreich reisen, kam es zum Streit zwischen 
den Christen und Tataren. Die Christen muCten fliehen und sich nach 
Caffa (dem heutigen Feodosia), welches die Genueser als Stapelplatz ge- 
griindet hatten, zuriickziehen. Da stromten von alien Seiten die Heiden 
zusammen, umzingelten die Stadt Caffa und belagerten die Christtin bis 



Die Pestpandemie des vierzehnten Jahrhunderts. 45 

in das dritte Jahr. Diese erhielten von answarts durch Schiffe ihre 
Lebensmittel, mufiten aber endlich an ihrer Rettung verzagen. Da ver- 
breitete sich im ganzen Heere der Tataren eine Seuche, die taglich viele 
Tausende hinraffte. Es schien den Belagerten, als ob Pf eile vom Himmel 
flogen, um die Tataren wegen ihres Ubermutes zu ziichtigen. An den 
Gliederanfangen der Geschlagenen, besonders in den Leisten, zeigte sich . 
das Ubel, das unter hinzutretendem fauligen Fieber rasch zmn Tode 
fuhrte. 

Als die Tataren sich so ohne Hoffnnng auf Rettung dahinsterben 
sahen, warfen sie mit Kriegsmaschinen die Leichen der Ihrigen iiber die 
Mauern in die Stadt Caffa, damit die Christen von dem unertraglichen 
Gestank zugrunde gingen. Bald hauften sich die Leichefi hoch an, so 
daU die Christen nicht wnBten, wie sie sich anders retten sollten, als in- 
dem sie die Leichen in das Meer warfen. Indessen verdarb die Luft im 
Lager der Feinde immer mehr und mehr, das Wasser wurde vergiftet 
und von Fanlnis verdorben und der Gestank wuchs so an, dafl von 
Tansenden kaum einer durch Flucht sich retten konnte. Aber auch 
dieser trug das Gift in sich und steckte Orte und Menschen an, wohin 
er kam. So fand iiberall zu den ostlichen Volkern die Plage ihren Weg 
von Mittag her und schlug sie mit dem scharfen Pfeile, so dafi fast alle 
eines plotzUchen Todes starben. Wie groB das Sterben war, das wissen 
die Volker in Cathay, Indien, Medien, Cardien, Annenien, Tarsus, Geor- 
gien, Mesopotamien, Nubien, Athiopien, in der Tiirkei, in Agypten, Ara- 
bien und Griechenland, die vom Jahre 1346 bis 1348 mit Jammern und 
Heulen und Schluchzen in bitterer Trauer hinbrachten und glaubten, der 
jiingste Tag des Gerichtes sei gekommen. 

Von Caffa aber flohen die Christen auf Schiffen weg, auch sie schon 
von der giftigen Krankheit angesteckt. Von tausend Fliichtlingen blieben 
kaum zehn am Leben. Einige kamen nach Genua, andere nach Venedig, 
andere zu anderen Orten der Christenheit. Wo immer sie an das Land 
gingen, welche Stadt oder welchen Ort sie betreten mochten, da starben 
sie selbst und alle Einwohner, die mit ihnen verkehrten. Wo nur einer 
angefangen hatte zu erkranken, da vergiftete er sterbend das ganze Haus. 
Von den Umarmungen und Kiissen, ja von den Worten der Heimkehren- 
den vergiftet, starben die Verwandten, die sich des Wiedersehens er- 
freuen woUten, binnen drei Tagen. 

Tiber den Zug der Pest in Vorderasien und Agypten haben wir nur 
vereinzelte Anhaltspunkte. Ibn Batuta, der vom Jahre 1342 — 1346 in 
China war und auf der Riickreise zur See iiber Indien und den persi- irak 
schen Golf kam, fand sie im Sommer 1348 iiberall in Damaskus, Aleppo .j^y^^^^' 
und Kairo. In Babylon, wo der Sultan seinen Thron hatte, starben 
wahrend des Jahres 1348 in weniger als drei Monaten 48000 Menschen 



Agypten 



46 5- Periode. 

gemafi den Sterbelisten, worin die Verstorbenen namentlich aufgefiihrt 
werden, da jeder Leiche vor dem Begrabnis eine Goldmiinze mitgegeben 
wird (Gabbiel de Mushis). Im selben Jahre verzeichnet Sojuty das Wiiten 
des Ta'im in Irak, Arabien, Syrien und Persien. Auf den Grabern der 
Propheten Matta nnd Hanzalah Ibn Chowailid zeigten sich wahrend eines 
Viertels der Nacht grofie Lichter, die von einem Grabe zum anderen 
iibersprangen, sich vereinigten und aufeinander einstiirmten. Das Volk 
in Syrien rief diese Propheten als Schutzpatrone an: „Bittet fiir uns, ihr 
heiligen Manner von Manbig, daU die Pest von den Landern hinweg- 
genonnnenwerde." Wahrend sonst die Mohammedaner nie bei Pestseuchen 
offentliche Gebete haltcn, machte diesmal das Volk von Damaskus im 
Monate Raby' 11. (Juli) nach einem dreitagigen Fasten eine allgemeine 
Bittprozession. Die Mohammedaner trugen den Koran; es beteiligten sich 
die Juden mit der Bibel, die Christen mit dem Evangelium; Frauen und 
Kinder folgten den Mannern wehklagend und Gott um Hilfe anrufend. 
Der Zug ging zur Moschee der FuBspur des Propheten. Jetzt iiberstieg 
die Zahl der Todesfalle in Damaskus nicht 1000 am Tage, wahrend in 
Kairo und Altkairo bis 24000 an einem Tage starben (Ibn Batuta; 
voN Kbemeb). 
Konstan- In Konstantinopel hatte das Ubel bereits in der Mitte des Jahres 

»nope 1347 seine Hohe erreicht. Es wiitete in der ganzen Stadt unter alien 
Standen, im Palast des Kaisers wie in den Hiitten der Armen. Des 
Kaisers Sohn erlag wie unzahUge Andere. Keine Art der Lebensweise, 
keine Korperbeschaffenheit sehiitzte vor der Ansteckung. Starke und 
Schwache raffte sie hin, und die, welche einer sorglichen Pflege genossen, 
starben ebenso wie die, welche von jeder Hilfe verlassen waren. Neben 
der Pest zeigte sich in diesem Jahr keine andere Krankheit, vielmehr 
nahm jedes Leiden die Gestalt der herrschenden Seuche an. Die arzt- 
liche Kunst war machtlos. Der Verlauf der Krankheit war nicht bei 
Allen der gleiche. Manche starben plotzlich, entweder vor Ablauf des- 
selben Tages, an welchem sie erkrankten, oder sogar, nachdem sie sich 
kaum eine Stunde ergriffen gefiihlt hatten. In den Fallen, wo das Leiden 
sich durch zwei oder drei Tage hinzog, begann es mit heftigem Fieber. 
Dann stieg das Gift zum Him, und die Kranken verloren die Sprache, 
wurden unempfindlich gegen alles, was um sie herum geschah und ver- 
sanken in einen tiefen Schlaf. Kam aber einer zufallig wieder zum Be- 
wuJJtsein, so versagte ihm die Zunge, und er brachte nur unverstandliche 
Tone hervor, weil seine Kopfnerven gelahmt waren, und er starb rasch. 
Bei anderen, die erkrankten, blieb der Kopf frei, aber die Lungen wurden 
ergriffen. Sie empfanden scharfe Schmerzen auf der Brust, warfen Blut 
aus und ihr Atem stank. Schlund und Zunge verdorrten ihnen von dem 
hohen Fieber, wurden schwarz und blutig, und die Kranken empfanden 



Die Pestpandemie des vierzehnten Jahrhunderts. 47 

keine Erleichterung, ob sie viel oder wenig tranken. Bei diesen Kranken 
entstanden aber unter oder uber den Schnltem oder am Kiefer oder am 
Anfang der Schenkel Beiilen, bei den Einen kleinere, bei detl Anderen 
grolJere, und schwarze GeschwUlste. Bei Manchen schofl es wie schwarze 
Stiche auf dem ganzen Leibe hervor, entweder einzeln oder zerstreut, 
oder dichtgedrangt. 

Alle starben in gleicher Weise, ob sie nun von jenen Zeichen meh- 
rere oder einzelne batten. Eines geniigte zum Sterben. Die Wenigen, 
welche dem Tod entrannen, warden nicht znm zweiten Male ergriffen 
oder nicht so emstlich, daB sie getotet wurden. Es entstanden dann bei 
ihnen grofie Geschwiilste an den Schenkeln oder in den Achselhohlen, 
die nach der Eroffnung eine iibelriechende Brandmasse ergossen. Auch 
von denen, welche alle Zufalle der Krankheit erfuhren, genasen Einzelne 
wider Erwarten (Cantacuzenes). Die meisten Hanser verloren aUe ihre 
Bewohner an einem Tage oder wenigstens binnen zwei Tagen. Das tJbel 
schlug nicht nur die Menschen, sondem auch alle Tiere, die mit ihnen 
zusammenwohnten, Hunde und Pferde und allerlei Arten von Gefltigel 
und die Mause, die in den Mauem der Hauser wohnten (Nicephobus). 

Uber Konstantinopel brachten italienische Handelsschiffe die Pest 
weiter nach den Kiisten und Inseln des Mittelmeeres. Der Franziskaner- siziiien 
bruder Michael von Piazza beschreibt ihre Ankunft auf Sizihen: Zu 
Anfang Oktober des Jahres der Menschwerdung 1347 flohen zwolf 
genuesische Galeren vor der gottlichen Rache, die unser Herr wegen 
ihrer Schandtaten nehmen wollte, und kamen in den Hafen von Messina. 
Sie trugen in ihren Gebeinen eingeschlossen eine solche Krankheit, daB, 
wer nur mit ihnen sprach, von einem todlichen Leiden ergriffen wurde 
und dem Tode auf keine Weise entfliehen konnte. Die Ansteckung teilte 
sich Jedem mit, der mit den Kranken verkehrte. Der Angesteckte fiihlte 
sich am ganzen Leibe von einem Schmerz durchbohrt und gleichsam 
erschuttert. Dann entstand ihm eine linsengroBe Pustel am Oberschenkel 
oder am Arm, welche die Leute Brandbeule (antrachi) nannten. Diese 
steckte den Korper an und durchdrang ihn so, daB der Ej:anke heftig 
Blut spie. Das Blutspeien dauerte drei Tage unaufhorlich, ohne daB es 
ein Mittel dagegen gab, und dann hauchte der KJranke das Leben aus: 
Es starben aber nicht nur aUe, welche mit ihm verkehrten, sondem auch 
diejenigen, welche von seinen Sachen kauften oder sie bertihrten oder 
gebrauchten. Als die Einwohner von Messina erkannten, daB der plotz- 
liche Tod ihnen von den genuesischen Schiffen herkam, vertrieben sie 
diese aus dem Hafen und der Stadt mit groBter Eile. Aber das Ubel 
blieb bei ihnen zuriick und verursachte ein ungeheures Sterben. Bald 
haBte Einer den Andem so sehr, daB, wenn der Sohn an der Krankheit 
daniederlag, der Vater ihn nicht pflegen wollte. Wagte er dennoch, ihm 



48 0. Periode. 

zu nahen, so wurde er sogleich angesteckt und konnte dem Tode nicht 
entgehen, sondern muflte binnen drei Tagen seinen Q-eist aufgeben. 
Aber dabei blieb es nicht; alle seine Angehorigen, die mit ihm in dem- 
selben Hause wohnten, und auch die Katzen nnd die ubrigen Haustiere 
folgten ihm in den Tod. Als das Sterben in Messina mehr und mehr 
zunahm, da woUten Viele den Priestern ihre Sunden bekennen und ihren 
letzten Willen aufsetzen. Aber Geistliche und Richter und Notare wei- 
gerten sich, in die Hauser der Kranken zu gehen. Hatte aber der Eine 
Oder Andere von ihnen ein solches Haus betreten, um ein Testament 
oder dergleichen aufzusetzen, so war er dem plotzlichen Tode rettungslos 
verfallen. Die Minderbriider und die Dominikaner und andere Ordens- 
leute, welche den Sterbenden die Beichte abnahmen, wurden selbst so 
rasch vom Tode ergriffen, dalJ einige fast im Sterbezimmer selbst zuriick- 
blieben. Bald lagen die Leichen in den Hausern verlassen. Kein Geist- 
licher, kein Sohn, kein Vater und Verwandter wagte hineinzutreten, 
sondern sie bezahlten Dienstknechte mit hohem Lohn, damit diese die 
Toten begruben. Die Hauser der Verstorbenen aber blieben offen stehen 
mit alien Wertsachen, mit Geld und Kleinodien; wer hineingehen wollte, 
wurde von Niemandem gehindert. Denn die Seuche wirkte so verheerend, 
dalJ bald die Dienerschaft nicht mehr ausreichte und endlich ganz fehlte. 
Auf der Hohe des Ungliicks beschlossen die Messiner auszuwandern. 
Ein Teil von ihnen lieU sich auf den Feldem und in den Weinbergen 
nieder; ein groBerer Teil aber suchte Schutz in der Stadt Catania, im 
Vertrauen, daJJ die heilige Jungfrau Agatha von Catania sie von ihrem 
Ubel befreien wiirde. Hieher war die Konigin von Sizilien gekommen 
und hatte auch ihren Sohn, den Don Federigo, hingerufen. Die Messiner 
liberredeten im November den Patriarch-Erzbischof von Catania, zu er- 
lauben, dafi die Reliquien der Heiligen zu ihrer Stadt gebracht wurden. 
Aber das Volk in Catania erlaubte nicht, dafl man die Gebeine von 
ihrer alten Stelle entferne. Nun wurden Bittgange und Pilgerfahrten 
nach Catania unternommen, um Gott zu besanftigen. Aber die Pest 
waltete weiter und mit groBerer Wut als vorher. Die Flucht nutzte 
nichts mehr. Die Krankheit haftet^ an den Fliichtlingen und begleitete 
sie iiberall hin, wo sie Hilfe suchten. Viele von denen, die flohen, fielen 
auf den Wegen hin und schleppten sich auf die Felder oder in die 
Gebiische, um hier zu sterben. Die, welche Catania erreichten, hauchten 
ihr Leben dort in den Hospitalern aus. Die entsetzte Burgerschaft 
verlangte vom Patriarchen das Verbot unter Strafe des Kirchenbannes, 
Leichen der Fliichtigen aus Messina in der Stadt zu begraben, und so 
wurden sie alle in tiefe Graben auBerhalb der Walle geworfen. 

Die Einwohner von Catania waren so verrucht und furchtsam, daB 
Niemand von ihnen mit den Fliichtigen verkehren und sprechen wollte, 



Die Pestpandemie des vierzehnten Jahrhunderts. 



49 



sondern Jeder schleunigst vor ihnen floh. WoUte aber ein Fliichtling sie 
anreden, so sagten sie: Sprich nicht mit mir, du bist aus Messina! Und 
niemand gewahrte ihnen Obdach. Hatten nicht einige Verwandte in 
Catania manche Leute aus Messina heimlich aufgenonunen, so waren sie 
von jeder Hilfe verlassen gewesen. So zerstreuten sich die Messiner 
durch die ganze Insel Sizilien und kamen auch nach Syrakus; mit ihnen 
das Ubel, so dafl Zahllose in Syrakus starben. Sciacca, Trapani, Girgenti, 
Messane bekamen ebenso die Pest, ganz besonders aber Trapani, das 
menschenleer wurde. Auch die Stadt Catania verier alle Einwohner, so 
daU sie bald nachher ganz in Vergessenheit geriet. Hier zeigten sich 
bei den Kranken nicht nur jene Brandbeulen, sondern es erhuben sich 
bei ihnen auch an verschiedenen Korperstellen Driisenbeulen, bei den 
Einen an der Scham, bei Anderen an den Schenkeln, bei Anderen an den 
Armen, bei Anderen am Halse. Anfangs waren sie haselnuflgroB und 
entstanden unter starkem Frostschauder und machten den Befallenen 
bald so schwach, dafl er nicht mehr stehen konnte, sondern auf das 
Lager geworfen wurde, von heftigem Fieber verzehrt und mit bitterer 
Traurigkeit erfullt. Bald wurden die Driisen wallnuflgroB, dann wie ein 
Hiihnerei oder Ganseei, und sie schmerzten sehr und reizten den Korper 
durch Verderbnis der Safte zum Blutspeien. Das Blut kam aus der 
angesteckten Lunge zur Kehle hinauf und versetzte den ganzen Korper 
in Faulnis und endlich in Auflosung. Die Krankheit dauerte drei Tage, 
spatestens am vierten Tage verschied der Kranke. Sobald einer in 
Catania Kopfweh hatte und Frost, so wufite er, dafl er in der genannten 
Zeit hinweg muflte und beichtete zuerst seine Sunden dem Priester und 
machte dann sein Testament. 

Als die Pest in Catania aufs hochste wiitete, gab der Patriarch 
samtlichen Geistlichen, auch den jiingsten, alle priesterliche Qewalt der 
Seelsorge, die er selbst als Bischof und Patriarch in der Siindenvergebung 
besafl. Die Seuche wiitete aber vom Oktober 1347 bis zum April 1348. 
Der Patriarch selbst war einer der letzten, die sie wegraffte. Er starb 
in seiner Pflichterfiillung. Um dieselbe Zeit starb auch der Herzog 
Giovanni, der vorsichtig jedes verseuchte Haus und jeden Kranken ge- 
mieden hatte. (Michael Platiensis bei Cokradi.) 

Von Sizilien kam die Seuche auf das Festland. In Neapel raffte sie Neapei 
60000 Menschen weg. 

Zu Ende des Jahres 1347 erreichte, wie schon berichtet, der Tod 
auf Schiffen, welche die Krim verlieflen, Oberitalien. Nach Genua kamen Genua 
am Silvestertage drei mit Spezereien beladene Schiffe, die uberall, wo 
sie angelegt hatten, in Griechenland und in Sizilien, Ansteckung und Tod 
zuruckgelassen hatten. Das Geriicht von ihrem traurigen Gastgeschenk 
mufite ihnen nach Genua voraufgeeilt sein; denn hier empfingen die 

sticker, Abhandlnngen I. Geschichte der Pest. -^ 



/ 



50 5. Periode. 

. Einwohner sie mit brennenden Pfeilen und anderen Greschossen, um sie 
aus dem Hafen zu vertreiben. So wenigstens berichtete man nach 
Avignon an den heiligen StuU (Clericus anonymns bei li Muisis). Die 
Abwehr war vergeblieh. Das Ubel gelangte dennoch an das Land. 
Venedig Zu gleicher Zeit brachte ein anderes Schiff die Seuche nach Venedig. 

Hier brach sie nach einem groflen Erdbeben am 25. Januar aus und 
wiitete heftig vier Monate. Auf der Hohe des Ausbruchs starben taglich 
Tausende. Vom Februar bis zum Feste Allerheiligen forderte sie mehr 
als 100000 Opfer (Muratobi XVI.). Nach den Erhebungen des groBen 
Rats starben von je 100 Menschen mehr als 70 und von 24 ausgezeich- 
neten Arzten 20 in kurzer Zeit dahiri. Von den 1350 Mitgliedem des 
Rates selbst blieben nur 380 iibrig. Von 100 Kranken genasen kaum 
3 oder 4. Die Krankheit auBerte sich in Blutspeien bei den Einen, in 
Achselgeschwiilsten oder in Karfunkeln bei den Anderen. 
' Am 20. Marz 1348 wurden vom grofien Rat der Republik Venedig 
drei Adelige als Provveditori alia Sanita oder Savj all' apparir 
della peste gewahlt. Urn die entvolkerte Stadt, die zwei Drittel ihrer 
Bewohner verloren hatte, und den Handel, der vollig ins Stocken ge- 
raten war, zu erhalten, lud der Doge Orseolo benachbarte Untergebene 
und Fremde ein, sich in Venedig niederzulassen mit dem Vorteil, dafi 
sie nach zwei Jahren das Biirgerrecht erhalten soUten (Feaei). 

Von Venedig aus oder auch unmittelbar von Osten her werden die 
Kiisten des Adriatischen Meeres verseucht. Die Chroniken, welche 
Lechnbe benutzt hat, haben folgende Daten: Am Christtag 1347 ist die 
Pest in Spalatro in Dalmatien; von hier kommt sie nach Sebenico. 
Schon vor dem 13. Januar 1348 herrscht sie in Ragusa, wo ihr in 
wenigen Monaten iiber 7000 Menschen erliegen. Im August iiberzieht 
sie Istrien und Friaul. 

Hier tritt sie wie fast iiberall in drei Formen auf: in glantia, car- 
bunculo et sputo sanguinis. Vom Karfunkel und den Driisenbeulen ge- 
nasen manche, vom Blutspeien keiner. Die Pest wanderte in der Land- 
schaft von Ort zu Ort. Heute war sie in dieser Stadt und dauerte ein 
bis zwei Monate; in einer anderen Stadt, die zehn oder zwanzig Meilen 
entfemt lag, war sie dann noch nicht. Ging sie aber in jener zu Ende, 
so kam sie hierher; bisweilen auf geradem Wege, mitunter iibersprang 
sie eine Strecke, aber holte diese spater nach. (De Rubeis.) 

Von Venedig zieht das tjbel schon zu Anfang des Jahres 1348 nach 
KarnteD Padua und Verona. Am 2. Juni ist es in Trient; bald danach in Kamten 
und Steiermark. Im November tritt es im Miirztal auf. 

Tiber Trient und den BrennerpaB schleicht die Pest sich bis zum 
Tirol 29. Juni nach Miihldorf am Inn ein, wo sie bis in das folgende Jahr 
hinein wiitet und 1400 Opfer fordert. 






Die Pestpandemie des vierzehnten Jahrhunderts. 51 

Uber ihr Auftreten in den venetischen Voralpen, im alten Noricmn 
cisalpinum, haben wir den Bericht eines Arztes, der sie erlebt hat: Eine 
Pest mit Blutspeien und mit den Zeichen der bosartigen ansteckenden 
Lnngenentziindung verbreitete sich von Osten her zu uns. Ihr voraus 
ging eine furchtbare Hungersnot in den Alpenlandern und dem Gebiet 
zwischen Donau und Po. Dann kam die Pest und verursachte ein solches 
Sterben, daB fast die ganze Provinz menschenleer erschien. Weder Arznei 
noch das Messer half. Eine grofie Hitze und heftiges Fieber totete bis 
zum vierten, selten erst am siebenten Tage. RegehnaBige Zeichen waren 
groBer Durst, schwarze trockene Zunge, Angst und Herzweh, rauhes 
Atmen, Husten und verschiedenartiger Auswurf bei stets offenem Munde, 
wildes Irrereden und Toben, triiber oft schwarzer Harn, daneben zeigten 
sich schwarze verbrannte, gallige und stinkende Stuhlgange, schwarze 
Flecken, Brandbeulen und haBliche Driisenbeulen. Je nach ihrer Anlage, 
nach ihrer Leibesbeschaffenheit und nach ihrer Lebensweise erlitten die 
verschiedenen Kranken verschiedene Beschwerden. So hatten Manche 
Durchfalle, Geschwiire am ganzen Korper, fressende Geschwiire der 
Happen und der Nase, Brand der FiiBe und andere furchtbare Leiden 
infolge ihrer verderbten Safte und scharfen Speisen und verdorbenen 
Xahrungsmittel zu erdulden. Andere wurden von Wahnsinn, Durst, 
Unruhe gequalt und Andere gingen durch andere Qualen zugrunde. 
(DiONYSius Secundus Colle.) 

Nach Mahren und Niederosterreich kam die Pest von Ungam her. Ungam, 
Von Ostem 1349 bis Michaelis wutete sie in Wien und forderte Tag f tir ^^^^^''^^^^ 
Tag 500 bis 600, einmal sogar 960 Opfer, um im Ganzen ein Drittel der 
Einwohnerschaft zu toten. Die Kranken hatten Geschwiilste in den 
Leisten, einzelne Blasen auf der Haut und gaben einen groBen Gestank 
von sich. Aber sie starben leicht wie im Schlafe, binnen drei Tagen. 
Viele Adlige und Burger wollten vor dem Tode zu sicheren Orten fliehen; 
da sie indessen schon angesteckt waren, so starben die Meisten dahin. 
Die Epidemic dauerte bis Michaelis. (Lechner, Fuhbmann.) 

Inzwischen hatte in Italien die Pest nicht geruht. In Genua hatte Ober- 
die Abwehr jener verpesteten Schiffe nichts geholfen. Das Ubel war 
auf irgendeine Weise im Hafen verblieben und hatte sich rasch iiber 
die ganze Stadt verbreitet. Es hatte nicht elier geruht, als bis kaum 
der siebente Teil der Einwohnerschaft noch iibrig war. 

Am 25. Januar brach nach einem Erdbeben die Seuche in Modena 
aus. Hier nannte man sie pestis inguinaria. Von je 100 Einwohnern 
blieb kaum Einer iibrig. 

Bis Ostem 1348 war die Pest schon beinahe in ganz Oberitalien 
verbreitet. Uberall in Stadten und Mauern, auf den Fluren und Wegen 
lauerte der Tod. Nur Mailand schiitzte sich vor ihm durch strenge Tor- 

4* 



52 5. Periode. 

sperre und durch Verrammlung von dreiHausem, wo sich dasUbel zeigte, 
bis zum Jahre 1350; aber auch Valletidone bei Piacenza, wo man keine 
Abwehrmafiregeln ergriff, blieb bis zum Jahre 1350 verschont, und No- 
vara und Vercelli litten sehr wenig. 

Bei Genua verlieiJen vier Soldaten, um zu rauben, die Truppe und 
kamen an das Meer nach Riparolo, wo die Krankheit AUe getotet hatte. 
Sie offneten ein Haus und fanden darin ein Bett mit Wolldecken. Diese 
trugen sie weg zu ihrem Lager und schJiefen in der Nacht darauf. Am 
anderen Morgen fand man sie tot. -Da kam ein Schrecken iiber Alle, so 
dafl f urder Niemand melir von den Sachen und Kleidem der Verstorbenen 
sich etwas aneignen oder auch nur beriihren mochte. 

Einige Genueser woUten der Krankheit entfliehen und gesunde Orte 
jenseits der Alpen aufsuchen. Sie kamen in die lombardische Ebene. 
In Bobbio nahmen sie Obdach urid verkauften dort die Waren, die sie 
mitgebracht hatten. Ihr Wirt und Kaufer und dessen ganze Familie, 
und viele von den Nachbaren wurden angesteckt und starben. Einer von 
den KJranken woUte sein Testament machen und lielJ den Notar und 
seinen Beichtvater und alle erforderlichen Zeugen holen. Dann starb er, 
und am folgenden Tage wurden alle, die zu ihm gekommen waren, mit 
ihnen zugleich begraben. Danach starben fast alle anderen Einwohner, 
so dafl nur sehr wenige iibrigblieben. 
Piacenza Im Sommer begab sich ein anderer Genueser nach Piacenza. Er 

kehrte krank bei seinem Freunde Fulchino della Croce ein und starb 
hier rasch. Ihm folgte sogleich im Tode der Gastfreund und seine ganze 
Familie und viele Nachbarn; so verbreitete sich in kurzer Zeit das Ubel 
iiber die Stadt. Es befiel die Leute plotzUch. In voller Gesundheit und 
ohne einen Gedanken an den Tod wurden sie von vier heftigen Sticheii 
im Fleisch gepeinigt. Zuerst iiberfiel sie ein kalter Frost und erschlit- 
terte ihren Leib, und sie fiihlten stechende Stacheln, wie wenn sie von 
Pfeilspitzen durchbohrt worden waren. Die Einen traf der grausame 
Anfall unter dem Schliisselbein, die Anderen in der Weiche zwischen 
Bauch und Schenkel. Hier entstand eine kleinere oder groBere Verhar- 
tung, wozu bald ein hitziges Faulfieber mit Kopfschmerzen kam. Xahm 
das Fieber iiberhand, so hauchten die ICranken einen unertragUchen 
Gestank aus oder sie spien Blut aus dem Munde, oder sie bekamen 
wafirige Anschwellungen an dem Oii: des ersten Krankheitsangriffes, am 
Riicken, an der Brust, am Schenkel. Manche konnten, von Sclilafsucht 
berauscht, nicht aufgeweckt werden. Viele starben am ersten Krank- 
heitstage oder am zweiten, die meisten am dritten oder fiinften Tage. 
Das Blutspeien war immer todlich. Von den Schlafsiichtigen und Ge- 
schwoUenen und mit Gestank Beliafteten genasen sehr wenige. Ein 
Stinkender, der den besten Theriac genommen hatte, stieB das Gift aus 



\ 



Die Pestpandemie des vierzelinten Jahrhunderts. 53 

und entrann dem Tode. Diejenigen, welche die Driisenverhartung hatten, 
starben, falls diese niclit in Erweichung iiberging. Der Kranke erstickte, 
indem ihin das Gift zu den Adern des Herzens zog. Bildete sich aber 
liber der Verhartung oder in der Tiefe eine Erweichung, so konnte der 
Kranke genesen, wenn man ihn am Arme bei der Achselgeschwnlst oder 
am FnBe bei der Schenkelgeschwulst schnell zur Ader UeB, oder nach 
einem erweichenden Pilaster rechtzeitig einen Schnitt machte und den 
Saft entleerte. 

Der KJranke lag verlassen in seiner Wohnung. Kein Verwandter 
nahte sich ihm. Hochstens driickten sich seine besten Freunde weinend 
in irgendeinen Winkel. Der Arzt wagte nicht einzutreten; der entsetzte 
Priester reichte nur mit Angst die kirchlichen Heilmittel. Mit herzzer- 
reifiender Klage riefen Kinder nach ihren Eltem, diese nach ihren Kin- 
dern, der Mann nach der Hilfe der Frau: Ich diirste, reicht mir wenig- 
stens einen Tropfen Wasser. Noch lebe ich. Fiirchtet euch nicht vor 
mir. Endlich stellte einer aus Frommigkeit die Totenkerze neben dem 
Hanpt des Kranken auf und floh davon. Hatte der Kranke seinen Geist 
ausgehaucht, so mulJte oft die Mutter den Sohn oder der Mann die Frau 
in das Leichentuch hiillen und in den Sarg legen, da kein Anderer ihn 
zu beruhren wagte. Weder der Leichenbitter, noch der Schall der Po- 
saunen und der Klang der Totenglocke, noch ein feierliches Totenamt 
versammelte die Freunde und Verwandten zum Leichenbegangnis. 

Endlich fehlte der Raum fiir die Graber, da begrub man die Toten 
auf Torwegen und Platzen, wo nie einer vorher beerdigt worden war. 
Von den Adligen starben viele, von den jungen Leu ten zahllose, eben- 
falls von den Weibem und besonders von den Schwangeren. Von den 
Priestern und Ordensleuten blieben nicht viele iibrig (Gabeebl de Mussis). 
Vom Juni bis Ende des Jahres war die Halfte der Einwohner von Pia- 
cenza gestorben. (Joannes de Mussis.) 

Wie in Piacenza, so wiitete der Tod in den benachbarten Stadten 
und Dorfem. Im Marz 1348 war er nach Florenz gekommen. Hier Florenz 
hatte im Friihling des vorhergegangenen Jahres eine schwere Hungers- 
not gewiitet, und an 94000 Menschen muBten auf Staatskosten unter- 
halten werden, wahrend etwa 4000 an Mangel gestorben waren (Sismondi 
bei Gasquet). Den Verlauf der dann folgenden Pest schildern Boccaccio 
und ViLLANi als Augenzeugen. Als das Geriicht von ihrem Herannahen 
nach Florenz kam, da wurde die Stadt durch besondere Reinigungs- 
knechte von dem vielen Unrat, der sich sogar in dieser schonsten der 
Stadte Italiens angehauft hatte, gesaubert, das Hereinkommen jedes 
Kranken verboten und viele offentliche Ratschlage zur Erhaltung der 
Gesundheit gegeben. Sodann wurde durch wiederholte Bittgange und 
andere fromme Ubungen Gott um Abwendung seines Zornes angefleht. 



54 0. Periode. 

Aber mit Beginn des Fruhlings begann die Seuche ihre traurigen und 
unglaublichen Wirkungen zu zeigen. Dabei machte sie es nicht, wie sie 
es nach den Berichten im Osten getan hatte, wo sie Blutfliisse aus der 
Nase erregte, als offenbares Zeichen des unvermeidlichen Todes, sondern 
es entstanden, als sie begann, bei Mannern wie bei Frauen entweder in 
der Weiche oder unter der Achsel Geschwiilste, die bei Einigen die 
Grolle eines gewohnlichen Apfels, bei Anderen die GroCe eines Eies er- 
reichten, bei dem Einen einzeln, bei dem Anderen zu mehreren sich bil- 
deten. Das Volk nannte sie gavoccioli, Driisenbeulen. Von jenen Korper- 
stellen aus verbreitete sich das todliche Pestgift rasch in alle Teile. Spater 
nahm die Krankbeit eine andere Gestalt an; es kamen schwarze oder 
blauliche Flecke an den Armen und an den Beinen und weiterhin tiber 
den Leib hervor; bei dem Einen groC und sparlich; bei dem Anderen 
klein und dichtgedrangt. Und wie anfangs die Pestbeule das sichere 
Zeichen des herannahenden Todes war, so wurden es jetzt die Flecken 
f iir Jeden, an dem sie sich zeigten. Kein arztlicher Rat und keine Kraft 
der Arzneien erwies sich heUsam; sei es, dafl die Natur des Ubels der 
Heilung widerstrebte, oder daJJ die Unwissenheit der Heilbeflissenen, wor- 
unter sich neben unterrichteten Araten eine Unmenge weiblicher und 
mannlicher Pfuscher anboten, das rechte Mittel nicht fand. Es genasen 
wenige; fast alle starben rasch binnen drei Tagen nach dem Auftreten 
der erwahnten Zeichen, gewohnlich ohne Fieber oder einen anderen Zu- 
fall. Die Verderblichkeit dieser Seuche war um so groJJer, als der Todes- 
kehn von den Kranken auf die Gesunden iiberging, wie Zunder auf 
trockene oder fettige Gegenstande, und zwar nicht nur beim Umgang 
und beim Sprechen mit den Kranken selbst, sondern audi beim Beriihren 
ihrer Kleider und Sachen. Wunderbar ist es, sagt Boccaccio, und kaum 
glaubhaft ware es, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hatte 
und wenn es nicht vielfach bezeugt ware, dalJ das Ubel nicht nur vom 
Menschen auf den Menschen iiberging, sondern auch auf Tiere und diese 
in der kiirzesten Zeit totete. So sah ich, wie zwei Schweine in den 
Lumpen eines armen Pestkranken, die man auf die StraBe geworfen 
hatte, wiihlten und eine kleine Stunde spater nach einigen Zuckungen 
wie vergiftet tot hinfielen. 

Fiir die Bestattung der groflen Menge von Leichen, die taglich, ja 
beinahe stiindlich zu alien Kirchen gebracht wurden, reichte die geweihte 
Erde der Friedhofe nicht aus; man machte deshalb grolJe Gruben, worein 
man die Toten zu Hunderten versenkte und wie Kaufmannswaren in 
Schiffen schichtweise iibereinanderlegte. Wie verheerend aber auch die 
Seuche in der Stadt wiitete, sie verschonte die Umgegend nicht, sondern 
verbreitete sich iiber Dorfer und Hofo und raffte die armen und elenden 
Landarbeiter und ihre Familien nicht wie Menschen, sondern wie Vieh 






Die Pestpandemie des vierzehnten Jahrhunderts. 55 

hin. So starben zwischen dem Marz und dem Juli durch die Wut 
der Pest und durch Mangel an Pflege ganz bestimmt viel mehr als 
100000 Menschen innerhalb der Mauern von Florenz, mehr als man vor- 
her in der Stadt vermutet hatte (Boccaccio). Die ganze Epidemie dauerte 
bis zum September und raffte in Florenz und seiner Umgebung von je 
fiinf Menschen drei hinweg (Giovanni Villani). Man hatte erwarten 
sollen, meint Villani, dafi das groBe Sterben die Uberlebenden besser 
gemacht hatte. Aber das GegenteU zeigte sich. Neben Wenigen, welche 
sich der Krankenpflege und anderen guten Werken widmeten, zeigten 
die Meisten ungeziigelten Drang zu Miifliggang und Sittenlosigkeit. Die 
Reichen gaben sich der Vollerei und Verschwendung hin; sie lebten in 
Tanzvergntigungen und Gelagen und Kleiderpracht. Die Armen wurden 
arbeitsscheu und lebten in den Tag hinein. 

Auch in. Pisa dauerte die Seuche vom Friihjahr bis zum September. Pisa 
Man trug in jeder Woche wenigstens 100 zu Grabe. 

Ebensolange wiitete sie in Padua, wohin ein Fremder die Ansteckung Padua 
gebracht hatte. Starb hier in einem Hause Finer, so starben in kurzer 
Zeit die Ubrigen nach, Menschen sowohl wie Tiere. Kaum ein Drittel 
der Bewohner blieb librig. 

In Siena begann die Seuche im April und dauerte bis zum Oktober. Siena 
Wer konnte, der floh aus der Stadt; dennoch starben von der Einwohner- 
schaft, die mehr als 100000 betrug, gegen 80000. 

In Orvieto fing die Pest im Mai an und dauerte bis zum September. Orvieto 
In Rimini starben von der Mitte des Mai bis zum Dezember zwei Drittel Rimini 
der Einwohner. 

Von Parma hatten die Burger die Seuche durch strenge Sperre gegen Parma 
die verseuchten Stadte Venedig, Genua, Florenz und Pisa eine Zeitlang 
abgehalten. Aber im Juni brach sie auch dort aus und vervviistete in 
den nachsten sechs Monaten die Stadt und ihre Umgebung. Parma und 
Reggio sollen zusammen an 40000 Menschen verloren haben (Mura- 
TORi XII). Schon am 19. Mai war nach Parma an den Domherrn Pe- 
trarca ein Brief seines Freundes Lodovico gekommen, der ihm mitteilte, 
daC in Avignon in Sudfrankreich die Pest herrsche und hier unter Vielen 
Laura gestorben sei. Ein en Monat spater herrschte das Ubel in Parma 
selbst, und Petbaeca schrieb an seinen Bruder im Kloster von Monrieux, 
der allein von 36 Klosterbriidern iibriggeblieben war (Phillippe), am 
20. Juni von Parma aus: Mein Bruder, mein Bruder, mein Bruder! Wehe 
mir, mein geliebtester Bruder! Was mufl ich dir schreiben? Womit 
soil ich beginnen? Wohin zuerst mich wenden? Uberall Schmerz! 
Schrecken iiberaU! Auf mich Einen siehst du zusammengehauft, was 
du bei VirgU von einer ganzen Stadt gelesen hast: Uberall gi*ausame 
Trauer, uberall Angst und iiberall das Bild des Todes. Mein Bruder, 



56 5. Periode. 

o ware ich nie geboren oder friiher gestorben! Und wenn ich mir das 
jetzt wunschen muB, was werde icli erst sagen miissen, wenn ich einmal 
das Greisenalter erreichen sollte. — — — Woriiber ich klage, das ist 
nicht irgend etwas, was leicht zu ertragen ware; es ist das Jahr 1348, 
das nicht nur nns unserer Freunde, sondem die ganze Erde ihrer Volker 
beraubt hat; und wenn es etwas librigliefl, so maht das kommende die 
Reste und verfolgt mit todbringender Sichel, was jenen Sturm iiber- 
dauert hat. — Wie soil eine Nachwelt glauben, dalJ es einmal eine Zeit 
gab, wo ohne Brand des Himmels und der Erde, ohne Krieg und andere 
sichtbare Verwiister nicht der eine oder andere Erdteil, nein, fast der 
ganze Erdkreis ohne Bewohner blieb? Wann hat man jemals so etwas 
gesehen oder erzahlen gehort? Wo sind die Jahrbucher, in denen zu 
lesen ware, daJl leer die Hauser, verlassen die Stadte, unbebaut die Fel- 
der, besat mit Leichen die Fluren waren und es nur eine furchtbare un- 

geheure Einode auf der Welt gab? — 

Rom In der Mitte des Sommers 1348 wurde Rom von der Pest ergriffen 

und verier eine ungezahlte Menge seiner Einwohner (Fbabi). 

In der Lombardei herrschte die Pest bis zum Ende des Jahres 1348. 

Mailand bUeb verschont. Es hatte sich durch strenge Torsperre und 
Verrammelung von drei Hausem, worin sich das Ubel zeigte, der Pest 
erwehrt. Aber auch Valletidone bei Piacenza, woven keine Abwehr- 
maflregeln berichtet werden, blieb wie MaUand bis zum Jahre 1350 frei 
und Novara und Vercelli wurden nur leicht von der Epidemic ergriffen. 

Bereits im Herbst war diese liber Monro, Varese und Bellinzona zum 

Schweiz St. Gotthard hinaufgestiegen, war iiber den LukmanierpaC in das Vorder- 

rheintal gelangt und wiitete im Dezember im Kloster Dissentis. Im Mai 

1349 kam sie zum Kloster Pfaffers und bald darauf nach St. Gallon. 

Im Herbst desselben Jahres ist sie in Zurich. 

Eines der drei Schiffe, welche die Pest nach Genua gebracht hatten 
Provence und von dort mit brennenden Pfeilen verscheucht worden waren, ge- 
langte, von Hafen zu Hafen vertrieben, endjich nach Marseille, wo man 
kein Arg hatte und es aufnahm. So erzahlt wenigstens der Clericus 
anonymus bei de Smet. Die Angabe ist ungenau, da die Pest im Januar 
1348 in Genua begann, aber schon im November 1347 in Marseille war. 
Auch hier brach sie mit aller Wut aus*. In einem Monat raffte sie in 
der Stadt und in der Umgegend von Marseille 57000 Menschen hin, so 
dafi die Gegend fast menschenleer wurde (Anglada). Der Verlust betrug 
vier Fiinftel der Einwohner (Cler. Anon.). Auch die Schiffe im Hafen 
wurden angesteckt. Man sah um diese Zeit manche Frachtschiffe, die 
mit Waren beladen ohne Steuermann und Matrose auf den Woo:en des 
Meeres trieben (Matthias Neuenbukgensis). In der Provence litten vor 
allem die Orte am Meer (Rebdorff). 



Die Pestpandemie des vierzehnten Jatrhunderts. 57 

Von Marseille fand die Seuche nordwarts ihren Weg durcli das 
Rhonetal, westwarts in das Languedoc. Sie wiitete in Aix, wo heute 
noch der Namen der StraCe Rif le-Raf le ihr Andenken bewahrt (Bour- 
guet). Nach Avignon kam sie im Januar des Jahres 1348, im sech- 
sten Jahre des Pontifikates Clemens' VI. Hire erste Tat war, dalJ sie 
26 Monche im Karmeliterkloster totete. Dann brach sie mit voUer Wut 
in der Stadt aus und totete in den drei ersten Tagen 1800 Menschen; 
in den sieben Monaten ihrer Herrschaft raffte sie im ganzen 150000 
weg. Sie zeigte sich, wie der Leibarzt des Papstes, Grur db Chauliac, 
ausftibrt, in zwei Formen: In der ersten, welche sich als Blutspucken 
mit unnnterbrochenem Fieber anJIerte, zeigte sie sich wahrend der Mo- 
nate Januar und Februar; die Kranken starben binnen drei Tagen. 
Vom dritten Monat ab verlief die Krankheit auch unter andauem- 
dem Fieber, aber es traten auJJere Anschwellungen und Brandbeulen, 
besonders in den Achseln und Leisten hinzu. Jetzt starben die Kran- 
ken binnen fiinf Tagen. Das Ubel war, besonders wenn es mit Blut- 
speien einherging, so ansteckend, dalJ nicht nur das Verweilen beim 
Kranken gefahrlich war, sondem schon sein Blick geniigte, die Krank- 
heit zu iibertragen. Alle Kranken starben, und nur gegen SchluC der 
Epidemie, die sieben Monate herrschte, genasen einige Wenige unter 
R^ifung der Bubonen. 

Der niederlandische Kanonikus, der im Gefolge seines Kardinals am 
papstlichen Hofe weilte, beschreibt am 27. April 1348 in einem Brief an 
seine Freunde in Brugge die Seuche genau: Die Kj-ankheit trete in drei 
Formen auf ; sie ergreife entweder die Lungen und dann sei sie, wenn 
auch das Leiden noch so geringfiigig erscheine, in zwei Tagen todlich. 
Von den Arzten seien in vielen Stadten Italiens und ebenso in Avignon 
auf Befehl des Papstes viele Leichenuntersuchungen gemacht worden, 
damit die Ursache der Krankheit entdeckt werde. Dabei habe sich er- 
geben, daC die plotzlich und unter Blutspeien Verstorbenen angesteckte 
Lungen hatten. — Eine zweite Form der Krankheit seien Q-eschwiilste 
unter beiden Armen, auch hierbei erfolge der Tod rasch, durch Er- 
stickung. Bei der dritten bilden sich solche Greschwulste in den Leisten 
und auch die so Befallenen sterben rasch dahin. Die Krankheit greife 
durch ihre Ansteckungskraft so rasch um sich, dafi kein Arzt mehr 
die Kranken besuchen wolle und wenn diese ihr gauzes Vermogen ver- 
sprachen. Schon sei die Halfte oder mehr als die Halfte der Ein- 
wohner Avignons gestorben. Bereits stehen 7000 Hauser innerhalb der 
Mauern verschlossen, weil ihre Besitzer gestorben seien. In den Vor- 
stadten sei fast Niemand libriggebUeben. Auf einem neuen Begrabnis- 
feld, das vom Papst angekauft und geweiht worden, habe man seit dem 
13. Marz, also in sechs Wochen, 11000 Leichen beerdigt. Dazu kamen 



58 5- Periode. 

die vielen Toten anf dem Friedhof St. Antonius und auf vielen anderen 
Platzen. Vom 25. Januar bis zum 27. April wiirde die Zahl der Be- 
grabenen auf 62000 geschatzt. — Henbicus Rebfobdensis schreibt, dall 
in den drei ersten Tagen nach dem Sonntag Mittfasten (das war der 
30. Marz) in Avignon 1400 Menschen begraben wurden. 

Challn de Vinabio, der wie Guy de Chauliac die Pest als Leibarzt 
des Papstes in Avignon beobachtete und auBer der Epidemie von 1348 
auch die folgenden drei Ausbriiche bis 1382 erlebt hat, gibt ein Bild 
der Krankheit, das mit dem des Guy de Chauliac iibereinstimmt, fiigt 
aber eine Reihe von Zugen bei, die dem Kenner des Pestbildes wichtig 
sind: Diejenigen, welche am zweiten oder dritten Tag teilnahmlos da- 
lagen oder vor sich hinmurmelten und stotterten, starben am dritten 
oder siebenten Tage. In den ersten Monaten verlief das Fieber und die 
Geschwulstbildung sehr hitzig; die Elrankheit dauerte nicht langer als 
vier Tage. Kinder und Jiinglinge starben sogar oft ganz plotzlich. Es 
war eine besondere Gunst, wenn die Kranken eine bis drei Wochen 
lebten. In den spateren Monaten lieB die Krankheit an Bosartigkeit und 
Heftigkeit nach; sie endete erst am siebenten Tage oder auch friiher; 
viele iiberstanden den siebenten Tag und genasen dann. In den letzten 
Monaten dauerte das Leiden vierzehn Tage und weniger und verlief 
unter langem Schleichfieber und mit Vereiterungen, wobei auch noch 
viele starben. SchloB sich ein andauerndes oder unterbrochenes Fieber 
an die Krankheit an, so verlief sie meistens todlich. Diejenigen, welche 
nicht starben, bel^elten irgendeinen Fehler; sie wurden auf einem Auge 
blind oder hinkten oder bekamen zusammengezogene Glieder. Am meisten 
starben in Avignon die unrein lebenden und viel Fleisch verzehrenden 
Spanier, sowie die iippig lebenden und Wein trinkenden Juden. 

Die Furchtbarkeit der Seuche erzeugte in einigen Gegenden Siid- 
frankreichs beim Volke die Meinung, die Juden hatten die Welt vergrftet, 
und darum fing man an, sie zu toten. In anderen Gegenden verfolgte 
man mit gleichem Verdacht die Armen; in anderen die Reichen. SchlieB- 
licli kam man dahin, von bestellten Wachtern die Dorfer und Stadte be- 
wachen zu lassen und nur gut bekannten Leuten den Eintritt zu ge- 
statten. Fand man aber bei einem Menschen Pulver oder Salben, so 
zwang man ihn, diese zu verschlucken, weil man sie fiir das Pest- 
gift hielt. 

So dachte und handelte das Volk. Die Gelehrten wufiten, daB die 
groBe Konjunktion der drei oberen Planeten Saturn, Jupiter und Mars 
um 1 Uhr mittags am 20. Marz des Jahres 1345 unter dem 14. Grade 
des Wassermannes die Ursache der Seuche war (Chalin de Vinabio, 
Simon de Covino, Rebouis). 

Das beste Mittel gegen die Pest war die Flucht vor der Ansteckung 



Die Pestpandemie des vierzehnten Jahrhunderts. 59 

und die Reinignng der Luft mit Raucherwerk. Guedo de Caxxliaco selbst 
floli nicht, well er als Arzt die Schande scheute. Er schiitzte sich unter 
bestandiger Furclit, so gut er konnte, mit Aloepillen und Aderlassen, 
Theriak und Ruchmitteln, Bolus armeniacus und Essig. Dennoch er- 
krankte er gegen Ende der Seuche am Fieber mit einem Leistenbubo 
und lag sechs Wochen danieder. Die Seinigen hatten ihn bereits auf- 
gegeben, als die Greschwulst zur Reife kam, und er genas mit Grottes 
Zulassung. 

Von Marseille kam die Pest nach Aix, von Aix nach Aries. Weiter- 
hin kam sie im Marz walirend der ersten Fasten woche nach Narbonne. 
Hierher wurde sie wahrscheinlicli nicht von Marseille, sondern von Genua 
oder Pisa auf Komschiffen gebracht. Die Narbonner muBten, da seit 
dem Jahre 1347 im ganzen Languedoc eine schreckliche Hungersnot be- 
stand, von Oberitalien her ihr Korn einholen. Ihre Stadt, die nachweis- 
lich schon seit dem Jahre 1055 vor Christus mit Palastina in Handels- 
verbindungen stand und in lebhaft^m Verkehr mit Rhodus, Damaskus, 
Beirut, Alexandrien durch Messina und Genua fast zweiundeinhalb Jahr- 
tausende der erste Stapelort fiir Gallien war, kam seit ein paar Jahren 
infolge der Versumpfung des Audeflusses herunter. Die Pest hat sie 
vemichtet. Zuerst erschien das Ubel bei den Farbern, die dem Flufi 
entlang ihre Werkstatten hatten. Die Leute bekamen Fieber, Kopf- 
schmerzen, Erbrechen, stinkende Durchfalle, Beulen an den Leisten und 
Achseln und starben binnen drei oder vier Tagen. Bald kam die Beulen- 
seuche {Vepidemie des boces, des bosses) auch in die Burg und in die 
Stadt und brachte von den Einwohnern, die damals 6229 Feuerstatten 
hatten, 30000 um (Martin, Cayla). 

In Narbonne standen die Englander im Verdacht, die Pest erregt 
zu haben. Die Geschworenen von Girone frugen beim Landrichter der 
Grafschaft, Andre Benezeit, an, ob nicht die Seuche von Ubeltatern durch 
giftige Getranke erzeugt wiirde und ob die Leute, die unter diesem Vor- 
wurf in das Gefangnis gesperrt worden seien, gestanden hatten. Der 
Landrichter antwortete in einem Brief vom 17. April 1348, daB Manner, 
welche verdachtige Pulver bei sich triigen, festgenommen worden, und 
einige von ihnen hatten ihr Verbrechen freiwillig, andere es erst nach 
Anwendung der peinlichen Tortur eingestanden. Sie seien von Leuten, 
deren Namen sie nicht nennen wollten, fiir ihre Schandtat bezahlt worden : 
er vermute, daU es Englander, die Feinde des Konigreiches, seien. Man 
habe die Schuldigen sofort mit Zangen gezwickt, zerstiickelt und ver- 
brannt. Bei anderen habe man sich begnugt, ihnen die Faust abzu- 
schneiden. So habe man vier in Narbonne, fiinf in Carcassonne, zwei in 
Lagrasse gerichtet. Noch viele seien im Gefangnis und warteten auf 
ihr Urteil (ViUanuova bei Cayla). 



60 5. Periode. 

Die in Rede stehenden Pestpulver wnrden aus Bubonensaft^ Spinnen 
und vergifteten Tieren zubereitet (Boubges). 

Von Avignon ging die Seuche weiter iiber die Rhone und verwiistete 
die Stadte und Dorfer bis Toulouse. Hier war sie bereits im April. Nur 
rohe Bauern, die man gavoti nannte, wagten es, gegen gute Belohnung 
die Leichen zu begraben. Den Kranken besuchte kein Freund und kein 
Verwandter; kein Priester reichte ihm das Sakrament. Auch folgte Nie- 
mand der Leiche. Jeder dachte nur an seine Rettung (Anonymus bei 
Auvergne DE Smbt). Zugleich schlich sich die Pest in die Auvergne ein, um hier 
in den Bergen bis in das Jahr 1350 groBe Verheerungen anzurichten 

(BOTJDET ET GeAND). 

WaUis Rhoneaufwarts gelangte das Ubel langsam nach Genf, in das Wallis 

(Fitbebb), weiter nach Bern (Justingee). Im Marz 1349 kam es nach 
Ruswyl bei Luzem, wo ihm 3000 zum Opfer fielen. In der Mitte des 
Jahres erschien es in Basel und totete 14000 Menschen. Im September 
fing es in Engelberg an zu herrschen (Tannee), und zu gleicher Zeit war 
es in Zurich; am Ende des Jahres in Konstanz (Metee-Meeian, Honigee). 
Nord- Schon vorher war die Seuche bis Nordfrankreich vorgeschritten. Im 

frankreich j^j^- j^g^g ]^q^^^ ^[q i^ pa^g begonnen. Vom Hotel-Dieu wurden auf der 

Hohe des Sterbens taglich fiinfzig Leichen zum Friedhof des heiligen 
Innozenz gebracht. Besonders starben die jungen Leute; wenige lagen 
langer als zwei oder drei Tage krank; die meisten starben plotzlich und 
fast in voller Gesundheit. Es entstanden namlich ganz rasch Beulen 
unter den Achseln oder in den Leisten als untriigliche Zeichen des Todes. 
Die Arzte nannten die Seuche Epidemic. Das Ubel teilte sich durch 
Einbildung oder gemeinschaftliches Zusammenleben oder Beriihrung mit. 
Aus vielen Dorfem flohen die Geistlichen und liberlieCen einigen mutigen 
Monchen die Trostung der Sterbenden. Von zwanzig dieser Monche 
blieben keine zwei lebendig. Die Krankenschwestern im Hotel-Dieu wid- 
meten sich so eifrig und hingebend der Pflege, dafi sie alle starben und 
ihre Zahl wiederholt emeuert werden mufite (Guillaume de Nangis). 

Auf Befehl des Konigs Philipp erlieB die medizinische Fakultut von 
Paris im Oktober 1348 ein Gutachten iiber die Seuche, ihre Ursache, Ver- 
hiitung und Heilung. Wir besitzen davon mehrere Fassungen. Hier folgt 
die kiirzeste Fassung: 

Wir, die Mitglieder des MedizinalkoUegiums zu Paris, geben 
hier nach reiflicher Uberlegung und griindlicher Durchsprechung des 
herrschenden Sterbens und Ablebens und nach Erforschung der Meinung 
unserer alten Meister eine klare Darstellung der Ursachen dieser Pest 
gemaU den R^geln und Schliissen der Astrologie und Naturwissenschaft. 
Wir erklaren somit folgendes: Man weiB, dafi in Indien und in den 
Gegenden des grofien Meeres die Gestime, welclie mit den Sonnenstrahlen 



Die Pestpandemie des vierzehnten Jahrhunderts. 61 

und der Hitze der Himmelsfeuer kampfen, ihreii EinflnB besonders auf 
jenes Meer ausiiben und heftig gegen seine Gewasser ankampfen. Daraus 
entstehen Dampf e, welche die Sonne verdunkeln und ihr Licht in Finster- 
nis verwandeln. Diese Dampfe emeuern alle achtundzwanzig Tage den 
Kreislauf des Steigens und Fallens ohne Unterlafl; aber endlich wirken 
die Sonne und das Feuer so stark auf das Meer, daB sie eine groBe 
Masse davon anziehen und in Dampfe auflosen, die sich dann in die 
Luft erheben. Wenn in einer Gegend das Wasser durch verendete Fische 
verdorben ist, so kann es durch die Sonnenwarme nicht aufgelost und 
nicht in heilsames Wasser oder Hagel oder Schnee oder Reif verwandelt 
werden, sondern die Diinste verbreiten sich in der Luft und hiillen 
manche Gegenden in Wolken ein. Das geschah in Arabien, in einem 
Teil von Indien, in den Ebenen und Talem Mazedoniens, in Albanien, 
in Ungam, in Sizilien und in Sardinien, wo kein Mensch mehr am Leben 
bUeb. Das wird in alien Gegenden geschehen, liber welche die verpestete 
Luft des indischen Meeres kommen wird, und zwar solange, als die Sonne 
im Zeichen des Lowen steht. Falls die Einwohner die folgenden Vor- 
schriften oder andere ahnliche nicht beachten wollen, kiinden wir ihnen 
unausbleiblichen Tod an; es miiBte denn die Gnade Christi ihr Leben 
auf eine andere "Weise erhalten. 

Wir glauben, daB die Gestirne mit Hilfe der Natur sich bemiihen, 
durch ihre himmlische Macht das Menschengeschlecht zu erhalten und 
von seinen Leiden zu heilen und daB sie im Verein mit der Sonne durch 
die Kraft ihres Feuers die dichten Wolken binnen zehn Tagen, und zwar 
bis zum 17. Juli durchbrechen werden. Der Nebel wird sich dann in 
einen giftigen Regen verwandeln, nach dessen Niederfallen die Luft rein 
sein wird. Sobald Donner oder Hagel es ankiindigt, muB Jeder auf den 
Regen gefaBt sein und sich vor der auBeren Luft wahrend des Unwetters 
und nachher hiiten. Man soil dann groBe Feuer aus Weinreben, aus 
Lorbeerzweigen oder anderem griinen Holz anziinden; ferner soil man 
groBe Massen Weihrauch und Kamillen auf den offentlichen Platzen und 
an stark bevolkerten Orten und im Innem der Hauser verbrennen. Nie- 
mand soil auf das Feld gehen, bevor die Erde vollig trocken geworden 
ist und drei Tage lang soil Jedermann wenig Nahrung nehmen und sich 
vor der Kuhle des Morgens und des Abends und der Nacht hiiten. Man 
soil kein Gefliigel essen, keine Wasservogel, kein Spanferkel, kein altes 
Ochsenfleisch, uberhaupt kein fettes Fleisch. Man soil nur das Fleisch 
der Tiere von warmer und trockener Natur essen, aber kein erhitzendes 
und reizendes. 

Wir empfehlen Briihen mit gestoBenem Pfeffer, Zimmet und Speze- 
reien, besonders solchen Leuten, die gewohnheitsmaBig wenig und nui- 
Ausgesuchtes essen. Bei Tage schlafen ist schadlich. Der Schlaf darf 



62 0' Periode. 

nicht langer als bis zum Morgengrauen oder ein wenig mehr dauern. 
Zxun Fruhstiick soil man nur wenig trinken, das Mittagessen um elf Uhr 
nehmen; dabei darf man ein wenig mehr als am Morgen trinken, nnd 
zwar von einem klaren leichten Wein, der mit einem Sechstel Wasser 
gemischt ist. Unschadlich sind trockene und frische Friichte, wenn man 
sie mit Wein nimmt. Ohne Wein konnen sie gefahrlicli werden. Die 
roten Riiben und andere frische oder eingesalzene Gemiise konnen nach- 
teilig wirken; die gewitrzhaften Krauter wie Salbei oder Rosmarin sind 
dagegen heilsam. Kalte, feuchte und waBrige Speisen sind grolltenteils 
scliadlich. Gefahrlich ist das Ausgehen zur Nachtzeit bis um drei Uhr 
morgens wegen desTaues. Fisch soil man nicht essen; zuviel Bewegung 
kann schaden; man kleide sich warm, schiitze sich vor Kalte, Feuchtig- 
keit und Regen, und man koche nichts mit Regenwasser. Zu den Mahl- 
zeiten nehme man etwas Theriak; Olivenol zur Speise ist todlich. Fette 
Leute soUen sich der Sonne aussetzen. Eine grofie Enthaltsamkeit, Qe- 
miitserregungen, Zom und Trunkenheit sind gefahrlich. Durchfalle sind 
bedenklich, Bader gefahrUch. Man halte den Leib mit Klystieren offen. 
Umgang mit Weibem ist todlich; man soil sie weder begatten noch in 
einem Bette mit ihnen schlafen. 

Diese Vorschriften gelten besonders fiir Alle, die an den Gestaden 
des Meeres oder auf Inseln wohnen, wohin der verderbliche Wind ge- 
drungen ist. (Jacobus Franceschini de Ambbosiis bei Mubatobi tom. XI.) 

HoENiGEB hat es wahrscheinlich gemacht, dafi die obige von Mura- 
tori mitgeteilte Fassung nicht das Werk der Pariser Fakultat ist, sondern 
ein Auszug daraus von Kurpfuschem mit Zutaten von deren eigener 
Hand, und daU wir das wirkliche Gutachten in zwei Handschriften zu 
Erfurt haben, wo von er eine Abschrift mitteilt. Die vollstandige Ur- 
schrift hat Rebouis im Compendium de epidemia per collegium factiUatis 
mediconim Parisiis ordinatum vom Oktober 1348 nach dem Manuskript 
11227 fonds latin in der Nationalbibliothek zu Paris mitgeteilt. Die 
alteren Veroffentlichungen in Heckebs Annalen (Band 39) und in Michons 
Documents sind nur Bruchstiicke von jenem Kompendium; das Gedicht 
des Olivieb des Hayes aus dem Jahre 1425 eine Ubertragung davon in 
Verse. Jedenfalls enthalten auch diese weitlaufigeren oder vollstandigen 
Dokumente nur Vermutungen iiber den wahrscheinlichen Ursprung der 
Pest und verlieren sich in eine weitschweifige Diatetik und Pharmako- 
therapie. Wie wenig, besser gesagt wie gar nichts sie zu der Kenntnis 
der Seuche beitragen, sieht man am deutlichsten, wenn man damit etwa 
den Bericht des Ibnul Khatib oder den Brief des Clericus anonymus 
vergleicht. 

Neben dem Tractatus de epidymia per collegium facultatis parisiensis 
ordinaius teilt Michon einen Tractatus de epidymia a quodam practice de 



Die Pestpandemie des vierzehnten Jahrhunderts. 63 

Montepessulano mit. Dieses Gutachten hat keine Vorziige vor dem Pariser. 
Die Ansteckungskraft des Blickes der Pestkranken wird darin wortlich 
genommen. Der Arzt aus Montpellier rat dem Arzt oder Priester oder 
Freund, der etwa einen Pestkranken besuchen will, den Kranken zu er- 
mahnen und aufzufordern, daB er seine Angen schliefle und mit einem 
Leintnche bedecke. Erst dann konne der Besucher ohne Scheu den 
Kranken behandeln und anhoren und betasten, soweit es notig sei, mit 
der Vorsicht, daC er sich einen mit Essig getrankten Schwamm vor die 
Nase halte, wenn es warm sei; dagegen, wenn Kalte herrsche. Raute 
und Kiimmel in der Hand halte und immer an die Nase bringe und sich 
vor dem Anhauchen des Kranken hiite. Auch solle sich der Besucher 
vor dem hochst giftigen Geruch und Gestank der Achselhohlen hiiten, 
falls etwa der Kranke seine Arme ausbreite. — 

Nachdem Philipp von Valois im Oktober die Hilfe der medizinischen 
Fakultat vergeblich angerufen hatte, lieB der Bischof von Fulko am 
18. November in den Kirchen von Paris den heiligen Sebastian anflehen. 
Die Seuche wiitete fort, bis sie nach einer achtzehnmonatigen Herrschaft 
iiber 50000 Menschen weggerafft hatte. 

In dem benachbarten St. Denis starben 6000 (Martin). 

Von Paris aus verbreitete sich die Pest nordwarts, westwarts und 
ostwarts. In der Normandie erschien sie um das Fest des hi. Jakob, am 
25. Juli, und dehnte sich dort rasch aus; bald darauf war sie in der 
Picardie. Zur gleichen Zeit zog sie vom Languedoc iiber die Gascogne 
nach Poitou und nach der Bretagne. Uberall starben in den Stadten 
mehr als zwei Drittel der Menschen. Eine grofie Hungersnot, die seit 
dem Jahre zuvor in ganz Nordfrankreich herrschte, hatte sich mit dem 
Mai des ardents oder Morbus cancri, das heiUt mit dem heiligen Feuer, 
dem Mutterkornbrand, und mit den Unruhen des englisch-franzosischen 
Krieges vereinigt, um der Pest den Boden vorzubereiten. Uberall irrten 
damak bleiche, abgezehrte Menschen auf den Wegen und Feldem um- 
her, um Krauter und Wurzeln zu suchen; uberall starben Unzahlige an 
den furchtbaren Qualen des heiligen Feuers. Nun warnten dazu von 
den Kirchtiirmen der verpesteten Dorfer schwarze Fahnen, daC die An- 
steckung eingezogen sei (Fleury). Im August war diese bis Calais, das 
die Englander besetzt hielten, vorgedrungen (Richard de Saint -Victor bei 
Rebouis; Delisle bei Gasquet). 

An manchen Orten Frankreichs und Flandems erreichte die Seuche^ 
ihre Hohe erst im folgenden Jahre, als die meisten Gegenden bereits von 
ihr verlassen und durch den Mangel an Landbevolkerung einer neuen 
Hungersnot preisgegeben waren. 

Zu den Stadten, die erst im Jahre 1349 die Pest sahen, gehoren 
Amiens und Toumay. 



54 ^- Periode. 

Hier begann sie, gemaB der Chronik des Abtes Gilles li Muisis von 
Toumay, im August. Bis Weihnachten starben 25000. Die Reichen 
wurden ebenso ergriffen wie die Armen. Am dichtesten war das Sterben 
in der Umgebung der Marktplatze und in den engen Gassen der Armen- 
viertel. In manchen Hausern starben 10 und mehr auf einmal und ebenso 
verendeten darin Katzen und Hunde. Wer Wein trank, die verdorbene 
Luft und den Verkehr mit den Kranken mied, der blieb moistens ver- 
schont, wer aber die verseuchten Hauser besuchte, wurde schwerkrank 
oder starb. Besonders zahkeich starben die Beichtvater und Pfarrer. 
Spanien Schon lango bevor die Seuche Frankreich und die Niederlande iiber- 

flutet hatte, war sie nach Spanien gekommen. Der Anonymus in Avignon 
schreibt, dasselbe Schiff, welches die Ansteckung nach Marseille brachte, 
habe, von hier weiter vertrieben, seine beiden Geleitschiffe, die mit ihm 
von Genua geflohen waren, auf dem hohen Meere treibend wiederge- 
funden und sei dann mit diesen weiter nach Spanien gesegelt, um die 
Waren dort abzusetzen. Dies bleibe dahingestellt. Jedenfalls war die 
Pest bereits zu Anfang des Jahres 1348 von Sizilien, Sardinien und 
Korsika aus zu den balearischen Inseln getragen worden. In Majorka 
soil sie in weniger als vier Wochen 15000, im Ganzen gegen 30000 Men- 
schen getotet haben. Nur zwei von je zehn Menschen sollen ihr ent- 
gangen sein. Nicht viel spater als auf den Inseln erschien die Seuche 
auf dem Festland, zuerst in der Kiistenfestung Almeria. Abu Dja'far 
A'hmad ben 'Aiii BEN Mohammed ben 'Ali ben Khatimah, der in Almeria 
lebte, beschreibt die Lage und Bauart der Stadt genau, um zu zeigen, 
daB ihre offene Lage gegen Siiden und der sumpfige Boden nebst der 
armlichen Fischnahrung der Bewohner die Ursachen dafiir waren, dafi 
die Pest schneller nach Almeria als nach den anderen islamischen Stadten 
Andalusiens gekommen war. (bei M. J. Mulleb.) 

Bald hemach erschien sie in Barcelona. Fines ihrer ersten Opfer 
war die Konigin von Arragonien. Im Mai war sie in Valencia, im Sep- 
tember in Saragossa. Bald herrschte sie in ganz Katalonien, Valencia, 
Arragon, Navarra und Kastilien (Kashlaki). Der Historiker BoFABtiiL 
schildert die Krankheit nach katalonischen und andalusischen Chroniken: 
Die Pestkrankheit begann stets mit einer Driisenanschwellung an irgend- 
einem Gelenk; sie ergriff die Kranken friihzeitig mit einem heftigen 
Fieber, welchem Irrereden, Teilnahmlosigkeit und Gefiihllosigkeit folgte. 
Doch konnten dieso Zeichen auch eine audere Reihenfolge nehmen. Die 
Zunge und der Gaumen wurden schwarz wie gerauchert. Die Kranken 
verbreiteten einen unausstehlichen Gestank. Viele von ihnen hatten eino 
heftige Lungenentziindung mit plotzlichem und todlichem Blutspeien. Bei 
Manchen brachen als Zeichen des Brandes am ganzen Korper schwarze 
Flecken aus. Einige starben vor dem Erscheinen aller Zeichen am ersten 



Die Pestpandemie des vierzebnten Jahrhunderts. 65 

Krankheitstage plotzlich, bisweilea wahrend eines Spazierganges auf 
der Strafie. Bildeten sich auCere Eiteransammlungeii, so kam es zur 
Genesung. 

Nach Kashlabi starben die Kranken vor dem elften, viele vor dem 
siebenten oder achten Tag, nachdem zu flammender Hitze, Hei'zschwache 
und Nasenbluten sich Benommenheit und Irrereden gesellt hatte. Der 
Urin der Kranken blieb unverandert. 

Das stimmt im Groflen und Ganzen zu den sonstigen Uberlieferungen 
und insbesondere zu dem Bilde, welches der bereits genannte Arzt und 
Staatsmann Ibnul Khateb zu Granada als Augenzeuge hinterlassen hat: 
Eine rasch verlaufende Krankheit, hitzig in ihrer Ursache, giftig in ihrer 
Materie, die unmittelbar zum Lebensgeist mittels der Luft gelangt, in 
die Adem sich verbreitet und das Blut verdirbt und gewisse Safte in 
Gift verwandelt, worauf Fieber und Blutspeien folgt und Pestausschlage, 
Beulen hinter den Ohren oder in den Achselhohlen oder in der Leisten- 
gegend oder an anderen Stellen, ausbrechen. Die Krankheit geht ent- 
weder, und zwar selten aus einer besonderen Anlage hervor, oder, was 
das Gewohnliche ist, aus Ubertragung und Ansteckung. Fur die An- 
steckung spricht folgendes: Der Verkehr mit den Kranken bringt den 
Meisten den Tod. Ein Kleid oder ein GefaJJ kann das Ubel verbreiten. 
Sogar ein Ohrring, den ein Ges under von einem Kranken sich anhangte, 
brachte den Tod und zog das ganze Haus ins Verderben. Zuerst ist ein 
einziges Haus in der Stadt befallen, dann werden die ergriffen, welche 
mit den Kranken zu tun haben, dann die Nachbaren und Verwandten 
und besonders die, welche den Kranken besuchen. Seestadte erfreuen 
sich voUkommener Gesundheit, bis dafi ein angesteckter Mann von einem 
fremden Lande ankommt, dann bricht das Ubel aus. Leute, die sich 
ganz von der AuJJenwelt abschliefien, bleiben gesund. So der fromme 
Ibn Abu Madyan in der Stadt Sale, der auch an die Ansteckung glaubte, 
sich mit Mundvorrat versah und die Tiii-e seines Hauses fiir die zahl- 
reichen Bewohner zumauerte. Wahrend die Stadt ausstarb, traf die Ein- 
geschlossenen in der ganzen langen Zeit kein Unfall. — Ebenso sind die 
Nachrichten verbiirgt, dafi Gegenden, welche nicht von StraCen durch- 
schnitten und ohne Verkehr mit den ubrigen Menschen waren, von der 
Pest verschont blieben. Das Wunderbarste aber wahrend der Zeit war, 
dafi mehrere tausend kriegsgefangene Moslimen in der Werf t von Sevilla 
von Gott geschutzt und von der Pest verschont blieben, wahrend die 
Stadt beinahe vollig ausstarb. Sicher auch ist die Nachricht, dafi die 
zeltbewohnenden und nomadischen Araber in Ifriquija und anderswo 
gesund blieben, weil die Luft nicht abgesperrt und darum weniger ver- 
dorben war. 

So wiitete das Schwert der Pest unter den Menschen. Denn Gott 

Stieker, Abhandlungen I. Geschichte der Pest. ^ 



56 5. Periode. 

gab sie in die Gewalt einiger Rechtsgelelirten, und so verbluteten unter 
den Spitzen ihrer Rohrfedem so Viele, daiJ bloB Gott ihre Zahl kennt, 
obwohl die Rechtsgelehrten rein waren, indem sie sich auf den Buch- 
staben der Uberlieferang stiitzten. Sie leugneten namlich die Ansteckungs- 
kraft der Seuche und verboten die Flucht vor der Gefahr, wiewohl der 
Gefahrte des Propheten, der Kalif Omar ibn ul Khattab, als er auf dem 
Zuge nach Syrien horte, daB dort die Pest ausgebrochen sei, anders 
handelte, indem er sprach: Ich flielie das Land, das nach dem RatschluC 
Gottes von der Pest heimgesucht ist, um in das Land zu gehen, das 
nach dem RatschluC Gottes davon verschont ist. 

Das Betragen der Leute, welche die Griinde f iir die Ansteckungs- 
kraft der Pest nicht anerkennen, verrat aber Bosartigkeit und Frevel 
gegen Gott und die Geringschatzung der Seelen der Moslimen. Die An- 
steckung wird nur von zwei Sorten von Menschen geleugnet, von Heuch- 
lern von Natur, die mit der Zunge reden, woran ihr Herz nicht glaubt, 
und von Unwissenden, die nie eine Pest erlebt haben. Bereits sind aber 
fromme Leute in Afrika aufgestanden, die ihre fnihere Meinung wider- 
rufen und das Fluchtverbot zuriicknehmen, da sie ihr Gewissen beschwert 
fiihlen durch die Meinung, als ob es erlaubt sei, sich dem Verderben zu 
iiberliefern. Gott schiitze uns vor Leichtfertigkeit und gebe uns seine 
Gnade in Wort und Werk. 

Man behauptet, dafi die Krankheit in den durchseuchten Orten leichter 
verlief, bei schwachen und dlirftig lebenden Menschen morderischer, bei 
Weibern und Kindern verderblicher war. Wenn die Behauptung wahr 
ist, daC die Krankheit in den durchseuchten Orten milder aufgetreten sei, 
so erklart sich das daraus, daB die Menschen mit der verdorbenen Luft 
vertraut und gewohnt word en sind, die Pest zu ertragen und sich an 
sie anpassen, wie man von einigen Madchen erzahlt, denen man allmah- 
lich ein gewisses Gift beibringt und sie dann listigerweise als G^schenk 
den Konigen schickt, die man verderben will. 

Bei den armselig lebenden Menschen ist die Gefahr groBer durch 
ihren Verkehr an den Orten, wo die Kranken liegen, ihre Anwesenheit 
bei den Leichenbegangnissen, die Beriihrung der Kleider und Gerate, die 
Enge der Wohnungen, die Anhaufung der Menschen darin, die schlechte 
Kost, die Torheit und Unwissenheit der gemeinen Leute. 

Zur Verhiitung der Krankheit leere man die iibei-flussigen Stoffe 
aus und verbessere die Nahrungsmittel, verbessere ferner die Luft durch 
kalte Wohlgeriiche und Blumendiifte und vermeide besonders die ver- 
seuchten Orte, Kleider und GefaBe. Kann man die Hauser der Kranken 
und diese selbst nicht ganz vermeiden, so halte man den Atem an und 
beuge sich iiber eine wohlriechende Sache, halte sich iiber dem Luftzug 
und entferne sich rasch wieder (Ibnul Khatib bei Muller). 



Die Pestpandemie des vierzehnten Jahrhunderts. 67 

Die Pest wiitete in Spanien bis weit in das Jahr 1350. Am 26. Marz, 
dem Charfreitag dieses Jahres, starb an ihr unter Vielen der Konig 
Alphonsus XI. wabrend der Belagerung von Gibraltar (Phillippe). — 
Nach Deutschland hatte sicb die Seuche, wie bereits angedeutet, 
auf drei Wegen eingeschJichen, liber den Brenner, fiber den St. Gotthard, 
durch die westliche Scbweiz. 

Zu Anfang des Jahres 1349 herrschte sie in Bayem, im Donau- sad- und 
gebiet und in Wiirttemberg (Moll). West- 

Im Mai gelangte sie von Ba^elj wo 14000 Menschen von ihr bin- land 
gerafft warden (Mbtee-Mebla.n), nordwarts nach Colmar; im Juli nach 
StraBburg, wo sie bis zum Oktober herrschte. Das Sterben, berichtet die 
Chronik Closnera, war so groiJ, dafl gemeiniglich alle Tage in jegltchem 
Kirchspiel 7 oder 8 oder 9 oder 10 oder mehr Leichen waren, ohne die, 
welche man in den Klostern begrub oder zum Spital trug. Die Leute, 
welche starben, starben alle an Beulen oder Dnisen, die sich unter den 
Armen und oben an den Beinen erhuben. Wen die Beule ankam, der 
starb am vierten Tage oder am dritten oder am zweiten; etliche starben 
auch am ersten Tage. Kam das Sterben in ein Haus, so horte es selten 
mit einem Opfer auf. — In diesen Zeiten wurde verboten, Leichen in den 
Kirchen beizusetzen oder sie nachtuber in den Hausem zu lassen. So- 
bald einer gestorben war, sollte er begraben werden. Im Ganzen starben 
16000 Menschen in StraCburg. (Closnbb, TwiNaEB von Konigshofen.) 

Bereits Ostern 1349 war die Pest nach Frankfurt a. M. gelangt, wo 
sie binnen 72 Tagen mehr als 2000 Menschen totete (Lbchnee). Am 
14. Juni fiel ihr der Kaiser Giinther zum Opfer. Sie dauerte hier bis 
zum Anfang des Jubilaums jahres (1350) und verbreitete sich wahrend 
des Sommers durch ganz Hessen bis Mainz und Limburg (Limbukoer 
Chbonik). In der Gegend von Trier und wohl auch weiterhin verband 
sich die Epidemia mit dem Heiligen Feuer, Mutterkombrand. (Gesta Tre- 
virensium bei Maetene und Dueand.) Am 18. Dezember war sie in Koln 
und bald darauf in Flandem, in Holland, in Westfalen. 

Von 1349 bis 1350 herrschte sie an der Nordkiiste, in Pommern und 
PreuBen, im Sommer 1350 in Danzig, Thorn, Elbing, Marienburg, Konigs- 
berg usw. Wahren(J des Jahres 1349 waren Niirnberff, Wurzhurcr, Schlesien 
Bohmen freigebheben. Sie wurden im f olgenden Jahre nachgeholt. Ganz .*_ ^ 
verschont blieben groCe Teile von Bayem und Ostfranken (Lechneb, 
Honigee, Bohmee Fontes, Peetz Monumenta german.). 

Schon Ende Januar 1349 war die Pest aus Ungam nach Polen ein- 
geschlichen. Hier verursachte sie in den ersten beiden Monaten hohes Polen 
Fieber und Blutspeien. Die Ergriffenen starben am Ende des dritten 
Tages. Vom Marz bis August aufierte sie sich in Fieber mit Beulen 
unter den Achseln und in den Leisten oder in Karfunkeln; jetzt starben 



6* 



dentsch 
land 



gg 5. Periode. 

die Leute erst am fiinften Tage. Ganze Dorfer und Stadte wurden ent- 
volkert; rnehr als die Halfte der Einwohner des Landes starb. (Matthias 
DE MxECHOwiA, Martin Cromer bei PniLLrpPB,) 

Zu Anfang des Jahres 1350 trat der Tod in Paderbom, Osnabriiek, 
Nord- Minden, Erfurt, Thiiringen auf; im Mai ist er in Magdeburg, Halber- 
stadt, Bremen. Uberall in den Chroniken der groBen Handelsstadte Augs- 
burg, Regensburg, Mainz, Coin, Bremen ist in diesem JahriB die Rede 
vom groBen Sterb in Deutschland. Sie sturben an den Driisen und 
wen das anging, der starb am dritten Tag und in den Mauem sturben 
die Leute in den grofiten Stadten, Coin, Mainz usw., meist hundert 
Menschen am Tage. Das wahrte in jeglicher Stadt und Land mehr denn 
ein Vierteljahr (Vrhovec). Es starben in Mainz 6000, , in Limburg an 
der Lahn 2400, in Miinster i. W. 11000, in Hannover 3000, in Erfurt 
12000 Menschen; in Wismar in einem Monat liber 2000. 

In Bremen zahlte der Stadtrat im Jahre 1350 in vier Pfarreien 
6922 Pesttodesfalle. Auflerdem starb viel ungezahltes Volk in der Um- 
gebung der Stadt auf den Eeldem. Liibeck und Magdeburg litten nicht 
minder. 

Ob Hamburg damals von der Pest gelitten hat, ist ungewifi. Schbadeb 
meint, es sei verschont geblieben, weil der Rat, der im Jahre 1350 das 
Geliibde tat, zu Ehren des allmachtigen G-ottes und der hi. Jungfrau 
und des Martyrers St. Sebastian eine Kapelle zu erbauen, wenn die Seuche 
von der Stadt abgewendet bliebe, im Herbst 1355 beim Papst in Avignon 
die Q-enehmigung zum Bau der Kapelle einholte und sie am 21. De- 
zember 1355 erhielt. Der Bau unterblieb schliefilich nach einem langen 
Streit mit dem Domkapitel. 

In Stralsund, Wismar, Wisby, Thorn und Rostock fanden wahrend 
des Jahres 1350 hochnotpeinliche Verhore der Juden statt, da ein Jude 
in Liibeck gestanden hatte, an vielen Orten Gift gelegt zu haben. Der 
Rat der Stadt Liibeck ersuchte den Herzog von Braunschweig in Liine- 
burg, die Juden in seinem Gebiet zu verfolgen. (Mecklenbubgisches Ue- 

KUNDBNBUCH X.) 

Auch ein kathoUscher Geistlicher Hildensem, der sich der Kranken 
und Sterbenden annahm, wurde in Rostock als Pestmacher verdachtigt. 
Beide Biirgermeister der Stadt, mehrere Ratsmanner und Biirger ver- 
setzten ihn unter die Anklage, er habe, von jiidischem Gelde bestochen, 
durch Ausstreuen von Gift die Pest in Rostock bewirkt; sie liefien ihn 
aufheben und in ein enges Gefangnis werfen, worin er mit gefesselten 
Gliedem, verbundenem Munde, bei Wasser und Brot sechsundzwanzig 
Wochen lag. Wahrend der Winterkalte legte man zeitweise seine Fiifie 
in Eeuer und qualte ihn mit anderen Torturen. Als man ihn nachher 
unschuldig befand, zwang man ihm mit Gewalt den Eid ab, iiber das 



Die Pestpandemie des vierzehnten Jahrhunderts. 69 

VorgefaUene zu schweigen und keine Klage anzustrengen. Einige Jahre 
nachher wurde er aufs Neue verfolgt und entging einer neuen Gefangen- 
schaft nur mit knapper Not. Jetzt (1371 bis 1386) snchte er Hilfe nnd 
Entschadignng beim- Papst Gregor XI. Der ProzeJJ des Vikars am 
Heiligen Kreuz-Kloster zu Rostock, Michael Hildensem, wider 
die Biirgermeister Arnold Kropelin und Lambert Witte etc. 
wegen Miflhandlung bei der Judenverfolgung im Jahre 1350 und 
wegen spaterer Verfolgungen ist im Mecklenbubgischen Uekunden- 
BUCH abgedruckt (No. 7143). 

Wahrend dieser Vorgange in Deutschland machte die Pest auch in 
England ihren Gang. Sie war, wie berichtet, im August des Jahres 1348 England 
nach Calais gekommen, welches die Englander in Besitz hatten. Das 
Geriicht von dem Herannahen des furchtbaren Sterbens auf dem Fest- 
lande wurde die Veranlassung, dafi am 17. August Ralf von Shrewsbury, 
der Bischof von Bath und Wells, Briefe durch seine Diozese sandte mit 
der Verordnung, daU jeden Freitag in alien Kirchen des ganzen Sprengels 
Bittandachten gehalten werden soUten, damit Gott das Volk vor der Pest 
schiitzen moge, die von Osten her nach Frankreich gekommen seL Jeder, 
der im Stande der Gnade bete, faste und Almosen gebe, erhalte einen 
AblaC von vierzig Tagen, wenn er zu Gott um Abwendung seines Zomes 
flehe. Inzwischen hatten aber bereits um das Fest des hi. Thomas, am 
7. Juli, oder spatestens im August, Fluchtlinge von Calais das tJbel hin- 
iiber an die Sudkiiste von England gebracht, zunachst zum Hafen von 
Melcombe Regis in Dorsetshire. Von hier verbreitete es sich uber Dorset, 
Devon und Somerset bis Bristol, wo es schon am 15. August auftrat. 
Es eilte weiter von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt und ergriff wahl- 
los Arme und Reiche, die Kranken starben oft am selben Tage, die 
meisten am dritten, wenige erst am vierten Tage. Man begrub an vielen 
Orten 20, 40, 60 und mehr an einem Tage in derselben Grube. In Bristol 
blieb kaum ein Zehntel der Bevolkerung iibrig. Ende Herbst war der 
ganze Westen Englands verseucht und beinahe entvolkert. Die Schiffe 
an der Kiiste des Bristoler Kanals trugen die Pest zu den nordlichen 
Hafen weiter. 

Die Einwohner von Gloucester sperrten sich gegen Bristol ab. Ver- 
gebens; bald ist auch ihre Stadt verseucht, und von ihr aus gelangt die 
Pest nach Oxford. Hier bleiben von 30000 Studenten kaum 10000 iibrig. 
Die Pest geht von Ort zu Ort weiter. Zwischen dem Michaelistag, 
29. September, und AUerheiligen, 1. November, wird London ergriff en. 
Das Ubel schleicht hier den Winter iiber und bricht mit voller Wut im 
Februar und Marz des folgenden Jahres 1349 aus. Auf dem einen neuen 
Friedhof bei Smithfield wurden taglich mehr als 200 Tote begraben. Erst 
gegen Pfingsten liefi der Ausbruch nach. 



70 5. Periode. 

Kiirz vor Weihnachten 1348 war die Seuche in Bodmin und totete 
15000 Menschen; in Bridport gegen Ende des Jalires, ebenso in den 
kleinen Stadten und Dorfern von Siidwestengland. Vom Februar bis 
April 1349 ist die Hohe des Sterbens in Surrey. Im Marz erhebt sich 
die epidemische Steigerung der Seuche in Westminster und London, um 
gegen Mariae Lichtmefi ihre Hohe zu erreichen und bis Pfingsten an- 
zudauem. 

Um Christi Himmelfahrt) 9. Mai, beginnt die Pest in York zu wiiten 
und herrscht hier bis Ende Juli. In derselben Zeit sterben in Norwich 
von 70000 Einwohnern 57374. So uberzieht die Pest wahrend des Som- 
mers 1349 bis Michaelis ganz England, Irland und Siidschottland; die 
siidlichen Gegenden, worin die Seuche im Jahre zuvor begonnen ha tie, 
wurden nicht zum zweiten Male heimgesucht. Das Gebirgsland von 
Wales wurde auch in diesem Sommer oder im Sommer 1350 verwiistet. 

Aus den Bischofsregistern, Klosterchroniken und koniglichen Patent- 
roUen ergibt sich fiir England in den Jahren 1348 und 1349 ein Sterben 
von 25000 Klerikern. Danach muB sich, wie Gasqubt zeigt, der Men- 
schenverlust in ganz England auf mindestens 2 Millionen beziffern. Viele 
Kloster starben aus; die Landgiiter blieben unbebaut und wurden fast 
wertlos. Trotz koniglichen Gegenverordnungen stiegen die Lohne fiir 
die Arbeiter mehr und mehr; der Wert des Viehstandes sank aufs 
tiefste. Wahrend des Wiitens der Pest wurden auch in England an 
einigen Orten die Juden der Pestverbreitung angeklagt, aber nicht 
verfolgt. 
Irland In Irland zeigte sich die Pest im Sommer 1349 zuerst an der Kiiste 

des Dubliner Meerbusens, in Howth, Dalkey, Drogheda; in Dublin herrschte 
sie von Anfang August bis Weihnachten und nahm 14000 Menschen weg. 
Schott- In Schottland brach sie im Herbst 1349 aus, zuerst unter den Leuten 

im Walde von Selkirk; sie ruhte im Winter und erhob sich zu einer 
allgemeinen Verheerung im Fruhjahr 1350. (Knighton, Babnes, Webster, 
Bascome, Gasqxtet, Ceeighton.) 

Schon um Weihnachten 1348 oder zu Anfang des Jahres 1349 kam 
der sorte Dod, der schwarze Tod, auf Schiffen von England nach Dane- 
Skan- mark und Schleswig Holstein (Mahr). Im Sommer desselben Jalires 
ging ein Scliiff von London, wo die Post auf der Hohe war, mit einer 
Ladung woUener Kleider in See. Auf der Fahrt starb die ganze Mann- 
schaft. Das Scliiff wurde von den Winden und Stromungen nach Bergen 
in Norwegen getrieben und brachte die Ansteckung dorthin. Der Erz- 
bischof von Drontheim und sein ganzes Domkapitel starb aus bis auf 
einen Domherrn. Fliichtlinge trugen von Bergen den store manedod, das 
grofie Menschensterben, in das Hochland. An jedem Ort dauerte die 
Pest fiinf Monate. 



land 



dinavien 



Die Pestpandemie des vierzefanten Jahrhunderts. 71 

Im Juli 1350 begann die Pest in Gotland und herrschte bis zum 
September. Sie iiberzog als diger doden, gi'ofier Tod, Schweden und 
totete hier unter zahllosen anderen Opfem zwei Bnider des Konigs 
Magnus II. Zuletzt kam sie nach Island und Gronland. Hier hat sie Island, 
die Zivilisation, welche durch die Gronlandfahrten der Danen und Nor- ^^^^^l*^^ 
weger gegriindet war, vollig vernichtet (Heckeb). 

Im Jahre 1350 trat die Seuche in Kurland auf; 1351 in Frank- Kurland 
furt a. 0. Gegen RuBland bin war sie bereits Anfang des Jahres 1349 EuBland 
geschlichen und zwar von Polen aus; sie verursuchte in Polozk ein groBes 
Sterben. Die vollige Eroberung RuBlands durch die Pest begann aber 
erst im Friihjahr 1352 von den baltischen Landem aus. Die Einschlep- 
pung geschah zuerst nach Pleskow am Peipussee, das mit den westUchen 
Hansastadten einen lebhaften Handelsverkehr hatte. Hier erschien das 
Ubel im Juni und gewann bald eine rasche und weite Ausbreitung. Das 
Sterben war bald so groB, daB die Priester nicht jeden Toten einzeln 
begraben konnten, sondem die Leichen w^ahrend eines ganzen Tages auf 
den Kirchhofen ansammeln lieBen, um sie am andern Morgen zugleich 
einzusegnen und zu bestatten. In einem Sarg trug man wohl drei und 
fiinf Leichen herbei; im Laufe einer Nacht wurden in den Hofen der 
einzelnen Kjrchen 30 und mehr Leichen gesammelt. Die Menschen sahen 
den unvermeidlichen Tod, dachten nur noqh an die Rettung ihrer Seele 
und verteilten Hab und Gut, bisweilen auch ihre Kinder unter fremde 
Menschen und gingen in die Kloster, Da man aber bald sah, daB auch 
die verteilte Habe die Seuche mitbrachte, nahm niemand mehr vom 
Andern etwas an. Als die Pleskower keine Rettung mehr sahen, schickten 
sie Boten nach Nowgorod zu dem Erzbischof Wassilij und baten ihn 
zu kommen, um die Einwohner zu segnen und mit ihnen die Beendi- 
gung der Seuche von Gott zu erflehen. Der Erzbischof kam und ver- 
anstaltete einen feierlichen Bittgang mit Kreuzen um die Stadt. Auf 
dem Riickweg nach Nowgorod erkrankte er selbst und starb am 3. Juli. 
Man begrub seine Leiche in der Kirclie der hi. Sophia in Nowgorod. 
Hier brach die Pest im August aus und wahrte bis Ostern des nachsten 
Jahres mit groBen Menschenverlusten. Weiter ging sie nach Ladoga, 
Susdalj, Smolensk, Tschemigow, Kiew und so fort iiber ganz RuBland. 
In den Stadten Gluchow und Bjelosersk starben alle Einwohner. In 
Moskau erlag ihr der Erzbischof Theognost, der GroBfiirst Simeon Iwano- 
witsch der Stolze, seine beiden Sohne und sein Bruder neben unzaliligen 
Anderen. Von Moskau verbreitete sich die Pest siidwarts bis zur Donau- 
miindung, bis Odessa und den Don entlang nach SiidruBland bis zu 
den Statten ihres Ausgangs im Jahre 1346 auf der Krim und unter der 
goldenen Horde. Wahrend in Pleskow die Seuche im "Winter 1352 er- 
losch, dauerte sie in Nowgorod und anderen Stadten bis Ostern 1353. 



72 5. Periode. 

tJberall trat die Krankheit unter dem Bilde der Lungenzerstorung mit 
Blutspeien auf und endete nach drei Tagen todlich. Von Bubonen wird 
in den Chroniken nichts erwahnt (Richteb, Dorbbck). 

Vom Jahre 1352 ab soil es nach den chinesischen Annalen eine 
Reihe groBer Pestausbriiche in verschiedenen Provinzen des himmlischen 
Reiches gegeben haben (de Mailla). — 

Die Pest war es nicht allein, die in den Jahren 1346 bis 1352 den 
Erdkreis verwiistete und die Volker entsetzte. Mit ihr verbanden sich 
zur Vernichtung des Menschengeschlechtes andere grofle Umwalzungen 
und Storungen, die hier in Kiirze aufgezahlt werden miissen. Erd- 
beben, Vulkanausbriiche, Uberschwemmungen, brandstiftende 
Meteore gingen in vielen Q-egenden, besonders aber im femen Osten, 
der Seuche voraus oder begleiteten sie. Die hergehorigen Ereignisse hat 
Hbcker gesammelt. In Deutschland hatten im Jahre 1346 Heuschrecken 
und weiCe Mause das tjbel angekundigt (Lulsdokff). 

In Europa waren es vor allem schwere Hungers note, und der mit 
ihnen verbundene Mutterkornbrand, wodurch die Schrecken der Pest 
vorbereitet und gesteigert wurden. So herrschten MiiJwachse und ihre 
Folgen in den Jahren 1347 und 1348 in den Ostalpen, sowie in den 
Landem zwischen Donau und Po (Collb), in der Lombardei (Boccaccio), 
in Osterreich (Meter-Merian), in Siidfrankreich, besonders im Langue- 
doc (Catla), an der Mosel (Gesta Trevirensium), in England (Webster). 
SteUenweise kam es hierbei in Frankreich zum Kannibalismus (Baluze). 
Wir haben Einzelheiten von alledem an gehoriger Stelle beigebracht. 

Den schwersten Eindruck aber machten in jener Zeit zwei grofie 
Juden- geistige Bewegungen, der Judenbrand und die GeiiJlerfahrt. Beide 
brand, fanden vornehmlich in Deutschland ihren Boden. 

Die Verfolgung der Juden hatte schon im Jahre 1343 in der Pro- 
vence begonnen und wurde damals im Namen der Konigin Johanna von 
Neapel geschiirt. Sie erhielt eine neue wirksame Anregung im Sommer 
1348, als aus Spanien das Geriicht kam, die Juden hatten die Brunnen 
vergiftet und damit die Pest erzeugt und verbreitet Von Siidfrankreich 
und der franzosischen Schweiz ging die Anklage wie ein Lauffeuer iiber 
die Nachbarlander. Man verfolgte und verbrannte die Juden bis ins 
folgende Jahr in Italien, in Deutschland, in Frankreich. Bis nach Eng- 
land, Skandinavien und Ungarn wiitete der Judenmord. Er hatte zur 
volligen Vernichtung der Juden in Europa gefiihrt, wenn nicht der 
Pabst Clemens VI. sich dem groCen Verbrechen entgegengestellt und 
der Kaiser Karl IV. imd die Herzoge von Osterreich und von Polen 
ihnen Asyle eroffnet hatten. 

Die Ziige der GeiBler, die auch bereits in friiheren Jahren besonders 
in Oberitalien aufgestanden waren, nahmen um MichaeHs 1348 ihren 



Die Pestpandemie des yierzehnten Jahrhunderts. 73 

Ausgang von Steiermark und bald darauf auch von Ungam. Das Volk 
sammelte sich zu solchen Ziigen, nm durch BnJJiibungen die Abwendung 
der Pest, deren Verheemngen in den Nachbarlandern begonnen hatten, 
bei Gott zn erwirken. Diese religiose Bewegung iiberflutete wie eine 
Epidemie ganz Deutschland von Osten nach. Westen walirend des Jahres 
1349. Sie entartete schliefilich. Die GeiBler begingen allerlei Ausschrei- 
tungen nnd schiirten die Judenverfolgung, so dafi auch ihnen endlich 
die geistlichen und weltlichen Oberhaupter mit Gewalt entgegentraten 
und sie unterdriickten. (Speengel, Heckeb, Phillippe, Meyeb-Mebian, 
Lbchneb, Foestbmann, Honigbe, Rungb.) 

Harmloser sind die Schauspiele und Tanze, welche zur Zeit des 
schwarzen Todes an einigen Orten entstanden, um das erschutterte Ge- 
miit des Volkes wieder aufzurichten, so der Bemer Tanz, der in der 
Bemer Chronik von Justingeb erwalint wird, und das Volksspiel des 
Metzgersprunges in Miinchen (Sepp), das wir, falls die Munchener Polizei 
Recht behalt^ zum letzten Male im Januar des Jahres 1907 gesehen hahen. 



Die vorstehende Ubersicht iiber den Gang des schwarzen Todes 
zeigt deutlich seinen Zug von Osten her iiber Europa. Rasch erscheint 
das Ubel und verbreitet sich an den Kiisten des Mittelmeeres und des 
Atlantischen Ozeans^ soweit ihm Schiffe zu Gebote stehen. Langsam und 
stetig schreitet es auf dem Festlande fort. Die Mittelmeerlander erobert 
die Pest in dem einen Jahre 1348, Mitteleuropa und England beherrscht 
sie im Jahre 1349, Rutland wird erst im Jahre 1352 von ihr iiberzogen. 

An den einzelnen Orten dauerte ihre Herrschaft fur gewohnlich vier 
bis sechs Monate, ganz unabhangig von der Lage und vom Klima des 
Ortes; selten wahrte sie langer oder kiirzer. So wird jene Dauer in 
den Chroniken fur Venedig, Modena, Trient, Engelberg in der Schweiz, 
Luzem, Pf aff ers, Lubeck, Magdeburg, Hannover, Minden, Erfurt berichtet. 
Sie gilt allgemein fiir die deutschen Stadte und Lande (Lechneb); die 
Zahl von 5 — 6 Monaten wird fiir Italien angegeben (Mubatobi xn), 
5 Monate fiir Norwegen (Tobf), 7 Monate fiir Siidfrankreich (Guy db 
Ghauliac). 

Wo die Pest im Winter begann, wie in Tirol, Avignon, England, 
Norwegen, Rutland, da trat sie als Lui^enpest auf, um entweder als 
solche zu verharren oder mit dem Beginn des Friihlings in die B^len- 
pest umzuschlagen. Das war nicht etwa eine Eigentii nil ichkeit der Pest 
in den Jahren 1348 — 1352, wie man gemeint hat, sondem das ist ihr 
regelmaUiges Verhalten zu alien Zeiten gewesen, wie sich im Verlauf 
dieser Jahrbiicher zeigen wird. 

Die Jahre 1346 — 1348 bedeuten fiir den Orient, die Jahre 1348 — 
1352 fiir Europa die Hohe der Herrschaft des schwarzen Todes. Seine 



74 5. Periode. 

Vorbereitungen gehen im Osten mindestens bis auf das Jahr 1332 zuriick. 
Dafi er eine Nachherrschaft, und zwar eine sehr groBe und lange wie 
jede andere Pestpandemie geiibt hat, wird die folgende Ubersicht zeigen. 
Die Angaben der Quellen dafiir sind freilich recht diirftig. Aber trotz- 
dem gewinnt man den sicheren Eindruck, dafl es nicht die Geringfiigig- 
keit der Pestverheerungen ist, welche die Diirftigkeit der Aufzeichmingen 
bedingt, sondem die AUtaglichkeit des Ungliicks. Die Menschen wurden 
es miide, viele Worte von einem Sterben zu machen, das alle paar Jahre 
liber sie kam oder wenigstens in der Nahe oder Feme drohte. Auch 
lieCen die sagenhaften Ausschmiickungen, die sich mehr nnd mehr an 
die Geschichte vom grofien Sterben des Jahres 1348 anschlossen, das 
spatere Elend geringer empfinden. Immerhin werden grofie sterbende 
Laufte, besonders wenn sie auBer zahlreichem Volk auch hervorragende 
Manner wegraffen, in den Chroniken der deutschen Stadte nach- 
driicklicher erwahnt, und es fehlt auch nicht an bemerkenswerten Einzel- 
heiten in den Kontagionsakten und Polizeiakten der groBen Stadte, in 
den Rats- und Domkapitelprotokollen. Es gibt da noch viele Beitrage 
zur Geschichte der Pest nach dem schwarzen Tode, die keineswegs er- 
schopft sind in den Zusammenstellungen von Cobbadi und Fbabi fiir 
Italien, von Peinlich fiir Steiermark, von Meyeb-Ahbens fiir die Schweiz, 
von ViLLALBA fur Spanien, von Papon, Boutiot, Sauve fiir Frankreich, 
von ScHNrBBEB fiir Deutschland, von Tobfs fiir die Niederlande, von 
Websteb, Ingbam, Cbeighton fiir England, von Richteb und Dobbeck 
fiir RuBland, von Guyon fiir Nordafrika, von von Kbemeb fiir Arabien 
und so weiter. 

Von 1349 bis 1666 ist die Pest in Europa fast ohne Unterbrechung 
eine stehende Seuche. Es vergeht selten ein Jahrzehnt, worin Europa 
von ihr verschont bleibt. Haufig wird sie neu von Osten her ein- 
geschleppt, haufiger entwickelt sie sich von zuriickgebliebenen Herden, 
von bestimmten Mittelpunkten aus. Diese sind am Rande Europas die 
groBen Hafenstadte; fiir England kommen die Pestgange vielfach aus 
dem Xorden, von den Bergen her; fiir die Rheinlande und Oberitalien 
aus der Schweiz, fiir Frankreich aus der Haute-Auvergne. Die groBeren 
und kleineren Ausbriiche gesellen sich fast immer und iiberall zu Kriegs- 
laufen und Hungersnoten. In London erhebt sich das Ubel ungefahr 
aller sieben Jahre zu verheerender Macht; in Steiermark gibt es von 
1349 bis 1664 gegen 70 Pestjahre. 



1350 Schon im Jahre 1350 begann die Pest eine neue groCe Wanderung 

iiber Europa, wahrscheinlich angeregt durch die Pilgerfahrten zum Jubel- 
jahr nach Rom. Sie wiitete in Tirol und Italien, besonders in Ober- 



Die Pestpandemie des vierzehnten Jahrhunderts. 75 

italien (Colle); in Frankreich herrschte sie als mors nigra (Simon de 
CoviNo); in Deutschland war sie allgemein. So geschah es in der Ober- 
pfalz, daU der Mensch ein Driis gewan und starb danach am dritten 
Tag (Andbabas); zu Koln war eyne groB sterffde van den droesen 
in der Romervart (Ennen, Floss); in Miinster L W. starben 11000 an der 
Pest (Chronicon Monasterii bei Hellinghaus). 

Im folgenden Jahre litten viele Orte in Frankreich und England 
unter neuen Ansbriichen; in Deutschland besonders Stuttgart, Frank- 
furt a.M., in Dithmarschen Eiderstedt. Mehrere groBe Seestadte wurden 
verwustet, so Bremen; im Jahre 1352 Danzig, wo 13000 sterben, und 
Oxford (OREiaHTON). 

1356 war die Pest in Limburg an der Lahn und in Frankfurt am 
Main. 

1357 in Brabant, in Koln, Speier und anderen Stadten des Rhein- 
gaues, in der Wetterau, in Hessen, in Thiiringen; sie herrschte in Magde- 
burg, Bamberg, Augsburg, Regensburg, weiter in den Donaulandern, in 
Bohmen, in Polen; tiberall 5 bis 6 Monate. Fern'er in Friaul und Sla- 
vonien, wo sie bis zuin Marz 1358 dauerte, in Venetien, wo sie 6 bis 
7 Monate lang an den einzelnen Orten blieb; in Mailand, Etrurien, 
Toskana. 

1358 waltete das Sterben an Apostemata in der Diozese Kon- 
stanz, besonders in Ulm an der Donau und bis zum See nach Konstanz 
(D1B88ENHOFEN, bei Boehmbb). Pest in StraBburg. 

1359 in Stralsund, Braunschweig. In Florenz, wo 100000 sterben 
(Boccaccio); von 1000 blieben kaum 10 am Leben (Petbabca). Zugleich 
neue Ausbriiche in Steiermark (Peinlich), in Frankreich und England; 
das bisher wenig ergriffene Schottland wurde verheert. 



Im Januar 1360 begann ein groBer Pestausbruch in Ungam, Polen, Euro- 
PreuBen und WestruBland; im Februar wutete die Seuche in Spalatro j?^^^^^?^ 
in Dahnatien, in Istrien, Friaul und Venetien (Lechneb); im Sommer 1360—62 
herrschte sie in Piacenza (Joannes de Mussis). Nach Deutschland kam 
sie von den Niederlanden hinauf. Im Sommer herrschte sie in StraB- 
burg und gelangte in die Schweiz. Im August ist sie in Luzem; im 
September, Oktober und November erreicht sie iiberall in Deutschland 
ihre Hohe. Um MichaeHs kommt sie nach Siidfrankreich. In Avignon 
und MontpeUier und weiter in der Provence schleicht sie den Winter 
iiber leise und zeigt sich als Beulen- und Karfunkelpest mit wiederholton 
Unterbrechungen bis zur Mitte des folgenden Jahres, wo dann eine hef- 
tige Steigerung wahrend dreier Monate mit dem Verlust der Halfte der 
Bewohner endet; dieser Ausbruch unterscheidet sich von der Pest des 



76 5. Periode. 

Jahres 1348 dadurch, daU er mehr die Reichen und Vornehmen, zahllose 
Kinder, wenige Frauen hinwegraffte und dall von den Befallenen einige, 
wenn aucli nicht viele, genasen (de Chauuac, de Vinabio). Das auf- 
fallende Sterben der Vomehmen und Kinder wird wie fur die Provence 
so auch fiir Polen und fiir England (Ceeighton) berichtet. In Avignon 
starben 1700 Menscben, darunter 100 Biscbofe und 5 Kardinale. 

Im September 1360 wurdeh Flandern und Ostfriesland heimgesucht. 

Auch fiber Rufiland ging die Bubonenseucbe. Von Pleskow und 
Nowgorod kam sie wieder nach Polen (Richteb). In Krakau, wo vom 
Oktober 1360 bis zum Juli 1361 gegen 20000 Menschen fielen, und in 
anderen Orten Polens, die zum Teil ganzlich ausstarben, wurden die 
Juden der Pestverbreitung beschuldigt und verbrannt. 

Im Jahre 1361 ging die Pest aus der Provence in die Berge von 
Siidfrankreich. In der hohen Auvergne machte sie von 1361 bis 1383 
jahrliche Ausbriicbe (Boudet bt Geand). Sie zog nordwarts bis Paris 
und Belgien, ostwarts in die Schweiz bis Chur und Zurich, siidwarts 
Tiber Piemont in die Lombardei und bis nach SizUien. In der Lombardei 
starben von 6 Menschen 4. Genua und Mailand wurden bis zum Fe- 
bruar des nachsten Jahres verwiistet. Petrarca floh aus der Stadt. In 
Pavia, Piacenza, Parma, Bologna, Padua begann der Ausbruch im Mai 
und dauerte bis in den Dezember. Im September starben die moisten; 
im Oktober lieU das Sterben nach. In Venedig iiberwinterte die Pest 
und erregte neben den Bubonen haufige Lungenblutungen. Ebenso in 
Trient. Sie zog weiter nach Friaul, Istrien, ins Etschtal nach Bohmen. 
— In England herrschte die Epidemic als pestis secunda oder pestis pue- 
rorum der Chroniken vom 15. August bis zum Mai 1362; sie wiitete noch 
schlimmer als der schwarze Tod und totete vor alien diejenigen, welche 
das Jahr 1349 verschont hatte, die Reichen und Adligen, und die, welche 
es nicht gesehen hatten, die Kinder. 
1362 1362 wiitet^ die Pest in Syrien und Agypten (von Kbemee). Sie 

Levante herrschte fort in Frankreich. — Sie richtete in Verona bi3 zu Ende des 

.. V*'' <^i»''» 

Jahres drei Viertel der Einwohner hin; gleiche Verheerungen machte sie 
in Padua und in Trevigi bis zum August 1,363. Der Senat von Venedig 
bpschl9JI am 18. Marz 1364, alien, die sich in den verodeten G^biei^en 
niecierlassen und die Felder bebauen wolf ten, fiir fiinf Jahre Te^e Auf- 
lage zu erlassen. Der Fiirst von Carrara begnadigte alle Rauber imd 
Missetater, die sich in den verodeten Stadten Padua und Belluno an- 
siedeln wollten. Dasselbe tat Scaliger fiir Verona (Verci bei Fbabi). 

1363 wurden Pisa, Florenz, Bologna, Verona, Mailand aufs neue ver- 
wiistet. Die Pest herrschte in .d,er Schweiz,^ in ^trafiburg, ^m.Michaelis 
in Mainz. In Wiirzburg und weiter m Franken trat si^ hef tiger auf als 
sieben Jahre vcirher (1356). Sie war in Schlesien, an der Ostsee; sie 



.v-^ 



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Die Pestpandemie des vierzehnten Jahrhunderts. 77 

vOTOTete Neumarkt, Graudenz und Thorn fast vollig; sie wiitete in Bel- 
men, besonders in Liittich, und in Nordfrankreich, besonders in Paris. 

1364 herrscnte aie Pest wie im Vorjanr am Rhein, in Nordfrank- 
reich, in Oberitalien. In Rufiland begann sie aufs Neue. Sie ging dies- 
mal vom unteren Lauf der Wolga herauf, kam nach Nischni-Nowgorod, 
Rjasan^ Wladimir, Kolomna, Perejaslawl, Susdalj, Moskau. Hier nnd in 
Twer iiberwinterte sie nnd befiel im anderen Jahre Torshok, Rostow (im 
heutigen Gouvemement Jaroslatv^), Pleskow usw. Viele Hauser, Dorfer 
und Stadte starben aus. Die Krankheitszeichen waren Bnbonen und 
Blutspeien. 

1365 raffte die pestis inguinaria in Coin 20000 Menschen weg und 
totete in Westfalen, in Hessen, in Schwaben und anderen deutschen 
Landem viele. 

1366 herrschte sie in Leipzig, Meiningen, Braunschweig (Beneke) 
und in einzelnen Teilen RuBlands, so in Moskau und Pleskau. 

1367 in Liibeck, in Flandem und Brabant, in der Picardie (db Smet). 

1368 begann wahrend des Sommers die pestis tertia in England mit 
gleichzeitiger schwerer Hungersnot und dauerte bis in das folgende Jahr 
(Cbbighton). 

1369 wurde Irland verheert (Webstee); femer Deutschland, wo man 
die Seuche als pestis glandium oder als glancium bezeichnete. Auch in 
Mailand, Genua und Venedig war ein grofies Peststerben. Ebenso in 
Moskau und anderen russischen Stadten. 

1369 bis 1370 groUe Pest in Syrien (von Keemeb). 

1370 Buboneuseuche in Luttich (Johannes de Buegundia); in Liibeck 
und weiter an der Ostsee; in Osterreich (Honigbr) und in Italien (Mu- 
batoei). 

1371 Herrschaft der Pest in Bohmen (Lechnee), Schlesien und Polen.^ 
Auch Hessen und Westfalen wurden von der pestilentia epidemiarum heim- 
gesucht. 



78 6. Periode. 



6. Periode. 

Wiederholte Pestepidemien von der Levante aus liber 

Europa. Endemische Ausbrllche in Enropa von 1372 

bis 1563. Ausbildung der staatlichen Pestabwehr. 

Im Jahre 1372 wiitete vom Juli })is zum Oktober ein groUer Pest- 
Euro- ausbruch in Konstantinopel. Von hier aus wnrde die Seuche nach Ve- 
pftische ji^ig |jn(j Westeuropa getragen. In Polen, Schlesien, Schwaben nnd in 
1372—81 den Rheinlanden wurden neue Verheerungen verzeichnet. Im folgenden 
Jahre zeigte sich die Pest in Thorn in Preuflen, in Ermeland (Lechnek); 
sie verheerte Italien und Tirol (Muratori). Im November herrschte sie 
in Avignon, als dritte Epidemie seit dem schwarzen Tod. Diesmal nahm 
sie nur ein Zehntel der Bewohner weg und lieB viele genesen (Chalin 

DE ViNAHIO). 

Im Jahre 1374 dauerte sie mit Driisen, Karfunkebi und schwerer 
Schlafsucht in Oberitalien an, besonders in Genua, Mailand, Pavia, Pia- 
cenza, Parma, Bologna; sie herrschte in Toscana, wo vom Mai bis Ende 
Oktober Florenz allein von 60000 Einwohnern mehr als 7000 verlor 
(de Vinaeio); sie wiitete in Kalabrien (Giovanni de Mussis). Auch in 
Mafi. der Provence und im Languedoc verbreitete sie sich (Papon). — Venedig 
regem in ^piiefl strenge MaUregeln wider die Einschleppung der Pest (Feabi). 

In Rufiland begann eine Epidemie, die drei Jahre hindurch wutete. 
MaB- Das Jahr 1374 ist merkwiirdig durch die strengen MaUregeln, welche 

regeln j^j. Viscomte Bernabo in Reo^gio in Kalabrien wider die Pest ergriff . 
Er verordnete unter dem 17. Januar, daU jeder, den die Pest befallen 
habe, seine Wohnung verlassen und auf das Feld oder in den Wald 
sich begeben soUe, um dort zu sterben oder zu genesen. Wer die Seuche 
einbringe, solle all seine Habe veiiieren. Wer Pestkranke gepflegt habe, 
miisse zehn Tage abgesondert werden und dabei jeden Verkehr mit Ge- 
sunden vermeiden. Die Priester sollen die Kranken besuchen und der 
Behorde bei Strafe der Einziehung ihrer Guter und des Scheiterhaufens 
jeden Krankheitsfall anmelden. (Chron. Regiense bei Mubatobi XVIII.) 



PestgHnge von 1372—1563. Ausbildung der staatlichen Abwehr. 79 

1375 groBe Pest in England, Pestis quarta (Crbighton). In ganz 
Deutschland (de Vinario). Ausbrucli in Magdeburg (Staedtechbonik). 

1377 Pestgange in Venetien und Genua (Papon), Smolensk (Richter), 
Niimberg. 

In Ba£:usa in Dabnatien verordnete am 27. Juli der Stadtrat, alle MaO- 
Ankommlinge ans verpesteten Orten vom Bezirke abzuweisen, falls sie^'^f^^^-^ 
nicht vorher in Mercana oder in Altragusa einen Monat lang zur Rei- 
nigung (ad purgandum) Halt gemacht haben. Personen, die mit den 
Abgesonderten in Beriihrung gekonmien sind, miissen ebenfalls einen 
Monat lang abgesondert werden. Die Zutrager von Nabrungsmitteln 
und anderen Dingen werden beaufsichtigt. 

1378 Pest in Schwaben und im Grebiet von Fulda. 

1379 in Paris und im Norden Englands. In diesem und im fol- 
genden Jabre Pest in Agypten (von Kbemeb). 

1380 groBes Sterben in Meiningen, in Kassel, in Frankfurt a/M., in 
Strassburg; in Salzburg, in Ungarn und Bohmen; Prag verliert wahrend 
des Juli in einer Woche 1100 Menschen; die Studenten iliehen. 

1381 Pest in ganz Osteireich; in Wien starben vom 24. Juni bis 
8. September 40000 Menschen, in der Pfarre St. Stephan allein 15 000. 
Im kleinen Stadtchen Zwetl wurden tagUch 14, 20, 23 begraben, viele 
nachdem sie nur drei oder vier Tage krank waren. — In Venetien starben 
19 000. — In Liibeck 10000. — Auch am Rhein, besonders in Mainz und 
Koln, und in Westfalen herrschte die Pest bis in das andere Jahr. In 
Diihnen i.W. wird an ihr Aufhoren irf der Osterwoche heute noch all- 
jahrlicb feierlich erinnert durch eine Prozession der Burger, welche mit 
dem Biirgermeister aber ohne Geistlichen in der Osternacht morgens um 
drei Uhr durch die hellerleuchteten Strafien ziehen. — In Miinster i. W. 
brach in diesem oder im folgenden Jahre nach einem groCen Stadtbrande 
die Pest aus und raffte viele Tausende weg. Der Weltklerus floh; der 
Furstbischof und die Minoriten blieben zur Pilege der Kranken und 
Sterbenden zuruck. Heute noch wird am Montag nach dem Reliquien- 
feste eine feierliche Gottestracht zum Andenken an jene Zeit gehalten. 



Im Jahre 1382 beginnt eine neue europaische Pestepidemie, die von 
Agypten und Syrien aus, wo die Seuche seit 1379 herrschte (von Kbemer), Eurp- 
iiber Griechenland, Italien, Steiermark, Deutschland, England {pestis P^^®^^? 
quinta) und Schottland zieht, Frankreich, Spanien und Navarra ver- 1382—87 
wiistet. In Italien herrschte sie vom Mai ab; Venedig verlor bis zum 
Oktober 19 000 Menschen; Imola, Faenza, Forli litten nicht weniger 
(MuBATORi XXII). — In Avignon begann sie im August, verbreitete sich 
allein durch Ansteckung und wiitete hauptsachlich unter den Juden und 



80 ^- Periode. 

Spaniern, Die Krankheit dauerte anfangs hochstens vier Tage, spater 
ein, zwei oder drei Wochen. Wer in der letzten Epidemie 1374 die 
Krankheit iiberstanden hatte, blieb diesmal verschont. Die Epidemie 
wahrte in Avignon iiber ein Jalir, an anderen Orten noch langer. Im 
ganzen starb der zwanzigste Teil der Menschen (Chalin db Vinabio). 
In Montpellier beobachtete Kanutus, der Bischof von Danemark und 
Professor der Medizin, die Seucha Er sagt, dafl vorsichtige Arzte beim 
Krankenbesuch sioh weit vom Kranken halten und ilir Gesicht gegen 
das Fenster wenden; auch die Krankenwarter muHten sich so benehmen. 
Er selbst habe einen in Essig getauchten Schwamm vor Mund und Nase 
gehalten und so wider Erwarten seiner Freunde die Kranken strailos 
besucbt (Kaminttjs). 

Im Spatherbst des Jahres herrschte m Bayem eine groCe Mause- 
plage, deren sich die Leute nicht erwehren konnten; die Tiere ver- 
schwanden um Weihnachten plotzlich (Schnubbbb). 
1883 1383 grofie Pest in Italien. In Florenz starben wahrend des Friih- 

in itaHenjg^j^j.gg taglich 300 bis 400 Menschen. Es flohen dann so viele aus der 
Stadt in die Romagna, besonders nach Forli, dafl Florenz ^t leer war 
(PaijMABius). Venedig untersagte all^n Reisenden aus ve^esteten Ge- . 
p ^_ genden den Eintritt in sein G^iet ' (Siehe 1374.) . 

lazarettin In Marseille wurde das Quarantanelazarett im Hafen gegrundet. 

Marseille Wahrend des August begann die Seuche in Hessen zu herrschen 

(Mainzer Chronik); weiter in West- und Norddeutschland. Besonders 
litten die groBen Stadte Braunschweig, Magdeburg, Liibeck. 

1384 neue At^^riiche in Avignon; Erfurt; Deventer und weiter in 
Holland. — Furcrntbare Pest auf Majorka, die dritte Epidemie in der Ge- 
schichte der Insel; 1229 und 1347 waren die beiden ersten (Villalba). 

1385 Pestgange in Oberitalien, Piacenza und in Flandern. 

1387 Driisensterben in RulJland, besonders in Smolensk, wo nur 
wenige Menschen dem Tode entgingen. — Pest in Mecklenburg und 
Hamburg. 

1388 starben in Liibeck 16000 Menschen; Pest in Wismar, Mainz, 
Bingen (Lechneb). In Pleskow und Nowgorod. 



1388 Pest 1388 grofier Pestausbruch in Agypten, der bis in das folgende Jahr 

Wen <i^^^^^- 

In Europa zeigten sich in diesem und den folgenden Jahren neue 
Genua Ausbriiche; zunachst in Genua (Mubatobi XVI). Die bereits begonnenen 
Pestgange nahmen ihren Verlauf. So 

1389 im Rheinland, besonders in der Gegend von Mainz, die schwer 
litt. In Heilbronn starben 1600 Einwohner an den Beulen. Auch in 



PestgSlnge Ton 1372 — 1563. Ausbildung der staatlichen Abwehr. gl 

RuBland machte die Pest Fortschritte. Sie herrschte in Nowgorod bis 
in das folgende Jahr. 

1390 begann in Oberitalien ein jahrelanges Wiiten der Pest; sie zog Ober- 
von Genua nacb Bologna und Perugia. Auch in der Provence breitete provence 
sie sich aus. — In Nordengland herrschten wieder die botches und machten 
schwere Verluste. 

1391 Pest in den Ardennen. (Chronik von Malmedy.) 

1394 pestis epidemialis in Thiiringen, besonders in Erfurt und Eisenach. 

1394 in Nordfrankreich und Belgien, besonders in den Ardennen Nord- 

/T^ \ frankreich 

(Fleuby). 

In Spanien begann eine Epidemie, die sich durch zwei Jahre aus- Spanien 
dehnte; in Valencia raffte sie 12 000 Menschen weg. Sie hatte zur Folge, 
dafi man in Andalusien das Gesetz, wonach Witwen vor Ablauf des 
Trauerjahres nicht heiraten durften, aufhob. 

1396 Sterben an den Drtisen'in den Niederlanden; in Wismar; Nieder- 
in Liibeck von Jacobi, 25. Juli, bis Martini, 11. November; in Leipzig; 
in Eichstatt. 



1398 groBe Pest unter den Mongolen der goldenen Horde (Richteb). 13^8 
Pest in PreuiJen, auch unter den Deutschrittem. Pestilenz in Mongolei 

Nordhausen, Eisleben, Sangerhausen (Mannsfelder Chronik). In Flan- 
dem bis ins nachste Jahr. — 

1399 Pest in Venedig, das die Erlasse aus den Jahren 1374 und 
1383 wiederholt; grofie Pest in der Lombard ei, wo sich neue GeiBlerziige 
der Bianchi bildeten. 

In Reggio in Kalabrien wurden die Vorschriften des Visconte Ber- Mafi- 
naba vom Jahre 1374 emeuert und vermehrt. Der Visconte Giovanni ''^^^ 
fiihrte die Bewachung der Stadttore ein, lielJ verpestete Hauser min- 
destens acht bis zehn Tage lang liiften und durch Raucherungen und 
Feuerhitze reinigen. Verpestete Kleider und Gerate wurden ebenfalls 
gereinigt oder verbrannt. Bettstellen wurden vier Tage lang dem Regen 
und Sonnenschein ausgesetzt. KJeider und Betten aus verpesteten Woh- 
nungen diirfen fortan nicht in Gebrauch genommen werden, ehe sie die 
vorgeschriebene Liiftung und Reinigung durchgemacht haben. Kehricht, 
Stroh, Lumpen miissen verbrannt werden (Mubatobi XVI). 

Pest in Wien. In der Haute Provence (Sauve) und in der Haute- 
Auvergne (Boudet et Gband). 

GroBe Bubonenseuche in Vorderindien iiberall da, wohin die mon- 1399 Pest 
golischen Horden Tamerlans gekommen waren (Nathan). ^^ Indien 

1400 in Flandern und Friesland (de Smet); am Rhein. — Epidemie 1400 
in Italien; inFlorenz starben 3000 von den Pilgern, die zum Jahrhundert- ^^^^^^^ 
jubilaum nach Rom zogen. — In Sevilla und weiter in Spanien begann 

Sticker, Abhandlimgen I. Geschiclite der Pest. 6 



82 ^' Periode. 

eine fiinfzehnjahrige Herrschaft der Pest (Vallebiola); landres qtie ata- 
caban las ingles y sobarcos, Driisen in den Leisten und Achseln, wovon 
wenige genasen (Fbanciscus Fbancus). 

1401 1401 vom August bis November groiies Sterben an den Driisen in 
lande Koln, Aachen, Liittich. — Pest in Amiens (Dubois). 

1402 1402 Driisenpest in Pleskow, in Augsburg, in Frankfurt a,/M.; in 
Dane- panemark (Mansa) und England. In Island raffte der schwarze Tod 

England, binnen drei Jahren, bis 1404, zwei Drittel der Einwohner weg (Hist. 
Island ecclesiast. Islandica bei Schnubbbb).,]^ ^^', .-- 

1403 1403 in Venedig wird auf der Isola di Santa Maria di Nazareth im 
*^®** alten Convento degH Eremitani, zwei Meilen von der Stadt entfemt, das 

*^ Venedig zweite Quarantanebaus in Eiyrgpa zur Absonderung pestkranker Personen 

^ \ '. < und verpesteter Waren em'^etichtet. Es hiefi anfanglich naoh. der Insel 

^^-^ * Nazaretum; der Name wurde spater in Lazzaretto vefSSiFben (Fbabi). 

1404 Pest in Dorpat; am Niederrhein, besonders in Brugge, Ant- 
werpen, Ypern. Epidemie, contagion^ pestilence in Amiens, Saint Quentin 
(Fleuby). 

1405 Pest in England bis 1407. Pest in Magdeburg, Liibeck, Niim- 
berg, Venedig. 

1406 1406 bis 1407 Beulenepidemie in Rufiland, am Schwarzen Meer, in 

^ino^T Konstantinopel (Phrantzes bei Lebsch). 

1408 Pest in Osterreicb, Norddeutschland, Barcelona. 

1409 in Flandern. 

• • 

1410 1410 Pest in Agypten; in Venedig, Florenz, Rom. Krakau, Wien, 

-A-gypten g^ieruiark werden bis in das nacliste Jahr von der Pest verwiistet. Pest 

in Grenoble (Chavant). In der Gegend von Briissel herrschte sie zu- 

gleich mit einer saatzerstorenden Mauseplage; beiden Ubeln machte der 

Winter ein Ende. 

1414 — 1416 in der Haute-Auvergne (Boudet). 

1416 Pest in Agypten und Arabien; in Italien. 

1417 — 1419 Lungen- und Driisenpest in Pleskow, Nowgorod, Lagoda, ^ 

Twer, Dimitriew und weiter in RuBland. In Florenz starben wahrend 
dos Jahres 1417 bis zu 150 Menschen am Tage, die Epidemie endigte 
mit dem Januar 1418. 

1418 — 1419 in Arabien und Agypten. 

1420 — 1421 vou Dorpat her iiber RulJIand weitverbreitete Beulen- 
und Lungenpest. Die Frucht verdirbt uberall auf den Feldern aus 
Mangel an Menschen. — In Spalatro in Dalmatien (Fbabi). — In London 
und im Norden von England. 

1423 Pavia, Bologna. In der Haute-Auvergne bis zum Jahre 1439 
(Boudet). 

1427 Ausbruch in der Haute -Provence; die Fliichtigen aus ver- 



Pestg&nge von 1372 — 1663. Ausbildung der staatlichen Abwehr. 83 

seuchten Orten werden von den Dorfem abgewehrt (Sauve). Pest in 
Danemark; in Danzig, wo in Stadt und Land an 82 000 Menschen starben. 

1428 Pest in Wien. Aus diesem Jahre riiliren her die Pesttraktate Pest- 
der Wiener Arzte Pancratius Creuzer von Traismauer und Johannes ^^y^\^ 
Aygel von Korneuburg sowie das Regimen pestilentiae des Karthauser- 
monches Ludwig von Mauerbach (Senfeldeb). Ausbriiche in Koln, 
Aachen, Magdeburg; im Kirchenstaat. 

1429 Pest in Flandem, Bremen; in Rom; der Papst Martin V. ver- 
laBt die Stadt und geht nach Ferentino (Voigt). In Florenz trugen ge- 
sunde Katzen das Kontagium weiter. Manche Menschen erkrankten zwei- 
mal, ja dreimal (Maesilitjs Ficinus). 

1430 Pest in Agypten. Augsburg. 

1431 in Florenz (Soldo). 
1433 bis 1434 in London. 

1435 in Venedig, Niimberg. 

1436 Wien, Hannover. Portugal, hier dauert sie bis 1438. Der 
Konig Eduard zog sich in ein Kloster zuriick, um ihr zu entgehen, wurde 
aber am 9. September 1438 durch einen verpesteten Brief getotet (Papon). 

1437 Niimberg. 



1438 allgemeine Pest in Indien (G. and J. Thomson); Konstanti- Pestepi- 
nopel; Venedig. Von Ruthenien zog die Seuche nach Slavonien, Litauen, ^®°?^® ^^ 
PreuBen, Sarmatien, Polen, Quaden, Schlesien (Monum. german. XIX); Europa 
ganz Deutschland, besonders die Rheinlande, Frankreich und die Schweiz 1**39— 42 
(Justingbb) wurden verwtLstet. In Nordfrankreich und Flandern wiitete 
mit der Pest zugleich eine Hungernot; Wolfe kamen in die Stadte; in 
Paris wagte man deshalb nachts nicht auszugehen. In Norddeutsch- 
land dauerte die Epidemic bis in das folgende Jahr. 

1439. Sie herrschte besonders in Hamburg und Hildesheim (Busch). 
In Meiningen lagen die Leute drei Tage und drei Nachte und schliefen 
und wenn sie dann aufwachten, begannen sie mit dem Tode zu ringen, 
bis ihnen die Seele ausging (Lechnee). Im selben Jahre wiitete die 
Seuche in der Schweiz (Bebn), in Holland, Geldern, Seeland und England. 

1442 ist die Pest in Westeuropa, besonders in Deutschland an vie].en 

Orten; sie zieht ostwarts und erreicht Pleskow, wo sie bis zum Herbst 

t * ■* * 
des nachsten Jahr^s wtitet; in Nowgorod und Umgebung totet sie 230000 

Menschen. 



1443 Ta^un, Beulenpest, in Malwa in Zentralindien, im Heer des 1443 Pest 
Sultans Achmed I. Dieser muBte sich nach Gudscherat zuriickziehen, "^ l"«^ieii 
wo die Seuche viele seiner Leute totete. 

6* 



84 ^- Periode. 

1444 1444 Pest in Agypten, wo sie von jetzt ab lange Zeit alljahrlich 

^gypten auftritt. 
1447 1447 Beulenpest, vorwiegend Achselbubonen, in Venedig nacb der 

Verwiistung der Stadt durch Franz Sforza; von hier liber ganz Nord- 

italien. 

1448 Pest in Konstantinopel, in Dabnatien und im groBten Teil 
von Italien. 

1449 in Deutschland. 



Pestepi- 1450 zog die Pest von Asien nach Illyrien, Dalmatien, Italien, 

demie m £)eutschland, Frankreich, Spanien; die Epidemie herrschte drei Jahre 

1450—53 und liefi kaum den vierten Teil der Menschen iibrig (PAiiMEBius, ^Fo- 

EESTUS, Fbenelius). In Paris starben in zwei Monaten 40000 Menschen 

an Karfunkeln und Bubonen (Quebcbtantjs) ; in Magdeburg 8000; viele 

in Danzig und in Hildesheim (Busch). — Am Rhein brach die Seuche 

im Fruhjahr aus. Vom Marz bis St. Andreas, 30. November, nahm die 

Pestilenz in Koln mehr als 30 000 Menschen weg; sie herrschte zu- 

» gleich in NeuB, Bonn, Andernach, in Westfalen (Floss). — Deutsche 

' vWallfahrer, welche durch die Lombardei zum Jubilaum nach Rom zogen, 

brachten sie nach dem Mailandischen. Hier ereigneten sich die ersten 

Falle im Dezember in Lodi und Piacenza. Im Friih jahre 

1451 begann der gavocciolo in MaUand zu wiiten. Im Sommer 
raffte die contdgione taglich bis zu 200 Menschen hin. tJber den Ablauf 
der Epidemie geben die folgenden amtlichen Zahlen Rechenschaft: 
Mailand Es starben am 28. September 116 



w 


» n 29. „ 


88 


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n . n ^* n 


98 


vom 


1.— 10. Oktober . . . 


. 888 


n 


11.— 20. „ . . . 


444 


» 


21.-31. „ . . . 


367 


n 


1.— 10. November . . 


. 183 


» 


11.— 20. „ . . 


78 


n 


21.— 30. „ . . 


32 


n 


1. — 10. Dezember . . 


26 


« 


11.— 20. „ 


29 


M 


21.-31. 


19 



1689 



^93 



1456 



74 

Der ganze Menschenverlust betrug nach der Aufzeichnung des Stadt- 
sekretars Oicco Simonetta 30 000; die Cronaca Bossiana gibt, wahrschein- 
lich fur Stadt und Umgebung, 60000 an (Decio). 

1452 grolJer Ausbruch in Saragossa, vom April bis Juli, dann rasches 
Nachlassen. 

1455 in Locarno in der Schweiz (Locaeno). 



Venedig 1456 Pest in Spalatro in Dalmatien und in Venedig (Fbabi). 



PestgHnge von 1372 — 1563. Ausbildung der staatlichen Abwehr. 85 

Die Jahre 1460 bis 1465 sind Pestjalire fur Deutschland. 1460-65 

1461 Ausbrucli in Steiermark. ^ . land 

1462 Numberg verlor vom 13. Juli bis zum 2. Februar des nachsten 
Jahres in der Pf arre St. Sebald durch Pest und rote Ruhr 2250 Menschen, 
ohne die Kinder, welche starben; in der ganzen Stadt fielen gegen 10000 
(LiECHNBa). In Munchen begann die Pest um Weihnachf!en"*und endete 
im September 1463. — In Amiens wurde die Bruderschaft des hi. Se- 
bastian gestiftet wahrend eines Pestausbruches, der 20 000 Einwohner 

^ we^aff te (Dubois). 

