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Full text of "Abraham Geiger's Nachgelassene schriften"

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Abraham Geiger's 

Nachgelassene Schriften. 



Herausgegeben 



von 



Lndwig Geiger. 



Fünfter Band. 
/ 



Beriin 187a • 

Louis Gerschel Verlagsbuchhandlung. 

London, Asher <fc Co. 
18, Bedford Street, Covent Garden, W. C. 



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Vorwort. 



JJas vorliegende Buch macht nicht den Anspruch darauf, eine voll- 
ständige Biographie Abraham Geiger's zu geben. Für eine solche 
halte ich weder die Zeit für gekommen, denn Geiger's wissen- 
schaftliche und praktische Bestrebungen sind noch zu eng mit den 
Kämpfen und Arbeiten der Gegenwart verwachsen, als dass ein ganz 
unbefangenes ürtheil möglich wäre, noch mich für den geeigneten 
Biographen. Ein Biograph müsste auf Geige^r's wissenschaftlichem 
Gebiete gründlich orientirt und thätig sein, den Bewegungen inner- 
halb des Judenthums näher und dem Verstorbenen ferner stehen als ich. 
Von der TJeberzeugung durchdrungen, eine Biographie, wie ich 
sie für wünschenswerth erachtete, nicht schreiben zu können und 
durch Erfahrung belehrt, dass ich einen geeigneten Bearbeiter nicht 
finden würde, entschloss ich mich daher die Stellung des Heraus- 
gebers, die ich bei den vier ersten Bänden der ,f Nachgelassene 
Schriften *" eingenommen, auch bei dem vorliegenden fünften Bande bei- 
zubehalten. Dies wurde mir dadurch ermöglicht, dass ich ein Tage- 
buch meines Vaters fand, das während der Jugendzeit geführt wurde 
und ausserdem eine grosse Anzahl Briefe zusammenbrachte, welche 
während der letzten vierzig Jahre an verschiedene Correspondenten; die 
im Laufe der Jahre wechselten, Männer und Frauen aus mannigfachen 
>^ Ständen und Berufsarten geschrieben waren. Aber an eium voll- 
NJ ständigen Abdruck des Tagebuchs und der Briefe war nicht zu denken ; 
v^ denn jenes ist ein Manuscript von über 500 Seiten, von diesen lagen 

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mir mehr als 900 vor. Bei den letzteren musste daher eine Auswahl 
getroffen, von dem erstem ein Auszug und theilweise eine Bearbeitung 
gegeben werden. Denn es war nicht zur Veröffentlichung bestimmt 
Mein Vater begann es, ,,ein unruhiges, stürmevpUes und doch heiteres 
Leben voraussehend*, wie er sich in der Einleitung zu demselben 
ausdrückt, in seinem 15. Jahre, schrieb, freilich mit grossen Unter- 
brechungen — die Daten der Niederschrift sind von mir immer in 
eckigen EQammern beigefügt — einen. Bückblick auf seine Jugend- 
zeit, und führte fast nur während der in Bonn verbrachten Studien- 
zeit das Tagebuch in regelmässiger Weise. Aber schon in den letzten 
Monaten des Bonner Aufenthalts, noch mehr in den darauffolgenden 
zu Frankfurt und Wiesbaden zugebrachten Monaten wird das Tage- 
buch seiner eigentlichen Bestimmung entfremdet und fast ausschliess- 
lich zu einer wissenschaftlichen CoUektaneensammlung und einem 
Gopialbuch für abgesendete Briefe benutzt; mit dem Jahre 1834 hört 
es ganz auf. 

Bei dieser Sachlage musste ich mein Bestreben darauf richten, 
aus der grossen Materialiensammlung eine kurze Selbstbiographie zu 
gestalten, indem ich besonders dasjenige hervorhob, was sich auf 
Gharakterentwickelung und Oeistesbildung bezog, häufig den Inhalt 
vieler Seiten in wenige Sätze zusammendrängte, Betrachtungen und 
ürtheile auf ihr gebührendes Maass beschränkte, kurz das Ganze in 
ziemlich selbständiger Weise bearbeitete. 

Nur in die ersten Seiten habe ich, zur Gharakterisirung der 
Sprechweise und Sinnesart des jugendlichen Schreibers einige Abschnitte 
wörtlich aufgenommen. 

Diese Bearbeitung bildet den Inhalt des ersten Abschnitts, dem 
einige wenige Briefe aus der Jugendzeit folgen. 

Blieben in der so hergestellten Erzählung wichtige oder charak- 
teristische Ereignisse ganz unberührt, so wurden sie von mir, theils 
nach urkundlichem oder brieflichem Material, theils nach münd- 
lichen Mittheilungen meines Vaters, die ich mir notirt hatte, ergänzt 
(vgl. S. 8 fg., 10, 16 fg., 42); diese Ergänzungen, sowie alle meine 



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Bemerkungen in und unter dem Text sind durch eckige Klammern 
bezeichnet. 

Aber diese Ergänzungen mussten nach dem einmal festgehaltenen 
Plane sich in den engsten Grenzen halten. Ich durfte daher nicht 
daran denken, Charakteristiken der Jhgendgenossen und Lehrer zu 
geben, das häusliche Leben, die Beziehungen zu Eltern und Geschwistern 
zu schildern. Auf Beides konnte ich um so eher verzichten, da die 
Freunde durch die später abgedruckten an sie gerichteten Briefe 
einigermassen charakterisirt werden, die pietätsvolle Anhänglichkeit an 
den Lehrer und Erzieher, den Bruder Salomon (vgl unten S. 268 u. 373) 
in dem Aufsatz: „Eine Erinnerung an frühere Zeiten *" (Nachgelassene 
Schriften Bd. I, S. 296—304) zum lebendigen Ausdruck gebracht 
wird. Die Aeusserungen des Knaben und Jünglings über seine An- 
gehörigen sind vielmehr als Reaktion gegen die Bevormundung in 
religiöser Hinsicht aufzufassen, aber gerade sie zeigen so sehr den 
früh ausgeprägten Charakter und die geistige Selbständigkeit des 
Knaben, dass es unhistorisch, \feil ungerecht gewesen wäre, dieselben 
zu unterdrücken. 

Für die Jahre 1832—1874, für welche ein Tagebuch fehlte, 
waren ausser mündlichen Mittheilungen, persönlichen Erinnerungen, 
ferner den Akten der Breslauer Synagogen-Gemeinde, die mir freund- 
lichst zur Verfügung gestellt wurden, die Briefe meines Vaters — 
denn von den an ihn gerichteten sind nur ganz wenige erhalten — 
meine vorzüglichste Quelle. Diese Briefe haben mir alle im Original 
vorgelegen und ich erfülle eine angenehme Pflicht, indem ich den 
Eigenthümern derselben, diesen stillen aber tätigsten Mitarbeitern 
an diesem Buche, für die Ueberlassung der Briefe wärmsten Dank 
sage. Hätte ich alle mir vorliegenden Briefe drucken lassen, so 
würde ich den Umfang des Buches sicherlich verzehnfacht haben. 
Aber nicht nur im Interesse der Raumersparniss, sondern auch in 
dem der einheitlichen Gestaltung dieses Buches that äusserste Be- 
schränkung noth. Ich durfte mich daher nicht mit der Ausscheidung 
mehrerer Hundert Briefe begnügen, sondern musste auch aus den 



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VI 

zur Aufnahme zugelassenen Alles. entfernen, was Gleichgültiges be- 
rührte, schon einmal gesagt war oder der öffentlichen Besprechung 
sich entzog. 

Bein gelehrte Notizen habe ich als für ein gröss^es Publikum 
ungeeignet ausgeschlossen und war aus diesem Grunde genöthigt^ 
von den zahlreichen Briefen an S. D. Luzzatto nur wenige Bruch- 
stücke zu geben, die Briefe an M. Steinschneider ganz unbeachtet 
zu lassen. Die Briefe an andere meinem Vater innig befreundete 
Männer, aus denen gewiss manch schätzbarer Beitrag hätte entnommen 
werden können, J. Derenburg, S, Holdheim, 0. H. Schorr haben 
mir leider nicht vorgelegen. 

In den von mir zum Abdruck gebrachten Briefen hielt ich es 
für nöthig, scharfe ürtheile über Personep häufig zu tilgen. In allen 
Fällen, in denen ich solche Ürtheile stehen Hess, that ich dies nach 
reiflicher Erwägung, bereit, ganz allein die Verantwortung dafür zu 
•übernehmen, weit entfernt davon, die Adressaten zu Theilnehmern 
meiner Schuld zu machen, und in dem Bewusstsein, dass diese Züge 
zur Vervollständigung des Bildes nicht fehlen dürften. Aus dem- 
selben Grunde hielt ich es auch für meine Pflicht, politische und 
religiöse Äeussernngen aufzunehmen, die ich meinerseits nicht billige, 
Aeusserungen, welche, wie ich annehmen darf, lebhaften Widerspruch 
hervorrufen werden. 

Die Briefe sind streng chronologisch geordnet, Ausnahmen sind 
sehr selten und nur dann gemacht, wenn der ijmere Zusammenhang 
mehrerer Schriftstücke die äussere Trennung unthunlich erscheinen 
liess (vgl. No. 11 fg., No. 88 und die Gedichte, welche ich trotz der 
verschiedenen Zeit ihrer Entstehung in einem Anbang zusammenge- 
stellt und absichtlich nicht unter die Briefe vertheilt habe). 

Aber der Gedanke, dem Tagebuche bloss eine wohlgeordnete und 
mit den nöthigsten Anmerkungen versehene Briefsammlung folgen zu 
lassen, musste, so passend er zu Anfang erschien, aufgegeben werden. 
Denn manche Lebensverhältnisse wurden in den Briefen gar nicht 
berührt, besonders die amtliche Thätigkeit und die literarischen 



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VII 

Leistungen nicht gebührend hervorgehoben. Um diese einigermaesen 
in's richtige Licht zu setzen, hielt ich es für nöthig, den drei Ab- 
schnitten der Biographie, welche dem Tagebuche folgen, Einleitungen 
voranzuschicken. In ihnen bemühte ich mich, von Personen und 
Dingen, von den Leitungen und Beziehungen meines Vaters streng 
objectiv zu referiren, musste aber in diesen Berichten, um in ihnen 
nicht gar zu einf&rmig und ermüdend zu werden, die strenge chrono^ 
logische Anordnung, welche in den Briefen herrscht, verlassen und 
durch Oruppirung des Behandelten nach Materien mir freiere Be- 
wegung gestatten. Endlich glaubte ich mich von dem Grundsatze 
leiten lassen zu müssen, Freunde und Förderer, welche mein Vater 
an jedem Orte seiner Wirksamkeit in grosser Zahl sich zu erwerben 
wusste. Verwandte und Angehörige im Allgemeinen nicht mit Namen 
zu erwähnen, weil ich einer blossen Nennung keinen Werth beilege, 
überdies befürchten musste, durch unabsichtliche Auslassung des 
Einen oder Andern die Betroffenen zu kränken; ich habe Einzelner 
daher meist nur in dem Falle gedacht, dass sie in speziell litera- 
rischer oder amtlicher Hinsicht genannt werden mussten. Den über 
Wiesbaden handelnden Abschnitt hat Herr Dr. Jakob Auerbach 
in Frankfurt a. M., den über Breslau Herr Dr. D. Honigmann in 
Breslau durchgesehen. Beiden danke ich auch auf diesem Wege für 
mannigfache Zusätze und Belehrung. 

Schon früher waren einige kürzere Biographien meines Vaters 
erschienen: zuerst in Nowack's Schlesischem Schriftsteller-Lexikon 
(Breslau 1842), dann in „Männer der Zeit*" (Leipzig 1850). Das 
Brockhaus'sche Conversations- Lexikon von 1846 brachte über ihn 
«inen Artikel, der in der letzten Auflage (Leipzig 1876) von mir 
durchgesehen worden ist; ebenso habe ich den ihm gewidmeten Artikel 
in der 3. Auflage des Meyer'schen Lexikons (Leipzig 1876) verbessert 
und vermehrt. Bald nach seinem Tode erschienen in den ver- 
schiedensten Zeitungen kleinere und grössere Nekrologe; die bedeu- 
tendsten rühren von zweien seiner vertrautesten Freunde, Berthold 
Auerbach (Die Gegenwart, Berlin 1874, 2. Bd, S. 291— 293) und 



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VIII 

J. Derenbnrg (Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben 
[im Folgenden nur: J. Z. citirt], Bd. XI, Breslau 1875, S. 299—308) 
her; ich habe aus diesen einige Sätze gern entnommen, um meine 
Darstellung damit zu zieren (S. 136, 282, 283). Eine Anzahl von 
Gedächtnissreden, die in Amerika gehalten wurden, ist in der Jewisb 
Times (New- York 1874 und 1875) abgedruckt, von den zahlreichea 
in Deutschland gesprochenen ist nur die des Rabbiners Dr. N. Brüll 
in Frankfurt durch den Druck veröffentlicht worden. 

In dem Vorwort zum 4. Bande versprach ich, in der ersten Ab- 
theilung des 5. Bandes eine Auswahl der hebräischen Abhandlungen 
meines Vaters zu geben, kann aber dieses Versprechen nicht erfüllen^ 
da die Biographie einen grösseren Umfang erhielt, als ich erwartete. 
Indess sind jene Abhandlungen durch Herrn Saphael Kirchheim 
herausgegeben und bilden den selbständig erschienenen Anhang der 
«Nachgelassenen Schriften.* 

Diesem Bande aber, der die vor drei Jahren begonnene Ver- 
öffentlichung der ,,Nachgelassenen Schriften*' zum Abschlüsse bringt^ 
kann Ich nur auf's Neue den Dank an alle Förderer des Unternehmens 
hinzufügen und den Wunsch, dass er dazu beitragen möge, die Er- 
innerung an den Mann, dem er geweiht ist, zu beleben und dauernd 
zu erhalten. 

Berlin, 24. Mai 1878. 

Ludwig Geiger. 



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Inhalts-Verzeiclmiss. 



Seite 

Vorwort III- VIII 



Erster Abschnitt. 

Die Jugendzeit 1810—1832 1—64 

Tagebuch 3 

Briefe: 

1. An Dr. M. A. Stern in Gottingen, 12. Dec. 1830 42 

2. An Hofrath Paulus in Heidelberg, 16. Jan. 1831. . 46 

3. An Rabb. Hirsch in Oldenburg, 6. Apr. 1831 48 

4. An Schulrath Rössel in Aachen, 30. Mai 1831 . *. 50 

5. An Herrn Salomon Geiger in Frankfurt, 4. Juni 1831 52 

6. An Hrn. L. Braunfels in Frankfurt, 14. Juni 1831 54 

7. An Rabb. üllmann in Coblenz, 20. Sept. 1831 54 

Ä. An Stud. E. Grünbaum in Bonn, 4. Juli 1832 56 

9. An denselben, 1. Aug. 1832 58 

10. An Hm. S. Frensdorff in Bonn, 15. Aug. u. 24.. Sept. 1832 59 

11. Stammbuchblatt für Frl. Emilie Oppenheim, 6. Juni 1832 61 

12. An Fri. Emilie Oppenheim in Bonn, 6. Mai 1833 63 



Zweiter Abschnitt 

Wiesbaden 1832—1838 65—104 

Einleitung 67 

Briefe: 

13. An S. Frensdorff 3. Dec. 1832 72 

14. An E. Grünbaum, 29. Dec. 1832 73 

15. An S. Frensdorff, 25. Jan. 1833 76 

16. An Hm. J. Demburg in Bonn, 19. Febr. 1833 77 

17. An S. R. Hirsch, 24. März 1833 77 

18. An Salom. Geiger, 19. Apr. 1833 80 

19. An M. A. Stern, 6. Mai 1833 80 

20. An Grünbaum, 31. Juli 1833 80 

21. An Dr. L. Zunz in Berlin, 12. Aug. 1834 82 

22. An den Vorst. d. isr. Gem. in Gothenburg, 8, März 1835 84 



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X 

Seite 

23. An M. A. Sterp, 31. März 1836 87 . 

24. An Zunz, 4. April 1836 90 

25. An Dr. Julius Fürst in I<.e!pzig, 27. April 1836 90 

26. An Dr. Jak. Auerbach, 23. Juni 1836 93 

27. An Jak. Auerbach, 5. Jan. 1837 96 

2«. An Grünbaum, 10. Mai 1837 97 

29. An Jakob Auerbach, 22. Aug. 99 

30. An Frensdorff, 21. Nov. 1837 *. . . 102 

31. An Dr. M. Creizenach in Frankfurt, 18. Jan. 1838 103 



Dritter Abschnitt. 

Breslau 1838—1863. 105—264 

Einleitung . 107 

Briefe: 

33. Max Ring an Geiger, Breslau 1838 139 

38. An Jakob Auerbach, 13. bis 21. Juni 1839 140 

34. An M. A. Stern, 2. Aug. 1839 142 

35. An M. A. Stern, 14. Nov. 1839 146 

36. An M. A. Stern, 6. Dez. 1839 150 

37. An Zunz, 1. Jan. 1840 151 

38. An Berthold Auerbach, 27. Jan. 1840 151 

39. An Zunz, 3. März 1840 152 

40. An Zunz, 27. Juli 1840 153 

41. An Zunz, 16. Dec. 1840 154 

42. An Zunz, 4. März 1841 155 

43. An Jakob Auerbach, 29. Juli 1841 156 

44. An Zunz, a— 24. Aug. 1841 157 

45. An Jakob Auerbach, 8. Febr. 1842 159 

46. An Jakob Auerbach, 18. Apr. 1842 161 

47. Adresse an Geiger, 18. Aug. 1842 162 

48. Geiger an Jakob Auerbach, 14. Dec. 1842 162 

49. An den Pred. (Lüienthal) in Riga, 1842 oder 1843 164 

60. An Zunz, 6. Juni 1843 166 

51. An M. A. Stern, 15. Aug. 1843 167 

52. An Zunz, 9. Dec 1843 170 

53. An Berth. Auerbach, 25. Dec. 1843 171 

54. An M. A. Stern, 11. Juni 1844 174 

55. An Emilie Geiger in Carlsbad, 13. Aug. 1844 175 

56. An Hm. David Honigmann in Berlin, 23. Oct. 1844 176 

57. An D. Honigmann, 19. März 1845 177 

58. An Zunz, 19. März 1845 180 

59. Znnz an Geiger, 4. Mai 1845 184 . 

60. An Zunz, 25. Juni 1845 186 

61. An Zunz, 26. Dec. 1845 186 

62. An Jakob Auerbach, 13. Jan. 1846 187 

63. An das Obervorstehercollegium, 19. März 1846 188 

64. An Jakob Auerbach, 16. Sept. 1846 192 

65. An Jakob Auerbach, 12. Nov. 1846 192 

66. An Jakob Auerbach, 30. Juni 1847 • 193 

67. An Rabb. Wechsler in Oldenburg, 13.— 18. Sept. 1848 195 

68. An Wechsler, 31. Januar bis 2. Febr. 1849 . . . . . : 198 

69. An Wechsler, 29. August bis 10. Sept. 1849 203 

70. An Prof. S. D. Luzzatto in Padua, 19. Sept. 1849 208 

71. An Wechsler, 3. Febr. 1850 208 

72. An Berth. Auerbach, 5. Febr. 1850 210 



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XI 

Seite 

73. An S. D. Luzzatto. 25. Febr. 1851 211 

74. An S. D. Luzzatto, 7. März 1851 212 

75. An Dr. Chwolson in Petersburg, 31. Dec. 1851 213 

76. An X., 2. Jan. 1853 213 

77. An Berth. Auerbach, 21. Mai 1854 214 

78. An Consistor.-Rabb. J. Kahn, 10. April 1856 216 

79. An S. D. Luzzatto, 11. Juni 1856. 217 

80. An S. D. Luzzatto, 23. März 1857 : 218 

81. An S. D. Luzzatto, 6. Sept. 1857 219 

82. Aus Geiger's Album, 21. Nov. 1857 219 

83. An Jakob Auerbach, 3. Dec. 1857 221 

84. An M. A. Stern, 8. Dec. 1857 223 

85. An Emilie Geiger, 23. Mai bis 4. Juni 1858 . 225 

86. An M. A. Stern, 9. Aug. 1858 227 

87. An M. A. Stern, 28. Dec. 1858 229 

88. An Emilie Geiger, Jan. bis März 1860 230 

89. An M. A. Stern, 10. Febr. 1860 239 

90. An M. A. Stern, 18. März 1860 241 

91. An Zunz, 26. u. 27. März 1860 241 

92. An Jak. Auerbach, 27. Juni 1860 242 

93. An M. A. Stern, 9. Juli 1860 244 

94. An Wechsler, 6. Sept. 1860 246 

95. An Zunz, 27. u. 28. Dec. 1860 248 

96. An Zunz, 4. Apr. 1861 : 250 

97. An Wechsler, 8. Apr. 1861 251 

98. An M. A. Stern, 18. Sept. 1861 251 

99. An Wechsler, Okt. 1861 253 

100. An Wechsler, 7. Jan. 1862 254 

101. An M. A. Stern, 12. Febr. 1862 256 

102. An Wechsler, 3. Sept. 1862 257 

103. An Wechsler, 12. Dec. 1862 260 

104. An Rabb. Stein in Frankfurt, 7. Jan. 1863 261 

105. Stein an Geiger, 12. Jan. 1863 262 

106. An M. A. Stern, 25. Jan. 1863 263 

107. An M. A. Stern, 17. Juni 1863 263 

108. Dr. S. Meyer an Geiger, Juli 1863. . 1 264 



Vierter Abschnitt 

Frankfurt und Berlin 1863-1874 265—366 

Einleitung 267 

Briefe: 

109. An Dr. M. A. Levy in Breslau, 4—7. Okt. 1863 283 

110. An Wechsler, 15- Okt. 1863 285 

111. An D. Honigmann in Breslau, 3. Nov. 1863 286 

112. An Wechsler, 15. Dec 1863 287 

113. An M. A. Levy, 18. Febr. 1864 288 

114. An M. A. Stern, 15. Juni 1864 289 

115. An Zunz, 9. Aug. 1864 \ 290 

116. An M. A. Stern, 5. Jan. 1865 291 

117. An M. A. Levy, 20. Febr. 1865 292 

118. An M. A. Levy, 26. u. 27. März 1865 : 293 

119. An M. A. Levy, 9. Aug. 1865 294 

120. An Prof. Th. Nöldeke, 28. Aug. 1865 295 

121. An S. Markus in. Bukarest, 3. Sept 1865 297 



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122. An M A. Levy, 2. Nov. 1865 299 

123. An M. A. Levy, 28. Nov. 1865 300 

124. An Prof. Nöldeke, 30. Nov. bis 1. Dec. 1865 301 

125. An Zunz, 7. Jan. 1866 303 

126. An Rabb. Wolff in Gothenburg, 8. Febr. 1869 304 

127. An M. A. Levy und Frau, 8. März 1866 305 

128. An M. A. Levy und Frau, 8. Mai 1866 306 

129. An M. A. Stern, 1. Juni 1866 308 

130. An D. Honigmann, 25. Juni 1866 308 

131. An Frau F. in Breslau, 31. Aug. 1866 . . 310 

132. An D. Chwolson, 29. Okt. 1866 312 

133. An M. A. Levy, 28. Juni 1867 313 

134. An L. G , 3. Juni bis 3. Juli 1867 314 

135. An Th. Nöldeke, 12. Aug. 1867 3l5 

136. An M. A. Levy, 20 Dec. 1867 315 

137. An Th. Nöldeke, 26. Dec. 1867 bis 1. Jan. 1868 317 

138. An San. Markus, 19. März 1868 318 

139. An Zunz, 4. Juni 1868 319 

140. An Th. Nöldeke, 28. Juni 1868 320 

141. An Th, Nöldeke, 23. Nov. 1868 321 

142. An den Yorst. d. jäd. Gem. in Berlin, 6. Okt. 1869 . . . . ^ 322 

143. An Prof. Lazarus in Berlin, 5. Okt. 1869 324 

144. An den Vorst d. jud. Gem. in Berlin, 21. Okt. 1869 326 

146. An M. A Levy, 28. Apr. 1870 327 

146. An M. A. Stern, 26. Aug. 1870 329 

147. An Salomon Geiger, 2. Sept. 1870 331 

148. An M. A. Levy, 23. Sept. 1870. . . 331 

149. An Frau F., 14. Okt. 1870 332 

150. An M. A. Stern, 16. Apr. 1871 334 

151. An M. A. Stern, 20. Juni 1871 334 

152. An M. A. Stern, 26. Dec. 1871 336 

153. An den Prediger Sydow, 1. März 1872 339 

154. An Frau Sophie Levy, 10. März 1872 340 

155. An Nöldeke, 8. Juli 1872 341 

156. An Wechsler, 19. Aug. 1872 343 

157. L. R. Bischofisheim an Geiger. 7. Sept. 1872 345 

158. Geiger an Bischoflfsheim 8. Okt 1872 346 

159. An Wechsler, 25 Nov. 1872 353 

160. An M. A. Stern, 27. Dez, 1872 356 

161. An Wechsler, 1. Jan. 1873 358 

162. An M. A. Stern, 8. Jan. 1873 359 

163. An Wechsler, 14. Sept. 1873 361 

164. An Wechsler, 20. Mai 1874 362 

165. An Th. Nöldeke, 13. JuU 1874 363 

166. An M. A. Stern, 13. Okt. 1874 365 

167. An Frau Sophie Levy, 19. Okt. 1874 365 

ADhaog: Gedichte 367—382 

Register 383-387 



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Erster Abschnitt. 



Die Jugendzeit 

1810—1832. 



Geiger, ßcliriften. V. 



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[Ende 1824] Am ?4. Mai 1810 erblickte ich in Frankfurt a. M. 
das Liqlit der Welt. Die Freude meiner Eltern ^), die ganz nach dem 
mosaischen und rabbinischen Gesetze lebten, war unbegrenzt, theils 
weil sie noch das Gebot der Beschneidung an ihrem letzten Kinde 
vollziehen konnten, — denn das vor mir geborene Kind war ein 
Mädchen, Fanny [gest. 1875] gewesen — theils weil schon fünf Jahre 
nach der Geburt des jüngsten Kindes vergangen waren. Aus diesem 
letzteren Grunde, und weil ich das Nestküchelchen war, war ich schon 
von Jugend an der Liebling meiner Eltern. Sie nahmen mit Vergnügen 
wahr, dass ich Spuren eines guten Verstandes geigte und sie hofften 
einst einen herrlichen Thalmudisten, wozu mir mein Vater und mein 
ältester Bruder Salomon (geb. 1792) die Kenntnisse verschaffen 
konnten, aus mir zu bilden. Jeden Tag bestärkte ich sie in dieser 
Hoffnung, indem ich von Jugend an viel Frömmigkeit und Keligiosität 
mit guten Eigenschaften des Geistes verband. Schon als Kind von 
zwei Jahren war ich unter den Juden, man kann sich denken, unter 
den ungebildeten, bekannt. 

Endlich dachten meine Eltern daran, meinen Geist auszubilden, 
und mich die Anfangsgründe des Hebräischlesens zu lehren. Dies 
geschah durch meinen ältesten Bruder Salomon; da dieser trotz seiner 
Orthodoxie sich Manches aus der profanen Wissenschaft angeeignet 
hatte und unter den rechtgläubigen Juden den Namen eines gebildeten 
Thalmudisten hatte, so lehrte er mich zugleich das Deutschlesen und 
ich bewundere es noch, wie der Vorsehung Finger da über mich ge- 
waltet. Als noch ganz junges Kind von drei Jahren hatte ich die 
Krankheit, wie es Hufeland nennt, sehr wissbegierig zu sein und immer 



*) [Der Vater, Rabbi Michael Lazarus Geiger, geb. 1755, gest. April 1823, 
s. unten S. 8, die Mutter, Röschen geb. "Wallau, geb. 1768, gest. August 1856, 
s. unten S. 30, 132. Es ist mir leider picht vergönnt, aus eigener Kenntniss eine 
Charakteristik jenes gelehrten und von seinen Qemeindegenossen hochgeachteten 
Mannes, eine Schilderung dieser würdigen, vortrefflichen Frau zu entwerfen, die, 
trotz abweichender religiöser Anschauung in ihrem Alter sich an dem Ruhme ihres 
Sohnes erfreute; Geiger's Briefe an die Seinigen, in welchen auch die innige Liebe 
zur Mutter ihren Ausdruck fand, sind nicht erhalten. — Ausser den weiter unten, 
S. 5, 16, genannten Geschwistern ist noch besonders des Bruders Jakob, geb. 1802, 
gest. 1876, zu gedenken (vgl. S. 140), der während seines ganzen Lebens mit 
rührender Hingebung und Treue dem Bruder anhing, üeber Geiger's Lehrer, seinen 
Bruder fealomon, vgl. das Vorwort und unten S. 268.] 

1* 



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Neues erkunden zu wollen ; ich lernte also bald hebräisch und deutsch 
lesen und jetzt ging man weiter, mich schon in die Tiefen der Bibel 
einzuweihen, nicht um mich die hebräische Sprache zu lehren, sondern 
aus Frömmigkeit, mich zu einem wohlgezogenen Juden zu bilden und 
des Segens des Paradieses theilhaftig zu machen. So war ich also 
beinahe den ganzen Tag beschäftigt: Morgens betete ich, und dass 
dies recht lange währet, weiss Jeder, der schon ein hebräisches Gebet- 
buch gesehen hat; dann bekam ich Unterricht, ich wiederholte, las 
eins unserer hebräisch-deutschen Bücher (denn auch diese Buchstaben 
hatte ich schon gelernt), an denen ich mein gauzes Gefallen fand, 
und so wurde ich ganz den Kinderspielen entwöhnt und, wer weiss 
vielleicht der Grund zu einer Verkürzung meines Lebens gelegt. 

So stieg nun die Freude meiner Eltern und auch die meinige 
mit jedem Tage ; ich lebte fort, vergnügt, unschuldig, unbewusst um 
die Ursachen unserer ßeligion, in einem fröhlichen Zustande. Bald 
stieg ich von der Bibel im vierten Jahre zu den Sammlungen, welche 
Babbi veranstaltet hat, Mi^chnah genannt, und auch zu derselben 
Zeit zeigte ich ein wenig Talent zur Kalligraphie und ward daher zu 
einem Lehrer geschickt. Zu sechs Jahren fing ich endlich bei meinem 
Vater Thalmud an, von dem ich noch gar kfeinen Begriff hatte. Da 
aber mein Vater mit Mühe sich und seine Familie ernähren musste, 
schickte er mich in eine Schule, wo man den ganzen Tag mit Thalmud 
und auch nicht einmal damit, sondern mit Nichts zubrachte, und so 
verbrachte ich in einem kläglichen Zustande zwei Jahje meines Lebens. 
Denn nicht bloss, dass ich bei einem so unwissenden Lehrer und eben 
solchen Mitschülern nicht Anderes als Sittenverderbniss wahrnahm, ich 
wurde auch von meinen Mitschülern als stolz verabscheut und gehasst, 
denn ihren Gassenbübereien wohnte ich nicht bei; und dies gab den 
Stoff zu ewigen Feindseligkeiten und mir zu vielen Widerwärtigkeiten. 
Ferner ragte ich, ich darf dies, ohne mich zu rühmen, gestehen, 
geistig weit über sie hervor, wodurch ich gleichfalls ihren Neid und 
Hass erweckte, — und kurz es kam durch diese und andere Umstände 
dahin, dass eine völlige Feindschaft ausbrach, die eine Trennung 
noth wendig machte. Meine Eltern sahen selbst ein, dass ich mich 
nicht dazu schicke und nahmen mich dahör zu acht Jahren aus dieser 
Schule weg; ich lernte von nun an bei meinem Vater, der sich unter 
der Zeit noch mehr Schüler erworben hatte. 

Und von jetzt an beginnt ein ganz neuer Zeitabschnitt meines 
Lebens und neue Wirkungen entstanden, denn nun ward ich in die 



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— 5 — 

öeheimnisse des Thalmud recht eingeweiht, woraus sich endlich im 
Laufe der Zeit und durch gluckliche Zufälle meine Bildung entwickelte. 
Mein Gedächtniss, das mir in jedem Augenblicke untreu ist, wird 
jetzt in einem Gegenstand durch die Aufzeichnungen eines Freundes 
unterstützt. Denn in dieser Periode geschah es, dass mein Geist sich 
mit Mathematik beschäftigte, in derselben auch reichliche Nahrung 
fand und auf sie alles anwandte. Ich kam auf die Mathematik durch 
einen seltsamen, aber für meinen durch den Thalmud an Sophistereien 
und Spitzfindigkeiten gewöhnten Verstand werthvollen Zufall. Mein 
zweiter Bruder Hey mann [geb. 1800, gest. 1872] war einer von 
den Menschen, die in den Zeiten der Noth alle ihre Kräfte aufbieten, 
sich, auf welche Art es sei, Nahrung zu verschafifen und dann, sobald 
sie einen Geschäftszweig haben , im Streben ermüden. So lange 
wir daher noch in Dürftigkeit lebten und er von unserm Vater an- 
gespornt wurde, sich selbst seine Nahrung zu suchen, war er wohl 
darauf bedacht, sich eine Kenntniss recht gründlich zu erwerben. 
.£r fiel nun aufs Bechnen, lernte die Arithmetik bei einem gewissen 
M. Flaschin, einem Mann von ausgezeichneter Güte und erprobter 
Rechtschaffenheit, der ihn begünstigte und tüchtig vorwärts brachte. 
Sehr bald benutzte mein Bruder seine Kenntniss, um Andere zu 
lehren und lehrte auch mich ziemlich früh die Arithmetik, die ich 
schnell auffasste. Durch eine Fügung Gottes kam ein wissbegieriger 
Schüler, eben der Freund, von dessen Papieren ich hier ^inen kleinen 
Gebrauch machen werde [s. ob. Z. 4], S. Schammes zu meinem 
Bruder, um die Rechenkunst zu lernen. Dieser hatte viele gute 
Eigenschaften eines mittelmässigen Geistes, er verband Verstand mit 
einem guten Gedächtnisse, einen ausserordentlichen Fleiss mit bewun- 
dernswerther Geduld. Er war den ganzen Tag frei, verwendete alle 
Zeit zum Lernen und brachte es daher auch im Rechnen bald sehr 
weit. Er kaufte sich nun StiX|' arithmetisches Rechenbuch, worin 
alle Arten Gesellschaftsrechnung und Mischung standen; um sie auf- 
zulösen, zog er mich zu Rath. Nach einigem Nachdenken enträthselte 
ich sie und man denke sich die Freude, die ein aufgeblähter Geist« 
der Thalmudisten eigen ist, und unter deren Classe ich doch auch 
damals war, haben musste. Verstand mein Mitarbeiter es nicht so- 
gleich, so dachte er noch zu Hause darüber nach. Wo waren wir 
nun aber zusammen? Vielleicht in meinem Hause? Nein! ein neu- 
gebrochener Gang, der von dem Wollgraben nach der Predigergasse 
führte, war unsere Studirstube. 



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— 6 — 

So war nun bald dieses Buch ausgelesen, als ich zuföUig Orü- 
son's Aufgabensammlung in meines Bruders Bücherschranke fand» 
In diesem Buche findet sich sehr oft neben der Arithmetik die Al- 
gebra, und so griff das Auflösen der algebraischen Rechnungen auf 
Arithmetik nun weiter um sich. Daher fing ich denn bald an, ohne 
eine Segel in der Mathematik zu wissen, Aufgaben auf algebraische 
Art zu lösen. Da die •ersten Beispiele sehr leicht sind, so ward ich 
unvermerkt, ohne einen Lehrer zu haben, hineingeführt; dies theilte 
ich Abends, bei der Zusammenkunft, nach Endigung der Synagoge, 
meinem Freunde mit, [andere Schrift, aus d. J, 1826] der sich er- 
staunlich darüber freute und Alles in ein Buch eintrug. Endlich 
trachten wir dieses Buch zu Ende. Man denke sich unsere Freude! 
Wir, ganz unwissende Buben, glaubten jetzt schon die grössten 
Mathematiker zu sein und wie viel hätte mir dieser thalmudistische 
Dünkel schaden können, wäre ich nicht zeitig genug demselben ent- 
rissen worden! Ebenso wie er vielleicht zur Trennung von meinen 
Jugendgefährten beitrug, hätte er mich immer der Feindschaft prjöis- 
gegeben; ebenso wie ich jetzt glaubte, Mathematik zu kennen, so 
hätte ich mir auch zugetraut, alle Wissenschaften ohne Beihülfe 
verständigerer Leute zu erlernen, und mich verleitet, fest bei meinen 
Gedanken zu verharren und nicht von meiner Meinung zu weichen. 
Doch genug davon! Wir kehren wieder zur Erzählung zurück! 

Meine Kenntniss im Thalmud wuchs immer mehr und von diesen 
zwei Dingen, Thalmud und Mathematik, ganz begeistert, konnte ich 
nicht einmal die Erwähnung anderer Wissenschaft^ hören; nur in 
die Literatur meiner jüdisch-deutschen Bücher eingeweiht und deren 
Sprache nächahmend, vermochte ich es nicht über mich zu bringen, 
Bücher, die in reiner Sprache geschrieben waren, zu lesen und zu 
verstehen. 

Wehe, wehe! Wie seid ihr mir entflohen, in nichtigem Tande, 
meine Kinderjahre! Nicht wurden mir Lehren der Moral eingeprägt, 
nicht der Körper durch Leibesbewegungen gestärkt und nicht die 
Seele durch Belehrung und Bildung veredelt! Wehe! sie sind dahin, 
hingeflogen wie Staub! Kommet zurück, dass ich euch benutze. 

Aber nein! sie sind nicht zurückruflich. Es ist wirklich eine 
Sünde, dass ich klage; umgekehrt, ich muss ja der Gottheit danken. 
Hätte ich nicht im Wahne und Dunkel bleiben können? Aber Er 
erleuchtete meinen Sinn, schenkte mir einen höheren Geist und ent- 
riss mich den Fesseln der Dummheit. — 



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— 7 — 

Tiefe Orthodoxie, deren Grund im Nichtnachdenk^n lag, be- 
herrschte bis jetzt meinen Geist und war die Triebfeder aller meiner 
Handlungen. Doch mit meinem 11. Jahre erwachten Zweifel, die 
mit Ungestüm wider mich eindrangen, in meiner Brust. Ich la» 
nämlich Becker 's Handbuch der Weltgeschichte. Obgleich es mir 
verboten war, die Geschichte der Juden zu lesen und ich auch dem 
Verbote nicht zuwiderhandelte, so weckte doch auch die griechische 
und römische Geschichte mein Nachdenken. 

Wie, dachte ich, könnte Moses nicht eben so gut seine Lehren 
Jehova zuschreiben, wie Minos dem Jupiter, Lykurg dem Apollo und 
Numa Pompilius der Egeria? Pfui! welche Sünde, rief eine durch 
11 Jahre gestärkte Stimme, solche Gedanken sollten dem Sohn eines 
Eabbi, einem rechtgläubigen Juden in den Sinn kommen? Zweifel 
sollten sich wider die Heiligkeit und die Prophezeiungen des gött- 
lichen Moses regen? Weg war der Gedanke und ich entschlief. 

Fiel mir ein ander mal wieder so etwas ein, so hatte ich eine 
andere Antwort: Woher mochten Lykurg und Minos auf den Gedanken 
gekonmaen sein, ihre Gesetze ihren falschen Göttern zuzuschreiben? 
Eben weil sie sahen, dass ein Mann die Eingebung Gottes hatte, 
dachten sie auch bei ihrem Volke durch ein Blendwerk diese Ideen 
zu erwecken. Solche nichtige Gründe beruhigten mich und söhnten 
mich eine lange Zeit mit Moses und der jüdischen Beligion aus. 

Während dieser Zeit vervollkommnete ich mich immer mehr im 
Thalmud und in der Mathematik, lernte etwas Französisch, wozu mir 
gar keine Lust beizubringen war, las auch etwas deutsch und beson- 
ders Kotzebue's Lustspiele mit dem grössten Vergnügen, auch 
manchmal Adolph Bäuerle's dumm witzige Schauspiele. 

So war ich schon in mein zwölftes Jahr gelangt,- immer noch 
geliebt von allen Dummen, geehrt von allen Nichtskennern, geachtet 
von allen Orthodoxen ; aber ungekannt von allen Einsichtsvollen und 
bemitleidet von den mich kennenden gebildeten Leuten. Nun erhielt 
ich auch Unterricht in der lateinischen und griechischen Sprache, 
den die Herren von Kothschild für mich zahlten, und Unterweisungen 
im deutschen Stil. 

Zu meinem dreizehnten Geburtstage wünschte meine Familie, 
die mich gerne in den Himmel erhob, eine hebräische Dissertation, 
die aus lauter Spitzfindigkeiten besteht (Deraschah)^), und eine 

*) [G. erinnerte sich später nur, dass diese Deraschah begann: »Der Rambam, 
der Rif und der Rosch paskenen''.] 



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- 8 — 

deutsche Bede zu hören; zu ersterer muaste ich die Hülfe meines 
ältesten Bruders in Anspruch nehmen; die let<ztere gelang mir nach 
Wunsch. 

[Aus dieser Bede, während welcher einige der anwesenden 
frommen Männer sich die Hand vors Gesicht hielten, mögen einige 
Sätze wörtlich hier folgen: 

„Denken wir nach aber das ganze Leben des Menschen, so fällt uns gleich 
die Frage auf, wozu hat die gütige Vorsehung den Menschen bestimmt? Vielleicht 
wird Jemand denken, das sei sein Ziel, das sein Zweck, sich so lange als er auf 
der Welt ist, Reichthum zu erwerben, denn er verschafft sich dadurch Ehrenstellen, 
er bringt sein Leben im grossten Wohlstande zu! Oder Gott habe dem Menschen 
Kraft und Verstand verliehn, dass er aUe seine Wünsche, seine Begierden, kurz 
alle seine Leidenschaften befriedigen könne! Nein, das kann und wird kein gut- 
gesinnter, yemiinftiger Mensch denken, denn was hat er von seinen Qlncksgütern, 
Yon seiner Ehre, überhaupt von seinem ganzen Leben, wenn er von dieser Welt 
scheidet? Zu welchem Zwecke kann es ihm gereichen, wenn er seine edle, kostbare 
Zeit, seine ganzen Lebenstage, in welchen er sich mit so vielen Kenntnissen be- 
reichem, in welchen er seinen Geist, seinen Verstand schärfen, in denen er seinen 
Freunden und Nebenmenschen nützlich und angenehm werden, in denen er endlich 
soviel Gutes und Heilsaimes thun konnte, bloss körperlichen Vergnügungen, bloss 
leeren Gedanken weiht, wodurch er nicht allein keinen Nutzen, sondern auch 
Schaden und Unheil bewirkt? Nein, dies ist den Gedanken der Frommen nach, die 
iK^ahre Bestimmung des Menschen auf dieser Welt: Gutes und Nützliches stiften. 
Aber noch eine Frage bleibt ims zu beantworten, was ist der wahre Begriff der 
Worte „Gutes und Nützliches stiften*? Unter jenem verstehen wir, unserer 
heiligen Religion gemäss, uns mit Gottes Lehren vertraut zu machen, um dadurch 
seinem Willen zu gehorchen, seine Gebote zu erfüllen und seine Worte auszuüben; 
unter diesem aber, durch unsre Belehrung und Unterstützung in Kenntniss und 
Ausübung der Gesetze Gottes behilflich zu sein, damit auch sie dem Ewigen ge- 
ßJlig und angenehm werden. Aber Mancher wird mir einwenden, durch welchen 
Trieb können wir dahin gelangen, dies Alles auszuüben? Wodurch können wir jene 
hohe Stufe erreichen, alle diese Pflichten zu erfüllen? Auch dafür bat der Aller 
höchste mit väterlicher Fürsorge für uns gesorgt, denn nur gute Gesinnungen muss. 
der Mensch für ihn hegen, zum Uebrigen wird Er schon verhelfen.** 

ünterdess war der Vater nach vierjährigem Kränkeln gestorben 
(April 1823). So lange er gesund war, hatte er, der den ganzen Tag 
lernte und dabei beständig für sich notirte, — er pflegte zu sagen »die 
Buchstaben machen weise* — den Knaben unterrichtet und oft Gelegen^ 
heit gehabt, zu seinen Notizen zu bemerken: »der Junge ist gescheidt 
und fragt ''. Jeden Donnerstag pflegte er dem Knaben die Deraschah 
s;iitzutheilen, die er am nächsten Sabbath zu halten gedachte. 

Vier Jahre vor dem Tode des Vaters, 1819 hatte der Enabe 
die erste Reise gemacht und zwar mit seiner Mutter nach M|iin;i^ 



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— 9 — 

wo eine Stiefschwester wohnte. Hier erregte der Knabe durch sein 
Wissen grosses Aufsehn und erhielt von drei Mainzer Eabbinern, 
welche ihm je ein Stück Thalmud zum „Lernen" aufgegeben hatten 
und von seinen Leistungen entzückt waren, Zeugnisse, welche den 
Ausdruck hoher Zufriedenheit seitens der Prüfenden enthielten und 
besonders dazu bestimmt waren, dem Vater Freude zu machen. Dieser 
aber war unterdess in die Krankheit gefarllen, von der er sich nicht 
wieder erholen sollte; der Bruder Salomon kam den Reisenden, die 
mit dem Marktschiffe von Mainz nach Frankfurt 10 Stunden brauch- 
ten, in Höchst entgegen, um sie auf die traurige Nachricht vorzu- 
bereiten.] 

Von Tag zu Tag reifte der [Gedanke in meinem Geiste, dass 
4och mein bisheriger Glauben nicht fest gegründet sei, es ward heller 
in mir, bis endlich die Flamme der Aufklärung allen ünrath ver- 
nichtet hatte. Doch ich musste lange meine Gedanken in mir herum- 
tragen, bis ich endlich meinem gepressten Herzen einem Freunde 
gegenüber Luft machen konnte, den ich in meinem Neffen, Ludwig 
Braunfels^), der vier Wochen älter als ich war, fand. Noch 
kräftiger sollte ein Anderer auf mich wirken, Dr. Feibel, der, 
nachdem mein erster Lehrer, Dondorf, Frankfurt verlassen hatte, 
um die Universität zu beziehen, mir lateinischen und griechischen 
Unterricht ertheilte. [Fortsetzung aus dem Februar 1829.] Dieser 
Mann, der für aufgeklärt galt, aber voll von Aberglauben steckte, 
voll Lust sich überall Einfluss zu verschaffen, konnte leicht einem 
schüchternen Knaben, wie ich damals war, Muth einflössen, aufrichtig 
mit ihm zu sprechen. Gelehrsamkeit, überhaupt schon die geringste 
Einsicht in irgend eine ändere Wissenschaft ausser dem Thalmud, der 
mir nun tagtäglich verabscheuungswürdiger wurde, war zu dieser 
Zeit in meinen Augen das schätzenswertheste Gut. Einen Mann nup 
wie Dr. F., ausgerüstet mit solchen Kenntnissen, zu meinem Ver- 
trauten in einem so wichtigen Gegenstande zu machen, war mir der 
glücklichste Zufall. Seine Schwäche konnte mii* allerdings keine 
Gegengründe aufbringen, nur die Versicherung, dass der Thalmud doch 
nicht so arg sei und die Bitte, nicht Alles abzuschütteln, worunter 
er die Beibehaltung des Glaubens an das Dasein Gottes, an dessen 
Offenbarung an Moses u. s. w. verstand. 

Daher wurde ich durch eigenes Nachdenken und durch Gesprächje 



') [Lebt als Advokat in Frankfurt.] 



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— 10 — 

mit Brauüfels, dem ich damals innigst verbunden war und Max 
Lob [später Lotmar], den ich durch Br. kennen und bald lieben 
lernte, immer mehr bestärkt. Aber ich war nicht glücklich. Strenger 
Zwang von aussen und Furchtgefuhl im Innern, Heuchelei, die die 
Jugend nicht kennt, drückte meinen Geist furchtbar nieder; die 
Freundschaft war meine einzige Trösterin, aber auch sie wurde, theils 
in Folge unserer verschiedenen Charaktere, theils durch kleinliche 
Aeusserlichkeiten gelockert, wenn auch nicht vernichtet. 

Mit Lob und Braunfels bildete ich einen Verein zur Beurtheilung 
unserer prosaischen und poetischen Arbeiten, zur Uebung im Dekla- 
miren und zu Vorträgen aus dem Stegreif; der vierte wurde S. Brühl, 
ein jovialer, aber unsteter und fluchtiger Mensch, der fünfte Ignaz 
Ellissen^). Geistigen Nutzen brachte mir diese Gesellschaft zwar 
wenig, desto mehr Vergnügen und einen unschätzbaren Gewinn, die 
Vereinigung mit lauter Freunden. Wir kamen jetzt häufiger zusammen, 
lasen gemeinschaftlich griechische und römische Classiker, Hessen es 
aber auch an Eifersüchteleien und Streitigkeiten nicht fehlen, welche 
die baldige Auflösung des Vereins bewirkten. 

[Zu den alten Freunden gesellten sich neue; die Interessen wur- 
den grössere: theatralische Aufführungen z. B. des Peter Squenz 
wurden vorgenommen, das Erlernen der classischen Sprachen wurde 
fortgesetzt, dabei aber auch philosophische Studien getrieben und 
allgemeine wissenschaftliche Vorlesungen, die schon damals in Frank- 
furt häufig waren, gehört; selbst ein kleiner Aufsatz geschrieben, der 
durch Vermittelung des Pfarrers Kirchner in die Hallische Literatur- 
zeitung aufgenommen werden sollte. 

Die Ereignisse der folgenden Monate werden aber nicht von den 
Bemerkungen des Tagebuchs begleitet, diese beginnen erst wieder am 
5. Februar 1830.] 

Von den Arbeiten, die ich in unserm Vereine lieferte, sind mir 
nur drei noch erinnerlich; ein prosaischer Aufsatz: der erste Morgen 
Adam's, zu welchem ich Herder's Darstellung, die mich sehr anzog, 
benutzt hatte, und zwei didaktische Gedichte: an die Freunde und 
die Betrachtung, das erste die Zwecke unseres Vereins, das zweite 
die Wichtigkeit des Nachdenkens behandelnd. 

Die fernere kurze Zeit meines Aufenthaltes in Frankfurt bot mir 
nun nichts Merkwürdiges mehr dar; nur wurde jetzt der innere Kampf 



[Lebt als Jurist in Frankfurt] 



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— 11 — 

wegen der Wahl meines künftigen Berufes doppelt rege. leh hatte 
mich nämlich theils selbst sowohl in der ganz frühen Zeit, als auch 
in der spätem, wenn mich der Eifer zu wirken belebte, zum Stande 
des Theologen bestimmt, theils war ich dazu durch meine Familie 
gedrängt worden, die meine Sinnesänderung in religiösen Dingen nicht 
ahnen durfte, obgleich meine Mutter oft über die Abnahme meiner 
Gottesfurcht klagte und meine Geschwister mit meinem religiösen 
Betragen und besonders dem Umgang mit meinen freidenkenden 
Freunden unzufrieden waren. Diesen suchten sie mir durch häufige 
Drohungen und Ermahnungen zu verbieten und glaubten dadurch 
jeden Anlass zur Sinnesänderung entfernt zu haben. So ward ich 
nun bestimmt, die Theologie zu ergreifen. Aber ich hasste jeden 
Zwang und wurde, obgleich ich oft mit Leidenschaft den Gedanken 
einer einstigen theologischen Wirksamkeit verfolgte, durch den Ueber- 
druss an dem Studium des Thalmud oft von dieser Bestimmung ab- 
gewandt und zwar umsomehr, da schon einige Jahre hindurch das 
Studium der orientalischen Sprachen ein ausserordentliches Interesse 
für mich gewonnen hatte. Jch schwankte daher in grosser Ungewiss- 
heit, die jedoch darum [nicht so sichtbar ward, weil beide Studien 
enge an einander grenzen. Bald entschied ich mich für dieses, bald 
für jenes Fach, bald glaubte ich, wegen ihrer engen Verbindung mit 
einander beide zugleich zu studiren, bald überliess ich der Zukunft 
die Entscheidung meiner Bedenken. 

Nachdem ich durch die Vermittlung mehrerer guter Freunde, der 
Herren J. S. Adler, A. M. Fuld, Dr. Creizenach Unterstützung 
für die Vollendung meiner Studien auf einer Hochschule erhalten 
hatte, schickte ich mich an, die Universität Heidelberg zu besuchen. 
Warum ich diese wählte, wusste ich eigentlich selbst nicht; es waren 
mehrere Freunde von mir früher dort gewesen, Joseph Maier, 
Dr. Stern und so wollte auch ich es dort als in einer meinem Ge- 
burtsort nahen und im Sommer sehr angenehmen Stadt versuchen. 
Als nun gar mein Freund Max Lob sich für sie entschlossen hatte, 
war ich ausser allem Zweifel. 

Am Sonntag den 27. April 1829 reisten wir ab und blieben die 
Nacht in Darmstadt. Hier beschäftigte mich das Theater. Ich 
wohnte am Abend unserer Ankunft der Aufführung der Oper Nur- 
mahal bei, hatte aber fast nur an den Dekorationen und den Chören 
Vergnügen; für die Orchestral -Musik Und die Arien fehlte es 
mir an musikalischem Verständniss. Den andern Tatj reisten wir 



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— 12 — 

nach Heidelberg, wo wir die bereits früher bestellten Wohnungen 
bezogen, ich bei einem Juden, Nanoiens Reckendorf, der zugleich auch 
ein Kosthaus für jüdische Studenten hatte. Lob und ich durchstreiften 
nun acht Tage, da die Collegien nicht vor dem darauf folgenden 
Montag, den 4 Mai, begannen, noch die Stadt und einen kleinen 
Theil der Umgegend, wurden aber an ordentlichen Märschen durch 
das schlechte Wetter verhindert. 

Ich war nun ziemlich entschlossen, Orientalia zu studiren. Ich 
belegte Archäologie bei C reu z er, die mir Anfangs, als die Einleitung 
und- Eintheilung einen Blick ins grosse Ganze der griechischen Kunst 
gewährte, sehr viel Vergnügen machte, zuletzt aber, da über Einzel- 
heiten in Kunstwerken, die ich nicht einmal des Anblicks, noch 
weniger des Beschreibens würdig halten würde, sehr viel gesprochen 
wurde, unerträgliche Langeweile verursachte. Im philologischen Seminar, 
das ich auch besuchte, hörte ich bei demselben Geschichte der Phi- 
lologie, die mich, besonders so lange die Geschichte der griechischen 
Sprache während des Bestehens des griechischen Volksthums behandelt 
wurde, sehr anregte. Dort wurde auch das Leben des Nicias von 
Plutarch interpretirt und griechische Exercitia, ungefähr in der Eeife 
wie in Tertia, gemacht unter der Leitung eines ziemlich unwissenden 
Docenten. unter ihm gerieth die Philologie, die überhaupt, wenn 
sie nicht mit scharfem durchdringendem Blick und mit steter Bück- 
sicht auf den Geist der Sprache und des ihrer sich bedienenden Volkes 
bearbeitet wird, zur elenden Wortkrämerei herabsinkt, in den grössten 
Verfall und es herrschte überhaupt ein strenger, geisttödtender 
Pedantismus in seinen Vortr5-gen. Aehnlich waren auch seine Vor- 
lesungen über Horaz' Episteln, mit denen er lateinische Stilübungen 
verband. Desto erfreulicher war mir dagegen der würdige Dr. Herr- 
mann, der das Studium der Philologie mit acht philosophischem 
Geist umfasste und in den Geist der Sprache tief eingedrungen war. 
Er las die Wolken des Aristophanes, suchte uns mit dem Zustande 
des damaligen Athen, dem Geiste der Sophisten und des Sokrates 
vertraut zu machen und wies bei der Erklärung jedes einzelnen 
Wortes, jeder einzelnen Beziehung darauf hin, wie Sitten und Denkart 
auf die kleinsten Eigenheiten der Sprache Einfluss haben und wie 
aus diesen jene s^u erklären seien. 

Mehr aber als die ckssischen beschäftigten mich die orientalischen 
Sprachen, obwohl ich in H. wenig davon hören konnte. Nur üm- 
breit las orientalische CoUegia, und er, der zwar Hebräisch kannte 



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— 13 — 

und Urtheil und Verstand besass, sich aber von Vorurtheilen nicht 
losmachen konnte und in dem beständigen Streben, Orientalist uöd 
Theologe zugleich zu sein, beide Fächer nicht gehörig betreiben 
konnte und in den übrigen semitischen Sprachen sehr geringe Kennt- 
nisse hatte, waltete als Alleinherrscher mit starkem Scepter. Auls 
seiner Vorlesung über Hieb zog ich wenig Nutzen, da mir die Sachen 
durch früheres fleissiges Studium des Hebräischen gut bekannt waren, 
in seiner Vorlesung über Kosegarten's arabische Chrestomathie hatte 
ich mehr Vergnügen als Gewinn. Ich '^ verstand nämlich diese häufig 
besser als er und da gab es denn zu manchen lustigen Auftritten 
Anlass, in denen ich zwar den Schein des ßechthabens eifrig vermied, 
mich aber im Innern desto mehr freute. 

Für mich trieb ich vorzüglich stark das Syrische, indem ich 
mir Michaelis', Tychsen's, Vater's syrische Chrestomathien, den Bar- 
Pebraeus, Hasse's lectiones chald.-syr.-arab., Michaelis' syrisches 
Wörterbuch u. a. m. anschaffte, so dass mir durch ein fleissiges 
Studium diese an sich leichte Sprache sehr geläufig wurde. Auch 
peine Arbeiten über die Mischnah, die ich am 21. Juli 1827 be- 
gonnen hatte und die mir zur Ausarbeitung einer Grammatik und 
eines Wörterbuchs über dieselbe dienen sollten, setzte ich fort. Schon 
zu jener Zeit nämlich wurde mir klar, dass ebenso wie der Geist des 
Thalmud von dem der Bibel ganz verschieden ist, auch die beiden 
Theile des Tbalmud, Mischnah und Gemara, weit von einander ent- 
fernt sind. Denn wenn auch in beiden das Hauptstreben darauf 
hinausgeht, die Gesetze der Bibel durch ihre Erklärungen auf einen 
jeden möglichen Fall anzuwenden, so zeigt sich doch in jener mehr 
das strenge Festhalten am Alten und die Behauptung, dass die von 
ihr aufgestellten Gesetze und Verordnungen entweder in der Bibel 
selbst begründet oder von Gott dem Moses, von ihm durch Tradition 
den Späteren zugekommen seien. Sehr selten finden sich spitzfindige 
Bibeldeutungen und sehr selten Anweisung von Traditionen, obgleich 
die ersten Anfänge darin liegen. Erst durch die politischen Ver- 
wirrungen und durch die Entstehung des Christenthums wurden 
strenge Traditionsfäbigkeit und starres Festhalten an der Form üblich. 
In die Mischnah konnte dies nicht so sehr eindringen, da die Sätze 
entweder schon von vorchristlichen Lehrern oder auch zur Zeit und 
nicht lange nach der Entstehung der christlichen Religion, da man 
gegen sie noch keiner starken Gegenwehr 'bedurfte, ausgesprochen 
wurden. Die Lehrer der Gemara dagegen deutelten alle Satzungen 



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— 14 — 

&r Mischnah in die Schrift hinein, wodurch verkehrte Auslegungen 
entstanden, oder halfen sich, wenn diese Deutung nicht möglich war, 
mit dem Machtspruche, dass ihre Ansicht Tradition sei. Die Ver- 
schiedenheit des Geistes dieser beiden Theile des Thalmud bewirkte 
nun auch, dass die Auffassung der Mischnah durch die Gemaristen 
oft eine ziemlich verkehrte war. Da ich dieses bemerkte, sobald ich 
die Mischnah mit Fleiss zu betreiben anfing, begann ich gleich einem 
Mischnah-Commentar in hebräischer Sprache [Mein], der aber bloss 
in die Mitte von Demai fortgeführt wurde, und ein Wörterbuch über 
dieselbe. Denn wie der Geist beider Werke, so ist auch ihre Sprache 
verschieden: die der Mischnah ist bloss eine Fortsetzung des He- 
bräischen, die der Gemara die syrische mit dem Persischen vermischte 
Volkssprache. 

Mit diesen Ansichten ausgerastet, hatte ich 1828 ein Buch 
durchgenommen, das ich von Herrn W. Heidenheim in Rödelheim, 
den ich öfters besuchte, bekam: Landau, „Geist und Sprache der 
Hebräer nach dem zweiten Tempel*, Prag 1822 [vgl. oben Bd. I., 
S. 302] und erkannte es als ein sehr schlechtes Werk. Da ich nun 
die Gewohnheit habe, bei jedem Werke, das ich lese, Bemerkungen 
über Einzelheiten zu machen, die ich nicht für wahr halte, so machte 
ich es auch hier. Mit Erstaunen nahm ich nach Durchlesung des 
Buches wahr, dass meine Bemerkungen ziemlich stark geworden 
waren und so verwandelte ich dieselben mit Hinzufugung einiger 
Angaben über Plan und Inhalt in eine Secension, die mehreren 
jüdischen Gelehrten, Johlson, A. M. Puld, meinem Bruder Salomon 
und Heidenheim, sehr gefiel. Herr Johlson, bei dem ich sehr be- 
kannt war und der mir auch auf jede Weise nützlich zu sein 
suchte, rieth mir, dieselbe in eine Zeitschrift zu senden und besorgte 
dieselbe auch nach Halle vermittelst eines dort Studirenden. Dieser 
hatte sie Gesenius vorgelegt, der wol Neues darin zu sehen glaubte, 
sie aber zu lang fand; er nahm sie auch später, nachdem ich sie 
abgekürzt hatte, nicht auf, sei es, weil er in Erfahrung gebracht, dass 
ich ein Jude sei, sei es auch aus anderen Gründen. 

Ausser den sprachlichen Studien trieb ich philosophische und 
zwar hörte ich Anthropologie bei Daub, einem alten Theologen, der 
den Spuren HegeFs folgte und uns mit der Erklärung dunkler Sätze 
aus dessen Encyklopädie unterhielt. In der letzten Hälfte des 
Semesters hörte ich auch zu meinem grössten Genüsse Cultur- und 
Literaturgeschichte bei Schlosser. 



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— 15 — 

Meinen Studien ergeben, lebte ich ziemlich für mich, hatte an- 
fangs nicht den Muth, einen Studenten anzureden, da ich vorher 
niemals Umgang mit Christen gehabt hatte, verlor aber diese 
Schüchternheit allmählich. Mit mir am Tische assen noch sieben 
Juden, von denen vier mir nichts Interessantes boten; die übrigen 
waren: Boden heim aus Pforzheim (Jurist), ein sehr selbstständiger 
Mensch, etwas mit dem Studentenleben vertraut, aber ohne rechten 
Sinn für das Edle; Hamburger aus Hanau (Jurist), ein sehr liebens- 
würdiger, guter, verständiger, junger Mann, der mir sehr viele Freude 
durch seinen Umgang gewährte und mit dem ich die Zeit unseres 
Zusammenseins in der vorzüglichsten Heiterkeit und trauter Freund- 
schaft zubrachte; Heilbutt aus Hamburg (Mediciner), ein sehr ver- 
nünftiger, vielseitig gebildeter junger Mann, der den Tisch stets jjiit 
seiner raschen Unterhaltung würzte und durch seine schöne Art zu 
sprechen, mich mit sehr vielem mir Unbekannten bekannt machte. 

Auch mit einigen christlichen Studenten kam ich in nähere 
Berührung: Steinhäuser (Jurist) aus Schwäbisch-G münden, einem 
kreuzbraven, treuherzigen, redlichen Menschen, der früher sehr starker 
Anhänger der Burschenschaft gewesen, in Heidelberg aber, wo seit 
dem Auszuge 1828 die Burschenschaft aufgehoben war, sich ganz 
ruhig verhielt; Frissoni aus Stuttgart (Mediciner), der mit meinem 
Lob schon in Frankfurt bekannt gewesen war, wo er sich als Chirurg 
aufgehalten hatte, einem sehr guten Menschen, freilich ohne wissen- 
schaftliche Vorbildung, aber mit dem besten Willen, sich belehren 
zu lassen; Kiesselbach aus Bremen (Orientalist), einem recht um- 
gänglichen Menschen, dem ich mich, unserer gleichen Studien wegen, 
anschloss. 

Besonders aber lebte ich mit meinem Max in trauter Freund- 
schaft. Von den Frankfurter Freunden erhielten wir Briefe, aber 
voll von eifersüchtigen Bemerkungen gegen unsere neuen Heidelberger 
Bekanntschaften und von Klagen über unsere flüchtigen und nach- 
lässigen Mittheilungen. Auch die Briefe der Meinigen enthielten 
mancherlei Klagen und Zurechtweisungen über meine Sinnesart und 
Studienrichtung, von der sie freilich mehr Muthmassungen als sichere 
Kunde hatten. 

Ausser den Briefen aus der Heimat kamen auch Besuche: meine 

Freunde Leopold Beer, der in Frankfurt Lehrer war, und J. Maier, 

der nach Stuttgart reiste, um in Württemberg 'Rabbiner zu werden. 

Ich war nach Heidelberg schon mit dem festen Vorsatze ge- 



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- 16 - 

gangen, nur ein halbes Jahr, das schdne Sommersemester, daselbst 
zu verleben, und war durch die ungenügende wissenschaftliche Aus- 
beute, die ich hier fand, in meinem Entschlüsse bestärkt worden^ 
später Bonn zu besuchen, besonders in der Absicht, meine Studien 
bei dem berühmten Orientalisten Frey tag fortzusetzen. Mit Un- 
geduld erwartete ich daher das Ende des Semesters, schied von 
meinen Freunden und eilte mit meinem Tischgenossen Bodenheim 
nach Carlsruhe. 

Meine dort verheirathete Schwester empfing mich mit Freuden 
und wir brachten mit allerhand Hin- und Hererzäblen den Abend 
zu. Den andern Tag suchte ich meinen Freund Randecker auf, 
der seit dem Jahre, da wir uns in Frankfurt verlassen hatten, in 
seiner Bildung sehr fortgeschritten war und mit dem ich mich nun 
innig verband. Bei dem Oberrathssecretair Eppstein sah ich zum 
ersten Male den thesaurus linguae hebraicae e Mischnah augendus 
von A. Th. Hartmann, erbat mir das Buch für einige Tage und 
machte mir zum ersten Theil, der grammatische Bemerkungen ent- 
hält, einige Anmerkungen, die ich später dem Prof. Hartnjann 
zuschickte. Ich erhielt von ihm eine sehr verbindliche Antwort, mit 
der Bitte, ihm zur Beantwortung der in Fragen eingekleideten An- 
merkungen einige Monate Zeit zu lassen. 

Mein Aufenthalt in Carlsruhe war übrigens durch Nichts als 
durch den Umgang mit meinem Bandecker angenehm; die dort 
wohnenden Juden hatten mir schon bei meinem ersten Besuche^), 
sehr missfallen, und nun, da ich Orientalist zu werden entschlossen 
war, wandte ich mich ganz von ihnen ab. Mein Freund tadelte 
zwar meinen Entschluss, konnte mich aber nicht von demselben 
abbringen. 

[Bei Randecker, von dem Geiger die erste Kunde von 
S. D. Luzzatto's für die Wissenschaft des Judenthums epoche- 
machenden Schriften bekam, lernte er auch den jungen Berthold 
Auerbach kennen, und sang ihm und den Carlsruher Freunden in 
ftöhlicher Jugendlust mit frischer Stimme Studentenlieder vor, die 
er in Heidelberg gelernt hatte. Er besuchte auch den Carlsruher 
Rabbiner Ascher Low und wurde durch ihn den übrigen sogenannten 
badischen Conferenzrabbinern, besonders dem „Clausprimator" Jakob 



[Geiger war zur Verheirathung seiner Schwester 1828 mit der Mutter und 
dem Bruder Salomon in Carlsruhe gewesen.] 



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— 17 — 

Ettlinger [später in Altona], vorgestellt. Mit diesem war Geiger 
auch bei einer Schulprüfung zusammen. Als bei derselben der Lehrer 
Eosenfeld die Kinder in der Geschichte Josephs prüfte und die 
Brüder Josephs wegen ihres harten Benehmens tadelte, stand Ettlinger 
auf und verwies dem Lehrer strenge, in solcher Weise von „den 
Stämmen Israels* zu reden.] 

Nach einem sechstägigen Aufenthalt in Carlsruhe fuhr ich über 
Mannheim und Auerbach, wo ich die Nächte zubrachte, nach Frank- 
furt zurück. Dort wurde ich von den Meinigen zwar herzlich be- 
willkommnet, erhielt aber alsbald das strenge Gebot, den Verkehr 
mit meinen Freunden, denen sie von jeher abgeneigt gewesen waren, 
abzubrechen, fügte mich diesem Befehle zwar äusserlich^ wusste'ihn 
aber heimlich zu übertreten. Durch die Einflüsse meiner Familie 
begann nun auch wieder das Schwanken in der Wahl meines Standes, 
das natürlich umsomehr wachsen musste, je näher ich mich dem 
praktischen Leben sah. 

Ich war von Heidelberg mit dem festen Entschlüsse zurück- 
gekommen, der Theologie Valet zu sagen und mich meinem Lieblings- 
studium zu widmen. Wurde ich auch von diesen Absichten durch 
die Ermahnungen der Meinigen nicht abgebracht, so wurde ich durch 
den frischen Eifer meines Freundes J. S. Adler und das Interesse der 
Frankfurter Judenschaft an der Sache der Religion neu angeregt, 
für das Wohl und die Aufklärung der Juden zu wirken. So befand 
ich mich denn fast wieder in derselben Lage, wie zu der Zeit, da 
ich nach Heidelberg zog. Trotzdem war ich, da ich die bekannte 
jüdische Jesuitenschule in Würzburg nicht besuchen wollte, ent- 
schlossen, nach Bonn zu gehen und gedachte dort hauptsächlich 
orientalische Sprachen und nebenbei Thalmud zu studiren. Vor 
extremen Schritten bewahrte mich das Beispiel eines Bekannten, 
Simon Scheyer, der den Sprung von starrer Orthodoxie zum Un- 
glauben gemacht hatte, und dessen innere Haltlosigkeit mir ein 
warnendes Beispiel wurde. Gerade dadurch wurde ich in meiner 
Liebe zu Juden und Judenthum neu bestärkt. 

Nach herzlichem Abschiede von Freunden und Verwandten reiste 
ich mit Scheyer am 27. Oktober 1829 von Frankfurt ab, übernachtete 
in Mainz, fuhr morgens mit dem Dampfschiffe weiter und kam 
28. Oktober Nachmittags 3 Uhr in Bonn an. Schon am folgenden 
Tage wurde ich immatrikulirt. 

In Bonn begann für mich ein neues Leben. Ich hatte mich 

Geig«r, Schriften. V. 2 



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— 18 — 

bisher meist von den Menschen zurückgezogen und hatte still und 
ernst für mich gelebt; nun suchte und fand ich Leute, an denen ich 
Gefallen hatte, und ich, der ich fast Greis war, wurde wieder nach 
und nach ein munterer Jüngling. In dem wunderbarsten Contraste 
gesellte sich Munterkeit zu Ernst, und da es mein ernstliches Streben 
war, munter zu sein, so wurde ich es, und da ich darauf bedacht 
war, mir Freunde zu verschaffen, so erlangte ich sie. 

Doch vollzog sich diese Umwandlung erst allmählich. In der 
ersten Zeit meines hiesigen Aufenthaltes, da mir der feste Entschluss^ 
mich der Theologie zu widmen, sowie freundschaftlicher Umgang 
fehlte, war ich zuweilen in rechter Betrübniss; ich erheiterte mich 
zwar mit meinen Lieblingsstudien, dem orientalischen Fache, aber 
ich konnte, da mein Geist eine philosophische Richtung genommen 
hatte, nicht mehr die alte Freude daran finden, und so sass ich zu- 
weilen recht missmuthig allein in meiner Stube. Dem Strudel dea 
Studentenlebons entriss mich ein ernsteres Streben, und andere 
Freuden hatte ich nicht, ja nicht einmal die geistige Zufriedenheit 

Meine Unzufriedenheit konnte nur dann von Grund aus gehobea 
werden, wenn beide Ursachen derselben, meine Abneigung vor meinem 
bestimmten Studium und mein Mangel an Bekannten und Freunden 
aufhörten. Glücklicherweise geschah beides zugleich. Der Umgangs 
nämlich mit gebildeten jüdischen Theologen, die zwar nicht Alle 
gleicher Ansicht mit mir waren, dennoch Alle ein grosses Interesse 
für einstige Wirksamkeit in dem, was ihnen gut scheint, hegen und 
die Alle nach einer vollkommenen wissenschaftlichen Ausbildung 
streben, befreundete mich* wieder vollständig mit der Theologie und 
verschaffte mir einige liebe Genossen und Freunde. 

Unter diesen nenne ich zuerst S. Sehe y er, der trotz vielen 
Schwankens Theologe blieb und trotz mancher Eifersüchteleien und 
Streitigkeiten die Bekanntschaft mit mir aufrecht erhielt, dann 
S. li. Hirsch^). Er hat grossen Einfluss auf mich und hat mir 
hier in Bonn das Leben sehr angenehm gemacht. Hirsch war durch 
Bernays in Hamburg in eine eigenthümliche Richtung gedrängt 
worden , hatte von ihm eine übermässige Verehrung der Bibel und 
jene Afterphilologie in Erklärung derselben angenommen. Ich hatte 
ihn schon in Heidelberg gesehen, wo er von Mannheim aus unsem 
gemeinschaftlichen Freund Heilbutt besucht hatte, hatte ihn in Bonn 



[Jetzt Rabbiner der israelitischen Religionsgesellscbaft in Frankfurt] 



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— 19 — 

mehrfach im CoUeg getroffen, war aber in keine nähere Berührung 
mit ihm gekommen. 

Eines Abends aber, als wir gemeinschaftlich aus der Vorlesung 
nach Hause gingen, sprachen wir von Goethe's Wahrheit und Dich- 
tung, die ich damals las, erzählten uns gegenseitig von unseren 
Umständen, beklagten beide das Alleinstehen jüdischer Theologen 
und kamen überein, einen Bednerverein zu gründen. Ich zog noch 
Ullmann und Hess hinzu, sie stimmten willig ein, und so kamen 
wir vier, denen sich alsbald Scheyer als Fünfter anschloss, am 
Sonntag den 6. Dezember 1829 in meiner Stube zusanmien und be- 
schlossen, uns jeden Sonnabend in meiner Stube zu versammeln, 
abwechselnd Predigten zu halten, und dieselben streng zu recensiren. 
Im folgenden Semester traten Frensdorff und Bosenfeld hinzu. 

[Fortsetzung vom 30. August 1830.] Dieser Verein möchte 
vielleicht von entschiedenstem Einfluss auf mich sein, theils brachte 
er mich mit Hirsch in enge freundschaftliche Verbindung, theils be- 
freundete er mich mit der Theologie, theils gewährte er mir Nutzen 
und Vergnügen. Nachdem Hirsch die erste Bede gehalten hatte 
(12. Dezember), recensirte ich sie am folgenden Donnerstag und 
sagte meine Meinung sowohl über das Ganze, als über das Einzelne 
in homiletischer, philosophischer und sprachlicher Hinsicht. Wir 
hatten einen sehr langen Streit, in welchem ich seine ausserordent- 
liche Beredtsamkeit, seinen Scharfsinn, sein klares und schnelles Er- 
fassen kennen und bewundern lernte; aber dieser Streit brachte uns 
nicht näher, da auch zuweilen die religiöse Seite berührt wurde, 
wobei ich, obgleich ich mich hierüber nur immer vom Standpunkte 
der jüdischen Beligion aussprach, seiner Auffassung nicht selten 
durch die meinige nahe treten musste. Doch näherten wir uns immer 
mehr, theils durch eine gemeinschaftliche Becension der Predigt eines 
Dritten, theils durch seine billige und schöne Beurtheilung meiner 
Predigt (2. Januar 1830), theils dadurch, dass wir noch in dem- 
selben Winter und in dem folgenden Sommersemester gemeinschaftlich 
cursorisch Thalmud lasen (Tractat Sebachim). So entstand allmählich 
gegenseitige Achtung und Liebe. Ich achtete seine vorzüglichen 
Geistesgaben, seine strenge Tugend und liebte sein gutes Herz; er 
achtete meine ihm nicht ganz verwerflich scheinenden Anlagen, liebte 
meine Offenheit und meinen jugendlichen Frohsinn. Sein Umgang 
ward mir sehr nützlich und genussreich. 

Der Bednerverein war für mich theils durch die üebung im 

2* 



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— 20 — 

Beden, die er mir verschaffte, theils durch die Becensionen der Beden 
Anderer von bleibendem Gewinn. Ich sprach zum ersten -Male 
2. Januar 1830 über den Gedanken an das Weltgericht und erntete, 
trotz manches gerechtfertigten Tadels, ziemlichen Beifall, dann 9m 
6. Februar über das Misstrauen, wobei ich Vorfalle, die mir mit 
einem Bekannten begegnet waren, im Auge hatte, zum dritten Male 
am 18. März über die Wirksamkeit des Predigers. 

Nach langem Bedenken gaben wir der Aufforderung Vieler, auch 
Nichttheologen zu unseren Fredigten zuzulassen, nach, und hielten, 
nach Beseitigung der Eifersüchteleien des Babbiners, am 7. Pessach- 
tage, 14. April, unsern ersten öffentlichen Gottesdienst, bei welchem 
ich über unsere Stellung zum Publikum sprach. Bis zum August 
predigte ich neunmal. Neben diesen öffentlichen Beden übten wir 
nns in unserm Privatverein in freien Vorträgen und Besprechungen 
derselben. 

Von den übrigen Mitgliedern des Bednervereins will ich über 
üllmann, Hess, Bosenfeld und Frensdorff einige Worte sagen. 

Ullmann, 1805 oder 6 geboren [gest. 1844, vgl. Israelit 1844, 
S. 108] , war für den Viehhandel bestimmt, fühlte aber in sich den 
Trieb zu einer wissenschaftlichen Bildung, besonders zu dem Studium 
der Gemara. Seine Eltern, hocherfreut über des Knaben Lust an 
diesem Studium, sandten ihn nach Bingen zu dem dortigen Babbiner 
von wo aus er in seinem 17. Jahre zu dem Babbiner nach Darmstadt 
kam und als dessen Vikar betrachtet wurde. Theils durch einen 
natürlichen Verstand, theils durch Bekanntschaft mit mehreren jungen 
aufgeklärten Leuten angeregt, erwarb er sich anderweitige Kenntnisse, 
verschaffte sich die Fähigkeit eine Predigt zu verfassen, und bezog, 
nachdem er 1829 die Morenu erhalten hatte, die Universität Bonn. 
Natürlich hatte er auf diese Weise zu keiner vollkommenen wissen- 
schaftlichen Bildung gelangen können, jedoch brachte er es durch 
Fleiss und Anlagen, leichte Fassungskraft und glückliches Gedächtniss 
zu einer guten Kenntniss der deutschen und französischen, zu einer 
ziemlichen der lateinischen Sprache, ist im Thalmud und im Hebräischen 
überhaupt recht bewandert; das Griechische hat er seit diesem Se- 
mester bei mir zu erlernen angefangen. Er ist vielseitig gewandt, 
aber oberflächlich und ohne Tiefe, ein geschickter Bedner, aber ohne 
Feuer und Begeisterung, klug, vorsichtig, gutmüthig, mit Jeder- 
mann befreundet, aber keiner Aufopferung für eine Person oder 
Sache fähig. 



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— 21 — 

Schon am Anfange meiner hiesigen Anwesenheit besuchte er 
mich, da er mich dem Namen nach kannte, wir einander anch in 
Darmstadt, ungefähr ein Jahr vor unserm hiesigen Zusammentreffen, 
gesprochen hatten; wir entschlossen uns, einige Male in der Woche 
einen Theil des Thalmud (Eodoschim) zusammen zu lesen, was wir 
auch, freilich mit sehr grossen Unterbrechungen, bis jetzt fortsetzten. 
Durch den Rednerverein näherten wir uns, smoUirten mit einander 
und wurden recht vertraut, besonders dadurch, dass ich ihn von 
seinen orthodoxen religiösen Ansichten befreite und ich mich fast 
allein vor ihm in meinen wahren Gesinnungen äussern darf. 

Das andere Mitglied unseres Vereins, das von Anbeginn dem- 
selben angehört, ist Hess. Geboren um's Jahr 1802 in Trier, hatte 
er den grössten Theil seiner Zeit bisher dem Thalmud geweiht, lebte 
eine lange Zeit unter der eisernen Zuchtruthe des Mainzer Clerus und 
wagte da kaum eine nothdürftige Sprachkenntniss sich zu verschaffen. 
Aber grosser Fleiss, unerschöpfliche Geduld und klarer Verstand 
überwanden die Schwierigkeiten. Nach Hause zurückgekehrt, bereitete 
er sich weiter vor und wurde durch Zufall verleitet, 1827 hierher 
auf die Universität zu gehen. Hier war sein Hauptstudium Philologie, 
aber freilich meist in formeller Hinsicht, um ästhetische Ausbildung 
kümmerte er sich nicht; er war fleissig, um fleissig zu sein, hatte 
nur ein Ziel, nämlich das, recht viele Bücher ordentlich durchzulesen, 
und sammelte in dieser Weise eine Menge Stoff, ohne für seine Ver- 
arbeitung zu sorgen. Seine Gesinnung ist streng religiös, sein Herz 
gut, seine Fähigkeit des Redens gering, sein Aeusseres, sowie der 
Ton seiner Sprache ungefällig und sein Arbeitseifer so gross, dass er 
nicht gern Zeit für den persönlichen Verkehr opfert. 

Rosenfeld aus Mannheim, geb. ungeföhr um's Jahr 1807, mit 
mittelmässigen Anlagen ausgerüstet, weihte sich zu Hause stets dem 
Thalmud und hatte von der deutschen Sprache kaum das Nothdürftigste 
erlernt, als er im Winter 1828 die Universität Heidelberg bezog. 
Dort hatte ich ihn im Sommer 1829 getroffen oder vielmehr gesehen, 
da ich dort alle jüdischen Theologen gemieden hatte. Durch Hirsch 
wurde er veranlasst, nach Bonn zu gehen, wo er sich immer mehr 
als mittelmässiger Kopf zeigt, wenngleich er bemüht ist, durch red- 
lichen Fleiss sich einige Kenntnisse 2u verschaffen. 

Frensdorff^) aus Hamburg besitzt ein Herz, wie man selten 



[Jetzt Professor und Seminardirector in Hannover.] 



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— 22 — 

eins findet; die fröhlichste und offenste Gemüthlichkeit , die freund- 
lichste und allen Menschen wohlwollende Güte machen ihn höchst 
liebenswürdig, und seine schönen Kenntnisse, die er durch ein regel- 
mässiges Studium auf dem vaterländischen Johanneum und durch 
einen vertrauten Umgang mit Bernays sich erwarb, machen ihn 
höchst schätzenswertii. Er hat einen gesunden Verstand, recht gute 
Geistesanlagen, einen vorzüglichen Fleiss und die edelsten Gesinnun- 
gen; seine religiösen Ansichten sind die, welche er bei und durch 
Bernays kennen gelernt, doch sind ihm Hirsch's Extravaganzen fremd. 
Ich liebe ihn sehr, werde versuchen, religiös auf ihn einzuwirken und 
werde mich mit ihm auch in wisaenschaftlicher Hinsicht in der Folge 
näher verbinden, da Hirsch wahrscheinlich bald, um eine Rabbiner- 
stelle anzutreten, die Universität verlassen wird. 

[15. August 1830.] Ausser diesen jüdischen Theologen, kam ici 
auch mit mehreren jüdischen Medicinern theils durch den gemein- 
samen Tisch, theils auf andere Weise in Verbindung. So ist mir 
Lob, der früher Thalmud in Mainz studirte und sich erst spät dem 
Studium der Medicin mit vielem Fleiss ergeben, recht lieb trotz 
aller seiner Eigenheiten und Sonderbarkeiten; auch Levi von Montjoie 
bei Aachen, ein recht guter Kopf, und Hertz aus Aachen, ein Wild- 
fang, aber vorzüglicher Kopf und edler Mensch, sind mir werthe 
Freunde. An meinem Tische assen ausser den zwei ersten im ersten 
Semester noch Auerbach aus Verden und Rubens aus Siegburg, 
durch die ich mancherlei medicinische Kenntnisse erhielt. Mit meinen 
Hausburschen, zwei Christen, Haber mann (Mediciner) aus dem 
Hannoverschen, einem guten, wenig bedeutenden Menschen, und 
Reu SS (kath. Theol.) aus Seligenstadt verkehrte ich ganz traulich, 
sowie ich auch andere christliche Studenten kennen und schätzen 
lernte. — Meine Familie wurde mit mir sehr zufrieden, weil mein 
fester Entscbluss, der Theologie meine Kräfte zu weihen, in meinen 
Briefen sich offenbarte und ich auch das Studium des Talmud mit 
grösserem Eifer betrieb. 

Mit meinen Freunden stand ich in ununterbrochenem Brief- 
wechsel. Max und Braun fei s, obwol untereinander uneinig, blieben 
mir treu und schrieben mir herrliche Briefe. Der erstere ging vom 
medicinischen Studium zum juristischen über, aus Liebe zur Freiheit 
und aus Sehnsucht, zu ihrer Verbreitung in Deutschland etwas bei- 
zutragen; der letztere wendete sich, nachdem er zwischen Philologie 
und Mathematik geschwankt, der Geschichte zu. Von meinem Ham- 



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— 23 — 

burger bekam ich zwei Briefe, in denen ßv mit Offenheit und Festig- 
keit über seine jetzigen Verhältnisse und Aussichten sprach; auch 
Heilbutt und Mai er schrieben freundschaftlich. Auch Herr 
J. S. Adler .dachte meiner liebreich, und Freund Leop» Beer 
sandte mir einige Zeilen, die mich erfreuten. Es ist wahrlich ein 
Glück, solche Freunde zu besitzen und ich danke Gott dafür, sowie 
für Alles, womit er mich so reichlich bedacht hat. 

[16. August 1830.] Geringeren Einfluss als meine Freunde und 
Bekannten hatten die Professoren durch ihre CoUegien auf mich, 
jedoch beobachtete ich nunmehr in der Wahl derselben eine grössere 
Aufmerksamkeit, ohne doch immer dadurch zum Besten geleitet zu 
werden. Im ersten Semester hörte ich Logik bei Prof. Brandis 
nach Twesten's Handbuch, nützlich dadurch, dass man zum Studium 
dieses Werkes angetrieben wurde und durch die Verbindung dieser 
Vorlesungen mit logischen Uebungen. Einleitung in die Philosophie 
bei Prof. Calcker, einem Friesianer, der, ganz in sein System ver- 
tieft, nur von seinem Stand- und Gesichtspunkte ausgeht, seine Ein- 
theilung in Wahrheit, Schönheit und Güte, die dem Erkennen, Fühlen 
und Handeln entsprechen sollen, fast anticipirt, habe ich mit sehr 
geringem Nutzen gehört. 

Ausserdem hörte ich noch Fr eytag's Vorlesung über die Psalmen, 
die ich aber nur selten besuchte; Pindar's olympische Oden bei Prof. 
Welcker erfreuten mich sehr, wenn auch der schlechte, stotternde 
Vortrag den Genuss verringerte. Auch in anderen CoUegien hospitirte 
ich oft, vorzüglich in Niebuhr's alter Geschichte, mit Ausschluss 
der römischen, Hüllmann's Geschichte der Hierarchie, Freytag's 
arabischer Grammatik. 

Auch die CoUegien für dieses Semester haben meinen Wünschen 
nicht völUg entsprochen. Brandis' Moralphilosophie und über die 
Systeme von Kant und Fichte boten mir nicht genug; Zoologie wurde 
von Goldfuss, meinem Bedünken nach, schlecht vorgetragen; zur 
populären Astronomie bei Münchow hatte ich zu wenig Vor- 
kenntnisse, daher Hess ich auch diese beiden liegen. Nützlicher 
wurde mir das Arabische bei Frey tag, das ich wieder mit Liebe 
trieb und treibe, worin mir Frey tag sehr nützt, da er mir durch 
seine grosse Sprachkenntniss das Verständniss der einzelnen Stellen 
erleichtert. Die Frösche des Aristophanes bei Näke, der zwar 
nicht so in den Geist der griechischen Sprache und in das Wesen 
des aristophanischen Zeitalters eingedrungen ist, wie Herr mann, und 



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— 24 — 

daher die klare Darstellung des griechischen Geistes aus der Sprache, 
deren sich das Volk bediente, ebensowenig wie die Erklärung der 
feinen Beziehungen auf Sitten und Geist der Zeit geben konnte, aber 
als ein lustiger Mann, mit einem gesunden Urtheil und geraden Ver- 
stände begabt, Aristophanes' Spässe sehr richtig und für den Zu- 
hörer erfreulich auffasst und wiedergiebt, sie mussten mir daher viel 
Freude machen und Äristophanes würde mir dadurch stets wertfaer ^). 
In der letzten Zeit fing ich auch an, die Vorlesungen des 
Dr. Bobrik zu besuchen, eines jungen, sehr geistreichen Philosophen 
aus der Schule Herbart's, über die Einleitung in die Philosophie. 
Femer hörte ich mit vielem Vergnügen Anthropologie bei Hasse, da 
er sie mit grosser Belesenheit und Kenntniss behandelt. Auch in anderen 
CoUegien habe ich hospitirt, vorzüglich oft wiederum bei Niebuhr 
in demselben CoUeg, von welchem er diesmal die Fortsetzung liest. 
Die nunmehrige philosophische Preisaufgabe: „Geschichte und 
Fortschritte der Logik seit Kant bis auf die neueste Zeit zu be- 
schreiben'', denke ich auch auszuarbeiten; ich beschäftige mich zu 
dem Zwecke mit der HerbarVschen Logik, die ich zusammen mit 
Scheyer studire. Ferner hatten wir sieben jüdische Theologen im 
Laufe dieses Semesters uns verbunden, einen Traktat aus dem Thalmud 
gemeinschaftlich zu studiren; sehr bald blieben aber von den sieben 
nur drei: Frensdorff, Rosenfeld und ich übrig, üllmann 
unterrichte ich im Griechischen, Sulzbach, den Sohn meines 
Wirthes, der mir den Mittagstisch gibt, einen artigen, jungen 
Menschen, im Hebräischen. 

[19. August 1830.] Meine Tage gehen mir sehr schlicht vor- 
über. Meine hauptsächlichste und ernstlichste Beschäftigung ist 
Herbart's Logik, deren Scharfsinn ich bewundere, wenn ich auch 
nicht mit allen Punkten übereinstimme. — Ich habe vor kurzer Zeit 
, Kosaliens Nachlass* [von C. F. W. Jacobs, erste Ausg. Leipzig 
1812] gelesen, einen hübschen Boman, dessen Charaktere nicht aus 
der Wirklichkeit, sondern aus einer ideale Welt entnommen sind; 
ich, der ich wenig Bomane gelesen hatte, werde von dem schönen 
Gemüthe Bosaliens innigst ergriffen und durch- das Tagebuch Bosaliens, 
in welches die vorzüglichsten Stellen niedergelegt sind, zur Fort- 
setzung des meinigen ermuntert. 

^) [Folgt eine Vergleichung der classischen griechischen Literatur mit der 
franzosischen des 18. Jahrhunderts und eine starke Wendung gegen Platen als 
unwürdigen Nachahmer des Äristophanes.] 



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— 25 — 

Ein Herr Bock war heute bei mir, der früher in Berlin, später 
in Magdeburg, dann in Gleve Lehrer war, nun bei der neuen deutschen 
Liturgie in Weimar ^angestellt werden will, ein artiger Mann, der 
aber leider meine Gasse in Anspruch nahm. Wir sprachen mancherlei, 
auch über meine künftige Wirksamkeit. Unter Anderm war von einer 
jüdischen Zeitschrift die Bede, an die ich schon manchmal gedacht 
hatte, deren Plan und Tendenz mir ziemlich klar vor Augen stehen. — 
Später ging ich in das hier errichtete jüdische Casino, in das die 
Mitglieder des Rednervereins als Ehrenmitglieder aufgenommen sind 
und las die jetzt sehr interessanten Zeitungen. Ich lernte bei diesen 
letzten Begebenheiten die Schwäche meiner Erfahrung kennen, indem 
ich den Ausgang der Dinge bloss nach meiner Kechtsansicht be- 
stimmte. So sagte ich, als die Wahlen in Prankreich gegen die 
Minister ausfielen: nun, die Sache geht ruhig vorüber, denn der 
König entlässt 4ie Minister; als die Ordonnanzen erschienen: nun, 
das Volk thut sich zusammen, der König gibt nach; als die Revo- 
lution ausgebrochen war: der König und der Dauphin werden aus- 
geschlossen, da sie ja dem Throne entsagt, der Herzog von Bordeaux 
wird König. Aber stets täuschte ich mich. Nun bin ich der Mei- 
nung, dass der Herzog von Orleans König bleibe, indem in Prank- 
reich selbst die Liebe zur Ruhe und zur Constitution alles Entgegen- 
stehende besiegen werde, die auswärtigen Mächte aber den jetzigen 
Zustand Prankreichs als ihnen nicht unmittelbar schädlich betrachtend, 
das erbitterte Volk fürchtend, sich ruhig verhalten werden. 

[22. August 1830.] Seit einigen Tagen ist hier eine kleine Un- 
ruhe ausgebrochen und zwar durch die akademischen Bürger; von 
einem Schreinerball ausgeschlossen, drängten sie sich mit Gewalt 
herzu, erhielten Prügel, zertrümmerten, darüber erbittert, am folgen- 
den Abend die Scheiben und machten den fürchtbarsten Lärm. Es 
ist schändlich, dass gebildete junge Leute sich derartige Excesse zu 
Schulden kommen lassen und wegen solcher Albernheiten. Kann je 
wahrer Preiheitssinn in den Gemüthem der Deutschen herrschen, 
wenn nicht nur der Adel über den Bürger, sondern auch der Student 
über den Philister sich zu erheben sucht!? Während in Prankreich 
die Zöglinge der polytechnischen Schule und Andere für Preiheit und 
Vaterland streiten, kämpfen hier die der Wissenschaft Beflissenen um 
Erhaltung eines sie beschimpfenden Vorzugs. Aber hängt dies nicht 
mit der Achtung des Bürgers in Deutschland überhaupt zusammen? — 



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— 26 — 

Wann wird Deutschland die Sonne des wahren Glücks, der echten 
Freiheit schauen? 

Grestern sprach ich in unserm alten Vereine privatim über die 
Bedingungen des Bestehens einer Gesellschaft. Die Bede wurde mit 
aUgemeinem Beifall aufgenommen und mein Vortrag war wirklich 
herzlich, denn ich fühlte innigst mit; unser alter Verein hat seit 
einiger Zeit ein grämliches Aussehn; das Wiederaufleben des neuen 
ist durch ÜUmann's Weigerung, ferner theilzunehmen, zweifelhaft. 
Aber ich fürchte, dass meine Worte doch nicht den gewünschten 
Eindruck machen werden. 

Ich lese jetzt in „Theodor odwr des Zweiflers Weihe* [Bildungs- 
geschichte eines evangelischen Geistlichen von W. M; L. de Wette, erste 
Ausg. Berlin 1822], würde es aber mit grösserem Vergnügen lesen, wenn 
mich nicht die platt vorgetragenen philosophischen Ideen und manches 
Andere störten. Die Lage, in welcher Jener sich befand, als er zum ersten 
Mal von der Universität nach Hanse kam, war ungeßlhr die meinige, als 
ich von Heidelberg nach Frankfurt zurückreiste. Zwar hatte früher 
schon die Aenderung der religiösen Gesinnung bei mir stattgehabt, aber 
der Entschluss, meinen Beruf zu wechseln, war erst damals lebhaft 
in mir entstanden und es war drückend, mit solchen Gesinnungen, 
die meine Familie nicht ahnte, das Vaterhaus zu betreten. Glück- 
licherweise lernte ich früh genug die Vorzuglichkeit meines BeruÜB 
einsehen und gewahrte bald, dass jenes Nebenwesen der positiven 
Eeligion uns zum Mittel für Verbreitung sittlicher Wahrheiten und 
zur Erregung des Gefühls für Höheres und Edleres dienen könne. 
Freilich hat das Judenthum solches Geschnörkel in Menge, aber da: 
Prediger braucht seiner nicht zu erwähnen. Vielmehr bieten die 
reinen, erhabenen Lehren, die uns überall in der Bibel und den 
Principien des Judenthums begegnen, Stoff genug, und ihre Verbrei- 
tung, ihr Einpflanzen in die Gemüther sei einst die vorzügliche Sorge, 
der ich als Geistlicher mich unterziehe; wenn, dann der Geist frei 
gebildet und das Gemüth von den einfachen Wahrheiten durchdrungen 
ist, wird das Gebäude des Trugs und des Wahns' von selbst ein- 
stürzen. Gott sei Dank, mein Gefühl gewinnt an Ergriffensein für 
das Edle, und mein Eifer reinigt sich stets ; ich verlange nicht mehr 
nach dem prunkvollen Auftreten als Reformator, nicht mehr nach 
glänzendem Buhmesschimmer, nicht mehr danach, die morschen Wände 
der jüdischen Religion einzureissen, sondern danach, in stillem Kreise, 
dem mich der Herr bestimmt, die göttlichen Wahrheiten von einem 



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— 27 — 

Schöpfer und einem Lenker, von der Würde des Menschen, seiner 
Freiheit, seinen höheren Zwecken, Ton reiner, erhabener und uneigen- 
nütziger Tugend in die Herzen einzugraben. Wenn ich auch viele 
dieser Ideen selbst nicht begreife, wenn z. B. Freiheit und Vorsehung 
weder einzeln noch in ihrem Zusammenhang mir klar sind, so empfehlen 
sie sich so sehr meinem Herzen, so erscheinen sie mir für das Be- 
stehn der menschlichen Verhältnisse so förderlich und nothwendig, 
dass ich mich gern bescheide. Habe ich dann geirrt, so habe ich 
doch nicht aus Trägheit geirrt, sondern aus Liebe zum Guten. Die 
Ueberzeugung von der Beschränktheit der Einsicht des Menschen ist 
fest in mir; aber zugleich die Gewissheit, dass dieses Schwanken, 
dieses Streben und Mühen des Menschen Thätigkeit bedingt und ihn 
allein befriedigt. 