1463 bis 64 herrschte in ErfuH ein groBes Sterben durch Hungers- 
not und giftige Ausdlinstungen aus der Erde; von etwa 80000 Ein- 
wohnern starben mehr als 20000 Menschen. Ebenfalls grofie Verluste 
durch die Pest in Braunschweig, Merseburg, Danzig, Stade. InMiinchen 
wurde der uralte Schafflertanz w^ieder erneuert (vgl. 1349 und 1517). 

1464 Pest in Venedig; in Dorpat, yon wo sie am 23. Juli nach 
.Pleskow und Nowgorod zieht. Pest in Danzig und in London. Vom 

Oktober bis zum November des nachsten Jahres in Augsburg. 

1465 in Rom und Ancona. — Ausbruche in der Haute-Auvergne ' "" 
bis zum Jahre, 1458)(Botjdbt). ' 1 '^{ ^ 

1466 in Paris starben 40000 Menschen an der Pest (Mezebay). 

1467 grofle Pest in Konstantinopel, Adrianopel und Calliopolis. — 
Ausbruch in Schwaben. 

1468 Pest in Venedig, in Parma (Capblltjtius). 
1470 in Konstantinopel. 

1472 in Kairo. Ausbruch in Hildesheim (Beckeb). 

1473 in Deutschland. Flucht der Universitat Freiburg (H. Maybb). 
Pestregimen fur Ulm (Steinhowbl). ItaUen (Papon, Valescus de Tabanta). 

Am 12. April 1474 verordnete ein Pestreglement in Lowen die Ab-1474Pe8t- 
, sonderung der Kranken, die Sp^rre der verseuchten Hauser und ihre^®^/™®?* 
Kenntuchpaachung durch Strohwiscne fiir 40 Tage; die Bewohner durften 
in den Hausem bleiben, aber erst nach 14 Tagen ausgehen; sie muBten 
dann einen weiCen Stock in der Hand tragen. Die Krankenwarter muBten 
abgesondert leben, Schmutz und Aderlallblut vergraben werden (Tobfs). 

Auf Majorka brach die vierte Epidemic aus. Lucian Colomines, der Gesund- 
friiher offentlicher Gesundheitsbeamter auf Palma war, wurde als medico '^^^^^^^ 
morhero einem AusschuB vorgesetzt, um Anstalten zur Pestabwehr zu Majorka 
treffen. Er richtete ein Pestspital ein und setzte durch, daB ohne Zu- 
stimmung des Gesundheitsrates, der Kriminaljustiz ausiibt, keine Waren- 
versteigerung stattfinden durfe; femer fiihrte er die Schiffskontrolle und 
eine Quarantine von 40 Tagen und mehr ein (Villalba). 

1476 Pest in Dalmatien, Istrien, Marseille (Papon). 

1477 beginnt in OberitaHen eiue achtjahrige Pest, die wahrschein- 



^ 



86 6. Periode. 

licli von Fleckfieber begleitet wird. Die Stadte Udine, Venedig (30000 
Tote), Parma, Perugia (8000 Tote), Brescia (40000 Tote) leiden schwer 
(MBECUBiAiiis), ferner Mantua, Rom, Bologna, Modena, Bergamo, Brixen; 
1479 Florenz (Mabsilius Ficinus, Beboaldus); 1485 Ferrara (Sabdo). 

1478 Pest in Pleskow und Nowgorod. 

1479 in Steiermark. 

1480 Pest in Amiens, wo zwei Pestarzte angestellt werden (Dubois); 
in Troyes, groBe Flucht der Einwohner (Botjtiot). 

1481 groBe Hungersnot in Westfalen, Saland, Flandern, Holland, 
Geldern, Rheinland, Bayern, Schwaben, Bohmen. Pest in Koln, wo an 
einem Tage 400 Menschen starben; in Prag, wo in zwei Tagen 2400 
fielen. GroBe Flucht aus den Stadten (Misnense Chronicon). 

1482 Pest in Tubingen, wo 1383 Menschen sterben; die Einwohner 
fliichten, auch die Universitat zieht unter dem Rektor Hartsesser ab. In 
Niimberg (FoLz). In Salzburg 4500 Leichen. In Frankfurt a/M. Die 
Sebastianusbruderschaft zahlt 449 Mitglieder (Wagneb). 

1483 Pest in Genf, Basel, Frankfurt, Koln, NeuB. In der Haute 
Provence (Sauve). 

1484 Pest-Regiment von SwESTEBMUiiNEB in Berlin. Pest in Hildes- 
heim (Beckbb); in Giomico in der Siidschweiz (Giobnico). 

1485 Venedig verbessert sein Pestlazarett nach dem Vorbild der Ein- 
richtung auf Majorka; fiihrt Gesundheitspasse ein und macht die Provve- 
ditori alia Sanita vom Jahre 1348 zu Sopraprovveditori mit groBerer 
Gewalt. — Pest in England. 

1486 — 87 Pest in WestruBland; Pest, Ratten- und Mauseplage in 
Polen (Spaaij), in Steiermark (Peinlich). 

1487 — 89 in den Niederlanden, Antwerpen, Gent (40000 Tote), Lowen 
(20000), Ypem (15 000), Briissel (iiber 36 000) (Tobfs, de Smbt). 

1490 in, Spanien, besonders im Siiden (Villalba); zugleicii wird von 
Cypem Tier der Tabartillo, Petechialtyphus, eingescb-leppt, der in der Folge 
die Pest haufig begleitet und ihre Geschichte hier und da verwirrt (vgl. 
das Jahr 1477). 

1491 Pest in der Tiirkei (von Kjiemeb). 1491 — 95 in Steiermark 
(Peinlich), 1491—92 in Liittich, 1491-99 in Troyes (Boutiot). 

1492 in Aleppo und Agypten (von Kbemeb). In Venedig starben 
an einzelnen Tagen bis 300 Menschen an den Bubonen (Paeantius). — 
Neues Pesthaus in Niimberg (Lammebt). 

1493 Pest auf Majorka; in Barcelona vom 13. Juli bis 4. Oktober. 
Die aus Spanien vertriebenen Mauren bringen das Ubel nach Rom, wo 
es vom August bis zum Juni des folgenden Jahres herrscht (Spbengel). 
Ferner wiitet die Pest in Rom, Genua, Verona (Alexandeb Benedictus), 
Sterben der Pestilentz in der Schweiz (Anshelm). Pest in Amiens 



1 • 



Pestgange von 1372 — 1563. AusbilduDg der staatlichen Abwehr. 87 

(DiTBOis). Island wird zum zweiten oder dritten Male von der Pest ver- 
heert (1350 [?] und 1402). 

1494 Pest in Venedig (Fbabi); in Granada, Tarragon, Saragossa 
(Villalba). Im selben Jahre wurde der Rest der Guanchen auf den 
kanarischen Inseln von einer Seuche, welche die Spanier Modorra, Be- 
taubung, nannten, weggerafft; sie soil aus der Verwesung der Leichen 
entstanden sein, die von den Spaniem nach der Schlacht von Laguna 
tinbeerdigt gelassen worden waren (von Humboldt). Der Kamen der 
Krankheit und ihre Bosartigkeit sprechen mit Riicksicht auf die gleich- 
zeitige Herrschaf t der Pest in Spanien und auf den Balearen far ihre 
Pestnatur. Die Entstehung der Pest aus yerwesten Leichen ist eine alte 
Meinung, die bereits beim schwarzen Tod erwahnt wurde und sich spater 
bei agyptischen Pestepidemien, bei den Pesten in Benghazi (1865, 1874) 
und anderen immer wieder Geltung verschafft hat. 

In Deutschland lelilte es im Jahre 1494 nicht an Pestausbriichen ; 
weni^stens berichtet die Tuchersche Chronik von einem groJJen sterb 
an vielen Enden in deutschen Landen, das in Niirnberg von St. GUgen 
anfing und bis Weihnachteh dauerte und vor dem die Leute nohen; an 
an einem Tage starben 90 bis 100 Menschen in Niirnberg. 

Im folgenden Jahre war das Sterben in Landshut, das sich 1494 
dawider gesperrt hatte; 6s raffte vom 15. Juli bis zum 13. September 
3000 Menschen weg. Ebenso in Erfurt, in Leisning in Saehsen und in 
Kiederost^rreich. 

1496 Pest in Venedig. 

1499 — 1500 Pest in London. Es starben an 30000 Menschen (Baco 
VON Vebulam). — In Troves nimmt die Pest, welche 1491 beejonnen 1499 Mafi- 
hatte, ein Ende. Sie aufierte sich mit Knoten in den Achsem und Lfeisten . ^®g^©An 

. .... 1^ Troyes 

und raffte besonders die Kinder zahlreich hin. Wenn ein Familienglied 
ergriffen worden, starben alle. AUmahlich bildete der Stadtrat strenge 
AbwehrmaCregeln aus, nachdem zuerst die Flucht vor der Kontagion den 
Biirgern als das einzige Schutzyiittel erschienen war. Er liefl die ver- 
pesteten Hauser und Betten verbrennen, befalil die regelmalJige Reini- 
gung der StraCen, die Abfuhr der Misthaufen, verbot das Halten von 
Schweinen, Kanindien und Gefliigel in der Stadt; er schloB die fa^ren- 
den Bemer und L^ndstreicher aus oder dingte sie als Totengraber; er 
bewachte die Leproisen strenger. Den Backern und Pastetenmachern 
und Metzgem befahl er, die Waren nicht beriihren zu lassen, bevor sie 
verkauft worden. Zu diesen Verordnungen kam am 7. Marz 1497 die 
Ausweisung der Kranken, die mit dem mal de Naples, der Syphilis, be- 
haftet waren (Boutiot). — In Deutschland bUeb es vorab bei der Flucht Pestflucht 
vor den Pestkranken und Pestorten und bei Raucherungen zur Reini- t^ ^P^ r^ 
gung der Luft (Bbunschwig). land 



V 



88 6- Periode. 

1501 erschienen in Baiern, Osterreich, Steiennark Blutzeichen in 
Kreuzesform an Kleidern, Hausem und Menschen: aus den dainit Ge- 
zeiclmeten wahlte die Pest ihre Opfer. Das Gemeinsterbent der 
Triisenblalterti (Beunschwig) war auch in Schwaben, im Breisgau, in 
Kobi (HiLBEANTS Chionik); in Amiens (Dubois). 

1502 Pest in den Niederlanden, in der Mark-Brandenburg, in Schwa- 
ben; in Basel (Johannes von Mullbb); in Catalonien (Schnubbeb). 

1503 in Osterreich und Steiennark. In Vorai^ ji^ ^teiermark stirbt 

bis zum tibemacnsten Jahre die Halfte der Bewohner, 800 Menschen 

daran (PBrNLiCH). 

1504 1504" Pest in Venedig, wo der Gesundheitsrat das Recht liber Leben 

Gesund- ^j^j^ rp^^ ^^ ^j^ Ubertreter der Pestordnung erhalt. Pest in Ferrara 

in Venedig (Sabdo), Mailand; Marseille und weit^r in der Provence bis 1507 (Papon); 
in Catalonien (Villalba). 

1506 Mauseplage und Pest in Deutschland; pestilentia legitima in 
Koln (Vochs). 

1507—1508 Driisenpest in Nowgorod: 153p6 Tote. 

1508 in der Bourgogne; in Troves ergeh't das Verbot, Schweine aus 
verpesteten Landem zu kauien (Boutiot). 

1511 in Verona .(Fbacastob). 

1512 Corregio*iaait in Modena seine Madonna di San Sebastiano. 
1515 Pest in Basel (Felix Plateb). 

Pestflucht 1516. Die Flucht into clean air wird vom Kardinal Wolsey in 
^^ , England als das einzige Mittel gegen die Pestansteckung empfohlen 
(Obbighton). 

1517 — 1519 Pest in der Bourgogne, Lorraine und Champagne. Troyes 
sperrte die Tore; aber durch alte Leinwand fiir die Papierfabriken wurde 
das Ubel im Oktober 1517 eingefiihrt; es begann in den Armenvierteln, 
ruhte im Winter und brach im April des folgenden Jahres wieder aus, 
um wahrend des Juni, Juli und August zu heiTscben und bis zum No- 
vember allmahlich wieder zu erloschen; im Jahre 1519 wiederholte sich 
die Epidemic in der gleichen Weise. Der Stadtrat von Troyes liefi die 
Warter der Pestkranken und die Leichentrager Jacken von rotem Leder, 
an den FiiCen Schellen tragen, damit Jeder sie hore. Leute, die mit Pest- 
kranken in Beriihrung gekommen waren, muBten einen weiBen Stab in 
die Hand nehmen, wenn sie iiber die Strafie gingen. Pesthauser wurden 
durch Fahnen mit einem weifien Kreuz bezeichnet (Boutiot). 

In Miinchen erinnert ein Bild in der Sankt Peters-Pfarrkirche daran, 
dafi auch liier die Pest wahrend des Jahres 1517 wiitete. Als die Miin- 
chener wegen der Ansteckung in grofier Angst Hauser und Laden ge- 
schlossen hielten und NiemE^nd mehr sich aus dem Hause wagte, kam ein 
Schafflermeister auf den Gedanken, die Leute durch den alten lustigen 



V. 



Festgange yon 1372—1663. Ausbildung der staatlichen Abwehr. gQ 

Gtebrauch des Biittentanzes, der im Jahre 1463 erneuert worden war, 
wieder zu erheitern. So zog er denn eines Morgens unter frohlicher 
Musik mit seinen Zunftgenossen nach dem Schrannenplatz^ dem heutigen 
Marienplatz, und fuhrte dort mit grunbelaubten Reifen den Rundtanz 
aus (Sepp). 

1518 Pest am Rhein, im Breisgau; Flucht der Universitat Freiburg 
nach Konstanz und Lindau (Hesmann Mayeb). 




VON 

Schweiz und Deutschlands; fiir St. Gallen (Vadian); fiir Hagenau (Lotzer), 
fiir Zwickau (KoLBENSCpiiAG), 

1620 Pest in Niimberg, Albeecht Duebb wandert nach den Nieder- 
landen. Pest in Augsburg, wo vom Juli bis Marz 1521 an 4000Menschen 
starben, weit mehrere flohen aus der Stadt. Neues Pestspital zwischen 
Lesch und Werdach (Lammebt). Pestschrift von Stockeb. — Pest in 
Ferrara. Wahrend die Seuche herrschte, entdeckte ein spanischer Arzt 
Pietro Castagno, ein Arcanum oUo contra peste, welches beriihmt wurde. 
Der Stadtrat von Ferrara nahm den Arzt geffen hohen (jehalt in seinen 
Dienst una scnoB ihm Geld vor, damit ^r sein uiivergleichliches 01 in 
grofien Mengen bereiten konne. Kaum hatte der Doktor das Geld em- 
pfangen, als er aus der Stadt verschwand. ^Aber das 01 blieb in Ach- 
tung, so daU der Stadtrat, als die Pest wiedeiKehrte, an Castagno, dessen 
Adresse er erfahren hatte, schrieb und ihm Verzeihung zusagte, wenn er 
zuriickkehrte. Castagno kam wieder und iibemahm die Aufsicht iiber 
das Lazarett. Er versprach gegen ein gutes Honorar alle Armen, aus- 
genommen Portugiesen und Juden, umsonst zu behandeln. Als die Pest 
aufhorte, wollte der Stadtrat mit Castagno wegen seines Geheimnisses 
unterhandeln. Doch weigerte dieser sich, es bei Lebzeiten zu verkaufen. 
Spater verfiel er in Armut und gab das Arcanum fiir 40 Soldi wochent- 
lich preis; das Geld sollte ihm bis zu seinem Tod bezahlt werden. Sein 
01 blieb in hohem Ansehen, bis es gegen Ende des sechzehnten Jahr- 
hunderts in dem unto de Castello eine Konkurrenz erhielt. Dieses Ge- 
heimmittel wurde von einer Dame vertriebep: es scheint noch grolJere 
Tugenden*^als das Olio contra peste bes'essen zu Uaben. Uber seine Zu- 
sammensetzung und Kosten geben die Bestellungen des Pietro Castagno 
AufschlulJ: 

vierzig Pfund olio contra peste 60 lire — soldi 

eine neue Art Blumenessenz 1„ ^ v 

zwei neue Arten Samerei und Wurzeln aus Bologna 6 „ ^ r 

Kiaten, Korbe und Fuhrlohn — „ 7„ 

Malvasier zum Einkochen besagter Wurzeln und 

Samereien 1^ 8„ 



c i\ 



90 6- Periode. 



vierziff Vipern zu 15 Soldi das Stuck 
fiir das HerbeSschafien durch einen beritt< 



. . . 30 lire —soldi 

berittenen Boten 3 „ 16 „ 

4320 Skorpione zu 26 Soldi das Hundert .... 56 „ 25 „ 
verschiedene aromatische Ejrautef aus Venedig be- 

zogen 58 „ 18 „ 



12 G-eiaBe f iir die verscbiedenen Arzneien und Ijofin 

fur den Boten 6 



n n 



, , 223 lire 

Pietro Castagno ptand in starkem Verdacht, statt der Vipern grofie 
Kegenwurmer verwendet zu baben (Q-ilbebt). 

1521 Pest in Osterreich, besonders in Wien (Peinlich). In Augsburg 
wird vor dem Gallentor ein neues Pestspital erbaut (Lammbet). Pest in 
Krakau (Joannes Benedictus). In Pleskau werden die angesteckten 
Hauser versiegelt, die Pestleicben vor die Stadt gebracht, das Besuchen 
der Kranken durch die Geistlichkeit verboten; 11500 Leichen kommen 
in ein Massengrab (Dobbeck). 

Von 1522 — 27 herrscht die Pest in Italien; wahrscheinlich tragt der 
Petechialtyphus einen nicbt geringen Teil zum Sterben bei. 1523 sterben 
in Rom tagUch viele Tausende an der Bubonenpest. Die romiscben 
Kiinstler ziehen sich aus der Stadt in die Ruinen der Campagna zuruck 
und f eiern bier muntere Feste, wie sie Benvenuto Cellini (1. 5) schildert. 
In Mailand werden 1524 gegen 50000 Pestopfer begraben. 1527 sterben 
in der Herrschaft von Florenz (iber 200000 Menschen, unter ihnen Cellinis 
Vater (Cellini, Macchiavelli, Fraei). In Rom dringt die Seuche bis in 
die Umgebung des Papstes Clemens VII., sie rafft auf der Engelsburg 
mehrere Hofbeamte weg (Guicciaedini). In Bologna (Fioeavanti). 

1523 Pest in der Untersteiermark (Peinlich); auf Majorka und in 
Valencia (Villalba). 

1524 Pest in Troyes (Boutiot). 

1526 in Mainz wird fiir obdachlose Knechte und Magde ein Pest- 
haus errichtet. Der Pestfriedbof aus dieser Zeit wurde im Jabre 1834 
an der Stelle, wo heute das Haus No. 52 auf der grolJen Bleiche steht, 
nabe dem Miinstertor ausgegraben. Man fand zablreiche Skelette unter 
einer Katkscliicbt (Scheohe). Pest in Dalmatien (Feaei). 

1527 wegen der Pest wird die Universitat Wittenberg nach Jena 
verlegt. Luther blieb in der Stadt zuruck, las die Kollegien der ge- 
flobenen Professoren, nahm pestkranke Angehorige und Andere in sein 
Haus auf; keiner seiner Pfleglinge starb. Aber er verier an der Pest 
fiinf Scbweine (Kuchenmeistee). 

Die Jahi;e 1527 bis 1529 bewirkten durch unaufhorliche Nasse eine 
grofie Teuerung und Hungersnot fiir die Zeit 1528—35 in Deutschland. 



Pestgange von 1372—1663. Ausbildung der staatlichen Abwehr. 91 

Pest, Flecktyphus, SchweiBsucht (1528 — 29) stritten in Europa und Eng- 
land um den Vorrang. Die Wirkungen aller dieser Ubel lassen sich, 
wenn sie auch von Arzten wie Fbaoastob strenge gesondert wiirden, im 
GroJlen und Ganzen nicht mehr unterscheiden; nur soviel ist bestimmt 
erkennbar, daB an vielen Orten, besonders in den grolJen Stadten Paris, 
London, wie bisher die Beulenpest als stehende Seuche weiter bestand, 
um gelegentlich morderische Ausbriiche zu machen. Die Ausbriiche ge- 
schahen meistens in Kriegslaufen, bei Einquartierungen und Belagerungen, 
besonders in Hungerzeiten und horten mit diesen aaf. Fiir die folgende, 
wie fiir die vergangene Zeit gilt, was Paul Lang im Jahre 1553 in der 
Naumburger Chronik sagt: Es ist wunderbar und erstaunlich, daJl die 
Plage der Pest nie ganz aufhort, sondern jedes Jahr herrscht, bald hier, 
bald dort ist, von einem Ort zum anderen, von einem Land zum anderen 
wandert und falls sie einmal nachgelassen hat, nach wenigen Jahren im 
Kreislauf zuriickkehrt und die inzwischen geborene Jugend zum groCeren 
Teil wegrafft. — Es wurde in Deutschland, wie vorher bereits in Spa- Pestflucht 
nien, immer mehr ein ganz allgemeiner Branch, dalJ alle Hofhaltungen, Deutech- 
Regierungsbehorden, Gerichte, Standeversammlungen, hohere Lehranstal- land 
ten hin und her zogen, um der Pest zu entgehen und gesunde Orte zu 
suchen. So teilte sich die Universitat Tubingen in mehrere Abteilungen 
und zog nach Blaubeuren und Neuenburg, wahrend die Landstande nach 
Markgroningen iibersiedelten (Schnurber). 

1528 Pest in Venedig (de Bonagentibus). Es starben in Neapel 1528 
60000 Menschen an der Beulenpest, wahrend im franzosischen Heer vor 
Neapel 30000 Soldaten dem Flecktyphus erlagen. Im Elsatal in Savoy en 
starben wahrend der ersten Winterkalte viele unter Blutspeien am dritten 
Tage; spater herrschten die Bubonen vor, und dann erlagen die moisten 
Kranken am ftinften Tag. Dasselbe beobachtete man in Genf (Meb- 
cvBiALLs). — 1528—29 P^st in Heidelberg. 

1529 Pest an vielen Orten Deutschlands; in GielJen starben 1500 
daran; in Steiermark (Peinlich); in Ungarn, Italien (Papon); Pest und 
Hungersnot in Troyes (Boutiot). 

1530 wurden in Genf einige Spitaldiener wegen kiinstlicher Ver- 
breitung der Pest mit gliihenden Zangen gezwickt, enthauptet und ge- 
viertteUt (Mallet). 

1531 Pest in Troyes (Boutiot), in Laon (Fleuby). In Paris lielJ der 
Stadtrat seine Verordnungen wider die Pestgefahr beim Schall der Trom- 
pete durch Ausrufer verlesen (Chereax:). Pest in Portugal (Papon); in 
OstpreulJen (Sahm). In Holland de pestilentiale cort/sen (Thibault). 

1532 in Venedig soil die Pest an einem Tage 30000 Menschen hin- 
geworfen und zum grofiten 'Teil getotet haben (Paulus Langius). Pest 
in Holland; in Llittich und Umgebung (Chapeaville). 



92 ^. Periode. 

1533 1533 Pest in Konstantinopel und Griechenland (Paulus Langivs); 

Rufiland ^^ Nurnberg (Osiander), Bamberg (Nicolaus Massa), in Pleskow und 
Nowgorod. 

Bisher war es in Deutschland dem Gewissen der Einzelnen iiber- 
lassen worden, zu entscheiden, ob und wie sich die Flucht vor der Pest 
mit den Pflichten gegen den Nachsten vertrage. Martin Luther machte 
es zu einer offentlichen Gewissensfrage, „ob das Sterben zu flihen sey"., 
Der Reformator Osiander nahm die Frage auf in seiner Predigt „wie 
und wohin ein Christ die grausame plag der pestilentz fliehen soil". Die 
englischen Reformatoren schlossen sich an, indem sie Osianders Schrift 
iibersetzen liefien: „How and whether a Christen man ought to flye the 
horrible plague of the pestilence. A sermon out of the Psalme: Qui 
habitat in adjutorio Altissimi. By Andrewe Osiander. Translated out 
of Hye Almajm into Englishe 1537 (Cbeighton). 

1534 in Nordlingen, Wittenberg, STarbonne (Websteb). 

1535 1535 Pestausbruch in der persischen Provinz Gilan, GroiJe Epidemie 

itaHen' ^^ Konstantinopel (Websteb). Maligne Pneumonie als Vorlaufer der 

Deutsch- Beulenpest in Venetien und in der Lombardei (Massa, MuNDiHiA). Im 

*" Herbst herrschte die inguinaria pestis seu epidemiae morbus in Wittenberg 

und der Umgebung. Die Universitat siedelte unter dem Rektor Philipp 

Melanchthon mit mehreren Lehrem und iiber tausend Studenten aus 

aller Herren Landern, aus Polen, Frankreich, England, Schottland nach 

Jena iiber und brachte die Pest nach Thiiringen (Paul Lang). Auch 

Schweiz am Oberrhein und in der Schweiz wiitete die Pest; sie totete in Rhein- 

felden mehr als die Halfte der Einwohner (Ziiricher Neujahrsblatt 

1839; Pabacelsits). 

1537 schwere Beulenpest in Belluno (Georg Colle bei Joannes Colle) ; 
in OstpreuBen bis 1539 (Sahm); in Delft (Fobestus). 

1538 Mafi- 1538 in Konstantinopel (Websteb); in Venedig (Visconti, Massa). 

Yenedig Uber die Fiirsorge des Staates in Pestorten, namentlich iiber die 

AbwehrmaBregeln, welche Venedig um diese Zeit wider die Pest ubte, 
gibt Massa Auskunft, der in seinem Buche das niederlegte, was er von 
der Tatigkeit der Behorden gelemt hatte. AUe Menschen, die aus ver- 
pesteten oder verdachtigen Orten kamen, wurden fur 40 Tage im La- 
zarett eingeschlossen, ehe sie eine Stadt in Venetien betreten durften, ihre 
Waren wurden ausgerauchert. Dabei machte man einen Unterschied 
zwischen ansteckenden Saehen, Wolle und Baumwolle, und nicht an- 
steckenden Saehen, Metalle, Getreide, Friichte. An verpesteten Orten 
wurden zwei Krankenhauser eingerichtet, eines fur Pestkranke, das andere 
fiir Pestverdachtige, das heiUt solche, die mit Kranken in Beriilirung 
oder in verpesteten Hausern gewesen w^aren. Allgemeine Totenschau. 



PestgS,nge von 1372—1663. Ausbildung der staatlichen Abwehr. 93 

tJber die Ausfiihrung wachte der bestandige Gesundheitsrat. — Pest in 
Danzig (Sahm). 

1539—1541 Pest in, Basel (Felix Plater). 

1540 in Leipzig, Koln, Zweibriicken. In Polen (Papon). 1640 
Infektionsordnung der Stadt Wien, auf Befehl der Regierung wiener 

von der medizinischen Fakultat in Wien verfaCt, dem Bitrgermeister, ^' 
Richter und dem Rat der Stadt Wien gewidmet. — Diese Ordnung ist ordnung 
die erste aus der langen Reihe, die weiterhin in Wien gedruckt worden 
sind, und von denen, die man aus den Jahren 1540, 1541, 1552, 1558, 
1562, 1568, 1569, 1582, 1585, 1597, 1598, 1601, 1617, 1630, 1644, 1645, 
1653, 1654, 1656, 1679, 1680 usw. aufbewahrt hat. Sie ist wie die fol- 
genden auf Folioblattem gedruckt, wurde in samtliche Wiener Hauser 
geschickt und auf dem Lande durch Kammerboten verbreitet, der Land- 
bevolkerung auf Platzen und Kanzeln vorgelesen mit dem SchluB „ sag's 
Finer dem Andern". Ihr Gegenstand ist die Einscharfung der Straflen- 
reinigung, die Durchsuchung der Hauser nach Pestkranken und ver- 
pesteten Sachen, die Empfehlung, Hauser und Strafien mit Wachholder 
zu rauchem, die Zimmer mit Lauge oder Essig zu waschen und zu 
luften; das Verbot des Kleidertrodels, der Menschenversammlungen, Kirch- 
fahrten, Markte; Ausweisung der Bettler und fahrenden Leute. Spater 
kam die Bewachung der Tore und Grenzen, sowie das Rundsenden von 
Verzeichnissen der infizierten Orte und der GesundheitspaB hinzu (Sbn- 

Fi^iDER). 

1541 neuer Ausbruch in Konstantinopel (Webster). Pest in Wien, 
in Schwaben, Wiirttemberg, am Oberrhein; in Baden in der Schweiz, 
Basel (Plater, Krieoer). 

1542 Weiterverbreitung der Seuche in Wiirttemberg; wahrend des 
April und Mai verheerte sie besonders Brackenheim, Stuttgart, Goppingen, 
Bietigheim, Kirchheim. Sie herrschte in Lothringen besonders um Metz. 
In Genf nistete sie sich bis zum Jahre 1546 ein; wahrend der ersten 
Monate des neuen Ausbruches wurden viele Manner und Weiber unter 
der Anklage der Pestverbreitung verhaftet, gefoltert, enthauptet und 
verbrannt (Textor). Ob sie von hier nach der Provence kam oder den sud- 
umgekehrten Weg genommen hat, ist ungewifi. Jedenfalls hat sie in ^''^'^^^®*^^ 
der Haute Provence stark gewiitet. Aus Apt flohen die Einwohner bei 

ihrer Ankunft (Sauve). — Pest in Oran (Guyon). 

1543 in PJeskau starben 25000 Menschen an der Pest. In London England 
begann im Mai eine Epidemie, welche bis in den Winter hinein an- 
dauerte und sich im nachsten Jahre nach Newcastle, Canterbury, Ox- 
ford und weiter iiber England auscjehnte. 1543 
^^. ^Heinrich VIIL"^rliefi^gelegentlich'~dieser Epidemie in seinem fiinf- ®^^^^®^^® 
unddreifiigsten Regierungs jahre die erste englische Pestordnung: ordnung 



94 6- Periode. 

Ein ErlaB an die Aldermanner: Sie sollen ihren Biitteln auftragen, an 
jedem Hans, worin die Pest sich zeigt, das Kreuzzeichen ^nzubringen, 
und zwar fiir vierzig Tage. — Alle Personen, die ilir Auskommen haben, 
miissen, wenn sie an Pest erkrankt sind, Ausgange vermeiden und diirfen 
keine Versammlnng besuchen, bevor ein Monat nach der Ki^ankheit ver- 
strichen ist; alle, die vom Tagelohn leben, miissen solange wie moglicli 
das Ausgeben vermeiden und sollen, wenn sie ausgehen, einen zwei FulJ 
langen weiCen Stock in der Hand tragen. — Alle Leute, deren Haus 
verpestet ist, sollen alles Stroh zur Nachtzeit aufs Feld tragen und dort 
verbrennen, auch sollen sie alle Kleider der Angesteckten aufs Feld 
tragen. — Kein Hausbesitzer darf einen Pestkranken aas dem Hause auf 
die StraBe oder anderswoliin aussetzen, ausgencMamen den Fall, dalJ ' er 
dem Kranken eine Wohnung in einem anderen Hause bereitet. — Alle 
Hunde, mit Ausnabme der Huhnerbunde, Jagdhunde und der grofien 
Kettenbunde, die als Hauswachter no tig sind, miissen sofort aus der Stadt 
entfemt oder getotet und aufierhalb der Stadt begraben werden. Wer 
Jagdhunde oder Hiihnerhunde oder groBe Kettenbunde halt, mufi dafiir 
sorgen, daB sie nicht frei. umherlaufen, sondem eingesperrt gehalten 
werden. — Die Kircbenvorsteber einer jeden Pfarre miissen Jemanden 
anstellen, der alle Gemeindebettler an beiligen Tagen aus der Kircbe 
bait und sie bedeutet, vor der Tiire zu bleiben. — Alle StraBen und 
Gassen miissen gereinigt werden. — Der Alderaiann soil diese Vor- 
schriften in den Kirchen verlesen lassen (Cbeighton). 

1544 1544 Pest in England, in Flandem, in Norddeutschland (Kespeb). 

Pest- jj^ Nordfrankreicb, besonders in Paris, Rheims, Sezanne a Chalons, 

ordnung . 

in Amiens Troyes (Boutiot). — In Amiens wurden wegen drohender Pest allge- 
meine AbwehrmaBregeln erlassen. Sie bestanden in folgenden Verboten 
und Geboten: Zu fluchen, Gott zu lastern, Maria zu verhohnen unter 
Gefangnisstrafe und hundert Sous GoldbuBe; das lutherische Fest zu 
halten; Dirnen zu halten; Schwitzstuben zu heizen, untor Bannstrafen; 
offentliche Tanze und andere Spiele, wobei man sich erbitzt, zu machen. 
Die Backer sollen kein verdorbenes oder schlechtes Getreide backen, die 
Brauer kein solches brauen; die Fleischverkaufer und Fischverkaufer 
sollen iiberwacht werdon. In den Hausem soil die iiuBerste Reinlichkeit 
bei zebn Sous Strafe gepfiegt werden; von den zehn Sous erhalt fiinf 
der Angeber, fiinf die Stadt. Pestkranke sollen im Hotel Dieu einen 
besonderen Saal bekommen. Ihre Hausgenossen miissen vor die Stadt 
oder nach Saint -Roch gehen, um sich sechs Wochon zu liiften. Ver- 
pestete Hauser sind durch den Chirurgen oder seinen Gehilfen mit einem 
weiBen Kreuz zu bezeichnen und werden fiir sechs Wochen gesperrt, 
unter hundeii: Sous Strafe. Bewohner eincs Pesthauses miissen einen 
weiBen Stock von zweiundeinhalb FuB Lange tragen, wenn sie vor die 



PestgtlDge von 1372—1563. Ausbildung der staatlichen Abwelir. 95 

Stadt gehen. Leinwand darf in der Stadt nicht verkauft werden, bei 
Gefangnisstrafe. Pestverbreitende Tiere diirfen nicht in der Stadt ge- 
halten werden. Die Arzte soUen das Rezept zu einem Schutzmittel ent- 
werfen, welches in den Apotheken verkauft werden und zur Raucherung 
der Hauser dienen soil. Das Betteln vor der Stadt oder an den Kirch- 
tiiren ist bei Strafe der Ausweisung verboten. Das Almosengeben an 
solche Bettler ist bei Strafe von zehn Sous verboten. Laken, WoUe, 
Leinwand, Betten, Kleider und andere Sachen diirfen aus verpesteten 
Orten nicht eingefiilui) werden. Die Leichentrager sollen an den Bahren 
eine kleine Schelle anbringen, um die Voriibergehenden vor der Be- 
ruhrung zu wamen. In den Pfarren sollen Sammlungen veranstaltet 
werden zur Gewinnung der Mittel fiir die Pflege der Pestkranken. Die 
Arzte sollen das AderlaiJblut in den Bach, nicht auf die Strafie gieUen. 
Gefliigel und Schweine diirfen nicht in der Stadt gehalten werden 
(Dubois). 

"Wahrend dieser Zeit wurden in Frankreich die Hunde, die damals, 
wie heute noch in Konstantinopel, dort iiberall in den Stadten als StraCen- 
reiniger dienten, zur Landplage (Fleurt). 

1546 Pest in der Provence (Papon). 

GrolJer Ausbruch in Trient, wahrend das Konzil tagte. Nachdem 
liier zwanzig Bischofe und Legaten gestorben waren, wurde das Konzil 
auf den Rat des Arztes Fbacastoe nach Bologna verlegt. Fracastor Fra 
veroffentlichte im selben Jahi-e sein bedeutendes Werk de contagione et 
contagiosis morbis, worin er scliarf die dreifache AVeise der Pestuber- 
tragung unterscheidet : per contactum, per fomites, ad distans, durch Be- 
riihrung, durch Zwischentrager, auf eine kurze Entfernung durch die 
Luft. Die Epidemisten sagten ihm gehassig nach, er hs^be die Kontagion 
erfunden, um der Politik des Papstes Paul III. gefiillig zu sein, der die 
Verlegung des Konzils von Trient erzwingen wollte. 

Unter den Kirchenvatern in Trient war Leonhardus, Bischof und 
Patriarch zu Antiochia, der ein silbernes Armband am rechten Arm trug. 
Dieses war zu Antiochia im Kloster des hi. Benedict in der Bibliothek 
gefunden worden; der hi. Zacharias, Bischof zu Jerusalem, der nach- 
malige Papst Zacharis (741 — 752), hatte es hinterlassen. Es standen 
darauf die Buchstaben Zt)IABIZSABZHGFBFRS, die Anfange 
von den Satzen eines groflen Bittgebetes. Die anderen Bischofe und 
Kardinale lieCen die schiitzenden Buchstaben fiir sich abschreiben und 
trugen sie bei sich. Sie alle blieben von der Pest verschont, und fortan 
ging die Sage, wer der Pest entgegen woUe, musse die Buchstaben iiber 
seine Tur schreiben. Das Zachariaskreuz spielt von jetzt ab als Pest- 
amulett eine grofie RoUe. — Spiitere Pestkreuze tragen auch wohl die 
Anfangsbuchstaben einer zweiten Gebetsformel: 



castors 
Werk 



96 6. Periode. 

Vade Retro Satana, Nunquam Suade Mihi Vana 
Sunt Mala, Quae Libas, Ipse Venena Bibas. 
Crux Sacra Sit Mihi Lux, Non Draco Sit Mihi Dux. 
Crux Sancti Patris Benedicti 
(MiNKUS, Pohl). 

1547 Andauer der Pest in Oberitalien, besonders in Venetien (Jo- 
hannes Colle); in der Champagne, in Isle de France und in der Tour- 
raine; in Tours werden 1400 Elnwohner weggerafft (Boutiot). Ausbruch 
in Heidelberg, der Kurfiirst verlegt seinen Hof nach Germersheim, die 
Universitat fliichtet nach Eberbach (Bensingee). 

1548 an der Ostsee, in London (Webster). 

1549 in OstpreuBen, in Danzig starben 30000 (Sahm). 

1550 in Mailand (Papon); in vielen Orten der Schweiz, besonders in 
Chur, wo binnen sechs Monaten 1300 Menschen starben, in Basel, Bern, 
Chur und Thusis (Plati^b, Lobenz, Chub). 

1551 die Sterbdruseii in Wittenberg (BoEKEaLms), in Stuttgart, 
Tubingen. In Livland; Dorpat verlor 14 000 Einwohner. 

1552 Pest- 1552 wiitete die Pest in RuBland bis 1554, besonders in Pleskow 
^Rufiuiid'^^^ Nowgorod. Als in Pleskow die Seuche sich zeigte, sperrten die 
Nowgoroder die Strafie, wiesen die Pleskauer Kaufleute mit ihren Waren 
aus und verordneten, dalJ jeder, der nicht Folge leisten wiirde, mit seinen 
Waren vor der Stadt verbrannt, Warenhehler mit der Peitsche bestraft 
wiirden. Im Gebiet von Nowgorod starben in den drei Jahren 279 594 
Menschen (Dobbeck). 

Pest in Krakau (Regius). In Hof in Bayern, wie eine Gedenktafel 

in der Michaelskirche mit dem Bilde des hi. Sebastian berichtet (Hechtel). 

Pest- In Regensburg, wo die Seuche sich zeigte, erliefi der Stadtrat eine Ord- 

ordnung nung in Sterbleuffen, worin zuvorderst die Sauberkeit in und auCer 

inKegens- ° ' 

burg den Hausern eingescharft wurde. Es wurde befohlen, Harn und Ader- 
laBblut nicht auf die StraDe zu schiitten, sondem in die Donau. Die 
Miststatten sollten aller acht Tage gereinigt werden, das Straflenpflaster 
taglich. Schweine diirften nicht umherlaufen. Der Besuch verpesteter 
Hauser und die Teilnahme an Begrabnissen wurde verboten (Schoppleb). 
— Pest in Basel (Wubstissen). 

Pest in Algier (Berbrugger bei Pars, Guyon). 

1553 Pest in Paris; die Gerber und die barmherzigen Schwestern 
der Hospitaler blieben verschont (Palmabrts). 

1554 am 18. August schrieb der Venetianische Gesandte Soranzo in 
London an seine Regierung: In England haben sie alljahrlich ein wenig 
Pest. Sie sind nicht gewohnt, dawider SchutzmaCregeln zu treffen, da 
sie gewohnlich keine Ausdehnung gewinnt. Meistens erkranken niedere 



Pestgange von 1372 — 1563. Ausbildung der staatlichen Abwehr. 97 

Leute, deren schlechte Lebenshaltung ihre Konstitution verschlechtert 
(Creighton). 

1555 Pest in Venedig (Massa, Fbigimelega, Pasinus, Landus, Oddus padua 
DE Oddis). Gesundheitspasse in Venetien nnd Osterreich fiir Reisende ...rtv v 
(Pintab). Die Heidelberger Universitat wanderte wieder nach Eberbach 

aus. De haestighe sieckte of peste in den Niederlanden, Antwerpen, Ut- 
recht, Gorknm, Borkum (Gheeinus). 

1556 Pest in Venetien (Tomitano, Bocchalini). Die Decern proble- 

mata de peste des venetianischen Arztes Victor de Bonagentibus sind Schrift 
das bedeutendste Denkmal aus jener Epidemic. Sie betonen die Ver- ^^® ^^*^*^^ 
schleppung und Verbreitung der Pest durch fomes et seminarium, Keiai gentibus 
und Zander, der von kranken und gesunden Menschen verschleppt wird, 
sich an Pelzwerk, Felle, Federn, Baumwolle leicht anheftet, weniger an 
Seide, Flacbs, Hanf, Leder, Leinwand, Tucher und einige Holzer, gar 
nicht an Metalle und Edelsteine. Die pestfangenden Sachen konnen 
ohne Gefahr nur dann aufbewahrt und wieder in Gebrauch genommen 
werden, wenn sie wohl durchliiftet und gewaschen und vierzig Tage hin- 
durch der Luft und Sonne ausgesetzt worden sind. Absonderung der 
Kranken, haufige Erneuerung der Luft, der Kleider und Betten und die 
Vemichtung der verpesteten Kleider und Betten durch Feuer ist zur 
Verhiitung der Pest unumganglich notwendig. 

Von Venedig brachten Juden, die aus verpesteten Hausern alte 
Kleider und Gerate aufgekauft hatten, das Ubel nach Udine. Der Rat 
und die Burger beschlossen, daC in Zukunft in ihrer Stadt kein Platz 
mehr fiir jene Nation und ihr Handelsverkehr daiin verboten sein solle 
(Fkabi). Ein Student brachte die Pest von Venedig nach Padua (Pa- 
siNTs). — Pest in Wien (Schnubker); in Laon (Fleuby). — In Algier 
la landre en una ingh, Leistenbubonen (Guyon). 

1557 Pest in Amiens; die Arzte weigerten sich, die Kranken zUr 1557 
Ader " zu lassen, weil sie die Ansteckung fiirckteten. Der Magistrat 
muBte einen besonderen Aderlasser bestellen. Fiir ihre Bemiihungen, 
einen solchen Mann auszuwahlen, erhielten die Arzte von der Stadt 

vier Kannen Wein. Der Gewahlte lebte guter Dinge; er unterhielt 
Freudenmadchen und versammelte Zechkumpane in seinem Hause; er 
tinig sogar einen Degen an der Seite auBer dem weifien Stock, den er 
in der Hand halten mufite, wenn er durch die Stadt ging. Der Ma- 
gistrat untersagte ihm die Ausschreitungen, liefl ihn aber im Amte, weil 
er seine Pflicht gut erfiillte (Dubois). 

Die Pest in den Generalstaaten und in Flandem wahrend dieses p^g^ ^es 
Jahres hat Foreestus als Augenzeuge geschildert: Nach groBer Diirre Foreestus 
wahrend "des Friihjahrs und Sommers 1556 brach in Holland wahrend 

Sticker, Abhandluagen I. Geschichte der Pest. 7 



r « 



98 6. Periode. 

des folgenden Jalires eine grofle Hungersnot aus, die dadiirch aufs 
auBerste gesteigert wurde, dafi die Kornwucherer das Getreide behielten, 
bis es verdorben war, und erst dann verkauften. Die armen Leute 
muBten sich mit Viehfutter emahren. Zwischen dem Haag und Delft 
herrschte unter dem Landvolk eine Krankheit, die sich im Friihjalu- 
schnell ausbreitete, kein Alter verschonte und auch bald nach Delft kam, 
wo sie in kurzer Zeit Zahllose ergriff. Von den Landleuten, die Milch- 
waren und Sand zum Verkauf in die Stadt brachten, wurde zugleicli 
eine andere morderische Seuclie eingefiihrt, die sich ganz langsam ein- 
schlich, um im Juni mehr und mehr ihr Haupt zu erheben und in den 
Hundstagen die ganze Einwohnerschaft morderisch zu uberfallen. Kurz 
vorher hatten sich bei vielen Kindern Ausschlagkrankheiten gezeigt, die 
man als Vorboten der Pest ansah. Als solche galten ebenfalls die Stern- 
schnuppen und Flammen, welche die Nachtwachter auf Platze und Hauser 
hatten niederf alien sehen; sodann haufige Fehlgeburten bei Frauen und 
besonders ein Komet, den Foreest im Marz 1556 in Haarlem beobachtet 
und sofort fur ein Vorzeichen von Dlirre und Pest erklart hatte. Nicht 
minder verdachtig war, dafi die Kinder haufig das Totenbegraben ge- 
spielt hatten. Denn wenn auch alles dies von Manchen als Unsinn ver- 
lacht worden war, so hatte es nichtsdestoweniger die furchtbare Pest im 
Gefolge, die dazu fiihrte, dafi im Jahre 1557 sich die armen Leute um 
die Sarge rauften, wie sie im Jahre vorher bei der groBen Hungersnot 
sich um das Brot geschlagen hatten. Im September wm'de Foreest von 
Alkmar als Pestarzt nach Delft berufen. Die auBeren Zeichen der Seuche 
waren anfanglich vornehmlich Karfunkel, weniger haufig Brandbeulen 
(carbones), die sich als minder lebensgefahrlich erwiesen. Die Karfunkel 
brachen in den Achseln, an, den Armen und an den Schenkeln, beson- 
ders in der Leistenbeuge aus, aber auch am Halse und in der Nahe der 
Ohren und der Augen. Dann beobachtete man Bubonen besonders in 
dfen Achseln und Schenkelbeugen und hinter den Ohi^en, die zum Teil 
vereiterten, zum Teil hart blieben und zum Tode fiihrten oder sich zer- 
teilten. Bei dem Einen erschien dor Karfunkel oder der Bubo mit dem 
Fieber zugleich, bei dem Anderen kamen sie nachtraglich, bei Wenigen 
waren sie vor dem Fieber da. Fast Alle hatten beim Einbruch des Fiebers 
galligos Erbrechen; die Moisten waren schlafsiichtig und redeten in^e. 
Einige rasten schlaflos umher. Bei Manchen zeigten sich Durchfalle, 
bei Wenigen Nasenbluten. Die Kranken waren traurig und hoffnungs- 
los. Die moisten klagten iiber groCe Hitze in der Magengrube, iiber 
qualende Spannung in den Gliedern und iiber Kopf schmerz ; einige uber 
groBen Durst, andere iiber Atemnot. Nicht Wenige fingen an zu rasen, 
so dafi sie mit Gewalt im Bette gelialten werden muBten. Allen ge- 
meinsam war eine groBe Entkraftung, wodurch sie gleich beim Be- 



Pestgange von 1372 — 1563. Ausbildung der staatlichen Abwehr. 99 

ginn der Krankheit hinsanken, und eine groBe Schwache des Herzens. 
— Viele von denen, welche dem Tode entgingen, blieben drei Wochen 
lang im Deliiium. Einige erlitten durch die Karfunkel schwere Zer- 
storungen im Gesicht, am Halse, am Gesiifi und anderen Teilen, ohne 
zu sterben. 

In den Hundstagen wiitete das Ubel, das hochst ansteckend 
war, so, dafi an einem Tage liundert Leichen zur Grube geschleppt 
wurden. Das Sterben wurde dann allmahlich milder und iiberdauerte 
den rauhen Winter. Man muBte bis zu siebzig Tote in die einzelnen 
Gruben tun, um alle unterzubringen. Foreest sah im Beginn des 
Jahres 1558 den Kirchhof so mit Leichen erfiillt, daB er an Hohe 
die Mauer, welche die Kirche einschloB, erreichte. Im Mai des Jahres 
erlosch die Pest endlich, nachdem sie 5000 Menschen hingerafft hatte, 
ungezahlt die Vielen, die aus der Stadt geflohen und drauBen ge- 
storben waren. Unter den Gestorbenen waren sieben Geistliche, die 
den Sterbenden beigestanden hatten, wahrend die beiden Arzte, die 
rastlos die Kranken besucht hatten, ihr Leben behielten. Das arme 
Volk hatte am meisten gelitten; die Reichen waren fast verschont ge- 
blieben. 

Als in der Stadt die Pest nachlieB, kam sie nach Delftshafen und 
verbreitete sich der Maas entlang. Im folgenden Jahre war die epidemie 
van die pestilentie in Brugge (van Kuck). 

1558 Pest in Murcia und Barcelona; Arzte und Chirurgen flohen im 1568 
Anfang der Seuche, so daB der Magistrat von Barcelona am 9. Februar 

eine strenge Verordnung wider die Fliichtlinge erlieB und sie mit dem 
Verlust ihrer Stellung bedrohte. In Barcelona wahrte die Seuche vom 
17. Januar bis zum 21. Juli (ViLLAiiBA). 

Am 15. April kam die Pest aus der Levante nach Teneriffa (Alexan- Teneriffa 
DEB VON Humboldt). 

1559 herrschte sie in Nordafrika, besonders in Algier (Haedo bei 1559 

1560 wurde in Stuttgart ein neues Pesthaus erbaut (Lammebt). 

1561 Pest in RuBland, sie dauerte in Pleskow und Nowgorod bis in 
das folgende Jahr. 

Anfangs 1562 erschien sie in Bohmen, in Niirnberg, Augsburg, Ingol- 1562 

stadt (Boscius), Regensburg. Hier wurde Ein kurtz Regiment ver- 

offentlicht, wie man sich zur Zeit der Pestilenz halten soil. Die Beschrei- 

bung der Krankheit darin ist klar: Die Krankheit stoBt den Menschen 

gewohnlich mit Kalte und Frost, audi wohl mit Hitze zugleich an; er 

friert auBerlich und hat innerliche Hitze. Der Mund wird trocken, das 

7* 



100 ^' Periode. Pestg&nge von 1372 — 1563. Abbildung der staatLichen Abwehr. 

Atmen erschwert. Herzensangst, Ohnmacht, Zerschlagenlieit der Griieder, 
Brechneigung, Kopfschmerz treten hinzu, dann Schwermut, ScMaflosig- 
keit mit Geistesstorung oder Schlafsucht. Beulen oder Blattern fahren 

ailf. (SCHOPPLEB.) 

In Niirnberg starben bis Ende April 1563 von 40000 Einwohnern 

9034 (Janssbn). Hier wie in den anderen Stadten werden Pestordnungen 

eingefiihrt (Nuernberg). 

Slid- Pest in Thiiringen (HEBENSTBEiT). Von Siiden her zog sie Tiber ganz 

frankreich pj.g^jj^pgj^l^ (Boctiot); in der Haute- Auvergne Ausbriiche bis 1565 (Boudbt 

et Gra^jd). 



7. Periode. Die Pestepidemie vom Jahre 1563 bis 1569 und ihre Nachziigler. 101 



7. Periode. 

Die Pestepidemie vom Jahre 1563 bis 1569 nnd ihre 

Nachzflgler bis zum Jahre 1575, 

Die Pestaussaaten nach Teneriffa im Jahre 1558 und nach Siid- 
frankreich im Jahre 1562 sind wohl als die Vorlaufer der grofien Epidemie 
von Osten her aufzufassen, die im Jahre 1563 Europa iiberzog. Sie ist 
in ihrem Zusammenhang fast ganzlich aufier acht gelassen worden. Nur 
ScHENCK deutet ihren Gang an: Konstantinopel, Alexandrien, Venetien, 
Leiden, London, Danzig, Koln, Basel. Neben dem grofien Zuge gab es 
hier und da verstreute Ausbriiche, die jedenfalls zum grofieren Teil aus 
alien Herden herriihrten. So das Auftreten der Pest in Ntirnberg, in 
Augsburg, wo sie vom Mai bis Oktober dauerte und, wiewohl Viele auf 
das Land geflohen waren, taglich an 70 Menschen wegraffte (Gassar). 
Nach Wien und weiterhin nach Osterreich mag sie iiber Steiermark 
(Peinlich) aus Venedig gekommen sein. 

In London war sie bereits im Juni 1563. Sie soil iiber Newhaven 
eingeschleppt und zuerst in der Umgebung von London bemerkt worden 
sein. In der Hauptstadt wurden zum ersten Male genaue Zahlungen der 
Toten in den einzelnen Wochen gemacht. Vom 1. Januar 1563 bis zum 
letzten Dezember des folgenden Jahres starben im ganzen in 108 Pfar- 
reien Londons 20 372 Menschen, an der Pest 17 404; in 11 Pfarreien vor 
der Stadt im ganzen 3288, an der Pest 2732. Uber den Verlauf der 
Epidemie gibt die folgende Sterbetabelle Rechenschaft: 

Es starben in London an der Pest wahrend der Woche, welche en- 
digte mit dem 



'^ 



1563 

Konstan- 

tinopel, 

Agypten, 

Venetien, 

Holland, 

Rhein- 

lande 



England 



12. Juni 1563 
19. „ 
26. „ 
3. Juli 
10. 
17. 



7) 



7? 



n 



77 



77 



77 



17 


23. Juli 


25 


30. „ 


23 


6. Aug. 


44 


13. „ 


64 


20. „ 


131 


27. . 



77 



77 



77 



77 



77 



174 
289 
299 
542 
608 
976 



102 



3. Sept 1563 
10. 
17. 
24. 

1. Okt. 

8. „ 
15. „ 

29. „ 
5. Nov. 
12. 



n 



n 



n 



n 



7i 



n 



n 



7i 



n 



T) 



n 



n 



T) 



7. 


Feriode. 










963 


19. Nov. 1563 .... 506 


1454 


26. „ „ 


1 


1 i 




281 


1626 


3. Dez. „ 


• 






178 


1372 


10. „ 








249 


1828 


17. „ « 








239 


1262 


24 








134 


829 


31. „ ,, 








121 


1000 


7. Jan. 1564 








45 


905 


14. „ , 








26 


380 
283 


21- ^ n 


• • ■ 

Summe 


13 

14 086 



(Stow bei Ceeighton). 

In Frankreich schritt die Pest von der Provence aus nordwarts und 
behauptete ihre Herrschaft bis zum Jahre 1567 (Boutiot). In Marseille 
und in Montpellier wiitete sie heftig (Joubebt), drang in Lyonnais und 
in Savoyen ein bis zu den Grenzen der Schweiz. Es starben 1564 an 
vier Fiinftel der Einwohner (Mueatoei, Vallebiola). Die Pest in Lyon 
wurde den Haretikem zugeschrieben. Sie sollten die Tiiren und Pfosten 
der Hauser mit Pestsalben bestrichen haben. Als die Reichen das 
merkten, flohen sie aus der Stadt. Durch Q-ottes Hilfe, sagt Petrus 
Ribadeneyra, fiel das IJbel hauptsachlich auf die zuriick, welche es an- 
Nord- gestiftet batten. Im ganzen starben an 30000 Menschen in Lyon (Ray- 
frankreich jj^^P^ In Paris fand Ambboise PaeI: die Seuche milder als in der 
Gascogne und in der Provence. In diesen siidlichen Landern begleiteten 
alle Schrecken der gestorten Ordnung die Pest. Arzte und Barbiere 
durften nur zur Nachtzeit zu den Kranken gehen, sonst wurden sie mit 
Steinwiirfen verfolgt. Die Krankheit auBerte sich in Lungenentziindung, 
Bubonen und Karfunkeln. Bei Vielen kam es zu grofien Blutungen aus 
Nase, Magen, Darm, Nieren und Gebarmutter. Einige Kxanke sah Pare 
rasend umherlaufen, sich in das Wasser stiirzen oder den Schadel ein- 
rennen. Der Tod erfolgte oft schon nach 24 Stunden, bisweilen nach 
15 oder sogar nach 10 Stunden. In Lyon sah Pare bei Einigen unter 
einem scharfen Schmerz wie von einem Bremsenstich eine Pustel oder 
Blase auf der Haut auftreten, die von einem unerwartet schnellen Tod 
gefolgt war, so dafi die Leute auf der Strafie oder in der Kirche starben. 
Pare riet den Chirurgen, sich wider die Ansteckung durch Kauterien 
zu schiitzen, glatte Kleider zu tragen und diese oft zu wechseln. Den 
Magistraten schlug er vor, erfahrene Arzte mit lebenslanglicher Rente 
als Pestarzte anzustellen, anstatt wie bisher Barbiergehilfen und Apo- 
theker unter dem Versprechen des Meisterrechtes anzulocken. 

Wahrend so die Seuche iiber Frankreich zog, drang sie von Nord- 
Tirol italien nach Tirol ein und herrschte dort wahrend des Jahres 1564. 



Die Pestepidemie vom Jahre 1563 bis 1569 und ilire Nachziigler bis 1575. 103 

Harder, Manse, Maulwiirfe, Dachse und Schlangen verKefien ihre Locher 
und kamen von den Bergen in die Felder nnd Fluren. Aufier Bubonen 
zeigten sich besonders schwere Lnngenentziindungen mit todlichen Blu- 
tungen (Andbeas Gallus). 

In einzelnen Stadten des Rheinlandes trat die Pest schon im Jahre 
1563 anf. Wenigstens in Frankfurt. Der Amtmann zu Bingen zeigte 
beim Domkapitel des Mainzer Erzstiftes, dem die Stadt Bingen gehorte, 
an, daU Binger Burger in diesen wahrenden sterbenden Lauften der 
Pestilenz die Frankfurter Herbstmesse besuchen wollten, worauf dem 
Amtmann bedeutet wird, die Binger iiber die Gesundbeitsverhaltnisse 
in Frankfurt zu unterrichten und zu verwamen; wer dennoch hingehe 
und Unrat von dort mitbringe, soUe gezwnngen werden, eine Zeitlang 
sich auBer der Stadt aufzuhalten. Der Herr von Solms und Arnold von 
Rassfeld miBachteten den Befehl. Sie hielten sich in Frankfurt, wo die 
lues pestilencialis zum heftigsten regierte, auf. Nach ihrer Riickkehr 
starben zwei Magde im Fronhof. Die beiden Herren wurden vom Chor- 
gottesdienst und von den Kapitelversammlungen ausgeschlossen und 
muiJten zu Hause eine Sperre durchmachen (Schbohe). 

Im iibrigen fafite in Norddeutschland und Westdeutschland die Nord- 
Seuche erst im folgenden Jahre, 1564, festen FulJ. Sie wiitete in j^^ 
Liittich, totete in Danzig 33 885 Menschen. Zugleich zog sie den Rhein Rhein- 
hinauf. In Koln, welches damals 24 000 Hauser hatte, starben 12 000, ^*^^® 
nach Anderen bis zu 25 000 Einwohner (Ewich, Dessenius, Hebmann von 
Wbinsbebg, Lebsch). Strassburg vferlor Viele, (Freiburg im Breisgau unter 
schnell totendem Nasenbluten den vierten Teil der Biirger (Schbnck, Jo- 
annes GurNTEBius). In Basel trat die Seuche im Juli auf, um im No- Sohweiz 
^Vi^mber mit dem Eintritt der Kalte aufzuhoren und sich aufs neue im 
Fruhjahr 1565 zu zeigen; bis zum September dieses Jahres starben iiber 
5000 (Geskeb, Felix Plateb). In Zurich, wo die Pest im August 1564 
ausbrach, totete sie iiber 1700; am heftigsten wiitete sie im September 
nnd Oktober (Meyeb-Ahbens). 

Nach Saragossa soil die Pest durch ein Stuck Zeug von Frankreich Spanien 
her eingebracht worden sein. Jedenfalls starben dort von Anfang Marz bis 
Dezember 1564 gegen 10 000 Menschen daran. Man hatte die seit einem 
Jahrhundert in Spanien eingef iihrte Quarantane und Pestordnung strenge 
gehandhabt, und damit das Ubel ebensowenig abgehalten wie im Jahre 
1558 von Barcelona. Der Stadtrat von Saragossa berief als Pestarzt 
den JoHANN Thomas Pobcell aus der Cerdagne. Dieser besorgte mit 
vier Chirurgen sieben Monate lang das Pestspital, welches im Ganzen 
800 Kranke aufgenommen hat. Als Hauptzeichen der Pest wurden 
Bubonen, Karfunkel und Petechien beobachtet; die Krankheit begann 
mit Fieber, Schmerzen in der Magengegend und qualendem Erbrechen; 



104 7. Periode. 

dann stellte sich rasch auBerste Mattigkeit, Unruhe und Kiage iiber ver- 
zehrende Hitze ein; dabei war die Haut kalt und das Gesicht ganz ent- 
stellt. Der Tod trat rasch am dritten oder vierten Tag ein. — Die Pest 
verbreitete sich iiber Arragonien und weitere Teile von Spanien. 

Sie wiitete im Jahre 1565 in Norddeutschland, am Rhein und in 
der Schweiz fort. Von Danzig wurde sie nach Hamburg verschleppt 
(Bockel); von Hamburg nach Bremen (Ewich). Sie trat in Rostock 
auf , wo 'zwischen Ostem und Spatherbst von etwa 40 000 oder 50 000 
Menschen 9000 starben; der 24. August bezeichnet die Hohe der Seuche 
mit einem Sterben von 133 Menschen (Koppmank will die Zahlen einge- 
schrankt wissen, wiewohl sie von den glaubwurdigsten Zeugen berichtet 
w^erden). In Magdeburg starben 5000, in Frankfurt an der Oder eben- 
soviele Menschen (Haeseb, Untersuch.), Konigsberg (Batavolus) und 
Brandenburg (Cycnaeus) litten schwer. — In der Schweiz verloren viele 
Dorfer mehr als die Halfte der Bewohner (Conrad Gesner). 

1566 wurde in Mainz ein altes p^estilenzhaus neu in Rebranch ge- 
nommen. Der Landgraf von Hessen lieJJ einen Pestbej^cht fiir den ge- 
memen Mann aniertigen (Hessen). Der Breisgau, Thiiringen, besonders 
Weimar, wurden verwii^tet (Kabner), Hannover (Hartmann), Braun- 
schwejg schwer gepriift. Die Herrschaft Schmalkalden begrub 2500 
Leichen. „In wahrendem diesem Sterben erscholl ein Greriicht, daC zu 
Schmalkalden etliche Leuthe im Grabe schmatzten oder um sich fressen 
sollten, dahero werde das Sterben nicht eher aufhoren, bis man solche 
Leuthe ausgegraben und ihnen den Hals mit einem Spaten abgestochen 
hatte. Ob nun wohl Magister Vischer (der Superintendent in Schmal- 
kalden) darwider eifferte und es vor einen Aberglauben und ein teufe- 
lisches Gespenst hielte, so geschahe es doch, dafi man zu Brodroda der- 
gleichen um sich Fressende ausgegraben und ihnen den Hals abgestochen, 
worauf das Sterben nachgelassen haben soil." Sonst iibte man zu Schmal- 
kalden eine treffliche Polizeiordnung; man sorgte fiir Schutz wider die 
Ansteckung, bestellte Arzte, Pfleger und Leichentrager, unterstutzte die 
Armen in der Pestnot (Gerland). 

Weiter erschien die Pest in Sachsen (Fraenkel), in Ungarn, in 
Smolensk, Polotzk, Toropetz und anderen Stadten RuClands (Richter). 

Auch Holland und Ostfriesland litten unter ihr in diesem und den 
nachsten beiden Jahren (Onno Klopp). — In Tirol ging die Bubonen- 
seuche mit Blutspeien und Lungenentziindung einher (Gallus). 

1567 und 68 herrschte die Seuche noch an vielen Orien Frankreichs 
(Palmarius, Pare, Boutiot). In Genf, wo von 1568 bis 1569 gegen 
1500 Menschen an ihr starben, wurden wieder Pestsalber verbrannt 
(Mallet), Fraustadt in Polen verlor 1568 mehr als 1100 Einwohner. 



Die Pestepidemie vom Jahre 1668 bis 1569 und ihre Nachzugler bis 1575. 105 

Nowgorod, Pleskow, Livland, Archangelsk litten wahrend der Jahre 1568 
und 69 (Richtek). In Wien gab die Medizinische Fakultat 1569 ilire 
siebente Belehrung heraus „Wie man sich zu Zeitten der Pestilentz fiir- 
sehen und erhalten moge" (vgl. 1540). Sclion litt die Stadt unter einem 
hefftigen vergifteten Fieber, einer schnellen todtlichen Krank- 
heit mit DrtLsen, Tiipeln und Gescliweren (Wien). — Im selben 
Jahre starben in Moskau und Umgegend an der Pest iiber 200 000 Men- 
sehen, vom 10. bis 28. August allein 2303 Priester (Spa an). 



In den folgenden Jahren zeigte sich die Pest an verschiedenen Orten 
der Levante; sie machte wiedefholte Ausbruche nach den Hafen des 
Mittelmeeres und weiterhin. Zugleich flackerte sie "^fii Europa an vielen 
Orten immer wieder auf. Wir fiihren ihre Gauge und Herde fliichtig an. 

1571 in Tabriz un3* Ardebil und weiterhin in Persien grofie Pest- 1571 
verheerungen, die bis 1575 ununterbrochen andauerten, um von da ab 
bis 1835 nach kurzeren oder langeren Pausen sich zu wiederholen (Tho- 
lozan). — Pest in der Tiirkei; in Syrien; in Ungarn; Venetien verliert Tiirkei 
40000 Soldaten an der Seuche (Fbari). — Pest in Algier (Guyon, Ber- 
bruggeb). — Ausbriiche in Belgien und in Flandern. In Valenciennes 
gingen der Pest vorauf Schwarme von Miicken, Flohen, Fliegen, Wiirmern, 
Heuschrecken, Froschen, Kroten, Schnecken, Skorpionen, Mausen und 
Spitzmausen. Aus der Erde kamen Maulwiirfe, Nattern und Schlangen. 
Die Vogel verliefien ihre Nester, Schafe und Ziegen starben zahlreich. 
Die Krankheit verlief unter dreitagigem Fieber, begann mit plotzlicher 
grofier Entkraftung, Benommenheit, Ohnmacht, Erbrechen, unauslosch- 
lichem Durst. Der Puis wurde klein und haufig. Dann erschienen 
Flecken, Karfunkeln und Bubonen (Joannes Sylvr's). GninSung der 
St. Rochusbriiderschaft in Bois le Due (Lersch). — In Tubingen starben 
wahrend des November 620, wahrend des Dezember 900 Menschen an 
der Pest (Schnltreeb). 

1572 und 73 in Alexandrien, Kairo, Rosette (Kanold); in Dalmatien 1572 
(Bajamonji); in Venedig (Trincavelli). — In Freiberg in Sachsen rifi '^^3T>ten 
ein Topfer beim Hospital eine Tongrube auf, worein man wahrend des 
Sterbens im Jahre 1564 alte Lumpen, Werg und Stroh aus verpesteten 
Hausem geworfen hatte; es kam ihm ein widriger Dampf entgegen, so 

dafl er sich niederlegen muBte. Er steckte nicht nur die Seinigen, son- 
dem auch viele Nachbaren an; bis Weihnachten starben 1577 Menschen 
(Andreas Moller. Annal. Freiburg. 1573, bei Schnurrer). 

1573 Ausbruche in Wiirzburg, Haarlem, Rotterdam, De Briel, Delft, 
Livland, Schweden. — Nach Holland scheint die Pest von Spanien ein- 
geschleppt worden zu sein. Die Spanier hatten Haarlem wahrend das 



106 7. Periode. 

ganzen Winters und bis in den Juli hinein belagert. Am 10. Juli fielen 
neben ungezahlten Anderen iiber 200 Burger von Delft, welche zum 
Entsatz herbeigezogen waren. Die Leichen blieben unbeerdigt auf den 
Ackern liegen und erzeugten, wie Fobeest meinte, die Pest, die sich. 
zuerst drauBen im Lager, bald darauf in Haarlem zeigte. In Haarlem 
brach. das Ubel aus, als am 24. Juli die Burger, erschopft von Hunger, 
die Stadt iibergaben. Sie batten sich zuletzt von Hunden, Katzen, 
Mausen, Pferden und Blattern genahrt. Von Haarlem kam das Sterben 
nach Rotterdam, dann nach. De Briel, von da nach Delft, wo sie im 
November das niedere Volk binraffte und vor Allen die Landleute, 
welche vor den Spaniern in die Stadt gefliichtet waren. Im Kloster der 
hi. Klara starben allein 600 Bauem. Zuletzt starben auch viele Burger. 
Die Kranken hatten Bubonen und Karfunkeln oder starben ohne auCere 
Zeichen rasch, wie durch Gift getotet. 

Petechien werden weder in der Delfter Pest 1557 noch in der Haar- 
lemer 1573 erwahnt. Dagegen trat', wie Foreest berichtet, wahrend der 
letzteren Pest eine neue fieberhafte Krankheit auf, welche die Arzte 
nach den aulJeren Zeichen lenticulae oder punciiculae, die Leute in Hol- 
land pepercoorn, Pfefferkom, nannten. Sie war ansteckend wie die Pest, 
aber nicht rasch, nicht durch Kleider und Gerate, nicht auf einige Ent- 
fernung hin, sondem nur durch Verkehr mit den Kranken. Sie begann 
mit Fieber, Zerschlagenheit der Glieder, Kopfschmerz; nach dem vierten 
oder siebenten Tage verloren die Kranken das BewuCtsein; sie redeten 
irre; es brachen rote oder schwarze Flecke an den Armen, an Brust 
und Riicken aus. Anfanglich milde, wurde die Seuche bald todlich, be- 
sonders fur Knaben und Jiinglinge. Von den Frauen und Greisen starben 
wenige, von den Juden gar keine. Der Tod trat zu Ende der ersten oder 
zweiten Woche ein. — Es ist von Zeit zu Zeit gut, zu zeigen, daC auch 
unsere Vorfahren andere Seuchen und besonders den ^techialtyphus von 
der Pest genau unterschieden haben. Man vergleiche mit der Schilde- 
rung des Fobeest die ebenso griindliche Differentialdiagnose des Fba- 
CASTOBO, welcher Pest und Fleckfieber um das Jahr 1530 in OberitaUen 
zu sondern gelehrt hat. 

1574i, im 19. Regierungsjahr des Kaisers Jalalu-d din Muhammad Ak- 
bar, brach eine grofie Wabd, Beulenpest, zugleich mit Hungersnot in Gud- 
scherat aus und wahrte nahezu sechs Monate. Das Ungliick war so groC, 
daJl die Einwohner, Reiche und Arrae, aus dem Lande flohen und sich 
iiberall hin zerstreuten. Dazu kam, daC das Korn im Preise unerschwdng- 
lich stieg und Pf erde und Kiihe mit Baumrinden gefiittert werden mufiten. 
(Im Tabakati Akbari des Niza'mu-d din ahmad bei Elliot.) 
Agypten 1574 — 76 groBe Pest in Kairo; es starben 860000 Menschen, an 

einem einzigen Tage 2400. 



Die Pestepidemie vom Jahre 1568 bis 1569 und ihre Nachztigler bis 1575. 107 

Pest in Lowen; sie raffte taglich an 500 Menschen hin (CoBNEiiius 
Gemma); in Leiden, wo ein Pesttaler gepragt wurde (Pfeiffee und Ru- 
land); in Embden (Bobsumantjs). — Pest in Miinster in Westfalen; sie 
herrschte liier bis 1578; im Jahre 1575 warden die Schulen und das 
Rathaus gesehlossen; die Studenten flohen; das geistliche und weltliche 
Hofgericht siedelte nach Krefeld uber, das Domkapitel und die Minoriten- 
monche flohen ebenfalls; nur die geistlichen Seelsorger, die Notare und 
die Arzte harrten aus (Hutskens). — Ausbriiche in Mainz und Umgebung 
vom September 1574 bis Februar 1575 (Schrohe); in Biberach, in Kemp- 
ten, im Algau, in Niimberg (Sohntjhrbb, Camebabius). 



108 8- Periode. 



8. Periode. 

Die Epidemie vom Jahre 1575 bis 1578 und ihre 

Nachzftgler bis 1611. 

Epidemie Seit dem Jahre 1563 herrschte die Pest in der Tiirkei, besonders in 

A in ^®^ asiatischen Provinzen, zeitweise so sehr, daC sie alle kriegerischen 
Tttrkei, Unternehmungen dei* Tiirkei gegen Venetien lahmte. Nachdem die 

Siii^Hen ^®^^^® ^°^ Jahre 1571 einen VorstoB nach Ungarn gemacht und 1572 
und 1574 Epidemien in Agypten erregt hatte, verbreitete sie sich im 
Jahre 1575 stetig weiter. Von Syrien kam sie iiber Malta nach Sizilien 
und Siiditalien; von Ungarn westwarts nach Mitteleuropa und nach 
Oberitalien. 
Nord- tJber die Einschleppung der Seuche nach Oberitalien wird berichtet, 

italien j^^jj deutsche Kaufleute, welche ihre Waren donauauf warts brachten 
und einen Teil davon in die Schweiz, einen anderen nach Trient ver- 
kauften, zuerst Trient angesteckt hatten. Die Pest sei hier im Juni aus- 
gebrochen und habe bis zum November 6000 Opf er gef ordert, alle binnen 
dem zweiten und siebenten Krankheitstag (Massabia). Von Trient wurde 
sie durch eine Frau nach Pesenzano eingeschleppt (Gbatiolo di Salo); 
ferner nach Verona durch Waaren; von Trient aus kam sie ebenfalls 
nach Venedig. Von Verona nach Mantua (Susio). Mantuanische Fliicht- 
linge brachten sie in das Mailander Gebiet. 

Venedig Nach Venedig kam sie, wie gesagt, aus Trient; ein Fliichtling brachte 

sie am 25. Juni. Er starb an der Pest; seine Klleider wurden verkauft 
und in verschiedene Stadtteile verschleppt. Uberall zeigte sich bald 

• ■ 

darauf die Ansteckung. Zuerst starben nur Einzelne. Die Arzte hatten 
Massas und Buonagentis Ratschlage vergessen. Sie konnten sich trotz 
der angelegentlichen Befragung und Auslegung ihrer griechischen, romi- 
schen und arabischen Autoren nicht dariiber einigen, ob es sich um die 
Pest oder um pestartige Fieber aus Mangel und Unreinlichkeit handelte. 
Darum berief der Rat die Professoren Girolamo Mercuriale und GiRO- 
LAMO Capo di Vacca aus Padua und entsandte ein ehrenvoUes Geleite, 



Die Epidemie vom Jahre 1575 bis 1578 und ihre Nachziigler bis 1611. 109 

um sie in Venedig gebtLhrend einzufiihren. Diese untersuchten die Kran- 
ken, horten die Arzte und erklarten das Ubel fiir unbedenklich. Es 
handele sich lun bosartige Lagunenfieber, die sie bald unterdriicken 
wollten. Der Jubel des Volkes war groiJ, als so die bange Sorge von 
ihm genommen wurde, und es freute sich bereits des wiedereroffneten 
Verkehrs, als sich neben den Petechien, die man bisher an den Kranken 
gesehen hatte, auch Bubonen und Karfunkeln und blaue Male zeigten 
und das Sterben rasch zunahm. Bei den Leicheneroffnungen fand man 
in den Bubonen brandige Herde (Angelus Bellicocchus). Die beiden 
Professoren beurlaubten sich und erhielten vom Senat den klingenden 
Dank fiir ihren guten Rat und dafi sie ihr Leben so groBer Gefahr aus- 
gesetzt hatten. — Inzwischen schlich die Pest weiter in Venedig, um 
rait Anfang Januar scheinbar zu erloschen. Aber im Februar oder An- 
fang Marz begann sie aufs neue sich auszubreiten, wie man annahm, 
gelegentlich der Reinigung eines verpesteten Hausrates, worin der Keim 
einige Monate lang geschlunmiei-t hatte. Andere sagten, die Gewissen- 
losigkeit der Krankenwarter und Totengraber, welche gestohlene Sachen 
verhehlt hatten, habe sie wieder aufleben lassen. Jedenfalls brach das 
Ubel nun furchtbar aus. Vom Juni 1575 bis zum 1. Marz 1576 hatte es 
kaum 4000 getotet. Jetzt starben innerhalb eines Monates fast 1000 Men- 
schen. Mitte Juli fielen taglich 20, 30, 100 Opfer, und so ging es weiter 
bis Anfang Oktober, wo denn das Sterben rasch nachliefi. Von Marz 
bis September waren 58 Arzte gestorben. Im Ganzen verlor Venedig 
in siebzehn Monaten von 240003 Einwohnem iiber 80000, also ein Drittel 
der Bevolkerung; unter so vielen Namenlosen Titian im 99. Lebens jahre. 
— Einige von denen, die im Vorjahr erkrankt waren und sich miihsam 
von der Krankheit erholt hatten, erkrankten im zweiten Jahre aufs 
neue; auch von diesen genasen gleichwohl noch Einzelne. 

!Erst am 14. Juli 1577 wurde die Seuche offentlich fiir beendet er- 
klart. Als die Stadt rein war, beschloB der Senat, eine Kii'che im Namen 
des Erlosers, il Redentore, zu errichten. Sie wurde von Andreas Palladio 
an der Zuecca erbaut. In der Kirche San Rocco ist eine Erinnerung 
an die Seuche auf einem Stein eingegraben. 

Abweichend von der Angabe, daii zu Beginn der Seuche in Venedig 
die deutlichen Zeichen der Pest gefehlt hatten, versichert Joannes Bap- 
TI8TA Gemma, ein Schiiler des Trincavella, dafi bereits im Jahre 1575 
unter hundert, welche an der Pest starben, kaum Einer ohne Bubonen 
oder Karfunkeln gewesen sei. Er fiigt bei, das italienische Volk nenne 
nur die Seuche eine Pest, wobei sich die Driisenbeulen zeigen. 

(FiOBAVANTi, Mebcurialis, Gemma, Gaeneri, Glissente, Ramazzini, 

FOBBBSTUS.) — 

In Mailand, wo seit dem Jahre 1570 eine schwere Hungersnot Mailand 



110 8. Periode. 

herrschte, hatte man beim ersten Pestgeriicht eine strenge Sperre des 
Pest des Herzogtums eingefiihrt (Rmci, de Hobtensiis). Aber Flticlitluige von 
hi. Borro- j^f ^ntua verbreiteten bald das Ubel nacb Oleggio, Nogara, Belignano, 
Monza. Am 19. Marz 1576 war es in Paruzzero bei Arona; von hier 
kam es nach Malegnano; von hier im Juli bei Gelegenheit der ranscben- 
den Feste zu Ehren des Don Juan d' Austria in den Borgo di Raucate, 
eine Vorstadt von Mailand. Am 2. August war' es in der Vorstadt 
degli Ortolani; am 23. in der inneren Stadt bei der Porta Comasina. 

Zu gleicher Zeit oder kurz darauf wurden 120 groBere und kleinere 
Ortschaften des Herzogtums angesteckt. 

Der Beginn der Peste di San Carlo in der Hauptstadt wird ver- 
schieden erzahlt: Eine Frau aus Mailand ging zur Pflege ihrer kranken 
Scbwester nacb Marignano. Der Mann dieser Schwester, ein Gastwii't, 
hatte im Auftrage seiner Marchesa einen Wagen von pestkranken man- 
tuanischen Edelleuten gemietet und war selbst erkrankt. Er wurde mit 
seiner ganzen Familie in das Lazaret von Mailand gebracht und dort 
starben alle, bis auf die Schwagerin, welche, unkundig der Gefahr, die 
Ansteckung in der Stadt verbreitete. — Andere sagen, ein paar Menschen 
batten die Pest mit kiinstlichen Salben an die Mauem und Tiiren der 
StraUen gestrichen. Diese Meinung wurde befestigt, als man eines Mor- 
gens fast alle Tiiren und Riegel der Strai5e an der Porta nuova gesalbt 
und ebenso die Mauer an verschiedenen Stellen beschmiert fand. Aber 
das Geriicht wurde rasch zum Schweigen gebracht durch einen ErlaJl, 
den def Kardinal Carlo Borromeo gegen die Schwatzer richtete. Wahr- 
scheinlich waren die Ubeltater liederliche Jiinglinge, welche sich ein 
Vergniigen daraus machten, mit Kunststiicken die Leute zu erschrecken. 
— Wieder Andere sagen, ein mantuanischer Edelmann sei vor der Pest 
geflohen und habe bei seinem Bruder, einem Monch der Certosa bei Mai- 
land, Zuflucht gesucht, sei aber von dem Prior, der sein Kloster niclit 
gefahrden wollte, abgewiesen worden. Er iibernachtete deshalb im Hause 
eines Massaro auf Heu und starb. Die Landleute fanden den Beutel 
des Verstorbenen wohlgefullt, freuten sich dariiber und begruben die 
Leiche heimlich auf dem Felde. Aber alle Hausbewohner und Alle, die 
mit dem Verstorbenen verkehrt und die Beute unter sich geteilt hatten, 
starben. — Wieder Andere sagen, die Ausbreitung der Seuche sei ge- 
schehen, als die Stadt zu Ehren des Don Juan d' Austria ein Fest mit 
Turnierspielen gab, wozu viele Fremde, und unter ihnen auch Mantuaner, 
herbeistromten. In der Nacht, die dem Feste des hi. Jacobus folgten, 
seien unvermutet einige gestorben, die dem Turnier beigewohnt hatten. 

Jedenfalls begann die Seuche in den ersten Tagen des August und 
verbreitete sich in raschem Zuge iiber alle Stadtteile, so dafi keiner der- 
selben unverpestet blieb. Ende des Monates war die Stadt von den 



Die Epidemie vom Jahre 1675 bis 1578 und ihre Nachziigler bis 1611. m 

Edelleuten und Reichen verlassen. Diese waren auf die entferntesten 
Landsitze geflohen, wiewohl der Bischof das verboten hatte. Aber sie 
entscbTildigten sich damit, daU Jedem seine Haut am nachsten sei (Bu- 
OATi). Selbst der Statthalter war geflohen. Die Biirger schlossen ilire 
Laden und hielten sicli in den Hausern. Die Gerichtsverhandlungen 
wurden ausgesetzt. Auch der Kardinal Carlo Borromeo sollte nacb der 
Meinung der tiichtigsten und durch Gelehrsamkeit ausgezeichneten Dok- 
toren der Theologie in Rom Mailand verlassen, da ihn, wie sie mit den 
besten Grrunden zeigten, an die Kranken keine engere Pflicht bande. 
Er aber antwortete, wenn auch. alle Sterblichen anderer Meinung seien, 
seine Pflicht sei es, als Hirt der Herde Christi auszuharren. Der gelehrte 
Jesuit Raynaud hat spater seinen EntschluJJ mit dem Grundsatz: Fugae 
declinatio non est provocatio verteidigt. 

Borromeo, von altem mailandischen Adel, war damals 38 Jahre alt 
und zeichnete sich durch ein asketisches Leben aus. Als er die Stadt 
in der groBten Verwrrrung und nach der Flucht eines Drittels der 
200000 Einwohner die Zuriickgebliebenen ratios sah, nahm er sich der 
Dinge mit fester Hand an. Zunachst versuchte er das Elend der Armen 
zu lindern, denen bei der zunehmenden Bedrangnis der Hungertod drohte. 
Er lieJJ 300 oder 400 Arme vor die Stadt nach Santa Maria della Vittoria 
bringen und renter die klosterliche Zucht der Kapuziner stellen und klei- 
dete sie mit den Teppichen und Decken des erzbischoflichen Palastes. 
Er lieB den UberfluiJ seines Palastes und der geflohenen Reichen ver- 
teilen, pragte aus dem Silber seines Hausrates Geld fiir die Diirftigen 
und gab bei beginnender Winterkalte die Kleider seines Gefolges den 
Erierenden. Sodann richtete er aus eigenen Mitteln das Pestlazarett 
San Gregorio mit 388 Zellen ein und unterhielt es wahrend der ganzen 
Dauer der Seuche. Fiir die kranken Frauen bestellte er weibliche Hilfe. 
Die Edelfrauen drangten sich mit grolJem Eifer zu diesem Liebeswerk; 
als aber einige von ihnen rasch durch die Pest weggerafft waren, f ehlte 
es bald an dieser Hilfe, um so mehr, als das Sterben rasch zunahm. 
Viele Geistliche weigerten sich, die Kranken zu besuchen, bis Borromeo 
versprach den erkrankten Geistlichen selbst die heilige Wegzehrung zu 
reichen. Nun war der Eifer der Priester allgemein. Strenge Verord- 
nungen erliefi Borromeo gegen aberglaubische Mittel, Amulette, Ringe 
urfd Zettel. 

Die Seuche erreichte im September ihre Hohe. Die Zahl der Toten 
stieg an einigen Tagen bis auf 300; sonst starben nicht weniger als 80, 
100, 140. Die Monatti, Totengraber, fuhren die Leichen haufenweise ab, 
wobei es vorkam, dafi mit den Toten Lebende in die Gruben geworfen 
wurden; so ein Barbier, der in einer Grube vierundzwanzig Stunden lag, 
sich wieder erholte und noch lange lebte. Gegen viele Monatti muBte 



y 



112 8. Periode. 

wegen ihrer Schandtaten gericlitlicli eingeschritten werden. Unter An- 
(lerem entdeckte der Gesundheitsrat drei Totengraber, welche die Pest 
durch ein Geldstiick tind durch ein Taschentuch, das sie auf einer der 
belebtesten StraCen fallen lieBen, boswillig verbreiteten. Vor der Roheit 
der Spitalwarter war eine groBe Furcht, besonders bei den Frauen. Sie 
stieg allmahlieh so hoch, dafi sich manche, um nicht in das Lazarett ge- 
schleppt zu werden, selbst den Tod gaben. So fand man nicht wenige 
junge und ehrbare Frauen in ihren Hausern erhangt. Aucb dieser Wahn- 
sinn scliien ansteckend, da sich die Zahl der Selbstmorderinnen von Tag 
zu Tag vermehrte. Er nahm schliefilich so iiberhand, dafi die Behorde 
verkiinden liefi, die Leiche eines Jeden, der sich selbst den Tod gegeben, 
wiirde nackt auf den offentlichen Platzen ausgestellt. Das half. 

Bei Beginn der Seuche hatte Borromeo befohlen, dafi die Stadt, alle 
Strafien und Hauser, von Unrat und Mist gereinigt, frei umherlaufende 
Hunde und Katzen getotet werden sollten und Frauen und Kinder bis 
zu dreizehn Jahren die Hauser nicht verlassen diirften. Die verpesteten 
Hauser liefi er durch grofie weifie Kreuze mit Kalktiinche bezeichnen. 
Im Verlauf der Seuche wurden mehr und mehr Dienstleute und Arme 
vor die Stadt in Feldhiitten untergebracht und dort bis zum Schlufi der 
Seuche ihrer mehr als 6000 ernahrt. 

Wer die Stadt verlassen hatte, durfte ohne erzbischof lichen Pafi 
nicht wieder hinein. Lebensmittel wurden in den Vorstadten durch be- 
sondere Beamte in Empfang genommen. Wer verpestete Kleider ver- 
heimlichte, wurde mit schweren Ziichtigungen bestraft, sogar mit Ex- 
kommunikation bedroht. Aber das half nicht viel. 

Mitte September fing man in der ganzen Stadt an, die verseuchten 
Hauser und Kleider zu reinigen. Aber oline Erfolg. Kaum waren die 
Leute wieder eingezogen, als auch wieder neue Krankheitsfalle sich er- 
eigneten. Erst als man die Reinigung wiederholt ausgefiihrt und mit 
Tiinchen der Hauser verbunden hatte, schien es besser zu werden. 

In der ersten Woche des Oktober verordnete der Erzbischof ein 
dreitagiges Fasten und drei Prozessionen, in denen er selbst im Biifier- 
kleid, den Strick um den Hals, das Bild des Gekreuzigten in der Hand^ 
mit nackten, blutenden Fiifien voranging, begleitet vom Klerus und etwa 
tausend Biifiern. Zuletzt besuchten sie die Strafien, wo das tjbel am 
starksten wiitete. Dann wurde die Reliquie des heiligen Nagels auf einem 
Altar ausgestellt und von zahlreichem Volk verehrt. Es wuchs hierbei, 
f iigt der Jesuit Bisciola seinem Bericht an, die Seuche bedeutend. Andere 
sagen, der Volkszusammendrang habe nicht geschadet, die Seuche habe 
sogar danach abgenommen. Jedenfalls stieg die Liebe des Volkes zu 
seinem mutigen Hirten jetzt auf das hochste. Dieser besuchte unab- 
lassig die Kranken und Sterbenden, um ihnen die Wegzehrung und die 



Die Epidemie vom Jahre 1675 bis 1578 und ihre Nachztlgler bis 1611. 113 

letzte Olung zu spenden. Ln November nahm das Sterben rasch ab. 
Bis zu Anfang des Jahres 1577 zahlte man in der Stadt 17329, im 
Herzogtum weitere 8000 Tote. Im Ganzen waren der Seuche mehr als 
25000 Menschen erlegen; der Verlnst betrug fiir die Stadt mehr als ein 
Zehntel der Einwohner. 

Im Oktober 1576 hatte Borromeo begonnen, eine allgemeine Quaran- 
tane der Stadt einzuricbten, und zu diesem Zwecke den Auftrag gegeben, 
Lebensmittel in geniigender Menge zu beschaffen. Bei der groUen Zahl 
der Einwohner verzogerte sich die Zufuhr derselben bis zum 29. Oktober. 
Jetzt hoffte man die Quarantane bis St. Thomas, 21. Dezember, durch- 
f iihren zu konnen. Aber eine zweitagige Unterbrechung derselben, wah- 
rend welcher die Frauen zur Beichte gingen, hatte eine neue Steigerung 
der Seuche zur Folge gehabt, sodafi die Quarantane nun bis Epiphanias, 
6. Januar, und von da wieder bis zum 4. Februar verlangert wurde. Erst 
dann durften die Leute mit Gesundheitsscheinen die Laden wieder offnen, 
wahrend die anderen noch unter VerschluB bleiben muCten. Am 28. Marz 
wurde die Quarantane fiir die Dauer der Osteroktav unterbrochen, dann 
wieder mit Strenge bis zum 13. Mai durchgefiihrt. Manner, welche die 
Vorschriften Hbertraten, wurden von den Haschern mit zwei GeiCelhieben 
bestraft^ Frauen gestaupt. 

Im Februar hatte Borromeo begonnen, pfarrweise aUe Hauser zu 
besuchen, um sie auszusegnen. Im Mai, als die Pest voUstandig auf- 
gehort hatte, wurde wiederum eine dreitagige Prozession und eine grofie 
Kirchenfeier im Dom gehalten, ohne daU ein neues Aufflackern der 
Seuche geschah. 

Wahrend der Seuche zeigten, sagt Biboiola, einige deutsche Barbiere 
eine hervorragende Geschicklichkeit in der Behandlung der Kranken. 
Als die Pest begann, waren auch sechs oder sieben franzosische Arzte 
gekommen, die grofie Dinge versprachen, aber nichts ausrichteten, da 
ihrer fiinf starben und zwei andere bald ihren Abschied verlangten. 
Dieser wurde ihnen zuteil, nachdem sie 500 Skudi, die ihnen im voraus 
bezahlt worden waren, wieder zurtickgegeben hatten. 

Als die Seuche zu Ende ging, waren innerhalb und auBerhalb der 
Stadt fast alle Weiber schwanger und wiewohl viele Ehen zerrissen und 
zahlreiche Frauen gestorben wareu, so wurden im folgenden Jahre doch 
nicht weniger Kinder als sonst geboren, darunter auch viele Zwillinge. 
Als eine weitere auffallende Erscheinung wird berichtet, dafi wahrend 
der Pest viele Wolfe im Mailandischen umherschweiften und die Leute 
anfielen und zerrissen und viele Kinder frafien. 

Uber die Arbeit und die Kosten bei der Reinigung der Stadt geben 
die folgenden Zahlen Aufschlufl: Infizierte und gereinigte Hauser zahlte 

sticker, Abhandlnngen I. Geschichte der Pest. 8 



114 8. Periode. 

man 1589, darin 8953 Kammem mit 4606 Familien. Fur die Armen- 
pflege, fiir die Errichtung von Feldhiitten, Kiiclien, Waschanstalten, fur 
die Reinigungsarbeiten, fur die Besoldung der Arzte, Barbiere, Wachter, 
Totengraber, Arzneien, fiir die Errichtung von Rastellen, d. h. gesperrte 
Platze fiir den Marktverkehr mit der Umgegend, wurde fast eine Million, 
genau 980000 Lire, ausgegeben, ungerechnet die Almosen reicher Leute 
und die milden Gaben des Papstes, welche zusammen iiber eine viertel 
Million betrugen. 

(BisciOLA, RiNCi, BuGATO, Panizzone, de Hobtensiis, Cabolus a Basi- 

lilCAPBTBI, LOSSEN.) 

Venetien Wahrend die Pest im Mailandischen wiitete, nahm sie in Venetien 

einen milderen Fortgang. ^adaa war bis zum Beginn des Juli, nacjli 
Anderen bis Ende Mai 1576 von jedem PestvfeMiiciit frei gfebliebeh. 
Dann wurden, wie man erzahlt, verpestete Waren eingebracht und nun 
fing auch hier langsam und an verschiedenen Stellen der Stadt die 
Seuche an sich zu entwickeln. Zuerst gab es nur wenige E^ranke, sehr 
wenige Tote. Dann, um die Mitte des JuU nabmen die Erkrankungen 
rascb zu und die Todesfalle hauften sich. wie in Venedig wahrend der 
folgenden zwei Monate, um dann wieder rasch abzunehmen (Canobbio)^ 

Die Vorstadte von Padua blieben frei, ebenso die Nachbarstadte 
Vicenza und Treviso, wiewohl der Verkehr keineswegs aufgehoben war. 
Dagegeli kam die Seuche nach Cremona, nach Pavia und nach Piacenza, 
(DiOMEDES Amicus); vieTleicht auch nach Florenz (Tbunconius). 

Sicilien Im Mai 1575 hatte der Kapitan eines Korsarenschiffes sich bei einem 

Freudenmadchen auf Malta mit der Pest angesteckt und war Ende des 
Monates nach Palermo gekommen. Wiewohl er ausgpbildete Karfunkeln 
und Bubonen hatte, verkannten die Arzte sein Ubel (Ingbassias). Mit 
Tiichern vom selben Schiff kam die Pest nach Messina. Hier forderte 
sie fast 60000 Opfer; unter ihnen befanden sich fast alle Arzte und 
Krankenwarter (Cbescentius). Ingrassias fiihrt^ eine strenge Stadtsperre 
und Quarantine von 40 — 50 Tagen ein, liefl die verpesteten Kleider und 
Gerate vor die Stadt bringen und errichtete drei Hospitaler, eines fur 
Verdachtige, ein zweites fiir Kranke, ein drittes fur Q-esunde. Ingrassias 
sah die Ansteckung durch Beriihrung und Betten und Kleider, aber 
auch auf einige Schritt Entfemung eintreten. Die Contagio ad distans 
bezeichnet ,er als das sicherste Merkmal der wahren Pest. Die Furcht 
vor der Ansteckung war so grofi, daU man den Kindern pestkranker 
Mutter Ammen verweieerte (Ajelli). Neapel und Salerno hatten nur 
wenige Pestopfer zu beklagen (de Alphano). 

Osteuropa Wahrend so Unteritalien und Oberitalien von der Pest verheert 
wurden, iiberzog das tjbel zugleich von RuJJland her Livonien, Sarmatien 



Sttd- 

deutsch- 

land 

Nordsee- 
kllste 

Rhein- 
lande 

Schweiz 



Die Epidemie vom Jahre 1676 bis 1578 und ihre Nachztlgler bis 1611. 115 

und Pommern (Geatiolo di Salo), von Ungarn her Siebenbiirgen, Oster- 
reich, Sachsen, Thiiringen, Schwaben. Bis 1577 starben in Nordlingen 
1400 Menschen (Schnuebeb). 

Oldenburg (Ruthning) und Belgien (Coknelis Q-bmma) empfingen das 
Ubel 1575 wphl vom Unterrhein her, wo es bereits 1573 flreherrscht hatte. 
Von dortner kam es auch nach Basel. Hier begann es im Herbst 1576 
und iiberdauerte den Winter, um erst im Fruhjahr 1577 zu erloschen. 
Von Basel kam es nach Bern und weiter in die Schweiz. (Felix Plater, 
Thtanxts.) 

Nordfrankreich und die Bourgogne litten wahrend der Jahre 1575 
und 76 (Boutiot). 

Einige Stadte Oberitaliens, welche im Jahre 1576 verschont geblieben 
waren, wurden 1577 von der Pest nachgeholt. So Vicenza und Brixen. 
Nach Vicenza kam sie von Padua durch verpestetes Gewand. Die ersten 
verseuchten Haaser wurden abgeschlossen und bewacht. Bald darauf 
kam die Seuche zum Stillstand (Massael^). 

1577 
1577 Pest in Konstantinopel (von H a mmee - Puegst all). — Im No- Konstan- 

. . \ '*•' . tmopel, 

vember dieses Jahres zeigen sich die ersten Spuren der Pest in London. London 
welches nun bis in das Jahr 1 583 und wahrscheinlich langer heimgesucht 
wird. Im November und Dezember 1577 sind die Erkrankungen und 
Todesfalle an Pest nur vereinzelt; dann beginnt eine geringe Haufung, 
die sich erst im August 1578 so weit erhebt, dafi die Gesamtsterblich- 
keit auf das Dreifache der gewohnhchen Ziffer steigt und die Zahl der 
Todesfalle aus anderen Ursachen iibersteigt. 





P. 


est in London 


1578 1579 








Todesf&lle 








Todesf&lle 




Woche vom 


im 


Pest^ 






im 


Pest- 


27. Dez. 1577 


allgeineinen 


todesf&lle 






allgemeinen 


todesf&Ue 




1578 




bis Marz 20. 


75 


5 


bis Jan. 2. 


62 


7 


•f> 


. 27. 


63 


12 


r 7) ^' 


90 


12 . 


7> 


April 3. 


96 


19 


. « 16. 


63 


14 


n 


„ 10. 


89 


25 


r, „ -23. 


95 


33 


n 


. 17. 


102 


31 


r, n 30- 


82 


25 


n 


„ 24. 


91 


37 


„ Febr. 6. 


88 


24 


n 


Mai 1. 


109 


25 


. . 13. 


102 


25 


r> 


. 8. 


116 


33 


- „ 20. 


100 


26 


n 


„ 15. 


141 


43 


., ;, 27. 


84 


12 


n 


^ 22. 


109 


36 


y, Marz 6. 


79 


10 


n 


. 29. 


119 


34 


. \ 13. 


66 


9 


.1 


Jnni 5. 


99 


38 



8* 



116 


Todesf&lle 


8. Periode 


Woche vom 


im 


Pest- 


20. Juni 1578 


allgemeinen 


todesf&lle 


77 77 12- 


91 


35 


77 77 19- 


76 


34 


bis Juni 26. 


75 


18 


„ JuU 3. 


92 


34 


77 77 10. 


99 


35 


17 

77 77 -^ •• 


98 


39 


V n 24. 


129 


63 


77 77 31* 


100 


41 


77 Aug. 7. 


132 


73 


77 77 14. 


152 


78 


7, 77 21. 


232 


134 


77 77 28. 


205 


113 


„ Sept. 4. 


257 


162 


77 ,7 11. 


297 


183 


77 77 18. 


308 


189 


77 77 25. 


330 


189 


„ Okt. 2. 


370 


230 


Q 


388 


234 





TodesfftUe 






im 


Pest- 




allgemeinen 


todesf&lle 


77 77 16. 


361 


234 


bis Okt. 23. 


281 


175 


77 77 30. 


258 


130 


„ Nov. 6. 


278 


127 


n V 13. 


230 


116 


V . 20. 


172 


77 


V « 27. 


155 


84 


„ Dez. 4. 


160 


77 


« V 11- 


161 


65 


n n 18. 


129 


44 


V n 25. 


94 
1579 


20 


„ Jan. 1. 


100 


27 


1 r» 8. 


67 


13 


n V l*^- 


75 


16 


r, V 22. 


63 


9 


n n ^^• 


79 


19 


„ Febr. 5. 


84 


23 



Im Jahre 1579 schwankten die Wochenzahlen fur die Peststerbe- 
falle vom Februar bis Ende Oktober ffanz unregelmafiig zwischen 27 
und 6, im November zwischen 8 und 2. Im Ganzen betrug der Men- 
schenverlust durch die Pest fur das Jalir 1579 in London 629. Im 
Jahre 1580 sterben 128 an der Pest. 1581 erliegen ihr bis zum 18. Mai 
nur 34 Menschen. Dann erfolgt ein langsames Ansteigen der Sterblich- 
keit, wie aus der folgenden Tabelle hervorgeht: 



Pest in London 1581—1583 



Woche 










Todesf&lle 


Pest 


yom 28. April 


Todesf&lle 


Pest 


bis 


Juli 6. 


72 


9 




1581 




n 


„ 13. 


69 


9 


bis Mai 4. 


47 




n 


„ 20. 


94 


19 


77 77 ''■•'■• 


40 


1 


■n 


r. 27. 


95 


24 


r 77 18. 


46 


1 


n 


Aug. 3. 


87 


23 


77 77 25. 


64 


13 


n 


„ 10. 


130 


30 


^ Juni 1. 


48 


4 


n 


„ 17. 


148 


47 


77 77 8. 


57 


2 




„ 24. 


143 


43 


77 77 15- 


65 


7 


77 


„ 31. 


169 


74 


« « 22. 


57 


6 


77 


Sept. 7. 


186 


85 


n n 29. 


56 


7 


r 


„ 14. 


180 


76 



Die Epidemie vom Jahre 1675 bis 1578 und ihre Nachzligler bis 1611. 117 



Woche 






vom 15. Sept. 


Todesf&lle 


Pest 


bis Sept. 21. 


203 


86 


n 7) 28. 


218 


60 


„ Okt. 5. 


206 


107 


?7 7) 12. 


193 


74 


77 77 1^- 


128 


42 


77 7, 26. 


125 


35 


^ Nov. 2. 


115 


45 


77 77 "• 


93 


26 


. r, 16. 


? 
1582 


? 


^ Mai 3. 


95 


23 


. n 10. 


68 


12 


17 

77 77 -*■ '• 


62 


11 


« . 24. 


61 


10 


77 77 31' 


57 


15 


bis Juni 7. 


67 


15 


n 77 "'•^' 


48 


11 


•7 77 21. 


72 


11 


77 77 28. 


57 


9 


^ Jnli 5. 


60 


20 


-, r, 12. 


88 


25 


77 77 1"- 


80 


30 


. „ 26. 


99 


31 


„ Aug. 2. 


101 


45 


*i « */• 


116 


42 







Todesf&lle 


Pest 


bis 


Aug. 16. 


142 


70 


77 


77 23. 


148 


85 


77 


„ 30. 


205 


111 


77 


Sept. 6. 


299 


139 


77 


„ 13. 


277 


189 


77 


„ 20. 


246 


151 


77 


n 27. 


267 


145 


77 


Okt. 4. 


318 


213 


77 


« 11- 


238 


139 


77 


n 18. 


280 


164 


77 


„ 25. 


340 


216 


77 


Nov. 1. 


290 


131 


77 


. 8. 


248 


149 


77 


„ 15. 


202 


98 


77 


„ 22. 


227 


119 


77 


„ 29. 


263 


124 


77 


Dez. 6. 


144 


58 


77 


„ 13. 


155 


68 


77 


„ 20. 


? 


? 


77 


n 27. 


142 
1583 


68 


77 


Jan. 3. 


137 


50 


77 


„ 10. 


140 


57 


77 


« 17. 


160 


72 


77 


„ 24. 


162 


59 


VI 


. 31. 


144 


40 



Vom 19. Mai bis Mitte November 1581 starben im Granzen 953, bis 
Ende des Jahres mehr als 987. 

Im Jahre 1582 starben 2976; die Epidemie dauerte bis zum folgen- 
den Friihjahr. (Cbeighton.) 

1578 leiden mehrere Stadte Italiens tinter der Pest (Pobta); femer 
Istrien, besonders Parenzo (Fbabi). Ansbriiclie in Siidfrankreich (Canal 
DE Chizzt), in Brabant (Spaan), in Belgien, besonders in Briissel. — Die 
Universitat Jena wandert nach Saalfeld aus. — Pest in Livland und 
Schweden (Schnuerbb). 

1579 Pest in Oberitalien, besonders in Venedig, Trient, Mailand. 
Pestmedaille des Papstes Grregor XIII., gepriigt 1580. — Pest in der 
Haute-Auvergne, wo sie sich bis 1595 einnistet (Boudet bt Gkand), in 
der Bourgogne und in Nordfrankreich (Botjtiot); in Liittich, Limburg 



118 8. Periode. 

und den benachbarten Dorfern (Toefs). — In Hessen und Westfalen bis 
ins nachste Jahr (Sckibonius). 
1580 Pest in Morea. 



Pestepidemie des Jahres 1580 von Barka aus. 

1580 Afri- Im Jahre 1580 begann in Nordafrika ein Pestausbruch, der sich als 

kanische Epidemie iiber die Kiistenlander des Mittebneeres ausdelinte und weiter- 
hin Ansteckungen nach den Hafen un^ Landern Nordeuropas machte. 
Im Einzelnen laUt er sich von den NaclizugieW der levantinischen Epi- 
demie 1575 bis 1578 nicht trennen. Aber im Grofien iibersieht man deut- 
lich, wie er diesen folgt, sie steigert, sie kreuzt. 
Barka Die Ansteckung kam nach Agypten um Maria Gebnrt, am 16. Sep- 

tember, aus der Barbarei, dem Lande zwischen Agypten und den Syrten, 
welches f riiher Marmarika oder das Hochland von Barka hieB. Sie herrschte 

Agypten bis Ende Juni 1581 und totete in Kairo allein gegen 500000 Menschen. 
Der Arzt des venetianischen Gesandten, Pbospek Alpinus, hat die Epi- 
demic beobachtet und wertvoUe Angaben uber die Entstehung der Pest 
und ihren Gang in Agypten hinterlassen. Sie ist in diesem Lande nicht 
einheimisch, sondern liberzieht es von aufien her durch Ansteckung etwa 
aller sieben Jahre. Sie wird entweder aus Griechenland, besonders aus 
Byzanz, oder aus Syrien oder aus der Barbarei eingeschleppt. In Kairo 
sieht man sie stets nur im September oder Oktober oder im Fruhjalir 
beginnen. Die Ausbriiche, welche friih, im Herbst des Vorjalu*es, be- 
ginnen, sind die gefahrlichsten, besonders wenn sie aus der Barbarei her- 
kommen. Die aus der Tiirkei kommende Pest pflegt spater anzufangen, 
milder aufzutreten und weniger Opfer zu fordern, als die aus der Bar- 
barei durch BaumwoUe und Leinenkleider eingeschleppte. Diese beginnt 
friih, wiitet heftig und totet die Mehrzahl des Volkes. Im Juni hort 
jede Pestseuche auf, und zwar sobald die Sonne in den Wendekreis des 
Krebses tritt Kairo und alle Orte Agyptens sind stets pestfrei wahrend 
der Nilschwelle, Ende Juni und in den Monaten Juli und August. 
Wahrend dieser Zeit entsteht nie in Agypten eine Pestepidemie. Sobald 
die Sonne jenen Punkt erreicht hat, was fiir Kairo am 17. Juni geschieht, 
hort nicht nur die Seuche fast plotzlich auf, sondern, was das Wunder- 
bare ist, auch alles Gewand und aller Hausrat wird dann von selbst 
ganzUch pestfrei und unfahig, wie vordem die Ansteckung zu verbreiten, 
so daiJ die Stadt aus voUer Gefalir plotzlich in den sichersten und 
ruhigsten Zustand kommt. 
Hafen- England und Deutschland litten unter einer furchtbaren Mauseplage, 

Nord^ welche Getreide und Vieh verdarb; die Pest zeigte sich nur an einzelnen 

europas Orten, in London, Koln, Danzig; auch in Holland trat sie auf (Spaan). 



Die Epidemie Tom Jahre 1575 bis 1578 und ihre NacbzUgler bis 1611. 119 

In Frankreich wiitete die Seuche schrecklich. Sie begann als grande 
peste in Marseille, zog liber die Provence, in die Bretagne und Cham- sud- 
pagne (Boutiot), nach. Laonnais (Fletjet); in Paris totete sie 40000 Men- ^^*^^^®^®*^ 
schen. Im Marz des folgenden Jahres erhob sie sich in Marseille aufs 
neue und verheerte den Sonuner iiber die Provence. In Marseille lieU 
sie nur 3000 Menscben iibrig (Papon). In Lyon fielen ihr ebenfalls zalil- 
reicbe Opfer (Raynaud). 

1581 und 82 Pest im Miinst^rland. 

1582 Stiftung einer Rochusfeier im Kloster der Franziskaner zu 1582 
Troyes; sie wurde aUjahrlich am 16. August gehalten, bis die Republik 

sie im Jahre 1790 aufhob (Boutiot). — Pest am Oberrhein, in StralJ- Ehein- 
burg, Miilhausen, Basel (Felix Platbb), Bemer Oberland (Gabnebus). ^*^^® 
In Niimberg. In Bohmon (Gallus). 

1583. Die Pest u-at m Rochelle auf (Poupabt); sie wiitete in Amiens 
so stark, dafi man die Worter pestCj contagion vermied und nur von 
maladie, grande maladie sprach (Dubois). — Fortgang der Pest in Bohmen. 
Die Inf ektion oder bose Seuche herrschte in Wien (Jacob Hobst). 

1584 Pest in Algier (Guyon, Bebbbuggeb), Pest in Bremen, am Ober- 1684 
rhein (Ewich), in Mainz (von Glaubitz), in Frankfurt am Main. Algier 

1585 in Wiirttemberff (Qubbcetanub): in Breslau starben 9000, ein 1685 
Fiinftel der Bevolkerung. Schwere Epidemie in einzelnen Teilen der ^ ^'®^^ 
Schweiz, besonders in Gra-ubiinden, im Prattigau und in der Hochland- 
schaft Davos, wo eipe Alpe in einer Nacht auf den siebenten Erben ge- 
kommen sein soII(Meybb-Ahbens). — In Bordeaux starben 14000 Menschen. 

1586 Pest in Konstantinopel und Pera (von Hammeb), in Marseille, 1586 
Montpellier (Papon). In Heilbronn, Leipzig, Wien. tinopel 

1587' Die Kontagion wiitete in der Provence weiter; die Stadte sud- 
und Dprier der Haute-Provence schlossen sich durch Quarantanen gegen^""*^^^®^*^*^ 
Zureisende aus dem verpesteten Lande ab; so Apt. Hier starb am 25. Juli 

9 m 

der Kammerdiener des Monsieur Leon Thomas, nach dem Urteil der Arzte ^.^ 
an der Pest. Die Stadt wurde Ja Belageri^ngszustand versetzt, blieb aber 
vo'rlaufig von weiteren verdachtigen Fallen frei. Erst im September des 
folgenden Jahres 1588 brach die Kontagion aus. Es starben vom 18. bis 
30. September 63 an der Pest; im Oktober 287, im November 116, im 
Dezember 27, am 2., 5., 10., 20. Januar je 1. Im Ganzen wurden in der 
Leproserie de Saint-Lazare und im Krankenhaus des Beaumes 671 Pest- 
kranke verpflegt; davon. starben 519, also 77 ^Jq, Am 2. Februar 1589 
wurde die Stadt g^reinigt; der Probst des Domkapitels muBte sich am 
5. Februar beim Stadtrat wegen der Anklage, er habe die Pest verbreitet, 
verantworten. (Sauve.) 

Pest in Spanien, besonders in Madrid, Burgos, Barcelona (Juan Spanien 
Fbagoso). 



.1 * ' 



120 8. Periode. 

1588 und 89 einzelne Pestfalle in Miinster in Westfalen (Huyskens). 
1689 .1589 groBer Ausbruch in Konstantinopel; es starben in 36 Tagen 

Levante 4000O Menschen (voN Hammee). Epidemie auf Zypem, besonders in Fama- 
gusta (ViLiiAMONT). In Tripolis und Syrien (Patbick Russell). 

1590. In Kandia auf Kreta starben vom Fiiilijalir bis zum Oktober 
20000 Menschen an der Ppst; sie wiitete hier 1592 aufs neue (Feaei). 
Sie verheerte auch bis in das dritte Jahr Bari in Apulien (Amita). In 
Shropshire und Devonshire (Scknubbeb). 

1591 Pest in Trient; in Rom neben Hungersnot und anderen Seuchen; 
es starben an 60000 Menschen, unter ihnen Aloysius von Gonzaga bei 
der Elrankenpflege. — Auch in Frankreich an verschiedenen Orten (Mb- 
zebay). 

1592—93. GroBe Pest in London (Lodge), vgl. das Jahr 1603. 

1593 1593 in der Tiirkei, besonders in Konstantinopel; hier starben an 

Tttr ei ^jnem Tage 325 Menschen (von Hammeb). In Kamten; von hier braclite 
ein Student die abscheuliche Seuch und Gottesstraf nach Krain 
(Vbhovec). In Basel (Plateb). 

1594 in Laon (Fleuby). Beulentod in der Schweiz bis 1597 (Cysat, 
ZuG, Rebee). 

1595 1595 in Tabriz und Kaswin in Persien (Tholozan). 

Persien ^ ^ ' 

1596 Bagdad und weiter in Mesopotamien (Tholozan). Pest in vielen 
Stadten Norddeutschlands, Magdeburg, Braunschweig, Rostock, Liibeck, 
Hamburg (Rodeeicus a Castbo). — Pest in Spanien ; sie auBerte sich hier 
mehr in Karf unkeln als in Bubonen ; mit ihr zugleich herrschte das Fleck- 
fieber (Meecado). In Portugal (Villalba). — In Paris wiitete die Con- 
tagion so stark, daB es im Julian Leichentragem mangelte und das 
Parlament seine Sitzungen aufhob. Die verpesteten Hauser wurden durch 
Kreuze bezeichnet; das Auswischen dieser Zeichen mit Abhauen der 
Hand geahndet. Die Leibarzte des Konigs Heinrich IV. empfahlen fiir 
das Reinhalten der StraBen die Einfiihrung einer Stadtpolizei, bis dahin 
ein frohliches Gemut und das Cito, Longe, Tarde: tot partir, Men loin 
fair et tard revenir! (Du Chesne, De la FEAMBOisrfeRE, Dupoet, Potel); 
Troyes (Boutiot); Amiens; hier brach sie so heftig aus, daB eine all- 
gemeine Flucht entstand. Die Stadt ware verodet geblieben, wenn nicht 
der Magistrat unter Strafe der Giitereinziehung die Riickkehr der Burger 
befohlen hatte. Sie erreichte ihre Hohe Mitte August, wo sie in zwei 
Tagen 471, in 6 Wochen 6000 Menschen totete, und wiitete unter den 
Armen und Reichen weiter im September und Oktober; erst im November 
lieB sie nach. Zu neuen Verheerungen erhob sie sich Mitte Dezember, 
um im Januar 1597 wieder aufzuhoren. Als Amiens im Juli durch die 
Spanier eingenommen wurde, kam es zu einem dritten groBen Ausbruch, 



Die Epidemie vom Jahre 1575 bis 1578 und ihre NachzUgler bis 1611. 121 

der im September gipfelte. Im Januar 1598 gab es noch einzelne Pest- 
falle (Dubois). 

1597 Pest in Indien (Q-. and J. Thomson). — Ausbriiche in Stidfrank- 1597 
reich (Labadeb); in Schmalkalden (Thauebe, Gebland); in Waldeck (Scbi- i^<ii®^ 
BONius); in Marburg; in Giefien starben 300 an der Pest. Pestrate von 
Thalius nnd Stbubb. 

1598. GroBe Pest in Konstantinopel; hier starben an einem Tage 1598 
siebzehn Prinzessinnen, Schwestern des Sultans Mahomet III. (Schnubbbr). K:on8tan- 

^ tinopel 

— Ausbruch in Siidengland, wo sie seit 1592 nie geruht hatte (CfiBiaHTON). 
Fiir das Jahr 

1599 hatte 'K-kp lvh aus einer langwierigen grundbosen Konstellation 1599 
des Saturn und Jupiter die Pestilenz fiir Osterreich vorausgesagt. gie^s^rr^'c^ 
begann in Kamten und Steiermark. Im Mai kam sie nach Unterkrain. 
Der ehrsame Rat von Laibach besteUte sofort fiinf Provisores sanitatis 
mit weitgehenden Vollmachten und Gewalt iiber Leben und Tod. Die 
Torwachter erhielten ein Verzeichnis der verseuchten Orte im Lande. 
Niemand wurde eingelassen ohne Fede, das heifit GesundheitspaU, der 
auf den Namen lautete, die condition, phisionomia, Statur und Beschrei- 
bung des Haars angab und eine Beglaubigung der Ortsobrigkeit iiber 
die Herkunft und Pestfreiheit des Herkunftsortes enthielt. Nur Pralaten 
und Ritter reisten ohne Fedi auf Ehrenwort und adelige Treue. Das 
Beispiel einer Fede vom Jahre 1555 hat Pintab veroffentlicht. — Postillone 
und Kuriere wurden vor dem EinlaB in die Stadt gerauchert. Die Pest- 
kommissare Schoberl und Leborwurst wurden zur FeststeUung der Pest 
nach Unterkrain geschickt. Bei ihrer Riickkehr brachten sie das Ubel 
nach Laibach mit. Hier zeigte es sich zu Anfang Juni im Hause des 
Leberwurst. Danach erschien es im Posthause, wohin es die Diener des 
Leberwurst brachten, die auf seinen Befehl die amtliche Verplankung 
seines Hauses niedergerissen hatten. Die Ansteckung ging weiter. Alle 
verdachtigen Hauser in Laibach wurden gesperrt und mit groBen weiBen 
Kreuzen auf Tiiren und Fensterladen bezeichnet. Arzte, Totengraber und 
Zutrager, welche Speisen, Getranke und Arzneien in die gesperrten 
Hauser zu bringen hatten, muBten ebenfaUs groBe weiBe Kreuze an sich 
tragen und in besonderen Hausern wohnen. Den Arzneidoktoren, Arzten 
und Lassern (Aderlassern), sie seien Manns- oder Weibspersonen, wurde 
die Anzeigepflicht aUer KJranken auferlegt. Der Wirtshausbesuch wurde 
geregelt, die Hausarmen und Stadtbettler iiberwacht. Hunde und Katzen, 
Meerschweine, Khiinigl und Tauben wurden abgetan; die StraBen und 
Hauser von Mist, Kehricht, Hadern gereinigt; Aser von totem Vieh in 
die Laibach geworfen; Pfiitzen aufgeschiittet, Gassen gepflastert; die 
Wochenmarkte abgestellt Der groBe St. Peter- und Paulimarkt am 



122 8. Periode. 

29. Juni war gestattet worden; er hatte, wie es scheint, die Seuche zum 
Ausbnicli gebracht, die am 2. August bereits das ganze Kotdorf und 
Kuhtal, das heiiJt die Vorstadt bei St. Johann, verseuchte. Der Stadtteil 
wurde verplankt. Die Eingesperrten rissen nacli dem Vorbild des Pest- 
kommissars die Planken nieder. Es wurden neue errichtet. Der Stadt- 
richter und Postmeister Thaller hetzte das Volk wider die Verordnungen 
des Pestrates auf. Die Geistlichen weigerten sich, den Pestkranken bei- 
zustehen. Nur gegen hohen Lohn wurde ein Priester gefunden, der das 
Spital versorgte. Mitte August flohen die Beamten bei der Landschaft 
und dem kaiserlichen Vizedomamt; sie brachten die Pest nach Stein. 
Am 23. August war das Sterben allgemein, alle Tore wurden gesperrt, 
nachdem vorher auch der Burgermeister Andreas Chroen auf das Gut 
Oberburg, das seinem Bruder, dem Fiirstbischof, gehorte, geflohen war. 
Dem viermaligen Befehl des Magistrats, zuruokzukehren, gab er keine 
Folge. Erst am 26. November erschien er wieder, als die Pest ausgetobt 
hatte. Weihnachten wurde die Epidimie fiir erloschen erklart. — An- 
fang Oktober des folgenden Jahres 1600 kam ein Kurier von Steiermark 
nach Laibach; er stieg bei der Witwe des im Jahre vorher an der Pest 
verstorbenen Leberwurst ab und starb am anderen Tage an der Pest. 
Seitdem wurden die Postsendungen vor der Stadt in Empfang genommen. 
Erst Ende 1601 zeigte sich die Pest aufs neue in Laibach, und zwar an 
zwei Punkten der Stadt zugleich. Sie ging wahrscheinlich vom Leber- 
wurstschen Hause aus, wo man die Betten und Fahmisse des im Vorjahr 
verstorbenen Kuriers aufbewahrt hatte. Es waren nur Leute erkrankt, 
die dort verkehrt hatten. Man sperrte fiinf Hauser, und fortan blieb die 
Stadt pestfrei. (Vehovec.) 

Nieder- Pest im Flandrischen, im Ldmburgischen, in Miinsterland; besonders 

Nord- ^^^^ ^^^ Stadte Miinster, Osnabriick, Vreden, Dorsten, Hamm, Dortmund ; 

deutsch- in Miinster schlossen die,Jesuiten von Juli bis Dezember ihre Schulen. 
Im anderen Jahre man^elte es nach dem Sterben iiberall in Westfalen 
an Arbeitem bei der Ernte (Huyskens). — Von Flandern aus wurde die 

Spanien Pest mit Kleidern in die spanischen Seestadte, zunachst nach Santander 

gebracht. In Spanien kam es zu einer Epidemic, die sich bis Madrid 

ausdehnte. Am gefahrlichsten waren die Erkrankungen, wobei die Bu- 

bonen und Karfunkel ausbUeben (Boccangelintjs). 

1600 1600 Pest in Aleppo (Russell). — In Holland de pestilentiale sieckten 

Aleppo ^^ Bubonen am Halse, in den Achseln und Leisten bis zum Jahre 1602. 
(Heubnius, van Mavden, Amstebdam Tractaet, De slaende hant Gods.) 
In Amsterdam wurde folgende Probe auf die Krankheitsgefahr em- 
pfohlen: Der Ham des Kranken wird in ein helles Glas gegossen, dazu 
ein Tropf en FrauenmUch getan, die ein Knabe ausgesogen hat ; schwimmt 
die Milch oben, so genest der Kranke, treibt sie in der Mitte, so genest 



Die Epidemie yom Jahjre 1575 bis 1578 und ihre NachzUgler bis 1611. 123 

er auch aber langsam, sinkt sie zu Boden, so stirbt der Kranke. (Amster- 
dam Tractaet.) 

1601 in Algier (BEEBRrGOEn). In Ldssabon (Zacutus Lusitanus). In 1601 
TJngam, Sachsen, Litauen, Polen, OstpreiiGen, besonders in Konigsberg, (^^^ 
Stettin, Danzig, wo 1800 Todesfalle, Diinaburg, Wilna, Riga (Sahm). provinzen 

1602. In Rufiland folgte einer langandauemden Nasse wahrend des 1602 
Jahres 1601 am 15. August ein starker Frost, der die ganze Ernte ver- 
nichtete. Das hatte fur das folgende Jahr eine groBe Hungersnot zur 
Folge, bei welcher es zum Verzehren von Menschenfleisch" kam. Wiewohl 

das Land gegen Litauen und Polen sicb gesperrt hatte, kam dennoch 
die Pest hinzu und wiitete besonders in Smolensk und Moskau. In 
Moskau starben wahrend zwei Jahren 127000, in Stadt und Land zu- 
sammen 500000 Menschen (Richteb, Petbejus db Eblesunda, Mabgebest). 
— In Danzig stieg in diesem Jahre die Todesziffer auf 16723, in einer 
Augustwoche auf 1200. — In Troyes begann ein Pestausbruch, der bis 
1607 andauerte (Boutiot). 

Die Epidemie des Jahres 1603 bis 1608. 

1603. In Kairo und Alexandrien totete die Pest iiber eine Million 1603 
Menschen. Im Gebiet Venediffs 5586. Sie zeiffte sich in der Schweiz, Agypten, 

. . . . venedig, 

in vielen Provinzen Frankreichs, forderte m Paris wochentlieh gegen Frank- 
2000 Opfer, verheerte in Norddeutschland Konigsberg, wo 15000 starben, ^^^^^ 
Danzig, wo taglich 100 — 160 fielen; bedrohte Liineburg (Dobnkeil). 
Sie herrschte in Holland, besonders in Rotterdam und Amsterdam (Puth- 
MANs). Angeblich kam sie von Rotterdam oder von Ostende nach Eng- Holland, 
land, besonders nach Edinburgh und London. Sicher ist, daU sie in England 
London schon seit dem Jahre 1601 war; nicht unwahrscheinlich, dafl sie 
sich sogar seit dem Jahre 1592 dort erhalten hatte. Wir holen hier 
einige Zahlen nach, um das bedeutungsvoUe Verhalten der Pest in Lon- 
don zu jener Zeit iibersichtlich darzustellen. Im Jahre 1592 hatte die 
Seuche nach neunjahriger Pause in London und weiter in England ein en 
groflen Ausbruch gemacht. Es starben in London (Cbeighton): 

im Jahre 1593 insgesamt 17844, an Pest 10662 Menschen 
n . 1594 , 3929, „ „ 421 „ 

„ „ 1595 ^ 3509, „ „ 29 „ 

Von 1596 — 1601 finde ich keine Zahlen. Von 1601 ab gibt es wieder 
offizielle Zahlen (Baldwin Latham): 

1601 341 Pesttodesfalle 1605 444 Pesttodesfalle 

1602 176 „ 1606 2124 „ 

1603 36269 „ 1607 2352 „ 

1604 896 „ 1608 2262 „ 



124 8. Periode. 

1609 4240 Pesttodesfalle 1619 9 Pesttodesfalle 

1610 1803 „ 1620 21 „ 

1611 627 „ 1621 11 „ 

1612 64 „ 1622 16 „ 

1613 16 „ 1623 17 „ 

1614 22 „ 1624 11 „ 

1615 37 „ 1625 35417 „ 

1616 9 „ 1626 134 „ 

1617 6 „ 1627 4 

1618 18 „ 1628 3 

Fiir das Sterben wahrend des Jahxes 1603 in London mit Ansschlufi 
der Vorstadte gibt Cbbighton die folgende Ubersicht: 

Es starben in London wahrend des Jahres 1603: 

in der Woche, 
I die endigt insgesamt an Pest 

mit dem 

Juli 



n 



in der Woche, 

die endigt 

mit dem 

Marz 17. 


insgesamt 
108 


an P« 
3 




24. 


60 


2 




31. 


78 


6 


April 


7. 
14. 


66 
79 


4 
4 




21. 


98 


8 




28. 


109 


10 


Mai 


5. 


90 


11 




12. 


112 


18 




19. 


122 


22 




26. 


112 


30 


Juni 


2. 


114 


30 




9. 


134 


43 




15. 


144 


59 




23. 


182 


72 




30. 


267 


158 



August 



September 1. 



Oktober 



7. 


445 


263 


14. 

• 


612 


424 


21. 


867 


646 


28. 


1312 


1025 


4. 


1700 


1439 


11-. 


1655 


1372 


18. 


2486 


2199 


25. 


2343 


2091 


1. 


2798 


2495 


8. 


2583 


2283 


15. 


2676 


2411 


22. 


2080 


1851 


29. 


1666 


1478 


6. 


1528 


1367 


13. 


1109 


962 


20. 


647 


546 



Insgesamt gab es 24332 Sterbefalle an Pest. 

In Edinburgh beobachtete Thomas Lodge die Epidemic. Er stellte 
als allgemeinen Satz auf: Wenn Ratten, Maulwiirfe und andere unter- 
irdische Tiere ihre Hohlen und Schlupfwinkel verlassen, so ist dies ein 
Zeichen der Bodenverderbnis und der einbrechenden Pest. — (Schildebs 
Ordonnantien, Regius.) 

1604 1604 dauerte die Pest in Frankreich an; ebenso in Belgien (Heckius); 

Mosel- gJQ ^j,Q^ ^^ ^QY Mosel und am Rhein auf, um hier wie in London fiir 

gebiet ' 

mehrere Jahre sich zu halten. In Dudeldorf, wo sie von 1604 bis 1630 



Die Epidemie vom Jahre 1575 bis 1578 und ihre Nachziigler bis 1611. 125 

alljahrlich ausbrach, erschien sie der Sage nach iiberall da, wo sich ein 
blaues Flammch-en gezeigt hatte, und horte erst airf, als ein Maurer 
das blaue Flammchen eingemauert hatte. Als er aber nach sieben 
Jahren ans Vorwitz das Loch off nete, brach sie hervor und wiitete aufs 
neue. (Schbbibee.) 

1605 Pest in Algier (Berbbttggeb). — In RuJJland (Richteb). Von 

hier kam sie nach Osterreich, "Wurttemberg, Sachsen (BmiscHEK). Wallen- Osteuropa 
stein erkrankte in Bohmen an der Pest, die ihm Kjepleb fiir das Jahr 
zuvor verkundet hatte. — Pest in den Rheinlanden, im Breisgau. (Koln 
Bericht.) 

1606 Weiterverbreitung der Epidemie in RuCland, in Osterreich 
und Steiermark (Peinlich). In Bohmen. Schlesien; in Frankenstein 
in Schlesien raffte die Pest 2000 Menschen hin; Totengraber gestanden 
auf der Folter, die Seuche klinstlich erzeugt zu haben (Cunabus). — 
Epidemic in Bayem; besonders litten Amberg, Niimberg, Miinchen * 
{Miinchen Underricht, Augsburg Bericht, Bkentzen); in der Main- 
gegend, wo Wiirzburg, Aschaffenburg, Hanau verheeil wurden; in den 
Rheinlanden, Viersen, Mainz, Basel; in Magdeburg (Lebenswaldt). 

Uber die damaligen Mafinahmen in Westdeutschland wider die Seuche 
gibt der Erlafl des Mainzer Domkapitels vom 12. Dezember 1606 Auf- 
schluB: 1. Man soil insgemein den allmachtigen Gott anrufen und bitten, 
daU er seinen iiber das siindhafte Leben gefaflten Zom vaterlich ab- 
wenden und durch seine gnadenreiche Barmherzigkeit alle vor kiinftigem 
TJbel bewahren moge. Zur Erhorung dieses Gebetes sei Fasten, Almosen- 
geben und die Ubung anderer gottseliger Werke dienlich. 2. Niemand 
diirfe Fremde beherbergen, sondem selbige, wo sie vorhanden waren, 
vor allem die armen bettelnden Schiilerjungen, abschaffen. 3. Schweine 
und Ganse in Stallen und Hiiusern sollen sofort, bei Strafe, ihrer ver- 
lustig zu gehen, abgeschafft werden. 4. Wohnungen und Zimmer sind 
zeitweilig zu berauchem und ebenso wie die Gassen und Reuel reinzu- 
halten. 5. Im Essen und Trinken soil man maChalten und sich zu- 
vorderst der geistlichen Mittel und dann der weltlichen verordneten 
Lebensmittel bedienen. 6. Soweit es moglich ist, soU man sich des Ver- 
kehrs an infizierten Orten und mit infizierten Personen, vor aUem des 
Essens und Trinkens in der Behausung des Infizierten enthalten. 7. Die- 
jenigen, welche Gott heimgesucht hat, sollen sich des Verkehrs auf dem 
Markt und in der Kirche entschlagen, an letzterem Orte sich vielmehr 
mit einer abgesonderten Ecke behelfen. Die Wohnungen der Infizierten 
sollt«n sofort geschlossen, diese selbst aber mit Lebensiliitteln in ge- 
biihrender Weise unterstiitzt werden. 8. Alle Krampelei mit alten Kleidern 
und Anderem soil bis zur Besserung der Luft verboten und eingestellt 
bleiben, die Teilung und Vergebung der Hinterlassenschaft von Toten 



126 8. Periode. 

bis auf Weiteres nicht stattfinden. 9. Die Graber sollen vertieft und in 
alien Pfarreien die Begrabnisse zu bestimmter Zeit vorgenommen werden. 
10. Das bettelnde Gesindel, wie es taglich aus- und einlaufe, soil an den 
Toren abgewiesen werden. 11. Die Kindschenken und Gastereien sollen 
eine Zeitlang unterbleiben. Zu Hochzeiten sollen von dem gemeinen 
Burgersmann nicht fiber drei oder vier Tische geladen werden. 12. Die 
FaBbender und Andere, die sich mit Drusenbrennen beschaftigen, sollen 
sich dessen sowohl drauBen auf dem Judensand wie auch sonst in der 
Stadt und nahegelegenen Orten bei Strafe von zehn Florin enthalten. 

1 3. Alle gemeinen Badestuben sind bis auf Weiteres bei Strafe zu schlieBen. 

14. Allen einheimischen Bettlem ist das Gassenbetteln verboten; sie sollen 
durch besondere Personen an einen bestimmten Ort beschieden werden, 
um hier Almosen zu empfangen. (Bei Schbohe.) — 

Ausbrucli in Paris, der bis in das folgende Jahr andauerte (Paris 
Chirurgiens, Potel). 

1607. Pest in Dalmatien; aus Spalatro, das damals 1200 Hauser mit 
5000 Einwolinern hatte, flohen viele beim Ausbruch; fast alle Zuriick- 
bleibenden starben in einem Vierteljabr, gegen 4000 (Feabi). — Pest in 
Toulouse, Grenade, Merdun, Fronton usw. (Labadie); Ende Juni Aus- 
bruch in Paris; hier starben wahrend des Juli und August in mancher 
Woche 2000 Menschen (MfezEBAT). — In Koln starben taglich liber 100 
bis 150 (Koln Bericht), Frankfurt a. M. GroBsterben im Spessart; 
Augsburg (Augsburg Bericht), Naumburg, Gera, Weimar, Jena, Wien 
(Castelli); alle diese Stadte werden bis in das folgende Jahr .heim- 
gesucht. '"^''^ ^"^ ^^'^• 

1609 1609. In Konstantinopel raffte die Pest gegen 200000 Menschen 

tSope?" ^^^' Katzen wirkten als Verbreiter der Pest (Webstee). Polen wurde 
verheert (Websteb). Verona (Beenzonus). — Tirol und Schweiz; Ende 
Oktober einige Falle in Basel. — Die Tiibinger Universitat verzieht nach 
Calw; in der Stadt starben 2000 Einwohner; Neuffen; Frankfurt an der 
Oder, Halberstadt, Koburg, Braunschweig, Niimberg, Frankfurt am Main, 
Koln. Uberall erscheinen Verordnungen und Belehrungen, wie man sich 
in den Sterbenslauften zu verhalten habe (Sammlung Schonleins in der 
Wiirzburger Universitatsbibliothek). — Griindung des Hopital Saint-Louis 
in Paris fiir die Pestkranken. (Bebgee de Xivbey t. VII). 

1610 heftiger Ausbruch der schleichenden Seuche in Basel zu einer 
Epidemic im Juli; von Woche zu Woche stieg die Totenziffer, bis sie im 
Oktober 250 bis 280 in jeder Woche betrug; von 1200 Biirgem erkrankte 
mehr als die Hiilfte, 6218, und starb ein Drittel, 3968; es genasen 2250 
= 57 ^Iq (Plateb). Epidemic in Freiburg im Breisgau, bis in das folgende 
Jahr (Hebmann Mayeb). Im Oktober Ausbruch in StraBburg, der bald 



Die Epidemie vom Jahre 1575 bis 1578 und ihre NachzUgler bis 1611. 127 

das ganze Elsafi uberzieht and fiber ein Jahr in Thann, Ensisheim, Kol- 
mar, Ruffach nsw. andauert (Lbbenswaldt, Kriegee). 

1611. Der Beulentod wiitete in Tirol; in der Schweiz; Schaff- 
hausen, Thurgau mit 33584 Toten, Schwyz mit 1800 Toten, Zurich mit 
7000, Baden, Konstanz mit 1500 Toten (Scheiwilee, Jbckblmann, Stygeb, 
Cysat), im Waadtland bis zum folgenden Jahr (Stbttlee, Fabkicius 
HiLDANUs). — In Wurttemberg dauerte sie bis 1612. — In Marburg an 
der Lahn (Goclbnitts); in der Herrschaft Schmalkalden, wo die Stadt 
und die Dorfer zusammen 1662 Tote zahlen (Gebland); in Sonders- 
hausen, Erfurt, Berlin, Bremen, Oldenburg (Ruthning). 



128 ^. Periode. 



9. Periode. 

Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 nnd ilire 

Folgen bis 1635. 

Afgha- Wahrend des Jahres 1611 gingen bei Kandahar in Afghanistan grofle 

nistan Mauseschwarme liber das Land. Zugleich begann hier das waba oder 

Persien waba taJufty die Beulenpest, zu wiiten und sich westwarts iiber Persien, 

Arabien und die Tiirkei zu verbreiten. In Konstantinopel war sie be- 

reits 1612. Hier hatte sie drei Jahre friiher noch 200000 Menschen um- 

gebracht. 

Pend- Von Kandahar kam die Seuche 1615 in das Pendschab, weiterhin 

»chab Yi^Q>\^ Lahore, Delhi und nordwarts bis Kaschmir. Siidwarts iiberzog und 

verheerte sie in den nachsten acht Jahren die ganze Halbinsel Vorder- 

indien. 

Der Kaiser Dschihangir schrieb in sein Tagebuch Waki'at-i-Ja- 
hangiri: Im zehnten Jahre meiner Regierung (10. Marz 1615 bis 1616 
nach Christ us) brach die Haiea, die Cholera, in Dakhin und ein furcht- 
bares Wabdy die Beulenpest, in vielen Teilen von Hindostan aus. Zuerst 
erschien diese in den Gegenden des Pendschab und kam schrittweise 
gegen Lahore. Sie raffte das Leben vieler Mohammedaner und Indier 
liin. Sie verbreitete sich iiber Sirliind und Doab und kam nach Dehli 
und zu den hinzugehorigen Landteilen und brachte die Stadte und Dorfer 
in Elcnd. Jetzt, im Jalire 1616, hat sie giinzlich aufgehort. Die alten 
Louto sagen, und dasselbe geht aus den Geschichtswerken der vergange- 
non Zeiten hervor, daC diese Krankheit in jener Gegend vorher nie ge- 
wesen sei. Ich fragte die Arzte und Gelehrten, warum das Land zwei 
Jalire hintereinander an Hungersnot litt und Regenmangel war. Einige 
sagton, daran sei eine Luftverderbnis schuld gewesen, woraus Diirre und 
Mangel entstanden sei. Andere machten andere TJrsachen geltend. Gott 
weifi sie und wir miissen uns geduldig seinem Willen unterwerfon (Elliot, 
vol. VI). 

Der Zahlmeister Dschihangirs Xawab Mu'tamad Khan beschreibt 
dieselbe Pest in seinem Buch Ikbal-Nama-i Jahangiri; ^Vo ebon die Pest 



Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1685. 129 

ausbrechen sollte, da woUte eine Maus wie toll aus ihrem Loch hervor- 
stiirzen; dabei stieB sie gegen die TUre und gegen die Wande des Hauses 
und fiel tot hin. Wenn nun sofort nach diesem Warnzeichen die Ein- 
wohner ihr Haus verlieBen und in das Dickicht gingen, so retteten sie 
ihr Leben; wenn sie dagegen blieben, dann wurden alle Bewohner des 
ganzen Dorfes von der Hand des Todes weggefegt. Wenn ein Mensch 
einen Tbten oder nur die Kleider eines Toten beriihrte, so konnte er die 
verderbliche Ansteckung nicht iiberleben. Am meisten litten die Hindus 
unter der Seuche. In Lahore waren die Verheerungen so groB, daB in 
einem Hause zehn oder zwolf Menschen starben und die iiberlebenden 
Nachbaren, von dem Gestank gequalt, ihre Wohnungen verlassen muBten. 
Hauser, worin das tJbel sich eingenistet hatte, wurden verschlossen und 
verlassen und kein Mensch wagte, sich ihnen zu nahem, aus Furcht fur 
sein Leben. Auch wiitete die Pest in Kaschmir; hier waren ihre Wir- 
kungen so sehlimm, daB ein Derwisch, der an einem Freunde die letzte 
traurige Pilicht der Leichenwaschung erfuUt hatte, gleich am nachsten 
Tage dasselbe Schicksal erfuhr. Eine Kuh, welcher man das Gras, wo- 
mit die Leiche des Mannes gewaschen worden war, zu fressen gegeben 
hatte, starb ebenfalls und die Hunde, welche das Fleisch dieser Kuh ver- 
zehrten, fielen am selbigen Tage tot hin. In Hindostan verschonte die 
Seuche keinen Platz mit ihrem Besuch und sie fuhr acht Jahre hindurch 
fort, das Land zu verwiisten. (Elliot vol. VI.) 

Im Jahre 1618, so schreibt Edward Terry, der Kaplan des englischen 
Gesandten Sir Thomas Roe in Ahmedabad, raffte die groBe Pest viele 
Tausende in den volkreichen Stadten, wohin sie kam, weg. Nach Ama- 
davar, Ahmedabad, kam sie im Mai und totete aus der Familie des Ge- 
sandten binnen neun Tagen sieben Englander und keiner von diesen war 
langer als zwanzig Stunden krank. Die meisten waren gesund und krank 
binnen zwolf Stunden; unter ihnen derHausarzt, der mittags krank hin- 
sank und um Mitternacht tot war. Die Kranken waren brennend heiB; 
an den Sterbenden und an den Leichen erschienen breite schwarze oder 

•• 

blaue Flecken auf der Brust und ihr Fleisch war so heiB, daB die Uber- 
lebenden es kaum mit der Hand anfiihlen konnten. SchlieBlich war die 
ganze Umgebung des Gesandten von der Seuche ergriffen worden; den 
Lord allein hatte sie verschont. Die Genesenen hatten groBe Blasen an 
verschiedenen Korperstellen. Aus diesen rann eine dicke gelbe Fliissig- 
keit und veratzte die Haut. Von vierundzwanzig Dienern des Lords 
kehrte nicht der vierte Mann nach Hause zuriick (Tekry). 

Im Jahre 1616 kam die Pest nach Agra. Auch iiber den hiesigen 
Ausbruch berichtet das Tagebuch des GroBmoguls Dschihangir: Leute, 
die zuverlassig waren, berichteten, daB das Ta'un zu Agra wiitete. Man 
zahlte taglich gegen hundert Tote. Es erschien eine Geschwulst in der 

Sticker, Abhandlangen I. Oeschichte der Pest. 9 



130 ^- Periode. 

Weiche oder in der Achsel oder am Halse, und der Bef allene starb schnell. 
Es geht nun in das vierte Jahr, daU die Pest wahrend der kalten Jahres- 
zeit gewiitet hat und mit dem Eintritt der heiUen Zeit wieder verschwand. 
Merkwiirdig ist, daB in diesen drei Jahren das Ubel, das in alle Stadte 
und Dorfer in der Umgebung von Agra eindrang, Fattehpur (Sikri), die 
Residenz, die der Konig Akbar erbaut hat, verschonte. Die Einwohner 
von Agra haben ihre Hauser verlassen und sind in andere Dorfer ge- 
zogen. Die neu Erkrankten waren jedesmal solche, die den Kxanken 
Wasser gebracht oder sonst mit ihnen verkehrt hatten. Bald war der 
Schrecken so groB, daB niemand mehr den Pestkranken sich nahern wollte 
und daB man sie sterben oder genesen lieB, wie das Schicksal es fiigte. 

Die Tochter des verstorbenen Asaf-Khan, die in dem Hause des Ab- 
dullah Khan, dessen Vater Khan-i-Azam war, wohnt, erzahlte mir eine 
befremdiiche und wundersame Geschichte. Ich forschte ihrer Glaub- 
wiirdigkeit genau nach und schreibe sie wegen ihrer Seltsamkeit auf. 
Sie sagte, eines Tages habe sie im Hofe ihres Hauses gesehen, wie eine 
Maus in verriickter Weise hinfiel und wieder aufstand, wie sie in alien 
Richtungen umherrannte, ahnlich einem Betrunkenen, und nicht wuBte, 
wohin sie soUte. Sie sprach zu einer ihrer Sklavinnen: faB die Maus 
am Schwanz und wirf sie der Katze vor. Die Katze freute sich, sprang 
von ihrem Platz auf und fafite die Maus in ihren Mund; aber sofort lieB 
sie dieselbe wieder fahren und zeigte Abscheu vor ihr. Nacheinander 
entstand in ihrem Gesicht der Ausdruck von VerdruB und Schmerz. 
Am anderen Tage fand die Prinzessin die Katze bereits sterbend, als es 
ihr in den Sinn kam, ihr ein wenig Theriak zu geben. Sie sah ihr in 
den Mund und fand Gaumen und Zunge beinahe schwarz. Die Katze 
blieb in diesem elenden Zustande drei Tage; am vierten Tage kam sie 
wieder zu sich. Hiernach erschien die Pestbeule (danah) bei einer der 
Sklavinnen. Diese hatte in hoher Fieberhitze und zunehmendem Schmerz 
keine Ruhe. Sie veranderte ihre Farbe, wurde gelb und ^ fast schwarz- 
lich, und das Fieber blieb hoch. Am anderen Tage wurde sie fieberfrei 
und starb. Sieben oder acht von der Dienerschaft desselben Hauses starben 
in derselben Weise, einige andere wurden krank. 

Ich verlieB am selben Tage den Ort und ging zum Garten. Alle, 
die im Garten krank waren, starben; aber am Platz erschien die Pest- 
beule nicht mehr. In der Zeit von acht oder neun Tagen waren sieb- 
zehn Menschen auf dem Wege zur Verniclitung. 

Die Prinzessin erzahlte auch: Wenn einer von denen, bei welchen 
die Pestbeule sich zeigte, Wasser zum Trinken oder Waschen sich bringen 
lieB, so wurde auch der, der diese Hilfe leistete, angesteckt, und zuletzt 
war es so, daB vor auBerster Furcht keiner mehr den Kranken sich 
nahen mochte. (Bei Rogers.) 



Die indisclie Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 131 

In Benares gab es alljahrliche Ausbriiche von 1616 bis 1624. Die 
Seuche wurde von dem Dichter Tulasi-Dasa im Hanuman-Bahuka be- 
sungen. (Gbiebson.) 

In Persien, besonders in Khorassan, wiitete die Pest bis zum Jahre 
1617 (Tholozan). 



Wir nebmen die Chronik mit dem Jahre 1612 wieder anf, ohne im 
einzelnen unterscheiden zu konnen, wieviel von den folgenden Aus- 
bruchen nnd Ziigen aus Indien, wieviel aus levantinischen, wieviel aus 
europslischen Herden herriihrt. 

1612 Pest in Konstantinopel (Wbbsteb). Die Katzen warden von 
Konstantinopel nach Scutari gebracht, weil man sie fiir Verbreiter der 
Pest hielt (HEUSiNaBE). In Polen (Kanold). 

1613 groBer Ausbruch in Lausanne, wo zu gleicher Zeit eine Fliegen- 1612 
plage war. Vom Juli bis November starben liber 2000 Menschen, 90 7o ^?^*"'^* 
der Erkrankten. Kaum einer von denen, welche Fontanellen trugen, 
wurden ergriffen. Die' Seuche ging nach Vevey, Merges und in das 
weitereWaadtland bis in die hochsten Alpenhiitten (Fabbicius Hildanus). 

In der Wetterau, in Giefien (Jessenius), in Sachsen (Lebsch). — Bergen 
in Norwegen (De slaende hant Gods). 

1614 in Schwaben, besonders in Dillingen (Kabl Stengel). 

1615 starben in Genf an der Pest 1648 Menschen (Andeeas Bonet). 
Die Seuche herrschte in Basel (Plateb), Worms, Wiirzburg, Koblenz, 
Linz, Koln, Amsterdam; hier starben 8449 Menschen. In Prag; in Baden 
bei Wien (Raymxjnd Mindebeb). 

1616 in Italien, in Deutschland und den Niederlanden Mauseplage; 1616 
die Mause waren groCer als gewohnlich (Spaan). itaiien 

1617 Pest in Brabant, im Hennegau, Lille, Audenarde, Amsterdam. 

1618 Pest in Bergen; viele Menschen flohen nach Holland (Spaak); 
in Oldenburg, besonders in Apen (Ruthning) ; an vielen Orten Deutsch- 
lands. In Miinchen werden Vorbereitungen wider die Pest durch Kon- 
tumazhauser, Desinfektion von Briefen und Geld und Infektionsabgaben 
getroffen. Die Stadt blieb bis auf weiteres verschont. 

1619 Pest in Kairo; in zwei Monaten starben 73500 Menschen (De 1619 
SL. H. Gods). In Zara in Dalmatien (Feabi). In Avignon, Rouen (Bou- ^^ypten 
tiot), Paris (Potel); in Amiens wurde wegen der Pest das Jesuiten- 
koUegium geschlossen (Dubois). 

1620 in Algier Hababut el Kebira, die grofie Pest (Bebbbuggeb). Sie 1620 

kam von hier nach Trapani auf Sizilien, dann nach Palermo und Messina ^^S^^^ 

(Beegat, diMabzo); weiter nach Mailand; im Gebiet vonVenedig starben 

13 000 Menschen. Sie herrschte in Danzig, wo 11847, ein Viertel der 

9* 



132 9. Periode. 

Einwohner, starben; in Konigsberg, wo von Pfingsten bis Weihnachten 
ihr 11425 erlagen; in Breslau, Frankfurt an der Oder, Dresden. (Daniel 
Becker, David Herliz, Sahm.) 
1621 1621 Pest in Thiiringen. Am Neckar, in Neckarsteinach, Daisberg 

am B-hem^^^^ weiter (JoHANN Schneider). Im . Siebengebirge ; im kleinen Konigs- 
winter starben von Pfingsten bis Weihnachten 377 Menschen; seitdem 
geht am 10. August alljahi*lich eine Bittprozession nach Marienforst. In 
Linz am Rhein. 

1622 wurde in Aachen die Sebastianbruderschaft gegriindet (Lersch). 
Die Pest begann in Nordfrankreich fur langer als ein Jahrzehnt zu herr- 
schen. Sie war in Paris, Beauvais, Meaux, Melan, in Laonnais und 
Soissonnais. Sie auCerte sich, wie der 98jahrige Cottin schildert, in 
Bubonen und Karfunkeln mit Schlaflosigkeit, IiTereden und Toben; 
schwarzes Erbrechen war todlich (Cottin). 

1623 in Amiens (Dubois). Antwerpen (Bonet); Liittich, Maestricht, 
Leiden, Delft, Amsterdam, Haag, Grroningen, Oldenburg (RtiTHNiNo). Vom 
Juli bis Dezember starben in Hannover 1400 Einwohner an der Pest. — 
Grofier Pestausbruch in Messina, das nun bis 1743 davon verschont bleibt 
(TuRRiANo), in Palermo bis 1624. Die Seuche wurde hier, wie das Volk 
meinte, durch Untori, Pestsalber, erregt, die das Weihwasser in den 
Kirchen vergifteten. Darum liefi man in den folgenden Jahren die 
Weihwasserbecken leer (Alimo). 

1624 an vielen Orten Frankreichs (siehe 1622). In Augsburg (Hoch- 
stetter); Tubingen, Heilbronn, Strafiburg. Die Mainzer Universitat wird 
bis zum nachsten Mai geschlossen. Der Domgottesdienst von Mainz nach 
Hochst am Main verlegt (Schrohe); Bonn (de Claer); Briissel (van Hbl- 
mont), Leiden und Amsterdam (Petrus Paaw, della Faille, Floren- 
Tirs); Arnheim (Arnhbm pestordonnantie); Delft (van der Mye). Eger, 
Niirnberg (Kirchberger) ; Rotenburg a. d.Tauber; Erfurt, Dresden, Leip- 
zig, Halberstadt, Braunschweig, Berlin, Bremen, Liineburg, Rostock; 
Danzig, wo 10536 Todesfalle (Horkg, Bering), Kopenhagen (Warwich). 

1625 1625 fielen in Ermeland 100000 der Pest zum Opfer (Sahm); sie 

herrschte in Metz (Papon), in Neustadt an der Hardt, in Bonn; in Leiden 
starben vom 24. August bis zum 25. Oktober 9897, in Amsterdam 11 795 
an der Pest; die Festung Breda in den Niederlanden fiel durch Pest 
und Skorbut (van der Mye). 
England Pest in England; in London starb ein Sechstel der Einwohner (Baco 

VON Verulam, Creighton). Hier hatte sie schon im Januar und Februar 
sich in vereinzelten Fallen gezeigt, Mitte Marz langsam begonnen anzu- 
schwellen; im Juni gewann sie eine rasche Zunahme und erreichte im 
August ihre Hohe, um dann im September rasch abzunehmen und bis 
zum Ende des Jahres wieder zu erloschen. 



Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 133 



Es starben in London 



in derWoche 


ins- 


an 


vom 


gesamt 


Pest 




1624 




17. bis 


i 23. Dez. 


183 





r 


30. „ 


211 







1625 




7) 


6. Jan. 


220 


1 


n 


13. „ 


196 


1 


71 


20. „ 


240 





n 


27. „ 


226 





r? 


3. Febr. 


174 


3 


r> 


10. „ 


204 


5 


n 


17. „ 


211 


3 


V 


24. „ 


252 


1 


n 


3. Mai'z 


207 





n 


10. ^ 


210 





n 


17. „ 


262 


4 


n 


24. „ 


226 


8 


n 


31. „ 


243 


11 


n 


7. April 


239 


10 


n 


14. „ 


256 


24 


n 


21. ^ 


230 


25 


r. 


28. „ 


305 


26 


v 


5. Mai 


292 


30 


•n 


12. „ 


332 


45 


n 


19. „ 


379 


71 


V 


26. „ 


401 


78 


ri 


2. Juni 


395 


69 


w 


9. . 


434 


91 





in der 


ins- 


an 




Wocbe 


gesaiut 


Pest 


bis 


16. 


Juni 


510 


165 


' 7) 


23. 


V) 


640 


239 


n 


30. 


V 


942 


390 


n 


7. 


Juli 


1222 


593 


n 


14. 


7? 


1741 


1004 


n 


21. 


V 


2850 


1819 


n 


28. 


n 


3583 


2471 


n 


4. 


Aug. 


4517 


3659 


n 


11. 


n 


4855 


4115 


n 


18. 


n 


5205 


4463 


n 


25. 


n 


4841 


4218 


T! 


1. 


Sept. 


3897 


3344 


n 


8. 


77 


3157 


2550 


n 


15. 


77 


2148 


1674 


r. 


22. 


77 


1994 


1551 


n 


29. 


It 


1236 


852 


r, 


6. 


Okt. 


838 


538 


n 


13. 


n 


815 


511 


n 


20. 


)i 


651 


331 


n 


27. 


r 


375 


134 


V 


3. 


Nov. 


357 


89 


n 


10. 


71 


319 


92 


V 


17. 


If 


274 


48 


n 


24. 


V 


231 


27 


T. 


1. 


Dez. 


190 


15 


n 


8. 


n 


181 


15 


V 


15. 


V 


168 
54 265 


6 
35 417. 



1626 in Konstantinopel (von Hammer). In Tubingen (Tubingen rath- 162G 
lich bedenken). In der ganzen Pfalz und am Neckar (Johann Schneider). ^^/?*^stan- 
In Thiiringen und Umgebung, namentlich in Arnstadt, Sondershausen, 
Nordhausen wiitete sie schon seit dem Jahi^e zuvor heftig; manche Orte 
verloren die Halfte der Bevolkerung. Pestordnung fiir die Stadt Weifien- 

fels von Lonerus. Erfurt, Hannover, Bremen, Antwerpen. Pest in 
Toulouse (Papon). 

1627 in Lothringen (Papon); in der Haute- Auvergne, liier bis 1629 
(BoiTDET et Grand). 

1628 verkiindete ein Komet nach der Meinung vieler Gelelirten Un- 



SUd- 
frankreich 



134 ^' Periode. 

heil. Die Pest wiitete starker als zuvor in Deutschland, Flandem, Hol- 
land, Nordfrankreich (Dubois). Oberitalien. Ende September wnrde sie 
durch italienische Soldaten nach Lyon gebracht, verbreitete sich zu Ende 
des hugenottischen Religionskrieges in der Dauphine und dehnte sich 
hier langsam aus. Anfang Oktober war sie in Bern, wo ein Viertel der 
Burger daran starb (Fabricius Hildanus); sie ging weiter nach Luzem 
und Rhatien. 

Die Pest in Siidfrankreich im Jahre 1628 bis 1631. 

Als die Pest Ende September von Italien nach Lyon kam, hatten 
die erschreckten Burger sofort beim Ruchbarwerden der ersten Falle ihre 
Laden und Lager geschlossen; die reichen Kaufleute ihre Kostbarkeiten 
verborgen, ihre Habseligkeiten gepackt und waren auf ihre Landgiiter 
geflohen. Die anderen suchten Zuflucht in den benachbarten Stadten 
und Dorfern, wo man sie ti'otz aller Vorstellungen und Anerbietungen 
zuriickwies und nicht selten mit Stein wiirf en vertrieb. So kamen viele 
wieder nach Lyon zuriick, wo sie unwillig empfangen wurden und starben. 
Einige Manner hatten ihre Frauen und Kinder in der Stadt zuruckge- 
lassen, als sie flohen, um ihr Leben zu retten. Merkwiirdig war, dafl die 
engsten und unsaubersten Wohnungen Schutz gegen die Seuche ge- 
wahrten. Sie wurden bald die Zufluchtsstatten vor dem tJbel, das auf 
den Hiigeln, an luftigen Platzen und in Q^artenhausern schrecklich wiitete. 
Manche, die in die Garten vor die Stadt geflohen waren, fanden dort 
ihren Tod. 

Das Erscheinen von Karfunkeln, Bubonen, Abszessen am Halse, 
blauen Flecken am Leibe war stets todlich. Weniger als die Manner 
litten die Weiber; sie widerstanden der Krankheit langer und kamen 
eher zur Qenesung, wahrend von den Mannern gerade die starksten oft 
plotzlich wie vom Schlage getroffen hinstiirzten, indem sie auf die Strafie 
traten oder sich zu Bett legen wollten. Manche muflte man im Deli- 
rium binden. 

Als Ende September die Zahl der Toten taglich wuchs, da gab es 
immer Leute aus dem Volk, die neugierig den leichengefiillten Wagen 
nachliefen oder durch die StraUen gingen, um die Zahl der bekreuzten 
Hauser zu zahlen und dabei ihre Neugierde mit Ansteckung und Tod. 
biiBten. Im Oktober und November wurden die sonst belebten Straflen 
leer. Nur Wenige wagten es, mit einem Riechflaschchen oder Tuch vor 
der Nase auszugehen; keiner redete den anderen an. 

Im Dezember verbreitete sich plotzlich das Geriicht, der Feind sei 
vor den Toren. Der dadurch erregte Zusammenlauf hatte eine neue 
Steigerung der Seuche zur Folge. Von 60 Mannern der Biirgerwehr, 
die sich versammelt hatten, lagen am folgenden Tage 40 krank. 



Die indisohe Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 135 

Landleute, die sich in die Stadt wagten, kehrten krank zuriick. Viele 
blieben auf den Wegen liegen. 

Im Hospital vereinigten sich Hunger und Schmutz mit der Krank- 
heit; um das Elend der Armen vol! zu maehen, rissen ihnen habgierige 
Krankenwarter und Leichentrager, die beim Volke den Namen Raben 
fiihrten, die Kleider vom Leibe und warfen die Beraubten nicht selten, 
elie sie ausgelitten hatten, zu den Toten. 

In diesem Elend safien viele vor Schrecken stumm und gefiihllos 
da. Bei anderen erwachte eine ungeziigelte Lebenslust. Eine Frau hei- 
ratete hintereinander sechs Manner und begrub sie alle, ohne zu er- 
kranken. Aus manchen Schanken erschoU alltaglich das Singen Be- 
trunkener. Singende und schreiende Haufen begleit^ten mitunter die 
Leichenwagen. 

Im Marz 1629 liefl die Seuche nach. Sie schien im Juni und Juli 
erloschen, zeigte sich aber wieder im August, um dann im September 
ganzlich zu verschwinden. Die Zahl der Toten blieb ungewifl. Einige 
sprachen von 70000, die Vorsichtigsten von 30000 Leichen. 

Inzwischen verbreitete sich die Pest rhoneaufwarts nach Chalons 
sur Saone, nach Aix im Dauphine, nach Vienne, nach Dijon und weiter 
nach Siidwestfrankreich bis Rouergue und Quercy; femer rhoneab warts in 
die Provence, in das Languedoc, nach Villefranche, Toulouse, Narbonne, 
Perpignan. (Alvabus, Beenassis, Ecuyeb, Gbillot, Papon, Senac, Sauve.) 

Die Basses Alpes wurden von der Pest heimgesucht, als Lyon sich 
von der Verwustimg erholte. In den ersten Tagen des Juni 1629 zeigte 
sich das Ubel in Digne. Wahrend der ersten Woche starben 3 oder 4, 
um die Mitte des Monates taglich bis zu 15 Menschen, anfangs Juli 
etwa 40 jeden Tag. Die Krankheitszeichen werden als besonders heftige 
geschildert: Die Angesteckten qualte ein brennender Durst, Schlaflosig- 
keit, Schwere im Kopf ; sie waren voUig kraftlos, ihre Stimme erlosch; 
es trat Erbrechen und blutiger Auswurf hinzu, Krampfe und Toben. 
Unter heftigen Schmerzen bekamen sie Driisenbeulen von der Grofie einer 
Mandel bis zu der eines Hiihnereies, eine oder meistens zwei. Die Beulen 
konnten sich zuriickbilden; meistens brachen sie nach ein paar Tagen 
auf, und dann wurden die Schmerzen beinahe unertraglich. Bei manchen 
entstanden dunkelrote Karfunkeln oder fressende Geschwiire in mehr- 
facher Zahl bis zu einem Dutzend. Fast alle Kranken schwollen an. 
Viele Menschen fielen plotzlich sterbend hin, ohne dafl sich aufiere Kxank- 
heitszeichen bildeten. Einige der Kranken irrten in der Stadt umher, 
stiegen im Fieberwahn auf die Dacher, stiirzten sich oder ihr Kind aus 
dem Fenster auf die Strafie; andere gruben sich selbst ihre Graber. 

Die Leichen sahen durch die Vei-zerrung des Gesichtes und krampf- 
hafte Verdrehung der Glieder schi'ecklich aus. 



136 d. Periode. 

Die Seuclie erreichte ihre Hohe im Juli. Gegen den 15. starben 
taglich 100 Menschen und zu Ende des Monats 160. Um die Mitte 
des August venninderte sich die Sterbeziffer rasch. Wahrend des Sep- 
tembers starben noch 5 oder 6 jeden Tag und anfangs Oktober horte das 
Sterben auf. 

Beim Ausbruch der Seuche waren die Burger durch einen Kordon 
eingeschlossen worden und durften die Stadt bei Todesstrafe nicht ver- 
lassen. Der Kommissar, der die Spen^e aufrechtzuerhalten hatte, ver- 
kiindete seine Befehle von der Briicke der Bleone aus, nachdem er jedes- 
mal mit Trompetenschall das Volk hatte zusammenrufen lassen. Nach 
solchen Ansammlungen stieg das Sterben regelmajlig an. Eine Hungers- 
not entstand in der Stadt dadurch, daU Bauern der Umgebung die Zu- 
fuhr von auflen abfingen und Handler innerhalb der Stadt die Preise der 
Lebensmittel unerschwinglich machten. 

Die Behorden iiberlegten, ob es nicht am besten sei, die ganze Stadt 
mit ihren Einwohnern in Brand zu stecken, da es ohnehin an Mitteln 
fehlte, die 1500 Leiehen, die in den Hausern und auf den StraCen lagen, 
zu begraben. 

Die Sperre hatte nicht verhiiten konnen, dafi die Pest vier Ort- 
schaften in der Nahe von Digne ergriff; darum gab man endlicli die 
Stadt frei, die ohneliin im November keine Pestkranken mehr hatte. 

Die Hauser wurden gerauchert und geluftet. Dabei kam es zum 
Aufruhr der seit langem erbitt^rten Burger gegen die rohen Gesundheits- 
polizisten. Nachdem von diesen einige getotet worden waren, bheben 
die anderen weg. 

Die Pest hatte von etwa 10000 Einwohnern kaum 1500 iibrigge- 
lassen; unter den 8500 Gestorbenen waren fast alle Manner und Jiing- 
linge der Stadt. Nur fiinf oder sechs der 1500 Uberlebenden hatten die 
Ansteckung nicht uberstanden. 

Das Sinken der Hauserwerte zog viele Fremde nach Digne. Als 
sechs Monate spater die Pest aufs neue ausbrach, entstand eine allge- 
meine Flucht aus der Stadt. Es starben damals etwa 100 Fremde, die 
zugezogen waren. Von den friiher Erkrankten wurden manclie zum 
zweiten Male ergriff en; aber sie genasen. (Papon.) 

Wahrend so das Ubel in den Basses Alpes herrschte, erwehrten sich 
die Dorfer der Hautes Alpes anfanglich der Pest. So hatten die Be- 
wohner von Apt sehon im Jahre 1628, als die Geriichte von Lyon 
kamen, ihre Tore geschlossen, eine strenge Uberwachung der einkom- 
menden Menschen, Tiere und Waren eingef iihrt, das haufige Ausrituchern 
der StraBen mit wohh'iechenden Bergkrautern geiibt und Arzte und 
Wundarzte fest angestellt. Auch hielten sie alle Wochen zwei Hoch- 
iimter ab, das eine a Monsieur Sainct Boc, das andere a Monsieur Sainct 



Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 137 

Sebastian. In den Jahren 1629 und 30 kamen einzelne Falle von tod- 
lichen Karfunkeln in Apt vor, die der Arzt als bosartige Fieber oder 
Abszesse, nnverdachtig anf Pest, erklarte. Im April 1630 starben in der 
Quarantine einige Maultiertreiber und Kaufleute, die zwolf Ladungen 
WoUe und Ziegenhaute von Forcalquier nacli Apt brachten; ebenso 1631 
ein Kaufmann, der Hiite einfuhren woUte. Seine Ware wurde ver- 
brannt. Die Leiclie woUte Niemand begraben; endlicli fand sich Einer, 
der es fiir achtzehn Taler tat, danach aber auf eigene Kosten eine voile 
Quarantane in der Almhiitte durchmachen mufite. (Satjve.) 

Im Juli 1629 kam die Pest von Toulouse nach Montpellier; im Ok- 
tober von Lyon naeli Avignon. Hier gab es bis zum Dezember zahl- 
reiche Erkrankungen mit Bubonen und Petechien. Den Winter iiber 
liorte das tJbel auf, um im Miirz 1630 aufs neue zu wiiten (Loreto de 
Fbanchis). Nach Montpellier soil die Contagion durch einen Kapuziner- 
pater, der vier Karfunkel an den Beinen, einen Bubo in der Leiste und 
einen zweiten in der Achsel hatte, gebracht worden sein. Es erhob sich 
der gewohnliclie Disput der Arzte und Chirurgen iiber die Natur dieses 
Krankheitsfalles. Inzwischen gab es zwanzig neue Falle. Man versuchte 
sie zu verhehlen. Der Kardinal Richelieu kam im Herbst in die Stadt; 
ilim folgte der Konig mit einem Heer wider die Calviner. Nun brach 
die Seuche iiber die ganze Stadt aus. Der Konig floh, die Soldaten 
rissen aus, die Burger wanderten mit ihren Saclien aufs Land, in die 
benachbarten Dorfer oder auf das freie Feld. Jetzt besannen sich die 
Konsuln auf ihre Pflicht; sie lieCen die Kranken vor die Stadt bringen; 
nicht lange, denn die Zahl der Kranken ging bald in die Tausende, und 
die Herbstkalte wurde heftig. Im Oktober, November und Dezember 
war das Sterben allgemein; dann nahm es langsam ab bis zum April. 
Im ganzen starb die Halfte der Mensclien, die in der Stadt zuriickge- 
blieben waren, gegen 40 bis 50 000, darunter fast alle Arzte, Priester 
und Ordensleute. 

Wahrend der groBen Drangsal hatten die Krankenpfleger eine Ein- 
richtung gemacht, sich im Namen der Sterbenden gegenseitig die Erb- 
schaften zuzuschreiben. (Ranchin.) 

Von Montpellier ging die Seuche weiter iiber das Languedoc und 
die untere Provence. Sie kam im Jahre 1630 nach Marseille, wo sich 
das alte Elend wiederholte. 

Bis dahin hatten sich die Hautes Alpes vor der Pest geschiitzt. Apt, 
dessen Anstrengungen wir erzahlt haben, blieb dauernd verschont. Anders 
war es in anderen Dorfem und Stadten. So wiitete das Ubel in Gap 
wahrend des Sommers 1630 heftig; die protestantischen Weltgeistlichen 
flohen, die Kapuzinermonche harrten opferwillig aus. Im Juli 1631 kam 
die Pest in das Dorf Trescleoux, das, von der Seuche und von Hungers- 



138 9. Periode. 

not zugleich bedrangt, in acht Monaten 140 Einwohner verlor; 15 Familien 
Btarben ganz aus. Eine hinzukominende Feuersbrunst machte die wenigen 
Ubriggebliebenen zu heimatlosen Bettlern. (Achaed). 

Der Universitatsprofessor Ranchin in Montpellier fiihrte zur Ver- 
nichtung des seminarium contagionis die Reinigung der Wohnungen, Ge- 
rate, Tiere und Menschen durch Waschungen, Raucherungen und Kalk- 
milch ein. 

1628 Die Seuche iB Siidfrankreicli war nur ein kleiner Teil der Pest- 
West- epiderais in jenen Jahren 1628 and 1629. Sie verheerte zar gleichen 

Zeit Nordfrankreich, besonders Paris und TJmgebung (De la Beossb), In 
Evreux in der Normandie UeC die hi. Maria einen Brief vom Himniel 
fallen und gab dadurch der Schwester Johanna die Kraft, Pestkranke 
zij heilen. So erzahlt der Moncb Binet. — Siidengland, hier London 
und Cambridge (Mead, Webster, Creightojj); Hamburg (Ebeling); die 
Stadte am Mittelrhein (de Claeb) und der Breisgau; Schaffhansen, Walch- 
wyl (HiiHLiMASN), Hall, Begensburg; Dresden; Prag; Konigsberg mit 
4113 Toten (Sahm); Niederiausitz (Baltzer). 

1629 1629 herrscht© sie weiter in der Schweiz, in Graubiinden (von Speecheb), 
Daimatienin gankt Gallen bis 1632 (Habdbggbr). Femer in Dalmatien, besonders 

in Spalatro. Die Bewohner von Zara sperrten sich ab, konnten aber das 
iJbel nicht femhalten; im Jahre 1630 brach es ein und totete in kurzer 
Zeit mehr als 1000 Biirger, wahrend in der Umgebung iiber 3000 starben, 
unter ihnen 142 Geistliche. In ihrer Bedrangnis gelobten die Zaratiner, 
fur die Gebeine des hi. Simeon eine neue Kirche zu errichten. Da horte 
die Pest rasch auf. Sie erfiillten ihr Geliibde im Jahre 1632. (Frael) 

Die Fest in Italien im Jahre 1630 and 1631. 
1880 Der Krieg zwischen Frankreich und Osterreich iiber die Erbfolge im 

Mailand Herzogtum Mantua gab die Gelegenheit zur Entwicklung der Pest in 
der Lombardei und weiterhin in einem groBen Teil Italien s. Zuerst 
zeigte sich das Ubel im Mailand ischen. Der Umfang, den es hier an- 
nahm, die Folgen, die es hatte, die Schilderung der Seuche, die uns der 
Stadtchronist und Domherr Eipamonti hinterlassen und die der Dicht«r 
Manzosi in seinen Roman / promessi sposi aufgenommen liat, haben der 
" ,ilander Pest vom Jahre 1630 eine traurige Beruhmtbeit gegeben. 

Die Stadt Mailand war im Jahre 1629 in einem elenden Zustande. 
3 Volkszahlung ergab 200000 Einwohner, wahrend friihere Schatzungen 
C 300000 Seelen lauteten. Wiederholte Kriege, die seit fiinfzehn Jahren 
^en und mit Mailand gefiihrt worden waren, und besonders der letzt« 
n 1628, liatten die Menschenzahl vermindert und zogleieh eine der 



Die indisclio Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 139 

schwersten Hungersnote vorbereitet, welche die Geschichte kennt. Die 
Armen wxtrden im Lazarett und im Bettlerhaus Stella untergebracht. In 
dem letzteren waren im Sommer 1629 3000 und mehr Hungrige in we- 
nigen Tagen gespeist worden. In den heiJJen Septembertagen brach ein 
grofies Sterben unter ihnen aus; einige glauben, durch Betrug der Kauf- 
leute, welche Sand unter das Brot gebacken hatten. Zuletzt, im No- 
vember, kam es zu einem grofien Aufstand der Armen. 

Inzwischen hatte sich im Oktober, sudlich von dem St, Gotthard, 
am Comersee, in der Valsassina, in Oolico, Lecco, Chiuso, sowie in den 
Venetianischen Alpen, in Belluno, die Pest gezeigt. Flandrische Truppen 
hatten sie mitgebracht (Tadini). Ein mailandischer Soldat namens Petrus 
Paulus Locatus, dessen Legion in den rhatischen Alpen bei Chiavenna 
in Garnison lag, war am 22. November 1629 auf Urlaub in die Stadt 
gekommen und hatte bei seiner Tante Elisabeth im Hause der Columna 
gewohnt. Dort erkrankte er am dritten Tage nach der Ankunft, wurde 
in das stadtische Krankenhaus gebracht und starb hier nach zwei Tagen. 
Man fand an der Leiche Bubonen, die sofort fiir Pestbubonen erklart 
wurden. Bis dahin waren ahnliche FaUe in der Stadt nicht vorgekommen. 
Sehr schnell starben dann alle, die im Hause des Columna wohnten, er 
selbst, sein Weib und seine Kinder, aUe an der Pest. Das Haus wurde 
geschlossen. Bis Ende Marz ereigneten sich hier und da in der Stadt 
nur vereinzelte Falle. Dann aber griff das Ubel unter der unheilvollen 
Konjunktion des Saturn und Jupiter rasch weiter von Haus zu Haus, 
von Quartier zu Quartier und allmahlich iiber die Grenzen der Stadt auf 
das Land, durch Beriihrung und Atem tibertragen. 

Die Krankheit auflerte sich in Beulen und schwarzen Flecken, welche 
von Krampfen, Raserei und tiefer Schlafsucht begleitet waren. Der Tod 
trat rasch am zweiten, dritten oder vierten Tage ein. Gleichwohl wurden 
die Arzte, die das Wort Pest zur Bezeichnung der Kjrankheit gebrauchten, 
verhohnt. Als das Sterben zunahm, fing man wenigstens an, von pest- 
artigem Fieber zu sprechen. 

Als die Seuche am hochsten wiitete, da baten die Stadthaupter im 
Namen des Volkes den Kardinal Federigo Borromeo, mit den Reliquien 
des hi. Carlo Borromeo einen Bittgang durch die Stadt machen zu diirfen. 
Nach vergeblichen Versuchen, von diesem Unternehmen abzuraten, willigte 
endlich der Kardinal ein. Die StraBen und Dacher wurden binnen drei 
Tagen auf das prachtigste geschmtickt, um den Leichnam des Heiligen, 
der im Jahre 1577 die Pest ausgetilgt hatte, wiirdig zu empfangen. 
Den Sarg mit Glasfenstern trugen die Domherren. Ihm folgten der 
Kardinal, der Klerus, der Magistrat, die Adeligen, das Volk zu Tausenden, 
die meisten mit nackten FiiBen. Das geschah am 3. Juni, dem Tage des 
hi. Barnabas. Der Himmel erhorte die Gebete nicht. Wie wenn die Pest 



140 9- Periode. 

bisher nur ein Vorspiel gefeiert hatte, so vermebrte sich jetzt die Zahl 
der Leichen; bald forderte sie taglicli 500, dann 1200 bis 1500, ja 
1800 Opfer. Das Elend wurde vermehrt durch die furclitbaren Aus- 
schreitungen der Monatti, der Leichen trager, die bald mit der Pest wett- 
eiferten, die Menschen in Schrecken zu versetzen und zu toten. Sie 
schleppten mit Gewalt alle, die sich nicht loskauften, in das Lazarett. 
Sie lieCen auf dem Wege zu den Gruben Leichen und eiterbesudelte 
Lumpen auf die Strafien fallen, um das Volk zu angstigen. Leichen 
und Sterbende warfen sie zugleich in die Totenkarren und feierten auf 
den Leichenhaufen scheuBliche Orgien. Junge Wiistlinge, die in Monatten- 
kleidem in die Hauser einbrachen, vermehrten den Schrecken, und als 
schliefilich audi die Polizeisoldaten zu Raub und Unzucht in die Hauser 
einbrachen, da wuCte das Volk in seiner Angst nicht mehr aus und ein. 
Es half nichts, daC der Magistrat an einem Tage drei der Polizisten 
hangen liefi. Das Unwesen ging weiter. 

Nun fand im Volk das Geriicht Glauben, die Pest werde auf Befehl 
des franzosischen oder englischen Konigs oder seiner Verwandten durch 
Versch-N^orer ausgesat und verstreut; man woUe Stadt und Land veroden, 
um die Eroberung zu ermoglichen. Man erinnerte sich der Pestsalber, 
die das Unheil in Palermo im Jahre 1624 angerichtet hatten. Dazu kam, 
daC im Jahre 1628 der Konig Philipp mit vaterlicher Fursorge einen 
Brief an den Senat und das Gesundheitsamt von Mailand geschickt hatte 
mit der Kunde, von seinem Hofe seien vier Franzosen geflohen, von denen 
man wisse, daC sie Madrid mit Pestsalben hatten anstecken wollen. Die 
Mailander sollten auf ihrer Hut vor den Fltichtigen sein. Kurz darauf 
kehrte in die Herberge zu den Dreikonigen in Mailand ein gewisser Gi- 
rolamo Bonincontro ein, in franzosischer Kleidung und mit gesittetem 
Benehmen. Weil damals der Truppendurchmarsch die Pestgefahr be- 
fiirchten lieC, so gab er zu verstehen, er habe gewisse speziiische Mittel, 
womit er vor fiinf Jahren in der schrecklichen Pest von Palermo grolJe 
Hilfe gebracht, und er zeigte lange Zeugnisse von Fiirsten, worin seine 
Tiichtigkeit als Arzt und Mathematiker gertihmt war. Dem Vorsitzenden 
der Gesundheitsbehorde, dem Senator Arconato, wurden diese Aufierungen 
hinterbracht. Ai'conato kombinierte den koniglichen Brief mit dem fran- 
zosischen Subjekt und schlofi, dieses miisse ein Untore sein, und lieB es 
sofort verhaften. Der Doktor Tadini und sein Geliilfe Visconti wurden 
beauftragt, die Habe des Franzosen zu untersuchen, und fanden darin 
Schriften iiber Astrologie und Chiromantie, ein Brevier und einige andere 
Biicher geist lichen und weltlichen Inhalts, ferner ein Kleid und einen 
Giirtel von der Tracht des hi. Franz von Paula und GefaCe mit Queck- 
silber und Pulvern. Diese wurden fiir Arzneien erkannt und ihr Be- 
sitzer als unschuldig entlassen. Es stellte sich heraus, daC er ein ab- 



Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 141 

triinniger Monch war, der sich fiir einige Zeit nach Genf gefliichtet hatte 
und jetzt auf dem Wege nach Rom war, um vom Papst Verzeihung zu 
erhalten. 

Bisher war die Geschichte von den Pestsalbern nur ein Geriicht ge- 
wesen, das Niemand recht ernst genommen hatte. Nachdem aber der 
Konig selbst vor den Ubeltatern gewamt hatte, ware es einer Majestats- 
beleidigung gleichgekommen, wenn man an ihrem Dasein weiter hatte 
zweifeln wollen. 

Das Geriicht nahm feste Gestalt an, als man eines Morgens, am 
22. April 1630, in der Friihe die Wande und Giebel und Tiiren der 
Hauser durch die ganze Stadt hier und da mit Flecken beschmutzt fand, 
als ob Jemand mit einem Schwamm uberallhin Eiter hingewischt hatte. 
Wo die Flecken erschienen, vermehrte sich die Pest, und schlieClich waren 
wenige Sterbende, die nicht die Uberzeugung hatten, die Pest sei ihnen 
durch boshafte Menschen angetan worden. Im Juli waren auch die 
Banke im Dom gesalbt. DaB man sie hinaustrug und verbrannte, iiber- 
zeugte die Menge von der Schandtat. Seitdem wagte es Niemand mehr, 
sich auf Kirchenbanke zu knien oder zu setzen. Die Furcht vor der 
heimtuckischen Verbreitung war bei Allen so groB, daB sie nicht nur das 
Holz und Eisen, sondern auch die Wege und StraBen und die Luft und 
die Hande der Menschen und das Korn auf dem Felde vergiftet glaubten. 
Wer mochte das angestiftet haben? Zahllose Vermutungen tauchten auf: 
Die Pestsalbung ist ein SpaB, den sich die Studenten von Pavia machen; 
sie ist eine Grille groB^r Herren, um sich die Langeweile zu vertreiben; 
der Graf Aresi, Don Carlo Bossi, der Sohn des Kastellans Padilla wollen 
das Volk erschrecken; es ist eine boshafte Rache des Gouverneurs Cor- 
dova, den man mit Kohlstriinken beworfen hatte; es ist ein Anschlag 
des Konigs von Frankreich; ein Streich Richelieus, der ist der Mann da- 
zu, da er an Gott nicht mehr glaubt als meine Schuhe, sagte spater ein 
Zeuge in dem SalberprozeB aus; es ist eine abgefeimte Grausamkeit 
Wallensteins. So gingen die Geriichte. 

Dann schien ein neues Geriicht als das glaubhaf teste: Der Teufel 
habe in eigener Person in mehrerern Hausern der Stadt sein Kontor auf- 
geschlagen; darin wiirden Pestsalben verbreitet und verteilt. Man nannte 
einen Mann, dann zeigte man auf ihn, und zuletzt brachte man ihn vor 
den Stadtrat, weil er folgendes gesehen habe: Auf dem Platz beim Dom 
war ein Herr in einem sechsspannigen Wagen mit weiBen Pferden und 
zahlreichem Gefolge angefahren, von fiirstlichem Aussehen, aber mit roter 
brennender Stirne, flammenden Augen, flatterndem Haar und drohender 
Oberlippe. Der habe ihm befohlen, in den Wagen zu steigen, und habe 
ihn auf allerlei Wegen und Umwegen zu einem Hause gefiihrt. Hier 
habe er ihm liebliche und schreckliche Dinge, wie sie Homer in den 



142 ^. Periode. 

Hohlen der Circe beschreibt, und groSe Pracht nnd Reichtiiiner gezeigt. 
Er habe ihin einen Anteil an den Geldkisten versprochen, wenn er den 
Finger erheben und die Knie beugen nnd auf die Worte des Fiirsten 
schworen wolle. Da er dies verweigerte, sei er plotzlich wieder dahin 
zniiickversetzt worden, von wo ihn der Fiirst entfiihrt hatte. 

Alle glaubten dem Erzahler, die Leute in Mailand, wie die Leate 
draufien; die deutschen Bnehhandler machten sogar ein Greschaft ans 
dem Himgespinst, indem sie ein Bild von der Geschichte weithin an 
die offentliche Xeugierde verkauften. 

RiPAMONTi hat selbst das Bild gesehen und auch Briefe des Kur- 
fiirsten von Mainz an den Kardinal von Mailand gelesen, worin jener um 
Nachricht iiber so wunderbare und unglaubliche Dinge bat. Die Ant- 
wort lautete, man habe in Mailand keine hollischen Wagen und keine 
Gespenster gesehen. 

Dafi nun mit der Schlechtigkeit der Menschen auch noch Damonen 
in der Pestbereitung wetteiferten, brachte das Volk zur Verzweiflung. 
Sogar die Haupter des Staates dachten nicht mehr an die Reinigung der 
Stadt und andere Abhilfe, sondem iiberlegten miteinander, wer von den 
auswartigen Fiirsten oder Konigen die hollische Macht konne zur Hilfe 
genommen haben. Dafi schliefilich iiberall auf Schritt und Tritt Leichen 
lagen und die Stadt ein groJles Grab schien, war nicht das Schlimmste. 
Schrecklicher war der HaJJ und das Mifitrauen der Burger untereinander. 
UberaU sah man vom Damon Bestochene, die die Pest aussaen soUten. 
Man wuflte, daC viele Pestsalber in dem Hospital waren, um die Schrecken 
des- Ortes zu vermehren. Man war liberzeugt, daiJ die Beamten, welche 
an der Porta nuova unter den Armen Brot verteilten, dieses zu'erst mit 
Pestsalbe bestrichen. Kein Nachbar traute seinem Nachbaren mehr; kein 
Freund dem Freunde; Gatten und Eltern und Kinder und Geschwister 
beargwohnten einander. 

Seit Ende April hauften sich die Salbungen von Tag zu Tag. All- 
nachtlich wurden viele StraBen beschmiert, und da es unbegreiflich schien, 
wie in einer Nacht f iir Hunderte und Tausende von Hausern durch Menschen- 
hand allein die Salbe bereitet werden konne, so muBte teuflische Hilfe 
im Spiele sein. Davon war selbst Alessandro Tadini, einer der ausge- 
zeichnetsten Pestarzte aller Zeiten, uberzeugt. 

Das Gesundheitsamt erlieC am 19. Mai einen Aufruf, worin es Jedem, 
der binnen dreiCig Tagen die schuldige Person oder die schuldigen Per- 
sonen zur Anzeige brachte, zweihundert Skudi versprach. Nun lieB der 
Unfug nach, und die Gemiiter fingen schon an, sich zu beruhigen, als 
am 22. Mai eine neue Aufregung entstand. Plotzlich, zur tjberraschung 
Aller, sah man Waff en und Feuer in der Stadt. Es war um die elfte 
Tagesstunde. Man brachte die Kunde zum Rathaus, wo noch einige 



Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 143 

Stadthaupter iiber notige Dinge beratend saUen. Die Herren eilten be- 
stiirzt zum Fenster. Durch das Geheul der Weiber horte man eine 
Stimme: Zu den Waff en! Feinde in der Stadt! Es brannte an der 
Porta tonsa im Hof des Herzogs. Das Volk daehte nicht wie zu ge- 
wohnlichen Zeiten an das Loschen, sondem sah staunend dem Brande 
zu. Die Stadtvater glaubten, die Franzosen seien eingebrochen und zogen 
bewaffnet zu den Toren. Sie lieflen diese sperren und standen nicht 
einen Tag und eine Nacht, sondern mehrere Tage und Nachte hinter- 
einander mit ihren Scharen unter Waffen, jeden Augenblick gewartig, 
die Franzosen konnten bei geschlossenen Toren plotzlich innerhalb der 
Mauern auftauchen. — Der ganze Larm war nichts Anderes gewesen 
als die Anstiftung einiger Bosewichter, die Brande gelegt batten, um in 
der Verwirrung ungestort st^hlen und rauben zu konnen. 

Aber nachdem das Gedrange und die Zusammenrottungen sich wieder 
verlaufen batten, gab es neue zaMreiche Pestfalle in der Stadt und viele 
Todesfalle. Man zweifelte nicht, dalJ an jenem unruhigen Tage Pest- 
salben eingeschwarzt und durch Franzosen oder Soldner der Franzosen 
verbreitet worden waren. 

In denselben Tagen meldeten ernste wahrheitsliebende Ordensmanner, 
die keinen Grund zum Liigen batten, dem Stadtrat, man babe drauBen 
in den Hausem und Villen, die sie zum Schutz ihrer Felder oder zur Er- 
holung unterhielten, Knauel und Tiiten und Klumpen gefunden, die mit 
einem bestrichenen und von Fliissigkeit triefenden Faden zusammen- 
gebunden waren. Landleute und Diener aus ihrer Begleitung, welche 
die Sachen angeriihrt batten, seien bald darauf leblos hingefallen. Auch 
seien den Schnittern bestrichene Ahren in den Korb gefaUen, und wer 
diese mit den Fingem beriihrt hatte, sei eines schnellen Todes gestorben. 

AulJer den Pestsalben bereiteten die verborgenen Ubeltater nach 
einigen Berichten auch Pestpulver, das sie in die Weihwasserkessel 
streuten, woraus das Volk in den Kirchen sich segnete, und auf den 
Boden, wo die Leute mit nackten FiiUen gingen. So sahen zwei Madchen 
des Antonio Vailino in der Kirche dei Servi, als sie sich besprengen 
wollten, auf dem Weihwasser ein Pulver. Sie starben nach vierzig 
Stunden. Zwei andere Weiber, die vom Gehen erhitzt und von Durst 
gequalt in der Kirche delle Grazie Weihwasser tranken, starben kurz 
darauf mit Pestbeulen. 

Als am 21. Juni wiederum eine Salbung auf der Vedra dei cittadini 
bemerkt wurde, da tauchte das Gerucht auf, dafi der Ritter und Kavallerie- 
kapitan Don Juan Gaetano de Padilla, der Solin des Festungskomman- 
danten, an den Salbungen Jbeteiligt sei. Er wurde f estgenommen ; mit 
ihm Giovanni Stefano Barnello und Carlo Vedano, die von dem Ritter 



144 ^' Periode. 

woUten Geld bekommen haben, damit sie Salben bereiteten und aus- 
strichen; ferner Francesco Grione und Giovanni Battista Sanguineto. 
Vom 22. Juni 1630 bis zum Dezember 1631 wahrten die Verhore der 
Verdachtigten. Am 27. Juii wurden zwei Manner, Gian Giacomo Mora 
und Guglielmo Piazza, als schuldig verurteilt und am 2. August hin- 
gerichtet. Jener, weil er mit der Fliissigkeit, die aus dem Munde von 
Pestleichen geflossen war, Pestsalbe zubereitet hatte, dieser, weil er die 
Salbe nach. der Aussage zweier Weiber an die Hauser der Vedra ge- 
strichen hatte. Sie wurden auf einen hohen Karren gesetzt und unter 
dem Zusammendrang des Volkes zur Vedra, dem Ort des Verbrechens, 
gefahren. Den ganzen Weg iiber, vom Justizgebaude bis zur Vedra, 
wurden sie mit Zangen gezwickt. Auf der Vedra schnitt man ihnen die 
rechte Hand ab. Auf dem Richtplatz brach man ihnen mit dem Rad 
die GHeder, einen Knochen nach dem anderen; dann hing man sie am 
Rad auf und lieiJ sie sechs Stunden lebend hangen. Endlich wurden sie 
erwlirgt und verbrannt, ihre Asche in den nachsten Bach geworfen. Das 
Haus des Mora wurde dem Boden gleichgemacht und an seiner Stelle 
die Colonna infame, die Schandsaule, errichtet, welche die Strafe des Ver- 
brechens verewigen soUte. Am Nachbarhaus, ihr zur Seite, wurde die 
folgende Inschrift in lateinischer Sprache angebracht: 

Auf diesem Platz stand einst die Barbierstube des Johannes Jacob 
Mora, der mit Wilhelm Platea, einem Beamten der offentlichen Gesund- 
heitspflege, und mit Anderen beim Herrschen der Pest sich verschwor, 
durch das Anschmieren todlicher Salben Viele in grausamen Tod zu 
stiirzen. Beide wurden als Feinde des Vat^rlandes verurteilt, sre sollten 
auf hohem Wagen mit gliihenden Zangen gezwickt, nach Abhauen der 
rechten Hand aufs Rad geflochten, hier sechs Stunden hangen gelassen, 
dann erdrosselt und zum Schlufl verbrannt werden. Und damit von 
solchen Verbrechern nichts iibrigbliebe, so befahl der Senat, es soUe ihr 
Besitz eingezogen und ihre Asche in den FluiJ geworfen werden. Zum 
ewigen Andenken an die Schandtat befahl er femer, die Werkstatte ihres 
Frevels dem Boden gleichzumachen und nie wieder aufzubauen und 
an ihrer Stelle eine Saule zu errichten, welche die Schandsaule heiUen 
sollte. AUe guten Burger, haltet euch feme von dem Platz, damit euch 
der ungliickliche Boden nicht besudelt. Am 1. August 1630. Der Vor- 
sitzende des offentlichen Gesundheitsrates Marc Anton Monti; der Vor- 
sitzende des hohen Rates Johann Baptist Trotto; der Vertreter der konig- 
lichen Justiz Johann Baptist Visconti. — 

Die Nachkommen erkannten, dafi die Saule fiir die Stadt und fiir 
die Richter eine Schande sei. Der Besitzer des Nachbarhauses hohlte 
heimlich die Saule an. Am 1. September 1778 fand man sie umgestiirzt 
an der Erde. Da eine alte Satzung verbot, Denkmaler der Schande 



Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 145 

wieder aufzurichten, wenn sie einmal zerstoii; waren, so wurden die 
Trummer weggeraumt. 

Funf Tage nach der Hinrichtung des Mora und Piazza, am 7. August, 
wurde im Namen Seiner katholischen Majestat Philipps des IV. ein Er- 
lafl herausgegeben mit weiteren grofien Geldversprechungen fiir die An- 
zeige von Pestsalbern und mit der Androhung der an Mora und Piazza 
voUzogenen Strafe fiir alle Verbrecher, ihre Mitschuldigen und ilire 
Hehler. 

Der Eriafi begann folgendermalJen: Im Namen Philipps des IV., 
Konigs von Spanien etc., Herzogs von Mailand etc. — Dieses ungluck- 
liche Jahrhundert hat Menschen, um nicht zu sagen Ungeheuer, hervor- 
gebracht, die aus den schauderhaftesten Teilen der Holle gekommen und 
so verbrecherisch und grausam sind, daU sie mit unmenschlichen und 
schandlichen Absichten in ihrer Wildheit alle Grenzen menschlicher Grau- 
samkeit iiberschreiten und sich erfrechen, eine Verschworung zum Tod 
und zum XJntergang des Volkes und der Stadt anzuzetteln, indem sie 
Pestgift zubereiten und es in die Hauser, auf die StraCen, auf die Platze, 
auf die Menschen selbst streuen und damit eine zahllose Menge von 
Biirgem und Familien ohne Unterschied des Alters, des Geschlechtes und 
des Standes toten, und nicht damit zufrieden, zeigen sie eine so groBe 
Verachtung gegen Gott, daU sie ruchloserweise sogar auf geweihte Per- 
sonen das Gift verbreiten, es in die Kloster frommer Ordensleute und 
heiliger unschuldiger Jungfrauen und in die Gotteshauser bringen, indem 
sie damit die heiUgen Bilder und die geweihten Altare besudeln, so daC 
gar kein Ort mehr vor ihrer Gottlosigkeit geschiitzt bleibt fiir die Armen, 
die zur eigenen oder zur offentlichen Sicherheit zu den heiUgen Mittlem 
oder zu Gott selbst fliichten. 

Der konigUche Aufruf hatte Erfolg. Bald konnten weitere Salber 
vor Gericht gestellt werden. 

Hier einige Einzelheiten aus den unter Eid abgegebenen Zeugen- 
aussagen, die in den Akten aufbewahrt sind: Dem Senator Caccia brachte 
sein Diener Ferletta eines Morgens feingekleidet und mit freundlichem 
Gesicht eine Blume von seltenem Aussehen und kostlichem Geruch. 
Caccia roch aus Hoflichkeit daran. Er bekam die Ansteckung und starb 
nach wenigen Stunden. 

Zu Valpedo im Gebiet von Tortona entdeckte man sieben Salber, 
die durch ihr eigenes Gestandnis iiberfiihrt und dann aufs Rad geflochten 
wurden. Um dieselbe Zeit fand man dort die Miihlsteine einer Miihle 
mit Salben beschmiert; als man Brotkrume damit bestrich und diese 
Hiihnem zu fresseii gab, starben sie sofort, und ihre Eingeweide fand 
man bei der Eroffnung ganz schwarz. Eine Fliege, die zufallig auf 
einem der Flecken gesessen hatte, flog einem Anwesenden in das Ohr 

sticker, Abhandlnngen I. Oeschichte der Pest. 10 



146 ^- JPeriode. 

und verursachte seinen Tod, ohne dafi dieser etwas mehr als den Stachel 
und Bifi des Tieres gefiihlt liatte. 

Antonio Croce und Saracco von Citadello beschworen, daB ihr kranker 
Nachbar, ein Zimmermann, in dunkler Naclit, wiewohl die Tiir geschlossen 
war, Schritte zu seiner Kammer kommen horte. Als er staunend und er- 
sehreckt den Kopf hob, naherten sie sich seinem Bette und es sprach: 
Stehe auf ; auf dem Stadtanger wartet ein Mann von groCem EinfluB auf 
dich; er will dir GefaUe geben, womit du die Hauser der Nachbarschaft 
salben sollst. Er verspricht dir Kraft und Gesundheit, wenn du ihm ge- 
horchest. Dann legte es fiinfundzwanzig Goldstiicke auf den Tisch, so 
daB der Kranke ihren Klang horte. Dabei fiihlte er sein Bett zittem, 
und es zog ihm die Decke weg. Er wagte nicht zu atmen. Als es aber 
weiter drangte, fragte er, wer jener Mann sei. Ottavio Sassi, antwortete 
die Stimme. Der Kranke sagte, er woUe mit der Sache nichts zu tun 
haben, und da horte die Stinm^e auf. Nur ein Wolf blieb unter dem 
Bett und winselte, und drei Katzen saBen am Bettrande, die schnitten 
Grimassen, bis der Tag erschien. 

Am 7. September wurden der Schleifer Girolamo Migliavacca, Fran- 
cesco Manzone und Caterina Rozzana als Pestsalber enthauptet. Der 
Mann, der die Blumen gesalbt hatte, Giovanni Battista Ferletta, war im 
Gefangnis gestorben und wurde in effigie verbrannt. AUe Verurteilten 
beschworen am Pranger ihre Unschuld; sie stiirben gerne fiir ihre Siin- 
den, aber sie seien schuldlos an den Pestsalbungen, an jeglichem Gift- 
mord und Zauber. 

Der pestkranke Gian Paolo Rigotto, der vom Pater Felix durch das 
Auflegen einer Reliquie zum Gestandnis gebracht worden war, daB er 
die Tischlerzunft gesalbt habe, wurde aus dem Lazarett geholt, fiir vier 
Stunden an einem FuBe in die Schwebe gehangt und dann vom Henker 
erschossen. Audi er widerrief, wie der Pater Felix selbst und ein Thea- 
tinermonch, die dem Gefolterten beistanden, versichem, bis zum Tode 
seine Beichte und schwur, er sterbe unschuldig. 

Femer wurden Giacinto Maganza, Gianandrea Barbiere, Gianbattista 
Bianchino, Martino Recalcato, Gaspare Migliavacca, der Sohn des Schlei- 
fers, und Pier Girolamo Bertone auf das Rad geflochten und erwiirgt. 

Bei dem Richtgang wurden die Kapuziner, einige von den Haschem 
und zwei von der Briiderschaft des St. Giovanni alle case rotte gesalbt. 
Nun hauften sich die Beschuldigungen und Verurteilungen. In Mailand 
und auBerhalb der Stadt richtete man zahlreiche Gefangnisse ein, um die 
Salber aufzunehmen. Mehr als 1500 Mitschuldige wurden entdeckt; viele 
davon wurden geradert; weit mehrere starben im Gefangnis vor dem 
Urteil. 

Der Senator Laguna erzahlt, er habe damals ein en Peststreicher ver- 



Die indisclie Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 147 

hort, der gestand, ein Freund habe ihm ein Gefafl mit Pestsalbe und 
drei Zecchinen gegeben und zugleich versprochen, er solle spater noch 
mehr Geld bekommen. Er habe dann die Salbe an seinen Hausgenossen 
und dann an seinen Nachbarn versueht und alle seien kurz darauf ge- 
storben. Als er dann seinen Freund wegen des Geldversprechens mahnen 
wollte, sei dieser nicht mehr zu finden gewesen. Er selbst habe nichts- 
destoweniger fortgefahren, die Leute zu salben, weil er ein gewisses Ver- 
gniigen dabei empfinde, wie die Jager, die zum SpalJe Vogel totschieCen, 
wenn ihnen kein waidgerechtes Wild in den SchuB kommt. 

Ahnlich driickte sich ein anderer Peststreicher aus. Das teuflische 
Werk war so schon, daU, wenn Finer sich einmal dazu verstanden hatte, 
er nachher so viel Geschmack und Liebe am Salben fand, daU es fur ihn 
kein menschliches Vergniigen mehr gab, was jenen gleichkame. 

Fine Frau beichtete im Lazarett, sie habe 4000 Menschen mit Pest 
gesalbt. 

Die Gebildeten glaubten nicht Alles, was von Pestsalben und Pest- 
salbern erzahlt wurde. Aber Finiges meinten sie nicht verwerfen zu 
diirfen. So auch der Kardinal Federigo. GewiB haben manche, schreibt 
er, nur deshalb behauptet, sie seien durch Pestsalben angesteckt worden, 
weil sie unvorsichtig genug waren, durch Beriihrung oder Anhauch die 
Pest zu fangen und nun ihre Unvorsichtigkeit bemanteln wollten. Aber 
es sind doch auch Dinge geschehen, die man nicht fiir erdichtet halten 
kann: Im Lazarett beichtete ein Pestsalber, er habe einen Vertrag mit 
dem Teufel und er zeigte den Ort an, wo er ein Flaschchen und GefaBe 
voU Gift verborgen hatte, und starb bald darauf, nachdem er versueht 
hatte, mit einem Messer sich den Hals abzuschneiden. — Fine Frau 
beichtete aus eigenem Antriebe ihre Schuld und gab als Mitschuldige 
ihre Tochter an, bei der man die GefaBe und alles zum Salben Frforder- 
liche fand. — Der Kardinal konne selbst Finen nennen, der in Priester- 
kleidung in die Kloster ging und salbte. 

Man wisse iiberdies, daB die Pest in Mailand nicht die erste sei, die 
durch Menschenbosheit erzeugt worden, und sodann sei die Sache keines- 
wegs unmoglich, wenn auch sehr schwer. Fs verwandelten ja auch die 
Alchemisten Metalle in angestrengter Arbeit. Bei den Salbern kame die 
Bosheit der Teufel hinzu, die jegliche Schandtat geme unterstiitzten. 

Alessandro Tadini ein bedeutender Gelehrter und erfahrener Arzt, 
der zuerst mit Riicksicht auf die Pestgefahr gegen das Finriicken der 
deutschen Truppen in das Mailandische geeifert, der zuerst die Pestfalle 
im Beginn der Fpidemie richtig erkannt hatte, der den Gesundheitsrat 
beim Anwachsen der Pest in Frankreich, Flandern und Deutschland und 
bei ihrem Vordringen durch Graubiinden aufgefordert hatte, sie fernzu- 
halten con ferro, fuoco, forca\ er, der den Gang der Seuche mit groBtem 

10* 



148 9. Periode. 

Eifer Schritt fiir Schritt verfolgt hatte und die Griinde ihres Wachs- 
tums deutlich in der Vemachlassigung der notigen VorsichtsmaCregeln, 
in der Anhaufung der Verhnngerten im Lazarett, in der Boshaftigkeit 
der Monatten erkannte, er war einer von denen, die am eifrigsten be- 
haupteten, die Pest wiirde darch die Schlechtigkeit der Salber ver- 
breitet. — 

Ende Mai, als der blinde Larm iiber das Geriiclit vom Einfall der 
Franzosen voriiber war und eine neue Steigening der Seuche sich zeigte, 
da erschien zu allem Ungliick ein Sterben unter dem Rindvieli und ver- 
breitete sich rasch in den Stallen und iiber das Land, um drei Jahre 
lang zu wiiten und den Landleuten mehr Sorge zu maclien als ihre 
eigene Gefahr. 

Von den Menschen starben zu Anfang des Juli in der Stadt taglich 
iiber 500, in der Mitte des Monates taglich 1200 bis 1500. Ende August 
nahm die Pest nach einem starken, anhaltenden Gewitterregen rasch ab 
und horte fast plotzlich auf. 

Im ganzen ws^ren in Mailand 140000 Leichen gezahlt worden; am 
Ende des Jahres fand man in der Stadt nur noch 64000 Lebende. — 
(RiPAMONTi, Tadini, Cantu, Cobbadi, Manzoni, Pbocesso degli untobi, 
Vebbi.) 
Turin Schon im Januar 1630 'war die Pest von Mailand nach Turin ge- 

kommen; als hier die ersten Zeichen der Verseuchung offenbar wurden, 
flohen die meisten Biirger aus der Stadt, so dafi nur 11000 Menschen 
darin zuriickblieben. Von diesen nahm die Seuche bis zum Juli 8000 
weg, und so waren in der grofien Stadt und ihren Spitalern nur noch 
3000 Menschen iibrig (Fiocchetto). 
Brescia Auch nach Brescia kam das Ubel zu Anfang des Jahres 1630. Zu- 

gleich oder bald hintereinander wurden die Stadte Mantua, Cremona, 
Lucca, Lodi, Pavia, Bergamo, Parma, Piacenza, Savona ergriffen. Cre- 
mona wurde im Lauf des Jahres fast vollstandig entvolkert. Parma 
und Piacenza wurden so verheert, daU nach dem Aufhoren des Sterbens 
der Herzog Farnese die Bauern der Nachbarschaft aufforderte, sich in 
den leeren Strafien anzusiedeln. 
Verona Wahrend in der Umgebung von Verona bereits zu Anfang des 

Jahres iiberall die Pest wiitete, war Verona selbst bis zum Marz 1630 
von der Ansteckung verschont geblieben, wenngleich es sich des Durch- 
zuges der kaiserlichen Truppen, die nach Mantua zogen, nicht erwehren 
konnte. Mitte Marz aber kam ein kranker Soldat aus Asola bei Brescia 
oder aus Pontevico in die Stadt und fand im Hause einer gewissen 
Lucrezia Isolana Unterkunft. Er starb hier nach fiinf Tagen. Der Arzt 
Adriano Grandi vom Veroneser Medizinalkollegium versicherte, die Todes- 
ursache sei nicht die Pest gewesen. Kurz darauf starben die Hauswirtin, 



Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ilire Folgen bis 1635. 149 

ihre Tochter und das Dienstmadchen, welche sich in die Kleider des 
Soldaten geteilt hatten. Es erkrankten 16 Weiber aus der Nachbarscliaft, 
welche die Kranken besucht und gepflegt hatten, alle in einem raschen 
Fieberanfall; nur fiinf von ihnen iiberwanden die Krankheit. Die Ge- 
sundheitsbehorde Hell die Leichen von Arzten und Chirurgen besichtigen, 
Man beriet und liberlegte und konnte sich nicht einigen, ob Pest vorlag 
oder nicht. Der Arzt Francesco Graziolo und der Chirurg Camillo Gior- 
dan! wiesen darauf hin, dalJ sie in der rechten Leiste der jungen Isolani 
eine blauliche Geschwulst gesehen hatten, und versicherten, die Krank- 
heit sei die Pest gewesen. Das Volk war iiber diese Aussage emport, 
verfolgte die beiden Arzte mit hohnischen Reden und Schriften und miB- 
handelte sie, wenn sie sich auf der Strafle sehen liefien. Aber als sich 
die Todesfalle weiterhauften, da verstummten endlich Zweifel und Hohn- 
reden. Der Gesundheitsrat fing an zu iiberlegen, was bei dem Ungliick 
zu tun sei. Er sah die Akten von 1575 durch, die wenig aussagten. 
So entschlolJ er sich, von der Erfahi*ung verlassen, vemunftgemafl zu 
handeln, sperrte die verseuchten Hauser, sonderte die Kranken ab und 
verbrannte den Hausrat. Nun verhehlten die Burger ihre Kranken. Als 
aber bald in jeder Familie Kranke waren, und die Ansteckung um sich 
griff, da fingen sie an, die Kranken zu fliehen. Kaum hatte hier und 
da Einer den Mut, Nahrung oder Arznei zu reichen. Die Geistlichen 
weigerten sich, die Toten zum Grabe zu geleiten. 

Venedig schickte den verzweifelten Veronesern als Gesundheitsrat 
den Ritter Alvise Valaresso. Dieser nahm in Verona Aufenthalt. 

Indessen hatten die kaiserlichen Truppen die Venetianer bei ViJla- 
bona geschlagen und Verona einen Teil der ersteren in seine Mauern 
aufnehmen miissen. Dazu kam, dafi die Bauern der Umgegend aus 
Furcht vor den deutschen Soldaten in Verona Zufliicht gesucht hatten, 
wodurch die Menschenzahl in den Mauern der Stadt bald auf mehr als 
80000 gewachsen war. Valaresso sorgte nun zuerst dafiir, dafi die Bauern 
auf das Land zuriickkehrten, damit nicht ihre Menge den Pestzunder 
vermehre. Dann liefi er die Arzte und Chirurgen zusammenrufen, um 
mit ihnen die Mattel zur Austilgung der Seuche zu besprechen. Diese 
wehrten sich dagegen, dafi in Verona die Pest herrsche. Das grofie 
Sterben hange mit einem Wurmleiden zusammen und mit bosartigem 
Fieber. Nur der Doktor Alessandro da Lisca, der Vorsitzende des arzt- 
lichen Vereins, wies eine solche Erklarung entschieden zuriick und be- 
zeichnete die verheerende Seuche fiir die wahre Pest. Als es sich nun 
weiter darum handelte, die geniigende Zahl von Arzten fiir das Lazarett 
und die Krankenpflege in der Stadt zusammenzubringen, da suchte 
ein jeder nach Entschuldigungen und Ausfliichten. Nur drei meldeten 
sich wider allgemeines Erwarten freiwilHg, Francesco Graziolo, Adriano 



1 50 ^- Periode. 

Grandi und Orazio G-raziani, um die Krankenbesuche in der Stadt un- 
entgeltlich zu machen. Fiir das Lazarett wurde der Arzt Ottavio Fran- 
chini und der Wundarzt Camillo Giordani mit einem entsprechenden 
Gehalt angestellt. 

In der Stadt wuclis die Hilflosigkeit mit der Zunahme der Todes- 
falle. Selbst den Reichen stand niemand bei. Wen das Ubel ergiiffen 
hatte, der blieb yerlassen und rief vergeblich nach einem Scliluck Wasser. 
So kam es, dafi ein groCer Andrang zum Lazarett entstand, wo, wie man 
horte, es niclit an Arznei und anderer Hilfe mangelte. Die Fuhrwerke, 
welche Kranke und Sterbende zum Lazarett brachten, wurden neue Ver- 
breiter der Ansteckung, da Verwandte und Angehorige sich um sie 
drangten. Das Lazarett wurde durch die Masse der Kranken und Leichen 
bald zu einem Ort des Schreckens. In der Stadt waren in kurzer Zeit 
aUe Backer gestorben. Die Hungersnot, die einbrach, ware rasch all- 
gemein geworden, wenn nicht die Monclie angefangen batten, aus offent- 
lichen Mitteln Brot zu backen. Die Arzte, die Wundarzte, die Toten- 
graber starben. Die Ambrakugeln und andere Ruchmittel, womit sie 
sich vor der Ansteckung hatten schiitzen wollen, erwiesen sich als un- 
niitz. In wenigen Tagen waren die freiwilligen Pestarate Graziolo, 
Grandi und Graziani dahingegangen. Manche Arzte hielten sich einge- 
schlossen. Andere beharrten unerschrocken und unversehrt in ilirem 
Beruf; so der Arzt und Kanonikus Leonardo Tedeschi. 

Als zwischen dem 10. und 18. Juni die tagliche Zalil der Leichen 
von 200 auf 300 und dariiber gestiegen war, da wurden offentliche Bitt- 
gebete, Fasten und Bufiiibungen verfiigt. Wiederum vermehrte sich das 
Sterben, und die Zahl der unbeerdigten Leichen nahm so zu, daU der 
Rat liberlegte, ob man sie verbrennen oder in den FluB werfen solle. 
Beim Mangel an Holz und Gehilfen entschloB man sich zu dem Letz- 
teren. Aber wiewohl bestandig die leichengefiillten Karren zum Ufer 
der Etsch hin und wieder fuhren, so muJlten nicht selten die Toten bis 
zum dritten und vierten Tage liegen bleiben, ehe man sie in den Flufi 
versenken konnte. Nun starben auch viele von den Adligen, vom Ge- 
folge des Ritters Valaresso, von den Stadtraten. Die Seuche ergriff 
die Kloster die sie bisher verschont hatte. Die Verwirrung stieg auf 
das Hochste. Bei dem Mangel an Arzten hatte man gegen hohen Ge- 
halt den Doktor Johann Hennisch aus Wien berufen. Dieser iiber- 
nahm in den ersten Tagen des Juli mit einem Chirurgen die Pflege der 
Kranken. Die Venetianer sandten weitere Chirurgen und Totengraber, 
die in den Stadtquartieren verteilt wurden. Die tagliche Todesziffer 
war anfangs Juli ungefahr 350. 

Am 3. Juli geriet das Pfandhaus in Brand. Wiederum stieg die 
Wut der Seuche. Am 22. Juli floh der Bischof Alberto Valerio von 



Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 151 

Verona nach Legnago. Er trug die Ansteckiing bereits in sich und starb 
auf der Reise in Lusia. 

Am 28. Juli lieJJ das Sterben in der Stadt rasch nach, wahrend es 
sich auf die Umgegend verbreitete. Vom 7. August ab starben in Verona 
noch 60 Menschen taglich; viele neu Erkrankte genasen. Neben der 
Pest erschienen andere Krankheiten, besonders Tertianfieber. Am 15. Au- 
gust war die Sterbeziffer 40, am 16. August 29, am 19. noch 22. Ende 
des Monats starben taglich 21. Jetzt schritt man zur Wiederherstellung 
und Reinigung der Stadt, zur Liiftung und Riiucherung der Kleider 
und Gerate. 

Im Lazarett lagen statt 5000 Kranke noch 1500. Vom 8. September 
ab starben durchschnittlich 20 am Tage; nur die Halfte davon an der 
Pest. Bald starben taglich nur noch 2 oder 3 Menschen, also weniger 
als in seuchenfreien Zeiten, und in den ersten Oktobertagen gab es 
gar keine Toten. 

Von 53533 Biirgem, welche Verona vor der Seuche gezahlt hatte, 
waren 32903 gestorben. Von den Leuten, die mit der Reinigung der 
Hauser und Gerate beauftragt wurde, starb keiner mehr. 

Aber allmahlich wurde hier und dort ein glimmender Pestfunke 
wieder angefacht. Im Mai 1631 gab es einen neuen Ausbruch und neue 
Verwirrung; aber er lieU bald wieder nach. (Pona, Frari.) 

Auf der Hohe des Sterbens in Verona hatten sowohl fliehende Ein- 
wohner wie auch die Leichen, welche in die Etsch geworfen wurden, 
die Anst^ckung weiter getragen. So kam sie nach Ala di Trento und 
nach Legnago. 

In Mantua wiitete die Seuche schon seit Anfang 1630 wahrend der Mantua 
Belagerung durch das osterreichische Heer. Die Mantuaner, welche diesen 
Feind mehr als die Pest fiirchteten, schickten, als die Einnahme der 
Stadt nur noch eine Frage der Zeit schien, den Graf en Alessandro 
Strigi nach Venedig, um Hilfstruppen zu holen. Das Gefolge Strigis 
verlor unterwegs mehrere Leute an der Pest; es brachte die Ansteckung 
in das Veroneser Kastell Sanguinetto, das bis dahin .unverseucht ge- 
blieben war. Der Graf selbst, der auf der Insel San Clemente, eine 
Meile vor Venedig, die Kontumaz einhalten mulJte, starb hier am 
14. Juli 1630 unter Blutspeien mit fiinf Karfunkeln und einem grofien 
Leistenbubo. Ebenso starb einer von den Quarantaneleuten, die ihn ge- 
pflegt hatten und noch mehrere seines Gefolges. Zwei Schreiner von 
S. Agnese, Vater und Sohn, die wahrend dieser Ereignisse im Dienst Venedig 
der Republik in der Kontumaz gearbeitet hatten, bestanden ihre Quaran- 
tane von sechs Wochen und kehrten dann gesund nach Hause zuriick. 
Hier gaben sie einer Frau einige Tiicher zum AVaschen. Die Frau er- 
krankte einige Tage spater und starb nach einer Woche. An ihrer 



1 52 ^- Periodc. 

Leiche fand man einen Leistenbubo und schwarze Hautflecken. Dann 
starb ihr kleiner Sohn mit einem Leistenbubo am sechsten Tage; femer 
erkrankte die ganze Familie des Schreiners; mehrere starben, andere ge- 
nasen. Bald herrschten in der ganzen Pfarre von S. Agnese die Leisten- 
bubonen und Karfunkeln und schwarze Flecke und Striemen, wahrend 
das iibrige Venedig noch frei war. Der Magistral liefl durch fiinf Arzte 
die Toten und Kranken untersuchen. Diase stellten fest, daU es sich 
um Pest handelte. Jetzt wurden die Kranken von den Gesunden ge- 
trennt und ein Lazarett auf der Insel S. Lazaro eingericlitet. Aber am 
25. August l)erief der groCe Senat sechsunddreiUig Arzte, um auch seiner- 
seits die Natur der Seuche feststellen zu lassen; auch soUten die Arzte 
iiber die notigen Heilmittel beratschlagen und alle Wurzehi des Ubels, 
die etwa in S. Agnese zuriickgeblieben sein mochten, ausrotten. Die 
sechsunddreiUig Arzte teilten sich alsbald in zwei feindliche Haufen, von 
denen der eine fiir, der andere wider die Pestnatur der Seuche mit aller 
Heftigkeit stritt. Viviano Viviani stellte sich an die Spitze der Pest- 
gegner und brachte den Senat, der das Ende des Streites abwaiiete, 
fast auf seine Seite; aber inzwischen zeigte sich das Ubel so unzwei- 
deutig und erstarkte so sehr, dafl sich der Streit von selbst zugunsten 
der anderen Seite entschied. Bald herrschte die Pest in ganz Venedig 
\md behauptete sich mit furchtbaren Verheerungen wahrend des Oktober, 
November und Dezember und bis zum Friihjahr des folgenden Jahres. 
Binnen elf Monaten verlor die Stadt Venedig 25280 Burger, Kaufleute 
und Handwerker, 1142 Priester und Monche, 217 AdUge und Patrizier, 
11456 schwangere Frauen, 29356 andere Weiber, 5034 junge Leute 
zwischen einundzwanzig und vierzehn Jahren, 21751 Kinder, im ganzen 
also 94236 Einwohner. 

Im Freistaat starb iiber eine halbe Million Menschen. Ende 1631 
wurde mit groJJer Feierlichkeit die Befreiung der Stadt von der Pest 
begangen und die Erbauung einer Kirche zu Ehren unserer hilfreichen 
Frau, Chiesa di nostra Sigriora della salute, gelobt. Der Bau dieser 
Kirche wurde 1632 begonnen. (Rota, Gbossi, Martinus, Frari.) 

Eine Pestmiinze ex voto wurde 1631 gepragt; zur Jahrhundertfeier 
im Jahre 1731 wiederholt (Pfeiffer und Rulaxd). 

Die Stiidte, welche vor dem Ausbruch der Pest in Venedig verseucht 

waren, sind bereits genannt. In der zweiten Halfte des Jahres 1630 ver- 

breitete sich das Ubel weiter iiber Piemont, die Lombardei, Venetien, 

Emilia, Emilia und Toskana. (Taurellus, Mariani's, Crucius.) In Modena zeigte 

oMcana ^^ ^j^^j^ j^ j^^jj ^^^ raffte bis zum November des folgenden Jahres 

12000 Menschen hin. 
Vioenzn Auch in Vicenza brach die Pest im Juli 1630 aus. Fliichtige Sol- 

daten aus Verona hatten sie eingeschleppt. Sie dauerte bis zum Ende 



Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 153 

des Jahres, um in der Stadt 11000, in den Dorfern des Gebietes 30000 
Menschen wegzuraffen. (Impebialis.) 

Von Vicenza kam die Ansteckung im September nacli dem von 
Hungersnot bedrangten Padua und wiitete bald furchtbar. Als die Padua 
Seuche im Juli des folgenden Jahres auf ihrer Hohe war, schickte die Re- 
publik den Ritter Alvise Valaresso, der sich schon in Verona so mutvoU 
und tiichtig erwiesen hatte, zui* Hilf e. Er kam am 20. Juli an und seliaff te 
iiberall Ordnung und Folge. Im Juli waren 3529 gestorben; im August 
starben nur noch 962, im September 226. Dann horte die Pest in Padua 
auf. Sie hatte 17000 Menschen getotet (Barbato). Wahrend der Seuche 
unter den Menschen starben auch die Katzen massenhaft (Muratori Go- 

SEBNO). 

Das Gebiet von Polesine, besonders Badia, wui'de um dieselbe Zeit 
verwiistet (Tibelli). Ebenso Friaul, femer wurde Treviso ergriffen (Bo- Friaul 
NALDi). Bologna litt so schwer wie Mailand und Venedig (Andbeas 
Taubellus). 

Die Stadt Faenza hielt den Fortschritt der Seuche von Bologna 
nach der Romagna auf; sie hatte den Flufi Lamone entlang Wachen 
aufgestellt, die von dem Geistlichen des Ortes beaufsichtigt wurden. 
Dieser erschien zu jeder Stunde des Tages und der Nacht, wenn er am 
wenigsten erwartet wurde, zu Pferde, um die Wachen in Aufmerksam- 
keit zu erhalten und bestrafte jede Lassigkeit mit Strenge. Faenza blieb 
ganz verschont. 

Auch Reggio hielt sich zwischen den verseuchten Stadten Modena 
und Parma lange gesund, bis es schlieBlich durch die Nachlassigkeit der 
Kordonwachter angesteckt wurde. 

Florenz, das seit 1527 die Pest nicht gesehen hatte, wurde im Juni Florenz 
1630 ergriffen. Die Krankheit schlich anfanglich so langsam umher, 
daC unter den Arzten der gewohnliche Streit entstand, ob wirklich eine 
Pestseuche beginne oder nicht. ' Im September brach die Seuche heftig 
aus und als sich im Oktober die Sterbefalle hauften, verstummte der 
inzwischen lebhaft gewordene Streit. Im November war das Elend auf 
der Hohe, zumal die Hungersnot, die bereits seit einera Jalire die An- 
strengungen der Behorden herausgefordert hatte, sich weiter steigerte. 
In dieser Not leuchteten die Tugenden des GroBheraogs von Toscana, 
Ferdinand II. Dieser sorgte unermiidlich fiir die Bediirfnisse der Kran- 
ken und der Armen, indem er selbst zu Pferde oder zu FuC iiberall 
hineilte, um die Bediirfnisse zu erforschen und zugleich die Ausfiihrung 
der Abwehrmafiregeln zu iiberwaclien. Im Januar fiihrte er eine all- 
gemeine Hausquarantane ein und trug aus seinem Schatz die Kosten, 
welche sich auf 160000 Skudi belief en. Im ganzen Winter lieC er mehr 
als 35000 Arme auf offentliche Kosten erniihren. Die umsichtige An- 



1 54 9- Periode. 

ordnung der Verteilung machte es moglich, dafl die Speisung jeden 
Morgen binnen zwei Stunden beendet werden konnte. 

Die Seuche wiitete hauptsachlich im Armenviertel und in- den Vor- 
stadten. Die Kloster der Monche blieben frei bis auf Santa Maria snl 
Prato; dagegen wurden die Briiderconvente alle ergriffen. Von den 
Adligen starben in achtzehn Monaten nur 25, nicht mehr als sonst an 
anderen Kranklieiten. Oleinreibungen wurden als Schutzmittel und als 
Heilmittel nicht ohne Erfolg, vde man meinte, angewendet. Im Beginn 
der Seuche versclilimmerte sich der Krankheitsverlauf und hauften sich 
die Ansteckungen beim Vollmond; alles besserte sich mit abnehmendem 
Mond. Das Umgekehrte trat ein gegen Ende der Seuche. 

RoNDiNELLi, der dies alles versicheii:, erzahlt auch, wie im Drange 
der Beerdigungen eine scheintote Frau in die Grube mit anderen Pest- 
leichen geworfen wurde, sich dort erholte und nach Hause ging; wie 
ihr Mann sie nicht erkennen wollte und wie sie dann zum Vater Ron- 
dinelli ging, der sie erkannte und dem Mann w^eder zufiihrte; wie er 
diesen dann iiberzeugte, daU sie kein Trugbild sei und ihn iiberredete, 
sie wieder aufzunehmen. Moeea bemerkt hierzu, der alt« Rondinelli 
habe dem zweifelnden Ehemann einen schlechten Grefallen erwiesen. 

(RONDEfELLI, RiGHI.) 

Livomo Von Florenz kam die Pest nach Livorno und noch in manche andere 

Stadt. 

Einen neuen Pestausbruch erlebte Florenz im Jahre 1633 (Rondi- 
nelli). Dieses war der letzte der grofien Seuche, die vom Ende des 
Jahres 1629 ab weit iiber eine Million Menschen in Oberitalien hingerafft 
hatte (CoBBADi). 

Damit war bis auf weiteres die Herrschaft der Pest in Italien voU- 
standig zu Ende. Sie trat noch einmal im Jahre 1656 verheerend in 
Neapel, in Rom, in Genua auf; sie erscheint 1685 auf der venetianischen 
Flotte und zeigt sich ein paarmal im Lazarett von Venedig, aber die 
iibrigen Stadte und Provinzen haben nicht mehr von ilir gelitten, und 
endemische Herde haben sich nirgend melir in Italien seitdem gebUdet. 
Insbesondere blieb fortan die so oft und so schwer heimgesuchte Stadt 
Venedig frei, wiewohl sie ilire Hafen verpesteten und verdachtigen Schif- 
fen zu alien Zeiten offen gehalten hat. 

Wahrend die Pest in Oberitalien ihre Verheerungen anrichtete, ruhte 
sie in den Landern nordlich von den Alpen, die sie ausgesandt hatten, 
nicht. Sie herrschte 
1630 1630 an vielen Orten der Schweiz selbst, besonders in Bern, Schaff- 

hausen, Basel; sie war in vielen Stadten Deutschlands, so in Gieflen, 
Koln, Danzig. Sie wiitete in Steiermark und herrschte fast allgemein 



Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 155 

in Holland, in Flandern und in England. In London, wo sich im Jahre 
1629 kein einziger Pestfall ereignet hatte, starben in diesem Jahre 1317 
Einwohner daran. — In Oberitalien Hungersnot, Pest unter den Menschen 
und Rindern; in Padua groBes Katzensterben. (Mueatori.) 

1631 war sie in der Niederlausitz um Guben; von vierzehn Dorfern 
wurden seclis befallen; es starb die Halfte und selbst zwei Drittel der 
Dorfleute (Baltzer). 

1632 Pest an vielen Orten Deutschlands; in der Bourgogne, in 
Amiens, Troyes (Boutiot), in Trescleoux (vergl. 1628). 

1633 Hungersnot und Pest in Wien, wo bis zu 600 Menschen 
wochentlich starben ; in Niirnberg stieg die Wochenzif f er gar auf 1 000. — 
Pest in Schlesien, besonders in Breslau, wo 13 231, die Halfte der Ein- 
wohner, fielen (Lebenswaldt). Auch in der Schweiz dauerte das Sterben 
an. Am 27. Oktober taten die Bewohner des Ammertales das Greliibde, 
einen alten Gebrauch zu erneuern und aller zehn Jahre die Passions- 
tragedi zu Ehren des bitteren Leidens und Sterbens Jesu Christi zu 
halten. Von diesem Tag ab, sagt die Urkunde, hat die Kontagion nicht 
nur allein merklich, sondern gar ganz abgenommen. — In Wackersburg 
an der Isar gelobte man, jedesmal am Tage des heiligen Sebastian bei 
Wasser und Brot zu fasten und iiberdies dem Heiligen zu Ehren eine 
Kapelle zu erbauen (Theodor Schmid). — In Freiburg im Breisgau blie- 
ben von 1500 Biirgern nur 500 am Leben, ungerechnet die Weiber, 
Dienstboten und Kinder (Hermann Mater). 

In Holland herrschte die contagieuse sieckte (Carelsz). 

1634 Bubonen in vielen Stadten Deutschlands; unter anderen in 
Bonn am Rhein (de Claer). In Amberg in der oberen Pfalz; im be- 
nachbarten Riedenberg brach die Pest jedesmal aus, wenn man die 
Nagel der Wande oder des Dachgebalkes herausrifi (Andraas). In Ulm, 
wo gegen 15000 starben, wurde die Verordnung erlassen, daC die Leute 
in der Kirche weit auseinandersitzen und daC die Verstorbenen in der 
Stille begraben werden soUten (Schnurrer). In Miinchen totete die Pest 
vom August bis Februar 1635 die Halfte der Einwohner, an 15000 
Menschen; die Kranken hatten Beulen und Petechien. Zum Schutz 
gegen die Ansteckung trugen die Arzte Masken und stellten zwischen 
sich und die Kranken ein brennendes Licht (Peinlich). Staubingen 
starb ganz aus (Spaan). — Osterreich wurde stark heimgesucht; be- 
sonders Wien (Wienerische Pestbeschreibung). In Marburg und 
Ehrenhausen erwarb sich der Pestarzt Bottinoni den HaC der Bevolke- 
rung. Das damalige Honorar der Arzte betrug nach der Polizeiverord- 
nung Ferdinands I. vom 15. September 1552 bei vermoglichen Personen 
20 Kreuzer, bei gemeinen Leuten und Dienem 10 Kreuzer. In Graz er- 
hielt aber im Jahre 1624 der landesf iirstlich salarierte Pestarzt Dr. Hannibal 



156 ^' Periode. 

aus dem Arar 300 Florin und von der Landschaft ebensoviel als Zu- 
lage. Dasselbe bekam Bottinoni. Er liefi sich indessen von seinen Pa- 
tienten fiir den arztliclien Rat, den er vom hohen Pferd herab in italieni- 
schem Kauderwalsch erteilte, ohne in die Wohnung des Kranken zu gehen, 
jedesmal 40 bis 50 Taler bezahlen. Das Volk in Marbnrg hatte ihn er- 
schlagen, wenn er nicht eilends geflohen ware. (Peinlich.) 

Von Osterreich kam die Pest nach Tirol bis Innsbruck, ging das 
Wipptal aufwai-ts in die Berge und erlosch scheinbar am Ende des 
Jahres, so daU im Februar des folgenden Jalires der Verkehr von Inns- 
bruck nach Bozen wieder freigegeben wurde. Im Juli aber fing ein 
neuer Ausbruch an, der das Wipperta,l und Oberinntal verseuchte, nach 
Bozen und Meran vordrang und zuletzt das Pustertal verheert^. Mit 
dem Jahre erlosch die Epidemic. (Ammann). 
1635 1635 Pest in Siiddeutschland. In Vaihingen hatte 1631 die Zahl 

ihrer Opfer 48 betragen, 1634 starben 265, in diesem Jahre 1802 Men- 
schen. Memmingen, das 1633 schon an 1200 Einwohner verloren hatte, 
zahlte 1635 gegen 1400 Leichen. — In Tubingen hatte man die Erfah- 
rung gemacht, dafl an einzelnen Hausern die Pest besonders stark haftet^; 
man schlofi dieselben mit ihren Einwohnern ab. Die Universitat verliefl 
die Stadt; es war dies ihr let^ter Auszug. Die Stadt verier 1485 Men- 
schen. In Stuttgart starben 5370, in Cannstatt 1500, in Calw 500. In 
ganz Wiirttemberg kam die Menschenzahl von 313002 Seelen, die zu 
Anfang des Jahres 1634 gezahlt worden waren, bis 1639 auf 61527 und 
bis 1641 auf 48000 herunter (Schnurrer). — In Ulm starben 15000; in 
Hanau in zwei Monaten 3000; anch in Frankfurt am Main wiiteten die 
Bubonen (Honing). In Giefien waren 1503 Begrabnisse, wahrend 1636 
nur 336 und im Jahre darauf 504 Leichen beerdigt wurden. Es fehlte 
in GieCen an arztlicher Hilfe. Weder in Mtinzenberg noch in Lich noch 
in Griinberg war ein neuer Pestbalbirer aufzubringen, nachdem der von 
Staden entwichen war; und als endlich einer aus GroCenlinden kam, da 
feierte man das Ereignis mit einem Auf wand von 3 florin 18 albus ohne 
den Wein (Ebel). — Im Spessart wurden viele Dorfer ergriffen; Neckar- 
steinbach verier 98, Daisberg 34, Grein 10 Einwohner. — Am Nieder- 
rhein, in Belgien und Holland wiitete die Pest vom Jahre 1635 bis 37. 
Sie ist durch das Buch Diemerbroecks und die Schrift van Helmonts 
berxihmt geworden. 
Diemer- Das Jahr 1635, berichtet Diemerbroeck, war fiir die Rheinlande und 

broeks Jjiederlande ein hochst ungesundes. Es begann mit einem warmen wenig 
Xym- feuchten Friihjahr, worauf ein trockener und heifier Sommer und Herbst 
wegeii fQigi^e lYa Herbst zeigten sich allenthalben die bosartigst-en Krank- 
heiten, Pocken, Maseru, Durchfalle und todliche Ruhren und Fleckfieber. 
Zu alledem kam in ganz Xorddeutschland und Holland schlieClich die 



Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 157 



Pest. Sie wiitete besonders in Geldern. In Nymwegen begann sie im 
November nach der Besetzung der Stadt durch die Franzosen und Hol- 
lander und breitete sich wahrend des wenig feuchten und wenig kalten 
Winters langsam aus. Ini Marz des nachsten Jahres, 1636, nahm sie 
mit Heftigkeit zu und dauerte dann mit grofler Wut bis Ende Oktober, 
wo sie endlich nachUefi, nachdem sie kein einziges Haus in Nymwegen 
unberiihrt gelassen hatte. Im Dezember gab es weit weniger Kranke 
und seltenere Sterbefalle. Zu Anfang des Marz 1637 forderte sie in 
Nymwegen die letzten Opfer. Aber in anderen Orten, so in Utrecht 
und Montfort dauerte das Sterben an, so daJi kaum die Halfte der Ein- 
wohner iibrigblieb. Die Pest ergriff nur die Menschen, verschonte aber 
unter diesen kein Geschlecht und kein Alter; die Greise wurden etwas 
seltener befallen. Sie trat in alien Formen, mit Bubonen, Karfunkeln, 
Seitenstechen, Husten und Blutspeien auf. Bei Vielen fehlten die ge- 
nannten Zeichen. Manehe starben am ersten Tage; Manche am dritten 
oder vierten; Mehrere erst am fiinften oder sechsten Tag. Wer den 
siebenten Tag iiberlebte, hatte Hoffnung zu genesen; indessen starben 
Einzelne noch, nachdem sich die Krankheit durch drei oder vier Wochen 
hingezogen hatte. 

AuJJer anderen merkwiirdigen Naturerscheinungen , wie Stern- 
schnuppenfallen, langandauernden Siidwinden, der Lust der Kinder am 
Begrabnisspielen und dergleichen beobachtete Diemerbroeck als Vorboten 
und Begleiterscheinungen der Pest das Ausbleiben der gewohnten Vogel- 
scharen, eine unglaubliche und nie gesehene Vermehrung der Insekten, 
der Miicken, Schmetterlinge, Laufkafer, Wespen, Heuschrecken und be- 
sonders der Fliegen, die in den beiden Jahren so liberhand nahmen, daU 
sie die Wande der Stuben schwarz bedeckten und den Hinmiel drauBen 
stellenweise verfinsterten; endlich das Sterben der Stubenvogel in den 
Kafigen zwei oder drei Tage vor dem Ausbruch der Pest in den Hausern. 

In Haarlem starben vom August bis November 5723 Leute, in 
Amsterdam 17193. Uber das Sterben in Leyden haben wir eine ge- 
nauere Ubersicht nach Wocheu: 



1635 
14. Juli 
21, „ 
28. „ 
4. August 

11- . 

18. 
25. 



8. September 610 



n 



n 



96 
112 

148 
177 
244 
282 
371 



n 



n 



15. 
22. 
29. , 
6. Oktober 
13. 
20. 
27. 



?i 



n 



n 



701 
902 
1123 
1278 
1433 
1452 
1092 



10. November 752 

17. „ 612 

24. „ 481 

1. Dezember 304 



8. 
15. 
22. 
29. 



71 



n 



r\ 



n 



1. September 490 2. November 1026 

(De slaende liant Gods), 



180 
168 
140 
107 
14381 Tote 



158 



9. Periode. 



Je schneller die Bubonen anftraten, desto giinstiger war der Krank- 
heitsverlauf ; zahlreiche Brandflecke und Brandbeulen gaben eine bessere 
Prognose als vereinzelte (Flobentits). 

In Leyden wurden im folgenden Jahre mehrere alte Pestschriften 
neu aufgelegt; darunter die des Theologen Beza aus dem Jahre 1579. 
Florentius lieB das Manuskript seines Lehrers Pieter Paaw (1504 — 1617) 
drucken nnd versah es mit Anmerkungen. 
1636 1636 Pestausbrucli in Amiens (Dubois). Nach Troyes, das erst in 

den Jaliren 1631 und 32 eine Epidemie erlitten hatte, kam sie trotz der 
scharfen Abwehrmaflregeln, welche die Stadt in langen Erfahrungen iibte; 
sie dauerte hier bis 1639; seitdem ist Troyes von der Pest verschont ge- 
London blieben (Boutiot). — In London, wo die Pest im Jahre 1629 voUig er- 
loschen, dann 1630 wieder aufgetreten war, nm nach drei Jahren aufs neue 
zu erloschen, fafite sie jetzt fiir mehr als drei Jahrzehnte festen FuB. 
Wir geben hier die Fortsetzung der Ubersieht, die unter dem Jahre 1603 
angefangen wurde. 

Pesttodesfalle in London wahrend der Jahre 1629 bis 1664 
(Latham und Cbbighton*): 



1629. . . 





1630. . . 


1317 


1631 . . . 


274 


1632 . . . 


8 


1633 . . . 





1634 . . 


1 


1635 . . 





1636 . . 


.10400 


1637 . . , 


. 3082 


1638 . . . 


. 363 


1639. . 


314 


1640 . . 


. 1450 



1641 . . . 


. 1375 (3067*) 


1642. . 


1274 (1824*) 


1643 . . 


. 996 


1644 . . . 


. 1492 


1645 . . 


. 1871 


1646 . . 


2365 (2486*) 


1647 . 


. 3597 


1648 . . 


. 611 


1649 . . 


67 


1650 . . 


. 15 


1651 . . 


. 23 


1652 . . 


16 



1653 . 


. . 6 


1654. 


. 16 


1655 . 


. . 9 


1656 . 


. . 6 


1657 . 


. 4 


1658 . . 


. 14 


1659 . 


. 36 


1660 . 


. . 18 (4*) 


1661 . 


.20 


1662. . 


. 12 


1663. 


. . 9 


1664. 


. . 



Der Verlauf der Epidemie im Jahre 1636 ergibt sich aus der 
folgenden Tabelle. 

Es starben in London in der Woche, welche endigt mit dem 



insgesamt an Pest 



insgesamt an Pest 



3. Marz 


198 





5. Mai 


206 


4 


10. „ 


194 





12. „ 


254 


41 


17. „ 


187 





19. „ 


244 


22 


24. „ 


177 





26. „ 


263 


38 


31. „ 


196 





2. Juni 


276 


51 


7. April 


199 


2 


9- . 


275 


64 


14. „ 


205 


4 


16. „ 


325 


86 


21. ., 


205 


7 


23. „ 


257 


65 


28. . 


210 


4 


30. ., 


273 


82 



Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 159 



in 
7. JuU 
14. „ 


isgesuimt 
265 
298 


an Pest 
64 
86 


29. 
6. 


insgesamt 
September 1211 
Oktober 1195 


an Pest 
796 
790 




21. „ 


350 


108 


13. 


„ 1117 


682 




28. Jnli 


365 


136 


20. 


„ 855 


476 




3. August 
11- . 


394 
465 


181 
244 


27. 
3. 


„ 779 
November 1156 


404 
755 




18. „ 


546 


284 


10. 


^ 966 


635 




25. „ 


690 


380 


17. 


827 


512 




I.September 835 
8. „ 921 


536 

567 


24. 
1. 


r, 747 
Dezember 550 


408 
290 




15. „ 


1106 


728 


8. 


„ 385 


143 




22. „ 


1018 


645 


15. 


324 


79 




(liATHAM.) 














In Rotterdam schwere Pest, 

..; -\r J. KTOQ "c: ~i /a 


Amsterdam verier 17193, 


Haarlem in 

j:_ ti J. 


HoUand, 
Nord- 



in Hannover, Giistrow, wo 8000 starben, Neubrandenbnrg, wo 20000 land 
starben (Lebenswaldt); in Genf, wo eine Verschworung von vierag Per- 
sonen, die ersterbende Pest durch Salben wieder anzufachen, entdeckt 
wurde, danerte die Seuche bis 1640 (Maetin del Rio, Gautieb, Mallet). 
— In Prag starben 30000 Menschen. 

Im Marz erwachte die zu Ende des Jahres 1635 kaum erloschene Tirol 
Seuche wieder in Tirol. Zuerst zeigte sie sich in Bozen, dann im 
Fiirstentum Brixen. Ausf iihrliche Nachrichten liegen vor iiber ihr Wiiten 
im Dorf Neustift bei Brixen. Nachdem hier die ersten verdachtigen 
Falle vorgekommen waren, speiTte der Statthalter die verseuchten Hauser, 
lieU die Gesunden von den Kranken absondern, die Kranken verwahren 
und bewachen, alle umherstreichenden Soldaten und das herrenlose Ge- 
sinde abschaffen oder im Kloster festhalten und die Verdachtigen, die 
eingelassen werden woUten, abweisen. Er verfiigte die Anzeige aller 
Kranken und die Angabe der kontagiosischen Zeichen, die tagliche Haus- 
musterung und Berichterstattung durch den Ortspfleger nach Brixen, 
strenge Quarantane der verdachtigen Gesundheitsrate und Geistlichen, 
Einsperrung der Schweine, Ganse und Enten, spater auch der Hunde. 
Als die leidige Kontagionssucht zunahm, wurden die verseuchten 
Orte gesperrt, Lazarettstatten eingerichtet, jede Verheimlichung von 
Kranken und Toten sowie der Bruch der Haussperre mit strenger Be- 
strafung und bei wiederholtem Ungehorsam mit dem Tode bedroht. Die 
Leichen wnirden zur Nachtzeit ohne Geleite beerdigt und mit unge- 
loschtem Kalk iiberschuttet, Betten und Kleider der Verstorbenen ver- 
brannt. 

Vom 2. Marz bis 10. September starben 141 von 300 Einwohnern; 



160 ^' Periode. Die indische Pest der Jahre 1611 bis 1624 und ihre Folgen bis 1635. 

10 oder 12 starben natiirlich, an gewohnlichen Krankheiten, einige 
tubitierlich, indem es ungewifi blieb, ob sie der Pest oder anderen 
Krankheiten erlagen, 120 aber mit den Zaichen der Sucht. Von diesen 
waren ein Drittel Kinder; Manner und Weiber waren in gleicher Zahl 
gestorben. — In der zweiten Halfte des Juli nahm die Seuche rasch ab: 
alsbald wurde mit der Sauberung des Dorfes nach genauer Vorschrift 
durch besondere Leute begonnen; die Hauser wurden ausgerau chert, die 
Boden gespiilt, die Wande abgerieben und geweifit, das Geratc der ver- 
pesteten Wohnungen verbrannt. „Nicht eben angenehm beriihrt das 
Verhalten so mancher obrigkeitlichen Personlichkeiten, die, sowie sie es 
eben vermochten, geme den Despoten spielen wollten. Die Neigung 
zum Absolutismus, wie er sich im folgenden Jahrhunderte ausbildete, 
tritt nur zu oft und vielfach in ganz ungerechtfertigter Weise zutage. 
Klagen werden lieber angenommen und geglaubt als Verteidigung^; 
Befehle erlassen, deren Tragweite sich nicht leicht ermessen laflt, von 
den Untergebenen aber Gehorsam verlangt, auch wenn die Befehle zweier 
Behorden sich schnurstracks widersprechen.'^ (Ammann.) 

Pest in Salzburg. In Malaga (de Viana). 

1637. In Konstantinopel starben an manchen Tagen bis zu 1500 an 
der Pest. In Prag starben 20000 Christen und 10000 Juden (De slaende 
hant Gods). 

Beulenpest in Oldenburg (RCthning). 

1638 in Livland (Lebenswaldt). 

1639 bis 40 in Danzig. In Tours (Gibaured). 

1640 Ausbruch in Amiens (Dubois). 



10. Periode. Levantinische Pestztige vom Jahre 1636 bis 1663. IQl 



10. Periode. 

Levantinische Pestzflge vom Jahre 1636 Ms 1663. 

Im Jahre 1636 steigerte" sich die in Konstantinopel endemisch 
wahrende Pest zu einer solchen Wut^ daiJ sie an manchen Tagen bis zu 
1500 Opfer fqrderte. Die Ausbriiclie wiederholten sich nun alljahrlich, 
ohne sich zunac^st weiter auszudelinen. Erst vom Jahre 1640 ab werden 
die Hafen nnd Lander des Mittelmeeres von ihnen heimgesucht. 

1640 wiitete eine Epidemie in Marseille und weiter in der Provence 1640 
(Maubizio da Tolonb). Das Ubel kam nach Nimes, wo es vom Februar 

bis Oktober in einer mUden Form auftrat, die man den Tac nannte 
(Laval). — 

1641 in Unteragypten zu Neguille. 

1643 groCe Pest in Agypten bis Kairo; 230 Dorfer wurden herren- 
los (voN Hammer). Ausbruch in den franzosischen Alpen, besonders in 
Grenoble (Chavant). 

1644 in Saida in Syrien, in Wien (Maxaoetta, de Sobbait). 

1645 weite Verbreitung der Seuche in Osterreich und Steiermark. 1646 
Verzeichnis der infizierten Orte bei Senfeldeb. Wiener Pestreglement: 
Constiiutio edictalis Ferdinandi III. 

1647 in Konstantinopel bis ins nachste Jahr. In Algier. In Dal- 
matien; Steiermark; Cilli verier 706, Graz gegen 300 Menschen; Karnten, 
Krain (Pbinlich). — In Genua (Rossi, Paliani). — In der Provence. — 
Nach Spanien wurde trotz strenger AbwehrmaUregeln die Pest aus Algier 
durch Leder eingeschleppt. Sie begann in Valencia ; zuerst war sie unter 
den Schuhmachern, dann unter ihren Kunden, dann in der ganzen Stadt. 
Sie wanderte im folgenden Jahre westwarts weiter, uber Orihuela, Ali- 
cante, Cartagena, Sevilla, Cadiz. In Cadiz und Umgegend tdtete sie 
gegen 20000 Menschen. Sie ergriff weiterhin Malaga, Cordova, Tortosa, 
Barcelona, Girona und Catalonien. Pest, Hunger und Krieg brachten 
in ganz Spanien iiber 200000 Menschen um. In Valencia erlosch das 
Ubel erst im Jahre 1650 nach einem Verlust von 30000 Einwohnern 
(Gastaldi, Villalba). — Ausbriiche in Holland (Brugge Ordonnantien). 

S t i e k e r , Abhandlongen I. Geschichte der Pest. 1 1 



162 10. Periode. 

1649 kam die Pest von Spanien aus durch Schiffe nach Sardinien, 
wo sie fiinf Jalire wiitete (Petbus a Castko). Auch' soil die spanische 
Flotte sie nach Westindien gebracht haben (Gtastaldi). — Sie kam nach 
Marseille, Aries, Aix und weiter iiber die Provence (Maitbizio da Tolone). 
— Sie herrschte in Dalmatien, besonders in Zara; hier brach sie am 
6. Juni aus nnd endete erst im Februar des folgenden Jahres. Man 
verbrannte und riB viele verseuchte Hauser nieder. Femer wurde Sebe- 
nico, am 8. Juni, befallen; die Sterbeliste enthielt etwa 6000 Burger und 
800 Soldaten. AuCerdem starben viele Ungezahlte in Stadt und Feld. 
Wahrend der Epidemie geschahen groCe Diebstahle in den Hausem; die 
Polizeisoldaten erbrachen das Leihhaus und die Stadtkasse und raubten 
gegen zwei Millionen Dukaten. Im Januar 1650 erlosch die Seuche. Die 
Stadt hat sich nie wieder erholt. (Fkahi.) 

1651 1651 Bubonenpest in Barcelona, an vielen Orten von Westfrankreich 

und Haute-Auvergne (Boitdet de Gband), Holstein, Danemark, Schweden, 
Polen (Lebenswaldt). 

1652 groiJer Ausbruch in Saragossa; hier starben 7000, darunter 
8 Arzte; von 300 Pflegern in der Morberia entgingen keine 10 der An- 
steckung. — In Krakau starben 17000 Christen, 20000 Juden (Lebbns- 
waldt). 

1653 Pest in Kairo und Rosette (Kanold). Osterreich (Senfeldeb, 
Sobbait). Danzig verlor 11116 Einwohner; Konigsberg wurde schwer 
heimgesucht. 

1654 Pest in Agypten und in der Tiirkei. In Holland, besonders 
in, Leiden und Amsterdam. In Kopenhagen (De slaende hant Gods). In 
Rufiland verbreitete sich die jasiva (Beulenseuche) von Moskau aus. 
WestruCland blieb frei. Stellenweise starben 85 ®/^ der Bevolkerung. In 
RuCland wurde der Menschenverlust aktenmaCig mit 23250 gegen 12355 
Uberlebende angegeben. Dorbeck halt die Zahl fiir viel zu gering und 
schatzt den Verlust fur Moskau auf 200000, fiir Rufiland auf viele 100000. 
Einrichtung von Quarantanen in RuCland (Dobbeck). 

Hollandische Schiffe, die von Riga mit Getreide, Hanf und Lein in 
See gegangen und vor englischen Kjreuzern nach Kopenhagen gefluchtet 
waren, brachten sie nach Danemark; iiberall wo die Matrosen oder ihre 
Ladung oder ihre Kleider hinkamen, brach das Ubel aus. Die Krank- 
heit begann mit heftigem Fieber, worauf Kopfschmerz und Lendenweh 
sich einstellten; dann erschienen Bubonen und andere Ausschlage. Die 
Ergriffenon starben am dritten Tage. Hoffnung auf Genesung zeigte 
sich nur dann, wenn die Bubonen vereiterten. Viele gingen vor dem 
Tod in ihren Sarg: andere gerieten in Raserei, stiirzten sich ins Meer 
oder gaben sich auf andere Weise, mit Messer oder Strick, den Tod. Die 



Levantinische Pestzlige vom Jahre 1636 bis 1663. 



163 



Zahl der Leichen betrug 9000, darunter viele Kinder, mehr Frauen als 
Manner, wenige Greise. (Babtholinus.) '^ 

1655 zeigte sich die Pest uberall in der Levante sowie an alien 
Kiisten Europas, in Malta, Sizilien, an der Nordsee und Ostsee. In den 
Niederlanden verier Leiden 13088 Einwohner, Amsterdam 13287, Utrecht 
1724 (Bonbt). Deventer und Leeuwaerden litten schwer. 

XJber den Gang der Seuche in Amsterdam und Leiden geben die 
folgenden Wocbenzahien fiir die Sterbefalle Aufschlufi: 

Amsterdam Leiden 



1655 3. Juli 


97 


103 


10. „ 


136 


172 


17. „ 


145 


240 


24. „ 


221 


284 


31. „ 


336 


401 


7. AugTist 


363 


549 


14. „ 


455 


642 


21. „ 


460 


723 


28. „ 


613 


724 


4. September 758 


902 


11. 


745 


809 


18. - „ 


723 


714 


25. 


896 


829 


2, Oktober 


798 


611 


■(Db ht.akndt? hant 


Gods.) 




Pest in Chester (Wbbstbb). 





Amsterdam 


Leiden 


9. 


Oktober 


748 


696 


16. 


V 


807 


484 


23. 


» 


704 


430 


30. 


T! 


685 


350 


6. 


November 


635 


301 


13. 


n 


538 


328 


20. 


n 


617 


237 


27. 


r 


540 


10529 


4. 


Dezember 


424 




11. 


n 


378 




18. 


n 


307 




25. 


n 


170 





13287 



1655 



Pest in Italien wahrend der Jahre 1656 und 1657. 

Italien iiberstand die letzte grofie Pestepidemie. Sie begann an der Epidemie 
Kiiste von Apulien in Barletta, wo 6000 Menschen fielen: dann kam sie ^P;. J^^l®i^ 

V, 1656 — 07 

nach Bari, das ganzlich entvolkert wurde und verodete. Von Trani zog 

^ie weiter ins Land nach Andria, wo 10000 starben, nach Corati, Ruvo, Apulien 

Modugno; an dem letztgenannten Orte erkrankten vom 29. September 

bis Ende des Jahres nur 173 und starben 131 (Vitangelo Maffei). Auch 

JSizilien und Sardinien empfingen das Ubel. Verheerender trat es in Sizilien, 

Campanien auf. Das Stadtchen Minori am Golf von Salerno starb fast 

ganz aus, das benachbarte Scala wurde menschenleer (De slaende hant 

OoDs). Nach Neapel kam die Ansteckung durch Schiffer und Soldaten 

entweder aus Sizihen (Petbus a Castko) oder aiis Sardinien (Gastaldi, 

Nabdtxcci). 

Die Biirgerschaft Neapels, schon mehr als ein Jahr lang von Hungers- Neapel 

not und Erdbeben bedrangt, lebte in bestandiger Furcht vor Pliinderungen 

11* 



Cam- 
panien 



164 1^- Periode. 

durch Banditen nnd vor den Einfallen tiirkischer Piraten, als die Kunde 
kam, daU in Sardinien die Pest herrsche. Es waren bereits friiher vom 
Vizekonig, dem Grafen di Castrillo, strenge Verbote des Handelsverkehrs 
erlassen worden, nm die Einschleppung der Seuche zu verhiiten. Ein 
Schiff mit Soldaten, welches von Sardinien kam, landete in der ersten 
Marzwoche im Hafen von Neapel wider das Verbot, sei es aus Nach- 
lassigkeit der Hafenwachter oder weil statt des sardinischen Patentes 
ein genuesiscbes vorgelegt worden war, oder weil der Vizekonig selbst 
den Soldaten einen FreipaB gegeben hatte. Kurz nach der Landung 
erkrankte einer der Soldaten, wurde in das Spedale dell' Annunziata ge- 
bracht nnd starb am dritten Tage. An der Leiche erschienen blaue 
Flecken. Ihm folgte einer der Hospitaldiener, der einen Schwindelanfall 
bekam und nach 24 Stunden starb. Dann starb die Mutter des Dieners 
nnd nach wenigen weiteren Tagen zeigte sich die Ansteckung iiberall in 
den unteren Stadtteilen, wohin die Soldaten gekommen waren, besonders 
im Lavinaro, im Mercato, an der Porta alia Calce und in den Armieri. 
Die Arzte sprachen von bosartigem Fieber, das durch die schlechten 
Speisen in der Fastenzeit, besonders durch gesalzene Fische (baccala, 
merluzzo, Kabeljau) hervorgerufen sei, andere von Schlagflufi und anderen 
Ubeln. Einer sagte sofort, es handele sich um die Pest. Der Vizekonig 
warf ihn in den Kerker, und als er hier erkrankte, liefi er ihn aus be- 
sonderer Gnade nach Hause gehen und dort sterben. Nun schwiegen 
die anderen Arzte. Als aber im April das Sterben taglich zunahm und 
die Ansteckung immer neue Stadtteile ergriff, als sich Bubonen, Kar- 
f unkeln und Petechien an den Kranken zeigten, da stellte der Kardinal- 
erzbischof Filomarino dem Grafen di Castrillo vor, dafi man den Dingen 
nicht weiter ihren Lauf lassen diirfe. Der Vizekonig, der Truppen gegen 
die Franzosen in Mailand senden mufit^, befahl das Pestgeriicht zu unter- 
driicken. Zugleich berief er die tuchtigsten Arzte, um von ihnen Ge- 
naueres iiber die Natur der Seuche zu erfahren. Entweder waren diese 
unwissend, oder sie dachten an ihren verstorbenen KoUegen und woDten 
dem gewaltigen Herrn nicht gerne widersprechen. Sie rieten, auf alien 
StraCen der Stadt Feuer anzustecken und den Verkauf gesalzener Fische 
zu verbieten. Das tat indessen der Seuche keinen Einhalt, die nun tag- 
lich hundert und mehr Menschen hinraffte. Das hilflose Volk sammelte 
sich zu Prozessionen ; zahlreiche Manner und Weiber, darunter liderliche 
Dirnen, zogen zu den Heiligenbildern und flehten Gott und seine Heiligen 
um Hilfe an. Besonders zu den Kirchen der Vergine madre del Carmine 
maggiore di Costantinopoli und nach San Gennaro geschah der Andrang. 
Nach einem grofien Bittzug zur Kirche di Santa Maria a Piazza ver- 
breitete sich die Pest durch alle Teile der Stadt. Aber das Volk liefl 
sich von weiteren Bittfahrten nicht abhalten, an den en viele in Bufl- 



Leyantinische PestzUge vom Jahre 1636 bis 1663. 165 

hemden^ mit Asche bestreut und einem Strick gegiirtet, teilnahmen. 
Manche trugen schwere Holzkreuze und geifielten sich; andere trugen 
Domenkronen auf dem Kopf und Totenschadel in der Hand. 

Bald zahlten die Sterbenden nach Tausenden. Einzelne Personen 
blieben auffallend verschont. Das erregte bei dem Philosophen und Arzt 
MoBEXANO den Verdacht, sie mochten sich durch teuflisclie Sehutzmittel 
gefeit haben; ihn selbst schutzte ein lateinischer Brief der Mutter Q-ottes, 
den er als Amulett auf der Brust trug. Dieser lautete: Die Jungfrau 
Maria, die Tochter Joachims, die niedrigste Magd Grottes, die Mutter des 
gekreuzigten Jesus Christus, aus dem Stamme Juda und dem Greschlechte 
Davids, griilit alle Bewohner von Messina und sendet ihnen den Segen 
des alhnachtigen Gottvaters. Ihr habt alle, wie bekannt, mit grofiem 
Vertrauen Gesandte und Boten durch ein offentliches Schreiben an mich 
geschickt. Ihr bekennt, daU mein Sohn aus Gott geboren, selbst Gott 
und Mensch und nach seiner Auferstehung in den Himmel aufgefahren 
ist. Ihr erkennt den Weg der Wahrheit durch die Predigt des aus- 
erwahlten Apostels Paulus. Daher segne ich euch und die Biirgerschaft 
und will eure ewige Beschiitzerin sein. Im Jahre meines Sohnes 1642, 
Donnerstag den 27. Juni aus Jerusalem. Die Jungfrau Maria, welche 
die obige Handschrift anerkannt hat. 

Dieser Brief taucht in der Pest von Messina im Jahre 1743 aufs 
neue auf (vergl. auch 1628). 

Als die Pest in der ganzen Stadt wiitete, verbreitete sich das Ge- 
rucht, eine heiligmafiige Frau, die Schwester Orsola Benincasa, habe 
kurz vor ihrem Tode geweissagt, die Seuche wiirde nicht eher aufhoren, 
als bis man ihrem IQoster am FuCe des Berges San Martino eine Ein- 
siedelei gebaut habe. Der Vizekonig war der Erste, dem dieses Mut gab. 
Er zeichnete selbst den Plan zu dem Bau und trug mit eigenen Handen 
zwolf Korbe Erde herbei. Seinem Beispiel folgten die Stadtrate und 
dann die ganze Biirgerschaft, sie brachten Geld und legten selbst Hand 
an das Werk. Manner und Weiber, Kinder und Greise, Adelige und 
Volk drangten sich um die Wette, das Werk, das die Stadt befreien 
sollte, zu fordern. Die eitelsten Frauen opferten ihren Schmuck; die 
stolzesten Herren halfen Steine tragen und Mortel bereiten. Je hoher 
das Gebaude wurde, um so verheerender wiitete die Pest. Als es bei- 
nahe voUendet war, war die Stadt ein groBes Leichenfeld. 

Inzwischen verbreitete sich das neue Geriicht, die Seuche sei nicht 
eine gerechte Rache des erziimten Gottes, sondern ein Werk der Spanier, 
die das Volk ausrotten woUten. Das Benehmen des Vizekonigs lasse 
daran keinen Zweifel; er habe die verpesteten Soldaten eingelassen; er 
habe das Ubel solange wie moglich verhehlt; er habe keine MaBregeln 
dawider getroffen; dabei sehe Jeder, daB die Festung und die Oberstadt, 



166 10. Periode. 

wo die Spanier wohnten, von der Pest verschont blieben. Wer die Augen 
off en habe, miisse auch sehen, dafl Leute nmherschlichen und giftige 
Piilver ausstreuten. 

Es bildeten sich Volkshaufen, die solche Giftstreuer suchten. Bald 
faUten sie zwei Soldaten ab, bei denen sie angeblich das Pulver fanden. 
Dabei lief das Volk znsammen, und die Soldaten waren seiner Rache 
geopfert worden, wenn nicht ein kluger Mann die Menge mit eindring- 
lichen Worten uberredet hatte, man miisse die Verbrecher dem Ghericht 
liberantworten, damit sie nicht nur fiir ihr Verbrechen bestraft wiirden, 
sondern auch das Gegengift verrieten. Es gelang ihm, die beiden zu 
retten. Aber als nun die Menge erfuhr, daB der eine ein Franzose und 
der andere ein Portugiese gewesen sei und daU fiinfzig Leute in falschen 
Kleidern mnhergingen, um Gift zu streuen, da warden aUe, die fremde 
Kleider und Hiite und Schuhe oder sonst auffallige Dinge trugen, ver- 
folgt, und das aufgeregte Volk beruhigte sich nicht eher, als bis ein 
Verbrecher namens Vittorio Angelucci auf das Rad geflochten war. Zu- 
gleich wurden aber auch die Verbreiter des Geriichtes gesucht, viele da- 
von in den Kerker geworfen und fiinf auf dem Markt an den Galgen 
gehangt. Jetzt verstummte das Gerede iiber die Giftstreuer. 

Nochmals stellten die Stadtverordneten dem Vizekonig vor, er moge 
starke und entschlossene Mafiregeln ergreifen, da das Ubel nun nicht 
allein in der Stadt, sondern auch auf dem Lande wiite. Dieser lieB jetzt 
eine Kommission wahlen und iibertrug ihr die notige Gewalt. Die 
Kommission suchte die tiichtigsten Arzte aus, um die Kranken zu beob- 
achten und geniigend zahlreiche Leicheneroffnungen zu machen, an ihrer 
Spitze den beriihmten Arzt und Philosophen Marco Aurelio Severino. Dieser 
und der Doktor Felice Martorella eroffneten am 1. Juni zwei Leichen, 
eine mannliche und eine weibliche, und fanden iiberall auf den Einge- 
weiden, auf Herz, Lunge, Leber, Magen und Gedarmen, schwarze Flecken; 
die Gallenblase erfiillt mit schwarzer dicker Galle, Herz und GefaBe voll 
dunklem geronnenen Blut (Neapel an account). Dann berieten diei 
Arzte und beschlossen, daB das Ubel ein pestilenzialisches sei und daB 
man auf die Kranken alle Sorge wenden miisse, da ihre Beriihrung un- 
fehlbar den Tod zur Folge habe. 

Nun wetteifeilen der Vizekonig und die Kommission in der Aus- 
gleichung des Schadens ; es wurden Wachter in alien Stadten und Dorf ern 
des Konigreichs angestellt, die keinen Menschen ohne GesundheitspaB 
zulassen durften; es wurde fiir jeden Bezirk ein bestimmter Beamter 
hingesetzt, dem alle Erkrankungsf alle gemeldet werden muBten ; es wurden 
alle Pestkranken in das Hospital de& heiligen Januarius vor der Mauer 
gebracht. Nur die, welche zu Hause gute Pflege hatten, konnten in 
ihrer Wohnung bleiben, wenn sie sich einschlieBen lieBen. Kein Arzt 



Levantinische Pestzlige vom Jahre 1636 bis 1663. 167 

oder Wundarzt oder Barbier durfte die Stadt verlassen, sondern mufite 
die ihm zugewiesenen Kranken besorgen. Hunde und andere unreine 
Tiere, die in der Stadt frei umherliefen, mullten weggeschafft werden. 

Trotz dieser und vieler andei-er MaBregeln wiitete die Seuche fort. 
Bald waren alle Hospitaler iiberfiillt. Man errichtete neue, auch sie 
reichten nicht aus. Die Menschen starben in den Haustiiren, auf den 
Treppen, auf den Strafien. Es fehlte an Begrabnisstellen. Man sprach 
von 8000 oder 10000 Leicben auf den Tag. An einem Tage soUen so- 
gar 20000 Menscben gestorben sein (Neapel an account). Die Arzte, 
die Wundarzte, die Priester, die Monche starben bin. Die Beicbte ge- 
schab offentlicb, die Wegzehrung wurde mit Hilfe eines langen Robres 
gespendet. Leicben lagen unbeerdigt zwiscben den Hausern, auf den 
Kircbentreppen, auf den Strafien, und wenn einer begraben wurde, so 
gescbab es obne priesterlicbes Geleite, und das feierlicbste Leicbenbegang- 
nis wurde mit einem einfacben Brett oder bocbstens auf einer Babre 
vollzogen. Da der Leicbengestank die Luft verpestete, lieC der Vize- 
konig vom Lande bundertundfiinfzig Karren bolen und von bundert 
tlirkiscben Galeerensklaven die Leicben mit Hacken darauf scbaffen und 
zu den Hoblen des Berges Lautrecb fabren, wo spater die Kircbe Santa 
Maria del Pianto erbaut worden ist, femer zum Friedbof des beibgen 
Januarius, zu den Steinbriicben und so weiter. Als aber im Jub die 
Zabl der Toten an einem Tage auf 15000 stieg, da fing man an, die 
Leicben zu verbrennen und endlicb sie ins^ Meer zu werfen. 

Wie die Hauptstadt, so litten audi die Provinzen des Konigreicbs; 
aufier Otranto und dem unteren Kalabrien wurden alle verwtistet. Von 
den Stadten und Landgiitem blieben nur Gaeta, Sorrent, Paola, Bel- 
vedere und einige andere verscbont. 

Mitte August liefi das Sterben nacb einem beftigen Regengufi rascb 
nacb. Es erkrankte Niemand mebr, und die bereits Ergriffenen genasen, 
so dafi Ende September nur nocb 500 Kranke in Neapel waren. 

Jetzt begann man die Hauser und Kleider zu reinigen. Es ver- 
gingen zwei weitere Monate, obne dafi sicb ein neuer Pestfall ereignete. 
So traten am 8. Dezember die wenigen Arzte, die dem Tode entgangen 
waren, zusammen und erklarten feierlicb, dafi die Pest in Neapel voUig 
erloscben sei. 

Aucb in den Provinzen verminderte sicb das Ubel. Aber man liefi 
in Neapel die Kastelle an den Stadttoren und die Wacben besteben, um 
eine neue Einscbleppung der Pest aus verdacbtigen Gegenden zu ver- 
biiten. Der Vizekonig verbot unter scbwerster Strafe, dafi ein Fremder 
die Stadt obne seine besondere Erlaubnis und obne einen Scbein der 
Pestkommission betrete; der Erzbiscbof bedrobte mit Kircbenstrafen alle, 



Igg 10. Periode. 

welche verpestete Kleider oder andere verdachtige Dinge bewahrten, ohne 
sie bis zu einem bestimmteii Ziel anzuzeigen und zu reinigen. 

Die Sperre der Stadt wurde bis zum November des folgenden Jakres 
1657 aufrecliterlialten. Als dann Rom und Genua, die inzwischen auch 
von der Pest heimgesucht worden waren, offentlich fiir pestfrei erklart 
wurden, entfemte auch Neapel seine Kastelle und Wachter und gab den 
Verkehr wieder frei. 

(GrIANNONE, MOBEXANO, PetBUS A CaSTBO, BaBTHOLINUS, GaSTALDI, 

Gatta.) 

Die Provinz war verwiistet, die Hauptstadt in einen Friedhof ver- 
wandelt, der mehr als 285000 Leichen aus einem Sterben von sechs 
Monaten- trug, wahrend im ganzen Konigreich 400000 Tote, beklagt 
wurden. Jetzt hatte der Vizekonig fiir Getreidevorrat zu sorgen, der 
Habgier der Handworker und Bauern zu weliren, die, gering an Zahl 
und durch Erbschaften bereichert, bei Dienstarbeit und Warenverkauf 
iiberforderten. Er muCte die Steuern beschranken. In feierlichem Gottes- 
dienst wurde fiir die Erlosung der Stadt gedankt, der beriihmte Maler 
Calabrese malte auf die Stadttore die Bilder der Scliutzheiligen, und auf 
der Piazza di San Lorenzo wurde eine Pyramide niit der Statue des 
Heiligen und einer Denkschrift errichtet. In Deutschland verfertigte ein 
Eiferer seinen Neapolitanischen Zobnspiegel. 

Beim ersten Geriiclit vom Pestausbruch in Neapel, das der Neapo- 
litaniscbe Gesandte uberb'raclite, war der Papst Alexander 'VIL, der in 
Castro Gandulfo zur Erholung weUte, nach Rom zuriickgekehrt und be- 
fahl der heiligen Ko'ngregation und den Pralaten, die notigen -MaBregeln 
zu ergreifen, den Verkehr des Kirchenstaates mit Neapel zu Wasser und 
zu Lande fiir Menschen und Tiere und Waren und jede Sache unter 
Todesstrafe und Giiterverlust zu sperren und die Grenzen strenge be- 
wachen zu lassen. Das Edikt wurde am 20. Mai veroffentlicht. Zugleich 
lieB der Papst durch seine Gesandten bei alien Machten das Auftreten 
der Pest in Neapel mitteilen, damit sie Vorkehrungen der Abwehr trafen. 
Um auch der Pesteinschleppung durch Briefe voraubeugen, wurden an 
der Grenze des Kirchenstaates die Briefboten aufgehalten und veranlaUt, 
die Briefe von ihren Hiillen und Schniiren zu befreien; dann wurden die 
Briefe mit eisernen Zangen in Empfang genommen, in un verdachtige 
HuUen geschlagen und versiegelt, nach Rom gebracht und hier vor der 
Stadt in einem bestimmten, fiir den Verkehr gesperrten Ort bei der Porta 
collimontana, durch zwei Ministranten eroffnet und nach Vorschrift ge- 
rauchert. 