Es ist traurig, wie die jetzige Jugend gott- und sittenlos in 
blossem Sinnenrausche dahinlebt und vorzüglich an solchen Orten, 
wo die Liebe zu den Wissenschaften nicht Wurzel fasst. Kein Re- 
ligionsunterricht, keine guten Beispiele, bloss Verspottung alles Guten 
und vollkommene Ignoranz. Dürften wir nur von freudiger Hoffnung 
beseelt auf Israels jetzige und künftige Lehrer hinsehen, aber bei 
diesen findet sich bald strenges Halten am Buchstaben, bald der 
Gedanke an eine gute Versorgung, bald die bilderstütmerische Wuth, 
die das Gemüth leer und den Verstand unaufgeklärt lässt. Wir sind 
hier sieben Genossen vereint; unter diesen sucht Hirsch die positive 
Religion auf dem Wege der Spekulation zu begründen, lässt sich in 
philosophische Untersuchungen auf der Kanzel ein; sucht Uli mann 
das Gemüth zu packen, aljer oft für Nichts; kann Scheyer bei recht 
guter Besinnung nicht anregen; hat Hess keinen Begriff von einer 
Predigt; spricht Fr ensdor ff zu gelehrt; ist Rosen feld seicht und 
verworren. Wir entbehren begeisternder Muster und der Anlehnung, 
an einen Meister, und wenn ich mir schmeichle es besser zu machen, 
wie leicht kann dies ein eitler Wahn, eine leere Vorspieglung meines 
Eigendünkels sein. Wenn doch einst ein jüdisches Seminar an einer 
Universität errichtet würde, wo Exegese, Homiletik und für jetzt noch 
Thalmud und jüdische Geschichte in echt religiösem Geiste voi getragen 
würden; es wäre die fruchtbarste und belehrendste Anstalt! 

[28. 8. 30.] Ich bin jetzt so sehr mit meiner Abreise beschäf- 
tigt, dass ich äusserst wenig arbeite. Dr. Bobrik hat mir angeboten, 
während der Ferien mit Fr ensdor ff und mir die Antinomieen in 
Kant's Kritik der reinen Vernunft zu behandeln; ich werde mich 



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— 28 — 

eilen, wieder hierherzukommen, um von dieser Güte noch Gebrauch 
zu machen. Ich freue mich sehf , diesen jungen geistreichen Mann 
kennen gelernt zu haben; bei ihm, der scharfsinnig und frei von 
allem Schulzwange ist, hoffe ich am Besten das zu erlangen, was 
ich am meisten wünsche: die Einführung in den philosophischen Ge- 
dankengang, ohne die Nöthigung einem Systeme schwören zu müssen. 

Auch das Arabische freut mich sehr, ich habe nun durch Fr ey- 
tag 's Hülfe schon soviel erlangt, dass ich schon beim Anblick einer 
Stelle den Sinn ahnen und mir leichter als früher aus dem chaotischen 
Ge wirre der Bedeutungen heraushelfen kann. 

[Coblenz, 30. 8. 30.] Der 28. verging mir unter Abschieds- 
besuchen verschiedener Art. Frey tag testirte mir vorzüglich und 
zeigte sich gegen mich äusserst freundschaftlich. Nachts hatte ich 
noch eine lange Unterredung mit Scheyer, in der wir uns über manche 
Misshelligkeiten der letzten Monate aussprachen und wenigstens 
äusserlich eine Freundschaft wiederherstellten, die innerlich sehr ge- 
schädigt ist. Am 29. reiste ich mit üllmann zu Fuss fort, von 
Scheyer bis Godesberg, von Frensdorff und Rosenfeld bis 
Linz begleitet, in vergnügter Stimmung, bei herrlichem Wetter durch 
die schöne Gegend marschirend. Doch war mir der Weg von Linz 
nach Neuwied Sehr beschwerlich. Den andern Tag, Montag den 30., 
besahen wir diese Stadt und gingen von dort aus in das preussische 
Lager, das zwischen N. und Coblenz für das Mannövre errichtet ist, 
von dort fuhren wir hierher. Mancherlei Interessantes begegnete uns, 
doch raubte mir Müdigkeit den grössten Theil des Genusses. 

[St. Goar, 3. 9. 30.] Dienstag den 31. verweilten wir noch in 
Coblenz, besahen abermals das Lager, das in seiner romantischen 
Lage und in seinem lebendigen Getümmel dem Schaulustigen einen 
prächtigen Anblick gewährt. ,Den folgenden Tag fuhren wir mit dem 
Dampfschiff nach Boppard, gingen dann weiter, und kamen nach 
einem kurzen Aufenthalt in Herznacht in einem üllmann befreundeten 
Hause in St. Goar an. Hier ergötze ich mich an dem Anblicke 
einer schönen wechselvollen Gegend, mache viele Spaziergänge, nach 
der Lorley und anderen nahen Punkten der Umgebung, arbeite auch, 
wobei mich die Muse der syrischen Sprache, wenn diese eine solche 
hat, zuweilen besucht. Die syrische Sprache, an sich arm und nicht 
mit orientalischer Eleganz ausgerüstet, ist zugleich von Schwulst und 
Ueberladung frei; sie ist die einfache Sprache eines Volkes, das sich 
nie durch politische Bewegungen erhoben hatte, immer unterdrückt. 



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— 29 — 

und bloss durch religiöse Verschiedenheit von seinen Herrschern ge- 
trennt lebte, bei welchem die Phantasie wenig Spielraum besass und 
die wissenschaftliche Bildung in Folge des Mönchswesens geringe 
Fortschritte machte. An Greg. Barhebräus' Geschichtswerk hat man 
zwar keinen grossen Schatz für die Geschichtskunde, aber immer ein 
schönes Werk für die syrische Sprachkunde, durch welches das syrische 
Wörterbuch sehr bereichert werden kann. Die Leichtigkeit, die 
lockere Construktion der Sprache und eben die Möglichkeit, Zusätze 
und Bereicherungen zu geben, macht mir viel Vergnügen und zieht 
mich, ungeachtet der Trockenheit der Geschichte und der uninter- 
essanten Darstellung an. Auch halte ich den Nutzen, der mir daraus 
für meine Mischnaharbeiten erwächst, nicht für' geringe. 

[Frankfurt, 7. 9. 30.] Am Sonntag fuhr ich von St. Goar ab, 
nachdem ich mich in den letzten Tagen in dem etwas bäurischen 
Kreise der dortigen Juden gelangweilt hatte. Die Fahrt von Bingen 
nach Mainz entzückte mich besonders. In Mainz erfuhr ich eine 
sehr unangenehme Nachricht von dem Tode. meiner Stiefschwester, 
die in M. gelebt hatte. Dort traf ich Frensdorff, mit dem ich den 
Nachmittag angenehm verbrachte; gestern kam ich in Frankfurt an, 
wo ich die Meinigen durch meine Ankunft erfreute und überraschte. 
[8. 9. 30.] Manche meiner Freunde habe ich auch schon gesprochen, 
unter Anderen Dr. Stern, einen mir sehr lieben Menschen, dessen 
Talent und Geist sich ausserordentlich entwickelt hat. Bei ihm traf 
ich Dr. Benfey, einen jungen Philologen aus Göttingen, mit dem 
ich auch in einer grossen munteren Gesellschaft bei Herrn Adler 
zusammentraf. Heute war ich bei meinem Max; unser anfänglich 
inniges Zusammensein wurde aber bald durch unsre schon oft münd- 
lich und schriftlich geführten theologischen Streitigkeiten gestört und 
verbittert. Die Meinung, welche ich vertheidigen wollte, war die, 
. dass die Moral eine Stütze an der positiven Religion finde, indem 
jene an und für sich, theils durch die Beschränktheit der mensch- 
lichen Vernunft, theils durch Begierden gehemmt werden könne und 
oft bloss durch den auf eine Autorität gegründeten Glauben aufrecht 
erhalten werden könne, dass freilich unsere positive Religion unlauter 
und unrein sei, aber allmählich gereinigt und geläutert werden könne. 

[21. 9. 30.] Ich habe seit einigen Tagen fast nichts gearbeitet, 
sondern fast nur Walter Scott's Romane mit grossem Genüsse ge- 
lesen; um sie wahrhaft zu würdigen, muss man schon mehr in dem 
Alter sein^ in welchem man mit männlicher Reife, nicht mit kindischer 
Neugier solchen Produkten entgegentritt. 



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— 30 — 

[Bonn, 13. 11. 30.] Ich schreibe nun wieder aus der Universi- 
tätsstadt, vergnügt in meinen Studien lebend. Die Wochen meines 
Frankfurter Aufenthalts habe ich in jener gemischten Stimmung zu-- 
gebracht, die häufig den aus anderen Lebenskreisen in die Familie 
Zurückkehrenden erfüllt, in jener Mischung von Pietät gegen ehr- 
würdige und liebe Angehörige und von Abneigung gegen ihre engen 
und beschränkten Ansichten. Wenige der Meinigen vermögen mein 
freies, frohmuthiges Wesen zu begreifen oder zu würdigen, meine 
Ansichten zu billigen; Manche, selbst meine Mutter, gehen soweit 
meine Gesinnungen zu verdammen und mich, weil ich todte Aeusser- 
lichkeiten nicht ehren kann, herb zu tadeln. Dagegen boten mir 
meine alten Freunde 'viel Vergnügen: Dr. FeibeTs stets freundliches 
und trauliches Benehmen, Ad 1er 's gutherzige Oemüthlichkeit, Johl- 
son's kalte, doch sich immer mehr zuneigende Offenheit, Fuld's 
geselliger, gesprächiger und belehrender Umgang, des greisen Hei- 
de nheim traulich-gelehrte Gespräche und des alten Schloss leb- 
haftes Geschwätze. 

[14. 11, 30.] Die ersten Wochen meines Frankfurter Aufenthalts 
brachte ich mit Besuchen und Nichtsthun zu, später las ich Scott'sche 
Romane, endlich übersetzte und verfasste ich einige Abhandlungen 
über das Hebräische, für die ich einen Verleger zu finden hoffte, eine 
Hoffnung, die aber wegen des ungeordneten Zustands der Abhand- 
lungen fehlschlug. Am 31. Oktober reiste ich von Frankfurt, ab, 
kam am 1. November hier an, nachdem ich auf dem Dampfschiffe 
mit Scheyer und Ulimann zusammengetroffen war, welcher letz- 
tere während der Ferien mit sehr günstigen Aussichten für die Zu- 
kunft sich in Coblenz aufgehalten hatte. Ich langte hier an, mit 
dem festen Vorsatze, meine Studien mit Ernst und Eifer fortzusetzen 
und mir eine echt wissenschaftliche Bildung zu verschaffen. Dem- 
gemäss habe ich viele CoUegien gewählt und arbeite fleissig. Von 
den CoUegien beschäftigen mich am meisten die philosophischen, 
weniger das physikalische: das Einzelne der Physik hat weniger 
Interesse für mich, denn, wie ich leider bemerke, ist mein Geist nicht 
jener vielseitigen Bildung fähig, so dass das Reich der Anschauung 
und innern Beobachtung gleich kultivirt werden könnte. 

[15. 12. 30] Die Leetüre des Briefwechsels zwischen Schiller 
und Goethe erregt mein grosses Interesse, bisher haben mich zwei 
Briefe Schiller's über den Charakter Goethe's und seinen eigenen, 
vorzugsweise über ihren Dichtercharakter am meisten entzückt. — 



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— 31 - 

In früherer Zeit, yielleicht schon seit meinem 14. oder 15. Jahre 
war Herder mein Lieblingsschriftsteller und Ideal. Mein Geist, der 
schon damals eine ernstere Sichtung genommen hatte und den schon 
damals praktisch -philosophische, sprachlich -ästhetische Ideen und 
Liebe zu orientalischer Bildersprache erfüllten, fand hier einen Mann, 
der in allen diesen Gebieten gleich ausgezeichnet war; seine Gegen- 
stände beziehen sich alle entweder auf's Philosophische im Einzel- 
und Staat&Jeben oder auf die Literatur, seine Sprache hat das lieb- 
liche Bildercolorit des Morgenlandes, das jeden jungen Menschen, bei 
dem noch die Phantasie vorherrscht, vorzüglich den mit dem Orient 
vertrauten anspricht. Seine Mängel dagegen wurden von mir nicht 
erkannt, erst heute bei der Lektüre eines seiber kleinen Aufsätze: 
Thiton und Aurora [Werke zur Philosophie und Geschichte. III, 
1—28] leuchteten sie mir ziemlich klar ein. Mir scheint nämlich, 
^s wenn bei Herder, wenigstens in diesem Aufsatze, die Schärfe 
und Präcision im Ausdrucke, die consequente Führung des Gegen- 
standes fast gänzlich fehlten, so dass auch der scharfsinnige Leser 
Mangel an Klarheit und Deutlichkeit empfindet, und nur der Un- 
klare, dem allgemeine Ideen dunkel vorschweben, sich befriedigt 
fohlt. Auch seine üeberhäufung an Bildern, vielleicht aus derselben 
Quelle der Unklarheit herrührend, macht ihn für den, der ausser der 
Anregung der Phantasie Klarheit der Einsicht verlangt, nicht recht 
geniessbar. — Jedoch soll dies Urtheil mehr für den einen Aufsatz 
Herder's als für seine schriftstellerischen Arbeiten überhaupt gelten. 
Trotzdem ist mir das Erkennen grosser Mängel in Herder, die Noth- 
wendigkeit, ihn als Ideal aufgeben zu müssen, äusserst schmerzlich. 
Indess setze ich mich über dies unangenehme Gefühl mit den Worten 
eben des Schriftstellers, der den Kampf erregte, in dem genannten 
Aufsatze hinweg: „Statt der auf Autorität, oder gar, wie Franklin 
erzählt, aus Höflichkeit angenommenen Meinungen soll Wissen aus 
Ueberzeugung , Vernunft durch eigene Prüfung bewährt und eine 
selbsterrungene Glückseligkeit unser Theil werden." Am Ende der 
Abhandlung steht ein Gedicht von Berkeley, durch Herder trefflich 
übersetzt, zum Ruhm Amerika's, wohin die Muse, müde der euro- 
päischen .Veraltung, wo alles Gute und Edle vom Unkraute der 
Plattheit überwachsen ist, sich flüchtet; tief durchdringend ist es, 
wenn er von der Muse sagt: 

Ein jüngeres Europa suchet sie, 

Nicht das veraltende, mühselige. 



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— 32 — 

Wo Hof, Gericht und Schulen, Kirch' und Staat 
Ein einziger grosser Pedantismus sind. 
Glücklicherweise hat Frankreich durch seine Bevolution und Kriege 
ein neues Leben angefacht und hat durch seine jetzige abermalige 
edelmüthige Kraftäusserung gegen seinen Unterdrücker wiederum die 
Schranken der veraltenden Zeit durchbrochen, eine neue Periode be- 
gonnen, auch das übrige Europa mit angeregt und aus seinem matten 
Gange aufgeschreckt. In Deutschland wurden Braunschweig's Be- 
wohner ihres Menschenwerths inne un.d entfernten den schlechten 
Fürsten, Hessen trotzte dem tyrannischen Fürsten und erzwang sich 
eine Constitution, die hoffentlich bald ans Tageslicht treten wird und 
Sachsen's protestantischer Glaube liess den vom König begünstigten 
Jesuitismus nicht aufkommen. In Belgien verband sich Fanatismus 
mit einigen gegründeten Klagen und vernichteten die bloss an einzelnen 
Stellen leidende Constitution, durch welche sie Holland angehörten, 
Polens heldenmüthiger Adel und sein sich aufraffendes Volk versucht 
Büsslands eisernes Joch abzuschütteln und der Schweiz friedlicher 
Stamm macht dem engherzigen Aristokratismus in seinen Fluren 
ein Ende. — 

[21. 12. 30.] Zu meiner Sinnesänderung über Herder mag auch 
der Umstand beigetragen haben, dass ich einige seiner Aufsätze kurz 
nach Goethe's Briefen und Werken gelesen habe; gegenüber dessen 
grossartiger Buhe und Klarheit vermag Herder's schwankende und 
trübe Anschauung nicht zu bestehn. Die Lektüre von Goethe's und 
Schiller's Briefwechsel beschäftigt mich noch immer. — 

Mehrere hiesige Juden, durch die neuesten politischen Ereignisse 
und durch den liberalen Sinn, mit dem in Frankreich unsere Brüder 
behandelt werden, angeregt, hielten es für Pflicht, das Verfahren 
Preusseus gegen dieselben in einer französischen Zeitung auseinander- 
zusetzen; nach längerer Besprechung und Feststellung der Punkte, 
die hervorgehoben werden sollten, wurde mir der Auftrag ertheilt, 
unter dem Namen eines französischen Juden einen solchen Aufsatz 
in deutscher Sprache auszuarbeiten. Ich vollendete ihn bald, hatte 
aber in Folge der Bangigkeit der Auftraggeber nicht die Freude, ihn 
gedruckt zu sehen. 

[29. 12. 30.] Der Gedanke, der durch die Lektüre des Brief- 
wechsels zwischen Schiller und Goethe ganz frisch in mir geworden, 
ist die Sehnsucht nach einem vielseitigen philosophischen und frei- 
sinnigen Freunde, der mich fördernd und von mir wiederum gefördert 



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— 33 — 

mir zur Seite stände. Unter meinen hiesigen Freunden steht mir 
jetzt Frensdorff am nächsten, der eine recht solide wissenschaftliche 
Bildung, sehr schöne und gründliche Sprachkenntnisse hat, aber er 
ist in philosophischer Hinsicht schwankend und in religiösen Dingen 
zu altgläubig. Ich fühle jetzt einen solchen Drang nach Herbeiführung 
religiöser Freiheit in mir, dass oft mehr das Bedenken, einen solch 
innigen und durch seinen gemüthlichen und edlen Charakter höchst 
schätzbaren und vielgeliebten Freund zu betrüben als Furcht vor 
Unannehmlichkeiten mich zurückhalten kann, mich kräftig und kühn 
in meinen Predigten zu äussern. So habe ich in meiner letzten frei 
gehaltenen Predigt (20. November) von der Wahrhaftigkeit, dem 
offenen Bekennen der Ueberzeugung gesprochen, die unserm Stande 
noththue, und werde in meiner nächsten ein ähnliches Thema be- 
handeln. 

[30. 12. 30.] Ich habe während dieser Zeit Manches gelesen, 
das auf mich eingewirkt und verschiedene Ideen hervorgerufen hat. 
Börne's Schilderungen aus Paris lassen mich immer fester in meiner 
politischen Meinung werden, dass der Deutsche und vorzüglich der 
gebildete Deutsche unter einer französischen Regierung nicht taugt, 
obgleich jene Freiheit, die Frankreich geniesst, nach deutscher Indi- 
vidualität umgeändert, ganz sicher auch für Deutschland passend ist. 
Mehr als jene geistreichen Bemerkungen Börne's regte mich Herder's 
Abhandlung über den Ursprung der Sprache zu ernstem Nachdenken 
an. Ich komme vielleicht der Erkenntniss von Herder's Individualität 
immer näher, er steht ganz in der Mitte zwischen dem Poeten und 
Philosophen, mehr jenem als diesem sich zuneigend. Er ergreift alle 
Dinge mit jener wunderbaren Voraussicht, die überall das Richtige 
ahnt und einige helle, klare Punkte inmitten des Weges gewahr wird; 
seine Gedanken sind daher alle richtig, aber ihm fehlt, was den 
Dichter eigentlich erst recht ausmacht, der klare, ruhige, umfassende 
und tief eindringende Blick, der ohne lange Untersuchung die Sache 
ganz, von Nachbargegenständen geschieden, aber auch in allen ihren 
Theilen in gänzlicher Helle wahrnimmt, es schwankt ihm Alles um- 
her und er muss die Philosophie zur völligen Ordnung dieser ihm 
unmittelbar gegebenen Begriffe zu Hülfe rufen, gelangt aber trotz 
der Philosophie nicht zum Resultat, weil er den lebhaften Drang für 
ein Resultat, das schon mit einer gewissen Bestimmtheit in ihm 
vorausliegt, nicht fühlt. Doch ist diese Dunkelheit und dieses 
Schwanken für den Leser insofern fruchtbar, dass er selbst Klarheit 

Qeiger, Schriften. V. o 



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- 34 - , 

und Deutlichkeit hineinzubringen versuchen muss und das mangelnde 
philosophische Element zu ergänzen hat. Was Herder's Schriften 
ein so bedeutsames Interesse» verleiht, ist der hohe Ernst, mit dem 
er auf die hehre Auffassung des menschlichen Lebens und der Ge- 
schichte dringt, der Adel der Gesinnung, mit dem er jedes Gemeine 
und Herabziehende abweist und Ahnungen von einem wahrhaft Er- 
hebenden und Belebenden ausspricht. — Wenn er so in einem Auf- 
satze: „Auch eine Philosophie zur Geschichte der Menschheit* die 
Entwicklung eines jeden Volkes für seinen Standpunkt und seine 
Bedürfnisse als genügend darstellt, ihre Vorzüge hervorhebt und das 
sie charakterisirende Herrliche zur Nachahmung und Aufnahme in 
uns anpreist, so sucht er hier eben sowohl gegen die Verachtung, 
mit der man frühere Zeitalter behandelt hat, — welche Verachtung 
dann nicht jene Geschlechter, sondern die Natur des Menschen, die 
in sich nicht jene Vorzüge tragen würde, träfe — zu kämpfen, als 
wenn er, indem er die Sprache als Eigenthum und nothwendige Er- 
findung des Menschen, wenn dieser auch keine Lehre vom Thiere 
erhält, 'sondern bloss durch den Zwang seiner Natur darstellt, die 
damals herrschende Meinung, die den Menschen bald durch thierische 
Belehrung, bald durch blosse Nachahmungssucht, bald durch gött- 
lichen Unterricht, der ihn als eine blosse Gnade nicht in höherem 
Glänze zeigt, mit siegreichen Waflfen zu Boden stürzt. Es ist der 
lebhafte Unwille, der ihn ergreift, wenn er eine Ansicht zu wider- 
legen sucht, die den Menschen als Maschine ^behandelt, der uns mit 
ihm erhebt und ihm gerne folgen lp,sst. Freilich müssen wir gründ- 
lich mitarbeitend einen jeden Schritt mit ihm wandern, wenn wir 
einen wahrhaften Fortschritt in unseren Gedanken erlangen und nicht 
bloss ein Gefallen an der edeln Denkungsart geniessen wollen. Und 
dies ist es auch wahrscheinlich, was ihn einer verständigen Jugend, 
der diese Gefühle viel gelten und die gern einen Plug mitmacht, 
höchst werth macht. So wäre ich denn wieder ausgesöhnt mit dem 
Freunde ^meiner früheren Jahre und ich muss ihn bloss mehr mit 
eigner Forschung begleiten, um das, was er geahnt, dunkel, wenn 
auch lebhaft in seiner Seele gefühlt, mir klar und deutlich zu 
machen. — 

[31. 12. 30.] Wahrlich mit grossen Begebenheiten schliesst 
das Jahr. Frankreich hat im Laufe desselben seiner) Unterdrücker 
verbannt, einen neuen Stamm auf den Thron gerufen, die Freiheit 
nnd Ordnung befestigt, aber wird auch das künftige Jahr solch 



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Bübtniiches bringen ? Schon scheinen sich in jenem Lande, das un- 
aufhörlichen Bewegungen ausgesetzt ist, die Gemüther zum Extrem 
hinzuneigen und Freiheit hört man überall, aber an eine kleine Ab^ 
tretung der Freiheit jedes Einzelnen für die Aufrechthaltung einer 
freien Gesellschaft denkt man immer weniger. Ist der Staat nicht 
wie eine jede Gesellschaft? Ein Jeder trägt etwas bei, damit gemein- 
sam dann der Nutzen sei; und nicht auf sich bloss darf gesehn 
werden, sondern auf die Gesellschaft; das Ganze ist der Zielpunkt; so 
muss auch Freiheit des ganzen Staates, nicht völlige Entfesselung 
seiner selbst der Gesichtspunkt sein, aus dem der Bürger das Gesetz 
betrachte. — Jedoch ist der Schein etwas trübe, so brauchen wir 
doch nicht gänzlich die Hoffnung aufzugeben und der durch Erfah- 
rung belehrte und nunmehr gebildetere Sinn der Franzosen mag uns 
darin bestätigen. — An der Grenze jenes Landes ist ein andres 
aufgestanden, nicht nothgedrungen wie jenes, das seinen Namen be- 
haupten will, das nicht einverleibt, sondern selbstständig dazustehn 
sucht, bei dem aber auch Fanatismus und Priesterherrschsucht das 
ihrige beitrugen und das unwissende Volk aus ganz anderen Gründen 
aufreizten als die, denen Billigung und Achtung zu Theil werden 
kann. Die Belgier haben noch nicht die Idee der Freiheit gehörig 
erfasst, sie sind nicht durchdrungen von dem hohen, edlen Bewusst- 
sein der Menschenwürde und darum ist niedrer Ehrgeiz und Plün- 
derungssucht oft im Spiele und verhindert sicherlich oft die besten 
Pläne der Besseren und Edleren unter ihnen. Das gebildete Europa 
und vorzüglich Frankreich und England suchen seine Angelegenheiten 
so zu leiten, dass die Kühe erhalten werde und die verderbliche Hydra 
der Zwietracht und des Krieges nicht wiederum, Wohlstand und 
Bildung zerstörend,, auMehe. Auch hier sind es noch Hoffnungen, 
die wir mitnehmen für's künftige Jahr, und dem Lenker der Schick- 
sale vertrauen wir wiederum die dort ausgestreuten Keime. — Im 
Osten hat ein andres grosses, einiges und glühendes Volk sich erhoben, 
es will die Schmach, unter dem despotischen Scepter Kusslands zu 
stehen, auslöschen. Kein Band ist im Innern gelöst, Gesetze und 
Ordnung werden geachtet, ja alle neuen Einrichtungen tragen weit 
mehr den Charakter einer beschränkten constitutionellen Monarchie 
an sich als den einer Republik, den bei den früheren beiden Revolu- 
tionen die Sachen trugen, obgleich sich dann bald die Stimmung für 
die Monarchie zeigte. Der erste Akt war gleich die Wahl eines 
Dictators, dem nun wiederum die Gewalt übertragen wurde, ünruhea 

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— 36 - 

im Innern sind hier nicht sehr zu besorgen, aber felsenfest steht eine 
Macht ihnen gegenüber, die lieber alle ihre ergiebigsten Quellen 
austrocknet, ehe sie den Verlust eines Haarbreits Landes ertrage. 
Doch vertrauen wir auch hier dem Menschen, der in seiner wahren, 
echt moralischen Kraft, der durchdrungen von einer Idee, mit festen 
Blicken auf die Erreichung seines edeln Wunsches die Hindernisse, 
die ihm mannichfaltig in den Weg gelegt werden, zu überwinden 
weiss. — In der Mitte steht Deutschland, wünschend, hoflfend, fürchtend, 
zagend und wenn Ruhe der Zustand heisst, in dem nicht thatsächlich 
grosse Erregungen vorfallen, so muss man es ruhig nennen; wenn 
aber Euhe heisst, Gemütbsruhe, wenn die Wünsche eines Volkes 
grösstentheils gewährt sind und es dann, aus Liebe zum Vaterlande 
und auf seine Kraft vertrauend, muthig die Eingriffe, die ein fremdes 
Volk in seine Unabhängigkeit zu thun gesonnen ist, abzuwehren weiss, 
dann muss man sie ihm absprechen. Jedoch ist es auch nicht ganz 
ohne Veränderungen hier vorübergegangen. Braunschweig hat seinen 
Despoten weggejagt, Kurhessen denselben eingezwängt, Sachsen seinen 
schlaffen Jesuiten aufgeregt und ihm einen kräftigen Hellsehenden bei- 
gesellt. Und immer mehr wird sie auch unter uns Fuss fassen, die 
Freiheit, und wird dann fester stehn als in irgend einem Lande. — Die 
Schweiz, auch sie hat wiederum ihren alten Kampf erneuert und den 
Aristokratismus, der immer fester und fester Wurzel fasste, erschüttert. 
— Auch England hat sich mehr Liberalität angeeignet und steht als 
ein feuriger Cherub zur Beschützung der Freiheit da. — Die übrigen 
Länder blieben mehr oder weniger ruhig, wenn auch Alle Interesse 
an den Begebenheiten nehmen und an Befestigung der Freiheit 
denken. — Fragt man sich, was ist aus den Juden politisch geworden, 
ertheilt man ihnen nun endlich die jedem Menschen gebührenden 
Rechte, werden sie nun endlich durch freie bürgerliche Stellung fähig 
gemacht, ihre rühmlichst begonnene Revolution im Innern ihres 
Herzens, in ihren religiösen Ansichten zu beendigen? — Da muss 
man freilich achselzuckend immer bloss der Zukunft vertrauen, da 
die Gegenwart immer noch nicht viel Erfreuliches bietet. 

[11. 1. 30.] Ich arbeite sehr fleissig. In der letzten Zeit habe 
ich das erste Buch der Annalen des Tacitus, die Reden Cato's und 
Caesar's in Sallust's Catilina, das erste Buch des Herodot gelesen, 
cursorisch den Jeremias, die 20 ersten Capitel des Deuteronomium 
mit Benutzung der Comraentare und der Massorah, die chaldäischen 
Stücke im Daniel, mit der besondern Absicht, mir CoUectaneen zu 



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— 37 — 

einer biblisch -chaldäischen Grammatik zu machen; jetzt habe ich 
auch meine Mischnahstudien wieder aufgenommen. 

[16. 1. 30.] Schon lange hat mich das elende Treiben der 
jüdischen Theologen in Heidelberg und in Würzburg, besonders an 
ersterem Orte, wo ich es aus 'eigner Anschauung kennen gelernt 
hatte, angeekelt, so dass ich stets Lust hatte, eine öffentliche Be- 
leuchtung desselben erscheinen zu lassen. Durch einen neuern Vor- 
gang angeregt, wurde der Vorsatz zur That; heute habe ich den 
Aufsatz an den Hofrath Paulus in Heidelberg geschickt, mit der 
Bitte, ihn im „Sophronizon" zu veröffentlichen [Br. 16. Jan. 1831]. 
Wollte Gott, dieser Aufsatz verfehlte seine Wirkung nicht. • 

[29. 1. 31.] In den letztvergangenen Wochen war ich mit 
mancherlei Arbeiten beschäftigt: ich setzte die grammatischen und 
lexikalischen Arbeiten über die Mischnah fort und dachte über einen 
sprachlich -philosophischen Gegenstand nach. Veranlasst durch die 
Bede eines Mitgliedes unsres Eedner Vereins, der das Wort „verstän- 
digen** falsch gebraucht hatte, suchte ich mir den Unterschied der 
eigentlich rückbeziehenden Verba im Deutschen und der uneigentlichen 
(ich . . mich mit) klar zu machen und begann eine Abhandlung 
darüber zu schreiben.^) 

[16. 2. 31.] Ich lese jetzt viel: Belletristisches und allgemein 
Philosophisches; leider ist aber solches bei mir immer Zeichen einer 
mich beherrschenden ünthätigkeit. Lessing's Laokoon belebt und 
erfreut mich ganz besonders; ich habe nach der Lektüre versucht, 
mir schriftlich die Gedanken zusammenzustellen, welche von Lessing 
angedeutet und ausgeführt sind. 

\2%. 2. 31.] Ein noch grösserer Genuss wird mir jetzt zu Theil: 
ich lese nämlich Lessing's theologische Schriften, die mir durch Stil, 
Witz und Scharfsinn erfreulich und lehrreich sind. Freilich dient 
dieser Scharfsinn mehr zur Hülle: Lessing wendet ihn an, eine Mei- 
nung zu vertheidigen, die er nicht gehabt, wie aus vielen nach seinem 
Tode erschienenen Fragmenten hervorgeht, aber die Gelehrsamkeit, 
die ihm hierzu zur Grundlage dient, belehrt und die Art und Weise 
seines Verfahrens hat mir eigenthümliche Gedanken erweckt über 
eine Wirksamkeit, die man auf eben diese Art in der jüdischen 
Theologie erlangen könnte. — Ferner ergötze ich mich an Herder's 
Prüfung des Laokoon und wenn ich auch wohl erkenne, dass Herder 

*) [Ueber die Bedeutung der mittelbar rückbeziehenden Zeitworter; handschrift- 
lieb im Nachlass.] 



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— 38 — 

Lessing Ansichten unterschiebt, die dieser nicht ausgesprochen hat, so 
schaue ich doch mit dem grössten Interesse auf den Kampf dieser 
beiden Männer, die, wie wenige, mit dem Alterthum bekannt und 
vertraut waren. — Verflossenen Samstag habe ich in unserm Eedner- 
verein über das Verfahren bei der ViTahl eines Berufes gesprochen. 

[1. 3. 31.] Im Gegensatz zu den ernsten Beschäftigungen der 
früheren ViTochen habe ich die letzten Tage dem Vergnügen gewid- 
met; ich war zur Purimsfeier ins Casino eingeladen und erinnere 
mich kaum, einen Abend so vergnügt zugebracht zu haben, wie diesen. 

[15. 3. 31.] Ich habe, durch eine Behauptung Delbrück's, 
die deirtsche Sprache habe ein Mittelwort der vergangenen Thätigkeit, 
veranlasst, einen Aufsatz über das deutsche Mittelwort abgefasst und 
dasselbe vorzugsweise durch Vergleichung mit dem griechischen, la- 
teinischen und französischen Particip erläutert. Vor einigen Tagen 
habe ich den Aufsatz Delbrück gegeben, dessen Urtheil ich mich 
keineswegs unterwerfe und von dem ich missverstanden zu werden 
furchte. 

[25. 3. 31.] Ich erlabe mich an den Ferien, die nun in vollem 
Glänze erschienen sind, fühle aber keine Erschlaffung, sondern ge- 
winne immer mehr Kraft zu reger Thätigkeit, freilich mehr zur 
Selbstthätigkeit als zum Aufnehmen von Anderen. In den vergangenen 
Monaten habe ich besonders zwei Felder bearbeitet : Philosophie und 
den semitischen Sprachstamm und freue mich namentlich meiner 
zunehmenden E3arheit in philosophischen Dingen. 

[8! 4. 31.] Das Schriftchen von Eiesser [Ueber die Stellung 
der Bekenner des mosaischen GJaubens in Deutschland, Biesser*s Ges. 
Sehr. II, S. 1—90] übte eine zündende Wirkung auf mich aus; ich 
schrieb darüber an Hirsch [Br. 6. April 1831], Hamburger in 
Hanau, Uli mann in Coblenz, die letzteren bittend, in ihrem Kreise 
für Verbreitung des Schriftchens und Ausführung seiner Ideen thätig 
zu sein. 

[29. 4. 31.] In den Ferien, die nun fast zu Ende sind, habe 
ich Manches aufgearbeitet, das mir während der Vorlesungen nicht 
klar genug geworden war und ausserdem mit zwei Bekannten, 
Nauwerk aus Strelitz und Kedepenning aus Stettin, nunmehr 
Eepetent bei der hiesigen evangelisch-theologischen Fakultät, die drei 
ersten Suren des Koran gelesen. Letzteres besonders auf Anrathen 
Freytag's, der mir die Lektüre umsomehr anempfohlen hatte, da 
er wünschte als Preisaufgabe die Untersuchung „über die jüdischen 



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— 39 -- 

Quelleu des Koran" aufzustellen, eine Arbeit, die ihm gerade für 
mich sehr geeignet schien. In der That habe ich zu dieser Arbeit 
grosse Neigung und darf für diesen Zweck eine ziemlich reiche Aus- 
beute orwarien, da sich überall Anklänge an das Judenthum und 
zwar an das durch die Eabbinen und die märchenhafte Grillenßlngerei 
morgenländischer Juden gestaltete finden. — Auch den More Nebuchim 
habe ich nunmehr durchgelesen, freilich nicht in der Absicht, über 
die von ihm behandelten Gegenstände belehrt zu werden, sondern 
mehr aus sprachlichen und historischen Gründen; u. A. habe ich mir 
^ein Verzeichniss der von ihm benutzten Schriften zusammengestellt. — 
Durch solche historisch-sprachliche Studien angeregt befreundete ich 
mich auch wieder mit der Zu nz 'sehen „Zeitschrift für die Wissenschaft 
des Judenthums**, schrieb einen Brief an den Herausgeber [ob. Bd. I, 
S. 305--307], und begann Jost's Geschichte aufs Neue. Mit der 
syrischen Literatur beschäftigte ich mich gleichfalls, indem ich einen 
Theil des Barhebräus wieder las; meine mischnaitischen Arbeiten 
wurden wenig gefördert. 

[5. 5. 31.] Ich habe ein sehr interessantes Buch „Nachträge 
zu Heiners Keisebildern*' gelesen. Trotzdem in diesem Buche Frei- 
heit, Vaterland, Religion nicht mehr wie in den früheren Bänden 
desselben Werkes nur dazu da sind, um Gegenstände der Witzelei 
zu sein, sondern ein ernsterer Sinn vorherrscht, gesunde Poesie und 
wahrhaft künstlerische Darstellung z. B. englischer Verhältnisse er- 
freut, so sind mir doch Börne's Schilderungen mit ihrer begeisterten 
Liebe zur Freiheit, ihrem wuchtigen Ernste und ihrem kräftigen Hasse 
sympathischer. 

[7. 6. 31.] Sehr Verschiedenartiges hat mich in der letzten 
Zeit beschäftigt. Theilnehmend an allen Schritten, die für oder gegen 
Juden geschehen, suchte ich auch soviel wie möglich selbst mitzu- 
wirken, richtete demgemäss briefliche Aufforderungen an meine Freunde 
und war kurze Zeit entschlossen, selbst gegen Paulus^) aufzutreten. 
Doch da ich in dieser Sache mehr theologisch als politisch gestimmt 
bin, so schrieb ich lieber einen Aufsatz über jüdisches Schul- und 
Rabbinerwesen, schickte ihn an Rössel nach Aachen für seine Monats- 
schrift^) und erhielt von ihm am 26. Mai die Antwort, dass er ihn 

^) [Die jüdische Nationalabsonderung nach Ursprung, Folgen und Besserangs- 
mitteln von H. E. G. Paulus. Heidelberg 1830.] 

^) [Die Abhandlung ist wohl gedruckt worden, doch ist mir gerade der betr. 
Band der RosseFschen Monatsschrift für Erziehungs- und ünterrichtswesen nicht 



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— 40 — 

mit grossem Vergnügen aufnehmen werde und die Aufforderung mit 
meinen Sendungen fortzufahren» Durch diesen guten Erfolg ermun- 
tert und erfreut darüber, etwas von mir gedruckt zu sehn, schickte 
ich ihm am 30. Mai einen zweiten Aufsatz ein, der die Beantwortung 
der Frage: „Sollen die Juden ihre Kinder in christliche Schulen 
schicken oder eigne errichten?"^) zum Gegenstande der Betrachtung 
hat. Ich begleitete die Sendung mit einem Briefe an den Heraus- 
geber [Br. 30. Mai 1831], der mir vorzüglich nöthig schien wegen 
der ziemlich jud^nfeindlichen Gesinnungen, die dieser in seinem 
Schreiben an mich aussprach. 

[24. 9. 31.] Meine letzten Beden im Eednerverein waren: 
23. April: über den Grad der dem Alterthum gebührenden Achtung; 
28. Mai: über den Messias, in welcher ich bei aller Frömmigkeit 
den Messiasglauben so darstellte, dass* Niemand etwas National- 
sonderndes darin finden konnte; 9. Juli: über den Gedanken Gottes; 
13. August: über die beim Eintritt ins thätige Leben vorzugsweise 
darzulegenden Eigenschaften des jüdischen Geistlichen; 24. September: 
über die Betrachtung des Lebens, mit Eücksicht auf die auftretende 
Cholera, besonders gegen Lebensverachtung und Lebensüberschätzung. 

[Frankfurt, 15. 7. 32.] Ungefähr seit einem Jahre hat mein 
Tagebuch keine rechte, d. h. gerade für ein solches passende Nahrung 
bekommen 2); ich will daher Einiges aus früherer Zeit nachholen* 
Im November v. J. äusserte meine Familie aufs Bestimmteste den 
Wunsch, dass ich nach Hause kommen sollte; ich gab nach und 
reiste Ende November nach Frankfurt, wo ich grade zur Hochzeit 
meines Bruders Jakob ankam. Nun äusserten sich mehrere Freunde 
ungünstig darüber, dass ich, ohne zu doctoriren, die Universität ver- 



zugänglich gewesen ; in den folgenden Bänden, die ich gesehen habe, wird G. unter 
den Mitarbeitern genannt.] 

^) [Ist nicht gedruckt worden; eine andre pädagogische Arbeit aus dieser Zeit: 
über den Religionsunterricht in der Schule handschriftlich im Nachlass.] 

*) [Viele Seiten des Tagebuchs sind nun mit critischen Bemerkungen über und 
gegen Maimonides, mit ürtheilen über die Schriften des Saadias und Bechai, mit 
Vergleichung des S. und M. mit Clemens und Tertullian, und besonders mit Aus- 
zügen aus und Bemerkungen zu Spinoza's theologisch-politischem Traktate angefüllt. 
Letztere bilden auch im Folgenden den Hauptinhalt des Tagebuchs. Diese Be- 
merkungen, welche auch den Hauptgegenstand der damaligen von Frankfurt aus 
geführten Correspondenz an die Bonner Freunde ausmachen, schienen, obgleich sie 
durch Originalität und Gelehrsamkeit ausgezeichnet sind, zum Abdruck an dieser 
Stelle ungeeignet] 



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— 41 — 

lassen hätte, und dies gab meinen Brüdern Veranlassung, mich noch- 
mals dieselbe besuchen zu lassen. Da nun mein eigentlicher Zweck 
das Doctoriren sein sollte und mich ausserdem die Bearbeitung der 
oben erwähnten (S. 38) Preisfrage beschäftigte, so sollte auch Alles, 
was mit diesen beiden Zwecken nicht in Verbindung stände, ausge- 
schieden werden, und mein Tagebuch musste dasselbe Schicksal theilen. 
Am 15. December kam ich zu meiner Freude und zur Freude aller 
meiner Freunde und Bekannten in Bonn an, verlebte dort den schön- 
sten Theil meines Lebens bis zum 12. Juni d. J. und glaube schwer- 
lich, dass so bald wieder eine Zeit kommen werde, die mich so ganz 
beglückt. — 

Die Preisarbeit, die zum 3. Mai eingereicht werden musste und 
eingereicht wurde, hatte in Betreff des Inhalts völlig meinen Beifall, 
fiel aber in der Form, da sie lateinisch geschrieben werden musste, 
ungeachtet unerquicklicher Mühe meinerseits und vieler Hülfe meiner 
Freunde Hertz, Frensdorffu. A. nicht nach Wunsche aus. Ihr galt 
meine Hauptbeschäftigung; durch zu vieles Sitzen zog ich mir aber 
ein kleines körperliches Uebel zu, das mich etwas verstimmt machte. 

Erholung gewährte mir die immer grössere Bekanntschaft mit 
den Bonnern, das in Bonn bestehende Casino und vorzüglich die 
grössere Befreundung mit der Familie Oppenheim. An wohlgesinnten 
und geistvollen Freunden fehlte es mir auch nicht; ausser Frensdorff 
verband sich Heinrich ujad Salomon Hertz^) sehr eng mit mir, 
ebenso Elias Grünbaum 2) aus Eheinbaiern, ein philosophischer 
Kopf mit ernstem Willen und grossem Eifer für theologische Studien; 
Ende Mai kam auch J. Dornburg ^) aus Mainz, ein sehr liebens- 
würdiger Mensch mit trefflichen Anlagen und vorzüglichem Charakter, 
mit dem ich, trotz der kurzen Zeit unseres Zusammenseins, mich 
innigst befreundete. 

Das Bestreben, auch in Bonn etwas zu wirken, ergriff mich und 
rief einen »Verein zur Beförderung der Bildung unter der hiesigen 
jüdischen Jugend** hervor, dessen Vorsteher ich wurde und dessen 
Zwecken ich mich mit voller Liebe hingab, wodurch ich später mit 
den alten Zeloten in Streitigkeiten gerieth. In dieser Zeit wurde 
die Eabbinatsstelle in Hanau durch den Tod des dortigen Rabbiners 

*) [Leben jetzt beide in Köln.] 
2) [Jetzt Rabbiner in Landau.] 

*) [Membre de l'Institut und Professor des hebreu rabbinique an der Ecole des 
hautes etudes in Paris.] 



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— 42 — 

erledigt und die Zeitungen brachten eine Aufforderung, sich mit ge- 
nügenden Zeugnissen zu melden. Ich meldete mich, erhielt die 
Einladung auf den 16. Juni, predigte daselbst und lebe nun hier, 
eine Entscheidung in dieser Angelegenheit erwartend, in wehmüthiger 
Erinnerung an die schöne Bonner Zeit. 

[3. 8. 1832.] Heute erhielt ich für meine Arbeit den Preis. 



[Die Aussichten in Hanau zerschlugen sich, Geiger erschien den 
Hanauer Juden nicht fromm genug; er selbst konnte ihnen, die in 
Leben und Gesinnung durchaus dem Alten ergeben waren, keinen 
Geschmack abgewinnen. Doch schneller, als er gehofft hatte, bet 
sich Gelegenheit zu einer praktischen Thätigkeit; von dem Frankfurt 
benachbarten Wiesbaden aus wurde er zu einer Probepredigt einge- 
laden; schon am 21. November 1832 wurde er dort zum Rabbiner 
gewählt und trat alsbald sein neues Amt an. 

Aber bereits in Bonn hatten sich wichtigere Lebensbande ge- 
knüpft. Geiger verkehrte mit mehreren seiner obengenannten jungen 
Freunde in dem Hause des Kaufmanns Is. Oppenheim (gest. 1875), 
dessen Frau Henriette (gest. 1877), eine durch reichen Verstand 
und tiefes Gemüth ausgezeichnete Frau ihr Haus zu einem Mittel- 
punkt anspruchsloser und fröhlicher Geselligkeit zu machen gewusst 
hatte. In diesem Hause lernte er die beiden Schwestern des Haus- 
herrn Emilie und Franziska kennen, zwei junge Mädchen, die 
durch liebliche Anmuth, Empfäuglichkeit für Bildung und unversieg- 
bare Fröhlichkeit ihn und seine Genossen mächtig anzogen. Emilie 
wurde seine Gattin, die bis zu ihrem Tode (6. December 1860) aufs 
Innigste mit ihm verbunden war, Franziska seine Freundin, die ihm 
und später seinen Kindern in fröhlichen und traurigen Zeiten zur 
Seite gestanden, und unermüdlich aus dem reichen Born ihres edlrn 
Herzens Labung und Erquickung gespendet hat. 

Wenige Monate nach der üebernahme der Stelle in Wiesbaden, 
am 6. Mai 1833 bot Geiger Emilie seine Hand an, am 25. Mai fand 
die Verlobung statt. Sieben Jahre dauerte der Brautstand; die Ehe 
konnte erst am 1. Juli 1840 geschlossen werden, theils weil die 
Stelle in Wiesbaden zu schlecht besoldet war, theils weil die Juden- 
ordnung von Frankfurt nur eine bestimmte Anzahl jüdischer Ehepaare 
jährlich gestattete. Der während des Brautstandes eifrigst geführte 
Briefwechsel ist vollständig vernichtet.] 



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43 



Briefe- 



1- 

An Dr. M. A. Stern in Göttingen. Bonn, 12. December 1830. 

Noch ehe ein neues Jahr beginnt, wünsche ich Dir die Ver- 
sicherung meiner nie veraltenden aber immer durch neuen Zuwachs 
gestärkten und befestigten Freundschaft zu geben. Es kann eigent- 
lich von dieser im wahren Sinne des Wortes erst dann die Eede 
sein, wenn der Charakter sich gestählt, wenn die Grundsätze nicht 
mehr umherflatternd und Bilder der Phantasie sind, wenn vielmehr 
das ganze Wünschen und Wollen, die ganze geistige Thätigkeit und 
die ganze aus ihr abgeleitete Handlungsweise ernst und fest auf einen 
Punkt* sich richtet und das Bestreben, in dem sich die verschieden- 
artigsten einzelnen Neigungen vereinigen, klar und deutlich vor das 
Bewusstsein tritt. Nur dann erst, wenn die Hauptpunkte im mensch- 
lichen Gemüthe nicht mehr der Wandelbarkeit unterworfen sind, kann 
auch von einer unwandelbaren Liebe die Bede sein, da sie sich nicht 
auf Zufall und Gelegenheit, auf äussere Anlockungen mehr stützt. 
Diesen Punkt glaube ich nun erreicht zu haben, immer mehr con- 
solidirt sich mein ganzes Wesen und rundet sich zu einem Gleichartigen ; 
die verschiedensten Neigungen und Bestrebungen nähern sich einander 
und befreunden sich, ich sehe einen Zielpunkt vor mir und suche 
meine Beschäftigungen hauptsächlich zur Erreichung desselben ein- 
zurichten. Wenn also früher bald dieses Gefühl durch den Umgang 
mit diesem angeregt wurde und bei dem Uebergewichte desselben in 
damaliger Zeit auch jener Freund den Vorrang behauptete, zu einer 
andern Zeit anders ; so ist es jetzt, wo bei angestrebter innerer Har- 
monie auch Gleichheit und ünveränderlichkeit in der Freundschaft 
versprochen werden kann. Und so zeigte mir der zwar kurze Umgang 
während dieser Ferien mit Dir, dass wenn ich früher bloss gern mit 
Dir zusammen war, mich jetzt ein innigeres Sehnen Dir anschliesst, 
wärmere Gefühle mit Dir verknüpfen. 

Die praktisch philosophische Seite, die seit meiner Jugend in 
meinem Innern vorherrschend war, und deren Theile, freilich abge- 
rissen nnd unsystematisch, mich immer in meinem Denken beschäf- 



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— 44 - 

tigten, klar zu ergreifen und aufzufassen, ist nun mein Hauptstreben, 
und durch ihre Erkenntnisse einst im Leben für Verbreitung wahrer 
Eeligion und Tugend, Verbannung falscher Ansichten, Unterstützung 
echter Gewissensfreiheit und Ausrottung jener schädlichen Auswüchse, 
die sowohl im Mittelalter als auch in unserer Zeit das Leben so 
manches wackern Mannes wegen seiner Geburt von einer jüdischen 
Mutter verkümmerten, wenn auch nur Geringes wirken zu können, 
welch ein herrlicher Lohn würde dies für mich sein. Philosophische 
Erkenntniss der Moral, worunter auch Politik und Religion mit ihren 
Hülfs Wissenschaften, Kenntniss des jetzigen und früheren Zustandes 
(wahrlich auch in der jüdisch-deutschen Bedeutung!) der jüdischen 
Beligion, als deren Hülfs Wissenschaften die Orientalia eine grosse 
Stelle einnehmen, sind daher neben den für allgemeine Bildung noth- 
wendigen Studien meine vorzüglichste und wahrhaft erquickende Be- 
schäftigung. Demnach habe ich mir folgende Collegien für dieses 
Semester ausgewählt: Metaphysik, Physik, Rhetorik, arabische Sprache, 
Geschichte der Philosophie und Psychologie und alle belehren und 
erfreuen mich wahrhaft. — Ausserdem lese ich mit Scheyer, der 
mich darum ersucht, eine Einleitung in die Philosophie nach Herbart, 
beschäftige mich ungefähr 7 Stunden der Woche in Verbindung mit 
Freunden mit Thalmud und gebe einigen Unterricht, theils aus 
Freundschaft, theils zur Verbesserung meiner pecuniären Verhältnisse. 
Du kannst Dir denken, dass ich auf diese Weise meine Zeit als das 
höchste Gut betrachten muss und sie also aufs Beste anzuwenden 
bestrebt sein werde, und ich darf es auch wohl sagen, dass ich bis 
jstzt mit grossem Fleisse, der mir durch innige Liebe zum Studium 
angenehm war, gearbeitet habe, indem ich auch den Anbau auf dem 
Felde der Sprachkenntniss, sowohl des Classischen als auch des He- 
bräischen und Syrischen keineswegs vernachlässige. Du kennst ferner 
meine Gesinnungen zu gut, als dass Du glauben solltest, wissenschaft- 
liche Bestrebungen könnten mir die Ereignisse der Zeit aus den Augen 
rüijken, und Du wirst wohl überzeugt sein, dass die Regungen gesetz- 
licher und auf Ordnung ruhender Freiheit und gesteigerter und endlich 
mehr und mehr zum Bewusstsein gebrachter Würde des Menschen 
nicht kalt und spurlos an mir vorübergehen, dass vielmehr ein jedes 
ruhige und besonnene Wort, vdas aus dem Munde eines edeln freien 
Mannes hervorgeht, mich entzückt und heile Flammen in mir auf- 
lodern lässt, dass die immer noch in ihrer Verblendung einherkeuchen- 
den, mit Aktenstaub und Kanzleistreusand überschütteten deutschen 



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— 45 — 

Geschäftsmänner sowohl, die immer noch in zaghaftem Misstrauen 
theils gegen den nicht mit von ausgestatteten oder mit dem heiligen 
Wasser der Taufe hochgebenedeiten Menschen, theils aber aus schlechter, 
gemeiner, engherziger und selbstsüchtiger Gesinnung eine geisttödtende 
und jede edle Herzensregung unterdrückende Knechtschaft aufrecht 
zu halten bemüht sind, als auch die Zügellosigkeit einer bald durch 
lange Tyrannei empörten, bald durch fluchenswerthe Jesuiten unter 
dem Scheine der Freiheitsliebe verführten Menge jene Unvollkommen- 
heit in den irdischen Dingen und jenes schwere Geschäft, den Mittel- 
weg kräftig zu betreten und zu behaupten, mir deutlich vor Augen 
stellen. Und hier mit eingreifen zu können, hier durch Wirksamkeit 
auf die Gemüther, durch Hinweisung auf die scharf begrenzte Linie 
und durch muthiges Beispiel sich ein bleibendes, wenn auch von den 
Büchern unberücksichtigtes und übergangenes, Denkmal in der Ge- 
schichte setzen zu können, welch eine Seligkeit, welch ein unvergäng- 
licher Lohn! Und einer solchen Zeit, in der solches Wichtige vorfällt, 
in der solche Umgestaltung und solches Fortschreiten sichtbar ist, 
uns würdig zu machen, so zu wirken, dass, wenn wir im Alter noch 
einer schöneren, edler belebten Richtung gewahr werden, wir sagen 
können: auch ich habe nicht müssig die Hände in den Schooss ge- 
legt, auch ich habe vielleicht Dies und Jenes angeregt, diesen und 
jenen Keim gepflegt, dieses und jenes Bemühen unterstützt, diese und 
jene edle That ins Leben gerufen — sollte dies nicht das Streben 
eines jeden nicht ganz von der Natur Vernachlässigten sein? sollte 
nicht eine kräftige Jugend, mag ihre Richtung auf diesen oder jenen 
Zweig mehr und hauptsächlich gerichtet sein, darin ihren Vereinigungs- 
punkt finden und sich dazu eifrig und kühn verbinden, dahin zu 
wirken, nach Kräften und nicht durch kleinliche Sorgen des Lebens, 
nicht durch engherziges Bemühtsein um irdisches eigenes Wohl, nicht 
durch Ankämpfen gegen Gemeinheit und Gleichgültigkeit, die sich 
so oft gegen jene wichtigen Angelegenheiten eines jeden Menschen 
äussert, in diesem Bestreben zu erschlaffen? — Und wenn ich dann 
denke, dass ich noch fern von einem jeden Einflüsse lebe, dass ich 
aber vorbereitend für künftige Wirksamkeit arbeite, dann erweitert 
und stärkt sich mein Eifer, mich auszurüsten mit allen denjenigen 
Waffen, die mir jenen Krieg erleichtern und in jenem Lebenskampfe 
mich schützen. — 

Gestärkt an Körper und Geist füge ich nun noch Einiges hinzu. 
Mein Umgang ist nicht sehr ausgebreitet, was mir auch meine 



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— 46 — 

Ochserei gebietet; ausser der jüdisch -theologischen Fakultät mi 
einigen jüdischen Medicinern kenne ich auch einige christliche Stu- 
denten recht genau und freue mich ihrer liberalen und vorurtheils- 
freien Gesinnung. Bei allen unseren jüdischen Theologen findet sich, 
bei einigen sogar mit strenger jüdischer Beligiosität, die theils aus 
Beschränktheit, theils aus Begriffen, die sie mit der jüdischen Religion 
zu verbinden sich gewöhnt haben, herrührt, verknüpft, ein freier, 
philosophischer Anflug, der sie doch auf Bedürfnisse der jetzigen Zeit 
aufmerksam macht. Du wirst wohl nicht zweifeln, dass ich, soweit 
es mir meine Umstände und Behutsamkeit erlauben, das Meinige bei- 
zutragen suche, um der Aufklärung Raum in ihren Gemüthern zu 
verschaffen, und so habe ich erst neuerdings durch einen Vortrag 
in unserem Privatrednerverein über die Pflichten des jetzigen Geist- 
lichen, die Pflicht, die Wahrheit unumwunden herauszusagen und 
nicht unverzeihliches Misstrauen gegen die Geistesfähigkeiten des 
gewöhnlichen Menschen zu hegen, indem die wahrhaft religiösen Ideen 
einer jeden menschlichen Brust eingegraben sind, vorzugsweise her- 
vorhebend, [oben S. 33] gewaltigen Rumor in der Fakultät angefangen 
und sicherlich manches Schlummernde angeregt. Und so können wir 
auch wohl von dieser Seite der schönen Hoffnung leben, dass es endlich 
in Israel tagen wird und dass auch die jüdischen Geistlichen die 
Zeitendlich würdigen werden. — Arabische Sprache beschäftigt mich 
auch ziemlich und ich glaube sie dieses Mal mit rechtem Nutzen zu 
betreiben; wir lesen etwas ziemlich Schweres und es geht mir, Gott 
und meiner jüdischen Abkunft sei Dank, recht gut darin. Soviel 
musstest Du von mir über mich hören ; aber ich halte dies eben für 
das wahre Zeichen echter Freundschaft, Alles, was im Herzen sich 
regt, Wünsche, Hoffnungen, Bestrebungen und Gesinnungen einander 
mitzutheilen. 



2. 

An Hofrath Paulus in Heidelberg. Bonn, 16. Januar 1831. 

Hoch würdiger, hoch wohlgeborener Herr! Die Ueberzeugung, 
dass nur eine wahre, vernunftgemässe religiöse Bildung das Glück 
einer Gemeine gründen, dass diese nur durch Anregung und kräftige 
Förderung der Geistlichen Statt finden könne, hat mich stets so 
durchdrungen, dass ich in allen Lagen meines Lebens auf diejenigen 
unter meinen Glaubensgenossen, die theils schon geistliche Stelleu 



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— 47 — 

bekleideten, theils sich zur üebernahme solcher vorbereiteten, meinen 
Blick warf, ihre Gesinnungen und ihr Streben prüfend, ob nach Ver- 
breitung des lichtes oder nach Stützung des Eiteln sie sich sehnten, 
und da fend ich leider, dass fast Alle, bald aus verkehrten Ansichten, 
bgöd aus Mangel an gründlicher Wissenschaft, bald sogar aus eng- 
herzigen, kleinlichen Absichten alle Gewalt, die ihnen verliehen wurde, 
dazu anwendeten, das Herkömmliche ohne Unterschied zu erhalten. So 
wunderte ich mich vorzüglich, als ich im Sommer 1829 die üniverstät 
Heidelberg besuchte, dort jüdische Theologen zu finden, die so in 
Finsterniss wandelten und kaum eine Spur von der belebenden Nähe 
Ew. Hochwürden zeigten. Weniger Heuchelei als wirkliche Verkehrt- 
heit und Unwissenheit leuchtete mir als der Grund entgegen und das 
Studium der Theologie selbst wurde mir durch den Gedanken, einst 
mit so vielen Hindernissen, die mir von solchen Geistlichen in den 
Weg gelegt werden würden, kämpfen zu müssen, verbittert, und ich 
wandte mich den orientalischen Sprachen zu, immer mit Kummer 
auf jenes herrliche, nun mit Disteln überzogene Feld heilsamer Wirk- 
samkeit hinblickend. Jedoch hatten mich am Ende dieses Sommers 
sowohl andere Umstände, als auch die praktische Richtung meines 
Geistes genöthigt, wiederum auf der Universität Bonn einer Aus- 
bildung für den Beruf des Theologen nachzustreben, und wie erfreut 
war ich, als ich hier auf Mitstudirende traf, die ein reger wissen- 
schaftlicher Eifer und ein rühmliches Streben nach der Wahrheit 
erfüllte. Da ward ich wieder mit neuem Muthe begabt und nicht 
abschrecken konnte mich mehr die Seichtheit vieler jüdischer Theo- 
logen im Badenschen Lande, aber wohl schmerzen. — So neuerdings 
wiederum angeregt, konnte ich den Wunsch nicht unterdrücken, die 
Sache, die so schön in Formen sich darstellt, in ihrer wahren Gestalt 
aufzudecken und auf ihre Blossen hinzuweisen. Da ermuthigte mich 
auch der Gedanke an Sie, leuchtendes Vorbild und würdiger Ver- 
theidiger der Wahrheit und des Lichts, dass Ihnen bei dem Streben, 
überall das Gute zu befördern und das Wahre zu vertreten, selbst 
«ine solche Aufdeckung lieb sein und es Ihnen vielleicht gefallen 
möchte, diesen Aufsatz in Ihrem Sophronizon einzurücken. Grosser 
Mann, dem zu nahen es mir einst vergönnt war, ich bitte Sie, um 
der Sache der unterdrückten und sehr irregeleiteten Menschheit willen, 
würdigen Sie denselben einer Stelle in Ihrem trefflichen Werke, und 
wenn Sie einiges Anstössige darin finden, so möchte sich vielleicht 
Ihre Güte auch dahin erstrecken, dasselbe wegzuräumen und zu ver- 



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— 48 — 

bessern, bedenkend, dass ich jung auf die Kampfbahn getreten bin 
und einzig und allein mich der innige Trieb zur Beförderung der 
Wahrheit dorthin gerufen. Ueberzeugt von der Gewährung dieser 
Bitte, wage ich noch diese, dass Sie mir das Blatt, worin diese Be- 
leuchtung eine Stelle findet, gütigst zusenden möchten. Gestützt auf 
Ihre Güte und durchdrungen von Gefühlen der Ehrfurcht und un- 
begrenzten Hochachtung unterzeichne ich mich 

Ew. Hochwürden ergebenster 
Abraham Geiger. 

N. S. Ich erlaube mir noch die Bitte, weder dieses Briefes, 
noißh meines Namens erwähnen zu wollen, da dieser Aufsatz, vielen 
Missdeutungen ausgesetzt, mir manche Unannehmlichkeiten zuziehen 
möchte. 



3. 
An Eabbiner Hirsch in Oldenburg. Bonn, 6. April 1831. 

Das Schriftchen von Riesser [oben S. 38] haben Sie wahrschein- 
lich gelesen, wo nicht, so eilen Sie ja es zu lesen, denn es ist eine 
kräftige Erweckung für den immer mehr sinkenden Gemeinsinn. Wahr- 
scheinlich auf seine Ermunterung haben (wie mir ein Freund aus 
Frankfurt schreibt) „die Juden in Frankfurt, Karlsruhe, der Pfalz 
und noch anderswo Vereine gebildet und sich kein geringeres Ziel 
gesetzt, als die völlige Emancipation der Juden in Deutschland 
zu erringen." Schnell nun war die Nachricht unter den hiesigen 
Juden verbreitet und Eskeles hat sich nach Frankfurt gewandt, 
um genauere Kunde davon einzuziehen und, wenn sich die Sache 
bestätigt, was nicht zu bezweifeln ist, werden sich die hiesigen 
anschliessen. Auch sind die Badenschen Juden schon beim Gross- 
herzoge mit der Bitte um völlige Gleichstellung eingekommen. — 
Sie, ein Hort Israels und gewiss nicht der Letzte, der den Juden 
endliche Befreiung von den drückenden Fesseln wünscht, die ja bloss 
allein die geistige Entwicklung fördefn und zum wahrhaft geistigen 
Leben führen kann, werden Sie nicht auch sich der Sache annehmen, 
wenigstens auch das Anschliessen Ihrer Gemeinde bewirken, damit 
endlich der sittenverderbende Wucher ausgetilgt werde, dass endlich 
wahre Bildung eindringe und jenes elende, seichte Wesen, das sowohl 
durch Gleichgültigkeit gegen alles Höhere bei einem blossen Handels- 



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- 49 — 

Volk, als auch durch Mangel an Gelegenheit zu gediegener Ausbildung 
entsteht, aufhöre und Israel sich seiner würdigen Bestimmung nähern 
könne? Ihre Gemeinden haben gewiss geringe Mühe mit Erlangung 
ihrer vollen Rechte, da der Grossherzog sowohl einen sehr liberalen 
Sinn, als auch sehr viele Milde gegen die Juden beweist. Möchten 
doch die Juden des ganzen Deutschlands endlich ihrer schmählichen 
Knechtschaft durch Bemühungen jeder Art ein Ende machen, und 
wahrlich sie können es in der jetzigen freisinnigen, sich kräftig ent- 
wickelnden und voranschreitenden Zeit! Halten Sie diese Angelegen- 
heit nicht für weltlich und Ihrem Stande nicht angemessen, denn 
hängu nicht geistige und körperliche Freiheit aufs Genaueste zu- 
sammen und hat uns nicht die Geschichte in ihrer Hinweisung auf 
die Blüthe der Juden in Spanien und auf die mittelalterliche 
Finsterniss derselben in Deutschland hinlänglich belehrt? Wenn Sie 
nun ein Scherflein dazu beitragen können , welch ein Lohn wartet 
Ihrer! . , . . . — 

Vorzüglich ist eine grössere Richtung zum Philosophischen 
hin und die Betrachtung aller Dinge von diesem Standpunkte aus 
das, was mir dieses Semester brachte. Es hat sich dadurch eine 
Einheit sowohl in meinem Gemüthe, als in meinen Arbeiten ergeben, 
die nicht anders als fruchtbringend sein kann. Nicht wahr, liebster 
Hirsch, Sie müssen mich bei uuserm ersten Zusammentreffen, da ich 
noch in die Fesseln philologischer Kleinigkeitsjagd geschlagen war^ 
recht oft für sich ausgelacht haben. Freilich hat sich nun das 
Interesse hieran gar nicht verloren, aber Alles ist doch einem höhern 
Zwecke untergeordnet und die kleinste Bemerkung in der Sprache 
gewinnt neues Leben durch Zurückgehen auf ihren Ursprung aus dem 
menschlichen Geiste und wie hierin sich gerade die eigene Ansicht 
der Dinge und des Lebens bei jedem Volke abspiegelt. — Frensdorff 
und ich leben im schönsten Einklänge und vergnügter Freundschaft 
unter grimmigen Disputen über ein Chatef segol u. ä. zusammen. 
Während dieser Ferien lesen wir zusammen die Kant'sche Kritik bei 
Dr. Bobrik, ich lese mit zwei meiner Mitarbeiter im arabischen Wein- 
berge den Koran, habe für mich wieder den More Nebuchim begonnen, 
den ich mit vielem Vergnügen (in literarisch-historischem Sinne) fast 
bis zu Ende des ersten Theils gelesen. -— Dr. Lö vy, Rabbiner in ülfeld, 
ist unter dem Streite zweier Partheien mit dem grössten, fast un- 
beschreiblichen Pompe zum Rabbiner in Fürth eingesetzt worden, 
bedenken Sie in Fürth! — Unser Privat-Rednerverein blüht herrlich 

Geiger, Schriften. V. 4 



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— so- 
fort, obgleich er nocli keinen Zuwachs erhalten, und theils in freien, 
theils in geschriebenen Reden übt sich die oratorische Muse Ihrer 
Freunde und zum grossen Theile fangen letztere wieder an, die Ober- 
hand zu gewinnen Was ich mit der „Realisirung einer Hoffnung " 

gewollt, weiss ich wirklich jetzt nicht, aber Sie, Bester, wissen ja, 
dass meine Hoffnung sich jetzt gar nicht auf die Erlangung einer 
Stelle und wahrscheinlich bloss auf irgend eine Befähigung sich be- 
zieht .... Ich habe vor einigen Tagen mit einer ganz eigenen Art 
von Vergnügen ein Buch gelesen, dessen Lesung ich von Ihnen wohl 
auch wünsche. Es heisst: »Philosophie der Geschichte oder über die 
Tradition. Frankfurt a. M. Verlag der Hermann'schen Buchhand- 
lung. 1827.*' Es ist, wie ich weiss, von Prof Molitor in Frankfurt. 
Man bekommt durch dasselbe eine so merkwürdige Anschauung vom 
mystischen Treiben der neuern Zeit und es hat nach meiner vielleicht 
in diesem Punkte am meisten von Ihnen verschiedenen Ansicht eine 
so auffallende Nebeneinanderstellung tiefer und würdiger Ideen neben 
barocken Geistessprüngen, dass es gewiss psychologisch merkwürdig 
ist. Leben Sie wohl. 

• 4. 
An Schulrath Rössel in Aachen. Bonn, 30. Mai 1831. 

Hochgeehrtester, wohlgeborener Herr! Ihre werthe Antwort vom 
24. 1. M. hat mich zu sehr und zu tief schmerzlich und freudig zu- 
gleich ergriffen, als dass ich mir nicht erlauben sollte, Ihnen die 
Wirkung, die sie auf mich hervorbrachte, mitzutheilen. Es ist leider 
sehr wahr, dass alter Sauerteig und neue Gemeinheit unter den Juden 
schlechte Folgen haben; aber ich glaube nicht,* dass Sie es auch mir 
einem Dienen des Götzen Vortheil oder einer blinden Vorliebe für 
meinen Stand zuschreiben werden, dass die völlige Rücksichtslosigkeit 
auf die Wahl tüchtiger, d. h. echt wissenschaftlich gebildeter Rabbiner 
grossentheils daran Schuld habe. Bedenken Ew. Wohlgeboren doch, 
wenn ein Rabbiner, ganz vom bösen, altthalmudischen Geiste be- 
sessen, ganz abgewandt vom wissenschaftlichen Streben, der einzige 
geistliche Vorsteher ist, die Gemeinde aber, theils durch Leicht- 
sinn, theils auch durch einige, wenn auch halbe Wissenschaffc- 
lichkeit, wie man sie bei dem gewöhnlichen Manne nicht anders 
erwarten kann, jene Gesetze als albern belächelt und so, von allem 
Religionsunterrichte entblösst, heranwächst: ist es da zu verwundern, 
wenn Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit gegen Religion und Sitt- 



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— 51 — 

lichkeit einreisst? — Freilich ist dies nun bei Männern von ge- 
diegener wissenschaftlicher Bildung nicht so sehr zu befürchten, aber 
wieso sollte ein Jude dazu gelangen, da ihm die Wege, durch Ge- 
lehrsamkeit eine Stelle zu erhalten, erschwert sind, und wie Wenige 
sind es, die, ohne von Jugend an den Weg der Wissenschaft zu 
betreten, einen solch* innigen Trieb in sich verspüren, der ihnen alle 
Bücksichten und alle pekuniären Verhältnisse ausser Augen zu setzen 
gebiete, ja, wie Wenigen gestatten es ihre umstände, und diese 
Wenigen, wie oft hängen sie nicht von ihrem eigenen Willen ab! — 
Was also dazu den Staat bewegt, dass er Männer, die sich tüchtige, 
gründliche Gelehrsamkeit erworben haben, wegen ihrer Religion nicht 
zu gelehrten Aemtem gelangen lässt, ist mir wahrlich unbegreiflich. 
Dass die Juden in wissenschaftlicher Hinsicht viel leisten können, dess 
zeugen Spinoza, der Glasschleifer, Mendelssohn, der Commis sein 
musste, dess zeugen die vielen getauften Juden, die Professuren an 
preussischen Universitäten haben, und ich brauche Ihnen wohl bloss 
den Juristen Gans, den Orientalisten Benary in Berlin, den Ge- 
schichtsforscher Leo in Halle, den Historiker Löbell an hiesiger 
Universität zu nennen ; und wie Viele nun, die vielleicht Zierden der 
Wissenschaft gewordeü wären, müsseS, da sie entweder bei der Taufe 
sich nicht zu Glaubensmeinungen bekennen wollen, denen ihr Herz 
fremd ist, oder weil Rücksichten für Familie und Freunde sie zurück- 
halten, mit gebrochenem Herzen den geliebten Musen ein Valet sagen, 
um dem ihnen verhassten Handel sich zuzuwenden. Dass dieses so 
ist, könnte ich Ihnen mit vielen Beispielen belegen. Erlauben Sie, 
dass ich auch mich anfahre. — Seit meinem dreizehnten Jahre, da 
ich aufgeklärtere Religionsansichten gewann und den Stand eines 
jüdischen Theologen bloss von der lästigen Seite zu betrachten mich 
gewöhnte, war ich fest entschlossen, Orientalist zu werden, welchen 
Entschluss ich meiner Familie verbergen musste; in Heidelberg, wo 
ich den Sommer 1829 zubrachte, hatte ich mich fast ganz der 
Theologie abgewandt. Dank dem Rathe der Vorsehung, die meine 
Gesinnung änderte und. mir anrieth, den wüsten Steppen Arabiens 
mich zu entziehen und dem heiteren deiche der Philosophie und 
religiöser Wirksamkeit mich zufahrte! Aber gesetzt, ich hätte mich 
nicht entschliessen können, Theologe zu werden, die Schwierigkeiten 
wären mir zu bedeutend gewesen: was hätte ich anders thun können, 
als entweder in den Schooss der auf Erden allein selig machenden 
Kirche überzugehen, oder, was wahrscheinlicher ist, zu handeln und 



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- 52 - 

zu schachern? Freilich hätte die Wissenschaft dabei Nichts ver- 
loren, aber eine Menschenseele wäre zu Grunde gegangen, und dies 
diene bloss als Beispiel für Andere, die der Welt in manchem Kreise 
mehr nützen könnten, — So lauge man wahre Sittlichkeit und Re- 
ligion nicht durch gebildete ßabbiner, Wissenschaftlichkeit nicht 
durch Unterstützung jüdischer Gelehrter emporhebt, nun so lange 
wundere man sich auch nicht über den Mangel dieser, im Gegen- 
theile, man bewundere die sittliche und geistige Würde des Mengchen, 
wenn uns ein Jude begegnet, der, von tiefer Sittlichkeit durchdrungen, 
mit Wissenschaften vertraut ist, man bewundere den Schöpfer solcher 
Würde! Dass aber auch ungeachtet der Zurückgesetztheit in Deutsch- 
land solcher Juden, vorzugsweise in grossen Städten, wie Berlin, 
Hamburg, meiner Vaterstadt Prankfurt, nicht wenige sind, darf ich 
ohne Furcht sagen. — Sehen Sie hin auf die Juden, die in Spanien 
unter den Mauren lebten! Da blühte Kunst und Wissenschaft in 
hohem Grade, da lebten Männer, von echt philosophischem Geiste 
beseelt, und wären nicht Ferdinand und Isabella, jene grausamen Ver- 
breiter der Beligion der Liebe, so lieblos gegen sie verfahren, sie 
wären zu einem Punkte gelangt, der dem Namen der Juden ewige 
Achtung' verschafft hätte. Selööt jetzt noch zeichnen sich die Nach- 
kommen jener Vertriebenen, unter dem Namen der portugiesischen 
Juden bekannt, durcji einen schönen Culturstand aus. Geben Sie 
also Ihre Ansicht nicht auf; wirken Sie vielmehr dahin, dass jene 
Missbräuche von Seiten des Staates aufhören und Sie werden dann 
gewiss mit Freuden die Früchte Ihres edeln Strebens erkennen. — 
Ich lasse wieder einen kleinen Aufsatz beifolgen [vgl. oben S. 39, A. 2], 
und bitte Ew. Wohlgeboren sowohl um dessen Aufnahme, als auch 
um das Heft, in dem er seinen Platz findet. 



5. 
An Herrn Salomon Geiger in Frankfurt. Bonn, 4, Juni 1831. 

Es freut mich recht sehr, dass Du im letzten Briefe einen Punkt 
berührt hast, auf den ich ohnedies nunmehr in einem der nächsten 
Briefe gekommen wäre, wenn auch in einer etwas verschiedenen Art 
Schon seit einiger Zeit nämlich hatte ich den festen Entschluss, nach 
Beendigung meiner Studien an der hiesigen Universität, die wohl 
nicht vor Ende des nächsten Semesters eintreten wird, nicht nach 
Frankfurt, als meinem Aufenthaltsorte, zurückzukehren, sondern mir 



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— 53 — 

dazu eine andere grosse Stadt, die mir zugleich für Bildung jeder Art 
noch sehr förderlich werden könnte, auszuwählen, etwa Berlin, München, 
Wien, Paris. In einer solchen durch Empfehlung vermittelst einer 
Hauslehrerstelle und Privat-Unterrichts ein Auskommen zu finden, 
hielt ich nicht für sehr schwer, und ich hätte dabei, ausser dem zu 
grossen Bekanntsein in der Vaterstadt, auch noch den Nutzen einer 
stilleren Entwicklung meiner Gesinnungen. In einer jeden grossen 
Stadt findet jetzt natürlich ein Conflict der Meinungen Statt, in 
welchem sich für eine Parthei zu entscheiden die Fremde nicht 
nöthigt, wohl aber die Vaterstadt, wo ein jeder Schritt mehr beobachtet, 
ein jedes Wörtchen mehr gedeutet wird, unumgänglich macht. Eine 
solche Entscheidung aber ist theils bei Erreichung eines Mittelwegs 
für beide Partheien ungenügend, theils auch ist sie für einen solchen, 
der einst im Leben wirksam aufzutreten sucht, vor dem Dasein eines 
Wirkungskreises nicht sowohl in politischer Hinsicht schädlich, als 
auch der späteren Wirksamkeit in den Weg tretend. Es muss nicht 
beim Antritt eines Amtes von vorn herein eine gewisse Anzahl mit 
Vorurtheilen gegen den Charakter und die Denkart des Antretenden 
behaftet sein ; vielmehr sollen die Erwartungen gespannt sein, so dass 
es ihm dann vielleicht gelingen könnte, eine solche Partheisucht ganz 
zu tilgen und beide Theile nachgiebig und milde mehr eine Ver- 
schmelzung, als einen Sieg ihrerseits und gänzliche Niederlage von 
Seiten des Andern wünschten. — Freilich wäre nun das unmittelbare 
Uebergehen von der Universität in eine Stelle aus diesen Gründen 
für mich um so viel Wünschenswerther, und ob ich gleich meine 
Schwächen nur zu gut fühle, so traue ich mir doch auch wohl die 
Kraft zu, durch beharrlichen Fleiss die Lücken auszufüllen, wozu mir 
eine Stelle Müsse genug bieten würde. — Mein Entschluss ist dem- 
nach entweder, wenn es gelingen sollte, plötzlich von der tiefsten 
Unwirksamkeit hervorzutauchen oder mich an einen andern Ort zu 
begeben. — Aus einer Deiner Aeusserungen erkenne ich, dass Du 
meinen zwar noch nicht bestimmt ausgesprochenen Wunsch zu 
doctoriren billigst. Zwar ist der Doctortitel in der jetzigen Zeit 
kein Zeichen grosser Gelehrsamkeit, aber theils verlangt es nun ein- 
mal unsere Zeit, theils ist der Titel an unserer Universität nicht sa 
feil, so dass mir ein gutes Examen um so grössere Freude und be« 
deutenderen Vortheil verschaffen würde. 



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— 54 — 

6. 
An Herrn L. Braunfels in Frankfurt. Bonn, 14. Juni 1831. 

Ich habe den Gedanken einer Zeitschrift, die das Wohl der Juden 
sich zur vorzüglichen Aufgabe macht, gleich als ich ihn hOrte — am 
Anfange dieses Semesters — mit der grOssten Begierde aufgefasst, 
und da mir Hochstädter davon schrieb und die DD. Creizenach 
und Weil als Redaktoren nannte, so bot ich meine Hülfe für jede 
Angelegenheit solcher Art an, indem ich ihm zugleich einen Aufsatz 
über das Badensche Babbinerwesen [vgl. oben S. 47] beilegte. Nun 
ich höre, dass Du Haupthahn sein sollst, biete ich nochmals meine 
Küqhleinsmithülfe mit der grössten Bereitwilligkeit an, bloss um ein 
Ereiexemplar bittend. 



7. 
An Rabb. üllmann in Coblenz. Bonn, 20. Sept. 1831. 

Im Ganzen sehe ich es jetzt ein, und Deine Nachrichten be- 
stätigen es klärlich, dass, wenn das jetzige Judenthum mit allen 
seinen Gliedern einer Reform entgegengebracht werden soll, dies mit 
den leisesten, bedächtigsten Ameisenschritten geschehen darf, und 
was sollten endlich diese kleinen Aeusserlichkeiten nützen? Gelingt 
ein Schritt nicht, den ich Dir später mittheile, so ist das Ganze, 
was sich tbun lässt, bloss Folgendes. Der Geistliche hat sowohl in 
der Kirche, als in der Schule immer positiv zu wirken, d. h. richtige 
Einsichten zu verbreiten, Wahrheiten gangbar zu machen und den 
Sinn der Juden aufzuklären, ohne hiermit das negative Princip zu 
verbinden, d. h. ohne zerstören zu wollen; er lasse diese Gegensätze, 
die von ihm verbreitete Wahrheit nämlich und den bestehenden Irr- 
thum, in den Gemüthern der Einzelnen im Kampfe sein, und gestehe 
es nicht, dass der letztere wirklich Irrthum sei, bis er gegründete 
Hoffnung hat, dass eben dieser Gedanke schon von selbst im Kopfe 
eines Jeden angeregt wurde, und dann trete er bloss bestätigend auf.: 
Aber selbst hiergegen welch ein unmässiger Widerstand lässt sich, 
selbst wenn diese Gemeinde einmal auf diesen Wankzustand gebracht 
ist, vielleicht von anderen orthodoxen Rabbinern denken, die doch 
sehr leicht dies Spiel entdecken, errathen und die noch unstäten Ge- 
müther auf die Folgen, mit denen sie sich noch befreundet haben, 
aufmerksam machen könneu! Vorzüglich ist dies zu befürchtet, wo 



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— 55 - 

solche mit Eeuninissen ausgerüstet, zugleich mit der genauen Ein- 
sicht in die Bestrebungen des neuen Babbiners versehen, auftreten 
können; Hirsch, Prensdorff, selbst Hess, würden vielleicht 
gegen uns keine Schritte thun, weil sie zu uns Zutrauen haben, 
aber lassen sich auf anderen Universitäten keine solchen denken? 
Jedoch darf dies ]>icht entmuthigen, und diese Muthlosigkeit kenne 
ich gewiss am Wenigsten, denn ist einmal mein Spiel verrathen, 
dann mögen sie es fühlen, dass es verrathen ist und sie mögen es 
dann bedauern, nüch zu diesem Schritte der Entlarvtheit und der 
nunmehrigen Entlarvung ihrer gezwungen zu haben. — Ich glaube 
aber, es giebt einen anderen Weg, und wenn ich meine Gesinnungen 
behalte, so wird, diesen zu verfolgen, die Aufgabe meines Lebens 
sein. Dieser heisst: Trennung. Die Sache ist nämlich diese: Die 
Juden eines ganzen Staates, die sich im Herzen vom Thalmud los- 
gesagt haben, sollen auch laut dasselbe thun und von ihrem Staate 
die Erlaubniss zur Bildung einer besonderen Gemeinde fordern. Halte 
diesen Plan nicht für abenteuerlich, er ist sehr einfach und leicht 
ausführbar. Ich habe einen Aufsatz hierüber geschrieben und den- 
selben einem Blatte, das ein guter Freund von mir [Braunfels, oben 
S. 54] unter dem Titel: „Volks- und Anzeigeblatt für Mittel- 
deutschland^ redigirt, zugesandt; sobald ich es zugeschickt bekomme, 
werde ich Dir die Nummer, welche denselben enthält, mittheilen. 
Wenn wir diesen ungestalten und uns entstellenden Eoloss abgelegt 
haben, dann können wir auf religiöses und bürgerliches Wohl mit 
gerechter Hoffnung warten. Um Dieh noch mehr vom Gedanken der 
Abenteuerlichkeit abzubringen, den ich sehr in Dir befürchte, theile 
ich Dir noch Folgendes mit: Ich war vor einigen Tagen mit meinem 
Aufsatze beim Dr. Wolf, sprach mit ihm hierüber fast zwei Stunden; 
er, der dem Taufen nicht so abgewandt ist, wie ich es bin, kann 
freilich nicht diese Wärme dafür haben, aber dennoch bemerkte er, 
dass, wenn er diese Ueberzeugung hätte, dass diese getrennten Juden 
begründete Hoffnungen auf bürgerliche Gleichstellung hätten, er dazu 
kräftigst mitwirket! würde. Er rieth mir deshalb, den Eindruck, den 
der Aufsatz in Frankfurt hervorbringen würde, abzuwarten, ebenso 
in den constitutionellen Staaten, wo die bürgerliche Gleichstellung 
leichter durch die Kammern erobert werden kann, als von dem pietisti- 
schen Könige von Preussen, den vielleicht bloss das Beispiel Anderer 
ermuntert. Auch ich bin sehr begierig, ob die Sache einen Fortgang 
haben kann; willst Du mein Verbündeter werden? Ein Aufsatz der 



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— 56 — 

Art, der die Nachtheile hervorhebt, welche die gewaltsame Verbin- 
dung dieser zwei so ganz getrennten Theile hervorbringt sowohl in 
Beziehung auf das religiöse und sittliche, als auch bürgerliche Leben 
der nichtgläubigen Juden, jedoch letzteres in geringerem Maasse 
beachtet, weil es dann fast blosser Eigennutz und nicht wahrhaft 
religiöses Streben scheinen könnte, ein solcher Aufsatz, sage ich, in 
ein Mainzer Blatt eingerückt, wird gewiss auch seine Wirksamkeit 
nicht verfehlen. Ich werde Dir meinen Aufsatz im Manuscript ein- 
schicken; es steht dann bei Dir, ob Du ihn oder einen andern, ihm 
an Inhalt ähnlichen einsenden willst. 



8. 
An Stud. El. Grünbaum in Bonn. Prankfurt, 4. Juli 1832. 

Meine vorzüglichste Beschäftigung ist jetzt, neben einem 

fleissigen Lesen des Thalmud, das — o, geschähe dies auch bei 
Allen! -^ mit Stillschweigen übergangen werde, Spinoza's Tractatus 
theologico-politicus, und es ist mir dies eine sehr lehrreiche und 
angenehme Beschäftigung. Die nächste Veranlassung zu diesem Werke 
scheint mir in seinen äusseren Umständen gelegen zu haben; Spinoza 
hatte sich von den Juden abgesondert, ohne sich dem Christenthume 
durch einen äusseren Schritt zugewandt zu haben. Nun war freilich 
in Holland völlige Glaubensfreiheit und sein Leben war vom Staate 
aus nicht bedroht, aber Anstoss musste es bei allen Partheien erregen, 
einen solchen Wandel zu führen. Dies schien ihn nun genöthigt zu 
haben, die Ungültigkeit des Judenthums für jetzige Zeiten beweisen 
zu müssen, und zwar, wie es die Zeit erforderte, aus der heiligen 
Schrift selbst. Mit dem Vorhandensein eines gewissen äusseren 
Zweckes, d. h. mit der Noth wendigkeit , zu einem gewissen Resultat 
zu gelangen, entsteht nothwendig selbst bei dem klarsten und auf- 
richtigsten Geiste, der es sich nicht verzeiht, eine Deutung in ge- 
wisse Stellen hineinzutragen, die nicht wirklich darin liegen, selbst 
bei dem bestimmtesten Streben , bloss immer aus' dem Vorliegenden 
zu entwickeln, entsteht nothwendig, sage ich, und unwillkürlich eine 
gewisse Befangenheit ; das Resultat, das sich am Anfange durch ver- 
schiedene Stellen herausgestellt hat, wird in uns so fest und scheint 
uns wirklich so unabweisbar entwickelt, dass alles Andere danach 
erklärt werden muss, ja, dass uns die Erklärungen alsbald auf diese 
Weise einfallen, ohne dass wir den Zwang, den wir gewissen Stellen 



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— 57 — 

anthun, gar ahnen. Daher kommt es auch, dass Spinoza, ungeachtet 
er sich an manchen Stellen gegen Maimonides, der in seinem Streben, 
aristotelische nugae, wie er sich ausdrückt, mit der Heiligen Schrift 
in Einklang zu bringen, der Schrift Zwang angethan und sie sagen 
lassen, was niemals ihre Absicht war, recht hart auslässt, selbst zu- 
weilen in diesen Fehler verfällt. Hat nun auf der einen Seite die 
äussere Lage Splnoza's und das dadurch gewünschte und von ihm 
auch wirklich vielleicht zu voreilig als fest angenommene Eesultat 
dem Streben Spinoza's, sich rein auf dem biblischen Standpunkte zu 
halten, entgegengearbeitet, so *hat auch andererseits eine andere Eigen- 
schaft an ihm, nämlich dass er strenger Dogmatiker war und immer 
mehr Alles bloss mit dem Lichte seines Systems beleuchtete, nicht 
günstig auf dieses Werk eingewirkt, indem er hier immer seine 
Grundsätze vorausschickt und, so sehr er auch rein biblisch s^in will, 
doch immer das, was seinem Systeme -nicht zusagt, schlechtweg be- 
seitigt und immer mit Zugrundelegung gewisser Ansichten, die aus 
seiner Subjectivität flössen, beginnt« Mag nun aber auch dies Alles 
wahr sein, so ist es doch ein Werk, das die vorzüglichste Berück- 
sichtigung verdient, und aus dem die vorzüglicheren Einleitungen 
in's Alte Testament ihre meisten und philosophischsten Ideen eht- 
lehnt haben, ein Werk, das von dem schönsten Scharfsinne und von 
der systematischen Behandlungsweise Zeugniss giebt und das auf 
Punkte aufmerksam macht, die man sehr leicht übersieht. Noch 
einen Tadel habe ich vergessen, nämlich die Bibel ist ein Convolut 
von so vielen verschiedenen Verfassern, dann aber auch von Leuten 
geschrieben, die selbst ihre Ansichten nicht klar und deutlich genug 
durchdacht hatten, so dass eine Ansicht aus ihnen zu entwickeln 
immer eine geföhrliche Sache ist und' mit der grössten Behutsamkeit 
geschehen muss, ja eben gezeigt werden muss, wie wenig die An- 
sicht noch fest ausgebildet, sie vielmehr inr Schwanken und Schweben 
begriffen war. Spinoza nun, der dies nicht thut, bestimmte An- 
nahmen ihr beilegt, muss daher oft auf Schwierigkeiten stossen und 
geräth so, wie mir scheint, zuweilen in Widersprüche. — Dies mein 
vorläufiges ürtheil über ein hOchst schätzbares Werk, von dem ich 
bis jetzt erst den vierten Theil gelesen habe. 



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58 



An Grünbaum. Prankfurt, den 1. August 1832. 

Sowotd mit Deiner Anempfehlung der Behutsamkeit, einem 
Schriftsteller und vorzüglich einem so bedeutenden, wie Spinoza ist, 
einen äusseren Zweck unterzuschieben, als auch mit Deiner Aus- 
einandersetzung, als sei die Idee des auserwählten Volkes das allen 
alttestam^tlich biblischen Büchern zu Grunde Liegende, stimme ich 
vollkommen überein ; nur finde ich Folgendes dazu zu bemerken. In 
Bezug auf Ersteres habe ich wirklich die Sache reiflich überlegt und 
glaube dennoch in der Hauptsache dieselbe Meinung festhalten zu 
müssen, wenn auch im Einzelnen Abänderungen daran noth wendig 
sind, die ich wahrscheinlich an Dernburg ausfuhrlicher mittheilen 
werde. In Bezug auf Letzteres aber habe ich Dich auf Folgendes 
aufmerksam zu machen. — Zuerst sprach ich in meinem vorigen 
Briefe nicht von Ansichten, die dem ganzen Wesen des biblischen 
Judenthums zu Grunde liegen sollen, sondern bloss von der 4rt und 
Weise, wie auch anderswo üblicher Gedanken in der Bibel gedacht 
worden, z. B. aus einzelnen Stellen zu entwickeln, was Prophezeiung 
sei, was ein Wunder, wie Fürsehung sich äussere u. s. w., und hierin 
Einklang in den verschiedenen biblischen Büchern, ja selbst in ver- 
schiedenen Stellen eines Buches finden zu wollen, fand ich als Grund- 
satz aufzustellen für unräthlich. Dann ist es merkwürdig, wie gerade 
diese. Ansicht Spinoza, freilich auf eine ganz gezwungene Weise, die 
aber theils durch sein System, theils durch seinen Zweck ihm ein- 
gegeben worden, aus der Bibel zu entfernen sucht (Kap. III). Endlich 
aber halte ich dalür, dass aUe, wenigstens alle alten, Völker die Vor- 
stellung der Auserwähltheit in sich trugen, was ja von Griechen und 
Bömern bekannt genug ist, nur dass bei diesen Alles mehr Bezug' 
auf weltliche Herrschaft und wissenschaftliche und kunstgemässe Aus- 
bildung des Geistes, bei den Hebräern hingegen auf Gott und das 
Nahestehen zu ihm Bezug erhielt. . — - üebrigens hat mich die 
religiöse Lebhaftigkeit, mit welcher Du am Ende Deiner Entwick- 
lung Dich aussprachst, recht sehr angesprochen und gefreut. — 
Herbart's Metaphysik kann ich zwar für jetzt nicht studiren, theils 
weil ich mir zu viele andere Gegenstände vorgenommen, theils weil 
ich es hier nicht leicht bekomme; jedoch wird eine Mittheilung 
Deiner Zweifel und Ansichten über sie doch schon dadurch möglich 



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— 59 — 

sein, dass mir die Hauptpunkte derselben noch ziemlich klar durch 
Bobrik's Vorlesungen sind, die mich zwar damals nicht völlig be- 
friedigt haben. 

10. 
Hn S. Frensdorff in Bonn. Frankfurt, 15. Atig. u. 24. Sept. 1832. 

Dr. P inner, von dessen Project, den Tlialmud zu übersetzen, 
Du wohl schon früher in der preussischen Staatszeitung gelesen hast, 
ist nun hier mit seinem als Einleitung erschienenen Werke: «Com- 
pendium des babylonischen und jeruaalemischen Thalmud* u. s. w. — 
Ich habe ihn besucht, wo er mir dann dieses Buch zur Durchsicht 
übergab; aber was fand ich darin? Das Werk eines allerdings sehr 
verbesserten Lob Heymann ! Ein Mann, der keine hebräische Gram- 
matik versteht, denn dies zeigen auf die schimpflichste Weise seine 
Einleitungen, der also noch weniger genügende Sprachkenntnisse zu 
einer wissenschaftlichen Bearbeitung des Thalmud (wie er sie im 
Sinne hat, indem er an den Rand immer die Etymologie geben will, 
in welcher wirklich die erbärmlichsten Schnitzer vorkommen) hat, der 
aber auch nicht Thalmud genug versteht, was einige abgeschmackte 
Fehler hinlänglich darthun, der keine Kritik besitzt, was einige 
Polemik gegen Jost zeigt, wo dieser offenbar Becht hat, der von 
geordneter Wissenschaftlichkeit keinen Begriff hat, was Verworrenheit 
im Stile und in der Anordnung auf das Unwidersprechlichste beweist. 
Und dennoch hat er Kenntnisse und dennoch hat er viel gesammelt, 
viel wohl auch im Thalmud gelesen, aber er ist ein Polack. — 
Etwas Grossartiges hat das jüdische Leben in«Frankfurt doch immer 
und im Ganzen ein recht zu billigendes, wenn, auch hier und da 
Manches dem Ernsteren Anstoss giebt. Es geht wohl Nichts im 
ganzen Bereiche der Judenheit vor, es ist wohl kein Mann unter den 
Juden, der sich irgend ausj^^chnete, es erscheint keine auf das Juden- 
thum sich beziehende Schrift, wovon nicht nähere Kunde hierher 
dringt. Von den drei Stücken, die ich Dir hier erwähnt, werde ich 
Manches mitzutheilen suchen. — Der österreichische Kaiser hat den 
Vorstehern der jüdischen Gemeinde in Wien die Weisung gegeben, 
sie sollten darauf sehen, dass die Würde des Sabbath nicht verletzt 
werde. Du kannst Dir denken, dass diese Nachricht die verschiedenen 
Gemüther auf die verschiedenste Weise berührte; aber leider habe 
ich alle die ürtheile bloss von dem religiösen Gesichtspunkte aus 



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— 60 — 

feilen hören, da hier bloss rechtlich gefragt werden darf: kommt es 
dem Staatsoberhaupte zu, auf das Innere der Religion, insofern dieses 
nicht auf den Staat einwirkt, seine befehlende Aufmerksamkeit zu 
lenken? was ich verneinend beantworten würde. — Mannheimer aus 
Wien war hier, und ich glaube, nach seinen Aeusserungen und seiner 
religiösen Richtung, «soviel ich aus einer kurzen Unterhaltung und 
aus von Anderen mir gema(?hten Mittheilungen schliessen kann, ihn 
gewiss für einen sehr guten jüdischen jPrediger halten zu dürfen. 
Er excerpirt sielbst zu seinem eigenen Gebrauche den Thalmud und 
die Midraschim, um sie in seinen Predigten verwenden zu können, 
er nimmt Interesse an Allem, was in der Judenheit vorgeht, er hat 
sich über den Indifferentismus gar manches Ortes, den er nun be- 
reist, sehr geärgert, er hat Anstoss genommen daran, dass das Ganze 
des Gottesdienstes hier in zwei Hälften, die zwar nicht getrennt wie 
in Hamburg, aber doch nicht vereint wie in Wien dastehen, zer- 
spalten ist, so dass sie nicht ein organisches Ganzes bilden. — 
Riesser's Zeitschrift [»Der Jude*] geht von nun an ihren Gang 
rascher und hält sich immer noch in ihrer schönen Teudenz; doch 
weiss ich nicht, ob ich recht bemerke, wenn ich glaube, dass sein 
Aufenthalt in Prankfurt ihn etwas von der ganz neutralen Stellung 
in Bezug auf religiöse Ansichten, die früher zum grossen Aergernisse 
vieler Hiesiger sich bis zur Vertheidigung des ganzen Ceremonial- 
gesetzes, natürlich bloss in politischer Hinsicht, verleiten Hess, ab- 
gebracht hat. — Auch die Sulamith vegetirt noch fort und ich habe 
dieser Tage die drei neuesten Hefte gelesen. Diese Zeitschrift geht 
grösstentheils in ihrem alten Schlendrian fort; den rein apologetischen 
Zweck, der sie hervorrief, hält sie immer noch fest, bedenkt aber 
nicht, dass es jetzt nicht mehr an der Zeit ist zu sagen: sehet ihr 
lieben christlichen Männer, wir jüdischen Kinder betragen uns auch 
gut, wir sind nicht mehr so unartig wie früher, wir bekommen tag- 
täglich mehr Verstand und ahmen Euch hübsch nach! Will man 
jetzt von Religion innerhalb des Judenthums sprechen (und nicht das 
Gebiet der zu erlangenden Rechte vorzüglich betreten, wie es Riesser 
thut), so ist es jetzt nicht mehr genug an dem faden aufgeklärten 
Gewäsche, jetzt gilt es ein wissenschaftliches Verfahren, und eine 
Zeitschrift, in der diey vorwaltet, die alles wissenschaftlich Vor- 
getragene aufnimmt, ohne sich darum zu bekümmern, welches Re- 
sultat sich aus den einzelnen Aufsätzen herausstellt, die sich keine 
Tendenz als ihren Zweck stellt, die vielmehr erst ihre einstige Tendenz 



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— 61 — 

von wissenschaftlicher Beleuchtung der verschiedensten Ansichten in 
der Gegenwart erwartet, eine solche thut Noth, und als deren Mit- 
arbeiter wirst Du Dich doch hoffentlich betrachten. — Das Werk 
von Salvador: , Institutions de Moise et du peuple höbreu* habe 
ich nun im Lesen; es liest sich leicht und angenehm, ist aber fem 
von wissenschaftlichem Gehalte, hat eine apologetische Tendenz, was 
bei der Geistesrichtung des Verfassers (er ist nicht offenbarungs- 
gläubig) und der Freiheit, deren die Juden ja schon unter der vori- 
gen Eegierung theilhaftig waren, recht wunderbar ist. Er scheint 
sich daran gewöhnt zu haben, alles in der Bibel Enthaltene aus einem 
höheren Gesichtspunkte zu betrachten, und er hält nun hieran fest, 
obgleich sowohl der Grund dies zu thun (der Glaube, dass dieselbe von 
Gott herrühre), für ihn verschwunden ist, als auch die Bestimmtheit 
des Gesichtspunktes, der früher bei ihm der religiöse war, sich ver- 
loren hat, vielmehr ein anderer, der ihm nun als der höhere erscheint, 
nämlich der, dass der Zweck aller Staatsgesetze die Erreichung der 
Freiheit, Einheit und Gleichheit sei, an dessen Stelle treten musste. 
Die drei genannten Principien will er selbst im Decaloge finden. 
Mir sagt das Buch nicht zu, oder besser, da es mir namentlich 
wegen seiner Nettigkeit und Leichtigkeit gefällt, es bereichert mich 
nicht und befriedigt meine wissenschaftlichen Anforderungen nicht. 
Derjenige Theil, der dem Buche am meisten Ruf brachte und dem 
Verfasser auch Verfolgungen von Seiten einiger fanatischen Geist- 
lichen zuzog, ist die Darstellung des über Jesus gefällten Urtheils 
als eines nach gesetzmässigem Gange des jüdischen Prozesswesens ge- 
fällten, gegen welche eine Widerlegung vom berühmten Dup in d. Aelt. 
erschienen ist. 



11. 
Stammbuchblatt für Frl. Emilie Oppenheim. Bonn, 6. Juni 1832« 

Wenn zu des Aeussern strahlend mildem Glanz 
Des Herzens Adel sich gesellet; 
Wenn aller Tugenden vereinter Kranz 
Das Inn're schmückt, das Aug' erhellet; 
Wenn auf der klaren Stime rein und zart 
Sich des Gemüthes Sanftmuth offenbart: — 



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— 62 — 

Es ist Ihr Schattenriss, von schwacher Hand 
Entworfen, äer fern nur Ihnen gleichet. 
Denn wie der Farben buntester Verband 
Des Pinsels Zeichnung nie erreichet, 
Der Kosen Pracht, das Weiss der Lilien, 
So auch das schwache Wort — Emilien. 

Mögen diese Worte zum freundlichen Andenken dienen an Ihren 
Sie innig schätzenden Abraham Geiger. 



12. 
An Fräul. Emilie Oppenheim in Bonn. Wiesbaden, 6. Mai 1833. 

^ 

Schlicht und einfach wie ich bin, nahe ich Ihnen, der lieblich 
Einfachen. Wenn ich bis jetzt ernsten Sinn mit heiterem Scherz 
verhüllt habe, so glaube ich jetzt, jenen ganz unumwunden zeigen 
zu dürfen. 

Mit Entzücken und sehnsüchtiger Freude erinnere ich mich der 
schönen in Bonn verlebten Zeit und vorzüglich der letzten dort zu- 
gebrachten Monate; und frage ich mich, was mir als Glanzpunkt in 
dieser Erinnerung erscheint, so muss ich mir unbefangen gestehen, 
dass Sie es sind, liebe Emilie! Und sollte da nicht der Wunsch in 
mir rege werden, dass diejenige, welche, als sie mir ferne gestanden, 
bloss durch ihre anmuthige Freundlichkeit und Güte mir so viel 
Liebliches in den Kränz jener schönen Zeit geflochten, dass mir diese 
auch in der Zukunft näher stehen und mich mit Ihrer Milde sanft 
durch das Leben begleiten möge? Liebe ist das Erste, was ich Ihnen 
biete, ein ßtilles, bescheidenes Loos das Zweite, das Sie mir aber zum 
beneidenswerthesten machen würden; und eine kleine Zuneigung von 
Ihrer Seite r— können Sie mir diese Selbstsucht verargen? — ist das 
Binzige, was ich von Ihnen erbitte. Liebes Mädchen! Mein ganzes 
Wesen, sowie der mit diesem übereinstimmende Stand, dem ich mich 
gewidmet und den ich auch schon betreten, versprechen Ihnen keine 
glänzenden und rauschenden Freuden; vielleicht wird Ihnen gar 
manches unschuldige Vergnügen versagt sein, das Ihnen recht sehr 
zxisagt und das Sie ungerne vermissen. Aber sollte ich glauben, dass 
meine Emilie (verzeihen Sie diese vertrauliche Sprache !) hierauf mehr 
Gewicht legt, als auf ein stilles, häusliches Glück, als auf die reinen 
Freuden gegenseitiger Liebe und Achtung, die von Ihnen zu verdienen 



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~ 63 — 

mein höchstes Bestreben sein wird ; ja, wiLre es nicht beleidigend für 
Sie, wenn ich, der ich einige Zeit in Ihrem Umgange zuzubringen 
das Vergnügen hatte, Sie so wenig hätte begreifen, wenn ich eben 
jene reine, sanfte Einfachheit und Häuslichkeit hätte übersehen sollen? 

Das Einzige also, was mir sclion um Ihres Glückes willen zur 
Gewissheit werden muss, ist, dass ich wirklich so glücklich bin, ein, 
wenn auch ganz kleines, Plätzchen in Ihrem Herzen einzunehmen, 
dass auch Sie glauben, einst vergnügt an meiner Seite durch's Leben 
wandeln zu können. Ich ehre Ihr Zartgefühl zu sehr, als dass ich 
ein solches Bekenntniss von Ihnen verlangen sollte, aber ich glaube, 
einen Ausweg gefunden zu haben, wobei diesem nicht zu nahe ge- 
treten, mein Wunsch aber doch erfüllt wird. Schon lange sehne ich 
mich danach, wieder einmal Bonn zu besuchen; es hängt von Ihnen 
ab, ob ich das liebe Städtchen den ersten Pfingsttag wiedersehe. 
Schreiben Sie mir also hierüber bloss eine kleine Andeutung, aber 
eigenhändig ; Ihr Zartgefühl wird hierdurch auf keine Weise verletzt, 
und dass meiner Emilie Ziererei und Klügelei gänzlich fremd sind, 
bin ich fest überzeugt. Also setzen Sie mich gütigst hiervon in 
Kenntniss, ob es Ihnen nicht unangenehm ist, wenn ich Pfingsten 
nach Bonn komme, und sagen Sie mir dies nach Ihrer einfachen 
Weise, so ganz wie es Ihnen Ihr Herz und Ihr richtiges Gefühl ein- 
gibt, ohne dass hierbei der Eath selbst einer genau abwägenden 
Schwester, ob man sich mit diesem oder jenem Worte nichts ver- 
gebe, zugezogen werde. 

Liebe Emilie! Ich sehe mit banger Erwartung Ihrer Antwort 
entgegen und werde selbst im unglücklichen Falle die Hand küssen, 
die mich fern hält, dann nur noch den einzigen Wunsch hegen, dass 
ein Würdigerer treten möge an die Stelle 

Ihres Sie hochschätzenden und liebenden 

Abraham Geiger. 



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Zweiter Abschnitt. 



Wiesbaden. 

1832—1838. 



Geiger, Schriften. V. * 



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Als Geiger in Wiesbaden seine selbst för jene Zeit schlecht (mit 
400 Gulden) dotirte Stelle antrat, fand er eine kleine Gemeinde vor, 
der es aber weder an einigen wahlhabenden noch an intelligentem 
Mitgliedern fehlte. Er hatte nicht nur in Wies))aden seibat zu 
predigen, die übrigen geistlichen Funktionen zu verrichten, den Re- 
ligionsunterricht an die erwachsenen Kinder zu ertheilen und den von 
einem Unterlehrer gegebenen Elementarunterricht zu beaufsichtigen, 
sondern auch an benachbarten Orten Trauungen vorzunehmen und 
Beerdigungen zu halten. Ein eigentliches Landesrabbinat bekleidete 
er aber nicht; dass ihm ein solches, trotzdem es ihm von der Be- 
gierung, die seinen Ansichten und seinen Bestrebungen wohlwollte, 
in Aussicht gestellt war, nicht übertragen wurde, war einer der 
Gründe, welche ihn nach einigen Jahren bestimmten, Wiesbaden zu 
verlassen. 

Den Obliegenheiten seines neuen Amtes unterzog er sich mit 
Freude, Eifer und Erfolg; durch seine Predigten machte er bei den 
Erwachsenen grossen Eindruck und versuchte auch, die Frauen wieder 
für das Gotteshaus zu gewinnen, durch seinen Religionsunterricht, 
welchen er in der ersten und letzten Zeit ganz allein ertheilte,' und 
die Confirmation, welche denselben abzuschliessen bestimmt war^ 
fesselte er die Jugend an sich. Durch eine von ihm verfasste Syna- 
gogenordnung versuchte er üebelstände des Cultus zu heben; gegen 
Uebelstände in der politischen Stellung der Juden kämpfte er durch 
seine Bemühungen, die veraltete, abgeschmackte Form|des Judeneids 
zu vernichten. 

In der schweren Arbeit des Tages stärkte ihn die Liebe zu seiner 
Braut, die Freundschaft mit seinen Genossen. Mit diesen und jener 
wurde ein eifriger Briefwechsel unterhalten, mit den Frankfurter 

5» 



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— 68 — 

Freunden und Verwandten Zusammenkünfte gehalten, theils in Prank- 
*furt oder Wiesbaden selbst, theils in Höchst, dem zwischen beiden 
Orten. gelegenen Städtchen, das zu Puss leicht zu erreichen war. 

Eine dieser Zusammenkünfte, bei welcher Creizenach und 
J. S. Adler aus Prankfurt, Dernburg aus Mainz, Plehinger aus 
Darmstadt, Geiger und Auerbach aus Wiesbaden sich trafen, blieb 
den Theilnehmern bis in ihr späteres Alter in angenehmer Erinnerung. 
Sie waren des Abends zusammengekommen, beriethen verschiedene 
das Judenthum betreffende Prägen, verkehrten dann noch bis spät 
in die Nacht hinein in heiterster Weise mit einander und machten 
sich mit Tagesanbruch wieder auf, um an ihren Wohnort und zu 
ihrer Beschäftigung zurückzukehren. 

Zwei der Genannten hatten nach einander mit Geiger zusammen 
in Wiesbaden gelebt, als Lehrer, die ihm einen grossen Theil des 
Eeligionsunterrichts abzunehmen und nöthigenfalls als Vikare zu 
fungiren hatten. Zuerst B. H. Plehinger (jetzt Eabbiner in Mer- 
chingen), ein Mann von biederem Charakter, ein gründlicher Thal- 
mudist, bekannt als Verfasser zweier Lehrbücher der biblischen Ge-- 
schichte [unten S. 75], sodann^) Jakob Auerbach (geb. 1810, lebt 
in Prankfurt), ein feinsinniger Schriftsteller und bedeutender Pädagoge, 
der damals in Wiesbaden und später in Prankfurt durch seine herzlichen 
und einsichtsvollen Kathschläge dem Preunde zur Seite stand und in 
unwandelbarer Preundschaft, die später durch verwandtschaftliche 
Bande noch mehr befestigt wurde, mit ihm vereint blieb; endlich 
B. Wechsler (geb. 1808, gest. 1874), ein freisinniger, gesinnungs- 
tüchtiger Mann, der sich durch langjähriges gedeihliches Wirken 
als Babbiner in Birkenfeld und Oldenburg einen geachteten Namen 
erwarb und durch treue, verständnissvolle Antheilnahme an Geiger's 
praktischen und wissenschaftlichen Bestrebungen und durch ermun- 
ternden Zuspruch stets als wahrer Preund bethätigte. Auerbach hat 
in einem Briefe vom 19. November 1857, einem Glückwunschschreiben 
zu Geiger's Jubiläum, das gemeinschaftliche Leben in Wiesbaden mit 
folgenden Worten geschildert: 

Theurer Preund! 
Indem ich diese Zeilen an Sie richte, die am 21. November in 
Ihre Hand gelangen sollen, fühle ich mich in die schöne Zeit unseres 



In der Zwischenzeit versah L. Dukes provisorisch die SteUe. 



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1 



— 69 — 

Zusammenlebens in Wiesbaden versetzt und es ist mir, als wären 
wir erst gestern von einander geschieden. Ich bin im Augenblicke 
bei Ihnen im SabePschen Hause und sehe Sie im grauen Schlafrocke, 
wie Sie die Pfeife stopfen, mir einen eben fertig gewordenen Aufsatz 
für die Zeitschrift vorlesen, der zu lebhaften Erörterungen Anlass 
giebt, oder mir einen der eingelaufenen Briefe mittheilen, aus dem 
wir neue Begeisterung für das grosse Werk, das wir im Sinne haben, 
schöpfen. Vielleicht ist aber auch gerade heute ein Tag der Ent- 
muthigung; Sie liegen auf dem Sopha und lesen die evangelische 
Kirchenzeitung oder — ein Buch aus der Leihbibliothek, und da 
halte ich es für gerathen, Sie nicht zu stören. Ist es aber Samstag 
Abend, nun dann wissen wir, was da kommt. Der grosse Brief, der 
auf die allerliebenswürdigste Weise überall vollgeschrieben ist, wo 
nur die Geliebte — Emilie heisst sie — noch einen Kaum finden 
kann, der sich verwerthen lässt, dieser lange vorher mit Unruhe 
erwartete Brief erfüllt mich aufs Neue mit Staunen über das Wunder 
redseliger Liebe, die regelmässig von Woche zu Woche so viel zu 
sagen hat. Der Brief wird wohl von Ihnen vorläufig im Dämmer- 
lichte durchflogen, um dann ordentlich studirt zu werden, und einige, 
wenn auch ganz wenige Mittheilungen über den Inhalt fallen zuletzt 
auch für mich ab. An welchem Tage die Antwort abgeht, weiss ich 
nicht mehr zu sagen; sie liegt aber schon in der Mappe, und es 
vergeht wohl kein Tag, ohne dass an derselben geschrieben wird. 
Dazwischen bleibwi auch die Plackereien nicht aus; aber wir sind 
in der Hauptsache doch immer gutes Muthes, denn der Himmel hat 
uns — meinen Freund nämlich — mit jener glücklichen Mischung 
des Ernstes und leichten Sinnes ausgestattet, die dazu gehört, um 
etwas Tüchtiges zu wagen und zu vollbringen, deren Werth wir erst 
im spätem Leben recht erkennen, wo es uns kaum noch gelingt, 
durch Vorsatz in uns zu bewirken, was ein glückliches Naturell von 
selbst hat. — Kommt nun an einem Tage gar noch des Besuch eines 
Freundes, wieDernburg oder Frensdorff, so ist dies ein Festtag. 
Einmal sogar marschiren wir in glühender Sonnenhitze mit aufge- 
spanntem Regenschirme nach Höchst und halten dort die erste 
Eabbinerversammlung ab. Oder Sie gehen auf einige Tage nach Frank- 
furt und kommen dann vollgepackt mit Neuigkeiten und auch wohl 
mit einigen Büchern zurück. 



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* — 70 — 

Aber amtliche Thätigkeit und freundschaftlicher Verkehr ver- 
mochten Geiger nicht zu genügen; als wahre Ergänzung musste viel- 
mehr die eifrige Lektüre bedeutender Werke, z. B. des Lebens Jesu 
von D. Strauss, selbst scheinbar entlegener Schriften: Eousseau's 
Selbstbekenntnisse, Börne's Briefe aus Paris, Fückler-Muskau's Tutti 
Frutti, vor Allem aber die wissenschaftliche Arbeit hinzutreten. Mit 
den Freunden Dernburg, Frensdorff und UUmann wurden 
Verabredungen zur Bearbeitung der jüdischen Philosophen des Mittel- 
alters getroffen, im Verein mit mehreren Gesinnungsgenossen von 
nah und .fern der längst gehegte Plan einer „wissenschaftlichen 
Zeitschrift für jüdische Theologie'* ausfgeführt Von dieser Zeitschrift^ 
die von den bedeutendsten jüdischen Gelehrten durch Beiträge unter- 
stützt, aber freilich zum weitaus grössten Theile vom Herausgeber 
selbst geschrieben wurde, erschienen von 1835—38 drei Bände und 
die zwei ersten Hefte des 4. Bandes, die beiden ersten Bände in der 
Sauerländer'schen Verlagshandlung in Frankfurt, mit welcher aber 
später Zwistigkeiten eintraten, die beiden letzten durch Vermittlung 
Berthold Auerbach's, welchem Geiger durch Jakob Auerbach, 
Berthold's Vetter und Freund, nähergetreten war, bei Brodhag in 
Stuttgart. Die ersten Hefte der Zeitschrift trugen Geiger's Namen 
nicht, mit Rücksicht auf die Verwandten, welche fürchteten, er würde 
sich durch Nennung desselben ins Verderben stürzen. Die Zeitschrift 
welche Geiger mit Zunz in immer engere Verbindung brachte, Be- 
ziehungen zuEapoport anknüpfte, die sich freilich bald lösten, war 
in. ihrer Art, durch die Vereinigung wissenschaftlicher Arbeit und 
' praktischer Thätigkeit, durch die Zusammenstellung streng gelehrter 
Untersuchungen, scharfer Kritiken, Abwehr von Angriffen gegen Juden 
und Judenthum, und Versuchen zur Beform jüdischen Lebens und 
Gottesdienstes, durch ihre kühnen Angriffe gegen hochgestellte Ge- 
lehrte wie A. Th, Hartmann (oben S. 16) und eng verbunden 
gewesene Freunde wie S. R. Hirsch (oben S. 18 f.) die erste, und 
ward für Viele von nachhaltigem Einflüsse. 

Noch bevor das erste B[eft der Zeitschrift erschien, war die 
Bonner Preisarbeit: „Was hat Mohammed aus dem Judenthume auf- 
genommen?* (Bonn 1834) veröffentlicht worden, welche sehr lobende 



Gegen Hartmann: W. Z. I, 52—67. 340-357. U, 78-92. 446-473 u. a.; 
gegen Hirsch: II, •351—359. 518-548. III, 74-91. IV, 355—381. Die meisten 
nicht unterzeichneten Artikel der W. Z. rühren von G. her. Einige dieser Aufsätze 
oben Bd. I, S. 445-504. * , 



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— 71 — 

Besprechungen Sylvestre de Sacy's und Anderer v^anlasste, den 
literarischen Buf des Verfassers begründete und ihm seitens dar Uni- 
versität Marburg den Daktortitel eintrug (Juni 1834); während des 
Erscheinens der Zeitschrift entstanden nur einige Aufsätze, die theils 
in der Dannstädter Üniversal-Eirchenzeitung, theils in anderen Jour- 
nalen Verwerthung fanden. 

üuter den Aufsätzen der Zeitschrift [verdient einer besondere 
H^vorhebung: ^üeber die Errichtung einer jüdisch -theologischen 
Fakultät*, welcher auch separat gedruckt wurde und einen Gedanken 
ausführte, dessen Verwirklichung Geiger schon in seiner Jugend ge- 
wünscht hatte (oben S. 27), aber erst nach mannigfachen vergeblichen 
Versuchen und herben Täuschungen in seinem Alter (1872) erleben 
sollte. 

Glücklicher ward er durch die Erfüllung eines andern Gedankens, 
der ihn gleichfalls während seines ganzen Lebens nicht verliess, des 
nämlich, die Babbiner Deutschlands zu vereinigen, um durch gemein- 
same Verhandlungen eine zeitgemässe Beform des jüdischen Cultus 
herbeizuführen, ein energisches Zusammenwirken für allgemeine jü- 
dische Angelegenheiten zu ermöglichen. Auf seine Aufforderung hin 
vereinigten sich 1837 in Wiesbaden mehrere meist jüngere Genossen, die 
durch ihre Besprechungen sich persönlich näherten und eine erhöhte 
Theilnahme für die gemeinsame Angelegenheit anbahnten, welche 
freilich erst in späteren Jahren recht lebenskräftig werden sollte. 

Aber diese vielseitige, auch des Erfolges nicht entbehrende 
Thätigkeit vermochte die Sehnsucht nach einem grösseren, lohnenderen 
Wirkungskreis nicht zu verbannen, um einen soldien zu erhalteni 
meldete er sich (1835), freilich nur mit Widerstreben sich entschliessend» 
Deutschland zu verlassen, nach Gothenburg, konnte aber trotz der 
thätigen Verwendung einiger Freunde die dortige Babbinerstelle nicht 
erhalten, da die Gemeinde theils an seinem von Gosen in Marburg 
ausgestellten Babbinatszeugnisse, theils an seinen freisinnigen religiösen 
Ansichten, die durch Denunciationen orthodoxer Gegner als überaus 
ketzerisch dargestellt wurden, Anstoss nahm. Mit gesinnungstüchtigen 
Männern aus der Gemeinde Gothenburg entwickelten sich aber aus 
jenen Verhandlungen dauernde freundschaftliche Beziehungen. 

Drei Jahre nach der Meldung zur Stelle in Gothenburg gab er 
sein Amt in Wiesbaden auf, wo sich in der letzten Zeit einige ortho- 
doxe Gegner rührig gezeigt hatten (oben Bd. I, S. 3), aus dem 
einzigen Grunde, entweder in Breslau, wo sich günstige Aussichten 



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. — 72 — 

fär ihn eröffnet hatten, oder anderwärts eine seinen Fähigkeiten ent« 
sprechende Stellung zu 'suchen. Das Yerhältniss zu seiner ersten 
Gemeinde blieb aber dauernd ein inniges: verläumderischen Angriffen 
gegenüber erhielt er von dem Gemeindevorstand und der Regierung 
die günstigsten Zeugnisse (Bd. I, S. 46 f. 49); bei der Errichtung 
dea Landesrabbinats das Anerbieten, dasselbe zu bekleiden; bei seinem 
Jubiläum (21. November 1857) ein schönes Geschenk, begleitet von 
aufrichtigen Versidierungen dauernder Anhänglichkeit; bei der Er- 
richtung einer neuen Synagoge (1869) die Einladung dieselbe einzu^ 
weihen, welcher er auch Folge leistete (Bd. I, S. 434 — 444). 

Am 2. Juli 1838 verliess er Wiesbaden', nur wenige Wochen, 
nachdem er den Aufsatz: „Der Schriftsteller und der Rabbiner* 
vollendet hatte (Bd. I, S. 492—504), welchen man theils als eine 
Rechtfertigung seines bisherigen Wirkend, theils als ein Programm 
für die schweren Kämpfe betrachten kann, welche ihn nun erwarteten. 



Briefe. 



13. 

An S. Frensdorff. Wiesbaden, 3. December 1832. 

.... Soviel habe ich gesehn, dass man sich für's Praktische 
nicht vorbereiten kann ; eine kemhafte Bildung und Geschmeidigkeit 
und Biegsamkeit des Charakters sind die einzigen Bedingungen, natür- 
lich vorausgesetzt, dass ein guter Wille da ist. Sprödigkeit und das 
Behaupten einer stolzen Erhabenheit zerstören Alles. — Ueber den 
Plan einer Zeitschrift, an die ich für den Augenblick noch gar nicht 
denke, hast Du Dich, wie mir scheint, nicht angemessen geäussert. 
Soll also wirklich das Judenthum wissenschaftliche Beleuchtung 
scheuen? Soll dem gebildeten Laien, der eine gewisse theologische 
Bildung besitzt — denn bloss ein Solcher würde eine rein wissen- 
schaftiiche Zeitschrift zur Hand nehmen können und wollen — die 
Prüfung ganz verschlossen sein, ja, soll er auf das Wort seines 
Rabbiners schwören? 0, das wird er nicht, eher auf das Voltaire's. 
Glaubst Du ferner, dass eine wissenschaftliche Behandlung gemeine 
Katzbalgerei zulässt und ich da die Pforte öffnen wollte für jeden 



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— 73 — 

unedlen Kampf der Leidenschaft? Ferner sprichst Du so, als gäbe 
es weiter keinen Stoff für diese Zeitschrift als immerfort das rein 
Dogmatische — denn wenn wir auch keine Dogmen anerkennen wollen, 
so lässt sich doch immer das von den einer Beligion zu Grunde 
liegenden Ansichten Handelnde so nennen — und die vielen Hülfs- 
wissenschaften, die auch noch so sehr im Argen liegen und die sich 
bloss des einen Bearbeiters, des wackern Zunz, bis jetzt rühmen 
können, jene, die völlig sine ira et studio behandelt werden können 
und auch werden, weil sie kaum ins Praktische überstreifen, würden 
gar keinen Raum darin finden? — Aber ich kannte ja diese zitternde 
Bänglichkeit, die lieber Alles über sich hingehn lässt, als selbst 
auch einen Schritt thut, weil sie fürchtet, sie möchte hiermit ein 
Stückchen, das im Wege liegt, zertreten — echt wertherisch ! nein ! 
ein solches Betragen stellt unsere Zeit nicht zufrieden; wer im Lehn- 
sessel sitzen will und superklug die Bewegung mit ansieht und sich 
nicht mit hineinstürzt, hier aufhält, dort fördert, der geht in ihr 
unter und geht trotz aller seiner Fähigkeiten spurlos vorüber, ja mit 
traurigen Spuren, da ihm Platz zum Wirken eingeräumt wird und 
er das Feld brach liegen lässt, die widerstreitenden Elemente nicht 
zur Reinigung, die gährenden Stoffe nicht zur Beruhigung zu bringen 
sucht. 



14. 

An E. Grünbaum. Wiesbaden, 29. December 1832. 

In einem neuen Stande, aber mit denselben Gefühlen, Ansichten 
Bestrebungen und Beschäftigungen wende ich mich nun wieder zu 
Dir, meinem Freunde und dem Freunde der guten Sache, und auch 
Dieses zugleich in mir. Du glaubst nicht, wie wohlthuend auf mich 
Dein Schreiben wirkte, wie wohlthuend selbst Deine in mich gesetzten 
Zweifel, da sie mir noch immerfort den biederen, wackeren und 
strengen Freund recht klar vor Augen führten. Es hat gewiss von 
mancher Seite viel Gutes, wenn man in seinem früheren Leben un- 
umwunden, ohne bängliche Besorgniss seine Meinungen geäussert hat, 
ohne Rücksicht zu nehmen auf etwa daraus entstehende Verdächtigungen, 
natürlich gegen Leute, deren Charakter man achtet und deren Ge- 
sinnung man für erprobt hält. Wenn es auch weiter Nichts wäre, 
als dass man an ihnen dann später strenge Mahner hätte und Leute, 
die dem der Bequemlichkeit und der Selbstsucht zu Liebe so gerne 



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— 74 - 

v^gesslichen Gedächtnisse zu Hülfe kommen. Jedoch schmeichle ich 
mir, dass dies bis jetzt wenigstens noch nicht mit Bezug auf mich 
gesprochen sein solle. Siehe, lieber Fr., zwar geht es bei theologischen 
Dingen so wie« bei politischen; so lange man nicht selbst ans Buder 
gekommen, bildet man die Opposition und. hat immer bloss das letzte 
Ziel vor Augen, und die Huldigung, die der Verjährung und der 
Gewohnheit gebracht wird, ist ein Greuel; ist man aber einmal selbst 
ans Buder gekommen, da identificirt man sich mit den Wünschen 
des Princips, zu dem man sich bekennt, was aber bloss zum Theil 
richtig ist. Wahr ist, dass, da man nun einmal dahin gelangt ist, 
die Gewalt in Händen zu haben und aus dieser Gewalt Aussichten 
sich eröffnen zur Bealisirung der Wünsche, man auch streben muss, 
die Gewalt zu befestigen, damit man auch Mittel bleiben könne zu 
diesem höchsten Zwecke; aber nicht wahr ist es, dass nun schon 
durch das Erlangthaben der Gewalt Alles geschehen sei, und AUes^ 
bloss darauf ankomme, diese Gewalt zu behaupten. Hiernach richtet 
^ich nun auch durchaus meine Wirksamkeit; allerdings trete ich 
bedächtig auf, aber entschieden, und huldige durchaus keinem Aber- 
witze, sondern das Gelindeste ist, dass ich ihn ignorire. -^ Jedoch 
um nicht zuviel zu theorisiren, da Dir ja auch meine Meinungen schon 
längst als solche bekannt sind und Dii bloss begierig bist, wie diese, 
auf die Praxis übertragen, sich wohl gestalten, erzähle ich Dir die 
Begebenheiten, die in Bezug auf meinen jetzigen Standpunkt sich 
zugetragen, von dem ersten Werden an bis jetzt ganz genau. — 
Hierher berufen, ohne dass ich mich im Geringsten um die Stelle 
beworben hätte, hatte ich den Vortheil, schon hierdurch ziemlich zu 
imponiren, so dass ich nun leichter zum Streben, mir die Liebe der 
Gemeinde zu erwerben, übergehen konnte, da die Achtung auf diese 
Weise schon ziemlich begründet war; und ich kann wohl sagen, dass 
ich beides in hohem Maasse besitze. Eine Gemeinde wie die hiesige, 
die sich selbst ihres Willens gar nicht bewusst ist, da sie wirklich 
keinen hat, und zu diesem Schritte bloss durch den Mangel eines 
geregelten Jugendunterrichtes im jüdischen Fache und durch den 
Antrieb des Herrn Dernburg in Mainz geleitet wurde, ist nun 
natürlich sehr leicht zu lenken, nur mit der Voraussetzung, dass man 
nicht geradezu ihre Vorurtheile, an denen sie so ungeheuer reich ist 
wie überhaupt eine jede Landgenieinde und die in ihrer Unwissenheit 
die unüberwindlichste Stütze finden, antastet, dass man sie im Gegen- 
theile mit Schonung und Achtung behandelt, aber sie nicht allein 



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— 75 — 

in der Jugend, die, so Gott will, kaum etwas davon erfahren wird, 
untergräbt, und hierin bin ich unablässig bemüht. Ich halte jeden 
Samstag Predigten, die mit dem grössten Enthusiasmus aufgenonunen 
werden und die ihnen zugleich Deutschsprachübungen sind, ich halte 
sie jeden Samstag, nicht bloss weil sie mir nicht die geringste Mühe 
machen, da ich sie durchaus nach immer kürzer werdenden Disposi- 
tionen halte, sondern auch und vorzüglich weil ich die Predigten als 
einen nothwendigen Theil des Gottesdienstes betrachtet wissen will, 
weil ich meine Gemeinde zum Geschmacke daran und an einem ver- 
nünftigen Gottesdienste erziehen wilL Trauungen nehme ich in der 
Synagoge vor und bevorworte oder vielmehr beantworte sie mit einer 
Predigt, die bei solchen Gelegenheiten noch weit mehr die Gunst 
des Publikums sich erwerben. Ich habe im Laufe meiner hiesigen 
Anwesenheit — und dies ist seit dem 21. November — schon sieben 
Predigten gehalten, sechs sabbathliche und eine bei einer Trauung, 
und noch ausserdem verflossenen Mittwoch, den 26. d. M., eine in 
Mainz auf Ansuchen des dortigen Vorstandes zur Feier des Geburts- 
tages des Grossherzoges, die einen stürmischen Beifall — wenn man 
von einer Predigt äo sagen kann — einerntete. Du glaubst nicht, 
wie mir das Predigen jetzt so leicht wird; mit einer Stunde Zeit 
zur Vorbereitung will ich Euch eine stundenlange Predigt halten und 
sie soll dem Wunsche der Zuhörer entsprechen (ich denke, Du wirst 
mich keiner Prahlerei anklagen; in freundschaftlichen Briefen ist sich 
frei zu äussern erlaubt). Ausserdeni aber ist es nun der Jugendunterricht, 
der mich sehr beschäftigt und der auch vollständig organisirt ist. 
Die hiesigen Kinder gehen, wie dies wenigstens in kleinen Gemeinden 
nicht anders sein kann und soll, in christliche Schulen und eä ist 
daher bloss der Eteligionsunterricht mit seinem bei uns gar mannig- 
faltigen Zubehöre, der einzurichten ist. Den hohem, d. h. den mehr 
systematischen habe ich selbst übernommen, alle die hebräischen Vor- 
bereitungssachen aber sammt biblischer Geschichte und Bibelsprüchen 
hat H. Flehinger, eigentlich ein badischer Kabbinatscandidat, der 
aber eine recht ehrenvolle Ausnahme von diesem Geschmeisse macht, 
der sich zufällig damals in Frankfurt aufhielt und mich zu meiner 
grossen Freude zugleich als Lehrer und Gesellschafter hierher be- 
gleitete, übernommen. An Baschi ist natürlich nicht zu denken, 
hingegen erlernen sie das Hebräische sprachgemäss, die üebersetzung 
der Gebete u. s. w. In einer kleinen Gemeinde ist ferner nun der 
Kabbiner nicht bloss dieses, sondern auch Vermittler in Privatstreitig- 



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— 76 ~ 

keiten, Anreger und Begründer wohlthätiger Verbindungen ^), kurz hier 
ist er im wahren Sinne Seelsorger, und dieses zu sein bestrebe ich 
mich mit aller Kraft und darf mir auch schmeicheln, schon Manches 
der Art beigetragen zu haben, was auch nebenbei zur Befestigung 
meines Ansehens sehr wohlthätig wirkt. — Aeusserliche Reformen 
kannst Du natürlich von hier aus nicht erwarten, sowie überhaupt 
die Umänderung der Form erst mit der Umänderung des diese her- 
vorrufenden und erhaltenden Geistes heilsam eintreten kann; freilich 
wirkt die Form auch wieder auf den Geist zurück, aber doch weit 
weniger und schwächer als dieser auf jene, da ja dieser jene noth- 
wendig nach sich zieht. Dies Verwerfen einer früheren Form oder 
die Annahme einer neuen, ehe der Geist eine andere Richtung erhalten^ 
wird immer den grössten Anstoss erregen, und dies ist es eben, 
worin mir es die reformirenden Rabbiner Baiem's versehen zu haben 
scheinen. 



15. 
An S. Frensdorff. Wiesbaden, 25. Januar 1833. 

Preussens Benehmen gegen die Juden würde ungeheuer viel und 
auch vorzüglich hier zu Lande einwirken, da es allen deutschen 
Fürsten und Regierungen, die doch auch sagen wollen, dass sie mit 
dem Geiste der Zeit fortschreiten und doch die liebe Herrschaft sich 
nicht gerne aus der Hand winden lassen wollen, als Muster dasteht. 
— Die neuesten Blätter von Riesser [„Der Jude*] sind sehr inter- 
essant; vorzüglich ist ein Aufsatz von St ein heim höchst lesenswerth. 
Dieser zeigt sich hierdurch nicht bloss als gemüthlicher Dichter, 
sondern auch als gründlicher, geistvoller Denker. — Jost's neueste 
„Geschichte des irsaelitischen Volkes* in zwei Bänden, die nicht als 
Auszug seines grösseren Werkes zu betrachten ist, da sie mit dem 
Beginn der Geschichte anföngt und bis 1830 fortgeführt ist, auch 
überall neue Forschungen angestellt sind, habe ich mir gekauft und 
sie sagt mir im Ganzen recht sehr zu. Der Ton ist würdig und 
ruhig, die Sprache verständlich und gefeilt, so dass man einen sehr 
erfreulichen Fortschritt in seinen Leistungen bemerkt. — - Offen gesagt 
kommt mir jetzt meine Schrift [oben S. 70] ziemlich entbehrlich vor, 

[Im J. 1835 begründete G. einen isr. Männerkrankenverein, der 1860 bei 
der Feier seines 25 jährigen Bestehens sich mit einer Glückwünsch- und Dankdepesche 
an G. wandte.] 



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— 77 — 

ohne welche die Welt sehr gut glücklich und fruchtbar werden könnte^ 
Trotzdem will ich sie herausgeben, aber nur ala ein Zeichen, dasä 
ich einmal fleissig gewesen bin und dass ich, wenn ich fleissig sein 
will, auch etwas nicht ganz Schlechtes iu Tage fördern kann* 



16. 
An Hn. J. Dernburg in Bonn. Wiesbaden, 19. Februar 1833. 

Ich bin wirklich ein recht sonderbarer Mensch, aber diese Sonder- 
barkeit ist so sehr in mein ganzes Wesen verflochten, dass sie mir 
noch manches Unangenehme bereiten wird. Ich thue mir immer in 
Bezug auf öffentliche Wirksamkeit zu wenig; daher ein beständiges 
Drängen und Treiben schon auf der Universität, dem dazu gar nicht 
geeigneten Orte, daher auch jetzt meine Unzufriedenheit mit mir. 
Ich darf aufrichtig sagen, dass ich so viel thue, als in meinen 
Kräften steht; ich predige jeden Samstag, und zwar, wie ich schpn 
aus manchen Beispielen erfahren, mit gutem Erfolge, ich gebe täglich 
Beligionsunterricht und dies auch gewiss zum besten Frommen der 
Kinder, ich beaufsichtige das übrige jüdische Schulwesen mit Ge- 
wissenhaftigkeit, ich repräsentire überall die Gemeinde so würdig wie 
möglich T ich greife überall zu, in Angelegenheiten der Gemeinde 
mit der Begierung, in Privatverhältnissen, kurz ich thue mein Mög- 
lichstes — : aber auf der anderen Seite sehe ich auch noch eine 
solche Masse von Missbräuchen, ich muss so Vieles, wenn auch bloss 
durch Stillschweigen, billigen, was ich recht bitter tadeln möchte, 
ferner ist Alles so kleinlich, wohin ich wirken kann, dass ich mir 
dennoch gestehen muss: viele Mühe für geringen Erfolg. 



17. 
An S. B. Hirsch. Wiesbaden, 24. März 1833. 

Dass sich auch eine gewisse Bangigkeit in diese Freude mischt 
[in die Freude über Geiger's Anstellung] — wer wollte Ihnen 
dies verargen. Wer nicht von jener kalten, blassen und leblosen 
Gleichgültigkeit ergriffen ist, wer auf das religiöse Leben nicht mit 
jener superklugen Verachtung hinabsieht und dasselbe nicht als die 
schönste Blüthe, sondern als eine Aeusserung der Schwäche dea 
menschlichen Herzens betrachtet — wie sollte der gleichgültig sein 
darüber, wie und auf welche Art gewirkt wird? Der möchte noch eher 



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~- 78 — 

mit Ruhe, wenn auch mit Verdruss, auf jene Nichtsthuer, die Alles seinem 
eigenen Entwicklungsgang gehen lassen, hinsehen ; aber von solchen, 
deren kräftiger Willen ihm bekannt ist, möchte er gerne auch zuerst 
die feste Zusicherung haben, dass sie nach dem Wahren wirken, 
nicht gewaltsam ausreissen, nicht gewaltsam erhalten, nicht gewaltsam 
aufbauen. Ob jedoch diese Bangigkeit nicht zu weit bei Ihnen geht, 
ob sie nicht zu einem unüberwindbaren Misstrauen führt, ob Sie nicht 
zu sehr auf die Richtigkeit Ihrer Ansicht pochen und die Anders- 
gesinnten geradezu als schlechte Hirten verwerfen, möchte ich Ihnen 
zu bedenken geben. Schön ist es für seine Ansicht kämpfen, schön 
ist es, wenn des Menschen Geist und Gemüth so verschmolzen ist, 
dHss seine Gedanken auch zugleich seine Gefühle sind und jeder 
Zwiespalt in ihm ausgesöhnt ist, löblich ist es, den Leichtsinnigen und 
Willensschlechten, die sich in die Wirksamkeit eindrängen, die Larve 
zu entreissen und ihnen ihre Gehaltlosigkeit oder ihren, hinter Ver- 
breitung des Guten versteckten Eigennutz zu zeigen; aber überall, 
wo ein reiner, guter Willen entgegenkommt, da heisse ich ihn 
willkommen; ist ja unser Aller Endziel eines, so denke ich dann, 
wollen wir Alle ja das wahre Gute befördern, ist es ja ein ernstes 
Streben, das von ernstem Sinn und religiösem Gemüth herstammt, 
und da wird auch das wahre religiöse Gefühl geweckt, genährt und 
gestärkt werden. Mag die Richtung auch gar oft eine verschiedene 
sein, ist nur jenes begründet, was die einzig wahre Richtung ja erst 
erzeugen muss, so wird auch diese folgen. Dass ich im wirksamen . 
Leben Jenem näher stehe, der in seinem ernsten Bemühen auch zu- 
gleich meine Ansicht theilt, der dasselbe nächste Ziel im Auge hat, 
dieselben Mittel zur Erreichung desselben anwendet — wie wäre dies 
anders möglich? Die Wirksamkeit des Andern, der mit rüstiger 
Kraft, jedoch nicht mit gleichen nächsten Absichten, handelt, be- 
merke ich mit Betrübniss, sowie ich den Freund bedaure, für den 
nicht auf die gerechte Weise gesorgt wird, nicht wegen der Schlech- 
tigkeit, sondern der Kurzsichtigkeit des Fürsorgens, aber hege dann 
doch die unerschütterliche Hoffnung, dass, irgend ein Gutes aus dieser 
Sorgfalt entspringt, wenn auch gerade nicht das gewünschte. So sehr 
mir auch meine persönliche Ueberzeugung nicht blosse Verstandes- 
sache, sondern innig verwachsen mit meiner Persönlichkeit ist, so 
sehr ein entgegengesetztes Streben mich manchmal recht sehr kränkt, 
80 bleibt mir doch immer dieser Trost: es entspringt Gutes aus dem 
guten Willen. Aber Jene, die mit verruchtem Leichtsinn sich an 



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- 79 -- 

das Erhabenste wagen, die mit bodenloser Schlechtigkeit und mit 
schlau berechnendem !^igennutze das Heiligste zur Sicherstellung ihres 
kleinlichen Vortheils entweihen, diese möchte ich mit scharfer Geissei 
züchtigen. — Dass jetzt die Jugend zu Stellen des reifen Alters be- 
rufen wird, Freund, es ist wahr, es hat manches Betrübende, und 
vorzüglich dies, dass Leute des reifen Alters so ganz und gar nicht 
dazu taugen; aber hingegen ist die uneigennützige Hingebung auch 
in diesem Alter gerade zu finden. Noch voll von seinem Streben 
und mit ganz ungeschwächter Eraft geht er jetzt an's Werk, von 
dessen Hindernissen nicht überwältigt zu werden das lebendige Feuer 
der Jugend, mit der Bedächtigkeit des Mannes gepaart, nöthig ist. 
Glauben Sie mir, dass auch ich mich ernstlich geprüft und mich 
vorzüglich gefragt, ob mir diese zwei unerlässlichen Bedingungen 
nicht fehlen; da ich sie nicht ganz vermisst habe, nahm ich freudig 
den Ruf an , der mir geworden ; wenn ich daher gewiss auch nicht 
mehr Recht zur Beseitigung des Misstrauens gegen mich habe als 
Sie, so ist es^doch die Verschiedenheit der Ansicht, die mir diesen 
Schritt leichter machte als vielleicht Ihnen, ich war mir eines guten 
Willens bewusst, hatte mir einen Weg vorgezeichnet, und nun sollte 
ich prüfen, ob die Wirklichkeit alle meine Hoffnungen nicht Lügen 
strafe. Und, Gottlob, sie straft sie nicht Lügen! Ich glaube, die 
wenigen Monate nicht unnütz hier zugebracht zu haben, und wenn 
auch in unscheinbaren Keimen und im winzigen Kreise alle Hoff- 
nungen noch vergraben liegen, so hege ich doch die Hoffnung, dass 
die Keime bei gehöriger Pflege, die ich gewiss nicht unterlassen 
werde, hervorsprossen und auch Blüthen und Früchte an's Tageslicht 
fördern. Sie sagen vielleicht: ja, wer mit so vielem Leichtsinn an 
die Sache geht, wer ein so grosses, sich überschätzendes Selbstver- 
trauen mitbringt, der wird natürlich auch überall Resultate seiner 
Wirksamkeit zu sehen glauben. Sie würden mich sehr falsch be- 
urtheilen, wenn Sie dieses dächten. Leichten, fröhlichen Sinn habe 
ich, Gott sei Dank, aber wo es dem Ernst gilt, bleibt dieser nicht 
aus; selten mag es auch Einen geben, der nrit einem grösseren, 
inneren Misstrauen gegen sich verfährt, wenn auch dieses nicht immer 
äusserlich sich darstellt; und was die schmeichelhaften Vorspiege- 
lungen betrifft, die ich mir von den Erfolgen meiner Bemühungen 
mache, so giebt es gewiss wenig nüchternere Menschen als ich bin, 
die sich nicht einbilden, das' Wort müsse in das Herz gedrungen 
sein, die Lehre müsse gewirkt haben. 



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80 



18. 
An Salomon Geiger. Wiesbaden, 19. April 1833. 

Hast Du Dr. Levi's Schriftchen: ,, Beweis der Zulässigkeit des 
deutschen Choralgesangs mit Orgelbegleitung bei dem sabbathlichen 
Gottesdienste der Juden" gelesen? es ist in einem sehr würdigen, 
wissenschaftlichen Tone geschrieben und scheint mir die Zulässigkeit 
unzweifelhaft und unwiderlegbar darzuthun. Aber was hilft es? So 
lange diejenigen Leute, denen man Zutrauen schenkt, sich gleich- 
gültig für jede neue gute Einrichtung oder gar feindlich gegen die- 
selbe zeigen, so lange kann wenig gewirkt werden; denn die jungen 
Rabbiner geniessen das Zutrauen bloss so lange, als sie Alles hübsch 
beim Alten lassen. Das ist eine schöne und würdige Aufgabe jener 
unabhängigen, als fromm anerkannten Gelehrten, dass sie durch ihre 
Unterstützung des Guten das Böse desto kräftiger abweisen können. — 
Uebrigens darf man weder Orgelbegleitung, noch deutsches Gebet zu 
dem äusseren Aufputz des Gottesdienstes rechnen, es sind vielmehr 
Einrichtungen, die über kurz oder lang zur Ausführung kommen 
müssen und fast allein fähig sind, die aus allen Synagogen ge- 
schwundene Andacht wieder zu erwecken und die in ihnen eingerissene 
gröbliche Unprdnung und höchste Unangemessenheit des Betragens 
zu verbannen. 



19. 
An M. A. Stern. ' Wiesbaden, 6. Mai 1833. 

Seit meiner Wirksamkeit , als Rabbiner darf ich mir .wohl das 
Zeugniss geben, als solcher mit angestrengter Thätigkeit und manchem 
recht guten Erfolge gearbeitet zu haben, muss aber auch gestehen, 
dass in wissenschaftlicher Hinsicht mein Pleiss nicht dena in früherer 
Zeit gleichkommt. Mangel an Umgang und das Eingehen in klein- 
liche Verhältnisse, das mir als Seelsorger der beschränkte Sinn meiner 
Gemeinde auferlegt, mögen vorzüglich dies herbeigeführt haben; aber 
schon gilt dieser mir selbst gemachte Vorwurf von der letzten Zeit 
bei Weitem nicht so sehr wie von der ersten Zeit meines Hierseins* . 
Meine Preisschrift ist unter der Presse; sie wird 14 bis 15 Bogen 
stark, wovon jetzt 9 gedruckt sind, und sie wird bis Anfangs Juli 
beendigt sein. Ein anderes kleines Schriftchen, das mehr eine praktisch- 



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— 81 -- 

theologische Tendenz hat, beschäftigt mich jetzt ebenfalls, worüber 
ich Dir aber noch nichts Näheres sagen kann. Noch zwei Plane 
geben mir durch den Kopf. Zuerst möchte ich eine wissenschaftlicb- 
jüdiscb-theologische Zeitschrift gründen, die keiner bestimmten theo- 
logischen Ansicht huldigen soll, im Gegentheile für eine jede wissen- 
schaftliche Verfechter aufzeigen soll; ich denke, wenn ich erst 
einmal literarisch bekannt bin , eine hinlängliche Anzahl Mitarbeiter 
zu finden, ich würde Dich zur Theilnahme einladen, wenn ich hoffen 
dürfte, dass Du diesen Studien nicht gänzlich den Bücken gewandt. 
Ein anderer ist, die jüdischen Philosophen mit Anmerkungen und 
üebersetzung herauszugeben, an welche sich dann noch viele andere 
in der Zukunft reihen. Meine praktische Laufbahn freut mich sehr, 
Einzelheiten sind nicht viele mitzutheilen, da sie zu sehr lokal und 
oft zu kleinlich sind, aber ich glaube, dass ich auf alle Klassen 
einen sehr heilsamen Einfluss übe, den jüngeren Leuten den Sinn 
erwecke und die Jugend zu vernünftigen, guten Menschen heranbilden 

werde In der jüdischen Literatur sind zwei sehr be- 

merkenswerthe Werke erschienen: Jos t 's (neue) „Geschichte des 
israelitischen Volkes^ in 2 Bänden, die das frühere Werk sowohl in 
der Zeitdauer (da es die biblische Geschichte, und dies sehr lichtvoll 
und von echt historischem Standpunkte aus, enthält und die spätere 
bis auf unsere Tage fortführt), als auch in gehaltenem wissenschaft- 
lichen Tone und gefeilter Sprache übertrifft; ferner des höchst ge- 
lehrten Zunz: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Israeliten, histo- 
risch entwickelt*, aus welchem Titel man aber doch nicht die herrlich 
geordnete Fülle darin ausgebreiteter Gelehrsamkeit ahnen kann. 
Letzterer ist gewiss der bedeutendste jüdische Gelehrte unserer 
Zeit. Auch Dr. Herxheimer [in Bernburg] hat ein kleines gutes 
Schriftchen über die israelitische Schule geschrieben, obgleich ich 
seine Ansicht nicht vollständig theile. 



20. 
An Grünbaum. Wiesbaden, 31. Juli 1833. 

Dass ich mich im Besitze meiner Emilie glücklich fühle, dass 
mich bloss dieser Gedanke auch trotz Manchem, was mich mit Recht 
hätte abhalten können, zu dieser Verbindung angetrieben hat, — was 
brauche ich Dir dies weitläufig mitzutheilen? Bei meinem damaligen 
Aufenthalte in Bonn [oben S. 42] war ich auch so ganz in Liebe auf- 

Geiger, Schriften. V. ß 



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— 82 — 

gegangen, dass er mir weiter Nichts brachte und ich kaum etwas 
Anderes hiervon zu berichten hatte, ich ging mit den Freunden 
wenig um, sie hatten sich über manche Vernachlässigung von meinm: 
Seite zu beklagen, die sie aber nachsichtsvoll vergaben. Meine Emilie 
ist ein gar liebes, zartes, einfaches Mädchen, das ganz in mir lebt, 
und dessen ganze Denk- und Empfindungsweise sich der meinigen 
anbequemt, anders — nenne es Egoismus, aber ich besitze ihn nun 
einmal — hätte ich auch niemals lieben können; die Art und Weise, 
wie meine Verbindung sich jetzt entwickelte, da ich in gar keiner 
Liebesberührung mit Emilien stand, mag dem Freunde zu wissen 
allerdings gB.m interessant sein, obgleich die Sache dadurch jetzt 
gar nicht geändert wird, aber es sind zu viele, noch dazu mannig- 
fach zu erklärende Einzelheiten, die also einem einstigen Wieder- 
sehen aufbewahrt sein mögen ...... Der Moreh-Nebuchim-Plan 

liegt weit in der Ferne, eigentlich ist er so: Frensdorff, Dern- 
burg und ich haben uns verabredet, die jüdischen Philosophen ins- 
gesammt herauszugeben, ganz gemeinschaftlich; ich habe die Be- 
daction des Moreh-Nebuchim zuerst übernommen, wo aber dann doch 
gemeinschaftlich Alles behandelt werden müsste, jedoch habe ich bis 
jetzt noch nicht einmal etwas angefangen. Ich habe neulich Frens- 
dorff geschrieben, der Plan solle so gemacht werden: wir drei und 
du sollten die gemeinschaftliche Redaction aller Werke besorgen, 
ich arbeite den Moreh-Nebuchim, Frensdorff den Kusari, Du die 
Milchamoth-Adonai, Dernburg den Emunoth wedeoth, unter unserer 
Aufsicht ferner Uli mann den Choboth halvovoth, Flehinger, der 
unterdessen hier bei mir lebt, den Ikarim ; ich habe noch keine Ant- 
wort darauf. Munk in Paris will den Moreh-Nebuchim arabisch 
herausgeben, mit einer Uebersicht der damaligen Philosophie; ich 
werde suchen ihn auch in unseren Kreis zu ziehen. Weiter brauchen 
wir aber keinen. 



21. 
An Dr. L. Zunz in Berlin. Wiesbaden, 12. August 1834. 

Es freut mich sehr, Ihnen nun die Ankündigung ^) meiner Zeit- 
schrift zuschicken zu können, und ich hoffe, dass Sie mit dem Geiste, 
der in ihr herrschen soll, zufrieden sein werden. Ich habe die Un- 



•) [Sie war in einem Briefe vom 13. Oktober 1833 in Aussicht gestellt worden.] 



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J 



—. ß3 — 

Parteilichkeit, die sie behaupten soll; indem sie als Dienerin der Wissen- 
schaft auch eine jede Auffassungsweise derselben vertreten muss — wie 
ich dies, freilich etwas zu stark, in meinem Briefe von Bonn [s. oben 
S. 39] aus Ihnen auseinanderzusetzen die Ehre hatte — nicht genugsam 
hervorgehoben, den dringenden Vorstellungen mehrerer Freunde, die 
für das Aufkommen derselben fürchteten, nachgebend, werde aber 
als Herausgeber, freilich nicht als Mitarbeiter, diese mir zum Ge- 
setze machen Zugleich folgt aber meine nochmalige er- 
gebenste Aufforderung, nun aus Ihrem reichen Vorrathe Manches aus- 
arbeiten zn wollen, damit ich mit solchen gediegenen Arbeiten würdig 
die Zeitschrift eröffnen könne. Wollten Sie nicht vielleicht manches 
Wichtige aus handschriftlichen, Ihnen zu Gebote stehenden Werken, 
auch aus Ihren karäischen Manuscripten Einiges, mittheilen? Mein 
projectirtes Wörterbuch soll sich seinem Plane nach über die Mischnah 
erstrecken, die anderen älteren Werke scheinen doch wohl in ihrer 
Sprache schon eine etwas spätere Färbung zu haben ; es könnte sich 
diesem etwa ein Wörterbuch über die Baraithas anschliessen. Auch 
steht die Mischnah an Bedeutsamkeit den anderen Werken zu sehr 
vor, als dass sie nicht eine gesonderte Behandlung verdienen sollte. — 
Die Anzeige über Ihr ganzes Werk, sowie dann eine besondere des 
ö. Kapitels, werde ich nun für die Zeitschrift versparen, weil ich hier 
mit grösserer, dieser wichtigen Erscheinung entsprechenden Ausführ- 
lichkeit referiren kann Und Rapoport will eine hebräische 

Zeitschrift redigiren? Eine so grosse Verehrung ich vor diesem 
.würdigen, scharfsinnigen und geistvollen Gelehrten habe, und so sehr 
ich mit Begierde Alles lese, was von ihm kommt, so habe ich 
4o<5h gegen dieses Unternehmen sehr viele Bedenken. Warum denn 
hebräisch, so dass ein so beschränktes Publikum mit den dortigen 
Verhandlungen bekannt gemacht wird, so dass kein freisinniges Wort 
der Feder entschlüpfen kann, so dass ästhetisches Geschreibsel von 
den Herren Bernhard Schlesinger u. Comp, eindringt und verwässert? 
Ich werde mich an diesen hochzuverehrenden Mann ebenfalls wenden 
und ihn zur Theilnahme an meiner Zeitschrift zu bewegen suchen. 
Und Sie erlauben gewiss auch die Frage, was Sie dazu bewogen hat, 
Ihr Buch vollständig in*s Hebräische zu übersetzen? Denken Sie 
vielleicht an Polen? Ich glaube doch, bei diesen Leuten muss erst 
durch die Grundlage der Elementarbildung die Binde, die sich um 
Herz und Geist gelegt hat, gesprengt werden; auch sie müssen den 
.Durchgangspunkt der Aufklärung erst haben, ehe sie der wahrm 

6* 



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— 84 — 

Wissenschaft entgegen reifen, und wer nicht auf diesem Standpunkte 
steht, der begreift Ihr Buch nicht und weiss es auch nicht zu 
würdigen. — 

Was meinen Maimonides betrifft, so habe ich mich vielleicht in 
meinem Vorigen etwas unvorsichtig ausgedruckt; das Werk soll 
eigentlich eine Darstellung der Wirksamkeit des Maimonides ent- 
halten, da ich ihn aber als den Höhepunkt des Mittelalters betrachte, 
in dem das ganze Gebiet des Judenthums, sowohl in thalmudischer 
als philosophischer Beziehung, vereinigt war, so werde ich nicht eine 
nackte Biographie geben können, sondern werde ihn grösstentheils als 
eines der bedeutendsten geschichtlichen Momente in der Entwicklung 
des Judenthums darstellen, und so auf die Vorzeit, wie dasselbe sich 
bis auf Maimonides gestaltet hatte, einen Bückblick zu werfen haben, 
so wie auch nachweisen müssen, wie bedeutend dieses Mannes Ein- 
fluss auf die Folgezeit, bis auf unsere Tage herab, war. 

In meiner Nähe, geehrtester Freund, ist gerade keine besonders 
beträchtliche hebräische Bibliothek, in Frankfurt ist Vieles, namentlich 
hat B. Aren Fuld eine schöne Sammlung, sowie dieser Mann durch 
seine umfassenden Kenntnisse im Thalmudischen, die sich nicht auf 
das rein Gesetzliche beschränken, sehr interessant ist, aber etwas 
unbrauchbar wird durch Verworrenheit im Denken und krass orthodoxe 
Ansichten, üeberhaupt ist in Frankfurt eine grosse Intelligenz ver- 
breitet und viel Sinn für die hebräische Literatur; hingegen Ihnen 
Männer namhaft zu machen, die sich recht ex professo mit dieser 
beschäftigen und für sie interessiren, wüsste ich nicht. Aufmerksam 
muss ich Sie hingegen machen auf zwei vortreffliche junge Männer, 
die Herr Dr. Jost bei seinem kurzen Aufenthalt in Bonn kennen 
gelernt hat: auf meinen Freund J. Dernburg aus Mainz, der bald 
mit einer Schrift über die Uebersetzungen des Saadias auftreten wird, 
und auf meinen Freund Freund S. Frensdorff, einen würdigen, 
kenntnissreichen jungen Gelehrten aus Hamburg, der allerdings etwas 
Anhänger von Bernays ist. 



22. 

An d. Vorst, d. isr. Gem. zu Gothenburg. Wiesbaden, 8. März 1835. 

Mit Gott! Indem ich an Sie mich wende, hochgeehrteste Herren, 
befinde ich mich in einer nicht geringen Verlegenheit. Ich will mich 
bei Ibnen melden wegen der Besetzung eines Amtes, dessen bedeu- 



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— 85 — 

tenden Umfang sowohl, als dessen grosse Pflichten ich wohl kenne, 
von dem, als dem heiligsten Ziele meiner Wünsche, ich mir ein 
Ideal gebildet habe, das nur von ferne erreicht zu haben, ich mir 
keineswegs schmeichle, das je zu verwirklichen mir vielleicht — nie 
gelingen wird. Von weiter Ferne aus trete ich zu Ihnen, Ihnen wohl 
gänzlich unbekannt, und dennoch soll ich es wagen, mir Ihr gütiges 
Vertrauen zu erbitten. Wer weiss, ob in dem jetzigen Strudel der 
Zeit, wo die Extreme wild einander bekämpfen, meine Ansichten, die 
mir Pflicht und Gewissen und sorgfältiges Nachdenken eingegeben, 
auch Ihnen zusagen werden, und dennoch soll ich es wagen, die 
Bitte an Sie zu richten, mich als das Organ Ihrer religiösen Deber- 
zeugungen aufzunehmen! Sollte nicht der junge Mann, der kaum 
fünfundzwanzig Jahre zählt, Ihnen für die Würde des Amtes vielleicht 
unangemessen scheinen? Und darf ich es gestehen, dass der Ge- 
danke an die Trennung von der Gegend, innerhalb welcher meine 
Tage bis jetzt dahin geflossen sind, meine Gesinnungen sich aus- 
gebildet haben, an welche alle meine Erinnerungen sich knüpfen und 
über welche hinaus noch vor wenigen Tagen meine Wünsche sich 
nicht erstieckt hatten, — die Trennung von einem Wirkungskreise, 
der, so klein er ist, mir in einem Zeiträume von zwei Jahren und 
drüber lieb und theuer geworden ist, dem ich, wenn mich meine Hoff- 
nungen nicht völlig täuschen, manchen Segen zugeführt habe, und 
selbst die Trennung vom deutschen Vaterlande, das, so wenig es auch 
den Juden bietet, ^och durch seine reiche wissenschaftliche Bildung 
mir so unendlich werth ist, dass diese Gedanken mich recht weh- 
müthig stimmen? 

Solche Betrachtungen hatten mich auch bis jetzt abgehalten, 
meine Meldung an Sie, hochgeehrteste Herren, abgehen zu lassen; 
aber nunmehr kann ich den Ermunterungen meiner Freunde nicht 
widerstehen. Der hochgeschätzte .Herr Eller hat sich meiner freund- 
lichst erinnert und mich bei Ihnen in Anregung gebracht; ich be- 
trachte ein Solches, das ganz ohne mein -Wissen geschah, als einen 
Fingerzeig Gottes, der es vielleicht in der Fremde besser mit mir 
vorhat und auch mir zuruft gleich unserem Stammvater: •jb ^b 
-]>3« n^ZOl ^mb1DD1 ll^nxD, ich kenne die Anforderungen, die 
iSie an den Mann, dem Sie die Ehre Ihres Babbinats zudenken, 
stellen, nicht genau, jedoch hoffe ich, dass sie wohl diejenigen, die 
ich an mich selbst mache, die ich freilich nicht vollkommen erfüllen 
kann, denen ich aber treulich nachstrebe, nicht übersteigen werden. 



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— se- 
lch habe mich, seitdem ich meinen Beruf in meinen Vorbereitungs- 
jahren klar vor Augen habe, nicht bloss als einen Rabbiner der alten 
Zeit, einzig und allein dem Entscheiden in Gewissensfragen geweiht, 
ebensowenig bloss als einen Prediger oder Religionslehrer betrachtet, 
sondern, soweit es meine Kraft vermochte, diesem dreifachen Auf- 
trage des Standes zu genügen versucht. So versorgte ich daher da» 
herkömmliche Fach des Rabbiners, predigte jeden Samstag, gab 
selbst ausser dem Confirmandenunterrichte sechs wöchentliche Stunden 
im höheren Religionsunterrichte und besuchte die israelitische Reli- 
gionsschule, die ein von mir angestellter Lehrer unter meiner Auf- 
sicht zu besorgen hat, fleissig; und ich darf mir schmeicheln, dass 
ich mir die Liebe und Achtung meiner Gemeinde, sowie die wohl- 
wollendste Gesinnung von Seiten meiner Behörde erworben habe. — 
Sie wollen wohl auch Etwas über meine theologische und wissen- 
schaftliche Befähigung erfahren; ich hoffe, billige Wünsche durch die 
Zeugnisse, die mit diesem Briefe zugleich durch den Packwagen ab- 
gehen werden, zu befriedigen. Ich würde diesen gerne auch die 
Preisschrift, deren in einem derselben Erwähnung geschieht, beilegen, 
vielleicht ist es Ihnen möglich, hierüber die recht günstigen Urtheile 
des Herrn Professor Ewald in Göttingen in den „Göttingischen ge- 
lehrten Anzeigen", 1834, No. 44, und des Herrn Professor Hartmann 
in Rostock in der „Allgemeinen Kirchenzeitung**, 1835, No. 9 u. 10 
sich zu verschaffen. Ich muss sowohl dieses, als auch einige Auf- 
sätze in einer pädagogischen Zeitschrift, die 1831 erschienen, sowie 
eine kleine sprachliche Abhandlung, die im Jahre 1834 erschienen 
ist^), zurücklassen wegen des Porto's. — Vielleicht ist Ihnen jedoch 
die Ankündigung einer wissenschaftlichen theologischen Zeitschrift 
bekannt geworden, die ich in Verbindung mit mehreren jüdischen 
QelArten herausgeben werde, und von der, so Gott will, das erste 
Heft nun sehr bald erscheint. • 

Es ist eine traurige Noth wendigkeit, in einem Sollicitations- 
schreiben an Männer, deren Bekanntschaft man nicht geniesst, über 
sich mehr sprechen zu müssen, als es wohl einerseits das Selbst- 
gefühl, als auch andererseits die Schwäche der Leistungen, als blosser 
Versuche, gestatten möchte. Aber da ich mich einmal entschlossen 
habe, diesen Schritt zu thun, so will ich ihn auch so thun, dass 
dieser eine Brief Ihnen vollkommen sagen möge, was ich zu leisten 



') [üeber beide s. o. S. 38 u. S. 39, A. 2] 



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- 87 — 

föhig und Willens bin. Ich mnss daher bemerken, dass vielleicht 
die Herren DD. Salomon und Kley in Hamburg, welche mich 
mit ihrer Freundschaft beehren , Ihnen einige Auskunft über mich 
geben möchten, vielleicht auch mehrere Herren daselbst. Herr 
Dr. Wolff in Kopenhagen kannte mich in früherer Zeit recht gut; 
ob er sich noch meiner erinnert, kann ich nicht bestimmen. 

So habe ich Ihnen denn, hochgeehrteste Herren, offen und frei- 
müthig Alles dargestellt, wie ich es denke und fühle; sollten Sie 
nach reifer Erwägung gefunden haben, dass ich ein Mann bin nach 
Ihrem Sinne, so möge Gott seinen Segen dazu geben, wo nicht, so 
lassen Sie es mich denn gefälligst bald wissen. 



23. 

An M. A. Stern. Wiesbaden, 31. März 1836. 

...'.. Zunz wird jetzt sehr fleissig an der Zeitschrift mit- 
arbeiten, und ich freue mich dieser gediegenen Arbeiten sehr. Er 
steht mit mir auf einem ausserordentlichen Pusse, was bei dem sonst 
etwas schroffen Manne viel sagen will; er hat nun auch eine Re- 
cension über Sachs' Pdalmenübersetzung eingesandt, in welcher er 
ganz den rechten Ton trifft [a. den folgenden Brief]. Ich hatte ihm 
geschrieben, dass wir den kecken Ton und das, wie es scheint, 
beabsichtigte Cliquenwesen desavouiren müssen, und er thut dies auf 
schonende und immer anerkennende Weise. Du hast wohl auch die 
Recension in der Jenaer Literatur-Zeitung über dieses Buch gelesen ; 
solche Radomontaden habe ich noch nie gesehen. Mir scheinen 
Fürst, Delitzsch und Sachs, und auch Arnheim in Glogau 
sich verbunden zu haben, um einander auszuposaunen. Wenn die 
Leute — Delitzsch ist Christ und Schüler Fürst's — keine Juden 

wären, so kümmerte es mich nicht; 'aber so missfilllt es mir 

Die Leute stellen sich alle in gutes Einvernehmen zu mir; Sachs 
hatte mir, obgleich er Zunz* Versprechen für eine Recension in der 
Zeitschrift hatte^ seine Uebersetzung zugeschickt, und ich habe ihm 
ganz offen meine abweichenden Ansichten mitgetheilt und auch ge- 
glaubt, sie in Bd. II. S. 202 ff. andeuten zu müssen. Ich habe ihm 
nicht gehuldigt und glaubte nun schon, dass er Nichts mehr von 
mir wissen wolle; aber da meldet mir mein Zunz, dass er mich 
grüssen lasse und nächstens etwas Exegetisches einsenden werde. — 



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-- 88 — 

Fürst giebt ausser der Concordanz auch noch die üebersetzung von 
Daniel, Esra, Nehemia heraus; hat Ewald nicht Becht, ihn einen 
Vielschreiber zu nennen? Er ist mit Frensdorff, der die Heiden- 
heim'sche Concordanz zur Bearbeitung besitzt, in Unterhandlung ge- 
treten ; ich weiss nicht, wo die Sachen halten. Mache ich überhaupt 
so kein Wesen aus dieser Concordanz und kann ich auch meinen 
Theil Schande, die sie mir, als einem Gliede der wohllöblich deutschen 
Judenheit vermachen soll, mit vollem Gleichmuthe tragen: so halte 
ich auch Fürst in diesem Punkt nur sehr wenig gewachsen, und 
Frensdorff ist etwas langsam. — Mit Steinheim 's Offenbarung hast 
Du Becht, wenn auch nicht mit dem Stile, der im Gegentheile, die 
Charlatanerie abgerechnet, Schönheiten hat; Du wirst mit dem ersten 
Artikel, einer Becension in diesem Hefte von Herrn B. H. [Jakob 
Auerbach] gewiss vollkommen zufrieden sein [W.Z. IL S.359 — 367], 
Aber irre bist Du, wenn Du meinst, Steinheim flüchte sich als Dichter 
in das alte Judenthum. Gottlob, wir haben es so weit in der 
Schlemihligkeit gebracht, dass kein Denkender und Fühlender, wenn 
er einmal aus derselben herausgekommen, trotz aller Sehnsucht und 
allem Schmerze über Kahlheit und Zweifel, sich wieder da hinein 
finden kann. Poetisch kann das alte Judenthum nur dem sein, der 
es in einem daran hängenden Gemüthe anschaut, in dem subjectiven 
Glauben, der überall Poesie ist; aber die objective Gestalt desselben, 
Ansichten 4ind Aeusserungen im Leben, können nur abstossend wirken 
bei einem poetischen Gemüthe, und deshalb haben wir auch nicht 
im Geringsten die Folgen einer mittelalterlichen Bomantik zu furchten. 
Bei uns kann bloss der Kampf Genüge leisten, niemals die Rück- 
kehr. Wohin der Kampf führt, danach frage ich für jetzt noch nicht 
sehr viel; die Auflösung der einzelnen beschränkten, durch Schmutz 
aneinander gekitteten Massen muss der durch Wahrheit zu voll- 
ziehenden Einigung der grösseren Massen vorangehen, nur muss bei 
dieser Auflösung doch immer die Würde des Menschen und seine sitt- 
liche Kmft nicht untergraben werden, indem sie gerade, nicht die 
sogenannte Entgötterung der Natur und das darauf basirte Streben 
nach Behabilitation des Fleisches, ein aus dem Kampfe gegen 
pietistisch-christlichen Unsinn, aus niedrig sinnlicher Gier und dem 
Bewusstsein, dass die Stützen für unsg'e Zustände fehlen und daraus 
herfliessendem voreiligen Bemühen, eine Grundlage aufzustellen, den 
Kampf zu führen hat, weil man sie durch unwürdige Fesseln 
und gedankenloses Glaubens- und Thunsgebot an ihrer Entfeltung 



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gehindert hat. Billige ich die Ursachen des sogenannten jungen 
Deutschlands daher vollkommen, erkenne ich seine Sehnsucht an, so 
sind mir die Tendenzen seiner Bepräsentanten , die mit einer geilen 
Wuth gegen die Ehe hergefallen sind, mit einer wahrhaft satanischen 
Schadenfjfeude, wie z. B. in der Wally, alle edlen Gefühle der 
Menschenbrust verleugnet und zersetzt haben und sie als ein- bloss 
niedriges Ergebniss menschlicher Schwäche und Beschränktheit hin- 
gestellt haben, durchaus zuwider. — Ich glaube noch, dass die 
Frauen am besten unsere Lage charakterisiren und begreifen können, 
und soviel ich von der Bahel durch Mundt's Becension in den 
Berliner Jahrbüchern erfahren habe, so begriff diese sehr wohl die 
Unbehaglichkeit der Zeit, üebrigens wirst Du aus dem ersten Auf- 
satze des neuesten Heftes, namentlich aus dem Fragmente [„Neues 
Stadium* vgl. oben Bd. I, S. 464 ff., besonders 468—473] — das 
in einer wehmüthigen Stunde aus ganzem Herzen geschrieben war — 
erkennet!, dass ich den neueren Sichtungen nicht so ganz ferne 
stehe. — Mein sehnlichster Wunsch ist, dass überall jetzt, aber 
mit würdigem Ernste, gerüttelt werde und so in allen Wissenschaften 
das Bewusstsein von der Nothwendigkeit einer Umgestaltung hervor- 
trete; ich denke mir, dass Strauss dies im Christenthume thun 
wird. Dies spricht mich auch an den Arbeiten Uli mann *s an, der 
zwar auf halb orthodoxen Standpunkt hinführen will , aber die Zeit 
begreift, und deshalb meine Auszüge und Hinweisungen. Auch darin 
stimme ich mit Dir vollkommen überein, dass die Frage unserer 
Zeit unter den Juden nicht „Emancipation**, sondern „Beform* ist, 
obgleich freilich erstere einen zu bedeutenden Einfluss übt auf den 
Zustand der Intelligenz und Wissenschaft^ als dass ohne sie eine 
gründliche Beform, die doch der sie vorbereitenden und der sie auf- 
nehmenden Personen bedarf, vollständig gehofft werden kann 

Von der Fakultät lässt sich bis jetzt noch nicht viel sagen; die 
Württembergische Begierung und sogar auch die Tübinger Pro- 
fessoren haben ihre grosse Bereitwilligkeit zur Unterstützung des 
Unternehmens gezeigt; würden die Frankfurter Gelehrten nur ein 
wenig Ernst zeigen, so wäre gewiss ein Anfang da, aber da steht 
Je st zögernd und hindernd, und Creizenach lässt sich von ihm 
bestimmen, und so soll bis zur Ankunft der Bothschilde in 
Frankfurt gewartet werden, um mit ihnen den Anfang zu machen . . . 
Ja, wenn Du Theologe wärest! dann wollten wir vereint recht wacker 
fechten; ich wollte, ich hätte einen Solchen, es ist noch entsetzlich 



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— 90 -- 

viel zu thun. Die gescbichtliche GesetzeDtwickelung, das Wiclitigste, 
ist noch kaum begonnen. Die Alten wissen nicht bloss nicht, was 
Freiheit heisst, sondern verstehen auch nicht, was Wissenschaft heisst. 
So hält sich,* um von Anderen nicht zu reden, Jost, dessen Eifer 
ich schätze, nur an Aeusseres, Zunz aber ist zu rein gelehrt, geht 
auch zu wenig auf innere Entwickelung im religiösen Leben ein [vgl. 
unten S. 154], und ich — habe zu wenig Zeit und besonders zu 
wenig Müsse. 



24. 
An Zunz, Wiesbaden, 4. April 1836. 

Sie haben wahrscheinlich jetzt auch schon vier. Abzüge der 
Analekten [W. Z. Bd. II, S. 303—330] erhalten und das Heft wird 
auch nicht lange auf sich warten lassen. Sie sehen daher auch, dass 
die Becension über Sachs' Psalmenübersetzung erst dem 3. Hefte 
zu Gute kommt [W. Z. II, S. 499—504], Sie haben fretlndschafUich 
und milde, aber doch gerecht geurtheilt, und ist mir eine jede Arbeit 
von Ihnen lieb, so ist mir in dieser Angelegenheit ein ernstes Wort 
von Ihnen um so erwünschter gewesen. Sie grüssen Herrn Dr. Sachs 
wohl gefälligst in meinem Namen und sagen ihm, dass ich seinen 
exegetischen Arbeiten mit Vergnügen entgegensehe. — Julius Fürst 
hat mir seine Grammatik und Chrestomathie zugesendet; aber in 
letztsrer wimmelt es von Sprach- und Yerständnissfehlern. * Es thut 
mir herzlich leid darum; da werden Irrthümer immer weiter ver- 
breitet und noch dazu in solchem Tone. So viele hohle Theorien 
und tönende Phrasen und arrogante Verspottung fremder Verdienste 
und concretes Erfassen — nirgends! Ich streite Fürst gewiss nicht 
vielseitige Gelehrsamkeit, Scharfsinn und Fleiss ab; aber er hat sich 
schnell ein Systemchen gemacht und kennt die Baustücke gar zu 
wenig. Ich werde mit Schonung, aber mit Ernst seine Fehler rügen 
[s. den folgenden Brief]. 

25. 

An Dr. Julius Fürst in Leipzig. Wiesbaden, 27. April 1836, 

Mit herzlichem Vergnügen und Dank habe ich nun gerade vor 
einem Monate — 26. März — Ihre Schriften und Ihr Schreiben er- 
halten, und dieses ist es, was ich Ihnen zuerst anzeigen wollte. Die 



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— 91 — 

Werke waren mir nicht unbekannt; die Grammatik besass*ich schon 
seit längerer Zeit und ich hatte sie schon durchgegangen, und- die 
^Perlenschnüre" erwartete ich täglich vom Buchhändler; jedoch mif; 
dem geehrten Verfasser selbst bekannt zu werden und meine schwachen 
Leistungen auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft anerkannt 
zu sehen, war es, was mir das Geschenk um* so werther machte. Ich 
werde nicht ermangeln, die Werke, soweit ich ein Urtheil darüber 
habe, in der „W. Z/ anzuzeigen, da der Gegeüstand, den sie be- 
handeln, eine Besprechung in derselben sehr verdient und schon seit 
langer Zeit eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist. Freilich des 
Sanskrit bin ich durchaus nicht kundig und fürchte auch, nicht in 
die Lage zu kommen, mir die Kenntniss desselben je anzueignen; 
hier muss ich nun als Laie das Wahrscheinliche, das Ihre Bemer- 
kungen an sich tragen, welches überhaupt mit meiner Ansicht von 
Sprache, als dem menschlichen Bewusstsein Anhaftenden und mit den 
Bestrebungen der neueren Zeit im Gebiete selbst des Semitismus — 
sowie auch Gesenius in der neuen Ausgabe seines Wörterbuches 
häufig auf die üebereinstimmung aufmerksam macht — auf's Innigste 
Zusammenhängt, bloss anzeigen. In dieser Ausdehnung hat allerdings 
noch Keiner den Versuch einer Nach Weisung gemacht, am Wenigsten 
bei grammatischen Formen, zumal im Aramäischen; habe ich nun 
auch hiergegen einige Bedenklichkeiten, indem ich für die Grammatik 
eines Idioms gerade das Charakteristische von diesem hervorgehoben 
zu sehen wünschte, Vergleichungen selbst mit innig verwandten Sprachen 
nur zum richtigen Verständnisse, wo dieses aus der einzelnen Sprache 
nicht hervorgehen möchte, beschränkt sehen möchte, während die Ver- 
gleichungen im Allgemeinen, welche nicht die einzelne Sprache er- 
klären, sondern ihren Zusammenhang mit anderen und ihren gemein- 
samen Charakter nachweisen, allgemein sprachlichen Untersuchungen 
überlassen bleiben sollten, halte ich ferner das Aramäische, wie es 
vorliegt, zu sehr zersetzt mit Ingredienzen aus den verschiedensten 
Sprachen, so dass diese durch besondere umstände eingedrungenen 
Elemente nicht dem Semitismus als solchem zu eigen betrachtet 
werden dürfen: so ist dieses eine vielleicht subjective Ansicht, die 
ich wohl bemerken, aber doch nicht urgiren darf. Desto mehr werde 
ich jedoch in's Einzelne eingehen, wo es die selbstständige Betrach- 
tung des Aramäischen gilt, und hier wird sich freilich manche Ab- 
weichung finden bei der itinigsten Anerkennung eines sorgfältigen 
Flusses um tiefere Erkenntniss der aramäischen Eigenthümlichkeit. 



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— 92 — 

Wer iD steh das Bewusstsein einer tüchtigen Leistung trägt, kann 
auch mit würdiger Buhe manche Abweichung, die sich dann leicht 
in der Form eines ruhigen Tadels ausspricht, ertragen, und Sie haben 
selbst die Güte gehabt, eine „unparteiische** ßeurtheilung von mir 
zu verlangen. Sie werden mir daher es nicht übel nehmen, wenn 
ich vorzüglich in den „Perlenschnuren", deren geschmackvolle An- 
ordnung auszeichnendes Lob verdient, gar Manches als unrichtig 
punktirt und erklärt in Anspruch nehmen werde ; ich weiss zwar 
sicher, dass Sie bei ferneren Arbeiten über Babbinisches mehr auf 
die Quellen zurückgehen werden und dass Sie meiner Berichtigungen 
wohl dann nicht bedürfen, jedoch wird das Buch eine zu grosse Ver- 
breitung erlangen, als dass es gleichgültig wäre, auf Stellen auf- 
merksam zu machen, die mir anders gelesen und aufgefasst werden 
zu müssen scheinen. — Ich werde sehr bald die Becension wenigstens 
beginnen, und diese wird zugleich den Oheb ger von Luzzatto und die 
Abhandlung über die Targume von Zunz mit umfassen. [Vgl. W. Z. 
III, 255 — 267.] Ich werde in derselben Nichts über einen Punkt 
sprechen , den Sie mir im Briefe freundschaftlichst zu berühren er- 
lauben ; ich meine nämlich die sogenannte Bichtung. Sie nennen die 
Ihrige in der Linguistik die „analytisch -historische"; verstehen Sie 
darunter, dass aus den einzelnen Erscheinungen der Sprache das 
Gesetz , entwickelt* werde und femer dass die Stufengänge der Sprache, 
welche sie im Laufe der Zeiten durchlief und die auch auf den Bau 
der Sprache Einfluss übten, sorgfältig gesondert werden, so ist dies 
ein Verlangen, dem alle Sprachlehrer der neueren Zeit nicht bloss 
ihren Beifall schenken, sondern auch ihre Kräfte widmen; nur wie 
weit man die Analyse verfolge, die Geschicklichkeit, mit welcher 
man aus dem Besonderen das Allgemeine zu erfassen geeignet war, 
die Erkenn tniss der Abschattungen der Spracheigenthüralichkeit in 
den verschiedenen Epochen ihres Lebens war verschieden, und für 
diese Erfassung und Anwendung giebt der Name der Bichtung keine 
Bestimmtheit, kann sie auch nicht geben, da es auf Tact und richtiges 
kritisches ürtheil, das nicht nach allgemeinen Principien bestimmt 
werden kann, sondern das in den einzelnen Fällen seine Bewährung 
findet, sein Creditiv aber in der zu Grunde liegenden allgemeinen 
Anschauung vom „Geiste der Sprache* — den Sie etwas gar zu 
sehr perhorresciren — , die sich jedoch nicht adäquat in Worten 
wiedergeben lässt. Ueberhaüpt wozu Bichtungen und wozu Namen 
für Bicbtungen, die bloss das fleissige geschichtliche Fortschreite 



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— 93 — 

zxk hemmen und zn überspringen sich den Anschein geben? Das 
Gute früherer Leistungen freudig aufnehmen und darauf fortbauen, 
das Irrige berichtigen durch tiefe Nachweisung seines üngrundes und 
dadurch zugleich künftigen Irrthümern vorzubeugen, ist die Aufgabe 
eines jeden neuen Bearbeiters. Sie werden doch wohl erkennen, dass 
ich den Ton, mit welchem Sie gegen den rasch wegwerfenden Ewald 
auftreten — der allerdings Rüge verdient — nicht ganz billigen 
kann; er ist verzeihlich, aber besonders die Juden sollten sich vor 
einem solchen, wo es weiter Nichts als reine Wissenschaft und eigne 
Anerkennung gilt, bewahren. Es ist dies in neuerer Zeit zu häufig 
von denselben geschehen, so auch von Herrn Dr. Sachs, und es 
möchte fast scheinen, als wollte man sich in die Wissenschaft ge- 
waltsam eindrängen, und dessen bedarf es doch für Capacitäten 
nicht. Der Name der „ästhetisch-archäologischen^ Bicbtung in der 
Exegese ist mir nicht weniger unbestimmt und scheint mir nicht 
einmal ganz richtig zu sein. Schriften schlechten Inhalts, welche 
keinen besonderen Anspruch auf Schönheit der Darstellung machen, 
dürfen gewiss nicht mit ästhetischem Maassstabe gemessen werden, 
und ob man den Begriff des Archäologischen auch auf Gedankengang 
und umstände einer verflossenen Zeit anwenden darf, möchte ich sehr 
bezweifeln. — Ich bitte Sie, geehrtester Herr, in diesen abweichenden 
Ansichten nicht eine gänzliche Verkennung Ihres ehrenvollen Strebens 
finden zu wollen; ich meinerseits würde es als eine schöne Folge 
dieses Schreibens betrachten, wenn Sie meine Achtung für Sie daraus 
erkennen, vielleicht auch mancher Bemerkung darin eine Beachtung 
geben, vorzüglich das Bestreben, eine neue Schule zu begründen und 
hiermit sich selbst als eine Epoche zu bezeichnen, unbeschadet der 
Selbständigkeit in der Forschung aufgeben zu wollen. Sie sehen, ich 
bin vollkommen offenherzig und glaube es Ihnen gegenüber um so 
eher sein zu dürfen, als Sie meiner Theilnahme an Ihren Bestrebungen 
sicher und Sie gleichfalls von der Ihnen innewohnenden Kraft über- 
zeugt sein dürfen, 

26. 
An Dr. Jakob Auerbach. Wiesbaden, 23. Juni 1836. 

Was sagen Sie dazu, mein lieber, guter Auerbach, dass ich nun 
schon heute Abend, ehe ich noch ein Wörtchen von Ihnen erfahren, 
ehe Sie wahrscheinlich mir selbst schriftlich einige Worte gewidmet 
haben, sogleich nachdem ich meiner lieben Emilie geschrieben, zu 



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— 94 — 

Ihnen komme? Nun glauben Sie aber ja nicht, dass dies deehalb 
geschieht, weil ich unmuthig bin, sondern im Gegentheile bin ich 
recht sehr vergnügt, und dies wollte ich Ihnen schnell mittheilen. 
Sie fehlen mir allerdings aller Orten und Enden; aber ich habe, als 
es mir anfangen wollte, miss vor mir zu werden, mir eine derbe, 
sehr erbauliche Lection gehalten und zu mir gesagt: Eerl, sei jetzt 
fleissig und mache keine Fixen -Faxen, gieb hübsch die Stunden, 
arbeite für die Zeitschrift, corrigire, schreibe Briefe und — ßuhe ist 
die erste Bürgerpflicht. Da habe ich denn die Wohlthaten gelernt, 
die ein wohlgeordnetes Staatswesen, in welchem der letzte Satz als 
Grundsatz aufgestellt ist, in sich enthält, und heute Abend bin ich 
wirklich so vergnügt, wie der Kaiser von Marokko (Sie wissen doch, 
^ass es in Amerika an dem Einflüsse des Asow'schen Meerbusens in 
das schwarze Meer liegt). Indem ich mich alles sentimentalen Bedens 
über die Sehnsucht, die mich manchmal nach Ihnen anwandelte, und 
wie ich, so oft die Thüre ging, meinte, Sie müssten hereintreten, 
•enthalte, und ebenso von meinen Stimmungen ganz und gar stille 
bin, gebe ich Ihnen bloss Facta, und das Andere denken Sie sich 
dann Alles, als Psycholog ex professo, — denn die Pädagogik beruht 
ja meist auf Kenntniss des menschlichen Geistes und Herzens — 
hinzu. Also Dienstag 2 Stunden, gestern 5, sage fünf, heute eine 
gegeben, aber mit Vergnügen; hören Sie und staunen! Zweite Cor- 
rectur des 11. Bogens gemacht und die erste des 12. als des letzten 
und alle Beinbogen erhalten, natürlich ausser dem letzten. Sie müssen 
jedoch wissen, dass die bayerische Nachricht dies Mal nicht kommt, 
aber der Leser wieder ein Avertissement darüber hat; hingegen ist 
die aus den österreichischen Staaten recht gut. Heute Morgen kam 
nun der Contract von Brodhag, ganz nach Wunsch und ging von 
mir sogleich auch wieder weg« Ich muss Ihnen nun auch schnell 
sagen, dass der Artikel aus der Allgemeinen Zeitung auch in die 
Kölnische Zeitung übergegangen ist, und Sie können sich denken, 
wie meine Emilie da erfreut war, und was dies in Bonn überhaupt 
Sensation machte. — Von den drei Briefen aber, die heute Abend 
noch gekommen sind, wird es mir doch heute Abend zu spät zu 
sprechen, das erfahren Sie erst morgen, d. h. im uneigentlichen Sinne, 
denn im eigentlichen weiss ich noch nicht, wann Sie's erfahren. 
Gute Nacht. — Freitag Morgen. Nun habe ich noch gerade einige 
Augenblicke für Sie, und da ich schon weiss, dass, wenn ich dieselbea 
vorübergehen lasse, aus dem ganzen Spass nichts wird, so will ich 



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- 95 — 

sie aach schnell benutzen. Ich habe Ihnen also von zwd Briefen, 
die nach langer Windstille gekommen sind, zu erzählen und berichte 
Ihnen nach der Keihe, wie ich sie in die Hand bekommen. Zuerst 
von Wechsler. Mit Entzücken schreibt er nun, dass er kommen 
werde, beruhigt mich jedoch, dass ich nicht glauben solle, er machte 
zu grosse Erwartungen, indem er einfach sei; er wird den 3. oder 
4. Juli von Hause abreisen und den 10. hier sein, indem er sich 
einige Tage in Frankfurt, dem Jüdischen Weimar** (was meinen Sie 
dazu?), und namentlich über Samstag, aufhalten wird. Also bis 
Sonntag über 14 Tage zucke ich die Achsel und werfe hübsch mein 
Lästchen herunter; aber bis dahin will ich es auch ganz wacker 
tragen. Mit diesem Briefe war ich nun ausser allen Sorgen, ausser 
dass ich mich nach Logis umsehen muss. Der zweite Brief, den ich 
nun ergriff, war von meinem sehr lieben D. Freund; da ist wirklich 
jedes Wort Zucker. Sein Brief ist nun ganz geeignet, einen Buch- 
händler im höchsten Grade zu ermuthigen, und dies scheint auch 
sein Zweck gewesen zu sein. Im letzten Monate sind 3 neue Exemplare 
der Zeitschrift in Breslau bestellt worden, und man könne überhaupt 
den Fortschritt der Verbreitung derselben nach Monaten, statt bei 
anderen buchhändlerischen Unternehmungen nach Jahren zählen. Der 
Brief war für Sauerländer bestimmt; ich werde Manches aus dem- 
selben Brodhag mittheilen, vorzüglich weil auch Notizen für den 
Absatz in Breslau darin sich befinden. — Freund hat das zweite 
Heft schon erhalten und sagt, dass er dasselbe, trotz seiner dringenden 
Arbeiten, nicht aus der Hand legen können, bis er es zu Ende ge- 
lesen. Hingegen hatte er damals (den 17. d.) die Allgemeine Zeitung 
noch nicht, hatte aber die Preisairfgabe noch ferner für die lit. Zeit 
Ton Büchner [1836, S. 487. No. 1743], für Gersdorf Repertorium 
besorgt und wird, wenn einmal die A. Z. ihre Nachricht gebracht 
für weitere Verbreitung sorgen. „Der Plan des Herrn Candidaten 
Auerbach, schreibt er, gefällt mir sehr wohl; ob die gelehrten 
tmd ungelehrten Herren nicht eine Autorität zum Abfassen der 
Oebete fordern werden, ist eine andere Frage.* Er theilt mir dann 
«ine ausgebreitete Nachricht für die Zeitschrift^) mit, dass nämlich 

') [Die Nachricht ist in der Zeitschrift nicht gedruckt; nach den im Text weiter 
folgenden Worten sind die „Fragmente aus dem Tagebuche eines jüdischen Laien* 
-W. Z. n, 463—498 von Freund. Die Bemerkung über FriedenthaPs Jesode Ha- 
^ath in W. Z. IV. 337. üeber die Preisaufgabe unten S. 107, über Sauerländer 
und Brodhag oben S. 70; den Artikel der AUg. Zeitg. [über die Zeitschrift?] habe 
ich leider vergeblich gesucht.] 



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— 96 — 

ein Prediger in Breslau angestellt werden soll; die Nachricht ist fein 
gestellt; im Briefe sagt er darüber, das Oute darin sei eine Fracht 
der Zeitschrift. «Das von Ihnen und von Dernburg angezündete Licht 
hat Feuer gefangen* ; er scheint demnach mit der Putzerei Frieden- 
thal's zufrieden zu sein. Ein neues Fragment wird er schicken, sobald 
es ihm die Zeit erlaubt. 



27. 
An Jakob Auerbach. Wiesbaden, 5. Januar 1837. 

ölücklicherweise hat sich ein Buch gefunden, das bedeutsam 
genug ist, um daran sich anzulehnen und ein Mensch, gleichfalls 
dafür eingenommen. Das Buch ist Strauss* Leben Jesu, ein 
Werk, das ausgezeichnet ist und von einem Jeden, der nicht hinter 
der Zeit zurückbleiben will, gelesen werden muss, ein Werk, das 
von der höchsten Bedeutung in wissenschaftlicher Beziehung, aber 
auch von nicht minderem Einflüsse auf die christliche Theologie ist. 
Ich hätte Ihnen wahrlich von Herzen das Vergnügen gegönnt, die ver* 
schiedenen Zeitschrift^n-Urtheile über diese neue Erscheinung zu lesen ; 
da hätten Sie einmal die schalen Bationalisten, Röhr an ihrer Spitze, 
vernehmen sollen. Wie die Herren, in die Enge gedrängt, um das 
liebe Brot und den lieben heiligen Geistlichenschein Zeter schreien 
und in der Angst, die Vernunftglorie von ihrem Haupte schwinden 
zu sehen, kirschbraun wurden! Nun, dieser Strauss wird ihnen noch 
zu schaffen machen. — Der Mensch ist der wenigstens mir zum 
ersten Male bekannte christliche Geistliche, der auf sein Christenthum 
nichts weniger als stolz ist, Robert Haas, jetzt Pfarrer in Dotz- 
heim, mit dem häufige Besuche gewechselt werden, ein Mann voll 
Eigenheiten und Unklarheiten, aber ideal und vorurtheilslos. 