Der spanische Gesandte beklagte sich iiber das Vorgehen des Papstes, 
daC er Neapel ohne Grund in Verruf brachte, da doch keine Pest im 
Konigi-eiche sei. Der Papst liefi am 22. Juni iiberall offentlich eine 



Levantinische PestzUge vom Jahre 1636 bis 1663. 169 

t 

strenge Pestordnung aflschlagen, ^orin jeder Verkelir mit dem Konig- 
reich Neapel verwehrt, den Gastwirten und Herbergen die Aufnahme 
fremder Leute strenge verboten, jeglicher Schleichhandel untersagt und 
der Scbiffsverkehr bis ins Einzelne geregelt wurde. Zugleich wurde 
Sorge dafiir getragen, daU iiberall Sclunntz und Kehricht als Luftvemn- 
reiniger und Nahrboden des Pestzunders (fomenta contagii) entfernt, die 
StraOen und offentlichen Platze gereinigt wiirden. Verboten wurde, 
Lumpen, Betten, vermodertes Stroh, krepierte Katzen und Hunde auf 
die Strafie zu werfen. Die Wasserleitungen und Kloaken wurden gereinigt. 

Aber schon zeigte sich die Seuche in Rieti im Herzogtum von Spo- Eieti 
leto; dann kam sie nach Nettuno in der romischen Campagna, schlieU- 
licli nach Civita vecoliia, und am 8. Juni war sie in Rom selbst. Man Civiti 
hatte sich vergeblich bemiiht, dem Pestzunder jede Lucke zu verschlieflea ^^°^^^* 
(ne ulla contagioni rima pateret). Zwei papstliche Schiffe w^aren anfangs 
Mai im Neapeler Hafen, wo die Pest noch im Verborgenen schlich, ge- 
landet und dann nach Centumcellae (Civita Vecchia) gefahren. Hier 
wurde einer der Soldaten krank und in das Hospital des seligen Johannes 
von Gott gebracht. Er starb am fiinften Tage. Der Arzt hielt die 
Krankheit fiir ein bosartiges Fieber, wozu eine venerische Ansteekung 
gekommen sei. Am 13. Mai erkrankte ein Krankenwarter, der am 18. 
starb. An der Leiche fand der Arzt Leistenbubonen und blaue Flecken 
und war nun beinahe iiberzeugt, dafl es sich um Pest handele. Aber 
der Fall des verstorbenen Soldaten hatte ihn irregemacht, und er kam 
mit dem Schiffsarzt dahin iiberein, die Sache fiir einen Zufall zu halten, 
Acht Tage spater, am 26. Mai, erkrankte im selbigen Kxankenhaus der 
zweite Laienbruder mit einem linksseitigen Achselbubo und einem rechts- 
seitigen Leistenbubo und starb am 28. Mai. Jetzt meldeten die Arzte 
die Falle dem Befehlshaber des Schiffes und weiterhin nach Rom. Alle 
verdachtigen Schiffe muJJten den Hafen verlassen und an die Seekiiste 
zur Reinigung gehen. Der Verkehr mit Centumcellae wurde untersagt. 
Das geschah schon am 29. Mai. In Rom wurden alle diejenigen, w^elche 
seit dem 20. Mai von Centumcellae her in die Stadt gekommen waren, 
offentlich aufgefordert, sich samt ihrer Familie und mitgebrachtem Haus- 
rat beim Gesundheitsrat zu melden unter Todesstrafe und Giiterverlust. 
Sie alle wurden aus der Stadt in die Quarantine verwiesen, darunter der 
Graf Benedetto Gastaldi, der Bruder des Kardinals Gastaldi, der mit 
seiner jungen Frau und einem groCen Gefolge auf der Hochzeitsreise 
uber Centumcellae nach Rom gekommen. Nach einer Quarantane von 
zehn Tagen unter strenger Bewachung durfte er mit den Seinigen nach 
Rom zuriickkehren. Bald vermehrte sich das Zustromen von Reisenden 
aus verdachtigen Orten so, dall mehrere neue Quarantanen auCerhalb der 
Stadt eingerichtet werden muBten. 



170 10. Periode. 

Am 15. Juni starb im Ejrankenhaus des heiligen Johannes beim 
Lateran plotzlich ein neapolitanischer Sold at, an dessen Leiche die Zeichen 
der Pest gefunden wurden. Das Bett, worin er gelegen hatte, wurde 
verbrannt, die Pfleger und alle, die mit dem Kranken verkehrt batten, 
wurden abgesondert und in Quarantane getan. Die heilige Kongregation 
forschte den Leuten Qacb, die den* Mann in das Krankenhaus gebracht 
batten; aber diese waren nicht zu finden. Nun erkrankte in der Vor- 
stadt jenseits der Tiber ein Fiscbbandler aus Neapel, der schon vor dem 
Interdikt nach Rom gekommen war. Er wurde in das Hospital gebracht 
und starb dort unter den Zeichen der Pest. Dann starb die schwangere 
Frau des Gastwirtes, bei dem der Fischhandler abgestiegen war; dann 
die Mutter der Frau, nachdem sie ihre Tochter zwei Tage verpflegt 
hatte; dann die Schwester, die sich mit der Mutter in die Pflege ge- 
teilt hatte. 

Jetzt wurde in Casaletto bei Rom ein voUstandiges Pesthospital mit 
Arzt, Wundarzt, Apotheker, Beichtvater und vier freiwilligen Kranken- 
pflegern aus dem Kapuzinerorden eingerichtet. 
Eom Allmahlich traten hier und da weitere rasche Sterbefalle in der Stadt 

auf. Das Krankheitsbild war gleichformig. Der Befallene fiihlte eine 
Hitze in der Herzgegend, die so heftig war, dafi er schreien mufite. Er 
hatte ein Gefiihl, als ob ihm die Eingeweide herausgerissen wurden. 
Dann kam Erbrechen, brennendes andauerndes Fieber, hef tiger Kopf- 
schmerz, wiitende Delirien und rascher Verlust der Krafte, Krampfe, un- 
stillbarer Durst. Die Augen wurden rot, die Zunge wie weLB getiincht; 
spater wurde die Zunge schwarz. Der Harn war triib und blutig. Hier- 
nach erschienen Karfunkeln und Bubonen und schwarze Flecken als 
Vorboten des Todes. Einige fielen unvermutet tot hin, ohne daC ein 
Krankheitszeichen voraufgegangen ware. Bei Schwachlichen war das 
Fieber gering; auch sie wurden von haufigem Gallen- und Schleim- 
erbrechen gequalt, klagten iiber Ubelkeit und Schmerzen in der Magen- 
grube. Ihr Gesicht wurde blaU, die Augen sanken ein, kalter SchweiC 
trat auf dieStime; bisweilen stellte sich.DurchfaU ein. Zuletzt erschienen 
die Bubonen oder Karfunkel. Neben den Bezeichnungen paste bubonica 
und peste inguinaria war der Name peste del Castrone beim Volk gebrauch- 
lich; etwa unser „Ziegenpeter" ; das weist auf ein haufiges Vorkommen 
von ^Parotiden", Halsbubonen, hin. 

Manner wurden weit mehr und heftiger ergriffen als Weiber und 
Kinder. Die erkrankten Greise starben alle. Als die Zahl der Erkran- 
kungen zunahm, wurden die Pestspitaler vermehrt. Der Kardinal Gas- 
TALDi wurde zum Oberaufseher derselben ernannt. Vom 24. Juni ab 
wurden alle verdachtigen Hauser gesjierrt und durcli die Aufschrift 
Sanitas an der Tiire kenntlich gemacht; die Kranken wurden in die Pest- 



Levantinische PestzUge vom Jahre 1636 bis 1663. 171 

hospitaler gebracht. Die Anzeigepflicht der Kranken und Leichen warde 
mit Strenge gehandhabt. In einer musterhaften Quarantiineeinrichtung 
auf der Tiberinsel wnrden fiir Manner, Weiber und Kinder gesondei'te 
Gebaude errichtet. Da es an Ammen fehlte, liefi der Kardinal fiir die 
mutterlosen Sauglinge Ziegen einstellen. 

Fiir verseuehte Saehen warden zwei Reinigungsanstalten errichtet. 
Die Schnitter, die Ende Juni von den Feldern heimkehrten, wurden, ehe 
sie in ihre Hauser gehen durften, untersucht und mit einem PaiJ ver- 
sehen. Der Verkehr zwischen den Tiberufem ohne PaB wurde verboten. 
Das Judenviertel wurde unter Beihilfe von zwolf jiidischen Vorstehern 
besonders iiberwacht und gereinigt und, als dort die Pest sich zeigte, 
zum Teil geraumt. Ein christlicher Arzt mufite die Kranken feststellen 
und zwei Spitaler einrichten, eins fiir die Verdachtigen, das andere fiir 
die Verpesteten. 

Als die Kunde vom Ausbruch der Pest im Ghetto nach auswarts 
drang, da stellten die Vorstande der Judenschaft in Livorno, Pisa, An- 
cona, Ferrara und Mantua dem Kardinal so reichliche Mittel zur Ver- 
fiigung, dafi fiir alle Bediirfnisse der Quarantane auf das beste gesorgt 
werden konnte und trotz der Enge der Strafien und Wohnungen und 
der Menge der Einwohner am Ende der Epidemie nicht mehr als 1400 
Juden an der Pest und an anderen Krankheiten gestorben waren. 

Weiter erstreckte sich die Sorge der Pestkommission auf den Kleider- 
trodel, auf die Einfuhr der Nahrungsmittel und die Einbringung der 
Ernte, auf die Begrabnisse, auf die Anstellung und Absonderung be- 
sonderer Arzte, Wundarzte, Beichtvater, Apotheker und Hebammen fiir 
die Pestkranken und Verdachtigen; auf die Ordnung und Reinhaltung 
der Krankenhauser; auf die Regelung des Kirchenbesuchs, der Testa- 
mentsangelegenheiten, der Tischgenossenschaft in Speisehausem, des 
Hurenwesens; auf die freilaufenden Tiere, besonders Hunde und Katzen. 

Dabei hatte die Kommission bestandig ihre Miihe mit dem Volk, 
das nicht an die Pest glauben woUte und das sogar durch wurdige und 
kluge Manner in seinem Zweifel bestarkt wurde. Unter den Letzteren 
war einer der Oberarzte der Stadt, Johannes Prescia, der Jedem, der es 
horen wollte, immer wieder sagte, die ganzePest beruhe auf Einbildung, 
und man mache mehr Larm, als notig sei. Er leugne nicht, daC gefahr- 
liclie Krankheiten herumgingen, aber diese seien durch schlechte Nahrung 
erzeugt worden. Das Volk horte ihn gern und liefi sich von ihm auf- 
reizen, die Mafiregeln zu verachten. Da der Arzt viele Kranke besuchte 
und darunter auch Pestkranke, die zur Verbreitung der Seuche beitragen 
konnten, so machte der Kardinal dem gefahrlichen Zustand dadurch ein 
Ende, dafi er den Arzt hoflich einlud, die Verwaltung eines Pestspitals 
zu iibemehmen, und ihn so aus der Mitte hub. Kaum sah sich Prescia 



172 1^- Periode. 

unter den Kranken, als der wiirdige Mann trotz seiner Jahre — er war 
ein Fiinfziger — zu jammern und zu weinen anfing, sich weigerte, 
den Kranken nahezutreten, und endlich entfloh. Er verbarg sich im 
(41ockenturm des Klosters vom heiligen Bartholomaeus. Dort fand man 
am anderen Morgen den wohlbeleibten Herrn, der die letzte Leiter nach 
sicli gezogen hatte, zwischen den Glocken. Er weigerte sich, hinabzu- 
steigen, und es blieb nichts librig, als Totengraber hinzusenden, die ihn 
ausriiuchern soUten. Da stieg er endlich hinab und lieB sich zum 
Krankenhaus zuruckbringen. Doch war er anfanglich kaum mit Gewalt 
dahin zu bewegen, die Kranken blofl anzusehen, geschweige zu behandeln. 
Erst spater entschloB er sich dazu, nachdem er be wunderns wiirdige Vor- 
sichtsmaCregeln erdacht hatte. Er zog einen wachsgetrankten Kittel an, 
lieC eine brennende Fackel vor sich hertragen und ein Waschbecken mit 
Essig, worein er die Hande tauchte, ehe er den Puis des Kranken be- 
riihrte. Aber kaum hatte er einige Kranke besucht, da zog er sich 
wieder zuriick und floh aufs neue in den Glockenturm. Jetzt trug man 
ihm auf, fiir die heilige Kongregation, der am Urteil eines so erfahrenen 
Arztes viel gelegen sei, einen Bericht aufzusetzen und die Natur der 
herrschenden Seuche darzulegen. Er beschrieb nun, was er gesehen hatte, 
mit solcher Ubertreibung, daU er nicht nur gestand, die Pest sei ausge- 
brochen, sondern sogar vorhersagte, die ganze Stadt werde an ihr zu- 
grunde gehen. Endlich wurde ihm durch die Fiirsprache zahlreicher 
Klienten, die er in der Stadt unter dem Adel und der Geistlichkeit hatte 
und die er mit Bitten bestiirmte, die Entlassung aus dem Spital zuge- 
standen und eine Quarantane in seiner Wohnung auferlegt. Die Ent- 
lassung wurde damit begriindet, dafi er ein alter Mann und kranklich 
und beinahe arbeitsunfahig sei, dafi er an einem Bruch leide, der ihm 
ungeheure Schmerzen mache, und dafi er von Tag zu Tag abmagere, 
weil ihn die Furcht vor der Ansteckung als einzige Speise Brot und 
Eier und als einziges Getranke Wasser zu sich nehmen lasse. Zu Hause 
wurde er bald wieder verstandig, betrug sich ordentlich und wurde ein 
eifriger Verfechter der Pestgefahr, der die anderen zur Vorsicht vor der 
Ansteckung warnte. 

Wahrenddem nahmen die ernsteren Dinge ihren Gang. Mit der 
grofiten Umsicht wurde die Pestordnung durchgefiihrt und, wo es not- 
tat, erganzt. Der Papst und die kirchlichen Wiirdentrager verharrten 
in der Stadt, um dem Volk einen guten Mut zu erhalten und die Be- 
amten und Arzte in ihrem Pflichtgefiihl zu bestarken. 

So iiberstand die Stadt ohne wesentliche Storung die Seuche bis 
zum Ende des Jahres. Im Januar 1657 liefi die Zahl der Erkrankungen 
und das Sterben so rasch nach, dafi die Raumung und Reinigung der 
Hauser und des Hausrates vorgenommen werden konnte. Die Bewohner 



Levantinisclie Pestztige vom Jahre 1636 bis 1663. 173 

der verseuchten und verdachtigen Hauser wnrden in ein neuerbautes 
Hospital gebracht, machten dort die halbe Quarantane durch und warden 
dann in ein zweites Hospital iibergefiilirt, nm die Quarantane zu beenden. 
Zur gleichen Zeit wurden die Hauser und ihr Inhalt gereinigt. Nach- 
dem den Hehlern Straffreiheit zugesichert worden war, kam nachtrag- 
lich eine ungeheure Masse verpesteten Gerates zum Vorschein; es wurde 
sorgfaltig geluftet, gewaschen und gerauchert. 

Wahrend des Februars bestanden die Beichtvater, Arzte und Wund- 
arzte der Krankenhauser im Kloster des heiligen Eusebius und in anderen 
passenden Gebauden ihre Quarantane. Am 20. Februar wurden die Ge- 
richte wieder geoffnet. Nachdem der Dankgottesdienst abgehalten wor- 
den war, . kam der Verkehr in der Stadt allmahlich wieder in die ge- 
wohnten Geleise. 

Als si(4i im Sommer wieder einige Pestfalle ereigneten, wurden alle 
MaBnahmen verseharft, dann erlosch die Seuche im August endgiiltig. 

Im Ganzen hatte die Pest innerbalb der Stadt und in den Kranken- 
hausern 11373 Opfer gefordert; in der Vorstadt Trastevere wurden 
1500 Menschen vermiUt; im Ghetto waren 1600 gestorben, so daU die 
ganze Sterbeziffer nicht mehr als 14500 betrug, wozu neben der Pest 
auch andere Krankheiten und bierunter nicht wenige Giftmorde, von 
Weibem veriibt, beigetragen hatten. In Neapel waren in derselben Zeit 
mindestens 280000 Opfer gefallen. Der ganze Kii*chenstaat verlor 160000 
Menschen (Gastaldi, Bindi, Spobza, Pallavicino, Mubatoei, Nabducci). 

Wahrend der Kardinal Gastaldi als Haupt des Gesundheitsrates die 
Geschicke der Stadt und des Volkes lenkte, suchte der Jesuitenpater 
Athanasius Kibcheb aus Fulda am Collegium romanum in Rom den 
ansteckenden Keim der Pest und glaubte, ihn unter dem Mikroskop in 
Gestalt kleiner Wiirmchen zu sehen. Sein Scruiinium pestis erschien in 
Rom 1658. 

Das Wiiten der Pest unter den Menschen in Rom wurde von einem 
verheerenden Sterben unter den Rindem und Schafen der Campagna 
begleitet. 

Von Rom kam die Seuche nach Rieti in Umbrien (Colantonio). Umbrien 

In Genua schlich sie sich so unbeachtet wie in Neapel ein. Sie be- Genua 
gann wahrend des Juni im Hafenteil. Man hielt sie zuerst allgemein 
fur ein gewohnliches tJbel, bis das Sterben, das bis zum Herbst milde 
blieb, im Oktober mit so furchtbarer Wut auftrat, daB bald alle Teile 
der Stadt mit Leichen erfiillt waren. Auf alien Platzen wurden Scheiter- 
haufen errichtet, um die Leichen, deren Gestank die Luft erfullte, zu ver- 
brennen. Das Krankheitsbild und die Ergebnisse des Leicheneroffnungen 
waren dieselben wie in Neapel und Rom. Im Verhaltnis zu seiner klei- 



174 10. Periode. Levantinische Pestztige vom Jahre 1636 bis 1663. 

neren Bevolkeningszahl litt Genua fast so schwer wie Neapel. Es ver- 
ier in sechs Monaten gegen 70000 Menschen. 

Unter den krankenpflegenden Kapuzinem war der berdhmte Pater 
Maitbizio da Tolonb, der bereits in vielen Pestlaufen Erfahrung gesam- 
melt hatte. Er fiihrte die von ihm angeblich erfundene, aber von alters 
her bekannte Raucherung der Kleider, Gerate und Hauser in Genua 
durch. Der Arzt Petbus a Castko, der ein paar Worte iiber die Epi- 
demie hinterlassen hat, war bei dem Ausbruch der Pest in Genua nach 
Verona geflohen, um hier Vorlesungen iiber die Pest zu halten und sein 
Buch zu schreiben. 

Mcht weniger als die drei groBen italienischen Stadte litten im 

HoUand Jahre 1656 einige Stadte Nordeuropas von der Pest. Leiden verlor 

31000, Deventer 11000 Einwohner. In Friesland wurde besonders Gro- 
. .. • 

Olden- ningen heimgesucht. In Oldenburg nannte man das Ubel die feurige 

^^ Pestkrankheit; es wiitete hier bis zum nachsten Fruhhng (Deusing). 

Ifi'tp 1657 zog die Seuche weiter iiber Norddeutschland ; zuerst befiel sie 

deutsch- ^^® Hafenstadte Bremen, Kolberg, Danzig. In Danzig starben 7569 statt 

land etwa 2500 Menschen. A^on Bremen kam die Pest durch Fliichtlinge oder 

durch infizierte BaumwoUe nach Braunschweig und dauerte hier sechs 

Monate; Giseleb hat 203 Krankengeschichten aus dieser Epidemic in 

seinem Buch mitgeteilt. Weiter kam die Ansteckung nach Hannover 

und Hildesheim (Snell). Zu Magdeburg wurde ein Totengraber hinge- 

richtet, weil er aus teuflischer Bosheit Pestgift zubereitet hatte (Cukaeus). 

In Riga dauerte ein Ausbruch bis in das folgende Jahr. Das Ubel wurde 

nach Schweden gebracht, wo es sich zum letzten Male zeigte; es dauerte 

hier bis 1659 und verheerte besonders HoUen auf Aland (LEBENSWAiiDT). 

1660 Pest in Este und einigen anderen italienischen Stadten (Alessio). 

1661 Ausbruch in Danzig mit 5515 Todesfallen. 

Pest in Konstantinopel (von Hammeb). — Habuhat el Qvuya, die 
starke Pest, an der Nordkiiste Afrikas (Bebbbuggeb). Pest im Golf von 
Lepanto und an den Kiisten von Morea (Kanold); in Pisa. 

1662 Epidemic in Konstantinopel; in der Berberei (Kanold); zu 
Angers an der Loire. In Polen (Lebenswaldt). 



11. Periode. Die letzte europaische Pestepidemie 1663 bis 1684. 175 



11. Periode. 

Die letzte europaische Pestepidemie vom 

Jahre 1663 bis 1684. 

Den Ausbriichen der Pest in der Tiirkei und in der Berberei und 1663 
ihren kleinen Aussaaten an die Kiisten von Griechenland, Italien, Frank- ®^*^ 
reich wahrend der Jahre 1660 bis 1662 folgte eine fast allgemeine Herr- 
schaft der Seuche an der ganzen Levante, auf Kreta, auf Zypern, in 
Griechenland wahrend des Jahres 1663. Zugleich schritt die Epidemie 
langsam ostwarts fort, um im Jahre 1666 Ispahan zu erreichen (Ruthning). Ispahan 

Westwarts verbreitete sie sich schneller. Bereits im Jahre 1663 kam 
sie aus Smyrna oder Algier nach Amsterdam. Aus beiden Hafen wurden HoUand 
hieher angeblich verpestete Kleider und BaumwoUe auf Handelsschiffen 
gebraeht. Die Schiffsleute selbst waren gesund; aber wo sie die Hauser 
im Hafen von Amsterdam betraten, dort verbreiteten sie die Pest (Cab- 
miiUCius), die sie in den Kleidem trugen (ScHiLLiNa). In Amsterdam 
starben von etwa 200000 Einwohnern statt 4000 in diesem Jahre 9700; 
im folgenden Jahre 24148. Seine Hohe erreichte das Sterben im Sep- 
tember. Im Dezember 1664 zeigte sich ein groBer Komet (De slaende 
HANT Gods, Comius, Amsterdam Afbeeldinge). Diemebbroeck meint, die 
Pest sei schon vor dem Jahre 1663 in Amsterdam endemisch gewesen 
und durch Ausgrabungen bei der Stadterweiterung neu aufgeregt worden. 
Von Amsterdam wurde sie nach Rotterdam," Dordrecht, Leiden, Haag, 
Heusden verschleppt. Sie erschien ferner in Koburg und Stade. In . - ' 
Elsfleth im Oldenburgischen wurde eine vierzehntagige Sperre fiir alle 
Schiffe aus Hamburg und Amsterdam verhangt (Ruthning). 

1664 dauerte die Pest fort auf den griechischen Inseln, besonders 1664 
auf Ejeta; sie kam nach Venedig (Bobgabutius) ; nach Toulon und J®^®^S^' 
Cuers in der Provence (Papon); sie zeigte sich in Montargis und Vevey 
(Mallot). Von Holland, wo sie besonders in Leiden und Amsterdam 
andauerte, kam sie nach Briissel. 

Im selben Jahr erschien ein Komet. Der Zar befragte den an 



176 



11. Periode. 



seinem Hofe lebenden Doktor Engelhard, was diese Erscheinung und 
die Stellung des Saturn zum Mars zu bedeuten habe. Engelhard sagte: 
eine Pest im Herbst, die aber fur andere Lander gefahrlicher sein werde 
als fiir RulJland. Der Zar schrieb eigenhandig an Karl 11. von England, 
englische Schiffe diirf ten nicht in den Haf en der Ostsee oder in Archangelsk 
landen, und lieB einen strengen Kordon an den Grenzen errichten. Rut- 
land blieb verschont (Doebeck). Dagegen begann Ende des Jahres 



1664 

London 



Die Londoner Pest 1664 bis 1666. 

In der ersten Dezemberwoche brachte die 5ffentliche Sterbeliste Lon- 
dons zwei Pesttodesfalle. Es handelte sich um zwei Franzosen, die Ende 
November oder Anfang Dezember in Long -Acre am oberen Ende der 
Drurylane gestorben waren; bald folgte ein dritter Pestfall im selben 
Hause. An sich konnten diese Falle nicht iiberraschend wirken. Denn 
seit dem Jahre 1636 hatte es alljahrlich mehr oder.weniger zahlreiche 
Pestfalle in London gegeben (vergl. 1636). Noch im Jahre 1661 waren 
20, im folgenden Jahre 12, 1663 waren 9 Pesttodesfalle offentlich bekannt 
geworden, und auch 1664 hatten aufier den genannten noch 2 weitere 
vorher sich ereignet. Nach dem dritten Todesfall in der Drurylane horte 
man sechs Wochen lang nichts von Pest. Dann kam am 20. Februar 1665 
wieder ein Fall zur offentlichen Kenntnis. Er ereignete sich in einem 
anderen Hause, das aber wie das friiher verseuchte zur Pfarre St. Giles 
gehorte. Wieder eine Pause bis Ende April. Von der Mitte des Mai ab 
wuchs die Sterbeziffer in der Pfarre St. Giles langsam von Woche zu 
Woche; es wurden Falle aus den Pfarren St. Andrew, St. Bride, St. James 
gemeldet; bald war Westminster verseucht. Im Juli zog die Seuche 
ostwarts nach Southwark. Uber ihren weiteren Verlauf berichtet die 
folgende Tafel der wochentlichen Todesfalle. 



Pest in London 1665. 



Todesfalle im 


Pest- 


Todesfalle im 


Pest- 


1664 a 


illgemeinen 


todes&lle 


allg 


emeinen 


todesfalle 


Dez. 20. 27. 


291 


1 


Marz 7. 


441 





Januar 3. 


349 





-, 14. 


433 





. 10. 


394 





. 21. 


363 





- 17. 

. 1 


415 





., 28. 


353 





„ 24. 


474 





April 4. 


344 





. 31. 


409 





. 11. 


382 





Februar 7. 


393 





r, 18. 


344 





. 14. 


462 


1 


^ 25. 


398 


2 


„ 21. 


393 





Mai 2. 


388 





„ 28. 


396 





M «7. 


347 


9 



Die letzte europSLische Pestepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. 



177 





Todes&lle im 


Pest- 




aUgemeinen 


todesfUle 


Mai 16. 


353 


3 


„ 23. 


385 


14 


« 30. 


400 


17 


Juni 6. 


406 


43 


„ 13. 


558 


112 


« 20. 


615 


168 


« 27. 


684 


267 


Jnli 4. 


1006 


470 


„ 11. 


1268 


725 


„ 18. 


1761 


1089 


« 25. 


2785 


1843 


Aug. 1. 


3014 


2010 


. 8. 


4030 


2817 


n 1ft- 


5319 


3880 


n 22. 


5568 


4237 


« 29. 


7496 


6102 


Sept. 5. 


8252 


6988 





TodesfAlln im 


Pest- 




allgemeinen 


todesf&lle 


Sept. 12. 


7690 


6544 


„ 19. 


8297 


7165 


„ 26. 


6460 


5533 


Okt. 3. 


5720 


4929 


„ 10. 


5068 


4327 


« n. 


3219 


2665 


„ 24. 


1806 


1421 


„ 31. 


1388 


1031 


Nov. 7. 


1787 


1414 


r, 14. 


1359 


1050 


„ 21. 


905 


652 


„ 28. 


544 


333 


Dez. 5. 


428 


210 


„ 12. 


442 

• 


243 


„ 19. 


525 


281 



97306 



68596 



Als die Epidemie im August allgemein war, flohen wenigstens zwei 
Drittel der Einwohner Londons auf das Land, mit ihnen die meisten 
Arzte, darunter der berulimte Sydenham. Dieser hat eine Beschreibung 
der Seuche hinterlassen, welche indessen durch die Mitteilungen der 
Arzte Hodges und Kemp, des Apothekers Boghubst, des Predigers Vin- 
cent und Anderer iibei^troffen wird oder wesentliche Erganzungen 
erhalt. 

Noch im Mai dachte Niemand daran, daJJ eine Pestepidemie bevor- 
stande. Zwar war nach einem strengen Winter im Marz eine auffallende 
Haufung todlicher Halsentziindungen, Lungehentziindungen und Brust- 
entziindungen in London wie in Sudengland uberhaupt und in Nord- 
deutschland beobachtet word en; aber solche bosartigen Seuchen batten 
die letzten Jahrzehnte haufiger gebracht, ohne daU sich danach weiter- 
bin die Pest mit ihren eindeutigen Zeichen entwickelt hatte. Die Arzte 
waren iiberrascht, als gegen Ausgang Mai sich eine wahre Pestseuche 
mit unzweifelhaften Bubonen, Karfunkeln und Petechien erklarte. Im 
Anfang der Epidemie starben viele Menschen ganz plotzlich und uner- 
wartet, indem ohne einen vorhergegangenen Fieberanfall sofort Blut- 
flecken und mit diesen der Tod eintrat, oft, wahrend die Leute auf der 
Strafle waren. Fiir gewohnlich begann die Krankheit mit einem Schuttel- 
frost oder Frostschauer; dann kam heftiges Erbrechen, ein Druckgefiihl 
in der Herzgrube wie von einer Presse und brennendes Fieber; dann 
^rfolgte der Tod oder das Ausbrechen von Bubonen brachte eine giinstige 

sticker, Abhandlangen I. Geschichte der Pest. 12 



178 11- Periode. 

Wendung. Petechien und Vibices, tokens, waren stets todliche Zeichen. 
Nur die jungen Leute kamen durch, falls sie nicht vorher durch ein 
anderes Fieber oder durch eine Kranklieit geschwacht worden waren. 
Als die Pest begann, ging das Greriicht, daB alle Venerischen von ihr ver- 
schont blieben. Sogleich stiirzten sichViele in den unreinen Q-eschlechts- 
verkehr. Das horte auf, als man sie rasch sterben sah. Die Mitglieder 
der WoUweberzunft wurden fast ganz vemichtet, so daiJ die Tuch- 
macherei in England fur lange Zeit gehemmt blieb. Die armen Leute 
litten am meisten von der Seuche, die deshalb beim Volke aucli the poors 
plague hieC. 

Die AbwehrmaBregeln bestanden in der vierzigtagigen Einschliefiung 
der Kranken in ihren Hausern. Die verseuchten Hauser wurden mit 
einem roten Kreuz und der Aufschrift Lord have mercy upon us versehen. 
Nur Arzte, Krankenwarter und Aufseher durften ein- und ausgehen. 
Sebr haufig waren die geschlossenen Hauser, wenn sie nach Verlauf der 
Quarantine geoffnet wurden, ganz ausgestorben. Nicht wenige der Ein- 
gespeni/cn versuchten in ihrer Verzweiflung das furchtbare Gefangnis- 
zu sprengen; sie bestachen oder ermordeten die angestellten Wachter, 
brachen gewaltsam aus den Tiiren hervor oder stiirzten sich aus den 
Fenstern auf die Strafie. Sie irrten dann wohl mit verstorten Sinnen 
oder im Pestdelirium zur Nachtzeit in der Stadt umher und schrien 
nach ihren Verwandten und Freunden. 

In den StraBen ziindete man nach dem Vorgehen des Hippokrates 
groBe Feuer an; aber gerade an den Tagen, wo sie brannten, haufte 
sich die Zahl der Todesfalle so furchtbar, daB man bald wieder damit 
aufhorte. 

Um die verpesteten Hauser regelmaBig festzustellen, waren in jeder 
Pfarre Hausbesucher angestellt; die Zahl der Nachtwachter und Polizei- 
beamten wurde verstarkt; fiir die Krankenpfleger gab es bestimmte 
Aufseher. 

Wahrend der Pest geschah eine allgemeine Verfolgung der Mause 
und Ratten in London, weil man sie fiir die Verbreiter und Ubertrager 

* » 

des Ubels hielt (Defoe). Maulwiirfe, Mause, Schlangen, Kaninchen, 
Fiichse sah man ihre Hohlen verlassen und unter offenem Himmel ver- 
enden (Hodoes). Solange die Seuche wiitete, war das Betreten der 
Hauser, worin Pestkranke gestorben waren, fast unbedingt todlich. Als 
gegen Ende des Jahres 1665 die Pest aufhorte und viele Leute, die 
fruher geflohen waren und ihre kranken Verwandten und Freunde im 
Stich gelassen hatten, in die Stadt zurtickkehrten, da betraten sie ohne 
Gefahr die ausgestorben en Hauser; sie benutzten die Betten, worin die 
Kranken gestorben waren, ohne daB eine Ansteckung erfolgt ware. 

Die Leichenuntersuchung der Pestki^anken ergab auBer den auBeren 



Die letzte europ&ische Pestepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. 179 

Zeichen, Bubonen, Karfunkeln und Blutflecken, fast regelmallig zwei 
innere Veranderungen, Petechien am Herzen und Lungenbrand. 

Am Ende des Jahres 1665 zahlte man in London trotz der grofien 
Auswanderung 97306 Tote, darunter 68596 Pestleichen. Die Pfarren 
innerhalb der Mauem batten 15207 Seelen, davon 9887 an der Pest, 
verloren; die Pfarren vor den Mauem 41351 mit 28888 Pestleichen; die 
Pfarren vor der Stadtgrenze 28554 .mit 21420 Pestleichen; in West- 
minster waren 12194 Menschen gestorben, 8403 an der Pest; trotz aller 
der untriiglichen Schutzmittel und Heilmittel wider die Pest, welche durch 
Anschlage an den Strafienecken, durch Ausrufer und Ladenschilde ange- 
priesen worden waren; trotz der infallible preventive pills against tlic plague; 
der never failing preservatives against tlie infection; der sovereign cardials 
against the corruption of air; der antipestilential pills exact regulations for 
tJhe conduct of the body in case of infection; des incomparable drink against 
the plague never foutul out before; des only true plague water; des royal 
antidote against all kinds of infection. 

AUe diese Mittel halfen ebensoviel wie der hervorragende hoch- 
deutsche Arzt, der an den Strafienecken anschlug, daC er unlangst aus 
Holland heriibergekommen sei, nachdem er wahrend der grofien Pest des 
vergangenen Jahres in Amsterdam zahllose Leute an der Pest behandelt 
habe; oder wie die italienische Edeldame, die eben von Neapel angekom- 
men ist, weil sie ein Geheimmittel wider die Ansteckung besitzt, das sie 
vermoge ihrer grofien Erfahrung erfunden hat; sie hat damit wunderbare 
Kuren in der letzten Pest gemacht, als zwanzigtausend Menschen an 
einem Tage starben. 

Viele Leute schiitzten sich damals mit Amuletten, christlichen, tiir- 
kischen und heidnischen; die Jesuiten verteilten Kreuze mit der In- 
schrift IHS; Andei"e trugen ein einf aches Kreuz; wieder Andere hatten 
zu einem Zettel Vertrauen, worauf sie das geheimnisvoUe Dreieck des 
Abracadabra geschrieben hatten: 

ABRACADABRA 

ABRACADABR 

ABRACADAB 

ABRACADA 

ABRACAD 

ABRACA 

ABRAC 

ABRA 

ABR 

AB 

A 

12* 



180 11. Periode. 

Die Empfehlung Diemerbroecks aus der Nymwegischen Epidemie war 
wohl die Veranlassung f iir die Einfiihruiig der hollandischen Tabakspfeife 
naoh London als Pestschutzmittel. Ich fand im Kensingtonmuseum in 
London noch plague pipes aus der groflen Pest des Jahres 1665. 

Im Eriihling 1666 ereigneten sich in London die letzten Pestfalle, 
nachdem die Seuche wabrend der grofien Winterkalte ganz ausgesetzt 
hatte. Im September brach eine grofle Feuersbrunst in London aus, die 
liber 13200 Hauser und 89 Kirchen in Asche legte. Das danach neu 
auf gebaute London hat bis heute die Pest, die vorher alle 30 bis 40 Jahre 
ausgebrochen war und zwischendurch stets ihre Spuren gezeigt hatte, 
in epidemischer Ausbreitung nicht wiedergesehqn. Charles II. liefl zum 
Gedachtnis an den Brand in Fish Street Hill eine Denksaule errichten 
und darauf die Behauptung eingraben, die Katholiken seien die Brand- 
stifter gewesen. Pope spricht von dieser „Saule, die wie ein gewaltiger 
Renommist das Haupt erhebt und liigt'^. 

Weil London seit dem Brande von femeren Pestepidemien verschont 
geblieben ist, wiewohl noch haufige Einzelfalle vorkamen, soil der Brand 
Oder die Neuerbauung der Stadt London pestfrei gemacht haben. Aber 
die Pest hat im Jahre 1665 auch andere Stadte Englands, in denen 
derartige Umwalzungen nicht vorgekommen sind, zum letztenmal ver- 
wiistet. 

Der Verfasser des Robinson, Dbfob, hat in dem fingierten Tagebuch 
eines Burgers eine ausgezeichnete quellenmafiige Darstellung der groBen 
Londoner Pest gegeben. — (Weitere Quellen: G. Thomson, Gbaunt, Lon- 
don a collection, Vincent.) 
England Fliichtlinge von London hatten schon im Sommer 1665 die An- 

steckung in alle Stadte an der Themse getragen. Nacheinander wurden 
die Grafschaften Kent, Sussex, Hampshire, Dorsetshire, Essex, Suffolk, 
Norfolk, Cambridge, Northampton, Warwick, Derby verwiistet. Uber den 
Gang der Seuche in Colchester gibt die folgende Tafel AufschluC: 

Pest in Colchester. 





Pest 


Andere 




Pest 


Andere 




Pest 


Andere 


1665 




Okt. 20. 


106 


15 


Dez. 22. 


53 


7 


Aug.l4. 21. 


26 


2 


„ 27. 


60 


41 


, 29. 


21 


3 


28. 


62 


2 


Nov. 3. 


104 


13 


1666 




Sept. 8. 


122 


4 


„ 10. 


88 


22 


Jan. 5. 


23 


6 


r 15. 


153 


22 


„ 17. 


88 


18 


„ 12. 


46 


8 


„ 22. 


159 


25 


^ 24. 


62 


8 


., 19. 


36 


13 


„ 29. 


100 


25 


Dez. 1. 


38 


10 


„ 26. 


26 


10 


Okt. 6. 


161 


27 


n "• 


39 


6 


Febr. 2. 


34 


9 


. 13. 


122. 


23 


„ 15. 


67 


4 


. 9. 


25 


3 



Die letzte europaische Festepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. 181 





Pest 


Andere 




Pest 


Andere 




post 


Andere 


Febr.16. 


23 


7 


Juni 1. 


89 


10 


Sept 14. 


22 


2 


„ 23. 


33 


6 


. 8. 


110 


10 


„ 21. 


16 


2 


M^rz 2. 


53 


2 


., 15. 


139 


3 


„ 28. 


10 


2 


. 9. 


26 


11 


., 22. 


195 


6 


Okt 5. 


7 


2 


^ 16. 


37 


5 


1, 29. 


176 


4 


„ 12. 


7 





., 23. 


48 


4 


Jnii 6. 


117 


8 


., 19. 


7 


2 


. 30. 


66 


1 


r, 13. 


160 


9 


., 26. 


4 


2 


April 6. 


73 


2 


., 20. 


175 


3 


Nov. 2. 


4 


2 


., 13. 


90 


2 


„ 27. 


109 


4 


n 9. 


4 


2 


„ 20. 


68 


4 


Aug. 3. 


109 


2 


„ 16. 


2 


6 


. 27. 


90 


4 


., 10. 


85 


4 


., 23. 


1 


4 


Mai 4. 


169 


8 


. 17- 


70 


1 


1 30. 


1 


8 


. 11- 


167 


7 


T 24. 


51 


1 


Dez. 7. 


1 


7 


, 18. 


150 


11 


„ 31. 


53 


4 


•J Im- 








., 25. 


98 


12 


Sept 7. 


31 


6 




4817 


528 



(Creighton.) 

Wahrend die Pest im Jahre 1666 in Cambridge herrsclite, war sie 
auch in Peterborough, wo sie 417 Menschen wegraffte. In den ersten 
drei Monaten des Jahres 1667 starben in Peterborough noch 8 Men- 
schen an der Pest. Creighton sagt, das seien die letzten Pestfalle in 
England gewesen. Die Sterbelisten Londons verzeichnen indessen noch 
bis zum Jahre 1679 fast alljahrlich mehrere Todesfalle an Pest. Wir 
geben hier die Fortsetzung der unter dem Jahre 1636 angefiihrten Liste 
nach Latham. Es starben in London an der Pest: 

im Jahre Menschen im Jahre Menschen 

1665 68596 1674 3 

1666 1998 1675 1 

1667 35 1676 2 

1668 14 1677 2 

1669 3 1678 5 

1670 1679 2 

1671 5 1680 

1672 5 1681 

1673 5 1682 

Mit der Ausbreitung der Pest in England ging gleichzeitig die Ver- 
seuchung der Nordseekiiste des Festlandes und des nordwestlichen Europa Nordkiiste 
selbst weiter. Europas 

In Flandern und Brabant setzte sich die Pest fiir einige Jahre fest; 
Mecheln, Lowen, Aalst wurden verseucht; Brugge zahlte noch im Jahre 
1.669 mehrere Hundert verpesteter Hauser (Montanus). Briissel verlor 



182 11- Periode. 

vom 20. Oktober 1667 bis znm Dezember 1669 an den Bubonen 4046 
Einwoliner (Bbussel Ordonnantie). 

In Holland litten besonders Amsterdam und Leiden (Barbette, 
RoET, Sylvius de la Boe, Hammeeicus). Beim Beginn der Pestseuche 
in Holland wahrend des Jahres 1664 hob Mailand den Handelsverkehr 
mit den Niederlanden fiir zwei Jahre auf (Holland Publicatie). 

In Ostfriesland wurden Emden und Norden verseucht. In Oldenburg 
und Delmenhorst herrschte das geschwinde Sterben bis 1668. Vom 
August 1667 bis zum 3. Januar 1668 starben in der Stadt Oldenburg 
von etwa 4000 Einwohnern wenigstens 450; dann hoi-te das Zahlen auf. 
Im November war die Stadt verwiistet; viele Hauser standen leer, ohne 
Kaufer und Mieter; die Gemeinde hatte eine Schuldenlast von 10000 
Talern (Ruthning). 
Weatfalen Weiter zog das Ubel iiber Westfalen. Im Juli 1665 kam es in das 
durch kriegerische Unruhen verwiistete und durch MiUernten ausge- 
hungerte, verarmte Miinsterland. Hier erwarteten die Leute fiir das 
Jahr 1666 den Weltuntergang und sahen im Eiirstbischof Christoph 
Bernard von Galen den Antichrist. Der Fiirstbischof hatte bereits am 
28. Juli des Jahres 1664, als die Pest in Amsterdam ausgebrochen war, 
eine Sperre seines Fiirstentums eingefuhrt, derart, daC alle, die von ver- 
dachtigen Orten kamen, eine vierzehntagige Wartezeit an gesunden Orten 
nachweisen muBten, ehe sie eingelassen wurden. Am 10. Juli 1666 ver- 
bot er jeden Handelsverkehr mit den Stadten, worin mehr als zehn Pest- 
falle vorgekommen waren. Aber kura darauf wurde ihm der erste Pest- 
fall in Miinster gemeldet, Unter Beihilfe seines Leibarztes, des Doktor 
Rottendoeff, erliefi er eine genaue Pestordnung: Der Umgang mit 
Pestkranken und Krankenwartern sowie der Besuch angesteckter Hauser 
wurde Gesunden bei .hoher Geldstrafe verboten. Angesteckte Hauser 
sollten durch ein Strohkranzlein oder weiCes Kreuz kenntlich gemacht 
werden; die, welche mit Pestkranken verkehren muCten, sollten einen 
weiflen Stecken in der Hand und ein rotes Kreuz auf der Brust tragen. 
Alle Pesterkrankungen sollten dem Rate schleunigst angezeigt, die Kran- 
ken aus dem Hause geschafft und in eines der vier Elendenhauser oder 
in das Leprosenasyl in Kinderhaus untergebracht werden. Hauser, aus 
dencn ein Kranker getragen worden, sollten wenigstens auf vier Wochen, 
Hauser, worin einer an der Pest verstorben war, auf seclis Wochen mit 
Kette und SchloJJ verschlossen und spater griindlich gereinigt werden. 
Die Bewohner sollten sich auf vierzig Tage in ihre Garten zurlickziehen 
und den Umgang mit Gesunden meiden oder sich fiir sechs Wochen in 
die Hauser selbst einsperren lassen, wobei sie dann Xahrungsmittel durch 
die Fenster gereicht bekommen wurden. Der StraCenbettel wurde ver- 
boten, den Armen aus Kirchspielmitteln Unterstiitzung gewahrt; die 



Die letzte europ&ische Pestepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. lg3 

Stadt sollte fiir Vorrate an Brot, Tleisch und G-etreide sorgen. Verboten 
warden alle groBen Zusammenkiinfte bei Hochzeiten, Kindtaufen und 
Grastereien, sowie die weitlaufigen Prossessionen. Die Schulen seien zu 
schlieHen. Keine von verdachtigen Orten kommenden Leute soUten in 
die Stadt eingelassen, keine Infizierten ausgelassen werden. Leichen- 
begleitnngen seien bei jetziger kontagioser Zeit schadlich und unnotig. 
Um die Stadt vor den aus den Grabem steigenden ansteckenden Diinsten 
zu schiitzen, sollten alle gemeinen Leute aufierhalb der Stadt begraben 
werden, auf zwei neuen Kirchhofen vor dem Servatiitor und zwischen 
dem Neubriicken- und Jiidefeldertor. Hunde, Katzen und Tauben sollten 
als Pesttrager totgescMagen werden. 

Q-eistliche, Chirurgen und E^rankenwarter mufiten abgesonderte Woh- 
nungen beziehen. Befleckte Personen, die bei Gesunden eintraten, sollen, 
sie seien geistlich oder weltlich, fiir zweifache Morder und Totschlager 
gehalten werden. Denen, die in einem Pesthause das Geringste stahlen, 
wurde die Todesstrafe angedroht; denen, welcbe unter dem Vorwand der 
Erbschaft etwas daraus entnahmen, der Verlust ihrer Erbanspriiche. So- 
fort sollte eine offentlicbe Reinigung der Stadt ausgefiihrt und die Ab- 
falle entfernt werden. Tierleichen in die Aa zu werfen, wurde verboten. 
Die Schweine sollten aus der Stadt geschafft and ihre Stalle abgebrochen 
werden. K^eider, Bettgewand und Hausgerat Verstorbener durften wegen 
des ansteckenden Giftes nicht beriihrt werden, bevor alles wohldurch- 
weht und gereinigt worden. 

Da die Vorschriften schlecht ausgefiihrt wurden, verscharfte der 
Fiirstbischof am 10. Oktober die Strafandrohungen. Bis zum Marz 1667 
erlosch die Seuche, nachdem sie 642 Opfer gefordert batte. Im Herbst 
des Jahres gab es nochmals 74 Erkrankungen und im nachsten Friili- 
jahr vereinzelte Falle. Am 13. August 1668 wurde Miinster fiir rein 
erklart (Rottendobff, Hellinghaus). 

Die letzte Pestepidemie in den Bheinlanden und in der Schweiz 

vom Jahre 1665 bis 1670. 

Ehe die Pest im Miinsterland sich ausbreitete, hatte sie bereits an- Pest am 
gefangen, rheinaufwarts zu gehen. Im Sommer 1665 herrschte sie am 1^65^0 
ganzen Mederrhein. Am 22. August warnte der Pfalzgraf Philipp Wil- Nieder- 
helm, Herzog von Jiilich und Berg, den Rat der Stadt Koln vor der ^ ®"^ 
drohenden Gefahr, aber hier hatte sie sich sclion heimlich eingeschlichen. 

In Koln ging das Geriicht, sie sei durch Feilbieten alter Kleider Koln 
aus einem infizierten Ort, Jiilich oder Diiren, in die Stadt gebracht 
worden. Jedenfalls zeigte sie sich am 20. Juli in der Webergasse; wo 
einige Leute an den Driisenbeulen starben. Der Rat iiberlegte nun mit 



184 !!• Periode. 

den Professoren der medizinischen Fakultat, wie es friiher in Sterbens- 
laufen gehalten worden. Man beschloC, zunachst die Schweine zu ver- 
folgen. Diese hatten in der Stadt iiberall dadurch zugenommen, dall die 
Backer und andere Burger und Einwohner sie in ihren Wohnungen und 
Kellem zur Mast hielten und haufenweise in den Strafien umherlaufen 
lieBen. Das diirfe nicht so weiter gehen, zumal „dadurch nicht allein 
die Grassen und die Luft verunreinigt und mancher ehrliebende Nach- 
barsmann durch unleidentlichen Gestank beschwert, sondern auch die- 
jenigen Burger, welche noch unterjahrige Kinder haben, daiJ dieselben 
von gemeldeten herumlaufenden Schweinen, wie mehrmalen geschehen, 
an Gliedem beschadigt werden mogen, in immerwahrender Gefahr und 
Sorgen stehen'*. Die wenigsten kiimmerten sich um die Verordnung, 
welche die Abschaffung der Schweine befahl. Es entstand ein Krieg 
zwischen den Biirgern und den vom Rat beorderten Soldaten und Ge- 
waltdienern, der damit endete, dafl der Rat die Schweine iiberall durch 
die Henkerkeule erschlagen liefi. 

Am 22. August schrieb der Herzog von Jiilich und Berg aus dem 
Schlosse Bensberg jenseits des Rheines an den Rat der freien Stadt, er 
gedenke diese Herbstzeit in Bensberg zu verweilen und verbate seinen 
Untertanen jede Negotiation und Handlung auf eine Zeitlang dergestalt, 
daU sie nur auf der Mulheimer StraUe ihre Waren verkaufen diirften; 
der Rat diirfe aber keinem das tjberschiffen iiber den Rhein gestatten, 
der nicht mit einem Gesundheitsschein versehen sei oder der aus einer 
infizierten Strafie oder Wohnung kame. 

Am 29. August gab der Kolner Rat sein Edietum ratione infectionis 
gedruckt heraus. Am 31> wurden die in der Pfarrkirche St. Laurenz 
aufbewahrten Reliquien des heiligen Sebastian ausgesetzt. Am 7. Sep- 
tember wurden Handel und Wandel in der Stadt aufgehoben; die ver- 
seuchten Hauser wurden gesperrt und mit dem Bilde des Erlosers, der 
Aufschrift Salvator tnundi salva nos und mit dem Datum der Sperre be- 
bezeichnet. Mit der Feststellung der infizierten Wohnungen wurden 
fiinfzig Exploratores betraut. Diese hatten auch dafiir zu sorgen, dafl 
die Misthaufen von den Strafien und Garten und hinter den Hausern 
entfernt und fremde Bettler und Landstreicher, spater, am 4. November, 
auch die diirftigen Studenten aus der Stadt getrieben wurden. Das Ein- 
fiihren und Verkaufen alter Kleider wurde verboten, ebenso das Feil- 
bieten von unreifem Obst. AUe Branntweinkessel . wurden ausgerissen, 
infizierte Badestuben gesperrt. 

Alle MaCnahmen eiTCgten die Unzufriedenheit der freien Biirger; sie 
risseii im Oktober die Salvatorbilder ab oder tiberschwarzten sie und off neten 



.. w '■< 



die gesperrten Hauser. Vergeblich wurden mehrere Ausschreiter zu Geld- 
straf en verurteilt. Erst die Drohung mit dem ^Turmgang machte Eindruck- 



Die letzte europAische Pestepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. Ig5 

Nach der Mitte des Oktober starben taglich 40 — 54 Menschen. Darum 
bildeten einige Burger in der Lindgasse am Ende des Monates eine 
Bruderschaft des heiligen Rochus in der Pfarrkirche von St. Brigiden 
und taten das Geliibde, jedes Jahi- nach Balkhausen, wo St. Rochus 
Pfarrpatron war, zu wallfahrten, damit die Seuche aufhore. Am stark- 
sten wiitete das Ubel in der Pfarre St. Aposteln und besonders in der 
Breitestrafie. Auf der Hohe des Sterbens flohen viele Arzte und Pro- 
fessoren der Medizjji aus der Stadt, so dafl der Rat^m 19. Xpvember 
ein Schreiben ^lieC, worin er die FliichtUnge zur Ru^kehr binneti vier- 
zehn Tag^ oder zur AngalSeJ^der Griinde, wesa^lb sie ausblieben, auf- 
forclfe'ff^ 

Am 23. Dezember versprach der Papst Alexander VII. alien Pest- 
kranken und Allen, die ihnen beistunden, einen voUkommenen AblaB. 

Im Januar 1666 lieB die Seuche voriibergehend nach, um im Friih- 
jahr einen neuen Ausbruch zu machen. Aber am 16. August konnten 
die Rochusbruder zum Dank fur die Befreiung der Stadt von der Pest 
ein achttagiges Jubelfest feiem, und am 18. Oktober beratschlagte die 
philosophische Fakultat, ob und wann sie ihre Vorlesungen wieder be- 
ginnen solle. Erst am 16. Marz 1667 erklarte die medizinische Fakultat 
die Stadt fiir pestfrei. 

Wahrend der Pest waren die Testamente von Schoffen und Notaren 
auf der Strafie aufgenommen worden, nachdem man die Kranken auf 
Sttihlen vor die Hauser getragen hatte. Die Seelsorge der Kranken 
hatten die Jesuiten, Kapuziner und Alexianer iibemommen. Nahrung 
und Arzneien waren in die geschlossenen Pesthauser durch Locher in 
den Haustiiren gereicht worden. 

Im ganzen hatte die Pest nach der gedruckten Sterbeliste 8910 Ein- 
wohner weggerafft, ungerechnet die vielen Geistlichen. Unter den Ver- 
storbenen war der Arzt Nicolaus Aubel. Die 22 Alexianer starben alle; 
nur der Pater Badorf blieb am Leben. Er trag die Habite der Ver- 
storbenen auf die Kommunionbank der Kirche, so daJJ Jeder sie ohne 
die vorgeschriebenen Eintrittsgelder ergreifen und anlegen konnte. (von 
Mebing.) 

Der Arzt des Pesthauses, Doktor Thoub, hat eine kurze Beschreibung 
der Pest hinterlassen. Nach seinen Aufzeichnungen starben vom 1. Marz 
1665 bis zum 1. Marz 1666 nicht weniger als 5920 Menschen, von da 
bis zum 1. Januar 1667 noch 4883, zusammen also 10803. — 

Schon Ende 1665 war die Seuche iiber den Rhein gegangen und 
herrschte bald in Deutz so, daJJ die Geistlichen der Abtei nach Ober- Deutz 
zundorf und Remagen auswanderten. Nur der Pfarrer und einige andere 
Seelsorger harrten aus. Als die Pest im Herbst des folgenden Jahres 
aufhorte, versprach der Pfarrer, eine Kapelle zu Ehren der schmerzhaften 



186 11. Periode. 

Mutter Grottes beim Aussatzigenhause in Kalk zu erbauen, um darin ein 
altes Schmerzenbild aus dem funfzehnten Jahrliundei't aufzustellen. Die 
Kapelle wurde bereits im Jahre 1667 fertiggestellt, aber im Jahre 1703 
von einem Orkan zerstort. An ihrem Platz steht heute die Wallfahrts- 
kapelle, welche 1704 bei einem Sterben im benachbarten Vings zu Ehren 
des heiligen Rochus errichtet wurde. Darin wird immer noch jenes alte 
Bild der Mater dolorosa verehrt. (M. Kollbn.) 

Audi weiterhin in der Erzdiozese Koln verbreitete sich die Pest. 
Zahlreiche Rochuskapellen, die zu jener Zeit entstanden sind, reden noch 

Diissel- heute von ihrem damaligen Wiiten in Diisseldorf, Cornelimiinster, Eupen, 
^^ Overrath, Hergenrath, Dahlen, Zweifell. 

Als das Genicht von dem Herrsehen der abscheulichen Conta- 
Bonn gion am Niederrhein nach Bonn kam, da spendeten die Sebastiansbriider 
dort im August 1665 eine Wachskerze von fiinfzehn Pfund in die Kirche 
auf dem Kreuzberge und riefen die Schmerzhafte Mutter samt den heili- 
gen Sebastian und Rochus als Schutzhelfer an. Aber schon im Septem- 
ber begann die pestilenzische Sucht, die gefahrliche Krankheit, 
die Straf in Bonn sich zu zeigen, wie man glaubte, von Koln her hin- 
gebracht. Sie erreichte im nachsten Sommer ihre Hohe; jetzt opferten 
die Briider am 25. August eine neunundfiinfzigpfundige Kerze in die 
Remigiuskirche. Da die haufigen Wallfahrten nach dem Kreuzberg die 

Poppels- Ansteckung nach Poppelsdorf gebracht hatten, wo sie entsetzlich wiitete, 
so hatte das Bonner Kapitel den Bittgang zum Sebastianustag am 
20. Januar untersagt. (de Claee; Bonk Unterrichtungen.) 

Bei dem Zug von Koln nach Bonn hatte die Pest das landeinwarts 
gelegene Briihl iibersprungen; sie kam im Julil666 dorthin und herrschte 
daselbst bis zum Marz des anderen Jahres. 

Honnef Schon im August 1665 war sie rheinauf warts nach Honnef ge- 

kommen, um dort bis zum Annatage, dem 26. Juli, des folgenden Jahres, 
zu wiiten. Nach den Kirchenbiichern begrub der Pfarrer Colonius in 
jenem Jahre 1600 Pfarrkinder. Als die Seuche zu Ende war, errichteten 
die iibriggebliebenen zwolf Manner in Rommersdorf, in der Berggasse 
und in Sehlhof ein Bildhauschen zu Ehren der heiligen Anna und wall- 
fahrteten in die Berge nach Servatius zur Kapelle. Diese Wallfahrt wird 
noch alljahrlich geiibt. 
Linz Weiter ging das Ubel am rechten Rheinufer hinauf nach Linz, wo 

es vom Jalire 1666 bis 67 wahrte. Zum Andenken an sein Erloschen 
wird seitdem dort ein ewiges Licht unterhalten. 

Coblenz Auf der anderen Rheinseite w^ar es inzwischen nach Coblenz vor- 

gedrungen und von hier sowie von Koln aus gelegentlich einer Wallfahrt 

durch Pilger bis nach Kalvarienberg boi Ahrweiler getragen worden. 

Ahrweiler Der Zusammendrang des Volkes in Ahrweiler verursachte eine rasche 



Die letzte europ&ische Pestepidemie vom Jahre 1668 bis 1684. 187 

Steigerung der Ansteckung. Die zuriickkehrenden Pilger brachten sie 
nach Beuel, nach Rheinbach, nach Bachem, moselauf warts bis nach 
Cochem und weithin in die Eifel. Hier iiberall herrschte sie noch im Eifel 
Jahre 1668. Erst im Jahre 1669 kam sie auf die Rheininsel Konnen- 
werth, wo 7 Menschen starben. ^ 

Nach Frankfurt am Main war schon in den ersten Oktobertagen Frankfurt 
1665 der erste Pestfunken gelangt. Ein mobiler Handelsmann aus Fran- 
kenthal, der zur Frankfurter Herbstmesse liber Koln gereist war, starb 
dort im Giildenen Apfel unter den offenbaren Zeichen der Pest. Die 
Hausbewohner, der Wirt, seine Frau, einige Kinder und Dienstboten, er- 
lagen kurz darauf der gleichen Krankheit. Um diese Zeit hatte Luzern, 
angeregt vom Collegio della Sanita zu Mailand, und Basel, angeregt von 
Luzern, unter dem 14. Oktober nach StraBburg wegen der Pestgefahr 
geschrieben, die aus England und Koln drohe. StraBburg hatte am 
23. Oktober dem Kurfiirsten von Mainz seine Sorgen mitgeteilt. Die 
Stadte verhandelten untereinander wegen der gemeinsam zu treffenden 
Abwehrmaflregeln. Dabei schritt das Ubel in Frankfurt fort. Anfang 
November war es bereits an vielen Stellen der Stadt und am anderen 
FluCufer in Sachsenhausen so deutlich, daC Frankfurt am 4. November 
einen Pestarzt anstellte und dafl am 28. November die Republik Venedig '' 
ein band^ per occasione di peste an Frankfurt schickte, wodurch den Be- 
wohnern der Stadt und ihres A^icIiBil3es jeglicher Zugang in das G-e- 
biet der Republik versagt wurde. Das Schreiben kam in Frankfurt am 
15. Dezembep zur/Verlesung. 

Dem Vorgehen Venedigs folgten hintereinander viele andere Regie- 
rungen, die kaiserliche Regierung, das hessische Ministerium in GrieCen, 
Kurbayern, StraBburg, Basel, Ulm, Augsburg, Niirnberg, Regensburg, 
Innsbruck, St. Gallen, Mailand und so weiter. Hessen-Darmstadt verhing 
den Bann nicht, versuchte vielmehr zu Anfang des Jalires 1666 „des 
ganzen umliegenden Landes tagliche Speismutter und Ernahrerin" davon 
zu befreien. Darmstadt, wo noch vor dreiBig Jahren die Pest so schwer 
geherrscht hatte, daB monatlich 40 bis 70 Menschen daran starben, er- 
freute sich diesmal eines gesunden Jahres mit einer auffallend niedrigen 
Sterblichkeit und sah nur ganz vereinzelte Pestfiille, so daB seine vor- 
sichtige Besorgung von Lebensmitteln, Sargen, Totengelaute und Grab- 
gesang sich als eine iiberfliissige Sorge erwies. Audi weiterhin auf der 
groBen VerkehrsstraBe zwischen Main und Neckar, in Eberstadt, Alsbach 
und Auerbach zeigte sich die Epidemic nicht; nur in Zwingenberg wur- 
den ein paar Familien von ihr heimgesucht und fast voUig ausgerottet. 
Ebenso blieb Oberhessen, wenigstens GieBen, Griinberg, Alsfeld, verschont. 

In Frankfurt also nistete sich das Ubel am Ende des Jahres 1665 
ein. Im Januar des folgenden Jahres gab sich der Stadtrat alle Miihe, 



^ 



188 11- Periode. 

den Nachbarstadten Mainz, Fulda, Hessen-Kassel und auch entfemteren 
Handelsfreunden wie St. Gallen das beginnende Sterben als belanglos 
hinzustellen. Er versicherte, es seien nnr zwei oder drei Hauser „nit 
zwar ex aere vitioso, sondem secundum medioorum nostrorum juratorum 
asserta ex contagio et convictu infiziert worden und sonst allerley Leuth, 
mehr nit alss 53 Personen an allerley Schwachheiten durch die Milde 
des Hochsten verstarben. Nachtliche Beerdigungen seien, Niemand zu 
Gefehrde, wegen ermangelnder Spesen geschehen". (Bodbnstbin.) Gleich- 
wohl blieb Frankfurt im Bann, auch wahrend des folgenden Jahres, wie- 
wolil gemafl der offentlichen Sterbelisten wahrend der ersten Monate von 
einer erhohten Sterblichkeit nichts zu spiiren war. Aber die Zeichen, 
unter denen die Leute starben, waren verdachtig genug, um zur Vorsicht 
zu mahnen, und im April begann auch wirklich eine Steigerung der 
Sterbeziffer bis in den Hochsommer hinein, um mit dem September 
nachzulassen. Wahrend des Jahres 1666 starben in Frankfurt wenigstens 
1802 Menschen und davon gut zwei Drittel an der giftigen Seuche. 

Todesfalle in Frankfurt und Sachsenhausen: 





1665 


1666 


1667 


1668 


Januar 


79 


71 


71 


37 


Februar 


55 


48 


51 


29 


Marz 


65 


59 


42 


41 


April 


64 


88 


59 


42 


Mai 


65 


99 


91 


58 


Juni 


45 


82 


40 


34 


Juli 


72 


259 


37 




August 


80 


350 


40 




September 


66 


222 


33 




Oktober 


77 


217 


48 




November 


103 


176 


44 




Dezember 


110 


131 


49 






881 


"1802 


605 





Bei der Kunde vom Ausbrechen der Pest in Koln hatte die um- 
sichtige Regierung von Mainz schon im September 1665 strenge Mafi- 
regeln zur Abwehr getroffen und namentlich den zunachst gefahrdeten 
Stadten Bingen und Hochheim auferlegt, alle Passanten zu examinieren, 
die Kolner Kaufleute mit ihren Waren zuriickzuweisen, die Gassen zu 
saubern, Ganse und Schweine abzuschaffen und alle Beisassen zu spezi- 
fizieren, um die Fremden ausw^eisen zu konnen. Zugleich hatte sie mit 
der Stadt Frankfurt iiber die Mafiregeln zur Abwehr, besonders uber die 
Untersuchung der ankommenden Personen und Waren unterhandelt. 
Frankfurt verlangte in Koln Atteste, dalJ ankommende WoUe und Pelze, 



Die letzte europftische Pestepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. 189 

welche die Kontagion leichtlich zu attrahieren pflegen, aus nichtinfizierten 
Hausern kamen. Die Kolner antworteten am 16. September, durch die 
Vorkehrungen der Medici und Anderer sei die Pest auf etliche wenige 
an den Stadtpforten nnd Wallen gelegene Hauser beschrankt geblieben 
und habe keine Fortschritte gemacht, nnd da viele Infizierte von der 
Krankheit genasen, glaubten die Arzte, die Luft als rein und sauber be- 
zeichnen zu mussen; gleichwohl werde Koln die Reisenden mit den ge- 
forderten Scheinen versehen. 

Bereits im Oktober war Frankfurt verseucht. Aber dem Kurfiirst 
von Mainz Wurde das offenbar verbeimlicht. Denn sonst hatte er wohl 
nicht am 19. November wie samtlichen benacbbarten Fiirsten und Stadten 
so auch dem Frankfurter Rat vorgeschlagen, jeden Handel mit Koln und 
England zu unterbrechen, weil die bisherige Mafiregel^ den Biirgern den 
Verkehr mit verseuchten Orten bei Leibes- und Lebensstrafe zu ver- 
bieten, unzureichend sei, um die Pestgefahr zu vermeiden. Wahrend nun 
die Frankfurter am 1. Dezember die unwahre Versicherung gaben, sie 
seien dem Vorschlag des Kurfiirsten gefolgt, hatte dieser bereits in 
Wirklichkeit in jenem Sinne gehandelt. Er hatte namlich am 5. Novem- 
ber durch seinen Gewaltboten alle Schiffe, die innerhalb der letzten zwei 
Wochen von Koln nach Mainz gekommen waren, giitlich oder mit 
Waffengewalt fortweisen lassen und befohlen, dafl kiinftig nur solche 
Kolnische Schiffe am Mainzer Ufer anlegen durften, die vorher beim 
Karthauserbau oder imRheingau vierzehn Tagelang angehalten hatten und 
durch Wind und Regen purifiziert Borden waren. Das Einschleichen 
und Beherbergen von Kolnern in der Stadt drohte er, mit Leibes- und 
Lebensstrafe zu ahnden. Den Jesuitenvatem verbot er, Studenten auf- 
zunehmen; den Biirgern, Ganse, Tauben und Schweine zu halten; der 
Scharfrichter muBte jede Woche einmal durch die Stadt fahren und alle 
toten Hunde und Katzen abfahren; die Stadtknechte muBten den Kehricht 
an genau bestimmten Orten abladen. 

Mainz lieB sich von Frankfurt tauschen. Noch am 9. Januar nahm 
der Kurfiirst die Stadt gegen die kurpfalzische Regierung. in Schutz und 
erklarte das Pestgeriicht liber Frankfurt als irrig. Indessen wurden die 
Frankfurter Kaufleute von Strafiburg, Basel, St. Gallen, Niirnberg, Augs- 
burg, Regensburg, vom Kurfiirstentum Bayera, vom Erzbistum Salzburg, 
von Ober- und Niederosterreich, von der Tiroler Regierung in Innsbruck, 
Trient, Bozen, von den oberitalienischen Stadten, insbesondere von Mai- 
land und Venedig gebannt. 

Am 11. Februar 1666 gestand Frankfurt seinen Biirgern, dafl bei 
der letzten Herbstmesse einige wenige Hauser durch Kolnische Kaufleute 
kontaminiert worden und einige Menschen an der Kontagion verstorben 
seien; dafl nunmehr der Handel und Wandel mit den Kolnern fiir einige 



190 11. Periode. 

Zeit eingestellt und den Niederlanden diese Verfiigung kundgetan werden 
soUe, damit sie ihre Waren nicht durch Koln brachten, sondem an un- 
verdachtigen Orten abliiden und mit Zeugnissen versahen. Bald darauf, 
am 22. Februar, bemiihte Frankfurt sich bei der fiirstbisclidflichen Regie- 
rung zu Wiirzburg, den unterbrochenen Handelsverkehr wiederherzu- 
stellen. Es geniefie nach der Aussage aller seiner Arzte gesunder Luft. 
Wiirzburg verwies die Frankfurter mit ihrem Anliegen an Niirnberg. 
In dieser "Weise gingen die Verhandlungen zwischen den verpesteten 
und gefahrdeten Stadten bin und wieder. Inzwischen zeigte sich die 
Pest auch im Mainzer Gebiet. Zu Anfang des Jahres zeigte sie sich im 
Dorfe Miinster, eine halbe Stunde von Bingen, sowie in dem zwei Stun- 
Bingen den siidostlich von Bingen gelegenen Dorfe Aspisheim. Ende April war 
sie in Bingen selbst. Hier wurden die Kranken von zwei Judendoktoren 
und einem Barbier behandelt; zur Pflege kam ein Kapuzinerpater. Die 
Leichen wurden von bestellten Totengrabern ohne Begleitung beerdigt. 
Bis zum 10. Juni starben in Bingen 50 Leute. Dann horen die Auf- 
zeichnungen der Sterbefalle auf, da die Geistlichen von der Kranken- 
sorge so in Anspruch genommen waren, dafl sie ihre Biicher nicht mehr 
fiihren konnten. Acht von ihnen fielen der Pest zum Opfer. Die Rats- 
sitzungen wurden fiir zwei Monate ausgesetzt. Am 16. Juni gelobte die 
Stadt, in honorem Sancti Rochi eine Kapelle auf dem Hesseligen zu 
bauen, und legte am 7. August den Grrundstein dazu. Das ist der Ur- 
sprung der alljahrlichen Wallfahrt auf den Rochusberg, welcher am 
16. August 1814 Goethe beigewohnt hat (Goethe, H. H. Koch). Im 
Oktober liefi die Seuche nach und horte im Januar 1667 auf. Sie hatte 
90 Burger, im ganzen mindestens 450 Menschen, nach Anderer Angabe 
sogar 2000 getot^t. Die Stadt war durch die Aufwendungen bei der 
Seuche verarmt. 

Kempten Im benachbarten Kempten verlief die Seuche wie in Bingen. Vom 

April 1666 bis Ende des Jahres starben dort 36 Menschen. Auch in 
heim^" E'^clesheim forderte sie zahlreiche Opfer, die auf 1000 geschatzt werden. 
Kreuz- In Kreuznach .soil sie sogar 1700 hingerafft haben. 

Bheingau Anfangs Juni grassierte die Schwachheit im Rheingau und zwi- 
schen Mainz und Frankfurt zu Schierstein, Biebrich, Mosbach, Kastel, 

Flttrsheim Florsheim, Raunheim, Heddernheim. 

Nach Florsheim kam die Plage am 16. Juni durch verseuchte Klei- 
der, die ein Schneider von auswarts erhalten und fiir seine Kinder zu- 
gerichtet hatte. Er verier von seinen Kindern vier an einem Tage. Im 
ganzen starben nach der PfarrHste 160; die Leute aber versicherten, es 
seien gegen 250 gewesen. In einzelnen Hausem starben auCer den 
Menschen auch Hunde, Katzen und Hiihner. Die Kranken litten 
schrecklichen Durst und verlangten bestandig nach Wasser. Die, welche 



Die letzte europ&ische Pestepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. 191 

von der Krankheit gerettet warden, litten an geschwollenen FiilJen. Der 
Krankheitsstoff schien wie ein blauer Dunst in der Luft herumzufliegen. 
Wer ihn sah, eilte weg und rief: Lauft, das Kautzgen kommt! — Jo- 
hannes Theis, ein Bub, sail auf einem Banm, um einen Sprenkel, Vogel 
zu fangen, aufzurichten. Da kam das Ubel ihm an einen Arm geflogen, 
welches er alsbald mit seinem in der Hand gehabten Messerlein heraus- 
geschnitten. Das Ubel griff nicht weiter um sich; er selbst wurde ein 
tiichtiger Mann. 

Noch wird im August der verlobte Tag gefeiert, den die Gemeinde 
versprach, sq festlich wie moglich zu begehen, solange noch von Flors- 
heim ein Stein auf dem anderen sei. Damals sprachen die Eltern. zu 
den Klindem: Betet, ihr Kinder, bittet und flehe1> zum Herrn, damit er 
euch erhore, wenn wir unwiirdig sind; euer Gebet durchdringe die Wol- 
ken, wenn das unsere nicht erhort wird. (Gandeb.) 

Schon wahrend des Fnihjahrs war die Seuche der Bergstrafle ent- Berg- 
lang gezogen, hatte Eberstadt, Alsbach, Zwingenberg, Auerbach ange- ^^™^^ 
steckt und endlich Mannheim erreicht. Hieher war sie durch einige 
herumvagierende ledige Metzgerknechte gekommen, welche Schlachtvieh 
von Alzey gebracht hatten. Zuerst starb in Mannheim die Dienstmagd 
eines "Wagners, am 16. Mai. Im Juli war die Hohe des Sterbens, das bis 
in die zweite Halfte des September andauerte und dann rasch abnahm. 
Im Februar des nachsten Jahres, 1667, kam die Pest weiter nach Franken- Franken- 
thal. Heidelberg blieb verschont. (Bensingbb.) *^*^ 

In der Mitte des Jahres 1666 kam sie auch nach Mainz. Ein Ge- Mainz 
riicht sagt, sie sei im Juni unter den Mainzer Juden erschienen. Sicher 
ist, daB zwischen dem 30. Juni und dem 7. Juli MaUregeln wider die 
eingerissene Pest getroffen wurden. Am 6. Juli brachte das Mainzer 
Marktschiff einen jungen Mann nach Frankfurt, der zwei pestilenzische 
Zeichen an seinem Leibe hatte, namlich an der rechten Seite hinterwarts 
einen Karfunkel oder schwarze Blatter, die ausfallen und um sich fressen 
wird; vorn am Leib eine Beule mit stark febrilischer Hitze und bereits 
einfallender Deliration. Fliichtlinge aus Mainz fielen an den Frankfurter 
Stadttoren hin und starben oder wurden krank in das Lazarett aufge- 
nommen. So versicherte Frankfurt. Mainz antwortete, es wisse von den 
Personen nichts. Jedenfalls ging der Kurfiirst jetzt von Mainz nach 
Wiirzburg und die Domkapitulare mutierten locum, certo judicio, daU es 
daselbst nicht allerdings rein war, wie die Frankfurter meinten. Der 
Domdechant und Statthalter Johannes von Heppenheim blieb in Mainz, 
seiner Pflicht getreu, Er lielJ sich von den Pfan^ern allmorgendlich 
schriftlichen Bericht iiber den Gesundheitszustand jeder Pfarrei geben, 
legte ein genaues Verzeichnis der Kranken und Toten an und befahl, 
die Verstorbenen wahrend der Nacht oline Geleit zu begraben. Die Ge- 



192 11- Periode. 

nesenen und Gesunden aas verseuchten Hausern muCten sechs Wochen 
lang den offentlichen Verkehr meiden und auch auf den Kirchenbesuch 
verzichten, damit niclit durch allzuviele Kommunikation die Schwachlieit 
weiter einreiUe. Die Nachbaren sollten ihnen um der christliclien Liebe 
willen die Notdurft vor die Tiire bringen. GroBe Zasammenkiinfte in 
den Kirchen, besonders Bruderscliaften sollten vorlaufig eingestellt werden; 
den Predigern wiirde befohlen, sich der Kiirze zu befleifligen. Die Sol- 
daten wurden auf die Walle ausquartiert, liederliches Gesindel ausgewiesen. 
Zum Troste der Sterbenden wurden zwei Kapuziner angestellt, die auch 
den Medicus ordinarius Doctor Koch und den Chirurgus Meister Wenzel 
Rauth regelmafiig herbeiholen sollten. Koch erlag spater mit Gattin und 
Kind der Pest; Wenael Rauth muBte sich wiederholt dariiber verant- 
worten, daC er den Leuten, die krank waren, viel Geld abnahm und viele 
andere wegen nichthabender Mittel versaumte. 
Hochheim Im Spatherbst litt auch das bis dahin verschonte Hochheim. Hieher 

hatte eine gate Weinernte viele auswartige Kaufer gezogen. Die Hoch- 
heimer genossen trotz der Seuche ihres Gewinnes unter Fressen, Saufen^ 
Spielen, Fluchen, Schworen, Zanken und Schlagen, daher sie am 3. Januar 
1667 vom Mainzer Domkapitel zur Bufifertigkeit und zum Gehorsam 
gegen die Seuchengesetze verwamt wurden. 

Wahrend aller dieser Vorgange stritten Frankfurt und Mainz dariiber 
bestandig in hin- und hergesandten Briefen, welche von beiden Stadten 
schlimmer infizieiii sei. Dabei betonten sie stets ihren wohlmeinenden 
nachbarlichen Willen, wahrend sie zugleich gegenseitig sich zu bannen 
drohten. 

Am 3. Juli bericht^n die kurmainzischen und fiirstbischoflich wiirz- 
burgischen Amter Krautheim, Bischofsheim, Amorbach, Bozeberg und 
Mergentheim iiber die moglichste Abwendung der je langer je weiter 
diesseits und jenseits des Rheines um sich greifenden leidigen Kontagion 
Tind beschlossen: Unbekannte nur mit Zeugnissen iiber ihre Herkunft 
und ihre Aufenthaltsorter einzulassen; Reisende aus infizierten Ortern 
a-bzuwehren; eine vertrauliche Korrespondenz iiber verdachtige Orter zu 
fiihren; Fremden nur dann Zeugnisse auszustellen, wenn sie friihere 
Atteste vorbringen und sich iiber ihre Herkunft ausweisen konnten; die 
Handelsbeziehungen, vor allem die Schiffahrt, mit Mainz einzustellen; 
Flachs und Hanf nur aus unverdachtigen Ortern zu holen; die Jahr- 
markte wegen des verdachtigen Gesindels einzustellen; den benachbarten 
Adel aufzufordern, ihren Beschliissen beizutreten, widrigenfalls uber seine 
Untertanen die Sperre zu verhangen; fremde Bettler nicht zu dulden; 
Schweine, Tauben und Ganse allmahlich abzuschaffen; Haushaltungen, 
Gassen und Brunnen reinzuhalten ; alle Zeugnisse ohne Entgelt abzu- 
^eben. 



Die letzte europaische Pestepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. 193 

Frankfurt ging nun emstlich daran, Mainz zu bannen. Der Statt- 
halter zwang Frankfurt zur Nachgiebigkeit, das Herannahen der Herbst- 
messe trug zur Friedfertigkeit der Frankfurter bei. Aber wiewoM der 
Mainzer Kurfurst den Besuchem der Messe keine Schwierigkeiten machte, 
so blieb doch der diesjahrige Handelsverkehr wegen der in Frankfurt 
und Mainz grassierenden Pest gering. 

Wahrend des August starben in Frankfurt jede Woche 90 Personen; 
so viele wurden wenigstens im Dezember von dem Stadtrat offentlich 
zugegeben. In Mainz sonderte die leidige Seich oder Kontagion 
zwischen dem 1. und 16. Juli fast etliche hundert Seelen schnell von 
dieser Welt ab. Mit dem August scheint sich die Zahl der Opfer ver- 
mindert zu haben, da die Bestellung der Sarge durch das Offizium 
abnahm. Bis zum 20. Januar 1667 verlor Mainz gegen 2300 Men- 
schen. Die damals in Umlauf gesetzte Ziffer von 8000 Toten wurde 
von dem Domprediger Doktor Volusius als unwahr offentlich zuriick- 
gewiesen. 

Im Februar war die Kontagionsschwachheit in Mainz zu Ende. 
Bereits am 20. Januar hatte man ein allgemeines Dankfest gefeiert. Ein 
oder zwei Wochen spater wurden die Badestuben wieder geoffnet und 
fiir Ostern erhoffte man die Wiedereroffnung der Residenz. 

Am 12. Dezember des vergangenen Jahres hatten die Frankfurter 
der Mainzer Regierung auf Treu und Wahrheit versichert, daU in ihrem 
Bereich die Luft gut und rein sei; in Frankfurt und Sachsenhausen 
stiirben in der Woche nicht mehr als 34 bis 40 an allerhand Schwach- 
heiten, wie dies gewohnlich sei. Sie wurden an den Mainzer Kurfiirsten 
in Wiirzburg verwiesen. Dieser antwortete auf ihre Bitte um die Auf- 
hebung der Mamsperre, er habe das Leben von Tausenden zu schutzen. 
So blieb es bei der Sperre bis auf weiteres. 

Im Januar 1667 kam die Seuche von Frankfurt oder von Mainz 
nach Trechtingshausen unterhalb Bingen; hier starben bis zum 18. No- 
vember 76 Einwohner. 

Im Februar machten die Rate beider Stadte neue Versuche, den 
Verkehr zwischen ihren Gebieten wiederherzustellen. In Mainz sei seit 
vier Wochen niemand mehr an der Seuche erkrankt oder gestorben und 
auch Frankfurt sei von der Schwachheit geheilt, was es mit den Zeug- 
nissen seiner Physici und Chirurgi beweisen konne. Dagegen weigerten 
sich die Rate beim Kurfiirsten in AViirzburg am 16. Marz ihren Mainzer 
Kollegen beizustimmen und die Frankfurter Seidenhandler zur bevor- 
stehenden Mitfastenmesse zuzulassen. So muJJten die Rate in Mainz am 
19. Marz den Frankfurtern mitteilen, die Mainzer Messe wiirde ausf alien. 
Dem Besuch der Frankfurter Ostermesse durch die Mainzer legte der 

Sticker, Abhandluagen I. Geschicbte der Pest. 13 



194 11. Periode. 

Kurfiirst keine Hindemisse in den Weg. Diese verlief gut, ohne dafi 
sich die Kontagion wahrend ihrer Dauer oder spater wieder zeigte, wie 
etliche Tausend aus der Pfalz, aus Franken, aus Wiirttemberg, aus der 
Schweiz, aus der Mark, aus dem Elsafl, aus Schwaben, Pommem, Mecklen- 
burg, Westfalen, Braunschweig, Hessen, Thiiringen und den Niederlanden 
bezeugen konnten. 

Dagegen zeigte sich im Mar? 1667 die Seuche wieder im kurmain- 
zischen Rheingau, so dafi der Mainzer Rat den Besuch der Weinmarkte 
in Ostrich, Schierstein, Hattenheim und Hochheim verbieten mufite. 
Gleichwohl wurde nach dem 25. April in einigen Mainzer Hausem die 
Kontagion aufs neue verspiirt; wie das Offizium vermutete, wegen des 
unvorsichtigen Gebrauchs von Betten und Kleidem, die friiher Pest- 
kranken gehort hatten. Einige starben. Das hatte zur Folge, dafi das 
Offizium den Kurfiirsten bat, im Mai die Ausstellung des Schweifituches 
im Kloster zum alten Miinster fiir die Pfingsttage und fiir den Pfingst- 
dienstag die Prozession der Dominikaner nach Heiligkreuz zu verbieten. 
Das Verbot wurde erlassen, wiewohl die GeistUchen auf offentlichen 
Kanzeln versuchten, das Offiaium in den Verdacht zu bringen, dafi es 
heilige Gebrauche abschaffen woUe. Am 12. Mai wurden auf Befehl des 
Kurfursten von Mainz die Passe in Mainz, im Herzogtum Franken und 
am Obermain wieder eroffnet. Diesem Befehl woUte der Kurfiirst von 
Bayem im Juli folgen, als er rechtzeitig erfuhr, dafi in der Umgegend 
von Speier auf beiden Seiten des Rheines etliche Dorfer mit der Kon- 
tagion behaftet seien, dafi in Frankfurt an einem Tage im Hause zum 
Falken sechs Menschen an der Pest gestorben und zu Hanau sechs 
Hauser gesperrt worden seien. 

Die Frankfurter entschuldigten das Ungliick in ihrerr Stadt damit, 
dafi die verstorbene FamUie von Schlofiburg im Taubergrund nach Frank- 
furt gezogen ware und unterv^' egs bei einem Wirt libernachtet hatte, dem 
in einer Woche drei Kinder gestorben seien. Aus Ekel und Schrecken 
hatten die Reisenden die Kontagion an sich gebracht und so seien von 
ihnen zwei, nicht sechs, gestorben. Frankfurt selbst erfreue sich einer 
reinen und gesunden Luft. 

Uber Althanau wurde die Sperre verhangt und erst im Februar 1668 
aufgehoben. Auch Guntersblum, Eibingen und Neudorf litten wahrend 
des Sommers 1667. Der Verkehr zwischen Mainz und Koln und Frank- 
furt wurde im September dieses Jahres freigegeben. Nur in Koblenz und 
Umgegend war es noch niclit richtig. 

Uber die Sterblichkeit auf den Dorfern gibt die folgende Ubersicht 
liber die Zahl der Herdstatten nach den im Darmstadter Staatsarchiv 
befindlichen kurmainzischen Jurisdiktionalbiichern Auskunft: 



Die letzte europ&ische Pestepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. 195 

Herdstatten vor der Pest nach der Pest (1668) 



in Niederolm 


102 


49 


„ Oberolm 


162 


76 


„ Kleiuwintersheim 


47 


28 


„ Ebersheim 


80 


51 


„ Qaubischofsheim 


44 


32 


„ Laubenheim 


72 


73 


„ Weisenau 


35 


33 


„ Zornheim 


67 


39 


„ Salzheim 


62 


28 


„ Draia 


21 


17 


„ Nackenheiin 


93 


49 


„ Marienbom 


23 


7 




808 


482 



Von Sterbeziffern werden angegeben: 

fiir Florsheim (wahrend des Jahres 1666) 160 Tote 
„ Niederolm (1665 und 1667) 51 „ 

„ Planig (von 230 Einwohnern) 110 „ 

„ Kastell 500 „ 

(SCHBOHE, BOBEKSTEIN, GFaNDEB). 

Zur selben Zeit als die Pest am Niederrhein und Mittekhein wiitete, 
war sie auch in der Herrschaft Schmalkalden; sie erlosch Ende des Schmal- 
Jahres 1666 (Gbbland). ^»id^^ 

Auch in Nordfrankreich gab es Ausbriiche; zunachst in der Nor- Nor- 
mandie (Lbpbcq de la Clotubb); dann in Amiens, wo man am 12. Januar °^*^^® 
1666 die Savoy arden mit Ausnahme der unentbehrlichen Kaminfeger 
auswies. In Nimes herrschte eine Seuche, die wohl das Fleckfieber 
war (Foemi), der Tac (Laval). Im folgenden Jahr verbreitete sich die 
Pest weiter iiber die Pikardie und Champagne. Im Juni 1668 war sie Pikardie 
in Rouen, Dieppe, St. Malo; am 25. April in Soissons; im Mai wieder in 
Amiens. Die hohe Geldstrafe von 50 livres, die hier auf den Verkehr Amiens 
mit Pestkranken gesetzt wurde, konnte die rasche Ausbreitung der Seuche 
nicht verhindern. Als die Pest iiberall in der Stadt sich zeigte, wurden 
vier oder fiinf Tausend Biirger aus der Stadt geschickt, um einer be- 
ginnenden Hungersnot zu steuern. 8000 Arbeiter waren brotlos. Als 
das Elend aufs hochste stieg, bildeten sich in alien Pfarreien Rochus- 
bruderschaften. Binnen acht Monaten wurden 10000 Kranke in das 
Pestspital vor die Stadt gebracht. Wenige kehrten zuriick. Mitten im 
Wiiten der Seuche blieb das Kloster der grauen Schwestern, die sich 
abschlossen, verschont. Fiir die bedrangte Stadt wurden offentliche 
-Sammlungen gemacht; der Konig spendete 60000 livres; im ganzen 

13* 



196 !!• Periode. 

Belgien kamen zusammen 140165 liv. 25 s. 8 d. (Dubois). Im Juli wurden 
Mecheln, Lowen, Aalst, Briissel, Brugge aufs neue verseucht. Femer 
zeigte sich im Jahre 1666 die Pest in Laonnais. (Flbuby.) — 

Im Sommer 1666 hatte die Pest angefangen, sich von Mainz durch 
Elsafi die Pfalz nach dem Elsafl zu verbreiten (Cabdilucius); sie war bis 
Bischofsheim gekommen; auch anf der anderen Rheinseite war sie fort- 
Baden geschritten nnd im November nach Bmchsal gelangt (Mbyeb-Ahrbns). 
Aus der Rheinpfalz fliichteten um diese Zeit Viele nach der Schweiz, 
woriiber sich die Ziiricher beklagten. Ende des Jahres ereigneten sich 
Zurich im Kanton Zurich, in Uster, einige verdachtige Falle. Das Kind des 
Gemeindevorstehers war gesund auf das Feld gegangen. Nach seiner 
Heimkehr klagte es liber Frost, Hitze und Schmerzen hinter den Ohren 
und starb am dritten Tage. Im selben Hause starben zwei Jahre spater 
wahrend des sogenannten Ustertodes drei Kinder unter denselben Krank- 
heitserscheinungen (siehe 1668). 
Basel In Basel zeigte sich bereits im Dezember die Ansteckung (Veezascha) ; 

in Schaffhausen um dieselbe Zeit (Seeeta, Ammxanus). 

Im August 1667 kam von Breisach ein Mann, der dort als Toten- 
Aargau graber gedient hatte, nach Strengelbach bei Zofingen im Aargau. Es 
starben daselbst Einige an der Pest. Der Rat von Bern meinte, es 
sei christlich erlaubt, der Ausbreitung entgegenzuwirken, und befahl dem 
Amtmann von Aarburg, die Verwandten der Kranken mit Diskretion 
anzuweisen, alles zu vermeiden, was zur Ausbreitung der Seuche dienen 
konne. Die Obrigkeit mahnte zu inbriinstigem Gebet und ernsteifrigem 
Bufiwesen. Das Chorgericht erhielt den Befehl, die herrschenden schweren 
Siinden und Laster, durch welche die Plage in das Land gezogen worden, 
mit emsthaftem Eifer abzustrafen, damit der erziimte Gott darob ein 
Wohlgefallen haben konne und die Strafe gnadiglich wieder abwende. 
Die Weibel sollten sich der Trunkenheit enthalten und Betrunkene in 
das Gefangnis tun, dieweilen das schandliche VoUsaufen und toUe 
Singen in den Kellerhalsen sonderlich an Sonntagen dergestalt iiber- 
hand genommen, daB taglich der Trunkenbolden auf den Gassen zu nit 
geringer Argemufl gesehen werden muBten. — Die Arzte muBten „einen 
summarischen Bericht und einfaltigen Denkzettel verfassen, wie sich der 
gemeine Mann bei einreiBenden Sterbenslauffen zu verhalten habe". Zu- 
gleich verfaBte die evangelische Geistlichkeit ein Trostbtichlein zur Ver- 
breitung an den verpesteten Orten. Am 9. September war Bettag in 
der ganzen evangelischen Eidgenossenschaft. Als die Krankheit trotz- 
dem um sich griff, wurde die Sperre der Oii:e und Landschaften ver- 
f iigt. Der Verkehr zwischen dem Aargau bei Murgenthal mit dem Ober- 
land war nur unter Vorweisung eines Scheines gesunden Lufts ge- 
stattet. Die Verordnungen wurden nicht immer befolgt. Als die Obrig- 



Die letzte europftische Pestepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. 197 

keit in Strengelbach befahl, fiir die Pestleichen einen besonderen 
Friedhof anzulegen, lieBen die Burger ilire Leichen acht Tage und 
langer liegen, da ein ehrliches Begrabnis nur in einem ordentlichen 
Kircthof geschehen konne. Erst emstliche Drohungen bewirkten Ge- 
horsanL 

Im Jahre 1668 waren alle bernischen Amter des Aargaues verseucht. 
Das Oberland wurde durch Sperren im Murgental geschiitzt. In Bern 
selbst hatte man eine Toi'waclie errichtet, die Misthaufen und Schweine- 
stalle aus der Stadt geschafft und befohlen, die Gassen alle Wochen 
einmal zu saubem, dieweilen durch den Unflat in den GaBlinen und 
daherigen Gestank die Infektion vermehrt werden konnte. Auf der 
groflen Schanze wurde ein Pesthaus eingerichtet. 

Im Dezember kam die Seuche in das Dorfchen Riifenach, zwei Bemer 
Stunden von Bern. Der Rat befiirchtete, die Stadt selbst wiirde nun ^^®™^^ 
wegen der tJbermacht ihrer Siinden ergriffen werden. Er sperrte Riife- 
naeh und lielJ den Einwohnem auf zehn bis siebzehn Schritt Entfemung 
die notigen Lebensmittel hinstellen. 

Ende des Jahres reiste ein Mann, der alte Portner, von Konigsfelden 
zum Thuner See und starb hier an der Pest. Seine Frau brachte die 
Ansteckung nach Iselwald. Hier starben drei Leute; dann kam die 
Krankheit nach Gsteig; von hier durch eine Spinnerin nach Miilinen. 
Von Miilinen wurde sie Weihnachten nach Grindelwald getragen, wo die Grindel- 
verderbliche Seuche die Menschen mit Kniibeln unter den Achseln, 
in den Leisten und am Halse behaftete und am vierten oder achten 
Tag totete. Andere starben schneller unter Blutauswurf. Besonders 
zahlreiche Kinder fielen zum Opfer. Am 17. Marz 1669 wurde das Ubel 
vom Berner Rat als wahre Pest und erbliche Seuch der Kontagion 
erklart. Bis zum 15. April starben in Grindelwald 128 Einwohner; am 
17. April wurden 156 Tote gezahlt, am 27. war die Ziffer auf 217, am 
28. auf 252, am 29. auf 270, am 30. auf 294 gestiegen. Der schwer 
gepriiften Gemeinde nahm sich der von Bern entsandte Pfarrer Erb und 
der Doktor WUhelmi an. Die beiden Scharer (Chirurgen), welche die 
Verordnungen des Arztes auszufiihren hatten, verloren bei dem zu- 
nehmenden Sterben die Zuversicht auf sich selbst und das Vertrauen 
der Bevolkerung. Der eine floh in der Mitte des Mai in das Haus seiner 
Eltern nach Matter. Er starb dort am Tage seiner Ankunft und zog 
seine Mutter sowie zwei Briider, die ihn besucht hatten, in den Tod. 
Der andere Scharer kehrte mit Erlaubnis der Regierung nach durch- 
gemachter Quarantane in Saxeten heim. In Grindelwald schritt die Pest 
weiter fort; am 12. Mai wurde die Verlustzahl 450, am 3. Juni die Zahl 
650 erreicht; dann nahm die Seuche ab, so daB taglich nur zwei oder 
drei Personen starben. Vom 1. August ab gab es keine Todesfalle melir 



198 11. Periode. 

nachdem im ganzen von etwa 1200 Einwohnem 788, also 66 Prozenty 
gestorben waren. 

Im April 1669 war die Pest nach Wilderswil und Mulinen gekom- 
men. Hier wie in anderen Orten widersetzten sich die Leute offen alien 
Anordnnngen der Obrigkeit, besuchten sich in ihren Hausern „expreB", 
hielten die Badestuben fiir Alle offen und gestatteten den Armen das 
Betteln. Denn die neue Religion hatte die Reformierten gelehrt, daC 
die Pest nicht ansteckungstiichtig sei sondern eine Strafe des zomigen 
Gottes flir die sundhafte Welt. „Die ansteckende Seuch der Pestilenz 
wird von Gott geregirt und diejenigen Orter, welche von selbiger sollen 
angestastet werden, sind von ihm bezeichnet", so predigte der Pfarrer 
Erb in Ubereinstimmung mit der Schrift, die der Pfarrer Christpf Liithard 
im Jahre 1577 verfaflt hatte. 
Hasle Als in den ersten Tagen des Mai die Pest nach Hasle im Grand 

gekommen war und bis zum 12. Mai bereits 9 Menschen getotet hatte, 
riet die Obrigkeit dem Statthalter als das sicherste Mittel zur Ausrottung 
der Seuche an, sich vermittelst rechter Bufie und inbriinstigem Gebet in 
denWillen Gottes zu ergeben und unterdessen und neben diesem Arznei 
zu gebrauchen. Nebenbei empf ahl sie, den unnotigen Verkehr zu meiden. 
Das verhinderte nicht, daB die Seuche wuchs und zwar so sehr, daB an 
• einem Tage 50 Leichen bestattet und bis zum 10. August 1160 Tote 
gezahlt wurden. Erst dann nahm das Sterben ab. Der letzte Todesfall 
ereignete sich am 10. Oktober 1669. Von etwa 2000 Seelen waren im 
ganzen 1300, nach anderer Angabe 1215, also 60 vom Hundert, ge- 
storben. 

Meiringen Von Hasle kam die Pest schon Ende April nach Meiringen, wo im 
Mai 69, im Juli in einer Woche 145 starben. Einige nahmen gerne die 
Arzneien, wozu die Berner Regierung die Drogen schickte und die der 
Pfarrer bereitete; diese wurden vom Pfarrer belobt, Andere ergaben sich 
dem Essen und Trinken; diese wurden auf Befehl der Regierung auf- 
geschrieben, damit sie, falls sie die Seuche iiberleben soUten, fiir ihre 
„barbarischen Uppigkeiten" gebiihrend bestraft wurden. 

Frutigen Im Juli kam die Ansteckung iiber Aschi nach Frutigen; am 5. August 

durch ererbte Kleider aus Grindelwald nach Wengen ob Lauterbrunnen 
Lauter- und weiterhin nach Lauterbrunnen selbst. Hier waren schon am 11. Sep- 
tember iiber 100 gestorben; die Zahl stieg am 25. Oktober auf 346 und 
erreichte am 5. November 360. Die Bevolkerung hatte 62 vom Hundert 
verloren, 21 Haushaltungen waren ausgestorben, 70 Ehen gelost. — In 
Aschi endete das Sterben am 29. September mit einem Verlust von 313 
Einwohnem. In Adelboden erlosch die Seuche erst am 15. Februar 1670, 
nachdefb 550 gestorben waren. Ende Februar war das ganze Berner 
Oberland wieder pestfrei. 



Die letzte europ&ische Pestepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. 199 

An verschiedenen Orten hatten sich nur einzelne Pestfalle zugetragen; 
so in Bern selbst, wo am 10. Oktober 1669 eine Fran, die aus Aschi von 
der Pflege ihres pestkranken Bruders zuriickgekehrt war, starb. Ende 
Januar des folgenden Jahres kam es zu einem beschrankten Ausbruch 
in der Schauplatzgasse. — Im November 1669 waren in Oberried bei 
Brienz 6 Einwohner der Pest erlegen; im Dezember in Uttigen 2 Kinder; 
im Januar 1670 in Eggiswil einige Personen; im April wurde im Heim- 
berg bei Steffisburg ein einzebies Hans verseucht. Man schrieb die Be- 
schrankung dieser Aussaaten der strengen Absonderung der Kranken zu, 
wie man die Ausbreitung der Seuche an anderen Orten auf den Mangel 
an Gehorsam gegen die Regierungsvorschriften zuriickfiihrte. (TtraLEB.) 

Walirend so die Epidemie im Bemer Oberland verlief, trat die Pest 
auch weiterhin in der Scbweiz auf. Schon im September 1667 war sie 
in Zurich; im Oktober in Brugg im Aargau (Vebzascha, Lavatbb, ZtisiCH 
geistliche Arzneimittel) ; 1668 war sie in Hottnau, Pfafficon, Wildberg, 
Gossau, Wezikon. In dem Pfarrdorf Uster der ehemaligen Landvogtei 
Greiffensee brach sie im April aus und zwar zuerst in demselben Hause, 
worin sich bereits zwei Jahre vorher der verdachtige Fall zugetragen 
hatte. Es starben drei Elinder des Hauses. Im Heumonat nahm das 
Ubel zu. Es auBerte sich in Bubonen und Karfunkeln, bisweilen in 
Braune; der Mund und die Nase wurden schwarz, der Atem faulig, 
Einige der E^anken zogen sich selbst die Leichenkleider an. Von 1700 
Einwohnem starben in den drei Sommermonaten 400, im ganzen 800. 
Die Sterbeliste gibt an: 



1668 Jani 


32 


Tote 


1669 Januar 4 Tote 


Juli 


171 


1 


Februar 5 „ 


August 


181 


w 


Marz 4 „ 


September 


161 


n 


April 13 „ 


Oktober 


85 


ri 


Mai 29 „ 


November 


26 


ri 


726 Tote 


Dezember 


15 


•1 





Die durchschnittliche Sterblichkeit betrug in Uster wahrend der 
Jahre 1655 bis 1667 und 1669 bis 1675 nur 37 Personen fiir das Jahr. 
Der Ustertod raffte also so Viele weg, wie sonst in zwanzig Jahren 
starben. (Mbyeb-Ahkbns, Vogelin,) 

Im Jahre 1667 waren die Handelsbeziehungen der unteren Rhein- 
lande mit den entfernten Seehafen wieder freigegeben worden. So ver- 
kiindete ein offentliches Blatt des Presidente ed i conservatori della Sanita 
dello Staio di Milano am 3. August die Aufhebung der Sperre gegen 
HoUand mit der Einschrankung, daU Personen und Waren beglaubigte 
Freipasse vorzubringen haben. gez. Josephtjs Ridulphus. 



200 11- Periode. 

Hier sind noch einige entferntere Ausbriiche der groCen Epidemie 
zu verzeichnen. 

1666 kamen Pestnachrichten aus Ispahan (Ruthning). 
Lissabon 1667 herrschte die Pest in Lissabon und Salamanka (Villalba). 

Venedig 1668 in Venedig; weitere Ausbriiche in Persien. 

Lappland 1670 hauste die Pest in Lappland; sie begann unter Frauen, die 

Hanf aus Riga spannen; der Ausbruch dauerte bis in den -Winter hin- 
ein (ScHEFFEE Laponia, Fkaei). Sie war in Ungarn und in der Tiirkei 
(Papon). 

1672 litten Albanien, Serbien, Dalmatien (Kanold). 



1675 Schon im Jahre 1675 begann im Osten eine neue Epidemie, von der 
Levante ^j^ n^j. spa^iche'^ Nachrichten haben. Sie wiitete in der Tiirkei, beson- 

ders in Konstantinopel und Adrianopel und dehnte sich iiber die Kiisten 
des schwarzen Meeres bis Asow aus (Kanold); sie herrschte in Polen. — 
Auch in Bath in England wurden ein paar Pestfalle verzeichnet (Cbeigh- 
ton). Man hat ihre Echtheit angezweifelt, jedenfalls mit Unrecht; heute 
wissen wir bestimmt, daJJ vereinzelte Pestfalle in Hafenstadten weit ent- 
fernt von Pestherden vorkommen konnen (vergl. 1896). 

1676 1676. Pest in Syrien; in Algier undMarokko, wo 4000000 Menschen 
Nord- starben (Cheniee, BEEBBU&aEB). In Malta wiitete die Pest so, dafi nur 

afrika . 

zehntausend Menschen iibrigblieben; der Streit der Arzte iiber die Natur 
der Krankheit dauerte solange, bis die Insel entvolkert war (Laubbntius 

• • 

Osteuropa Haseiac, Cavallini, Buscemi). Pest in Galizien, Ungarn, Polen, Oster- 
reich an verschiedenen Orten (Kanold); im Siiden und Siidwesten Spa- 
Spanien niens bis 1681 (VrLLALBA, Salgabo). 

1677. Die Pest dauerte an der Nordkiiste Afrikas fort, kam von 

Ungarn nach Bohmen, Mahren und Steiermark. 

1678 Im Anfang des Jahres 1678 wurde sie aus der Tiirkei durcl\,Mor- 

Dalmation jg^jjj^gj^ mittels gestohlener Warenballen in die Stadt Culla in Dalmatien 

eingeschleppt; Culla wurde voUig niedergebrannt. Dennoch verbreitet^ 

sich die Seuche weiter nach Brevilacqua und anderen Dorfern des Qe- 

bietes Zara, zuletzt in Zara selbst durch eingeschmuggelte Kleider. Sie 

Oran dauerte bis zum Februar des nachsten Jahres. (Fbabi.) — Von Oran kam 

die Pest durch ein Schiff, das mit gefalschtem PaC segelte, nach Malaga; 

hier kannte man das Ubel so wenig mehr, daU man die VorsichtsmaU- 

regeln, die in Spanien seit Jahrhunderten strenge geiibt wurden, anzu- 

wenden vergalJ; so kam es zu rascher Ausbreitung der Epidemie iiber 

Antequera, Murcia, Carthagena, Granada, Velez, Ronda, Montril, Rio 

Ant- grande e Igualesa; sie dauerte drei Jahre (Salgado). — Auch in Ant- 

werpen ^erp^n kam es zu einem schweren Ausbruch, der in drei Monaten 1200 



Die letzte europ&ische Pestepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. 201 

Hauser entvolkerte (Leesch). — Polen, Schlesien, Litauen, Brandenburg, 
Bay em wnrden seit dem Vor jahre verseucht. Von Bohmen kam die Pest 
nach Wien. 

Die letzte Pest in Osterreich vom Jahre 1678 bis 1681. 

Die Leopoldsvorstadt, die am tiefsten liegt, hatte im Sonimer 1678 
durch eine Donaniiberschwemmting gelitten. Bald darauf zeigten sich 
in ihr die ersten Spuren der Pest, die aber rasch wieder erloschen. Am 
5. Januar 1679 liefl der Kaiser Leopold I. eine neue Infektionsord- 
nung veroffentUchen, wie es insgemein in allerhochster Haupt- und 
Residenzstadt Wien, Leopoldstadt und alien anderen umliegenden Vor- 
stadten und in den Infektionssachen zu halten. — Die Regierung war 
also auf der Hut und hatte die bosartigen hitzigen Fieber, die sich hier 
und da zeigten, wohl beachtet. Dennoch meinte der Hofarzt Soebait, 
das Sterben, welches im Marz rasch und heftig ausbrach, sei ganz un- 
vermutet gekommen, und ihm und dem Doktor von Schack gebiihre das 
Lob, zuerst erkannt zu haben, dafi es sich um die Pest handelte. Woher 
diese kam, schien dem Hofarzt klar: Ihre Ursache war eine heimliche 
boshaftige pestilenzialische QuaUtat, welche der Zom Gottes iiber die 
siindige Stadt verbreitete. Am 10. August 1678 war die Konjunktion 
des Saturn und des Mars am Himmel. Dies ist die Mutter der Pest; 
denn der eine versammelt die boshaftigen Diinste in dem Grand der 
Erden, der andere that dieselbigen in der Luft erhohen, furnemlich wenn 
der Mond ein Finsternufi unter dem Zeichen des Wassermanns, der Waag 
und des Scorpions erleidet. Eine solche hat sich am 15. April 1679 be- 
geben, also dafi die heimlichen iPlaneten und Signa haben ziemlich zu 
imserem Untergang conspirirt und zusammengehalten. 

JedenfaUs ist der Anfang der Seuche von den Behorden vertuscht Wien 
worden, um die Feste, welche die Kaiserliche Residenz feierte, nicht zu 
storen. I)as Gerede von bosartigen hitzigen Fiebern wurde im Mai und 
Juni immer kleinlauter je mehr sich die todlichen Bubonen, Karfunkel 
und ein unheimliches Sterben der Schwangeren zeigten. Schon im Juli 
war die Zahl der taglichen Todesfalle so grofi, dafi die Leichen tagelang 
unbeerdigt in den Hausern und auf der Strafie lagen, weil es an Toten- 
grabern gebrach. Jetzt war nichts mehr zu verheimlichen. Der kaiser- 
liche Hof floh nach Maria Zell, dann weiter nach Prag; die Burger flohen 
scharenweise auf das Land. Im August wurden die Schulen geschlossen. 
Jetzt starben taglich 200, und die Krankheit totete die meisten binnen 
zwolf Stunden. Es fehlte an Arzten und Krankenwartern. Der Magi- 
strat liefl die Trommel durch die Stadt riihren, um zum Dienst der Kranken 
und Toten zu werben. Niemand meldete sich. Dann wurden die Chirur- 
gen gefesselt zu den Kranken hingeschleppt. Ein gedungener Kranken- 



202 ^1* Periode. 

warter forderte und erliielt wochentlich zwolf Grulden. Verbrecher wurden 
aus den Gefangnissen geholt, damit sie die Leichen von den StraUen 
auflasen und in Sammelwagen zu den Massengrabem fnkren. Von Tag 
zu Tag stieg die Verwiming in der Stadt; der Schrecken vor der zweifel- 
losen Ansteckungskraft der Kranken und aller Dinge, die sie beruhrten, 
trieb die Lente, Leichen und Kleider und Betten und Gerate auf die 
Straflen zu werfen. Zahllose, die bisher der Panik widerstanden batten, 
flohen nun aus der Stadt in die Felder oder in die. Walder und lebten 
in Hiitten oder alten baufalligen Geschlossem, wo sonsten die Nachteulen 
und wilden Raubvogel ihre gewohnlichen Losamenter haben. Von denen, 
die zuriickblieben, hielten sich Viele Stinkbocke in den Wohnungen, um 
das Kontagium abzuwehren. 

In der Not, die durcb die zahkeichen Ausschreitungen von Sanitats- 
personen vermehrt wurde, bildete sich aus den obersten Beamten eine 
Pestkommission, an deren Spitze der Fiirst Ferdinand von Schwarzen- 
berg trat. Dieser hielt strenge auf die Ausfiihrung und Befolgung der 
neu errichteten Pestordnung und scheute selbst keine Muhe und Gefahr. 
Wo es notig war, griff er selbst ein, und so stellte er sich eines Tages 
in die Reihe der Totengraber, als er diese widerwillig fand. Gewalttatige 
und rauberische Siechknechte lieU er aufkniipfen. Die Leute verehrten 
ihn bald abgottisch und nannten ihn den Pestkonig, 

Unter was fur MiBstanden er Ordnung zu schaffen hatte, davon 
geben die Klagen eine Vorstellung, die iiber einzelne Sanitatspersonen 
an ihn gelangten. Wiener Siechknechte muBten sich wegen des Dieb- 
stahls von Bettzeug aus gesperrten Hausern verantworten; Lazarettapo- 
theker, weil sie die fiir die Armen bestimmten Arzneien verkauften; der 
Magister sanitatis Doctor Resch im Lazarett wegen Erbschleicherei und 
Beseitigung von Testamenten; der Lazarettinspektor Widtmann wegen 
Pf erdediebstahls ; die Lazarettadministratoren Philippers und Romanus 
wegen skandaloser Handel. Am 1. Dezember wurde der Lazarettvater 
von Wien an einen Baum bei der Lazarettpforte aufgehangt, weil er 
auBer der Verubung anderer Unterschleife 246 Kranke zuviel in Rech- 
nung gebracht hatte. Er bekam ein groBes lateinisches Epitaph mit ein 
paar deutschen SchluBversen, die also lauten: 

Hier Uegt begraben, 

Der gestoUen hat wie die Raben, 

Ob ihn zwar die Pest verschont, 

So hat ihn doch der Henkher belohnt. 

Er war Vatter im Lazareth und hat den 

Kindem das brodt gestollen. — 

Im September war das Sterben auf der Hohe. Aber schon in der 
Mitte des Monats verminderte sich die Zahl der neuen Erkrankungen so 



Die letzte europaische Festepidemie vom Jahre 1668 bis 1684. 203 

deutlich, daB der Kaiser Leopold mit seinem Hof nach Wien zuriickkelirte. 
Am 26. September lieB er ein feierliches Hochamt halten und gelobte der 
heiligen Dreifaltigkeit eine Marmorsaule an Stelle der alien holzernen 
Pestsaule, die am Graben stand. Die nene wurde 1691 bis 93 erriclitet 
nnd steht heute noch. Im Oktober fiel die Zahl der taglichen Pestfalle 
von 200 Oder 300 auf 30 und 20. In der Kalte des Novembers horte 
die Senche ganz auf. Wandel und Handel stellten sich wieder her, nach- 
dem von den Einwohnem 76971 in die Totenlisten der Stadt eingetragen 
worden waren. In WirklicKkeit ist diese Zahl bei weitem zu klein. Ein 
Schriftstiick im Graflich Harrach'schen Archiv, das fiir die Stadt die 
monatlichen Sterbeziffem iiberliefert, gibt fast die doppelte Zahl der 
Gesamtsterblichkeit fiir Wien und seine Vorstadte: 

1679 Januar 410 Juli 7507 

Februar 359 August 4517 

Marz 3797 September 16774 

April 4963 Oktober 6475 

Mai 5727 November 2400 

Juni 6557 ~59486 

hierzu. in der Vorstadt 30470 
in den Lazaretten 50560 

140516 Tote 

Darunter nicht einbegriffen, was heimlicherweise auf dem Land, in 
Hausern und Garten eingesetzt worden (Soebait). Sbntteldeb beanstandet 
diese Zahl, weil im Jahre 1710 die Bevolkerung der Hauptstadt und der 
Vorstadte von Wien auf 113801 Kopfe geschatzt, im Jahre 1780 auf 
210355 Kopfe gezahlt worden sei. 

Die Zahl der Beerdigungen auf den verscliiedenen Friedhofen Wiens 
im Jahre 1679 war 

bei St. Stephan 253 

bei den Schotten 40 

auf dem Lazarettfriedhof 2000 

bei St. Ulrich 3409 

bei der Mariahilferkirche 300 

auf dem Biirgerspitalfriedhof 632 

in Nikolsdorf ^ 500 

auf zwei Friedhofen der LandstraBe .... 860 
in 14 Pestgruben von der Spitalgasse bis zur 

Wahringerlinie und bis zum Narrenturm . 39401 

auf der Laimgrube 5000 

in Mariahilf 3000 

55395 



c 



204 11. Periode. 

Ubertrag 55395 

in 25 Gruben bei St. Ulrich 2699 

am Spittelberg 1500 

bei der Tabormauth 338 

bei der Fahnenstang 180 

usw. 60112 usw. 

Unter den Toten waren 438 Geistliche, 7000 Dienstmadchen, welche 
die Einkaufe in der Stadt zu besorgen batten. Von 28 Pestarzten waren 
6 gestorben. Kinder waren in so grofier Anzahl verwaist, dafi man sie 
wagenweise einsammelte und in der Spittelau unterbrachte. Wahrend 
die Menschen starben, gingen auch alle Hausvogel zugrunde. Man sah 
das ganze Jahr keine Lerche (Sobbait). 

Am Weihnachtstage wurden in St. Stephan allein 95 Paare getraut. 
An der alten Pestsaule wurde ein Te Deum gefeiert, und Abraham a 
Sancta Clara hielt eine Gedenkpredigt „Wie bist du denn gewest, du 
beriilimte Kaiserliche Residenzstadt Wien anno Christi 1679?" (Sobbatth, 
Beintema, Managetta, Abbaham a Santa Claba, Ilshof, Rommel, Wien 
Beschreibung, Fuhbmann, Senfeldeb.) 

Wahrend die Hauptstadt verwiistet 'wurde, blieb das weitere Land 
nicht verschont. Hier die iniizierten Orte in Osterreich am 9. September 
1679 gemaC der offiziellen Liste fur die Torwachen und fiir Einquartie- 
rungszwecke; die beigefiigten Ziffern bedeuten die Hauserzahl der Orte: 
Aspang 140, Pottschach 141, Rohrbach 24, Hatlefl 20, Matzendorf 24, 
Lindabrunn 18, Baden 600, Inzersdorf 100, Deutsch-Altenburg 38, Petro- 
nell 36, Modling 450, Gumpoldskirchen 400, Brunn 40, Perchtoldsdorf 500, 
Nufldorf 80, Pfaffstetten 50, Erdberg 40, Achau 40, Gainfahm 44, Fisch- 
amend 60, Ebersdorf 60, Sinnmering 52, Atzgersdorf 80, Rodaun 53, 
Mauer 53, Erlaa 24, Klosterneuburg 800, Ober- und Untersievering 62, 
Grinzing 50, Potzleinsdorf 22, Neustift 24, Salmannsdorf 24, Wilfers- 
dorf 22, Groilengei-sdorf 100, Stammersdorf 120, Untersiebenbrunn 120, 
Obersiebenbrunn 50, Stockerau 200, Kammersdorf 40, Erpeldau 100, 
Lassee 140, Engelhartstetten 30, Gersdorf 100, St. Polten 300, Siegharts- 
kirchen 50, Solenau 60. (Senfeldeb.) 

In Wienerisch Neustadt erkrankten nur 200 und starben 140 Men- 
schen. Man schrieb dies ,,auffallende Verschontbleiben" den Maflregeln 
des Kardinals Graf en Leopold Kallonitsch zu, der den letzten Pestaus- 
bruch auf Malta als Malteserritter erlebt hatte. Die Infektionsordnung 
des Kaisers Leopold soil die Ausbreitung der Seuche in Osterreich und 
Tiber seine Grenzen hinaus verhiitet haben; diese Meinung stimmt schlecht 
zur obigen offiziellen Liste und zum Fortgang der Epidemic. 

Ende 1679 kam sie von Niederosterreich und von Ungarn her nach 



Die letzte europftische Pestepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. 



205 



Steiermark. Im Dezember war sie in Graz, wo zuerst ein Haus der 
Vorstadt verseucht wiirde. Im Januar 1680 ereigneten sich einzelne 
Falle im Inneren der Stadt; im Mai kam es zum offenen Ausbruch, der 
im August und September seine Hohe erreichte und im Dezember erlosch. 
Hier der Verlauf der Grazer Epidemie 1680: 



Steier- 
mark 





g;esperrte H&user 




an der Pest g^estorben 






in der 


in der 


in der 


in der 


im am eisemen 




Stadt 


Vorstadt 


Stadt 


Vorstadt 


Lazarett 


Tor 


Mai 




3 






9 




Jnni 


2 


2 


21 


56 


59 


11 


JuH 


U 


46 


43 


85 


110 


126 


August 


56 


62 


49 


102 


92 


228 


September 


37 


72 


46 


194 


224 


221 


Oktober 


9 


48 


15 


95 


179 


140 


Xovember 


3 


36 


4 


63 


58 


123 


Dezember 


1 


8 




22 


34 


19 




122 


277 


178 


617 


'765 


868 



399 



2428 



Zu den 2428 Toten kommen noch 62 aus der Festung und 975 
amtlich nicht verzeichnete Leichen, so dafl die ganze Sterbeziffer 3465 
betragt. Als genesen werden amtlich 1143 gezahlt. Danach war die 
Zahl der Erkrankten 4608, was bei der Einwohnerzahl, die auf 16000 bis 
20000 geschatzt wird, ein Drittel oder Viertel der Bevolkerung aus- 
macht. (Peinlich.) 

Aus dem offenen Tal der Steiermark kam die Pest in die schmalen 
Seitentaler und auf die abgelegenen Berghalden. Pettau und Maria Zell, 
wohin viele Wallfahrer aus Wien gezogen waren, gehorten zu den „ster- 
benden Orten". Weiter ging die suchtige Krankheit nach Kamten; 
Ende September 1680 war der Siidosten des Landes verseucht. Neujahr 
1681 erlosch die Seuche. (Dubnwibth.) 

In Horn im niederosterreichischen Waldviertel starben vom Septem- 
ber 1679 bis Ende des Jahres 200 an der Pest. Die Mariensaule in Horn 
mit den Heiligen Sebastian, Rochus und Rosalia erinnert an dieses Sterben. 
Ebenso riihren aus jener Zeit die Rochus- und Sebastiansbilder in vielen 
Kirchen des oberen Waldviertels her. (Endl.) 

Von Wien aus sollen im Jahre 1679 Ungarn und Bohmen neu ver- 1679 
seucht worden sein. Jedenfalls trat die Pest hier wie in den Jahren ^o^en^ 
vorher heftig auf; auch Schlesien und Sachsen und viele Stadte im Schlesien, 
weiteren Deutschland wurden ergriffen, besonders Braunschweig, Celle, ^^q^^' 
Dresden, Leipzig, Magdeburg, Bamberg, Anspach, Nurnberg (M. Hoff- 
MAN2J, NtJBNBEBG Bedenckcn), Regensburg, Ingolstadt, Ulm, Stuttgart, 
Tubingen. 



206 11. Periode. 

1680 herrschte sie noch in Leipzig (Sambach, Rivmus, LEiPziaEB 
Pestoednukg), in Dresden (Schilling). In Bohmen; in Prag starben 
wahrend der Monate Mai, Juni und Juli 83040 Menschen (Rbdlich); in 
Liebeschitz erbaute man im Jahre 1686 zur Erinnerung an die glucklich 
iiberstandene Pest von 1680 ein Pestkirchlein zu Ehren des heiligen 
Franciscus Xaverius, des Apostels der Indier und des Pestpatrons (Ankesbt). 

1681 1681 erschien Halleys Komet zum letzten Male. Im Jahre 531 ver- 
kiindete er als Lampadias die Pest des Justinian; jetzt begleitete er das 
Verschwinden der Pest in Europa. Diese wiitete noch einmal morderisch 

Magde- in Magdeburg, wo sie vom Juni bis Dezember 4500, im Ganzen 6000 bis 

^^S 8000 Menschen wegraffte; von 500 Schulkindern totete sie 482; ferner 

in Eisleben, wo von Pfingsten bis zum 2. August 7000 starben. Ende 

des Jahres wurde sie durch alte Kleider, die ein Seifensieder aus Eis- 

HaUe leben einbrachte, nach Halle verschleppt. Zuerst ereigneten sich hier 

einige Erkrankungen, welche die Arzte als Fleckfieber deuteten. Ein 

Wundarzt gab ein schwankendes Gutachten; da bestrafte ihn der Rat 

der Stadt und bedrohte jeden mit Gefangnis, der sich unterstande, von 

Pest zu sprechen. Am 8. Februar 1682 meldete der Pestarzt Turpius 

einen unzweifelhaften Pestfall auf Amts- und Eidespflicht. Am 1. Marz 

bescheinigt er, vom Magistrat aufgefordert, nach Amts- und Eidespflicht 

das Gegenteil. Bis Ende des Jahres 1682 starben von ungefahr 10000 

Einwohnem 4397, also die Halfte, ungerechnet die Juden in den Vor- 

stadten. In den sechs vorhergehenden Jahren hatte die durchschnitt- 

liche Jahressterblichkeit 357 betragen (Haeseb, hist. path. Unters.). — 

Thttringen Weiterhin herrschte die Pest bis in das Jahr 1683 in Halberstadt (Horn) 

und Nordhausen. In Thiiringen war man allgemein der Ansicht, dafi 

das Ubel an den Lumpen hafte, die in den Papiermiihlen gesammelt 

^hw^T '^^^^^^ (Foestemann). Ebenfalls sah Braunschweig 1680 die Pest (Haeseb). 

1682 1682 war die Pest noch in Steiermark (Peinlich). Am 18. August 
StGier- erschien sie von der Tiirkei oder von Wien aus in Gorz in Friaul. 

mark, 

Friaul Die Krankheitszeichen lassen keinen Zweifel daran, dall es die Pest war; 
sie aufierte sich in Fieber, Kopfschmerz, grlinem oder blutigem Erbrechen, 
Durchfall, Aufregung oder Schlafsucht, schwarzen Flecken und breiten 
Striemen, Bubonen und Karfunkeln; in einzelnen Fallen wurde die Zunge 
gelahmt (Candido bei Fraki). — Im selben und im folgenden Jahre gab 
es Pestausbiiiche in den beiden Jerichowschen Kreisen, im Kreise von 

Sachsen Stendal, Osterburg, Wolmirstedt und Gardelegen (Gutsmuths). 

1683 1683. Durch einen Tuchmachergesellen wurde die Pest aus Nord- 
Thiiringen j^g^^ggjj nach Miililhausen in Thiiringen gebracht (Claes). Die Stadt er- 

lieC einen Unterricht, worin die Krankheit also beschrieben wird: Ein 
unversehener anstoflender Frost oder Schauder, darauffolgende Hitze, 
groCe Mattigkeit und Schwacliheit aller Glieder, Kopfweh, Herzensaiigst, 



Die letzte europftische Pestepidemie yom Jahre 1663 bis 1684. 207 

Driicken um die Brust, kurzer Atem, schneller matter Puis, unruhiges 
Wachen, endlich das Auftreten von Beulen, sowie von schwarzen und 
braunen Flecken am Korper (Muhlhausbn Unterricht). — Die beiden 
Stadtphysici, welche das Consilium antipestilentiale abzufassen batten, 
legten den Vermogenden die zeitige Zuziebung eines Arztes dringend 
ans Herz. — In Erfurt starben in diesem Jahre 9437 Menschen, davon Erf art 
8792 an der Pest; die Stadt liefl eine Denkmunze pragen (Ruland und 
Pfbibteb). — Aucb in Leipzig gab es noch manche Pestfalle, die, wenn Leipzig 
man dem GBiMMmrus Podageicus glauben darf, mehr Schrecken erregten, 
als notig war. Er spricht von den verlauffenen spitzbubiscben Wiene- 
rischen Pestbalbiergesellen mit den losen Vettebi und daB der Kranke, 
wenn die geringsten Indicia sich ereigneten, von alien Menscben ver- 
lassen war und nur von einem alten stinkicbten triefaugicbten, scbeufi- 
licbten, diebischen, desparaten, fiircbterlicben Spittelweibe noch wobl 
von weitem oder mit zugebundenem Maule und Nasen bedient wurde. 
Wer sich fiirchtet, der ziehe ein wachsemes Camisol an, da hafftet kein 
Gifft dran, und diese Narren starben am allerersten usw. 

1684 kommen Pestnachrichten aus Wien, PreUburg, Ulm usw. Dann Wien, 
werden die europaischen Pestgeriichte selten und unsicher. (Cunaeus.) PreBbuW 

Von jetzt ab bildet sich in Europa nicht nur beim kurzsichtigen 
Voike sondern auch bei weitblickenden Gelehrten fester und fester die 
Meinung, die Pest sei, wenn nicht ganz von der Erde verschwunden, so 
doch aus Europa durch den Fortschritt der ZiviKsation verwiesen. Stadte 
und Lander, welche seit Jahrhunderten die Pest als stehendes XJbel oder 
als zudringlichen Eeind bekampfen muBten, sahen sich auf einmal davon 
erlost. Die kleinen und grolJen Pestfunken, welche kiinftighin von Zeit 
zu Zeit aus der Levante nach Europa fliegen und bier jedesmal einen 
furchtbaren Schrecken, aber nur ganz ausnahmsweise einen grofieren 
Brand erregen und stets ebenso schneU verloschen, wie sie aufglimmen, 
muBten die Meinung, daB die Pest ihre alte Kraft verloren babe, be- 
starken. Als diese nun gar mit dem Jahre 1844 die Levante raumte, 
da schienen im Recht die Geschichtsschreiber, welche verkundeten, die 
Pest sei im Aussterben begriffen. Sie haben sich getauscht, weil sie die 
Pestnachrichten aus Fern und Nab, die wir heute besitzen, nicht erhiel- 
ten oder nicht fiir emst nahmen. Sie standen unter dem Eindruck der 
europaischen Erinnerungen und Dokumente, denenzufolge zwischen dem 
schwarzen Tode und dem Jahre 1667 Europa fast immer und fast iiberall 
von der Pest gelitten haben und dann plotzlich von ihr verlassen worden 
sein soUte. "Wie weit die erstere Behauptung richtig ist, haben wir ge- 
sehen. Die letztere stimmt. Hier die Jahre der letzten Pestepidemien 
in den verschiedenen europaischen Landern: 



208 11* Periode. Die letzte europaische Pestepidemie vom Jahre 1663 bis 1684. 

1633 Lombardei und Toscana 

1638 Wales 

1648 Schottland 

1650 Irland, Westengland 

1654 Danemark 

1657 Italien (Neapel, Rom, Genua) 

1659 Schweden und Norwegen 

1667 Ost- und Sudengland 

1668 Westdeutschland und Frankreich 

1669 Schweiz, Flandem, Brabant, Schleswig 

1681 Spanien 

1682 Norddeut«chland 

Von einzelnen Stadten wissen wir, daU sie schon vor dem Freiwerden 
der Lander die letzte Pest sahen, so Tubingen 1635, Troyes im Jahre 1639. 



12. Periode. Pest in Indien, an der Levante 1683—1724; Aussaaten nach £uropa. 209 



12. Periode. 

Die Pest in Indien und an der Levante von 1683 bis 1724; 

ihre Anssaaten nach Europa. 

Die Pest hatte sich seit dem Jahre 1670 rasch von Europa zuriick- 
gezogen. Im Jahre 1684 waren dort ihre letzten Spuren vergangen. 
Dafur erhob sie sich als waba oder ta^un zu neuen Verheeningen in Hin- 
dostan^ in Persien und in der Tiirkei und bedrohte bald aufs neue den 
Osten Europas. 

Die ersten Nachrichten von einem Ausbruch in Indien kamen im Vorder- 
Jahre 1683 aus Ahmedabad, wo sie sechs Jahre hintereinander nach* der 1^^3^2702 
Regenzeit wiederkehrte. Schon 1684 ging sie weiter siidwarts nach der 
grollen Hafen- und Handelsstadt Surat an der Westkliste von Britisch- 
Indien. Auch hier herrschte sie sechs Jahre ohne Unterbrechung, aber, 
wie der Kaplan Ovington schreibt, nicht immer mit gleicher Wut. Denn 
wahrend des kiihlenden Monsumregens, der vom Juni bis zum September 
fallt, lieB sie alljahrlich nach, um immer kurz nach der Regenzeit und 
vor dieser die grolJten Ausbriiche zu machen. 

Uber hundert Heiden wurden in solcher Zeit an einem Morgen vor 
die Tore der Stadt zu den Verbrennungsplatzen gebracht. Dabei sind 
nicht gerechnet die Muhammedaner, welche von der Pest weggerafft wur- 
den, und die Leute beider Kasten, die in den Vorstadten starben. Nach 
einer ganz bescheidenen Schatzung belief sich ihre tagliche Sterbeziffer 
auf 300. Von den Englandem erkrankte zur Verwunderung der Ein- 
geborenen kein einziger an der todlichen Seuche, so daJJ die Heiden aus- 
riefen: Gott ist mit ihnen! Auch fiel diesen auf, dafi die Diener, die 
bestandig in unseren Hausem und auf offentlichen Platzen uns auf- 
warteten, wenige Stunden nachdem sie uns verlassen hatten, tot hiniielen 
Tind dalJ ihre Weiber und Kinder zu Hause der Pestkrankheit erlagen, 
deren todlichem Hauch wir entgingen. Die Ursache dafur kann ich nicht 
in dem edlen Wein und den kostbaren Speisen finden oder in der kraf- 
tigen Nahrung, die wir zu uns nahmen; denn, wenn ich bedenke, wie 

sticker, Abhandlan^n L Geschichte der Pest l-l 



210 12. Periode. 

hinfallig und schwach viele Englander zu manchen Zeiten des Jahres 
waren, und wie sie trotz ihrer Ernahrungsweise viel weniger kraftig 
und muskelstark als die Hindus und also auch weniger geeignet waren^ 
eine ansteckende Krankheit abzustoCen, so finde ich, daB Grund genug 
besteht, der frommen Meinung der Hindus beizustimmen, dafl der All- 
machtige einen auflergewohnlichen Segen zu unserem Schutz entfaltete. 

Von Bassorah erfuhren wir im Jahre 1691, dafi 200000 Menschen 
in achtzehn Tagen durch die Pest hinweggefegt worden, daC diese aber 
dann in ihrer Wut nachgelassen und die Heftigkeit des Ausbruches seine 
Dauer abgekiirzt habe. — 

Schon vorlier hatte sich die Epidemie liber die ganze Westkiiste ver- 
breitet; sie wiitete in Basse'in, wo die Portugiesen sie Caraezo nannten, 
in Damaon, Tana und anderen Stadten. Bei Goa kam sie 1684 in das 
Heer des Sultans Mosam und totete an einem Tage 500 Krieger. 1685 
heiTschte sie in Dekhan zugleich mit einer grofien Hungersnot und ver- 
wiistete das Heer des Kaisers Aurungzeb. XJber das Jahr 1689 schreibt 
Khaii Khan in seinem Geschichtswerk Muntak-habu 1 Lubab: Das Ta'un 
und waha welches mehrere Jahre in Dekhan, im Hafen von Surat und 
in der Hauptstadt Ahmedabad gewiitet hatte, brach nun mit Macht in 
Bidschapur und im konigUchen Lager aus. Es war so giftig, dafl Jeder, 
der davon ergriffen wurde alle Hoffnung aufgab und nur fiir seine Pflege 
und seine Totenfeier sorgte. Die sichtbaren Zeichen der Seuche waren 
Geschwiilste unter den Armen, hinter den Ohren und an der Scham, so 
dick wie eine Weinbeere oder wie eine Banane, und eine Rotung des 
Augapfels. Den Erben lag es ob, fiir das Begrabnis des Toten zu sorgen. 
Aber Tausende von Unbekannten und freundlosen Menschen starben ohne 
Besitz in Stadten und Marktflecken und wenige von ihnen hatten Mittel 
zum Begrabnis. Die Seuche dauerte sieben oder acht Jahre. (Khafi 
Khan bei Elliot.) 

1690 verheeite die Epidemic Bombay und liefl hier von 800 Euro- 
paern nur 50 am Leben und brachte die Besatzung auf 35 Mann her- 
unter. Vorher die bliihendste Stadt Indiens, wurde Bombay binnen zwei 
Jahren eine verlassene Wiiste. 1696 totete die Pest in Thata in Sind 
80000 Menschen. — Die Seuche erlosch in Indien erst 1702. (Mac- 
PHERSON, Simpson). 
Persien 1684 herrschte die Pest in Nordpersien am Demawend. 

Agypten, 1685. In Agypten, Konstantinopel, Pera, Cypem, im Chersones, auf 

Morea und auf der venetianischen Flotte (Kanold). 

1686 in Persien, Konstantinopel und Adrianopel. — 
Pest? in Auf Martinique herrschte ein Sterben, worin neben dem zweifellosen 

Krankheitsbilde des Gelbfiebers vielleicht auch die Ziige der Beulenpest 
hervortraten. Jedenfalls kommen beim Gelbfieber vereiternde Driisen- 



TUrkei 



West- 
indien 



Pest in Indien, an der Levante 1683 — 1724; Aussaaten nach Europa. 211 

beulen nicht vor. Die Schilderung, die der Pere Labat davon gibt, 
entbehrt der gewohnten Klarheit, die den anderen Krankheitsdarstel- 
lungen dieses Dominikaners eigentiimlich sind. Sie soil hier einen Platz 
finden mit Riicksicht auf die friiher mitgeteilte Angabe Gastaldis, dafl 
im Jahre 1649 die Pest auf spanischen Schiffen naeli Westindien ge- 
bracht worden sei. Wenn die Beulenpest um die Zeit von 1649 bis 1694 
wirklich in Westindien war, so mufl sie bald wieder erloschen sein. Denn 
weitere Ausbriiche werden in der Geschichte jener Inseln nicht ver- 
zeichnet. 