Hier lebe ich mit Wechsler in innigem Zusammenleben, das 
leider nun aufhören wird. Unser Wechsler ist Rabbiner in Birken- 
feld geworden. Da ist nun Freude und Jubel und ich — nun ich 
will nicht egoistisch von mir sprechen, wo die Lebensfrage eines 
herzlich lieben Freundes, eines entschiedenen, kräftigen, sowohl dem 
Inneren nach durch seine Befähigung, als dem mehr äusserlich her- 
vortretenden durch den Willen und für den wahrhaft praktischen 
Beruf duccbgebildeten Amtsgenossen so erfreulich entschieden wor- 
den ist. Nur so viel sage ich Ihnen, dass ich eine Zeit lang 
allein bleiben werde, obgleich schon Manche bei mir einzutreten 



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- 97 -^ 

wünschen, ich werde nun erst die volle Entscheidung meiner Ange- 
legenheit erwarten, um dann meine Maassregeln desto sicherer er- 
greifen zu können. 

Ich habe nun viele Briefe nach Baiern zu schreiben, vorzüglich 
in Bäcksicht der Zusammenkunft, zu der ich die bairischen Herren 
Herren einlade. Mannheimer werde ich nicht einladen können, 
da unsere Versammlung nur aus Babbinern bestehen soll, aber wie 
lieb wäre es mir, diesen wackeren, vortrefflichen Mann wieder einmal 
zu sehen, an seiner Kraft und Frische mich zu laben! 

Ich habe heute einen ganz köstlichen Brief von Beggio erhal- 
ten; er hat meinen Brief mit meinem »Mohammed" erst vor einigen 
Tagen bekommen, hat auch die zwei ersten Bände der Zeitschrift 
durchgehends gelesen, dringt in dieselbe durch und durch und äussert 
sich auf so freimüthige, zwar in Bezug auf den Mosaismus abweichende 
Weise, über seine eigenen Versuche so bescheiden, theilt so mancherlei 
Hübsches mit und ist überhaupt so zutraulich, dass mich dieser Brief 
in die angenehmste Stimmung versetzte, üeber Italien klagt er 
ausserordentlich; da sei weiter nichts als Gewohnheitsglaube; bloss 
einen Mann besitze es, nämlich Luzzatto; der sei aber ganz he- 
bräischen Sprachstudien und Exegeticis zugewandt, über deren zu 
grosse Pflege er ihm schon Vorwürfe gemacht habe. 



28. 
An Grünbaum. Wiesbaden, 10. Mai 1837. 

.... Also Du kommst! Das dachte ich mir von meinem 
Grünbaum nicht anders. Jedoch muss ich noch mit einigen 
Worten die von Dir geäusserten Bedenklichkeiten berühren. Ich 
glaube allerdings, dass unsere Zusammenkunft bedeutende praktische 
Erfolge haben wird, nur dürfen wir natürlich nicht meinen, dass 
gleich) Anfangs diese Erfolge universell seien, aber nach und 
nach dringen sie ein. Allerdings würde es wohl manchen Streit 
absetzen und zu öffentlichen Discussionen kommen, aber gerade diese 
müssen herbeigeführt werden, wenn Etwas genützt werden soll, und 
diese schlagen immer unseren Bestrebungen zum Vortheil aus. Der 
Schritt, an den herkömmlichen Institutionen zu rütteln, muss einmal 
geschehen und je länger damit gewartet wird, desto grössere Ver- 
wirrung muss in den Gemeinden Israels entstehen und mit um so 
gerechterer Entrüstung sehen Diejenigen, welche unsere Gesinnung 

Geiger, Schrifteii. V. 7 



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kennen, auf unsere Muthlosigkeit, und was die Nachwelt darüber 
urtheilen wird, daran wollen wir nicht einmal denken. Nun müssen 
aber natürlich gerade Solche etwas thun, die redlich und entschieden 
dnd; von den Anderen ist nichts zu erwarten, und mit ihnen sich 
zu Terständigen, wenn es einen Beschluss oder vielmehr Entschluss 
gilt, ist nicht möglich, aber sie werden schon nachfolgen, wenn nur 
einmal von Anderen der Entschluss gefasst ist. Alle bisherigen Be- 
sultate verdanken wir dem muthigen Voranschreitßn Einzelner; nur 
dass bei solchen einzelnen Entscheidungen eine Zusammenstimmung 
Mehrerer durchaus nöthig ist, und ohne eine mündliche Verständigung 
dauern solche Sachen eine Ewigkeit. Du musst auch wohl unter- 
scheiden, dass bei solchen einzelnen Entscheidungen gar kein Eingriff 
geschieht; bei vorkommenden Fällen und bei Anfragen richtet man 
sich darnach, nachdem das Resultat der Berathungen allerdings ver- 
öffentlicht worden ist. Die Zusammenkommenden sind auch bei Weitem 
nicht so verrufen wie Du glaubst; sie haben Alle Anhänger genug, 
obgleich dieselben nicht schreien, die aber mit voller Liebe und vollem 
Vertrauen ihnen anhangen und bei entscheidenden Gelegenheiten nicht 
auf sich warten lassen. Wenigstens kann ich Dir dies von dem 
Verrufensten unter Allen, dem Dr. Geiger in Wiesbaden versichern. 
Du aber hast es noch am Allerbesten; ausser Dir kommen noch fünf 
aus Baiern, Bheinbaiern hat gleichfalls bloss junge Babbiner, die 
nach gehaltener Versammlung alle zum Beitritte zu den Beschlüssen 
aufgefordert werden, üeberhaupt wird man natürlich später noch 
gar Viele in das Interesse zu ziehen suchen; nur den Vorgang müssen 
zuv^lässige Männer machen. Ich glaube, dass dieses Ereigniss ganz 
grossartige Erfolge haben wird, denn allerdings wird man es nicht 
dabei lassen, zusammen gewesen zu sein, sondern es muss zu ernst- 
lichen Discussionen darüber kommen, ,wo ein Jeder für oder wider 
Partei ergreifen soll. Dies ist das einzige Mittel, uns aus unserer 
ganz verzwickten Lage herauszureissen, dem Duckmäusersysteme ein 
Ende zu machen und die indifferenten Laien heranzuziehen. 

Du, mein Lieber, kommst bestimmt; den Babbiner Cohn möchte 
ich eben aus den Gründen, die Du gegen ihn geltend gemacht hast, 
nicht einladen, aber, wie gesagt, spätere Aufforderungen sollen ihm, 
wie den Anderen zukommen. Diese erste Zusammenkunft soll den 
Charakter einer freundschaftlichen haben, an der bloss solche, die 
bereits mit einander oder wenigstens mit mir in Verbindung stehen, 
theilnehmen, später aber sollen diese Versammlungen eine regelmässige 



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— 99 — 

Organisation erhalten, und ich habe dafür einen Plan, von dem ich 
mir viel verspreche, und welchen ich den Versammelten vorlegen 
werde. Also mein Lieber, antworte recht bald und bestimmt. Da 
gehörst in die Vorderreihe und wirst Dir diesen Buhm nicht schmälern 
lassen, denn allerdings glaube ich, dass denen, welche dieser ersten 
Zusammenkunft beiwohnen, ein bedeutend grösseres Verdienst zukommt 
als den später hinzutretenden. 



29. 

An Jacob Auerbach. Wiesbaden, 22. August 1837. 

Wie Sie wohl gespannt sein werden auf meine Sommernachrichten; 
befriedigt Sie meine Relation nicht, so liegt es mehr an der Sache 
als an mir. Sie können sich denken, welch eine mühselige Schreiberei 
mir die Vorbereitungen zur Zusammenkunft verursachten bis auf den 
letzten Augenblick. Endlich kam sie zu Stande. Es erschienen 
Kohn (Hohenems), Dr. Mai er (Stuttgart), Bloch (Buchau), Dr. 
Wassermann (Mühringen), Wagner (Mannheim), Dr. Herxheimer, 
Wechsler, Dr. Löwy, Dr. Aub, Stein, Gutmann. Selz (Uehle- 
feld) entschuldigte sich mit dem Verbote seiner Frau, Neubürger 
mit den Schulprüfungen, die in diese Zeit fielen, gaben aber schon 
zuvor ihre Zustimmung. Grünbaum wollte kommen und nicht 
kommen, und — er kam fast post festum, ganz unerwartet; Pried- 
länder (Brilon), ein Greis von 80 Jahren, aber rüstig an Körper 
und Geist, war verhindert und kam bald nachher, Dr. Hess, gleich- 
falls verhindert, kam noch im Laufe des Sommers. Die Besultate 
befriedigten mich nicht, und im Grunde sind keine zum Vorscheine 
gekommen; es fehlte an Energie. Namentlich hat Dr. Mai er, der 
mir und Allen missfallen, immer Verwirrung in die Sache gebracht, 
und Dr. Löwy (Fürth), ein äusserst liebenswürdiger, gewandter und 
fürs praktische Leben ganz geschaffener Mann, woUte gleichfalls keine 
Ecke hervortreten sehen. Als vorzüglich tüchtig bewährten sich 
Kohn und Bloch, ihnen schlössen sich Gutmann, Herxheimer 
und Wechsler an; Aub, ein sehr guter Kopf, recht liebenswürdig, 
jovial und sehr gelehrt, brachte endlich die Vermittelung zu Stande, 
die Löwy und ich dann auf künstliche Weise zum Gesammtbeschlusse 
erhoben. Diese Vermittelung besteht nun darin, dass mehr Gegen* 
stände ausgearbeitet und meist durch die Zeitschrift veröffentlicht 
werden sollen (wie z. B. im 2. Heft der Aufsatz von Kohn über 



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— 100 — 

Trauergebräuche, im 3. Heft ein Aufsatz über Haartragen der Frauen 
[W. Z. in, S. 215-235. 354-375]: mit Beziehung auf diese Ar- 
»beiten sollen dann , gutachtliche Erklärungen*, welche vom 4. Band 
an eine neue Rubrik in der Zeitschrift bilden sollen, von den beistim- 
menden Rabbinern in Masse folgen [vgl. W. Z. IV, S. 39 ff.] und 
so die theoretisch ausgesprochene Ansicht zum fürs praktische Leben 
gültigen Beschlüsse erhoben werden. Ferner soll von Löwy, Maier 
und Steiir ein häusliches Erbauungsbuch mit Anlehnung an die vor- 
handenen jüdischen Momente bearbeitet und mit Approbation unser 
AUer veröffentlicht werden; vielleicht sehen wir dasselbe noch, ehe 
wir von hinnen gehen. Damit diese Resultate nur irgend zum Vor- 
scheine kommen, wird meine Feder wieder in die grösste Thätigkeit 
versetzt werden müssen; sonst, das sehe ich schon, wird aus Allem 
Nichts. Bis jetzt war es mir rein unmöglich, nur daran zu denken. 
Das war ein Sommer! Kaum hatte ich einen Buhetag; das war ein 
Drängen und Treiben, wie noch niemals. Ich will Ihnen einige neue 
Bekanntschaften nennen: Dr. Salomon von Hamburg, der als commis 
voyageur seiner Bibelübersetzung reist und von der Mühe spricht, die 
er für den lieben Gott verwendet; dem möchte es am Ende ziemlich 
gleichgültig sein, wenn er nicht gar die Augenbrauen zusammenzieht 
über so manche Schnitzer, die man in die Bibel hineinträgt, welche 
er doch nun einmal als sein Werk anerkennen muss, weil es so viele 
Menschen sagen. Uebrigens ist Dr. S. ein sehr lieber, gewandter, 
humaner Mann und im Leben nicht so süsslich und complimentvoU, 
wie in seinen Briefen. Er war zwei Tage mit seinem Sohne, der in 
Heidelberg studirt und mir sehr wohl gefiel, hier, und es waren für 
mich sehr angenehme Tage. Ferner Herr Dr. Beer aus Dresden 
mit seiner Frau — auf diese lege ich einen Nachdruck, da sie eine 
sehr gebildete und liebenswürdige Dame ist und ich ihren Umgang 
mehr als den seinigen gesucht habe; — er ist ein reicher jüdischer 
Privatgelehrter. Andere erneute und neue Bekanntschaften, die Be- 
suche der Frankfurter Herren, neugierige Frager, die aus dem Grunde 
wissen wollten, ob denn die Rabbiner hier mehr gethan hätten als bei 
Säbel an der table d'höte zu essen, hinter demEursaale Kaffee zu trinken, 
die Gegend zu beäugeln, lustig zu leben, wie es jungen Pfäfflein 
ziemt, bei Rothschild im Bad Weilbach einen Besuch zu machen 
(Maier, Löwy, Kohn und ich waren bei ihm und wurden von ihm zu 
Mittag geladen), und ob es denn auch wirklich wahr sei, was eine 
Partei so gerne glaubte und daher so emsig verbreitete, dass wir — 



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— 101 — 

von der biesigen Regierung auseinandergejagt worden seien! 

Sie kennen wohl das alberne Gerücbt, das Vielen ein erfrischendes 
Bad war nach so viel ausgestandenem Angstschweisse« So verging 
der Sommer, und ich wünschte, dass er in dieser Beziehung vorüber 
sei; ich bin aller Besuche und aller weissgekleideten Damen hinter 
dem Kursaale satt, zumal ich vorige Woche auch dem recht gross- 
artig, aber nicht geistig gefeierten Guttenbergsfeste (die Handwerker 
und die Krämer der Ideenverbreitung waren überall im Vordergrunde 
und die Herren des Tages) beigewohnt habe. Ich bin zwar jetzt 
wieder geistig gesund, aber komme nicht an's Arbeiten, da liegt eine 
dreimonatliche Correspondenz vor mir und ich sitze und sitze und 
schreibe und schreibe, bis der Geist naatt und die Feder stumpf und 
die Pinger wund werden. — Das sind Ihnen längst bekannte Klagen, 
und ich wende mich von diesen weg zur Zeitschrift. Diese geht 
langsam, aber es geht dennoch gut mit ihr. Ich habe erst gestern 
einen gar sehr freundlichen Brief von Brodhag erhalten; das zweite 
Heft ist versandt und vom dritten habe ich 7 Bogen revidirt. Das 
zweite Heft enthält nichts Besonderes, den Lichtpunkt bildet Kohn's 
Abhandlung »über die Trauergebräuche* [s. o.], der erste Aufsatz 
[Die Judenheit und das Judenthum. Bedenken eines Laien, W. Z. 
III, S. 161—174] hat entsetzliche Druckfehler, die ich bei der Ee- 
vision corrigirt hatte und die doch nicht beseitigt wurden, meine 
Recension über Hartmann's „Beziehungen* ist gerade nicht sehr fein 
gehalten und die über chaldäische Sprache und Literatur ist eben 
gelehrt, wenn sie das ist; die neue Rubrik „Bibliographie* ist ein 
enggedruckter Wald, wo auch ein Auszug aus einem Schreiben des 
Herrn Dr. Auerbach in Wien seine Stelle findet. Die Nachrichten 
sind von keiner grossen Bedeutung, diese müssen nun mehr (räson- 
nirende) üebersichten .werden, für die Nachrichten selbst zu deren 
Verbreitung ist auch Philippson da. Das dritte Heft wird manches 
Gute bringen; doch ist bis zu seinem Erscheinen noch zu lange Zeit, 
als dass ich Ihnen schon jetzt darüber sprechen sollte. — Meine 
Stellung am hiesigen Orte ist noch ganz wie sie war, die besten Zu- 
sicherungen, die Versprechungen auf Beschleunigung und immer noch 
nicht fertig. Doch bin ich darüber ganz beruhigt. Sie wissen, wäre 
ich nicht Bräutigam, ich würde gar Nichts darnach fragen, weil ich 
jetzt zu leben habe, und weiss, dass in 20 Jahren die Sachen eine 
ganz andere Wendung genommen haben werden; so aber möchte ich 
gerne meine Pflichten erfüllen und — auch mit meiner Emilie zu- 



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— 102 — 

sammen leben. Eine herzliche Freude vemrsacht mir, dass sie Allen, 
die sie kennen lernten (Löwy, Aub, Gntmann, Stein, Wechsler 
haben von hier ans eine Rheinreise bis nach Bonn gemacht und dort 
einen Tag im Kreise meiner Familie verlebt), so ausnehmend geMt 
An meinem Drängen lasse ich es auch nicht fehlen, und es wird sich 
doch endlich machen. — 



30. 
An Frensdorff. Wiesbaden, 21. November 1837. 

.... Nun habe ich aber auch einen ersten gedruckten Schlag 
ins Gesicht bekommen, den Aufsatz eines Dr. Caro „Die Würde der 
Frauen* in der Philippson*schen Allgemeinen Zeitung des Juden- 
thums, der meinen Aufsatz „Die Stellung des weiblichen Geschlechts etc.*' 
[W. Z. III, S. 1—16] bitter angreift. Der Mann geht entsetzlich 
unredlich zu Werke, verschweigt, dass ich all das Lobenswerthe, was 
er anführt, gleichfalls in Kürze ausgeführt habe, scheint den von mir 
gemachten Unterschied zwischen „Lebensansicht* und „gesetzlichen 
Bestimmungen* gar nicht zu verstehen, und übergeht die wunden 
Stellen mit Stillschweigen. Es ist das Einer von denen, welche überall 
Emancipationsrücksichten nehmen zu müssen glauben und sich vor 
dem Gespenst einer Trennung im Judenthume fürchte. Die ersten 
sind schmachvoll und lächerlich, es ist eine Täuschung, man soll die 
Mängel nicht zeigen, um einen andern Vortheil sich zu erschleichen ; 
verdienen wir diesen dennoch, obgleich die Mängel vorhanden sind« 
nun dann dürfen wir auch in dem wichtigeren Berufe, jene aufzu- 
decken, um dadurch zu deren Entfernung beizutragen, uns gewiss nicht 
beirren lassen. Wir leben jetzt in einer Zeit, welche unparteiisch genug 
ist, oder wenigstens die sich zu dieser Unparteilichkeit zu erheben 
weiss, die Mängel Anderer mit Nachsicht aufzunehmen und sie nicht 
dafür zu bestrafen; der Mund ist uns nicht mehr verschlossen gegen 
die Unbill, welche uns widerfährt, und daher wollen wir das Becht 
erkämpfen, nicht erschleichen. Lächerlich wird es aber auch zu 
glauben, es Hesse sich dies thun; die Mängel der Juden sind den 
Christen zu bekannt und werden ihnen immer mehr an's Tageslicht 
gezogen von Seiten her, die gerade die Emancipation Mntertreibefi 
wollen, und dagegen nützt nicht unser Verschweigen und Bemänteln, 
sondern im Gegentheile das Zugeständniss , dass Vieles zu ändern 
sei, und die Bekundung des Strebens abzuhelfen. Dieses Schisma- 



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— 103 — 

gespenst aber gar, das ist nun gänzlich ein Unding im Judrathum; 
ah wenn das Schisma im Leben nicht auf die entsetzlichste Weise 
bestände! Hielte ich es übrigens nicht fast ganz unmöglich, dassein 
solches zu vollem Ausbruche käme, so würde ich noch fragen, ob es 
denn ein so grosses Unglück sein möchte; aber man hat bei ^ex 
gegenwärtigen Schlaffheit nicht viel zu besorgen. Im Qrunde aber 
besteht die Verhütung vor dem grössten Schisma, d. 1. vor dem 
Uebertritt eines grossen Theiles, einzig und allein in {hatkräftiger 
Beformation. Denn dessen bin ich sicher, es folgt auf diesen In- 
differentismus bald ein religiöses Bedürfiiiss, eine Sehnsucht nach 
gemüthlicher Befriedigung unter den Juden, welche sich überall nach 
Nahrung umsehen, und ist dann das Judenthum noch in seiner Ver- 
steinerung, dann sagt man ihm Valet. Es scheinen sich schon nicht 
undeutliche Spuren zu zeigen. 



31. 
An Dr. M. Creizenach in Prankfurt. Wiesbaden, 18. Januar 1838. 

. . . Nehmen Sie mir ja meine Becension des schurath hadin^) 
nicht übel; ich schreibe wie ich denke, und denke wie ich nicht anders 
kann. Auf Ihren cheschbon hanefesch bin ich begierig. Weiss der 
Himmel, dass ich manchmal in der verzweifeltsten und an der Bil- 
dung eines Neuen verzweifelnden Stinmiung bin und sie ist es 
namentlich, welche mich zuweilen zu Briefen ganz untauglich macht. 
Das zeigt sich auch wohl in meinen Tendenzartikeln, wie ich die 
einleitenden Aufsätze benennen hörte, und das nächste Heft wird 
einen bringen, vor dem ^Manchem die Haare zu Berge stehen 
werden.2) Wer am meisten dabei leidet, das bin ich, weil mich eine 
solche Gemüthsstimmung aufzehrt; ich flüchte mich dann in die 
höhere Kiibe der gelehrten Wissenschaft und namentlich der biblischen 
Kritik. Ich habe mir Bohlen's Genesis angeschafft; da ist eine 
köstliche, zweihundert Seiten lange Einleitung zu lesen; die lexiko- 
graphischen Studien" in dem neuesten Hefte ^) haben auch den Theer- 
geruch von biblischer Kritik, der dem an Schiffsschwankungen erfreuten 
Seemanne lieblich scheint, aber dem behaglich auf festem Boden 
Einherschreitenden widrig ist. 

[Vf. Z. IV, S. 114-122.] 

*) [Poesie, Prosa, Verlegenheit, a. a. 0. S. 161—165; ob. Bd. I, S. 488—492.] 

8) [A. a. 0. S. 18-26.] 



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— 104 — 

Seit der hoflfentlich heilsamen Agitation des Herrn Dr. Philip p- 
son für eine jüdisch-theologische Fakultät habe ich Niemanden ge- 
sprochen, mit Ausnahme Biesser's; ich bin für den Plan seIVst 
nach seiner jetzigen Gestalt, indem ich glaube, dass, wenn sich in 
den bedeutenden Städten Comit^s bilden, diese den eigentlichen Ein- 
fiuss gewinnen, üeberhaupt scheint mir nun der geeignete Zeitpunkt 
für die Angelegenheit gekommen, und sollte man jetzt das Interesse 
verrauchen lassen, so möchte er nicht sobald wieder erscheinen. Ich 
denke, über den Gegenstand ein Flugblättchen erscheinen zu lassen 
und durch dessen Ertrag mein Scherflein beizusteuern [s. ob. S. 71], 
Es wäre nicht angemessen, wenn Frankfurt ganz unthätig bleiben 
sollte; es muss sich auch dort ein Comit^ bilden. 



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Dritter Abschnitt 



Breslau. 

1838—1863. 



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Die jüdische Gemeinde Breslau hatte, trotz der grossen Zahl 
und der Intelligenz ihrer Mitglieder, am Anfang der 30er Jahre 
äusserlich noch sehr wenig von dem alten orthodoxen Schlendrian 
sich entfernt; S. A. Tiktin stand als eifriger Wächter an der Spitze 
der Gemeinde. Dieser verbot im Jahre 1836 dem Buchdrucker Snlz- 
bach, die Schrift des Herrn M. Brück: ^^Babbinische Ceremonial- 
gebrauche* zu drucken, vermochte aber nicht zu hindern, dass ein 
Buchhändler (Schulz) die Schrift veröffentlichte. Letzteres geschah 
auf Veranlassung des durch seine lexikographischen Arbeiten berühmt 
gewordenen Dr. W. Freund, der im Kreise der gebildeten Gemeinde- 
mitglieder, welche eine Verbesserung der religiösen Zustände erstrebten, 
grossen Einfluss besass und in ihrem Auftrage eine rührige Thätigkeit 
entwickelte. Durch Druckes Schrift wurde eine gewisse Erregung 
hervorgerufen und das Interesse für rabbinische Angelegenheiten 
erweckt; die Schrift kam auch Geiger zu und veranlasste ihn zu einer 
ausführlichen Becension (W. Z. III, 413-— 428), die für den Gegen- 
stand bedeutend und &ly ihn persönlich verhängnissvoll wurde, weil 
sie den Gegnern später manche Handhabe für ihre Angriffe bot 

Vielleicht war diese Schrift durch Freund an Geiger gelangt; 
denn schon damals bestand zwischen Beiden eine freundschaftliche 
und eine Art von geschäftlicher Verbindung. Freund hatte nämlich 
eine Breslauer Verlagshandlung veranlasst, jährlich 100 Thaler für 
eine Preisaufgabe aus dem Gebiete der Wissenschaft des Judenthums 
auszusetzen, die Buchhandlung zur Beurtheilung der eingelaufenen 
Arbeiten eine Gommission, zu welcher Geiger gehörte, ernannt, die 
dann auch 1837 zum ersten und einzigen Male ihres Amtes waltete 
(W. Z. n, 566—574; HI, 160. 450). Aehnliche wissenschaftliche 



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— 108 — 

und religiöse Bestrebungen verbanden Beide; schon in der Gorrespon- 
denz von 1836 wird der Breslauer Rabbinerstelle gedacht (s. oben 
S. 95). 

Als daher in Breslau das Verlangen, einen zeitgemässen Gottes- 
dienst und besonders einen deutschen Prediger zu besitzen, immer 
mächtiger wurde, lenkte sich die Aufmerksamkeit auf Geiger, der 
sich nicht abgeneigt zeigte, nach Breslau zu kommen, nicht aber als 
Gemeinderedner, sondern nur als Rabbiner. Da starb (1838) der 
Rabbinatsassessor Falk. Durch diesen Todesfall sah sich der Tor- 
stand veranlasst, die Lücke im RabbinatscoUegium auszufüllen. 

In der Allgemeinen Zeitung des Judenthums (Jahrg. II, No. 44 flf.) 
und mehreren anderen öffentlichen Organen wurde die Stelle ausge- 
schrieben: auf Grund dieses Ausschreibens meldeten sich 8 Rabbiner 
und Candidaten beim Obervorstehercollegium, welche jedoch nicht in 
Betracht gezogen wurden; vier andere, Dr. L. Philippson, Hold- 
heim, Herxheimer und Geiger gaben privatim Freund, dem Vor- 
sitzenden des «Gomit^s zur Berufung eines Gemeinderedners* ihre 
Bereitwilligkeit zu erkennen die Stelle anzunehmen. 

. Das genannte Comit^ hatte ausschliesslich Geiger in's Auge 
gefasst, eine Vorwahl des ObervorstehercoUegiums hatte sich auf ihn 
gerichtet, daher wurde Freund aufgefordert (28. Juni 1838), diesen 
zu veranlassen, seine projektirte Reise auch nach Breslau auszu- 
dehnen.^) Geiger reiste in Folge dieser Aufforderung am 8. Juli von 
Frankfurt ab. Als er nach Dresden kam, von wo aus die Post zwei- 
mal wöchentlich nach Breslau ging, konnte er nicht gleich weiter 
fahren, weil die Post die Mitnahme seines hölzernen Koffers verweigerte, 
blieb daher einige Tage bei Dr. B. Beer (oben S. 100) und kam am 
17. in Breslau an. Durch einen Vorstandsbeschluss vom 18. wurde 
er gebeten, am 21. einen gottesdienstlichen Vortrag zu halten, zu 
welchem auch der Rabbiner S. A. Tiktin eingeladen wurde. Sofort 
suchte dessen Partei das Zustandekommen der Predigt zu verhindern. 
Sie wandte sich an den Polizeipräsidenten Hein cke, und berief sich 
darauf, der König habe verboten, deutsche Predigten zu halten. 
Heincke, der als aufgeklärter Bureaukrat von vielseitiger humaner 
Bildung der freisinnigen Richtung wohlwollte, referirte an die Re- 
gierung und erhielt von derselben am 21. das Antwortschreiben. Als 
er dasselbe nach der Rückkehr aus dem Gottesdienste, zu dem er 



•) Für das Folgende vgl. oben Bd. I, S. 4. 



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— 109 — 

eingeladen war, eröffnete, fand er den Bescheid, dass die Predigt 
nicht gestattet werden sollte. 

Die Predigt (oben Bd. I, S. 355—369) war von zündender 
Wirkung und imponirte ebensowohl durch die vollendete Form, wie 
durch den geistvollen Inhalt, namentlich den wissenschaftlich gebil- 
deten Männern, welche bis dahin jedem religiösen Interesse gleich- 
gültig oder ablehnend gegenüber gestanden hatten. In Folge dieser 
Predigt wurde Geiger am 25. trotz des seltsamen Wahlverfahrens 
(35 durch's Loos gezogene Gemeindemitglieder, das Obervorsteher- 
collegium und 10 Sachverständige, im Ganzen 57 Personen waren die 
Wähler) fast einstimmig zum ßabbinatsassessor und zweiten Kabbiner 
gewählt und eine Festlichkeit veranstaltet, bei der Geiger ein Pokal 
mit einem Gedichte Max Kinjg's überreicht wurde. 

Um Geiger's Bestätigung zu ermöglichen, bedurfte es seiner 
Naturalisation in Preussen; auf die Verhinderung dieser waren nun 
alle Anstrengungen gerichtet, beide Parteien bedienten sich der Presse 
als Hülfsmittel, der Breslauer Vorstand suchte, wiewohl vergeblich, 
die Berliner Judenältesten zur Theilnahme zu bewegen; erst nach 
anderthalbjährigem Kampfe gelang es, trotz der Bemühungen der 
Gegner das gewünschte Ziel zu erreichen (oben Bd. I, S. 6—23). 

Von Breslau begab sich Geiger im August 1838 nach Bielefeld 
zum Besuche seiner Braut, die sich bei ihrer daselbst verheiratheten 
Schwester Franziska befand; von da nach Frankfurt. Hier lebte 
er einige Zeit, hatte auch mit dem damaligen preussischen Bundes- 
tagsgesandten zu thun, welcher ein Gutachten über die Anklage der 
Breslauer Orthodoxen, Geiger sei ein Demagoge, abzugeben hatte 
und in demselben äusserte, dass er in den Mainzer Akten nichts 
Gravirendes gefunden habe, bei der Lektüre der Zeitschrift über die 
wissenschaftliche Tüchtigkeit und Bildung des Herausgebers erstaunt 
gewesen sei, aber nicht wisse, wie sich solche Bestrebungen mit dem 
Judenthum vertrügen. 

Um dem Orte seiner künftigen Wirksamkeit näher zu sein und 
auf die Entscheidung seiner jetzigen Angelegenheit einzuwirken, begab 
sich Geiger nach Berlin, wo er 15 Monate (September 1838 bis 
Dezember 1839) verweilte. Zur Beförderung seiner Sache hatte er 
Audienzen bei den Ministern Altenstein und Bochow, in deren 
Hand sich die Entscheidung über die Gewährung des Indigenats be-. 
fand, und Unterredungen mit Alexander von Humboldt, dessen 
mächtige Fürsprache ihm sehr förderlich war und dessen freundliches 



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— 110 — 

Wohlwollen ihm für die Dauer gewahrt blieb. Von merkwürdigen 
Persönlichkeiten des damaligen Berlin lernte er u. A. Bettina von 
Arnim kennen; mit den leitenden Männern der jüdischen Gemeinde 
unterhielt er, trotz des offenen Bekennens seiner gegnerischen An- 
sichten, freundliche Beziehungen; mit jüngeren Genossen, die später 
auf dem Gebiete der Literatur und des öffentlichen Lebens einen 
bedeutenden Bang einnahmen, Max Bing, H. B. Oppenheim, 
Ludwig Bamberger, trat er in gegenseitig fördernde Verbindung» 
Besonders aber war es Leopold Zunz, an dessen Umgänge sich 
Geiger erfreute, in dessen Hause, das durch die Hausfrau und deren 
Schwester geistig und gemüthlich belebt war, er eine liebe Heimstätte 
fand. Auch die wissenschaftliche Thätigkeit ruhte* nicht ganz; von 
der Zeitschrift wurde das letzte Heft des 4. Bandes veröffentlicht, 
mit welchem dies Unternehmen einen vorläufigen AbscUuss erhielt; 
u. d. T.: Melo Chofnajim hebräische Texte und literarhistorische Unter- 
suchungen herausgegeben (oben Bd. III, S. 1 — 33) und Vorstudien 
zu grösseren Arbeiten gemacht (vgl. Brief 2. August 1839). 

Wenige Tage nachdem Geiger die Naturalisation erlangt hatte 
(6. December 1839), ging er nach Breslau und trat unmittelbar 
darauf sein Amt als Babbinatsassessor und zweiter Babbiner 4er 
Gemeinde an. In seiner am 2. Januar 1840 ausgefertigten Bestallung 
wurde er verpflichtet, fast jeden Sabbath einen religiösen Vortrag zu 
halten, die Unterrichtsanstalten der Gemeinde zu beaufsichtigen, vor- 
nehmlich für den Beligionsunterricht zu sorgen, wurde aber für die 
ersten zwei Jahre von allen Bitualentscheidungen befreit. Die An- 
stellung war eine lebenslängliche, das nicht sehr reichliche Gehalt 
wurde zur Hälfte direkt von der Gemeindekasse gewährt, zur Hälfte 
durch jährliche Beiträge wohlhabender Gemeindemitglieder aufgebracht. 
Fünf Jahre nach der Anstellung (1845) wurde das Gehalt erhöht, 
1856 bei der Neuordnung der Gemeindeverhältnisse neubestinunt. 

Wenige Monate nach dem Antritt seiner neuen Stelle führte 
Geiger endlich seine Braut heim (1. Juli 1840). Die Hochzeit fand 
in Frankfurt statt, wo noch das Guttenberg- und das Biesser-Fest 
(vgl. Biesser's Schriften 1, 209) mitgefeiert und im Auftrage des 
Vorstandes, welcher ihm in ehrenvoller Weise ein Babbinatsdiplom 
ertheilte, eine Predigt gehalten wurde, die grosse Begeisterung her- 
vorrief; die Bückreise durch die Bheingegend und über Berlin war 
an manchen Orten einem Triumphzuge nicht unähnlich. Auch der 
Empfang in Breslau (16. Juli) legte Zeugniss ab von der innigen 



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— 111 - 

Verbindung zwischen den Mitgliedern der Breslauer Gemeinde und 
ihrem Rabbiner, eine Verbindung, die durch schwere Kämpfe der 
früheren Jahre begründet, durch die schwereren der Folgezeit be- 
festigt, auch durch die spätere räumliche Trennung nie gelöst worden 
ist. Diese innige Verbindung war nicht bloss eine Frucht des er- 
hebenden Bewusstseins, einen grossen, für die Entwicklung des reli- 
giösen Lebens entscheidenden Kampf gemeinsam durchgekämpft zu 
haben, sondern zugleich eine Folge der Herrschaft, welche Emilie 
Geiger durch die gewinnende Anmuth, die erquickende Freundlichkeit 
ihres Wesens über alle Herzen erlangte. Ihr Haus wurde, trotz der 
selbst für jene Zeit seltenen Einfachheit, bald der Mittelpunkt des 
geselligen Lebens der Gemeinde; jahrelang versammelten sich in 
demselben an den jours fixes (dem ersten Mittwoch der Winter- 
monate), besonders aber am Purimfeste, Alt und Jung, die Beleben 
und Aermeren, Alle verbunden durch die Achtung und Verehrung 
für Geiger's Gelehrsamkeit, Freimuth und Thatkraft, durch Hin- 
neigung zu der Liebenswürdigkeit und Herzensgüte seiner Gattin. 
Die Ehe wurde, nachdem sie einige Jahre kinderlos geblieben, am 
6. Januar 1847 mit einem Sohne gesegnet, dem später noch ein 
Knabe und zwei Mädchen folgten. 

Sehr bald wurde das stille, friedliche Leben durch bedeutende 
Kämpfe gestört. S. A. Tiktin und seine Partei fuhren in ihren 
Wühlereien fort, die zur Suspension des ersteren führten (1842); 
Geiger hat diese Hetzereien genügend geschildert und gebührend ge- 
würdigt^). Aber die Absetzung Tiktin's war nicht das Ende des 
Kampfes, sondern das Signal zu neuem Streit, zu welchem die Gegner, 
erbittert durch Ovationen, welche man Geiger darbrachte [Adressen 
vom 10. und 18. August 1842], erlaubte und unerlaubte Mittel an- 
wandten. Die schon einige Jahre vorher geäusserten thörichten An- 
klagen, Geiger bediene sich eines christlichen Ornates, dauerten fort 
und wurden erst durch eine Erklärung des katholischen Geistlichen 
(Dompredigers) Förster (späteren Fürstbischofs von Breslau), des 
protestantischen (Consistorialrath) Falk (Vaters des jetzigen Ministers), 
welche die Unterschiede der Ornate constatirten (25. u. 26. März 1843), 
zum Schweigen gebracht; jede noch so kleine Beform als verbotene 
Neuerung dem Polizei -Präsidium und den Ministern denuncirt, 
ja, in einer Immediateingabe Geiger's Entfernung aus dem Amte 



') Ansprache an meine Gemeinde s. oben Bd. I, S. 52—112. 



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— 112 — 

erbeten, die letztere Eingabe wurde allerdings von den Ministem 
Arnim und Eichhorn abschlägig beschieden (26. Oktober 1844)» 
Um Geiger's Entfernung vom Amte zu bewirken, hatte theils Tiktin 
selbst, theils seine Freunde, die oberschlesischen Rabbiner, die sich 
als oberstes Gericht in Glaubenssachen gerirten, einige Schriften ver- 
öffentlicht; um ihnen entgegenzutreten, gab das Obervorsteher-Colle- 
gium zwei amtliche Berichte und eine Anzahl von Gutachten heraus, 
welche es von hervorragenden B^ibbinern Deutschlands eingeholt 
hattet). 

Während dieser litterarischen Kämpfe war Tiktin gestorben 
(20. März 1843), sein Andenken von Geiger gefeiert worden [Israelit 
1843, S. 64], und der Vorstand glaubte nun am klügsten zu handeln, 
wenn er die von jenem innegehabte Stelle einstweilen nicht wieder 
besetzte, die frühere Einrichtung eines ständigen Babbinatscollegiums 
aufgäbe und sich mit Geiger als Babbiner begnügte. Aber die Aus- 
führung dieses Planes, durch welche Friede und Eintracht im Laufe 
der Zeit hätte hergestellt werden können, wurde durch die Anstren- 



Einzelne dieser Schriften sind: 

1. Rücksprache mit aUen Gläubigen des rabbinischen Judenthums über die 
jüngst erschienene Brochüre, betitelt: „Ansprache an meine Gemeinde^ von Israel 
Deutsch, Rabbiner zu Beuthen i. O.-S., und David Deutsch, Rabbiner zu Mislowitz. 
Breslau 1842. Gedruckt bei Hirsch Sulzbach. 

2. Bericht des Obenrorstehercollegiums an die Mitglieder der hiesigen Israeliten- 
Gemeinde über die gegenwärtig Torliegende Rabbinats-Angelegenheit. Breslau 1842 
(25. Mai). 

3. Entgegnung auf den Bericht des ObervorstehercoUegiums der hiesigen 
Israeliten -Gemeinde über die Rabbinats-Angelegenheit an die Mitglieder. Als 
Manuscript gedruckt Breslau 1842 (19. Juni). 

4. Darstellung des Sachverhältnisses in seiner hiesigen Rabbinats-Angelegen- 
heit, von S. A. Tiktin, Oberrabbiner zu Breslau. Breslau 1842 (Juni). 

5. Zweiter Bericht des ObervorstehercoUegii an die Mitglieder der hiesigoi 
Israeliten -Gemeinde über die gegenwärtig vorliegende Rabbinats-Angelegenheit. 
Breslau 1842 (Juli). 

6. Nothige Zurückweisung von J. Caro und J. Deutsch. Gedruckt Brieg 1842 
(August). ■'- 

7. Rabbinische Gutachten über die Verträglichkeit der freien Forschung mit 
dem Rabbiner-Amte. Breslau 1842 (September). Enthält <}utachten von: Fried- 
länder, Ghorin, Holdheim, Eohn, Herxheimer, Einhorn, Hess, Gkitmann, Wasser- 
mann. 

8. Rabbinische Gutachten u. s. w. Zweite Abtheilung. Breslau 1843 (März). 
Enthält Gutachten von Levy, Aub, Kahn, Maier, Adler, Stein, Grünebaum. 
Ueber die Gutachten vgl. unten Brief v. 14. Dezember 1842. 



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— 113 — 

gungen der Gegner vereitelt. Diese brachten es zu Wege, dass clas 
Obervorstehercoliegium von den Ministern des Innern und des Cultus 
aufgefordert wurde (26. Oktober ^,844), einen zvreiten Rabbiner zu 
•wählen. Auf Grund des erhaltenen Befehls wurde die Stelle aus- 
geschrieben (20. November). Von den Candidaten wurde zunächst 
Rabbiner Fas sei, der bei den obenerwähnten Gutachten durch Frei- 
muth und Gelehrsamkeit sich ausgezeichnet hatte und von Geiger 
besonders empfohlen war, zur Probepredigt eingeladen und, nach- 
dem er durch dieselbe grossen Eindruck hervorgerufen, zum zweiten 
Rabbijier gewählt (25. Februar 1845). Geiger erhielt nach dieser 
Wahl die Stelle eines ersten Rabbiners und Vorsitzenden des Rabbinats- 
collegiums. Doch diese Beschlüsse gelangten nicht zur Ausführung, 
Fassel trat die Stelle nicht an, das RabbinatscoUegium wurde durch 
andere Rabbinatsassessoren ersetzt. — Aber die Gemeinde vermochte 
noch lange* Zeit nicht die gewünschte Ruhe zu erlangen. Die Wühle- 
reien der zelotischen Gegner Geiger's wurden nunmehr gegen den 
Bestand der Gemeinde selbst gerichtet, indem eine Agitation für Ver- 
weigerung der Gemeindebeiträge und Berufung des jüngeren Tiktin, 
als Rabbiner der orthodoxen Partei, in'» Werk gesetzt wurde. Dem 
Obervorstehercoliegium gelang es nicht, dieser auch von radicaler 
Seite unterstützten Bewegung Meister zu werden, da der Gemeinde 
nicht nur jedes administrative Zwangsmittel, sondern sogar die Legi- 
timation zur Beschreitung des Rechtsweges gegen die renitenten Mit- 
glieder fehlte. Die Abhülfe, die in dieser Richtung das Judengesetz 
vom 23. Juli 1847 endlich zu bringen verhiess, blieb durch die poli- 
tischen Bewegungen des folgenden Jahres, die die Einführung jenes 
Gesetzes bekanntlich hinderten, vorläufig unwirksam, s o dass * die 
Exis tenz derGenaeinde eine Zeit^ lang äberhäuiÜL.ja^Era^ 
warT Dieser Tjefahr entging man glücklicherweise durch eine Art 
Waffenstillstand, der im Jahre 1849 mittelst eines provisorischen 
Statuts zwischen den kämpfenden Parteien geschlossen ward. Neben 
dein Vorstande wurde ein Repräsentantencollegium eingerichtet und 
diesen Organen die Verwaltung der Gemeinde- Angelegenheiten, mit 
Ausschluss aller auf den Cultus bezüglichen Einrichtungen, 
übertragen, welche letzteren besonderen, neben einander errichteten 
sogenannten Cultus verbänden überlassen blieben. Es bildeten 
sich deren zwei, wovon der eine sich an die bestehende Gemeinde 
eng anschloss und Geiger als Rabbiner behielt, während der andere 
G. Tiktin anstellte und ihm von König Friedrich Wilhelm IV. den 

Qeig«r, Schriften. V. 3 



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-- 114 _ 

bisher ungebräuchlichen Titel eines „Landrabbiners in Schlesien* ver- 
schaffte. Dieser Zustand dauerte bis zum Jahre 1856, in. welchem 
durch das staatlich genehmigte Statut eine alle Gemeinde-Angelegen- 
heiten, einschliesslich der Cultuseinrichtungen, umfassende einheit- 
liche Verwaltung in's Leben trat, mit der Maassgabe, dass für die 
religiösen Angelegenheiten, den thatsächlich vorgefundenen Ver- 
hältnissen und Bedürfnissen der Gemeinde entsprechend, zwei be- 
sondere Cultuscommissionen mit genau bemessenen Zuständigkeiten 
neben einander in Wirksamkeit traten, in deren jeder ein Rabbiner 
zu fungiren hatte. Neben Geiger, der es durch seine ursprüngliche 
Anstellung schon war, wurde nun auch G. Tiktin als Gemeinde- 
rabbiner übernommen, so dass Beide zwar nicht collegialisch mit 
einander, aber doch ungestört neben einander wirkten. 

Der äussere Frieden in der Gemeinde war auf diese VTeise zwar 
hergestellt; doch konnte dies nicht ganz ohne Einbusse an den geisti- 
gen Errungenschaften vor sich gehen, für welche Geiger seine Lebens- 
kräfte nach wie vor einsetzte. Die aus allgemeinen ürwahlen her- 
vorgegangene Gemeinderepräsentation und der von dieser ernannte 
Vorstand, wenn auch jederzeit in der Majorität der freisinnigen 
Sichtung zugethan, enthielten doch auch vielfach retardirende Ele- 
mente, die über die Erhaltung des Gleichgewichts der conservativen 
Interessen mit denen des Fortschrittes misstrauisch wachten und für 
Anregungen, die nicht streng auf dem neutralen Verwaltungsgebiete 
lagen, schwer zu gewinnen waren. Hieraus erwuchsen nun den auf 
Erweckung lebendiger Antheilnahme der Gemeinde an der Entwick- 
lung des Judenthums in Wissenschaft und Leben gerichteten Be- 
strebungen Geiger's mancherlei Hindernisse, da er sich hierbei nur auf 
das Verständniss und das Interesse der Einzelnen, nicht auf die be- 
stehende Organisation der Gesammtheit in allen Fällen stützen konnte. 
Mancherlei Erfahrungen dieser Art sind in den nachfolgenden Blättern 
i anzudeuten und müssen in Betracht gezogen werden, um es erklärlich 

^ zu machen, dass Geiger, so sehr er sich mit seiner Gemeinde eng 
I verwachsen und in ihrem Boden eingewurzelt fühlte, später dennoch 
{ dem Eufe nach einem anderen Wirkungskreise nicht unzugänglich 
\ geblieben ist. 

Der gebildetere Theil der Gemeinde, auf welchen Geiger vom 
Beginne seiner Breslaucr Thätigkeit an sich stützen konnte, war ihm 
bereitwillig in den Reformen gefolgt, welche zu der Herstellung eines 
würdigen Gottesdienstes von ihm als nothwendig erachtet wurden 



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- 115 - 

und deren Einführung nun durch die den^ Juden eingeräumte freiere 
Stellung ermöglicht war. Schon 1849 hatte Geiger im Auftrag der 
damaligen Cultusgemeinde „Grundzüge und Plan zu einem neuen 
Gebetbuche veröffentlicht [oben Bd. I, 203—229]; diesem Plane hatte 
sich das 1845 erschienene Gebetbuch genähert i), das, durch seine 
schönen deutschen Gebete und Lieder in der Breslauer Gemeinde 
rasch den allgemeinsten Eingang fand und, trotzdem es seine officielle 
Geltung später einbüsste, der älteren Generation noch heute lieb und 
werth geblieben ist. Die fast allsabbathlich gehaltenen Predigten 
und Erklärungen der Schriftauslegungen bewahrten ungeschwächt ihre 
Anziehungskraft; dem oft geäusserten Verlangen, Predigten di'ucken 
2u lassen, kam Geiger selten und nur bei besonderen Gelegen- 
hieiten nach^). 

Solche gottesdienstliche Reformen und schöne deutsche Predigten 
konnten indess dem religiösen Interesse, dem Beformbedürfniss der 
damaligen Judenheit nicht genügen. Ausser der Breslauer Kabbinats- 
angelegenheit hatte damals besonders der Hamburger Tempelstreit 
allgemeine Aufmerksamkeit erregt; unter denen, die zur Abgabe eines 
.Gutachtens aufgefordert wurden, befand sich auch Geiger, und er 
unterzog sich seiner Aufgabe mit Gründlichkeit und voller Ent- 
schiedenheit, welche die selbständig gewonnene freisinnige Meinung 
den streitenden Parteien gegenüber zu wahren wusste [s. oben Bd. I, 
S 113—197]. 

Noch regeres Leben wurde in der deutschen Judenheit durch 
die Bestrebungen des Frankfurter Reformvereins hervorgerufen. Die 
Mitglieder desselben hatten sich zunächst in der Erklärung^) ver- 
einigt, dass sie 1) in der mosaischen Religion die Möglichkeit einer 
unbeschränkten Fortbildung erkannten, 2) dem Thalmud weder in 
.dogmatischer, noch in praktischer Hinsicht irgend eine Autorität bei- 
legten, 3) einen Messias weder erwarteten noch wünschten, und nur 

') Israelitisches Gebetbuch für den öffentlichen Gottesdieost im ganzen Jahre ^ 
mit Einschluss der Sabbathe und sämmtlicher Feier- und Festtage. Geordnet und 
pat einer neuen deutschen Bearbeitung yersehen. Breslau. Julius Hainauer. 1854. 
;KIV u. 570 S. 

2) Ygi, oben Bd. I, S. 370—398, ferner das. S. 72, Anm.*, das. S. IV; femer; 
Predigt zur silbernen Hochzeit des Prinzen und der Prinzessin von Preussen, 
Breslau 1854, und: Predigt zur Friedensfeier am 4. Mai 1856, Breslau 1856. 

3) Programm, Erklärung und Einladungsschreiben abgedruckt im „Israelit* 
1843, S. 170—182. Andere Aktenstücke im „Israelit" 1843 und 1844 und in der 
gleich anzuführenden Freund'schen Zeitschrift 

8* 



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— 116 — 

das Land als Vaterland betrachteten, dem sie durch Geburt und 
bürgerliches Verhältniss angehörten. Diese Erklärung suchten sie zu 
verbreiten und Unterzeichner derselben in ganz Deutschland zu ge* 
winnen. 

Geiger erkannte die Nützlichkeit solcher Bestrebungen an, welche 
von einem neuerwachten geistigen Leben Zeugniss gaben, und war eifrig 
darauf bedacht, von den Bemühungen sichere Kunde zu erhalten, mit den 
Häuptern derselben in Verbindung zu bleiben ^), andere bisher ünbethei- 
ligte zur Theilnahme und besonders zur Begelung der Bestrebungen zu 
bewegen. Denn mit der Kichtung, welche die Frankfurter Reformer 
einschlugen, mit den Mitteln, durch welche die Forderungen durchs 
gesetzt werden sollten, war er nicht einverstanden, über das Maass 
des augenblicklich Erreichbaren hatte er, gemäss seinen Anschauun- 
gen von einem allmählichen, auf der historischen Entwicklung des 
Judenthums beruhenden Fortschritt, andere Ansichten als die Führer 
der Bewegung. Durch diese nicht selten heftig in Briefen und in 
anonymen aber leicht erkennbaren Artikeln der Hessischen Zeitschrift 
, Der Israelit •* ausgesprochene Meinungsverschiedenheit verlor er seinen 
Einfluss auf jene Beformbestrebungen, welche übrigens resultatlos ver- 
liefen, zog sich derbe Angriffe zu, die er nicht minder derb abwies, 
und entfremdete sich Manchem, der ihm bisher lieb und theuer ge- 
wesen war. 

Mit theoretischen Erörterungen, wie in Frankfurt, wollte man 
sich nicht überall begnügen, sondern versuchte an zwei Orten, in 
Breslau und Berlin, solche Ideen zu verwirklichen; zu beiden Ver- 
suchen, von denen freilich nur der Berliner Erfolg hatte, Stellung 
zu nehmen, wurde Geiger genöthigt. 

Die Breslauer Zeitung vom 4. April 1845 brachte eine Erklärung, 
„über welche ein Kreis achtbarer Männer sich verständigt*^, in welcher 
die Aufhebung des Zwiespaltes zwischen der religiösen üeberzeugung 
der Sprechenden und dem bestehenden Judenthume verlangt, das Aus- 
sprechen dieser Üeberzeugung als eine den Glaubensbrüdem, dem 
Staate, den Beligionslehrern gegenüber heilige Pflicht erklärt wurde. 
Demgemäss forderte man die Aufhebung des Glaubens an einen per- 
sönlichen Messias, der Gebote, welche den wöchentlichen Buhetag 



*) Eine Correspondenz mit M. A. Stern — zwei Briefe Geiger's vom 7. und 
28. August 1843 — jiuszuglich gedruckt in W. Freund: „Zur Judenfrage in 
Deutschland", Breslau 1844, S. 109—116. 



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— 117 — 

mit den Forderungen des bürgerlichen Lebens in Collision brächten, 
und der Speisegesetze^ gab an, dass diese Ansichten in einer Denk« 
Schrift an die Eabbinerversammlung weiter ausgeführt werden sollten 
und betonte, dass man an die Begründung einer neuen Gemeinde 
nicht denka Mit Bezugnahme auf diese Auseinandersetzung ver- 
öifentlichte Geiger eine Erklärung (4 April 1845) und präeisirte 
auf Wunsch des Vorstandes seine Ansicht (11. April), da seine 
erste Aeusserung das Missverständniss hervorgerufen hatte, dass 
er die Bildung einer „deutsch-jüdischen Gemeinde* begünstige. Da- 
mit schien für den Augenblick die Sache beigelegt, doch lebte sie 
bald von Neuem auf. 

In Berlin war unterdesseji die Genossenschaft für Keform im 
Judenthum in's Leben getreten, ein Gottesdienst für dieselbe ge- 
schaffen und als Prediger Geiger in Aussicht genommen worden. 
Eine Deputation, welche ihm das Amt antrug, wies er nicht gerade 
ab (Brief v. 19. März 1846), sondern erbat sich Bedenkzeit, wenige 
Wochen darauf erklärte er sich indess gegen die Annahme des Amts. 
Auch vierzehn Jahre später, nach Holdheim's Tode, lehnte er das 
wiederholte Anerbieten, Prediger der Reformgenossenschaft zu werden, 
ab, theils weil er die von der Gemeinde verfolgten Tendenzen für zu 
weitgehend hielt, theils weil er nicht Geistlicher eines Theiles^ sondern 
nur der Gesammtgemeinde sein wollte^). 

Durch die Berliner Bestrebungen angeregt, gründeten auch 
Breslauer Beformfreunde eine der Berliner ähnliche Genossenschaft^). 
Dieser gegenüber legte Geiger (28. März Nachm.) seinen Standpunkt 
in einer Vorlesung des Lehr- und Lesevereins dar, in welcher er die 
Frage: »Vom wem sollen die Reformen ausgehen?" mit den Worten 
beantwortete: „von Rabbinern und Gemeinden **, und die Genossen- 
schaften und Rabbinerversammlungen als die geeigneten Organe zur 
Herbeifahrung solcher Reformen bezeichnete. Gegen diese Erörterung 
trat Dr.W. Freund auf, bestritt die Berechtigung, Reformen hervorzu- 
rufen und erklärte die Bildung der Berliner Reformgenossenschaft für 
ein leichtfertiges Beginnen. Der hier in geschlossener Gesellschaft 



*) lieber die SteUung zur Reform vgl. u. A. Jüd. Zeitschrift III, 216—218; 
Predigt bei Holdheim's Tode, Brief v. 6. September 1860. 

*) Das Folgende nach der Fingschrift: ^Treuer Bericht über die letzten Er- 
eignisse in der hiesigen jjadischen Gemeinde^, Breslau, F. C. £. I^euckart. 1846. 
15 S. in 8®, deren VerofFentUchung Geiger nicht fernstand. — Vgl. auch „Israelit 
des 19. Jahrh.« 1846, No.l7£f. 



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- 11g - 

angefachte Streit wurde nun öffentlich fortgesetzt. Am 5. April hielten 
die Beformfreunde eine Generalversammlung ab, in welcher sie die 
Einrichtungen der Berliner, besonders die des Sonntagsgottesdienstes, 
nachzuahmen beschlossen; fast in denselben Tagen veröffentlichte 
Oeiger eine Brochüre^), in welcher er seine jetzige Ansicht ab eine 
nothwendige Consequenz seiner seit langer Zeit ausgebildeten Grund- 
sätze hinstellte; am ersten Tage des Pessachfestes, an welchem in der 
Breslauer Synagoge zum ersten Male deutsche Lieder gesungen, ein 
deutsches Frühlingsgebet gesprochen wurde, erschien ein Sendschreiben 
an Geiger, dem im Laufe der nächsten Wochen vier weitere folgten 2). 
Diese Sendschreiben, obwohl anonym erschienen, wurden allgemein 
als Arbeiten Freund 's angesehen^), aber weder diese Schriften, noch 
andere böswillige Machinationen, deren Wirkung auf die Urheber 
zurückfiel, erreichten den von ihnen beabsichtigten Zweck, Geiger's 
Verhältniss zu seiner Gemeinde zu trüben. 

Eine gedeihliche Neugestaltung des Judenthums konnte, nach 
Geiger's Hoffnung, am ehesten durch die Rabbinerversammlungen be- 
wirkt werden. Daher begrüsste er die auf Philippson's Anregung 
1844 in Braunschweig zusammentretende Versammlung mit grosser 
Freude und sandte derselben, da er durch Amtsgeschäfte verhindert 
war, ihrer Eröffnung beizuwohnen, ein Sendschreiben zu [oben Bd. I, 
S. 197—202]. Am 16. Juni 1844 reiste er nach Braunschweig, auf 
Kosten der Gemeinde, welche ihn beauftragte, Anträge auf Begrün- 
dung eines jüdisch-theologischen Lehrstuhls und auf eine zeitgemässe 
Gestaltung des Cultus zu stellen*). Am 18. Juni traf er in Braun- 
öchweig ein. „Alles schaarte sich*, so schildert ein Zeitgenosse, „um 
den kleinen Mann mit dem durchdringenden Blick und dem langen 

*) „Vor neun Jahren und heute. Em Wort aus jener Zeit zur Verständigung 
für die Gegenwart.** Breslau. F. C. E. Leuckart. 1846. 19 S. in 8«. Zum grossten 
Theil Abdruck eines auch in W. Z. in, 813—832 veröffentlichten Briefes aus dem 
Jahre 1835. 

2) „Fünf Sendschreiben der grossen Mehrzahl der Breslauer Israeliten-Gemeinde 
an Herrn Rabbiner Dr. Geiger und an sich selbst.** Breslau. Aderholz. 1846. Ur- 
sprünglich hatte der Titel heissen sollen: „Sendschreiben der Breslauer Israeliten- 
Gemeinde**, musste aber auf Einschreiten des Vorstandes geändert werden. 

*) Gegen ihn erschien: „Adresse der grossen Mehrzahl der Mitglieder der 
Breslauer Israeliten-Gemeinde an Herrn Dr. W. Freund.** Breslau. Cimmissions- 
Terlag von Eduard Trewendt 1846. 

*) Für das Folgende vgl. „ProtokoUe der ersten Rabbiner-Versamnünng, ab- 
gehalten zu Braunschweig 12.— 19. Jxmi 1844.** Braunschweig. Fr. Vieweg. 1844. 
S. 32, 81 ff. — Der Bericht des Zeitgenossen: „Israelit des 19. Jahrh.** 1844. S. 338. 



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— 119 — 

herabhängendeu Haare wie um einen Heiligen, Alles hiess ibn auf 
das Herzlichste willkommen, die Mitglieder alle (die Starrorthodoxen 
waren schon fort) begrüssten ihn, als wollten sie sagen: Du bist ja 
doch unser Aller Vorkämpfer, Du hast den Weg der kritischen 
Forschung, des Fortschritts im Rabbinismus, zuerst uns eröffnet, 
zuerst die Idee einer lebendigen Fortbildung im Judenthume aus- 
gesprochen. " Schon bevor or eintraf, war er in die Commission zur 
Revision der jüdischen Ehegesetze gewählt worden; erst an der 
11. (letzten) Sitzung vermochte er theilzunehmen. Er betheiligte 
sich sehr lebhaft an den Debatten, beantragte, einen Fonds zur Be- 
willigung der Reisekosten an die Theilnehmer der Versammlung zu 
errichten, den Druck der FrotocoUe nicht auf Kosten der Ver- 
sammelten, sondern durch Subscriptionen zu . ermöglichen, bekämpfte 
die blosse Veröffentlichung derselben in Zeitungen und die Begünsti- 
gung einer derselben als vermeintlichen Organs der Versammlung, 
und wurde mit der grössten Stimmenzahl in die Commission zur Be- 
rathung des Hirsch'schen Antrags über Aufhebung oder Milderung 
mehrerer Speise- und Sabbathgesetze gewählt. — Mit den Amts- 
brüdern unternahm er eine kleine Reise nach Seesen, wo die Jacobson- 
Schule besichtigt wurde. 

Einen lebhafteren Antheil nahm Geiger an der zweiten Rabbiner- 
versammlung in Frankfurt, deren Verhandlungen (15. — 28. Juli 1845) 
er von Anfang bis Ende beiwohnte, auf welcher er als Redner viel- 
fach in die Debatten eingriff, durch wichtige Anträge den Inhalt der 
Berathungen bereicherte, als Vicepräsident eine Sitzung (die 8.), in 
welcher die schwierige Messiasfrage erörtert wurde, leitete und für 
diese Leitung den besonderen Dank der Versammlung votirt erhielt. 
Mit voller Entschiedenheit trat er gegen die Altgläubigen, z. B. 
Frankel, auf, sprach sich in Gemeinschaft mit anderen Gesinnungs- 
genossen dagegen aus, dass die Beibehaltung der hebräischen Sprache 
für den Gottesdienst gesetzlich oder aus anderen Gründen nothwendig, 
aber dafür, dass theilweise Beibehaltung derselben rathsam sei, ver- 
langte einzelne deutsche Gebete, erklärte sich gegen die Erinnerung 
an den Opferdienst in den Gebeten, gegen eine besondere Feier des 
Neumondtages und gegen die Einführung des dreijährigen Cyclus in 
der Thoravorlesung. Ferner stellte er zwei Anträge: den einen, welcher 
die Errichtung einer oder mehrerer jüdisch-theologischer Fakultäten, 
den andern, welcher die Bearbeitung gediegener Erbauungs- und 
Andachtsbücher für das häusliche religiöse Leben bezweckte; für 



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^ 120 — 

beide Anträge wurden Commissionen ernannt, — beider Mitglieder 
ward Geiger, — welche die Gegenstände weiter fördern und der 
nächsten Versammlung Bericht erstatten sollten. Als Ort dieser Ver- 
sammlung wurde gemäss einer von Geiger überbrachten Einladung 
Breslau bestimmt i). 

Diese dritte Versammlung, durch den in ihr herrschenden Geist 
und durch die von ihr gefassten Beschlüsse die eingreifendste und 
wichtigste, zu welcher. Geiger nicht bloss die Theilnehmer der früheren, 
sondern auch andere Rabbiner und Gelehrte, wie Zunz, Sachs und 
L. Low, eingeladen hatte, wurde von Geiger geleitet, durch seine 
Einleitungs- und Schlussreden begonnen und beendet, durch seine 
Kesumös und Referate in ihren Berathungen gefördert. Auf Grund 
seines Berichtes [Protok. Bd. II, 348—358] wurden bemerkenswerthe 
Beschlüsse über den Sabbath gefesst,. nach welchen unter Anderem 
die übergrosse Strenge der Sabbathgebote gemässigt, die Erfüllung 
der Pflichten gegen den Staat selbst am Sabbath für nothwendig 
erklärt wurde. Andere Beschlüsse betrafen die sogenannten zweiten 
Feiertage, deren AbschaflFung berechtigt sei, andere die B^schneidung, 
welche mehr als bisher der Aufsicht der Aerzte unteratellt werden 
sollte, andere die Trauergebräuche, welche, soweit sie nur mit der 
früheren jüdischen Volkssitte sich herausgebildet hatten, für bedeu- 
tungslos erklärt wurden, Geiger hatte ferner als Mitglied der Fa- 
cultätscommission eine Anknüpfung mit den FränkeTschen Testa- 
mentsexecutoren versucht, die eine Correspondenz zur Folge hatte 
(Prot. S. 292, 299 ff.), und als Referent der Ehecommission einen 
Bericht über Chalizah eingereicht (Prot. S. 293-298), der aber nicht 
mehr zur Berathung kam. Seine „gerechte, milde und gewandte ** 
Leitung bei schwierigen Gegenständen und erregten Debatten wurde 
von A. Adler am Schluss im Namen der Versammlung in schönen 
Worten gerühmt, von demselben auch ein herzlicher Dank den Bres- 
lauern, ihrer Gastfreundschaft, ihrer Gesinnungstüchtigkeit, ihrem 
Idealen Streben gespendet. Für die jüdische Gemeinde Breslaues war 
diese Versammlung ein hochwichtiges Ereigniss: nun ward sie in 
allen Gauen Deutschlands als eine Hauptträgerin freier religiöser 
Bestrebungen bekannt und geachtet, die durch die Versammlung 
erregte Begeisterung wirkte lange nach und die herzliche Gemeinschaft 



*) Protokolle und Aktenstücke der zweiten Rabbiner- Versammlung, abgehalten 
zu Frankfurt 15.— 28. Juli 1845. Frankfurt. E. üllmann'sche Buchhandlung. 1845. 



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^ 121 — 

zwischen der Gemeinde und ihrem geistigen Führer wurde durch 
die grossartige Anerkennung, welche Beide gefunden hatten, unauf- 
löslich geknüpft. 

Dem Auftrage, die Protokolle der Commission herauszugeben, 
unterzog sich Geiger in Verbindung mit seinem Freunde M. A. Levy 
mit grossem Eifer ^); schon vorher hatte er einen kurzen Rechen- 
schaftsbericht erscheinen lassen ^) und liess diesem eine Vortheidigung 
besonders der Sabbathbeschlüsse gegen orthodoxe AngriflFe folgen^). 

Schon in Breslau war als Ort für eine vierte Versammlung 
Mannheim, als Termin Juli 1847 in Aussicht genommen worden, aber 
ihr rechtzeitiges Zustandekommen wurde durch das verspätete Ein- 
treffen der landesherrlichen Genehmigung und die für das Jahr 1848 
I)eab8ichtigte durch die politischen Kämpfe, die alles üebrige zu 
überfluthen begannen, und durch die Bemühungen zur Kegelung der 
Verhältnisse der Juden, die besonders in Preussen sehr lebhaft ge- 
führt wurden, gehindert. An beiden nahm Geiger lebhaften Antheil. 

Die Thronbesteigung Friedrich Wilhelm 's IV. (1840) hatte überall 
die Hoffnung auf eine freisinnigere Gestaltung der allgemeinen politi- 
schen Verhältnisse, auf eine Besserung der Lage der Juden erregt. 
Dieser Hoffnung, welche auf die eigenen Worte des Königs gegründet 
war, gab Geiger in seiner Predigt am Huldigungstage [oben Bd. I, 
S. 886 — 397] Ausdruck, wiederholte sie in der Audienz, welche er 
mit den Vertretern der schlesischen Gemeinden bei dem Besuche des 
Königs in Breslau (-1841) hatte, wurde vom König in eine Unter- 
haltung gezogen, in welcher dieser wichtige Beformen der jüdischen 
Verhältnisse in Aussicht stellte (Allg. Leipz. Zeitg. 1841, No. 262; 
Jew. Times, 1875, S. 687, 719), und hatte auch Gelegenheit, dem 
Minister Eichhorn bei dessen Aufenthalt in Breslau (1843) Wünsche 
für eine bessere Stellung der Juden und Begründung seines eigenen 
theologischen Standpunktes vorzutragen, Wünsche, auf deren Aus- 
sprechen hin er die besten Zusicherungen mit der Bemerkung erhielt. 



^) Protokolle der dritten Versammlung deutscher Rabbiner, abgehalten zu 
Breslau vom 13. bis 24. Juli 1846. Breslau. F. E. C. Leuckart 1847. VI und 
317 S. 8^ * 

'^) Vorläufiger Bericht über die Thätigkeit der dritten Versammlung deutscher 
Rabbiner. Breslau. F. E. C. Leuckart. 1846. 8 S. S». 

3) Die dritte Versammlung deutscher Rabbiner. Ein vorläufiges Wort zur 
Verständigung. Breslau. F. E. C, Leuckart. 1846. 13 S. 8«. 



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— 122 — 

dass seiDe theologischen Bestrebangen den Minister an die seines 
verewigten Freundes und Lehrers, Schleiermacher, erinnerten. 

Doch mit diesem mehr zufälligen Andeuten seiner Wünsche be- 
gnügte Geiger sich nicht, vielmehr suchte er die Gelegenheit auf, 
seine- Forderungen geltend zu machen. Zuerst entwarf er auf Grund 
der Worte des Königs, dass in seinen Staaten ünterthanen jüdischen 
Bekenntnisses mit „gefeierten Namen" sich befänden, eine Petition 
an das Cultus-Ministerium, des Inhalts, die philosophische Fakultät 
der Breslauer Universität zur Zurücknahme ihrer Bestimmung zu 
veranlassen, dass Jeder, welcher den Grad eines Licentiaten oder 
Doctors der Philosopie zu erhalten wünsche, christlicher Religion sein 
und sich darüber ausweisen müsse. Als dann im folgenden Jahre 
das Gerücht auftauchte, dass den Juden das seit einem Menschen- 
alter besessene und von ihnen froh geübte Recht des Militairdienstes 
entzogen werden sollte, richtete Geiger, ohne dass er eine Aufforde- 
rung dazu erhalten hätte, an das Obervorstehercollegium ein «Rabbi- 
nisches Gutachten über Militärpfiichtigkeit der Juden'' (Breslau 1842), 
das in dem Satze gipfelte: „Es findet demnach die Uebernahme der 
Militärpflichtigkeit nicht bloss kein Hinderniss in dem rabbinischen 
Judenthume, sondern dieselbe ist eine religiöse Pflicht, und zwar die 
höchste, der alle anderen sich unterordnen müssen, so dass der 
fromme Jude sich ihr nicht entziehen darf. Es kann daher auch 
dem heutigen Staate nicht als eine Schonung des Gewissens an- 
gerechnet werden, wenn er die Juden vom Militärdienste befreit, 
vielmehr wäre es eine Gewissensverletzung, wenn er ihnen die Mittel 
zur Vertheidigung ihrer selbst und des Vaterlandes entzöge.* 

Die Beschränkungen in Bezug auf den Militärdienst waren indess 
nicht die einzigen, welche damals befürchtet wurden und wirklich 
eintraten, vielmehr lieferten die Verbote der sogenannten christlichen 
Namen, das Zusammenschliessen der Juden in Corporationen, über- 
haupt die Nichtausführung des Edikts vom 11. März 1812, Ver- 
anlassungen genug zu Gutachten und Petitionen, welche die Breslauer 
Gemeinde theils allein, theils im Vereine mit der Berliner, Königs- 
berger oder den schlesischen Gemeinden an die Minister oder den 
König richteten. Bei den meisten über diese Angelegenheiten ge- 
pflogenen Berathungen nun war Geiger thätig, viele Schritte ge- 
schahen geradezu auf seine Veranlassung, viele der hier in Betracht 
kommenden Aktenstücke sind von seiner Hand geschrieben. Die 



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— 123 - 

wichtigste dieser Petitionen war ein Entwurf, ,,da8 Synagogen- und 
Eeligionsunterrichtswesen betreffend", der, ursprünglich von den Sach- 
verständigen der Berliner Gemeinde, DD. ßubo, Zunz u. A., be- 
arbeitet, mit dem Erstgenannten in Breslau durchgesprochen, von 
Geiger, Freund und drei Mitgliedern des Vorstandes verbessert, am 
14. Juli 1842 dem Cultusminister übersandt wurde. Die auf Geiger's 
Antrieb m diesen Entwurf gebrachten, mit dem Berliner in Wider- 
spruch stehenden Forderungen waren: 1) freie Entwicklung für jede 
jüdische Gemeinde ohne Einmischung von Provinzial- und Central- 
behörden, 2) Constituirung der Gemeinden als blosser religiöser Ge- 
sellschaften, als welche nur für K^igionsschulen, nicht aber für Ele- 
mentarschulen zu sorgen, die Einrichtung letzterer vielmehr den 
Communen zu überlassen hätten, 3) Noth wendigkeit einer staatlichen 
Prüfling sowohl für die anzustellenden, als für die bereits angestellten 
Babbiner, 4) Ausschliessung der Babbiner aus dem Vorstande der 
Gemeinde. 

Als im folgenden Jahre die rheinischen Provinzialstände warme 
Worte zu Gunsten der Juden sprachen, erhielten sie von der Bres- 
lauer Gemeinde eine auch von Geiger unterzeichnete Dankadresse 
(21. Juli 1843) , zwei Jahre später (14. Februar 1845) wurde eine 
von Geiger verbesserte Petition, die Bmancipation der Juden ver- 
langend, dem schlesischeu' Provinzial-Landtage überreicht, welche den 
mit grosser Mehrheit gefassten Beschlüss hervorrief, die Wieder- 
herstellung des Gesetzes vom 11. März 1812 beim Könige zu bean- 
tragen. Wiederum zwei Jahre später war die Juden frage ein Haupt- 
gegenstand der Berathungen des ersten vereinigten Landtags, der 
1847 in Berlin zusammengetreten war. Um diese zu fördern, wurde 
von der Gemeinde eine von dem Syndicus derselben, Dr.jur. Honig- 
mann, verfasste Beleuchtung des Verordnungs- Entwurfs, die Ver- 
hältnisse der Juden betreffend i), an den vereinigten Landtag ge- 
richtet und zur persönlichen Information der einflussreichsten Ab- 
geordneten Geiger nach Berlin geschickt^). Dieser hatte mehrfache 
Unterredungen mit hervorragenden Parteiführern, unter Anderm mit 
Vincke, der seine Unterstützung versprach, mit Graf Bohlen, der 
jeden NichtChristen als ein ziemlich ungesundes Glied im Staats- 

1) Das gute Recht der Preussen jüdischen Bekenntnisses. Leipzig. Georg 
Wigand's Verlag. 1847. 

') Er predigte damals im Bethause der Reformgemeinde, Jüd. Ztschr. III, 267, 
und Brief v. 30. Juni 1847. 



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— 124 — 



Organismus bezeichnete und auf eine Kntg^nung Oeiger*s erwiderte, 
&t würde auch einen Sokrates und Plato, wenn diese jetzt aufträten, 
nicht für vollkommene Staatsbürger halten kOnnen* Mit dem aus 
den Verhandlungen des Landtages hervorgegangenen Gesetze (vgL 
^Geschichte der Juden in Berlin % Bd. I, S. 194- 196) vom 23. Juli 
1847 war aber die Ordnung der jüdischen Verhältnisse nicht beendet; 
«ine nicht geringe Thätigkeit war vielmehr den Gemeinden selbst 
überwiesen. Das neue Gesetz bestimmte nämlich im §. 36: „Die 
Bildung des Synagogenbezirks erfolgt durch die Regierung nach An- 
hörung der Betheiligten. " Um nun der Regierung bald das nöthige 
Material liefern zu können, forderte das Breslauer Obervorsteher- 
collegium sämmtliche schlesische Gemeinden auf, Deputirte zu einer 
Versammlung nach Breslau zu schicken. Diese trat dann auch am 
24. und 25. August unter Geiger's Vorsitz zusanomen. Sie setzte 
die verschiedenen Synagogenbezirke fest und beschäfkigte sich be- 
sonders mit Berathungen in Betreff der in die künftigen Gemeinde- 
statuten aufzunehmenden Bestimmungen über Wahl, Befähigung und 
Funktionen der Rabbiner. 

Das Gesetz von 1847 kam nun, wie bereits erwähnt, in seinem 
organisatorischen Theil zunächst nicht zur Ausführung ; sein pditisdier 
Tbeil trat dagegen in Wirksamkeit und brachte, in Verbindung mit 
der Verfassung§urkunde vom 30. Januar 1850, einen gewissen Ab- 
schluss der öffentlichen Rechtszustände der Juden zu Wege, welcher 
dem steten Petitioniren um Verbesserung derselben ein vorläufiges 
Ziel setzte. Gleichwohl galt es noch lange Zeit über die Wahrung 
der gewonnenen Rechte gegen Verkümmerung zu wachen, und, so- 
bald Geiger eine solche zu erblicken glaubte, war er nicht müde, 
•den Vorstand zu kräftigem Vorgehen anzuregen und zu ermuntern. 

In diesem Sinne schrieb er (29. November 1852) an den Vor- 
stand, er möge im Verein mit anderen Gemeinden bei dem Staats- 
ministerium vorstellig werden darüber, dass: 1) jüdischen Juristen, 
Lehrern und Feldmessern die Anstellungsfähigkeit entzogen worden sei, 
2) die Landräthe aufgefordert worden, über die Juden Bericht zu er- 
statten, 3) mannigfache Beeinträchtigungen des §. 12 der Ver&ssung 
vorgekommen seien, und erwirkte, dass von Breslau und Berlin aus 
Petitionen an das Abgeordnetenhaus und das Ministerium gerichtet 
wurden. Minder glücklich war er in einer andern zweimal versuchten 
Anregung (8. Oktober 1857, 28. Oktober 1858), durch welche er den 
Vorstand zu einer Petition gegen die den Juden nicht zustehende 



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— 125 — 

Möglichkeit, das erste juristische Examen zu machen, veranlassea 
wollte. Bei allen diesen Schritten, welche das Wohl der Gesammtheit 
betrafen, wollte er, im rühmlichen Gegensätze zu manchem Amts- 
genossen, nur für die Sache wirken; nirgends versuchte er es, sich 
in den Vordergrund zu stellen, er nahm gern die Arbeit auf sich, 
überliess aber Anderen die Ehre. 

Wie im Staate, so suchte er auch in der Stadt jeder Un- 
gerechtigkeit entgegenzutreten. Als z. B. März 1844 ein Bürger- 
Hospital für die Bürger „aller christlichen Confessionen** errichtet 
werden sollte, erhob er gegen diese unbillige Ausschliessung der 
Juden seine Stimme (Bresl. Zeitg. 1844. Nr. 68) und bewirkte durch 
diese Anregung eine Aenderung der ursprünglichen Bestimmung. 

Aber seine Aufmerksamkeit richtete sich keineswegs bloss auf die 
politischen Vorgänge, soweit sie den Juden günstig oder ungünstig 
waren, sondern auf die Weltbegebenheiten überhaupt, zumal insofern 
sie Deutschland und Preussen berührten. Ansichten und Wünsche, 
welche er bei Betrachtung solcher Ereignisse hegte, sind in den unten 
mitgetheilten Briefen vielfach ausgesprochen. Auch handelte er seinen 
Ansichten gemäss, betheiligte sich rege an den politischen Versamm- 
lungen des Revolutionsjahres und wurde damals und fast regelmässig 
auch später zum Wahlmanne gewählt, als welcher er stets dem Can«- 
didaten der freisinnigen Partei seine Stimme gab. 

Mit dem Jahre 1849 trat in politischen und judisch-kirchlichen 
Fragen ein gewisser Stillstand ein; die in der Breslauer Gemeinde 
noch zu führenden Kämpfe waren mehr organisatorischer als theo- 
logischer Art; Geiger konnte sich daher, seiner Lieblingsneigung 
folgend, ungestört wissenschaftlicher Beschäftigung hingeben. Auch 
vorher hatte diese freilich nicht vollständig geruht, aber im Jahre 
1849 kamen drei Momente hinzu, um dieselbe reicher und fruchte 
barer zu machen: 1) die dauernde Anknüpfung einer wissenschaftlichen 
Gorrespondenz mit S. D. Luzzatto, der, wenn auch auf anderem 
religiösen Standpunkte stehend, durch seine grosse Gelehrsam- 
keit und das selbstlose Spenden aus seinem reichen Handschriften- 
schätze ungemeine Anregung bot; 2) der Besuch der Münchens 
Bibliothek, deren werthvolle hebräische Handschriften bisher kaum 
beachtet, geschweige bearbeitet worden waren, und 3) die Benutzung 
der kostbaren Manuscripte Oxfords, welche besonders durch die be- 
reitwillige Vermittlung M. Steinschneider 's ermöglicht wurde. 

Die ersten Jahre des Breslauer Aufenthalts waren der Fort^ 



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— 126 — 

Setzung der Zeitschrift gewidmet, deren Herausgabe erst viele Monate 
nach Einreichung des Gesuches durch einen ministeriellen Erlass ge- 
stattet wurde. Von dieser Zeitschrift erschien ein Band (5.) in vier 
Heften während der Jahre 1843 und 1844, von einem 6. Bande, 
mit welchem 1847 die Zeitschrift als Monatsschrift neu erstehen 
sollte, wurden nur drei Hefte veröffentlicht. Der Inhalt der Zeit- 
schrift, deren Abhandlungen zum grössten Theile von Geiger her- 
rührten, mit Ausnahme eines ausführlichen Aufsatzes von Saalschütz 
und kleineren Arbeiten von Zunz, Luzzatto, Dernburg, Levy, 
blieb derselbe wie bisher: theils wissenschaftliche Studien, welche 
sich der Erforschung des Thalmud oder der Behandlung der jüdisch- 
mittelalterlichen Philosophie und Sprachgeschichte zuwandten, theils 
Leitartikel, welche die brennenden Fragen der Gegenwart mit Offen- 
heit und Schärfe in freisinniger Weise behandelten, theils Abwehr 
ungerechter Angriffe gegen Juden und Judenthum. Der Grund zum 
schnellen Aufhören der Zeitschrift lag nicht in der geringen Theil- 
nahme des Publikums, sondern in dem Umstände, dass der Heraus- 
geber, durch Amtsgeschäfte und mannigfache praktische Thätigkeit 
genug belastet, in Folge der ihm fast allein obliegenden Sorge für 
den Inhalt der Zeitschrift, sich an jeder wissenschaftlichen Cöncen- 
tratioB gehindert sah. Nur um diese zu erlangen, gab er schweren 
Herzens die Zeitschrift auf (1847), und begann erst 15 Jahre später 
eine neue, nachdem er den Mangel eines geeigneten Organs zu bitter 
empfunden hatte. 

Unter den selbständigen Arbeiten dieser Periode die erste ist 
das Lehr- und Lesebuch zur Sprache der Mischnah ^). Das Werk 
knüpfte an die mischnaitischen Studien der Jugeindzeit an und war 
vielleicht unmittelbar durch das Bedür&iss hervorgerufen worden, 
angebenden jüdischen und christlichen Theologen das Verständniss 
der eigenthümlichen Sprache zu erleichtern. Das Lehrbuch erlangte 
wegen seiner methodischen Behandlung der Sprache, das Lesebuch 
wegen seiner geschickten Auswahl, der klaren Anmerkungen und des 
ausführlichen Wörterbuchs Anerkennung und Beifall^) und fand, wenn 
auch erst allmählich, Eingang auf deutschen Universitäten. 



2 Theile, Breslau 1845. 

*) Angriffe, welche Grätz gegen das Buch versuchte, wurden von Geiger in 
mehreren ausführlichen Aufsätzen: «Proben einer conservativen Kritik*' (Israelit des 
19. Jahrh. 1845, No. 5 u. 6, u. 1846. No, 5, 6, 9, 10) zurückgewiesen. 



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— 127 — 

Die folgenden Arbeiten dieser Periode betreffen alle die jüdische 
Literaturgeschichte des Mittelalters. Von ihnen bot die erste, 1847 
von einem ungeschickten Herausgeber, zu dessen Vortheile sie ver- 
öffentlicht wurde, unter dem Titel: „Nite naamanim'' nachlässig 
gedruckt, vier Aufsätze : eine grössere Abhandlung: „Die nordfranzö- 
sische Exegetenschule im 12. Jahrhundert*, eine kleinere: „Die An- 
thropomorphismen in der Hagadah und die Eabbiner der arabischen 
Schule**, und dann zwei Notizen über die Gutachten und den Mischnah- 
Commentar des Maimonides, welche durch spätere Studien erweitert 
und umgestaltet wurden. Hatte sich schon in diesen Arbeiten die 
Betrachtung gelegentlich dem Maimonides zugewandt, dem, wie wir 
sahen, fleissige Studien der Bonner und Wiesbadener Zeit gewidmet 
gewesen waren, .so wurde sie in einem 1850 erschienenen Hefte, das 
später leider keine Fortsetzung fand, ausschliesslich auf ihn gelenkt 
[vgl. ob. Bd. ni, S. 34 — 96]. Die Münchener Studien veranlassten eine 
Reihe werthvoUer hebräischer Arbeiten über die Familie Kimchi [vgl. 
Geiger'shebr. Abhandlungen u.Einl.das.]. DieVerbindung mitLuzzatto 
begünstigte die rüstige Durchführung einer Arbeit über Juda ha-Levi, 
welche theils das Leben dieses Dichters in Kürze schilderte, theils 
eine poetische üebersetzung seiner religiösen, philosophischen und 
lyrischen Lieder lieferte [ob. Bd. III, S. 97-*^ 176]. Diese Arbeiten, 
unter Ander m von St. ßeneTaillandier gerühmt [Revue des deux 
mondes, 1853. 15 avril, p. 381J, eröffnete den Laien ein Gebiet, das 
ihnen bisher fast gänzlich verschlossen war, und blieb ihrem Ver- 
fasser auch später ganz besonders lieb. Bei manchen Gelegenheiten 
kam er auf den einmal behandelten Gegenstand zurück und versenkte 
sich mit Eifer in den reichen Liederschatz der jüdischen Dichter der 
spanischen und italienischen Schule [ob. Bd. III, S. 224 — 251], welche 
er nachzuempfinden und in dichterischer Weise nachzubilden verstand. 
Doch nicht bloss den jüdischen Dichtern der Vergangenheit, sondern 
auch den Exegeten, Polemikern und Philosophen waren Geiger's 
Studien gewidmet: den Exegeten eine Arbeit, welche auf Grund und 
unter Mittheilung neugewonnenen handschriftlichen Materials frühere 
Studien berichtigte und ergänzte^); den Polemikern mehrere Abhand- 
lungen unter dem Titel: „Proben jüdischer Vertheidigung gegen 



*) Parschandatha. Die nordfranzösische Exegetenschule. Ein Beitrag zur 
Öeschichte der Bibelexegese und der jüdischen Literatur. Leipzig 1855. 34 S. 
deutsch und 54 S. hebr. 



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— 128 — 

chrisäiche Angriffe im Mittelalter ^), von denBn die über Isaak Troki 
auch besondei-s gedruckt wurde; der Geschichte der PÜllosophie, oder 
richtiger der allgemeinea inneren Geschichte des Judenthums gehört 
eine Abhandlung über Leon da Modena ^) an, welche dem Andenken 
Isaak Samuel Beggio 's gewidmet \^r. Wie Juda ha-Levi, so blieb 
Leon da Modena, der kühne, vielseitige, wenn auch nicht immer 
klare Forscher, eine Persönlichkeit, auf welche Geiger auch später 
gern hinwies (vgl oben Bd. II, S. 189—194); er hätte gewünscht, 
dass diese seine Arbeit, von deren Werth und Bedeutung auch er 
überzeugt war, in allgemein wissenschaftlichen Kreisen eine grössere 
Beachtung erlangte, als jüdische Arbeiten gewöhnlich fanden^). 

Diese schriftstellerisch-wissenschaftliche Thätigkeit genügte jedoch 
Geiger nicht; vielmehr beherrschte ihn stets der Drang nach münd- 
licher Mittheilung dessen, was er durchdacht und erforscht hatte. 
Um einen solchen Drang zu befriedigen, hielt er theils öffentlich, 
theils in Instituten, die er gegründet oder umgestaltet hatte, semester- 
weise einmal oder zweimal wöchentlich Lehrkurse, besonders über 
jüdische jGeschichte der älteren Perioden, aber auch der späteren 
Jahrhunderte bis auf die neueste Zeit herab, über jüdische nach- 
thalmudische Literaturgeschichte, über Einleitung in die Mischnah 
und Erklärung derselbeif, über chaldäische Sprache, über Vergleichung 
des Judenthums mit dem Christenthum, über Einleitung in das Stu- 
dium der jüdischen Theologie. Von den hier gehaltenen Vorlesungen- 
sind wenige gedruckt (oben Bd. II, S. 1—32. 246—274, vgl. das. 
S. III f.), die meisten in späteren Veröffentlichungen verwerthet, einige 
unbenutzt im Nachlass erhalten; alle waren derart, dass sie den 
Theilnehmern, meist Studirenden der Theologie, z. B. Landsberger, 
Schöngut, Mauksch, Friedmann, Goldstein, Cohn (später 
in Schwerin, dann in Berlin) Bereicherung ihrer Kenntnisse und 
wissenschaftliche Anregung gewährten. 

Deutscher Volkskalender für Israeliten, Breslau 1851, S. 35—66; 1852, 
S. 29-52; 1854, S. 5-58; 1855, S. 88—100; 1856, S. 103-117; 1859, S. 74—78. 
Vgl. oben Bd. III, S. 178-223. 

*) L. d. M., Rabbiner zu Venedig, und seine SteUung zur Eabbalah, zum 
Thalmud und zum Christenthum. Breslau 1856. J. U. Kern. 63 Seiten deutsch 
und 34 Seiten hebräisch. 

°) Zu den philosophischen Arbeiten gehört auch: „Die ethische Grundlage des 
Buches über die Herzenspflichten^ Breslau, 3. Juni 1853, als Einleitung zu 
E. Baumgarten's Ausgabe von Bechai: Choboth halewowoth. Wien 1853. S. XIII 

bis xxn. 



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— 129 — 

Einer der Vereine, in welchem einige der genannten Vorlesungs- 
curse und viele einzelne Vorträge von Geiger gehalten wurden, war 
der »jüdische Lehr- und Leseverein*. ^) Er wurde auf Anregung 
M. Breslauer 's gegründet, von Geiger geleitet, fand ein passendes 
Lokal in dem von C. B. Fränkel für ein Waisenhaus und Hospital 
errichteten Gebäude und hatte einen dreifachen Zweck: 1. eine Bi- 
bliothek zur Benutzung der Gemeindemitglieder einzurichten, 2. ein- 
zelne Vorträge, Monatsberichte und Vorlesungscurse, besonders für 
Studirende halten zu lassen, 3. eine ünterrichtsanstalt zu schaffen, 
welche »jungen Männern, die mit ernstem Willen und gereiften An- 
lagen frühere Versäumnisse rascher nachholen und sich für eine höhere 
Gymnasialklasse vorbereiten möchten, die Mittel hierzu an die Hand 
geben sollte**. Dieser dreifache Zweck wurde von dem am 29. Mai 
1842 in's Leben tretenden Verein trefflich erfüllt, die Bibliothek 
wuchs unter M. A. Levy's vorzüglicher Verwaltung rasch an und 
wurde 1861 zur Gemeindebibliothek erhoben 2); die Lehranstalt, an 
welcher Geiger, Levy, Freund u. A. unentgeltlich lehrten, ver- 
wirklichte vollkommen die an ihre Errichtung geknüpften Hoffnungen, 
und gewährte vielen jungen Männern, die später in den verschiedensten 
Wirkungskreisen hervorragende Stellungen einnahmen , die erste 
gründliche wissenschaftliche Vorbildung; die Vorlesungen, welche 
zwar nicht regelmässig, aber ohne grössere Unterbrechung bis zum 
Jahr 1850 fortgesetzt wurden, boten den Studirenden die Möglichkeit 
dar, sich in wissenschaftlichen Disciplinen auszubilden, welche von der 
Universität ausgeschlossen waren. 

Die Veranlassung zum Abbrechen dieser Vorlesungen lag nicht 
bloss in der seit 1850 stärker hervortretenden Lust an productiver 
Thätigkeit, sondern in einem äusseren Umstände. Geiger's Verlangen 
nach der Errichtung einer jüdisch-theologischen Fakultät schien sich 
nämlich in Breslau dadurch zu verwirklichen, dass er in dem oben 
genannten Commerzienrath Jonas Ifränkel einen Mann fand, der 
gern bereit war, sein grosses Vermögen für wohlthätige und humane 



*) Für das Folgende: Erster und zweiter Bericht über das Wirken des jüdischen 
Lehr- und Lesevereins in Breslau. 1843 und 1844. 24 und 23 Seiten in 8^. Die 
Berichte sind von Geiger. 

*) Die Bedeutung einer jüdischen Gemeindebibliothek. Einladungsschrift zur 
Eröffiaung der Bibliothek, von Geiger. Breslau 1861. 4 Seiten in 8^ — und: 
Catalog der Bibliothek der Synagogen-Gemeinde zu Breslau (Israelitischer Lehr- 
und Leseverein). Bre^u 1861. VI und 150 Seiten in 8°. 

Oeigar, Schriften. V. 3 



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— 180 — 

Zwecke zu hinterlassen und dass er diesen veranlasste, eine sehr an- 
sdmliche Summe fär die Gründung einer theologischen Lehranstalt 
zu bestimmen. Aber die Fränkerschen Testamentsexecutoren [s. ob. 
S. 120] — Fränkel war 27. Januar 1846 gestorben — hielten es für gut, 
der Anstalt, welche nach Hinwegräumung mancher Schwierigkeiten 
unter dem Namen eines jädisch-theologischen Seminars 1854 in*s Leben 
trat, sogleich einen entschieden conservativen Charakter aufzudrücken 
und deshalb zum Leiter derselben nicht Geiger zu wählen, welcher nach 
den Intentionen des Stifters unstreitig der Ausersehene war, sondern 
Z. Franitel zu berufen. Diese üebergehung empfand Geig^ sehr 
schmerzlich, nicht bloss als eine schwere persönliche Kränkung und 
als eine Vernichtung seiner Lieblingshoffnungen, sondern vornehmlich 
als eine Beeinträchtigung der von ihm mit der innersten Ueberzeugung 
vertretenen wissenschaftlichen Richtung, für welche er in einer der- 
artigen Anstalt die geeignetste Pflanzstätte erkannte. Zwar liess er 
sich dadurch Breslau nicht verleiden und beantwortete eine Anfrage 
Berthold Auerbach's, ob er geneigt "sei, die Leitung des Philan- 
tropins in Frankfurt zu übernehmen, ablehnend; aber er gab seitdem 
die Vorlesungen auf, welche ihm bisher als Vorbereitung zu jener 
akademischen Thätigkeit, nach welcher er sich sehnte, sehr willkommen 
gewesen waren. 

Für das Fehlschlagen jener Hoffnung erwuchs ihm ein massiger 
Trost in dem Gedeihen einer anderen Lieblingsanstalt, der jüdischen 
Beligionsschule, welche er Mai 1843 errichtet hatte. Hier hatte er 
die Freude, zu sehen, wie die Anstalt rasch aufblühte und von der 
Gemeinde als ein kostbares Gut betrachtet wurde; hier gewann er 
durch seinen Beligionsunterricht und durch die von ihm alljährlich 
in erhebendster Weise veranstaltete Confirmation, die Herzen der 
Jugend, welche zeitlebens die Anregung und Erquickung pries, welche 
ihr aus diesem Unterricht geworden war; hier erwarb er in M. A. 
Levy, dem ersten Keligionslehrer der Anstalt (geb. 1817, gest. 1872)^ 
nicht bloss einen Amtsgenossen, sondern einen treu ergebenen, kennt- 
nissreichen, gleichstrebenden Freund, dessen Familie mit der seinen 
in innigster Weise verbunden war und dauernd verbunden blieb 
(j. Z. X, S. 204). 

Ausser in den genannten Anstalt^ und Vereinen war Geiger 
bei der Beorganisation des „Israelitischen Handlungsdiener-Institutes* 
thätig (18143), eines kaufinännischen Vereins, als dessen Ehrenmitglied 
er auch später hin und wieder Vorträge hielt, rtvidirte die Statuten^ 



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— 131 — 

des .YemiiB znr BefSrdernng des Handwerks unter den israelitischen 
CHanbensgenossen der Provinz Schlesien* (1843), war im Auftrage 
der Stadt lange Bevisor der jüdischen Schulen, betheiligte sich leb- 
haft an den Bestrebungen der ,, Gesellschaft der Freunde '', deren 
Ehrenmitglied und der , dritten Brüdergesellschafk*, deren Obervor- 
steher er wurde (1860), und entwickelte, von den reichen Männern 
der Breslauer Gemeinde, besonders von dem edeln, far alle höheren 
Bestrebungen empfönglichen, stets thatbereiten und opferwilligen 
Moritz Schreiber, bereitwilligst unterstützt ^ eine vornehmlieh 
armen Studenten gewidmete Wohlthätigkeit, die, weit über die Grenzen 
Breslaues und Schlesiens gerühmt, ihm in den Herzen Vieler ein 
bleibendes Andenken gesichert hat. 