Als Labat im Jahre 1694 auf der Insel Martinique ankam, erfuhr 
er, dalJ das franzosische Schiff Oriflamme im Jahre 1686 mit den Resten 
der Ansiedlungen Merguy und Bangkok auf der Reise von Siam Bra- 
smen beriihrt und von hier ein Fieber mitgebraeht habe, von dem er 
selbst im Jahre 1694 einen Ausbruch in St. Pierre auf Martinique sah. 
Das Krankheitsbild war verschieden wie das Temperament der Ergriffenen. 
Gewohnlich begann die Krankheit mit heftigem Kopfweh und Lenden- 
schmerz; dann kam groBes Fieber, das innen brannte, ohne sich durch 
aufiere Hautwarme kundzugeben; oft traten Blutungen aus alien Korper- 
offnungen, selbst aus den Hautporen hinzu. Bisweilen gingen Haufen 
von Wiirmem durch Mund oder After ab. Bei einigen K^anken brachen 
Bubonen in den Leisten und Achseln auf und entleerten eine schwarze 
iibelriechende Blutmasse oder waren voll von Wiirmern. Die Krank- 
heit endete bis zum sechsten oder siebenten Tage. AUe Leichen wurden 
miBfarbig und verwesten schon binnen einer Stunde so, als ob sie vier 
Tage gelegen hatten. In den schUmmsten Fallen hatten die Kranken 
einen kurzen Kopfschmerz und fielen tot hin. 

Auf der Insel nannte man das Ubel mal de Siam, well das Schiff 
Oriflamme aus Siam gekommen war. In einigen spateren Ausgaben und 
Ubersetzungen des Labatschen Werkes fehlt die wichtige Angabe, dafl 
das Schiff auf der Fahrt einen Hafen Brasiliens angelaufen hatte, und 
die Bemerkung, dafl es auf der Weiterreise von Martinique nach Frank- 
reich verloren gegangen ist. Aus Brasilien konnte es Gelbfieber mit- 
bringen; ob es aus Siam die Pest bringen konnte, ist unsicher. Gewifl 
ist, dafl die Lehre von der Testis sianiea als Bubonenpest bei Sauvages 
vorab noch schwach begriindet ist, dafl die Pestis americana, das Gelb- 
fieber, damals schon auf Martinique herrschte, aber nicht aus Siam, wie 
ScHNXJBKBB, Matthaei und Andere meinen, sondem aus Brasilien nach 
der Insel gebracht worden ist. — Zwei schwere Anfalle des Mal de Siam, 
die Labat selbst erlitt und berichtet, sind unzweifelhafte Gelbfieberanfalle 
gewesen. 

1687 Pest in Kairo, Morea, Korinth, Patras, Lepanto, auf der Krim 1687 
und in Perekop am toten Meer (Kakold). 



Levante 



212 12. Periode. 

1688 in Erzerum, Kefalu, Kalamata, Argo, im griechischen Archipel, 
in Marokko (Kanold). 

1689 in Konstantinopel, Skio, Smyrna. 

1690 1690 anf Morea, Zante, in Bosnien. Aus Bosnien wnrde sie durch 

Bosmen,^ ^- j^^ Schaflierde nach Dalmatien gebracht. Znerst starb der Schafer 
Vodizich in dem Stadchen Geverske bei Ostrovizza in der Q-egend von 
Zara; dann erkrankten seine Frau und beide Sohne. Das Ubel blieb hier 
durch die Maflnahnien des Ortsvorstehers beschrankt, wahrend es in 
Sebenico einen groiJen Ausbruch machte. (Fbabi.) Von Cattaro in Dal- 
matien kam es durch verpesteten Hausrat an die Ostkiiste Italiens in 
Apulien die Provinz Bari in Apulien und hielt sich hier in den beiden Orten 
Conversano und Monopoli bis zum Jahre 1692 zum groBen Schrecken 
Italiens und Europas. Das VoLk in Conversano kannte auBer den Achsel- 
bubonen bei der Pest auch Driisengeschwiilste in der Achsel, die mit 
der Pest nichts zu tun hatten, als endemisches Ubel ; es nannte sie lupello. 
(Abibta, Cobeadi.) 

1691 Pest in Dalmatien; sie wurde von Plocce aus durch den Sohn 
der Abtissin des Ospitale de' Bastardi nach Ragusa gebracht und herrschte 
Neapel hier vom 9. Januar bis Mitte Juni (Fbaei). Einzelne PestfaUe in Neapel, 
Perugia (Schonbeeg, Kanold). Von Ungam kam die Ansteckung nach 
Baden bei Wien, von hier nach Wien selbst, am 11. September; es er- 
krankten 47 und starben 36. (Fuhemann, Hatjck.) 
1692 1692 Jaswa, Morowaje powetrije, Pest brach im Juli in Astrachan und 

Astrachan j^j^ zwei benachbarten Dorfem aus; man legte Wegsperren in Astrachan 
und Zarizin an, um das Ubel einzudammen; es totete von 16000 Ein- 
wohnern Astrachans 10383, lieB also nur ein Drittel der Bevolkerung 
iibrig. (Doebeck.) Ausbruch in Budapest und Wien (Maetin). 
1693 Pest in Algier. 

1695 El Beruru (Pest?) in Algier (Beebbuggee). 

1696 1696 GroBe Pest in Nubien, Athiopien, Dongola und in Agypten; 

^afrikaf' iiberall verodeten die Stadte und Dorfer, die Felder blieben unbebaut 

Agypten (Poncet). In Kairo starben 282-10 Anne (Poncet, von HAauviEE, Wolmae). 

— Neuer kleiner Ausbruch in Conversano in der Provinz Bari (Schon- 

bebg); vergleiche 1690. 

1697 Pest in Agypten, besonders in Alexandrien. In Polen einige 

kleine Ausbriiche (Kanold). 

Endemi- 1698 in Konstantinopel, Smyrna, Algier, Ceuta. Konstantinopel ist 

sche Pest ^^^ j^^^t ab ein standiger Pestherd bis zum Jahre 1841. Besonders geben 

Konstan- die Kriege der Russen mit den Tiirken immer wdeder neue Gelegenheit 

16*98-1841^^^ Verschleppung der Seuche nach Agypten und zu wiederholter Ein- 

fuhr der Pest nach RuBland. 
Berberei 1699 in Achaja, Morea, in der Berberei bis in das folgende Jahr. 



Pest in Indien, an der Levante 1683 — 1724; Aussaaten nach Europa. 213 

1700 im Oktober in Holland grofie Mause- und Rattenplage (Spaan). 1700 

1701 Pest in Unteragypten, Alexandrien und Kairo; weiterhin in ^^^ 
Tripolis und Tunis (Pabiset). GroiJer Ausbruch in Toulon; zwei Drittel 

der Bewoliner starben. 

1702. Von der Tiirkei kam die Pest nach Sudruflland und nach. 1702 
Polen; hier gab es nur vereinzelte Falle. Durch die Ziige des Schweden- j^^^ 
konigs Karl XII. gegen Rufiland soil in den nachsten Jahren die Pest 

von Polen, wo sie bereits 1697 angefangen hatte milde aufzutreten, nach igQy.iyi^ 
Schlesien (1704 — 1714), Preuflen, Danzig, Riga (1709) und Skandinavien Skan- 
(1709 und 1711) verschleppt worden sein. Jedenfalls ging neben diesen ^^'^*^®°^ 
Verschleppungen ein selbstandiger Zug der Pest von Osten her. In Polen 
selbst blieb die Pest weiterhin noch zwolf Jahre bis Ende 1714, um in 
einzelnen Jahren bedeutende Verheerungen zu machen. 

1703. Von Konstantinopel nordwarts und westwarts iiber Kaew und 
Podolien (Czetybktn). 

1704 weiter iiber die Ukraine und nach Polen; in Breslau wurde 
liber die Pest der Jahre 1704 bis 1714 eine Denkmiinze geschlagen. 

1705 in Konstantinopel wurden an einem Tage aus einem Stadttor 1705 
1800 Pestleichen getragen (Papon, Heldius). Kleinasien, Agypten, Tunis, ^^ ^^' 



asien 



Sardinien, Malaga (Pabiset). Litauen, Lemberg und Galizien. 

1706 Pest in Burhanpur in Indien, in Kleinasien, Tarsus, Eregli am 1706 
Taurus (Pabiset). ^''^'^'' 

1707 Pest in Konstantinopel, in Ungam. Im Juli kam sie von 
Lemberg nach Krakau und anderen polnischen S tad ten durch jiidische 
Handler. Die Krankheit verlief unter hohem Fieber mit Angst, Erbrechen, 
raschem Kxafteverlust in drei bis vier Tagen; zu Ende der Krankheit 
kamen Bubonen in den Leisten oder Achseln, Petechien und schwarze 
Sugillationen. Viele Frauen lief en nackt aus den Hausern, irrten iiber 
die Straiie und verfielen in Krampfe. Manche Kranke versanken in 
tiefen Schlaf und wurden mit brandigen Gliedern gefunden. Der Tod 
trat am dritten oder fiinften, spatestens am neunten Krankheitstage an. 
Der Magistrat, die Reichen und Wohlhabenden und selbst die Arzte 
flohen aus Krakau, wodurch die grofite Verwirrung entstand. Erst nach 
fiinf Monaten, als 18000 Einwohner gestorben waren, fing die Seuche an 
nachzulassen. Im November starben noch 7 oder 8 Menschen taglich. 
Im Januar genasen fast alle, die noch ergriffen wurden; im Februar er- 
krankten die Leute sehr milde fiir einen Tag. Im Mai kehrten die 
Fliichtlinge zuriick. Die Seuche war beendet. (Stahb, Kanold.) Weiter 
ging die Pest nach Schlesien, nach Posen, wo sie bis 1713 wahrte (Bbandt). 

1708 Pest in Thrazien (Peima de Beintema), in Sarmatien (Web- 1708 
LOSCHNio A Pebenbebg), in Polen (Kanold), in Siebenbiirgen, in der Mol- ^?J" ^^ 
dan und der Wallachei (Azevedo), in Dacien, Ungam, Livland, Dane- europa 



214 12. Periode. 

• • • 

mark, Schweden, Sachsen, Hamburg (Didebich), Osten^eich, Serbien. In 
Sudspanien, Granada und Sevilla (Villalba). 

Aus der Epidemie in Polen ist folgende Notiz Kanolds von Be- 
deutung: Ein gewisser reformirter Theologus Tobiany ans Grofl Pohlen 
hat mich berichtet, daU wie in Warschau fiir die Pest nichts helfen 
woUen, hatten sie endlich die Bubonen von den Verstorbenen exscindirt, 
solche getrocknet, pulverisirt und den Kranken eingegeben, welches prae- 
sentissime geholfen. Da dieses die armen Leute gesehen, waren viele so 
herzhaft gewesen, daC sie, sobald sie krank worden, die purulentam ma- 
teriam selber und maturatis bubonibus cochleatim eingetrunken. Zwei 
oder drei Patienten haben sich durch das Eytersaugen aus ihren eigenen 
bubonibus maturatis, praesente Theologo, salviret. Vera sunt! credas! 
(Kanold 1711.) 

Ungarn In Ungam und Siebenbiirgen herrschte die Pest bis in das Jahr 

1710. Sie zeigte in den drei Jahren ein wechselndes Krankheitsbild. Im 
ersten auBerte sie sich unter Frost, Fieber und schwarzen Blutflecken. 
1709 herrschten, besonders in Of en, die Bubonen und Karfunkeln vor; 
letztere erschienen bei vielen Kranken in bedeutender Zahl, so daU 
Manche bis zu zwanzig, ja bis zu hundert zusammenflieJJende Geschwure 
bekamen, wie Blattemkranke, und die Leute die Seuche die Karf unkel- 
pest nannten. Der Tod erfolgte in drei Tagen. Im dritten Jahre litten 
die Kranken unter grofier Hitze, unausloschlichem Durst, Nasenbluten, 
Blutspeien und blutigen Durchfallen, wahrend Bubonen, Karfunkehi und 
Petechien selten waren. Auch jetzt starben die Kranken binnen drei 
Tagen. Die Leichen waren von bleichroten und schwarzen Flecken wie 
marmoriert, oft nach nur zweitagigem Kranksein so furchtbar abge- 
magert, daJJ die Leute von der ansteckenden Schwindsucht sprachen. 
(LoiGK.) 

Schlesien Nach Schlesien kam die Pest iiber die polnische Grenze, sie wurde 

von einem Fuhrmann aus Krakau nach Georgenberg gebracht, weiter 
durch Armenier mit Betten und Hausrat nach Rosenberg im Fiirsten- 
tum Oppeln eingefiihrt. Hier wiitete sie am heftigsten im August und 
totete von 1700 oder 1800 Rosenbergem 860, also die Halfte. Anfanglich 
starben die Kranken nach vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden, 
spater binnen drei und sechs Tagen. Im Winter erlosch die Epidemie. 
Nach den Herrschaften Wartenberg und Militsch hatte sie im Juli ein 
Brauer gebracht, der aus Polen eine Erbschaft abholte. Femerhin ver- 
breitete sie sich von Warschau iiber Kalisch nach Posen, Gratz und 

PreoBen Kosten, brach im Hochsommer in Westpreufien ein, um zuerst Thorn zu 

' verwiisten; hier starben im August und September 4000 Menschen; erst 

im Januar 1709 erlosch das Ubel (Wiels). Im November 1708 kam sie 

in die Vorstadte von Danzig, schlummerte den Winter iiber, erwachte 



Pest in Indien, an der Levante 1683 — 1724; Aussaaten nach Europa. 215 



im April und richtete furchtbare Verheerungen in der Stadt an; diese 
verlor in der zweiten Septemberwoche 2205 Einwohner; wahrend der 
ganzen Epidemie aber bis Ende Januar 1710 starben 24 533 in der Stadt, 
8066 in den Vorstadten, zusammen also 32 599 Menschen. (Stockel, 
Wbickhmann.) 

Es starben in Danzig 1709 an der Pest in der Woche bis zum 



12. Januai 


» 


, . 53 


18. 


Mai 




> 


44 


21. September 


. 2070 


19. „ 


. . 54 


25. 


n 




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42 


28. 


. 2065 


26. „ 


. . 61 


1. 


Juni 






44 


5. Oktober . 


. 1963 


2. Februar 


. . 68 


8. 


n 




B 


46 


12. „ 


. 1759 


9- » 


. . 54 


15. 


n 




1 


45 


19. „ . 


. 1214 


16. „ 


. . 38 


22. 


n 




■ 


53 


26. „ . 


. 1062 


23. „ 


. . 45 


29. 


n 




1 


83 


2. November 


. 897 


2. Marz . . 


34 


6. 


JuU , 






92 


9. „ 


. 628 


9. „ 




. . 48 


13. 


71 




1 


. 156 


16. „ . 


. 438 


16. „ 




36 


20. 


V 




1 


. 224 


23. „ . 


. 363 


23. „ 




. 40 


27. 


7) 






, 433 


30. „ . 


. 299 


30. „ 




. 37 


3. 


August 






500 


7. Dezember 


, 233 


6. April . 




42 


10. 


n 




1 


823 


14. „ . . . 


. 217 


13. „ 




44 


17. 


n 




1 


897 


21. „ . , 


161 


20. „ 




54 


24. 


V 




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1238 


31. „ . . 


127 


27. „ 




. 55 


31. 


n 






1414 


7. Januar . . 


79 


4. Mai 


# 


47 


7. 


September . 


1767 


( 
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24533 


11. „ . 




42 


14. 


n 


2205 






GOHTi gi( 


)bt die Zahlen etwas anders 


an; das Fifgebnis iat aber un- 


gefahr dassel 


be. 














Pesttodesfalle im Juni . 


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273 


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• • 


1313 






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„ August 


• • 


6141 








n 




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mil 


)er . 


8303 





n 



n 



Oktober 



4923 



20 953 



Die Epidemie verschonte Podagrakranke, Steinkranke und Englander. 
Bei den Sektionen fand man aufier den Bubonen Petechien im Magen, 
Darm und Bauchfell. 

Der Pastor Weickhmann entschied, daU Lehrer, Prediger und Arzte 
wahrend der Pestzeit nicht fliehen diirften; dagegen diirften die Beicht- 
vater, wenn es ihnen von der Kirche verboten werde, keine Pestkranken 
besuchen; die Verehrung des Rochus und Sebastianus durch die Papisten 
sei Gotteslasterung. Die Fragen: „braucht Grott auch seine heilige gute 



216 12. Periode. 

Engel dazu, dafl er durch sie und ihren Dienst die Menschen mit der 
Pest schlage?" und: „kann auch der Teuffel und bose Menschen durch 
seine Mitwiirckung eine Pest zu "Wege bringen? beantwortet er mit einem 
entschiedenen Ja und anderen theologischen Beweisen. (Webls, Stockbl, 
Q-OTTWALD, GoHL, Weickhmann, Schelwigbn, Dantzig Bericht.) 

In Kiistrin erschien im nachsten Jahre eine vorziigliche Unterweisung 
fur Pestzeiten, woraus wir einige Satze anfiihren: Die Pest ist ein mor- 
bus, so in Europa plane peregrinus und dabei nicht anders als durch 
Commercia aus Asien und Afrika gebracht wird. Polen und Ungam 
sind die Canales, durch welche dieses schadliche Oontagium aus Asien 
nach Deutschland gebracht wird. Die nach Constantinopel handehiden 
Armenier und Juden und ihre Commercia sind die Instrumente, dadurch 
diese schadliche Seuche in Pohlen und Ungarn und folgUch in Deutsch- 
land fortgebracht wird. Dieser Hospes vel hostis peregrinus cessirt end- 
lich solo beneficio aeris Europaei. (CtiSTEm Unterweisung.) 

Am 8. Juni 1709 wurde die Pest von Posen nach Fraustadt in Polen 
eingeschleppt; hier starben bis zum nachsten Februar in der Stadt 2377, 
in Stadt und Umgebung 2998 Menschen. — Als am 8. Juli 1709 nach 
der Schlacht von Pultawa die Polen und Schweden unter Kiowski sich 
vor den Russen nach Schlesien fluchteten, kam hieher die Pest aufs 
neue; sie brach im Oktober aus und ergriff in der Gegend von 6ls 
und Militsch fiinfundzwanzig Dorfer. Das Sterben dauerte bis Januar 
und Februar, um dann rasch nachzulassen, aber im Friihjahr von neuem 
zu beginnen. Nach 01s selbst kam die Ansteckung durch einen Dra- 
goner, der mit einer Pfarrerswitwe Grenzschmuggel unterhielt und Kleider 
nach 01s brachte; hier starben an 3000 Menschen, noch mehrere in den 
Dorfem bis Ende 1710. Im Herbst 1712 wurde von Zdung in Polen 
aus die Pest noch einmal in das Dorf Luzin gebracht; es starben vier- 
zehn Menschen. Dann ereigneten sich 1713 in Schlesien die letzten 
Todesfalle an Pest, die weiterhin dieses Land verschont hat. (Kanold, 
Eggeedbs, Lobinseb.) 

1709 dauerte die Pest in der Tiirkei weiter fort. Sie entwickelte 
sich in Andalusien und Granada zu einer Epidemie, die bis zum Jahre 
1711 in Granada gegen 30000 Einwohner umbrachte. — Sie verseuchte 
die Ostprovinzen Osterreichs ; in Ungarn Ofen, Neuhausel, Grau, Waitzen, 
Erlau (Martin); Kroatien und Friaul; in Wien gab es einige Pestfalle 
(LoBENZ Sticker). Im Herbst erschien sie an der Ostkiiste Italiens, be- 
sonders in Pesaro (Lancisi). In der Provinz Litauen totete sie 59196 
Menschen; Preufien und Litauen verloren zusammen wahrend der Jahre 
1709 und 1710 an der Pest 283 733 Einwohner (Biisching bei Frabi). 
Konigsberg verier in sechs Monaten 8436 Menschen. Die Verluste in 
Danzig sind bereits erwahnt. 



Pest in Indien, an der Levante 1683 — 1724; Aussaaten nach Europa. 217 

1710 brachten fliehende Schweden die Pest von Polen nach Thorn 1710 
(Zbenackbb) nnd weiter hiniiber nach Skandinavien; Karlskrona verier ^ ^^" 
16 000, Stockhohn 21000 Menschen. In Karlskrona erkrankte das vier- 
jahrige Kind des beriihmten Arztes RosiiN von Rosbnstbik an der 

Pest und verfiel dabei in einen vierundzwanzigstiindigen Scheintod. 
Westergotaland, Norrkoping, Upsala wurden verseucht. Ebenfalls kam 
die Pest nach Helsingor und nach Kopenhagen; in der Hauptstadt von 
Danemark nahm sie bis in das nachste Jahr 20 822 Menschen, mehr als 
die Halfte der Einwohner weg; auBer Bubonen gab es viele Lungen- 
blutungen (Mansa, J. Gr. Bottichbe, Vogt). Von Seeland kam die Pest 
in die Kieler Bucht nach Schlofl Kiel nnd Friedrichsort; die Stadt wnrde 
verschont (Mxjlb). 

An der Ostseekuste entlang kam die Pest nach Livland nnd totete 
in Riga wahrend der Belagerung durch die Russen 60000 Einwohner; 
femer nach Kurland, wo iiber 200000 Menschen starben. In der rus- 
sischen Armee totete sie bis Ende des Jahres 9800 und vernichtete im 
ganzen Feldzug Peters des GroJJen mehr Soldaten als der Feind. Die 
MalJregeln im Heer des Zaren waren einfach. Die erkrankten Soldaten 
wurden mit ihrer Habe in Walder oder in entlegene Gegenden gebracht 
und durch Sperren und Wachtposten abgesondert; verseuchte Stadte 
wurden mit Kordons umgeben. Um St. Petersburg zu schiitzen, wurde 
eine Sperre am FluB Luga errichtet unter der Strafe des Stricks fur 
tJberlaufer. (Dorbeck.) 

Von Kopenhagen kam die Pest durch Kriegsschiffe nach Friedrichs- Nord- 
haven (Bottichee), Holstein, besonders Rendsburg, Itzehoe (von Hagen). ®®® ^^^ 
nach Gliickstadt (Mahe) ; f erner nach Altona, Hamburg, Schleswig, Flens- 
burg und weiter bis in die Dorfer um Braunschweig. Besonders heftig 
wiitete sie auf der Insel Osel vor der Rigaer Bucht. In Brandenburg 
starben in diesem und dem nachsten Jahre 215000 Menschen, ein Drittel 
der Einwohner (von Hagen); in Marienberg gab es eine kleine Epidemie 
vom Dezember bis zum Februar 1711 (Ebndl). Wahrscheinlich aus einem 
der baltischen Hafen kam die Infektion nach New Castle in England, England 
wo ein paar Pestfalle grofien Schrecken erregten, um nachher widerrufen 
zu werden, als keine Epidemie ausbrach (Cbeighton). 

Im selben Jahre hatte sich die Pest von der Moldau und Wallachei 
nach Steiermark und Osterreich verbreitet, um in den nachsten Jahren Osterreich 
in den osterreichischen Landern uber 300 000 Menschen wegzuraffen 
(Peinlich). 

1711 starben in Wien auBer an den Pocken auch manche an der 
Pest. Am 5. Mai wurde Graz verseucht. Nach Frankfurt an der Oder 
wurde die Ansteckung durch Kleider gebracht. (Rosen von Rosenstein.) 
Dresden wurde bedroht; der Rat erlieU eine Seuchenordnung, welche die 



218 12. Periode. 

Versorgung der Stadt mit Nahrungsmitteln vorsah; ihre Reinigung von 
Mist und die Sauberung der angesteckten Hauser, verdachtigen Betten 
und Kleider befahl, das Einlassen fremder Leute regelte, dem Gesinde 
Ausgange in die Stadt, dem Pobel das Zusammenlaufen und Brannt- 
weintrinken verbot. (Dresden Ordnung; Unterricht.) 
1712 1712 Pestnachrichten aus Konstantinopel; Pest in Ungarn; von Prefl- 

Ungam ^^^ ^^^ ^-^ Ansteckung nach Bnick an der Leitha in Niederoster- 
reich (Werloschnig und Loigk). Ferner nach Pettau in Steiermark 

Wien (DiJBNwntTH). Im Herbst wurde das Ubel von Ungarn nach Wien ge- 
bracht durch ein junges Madchen Christine, welches man hochschwanger 
in einem Garten auCerhalb der Rossau am linken Donauufer vorfand und 
in das Biirgerhospital brachte. Es starb dort rasch. Nach ihm starben 
andere junge Wochnerinnen des Spitals. Der Spitalgeistliche meldete die 
plotzlichen Todesfalle. Sofort wurden von der Gesundheitsbehorde die 
Gebaude gesperrt, die Schwangeren und Wochnerinnen in ein angren- 
zendes Lazarett iibergefuhrt und alle Verbindungen zwischen dem Be- 
zirk und der Hauptstadt unterbrochen. Die beiden Arzte des neuen 
Lazaretts, Doktor Ruck und Doktor Schultz, stritten iiber die Natur der 
Krankheit. Der erstere hielt sie fiir Pest, der andere wehrte sich gegen 
die Diagnose, so lange, bis er spater selbst dem Ubel erlag. Unterdessen 
hatte dieses eine trugerische Pause gemacht, welche die Aufmerksamkeit 
des Magistrates tauschte. Die Saat ging erst im Januar des nachsten 
Jahres auf. 

Nord- Weiter erschien die Pest im Sommer 1712 am linken Elbufer, im 

^land " Herzogtum Bremen, in der Reichsstadt Bremen, in einigen Dorfern von 
Hannover und Oldenburg. In Gliickstadt starb ein Drittel der Bewohner. 
(Mahb.) Nach Hamburg kam sie im Herbst, um bis zum Januar des 
nachsten Jahres zu herrschen und im Sommer aufs neue auszubrechen. 
Die Krankheit verlief mit Bubonen, Karfunkeln und Petechien und 
dauerte drei oder sieben oder vierzehn Tage. Vom 27. August 1713 bis 
zum 10. Marz 1714 starben nach den Totenlisten 2900 an der Pest; auBer- 
dem werden 1200 und mehr als an hitzigen Fiebem verstorben auf- 
gefiihrt, die wohl auch zum groBten Teil als Pestopfer zu gelten haben. 
Das Waisenhaus mit 1500 Kindern blieb verschont; im Zuchthaus er- 
krankten iiber 200 Gefangene. Mehrere Krankenwarter wurden ange- 
klagt, an die 80 Kranke vergiftet und ihrer Hinterlassenschaft beraubt 
zu haben. Im ganzen starben von 1712 bis 1714 in Hamburg 9000 bis 
10 000 an der Pest. ^ . . , : , • 

Die Danen und Mecklenburgefr sperrten ihre Gebiete und blieben 
verschont. Kopenhagen wurde ergriffen. 

Die preuflische Regierung sandte im Sommer 1713 den Professor 
der Medizin und Anatomic Spener von Berlin nach Hamburg, um die 



1 •« I' 



Pest in Indien, an der Levante 1683— 1724; Aussaaten nach Europa. 219 

Art der Seuche festzustellen. Die Stadt Berlin hielt an alien verdach- 
tigen Revieren Wache, damit kein Angesteckter hineinkomme. Im August 
fuhr ein Berliner Schiffer namens Nose mit einem weinbeladenen Schiffe 
von Hamburg nach Stendal, und da ihm zwei Schifferknechte eines jahen 
Todes starben, vermutete man, dalJ sie an der Pest krepieret sein miillten. 
Es stellte sich heraus, dalJ der Nose nicht allein zwei falsche Eide ge- 
schworen, er habe keine &anken an Bord, sondem auch die gestorbenen 
Knechte iiber Bord geworfen habe. In Stendal wurden durch ihn zwei 
Hauser angesteckt, von wo aus die Seuche sich in die Stadt und Nach- 
barschaft verbreitete. Der Nose wurde gehangt. (Wohlwill.) Wien 

1713. Bei Wien hatte es im Vorjahr in der Vorstadt Rossau 52 pest- 
verdachtige Falle gegeben, wovon 23 gestorben waren. Am 31. Januar 
1713 wurde Wien mit einer Schutzlinie umgeben. Im Februar gab es 
in der Rossau 28 Pestkranke und 16 Tote; im Marz 169 Kranke, 126 
Tote. Von der Rossau kam das Ubel iiber Lichtenthal nach Erdberg, 
dann Mitte April in die anderen Vorstadte und in die Josephsstadt. 
Dieselben Hauser, die 1679 geUtten hatten, wurden auch diesmal be- 
sonders zahlreich ergriffen. Im April erkrankten in Wien 365 und 
starben 317, im Mai erkrankten 694 und 684. Die Arzte waren iiber die 
Diagnose noch immer uneinig. Sie sprachen unter anderem von einer 
febris maligna pestilentialis. Als im Juni die Zahl der Kranken auf 891 
und die der Toten auf 701, im Juli auf 1656 und 1201 stieg, gelobte 
Kaiser Karl VI. den Bau der Karlskirche zu Ehren des heiligen Karl 
Borromaus, zu welcher am 5. Februar 1715 der Grundstein gelegt worden 
ist. Im August starben 2107, im September 2032, im Oktober 970, im 
November 418, im Dezember 105, im Januar 54 Pestkranke. Im Februar 
erkrankten noch 17, aber keiner starb mehr. Im ganzen waren nach 
den Biirgerlisten von 113 000 Menschen 9565 erkrankt und 8644, iiber 
90 vom Hundert, gestorben. In den Lazaretten hatte man 9337 Pest- 
kranke gezahlt. (de Haen.) Unter den Gestorbenen waren 11 Arzte und 
50Wundarzte. (Webnee Pestbeschreibung, Ausfeldt, Beintema, Febbo, 
Chbnot, Kbappt-Ebing.) 

Wahrend der Epidemic sah man in Wien eine grofie Menge viel- 
f altiger scharf stechender Mucken, Fliegen und Gelsen, sowie auch Spinnen ; 
dagegen nichts von denen Wasser- oder Lackeninsectis als Krotten und 
dergleichen (Beintema). 

In der Umgebung von Wien, z. B. in Petzelsdorf, trat das grassie- 
rende Contagium sehr gelinde auf; es zeigte sich bis zur Bildung von 
kleinen Abszessen abgeschwacht, ohne erhebliche Sterblichkeit. In Dorn- 
bach, Hemals, Weinhaus und Wahring war die Sterblichkeit grofier; in 
Sievering, Salmerstorf und Neustift wiitete das Ubel morderisch. (Petma 
DE Beintema.) 



220 12. Periode. 

Schon im Marz 1713 war die Pest in Zellerndorf, im April in Wah- 
ring, in Neulerchenfeld, in HoUabrunn. So wurden vom Marz bis Ende 
des Jahres gegen fiinfzig Orte ergriffen. Die Zahl der verpesteten Fa- 
milien darin betrug 762, die Zahl der Erkrankten 4923, der Genesenen 
1147, der Toten 3776, also 76,7 vom Hundert. 

Prag Nach. Prag soil am 16. Juli ein Wiener Schneider die Pest gebracht 

haben. Hier hatten sich aUerdings schon im Marz verdachtige Falle ge- 
zeigt. Mitte August starben in der Judengasse am Moldauufer taglich 
neun und mehr Menschen; bald betrug die Zahl der Leichen mehrere 
Hundert am Tage. Die Bitte der Juden, das Ghetto verlassen und auf 
die Kaiserinsel in der Moldau ubersiedeln zu diirfen, wurde abgeschlagen. 
Im ganzen starben in Prag 36 662 Einwohner, darunter 12 000 Juden. 
Auch auf den umliegenden Dorfem war das Sterben grofl. (Weitenwebeb.) 

Eegens- Ein Schiff mit Wiener Juden brachte die Pest im Juli nach Regens- 

^^^ burg, wo bald, ein furchtbares Sterben ausbrach, das im September seine 
Hohe erreichte. Die Reichsversainmlung floh zu Wasser und zu Lande 
nach Augsburg. Die Epidemic uberdauerte den Winter. Bis zum 19. Januar 
1714 starben gegen 7000 Menschen. Erst im Februar konnte das Pest- 
lazarett geschlossen, am 6. Mai die Sperre der Stadt aufgehoben wer- 
den. Zugleich hiermit wurde wieder Musik bei Hochzeiten erlaubt, die- 
weil mit aUer Macht die Leute anfingen zu freien und sich freien zu 
lassen, so dafl in mancher Woche 8 bis 13 Paare in der evangelischen 
Gemeinde getraut wurden. (Wbeloschnig, Dietebich, Hechtel.) 

Im August wurden Wels und PreCburg angesteckt. Weiter kam 
Xtimberg die Pest liber das siidostliche Bayem bis Niirnberg. 

Graz In Steiermark verheerte sie Graz. Sie kam am 18. August nach 

Pollau, wo sie mit zwei Fallen begann; am 22. gab es bereits neun 
Kranke, von denen bis zum 2. September fiinf starben. Am 6. September 
lagen im Spital 17 Kranke. Der Pestmedikus verteilte nun an 1200 
Personen ein Praservativmittel; das Sterben bheb gering. In aiideren 
Orten Steiermarks starben einzelne Hauser ganz aus. (Peinlich, Crno- 
LOOAE.) Karnten hatte sich gegen Steier gesperrt; gleichwohl gab es 
dort einzelne Pestfalle (Dijrnwibth). 

Osteuropa 1714i herrschte die Pest in Bohmen, Mahren, Schlesien, Oberoster- 

London reich. Von Danzig wurde der Zunder iiber Dunkirchen nach London 

gebracht, ohne sich auszubreiten. Ebenso ereignete sich ein einzelner 

Haag Pestfall im Haag. (Geoshans.) In Italien fiirchteten alle Stadte die 

Ankunft der Seuche und richteten strenge Quarantanen ein, besonders 

Venedig. Mueatoki veroffentUchte seinen Govemo. 

1715 1715 groBer Ausbruch in Konstantinopel, im griechischen Archipel, 

Tiirkei g]^Qs^ Mytilene, Samos, Lesbos, Smyrna (Peima de Beintema). GroBe 



Pest in Indien an der Leyante 1683 — 1724; Aussaaten nach Europa. 221 

Verheerungen in Karnten. Sie begannen im Juli mit einigen verdach- Kttmten 
tigen Fallen in der Nahe von Klagenfurt; im August war die schwarze 
Herzbraune in Friesach; am 7. November waren 42 Orte verseucht mit 
5870 Toten und 1854 Genesenden. Bleiburg, Vocklamarkt und Lavamiind 
waren fast ausgestorben. Bis Ende November gab es 7000 Leichen. Erst 
Mitte Januar erlosch die Pest. (Geillitsch.) 

Im Marz gingen starke Geriichte in Hamburg, daB hier die Pest Hamburg 
wieder unter den armen Leuten beginne. Von Berlin wurde ein er- 
fahrener Chirurgus entsandt, um die Bedeutung des Geruchtes griindlich 
zu untersuchen. Die heraufkommenden Schiffe wurden angehalten. Im 
August kam ein neues Geriicht von der Pest in Altona und Ham- 
burg. Von Berlin aus wurde jetzt der Hofmedikus Christiani mit einem 
Chirurgen geschickt, um die Saw3he zu priifen. Er erklarte die Stadt f iir 
pestfrei. Dennoch wurde die FluCsperre zwischen Berlin und Ham- 
burg bis Oktober aufrecht gebalten. An Altona blieb der Pestverdacht 
haften. 

1716 Pest in Smyrna, im griechischen Archipel, in Bohmen; Karls- ^ • 
bad blieb verscbont. Ausbruch in Leoben in Steiermark. 

1717 dauert die Seuche an in Konstantinopel, in Kairo (Pabiset), in 
Aleppo und weiter in Syrien (Alexandeb Russel); in Siebenbiirgen. 

1718 Kairo, Latakia auf Cypem. — In Kleinrufiland, Kiew und Asow. 
Peter der GroBe schickte Arzte in die verseuchten Landschaften und for- 
derte Berichte nach. St. Petersburg. Im iibrigen lieB er MaBregeln w^ie 
im Jahre 1710 treffen, die verseuchten Orte mit einem Kordon umgeben, 
die zufuhrenden StraBen sperren und verhauen und an der Sperre einen 
Galgen aufrichten. Die Regimenter wurden in gesunde Orte iibergefuhrt; 
verpestete Hauser mit allem Gerate und sogar mit den Haustieren und 
Pferden verbrannt. Briefe muBten auf den Wachstationen abgeschrieben 
und gerauchert werden. Ende 1719 wurde fiir alle gesperrten Orte eine 
sechswochige Quarantane verfiigt; die Sperren erst im April 1720 auf- 
gehoben. (Dobbeck.) — Ausbruch in der Walachei. 

1719 Pest in Agypten, Smyrna, in Griechenland, an der dalmatischen 
Kiiste. Im Mai wieder in der Wallachei und in Siebenbiirgen; hier 
wiitete sie besonders in Kronstadt und Chotzim; Lemberg und die Nach- 
barorte in Galizien bis an die polnische Grenze litten; ebenso Belgrad. 
(Ghenot.) 

1720 Pest in Konstantinopel, Syrien, Palastina, Tripolis, an den Levante, 
Kiisten des schwarzen und adi^atischen Meeres. In Moskau bis 1722; unffam' 
in Ungarn und Osterreich. In Siebenbiirgen erschienen als ihre Vor- Osterreich 
boten unzahlige Mause, denen die Pest bald folgte (Peinlich). In Sizilien 
einzelne Pestfalle. 



222 4 ^^' ^®"^^®- 

Den grofiten Schrecken verursaclite der Ausbruch der Seuche in 
Marseille. Europa schien alle Leiden von friiher vergessen zu haben, 
so entsetzt nahm es jene Nackricht auf. 



Die Pest in der Provence wahrend der Jahre 1720 und 1721. 

Die Berichte iiber die Herkunf t und Entstebung der Pest in Marseille 
lauten sebr verschieden, je nachdem sie von den Epidemisten oder von 
den Kontagionisten, welche damals bis zum AuBersten stritten, gegeben 
worden sind. 
Marseille Die ersteren, durcb Chicoyneau, Vemy, Deidier und Boyer vertreten, 

betonten die auffallende Witterung des Jahre 1720, das zuerst viel Regen, 
nacKher groBe Hitze gebracht hatte. Sie betonten die Teuerung und 
Verderbnis der Lebensmittel und die dadurcb gesteigerte Not unter den 
armen Leuten. Sie versicherten, daiJ pestartige Fieber schon im Fruhjahr 
sich hier und da in der Altstadt gezeigt batten, jedenfalls lange bevor, 
ehe das Schiff, welcbes nach der Ansicht ihrer Gegner die Pest am 
25. Mai aus der Levante nach Marseille brachte, im Hafen angekommen 
war. Andere, welche die Ubertragbarkeit zugaben, behaupteten: Nicht 
die Mannschaft dieses Schiffes habe die Pest in den Hafen gebracht, 
sondern die Kranken im Hafenviertel batten die Matrosen angesteckt. 
Jedenfalls bestatigt ein im Jahre 1861 aufgefundenes Tagebuch, welches 
der Schatzmeister des Erzbischofs von Marseille, Goujon, gefiihrt hat, 
daC schon am 2. Mai 1720, also dreiundzwanzig Tage vor der Ankunft 
jenes Schiffes, in der Stadt einige Leute erkrankten, bei denen man 
fiirchtete, es handle sich um das ansteckende Ubel. 

Jedenfalls begann der deutliche Ausbruch der Epidemic mit der An- 
kunft des Schiffes le grand Saint- Antoine. Dieses hatte im Januar 1720 
unter dem Kapitan Chataud in Saida in Syrien die Anker mit patente 
nette, mit dem Zeugnis, daU ihm kein Pestverdacht anhaftete, gelichtet. 
Kurze Zeit nach seiner Abfahrt war in Saida die Pest ausgebrochen, 
wie die Schiff er berichteten, die nach Chataud in Marseille ankamen. 
Chataud nahm auf der Fahrt zuerst Ladung ein in Sours, einem Kap 
auJJerhalb Saida. Auch hier zeigte sich die Pest kurz nach der Abfahrt 
des Schiffes und totete fast alle Bewohner. Auf der Weiterfahrt wurde 
Chataud von einem heftigen Sturm gezwungen, Tripoli anzulaufen und 
dort sein beschadigtes Schiff herzusteUen. Er nahm zugleich wieder 
neue Waren auf und wurde zudem genotigt, einige Tiirken mit Waren 
und Kleidern nach Cypern zu bringen. Kaum hatte das Schiff Tripoli 
verlassen, als ein Tiirke schwer erkrankte und rasch starb. Zwei Ma- 
trosen sollten den Leichnam ins Meer werfen. Sie batten sich ihm eben 
genahert, als der Kapitan sie zuriickrief und den Tiirken auftrug, ihrem 



Pest in Indien, an der Levante 1683 — 1724; Aussaaten nach Europa. 223 

Landsmann die letzte Ehre zu erweisen. Die Seile, woran sie die Leiche 
hinabliefien^ wurden mit der Leiche versenkt. Wenige Tage nach dem 
Tode des Tiirkeii erkrankten die beiden Matrosen, die ihm nahe gekom- 
men waren, schwer und starben rasch. In Cypern schiffte der Kapitan 
die anderen Tiirken aus, ohne sich dort aufzuhalten. Nun starben zwei 
weitere Matrosen und der Schiffschirurge in wenigen Tagen. Der Kapitan 
9chloO sich in seine Kajiite ein und erteilte seine Befehle von diesem 
Zufluchtsort aus. Er lieC alles Tauwerk und die Kleider, womit die 
Kranken in Beriihrung gekommen waren, in das Meer werfen und kam 
nicht eher heraus, als bis sie in Livomo anlegten. Hier suchte er einen 
neuen Chirurgen und liefi drei seiner Leute zuriick, die so rasch er- 
krankten und starben wie die Anderen. Der Hafenarzt und Chirui'ge 
besichtigten die Leichen und schrieben den Tod einem bosartigen Fieber 
zu, das durch den wahrend der langen Seefahrt verdorbenen Proviant 
entstanden sei. Dariiber stellten sie ein amtliches Zeugnis aus. 

Endlich, am 25. Mai, landete Chataud in Marseille, erklarte der Ge- 
sundheitsbehorde, dafl er sieben Leute seiner Besatzung verloren habe 
und wies auf ein Zeugnis des verstorbenen Chirurgen hin, dem die ersten 
Falle pestverdachtig erschienen waren. Dieses Zeugnis verschwand in 
der Folge und wurde in den offenthchen Akten unterdnickt. Der Ge- 
sundheitsrat erklarte das Schiff fiir unverdachtig und liefi die Ladung 
im Hafen loschen, anstatt eine Quarantane auf der Insel Jarre vor dem 
Hafen anzuordnen, wie sie nach den geltenden Bestimmungen nicht nur 
jedes verseuchte Schiff, sondem auch jedes nur halbwegs verdachtige 
Oder sogar blofi durch ein Geriicht verdachtigte Schiff durchmachen 
mufite, und anstatt die Waren lliften zu lassen, wie es fiir alle Herkiinfte 
aus der Levante iiblich war. 

Dieselbe Nachsicht iibte man gegen die Kapitane Aillaud, Fouquet 
und Gabriel, die nach Chataud, am 30. Mai, aus Saida ankamen und die 
Nachricht brachten, dafi seit dem Marz in Palastina und Syrien die Pest 
ausgebrochen sei. 

Am 27. Mai, zwei Tage nach der Ankunft des Kapitans Chataud, 
starb einer seiner Matrosen; man brachte die Leiche in das Haf en- 
hospital und liefi sie von dem Chirurgen Guerard besichtigen; die Un- 
wissenheit dieses Mannes oder seine Willfahigkeit gegen die Behorde 
liefi die Todesursache im Dunkeln. Am 12. Juni starb der Quarantane- 
beamte, der an Bord gewesen, dann, am 23., ein Schiffsjunge, schon vor- 
her zwei Packtrager, welche die BaumwoUe geloscht hatten. Der Chi- 
rurge versicherte immer noch, das sei nichts Aufiergewohnliches. Indessen 
wurden die Hafenintendanten unruhig. Sie verfiigten eine Quarantane 
oder vielleicht nur den Schein einer Quarantane, sandten die Schiffe 
nach Jarre, behielteh aber die Ladung und die Gepiicktrager im Hafen 



224 12. Periode. 

eingeschlossen. Am 14. Juni waren die Passagiere des Schiffes Chataud 
freigegeben worden und hatten sich in der Stadt zerstreut. Zwei Tage 
vorher, am 12. Juni, hatten die Hafenbeamten einem vierten Schiff aus 
Alexandrette die Reede freigegeben. Am 28. Juni liefien sie die Barke 
des Kapitans Gueymard, der von Saida kam, in den Hafen. 

Von den eingeschlossenen Gepacktragern des Grand St. Antoine 
erkrankten am 7. JuK zwei, ein dritter am 8. Juli mit Achselbubonen 
und Karfunkeln. Der Chirurge leugnete auch jetzt noch die Pest, bis er 
selbst daran erkrankte und mit seinen drei Patienten am 9. Juli starb. 
Zwei ihm beigeordnete Chirurgen uberlieflen nun die Untersuchung wei- 
terer Kranken und Leichen einem Lehrling und gaben ihr Gutachten 
nach dessen Aussagen dahin ab, dafi es sich um ein pestilenzielles Fieber 
mit Bubonen, kleinem Puis und trockener Zunge handele und daiJ Wur- 
mer im Organismus die Erkrankung verursachten. Aber schon ereigneten 
5ich rasehe Todesfalle in dem Hafenquartier, am Place de Linche, in der 
Hue de TEscale. 

Jetzt wurde der Magistrat bestiirzt. Er liefl die Waren nach der 
Insel Jarre zu den Schiffen bringen, wohl in der Hoffnung, sie dort mit 
Ausrauchern und Ausliif ten zu retten. Aber der konigliche Gesundheits- 
rat befahl, dafi die ganze SchLffsflotte und alle Waren auf Jarre ver- 
brannt w^iirden. Die Matrosen in den Quarantanen verhehlten nun und 
schmuggelten ihre Habseligkeiten in die Stadt ein; ebenso hintergingen 
die Passagiere die Aufseher; drei entwichen, ein Dolmetscher nach Paris, 
zwei andere Leute nach Holland. Ein paar Seerauber, die auf JaiTe 
^epliindert hatten, brachten Waren nach Toulon. 

Bald starben in der Stadt mehrere an Bubonen oder Karfunkeln. 
Das tJbel tauchte auf und verschwand wieder. Am 21. Juli zog ein 
furchtbares Gewitter mit Sturm iiber die Stadt. Danach hauften sich 
die Erkrankungen in dem schmutzigen und elenden Hafenviertel in er- 
schreckender Weise. Die Krankheit auCerte sich in heftigen Kopf- 
schmerzen, Ubelkeit und Erbrechen; dann erschienen Parotidengeschwiilste. 
Die Ergriffenen starben binnen drei Tagen. Der Magistrat lieC die Toten 
nachtlicherweile beseitigen, die Kranken einschliefien, die verseuchten 
Hauser mit Wachen umstellen und ein Hospital einrichten. Dann machte 
er, gleichsam als ob er seine Vorsichtsmaflregeln bereue, einen offent- 
liclien Anschlag, die herrschende Krankheit sei nur ein bosartiges Fieber, 
verursacht von verdorbenen Nahrungsmitteln und dem Elend der Armen, 
und legte die Hande in den Schofi. Die Leichen bUeben auf den StraCen 
liegen. Die Vorstellungen der Arzte Peyssonel und Sicard wurden zuriick- 
gewiesen oder mit beleidigenden Verdachtigungen belohnt. Der Pobel 
schlofi sich mit Anklagen wider die Arzte an ; diese sprachen aus Unwissen- 
heit von Pest und woUten aus der Seuche Vorteile ziehen. 



Pest in Indien^ an der Levante 1683 — 1724; Aussaaten nach Europa. 225 

Die von Paris entsandten Arzte du Verney und Boyer und die Pro- 
fessoren Chicoyneau und Deidier aus Montpellier, welche in den ersten 
Tagen des August in Marseille eintrafen, erklarten, die Seuche sei nichts 
als ein bosartiges Fieber, durch Luftverderbnis und schleclite Nahrungs- 
mittel verursacht, und zogen sich bereits nach zehn Tagen, beladen mit 
Ehren und Geschenken, nach Aix zuriick. Am Tage nach ihrer Abreise 
veroffentlichte der Gesundheitsrat eine Erklarung an das Volk, die herr- 
schende Krankheit sei keine Pest, sondern nur ein bosartiges anstecken- 
des Fieber, dessen Fortschritte man in kurzer Zeit hemmen werde. Das 
also beruhigte Volk versaumte fortan jede Vorsicht und bestand am 
16. August auf die von alters her gewohnte Prozession zu Ehren des 
heiligen Rochus. 

Inwischen breitete sich das Ubel vom Hafenviertel iiber die Nach- 
barschaft und allmalilich iiber alle Stadtteile aus. Die tagliche Todes- 
ziffer war in der ersten Halfte des August auf 300 bis 400 gestiegen 
und erreichte in den letzten Hundstagen die Zahl 1000. 

Die meisten Reichen hatten die Stadt langst verlassen. Auch die 
Polizeioffiziere, die Hospitalverwalter, die Apotheker und Hebammen, die 
Richter, Notare und Kanoniker waren geflohen. Der Prafekt Chevalier 
Roze und vier Schoffen, der Bischof Monseigneur de Belsunce und seine 
Geistlichen und die Arzte blieben zuriick. Das aufgeregte Volk woUte 
auch auswandem; aber die benachbarten Stadte hatten iiber Marseille 
die Sperre verhangt. So war vom Magistrat in Aix schon am 31. Juli 
jede Einwanderung von Marseille mit einer Strafe von 3000 livres be- 
droht und den Biirgern der Verkehr mit anderen Stadten unter Lebens- 
strafe verboten worden. Das Volk von Marseille schloB sich darum in 
seine Hauser ein oder suchte in Zelten dem FluJJ entlang, auf entlegenen 
Hiigeln, in Hohlen Schutz. Die Seeleute zogen sich auf ihre Kahne und 
Boote am Meeresufer zuriick und bildeten so eine Art schwimmende 
Stadt, die nichtsdestoweniger von der Pest verfolgt wurde. Bald ent- 
stand eine Hungersnot, die durch eine Heuschreckenplage gesteigert 
wurde und die Armen zwang, scharenweise aus ihren Verliefien hervor- 
zubrechen und Nahrung zu suchen. Sie stromten zum Hospital hin, wo 
sie von Mangel, Unmenschlichkeit und der Habgier roher Wachter emp- 
fangen wurden. Die Strafien waren mit Leichen bedeckt; in den Kirchen, 
auf den Platzen, anf den Wegen lagen schwarze, blaue, grune halbver- 
weste Kadaver, den Hunden zum Frafi. Dazwischen wankten Sterbende, 
irrten verlassene und verwaiste Kinder. Ein furchtbarer Gestank machte 
den Aufenthalt in der Stadt zur Qual. 

Gegen Ende August genasen von den Kranken nur noch ganz 
Wenige und zwar solche, bei denen rechtzeitig am zweiten Tage die 
Bubonen in den Weichen sich ausbildeten und zur Vereiterung kamen, 

sticker, Abhandlnngen I. Oeschiehte der Pest. lo 



226 12. Periode. 

Ende September steigerte sich die Wut der Seuche aufs Hochste. 
Sie forderte taglich iiber tausend Opfer. Von 698 Galeerenstraflingen, 
die zum Wegschaffen der Leichen angestellt wurden, waren bald nur 
noch 241 iibrig. Die anderen waren der Pest erlegen oder vor ihr 
geflohen. 

Nur den aufopfemden Anstrengungen der Geistlichkeit, der Behorden 
und der Arzte gelang es, einigermaflen die Ordnung zu erhalten und die 
Not zu lindem. Keine Namen strahlen glanzender in der Seuchengeschicht<3 
als die des Gouverneurs de Langeron und des Bischofs de Belzunce. Der 
Bischof iiberlieiJ nicht den niederen Geistlichen die Trostung der Kranken. 
Er selbst zog Tag fiir Tag durch die StraBen und Hauser. Seine Geist- 
lichen und Diener starben bin; er selbst blieb erhalten. Seine Treue er- 
mutigte die Geistlichkeit so, daB ein paar Ordensleute aus der Pro- 
vence, welche ihm zu Hilfe kommen wollten, aber die Stadt gesperrt 
fanden, sogar durch den Stadtbach schwammen, um zu ihm zu gelangen. 

Mit dem 11. Oktober nahm die Zahl der Genesenden zu. In der 
letzten Woche des November wurden nicht mehr Viele krank. Am 
10. Dezember konnt^ die Seuche fiir erloschen erklart werden. 

Das Krankheitsbild war fur gewohnlich dieses: Frost, Kopfweh, 
Taumel leiteten die Krankheit ein, die mit dem Gefiihl innerlicher Hitze 
bei maBig warmer Haut und beschleunigtem Puis und brennendem Durst 
rasch zu groBer Schwache und trostloser Stimmung fiihrte. Die Kranken 
bekamen eine schnelle, stockende oder stotternde Sprache. Das Gesicht 
wurde rot oder blaulich, die Augen gerotet, funkelnd, die Zunge dunkel- 
rot oder weiBlich, die Atmung haufig, miihsam und seufzend. Neigung 
zu Ohnmachten, zeitweilige Irrereden, galliges oder blutiges Erbrechen; 
klarer, selten triiber, blutiger oder schwarzlicher Ham, schwachende 
SchweiBe stellten sich ein; bisweilen Blutungen. Gleich im Anfang oder 
im Verlauf der ersten Tage erschienen schmerzhafte Bubonen, meistens 
am Oberschenkel, in anderen Fallen in der Leiste, am Halse, vor dem 
Ohr, am Kieferwinkel; Karfunkeln an Armen oder Beinen, kleine, weiBe 
oder blaue oder schwarze Pusteln. Die meisten Kranken starben binnen 
drei oder fiinf Tagen unter den Erscheinimgen hinzutretender Lungen- 
entziindung oder Hirnentziindung. 

Auf der Hohe der Seuche und bis zum Ende derselben war der 
Verlauf heftiger, kiirzer. Einem unregelmaBigen Frosteln folgte rasch 
auBerste Benommenheit; die . Kranken bekamen einen schwankenden 
Gang, fielen mit klagender Stimme hin, lagen da wie Betrunkene mit 
schwerem Kopf, erbrachen und verfielen in Schlafsucht; ihre Glieder 
zitterten, das Gesicht wurde blaB, blaBgrau, die anfangs weiBliche Zunge 
rasch trocken und schwarz; der kleine, beschleunigte, unregelmaBige Puis 



Pest in Indien, an der Levante 1683 — 1734; Aussaaten nach Europa. 227 

erlosch allmahlich und der Tod trat in wenigen Stunden oder binnen 
drei Tagen unter Erschopfung ein, ohne daC Bubonen oder Karfunkeln 
oder Flecken sich gezeigt batten. 

Viele boten das BUd einer scheinbar leicbten Erkrankung, starben 
aber dennoch. 

Zahlreiche Menschen bekamen Bubonen oder Karfunkeln ohne all- 
gemeine Stoningen; die Bubonen schwoUen an und gingen in Eiterung 
iiber oder verharteten. Die Karfunkeln wurden begrenzt und ausge- 
stofien. Dabei konnte der Kranke umhergehen, sein Tagwerk verrichten 
und allmahlicli genesen. Solcher Kranken soUen gegen 15000 bis 20000 
gewesen sein. 

Wahrend der Epidemie blieben Irrenanstalten und geschlossene 
Kloster von der Pest verschont. Gerber wurden selten befallen; Trodler, 
Schneider und Lohndiener zum groCten Teil weggerafft. Die Backer 
starben alle. Von Geistlichen und Ordensleuten starben 250 in der 

« * 

Seelsorge, von den Arzten 10, von den Chirurgen 25. 

Arzte und Geistliche hatten versuclit, sich durch eine besondere 
Kleidung zu schutzen. Sie trugen eine Maske mit schnabelformiger 
Nase, worin balsamische Dufte entwickelt wurden, ein ledernes Hemde, 
polnische Stiefel aus Juchtenleder, darunter ledeme Striimpfe mit fest- 
anschlieCenden Lederhosen, ledeme Weste und einen Mantel aus Waclis- 
tuch oder levantinischem Saffian. (Manget, Bresmal.) 

Fiir die Bedeutung der arztlichen Hilfe ist folgendes bezeichnend. 
Am 13. September las man in der Zeitung zu Livorno: Soviel man ver- 
nehme, vermehre sich das Sterben taglich in Marseille und man habe 
kein Beispiel, dafl ein Kranker genesen sei. Keiner von den vielen be- 
ruhmten Mannem in Frankreich, die in der Medizin erfahren seien, 
konne die rechte Natur der Krankheit ergriinden. Der beriihmte Wund- 
arzt Vivian habe zwar ein Prasei^ativum verfertigt; aber alle, die es 
gebraucht, seien gestorben, unter ihnen er selbst und zwei seiner Ge- 
hilfen, die er von Montpellier mit nach Marseille gebracht habe. (Joh. 
Andbbas Fischbb.) 

Unter den 39134 Toten, die Marseille am Ende der Epidemie zahlte, 
war auch der Kapitan Chataud, den man zum Tode verurteilt hatte; 
er war vor der Vollstreckung des Urteils im Gefangnis an der Pest 
gestorben. 

Auf koniglichen Befehl vom 30. Dezember 1720 wurde im neuen 
Jahr die Stadt desinfiziert, was mehr als fiinf Monate in Anspruch nahm. 
Anfangs wehrten sich die Kaufleute dawider, indem sie versicherten, die 
Ansteckung ware nicht in der Stadt und ihren Magazinen, sondern sei 
von aufien hereingekommen. Kaum ein Jahr vorher hatten sie beteuert, 

15* 



228 12. Periode. 

das tJbel kame aus der Stadt^ nicht von ihren Schiffen. Indessen ging 
man zur Forderung des Tages iiber. Die Stadt wurde ausgeraumt, alle 
Hauser, Magazine, Fabriken, Werkstatten, Kloster, offentlichen Gebaude, 
alle Waren, Kleider und Gerate gereinigt, geliiftet und mehrmals durch- 
rauchert; das Holzwerk wurde mit Essig gewaschen, die Mauern geweifit, 
die Leinenzeuge gewassei-t. Auch die Hafengebaude warden ausgeleert, 
die Waren ausgepackt, geliiftet, gewendet nnd wieder gewendet; die 
Raume mehrmals gewaschen und ausgerauchert. Seile und Segel auf 
die Insel des Pommegues gebracht und gereinigt. Nur die Lager der 
G-rofikaufleute blieben unberiihrt. Denn, sagte man, da diese zwei- und 
dreifach verschlossen gehalten worden waren, so dafl nicht einmal das 
Tageslicht hineinkommen konnte, so konnte sich auch die Pest nicht 
hineingeschlichen haben. Als man mit der Reinigung fertig war, die 
liber 600 Straflingen das Leben gekostet hatte, schickte man Galeeren- 
soldaten aus dem Arsenal in die Stadt und liefl sie zu ihren Familien, 
um abzuwarten, ob der Verkehr sich gefahrlos zeigen werde. Einige 
starben. Erst Ende Mai 1721 gab es keine Krankheitsfalle mehr. 

Am 19. August wurde die Epidemic amtUch fiir beendigt erklart 
und das Te Deum in den Kirchen gesungen. Die kleinen Leute mufiten 
noch bis Michaelis Quarantane halten. Dieser Tag war namlich der 
iibliche Termin des AVohnungswechsels und hatte jedesmal eine grofie 
Umsiedelung in den Armenquartieren Marseilles zur Folge. Es ging 
angeblich alles gut bis zum Mai 1722, wo die Pest aufs neue sich zeigte. 
Die Arzte, welche den Winter liber vereinzelte Falle gesehen hatten^ 
sagten, die neue Seuche sei aus zuriickgelassenem Zunder entstanden. 
Die Stadtvater und Kaufleute versicherten, sie sei von Avignon aus 
durch geschmuggelte Waren eingeschleppt. 

Der Bailli de Langeron schlug am 29. Juli 1722 der Regierung eine 
lieue Desinfektion der ganzen Stadt vor. Die Kaufleute machten Gegen- 
vorstellungen, erklart en das Werk fiir unausfiihrbar; es wurde iiber eine 
Million kosten, den Handel von Marseille zerstoren und den des Konig- 
reichs schwer schadigen. Von beiden Seiten reichte man Denkschriften 
ein, die heute noch lesenswert sind; sie blieben uberfliissig, da der Aus- 
bruch bald von selbst wieder erlosch. 



Dasselbe jammervolle Bild, welches Marseille im Jahre 1720 darbot^ 
wiederholte sich sehr bald in mehr als 60 Stadten und Dorfern der Pro- 
vence, nachdem aller Vorsicht und Abwehr entgegen fliehende Menschen 
und geschmuggelte Waren das Ubel weitertrugen. Die Zahlentafel, die 
hier folgt, gibt die GroBe des Ungliicks in nackten Ziffern: 



Pest in Indien, an der Levante 1683 — 1724; Aussaaten nach Europa. 229 



- 


Pest in 


der 


Provence 


1720—1721. 












Der Epidemie 


r 


Fodesziffer bis 


Emwohnerzahl 




Anfang 


Ende 




31. Aug. 1721 


Marseille 


90000 


10. 


JuU 1720 


28. Mai 


1721 


39134 


Apt 


6000 


1. 


August 


2. Febr. 


n 


251 


Vitrolles 


800 


2. 


M 


1. April 


« 


209 


Sainte Tulle 


810 


7. 


•• 


14. Marz 


*. 


430 


Aix 


24000 


9. 


•* 


1. Sept. 


y7 


7534 


Aubagne 


7000 


15. 


*» 






2114 


Meyrargaes 


850 


15. 


^ 


28. Sept. 


•* 


384 


-Alauch 


5000 


16. 


•« 






942 


Lan<;on 


1800 


22. 


'1 


28. Jan. 


•< 


816 


Roussillon 


1100 


25. 


•^ 


7. Marz 


r 


154 


Les Pennes 


740 


25. 


M 


14. April 


?1 


223 


Le Puy 


900 


29. 


V 


26. Jan. 


4« 


29 


Saint Canadet 


125 


29. 


•« 


26. „ 


«» 


32 


Saint Zacharie 


1050 


30. 


*• 


3. Marz 


n 


254 


Gaubert 


500 


4. 


September 


31. Dez. 


1720 


29 


Gignac 


470 


10. 


r 


31. Mai 


1721 


10 


Cassis 


3500 


15. 


M 


1. Febr. 


r. 


214 


Rognac 


370 


18. 


?: 






243 


Pertiiis 


4000 


25. 


M 


10. Mai 


•* 


364 


Caseneuve 


1100 


25. 


n 


3. Mans 


i» 


18 


Corbieres 


400 


25. 


•^ 


11. April 


«^ 


131 


Bandol 


100 


25. 


•^ 


15. Dez. 


r. 


32 


Nans 


500 


27. 


•^ 






125 


Berre 


2000 


28. 


r 


— — . 




1071 


CucuiTon 


3500 


1. 


Oktober 


— — 




730 


Gardane 


2000 


3. 


*• 


7. Okt. 


1720 


6 


Pelissane 


2200 


6. 


r 


2. Juni 1721 


223 


Villars 


300 


9. 


y; 


31. Dez. 


1720 


12 


Martigues 


6000 


12. 


?1 







2150 


Simiane 


774 


15. 


1 


10. Juli 


1721 


264 


Toulon 


22000 


17. 


•^ 






13160 


Le Canet 


600 


18. 


•< 


31. Mai 


»• 


198 


S. Savoumin 


4000 


22. 




31. Juli 


n 


206 


Saint Remy 


3000 


1. 


November 


— 




996 


Auriol 


3200 


1. 


♦^ 
i 


— _ 




1595 


Venelles 


410 


1. 


^- 


15. Jan. 


^ 


33 


Sallon 


4000 


4. 


^ 






700 


Rustrel 


750 
205849 


14. 


•* 


15. Febr. 


r 


13 
75029 



230 




12. Periode. 














Der Epidemie 




Todesziffer bis 


Einwohnerzahl 


Anfang 


£nde 




31. 


Aug. 1721 


• • 

Ubertrag 


205849 




Ubertrag 


75029 


Vaugine 


200 


2. Dezember 


27. April 


1721 


. 


34 


Aries 


12000 


17- 








8110 


Tarascon 


10000 


17. ., 


1. Aug. 


n 




210 


Mazaugues 


440 


17. ., 


4. Apr. 


n 




168 


Gemenos 


1100 


20. , 


6. „ 


^ 




54 


Orgon 


1700 


29. ., 


18. „ 


•n 




105 


Maillianes 


750 


7. Januar 1721 









106 


Ollioiilles 


3500 


8. n 









1100 


Sue 


60 


18. „ 


10. Juli 


n 




7 


La Vallette 


1660 


30. Februar 


10. ., 


n 




1203 


Le Revest 


650 


1. Juni 








465 . 


Forcalquieret 


147 


7- •, 


1. Aug. 


71 




85 


La Garde 


415 


11. „ 








230 


Garcoult 


1200 


13. ., 








163 


Ste. Anastasie 


500 


14. . 








144 


Le Puget 


1060 


3. Juli 








88 


Roquevaire 


2500 


9. „ 








46 


Neoules 


450 


16. „ 








143 


S. Nazaire 


1500 


24. „ 








51 


Frigoulet 


60 


12. August 








19 


Grairson 


900 


15. „ 








8 


Noves 


1228 
247869 


16. „ 


— — 






98 
87666 



Schon im Juli hatte die Pest die Durance uberschritten und sich in 

der Richtung nach Aix verbreitet. Hier begannen die Einwohner zu 

fliehen. Mit ihnen kamen Fliichtlinge aus Marseille in die Berge der 

Haute- Haute-Provence, deren Dorfer und Stadte sich wie im Jahre 1628 sofort 

Provence gegen den Besuch von Personen und gegen die Einfuhr von Waren 

sperrten, diesmal ohne Gliick. 

Apt Am 1. August starb auf freiem Felde vor der Stadt Apt eine fliich- 

tige Hutmacherfrau aus Aix. Die Leiche wurde sofort an Ort und SteDe 

begraben; ihr Mann und ein Kind in die Ruine der alten Leproserie 

Saint-Lazare untergebracht. Man hatte dem Mann gestattet, die Kleider 

seiner verstorbenen Frau mitzunehmen. Als dieser vierzehn Tage spater 

den Pack zu seinem Gebrauch offnete, erkrankte er an der Pest und 

starb in wenigen Stunden. Das Kind wurde in eine leere Scheune ge- 

bracht; es hat die Epidemie iiberlebt. 

Das war am 18. August. Bis zum 6. September ereignete sich nichts 
Auffalliges. Dann starb nach zweitiigiger Krankheit das Kind eines 



Pest in Indien, an der Levante 1683 — 1724; Aussaaten nach Europa. 231 

Schlossers unter den Zeichen der Pest. Die Arzte erklarten die Krank- 
heit fiir ein bosartiges Fieber. Am 13. September starb die Mutter des 
Kindes, am 16. der Vater. Sterbend ei^klarte dieser, er habe im Juli den 
Besuch eines Schmugglers aus Mai'seille erhalten und von ilim Baum- 
woUe gekauft. Die Krankheit sei ausgebrochen, als die Familie den 
Stoff in Gebrauch genommen. Vom 27. bis 30. September erkrankten 
16, starben 9 Aptesier. Nun entstand eine allgemeine Flucht. Die Kon- 
suln beschlossen nach dem Muster von Marseille Haussperre und Blockie- 
rung der . Stadt, Aushebung der Kranken und Unterbringung der Ge- 
sunden in Quarantanen. Das Sterben nahm zu. Dazu kamen Raubereien 
der Soldaten in den gesperrten Hausern. Vom 1. bis 15. Oktober gab 
es 51 Erkrankungen und 45 Leichen in dem Lazarett; andere starben 
auf freiem Felde. Vom 16. bis 31. Oktober waren 78 Kranke, 60 Tote 
im Lazarett; im November starben 33, im Dezember 14, wahrend 4 ge- 
nasen. Der Januar 1721 brachte noch ein paar Todesfalle, dann war 
die Seuche erloschen. . 

Am 19. Juni wurde die Stadt gereinigt. Nach den Aufzeichnungen 
eines Arztes waren in der Stadt im Ganzen 318 erkrankt und 187, also 
59 vom Hundert, gestorben; vor der Stadt hatten 64 das Leben gelassen. 
Wahrend der Magistrat, die Weltgeistlichen und die Jesuiten sich ganz 
ihrer PUcht hingaben und sogar mit eigener Hand die Toten begruben, 
als die Leichengraber sich weigerten, es zu tun, schlossen sich die Ka- 
puziner ab, die Franziskaner flohen auf das Land und verlangten nach- 
her bedeutende Entschadigung fiir allerlei Verluste, die sie wahrend der 
Seuche erlitten hatten. Sie wurden ,von den Konsuln als unbescheiden 
abgewiesen. Der Stadt kostete die Seuche mehr als 30000 Franken; ihre 
Schulden waren erst 1789 geloscht. (Sauve.) 

Auch nach VitroUes war die Pest Anfang August gekommen. Ein Vitrolles 
Backer brachte sie hin. Er hatte nach Marseille Getreide gefahren und 
bei seiner Riickkehr BaumwoUe mitgenommen. Hiervon wurden 25 Men- 
schen angesteckt. Ln ganzen starben nach und nach 209, die anderen 
Einwohner hatten sich sehr rasch in die benachbarten Berge zerstreut; 
nur die Konsuln, Pfarrer und Kranken waren zuriickgeblieben. Von 
Vitrolles aus wurde das eine Meile entfernte Velan angesteckt. 

Am 9. August war die Pest in Aix. Zuerst erkrankte eine Frau von Aix 
sechzig Jahren, dann ein junger Chirurg, der die Leichenbesichtigung 
vorgenommen hatte, dann zwei Barbiergesellen, die in seinem Hause 
wohnten; dann die ganze Familie der erstgenannten Frau, im Ganzen 
11 Personen. Dann wurde das Sterben allgemein. Besonders fielen die 
Sattler, Wollkammer und Seidenspinner der Pest zum Opfer; ferner 10 
oder 12 Chirurgen, 2 Arzte, mehrere Beichtvater. Im Anfang der Seuche 
gab es Beulen hinter den Ohren und unter den Achseln; zu Ende des 



232 12. Periode. 

Jahres, im Dezember, fast nur Leistenbubonen. Im Dezember schien die 
Seuche zu erloschen, erhub sich aber Ende Januar wieder und horte erst 
im Marz auf, nachdem sie im Ganzen 7534 Einwohner weggerafft hatte. 
Nordlich von Aix wurde Meirargues durch eine hausierende Person 
angesteckt. Dann erschien die Pest der Reihe nach in Martigues, Peli- 
sanne, Saint-Cannat, Salon, Saint-Remy, Tarascon. Jede Stadt in der 
Provence schloJl jetzt ihre Tore, untersagte den Weinschank, stellte 
Biirgerwachen aus, liefl die Hauser und die Vielihofe, die Straflen und 
die Kreuzwege reinigen, die grofien Reisewege bewachen, riclitet^ Kran- 
kenhauser und Quarantanen ein. Melirere gingen dabei ins Einzelne; so 
Aries, das sich mit reichlichen Vorraten von Mehl, 01, Essig, Gemiisen, 
Holz versah, den Frauen und Kindern der Arzte, Ghirurgen und Apotlie- 
kem fiir den Fall des Todes lebenslangliclie Pension zusicherte, melirere 
„Raben", Totengraber, unter einen Hauptmann stellte und Leichenkarren 
anschaffte, Wachskleider fiir die Leute im Krankendienst bereiten lieB, 
Leinwand, Scharpie, Arzneien und andere notige Hilfsmittel zurechtlegte. 
Es lieC die Hauser Saint-Roch, Saint-Lazare und Saint-Genet vor den 
Toren als Pestlazarette und das Kloster der Karlneliter fiir Rekonva- 
leszenten errichten. 

Wahrenddem kam ein Befehl des Konigs vom 14. September, der 
die ganze Provence unter Quarantane stellte, mit der Ausfiihrung, daU 
Niemand den Verdon, die Durance und die Rhone iiberschrfeiten diirfe, 
kein Markt abgehalten und kein Mensch ohne Gesundheitspafl reisen 
soUe. Die Gesundheitsbehorde der Provence erhielt voile Strafgewalt 
zur Ausfuhrung aller MaJiregeln, die geeignet erscheinen diirften, die 
Verbreitung des ansteckenden Ubels zu verhindern. Sie hatte nun ein 
Auge auf Alles, scliickte Geld, Lebensmittel, Arzte und Hilfe jeder Art 
nach den Orten, wie sie befallen wurden. 
Aries Alles das half wenig. Am 3. Oktober war die Pest schon in Aries, 

wahrend noch am 10. Oktober der Gesundheitsrat in einem Schreiben an 
den Senat von Nimes die Zuversicht aussprach, daB die getroffenen Vor- 
kehrungen genugen wiirden, um den Feind femzuhalten. Sie schlich 
hier den Winter tiber langsam, um im April ihre voile Wut zu zeigen. 
Schon im Mai muBten die Kirchen geschlossen und die Messen auf der 
offenen Strafie oder in Torwegen gelesen werden. Die Krankenhauser 
fiillten sich. Im Juni verlieBen alle Behorden ihre Posten; sogar die 
Gesundheitsrate schlossen sich ein. Nur die Konsuln und der Erzbischof 
Jacques de Forbin de Janson blieben unerschiittert. Da die Notare ge- 
flohen, die Arzte und Ghirurgen fast alle gestorben waren, so nahmen 
die Priester und Monche die Testamente auf, welche die Sterbenden ihnen 
durch die offenen Fenster oder Tiiren in die Feder sagten. Ende Mai 
stellte sich die Hungersnot ein. Die Menge woUte ausbrechen, aber die 



Pest in Indien, an der Levante 1683 — 1724; Aussaaten nach Europa. 233 

Stadt war von bewaffneten Truppen umzingelt und diese lieUen bei 
Todesstrafe Memanden durch. Jetzt schxie der grofle Haufen: Verrat! 
und rottete sich am 4. Juni zusammen, Dreitausend, Manner und Weiber. 
Es kam zu alien Greueln des Aufruhxs, der Gewalttat, der Pliinderung 
und Zerstorung. Vergeblicli bat und mahnte der Erzbischof zur Q-eduld. 
Man drangte ihn weg. Einer warf einen Stein nacli ihm. An den fol- 
genden Tagen emeute sich die Wut des Haufens, bis am 9. Juni der 
Graf Caylus in die Stadt einzog und drei Radelsfiihrer erschieUen lielJ. 
Die Stadt erhielt einen Kommandanten in der Person des Major Domi- 
nique de Jossand. Dieser stellte mit Strenge und Festigkeit die Ordnung 
schnell her. Vor allem muflte er gegen die Raben vorgehen, die das 
offentliche Ungliick ausbeuteten, von der Stadt ungeheure Preise fiir 
ihre Dienste verlangten und an den Angehorigen der Verstorbenen Er- 
pressungen iibten, Gold, Kleinodien und Leinwand forderten und, wo 
man ihnen nichts gab, alles stahlen und die Leichen und Sterbenden 
liegen lieBen. 

Auch von AuBen her kam der Stadt Hilfe. Ihr friiherer Bischof 
de Maillis, jetzt Kardinalerzbischof von Reims, sendete 10000 Franken 
fiir die Armen. Manche Stadte der Provence, besonders Beaucaire, sen- 
deten Lebensmittel, Arzneien und teilnehmende Wiinsche; Martigues und 
Nimes schickten freiwillige Chirurgen, Krankenwarter, alte Leinwand 
und Theriac, der unt^ den Augen der hohen Polizei auf dem Stadt- 
hause zubereitet und mit dem Stadtwappen versiegelt worden war. 

Im Juni aUein starben in Aries 3530 Einwohner, in den drei ersten 
Wochen des Juli 4025. Die Krankenhauser zahlten am 27. Juli fast 
900 Kranke. Es starb etwa die Halfte der Erkrankten; sehr viele hatten 
nur leichte Anfalle. Am 20. Juli veranstaltete die Stadt eine allgemeine 
Prozession, woran die Manner des Gesundheitsrates teilnahmen. Der 
Schrein des heiligen Rochus wurde in die Spitaler getragen und dort 
verehrt. Die Seuche liefi nun rasch nach. Im August betrug die Sterbe- 
ziffer noch 500. 

Am 21. August begann man mit der Reinigung und Desinfektion 
der Stadt. Im September zahlte man noch 341 Leichen und dann kam 
kein Pestfall mehr vor. 

Am 21. September wurde das feierliche Te Deum unter Kanonen- 
donner und Glockengelaute gesungen; am 26. wurden die Tore und 
Walle der Stadt fiir die Burger geoffnet; fiir Fremde blieb sie noch 
einige Zeit verboten. Am 4. Oktober konnten die Lazarette geschlossen 
werden. 

Der Menschenverlust betrug im Ganzen 8592 Stadtbewohner und 
1638 Landleute; 10210 Tote von 23170 Menschen, also beinahe die 
Halfte; unter den Toten 72 Priester, 35 Arzte, Chirurgen und Apotheker^ 



234 12. Periode. 

■ • 

36 Stadtrate, 4 Konsuln, 67 Raben. Bei den Uberlebenden waren Wenige, 
die das Ubel niclit iiberstanden hatten. 
Nimea Kaum erfreute Aries sich der Erlosung, als im Oktober 1721 Nimes, 

das sich so hilfreicli gegen die Schwesterstadt erwiesen hatte, die An- 
steckung merkte. Die Konsuln von Aries boten sich zur Hilfe an, mit 
dem redlicben Gestandnis, dafi sie es fast ohne alle Gefahr tun konnten, 
da sie durch die iiberstandene Krankheit gefeit waren; aber sie hatten 
den lebhaftesten Wunsch, sich erkennthch zu zeigen. (TBiNQurfe). 
Gevaudan In das Gevaudan kam die Pest durch einen Galeerenstrafling. Dieser 

war von Marseille, wo er als Rabe tatig gewesen, nach Correjeac ge- 
flohen. Auf dem Wege dahin lieh er einem Verwandten, der von Corre- 
jeac herkam, seine Kleider. Dieser erkrankte und brachte die Pest nach 
La Canourgue am 3. November 1720. Hier erkrankten bis zum 17. Okto- 
ber 1721 von 1245 Einwohnem 816 an der Pest. Es starben 722; iibrig- 
blieben 523. In Correjeac brach die Seuche am 25. November aus und 
totete bis zum 25. Juni 1721 von 104 Einwohnem 56. Leute, die in 
Correjeac Hammel kauften und diese nach Marjevols trieben, brachten 
die Pest am 22. Juli dorthin; es erkrankten bis Ende 1721 daselbst 2172, 
starben 1516. Ende 1721 hatte die Stadt nur noch 1550 Einwohner. 

Im ganzen Gevaudan wurden nach und nach mindestens 55 Orte 
verseucht. Am Ende des Jahres 1721 betrug die Erkrankungsziffer 
5704, die Todesziffer 4696; genesen waren 1008; der Rest der Bevolke- 
rung wurde gezahlt; er betrug 4386; also mehr als die Halfte war ge- 
storben. (Goittou.) 

Wahrend in Marseille die Pest nachliefi, in Aix auf der Hohe war 
ToTiion und im Gevaudan anfing sich auszubreiten, erschien sie in Toulon. Die 
Ansteckung hatte sich vollzogen durch Marseiller Familien, die an Zahl 
von fast tausend Menschen sich bewaffnet dorthin Bahn gebrochen 
hatten, in Quarantane gesetzt worden und darin von Pesterkrankungen 
heimgesucht worden waren; femer durch Seerauber aus Bandol, welche 
Seide in Farre gestohlen, diese im Oktober nach Bandol und von hier 
nach Toulon gebracht hatten; endlich am 10. Januar von Aix aus, woher 
ein gewisser Gras woUene Tiicher iiber Signe eingeschmuggelt hatte. 

Trotz aller Vorkehrungen, die der erste Konsul der Stadt Jean 
d' Antbechaus, mit Umsicht leitete, griff das Ubel rasch um sich. Ende April 
starben Tag fiir Tag 300 Menschen und mehr. Bald begleiteten Mangel 
und allgemeine Verwirrung das groBe Sterben. Die meisten Arzte und 
Wundarzte waren rasch weggerafft; die ganze Familie des Konsuls war 
der Pest zum Opfer gef alien. Galeerensklaven muCten zugleich als Heifer 
am Krankenbett und als Totengraber verwendet werden. Hunderte von 
ihnen starben und wurden durch neue ersetzt, die auch bald fielen. Am 
10. Mai wurde die bis dahin geiibte strenge Sperre der angesteckten 



Pest in Indien, an der Levante 1683 — 1724; Aussaaten nach Europa. 235 

Hauser aufgehoben. Jetzt lieC die Seuche nach, die iibrigens nicht mehr 
viele Opfer finden konnte. Am 18. August war das Sterben zu Ende. 
Nur am 8. September starb noch ein Herr de Bonnegrace, der eiiie ver- 
pestete Erbschaft angetreten hatt«. Wahrend der ganzen Epidemie hatten 
sich Kleider und Hauser weit gefahrlicher erwiesen als die kranken 
Menschen. Die geschlossenen Kloster waren pestfrei geblieben. 

Im September 1720 hatte Toulon auJJer der Garnison und Marine 
26276 Einwohner gezahlt. Ein Jahr danach standen in den Totenlisten 
der Stadt 13283 Tot«; dabei waren viele Tote nicht aufgeschrieben 
worden. Die Zahlung der Ubriggebliebenen ergab 10493. Ein Teil der 
Fehlenden gehorte zu den ungezahlten Toten, ein Teil zu den Fliicht- 
lingen, die nicht wiederkehrten. Auffallend war, dalJ alle MuUer von 
Toulon gestorben waren, wiewohl ihre Miihlen bis zu einer Meile weit 
von der Stadt entfemt lagen. Von 135 Backern waren 113 in weniger 
als einem Monat der Pest erlegen. 

Merkwiirdig auch war, daJJ wahrend die Pest entlegene und von 
Bergen umschlossene Orte aufsuchte, wahrend sie das Bas Langue d'oc, 
das Grevaudan und die Cevennen verheerte, sie Velai und den Dauphine 
und alle Stadte an der Rhone drei Jahre lang verschonte, wiewohl diese 
Landstriche von Fliichtlingen immer wieder liberschwemrat wurden. 

(Alezais, Asteuc, Bertkand, Boecleb, Bradler, Chicoyneau, D'An- 
TRECHAUS, D'Abve, Deidier, Duhamel, Filhol, Goittou, Haeser, Jourdan, 
Kaxold, Lambert, Laval, Lemazurier, Lemontey, Michel-Bechet, Mura- 
TORi, Papon, Picharty, Sauve, Scheuchzer, Soulier.) 

Wahrend des Wiitens der Pestfurie in Marseille war der Schrecken 
der Nachbarlander und ganz Europas groB. Italien, Spanien, England 
trafen ihre QuarantanemaUregeln ; Tunis hielt seine Hafen den franzosi- 
schen Schiffen versperrt. Der Papst liefi sechs Tore Roms vermauem, 
die iibrigen zehn durch Kardinale bewachen. In Neapel bedrohte man 
einen Kapitan, der zwei Monate vor dem Ungliick in Marseille in den 
Neapeler Hafen eingelaufen war, mit dem Tode. In Rufiland wurden 
von alien franzosischen Schiffen G-esundheitspasse der russischen Ge- 
sandten verlangt; in den Hafen von Archangelsk, Reval und Riga eine 
strenge Kontrolle der Schiffe geiibt, an den Landgrenzen Vorkehrungen 
getroffen, um Sperren, Quarantanen und Wachen ausfiihren zu konnen, 
sobald sich etwa in den Nachbarlandem die Pest zeigen soUte. In Ost- 
ende hielt man ein Marseiller Schiff trotz Sturm und Nahrungsmangel 
mit Kanonen vom Lande ab, bis es scheiterte; dann wurde es verbrannt 
und die Gestrandeten in Quarantane gebracht. 

Eine Reihe alter Pestschriften, besonders aus dem Jahre 1665, wurden 
bei G-elegenheit der Marseiller Pest neu aufgelegt. So die Werke von 



236 12. Periode. Pest in Indien, an der Levante 1683 — 1724; Aussaaten nach Europa. 

DiEMEBBEOEK, WiLLis, HoDGES, Bbockes, Bbadley, femer London a col- 
lection etc. 

Das Buch von Richabd Mead, das aus Veranlassung der Marseiller 
Pest geschrieben wurde, hatte in einem Jahre sieben Auflagen. Eine 
Reihe von anonymen Pestschriften, die 1721 nnd 1722 in London er- 
schienen sind, haben wir unter dem Schlagwort Maeseille verzeichnet. 
Fernere Pestbiicher, welche das Jahr 1720 und 1721 hervorrief, sind die 
von AsTBUC, Manget, Eggebdes, Kanold, Cabl, Mubalt, Pestalozzi, 
Kennedy, de Foe, Lac, Quinct. 

Indessen blieb Europa verschont. Nur in Steiermark gab es einige 
verdachtige Ausbriiche. Zunachst im Januar 1721 im Miirzthal, wo die 
„Pest" durch Sanmer nach dem Marktfiecken Kindsberg eingesclileppt 
wnrde und Tasch 10 oder 12 Menschen totete. Die von Graz hinge- 
schickten Arzte, der Pestmedicus Penz und der Wundarzt Voglmayr, 
auCerten sicb, „es sei iibrigens bei damaligen Revolutionen der Zeit und 
Witterung nicht ungewohnlich, wenn eine un verdachtige (aus Abgang 
der Medicamente und Medicorum in derlei kleinen Orten) zunehmbende 
Krankheit sei". Femer war im Mai zu Mariahof bei Neumarkt in Ober- 
steier wieder eine suspecte Krankheit; ebenso in Eibiswald. 

Im Jahi'e 1723 war eine Mauseplage in Siebenburgen wie drei Jahre 
vorher; zugleich herrschte die Pest in Orsowa, Serbien und Slavonien. 
Im folgenden Jahre gab es einen Pestausbruch in Wiltmannsdorf im 
SaCthal (Peinlich). 

VieUeicht sind diese Notizen nicht ganz bedeutungslos und sprechen 
fiir eine voriibergehende Ansiedlung der Pest unter den Nagetieren des 
Gebirges. 



1 3. Periode. Pestztige aus Persien u. Afrika 1725 — 1819. Ausbreitg. d. "Wanderratte. 237 



13. Periode. 

Die Pestzllge aus Persien, ans der Levante und aus 

Zentralafrika vom Jahre 1725 bis 1819. 

Die Ausbreitung der persischen Wanderratte. 

Mit dem Jahre 1725 erscheint Europa vollig frei von der Pest. In 
Persien, welches seit der Epidemie von 1685 bis 86 von der Seuche ver- 
schont geblieben war, bereitet sich ein neuer Wanderzug der Pest vor, 
der zeitlich und znm Teil auch ortlich mit der Auswanderung der brannen 
Ratte zusammenfallt. 1725 

1725 Pest in Asterabad (Tholozan); in Kleinasien, Syrien, Konstan- y^^j^^j,^ 

tinopel (RuSSEl). asien 

1726 Epidemie in Kairo von Marz bis Juli (Pariset). A^^^ten 

1727 Andaner der Pest in Agypten. 

Aus Persien und, von den Kiisten des kaspischen Meeres wandert 
nach einem Erdbeben die Wanderratte, Mus decumanus, in groiJen 
Scharen westwarts nach Europa, setzt bei Astrachan fiber die Wolga 
und verbreitet sich rasch iiber SiidruBland und weiter uber Europa 
(Heusingeb, Brehm). — Am 4. September begann in Astrachan eine Pest- Astrachan 
epidemie, die bis zum September des nachsten Jahres andauerte. tJber 
ihre Entstehung wird berichtet, dafi zuerst ein Kosak, der von der Fest- 
ung des heiligen Kreuzes im nordlichen Kaukasus nach Astrachan ge- 
kommen war, hier am 4. September unter den Erscheinungen der Beulen- 
pest starb. Acht Tage spater erkrankte im Sterbehaus eine Frau; sie 
wurde ins Feld gebracht und starb dort. Im Oktober zeigten sich in 
Astrachan hin und wieder Krankheitsfalle mit Leistenbubonen; alle 
Kranken wurden unter Zelte vor die Stadt gebracht und starben. 
Die Hauser der Verstorbenen wurden verbrannt. Im Dezember lagen 
unter den Zelten 116 Kranke; im Januar waren 39 Hauser verseucht. 
Astrachan wurde mit einem Kordon umgeben, bei Zarazin wolgaaufwarts 
ebenfalls eine Sperre gesetzt; die persische Grenze und der nordliche 
Kaukasus mit Kordon und Quarantane von RuJJland abgeschlossen. — 
Im Marz war die Seuche scheinbar erloschen. Der Gouvemeur der Stadt 



238 13. Periode. 

befiirchtete nach alten Erfahrungen aus dem Jahre 1692 die Wiederkehr 
der Seuche im Fruhjahr. Er gestattete den Einwohnern von Astrachan 
die Auswanderung in die Steppe; nur die Geistlichkeit und die mili- 
tarische Besatzung mulJte zuriickbleiben. Im Mai brach die Epidemie 
wieder aus, und zwar so heftig, daC im Juni trotz der verminderten Be- 
volkerung 50 und mehr am Tage starben. Nun erfolgte eine zwangs- 
weise Raumung der Stadt; die Einwohner wurden gruppenweise in der 
Steppe angesiedelt und unter militarischer Bewachung gehalten. Fiir 
die Kranken wurden Zelte auBerhalb der allgemeinen Lager aufgeschlagen. 
Die ganze Stadt wurde durch Offnen der Haustiiren und Fenster ge- 
liiftet. Die Seuche erlosch anfangs September. Mehr als die Halfte der 
Einwohner war gestorben, darunter viele der eingesperrten Geistlichen. 
Russisches Aus dieser Epidemie riihrt das allgemeine Pestgesetz fiir RuB- 
Pestgesetzjg^jj^ her, Welches bestimmt, daC alle Statthalter dem Petersburger Senat 
und dem benachbarten Statthalter sofort iiber das Auftreten von Pest- 
fallen in ihrem Bezirk Nachricht geben, die Seuche arztlich feststellen 
und die verseuchten Orte sperren miissen. Jeder, der den verpesteten 
Ort verlaJJt, wird gehangt, mit Ausnahme der Adeligen; diese werden 
verhaftet. Die verpesteten Hauser werden mit allem Gerat und Vieh 
verbrannt oder, wenn Feuersgefahr fiir die Nachbarhauser entstehen 
konnte, gesperrt, verschlagen und strenge bewacht. Die iiberlebenden 
Menschen werden aufs Feld gefiihrt und bewacht. Die Nachbargouveme- 
ments miissen sich in zweiundvierzigtagiger Quarantane absperren. Aus 
verpesteten Landern diirfen keine Reisende zugelassen werden, sondern 
miissen an der Grenze zuriickgewiesen werden. Kuriere aus Konstan- 
tinopel miissen immer aufgehalten werden. Ihre Briefe soUen an der 
Grenze durch lange Stangen iiber offenes Feuer hiniiber gereicht und 
vom Empfanger, der iiber dem Wind stehen muB, gerauchert, in Essig 
getaucht und durch neue Kuriere nach St. Petersburg befordert werden. 
Schiffe aus Venedig, aus Sizilien, aus dem griediisphen Archipel und so 
weiter diirfen in Pestzeiten in die russischen Hafen Riga, Pernau, Reval, 
Naruwa, Wiborg, Friedrichshamm, Kronstadt, Archangelsk nicht zuge- 
lassen werden; die Ubertreter werden mit dem Tod, mit Verbrennen der 
Ladung und Konfiscirung des Schiffes bestraft. (Richteb, Dorbeck.) 
Krim 1728 Pest auf der Krim (Dorbeck); in Kleinasien und Syrien, be- 

sonders in Smyrna, Beilan, Aleppo (Pabiset). 
Levante 1729. In ganz Syrien; in den Hafenstadten und Inseln des griechi- 

schen Meeres, im adriatischen Meer, zu Otranto und bei Venedig. 

1730. Die Wanderratten iibei'fluten Deutschland und die Seehafen 
Italiens. — Pest auf Zypern, in Konstantinopel, Albanien, Bosnien, Dal- 
Polen matien, Novibazar (Pabiset), in Polen und der Moldau (Peinlich), in 
Podolien und Volhynien (Low). 



Pestziige aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 239 

1731 Pest in Kairo (Paeiset); von Bosnien nach Dalmatien, besonders 1731 
in Spalatro und nach Albanien; in beiden Provinzen starben^mehr als ^*^^^ 
1000 Menschen. (Feabi, Bajamonti.) 

1732 wurde die Wanderratte von Ostindien auf Scliiffen nach Eng- 
land verschleppt nnd begann von hier ihre Weltwanderung zur See; sie 
kam 1750 nach OstpreuJJen, 1753 nach Paris, 1755 erschien sie in Nord- 
amerika, 1780 in Deutschland, 1809 in Danemark und in der Schweiz, 
1825 in Oberkanada. In den nachsten Jahrzehnten wurden alle Lander 
mit dieser Ratte gesattigt, wahrend die schwarze Hausratte, verdrangt, 
sich in die Gebirge zuriickzog und bis auf geringe Reste ausstarb. 

Pest in Algier, wo seit 1700 keine Epidemie gewesen war (Bee- Algier 

BBUaGEE). 

1733 Ausbruch in Aleppo (Paeiset). 

1734 in Agypten. 

1735 in Smyrna (Russel); in der Wallachei; von hier nach Epirus, 
wo sie vom Februar bis zum Feste des heiligen Demetrius, am 26. Ok 
tober, herrschte und auf der Hohe taglich 50 bis 80 Menschen totete. 

1736 kam von Oberagypten her die Beulenpest nach Kairo und 1736 
wiitete hier als eine der verheerendsten Epidemien; an einem Tag stieg ^entral-^ 
die Todesziffer auf 10000. Die Europaer schlossen sich vom 19. Februar afrika 
bis 24. Juni in ihre Hauser ein. Nach dem Gredenken der Eingeborenen 

war diesQ Epidemie die einzige, die seit dem Beginn des achtzehnten 
Jahrhunderts von Oberagypten herunterzog. (Pateick Russel.) 

1737. Die Kriegsgange Osterreichs und Rufilands gegen die Turkei 
brachten die Pest aus der Wallachei nach Volhynien und in die Ukraine; 
KleinruCland wurde vom Dnjepr bis Konstantinow, von Braclow bis Kiew 
verseucht. Die Seuche begann mit verschiedenartigen Fiebern, die sich 
allmahlich zu Fleckfiebern hauften, bald ohne die auCeren Merkmale der 
Pest, bald mit denselben, Bubonen in den Leisten, seltener in den Achseln, 
verliefen; nur ausnahmsweise traten Parotiden, Karfunkeln oder Petechien 
hinzu. Im Einzelnen entwickelte sich die 

Epidemie in SMruBland 

f olgendermallen : 

Am 1. Juli 1737 wurde die tiirkische Festung Otschakoff im Busen Stid- 
von Cherson an der Dnjeprmiindung von den Russen erobert; im Ok- yj^j^^^ 
tober war die Besatzung unter dem General von Stoffeln durch an- 
steckende Krankheiten auf 5000 Mann zusammengeschmolzen. Erst im 
April 1738 erklarte man das Ubel fiir die Pesiis vera, nachdem vorher 
die Worter febris ardentissima, febris petechialis und dergleichen ge- 
braucht worden waren. Die Kranken hatten zum Teil Driisenschwellungen, 
zum Teil Lungenblutungen mit Gangran der Lunge; haufig war Gan- 



240 18. Periode. 

gran des Skrotums. Kinder unter acht Jahren wurden selten befallen 
(Schreiber). Im Juli waren in Otschakoff von fiinf Regimentem nur 
300 Mann iibrig. — Die Pest ging dann den Dnjepr aufwarts nach. Klein- 
rufiland. Die Ukraine wnrde gesperrt. Im Oktober war Kamenez-Podolskj 
in Podolien nordlich von Chotin, Jassy, Bukarest und fast ganz Ungarn 
verseucht, bald darauf auch die Ukraine. In Asow starben einige Tausend, 
in Cbarkow bis znm November 800. 

In Charkow wurden durch den Militararzt Lerche im November aus- 
gedehnte ReinigungsmaBregeln getroffen. Er lieU zunacbst die Stadt 
mit einem Militarkordon umgeben, dann etwa dreiiJig Hauser, die aus- 
gestorben waren, verbrennen, viele andere scMielJen; taglich eine Besich- 
tigung der Hauser vornehmen und jeden neuen Krankheitsfall melden; 
er untersuchte mit zwei Unterarzten die Gemeldeten und lieU die Pest- 
kranken in ein neu eingerichtetes Pestlazarett bringen, die Gesunden in 
ihren Hausern bewachen oder in bestimmte Hauser uberfuhren, worin 
die Sachen taglich geliiftet, gerauchert und gewaschen wurden, und hielt 
sie hier in einer Quarantane von drei bis fiinf Wochen. Erst Anfang 
1739 war die Epidemie erloschen. Am 3. Februar wurde das Pestlazarett 
verbrannt; von 150 Hausern wurden die Dacher abgetragen, damit eine 
griindliche Durchliiftung stattfinde. Nach einer doppelten Quarantane 
fiir die Stadt wurde der Verkehr am 20. Marz wieder freigegeben. 

Ahnliche MaJJregelh wie Lerche in Charkow fiihrte Bekefaiann mit 
jungen Moskauer Hospitalschiilern in dem benachbarten, fluiJaufwarts am 
Donez gelegenen Bjelgorod durch. 

Wahrend in Kleinruflland die Seuche erlosch, tauchte sie im Fe- 
biniar 1739 an der Miindung des Don in Asow sowie im weiteren Don- 
gebiet auf. Ebenso brach sie im Februar aufs neue in Otschakoff aus, 
um bis Juli zu dauern. Im September 1739 gab es neue Ausbriiche in 
Kleinrufiland, besonders im Quellgebiet des Donez, in Kursk und Um- 
gebung; hier erlosch sie bald. 

Ende des Jahres war eine Epidemie im Dorfe Andrejewskaja im 
Gouvernement Astrachan. 

(SCHREIBEB, RiCHTEB, DoRBECK, LeBCHE). 

1738 1738 erschien die Pest in Siebenbiirgen, wurde von da durch oster- 

reichische Truppen nach Ungarn und in das Temesvarer Banat gebracht 
(A. VON Hammer, Claes). Welter gelangte sie bis an die Grenzen von 
Krain, Niederosterreich, Mahren und langs der Karpathen bis nach Polen 
und in die Bukowina. Karlstadt, Belgrad und Ofen wurden stark heim-^ 
gesucht; in Wien gab es einzelne Falle (PEiNiiicn). Besonders in den 
ungarischen Landern siidlich von der TheiU setzte sich das Ubel fest 
und dauerte hier und da bis in das siebente Jahr unter groflen Ver- 



Pestztlge aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 241 

heerungen. Sirmien litt bis 1744. In den Nachbarlandem wurden vom 
Herbst 1838 ab weitgehende SpemnaBregeln durchgefiihrt. (Claes.) 

Aticli Konstantinopel, Ragusa (ni Wolmab), Algier (Bebbruoger) 
litten 1738 schwer unter der Pest. 

1740 Pest in Kleinasien, besonders in Smyrna, in Algier (Ber- 1740 
bbuggeb), in Ungarn, besonders in Waitzen und Budapest (Peinlich). «vanto 

1741 in Konstantinopel, Syrien, Kairo, ganz Marokko, Ceuta, vielleicht Xord- 
auch im gegeniiberliegenden Malaga, wo in diesem Jahre ein seuchen- ^^'^ 
haftes Sterben uber 10000 Menschen wegraffte. Im Mai starben zahl- 
reiche Menschen in der franzosischen Hafenstadt Rochefort an der Cha- Bochefort 
rente mit Achselbubonen, Parotiden und Karfunkeln. 

1742. Andauer der Pest in Konstantinopel, Marokko, Bosnien. — 
In Aleppo begann im Mai eine dreijahrige Epidemie. Im ersten Jahre 
verlief sie milde vom Mai bis Ende August; im folgenden Jahre begann 
sie im Marz, wiitete sehr heftig von April bis Mitte August und erlosch 
Ende Oktober; im dritten Jahre herrschte sie von Marz bis Oktober 
wieder milder. Dann blieb Aleppo pestfrei bis 1753, wo sich im Winter 
auff allend haufig kleine Driisenbeulen an verschiedenen Stellen des Leibes 
ohne bedenkliche Zeichen und Folgen zeigten. (Alexander Russel.) 

1743. Pest in Agypten (Papon) ; in dem Haf en von Patras auf Griechen- 
Morea; auf der griechischen Insel Santa Maura, dem alten Leucas. 

Eine bedeutende Epidemie brach in Sizilien aus, besonders in Mes- Sizilien 
sina, das seit 1656 die Pest nicht mehr gesehen hatte. Sie wurde ein- 
gebracht durch das genuesische Schiff della Misericordia, welches aus 
Missolunghi im Golf von Lepanto kam und nach dreiUigtagiger Fahrt 
am 20. Marz im Hafen von Messina einlief, um hier WoUe, Leinwand 
und Korn zu loschen. Es hatte die verdachtigen Hafen von Korfu, 
Modon und Patrasso beriihrt und auf der Fahrt mehrere Reisende ver- 
loren. Bei der Ankunft im Hafen von Messina starb der Kapitan Aniello 
Bava und ein Matrose an den unzweideutigen Zeichen der Pest. Der 
Senat von Messina liefi Schiff und Ladung verbrennen, die Mannschaft 
in Quarantane setzen. Unter der letzteren ereignete sich kein weiterer 
Erkrankungsfall. Dagegen erkrankte im Mai eine alte Frau im Hospital 
mit Bubonen und starb. Bald darauf traten weitere Pestfalle im be- 
nachbarten Armenviertel auf. Die Leute hatten im Beginn heftigen 
Kopfschmerz, wiitende Delirien oder Schlafsucht; bald traten Krampfe 
hinzu; die Zunge wurde trocken und schwarz. Viele litten unter Schlaf- 
losigkeit, Lendenschmerzen, Erbrechen und Durchf alien mit Wiirmern; 
vor dem Tod erschienen Petechien und Bubonen. 

Etwas abweichend von dem vorstehenden Berichte Testas erzahlt 
Turriano, das Fahrzeug habe aus Missolunghi reines Patent mitgebracht 
und gemafi dem Eide des Kapitans zwischen Missolunghi und Messina 

sticker, Abhandlungen I. Geschichte der Pest. 16 



242 13- Periode. 

keinen Hafen besucht und mit keinem Schiff verkehrt. Die Priifung 
der Schiff sliste habe aber das Fehlen eines Matrosen dargetan. Die 
Mannschaft habe dann erklart, der Mann sei durch die Unbildian der 
stiirmischen tJberfahrt krank geworden und gestorben. Daraufhin habe 
der Gesundheitsrat die Loschung des Schiffes erlaubt. Zwei Tage spater 
sei der Kapitan nach Angabe des Lazarettarztes an einer Gesichtsrose 
erkrankt und am dritten Tage gestorben. Nach wieder zwei Tagen sei 
ein zweiter von der Schiffsmannschaft auf dem Schiff erkrankt und so- 
fort gestorben. Man habe bei ihm eine Achselgeschwulst und auf dem 
ganzen Korper Petechien gefunden. Daraufhin sei am 30. Marz das 
Schiff acht Meilen weit von der Stadt verbrannt und die Mannschaft in 
Quarantine gesetzt worden. Aber ein heftiger Sturm habe das brennende 
Fahrzeug zuriick an die Kiiste getrieben und dabei einen Teil der Wolle 
und des Getreides an das Land geworfen. Die Gesundheitspolizei habe 
dann alles getan, um die moglichen Folgen dieses Ungliickes zu ver- 
huten. Auch sei die Quarantane ohne besonderes Ereignis verlaufen. 
Nach der Aufhebung der Sperre am 15. Mai aber hatten sich im Stadt- 
teil dei Pizzilari bosartige Fieber mit Bubonen gezeigt. 

Daruber sind alle Berichterstatter einig, dafi um diese Zeit das Ubel 
in Messina ausbrach. 

Die zur Beratung versammelten Arzte versicherten, das Ubel habe 
mit Kontagion und Pest nichts zu tun, sondem sei eine epidemische 
Krankheit, die schon seit dem Februar durch Verderbnis der Luft unter 
dem Volke herrsche. Das beruhigte und erfreute den Magistrat, der nun 
unter die armen Leute Brot und Fleisch und Wein verteilte, damit sie 
den Einfliissen der bosen Luft besser widerstehen konnten. Auch liefl er 
die Leichen des Gestankes wegen in Kalk begraben und auf den StraCen 
Knochen und andere Ruchmittel verbrennen, um die Luft zu reinigen. 
Die Seuche gewann indessen weitere Ausdehnung. Bis Ende Mai gab 
es in alien Stadtteilen Tote, deren Zahl taglich wuchs. Die Arzte fuhren 
fort zu versichern, es handele sich nicht um die Kontagion, sondern um 
eine bosartige Epidemic, da die Leute, welche Kranke besuchten und 
pflegten, nicht ergriffen wtirden. Bubonen aber und Karfunkehi und 
Petechien kamen nicht bei der Pest allein vor. Nur ein einziger Arzt 
mahnte, man moge sich der Irrtumer des Ingrassias in Palermo bei der 
Seuche von 1575, des Mercurialis und Capodivacca in Venedig bei der 
Pest von 1576 und so mancher anderer Irrtumer erinnern. Vergeblich. 

Inzwischen wendete sich das heimgesuchte Volk zu seinen Heiligen. 
Am 28. Mai fand man in der kleinen alten Kirche San Paolo einen Brief, 
den die Jungfrau Maria nach Messina geschrieben hatte und der zehn 
Meilen weit einen kostlichen Geruch verbreitete. Es war wohl der Brief 
aus dem Jahre 1642, den wir bei der Schilderung der Pest des Jahres 



PestzUge aus Persien und Afrika 1726 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 243 

1656 in Messina mitgeteilt haben. Der apostolische Protonotar und Abbate 
Enea Gaetano Melani, der die Pest von Messina in Knittelversen be- 
sungen hat, sagt, die Einfaltigen und Leichtglaubigen batten nun in un- 
verzeihlichem Irrtum sofort ein Wunder erwartet und bereits uber das 
Aufhoren der Seuche gejubelt. Aber sie batten sich getauseht. Den 
Brief babe man dann aus politischen Grunden aufs neue im Dom von 
Messina verborgen, „um keine Veranlassung zur Eifersucht zu geben, und 
aus anderen Riicksichten". 

Am 1. Juni starben mebr als 100 Menscben, am 2. und 3. zusammen 
279, vom 4. bis 6. Juni 432, von hundert Erkrankten je 95. Die meisten 
batten Petechien vor dem Ausbruch der Bubonen; bei mancben traten 
Karfunkeln auf. Die KJrankenpfleger und Priester fingen an, in grofler 
Zahl zu sterben. Nun entstand eine groBe Flucht auf das Land. Die 
Bauem sperrten ibre Dorfer. In der Stadt fehlte es bereits an Toten- 
grabem und Leichenwagen. Viele Leicben blieben unbeerdigt liegen. In 
der letzten Woche des Juni steigerte sich das Elend durch Wassermangel 
und Hungersnot. Alle Backer waren gestorben. Der Magistrat hatte sich 
aufgelost. 

Man versuchte mit Prozessionen den Himmel zu versohnen; sie blieben 
ohne Wirkung. In den StraUen hauften sich die Leicben. Man muBte 
sie zu vielen Hunderten auf einmal verbrennen. Mit dem Juli liefi das 
Sterben rasch nach und horte in der ersten Woche des September ganz 
auf, wiewohl AustilgungsmalJregeIn nicht einmal versucht worden waren. 

Im Ganzen hatte die Stadt binnen drei Monaten von 40 321 Ein- 
wohnern 28 841 verloren; in den umliegenden Landhausern wurden unter 
den Fltichtlingen 14 561 Leichen, auf den Dorfem iiber 2000 gezahlt. 
Die wirkliche Todesziffer betrug aber mehr; sie wurde auf 47000 bis 
48 000 geschatzt. 

Kaum 200 Einwohner der Stadt waren von der Seuche verschont 
geblieben. Die Genesenen erkrankten nicht zum zweiten Male, wie sehr 
sie sich auch unter den Kranken und Leichen aufhalten mochten. Nur 
zwei starben in einem zweiten Krankheitsanfalle. Mitten im allgemeinen 
Sterben waren die Kloster, die der Klausur unterlagen, mit mehr als 
600 Insassen verschont geblieben, wahrend die offenen Briider- und 
Priesterkonvente ausstarben. Auch vier Negersklaven, die der Konig als 
Leichentrager nach Messina schickte, weil sie bereits in der Levante die 
Pest iiberstanden batten, blieben verschont und ebenso eine Frau, die 
im Jahre 1721 in Marseille die Krankheit liberwunden hatte. 

In Reggio in Kalabrien, jenseits der Meerenge von Messina, er- 
krankten und starben nur Einzelne an der Pest, wiewohl sehr viele Men- 
schen wahrend der Epidemic hiniibergeflohen waren. 

Im folgenden Jahre 1744 kamen noch 17 Erkrankungen und 9 Todes- 

16* 



244 13- Periode. 

falle wahrend der Reinigung der Stadt vor. Die Reinigung wurde von 
einem venetianischen Sachverstandigen ausgefuhrt und begann am 11. Ja- 
nuar. Sie bestand im Verbrennen der Betten und Kleider, in der Totung 
der Haustiere, im Liiften der Hauser und Waschen der nicht pestfangen- 
den Gerate. Vor dem Betreten wurden die Hauser mit Schwefel, Pech, 
Operment, Salpeter und Kampfer gerauchert. Die Reinigung wurde in 
26 Tagen beendet. 

Ebenso kamen im benachbarten Pezzolo im Marz noch 11 Todesfalle 
in drei Familien, angeblich durch heimlich eingefiihrte Pestkleider, vor. 

Am 29. Mai 1744 wurde Messina fiir pestfrei erklart und zum Handels- 
verkehr wieder zugelassen. 

(TuERiANO, Testa, Melani, Coreadi, Fhari). 

Wahrend der Pest in Messina wurde auch die englische Flotte ver- 
seucht. Jean Jacques Rousseau, der nacli einer langen und miihseligen 
Uberfahrt von Toulon nach Genua kam, muflte deshalb hier eine Quaran- 
tane von 21 Tagen iiberstehen. Die Reisenden batten die Wahl, sie auf 
dem Schiff oder im Lazarett durchzumachen. Alle blieben auf dem Schiff, 
nur Rousseau wahlte, um der Hitze, der Enge und dem Ungeziefer zu 
entgehen, das Lazarett. (Les confessions II, 7.) 

1744 Pest in Dalmatien (Fhari). 
1745 1745 in Bosnien; von hier nach Dobropoglie im Bezirk von Zara 

scMesien (F^^^^-^)- — ^^ Oberschlesien herrschte wahrend des zweiten schlesischen 
Krieges eine ansteckende Seuche mit Karfunkeln, woran die Soldaten in 
wenigen Tagen starben. Der preuBische Generalmajor von Miinchow be- 
richtete am 28. Februar an Friedrich den Grofien von grofien giftigen 
Beulen, die den Pestbeulen fast gleich seien. Der Konig selbst schreibt 
dariiber: Hatte man sie fiir Pest erklart, so ware jede Verbindung unter- 
brochen worden, ja die Lieferung der Lebensmittel wiirde unterblieben 
sein, und die Furcht vor dieser Krankheit wiirde fiir die Eroffnung des 
Feldzuges verderblicher gewesen sein als jede Gegenwirkung des Feindes. 
Man milderte deshalb den furchtbaren Namen und nannte diese An- 
steckung ein Faulfieber. Nun ging alles seinen richtigen Gang. So sehr 
vermogen die Namen der Dinge die Menschen weit heftiger zu beein- 
flussen als die Dinge selbst. (Fr^jderic IL, vgl. Mamlock.) 

1747 Pest in Konstantinopel, Smyrna, Agj^ten (Russel). 

1749 in Konstantinopel, Algier (Berbrugger). 

1750 in Konstantinopel; Fez, wo 30000 starben; Marokko; Tanger 
verlor ein Drittel der Bewohner (Webster, Prus). Walachei, Moldau, 
Siebenbiirgen (Chenot). 

1751 in Konstantinopel starben 200000 an der Pest; sogar die Tiirken, 
die sonst wahi'end der Ausbriiche in der Stadt zu bleiben pflegten, flohen 
zu Lande und zu Wasser. 



Pestziige aus Persien und Afrika 1725—1819. Ausbreitung der Wanderratte. 245 

1752 und 1753 Ausbruch in der Hauptstadt Algier. Die Ansteckung 1762 
kam aus Marokko iiber Westalgerien, wo sie bereits im Jahre 1751 -^S^er 
herrschte. Einige pestkranke Reisende brachten sie im Fruhling nach 

der Stadt; man lieB die Eo'anken nach Landesgebrauch unbedenklich 

• ■ 

ein. Im Anfang gewann das Ubel unter der Larve gewohnlicher 
Krankheiten nur langsam Boden, bis es im Juni nach mehrtagigem 
Wehen der erstickenden Siidwinde plotzlich ausbrach und das gewohn- 
liche Bild zeigte: plotzlicher Beginn der Erkrankung mit Schwindel oder 
unertraglichem Kopfschmerz und heftigem Erbrechen, dann hohes Fieber 
mit Delirieren, unwillkiirliches Zittern; Ausbruch von Bubonen, seltener 
Karf unkeln. Vereiterten die Bubonen, so war Genesung zu hof f en ; kleine 
harte Bubonen verkundeten iiblen Ausgang. Petechien und rote blaue 
oder schwarze Striemen an Hals und Brust waren ebenfalls Vorzeichen 
des nahen Todes. — Die europaischen Konsuln und Kaufleute schlossen 
sich nach gewohnter Sitte in ihre Hauser ein und versahen sich mit dem 
notigen Mundvorrat. Die reichen Mauren gingen auf ihre Landgiiter. 
Auch die Kabylen und die Piskaren, welche die Lebensmittel und andere 
notige Dinge herbeizubringen pflegen, flohen aus der Stadt. Die Obrig- 
keit zwang die Bauern, ihre Vorrate abzugeben. Hierbei wurde die Seuche 
auch in die benachbarten und entfernteren Dorfer verschleppt, wo sie 
groBe Verheerungen anrichtete. Auch die Fliichtlinge auf den Land- 
giitem starben. 

In den off enen "Wohnungen starb ein Drittel der Erkrankten, wahrend 
im geschlossenen spanischen Hospital trotz aller arztlichen Fiirsorge zwei 
Drittel der Ergriffenen weggerafft wurden. In den geschlossenen euro- 
paischen Wohnungen starben nur drei Sklaven, welche die Vorschriften 
der Kontumaz verletzt hatten. Das Volk betrachtete es als ein Wunder, 
daB im koniglichen Palast, worin viele Leute wohnten, die in offenem 
Verkehr mit der AuBenwelt blieben, nur zwei Kiichendiener starben. Am 
meisten litten Kinder und junge Leute, besonders die Neuvermahlten, 
die jungen Weiber mehr als die Manner. Im Ganzen starben bis zum 
Herbst 1752 gegen 5000 Menschen in der Stadt. Dann lieB die Seuche 
nach, ohne aber ganz zu erloschen. Sie zeigte sich hier und da, brach 
dann im April des neuen Jahres mit groBer Heftigkeit aus und totete 
in drei Monaten nochmals liber 5000 Stadtbewohner. Im August erlosch 
sie iiberall voUstandig. 

Von Algier kam die Pest nach Unteragypten, wo es nur wenige 
Erkrankungen gab. (Algier relazione.) 

1753 Pest in Konstantinopel ; in der Moldau um Chotzim (Peinlich). 1^53 

1754 Einfiihrung der Semliner und Tomoser Kontumaz an der oster- 
reichisch-tiirkischen Grenze. Seitdem blieb die Pest auf die Grenzgebiete 
beschrankt. 



246 13. Periode. 

1755 Ausbruch in Konstantinopel; zu Seres in Mazedonien (Peenlich); 
in der Walacliei (Chbnot). 
Pest i. der Ein armenischer Handler von 64 Jahren, namens Gregorius, der am 
17"5*-5^ schwarzen Meer Handel mit bayrisclier Eisenware, Siclieln usw. trieb, war 
auf der Reise nach Wien, wo er seine Familie hatte. Er kam am 30. Sep- 
tember 1755 im Lazarett von Tomos an und muCte hier die Quarantane 
durchmachen. In dem Flecken Kimpina, das zwei Tagereisen vom To- 
moser Lazarett liegt, hatte er bei einem Wii-t iibernachtet, der bald nach 
der Abreise des Handlers an der Pest starb. Ebenso erlagen der Pest 
zwei Tochter der Waschfrau, welche die Wasche des Handlers besorgt 
hatten, und in der Mitte des November zahlte man in Kimpina bereits 
iiber 30 Leichen. Am 6. Oktober wurde der Handler in der Quarantane 
von einem Schxittelfrost befallen, den grofie Entkraftung, Kopfschmerzen, 
Lendenweh, Durchfall und Herzensangst begleiteten. Am folgenden Tag 
lielJ er sich einen Aderlafi maehen, worauf er ein unertragliches Brennen 
in der Herzgrube empfand und in Delirien verfiel. Am 9. Oktober starb 
er unter Irrereden, Angst und grundloser Unruhe am dritten Krankheits- 
tage. An der Leiche fand man eine Geschwulst der rechten Ohrdriisen- 
gegend. 

Von drei Kauf leuten, die mit dem Verstorbenen in Quarantane waren, 
reiste der eine am 20., der andere am 23. Oktober gesund nach der 
Walachei ab. Weiteres ist iiber sie nicht bekannt geworden. Der dritte, 
Radul Andre aus Bukarest, war am 12. Oktober in Frost und Fieber- 
hitze gefallen und hatte am anderen Tage iiber die rechte Ohrdriise ge- 
klagt, die alsbald anschwoll. Um die innerliche Hitze und den Durst 
zu stillen, trank er viel kaltes Wasser. Dann fing er an, etwas irrezu- 
reden. Dennoch bestieg er sein Pferd, um nach der Walachei zuriick- 
zureiten. Da er viel Geld bei sich hatte, gab man ihm einen Lazarett- 
gehilfen mit, der ihn bis zum Kloster Sinai begleitete. Hier starb der 
Mann. Der Krankenwarter nahm die Stiefeln des Verstorbenen mit nach 
Hause und zugleich die Pest. Denn einen Tag nach seiner Riickkehr, 
am 18. Oktober, erkrankte sein sechsjahi'iges Kind mit Frost und Hitze, 
bekam am 19. Krampfe und eine Beule unter der linken Achsel und am 
20. linsengrolJe hellrote Blutflecken, die rasch blau, dann ganz schwarz 
wurden. Am 21. Oktober war das Kind tot. Auf gleiche Art wurden 
nacheinander drei Kinder des Warters weggerafft; bei jedem zeigten sich 
Bubonen und Blutflecken; zwei hatten Karfunkel, das eine unter dem 
rechten Arm, das Sndere am rechten Hinterbacken. Auch die Mutter 
starb an der Pest. Der Warter selbst blieb bis zum 5. November ge- 
sund und iiberstand dann gliicklich die Pest. 

Nun wurde das Lazarett von Tomos und bald darauf der ganze 
Bezirk Kronstadt von den benachbarten Orten und den anderen sieben- 



Pestastige aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 247 

burgischen Landen durch einen Militarkordon abgesondeii:. Die Pest er- 
losch, nachdem sie 22 angesteckt und 11 davon getotet hatte, mit Ende 
November. Sie zeigte &ich nicht wieder. 

Zufallig waren mit dem erkrankten Kaufmann in dem Kloster Sinai 
zwei Hirten, Sztan Fulga und Sztan Inaschul, Schwiegervater und Schwie- 
gersohn, zusammengetroffen. Sie waren von der Weide gekommen und 
auf dem Wege nach der walachischen Vorstadt von Kronstadt, wo sie 
ihren Wohnsitz liatten. Sie waren beim Sterbenden und bei seinem Be- 
grabnis verweilt und danach auf Nebenwegen nach Hause gekommen. 
Kurz darauf verstarben sie unerwartet, der eine am 3. November, der 
andere am 18. des Monats. Dem ersten folgten zwei Kinder in den Tod; 
von ihnen ging das Ubel auf die weitere Verwandtschaft und Sippschaft 
iiber. Von Anfang November bis zum April des anderen Jahres starben 
in der Vorstadt nach dem Verzeichnis des Pfarrers 30 Menschen, darunter 
2 Alte, 11 Erwachsene, die Ubrigen Jiinglinge und Knaben. Der Kron- 
stadter Stadtarzt leugnete der Koniglichen Gesundheitskommission gegen- 
iiber, als diese wegen des plotzlichen Versterbens der Schaf hii'ten Erkun- 
digungen einzog, das Vorhandensein der Pest. 

Inzwischen war auch Tomos zwei Monats von der Pest f reigeblieben ; 
darum wurde anfangs Februar das ausgestellte Militar zuriickgezogen und 
der Verkehr wieder freigegeben. Nun frohlockten die Kronstadter wie 
nach dem Aufhoren einer langpn Belagerung und hohnten iiber die Leute, 
die aus Hafl oder Gewinnsucht dem Toihoser Spital und dem ganzen 
Kronstadter Bezirk freventlich den Schandfleck der Pest angedichtet 
hatten. Geschwiilste an den Ohrdriisen, in den Leisten und Achseln 
seien bei den Walachen etwas Gewohnliches und die angeblichen Kar- 
funkehi seien Furunkel gewesen. 

Dabei nahm in der Vorstadt die Pest heimlich zu. Endlich war bis 
zum Mai das Ubel soweit gediehen, daB es nicht mehr verkannt oder 
verhehlt werden konnte. Aber der Stadtrat verfaCte unter Beihilfe des 
Stadtarztes an die Regierung einen falschen Bericht, worin sie der Krank- 
heit keinen Namen gaben und ihren Ursprung auf die Armut der Wa- 
lachen und das iiberstandene Winterelend wahrend der Sperre zuriick- 
fiihrten und hiermit stillschweigend die treffliche Vorsicht des Gesund- 
heitsrates anklagten. 

Um aber dennoch etwas zu tun, lieU der Stadtrat die angesteckten 
Hauser mit einem drei FuB hohen Zaun einschlieBen, setzte einige Wachen 
hinzu und bestellte zur Pflege der Kranken einen Wundarzt und zwei 
Warter. Aber der Konigliche Gesundheitsrat nahm es ubel, daB die Arzte 
die Krankheit dunkel und unbestimmt beschrieben und ihr keinen Namen 
gegeben hatten. Er schickte einen dritten Arzt, um die Natur und Art 
der Krankheit zu bestimmen. Die drei Arzte benannten das Ubel als 



248 13- Periode. 

eine ansteckende Krankheit, die zu den bosartigen Fleckfiebem gehore. 
In Tomos war Beisitzender des Gesundheitsrates ein Arzt, der nicht zwei- 
felte, dafl es die wahre Pest sei; er hatte die Krankheit im Jahre 1738 
in Hermannstadt beobachtet und sie selbst iiberstanden. Aber er wagte 
jetzt, wegen der Sticlielreden der Kronstadter, nicht, seine Uberzeugung 
offen auszusprechen. 

Endlich wurde der President des Gesundheitsrates der Unsicherheit 
miide und schickte den auf Befehl der Kaiserin Maria Theresia in Te- 
mesvar tatigen Regierungsarzt Chenot nach Kronstadt, um die Seuche 
zu benennen. Dieser traf am 19. Mai ein, priifte die Kranken und den 
Zusammenhang der einzelnen Erkrankungen und erklarte am 6. Juni die 
Seuche fiir die wahre Pest. 

Ende Mai hatte ein aus der Walachenvorstadt entweichender Kranker 
die Pest in den Marktflecken Tartlau, eine Meile von Kronstadt, gebracht. 
Hier wurde durch die Anstalten des Pfarrers, der unter anderem die an- 
gesteckten Hauser mit einem hohen uniibersteiglichen Zaun absperrte, 
das tJbel im Beginn eingedammt, so daU es bis Anfang Oktober erlosch. 

Noch sieben andere Dorfer in dem Bezirk von Kronstadt und zwei 
im Bezirk von Fogara wurden angesteckt. 

Im August zahlte die w^alachische Vorstadt von Kronstadt taglich 
10, 12, ja 20 Leichen. Die Genesenden mufiten drei, vier, auch sechs 
Wochen in den Spitiilern verpflegt werden. In der Stadt selbst und in 
den anderen Vorstjidten war das Ubel mafliger. Im September stieg 
die Zahl der Leichen eines Tages auf 33. Im Oktober liefien die Er- 
krankungen rasch nach, so daC im November die Seuche beendet schien. 
Doch gab es am 23. Dezember nochmals drei Kranke und am 26. Januar 
1757 starb ein Ehepaar, welches wahrend der Nacht die Totengraber be- 
sucht hatte. 

Im ganzen Bezirk Kronstadt und Fogara erkrankten nach den 
Pfarrlisten wahrend der Epidemie 6677 und starben 4303 Menschen. Es 
genasen 2374, also ein gutes Drittel der Erkrankten. Der Pestarzt Chenot 
selbst hat die Krankheit schwer, aber gliicklich iiberstanden. (Chenot.) 

An verschiedenen Stellen des Bezirks war die Sterblichkeit sehr un- 

gleich. Es gab 

V 1 ^ rp *« Sterblich- 
Kranke Tote , .. 

in Kronstadt nebst zwei Vorstadten , . . . . 62 51 82 ^^ 

„ der Walachischen Vorstadt 2532 1711 67 „ 

^ dem Stadtchen Tartlau 114 62 54 „ 

„ den vier ^zusammenhangenden Dorfern" und 

Garten 2777 1589 57 „ 

im Dorf Petersberg 178 128 72 „ 



Pestziige aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 249 

Kranke Tote ^^^^t^^" 







im Dorf Czernest 711 522 73 ^ 

„ „ Zaizon 112 82 73 „ 

^ „ Honigsberg 10 9 90 ^ 

im Bezirk i in Pajana Morului 127 109 86 „ 

Fogara | ,, Holback 54 40 74 „ 

ingesamt 6677 4303 64^0 

In Ungarn empfahl Weszpremi Schutzimpfungen wider die Pest. 
Von der Walachei kam die Pest in die Moldau und nach Sieben- 
biirgen. 

1756 und 1757 herrschte sie in Bessarabien, in Bukarest, bier und 
da in Polen, in Bosnien und Kroatien; auch in Bohmen wiitete sie, frei- 
lich unter anderen Namen. Der Konig von PreuCen beschreibt sie als 
eine Art Fieber, das von alien Symptomen der Pest begleitet wurde; die 
Kranken verfielen am ersten Tage in Typhomanie und bekamen Beulen 
am Halse und unter den Achseln. Ob dem Kranken zur Ader gelassen 
wurde oder nicht, der Tod raffte dennoch in gleichem Mafle ohne Unter- 
schied alle Befallenen bin. Die Ansteckung war so beftig und ihre Ver- 
breitung so schnell, daU sie in drei Tagen totete. Die Heere wurden 
durch die ansteckenden Krankheiten in den Spitalern mehr als durch die 
sieben gelieferten Hauptschlachten aufgerieben. (Friedrich deb Gbosse, 
Gescbicht^ des sieben jahrigen Kiieges.) 

1757 bis 1758 schwere Pestseuche in Suleimanjeb in Kurdistan, nahe 1757 
der persischen Grenze (Tholozan, Carl Ritter). Kurdistan 

In dieses Jabr oder etwas friiher fallt eine Pestepidemie in Siid- 
china, die vom Gebirgslande Yiin-nan ausging. Ein Zeitgenosse Hung- Yttn-nan 
Liang-Kih schreibt dariiber: Damals geschah es in Tschau-tschau, in 
Yiin-nan, dafi am bellen Tage fremdartige Ratten in den Hausem er- 
schienen und zu Boden fielen und unter Blutspeien verendeten. Kein 
Menscb, der mit dem Ubel in Beriihrtlng kam, entging dem plotzlichen 
Tode. Taunan, der Sohn des Landpflegers von Wang-kiang machte iiber 
die Seucbe ein Gedicht unter der Uberschrift: Tod und Ratten, ein 
wahres Meisterwerk. Wenige Tage spater starb er selbst an dieser selt- 
samen* Rattenseuche in seinem sechsunddreiBigsten Jahre. (Kumagusu 

MlNAKALA.) 

Pest in Kairo (Prus). 

1758. Im Dezember 1757 brach in Syrien eine Hungersnot als Folge 1768 
der heftigen Kalte aus, die im Jabre zuvor andauernd geherrscht hatte. y"®^ 
Sie bielt bis zum Sommer 1758 an und verband sich bereits im Friih- 
jahr mit einem verderbliehen Flecktyphus, der bis in den Herbst 
dauerte. Im Oktober und November 1758 ersehiitterte ein Erdbeben 




250 13. Periode. 

Damaskus, Acre, Sidon, Tripoli, Antiochia und Aleppo. Unmittelbar da- 
nach erschien in dem zertrummerten Dorfe Saffat die Pest, angeblich 
durch Juden von Alexandrien dorthin gebracht. Bald darauf war sie 
auch in Acre und Sidon. (Alexandek Russel.) Im selben Jahre gab es 
Brest auf der franzosischen Flotte vor Brest und in der Stadt eine Bubonen- 
seuche mit Parotiden und Petechien, woran 4000 Sehiffsleute und Sol- 
daten starben. 

1759 1759 herrschte die Pest in Konstantinopel, in Kleinasien, auf vielen 
Unter-' I^^®'^^ ^®^ griechischen Archipels. — Im Januar war sie durch ein Schiff 

ftgypten von Konstantinopel nach Alexandrien, weiterhin nach Rosette und Damiette 
und im Februar nach Kairo gekommen. Hier brach sie im Marz heftig aus; 
die Europaer schlossen sich bis Ende Juni ein. Jetzt horte die Seuche 
in ganz Agypten rasch auf, nachdem sie 300000 Menschen getotet hatte. 
Im Fruhjahr 1760 erfolgte ein neuer Ausbruch mit ungeheuren Ver- 
lusten, der ebenfalls im Juni erlosch. — Im April 1759 brachte ein tiir- 
kisches Schiff, das von Alexandrien nach Konstantinopel woUt^, die Pest 

Zypem nach Zypem, als es an dieser Insel beim Vorgebirge Baffo scheiterte. 
Einige Schiffbriichige, worunter sich audi Pestkranke befanden, kamen 
nach der Stadt Limisso, wo die Seuche alsbald mit grofier Schnelligkeit 
und Q-ewalt ausbrach und weiter in die benachbarten Dorfer kam. Ende 
Juni erlosch sie. Larnica, das 40 Meilen von Limisso entf ernt liegt, nahm 
Pestkranke von Limisso auf; es nahm femer Pestkranke auf, die am 22. Mai 
ein Fahrzeug von Damiette nach Larnica brachte; es nahm Pestkranke 
aus Damiette auf, die einige Tage spater von einem tiirkischen Schiff 
in Zypern ausgesetzt wurden. Die Kranken wurden in die Wohnungen 
aufgenommen und von den Eingeborenen besucht. Q-leichw^ohl erfolgte 
in Larnica weder unter den Eingeborenen noch unter den Europaern, 
die auch keinerlei Vorsicht branch ten, irgendeine Ansteckung. Im Ok- 
tober geschah ein neuer Ausbruch in Limisso. Von hier aus kam die 
Seuche in die Hauptstadt Nicosia oder Leucosia, um wahrend des De- 
zember und Januar heftig zu wiiten. Die Tiirken veranstalteten offent- 
liche Prozessionen, wonach eine weitere Steigerung des Sterbens sich 
zeigte. Bis Juli verier die Stadt von 40 000 Einwohnern 25 000. — Im 
Februar 1760 starben in Larnica taglich 25 bis 30 Menschen; jetzt fliich- 
teten die Einwohner in die Berge und verbreiteten die Ansteckung in 
den Bergdorfern. In Larnica starben viele Europaer, darunter der nea- 
politanische Konsul mit seiner Familie. Weiterhin wurde Famagusta ver- 
seucht. Ende Juni horte die Pest auf ganz Zypem auf. (Patbick Russel.) 

1760 1760 im Januar Pest in TripoUs, in Derna und Bengazi; Zunahme 
Nordafrika^g^ Epidemie im April, Mai und Juni; XachlaU im Juli (Bruce). 

Syrien u. Xm Februar Ausbruch in Jerusalem. Anfangs Marz in Damaskus. 

Palftstina 

1760—62 Beide Stadte wurden schwer verheeii:. Mitte Marz brach die Pest in 



Pestztige aus Persien und Afrika 1726 — 1819. Ausbreitung der Wandeiratte. 251 



Latakea aus, hier wie in den anderen Stadten lieJJ sie im Hochsommer 
rasch nach. Aus Jerusalem, Damaskus und Latakea brachten anfangs 
Mai Karawanen das Ubel nach Aleppo, wo es am 17. Mai sich zeigt^ 
und bis zum Ende der Seuche, Mitte August; von 200000 Einwohnern 
nicht iiber 500 totete. Die Dorfer in der Umgebung litten wenig. Die 
Bergorte zwischen Antiochia und Latakea wurden im' Spatherbst befallen. 
Von hier bracbten Fllichtlinge die Pest nach Antiochia. Schogre und 
Edlib blieben verschont. ■ 

Im Marz 1761 brach die Pest in Aleppo aufs neue aus. Nach dem 
Bairamfest der Tiirken und dem Osterfest der Griechen, wobei die Ba- 
zare und Kaffeehauser mit Menschen tiberfiillt werden, nahm die An- 
steckung rasch zu. Es starben 

vom 5. April bis 3. Mai 856; darunter 150 Christen, 4 Juden 
im Mai 1211; „ 215 „ 33 

vom 1. Juni bis 5. Juli 5535; „ 639 „ 183 

vom 5. Juli bis 2. August 2115; ,, 312 ., 57 



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Die Hohe der Epidemic war in der letzten Juniwoche, wo 1473 
Menschen starben, darunter auch Priester, Krankenwarter und Toten- 
graber, die bisher verschont gebheben waren. Selbst im Harem des 
Kadi begann das Sterben, das nun die Kxanken in 24 sogar Iq 10 S tun- 
den wegraffte, wahrend vorher und nachher die Krankheit mindestens 
drei Tage dauerte. Im Juli nahm die Zahl der neuen Erkrankungen so 
rasch ab, daU die Tiirken am Ende des Monates ihre Bazare wieder 
offnen und anfangs August die Europaer ihre Wohnungen verlassen 
konnten. Die Epidemic war erloschen; nur Mitte September 1762 wur- 
den noch zwei Pestfalle beobachtet. 

Femer brachte das Jahr 1760 einen Pestausbruch in Aden, von wo Aden 
sich das Ubel nach Suez verpflanzte. Eine groBere Epidemic brach in 
Mesopotamien, besonders in Orta, aus. Im Friihjahr 1761 kam die An- Meso- 
steckung nach Marasch, nordlich von Aleppo, um dort bis 1765 zu herr- P°*^*™^®^ 
schen. Aleppo selbst blieb trotz des ununterbrochenen Handelsverkehrs 
mit Marasch ganz verschont. (Patbick Rttssel, Alexandbb Russel.) 