Diese rege praktische und wissenschaftliche Thätigkeit wurde 
durch kleinere und grössere Reisen wohlthätig unterbrochen. Häufig 
riefen ihn Amtsgeschäfte, Trauungen und Leichenbegleitungen (z. B. 
die des für jüdische Angelegenheiten vielfach thätigen, gesinnungs- 
tüchtigen Abraham Muhr in Pless Juni 1847) nach kleineren 
Städten Schlesiens; in anderen hatte er neuerbaute Gotteshäuser ein- 
zuweihen, z. B. September 1846 in Hirschberg, wo er mit grossem 
Enthusiasmus begrüsst wurde und von wo aus er auf einige Tage 
^as schlesische Gebirge besuchte, früher, Juni 1841 in Hultschin, 
Von wo er mit seiner Gattin nach Teschen und von da auf acht Tage 
nach Wien reiste, wo er mit dem Freunde Jakob Auerbach trau- 
lich zusammenlebte und wo er sowie auf der Bückreise interessante 
Bekanntschaften machte (Br. 29. Juli, 8. August 1841). Auch die 
Babbinerversammlungen nöthigten zu Beisen. Von der Braunschweiger 
ist (oben S. 119) die Rede gewesen, während der Frankfiirter 
(a. a. 0.) predigte Geiger am 26. Juli in Frankfurt, reiste dann am 
2. August nach Wiesbaden, wo ihm in dankbarer Erinnerung an die 
frühere Wirksamkeit ein Fest bereitet wurde, ging darauf nach Bonn, 
wo er mit seiner bei den Ihrigen weilenden Gattin das Beethoven- 
fest mitmachte, und kehrte nach einem Aufenthalte in Bielefeld und 
Berlin nach Breslau zurück (22. August). Zwischen beide Versamm- 
lungen Mit eine Reise zu der Orientalistenversammlung in Dresden 
{Oktober 1844), vor welcher Geiger einen Vortrag mit Vorlage des 
ersten Theils seines Lehr- und Lesebuchs (oben S. 126) hielt über 
den Werth der Mischnahstudien für das Hebräische und Syrische und 
über Erklärung des Wortes Peschito. Seit dieser Theilnahme jm der 
Versammlung arbeitete er lebhaft mit an der Zeitschrift der deutsch- 



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— 132 — 

morgenländischen Gesellschaft, die er durch manchen wertiivollen 
Beitrag bereicherte, vermochte aber nur noch einmal (1857), als die 
Versammlung in Breslau stattfand, an den Berathungen theilzunehmen, 
da sonst die Zeit derselben meist mit der der hohen jüdischen Feier- 
tage collidirte. 

1847 wurde er durch einen Auftrag des Vorstands veranlasst, 
Berlin zu besuchen (oben, S. 123), 1849 durch seinen wissenschaft- 
lichen» Eifer gedrängt, obwohl in Breslau die Cholera noch nicht 
ganz erloschen war, nach München zu reisen (Br. 29. August 1849). 
Er erlangte, besonders durch einen jungen Gelehrten, Simon Weil 
aus Wallerstein unterstützt, der ihn vorher brieflich auf den Hand- 
schriftenreichthum aufmerksam gemacht hatte, reiche wissenschaftliche 
Ausbeute, ti-af Freunde und Verwandte, die ihm seinen Aufenthalt 
angenehm machten und wurde in Folge einer mit Begeisterung auf- 
genommenen Predigt Gegenstand herzlicher Ovationen. 

. Später entfernten ihn nur noch zweimal grössere Reisen von den 
Seinen, die er ungern verliess. Beide Reisen (1850 und 1855) führten 
ihn nach Prankfurt zum Besuche seiner hochbetagten Mutter (die 
August 1856 starb) und seiner Verwandten, mit der zweiten verband 
er eine Reise nach Paris. Hier bewunderte er die Ausstellung, schloss 
oder erneuerte Bekanntschaften mit christlichen und jüdischen Ge- 
lehrten: Renan, Reinaud, Rabb. Isidor, Gaben, Albert Cohn, 
Munk, Carmoly, traf zufällig mit deutschen Freunden, dem 
Jugendgenossen Brühl (s. oben S. 10) und mit Gabriel Riesser 
zusammen, weilte aber vornehmlich in dem Hause J. Dernburg's, 
der damals, mit praktischer Thätigkeit überhäuft, wissenschaftliche 
Arbeiten hintansetzen musste und erst später durch glänzende Leistungen 
sich auszeichnete (j. Z. V, 261 — 265), aber stets die wäimste An- 
theilnahme an Geiger's geistigen Bestrebungen besass und ihm innige 
unverbrüchliche Freundschaft zeitlebens bewahrte. 

Nur selten wurde das ziemlich entlegene Breslau von Freundea 
und Verwandten Geiger's aufgesucht. Unter diesen Besuchen die 
erfreulichsten waren die Berthold Au erb ach 's bei dessen Ver- 
lobung und Verheirathung (1847), Besuche, welche die seit Jahren 
zwischen beiden Männern geschlossene Freundschaft noch enger 
knüpften. Bei einem Festessen, das 'dem schon damals gefeierten 
Dichter gegeben wurde, dem Nees von Eesenbeck präsidirte und 
dem auch Geiger beiwohnte, wurde eine Verhandlung über den Deutsch- 
katholicismus geführt, der zu jener Zeit die Gemüther sehr beschäf- 



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— 133 — 

tigte. Nachdem von manchen Seiten Billigung dieser Bestrebungen 
ausgesprochen und der Satz aufgestellt worden war, dass auch Juden 
der neuen Gemeinde beitreten müssten, hielt Geiger eine Bede, in 
welcher er diesen Satz bekämpfte und den Gedanken ausführte, dass 
eine solche Verpflichtung wohl den Bekennern einer Eeligion, wie 
der Katholicismus sei, obliege, welche jeden Fortschritt untersage, 
nicht aber den Bekennern einer solchen, wie des Judenthums und 
des Protestantismus, welche einen allmählichen Fortschritt wohl 
dulde und vertrage. 



Das Jahr 1857 bildet, ähnlich wie das Jahr 1849, einen äussern 
Abschnitt in Geiger's Leben, einen Abschnitt, der durch zwei Ereig- 
nisse bezeichnet wird, die Vollendung eines grösseren Werkes, das 
ihn noch mehr als seine bisherigen Arbeiten in die vorderste Reihe 
der jüdischen Gelehrten stellte, und die Feier seines 25jährigen 
Eabbinerjubiläums. 

Das Werk, welches wenige Monate vor diesem Feste zum Ab- 
schluss gebracht wurde, war: „Urschrift und üebersetzungen der 
Bibel in ihrer Abhängigkeit von der innern Entwickelung des Juden- 
thums. Breslau 1857. Hainauer. ^)" Es wurde seit 1854 gearbeitet, 
und jverdankte theilweise dem Interesse, das sich damals der Krim 
und deren jüdischen Bewohnern, den Karäern, zuwandte, seine Ent- 
stehung. Geiger gedachte nämlich eine Geschichte der Karäer zu 
schreiben, wurde aber bei ?einen Studien über den Ursprung der 
Karäer auf die Sadducäer gefahrt, durch diese Wendung von 
seinem erstgefassten Plane abgebracht und zu Studien gelenkt, welche 
ihn immer mehr von der gelehrten Behandlung des jüdischen Mittel- 
alters abzogen und immer tiefer in einschneidende Forschungen über 
die Bibel, über die innere Entwickelung des Judenthums und seine 
Berührungen mit dem Christenthum führen sollten. Die „Urschrift** 
wurde von zwei neuen Grundanschauungen beherrscht, der einen, dass 
an der Gestaltung des Bibeltextes die staatlichen und religiösen 
Kämpfe und Umgestaltungen des jüdischen Volkes und seiner Par- 
teien wesentlich mitgearbeitet haben, der andern, dass diese Zwistig- 



YIII und 500 Seiten, ursprünglich sollte es heissen: „Die Feststellung 
des hebmschen Bibeltextes im Einklänge mit der Geschichte des Judenthums'. 



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— 1S4 - 

keiten der Parteien innerhalb des Jadenthums schon in der Zeii^ 
bevor die Bibel zum Abschluss kam, ihren Anfang genommen haben, 
aber erst in nachbiblischer Zeit in bestimmter Qestalt erscheinen. 
Unter diesen Parteien worden zwei in einer allen früheren Dar-* 
stellangen sieh entgegensetzenden Weise gesdiildert: Pharisäer und 
Saddncäer, diese, dw alte Adel (Zadokiten), welche alle priesterlichen 
y<^rechte für sich allein in Anspruch nahmen und jeder freieren 
Entwickelung feind waren, jene das Bürgerthum, das Volk, welche 
die Bechte des Priesterthums auch für sich verlangten und in heftigem 
Kampfe sich zu verschaffen versuchten. ' Innerhalb des Pharisäismus 
wurden zwei Bichtungen nachgewiesen, die ältere und die jüngere, 
als deren literarischer Ausdruck die alte und neue Halachah erklärt 
und Spuren der ersteren in alten Literaturwerken angezeigt; im 
Anschluss an den Sadducäismus seine Verkümmerung: der Samari- 
tanismus und seine Verjüngung: der Earäismus beleuchtet. Neben 
die Schilderung der Faktoren, welche auf die Gestaltung des Bibel- 
textes, der Uebersetzungen und der späteren jüdischen Literaturdenk- 
mäler einflussreich gewesen waren, trat [nun eine sehr ausführliche 
Auseinandersetzung über diese Gestaltung selbst, besonders über die 
tendenziösen Aenderungen, welche von verschiedenen Parteien in 
verschiedenen Zeiten in die Bibel hineingebracht worden waren. 
Diesem Grundsatze für die unbefangene Erklärung der Bibel reihte 
sich ein ebenso erfolgreicher Satz für die wissenschaftliche Würdigung 
des Tbalmud an, nämlich der, dass der Thalmud selber, den man 
als den Inbegriff starrer Verknöcherung anzusehen gewöhnt war, ein 
Zeugniss darbiete von der fortschreitenden Entwickelung innerhalb 
des Judenthums. 

Geiger hielt die .Urschrift'' für das Hauptwerk seines Lebens 
und betrachtete alle seine späteren Studien als solche, welche die in 
diesem Buche begonnenen Untersuchungen weiterführen sollten. Daher 
war er begierig, von Fachgenossen und Freunden Urtheile über das- 
selbe zu hören, die Einmrkung zu constatiren, weldie das Buch, wie 
er sicher erwartete, in der gelehrten Welt machen musste. Wirklich 
ward ihm die freudige Genugthuung zu Theil, dass, mochten auch 
manche seiner Gonjekturen von ihm selbst verworfen oder von Anderen 
angezweifelt werden, seine Hauptresultate sich ihm durch weitere 
Forschungen immer mehr bestätigten, und dass sie auch bei Anderen 
allm&bUch, aber um so sieberar eindrangen, dass seine Arbeit in der 



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— 135 — 

Oeschicfaie der biblischen Kritik und in der Erkenntniss von der 
innem Entwickelang des Judenthums einen wichtigen Abschnitt be- 
zeichnet. 

Die Jubiläumsfeier — am 21. November 1857 begangen — 
gestaltete sich iur ihn und die ganze Gemeinde zu einem mehrere 
Tage währenden Freudenfeste, das durch Gluckwünsche auswärtiger 
Freunde und Gemeinden, wie Posen und Wiesbaden yerherrlidit 
wurde, bei welchem aber besonders Behörden, Freunde und Private 
in Breslau, auch did jüdischen Studirenden der Breslaus Universität 
wetteiferten, in Anreden, Adressen und Geschenken dem Jubilar ihre 
Liebe und Verehrung zu bezeigen und das erhebende Gefühl enger 
Zusammengehörigkeit in schönster Weise zum Ausdruck zu bringen» 

Noch an diesem Feste hatte Emilie Geiger anscheinend in vollem 
Wohlsein theilnehmen können, in Wirklichkeit aber war ihre Gesund- 
heit sehr stark erschüttert. Nachdem sie (Juni 1858) in Carlsbad 
vergeblich Heilung ihrer Leiden gesucht hatte, musste sie (December 
1859) sich nach Berlin begeben und hier einer ärztlichen Operation 
sich unterwerfen. Zehn Wochen lang (Januar bis März 1860) weilte 
Bie nach derselben, ihr langes Leiden mit Ergebung und steter 
Heiterkeit ertragend, im katholischen Erankenhause, von den in 
demselben dienenden Schwestern freundlich gepflegt, von den in 
Berlin wohnenden Breslauerinnen und Berliner Freunden, besonders 
Zunz und dessen Gattin mit Freundschaftsbeweisen überschüttet, in 
innigstem Verkehre mit ihrem, Geiger von früher her befreundeten 
Arzte, Dr. G. und dessen Frau Anna. 

Aber die Hoffnungen auf Genesung, welche die Kranke und ihre 
Angehörigen an die glücklich überstandene Eur knüpften, erwiesen sich 
als trügerisch; noch in demselben Jahre (6. December 1860) erlag sie 
ihrer schmerzhaften, standhaft ertragenen Krankheit, von den Ihrigen, 
von allen Freunden, von den Vereinen, denen sie ihre thätige Theilnahme 
zugewendet hatte, schmerzlichst betrauert. Auf dem jüdischen Fried- 
hofe, in einem Erbbegräbnisse, das die Breslauer Gemeinde der 
Familie schenkte und stattlich erbaute, ist sie begraben; ihr Grab 
ist mit folgenden Versen Geiger 's geschmückt: 

Was Du gewes^. 
Wird nie verwesen. 
Bleibst wie hi^eden 
Im ew'gen Frieden, 



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— 136 — 

Vor Gottes Throne 

Des Mannes Krone, 

Der Kinder Wonne, 

Des Hauses Sonne. 
«Im Hause ihres Mannes', so sagt X Dernburg, ,,lebte ihr 
gesegnetes Andenken fort und ich habe nie ohne tiefe Rührung den 
Namen der „lieben Mama* im Tischgebete an der Tafel Geiger's 
vernommen. " 

Die grössere Vereinsamung, .in welcher Geiger nach dem Tode 
seiner Gattin lebte, suchte er durch liebevolles Zusammenleben mit 
deinen Kindern, durch engen Anschluss an Freunde und Freundinnen, 
die gerade jetzt ihre aufopfernde Hingabe an ihn und die der Mutter 
beraubten Kinder verdoppelten, durch eifrige Hingabe an sein Amt 
und fleissiges Versenken in die Wissenschaft hinwegzutäuschen. Be- 
sonders bitter empfand er sein Alleinstehen in praktisch-reformato- 
rischem Wirken und in der Wissenschaft, aber er war hoffnungsvoll 
genug, von der Zukunft Mitstreiter zu erwarten und stark genug, um 
wieder wie ehedem auf den Kampfplatz zu treten. Zu diesem Behufe 
gründete er (Anfang 1862) die „Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft 
und Leben*, eine Vierteljahrsschrift, von der im Ganzen 11 Bände^ 
in Breslau freilich nur ein Band und die zwei ersten Hefte eines zweiten 
veröffentlicht wurden, deren letztes die epochemachende Arbeit über 
Pharisäer und Sadducäer brachte. Die Zeitschrift wendete sich, wie 
die Ankündigung besagt, „an die Bibelforscher aller Gonfessionen mit 
dem guten Bewusstsein ernster Mtarbeit und mit der Zuversicht^ 
dass die deutsche Wissenschaft ihr Ohr nicht verschliessen werde, 
wenn auch die Untersuchung, vom gewohnten Gleise abbiegend, neue 
Bahnen betritt; sie wendet sich an die redlichen Bearbeiter des 
nachbiblischen Judenthums in der Hoffnung, dass ihnen eine neue 
Beleuchtung, wenn sie die Bäthsel dieser Entwickelungsperiode ihrer 
Lösung näher bringt, willkommen sein werde; sie wendet sich an die 
Männer, welche mit redlichem Eifer an den praktischen Aufgaben 
der Gegenwart arbeiten, mit der üeberzeugung, dass nur eine sichere 
geschichtliche Erkenntniss deren gesunde Fortbildung ermöglicht*. 

Neben die wissenschaftliche Arbeit trat aber damals eine sehr 
lebhafte Gorrespondenzy besonders mit der geistig hochbedeutenden 
Frau Prof. Valentin in Bern, welche kurz vor dem Tode von 
Geiger's Gattin in Breslau gewesen war, nach demselben dem Gktttea 
ihr Beileid ausgedrückt und durch diesen Brief einen regen, gebalt» 



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— 137 — 

vollen, innigen Briefwechsel hervorgerufen hatte [Br. 12. Februar 
1862. Der genannte Briefwechsel ist vollständig vernichtet]. Um 
die Freundin zu besuchen, unternahm Geiger (Juli 1862) eine Reise 
nach der Schweiz, verweilte auf der Hinreise längere Zeit in Frank- 
ftirt, auf der Bückreise ebendaselbst und in Göttingen und Hannover 
(Bn 3. September 1862) und kehrte am 14. August nach Breslau 
zurück, schwerlich ahnend, dass er nach kaum einem Jahre diese 
Stadt för immer verlassen würde. 

Schon während des Aufenthaltes in Frankfurt (1862) war Geiger 
von den verschiedensten Seiten aufgefordert worden, die durch Stein 's 
Abgang erledigte Babbinatsstelle anzunehmen, hatte aber damals alle 
derartigen Zumuthungen von der Hand gewiesen (Br. 3. September 
1862). Trotzdem wiederholten sich, seit seiner Bückkehr nach Breslau, 
die privaten Anfragen, welchen am 4. Januar 1863 die ofßcielle 
Aufforderung zur üebemahme der gedachten Stelle seitens der zur 
Wiederbesetzung des Babbinats eingesetzten Gommission folgte. Diesem 
Rufe Folge zu leisten, trug Geiger Bedenken, versuchte vielmehr Stein 
von seinem Widerspruche gegen einen ihm unwürdig erscheinenden 
Paragraphen der Instruction abzubringen (Br. 7. Januar 1863), theilte 
diesen Schritt und andere Bedenken der Frankfurter Gommission mit 
und benachrichtigte den Breslauer Vorstand von der ihm zugegangenen 
Berufung mit den günstigen Bedingungen, welche dieselbe enthalte. 
Aber Geiger's herzliches Schreiben an Stein rief nur eine kühle Ant- 
wort desselben hervor (Br. 12. Januar 1863) und hatte eine Petition 
seiner Anhänger zur Folge, die seine Wiederanstellung verlangte, 
aber am 21. Januar von dem Frankfurter Vorstande abschlägig be- 
schieden wurde. Trotzdem und trotz dem Drängen der Frankfurter 
Freunde und Verwandten leimte Geiger, mit besonderer Rücksicht 
auf die Verdächtigungen, welche ihm aus der Annahme einer von 
einem ehemaligen Freunde innegehabten Stelle erwachsen könnten 
und auf die Anhänglichkeit seiner Gemeinde, welche sich bei dem 
Lautwerden seiner Berufung in rührendster Weise kundgab, die Stelle 
ab, erklärte aber in einem Schreiben an den Breslauer Vorstand, in 
welchem er von dieser Ablehnung Nachricht gab (25. Januar), dass 
er ausser Pensionirungsbestimmungen, deren Gewäiirung eine Depu- 
tation angeboten hatte, kein weiteres Anerbieten annehmen würde, 
das mit einer dauernden Belastung der Gemeinde verknüpft wäre. 
Mit dieser ersten Ablehnung war indessen die Sache nicht abgethan. 
Vielmehr kam am 7. Februar eine Deputation, deren Mitglied auch 



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— 138 — 

Geiger'8 Jugendfreund Dr. Ellissen (s. oben S. 10) war, nach 
Breslau und ihren Bitten und Vorstellungen, die durch eine Art ?on 
Heimwdi, vielleicht aucU durch eine gewisse Verstimmung über 
gleichzeitige Vorgänge in der Gemeinde, die Geiger als Hemmung seines 
Einflusses empfand, und durch das Verlangen nach einem grösseren 
Wirkungskreise unterstützt wurden, gelang es, von Geig^ eine d^- 
nitive Zusage zur Annahme des Amtes zu erlangen (7. Februar). 
Nun nützten Schritte, die vom Breslauer Vorstande und von Privaten 
gemacht wurden, um Geiger durch die Zinsen eines rasch gesammelten 
Capitals eine Gehaltserhöhung und für die Zeit etwa eintretmder 
Dienstunfähigkeit eine Pension zu gewähren, nichts; der Frankfurt» 
Vorstand gab trotz der lebhaftesten Bitten der Breslauer, ja Geiger's 
selbst das einmal erhaltene Wort nicht zurück; Geiger sah sich daher, 
zuletzt noch durch eine gegen ihn gerichtete Schmähschrift^) gekränkt, 
genöthigt, endlich sein definitives Gesuch um Amtsentlassung für 
den 1. August einzureichen (13. März), die ihm dann auch ertheiU 
wurde (13. April). 

Der Abschied von Breslau war rührend und erhebend, gleich 
ehrenvoll für den Mann, der 23 Jahre in der Gemeinde gewirkt hatte, 
wie far die Gemeinde. Am 4. Juli hielt Geiger in der überfüllten 
Synagoge seine Abschiedspredigt, am 7. nahm er an einem Festessen 
Theil, an welchem er nicht nur durch Toaste und Gedichte, sondern 
durch kostbare Geschenke der Behörden und Freunde, den Ausdrud 
treuer Verehrung und innige Anhänglichkeit erhielt, an den folgenden 
Tagen empfing er von den Frauen der Gemeinde, von Sdiülem und 
den Vereinen, denen er vorgestanden und seine Wirksamkeit zugewendet 
hatte, Geschenke, Adressen, Deputationen und Allen konnte er die 
Versicherung geben, dass er das Scheiden schmerzlich empfinde und, 
dass er, trotz der Entfernung, im Herzen und Geist mit der Breslauer 
Gemeinde verbunden bleibe. Nachdem er am 9. Juli abgereist und 
zur Stärkung seiner durch die Auß-egungen der letzten Monate an- 
gegriffenen Gesundheit im Seebade Colberg geweilt hatte, langte er 
am 9. August in Frankfurt an. 

Den Breslauer Verhältnissen bewahrte er seine Theilnahme, wenn 
&c auch mit deren Entwickelung nicht dauernd ein verstand^ blieb; 
er hätte gern einen seiner Freunde, Wechsler odmr M. Wolff in 



<) Dr. Geiger und sein Abgang von hier nach Frankfurt am Hain. Brerian 
1863. 



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— 139 — 

Ootiienburg als Nachfolger gesehen, mnsste aber auf die Erfällang 
dieses Wunsches verzichten. Mochte nun auch manches früher 
geknüpfte Band sich lockern, so blieb in ihm stets lebendig die Er- 
innerung an die Liebe und Verehrung, die er sich hier erworben, an 
die jugendfrischen Genossen, die er hier gefunden hatte und an das 
innige Zusammenleben mit Allen und Jedem. 



Briefe. 



32. 

Max Ring an Geiger. Breslau 1838. 

(Bei üeberreichung eines Ehrenbechers.) 

Tief in Deines Busens Schreine 
Ruht Dir wohl das beste Erz, 
Ruht Dein Wort, das kraftvoll reine 
Eingesenkt in^s Männerherz. 
Muthig wie die Schlachttrompete, 
Wo es gilt für Recht und Licht, 
Mild und sanft, wenn beim Gebete 
Es von Gott und Glauben spricht. 

Ist ein Schwert in Deinen Händen, 
ünsrer Sache heller Schild, 
Ein Gefäss voll frommer Spenden, 
Das von heü'gem Weihrauch quiUt 
Ist ein Becher voU von Labe, 
Mit der Rede Schmuck gekränzt. 
Schwaches Gleichniss für die Gabe, 
Die Dir unser Dank kredenzt. 

Wenig nun ist, was wir bringen, 
Erz aus dunklem Erdenschacht, 
Deines hat ein besseres Klingen, 
Leuchtet heller durch die Nadit. 
Lass die Liebe Dir gefiillen, 
Wo sich schwach der Ausdruck weist 
Was Du sprachst in unseren HaUen, 
Weih'n wir Dir in Deinem Geist. 

„Volker kommen, Volker schwinden, 
Ewig steht in Gott die Welt. — 
Sei das Laub auch Spiel den Winden, 
Wenn die Fracht nur reifend schweUt 



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— 140 — 

Mag die Zeit den Leib yerzehren, 
Wenn der Phönix neu ersteht^ — 
, Ewig lebt ein solches Lehren, 
Nur, was irdisch ist, vergeht. 



33. 
An Jakob Auerbach. Berlin, 13.— 21. Juni 1839. 

Aus meiner Festigkeit werden mich weder die Behörden noch 
die Juden treiben; erstere gehen wirklich seltsam mit mir um und 
möchten mich gar zu gern auf Umwegen loswerden; doch daran» 
wird Nichts, entweder sie sagen klar und bestimmt: Wir wollen 
niöht, oder sie nehmen mich an. Ich gebe ein Jahr meines Leben» 
und noch mehr — morgen bin ich ganz ausgetragen bereits von der 
alma mater Berlin, da ich den 14. September hier angekommen bin — 
daran, dass die preussische Regierung klar und bestimmt über ihre 
Maassregeln gegen das Judenthum sich ausspreche, ohne Winkelzügig- 
keit von Widerwillen der ^ehrheit, und wie alle diese Larifari-Schein- 
gründe lauten mögen. Sie möchten mich gern matt machen, so das» 
ich ihnen den Bettel vor die Thür werfe, und sie dann bei Gelegenheit . 
noch immer ihre Gerechtigkeitsliebe vor sich hertragen könnten; ja, 
ich würde gehen, schon lange gegangen sein, wenn es bloss meine 
Sache wäre, so aber führe ich die Sache bis zum letzten Augenblick 
durch. Ebenso wie die mattherzigen Juden sich an mir verrechnet 
haben, so auch diese Herren; ich setze ihnen eine Beharrlichkeit 
entgegen, die dieser Schwäche und der sich zugesellenden List Ver- 
legenheiten bereiten soll, und sie bekennen es schon jetzt, dass sie 
in Verlegenheit sind. Das war bis jetzt das Unglück, dass man ent- 
weder zart oder überdrüssig war, sobald es zu diesem Punkte kam; 
ich aber werde Beides nicht sein, und meine Breslauer auch nicht. -- 
Mein Stillschweigen dem Publikum gegenüber wird nun auch, wie 
.ich Ihnen bereits gesagC, bald gebrochen sein; die Ankündigung 
Jost's in seinen Annalen war wie der ganze Mann mit allen seinen 
Klauseln und Bemerkungen über seine Tendenz und Prinziplosigkeit 
albern, und er hatte dazu keinen Auftrag. Gegen naftule Naftali 
[eine Schrift Hirsch's] werde ich eigentlich gar nicht schreiben, 
vielmehr gebe ich eine Becension des Choreb» die mit einer derben 
Abweisung jenes Pamphlets schliesst [W. Z. IV, 355 — 381]; aber 
dennoch wird Ihnen das Ding gefallen und hoffentlich genügen» 



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— 141 — 

Philipp son als Gegner von mir anzugehen, bin ich viel zu stolz, 
aber er bekommt es superfein in einem zweiten Artikel „jüdische 
Zeitschriften" [W. Z. IV, 468 f.]. Lassen Sie übrigens nur die Leute 
meine Vaterschaft verleugnen ; ich werde sie ihnen gewiss nicht vor- 
rücken; eher sage ich ihnen, dass sie weder das Ziel kennen noch 
die Verhältnisse verstehen. Wenn man nur Einige hat, welche klar 
durch alle diese Wolken blicken und in der Trübe doch die Freundes- 
hand zu finden wissen, so hat man ja genug, und zu diesen gehören 
Sie, lieber Freund. — Das literarische Leben Berlin's macht, auf- 
richtig zu sagen, gar keinen Eindruck auf mich; die Stadt ist viel 
zu gross, als dass sie einen bestimmten Charakter, gar einen litera- 
lischen haben sollte, man muss in bestimmte Kreise eintreten, die 
einen abgeschlossenen Charakter haben. Nun ist mein hiesiger Auf- 
enthalt ein zu sehr, meinem Willen nach, vorübergehender, als dass 
«r, w^nn auch sich hinziehend, eine eigentliche Thätigkeit erzeugen 
könnte. Ja, wenn ich hier in Ruhe oder einer Berufsthätigkeit lebte! 
Dass mir die Juden hier nicht gefallen, werden Sie durch Hr. 
M. wissen. Was Indifferentismus heisst, lernt man hier erst kennen, 
wie man überhaupt hier in der negativen That sehr stark ist und 
<larin Begriffe durch Ursprung als wirklich hinzustellen, ist aber auch 
danach. Diese Erfahrungen aber konnten und können mich in meinen 
Ueberzeugungen durchaus nicht erschüttern, da mein Streben niemals 
dahin ging, bloss abzuwerfen, sondern eine vollständige Heilung vor- 
zunehmen, wozu das gänzliche Austreiben des Schlechten auch nöthig 
ist; die „nichtigen Tröster* meinen, man dürfe den Krebs nicht ganz 
ausschneiden, sondern höchstens ein wenig daran schaben, niüsse ein 
mit weisser Haut überzogenes Tuch darum ziehen, dem Kranken Wein 
^eben — mag recht hübsch aussehen für eine Zeit, aber der Krebs 
frisst weiter. Diese Albernen mit ihren Destructionsvorwürfen, weil 
43ie entweder das Verhältniss in seiner Tiefe nicht zu erfassen ver- 
mögen oder kein Herz haben, die Tiefe des Gebrechens zu fühlen, 
davon erschüttert zu sein und sich zur Thatkraft angeregt zu fühlen! 
Jedoch was liegt an diesem Kindergeschwätz? Nur schade, dass auch 
Männer zuweilen in dieses Lallen einstimmen. Ich bin darüber hin- 
aus, und mein nothgedrungenes Schweigen hat mich jedenfalls zu 
einem Gleichmuthe über solches Gerede und Geschreibe gebracht, der 
hei lebendigem Streben sonst schwer zu erlangen ist. Soviel weiss 
ich oder vielmehr ich bilde es mir ein, dass es mir mehr als allen diesen 
positiv redenden Herren gelingen würde, den Jndifferentismus zu 



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— 142 — 

beugen und ein rdü^aes Interesse zu erzeugen, und ich habe selbst 
hier darin nicht unerfreuliche ErCahrungen gemacht; gerade weU bti 
mir AUes, was ich verlange, auf lebendiger üeberzeugung beruht^ 
und nicht auf einer kühlen üebereinkunfk und einem ganz zuftlligen 
Vertrage, darf ich mir auch gr(^sseren Einfluss versprechen. Auch 
verwechseln diese Herren das Anzustrebende, was d^ Schriftsteiler 
ausspricht, mit dem sogleich Erreichbaren, das der Babbiner vor 
Augen hat. Näheres finden Sie hierüber in meinem Hefte [W. Z« 
IV, 321—333], und übrigens wissen Sie auch aus dem Leben, wie 
sehr ich dazwischen unterscheide. — Meine Brochüre [oben S. 71] 
lassen Sie gleich der Fakultät ruhig schlafen; letztere wandelt, Gottlob, 
im Beiche der Seligen und hat sich vor ihren Freunden, Philippson 
und Consorten, geflüchtet, ihre Feinde hätten ihr nicht geschadet. 

Glück zu! Mein Heft ist beendigt und liegt vollständig vor mir^ 
hoffentlich auch bald vor Ihnen; ich denke, es wird Ihnen Freude 
machen. Das Vorhandensein eines , Schlusswortes zum vi^iien Bande' 
und die Bezeichnung auf dem Umschlage , Drittes und letztes Heft' 
sagt zwar bloss, dass der vierte Band geschlossen ist; allein dasselbe 
Scblusswurt sagt auch, dass ich «vorläufig* die Zeitschrift nicht fort- 
setze und nachlaufen ist meine Sache nicht. Sei's druml Ist ein 
Bedürfniss der Zeit da, welches durch die bisherigen Zeitschriften 
nicht ausgefüllt wird, so ¥m-d sich dasselbe seinen Propheten schaffen; 
ich werde nun eine Zeitlang still sein. In meinem neueste Testa- 
mente habe ich mit Milde Hiebe ausgetheilt; auch habe ich erklärt, 
warum man Bapoport nicht mehr als Mitsurbeiter genannt sieht [W. 
Z. IV, 472 — 475]. Hirsch, Philippson, Hamberger, Kapoport 
und die junge Brut haben ein Abschiedswort erhalten. Jeder nach 
Gebühr, und nun lege ich mich auf's Kanapee und lasse mir die 
neuesten Erscheinungen bringen, will auch einmal bloss Leser sein. 



34. 
An M. A. Stern. Berlin, 2. August 1839. 

.... Dass ich mich mit der Waffe der Geduld umgürtet habe, 
weisst Du; es mag sein, dass sie für meine Anstellung in Breslau 
von keinem Erfolge ist, was ich jedoch noch immer nicht für bestimmt 
angeben kann, da gerade das lange Hinziehen der Behörden die Ver- 
legenheit zeigt, in welcher sie sich befinden, eine Verlegenheit, welche 
bei meioer und der Breslauer Ausdauer nur wächst. Letztere be- 



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— 14S - 

Mbmen sidi in der That höchst wacker; keine Mfihe und keine 
Kostoi werden gescheut, — dass ich hier nicht von meinen Beuten 
lebe, kannst Du Dir denken — um zu einem gunstigen Resultate zu 
gelangen, und der Eifer bleibt immer rege. Sollte nun auch die 
Entscheidung diesem wackem Streben nicht entsprechen, so hat dieses 
doch bei Behörden und Juden eine solche Aufmerksamkeit und Theil- 
nahme erregt, dass dessen Früchte nicht verloren gehen können. 
Sollte nun das Besultat dennoch ein günstiges sein, so ist ein Grosses 
erreicht und ich hoffe dann in einer Gemeinde wie Breslau, in einer 
so bedeutenden und anerkannten Stellung, nachdem ich mir auch in 
so vielen anderen Orten Theilnahme erworben, vieles leisten zu können; 
ist das Besultat ein anderes, nun, so gehVs wieder weiter wie bisher, 
Sorgen mache ich mir keine, ob in Frankfurt was werden wird, lasse 
ich vorläufig dahin gestellt. Erfreulich ist mir jedenfalls, dass auch 
Blosser aus seiner neutralen religiösen Stellung in gewisser Be- 
ziehung herauszutreten geneigt ist, obgleich ich, offen gestanden, von 
seinem [praktischen Geschicke nicht viel halte. Er mag ein AVb6 
Sieyes sein, ein 0*Connel ist er keineswegs, und einen solchen könnten 
wir mutatis mutandis gar sehr brauchen. Er wollte einen Artikel 
über meine Angelegenheit schreiben, hat es aber nicht gethan. Ich 
führe dies bloss als ein Beispiel an; im Ganzen mag wohl die Heraus- 
f(»rderung von Seiten Streckfuss' und meine Entgegnung^) den- 
selben Zweck erreicht haben, nur dass dabei die beiden Umstände 
eintraten, dass ich mit viel grösserer Vorsicht auftreten musste und 
dass ich für mich persönlich, also pro aris und nicht far das All- 
gemeine streitend dabei erschien, während freilich die Behörden auch 
noch mehr die Einsicht erlangten, dass ich bei aller Maasshaltung 
Ungerechtigkeit, soweit meine Kräfte reichen, von mir abzuwenden 
weiss. — Uebrigens benehmen sich unsere Frankfurter sehr brav; 
der dortige Wahlkampf und dessen Besultat ist Dir bekannt, mich 
suchen hier sehr Viele auf, und darunter von den Angesehenen und 
Adeligen, d. h. Beleben, die ich früher gar nicht gekannt, und selbst 
der neue Commissarius Senator D. Souchay, der hier ist, benimmt 
sich gegen mich überaus freundlich, fast als Landsmann, nicht als 
Christ gegen den Juden, als Senator gegen den Nichts. — Wie 
wenig es mich kümmert, dass während meines Stillschweigens und 
des Poltems von anderer Seite Schwächlinge mich verlassen, weisst 



1) [Jener A. A. Z. 8. Med 1839, S. 1023; diese 19. Mai, das. S. 1078.] 



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— 144 — 

Du wohl; nur ist es füi* die Sache schlimm, und deshalb war ein 
kräftiges Auftreten meinerseits, wobei ich diese Herren geschont und 
die eigentlich Dummen oder systematischen Lumpen gezüchtigt, um 
so nöthiger, und wird hoffentlich ermuthigend gewirkt haben 

Zu dem Irrthume, dass Du weder Judenzeitung noch die isr. Annalen 
liesest, hast Du mich selbst in Deinem vorigen Briefe verleitet. 
Philippson weiss übrigens weit eher, was er will, als Jost. 
Der hat eine Hast nach allen Seiten, dass ein jedes Blatt das alier- 
buntscheckigste Ansehen von der Welt erhält. Philippson ist an- 
massend wie ein Zeitungsschreiber, wie einer von den belletristischen 
AUerweltswissern, Jost aber paart Anmassung mit dem Ansprüche 
auf Gelehrsamkeit und Gründlichkeit, und sieht man nach, so ist 
Nichts dahinter. Den Kerem Chemed solltest Du übrigens nicht 
so verächtlich behandeln; er ist das Asyl, wenn nicht der Wissen- 
schaft, so doch der Gelehrsamkeit, und dies ist viel. Das Hebräische 
darin ist verständlich, und nicht ohne Anmuth; was ich von dieser 
neuhebräischen Sprache halte, habe ich schon häufig gesagt, jedoch 
was liegt an dieser Form, wenn der Inhalt gut ist und selbst die 
Form manchen Nutzen für gewisse Gegenden hat? Bapoport und 
Luzzatto bleiben nun ßinmal ausgezeichnete Gelehrte, mit vielem 
Scharfsinne, denen dabei noch Mittel zu Gebote stehen, welche uns 
abgehen, und auch Beggio schliesst sich ihnen, wenn auch nicht 
ebenbürtig, so doch nicht unwürdig an; wir, die wir in Deutschland 
allerdings einen thöheren Standpunkt einnehmen und umfassendere 
Gesichtspunkte haben, verlieren leicht auch den Besitz des ausführ- 
lichen Details in dem eigenthümlich jüdischen, und da müssen wir 
ihnen sehr viel Dank wissen, dass sie mit Fleiss, Gründlichkeit und 
Einsicht für uns arbeiten. 

Erfreulich ist mir das allgemein günstige Urtheil über mein 
letztes Heft, in Frankfurt hat es geradezu Furore gemacht; trotz 
dieses ürtheils werde ich die Zeitschrift nicht wieder aufnehmen. 
Die Sache verhält sich so: schon seit etwa drei Jahren ist mir die 
Zeitschrift, so sehr ich darin gelebt, doch in anderer Beziehung zur 
Last gewesen, durch die ungeheure Correspondenz, durch die beständige 
Spannung, in der sie mich erhielt, und durch die hieraus sich erzeu- 
gende Unmöglichkeit, ein grösseres, in länger anhaltender Müsse und 
Buhe auszuarbeitendes Werk vorzunehmen. Nun habe ich aber schon 
lange zwei der Art begonnen und ziemlich gefördert, die noch dazu 
viele Embryonen in sich tragen: eine Vorschule zur Mischnah in 



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— 145 — 

zwei Theilen, nämlich eine grammatisch-lexikalische und eine reale 
Einleitung in dieselbe, und zweitens ein Leben und Wirken des Mai- 
Maimonides, das diesen als einen Mittelpunkt in der Entwickelungs- 
geschichte des Judenthums behandle, indem aus früherer Zeit zu ihm 
hingeführt wird (mein Aufsatz: Die zwei ersten Jahrhunderte des 
zweiten Jahrtausends [W. Z. I, 13—38, 151—168, 307-326] war 
eine Probe daraus) und ein Blick auf die Folgezeit eröffnet wird und 
die ganze thalmudische und rabbinische Auffassung bei ihm, der den 
Versuch einer systematischen Darstellung und Begründung machte, 
zu entwickeln und zu beurtheilen ist. Ich ging daher schon lange 
mit dem Gedanken um, mich dieser Last zu entledigen, allein die 
Betrachtungen, welche mir Freunde jetzt entgegenstellen, wirkten 
damals bei mir immer in gleicher Weise, und mit wechselnden 
Empfindungen setzte ich die Zeitschrift fort. Als die durch sie er- 
regte Aufregung sich steigerte, Keactionen eintraten, da fühlte ich 
immer tiefer, dass, theils um etwas mehr als flüchtige Anregung zu 
erzeugen, theils dem gewappneten Heere des Herkommens und der 
Trägheit zu begegnen, einzelne Aufsätze, und wenn auch geschickte 
und kunstgerechte, Fechterhiebe nicht genügten, und der Entschluss, 
mir zu grösseren Arbeiten Müsse und Ruhe zu verschaffen, befestigte 
sich in mir, um so mehr da ich einsah, dass ich doch gar zu leicht 
in den Fluctuationen der Zeit aufgehe und mich auch durch diese 
stete Bewegung hinreissen lasse, während ich doch, meiner innersten 
Ueberzeugung nach, an ein allmähliches Fortschreiten glaube und 
davon Heil erwarte. Das Resultat dieses inneren Kampfes war 
literarisch das Mäuschen, welches Dir im ersten Aufsatze dieses 
Heftes entgegengesprungen sein wird, ein anderes war eben das, dass 
ich dem Verleger, mit dem eine gegenseitige vierteljährliche Vorher- 
aufkündigung ausbedungen war, ehe ich noch den festen Gedanken 
hatte Wiesbaden zu verlassen, die Anzeige machte, ich wolle die 
Verbindlichkeit der Fortsetzung nicht übernehmen, er möge es jedoch 
vorläufig mir anheimgestellt sein lassen. Da Brodhag mit der Auf- 
lösung des Contraktes zufrieden war, so war die Sache abgemacht. 
Ueber Berlin hätte ich Dir Viel zu sagen, mir scheint der 
Grundcharakter: Viel Wissen und Allseitigkeit, weil keine gediegene 
Einseitigkeit, d. h. kein Charakter und Willenskraft, ich mag von 
jener AUerweltsstandpunktsversetzung nicht wissen, das macht human, 
aber auch blass und schaal. Unparteiisch kann ich auch sein, aber 
was ich für Recht halte, will ich doch durchfahren; die Verhältnisse 

Geiger, ßclwriften. Y. j^q 



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— 146 — 

kann ich auch erklären, und verstehe, wieso sie sich so gestaltet,, 
aber ich will auch über ihnen stehen und sie beherrschen und nicht 
jede Erbärmlichkeit, weil ich sie begreife, gutheissen. Da ist mir 
noch die gewöhnliche Einseitigkeit lieber. Dass ich nun in dieser 
blassen Stadt, wobei natürlich wieder die Juden die blassesten sind, 
als blosser Privatmann, dem gar kein Archimedischer Punkt gegeben 
ist, von wo aus er einwirken soll, gern mich zurückziehe, ist nicht 
sonderlich zu bewundern. Dabei aber ist es gar nicht einmal freier 
Wille, geschieht vielmehr zugleich nothgedrungen. Hier, wenn irgendwo, 
bin ich den allein sich fromme Juden Nennenden ein Anstoss, den 
griechisch, französisch, berlinisch oder gar christlich Gebildeten eine 
Thorheit; was will ich da machen? Professoren nehmen mich auf 
wie etwa einen Studenten; dass mir ein Privater, dem ich sogar 
empfohlen war, einen Oegenbesuch macht, gehört zu den Selten- 
heiten; Männer scheuen sich, mich, den Rabbiner, ihren Frauen vor- 
zustellen; Mahlzeiten kann ich nicht beiwohnen, weil ich nicht ^essen 
darf, und da ich also die Leute nur genire, so lassen sie mich laufen, 
und wahrlich, ich würde Verrath üben an der Sache, welche ich ver- 
trete, wollte ich zudringlich sein. Den Vorwurf der Schroffheit habe 
ich indess zu hören nie vermuthet; er ist mir nie gemacht worden, 
auch Du machst mir ihn sehr mit Unrecht. Aus Mangel an Um- 
gang in meiner Jugend, der durch meine Stellung und meine Veiv 
Setzung in ein unbedeutendes Städtchen später nicht ersetzt werden 
konnte, habe ich nicht den Takt in dem persönlichen Gegenüber- 
stehen, der so wohl steht und so gut wirkt; allein ich bin dann eh^r 
mich zu sehr unterordnend, als das Gegentheil. Uebrigens glaube 
ich dennoch, dass mein Aufenthalt hier doch eine kleine Einwirkung 
Jhinterlässt. 



35. 
An M. A. Stern. Berlin, 14.— 16. November 1839. 

Was Du mir von Frankfurt schreibst, hat mich nicht im Ge- 
ringsten überrascht, daher auch nicht unangenehm berührt; ich kenne 
diese Gesinnungen sehr wohl und weiss, dass, wenn es mir in Breslau 
nicht glückt, ich noch manchen äusseren Kampf zu bestehen habe; 
der Erfolg ist der moralische Maassstab der gewöhnlichen Geschichts- 
betrachtung, der Gott, dem Diplomaten und Philister die Eniee beugen. 
Meine Wahl in Breslau und die begeisterte Aufnahme, die ich da- 



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— 147 — 

selbst gefunden, hatten die Frankfurter gleich&lls zur Anhänglichkeit 
an mir erhoben, die lange üngewissheit über die Entscheidung in 
4er Sache macht sie lau, eine ungünstige Entscheidung wird sie kalt 
machen, eine günstige hingegen erwärmen. Dies Alles lässt mich 
unberührt. Ich habe durch Adler erfahren, dass man in Frankfurt 
an die Wahl eines zweiten Babbiners denkt und habe darauf an den 
Dr. Goldschmidt, auch an Rothschild, der sich sehr angelegent- 
lich bei meiner Familie nach mir erkundigt hatte, geschrieben, dass 
ich meine frühere Meldung nicht aufgegeben hätte, und hoffte, dass 
sie berücksichtigt würde, worauf ich von letzterem ein ihm in die 
Feder dictirtes diplomatisches Schreiben mit einigen eigenen klugen 
Zusätzen von neuer Meldung, Gunsterwerbung Souchay's u, dgl. er- 
halten. Daraufhabe ich mich nicht gemeldet, Souchay nicht weiter 
hier aufgesucht, und Adler geschrieben, was ich von der ganzen 
Wirthschaft halte. Wählen sie einen Andern, so ärgert mich dies 
freilich, aber bleibt auf meinen Lebenslauf ganz ohne Einfluss. 
Scheitere ich hier am Schlendrian und an der Bomirtheit, so werde 
ich mich schon durchzubringen wissen; aber ich bleibe Babbiner, 
wenn auch ohne Amt. Ich bin nunmehr so gestählt und so fest, in 
meinen üeberzeugungen und mir so klar, was ich will und wie ich 
ein nützliches Glied in der Geschichte des Judenthums sein kann, 
4)ass mich Nichts darin irre macht» Da von Schisma keine Bede 
sein kann, wo für die Austretenden nicht der geringste historische 
Halt bliebe, eine jede Entwickelung aber nur innerhalb der Ge- 
schichte möglich ist, muss auch der, welcher auf eine solche im 
Judenthum wirken will, sich an die Geschichte anklammern, geschähe 
m selbst wider seinen Willen, was mir aber, so sehr es in mir auch 
inneren Widerspruch erzeugt — wodurch ich aber eben so rechter 
Typus der gegenwärtigen Gestalt des Judenthums und Lage der 
Judenheit bin — , um so leichter ist, da ich mit Liebe an der ganzen 
geistigen Entwickelung des Judenthums von dessen Urbeginn bis auf 
die neueste Zeit und an manchen Theilen seiner jetzigen Ausprägung 
hänge und sie gewissermaassen einen Theil meiner Persönlichkeit 
ausmachen. Da ich nun zum Muthe des Kampfes auch die Aus- 
dauer der Passivität mir erworben habe, so mag die Sache ihren 
Weg gehen; ich bleibe oben. Dabei sehe ich, dass alles mir bis 
jetzt Widerfahrene noch sehr gute Früchte gebracht hat; und auch 
den persönlichen Umgang mit Zunz und den hiesigen Aufenthalt 
möchte ich nun um keinen Preis vermisst haben. Von Zunz habe 

10* 



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— 148 — * 

ich in der That ungeheuer viel gelernt, und an ihm sich einen 
Freund, nicht bloss einen literarischen Genossen, zu erwerben, will viel 
heissen und ist auch von Bedeutung. Den hiesigen Aufenthalt, der 
mir Anfangs recht sehr zuwider war, habe ich nun verdaut, das 
Gute aufgenommen, die Ausscheidung des Schlimmen nur durch 
Beaction und daher durch höhere Entwicklung meiner Kräfte be- 
wirkt, so dass Beides Gewinn ist, übrigens auch wieder an ein ge- 
bildetes geselliges Leben mich gewöhnt. Vielleicht darf ich auch 
sagen, dass ich manchen Keim hier zurücklasse, wenn ich Berlin 
verlasse. — Den löten. Uebrigens kann nun meine hiesige An- 
gelegenheit nicht mehr sehr lange auf definitive Entscheidung warten 
lassen; habe ich keine Sicherheit für eine günstige, so habe ich doch 
ebenso viel Grund, eine solche zu erwarten als eine ungünstige, und 
so möge denn diese kurze Zeit noch hier in Buhe dahingehen. Unter- 
dessen beschäftigt mich eine kleine litterarische Arbeit sehr an- 
genehm, die wohl bald erscheinen wird, von der Du wissen würdest, 
wenn Du ein regelmässiger Leser der „AUg. Zeit. d. Jud." wärest, 
.von der ich jedoch jetzt nicht ausführlich sprechen mag, da sie sich, 
wie gesagt. Dir bald präsentiren wird. Habe ich mich schon früher 
ernstlich und mit Liebe mit der Geschichte des Judenthums be- 
schäftigt, so habe ich mich nun, durch den Umgang mit Zunz an- 
geregt und denselben benützend, noch specieller darauf geworfen. 
Ohne die Tagesbegebenheiten zu ignoriren, mag ich doch mich nicht 
mehr hineinmischen; es war gut, dass dieselben kräftig anger^ 
wurden und eine entschiedene Sprache in denselben geführt wurde, 
dies ist aber nun so ziemlich durchgedrungen, und so möge es, wenn 
ich mich so ohne Unbescheidenheit ausdrücken darf, den diis minorum 
gentium überlassen bleiben. Was soll man sich mit einzelnen Stellen 
Hirsch's oder mit Anderer unwissenschaftlichem Geschreibe herum- 
schlagen? Durch Einsicht in Wesen und Entwicklung des Juden- 
thums stürzt das Zeug zusammen, und diese zu eruiren und zu ver- 
breiten ist mein Streben. Nun weisst Du wohl, dass ich als Historiker 
nicht blosser Bibliograph bin, und besitze ich nicht die ausgebreitete 
Kenntniss Zunz' oder auch Bapoport's, so weiss ich doch mein ge- 
ringes Wissen anzuwenden und fruchtbar zu machen, und dies wirst 
Du hoffentlich auch in der kleinen Arbeit finden. Uebrigens ist es 
sehr gut, wenn man den Leuten mit Gelehrsamkeit auftrumpft; so 
was hält sie in Bespect. Also nicht aus Unlust an dem Treiben 
mag ich meine Zeitschrift nicht fortsetzen, sondern, wie ich Dir 



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— 149 — 

schon das vorige Mal auseinandergesetzt, um Gediegeneres und Nach^ 
haltigeres leisten zu können. Gut wäre es freilich, wenn nun wieder 
jüngere Kräfte sich an eine der meinigen ähnliche Zeitschrift machten;, 
aber freilich nach solchen jüngeren Kräften habe ich mich bis jetzt 
vergeblich umgesehen. Das ist traurig, wenn auch erklärlich, ebenso 
wie das Verhalten der armen Eabbiner, die von ihren Regierungen 
und ihren Gemeinden beständig in Schach gehalten werden; die 
Hauptsache aber ist, dass die meisten zu wenig gelernt haben, und 
gerade diejenigen, welche bedeutendere Stellen einnehmen und von 
grossem Einflüsse auf Andere sein könnten. Allein, dies macht sich 
Alles schon. Das Emporblühen einer jüdischen Litteratur datirt sich 
ja eigentlich in ihren ersten Anfängen erst von dem Jahre 1820, 
und wie wollte man da schon so Grosses erwarten? Das Drängen 
und Treiben in ihr giebt schon immer Hoffnungen, die auch sicher 
werden erfüllt werden. Jetzt ist man besonders mit dem Hervor- 
holen vergrabener älterer Schätze sehr emsig beschäftigt, und würden 
diese nur immer gehörig -ausgestattet — was freilich nicht geschieht 
und wofür ich eben mit meiner Arbeit ein Muster geben will — , so 
würden sie alsbald in 's Gesammtbewusstsein eindringen. — 16. Abends. 
Was Eiesser betrifft, so thut es mir herzlich leid, ihm in dem be- 
sprochenen Falle [ob. S. 143] Unrecht gethan zu haben, allein mein 
allgemeines Urtheil kann ich deshalb nicht zurücknehmen. Dies tritt 
ihm übrigens keineswegs zu nahe, ebenso wenig wie ich Zun z zu nahe 
treten würde, wenn ich ihm auch den Mangel an praktischem Geschicke 
abspreche; beide bleiben darum doch in ihrer Art tüchtig, wacker 
und nobel. Nur muss ich unter den gegenwärtigen Verhältnissen, 
bei aller Anerkennung dieser Verdienste, noch einen recht tüchtigen 
Menschen wünschen mit praktischem Sinne und Geschicke, der aber 
dabei wie diese Männer die Sache im Auge hat; Philippson z. B. 
fehlt letzteres nicht, aber die Tüchtigkeit und die Reinheit der Ge- 
sinnung. Gerade auch dies praktische Geschick traue ich mir zu, 
und so sehr ich mich Studien hingeben mag, bleibt dieses in mir 
rege, und ich habe mich seit meinem Aufenthalte in fionn, wo ich 
erwacht bin, an keinem Orte aufgehalten, wo ich nicht dasselbe 
angewandt und mit Erfolg angewandt hätte, nur habe ich mich bis 
jetzt in zu engen Lebenskreisen bewegen müssen. Deshalb möchte 
ich auch jetzt in einer grossen Gemeinde weilen. Ueber Dich wirst 
Du mir nun gewiss wieder ausführlich schreiben, sobald etwas Ordent- 
liches eintritt. Ich kann doch nicht umhin, am Schlüsse, jedoch 



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— 150 — 

ganz sub rosa, hinzuznfägen, dass ich einer ganz baldigen und 
yollkommen günstigen Entscheidung meiner Breslauer Angelegen- 
heit entgegensehe. 

36. 

An M. A. Stern. Berlin, 6. Dezember 1839. 

Nachdem ich gestern Abend Oen Jungen ganz unrabbinisch ein 
Sauf- und Bauchgelage gegeben habe, kämme ich heute Morgen mit 
duseligem Kopfe zu Dir, um Dir anzuzeigen, dass mir bereits officiell 
die Nachricht zugegangen, dass ich das Bürgerrecht erhalten habe,, 
und dass ich demnach binnen Kurzem von hier nach Breslau wandern 
werde. Somit wäre wieder etwas durchgesetzt, mir und Anderen zur 
Ermuthigung, und, soviel ich vermag, wird dieser Schritt der Be- 
hörden nicht ohne Folgen bleiben. Die Herren haben sich, mir 
gegenüber. Blossen gegeben; ich bin zur Einsicht gelangt, man kann 
seine Sache erlangen, trotz ihrem Widerwillen, wenn man nur die 
erforderliche Energie und Ausdauer mit besonnener Ruhe verbindet,, 
und so werden denn die Herren noch manchen Strauss zu bestehea 
haben, bei dem ich um so eher Ausdauer haben kann, da es nichts 
wie diesmal, eine grosse Lebensfrage für mich selbst gilt. Ich 
muss gestehen, ich bin auf auf die hier zugebrachten 15 Monate und 
deren Erfolge stolz; Viele hätten nicht die Ausdauer gehabt. Viele 
nicht die für einen solchen Aufenthalt nöthige Selbstverleugnung,, 
und dabei kann ich sagen, meine Abreise von hier wird von Leuten 
bedauert, die sonst einen schweren Panzer um's Herz trugen. Mir 
aber war diese Zeit von grossem Vortheile, wissenschaftlich besondears 
durch Zunz, praktisch durch eine Einsicht in „preussische Zustände *",. 
die ich sonst in Jahren nicht erlangt hätte, und durch persdnliche» 
Bekanntwerden mit den leitenden Staatsmännern. Ich gehe jetzt mit 
vielen Plänen schwanger, die ich zwar nicht bis zum neunten Jahre 
verschieben, aber doch wohl ihre neun Monate tragen werde, um 
dann allmählich an ihre Ausführung zu gehen. Für mich beginnt 
eine neue Epoche; bin ich wirklich ein Moment des gegenwärtigen 
Jahrhunderts, so muss auch dieses etwas davon verspüren. 



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— 151 — 

37. 
An Zunz. Breslau, 1. Jannar 1840. 

Mit dem Beginn des neuen bürgerlichen Jahres und mit dem 
Antritt meines Amtes wende ich mich auch an Sie, verehrter Feund, 
um Ihnen vorläufig nur kurz meine Aussichten auf eine angenehme 
und segensreiche Wirksamkeit mitzutheilen. Die Freundlichkeit, mit 
der man mir von den verschiedensten Seiten her begegnet, ermuthigt 
mich, auch den mannigfachsten Hindernissen, welche sich etwa zeigen 
könnten, entgegenzutreten. Ich habe verflossenen Sonnabend meine 
Antrittsrede noch nicht gehalten, weil mein Naturalisationspatent 
noch nicht hier war und die hiesigen Behörden erst Alles in vollster 
Ordnung haben wollten, ehe ich mein Amt antrete. Sonntag habe 
ich nun das Patent erhalten, und so ist Alles zu Ende, und künftigen 
Sabbath werde ich der Gemeinde mein Programm vorlegen. Ich bin 
noch nicht der Art in Ordnung, dass ich in gehöriger Euhe schreiben 
könnte; die Verhältnisse überschaue ich noch nicht vollkommen, und 
die Besuche, die sich bis jetzt ziemlich drängten, wie noch nicht ge- 
hörige häusliche Einrichtung verhindern mich an dem freundlichen 
Gefühle der Behaglichkeit. — Dass ich mich mit vieler Freude meines 
Aufenthaltes in Berlin, besonders der späteren Zeit desselben, erinnere, 
bedarf keiner besonderen Versicherung; ob sich meiner auch eine 
Sehnsucht bemächtigen wird in Verbindung mit jener , Erinnerung, 
kann ich jetzt noch nicht sagen, allein Sie wissen, dass ich eine füg- 
same Natur habe, und so werde ich mich auch in die hiesigen Ver- 
bältnisse und Umgebungen fügen. 



38. 
An Berthold Auerbach. Breslau, 27. Januar 1840. 

.... Ich habe Ihren „Dichter und Kaufmann* hier und mit 
stets steigendem Interesse gelesen. Alle einzelnen Scenen sind so 
voller Wahrheit, so tief aus dem frischen Borne des Lebens geschöpft, 
dass eine jede neu anzieht; besonders sind die edlen Stellen darin, 
wo das damals neu erwachte Leben in seinem vollen Gehalte vor 
unsere Augen tritt, von grosser Wirkung, und der Abend bei 
Mendelssohn mit dieser Gruppirung und so treffender Zeichnung der 
einzelnen Charaktere mit den prägnanten und durchaus bezeichnen- 



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— 152 — 

den Aussprüchen, die Sie ihnen beilegen, ist meisterhaft. Dass 
dem Charakter des Hauptheiden nach das Ganze nicht vollkommen 
abgerundet sein konnte, wussten Sie selbst, und die niedrig komischen 
Scenen, die an sich köstlich sind, bilden daher nicht einen eigent- 
lichen Hintergrund, durch welchen der Held in seiner vollen Grösse 
hervortritt, sondern drängen sich nothwendig stark hervor und dürften 
von etwas Verletzendem nicht ganz frei zu sprechen sein. Desto 
kunstvoller ist hingegen die Art und Weise, wie diesem Mangel des 
Stoffes, wenn auch nicht vollkommen, begegnet wird. — Mit Anderen 
konnte ich noch nicht darüber sprechen, das Buch ist ganz neu an- 
gekommen, und ich war fast der Erste, der es gelesen. Sie dürfen 
jedoch mit vollem Eechte der vollen Zuneigung des Publikums sicher 
sein, und gerade weil der Held kein Spinoza ist, steht der Dichter 
um so heldenmüthiger als Sieger da. 

Was mich betrifft, so hoffe ich, dass meine Wirksamkeit eine 
fruchtreiche sein wird. Des Freundlichen bietet sich mir viel dar, 
und ich bin genug geprüft, um über des Lebens Schattenseiten Herr- 
schaft in mir zu besitzen. Ich habe darin eine glückliche Natur, in 
jedem Vergangenen eine Wohlthat zu erblicken und daher mit Freude 
darauf zurückzusehen, und selbst wenn der Augenblick mir keinen 
Genuss reicht, weiss ich ihn mir als einen vergangenen vorzustellen 
und ihn als einen wohlthätigen zu würdigen. 



39. 
An Zunz. Breslau, 3. März 1840. 

Ich bin recht sehr zufrieden und vergnügt hier, weil in voller 
Amtsthätigkeit, und diese bietet eine bedeutende und schöne Wirk- 
samkeit; etwaige Umtriebe habe ich wohl im Äuge, sie können mich 
aber keinen Augenblick beunruhigen. Meine Vorträge finden einen 
ausserordentlichen Anklang und ich eine Anerkennung, deren Fort- 
dauer ich nur zu wünschen habe. Mit der wissenschaftlichen Thätig- 
keit sieht es freilich noch schlecht aus, und habe ich in Berlin wenig 
gethan , jedoch viel von Ihnen gelernt , so habe ich hier bis jetzt 
noch fast gar Nichts gethan, und ich wüsste Keinen, dessen Schüler 
ich mich gern nennte. Jedoch wird es nun angehen, da ich mich 
jetzt in voller Euhe fühle, den bedeutendsten Theil meiner Bücher 
um mich habe und recht rege Lust verspüre. An D. Jost habe ich 
nicht sonderlich artig geschrieben wegen seiner vornehmen Anzeige 



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— 153 — 

des Melo Chofnajim [vgl. oben S. 110], der übrigens kein sonder- 
liches Glück in der Literatur zu machen scheint, vielleicht auch 
nicht verdient. Nun habe ich unterdessen auch eine 11. März- 
Predigt gehalten und drucken lassen [vgl. ob. S. 115, A. 2], von der 
hier drei Exemplare folgen. Gestern war ich etwas unwohl, so dass 
ich fast nicht sprechen konnte, und bin heute zwar wieder her- 
gestellt, kann aber kaum den Erkundigungen nach meinem Wohlsein 
ausweichen. — Uebrigens lassen Sie sich von hier aus ja keine 
Lügen berichten. Wohl kommen viele Christen zu den Vorträgen, 
nnd haben auch einige um Stellen in der Synagoge gebeten, aber 
ist Keinem eine solche verliehen worden, da für Juden nicht genug 
Stellen da sind, doch wird natürlich für angesehene Christen ge- 
borgt, wenn sie sich einfinden .... Wie lieb und theuer Sie mir 
geworden während meines Aufenthaltes in Berlin, dies, verehrter 
Freund, kann ich Ihnen wahrlich nicht genug sagen; ich würde es 
als eines der schönsten Lebensereignisse betrachten, mit Ihnen zu- 
sammenleben zu können. Ich habe das Glück gehabt, Ihrer Freund- 
43chaft theilhaft zu werden; ich habe dadurch in meinen eigenen 
Augen gewonnen und möchte Ihnen gerne den Umgang eines Solchen 
gönnen, dem Sie so recht von Herzen zugethan sind, wie Sie es mir 
bewiesen haben. Fast schäme ich mich nun, jetzt noch so selten 
geschrieben zu haben und wenigstens mir Ersatz zu suchen in dem 
schriftlichen Verkehre; aber Sie glauben mir sicher, dass die ab- 
lenkenden und zerstreuenden Umstände mich daran verhindern konnten, 
aber nicht Ihr Bild von den Augen wegzurücken vermochten. 



40. 
An Zunz. Breslau, 27. Juli 1840. 

Bloss ein Lebenszeichen! Mir ist der Kopf wirr von schöner, 
häuslicher Einrichtung, Silberkästen, Girandoles, Ständchen, Teppichen, 
Hütchen und Häubchen u. dgl., dass ich noch nicht geordnet schreiben 
kann. Hätte ich mir nicht ein schlechtes Tintenfass und eine schlechte 
Feder bewahrt, so könnte ich mich vor lauter Eleganz nicht mehr 
zurechtfinden; jedenfalls habe ich es doch schon dahin gebracht, dass 
es in meiner Stube unordentlich aussieht. Wir haben aber viel 
Schönes hier erfahren und denken nun auch gemächlich des Schönen, 
das wir auf der Reise erlebt, und so befestigen wir Ring an Ring 
an die Kette, und der Ring, an dem wir gerne verweilen, das sind 



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— 154 — 

Sie, meine Lieben! Dank Ihnen, werthe Freunde, dass Sie mein 
liebes Weibchen alsbald so freundlich und liebevoll aufnahmen. 
Mfissten wir jetzt nicht nothwendig zu Besuche gehen und müsste 
dieser Brief nicht sogleich in die Hände des Ueberbringers, so wurde 
ich mehr schreiben, und mein Weibchen begönne gleichfalls eine 
Gorrespondeuz, so aber für heute ,, bloss ein Lebenszeichen*^! 



41. 
An Zunz. Breslau, 16. Dezember 1840. 

Indern mich gestern Nacht ein vorläufiges, gieriges Schlürfen 
aas dem neuen Eerem Chemed wunderbar gelabt hat, muss ich 
denn, trotz mancher Beschäftigungen, heute zu Ihnen, um Ihnen far 
Ihre Biographie des trefflichen Asariah de Bossi zu danken. Sie 
sind sicher der beste Beurtheiler Ihrer Arbeiten, und wissen am 
klarsten, wie bedeutend durch diese Biographie wiederum nicht bloss 
die Eenntniss des Mannes, sondern unsere Einsicht in die Qesammt» 
geschichte erweitert worden. Dass ich einen Wunsch dabei habe, 
wissen Sie auch, nämlich dass der Leser auch etwas mehr von dem 
geistigen Getriebe dieses Mannes erfahre, dass er dessen kritische 
Leistungen zu würdigen lerne, den Standpunkt der von ihm be- 
handelten Fragen zur damaligen Zeit erfasse, und wie Asariah sie 
gefordert, wie er dadurch auf die Besultate der Eritik in späterer 
Zeit, wie nicht minder auf das kritische Verfahren eingewirkt 
habe . . . . ^ 

Zur Herausgabe meiner Zeitschrift fehlt mir vorläufig noch die 
Erlaubniss, die jedoch, wie ich denke, bald kommen wird .... 
Seien Sie übrigens ohne Sorge, dass ich in Eleinliches verfalle durch 
Lokalereignisse; ich würdige diese, wie ich glaube, für den Ort 
richtig, und, weit entfernt, sie auch für diesen zu hoch anzuschlagen^ 
muss ich sie doch gehörig beachten, aber für den grösseren Ereia 
und die Wissenschaft fallen sie mir in ihre ganze ünbedeutendheit 
zurück. Es ist allerdings wahr, dass bei meiner hiesigen Stellung 
die örtlichen Verhältnisse eine weit grössere Bedeutung sich usur- 
piren könnten, als bei meinen früheren, wo dieselben viel zu niedrig 
standen, um auf meine Anschauungsweise nur ein Geringes einzu- 
wirken, während die hiesigen mich umfluthen, auch wirklich eine 
relative Bedeutsamkeit haben, ohne doch den klaren, ungetrübten 



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— 155 — 

Spiegel für das wahrhafte Oetriebe abzugeben. Allein ich habe 
Gottlob! zu viel allgemeine üebersicht und zu viel historischen Sinn, 
um mir meinen Gesichtspunkt trüben zu lassen. Die Beachtung ge- 
lehrter christlichen Arbeiten wird sicher in meiner Zeitschrift nicht 
fSehlen, vielleicht noch mehr als früher sich zeigen, wenn diese auch 
ihre frühere Tendenz durchaus nicht verlassen wird. 



42. 

An Zunz. Breslau, 4. März 1841. 

Zuerst meinen Dank für Beden und Seminar-Schriftchen [Zunz, 
Gesammelte Schriften, Bd. II, S. 126—134]; inwieweit der hiesige 
Vorstand für das Seminar wirken wird, weiss ich im Augenblicke 
nicht, da das Personal seit Kurzem vielfach geändert ist, die neu^ 
Herren auch mit Vielerlei beschäftigt sind, das in Ordnung gebracht 
werden muss. Ich habe in der hiesigen „Schlesischen Zeitung '^ vor 
etwa drei Wochen einen Correspondenzartikel aus Berlin einrücken 
lassen in Beziehung auf Seminar — hierbei andere Gemeinden zur 
Unterstützung aufrufend — und Culturverein , der auch, soviel ich 
weiss y einen guten Eindruck gemacht. Ob Philippson's Artikel 
denselben verwischt, ist mir nicht bekannt. — Sind die Statuten für 
den Culturverein noch nicht gedruckt? Ueber ihn möchte ich in 
der That sehr gern Genaues und Bestimmtes wissen, und für ihn 
wirken zu können würde mich sehr freuen. — Zur Herausgabe meiner 
Zeitschrift habe ich noch immer nicht die Erlaubniss; unter dem 
12. V. M. habe ich mich darüber direct an das Ministerium des 
Innern gewandt, aber zur Stunde noch keinen Bescheid erhalten. — 
üebrigens bin ich im Augenblicke weit weniger gestimmt, Geschichte 
zu schreiben, als Geschichte zu machen. Was vermag uns bei unserer 
inneren Zerfahrenheit zu retten? Ich weiss nichts Anderes als ein 
Schisma. Wie vermögen wir durch die langen Jahrhunderte der 
Weltgeschichte noch ferner den schmutzigen Schweif, der angehängt 
ist, mitzuschleppen? Alle Kraft reibt sich auf in lauter Lappalien, 
ohne dass etwas Gescheidtes herauskommt und herauskommen kann, 
und nun, wie lange noch? Die ganze Masse wird nun und nimmer 
herangebildet, die wird nur durch ein weltumwälzendes Ereigniss 
zerstört, was sie aber nicht wird, wenn die bildenden Elemente ihr 
immer frisches Leben einzuhauchen suchen, diese aber gehen zu 



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— 156 — 

Grrunde, weil immer um Lächerlicbea gefeilscht und nichts Gediegenes 
erzielt werden kann. Es ist ein hoher Verlust für die ganze geistige 
EntwickeluniT des Jahrhunderts, dass die frischen und freien jüdischen 
Kräfte sich nicht frei entfalten und den Höhepunkt der Wissenschaft 
mitbestimmen können; daran hat aber weniger der Staat Schuld — 
denn zu jüdischen Stellungen müssen sie nur durch den ganzen 
Zustand des Judenthums gelangen und in ihnen den wissenschaft- 
lichen Boden behaupten können — , als eben die Lage der Juden, 
die sich noth wendig trennen müssen, damit der eine Theil mit der 
Zeit, wie es auch dem Katholicismus nothwendig widerfahren muss^ 
ganz und gar zernagt und aufgelöst wird, der andere aber, selbst in 
einer Kleinheit, mit an wissenschaftlicher Herrschaft Theil nehme, 
wie es das beneidenswerthe Loos des Protestantismus ist und sicher- 
lich noch in höherem Grade das des biblischen Judenthums sein 
müsste. — Solche Bisse haben immer die Weltgeschichte befreit, 
denn während sie die reale Einheit eines Theiles aufheben, begründen 
sie eine ideale Einigung der Welt. Und ich habe die feste Ueber- 
zeugung, dass es dahin kommen muss und möchte auch daran mit 
wirksam sein können! Das macht mich etwas schlaff für die Zu- 
stände, wie sie jetzt sind. 

Haben Sie Steinheim 's „Moses Mendelssohn und seine Schüler" 
gelesen? Der Mann besitzt in der That eine grosse Kunst, eine 
Masse von Dingen untereinander zu werfen und neben manchem 
Gutem vielen Unsinn zu schreiben; aber seine Gesinnung ist höchst 
wacker. 

N. S. Heute Morgen habe ich Nachricht vom Ministerium er- 
halten, dass der Bericht über meine Zeitschrift erst kürzlich ein- 
gesandt worden, die definitive Entscheidung werde bald folgen. 



43. 
An Jakob Auerbach. , Breslau, 29. Juli 1841. 

Vom Oktober an werde ich erst einen B;eligionsunterricht er- 
theilen, zwei Stunden für Knaben und zwei für Mädchen wöchentlich, 
und es ist zu erwarten, dass dadurch erst das Bedürfniss nach einem* 
erweiterten, vorbereitenden Unterrichte recht lebhaft wird und so der 
jetzt zurückgelegte Plan zur Ausführung kommt. — Unsere Eückreise 
[von Wien] war sehr einfach und von wenigem Ungewöhnlichen be- 
gleitet, nur dass in Prossnitz — - wohin Herr Steinschneider unsere 



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— 157 — 

Durchreise gemeldet — Pas sei, Brecher, Weisse und noch einige 
Andere, auch Frauen, uns am Wagen erwarteten. Unser Aufenthalt 
war zu kurz, als dass nähere Bekanntschaft da möglich gewesen 
wäre, nur schienen mir die Herren etwas niedergedrückt, mit Aus- 
nahme Weisse's, dej etwas sehr Lebendiges hat. — Hier erwartete 
man uns mit grosser Sehnsucht, wusste nicht, wohin wir in der 
Welt gekommen, und freute sich unserer Ankunft sehr. Von meinen 
unterdessen gehaltenen Predigten darf ich Gutes sagen. — Die An- 
kündigung meiner Zeitschrift ist nun erschienen und leider einige 
Pehlerchen darin stehen geblieben, weil ich keine Revision davon 
erhielt; ich will hoffen, dass die rechte Prische während des Arbeitens 
komme. — Haben Sie vielleicht das Schriftchen: „Das Bekenntniss 
des Proselyten* von D. W. B. Pränkel zu sehen bekommen? Es ist 
die ordinärste christliche Orthodoxie darin, aber man ärgert sich, 
dass ein Mann von solcher Bildung und solcher Lebensstellung sich 
so einnehmen lassen kann. — Haben Sie die Qüte, mich bei den 
lieben Leuten, die uns so sehr freundlich in Wien entgegengetreten, 
zu entschuldigen; ich denke wirklich Aller mit vieler Liebe. Drücken 
Sie besonders auch unsern Dank den wahrhaft edlen Prauen von 
Kaulla und von Biedermann aus für die Aufmerksamkeit, mit 
der dieselbe uns begegnet; in der That waren die Reiseeindrücke 
sehr wohlthätig wirksam, diese Preundlichkeit, welche wir gefunden, 
doch grossentheils bloss wegen des Strebens, das mich bis jetzt geleitet 
und das doch eigentlich spärliche Blättchen bis jetzt getragen, ist 
ein schönes Zeichen von dem die Juden belebenden Sinne. Dem 
Herrn v. Biedermann wollen Sie auch meine Hochachtung aus- 
drücken; ich wünsche, in diesem Alter noch mit derselben Rüstig- 
keit und demselben Eifer einer mich durchdringenden Idee dienen zu 
können. — Alle Herren, welche ihre Preundschaft mir bewiesen, 
die Herren Schwabacher und Cohn, Dukes, den Rabbiner 
Hurwitz u. s. w. bitte ich bestens zu grüssen. 



44. 
An Zunz. Breslau, 8.-24. August 1841. 

Von meiner kleinen Reise, die ich vor einigen Tagen unter- 
nommen, Mittheilung zu machen, finde ich nicht für nöthig; sie 



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— 158 - 

wurde bloss zuföllig unternommen und hat für mich den doppelten 
Werth, erstens dass ich Oesterreich von einer besseren Seite kennen 
gelernt, als es der Theorie nach vot meinen Augen stand, und 
zweitens, dass ich Mannheimer genauer kennen lernte, und ich 
lege auf diesen Punkt ein ziemliches Gewicht. • Mannheimer hat ein 
lebensvolles Streben, ist sich desselben klar bewusst, wenn auch, 
meinem Ermessen nach, seine Klarheit bloss bis zu einem gewissen 
Punkte geht und er die Verhältnisse zu isolirt auffasst und sich da- 
her eines inneren Widerspruchs — den er gerne abweisen möchte — 
nicht erwehren kann; aber eine tüchtige, praktische Natur ist er 
und verdient seines herrlichen Talentes wegen warme Anerkennung. 
An Steinschneider's Geburtsort bin ich auch durchgekommen. 
St. erregt übrigens sehr schöne Erwartungen; seine Arbeiten sind 
allerdings etwas massenhaft und in das Aufspeichern des Kleinlichen 
untergehend, aber versteht er einmal sein Material zu ordnen, so 
wird er sehr Tüchtiges leisten. — Rapoport hat mit mir manche 
Vermittelung anknüpfen lassen; so habe ich von seinem Sdiwieger- 
Bohne Bodek Brief gehabt, denselben aber auch mit vollem Be- 
wusstsein meines Rechts beantwortet; auch mit Dr. Francolm ist 
bei seiner kürzlichen Anwesenheit in Prag ein Langes und Breites 
gesprochen worden, was auf die einfachste Weise überflüssig würde 
dadurch, wenn Rapoport mir wieder schreiben wollte. Will er nicht 
anfangen, so mag das Verhältniss, das kein unfreundliches, 3ondem 
ein indifferentes ist, so bleiben bis in Ewigkeit. — Was ich von 
Sachs höre, sowohl durch Mannheimer, der ihm sehr zugethan ist, 
als durch Francolm, macht mir denselben nicht sympathisch. Es 
ist ein schlimmes Ding, dass wir doch eigentlich keine Männer haben; 
da soll in Frankfurt ein zweiter Rabbiner aufgenommen werden, des- 
gleichen in Mainz, beides grosse, einflussrache Gemeinden, wo sind 
die Tüchtigen, welche die Rollen wahrhaft auszufüllen wissen? — •' 
Hier nehmen mich nun die verschiedensten Angelegenheiten in An- 
spruch, die Ankunft des Königs [s. oben S. 121] macht auch die 
Juden so viel sprechen, und so Mancherlei ist für den Vorstand zu 
thun — das grösstentheils durch mich geschehen muss. Fränkel 
übergiebt nun das neue Hospital und lässt es heute über acht Tage 
einweihen, wobei ich zu fungiren habe; die Sammlungen für die 
Schulen in Egypten, welche ein angemessenes Resultat erzielen, der 
projektirte Lehr- und Leseverein, bei dem ich immer erstes Mitglied 



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~ 159 — 

des Comitö's bin, und dergl. beschäftigen den Kopf und rauben die 
Zeit, ünterdess beschäftigt mich auch Strauss' Dogmatik II. und 
der Ez Chajim. 



45. 

An Jakob Auerbach. Breslau, 8. Februar 1842. 

Die Zeit ist wieder etwas lebendiger geworden durch den 
Hamburger Tempelstreit; zeigt sich auch leider wieder, dass 
man bei diesen Dingen meistens auf der Oberfläche bleibt und 
ein tüchtiger Prinzipienstreit namentlich bei dem Schweigen der 
, Unbeschnittenen an Herz und Lippen* durchaus nicht in Gang 
kommen will, so kommt doch wieder einmal ein Gegenstand zu recht 
lebendiger Frage. Ich will sehen, ob ich durch eine Brochüre, welche 
jetzt im Drucke ist, beide Seiten etwas stark aufrütteln und die 
Theorie, die allgemeine Idee etwas mehr in den Vordergrund schieben 
kann. Mein Gutachten war eben bloss ein Gutachten, scharf an das 
Factische sich haltend; gerade weil ich bei einem tieferen Eingehen 
theils zu weitläufig geworden, theils mich in Widerspruch mit dem 
Tempel hätte setzen müssen; das soll nun aber eben die Brochüre 
leisten. Der Gegenstand ist mir auch hier zu Gute gekommen. Ich 
halte nämlich, wie Sie vielleicht wissen, diesen Winter die Fort- 
setzung meiner Vorlesungen über die jüdische Geschichte, in denen 
ich von der Zerstörung des zweiten Tempels — bis wohin ich vori- 
gen Winter gekommen war — begann; als ich an die erste Hälfte 
des 10. Jahrhunderts in Italien, also an El'asar ha-Kalir, kam, da 
machte ich mich nun über das ganze Gebetswesen her und erörterte 
den Gegenstand mit Schärfe, historisch, aber auch durchaus ver- 
ständlich. Diese Vorlesungen — ich bin jetzt an Juda ha-Levi 
und werde wohl noch einen Winter zu lesen haben — finden ausser- 
ordentlichen Anklang, und gar die zwei, welche die Geschichte des 
<3ottesdienstes behandelten, waren so zahlreich besucht, dass mich 
der anerkannteste Professor darum hätte beneiden mögen; für mich 
selbst haben diese Vorlesungen einen grossen Eeiz, und wer weiss, 
ob nicht aus denselben, wenn ich sie — was wahrscheinlich ge- 
schieht — noch einige Male wiederhole, eine jüdische Geschichte 
für den Druck bildet. Ich brauche Sie wohl auf die ßecension: 
Streitschriften [Wiss. Zeitschr. Bd. V, S. 82 — 123] in meinem neuen 
Hefte nicht aufmerksam zu machen; ich thue mir auf diese etwas 



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— 160 — 

zu Gute, und ich darf auch erwarten, dass em jeder Kenner sich von 
derselben angezogen fühlt. Sobald ich nun meine Brochüre vom 
Halse habe, gehe ich an das 2. Heft. Freilich macht mir meine 
Zeitschrift jetzt weit grössere Mühe, da meine Zeit bei Weitem nicht 
so frei ist wie in Wiesbaden, und Sie wissen, ie weiter man konunt, 
je länger hält das Arbeiten auf, weil man ein grösseres Material zu 
beherrschen hat und grössere Anforderungen an sich stellt; aber es 
muss gehen. Die Hauptsache ist, ich lebe wieder geistig darin und 
lebe daher wieder wahrhaft; denn mein Leben ist doch hauptsächlich 
ein schriftstellerisches, da die Zeit unter uns zu sehr nachhinkt Gott 
weiss, wie es damit gehen wird, und wenn uns nicht eine mächtige 
äussere Erschütterung zu Hülfe kommt, so, fürchte ich, versauern 
wir. Sie finden es erstaunlich, wie viel ausgezeichnete Kräfte im 
Bereiche der jüdischen Theologie gegenwärtig thätig sind; die Kräfte 
will ich ich nicht in Abrede stellen, aber von der Thätigkeit muss 
ich bekennen, wenig zu gewahren. Jedoch ich will die Hoffnung 
keineswegs aufgeben und wenigstens selbst thätig sein. — Dass au» 
meinem Plane, ein Zusammensein und Zusammenwirken zwischen uns 
möglich zu machen, Nichts geworden, bedauere ich gewiss nicht 
minder als Sie; allein in Preussen hat alles Jüdische noch immer 
grosse Schwierigkeiten, und Breslau fehlt es an Vielem, um sich mit 
Erfolg den lähmenden Einflüssen entgegenstemmen zu können. — Sie 
werden wohl meine , Skizze" [„Das Verhältniss des natürlichen 
Schriftsinnes zur thalmudischen Schriftdeutung*, W. Z. V, 53 — 81, 
234 — 259] gelesen haben; die ist auch entschieden genug, freilich 
eine andere Seite behandelnd, aber man sieht doch da ein Eingehen 
in den Gegenstand, es ist nicht so von oben herab geschöpft und 
doch in würdigem Tone gehalten. Aus dieser , Skizze" ersehen Sie 
zugleich, was ich von Hirschfeld's Buch^) halte; ich werde ihm 
bloss eine kurze ßecension noch widmen. — So ziemlich lebe ich 
hier ausserhalb der Welt; was ich mir nicht selbst kaufe und von 
den Verfassern zugeschickt erhalte, bekomme ich auch nicht zu lesen. 
Jedoch wird es bald besser werden durch einen grossartigen jüdischen 
Lese verein, der sich hier bilden und ein Beth- Hamidrasch in neuer 
Form darstellen wird. 



*) [„Der Geist der thalmudischen Auslegung der Bibel." Eine weitere Recen- 
sion dieses Buches von Geiger, ist nicht erschienen.] 



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- 161 ~ 

46. 

An Jakob Auerbach. Breslau, 18. April 1842. 

Die Gemeinde ist zu einer bedenklichen Krisis gekommen, was 
bei der hartnäckigen Starrheit, die Tiktin theils selbst besitzt, zu 
deren Werkzeug er sich theils machen liess und lässt, unausbleiblich 
war. Das wahrscheinlichste Ende ist eine völlige Spaltung, die 
übrigens für die Gemeinde wie für das Prinzip nur heilsam sein 
kann. Es lässt sich die grosse Kluft zwischen den zwei verschiedenen 
Richtungen nicht mehr ausfüllen und es lassen sich die Parteien 
nicht mehr zusammenhalten; was hier jetzt eingetreten, muss nach 
und nach in grossen und kleinen Gemeinden immer mehr hervor- 
treten, in gleicher Weise sich gestalten, namentlich aber in solchen 
Staaten, wo die Regierung keine spezielle Beaufsichtigung des jüdi- 
schen Cultus übernimmt, wie dies ganz besonders in Preussen der 
Fall ist. In London ist das Factum schon entschieden, in Hamburg 
lässt sich's auch nicht mehr zurückhalten, in Frankfurt muss der 
Fall auch binnen kurzer Zeit eintreten, und die Nachfolge kann dann 
nicht fehlen. Die historische Entwicklung ist am Ende bei der in 
Starrheit versunkenen Masse unmöglich, die muss ganz erstarren und 
dann von den Ereignissen der Weltgeschichte weggespült werden, was 
das Ende sowohl des Katholizismus als des alten Judenthums in nicht 
zu femer Zeit sein wird. Sobald man sich die Differenz in ihrer 
Ganzheit eingestehen und nicht mehr an einzelnen Aeusserungen der- 
selben umhertasten wird, wie ich dies in meiner „Aufgabe der Gegen- 
wart''^) verlange, nicht minder in meinem „Hamburger Tempel- 
streif* 2), der eben deshalb den Tempel als Halbheit, als Fortschritt 
wohl vor 23 Jahren, aber nicht heutzutage, betrachtet — sobald 
diese Ansicht klar geworden und allgemein durchgedrungen sein 
wird, und zwar trotz den Männern, welche nicht den Muth und nicht 
die Ehrlichkeit haben. Solches einzugestehen, da werden auch die 
Ereignisse sich drängen und die unvermeidliche Katastrophe herbei- 
führen. Blicken wir ihr nun ohne Zagen entgegen! Es wird dabei 
nicht ohne manchen Riss abgehen, aber der gesunde Theil, wenn er 
auch numerisch gering, wird sich in seiner Gediegenheit und in seiner 



1) [Wiss. Zeitschr. Bd. V, S. 1-34.] 

2) [S. oben Bd. I, S. 113-197.] 

Geiger, Sobriften. V. H 



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— 162 — 

Uebereinstimmung mit der ganzen Zeit auf tüchtige und ehrenvolle 
Weise entwickeln, den krankhaften und schadhaften Theil aber ganz 
bei Seite dem Wogen der Zeit, den zehrenden Einflüssen der ganzen 
äusseren Zustände überlassen. 



47. 

Adresse an Geiger. Breslau, 18. August 1842. 

Aus der Mitte Ihrer Gemeinde, die Sie hoch verehrt und die in Ihrem 
frommen, gottesfiirchtigen Wirken sich beglückt fühlt, nahen ^ir Ihnen aus freiem, 
innerem Antriebe, um bei den schweren Kämpfen, die Sie gegen die unheiligen 
Waffen der Verketzerung, wie gegen die vergifteten Pfeile der Verleumdung und 
Schmähung leider zu bestehen haben, Ihnen einfach und schlicht unsere tiefe Ver- 
ehrung und Hingebung, sowie nicht minder über die unwürdigen Angriffe, mit 
welchen blinde Leidenschaftlichkeit sich an Sie herandrängt, unsere tiefe Ent- 
rüstung auszudrücken. Die reine Gluth der Begeisterung für das echte Juden- 
thum, die Sie entflammte, den ewigen und ewig wahren Gehalt unseres Glaubens 
mit wissenschaftlicher Schärfe und Klarheit hervorzukehren und den Vorwurf der 
inneren Erstarrung und Abgelebtheit von ihm abzuwälzen: dieselbe heilige Be- 
geisterung für das ewig wahre Judenthum wird Sie kräftigen und ermuthigen, dass 
Sie, unbekümmert um die Anfeindungen, welche irdische Interessen und Leiden- 
schaften Ihnen in den Weg stellen, Ihre so ruhmvoll begonnene und für die Be- 
lebung und Kräftigung des religiösen Sinnes in unserer Gemeinde so segeifisreich 
fortgeführte rabbinische Wirksamkeit zum Heile der Gemeinde und ganz Israels 
auch weiter fortsetzen. Der Dank und die Verehrung aller Edlen ist Ihnen gev?iss 
und der Segen unseres Gottes, der da ist ein Gott des Lebens und des Lichts, 
wird Ihr Wirken in seinen allmächtigen Schutz nehmen. So sei es sein heiliger WilleJ 

Die Mitglieder der hiesigen Israeliten-Gemeinde. 



48. 
An Jakob Auerbach. Breslau, 14. December 1842. 

Ich lese diesen Winter wieder jüdische Geschichte (Fortsetzung, 
wahrscheinlich Schluss), beginnend mit der Zeit nach Maimonides 
und ich stehe jetzt im 15. Jahrhundert; auch im „Lehr- und Lese- 
verein**, von welchem höchst trefflichen Institute Sie wohl wissen, 
halte ich zuweilen einzelne Vorträge, an dem auch jüngere Kräfte 
von Zeit zu Zeit sich versuchen, und in der letzten Hälfte des Som- 
mers habe ich daselbst auch eigentliche Vorlesungen für Studirende, 
nämlich linguistische Einleitung in die Mischnah, gelesen, zu deren 



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— 163 — 

jf ortsetzung, der eigentlichen Einleitung, welche diesen Winter kommen 
sollte, ich jedoch noch nicht Zeit finden konnte, Nun bin ich auch 
wieder an meiner Zeitschrift, an der bereits gedruckt wird, und eine 
Brochüre gegen Bruno Bauer's „Judenfrage" soll auch von mir 
-erscheinen^); wie ausserdem eine Stellung wie die hiesige die Thätig- 
keit nach den verschiedensten Seiten anruft, können Sie selbst er« 
messen. Mit den Gutachten^) geht es ganz charmant. Gedruckt 
^ind bereits von: Friedländer in Brilon, Chorin in Arad, Hold- 
ieim in Schwerin, Wechsler in Oldenburg, Kohn in Hohenems, 
Herxheimer in Bernburg, Einhorn in Birkenfeld, Hess in Stadt 
Lengsfeld, Gutmann in Badowitz, Wassermann in Mühringen, 
aber der Vorstand mochte sie noch nicht veröffentlichen. Ausserdem 
werden noch gedruckt — sie sind später eingelaufen — die Gutachten 
von: Aub in Baireuth, Maier in Stuttgart, Eahn in Trier, Adler 
in Kissingen, Stein in Burgkundstadt, auch wohl ein kurzes Schreiben 
von Levi in Giessen; mit Passei in Prossnitz ist man in Verlegen- 
heit, er windet und dreht sich und hat Quellenmittheilungen, die 
wegen der allgemeinen Verhältnisse, nicht wegen der speziellen hiesi- 
gen, bedenklich machen, wie ihm dies unumwunden ausgedrückt 
worden, Lövy in Pürth, Schlesinger in Sulzbach, Grünbaum 
in Landau, Gosen in Marburg haben theils Gutachten, theils Ant- 
worten eingesandt, aber sich deren Veröffentlichung verbeten. Dass 
M. das Schulmeistern ebensowenig lassen kann, wie die Eatze das 
Ifaschen, wissen Sie bereits, und da er nicht Rabbiner ist, sein Gut- 
achten auch bloss ein Brief ist, man sich überhaupt an ihn bloss 
gewendet hat, um ihn nicht zu verletzen, so bleibt sein Schreiben 
unbeachtet. Prankel in Dresden hat einen Brief geschrieben in 
seiner Weise, Rapoport in der seinigen, d. h. wie ein roher, un- 
gebildeter Pole. Ullmann in Crefeld hat abgelehnt, um „der 
Flamme nicht neue Nahrung zu geben*, Philipp son hat gar nicht 
geantwortet. Die Gutachten sind übrigens ein interessantes Docu- 
ment, und können sie sich auch mit den Pacultätsgutachten über 
B. Bauer nicht messen, und ich nur immer meinen Spruch wieder- 
holen muss: wer wollte, die aufgeklärten jüdischen Theologen stünden 
^0 auf der Höhe der Zeit wie die orthodoxen christlichen, so bleibt 
4iese Sammlung doch sehr wichtig und bedeutender als die über den 



') [Der Aufeatz gegen B. B. erschien nur in W. Z. V, 199—244. 325—371.] 
2) [Rabbinische Gutachten vgl. oben S. 112 A.] 

11* 



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— 164 — 

Hamburger Tempelstreit. Die Sache ist noch nicht entschieden \mä 
liegt beim Ministerium, das die Sache hinschleppt und nicht für und 
nicht wider sich ausspricht; unterdessen existirt für den Vorstand 
Tiktin gar nicht, während ein Theil der Gemeinde sich wenig um 
den Vorstand kümmert, was bei den preussischen Gemeindeverhält- 
nissen leicht ist. So herrscht allerdings ein unangenehmer status quo^ 
der aber doch immer mehr zu unseren Gunsten sich gestaltet; meine 
Stellung ist und bleibt jedoch eine ganz aogenehme. 



49. 
An den Prediger (Lilienthal) in Riga. 1842 oder 1843. i) 

Mit dem tief empfundenem Danke für das hohe Wohlwollen, 
dessen mich Se. Excellenz der Minister der Volksaufklärung zu wür- 
digen die Gnade gehabt, verbindet sich bei mir das schmerzliche 
Gefühl, mich dieses V^ohlwoUens nicht durch die That würdig er- 
weisen zu können. Wie schön ist die Aussicht, in einer geehrten 
Stellung, als Diener eines Staates, dessen Herrscher wie höchste 
Beamte mit so hochherzigen Gesinnungen auch gegen meine Glaubens- 
brüder erfüllt sind, für Zwecke wirken zu können, die mein ganzes 
Streben erfüllen und denen ich gerne mein Leben widme! Wie be- 
trübend ist es aber, einer solchen freundlichen Aussicht den Rücken 
wenden zu müssen! Und ich muss es. Es wäre undankbar von 
mir, sollte ich Ihnen nicht ganz unverhohlen meine Gründe angeben^ 
mit der freundlichen Bitte, Se. Excellenz zu ersuchen, in denselben 
gewogenst eine genügende Entschuldigung für das Ablehnen eines 90 
grossmüthigen Anerbietens finden zu wollen. 

Sie wissen es, geehrtester Herr, dass der Mittelpunkt der fort- 
schreitenden Bestrebungen der Juden in dem letzten halben Jahr- 
hunderte und drüber Deutschland war und ist. Es war, seitdem ich 
nur zu denken begonnen — und ich habe frühe schon mit möglicher 
Klarheit und Entschiedenheit über diese Gegenstände zu denken Ver- 
anlassung gehabt — , mein innigster Wunsch — ein Wunsch, der so- 
^nge mit meinem Leben verknüpft ist, dass meine Kraft sich brechen 



^) [Von der in diesem Briefe angedeuteten Berufung nach Riga oder Peters- 
burg ist mir nichts bekannt; ich verdanke eine Abschrift dieses Briefes dem wackerea 
Freunde meines Vaters, Herrn H. Joachimsohn in Breslau.] 



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— 165 — 

lind meine Freude schwinden würde, wenn ich ihn je aufgäbe — , am 
>echten Sitze dieser Bestrebungen, soweit meine Kräfte nur vermögen, 
Antheil zu nehmen. Ich habe mich mit Ernst dazu vorbereitet, ich 
habe manches Bedenken, das weltliehe Eücksichten angeregt, nied^- 
^eschlagen, mancher Widerwärtigkeit mich ausgesetzt; aber ich habe 
festgehalten an dem unerschütterlichen Vorsatze, ein möglichst wirk- 
rsames Organ des Portschritts unter meinen Brüdern zu sein. Dem 
Herrn sei Preis und Dank, er hat meine Bemühungen überreich 
gesegnet. Nicht dass ich mir schmeichelte, es seien durch mich 
bedeutende Erfolge für das Heil der Juden errungen worden, allein 
ich wurde als zu denen gehörig betrachtet, die in den Vorderreihen 
stehen, wenn es gilt, wahre Religion von Aberglauben zu scheiden, 
das Judenthum von Schlacken zu reinigen ; zu denen, die mit leben- 
digem Sinne begabt sind für Wissenschaft und deren Vermählung mit 
Leben und Glauben. Mein Name ist zu grösserem Ansehen gelangt, 
als meine schwachen Leistungen verdienen, und ich darf hoffen, dass 
fernere schriftstellerische Versuche weitere Förderung bringen werden; 
Äuch meine äusseren Verhältnisse haben sich. Gottlob, erfreulich ge- 
staltet, und meine Stellung ist eine einflussreiche. Noch ist aber 
Vieles zu leisten, selbst im Vaterlande, das der Brennpunkt des Fort- 
schritts ist, und ich sollte da ohne Pflichtverletzung aus ihm mich 
entfernen dürfen, um einem anderen Lande meine Kräfte zu weihen, 
wo erst die Nachwirkungen unserer Fortschritte fühlbar werden sollen? 
Sollte ich nicht lieber, wie bisher, »ein Schweif des Löwen" bleiben? 
Könnte ich die freudige Gewohnheit, auf der ganzen Reihe der be- 
reits geschehenen Entwickelung fortzuarbeiten, aufgeben, um nun von 
vorn zu beginnen? Und wie undankbar wäre ich gegen die Brüder 
im Vaterlande, die mich mit so vielen Beweisen ihrer Liebe und 
Anhänglichkeit beglückt haben; wie undankbar gegen die hiesige 
Gemeinde, die viel gekämpft und gerungen, bis ich der Ihrige werden 
konnte, und die seitdem mich in der herzlichsten Weise fesselt! Und 
darf ich es gestehen? Ich liebe Deutschland, trotzdem dass mich, 
den Juden, dessen Staatseinrichtungen Verstössen; fragt die Liebe 
nach einem Grunde? Ich fühle mich mit seiner Wissenschaft, seinem 
ganzen geistigen Ernste verwebt, und wer wird den Nerv seines 
Daseins ungestraft durchschneiden? So muss ich denn bleiben in 
Deutschland, das mir wie unseren Brüdern für die Bemühungen, 
immer mehr in sein Staatsleben einzugehen, dasselbe vornehm ver- 
schliesst, muss kämpfen nach zwei Seiten hin, gegen die Zurück- 



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- 166 - 

gebliebenen unter den Juden und gegen die alles Jüdische ignorirendeii^ 
bevorzugten Glaubensparteien, und muss mit sehnsüchtiger Hoffnung 
abwarten, dass uns das als verdientes Becht werde, was andersw(^ 
schon als freiwillige Gnade gespendet wird. Aber um die freudige- 
Ueberzeugung bin ich doch reicher geworden, dass in einem Lande,, 
wo so viele meiner Glaubensbrüder wohnen, der ernste Wille der 
hohen Behörden vorhanden ist, diesen die Wohlthaten der Bildung 
und wahren Menschenwerths angedeihen zu lassen, und dieser Wilte 
ist mir sichere Bürgschaft für den glücklichen Erfolg. 