Ein grofier Ausbruch, der bis in das folgende Jahr dauerte, suchte 
Kurdistan heim; in der persischen Provinz Mazenderan entwickelte sich Kurdistan 
eine schwere Epidemic, die von 1760 bis 1767 wahrte (Tholozan). Persien 

In Galacz an der unteren Donau gab es einen kurzen Ausbruch. — 
Im Lazaretto sporco zu Triest wurde der letzte Pestfall verzeichnet; um Triest 
dieselbe Zeit oder friiher horten die einzelnen Pestfalle auf, welche in 
der Quarantane von Marseille seit dem Ungliicksjahr 1720 alle Jahre Marseille 
abgefangen worden waren. 

Im Sommer 1760 gab es in Hyeres in Frankreicli einige Pestfalle, Hy^res 



262 13. Periode. 

Pest? in einen groBeren Ausbruch erlitt Toulon unter dem Milit-ar und den Stadt- 
a ^'^^orn i^^^^^j^^^^^ Auch in Paderbom soil ein pestartiger Typhus mit Bubonen 
in den Achseln und Weichen geherrscht haben. (Leesch.) 

1763 und 64 wurden Serbien, Bosnien und Dalmatien von der Pest 
heimgesucht; in den Vorstadten von Spalatro starben 530 Pestkranke 
(Bajamonti). 

1764 Ausbruch. in Polen. 

1765 in Smyrna, von Marasch aus (siehe 1760) (Russel). 
1768 Pest in Konstantinopel. 

Pestepidemie auf der Balkanhalbinsel niid in Rnfiland vom Jahre 

1769 bis 1772. 

Von Konstantinopel wurde die Pest durch Schiffe nach Q-alacz an 
die Donau gebracht; sie verheerte die Moldau, die Walachei, Sieben- 
biirgen, Polen, Podolien, Volh3mien, Galizien und Ruflland. 

Donau- Hier die Einzelheiten der Epidemie: Wahrend des Sommers 1769 

turner" l^^rrschten in den russisclien und tiirkischen Heeren, die nach der Moldau 
1769—70 zogen, Wechselfieber, Ruhren und Fleckfieber. Als nach der Eroberung 
der Grenzfestung Chotzim im September und nach der Unterwerfung 
der Moldau im Oktober das russische Heer sich zur Verfolgung des 
Feindes in kleinere Truppen aufloste, verbreitete sich bald eine An- 
steckung unter den Soldaten, die von den erfahrenen Arzten fruhzeitig 
als Pest erkannt wurde. Entweder die tiirkische Armee hatte sie mit- 
gebracht, wie Resmi Achmed berichtet, oder tiirkische Schiffe hatten sie 
von Konstantinopel nach dem Donauhafen von Galacz in die Moldau 
Galacz gebracht, wie Orraeus mitteilt. In Galacz schlich das Ubel kaum be- 
achtet umher, erhub aber plotzlich sein Haupt, nachdem die Russen dort 
einen zersprengten Tiirkenhaufen vertrieben und ihre Kranken und Ver- 
wundeten in die Hauser der Burger gelegt hatten. Wenige Tage da- 
nach starben von den Kranken und ebenso von den Offizieren einige 
unter den imzweifelhaften Zeichen der Pest, mit ihnen ein Chirurgen- 
gehilfe, der ihnen Beistand geleistet hatte. Auch von den Wachen, die 
dem gefangenen Fiirsten der Moldau Maurocordato beigegeben waren, 
erlagen zwei der Pest. Die russischen Soldaten verlieBen Galacz und 
zogen gegen die Hauptstadt Jassy. Alsbald liefi die Pest unter ihnen 
nach, so dafi wieder Zweifel an der Natur des Ubels laut wurden. 

Jassy So kam es, dafi in Jassy die Soldaten ohne besondere Vorsicht in 

der Stadt verteilt wurden, die Gesunden in die Hauser, die Kranken in 
das Militarlazarett. Es vergingen drei Wochen, ohne dafi sich eine Spur 
des Ubels zeigte. Da machten um die Mitte des Januar den Chirurgen 
im Krankenhaus Fleckfieber zu schaffen, zu denen am siebenten oder 



Pestziige aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 253 

achten Kranklieitstage ungewohnliche Driisenschwellungen in der oberen 
Schenkelgegend kamen. Diese vereiterten, und die Kranken genasen. 
Allmahlich hauften sich nnter den Kranken im Hospital die Fleckfieber; 
die hinzutretenden Bnbonen vereiterten nicht mehr, sondern die Er- 
griffenen starben in immer kiirzer werdender Frist. Nur diejenigen, bei 
welchen die Bnbonen ganz friih, sofort zu Beginn der Krankheit er- 
schienen, genasen in der Mehrzahl. Endlich zeigten sich audi in den 
Wunden der Soldaten Karfunkeln und toteten rasch. Wahrend sich das 
alles im Krankenhaus wahrend drei oder vier Wochen ereignete, kam 
unter der Biirgerschaft nichts Verdachtiges vor. 

Dann geschah folgendes: Ein Sold at, der in der Schlacht vor Galacz 
leicht verwundet worden war, hatte aus Q-alacz einen tiirkischen Pelz 
mitgenommen und in seinem Gepack verborgen gehalten; als er aus dem 
Krankenhaus in Jassy fiir gesund entlassen worden war, verkaufte er 
den Pelz in der Stadt an einen Juden. Dieser trug den Pelz ohne Arg- 
wohn und erkrankte schon am anderen Tage an der Pest; mit ihm zwei 
Kinder, die sein Bett teilten. Alle drei starben rasch. Der Stadtrat von 
Jassy erfuhr den Fall, zogerte aber mit der Durchfiihrung eingreifender 
MaUregeln; er liefi das Haus des verstorbenen Juden schlieBen, konnte 
aber nicht verhiiten, dafi Diebe eindrangen und den Hausrat raubten 
und in die Stadt verbreiteten. Auch der Verkehr mit dem Hospital 
wurde nicht unterbrochen. So dehnte sich das Ubel rasch aus. 

Schon Ende Marz brachten Leute aus Jassy nach Latischew in Po- 
dolien, das ungefahr dreihundertfunfzig russische Werst von Jassy ent- 
fernt ist, verworrene Geriichte von dem Ausbruch der Pest in das Winter- 
lager des Generalfeldmarschalls, des Grafen Romanzoff. Es seien in Jassy 
Viele plotzlich gestorben, sogar bis dahin Gesunde auf den Strafien tot 
hingefallen. Andere sprachen, die Sache mildernd, nur von bosartigen 
Fiebem. Unter ihnen war der Generalleutnant von Stoffeln, der in Jassy 
das Oberkommando hatte und von dem Moldauer Adel sich schlecht be- 
raten lieB. Er sendete beruhigende Berichte nach Latischew; von Pest 
konne keine Rede sein, es handele sich um ein bosartiges epidemisches 
Fieber. 

So konnte das Ubel von Tag zu Tag erstarken und bereits im Marz 
allgemeine Ausbreitung erlangen. Am 30. April sandte der General 
von Stoffeln das Gutachten der Feldarzte, die Pest herrsche zweifellos, 
an den Grafen Romanzoff. Dieser hatte gerade das Heer aus dem Winter- 
lager in Polen nach der Moldau gezogen, weil dorthin Scharen der Tiir- 
ken und Tataren drangen. Die Pestnachricht kam ihm hochst unbe- 
quem. Der Gewinn des vorjahrigen Feldzuges stand auf dem Spiel. 

Der Generalfeldmarschall befahl daher am 5. Mai seinem jungen 
Leibarzt Orraeus die Pestgefahr zu priifen, und wenn moglich einzu- 



254 13. Periode. 

dammen. Dieser besuchte am 7. Mai Chotzim, erfuhr doi't, dafl kein 
Anzeichen von Pest bestehe. Aber es seien gerade in diesen Tagen zwei 
Soldaten, die an hitzigem Fieber gelitten und am Ende der zweiten 
ELrankheitswoche Leistenbubonen bekommen hatten, nach Vereiterung 
der Bubonen genesen. Femer seien 13 Andere an Fleckfieber erkrankt, 
2 davon gestorben. Hingegen liabe man am gestrigen Tage bei vier 
Kosaken, die mit gefangenen Tataren aus der Stadt Batuschany ange- 
kommen waren, hochst verdachtige Zeichen, Bubonen am Halse, in den 
Achseln und in den Leisten, sowie schwarze Fiecken, gefunden, die den 
Verdacht auf Pest um so mehr erregten, als sich in jener Stadt seit 
zwei Monaten zahlreiche Todesfalle ereignet hatten. 

Einer von den Soldaten war schon gestorben, zwei andere blieben 
ohne Fieber, schienen nicht sehr krank, ihre Bubonen reiften sehr schnell; 
aber sie starben am vierten und fiinften Krankheitstage. Der vierte 
fieberte etwas, aber genas. Orraeus wurde von der Geringfiigigkeit der 
Krankheitserscbeinungen bei Allen iiberrascht und hoffte schon, die Pest- 
nachrichten seien iibertrieben. Immerhin mahnte er zur Vorsicht. 
Batu- Auf den Dorfern zwisehen Chotzim und Batuschany fand er nichts 

schany Yerdachtiges. In Batuschany selbst aber, wohin er am 9. Mai kam, sah 
er alle Schrecken und Folgen der unzweifelhaften Pest. Die Hauser 
waren verlassen, die meisten mit offenen Tiiren und Fenstern; der Haus- 
rat darin zuriickgeblieben. Hunde und Katzen irrten iiberaU umher; 
kein Mensch war zu sehen. Die Kuriere, die ihn dorthin gebracht hatten, 
flohen vor Schrecken und lieUen ihn und seinen Diener zuriick. Ein 
Soldat, der des Weges kam, fiihrte ihn in das Haus seines Hauptmannes 
vor die Stadt. Dieser erzahlte, die Pest sei zwei Monate vorher aus 
Jassy durch Wanderer eingeschleppt worden. Sie habe alsbald fttrchtbar 
gewiitet und von 2000 oder 3000 Einwohnem binnen sechs Wochen 
mehr als 800 getotet, die iibrigen zur Flucht in die benachbarten Kar- 
pathenberge getrieben und auch dort noch Viele erreicht. 

Die Flucht sei besonders angeregt worden durch das Gesicht eines 
Priesters, dem im Traume ein Heiliger erschienen sei und Allen den 
Untergang verkiindigt habe, die nicht sofort die Stadt verlassen wurden. 
Die zahlreichen Hunde, die man zuriicklassen muBte, hatten die unbe- 
erdigten Leichen verzehrt, die Graber aufgewiihlt und seien zum Teil 
wiitend geworden. Von seinen 200 Husaren seien schon 70 der Pest 
erlegen, und weitere 32 lagen krank unter Zelten. Von seinen 120 Fufl- 
soldaten seien mehr als 40 gestorben und 17 noch krank; von den 20 
Kosaken, die unfern der Stadt lagen, seien 3 gestorben und einer im 
Lazarett. Auch einen der Chirurgengehiilfen und zwei Barbiere habe 
die Seuche weggerafft. Trotz strenger Absonderung von der Stadt breite 
sich das Ubel taglich weiter unter den Soldaten aus, und gerade konne 



Pestztge aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 255 

er einen Soldaten zeigen, bei dem die Rotung der Augen und ein wilder 
Gesichtsausdruck schon die beginnende Erkrankung verrate, wiewohl er 
sich fur gan^ gesund erklare. In der Tat klagte dieser Soldat spater 
iiber Kopfsckmerzen und zeigte alle Merkmale der Pest. 

Bei der Weiterfahrt fand Orraeus iiberall die Landhauser verlassen, 
bei den Soldatenposten keine Zeichen der Kontagion. Nur auf einer 
Station nachst der Stadt hoi'te er, dafi dort drei Soldaten und ein Kosak 
gestorben seien und daC der letzte Tote nocb unbeerdigt im Gebiisch 
liege, weil man das Begraben als hochst gef ahrlich f iirchte und deshalb 
auf den Totengraber aus der Moldau warte. 

Am 10. Mai kam Orraeus nach Jassy. Hier fand er dieselben Ver- 
wiistungen wie in Batuschany, offene Hauser mit zerbrochenen Fenstem 
und Tiiren, voU von Kehricht und Triimmern. Hier erfuhr er von den 
russischen Arzten und Chirurgen, wie das tJbel zuerst die Larve des 
Petechialtyphus getragen, sich aber bald als hochst ansteckend und um- 
hergreifend erwiesen, rasch getotet und endlich sich auch durch Bu- 
bonen, Karfunkeln und breite Striemen verraten habe. Sie hatten immer 
und immer wieder miindlich und schriftlich dem General die Pestgefahr 
vorgesteUt, seien aber jedesmal mit Entriistung abgewiesen worden und 
hatten dann erst Glauben gefunden, als Einige aus der Dienerschaft des 
Generals und von seinen Wachen vor seinen Augen an den unzweideu- 
tigen Zeichen der Pest gestorben waren. AbwehrmaBregeln seien fa^t 
gar nicht versucht worden. Noch wohnten die Soldaten bei den Biir- 
gem, und beide pflanzten .die Ansteckung miteinander fort. Kein pest- 
kranker Soldat werde abgesondert, sondem in die allgemeinen Hospitaler 
gebracht. Wenn ein reiches Haus aussterbe, werde es geschlossen und 
von Wachen zur Verhiitung einer Pliinderung umstellt, aber ohne Er- 
folg. Die Leichen der Burger wiirden von besonderen Totengrabem 
beerdigt, verdachtig Erkrankte von ihnen in den nachsten Wald ge- 
bracht. Viele verhehlten das Ubel und blieben in ihren Hausern. Das 
Einzige, was geschahe, sei das langsame Verbrennen von Mist und 
Knochen und anderen Dingen auf den Platzen und Hofen, um mit dem 
stinkenden Ranch die Pest zu bannen. Die Kranken hatten keine HiHe, 
die Reicheren unter ihnen verheUen sich auf den venetianischen Theriak, 
den der Eine von den griechischen Arzten, oder auf die Terra sigillata, 
die der Andere empfehle. Zu den Pestkranken selbst gingen die Beiden 
nicht, da sie sonst von den anderen Patienten gemieden wiirden. Die 
Zahl der Toten betrage bisher mehr als die Halfte aller Burger und 
Soldaten. Die meisten Bader und Krankenwarter und ihre Gehilfen 
seien bereits weggerafft, von den Arzten und Chirurgen bisher einer er- 
krankt. Die offentlichen Badestuben wiirden als Ansteckungsherde ge- 
mieden. 



256 13. Periode. 

Orraeus verlangte nun vom General unverziiglich die Absonderung 
der Pestkranken in ein besonderes Lazarett; die Einrichtung eines zweiten 
Lazarettes fur Genesende und Verdachtige, die Herausf iihrung der Truppen 
aus der Stadt aufs offene Feld und die Unterbrechung des Verkehrs 
zwischen diesen und den Blirgern. Ferner verlangte er vom Stadtrat die 
Reinigung der Stadt, die tagliche Zahlung der Kranken und Toten, das 
Aussetzen der einfaltigen Raucherungen, die Verhiitung von Menschenan- 
sammlungen auf den Markten und in den Kirchen, die Vei'waltung deij 
Lebensmittel; das Begraben oder Verbrennen der Kleider und des Haus- 
rates von Pestkranken, die Beschaffung der notigen Mittel zur Behand- 
lung der Kranken und zum Schutze der Gesunden, vor allem die Be- 
schaffung des Weinessigs. 

Der General gestand alles zu, nur nicbt das Wichtigste, die Ver- 
legung der Soldaten vor die Stadt, da die Moldauischen Fiirsten, die den 
Diwan oder obersten Senat bildeten und immer noch mit frecher Stirne 
die Pest leugneten, ihm bedeutet batten, dafi sie sofort die Stadt ver- 
lassen wiirden, wenn er die Besatzung aufhobe, und da auCerdem die 
Tiirken und Tataren aus Bessarabien her sich der Stadt bereits naherten. 

Erst am 20. Mai gelang es, den Abzug der Truppen durchzusetzen. 
Jedes Regiment bezog ein besonderes Lager zwei oder drei Meilen von 
der Stadt entfernt gegen Bukarest hin. Der General selbst wahlte trotz 
der Abmahnung des Orraeus eine Zeltwohnung in einem groBen Wein- 
berge mit anliegendem Baumgarten, worin mehrere Pestleiehen unter 
Laub verborgen worden waren. Die Folge war, daC manche aus seiner 
Dienerschaft, von seinen Soldaten und Offizieren an der Pest starben 
und er selbst am 29. Mai hinweggerafft wurde. 

Orraeus sah von 413 Kranken, die im Lauf der nachsten sechs 
Wochen in das Pestspital kamen, nur 216 sterben, wahrend bis dahin 
nur sehr wenige von der Pest genesen waren. Die librigen verlielJ er 
am 22. Juni, als er selbst abberufen wurde, voUig gesund oder in Ge- 
nesung. Als das groJJte Hindernis fiir einen gliicklichen Ausgang der 
Krankheit erschien ihm dieses, daC die Soldaten so lange wie moglich 
ihr Kranksein verhehlten, um nicht in das Krankenhaus zu mtissen; sie 
flohen sogar in die nahgelegerien Walder, wo man sie nachher als Leichen 
und von Hunden zerrissen fand. 

In den ersten Tagen des Juni verlegte der Nachfolger von Stoffelns, 
der General Tschernowitsch, das Pesthospital aus unbekannten Griinden 
an das Ufer des Pruth, achtzehn Werst von Jassy entfernt. Der Trans- 
port war schuld, dafi Viele starben, unter Anderen der Chirurge Rosberg. 

Nach der Mitte des Mai erreichte das Sterben seine Hohe. Der Tod 
wahlte nicht mehr wie bisher die Armen und Niedrigen, sondern raffte 
nunmehr auch Offiziere, Geistliche, Arzte, Adlige und Kaufleute hin. Das 



Pestziige aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitimg der Wanderratte. 257 

regnerische warme Wetter schien die Verbreitung des tjbels zu begiin- 
stigen. Denn sobald einen Tag ein Nordwind bei heiterem Himmel wehte, 
minderte sich die Zahl der Erkrankungen, die bei wiederkehrendem Regen 
aufs nene zunahmen. Als Mitte Juni das Wetter trockener nnd bestan- 
diger wurde, lieC die Pest so rasch nach, dafl sie gegen Ende des Mo- 
nats fast erloschen schien, Immerhin glimmte sie hier und dort noch 
einmal auf, bisweilen unter der Gestalt einer gewohnlichen Krankheit. 

In Fockschany und Bukarest trat die Pest spater und milder als Bukarest 
in Jassy auf und erlosch unter den russisclien Truppen bereits anfangs 
Mai. Allmahlich. schlich sich das tJbel in viele Dorfer und Weiler der 
Moldau und Walachei ein, ohne indessen eine wesentliche Niederlage zu 
verursachen. 

Die grofle russische Armee blieb von der Pest verschont, da die Ober- 
bef ehlshaber sie nicht am rechten Pruthufer, wo Dorfer und Weiler liegen, 
sondem am linken unbevolkerten entlang dem Feinde entgegenfuhrte; 
ferner Niemanden ohne Quarantane mit den Soldaten verkehren lieB und 
regelmafiige Besichtigungen, Liiftungen und Reinigungen durch Be- 
sprengen mit Essig vornehmen Hell. Auch vereinigte er die Besatzungen 
von Jassy, Fockschany und Bukarest, die bereits nach einem kurzen 
Marsche vom Kontagium befreit erschienen, mit der Hauptarmee erst 
nach mehreren Wochen. 

Auffallend war, dafi nach den groBen Siegen am FlulJ Larga bei 
Kabul die ungeheure Beute, die man den Feinden abnahm, keine An- 
steckung in das Heer brachte Die Grefangenen versicherten, daB die 
Pest zwar bei den Tiirken geherrscht, aber wenige Tage vor der Schlacht 
bei Kabul — diese war am 21. Juli — aufgeh5rt habe. 

Dasselbe hatte sich in der Festung Bendery gezeigt, wo wahrend 
der Belagerung im Juli 1770 sehr viele der Pest erlagen, bis die Hunds- 
tage dieser rasch ein Ende setzten, wiewohl die Belagerung selbst sich 
bis zum 27. September ausdehnte. 

Ende September brach die Ansteckung in der Hauptarmee aus, als 
das Regiment von der Belagerung der Festung Akjerman mit der Beute 
aus jener Festung zu ihr stieB. Die Seuche erlosch aber rasch wieder, 
als die Lager verlegt wurden. Sie zeigte sich aufs neue, als die Truppen 
am 18. November ihr Winterquartier in Jassy bezogen und dort einige 
Wochen verweilt hatten. Sie erlosch mit den ersten Tagen des neuen 
Jahres und kehrte nicht wieder. (Obbaeus.) 

In Bukarest wiitete sie um so verderbUcher wahrend des Jahres 
1771, und in der Moldau zeigten sich zerstreute Spuren von ihr noch im 
Sommer 1772. 

Wahrend die Pest der Moldau so tief e Wunden schlug, kam sie durch 
den Kriegsverkehr auch nach Siebenbiirgen. Walachische FliichtUnge, ^^^jlg^J 

Stieker, AbhandlnngenL Oeschichte der Pest. 17 



258 13. Periode. 

besonders Ankommlinge aus Bukarest, brachten sie durch die Terzburger 
Quarantane bis nach Kronstadt. In dem letzten walachischen Dorfe 
Rukar, wo tagUch viele Fremde zusammenstromten, hatte sie sich zuerst 
gezeigt. Ende April war dort eine Jiidin daran gestorben nnd in den 
nachsten acht Wochen gab es schon 60 Tote. Im Juni wiitete die Epi- 
demie in dem Gebirgstal, das nordwarts nach Kronstadt geht, erreichte 
im September ihre Hohe und erlosch erst im Januar 1771, nachdem sie 
von 3000 Einwohnem 743 ergriffen und 615 getotet hatte. Auch einige 
benachbarte Orte, die zu Kronstadt, Fogaras und Nagy Sinka gehorten, 
litten im Winter. Im Januar und Februar drang die Pest weiter nord- 
warts bis nach Marosch-Vasarhely vor, verschwand aber im Marz ganz- 
Hch. Das Dorf Bodola im Grenzbezirk, wo Moldau und Walachei zu- 
sammenstofien, wurde Mitte Mai pestfrei. Im Ganzen waren 18 Dorfer 
verseucht worden, aber verbal tnismaBig wenige Einwohner erkrankt. 
Von 1645 Kranken starben 1204, also 73 vom Hundert. 

Ungarn Im Norden von Ungam wurden die Bodroger und Zempliner Ge- 

Polen spannschaften von der Pest kurz besucht. Heftig trat sie in Polen auf ; 
besonders Htten die siidostlichen Woiwodschaf ten. Hier hatten die Bauern 
beim Transport der Soldaten und ihrer Sachen auch zweimal Pestkranke 
befordert und waren angesteckt worden. Viele starben schon wahrend 
der Fahrt. Andere brachten den Tod in ihre Familien. Noch mehr 
trugen zur Pesteinschleppung die Trodeljuden bei, welche in Jassy und 
Chotzim und in anderen angesteckten Orten den Hausrat ausgestorbener 
Hauser aufkauften und diesen verschleppten. Die jiidische Bevolkerung 
wurde am heftigsten ergriffen. Im ganzen wurden in Podolien, Wol- 
hynien und Galizien 47 Stadte und 580 Dorfer ergriffen, 275 Dorfer 
vollig menschenleer gemacht. Es starben im Ganzen gegen 250000 Polen. 
(Ohenot.) 

Wiewohl auCer offentlichen Bittgangen kein Versuch in Polen ge- 
macht wurde, die Seuche einzudammen, lieC sie im Winter 1770 auf 71 
nach und uberschritt die Gi'enzen Wolhyniens und Podoliens nicht. 

PreuBi- PreulJen und Osterreich hatten rechtzeitig die Pestgefahr erkannt 

osten-eTSi ^^^ g^g®^ die polnischen Grenzen Schutzlinien gezogen; zugleich aber 

Kordon die polnischen Grenzen mit ihren Truppen besetzt, als Vonibung fiir die 
zukiinftige Teilung Polens, die am 5. August 1772 ohne weitere Aus- 
breitung der Pest geschah. — Die Erlasse Friedrichs des Grofien vom 
29. August und 27. Oktober 1770 verordneten einen Kordon langs der 
Netze mit der alten strengen Quarantane von 42 Tagen an bestimmten 
Kontumazorten fur Reisende und Waren, gleichgiiltig ob dieses fiir gift- 
f augend galten oder nicht; sie befahlen die AusschUefiung aller Reisen- 
den, die aus notorisch infizierten Provinzen und Orten kamen, und unter- 
sagten insbesondere den Verkehr mit auslandischen Juden. AUe Neben- 



Pestztlge aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 259 

wege muflten vergraben, verhackt und gesperrt, die Briicken entfernt 
und an den Wegen Galgen und Wamungstafeln aufgestellt werden. Am 
30. Marz 1771 wurde die Kontumaz auf achtzehn Tage beschrankt. 

In Wien wurde unter Gerhard van Swietens Leitung das Norma- 
tivum sanitatis als Richtschnur fur die medizinische Polizei ausgearbeitet. 
An den Grenzen wurden die Kontumazen mit Eastellen versehen, mit 
Gattereinrichtungen, um pestsichere Waren von pestverdachtigen Orten 
ohne Gefahr zu ubernehmen. (Schkaud.) 

Auch in weitentfemten Gegenden Deutschlands trafen einzelne vor- 
sichtige Fiirsten Abwehranstalten wider die *Pest. So erliefl der Kur- 
fiirst in Bayern und Herzog zu Jiilich, Cleve und Berg, Karl Theodor, 
am 21. September 1770 zu Dusseldorf den folgenden Befehl: 1. keinen 
fremden Bfettler und Landstreicher ins Land zu lassen. 2. Polnische und 
sonstige fremde Juden nicht einzulassen. 3. Die mit Baren herumwan- 
dernden Polen auszuweisen. 4. Schiffer und Fuhrleute diirfen unter 
Strafe von 24 Rtlr. solche Leute nicht faliren. 5. Alle Reisende sind 
mit einem Gesundheitspasse zu versehen. 6. Derselbe muC das Ziel und 
den Ausgangspunkt des Reisenden enthalt^n, und zwar nach einem vor- 
geschriebenen Formular. 7. Nordisches altes Leinen, Lumpen, WoUe und 
Haare sind als Einfuhr nicht zu akzeptieren. 8. Ortsarme miissen auf 
der Brust ein Schild tragen und diirfen iiber die Grenzen ihrer Ort- 
schaft nicht hinausgehen. 9. Die Beamten haben diese Verordnungen 
strengstens durchzufiihren. (Lebsch.) 

In Groningen werden alle ankommenden Briefe durchrauchert (Trip). 

In London erschien ein Pestbuch von Beownzigg. 

Ubrigens kam es nicht zur Probe auf die Wirksamkeit der Schutz- 
maUregeln in Preufien und OsterreicL Die Pest hat sich den Kordons 
nicht genahert. 

Dagegen drang sie im August 1770 durch den Kordon bei Wassiel- 
kow, wo die Kontumaz nur drei bis zehn Ta^e dauerte,- in Siidrufiland Sud- 
ein. Sie wurde durch Waren aus Podolien nach Kiew gebracht. An- j^-*^ ' 
fanglich verkannt und verspottet, gewann sie rasch eine furchtbare Herr- 
schaft, dafi ein panischer Schrecken entstand und jeder, der nur konnte, 
aus der Stadt floh. Nicht allein die Leute aus der Provinz, die dort 
verweilten, Studenten, Kauf leute, Handwerker, sondern auch viele Burger 
und sogar ein Teil der Stadthaupter. Dennoch raffte die Seuche wahrend 
der Monate September, Oktober und November von 20000 Einwohnern 
4000 Oder 6000 hin. 

Die Fliichtlinge brachten den Keim in verschiedene Stadte und Dorfer 
KleinruBlands. Im Dezember lielJ die Epidemic iiberall von selbst nach Klein- 
und zu Anfang des neuen Jahres verschwand sie nicht nur in Kiew, ^^"'^*'^^ 

17* 



260 13. Periode. 

sondem auch in den anderen Orten allmahlich ganz. Im Fruhjahr flackerte 
sie noch einmal in Kiew auf . 

Von Benderij her wurde sie durcli heimkehrende Truppen nach der 
Ukraine gebracht und totete besonders in den Lazaretten viele Soldaten; 
sie zeigte sich in den Stadten Tschernigow, Perejaslaw und Njezin, er- 
losch. aber in ganz Neuruflland mit Beginn des Winters. Scbeinbar; 
denn im Sommer 1771 brach sie in Njezin aufs neue aus, herrschte hier 
vom Juli bis zum November und totete 8000 oder 10000 Einwohner. 
(Klint.) 
Sjewsk In Groflruflland drang sie auf der StraBe von Kiew nach Moskau 

BHansk ®^^ ^^^ erreichte auf dem halben Wege die Stadte Sjewsk und Brjansk. 

Bei der Ankunft der Pest an den Grenzen Rufilands waren auf Be- 
fehl der Kaiserin Katharina 11. Ende 1770 alle grofieren StraUen mit 
Quarantanen besetzt worden. Im Oktober bildeten die Quarantanen 
Borowsk, Serpuchow, Kuluga, Alexin, Kaschira und Kolomna eine lange 
Schutzlinie mit Verhauen und militarisclien Wachen unter dem Befehl 
des Generals Schipow. 
Moskau In Moskau und Umgebung hatte wahrend der Jahre 1768, 1769 und 

1770 in der kalten Jahreszeit ein anhaltendes Faulfieber, der Abdominal- 
typhus, schon geherrscht. Im Sommer und Herbst 1770 erf rente sich 
die Stadt und ihre Umgebung eines guten Gesundheitszustandes. In- 
dessen ging im Oktober das Geriicht, dafi ein Hausbesitzer, der von der 
Belagerang der Festung Bender heimkehrte und einige gefangene Tiirken 
mit sich fiihrte, diese durch plotzlichen Tod verloren und heimlich habe 
begraben lassen. Die Kunde kam zum Ministerium. Dieses liefi das 
Haus mit Wachen umstellen und alle notigen Vorsichtsmaflregeln durch- 
fiihren, bis die Gefahr voruber schien. Da starb anfangs Oktober der 
Prosektor des Soldatenkrankenhauses Jewsajewski, das auBerhalb der 
deutschen Vorstadt, jenseits des kleinen Flusses Yause auf den Wedensky- 
schen Bergen lag, nach einem dreitagigen Fieber mit Petechien. Zwei 
Krankenwarter, die mit ihren FamiUen im Lazarett in gesonderten Zim- 
mem wohnten, verloren nun rach hintereinander Weiber und Kinder 
und starben selbst an der Fieberkrankheit mit Blutflecken zwischen dem 
dritten und fiinften Tag; bei einigen zeigten sich Bubonen und Kar- 
funkel. Bis Ende November waren fiinfzehn Personen verstorben, fiinf 
lagen noch krank. Die Diagnose des Oberarztes Schafonsky lautete Pest. 
Sie wurde vom Stadtphysikus Kinder verworfen. Am 22. Dezember wurden 
die Moskauer Arzte zusammenberuf en ; auch sie zweifelten nicht, dafi die 
Krankheit die Pest sei und dafi das Soldatenhospital geschlossen werden 
musse. Der Stadtphysikus erklarte sie aufs neue fiir ein gewohnliches 
hitziges Fleck- oder Faulfieber. 

Bei genauer Erforschung ergab sich, dafi zwei Soldaten, die im Ho- 



Pestztlge aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 261 

spital gestorben waren, einen Unteroffizier von Chotzim, an der Grenze 
Bessarabiens, wohin die Pest aus der Moldau \iber Kiew gekommen war, 
begleitet und auf der Reise an Pest verloren batten und dann in das 
Krankenbaus kamen. Die Leichen batte der Prosektor eroffnet, aber die 
Krankbeit ebensowenig wie die Hospitalarzte erkannt. 

Nacbdem im Hospital von 30 Leuten 27 erkrankt und 22 gestorben 
waren, borte das Ubel auf, sicb zu zeigen. Man bielt secbs Wocben 
Quarantane, verbrannte alien Hausrat, die Kleider, die Betten und selbst 
die bolzernen Baracken, worin die Kranken gelegen batten und offnete 
am 1. Marz 1771 das Hospital wieder. 

In der Stadt gescbab trotz der Mabnung der Ajzte zur Vorsicbt 
nicbts. Die Kaufleute und der Pobel verbobnten den Aussprucb der 
Arzte. Eine Krankbeit, die nicbt gleicb Tausende wegrafft, kann nicbt 
die Pest sein. Sogar der Senat UeB einen Ukas drucken und im Lande 
verbreiten, die Seucbe in Moskau sei nicbt die Pest; die Arzte woUten 
unniitzen Scbrecken verbreiten. Und die Kaiserin Katbarina scbrieb nach 
Paris an eine Freundin: Sagen Sie Jedem, der Ibnen erzablt, in Moskau 
berrscbe die Pest, er sei ein Liigner. Wir baben nur ein Fleckfieber 
dort; aber um den allgemeinen Scbrecken und das Gescbwatze zu be- 
rubigen, babe icb alle Mafinabmen, die man wider die Pest zu treffen 
pflegt, befoblen. — Der Adel, der bisber uppige Teste gefeiert batte, 
dacbt« anders; er fing an, die Stadt zu verlassen und auf seine Land- 
sitze zu geben. 

AuBer dem Stadtpbysikus Kinder widerspracben nocb zwei andere 
Arzte dem allgemeinen Gutacbten des Moskauer ArztekoUegiums. Es 
waren das die Doktoren Kublmann und Skiadan. Sie batten anfangs 
der Diagnose Pest beigestimmt, dann aber auf Ebre und Gewissen iliren 
IiTtum erklart. 

Am 11. Marz rief der Graf Saltykow die Arzte Moskaus wieder zu- 
sammen, nacbdem die Polizei erfaliren batte, dafi vom 11. Januar bis 
9. Marz in einer grofien Tucbfabrik, die dicbt am Ufer der Moskwa mitten 
in der Stadt lag, viele Arbeiter und Arbeiterinnen gestorben und beim- 
licb beerdigt worden waren. In dieser Fabrik arbeiteten an dreitausend 
Menseben und ein Drittel von ibnen wobnte in dem untersten Stockwerk 
der Gebaude. Dort fand der Arzt Jagelsky am 9. Marz sieben Leicben 
und acbt Kranke, die mit Petecbien und Vibices, Karfunkeln und Bu- 
bonen bebaftet waren. Die Arbeiter batten ibm erzablt, daU im Januar 
eine Frau vom Lande mit einer Gescbwulst binter dem Obr in die Fabrik 
gekommen und alsbald bei ibrer Freundin gestorben sei. Diese Frau, so 
erganzt Marcus den Bericbt des Orraeus, batte in einem Hause in der 
Prokofkastrafle gewobnt, welcbes auf dem Wege zwiscben dem Militar- 



262 13. Periode. 

hospital und der Tuchfabrik lag. In dem bezeichneten Hause, sowie in 
einem anderen benachbarten hatte zwischen der Epidemie im Hospital 
und dem Ausbruch in der Fabrik ein rasches Sterben alle Insassen bis 
auf jene Frau getotet. Das Sterben war verheimliclit worden. Die Frau 
hatte ZTir Tuchfabrik ihre Zuflucht genommen und der gastfreundlichen 
Familie sterbend das Ubel hinterlassen. Von da ab kamen Tag fiir Tag 
todliche Erkrankungen in der Fabrik vor, so daU am 9.Marz 113 Leichen 
gezahlt wurden, ungerechnet die unbegrabenen 8. 

Andere versichem, das Ubel sei dutch Wollballen aus Polen oder 
aus der Ukraine nach der Tuchfabrik eingeschleppt worden. Jedenfalls 
hat die Seuche in Moskau mindestens von zwei Herden aus, vom Ho- 
spital und von d*er Fabrik, ihren Weg genommen. Lerche bemerkt aber, 
man moge nicht denken, die Soldaten und die Wolle allein seien die 
Pesttrager fiir Moskau gewesen; viele Personen hohen und niederen 
Standes seien vom Heer aus Polen, aus Kiew und aus anderen Orten 
nach Moskau gekommen und hatten die Ansteckung durch ihre Sachen 
einschleppen konnen. Schafonsky meint sogar, es seien schon vor den 
ersten offentlich beredeten Fallen Pesterkrankungen in Moskau vorge- 
kommen, aber nicht erkannt oder verheimlicht worden. 

Die erwahnte Arzteversammlung wahlte eine Kommission von fiinf 
Mitgliedern des Medizinalrates, um die Kranken und Toten in der Fabrik 
zu untersuchen. Diese fand am 11. Marz 8 Leichen und 21 Kranke und 
bestatigte die Ansicht des Doktor Jagelsky wenigstens soweit, daC sie 
zugab, die Krankheit sei der Pest ahnUch und eine Sperre der ver- 
seuchten Statten unumganglich. Am 12. Marz wurde die Fabrik ge- 
schlossen und mit Wachen besetzt. Die Gresunden wurden zur Nachtzeit 
in zwei leere Gebaude an der Stadtgrenze gebracht, die Kranken in das 
Kloster Sanct Nicolaus in Ugresch, fiinfzehn Werst weit vor der Stadt. 
Die Arbeiter der Fabrik, die in der Stadt wohnten, brachte man, da 
auch unter ihnen verdachtige Erkrankungsfalle sich ereignet hatten, in 
ein anderes Kloster auBerhalb der Stadt. Aber bei der Raumung der 
Fabrik entwichen von 2500 Insassen 1770 durch die Fenster in die Stadt, 
so daB der Zweck der Raumung verfehlt war. Die offentlichen Bader 
wurden geschlossen, Beerdigungen innerhalb der Stadt verboten. Jeder 
neue Kranke aus dem Volk wurde nach Sankt Nicolaus gebracht und 
alle, die mit ihm in derselben Wohnung gewesen waren, einer vierzig- 
tagigen Beobachtung auf freiem Felde vor der Stadt unterworfen. Der 
Hausrat der Kranken wurde verbrannt. Wenn ein Burger oder Adliger 
erkrankte, so kamen die Bedienten in die genannte Quarantane; der Herr 
wurde nebst seiner Familie fiir elf Tage in seinem Hause eingeschlossen. 
Am 18. Marz kam Orraeus nach Moskau und versicherte, die Kranken 
im Lazarett seien Pestkranke. Die Folge war eine grofie Flucht des 



Pestziige aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 263 

Adels aus der Stadt; mit dem Adel flohen der Generalgouverneur Sal- 
tykow and andere hohe Beamten. 

Orraeus reiste im April nach St. Petersburg, um vor dem Thron der 
Kaiserin in Gegenwart der Minister und Rate iiber die Zustande in Mos- 
kau zu berichten. Er legte das Zeugnis ab, die dort heiTschende Seuche 
sei die -wahre Pest. Auf die Frage der Kaiserin, ob er mit seinem Kopf 
fiir die Wahrheit seines Ausspruches haften konne, antwortete er mit Ja, 
und nun hatten alle Umtriebe der Pestleugner rasch ein Ende. 

Bis Mitte April erkrankten und starben im Pestspital taglich 25 bis 
40; bis Ende des Monates waren 778 verstorben; dann kamen angebUcb 
nur noch vereinzelte Erkrankungen vor. Im Lazarett gab es nur noch 
ein paar Rekonvaleszenten. Schnell verbreitete sich das Geriicht, in der 
Stadt und im dritten Kloster seien keine neuen Ansteckungen mehr vor- 
gekommen. Das Geiiicht fand um so mehr Glauben, als Ende Juni viele 
von den eingeschlossenen Arbeitem aus der Quarantane entlassen und 
die offentlichen Bader wieder geoffnet wurden. Aber es war eine Tau- 
schung. Die beiden Arzte, welche die Gefahr zuerst erkannt batten und 
sie immer mit offenen Augen sahen, Schafonsky und Jagelsky, fanden 
auch jetzt liberall in der Stadt Pestkranke und Leichen und zeigten, 
daU, wo immer das Ubel ausbrechen mochte, dort vorher einer von den 
entflohenen Tucharbeitern hingekommen war. Das Volk verhehlte seine 
Kranken und verheimlichte die Leichen; es versteckte sie, wie sich spater 
herausgestellt hat, zu vielen Hunderten in den Kellem oder verscharrte 
sie in Hofen und Garten. 

Die Zeichen, mit denen die Krankheit sich aufierte, waren im An- 
fang Petechien und Fieber mit raschem Tode gewesen; bald traten die 
Petechien zuriick, und es gab vorwiegend Schenkelbubonen, allein oder 
mit einzelnen, selten mit mehreren Karfunkeln. Zwischendurch gab es 
Kranke mit reichlichem Schleimauswurf, dem schaumiges Blut beige- 
mengt war; diese starben alle sehr rasch, mochten auch die Kranken 
scheinbar bei guten Kraften und kaum gefahrdet erscheinen. 

Jedenfalls nahm die Zahl der Kranken wahrend des Mai und Juni 
nur langsam zu. Da starben am 2. Juli in einem Hause der Preobra- 
ginskisohen Vorstadt wahrend einer Nacht sechs Personen mit Bubonen, 
Karfunkeln und Petechien. Der siebente Einwohner hatte die Flucht er- 
griffen. Wahrend der f olgenden Tage fand man an verschiedenen Stellen 
der Stadt, in den Hausern und auf der Strafle neue Kranke und Tote. 
Die Zahl der Begrabnisse, die wahrend der vorjahiigen Typhusepidemie 
10 bis 15, nie iiber 30 taglich betragen und bisher auch diese Zahl nicht 
erreicht hatte, stieg Ende Juli auf 200. Viele Kranke starben in vierund- 
zwanzig Stunden, ehe Bubonen oder Karfunkeln sich entwickelt hatten; 
die meisten mit diesen Ausbriichen am dritten oder vierten Tage. 



264 13. Periode. 

Nach anderen Angaben soUen schon im Juai nach der Wieder- 
eroffnung der Bader taglich 40 bis 70 Menschen gestorben und im 
ganzen Monat in der Stadt 994 und in den Hospitalern 105 Leichen ge- 
zahlt worden sein. Im Juli betrug die Gesamtzahl der Toten schon 
7708, tingerechnet die verhehlten Leichen. Ungeheuer wurden jetzt die 
Verluste unter den Krankenwartern, Totengrabern und Polizeisoldaten. 
Ende Juli hatte der Wundarzt Samoilowitsch im Simonowschen Kloster 
liber tausend Kranke und nur einen einzigen Warter. Das fiihrte dazu, 
daC man die Straflinge aus den Gefangnissen unter dem Versprechen 
der Freiheit in den Dienst des Gesundheitsamtes nahm. Sie bekamen 
zum Schutz Wachsleinenkittel, Gesichtsmasken, geteerte Handschuhe. 
Die Pestleichen und verpesteten Sachen zogen sie mit langen Eisen- 
haken aus den Hausem. Das Volk nannte sie Mortxis und fiirchtete sie 
mehr als die Pest. 

Mitte August war die tagliche Todesziffer 400, zu Ende des Monats 
600. Im ganzen August war die Zahl der Toten mehr als das Drei- 
fache im Vergleich zum vorhergehenden Monat; man zahlte in der 
Stadt 6423, in den Spitalern und Quarantanen 840, zusammen also 
7268 Leichen. 

In den ersten Septembertagen gab es taglich 700, 800 und bald uber 
1000 Tote; im ganzen Monat 21401 Tote und hiervon nur 1640 in den 
Krankenhausern. Am 15. September kam es zu einem Aufstande des 
Pobels, der die vom Erzbischof Ambrosius Kamensky verbotenen Kirchen- 
feiern, Prozessionen und Begrabnisse in der Stadt wieder einfiihren 
woUte und iiberdies von der Roheit und Habgier der Mortus und der 
Polizisten, welche den Erkrankten nur die Wahl lieflen, in das Hospital 
geschleppt zu werden oder sich loszukaufen, aufs aufierste gereizt worden 
war. Der Oberadministrator des Sanitatswesens Jeropkin mullte mit 
Waffengewalt die Ruhe wiederherstellen, was ilim in vier Tagen gelang. 
Aber die Zusammenrottungen hatten die Seuche weit verbreitet. Man 
zahlte jetzt taglich 1200 Leichen bei einer Bevolkerung, die vielleicht 
nicht viel iiber 150000 betrug, da von den 250000 bis 300000 Ein- 
wohnern, die Moskau vor dem Ausbruch des Sterbens hatte, etwa ein 
Viertel wie alljahrlich im Marz fiir den Sommer auf das Land gegangen 
war und die Pest selbst eine ganz bedeutende Auswanderung und Sterb- 
lichkeit bewirkt hatte. Lerclie schatzt die Zahl der Zuriickgebliebenen 
im September sogar auf hochstens 80 000. Die ganze Stadt war ein 
groCes Lazarett, worin nur mehr die einfachsten Schutzvorkehrungen 
gegen die Ansteckung von der Behorde angeraten wurden. Die Geist- 
lichen muBten sie in den Kirchen von der Kanzel herab vorlesen: Das 
Volk solle die Beriihrung der Kranken und der Leichen vermeiden, die 
Kleider und Gerate der Verstorbenen verbrennen; die Wohnraume immer 



Pestztlge aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 265 

wieder luften und mit Weihrauch, Kampferspiritus oder Essig ausrauchem; 
haufig Gesicht und Hande mit Essig waschen, iiberhaupt die groCte 
Reinlichkeit iiben. — Den Priestem selbst war befohlen, bei dem Besucli 
der Kranken die reKgiosen Zeremonien auf das AuBerste zu beschranken, 
die Elranken nicht zu beriihren, die Toten ungewaschen und ohne Wechsel 
der Kleider einsargen zu lassen; von den Angehorigen der Verstorbenen 
kein Geld anzunehmen. 

Inzwischen verbreitete sich die Pest auch auUerlialb Moskaus. Mos- Nord- 
kowitische Fliichtlinge brachten sie in die Stadte Kolomna, Jaroslawl, "^^^"^ 
Tula und Kaluga und in mehr als vierzig Dorfer; femer in die Bezirke 
Smolensk, Nishnij Nowgorod, Kasan, Archangelsk, Woronesch und Bjel- 
gorod. Sogar nach St. Petersburg war im August ein Pestfunke ge- 
kommen. Ein Diener des ersten Staatssekretars Kamarow, der von einem 
Landgut zwischen Moskau und Twer gekommen war, erki-ankte im Hause 
jenes Beamten und wurde von Orraeus behandelt, der zugleich in der 
Stille alle Mafiregeln zur Sicherung der Umgebung traf. Eine Anzeige 
an die Behorden unterlieB er, um die unausbleibliclien Streitigkeiten 
iiber die Natur des tJbels, zugleich aber auch die ungeheuere Verwirrung 
zu verhiiten, die das Bekanntwerden des Falles am kaiserlichen Hof und 
im ganzen Reiche zur Folge gehabt haben wiirde. 

Mit dem Eintreten der Frostkalte am 10. Oktober ging die tagliche 
Erkrankungs- und Sterbeziffer in Moskau rasch hinunter. Die Krank- 
heit wurde milder, der Tod verzogerte sich moistens bis zum fiinften 
oder sechsten Tag, die Petechien, Striemen und Karfunkeln kamen 
seltener zur Beobachtung; die moisten Kranken hatten gutartige Bu- 
bonen. Viele Angesteckte gingen mit ihren Bubonen umher, ohne sich 
krank zu fuhlen. Bei einer Kalte zwischen 16 und 21 ® R. unter Null 
im November und Dezember lieB die Seuche allmahlich nach. 

Zu Ende der Pest waren in Moskau von 12538 Hausern 3000 und 
mehr vollig ausgestorben und ungefahr 6000 verseucht. Von 230000 
Einwohnem waren nach den Totenlisten zwischen dem 1. April und 
31. Dezember 1771 gestorben 56 672, davon mindestens 52 000 an der 
Pest. In Wahrheit ist diese Sterbeziffer viel zu gering. Viele Sterbe- 
falle waren im Anfang nicht aufgezeichnet worden und viele Leichen 
warden in der Folge verhehlt. 

In der Umgegend von Moskau hatte die Pest gegen 30000 (Lebchej 
oder 50000 Opfer gefordert (Obeaeus). 

Die Verminderung der Bevolkerung Moskaus durch Tod und Flucht 
machte sich im folgenden Jahre 1772 in der geringen MortaUtat geltend. 
Im Jahre 1773 war die Sterblichkeit weit hoher durch den Ausbruch 
des Krimfiebers unter den heimgekehrten Truppen und der wieder 



266 13. Periode. 

eingezogenen Burgerschaft. Dies zur Erlauterung der folgenden Sterb- 
lichkeitstafel. Es starben in Moskau wahrend der Jahre: 





1771 


1772 


1773 


Januar 




330 


468 


Februar 




352 


468 


Marz 


— 


334 


589 


April 


744 


374 


611 


Mai 


851 


385 


676 


Juni 


1099 


247 


834 


Juli 


1708 


276 


945 


August 


7268 


354 


804 


September 


21401 


238 


525 


Oktober 


17561 


268 


403 


November 


5235 


284 


415 


Dezember 


805 


350 


458 




56672 


3792 


7195 



Im Jahre 1774 betrug die Sterbeziffer 7527, im Jahre 1775 nur 6559. 

Die Opfer der Pest gehorten fast alle dem niederen Volk an. Von 
Adligen und vornehmen Biirgem, die iibrigens zum grofiten Teil auf 
ihre Qiiter oder auf die Dorfer geflohen waren, erkrankten und starben 
nur sehr wenige. Von den Fremden in der „auslandischen Vorstadt" 
raffte die Pest etwa dreihundert niederen Standes weg. Es starben in 
der Stadt zwei Wundarzte, in den Hospitalern zwei Wundarzte und sech- 
zehn ChirurgengehiKen. Der Hospitalarzt Pogaretzky wurde mehrere 
Male angesteckt und genas jedesmal wieder. Ebenso sein Wundarzt 
Samoilowitsch. Von Priestern starbien 150. Von den Totengrabem kamen 
einige Tausend urns Leben; die wenigsten von ihnen blieben langer als 
acht Tage in ihrem Amte gesund; die meisten starben schon in der 
ersten Woche. 

Das kaiserliche Findelhaus mit etwa tausend Kindem und vierhun- 
dert Erwachsenen blieb von der Pest ganz frei. Der Leiter desselben, 
Doktor von Mertens, hatte im Juli aus gesunden Stadtteilen reichliche 
Vorrate von allem Notwendigen hineinschaffen lassen und von den drei 
Toren, welche sich in der sechs Fufi hohen Umzaunung befanden, zwei 
schliefien lassen. Das einzige Tor stand ihm aUein offen. Niemand auBer 
ihm durfte hinein oder hinaus. Zugebrachtes Fleisch muBte vom Metzger 
in Essig gelegt werden; pestfangende Sachen wurden nicht angenommen, 
Briefe in Essig getaucht und gerauchert. Verwandte und Freunde, die 
mit einem der Insassen sprechen wollten, mulJten vor dem Tor in einiger 
Entfernung stehen bleiben. Zweimal am Tage besuchte Mertens das 
Haus und wenn er einen Verdachtigen fand, sonderte er ihn ab und 



Pestziige aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 267 

lieB ilin in einer besonderen Stube bewachen. Auf diese Weise wurden 
sieben Pestkranke binausgefordert, ohne daU das tjbel um sicb griff. 
Kinder, die nachtragKch eingewiesen wurden, liefl er ausziehen, mit Essig 
waschen nnd frisch bekleiden; ihre mitgebrachten Kleider verbrennen; 
sodann hielt er die Kinder drei Wochen in einem besonderen Raum, mn 
sie dann erst, nach abermaliger Reinigung und wiederholtem Kleider- 
wechsel in das Hauptgebaude zu uberfiihren. Auf diese Weise wurden 
im Oktober 150 Kinder aufgenommen. Zwei davon starben wahrend der 
Wartezeit an Pest. 

Mit dem Erloschen der Pest im Dezember fiillten sich die StraCen 
Moskaus wieder mit gewerbetreibenden Blirgem. Im Winter liiftete man 
die Wohnungen, raucherte die Wobnungen aus und rifi alte Holzhauser 
ab. AUe Q-erate und Kleider, die in den verpesteten Hausern zuriick- 
geblieben waren, wurden auflerhalb der Stadt verbrannt; nur die Heiligen- 
bilder, Metallsachen und Dokumente blieben verschont, indem man sie in 
die verwaisten Pfarrkirchen brachte, dort ausraucherte und mit Essig 
wusch. Die Wohnungen der iiberlebenden Einwobner wurden bestandig 
geliiftet und wiederholt mit dem von Doktor Jagelskij zusammengesetzten 
Pulver aus ScHwefel und wohlriechenden Harzen ausgerauchert. Die 
Raucberung wurde durch besondere Beamte kostenlos voUzogen. Diese 
streuten nach sorgfaltiger Verschliefiung und Abdichtung der Raume bei 
geoffneten Schranken und Truhen das Pulver auf eine gliihende Kohlen- 
pfanne und zogen sich dann rasch zuriick, worauf der Raum und alles 
darin Enthaltene von dickem Rauch durchdrungen wurde. Das geschah 
zweimal taglich an drei aufeinanderfolgenden Tagen. In der Verordnung, 
die das Rauchern befahl, hiefl es, dafi durch viele Versuche festgestellt 
sei, dafi der Ansteckungsstoff der gefahrlichen Krankheit so fein und so 
hartnackig sei, dafi er sich jahrelang in den feinsten Poren der Sachen, 
besonders der woUenen Tiicher, wirksam erhalten konne und sich von 
hier gleich einem Feuerfiinken weiterverbreiten und vermehren konne. 
Nur Feuer und Wasser, Frost und Raucberung mit einem zweckmafiigen 
Raucherwerk vermochten ihn zu vernichten. 

Die Raucherungen begannen im Dezember und dauerten bis in das 
Fnibjahr. Das Volk lieC die Raucherer nur ungern in die Hauser ein 
und versuchte immer wieder, verpestete Sachen zu verheimlichen, so dafi 
die Regierung strenge Strafen auf die Hinterziehung und eine Belohnung 
von zwanzig Rubeln fiir die Angeber aussetzte. 

Die hundertundsiebzehn Kirchen Moskaus wurden von den Priestem 
selbst gereinigt durch Abwaschen aller Gerate mit Weihwasser und Essig 
und durch Raucberung mit Weihrauch. Die Q-lockenstricke wurden ab- 
geschnitten und verbrannt. 

Im Februar 1772 holte man iiber tausend Leichen aus den Hausern, 



268 13. Periode. 

wo sie unter den Dielen, auf den Speichern und in den Kellern, in den 
Garten und Hofen verborgen worden waren, und begrub sie auf off en t- 
lichen Friedhofen, ohne dafi sicli weitere Ansteckungen zeigten. 

Als die Pest im September aufs hocliste wiitete, war der Gunstling 
der Kaiserin, der Fiirst Gregor Orlow, mit grofiem Gefolge nach Moskau 
gekommen, um die Seuche und die Unruhen im Volke zu bekampfen. 
Leutselig und furchtlos ging er an sein Werk. Schnell gewann er das 
Vertrauen und den Geliorsam des Volkes. Der Erfolg schien seinen 
Eifer zu lohnen. Bereits im Oktober minderte sicli, wie oben mitgeteilt 
worden ist, die Zahl der Todesfalle und im November war der Riickgang 
der Seuche zweifelios. Nach dem Aufhoren des Ubels wurde Orlow als 
Retter Moskaus gepriesen. Zu seiner Ehrung wurde eine Medaille mit 
dem Bilde des Curtius gepragt. Aber der Hall seiner Neider, die der 
Kaiserin Katharina den Gedanken eingegeben hatten, ihn nach Moskau 
zu senden, siegte. Er wurde bald darauf von einem neuen Gunstling 
verdrangt. Sein Leibarzt, der Doktor Tode, Stabsarzt des Petersburger 
Senates, der ihn nach Moskau begleitet und ihm bei der Organisation 
der AbwehrmaUregeln beratend und helfend zur Seite gestanden hatte, 
erhielt als Lohn fiir seine treue Anhanglichkeit an Orlow erst mehrere 
Jahre nach dem Moskauer Ungliick die dabei verdorbenen Kleider ersetzt; 
weiter Nichts. 

Die Kosten der Pestbekampfung in Moskau belief en sich auf 400000 
Rubel. Nicht gering waren die Aufwendungen zum Schutz der anderen 
Stiidte, besonders der Hauptstadt Petersburg. Diese Stadt wurde im 
Oktober 1771, als die Einwohner vor der Pestgefalir zitterten, mit einem 
Kordon umzingelt, fiir den Fremdenverkehr und fiir die Einwanderung 
von den Provinzen her geschlossen, weil dort Mangel an Lebensmitteln 
entstiinde. Waren durften nur dann eingefiihrt werden, wenn sie aus 
unverseuchten Orten stammten und am Kordon ausgepackt, geliiftet und 
gerauchert worden waren und die Quarantane bestanden hatten. 

Die Sommerresidenz der Kaiserin, Zarskoje Sselo, war mit tiefen 
Graben umgeben worden und nur durch Bretterstege, die von Soldaten 
bewacht wurden, mit der Aufienwelt verbunden. Niemand durfte das 
Schlofi und die Schlofikirche betreten. Die Einwohner muCten ihre 
Hauser liiften, rauchern, die Wande teeren. 

Am 15. November 1772 wurde die Pest in RuBland fiir erloschen 
erklart und die Entseuchung des Reiches durch offentlichen Dankgottes- 
dienst gefeiert. Die Kommission zur Verhiitung und Heilung der Pest 
blieb bis 1775 in Wkksamkeit; natiirlich auch die Dauerquarantane gegen 
die Tiirkei und den Kaukasus. 

Im Dezember 1772 gab es wiederum Pestausbriiche in KleinruBland 



Pestziige aus Persien und Afrika 1725—1819, Ausbreitung der Wanderratte. 269 

und NeuruiJland zwischen Dnjestr und Don, in einigen Stadten und 
Dorfem urn Cherson und Jekaterinoslaw. 

(Oeeaeus, Mindebeb, Lebche, de Meetens, Schafonsku, Samoilowitsch, 
KiiiNT, Beucknee, Maecus, Meltzee, Heckee, Doebeck.) 



Vorder- 
asien 



Wahrend so in der Walachei, in Siebenbiirgen, in RuBland die Pest 
herrschte, wiitete sie auch in Smyrna, wo die Verheemngen der Jahre Smyrna 
1770 und 1771 nicht germge/ "waren als in Moskau. — Konstantinopel 
zahlte mehr als 40 000 Leichen. Auf der Krim herrschte das Ubel be- Krim 
deutend. — In Oberungam verwiistete es das Zempliner Gebiet am 
Bodrog bis nach Zboro und Homonna. In Polen starben binnen zwei Polen 
Jahren 310000 an der Pest. Uber die Moldau und Galizien hinaus kam 
die Ansteckung bis nach Schlesien, ohne sich indessen auszubreiten. Schlesien 

1772 Beulenpest in der Oberpfalz (Andeaas). Oberpfalz 

1773 Pest in Sulaimanieh in Kurdistan; von hier iiber Diarbekr nach 1773 
Mesopotamien. In Bagdad berechnete man aus der verkauften Toten- 
leinwand 50 000 bis 60 000 Leichen (Gael Ritteb). In Bassorah starben 
an Pest und anderen Seuchen gegen 250000. Weiter ging die Pest auf 

die beiden Ufer des persischen Meerbusens iiber. — Sie wiitete in Syrien, 
Konstantinopel, auf der Krim, in Taganrog am Asowschen Meere. Sie 
trat in der Moldau, in Bessarabien und in der Wallachei auf. Von hier 
kam sie wiederum nach Siebenbiirgen und nach Polen. — Ein Ausbruch 
im Terekgebiet nordlich vom Kaukasus, besonders in Mosdok und Kisljar, 
blieb beschrankt (Tholozan). 

1774 schwere Pestepidemie in Kirmanschah in Ostpersien. ^'^^^ 

^ ^ Persien 

1775. Der letzte Pestausbruch in Siebenbiirgen wahrend des Jahres 1776 
1773 veranlafite die osterreichische Regierung von dem Pestarzt Chenot C^^^^ts 
fiir die kaiserlichen Lande eine allgemeine Pestordnung ausarbeiten zu ordntmg 
lassen. Dieser schlug darin eine verbesserte und abgekiirzte Quarantane, 
eine zuverlassigere Behandlung und Reinigung verpesteter Menschen, 
Tiere und Waren und eine Erleichterung des Warenverkehrs vor. Das 
Werk wurde von der Regierung alien arztlichen Oberbeamten des Landes, 
obwohl sie von der Pest keine Ahnung oder hochstens eine mangelhafte 
Vorkenntnis hatten, zur MeinungsauBerung vorgelegt. Die Herren ver- 
handelten sechs Jahre lang, ohne einen Schritt weiter zu kommen. Da 
befahl der Kaiser Joseph, der unniitzen Zeitvergeudung miide, die Sache 
der medizinischen Fakultat in Wien zur gemeinsamen Beratung mit 
Chenot zu iibergeben: „Allein die Kenntnisse und Eigenschaften, welche 
zur Losung einer so viel umfassenden Aufgabe fiihren, sind nicht immer 
im Besitz einer medizinischen Fakultat. Man bestritt jede Zeile seiner 
meisterhaften Arbeit mit kurzsichtiger Anmaflung, zeigte durchweg eine 



270 13. Periode. 

ungelehrige Harte, die keine Grriinde annimmt, wenn bequeme Ansichten 
in Zweifel gezogen werden und lieC ihn die vomehme Gesinnung fiihlen, 
die sich von der Gefahr fernhalt, die Friichte fremder Arbeit nur fiir 
sich in Anspruch nimmt und kein Verdienst anerkennt, ausgenommen 
das eigene." 

Chenots Bemiihungen waren vergeblich. Es blieb bei den alien 
unzweckmaUigen Einrichtungen. Als aber im Jahre 1786 ein neuer Pest- 
ansbruch in Siebenbiirgen fur Osterreich Gefahr brachte, da fragte der 
Kaiser Joseph den siebenbiirgischen Pestarzt allein, als den einzigen 
Mann im Lande, der voiles Wissen und grofie Erfahrung in dieser Sache 
hatte, schrieb eigenhandig sein miindlich abgegebenes Q-utachten nieder 
und machte es zum Gesetz fiir den Ort, wo die Pest zu bekampfen war. 
Es erwies sich auch sofort als wirksam. 

Aber wirksamer und langlebiger war der Hall der Neider Chenots. 
Sie erreichten es, daB seine neue Abhandlung liber die Pest vom Jahre 
1788 erst zehn Jahre spater zum Druck kam und dafi sein letztes Haupt- 
werk, das man im NachlaU fand, liberhaupt nicht gedruckt wurde. Der 
Kaiser Joseph schenkte die Handschrift der Bibliothek zu Klausenburg, 
wo es gegenwartig, noch von keinem Arzt jemals benutzt, vorhanden ist. 
Soweit Heckeb im Jahre 1839. Ich habe mich im Jahre 1897 nach dem 
Manuskript in Klausenburg erkundigt und bekam die Antwort, es sei 
verschwunden. 

1777 Pest in Kleinasien, Konstantinopel, Rumelien. 

1778 in Konstantinopel. 

1780 in Aleppo; in der Ukrane, in Podolien und Galizien, in Zloczow 
und Tarnopol (J. W. Mollek). 

1781 in Albanien und Serbien. 

1782 in Bosnien (Feabi). 

1783 1783 Pestausbruch in Agypten bei niedrigem Nilstand; in Konstan- 

Levante tinopel, in Griechenland. 

Mitte Juni wurde die Ansteckung aus Bosnien durch Tiirken, welche 
Dalmatien die Hungersnot vertrieb, nach Dalmatien gebracht, zunachst in die Nacli- 
barschaft von Pogliza. Im August herrschte sie in Sinij, erschien Mitte 
des Monats bei Imosk, im September in Clissa, im Oktober in Glavaz, 
im November in Spalato. Hier erkrankten bis zum nachsten Jahre 4200 
und starben 3600, also 83 vom Hundert. 1784 breitete sie sich weiter 
in Dalmatien bis San Martino aus. Im Marz 1785 gab es einen neuen 
Ausbruch in Spalato, wo vom 30. Marz bis 5. Juli 1551 Menschen er- 
krankten, 1264, also 82%, starben; daimnter 57 Totengraber. (Bajamonti, 

PiNBLLI, NeUSTADTEB.) 

1784 am 1784 Pest in Cherson am Schwarzen Meer, besonders in Krementschug 

aen Meer ^^^ seiner Umgebung am Dnjepr. Hier kamen von 8000 Einwohnem in 



PestzQge aus Persien und Afrika 1726 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 271 

das Hospital 489 Pestkranke, wovon 240 starben (Samoilowitsch). — 
Pest in Kontantinopel, Smyrna, Beirut (Eusebio Valli, Peus); in 
Alexandrien und Kairo. 

Am 18. Marz kamen von Mekka 150 marokkanische Pilger auf dem Tunis, 
Schiff TAssomption nach Alexandrien, um weiter iiber Marseille nach j^a^^^^o 
Tanger zu fahren. Seit ihrem Aufenthalt in Alexandrien herrschte die 1784—87 
Pest unter ihnen. Das Schiff mullte in Pomegue bei Marseille eine 
Quarantane von fiinfundzwanzig Tagen durchmachen und fuhr dann 
weiter nach Tanger. Auf der Fahrt verloren die Marokkaner drei von 
den ihrigen an der Pest und warfen die Leichen in das Meer. Von der 
Schiffsmannschaft starben bis Tanger und zuriick von Tanger nach Mar- 
seille acht an Bubonen. Inzwischen waren auch in der Quarantane von 
Pomegue vier Gesundheitsbeamte, die das Schiff bewacht hatten, der Pest 
erlegen. Man weiB nicht, was aus den gelandeten Marokkanem in Tanger 
geworden ist, und ob sie die Pest, die 1786 in Marokko herrschte, dort 
verbreitet haben. Sicher ist, daU im April 1784 in Tunis die Pest aus- 
brach und bis Ende Juni heftig wiitete; dann nachlieC, um im Oktober 
aufs neue auszubrechen, sich westwarts nach Badja, nach Bone und 
Konstantine fortzupflanzen. Sie totete vom Marz bis zum 15. Dezember 
in der Stadt Tunis gegen 150000 Menschen. Von Weihnachten ab 
starben in Tunis taglich 200. Die Ansteckung ging weiter nach Lacalle, 
dem Hauptcomptoir der Compagnie royale d'Afrique; von Porto Farina 
wurden am 15. Juni 1785 wieder ein paar Pestkranke in die Quarantane 
von Marseille gebracht. Die Pest verbreitete sich weiter iiber Tripolis, 
wo sie zuletzt im Jahre 1768 gewesen war. — Anfangs Februar 1786 
horte sie im Bezirk von Bone auf, um gegen Ende wieder heftig aus- 
zubrechen und sich westwarts bis Senhadja zu verbreiten. Ende Mai 
starben in Bone taglich gegen 100. Die Epidemic brach in Konstantine 
aus und wiitete den Sommer iiber hier wie in Bone. Gegen den 15. Ok- 
tober zeigte sie sich in Algier und mit einer groBen Hungersnot zugleich 
in Oran. In Algier starben wahi-end der ersten Halfte des Jahres 1787 
mindestens 14334 Muselmanner, 1774 Juden, 613 Europaer, iasgesamt 
also 16721 Einwohner. Manche Kiistenschiffe, Fahrzeuge nach Minorca, 
Marseille und weiterhin wurden verseucht, ohne das Ubel zu verbreiten. 
In Marokko brach eine grolie Epidemie aus. (Guyon, Bebbbugger, 
Pabkin.) — 

Von Konstantinopel kam im Jahre 1785 die Pest nach Varna in 1785 
Bulgarien, von • da donauaufwarts nach Sirmien, w^o „die neue oster- 
reichische Lehre von der Nichtansteckung der Pest" alle Vorsicht be- 
seitigt hatte (Schbaud). 

1786 Pestausbruch in Otschakow bei Odessa (Mindebeb); in Kon- 1786 
stantinopel (Howabd). 



272 13. Periode. 

Sieben- Am 15. September trat sie im Marktflecken Rosenau im Burzen- 

urgen j^j^^j^j, Bezirk von Siebenbiirgen zu einer Zeit auf, wo man weder in 
der Wallachei noch in Ungam von Pest irgend etwas horte. Ein fiinf- 
zehnjaliriger Hirtenknabe namens Pavul Keresstotze war im September 
von den Grenzgebirgen herab zu seinen Eltern nach Rosenau gekommen 
tind dort am 15. des Monats mit Beulen gestorben. Wo der Eiiabe in 
der Wallachei herumgekommen war, wuBte der Vater nicht. Beim 
offentUchen Begrabnisschmaus waren sechzehn Personen gegenwartig ge- 
wesen; nach der Landessitte hatten die Leute wechselweise mit einem 
Loffel Weizenbrei gegessen und sich beim Abschiednehmen gekiiJlt. Von 
diesen starb am 28. September eine Magd, am 29. ebenfalls eine Magd; 
am 7. und 8. Okober wieder zwei Frauen; am 10. Oktober drei Er- 
wachsene, am 11. eine Frau und ein Kind und so weiter. Nur vier von 
den sechzehn blieben verschont. Auch starb am 20. Oktober in Torz- 
burg ein Leichentrager, der am 12. in Rosenau gewesen war. Von Torz- 
burg kam die Ansteckung zu den zerstreuten Hausern der Oberkalli- 
baschen in den Bergen. In alien Hausern von Rosenau, Torzburg und 
im Gebirge zusammen waren vor der Pest 103 Personen. Von diesen 
erkrankten 78, starben 56. Die Krankheitserscheinungen waren Bubonen 
und Karfunkeln, selt^n Striemen. Die meisten starben zwischen dem 
ersten und vierten Tage; wenige spater. Bei einer Frau wurde die 
Sektion gemacht; man fand Lunge und Leber brandig (Neustadtbe). 

• • 

Von Rosenau kam das Ubel auch nach Zeiden und Hobach (Langb). 
1787 1787 ging die Pest fiber Cherson hinaus nach Podolien am Dnjestr 

ufiiaiid ^^^ breitete sich zwischen Mohilew und Jampol aus (Lorinseb). 



r 



ttgypten 



1788 1788 von Konstantinopel nach Alexandrien, Damiette, Kairo und 

Unter- einigen Dorfem. In Kairo starben wahrend des Mai und Juni in sechzig 
Tagen 18000 Tiirken, 3400 Christen, 300 Juden, zusammen iiber 21700 
Menschen. Die Hafenstadt Rosette blieb trotz eines ununterbrochenen 
Verkehrs mit den anderen jigyptischen Hafen frei (di Wolmae). — Ln 
Depailement de la Meuse herrschte eine Epidemic mit Karfunkeln, Lei- 
st-en- und Achselbubonen, wahrscheinlich von der Barbarei her einge- 
schleppt (Pabkin). 

1789 brach in Podolien nach dem Ausgraben einer Leiche die Pest 
bei einer Familie aus, blieb aber beschrankt (Mindbbeb). — Li diesem 
Jahre blieben die Menschen in Kairo von der Pest verschont; aber gleich 
nach dem Erloschen der Epidemic von 1788 brach unter den Katzen 
von Kairo ein allgemeines Sterben aus, das wahrend drei Monaten tag- 
lich eine groBe Anzahl von ihnen wegraffte. Die Tiere wurden plotzlich 
traurig, zogen sich wie betaubt in einen Winkel zuriick, wollten nicht 
fressen und saufen, geiferteri am dritten Tage und starben am vierten 
Oder fiinften unter Krampfen. Bei der Sektion von drei Tieren fand 



Pestztge aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 273 

man das Gehim gequoUen, den Magen vol! Schleim, die Grallenblase prall 
gefullt, den Urin eiterartig. (Wolmae). 

1790. Im September brachte der tiirkische Gesandte Sala Aga von 
Konstantinopel ans einem verpesteten Hause Pelze nach Alexandrien und 
verkaufte sie im Oktober in Kairo bei verschiedenen Beys. In Alexan- 
drien, in Rosette und Damiette brach. um diese Zeit die Pest aus. Audi 
in Kairo ereigneten sich bald iiberall, wo die Pelze hingelangt waren, 
schnelltotende Pesterkrankungen. Ein Pelz, der einem jiidischen Kursch- 
ner zur Aufbesserung iibergeben worden war, brachte die Pest in das 
Judenviertel, von wo aus in den nachsten vierzehn Tagen alle Stadt- 
quartiere verseucht wurden. Es starben zunachst und vomehmlich die 
Turstoher, die Barbiere, die schwarzen und weiBen Sklaven. Anfangs 
November lieC die Seuche vorubergehend nach, um in der Mitte des 
Monats mit emeuter Gewalt auszubrechen. Wahrend sich die Pest in 
Unteragjrpten ausbreitete, herrschte sie auch in Oberagypten. Unter Ober- 
J^ wiederholten Steigerungen und Nachlassen dauerte sie bis zum 16. Juni ^^^ ^" 

— l^Olj i^u^ dann rasch zu erloschen. Die Europaer, die sonst am 20. oder 
^22. juni ihre EinschlieBung aufhoben, blieben dieses Mai bis zum 30. in 
ihren Hausern. In Kairo waren 65000 Tiirken, 17000 Kopten, Griechen 
und Damaszener, 360 Juden gestorben, darunter 5 Europaer und zwar 
zwei Arzte, zwei Monohe und ein Kaufmann. Die Gesamtzahl der Lei- 
chen betrug iiber 83000; aber mehr als die Halfte der 600000 Ein- 
wohner soil pestkrank gewesen sein. (Wolmab.) 

1793 bis 1800 Pest in Alffier. Die ersten Falle waren im Januar 1793 
in Biskra, dann in der Stadt Algier; die Seuche ging bis Konstantine, j^f^ika 
und wiitete heftig im Mai und Juni; dann liefi sie nach, um im April 

des folgenden Jahres aufs neue zu herrschen. Audi in Gran brach sie 
aus und vernichtete hier die Familie Osman, weshalb die Eingeborenen 
t ihr den Namen am habubat Osman, der Pest des Osman gaben. — 
Auch in den Jahren 1795 bis 1799 wurden Algier, Tunis und Gran 
sowie die Schiffe nach Marseille und das Lazarett von Marseille selbst Marseille 
heimgesucht. Im April 1799 erschien das Ubel in Marokko und dau- 
erte hier bis ins andere Jahr. (Guyon, Berbrugger, Graeberg de 
Hbmsob.) 

1794 Pest in Konstantinopel. In Oberagypten litten die Stadte 
Minieh und Melawi und deren Umgebung, das linke Nilufer bis zur 
Stadt Siuth, das rechte ab warts bis zum Dorf des Scheikh Abade. Die 
Ansteckung soil durch einen Kaufmann Achmet Barachat aus Konstan- 
tinopel mittels tiirkischer Waren eingeschleppt Avorden (?); sie erschien 
spater in Bulak bei Kairo und bewirkte hier ein paar Todesfalle. Kairo 
selbst blieb verschont. Zur selben Zeit herrschte die Pest in Rosette 
und Damiette. (pi Wolmar.) 

sticker, AbhandlangenL Geschichte der Pest 18 



274 13. Periode. 

1795 1795 in Konstantinopel. — Von Marokko aus kam die Pest nach 

panien gpanien, wo sie zwei Jahre lang herrschte (Guyon). 

Sirmien Ein Ausbruch in Sirmien, dem Lande zwisehen Donau, Drau und 

Sau nahm seinen Ausgang Ende Juli von Kemjesevcze nahe der tiir- 
kischen Grenze, westlich von Belgrad und SemKn. Ein Weib namens 
Angelica Nedelkowics in dem Ort Irregh, der zwisehen Kernjesevcze 
iind Peterwardein liegt, bekam die Nachricht, dafl in Kernjesevcze ihre 
Schwester erkrankt sei. Sie ging hin und fand sie bereits gestorben 
mitsamt alien Angeh5rigen. Die Hinterlassenschaft, die aus wenigen 
Kleidem bestand, nahm sie mit nach Hause. Hier starb sie am 14. Juli 
nach kurzem Krankenlager. Es folgten ihr in den Tod Nachbarn und 
Verwandte, zuerst alle die in der Griechengasse wohnten, nachher auch 
die in der weiteren Umgebung und Verwandtschaft, so viele von ihnen 
an der Krankenpflege und an den Begrabnissen teilnahmen. Die Arzte 
nannten die Seuche ein Faulfieber, wahrend das Volk bereits von Gruga, 
Pest, murmelte und anfing, nach tiirkischer Art in die Waldungen zu 
fliichten. Bald darauf kam die Nachricht, daU auch im benachbarten 
Neradin sich das Ubel zeige. Hierher hatte es ein Mann aus Kemje- 
sevcze gebracht. Dieser besafi einen Weingarten am Neradiner Gebirge, 
war dorthin gegangen, hatte im Hause des Acza Popowics libernachtet 
und im Bett der Toda Nicolics geschlafen. Die Toda starb am 22. Juli; 
drei Tage nach ihr zwei Weiber, die an ihrer Leiche gewacht hatten, dann 
bis Ende Juli nacheinander dreizehn Personen, meistens Weiber, welche 
die Kranken gewartet und die Leichen besorgt hatten. Am 6. August 
griff en die Behorden mit AbwehrmaUregeln ein, aber die Pest nahm 
ihren Verlauf. Die Sperre von ganz Sirmien gegen die umliegenden 
Gespannschaften wurde verfiigt; das fuhrte bald zum Mangel an Lebens- 
mitteln und zu tiefer Erregung des Volkes. Vergebens betonte der Pest- 
arzt Franz von Schraud, dalJ das Hauptgesetz der Pestbekampfung sein 
miisse, die gewohnte Lebensweise der Leute, den Gang der biirgerlichen 
Verhaltnisse so wenig wie moglich zu beeintrachtigen. Vergebens 
schlug er vor, den Landeskordon durch die Absperrung der einzebien 
Pestherde zu ersetzen, die unverseuchten Ortschaften Sirmiens dem 
Verkehr freizugeben. Die Behorde verschleppte die Angelegenheit. 
Bald brach die Pest in Rivicza, Gergeteg, Jazak aus. Ende August 
waren in Irregh iiber 400 Todesfalle; schon blieben die Toten un- 
beerdigt und ein aashafter Gestank von faulenden Leichen verbreitete 
sich iiber die Nachbarbezirke. Naehdem die Pest dreizehn Monate^ 
vom Juli 1795 bis August 1796 in Sirmien geherrscht und drei Markt- 
ilecke und zehn Dorfer verwiistet hatte, erlosch sie. Vor ihrem Aus- 
bruch zahlten die dreizehn Ortschaften zusammen 19610 Einwohner, 
nach demselben 16175; an der Pest waren 4559, also ein Viertel der 



Pestzuge aus Persien und Afrika 1725—1819. Ausbreitung der Wanderratte. 275 

Bevolkerung, erkrankt gewesen, 3435, also 75% der Erkrankten, ge- 
storben. 

Was von den Gesundheitsbehorden geleistet wnrde, mag das Beispiel 
der Reinigung von Irregh zeigen. Hier wurden in vier Monaten 326 
Hauser von ausgestorbenen Familien niedergerissen, alle Gerate ver- 
brannt, iiber 20000 Fuhren schlechten Haasrates, Lumpen und Mist aus 
dem Ort herausgeschafft und verbrannt. 571 Hauser nebst Schuppen 
und Keller wurden gereinigt und geliiftet. Es zeigte sich, daU von 
1008 Hausem nur 111 der Ansteckung entgangen waren. (von Sckraud.) 

1796 herrschte die Pest in Brjuchowetzkoje am Kaukasus; femer 1796 
in Ciskaukasien, besonders in Jekaterinodar am Kuban, in Taman; aJ^schwaraes 
verschiedenen Stellen des Asowschen und Schwarzen Meeres, im tauri- Meer 
schen Gouvernement, in Varna, Burgas, Konstantinopel. In Varna an 

der bulgarischen Kiiste verliefien die Einwohner mit Riicksicht auf ihre 
traurigen Erfahrungen im Jahre 1785 sofort die Stadt, ohne etwas von 
ihren Sachen mitzunehmen, kehrten nach vier Wochen zuriick, ver- 
brannten aUes Verpestete und hielten das Verschonte drei Tage lang 
unter Wasser; die Pest erlosch. — Weiterhin gab es eine schwere Epi- 
demie in Syrien, besonders in Damaskus und Aleppo. — Einzelne Pest- 
falle wurden in Kairo beobachtet. 

Auch in Serbien, Bosnien und Slavonien herrschte die Ansteckung, 
die wahrscheinlich wie die Pest in Sirmien aus der Wallachei gekommen 
war. (Samoilowitsch, von Schbaud.) 

1797 wiitete die Pest in Suleimanjeh in Kurdistan, wo sie auch im 1797 
nachsten Jahr wieder ausbrach. — Sie brach im Sommer in Konstanti- 
nopel aus. Von hier brachte ein Schiff sie am 21. August nach Odessa. Odessa 
Auf der Fahrt erkrankte ein Matrose; sobald das Schiff im Hafen von 
Odessa ankam, wurde es von der ganzen Mannschaft und vom Kapitan 
verlassen; nur ein alter Matrose blieb bei dem Sterbenden zuriick. Dieser 
wurde von der Hafenverwaltung ans Land gebracht, starb hier und 
wurde beerdigt. Sein Pfleger und die Leute, die den Kranken vom 
Schiff geholt und die Leiche beerdigt hatten, kamen in Quarantane. 
Einer von ihnen erkrankte an der Pest, genas aber. Nachdem der Ge- 
nesene und seine Pfleger wieder drei Monate Quarantane xiberstanden 
hatten, wurden sie freigegeben. Weitere Pesterkrankungen ereigneten 

sich in Odessa nicht. (Samoilowitsch.) — Ebenso brachte ein gestrandetes 
tiirkisches Schiff aus Konstantinopel die Ansteckung nach Korsika; es Korsika 
gab nur ein paar Erkrankungen. — Den Dnjestr auf warts kam die Pest 
nach Podolien, besonders in das Stadtchen Satanow und seine Umgebung 
(Mindsbeb); zugleich nach Ostgalizien. Sie hatte sich zuerst in Chotzim Galizien 
an der osterreichisch-russischen Grenze gezeigt, war von hier aus in die 
benachbarten russischen Provinzen gekonmien und jBing an, im November 

18* 



276 13. Periode. 

nach Ostgalizien sich zu verbreiten. Sie herrschte dort das nachste Jahr 
iiber. Im Tarnopoler Kreis warden fiinf Dorfer mit einer Bevolkerung 
von insgesamt 1492 Seeleii ergriffen; es erkrankten da von 150 und star- 
ben 120. Im Szalescsiker Kreis warden sieben Dorfer mit 3074 Seelen 
verseucht; von 93 Klranken starben 82. Im Bukowiner Kreis verloren 
elf Ortschaften mit 8110 Seelen 248 von 299 Kranken. Fiir die Ein- 
dammung der Seuclie wurde ein Kostenaufwand von 119133 Florin ge- 
macht. (ScHEAUD.) 
Syrien In Syrien gab es einen Ausbruch in St. Jean d'Acre und Jaffa. 

Ober- und Aus Oberagypten wurde eine verheerende Epidemie gemeldet. In 
a^'^^^ten Uiiteragypten trat die Pest milder auf ; sie nahm in Kairo 22500 Tiirken, 
4100 Christen, 570 Juden, insgesamt 27170 Menschen weg; in Alexan- 
Berberei drien war das TJbel noch weniger heftig als in Kairo. In der Berberei 

dauerte die Epidemie fort (vgl. 1793). 
Pest in 1798 herrschte die Pest in Konstantinopel weiter. Von hier soil sie 

n^^en ^^^^^ zvrei Kriegsschiffe aufs neue nach Alexandrien und Damiette ver- 
1798-1800 schleppt und von hier im Mai nach Kairo gekommen sein, wo sie heftig 
wiitete, aber wie gewohnlich mit Ende Juni erlosch. Am 25. Juli nahm 
der General Buonaparte in Kairo den Palast des Murat Bey zum Haupt- 
quartier. Wiewohl kurz zuvor darin iiber 60 Personen an der Pest ge- 
storben waren, zeigte sich jetzt keine Ansteckung mehr. Erst am 
27. Juli und am 20. und 22. August gab es unter der franzosischen 
Armee in Alexandrien, die dort im Juli an Land gekonunen war, ein- 
zelne Falle von Beulenfieber, das sich nun allmahlich von Alexandrien 
nach Rosette und Damiette und iiber einen Teil des Delta ausbreitete, 
um im September sich zu einer Epidemie zu erheben, die im Dezember 
auch die franzosischen Truppen ergriff und von 30000 Mann bis zum 
nachsten Juli 1300 totete. Kairo blieb trotz alien Verkehrs mit dem 
Delta frei (DEsaENETTEs) ; wenigstens kam es nicht zu einer Epidemie. 
Nur einzelne Falle von Synochus lymphaticus miliaris sen petechial^s (Sa- 
VABESi) kamen im Winter dort vor. Sie wurden von den franzosischen 
Arzten angeblich verkannt und auch dann verkannt, als sie sich im,- 
Februar 1799 zu vermehren begannen. Pugnet sprach von einer nova 
febrium cohors, Dann hieC die Krankheit bald allgemein f&vre a bubans, 
offenbar im Auftrag Napoleons, der das Wort Pest vermieden wissen 
wollte. Dafi er die Gefahr kannte, geht niclit nur aus seiner Ver- 
sicherung auf St. Helena hervor (Las Oases), sondern auch aus den Vor- 
kehrungen, die sein Divan in Kairo damals gegen die Pestansteckung 
traf. Dieser erliefi auf Befehl des Generals, um den gefahrlichen Liebes- 
verkehr zwischen den franzosischen Soldaten und den Tiirkinnen zu 
unterbrechen, das Gesetz, daU jedes Weib, welches zwischen dem Februar 
und dem 21. Juli, dem Zeitpunkte, nach welchem in Kairo alle An- 



Pestziige aus Persien und Afrika 1725—1819. Ausbreitung der Wanderratte 277 

steckungsgefahr aufzuhoren pflegt, mit einem Franzosen betroffen wiirde, 
in einen Sack gesteckt und in den Nil geworfen werden soUte. Das 

■ • 

Gesetz wurde fiir ganz Agypten wirksam gemacht. (di Wolmab.) 

Inzwischen wuchs in Syrien wahrend der Belagerung von Jaffa und 
nach der Einnahme der Stadt, die Seuche bis zum Mai an. Die Festung 
St Jean d'Acre wurde vergeblich belagert, weil im franzosischen Heer 
die Pest beftig wiitete. Am 11. Marz besuehte Napoleon das Pestlazarett 
in Jaffa und beriibrte Kranke und Leichen, um den Soldaten zu zeigen, 
dafi die Pest nicbt anstecke. Freilich wuBte er sebr genau, dafi man die 
Pest ebensowobl durcb Beriibrung wie durcb Einatmung fangen konne; 
aber er war der Meinung, die groJJere Gefabr lage in der Furcbt vor der 
Ansteckung. 

Von den Tiirken bedrangt und verfolgt, sab Napoleon sicb beim 
Ruckzug aus Syrien auBerstande, die balbtoten Kranken weiter zu 
scbleppen. So scblug er dem Arzte Desgenettes vor, den Kranken Opium 
zu geben, damit sie leicbter stiirben. Desgenettes erwiderte: General, 
mein Beruf ist es, die Menschen zu beilen, nicbt sie zu toten. (Wabden). 
Die Antwort des Arztes ware scbon, wenn die ganze Erzablung nicbt 
erlogen ware. Sie ist nur eine der Verleumdungen, mit denen man Na- 
poleon bat besudeln woUen (Las Gases, O'Meaba). Nacb der Scblacbt 
bei Abukir am 21. Juli bracb die Pest unter den Franzosen aufs neue 
aus, die Tiirken litten wenig. Am 18. August iibergab Napoleon den 
Oberbefebl dem General Kleber, reiste beimlicb von Kairo weg und 
scbiffte sicb am 23. August mit fiinfbundert Begleitern in Alexandrien 
ein, um in Frankreicb eine politiscbe Krise zu ordnen. Er landete am 
9. Oktober in Frejus an der Kliste der Provence und bracb bier zum 
Entsetzen Europas die Quarantane. Die iiblen Folgen, welcbe die Kon- 
tagionisten vorbersagten, trafen nicbt ein. Vom Juli bis Februar 1800 
setzte die Pest in Agypten vollig aus; dann gab es einen mafligen Aus- 
brucb im Juli, wobei das franzosiscbe Heer 389 Soldaten verlor. (Labeby, 
PuGNET, Desgenettes, Savabesi, di Wolmab.) 

In Podolien dauerte die Pest wabrend des Jabres 1798 an. Sie 
forderte vom Juni bis November nacb der Zablung der Arzte 930 Opfer 
von 1253 Erkrankt^n. In Wii'klicbkeit war die Zabl der Ergriffenen 
und Getoteten weit groBer. Von Podolien breitete sicb das Ubel nord- 
warts nacb Volbynien aus. Es zeigte sicb in der russiscben Quarantane 
von Dubowary und in der Moldau. (Mindebeb.) 

1799 kam ein Pestfall in der Quarantane von Feodosia auf der Krimi799Krim 
vor. Ein Scbiff aus Konstantinopel, unter dessen Mannscbaft auf der 
Fabrt die Pest ausgebrocben und secbs Matrosen getotet batte, bracbte 
ihn bin. Der Kranke wurde in das Hafenlazarett untergebracbt und 



278 13. Periode. 

genas. Das Schiff wurde gereinigt und fuhr weiter nach Taganrog. 
Der Hafen und die Stadt Feodosia blieben verschont. (Samoilowitsch.) 

London Ebenso ereigneten sich in diesem Jahre in London vereinzelte Pest- 

falle nach Offnung einiger Warenballen, die aus der Levante kamen; 
es entstanden keine weiteren Folgen. 

In Fez und Marokko ilammte die Pest zu furchtbarem Wiiten auf. 
Es starben mehrere hundert Tausende. Im nachsten Jahre erlosch sie 
hier wie in der iibrigen Berberei. 

1800 1800 gab es in Agypten nach einer grofien Nilflut eine neue Pest- 

Damiette epidemie. Sie zeigte sich zuerst im Marz in Damiette unter den Fran- 

zosen und blieb anfangs trotz des weiter bestehenden Verkehrs mit den 

anderen Stadten Unteragjrptens auf Damiette beschrankt. Ein Bataillon 

der fiinfundzwanzigsten Halbbrigade, das sehr viele Kranke hatte, brach 

nilaufwarts nach Mansura auf, verier auf dem Marsche nur noch einen 

Kranken und blieb dann frei. Ebenso verier sich die Seuche in der 

Gamison, als diese ihr Lager am anderen Nilufer aufschlug. Beim 

Abnehmen des Nils am 21. November erfolgte ein neuer Ausbruch, der 

jetzt auch unter den Eingeborenen wiitete und weiter landeinwarts bis 

Ober- nach Oberagypten drang. (Pugnet.) Diese Angabe ist nicht erfahrungs- 

ftgypten g^jj^^fj^ ^j^^ ^jp^ auch durch die Nachrichten von der Pest aus Nubien 

im folgenden Jahre unwahrscheinUch. 

Ende des Jahres 1800 war in Kairo die Pest erloschen. Aber im 
Januar des folgenden Jahres wurde sie aus Alexandrien durch einen 
kranken italienischen Kaufmann wieder eingeschleppt und zwar in das 
Haus des Doktor di Wolmar. Da dieser abwesend war, wurde das Ubel, 
wie er sagt, verkannt. Die franzosischen Arzte Desgenettes und Larrey 
deuteten es als Faulfieber. Es erkrankten mehrere Hausgenossen diWol- 
mars und aUmahlich breitete sich die Pest, die auch die Dorfer zwischen 
Alexandrien und Kairo verseuchte, in der letzteren Stadt weiter aus. 
Als die britische Armee, welche am 1. Marz 17 000 Mann stark unter 
Sir Ralph Abercrombie in dem Hafen von Abukir gelandet war, durch 
die verseuchten Dorfer nach Kairo zog, erlitt sie in der zweiten Woche 
des April furchtbare Verluste. (G-. Thompson.) 

Statuten der Grenz- und Hafenquarantanen in RuCland 
(Doebeck). 
-.r^^^ 1801 herrschte die Pest in Nubien und Oberagypten (Parisbt). 

1802 1802 gab es einen geringen Ausbruch in Bagdad; damit war die 

Bagdad p^g^^ ^{q \j^ Mesopotamien seit dem Jahre 1800 sich wiederholt gezeigt 
hatte, bis zum Jahre 1830 erloschen (Tholozan). 

Nur in Konstantinopel erhielt sie sich noch bis zum Jahre 1803 
in mafiiger Starke. Doktor Valli, der berichtet, sie sei dorthin 1802 



Pestztige aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 279 

von Agy3)ten durch zuruckkehrende turkische Truppen neu eingeschleppt 
worden, nahm die Gelegenheit zu seinen Impfversuchen mit Pesteiter 
wahr. 

1803 soil die Pest wiederum von Konstantinopel nach Damiette ge- 
bracht worden sein. Aber sie herrschte wie 1801 oder bereits langer 
auch in diesem Jahre in Oberagypten (Petts). ^ 

1805 starben in Kairo 150000 Menschen an der Pest (Molo). 

1810 herrschte die Pest wiederum in Agypten, von Alexandrien bis 
Suez, von Burlos bis Syene (Pabiset); ebenso war Agypten im folgenden 
Jahr verpestet (Thiek). 

Von 1803 bis 1812 blieb Konstantinopel von der Pest verschont und 
es konnte scheinen, als ob die europaische Tlirkei dauernd befreit bliebe. 
Aber schon hatte sich in tiirkisch Vorderasien ein Pestherd geriihrt, von 
welchem, wie wir berichtet haben,- schon im Jahre 1773 ein beschrankter 
Ausbruch nach Ciskaukasien in das Terekgebiet ausgegangen war. 

Pest iin 

Die Pest im Kaukasas von 1802 bis 1819. Kaukasus 

1798-1819 

Bereits im Jahre 1798 begann in Grusien eine weitverbreitete Pest- 
epidemie, die in den nachsten fiinf Jahren auf die Bergdorfer beschrankt, Berg- 
sich bald hier bald dort zeigte. Im Herbst 1802 kam sie nach der Haupt- 
stadt Georgiens, nach Tiflis, und herrschte hier wie im Dorfe Kodi, das Tiflis 
dreiCig Kilometer siidwestlich von Tiflis 585 Meter hoch iiber dem Meere 
liegt, unter den russischen Truppen. Die Russen begannen Quarantanen 
einzurichten. Aber das Ubel setzte nach einem Nachlafi im Winter im 
Friihjahr 1803 seine Verheerungen fort. Es wiitete unter den Biirgern 
von Tiflis so stark, dafi die Einwohner die Flucht ergreifen woUten. Sie 
wurden eingeschlossen, drohten mit einem allgemeinen Aufstand und 
durchbrachen die Linie. Die armenischen AdUgen, die sich den Russen 
gegeniiber auf ihr altes Recht, in Pestzeiten auf das Land gehen zu 
diirfen, beriefen, wurden eingesperrt. Ende Juli, als die Epidemic nach- 
lieU, wurden alle giftfangenden Sachen, die mit dem Kranken in Be- 
riihrung gekommen waren, auf Befehl des Gesundheitsrates von Kau- 
kasien verbrannt. — Zu Anfang des Sommers war die Pest auch im 
Norden von Imeretien aufgetreten; am 7. August erschien sie in Duschet, 
90 Kilometer nordlich von Tiflis, 988 Meter iiber dem Meei'e. Die Russen 
errichteten zu Duschet, bei Tiflis und Mozdok am linken Terekufer Qua- 
rantanen. In Duschet wiitete die Pest bald so, dafi am 31. August eine Duschet 
allgemeine Flucht in die Berge und Walder entstand. Dasselbe geschah 
in Gori am Kur, wo die Epidemic bis zum 22. November dauerte. 

Inzwischen hatten die Russen am 12. September durch einen strengen 
Kordon den ganzen Kaukasus gesperrt. 



280 13. Periode. 

Kabarda Am 14. Oktober kam die Nachricht, dafi in der Kabarda^ dem Gre- 

birgsland nordlich vom Elbrus und Kasbck, zwischen dem Quellgebiet 
des Kuban und der Sunia, einem NebenflaC des Terek, die Pest ausge- 
brochen sei. Am 4. November kam dieselbe Meldung aus Telaw in 
Kachetien, ostlich von Tiflis. Hier dauerte der Ausbruch bis zum 
22. Dezember. Ende des Jahres 1803 schien die Pest im ganzen Kau- 
kasus erlosclien. 

Im Friihjahr 1804 gab es kleine Ausbriiche in der Umgebung von 
Gori, in Tiflis und in Annanur, nordlich von Duschet, die liberall im 
Juni wieder versiegten. — Die Pest zeigte sich dann in der Festung 
Georgiewsk, nordwestlich von Mozdok; wolgaische Kosaken soUten sie 
dorthin von Alexandrowsky am rechten Terekufer bei ihrer Riickkehr 
nach Astrachan gebracht haben. Nach anderen Nachrichten batten Ta- 
taren sie von Beschtau, Pjatigorsk (Patigora), eingeschleppt. Den Winter 
iiber und im nachsten Fruhjahr horte man nichts von Pest. 

Im Juni und Juli 1805 war im Norden der groBen Kabarda in 
Paulowsky unter den Tataren ein grofles Sterben an Pestbeulen, das sich 
bald den Tscherkessen mitteilte; im Sommer erschien es in Konstantino- 
gorsky am Nordwestabhang der Kabarda, im heutigen Kreise Wladi- 
kawkas, unter den Tschetschenzen ; zu gleicher Zeit im Siidosten des Kau- 
kasus in Elisawethpol auf der StraBe von Tiflis nach Baku; ferner zu 
Bajaset in Armenien, wo es seit achtzig Jahren nicht aufgetreten war 
(Jaubbbt). 

1806 war der ganze nordliche Kaukasus verpestet; die Seuche er- 
griff Georgiewsk, Mozdok, wo sie bis Ende Dezember anhielt, weiter 
westwarts Paulovodsk, wo vom 25. Mai bis 5. Juli 106 Menschen daran 
starben. Ende des Jahres liberschritt die Ansteckung nach Nordwesten 
den Kuban, nach Nordosten den Terek und Kuma; sie erschien bei den 
Astrachan nomadischen Tataren im Dorfe Trech-Protozkoe im Gouvernement Astra- 
chan und im Dorf Tsaref am linken Ufer des Aktuba, ostlich von Za- 
rizin nahe der Kirgisensteppe. 

Im Januar des folgenden Jahres 1807 wurde siid warts ein schwerer 
Ausbruch im Bezirk von Pembeck, an der Grenze von Kars, gemeldet: 
Lasistan im August trat die Pest in der Festung Achalzik und in Lasistan an 
der Siidostkiiste des Schwarzen Meeres auf. Wahrend derselben Zeit 
verheerte die Pest im Norden die kleine, ostliche Kabarda und dezi- 
mierte hier die Bergbewohner; und in der groBen westlichen Kabarda 
entvolkerte sie ganze Dorfer. Auch in Georgien zeigte sie sich aufs 
neue; so in der Festung Kobi auf der StraBe von Tiflis nach Wladi- 
kawkas. Wiewohl die Quarantaneanstalten an der russischen Grenze 
immer weiter vermehrt wurden, so waren sie doch bestandig von Fliicht- 
lingen aus dem Kaukasus uberfiillt. 



Pestziige aus Persien und Afrika 1726—1819. Ausbreitung der Wanderratte. 281 

Wahrend desselben Jahres verbreitete sich die Pest in Astrachan, 
kam wolgaaufwarts bis Zarizin und erreichte anfangs November das 
Gouvernem^nt Saratof, angeljlich durch ein Schiff, das die Quarantane Saratof 
von Zarizin unbehindert passiert hatte. 

Der Gang der Seuche in Astrachan war im Einzebien dieser: Im Astrachan 
Januar 1807 starben im Dorf Ossypno-Bugomoje zwei Tataren an der 
Pest; im Marz im Dorf Kilitschi, welches sechs Kilometer von Astrachan 
liegt, wieder einige Tataren, denen bald mehrere folgten, so daU bis Ende 
April 60 Tote gezahlt wurden. Am 16. April gab es in Astrachan selbst 
Pestfalle. Dann erschien im Mai das Ubel im Wolgadelta in Krasnyi- 
Jar, um sich wahrend des Juli im zugehorigen Kreise weiter auszudehnen. 
Im September wurde Tsaref verseucht, im Oktober der Kreis Tschernyi- 
Jar am rechten Wolganfer, siidlich von Zarizin. Zugleich kamen wieder 
in Trech-Protozkoje Pestfalle vor und in Jenotaewsk, wo zwei Leute an 
der Pest starben; ebenfalls siidlich von Tschernyi-Jar unter den Nomaden. 
Anfangs November erschien die Pest im Gouvernement Saratow, zuerst 
im Dorfe Sosnowka, das mehr als zweihundert Kilometer nach Nord- 
westen von Saratow entfernt an der StraJJe Saratow -Tula liegt. Hier 
setzt die Geschichte mit dem Schiff ein. Diese berichtet, ein erkrankter 
Matrose sei in Zarizin zuriickgelassen worden; auf der weiteren Fahrt 
bis Saratof seien weitere drei Matrosen an der Pest gestorben, der Kapi- 
tan habe sie am Ufer begraben lassen und die Mannschaft habe sich in ^ 

Saratof zerstreut. Die ersten Falle in Sosnowka wurden verkannt und 
als ein ansteckendes Galleniieber bezeichnet. — Weiter wurden wieder 
Pestfalle aus Krasnyi-Jar und Ilowatyi-Jerik, aus Bolyklei und Alexan- 
drowsk berichtet. Ende Dezember war die Pest an den bisher genannten 
Orten fast iiberall erloschen; dafiir trat sie in den Flecken Proleika, 
Grjasnucha, Wodjanoe, Rasguljaewo auf und dauerte hier bis Ende 
Januar 1808, In der Stadt Saratof erschien sie Ende Dezember 1807 
und erlosch voriibergehend im nachsten FebiTiar, um im Friihjahr wieder- 
zukehren. Im ganzen Kreise Saratof hatte es bis Ende des Jahres 
101 Kranke, 91 Tote gegeben. (Milhausen.) 

Vom Dezember 1806 bis Mai 1808 starben im Gouvernement Astra- 
chan 1186 an der Pest, da von in der Stadt Astrachan 650. 

Mit dem Vordringen der Kontagion bis Saratof war Moskau bedroht. 
Die Regierung errichtete sofort an der Grenze des Gouvernements Moskau 
einen ^undurchdringlichen" Kordon. Im Juni 1808 berichtete sie, daU 
die Pest in Astrachan durch die Mafiregeln des Ministerialrates Koso- 
lawleff in Saratow beendet sei. Im August war sie aber auch im Kau- 
kasus verschwunden. (Heine.) 

Es mag hier erwahnt werden, dafl Milhausen den Versuch macht, 
die Astrachaner Pest aus Mekka herzuleiten; die von dort heimkehrenden 



282 13- Periode. 

Pilger hatten sie durch die transkaukasischen Provinzen dem westlichen 
Ufer des Kaspischen Meeres entlang uber die Steppen der Kuma nach 
Astrachan gebracht. Diese weite Herleitung der Pest whfd, wie wir 
sehen werden, im Jahre 1878 fiir die Pest in Astrachan aufs neue er- 
sonnen, ohne Riicksicht darauf, was in viel groflerer Nahe, im Kaukasus 
und auf den Nomadensteppen sich kurz vorher ereignete. 

Im Mai 1808 traten Beulenerkrankungen nordlich von Pjatigorsk im 

Abchasien Kreise Alexandrowski auf. Am 16. August in Abchasien, hier nach der 

Versicherung der Arzte durch den Verkehr der Abchasen mit den Berg- 

bewohnem. — Einfiihrung der Chlorraucherungen und der Desinfektion 

durch heiBe Luft im russischen Kaukasus. 

Ende des Jahres gab es viele Erkrankungen in der Nahe von Kiz- 
liar im Terekdelta, femer im benachbarten Aksai und in Kostukoff, 
welches funfundsechzig Kilometer vom Meere entfernt liegt. Die Er- 
krankungen zeigten sich bis Anfang 1809. 

Im Januar dieses Jahres wurden neue Pestfalle in den tiirkischen 
Grenzprovinzen Transkaukasiens beobachtet; im November in Achalzik. 
Im August wurden Pestkranke in der Quarantane von Michetsk am Zu- 
sammenfluB des Aragba und Kur aufgehalten. 

Wiewohl die Russen im Januar 1810 die Quarantanen an der tiir- 
kischen Grenze befestigt hatten, so brach gleichwohl im Friihling die 
Pest in Tiflis und in den Dorfem um Signach in Kachetien, in einer 
Hohe von 762 Metern iiber dem Meere, aus; ferner in den Dorfem um 
Gori, um Jelisawetpol, um Telaw; bald darauf auch in den genannten 
Stadten selbst. Wiewohl die meisten Einwohner auf das Land flohen, 
so starben auBer den Soldaten doch iiber 3700 bis Mai. Jetzt lieB die 
Seuche in Tiflis, Annanur, Jelisawetpol, Gori, Telaw, Signach, Bortschal 
rasch nach. Im Oktober machte sie neue Ausbriiche am oberen Lauf 
des Kura, in Kartalinien und in Imeretien. Der Stadtbevolkerung wurde 
nun die Riickkehr vom Lande nach Einhaltung einer strengen Quaran- 
tane gestattet; vorher waren die Hauser geliiftet und gereinigt, Lumpen, 
Kehricht und einige schwer verseuchte Hauser verbrannt worden. 

Vom 28. November bis 12. Dezember gab es in Tiflis wiederum viele 
Pestkranke, wovon 42 starben. Wahrend der Belagerung der tiirkischen 
Festung Achalzich im Dezember pliinderte die tatarische und grusische 
Reiterei die umliegenden Ortschaften und brachte dabei die Pest von 
neuem in das russische Heer. 

Wahrend des Jahres 1811 geschahen iiberall in Grusien und Daghe- 
stan neue Ausbriiche der Pest, die im Marz des folgenden Jahres in 
Mozdok und KisUar noch andauerten. Vom Mai 1811 bis Januar 1812 
starben in ganz Ginisien 4264 an der Pest, 1260 genasen. In Tiflis 
starben von 726 Erkrankten 522. Im April berichtete der Statthalter 



PestztLge aus Persien und Afrika 1725 — 1819. Ausbreitung der Wanderratte. 283 

von Kaukasien nach St. Petersburg, dafl durch seine zweckmafiigen Mafi- 
regeln die Pest in ganz Georgien ausgerottet sei. 

Q-leichwohl gab es schon im Mai wieder neue Pesterkrankungen im 
Militarliospital in Tiflis; bis zum Juni 30 Todesfalle. Man sagte, die 
Ansteekung sei aus Imeretien eingescUeppt worden. Aber im Oktober 
brach die Pest im Nordosten des Kaukasus, in Dagestan, in der Um- 
gegend von Wladikawkas, unter den Bergvolkern der Kabarda und im 
Lande der Nagajer, wo sie immer gewesen war, aus; im November war 
sie wieder in Mozdok am Terek und in Tschernigowsk im Kubangebiet. 
Uberall breitete sie sich trotz der scharfsten Q-egenmaCregeln aus. 

Im Juli oder August erschien sie sogar in Feodosia am Schwarzen Krim 
Meer und bald darauf in Odessa. Dafi sie an diese Orte von Konstan- 
tinopel aus gebracht worden sei, ist eine unbewiesene Behauptung und 
keineswegs wahrscheinlich, da seit dem Jahre 1803 in Konstantinopel 
keine Pest beobachtet worden war, sondern erst in diesem Jahre 1812 
wieder auftrat. In Feodosia war der Ausbruch klein und lieU schon im 
Oktober nach. Aber trotz der Sperren kam die Ansteekung weiter iiber 
die Krim und iiber Taurien in die Stadte Simferopol, Kertsch und Jena- 
kale und in die zugehorigen Dorfer und nahm im ganzen 816 Menschen 
weg. In Odessa ereigneten sich die ersten Falle unter den Schauspielern 
des Theaters. Die Krankheit hielt man anf angs f lir ein PetechiaLfieber, 
bis die Stadt und Umgebung verheert und audi die Kreise Tiraspol, 
Olviopol und Cherson verseucht waren. Odessa verier von einer Be- 
volkerung von etwa 25000 Seelen an der Pest im 

August 45 

September 410 

Oktober 1018 

November 471 

Dezember 58 

Januar 13 

Februar 3 

2018 Einwohn er. 

Dazu kamen 335 Todesfalle im Militarhospital, 302 in der Festungs- 
quarantane; zusammen also 2655. Von 3500 Erkrankten genasen nur 845. 
Im Kreise von Tiraspol starben 274, in Olviopol 107; im ganzen Cher- 
sonschen Gouvernement mit Ausnahme von Odessa 1087. 

Spuren der Ansteekung drangen im Jahre 1812 nach Podolien bis 
an die Grenze des Kiewschen Gouvernements vor. 

Im September 1813 zeigte sich die Pest in Tiflis, Gori, Annanur und 
Baku; hier herrschte sie bis Ende des Jahres; auch erschien sie in Kurach 
am gleichnamigen Flusse, der nordlich von Baku, siidlich von Derbent in 



284 13. Periode. Pestziige aus Persien u. Afrika 1725 — 1819. Ausbreitvmg d. Wanderratte. 

das Kaspische Meer miindet. Sie erschien in einigen Dorfern des Jeli- 
sawetgradschen Kreises am Ingul und im Alexandrowskischen Kreise. 
In Bessarabien totete sie 447 Menschen. Sie kam an die bulgfctrische 
Kiiste nach Varna, wo die Einwohner wie friiher flohen (Czbttbkin). 
Auch ans Bosnien warden Falle gemeldet. 

Im folgenden Jahre herrschte die Pest am Westuf er des Kaspischen 
Meeres, besonders in Derbent. Im Oktober gab es wieder uberali im 
nordlichen Kaiikasus einzelne PestfaUe, wovon ein Teil im Dezember in 
die MUitarhospitaler in Mozdok, im benachbarten Jekaterinograd, in 
Wladikawkas und in Georgiewsk im Kumagebiet untergebracht wurde. 
Kas- Im Januar 1815 zeigte sie sich im Bezirk Signach zu Vakiri und 

^Meer -^^^k^> i^ Derbent, ferner in Georgien, im kleinen Dorf Tschartali; in 
Variani. In Krimonikazi batten Leute einen Brunnen geoffnet, worin 
verpestete Sachen verborgen worden waren. Danach starben zwei Fa- 
railien an der Pest aus. Im Oktober war die Pest bei den Abchasen, im 
November in Georgiewsk im Kumagebiet. 

Im Jahre 1816 litten Stavropol und Mozdok, ferner Nikalajewsk und 
die Kosaken von Alexandrowsky; 1817 trat die Seuche in Abschasien, 
1818 an der Militargrenze beim Don auf. 1819 herrschte sie im Norden 
des Kaukasus, in Grusien imd zeigte sich auf dem ttirkischen Ufer des 
Kuban. Im Juli war sie in Jassy, kam von hier im Herbst nach Bess- 
arabien und ergriff die Stadte Ataki am Dnjestr gegenuber Mohilew, 
Brailow, Sawka, Goritschany. 

(Tholozan, Akchanoelsky, Dorbeck.) 



14. Periode. Ausbrttche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda vpn 1812 — 1845. 285 



14. Periode. 

Pestansbrtiche in Indien, in Knrdistan, in Arabien und 
in Zentralafrika mit ihren Ansbreitungen wahrend der 

Jahre 1812 bis 1845. 

Im Jahre 1812 brach in Zentralindien, wo die Pest seit 1702, also Vorder- 
hundertzehn Jahre, nicht gewesen war, die great Ihalawar sickness aus. 1812— 21 
Uberall ging ihr eine schwere Hungersnot und ein Sterben der Ratten 
vorher, so dafl die Eingeborenen bald diese Tiere flohen, die sie bisher 
in Siidgarhwal als Leckerbissen zu verzehren pflegten (Kabl Ritter). 
Die ersten Nachrichten der Seuche beziehen sich auf Ahmedabar, wo 
gegen 50000 Menschen, Hindus und Muselmanner, starben. Rasch ver- 
breitete sich das Ubel auf die Halbinsel Katsch; zunachst nach Kanta- 
kot im Osten der Halbinsel und in die Dorfer des Rannsumpfes. Die 
Krankheit begann mit leichtem Fieber, wozu sich rasch eine groBe 
Schwache und Miidigkeit gesellte und bald Anschwellungen in den Lei- 
sten oder Achseln kamen, die in einigen Fallen vereiterten, in anderen 
verharteten. Wenige von den Erkrankten genasen. Die meisten starben 
zwischen dem dritten und neunten Tage. Brahmanen und Vainos star- 
ben massenhaft; die Radschputanen entkamen dem Ubel; auch die 01- 
handler blieben verschont. 

Von Kantakot zog die Seuche iiber andere Teile von Vagar und 
verbreitete sich in den nachsten vier Jahren iiber die ganze Insel. Im 
Mai 1815 machte sie nach einer grofien Hungersnot in Katsch einen be- 
sonders heftigen Ausbruch; ebenso richtete sie vom Januar bis Marz 1816 
ungeheure Verwiistungen an. Jetzt zog sie wieder weiter sudwarts iiber 
die Halbinsel Grudscherat und nordwarts nach Sindh, wo sie in der 
Hauptstadt Haiderabad wahrend des November ihre Hohe erreichte. 
Zuerst aufierte sie sich uberall als Kokla ha rog oder Tao ha rog, Husten- 
krankheit, spater als Ghant ha rog, Beulenkrankheit. Die Erstergriffenen 
waren fast ausnahmslos Bohoras, Baumwollenspinner, in deren Magazin 
es stets von Ratten wimmelt, welche der BaumwoUensamen anlockt. 



286 1^« Periode. 

1817 wurde die Seuche durch Baumwolle nach Dollera in Kathiawar 

eingeschleppt; sie kam nach Donduka und Limbdi. 1818 herrschte sie 

wieder an der Kiiste des Rann nordlich von Kutsch; im April 1819 in 

Buriad, fiinf Meilen westlich von Dollera; 1820 in Dollera und siidost- 

warts bis Ahmedabad; im Januar 1821 war sie iiberall erloschen. 

(MoEBHEAD, Gilder, Hankin, Whyte, Haeseb^ Simpson.) 

Konstan- In Konstantinopel, wo die Pest seit 1803 nicht mehr gewesen war, 

tinopei |3j,a,ch sie im Sommer 1812 aus und totete bis zum folgenden Jahre 

70000 Menschen. Von dort braclite angeblich ein russischer Offizier 

die Ansteckung nach Odessa durch einen turkischen Shwal, den er unter 

Umgehung der Quarantane einschmuggelte und einer Schauspielerin 

schenkte. Diese erkrankte zuerst, dann das ganze Theaterpersonal; all- 

mahlich breitete sich die Seuche in der Stadt und iiber die benachbarten 

Dorfer aus. In Odessa selbst starben von 25000 Einwohnem 2655 (vgl. 

Seite 283). Von Odessa kam die Pest nach Balta in Podolien und drang 

bis Kronstadt in Siebenbiirgen vor. 

Krim Auch auf der Krim in Kaffa und Feodosia brach sie aus und totete 

dort an 3000 Menschen. 
Klein- Kleinere Ausbriiche wurden in Salonichi, Smyrna und auf Cypern 

asien yerzeichnet. 

1813 1813 herrschte die Pest in Konstantinopel; in Alexandrien, wo 

Unter- |2000 erkrankten und 7000 starben, in Kairo und anderen Stadten und 

Affvpten ' 

Dorfem Unteragyptens. 
Malta Von Alexandrien wurde sie im Mai nach Malta eingeschleppt, das 

sich hundertsiebenunddreiilig Jahre durch seine Hafengesetze der Seuche 
erwehrt hatte. Die Ansteckung geschah durch einen kleinen Ballen 
Leder, den der Schuster Borgi von einem in der Hafenquarantane be- 
findlichen Schiff sich beschafft hatte. Im Mai starben 110, im Juni 800, 
im Juli 1582 Malteser. Im August wurde auch die englische G-amison 
ergriffen. Die kranken Soldaten kamen in ein Lazarett, vor welcheln 
Galgen aufgerichtet wurden zur Drohung fiir alle, welche die Insel ohne 
Erlaubnis verlassen oder betreten wurden. Gleichwohl dauerte der Ver- 
kehr mit den Nachbarinseln durch die Bestechlichkeit der Wachter weiter 
fort, ohne daC eine Ausbreitung des Ubels stattfand; nur die kleine Insel 
Gozzo wurde verseucht. In La Valette litten die Bewohner der Erdge- 
schosse am meisten, weit weniger die oberen Stockwerke. Im Hospital 
beobachtete man, daC aUe GesQhwiire und Wunden, selbst die AderlaC- 
wunden brandig wurden. Die Insel Malta verier im ganzen iiber 6000 
Menschen. (Beooke-Fattlkneb, Faulkneb, Tully, Calvebt, Mileoy.) 

Wahrend der Herrschaft der Pest in Malta machte die englische 
Regierung groJJe Anstrengungen, die jonischen Inseln, besonders Korfu 
vor der Ansteckung zu schiitzen. Sie lieB die Bewohner in ihren Hausern, 



Ausbriiche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 287 

die vorher mit Hilfe zahlreicher Soldner aufs peinlichste gereinigt worden 
waren, bewachen, jeden Tag zweimal arztlich untersuchen, um Pestkranke 
sofort absondem zu konnen und jeden Verkehr derselben mit den Ge- 
sunden zu unterdriicken. Sie verwandelte so jede Wohnung voraber- 
gehend in ein Gefangnis. Tully nannte das die Pest hermetisch ver- 
siegeln. Es gab anf Gozzo, Korfu und Kephalonia nur vereinzelte Falle. 

(TrLLT.) 

Zur selben Zeit wie in Konstantinopel, Agjrpten und Malta richtete Balkan- 
die Pest groCe Verheerungen in Epirus und Thessalien an. Sie kam ^^^ 
weiter nach Varna in Bulgarien und in die Wallachei. In die Haupt- 
stadt Bukarest war sie im Januar und Februar durch das Gefolge des 
tiirkischen Fursten Caradscha aus Konstantinopel gebracht worden. Einer 
der Leute des Fursten war auf dem Wege an der Pest gestorben. Man 
machte daraus in Bukarest ein Geheimnis. Im Marz, April und Mai 
kamen in einigen benachbarten Dorfern bosartige Nervenfieber zum 
Ausbruch, welche viele Menschen wegrafften. Die zur Untersuchung 
abgeschickten Arzte kamen mit nichtssagenden Erklarungen zuriick. Im 
Juni zeigten sich undeutliche Anfange der Seuche in Bukarest selbst. Bukarest 
Der Doktor Mesitsch, der von Pest sprach, wurde verhohnt. Das tJbel 
ging von Haus zu Haus, immer nur durch den Besuch der Kranken 
oder durch Verschleppung ihrer Sachen weitergegeben. Erst als zehn, 
zwolf Familien angesteckt und rasch ausgestorben waren, wurde die Pest 
anerkannt. Im Anfang waren die meisten Kranken rasch, binnen dreiflig 
und vierzig Stunden gestorben, ohne daU sich andere Storungen gezeigt 
hatten als Fieber mit Prosteln, Schwindel, Ubelkeit, rasch zunehmende 
Mattigkeit und Benommenheit; dabei ein kalkartiger Zungenbelag, 
Schwache und Kleinheit des Pulses und bei manchen Kranken, besonders 
bei Kindem, Unruhe, Irrereden und Krampfe. Hingegen zeigten sich 
die auCeren Pestmerkmale, namentlich Bubonen, erst spater, als die 
Krankheit sich auf den dritten und vierten Tag verlangerte. Karfunkeln, 
die seltener aber mitunter in groBer Anzahl bis zu einem Dutzend am 
selben Kranken ausbrachen, erschienen nicht vor dem vierten, fiinften 
oder sechsten Tage; Blutflecken und Striemen erst am sechsten bis 
achten Tage. — Im Juli und August gab es taglich 16 bis 20 Ange- 
steckte. In den feuchten Herbstmonaten nahm die Zahl der Kranken 
rasch zu und stieg auf 80, selbst 100 am Tage. Ende Januar zeigte 
sich, ohne daJJ irgend etwas zur Eindammung der Seuche geschehen 
ware, eine plotzliche Abnahme in der Zahl der Erkrankungsfalle und 
ebenso in der Bosartigkeit des Ubels, so dafi die Kranken nicht mehr 
fast ausnahmslos binnen vier Tagen starben, sondern langer litten und 
in grofier Zahl genasen. Es mischten sich nur noch einzelne Falle von 
hoher Bosartigkeit dazwischen. Im trockenen und kalten Februar und 



288 14. Periode. 

Marz nahm die Epidemie weiter ab, um aber erst im Juni ganzlich zu 
erloschen. — Am verderblichsten hatte sich das Ubel bei den Kindern 
gezeigt; von zehn erkrankten kam kaum eines durch. Fette and schwam- 
mige Menschen, sowie nervose magere Konstitutionen erlagen fast sicher; 
ebenso war die Verbindung der Pest mit Syphilis und Skorbut verhang- 
nisvoll. Von 80000 Einwohnern starben 25000 bis 30000. (Grohmann.) 
Sieben- In Siebenbiirgen und in der Moldau waren die Verheerungen durch 

btirgen ^-^ p^^^ nicht minder groC. Nur einzelne Falle wurden im Banat, in 
Slavonien und Kroatien langs des osterreichischen Kordons beobachtet; 
besonders in den Kontumazen zu Semlin und Tomos. (Lobinseb.) 

■ ■ 

1814 1814 dauerte die Pest in Konstantinopel und in Agypten fort. Sie 
^^^'"'^ wiitete in Smyrna und sonst in der Turkei; in Smyrna starben binnen 
Arabien ftinf Monfiiten 35000 Menschen. Sie herrschte in Arabien, besonders 

unter den Pilgem von Mekka, hierher angeblich durch agyptische Trup- 
pen eingeschleppt (Bubckardt). In Belgrad raffte sie 4000, in der Um- 
gebung davon 10000 oder 12000 weg. Sie kam von Konstantinopel 
durch tiirkische Truppen nach Novi Bazar in Bosnien, dann zu den 
Truppen des Agar von Mostar und durch diese liber das ganze Land; 
Hungersnot und Komvergiftung mit Taumellolch vermehrten ihre 
Bosnien Schrecken; es starben in Bosnien an 106000 Menschen, mehr als die 
Halfte der Einwohner. (Fbabi, Pavlssich.) Auch in der Wallachei und 
in Siebenbiirgen herrschte sie (Thibk). 

1815 1815 brach eine morderische Epidemie in dem Hochlande Assir an 
der Westkiiste Arabiens aus, die bis Dschedda und Jambo im Hedschas 
zog und auch nach Mekka kam, wo indessen weit weniger Menschen 
ergriffen wurden als an den anderen Orten. Medina blieb ganz ver- 
schont, gemaiJ dem alten G-lauben der Mohamedaner, dafi die heiligen 
Orte unter dem Schutz des Propheten stehen und keine Seuche an ihnen 
gedeihe. (Pbuneb, Tholozan.) — Auch in Unteragypten herrschte die 
Pest heftig; in Kairo starben im Mai an einzelnen Tagen 1400 bis 
1500 Menschen. 

Levante In Konstantinopel wurde die Seuche nach dem Bairamfest allgemein. 

Sie verbreitete sich iiber Bosnien und kam von hier nach Dalmatien, 
nachdem, wie es hiefi, die alten Truppen des osterreichischen Genzkordons 
durch neue unerfahrene ersetzt worden waren und Uberschwemmungen 
und andere Unwetter den Dienst erschweit hatten. Besonders heftig 
waren die Verheerungen in der Stadt Macarsca; hier erkrankten von 
1646 Einwohnern 625, also 43 vom Hundert, und starben 596, mehr als 
ein Drittel der Bevolkerung. Im Bezirk erkrankten von 7317 Menschen 
1340, also 18 vom Hundert, und starben 1252, ein Sechstel der Bevolke- 
ining. Das Ubel schritt vor bis Fiume, Istrien und auf die Insel Triniti. 
land I™ November zeigte sich die Pest unter den osterreichischen Trup- 



Ausbrtiche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1815. 289 

pen zu Raska im Grenzbezirk von Peterwardein; auch durchbrach sie 
mit Hilfe von Schmugglem vorubergehend den osterreicliischen Kordon 
auf der Strecke Belgrad-Semlin. In Semlin starben 14 daran. 

Auch Korfu und andere griechische Inseln hatten einige Pestfalle. 
(Frabi, Pavissich, Lobinser.) 

Pest in Noja vom Jahre 1815 bis 1816. 

Ende November starb zu Noja in Apulien, einem Stadtchen von Noja 
5400 Seelen, das nahe an der Kuste des Adriatischen Meeres gelegen, 
einen starken Seeverkehr mit Triest, Venedig und den pestverseuchten 
dahnatischen Inseln unterhielt, plotzlich der sechzigjahrige Gartner Di- 
donna; sehr sehnell darauf seine Frau, bei der man einen Leistenbubo 
fand. Dann erkrankten die Verwandten, die den Hausrat geerbt hatten, 
und zwei Frauen, welche die Wasche der Erkrankten gereinigt hatten. 
Alle starben. 

Abcangelo d'Onofbio berichtet tiber diesen Vorgang folgendes: In 
der Gemeinde Noja beobachtete man schon seit langerer Zeit eine Volks- 
krankheit, die sich in Driisenschwellungen auiJerte und von Erkaltungen 
oder unterdriicktem Schweifi herriihren soUte. Die Leute nannten sie 
Mdl delta Bezza, wenn die Achseldriisen, Sciascetiola oder Pietra di Sale, 
wenn die Leistendriisen geschwollen waren. Das waren harmlose Er- 
krankungen, die gliicklich verliefen, Eine bosartige Krankheit mit Drii- 
senschwellungen brach im November aus. Zuerst erkrankte am 21. No- 
vember ein sechzigjahriger Mann, der am Abend mit Schiittelfrost und 
nachfolgender Fieberhitze sich hinlegte, am anderen Morgen liber heftigen 
Schwindel klagte und bald eine unvoUstandige Lahmung der linken 
Seite, Stottern, krampfhafte Bewegungen der Augen und verfallene Ztige 
zeigte und am dritten Tage nach erschopfendem Schweifi und Durchfall 
starb. Schon am 22. erkrankte seine Frau mit Atemnot, Fieber und 
grofier Entkraftung; sie bekam Erbrechen und Durchfall und starb eben- 
falls am dritten Tage, nachdem bei ihr eine schmerzhafte Schlvellung 
in der rechten Leiste sich entwickelt hatte. Vier Frauen und ein Mann, 
welche die Kranken besucht hatten, starben unter gleichen Erscheinungen: 
Schwache, Erbrechen, Durchfall, Stammeln, kleiner haufiger Puis, Krampfe. 
Auch bei ihnen trat der Tod am dritten . und sogar am zweiten Tage 
ein. Zugleich mit den Frauen oder bald nach ihnen starben ihre Kinder. 
Bei ihnen zeigten sich Driisenschwellungen an verschiedenen Korperteilen. 

Von MoBEA wird nach amtlichen Quellen der Beginn der Seuche 
folgendermafien dargestellt: In den ersten Tagen des Dezember sprach 
man in der Provinz Bari hier und da davon, daC in Noja die Pest 
herrsche. Der Reichsgesundheitsrat in Neapel hatte mit Riicksicht auf 

Sticker, Abhandlnngen I. Geschieht« der Pest. 19 



290 1^- Periode. 

das Walten der Seuche in Malta und in Dalmatien im Juli eine Denk- 
schrift iiber die Pest verfertigt und an die Landrate geschickt. Diese 
wieder hatten sie den gelehrtesten und rechtschaffensten Arzten der 
Gemeinden mitteilen lassen. Am 12. Dezember meldete der Chirurg 
Vincenzo Musci in Bari, dafi wahrscheinlich in Noja Pestfalle seien. Zwei 
Professoren wurden um ilir Gutachten ersucht. Sie nahmen mit dem 
Syndikus, den Arzten von Noja und einigen Hausbesitzem den Tat- 
bestand auf und erfuhren, daB zwar einige Leute plotzlich ohne arztliche 
Hilfe an einem Fleckfieber verstorben seien, daiJ aber von Pest nicht die 
Rede sein konne. Es handele sicli um Typhus oder um ein fauliges 
Fleckfieber. Das Pestgeriicht beruhe auf einer leeren Fiircht des 
Pobels. Die vier Verstorbenen seien ganz arme Leute gewesen, die erst 
im letzten Augenblick zum Arzt schickten; bei zweien davon, einer Frau 
und einem Kinde, seien kleine Anschwellungen der Leistendriisen be- 
merkt worden. 

Aus der stadtischen Sterbeliste ergab sich aber, dafi seit Anfang 
Dezember vierzehn Personen gestorben waren, vier davon an einem Fleck- 
fieber, namlich eine Frau von 45 Jahren am elf ten Krankheitstage, deren 
zwanzigjahrige Tochter am siebenten Tage mit einer Leistengeschwulst; 
ein Kind von zwolf Jahren am dritten, ein anderes von dreizehn Jahren 
am siebenten Tage mit einer Leistengeschwulst. Die anderen zehn waren 
verscliiedenen Krankheiten erlegen. Im November hatte es acht, im 
Oktober vierzehn Todesfalle gegeben, kein Fleckfieber darunter. 

Als die Professoren nun die Hauser, worin sich die Todesfalle er- 
eignet hatten, besuchten, fanden sie noch zehn Kranke, vier davon im 
Fieber; ferner eine Frauenleiche mit einem Leistenbubo. Sie gaben dem 
Gesundheitsrat iiber alles Bericht und schlossen diesen mit der trost- 
lichen Versicherung, dafi der Pestlarm grundlos sei. Infolgedessen wurde 
in Noja offentlich verkiindet, es sei ein bosartiges anhaltendes Fieber als 
Folge von Elend und schlechten Nahrungsmitteln ausgebrochen. Damit 
beruhigte man das Volk. 

Aber der Direktor des Gesundheitsamtes beruhigte sich dabei keines- 
wegs. Er verlangte vom Syndikus einen neuen Bericht. Die beiden Pro- 
fessoren stellten fest, dafi mit ihrem ersten Besuch am 13. Dezember das 
Sterben aufgehort habe, dafi aber wahrend der letzten Tage vor dem 
28. Dezember wiederum zehn Menschen binnen dem dritten und siebenten 
Krankheitstag unter Fieber, Irrereden, grofier Abgeschlagenheit und 
schmerzlosen Anschwellungen der Leisten und Achseldriisen gestorben 
seien. Bei einigen hatten sich Karfunkeln oder Brandbeulen mit einzelnen 
linsengrofien Blutflecken gezeigt. Das Ubel habe sich als ansteckend 
erwiesen und bedrohe innerhalb der Familie besonders Frauen und Kinder, 
ginge auch auf diejenigen iiber, welche die Kranken pflegten und ihre 



Ausbrttche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 291 

Wasche reinigten. — Bei genauer Nachforschung liabe sich heraxisgestellt, 
dalJ der erste Kranke ein Gartner Ldborius Didonna gewesen sei, der am 
23. November gestorben sei. 

Man konnte nun die Verbreitung des Ubels von Fall zu Fall ver- 
folgen. Jetzt soil ten die Arzte sich ohne Umscliweif erklaren, ob Pest 
vorliege oder nicht. Nach griindlicher Beratung faflten sie den BeschluB, 
die Krankheit ein pestilentialisches Fieber zu nennen^ aber um keine 
Vorsieht zu unterlassen, machten sie den Vorschlag, die Stadt in Kriegs- 
zustand zu erklaren. Das geschah sofort am 28. Dezember. 

tJber die verseuchten Hauser und iiber die ergriffenen StraUen wurde 
die Sperre verhangt, die Kirchen geschlossen, um die ganze Stadt ein 
Militarkordon gezogen. Inzwischen hatte sich das Pestgeriicht so ver- 
starkt, daC bereits vor der Sperre viele Familien aus Noja in die Um- 
gebung aufs Land geflohen und eine Anzahl von Fuhrleuten weit in die 
Pi'ovinz hinein gelangt waren. 

Die Sperre wurde so ausgefiihrt, dafl man um die Stadt zwei tiefe 
und breite Graben zog, die nur durch eine Zugbriicke iiberschritten 
werden konnten. Bei der Briicke stand eine Wache im Gewehr. Der 
Militarkordon um die Stadt wurde fur verdachtig erklart, als ein Kano- 
nikus aus Noja zwei Wachtsoldaten mit einem Kartenspiel beschenkte. 
Sofort umschlofi man den ersten Kordon in einem Abstand von zehn 
Meilen mit einem zweiten. Der Geistliche und die beiden Soldaten 
wurden ins Gefangnis geworfen und alsbald vor allem Volk erschossen. 
Da sich aber der erste Kordon nach einigen Tagen als unversehrt er- 
wiesen hatte, wurde die weitere Umzingelung wieder aufgehoben. 

Am 9. Januar wurde die Seuche offentUch Pest genannt, Italien 
durch einen Kordon um die Provinz Ban und entlang der Kiiste ge- 
schiitzt und die Schiffahrt fiir die Kiiste von Ban gesperrt. Fiinf Per- 
sonen, welche den Kordon zu durchbrechen versuchten, wurden erschossen. 

Der Obergesundheitsrat in Neapel erliefi nun genaue Mafiregeln ftir 
die Arzte, Krankenpileger und Burger. Die Arate und Pfleger muflten 
auf hohen Holzstelzen gehen, Anziige, Kapuzen und Masken aus Wachs- 
leinwand anziehen, die allzugrofle Nahe der Kranken vermeiden; sie 
durften keine Kranken und Leichen beriihren und sollten Stocke tragen, 
um die Kranken von sich abzuwehren. Sie mufiten nach jedem Kranken- 
besuch Gesicht und Hande mit Essigwasser waschen, danach jedesmal 
die bloBen Korperteile einolen oder einfetten. Spitaler und Hauser soil- 
ten sie durch Raucherungen mit Salpetersaure und Besprengungen mit 
aromatischem Essig taglich reinigen. Ganz besonders wurde ihnen aufer- 
legt, guten Wein zu trinken, bittere Spirituosen mit Mafl zu genieflen, 
ofters zu schwitzen imd den Leib offen zu halten, mit Gewalt alle triiben 

Gedanken fernzuhalten und so vergnligt wie moglich zu sein. 

19* 



292 14- Periode. 

Die Seuche breitete sich weiter in der Stadt aus. Bei den weitaus 
meisten Kranken zeigten sich jetzt Schenkelbubonen, bei einigen Achsel- 
geschwiilste oder Geschwiilste am Halse. Neben den Bubonen gab es 
Anthxaxbeulen, auf dem Rucken und an den Schultern bei den Mannern, 
bei den Frauen auch an den Brustwarzen und Schamlippen. Das Auf- 
treten von weiCen Pustebi war verbangnisvolL Die Zunge, welche die 
Kranken auf Befragen hervorstreckten, wies immer nach der Seite der 
Bubonen oder Karfunkeln bin; so versicherfce wenigstens am 29. Februar 
die Gesundheitskommission, die aus zwolf Professoren und vier prak- 
tischen Arzten bestand. Schwangere Frauen abortierten sofort, wenn sie 
erkrankten und starben alle, wahrend die Wochnerinnen meistens gliick- 
lich durchkamen. Nasenbluten war bedenklich. Zu den selteneren Krank- 
heitserscheinungen gehorte der Verlust eines Auges durch Entziindung. 