50. 
An Zunz. Breslau, 6. Juni 1843. 

Dass Ihnen die „Gutachten* i) zugesagt, ist mir erfreulich; sie 
sind allerdings ein höchst wichtiges Aktenstück, und da sie gerade^ 
begimatria tob sind, so wollen wir des Guten nicht zu viel thun. 
Es liegt noch manches Interessante da, was im engeren Kreise be- 
kannt zu werden verdiente. — Bleiben wir nur immerhin rüstig, wir 
haben dann Regierungen und Lumpen nicht zu fürchten. Mögen 
Jene immerhin ihre tollen Fragen aussenden und diese ihre Ver* 
leumdungen ausbreiten, ich fürchte mich nicht, ich habe schon genu^ 
durchgemacht, um an Selbstvertrauen und an Vertrauen zum Fort- 
schritte zu gewinnen. Ich habe hier den rechten Ort, um die Sachen 
im tiefsten Grunde kennen zu lernen, eine zusammengelaufene, an 
der Grenze Polens liegende zahlreiche Gemeinde, die niemals Gemein- 
sinn hatte, in der daher auf vielen Seiten die tiefste Entsittlichung 
zum Vorschein kommt, und allen Hindernissen entgegen, bleibe ich 
doch oben. Schlesien hat einen Oberpräsidenten [v. Merckel], der 
im Allgemeinen sehr servil ist, dabei der exemplarischste Rösche, 
der nur Juden und nicht Juden haben will, der mein persönlicher 
Feind ist, weil ich ihm einmal bei Gelegenheit der Brand^schen 
Schriften 2) die derbsten Wahrheiten gesagt habe, und er hat bis 
jetzt mit mir noch nichts ausgeführt und er wird es auch nicht 
Allerdings ist das hiesige Zerwürfniss noch keineswegs beendigt, aber 

^) [Rabbinische Gutachten, s. oben S. 163; begimatria = nach Rechnung, 
tob = gut; nach seinem Zahlenwerth = 17, der Zahl jener Gutachten.] 

^) [Christ. Brand, Kanzleisekretär, hatte im J. 1843 judenfeindliche Brochüren 
erscheinen und kolportiren lassen.] 



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— 167 — 

"wahrlich, ich fürchte mich nicht davor; sie sind mir hinter meinem 
Amte her, ich habe aber vorige Woche dem Minister eine Eingabe 
zugeschickt, deren Bescheidung zu sehen ich wirklich recht neugierig 
bin. Ich bin nun einmal gegenwärtig einziger Rabbiner der hiesigen 
Gemeinde und mein Einfluss vermehrt sich in jeder Beziehung, 
namentlich auch bei den Behörden; lassen Sie daher nur circuliren, 
was sie wollen. 



51. 

An M. A. Stern. Breslau, 25. August 1843. ^ 

Mit Freude und zugleich mit Betrübniss hat mich Dein aus- 
führliches Schreiben erfüllt; ich erkenne in Dir den rüstigen, an dem 
ideellen Portschritte eifrigst theilnehmenden Freund, ich werde eine 
Anzahl Männer gewahr, die gerne zur Läuterung des Juden thums 
mitwirken wollen , und doch sehe ich viel unklares und Unwürdiges 
sich mit einmischen. Was Dich betrifft, so packt Dich das Jung- 
hegelthum und Du folgst ihm, und Dein Streben nach Eeform des 
Judenthums äussert sich in einem „Verein der Freien." Da trennen 
wir uns nun entschieden. Ich bekenne es offen, ich verabscheue 
dieses Junghegelthum mit seinem Subjektsdünkel, ich verabscheue 
jenes gemeine Ankämpfen gegen alle Demuth in der Menschenbrust, 
gegen jedes Bewusstsein eigener Beschränktheit, gegen jede Ahnung 
.eines Hohen, obgleich ich manche Leistung desselben, wie sie zu- 
weilen in den Deutschen Jahrbüchern innerhalb des menschlichen 
Gebietes hervortrat, mit Freude begrüsste. Ich bekenne ferner offen, 
dass ich nicht dem Pantheismus huldige, dass ich einen Ueberschuss 
über die Immanenz st^tuire, dass ich ein Unbegreifliches über uns 
anerkenne, dass ich dem Gefühle, das sich zum Abhängigkeits- 
bewusstsein steigert, sein Recht einräume und nicht verkümmert 
wissen will, dass ich die Leugnung der Religion als einen Irrthum, 
als einen gefährlichen Irrthum verwerfe. — Meine Reform des Juden- 
thums basirt daher auf anderen Grundlagen, und so sehr ich auch 
gegen Eure drei, meinetwegen auch gegen Eure fünf Artikel, nichts 
habe, so sind theils unsere Fundamente andere, theils ist daher der 



') [Vgl. ob. S. 116, A. 1; auch ein Stück dieses Briefes ist in der Freund'schen 
Zeitschrift S. 114—116 abgedruckt.] 



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— 168 — 

Ausdruck, den Ihr gewählt und den ich wählen würde, ein sehr ver- 
schiedener. Ich sage: 1) das Judenthum ist die ursprüngliche Aeusse- 
rung des reinen religiösen Bewusstseins, wir halten an ihm, als be- 
rufen, dasselbe in den verschiedenen Zeiten darzustellen und e3> über 
seine Bekenner hinaus auszubreiten, fest, wissen uns mit ihm einig. 
2) Das Judenthum, als berufen, in alle Zeiten einzugehen, musste 
auch in die verschiedenen Standpunkte der Zeiten eingehen, seine 
Aeusserungen den verschiedenen anderen Auffassungsweisen anniessen, 
diese müssen von seinem Geiste getrennt werden ; namentlich hat das 
lange Mittelalter es incrustirt, und wenn wir auch aus dieser In- 
crustation gleichfalls die tiefliegenden Pulsschläge des Geistes zu 
erkennen uns angelegen sein lassen mögen, sie haben doch diese 
Hüllen, wie sie im Thalmud und in den Eabbinen hervortreten, für 
uns keine normative Bedeutung. Wir sind vielmehr verpflichtet, das 
Judenthum als wahrhaft religiöse Macht in unsere Zeit einzuführen 
und die Aeusserungen uns anzupassen. 3) Das Judenthum, als be- 
rufen, Weltreligion zu werden, aber hervortretend innerhalb eines 
Volkes, das es ganz durchdrang, muss von allen volksthümlichen 
Elementen, die es nothwendig in seine Aeusserungen aufnahm, ge- 
sondert werden; wir halten namentlich das Judenthum nicht ab- 
hängig von dem Glauben, dass seine Bekenner einst wieder eine 
politische Einheit bilden werden, wir bekennen vielmehr, dass wir 
dem Lande, in dem wir leben, innigst als unserem Vaterlande an- 
gehören. — Dies ungefähr ist meine Fassung, die eine Position hat, 
ohne dass sie beschränkte, zugleich aber die entschiedenste Ne- 
gation. — Du warst nun gegen mich ziemlich vorsichtig in Deinen 
Aeusserungen, und Deine pantheistischen Gelüste schimmern bloss 
hier und da durch ; wärest Du doch ebenso in Deinen anderen Briefen 
gewesen! Leider aber ist jene Eichtung in dem Schreiben an 
Eiesser, i. e. in den Auszügen, die in der Lithographie der 
Orthodoxen zusammengestellt sind, welche ich gleichfalls gestern fast 
zugleich mit Deinem Briefe durch die Meinigen in Frankfurt er- 
halten, dick aufgetragen, und das betrübt mich sehr tief; ich weiss 
kaum noch eine Eettung .... 

Eiesser 's Auffassung des »Eefornavereins" gefallt mir nicht; 
die Anderen gehen natürlich noch weit weniger von einer grossen 
Idee aus, fassen sie noch weniger, haben noch weniger den sittlichen 
Muth, der zur entschiedenen Durchführung derselben gehört, ja, 



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— 169 — 

Einige scheinen sogar sittlich unwürdig zu sein, und daran krankt 
<ier Verein, ehe er noch recht in's Leben getreten. 

Und nun, was ist zu thun? Doch da muss ich zuerst noch ein 
anderes berühren, das uns trennt. Du predigst das Schisma, wie 
Du selbst sagst, ich aber wiederhole: ein Schisma darf nicht ge- 
macht werden, man muss zu ihm getrieben werden, es muss sich 
von selbst machen; ich predige Eeform der Gesammtheit, mag 
freilich meinetwegen ein Schisma dann daraus entstehen, darauf bin 
ich gefasst. Euer ganzes Bestreben musste eine Appellation an das | 
gesunde ürtheil der Juden insgesammt sein, ein rasches Hervortreten ^ 
in die Oeffentlichkeit; es war bloss ein kärgliches Sichzusammenthun ' 
und SilbenstechereL Was ist nun zu thun ? Das Einzige, was Euch 
übrig bleibt und was Du namentlich, als der eigentlich am meisten 
Kompromittirte, zu thun hast, das ist nun das möglichst rasche 
Hervortreten in die Oeffentlichkeit, ehe dieselbe abgeschlossen hat, 
worauf Philippson und Konsorten sehr stark hindrängen, das Her- 
vortreten in dem Sinne, dass die Dringlichkeit der Eeform, die 
Lügenhaftigkeit der jetzigen Juden, so lange sie sich nicht über 
ihre Stellung zum bestehenden Judenthuni ausgesprochen haben und 
kräftig dessen Umgestaltung bewirken oder wenigstens anstreben, die 
Halbheit der bisherigen Schritte mit einer sittlichen Entrüstung ent- 
hüllt werde. Aber das muss auf's Baldigste geschehen, sonst ist die 
Sache verloren, wer weiss überhaupt jeder Fortschritt gefährdet und 
Ihr Alle zugleich in Eurer Gesinnung dem ekelhaftesten Verdachte 
blossgestellt, in Eurer Ohnmacht als lächerlich und kindisch leicht- 
sinnig erscheinend. Vorläufig können auch die redlichsten und 
energischsten Kabbiner weiter Nichts thun, als alle Gewaltschritte 
abwehren, vom heftigen Einschreiten sich selbst zurückhalten und 
Andere abmahnen. Aber auch das wird bloss dann geschehen, wenn 
man sie rasch aufklärt und sich unmittelbar an sie wendet, sie um 
«ine vorläufige Suspension ihres ürtheils angehend. Eure Hast und 
Eure Verachtung gegen die Theologen — die Du in Deinem Briefe 
an mich zwar in Abrede stellst, die aber in Deinem Memoire nur 
zu scharf hervortreten — rächen sich leider nur zu sehr; Ihr steht 
Ton ihnen verlassen da, und doch sind sie es, die über Euch auch 
in der öffentlichen Meinung das ürtheil zu sprechen haben. Die 
Alten in Prankfurt haben sich, schlau genug, auch gerade an die 
jungen Rabbiner gewendet, sie zu Schritten, Gutachten und was 
weiss ich was Alles auffordernd; man soll an Bernays, D. Wolff, 



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— 170 — 

Frankel, Maier in Stuttgart, sämmtliche badische Rabbiner, Auer* 
b ach in Darmstadt, Aub in München, Bodenheim in Hildesheim 
und Andere geschrieben haben. Auch an Kahn in Trier hat man 
geschrieben, und dieser hat mich angefragt, wo ich ihn dann sehr 
gewarnt habe einzuschreiten, wozu er nicht übel Lust hatte. Es liegt 
für viele selbst der Entschiedenen, abgesehen von allem Andern, eine^ 
gar zu schmeichelhafte Anerkennung darin, al^ Autorität von Seiten 
der Orthodoxen aufgerufen zu werden. Wenn Ihr sie nun ignorirt, 
ihnen nicht auch die schuldige Achtung beweist, dann ist der Aus- 
gang leicht zu sehen, mögt Ihr dann immerhin auf sie als Baals- 
pfaflen schimpfen. R.Beer Adler hat selbst meinen Bruder Jakob' 
aufgefordert, er solle an mich schreiben, ich sei der einzige Mann,, 
der bei der neuen Partei Gewicht habe, ich könne dadurch den 
Glauben vor gänzlichem Verfalle retten. An mir freilich prallen 
solche Geschosse ab, und die Leute schämen sich doch auch, sich 
direct an mich zu wenden. Aber Du siehst, wie diese Leute, was- 
ich an ihnen achte, alle anderen Antipathien opfern, um ihr Ziel zu 
erreichen. Bereits soll Bernays geantwortet haben, die Antwort soll 
aber, wie sich von selbst versteht, unter aller Kritik sein, „man soll 
sich gar Nichts herausnehmen können^. Also schreibet, schreibet I 
Schreibt für die Oeffentlichkeit, schreibt privatim! Wenn jetzt keine 
Thätlgkeit entwickelt wird, so ist die Zeit vorüber. Bis jetzt ist 
kein Kampf da, nichts literarisch zu Besprechendes; ist das erst 
einmal da, dann werden sicher die Rabbiner nicht auf sich warten 
lassen, an mir wird es auch nicht fehlen, und eine Schrift wie mein 
, Tempelstreit •* in dieser Angelegenheit wird sicher nicht ohne Ein- 
druck bleiben. 

Biesser's Aufsatz gegen Bruno Bauer in den constitutionelien 
Jahrbüchern habe ich noch nicht gelesen; meiner hat auch in Frank- 
furt gefallen ; der Punkt, der Dir anstpssig zu sein scheint, mag meine 
Entschiedenheit gegen das Junghegelthum und meine Abweichung 
vom HegeFschen Pantheismus sein. 



52. 

An Zunz. Breslau, 9. December 1843. 

Dass hier sich eine vielseitige Regsamkeit kund giebt, darf ich 
wohl sagen und mir auch schmeicheln, meinen Antheil daran zu 
haben. Ich setze diesen Winter meine Vorlesungen über jüdische 



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— 171 — 

Geschichte fort und beende sie, indem ich von 1840 bis zum letzten 
Tage der Vorlesung vortragen werde; sie machen mir viele Freude 
und den Zuhörern, wie ich aus der Theilnahme ersehe, nicht minder. 
Ich spreche manchmal vier bis fünf Male in der Woche, habe selbst 
zuweilen kleine Reisen wegen Trauungen, ertheile 7 Stunden wöchent- 
lich Religionsunterricht (die übrigen ertheilt Dr. Levy in 12 Stunden, 
wir haben in sechs Klassen ungefähr 150 Zöglinge, und Ostern wird 
eine öffentliche Entlassung und Confirmation vgn 17 Mädchen zwischen 
15 und 17 Jahren sein) und habe von allen 'Dingen meine Last; 
Gottlob ich fühle mich rüstig und zu frischer Thätigkeit aufgelegt. 
Von unserem Leseverein erscheint erst wieder Mitte k. J. ein Bericht, 
Sie werden sich über den Zuwachs unserer Bibliothek freuen. 



53. 
An Berthold Auerbach. Breslau, 25. December 1843. 

Wenn ich auch erst spät antworte, so wollen Sie danach nicht 
den Eindruck ermessen, welchen Ihr Schreiben vom 24. August auf 
mich gemacht; es war mir ebensowohl wegen der darin ausgesprochenen 
allgemeinen wie der besonderen freundschaftlichen Gesinnungen gegen 
mich sehr werthvolL Ich habe überhaupt mit vielem Vergnügen die 
Richtung verfolgt^, zu welcher Sie nach und nach gelangten und 
den gesunden Kern und das achtungswerthe Streben liebgewonnen. 
„Der gebildete Bürger", die Abhandlung über das deutsche Volks- 
lied, die Schwarzwälder Dorfgeschichten, die Betrachtung über die 
Juden im Nassauischen, Alles zeigte mir jene höhere Theilnahme an 
wahrem, auf gediegener Sittlichkeit, innerer Erfüllung von einem 
Höheren basirten Volkswohle und das schöne Streben das Volk geistig 
zu wecken, ohne es in sittliche Laxheit verfallen zu lassen, ja im 
Gegentheile auch diese Erhebung mit der geistigen Erstarkung zu 
verbinden. Wenn ich in dieser Theilnahme auch mit Freuden ge- 
wahrte, dass Ihr Blick sich von den Juden — sind sie ja durch die 
Geschichte am tiefsten herabgedrückt! — nicht abgewandt hat, Sie 
vielmehr jenen Sklavensinn im Volke, der über noch niedrigere Sklaven 
sich erheben zu können stolz ist, auszurotten mitwirken mögen : wer- 
den Sie mir, der seine Kräfte auf diesen Kreis zusammendrängt, es 
verargen? und ich gestehe, dass gerade diese gelegentliche Einstreuung 
der Juden und dieses Verfahren, sie als fest eingeschlungen, friedlich 
und freundlich verwebt in das Leben des Volkes nachzuweisen, oft 



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— 172 — I 

Yon grösserem Einflüsse ist als die ausdrückliche, wenn auch recht 
eindringliche, aber dann auch durch ihre Wärme verletzende oder 
durch ihre specielle Aufgabe vom Volke zurückgelegte, Behandlung 
derselben in besonderen Schriften. Also Sie bleiben uns in der That 
nahe und ein werther Bundesgenosse, dass Sie auch an der inneren 
sittlich-religiösen Veredelung der Juden gern Antheil nehmen — und 
das heisst hier bloss ernste religiöse Reform — setzte ich daher auch 
voraus und sehr erwünscht war mir, was Sie mir über Ihre Stellung 
zum s. g. Reformvereine «sagten. Ich habe demselben in seinen 
ersten Auftreten keine wesentliche Bedeutung beigelegt, habe aber 
doch gehofft, dass durch den Kampf, den er hervorrufen, und den 
er durchzufechten sich auch angelegen sein lassen werde, eine 
heilsame Erregung in die Gesammtheit eindringen werde, Fragen 
mit Unumwundenheit erörtert würden, welche bis jetzt nur von 
Männern, die ohne äussere Bande sind, besprochen werden können,*^ 
die jungen Rabbiner selbst herausgetrieben würden, kurz dass das 
Streben sich als ein tüchtiges Ferment bekunden werde. Allein ich 
sehe mich sehr getäuscht; die Herren haben gesetzgeberisch ihr 
Mandat ausgehen lassen und nun bleiben sie vollkommen ruhig. In 
der Polemik lag für's Erste ihre Kraft und sie benutzten sie nicht, 
und freilich eben der Ernst für die Sache selbst, für ein adäquates 
religiöses Leben ist bei den Leutej} nicht hinlänglich vorhanden. 
Stern in Göttingen ist allerdings ein gediegener, charaktervoller 
und auf der Höha der Zeit stehender Mensch; allein er ist theils zu 
beschäftigt, theils von dem eigentlichen Schauplatze Frankfurt zu 
entfernt. In Frankfurt herrscht aber, wie Sie bemerkt, jener reine 
religiöse Sinn nicht, obgleich sie doch die einzige Gemeinde wäre, 
von welcher etwas Tüchtiges ausgehen könnte. Sie hat noch etwas 
Compactes, und^ein^ gewisses allgemeines Interesse an jüdischen Zu- 
ständen ist selbst bei den Indifferentesten vorhan(len; es sind tüchtige 
Kräfte dort und sie nehmen im Gemeindewesen eine angemessene 
Stellun^f ein. Alles dies ist in anderen Gemeinden nicht zu .finden, 
und lieh die Wohlhabenheit Frankfurts ist mit in Anschlag zu 
bringen. Doch, wie gesagt, scheint mir für's Erste die Sache ruhig 
einzuschlafen. Unterdessen ist nun Stein, der gegen den Reform- 
verein geschrieben, zum zweiten Ratbiner gewählt worden, es tritt 
hier ein neues Element in Frankfurt ein, das jedenfalls der Gährung 
eine weitere Nahrung giebt. Die dortigen Angelegenheiten werdep 
mir recht interessant, wenn ich auch für den Augenblick kein be- 



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— 173 — 

deutendes Kesultat erwarte. — Die Angelegenheiten des Judenthums 
sind allerdings in eine seltsame Erisis getreten und das Schlimme 
ist, dass die heftige Seaction der gesunden Natur, die da allein 
Heilung bringen kann, sich noch nicht zeigt. Es kommt niemals zu 
einem heftigen, erschütternden, grossartigen, aber auch gesund 
machenden Kampfe, und fast können die Babbiner jetzt ihn am 
wenigsten hervorrufen. Diese in ihrer schwierigen Stellung, die ihnen 
das Geringste auch noch erschwert, in ihrem nothwendigen Streben, 
des Einflusses auf die Gemüther nicht ganz verlustig zu werden, 
müssen mit vieler Vorsicht zu Werke gehen und selbst die Kühnen, 
die irgend einen speciellen Einfluss gerne einbüssen, wenn sie einen 
allgemeinen und grossartigen erwarten dürfen, sind durch hundert 
Dinge gehemmt. Ich gehöre, glaube ich, zu den Kühnen; unglück- 
licherweise bin ich noch nie in einer vom Staate garantirten Stellung 
gewesen, und so habe ich noch doppelte Fesseln umliegen, wenn ich 
meine Existenz, und von meiner Stellung als Rabbiner hängt doch 
im Grunde meine Wirksamkeit hauptsächlich mit ab, nicht compro- 
mittiren will, ohne doch mächtig mit fortzureissen. Wenn ich mir 
dennoch schmeichle, nicht nutzlos meine Kräfte anzustrengen, sowohl 
in Beziehung auf meine Gemeinde als auch auf's Allgemeine, so 
knüpfe ich auch daran die Hoffnung, dass mit dem allmählichen 
Fortschritte auch die Gelegenheit zu scharfem Hervortreten noch 
kommen werde. Da ist ein anderer Kühner, Hold heim! Der hat 
wirklich ein tüchtiges Buch geschrieben: „Die Autonomie der Babbinen 
und das Princip der jüdischen Ehe*, aber so faul sind noch unsere 
Verhältnisse, es irritirt nicht, es wirkt daher auch nicht. Weiter 
kenne ich keine Kühnen, obgleich manche wie z. B. Maier in Stutt- 
gart in sehr geeigneter Stellung dafür sind. Doch gebe ich nichts 
verloren und zweifle nicht, dass es in nicht ferner Zeit losbrechen 
muss. Es gilt vorläufig noch nicht das Aufstellen, zuerst heisst es 
Wegräumen des Schutts; kommt es bei diesem ernsten Bemühen zum f 
Bruche, zum Schisma, in Gottes Namen, dann wird sich auch von * 
selbst etwas Festes bilden , aber man stelle uns nur zuerst keine 
Gonfession als Ziel hin. 



54. 
An M. A, Stern. Breslau, 11. Juni 1844. 

Endlich bringt No. 22 des „Israeliten'* den Anfang einer Er- 
örterung von Dir, die freilich gar sehr spät kommt, aber doch endlich 



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- 174 — 

die Aussicht darbietet, dass Ihr nun beginnt, die Oeffentlichkeit einer 
von Euch ausgehenden Auseinandei-setzung zu würdigen. Dies, sowie 
auch zum Theile der auf mich etwas hinschielende Inhalf Deines 
Schreibens ermahnt mich, meine lange verzögerte Antwort an Dich 
nun auch nicht lange zurückzuhalten. Dass sie so lange verzögert 
worden, hat in der ünbehaglichkeit seinen Grund, welche mir das 
Verhalten des Eeformvereins und der Beformfreunde — oder mögen 
sie benannt werden, wie sie wollen — verursacht hat. Wenn man 
mit einem grossen Plan hervortritt und ihn dann so in Stich lässt, 
sich in ein „verachtendes Schweigen* zurückzieht, so zeigt man eben, 
dass man ohne alles Bewusstsein das Unternehmen begonnen und 
keine Kräfte hat, demselben zu dienen. Allein schlimmer als der 
böse Wille ist der Mangel an Einsicht und an Kraft, wenn auch 
nicht moralisch, so doch in Bezug auf die Folgen. Das Einzige, was 
Euch am Leben erhalten hat, waren die gegnerischen Schritte und 
das Zusammentreffen der Wahl Stein 's mit Eurem Auftreten. Die 
Orthodoxie ist trotz ihrem klugen Schritte, auch Freunde des Fort- 
schritts mit in ihr Interesse zu ziehen, zu weit gegangen, sowohl in 
den Gutachten selbst in dem beabsichtigten Ausstossen, als auch in 
der Protestation gegen Stein, und so war doch noch ein Interesse 
gegen die Orthodoxie geweckt, wenn auch nicht gerade für Euch. 
Ich begreife wirklich nicht, wie man glauben kann, ohne das Auf- 
gebot einer bedeutenden literarischen Macht und ohne die Entwick- 
lung eines unermüdlich geführten literarischen Angriffskampfes, einer 
Ansicht Beifall zu verschaffen, die mit solcher Entschiedenheit gegen 
das Bestehende verstösst, die ihr Schiboleth in dem Aufgeben eines 
Brauches, der wenigstens bis jetzt als das Symbol des Judenthums 
von dem Volke betrachtet ward und der bloss durch Abrogirung dea 
Pentateuchs entfernt werden kann! Euer namenloser „Bar- Amithai* 
war doch wahrlich gar zu unbedeutend, um als ein Kämpe gelten 
zu können. Und dennoch mochte ich freilich Eure Thatsache nicht 
zu arg sinken lassen; ich habe auf Kahn — der sein Gutachten 
auch so abgegeben, dass es der Orthodoxie nicht gemundet hat — 
und Holdheim so eingewirkt — der nun durch seine Schrift „über 
die Beschneidung'* EucB einen schönen Dienst geleistet hat — und 
ausser der Mittheilung in Freundes Monatsschrift [ob. S. 167], die 
Du mir gar sehr als Indiskretion anzurechnen scheinst, die ich aber bis 
zum Augenblicke als ganz gerechtfertigt betrachte, da Du selbst eine 
auszügliche Mittheilung Deines Briefes verlangtest, ich alle Namen 



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~ 175 — 

zurückgelassen habe, auch die Auszüge aus anderen Briefen fortgesetzt 
Mtte, wenn es mehr als abgerissene Notizen gewesen wären, habe 
ich den »Israeliten* in Eurem Sinne sehr unterstützt. Der Artikel 
^aus Preussen" in No. 9 S. 671, die Artikel „vom Rhein** und „aus 
Preussen" in No. 14 S. 108 flf., „vom Rhein** in No. 15 S. 116, 
^vom Main** in No. 16 S. 125 ff., der zweite Artikel „Frankfurt** 
in No. 19 S. 150 f. — abgerechnet mehrere auf Breslau bezügliche 
Artikel 1) — sind, was Du als Mittheilung im Vertrauen betrachten 
mögest, von mir; was findet sich ausserdem in diesem Eurem Organ, 
-wenn man etwa die von Hess herrührenden Aufsätze, die doch oft 
der Schärfe und der anregenden Kraft entbehren, abrechnet, noch 
ferner in Eurem Interesse geschrieben? Einige trockene, einige läppische 
Artikel aus Frankfurt, und bei solcher Kraftlosigkeit wollt Ihr mit 
den Rabbinern hadern, dass sie Nichts für Euch thun, dass sie Euch 
für Unbefugte erachten, da munkelt Ihr immer von Heuchelei und 
dergleichen? 



55. 
An Emilie Geiger in Carlsbad. Breslau, 13. August 1844. 

Ich bin wieder einmal am Judenthume und an dessen gegen- 
wärtigen Verhältnissen krank und kann mich trotz dem Fleisse, den 
ich meinen Arbeiten zuwende, nicht davon befreien. Es sind aller- 
dings auch äusserliche Gegenstände, freilich ganz geringfügiger Art, 
welche die Stimmung erregen und ich mag es auch nicht verhehlen, 
dass Deine Abwesenheit mich darin bestärkt. Wenn Du da bist, so 
schmiegt sich mir doch das Leben in seinen Beziehungen, die ausser 
jenem geschichtlichen Processe des Juden th ums — in welchem ich 
freilich nun einmal tief stecke — reich genug sind, liebend an, nun 
aber ist es ewig dieses Eine, das mich beschäftigt und dieses Eine, 
himmlischer Vater, welch ein Unerquickliches ist es! Und seine 
Kräfte, denen man vertraut, von denen man in sich die Ueberzeugung 
zu haben glaubt, sie würden wohl zu schöner Befruchtung beitragen 
können, auf Erweichung eines Steins verschwenden — dieser Gedanke 
hat in der That etwas Fürchterliches! Doch wozu diese Klagen? 



») [Solche 8. das. No. 18—22 incL 31. 32. Vgl. oben S. 116; andere Arbeiten 
im Israelit oben S. 126 A. 2, unten S. 187 A. 1 ; zwei grössere Arbeiten im Jahrg. 
1846 No. 10, 11; 49, 50. Doch muss es anderer Gelegenheit vorbehalten bleiben, 
«in genaues Yerzeichniss sämmtlicher Journalartikel G.'s zu geben.] 



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— 176 — 

Der Standpunkt ist mir nun einmal im Leben angewiesen, ich kann 
ihn nicht verlassen und ich werde ihn nicht verlassen; es muss durch-- 
gerungen und durchgekämpft werden und am Ende ist doch das 
Streben nicht ganz fruchtlos, wenn auch die Erfolge gar zu winzig 
sind. Ja, wenn man nur frei heraustreten könnte, wenn man seinem 
eigenen Drange genügen dürfte! Aber dieses ewige Ducken und 
Bücken, Tasten und Laviren, das verzehrt alle Kraft, das raubt alle 
Freudigkeit des Wirkens! Ich muss diesen Unmuth wieder einmal 
in einem Aufsatz ausschütten, dann werde ich wieder geheilt sein; 
erst musste ich ihn aber Dir bekennen, und Du wirst es mir nicht 
übelnehmen, dass ich Dich mit diesen „Kindern meiner Übeln Laune '^ 
selbst im Bade nicht verschone. Du wirst auch nicht unruhig dar- 
über sein; Du weisst, das kommt und geht; freilich schlimm genug, 
dass es so oft kommt und — kommen muss, dass die ganze Lage 
eine so verkrüppelte ist, dass dem Bedlichen der Mund geknebelt 
und die Brust zugeschnürt wird. Es bleibt Nichts übrig, als den 
Mund zu öffnen und sich freien Athem zu verschaffen. 



56. 
An Hn. David Honigmann in Berlin. Breslau, 23. Oktober 1844. 

Die Literatur wird wieder lebendig; auf Börne 's Briefe, die 
mehr lieblich und witzig als kühn sind, folgen Fr ei ligrath's ge- 
sinnungsvolle und He ine 's Gassenjungenlieder und Walesrode ^» 
neues Buch, das ich noch nicht gelesen habe, soll an Kühnheit und 
Witz diesen nichts nachgeben ^). Auch das Leben sucht überall seine 
energische Kraft zu gewinnen, und dennoch stecken wir in faulen 
Verhältnissen. Ach, diese nagen ganz besonders an unserem Geschicke, 
man zwingt uns nicht, man reizt und stachelt uns nicht, man lässt 
uns laufen; es ist ein Zustand zum Verzweifeln. Wer giebt Einem 
Geduld zur Geduld? 

Die Ankunft FassePs^) war jedenfalls ein glückliches Inter- 
mezzo, das gar keine allgemeinere Absichten hatte, aber ein neues 
vermittelndes Element in die Betrachtung einführte, und so jener 
angeblichen orthodoxen Schroffheit einen harten Schlag versetzte. — 

[Gemeint sind Börne 's Nachgelassene Schriften, Mannheim 1844, Freilig- 
rat h 's Olaubensbekenntniss, Mainz 1844, Heine 's neue Gedichte, Hamburg 1844^ 
L. Walesrode 's Humor auf der Bank der Angeklagten, Mannheim 1844.] 

^) [Der nach Breslau gekommen war, um Subscriptionen für ein von ihia 
herauszugebendes Werk zu sammeln.] 



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— 177 — 

Meine Stellung zu Frankel in Dresden^) war wirklich ganz eigen- 
thümlich und ich glaube, er bereut es fast, dass er sich durch mich 
überrumpeln und sich imponiren liess. Mit der vollsten Entschiedenheit 
seinen hierarchischen Anmassungen und seinem vorgeblichen Conser- 
vatismus entgegentretend, ihm seine gewaltsamen apologetischen Ver- 
suche als albern nachweisend, ihm den Olauben an seine Gläubigkeit 
erschütternd und ihm versichernd, dass kein Mensch das von ihm glaube, 
dass man ihm vielmehr eine Kenntniss, des wahren Lebens abspreche, 
und er etwa bloss, um mich eines für uns anschaulichen Beispiels zu 
bedienen, Hinterhäuser ^j kenne, trieb ich ihn aus der vornehmen 
Stellung heraus, welche er allerdings gar zu gern auch Anfangs gegen 
mich einnehmen mochte, und so standen wir bald recht gut 

Es sind ihm gewiss nach meinem Weggehen, wie er wohl meint, 
die besten Entgegnungen eingefallen, die auch in seiner Zeitschrift 
sich noch vernehmen lassen werden; ich werde dann auch nicht auf 
mich warten lassen. Ihm gegenüber ist Sachs offenbar bloss ein 
Schwätzer, der seine Befähigung, seine theologische Einsicht bis jetzt 
auch noch nicht im Geringsten kund gegeben. Schlagend bleibt 
vorläufig, dass die Herren sich noch nicht die Kraft zutrauen, in 
grösserer Zusammenkunft nach ihrer Richtung hin zu lenken, und 
das Gerede wird durch einige Eabbinerversammlungen bald praktisch 
gedämpft sein. Der nächsten werde ich mich jedenfalls tüchtig wid- 
men, und sie soll für die religiöse Praxis von grösserer Bedeutung 
werden. 

Von der Journalfehde der hiesigen jüdisch-theologischen Facultät 
unter sich^) wissen Sie wohl, sie wird gerade nicht sehr säuberlich 
geführt, doch war sie ein guter Abgangskanal für die schmutzige 
Behandlung ernsterer Angelegenheiten, und Studirende können sich 
schon einmal mit Koth bewerfen, ohne dass weiter etwas davon 
kleben bleibt. 

57. 
An D. Honigmann. Breslau, 19. März 1845. 

Die neukatholische Bewegung, wenn ich sie auch mehr als 
eine Demonstration des allgemeinen Liberalismus gegen die Eingriffe 



^) [üeber die Reise dahin vgl. oben S. 131.] 
2) [Name einer Strasse in Breslau, in der Nähe der Synagoge.] 
^) [Streitigkeiten zwischen Landsberger, jetzt Rabbiner in Dannstadt, und 
Friedmann, jetzt Rabbiner in Mannheim, über Fassel.] 

Geig er, Schriften. V. 12 



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— 178 — 

eiaer herrschsuchtigen Hierarchie in die individuelle Freiheit betrachte, 
denn als religiös-freisinnige Bewegung und innerlich-kirchliches ge- 
müthliches Bedürfniss — was jedoch nothwendig gleichfalls sich 
damit verknüpft — erfrischt jedenfalls die Geister und macht sie 
empfänglich für eine ungetrübte Auffassung der Religion, regt auch 
in anderen Gonfessionen Gedanken und Entschlüsse an, welche für 
edles Menschthum und Eeinigung religiöser Formen fruchtbar sind. 
In dem Judenthume selbst bieten erfreuliche Erscheinungen diesem 
Impulse von Aussen die Hand; Holdheim's drei neuesten Schriften 
dringen mit grösster Entschiedenheit bis zu den Endpunkten aller 
Eeform vor, und Stern 's Vorlesungen scheinen in Berlin sich eines 
Eindruckes zu erfreuen, der trotz der flüchtigen Begeisterungsfp,higkeit 
der Berliner und ihrer auf den Bausch bald folgenden Nüchternheit, 
wohl benutzt, doch seiner Erfolge nicht entbehren mag und jeden- 
falls Sachs aufs Entschiedenste paralysirt, ja, da sie bei seinem 
ersten Auftreten ihm allen Einfluss rauben, geradezu vernichtet. 

I Wirklich scheint Stern diesen Eindruck fixiren zu wollen, wenn auch 
die Faselei der Correspondenten von diesem Streben keinen rechten 
Begriff zu geben geeignet ist. Wünschen möchte ich, dass sein Plan 
nicht auf die Begründung eines Schisma's geht, das im Judenthume, 
namentlich unter den gegenwärtigen in's Gesammte eindringenden, 
von den Babbinern angeregten, beförderten und begünstigten Be- 
wegungen ebenso unberechtigt, wie eine wahre Umgestaltung zer- 

\splitternd und daher hemmend sein wird. Wenn er bloss dahin 
arbeitet, eine Art Be form verein in's Leben zu rufen, so lässt sich 
allerdings, wenn dieser seine Kräfte sowohl auf die Umgestaltung 
des dortigen Gemeindewesens, als auch durch literarisches Wirken und 
durch enge Verbindungen mit Reformfreunden an anderen Orten auf 
Erfrischung und Ausprägung eines gesunden Bewusstseins in der 
gesammten Judenheit verwendet, weit Bedeutenderes erwarten. Eine 
Art der Wirksamkeit habe ich ihm selbst vorgeschlagen, und ich 
hoffe, dass Sie meine Ansicht bei ihm unterstützen werden. Die ina 
Juli wieder in Frankfurt zusammentretende Rabbinerversammlung 
wird in Mitten dieser Bewegung gewiss bedeutend wirken, und wenn 
sie auch, was ich von vorn herein zugebe, nicht allen Anforderungen 
der Gegenwart genügen kann, so wird sie doch T baten hervorrufen, 
die, wenn auch in geringerem Umfange, doch die Theorie in's Leben 
führen und so dieselbe aus endlosem Hin- und Herreden auf den 
festen Boden der Wirklichkeit stellen, und an entschiedenen Aeusse- 



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— 179 — 

Tungen wird es nicht fehlen. Aber es muss ihr auch an einem festen 
Hintergrunde in den Gemeinden nicht fehlen, damit sie das Bewusst- 
sein dieser ausdrücke und nicht den Schein errege, in deren vorgeb- 
liches Heiligthum voreilig entweihend einzudringen, das FrankeFsche 
•Gerede vom „Volke** endlich schlagend zurückgewiesen werde; es müssen 
<lie Aengstlichen, die bloss mit fortgestossen werden, einen kräftigen 
Impuls von ausserhalb, d. h. aus der Mitte der Gemeinde, erhalten; 
-es muss endlich die vollständigere Eeform, die diesmal von der Ver- 
sammlung noch nicht ausgehen [kann, durch die Anforderungen höher 
gebildeter Gemeindeglieder wenigstens vertreten werden. Diese Zwecke 
werden erreicht, wenn Denkschriften eingereicht werden, welche eben 
das Bewusstsein dieses Theiles der Judenheit ausdrücken und danach 
zu bewirkende Umgestaltung fordern. Eine solche Betheiligung von 
Aussen an diesem wichtigen Institute wird demselben eine tiefer- 
greifende Bedeutung und Wirksamkeit verleihen und ausserordentlich 
fördern ; ich glaube, dass wir dadurch weit sicherer zu der Form des 
Schisma kommen, welche ich für allein heilsam betrachte, wonach 
sich die starren Stillstandsmänner von der rasch forteilenden Ge- 
sammtheit trennen müssen und als „ Altjuden **, die, weil ohne innere 
wie äussere Macht, in wenigen Geschlechtern vom Leben aufgezehrt 
'werden, sich besonders constituiren. Ich werde von hier aus für die 
Ausarbeitung und Einreichung einer solchen Denkschrift, wenn auch 
mittelbar, wirken^), und werde Stern in Göttingen auffordern, in 
Frankfurt eine solche ebenfalls hervorzurufen. Wenn die drei grössten 
Oemeinden Deutschlands in solcher Weise auftreten, so kann der 
Erfolg nicht ausbleiben, und das Beispiel wird dann später weit- 
verbreitete Nachahmung finden, es wird eine Klarheit in die Verhält- 
nisse kommen, wie sie in der bisher noch vielen Eücksichten unter- 
worfenen, weil von den Eabbinen geleiteten Literatur in diesem Gebiet 
noch nicht herrschen kann. Ich glaube, Ihnen meinen Plan hinläng- 
lich klar und hoffentlich auch plausibel gemacht zu haben, und ich 
bitte Sie, mit Stern und meinem Freunde Berthold Auerbach, 
den Sie gewiss schon kennen, der wohl auch das Interesse an dem 
beschicke des Judenthums und der Juden noch nicht verloren, den- 
selben zu verwirklichen. 

Hier geht's in unserm Kreise wieder ganz hübsch; wir haben 
jetzt wieder ziemlich eingreifende Lilurgiereformen vorgenommen. 



') [Eine solche wurde eingereicht vgl. Protokolle II, 246—254. 278 f.] 

12* 



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' _ 180 — 

unter denen hauptsächlich zu erwähnen ist die Abschaffung aller 
Stellen, welche den Wunsch nach Wiederherstellung des Opferdienstes 
ausdrücken, ferner die Einführung eines deutschen Gebetes anstatt 
des „Tal'* am ersten Pessach-Tage; wir wirken jedenfalls, wenn auch 
allmählich, doch mit keinen zu kleinen Schritten vorwärts. Die 
Gemeindeangelegenheiten bewegen sich unterdessen im Schwanken 
weiter. Diese Schwankungen aber dürfen auch das energische Vor- 
wärtsdringen nicht hindern, das glücklicherweise in Betreff des Cultus 
nicht von dem Vorstande als Vertreter der Gesammtgemeinde auszu- 
gehen hat. Sonst leben wir in alter Weise, nur dass die Geselligkeit 
zu viel Eaum gewinnt, was freilich sein Angenehmes und Gutes, 

aber auch seine Schattenseiten hat 

Was hören Sie denn von der aus Zunz, Bube und Muhr be- 
stehenden ministeriellen Commission^)? Dass mir jede Nachricht 
darüber von höchster Wichtigkeit ist, brauche ich Ihnen wohl nicht 
zu sagen. 



58. 
An Zunz. Breslau, 19. März 1845. 

Während ich auf Nachrichten von Ihnen mit rechter Begierde 
warte, mich darüber wundere, dass Sie mir nicht einmal den Empfang 
des vierten Heftes meiner Zeitschrift anzeigen, wächst meine Ver- 
wunderung noch mehr, wenn ich von mehreren Seiten erfahre, dass Sie 
Ihr Befremden über mein Stillschweigen gegen Sie äussern. Es muss 
hier ein Missverständnias obwalten, das ich nicht errathen kann, das 
ich aber jedenfalls durch Brechen eines Weitern Stillschweigens meiner- 
seits zu beseitigen versuchen will. Vieles ist seit der Zeit, dass wir 
uns gegenseitig Nichts mittheilten, vorgegangen. Manches, das in di& 
Oeffentlichkeit gedrungen. Manches, das blossen Privatmittheilungen 
angehört, und wie gut wäre es, wenn wieder einmal der mündliche 
Austausch der Gedanken einen genügenden Aufschluss geben könnte. 
Man steht da aus ziemlicher Ferne einander beobachtend und schüttelt 
die Köpfe und wundert sich und — entfremdet sich auch zum Theile,. 



*) [Die Genannten hatten mit einem Ministerialbeamten vom 27. Februar 184^ 
an über die jüdischen Angelegenheiten mehrere Conferenzen; ihr Gutachten, für 
den späteren Gesetzentwurf benutzt, wurde 9. Juni 1845 dem Ministerium über- 
reicht; vgl. übrigens Zunz, Kurze Antworten auf Kultusfragen in: Gesammelte 
Schriften II, 204—221.] 



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- 181 — 

während sicher ein offenes Gespräch die rechte Aufklärung gäbe. 
Ich bin überzeugt, wenn auch kein Wörtchen davon zu mir gedrun- 
gen ist, dass Sie manchmal die Stirne über mich gerunzelt haben, 
weiss ich auch nicht worüber, und ich will es nicht leugnen, dass 
ich auch manchmal ganz verdutzt dastand, als ich das Eine und das 
Andere von Ihnen erfuhr. Dieselbe zutrauliche Offenheit von Ihnen 
^erwartend, und in der Voraussetzung, dass das freimüthige Wort 
Ihnen angenehmer ist als das versteckte, will ich auch ganz unum- 
wunden aussprechen, was mich befremdet hat, nicht als wollte ich 
tadeln — weiss ich ja, dass bei Ihnen das Wort und die That aus 
-einer gediegenen Gesinnung entspringt — aber um Aufklärung, um 
ein freundlich belehrendes Wort über Ihre Gründe bittend. Zuerst 
kam jener Aufsatz im Wiener Kalender i), die Fruchtbarkeit des Te- 
fiUinlegens erbaulich entwickelnd; ich habe Ihnen, wenn ich nicht 
irre, schon früher meine Verwunderung über diesen Aufsatz ausgedrückt. 
Dass eine jede Ceremonie eine tiefere Bedeutung aufnehmen kann, 
dass sie von einer solchen nicht ganz leer ist, ist ohne Zweifel: aber 
fiollte diese, die auf eine falsche Erklärung von Bibelstellen sich 
stützend rein im Amuletunwesen ihre Anknüpfungspunkte hat, 
unserer ganzen Anschauungsweise, dem gebildeten und ästhetischen 
Sinne ganz fremd ist, wirklich fruchtbar werden können? Das Todte 
bleibt todt, der Geist, der ehedem darin war, wirkt in anderer Weise 
und unter anderen Formen fort; aber es selbst wieder wecken wollen 
ist ein vergebliches Bemühen und würde, wenn es Erfolg hätte, nur 
traurige geisttödtende und entsittlichende Folgen haben. — Darauf 
folgte das Gutachten über die Beschneidung [Ges. Sehr. 11, 191—203]. 
Ich war mit dem Eeform verein nicht einverstanden; er war in seinem 
Streben nicht klar, in seinen Aeusserungen nicht redlich genug, und 
statt auf besonnenem Wege für die Gesammtheit nicht in so raschen 
-Sprüngen zu wirken, griff er mit der Beschneidung Dasjenige an, 
was immer noch als Grundnerv des Judenthums betrachtet wurde, 
•dessen er aber nicht Wort haben wollte, sonst jedoch die Dinge 
müssig angaffend. Allein mit solcher Entschiedenheit für die Be- 
:8chneidung Partei zu nehmen, weil sie stets in so grossem Ansehen 
stand und noch stehet, ich muss gestehen, das vermag ich nicht. 
5ie verbleibt ein barbarisch blutiger Akt, der den Vater mit Angst 
erfüllt, die Wöchnerin in krankhafte Spannung versetzt, und das 



[Gesammelte Schriften II, 172—177.] 



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— 182 — 

Opferbewusstsein, das sonst dem Akte eine Weihe gab, ist doch nun 
eiamal bei uns geschwunden, wie es denn, als ein rohes auch keine 
Befestigung verdient. Mag imnaerhin das religiöse Gefühl mit allen 
Fasern sich ehedem daran angeklammert haben, jetzt hat sie zu ihren 
Stutzen bloss Gewohnheit und Furcht, denen wir doch keine Tempel 
errichten wollen. Und die Stellung, die Sie überhaupt den Reformen 
gegenüber einnehmen! Sicher wird in der Praxis bloss allmählich 
das Abgelebte auch entfernt werden können, die Eeform hat auch 
nicht genug gethan, wenn sie bloss wegräumt und nicht vielmehr 
den höhern, thatkräftigen, der Idee sich hingebenden Sinn anregt; 
aber wahrlich, sie irrt und wirkt nur nachtheilig, wenn sie mit 
morschen Bautrümmern das Gebäude herstellen will, wenn Begriffe,, 
die aus der allgemeinen Auffassung der Zeit gewichen sind, weil sie 
im frühern jüdischen ßewusstsein lebendig waren, noch jetzt ihre 
Geltung behalten und neue Früchte hervorbringen sollen. Und die 
Literatur, welche die Prinzipien erwägt, den Geist wecken und vor- 
bereiten will für das erwachende Leben, sie wird auch immer For- 
derungen stellen, welche der möglichen Verwirklichung in der Gegen*- 
iijrart vorauseilen, soll sie nicht eine Dienerin des Bestehenden sein; 
warum also die Bitterkeit gegen das scharf einschneidende Wort» 
das doch in unseren kranken Verbältnissen so höchst nothwendig ist» 
warum nicht lieber den Muth des Mannes achten, der den Verdäch- 
tigungen und Kränkungen sich aussetzt, um der Wahrheit — min- 
destens wie er sie auffasst — die Ehre zu geben? Ich bekenne es 
Ihnen, ich liebe Holdheim innig, wenn ich auch nicht jede seiner 
Behauptungen unterschreiben, nicht jedes Verfahren för zeitgemäss 
halten kann ; ich liebe ihn, weil ich in jedem Worte den Eifer einer 
redlichen üeberzeugung, der höhern sittlichen Anschauung erkenne* 
Und Sie mit Ihrer Geistesfrische sollten sich mit einem Male gegen 
das wogende Geistesleben abstumpfen, Sie sollten in der Vergangeni- 
heit nicht lediglich die Geschichte des Geistes, sondern auch die 
Norm für unsere geistige Thätigkeit erkennen? Es war dies eine 
Erscheinung, die mich tief schmerzte; ich beklagte den Verlust ein^ 
Mannes für das immer kräftiger sich regende Streben, eines Mannest 
wie Zunz, ich beklagte die Möglichkeit, dass auch der frischeste 
Geist zu einer gewissen Zeit sich abschliesse, mir bangte, offen ge- 
standen, vor mir selbst. Und nun kamen noch Privatnachrichten 
hinzu , Sie hätten mit einem Male streng koschere Wirthschaft ein- 
geführt und was daran hängt. Ich ehre BücksipMen, die man im 



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— 183 — 

Leben zu beobachten hat, und würde, wenn Sie dies etwa in Ihrer 
Stellung als Seminardirector, unter den Verhältnissen, wie sie nun 
einmal sind, für angemessen erachteten, nichts Befremdliches darin 
finden; aber es wurde hinzugefügt, Sie hielten dies prinzipiell, 
nicht wegen Ihrer Stellung noth wendig, man müsse einziehen, sich 
an das Bestehende anklammern und dgl. Da kann ich mich nun 
freilich nicht wieder hineinfinden. Gerade jene Speisegesetze sind so 
etwas durchaus Geistloses, dabei das gesellige Leben so sehr beein- 
trächtigend, und w#ö:lich die innige Menschenverbrüderung geht 
doch nun einmal über die Auffrischung eines separatistischen, sehr 
gebleichten und sehr zweifelhaften religiösen Gefühles, — dass ich 
Allem mehr Werth beilegen könnte als diesem von der Mikrologie 
bis zum Wahnwitze ausgebildeten Zweige der rabbinischen gesetzlichen 
Praxis. Da stehe ich nun, mich selbst fragend: kann wirklich Zunz 
dadurch zu nützen glauben, kann er meinen, dass auf diesem Wege 
ein gesundes, Geist und Gesinnung weckendes, Thaten förderndes 
Juden th um, das dann auch natürlich ein wahrhaftes Menschthum in 
sich schliesse, erzielt werde? Aber ich frage und frage, und soviel 
ich mir Ansichten nach verschiedenen Eichtungen hin zu entwickeln 
suche, ich finde keine genügende Antwort. 

Gottlob! es ist vom Herzen! Es hat mich gedrückt und gequält, 
bis ich Ihnen selbst gesagt habe, was mich ängstigt. Wenn Sie 
noch die Gefühle gegen mich hegen, die Sie mir in Berlin gezeigt 
und die auch in Ihren Briefen angedeutet waren, so werde ich eine 
Antwort von Ihnen erhalten. — üebrigens höre ich, dass wir uns 
bald eines Werkes von Ihnen erfreuen werden; ich werde ruhig mit 
dem Publikum warten und weiss, dass wir jedenfalls etwas Gediegenes 
erhalten werden. Eine andere Nachricht, die ich zuerst durch ein 
Privatschreiben erhielt und die durch die D. A. Z. bestätigt wird, 
berichtet, dass Sie in Verbindung mit Eubo und Muhr im Auftrage des 
Ministers Eichhorn oder gar unter Vorsitz des GE. Brüggemann 
einen Entwurf über Cultusangelegenheiten auszuarbeiten haben [oben 
S, 180]. Die Sache ist an sich erfreulich, nur müssen andere Gemeinden 
des Staates es sicher bedauern', wenn sie ganz übergangen werden. 
Gefallen lassen wird man sich freilich heutigen Tages Nichts, und die 
Bitte, uns keine Fesseln anlegen zu woUen, die wir unter keinen 
Umständen dulden werden, ist gewiss eine gerechte. Ob Sie die 
Discretion nicht überschreiten, wenn Sie mir etwas Näheres über die 
Angelegenheit mittheilen, kann ich freilich nicht sagen ; dass Sie aber 



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— 184 — 

bei meinem Interesse daran mir durch irgend welche Mittheilung 
einen grossen Dienst erweisen würden, brauche ich kaum zu sagen. 
Und nun genug für heute! Weiss ich ja nicht, ob dieses Schrei- 
ben eine Antwort erhält oder — ad acta gelegt wird. Ihrer Frau^ 
Gemahlin wollen Sie mich bestens empfehlen, sie bleibt doch meine 
Freundin, wenn sie auch streng darauf sieht, dass das milchige 
Messer nicht das fleischige Tischtuch berührt und selbst wenn sie 
die Haube bis zur Nase rückte. Wir sind übrigens milchig und 
fleischig. Gottlob, gesund, uns schmeckt dadHoschere Mittag- und 
Abendessen, und kurz wir befinden uns wohl als gebenschte jiddische 
Kinder. So soll es ganz Jisroel ergehn und bifrat Machas 'im ischtau 
ha-zenuoh, omen! ^) 



59. 
Zunz an Geiger. Berlin, 4. Mai 1845. 

Aus Ihrem Schreiben vom 19. März d. J. habe ich mit Vergnügen ersehen, 
dass Sie mich nicht vergessen haben, aber dass Sie es bedauern, dass ich stehen 
geblieben, rückwärts gegangen u. s. w. Nun, wenn Sie mich nur nicht in Verdacht 
haben, ich hätte mich für einige hundert Thaler verkauft, wie gewisse Frankfarter 
sagen oder drucken — da ich Nichts lese, so weiss ich es nicht genau — so bin 
ich getröstet. Für das Unglück des Stillstandes kann ich Nichts und werde ich 
mich sehr freuen, wenn Andere mit ihren Angriffen auf das Judenthum und auf 
Alles, was mir von je her theuer war — meine Schriften seit 1817 sind die un- 
widerleglichen Zeugen — der Menschheit imd den Juden wirklich etwas, um das^ 
es sich lohnt, erringen. Eine Rabbiner-Hierarchie verabscheue ich, eine Reform \ 
mit milchdingen Paragraphen verachte ich, einen Angriff auf das wehrlose Juden- I 
thum aus einem antireligiösen Standpunkt überlasse ich Denen, die sich darin ^ 
gefallen. Die Norm für das Religiöse kann nur das Religiöse, das Gemeingültige 
und in lebendiger üeberlieferung Hochgehaltene sein: aber dem höher gebildeten 
(jeiste (Maimonides, Aben Esra, Mendelssohn) ist es gegeben, auf dieser Grundlage 
zu bauen. Uns müssen wir reformiren, nicht die Religion: Bestehende Missbräuche, 
nach Aussen wie im Innern, haben wir anzugreifen, nicht ein ererbtes Heiligthum. 
Das Geschrei gegen Thalmud ist bereits die Stellung des Apostaten. 

Sie sehen, ich stimme weder mit Holdheim, noch mit den beiden Sternt 
vielleicht auch nicht mit Ihnen, üeber das ganze oder zerbrochene Israel hatten 
wir schon vor 6 Jahren mündlich gestritten; dass die Zeitrichtungen diese Divergenz 
schärfer gezeichnet und in den Vordergrund gestellt — dafür können weder Sie 
noch ich. Man bedaure mich, aber wer mich verdächtigt, ist selber ein Lump. 

In diesen mir fast mit Gewalt abgedrungenen Erklärungen, die allerdings auf 
dem Papier kurz aber schneidend werden, liegt mit ein Grund meines Stillschweigens. 

') [bifrat u. s. w. = besonders in der Krone seiner Gelehrsamkeit (d, h. Zunz) 
mit Ihrer frommen Frau. Amen; machas = n"DO = )T\DT\ IIDD H^VOJ 



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— 185 — 

Aber nun sei genug von diesen Dingen gesprochen und verhandelt. Mich 
ziehet die Wissenschaft immer mehr an, je mehr um mich her Thorheiten gemacht 
werden, Narrheiten, die uns erniedrigen und Nichts einbringen. Schreiben Sie mir 
iieber von Dingen, über die wir uns in früherer Zeit unterhalten. 

In 2 Tagen ist eine Sonnenfinsterniss , 2 Tage nachher Generalversammlung 
-der Reformer hierselbst und 2 Tage darauf wird wohl in der Synagoge gegen sie 
gepredigt werden — was ich, sub rosa bemerkt, nicht thun würde, wenigstens 
milder. Uebrigens danke ich für Ihren offenen Tadel, und ich bin an Aufrichtigkeit 
nichts schuldig geblieben. 

Grüssen Sie mir Ihre werthe Frau; die meinige empfiehlt sich Ihnen beider- 
seitig, und nun ist genug geeifert, und es schliesst mit alter Freundschaft der 
Ihrige. 



60. 
An Zunz. Breslau, 25. J«ni 1845. 

Sie haben auf meine gewiss freundlichen, wenn auch entschiedenen, 
Bemerkungen etwas ärgerlich, auf meine das Einzelne, Greifbare berüh- 
renden Aeusserungen ziemlich in allgemeinen, sehr schwebenden — 
wenn ich mich Ihres Ausdruckes bedienen wollte, milchdingen — Sätzen 
geantwortet, allein Sie haben geantwortet und Dies freut mich doch 
als ein Zeichen, dass Ihre Freundschaft Ihren Widerwillen gegen 
gewisse Ansichten und Bestrebungen überwiegt. Sie können sich wohl 
selbst denken, dass ich gegen viele Ihrer Sätze Vieles einzuwenden 
habe; ich könnte sagen, dass ein Bedürfniss, wenn es auch noch 
nicht den rechten Ausdruck gefunden und sich noch in etwas unklaren 
Ausdrücken bewegt, doch die Beachtung des Einsichtsvollen verdient, 
dessen, welcher von Geschichte einen Begriff hat, und nicht immer 
alsbald etwas Fertiges haben will, ich könnte sagen, dass Altehr- 
würdiges nicht immer Lebendiges ist und eher in ein archäologisches 
Museum als in eine Baumschule gehört, ich könnte endlich sagen, 
dass die Behauptung, der Widerwille gegen den Thalmud verrathe 
den Standpunkt des Apostaten, selbst wenn sie von einem Zunz aus- 
gehe, etwas sehr hart an das Barocke anstreife, auch die Furcht vor 
«iner Rabbiner-Hierarchie möchte ich im Munde eines klarblickenden 
Mannes im höchsten Grade seltsam finden, eines Mannes, der doch 
wohl einsehen muss, dass Fragen, bei denen es auf praktische Ver- 
wirklichung ankommt, auch von Männern der Praxis discutirt werden 
müssen. Jedoch ich sage Nichts und finde Nichts; will ich ja nicht 
mit Ihnen streiten, und ist ja die briefliche Mittheilung zu einer 
Verständigung über so tief eingreifende Fragen von so weitem Um- 
fange an und für sich sehr schwer, um so mehr bei Ihrer grossen 



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— 186 — 

Kürze. Genug, ich habe es für meine Pflicht gehalten, mich einmal 
über diese Angelegenheiten auszusprechen, da sie mir doch noch 
immer wichtiger als die reine Wissenschaft und die Gelehrsamkeit 
sind; nun aber bleibe es auf mündliche Aussprache verschoben und 
meinetwegen ganz und gar beseitigt! Hoffentlich werde ich Sie in 
der ersten Hälfte des August bei meiner Rückkehr von der Hierar- 
chenversammlung, mit der ich aber noch sehr unhierarchische Zwecke 
verbinde [ob. S. 119, 131], in Berlin sehen; ich freue mich sehr, Sie 
und die Ihrigen wieder zu sehen. 



61. 
An Zunz. Breslau, 26. December 1845» 

Mein kurzer Aufenthalt in Berlin trug zu meinem Bedauern 
nicht dazu bei, eine Verständigung zwischen uns zu erzielen, und 
die Divergenzen werden immer schärfer. . . . 

Zu meinem herzlichen Bedauern haben auch Sie in Ihrem neusten 
Werke ^) sich von jener Bitterkeit nicht f§m gehalten und überhaupt 
mit einem nicht bloss gelehrten, sondern auch mit einem gewissen 
parteiischen Eifer die Schattenseiten der jüdischen Literaturgeschichte 
mit einem Nimbus umgeben, der seine Wirkung auf die Gegenwart 
üben soll. Ich achte eine jede Geistestbätigkeit, ich ehre deren 
Träger und weiss diese wohlizu bedauern und zu entschuldigen, wenn 
sie durch Druck und Elend selbst in ihrem geistigen Aufschwünge 
gehemmt in ihren Geistesarbeiten fortkriechen müssen; aber die 
dumpfen Regionen, in denen sie zu verweilen die Barbarei zwängte» 
kann ich doch darum nicht als die Höhepunkte erkennen, denen auch 
wir entgegenzustreben haben. Mit aller Achtung daher vor der 
grossen Gelehrsamkeit, welche in Ihrem Buche sich entfaltet, entbehrt 
es für mich des erfreulichen Eindruckes, den frische Arbeiten auf 
mich machen, und die Versenkung in die Masse des Stoffes kann 
mir nicht den höheren freien Geist ersetzen, der über demselben 
walten soll. Ich bin Ihnen gegenüber ganz offen, weil Dies in meinem 
Wesen liegt, weil eine lange Freundschaft mich dazu drängt und 
weil ich nicht gerne dem Publikum das sagen will, was ich nicht 
zuvor Ihnen selbst gesagt. Dass nämlich ein Buch, durch dessen 
noch so verschiedene Theile ein und derselbe geharnischte Gedanke 
durchzieht, jene Unzufriedenheit mit den Bestrebungen der Gegenwart, 

[Zur Geschichte und Literatur. L Band. Berlin 1845] 



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— 187 — 

jene Aufiforderung, sich in das Detail des Corporativen — wie Sie 
es nennen: des Nationalen — zu versenken und vor den frischen 
Strömungen des allgemeinen fortschreitenden Geistes sich zu bewah- 
ren — dass ein solches Buch mich zu einer Recension herausfordern 
werde, konnten Sie wohl denken, und ich habe um so weniger An- 
stand genommen, dieser Herausforderung nachzukommen, als Ihr 
Name und Ihre Leistung die Pflicht auferlegen, nicht mit Stillschweigen 
darüber hinzugehen. Ich habe einen ersten Artikel bereits dem 
»Israeliten* zugesandt^), und dass in diesem bei aller Anerkennung 
Ihrer grossen Verdienste meine Ansicht -auch mit aller Schärfe sich 
aussprechen muss, werden Sie mir hoffentlich nicht verargen. Es ist 
dies in den Bewegungen der Zeit für mich das Betrübendste , auch 
Männern entgegentreten zu müssen, welchen man so gern bloss seine 
Verehrung und Liebe beweisen möchte. Allein auch dieser Kelch 
muss geleert werden; dennoch aber hoflfe ich, dass Ihr persönliches 
Wohlwollen gegen mich nicht abnehmen werde, wenn wir auch hie 
und da in zwei entgegenstehenden Keihen uns befinden sollten. Dies 
Ihnen zu sagen, dazu drängte es mich; mögen Sie es mit gleicher 
Freundlichkeit aufnehmen, wie es gegeben worden! 

Möge der höhere Geistesfriede in den Kämpfen nimmer fehlen 
und jener edle Sinn aus diesem hervorgehen, der doch allein das 
Streben jedes Aufrichtigen sein kann. 



62. 
An Jakob Auerbach. Breslau, 13. Januar 1846. 

Dass Ihnen meine , Lesestücke'* [oben S. 126] gefallen, freut 
mich sehr; ich bin fest überzeugt, dass das Büchlein jnit seiner 
Auflfassungs- und Behandlungsweise durchdringen wird, trotz aller 
Chikanen. Für Ihren wohlgemeinten und guten Rath sage ich Ihnen 
meinen besten Dank; allein ich habe zweierlei dabei zu bemerken. 
Erstens scheint mir aus demselben hervorzugehen, dass Sie sich 
doch durch Gr^ätz verfüfiren Hessen und wirklich Unrichtigkeiten 
vermuthen, wo bloss Verdrehungen und Frechheiten seinerseits vor- 
liegen. Gerade weil ich wohl glauben musste, dass sein Blendwerk 
nicht spurlos sei, habe ich die harte Aufgabe einer Antikritik ganz\ 



') [Die Besprechung — drei Artikel — steht im Literaturblatt 1846, Beilage 
zum Israeliten S. 2—8. 65—72. 78-82.] 



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— 188 — 

gegen meine sonstige Gewohnheit — übernommen. Nun aber — 
und das ist das Zweite — weiss ich sehr wohl, dass ich nicht un- 
fehlbar bin, aber was lässt sich bei solchen Dingen thun? Wie kann 
man mit einem Andern zusammen arbeiten? Bei Gegenständen 
solchen Details, wo Stellen nachgesehen werden müssen, nützt nicht 
einmal das Vorlesen. Mögen diese hämischen, nichtsnutzigen Ge- 
sellen übrigens nur eine kurze Weile sich aufblähen, sie werden 
schon tüchtig auf die Finger geklopft bekommen. Für meine Person 
lache ich natürlich zu solchen, wie zu anderen Schmähungen, — 
Wenn Jost bedauert, dasS ich so viel Geist an Eecensionen und 
Brochüren verschwende und nicht lieber ein tüchtiges Werk schreibe, 
so möge er bedenken, dass die Bewegung, in deren Mitte ich stehe, 
mir ebensowenig ein Stillschweigen gestattet, wie die vielfache Be- 
schäftigung mir noch nicht die Müsse zu meinen grösseren Werken 
gönnt. Besser daher, man schreibt einzelnes Gute, als gar Nichts. 
Von Jost 's neuer Geschichte habe ich noch immer Nichts gelesen; 
aber Geist und Charakter fürchte ich nach den letzten Präcedenzien 
nicht zu finden. Eine Encyklopädie der jüdischen Theologie, ja daran 
dachte ich schon lange; abgesehen von der Schwierigkeit des Unter- 
nehmens kommt einem hierbei, wie bei anderen Arbeiten noch immer 
die biblische Kritik in den Weg, um die man wie um einen heissen 
Brei herumgehen muss. Wenn wir nur erst einmal mit dem Thalmud 
fertig wären, dann sollte die Kritik der Bibel, freilich mit ganz 
anderer Achtung, daran kommen; erst weg mit den Verhauen, das 
eigentliche Gebäude wollen wir uns dann schon wohnlich machen. 

Für die kommende Rabbiner- Versammlung habe ich die besten 
Hoffnungen; an das Geschmier werden «Sie sich hoffentlich nicht 
kehren. 



63. 
Einem wohllöbl. ObervorstehercoUegium • Breslau, 19. März 1846. 

beehre ich mich anzuzeigen, dass, nachdem ich die schriftliche Ein- 
ladung der Reformgenossenschaft in Berlin, bei ihrem Gottesdienste 
an den ersten Osterfesttagen die Predigt zu übernehmen, abgelehnt 
hatte, zwei von deren Verwaltungsmitgliedern, und zwar die Herren 
Adolph Maier und A. Rebenstein, sich persönlich hierher be- 
geben haben, um mir den Antrag zu stellen, das Amt als Geistlicher 



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— 189 — 

bei ihuen zu übernehmen. Ich habe diesen Antrag, welchen die 
genannten Herren mir am 16. und 17. überbrachten und mit viel- 
fachen Gründen unterstützten, zwar nicht angenommen, aber doch 
nicht geradezu abgelehnt, sondern mir Bedenkzeit ausgebeten bis 
zur Beendigung der diesjährigen Versammlung der deutschen Rabbiner, 
d. h. bis nach Verlauf des Monats Juli, indem ich erklärt habe, meine 
hiesige Stellung bloss dann aufgeben zu können, wenn ich die üeber- 
zeugung gewonnen haben sollte, dass mir in ihr eine Wirksamkeit 
in meinem Sinne unmöglich werden sollte. 

Indem ich hiermit eine Thatsache berichtet habe, kann ich es 
zugleich einem wohllöblichen Collegium nicht verschweigen, dass mir 
namentlich in der letzten Zeit eine gedeihliche Wirksamkeit gar sehr 
erschwert worden ist, und dass dieser Umstand es gerade ist, der 
mich verhindert hat, den Antrag ganz und gar abzulehnen. Mein 
Wirken im Judenthum habe ich immer so aufgefasst, dass es nicht 
genüge, mit einigen kleinen Flickversuchen hier und da auszubessern 
und Schäden zu übertünchen, sondern ich habe es erkannt, dass das 
gegenwärtige Geschlecht aus der alten, durch eine lange Reihe für 
die Juden so trüber Jahrhunderte missgestalteten Form des Juden- 
thums herausgewachsen ist ; diese bestehende Form steht daher ausser- 
halb der Juden, sie ist nicht mehr deren religiöses Lebenselement. 
Die Einen, und das ist eine geringe Anzahl, halten wohl noch fest 
an derselben, aber ohne dass sie von derselben innerlich durch- 
drungen werden, sie ist ihnen ein Gegenstand der Gewohnheit und 
Furcht; die Anderen kümmern sich gar nicht um sie, lassen sie viel- 
mehr ganz gleichgültig neben sich liegen. Dieser Zustand unheil- 
bringender Verwirrung, der vollsten Lügenhaftigkeit, der alle Wahr- 
haftigkeit und Sittlichkeit untergraben muss, kann dem Manne, 
welcher in der Religion eine wahre Lebensmacht sieht, in ihren 
Institutionen Mittel zur Stärkung und Erhebung erblickt, nur tief 
betrübend sein, und ich gestehe, dass die Erwägung dieser Ver- 
hältnisse im Judenthum mir nur zu oft den schwersten Kummer 
bereitet. Meine Kräfte der Heilung dieses Schadens zu weihen, 
darin erkenne ich meine Aufgabe. Aber nur zwei Arten der Heilung 
giebt es: entweder das Volk mi^ss wieder zur Anschauung und der 
religiösen Form erzogen werden, aus der es sich herausgelebt hat, 
oder das Judenthum muss alle überlebten Gestaltungen aufgeben, 
und, entkleidet von allen ehemaligen nationalen Elementen, befreit 
von allen Schranken, * welche Zeiten des Druckes um es gezogen 



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— 190 — 

haben, in seiner ewigen Wahrheit, in seinen erhabenen Lehren und 
in seinem Aufrufe an die Menschheit zur Heiligung des Lebens rein 
auftreten. Die erstere Art ist ebenso unmöglich wie unberechtigt; 
was der Geist der Geschichte, in welcher Gott sich gleichfalls offen- 
bart, hinweggeräumt und begraben hat, das kann kein menschlicher 
Witz mehr erwecken und beleben. Es bleibt der zweite Weg, und 
der war es, den ich vom Beginne meiner Wirksamkeit an betreten 
habe; ich habe stets mit der vollsten Entschiedenheit auf den wunden 
Fleck in unseren gegenwärtigen religiösen Verhältnissen hingewiesen 
ich habe mich nie mit jenen Einzelheiten begnügt, die eine zeit- 
weilige Neugier befriedigen, durch den Schein von Belebung eine 
kurze Zeit anziehen können. Ich glaube dabei stets mit jener Um- 
sicht verfahren zu sein, die dem Manne des praktischen Lebens ziemt; 
ich habe nicht uberstürmt, aber ich habe geweckt und gerufen, und 
meine Stimme ist Gottlob nicht unnütz verhallt. Manches ist auch 
hier geschehen und der gänzlichen Erkaltung ist vorgebeugt worden. 
Aber die Zeit pocht immer ernster und dringender, der Geist hat 
sich wieder in jene Gedanken des inneren Menschen versenkt, und 
auch den denkenden Juden treibt es, aus seiner Zwitterhaftigkeit 
herauszukommen. Da muss der Mann des Berufs sicherlich auch 
erregt und freudig eingreifen, und mit verdoppeltem Eifer habe ich 
nun auf die Aufgabe der Gegenwart aufmerksam gemacht. Da zeigte 
es sich aber leider, wie verderblich unsere bereits in Fäulniss über- 
gehenden Verhältnisse gewirkt haben ; nicht bloss die Gewohnheit und 
das Vorurtheil, sondern auch die Unklarheit und Unentschiedenheit 
kämpfen mächtig gegen ein solches ernstes Verfahren an. Den 
Meisten ist die Religion nicht das tiefste und heiligste Lebens^ 
Clement, nicht eine lebendige Ueberzeugung, die sie freudig bekennen 
und die sie auch in allen Institutionen verwirklicht sehen wollen, 
nein, sie ist ihnen ein Gegenstand diplomatischer Kunst geworden, 
über den sie klug hin und her accordiren. Den Mann, welcher in 
wahrer religiöser Ueberzeugung sein eigenstes Wesen und seinen 
Beruf erkennt, muss ein solches Treiben wahrhaft anekeln, wie man 
vornehm Religion, etwas, aber ja nicht zu viel, zugestutzt für Andere 
will, sich selbst darüber hoch erhaben dünkt; in jener Kühle, in 
jener Abgestumpftheit für ein warmes religiöses Wesen, das man so 
leichten Kaufes dahin giebt, erblicke ich einen schlimmeren Feind, 
als in dem Irrthum und dem Aberglauben. Dieser schlimmere Geist 
ist in unserer Gemeinde entstanden. Seit der Zeit, dass man ernstlich 



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— 191 — 

das Werk der Wiederbelebung begonnen hat, namentlich seit man 
an die Läuterung des Gottesdienstes zu gehen angefangen, seit dem 
1, Oktober 1844, ist nicht etwa von Seiten Bigotter, sondern gwade 
Yon Männern, denen eine bessere Erkenntniss zuzutrauen ist, ein 
Widerstand erhoben worden, der mein Wirken mächtig henjpt. Meine 
Aufgabe, die Keime der ernsten, männlichen Ueberzeugungstreue zu 
pflegen, ward mir oft verkümmert: als ich in der Erklärung einiger 
Oemeinde- Mitglieder, welche es aussprachen, dass der Zwiespalt 
zwischen dem Leben und dem Bekenntnisse aufgehoben werden 
müsse, und Anträge in diesem Sinne an die Eabbiner- Versammlung 
stellen zu wollen erklärten [vgl. oben S. 116 fg.], einen Beweis von 
Biederkeit erblickte, ohne die volle Ausführbarkeit ihrer Anträge aus- 
zusprechen, fand man darin eine Apostasie; als ich das Gebet in 
deutscher Sprache für wünschenswerth erklärte [s. oben S. 119], ohne 
•die Einfahrung eines ganz deutschen Gottesdienstes mit Bücksicht 
auf die Stimmung in den Gemeinden für rathsam zu erachten, erhob 
man darüber grosse Klage, und man glaubte sogar, meiner Wirksamkeit 
geradezu einen Biegel vorschieben zu müssen durch die Beigesellung 
«ines CoUegen [ob. S. 113], den ich achte und ehre, der aber bloss in 
der Absicht geworben werden sollte, damit er mir als Hemmschuh 
diene. Meine Stellung ist dadurch eine derartige geworden, dass ich 
nicht mehr mit der vollen Freudigkeit, mit der noth wendigen Un- 
befangenheit mein Streben verfolgen kann. Bei jedem Schritte sehe 
ich scheu umher, zagend nicht für mich, sondern für die Möglichkeit 
€ines weiteren gedeihlichen Wirkens, ich erblicke vielfältige Be- 
mühungen, das Vertrauen der Gemeinde zu mir zu untergraben, und 
wahrlich vor einer solchen Zukunft bangt mir; ein Wirken ohne'Ein- 
fluss, eine Stellung ohne ehrenhafte Anerkennung haben für mich 
keinen Reiz. Dahin soll es nimmer kommen, dass ich meinen innersten 
Beruf verleugne oder ohne Wirksamkeit dahinsieche. 

Dieses eben ist es, was mich drückt und quält, es Ihnen un- 
geschnainkt darzulegen, dazu trieb es mich, und ich ergriff gern die 
Oelegenheit, mich darüber offen auszusprechen. Das Verhältniss 
zwischen der Gemeinde und mir muss offen und klar sein; nur dann 
ist eine segensvolle Wechselswirkung möglich. 

Wollen Sie, hochgeehrteste Herren, in diesem Sinne mein Schrei- 
ben wohlwollend aufnehmen; die freundliche Anerkennung eines wohl- 
löblichen CoUegiums war stets meine schönste Freude, möge sie mir 
nimmer entgehen. 



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— 192 — 

64. 
An Jakob Auerbach. Hirschberg, 16. Sept. 1846. 

Der Lärm und Skandal scheint von Frankfurt aus nicht ab- 
genommen «zu haben; ob mein Artikel in der D. A. Z. und mein 
Brochürchen ^) etwas gewirkt haben, weiss ich nicht. Stein glaubt 
freilich nun einmal den Kampf durchmachen zu müssen und sich 
theilweise darin zu gefallen, gegen die Eadicalen aufzutreten; hier 
gehen wir nun auseinander, ich will sie beruhigen, aber nicht reizen 
und hinauswerfen, wie dies S. Adler in dem Gegenproteste, welchen 
er von seinem Vorstande schreiben lässt, thut. Mir ist dieser Sturm^ 
insofern er nur nicht das Institut der Rabbiner- Versammlung sprengt, 
gar nicht unjieb, indem er wieder ein wenig drängt und schlotternde 
Aengstlichkeit, die eine Zeit lang die Qemüther beherrscht hat, über- 
wältigt; dass die Rabbiner- Versammlungen und deren Mitglieder eine 
Zeit lang als orthodox verschrieen werden, ist kein grosses Un- 
glück. — Holdheim wird wahrscheinlich die Stelle in Berlin an- 
nehmen; das giebt eine neue Phase, und wir wollen die Folgen 
abwarten. Wie wird es denn mit Mannheim werden? 



65. 
An Jakob Auerbach. Breslau, 12. November 1846, 

Also noch immer Lärm im Lande! Ich möchte nur einmal dort 
sein, ich wollte die thatlosen Worthelden heruntermachen, dass sie 
sich schön umsehen, sich schämen sollten ihrer Poltronerie, ihrer 
Prahlhanserei, und geschenkt ist es den Herren auch nicht. — Hold- 
heim 's Stellung bei der 4. Rabbiner-Versammlung wird freilich keine 
ganz leichte sein, und ich conferire auch darüber bereits mit ihm^)^ 
ja, seine Anwesenheit wird bei den Verhandlungen delicate Fragen 
auf die Tagesordnung bringen. Aber thut nichts, sie muss durch 
Dick und Dünn. — Ueber die Zukunft mache ich mir keine Sorgen^ 
ich weiss, sie muss gut werden, und erkenne ich auch die guten 
Erfolge des Rumors an, welcher gegen die Rabbiner- Versammlungen 



^) [Der erstere nicht mehr aufzufinden; über die Brochüre oben S. 121; Aufenir- 
halt in Hirschberg S. 131.] 

^) [Leider ist Ton dem Briefwechsel mit Eoldheim Nichts erhalten] 



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— 193 — 

gemacht wird, wenn ich ihn auch aus voller Ueberzeugung und ent- 
schieden bekämpfe. — 

Berthold [Auerbach] ist seit dem 30. v. M. Abends hier, er 
gefällt sich sehr hier, und ich knüpfe Hoffnungen mancherlei Art an 
diesen seinen Aufenthalt. Er wird vielfach gefeiert und ist ein ganz 
prächtiger Mensch. Ich gehe viel mit ihm um, wie ihm denn mein 
Haus doch noch iuamer das -wohnlichste bleibt, und Sie wissen, 
dass es ein solches ist. Da habe ich Ihnen auch genug über mein 
häusliches Leben gesagt. Meine liebe Frau befindet sich, gemäss den 
Umständen, wohl, und die Zukunft legen wir vertrauensvoll in Gottes 
Hand. Was uns das Ende oder der Anfang des Jahres bringen wird, 
wir warten es ruhig ab. Möge Gott seinen Beistand uns nicht ver- 
sagen! — Morgen über acht Tagen beginne ich zwei Vorlesungen, in 
je zwei wöchentlichen Stunden, über nachthalmudische jüdische Ge- 
schichte und Fortsetzung über Mischnah. Zu thun habe ich genug, 
aber ich bin rüstig und heiter. 



66. 
An Jakob Auerbach. Breslau, 30. Juni 1847. 

Ich dachte mich heute auf der Beise zu Ihnen zu befinden, da- 
mit wir gemeinschaftlich in Mannheim » tagen'' können; allein es ist 
anders gekommen. Ist mir dies auch unangenehm, halte ich es auch 
in vielfacher Beziehung für nachtheilig, so würde doch weiter an 
einem solchen Aufschübe nicht sehr viel liegen, wenn nicht der Aus- 
schuss sich auf eine so seltsame Weise dabei benähme . . . Wenn 
ich nicht früher geschrieben, so liegt dies daran, dass ich wirklich 
ungemein beschäftigt bin und daher Briefe lange aufschiebe; ausser 
amtlicher und literarischer Thätigkeit kamen dazu noch allgemein- 
preussische und jüdisch -preussische Verhältnisse, die mir viel Zeit 
raubten und noch rauben. Wenn ich sage „rauben*, so will ich 
damit nicht sagen, dass sie nicht darauf besser angewendet sei als 
auf Joseph Kara und dergl., aber kurz und gut sie nehmen die Zeit 
in Anspruch. Das preussische Volk hat sich tüchtig gezeigt, die Er- 
folge, nun, die werden für den ersten Augenblick nicht 
sonderlich sein, aber ausbleiben werden sie nicht. — Dass ich in 
Berlin war [vgl. pben S. 123], wissen Sie; Einiges mitgewirkt zu 
haben, darf ich wohl auch glauben. Dass ich den ersten Tag des 
Wochenfestes in der Eeformgenossenschaft gepredigt, wissen Sie auch, 
und ich habe bewiesen, dass ich keine Furcht habe, dass ich der 

Geiger, Schriften. V. 13 



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— 194 — 

Genossenschaft keine Rancune nachtrage, dass ich in meiner Ge* 
meinde so stehe trotz „Zionswächter*" und ^Orient*, dass ich ihr 
selbst dies bieten darf. MitZunz habe ich eine höchst interessante 
Diskussion gehabt, die erste Begrüssung war in alter Weise als 
Freunde und so auch der Abschied. — Von meiner Zeitschrift wird 
Ihnen wohl das erste Heft zugekommen sein, das zweite ist gleich- 
falls fertig und erwarte ich es jeden Tag [vgl. oben S. 126]; ich 
hoffe, wieder in die alte Frische hineinzukommen, wenn auch die 
Verhältnisse sehr verschieden sind. Jost's Literaturgeschichte ist 
mir nun zugekommen: ich bin darin sehr freundlich behandelt, wo- 
für Sie ihm meinen Dank sagen wollen. Ich werde bald die Ge- 
legenheit ergreifen, eine Beurtheilung in meiner Zeitschrift zu ver- 
öffentlichen [W. Ztschr. VI, S. 95—101]. Ausserdem bin ich damit be- 
schäftigt, ein dem Melo Chofnajim ähnliches Heftchen zu bearbeiten, das 
ich wieder verschenke und das gleichfalls bald vom Stapel laufen soll 
[unt. S. 198]. Noch andere Arbeitern habe ich übernommen und eine hin- 
dert die andere, sie müssen aber doch zum Vorschein kommen. — 
Ihre „Gebete** ^) sind mir gestern zugekommen; es bleibt immer ein 
schwieriges Ding für unsere Zeit; die Umarbeitungen der alten Ge- 
bete sind etwas zu alt, der Gott „Abraham's, Isaak's und Jakob's* 
mundet nicht, der „ Ewige ** ist bloss Mendelssohn'sche Uebersetzung, 
die neuen etwas zu lang. Wir stehen ziemlich rathlos, der hebräische 
Gottesdienst ist aus dem Herzen geschwunden, der deutsche will nicht 
in's Herz! Drollig ist es nur, dass immer die hübschesten Incon- 
sequenzen in unseren Tagen vorkommen. Philippson stimmt für 
Nothwendigkeit der hebräischen Sprache, er ist der Erste, der bei 
einem deutschen Gottesdienst an den heiligsten Tagen predigt; Jost 
stimmt gleichfalls dafür, er bearbeitet dann ganz deutsche Gebete, 
die selbst das Schema in bloss deutscher Sprache aufnehmen, und auch 
Sie, wenn auch nicht für die Nothwendigkeit stimmend, sind doch 
ein Hort für die hebräische Sprache gewesen und sind gleichfalls ein 
solcher Bearbeiter; Formstecher beantragt Sabbath -Vereine und 
richtet einen Sonntagsgottesdienst ein. Man erkennt daraus, dass 
unsere Verhältnisse vorläufig noch nicht zu beherrschen sind, dass 
sie vorläufig ihren instinctmässigen Weg gehen müssen. Von grosser 
Bedeutung wird die Erlassung eines jüdischen Gemeinde-Gesetzes ia 



- 1) [Sammlung von Gebeten und Psalmen für Israeliten, herausgegeben voa 
Auerbach und Jost. Frankfurt 1847.] 



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— 195 -- 

Freussen sein; haben die Gemeinden nur erst einmal eine Ver- 
fassung, dann wird das fortschreitende Element seine Macht ent- 
wickeln können« 



66. 

An ßabb. Wechsler in Oldenburg, i) Breslau, 13.— 18. Sept. 1848. 

Ich weiss nicht, ob Du von unserm trefflichen Abraham Kohn 
in Lemberg gehört hast; er und seine ganze Familie sind 
yergiftet worden, er und sein Kind bereits gestorben, 
die anderen Qlieder der Familie liegen gefährlich krank 
darnieder. Es ist entsetzlich, haarsträubend; der Zionswächter 
wird mit süsslich mitleidigem Gesichte jubeln, die Humanität ver- 
hüllt trauernd ihr Antlitz. Solche Dinge kommen nun allerdings in 
Deutschland nicht vor; aber ist der mehr Märtyrer, der mit einem 
Male aus dem Eeiche des Lebens hinweggeräumt wird, oder vielmehr 
der, dem seine Lebensaufgabe^ der tiefste Gehalt seines Wirkens, 
durch Anarchie und Gemeinheit verkümmert wird? Ich bitte. Letzteres 
bloss als allgemeine Betrachtung, als Erkenntniss von Möglichkeiten 
für manchen wackeren Amtsbruder zu betrachten, jedoch nicht als 
eine persönliche Erfahrung oder Aussicht in die Zukunft. Gottlob, 
meine Stellung ist nicht der Art. Die Gemeindeverhältnisse werden 
sich hier nunmehr in der Bildung zweier verschiedenen Cultus- 
gemeinden reguliren, und meine Wirksamkeit wird dann eine noch 
ungehemmtere werden. Wenn man in einer grossen Gemeinde mit 
solchen Elementen über acht Jahre gewirkt hat, wenn man das Be- 
wusstsein in sich tragen darf, durch die feinsten, aber auch dauer- 
haftesten Fäden mit ihrem ganzen moralischen Bestände verwachsen 
zu sein, dann kann keine Bede sein von irgend einer Bangigkeit. 
Wir sind hier seit den zwei Jahren, dass Du Breslau nicht gesehen, 
vielfach fortgeschritten ohne besonders erschütternde Kämpfe, und 
ich bin überzeugt, dass, wenn die hiesigen Verhältnisse, was ich 
binnen Kurzem erwarte, geordnet sind, ein inniger Zusammenhang 
mit sämmtlichen ähnlichen Elementen der Provinz und dann auch 
weiter hinaus angebahnt wird , der höchst fruchtbar zu werden 
verspricht. Erst dann, wenn in ähnlicher Weise in verschiedenen 

*) [üeber Wechsler oben S. 68, 139; Geiger's Briefe an Wechsler bis zum 
Jahre 1848 sind verioren; die übrigen verdanke ich der Güte des Hrn. A. Wechsler 
in Hannover.] 

13* 



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— 196 — 

Oegenden des deutschen Vaterlandes im engeren Kreise theilweise 
Verständigungen herbeigeführt werden, kann eine Synode, welche 
dann auch bestimmte praktische Vorlagen haben wird, von wesent^ 
lichem Nutzen sein; bis dahin ist's Philippson'sche Phrasen- 
macherei. Ich glaube auch vorläufig nicht an deren Zustandekommen 
und habe daher über eine Betheiligung an derselben nicht nach- 
gedacht, bin* aber allerdings entschlossen, von einer Versammlung 
nicht entfernt zu bleiben, die unsere Aufgabe so nahe berührt. Aber 
ich stimme vollkommen mit Dir überein, dass jetzt noch nicht die 
25eit dazu ist, dass gegenwärtig nur Ueberstürzendes zum Vorschein 
kommen würde. So hat sich in Pesth eine Beform -[Genossenschaft 
gebildet, die im Programm die Verlegung des Sabbaths, Aufhebung 
der Beschneidung und der Speisegesetze proclamirt, Eobert Haas 
[ob. S. 96] etablirt eine deutsche Nationalkirche, als lägen die Zeiten, 
in denen man sich um einen „Piut* stritt oder um ein Wort in einer 
Glaubensformel haderte, Jahrhunderte hinter uns! Die Praxis fordert 
andere Wege, und wer es gut meint mit der Menschheit, wem es 
Ernst ist mit dem religiösen Leben in derselben, der wird nicht 
gerade darauf dringen, dass seine üeberzeugung frank und frei und 
in allen ihren Consequenzen alsbald als Schiboleth hingestellt werde, 
sondern er wird alle empfänglichen Glieder, wenn auch mit Schonung, 
dem neuen Leben zufuhren. Diese Besonnenheit wird jedoch, und 
zum Theil auch durch traurige Erfahrungen, die man in Folge der 
Uebereilungen machen wird, wieder einkehren, und ebenso wird der 
Indifferentismus, der sich an den Schlagwörtern politischer Hohlheit 
nährt — ich bin ein Demokrat, brauche mich also über reaktionäre 
Unterschiebungen, welche mit diesem Ausdrucke gemacht werden 
könnten, nicht zu vertheidigen — bald wieder weichen, wie ich denn 
auch bereits solche Erfahrungen gemacht habe. Die Geschichte geht 
ihren Gang trotz Despotismus und Bevolutionen ; bald, das sehe ich 
schon, wird eine neue Art Bomantik durch Ekel vor und lieber- 
Sättigung mit politischen Badomontaden hervortreten und die tieferen 
Geister erfassen, aber in der freien Luft, die wir uns verschafft haben, 
wird sie nicht so schwindsüchtig sein wie die alte, mittelalterlich- 
christlich-feudalseligen Andenkens, wird vielmehr die gesunden Ele- 
mente des Geistes in seiner Vertiefung hervorarbeiten. — Auch die 
vollständige Trennung der Kirche vom Staate missbillige ich, wie 
Du wohl aus den Citaten erkannt haben wirst, die Holdheim, um 
sie zu widerlegen, aus meinem Prüfungsprogramme mitgetheilt hat. 



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— 197 — 

Gegenwärtig sind die abstrakten Theorien a la Kuge zn sehr im 
Schwange; eine praktischere Zeit wird diese Abstraktionen, die bloss 
for die ideellen Zustände der Menschheit, für die „Messiaszeit" zur 
Verwirklickung taugen, auf ihr richtiges Maass, wie es die nicht 
wegzuphilosophirenden — wenn solche hohle Abstraktionen philo- 
sophisch genannt werden können — bestehenden Verhältnisse ver- 
langen, zurückführen. — Den 18. Nun aber soll der Brief beendigt 
werden. Mit den Frankfurter Bestimmungen bin ich besser zufrieden 
als ich erwartet habe; man ist doch dort zur Einsicht gelangt, dass 
die Freiheit der Kirche nicht eine gänzliche ünbekümmertheit des 
Staates um deren Gestaltung bedeutet. Wie es überhaupt mit diesen 
„Grundrechten", wenn sie — wie das nach dem neuen Verfahren 
der Diskussionsabkürzung nicht so lange mehr dauern wird, wie es 
Anfangs den Anschein hatte — nach doppelter Diskussion zum Be- 
schlüsse erhoben worden, dann gehen wird, bin ich wirklich neu- 
gierig; die Einheit Deutschlands ist leider noch immer keine That- 
sache, sie ist ein Werdendes. Man sollte erwarten, die Grundrechte 
würden dann alsbald auch in jedem deutschen Einzelstaate als Ge- 
setz promulgirt; doch sollte dies auch nicht überall und sogleich der 
Fall sein, so werden diese Bestimmungen doch durchdringen, unsere 
Gleichstellung ist gesichert, desgleichen die Freizügigkeit, die Gleich- 
heit des Eides und Alles dergleichen. Ich hege die feste üeber- 
zeugung, dass mit dieser neu errungenen Stellung bei einiger wieder 
eintretender politischer Ruhe — und auch diese sehe ich gegen- 
wärtig, allerdings mit den Schritten einer in der Geschichte unver- 
meidlichen Reaction, von Westen (Frankreich) und von Osten (Oester- 
reich) zu gleicher Zeit herannahen — das Judenthum eine seiner 
würdige Gestaltung einnehmen wird, mögen auch die äusseren Mittel 
andere sein müssen. Ein besonderes Vertrauen setze ich auf die 
grossen Gemeinden des Ostens, die mit der Freiheit nun der Bildung, 
wenn auch langsam, entgegen gehen werden. Diese Gegenden haben 
auf uns mit dem Drucke ihrer überwiegenden Masse und ihrer Roh- 
heit schwer gelastet; nunmehr wird, freilich erst allmählich, das 
kleine Häuflein der deutschen Juden an ihnen eine Stütze und einen 
Sporn erhalten. Schon seit 1833 geht die Provinz Posen einer ernsten 
Umwandlung entgegen, die bis jetzt noch mehr in der Auflösung der 
alten Verhältnisse und im gänzlichen Verluste ihres früherhin mäch- 
tigen Einflusses für die Orthodoxie besteht; bald wird sie mit ihren 
S0,000 Juden ernstlicher an der neuen Phase mitwirken. Und nun 



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— 198 — 

gar Böhmen, Mähren, Qalizien, Ungarn, Italien, wo die Eegunge» 
eigentlich schon bisher viel bedeutender waren. Ein vorgeschobener 
Posten -habe ich Gelegenheit, den Osten in der Nähe zu beobachten»^ 
zugleich auch etwas auf ihn einzuwirken, und ich freue mich meiner 
Beobachtungen wie meiner Mission. — Willst Du noch etwas Be- 
sonderes über mich wissen, so besteht es, ausser der Versicherung 
unseres fortwährenden erfreulichen Wohlseins und höchst erquick- 
lichen häuslichen Lebens, in der Bemerkung, dass ich, bei aller Be- 
theiligung an den Bestrebungen der Gegenwart, meine wissenschaft- 
liche Thätigkeit nicht unterbreche. Meine drei kleinen Heftchen des 
6. Bandes meiner Zeitschrift hast Du wohl zu Gesichte bekommen, 
schwerlich jedoch das meinem Melo Chofnajim ähnliche, aber gründ- 
licher behandelte Nite Naamanim, das ich einem Schnorrer, Namens 
Heilberg, geschenkt, der kaum meinen Namen bei demselben hervor- 
treten liess fob. S^ 127, 194J. Auch ausserdem bin ich mit vielfachen 
Vorbereitungen beschäftigt, und sie werden zu gelegener Zeit hervor- 
treten. — Noch Eines! Ich habe verflossenen Sabbath nach der Predigt 
unserm würdigen Abraham Kohn eine Denkrede gehalten, wie er es 
verdiente, und ich werde ihm das ganze Jahr hindurch eine Seelen- 
erinnerung weihen. Ich halte es für die Pflicht aller Derer, die 
Kohn und sein Streben kennen und achten gelernt, ein Aehnliches 
zu thun und damit seine Sache zu der des intelligenten Israel zu 
machen. Ich werde ferner heute noch an den Lemberger Gemeinde- 
Vorstand ein Schreiben der Theilnahme richten, und auch dazu 
möchte ich alle Freunde ermuntern, damit man erkenne, dass die 
Angelegenheit als eine gemeinsame betrachtet werde. 



67, 
An Wechsler. Breslau, 31. Jan. bis 2. Febr. 1849. 