An den Leichen vermiflte man die Totenstarre; man fand an ihnen 
blaue Flecken, besonders an den abliangigen Stellen des Rumpfes, an 
den GliedmaCen und an den Schamteilen. Die Haut iiber den Bubonen 
und den Anthraxgeschwiilsten, sowie die Umgebung der Nase sah man 
mit kleinen violetten Flecken und weiiJlichen Streifen besetzt. Bei zwei 
Leicbeneroffnungen konnte man in den drei grofien Korperhohlen und 
an ihren Eingeweiden gar nichts Krankhaftes wahmehmen. 

Bis Mitte Januar liatte das Ubel nur die Armen in den elenden 
Stadtteilen heimgesucht; dann kam es auch unter die Wolilhabenden. 
Im Februar und Marz heiTschte es heftig. Im Mai milderte sich das 
Krankheitsbild und die Sterblichkeit; es genasen jetzt die meisten Kran- 
ken, wahrend zu Beginn der Seuche von den ersten 134 Kranken kein 
einziger genesen war. Am 7. Juni wurde der letzte Todesfall verzeich- 
net; am 12. gab es noch sechs Kranke im Hospital. Im ganzen waren 
von 5413 Einwohnern 921 erkrankt, 728, also der siebente Mensch, 
gestorben. 

Nun schritt man zur Reinigung der Stadt. 192 Hauser der Armen 
wurden verbrannt, die Armen und Verpesteten mit neuen Kleidern, 
Betten und Hausgeraten versehen. Am 27. September wurde die Haus- 
sperre, die 273 Tage gedauert hatte, gelost; am 1. November der Stadt 
die libera pratica fiir das Konigreich gegeben und mit einem feierlichen 
Te Deum Gott gedankt. Der Finanzminister erhielt vom Konig beider 
Sizilien, Ferdinand dem Ersten, die Entlastung fiir die Gemeindeschuld 
von 14000 Dukaten. 

Die Nachricht von der Pest in Noja hatte ganz Europa in Schrecken 
versetzt. In Italien und besonders in Apulien erwartete man taglich 
Ausbriiche der Seuche an alien den Orten, wohin Leute aus Noja vor 
der EinschlieCung der Stadt geflohen waren. Als durch die Zeitungen 



Ausbruche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 293 

die Nachricht ging, ein Hund habe den Kordon durchbrochen, da war 
die Anfregung ungeheuer. 

Die Seuche, deren Herkunft im Dunklen blieb, breitete sich nichfc 
aus, wiewohl es schien, als ob die Kriege und MiUemten, die seit drei 
Jahren Italien erschopft und in der Provinz Bari eine groBe Hungersnot 
erzeugt hatten, ihr den Boden aufs beste zubereitet hatten. 

(BozzELLi, d'Onofrio, Morea, Schonbekg, Corradi, Ventignano.) 

Wahrend die Pest in Noja herrschte, gab es auch in Neapel ein 1816 
paar Falle, die keine weiteren Folgen hatten (Richardson); ebenso gab ^^^^^^^ 
es vereinzelte Pesterkrankungen in fast alien Quarantanelazaretten des 
Mittellandischen und des Schwarzen Meeres (Pruner). 

1816 herrschte die Pest wieder in Konstantinopel; auch Pera wurde 
ergriffen und selbst Bujukdere, der Zufluchtsort der europaischen Ge- 
sandten, der sonst verschont zu bleiben pflegte. In Smyrna, auf Oypem, 
auf Kreta, in Alexandrien dauerte eine heftige Epidemic bis zum Hoch- 
sommer; in Kanea auf Kreta und Salonichi war sie noch im September. 
Ebenso litt Korfu, das bereits am 5. Januar verseucht worden und wo 
die Eingeborenen das ganze Dorf Marattia niederbrannten, bis zu Ende 
des Herbstes (Morea); femer die Halbinsel Morea und Albanien. Auf 
Malta, gab es kleine Ausbruche (Hennen). 

1817. Pest in Konstantinopel. — In Arabien. Mekkapilger brachten 1817 
die Ansteckung nach Algier und weiter in die Berberei; sie verbreitete g^^^^^ei 
sich in den nachsten Jahren iiber Tunis, Tripolis und Marokko. Im 
Sommer 1817 starben in Bona und Algier taglich Hunderte; im folgen- 
den Jahre, wo es eine groBe Nilflut gab, verseuchte sie die Atlasdorfer 
und gelangte auch bereits nach Tanger; hier starben im August 160, 
im September 267, im Oktober 479 Einwohner. Femer wurden Tetnan, 
Mequinez, Fez ergriffen. In Tunis wurde die Seuche von den meisten 
Arzten verkannt. Der Doktor Eusebio Santilli, der sie fiir die wahre 
Pest erklarte, wurde vom Bey als Storer der offentlichen Ruhe zum 
Tode verurteilt und nur durch die Fiirsprache eines angesehenen Hof- 
beamten zu Gefangnis und Stockpriigel begnadigt (Passeri). In der 
Stadt Tunis starben vom Januar bis Juli 1819 mindestens 9000 Menschen 
an der Seuche. Fast in der ganzen Berberei kehrten die Ausbruche all- 
jahrlich wieder bis zum Jahre 1822. Dann erlosch die Pest an alien 
Punkten. (Graeberg von Hemsoe, Guyon.) 

1819 war ein furchtbarer Pestausbruch in Konstantinopel, der in das 1819 
Serail eindrang und auch viele Fremde totete (Pruner). Von jetzt ab tj^o^^" 
wurde bis zum Jahre 1850 die Tiirkei von der Pest nicht mehr frei; sie 1819—60 
herrschte iiberall in den tiirkischen Provinzen am Schwarzen Meer und 
drang wiederholt aus den Hafen nach Siidrufiland ein. Dabei schien sie 



294 1^- Periode. 

in den russischen Kaukasuslandern zur Ruhe gekommen zu sein. Nur 
in Transkaukasien und in der Gegend ostlich vom Urmiasee werden 
wir weiterhin haufigere Ausbriiche finden (vgl. die Pest im Kaukasus 
1798 — 1819). — Im Sommer kam die Pest nach Jassy und im Herbst 
von hier nach Bessarabien in die Stadte Ataki, Brailow, Sawka und 
Groritschany. Auch in Odessa zeigte sie sich. (Waradinoff bei Dorbbck.) 

1820 1820 kam die Pest von der Nordkiiste Afrikas auf die balearischen 

Balearen j^seln; zuerst im Mai zur Ostkiiste von Majorka beim Kap Pera, wo sie 
anfanglich verkannt und als ein hitziges Fieber bezeichnet wurde. Sie 
verbreitete sich in der Stadt Arta und den Dorfern San Severa und 
San Lorenzo; hier gab es vom 15. bis 20. Juni 197 Tote und 23 Ge- 
nesene. Im Ganzen verloren die genannten Oite von 7564 Einwohnern 
1944, also nahezu ein Drittel. Im Winter kam die Seuche nach Palma 
und raffte von 33000 Menschen 8000, also ein Viertel, weg. Auf den 
Balearen zusammen starben mehr als 12000. (Graeberg von Hemsoe.) 

1821 Ausbruch in Erzerum. 

1822 1822. Nachdem die im Jahre 1812 bis zur Westkiiste von Hindostan 
m^di^n vorgedrungene Pest im Jahre 1821 iiberall erloschen war, bereitete sich 

an den siidlichen Abhangen des Himalaya ein neuer Ausbruch der groBen 
Krankheit, der Mahamnri, vor. Er begann in der Schneeregion in den 
Dorfern der Bezirke Nagpur und Budham nach ein em vorhergehenden 
Rattensterben. Bei dem Zwolfjahrfest der Fakire von Nasik in Kidar- 
nath kam es zur weiteren Ausbreitung der Ansteckung. Zuerst starb 
der Tempelpriester an der neuen Krankheit, weil er von den Satzungen, 
welche die Schastras fair die religiosen Feiern vorschreiben, abgewichen 
war; nach ihm starben alle Brahminen, die ilim beim Opfer beigestanden 
hatten. Von Kidarnath ging die Seuche auf die zum Tempel gehorigen 
Dorfer iiber und verbreitete sich dann allmahUch tiber Garhwal und 
Kumaon. 1823 kam sie nach Pali im Radschputana, dem englischen 
Handelsemporium zwischen Gudscherat und Zentralindien, westlich vom 
Aravaligebirge, an einem Nebenflufi des Luni, der in den See von Katsch 
miindet. Auch auf der Halbinsel Katsch gab es weite Verheerungen. 
(Webb, Ranken, Indian Commission.) 

Seit 1822 sind die uralten Pestherde in den Gebieten Garhwal und 
Kumaon fast ununterbrochen wirksam gewesen; die Dorfer dieser Ge- 
biete haben bis zum Jahre 1897 mindestens dreiCig Mahamariausbriiche 
erlitten. 

Im selben Jahre gab es eine weitere Epidemic in der Tiirkei und 
in Agypten; hier tritt sie alljahrUch bis zum Jahre 1832 auf. 

1823 1823 Pest in Transkaukasien, in Eriwan, Elisawetpol, Schemacha und 
Kaukasus jj^ der Nahe von Tiflis (Tholozan). 



Ausbruche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 295 
1824 in den armenischen Bergketten zwischen Erzefum und Trape- 1824 

znnt (LaCHAzb). Armenien 

In Alexandrien nur zwei oder drei Pestfalle; in Kairo starben gegen Nildelta, 
30000. — Aus Kleinasien wnrde die Pest iiber den Hafen von Sisopol haibinsei 
bei Burgas und iiber Varna an der bulgarischen Kiiste nach der Moldau 
und Wallachei gebracht, wo seit 1813 keine Pest mehr gewesen war. 
Sie kam bis zu den russischen Grenzfestungen. Vom 21. November bis 
zum 3. Februar des folgenden Jahres herrschte sie in der neuerbauten 
russisclien Handelsstadt Tutschkoff an der Donau. In diese Stadt, die Tutsch- 
bei der Donaufestung Ismail angelegt war und etwa fiinftausend Ein- ^°^ 
wohner zahlte, wurde sie durch Schleichhandel aus der Moldau ver- 
schleppt. Sie zeigte sich zuerst in einer armen Familie, von welcher vier 
Mitglieder am zweiten oder dritten Krankheitstage starben. Die Polizei 
schopfte Verdacht auf Pest und sehloB sofort das verseuchte Haus und 
dreizehn Nachbarhauser und zog im Umkreis derselben einen Graben 
von sechs Full Tiefe und drei Fufl Breite, an dessen aulJerem Rande 
von zehn zu zehn Schritten eine Wache mit scharfgeladenem Gewehr 
jeden Verkehr der Hauser untereinander und mit der Stadt verhinderte. 
Inzwischen batten zwei Arzte die wieder ausgegrabenen Leichen be- 
sichtigt und die Vermutung bestatigt; sie hatten an den Leichen Leisten- 
bubonen und Petechien gefunden. Schon nach drei Tagen gab es in 
neun der abgesperrten Hauser mehrere gleichartige Erkrankungen und 
bald waren auch die iibrigen vier Hauser angesteckt. Ein Wachtsoldat 
suchte, vom Hunger getrieben, nachtlicherweUe in einem der gesperrten 
Hauser Nahrung. Er erkrankte am folgenden Tage und wurde in das 
Militarhospital gebracht, wo man seine Krankheit zu spat als Pest er- 
kannte. Das Ubel hatte sich sofort den meisten Kranken der Abteilung, 
wo er lag, mitgeteilt und sich durch Krankenwarter auch auf eine 
zweite Abteilung verbreitet. Bis zum 3. Februar 1825 erkrankten nach 
und nach in dem gesperrten Stadtteil 49 Menschen, im Lazarett 34 Sol- 
daten. Von den 83 Kranken starben 75. Die auBeren Zeichen waren 
Bubonen, Karfunkeln, Flecken und Striemen oder Husten und Blutaus- 
wurf. Die Krankheit totete die Ergriffenen spatestens am vierten Tage, 
einige schon binnen zwolf Stunden. 

Die Reinigung der abgesperrten Hauser war folgendermafien ge- 
schehen: Die Raume wurden mit Chlordampfen durchrauchert; alles Holz- 
werk mit Seifenlauge gewaschen, Bettzeug, Lagerstroh und die gebrauch- 
ten Kleider im Freien verbrannt, die iibrigen Sachen geliiftet, die Haus- 
tiere getotet. Die Menschen wurden mit verdiinnter Schwefelsaure ge- 
waschen und mit neuen Kleidern versehen. Die Erkrankten brachte 
man in ein freistehendes Haus, das fiir beide Geschlechter geteilt war, 
mit einem Graben umzogen und mit Wachtposten umgeben wurde. Zwei 



v96 14- Periode. 

Arzte und Wai-ter, die gegerbte Lederkleider trugen, besorgten die 
Kranken. So oft einer in den gesperrten Hausern neu erkrankte, wurde 
die Reinigung des betreffenden Hauses wiederholt. Die Genesenen 
wtu'den mit verdiinnter Schwefelsaure gewaschen und in neuen Kleidern 
in ein Quarantanehaus gebracht, wo sie 24 bis 40 Tage abzuwarten 
hatten und dann nach abermaliger Reinigung entlassen wurden. Die 
Toten wurden auf einem entfernten Felde nackt zwischen zwei Lagen 
von ungeloschtem Kalk begi*aben. 

Zum Schutz der Umgebung lieB der Gouverneur die Festung Ismail 
sperren und die Stadt, soweit nicht die Donau herumfloC, mit einem 
Graben umziehen und diesen alle dreilJig Schritt von einem Militar- 
posten, im Ganzen von 350 Soldaten bewachen, die alle zwei Stunden 
abgelost wurden. Der Kordon war an einer einzigen Stelle durch ein 
Rastell mit sechs Hiitten unterbrochen, wo Lebens- und Brennmittel 
aufgenommen, Geld und Brief e vorschriftsmaflig gereinigt wurden und 
Leute, die etwa aus besonderen Griinden die Stadt verlassen muJJten, 
eine Wartezeit von sechzehn Tagen zu bestehen hatten. Eine solche 
Vergiinstigung war aber von vornherein nur unter der Bedingung vor- 
ausgesehen, dafi keine Erkrankungen sich auflerhalb der gesperrten Hauser 
ereignen wurden. Die innere Ordnung der Stadt wurde durch vier Be- 
zirksvorsteher und vier Arzte erhalten. Diese muCten taglich zu be- 
stimmter Stunde alle Hauser ihres Bezirks besuehen und iiber den Ge- 
sundheitszustand jedes einzelnen Einwohners wachen und berichten. Der 
Gouverneur der Provinz, der an der Sperrungslinie wohnte, hatte allein das 
Recht, sich taglich in die Stadt zu begeben, um iiberall die Oberaufsicht 
zu fiihren. Mit diesen Mitteln wurde die Pest auf Tutschkoff beschrankt 
und bis zum 3. Februar beendet. Am 15. Marz konnte die Sperre auf- 
gehoben werden. (Lobinseb, Dobbeck.) 

1825 1825. Vom 11. bis 20. Februar erkrankten in der deutschen Kolonie 
Moldau Bjj^pi^Jj^ ^q a^jj ^j^P Grenze zwischen der Moldau und Bessarabien, fiinf- 

undzwanzig Kilometer ndrdlich von Tutsckoff gelegen ist, in fiinfzehn 
Hausern 30 Kranke an Pestbeulen; 22 starben. Man traf dieselben Mafl- 
regeln wie in Tutschkoff. Die fiinfzehn Hauser wurden gesperrt, das 
Dorf und sechs benachbarte Ansiedlungen mit einem Kordon umzogen, 
die Kranken und die Bewohner der verseuchten Hauser in die benach- 
barte Ansiedlung Packow gebracht und unter Quarantane gestellt, die 
verlassenen Hauser in Barth mit allem Inhalt verbrannt. 

Weitere Ausbriiche wurden in Bukarest und in einigen bohmischen 
Dorfern begrenzt. 

In Eriwan in Araienien gab es eine groBere Epidemic, die sich 

1826 1826 nach Diarbekr, Mosul, Urfa und Aleppo verbreitete und in die 
Armenien -Q^j^^j, des Libanon, so wie nach Beirut kam (Lachj^ze). Ferner herrschte 



Ausbrftche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 297 

die Pest in Konstantinopel, woher sie iiber Burgas wieder nach Bukarest 
kam; in Arabien; in Alexandrien. 

Schiffe mit agyptischen Truppen, die 222 Tage zuvor von Alexan- Griechen- 
drien abgefahren waren und inzwischen verschiedene Hafen angelaufen ioog_28 
hatten, sollen im August die Pest nach dem Fort Morea gebracht haben, 
ohne dafi sich unter der Mannschaft ein verdachtiger Fall ereignet hatte. 
Auch in Morea selbst" erkrankten nur die Eingeborenen des Hafens, nicht 
die Truppen der pesttragenden Schiffe. Von Morea kam die Ansteckung 
liber Griechenlandj wo sie bis in das Jahr 1828 herrschte. Am meisten 
litten die Hafenstadte Navarino, Khoroni, Modoni und die Inseln Aegina 
und Hydra. Es erkrankten im Ganzen 1113 Griechen und starben 783, 
also 70 vom Hundert. (Grassi, Gosse.) 

1827 wiitete die Seuche von Trapezunt bis Konstantinopel an der 1827 
ganzen Kiiste des Schwarzen Meeres. — In Erzerum wurden die russi- 
schen Truppen, die im Fruhjahr einzogen, angesteckt. Eine Hungers not 

in Armenien begiinstigte die Ausbreitung des tJbels in der naheren und 
weiteren Umgebung von Erzerum. Es brach im Spatherbst heftiger aus, 
schlich den Winter uber wieder langsam fort, um im Mai 1828 eine neue 
Epidemie zu verursachen. (Tholozan.) 

Vom Ende des Jahres 1827 bis zum April 1828 gab es in Bukarest 
viele sporadische Pestfalle. 

1828 bis 29 groBer Beulenpestausbruch in Hansi in der Provinz 1828 
Delhi, sudwestlieh vom endemischen Mahamarigebiet (Hutcheson, Skinneb). ^^jf^,^' 

Pest in Kleinasien, in Smyrna auch unter den Fremden; in Syrien, Levante 
besonders in Tripoli. Eine franzosische Kommission, Pariset, Lagasquie, 
Dumont, Guilhou, D'Arcet und Felix, wurde nach Agypten zum Studium 
der Pest geschickt. Sie fand im Delta iiberall das endemische Beulen- 
fieber, aber keine Pestepidemie, ging deshalb nach Tripoli, wo sie einen 
frischen Ausbruch beobachtete. (Pabiset.) 

Der Beginn des russisch-turkischen Krieges wurde von einer neuen Kaukasus 
Epidemie im Kaukasus gefolgt. Man meinte, die Ziige der tiirkischen ^^ggl^^^J^ 
Soldaten gegen den Kaukasus hatten die Pest eingeschleppt und die 
Unordnungen in den Quarantanen seien der Grund fiir die weiteren 
Ausbriiche auf russischem Gebiet geworden (Czetybkin). Die Meinung, 
als ob der Kaukasus von 1819 bis 1828 pestfrei gewesen ware, wird 
durch die Mitteilungen aus den Jahren 1823 und 1827 geniigend wider- 
legt. Der Gang der Pest im Kaukasus war, soweit die Kriegsbewegungen 
ihn bestimmten oder von ihm beeinflufit wurden, der folgende: 

Anfangs 1828 zogen tiirkische Truppen von Erzerum, wo im Jahre 
zuvor eine schwere Hungers not und jetzt die Pest herrschte, nach der 
Festung Kars. Hier brach bald darauf die Pest aus. Als nun die rus- 



298 1^ Periode. 

sischen Soldaten Kars erstiirmt hatten, zeigte sich schon nach drei Tagen 
bei ihnen die Ansteckung, die im Mai binnen zwanzig Tagen nach amt- 
lichen Quellen 520, nicht, wie Czetyrkin angibt, 60 Soldaten hinraffte, 
und sich rasch iiber das russische Lager ausdehnte. Sofort liefl der 
General Paskewitsch die Kranken aussondem, die einzelnen Truppenteile 
auseinandernicken und in weiten Zwischenraumen ihre Zelte beziehen, 
alle Soldaten vom Feldmarschall bis zum letzten Trommler taglich unter- 
snchen und jeden Krankheitsfall melden, die Leute taglich baden, ihre 
Sachen in Wasser abspiilen und die Gepackwagen, die Pferde und das 
Schlachtvieh im FluB waschen. Die Soldaten durften nichts mit blolJen 
Handen anfassen, sondem nur mit eingeolten Handschuhen. Die Lager- 
platze wurden haufig fluCaufwarts gewechselt und dabei jedesmal alle 
Riickstande des Lagers verbrannt. 

Unter diesen MaUnahmen erlosch die Seuche in der Feldarmee wah- 
rend des Juni, herrschte aber unter der Bevolkerung und Besatzung von 
Kars bis zum November; auf der Hohe der Epidemic im August starben 
taglich 80 Menschen. Um das Jahr 1825 hatte die Stadt 50000 bis 
60000 Einwohner; beim Beginn des Krieges wanderte die armenische 
Bevolkerung aus. Von den zuruckgebliebenen 10000 oder 12000 Men- 
schen raffte die Pest 2600 weg. Daneben gab es nur 46 Genesungen. 
Die Sterblichkeit betrug also 98,2 ^j^. Von der Besatzung erkrankten 
binnen drei Monaten 146, die Halfte genas. — Heute hat, nebenbei be- 
merkt, Kars kaum 4000 oder 5000 Einwohner (Seevebs, Asien). 

Am 17. Juli konnte der Oberbefehlshaber die kriegerischen Opera- 
tionen wieder aufnehmen. Er eroberte Ardahan und Erzerum und liefi 
dann die chersonesischen Grenadiere iiber Georgien zuruckkehren. Diese 
soUen die Pest nach Gori am linken Ufer der Kura und in die benach- 
barten Dorfer gebracht haben. Die Dorfer wurden verbrannt und ihre 
Bewohner in strenger Quarantane gehalten. 

Trotz der ununterbrochenen Wirksamkeit des alten Kordons im Kau- 
kasus und eines neu errichteten Militarkordons an der russisch-tiirkischen 
Grenze, trotz der strengsfen vierzigtagigen Quarantane fiir alle heim- 
kehrenden Truppen und Reisenden im Kaukasus und an der Grenze 
Ciskaukasiens nahm die Pest ihren Verlauf iiber Georgien, wo sie be- 
sonders im Dezember herrschte, und iiber Transkaukasien, wo sie sich 
in den beiden folgenden Jahren wiederholt in kleinei-en und groCeren 
vereinzelten Ausbriichen zeigte und im Jahre 1830 neben der Cholera 
ihre Wut entfaltete. 

Schon vor der Ankunft der russischen Truppen hatte sich im Mai 
1828 die Pest in Bajaset, das zwanzig Kilometer siidwestlich vom Ararat 
liegt, gezeigt und allmahlich ausgedehnt. Noch zwischen dem 15. und 
29. Dezember lagen 112 Pestkranke im Lazarett; dann erlosch das Ubel. 



AusbrUche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 299 

Femer war sie in Ardahan, fiinfzig Kilometer nordlich von Kars, auf- 
getreten. 

Im Herbst 1828 brachten tiirkische Gefangene die Pest in die Qua- 
rantane von Gumri, bei dem im Jahre 1801 gegriindeten Alexandropol, 
1547 Meter liber dem Meer, 65 Kilometer nordwestlich von Eriwan. Am 
25. November ereignete sich ein Pestfall in Karaklissa, nordlich von 
Grumri, bei einem Donschen Kosaken. Einige kleine Ausbriiche ge- 
schahen in Armenien nahe der tiirkischen Grenze. Sie wurden jedesmal 
schnell gedampft. 

Ferner zeigte sich die Pest in zwei kleinen Dorfern am DebetiluC, 
VestUch von der Quarantine Gerger, die siidlich von Karaklissa lag. 
Sie war angeblich durch armenische Fliichtlinge eingeschleppt worden 
und zeigte sich bald so morderisch, dafi die Dorfbewohner in die Berge 
flohen. — Am 13. Dezember brach eine kleine Epidemie in Kulpa, 68 Kilo- 
meter westlich von Eriwan, aus; es starben 35 Menschen. Am 28. Dezem- 
ber wurde das Dorf Achtarak, nahe bei Eriwan ergriffen und verier von 
13 Erkrankten 6. Im Dorf Kochakelissa, das nordlich vom See Goktscha 
im Bezirk Bortschal liegt, starben 4 an der Pest. 

Wahrend des Jahres 1829 gab es nur einzelne Meldungen von Pest 
in Kaukasien, dafur aber Ausbriiche in Nordpersien. Am 10. Marz brach 
das tjbel in der Festung Achalzick nach einem Ausfall der Russen auf 
die tiirkischen Belagerer aus. 

Am 23. Juli 1830 begann eine Epidemie im Dorfe Eimalu, siidwest- Nord- 
lich von Eriwan; schon am 5. August war sie in fast alien Dorfern des P^^^^^®^ 
Kaukasus, am 27. September in Schirwan in Persien nahe der Nordgrenze 
gegen Turkestan, in Kekke bei den Turkmenen, in Kizliar am Terek in 
Ciskaukasien. Das war dieselbe Zeit, als die Cholera in Baku, Kuba, 
Schirwan und am Talysch wiitete. Nun iiberzog die Pest mit einer un- 
begreiflichen Schnelligkeit ganz Mesopotamien bis Bagdad. Sie erschien Meso- 
in Kirmandschah, Hamadan, Kurdistan, Masenderan, Asterabad, Rescht ^° *™i®^ 
und entvolkerte ganze Stadte und Dorfer. Es machte den Eindruck, als 
ob uberall zugleich Pestexplosionen stattgefunden hatten. In Bagdad Bagdad 
war sie am 31. Marz. Die Einwohner sperrten sich in ihren Hausern 
ab. Aber die Katzen, welche von Dach zu Dach verkehrten, verbreiteten 
die Seuche, die zwischen dem 16. und 21. April Tag fiir Tag gegen 
2000 Opfer forderte und im Ganzen bis zum 26. Mai iiber 100000 weg- 
raffte. Im Armenquartier starben von 130 Hausern 103 ganz aus; hun- 
derte von Sauglingen lagen hungernd auf der StraBe. Auch das Serail 
wurde ergriffen und verier 400 Insassen. Eine Kaufmannskarawane von 
2000 Mann verier die Halfte ihrer Glieder. Nach dem 26. Mai gab es 
trotz fortdauernder Uberschwemmungen und Hungersnot in Bagdad - 
keinen Pestfall mehr. (Tholozan, Kabl Rittee, Czbtyrkin, Dorbeck.) 



300 14. Periode. 

Ebenso plotzlich erloscli in ganz Kaukasien die Pest. Sie war xait 
der Cholera im Oktober verschwunden. 

Ende des Jahres begann eine neue Epidemie in Mesopotamien, die 
bis 1834 dauerte (siehe weiter unten beim Jahre 1830). In Armenien 
und Anatolien nahm die Pest im anderen Jahre ihren Fortgang (ver- 
gleiche 1831). — 

Pest in der Walachei und Turkei 1828 bis 1830. 

Im Mai des Jahres 1828 besetzten die Russen Bra'ila und Bukarest. 
Bukarest Hier hatte seit 1826 die Pest geherrscht. Sofort ging die Ansteckung 
von der Bevolkerung auf die russischen Truppen fiber. Zwar leugneten 
die einheimischen Arzte die Pest und erklarten die Seuche fiir eine ge- 
wohnliche endemische Krankheit. Aber die Russen liefien sich nicht 
tauschen, sondern richteten in Bukarest eine Pestkommission ein. Diese 
teilte die Stadt in mehrere Teile, lielJ die Hauser regelmafiig von einem 
Arzt und Polizeibeamten besuchen und jeden Erkrankungs- und Sterbe- 
fall anzeigen. Die Pestkranken wurden in ein Lazarett vor der Stadt 
gebracht; verseuchte Hauser mit Chlor gerauchert, auf den Hofen trocke- 
ner Mist verbrannt; herrenlose Hunde und Katzen wurden getotet. Die 
Truppen verlegte man auf die umliegenden Dorfer; als aber auch hier 
die Bubonen ausbrachen, lieJJ man den ganzen Bezirk sperren und eine 
doppelte Schutzlinie fiir RuQland langs dem Pruth, dem Dnjestr und dem 
unteren Donaulauf mit einundzwanzigtagiger Quarantane errichten. 

Im Fruhsommer liefi das Sterben unter den Eingeborenen und den 
Truppen nach. So konnten im Juli die russischen Truppen nach liber- 
standener Quarantane bei Hirsowa iiber die Donau nach Bulgarien ziehen, 
wo keine Pest war, w^o sie aber von Ruhr und Wechselfieber empfangen 
wurden. 

Im August gab es in Bukarest einen neuen Ausbruch, besonders 
unter den Truppen des Militarhospitals. Dieses wurde nach Dudetschi 
entleert; die Hospitalraume gereinigt. Bald waren dreiJJig oder vierzig 
Dorfer um Bukarest verseucht. Alle Mallnahmen und Anstrengungen 
der Arzte Schlegel und Cholodowitsch blieben vergeblich. Die durch- 
ziehenden Truppen wurden immer wieder angesteckt und nahmen die 
Pest mit sich. 
Varna Auch in Varna am Schwarzen Meere hatte sich das Ubel zur ver- 

heerenden Epidemie ausgebreitet. Der Militararzt Ikonnikoff, der am 
22. Juni dort ankam, horte, daU bereits dreizehn der besten Arzte und 
dreiflig Feldschere gestorben seien; er fand hunderte von ungltLcklichen 
Kriegern in Verzweiflung hilflos dahinsterben ; denn alle alten Diener 
und Gehilfen in den Lazaretten waren weggerafft und die neuen An- 



Ausbriiche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812—1845. 301 

kommlinge fielen taglich als Opfer. Die wenigen Genesenen wankten 
wie Geister in den Krankensalen umher; unter ilinen kriimmten sich die 
Sterbenden am Boden. Ikonnikoff lieB alle Einwohner von Varna zur 
Stadt hinaus auf die umliegenden Hiigel biingen, dort in sechs Kolonien 
absondern nnd von Soldaten bewachen. "Wahrend sie daselbst ihre Qua- 
rantane durchmachten, wnrden die Hauser und alle Sachen wie in den 
Jahren 1796 nnd 1813 gereinigt. Das half endlich. 

Bis znm Oktober waren im mssischen Heer von den Militararzten 
so viele gestorben, daU ihre Stellen mit jungen Auslandern, die eben von 
den Universitaten kamen, besetzt werden mufiten. Das Generalkommando 
beschnldigte die Pestkommission und die Arzte in Bukarest der Saum- 
seligkeit und loste im Januar 1829 die Kommission auf, um aus Gene- 
ralen und Obersten ein Oberpestkomitee zu bilden, welches neue Vor- 
schriften fiir die Besorgung der Hospitaler und Lazaretto gab. Auch 
drohte es den Oberarzten und Verwaltern mit dem Kriegsgericht, wenn 
sich in den Spitalem die Pest weiterhin zeigen wiirde. Diese nahm 
ihren Fortgang. 

Sie verheerte die Winterquartiere in der Moldau, Jassy und Fok- Moldau 
schany, und iiberschritt sogar die Schutzlinie am Pruth, um in Bessara- 
bien einzudringen. Da erklarte das militarische Pestkomitee in Jassy, 
das tJbel sei vielleicht nicht einmal die Pest. Es schloB den Arzt Ikonni- 
koff, der iiberall mit Eifer dem Ubel entgegengetreten war, ohne freilich 
allzuviel ausrichten zu konnen, von den Beratungen des Komitees aus 
und nahm den Vorschlag eines Bojaren an, die Kranken mit Wein, 
Kaviar und Zwiebeln zu behandeln. An Stelle des Doktor Ikonnikoff, 
der bald darauf selbst an der Pest starb, setzte es einen anderen Arzt, 
den Doktor GeUling, der sich bereit finden lieU, des Bojaren ^Ansichten 
iiber die Pest und ihre Vertilgung" gut zu heiBen und dessen gedruckte 
Abhandlung unter den Militararzten zu verteilen. Ein anderes Mit- 
glied des Komitees, ein Moldauer Edelmann, empfahl, sofort bei Be- 
ginn der Erkrankung 40 bis 100 Drachmen frisch ausgepreflten Saft 
aus Pferdemist oder, wo dieser nicht zu haben ware, ebensoviel Baumol 
darzureichen. Ein Dritter erklarte die Bubonen teils fiir venerische, 
teils fair die Folge der harten Arbeit im feuchten Winter bei schlechter 
Nahrung. 

Ob die Grenzen des Pestubels immer genau erkannt wurden, ist 
fraglich. Der Arzt Seidlitz schrieb spater, dalJ man in Jassy nur von 
Pest sprach, wahrend Wechselfieber und Ruhren fiinfmal mehr Menschen 
aufrieben. 

Inzwischen Hefi die Epidemie nach. Im Februar erschien sie vollig 
erloschen. Auch die ubrigen Krankheiten, die neben der Pest im mssi- 
schen Heere geherrscht und mit der Pest zusammen vom Mai 1828 bis 



302 14. Periode. 

zum Februar 1829 fast die ganze Armee, namlich von 15000Q Mann 
1348823 in die Spitaler gebracht hatten, nihten jetzt. 

Eine neue Verwirrung kam in die Pestangelegenheit des russischen 
Heeres, als im Februar der Doktor Witt, der nie einen Pestfall gesehen 
hatte, zum Generalstabsarzt im Hauptquartier zu Jassy emannt wurde. 
Er forderte von den Militararzten Gutachten iiber die Natur der ver- 
glimmenden Seuche ein und schloB sich dann der Minderheit an, die den 
Namen Pest verwarf, obne das Ubel genauer bezeichnen zu konnen. Witt 
versuchte darum eine Erklarung aus eigenen Mitteln. Er leitete das Fieber 
aus den verderblichen endemischen Sumpfmiasmen, aus der mangelhaften 
Lebensweise der Soldaten und dem schlechten Trinkwasser ab, wozu 
Skorbut, Ruhr und Syphilis sich geselle. Er machte aus dem Ubel eine 
neue besondere Krankheit, die walachische Seuche, und gab ibm den 
systematischen Namen eines Typhus australis erethisticO'lymphaticus mit 
den Unterabteilungen des Typhus australis bubonicm et anthracodes, Febris 
castrensis petechizans und Typhus epidemieus eneephalicus. Die Kontagio- 
sitat sei nicht so hoch anzuschlagen, wie es von alien anderen Arzten 
geschahe. Sperrmafiregeln seien iiberflussig. Man miisse die Truppen in 
gesiindere Gegenden bringen, man mlisse ihnen das Schlafen auf dem 
Erdboden und in Erdhiitten verbieten; man miisse sie haufig baden lassen, 
ihre Sachen mit Schwefel und Schieflpulver rauchern, ihr Trinkwasser 
mit Essig versetzen. 
Walachei Wahrenddem kam der Friihling 1829 und mit ihm beginnt ein neues 

epidemisches Wiiten der Pest, besonders am rechten Donauufer. Schon 
im Marz zeigten sich die ersten Falle in Braila, dann wurden auch die 
Stadte Galaz, Fokschany, Matschin, Hirsowa, Tschernowoda, Kalaraschi, 
Babadaga, Kiistendschi, Mangalia, Pazardschik und mehrere hundert kleine 
Ortschaften ergriffen. 

Zur gleichen Zeit zeigte sich die Pest auf einigen russischen Schiffen 
Kertsch im Schwarzen Meer, und auch in der Quarantane von Kertsch gab es ein- 
zelne Pestkranke. Die russische Regierung erlieU das Verbot, kein Schiff 
diirfe durch die StraCe von Kertsch in das Asowsche Meer ohne Reini- 
gung gehen. Im Mai und Juni starben auf zwei Schiffen im Hafen von 
Odessa Odessa mehrere Matrosen an der Pest. Im Juli begann die Ansteckung 
in einer Vorstadt von Odessa sich auszubreiten, kam in die Stadt selbst 
und auf einige umliegende Dorfer und nahm bis Ende des Jahres von 
288 Kranken 219 weg. 

Wiewohl Landkordon und Seequarantane in stetiger Tatigkeit blieben, 

um die russischen Gebiete vor dem Weiterdringen der Pest zu schutzen 

Bess- kam das Ubel bereits im Juni nach Bessarabien, wie man sagt, durch 

arabien L^^ite, die an der Grenze nur eine viertagige Quarantane gehalten hatten; 

bald waren gegen zwanzig Ortschaften verseucht, darunter Jassy, Kischi- 



Ausbruche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 303 

new, Bjeltzy. Im Oktober erreichte die Ansteckung den nordlichsten 
Punkt im Dorf Nowoselica am Pruth, drei Meilen von Tschemowitz auf 
der Grenze von Bessarabien und der Bnkowina. Das Dorf wird von 
einem Bach durchflossen, welcher die ostliche zu RuBland gehorige Halfte 
von der westlichen osterreichischen trennt. Auf der Hauptstrafie standen 
die Militarposten, auf osterreichischem Gebiet lag die Kontumazanstalt 
Bojan. Im russischen Teil brach die Pest in einem Hanse aus, worin 
ein ZoUbeamter wohnte, der vordem beim Grenzkordon an der Donau 
gedient und von dort mehrere verpestete Sachen mitgebracht batte. Es 
erkrankten im Oktober sechs Personen, wovon fiinf starben. Den oster- 
reichischen Kordon uberschritt die Pest nicht. Sie erlosch in ganz Bess- 
arabien im Dezember, nachdem sie 87 Ortschaften befallen und 4612 
Menschen getotet hatte. 

In der Moldau, in der Walachei und in Bulgarien hatte sie in- 
zwischen weit schlimmer gewutet. Bereits im Juni zahlte man in Braila 
1200 Kranke und 774 Leichen. Am meisten hatten die Kustenstadte 
Kiistendschi, Mangalia, Bargas, Varna gelitten. Im MUitarhospital von 
Kustendschi, das der Doktor Tschemokajeff besorgte, wurden vom 1. Mai 
1829 bis zum 1. April des folgenden Jahres 1727 Pestkranke verpflegt, 
von denen 1342, also 78^0? starben. 

Den Russen war am widei'wartigsten der Ausbruch in Varna, weil 
hier die Vorrate fur die ganze Armee lagen. Sie UeUen die Stadt vollig 
raumen und dann schlieiJen. Die Gesunden brachten sie im Felde und 
im Walde unter, die Kranken in Zelten am Meer. Im Juni und Juli 
wurde das Sterben so grofl, daC man die Leichen klafterweise wie Holz 
aufstapelte und zu den Begrabnisplatzen fuhr. Im August liefl die Seuche 
rasch nach und erlosch im September, nachdem sie 5170 Menschen krank 
gemacht und 3932 getotet hatte, ungerechnet 339 verdachtige FaUe mit 
27 Toten. Von den 41 Arzten in Varna waren 28 erkrankt und 20 ge- 
storben; von 7 Hospitalapothekern lebten nur noch 3. An anderen klei- 
neren Orten war die Wut der Seuche so grofl gewesen, dafl iiberhaupt 
niemand, kein Einwohner, kein Arzt, kein Beamter iibrigblieb, um von 
dem Geschehenen zu berichten. Weit geringer als in den Festungen und 
Stadten waren die Verluste unter den im Marsch befindlichen russischen 
Truppen. 

Anfangs August kamen Nachrichten vom Ausbrechen der Pest in 
Silistria, bald darauf gleiche aus Odessa und von der Krim. 

Um dieselbe Zeit gelangte die Hauptarmee der Russen aus der 
Walachei iiber den Balkan nach Adrianopel, ohne dafl neue Pesterkran- 
kungen unter ihr vorkamen. Dagegen zeigten sich unter den nach- 
riickenden Ersatztruppen in Ostrumelien wahrend des August verdach- 
tige Falle. Sie wurden sofort ausgesondert. Nach der Einnahme von 



304 14- Periode. 

Adria- Adiianopel wiiteten Ruhren und Wechselfieber so stark unter den Sol- 

'^^P®^ daten, dafi 5000 von ihnen in die Lazaretto kamen. Aber erst im Ok- 

tober zeigten sich unter ihnen wieder vereinzelte Pestfalle. Wiewohl alle 

Mittel, den Ausbruch zu beschranken ins Werk gesetzt warden, st^igerte 

sich die Zahl der Erkrankungen von Tag zu Tag. 

Als im Herbst 1829 nach dem Frieden von Adrianopel die sieg- 
reichen Russen anfingen, die Tiirkei zu raumen und iiber Bulgarien nach 
Bessarabien zuruckzukehren, schien es den Osterreichem, als ob ihiem 
Lande Pestgefahr drohe. Sie verlangerten ihren bestandigen Militar- 
kordon in der Bukowina nordwarts der galizischen Grenze entlang bis 
nach Polen mit Kontumazen in Brody und Hussyatin. Rufiland ver- 
starkte sofort mit dem Vorgeben, sich wider die Pest zu schiitzen, im 
November seine Doppelquarantane am Pruth und Dnjestr und machte 
noch eine siidliche Sperre fiber Balta, um die Grouvernements Kiew und 
Podolien von dem verseuchten Odessa zu scheiden. An dem Dnjestr lieC 
es seine Truppen eine Probezeit von sechs Wochen halten. Dieser Mafl- 
regel und der Bekampfung der Pest in den Donaufiirstentumern durch 
griindliche Reinigung und teilweise Verbrennung der Dorfer hat man 
die Beschrankung der Seuche auf die Grenzgebiete und ihr Erloschen 
im Fruhjahr 1830 in der Tiirkei zuschreiben wollen. 

In der Tat lieU im Januar 1830 die Pest in Adrianopel nach; im 
Marz war sie erloschen. Dafiir begann sie aufs neue unter der tiirkischen 
Bevolkerung in Rumelien und Bulgarien zu herrschen und bald auch 
wieder unter den russischen Truppen auf beiden Seiten des Balkan zu 
wiit^n. Da aber der Friedensschlufi die Zuriickziehung des Heeres nach 
Rutland erforderte, so fing man nun an, die ganze Armee auf tiirkischem 
Gebiet zu desinfizieren, sie einer zweiundvierzigtagigen Quarantane zu 
unterwerfen und die Kranken aus den Militarhospitalern der Donau- 
f iirstentumer und • der Balkanlander zu sammeln. Im Ganzen brachte 
man 3864 Kranke zusammen, darunter 600 Pestkranke. Die letzteren 
mufiten ihre Genesung und eine achtundzwanzigtagige Quarantane in 
Bulgarien abwarten, die anderen wurden auf Schiffen nach Ovidiopolis 
gebracht. Das gesunde Heer marschierte auf dem Landweg zuriick. Es 
wurde bei Satanowo links von der Donau zwischen Reni und Ismail ge- 
reinigt, nachdem 23 Soldaten, bei denen fieberlose Geschwiilste in den 
Weichen und Achseln sich fanden, ausgeschaltet und in Kontumaz ge- 
gebracht worden waren. Am Pruth bei Reni machte das Heer die erste, 
am Dnjestr bei Tiraspol die zweite Qurantane durch. Dann wurden die 
Soldaten nach Hause entlassen. 

In der Walachei, Moldau und Bessarabien setzten die Hospodaren 
das Reinigungswerk fort. Alle Einwohner mufiten in den Kirchen 
schworen, daC sie keine Kranken und Sachen verheimlichen wurden; 



AuBbiiiche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 305 

dann wurden die Stadte nnd Dorfer gereinigt, die Grenze der Walachei 
gegen Bulgarien dnrch sine Sperrlinie geschiitzt und ebenso Bessarabien 
am Pruth gegen die Moldau gesperrt. 

(Pbteesen, Seiblitz, Tschbenobajeff, Tschetybkin, Wagneb, Witt, 

LORINSER, HeCKBR, DoRBECK.) 

Beim Herrschen der Pest in Bukarest wahrend des Jahres 1828 er-Kronstadt 
fuhr auch Kronstadt in Siebenbiirgen ihre Heimsuchung. In den ersten 
Oktobertagen war ein Mann namens Andreas Gereb mit seiner Frau 
nnd einem zehnjahrigen Stiefsohn aus Bukarest iiber den TomospaB 
nach KJronstadt gekommen, um hier Verwandte zu besuchen. Er war 
aus Marosch-Vasarhely gebiirtig, hatte in der Walachei Pelze und Kleider 
von einem reichen Manne, der an der Pest verschieden war, geerbt, die 
Erbschaft in einer Kiste abgeholt und sie an der Grenze in der Kon- 
tumazanstalt von Tomos der Reinigung entzogen. Nachdem die Leute 
ein paar Tage in Kronstadt verweilt waren, zogen sie weiter nach Ma- 
rosch-Vasarhely. Schon in Rothbach, einem Dorf drei Stunden von 
Kronstadt, blieb die Frau krank liegen und starb am 17. Oktober. Vater 
und Sohn bi-achten die Leiche nach Kronstadt. Der Wundarzt, dem die 
Leichenschau oblag, bemerkte einige Petechien an der Leiche, trug aber 
kein Bedenken, die Beerdigung zu gestatten. Die Leiche wurde in der 
Totenkammer des Friedhofs, die an ein Siechenhaus stieB, untergebracht 
und von einigen Weibern des Siechenhauses gewaschen und eingesargt. 
Die Weiber erhielten vom Witwer znim Lohn zwei Kleider und Pelze. 
G^reb lieB den Knaben in der Familie des Totengrabers Engaddi 
zuriick. Er selbst reiste weiter nach Marosch-Vasarhely. Die Kinder des 
Engaddi spielten auf einer Decke, die der Verstorbenen angehort hatte. 
Am 29. Oktober erkrankte die zehnjahrige Tochter Anna; am 30. der 
neunjahrige Sohii Joseph; beide starben am 1. November ohne auBere 
Zeichen der Pest. An diesem Tage erkrankte der Vater, der sich nach 
ein paar Tagen wieder erholte, aber am 20. November in einem neuen 
Anfall derselben Krankheit starb. Am 3. November erkrankte der sechs- 
jahrige Sohn Ferdinand und starb am 6. November. An seiner Leiche 
fand man in der linken Lendengegend, an Brust und Schulter schwarze 
Brandflecke. Weiterhin erkrankten und starben eine der Leichenfrauen, 
ein Dienstmadchen und ein Lehrjunge des Nachbarhauses unter unzwei- 
felhaften Pestzeichen. Darum wurden in der zweiten Novemberwoche die 
verseuchten Hauser gesperrt und, da sich weiterhin in der Stadt ver- 
dachtige Falle zeigten, wurde am 1. Dezember ganz Kronstadt gesperrt. 
Da sich indessen wahrend der nachsten dreiBig Tage keine weiteren An- 
steckungen zeigten, wurde die Sperre am 1. Januar wieder aufgehoben. 
Ln Ganzen waren 27 Menschen erkrankt und 18 gestorben. (Lobinseb.) 

sticker, Abhandlungen I. Oeschichte der Pest. 20 



306 14- Periode. 

1829 Fiir das Jahr 1829 wird von der franzosischen Kommission das Frei- 
^T^ka^ bleiben Agyptens von der Pest trotz einer groflen Nilflut hervorgehoben 

(Pabiset). Sie will damit die Meinung der Eingeborenen Agyptens wider- 
legen, welche nach jeder auflergewohnlichen Nilschwelle eine Pest von 
Oberagypten her erwartete. Immerhin gibt es eine klare, wenn auch 
kurze Notiz vom Jahre 1830, dafi die Pest in Kakuada in Zentralafrika 
damals endemisch herrschte und dort im Jahre 1829 zugleich mit den 
Pocken ausbrach und ganze Negerstamme vertilgte. (Tutschek.) Nach 
Agypten kam sie 1833. 
Persien Im selben Jahre gab es einen Pestausbruch in Maragha am Urumia- 

see in Nordwestpersien (Tholozan); derselbe breitete sich, wie bereits 
oben erwahnt ist, waiter aus, ergriff im folgenden Jahre Tabriz, weiter- 
hin die Stadt Rescht am Kaspischen Meer und die ganze Provinz Gilan 
bis in die kleinsten Dorfer. Im Jahre 1831 war fast ganz Persien ver- 
seucht. Die Pest herrschte in Kurdistan, Gilan, Mazenderan, Teheran, 
Korassan, Ardilan, Hamadan, Kirmanschah, Schiras, Buschir. 

1830 1830 brach die Pest in Irak Arabi in Mesopotamien aus und raffte 
Meso- j^-^j, ^ ^'gj. jahren ein Drittel der Bevolkerunff weg. Im Jahre 1831 

potamien ° ° 

starben in Bagdad allein von 150000 Einwohnern 60000. Teuerung er- 
hohte das Elend und Uberschwemmung brachte es auf den hochsten 
Grad. Anfangs starben besonders die Juden; spater totete das Ubel ohne 
Wahl. Alle Schrecken der Plunderung und Zuchtlosigkeit begleiteten 
die Seuche. Im Paschalik starben ganze Dorfer aus. (Colvill, Pbuner, 
Tholozak.) Vergleiche die Vorgange in dem Jahre 1828. 
Arabien Zugleich trat in dem Bezirk Beni-Scheir in Arabien das T(Vun, die 

Beulenkrankheit, wieder auf, um von jetzt ab sich alle zwei odet^drei 
Jahre zur verheerenden Epidemic zu erheben. Die Krankheit auflerte 
sich zuerst mit Ubelkeit, Schiittelfrost, Kopfschmerzen; manchmal stellte 
sich brennender Durst ein. Dann klagten die Kranken iiber Appetit- 
losigkeit und litten an Durchfallen und Ohnmachten. Bei Vielen er- 
schienen unter Schmerzen in den Leisten, Achseln oder am Halse Beulen; 
bei Einigen zeigten sich rote oder schwarze* Flecken auf der Haut. Die 
Kranken gingen unter Schlafsucht, Irrereden und BewuCtlosigkeit in we- 
nigen Tagen zugrunde. (von Kbemer.) Ob zwei Jahre spater von Beni- 
Scheir, oder wie Pruner meint, von Persien her die Pest nach Yambo, 
Dschedda und Mekka kam, ist ungewilJ. 

1831 1831. In Agypten hatte es seit dem Jahre 1824 keine Epidemic 
mehr gegeben. Nur vereinzelte Pestfalle waren in langeren Zwischen- 
raumen in den agyptischen Hafen gesehen worden an Bord anlaufender 
Schiffe, die aus dem Schwarzen Meer, von Konstantinopel, Trapezunt 
oder Samsun, oder von den Inseln des griechischen Archipels oder von 
der syrischen Kiiste gekommen waren. Die Kranken waren jedesmal in 



AusbrtLche aus Q-arhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 307 

den Lazareiten von Alexandrien und Damiette aufgenommen und in 
Quarantane gehalten woiden, ohne daC sich die Ansteckung verbreitete. 
So brachte auch am 31. November 1831 eine tiirkische Brigg unter dem 
Kapitan Hussein zwei Pestkranke in den Hafen von Alexandrien; sie war Alexan- 
von Konstantinopel mit 92 Fahrgasten abgefahren und hatte unterwegs 
drei davon an der Pest verloren; die beiden mitgebrachten starben im, 
Hafen. Da die Mittel zur Reinigung des Schiffes fehlten, stach der Ka- 
pitan wieder in See und fulir nach Beirut. Hier brach die Pest aus. Beirut 

(BuiiARD.) 

Im selben Jahre gab es kleine Pestepidemien in Smyrna, auf Oypem. Cypem 
In Anatolien und Armenien dauerte die heftige Epidemie an, die bis zum Armenien 
Jahre 1839 immer neue Verheerungen machte. 

Ausbruch in Tripolis (Pbuneb). Tripolis 

1832. Auch fur dieses Jahr werden im Archiv der Sanitatskom- 1832 
mission der Generalkonsuln zu Alexandrien ein paar eingeschleppte 
Pestfalle ohne Folgen verzeichnet. Ein osterreichisches Schiff, das am 
28. September aus Konstantinopel nach Alexandrien kam, hatte auf der 
Fahrt von 18 Personen eine an der Pest verloren und brachte sechs 
Kranke mit in den Hafen, wo vier starben. Das Schiff machte mit den 
13 Uberlebenden die Hafenquarantane durch. (Bulabd.) Im Nildelta 
wurde in diesem wie in dem folgenden Jahre die milde endemische Pest 
beobachtet (Laoasqijie). 

In Bagdad raffte die Pest binnen sechs Wochen an 100000 Men- 
schen, zwei Drittel der Bevolkerung, hin. (Annales de la foi tome V.) 

1833 Pest in den Stadten Trapezunt, Samsun, Brussa an der Nord- 
kiiste von Kleinasien. 

Pest in Indien yom Jahre 1833 bis 1837. 

Im selben Jahre brach in Garhwal die Mahamnriseuche aus. Zuerst 

trat sie in Budhan und in Nepur auf. Nachdem sie diese Bezirke fast 

entvoUcert hatte, nahm sie ihren Weg liings den Ufeni des Piridah oder 

Pindar und zog in Kamaon bis zu den QueUen des Ramganga. Uberall 

ging dem Ausbruch unter den Menschen ein grofies Rattensterben vor- 

auf. Uberall herrschte wahrend der kalten Jahreszeit die Lungenpest, 

die mit den warmeren 'Tagen in die Bubonen- und Karfunkelkrankheit 

iiberging. Die Befallenen fiihlten plotzlich Fieberhitze, groCen Durst 

und hatten Verlangen nach Bitterem. Manche bekamen vorher oder 

nachher Durchfalle. Zu Anfang oder zu Beginn der Krankheit, die zwei 

bis vier Tage dauerte, erschienen die Bubonen unter dem Arm oder in 

der Leiste. Karfunkel waren seltener. Manche Kranke hatten schreck- 

hafte Vorstellungen und wurdeh von einem Wandertrieb befallen. Die 

20* 



308 1^- Periode. 

Inkubationszeit dauerte, soweit sie sich bei Leuten, die voreilig nach ver- 
seuchten Orten zuriickkehrten oder sich nur fliichtig an Pestorten auf- 
gehalten batten, feststellen lieB, ein bis fiinf Tage. In Garhwal starben 
von 1834 bis 1837 nach amtlicher Zahlung 633 Pestkranke. 

1835 kam die Seuche siidwarts von Kumaon nach Bareili in Rohil- 
cand nnd verbreitete sich in die Umgebung. Ende Juni 1836 war sie 
in dem kleinen Dorfe Taiwali, das fiinfzehn englische Meilen siidostlich 
von Pali in der Provinz Mairwara liegt. Im Juli war sie in Pali selbst, 
dem Knotenpunkt und Stapelplatz fiir den Handel zwischen der West- 
kiiste nnd den Nordwestprovinzen. Die Erstergriffenen in Pali gehorten 
der Kaste der Tschippis an, welche die WoUe von der Kiiste und aus 
Gudscherat bedinicken. 665 von ihnen starben. Dann warden die Brah- 
minen und die Mahadschans ergriffen; schliefilich alle anderen Kasten. 
Die Mahadschans haben die groflen Kornlager, worin es immer viele 
Ratten gibt. Von 12 000 Eingeborenen flohen 8000 in die nachsten 
Dorfer. Viele starben unterwegs. In keinem der Dorfer und Hiitten, 
wohin die Fliichtlinge kamen, wurde eine Ansteckung beobachtet. Aber 
ein paar Wochen spater fingen die Besitzer der Kornscheuem in jenen 
Dorfem an zu sterben. Die Krankheit, welche die Eingeborenen Gant- 
Kimandagi nannten, auflerte sich durchweg als Bubonenpest; in ein- 
zelnen Fallen trat eine verhangnisvolle Lungenentziindung hinzu; in den 
schlimmsten Fallen blieben die Beulen aus. (Maclean, Renneb.) 

Das Jahr 1836 war wieder ein Pilgerjahr, in welchem die Fakire die 
heiligen Orte in Garhwal besuchen. Auf die Pilgerziige wird die Pest 
in Pali zuriickgefiihi-t. Jedenfalls trugen sie zur weiteren Verbreitung 
des Ubels bei. Dieses kam im Oktober nach Dschodpur, der Hauptstadt 
des Staates Mairwara, dann siidlich nach dem Staate Mewar, Ln fol- 
genden Jahre waren hier 36 Dorfer verseucht. Uberall wurde das auf- 
fallende Rattensterben beobachtet. Auch nach Sindh am unteren Lauf 
des Indus kam die Pest. 

Im Laufe des Sommers 1837 lieC die Seuche uberall schnell nach; 
aber in der kalten Jahreszeit brach sie von neuem aus, besonders in der 
Provinz Mairwara und hier vor allem in Pali, wo von 5800 Erkrankten 
4000, also 70 vom Hundert, starben. Im Friihjahr erlosch sie in dem 
ganzen Lande, nachdem sie in Mairwara und Mewar zusammen an 
60 000 Opfer gefordert hatte. (Fokbes, Guthbie, Hutcheson, Rennib.) 

Aufs neue brach die Mahamari im Jahre 1837 in Nagpur und Badhan 
in Garhwal aus. (Inpian plague Commission.) 
1834 1834 flammte die Pest in ihrem alten Gebiet zwischen Teheran, 

Trebisond und Aleppo auf, wahrscheinlich zuerst in der Nahe des Uru- 
miasees. Sie verheerte bis in das nachste Jahr die persischen Provinzen 
Ardebil, Tabriz, Zendschan, Asterabad und Kirmanschah. (Lack^ze.) Sie 



Nord 
persien 



Ausbruche aus Garbwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812—1845. 309 

zeigte sich in Kleinasien, besonders zu Smyrna, Bergama, im Gebiet von Vorder- 
Trebisond und in der Landschaft Lasistan. Von Aleppo (Lach^ze) oder *®^®^ 
von Konstantinopel (Pbunbb) kam sie nach Syrien, Jerusalem und waiter 
nach Agypten. — In Konstantinopel wiitete sie heftig, verschonte aber 
Bujukdere und die Prinzeninsel, wohin sich die reichen Christen und 
Turken vor der Pest nach gewohnter Weise zuriickgezogen hatten. Das 
kleine Dorf Jan Dimitri bei Pera wurde verseucht. 



Epidemie in Agypten voni Jahre 1834 bis 1840. 

Am 2. Juli begann in Alexandrien, wo seit neun Jahren keine Pest- 
epidemie gewesen war, eine neue Pestperiode. Die Ansteckung soil aus 
Zypem gekommen sein. Wenn man die glaubwtirdige Mitteilung La- 
GASQUiES beriicksichtigt, dafi er im Jahre 1832 und 1833 die milden 
endemischen Pestbubonen bei den Fellachen in den Dorfern des Nildeltas 
gesehen habe, so erscheint die Herleitung der Ansteckung aus Zypern, 
deren Einzelheiten wir weiter unten mitteilen werden, etwas kiinstlich. 
Jedenfalls entsprach sie dem Geist der Zeit, in welcher man den wechsel- 
weisen Austausch der Pest zwischen Agypten und der Tiirkei so sehr 
gewohnt war, dafl man andere Moglichkeiten nicht in Betracht zu ziehen 
wagte. Sicher ist, daC die agyptische Epidemie von Alexandrien iluren 
Ausgang nahm. Sie ging im Oktober langsam auf die umliegenden 
Dorfer liber und kam Anfangs Dezember nach Kairo. Uberall auBerte 
sie sich in alien Formen der Bubonenpest, von den milden fieberlosen 
Bubonenerkrankungen bis zu den blitzartig totenden Anfallen. 

Die Epidemie bleibt fiir alle Zeiten denkwiirdig durch die Arbeiten 
der franzosischen Forscher, die mit wissenschaftlichem Geist sich dem 
klinischen, anatomischen und experimentellen Studium der Krankheit 
hingaben; merkwiirdig auch ist sie dadurch, dafl wahrend ihr die Gegen- 
satze der Kontagionisten und der Non-Kontagionisten oder Epi- 
demisten so scharf wie nie zuvor auftraten und zu den heftigsten per- 
sonlichen Verunglimpfungen gediehen, bei denen die Sache nichts gewann. 
In Alexandrien arbeiteten die Kontagionisten Rigaud, Aubert, Bulard in 
Wachsmanteln und mit alien den Vorsiclitsmafiregeln, welche man in 
Frankreich und Italien seit dem siebzehnten Jahrhundert ausgebildet und 
staatlich geheiligt hatte. In Kairo lachten die Nonkontagionisten Clot- 
Bey, Gaetani, Lacheze iiber die vermummten Alexandriner und verkehrten 
mit den Pestkranken und Pestleichen wie mit gewohnlichen Dingen. 
Zu ihnen kam bald der Apotheker Bulard von Alexandrien, nachdem er 
sich hier nicht wohl gefiihlt hatte. Aubert hat ihn spater einen Charlatan 
und Industrieritter genannt. Bulard selbst iiberwarf sich wieder mit 
Clot-Bey; beide trennten sich als unversohnliche Feinde, die ihre Schriften 



310 l-^- Periode. 

mit Schmahungen widereinander erfiillt haben. Bulard ging in die Tiirkei 
und setzte hier sein Werk fort. Clot-Bey wurde am Ende der Epidemie 
von Mehemet-Ali hoch geehrt: Clot-Bey, du hast dich in einer sechs- 
monatigen Schlacht mit Ruhm bedeckt; ich mache dich zum General! 

Jedenfalls gehorte damals so viel Mut dazu, sich zu den „Nicht- 
kontagionisten" zu bekennen, wie zum Ausharren in der Pestgefahr. 

Der Beginn der Epidemie in Alexandrien wird etwas verschieden 
erzahlt. Bulard, der den Beginn irrtiimlich in das Jahr 1833 setzt, be- 
richtet, daU am 2. Juli 1833 in dem griechischen Kloster die Pest off en- 
bar geworden sei. Wahrscheinlich sei sie von einem zyprischen Schiff 
durch einen Monch, der alle aus Zypem ankonmienden Schiffe im Hafen 
zu besuchen pflegte, eingebracht worden. Die Monche verheimlichten sie 
eine Woche und unterbrachen den Verkehr mit der Nachbarschaft keines- 
wegs, so daU, als am 7. Juli die Hafenkommission davon erfuhr, das Ubel 
bereits Zeit gefunden hatte, sich in der Umgebung des Klosters aus- 
zubreiten. Zuerst erschien es bei den Negem, die in der Nahe wohnten 
und von denen einige die Kleider der beiden pestkranken Monche im 
Kloster gewaschen hatten. Von den 150 Bewohnern der Negerhiitten 
starben binnen vier Wochen 40, die Ubrigen wurden abgesondert, ihre 
Hauser verbrannt. Dann gab es ein paar stille Wochen, nach denen 
die Epidemie sich in der ganzen Stadt erklarte. 

Der Sekretar des Gesundheitsrates von Alexandrien Delavalle erzahlt 
den Begimi der Seuche ein wenig anders. Da die Akten des Gesund- 
heitsrates, wie so oft in verantwortlichen Pest-zeiten, verschwunden sind, 
hat seine Darstellung keine groflere Glaubwiirdigkeit als die Bulards, 
eines Mitgliedes des Gesundheitsrates. Am 15. Juli 1834, sagt Delavalle, 
kam ein griechisches Fahrzeug unter dem Kapitan Manolacarki von 
Zypem mit reinem Pafi nach Alexandrien. Auf der Fahrt waren zwei 
Menschen an einem bosartigen Fieber gestorben. Das Schiff wurde sieben 
Tage lang beobachtet. An Bord war der Sekretar des griechischen Bi- 
schofs von Jerusalem. Seine Koffer mit Priesterkleidern wurden weder 
auf dem Zollamt noch wahrend der Kontumaz geoffnet. Der Sekretar 
stieg nach vollzogener Quarantane im griechischen Kloster ab. Der 
Diener, der die Koffer offnete, erkrankte bald darauf an einem Bubo mit 
Erbrechen und starb in achtundvierzig Stunden. Auch zwei Priester, die 
ihm beistanden, erkrankten. Man hielt sie verborgen. Der Todesfall des 
Dieners wurde amtlich bekannt. Die Arzte des Lazarettes, Grassi und 
Bela, waren verschiedener Meinung liber die Art des Ubels. Andere 
Arzte, Lardoni, Rubio, Bulard, die ihr Urteil abgeben mufiten, erklarten 
es fiir die Pest. 

Der eine der Priester starb, der andere genas. Dann war von der 
Pest einen ganzen Monat keine Rede mehr. Man beschuldigte bereits die 



Ausbrliche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 311 

Arzte des Irrtums, als sich am 7. August ein neuer Anfall auf dem tiir- 
kischen Schiff Leonidas ereignete. Dann, am 15. August, trat die Pest 
in zwei Negerdorfem hinter dem europaischen Hospital auf. Es starben 
16 Neger. Sofort fliichteten die meisten anderen Neger und Berber nil- 
aufwarts; von 4000 verlieflen mindestens 2200 die Stadt. Die Zuriick- 
gebliebenen wurden abgesondert und einer strengen Reinigung unter- 
worfen. Am 1. September ereigneten sich in der Nahe des Arsenals 
zwei neue Pestfalle. Dann war wieder Rube bis zimi November. Am 
10. Oktober wurden die in Kontumaz gehaltenen Neger aus dem Laza- 
rett entlassen, nachdem noch 31 von ihnen an der Pest gestorben 
waren. 

Am 11. November erkrankte der Dienstbote eines Juden an der Pest. 
Am 18., 19. und 20. starben im Hause Kalafati nahe beim Arsenal von 
33 Einwohnern 6 an der Pest. Am 20. kam ein Pestfall weit entfemt 
vom Arsenal am Badertor vor und nun folgte Fall auf Fall auf der 
Reede und in der Stadt. 

Am 20. November hauften sich die Falle zur Epidemie, die bis Mitte 
Marz 1835 anstieg und dann bis zum 24. Juni wieder abnahm. Am 25. 
beendeten die Europaer ihre Sperre und am 1. Juli wurde der Verkehr 
wieder freigegeben. Der Gang der Epidemie ergibt sich einigermaflen 
aus den unvoUstandig gefiihrten Listen des Gesundheitsamtes. Im 
Jahre 1834 



erkntnkten an 
Pest 


starben an 
Pest 


starben an anderen 
Krankheiten 


1834 Jiili 


2 


1 


• 


August 

September 

Oktober 


27 
1 
2 


27 
1 
2 


? 
? 
? 


November 


30 


26 


? 


Dezember 


72 


109 


339 


1835 Januar 


81 


151 


443 


Februar 


210 


824 


1307 


Marz 


? 


4329 




April 
Mai 


? 
? 


1897 
312 


414 


Juni 


? 


41 


165 


JuU 


24 


9 


— 


August 

September 

Oktober 


14 
5 

' 5 


1 
3 
3 




!!Iovember 


11 


■ 9 


219 


Dezember 


20 


15 


245 



312 14. Periode. 

Die ungefahre Sterblichkeit war folgende: 

_ , , , , Sterbeziffer vom 

Einwonner- gezahlte ausgerecnnete jiundert der 
zahl Sterbefalle Sterbefalle Einwohner 

Araber 20000 5468 10936 54,6 ^/^ 

Soldaten 3000 235 470 15,6 „ 

Neger und Berber .... 4000 764 1528 85,0 „ 

Tiirken 6000 339 678 11,3 „ 

Cophthen, Armenier u. Jiiden 4000 241 482 12,0 „ 

Griechen 1800 257 257 14,2 , 

Malteser 600 367 367 61,0 „ 

Europaer 2600 170 170 6,0 ^ 

42000 ~784i 14888 35,4 «/« 

Unter den Leichen waren mehr Manner als Frauen, mehr Frauen 
als Kinder. Das iTbel hatte hauptsachlich unter den armen Klassen ge- 
wiitet, hier gleichmaUig ohne Riicksicht auf die Beschaftigung. Nur die 
Gesundheitsdiener, Wascher und Totengraber soUen zahlreicher gestorben 
sein. Alle anderen Krankheiten traten zuriick. Selbst an den Leichen 
der Scliwindsuchtigen fand Aubert immer zugleicli die anatomischen 
Zeichen der Pest. Im Verhaltnis zur Erkrankungsziffer war die Sterb- 
lichkeit im Lazarett nicht so groB. Es wurden 778 Kranke eingeliefert, 
wovon 493 genasen, 285 = 37^0 starben. Von 400 Galeerenstraflingen 
erkrankten 305, genasen 244, starben 61 = 20®/© ^^^ Erkrankten. 

Der Epideniie unter den Menschen war eine Bubonenseuche unter 
den Rindern und Hunden voraufgegangen. Wahrend der Epideniie 
herrschte ein Gefliigelsterben. Aubert, der dies berichtet, sah bei dem 
Schoflhunde einer pestkranken Dame, die das Tier in ihrem Bette schlafen 
lieU, einen Schenkelbubo. Der franzosische Arzt Doktor Estienne sah 
bei seiner Katze einen Pestbubo an der Brust entstehen (Clot-Bey). 

Anfangs, wahrend der ersten zwei oder drei Wochen, war die Pest 
auf Alexandrien beschrankt geblieben, dann auf die nahen Ortschaften, 
allmahlich auf Mederagypten iibergegangen. Ende des Jahres 1834 kam 
sie nach Kairo. 

Ein Mann naniens Giglio reiste Ende Dezember von Alexandrien 
gesund ab nach Kairo. Auf der Nilfahrt dorthin fiihlte er sich unwohl. 
Er stieg am 3. Januar in der StralJe von Bulak ab, legte sich nieder und 
starb am 5. Januar mit Bubonen und Petechien. Die ganze Familie das 
Hauswirtes wurde in Quarantane gesetzt. Der Bruder des Verstorbenen 
war Arzt und hatte ihn behandelt; er besuchte seine anderen Kranken 
und das Kinderhospital von Kars-el-Rin, ohne die Seuche zu verbreiten. 
— Am 28. Januar kam ein Deutscher von Bulak und starb an der Pest. 



Ausbruche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 313 

Am 4. Februar erkrankten ein Dienstbote und eine Sklavin aus dem Hause 
eines zweiten Bruders des Giglio in der Quarantane und starben an der 
Pest. — Am 5. Februar wurden auf einer Nilinsel bei Rhoda drei Araber 
von der Pest ergriffen; zwei starben, der dritte floh und verbarg sich. 
Am 7. Februar starb im Europaerviertel ein Grieche. Dieser hatte ein 
paar Tage vorher seine kranke Tochter in das griechische Kloster ge- 
bracht, um sie zu verbergen, und sie bier am 5. Februar an der Pest 
verloren. Das Kloster blieb unverseucht. Am 8. Februar wurde ein 
Musiker in das Esbekiehhospital gebracbt und starb hier an der Pest. 
Am 9. Februar starb der dritte Bruder des Giglio in der Quarantane 
und so weiter. Soweit Aubert. 

Bulard erzahlt den Beginn der Pest, den er auf den 2. Februar 1835 
verlegt, in Zeitdaten und Einzelnheiten anders. 

„Durch den Chamsin angefacht", fing im April die Seuche an sich 
rasch auszubreiten. Am 26. April raffte sie bereits 1200 Menschen bin 
(Petjneb). Der ganze Menschenverlust betrug bis zum Juli nach dem 
offiziellen Bericht 32000, nach anderen Zahlungen gegen 50000 (LafIiee). 

Anfangs Juni lieC das Sterben nach. Die Europaer hielten sich noch 
bis St. Johannis in ihren Hausern. 

In Kairo waren wie in Alexandrien die Neger und Abessinier am 
meisten ergriffen worden. Von den nicht eingeschlossenen Europaern 
waren 300, darunter 7 Arzte und 7 Apotheker gestorben. 

Die Arzte Clot-Bey, Gaetani, Lacheze und Bulard im Esbekiehhospital 
blieben unversehrt, wiewohl sie keine Schutzmittel gebrauchten und mehr 
als hundert Leichen eroffneten. Impfversuche, die sie mit Buboneneiter 
und Blut von Pestkranken an sich selbst und an Pferden, Hunden und 
anderen Tieren machten, schlugen nicht an. 

Die polytechnische Schule von Kairo mit 150 Insassen blieb bei 
strenger Quarantane verschont (Boyee). 

Im benachbarten Ghize mit 8000 oder 10000 Einwohnern starben auf 
der Hohe der Epidemic taglich 60 bis 80 Menschen; dagegen blieb die 
dortige Kavallerieschule, wo die Kontumaz mit aller militarischen Dis- 
ziplin durchgefiihrt wurde, in den sechs Monaten der Pestherrschaft 
voUig verschont. Ebenso die Artillerieschule von Tura und im Dorf 
Schubra der Palast des Mehemet Ali mit dreihundert Leuten, von denen 
nur zwei starben. (Bulaed.) 

Von Kairo kam die Pest nach Sakkarah (Geassi, Gaetani), von 
Alexandrien nach Suez; die Westkiiste Arabiens blieb verschont. — 
Gegen Ende des Jahres 1835 erhub sich in Kairo eine Nachepidemie 
und eine zweite im Jahre 1837. Hier der Gang der Seuche: 



314 





U. Periode. 




Pestkranke 


Pestleichen 


andere Todesftlle 


1836 Oktober 


5 


3 




November 


11 


9 


219 


Dezember 


20 


15 


245 


1836 Januar 


20 


9 


275 


Februar 


35 


21 


166 


Mfirz 


20 


27 


153 


April 


8 


6 


175 


Mai 


60 


27 


209 


Juni 


21 


12 


244 


Juli 


16 


8 


272 


August 


14 


11 


253 


September 


4 


1 


265 


Oktober 


12 


8 


293 


November 


35 


28 


293 


Dezember 


27 


22 


255 


1837 Januar 


15 


10 


215 


Februar 


3 


1 


213 


Marz 


15 


10 


236 


April 


29 


14 


286 


Mai 


29 


16 


318 


Juni 


12 


6 


446 


JuU 


7 


4 


378 


August 


3 


1 


335 


September 


3 


2 


387 


Oktober 




— 


621 


November 


— — 




439 


Dezember 






349 


1838 Januar 






319 


Februar 






228 


Marz 


1 


1 


226 


April 


34 


21 


236 


Mai 


79 


29 


313 


Juni 


73 


47 


283 


JuU 


47 


19 


? 


August 


16 


6 


? 


September 


1 


1 


? 


Oktober 


1 


1 


? 



(Clot-Bey, Bulabd, Aubert, Emangard, Sedillot). 

Wahrend der Jahre 1839 und 1840 gab es zwischen Alexandrien 
und Kairo wiederholt sporadische Pesterkrankungen (Prunbr). 



Ausbruche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 315 

1835 heiTschte die Pest in Konstantinopel, in Trapezunt und an 1835 am 
anderen Orten des Schwarzen Meeres. In dem Hafenlazarett zu Odessa ^J"^^®^ 
erkrankte am 18. Juli ein Q-rieche an der Pest und starb. Man reinigte 

alle Sachen und brachte die Pfleger und Gehilfen in Quarantane. Am 
12. August erkrankte ein Arbeiter, der die Sachen desinfiziert hatte und 
starb an ^Apoplexie'^. Er wurde auf dem Lazarettfriedhof begraben. 
Alle, die mit ihm verkehrt hatten, besonders auch. der Feldscher, der ihm 
zur Ader gelassen hatte, kamen in Quarantane. Weitere Ansteckungen 
kamen nicht vor. 

Pest in Mesopotamien; in Mosul starben von etwa 100000 Ein- Meso- 
wohnem in zwei und einem halben Monate 60000 bis 80000 (Rittbb). potamien 

1836 Pest in der europaischen Tiirkei, in Trapezunt, Manissa, Smyrna 1836 
und an anderen Orten Kleinasiens (Thiek). Wahrend derselben Zeit im • r~' 

^ ^ asien, 

nordlichen Kaukasus (Aechangelskij), in Kerkuk in Kurdistan (Tholozan). Kurdistan 
Auch im folgenden Jahre 

1837 herrschte die Seuche am Schwarzen Meer. Ein heftiger Aus- 1837 
bruch begann im September in Konstantinopel. Er dauerte bis zum i^jjin^el 
Marz des folgenden Jahres und raffte in den fiinf Monaten 20000 bis 
30000 Menschen hin. von Moltke macht Mitteilungen als Augenzeuge. 

Die Pest verbreitete sich an der Ostkiiste Bulgariens, wutete in Burgas, 
Varna, Missivria, kam nach Adrianopel, weiter nach Umur-Faki und 
Kasanlik in Ostrumelien und bis nach Rustschuk an der Donau. Stets 
war die Pest in der zuerst befallenen Gegend verschwunden, wenn sie 
in einer anderen auftrat (Thibk). 

Am 22. September brachte das Schiff Samson, das zwei Wochen Odessa 
vorher auf der Reede des tiirkischen Stadtchens Isaktschi Holz geladen 
hatte, die Ansteckung nach Odessa. Der Kapitan meldete gleich bei der 
Ankunft den Quarantanebeamten, dafl in jenem Stadtchen die Pest ge- 
herrscht und dafl er seine Frau unterwegs an der Pest verloren habe. 
Eine Beruhrung der Kranken oder ihrer Leiche durch die Schiffsleute 
sei strenge vermieden worden; er habe sie gleich in einem besonderen 
Raum untergebracht. Die Hafenarzte untersuchten die Leiche und fan- 
den an ihr Blutstriemen. Sie erklarten, diese mufiten von MiBhandlungen 
herriihren. Der Mann gestand zu, dafi seine Frau wider seinen Willen 
in Isaktschi ans Land gegangen sei und er sie deshalb ein wenig ge- 
priigelt habe. Daraufhin erklarten die Quarantanebeamten den Bericht 
von der Pest in Isaktschi fiir ein Marchen, womit der Schiffer sich der 
Strafe fiir die totliche Miflhandlung seiner Frau entziehen wolle. Immer- 
hin behandelten sie die Leiche, die Mannschaft und das Schiff als ver- 
dachtig und wendeten alle Vorschriften der Quarantaneordnung an. Die 
Loschung der Waren wurde erst nach sorgfaltiger Reinigung des Schiff es 
gestattet. Am 6. Oktober erkrankten zwei Matrosen an der Pest. Bald 



316 14. Periode. 

darauf starb nach kurzer Krankheit die Frau des Quarantaneaufsehers, 
der die Reinigung der Sachen geleitet hatte. Niemand dachte an eine 
Pesterkrankung. Die Frau wurde unter dem Zudrang vieler Leidtragen- 
den begraben; ihre Kleider nach der Sitte unter die Leichenbegleiter 
verteilt. Zehn Tage spater starb der Aufseher sowie ein Arbeiter in der 
Quarantine; dann eine Frau, die von den Kleidern der Verstorbenen 
geerbt hatte; alle drei unter unzweifelhaften Zeichen der Pest. Dann 
erkrankten Hausgenossen der zuletzt verstorbenen Frau und bald zeigte 
sich die Ansteckung in drei Vorstadten von Odessa. Ende Oktober war 
die Pest in Odessa offenbar. Alsbald wurde die ganze Stadt in Pest- 
zustand erklart und init einer Sperrlinie umzogen. Der Generalgouver- 
neur Q-raf Woronzoff iibernahm die Leitung eines Gesundheitsrates aus 
sieben Arzten, weleher die Ausfiihrung der Maflregeln zur Tilgung der 
Seuche iiberwachte. Alle Erkrankungen und Sterbefalle mufiten angezeigt 
werden; fiir Ubertretungen wurde die Todesstrafe angedroht Die Pest- 
kranken wurden in das Hospital, die Verdachtigen in das Hafenlazarett 
gebracht; die verpesteten und ^verdachtigen Hauser gesperrt, bewacht, 
samt allem Gerate gereinigt und gerauchert; die Hausbewohner in einer 
vierzehntagigen Quarantane gehalten. Theater, Schulen und Verwaltungs- 
gebaude wurden geschlossen, ebenso die Laden niit Ausnahme der Lebens- 
mittelhandlungen. Auf zwei Marktplatzen wurden Rastelle zum Verkauf 
von Lebensmitteln eingerichtet. In den Wirtshausern muCten alle Ge- 
schirre vor dem Gebrauch mit Essig gewaschen werden; Tischwasche 
wurde verboten. 

In dem Stadtteil Moldawanka hauften sich die Erkrankungen. Darum 
wurden alle Hauser dieses Quartiers an einem Tage von den Arzten 
besucht und der Gesundheitszustand der 11777 Einwohner gepriift. Man 
fand mehrere Pestkranke und zwei Pestleichen. Der Stadtteil wurde 
mit Lebensmitteln versorgt und von der iibrigen Stadt abgesperrt. Eine 
zweite Besichtigung nach drei Tagen ergab keine weitere Erkrankung. 
Die Sperre blieb drei Wochen in Wirkung. Als im November keine 
neuen Falle mehr vorkamen, wurde der Stadtteil vollig gesaubert, alle 
Sachen fiir vierundzwanzig Stunden in Wasser gelegt oder mit Chlorgas 
gerauchert. 

Inzwischen hatte man audi die iibrige Stadt genau nach Pestfallen 
durchforscht, wobei alle Hauser fiir zwei Tage mit Lebensmitteln ver- 
sorgt, dann geschlossen und samtliche Einwohner binnen zwei Tagen 
arztlich untersucht wurden. Man fand keinen neuen Pestfall. Aber in 
den ersten Tagen des Dezember kamen in der Moldawanka wie in der 
iibrigen Stadt wiederum einzelne Pest erkrankungen vor; die letzten am 
4. Dezember. 

Im Ganzen waren 125 Erkrankungen und 108 Todesfalle gezahlt 



i 



AusbrJiche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 317 

worden; 51 mannliche, 57 weibliche Leichen. Das Quarantanelazarett 
am Hafen hatten 634 Personen als verdachtig passiert; die Quarantane 
in der Stadt hatte 2581 aufgenommen. 

Im Januar wurde die Sperre der Moldawanka aufgehoben und die 
ganze Stadt mit alien Sachen gereinigt, wobei man besonderen Wert auf 
die Desinfektion des Geldes legte. Unter der Aufsicht besonderer Be- 
amten, die in jedes Hans gingen, wurde alle Scheidemiinze in Essig 
oder in Salzwasser abgespiilt, altes Papiergeld gegen neues vertauscht, 
das iibrige in besonderen Raucherkasten gereinigt. Binnen drei Tagen 
war die Geldsauberung vollzogen. 

Achtzig Tage nach dem letzten Pestfall, am 24. Februar 1838, wurde 
die SpeiTe der Stadt aufgehoben. Die Kosten der Pestbekampfung be- 
lief en sich auf 300000 Rubel. 

(Andrejewskij, RAi-ALowrrscH, Dorbeck; dem Buch Heines liegt der 
Bericht Andrejewskijs zugrunde.) 

Weiterhin erschien die Pest in Trapezunt und an der Kiiste zwischen Ktisten 

Batum und Sinob; femer an der Siidkiiste Kleinasiens im Golf von ■^.®^^' 

' asiens 

Iscanderun, besonders in Adana und Tarsus. 

Am 16. Marz wurde Poros am Vorgebirge von Methana im Golf Griechen- 
von Agina verseucht. Die Insel war im Jahre 1827 und 28, als die 
Pest in der ganzen Umgebung herrschte, versehont geblieben, aber da- 
fur von einer „pemiziosen Malaria" schwer heimgesucht worden. Am 
genannten Tage kam der Schiffer Georg Pharsas aus dem verpestet^n 
Mazedonien zum Hafen von Poros und gab an, beim Sturm einen Ma- 
trosen verloren zu haben. Die Matrosen sagten dagegen aus, der Mann 
sei an einer schnellen Krankheit mit Kopfweh, Schwindel und Schwache 
gestorben. Das Schiff wurde einer Quarantane von siebzehn Tagen 
unterworfen. Kui'z vor der Beendigung derselben erkrankte ein Matrose, 
wie der Arzt erklarte, am hitzigen Seitenstich. Man gab dem Schiff am 
4. April libera pratlica. In derselben Nacht starb der Matrose. Die zu- 
sammenberufene Arztekommission erklarte den Fall fiir unverdachtig. 
Am 16. April erkrankte der Sohn der Frau, die den Matrosen gepflegt 
hatte, und starb am 18. Am 17. erkrankte die Mutter und starb am 20. 
An ihrem Leichnam sah man Flecken. Am 18. erki-ankten vier weitere 
Menschen mit Bubonen. Nunmehr wurde um die Stadt ein Kordon ge- 
zogen. Die Porioten machten einen Aufstand. Die Regierung schickte 
dreihundert Soldaten und fiinfzig Gendarmen, ihn zu dampfen. Die ganze 
Biirgerschaft wurde nach dem Festland gebracht und hier unter Quaran- 
tane gesetzt; dabei steigerte sich das Sterben bedeutend. Erst £nde 
Mai liefi es nach. Vom 17. April bis zum 11. Juni waren von 3316 
Menschen 170 erkrankt, 150 gestorben. Am 15. September erklarte man 
die Pest fiir erloschen und gab Poros frei. (Wibmeii, Link.) 



318 1^- Periode. 

Smyrna Im Mai desselben Jahres brach die Pest in Smyrna aus, um bis Ende 

August zu wiiten. Nach Bulards Meinung kam die Ansteckung aus 
Konstantinopel, nach Aubert aus dem Innern des Landes. Es starben 
nach Bulard von den Einwohnern insgesamt 18 000. Im Einzelnen 
werden folgende sehr verschiedene Aufstellungen mitgeteilt: 

Von 58000 Tiirken erkrankten 4500, starben 4000 = 6,9 7^ 
„ 48000 Griechen „ 690, ^ 450 = 0,9 „ 

„ 10000 Katholiken „ 50, ^ 30 = 0,3 „ 

„ 8000 Juden , 457, ^ 279 = 3,5 ^ 

„ 6000 Armeniern ,, 120, „ _ _^i = 0»9 r 

130000 5781 4813 

(BULABD.) 

Von 47000 Tiirken und Juden . . starben 8000 == 17,0 ^^o 
^ 12000 Katholiken und Europaern ^ 98 = 0,8 ^ 

3000 Armeniern ,, 190 = 6,3 „ 

4^000 Griechen , 791 = 1,9 „ 

102000 9079 



77 

n 



(AUBEET.) 

Bulard, der gerne lebhafte Farben braucht, gibt eine schreckliche 
Schilderung des Hospitals in Smyrna: Die Kranken, die in diese Anstalt 
eingebracht werden, sind sofort von den Ihrigen getrennt; sie fallen in 
die Hande unmenschlicher habgieriger Dienstleute, die in ihnen nur zu- 
kiinftige Leichname sehen und beim ersten Blick die Fetzen von den 
Kleidungsstiicken berechnen, die auf ihren Teil fallen. Ohne Arzte und 
Arznei und ohne jede Hilfe unter ihren Ausleerungen sind Tote und 
Sterbende in stinkenden ungeliifteten Raumen zusammengehauft. Die 
Leichen junger Madchen werden von den Wartern geschandet. 
Von Smyrna kam die Pest nach Magnesia und Balikesri. 
g^^^ Von Alexandrien aus wurden Tripolis und Algier verseucht. 

1838 1838 herrschte die Pest weit^r in Odessa, Trapezunt und Konstan- 

Rumelien tinopel. Sie kam von hier nach Rumelien (Haeseb). 

In Kleinasien gab es einen Ausbruch bei Siwas im Quellgebiet des 

Annenien Kisil-Irmak; ferner zeigte sich die Pest in Baiburt in Nordarmenien, in 

einigen Dorfem der russischen Provinz Achalzik und in fast alien Dor- 

Kaukasusfern des zugehorigen Kaukasus; bald darauf auch in Achalzik selbst; 

hier dauerte sie bis Ende Oktober, wahrend sie in den Dorfern friiher 

aufhorte. Man ftihrte eine strenge Sperre der Stadt bis zum 22. De- 

zember durch und reinigte alle Dorfer (Tholozan). 

Levante In Syrien und Palastina Utten Beirut, Jaffa, Nazareth, Jerusalem. 

Auf Zypern wurde Limasol und Larnaca verseucht. In Damiette gab 

es einen neuen Ausbruch. (Rittbe). 



AusbrUche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 319 

1839 breitete sich die Epidemie im Kaukasus und in Transkaukasien 1839 
weiter aus, iim bis 1843 fiinfinal aufzuflammen. Sie fing im Friihjahr 
in der N he von Kars und Erzerum an, kam wieder in die Dorfer von 
Achalzik und dann in die Stadt selbst. Trotz aller Mafiregebi dauerte 
sie bis in den Herbst. Erst im Oktober wurden alle Orte frei. Ein neuer 
Ausbruch begann im Dezember unter der Gamison von Achalzik, der 
bis zum Februar 1840 dauerte. Die wahrend der Pest verarmte Bev5l- 
kerung Transkaukasiens wurde bis 1842 von der Steuer befreit. (Tho- 

LOZAN, DOBBECK.) 

Am Schwarzen Meer wurde Varna, am Marmarameer Konstantinopel 
und Silivri heimgesucht. — Eine turkische Flotte von 24 Fahrzeugen mit 
15000 Mann Besatzung, die am 7. Juni unverseucht aus Konstantinopel 
abgefahren war und am 14. Juli in Alexandrien ankam, soil hier im 
Dezember die Pest an Bord genommen haben, nachdem von August 
bis Oktober bereits 1200 Schiffsleute an Durchf alien gestorben waren. 
Thibk, der dieses berichtet, irrt jedenfalls, wenn er meint, daB in Kon- 
stantinopel seit Herbst 1837 kein Pestfall vorgekommen sei. Er sagt 
weiter, daB auf den uberfiillten Schiffen, von denen einzelne mit 1200 
Oder 1300 Mann belastet waren, bis Mitte Juni 1840 nur 31 Pestfalle 
vorkamen, wiewohl von einer Absonderung keine Rede sein konnte. 
Ende Februar 1840 erkrankten zwei Soldaten der tiirkischen Marine 
unter den Zelten vor Alexandrien an der Pest. Sie wurden abgesondert 
und weitere Falle ereigneten sich nicht. 

1840. In Alexandrien selbst herrschte die Pest schlimmer. Der Be- 1840 
horde kamen 1293 Falle zur Kenntnis. In Bulak, der Hafenstadt Kairos, 
starben taglich 7 oder 8 Pestkranke. (Pbuneb.) Im selben Jahre war 
die Pest in Dalmatien, in Syrien und in Kurdistan. Uber die gleich- 
zeitige 

Pestepidemie in Armenien nnd im Kaukasus 

haben wir genaue Angaben. Wahrend einer schweren Hungersnot, die 
bis in das folgende Jahr hinein dauerte, brach in Erzerum die Pest 
aus. Schon im April und Mai zeigte sie sich in Gumri, dem neuen 
russischen Alexandropol, unter den georgischen Soldaten. Im Oktober 
erreichte die Epidemie ihre H5he, um dann nachzulassen und im De- 
zember ganz aufzuhoren. Bis Ende des Jahres waren 230 Menschen 
erkrankt und 176 gestorben. AuBer Gumri wurden zwei benachbarte 
Dorfer verseucht. Man hatte einen Kordon um Gumri errichtet und bei 
Geslagh eine Quarantaneanstalt gebaut; beide wurden bis zum 19. Fe- 
bruar 1841 durchgefiihrt. Aber schon im Januar oder Februar brach 
die Pest in den Bergen von Eriwan aufs neue aus, weshalb man bei 
Delizon im Tal des Akstafaflusses, nordlich vom Goktschasee, auf der 



320 14. Periode. 

Strafie nach Tiflis eine weitere Quarantane errichtete. Auch im Bezirk 
Gumri trat sie fast in alien Dorfern zugleich auf, was gegen die Ver- 
mutung der russischen Behorde spricht, als seien eingeschleppte tiirki- 
sche Waren an dem Ansbruch schuld. Weiter wurden die Dorfer des 
angrenzenden Bezirkes Pembak, einer hohen Berggegend, die das Quell- 
gebiet fiir den Tabeda nordostlich von Gumri bildet, ergriffen; zuerst 
Gulakarak, das von 482 Einwohnern zwischen dem 24. Juni und 1. Sep- 
tember 94 Kranke, 14 Tote zahlte; dann Hamomli auf der groflen Stralie 
nach Tiflis, wo vom 12. Juli bis 16. Oktober von 684 Menschen 329 er- 
krankten, 93 starben; Q-eslagh, das vom 19. Juli bis 19. November von 
298 Einwohnern 43 erkranken, 25 sterben sah; femer Karaklissa, Aka- 
rak, Vertanli, Sagubli, Gogoral, Akbulak, Turmakatu, Vartanlur, Kus- 
sumali. 

Nach den Bergen von Pembak wurde der Distrikt Churugai im - 
Quellgebiet des Arpa-Chai siidlich von Gumri befallen. Das Dorf Kutly- 
Geslag verlor vom 12. September bis 19. November von 42 Pestkranken 18. 

In der Quarantane von Gumri gab es vom 29. Juli bis Ende des 
Jahres 28 Kranke und 7 Tote. In ganz Kaukasien wurden bis zum 
31. Dezember 1536 Pestki-anke mit 758 Sterbefallen gezahlt. 

Im Mai des folgenden Jahres 1842 begannen im westlichen Telle 
Eriwans die Erkrankungen aufs neue; dann wurde der ostliche Teil am 
Westufer des Goktschasees ergriffen. Im November kam die Ansteckung 
nach der Hauptstadt Eriwan. Um die Mitte dieses Monates war die Pest 
iiberall verschwunden. Im Friihjahr 1843 zeigte sie sich hier und da 
wieder in vereinzelten kleinen Ausbriichen, die im April nochmals zu 
einer Epidemie anschwoUen. Zunachst in dem kleinen Dorfe Tschik- 
damlu beim Flusse Zengi, wo es vom 8. April bis zum 12. Juli 30 Kranke 
und 19 Tote gab. Die Behorden meinten, Schleichhandler von Erzerum 
hatten unter Umgehung der Quarantane die Ansteckung dorthin gebracht; 
andere sagten, diese sei gelegentlich einer Begrabnisfeier von Surmali, 
welches siidostlich von Eriwan liegt, eingeschleppt worden. Weiterhin 
erhub sich die Epidemie in Akarmak, Damagermaz und Goktscha. Sie 
erlosch im Juli. Seitdem ist der Kaukasus pestfrei geblieben bis heute, 
(Tholozan, Dobbeck.) 
Yiinnan Auch in Yiinnan gab es im Jahre 1840 eine Pestepidemie (Rochbr). 

Vergl. 1842. 
1841 1841 herrschte die Pest in Agypten vom Mittelmeer bis Oberagypten; 

am 24. Breitegrad bei Assuan machte sie Halt. Besonders litten die See- 
stadte. In Damiette wurde das aus Syrien heimgekehrte neunte Infan- 
terieregiment fast ganz angesteckt; es starben 721 Mann, ein Drittel des 
Regiments. In Alexandrien starben im April und Mai 800, in Kairo am 
5. Mai allein 141 Menschen. Das ganze Delta war verseucht; Menufi, 



Ausbrilche aus Garhwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812 — 1845. 321 



Rharbi, Dakahli, Negeile und andere Dorfer hatten grofie Verluste. So- 
lange die Pest nur sporadisch aufgetreten war, zeigten sich neben ihr 
andere Krankheiten, wie Blattern, Typhus, Ruhr. Je mehr sie, vom 
Monat Marz ab, an epidemischer Ausbreitung gewann, desto mehr traten 
die anderen Ubel zuriick. (Clot-Bby, Pbtjnbb.) 

Auch in Konstantinopel, auf Korf u, in Syrien, im Libanon, in Bagdad 
und, wie bereits ausgefiihrt, in Armenien und im Kaukasus herrschte die 
Pest. (Geassi, Peus.) 

1842 wurden in Damiette und anderen Stadten tJnteragyptens ein- 
zehie Pestfalle wahrend der Monate Februar und Marz beobachtet 

(GrEASSl). 

Nach einer grofien Hungersnot, die im Jahre zuvor Westchina ver- 
wtistet hatte, kam Ende 1841 die Pest nach Tschung-Kin-Fu imd ver- 
breitete sich bis zum April 1842 iiber ganz Su-Tschuen, wo sie drei Monate 
lang die Dorfer und Stadte verheerte und eine unzahlbare Menschen- 
menge, die nach Millionen geschatzt wurde, vemichtete. (Bbeteand.) 

1843 wurden in Unteragypten die wahrend der beiden vorhergehen- 
den Jahre verschonten Landschaften und Orte, besonders die Provinz 
Dakahli, von der Pest nachgeholt. Sie herrschte in Tripolis und in der 
ganzen asiatischen Turkei. 

Nach Agypten ging im Februar dieses Jahres eine russische Kom- 
mission zum Studium der Desinfektion von Pestsachen durchHitze. 
Die Doktoren Uraticheo und Ischernikoff und der Verwalter Uaranetz 
machten ihre Experimente im groBen Hospital von Kasr-el-Hin. Sie 
uahmen Hemden, Hosen und Bettiicher von Pestkranken, setzten sie fur 
achtundvierzig Stunden einer Ofenhitze von 50 — 60^ R. aus und hingen 
dann einen Teil davon an Kordeln auf, einen anderen Teil banden sie in 
Packe zusammen und den Rest verpackten sie in Blechkisten. Mit den 
zwei ersten Proben bekleideten sie Nubier, Syrier und Tiirken, im Ganzen 
56 Personen, die vorher eine voile Quarantane durchgemacht, nie an 
Pest gelitten, nie eine Fontanelle getragen hatten und mit keiner Wunde 
behaftet waren. AUe diese Versuchsmenschen blieben in den Kleidem 
vierzehn Tage lang, ohne zu erkranken. Die dritte Probe in den Blech- 
kisten wurde nach Odessa gesendet und zum Versuch bei weiteren 20 
Personen gebraucht. Auch diese blieben gesund. (Compte-eendu St. Peters- 
burg 1845.) 

Zur selben Zeit blieben aber auch gesund 49 Arzte, Chirurgen, 
Krankenwarter und Gehilfen, welche die Pestkranken gepflegt, ihre 
Beulen eroffnet, in den Krankensalen geschlafen und die verpesteten 
Kleider und Betten zum russischen Desinfektionsofen getragen hatten 
(Glot-Bbt). 

Stieker, Abhandlangen L Geschlchto der Pest 21 



1842 

Unter- 

ttgypten 

West- 
china 



1843 
Ttirkei 



322 14- Periode. 

1844 1844 and 45 zeigte sich die Pest nochmals in Agypten iind an der 



TJnter- 
ftgypton, 
Arabien 



Westkiiste Arabiens (Q-rossmann). 



Das war fiir lange Zeit der letzte Q-ang der Pest an der Levante- 
Der europaische Q-esundheitsrat, der 1847 fiir den Orient eingesetzt 
wurde und seinen Sitz in den Hauptstadten der Tiirkei einnahm, erwies 
sich als uberfliissig. Als wahrend der folgenden drei Jahre der als Mit- 
glied jenes Rates und als kaiserlich ottomanischer Reichssanitatsrat 
nach Konstantinopel gekommene Pariser Gelehrte Fauvbl sich bemiihte, 
durch genaue Erkundigungen und Untersuchungen in alien Provinzen 
des ottomanischen Reiches zu erfahren, wie weit es noch in Konstanti- 
nopel, in Syrien und Palastina endemische Pestherde gabe, da fand er 
keinen einzigen Pestfall. Prus, der den wichtigen Posten als Sanitatsrat 
in Alexandrien erhielt, machte wahrend der Jahre 1847 und 48 dieselben 
Erfahrungen fur Unteragypten. 

Er hatte im Jahre 1846 auf den allmahlichen Riickzug der Pest von 
Westen nach Osten hingewiesen; er hatte gezeigt, wie sie 1819 in Ma- 
rokko, 1837 in Algier, 1839 in Kleinasien, 1840 im Kaukasus, 1841 in 
Armenien, Syrien und Konstantinopel, 1844 in Agypten zum letzten Male 
aufgetreten sei, und hatte zu beweisen versucht, daB die Pest der Ein- 
fuhrung einer Sanitatspolizei und besonderen Pestpolizei nicht habe 
Widerstand leisten konnen. Sein friiher Tod, der bereits 1850 erfolgte, 
verhinderte ihn, seine Irrtumer liber die letzten Q-ange der Pest und 
viele andere Fehlschlusse zuriickzunehnien. Auf die Autoritat seines 
Buches hin, das er vor dem Aufenthalt in Agypten geschrieben und der 
Pariser Akademie vorgelegt hatte, bildete sich nun von Jahr zu Jahr fester 
die Legende unter den Gelehrten und Staatsmannern, die uralte Pest 
sei wirklich erloschen. Von der Palipest in Indien wahrend der Jahre 
1815 und 1836, von der Mahamari im Himalaya, von der groBen Pest 
in China 1840, von den Ausbriichen in Kurdistan und im Quellgebiet der 
Flusse Mesopotamiens, von den Epidemien im Hochland von Assir an 
der Westkiiste Arabiens oder gar von dem Pestherd an den geheimnis- 
vollen Urspriigen des Nil im aquatorialen Afrika waren keine eindring- 
lichen Nachrichten nach Europa gekommen, und als sich in der Folge 
das alte Ubel wieder in groBter Nahe von Europa zeigte, so 1858 in Nord- 
afrika, da wurde von alien europaischen Autoritaten geleugnet, daB es 
die Pest sei. Eine zusammenhangende Geschichte der Pestgange gab es 
nicht. Niemand hatte den Versuch gemacht oder die Mittel gehabt, den 
natiirlichen Gang der Pestseuchen im Lauf der Jahrhunderte zu uber- 
schauen. Aber es gab viel Meinen und Glauben iiber die Pestentstehung. 
Die Glaubenssatze, die Pest entsteht in Agypten und nur in Agypten 
und sie wird nie wiederkehren, da sie in Agypten erloschen ist dank der 



Ausbrtiche aus Gtohwal, Armenien, Assir, Uganda von 1812—1845. 323 

europaischen Pestpolizei, galten fiir unerschiitterlich; diese Q-laubenssatze 
wieder auszurotten, bedurfte es mehr als eines Menschenalters. Denn 
die vorsichtigen Erwagungen Q-KiEsmGEBS, der die Mangelhaftigkeit der 
sanitaren Einrichtungen in der ganzen europaischen und asiatischen 
Tiirkei sah und aus guten Grunden an die endemische Entstehung der 
Pest aus dem Boden Agyptens nicht glauben konnte, kamen im Jahre 1857 
noch zu friili fiir eine Zeit, die es bequem fand, von der Pariser Aka- 
demie der Wissenschaften alle ungelosten Fragen entscheiden zu lassen, 
und sich gerne von den Gelehrten einreden liefi, aus Streitigkeiten um 
Hjrpothesen und Theorien und aus kleinen Laboratoriumsspielereien er- 
wachse eine wahre Ansicht von der Epidemiologie der Pest. 



21 



324 15. Periode. 



15. Periode. 
Pestgftnge in Asien und Afrika vom Jahre 1846 bis 1896. 

Eine neue Pestperiode beginnt mit fast gleichzeitigen Ausbriichen in 
den oberen Flufigebieten des Himalaya, im Berglande Assir, im Quell- 
land von Mesopotamien und in Zentralafrika. 

Wahrend Europa von dem Erloschen der Pest an der Levante die 
freudevoUe Kunde erhielt, batten im Ansland einige wenige Europaer 
eine Ahnung davon, dafi sich in dem Mahamarigebiet an den Quellen 

• ■ 

des Ramganga im Himalaya das uralte Ubel aufs neue regte. 

Ausbriiche im Himalaya von 1846 bis 1860. 

Die Provinz Kamaon, die im Jahre 1837 die letzte* Pestverheerung er- 
lebt hatte, wurde von 1846 bis 1860 der Schauplatz alljahiiiclier Pestaus- 
bruche. Batten, commissioner of Kumaun, berichtete 1849 an die Regierung 

Kamaon der Nordwestprovinzen Indiens, daU die Krankheit in den Schneeregionen 
begonnen habe und unzweifelhaft von Jahr zu Jahr naher komme. So- 
bald sich das Ubel in einem Dorfe zeige, werde dieses von den Nach- 
baren geachtet; die Eingeborenen der verseuchten Dorfer flohen in die 
Walder und Gebirgshohlen. Seien sie durch Nahrungsmittel gezwungen, 
vom Vorrat ihrer Scheunen zu holen, so breche die schreckliche Krank- 
heit jedesmal von neuem unter ihnen aus. Das Ubel habe sich zuerst 
im Jahre 1846 in den hochsten Alpendorfern der Provinz Kamaon ge- 
zeigt; im folgenden Jahre sei es in Sarkot bei Lobha an der Quelle des 
Kosilla und in den Dorfern westlich von Almora aufgetreten; 1848 habe 
es einige Dorfer langs dem PindarfluB ergriffen. 

Im Jahre 1849 zeigte sich die Mahamari gegen Ende der Regenzeit 

Garhwai westwarts von Kamaon im benachbarten Garhwal und verbreitete sich 
bis zum Dezember zu einer Epidemic, die den Winter iiber nachlieB, urn 
im Marz 1850 aufs neue zu erwachen und bis zum Juni in neun Dorfern 
103 Opfer zu fordern. Die englische Regierung liefi die verpesteten 



Pestgange in Asien und Afrika 1846—1896. 325 

Hauser verbrennen, die anderen innen und auJien frisch kalken, die 
Leichen begraben und die Misthaufen aus der Nahe der Hauser entfernen. 
(Rennee, Peabson, Walton and Douglas.) 

1852 herrschte in der Hiigelgegend von Yusofzai, vierzig Meilen YusofEai 
nordwarts von Peschawar im Pendschab, am ZusammenfluB des Kabul 

und Indus ein typhoses Fieber, dem Q-elbfieber ahnlich, mit Bubonen 
in den Leisten, Achseln oder am Halse. Es wiitete hauptsachlich in 
den schmutzigen Hausern der Mohammedaner, weniger bei den Hindus. 
Dieser Typhus mit Bubonen war natiirlich die Mahamari oder Pest, die 
der Doktor Plank um dieselbe Zeit in Kamaon beobaclitete. (Faequhak, 
Lybll, Plank.) 

1853 kam die Seuche von Kamaon aus an den Fufi des Himalaya 

in die Bezirke von Bidschnor und Moradabad, zwischen dem Ganges Mora- 
und Jamna, nordlich von Delhi. Sie dauerte bis in das folgende Jalir. ^^^^ 
(HuTCHEsoN, Watson, Fbancis, Pearson.) 

Schon im Jahre 1849 zeigte sich audi in den ostlichsten Auslaufem 1849 
des Himalaya, in Siidchina, die Grofie Krankheit; zuerst nach groflen Siidchma 
Uberschwemmungen in der chinesischen Provinz Hukuang; bald darauf 
oder zu gleicher Zeit kam die Beulenseuche in die Provinz Yunnan. Und 
bereits im Jahre 1850 zeigte sie sich als endemisches tJbel in Pakhoi am 
Golf von Tonkin und in Lientschu, wo sie fortan alljahrlich im Mai aufs 
neue begann, aber nur alle drei oder vier Jahre einen groCeren Ausbruch 
machte. (Bebteand, Babeb.) 

Ein neuer heftiger Ausbruch der Pest zeigte sich im Westen von 
Yunnan wahrend des Krieges der aufstandischen Taipings und der Mo- 
hammedaner im Jahre 1853. Sie nahm ihren Weg auf der Handels- 
straile von Kai-hu bis Lin-an. Im Mai und Juni wiitete sie am schUmm- 
sten, zeigte sich aber noch bis in den Spatsommer. liTach den Berichten 
des Missionsbischofs Fenouil kam sie bis zur Hauptstadt von Yunnan, 
Man-tzu. (Fenouil, Colquhoun.) 

1853 wurden die Araberstamme Beni Scheir und Beni Amr im Hiigel- 1853 Assir 
land Assir an der Westkiiste Arabiens wieder von der Pest heimgesucht. 
Das Waba oder Abubyte, Vater des Todes, verbreitete sich im folgenden 
Jahre weit iiber Arabien. 

Vielleicht hangt der kleine Ausbruch in Wadi Nabk bei Kairo im 
Jahre 1853 (Bubkhaed) mit jener Epidemic zusammen. 

1855, 1856, 1858, 1859, 1860, 1861, 1864 1865 und 1867 wurden 1855 
sporadische leichte Bubonenfalle in Mesopotamien, besonders in Bagdad, ^^®*^- 

•*^ , x- 7 o 7 potamicii 

beobachtet. Diese verktinden nach der Meinung der Eingeborenen eine 
zuktinftige Pestepidemie. (Colvill, Dickson, Batailly und Palladino bei 
Tholozan.) 



326 lo. Periode. 

Pest in Zentralafrika und Barka 1845 — 1859. 

Sudan In der Zeit zwischen 1845 und 1859 herrschte im Sudan eine der 

dort seltenen Pestverheerungen. Pethekik, der diese kurze Angabe ohne 
weitere Ausfiihrungen macht, ist zuverlassig genug, um Glauben zu ver- 
dienen. Seine Notiz erhalt eine wichtige Verstarkung durch die Mit- 
teilungen des Afrikaforschers und Arztes Samuel Bakeb, der im Jahre 
1864 auf seiner Riickreise von den Quellen des weiUen Nil in Nubien zwi- 
schen Gondocoro und Chartum am Bord seines Schiffes Pestkranke hatte 
und in Chartum erfuhr, dafi dem Ubel dort 15000 Menschen, die Halfte 
der Bevolkerung, zum Opfer gefallen und von 4000 Negersklaven kaum 
400 iibriggeblieben seien (siehe das Jahr 1865). Man hat beide Angaben 
von der Pest in Zentralafrika auf die Autoritat Hirschs hin beiseite ge- 
worfen. Die Entdeckung des endemischen Pestherdes am Victoria Nyanza 
in Uganda, die wir unter dem Jahre 1897 zu erwahnen haben werden, 
bringt sie wieder zu Ehren. 

Von Nubien fuhrt eine KarawanenstraUe uber Selime und liber die 
Oasen Charge, Farafrah, Siuah bis Dscharabub am Siidrande des liby- 
schen Wustenplateaus. Auf ihr konnte wohl die Ansteckung gelangen, 
die sich im Jahre 1855 unerwartet in Bengasi verbreitete, in einem Lande, 
in dessen Nahe zuletzt vor zwolf Jahren, namlich 1843 in TripoUs, die 
Pest gewesen war, und das keine Verbindung zu den damals tatigen 
Pestherden im Osten hatte. So ist hochstwahrscheinlich Nubien und 
mittelbar Uganda die Quelle fiir die nachfolgende Pestepidemie gewesen. 

Ende Juni 1858 kam die Nachricht nach Konstantinopel, dafl im 
Marz Oder April ein Typhus non contagieux, ein Typhtis epidemique avec 
petechies et parotides im PaschaUk Tripolis, in Bengasi, ausgebrochen sei. 
Bengasi, das Konigreich der Fliegen, war eine schmutzige Stadt von 
1100 Hausem mit 6000 oder 7000 Einw^ohnern an der S telle des alten 
Berenike. Sie hatte seit 1807 die Pest nicht gesehen und hatte keine 
Verbindung nach auBen zu bekannten Orten, die verpestet waren. Miih- 
same Nachforschungen iiber die Entstehung der Epidemie ergaben fol- 
gendes: Vom Jahre 1853 bis 1856 hatten MiJlernten auf dem Hochland 
von Barka eine mafilose Hungersnot vorbereitet, zu der im Friihjar 1855 
ein Typhus und zwar eine besondere Form desselben, ein Typhus epide- 
mique avec petechies et parotides sich gesellt hatte. Im November desselben 
Jahres brach in der Kiistenstadt Derna, im folgenden Jahr in Bengazi 
die Cholera aus. Im Mai 1856 wiitete die Hungersnot mit Pocken; zu- 
Bengazi gleich brach wieder der Typhus aus und totete im Mai 900 Menschen; er 
begann, wie Barozzi erfuhr, mit hohem Fieber, heftigem Kopfschmerz, 
Schwindel und aufierster Kraftlosigkeit. Dann verfielen die Kranken in 
ein stilles Irrereden, Haufig trat sofort oder am anderen Tage eine 



Pestgange in Asien und Afrika 1846—1896. 327 

Parotidengeschwulst hinzu; bei Anderen schwollen die Leistendriisen oder 
Achseldrusen an. Der Tod erfolgte am vierten oder selbst am dritten 
Tage. Wiewohl manche genasen, totete die Seuche im Laufe des Som- 
mers nicht weniger als 5000 Menschen, darunter den opferwilligen Arzt 
Formosa, der einen Achselbubo bekam. Sein Nachfolger, Doktor Vadala, 
bestatigte nach genauen Erhebungen das von Barozzi gegebene Krank- 
heitsbiid; die Parotiden aber nannte er Bubonen in der Parotisgegend ; 
sie waren bei Tausenden gesehen worden. Leisten- und Achselbnbonen 
batten besonders bei den Europaem vorgeherrscht. 

Das Jahr 1857 brachte groCe Regenflut^n; dadurch entstand 1858 
ein UberfluB, der die ausgehungerte Bevolkerung des Hochlandes von 
Barka wieder aufrichtete. Mitte April zeigte sich in den Zelten des 
Arabertribus Amalis-Gaslin-Heddar, acht Wegstnnden von der Haupt- Nomaden 
stadt Bengasi landeinwarts entfernt, wieder die Typhuskrankheit mit 
Bubonen und Petechien. Sie ging bald auf die benachbarten Tribus, 
im Mai auch auf Bengasi selbst iiber. Zu dieser Zeit war Bengasi fast 
menschenleer, da, wie alljahrlich im Marz und im Herbst zur Emtezeit, 
zwei Drittel der Einwohner zusammen mit 7000 oder 8000 Arbeitem 
aus der Provinz und von der Oase Andjeb, sowie aus Griechenland und 
Candia auf die Felder des Hochlandes gezogen waren. Die Pest nahm 
im Mai in Bengasi 95, im Juni 542, im JuU 169 Menschen weg. Im 
Juni war vom Rest der Bevolkerung, wer nur eben konnte, geflohen. So 
gab es im August nur noch wenige Todesfalle. Vom 7. September bis 
10. Februar 1859 setzte die Seuche ganz aus, um sich dann wieder zu 
erheben und zwischen dem 11. Februar und 18, Juni von etwa 10000 
Menschen 6000 zu toten. 

Schon am 19. Juni 1858 war sie durch eine Barke von Bengasi ost- 
Uch am Gestade entlang bis zur Hafenstadt Derna und im Juli weiter Derna 
in das Innere des Landes verschleppt worden. Im August war sie zu 
Ogilah und an anderen Punkten der grofien KarawanenstraJle zur Sahara Ogilah 
erschienen. Bald beherrschte sie das ganze Plateau bis zu den Grenzen 
der Wiiste. 

Im Sommer 1859 vergingen iiberaU die letzten Spuren der Pest von 
Bengasi, die erst nach fiinfzehn Jahren aufs neue auftreten wird. 

V"on Bengasi wurde die Pest im Jahre 1857 auf Schiffen nach 
Alexandrien getragen, wo es zu vereinzelten Erkrankungen kam. Die Alexan- 
wurden von den einheimischen Arzten richtig erkannt, von zwei aus- ^^^^ 
landischen als Pneunomie und Typhus icterodes gedeutet. Im Einzelnen 
wird folgendes berichtet: Am 14. Juni 1857 kam ein Schiff von Bengasi 
in neun Tagen nach Alexandrien mit einem Patent, das auf Petechial- 
typhus mit Anschwellung der Driisen und Parotiden lautete. 
Auf der Reise war am dritten Tage ein Matrose ohne festgestellte Ur- 



328 15. Periode. 

sache gestorben. Das Schiff wurde in Quarantane gelegt. Am 17. Juni 
starb wieder ein Matrose an Bord. Bei der Sektion der Leiche fand man 
zerstreute Petechien und Ecchymosen, kleine Driisenanschwellungen. Die 
Diagnose lautete auf schweren Petechialtyphus. 

Aju 2. August kam das englische Schiff Pactolus fiber Tanger nach 
Alexandrien. Es hatte in Tanger eine arme Judenfamilie eingeschmuggelt. 
Kurz vor der Ankunft des Schiffes im Hafen war der Schiffskoch eines 
plotzlichen Todes unter Ausbruch reichlicher Petechien verschieden. Man 
fand keine Driisenveranderungen. Die Diagnose lautete auf orientalische 
fulminante Pest. — Bis zum 29. August blieben 215 Reisende in der 
Quarantane und auf dem Schiff e, das nach Beirut weiterging und zu- 
riickkehrte, samtlich gesund. 

Am 4. August erkrankte auf einem Scliiff , das am 3. von Bengasi 
her im Hafen von Alexandrien angelangt war, ein Matrose und starb 
am 7. August mit einer verdachtigen Driisenschw^ellung in der rechten 
Leiste und unter den Zeichen der Lui^genentzundung. Die Arzte, welche 
die Obduktion machten, waren uneinig; drei von ihnen erklarten den 
Fall fiir eine einfache Pneumonie, zwei fur eine von Pestsymptomen be- 
gleitete Pneumonie. 

ViECHOW hat die vorstehenden ihm von zuverlassiger Hand aus 
Agypten in ausfiihrlicher Weise mitgeteilten Falle begutachtet und fiir 
nicht einmal pestverdachtig erklart. 

Noch verdient erwahnt zu werden, dafi im Juni 1858 bei der grofien 
Flucht aus Bengazi viele Familien nach Alexandrien und Malta ohne 
jede Desinfektion und Quarantane eingewandeit sind und dort die Seuche 
nicht verbreitet haben. 

(Babozzi, Babtolbtti, Fauvel, Tholozan, Vibchow.) 



1859 1859 Mahamari in Kamaon. — Bubonenfieber in Sangor an der 

'itn" Gangesmundung. 

1860 Pestausbruch im Zentralgefangnis von Mirut; desgleichen in 
Laknau und Allahabad am Ramganga. In Allahabad gab es 492 Leichen 
Yiinnan (Mitbeay). Ausbruch in Yunnan in Siidwestchina (Gill). 

1868 1863 Pest in Lahore und weiter im Pendschab (Mtjbbay). 

Kurdistan Ende des Jahres Pestausbruch in dem kleinen Bergland von Makiu 
am siidlichen Fufie des Ararat im persischen Azerbeidschan nahe der 
turkischen Q-renze auf der StraBe von Bajased nach Tabriz, zuerst in 
den Dorfern, dann in der Stadt. Die Epidemic erlosch anfangs 1864. 
(Tholozan.) 
1865 1865. Als Samuel White Baker vom Albert N' Yanza im Marz nach 

Gondocoro kam, erfuhr er hier, dafi in Khartum die plague of boils or 
malignant typhus zugleich mit Hungersnot wiitete und bereits 15 000 



Pestgange in Asien nnd Afrika 1846—1896. 



329 



Eingeborene, ungefahr die Halfte der Bevolkwung, getotet, von 4000 
weiGen Soldaten nur 400 ubriggelassen hatte. Die Pest war aiif iiber- 
fullten Sklavenschiffen nUabwarts getragen worden. Ein Schiff, das aus 
Khartum heraufkam, hatte auf der Fahrt viele Ruderer an der Seuche 
verloren. Auch in Gondocoro war das Sterben ausgebrochen. Man warf 
dort die Leichen in den FluJJ. Baker mnJJte das verseuchte Schiff zur 
Weiterfahrt benutzen. Er liefi es mit siedendem Wasser und mit Sand 
ansscheuem nnd dann mit einigen Pfunden Tabak ausrauchern. Er kam 
ungefahrdet bis zum Nildamm. Hier fand er die G-raber vieler Handels- 
leute, die am Ende des weiflen Nils beim Durchstechen des Dammes 
an der Pest gestorben waren. Baker branchte zwei Tage, um durch 
den Damm zum weiflen Nil zu kommen. Jetzt beklagten sich zwei oder 
drei seiner Leute iiber heftigen Kopfsohmerz, Schwindel und qualende 
Schmerzen zwischen den Schultem und im Riickgrat. Einer von ihnen 
bekam Nasenbluten, was als ein durchaus todliches Zeichen gait. Bald 
erkrankten mehrere. Die Leute lagen auf dem Deck in stillmurmelnden 
Delirien; ihre Augen waren zitronengelb. Nach zwei oder drei Tagen 
herrscht^ auf dem Schiff die voile Pest. Das Schiff war an die Mun- 
dung des Sobatflusses gelangt. Die Kranken klagten iiber Riicken- 
schmerzen, hatten Nasenbluten, Delirien, Fieber, blutunterlaufene Augen. 
Einer ging, um die brennende Hitze zu kuhlen, ins Wasser. Manche 
hatten Flecken auf der Brust und an anderen Korperteilen, eine dick- 
belegte Zunge, heifle Haut und sehr schwachen Puis. - - Die vorstehende 
Beschreibung Bakebs ist etwas verworren, enthalt aber die wesentlichen 
Ziige des Bildes der Pesterkrankung und die Bezeichnung plague of boils 
vervollstandigt sie. 

1866 gab es einige Pestfalle an mehreren St^Uen Nordafrikas. — 
Femer in Odessa. (Habser.) 

Im Winter brach in den Siimpfen von Hindi je, am westlichen Ufer 
des Euphrat, zwei Tagereisen von Bagdad, unter den Arabern von ^^ *°^i®^ 
Musseyib die Pest aus. Hier waren schon mehrere Jahre lang zuvor 
zahlreiche sporadische Bubonenfalle vorgekommen. (Vergleiche das Jahr 
1855.) Im November kam die Seuche zu den Hadschi-Offi-Arabern, die 
in den Zelten bei Caraccha lagerten. Zuerst starben taglich zwei oder 
drei, bald sechs und mehr taglich. Da flohen die Araber zum Haupt- 
lager in Hindi je, wo sich die Ansteckung rasch ausbreitete. Am 11. De- 
zember gab es hier mehr als 300 Tote. Die Krankheit begann mit bren- 
nender Fieberhitze, unstillbarem Durst, Delirien, dann brachen Bubonen 
in den Achseln oder Leisten oder schwarze Brandbeulen an verschiedenen 
Korperstellen aus. Fast immer endete das Leiden todlich am zweiten 
bis achten Tage. Weiterhin werden Musseyib, Tueridsch, Kiffil, Hille, 
wenig Kerbela und Nedschef ergriffen. Im April 1867, als die Epidemie 



1866 
Nord- 
afrika 

Meso- 



n 

I 



330 15. Periode. 

xiberall im Erloschen war, kam die Nachricht davon nach Bagdad. £ine 
Kommission unter dem englischen Konsulatsarzt Colvill wurde zur Unter- 
suchung der Seuche hingeschickt ; sie stellte fest, dafl es sich um die Pest 
handle, und errichtete am 30. Mai einen Kordon um den verseuchten 
Bezirk. Der Bericht der Kommission wurde in Konstantinopel bean- 
standet; von Pest konne keine Rede sein, da die Ttirkei purifiziert seL 
Man sandte aus Konstantinopel den Doktor Naeanzi, der vier Monate 
nach dem Aufhoren der Epidemie anlangte. Er vermiilte in den Zeug- 
nissen der Araber iiber die Seuche die Ansteckungskraft des Ubels und 
weigerte sich deshalb, die Diagnose Pest anzuerkennen. In einem Be- 
richt an die hohe Pforte nannte er die Krankheit typhus lomo'ide non con- 
tagieux oder fievre rhumatismale grave a forme typhoids und die Seuche 
wne epidemie de fievres pdlustres pernideuses a forme typhique accompagnees 
souvent d^ engorgements des glandes ou adinites, Proust, Maronin und Ar- 
naud nahmen sich der Deutung Naranzis an und erinnerten an die wa- 
lachische Seuche des Doktor Witt vom Jahre 1829. (Colvill, Nabanzi, 
Castaldi, Pboust.) 

Im Juni 1868 beobachtete der Doktor Ivan, der 600 Soldaten von 

Bagdad in das Sumpfgebiet von Haur-Duhum zwischen Divanieh und 

Schenafije am rechten Euphratufer begleitete, 13 oder 14 Falle einer 

fieberhaften Erki'ankung mit Leisten- und Achselbubonen, die unter Ver- 

eiterung gutartig verliefen. Wahrend der Jahre 1867 bis 1873 wurden 

von Zeit zu Zeit gleiche Falle von den Doktoren Bateilley aus Bagdad 

und Palladino aus Hilleh in Divanije, Suk el Chejuk und Hilleh gesehen. 

(Tholozan.) Diese Falle waren Vorboten einer furchtbaren Pestepidemie, 

die seit Ende 1873 in Dagara und an den Euphratufern wiitete, um all- 

jahrlich im Juni zu erloschen und im Marz neu aufzuflammen, bis zum 

Jahre 1877. Wiewohl in keinem Jahr irgendwelche zureichende Abwehr- 

versuche oder EindammungsmalJregeln gemacht wurden, erlosch die Seuche 

1877, ohne weitere Aussaaten gemacht zu haben. 

(Plague papebs of Levante, Tholozan.) 

Kamaon Ebenfalls im Jahre 1866 gab es einen Mahamariausbruch in Kamaon, 

Yiinnan das nun bis 1870 verschont blieb; ferner eine grofie Epidemie in Yunnan, 

wo erst wieder fiir 1871 und 1872 ein neuer grofier Ausbruch zu be- 

richten sein wird. 

1867 1867 Verseuchung des Hafens Pakhoi am Golf von Tonkin. Die 

Ansteckung kam von Yunnan (Gill). 
1870 1870 zeigte sich im Dezember siidlich vom Urumiasee im Distrikt 

urdsan^^^ Sudsch-Bulak die Pest, die im Fruhjahr und Sommer 1871 zugleich 
und nacheinander 17 Ortschaften in Hohen von 6000 bis 7000 FulJ er- 
griff und das ganze Quellgebiet des Tigris bis nahe zur tiirkischen 
Grenze verseuchte. Sudsch-Bulak war von der groBen Hungersnot, die 



Pestgange in Asien und Afrika 1846—1896. 331 

1870 in Persien herrscht^, verschont geblieben. Ende des Jahres kam 
ein Mann aus dem Dorf Gomischau nach Merhemel-Abad, Miandob, dessen 
Bewohner Keis bauen, und holte dort WoUe ab. Am folgenden Tage 
erkrankte er mit Frost, Fieberhitze und einem Bubo in der linken Weiche 
und bekam blaue und violette Flecken auf der Haut. Er starb am 
anderen Tage. Zwei Tage darauf starb ein Mitbewohner des Hauses an 
derselben Krankheit und so der Reihe nach 60 Hausfreunde binnen zwei 
Wochen. Dann wurde ein Nachbarhaus ergriffen, worin 6 Menschen 
starben; ein Saugling, den man daraus entfemte, blieb verschont. Die 
Leichea wurden von Gomischau, das etwa dreiUig Meilen siidwestlich 
von Tabriz liegt, nach dem nahegelegenen^Arbenus gebracht und hier 
begraben. Zehn Tage spater brach auch hier die Seuche aus. Bis zum 
20. Mai 1871 waren beide Dorfer bis auf 8 Personen, den Totenwascher 
und ein paar Frauen und Kinder, ausgestorben ; in Gomischau waren 
66, in Arbenus 32 Tote. 

Weiter kam die Ansteckung nach Uehtepeh, wo sie bis Ende Juli 
100 Opfer forderte; nach Sandschag am kleinen Zab, wo im Winter 
35 Menschen starben; nach Geltepeh, Udschiwan, Turkmankand, Serob, 
Rahim Khan, Aschtepeh, Bickbend, Yeschkeler, Suleimanieh und nach 
Bana, einer Stadt von 2000 oder 3000 Seelen; weiter in die Turkei bis 
zum Tribus Mukri und Dschafs, wo sie noch im folgenden Jahre an- 
dauerte. Die ottomanische Kommission, die unter Doktor Castaldi Bana 
und die benachbarten Dorfer Karava und Kaninias besuchte, wurde mit 
Flintenschiissen verjagt. Von 7000 Menschen waren 891 gestorben. 

Drei Monate nach dem Ablauf der Epidemie, im Mai 1872, besuchte 
ein russischer Arzt, Telafus, im Auftrag der Regierung von Kurdistan 

■ • 

den Schauplatz der Epidemie und fand bei vielen der Uberlebenden die 
Narben vereiterter Bubonen. Als Veranlassung der Seuche vermutete 
er das Aufwiihlen von Pestleichen zu Akdeivan, die vierzig Jahre friiher 
begraben worden waren. (Castaldi, Tholozan, Proust.) 

1871 begann ein neuer Ausbruch der Yang-tau-ping oder Yang-tzu- ^^1871 
schwang, Beulenkrankheit, in den Gebirgstalern von Yunnan, der bis zum 
Jahre 1873 alljahrlich wiederkehii:e. Wie der in chinesischen Diensten 
stehende ZoUbeamte Eocher berichtete, war schon vor der Taipingrebel- 
lion die Pest lange Zeit in Burmah einheimisch und fing dann an, ost- 
warts vorzuschreiten. Vor dem Sterben unter den Menschen verliefien stets 
die Ratten in Scharen ihre Locher und fielen haufenweise tot hin; dann 
starben die Biiffel, Schafe, Hirsche, Schweine, Hunde, Hiihner. Sobald 
das Rattensterben sich zeigte, enthielt die Bevolkerung sich des Schweine- 
fleisches und floh auf die Berge. Die Epidemie begann stets Anfang 
Mai bei der Aussaat des Reises und liberdauerte den Juni, war im Som- 
mer wahrend der Regenzeit miifiig und wiitcte im Herbst um die Ernte- 



Ytinnan 



332 15' Periode. 

zeit wieder starker bis zum Jahresende. Sie sucht im Lauf der Jahre 
Ort um Ort, Stadt um Stadt auf und iiberspringt die eine oder andere 
Stelle nur, um sie spater nachzuholen. Aus dem Tal geht sie zur Winters- 
zeit in die Berge. (Manson.) 

Pest in Mesopotamien 1873 — 1877. 

Ende 1873 kam die bereits unter dem Jahre 1866 erwahnte Pest- 
epidemie in den siidlichen Teil von Mesopotamien, dem sumpfigen Irak- 
Arabi, zum Vorschein. Die ersten Falle wurden im Dezember im Bezirk 

Dagara Dagara, vier oder fiinf Tagereisen von Bagdad entfernt, gesehen; Ende 
des Monates brach die Seuche beim Kiu'ban-Bairamfest verheerend aus. 
Aus Furcht vor der Quarantane verheimlicliten die arabischen Stamme 
das tJbel, das anfanglich als heftige kurze Krankheit ohne aufiere Zeichen 
rasch totend auftrat. Die Ergi'iffenen fiihlten eine groBe Mattigkeit, ihr 
Gang wurde wankend, ihre Augen stier; sie klagten iiber heftiges Kopf- 
weh und brennenden Durst und batten haufiges Erbrechen, wobei sie 
schwarzes Blut auswarfen. Der Tod trat im Coma binnen zwolf Stunden 
ein. Allmahlich wui'de das Krankheitsbild minder heftig; es zog sich 
in die Lange; die Kranken bekamen Bubonen, Karfunkel und Petechien; 
sie starben nach fiinf, sechs Tagen, manche erst am Ende der dritten 
Woche und ein Viertel von ihnen genas. Das grofle Sterben wahrte 
zwei und einen halben Monat lang. Zwei Monate vor seinem Ausbruch 
waren die Ziegen in Dagara massenhaft gefallen. Die Leute batten sich 
vom Fleisch der gefallenen Tiere genahrt. 
Affidsch- Am 15. Miirz zeigte sich die Krankheit fiinf oder sechs Stunden 

*^* ®^ von Dagara entfernt, zwischen dieser Stadt und Divanijeh, bei den Stam- 

men der Affidsch, die in wenigen Wochen, bis zum 20. Mai, iiber tau- 

send Tote zahlten. Kaum 10% der Erkrankten genasen. Im ganzen 

verloren die Stamme von 35000 Seelen in drei Monaten gegen 2000. 

Divanijeh Am 15. April war die Seuche in Divanijeh; hier starben bis zum 9. Juni 

HiUeh 190, in den zugehorigen Zelten 600 Menschen. Auch Hilleh, westlich 
vom alten Babylon, wurde verseucht. In den heiligen Stadten Nedschef 
oder Meschid AU und Kerbela oder Meschid Hussein forderte die Pest 
nur wenige Opfer. In Nedschef starben 22 von 9000 Einwohnem. 

Die genannten Stadte sind als Ruhestatten des Prophet^n Ali und 
seines Sohnes Hussein die geweiliten Begrabnisorte der Schiiten. Die 
Sitte, Leichname reicher Schiiten zum Grabe von Mohameds Schwieger- 
sohn zu tragen, stammt aus dem Pestjahr 1015 in Irak (von Kbemeb). 
Kerbela ist mit einer Mauer umgeben und hat zwei groCe Tore, die 
nachts iiber gesperrt werden. Bei Tage nehmen die ZoUbeamten am 
Tore von den Pilgerzugen die Leichensteuer, deren Grofle sich nach der 



Pestg&nge in Asien und Afrika 1846—1896. 333 

kleineren oder weiteren Entfernung richtet, in der die Leiche vom hei- 
ligen Grabe beigesetzt wird. Zuweilen werfen Pilger von Bagdad die 
mitgebrachten Leichen nachtlicherweile liber die Mauer, um die Steuer 
zu sparen. Die Wachter lesen solche Leichen am anderen Morgen auf 
nnd werfen sie fiber die Manor zuriick. 

In Nedschef geschieht die Bestattiing im Hofe der Moschee nnd 
zwar in einem Keller von mehr als dreihundert Meter Breite und Lange 
und achtzig Meter Tiefe mit drei ubereinanderliegenden Geschossen. 
Grofle Pilgerzuge von vier-, sechs-, achttausend Menschen bringen die 
Leichen der reichen Schiiten aus weiter Entfemung alljahrlich dorthin. 
Wahrend des Jahres 1873 wurden mehr als 12000 Leichen aus Persien 
zum Begrabnis gebracht. Wiewohl darunter Pestleichen gewesen sein 
mogen, da im Jahre 1872 siidlich vom Urumiasee die Pest geherrscht 
hatte, so ist es dennoch durchaus unwahrscheinlich, dalJ die Totenziige 
die Ansteckung nach Mesopotamien gebracht haben. Hier war die Seuche 
langst, ehe sie sich in Nedschef und Kerbela zeigte und iiberall wiitete 
sie weit schlunmer als auf den Pilgerstrafien und um die Begrabnisstatten. 

Bis zum Juli 1874 starben im Dagarabezirk gemaB den offentlichen 
Listen der tiirkischen Verwaltung von 90000 Einwohnern 4000. 

Ende 1874 erhub sich nach groflen Euphratuberschwemmungen die 
Seuche aufs neue in Diwanijeh und verbreitete sich im Januar 1875 
siidwarts auf die Ufer des Schat el Hai bis weit in die Tigrisebene. 
Hier verloren die Montefikaraber, die siidlich von den Affidschstamnlen 
wohnen, vom Hundert der Erkrankten anfangs 93 bis 95; spater genas 
die Mehrzahl. Im Februar desselben Jahres erschien die Pest in Abdara, 
zwolf Meilen von dem Affidschsumpf ; im Marz weiter siidlich am Kanal 
von Fowosar und in Schenafijeh. Im Juni horte iiberall das Sterben auf. 