Wieder sind drei Monate verflossen, seitdem unser Briefwechsel 
ruht, und ich kann es Dir nicht verargen, wenn Du sagst, «s sei 
dies meine Schuld, und doch ist es wohl richtiger zu sagen: die 
Schuld der Verhältnisse. Welche drei Monate! welche Zeit der 
Geburtswehen! Oder ist es keine Geburt, ist es nicht vielmehr das 
Zurückdrängen der neuen Gestaltung? Beides, wenn man will; doch 
dem, der die drei Monate nicht lostrennt von der früheren Zeit, nicht 
bloss nach den Märzstürmen, sondern auch vor ihnen, werden sie mit 



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— 199 — 

als ein Moment, mit zur Zeit der Entwicklung gehörig, erscheinen^ 
Du weisst, ich bin nun einmal ein Mensch, der nicht im und för 
den Augenblick lebt, der immer die Gegenwart mit der Vergangen- 
heit und Zukunft zusammenfasst und der darin auch seine Beruhigung 
findet, weil er ebenso wenig sich von überspannten Hoffnungen hin- 
reisseji lässt, wie zum Verzweifeln an allem Gelingen gedrängt wird. 
Eine Frucht der Bewegung wird vorhanden sein, aber sie Wird nicht 
so ausfallen, wie Viele sie zu kosten schon geglaubt, Viele vor ihrem 
Gifte bange gewesen. Als Du mir schriebst, da waren die October- 
stürme in Oesterreich angebrochen, und konnten sie ausbleiben in 
diesem ganz mittelalterlichen Lande? Ich habe es den nebelnden 
Wiener Demokraten im Juli gesagt, aber sie schwärmten von der 
durch ganz Oesterreich siegreich durchgedrungenen Demokratie. Mit 
der Reaktion in Oesterreich ist diese aber auch im ganzen Deutsch- 
land und Italien Siegerin, und Oesterreichs Kabinetspolitik, der sich 
allmählich, wie auch nach 1815, bald bewusst, bald unbewusst die 
anderen Kabinette anschliessen, wird, freilich in einer etwas anderen 
Gestalt, unter ganz anderen Formen, nicht mit der Kunst des alten 
despotischen Absolutismus, wiederum die Völker beherrschen. Hätte 
es die demokratische Afterweisheit rasch zu einer enggeschlossenen 
deutschen Einheit kommen lassen und hätte sie nicht über Einzelnes 
zu lange und zu hart gerichtet, so wäre ein starkes Deutschland 
vorhanden gewesen, auf das Oesterreich keinen allmächtigen Einfluss 
hätte üben können; nunmehr übt es ihn auf die einzelnen Staaten 
wieder aus. Jedoch es bleibt den deutschen Staaten noch genug, 
was sie in sich verarbeiten, wozu sie sich selbst noch erst erziehen 
müssen; im Sturme werden Ideen hingeworfen, die noch zu unreif 
sind, um verwirklicht werden zu können, sie bedürften der Zeitigung 
in den Tagen der Ruhe, um bei neuem Schütteln reif vom Baume 
herunterzufallen. Auch an uns — die Juden — wird die Reaktion 
thätlich heranrücken, und sie wird es nicht bei Anklagen und Ver- 
dächtigungen, die sie von Anfang an leise hingeworfen und jetzt 
mit aller Wuth des wieder zur Uebermacht Hinanringenden umher- 
streut, bewenden lassen. Wir haben die Gleichstellung errungen, 
obgleich in Oesterreich die Sache noch sehr problematisch ist, in 
Bayern und Sachsen, wo man, auf seine partikulare Souverainetät — 
in letzterem Lande leider auch von Seiten der Radikalen — eifer- 
süchtig, die deutschen Grundrechte noch nicht verkündigte, auch 
vielleicht daran gemäkelt und abgezwackt werden wird. Aber selbst 



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— 200 - 

da, wo der Sieg vollständig errangen zu sein scheint, bedarf es der 
sorgßütigsten Wachsamkeit, und wer weiss, ob sie immer zur Wahrung 
des Errungenen genügen wird. Schon hat die preussische Verfassung 
bei der Adoptirung des Grundsatzes von der Trennung der Kirche 
vom Staate und der Schule von der Kirche sich in den Erklärungen 
eines Kunstgriffes bedient, um dem Judenthume allein wieder die 
alte Ignorirung zuzuertheilen: die christlichen Kirchen sollen nämlich 
die früheren Staatsbeiträge, als ein altes erworbenes Becht, wieder 
erhalten, nur dass sie von nun an ihnen selbst zur Verwaltung über- 
lassen werden, die Juden, die früher Nichts bekommen haben, be- 
kommen ferner auch Nichts, die posenschen jüdischen Gemeinden, 
welche alte Schulden haben, mit denen sie Verfolgungen und alberne 
Beschuldigungen abgekauft, müssen weiter bezahlen; der Religions- 
unterricht wird in der Schule nach wie vor von Staatswegen far die 
Gonfession ertheilt, welche die Majorität der Conmiune ausmacht, die 
anderen Gonfessionen mögen für sich selbst sorgen, d. h. die Juden 
bekommen nie und nirgends etwas. Das ist ein kleines Vorspiel, das 
hier und anderswo schon andere Versuche im Gefolge haben wird. 
Dennoch werden wir freilich nicht verkennen, welch einen ungeheuren 
Schritt wir gethan; haben wir noch Kämpfe nöthig, nun so wahrt 
dies uns vor Versauern und Versumpfen, und auch die Juden haben 
noch viel in sich auszubilden, ehe sie zur Eeife gelangen. — Da 
haben sie uns nun auch die Trennung der Kirche vom «Staate, die 
vollständige gegenseitige Ignorirung hingeworfen; diese Missgeburt 
hat ultrademokratische Weisheit im Vereine mit dünkelhaftem Un- 
glauben und katholischer List ausgeheckt. Es haben Zeller, Ull- 
mann und Linke einsichtsvolle Worte darüber gesprochen nach v^- 
schiedenen theologischen Abstufungen, aber das Modegelüste mas9 
seine Erfüllung haben. Wir besonders werden schwer daran zu ver- 
dauen haben. Ich habe dies gekannt, da ich immer in Stellungen 
lebte, wo diese Ignorirung des jüdisch-religiösen Lebens Staatsprinrip 
war, und ich bedurfte keiner Prophetengabe, um die augenblicklichen 
traurigen Folgen dieses Grundsatzes zu erkennen, und wie Du aus 
dem damals noch unter den Lebenden wandelnden «Israeliten^ er- 
sehen haben wirst, habe ich bereits im Mai v. J. meine Bedenken 
dagegen geltend gemacht ^). Aber was nützt ein solch ruhiges Wort 
in der Zeit überfluthender Bewegung, wo die Weisheit der Seichtigkeit 



1) [^Kirche und Staat«, Der Israelit. 1848, 2a Mai. S. 122 fg.] 



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— 201 — 

gilt ? Unser Holdheim glaubte auch in ultrareformatorischem Eifer 
diese Loslösung in Schutz nehmen zu müssen; ich fand mich nicht 
dazu berufen, ein Prediger in der Wüste zu sein und Worte in den 
Wind zu sprechen; vielleicht dass ich in ruhigerer Zeit das Wort 
wieder aufnehme. Die böse Bescheerung ist schon da. Bereits hat 
mir S. Adler sein Leid geklagt, die Orthodoxie ist störrisch ge- 
worden, sie will sich nicht mehr fügen, nicht mehr zahlen ; Einhorn 
vertraut mir als Geheimniss seine Besorgnisse, dass es* mit seiner 
Stellung bald aus sein werde, die mühsam gepflegten Keime werden 
wild ausgejätet werden, und dennoch, mag es auch trübe sein, es 
muss durchgemacht werden. Diese alten Qemeindeverbände mit ihren 
Schächtern und Badeanstalten, mit ihren alten Grundlagen und den 
verschiedenartigen, gewaltsam zusammengehaltenen Elementen müssen 
zusammenstürzen, wenn ein frisches Leben endlich im Judenthume 
erblühen soll. Du hast selbst die ünerquicklichkeit, die Lügen- 
haftigkeit des ganzen jüdisch-religiösen Lebens in der Gegenwart in 
Deinem letzten Briefe mit scharfen Worten und tiefer Indignation 
geschildert; wie liess sich da in der bisher nothwendigen rücksichts- 
vollsten Behandlung der Sache Abhülfe erwarten? Es muss die völlige^ 
Spaltung der zwei ungleichartigen Theile eintreten, und nur dann 
kann in dem einen, für Reform empfänglichen Theile, wenn auch 
nicht in jenem raschen Umschwünge, wie es unsere Wünsche fordern, 
wenn auch immer mit vieler Vorsicht, das neue Leben gepflegt werden. 
Die grosse Schwierigkeit der neuen Organisation besteht iix der 
Winzigkeit der Gemeinden und namentlich der Gemeindetheilchen, die 
nun gar herauskommen. Allein das muss geschehen, und das Be- 
dürfniss wird bei wieder eintretender Buhe mit um so grösserer 
Kraft hervortreten. Das jüdische Vorparlament kam zu früh zu- 
sammen, und die jüdische Synode ist auch noch zu früh. In den 
verschiedenen Provinzen, den einzelnen kleinen Ländern müssen zu- 
vörderst Gemeindecomplexe gebildet werden, erst die Versammlungen 
im Kleinen, dann im Grossen. Da haben uns die Badicalen die 
Rabbiner- Versammlungen verdorben und damit für's Erste eine jede 
Handhabe der Berathung. Jedoch das Organ wird sich schon wieder 
finden. Die Nachtheile, die augenblicklich im eigentlichen Deutsch- 
land entspringen können, werden übrigens durch die allmählichen Er- 
folge im Osten reichlich aufgewogen werden, und auch da, wo die 
Orthodoxie in Deutschland bis jetzt das Ruder in Händen hat, wird 
^8 ihr auch entfallen, kh bin sehr begierig darauf, wie sich die 



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— 202 — 

Verhältnisse in Hamburg, Altena, Börlin und dergl. gestalten. Be> 
Senders aber erleidet die Orthodoxie im Posen'schen eine ungeheure 
Schlappe; fast überall lösen sich die Gemeinden auf. In Posen selbst 
ist Dein „Morenu-Bekränzter* [Goldstein, oBen S. 128] nunmehr 
Prediger bei einem Vereine, der sich zu einer besonderen Cultus- 
gemeinde gestalten wird, in Schneidemühl ist gleichfalls eine solche 
neue Cultusgemeinde erstanden; in Lemberg ist an Stelle Kohn's der 
Dir vielleicht dem Namen nach bekannte Dr. Löwen thal, der sich 
ein Jahr hier aufgehalten, angestellt worden. 

Den 2. Februar. Hier sind wir in der Neugestaltung begriffen, 
und diese wäre schon vollendet, wenn nicht die ununterbrochenen 
politischen Stürme, die Wahlagitationen und das traurige Beiwerk 
der Cholera, welche hier mit verheerender Wuth aufgetreten ist und 
jetzt zwar im Abnehmen begriffen zu sein scheint, aber doch üoch 
täglich unverhältnissmässig viel Opfer fordert und daher die Ge- 
müther in beständiger Angst erhält, alles Interesse absorbirt hätten« 
Dennoch werden wir bald zur Constituirung der Cultus- Gemeinde 
schreiten können, und ich erwarte bei nur etwas wiederhergestellter 
Buhe eine recht lebensvolle Gestaltung derselben, sowie auch deren 
Einwirkung nach Aussen. Jedoch man muss jetzt auch wissen Ge- 
duld zu haben. Man muss jetzt die Unreife und die Verwirrung 
noch eine Zeit lang in den Köpfen gähren lassen; wenn ihre 
wilden Ausbrüche beseitigt sein werden, dann kommt wieder die 
Zeit zu der stillen ^ ruhigen Entwickelung, zur Erzeugung höherer 
Bildung, und diese Zeit ist in Deutschland bald da. Dann wird es 
auch an ernstliche Beform bei uns gehen, wenn auch diese nicht den 
Weg der Bevolution beschreiten darf. Ja, e& ist schrecklich viel bei 
uns zu thun, und die Unklarheit der Meisten, die Ungeduld Vieler 
will es zu gar Nichts kommen lassen; aber Ausdauer und Be- 
sonnenheit werden es doch durchsetzen. Sobald hier die Cultus- 
gemeinde constituirt ist, gehe ich an die Ausarbeitung eines Gebet- 
buches, zu dem ich meinen eigenen Plan habe, der allerdings zu- 
nächst für die hiesige Gemeinde berechnet ist, von dem ich jedoch 
hoffe, dass er auch anderswo Anklang und Eingang finden wird. 
Aber auch praktische Beformen denke ich dann in Gemeinde-Ver- 
sammlungen durchzusetzen. Der Fälle, da Knaben nicht beschnitten 
werden, kommen hier allmählich, wenn auch langsam, mehrere vor, 
manche vielleicht auch, von denen ich Nichts erfahre. Es muss nun 
bald eine Form gefunden werden, welche «Uese alte ersetzt; die Aus 






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- 203 — 

Segnung der Wöchnerin dürfte nicht ganz genfigen, die Anwesenheit ] 
des Kindes scheint gleichfalls erforderlich, und der Anfang dazu 
könnte mit den Mädchen gemacht werden, dann wurde allmählich, 
wie die Confirmation die Bar-Mizwah-Allfanzerei, so auch die neue 
Form die Beschneidung verdrängen. 



69. 
An Wechsler. Breslau, 29. Aug. bis 10. Sept. 1849. 

Schon stand der Entschluss bei mir fest, Dir einen Qericht über 
meine Beise mitzutheilen, die aufgenommenen Eindrucke durch Mit- 
theilung nochmals zu beleben, ohne ein Schreiben von Dir abzu- 
warten, als Dein lieber Brief ankam. Gerade die Eückkehr nach 
einer für mich verhältnissmässig längeren Abwesenheit lässt nicht so 
rasch zu der Buhe gelangen, die freundschaftlichen Beziehungen 
wieder frei zu pflegen; Vieles wartete auf Erledigung, die in Um- 
gestaltung begriffenen Verhältnisse, die unterdessen liegen geblieben 
und daher in eine gewisse Verwirrung gerathen waren, mussten wieder 
fest in die Hand genommen werden, das von der Beise als Besultat 
Mitgebrachte muss nochmals erwogen, durch Vergleichung und Prü- 
fung in seinem wahren Werthe und nach seiner Verwendbarkeit er- 
kannt werden. Das wird noch manche Zeit in Anspruch nehmen, 
manche gute und schlimme Stunde-imtcfaen, und deshalb war eine 
kleine Mahnung von Deiner Seite mir recht willkommen. Also nun 
zu geordneter Mittheilung! Montag, den 16. Juli, Morgens, bin ich 
von hier abgereist, und nachdem ich die Nacht in Leipzig zugebracht, 
traf ich am 17. Nachmittags zuerst mit A üb, dann mit Gut mann 
auf den Eisenbahn-Stationen zusammen, und beide fuhren mit bis 
Nürnberg, wo wir Abends um 10 Uhr ankamen und von wo ich zwei 
Stunden später die Beise fortsetzte, während die Freunde dort über 
Nacht blieben; Lövy sah ich nicht. Aub gab mir einige Zeilen an 
einen Studienfreund, den Professor der oriental. Sprachen, Müller, 
Gutmann einen Brief an seinen Jurisprudenz studirenden Sohn mit. 
Leider kam auch in unseren Unterhaltungen die Politik vor. Aub 
hat demokratisch mitgewirkt. Gutmann war von der Bauemknüppel- 
Demokratie etwas unsanft berührt und, ausser seiner allgemeinen 
Schweigsamkeit, verstimmt, und so war dieses Wiedersehen nicht ein 
Keim engerer Verbindung^ obgleich es mich herzlich freut, die beiden 



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— 204 — 

wackeren Menschen wieder einmal gesehen zu haben und über so 
manche ihrer Angelegenheiten näher unterrichtet zu sein. — Mitt- 
woch den 18. Nachmittags in München angekommen, suchte ich bald 
den dortigen Au b auf. Aub ist ein durchaus braver und sehr wohl- 
wollender Mensch, aber gar sehr schwach und unbedeutend, seine 
Familie höchst schlicht und achtbar, aber, ich möchte sagen, von 
einer ländlichen Einfachheit und Bildung; ich fühlte mich daher recht 
wohl bei diesen guten Menschen, aber zu einem näheren Umgange, 
der etwas für Geist und Herz bietet, taugen sie mir nicht. Ich war 
nicht selten dort, ebenso Aub bei mir, wir standen ganz traulich 
zusammen, aber ein Interesse konnten sie mir nicht erwecken und 
ich suchte daher die Gelegenheit zu engerem Verkehre, was man in 
der Fremde so gerne thut, nicht auf. Der Zweck meiner Reise, den 
ich alsbald auch dort iu's Auge fasste, legte mir überhaupt die 
Pflicht auf, mich nicht durch Besuche und Eingehen in das dortige 
gesellschaftliche Leben zu zerstreuen. Ich bezog bald ein Privatlogis 
bei Aub's Schwiegersohn, besuchte die Bibliothek mit dem bereits 
auf der Reise erwarteten, aber schon früher in München anwesenden 
Weil aus Wallerstein fleissig und arbeitete so, dass ich mit meiner 
Ausbeute, die durch Weil noch bereichert werden wird, zufrieden 
sein kann. Die Professoren Müller und Haneberg, ersterer ein 
freier, unbefangener und heiterer Mann, letzterer ein düsterer katho- 
lischer, fanatisch -ultramontaner Theologe; auch mit ihnen bin ich 
wenig zusammengekommen. Nach dieser Einleitung erwartest Du 
wohl, dass ich dort ein sehr zurückgezogenes, stilles Leben geführt, 
und irrst doch in dieser Voraussetzung ; es fehlte mir im Gegentheil 
nicht an angenehmen üeberraschungen und an erfrischenden Ereig- 
nissen. Gleich Anfangs traf ich ganz unerwartet einige Breslauer 
auf der Durchreise, dann ebenso zu meiner üeberraschung viele ganz 
nahe Verwandte meiner lieben Frau, leibliche Geschwisterkinder. Nun 
traf ich aber auch zu meiner freudigsten Üeberraschung einen lieben 
Jugendfreund aus Frankfurt, Dr. Lot mar [ob. S.lOfif.], der, eigentlich 
praktischer Arzt, sich seit mehreren Jahren ausschliesslich der Philo- 
sophie widmet und nun in der Absicht, sich in München zu habili- 
tiren, sich dort schon länger als ein halbes Jahr aufgehalten. Dieses 
Zusanomentreffen bot mir für meine Erholungszeit viel Erquickendes. 
Die Unterhaltungen mit diesem vielseitig durchgebildeten, in jeder 
Beziehung tüchtigen Menschen, mit dem ich alle Erlebnisse, sowie 
alle Jugenderinnerungen durchsprechen koflnte und der mir zugldch 



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— 205 — 

ein kundiger Führer war in Münchens Kunstwelt, haben mir meinen 
dortigen Aufenthalt ebenso fruchtbar wie angenehm gemacht. Ich 
hatte, wie gesagt, sonst Bekanntschaften zu machen vermieden, und 
ich ward darin sogar noch durch einen anderen Grund als den, mich 
von meinem eigentlichen ßeisezweck nicht zu entfernen, bestärkt* 
Aub kam in einem Gespräche auf die Bemerkung, ich möchte, falls 
ich zu einer Predigt aufgefordert würde, es ablehnen, weil dies seinem 
, moralischen Ansehen* schaden würde; ich mochte nun in diese 
Unannehmlichkeit nicht hineinkommen: längere Zeit mich an einem 
Orte aufzuhalten, mit den Qemeindegliedern bekannt zu sein und 
gerade der Ehrenbezeugung entsagen zu müssen, die mir gebührte, 
oder ein Gegenstand der Intriguen zu sein oder dem wohlwollenden 
Aub Unfreundliches zu bereiten, das war mir zuwider. So besuchte 
ich denn lediglich, ausser den Verwandten, den von Dir genannten 
Lippmann Marx, der gegenwärtig erster Vorsteher ist und dem 
mich Aub selbst in der Synagoge vorstellte, wo ich ihm dann einen 
Besuch zusagen musste. AUein es sollte doch anders sich gestalten, 
und dass dies ohne mein Zuthun, ja trotz meiner Zurückhaltung ge- 
schah, ist mir in vielfacher Beziehung lieb. Es hat sich nämlich 
dort im vorigen Jahre ein jüdischer Portschrittsverein gebildet, der, 
aus jüngeren Gemeindegliedem, zum Theil auch Aerzten und Stu- 
direnden bestehend, zwar nicht recht weiss was er will, noch weniger 
welche Mittel er in Anwendung zu bringen hat, aber doch das Be- 
wusstsein hat, es stehe dort in den jüdischen Verhältnissen schlecht 
und es müsse anders werden. Ein Herr Friedlein, ebenfalls jüdischer 
Theologe, gegenwärtig Erzieher, machte sich zum Organe dieses Ver- 
eins, der meine zuföllige Anwesenheit natürlich als ein frohes Ereigniss 
betrachten musste; er suchte mit mir anzuknüpfen, da jedoch der 
Verein eine etwas oppositionelle Stellung gegen Aub einnimmt, so 
lehnte ich eine weitere Berührung mit dem Vereine als solchen ab, 
hatte aber Nichts dagegen, dass er den Vorstand aufforderte, mich 
zu einer Predigt einzuladen. Der Vorstand, den bisher bloss die 
Scheu vor Aub, welcher die Genehmigung zu einer solchen Gast- 
predigt zu ertheilen hat und der bisher in der Verweigerung der- 
selben consequent war, zurückgehalten hatte, dem vielfach kund- 
gewordenen Wunsche der Gemeinde den Ausdruck zu leihen, ergriff 
diese Gelegenheit mit Freuden, und einem solchen einmüthigen 
Wunsche wollte auch Aub sein absolutes Veto nicht entgegensetzen. 
So predigte ich denn am Sabbathe ^Nachmu*", was far München 



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— 206 — 

und für meinen dortigen Aufenthalt ein Ereigniss war. Die Predigt 
erweckte schwindelnde Begeisterung, ich ward mit einem Male Gegen- 
stand der Besprechung in den Tagesblättern, in die Gemeinde hinein- 
gezogen, gefeiert, am Donnerstag den 9. August wurde mir ein Fest- 
essen veranstaltet, meine Beisekosten wurden mir zu einem bedeutenden 
Theile ersetzt, — kurz, es war gut, dass diese Geschichte in die 
letzte Zeit meines Aufenthalts gefallen war, denn sonst wäre ich 
nothwendig meinem eigentlichen Plane entrückt und zu stark in klein- 
liche Gemeinde -Angelegenheiten verwickelt worden. So hat es mir 
eine erhebende Erinnerung zurückgelassen und der zarte Flügelstaub 
der Poesie ist davon nicht durch unsanfte Berührung abgewischt 
worden. Sonntag den 12. reiste ich ab und traf Dienstag den 14. 
Abends die Meinigen wohl und munter und trat wieder froh in die 
traute Häuslichkeit ein. So hat denn die Beise körperlich, geistig 
und gemüthlich recht wohlthätig auf mich gewirkt. 

Den 10. September. Ich habe eine Pause in diesem Briefe ent- 
stehen lassen, und der Grund davon ist, dass ich zur Besprechung 
eines Punktes gelangt bin, bei welchem ich mich über Dich ärgere. 
Es ist seltsam, dass die verständigsten und besonnensten Menschen 
doch aus der Geschichte, nicht bloss aus der vergangenen, welche 
ihnen bloss von Hörensagen bekannt wird, sondern auch aus der, 
welche vor ihren Augen sich ereignet, so sehr wenig lernen; der alte 
Spruch, den man auf die Bourbonen und ihre Anhänger anwendete, 
dass sie Nichts gelernt und Nichts vergessen, er findet leider seine 
Bestätigung auch in der Gegenwart, und nicht etwa bloss bei er- 
starrten Absolutisten. Es muss einem jeden Besonnenen einleuchten, 
dass das politische Ideal nicht in unsere Zustände hineingebracht 
werden kann, dass die politische Heranbildung auch nur stufenweise 
erfolgen kann, selbst nachdem ein urplötzlicher Stoss uns einen be- 
deutenden Umschwung gegeben. Man musste die Erfahrung machen, 
dass ein grosser Theil des Volkes, und gerade der, welcher durch 
Intelligenz, Mittel und Lebensstellung einen bedeutenden Einfluss hat, 
zwar eingeschüchtert war, aber, nachdem'^er sich wieder erholt, den 
Weg des gewaltsamen "und überschnellen Portschritts verabscheut, 
dass eine Bevolution mit ihren Consequenzen nicht lange anhalten 
kann, dass eine Beaction nothwendig eintritt und man dann, will 
man nicht Alles aufs Spiel setzen, sehr vorsichtig sein, man sich 
dann mit den möglichen Beformen begnügen muss, eine jede Beform 
aber dann neue Kraft verleiht, um weitere Beformen zu erringen. 



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-- 207 — 

während das Abweisen der Beform als einer ungenügenden der 
Eeaction die Kräfte zuführt und ein Gut nach dem andern verloren 
geht; man hätte lernen sollen, dass eine Revolution zwar zuweilen 
ein noth wendiges Uebel, aber nicht etwa ein anzustrebendes Glück 
ist, dass die Entfesselung der Leidenschaft und der Bohheit die Frei- 
heit dann besudelt, aber leider nicht ganz zurückzudrängen ist, dass 
jenes Streben der Pessimisten entweder ein dummes oder ein ver- 
brecherisches ist; es hätte Jeder in seinem Gebiete erfahren müssen, 
dass jene theoretischen Freiheitssätze in ihrer praktischen Anwendung 
oft die grösste Verwirrung und Verhinderung des Fortschritts er- 
zeugen, wenn sie nicht mit sorgfältiger Erwägung der gegebenen 
Verhältnisse ihre Beschränkung fanden. Allein man hat Nichts von 
allem dem gelernt, man schimpft, schmollt, weist ab und wird da- 
durch das Vergnügen haben, etwas gelinder geknechtet zu werden, 
«s werden Einzelne gemordet, bestraft, um ihr ganzes Lebensglück 
gebracht werden, die Gesammtheit wird zurückgeworfen, die Mittel 
zu ihrer Förderung, die Presse u. s. w. werden hart beschränkt werden, 
und man hat die Genugthuung, zu sagen — : ich habe doch nicht 
nachgegeben. Grosse staatsmännische Weisheit, ich beuge mich vor 
dir in — Verachtung. Da haben die Demokraten in Preussen nicht 
gewählt, so hat man das Vergnügen, fast gar keine Opposition in der 
Kammer zu sehen, man hätte sogar die Freude erleben können, dass 
Amim's Antrag, die christliche Beligion als Staatsreligion zu er- 
klären, durchgehe, vielleicht geschieht's noch, und was ist der Ge- 
winn davon? Nun, man kann sagen, man habe der Gewalt nicht 
nachgegeben, d. h. man habe bloss nicht mitgewählt, aber man zahlt 
seine Steuern, man dient als Soldat u. s. w. Ach, welch eine Ver- 
blendung! Da sind die weisen Herren in Oldenburg, denen Du Dich 
zuzugesellen scheinst, die haben 21 gegen 20 den Ausspruch des 
Nichtanschlusses an das sogenannte Dreikönigsbündniss als Kammer- 
beschluss durchgesetzt. Grosse Weisheit, ich bewundere dich! Man 
hat in einem Ländchen, wo bisher der Conflict zwischen Begierung 
und Kammer vermieden war, den Conflict heraufbeschworen, d. h. 
unter unseren jetzigen Verhältnissen mit anderen Worten: die Kammer 
geschwächt, man hat den einzigen, gegenwärtig offenen Weg zur 
Herbeiführung der deutschen Einheit, die die einzige Garantie der 
deutschen Freiheit ist, abgewiesen, und was würde das Besultat sein, 
wenn die Begierung nicht freisinniger wäre und nochmals an das 
Volk appellirte? Eine zweite Auflage des deutschen Bundes, der der 



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— 208 - 

Färstenwillkür wieder Thür und Thor öffnet. Und das nennt Ihr 
Gesinnungstüchtigkeit, Vaterlandsliebe? Wer 'in praktischen Ver- 
hältnissen deren Lage ignorirt und Theorien nachjagt, ist eia 
Schwachkopf, der brüste sich nicht mit Charakterfestigkeit, nicht mit 
wahrer Einsicht, der Charakter muss im Leben sich bewähren, nicht 
dadurch, dass er sich ausserhalb desselben stellt. 



70. 
An Prof. S. D. Luzzatto in Padua. Breslau, 19. Sept. 1849. 

Die Tage erhebender Feier, aber auch zugleich für mich erhöhten 
^''^^ geistigen und körperlichen Kraftaufwandes sind glücklich und froh 
vorübergegangen. Es würde mir wirklich zu einer besonderen Freude 
gereichen, wenn Männer, die ich achte, welche jedoch sich sehr falsche 
Vorstellungen über mein Wirken machen, einmal einem solchen 
Gottesdienste beiwohnen würden, sie würden sicherlich eines Besseren 
belehrt werden. In dem letzten Heftchen meiner Zeitschrift wird 
Ihnen mein Verfahren gegen Eapoport [W. Z. VI, 92 fg., 102—105] 
hart erscheinen; aber diese polnische Eisenfresserei mit ihrem litera- 
rischen Eigensinne und ihrer heuchlerischen Frömmelei wird doch 
nachgerade unerträglich, und man muss einmal zeigen, dass man 
nicht durch den „ Mundhauch ^ solcher sich selbst unaufhörlich als 
fromm Preisenden „verbrannt*, noch durch ihren »Blick* in einen 
„Beinhaufen* verwandelt wird, und kurz und gut — auf einen groben 
Klotz gehört ein grober. Keil. Dass dabei meine sonstige Achtung 
für Bapoport's literarische Verdienste nicht geschmälert wird, habe 
ich Ihnen schon früher gesagt. 



71. 

An Wechsler. Breslau, 3. Februar 1850. 

Ich halte Vorlesungen über jüdische Geschichte von 1830 bis 
zur Gegenwart, und ich gehe mit dem Gedanken um, diese in 
Verbindung mit den vor zwei Jahren über den Zeitraum von 
1815 bis 1830 gehaltenen, vielleicht auch gar von 1740 an, aus- 
gearbeitet spätei: dem grösseren Publikum als Buch zu übergeben. 
Dieser Blick auf die letzte Vergangenheit hat schon im All- 
gemeinen für mich, der ich gerne Alles geschichtlich mir entwickele. 



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— 209 — 

etwas Interessantes, als Etickblick auf eine rege, geistig thätige Zeit 
erhebt er mich, wenn mich auch der Vergleich trübe zu stimmen 
geeignet ist. Man sieht auf diese Periode wie auf ein verlorenes 
Paradies zurück; freilich fehlte es in diesem Paradiese nicht an 
Schlangen, ^ie verführten und Gift ausspritzten, auch mag der 
Mangel ah Frische mehr an uns jetzt als an der Zeit liegen, dennoch 
bleibt nun einmal unsere, wenigstens meine Anschauungsweise eine 
solche. Wie die Geschichte jedoch bei mir die Ausmündung in den 
Lebensstrom hat, so wird sich für mich auch zuletzt enieute An- 
regung für die Gegenwart ergeben. Da ich auch meine Aufsätze zu 
geschichtlicher Betrachtung wieder durchmustere, so bekenne ich, 
dass die darin sich ausdrückende Sehnsucht mich ganz eigenthümlich 
berührt und Empfindungen der verschiedensten Art erweckt. Ob die 
Zeit zu energischer religiöser Thätigkeit wieder herankommen wird? 
Ich bin davon überzeugt, weil die Krankheit des Geschlechts doch 
nur durch denkenden Ernst und demüthige Selbstbeschränkung ge- 
heilt werden kann. Ob ich dann noch mit derselben Frische mit 
wirksam sein werde? Ich hoffe es, vielleicht mit etwas weniger 
Schwung, aber doch mit metir Reife. Du musst schon diese 
Selbstbetrachtungen mit anhören; sie beschäftigen mich nun einmal 
lebhaft, und der Gegenstand meiner Mittheilung führte mich so ganz 
von selbst darauf. — Von der Politik spricht man am Besten gar 
nicht; man versteht und verständigt sich kaum mündlieh, wie viel 
jsveniger schriftlich! Ich habe mit nach Erfurt gewählt und lasse 
mir das Anathema, wenn es die Demokraten gegen mich aussprechen 
sollten, ruhig gefallen. Dass ich zu den Zufriedenen und Vertrauens- 
vollen nicht gehöre, versteht sich von selbst, nur glaube ich, muss 
man nehmen, was man erhalten kann, und muss seine Opposition in 
thätiger^ aber geistiger und ruhiger Weise ah den Tag legen. Glau- 
ben Andere, dass es besser sei, schmollend sich zurückzuziehen, lieber 
gar Nichts als Halbes zu erhalten, sich lieber ein über unsere Köpfe 
wachsendes Interim gefallen zu lassen als einen Erfurter Reichstag, 
lieber sich politisch todt zu stellen, um dann, wie sie glauben, mit 
verstärkter Kraft — die nur dann leider ungeübt und ungelenk ist — 
aufzuerstehen, so mag ich ihnen ihren politischen Glauben nicht rauben 
und ich mag es nicht, weil ich nicht kann. 



Geiger, Schriften. V. ^ 14 



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— 210 — 

72. 

An Berthold Auerbach. Breslau, 5. Februar 1850. 

Es thut das Wort, wo es ein warmer Ausdruck des freundlichen 
Gedenkens ist, sehr wohl, auch wenn es dessen nicht gerade bedarf, 
und am Ende bedarf es auch dessen wohl, wenn in die freundlichsten 
Beziehungen keine Entfremdung hineinkommen soll. Um so angenehmer 
war uns Dein Schreiben an sich und seinem Inhalte nach, das uns 
Kunde gab von Deinem heiteren Leben und Streben. Wehe dem, 
der gegenwärtig sich nicht in ein heiliges Asyl des Hauses zurück- 
zuziehen weiss! Das Leben müsste ihm sehr fade und ekelhaft er- 
scheinen. Aber aus dem Einzelnen betrachtet, an der Seite von 
Weib und Eind, in seiner höheren Allgemeinheit, im grossartigen 
geschichtlichen Gesammtrerlaufe erfasst, da enthüllt es uns seine 
Geheimnisse, die das Schmerzliche als Durchgangspunkt erkennen, 
uns aber doch nicht an dem Menschen und an der Menschheit irre 
werden lassen. So ist es Dir und auch mir geworden. Unser häus- 
liches Glück ist ein ungetrübtes. Meine geistige Thätigkeit ist freilich 
nicht so universell wie die Deinige, und mein Schaffen einem unter- 
geordneten Kreise, der noch dazu jetzt in den Hintergrund getreten, 
angehörig und so war ich im Laufe dos Winters weniger angeregt 
als ich gehoirt, jedoch arbeitet es sich in mir auch wieder heraus, 
und es wird an Anknüpfungspunkten an die Zeitbestrebungen nicht 
fehlen. Du hast wohl gehört, dass ich den Sommer in München war. 
Ich habe einige vergnügte Wochen dort verlebt, ich habe meine Lust 
nach handschriftlichen Belehrungen gebüsst und habe unerwartet dort 
meinen lieben Lot mar getroffen. Mit diesem über so Vieles zu 
sprechen und in der Zeit der furchtbarsten demokratischen Verflachung 
Alles tiefer durchzusprechen, war für mich wirklich ein erhebender 
Genuss. Dass, so gern ich bei den Meinigen hier weile, doch auch 
einmal in neue Sphären zu kommen, neue Anschauungen aufzunehmen, 
«inmal ausser dem gewöhnlichen Geleise Erholung zu gemessen, wohl- 
thätig auf mich gewirkt hat, magst Du wohl denken. Wir, Lotmar 
und ich, haben natürlich auch Deiner nicht selten gedacht. Schade, 
dass Strauss nicht in München anwesend war. . . . 

Deinen Andreas Hofer scheinst Du doch länger durchzufeilen, 
als Du Dir anfangs vorgenommen. Ich sehne mich ordentlich nach 
einer Lektüre, die erfrischend und belebend wirkt und ich finde Nichts 
derart. Die Grenzboten bieten zuweilen treffliche kritische Aufsätze, 



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— 211 - 

aber diese Verdammungsurtheile, so treffend sie sind, endigen docb 
nicht in eine neue, gesunde, schöpferische Ansicht, sie gehen aud 
einem zerlegenden aber nicht aus einem schaffenden Talente hervor, 
und so sehr das Wegräumen des Nichtsnutzigen zu achten ist, so 
ist es doch kein Heilmittel, das völlige Gesundheit verschafft. Es 
ergeht Einem wie dem Kranken, aus dem der Krankheitsstoff ent- 
fernt ist, dem es jedoch an der Lebenskraft mangelt und der auf 
das bessere Wetter oder die Heilquelle vertröstet wird und sich diesen 
entgegen sehnt. Wann werden sie uns kommen? Du kennst wohl 
die Mittheilung im Feuilleton der constitutionellen Zeitung aus 
Henriette Herz' Aeusserungen und Tagebüchern i); ein tüchtigerer 
Biograph würde uns aus diesen Bruchstücken ein schönes Lebens- 
gemälde geliefert haben. 

Ich schreibe nun, den 6., am Beeidigungstage unserer Verfassung. 
Welch eine Misere! Wie zeigt sich da die Verkommenheit nach allen 
Seiten ! Dem enragirten Demokratismus haben wir da viel zu danken. 
Nun, ich habe mit nach Erfurt gewählt, nicht weil ich von dort aus 
ein Resultat erwarte — dies ist leider, da man der Eeaktion den 
freiesten Spielraum lässt, nicht zu hoffen — aber weil ich der hirn- 
losen Taktik des passiven Widerstandes mich nicht weiter fügen kann. 
Mag die Demokratie mich aus ihren Büchern streichen; ich habe nie 
zu ihr gehört. 



73. 
An S. D. Luzzatto. Breslau, 25. Februar 1851. 

üebrigens mag vielleicht die Aussicht jetzt näher sein, dass auf 
dem jüdisch-literarischen Gebiete eher etwas erscheinen kann. Ich 
gehe mit dem Gedanken an einen Verein für jüdische Literatur um, 
über den ich Ausführliches nach Berlin berichtet und Steinschneider 
ersucht habe, die für dort zuvörderst nöthigen Schritte bei den dor- 
tigen jüdischen Gelehrten zu thun und hoffe ich, dass bei der von 
dort erfolgten Einstimmung der Plan mit gutem Erfolg in's Leben 
treten könne 2). 

Mein Plan, betreffend die Herausgabe »jüdischer Jahrbücher für 
Leben und Wissenschaft*, ist vorläufig noch nicht weiter gerückt. 
Abgesehen davon, dass ich noch keinen Verleger mit Bestimmtheit 

^) [Auszuge aus dem Buche von J. Fürst: Henriette Herz. Berlin 1850.] 
^) [Solche Briefe an BerHner Gelehrte haben sich nicht vorgefunden.] 

14» 



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— 212 — 

dafür habe, sind allerdings auch überhäufte Amtsgeschäfte, die durch 
die hohen Feiertage, durch die Aussicht auf die Errichtung einer 
neuen Synagoge verursacht sind, daran Schuld. Doch hoffe ich sicher, 
im nächsten Jahre den ersten Band veröffentlichen zu können. 



74 

An S. D. Luzzatto. Breslau, 7. März 1851. 

So hat sich meine Hoffnung doch gerechtfertigt und mein Ver-^ 
trauen auf Sie belohnt! Ist es mir auch nicht überraschend, eben 
weil ich von Ihrer reinen Liebe zur Förderung der Wissenschaft auf 
jede Weise und von Ihrem wahrhaft humanen Charakter überzeugt 
war, so hat mich dennoch Ihr soeben in meine Hände gelangtes 
Schreiben sehr erfreut und ich fühle mich gedrungen, Ihnen meinen 
herzlichen Dank zu sagen. Ich darf nun, wie es scheint, binnen 
Kurzem noch mancherlei Mittheilungen entgegensehen ; entschuldigen 
Sie, wenn ich die Bitte hinzufüge, dass Sie dieselben möglichst be- 
schleunigen mögen! Ich habe nämlich heute — ein seltenes Ereigniss 
für jüdisch -literarische Arbeiten! — mit dem Verleger über das 
Büchlein [Juda ha-Levi], welches ungefähr acht Bogen stark sein 
soll, abgeschlossen, nicht als wenn mir ein sonderlicher pekuniärer 
Vortheil 'daraus erwüchse — Sie sind wohl überzeugt, dass es mir 
bei literarischen Arbeiten darauf nicht ankommt, da ich meine Sachen 
oft schon Jemandem ganz zu seinen Gunsten übergeben habe — 
allein sehr angenehm ist es, wenn ein Büchlein nicht auf dem Wege 
des Hausirens in die Welt treten muss, durch den ordentlichen Buch- 
handel in weite Oeffentlichkeit dringt und elegant erscheinen kann. 
Nun wird zwar der Verleger gerade nicht sehr drängen, aber mich 
drängt es; die Dichtungen, 47 an der Zahl, bald grössere, bald 
kleinere — nur 2 religiöse sind auch von Sachs übersetzt — sind 
vollständig übersetzt und, wie ich mir schmeichle, gelungen, Bio- 
graphie und Anmerkungen werden nicht viele Zeit kosten. . . . 

üeber den Verein für jüdische Literatur habe ich noch immer 
keine Antwort aus Berlin; es scheint, als hätten die Herren alle 
keine Frische und hätten bloss ihr Vergnügen daran, in verdriess- 
licher Zurückgezogenheit mit der Welt zu schmollen, aber nicht etwas 
frisch und lebenswarm zu ergreifen. Doch ich lasse es keineswegs 
liegen. 



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— 213 — 

75. 

An Dr. Chwolson in ^Petersburg. Breslau, 31. December 1851. 

Schon in einem früheren Schreiben habe ich Sie auf den Lehrer 
S. Pinsker in Odessa aufmerksam gemacht. In diesen Tagen habe 
ich wieder nach längerer Zeit von demselben einen Brief erhalten, 
und die üeberzeugung hat sich in mir bestätigt, dass derselbe ein 
sehr achtbarer Gelehrter ist und eine Kraft, die zu etwas Ange- 
messenem verwendet werden kann. Seine einzelnen, leider nur dürf- 
tigen Mittheilungen über die werthvoUen alten Bibelmanuscripte in 
Odessa zeigen mir immer von Neuem, wie richtig ich deren Wich- 
tigkeit beurtheilt habe. Er ist im Begriffe, in einem Schriftchen: 
Likkute kadmonioth darüber zu handeln, auch der Zeitschrift der 
D. M. G. einige Artikel darüber zuzusenden. Allein erstere Schrift 
scheint er hebräisch ausgearbeitet zu haben, also dem grösseren 
Gelehrtenpublikum unzugänglich zu machen, aber auch in deutscher 
Bearbeitung könnte er vielleicht auch nicht immer das Wichtige 
auswählen, vielleicht durch hineingetragene Ansichten die Dinge 
entstellen. Ich habe ihm deshalb den Rath ertheilt, er solle die 
kaiserliche Akademie mit der Bitte angehen, dass sie auf ihre Kosten 
durch ihn die Bibel nach den in Odessa vorhandenen Handschriften 
mit der bei denselben befindlichen Massorah herausgeben lasse; es 
ist dies ein durchaus nicht kostspieliges, aber doch höchst wichtiges 
Unternehmen. Ein Bibeltext aus dem Anfange des zehnten Jahr- 
hunderts, eine abweichende Punktation, die offenbar mehrere Jahr- 
hunderte weiter hinaufreicht, eine Massorah aus derselben Zeit, — 
das giebt unserer Geschichte des Bibeltextes eine ganz andere Gestalt. 
Ausserdem besitzt der Mann auch selbst interessante Handschriften, 
deren Besitz der kaiserlichen Bibliothek gewiss 'von Interesse sein 
würde und würden sie, wenn das wissenschaftliche Streben bei den 
Juden Polens und Russlands erwacht, für deren Bildung und Leistungen 
von entschiedenem Einfluss sein. 



76. 
An X. Breslau, 2. Januar 1853. 

. . . Welche Umgestaltung überhaupt noch die Beschneidung er- 
halten wird, bleibt der Zukunft vorbehalten. Ein anderes aber ist die 
üeberläufersehnsncht, die Sie daran knüpfen. So hatten wohl auch 



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— 214 — 

Jason und Menelaus gesprochen, als sie dem Tempel des Hercules 
ihre Geschenke schickten, und dem Syrerkönige sich beugten; ihre 
Weisheit ist jedoch zu Schanden geworden. Hätten Maimonides und 
Mendelssohn ebenso gesprochen — und an Gelegenheit dazu fehlte 
es ihnen nicht — so würden sie als Philosophen längst vergessen 
sein, nun aber strahlen sie noch immer nicht nur in der jüdischen, 
sondern auch in der Weltgeschichte. Wer das echte Wohlwollen 
und die Thatkraft in sich trägt zu wirken, der raisonnirt nicht, der 
thut! und weun Sie so wirken, dann wird der Jude in Ihnen noch 
lange anerkannt werden, wenn das Andenken an den Gelehrten längst 
geschwunden sein wird. Bildung und Freiheit sind die zwei Güter, 
welche den Juden gebracht werden müssen, aber beide Hand in 
Hand; die Bildung darf nicht in der Zwangsjacke einhergehen, die 
Freiheit muss allmählich errungen und erworben, nicht dem Rohen 
zugeworfen werden. . Fühlen Sie Muth und Kraft in sich — und ich 
hatte dies Ihnen immer zugetraut und traue es Ihnen auch noch zu — 
dafür zu wirken, dann thun Sie es und lassen Sie sich nicht durch 
Einflüsterungen von Christen und getauften Juden beirren! Ob Sie 
auf diesem Wege so viele Gnadenbezeigungen erhalten, weiss ich 
nicht, ja glaube es kaum; aber ich weiss, dass Sie auf dem anderen 
dem Berufe, den Gott Ihnen auf fast wunderbare Weise geöffnet, 
untreu werden. 

So spricht der Jude, der Geschichtskundige, der Freund und 
ich hoffe, dass Sie nicht den blossen Babbmer herausdeuten werden. 
Jedoch genug davon, ich werde bei einer solchen selbst schriftlichen 
Discussion leicht gereizt, weiss auch, dass fremder Bath hier wenig 
nützt, dass solche Gedanken und solche Empfindungen in der eignen 
Brust gereift werden müssen. Doch h^e ich das frohe Vertrauen, 
dass ein Mensch, der mit so dankbarem, innigem Sinne seiner Ver- 
gangenheit gedenkt wie Sie, der durch Beweise der Freundlichkeit 
;^die Zeichen früheren Wohlwollens gegen ihn so schön zu vergelten 
!)Wdss, seine ganze Vergangenheit, in der Herz und Geist wurzelt, 
nicht kaltsinnig von sich werfen wird. 



77. ■ 
An Berthold Auerbach. Bres^jiu, 21. Mai 1854. 

Ich lasse das Datum stehen, obgleich ich es an diesem Tage 
nicht über Deinen Namen hinausbrachte und beute schon der 29. Juni 



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— 215 — 

ist, um Dir zu zeigen, dass ich sogleich nach dem Empfange Deines 
lieben Schreibens mich zur Antwort angetrieben fühlte. Allein die 
neue Ausgabe des Gebetbuches [s. oben S. 115] nahm Kraft und 
Zeit, soweit sie von den Anforderungen und den Wirrnissen des Amtes 
verschont blieben, in Anspruch, so dass ich es nicht einmal zu einem 
ordentlichen Briefe bringen konnte. Nun ist das Gebetbuch auch im 
Drucke fast vollständig fertig, und mit dem Amte allein, wenn auch 
mit der nicht drängenden literarischen Thätigkeit verbunden, nehme 
ich es schon auf Ja, mein Lieber, das Amt bleibt mir, trotz allen 
Wirrnissen, trotz allen Akten der Willkür, mit der eine verkehrte 
Richtung derer, die die Zeit lenken wollen, auch hier hineinpfuscht, 
lieb und werth, und ich fühle mich in ihm froh und frisch. Aber 
darum war mir Dein in echter Freundschaft gemachtes Anerbieten 
und Dein Brief als liebenswürdiger Commentar dazu doch gar sehr 
erquickend. Warum ich das Anerbieten abgelehnt, bedarf keiner 
weiteren Auseinandersetzung, aber die Freude, dass mir .Dein liebendes 
Andenken geblieben, unversehrt geblieben, ist gleich gross, als wenn 
ich es angenommen hätte [s. oben S. 130]. 

Meine Lust an der amtlichen Thätigkeit und am Wissenschaft« 
liehen Schaffen ist nicht gemindert. Ich gehöre nun einmal zu denen, 
die Alles im Lichte der Geschichte betrachten, und ohne mich da- 
durch träge deren augenblicklicher Gestaltung hinzugeben, vielmehr 
den Beruf in mir fühlend, auch ein thätiges Organ der Geschichte 
zu sein, bin ich nicht entmuthigt, wenn ich den augenblicklichen 
Erfolg meines Strebens nicht als einen sieggekrönten betrachten darf; 
ich trage die feste üeberzeugung in mir, dass, was mit klarem Be- 
wusstsein und mit wohlwollendem Sinne angestrebt wird, seines Er- 
folges nicht entbehren wird. Die neueste Wendung der grossen 
Geschichtsereignisse mag dem sorgsamen Beobachter diese beruhigende 
Üeberzeugung bekräftigen. In einer Zeit, die man als in Fäulniss 
versinkend betrachten musste, entspinnen sich plötzlich Verwickelungen, 
die zu einer Erfrischung des Geistes nothwendig fuhren und dieselbe 
theilweise schon bewirkt haben. Was im Grossen sich so entschieden 
aufdrängt, das wiederholt sich im Kleinen und in den einzelnen 
Kreisen. Darum schaffe Jeder nach Redlichkeit unverdrossen und 
das Resultat solchen gemeinschaftlichen Wirkens tritt sicher übAr- 
raschend dann hervor, wenn man es vielleicht gerade am Wenigsten 
ahnte. 



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— 216 — 

78. 
An Consistorialrabb. J. Kahn in Trier. Breslau, 10. April 1856. 

Meine Befriedigung in meinen amtlichen Verhältnissen kann ich 
Ihnen wiederh'olentlich bestätigen; gestern sind unsere Qemeinde- 
Statuten, von der Regierung bestätigt, zurückgekommen und es beginnt 
eine neue, wie ich zuversichtlich hoffe, gedeihliche Epoche in unserm 
Gemeindeleben. Sie würden über die innere Umgestaltung Breslau's 
in den letzten zehn Jahren staunen, um so mehr, da nach aussen 
hin der Rückschritt so sehr begünstigt zu sein schien. 

Mein Gabirol soll dies Jahr erscheinen; aber eine andere Arbeit, 
die mich schon längere Zeit beschäftigt und von der ich erwarte, 
dass sie tief eingreifen wird, kann erst Ende dieses oder Anfang 
nächsten Jahres beendigt werden. Ob ich ausserdem dem lite- 
rarischen Vereine etwas liefern werde, steht vorläufig noch dahin. 
Sie sehen jedenfalls daraus, dass es bei dieser ununterbrochenen 
wissenschaftlichen Thätigkeit, die jetzt namentlich dahin geht, zu- 
sammenhängende wissenschaftliche Werke zu schreiben, nicht an- 
geht auch die Herausgabe meiner Zeitschrift wieder zu unternehmen. 
Diese würde mich zersplittern und abziehen; ich warte auch schon 
längst auf einen jüngeren Mann, den es zu einem solchen Unternehmen 
treibt und dem ich ein freudiger und emsiger Förderer sein wollte, 
allein bis jetzt umsonst 

Wissenschaftlich arbeiten mir, offen gestanden, meine Herren 
CoUegen und gerade besonders diejenigen, welche auf dem Standpunkte 
des Portschrittes sich befinden, viel zu wenig und dieser Ausdruck 
ist noch sehr mild, ich möchte sagen gar nichts. Man glaubt, mit 
Predigten und der Praxis, die alle bloss wahrhaft gedeihlich sind, 
wenn sie Ausdruck einer tüchtigen Gesinnung sind, genug gethan 
zu haben und scheut die Mühe, die wissenschaftlichen Grundlagen 
zu untersuchen und auszubessern. Ich bin praktisch so thätig wie 
irgend einer, predige und ertheile Religionsunterricht mehr vielleicht 
als irgend einer, habe mit Casualien, mit Auskunftsertheilung, wie 
in einer so grossen Gemeinde, die zugleich nach allen Seiten hin 
Verbindungen hat, natürlich ist, sehr viel zu thun, würde mich aber 
wti-hrlich unglücklich fühlen, wollte ich mich eine Woche des Stu- 
diums entbinden. Sie haben auf der Universität ernste Arbeiten 
begonnen, warum setzen Sie sie nicht weiter fort? Ich weiss auch 
den Werth praktischer Arbeiten zu schätzen, auch ich habe dem 



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— 217 — 

Drange nachgegeben und ein Gebetbuch bearbeitet, aber ich betrachte 
solche Dinge als Erholungsarbeiten, nicht als Aufgaben, mit deren 
Erfüllung ich' meinem Berufe genügen würde. 

Schön wäre es, wenn die Zeit wieder einmal eine Babbinerver- 
sammlung brächte. Wenn die dumpfe Stimmung, die im allgemeinen 
herrscht, neuem Aufschwünge wieder Platz macht — und in Beziehung 
auf religiöse Dinge kann dies in Deutschland nicht mehr lange aus- 
bleiben — sehe ich auch der Erfüllung dieser Hoffnung entgegen. 
Wir haben noch gewaltiges Flickwerk und es rührt sich kaum eine 
Hand, es bewegt sich kein Geist, um die gesunde Nahrung zu reichen, 
aus der ein Ganzes hervorgehen muss. Doch thue Jeder das seinige, 
und der Keim wird zu rechter Zeit aufgehen. 



79. 
An S. D. Luzzatto. Breslau, 11. Juni 1856. 

Dass man es dahin hat kommen lassen, dass Philippson den 
literarischen Verein gründen musste, ist schlimm; da er aber nun 
einmal durch ihn gegründet ist, warum soll man ihn nicht benützen? 
Schon vor Jahren hatte ich den Plan entworfen zu einer wirklich 
literarischen Gesellschaft [vgl. ob. S. 211 f.], denselben Steinschneider 
mitgetheilt und ihn aufgefordert, die Berliner jüdischen Gelehrten 
dafür zu interessiren , so dass wir dann gemeinschaftlich ihn in's 
Werk setzten. Allein von Berlin aus geschah Nichts. Da kommt 
nun Ph. mit marktschreierischem Talente und gründet den Verein 
auf eigene Faust. Freilich leidet das Unternehmen an den Gebrechen, 
welche ein Stempel seines Urhebers sind; aber besser so als gar nicht 
und die Verbesserungen werden schon kommen. Mir. ging es nun 
ganz eigen damit. Als in der ersten Zeit der hiesige Agent wegen 
meines Beitritts zu mir kam, lehnte ich denselben ab mit dem Be- 
merken, die Sache sei mir zwar recht, ich liesse mir aber nicht gern 
etwas octroyiren. Auf meiner vorjährigen Reise musste ich bei der 
Eückkehr mich mehrere Stunden in Leipzig aufhalte. Da ich nun 
Jellinek besuchte, drängte er mich wegen des Gabirol für den 
literarischen Verein; was ich ihm aus vielen Gründen nicht zusagen 
mochte und konnte, verlangte jedoch, er solle sich deshalb schriftlich 
an mich wenden. Da J. so manche kleine hebräische Piecen heraus- 
giebt, sprach ich dann mit ihm über Parschandatha — das ursprüng- 
lich für Chaluz bestimmt war — und or versprach, die Ausgabe zu 



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— 218 — 

übernehmen, nachdem ich auch bemerkte, einen deutschen Theil 
hinzufügen zu wollen. Ich schickte ihm das Manuscript und bald 
kam von ihm und Ph. die Nachricht, der L. V. werde das Schriftchen 
herausgeben und sie baten mich nun schriftlich um Gabirol. Diesen 
lehnte ich vorläufig ab und stellte auf ihr Andringen die ^jüdischen 
Dichtungen" zusammen, wurde auch Mitglied. Und warum sollte 
man nicht benutzen, was leinmal da ist, und dahin wirken, dass gute 
Bücher herauskommen können und das Publikum solche in die Hand 
bekommt statt schlechter? Jedoch so etwas lässt sich schriftlich nicht 
gut zur Verständigung bringen. 



80. - 
An S. D. Luzzatto. Breslau, 23. März 1857. 

Wenn ich mich immer an Ihren Briefen erfreue, so war mir 
der diesmalige doppelt erwünscht. Dass gegenseitige Achtung und 
Freundschaft zwischen uns bestehe trotz mancher abweichenden reli- 
giösen und wissenschaftlichen üeberzeugung, ist mein sehr lebhafter 
Wunsch. Von mir weiss ich es, dass die warme Gesinnung gegen 
Sie nicht erkaltet, wenn mir auch hie und da die Verschiedenheit 
der Ansicht noch schroffer hervortreten sollte, als ich sie bereits 
kenne. Ob dies auch bei Ihnen der Fall ist? Ich gestehe es, es war 
mir manchmal darum bange; dass ich darum immer am Grundsatze 
festhielt: lieb ist mir Luzzatto, doch lieber, über Alles gehend die 
Wahrheit, wie ich sie nach redlicher, unbefangener Forschung za 
finden glaube, versteht sich von selbst, aber betrüben würde es mich, 
Ihre Freundschaft einbüssen zu müssen. Ihr Brief beruhigt mich 
darüber; ich lese zwar Ihre Wehmuth, dass ich Ihnen, d. h. Ihren 
Ansichten (denn der wahre Mensch sieht nicht auf sich, sondern auf 
die Sache) zuweilen zu scharf entgegentrete, aber doch auch die 
Freude über manche Uebereinstimmung. So trageil Sie mich denn 
weiter, wie ich einmal bin und halten Sie an der üeberzeugung fest, 
dass, wie ich bin. Alles das Resultat redlicher Wahrheitsliebe, nicht 
irgend einer eitlen Lust ist. Und warum sollte man bei der grossen 
Verschiedenheit der Geister nicht dieser Rechnung tragen wollen, 
warum tadelnswerthe Absichten wittern? Wo ich solche Verdäch- 
tigungen höre, da kann ich mich des Ausdrucks der Entrüstung nicht 
erwehren, ja ich halte es für Pflicht, auch da mein Wort in die Wag- 
schale zu legen, um dieser Anklage zu begegnen. 



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— 219 — 

81. 
An S. D. Luzzatto. Breslau, 6. September 1857. 

.... unterdessen habe ich einige Zeilen von Ihnen erhalten, 
und ich muss bekennen, dass mich deren Inhalt befremdet hat. Lässt 
sich bei dem reichen Stoffe meines Buches [der , Urschrift*], den 
vielen darin entwickelten und wohlbegründeten neuen Ansichten von 
einem Sachkenner, wie Sie es sind, weiter Nichts sagen als — jene 
banalen Phrasen gegen Rationalismus? Mein Buch enthält überall 
geschichtliche Nachweisuugen und ebenso wenig rationalistische wie 
irrationale VoraussetzuDgen; was soll also dieser Windmühlenkampf ? 
Anderen gegenüber würde ich sagen : man verdammt, weil man wider- 
legen möchte, aber nicht kann, was soll ich aber bei einem Manne 
sagen, dessen Wahrheitsliebe wie Fähigkeiten ich achte? 

So hoffe ,ich denu, dass die üble Stimmung, in der Sie sich 
beim Schreiben Ihres letzten Briefes befunden haben und zu der mein 
Buch keine Veranlassung gegeben, schon jetzt geschwunden sein 
möge, und dass das neue Jahr, das Ihnen Rüstigkeit bewahren und 
wahre Freuden bringen möge, auch mir von Ihnen häufige und inhalt^ 
reiche Briefe bringe. Gott aber wolle uns Allen ein gnädiger Richter 
sein, wir aber, um dessen würdig zu werden, gleichfalls immer mit 
Milde uns gegenseitig beurtheilen! 



82. 
Aus Qeiger's Album. 21. November 1857. 

a) Widmung von Frau Sophie Levy. 

Manche Perle reinen Geisteswortes, manchen Edelstein inniger Freundschaft 
umscbliesst dieses Buch, und glucklich schätze ich mich, wenn ich diese Stimmen 
zum Tolltonenden Chor der Liebe, Freundschaft und Verehrung für Sie vereinigt, 
und das Kleinod würdig ge£asst habe. — 

b) Berthold Auerbach. 

.'n )D^2 -iK'« niw nnD >:d nn n«n 

Schon in frühester Jugend hat mich dieser Ausruf in tiefster Seele angemuthet. 
Der aus dem freien Naturleben Kommende bringt dem in die Stube Gebannten 
^e frische erquickende Luftschicht mit. Und jetzt, da das Gedenken Deines 
getreuen reinen Wirkens in Wissenschaft und Leben zum Ausdrucke des Dankes 
sich sammelt, jetzt wird mir jener Spruch zum Sinnbild. In Deinem gelehrten 



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— 220 — 

Schaifen und religiösen Wirken ist ein Athem des Feldes, des allzeit frischbewegten 
Naturhauches, und dieser frische Athem belebe fort und fort Dich und Alles, was 
von Dir ausgeht. 

c) Ferdinand Cohn in Breslau. 

So lang' das Vorurtheil noch mit dem Wahren, 
Das Neue noch im Kampf liegt mit dem Alten, 
So lang' bedarf es Männer, die erfahren 
Im Niederreissen, wie im Neugestalten. 

So streitest Du seit fünfundzwanzig Jahren, 
Wo Mancher schon den Eifer Hess erkalten; 
Du liessest niemals Muth und Hoffiiung fahren, 
Denn endlich muss das Recht doch Recht behalten. 

und dankbar wird die Zukunft Dein gedenken. 
Mit kühnem Beilhieb wusstest Du zu fallen 
Gestrüpp und Unkraut, die vom Boden schiessen; 

Doch auch die Pflugschaar wusstest Du zu lenken, 
Mit rüst'ger Hand den Acker zu bestellen, 
Aus dem der Zukunft schönte Saaten spriessen. 

d) Lazar Geiger in Frankfurt. 

Wo Alle festlich sich um Dich vereinen, 
Darbringend Galten, Jeder von dem Seinen, 
Darf ich nicht gänzlich fürchten zu verschwinden. 
Da ich mich vielfach nennen kann den Deinen. 
Mich trennt von Dir, dass Deine Saaten längst 
Und reich gereift, indess gekeimt die meinen; 
Doch bin geeint ich Dir von Anbeginn, 
Da ich auch floss aus jenen heiFgen reinen 
Ehrwürd'gen Quellen, denen Du entsprangst 
Und wuchs empor mit Dir in gleichen Hainen. 
Wenn segnend heute unsre Ahnen Dir, 
Unsichtbar Allen ausser Dir, erscheinen. 
Und Du, empfindend ihre hohe Nähe, 
Wirst dem Vergangenen eine Thräne weinen: 
Dann lass auch mich Dir Herz und Hände reichen, 
Der Zukunft Kind, imd nenne mich den Deinen. 

e) D. Honigmann in Breslau. 

Auf die Bemerkung eines Geistlichen, dass die Philosophie doch nur die Magd 
der Theologie sei, erwiderte Voltaire einst: Allerdings, aber nicht die, welche ihr 
die Schleppe nachträgt, sondern die ihr mit der Leuchte vorangeht. Die scharfe 
Schneide dieses Spottes lässt sich gegen die jüdische Theologie in ihrer neuen 
wissenschaftlichen Phase nicht kehren. Diese nahm die Fackel der Philosophie 



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— 221 — 

und den Grabscheit der Kritik selbst in die Hände und stieg in die gigantische 
Trdmmerwelt des alten jüdischen Geistes hinunter: sie selbst arbeitete die wohl- 
erhaltenen Denkmäler, die den Stempel der Ewigkeit an der Stime tragen, aus 
dem wüsten Schutte der Jahrtausende heraus und fügte sie zu dem Neubau eines 
Tempels, in welchem auch die Philosophie das Bekenntniss zum Judenthum ohne 
Erröthen und mit Stolz ablegen kann. Mit diesem neuen Glaubenstempel selbst 
bleibt der Name seines ersten und vomehmlichsten Begründers der Unsterblichkeit 
geweiht. 

f) M. A. Stern in Gottingen. 

Die alten Helden kämpften auf grünem Rasen , die modernen kämpfen auf 
grauem Papier. Die alten Helden brauchten den Stahl als Schwert, die modernen 
brauchen ihn als Feder. Je billiger Schlachtfeld und Waffe geworden ist, desto 
theurer der Kamp^reis ; er ist das Theuerste, was die Menschheit auf der heutigen 
Bildungsstufe überhaupt kennt — die geistige Freiheit. 

Im Kampfe um dieses höchste Gut hat man Dich, lieber G., immer in erster 
Schlachtlinie gesehen, keinem Sturme weichend, oft verletzt, nie gebeugt, ich würde 
sagen, wie eine deutsche Eiche, wenn Du nicht, statt Schatten, Licht verbreitet 
hättest. Mochte es Dir vergönnt sein, im Kreise Derer, welche Dich als Lehrer 
und Führer verehren, noch viele Jahre segensreich zu wirken. 



83. 
An Jakob Auerbach. Breslau, 3. December 1857. 

Die Tage des Festes sind nun vorüber, doch nicht so die leben-' 
dige Erinnerung daran. Ich darf von Tagen des Festes sprechen, 
denn von Freitag Abend um 4 bis in die Nacht von Sonnabend auf 
Sonntag war die Feier eine fast ununterbrochene, und viele Tage 
noch folgten glückwünschende Besuche, Geschenke, Briefe und dgl. 
Sie sind hocherhebend für mich gewesen. Die Anerkennung, die mir 
zu Theil geworden, ist mindestens ein voller Lohn für all mein 
Streben und hie und da mühevolles Eingen. Der Schriftsteller und 
der sich treu gebliebene Vertreter der Kichtung sind von Gesinnungs- 
genossen, der unbeirrt wirksame Rabbiner ist von den Gemeinden 
mehr als er verdiente gefeiert worden. Aber mehr noch als Dies ist 
mir, dass so vielfach an den Tag gelegt worden, der Mensch sei in 
dem Schriftsteller und dem Manne der prononcirten Richtung nicht 
untergegangen. Hier haben sich bei so vielen Beweisen der Anhäng- 
lichkeit Männer betheiligt, welche meiner Richtung nicht huldigen, 
sich nicht selten mir als Gegner entgegengestellt hatten, und das 
Liebste ist mir von denen geworden, denen ich persönlich nahe stand 



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— 222 — 

und stehe, und wo der Mensch anerkannt werden muss, wenn liebe- 
volle Beziehungen unterhalten werden sollen. Dr. M. A. Levy, dät nun 
nahe an 15 Jahren mit und unter mir an der Beligionsschule wirkt, 
hat mir das werthvoUe Album verschafft, Flehinger, Sie ond 
Wechsler, die Sie mir so nahe in dem ersten jugendlichen Streben 
gestanden, haben den Freund zumeist im Herzen bewahrt und ihn 
höher durch die treue Liebe als durch noch so schmeichelhafte An- 
erkennung geschmückt. Und Sie vor Allen! Ihr Brief [ob. S. 68 f.] 
ist ein wahrhaftes Meisterwerk des Herzens, die schönste Dichtung, 
die mir überreicht worden , und wie oft schon habe ich ihn 
gelesen und vorgelesen! Ja, mein lieber Freund, die Erinnerung an 
die schönen Tage, die wir zusammen in Wiesbaden verlebt, wird 
nie erlöschen, und die daran anknüpfende Freundschaft nie gelöst 
werden! . . . Gottlob, die Erinnerungen sind noch frisch und Kraft 
und Sireben sind trotz dem Wechsel und trotz der Ungunst der Zeit 
in mir noch frisch, und ich will sie, so lange es Gott mir vergönnt, 
frisch erhalten durch fortgesetzte Thätigkeit. Dieses Streben bildet 
zu tief das Grundwesen meiner ganzen Natur, als dass es einschrumpfen 
dürfte, und meine Richtung ist eine zu sehr historische, als dass ein 
sich breit machender Conservatismus auf der einen, ein, ich weiss 
nicht ob betrogenes oder betrügerisches. Aufspähen von hierarchischen 
Gelüsten in mir, mich beirren und anfechten könnte. Freilich sehe 
ich mich oft um nach den muthigen, gerüsteten Genossen und Jün- 
gern und ist es mir schmerzlich, dass ich kaum Einen erblicke, doch 
auch eine solche Zeit muss in dem Wechsel von Aufschwung und 
Erschlaffung eintreten und ich weiss, dass die Zeit des lebendigen 
Dranges wiederkommen wird und dass ein jedes Saatkorn, auch in 
schlaffer Zeit ausgestreut, dennoch nicht verloren geht. Fast glaube 
ich, meine „Urschrift* dürfte zu einer solchen Erweckung mit bei- 
tragen. ... Sie scheinen mir, trotz der humoristischen Darstellung, 
mit vieler Liebe in den Inhalt des Buches eingegangen zu sein und 
ich bitte Sie dringendst darum, Ihr Versprechen, mir darüber zu 
schreiben, recht bald zu erfüllen, Sie werden mich unendlich damit 
verbinden. Hold heim ist des begeisterten Lobes voll. Bedeutung 
wird ihm nirgends abgesprochen, wenn auch andererseits gerade ein 
tiefer Ingrimm dagegen zu walten scheint. ... Ich bin, mein herz- 
lich lieber Freund, noch im Flusse der Thätigkeit; ich habe nicht 
die Absicht abzuscbliessen, ich fahle es, dass noch viel zu thun ist, 
und dass, so lange man die Kraft hat, es ein Verbrechen ist, auf 



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— 223 — 

halbem Wege stehen zu bleiben. Auch heute wechseln freilich noch 
die Stunden und Tage begeisterten Aufschwunges mit denen der Ent- 
muthigung, die Sie so allerliebst aus jener jugendlichen Zeit beschrieben 
haben. Aber auch heute hilfb die heitere, zuversichtliche Naturanlage, 
erhöht durch b^lücktes Familienleben und erfrischende Geselligkeit, 
durch die schweren Zeiten durch, und die Sonnenblicke folgen dem 
bedeckten HinmieL Nur freilich mein Auerbach, mit dem ich so 
Alles, Alles liebevoll und eifrig streitend über Komma und Semikolon 
sowohl als auch über die höchsten Fragen besprechen kann, der fehlt 
mir, und ist er mir, seitdem wir von einander getrennt sind, nicht 
geworden. Ich muss Vieles mit mir allein ganz still in meiner Stube 
und meinem Herzenskämmerlein abmachen ; aber auch das lernt man 
allmählich, das eine spricht man in Schriften, das Andere in Briefen, 
ein Drittes wieder im mündlichen Verkehre aus, und für sich selbst 
muss man ja auch etwas behalten können. 



. 83. 
An M. A. Stern. Breslau, 8. December 1857. 

Du hast mir mit Deinem ebenso sinnigen wie anerkennenden 
Denkblatte eine sehr grosse Freude bereitet, und ich würde mich 
selbst einer grossen Freude berauben, wenn ich Dir dies nicht aus- 
drücken und nicht diese Gelegenheit ergreifen wollte, eine nunmehr 
die lange Zeit von 13 Jahren unterbrochene Verbindung wieder an- 
zuknüpfen ^). Diesen Segen einer erhöhten festlichen Stimmung, welche 
vorübergehende Trübungen beseitigt, habe ich durch meinen Gedenk- 
tag vielfach erfahren und es war mir ungemein wohlthuend, auch 
Dich unter der Beihe der Freunde zu sehen, die meiner doch noch 
mit Wohlwollen denken, wie auch ich oft mit Sehnsucht an Dich 
gedacht habe. Mir fehlte schon lange das Wort des auch in meinem 
Gebiete einsichtsvollen, unbefangenen und biederen Freundes, fehlte 
mir um so mehr, als im Kreise der berufenen Theologen und theo- 
logischen Schriftsteller eine solch bedauerliche Stagnation eingetreten 
ist. Sie hat mich, wie Du ehrend es aussprichst, nicht wankend 
machen können, aber oft hat sie mich betrübt, und das ehrliche, 
ermuthigende Wort habe ich mir oft herbeigesehnt. Ich habe in den 



^ ^) per Briefwechsel hatte in Folge einer grossen Verschiedenheit Beider in 
den Reformansichten (s. oben S. 167 £, 174 £P.) im Jahre 1845 aufgehört.] 



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— 224 — 

13 Jahren sowohl amtlich als literarisch viel durchgemacht; ich kam 
mir oft wie der Ismael der Bibel vor, dessen Hand wider Alle, 
während auch die Hand Aller wider ihn. Den Orthodoxen und Con- 
servativen ein Stein des Anstosses, den schleichend Fortschreitenden 
zu stürmisch, Denen, welche den geschichtlichen Entwickelungsgang* 
überspringen wollen, zu vorsichtig, den Männern des praktischen 
Lebens zu sehr mit literar- historischen Studien beschäftigt, den 
Literarhistorikern zu tendentiös, d, h. zu wenig gleichgültig gegen 
die in der Geschichte sich fortbildende Idee — so war ich von Allen 
angegriffen, mit misstrauischem Auge betrachtet, und mir, der ich 
ein volles Herz zu Studium wie Leben brachte, that es nicht selten 
weh, dass nirgends ein Wort echten Wohlwollens, begeisternder Er- 
nuinterung sich hören lassen wollte. Ich musste auch Dies über- 
winden und überwinde es ferner, um so leichter, da ich doch gesehen, 
wie so mannigfach die Zeichen der Anerkennung, wenn die Gelegen- 
heit sich darbietet, hervortreten, und da überhaupt das reifere Alter, 
ohne dass ich bis jetzt einen Mangel an geistiger Frische verspürte, 
doch eine grössere Ruhe verleiht. — Dass ich nicht gefeiert habe, 
ist Dir wohl nicht unbekannt geblieben und darf ich bei Deinem 
weithin offenen Blicke erwarten, dass Dir meine „Urschrift^ auch 
bereits bekannt geworden. Ich bin auf den Einfluss, welchen dieses 
Buch üben wird, sehr gespannt; schon höre ich privatim die einander 
entgegengesetzten ürtheile von den verschiedenen Standpunkten, aber 
noch hat sich die Oeffentlichkeit dessen nicht bemächtigt und noch 
weit weniger das unbefangene wahrhaft wissenschaftliche ürtheil. 
Das Buch wird allerdings seine grosse Schwierigkeit haben durchzu- 
dringen. In jüdischen Kreisen macht die fortschreitende Eichtung 
zu wenig ernste gelehrte Studien, die, welche sich der Wissenschaft 
bemächtigt, huldigen einer falsch apologetischen Tendenz; in christ- 
lichen Kreisen ist dem Buche schon seine jüdische Abstammung, noch 
mehr aber die dort ganz unbekannte rabbinische Gelehrsamkeit hin- 
derlich, und dennoch schmeichle ich mir, es müsse durchdringen; 
mein Vertrauen zur Wahrheit ist unerschütterlich und mein Blick 
müsste durchaus umnebelt sein, wenn ich mich in dem Tag für Tag 
durch neue Untersuchungen sich bestärkenden Glauben täuschen sollte^ 
dass ich einen richtigen Weg entdeckt habe, welcher ebenso den 
Pfad der geschichtlichen Erkenntniss ebnet wie erst recht die wohl- 
begründete Portentwickelung anbahnt. Wie lieb wäre es mir, wenn 
Du, ebensowohl urtheilsfähig und an dem Gegenstande theilnehmend 



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— 225 — 

wie nach allen Seiten hin unbefangen, mir Dein Urtheil aussprechen 
wolltest! 



85. 
An Emilie Geiger in Carlsbad. Breslau, 23. Mai bis 4. Juni 1858. 

Meinen morgigen Geburtstag werde ich allein mit allem An- 
stände durchmachen. Ich habe ein bedeutungsvolles Jahr zurückgelegt, 
ein Buch in demselben der Vollendung entgegengebracht, von dem 
ich mir zwar einen grösseren unmittelbaren Eindruck erwartete, als 
es erzeugt, von dem ich aber doch auch überzeugt bin, dass es seine 
Spuren tief eingraben wird und habe ein Fest in demselben gefeiert, , 
das mich der Liebe und Achtung vieler Guten und Wackeren ver- 
sichert hat. Was ist des Lebens Gehalt anders, als es nicht zu 
vertrödeln, sondern gut zu benützen und den Gewinn davonzutragen, 
dass man geliebt werde? 

Und so wünsche ich mir denn mit dem neuen Jahre, welches 
mit dem morgigen Tage beginnt, zuvörderst soviel körperliches Wohl- 
befinden, dass frohe Stimmung und geistige Mstigkeit nicht gestört 
werden, dann Deine und der Kinder Gesundheit, Msche und heitere 
Thätigkeit und endlich ein liebevolles Wirken in Amt und Wissen- 
schaft, die Tage des Jahres zu nützen und das Bewusstsein in mir 
zu erhöhen, dass man nicht umsonst lebt, dass man auch sein 
Plätzchen fruchtbar anbaut. Das ist nicht Ehrgeiz und Eitelkeit; 
wessen Beruf die Wissenschaft ist, wie könnte der seinem Berufe 
genügen, wenn er nicht auch für sie leistet? Ich muss bekennen, ich 
habe keinen Begriff davon, wie so Mancher sich im handwerksmässigen 
Treiben beruhigt und daran genügen lässt. Doch mag's Jeder treiben 
nach seinem Wesen, ich strebe in meiner Art. Aber bekennen muss 
ich, dass es mir leid thut, so wenig Mitstrebende zu finden, von 
keiner Seite ein anregendes Wort zu hören, wie denn überhaupt die 
Zeit so flach und faul ist, dass man immer mehr in sich graben 
muss. Nur die liebe Natur in ihrer Freundlichkeit erquickt und 
giebt uns die Bürgschaft, dass der Geist Gottes, der in ihr nicht 
untergeht, auch in den Menschen wohl schlummern, aber nicht unter- 
gehen kann. 

Ob ich nun morgen einige liebe Worte von Dir erhalte? Kaum 
glaube ich es; man täuscht sich immer mit dieser österreichischen 
Postverbindung; da geht Alles katholisch. Was soll katholischen 

Geiger, Schriften. V. 25 



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— 226 — 

Pfaffen rasche Beförderung? Dadurch würde das Volk ja verständiger 
und weniger gängelbar. Wallfahrten, Andachten zur Jungfrau Maria, 
Dummheit, Unwissenheit sind ihre Domänen; Aufschwung und Ent- 
wickelung sind ihre Feinde. Man muss viel an sich zu halten wissen, 
man muss wissen, dass man Vieles, was man hofft und wünscht, 
nicht erlebt, aber einen Sturz des Eatholicismus möchte ich erleben 
und es wird mir doch nicht zu Theil werden. Dass er kommen wird, 
weiss ich, aber damit bekomme ich vorläufig meinen Brief nicht eine 
Stunde früher. 

28. Mai. Die „Volkszeitung** bringt einen Artikel Bernstein'« 
über meine „Urschrift". Er nimmt von einem süsslichen Verdammungs- 
urtheile, welches ein pietistischer Prediger in Potsdam über Bun- 
sen 's Bibelwerk ausgesprochen, Veranlassung dieses seiner Bedeutung 
nach zu besprechen und fügt hinzu: „Es ist ausser dem Bunsen'schen 
Bibelwerk in neuester Zeit noch ein bedeutendes Werk erschienen, 
das der Schriftforschung auf ein Jahrzehnt hinaus ein ganz gewaltiges 
kritisches Material nach einer ganz neuen Seite hin darbietet. Der 
Titel dieses Werkes ist: Urschrift u. s. w. von Abraham Geiger, und 
es behandelt dieselbe die Geschichte der Entstehung und der Ver- 
änderungen des Textes, den wir jetzt besitzen, in einer 'Weise, die 
ganz ausserordentliche Aufschlüsse bietet und anbahnt. Die Wissen- 
schaft — das ist uns ein Trost — geht ihren Weg vorwärts, ohne 
sich um die Dunkelmänner zu kümmern und uns muss genügen, von 
diesem Fortschritt unseren Lesern nur Nachricht zu geben.* Die 
Kreuzzeitung hat nun den ganzen Artikel aus der Volkszeitung auf- 
genommen zur Charakterisirung, wie sie sagt, dass die Beformjuden 
mit Bunsen Hand in Hand gingen; den Dr. Geiger kenne man wohl 
schon. Mir ist auch dieser Artikel ganz lieb ; Freund und Feind 
müssen sich nur offen über mein Baoh aussprechen und sollen ihm 
seine Bedeutung zuerkennen. 

4. Juni. Ich habe heute etwas Eigenthümliches gemacht. Die 
Universität Jena feiert in diesem Sommer ihr 300jähriges Bestehen ; 
da las ich nun heute in der Zeitung, Brockhaus habe ihr seinea 
Verlagscatalog zugeschickt, mit dem Anerbieten, sie möge sich die 
Werke auswählen, welche sie wünschte, es werde ihm zur Freude 
gereichen, einer Universität, welche so viel zur Hebung des deutschea 
Volkes beigetragen — dort lehrten Fichte, Schelling, Schiller und 
eine grosse Beihe der glänzendsten Namen — so seine Hochachtung 
bezeugen zu ' können. Ich liebe die Universität Jena nicht bloss 



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— 227 — 

wegen ihrer Vergangenheit, sondern auch wegen ihrer Gegenwart, 
weil sie zu den wenigen gehört, die auch in unseren Tagen einen 
entschieden freisinnigen Charakter bewahrt hat, und so hat mich 
dieses Beispiel zu einer Nacheiferung im Kleinen angeregt; ich habe 
auch dorthin geschrieben, meine Sympathien ausdrückend und gleich- 
falls von meinen Schriften anbietend, was ich übergeben kann. Es 
drängte mich innerlich dazu; die Vertreter der freien wissenschaft- 
lichen Bichtung müssen sich in unseren Tagen zusammenschaaren, 
ihre Sympathien nicht bloss still im Herzen tragen, sondern ein 
Zeugniss davon aussprechen und darlegen. Es muss namentlich auch 
der jüdische Gelehrte sich als ein eng angeschlossenes Glied in der 
ganzen Entwickelung des deutschen Volkes bekunden. Ich habe 
meinen Brief natürlich mit aller Ehrerbietung geschrieben, die eine 
solche dreihundert Jahre alte Universität verdient, und habe von 
meinem Judenthum natürlich gar nicht gesprochen, was aber schon 
der Titel meiner meisten Schriften, wie meine Unterschrift genugsam 
bezeugt. Ich bin begierig, wie sie es aufnehmen. Noch etwas von 
gestern! Der Herr Truchon, der Apostel des Herrn Hofmann, 
welcher Letztere gegen mein erstes Brochürchen ^) aufgetreten war, 
dann aber doch ein so freundliches Schreiben mit dem Wunsche einer 
Zusammenkunft an mich richtete, während Ersterer in gleicher Weise 
an mich zweimal schrieb, — dieser Truchon war gestern bei mir, 
es war mir lieb], dass ich ihm die Bücher zurückgeben konnte, und 
er sprach sich sonst, da er ein ganz verständiger Mensch ist, ganz 
befriedigend aus. 

86. 
An M. A. Stern. Breslau, 9. August 1858. 

. . . Bevor ich an Dein mich lebhaft berührendes Urtheil über 
meine „Urschrift** gehe, will ich zuerst kurz einen Gegenstand ab- 
machen, der bei Dir in dieses Urtheil nebenbei sich eingemischt hat, 
und den ich als einen nebensächlichen zuerst beseitigen möchte, bevor 
ich zu dem Haupteinfalle mehr ernstlich mich wende. Du findest 
am Schlüsse meiner Vorrede den Deismus (oder Theismus) stark 
ausgesprochen, glaubst, ich sei wohl erst Deist geworden und meinst, 
es trenne uns nach dieser Bichtung eine breite Kluft. Dass ich jo 



^) [Ueber den Austritt aus dem Judenthum oben Bd. I, S. 230—246.] 

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— 228 — 

nkht Deist gewesen, wüsste ich nicht. Ich ehre in dem Menschen 
den selbständigen Geist, der mir hoch eriiaben ist über allem 
Produkt und Extrakt der Materie und des feinsten Nervengeädens 
dieser hohe mir Ehrfurcht einflössende Menschengeist ist mir aber 
doch in seiner Begrenztheit sowohl als auch in seiner Ahnung des 
Unendlichen Bürge für seine Abhängigkeit vop dem Gesammtgeiste, 
den ich mir, wenn ich an ihm den Geist erkennen soll, nicht der 
Vorzüge des Geistes, der Selbständigkeit des Willens, der spann* 
kräftigen Thätigkeit entkleiden darf. So war, so bin ich Theist^ 
finde in dieser üeberzeugung nicht etwa ein Euhekissen — dessen 
ich nicht bedarf — sondern die Ergänzung, den Schlussstein meiner 
ganzen Anschauung, aber natürlich geht diese üeberzeugung auch 
ein in mein ganzes Gemüthsleben, ohne dass ich darum pietistiscb- 
süssliche Neigungen hege, wenn sie sich auch in Momenten grösserer 
geistigen Erregung entschiedener ausspricht. Doch bin idi weit 
entfernt, über eine Frage, welche die ernstesten und tiefsten Geister 
Ton je gespalten hat, kämpfend Partei zu nehmen, für meine Ansicht 
Propaganda machen zu wollen, und bin ich auch dem rohen Mate- 
rialismus gram und sehe ich auch verderbliche Folgen in der ganzen 
geistigen Entwicklung des Volkes, selbst wo er feiner auftritt, so 
bescheide ich mich doch auf einem Gebiete, das nicht mit ganzem 
Ernste von mir gepflegt wird, mich auf meine Privatmeinung zurück- 
^ziehen und die ehrlich gewonnene Üeberzeugung eines Andern nicht 
bloss zu achten, sondern auch als gleichberechtigt anzuerkennen. 

Nicht schriftstellerische Eitelkeit, sondern wissenschaftliches 
Interesse — wenigstens glaube ich so — macht mir Dein Urtheil 
über mein Buch höchst schätzbar. Du bist allerdings kein Fach- 
gelehrter auf diesem Gebiete, aber ich traue Dir die Einsicht zu^ 
wenn auch nicht jede einzelne Stelle bis auf den Grund, aber das 
ganze Gefüge besser zu beurtheilen als die meisten Fachgeldirten^ 
denen bald die Voreingenommenheit das Urtheil trübt, bald das eine- 
oder das andere Moment fehlt. Mein Buch wird allerdings einen 
langen Kampf zu bestehen haben, bis es durchdringt, und doch bin 
ich noch immer fest überzeugt, dass es durchdringen muss. Nock 
ist eine ordentliche Becension nicht erschienen, selbst die Abhandlung^ 
über die beiden Makkabäerbücher , welche doch die Christen nickt 
umgehen können, ist noch nicht gewürdigt. Wie Du es sagst, die Juden 
und namentlich die freisinnigen Theologen haben die externe Gelehr- 
samkeit nicht, und die wenigen Gelehrten coquettiren mit Conser- 



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— 229 — 

Tatismus, diä Christen entbehren aller Hülfsmittel, die spätere £nt- 
wickelung des Judenthums sich begreiflich zu machen und das 
Yerständniss der Quellen dazu sich anzueignen. So darf ich denn 
nicht ermüden, den Gegenstand fortzuarbeiten und durch Verweisungen 
auf das Studium meines Buches zur Beurtheilung der darin ausge- 
aprochenen Ansichten zu drängen. Dass ich in meinem Buche manche 
Stelle benutzt haben mag, die nicht die ihr beigelegte bestimmte 
Andeutung enthält, habe ich zugestanden und stehe ich nicht an 
Manches fahren zu lassen, und dennoch finde ich bis jetzt noch keine 
Veranlassung, etwas entschieden zurückzunehmen. Ich bin jetzt mit 
einer eingehenden Arbeit über die verschiedenen von Samaritanern 
ausgegangenen Pentateuchübersetzungen beschäftigt, von der ich mir 
verspreche, dass sie noch manches Licht verbreiten wird. 



87. 
An M. A. Stern. Breslau, 28. December 1858. 

So sind denn fast zwei Monate dahingegangen, bevor ich Deinen 
Brief vom 30. Oktober zu beantworten beginne, und ob seine Be- 
endigung nicht noch etwas weiter hinausgeschoben wird, wage ich 
nicht zu behaupten. Soll ich Dir offen bekennen, was zunächst die 
raschere Beantwortung verhinderte? Es ist die unerquickliche Dis- 
eussion über Gott, auf der Du beharrst. Ich trage seine Ahnung in 
mir; mein eigner Geist, dessen volle selbständige, vom Körper un- 
abhängige, wenn auch gegenwärtig mit ihm verbundene Persönlich- 
keit mir eine gewisse Thatsache innerer Erfahrung ist, bürgt mir 
für die Existenz eines gleichfalls persönlichen Allgeistes, eines 
Gottes, der wie es das Bedürfniss, das höchste Bedürfniss des Geistes 
ist, liebend überströmt. In dieser Ahnung liegt freilich nicht der 
volle, mit aller Klarheit umschriebene Gedanke, es liegt eine gewisse, 
sehr wohlthuende Poesie darin, eine Poesie jedoch, deren beraubt die 
Welt nicht minder als ich selber gar nüchtern würde. Ich bin 
keineswegs ein Freund von jenem Helldunkel, jener erkünstelten 
Unwissenheit, die im Vagen umhertastet, sich so gerne romantisch 
;selb8t täuscht und die eigene Gedankenschwäche als Poesie verehrt 
-wissen will. Ich weiss, dass Poesie auf wahren Gefühlen beruht, 
mit der Erkenntniss und dem mühsamsten Vordringen, allem Ge- 
heimnissvollen den Schleier zu lüften, sehr wohl Hand in Hand geht, 
und dennoch nährt sie sich bloss an dem Bewusstsein des Grossen 



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— 230 — 

in der Menschenbrust, das sie nicht greifen und nicht zergliedern 
kann, aber in seiner vollen Kraft anerkennen muss. Dass bei solcher 
vollen Anerkennung eines persönlichen Gottes und seines eingreifenden 
Waltens, aber als eines Geistes, der die vorigen, auch in unserem 
Geiste sich offenbarenden Gesetze des Geistes in sich trägt, dass ea 
dabei — sage ich — an einzelnen vermenschlichenden Ausdrücken 
nicht fehlen wird — zumal in Stimmungen, wo eine tiefere An-^ 
regung das Herz durchwühlt und dieses seinen Ausdruck verlangt —, 
will ich nicht in Abrede stellen; es wird jedoch kaum einer Nach- 
sicht dazu bedürfen, solche Ausdrücke entschuldbar zu finden. Lass 
uns daher über diese philosophische Discussion hinwegkommen. So- 
weit ich vordringen kann, thue ich es mit aller Unbefangenheit; 
über meinen eigenen Geist hinaus und gar über die Wurzel hinaus, 
aus der er Nahrung zieht, kann ich nicht, da glaube ich es beim 
freudigen Bewusstsein von dem einen, bei der Verehrung der andern 
wohl bewenden lassen zu dürfen. 



88. 
Aus Briefen an Emilie Geiger in Berlin. Januar bis März 1860. i) 

13. Januar. Unsere liebe Zunz gehört also zu Deinen fleissigstenr 
Besucherinnen, und ihr trauliches Wesen ist Dir, wie ich wusste, 
erquickend. Ja, alte- Liebe rostet nicht; unsere Freundschaft ist von 
gutem, glänzendem Stahle und ist nur darin ihm unähnlich, dass sie- 
nicht verwundet. Da sind fast 22 Jahre dahingegangen, seitdem ich 
zum ersten Male diesen herrlichen Menschen persönlich nahe getreten 
bin; Manches hat in dieser Zeit sich umgestaltet; mit den Verhält- 
nissen haben sich auch viele Menschen sehr geändert, aber. Gottlob, 
mir sind sehr Wenige verloren gegangen. Stehe ich auch nicht mit 
Jedem in lebendiger Verbindung, so ist doch gegenseitige Theilnahme 
und Achtung geblieben, und tritt wieder eine Berührung ein, so ist 
die ganze alte Herzlichkeit wieder da und vorübergehende Trübungen 
schwinden. So freue ich mich immer wieder, wenn ich den geistes— 

^) [Geiger schrieb fast täglich an seine im Krankenhanse in Berlin weilende^ 
Frau einen Brief. Aus den etwa 40 Briefen, die mehr als 100 Druckseiten füllen. 
würden, sei das Folgende — Ernst und Scherz — hervorgehoben. Vgl. obexk 
S. 135.] 



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— 231 — 

scharfen, innerlich kerngesunden Zunz sehe, wenn ich die ewig sich 
gleich bleibende Harmonie der Seele und Jugendlichkeit des Ge- 
müthes der lieben Frau wahrnehme. Grüsse sie mir herzlich, wir 
wollen immer weiter so bleiben. 

18. Januar. Gottlob , Du bist zum ersten Male aufgestanden ! 
Zwar fühltest Du Dich schwach, sehr schwach, nun da wirst Du 
gepflegt und gut gepflegt, und ist es erst einmal so weit, da wird 
Deine gute heitere Natur auch die Kräfte bald erfrischen. Du hast 
geweint, mein liebes, herziges Weib, und wann ergösse sich Dein 
liebes Herz nicht in Thränen und wann müsste diese tiefe Empfindung 
nicht ihren Ausdruck in Thränen finden, die nicht die des Schmerzes 
sind, sondern tiefer edler Regung? Du hast gebetet, und wie könnte 
Deine fromme Seele, Dein kindlicher Sinn einen entsprechenderen 
Ausdruck finden, eine wohlthuendere Beruhigung als in dem Auf- 
blicke zu Gott? Zu reichlich freilich ergiesse Dich nicht in Thränen: 
es will die tiefste Empfindung sich nicht voll ausströmen, sich so 
ganz nach aussen kehren, wir wollen sie als unser Bestes, Edelstes 
in uns bewahren, liebevoll pflegen, sie als das tiefste Geheimniss der 
Seele auch in der Tiefe ruhen lassen als den befruchtenden Keim, 
der sich das Leben hindurch äussert, nicht aber obenauf schwimmt 
und daher auch leicht fortgeschwemmt wird. Wie oft sprachen wir 
davon, dass der würdige Schmerz seine Kühe bewahrt, während die 
lauten Jammertöne nur Zeugniss ablegen von dem augenblicklichen 
Risse der Oberfläche, während weiter in der Tiefe alle Bewegung 
aufhört und bald auch keine Spur einer Betrübniss mehr vorhanden 
ist, die in Wahrheit nie vorhanden war. So ist es ja auch bei dieser 
Empfindung, die gemischt von Freude, Wehmuth, Sehnsucht, Körper- 
schwäche ist; wo sie ihre tiefere edlere Wurzel hat, wie bei Dir, die 
Du immer meine Zart- und Tieffühlende warst, da mag die Schwäche 
einen Augenblick siegen und wieder kehrt die Seelenstärke zurück 
und als heiterer, ruhiger Spiegel zeigt sich wieder das Herz mit 
einer unergründlichen Tiefe, aber klaren Oberfläche. 

20. Januar. Ja, wenn der Schmerz nicht wäre, es würden uns 
viele Freuden unbekannt bleiben, viele sanften Regungen unseres 
Gemüthes blieben ungeweckt, undf so ist eine grosse Wahrheit, 
dass auch das Leiden nicht bloss zur Erziehung und Ausbildung, 
sondern auch zum wahren Glück des Menschen gehört. Und diese 
allseitige, liebevolle Theilnahme, diese herzstärkende Erfahrung von 
der herrlichen Menschennatur, die, wie die Pflanze, durch alle finsteren 



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— 232 — 

Krümmungen hindurch sich nach dem Lichte windet, so auch durch 
alle Engen der Selbstsucht dennoch zur selbstlosen Liebe sich er- 
hebt ! Freue Dich, dass Du der Gegenstand bist, dem diese Beweise 
dargebracht werden; es ist ein wohlthuendes Gefühl! Ich weiss es, 
es macht Dich nicht stolz, es macht Dich demüthig, es fuhrt Dich 
zur Vertiefung in Dich selbst, es macht den in Dir strömenden 
Lebensquell nur noch bewegter, lässt Dich die Pflicht inniger Hin- 
gebung an die Nahestehenden, auch an die Fernerstehenden, der 
freundlichen Nachsicht gegen menschliche Schwächen, der theil- 
nehmenden Mitwirkung noch umsomehi* erkennen. Nimm sie an, 
diese Beweise, die zugleich so sinnig und zart sind, ohne Ueber- 
hebung, aber auch ohne Ueberdruss! 