Ende des Jahres 1875 begann die Epidemic sich weiter nordwestlich Kut el 
zu verbreiten. Sie herrschte in Kut el Amara und in HiUeh am rechten '^™*™' 
Euphratufer unter dem Namen einer fievre pernicieuse pneumoniqtie ode- 
nique im Januar mit Blutauswurf, Bubonen und Petechien; sie dauerte 
fiinf Monate und raffte bis zum 15. Juni ein Viertel der Bevolkening 
hin. Von Hilleh ging sie strahlenformig nach alien Richtungen. Im 
Februar 1876 war sie in Kiffil-Pegamber; im Marz in Kufa. Als Ur- 
sache ihres Auftretens in Kufa fiihrt man den Leichentransport von 
Bagdad nach Nedschef an; aber auch zahlreiche Orte, wo die Pilgerziige 
nicht hinkamen, wurden ergriffen, wahrend das hochgelegene wasserarme 
Nedschef, das im Jahre 1874 nur wenig ergriffen worden, 1875 ganz 
verschont geblieben war, im Marz 1876 von 9000 Einwohnern nur 300 
oder 400 verier. — Im Marz und April starben in Tueridsch, der Haupt- 
stadt von Hindijeh von 4000 Einwohnern 50 an der Pest. Die um- Hindijeh 



334 15- Periode. 

liegenden Dorfer litten schwerer, sowohl diejenigen, wo das Ubel 1867 
den Zehnten gefordert hatte, als auch die damals verschonten ; im ganzen 
wurden 3000 weggerafft. 

An der Nekropole Kerbela, welches die niedrige und feuchte Lage 
der Siimpfe von Hindijeh teilt und von Schmutz in den Strafien und 
Hausem starrt, ging die Seuche wie im Jahre 1831 fast unbemerkt vor- 
bei. Colvill gibt nach. den offentlichen Berichten auf 15000 Einwohner 
7 Todesfalle wahrend der Monate Marz, April und Mai an. Andere Arzte 
sprechen von 100 oder 400 Toten. 

Trotz doppelter Sperre erreichte die Ansteckung im Marz 1876 die 

Bagdad Hauptstadt Bagdad. Zuerst erschienen zerstreute Bubonenfalle, Am 

13. Marz wurde die Pest in Bagdad offiziell anerkannt. Sie wiitete haupt- 

sachlich auf dem rechten Euphratufer. Viele Hauser wurden hier als 

sichere Todesorte gefurchtet. Es gab im 

Marz 285 Kranke 

April 3036 „ 

Mai 1926 „ 
Juni 284 



120 Tote 


1263 


n 


1151 


n 


104 


n 



5531 „ 2638 „ 

Auf der Ostseite der Stadt waren 758, auf der Westseite 1880 Tote 
gezahlt worden. Nach Tholozan und Beck muBte die Sterbeziffer minde- 
stens verdoppelt werden. Im August, als die Luftwarme auf 49 ® C. stieg, 
lieB die Epidemie rasch aber nicht vollig nach. 

Musseyib Ostlich von Kerbela wurde Musseyib ergriffen und verier von 

3000 Einwohnern 1000. Auch Mahmudie, auf dem Wege nach Bagdad, 
litt vom Februar bis Juni. Siidlich litten die Dorfer Kent, Chinchina, 
Anan, Gerboje, Midhadsch, Diwanjeh, Nasrie. Die schmutzige Stadt 
Suk el Schejuk verier von 30000 Einwohnern nur 14 an der Pest, wah- 
rend in der Umgebung taglich 60 bis 70 Opfer fielen. Dagegen wurden 
in der Handelsstadt Kut-el-Amara mit 3000 Seelen die Halfte der Ein- 
wohner weggerafft. 

Im November 1876 erhub sich die Pest in Bagdad aufs neue imd 
herrschte bis zum Juni des folgenden Jahres. Im ganzen forderte die 
Seuche wahrend der Jahre 1875 und 1876 in Mesopotamien zwischen 
20000 und 30000 Opfer. 

Uber die Haufigkeit der verschiedenen Bubonenstellen finden wir bei 
Gabiadis die Angabe, dafi unter 1224 Fallen in Hilleh und Bagdad 
710 mal Driisenschwellungen in der Leiste, 416 mal in der Achsel, 98mal 
am Halse gezahlt wurden. Die Mortalitat betrug in Bagdad wahrend 
des Marz 53,5^0 der Erkrankten, im April 69 "/o, im Mai 39 7<,. Von 
den Kranken mit Maxillarbubonen starben 22 7o > ^^ Inguinalbubonen 



Pestg&nge in Asien und Afrika 1846—1896. 335 

48,5^0, mit Karfunkeln 50%, mit Parotiden 55^/^, mit Axillarbubonen 
67%, mit Petechien 80%; die Pestis siderans totete 100%. 

Nach der Epidemie wiirden in Bagdad vrie an anderen Orten Meso- 
potamiens wahrend mehrerer Jahre viele fieberlose Driisenschwellungen 
beobachtet. 

Trotz der grolJen Flucht, welche auf der Hohe der Epidemie zahl- 
reiclie Bewolmer der Stadte und Dorfer nach Bassora und Buschir weg- 
ri'iJ, blieben diese Stadte wie in friiheren Jahren verschont. Dagegen 
debnte sich wahrend des Herbstes 1876 die Seuche von Mesopotamien ost- 
warts nach Schustar in Persien aus und nahm in diesem Bezirk wenig- 
stens 2500 Menschen weg. 

Im Dezember 1876 erschien die Pest in den tausend Meter hoch ge- 
legenen Dorfern bei Schahrud in Persien, ohne daB ein Pilgerverkehr Schahmd 
dorthin oder von dort nach Mesopotamien stattgefunden hatte. Es er- 
krankten von 200 Einwohnern 14 und starben 8. 

Anfangs 1877 trat die Pest in Rescht am Kaspischen Meer, das auch Rescht 
keinen Verkehr mit Mesopotamien hat, auf; sie herrschte im Mai all- 
gemein und dauerte bis zum Marz 1878. 

(ClSTALDI, COLVILL, RADCLIFrE, AdLBE, DeUTSCH, BeCK, ThOLOZAN, 

Dickson, Cabiadis, Hihsch.) 

Die Kunde V9m Ausbruch der Pest in Mesopotamien erregte die 
Fursorge der europaischen Regierungen. Sogar Schweden, Norwegen und 
Danemark trafen AbwehrmaBregeln (Schleisnee). 

Pest in Barka 1874. 

1874 brach eine neue Epidemie in Bengasi aus. Die einleitenden 
Ereignisse glichen denen, die der Epidemie von 1856 voraufgegangen 
waren. Von 1869 ab herrschte eine Diirre und Hungersnot im ganzen 
Hochland von Barka. Das Jahr 1873 brachte Regen und das folgende 
Jahr eine uberreiche Ernte. Die Not hatte einen grolJen Zusammen- 
drang der wandernden Araber nach den Dorfern und Stadten bewirkt. 
Anfang April 1874 zeigten sich in den Lagern der Orphas und der Nomaden 
Ferig- el -Hassan, die sich zehn oder funfzehn Kilometer sudlich von 
Merdsch niedergelassen hatten, hier und da Bubonenerkrankungen; einige 
Kranke hatten Karfunkeln, schwarzes Erbrechen, Blutflecken. Im Q-anzen 
erkrankten von hundert Nomaden 55 und starben 22. — Von den Zelten 
brachten drei Genesende die Krankheit zum Dorfe Merdsch, das auf dem Merdsch 
nordlichen Rande des Hochlandes ostlich von der Stadt Bengasi liegt. 
Die Ansteckung brach elf Tage spater, am 28. Mai, aus. Von 310 Ein- 
wohnern erkrankten 270 und starben 100, unter ihnen der franzosische 



336 lo- Periode. 

Militararzt Laval, den die franzosische Regierung wegen des Seuchen- 
geriichtes dorthin gescMckt hatte. Er wohnte unter den Arabem als 
der einzige Enropaer und Arzt und harrte im Wiiten der Seuche getreu 
aus. Sterbend iibersendete er dem franzosischen Vizekonsul in Bengasi 
seinen letzten Willen. Die ganze Bexplkerung von Bengasi wohnte der 
Totenfeier bei. 

Weiter zog die Pest unter die Araberstamme des Hochplateans. Sie 
Zeuchera erschien in den Bergen von Segba, in den Ruinen der alten Stadt Tau- 
chira oder Zeuchera ostlich von Bengasi, zuletzt im Stamme der Abiden, 
Im Dorfe wie in den Zelten hatten Regenfalle jedesmal eine Steigerung 
der Erkrankungszahl zur Folge. Im Ganzen erkrankten in Merdsch und 
in den Beduinenzelten zwischen dem 5. April und 24. Juli von 754 Men- 
schen 533; es starben 208, verschont blieben 221. Unter den 325 Q-e- 
nesenen erlitten Viele Riickfalle. 

Erst Mitte Mai war die erste Anzeige der Seuche nach Konstanti- 
nopel erfolgt. Uber ihre Natur hatten Arzte und Behorden gestritten 
und lange Beratungen angestellt, welchen Namen man der Seuche geben 
miisse. Die Pest vom Jahre 1858 war vergessen. Am 9. Juni ging auf 
Wunsch des franzosischen Konsuls der Doktor Laval nach Merdsch, 
nachdem er auf Grund von Erkundigungen in einem Vorbericht vom 
9. Juni keinen Zweifel daran gelassen hatte, daB es sich um die Pest 
handele. Dawider lieU die Stadtverwaltung von einigen Stadtverordneten, 
einem arabischen und einem maltesischen Arzt unter dem Vorsitze des 
amerikanischen Konsuls in Tripolis den vortrefflichen Gesundheitszustand 
von Bengasi und seiner Umgebung bescheinigen und verzogerte in jeder 
Weise die offizielle Feststellung der Pest und die Einleitung der zu er- 
greifenden Mafiregeln. Auch der tiirkische Konsul berichtete am 30. Juni 
nach Konstantinopel von dem guten Gesundheitszustand. Zugleich 
brachten die offiziellen Blatter in Konstantinopel, um die offentliche 
Meinung in Eui'opa zu beruhigen, die Kunde, daB ein Gesundheits- 
kordon um Merdsch in den ersten Tagen der Seuche gezogen worden 
sei. Diesen Bericht hat der Doktor Amaud, der von der hohen Pforte 
zur Einrichtung aller Schutzvorkehrungen abgesendet wurde, als un- 
wahr bezeichnet. Arnaud kam erst im Juli hin, als die Seuche im Er- 
loschen begriffen war. Seine Bemiihungen, den Kordon fiir Bengasi 
und Derna nachtraglich zu errichten, scheiterten an dem Widerspruch 
der Stadtverwaltungen, so daB in Wirklichkeit die Pest sich selbst iiber- 
lassen blieb. 

Die Hafen von Bengasi und Dema, wo seit dem ersten Jahre der 
Hungersnot taglich nahrungssuchende Beduirien tot auf den StraBen 
niedergefallen waren, blieben diesmal von der Pest verschont Auch ge- 
schah keine Ansteckung in weiteren Landem, wiewohl Tunis, Algier, 



Pestgange in Asien und Afrika 1846—1896. 337 

Kreta, Malta, Stideuropa der Pestgefahr wie in den Jahren 1856 bis 58 
durch riiichtlinge und Schiffswaren ohne jeden Schutz ausgesetzt waren. 
(Laval, Arnaud, Tholozan, Proust.) 

Im selben Jahre 1874 gab es einen Pestausbruch siidwestlich vom Kurdistan 
Uminiasee, vornehmlich. in Rewanduz am oberen Zab, einem NebenfluC 
des Tigris, sowie in Wan. Ganze Dorfer siidlich vom See starben wah- 
rend des Winters aus. (Tholozan.) 

Um dieselbe Zeit brach nach voraufgegangenem Mifiwachs in dem 
arabischen Bergland Assir die Seuche aus und di^ang bis auf etwa vier Assir 
Tagesmarsche gegen Mekka vor. Sie verwiistete Namasse, die Haupt- 
stadt des Gebietes von Beni Scheir und funf Dorfer. Sie hatte sich 
zuerst im Marz auf der Hochebene von Tumuna bei einer Frau vom 
Stamme Ali-Sadi, der mit 325 Seelen 65 Hauser bewohnt, gezeigt. Nach 
einigen Tagen trat sie eine Wegstunde weiter nach Norden im Stamme 
Dali Dachmann auf, dann wieder eine halbe Stunde weiter im Dorfe 
Dachma, endlich im Dorf Ali Amr, das zehn Tagereisen von Mekka ent- 
femt ist. Die Sorge, dalJ die Seuche auch hierher kommen und unter 
den 150000 Pilgern, die dort alljahrlich im Monat Moharrem zusammen- 
stromen, ausbrechen und weiter verschleppt werden wiirde wie 1865 die 
Cholera, erwies sich als unbegrundet. Die Epidemic wiederholte sich 
alljahrlich bis 1879. Noch im Jahre 1886 fand der Reisende Doughty 
die Ruinen der ausgestorbenen Dorfer Mogug, Gofar und Hayil nordost- 
lich von Assir als traurige Denkmale der damaligen Verheerungen. In 
anderen Dorfern wie Kheybar sah er halbbegi^abene Leichen, von Hyanen 
angefressen. Ein ti.efes Begraben ist in dem harten Boden unmoglicli. 
(Dickson, Doughty, Creighton.) 

1875 Pest in Turkestan und Persien (Tholozan). — Die Epidemien 1875 
in Assir und Mesopotamien dauern an. — Ausbruch im Pendschab ^®^^^^^ 
(Murray). Vergleiche das Jahr 1859. 

1876 breitete sich zu Anfang des Jahres die obenerwahnte Pestepi- 
demie in Schustar, der Hauptstadt von Kusistan, und in deren Umgebung 
aus. Die Ansteckung soil durch eine Karawane aus Mesopotamien ge- 
bracht worden sein. Die Seuche erreichte ihre Hohe im Mai und Juni 
und erlosch im Juli. Sie totete in Schustar 1800, in der Stadt und ihrer 
Umgebung zusammen 2500 Menschen. 

Pest in Mesopotamien von 1876—1877. 

Eine grofiere Epidemic brach schon im Fruhjahr in Mesopotamien 
aus. Hier, besonders in Bagdad und seiner Umgebung hatten sich seit Bagdad 
dem Juni des Vorjahres die sporadischen Falle leichter, fieberloser Bubon- 

Stieker, Abhandlaagenl. Geschlchte der Pest. 22 



338 15. Periode. 

erkrankungen gehauft. Vom November ab hatte es wieder einzelne zer- 
streute Todesfalle an Pest gegeben. Mit einer groBen Tigrisuberschwem- 
mung im Marz nahm das Sterben rasch zu, besonders in den Vorstadten 
auf dem linken Euphratufer, und loste rasch ganze Familien auf und 
leerte zahlreiche Hauser. Fast die ganze Judenschaft und viele Moham- 
medaner flohen aus der Stadt, im Ganzen gegen 20000 Menschen, so 
dafl die Vorstadte fast leer waren. Die Seuche wuchs bis Ende April 
Tind nahm dann ab, um den Wechselfiebern Platz zu machen. Am 
20. Juni horte sie ganz auf, als die Tigrisflut mit den Euphratwassem 
sich vereinigt hatte. 

Die tiirkische Regierung war rechtzeitig iiber die Art der Seuche 
von ihren Arzten unterrichtet worden. Ein deutscher Arzt in Bagdad, 
Beck, woUte die Pest nicht anerkennen. Er eiferte in osterreichischen 
Zeitungen gegen „das schreckliche Pestspektakel" ; es handle sich nur 
um eine Pes tine oder Pseudopest. In seiner ersten Schilderung aus 
dem Marz 1876 schildert er den Krankheitsverlauf folgendermafien: 
Die Ergriffenen bekommen einen Schiittelfrost, erbrechen am nachsten 
Tage gallige Massen und bekommen eine Adenitis axillaris inguinalis 
oder cruralis. Die Zunge bleibt feucht, wird aber weiU, samtartig. 
Das Aussehen des Kranken ist wenig verandert. Sein Puis schwankt 
zwischen 100 und 140, seine Korperwarme zwischen 39 und 41,5 ® C. 
Die Bubonen sind hart, schmerzhaft und konnen Faustgrofle erreichen. 
Bei schweren Fallen tritt bald BewuBtlosigkeit ein, der Kxanke liegt im 
Coma oder deliriert, bekommt eine trockene Zunge, das Gesicht wird 
livid; an den GliedmaBen erscheinen Petechien; der Ham enthalt EiweiU. 
Von den Erkrankten sterben nur 8 bis 10 vom Hundert, wenn der Arzt 
zeitig Chinin gibt. 

Im Juni gab Beck eine zweite Schilderung der Krankheit. Darin 
ist die obige gute Darstellung des Pestverlaufes mit einer ebenso guten 
Darstellung der Malariaerkrankung verquickt. Die Sterblichkeit gibt er 
jetzt auf 40^0 ^^' -^^s der Pestine ist eine Febris intermittens remittens- 
que hubonica geworden. Beck war offenbar trotz einer guten Beobach- 
tungsgabe unfahig, zwei gleichzeitig herrschende Epidemien voneinander 
zu sondern. Die MalJnahmen der tiirkischen Regierung bezeichnet er 
als Quarantaneplackereien, deren ganzer Heroismus darin bestehe, einen 
Diener in die Hauser der Verstorbenen zu schicken, um deren Effekten 
zu verbrennen imd ein bischen Kalk herumzuspritzen. 

Um die Streitigkeiten der Menschen unbekiimmert, nahm die Epi- 
demic ihren Verlauf. Sie lieB im Gegensatz zum letzten Ausbruch die 
mittlere Stadt fast unberiihrt; nur einzelne arme Leute raffte sie dort 
weg. In der Oststadt totete sie von den 70000 oder 80000 Einwohnem 
1190; in der Weststadt von 15000 oder 20000 Einwohnem 450. Das 



PestgSlnge in Asieu und Afrika 1846—1896. 339 

sind die Ziffern der gezahlten Toten. In Wirklichkeit sind sie viel zu 
gering; viele Sterbefalle wurden wegen der Furcht vor der Haussperre 
verheimliclit. 

In der naheren nnd weiteren Umgebung von Bagdad gab es zahl- 
reiche kleinere Ausbriiche. Auffallend war dabei an einzebien Orten ein 
Sterben der Kamele vor dem Ausbruch der Menschenpest. Die Araber 
woUten das Fallen jener Tiere selir hanfig als Vorboten der Pest be- 
obachtet haben. 

Vom 20. Jnni ab sah man in Bagdad keine Pestfalle mehr sondem 
nur noch Wechselfieber. Im Oktober herrschten Ruhren and gastrische 
Fieber. Vom halben September bis Ende Oktober zeigten sich zwischen 
den anderen Krankheiten wieder vereinzelte fieberlose oder leicht fieber- 
hafte Bubonen- und Karfunkelfalle, die man wahrend des ganzen Som- 
mers nicht mehr gesehen hatte. Sie verliefen unter geringem Fieber und 
endlicher Zerteilung der Gescbwiilste in ein oder zwei Wochen und gingen 
alle giinstig aus, wahrend beim epidemischen Wiiten der Pest in den 
Monaten April, Mai und Juni fast alle Bubonen, die nicht in Eiterung 
iibergingen, todlich gewesen und gleichzeitig viele mit Karfunkeln oder 
Blutspeien bereits nach sechs Stunden, spatestens am dritten Tage, unter 
Zittern und Coma gestorben waren. 

Die leichten Pestfalle horten wieder mit dem November auf, um erst 
im Fruhjahr 1877 sich hier und da bis zum Juli zu zeigen. 

(Adleb, Tholozan, Beck.) 

Wahrend die Pest in Bagdad herrschte, machte sie einen kleinen 
Ausbruch in Bassorah; einen grofieren, der bis in das folgende Jahr 
hinein dauerte, in Aleppo (Tholozan). 

Im November wurden einzelne Pestfalle in Baku unter dem Namen Baku 
Typhus mit Bubonen beobachtet (Radclittb). 

Ende des Jahres gab es Ausbriiche im hochsten Nordosten Persiens, Korassan 
namlich in Dschadscherm, in Asterabad und in Scharud, welches zwischen 
Teheran und Meschhed an der Kaiserstrafie liegt, die von Trapezunt 
nach Pecking fiihrt. Beide Orte liegen in der Provinz Korassan, etwa 
tausend Meter hoch iiber dem Meere, und sind funfundzwanzig Meilen 
vom siidostlichen Winkel des Kaspischen Meeres entfemt. 

Ausbruch in Kaiuaon und Garhwal 1876 und 1877. 

Inzwischen hatte die Mahamari sich zu neuen Verheerungen erhoben. 
Wahrend der Jahre 1870 und 1875 hatte sie sich auf Kamaon beschrankt. 
1876 fing sie an, auch Garhwal zu verseuchen. Die ersten Falle wurden 
aus den Nachbardorfern Bait und Bintola in Kamaon berichtet. Im No- 

22* 



340 15. Periode. 

vember erkrankte in Bintola ein Kind des Padhan oder Biirgermeisters. 
Das Kind war im Dorf geboren, nie aus dem Dorf herausgekommen, 
kein Fremder hatte das Dorf seit Monaten betreten. Am dritten Krank- 
heitstage starb das Kind. Inzwischen waren zwei Geschwister desselben 
erkrankt und starben auch. Die Haushaltung des Padham nahm zwei 
Hauser mit vierzehn Personen ein. Davon starben 13 im Laufe des No- 
vember und Dezember, alle unter denselben Zeichen, innerhalb der ersten 
drei oder vier Tage. — Der Biirgermeisterwohnung zunachst lag eine 
Kette von drei.Hausern mit vierzehn Menschen; die Weiber dieser Hauser 
pflegten die Kranken; bis Ende November waren 12 von den vierzehn 
Hausgenossen gestorben. Bisher hatte man die Kranken in ihren Hausern 
verpflegt und die Leichen begraben. Als aber bis zum Ende Januar ins- 
gesamt 31 erkrankt und 27 gestorben waren, fing man an die neu Er- 
krankten in abgesonderte Hiitten aufierhalb des Dorf es zu bringen. Die Ab- 
sonderung fand so spat statt, weil die Leute keine Bubonen gesehen und 
deshalb nicht an die Gala mahamari gedacht hatten, sondern das Ubel fiir 
das sandschar, den Riickfalltyphus, hielten. Ein Rattensterben hatte sie 
vergeblich gewamt. Als nun bei den Kranken sich Beulen zeigten, da 
floh alles aus dem Dorf und suchte Rettung in Nothiitten und Gebirgs- 
hohlen. Alle Fliichtlinge blieben von der Krankheit verschont. Vor der 
Flucht hatte das Volk einen Priester aus Almora geholt, um den Dewis 
zu opfern und dadurch die Seuche abzuwenden. Er war der erste, der 
die Flucht ergriff, als man die Bubonen entdeckte. 

In Bait betraf die erste Erkrankung ein Weib, das im Hause des 
Badhan von Bintola die kranken Kinder gepflegt hatte. Es wohnte in 
einem von sieben Hausern, die den obersten Teil von Bait bildeten, und 
starb dort bald nach der Riickkelir von Bintola. Nach ihr starb eine 
Tochter, dann vier Nachbarn im nachsten Hause, dann ihr Mann. SchlieB- 
lich war von den sieben Hausern nur ein unbewohntes unverseucht ge- 
blieben; 13 Menschen waren im Dezember gestorben. Als die Einwohner 
von Bait horten, daJJ das Ubel die Gola sei, wanderten sie alle aus und 
blieben gesund, bis am 14. Januar ein groCer Sclmeefall sie aus ihren 
Nothiitten in das Dorf zurilcktrieb. Jetzt starben in den nachsten fiinf 
Tagen wieder 4 Menschen. Das Volk floh aufs neue und lieB die Ster- 
benden ohne Hilfe zuriick. Die Kiihe liefi man frei, um den jungen 
Weizen zu fressen; ein Teil davon iiel den Leoparden und Hyanen zur 
Beute. 

Vor dem Ausbruch in Bintola hatte man in den verseuchten Hausern 
vier und mehr Rattenleichen aus der Stube gekehrt. Ein paar Kinder 
hatten von den tot gefundenen Ratten mehrere als Leckerbissen ge- 
braten und gegessen. Sie waren gesund geblieben. 

Am 15. Januar wurde Reis, der sechs Wochen vorher von einem 



Pestgttnge in Asien und Afrika 1846—1896. 341 

verseuchten Dorf nach Nainola gebracht worden war, hier ausgehiilst. 
Am 18., 19. und 21. Januar starben die Bewohner des Hauses, worin 
man den Reis aufbewahrte. 

Die Seuehe dehnie sich iiber Kamaon und Grarhwal aus und totete bis 
in den Sommer 1877 wenigstens 525 Menschen, 304 Manner, 142 Frauen, 
89 Kinder. 

(Planck, Mubbay, Indian plague Commission, India annual report.) 

1877. In diesem Jahi'e regte sich die Pest an vielen Stellen des 1877 
armenisch persischen Hochlandes und des Kaukasus. Zunachst gab es ^^ ^^^'^ 
im Marz einen Ausbruch in Kurdistan, der sich im Winter wiederholte. Kaukasus 

• __ 

Im Mai wurde Rescht, die Hauptstadt der persischen Provinz Gilan 
auf dem Gebirgszug am siidwestlichen Winkel des Kaspischen Meeres 
ergi'iffen. Es starben hier wahrend des Sommers von 15000 Einwohnern, 
wovon iiberdies mindestens vier Fiinftel beim Ruchbarwerden des Ubels 
flohen, etwa 2000. Die Seuche erlosch erst zu Anfang des folgenden 
Jahres. Es ist hier daran zu erinnern, dafi Rescht am Endpunkte der 
groBen Landstrafie liegt, die aus dem kurdischen Gebirgsland vom Uru- 
miasee iiber Tabris und Kaswin zum Kaspischen Meere fiihrt und einen 
Teil der friiher erwahnten alten KaiserstralJe bildet, sowie am Ende des 
Flufllaufs des Kysyl Usen, der seine Gewasser aus Hochkurdistan, einem 
endemischen Pestlager, bezieht. Die Epidemie blieb auf die Stadt be- 
schrankt, wiewohl der Verkehr mit den umliegenden Dorfern weiterbe- • 
stand und kein Versuch gemacht wurde, die Ansteckung einzudammen. 

Einzelne Bubonenfalle kamen in Baku vor; die persischen Arzte Baku 
leugneten ihre Pestnatur, weil es zu keinem allgemeinen Sterben kam. 

Femer ereigneten sich 4 Pesttodesfalle in Hamadan, dem fruheren 
Ekbatana in Medien, an der Strafie von Bagdad nach Teheran; 37 Pest- 
todesfalle in Dschuwein in Korassan. WaHrend des September gab es Korassan, 
einen Ausbruch in Herat in Afghanistan. (Tholozan.) Afgha- 

Im Mai 1877 trat eine milde Pest im Gouvernement Astrachan auf . Astrachan 
In der Hauptstadt wurden vom Mai bis September 149 Bubonenfalle 
beobachtet; in acht oder zehn Dorfern des Kreises, in Natschalowska, 
Anatin, Kilendschi, Seleni, Tischkow, Uware, Kolorot, Kamisak, gab es 
mindestens 56 Falle. Die Ergriffenen fieberten bis zu 40,5 und 41 ® C, 
verfielen rasch in groBe Entkraftung und Irrereden, bekamen eine An- 
schwellung der Lymphdriisen am Oberschenkel, in den Achseln, am 
Halse oder am Unterkiefer. Nach drei bis fiinf Tagen lieB das Fieber 
nach und die Driisen verteilten sich langsam. Die meisten Kranken 
blieben auBerhalb des Bettes. Nur ein einziger starb und zwar durch 
Pyamie. Einige Arzte erklarten das Ubel fiir eine durch Bubonen aus- 
gezeichnete Malariaform; andere machten auf das Fehlen des Milztumors 



342 15. Periode. 

aufmerksam. Arcliangelskij bezeichnete die Krankheit als Testis mitts. — 
Weitere vereinzelte Falle dieser Art wurden in den Jahren 1878 und 
1879 beobaclitet. (Archangelskij bei Dobbeck.) 

Diese wichtige Epidemie ist bisher fast ganz iibersehen worden. 
Darum hat man die Epidemie von 1878 nicht verstanden und bei ihrem 
Ausbruch imgerweise behauptet, in Astrachan sei seit 1808 keine Pest 
gewesen. 

Im Winter 1877 bis 78 gab es wieder einen Pestausbnich im nord- 
Kaukasus lichen Kaukasus. 

1878 1878 zeigte sich das Ubel im persischen Kurdistan; ferner im Osten 

^Iran*"' und Nordosten des Hochlandes von Iran, in Khorassan und in Afghanistan, 

besonders in Herat. 
Yunnan In Yiinnan gab es eine grofie Yaw^-^^eu-Epidemie. (Chinese medi- 

cal report.) 

Alle diese Ausbriiche schienen fiir Europa unwichtig gegeniiber der 
kleinen Epidemie, die im September in dem Kosakendorf Wetljanka am 
reohten Wolgaufer ausbrach. 

Pest in Wetljanka 1878 bis 1879. 

Nachdem schon den vergangenen Winter iiber in einzelnen kleinen 
Dorfem an der unteren Wolga unter den Kosaken sich milde Bubonen- 
• falle gezeigt hatten, erkrankte am 28. September 1878 in Wetljanka, 
das fiinfzig Kilometer von der Kreisstadt Jenotaewsk entfernt liegt, ein 
65jahriger Kosak mit einem Achselbubo und starb am 1. oder 2. Oktober. 
Es folgten ein paar weitere verdachtige Falle, die der Feldscher Tru- 
biloff alsbald nach Astrachan meldete. Der hinbeorderte Kreisarzt Koch 
erklarte die Erkrankungen fiir bose Formen des einheimischen Wechsel- 
fiebers mit Driisenschwellungen und verordnete Chinin, woniber die Feld- 
schere sich lustig machten, weil sie meinten, Chinin vermoge wider die 
Pest nichts. 

Inzwischen breitete sich das Ubel langsam aus. Der Doktor Koch 
kam im November wiederholt nach Wetljanka, um den Fortschritt der 
Seuche zu beobachten, bis er selbiit am 15. Dezember davon weggerafft 
wurde. Anfangs Dezember traf der Oberarzt des Kosakenheeres Dopner 
ein, um die Epidemie zu begutachten und fand folgende Krankheits- 
zeichen: Schiittelfrost, Kopfschmerz, Erbrechen, Hitze, Gliederschmerzen, 
gerotetes Gesicht und gerotete Augen, Ubelkeit, weifiliche trockene 
Zunge, Auftreibung des Leibes, Sehwellung der Milz und Leber, zu- 
weilen Bluthusten; Puis 120 bis 140 in der Minute. Genesung am 
dritten oder vierten Tage unter heftigem SchweiUausbruch oder rascher 
Tod unter Krampfen und Coma. 



Pestgange in Asien und Afrika 1846—1896. 343 

Vom 27. November bis 8. Dezember gab es 100 Kranke, 43 davon 
waren gestorben, 14 genesen, 43 noch in Gefahx. Nach dem 5. Dezember 
fing man an, die Klranken zu isolieren. Jetzt hauften sich die Krank- 
beitsfalle bedeutend. Die Isolierung gescliah nicht etwa deshalb, weil 
Doktor Dopner das tJbel als Pest erkannt hatte, sondern weil er es fiir 
ein ansteckendes Riickfallfieber hielt. Erst am 17. Dezember wurde 
das Wort Pest zum ersten Male offiziell gebraucht und in der Nacht 
vom 19. bis 20. Dezember wurde um das Dorf eine Sperrlinie gezogen. 

Seit Anfang Dezember starben fast alle Erkrankten, unter ihnen 
der Doktor Koch, sechs Feldschere und der Geistliche. Immer noch 
lauteten die von den Arzten in die Sterbelisten eingetrageiien Dia- 
gnosen: krupose Pneumonic, typhose Pneumonic, Febris inter- 
mittens, Diarrhoe. 

Am 15. Dezember zeigte sich eine Abnahme der Erkrankungsfalle. 
Am 12. Januar 1879 war die Epidemic fast erloschen. Nur cinzelne 
Falle kamen noch im Februar und Marz vor. 

Als das Wort Pest ofiiziell geworden war, schickten fast alle Re- 
gierungen Europas Gelehrte zum Studium der Seuche nach Wetljanka. 

Der Ausbruch der Pest war den europaischen Machten und Gelehrten 
ganz unerwartet gekommen. Von den kurz vorhergegangenen Pestaus- 
briichen in anderen Gegenden schien Niemand Kenntnis genommen zu 
haben. Es machte den Eindruck, als ob Alle glaubten, die Pest sei ganz 
von der Erde verschwunden gewesen. Einer der Wenigen, die das Ubel 
aus der Feme sofort erkannten, war der Petersburger Kliniker Botkin. 
Er sprach vor seinen Zuhorern das Wort Pest aiis. Das trug ihm die 
Verwunschungen des Volkes und die Schmahungen zahlreicher Arzte zu, 
zu deren Wortfiihrer sich Rittmann machte, der freilich auch genug 
Ubertreibungen und Ubereilungen der Zeitungsschreiber in seiner Chronik 
der Pest des Jahres 1879 zu sammeln hatte. Die Zeitungen brachten 
furchtbare Schildei-ungen. Sic erzahlten vom schwarzen Weibe, das sich 
aufmache, um mit der Todesfackel in der Hand die Strafien der Stadte 
und Dorfer zu durcheilen. Und es gab zahllose Menschen, die das wort- 
lich nahmen. 

Der Schrecken stieg, als in St. Petersburg ein Mann namens Prokowjew 
an den Zeichen leichter Pest erkrankte und Botkin die Diagnose aus- 
sprach (Wassiljew). Zu dem Bett des Kranken zogen ganze Scharen 
russischer und auswartiger Arzte, wahrend in Deutschland der grolJe 
Kliniker verlastert wurde. Nur Wenige, wie Rohlfs in Gottingen, ver- 
teidigten ihn mit guten Grunden. Ob es sich in Petersburg wu'klich um 
einen Pestfall gehandelt hat; wie der Kranke, der keinerlei Verbindung 
mit Astrachan gehabt hatte, in dem Norden von Rufiland an die Pest 
gekommen war, liifit sich heute nicht mehr feststellen. Ebensowenig laCt 



344 lo. Periode. 

sich entscheiden, wieweit die nachtraglicli am 6. Marz in einer Versamm- 
lung der Petersburger Arzte berichteten sieben Bubonenfalle mit Fieber 
und Petechien, die samtlich in Grenesung ausgegangen waren, zur Pest 
gebort haben. 

Inzwischen zogen aus RuiJland, aus der Tiirkei, aus Rumanien, Oster- 
reich, Deutschland, Frankreich, England Kommissionen zur Begutachtung 
der Seuche nachWetljanka. Die meisten von ihnen kamen auf dem Schau- 
platz an, als das Drama beendigt war. Sie gaben sich nun vor allem 
viele Miihe, den Ursprung des Ubels festzustellen und vernahmen die 
widersprechendsten Geriichte. Die Leate, die immer die Pest aus der 
Tiirkei kommen lassen, meinten, ein Verwandter des zuerst verstorbenen 
Kosaken hatte verpestete Kriegsbeute aus der Tiirkei mitgebracht und 
diesen damit angesteckt. Andere sagten, eine Bauerin Maura Pissarewa 
habe die Ansteckung von Astrachan nach Wetljanka geholt. Sie sei 
am 10. Oktober gesund nach Astrachan gegangen, um einige ihr ver- 
wandte Kosaken, die vom Kriegsschauplatz aus der asiatischen Tiirkei 
heimgekehrt waren, zu besuchen, sei dort zwischen dem 12. und 14. er- 
krankt und sofort mit dem Dampfschiff nach Wetljanka zuriickgekehrt-, 
um hier am 17. Oktober zu sterben; an der Leiche habe man eiiien 
Achselbubo gefunden. 

Die deutsche Kommission, Professor Hirsch und Stabsarzt Sommer- 
brodt, entschlofi sich, „wiewohl mit aller Reserve", fiir die erstere Auf- 
fassung und wagte die folgende Hypothese: Die Effekten des Kosaken 
sind durch tiirkische Truppen oder auf einem anderen Verkehrswege im 
Jahre 1877 oder 1878 aus den verseucht gewesenen Gegenden Mesopo- 
tamiens nach einem Orte in Armenien gelangt, wo sie unberiilirt und 
wohlverschlossen liegen geblieben, einzelnen Kosaken aus Wetljanka als 
Kriegsbeute in die Hande gefallen und von diesen uneroffnet so lange 
mitgefiihrt worden sind, bis sich die Gelegenheit bot, dieselben nach 
Hause zu schaffen. 

Indessen hat weder Einer von der deutschen Kommission, noch von 

■ ■ 

den anderen Arzten die Effekten gesehen und auch Niemand den Beweis 
fiir jene Hypothese zu fiihren versucht. 

Zuber, der Delegierte Frankreichs, laBt die Pest von Rescht durch 
einen Matrosen nach Astrachan und von hier nach Wetljanka kommen, 
ohne mehr als Vermutungen geben zu konnen. 

Der rumanische Abgesandte, Professor Petrescu, teilt die Auffassung 
Zubers, welclie sich immerhin auf das Herrschen der Pest in Rescht 
wiihrend des Jahres 1877 und in Astrachan wahrend des folgenden 
Jahres und auf die Geschichte der Maura Pissarewa berufen kann. 

Wahrend der Epidemie herrschte in Wetljanka eine Verwirrung, in 
der alle Schrecken der Pestepidemien aus alten Zeiten wiederkehrten. 



Pestgange in Asien und Afrika 1846—1896. 345 

Hier nur einzelne Ziige davon. Der Schrecken loste rasch alle Familien- 
bande; man lieB die Kranken ohne Nahrung, ohne Feuer, ohne Kleider 
bei offenen oder zerschlagenen Fenstern hilflos liegen. Auf den Strafien 
irrten abgemagerte Kinder in Lumpen umher, iiberall weggestofien, vor 
Hunger und Kalte vergehend. Ein achtzehnjahriges Madchen, das iiber 
Kopfschmerzen klagte, wurde von seinen Angehorigen in das Pesthaus, 
das die Gemeinde notdiirftig eingerichtet hatte, zu weiteren sieben Pest- 
kranken gebracht. Die Fenster des Hauses waren zerbrochen, so dafl 
die harte Winterkalte von minus 8 bis minus 10 ^ R. in den Raum ein- 
drang. Die beiden Warter, denen die Pflege der Kranken anvertraut 
war, batten sich dem Branntwein ergeben, um sich, wie sie meinten, da- 
mit gegen die Ansteckung zu schiitzen. Um die Kranken klimmerten 
sie sich nicht. Arzte waren nicht vorhanden. Drei waren hintereinander 
der Pest erlegen und ebenso war ein Feldscher nach dem anderen ge- 
storben. Als das erwahnte Madchen aus seiner BewuBtlosigkeit erwachte, 
fand es sich unter sieben Leichen. Wiewohl es sich mit den Kleidern 
und Betten der Verstorbenen bedeckte, f roren ihm beide Fiisse ab. Nach 
stundenlangem Hilferufen kam endlich ein Mortuus, der Pestkranken- 
warter, fiel aber betrunken vor ihr hin. Das Madchen ware verhungert, 
wenn nicht mildtatige Leute es abgeholt und verpflegt hatten. — Die 
Leichen im Hospital lagen eine Woche und langer unbeerdigt. Der 
Dorfpfarrer Gussakoff, der die Kranken und Sterbenden ohne Furcht 
besuchte, erlag am 12. Dezember selbst der Ansteckung. Seine hoch- 
schwangere Frau und seine Sehwester mufiten in der hartgefrorqnen 
Erde ein Grab fiir ihn graben; beide starben drei Tage darauf. Im 
NachJafi des Geistlichen fand man eine Beschreibung der Seuche; sie 
ist sehr kurz und vortrefflich: Wo die Krankheit in eine Familie kommt, 
da sterben sie alle und nur wenige bleiben am Leben. Die Arzte 
sagen, es sei ein Wechselfieber, als ob wir das Fieber nicht kannten. 
Die Leute bekommen Kopfschmerz, Hitze, Schwindel, Erbrechen und 
eine Geschwulst in der Leiste oder in der Achsel und in drei bis vier 
oder hochstens in sechs Tagen sind sie tot. Ist das ein Wechselfieber?! 

Das Dorf Wetljanka wurde von den Arzten als ein wohlgebautes 
mit reinlichen Bewohnern geschildert. Diese wohnten meistens zu ebener 
Erde in durchweg einstockigen Hausern, von denen einige drei oder vier 
Stufen iiber dem Grande erhoht waren. Alle waren in Hammelpelze 
gekleidet und pflegten ihre "VVohnraume zu iiberheizen. Von 1760 Men- 
schen, die 425 Feuerstatten hatten, waren in der Seuche, nach der 
Schatzung Hirschs, 440 erkrankt, 359 gestorben. 

Aus Wetljanka kam die Pest in die Dorfer auf dem rechten und 
linken Wolgaufer; zunachst am 5. Dezember nach Prischib, wo bis zum 
24. des Monates 16 erkrankten und starben, alle am dritten, vierten oder 



346 15- Periode. 

fiinften Tage; am 15. Dezember nach Starizkoje, wo es bis zum 5. Januar 
8 Tote gab. Ferner auf dem linken Ufer nach Udatschnoje, Sselitrenoje 
und Michailowka, sowie auf die Wolgainsel Tabun Aral. Als die Seuche 
sich in die Dorfer verbreitete, schickte der Gouverneur von Astrachan 
den Medizinalinspektor Doktor Zwingmann hin, der ein Gutachten liber 
die Erkrankungsfalle abgeben soUte. Dieser erfuhr in Prischib am 
16. Dezember, daU dort dieselbe Krankheit wie in Wetljanka herrsche. 
Ohne einen Kranken anzusehen, fuhr er gleich weiter nach Wetljanka, 
hielt in einiger Entfemung vom Dorf an und zog durch Feldschere und 
Kosaken Erkundigungen ein. Auf Grund derselben berichtete er an den 
Gouverneur, dafl die Seuche die orientalische Pest sei und die Umzinge- 
lung der Landschaft erfordere. 

Weiterhin waren zwei Falle in der Kreisstadt Jenotaewsk, 45 Kilo- 
meter sudwarts von Wetljanka, vorgekommen. Eine Frau aus Jeno- 
taewsk hatte ihrer pestkranken Tochter in Wetljanka bis zum Tode bei- 
gestanden und kehrte am 7. Dezember nach -Hause zuriick. Sie starb 
kurz darauf und am nachsten Tage ihr Mann, der sie gepflegt hatte. 
Weitere Ansteckungen kamen in der Stadt nicht zur Kenntnis. — Auch 
auf den Strafien zwischen den links von der Wolga gelegenen Dorfern 
und auf der Steppe fand man einige Pestleichen. 

Im Ganzen mag die Zahl der Todesfalle aufierhalb Wetljanka sich 
auf hundert belaufen haben. 

Fair die Vemichtung von 83 Hausern in Wetljanka gab die Regie- 
rung 50000 Rubel als Entschadigung, fiir verbrannte Kleider und Gerate 
14000, fiir die Reinigungsbeamten 5000, im Ganzen 69000 Rubel. 

(ZuBBB, HiESCH und SoMMEBBRODT, Vetljanka ProtokoUe, Petrescu, 

KlEMANN, BlBSADECKI, ReUTLIKGEB, DoBBECK, RoSZAHEGYL) 

Neben der Epidemic in Astrachan machte es keinen Eindruck, dalJ 
Ende des Jahres 1878 sich unter den russisch-tiirkischen Truppen die 
Pest zeigte. (General Loris Melikoff bei Cbeighton.) 

1879 1879. In Assir brach im Februar das Ta'un aus, zuerst in Kalabe 

A * 

^""^ Oder Karje, einem kleinen Dorf mit 150 Seelen, fiinf Stunden weit von 
Namasse. Zwei Frauen im Hause des Sayd Ibn Karam starben nach 
kurzem Klranksein mit Beulen; dann ging das tlbel weiter von einem 
Hause zum anderen. Bis Ende Marz erkrankten 35 und starben 14 
Menschen, 8 Manner und 6 Frauen, in Karje. Ein paar andere Dorfer 
litten schwerer. (von Kbemeb.) 

1880 1880 Ausbruch in Urumia (Tholozan); Pestfalle in Mesopotamien, 
die sich im nachsten Jahre zu einer schwereren Epidemic, der sechsten 
binnen vierzehn Jahi'cn, hauften (Low). 

1881 . . 

Korassan 1881. Pest in Kurdistan und in Korassan, besonders in Meschhed. 



Pestgange in Asien und Afrika 1846—1896. 347 

In der Nahe des alien Nanking am Jangtsekiang, in der Provinz 
Eaangsu, und in den westlichen Vorstadten kamen Ratten haufenweise Ostchina 
aus ihren Lochem in die Wohnungen der Mensclien, drehten sich im 
Kreise und fielen tot bin. Man sammelte davon ganze Korbe und Kisten 
vol! und warf sie den KanaL (Macgowan bei Orbighton.) Von einer 
Seucbe unter den Menschen wird nichts berichtet. Im folgenden Jahre 

1882 brach wahrend der groflen Julibitze in der Hafenstadt Pakhoi 1882 
am Golf von Tongking die Bubonenpest aus, die in dem schmutzigen ^^^^^^^'^^ 
Chinesenviertel von 25000 Menschen 400 oder 500 wegraffte. Beinahe 

in jedem Hause, wo sicb die Krankheit zeigte, waren vorher Ratten aus 
der Erde gekommen und zahlreich in den Wohnraumen verendet. Doktor 
Lowry fand bei den Tieren blutuberfiillte Lungen. Unter den Menschen 
auiJerte sich die Krankheit mit Bubonen. Auch in Lientschau, zwolf 
Meilen landeinwarts von Pakhoi, zeigte sich die Seuche (Lowby). Seit 
dem Jahre 1882 hat sie bis 1902 neun morderische Ausbriiche gemacht. 
Sie fing jedesmal im Friihjahr nach einer auBerordentlichen Vermehrung 
der Flohe an und lieB jedesmal mit den tropischen Regengiissen nach. 
(Abbatuccl) 

Die genannten Ausbriiche in Nanking, Lientschau und Pakhoi waren 
nur Teilerscheinungen einer allgemeinen Pestepidemie, die um das Jahr 
1881 oder 1882 von Yunnan liber Kwang-si und Kwang-tong zum siid- 
chinesischen Meer hinzog. (Abbatuccl) 

1883 Pest in Niederkurdistan, siidostlich von Suleimanjeh bis nach 1883 
Bekirbeg im persischen Bezirk Dschuwanro. Der zuerst Erkrankte goU ^^^^^^^*^ 
Wasser in einem Keller getrunken haben, worin zur Zeit der groCen 
Epidemie von 1831 und 32 Pestleichen begraben worden waren. — Im 
Dezember Ausbruch in Kandahar in Afghanistan. Afgha- 

° nistan 

1884 ein gleicher im November in Kandahar, der sich bis zum Fe- 
bruar 1885 nach Hamadan in Persien erstreckte. — Zu derselben Zeit 
Mahamariausbruch in Kamaon (Bbuce Low). — Pestfalle in Bagdad und ^^^^^ 
Umgebung. - Im Winter ** " 

1885 auf 86 Pest unter der russischen Garnison in Merw und in i885 
Merw Meni, der Hauptstadt der Turkmenen, beide im Sumpfgebiet des M®rw 
Murgat, der von den westlichen Auslaufern der Hindukusch seine Ge- 
wasser bezieht. 

1886 bis 88 Mahamari in Kamaon und Garhwal (Low). ,.^^®^ 

^ ^ Kamaon 

1887 zu Anfang des Jahres schwere Epidemie in Asterabad; im Mai i887 
erscheint sie weiter ostwjirts in Korassan, besonders um Meschhed nahe Korassan 
der Grenze von Persien gegen Turkestan. 

1888 begann die Pest sich im So-len-ko-Tal in der ostlichen Mon- 1888 
golei zu zeigen. In den nachsten Jahren gab es nur vereinzelte Falle jy^oi^^oiei 



348 lo- Periode. 

* • 

von Bubonen- und Lungenpest, bis sich das Ubel 1896 zu einer grofien 
Epidemie erhob und ein Dreizehntel der Bevolkerung wegraffte. (Ma- 

TIGNON.) 

1889 Siam 1889 wurden Pestlierde in den nordlichen Provinzen des siame- 
sischen Reiches entdeckt, von denen man in den alteren Chroniken des 
Landes keine Nachricht fand (Roux). Siehe aber 1686. — Im selben 
Jahre regte sich die Yang-tau-ping, Beulenseuche, wieder in vielen 
Orten Yiinnans. Sterbende Ratten verkiindeten iiberall das Ubel, das 
dann auf die Rinder und zuletzt auf den Menschen liberging. Es aufierte 
sich durch Beulen am Halse, in den Achseln oder in den Leisten und 
totete in wenigen Tagen. Die Menschen flohen in die Berge. Happes 
berichtet, daC im Lande Yunnan noch viele Provinzen ode lagen von 
den vorangegangenen Ausbriichen. Diese sollen sich beschranken auf 
Hohen, die mehr als 1200 FuB iiber dem Meer liegen, und selten iiber 

• • 

7200 FuC hinausgehen. Das Ubel halt sich besonders an die Einge- 

borenen und dort wohnenden Ohinesen, ergreift Reisende selten. Die 

einheimischen Arzte kennen kein anderes Mittel dawider als die Flucht. 

Assir Mitte Januar brach die Pest im Hochland Assir aus und verdarb 

bis zum August vier Dorfer. — 
Bagdad Ende Juli Pestausbruch bei Bagdad. 

Zentrai- Aus diesem Jahre berichtet Robert Ashe, daU im Gebirgsland von 

* " * Buganda die Bevolkerung von Zeit zu Zeit durch Kawali, Pocken, und 
Kaumpali, Pest, heimgesucht werde. Kaumpali verursache Schwellungen 
in den Achseln imd Leisten und errege eine furchtbare Fieberhitze. Die 
Krankheit verlaufe meistens in vierundzwanzig Stunden todlich. Kawali 
tote zwar mehr Menschen, sei aber nicht so gefiirchtet wie Kaumpali. 

Der damalige Ausbruch muC sich einige Jahre hintereinander wieder- 
holt haben. Drei Jahre spater, 1892, wird tJie black plague aus Nairobi 
in Uganda gemeldet (Lancet 1906); und 1893 findet Emin Pascha die 
ansteckende todliche Beulenpest im Sudan, die ganze Dorfer entvolkerte 
(Stuhlmaxn). 

1890 Ausbriiche in Nordpersien (Tholozan). 

Ch?i ^^^^ ^^^^ ^^ ^^^^ (^^^* ^^^'^ ^^^ ^®^^)' Mahamari in Kamaon und 

Ober- Garhwal (Low); im Oktober ein Ausbruch in Irak Arabi (vgl. 1889);. er 
indien, dauerte bis Juli 1892. 

potamien 1892. Ein offizieller Bericht des Gouverneurs von Turkestan meldet 

nach St. Petersburg, dafi die Provinz von einer Epidemie des „schwarzen 
Todes" heimgesucht werde, die der Cholera auf dem FuCe gefolgt seL 
Sie erschien am 22. September plotzlich in der Stadt Askabad an der 
transkaspischen Bahn und totete hier binnen sechs Tagen von 30000 
Ein'wohnern 1303. Der ^schwarzo Tod" werde in Westasien als eine 
todlichere Geiflel gefiirchtet denn Pest und Cholera. Er komme plotz- 



PestgSiDge in Asien und Afrika 1846—1896. 349 

lich, fahre liber eine ganze Landstrecke wie ein Wiistenwind, werfe Tiere 
und Menschen nieder und verschwinde ebenso rascli wie er komme, ehe 
man nur Zeit habe, die Art seiner Verbreitung zu untersuchen. In As- 
kabad dauerte die Seuche sechs Tage, horte plotzlich auf und liinterliefi 
als einzige Spur ihres Wirkens die Leichen der Opfer. Diese faulten so 
rasch, dafi anatomische Untersuchungen nicht gemacht werden konnten. 
— Die Kjankheit begann mit heftigem Schiittelfrost, der Kranke schauerte 
buchstablich vom Kopf bis zu den Fuflen; die Frostanfalle wiederholten 
sich wahrend einer ganzen Stunde alle fiinf Minuten. Dann folgte uner- 
tragliche Hitze; die Arterien wurden gespannt, der Puis beschleunigte 
sich mehr und mehr, wahrend die Korperwarme fortwahrend stieg. Es 
wechselten krampfhafte Zuckungen mit Ohnmachtsanfallen. Plotzlich 
wurden die Glieder steif und kalt und der Kranke vei-fiel binnen 10 und 
20 Minuten in einen tiefen Schlaf, der rasch in den Tod iiberging. So- 
bald als der Kranke auf horte zu atmen, entstanden auf dem Korper 
grofle Blasen, die sich rasch liber die ganze Haut verbreiteten. Die 
Leichenzersetzung begann in wenigen Minuten. 

Askabad liegt nordwestlich von den kurz zuvor durch die Pest ver- 
seuchten Landschaften Merw (1885 und 86) und Meschhed (1881 und 
1887). Dennoch kann es sich bei der mitgeteilten Epidemie dem Krank- 
heitsbilde und dem Seuchenverlauf nach nicht um die orientalische Pest, 
sondem nur um die sibirische Pest, Milzbrandseuche, gehandelt haben. 
Die Seuche wird hier eingeschaltet wegen ihrer differentialdiagnostischen 
Bedeutung. 

Aus Yunnan und Siidchina besitzen wir fiir das Jahr 1892 und die Stidchina 
folgenden genauere Pestnachrichten. Maultiertreiber aus den Bergen 
begleiteten eine Soldatenkarawane 150 Meilen weit nach Kwangsi tiber 
die Gebirgswege. Einige der Treiber besuchten von Lientschau aus die 
zehn Meilen entfemte Stadt Lung-tschu-ting. Sie erkrankten hier, wo 
sich vorher nichts von Pest gezeigt hatte, an Bubonen und bald ver- 
breitete sich ein Bubonensterben iiber Stadt und Umgebung. Im Winter 
liefl dasselbe nach, um im nachsten Sommer einen neuen Ausbruch zu 
machen; diesmal aber nur in der Stadt, nicht mehr auf den Dorfern. 
1893 erschien die Pest 150 Meilen weiter in Pakhoi am Golf von Tong- 
king; im Februar 1894 in dem mit Pakhoi in lebhaftem Schiffs- und Frem- 
denverkehr stehenden Kanton; hier nach einem Rattensterben, das zwei 
Oder drei Wochen lang angedauert hatte und sich in jedem neu befallenen 
Stadtteil wiederholte. In Kanton erkrankten Frauen und Kinder, be- 
sonders w^eiblichen Geschlechtes, mehr als die Manner; die Bewohner der 
Erdgeschosse wurden weit zahlreicher ergriffen als die in den hoheren 
Stockwerken. Die barfuBgehenden Chinesen litten besonders an Schenkel- 
bubonen, die schuhtragenden Japaner mehr an Achselbubonen. Die Frem- 



350 lo. Periode. Pestgange in Asien und Afrika 1846—1896. 

den, welche auf der Insel Schamien unter giinstigen hygienischen Ver- 
haltnissen lebten, blieben samt ihren eingeborenen Dienem von der Kota- 
wen, Beulenseuche, ganzlich verschont, wahrend jenseits des funfzig Fufl 
breiten FluBlaufes das Chinesenviertel verheert wurde. Es starben binnen 
zwei Monaten mehr als 100000 Bewohner desselben, bei einer Bevolke- 
rung von etwa anderthalb Millionen. 
Hongkong Fluchtlinge brachten im Marz die Ansteckung nach der Insel Hong- 
kong, die neunzig Meilen weiter nach Osten liegt Bei Gelegenheit einer 
grojBen Prozession, die hier am 2. Marz von den Chinesen begangen wurde 
und wozn wohl 40000 der armsten Knlis aus Kanton herbeigestromt 
waren, dehnte sich in der Hauptstadt Viktoria das Ubel aus, das schon im 
April mit Gewalt herrschte, aber zuerst verkannt und als Typhus oder 
als eine besondere Gelbfieberart bezeichnet wurde. Im Juli starben 
taglich gegen hundert Menschen. Von tausend Kranken im Ho8pit«.l ge- 
nasen kaum fiinf. Der Handel stockte; die Stadt verodete. Ende Juli 
batten mehr als 80000 Chinesen die Stadt verlassen. Im selben Monat 
liefl das Sterben rasch nach und im August war die Seuche beinahe zu 
Ende. Bis Oktober oder November hat man 2500 Pestleichen gezahlt 
Im Dezember brach die Epidemie aufs neue aus und so alljahrlich in 
kleinerem oder groBerem Umfang bis heute. 

Die Epidemie des Jahres 1894 in Hongkong ist denkwurdig durch 
b£Llllu8 ^^® Entdeckung des Pestbazillus, der von Kitasato und Yebsin fast 
zugleich gesehen und geziichtet wurde. 

In den Jahren 1894 und 95 wurde weiter ostwarts in China die 
Kustenstadt Schang-tau oder Swa-tau verseucht; ebenso das benachbarte 
Tschau-jang-hsien, femer Futschau und viele andere Orte Siidchinas. — 
Amoy Zur gleichen Zeit kam das Ubel nach Amoy gegeniiber Formosa, wo sich 
in den folgenden Jahren 1896, 1897, 1899 und so weiter zwischen dem 
Mai und Oktober die Ausbriiche wiederholten. 

Im Jahre 1895 wurden siidlich von Pakhoi die Orte Potschin und 
Hoi-han auf der Insel Hai-nan ergriffen; ferner in der Nahe von Hong- 
kong die portugiesischen Inseln Macao und Lappa am AusfluB des Hsi- 
kiang. Auch hier setzte sich das Ubel als eine Landplage fest und machte 
fast alljahrlich neue Ausbriiche; 1896, 1897 1898, 1900, 1901. 

(Kitasato, Yeesin, Ogata, Welm, Lowson, Atbes, Willoughbt, 
Nbtteb, Hongkong bepobt.) 

Im Fruhjahr 1894 herrschte die Mahamari in den Vorbergen des 
Himalaya (Indian plague commission). — Zugleich war die Pest unter 
den Kirgisen des Mustagata im westlichen Tarimbecken (Sven Hbdin). 

1895 war im Gebiet der Beni Scheir in Assir ein kurzer Pestaus- 
bruch, der keine weiteren Aussaaten machte (Pboust). 



16. Periode. Anf&nge einer pandemischen Pestausbreitung von 1895 bis heute. 351 



16. Periode. 

Anfange einer pandemischen Pestausbreitung vom Jahre 

1895 bis heute. 

Seit ihren neuen Ausbriichen in den Hochgebirgen von Asien und 
Afrika nm das Jahr 1846 hatte die Pest bis zum Jahre 1895, also in 
einem halben Jahrhundert, die Grenzen der genannten Erdteile oft be- 
nihrt aber nie uberschritten. Wiewohl sie bereits im Jahre 1850 einen 
der besuchtesten Hafen des Welthandels, Pakhoi, dauernd in Besitz nahm, 
blieb sie auf das Festland beschrankt. Die Eroberung der Inseln Hai- Hainan, 
nan, Macao und Lappa im Jahre 1895 bedeutet ihren ersten wirksamen l^^' 
VorstolJ zu weiteren Eroberungen auf den WasserstraUen des Menschen- 
verkehrs. 

Das folgende Jahr bringt neue Versuche der Ausbreitung, die nun 
von Jahr zu Jahr sich wiederholen, manchmal erfolgreich, ofter vergeb- 
lich, aber durchaus beharrlich. Die Pest setzt seit 1 895 bis zum heutigen 
Tage langsam, flutend und ebberid, aber sicher und unaufhaltsam nach 
Osten und Westen, nach Stiden und Norden ihren Weg zu alien erreich- 
baren Kiistenlandem fort und macht unermiidhche Anstrengungen zur 
Eroberung der alten und der neuen Welt. 

AuffaUend konnte erscheinen, wie haufig ihre Anstrengungen ver- 
geblich bleiben. Aber das ist friiher auch so gewesen. Nur hatte man 
kein Mittel ihre vergeblich gebliebenen Aussaaten iiber alien Zweifel 
sicher zu stellen. Mit der Entdeckung und Sichtbarmachung des Pest- 
erregers im Jahre 1894 ist den Streitigkeiten, ob es sich im einzelnen 
Falle um eine Pesterkrankung oder um eine andere Erkrankung mit 
ahnlichem Bilde handelt, der Boden entzogen. Die Leichtigkeit und 
Sicherheit der Pestdiagnose bei Mensch und Tier pragt der neuen Periode 
den Stempel wissenschaftlicher Klarheit auf. 

In den ersten Monaten des Jahres 1896 kam die Pest auf Schiffen 
nach Formosa. Die Arzte doit sprachen anfanglich von einer bos- 
artigen Malaria, die im Sommer ausgebrochen sei. Die Eingeborenen 
bemerkten die Abhangigkeit der Seuche von einem gleichzeitigen Ratten- 



352 16. Periode. 

und Mausesterben und nannten sie So-he-ki oder Schu-Yi, Rattenkrank- 
heit. Erst am 26. Oktober wurde in Taihoku das Ubel als Pest erkannt. 
(MiuB, Ogata.) 
Formosa Die Insel Formosa ist seitdem ein standiger Pestherd und besonders 

eine gef ahrliche Pestquelle fiir Japan geblieben. Schon im selben Jahre 
brachte ein Schiff, das von Indien iiber Siidchina naeh Yokohama fnhr, 
Japan hieher einen Pestkranken. Bald darauf zeigten sieh in Nangasaki und 
Kobe einzebie eingeschleppte Falle. Aber gehaufte Pesterkrankungen 
gibt es in Japan erst drei Jahre spater. 

Auch nach Europa hin versuchte die Pest Aussaaten zu machen, 
wobei es dunkel blieb, woher der Pestsamen kam. Am 7. September 1896 
London ging in der Themse ein Schiff vor Anker, das aus Kalkutta abgefahren 
war und Colombo, Aden und einige weitere Hafen angelaufen hatt^. 
Seine Mannschaft war einige Monate friiher in Bombay erganzt worden. 
Am 16. September erkrankte einer der indischen Matrosen und starb am 
19. im Hospital in London. Auf der ganzen Fahrt war die iibrige Be- 
satzung von etwa hundertundzwanzig Kopfen gesund gewesen. (Pboust.) 

Man legte dem Falle erst Bedeutung bei, als sich der folgende er- 
eignet hatte: Am 11. September kam ein englisches Schiff mit dreihundert 
oder vierhundert Fahrgasten in einem anderen Themsehafen in London 
an. Es hatte am 20. August Bombay verlassen. Auf der Fahrt hatte 
sich weder unter den Reisenden noch unter der Mannschaft ein beson- 
derer Krankheitsfall ereignet. Zwei Wochen nach der Landung des 
Schiff es in London, am 26. September, erkrankten an Bord zwei Maga- 
zindiener, die eine gemeinsame Kabine hatten. Der eine starb am fol- 
genden Tage, als er in das Hospital gebracht werden sollte. Der andere 
starb am 3. Oktober im Hospital. Es wurde bei ihm klinisch und bak- 
teriologisch die Pest festgestellt. Die Nachforschung iiber die mogliche 
Herkunft des Keimes ergab, daC die beiden Manner im kiihlen englischen 
Klima warmere Kleider, die sie in Bombay eingepackt, hervorgesucht 
hatten. Aber von einem Pestherde in Bombay wuBte Niemand etwas. 

Die Falle gelangten auch nicht zur allgemeinen Kenntnis der Ge- 
sundheitsbehorden, sondern wurden erst auf der internationalen Seuchen- 
konferenz, die aus AnlaJJ der weiteren Ausbreitung der asiatischen Pest 
im Februar 1897 in Venedig zusammentrat, besprochen und gewiirdigt. 

Ebenso war es mit anderen Pestfallen, die sich im September 1896 
Belu- in den Hafenstadten Gwadar und Dschiviani an der Siidkiiste von Belu- 
dschistan dschistan ereigneten. 

Der Zusammenhang mit bekannten Pestherden fehlte, bis kurze Zeit 
darauf in der Hafenstadt Bombay an der Westkiiste von Britisch Indien 
eine Epidemic ausbrach, deren Anfange vielleicht bis in den Sommer, 
wenn nicht bis in das Friihjahr 1896 zuriickgehen. 



Anfange einer pandemischen Festausbreitung yom Jahre 1895 bis heute. 353 

Die Pest in Bombay nnd Britisch Indien vom Jahre 1896 bis 1908 

und weiter. 

Wahrend des Jahres 1896 machte sich in weiten Strecken Vorder- 
indiens eine Hungersnot fiihlbar, die viele Menschen vom Lande in die 
Stadte trieb. Aucb Bombay nahm im August und September viele Hun- 
gemde aus den umliegenden Provinzen auf, so daC die Einwohnerzahl 
dieser groJJen Inselstadt, die nach dem Zensus von 1891 mindestens 
821 764 Kopfe zahlte, auf eine voile Million stieg. In der ersten August- 
woche starben im Bombayer Hafenviertal Mandvi zwei Kranke, die we- 
nige Tage an Fieber und geschwollenen Halsdriisen gelitten batten. Mitte 
August starben wiederum einige Kranke mit geschwollenen Driisen und 
Odem am Halse. Am 31. August wurde ein Kranker beobachtet, der unter 
bobem Fieber und Bewufltlosigkeit mit zwei geschwollenen Oberschenkel- 
driisen rasch starb. Diese und einige andere Falle blieben unberiicksichtigt. 
Sie kamen den Arzten erst wieder in die Erinnerung und der Gresund- 
heitsbehorde zur Kenntnis, als zu Anfang des Septembers nach dem Auf- 
horen des Monsumregens sich ahnliche Krankheitsfalle hauften. Alle er- 
eigneten sich in Mandvi unter den wohlhabenden Getreidehandlern und 
ilii'en Angehorigen. Die Krankheit totete Alle, die sie ergriffen hatte, 
nach ungefahr 48 Stunden. Hire Schnelligkeit und Bosartigkeit er- 
schreckte die Familien und Nachbarn der Ergriffenen. DaiJ die Gre- 
gend gefahrlich war, sah das Volk auf den StraCen und Gassen, wo es 
nach und nach hunderte von Rattenleichen zahlte. In der dritten Sep- 
temberwoche brach eine panische Furcht aus und erregte eine Massen- 
flucht aus Mandvi nach den entfemteren Stadtteilen und auf weiterge- 
legene Orte des Festlandes. 

Schon vorher hatte das Erscheinen von Driisenbeulen an den Ober- 
schenkeln, in den Achseln oder am Halse der Kranken und die beglei- 
tenden schweren Gehirnstorungen, Delirien und Koma, bei einzelnen auf- 
merksamen Arzten die Frage angeregt, ob es sich nicht etwa um den 
Beginn einer Pestseuche handele, und sie bewogen, der Gesundheits- 
behorde Mitteilung von ihren Beobachtungen zu machen. Aber erst am 
23. September, nachdem die Zahl der Opfer binnen sieben Wochen auf 
mindestens 200 oder 300 gestiegen war und endlich bei einem Kranken 
die Pestbazillen im Blut und Auswurf festgestellt worden waren, kam 
die Angelegenheit in der gerade falligen offentlichen Stadtratssitzung 
zur Sprache. Unter den dort vorgebrachten Einzelnheiten schien Einigen 
bedeutsam die Mitteilung, dafl in den Getreidelagern des verseuchten Be- 
zirks wiederum ein groiles Sterben der Ratten sich zeige. Man habe dort 
einige hundert Rattenleichen gesammelt. Andere wollten die Beobachtung 
damit abtun, dafl Faulnisgase in den Kanalen die Ratten getotet hatten. 

Stieker, Abhandlonsen I. Geschichte der Pest 23 



354 



16. Periode. 



Am 24. September wurde an einer Rattenleiche die bakteriologische Dia- 
gnose gestellt. 

Als man nun die Sterbelisten der Stadt priifte, fiel bereits in der 
letzten Juliwoche eine zwar unbedeutende aber doch merkliche Steige- 
rung der Sterbefalle auf; dann kam eine Zeit von vier Wochen, wo die 
Zahlen der Wochensterblichkeit nichts Anfiergewohnliches boten. Aber 
von der Mitte des August ab pragte sich die anhebende Epidemie in 
den Ziffem deutlich aus. 

Es starben in Bombay im Jahre 1896 wahrend der Woche, welche 
begann mit dem 



1. Januar . 






17 


6. Mai . . 






22 


9. September . 


, 39 


8. „ , 




• 


28 


13. „ . . 






28 


16. 


. 63 


15. „ 






23 


20. „ . . 






. 31 


23. „ 


81 


22. „ , 






29 


27. „ . . 






. 24 


30. 


. 142 


29. „ 






18 


3. Jnni 






, 22 


7. Oktober . . 


56 


5. Februar 




23 


10. ^ 






27 


14. „ 


73 


12. „ 




, 34 


17. „ 






. 17 


21. . 


, 61 


19. 




15 


24. „ 






. 27 


28. „ 


, 67 


26. „ 




40 


1. Juli . . 






. 26 


4. November. . 


61 


4. Marz . , 




28 


8. , . 






. 24 


11. „ . . 


, 61 


11. , 






, 32 


15. , . 






; 21 


18. „ . . 


. 42 


18. „ 






, 37 


22. „ . . 






41 


25. „ . , 


, 45 


25. „ 






. 27 


29. „ . 






, 27 


2. Dezember . 


. 43 


1. April 






. 24 


5. August 






, 29 


9. „ . 


. 49 


8. . 






, 30 


12. „ 






. 30 


16. 


. 58 


15. „ 






. 24 


19. , 






. 36 


23. „ . 


. 61 


22. ^ 






. 24 


26. . 






. 37 






29. „ 






. 18 


2. Septeml 


)er 




. 54 







Die Herkunft der Seuche hat sich nie bcstimmt ermitteln lassen. 
Ob bettelnde Pilger, die zu Tausenden aus Garhwal und Kamaon, wo 
noch 1894 die Mahamari einen heftigen Ausbruch gemacht hatte, uber 
Hurdwar und Nasik im Juli 1896 nach dem Walkeschwartempel im Siid- 
osten der Insel Bombay gekommen waren und besonders bei den reichen 
Getreidehandlem in Mandvi gebettelt und Uuterkunft gefunden hatten, 
aus Oberindien die Pest hergebracht hatten; ob das Ubel auf Schiffen 
von Hongkong, wo seit 1894 die Pest herrschte, in den Hafen von Bom- 
bay gekommen war; ob es aus Assir von dor Westkiiste Arabiens, wo 
1895 ein Pestausbruch beobachtet wurde, hergeschleppt worden war, mufi 
dahingestellt bleiben. Nur gewisse Kaufleute in Bombay wuBten sehr 
genau, wer die Pest gemacht habe. Die Pest, sagten sie, ist eine Strafe 
Gottes, weil einige Hinduweiber anfangen, Armbander von auslandischer 



Anf&nge einer pandemischen Pestausbreitung vom Jahre 1895 bis beute. 355 

Arbeit zu tragen anstatt den Schmuck aus einheimisclieiii Metall und 
nach altem indischem Muster. Wahr daran ist, daU zu jener Zeit viele 
chinesisclie Schmucksachen aus Hongkong eingefiihrt worden waren. — 
Anders lehrten einige Fakire: Im Oktober war in Bombay das neue Mar- 
mordenkmal der Kaiserin Viktoria beschmutzt worden. Da wurde ver- 
breitet, die hohe Frau habe zur Siihne dafiir von der Stadt fiinfliundert 
Lebern von Eingeborenen verlangt und deshalb schleppe man moglichst 
viele Hindus zu den Hospitalem, um sie dort unter allerlei Martem zu 
toten und der Leber zu berauben. Im Anfang, als diese Geruchte um- 
hergingen, kam es zu kleinen Aufstanden und Widersetzlichkeiten beim 
Wegtragen der Kranken. Als aber die Eingeborenen, denen jederzeit 
der Krankenbesuch in den Hospitalem freistand, sahen, daC das Fakir- 
marchen grundlos war, beruhigten sie sich schnell. Einen Arzt haben 
sie nie angegriffen; die meisten Arzte wurden von ihnen wegen ihrer 
Geduld und wegen ihres Mutes geliebt. 

Weniger leicht waren die Eingeborenen mit der Verfolgung der 
Ratten und gar mit Tierexperimenten zu versohnen. Sie sclionten und 
retteten die Tiere, soviel sie konnten, und nur der Auswurf des Volkes 
gab sich zu ihrer Verfolgung her. Erst zehn Jahre spater, im Jahre 1907, 
hat ein indischer Bankier, Ram Narayan, den Ausweg gefunden, zugleich 
das Leben der Menschen zu schiitzen und den Mord von Tieren zu ver- 
meiden. Er lafit Rattenhauser bauen, worin die gefangenen Tiere nach 
Geschlechtem getrennt untergebracht und bis zu ihrem Tode auf Kosten 
der Regierung verpflegt werden soUen. Wir kehren zur Pest von 1897 
zuriick. 

Der Ausbruch blieb auf Mandvi neun bis zehn Wochen lang be- 

schrankt, ehe eine weitere Verbreitung des bubonic fever auf die Stadt 

und Insel Bombay geschah. Nur im Hafenteil Lower Colaba, wo die 

groflen Wolllager sich befinden, welche die Ratten wegen der WoUsamen 

zahlreich auf suchen und bewohnen, zeigte sich die Pest schon sechs Wochen 

nach ihrem Beginn unter den Tram way leuten, die ein Massensterben 

der Ratten sahen und nachtraglich berichteten. In der neunten Woche 

wurde eine allgemeine Rattenwanderung aus Mandvi nach den entfern- 

teren Stadtteilen beobachtet. Konnte man bisher im Hafenquartier das 

Fortschreiten der Pest von Haus zu Haus und von Strafle zu Strafie 

verfolgen, so sah man jetzt eine sprungweise Verbreitung der Seuche 

und ihr Auftreten an mehreren Orten zugleich. Aber immer ging dem 

Ausbruch eines neuen Herdes eine plotzliche Einwanderung von Ratten 

vorher. Auf der beigelegten Tafel ist gemaC dem Bericht des Vor- 

sitzenden des Bombay er Gesundheitsrates Dr. Snow in jedem Bezirk die 

Zahl der Wochen eingeschrieben, welche zwischen dem Ausbruch in 

Mandvi und dem epidemischen Auftreten der Pest in den weiteren Teilen 

23* 



356 1^. Periode. 

verging. Die entferntesten Teile sind am spatesten, erst nach achtzehn 
Wochen, befallen worden. 

Die Ausbreitung der Seuche iiber Bombay hinaus auf die Insel und 
das Festland geschah keineswegs etwa gemafi der Zerstreuung der vielen 
tausend Fliichtlinge, sondern immer unter Einhaltung einer Inkubations- 
zeit, die der Auswanderung der Ratten von verseuchten Stellen oder der 
Erki'ankung der Ratten an unverseuchten Platzen entsprach. Uber den 
Zusammenhang zwischen dem Rattensterben und der Menschenpest gaben 
friihzeitig folgende Beobachtungen AufschluC. Als im Januar 1897 das 
Rattensterben in den Hausern von Uppercolaba im Norden Bombays 
geschah, wurde es auch im Hause eines englischen Arztes bemerkt. 
Dieser zog mit seiner Familie aus ; alle blieben gesund. Nur sein Diener, 
der die toten Ratten gesammelt und entfemt hatte, starb an der Pest. 
Der englische Bakteriologe, Doktor Hankin, ein unermiidlicher und ein- 
sichtsvoller Forscher, ging in das leere Haus des Arztes, nahm aus den 
Raumen, wo die Ratten gewesen waren, Proben von Erde und Wasser 
zur Untersuchung auf Pestbazillen und erkrankte fiinf Tage spater an 
der Pest zu einem sechzehntagigen Krankenlager. — In den Magazinen 
des Parsi Wadia, der in seinen Miihlen einige tausend Arbeiter beschaf- 
tigte, wurden viele tote Ratten wahrgenommen. Von zwanzig Kulis, 
welche die Rattenleichen sammelten und die Magazine sauberten, er- 
krankten bald darauf zwolf an der Pest. — Wahrend der Ausbreitung 
der Seuche in Bombay blieb das Gefangnis Umercarrie nahe bei Mandvi 
verschont, wiewohl die Hauser rings umher verseucht waren. Dagegen 
brach sie im BycuUa house of correction, einem anderen Gefangnis im 
Zentrum der Stadt, aus und ergriff von 345 Gefangenen 32, wiewohl 
die peinlichste Absonderung der Kranken geiibt wurde. Auch liier 
war der Pest unter den Menschen das Rattensterben im Hause voraus- 
gegangen. 

Im September, Oktober und November erreichte die tagliche Zahl 
der Pes ttodesf alle in Bombay nur einmal die Zahl 43, meistens blieb sie 
um die Hohe 20 oder 25. Im Dezember stieg das Sterben rasch an; die 
durchschnittliche Todesziffer fiir den Tag betrug in den folgenden Wochen 
44, 44, 85, 120, 135. Im Januar und Februar 1897 erreichte die Epide- 
mic ihre Hohe mit den Ziffem 197, 174, 165, 180, 172, 161, 197, 166 fiir 
den Wochendurchschnitt; dann fiel die Ziffer im Marz, April und Mai 
rasch ab; sie war fiir die elf folgenden Wochen 159, 135, 113, 105, 86, 
86, 67, 58, 34, 10, 6. In der zweiten Halfte des Mai horte die Pest 
vollig auf, nachdem sie ungefahr 21000 bis 26000 Menschen getotet, 
viele Tausende siech gemacht und wenigstens 100000 in Trauer versetzt, 
Handel und Wandel tief untergraben hatte. 

Die Zahl der amtlich angemeldeten Pesttodesfalle betrug allerdings 



Anfange einer pandemischen Pestausbreitung vom Jahre 1895 bis heute. 357 

nur gegen 10394. Aber die Behorden selbst versichern, dafi damit nicht 
die Halfte des Sterbens ausgedriickt sei. 

Auf der Hohe der Epidemie war die Sterblichkeit am groCten; sie 
stieg auf mindestens 97 ^/q. Aus der folgenden Tabelle ersieht man die 
hohe Sterbhchkeit nicht, weil die wenigsten Kranken, und von diesen nur 
die leichter Erkrankten, in die Spitaler gebracht worden konnten. Zahl- 
reiche schwer Erkrankte starben auf dem Wege zu den Spitalern. Was 
deutlich aus der Tafel hervorgeht, ist die Steigerung der Bosartigkeit 
der Seuche in den ersten Monaten und ihre allmahliche aber bedeutende 
Abnahme mit dem NachlaB der Epidemie. 

Man konnte daran denken, diese Unterschiede der Bosartigkeit in 
den verschiedenen Stadien der Epidemie darauf zuriickzufuhren, daB man 
auf der Hohe der Seuche vor Allem Sorge getragen hatte, die schwerer 
Erkrankten aus den Hausern zu schaffen. Dagegen sprechen indessen 
sowohl die Augenzeugen in Bombay, wie auch die Erfahrungen in an- 

deren Epidemien. 

eingeliefert in das , , Sterblichkeit 

Arth^ Road Hospital ^e^esen gestorben .^,^^ 

52 
67 
74 
69 
82 
67 
57 
38 
14 



Oktober 1896 


88 


November 


27 


Dezeiiiber 


182 


Januar 1897 


277 


Februar 


365 


Max'z 


193 


April 


60 


Mai 


26 


Jiini 


24 



genesen 


gestorben 


42 


46 


9 


18 


47 


135 


86 


191 


67 


298 


63 


130 


26 


34 


16 


10 


36 


6 



1260 392 868 68 

Die anfanglich nur aus einzelnen StraCen und Stadtteilen erfolgende 
Flucht wurde im Januar 1897 eine allgemeine. Die Auswanderung von 
etwa drei Viertel der Einwohner bewii'kte eine grofie Stille in der sonst 
so menschenvollen und larmenden Stadt. Mit dem Nachlassen der Seuche 
kehrte das Leben in die verodeten Strafien und Bazare wieder. Am 
deutlichsten ergibt sich die rasche Bevolkerungsabnahme im Januar aus 
der plotzlichen und grofien Verminderung der Geburtsziffem und der 
Beginn der Wiederkehr der Fliichtlinge aus dem raschen Ansteigen der- 
selben wahrend der zweiten Halfte des April und im Mai. 

In Bombay wurden geboren innerhalb vier Wochen, die begannen 
mit dem 

1. Januar 1896 1274 Kinder 25. Marz 1896 1195 Kinder 

29. „ 1157 „ 22. April 1172 „ 

26. Februar 1213 „ 20. Mai 1100 „ 



8 




16. 


Periode. 




17. Juni 1896 


1346 


Kinder 


30. Dezember 1896 


708 


15. Juli 


1257 


71 


27. Januar 1797 


303 


12. August 


1252 


V 


24. Februar 


300 


9. September 


1243 


n 


24. Marz 


330 


7. Oktober 


1182 


n 


21. April 


579 


4. November 


1137 


n 


19. Mai 


836 


2. Dezember 


1272 


« 







7) 

7i 



Nachdem das Volk die Bedeutung der Ratten als plague weather- 
cocks, Pestwetterhahne, begriffen hatte, wartete es nicht mehr auf das 
Sterben der Nachbaren oder Angehorigen, um die Flucht zu ergreifen, 
sondern begann alsbald zu fliehen, wenn sich in einem Stadtteil ein 
Rattenwandern zeigte oder gar ein Rattensterben in den Kellern und 
Erdgeschossen bemerkt wurde. 

Im Mai 1897 schien Bombay pestfrei zu sein. Es starben noch 
manche Erkrankte in den Hospitalern an Nachkrankheiten, aber neue 
Falle aus der Stadt wurden nicht mehr eingeliefert. Am meisten hatten 
im Verhaltnis zu ihrer Kopfzahl die armeren Klassen der Hindus und 
Mohammedaner, wenig die wohlhabenden Parsis und fast gar nicht die 
Europaer gelitten. tJber ein Drittel der Verstorbenen waren Kinder, 
4511 von 11662 angemeldeten Leichen. 

Die Pest hatte am schlimmsten in den Hiitten der Vorstadte unter 
der weniger dicht lebenden Bevolkerung gewiitet; die dicht bevolkerten 
Teile der inneren Stadt waren verhaltnismaflig wenig mitgenommen 
worden. Das fiel vor Allen den Arzten auf, die bis dabin die Ansteckung 
von Mensch zu Mensch als Hauptweg fiir die Pestverbreitung angesehen 
hatten. — In einzelnen Hausern, besonders in groCen Miethausem, haufte 
sich die Zahl der Erkrankungen und Todesfalle auffallend, wahrend die 
umliegenden Hauser wenig oder gar nicht ergriffen wurden. Es war 
weit gefahrlicher in solchen Hausern zu verbleiben, als in den Pesthospi- 
talem zu wohnen oder auch die verpesteten Wohnungen berufsmaUig zu 
besuchen. Das zeigte sich besonders in der folgenden Tatsache. Von 
den Polizeileuten und Reinigungsmannschaften, die im Pestbekampfungs- 
dienst verwendet wurden, wohnte ein Teil in stadtischen, verhaltnismaflig 
gut eingerichteten Wohnungen, ein anderer Teil in den gewohnlichen 
Mietkasernen. Die letzteren hatten grofie Verluste durch die Pest, die 
ersteren fast gar keine. 

Selten waren Pesterkrankungen in den oberen Stockwerken der 
groCen Miethauser; je naher der Erde, desto mehr starben die Leute. 
Von 1821 Pestkranken, deren Tod vom September bis Ende Dezember 
1896 angemeldet wurde, hatten 6 den fiinften Stock, 26 den vierten, 
92 den dritten, 291 den zweiten, 612 den ersten, 794 das ErdgeschoB 
bewohnt. — 



Anf&nge einer pandemischen Pestausbreitung vom Jalire 1895 bis heute. 359 

Bereits im September 1896, als die ersten Falle von Pest in Bombay 
festgestellt worden waren, wurde durch den Offizier des Gesundheits- 
rates Doktor Weir ein angestrengter Kampf wider die Seuche eingeleitet. 
Er lielJ die verpesteten Kleider und Betten verbrennen, die Zimmer und 
Hanser der Kranken von innen und von auflen desinfizieren, die Kranken 
selbst absondem, verdachtiges Kom zerstoren oder liiften. Die Hauser 
lieB er durch einen Karbolregen, der mittels Feuerspritzen erzeugt wurde, 
iiberscliwemmen, so daiJ die Leute sich nicht ohne Regenschirme in die 
StraBen wagten. Zur Reinigung der StraBenrinnen von hundertachtzig 
Hausem in Mandvi wurden allein taglich 13500 Kubikmeter Karbol- 
wasser verbraucht. In entsprechenden Mengen wendete man Kalkmilch 
an, um das Innere der Hauser, Wande und Boden zu desinfizieren. 
Mehrere Hauser in Kamatipura wurden dreimal geweiBt; trotzdem blieb 
dieser Stadtteil der am starksten heimgesuchte. Im Februar 1897 be- 
schaftigte der Gesundheitsrat von Bombay 30966 Leute mit der Reinigung 
der StraBen, Gossen und Hauser. 

Das Nachlassen der Seuche im Mai gab denen, welche diese MaB- 
regeln fiir zweckmaBig hielten, gute Hoffnung auf eine voUstandige Aus- 
tilgung der Pest in Bombay. Aber eben dieselben Leute machten, als 
sich die Epidemic nach der Regenzeit aufs neue entziindete, der Ver- 
waltung den Vorwurf der Nachlassigkeit. Der Vorwurf war so unbe- 
rechtigt wie die friihere Zuversicht. Der Gesundheitsrat von Bombay 
hat seine Pflicht nachher wie vorher erfiillt. Irrige Anschauungen iiber 
die Verbreitung des Pesterregers durch Kot, Mist, Abtrittgruben, die 
Lawson in Hongkong im Jahre 1894 zu begriinden sich bemiiht hatte, 
waren fiir die Regierung die Veranlassung gewesen, die geschilderte Art 
der Desinfektion durchfiihren zu lassen, ohne daB sich indessen die Aus- 
fiihrenden falschen Hoffnungen hingaben. Sie haben es friih genug ein- 
gesehen und offentlich ausgesprochen, daB die angewendeten Mittel im 
wesentlichen Scheinmittel, Beruhigungsmittel fiir die offentliche Meinung, 
seien. Immerhin konnte man versucht sein, Hankin beizustimmen, wenn 
er aus der verhaltnismaBig geringen Sterblichkeit wahrend des ei'sten 
Pestjahres in Bombay eine begrenzte Wirksamkeit der Desinfektions- 
maBnahmen ableiten will. Er stellt die Todesziffer in diesem Ausbruch 
mit 23 vom Tausend der Bevolkerung den Verlusten gegeniiber, die 
London im Jahre 1665 und Marseille im Jahre 1720 erfuhren. Dort 
raffte das Sterben 149, hier 348 vom Tausend hin. Wir kennen aber 
die epidemiologischen Bedingungen fiir die Verheerungen in jenen be- 
riichtigten Pestlaufen zu wenig, um ihre Wirkung mit dem Ergebnis 
des Ausbruchs in Bombay ohne Weiteres vergleichen zu konnen. Die 
Ursache fiir die Schwere einer Pestepidemie liegt, wie wir heute einzu- 
sehen beginnen, in der Dichtigkeit der Ubertrager des Pestkeims, in der 



360 16- Periode. 

Verseuchung der Bevolkerung und ihrer Haustiere mit Flohen imd an- 
derem Ungeziefer; und dafiir haben wir weder in friiheren Zeiten noch 
auch heute ein Mafi. 

Ebensowenig wie die Desinfektionsmaflregeln haben die Schutzimp- 
fungen Haffkines mit abgetoteten Pestbazillenkulturen oder die Heil- 
impfungen Ybesins mit seinem Pestsemm auf den Gang der Pestepide- 
mie in Bombay Einflufi gehabt. Das folgende Jahrzehnt wir das allzu- 
deutlich zeigen. 

Eine Verbreitung der Pest xiber die Insel Bombay hinaus begann 
sehr fruhe. Ob die folgenlos gebliebenen Aussaaten nach London nnd 
nach den Hafen von Beludschistan im September von Bombay herge- 
kommen waren, mufl, wie bereits erwahnt, unentschieden bleiben. 

Im Oktober 1896 wurde das Ubel durch Schiffe nordwarts nach 
Katsch, Purbender, nach Mandvi auf der Insel Katsch und nach Karatschi an 
Karatschi ^^^ Miindung des Indus getragen. Hier, in Karatschi, zeigte sich die 
Pest in mehreren Hausern zugleich. Im Dezember fand man Ratten- 
leichen in der Nachbarschaft der verpesteten Hauser. So wurden von 
einer der HauptstraUen , die den Bazar kreuzen, in der ei-sten Februar- 
woche hunderte von Ratten gesammelt. Um diese Zeit fing die Seuche 
an, heftig zu werden. Die Ratten wanderten von Westen nach Osten 
und im gleichen Sinne schritt die Pest unter den Menschen fort. 

Von Karatschi kam die Ansteckung im Oktober den Indus auf- 

Schi- warts bis Schikarpur. Durch die Eisenbahn kam sie nach Surat am Golf 

arpur ^^^ Cambay. Zur gleichen Zeit war sie von Bombay aus der Kiiste 

entlang nordwarts und siidwarts geschlichen und auf dem Eisenbahnnetz 

Bombay durch die ganze Prasidentschaft und weiter getragen worden. Im Norden 

presi ^^^cy^^^rden die Stadte und Bezirke Thana, Kathiawar, Ahmedabad, Haidera- 

bad, Sukkar, die Dorfer des Pendschab, Agra ergriffen; siidlich von 

Bombay wurden Kolhapur und Goa verseucht, ferner Puna, Satara und 

Ratnagiri. Am heftigsten wiitete die Pest in Mandvi auf der Insel 

Katsch, es fielen 11 7o ^^^ Einwohner im ersten Jahre. In Karatsclii 

erreichte die Sterblichkeit 3,2 7o? i^ Puna 1,2 7o- ^^ ^^^ portugiesischen 

Hafenstadt Damaon, nordlich von Bombay, erreichte die Sterblichkeit 

sogar 24 ^Jq der Einwohner. 

Damaon Nach Damaon waren am 22. Dezember 1896 zwei pestkranke Per- 

sonen. Mutter und Kind, aus Bombay gekommen. Sie genasen. Ende 
Januar und im Februar 1897 kamen Pestkranke aus Balsar und aus 
Karatschi nach Damaon. Erst Ende Februar begann eine Epidemie und 
zwar unter den Fischern. Es ist also keineswegs ausgemacht, daU jene 
einzelnen Kranken die Pest in Damaon ausgesat haben. Sie kann auch 
durch Scliiffe hingebracht worden sein und dies ist um so wahrscheinUcher, 



Anf&Dge einer pandemischen Pestausbreitung vom Jahre 1895 bis heute. 361 

als in der Folge die Beobachtung ergeben hat, dafl, wie die Landratten, 
so auch die Scluffsratteii bei weitem ofter die Pest verschleppen als pest- 
kranke Menschen. Von den Fischerwohnungen dehnte sich das tjbel 
allmahlicli iiber die Altstadt aus, wahrend es das durch einen FluB von 
der Stadt getrennte Fort verschonte. Mit dem Wiiten der Seucbe unter 
den Menschen ging ein Rattensterben einher. Von etwa 10000 oder 
11000 Einwohnem starben bis zum 20. Marz 2800, bis Ende Juli gegen 
2600. Dann erlosch die Seuche. 

Im Mai und Juni liefi die Pest in der ganzen Prasidentschaft von 
Bombay nach. Sie hatte gemafi den Listen der englischen Behorden 
31942 Opfer gefordert. Die Zahl mufi mindestens verdoppelt werden, 
um die wahre GroBe des Menschenverlustes zu begleichen. Die folgende 
tJbersicht gibt ein unvollstandiges Bild der Verbreitung in der Prasident- 
schaft und des Sterbens bis zum August 1897. 





In der Prasidentschaft Bom 


ibay: 








Einwohnerzahl 


Festtodes&Ue 






nach dem Zensus 1891 


Ziffer 


auf je 10000 


1. 


Stadt Bombay 


821764 


10813 


132 


2. 


„ Mandvi 


38155 


3853 


1010 


3. 


„ Puna 


161390. 


1819 


113 


4. 


Bezirk Thana 


904868 


3857 


43 


5. 


Staat Dschandschira 


81780 


164 


20 


6. 


Bezirk Surat 


649989 


1632 


25 


7. 


„ Kolaba 


509584 


1172 


23 


8. 


„ Navsari 


319443 


456 


14 


9. 


Staat Catsch 


520260 


.640 


12 


10. 


Bezirk Puna 


906410 


826 


9 


11. 


„ Satara 


1225989 


844 


7 


12. 


„ Ratnagiri 


1105926 


316 


3 


13. 


Staat Palanpur 


645526 


104 


1 


14. 


Bezirk Amedabad 


921712 


96 


1 


15. 


„ Nasik 


843582 


98 


1 


16. 


„ Goa 


420868 


16 


0,4 


17. 


Staat Kolhapur 


913131 


100 


1 


18. 


„ Savantvadi 


192948 


24 


1 


19. 


Bezirk Kathiavar 


2932592 


181 


0,6 


20. 


., Ahmednagar 


888755 


37 


0,4 


21. 


„ Brodsch 


341490 


12 


0,4 


22. 


„ Scholapur 


750689 


25 


0,3 


23. 


„ Kadi 


1098724 


24 
27109 


0,2 



362 



16. Periode. 



Einwohnerzahl PesttodesfSllle 

nach dem Zensus 1891 Ziffer auf je 10000 

Ubertrag: 27 109 



24. 


Bezirk Kandesch 


1460851 


18 


0,1 


25. 


„ Baroda 


817023 


12 


0,1 


26. 


„ Kaira 


871589 


18 


0,2 


27. 


Staat Bor 


155669 


2 


0,1 


28. 


„ Mahi Kantha 


581568 


1 




29. 


Bezirk Kanara 


446351 


1 




30. 


„ Belgaom 


1013261 


1 




31. 


„ Dharwar 

Im 


1051314 
Sindh: 


1 




32. 


Stadt Karatschi 


105199 


3398 


323 


33. 


Bezirk Schikarpur 


915497 


699 


8 


34. 


„ Haiderabad 


918646 


499 


5 


35. 


„ Karatschi 


459681 


178 


4 


36. 


„ Upper Sindh frontier 


• 174548 


3 


0,2 


37. 


„ Thar und Parkar 


298203 


2 





31942 

(Bombay Deutsche Kommission, Bombay Municipal commissioner, 
Indian plague commission, Bombay Medical society, Bombay healths of- 
ficer, Bombay proceedings, Bombay Osterreichische Kommission, Bittee, 
Blaney, Condon, Hatfkine, Hankin, G. Sticker, Wyssokowttsch und 
Zabolotny.) 

Wahrend sich die Pest in der Prasidentschaft Bombay verbreitete, 
versuchte sie audi, Aussaaten weit iiber dieselbe hinaus zu machen. Es 
ereigneten sich: 

In den E-adschputanastaaten: 

vom 24. Dez. bis 16. Marz 7 Pestfalle 

^ 24. Dez. bis 12. Febr. 7 

am 29. Januar 1 

4. Mai 3 ^ 

3. Juni 1 



Abu Road 
Marwar . 
Dschodpur 
Dschowalia 
Nadbai . . 



r 



T) 



n 



Rewari. . . 
Sialkot . . 
Scher Schah. 
Rawalpindi . 



Im Pendschab: 

am 17. Januar 
12. Februar 



?*! 



7. Marz 
5. April 



1 
1 
2 
2 



n 

r? 
n 
n 



25 Pestfalle 



Anf&nge einer pandemischen Pestausbreitung vom Jahre 1895 bis heute. 363 

In den Nordwestprovinzen: 

Ubertrag: 25 Pestfalle 

Rai Bareilly .... am 27. Januar 1 „ 

Delhi „ 1. Febraar 3 „ 

Unao n 22. Februar 1 „ 

Bareilly „ 5. Marz 1 „ 

Hurdwar vom 8. April bis 9. Juni 18 „ 

In den Zentralprovinzen: 

Itarsi vom 31. Dez. bis 13. Febr. 9 „ 

Dschubbulpnr ... „ 8. Januar 1 „ 

In Zentralindien: 

Khandraoni, Gwalior. vom 9. Jan. bis 27. Marz 74 „ 

Udschjain ?? 22. Febr. bis 4. Marz 4 „ 

Rutlam 7) 12. Juni bis 30. Juli 6 „ 

In Beludschistan: 

Scharigh am 30. Marz 1 „ 

Sibi „ 12. April 1 „ 

145 Pestfalle 

Wiewohl demgemafi mindestens 145 Pestkranke an mindestens 
22 Orten verstreut beobachtet worden sind, kam es an diesen zu 
groBeren Ausbriichen nicht. — Die Zabl der Herde erscheint gering, 
wenn man die Massenflucbt aus Bombay und den ununterbrochenen 
starken Eisenbahn- und Schiffsverkehr zwischen der Insel und naheren 
nnd weiteren Q-egenden des Festlandes in Betracht zieht. Wahrend 
der Epidemie haben mindestens 400000, vielleieht 500000 Menschen, 
darunter naturlich. vor allem solche, welche in den verseuchten Stadt- 
teilen wohnten, Bombay verlassen, um sich nach. alien Himmelsrich- 
tungen zu Lande und zu Wasser zu zerstreuen. Wie ungeheuer der 
Eisenbahnverkehr am Hauptbahnhof in Bombay auch wahrend der Epi- 
demie war, kann durch Zahlen leider nicht wiedergegeben werden. Im 
Verhaltnis zu der Totenstille in der Stadt fiel er selbst auf der Hohe 
der Epidemie auf. tJber die Grofle des Schiffsverkehrs im Hafen 
wahrend der drangvoUsten Monate geben die beste Vorstellung die 
amtlichen Aufzeichnungen, denen zufolge im Februar 79623, im Marz 
91779, im April 106272, im Mai 123802, also im Ganzen iiber 400000 
Schiffsreisende im Hafen von Bombay arztlich auf Pestmerkmale unter- 
sncht worden sind. 

Das Erloschen der Pest in der Prasidentschaft Bombay und in der 
Hauptstadt im Mai 1897 war nur scheinbar. AUerdings wurde wahrend 
der Monate Juli und August kein einziger Pestfall mehr verzeichnet. 



364 16- Periode. 

Aber im September begann ein neues Wiiten in Bombay, in Karatschi 
und an anderen Orten, um wie die erste Epidemie bis zum nachsten 
Marz anzuschwellen und dann wieder nachzulassen. Die Ansbriiche wieder- 
holten sich alljahrlicb bis heate in regelmafiiger Wiederkehr; zugleich 
deiinte sich die Herrscliaft der Pest immer weiter xiber die Prasident- 
schaft nnd liber Britisch-Indien aus. Die nebenstehenden Tabellen iiber 
den Gang des Peststerbens in der Stadt, in der Prasidentschaft Bombay 
und in Britiscb-Indien geben davon ein Bild. Einzelnheiten werden wir 
in den folgenden Jabrgan gen mitzuteilen haben. 

(Bombay municipal Commissioner, Bombay report.) 

Niut- In das Jahr 1896 gehort noch das Erscheinen der Pest in der 

schwang jxxandschurischen Hafenstadt Yingku in Niutschwang am Golf von Liau- 
tung. Diese Stadt ist eine Station der chinesischen Nordbahn mit un- 
mittelbarem AnschluC an die transsibirische Bahn und mit regem Eisen- 
bahn- und Schiffsverkehr nach Tientsin in Peking. Man meint, daC die 
Ansteckung von Hongkong aus durch Schiffe erfolgt sei. (Siehe aber 
das Jahr 1898.) Sie hat sich in Niutschwang fiir die folgenden Jahre 
festgesetzt. (Eckebt.) 

1897 1897. Am 16. Februar begann die Internationale Sanitiitskonferenz 

Konferenz^^ Venedig zu tagen, um iiber die internationalen Abwehrmafiregeln 
wider die Pest neue bindende Beschliisse herbeizufiihren. Sie bestatigte 
den neuen Grundsatz der internationalen Prophylaxe, den die erste 
Venediger Konferenz vom Jahre 1892 betont hatte: Die Behandlung der 
Schiffe ist nach ihrem Zustand bei der Ankunft, nicht nach dem Zu- 
stande des Hafens, aus dem sie herkommen, einzurichten. Handel und 
Verkehr soUen durch die Abwehrmafiregeln moglichst wenig gestort 
werden. Das Genauere geben wir im zweiten Teil des Buches. (Venedig 
Konferenz.) 

Uber die Ausbreitung der Seuche in der Prasidentschaft Bom- 
bay und dariiber hinaus wahrend des Jahres 1897 ist bereits unter 
dem Jahre 1896 berichtet worden. Hier sei hinzugefiigt, dafi in der 
Hurdwar Stadt Kunkhal bei Hurdwar am Ganges und ebenso zu Dschawal- 
pur bei Hurdwar im Oktober eine Pestepidemie unter den heiligen 
Affen der Tempelhaine ausbrach (Hankin). Westlich von Hurdwar litten 
Dschallandar und Hoschiarpur im Pendschab schwer unter der Pest 
(C. H. James). 
Hubli Erwahnenswert ist ein Ausbruch in der Stadt Hubli im Dharwar- 

bezirk am Siidende der Prasidentschaft Bombay wegen ihrer Entstehung 
und wegen der wider sie eingeleiteten Mafiregeln, die mit den russischen 
in Astrachan im Jahre 1727 iibereinstimmen. Die Pest zeigte sich zu- 
erst unter den Eisenbahnbeamten des Southern Maliratta Railway, die 



Anf&nge einer pandemiscben Feateuabreitung vom Jahre 1895 bia heute. 365 



366 1^- Periode. 

in einem Hauserblock in der Nahe von Hubli wohnten. Man liefi die 
1200 Bewohner sofort den Block raumen und sonderte sie in Feldhiitten 
ab. Es erkrankten 34; die iibrigen blieben verschont. Um das benachbarte 
Hubli zu schiitzen, wurde die strengste Sperre der Hauser und der Feld- 
hiitten durchgefiihrt. Diese gelang einige Wochen lang. Aber in den 
ersten Tagen des Dezember ging ein Mann namens Schidu aus dem 
Stadtteil Mahratta Gully trotz des Verbotes der Pestbehorde im Einver- 
standnis mit der Polizei zu den verseuchten Eisenbahnhausem. Er blieb 
dort eine Nacht und kehrte dann nach Hubli zuriick. Hier fiililte er 
sich bald krank und von der Pest ergriffen. Aus Furcht vor den Folgen 
der Gesetzesverletzung mietete er einen Ochsenwagen und floh mit seinem 
Weib aus der Stadt. Er bat in den nahgelegenen Dorfern um Obdach. 
Niemand nahm ihn auf, aus Furcht vor der Pest. Auch der Fuhrmann, 
der seinen Wagen leitete, geriet schlieUlich in Schrecken und setzte Uin 
aus. Der Kranke ging ins Dickicht und starb am 7. Dezember. Im 
Hause des Schidu war der Pestkeim zuriickgeblieben: Am 20. Januar 
1898 erfuhr ein Mann, der einundzwanzig Tage in den Feldhiitten ab- 
gesondert gewesen war, dafl sein Haus in Hubli, welches an das Haus 
des Schidu anstieU, zerstort werden soUte. Er bestach die Polizei und 
verliefl das Lager. Er holte in seiner Wohnung zwei Kleider und kehrte 
zur Feldhiitte zuriick. Das war am 22. Jannar. Am 30. starb er an 
der Pest. Am 9. Februar starben zwei Kinder in einem Hause, das dem 
des Schidu gegeniiberlag; nach ihnen noch ein oder zwei Einwohner 
von Mahratta G-uUy. Nun wurde dieser ganze Stadtteil, der 240 Hauser 
hatte, niedergebrannt. Die Folge war, dafi alsbald in ganz Hubli die 
Pest sich weiter und weiter verbreitete. Der eingetretene Monsum ge- 
stattete die Ausraumung der Einwohnerschaft in Feldhiitten nicht. Man 
dammte die Seuche, wie man annimmt, mit der Haffkineschen Impfung 
ein. (Hanken.) 
Persischer Bereits im Februar 1897 wurden die Hiifen Dschudir und Bender 
Buschir am persischen Meer verseucht. 
Rotes Im Mai trat die Pest in Dschedda, dem Hafen von Mekka am 

Roten Meer auf. Hier kamen zahlreiche milde Beulenfalle vor; daneben 
35 Todesfalle. 
Zentral- Im Landchen Kisiba in Doutsch-Ostafrika am Einflufi des Kagera- 

niles in den Viktoria Nyanza brach die Rubwunga aus. Wahrschein- 
lich war sie durch einen Eingeborenen aus dem benachbarten Buddu 
eingeschleppt word en. Ihr Ausbruch wurde von einem Rattensterben 
begleitet. Die kranken Menschen und die Leichen boten alle Zeichen 
der Beulenpest dar. Der dorthin entsendete Stabsarzt Zupitza schickte 
das erforderliche Untersuchungsmaterial an Koch. Die bakteriologische 
Untersuchung ergab, dafi es sich bei der Rubwunga um die wahre Pest 



Meer 



Afrika 



Anfange einer pandemischen Pestausbreitung vom Jahre 1895 bis heute. 367 

handelte, wie das von den Reisenden, die friiher davon aus Uganda 
Kunde brachten, stets versichert worden ist. (Kooh, Zupitza.) Vergleiche 
die Jahre 1889 und 1900. 

1898. Im Marz wurden die arabischen Hafen El KaJarmah und El 1898 
Dokarieh am Roten Meer verseucht. In Dschedda begann am 21. Marz ^^°^® 
ein neuer Ausbruch. Die ersten Erkranknngen wurden in den Lager- 
hausern der Stadtviertel Yemen und Mazloum beobachtet. Die An- 
steckung soil durch Reissacke aus Bombay vermittels Ratten erfolgt sein. 
Es gab 35 Kranke, 32 Tote. In den verseuchten Strafien fand man viele 
kranke und tote Mause, die bei der bakteriologischen Untersuchung als 
pestinfiziert befunden wurden. (Nousr Bey.) 

Im Eruhjahr wurde durch. chinesische Schiffe die Pest nach Nhatrang Annam 
an der Kiiste yon Annam gebracht. Im Ganzen starben in mehreren 
Ortschaften 72 Eingeborene an Bubonen, Pneumonic und Pestis siderans. 
Man fand einzelne Pestratten. (Yersin.) 

Pestausbruch in Tung-Kia-yng-tzeu im Gebirgsland von Khingan Mongolei 
in der Mongolei (Matignon). 

Eine russische Kommission reiste dorthin, um die Beziehungen der 
Pest unter den Menschen zur Murmeltierpest zu untersuchen. Fast alle 
Pestkranken, welche sie sahen, waren Katholiken, die im Gegensatz zu 
den heidnischen Mongolen die Kranken nicht flohen und verliefien, son- 
dern viel besuchten und so Gelegenheit zur Ansteckung hatten. Nach den 
Aussagen der belgischen und hollandischen Missionare daselbst herrscht 
die Pest im Bezirk Weytschang schon langer als ein Jahrzehnt. Sie war 
zuerst im Norden von So-len-ko erschienen, dann in den christlichen 
Dorfem von Tung-Kia-yng-tzeu. Seitdem hat sie jeden Sommer im Juni, 
Juli, August und September geherrscht, um mit dem Eintreten des Winters 
wieder zu verschwinden. Die Chinesen nennen sie Wenn-y oder Wenn-taay. 
Sie auBert sich durch allgemeines Unwohlsein mit Kopfschmerz, Fieber, 
Schlafsucht; dann brechen die Gada, Beulen, aus oder, falls diese fehlen, 
entsteht eine Lungenentziindung mit Bluthusten. Von den Bubonen- 
kranken genesen manche, von den Lungenkranken keine; der Tod tritt 
am dritten oder vierten Tage ein. Das Wenn-y ist gemafi der bakterio- 
logischen Untersuchung die wahre Pest. — Die Zahl der Pestopfer in 
den Dorfern um Tung-Kia-yng-tzeu wahrend der Jahre 1895 bis 1898 
schatzt man auf 400. — Im Jahre 1898 fand die Ansteckung ihren Weg 
zu einem Tal, das zu den grofien Stadten Hata, Dao-miao und weiter 
fiihrt und die Verbindung zur groBen HandelsstraBe von Dolonnor fiber 
Tzin-tscheu und Niutschwang nach Mukden in der Mandschurei bildet. 
Der Herd ist demnach gefahrhch fiir China, die Mongolei und die Man- 



368 1^- Periode. 

dschurei. (Vgl. das Jahr 1896.) (Uber die Murmeltierpest siehe den zweiten 
Teil des Buches.) (Matignon, Zabolotny.) 
Ansob Im August brack eine Pestepidemie in dem Dorfe Ansob, auf dem 

Siidabhang des Sarafanschen Gebirges, aus. Das Dorf liegt am FluB 
Jagnob 2100 Meter hoch iiber dem Meer, 230 Kilometer von Samarkand 
entfemt; weltabgeschlossen wie die Dorfer des Himalaya in Kamaon, von 
den Nachbardorfem durch hohe Gebirgsziige gQtrennt, nur auf schmalen 
Grebirgspfaden und Holzstegen im Sommer zuganglich; im Winter sind 
die gefabrlichen Wege verschneit und vereist. 

Eine Frau aus Ansob, Agnur Bibi, hatte im Dorfe Marsitsch, das 
sechzehn Kilometer von Ansob entfemt liegt, die Leiche einer Frau 
gewaschen, deren beide Knaben rasch hintereinander erkrankt und am 
vierten Tage gestorben waren und die selbst vier Tage nach dem Tode 
des zweiten Knaben ebenfalls erkrankt und am vierten Tage gestorben 
war. Alle drei batten an Kopfschmerzen, Brustschmerzen und Durch- 
fallen gelitten. In Marsitsch kamen weitere TodesfaUe nicht vor. Aber 
die Leichenbesorgerin Agnur Bibi, die einige Sachen der Toten von den 
Verwandten zum Geschenk erhalten hatte und mit diesen nach Ansob 
zuriickgekehrt war, erkrankte hier und starb alsbald. Es starben auch 
rasch hintereinander einige ihrer Verwandten und Bekannten, die an der 
Beerdigung teilgenommen hatten. Das Sterben breitete sich dann rasch 
aus. Am 3. Oktober lebten von den 387 Dorfbewohnern nur noch 150; 
von 60 Familien waren nur drei verschont geblieben. Viele gruben sich 
zeitig ihr Grab selbst. Der Kreisarzt Aframowitsch fand am 3. Oktober 
unter den verzweifelten Uberlebenden noch 52 Kranke und stellte bei 
ihnen die Zeichen der Lungenentziindung mit zahem blutigen Auswurf 
und schmerahafte AnscHwellungen der Lymphdriisen am Halse, unter 
den Achseln und in den Leisten fest. Im Auswurf und im Bubonen- 
inhalt mehrerer Kranken wies er den PestbaziUuS nach. Er horte, dafi 
zuerst die Lungenentziindung iiberwogen habe und erst seit dem Oktober 
die Driisenschwellungen haufiger aufgetreten seien. 

Am 9. November war die Epidemic erloschen. Sie hatte 237 Men- 
schen, also 61,2 ^/^ der Bevolkerung hingerafft. Die Sterblichkeit betrug 
im Anfang 97%, spater, im Oktober, 62% der Erkrankten. 

Die Untersuchung der uberlebenden Leute in Ansob ergab, daU einige 
von ilinen Bubonennarben im oberen Schenkeldreieck hatten. Diese Leute 
behaupteten, vor 2, 4, 10 oder 20 Jahren krank gewesen zu sein. Sie 
hatten damals drei bis f iinf Tage an Fieber und Kopfschmerzen und einer 
Schenkelbeule gelitten, die spater vereitert sei. Auch in drei benachbarten 
Dorfern wurden solche Falle festgestellt. Der Bakteriologe Finkelstein 
will die Seuche durch Pilger aus den heiligen Statten Indiens iiber Kabul 
und den Amu-Darja herleiten; den Beweis ist er schuldig geblieben. 



Anf&nge einer pandemischen Pestausbreitung vom Jahre 1895 bis heute. 369 

Die rnssische Regierung lieC bei der Kunde von der Seuche die 
Wege nach Ansob sperren, die Kleider und Betten der Erkrankten ver- 
brennen und dnrch neue ersetzen. Am 25. November wnrde die Sperre des 
Ortes und des Kreises aufgehoben, nachdem der Prinz von Oldenburg 
als Vorsteher der russischen Antipestkommission sich von der Pestfrei- 
heit der Umgebung iiberzeugt hatte. (Doebeck, Bbitish Medical Joubnal.) 

Im Juli, August und September wiitete die Pest in Hubli, im siid- Bombay 
lichsten Teil der Prasidentschaft Bombay, wahrend der Hohe des Mon-^^®^^ ^^^^ 
sums (vgl. 1897); im September, Oktober und November in Dharwar, 
Satara, Belgaum und Kolhapur. 

Ende November 1898 kam die Ansteckung auf Reisschiffen von Mada- 
Bombay nach Madagaskar in den Hafen Tamatave, um hier bis zum ^*® *^ 
Februar des nachsten Jahres 296 Erkrankungsfalle und 197 Todesfalle 
zu bewirken. 

Am 15. Oktober steckte sich im allgemeinen KJrankenhaus zu Wien Wien 
bei Laboratoriumsversuchen der Diener des pathologischen Instituts Bah- 
risch mit Pest an und starb an den Zeichen der Lungenentziindung am 
18. des Monates. Die ihn pflegende Warterin sowie der behandelnde Arzt 
Doktor Miiller, vordem Mitglied der osterreichischen Pestkommission, er- 
krankten ebenfalls an Lungenpest. Die Warterin genas. Der Arzt starb. 
(BoMBAT, osterreichische Kommission.) — tJber die erregte Pestdebatte, 
welche das osterreichische Abgeordnetenhaus dem Unfall widmete, haben 
die Tagesblatter weitlaufig berichtet. 

1899. Die Epidemic in Bombay und in den benachbarten Provinzen 1899 
dauerte bis zum Marz an, liefl dann uberall nach mit Ausnahmie von i^^ien" 
Bombay und Karatschi. 

Im Marz gab es einige kleine Ausbriiche an den Kiisten des Roten 
Meeres, besonders in Dschedda. — Dschedda 

In Alexandrien begann die Pest im April sich einzunisten. Der erste Alex- 
Fall, der zur Beobachtung kam, freilich erst spater als Pestfall ausge- ^° ^^^ 
sprochen wurde, betraf einen jungen Griechen, einen Laufburschen, der 
am 5. April mit Fieber und einem Schenkelbubo in das griechische Ho- 
spital aufgenommen wurde und dort genas. Der behandelnde Arzt dachte 
nicht an Pest. Am 3. Mai kam wieder ein junger Grieche, Laufbursche 
in einem Lebensmittelgeschafte, mit einem Bubo in das HospitaL Man 
versuchte, die Diagnose Pest bakteriologisch sicherzustellen, was nicht 
gelang. Der Kranke genas. Bei einem dritten griechischen Lauf jungen, 
der zu den anderen in keiner Beziehung gestanden hatte, wurde am 
18. Mai die Pest klinisch und bakteriologisch festgestellt. Dasselbe ge- 
lang am 21. Mai bei einem alten Manne mit vereitertem Leistenbubo 
im judischen Hospital. AUe diese Falle ereigneten sich im Zentrum der 

Stieker, AbhandlnngenL Geschichte der Pest 24 



370 1^- Periode. 

Stadt. Bis Mitte Juni gab es 25 oder 30 gleichartige Falle, fast alle 
unter den griechischen Handlern und Lebensmittelverkaufem. Weder 
eine gesteigerte Sterblichkeit noch eine Wahmehmung der 110 Arzte von 
Alexandrien hatte darauf hingedeutet, daB vor Anfang April Pestfalle 
vorgekommen waren. Die Quelle der Ansteckung blieb nnbekannt. Weder 
Reisende ans Bombay noch Pilger von der Levante oder aus den russi- 
schen Provinzen, die xiber Batum oder Odessa gekommen waren, noch 
auch Pilger aus Hedschas konnte man fiir die Pesteinschleppung ver- 
antwortlich machen. Vielleicht sind unter den griechischen Handlern, 
die zwischen Dschedda und Alexandrien hin- und herreisen, die Pest- 
trager gewesen. In Dschedda war wahrend des Februar und Marz die 
Pest aufgetreten. Zur selben Zeit war eine Anzahl griechischer Handler 
von dort nach Alexandrien gekommen. 

Im Mai wurde im Seemannsheim zu Alexandrien ein groDes Ratten- 
sterben beobachtet. Die Ratten kamen ohne Scheu vor den Menschen 
in den Speisesaal, taumelten hier wie betrunken herum und fielen unter 
Zuckungen tot nieder. In dem Hause selbst ereigneten sich keine Pest- 
falle. Dagegen hauften sich solche in einer Malzmiihle, wo vierzehn 
Tage zuvor die Ratten zahkeich erkrankt und rasch ausgestorben waren; 
ebenso in der Polizeikaseme von Mohariem Bey, wo zehn Tage vor dem 
Ausbruch der Menschenpest tote Ratten gefunden worden waren. Femer 
ereigneten sich eine Reihe von Pesterkrankungen in der Umgebung eines 
Hauses, auf dessen Dach ein Knabe, der in einem verseuchten Bezirk 
gearbeitet hatte, an der Pest gestorben war und wo man bei der Des- 
infektion eine an der Pest verendete Maus gefunden hatte. Vier Falle 
kamen im Verlauf eines Monates in Pferdestallen an weit voneinander- 
entfernten Orten vor. 

Im Beginn der Epidemic gab es vorwiegend leichte Pestfalle mit 

geringer Sterblichkeit; diese stieg allmahlich auf 35 und 40 vom Hun- 

dert fiir fiinf oder sechs Wochen; von Mitte Juli ab bis zum Ende der 

Epidemic betrug sie 45 7o- I^ ganzen erkrankten an Driisenpest 91, an 

Lungenpest 4, an Pestsepsis 1. Von den 9(5 Erkrankten waren 74 Manner, 

22 Frauen; 66 Eingeborene, 30 Europaer. Von den 91 Driisenpestkranken 

hatten 

71 Schenkel- oder Leistenbubonen, davon starben 33, 

10 Achselbubonen, „ „ 5, 

4 Halsbubonen, „ „ 3, 

6 mehrfache Bubonen, „ starb 1. 

Die Epidemic zeigte eine langsame, wiederholt unterbrochene und 
ganz ungleichmaCige Entwicklung. Ihre Hohe hatte sie im Juni und 
Juli. Ende Juli fiel sie rasch ab; es folgten dann noch vereinzelte Falle 
bis Anfang November. 



Anfange einer pandemischen Pestausbreitung vom Jahre 1895 bis heute. 371 

Wiewohl die 96 Pestfalle fast iiber die ganze Stadt zerstreut waren, 
kam es zu deutlichen Ansteckungen nicht. Unter 920 in Quarantane ge- 
setzten Personen erkrankten nur zwei an leichter Pest; von 800 Mannern, 
die durch ihren Dienst als Arzte, Aufseher, Reinignngsdiener usw. tag- 
lich der Ansteckung ausgesetzt waren, erkrankte kein Einziger. 

Die Kosten fiir das Personal, die Spitaler, die Desinfektion und die 
StraBenreinigung betnigen 350 000 Mark, ungerechnet eine Reihe von 
besonderen AssanierungsmaCnahmen. (Gottschlich, Bitteb.) 

Audi in Zagazig bei Ismailia am Suezkanal wurden wahrend des 
Mai ein paar Pestfalle festgestellt. 

Im Juni begann eine Epidemie in der portugiesischen Hafenstadt Oporto 
Oporto. Diese Stadt, die 150000 Einwohner zahlt, liegt ungefahr drei 
Kilometer weit vom Meer entfernt an beiden Ufem des Duro. In den 
ersten Junitagen kamen in dem schmutzigon Hafenviertel einige Klrank- 
heitsfalle vor, von denen zwei mit Riicksicht auf das Krankheitsbild und 
auf den Gang der Seuche nachtraglich als sichere Pestfalle bezeichnet 
werden konnten. Die beiden Falle traten an getrennten Punkten ohne 
erkennbaren Zusammenhang auf. Der eine blieb fiir sich allein, an den 
anderen schlofi sich nach einer Pause von zehn Tagen eine Hausepidemie 
an, die auf zwei Nachbarhauser iibergriff und bis zum August auf neun 
Erkrankungen stieg. Samtliche Falle zeigten das klare Bild der Bubonen- 
pest; da aber bei einigen Kranken, die unreife Friichte verladen batten, 
die Krankheit mit Durchf alien einherging, so spracli man von eineni 
Sommerdurchfall, von Cholera nostras. Erst nachdem das Ubel soweit 
eingewurzelt war, daC drei Hauser als Seuchenherde sich zeigten, wurde 
es vom Direktor des Munizipallaboratoriuras Doktor Jorge als Pest be- 
argwohnt und bis Mitte August bakteriologisch sichergestellt. Auf den 
bakteriologischen Beweis hatte man gewartet, ehe man die iiblichen MaJJ- 
regeln wider einen beginnenden Pestausbruch anordnete. Die Zeit und 
Gelegenheit fiir die Einschleppung des Pestkeimes in den Hafen konnte 
nicht entdeckt werden. Sicher ist nur im allgemeinen dieses, daC, wie 
sonst, nach Oporto eine starke Einfuhr von Tee, Reis und Fellen aus 
Indien, von Mais und Getreide aus Agypten und Rufiland stattgefunden 
hatte, aber nicht auf geradem Wege, sondern mittelbar iiber London, 
Hamburg, Bremen, Lissabon und andere europaische Hafen. Aber weder 
die Verseuchung eines bestimmten Schiffes noch der Zusammenhang 
zwischen den ersterkrankten Gallegos und irgend einer bestimmten 
Warenladung etwa aus Bombay oder Alexandrien liefi sich feststellen. 

Im Ganzen erkrankten vom 4. Juli bis Ende September 329 Ein- 
wohner und starben 112, also 34,6 vom Hundert. Von den Erkrankten 
wurden in die Spitaler 213 aufgenommen; von diesen starben 37, also 

17,4%. Die Mehrzahl der Erkrankten befanden sich in dem Alter von 

24* 



372 



16. Periode. 



15 bis 30 Jahren. Beim Einsetzen der Epidemie, im Juni, Juli und 
halben August, starben von 36 Kranken 10, also 30^0 5 ^^ d^r Hohe 
derselben, in der zweiten Halfte des August, stieg die Sterblichkeit der 
Erkrankten auf 66,6 ^u? ^^i spater wieder auf 30% '^^^ weniger zu sinken. 
Ein Rattensterben wurde bei Beginn der Seuche nicht beobacht^t. 
Aber auffallend war, daU, nachdem die Behorden zwischen dem 5. und 
8. August die Ratten vergiftet batten und tausende davon an den Miin- 
dungen der Kan ale gesammelt worden waren, sich „trotzdem" die Er- 
krankungsziffer unter den Menschen plotzlich hob und von Tag zu Tag 
mehr und mehr steigerte, zugleich auch die Erkrankungsfalle, die sich 
bis dahin auf eine kleine Hafengegend und zwar auf die Nahe der Haf en- 
magazine beschrankt hatten, ganz plotzlich weithin auf warts iiber die 
Stadt verbreiteten, bis in die entfemtesten Quartiere. Spater wurde 
nicht nur ein Peststerben der Ratten, sondem auch der Mause und 
Katzen festgestellt. Den zeitlichen Gang der Seuche legt die folgende 
Ubersicht dar. In der Woche, die begann mit dem 



erkrankten starben an Pest 



Juni 



n 

7) 

Juli 

n 

V 

n 



5. 
11. 
18. 
25. 

2. 

9. 
16. 
23. 
30. 

6. 
13. 
20. 
27. 

3. September 
10. 
17. 
24. 

1. Oktobei 

8. 
15. 
22. 
29. 



August 

„ (Rattenvergiftung!) . . . 



n 



n 



n 



n 



n 
n 

n 
n 



2 


1 


6 


1 


4 


2 





2 


3 


1 


2 


1 


2 




2 


1 


7 


1 


4 


1 


11 


4 


9 


6 


8 


4 


10 


4 


9 


3 


16 


3 


20 


6 


21 


3 


32 


7 


19 


10 


28 


8 


11 


1 



17 



16 



32 



55 



111 



231 



(KossEL undFBOSGHjVAGEDES, JoKGE, Lewin, Rbichb, Calmette etSalimbbnl) 



Anf&nge einer pandemischen Pestausbreitung vom Jahre 1895 bis heute. 373 

In Indien hatte die Pest wahrend der Regenzeit iiberall nach- indien 
gelassen. Der Jtdi brachte fast iiberall neue Ausbriiche an den alten 
Orten ihrer Herrschaft und eine weite Ausbreitnng iiber bisher unver- 
sehrte Landstrecken. In Bombay erreichte das Sterben wahrend einer 
Juliwoche die Zahl 142 von tausend Einwohnern; diese war in den drei 
vorhergehenden Jahren nicht erreicht worden. Im benachbarten Puna 
erkrankten im Juli wochentlich mehr als 500 von tausend Einwolinern 
bei einer Mortalitat von 90**/^ der Erkrankten. Die Seuche wiitete nord- 
warts von Bombay in Nasik und im Sindh; 'weiter sudlich in Kolapur 
und Belgaon; sie ging auf die Siidstaaten Haiderabad und Maisur iiber, 
fing an, Madras und Bengalen zu erobern und im Norden sich im Sindh 
und Pendschab zu verbreiten, so dafi am Ende des Jahres nur wenige 
Teile von Vorderindien ganz unverseucht geblieben waren. 

Ausbruch in Na-trang an der Kiiste von Cochinchina (Yebsln). 

Auch in Hongkong regte sich das endemische Ubel aufs neue. Von sudchina 
hier oder von Bombay kam es nach Japan. 

Am 30. Oktober erkrankte auf einem japanischen Dampfer der For- Japan 
mosa-Kobelinie ein Mann namens Swada; er reiste von Kobe auf der 
Eisenbahn weiter nach Hiroschima und starb hier im Hotel an der Pest; 
das war am 5. November. Am 8. November brachte der Dampfer Kago- 
schima Maru, der am 7. Oktober Bombay verlassen und die Hafen Co- 
lombo, Singapur und Hongkong angelaufen hatte, indische Baumwolle 
und chinesischen Reis nach der Hafenstadt Kobe, die gegen 230000 
Einwohner zahlt. Von den Hafenarbeitem, die den Schiffskehricht ge- 
sanmielt hatten, starben zwei an der Pest; ferner ein Freund, der die 
Kranken besucht hatte, dann ein Dienstmadchen, das mit dem Reis aus 
dem Kehricht Hiihner gefiittert hatte, endlich ein Baumwollenkaufer 
und seine Frau, welche die Wolle sortiert hatte. Bald zeigte sich auf 
der Landungsbriicke und im ZoUamt von Kobe ein verbreitetes Ratten- 
sterben. Von 291 Rattenleichen enthielten 61 Pestbazillen. Vom 8. No- 
vember bis zum 23. Dezember erkrankten weitere 21 Leute im Hafen an 
der Pest; 18 davon starben. 

Von Kobe war Baumwolle nach der Handelsstadt Osaka, die 750 000 
Einwohner zahlt, gebracht worden. Hier zeigte sich am 18. November 
ein Rattensterben in den BaumwoUmagazinen. Von 200 eingelieferten 
Rattenleichen waren 23 verpestet. Kurz darauf gab es unter den Men- 
schen Bubonen, pestige Mandelentziindungen und Falle von Lungen- 
pest. Nur von den Lungenpestkranken ging eine Ubertragung auf die 
Angehorigen und Freunde aus. 

Weiter kam das Ubel nach Hamamatsu und Waykayama. 

Im Granzen erkrankten in Kobe und Osaka bis zum Friihjahr des 



374 16- Periode. 

nachsten Jalires an Pest 230 Menschen und starben 198, also 86 7o- 
(KiTASATO, Ogata.) 

Euro- Einzelne Pestfalle wurden im Jahre 1899 in Triest, in Hamburg, in 

und^afrl- ^l^^^^gow, in Marseille und in Neapel festgestellt. Sie alle waren durch 
kanische Scliiffe aus Siidasien eingeschleppt und sind ohne weitere Folgen ge- 

Hafen jjii^i^^n. Im Juli gab es einige Pestfalle in Bender Buschir am per- 
sischen Golf; im September kamen neue Falle in Tamatave auf Mada- 
gaskar vor. Aus Mrika wurde das Auftreten der Pest in Port Louis 
auf der Insel Mauritius, in Lorenzo Marquez an der Delagoabay, aus 
Ameri- Siidamerika wurden Pestausbriiclie in Buenos- Ayi^es, Rosario, Assuncion 
^SL^^^® und Santos ffemeldet. Die Herkunft des Zunders blieb uberall dunkel. 
Auf der Reede von Santos hatte man im Juli viele tote Ratten gefunden ; 
im September brach dort die Pest aus. — In Assuncion in Paraguay, 
das 1540 Kilometer flufiauf warts vom Seehafen Montevideo liegt, wurden 
Scbiffsratten als Trager der Ansteckung bescliuldigt; diese hatten die 
Pest aus Oporto mitgebraclit. Nach anderen Darlegungen wurden be- 
reits am 28. April Matrosen eines verseucliten Schiffes in Assuncion ge- 
landet; am 1. Mai sei einer von ilinen an Pest gestorben, dann noch 
mehrere, aber erst Ende August habe man an Pest gedacht. Der Aus- 
bruch blieb auf den Hafen, die Kaserne und das Hospital beschrankt. 
(VoGES, Ueiaete, Nettee.) 

Nord- Im Oktober wurden wieder Pestfalle aus Niutscliwang in Nordchina 

^^"'^ gemeldet. 

Eine ganz andere Bedeutung als alle diese zufalligen Aussaaten 
scheint das Auftreten der Pest in Kolobowka im Gouvernement Samara 
an der mittleren Wolga wahrend des Hochsommers 1899 gehabt zu 
haben: 

Kolo- Die arbeitsfiihigen Einwoliner des Dorfes Kolobowka im Kreise Tsaref 

bowka ^^ linken Ufer des Achtuba, 150 Werst nordlich von Wetljanka, hatten, 

in Samara ' p ^ \ 

wie alljahrlich, mit Beginn des Sommers das Dorf verlassen und waren 
als Ackerbauer und Schafzuchter in die Steppe gezogen. Nur die Greise 
und Kinder waren in Kolobowka zurlickgeblieben. Am 16. Juli erki*ankte 
in der Steppe eine taubstumme Frau unter Frost und Hitze und Brust- 
sclimerzen mit blutigem Auswurf. Sie wurde in das Dorf zuriickge- 
scliickt und starb hier. i^m nachsten Tage erkrankte ihre Hauswirtin 
und starb nach dreimal vierundzwanzig Stunden; darauf starb der Mann 
der Wirtin und drei Frauen, die sie besucht hatten, alle unter den Zeichen 
der Lungenentziindung. Ende Juli kamen die Kreisarzte liin und fanden 
das Dorf fast leer, da von den 3500 Einwohnern die meisten in der 
Steppe waren. Sie stellten fest, daC die Ergriffenen zuerst SchiitteLfrost 
bekamen, dann holies andauerndes Fieber von 39 bis 40® C. mit ver- 
mehrtem Puis, der bis auf 100 stieg; liber Kopfschmerz klagten, eine 



Anfange einer pandemischen Pestausbreitung vom Jahre 1895 bis heute. 375 

weiJlliche Zunge zeigten, meistens husteten und blutigen Sclileim ans- 
warfen. Auf den Lungen horte man feinblasiges Rasseln; eine dentliclie 
Dampfung wurde vermilJt. Die Krafte litten wenig, so dafl viele Kranke 
umhergingen. Bei einigen Kranken fand man Driisenanschwellungen in 
den Leisten oder Achseln; bei einigen traten Petechien auf. — Das Volk 
floh bald die Kranken aus Furcht vor der Ansteckung und wer eben 
konnte, rettete sich aus dem Dorfe. Die Fllichtlinge lieUen alle Sachen 
zuriick, selbst die Heiligenbilder und Kreuze. Am 9. August starb der 
letzte Kranke. Von 24 Kranken war nur einer genesen. Unter den 
Toten waren 13 Greise und 4 Kinder. 

Eine russische Kommission stellte anatomisch und bakteriologisch 
fest, dafi es sich bei der Seuche in Kolobowka um die wahre Pest han- 
delte. Fiir ihre Entstehung wurde wie gewohnlich das Kleid aus dem 
femen Osten, diesmal aus Port Arthur, verantwortlich gemacht, Dem 
Doktor Arustamoff dagegen schien es wahrscheinlicher, dafl Pilger, die 
in Mekka und Medina gewesen, in Smyrna die vorgeschriebene Qua- 
rantane durchgemacht und in das Wolgagebiet zuriickgekehrt waren, die 
Pest eingeschleppt hatten; derart sei am 20. Juli ein Mullah, Priester, 
mit seinem Diener in ein Dorf bei Astrachan aus Mekka heimgekeh'rt, 
und darum sei es moglich, dafl auch andere Pilger nach Kolobowka ge- 
kommen waren. Doktor Lewin will den Ursprung der Seuche bei den 
nomadisierenden Kalmucken am rechten Wolgaufer suchen; diese waU- 
fahrten alljahrlich in die Mongolei zu Buddhaheiligtiimern und hatten 
von dort die Ansteckung mitbringen konnen. An die Pestausbriiche der 
Jahre 1806 zu Tsaref, 1808 zu Saratof, 1877 und 1878 zu Wetljanka 
erinnerte Niemand. 

War das verboten worden? Die deutschen Zeitungen beleuchteten 
bei Gelegenheit des Pestausbruches in Kolobowka „das in Ruflland so 
behebte System des Geheimhaltens und Versteckenspielens". Keine Zei- 
tung in Ruflland, hiefl es, durfe iiber etwaige Pestgefahr im Reiche be- 
richten, bevor nicht der Reichsanzeiger dariiber geschrieben habe, was 
er gerade fiir gut halte. Man lasse zuerst den schlimmsten Gertichten 
freien Lauf. Sei dann der ganze Larm uberfliissig gewesen, so bringe 
der Reichsanzeiger alsbald iiber die Tatigkeit des Prinzen von Oldenburg 
und der verschiedenen Sanitatskommissionen lange Berichte, nach denen 
eine angeblich iiber das halbe Reich schon verbreitet gewesene Seuche 
nur durch die unermiidUche, aufopferungswiUige Tatigkeit der genannten 
Personen und Behorden eingedammt und schliefllich ganz unterdriickt 
worden sei! 

Die Maflnahmen in Kolobowka bestanden darin, dafl am 2. August, 
also eine Woche vor dem letzten Sterbefalle, eine Militarkette von 160 
Werst Lange um das Dorf gezogen und jedem, der sie durchbrechen 



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16. Periode. 



Wolga- 
delta 



wiirde, mit ErschieCen gedroht wurde. Samtliche Gebaude, in denen 
sich Kranke oder Verdachtige befunden batten, wurden von der Regie- 
rung angekauft und niedergebrannt. Orte im Freien, an denen sich 
Kranke aufgebalten batten, wurden mit Petroleum begossen. Die Leichen 
beerdigte man mit Kalk. Ungefahr 5000 Bew