21. Januar. Ich ging zu dem alten B. Du weisst, dass der 
alte Mann im üebergang zum Einschlafen ist und theilnahmlos in 
seinem Sessel am Fenster sitzt; die Tochter ging nun hinein zu ihm, 
um ihm zu sagen, ich sei da. Da war es, als wäre er neu belebt, 
es war wirklich rührend, wie eine vollständige Umwandlung mit ihm 
vorging; seit einem halben Jahre, sagten die Seinigen, habe diese 
Geistesfrische sich nicht an ihm gezeigt 

22. Januar. Aber, wie es der liebe Gott doch gut mit mir 
meint! Du weisst, dass Frau X. zwar sehr liebenswürdig ist, ich 
aber nicht im Stande bin, sie zu würdigen, dass sie ihre Dienste 
angeboten, die Dienerin aber mir zu kostbar ist, sie unsere Kinder 
eingeladen hat, diese aber für die ihrigen mir zu dumm erscheinen. 
Alle diese Ansichten aber ihrer bombardirenden Freundlichkeit gegen- 
über geltend zu machen, dazu gehört ein schwer gepanzertes Herz, 
und es ist für mich — wie einst für den kleinen David — sehr 
beschwerlich, mir diese Cürassieruniform anzuziehen. Was thut nun 
aber der liebe Gott, der Mitleid mit mir hat und mich lieber unter 
der leichten Cavallerie erblickt? Da doch einmal alle Kinder die 
Masern bekommen und die Emma X. zwar einen männlichen Ver- 
stand hat, aber doch ein Kind bleibt, da hielt der liebe Gott eine 
Bathsversammlung mit den Erzengeln Michael und Gabriel und sprach 
zu ihnen wie folgt: „Was denkt Ihr wohl, Ihr guten Alten? Ent- 
spräche es nicht der Fülle meiner Gnade, wenn ich mich des kleinen 
Staubkömchens da unten, das sich Geiger nennt, annähme? Der 
arme Kerl ist geplagt genug; seine Frau ist entfernt von ihm und 
er sehnt sich gewaltig nach ihr; er wird von Morgens bis Abends 
mit angenehmen und unangenehmen Nachfragen geplagt, und wenn 



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— 233 — 

er einmal Jemanden so nach Herzenslust herausjagen mochte, so 
macht er ein so bittersüsses Gesicht, dass jener „Jemand^ meint, 
er sei ihm höchst willkommen und gerade noch einmal so lange 
sitzen bleibt. Er ist nun einmal so ein armer Tropf, darin kann 
ich ihm nicht helfen. Aber etwas möchte ich thun, damit er er- 
kenne, dass ich doch der alte Gott bin und er weiter gottesfürchtig 
sei und passable Predigten halte. Da ist die Emma X., lass sie 
jetzt die Masern kriegen, da hat er doch wenigstens von einer Seite 
Buhe."* Gesagt, gethan. Erzengel Michael fliegt in 39 Secunden 
nach der .... Gasse und seine Anwesenheit giebt sich durch rothe 
Funkte im heUstrahleuden Antlitze von Emma X. kund, und die 
Mutter sendet eiligen Laufes in überzärtlicher Besorgniss, ich möchte 
die Kinder irgend einmal hiuschicken und lässt ihr grosses Bedauern 
ausdrücken, dass sie selbst mich nicht beglücken kann und nimmt 
ihre Dienstanerbietungen zurück. Es ist sehr hart, wir müssen uns 
aber darin finden. Aber hübsch ist es doch vom lieben Gott, und 
wäre ich David, so würde ich ihm einen 151. Psalm dichten. 

23. Januar. Ein recht trübes Ereigniss für die Gemeinde, das 
mich auch persönlich recht schmerzt, ist das rasche Dahinscheiden 
unseres wackeren Dr. G uns bürg, das nach kurzem Krankenlager 
heute früh erfolgte: Solche Männer machen eine recht fühlbare 
Lücke. Es ist wohl wahr, die Menschheit schreitet vorwärts, die 
älteren Kräfte werden sicherlich durch jüngere tüchtigere ersetzt und 
übertroffen, dennoch giebt es gewisse Kreise, in denen einzelne Per- 
sonen von sehr wohlthuender Wirksamkeit sind, und da sich diese 
Wirksamkeit auf ihren ganz eigenthümlichen Bildungsgang, ihre ganz 
«igengeartete Persönlichkeit, ihren durch eine lange ehrenhafte Thätig- 
keit gewonnenen Einfluss stützt, so dauert es lange, bis wieder ein 
Ersatz sich findet. Er war ein Mann, mit dem ich zwei Jahrzehnte 
und drüber — denn er war schon im Jahre 1838 bei meiner Wahl 
hier eifrig mitthätig — so friedlich und in gegenseitiger Achtung 
gewandelt, dass ich auch persönlich recht schmerzlich seinen Verlust 
empfinde^). Das hat mich heute recht ernst gestimmt, und weil 

^) [Mit diesen Worten möge die Gesinnung gekennzeichnet sein, welche 
Oeiger för die Hervorragenden unter seinen Freunden und Verehrern hegte. Mögen 
die Lebenden unter ihnen solche Worte auch auf sich beziehen; unter den Ver- 
storbenen sei mit einem Worte S. Nissen's gedacht, der in der ersten Zeit 
(1838—1849) das lebhafteste Interesse für alle wissenschaftlichen und praktisch re- 
formatorischen Bemühungen Geiger^s bethätigte; ihnen Allen, wenn sie auch hier 
nicht einzeln genannt sind, bleibt dankbare Erinnerung für die Dauer geweiht.] 



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— 234 — 

diese Stimmung doch nicht zu verbergen gewesen wäre, mochte ich 
Dir auch ihren tieferen Grund nicht verschweigen. 

24. Januar. Gestern Abend war Z. da , der mit uns ass und 
mit den Jungen Schach spielte; er verlor alle Parthien zur grossen 
Freude der Kinder. Er blieb so lange, dass ich ihn auf den Mangel 
des Hausschlüssels aufmerksam machen musste. Und nun folgte eine 
Ueberraschung. Er war fort, die Kinder schliefen, die Hauslampe 
war verlöscht, da tönt's tipptapp auf der Treppe, klopft leise, aber 
vernehmlich an der Thüre, und wer, denkst Du, dass hereintrat? 
der jüngstverlorene Nachsatz unseres 6.; ich erkannte ihn gleich^ 
wie er aus einer dicken Rocktasche hervorguckte. Er sah^sehr 
schmutzig aus und ich schmähte ihn, ob er sich als Nachsatz meine» 
Freundes G. nicht schäme, so beschmutzt auszusehen, aber der Kerl 
lachte ganz treuherzig, er sei zuerst, nachdem der Brief mit der 
Eisenbahn abgegangen, nachgelaufen, habe jedoch nicht gleichen 
Schritt halten können, und da ist der Kerl nachgehumpelt durch 
Dick und Dünn und ist nun direkt bis zu meiner Thür gekommen . . - 

Wenn Du in Deinen eigenhändigen Zeilen Deine Sekretärin 
[Frau Dr. G.] so sehr lobst, so habe ich darüber kein ürtheil, da 
ich nicht die Ehre habe, sie so genau zu kennen; wenn sie sich 
dann selbst eine Katze nennt, so darf ich nichl selber entscheiden^ 
ob dies Selbsterkenntniss oder Bescheidenheit ist; wenn sie aber 
Dich eine Maus, ja sogar Mäuse nennt, so ist dies doch am Ende 
zu arg. Das lasse ich mir nicht gefallen; meine Frau ist eine an- 
s tändige Frau, hat nie Brodkrumeu gestohlen, kein Loch in Anderer 
Mantel genagt, nicht einmal an der Ehre Anderer gezerrt. Und 
kurz und gut, ich dulde es nicht, dass man meine Frau eine Maus 
und gar Mäuse! nennt, so darf bloss Frau Dr. Zunz und zwar nur 
von ihrem eigenen Manne genannt werden. Und in dieser ärger- 
liehen Stimmung freue ich mich, dass das Blättchen zu Ende ist^ 
und überlasse es dem zurückhumpelnden Nachsatze, meine Grüsse an 
unseren G. persönlich zu überbringen. Ich reibe mir schon die Hände 
vor Vergnügen: wenn es da Nachts klingelt und er springt auf in 
der frohen Erwartung,' ein vornehmer Patient sei gef&hrUch erkrankt, 
kommt heraus, ist's nicht einmal ein »Jüd'', sondern — der 
Nachsatz — ! 

25. Januar. Warum ich in martialischer Stimmung bin? Nun^ 
weil ich mich auch kampfgerüstet in das durch die Kreistags- 
Angelegenheit angeregte Schlachtgewühl, das sich noch immer nicht 



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— 235 — 

entwirren will, zu stürzen beginne. Da hatte heute in der Schlesischen 
Zeitung ein Herr v. Gilgenheimb einen Herrn v. Koschützki, der 
früher zur Ablegung der Adelsvorurtheile gemahnt hatte, den Fehde- 
handschuh hingeworfen und, wenn auch in gemässigtem Tone, Juden- 
feindschaft gepredigt. Gegen diese Erklärung erscheint von mir morgen 
eine Entgegnung. 

28. Januar. Wie manchmal kleine Ereignisse grosse weltgeschicht- 
liche Folgen haben können, ersiehst Du nun wieder. Da fuhrt Spanien 
mit Marocco einen blutigen Krieg — davon weisst Du gewiss gar 
nichts in Deiner Unschuld — und da in Spanien eine sehr tolle 
Wirthschaft ist, so fängt der Staatsschatz an etwas leer zu werden 
und es fehlt an Geld zur Kriegführung. Da kamen aber von Berlin 
aus so reichliche Bestellungen nach spanischen Weintrauben, dass 
plötzlich Geld in Menge zufloss; die Leute dort wussten nicht, welche 
Bewandtniss das hat, sie glaubten gar, man habe in Berlin gewaltige 
spanische Sympathien. Weit gefehlt ! Wir wissen*s besser, und wenn 
die maroccanischen Räuber sich beugen müssen und die Weltgeschichte 
sich ein anderes Bett gräbt, so sinnen denkende Geschichtsforscher 
dem tieferen Grunde nach und den Namen Emilie Geiger wird keiner 
dabei nennen, üebrigens kommt jetzt Dein Name gewaltig viel vor 
und wenn der Zuname zurückbleibt, so ist dies wohl bloss Kischus 
der Schlesischen Zeitung. Die Regierung in Modena — wenigstens 
glaube ich es — wird immer jetzt die Emilianische oder ähnlich ge- 
nannt, warum, das weiss ich nicht, ich bin schrecklich dumm in der 
Politik geworden, aber lesen kann ich doch noch, und wenn ich es 
einige Male gelesen habe, dann verstehe ich es auch noch ziemlich, 
und da denke ich nun, dass es mir doch eigentlich eine Schande ist, 
immer von der Emilien -Regierung zu hören. Ich tröste mich nur 
damit, dass in Italien jetzt Alles drunter und drüber geht, und wenn 
die Verhältnisse geordnet sein werden, dann wird die Regierung die 
Abrahamische heissen, das klingt doch wenigstens patriarchalisch, 

30.- Januar. Seit einiger Zeit habe ich gar viel gearbeitet. Du 
weisst zwar Nichts davon, prunkst vielmehr in Deiner schönen Jacke, 
nimmst Visiten an, was fragst Du danach, \frie angestrengte Haus- 
frauen sich zu plagen haben? Doch ich will die Sache ordnungs- 
mässig erzählen. Bekanntlich zog A malle den 16. Abends ab, die 
neue Schleusserin auf, einige Tage später kommt Anna und sagt: 
«Madame (das bin ich), die Schleusserin kann nicht arbeiten, sie hat 
eine schlimme Brust. *" Madame bleibt stutzig stehen; was thunP 



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— 236 — 

die Amalie wieder nehmen? die ist nach Brieg; sie verschreiben? 
das will die neue nicht, sie werde in einigen Tagen geheilt sein. Ich 
rede mit der Anna sehr schön, sie solle sich einige Tage quälen und 
sich Hülfe nehmen. Da kommt mir gerade Rosalie M. in den Wurf, 
ich nehme also diese auf einige Tage in's Haus, und wenn sie auch 
keine schwere Arbeit verrichten kann, so ist doch wenigstens ein 
treues Mädchen da, und waB sie nicht thun kann, das thue ich oder 
lasse es thun. Out! Und die neue? Die kommt nach einigen Tagen 
wieder, bittet um noch einige Frist, sie müsse in's Hospital, und 
„Madame^ (das bin ich), sagt sie, „Sie werden dann schon doppelt 
mit mir zufrieden sein.* Ich gebe nun Frist bis gestern und erkläre, 
wenn sie bis gestern nicht wieder eintritt, bin ich aller meiner Ver- 
pflichtungen gegen sie entledigt. Nun kommt aber das Interessanteste, 
und wie sich dieses Drama entwickeln wird — ob als Lust- oder als 
Trauerspiel — das steht noch dahin ; ich sage Dir's auch nicht. Du 
sollst gespannt bleiben. Ich warte den Sonntag nicht ab, ich will 
partout ein neues Mädchen haben; ein Mädchen kommt mit einem 
Buch. „Liebes Kind**, sage ich, „kommen Sie Montag wieder* — 
so lange ich nämlich ein Mädchen noch nicht gemiethet habe, sage 
ich immer Sie, später erst Du — , „ich muss erst sehen, ob Sonntag 
meine neue, ich wollte sagen: meine alte, nämlich die alte neue 
Schleusserin wiederkommt*. Sie sagt: „Gut, Madame "" (das bin ich), 
^dann werde ich wiederkommen.* Ich gehe nun heute Vormittag 
oder lasse gehen, Erkundigungen einziehen nach der ganz neuen, 
die noch gesiezt wird, da kommt — Amalie und will eingeschrieben 
haben, weil sie wieder hier ist, um sich neu zu vermiethen. „Amalie*, 
sage ich, „willst Du bis Ostern wieder eintreten, dann ist mir's 
recht.* „Madame*, sagte sie, „die Madame* (das bist. Du), „war 
zwar immer mit mir unzufrieden und wird mich wohl nicht länger 
halten, aber wenn Sie mich wollen, Madame* (das bin wieder ich), 
„dann bleibe ich.* Und so ist jetzt Alles wieder im tiefsten Frieden, 
ich aber bin nicht bloss Hauptacteur dieses grossen Drama's, sondern 
auch Verfasser desselben und überzeuge mich, wie der liebe Gott in 
besonderer Vorsehung mir immer die Mädchen in den Wurf schickt, 
die ich gerade brauche; erschrick nicht, ich meine nur Dienstmädchep. 
Und von allen diesen Ereignissen hast Du gar nichts geahnt? Und 
was sagst Du nun zu meiner Verschwiegenheit? Ich bin aber auch 
so stolz darauf, dies allein durchgeführt zu haben und wie Alles 



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— 237 — 

dabei ging; ja, wenn ich auf diese Zeit zurückblicke, da bewundere 
ich mich selbst. 

6. Februar. Es ist mir ausserordentlich lieb, dass Berthold 
Auerbach so traulich liebevoll sich Dir zuwendet, und so freund- 
schaftlich meiner gedenkt. Er ist und bleibt ein bedeutender Mensch, 
nicht bloss ein bedeutendes Talent; sein Talent wurzelt in seiner 
sittlichen Kraft, in der Energie, mit der die reine Gesinnung ihn 
bewältigt und mit der er daher diese ausdrückt. Das ist das Grosse, 
was man in diesen Tagen an Schiller ehrte, das ist das anerkannte 
Verdienst, das man in Auerbach immer herausfühlte, dass er in einer 
Zeit der Salonsverflachung und der Bildungszerfahrenheit die gesunde 
ursprüngliche Natur vorführte, weil sie in ihm selbst gewaltig 
war. Nur Menschen, in denen sich Geist und Charakter zusammen- 
schliesst und eine schöne Einheit bilden, sind bedeutend und haben 
dauernden Werth; so ist Auerbach, und ich bekenne es, stolz darauf 
zu sein, dass er in so vollem Sinne sich meinen Freund nennt. 

10. Febr. So war denn Frau M. auch bei Dir. Das ist schön! Auf 
die Verdächtigungen, die ich an dieser Stelle von Deiner Sekretärin wieder 
schlau eingeschwärzt finde, gehe ich gar nicht weiter ein, die schlucke 
ich nun alle ruhig hinunter ohie irgend eine unangenehme Empfindung, 
sie sind schon meine tägliche Kost geworden. Da heisst es von H., dass 
gewisse Personen sich gar nicht wundern über sein Weggehen beim 
Erscheinen derN. „Er liebt das Alleinsein mit** und darauf?, sage 
sieben seelenmörderische Punkte, und bei Deiner Bemerkung, Frau M. 
erinnere sich meiner, was doch von jedem Menschen, der kein solch' 
kurzes Gedächtniss hat, natürlich ist, brummt der griechische Chor 
wieder: „0 Wunder!** mit Ausrufungs- und Fragezeichen. Nein, ^as 
die Frau mit Punkten, Fragezeichen verschwenderisch umgeht, das 
ist beispiellos. Nun, wenn Du weg bist, kann sie sich umsehen, wo 
sie das Alles anbringen will; Du wirst ihr wahrhaftig fehlen, und 
das schmeichle ich mir sogar in Wahrheit. loh möchte dabei sein, 
wenn Du ihr den letzten Satz vorliesest und Ihr Euch dann gegen- 
seitig in Liebe ergiesst. Aber Sie, meine geehrte Freundin, werden 
in Ihrer Freundlichkeit auch manchen lahmen Witz von mir auf- 
nehmen; Sie verstehen es selbst so gut, durch heiteren Scherz dem 
Ernste, ohne ihm seine Bedeutung zu entziehen, eine freundliche Ge- 
stalt zu geben, ich versuche es Ihnen gleich zu machen; bin ich 
täppischer darin, nun so verkennen Sie wenigstens nicht die gute 



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— 238 — 

Absicht, die darin liegt; die ungeschickte Ausführung verzeihen Sie 
schon um der Absicht willen. 

Den 11. Februar. Und nun kommt das schreckliche Armutha- 
zeugniss, das Du mit Deiner lieben Sekretärin Dir ausgestellt. Nein ! 
das ist doch zu arg: furchtbar grosse Schrift, Mannes Unsterblichkeit, 
Neuigkeiten die Hülle und Fülle, und keine vier Seiten herauszu- 
kriegen. Alles weil der kastalische Quell (dieser Name des Musen- 
quells ist mir jetzt eingefallen, ohne dass mir die Berliner Gelehr- 
samkeit darauf geholfen) meines Briefes gefehlt hat. Ach, wie seid 
Ihr bejammernswerth! Statt weiter zu jammern, will ich noch schnell 
eine wichtige Wirthschaftsangelegenheit erledigen. Helene war heute 
hier, die nach ihrer Versicherung wieder ganz wohl ist und sich 
wieder vermiethen will, am liebsten bei uns, wir sind nun einmal 
beide, d. h. nicht Helene und ich, sondern Du und ich, so voll Chein* 
Amalie aber meint, wenn ihr nicht den 15. gekündigt werde, so 
müsse sie auch das nächste Vierteljahr bei uns bleiben« Ich mache 
es nun so: am 15. sage ich der Amalie, nachdem ich sie gerufen 
und sie erwidert hat: „Hier bin ich, Madame**, Folgendes: „Ein Buch 
habe ich nicht von Dir, ich hg,be aber bloss von einem provisorischen 
Hiersein bis Ostern gesprochen, ich miethe Dich nicht weiter, das. 
überlasse ich entschieden meiner Fraif ; willst Du Dich anderweitig 
vermiethen, so thue es in Gottes Namen; willst Du warten, bis meine 
Frau wieder das Regiment übernimmt, so magst Du es auf Dein 
Bisiko thun.** Mit der Helene spreche ich gar nicht; fängt sie mit 
mir an, so sage ich ihr: „Warte, wenn Du willst; zur Zeit wird die 
höchste, entscheidende Autorität da sein.* So temporisire ich, engagire 
mich nicht, und die grosse Kunst der Diplomatie, zu verschleppen, 
sieh alle Seiten offen zu halten, ich werde sie mit voller Virtuosität 
spielen. Ist das nicht fein? So die Hausfrau mit dem Diplomaten 
zu vereinen? 

6. März. Dass Frau F. mit mir in der Kinderstube blieb, ist 
sehr natürlich, und wenn Du einigen Scharfsinn angewendet hättest, 
würdest Du das Bäthsel gelöst haben. Sie war zu den Kindern 
hineingegangen, ich war ihr nachgefolgt, so setzten wir uns hin, 
und während Helene die Lampe in die Wohnstube setzte, plauderten 
wir weiter und vergassen Baum und Zeit. Schon war die Mitter- 
nachtstunde herangerückt, aber Alles vergessend sassen wir noch 
plaudernd zusammen, bis das begleitende Hausmädchen Muth fasste 



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— 239 — 

und hereintrat: »Aber, Madame, die Kinder hungern zu Hause, der 
Herr wird erschrecken, wo Sie bleiben.* Diese prosaischen Worte 
versetzten uns erst wieder in die Wirklichkeit, wir sahen einander 
überrascht an; „auch gut!** sagte ich, „gute Nacht!** flüsterte sie 
und huschte weg. Ist das nicht ganz einfach? — Der Helene habe 
ich Deine Bedingungssätze vorgelesen; da sie aber kein Französisch 
gelernt hat und daher keinen conditionnel versteht, so lächelte sie und 
sagte, es ginge schon gut. 

18. März. Ich möchte sehr gern allen lieben Freunden und 
Freundinnen meinen wahrhaften Dank aussprechen für die Liebe, die 
sie Dir beweisen; dass ich ihn tief fühle, ist gewiss, aber man ist 
so ungeschickt, wenn man dankt, und die Zahl der Treuen ist so 
gross, dass man denkt, es bedarf des Wortes nicht und es wird die 
gelegene Zeit sich von selbst einstellen. Aber als recht erquickende 
Erinnerung werden wir es im Herzen bewahren ubd uns beeifern, 
auch weiter solches Wohlwollen guter, wackerer Menschen zu ver- 
dienen. — Vorbereiten will ich Dich, dass Du Dir keine üeber- 
raschung und gar keine Empfangsfeierlichkeiten vorstellen musst, ich 
vermeide Alles, das Dich aufregen könnte, und ich denke mir, die 
liebste Feier ist die, wieder in Dein Haus einzutreten. Doch nun sei 
des Schreibens genug! Ein jedes Wort ist blass und ich denke, sie 
kommt ja und da will ich sie herzen und mit Treue sie umgeben. 
Wozu noch der Worte? So sei denn Gott mit Dir auf dem Wege 
und hier werde auch ich mit Dir sein und Dich nach Kräften hüten 
und schirmen. 



89. 

An M. A. Stern. Breslau, 10. Februar 1860. 

Einige Tage, bevor ich mit meiner Frau nach Berlin ging, habe 
ich dem „Magazin für die Literatur des Auslandes^ den Aufsatz: 
^Immanuel, der Freund Dante's" zugeschickt, und er ist auch da- 
selbst Januar No. 3 erschienen, und ich denke. Du wirst ihn wohl 
schon gelesen haben. Ich bin recht begierig auf Dein Urtheil. — 
Ausserdem hat meine Feder ziemlich geruht, und bloss einzelne 
hebräisch geschriebene Aufsätze, die kaum zu Dir dringen werden, 
auch bis jetzt noch nicht in die Oeffentlichkeit gelangt sind , haben 
sie beschäftigt. In Wien erscheint nämlich eine periodische Schrift: 



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— 240 — 

,Ozar nechmad*, freilich in sehr langen Zwischenräumen, yon der 
bereits zwei Hefte vor einigen Jahren erschienen sind^ und sie ent- 
halten von mir, abgerechnet sonstige Kleinigkeiten, drei, wie mich 
dankt, nicht werthlose Biographien von Joseph, Moses und David 
Kimchi [Geiger's hebr. Sehr. Berlin 1877, S. Iff.]. Nun erscheint 
ein drittes Heft, das besonders drei kleinere Abhandlungen von mir 
bringen wird, welche manche in meiner , Urschrift* begonnene Unter- 
suchung weiter fortfuhren werden. Auf die ^Urschrift* wird sich 
auch eine beabsichtigte Arbeit gründen, die wohl zu einer , Geschichte 
der Bibelübersetzung und Bibelerklärung unter den Juden* werden 
dürfte. Meine Untersuchungen sind keineswegs in dieser Arbeit er- 
schöpft, können vielmehr erst in einer «Geschichte des Judenthums 
und seiner Literatur* ihre Erledigung finden. Diese Arbeit ist seit 
schon sehr langer Zeit vorbereitet, darauf arbeitete und arbeitet Alles 
bei mir hin, kann aber erst nach vielen Vorarbeiten verwirklicht 
werden, die in so viele Detailuntersuchungen und Ausarbeitungen 
verflochten sind, dass das Ziel immer weiter hinausgerückt wird» 
Früher hinderten mich besonders zwei Umstände an der Ausführung. 
Während ich nämlich mit der nachthalmudischen Zeit im Beinen 
war, scheute ich bei der biblischen Zeit die Unumwundenheit, mit 
der ich die Resultate der biblischen Kritik aufzunehmen habe, und 
den dichten Schleier, der über der inneren Entwicklung der Jahr- 
hunderte liegt, welche zwischen dem Abschlüsse der Bibel und des 
Thalmud liegt. Eine Geschichte aber in der Mitte zu beginnen und 
die wichtigsten Perioden, ohne welche die späteren gar nicht zum 
Verständnisse gelangen, unberührt zu lassen, dazu konnte ich mich 
nicht entschliessen. Nun sind beide Schwierigkeiten mit einem Male 
gehoben. Ich habe da einen Schritt gewagt, ganz unverhüllt meine 
bibelkritischen Ueberzeugungen auszusprechen, und ich glaube, den 
inneren Gang^ den Prozess in den Gemüthern in jener dunkeln Zeit, 
aufgefunden zu haben. Was innerlich verarbeitet ist, bedarf nun- 
mehr bloss der äusseren Darstellung, und ich will mich nicht mehr 
viel davon ablenken lassen. Die Zeit drängt, man wird sonst alt . . . 
Noch eine zweite kleinere hebräische Arbeit wird von mir erscheinen. 
Ein Herr Pinsker, früher in Odessa, jetzt in Wien, lässt eine längst 
erwartete Schrift unter dem Titel »Likkute kadmonioth*" [ob. S.213J 
erscheinen, die ungeahnte Schätze, namentlich über sehr alte Schriften 
der Karäer, ausbreitet, von denen ich zwar auch viel schätzbarem 



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— 241 — 

Handschriftliche besitze, wo ich aber doch Merkwürdiges finde. Auf 
die mir von ihm übersandten Aushängebogen liefere ich ihm nun 
ein Sendschreiben, das mit abgedruckt wird. 



90. 
An M. A. Stern. Breslau, 19. März 1860. 

Eine neue angenehme Erfahrung ist, dass ein Professor der katholi- 
schen Theologie in Braunsberg, Krüger, ein Programm zum dortigen 
Index Lectionum: de sacerdotum apud Judaeos nobilitate geschrieben, 
das ganz auf meinen Studien beruht, und dass derselbe — zwar in 
der Druckschrift bloss einige Male mich anführend — brieflich dies 
mit grosser Devotion auszusprechen keinen Anstand nimmt. In ein 
Wespennest habe ich demnach mit meiner Urschrift, die frei genug 
mit der Bibel schaltet, bis jetzt nicht gestochen, und hoffe daher 
auch mit den folgenden Arbeiten keinen Skandal auf mich heraufzu«^ 
beschwören, scheue ihn aber auch nicht. Wächst der Muth mit den 
Jahren oder ist die Zeit eine andere geworden, oder ist meine innere 
und äussere Lebensstellung sicherer geworden, genug, ich kenne 
weniger Furcht als früher. Doch muss ich den Vorwurf des Diplo- 
matisirens von mir abwälzen. Ich habe zu jeder Zeit Forschungen 
und Resultate ausgesprochen, Ansprüche erhoben, die stets mit üeber- 
raschung ob deren Kühnheit aufgenommen wurden; wenn ich deren 
Tragweite zuvor erwogen, im Praktischen deren Ausführbarkeit und 
geschichtliche Berechtigung geprüft, so ist dies wohl die Frucht der 
Besonnenheit, nicht aber die Abhängigkeit von den augenblicklichen < 
Zuständen. Dass ich den Babbiner nicht verleugne, namentlich auch 
in den Gegenständen, welche mit dessen Wirksamkeit zusammen- 
hängen, gebe ich gerne zu; ich glaube sogar, dass wer nicht einen 
bestimmten Standpunkt einnimmt, weniger vorurtheilsfrei als vage in 
seinem ürtheile sein wird. 



91. 

An Zunz. Breslau, 26. und 27. März 1860. 

Es war mir eine wahre Freude, wieder einmal öffentlich meiner 
hochachtungsvollen Anhänglichkeit, die niemals einen Wandel erfahren, 

Geiger, Schriften. V. jß 



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— 242 — 

den vollen Ausdruck geben zu können^). In der schriftstellerischen 
Thätigkeit capricirt man sich sehr häufig auf die einzelnen kleinen 
Abweichungen und betont sie oft schärfer, als sie es verdienen, und 
es will und muss Jeder seine volle Individualität zur Geltung zu 
bringen suchen; zur Individualität gehört aber gerade das Abweichende 
und Trennende. Das Vereinigende und Bindende bleibt mehr unaus- 
gesprochen, das Herz aber fühlt den Drang, es doch einmal wieder 
voll auszusprechen, und so danke ich der Gelegenheit, die mich diesem 
Drange genügen liess. — Wir sind. Gottlob, wohl, meine liebe Frau 
ist auch hier, wie Sie sie in Berlin kennen gelernt, heiter, thätig, 
von vielen Freundlichgesinnten umgeben, denen auch sie ein volles 
frisches Gemüth entgegenbringt. — Für Bhrenberg^) danke ich 
bestens, mein Programm, zu dem ich gar keine Lust hatte, soU 

durchaus nicht als Gegengeschenk betrachtet werden Es 

freut mich, heute noch hinzufugen zu können, dass ich gestern aus 
Wien ein Schreiben von Dr. B. Beer in Dresden erhalten habe, worin 
es heisst: „In Bezug auf das Benehmen gegen Zunz haben wir Alle 
wohl gleiches Urtheil und theilen Ihre Entrüstung.* 



92. 

An Jakob Auerbach. Breslau, 27. Juni 1860. 

Von Kennern, wie Sie, meine „Urschrift* so gewürdigt zu sehen, 
ist mir eine wahrhafte Belohnung, und ich habe die Freude, über- 
haupt sehr angenehme Erfahrungen in dieser Beziehung zu machen. 
Das Buch hat guten Absatz, was^ Zeugniss ablegt von der allgemeinen 
Anerkennung; ein öffentliches Urtheil, das wieder in der „Kevue 
germanique", Janvier, erschienen, begrüsst es mit einer so lobenden 
Zustimmung, einem so liberalen Eingehen, wie ich es auf diesem 
fremden Boden zu erwarten nicht berechtigt war. Privaturtheile 
gehen in derselben Weise zu Werke. Holdheim geht ganz darin 
auf, sieht sich wissenschaftlich wie neugeboren und ist zu einer 



*) [Protest gegen G ratz, der in einem Bande seiner „Geschichte der Juden** 
unwürdig gegen Zunz aufgetreten war.] 

2) [Samuel Meyer Ehrenberg, Inspector der Samson'schen Freischule zu 
Wolfenbüttel, ein Denkmal für Angehörige und Freunde, von Dr. Zunz. Braun- 
ßchweig 1854.] 



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— 243 — 

Production angeregt worden, die baldigst in hebräischer Sprache er»- 
scheinen wird. 

Sehr angenehm war mir Ihre Mittheilung über Ihre ununter- 
brochene literarische Beschäftigung und belehrend die Proben, die 
Sie mir daraus geben .... Aben Esra ist bedeutsam genug, dass 
ihm eine eingehende monographische Behandlung zu Theil wird, und 
ein gründlicher Beitrag zur Herstellung eines richtigen Textes ist 
eine unentbehrliche Vorarbeit dazu. Sie werden daher gewiss ein 
höchst verdienstvolles Werk vollbringen, wenn Sie diesen Beitrag 
liefern. Wie Vieles ist in unserer Literatur noch zu thun! Da 
ist Baschbam einer der trefflichsten Erklärer, und wie miserabel ist 
die Gestalt, in der er uns vorliegt! Da beginnt Jellinek die Aus- 
gabe des Bechor Schor und lässt ihn in der Mitte liegen. Ueberall 
wo man in unserer Literatur den Blick hinwendet, sind Lücken und 
wie wenig Geniessbares erscheint darin, und erscheint ein Mal etwas 
der Art, da wird es dann ohne Kritik benutzt, wie es den Likkute 
kadmonioth von Pinsker mit den zwei „Historikern* geht [Fürst 
und GrätzJ, die wie gierige Eaben darüber herfallen und das Falsche 
daraus ausbeuten. Jedoch das muss man gehen lassen; mehr als 
Zeit und Kräfte ausreichen, kann man nicht leisten, und so muss 
ich unendlich viel liegen lassen, was ich gerne liefern möchte, in der 
Angst vor Zersplitterung. Man muss endlich daran denken, aus dem 
Detail herauszukommen und ganze bleibende Sachen zu liefern* So 
habe ich auch allerdings mancherlei Grammatisches — auch unter 
Anderm über die hebräischen Vocale, was ich in der Biographie des 
Joseph (nicht des David) Kimchi berührt habe — im Kopfe; doch 
zur Bearbeitung wird es nicht kommen. Stein's Gebetbuch habe 
ich gar nicht zu Gesicht bekommen, Sie wissen es schon aus früherer 
Zeit her, ich bin ein praktischer, d. h. im praktischen Amte lebender, 
dasselbe auch gern und eifrig verwaltender Mann; aber die Praxis 
ist doch bloss ein kleiner Theil dessen, was mich innerlich erfüllt, 
sie muss möglichst rasch abgemacht werden, und Anderer Praxis 
kümmert mich nun gar wenig. Mit meinem Gebetbuche bin ich 
übrigens recht wohl zufrieden. Die Gemeinde hat sich in dasselbe 
vollkommen eingelebt, es gilt ihr fast wie kanonisch, und bis eine 
zweite Auflage nöthig werden wird, dazu hat es noch etwa sechs 
Jahre Zeit, und dann wird man wieder einen wackeren Schritt weiter 
thun können, üeberhaupt ist mein amtliches Leben ein sehr er- 

16* 



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— 244 — 

freuliebes. Das Resultat eines langen Kampfes ist nicht Verwirrung 
und Abspannung, sondern Frieden und allseitige Anerkennung, die 
sich weit über die Gemeinde hinaus erstreckt. 



93. 

An M. A. Stern. Breslau, 9. Juli 1860. 

Zwischen Deinem letzten Briefe und meiner heutigen Antwort 
liegt der Besuch der Frau Professor Valentin an hiesigem Orte 
und ihre Rückkehr über Göttingen. Das ist ein lebendiger, weit 
interessanterer Brief gewesen, als ich ihn Dir hätte schreiben können. 
Die Frau hat neben dem männlichen Verstände das weibliche Ge- 
müth und der Verkehr mit ihr ist ein recht wohlthuender. Sie hat 
sich uns in der kurzen Zeit, die sie uns bei ihrem hiesigen Aufent- 
halte widmen konnte, recht angeschlossen und hat auch meine liebe 
Frau recht erkannt. Ich setze voraus, dass sie Dir über uns erzählt 
hat. Freudiges und Besorgliches. Das Letztere will nicht schwinden, 
und ein Gewöhnen daran ist nicht gut möglich. Ich habe während 
der ganzen Zeit meiner Ehe meine rechte Freude darin gefunden^ 
meine Frau in ihrer liebenswürdigen Natürlichkeit und Harmlosigkeit 
zu erhalten, Unangenehmes von ihr fern zu halten oder es zu mildern ; 
ich habe Manches in mir durchgemacht, woran ich sie nicht be- 
theiligt habe, weil ich den klaren Spiegel ihrer Seele nicht trüben 
und nicht in aufregende Bewegung setzen wollte, da ich ja wusste» 
dass meine inneren und äusseren Kämpfe zum Frieden führen werden, 
den sie behaglich mit geniessen kann, während ihrer Natürlichkeit 
solche Stösse weniger zusagen. Ich habe mir zu viel angemasst; 
dieses Vorsehung-Spielen findet sein Ziel. Der Gedanke, eine treff- 
liche Frau verlieren zu müssen, das Missgeschick, sie verloren zu 
haben, ist ein persönliches Leiden, das der Mann überwindet, über- 
täubt, in anderen Bestrebungen begräbt; die Besorgniss, seine Frau 
einem schweren Leiden und der damit verknüpften inneren Unruhe 
entgegen gehen zu sehen, ist ein doppeltes, in dem Andern und für 
ihn schmerzlich erhöhtes Wehe, das immer verfolgt. Das ist auch 
der Grund, warum ich bis jetzt geschwiegen, da ich darüber nicht 
hinweggehen konnte, es aber auch nicht erwähnen mochte, da meine 
Frau die Briefe, welche ich von näheren Freunden empfange, liest, 



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— 245 — 

wie nicht minder meine Antworten. Nun ist gestern meine Frau 
mit meinen Töchterchen nach Salzbrißin gereist, bloss nm auf vier 
bis fünf Wochen einen gesunden Landaufenthalt zu gemessen, und 
ich werde nächste Woche mit den Knaben folgen. Nun kann ich 
freier schreiben und thue es auch sogleich . . . Neben meiner amt- 
lichen und sich damit verknüpfenden humanen, oft recht woblthuenden 
Thätigkeit beschäftigt mich die Wissenschaft auf's Lebendigste, und 
ich denke, dass bis zum nächsten Jahre meine weiter fortgeführten 
Studien sich zu einem neuen Ganzen abrunden . . . Meine Immanuel- 
Episode [oben S. 239] hat gleichfalls Aufmerksamkeit erregt; Witte 
in Halle hat sich privatim deshalb an mich gewendet, Munk in Paris 
hat öffentlich darüber gesprochen, die Sache ist dadurch jedoch 
wenig gefördert, und ich finde auch keine Veranlassung, sie gegen- 
wärtig weiter zu verfolgen» — Unterdessen habe ich am 24. Mai 
meinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert und damit die Mahnung er- 
halten, mich um so weniger zu zersplittern und die mir noch ver- 
gönnte Zeit zur Ausarbeitung des Wichtigsten zu verwenden. 

Für diesen Sommer wird es nun bei mir wieder nichts mit einer 
grösseren Eeise, und so sehen wir uns wieder nicht, wenn Du nicht 
zu uns kommst ; das wäre gar schön und um so schöner, als meiner 
Frau dadurch ein neues erhebendes Gefühl zu Theil würde, doch will 
ich mir eine solche Hoffnung nicht vorspiegeln. Meine Kinder ge- 
deihen ganz hübsch, und ich hoffe, dass sie wackere Menschen werden 
mögen, ohne dass ich mir einbilde, sie seien Genies. Die ernste 
Selbstthätigkeit, die uns bei der uns nothwendigen , aber auch frei- 
gelassenen Selbsterziehung reifte und den eigenen Weg einschlagen 
Hess, entgeht dem neuen Geschlechte, das in den bestimmt gezogenen 
Bahnen einhergeht und uniformirt aus der Hand der Schule entlassen 
wird. Und welch' knappe, pedantisch-philologische Uniform ist das! 
Das Mittelalter beherrscht uns mit seinem Latein, die Restauration 
der Wissenschaften und die ästhetische Opposition des vorigen Jahr- 
hunderts mit ihrem Griechisch; wann wird eine neue Opposition oder 
vielmehr das erwachende freie humane Bewusstsein uns von deren 
üebermaass und dem Schulpedantismus, Exercitien und Specimens — 
man darf nicht specimina sagen, dieser Plural findet sich nicht bei 
Cicero — schreiben lassender bornirter Lehrer befreien? Das Latein 
entspricht unserem mittelalterlichen Thalmudismus, das Griechische 
der ästhetischen, neuhebräisch schreibenden Measfim-Opposition, beide 
aber sind einer höheren Cultur gewichen, unsere Gynmasien jedoch 



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— 246 — 

gehen ihren Schlendrian weiter. Die Geschichte geht sehr langsam 
und die Deutschen sind sehr träge. Nun, ein jeder kehre vor seiner 
Thür, und so will ich es auch machen. 

Wenn Du Valentin schreibst, so grüsse mir die Frau bestens^ 
"t auch im Namen meiner Frau; sie war uns eine recht anregende Er- 
scheinung. Wir müssen uns das ganze Jahr hindurch mit gewöhn- 
lichem Mittelgute begnügen, und da ist uns das Bessere um so 
erquicklicher. Mich kann sie vielleicht einmal nach der Schweiz 
hinziehen, und da sehe und besteige ich nebenbei die Berge. 



94. 
An Wechsler. Breslau, 6. September 1860- 

Holdheim ist nicht mehr; er starb am 22. August. Am 23. 
früh erhielt ich per express ein Schreiben von Seiten des Vorstandes 
der Eeformgemeinde mit der Bitte, an Holdheim's Grabe zu sprechen 
und bei einer am darauf folgenden Sonntag abzuhaltenden Trauer- 
feier die Predigt zu halten. Ich bedachte mich keinen Augenblick, 
nach Berlin zu reisen; einem Freunde, mit dem ich nahe an einem 
Vierteljahrhundert in innigen Beziehungen gelebt, mit dem die Be- 
strebungen und Wege so vielfach sich berührten, wenn wir auch nicht 
immer den gleichen Pfad eingeschlagen, mit dem ich gerade in 
letzter Zeit bei meiner zweimaligen Anwesenheit in Berlin so traulich 
gelebt, der mir mit einer echt freundschaftlichen Innigkeit anhing 
und nie unterliess, dieselbe recht liebevoll auszudrücken, einem solchen 
Freunde das Wort der Anerkennung und der Freundschaft nachzu- 
rufen, durfte ich kein Bedenken hegen und hegte keines. Dass ich 
damit sein und der Reformgemeinde unhistorisches Verfahren nicht zu 
dem meinigen machte, dafür bürgt mein ganzes bisheriges wie auch 
ferneres Auftreten in Amt und Wissenschaft. Des Abends reiste ich 
nun nach Berlin, hielt den 24. Nachmittags an der Bahre die Leichen- 
rede, Sonntag Vormittag die Predigt beim Trauergottesdienste und 
reiste Abends wieder zurück. Bei aller Anerkennung, die ich in der 
Leichenrede für Holdheim, in der Predigt für die Reformbestrebungen 
im Allgemeinen ausgesprochen, habe ich in jener doch nicht ver- 
schwiegen, dass es eine geschichtliche und eine, wenn ich so sagen 
darf, logische Anschauung und Wirksamkeit innerhalb der Reform 
gebe, dass jener ihre Berechtigung nicht abgesprochen werden darf» 



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- 247 — 

dieser aber Holdheim angehört habe, und ich schloss mit den Worten: 
^ Wie wir uns jetzt zur Sabbathfeier rüsten** (es war Freitag 
Nachmittag), ,so geht der Verklärte nun ein zu seinem Sabbathtage 
und zur, ewigen Ruhe** ^). In der Predigt (die ich, mit meinem 
Ornatkäppchen bedeckt, abhielt, an dem Gottesdienste selbst mich 
activ nicht betheiligend, daher auch das Ausheben der Thorah, das 
durch den Prediger geschieht, ablehnend) sprach ich bloss von dem 
Inhalte und der Nothwendigkeit der Eeformbestrebungen im All- 
gemeinen, ohne die specifische Art der Beformgemeinde zu berühren, 
im Gegentheile hervorhebend, dass in mannigfacher Art an den ver- 
schiedensten Orten diese Bestrebungen heilsam hervorgetreten sind, 
ausdrücklich ermahnend, sie sollten nicht in den Dünkel gerathen, 
sich als die alleinigen Vertreter der Beform zu geriren, sollten sich 
in deren Sinn und Bedeutung vertiefen, was zur Erkenntniss führen 
könne, dass manches von ihnen als todt Beseitigte doch noch lebens- 
fähig sei, und umgekehrt manches als Leben erzeugend Aufgenommene 
keine Lebenskraft in sich trage und dergl. Mein Auftreten, das ich 
wohl als massvoll bezeichnen darf, hat nach allen Seiten hin die 
bedeutendste Sensation gemacht, und, verbunden mit dem Beschlüsse 
des Vorstandes, der von Oettinger gutgeheissen wurde, Holdheim 
in die erste, für Rabbiner reservirte Eeihe seine Grabstätte anzu- 
weisen, hat es Berlin in eine Aufregung versetzt, die es schon lange 
nicht gekannt. Schon dort drängten die Vorsteher der Reformgemeinde 
in mich, die erledigte Stelle anzunehmen; ich sagte ihnen, dass ich 
nicht heute annehmen werde, was ich vor vierzehn Jahren abgelehnt, 
dass ich den Sabbath nicht abrogire — sie wollten wieder den 
Gottesdienst an beiden Tagen einführen — , dass ich meine Stellung 
innerhalb der Gesammtheit auch für mein Privatleben nie aufgeben 
würde — sie fanden dies nicht im Widerspruch mit ihren „Prin- 
cipien* — , kurz, ich sagte, dass wenn sie eine alsbaldige Antwort 
verlangten, ich ablehnen müsste. 



^) [Geiger gab später die letzte Predigt Holdheim's unter dem Titel: „Gott 
suchet" mit einem Vorwort heraiis. Berlin 1861. Oettinger ist der damalige 
Eabbinatsassessor in Berlin.] 



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— 248 — 

95. 
An Zunz und Frau. Breslau, 27. u. 28. Dezember 1860. 

Vielleicht stand ich gerade an der Bahre meiner lieben, un- 
vergesslichen Frau, als Sie, verehrter Freund, so süsse Worte au sie 
richteten; auch ich sprach da zu ihr, ich hatte die Kraft — wofür 
ich unendlich dankbar bin — an ihrer Leiche meinem innersten 
Empfinden Worte zu verleihen, von dem lieben Gesammteindrucke 
ihres Lebens mich durchdringen zu lassen, den guten Kindern das 
Andenken fester einzuprägen. Wie gerne hätte ich ihr Ihre freund- 
lichen Worte noch mitgetheilt ! Sie waren ihr immer solch ein Labsal. 
Es hatte ihr Gott das schöne Glück gegeben, ein so innig wohl- 
woUeüdes Herz zu haben und dadurch auch das volle Wohlwollen 
Aller zu besitzen und sich wieder daran zu erquicken. Es war doch 
schön, dass sie noch in ihrer Leidenszeit und trotz dieser so freund- 
liche Monate in Berlin zugebracht und dort so liebe Seelen sich ge- 
wonnen hat Freilich, ihr reines Herz durchstrahlte Alles und sie 
genoss dann den lieblichen Anblick des von ihr so heiter Bestrahlten. 
Aber wie innig schloss sie Ihnen sich an und wie freute sie sich, 
von Ihnen so anerkannt zu werden; sie war so harmlos und be- 
scheiden, dass sie die Tiefe ihres Wesens gar nicht ergründete, und 
wenn man, davon ergriffen, sie . ehrte, da ward sie wahrhaft demüthig 
gesinnt. Ich weiss es, auch Sie, liebe Freundin, betrachten es als 
einen Lebensgewinn, eine so schöne Seele erkannt und sich ihr an- 
geschlossen zu haben; sie war Ihnen früher doch fremd, nicht in 
Briefen erschloss sich ihr volles Inneres, man musste sie in ihrer 
Ganzheit, Unmittelbarkeit sehen, hören, sie in ihrem einfachen Wirken 
betrachten, um sie ganz zu erkennen, aber da erkannte man sie auch 
alsbald. Und so will auch ich, dem sie mit voller Liebe und Treue 
angehörte, mir das schöne, erquickende Bild, das kein Schmerz ent- 
stellen konnte, dem die Verzerrungen des letzten Bingens erspart 
wurden — sie entschlief so sanft — recht voll bewahren und mich 
daran erquicken. Ich habe sie, wenn ich auch nicht ihr AUes mit- 
theilen, sie nicht mit Liebe umgeben kann, ich habe sie doch in 
ihrer schönsten Gestalt, und so mag sie mich durch's Leben begleiten 
und ihr Andenken mich veredeln. Ich weiss, sie erfreut sich daran, 
wenn ich weiter voll dem Leben angehöre, der Sorgfalt für unsere 
Kinder, dem Amte und der Wissenschaft, und ich fühle* auch dazu 
die Kraft in mir. 



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~ 249 - 

Sie ersehen aus dem Obigen, meine lieben Freunde, wie es mir 
Bedürfniss war, mich mit Ihnen auszusprechen, noch bevor ich das 
Wort der Theilnahme von Ihnen vernommen hatte; ich war von dieser 
überzeugt, wenn mir auch jenes fehlte. Und nun es gekommen, freue 
ich mich, dass ich geschrieben, und freue mich, dass die Zeilen noch 
nicht abgegangen sind. Es thut mir so wohl, durch liebe Worte 
mich immer wieder nur mit ihr zu beschäftigen; dass es mir so 
wohl thut, ist freilich zugleich ein tiefer Schmerz, aber es ist eine 
80 erquickende Efinnerung. Dieses harmonische, beglückte Wesen 
macht mich in der Wehmuth gar froh, und das Bewusstsein, dass 
sie so erfüllt war, auch von mir erfüllt war. Wenn ich in der 
letzten Schmerzenszeit, die sie zwar mit heiterem Sinne, nicht hoff- 
nungslos verlebte, zu ihr hereintrat, da sprach sie immer so warm 
und einfach: „Ja, bleibe ein Weilchen bei mir, das sind ja die Licht- 
blicke in meinem Leben!" Wie sie ein jedes Liebeszeichen so herzlich 
erquickt von mir aufnahm, eine jede Pflege, die ich ihr persönlich 
angedeihen lassen konnte, so tief empfand! und so wiederhole ich 
mir so gern jedes Einzelne, wiederhole auch so gern zu meinem Trost, 
wie ich in den zwanzig Jahren, die uns Gott zusammen geschenkt, mich 
bemüht habe, ihr Leben freundlich zu gestalten, und wie sie mehr 
dadurch, ein solch' „goldenes Engelchen* — wie sie sich in ihrer kind- 
lichen Naivetät ausdrückte — zum Manne zu haben, als durch irgend 
Etwas so wahrhaft glücklich war. Ja, sie war glücklich, und so will 
ich nicht selbstsuchtig sein, sondern es für gut finden, dass ihr Glück 
nicht durch die Verheerungen jener schrecklichen Krankheit getrübt 
worden. In dieses reine Gemüth Tropfen der Wermuth, der Un- 
zufriedenheit mit sich und der Welt geträufelt — wäre ärger als 
der Tod gewesen! Nun halten wir sie fest in ihrer Reinheit, in 
ihrem keinen Augenblick getrübten Wohlwollen. Noch am letzten 
Morgen küsste sie die Kinder, als sie zur Schule gingen, sie sahen 
sie dann nur noch als Leiche, aber auch da sah sie so ruhig, so 
verklärt aus, dass ich ihr nur, wie ich dies in der letzten Zeit that, 
den Kopf höher legen mochte. 

Meine guten Kinder bemühen sich sichtlich, mir durch ihre 
Zärtlichkeit die Härte der Lage zu erleichtern^ und es gelingt ihnen. 
Das Leben, das um mich so sehr wogt — schon drei Mal bin ich 
zu halben Stunden an diesem Briefe gestört worden — , thut das 
Seinige, und die eigene Kraft muss das Beste thun. Die Liebe guter 
Menschen, die Herzlichkeit Mitfühlender ist ein köstlicher Balsam, 



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— 250 — 

den haben auch Sie mir gereicht, und dafür meinen besten, 
vollsten Dank! 

Wenn ich Sie hier hätte! Ich bin nun noch mehr an's Haua 
geknüpft als^ ehedem, aber es kommt ja ein Sommer, wo Andere 
reisen können, und wer weiss, vielleicht fassen Sie dann einen Ent- 
schluss, der mir so wohl thäte, und mein Haus sollte Ihnen, wenn 
es auch seines edelsten Schmuckes beraubt ist, traulich erscheinen! 



96. 
An Zunz. Breslau, 4. April 1861. 

Die Innigkeit Ihrer Worte lässt mich immer daran vergessen, 
dass ich so lange darauf warten musste; wohl ist das schriftliche 
Wort ein schwacher Ersatz für den persönlichen Verkehr, und dennoch 
thut es so wohl, wenn es die Fülle wahren Wohlwollens offenbart. 
Und so wie dieses erfreut mich auch aus den Briefen zu ersehen, 
dass meine eigene Qemüthsverfassung mir sichere Bürgschaften für 
die Zukunft bietet. Ich bin sehr dankbar für die Kraft, welche mir 
gestattet, in der bisherigen häuslichen, amtlichen und Wissenschaft" 
liehen Thätigkeit Lebensnahrung zu finden, wenn mich auch Alles 
an meine liebe Frau erinnert. Dazu kommt, dass mir meine Frau 
Dienstboten hinterlassen hat, die ebenso die wackere Gesinnung, wie 
das Geschick haben, Alles in derselben Weise fortzuführen wie zur 
Zeit, da ihre Sorgfalt Alles überwachte; es ist kein neues Element 
in mein Haus getreten. Meine Schwägerin aus Bielefeld war am 
Ende des vorigen und am Anfange dieses Jahres etwa vierzehn Tage 
hier, es war mir dies für die Kinder, die der Verwandtenliebe so 
ganz entbehren, sehr entzückend, und die gute Frau, die ebenso eine 
gemüthliche wie leibliche Schwester meiner Frau ist, hat sich so in 
die Kinder eingelebt und auf diese einen so tiefen Eindruck: hinter- 
lassen, dass ich diesen Besuch sehr hoch anschlage. Sie fand Alles 
zu ihrer vollsten, alle Erwartungen übertreffenden Zufriedenheit; 
freilich vermisste sie umsomehr die Freude meiner Frau daran. 



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— 251 — 

97. 

An Wechsler* Breslau, 8. April 1861. 

.... Ist es übrigens nicht ein wahrer Hohn auf unsere ganze 
Entwickelung, dass die Beformgemeinde in Berlin Keinen findet, 
der für sie passt, dass es keinen jungen, geistbegabten, freiheits- 
lustigen Theologen giebt, dem sie mit aller Lust sich zu eigen gäbe? 
Mich quälen sie furchtbar; Anfangs vorigen Monats schrieb mir 
Berthold Auerbach in deren Auftrage, Pessach war Bernstein 
(Rebenstein) lediglich in dieser Angelegenheit zwei Tage hier — natürlich 
weiss Niemand davon. Allein hat man den Sprung nicht im Alter von 
36 Jahren gemacht [s. oben S. 117, 188 fg.], so macht man ihn noch 
weniger, wenn man bald 51 ist. Würde ich mir ja eine Berufung 
nach Berlin schlechtweg auch gegenwärtig sehr überlegen, wie viel 
mehr eine solche ! Das Beste wäre, sie lösten sich auf und drängten 
mit ihrer ganzen Macht auf die Gesammtgemeinde. Aber dazu 
müssten sie eben eine innere Macht haben, ihre Kraft besteht aber 
bloss oder doch hauptsächlich in ihrer Geschlossenheit. Was ver- 
möchten 400 intelligente und wohlhabende Familien, wenn sie ein- 
müthig und in einem staatlich nicht umzäunten jüdischen Gemein- 
wesen drängen! Aber dieser geistige Drang fehlt; sie möchten mit 
Ehren bleiben, was sie sind, und damit Punctum. Das kommt mir 
vor wie der Ruhm, den man dem Judenthume nachsagt, es wolle 
keine Proselyten machen, oder die Mendelssohn'sche Phrase, das 
Juden thum habe keine Dogmen; ein respectabler Ruhm, der glück- 
licherweise unwahr ist und nur in Bezug auf die Auswüchse, als 
Proselytenmacherei und abgeschlossene Dogmatik, Wahrheit enthält, 
eine Thatsache, die mehr der Geschichte als dem Wesen des Juden- 
thums inhärirt und einer jeden Religion inhäriren würde, wenn sie 
in gleicher Lage wäre. 



98. 
An M. A. Stern. Breslau, 18. September 1861. 

Deine letzten Zeilen trafen mich gerade an dem einen Tage, den 
ich inmitten eines Landaufenthalts mit meiner Familie im Bade Salz- 
brunn hier zubrachte, weil ein Leichenbegängniss, die Predigt für die 



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— 252 — 

Bettung des Königs und eine Trauung meine Anwesenheit am hiesigen 
Orte verlangten. Ungefähr vier Wochen brachte ich in dem dolce 
far niente zu, für das ich noch nicht reif bin, das mir aber erleichtert 
wurde durch einen Gast, den ich statt hier dort aufnahm, den Land- 
rabbiner Wechsler aus Oldenburg, der mir nach mehrmaliger Ein- 
ladung einen Besuch auf drei Wochen machte. Bloss wenige Tage 
nach seiner Abreise blieb ich noch dort, indem ich die Gelegenheit 
gerne wahrnahm, meinen Aufenthalt abzukürzen, um den hiesigen 
üniversitätsfeierlichkeiten, zu denen ich eingeladen war, beizuwohnen, 
und ich freue mich, dieser schönen Feier nicht ferngeblieben zu sein. 
Angenehm war mir auch , den Besuch von B. erbalten zu haben, 
mit dem zwar ein tieferes Eingehen nicht angebahnt worden, doch 
eröffnet auch ein rasches, Vieles bloss berührendes Gespräch Ein- 
blicke. Was ich längst gewusst, bestätigte sich mir. Die christ- 
lichen Gelehrten sind unvermögend, meine Urschrift in ihrem ge- 
schlossenen Zusammenhange zu verstehen, und erscheinen ihnen daher 
die einzelnen, ihnen zugänglicheren Parthien zu kühn hypothetisch. 
Nun, sie müssen immer mehr zur Erkenntniss ihrer Lücken gelangen, 
und ich trage das Meinige dazu bei; doch scheint es, dass das Blatt, 
dem ich bisher drei Artikel übergeben habe, mit der Aufschrift: 
,Das Studium der nachbiblischen Literatur unter den Christen*, und die 
besonders Ewald auf dem Striche haben, den christlichen Gelehrten 
nicht zu Gesichte kommt. Es ist dies die im vierten Jahre von Stein- 
schneider redigirte „hebräische Bibliographie**. Unsere christlichen 
alttestamentlichen Exegeten und Semitisten glauben sich nicht bloss 
mit Sanskrit, sondern auch mit Persisch, Armenisch, Koptisch, 
Türkisch, ausserdem noch mit allen stammelnden südamerikanischen 
und ähnlichen Sprachen beschäftigen zu müssen, und das Resultat 
ist, dass sie es in dem zu ihrem Fache Gehörigen zu Nichts bringen 
und namentlich kein Chaldäisch, kein Samaritanisch und vor Allem 
gar kein Eabbinisch wissen, daher das aberwitzigste Zeug über die 
Thargume, über die Samaritaner zu schwatzen fortfahren und von 
der ganzen späteren Entwickelung mit ihrer so. bedeutsamen Rück- 
wirkung auf die Gestaltung unseres Bibeltextes gar keine Ahnung 
haben, sich aber doch dabei aufs hohe Pferd setzen. 

Ich habe nun ein gut Stück amtliches Leben durchgemacht mit 
Neujahr und Versöhnungstag, und wieder die Erfahrung gemacht, 
dass innere Kraft und Wärme auch dieselbe oder noch erhöhte An- 
ziehungskraft und Wirkungsfähigkeit entwickelt haben. Es würde 



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— 253 — 

mir Freude machen, Dich einmal bei einer solchen Gelegenheit unter 
meinen Zuhörern zu haben; ich thue mir was zu gute darauf, dass 
die ärgsten Heiden hier, Dr. Lot mar aus Prankfurt (in München 
1849), Berthold Auerbach (in Berlin 1860), sich des Eindrucks 
nicht erwehren können. Ich thue mir was zu gute darauf, die frei- 
sinnigste Kritik auf der Kanzel nicht zu verleugnen, ja sie scharf zu 
prononciren und das innerlichste Moment der Beligion überhaupt und 
des Judenthums insbesondere lebendig anzuregen. 

Meines Freundes Wechsler habe ich mich recht erfreut; er ist 
ein Mann von dem biedersten, offensten Charakter, der empfäng- 
lichsten Gesinnungstüchtigkeit, daher auch für alle Forschungen offen, 
ihnen mit Interesse nachgehend, wenn auch nicht selbst Gelehrter. 
Das ist jetzt leider in der jüdischen Theologenwelt eine seltene Er- 
scheinung, und der theologische Nachwuchs ist im Grunde erbärmlich, 
gerade so wie der christliche. 



99. 
An Wechsler. Breslau, Oktober 1861» 

Auch hier wird es nun Ernst mit dem Bau einer Gemeinde- 
Synagoge; aber wie? Vorstand und Kepräsentanten in ihrer be- 
schliessenden Majorität — und der Bau einer Gemeinde -Synagoge 
ist bereits Gemeindebeschluss — fühlen, sie können nicht hinter 
unsere Synagoge zurück, aber die Minorität, die freilich machtlos 
ist, möchte nicht so weit vor. Lassen wir der natürlichen Bewegung 
nur ihre eigene Entwickelung; ich eile nicht, ein jeder Tag erweitert 
und befestigt mein Terrain, das Gebetbuch breitet sich immer weiter 
aus, und die Zeit bleibt doch eine mächtige Bundesgenossin. 

Diese Wahrheit lehrt mich auch die Wissenschaft, zu der ich 
nun übergehen will. Mir ist, als athmete ich freie Bergesluft, wenn 
ich nur an sie denke, viel mehr wenn ich mich mit ihr beschäftige. 
Es ist ein Mitarbeiter angekommen, begrüsse ihn mit echtem, an- 
erkennendem Wohlwollen! Ich dachte mir schon lange, es müsse so 
irgendwo ein unbekanntes Bürschchen leben, das grübelt und sinnt 
und mit einem Male herausplatzt. Ein junges Bürschchen mag nun 
der nicht sein, den ich meine; ich halte ihn für mindestens vierzig 
Jahre alt, jedenfalls aber ist er ein Jüngerer und recht jugendlich 
frisch. Verschaffe Dir sobald wie möglich: „Der biblische Bericht 



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- 254 — 

über die Stiftshütte. Von Dn Julius Popper. Leipzig 1862.* Das 
kleine Buch Var offenbar schon 1857 abgeschlossen, meine ,, Urschrift* 
sowie anderes zu und seit jener Zeit Erschienene ist nur flüchtig und 
nachträglich benutzt, der Verfasser jedenfalls ganz selbständig in 
seinen Untersuchungen und seiner Methode, auch der specielle Gegen- 
stand von mir nicht berührt, dennoch aber in seinen Grundanschauun- 
gen, Gang und Resultaten mit der „Urschrift** aufs Haar überein- 
stimmend. Das Buch ist aus dem innersten Drange, mit dessen 
voller Lebendigkeit und Kühnheit geschrieben, im Bewusstsein seines 
neuen Weges wiederholt sich der Verfasser etwas oft, er kann es den 
Lesern nicht genug einbläuen, ich glaube, ich würde das Ganze auf 
einem Bogen in die „Urschrift** eingefügt haben, allein die Frische 
und die Gluth der Ueberzeugung machen dessen Leetüre dennoch 
interessant. Und am Ende muss ja das Gros selbst der Leser solcher 
Bücher darauf mit dem Kopfe gestossen werden, wenn ihre Auf- 
merksamkeit erregt, es ihnen wiederholt aufs Umständlichste nach- 
gewiesen, wenn ihr Verständniss geweckt werden soll! Also nur zu, 
mein jüngerer Kampfgenosse, bohre den Dickköpfen ein Loch, indem 
Du sie hartnäckig aufstössest, schreie es den Harthörigen recht laut 
und wiederholt zu! — Ich selbst habe auch nicht gefeiert. Ausser 
dem kleinen Aufsatze: „Baal in den hebräischen Eigennamen*", der 
an die Zeitschrift der D. M. G. abgegangen, habe ich einen^ grösseren : 
„Symmachus, der griechische Bibelübersetzer ** — von dem bloss eine 
keimartige Skizze im „Chaluz** niedergelegt ist ~ ausgearbeitet; ich 
habe ihn vergangenen Freitag Hi Igen fei d für seine „Zeitschrift für 
wissenschaftliche Theologie** zugesandt, bin aber bis jetzt noch ohne 
Antwort. Ich habe ihm auch eine Arbeit über Popper angeboten. 



100. 
An Wechsler. Breslau, 7. Januar 1862. 

Nun aber ist es wirklich Zeit, und wenn Dir die Geduld reisst, 
so kann ich es Dir wahrlich nicht verargen. Und dennoch fühle ich 
mich nicht schuldig; ich habe die Wehen einer schweren Geburt 
empfunden, und da ist gerade nicht die Zeit, einen Brief zu beendi- 
gen, den man in aller Behaglichkeit schreiben möchte. Die Geburt 
ist zwar noch nicht vollständig losgelöst, und wenn ich nicht ein so 
schrecklich gewissenhafter Mensch wäre, würde ich wohl noch einige 



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— 255 — 

Zeit warten; aber meine strenge Tugend lässt dies nicht zu. Besser, 
sagt diese, angethan mit der Toga der Stoa und des kategorischen 
Imperativs, besser also, sagt sie. Du leidest Schmerzen, als dass Du 
Deinen guten Wechsler brummen lassest. Und ich folge ihr. Nun 
aber wisse, dass ich schon seit einiger Zeit mit dem Qedanken 
schwanger ging, wieder eine Zeitschrift herauszugeben, doch 
schwebte mir dabei ausschliesslich Urschriftliches, Alt- und Neu- 
halachisches und dergl. vor. Darin bestärkte mich noch die ärger- 
liche Erfahrung, dass mir Hilgenfeld nach vierzehn Tagen meinen 
Aufsatz über Symmachus zurückschickte mit vielen Entschuldigungen 
und dass der einzige Grund sei, weil er, wie er bereits im Vorwort 
zum 1. Bande erklärt habe, nur von evangelischen Verfassern 
Arbeiten aufnehme, weil er sich sonst der Katholiken nicht erwehren 
könne! Aergerlich über diese Engherzigkeit pseudofreisinniger Christ- 
lichkeit also, nahm ich den Gedanken wieder auf; ein Jahrbuch für 
biblische und jüdische Wissenschaft sollte es werden. Ich schrieb 
Anfangs vorigen Monats und Jahres einen Prospectus, der auf hohem 
Kothurn einherschritt; allein es schien denn doch, als sei das gar 
zu enge und könne nur Wenige interessiren. Ich musste mich in 
diesen inneren Vorgängen erst selbst entpuppen; so bedeutsam die 
bibelkritische Frage, die Frage über die Entwickelung aus der Bibel 
in den Thalmudismus ist, so muss sie, wenn sie nicht in selb- 
ständigen Werken auftreten, sondern ein periodisches Organ zu ihrer 
Vertretung schaffen will, doch mehr in Verbindung mit der ganzen 
Zeit treten. So gestaltete sich der Plan um in eine „Zeitschrift 
biblischer und jüdischer Wissenschaft**, und zwar in eine Vierteljahrs- 
schrift, der Prospectus ward umgearbeitet, er ging noch in Schnür- 
stiefeln, aber sein Leib überragte doch nicht die Höhe menschlicher 
Leiber. Doch ich bin noch frisch genug, dass, wenn ich an ein 
periodisches Organ gehen will, ich mir nicht den Blick verengen 
kann auf ein begrenztes wissenschaftliches Gebiet, ich stehe in den 
Wogen der Zeit und ich muss nach rechts und links schauen und 
frisch mitarbeiten. So ist denn endlich daraus eine „Jüdische Zeit- 
schrift für Wissenschaft und Leben* geworden, vorläufig eine Viertel- 
jahrsschrift, was sie wohl auch bleiben wird, vorläufig das Heft zu 
fünf Bogen, was sich wohl künftig erweitern wird; die Ankündigung 
ist abermals umgearbeitet, schlichter, allgemeiner, wenn ich auch 
auf sie keinen besonderen Werth lege. Aber die Arbeiten sind 
mannigfaltig, und neben ernsten wissenschaftlichen Arbeiten auch 



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— 256 — 

frische, unmittelbar eingreifende. Noch stecke ich aber in der Mitte, 
die Arbeiten sind noch nicht alle auf dem Papier, noch nicht alle 
gefeilt, die Vorbereitungen mit Verleger und dergl. sind noch nicht 
alle getroffen, und so bleibt allerdings noch die Unruhe, welche mich 
zu keinem Briefe kommen liess, wenn nicht meine Zögerung theils 
durch meine oben erwähnte strenge Tugendhaftigkeit, theils durch 
Drängen von anderer Seite doch als unthunlich hätte aufgegeben 
werden müssen. ' 



101. 
An M. A. Stern. Breslau, 12. Februar 1862. 

Nun bin ich freilich sehr begierig auf die Aufuahme, welche 
die Zeitschrift finden wird ; frisch wird sie sein und zugleich wissen- 
schaftlich, und ich denke mir, sie wird anregen. Doch warten wir 
es ab! Die Zeit scheint mir allerdings noch nicht recht günstig zu 
sein, der Druck ist noch von den Geistern nicht gewichen, ein fröh- 
liches Aufstreben ist nirgends vorhanden, die Freiesten fühlen sich 
in einer Lage, die sie nicht fruchtbar zu gestalten wissen. Soeben 
erhalte ich bereits zwei Zuschriften in Folge meiner „Ankündigung" 
von Berthold Auerbach und Dr. Ritter in Berlin; es ist mir 
jedenfalls lieb, daraus zu ersehen, dass die Thatsache eine freudige 
Ueberraschung erregt. Schon im ersten Hefte werde ich übrigens 
Gelegenheit haben, mehrfach meine Stellung zum Christenthum, und 
zwar nicht bloss zu seiner zeitlichen Erscheinung, anzudeuten .... 

Ich bin unterdessen mit Frau Prof. Valentin in einen Brief- 
verkehr getreten, der mir wohl den Maassstab verleiht, inwieweit 
das, was mich innerlich beschäftigt, einer geistvollen Frau verständlich 
gemacht werden kann, also wie weit es in die allgemeinen geistigen 
Interessen der Zeil eingreift. Sie hatte mir am Anfange vorigen 
Jahres, als sie von dem tiefen Schmerze, der mich betroffen, erfuhr, 
innig und einsichtig geschrieben, ich hatte ihr wie ein Freund der 
Freundin geantwortet, fast wunderte es mich, seitdem Nichts von ihr 
zu hören, da ich mir die Beziehung als eine dauernde gedacht hatte, 
wenn ich es auch nicht besonders ausgesprochen. Da erhielt ich vor 
einiger Zeit, auf Veranlassung des „Mohammed* von Prof. Sprenger 
in Bern, einen sehr schönen Brief von ihr, den ich warm und rasch 
beantwortete, und der sie zu einer schleunigen und innigen Ent- 



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— 257 — 

gegnung antrieb, und darauf folgte ein Brief von Sprenger. Auf 
diese Weise sehe ich vielleicht noch die Schweiz, denn bei mir muss 
die Natur erst das rechte Leben durch Menschen erhalten, 

Bertheau's „Esra, Nehemia und Esther** sind mir noch nicht 
z|;igekommen. Ueberhaupt fehlt es noch immer am rechten Leben, 
und es ist mir eine erfreuliche Erscheinung, dass in Frankreich eine 
kleine Schule recht energisch die historische Kritik auf dem religiösen 
Gebiete vertritt und dort auf dem allerungünstigsten Felde für eine 
solche Richtung sich Beachtung erzwingt; dies beweisen mir mehrere 
Artikel in der „Revue des deux mondes.** Ein wahrer Jammer ist, 
dass so viele Pfuscher und Ignoranten sich auf diesem Gebiete breit 
machen. Da ist ein gewisser Heidenheim, der eine „Deutsche 
Vierteljahrsschrift für englische theologische Forschung" herausgiebt, 
so ein recht unwissender polnischer Jude, da ist der „ Seminarlehrer ** 
Grätz, ein Schwindler und Charlatan von der ersten Sorte, und bei 
der geringen Anzahl von Arbeitern und Kennern weiss das Publikum 
zu keinem begründeten ürtheile zu gelangen. Da ist es dann ein 
misslich Geschäft, das zu Missdeutungen fuhrt, überall die Blossen 
aufweisen zu müssen. 



102. 
An Wechsler. Breslau, 3. September 1862. 

Ich bin von meiner Reise zurück ! Sie war ungemein erfrischend, 
wenn sie auch gerade nicht viel oder richtiger gar keine wissenschaft- 
liche Ausbeute bot. Du sollst ordentlichen Bericht erhalten. Am 
13. Juli Abends fuhr ich mit meinen beiden Mädchen direct, d. h. 
über Berlin, ohne mich dort aufzuhalten, nach Bielefeld, wo ich 
meine Mädchen absetzte, selbst anderthalb Tage verweilte und nach 
Bonn zu meinen Schwägern ging. Dort blieb ich einen Tag, ver- 
kehrte auch mit Philipp son und — schloss mit ihm über meinen 
„Gabirol'' ab. Das noch neben der Zeitschrift! Von dort ging ich 
nach Frankfurt, wo ich das Schützenfest noch in voller Blüthe fand, 
ausser meiner Familie, die mich mit vollster Herzlichkeit umgab, 
und alten Freunden — Lotmar, Ellissen, Jakob Auerbach, 
Weil u. A. — auch Berthold Auerbach und Riesser fand, auch 
Kirchheim fehlte nicht. In Bonn schon hatte ich gehört, dass 
Stein seine Vorbereitungspredigt zum Abschied gehalten und dass 

Geiger, Schriften. V. 2y 



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— 258 — 

der unerquickliche Streit ein noch unerquickliches Ende finde. Das 
war mir, schon bevor ich nach Frankfurt kam, höchst widerwärtig, 
umsomehr als ich dort weilte. Kein Mensch dort giebt Stein Becht, 
wie er sich denn überhaupt nicht in angemessener Weise benahm; 
die Art, wie er meine Worte — und zwar nicht genau — indiscret 
in dem Anhange zu jener in den Druck gegebenen Predigt ver- 
öffentlicht, passt zu seinem ganzen Verfahren. Nun ward mir der 
Kopf darüber von allen Seiten vollgeschwatzt, die unzartesten Zu- 
muthungen wurden mir von allen Seiten gemacht, gleich dort zu 
bleiben, während Einige in mir den Vermittler sehen wollten, nach- 
dem die Sachen so auf die Spitze getrieben waren. Ich suchte 
möglichst fern zu bleiben, ging mit Stein nicht minder als mit den 
ihm Entgegenstehenden freundschaftlich um und überliess ihnen, ihre 
Streitigkeiten selbst zu schlichten. Es war, meiner Ueberzeugung 
nach. Nichts mehr zu thun. 

In Frankfurt traf ich auch Wagner aus Mannheim [ob. S. 99]. 
Er war ganz der alte ehrliche Mensch, mit redlichem Eifer. Die 
Mannheimer Verhältnisse^) waren durch Rücksichten auf Stein noch 
unklarer geworden, und so musste ich auch hier, um nicht an-* 
zustossen, ziemlich ohne absichtliche Einwirkung bleiben. Von 
Frankfurt ging ich nach Karlsruhe zum Besuche meiner dort ver- 
heiratheten Schwester, von dort nach Baden-Baden, und nun 
rückte ich endlich nach der Schweiz vor« Zuerst nach Basel, 
das ich nach kurzem Aufenthalte — Stähelin war abwesend — 
verliess und nach Bern ging. Dies war der eigentliche Zielpunkt, 
um das Bemer Oberland von da aus zu besuchen. Der Besuch 
des Professors Valentin oder vielmehr seiner Frau, einer der 
interessantesten Frauen, die ich wenigstens kennen gelernt, und mit 
der ich auf seltsame Weise zu einem Briefwechsel gekommen, war 
bei diesem ganzen Ausfluge nach der Schweiz nicht die geringste 
Veranlassung. Dieser Aufenthalt in Bern, im Berner Oberlande, mit 
Interlaken als Mittelpunkt, wo ich mitProf.Lazarus, ProtSprenger, 
' in Zürich mit dem Historiker Bü ding er viel verkehrte, ist ein Licht- 
punkt, der seine Strahlen auf die ganze Eeise warf. Natur und Ver- 
kehr mit gebildeten und mich mit dem zuvorkommendsten Wohl- 
wollen behandelnden Menschen vereinigten sich, um mich ganz aus 
mir heraus zu heben. An Sprenger habe ich einen ebenso vorurtheils- 

^) [Es handelte sich um die SteUe eines Rabbiners in Mannheim, zu der W. 
durch G. empfohlen zu werden wünsdite.] 



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— 259 — 

freien, wie geistvollen Mann gefunden und zugleich fast einen Ver- 
ehrer; schade, dass er lediglich Arabist und nicht Bibelkritiker ist. 

Von Zürich ging ich nach Heidelberg, wo ich mit den Pro- 
fessoren Weil und Hitzig umging. Hitzig hat sich auf eine überaus 
zuvorkommende Weise gegen mich benommen ; meine Zeitschrift hatte 
er natürlich — denn wie sollte ein christlicher Professor von einer • 
jüdischen Zeitschrift, die diesen Titel an der Stirn trägt, wissen? — 
nicht gekannt. Von Weil, den ich nach den Mannheimer Verhältnissen 
gefragt, erfuhr ich, dass Dr. Ladenburg aus M. einen Sommer- 
aufenthalt in Heidelberg genommen, und bei einem Besuche, den ich 
ihm machte, erkannte ich die Unklarheit der Situation, von der 
ich oben gesprochen. Eine Beise nach Mannheim hielt ich unter 
solchen Umständen nicht für angemessen. — Von Heidelberg kehrte 
ich nochmals nach Frankfurt zurück, wo ich noch der Abschiedsrede 
Stein 's beiwohnen musste. Dort wieder derselbe Verkehr, ausserdem 
Landsberger und Frau aus Darmstadt, die wegen meiner auf einen 
Tag herübergekommen waren, „mein Freund •* Carmoly u. s. w. In 
Göttingen, wohin ich nun meine Schritte wandte, fand ich meinen 
alten Freund Stern, den ich seit etwa 20 Jahren nicht gesehen, in alter 
Weise, und verkehrte mit Bertheau, Benfey undNöldeke ganz 
traulich. Ewald war abwesend, was mir angenehm war, da ich 
durch einen Nichtbesuch keine Demonstration zu machen brauchte, 
und nun nach Hannover, wohin mir meine Schwägerin meine Kinder 
entgegenbrachte. Der Verkehr mit Frensdor ff, Meyer und Wiener 
war durchaus angenehm. Von dort endlich ging es ohne Aufenthalt 
hierher, wo ich meine Jungen, die eine Fussreise in das Glatzer Ge- 
birge gemacht hatten, wohl und munter antraf. 

Wie ich bereits gesagt, hatte meine Reise keine wissenschaft- 
lichen und theologischen Zwecke und ebensowenig derartige Resultate ; 
dennoch ist sie auch in dieser Beziehung nicht ganz unfruchtbar 
gewesen. Bei christlichen Gelehrten fand ich doch, dass sie zwar 
noch Ignoranten sind in dem, was jüdische Gelehrte schaffen, aber 
^s doch nicht vornehm ignoriren wollen. Bei den Juden sah ich, 
dass meine Kühnheit auch den Zähesten imponirt, sie traten mir Alle 
mit grosser Achtung entgegen, Frensdor ff mit einer Herzlichkeit, 
wie sie dem treuesten Gesinnungsgenossen gegenüber nicht mehr sich 
entfalten könnte. Alle haben vor meiner Zeitschrift einen grossen 
Kespect, d. h. soweit sie sie lesen. Denn allerdings die Erbärmlichkeit 
der Theologen und der religiösen Zustände nahm ich wieder wahr, 

17* 



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— 260 — 

ohne dass sie mich freilich überraschte. Gar Viele hatten noch 
Nichts davon gesehen, und das ganze unwissenschaftliche, roh- 
praktische Treiben, ohne allen Sinn für höhere Erkenntniss, trat mir 
wieder so recht ekelerregend vor die Augen. 

Lassen wir diese Erbärmlichkeit! Unterdessen hast Du mein 
3. Heft erhalten, und ich denke, „die Rabbiner der Gegenwart* [J. Z. 
I, 165—174] werden Dir besser gefallen haben als die Rabbiner der 
Gegenwart. Ich bitte, schreibe mir etwas darüber! Lobe mich doch 
einmal! 



103. 
An Wechsler. Breslau, 12. December 1862. 

Meine Zeitschrift wird fortgesetzt. Ist auch vorläufig die Zahl 
der Abonnenten noch nicht gross, so vermehrt sie sich doch von 
Woche zu Woche, indem jede Woche neue Bestellungen bringt. Auch 
Popper schrieb mir neulich — endlich nach langer Pause — und 
zwar aus Berlin, sie fände dort in allen Kreisen, und zwar auch in 
christlichen, viele Anerkennung. Mein Aufsatz über Neubauer 's 
Arbeit im , Journal asiatique** [J. Z. I, 288—299] hat auch diesen 
veranlasst, sich mit mir in Verbindung zu setzen und mir Anerbie- 
tungen für meine Zeitschrift zu machen, sowie auch .Popper dieselben 
wiederholte. — Unterdessen ist nun auch G. Salomon gestorben; 
freilich war er es geistig schon, doch verdient sein Andenken er- 
halten und seine Wirksamkeit gewürdigt zu werden. Ich habe Frank- 
furter m Hamburg darum für meine Zeitschrift ersucht, wie ich 
auch Steinberg in Münster um eine kurze Charakteristik Hain- 
dorf *s angegangen. Wir wollen sehen, ob sich die Herren dazu ver- 
stehen [J. Z. n, 1-11, 125-129]. 

Von grosser Pedeutung war mir ein Aufsatz in der Prot. K.-Ztg. 
No. 44 (1. November): „Die Resultate der jüdischen Forschung über 
Pharisäer und Sadducäer'^, der sich ganz auf meinen Standpunkt 
stellt. Du wirst ihn wohl bereits gelesen haben, wo nicht, mache 
ich Dich darauf aufmerksam. -Das ist ein eingehendes Wort von 
christlicher Seite, das von grossem Werthe ist; man wird nun dort 
ernster sich nach meinen Forschungen umsehen, und dieser Gegen- 
stand ist für die neueren christlichen wissenschaftlichen Richtungen 
von solcher Bedeutung, dass eine fruchtbare Debatte nicht ausbleiben 



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— 261 — 

kann. Auch ich nehme den Gegenstand alsbald für das nächste 
Heft, dessen Druck nun beginnen soll, wieder auf; ich halte diesen 
Aufsatz für wichtig. 



104. 
An Kabb. Stein in Frankfurt. Breslau, 7. Januar 1863. 

Es dürfte Dir nicht unbekannt sein, dass der Vorstand und Aus- 
flchuss der dortigen Gemeinde in seiner der Wiederbesetzung des 
Eabbinats gewidmeten Schlusssitzung des vorigen Jahres der zur 
Vorbereitung dieser Angelegenheit eingesetzten Commission den Auf- 
trag ertheilt hat, wegen Uebernahme desselben mit mir in Unter- 
handlung zu treten. Dieselbe hat sich in einem Schreiben vom 4. d., 
das gestern in meine Hände gelangt ist, an mich mit dem Antrage 
gewandt. In ihrem Schreiben sagt sie unter Anderem: „Der in dem 
Eegulativ vom Jahre 1839 enthaltenen Organisation unserer Gemeinde 
gemäss kann die Anstellung des Rabbiners nur auf Grund einer 
Instruction erfolgen. Wir legen Ihnen eine Abschrift derselben bei . . . 
Bei §. 10 derselben ist zu bemerken, dass die darin enthaltene Vor- 
schrift nur von demjenigen Theil der Predigt bei ausserordentlichen . 
Anlässen zu verstehen ist, in welchem im Namen der Gemeinde- 
behörden gesprochen wird, nicht von dem rein homiletischen Theil 
derselben." 

Nachdem ich nun officiell von dem Texte und der Interpretation 
der Instruction unterrichtet bin, kann ich nicht anders als mit voller 
Bestimmtheit erklären, dass in der Instruction wohl vielleicht manches 
Veraltete, manches üeberflüssige, weil sich von selbst verstehende, ent- 
halten sein mag, jedoch durchaus Nichts, was die Würde 
des Amtes, die Ehre und die moralische Wirksamkeit des 
mit dem Amte Beauftragten beeinträchtigen könnte. Von 
dieser üeberzeugung durchdrungen, halte ich es für meine Pflicht, 
zu der mich bloss mein Gewissen und alte coUegialische 
Freundschaft antreibt, sowie der Wunsch, eine Kraft, die ich 
achte, einem entsprechenden* Wirkungskreise zu erhalten, Dich hier- 
mit nochmals dringendst zu ersuchen, Deinen Widerspruch gegen 
die Instruction aufzugeben. Es wird mir zur wahren Freude ge- 
reichen, dass Du einen solchen Entschluss gefasst, dem Vorstande 



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— 262 — 

inittheilen und Deine ehrenvolle Wiedereinsetzung in das Amt ver- 
mitteln zu können. 

Ich beschränke mich auf diese kurzen Worte; ich habe in einem 
früheren Schreiben zu einer Zeit, als ich die Tragweite der Instruction 
und namentlich des einen Paragraphen für bedenklicher halten musste, 
Dir schon die verschiedenen Erwägungen vorgeführt [vgl. oben S. 258], 
die Dich, meiner Ueberzeugung nach, zum Entschlüsse führen müssten, 
den Widerspruch aufzugeben. Heute habe ich diesen Erwägungen 
Nichts hinzuzufügen, als nur meine ueberzeugung, dass die Instruction 
durchaus harmlos ist. Es kann, wie mich dünkt, Deine persönliche 
Ehre nicht verletzen, wenn Du aussprichst:, das ürtheil eines Amts-^ 
genossen, der die Würde des Amtes und seines Trägers ebenso hoch 
achtet wie ich, bestimmt mich, von meinem früheren Entschlüsse 
abzugehen. 

Jedenfalls bitte ich Dich, in obigem Schreiben nichts Anderes 
als den Ausdruck der angegebenen Motive zu erblicken, und sehe 
baldigst Deiner Antwort entgegen. 

Mit Begrüssung der lieben Deinigen 

Dein treuer 
Geiger. 

105. 
Stein an Geiger. Frankfurt, 12. Januar 1863. 

Empfange meinen Dank für Deine Zuschrift vom 7., empfangen am 9. d. M. 
Allerdings war es mir bekannt, dass die hiesige Gemeindeverwaltung, nachdem 
die Verhandlungen mit Dr. Meisel inPesth durch dessen entschiedenes Ablehnen 
gescheitert waren, sich an Dich um üebemahme der Stelle gewendet habe. Meiner- 
seits aberThabe ich, der ich Deinen intacten Charakter kenne, keinen Augenblick 
gezweifelt, dass auch Du, ein Mann, der sich in so schöner Position befindet, gewiss 
auch ablehnen und nicht durch Annahme der hiesigen Stelle die sonst immer noch 
vorhandene Möglichkeit der Wiederanstellung „eines alten collegialischen Freundes* 
zur Unmöglichkeit machen werdest — In Beziehung auf Deine geehrte Zuschrift, 
kann ich Dir daher , gewiss zu Deiner aufrichtigen Freude, mittheilen, dass sich 
hier, zu dem letztgenannten Zwecke, ein neues Comit4 gebildet, welches energisch 
vorangehen und in einer Adresse an den Vorstand, auf Grundlagen, die für beide 
Theile billig und annehmbar sind, meine Wiederanstellung beantragen. Diese Adresse 
ist bereits mit nahe an 300 Unterschriften bedeckt und wird, wie wir hoffen, wenn 
unterdessen kein anderer Rabbiner die SteUe annimmt oder dem Vorstände Zusagen 
macht, gewiss zu einem günstigen Resultate fahren. 

Unter l^egrüssung der lieben Deinigen 

Dein treuer 
Stein. 



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— 263 - 

106. 
An M. A. Stern. Breslau, 25. Januar 1863. 

Unterdessen ist eine Frau gestorben, mit der ich am 

liebsten die Angelegenheit besprochen, der ich so gerne treuen Be- 
richt darüber gegeben, deren von Verstand strahlendes Wort ich so 
gerne darüber vernommen hätte! Ich habe sie in dem schlimmsten 
Jahre ihres Lebens nur gekannt, und was war sie mir da dennoch! 
Sie war eigenthümlich, aber zu wem sie sich hinneigte, der hatte 
viel an ihr. Sie ist auch mir entrissen! So vereinsamt man immer 
mehr; dennoch vorwärts! Man identificirt sich immer mehr mit der 
Aufgabe, die man sich gestellt. Aber vergessen werde ich die 
Valentin nicht. 

Ich muss heute Abend — und das ist es bereits — noch zu 
einer Hochzeit, ein Privilegium meiner Eeligionsschülerinnen. Ich 
unterrichte nämlich weder nach dem kleinen Catechismo Lutheri, 
noch nach dem neuen Königlich Weifischen Catechismus, auch nicht 
nach einem Bismarckisch feudalen oberkirchenräthlichen, ich spreche 
nicht katzenfüsslich, nicht krummbuckelig, nicht augenverdreherisch, 
kurz ich gehöre nicht zum Geschraeisse, ich bin ein Pharisäer und 
sage: ich danke Gott, dass er mich nicht werden Hess wie diese 
Zöllner, und da protestirt nicht meine Gemeinde gegen mich, und 
die armen Kinder haben heisse Thränen vergossen, als sie hörten, 
ich wolle von hier weggehen. Solche Thränen möchten gar manche 
Königlich Weifische Pastoren sehen, sie werden jedoch bloss geweint, 
weil sie bleiben. 

107. 
An M. A. Stern. Breslau, 17. Juni 1863. 

Gabriel Eiesser ist dahin! [gest. 22. April, vgl. J. Z. II, 
129 — 137.] Ob uns das gegenwärtige Geschlecht eine solche edle, 
allgemeine, humane und dennoch oder gerade deshalb so specifisch 
jüdische Gestalt wiederbringen wird? Bin ich wirklich alt und des- 
halb ein laudator temporis acti oder verhält es sich wirklich so? Ich 
schaue keine jüngere Kraft, die sich mit Tüchtigkeit und Hochherzig- 
keit hervorthäte. Wenn es mir gelänge, in Prankfurt ein rabbinisches 
Seminar nach meinem Sinne zu errichten! Und das ist doch der 
tiefste Beweggrund meiner Uebersiedelung, und dazu, Bester, musst 
auch Du Deine Hülfe mir leisten! 



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— 264 — 

107. 
Dr. S. Meyer an Geiger. Breslau, Juli 1863. 

Abschiedsgruss. 

Die Heimath ruft zurück den theuren Sohn — 
Wer könnte widerstehn dem mächtigen Ton, 
Der süssverlockend in die Seele dringt, 
Den Fuss, den zögernden, zu folgen zwingt? 
Wem drang's nicht einmal in die Seele tief, 
Wenn ihn der Mutter traute Stimme rief? 
Sie ruft im Herzen wach der Kindheit Glück, 
Sie führt ihn an das Mutterherz zurück, 
Dass er noch einmal in dem heiFgen Raum 
Geniessen mög' der Jugend goldnen Traum; 
Die Mutter hat sich nicht des Kinds zu schämen 
Und will den grossen Sohn zurück sich nehmen. 

Und doch — auch diese Flur, die Statte hier, 

Sie ist nicht minder eine Heimath Dir, 

Ja, diese Stätte, wo mit reicher Thal 

Der reife Mann gepflanzt die Segenssaat, 

Wo er gewirkt in voller Manneskraft 

Und reiche Geistesemdten heimgeschafift, 

Wo er gekämpft hat und wo er gelitten, 

Wo er für Licht und Wahrheit lang gestritten. 

Wo er das Beste, Höchste hat erstrebt. 

Wo er des Lebens Blüthe hat gelebt, 

Ja, diese Stadt — wer mag ihr Recht verkennen? — 

Sie darf wohl auch sich Deine Heimath nennen. 

Und zieht Dich auch die ältre Heimath fort. 
Du scheidest nicht von hier, aus diesem Ort, 
Du bist mit diesem Räume eng verbunden 
Durch tausend sel'ge und durch trübe Stunden. 
Und wirkst Du auch fortan fernab im Lande, 
^ Dennoch gehörst Du uns durch tausend Bande. 

Hier hast Du dreiundzwanzig Jahr' durchmessen. 
Wer könnte Dein, Du kannst uns nicht vergessen. 
Mögst Du in Deinen heimischen Bezirken 
Wie hier so reich, so segenbringend wirken, 
Doch zwischen uns kein Scheiden sei, kein Trennen! 
Wir werden ewig Dich den Unsern nennen! 



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Vierter Abschnitt. 



Frankfurt und Berlin. 

1863—1874. 



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In seinem Frankfurter Aufenthalt fand Geiger nicht das, was 
er zu erwarten sich berechtigt geglaubt, weder eine erweiterte- amt- 
lich-praktische Wirksamkeit, noch die Errichtung einer jüdisch-theo- 
logischen Fakultät. An Anstrengungen, Beides zu erlangen, Hess 
er es nicht fehlen. Er predigte fast allsabbathlich , hielt an den 
Sabbathnachmittagen seine Perekvorträge , richtete einen Keligions- 
unterrichtscursus ein, bei dessen Beendigung er die Schüler und 
Schülerinnen confirmirte, aber soviel achtungsvolle Theilnahrae, soviel 
äussere Anerkennung er fand, so vermisste er doch die begeisterten 
Mitkämpfer vergangener Tage oft schwer genug. Statt der lärmenden 
Kämpfe, in denen sich doch soviel wohlthuende Ergebenheit gezeigt 
hatte, fand er nun zwar vollkommenen Frieden, so dass er weder mit 
S. K. Hirsch, dem Rabbiner der Orthodoxen, noch mit Stein, der 
sich bald an die Spitze einer kleinen Gemeinde stellte, jemals in die 
geringste feindselige Berührung kam, aber auch bei seinen Anhängern 
bemerkte er, mit nicht zu zahlreichen Ausnahmen tbätiger und stets 
eifervoller Getreuer, meist wohlmeinende Zurückhaltung und eine nur 
schwach verhüllte Lauheit. Auch in den Versuchen, nach Aussen 
hin praktisch thätig zu sein , hatte er wenig Erfolg. Wohl gelang 
es ihm, auf einer auch von manchen auswärtigen Freunden und 
Gesinnungsgenossen besuchten Versammlung (12. Juli 1865) einen 
„Verein für jüdische Angelegenheiten" in's £eben zu rufen, aber 
dieser gelangte theils in Folge seiner mangelhaften Organisation, theils 
in Folge der bald eintretenden politischen Verwickelungen zu keiner 
gedeihlichen Wirksamkeit.. Wie dieser Plan, so blieb auch Geiger's 
Lieblingswunsch zur Errichtung einer jüdisch-theologischen Fakultät 
mitzuwirken, unerfüllt. Zwar versuchte er, das damals auftretende 
Gerücht, dass die Universitäten von Marburg und Giessen aufgehoben 
und zu einer Lehranstalt in Frankfurt vereinigt werden sollten, für 
seinen Plan auszubeuten und die städtischen Behörden für seine Idee 
zu interessiren, stellte, bald nach der preussischen Okkupation Frank- 
furts dem Civilgouverneur Herrn v. Patow vor, dass das wirksamste 



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— 268 — 

Mittel zur Beruhigung Frankfurts die Errichtung einer Universität 
sei, versuchte, nachdem er auch mit dieser Ansicht nicht durchge- 
drungen war, die Familie Kothschildzur Errichtung einer jüdischen 
Anstalt zu veranlassen [ob. Bd. I, S. 433], sah aber auch hier seine 
Absichten nicht von Erfolg gekrönt. 

Trotz des Scheiterns seiner Lieblingshoffnungen gab er sich fast 
niemals trüber Stimmung hin, sondern fand für das Verlorene Ersatz 
in unermüdlicher wi«isenschaftlicher Thätigkeit und im Genüsse des 
Erfreulichen, das Frankfurt in reichem Masse gewährte. Die günstige 
Lage Frankfurts, die Annehmlichkeiten, welche es dem Fremden 
bietet, zogen eine grosse Anzahl Reisender dahin: Geiger sah dort 
in einem Jahre mehr Freunde, als während seines ganzen Breslauer 
Aufenthalts. Die Besuche derselben erquickten ihn sehr: mit M. A. 
Stern wurden die im Briefwechsel besprochenen Fragen nun münd- 
lich lebhaft erörtert, mit Berthold Auerbach die alte Freundschaft 
erneuert, mit Ed. Lasker politische Fragen erwogen, Prof. Dozy 
aus Leyden bezeigte die Sympathie holländischer Gelehrten, Stähelin 
aus Basel die Theilnahme christlicher Theologen, J. Dernburg aus 
Paris las Theile seiner eben vollendeten Arbeit vor, M. A. Levy 
und andere Freunde aus Breslau bewiesen durch ihre Besuche, dass 
die freundschaftlichen Beziehungen mit Breslau durch Geiger's Weg- 
gang nicht gelöst seien. 

Dieser Weggang war ja zum Theil mit Eücksicht auf die 
Frankfurter Verwandten ausgeführt worden; diese Hessen es nun an 
Zeichen ehrfurchtsvoller Anhänglichkeit und inniger Liebe nicht fehlen, 
vermochten aber die Verschiedenheiteü, welche sich während einer 
mehr als dreissigjährigen Trennung stark ausgebildet hatten, nicht 
ganz zu vernichten. Trotzdem blieb Geiger innig mit ihnen verbunden 
und bewahrte besonders seinem ältesten Bruder Salomon, seinem 
Lehrer und Erzieher stets eine wahrhaft kindliche Verehrung^). Ausser 
mit den Verwandten wurde mit den Freunden ein lebhafter Verkehr 
gepflogen, theils mit den Bekannten der Jugendzeit, theils mit den 
treubewährten Gesinnungs- und Fachgenossen Jakob Auerbach und 
Baphael Eirchheim, theils mit manchen anderen, langjährigen 
oder neugewonnenen Freunden. 

Am liebsten abßr weilte er ruhig in seinem Hause, das seit der 
Uebersiedelung nach Frankfurt in die Obhut einer Dame gestellt war, 

^) Vgl. das Vorwort und die dort angefahrten Stellen, vgl. ferner oben S. 8 
Anm. und unten S. 373fg. 



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— 269 — 

die sich ihrer Aufgabe mit treuester Gewissenhaftigkeit und liebender 
Sorgfalt unterzog. Nur selten entfernte er sich von Frankfurt, um 
Verwandte und Freunde aufzusuchen, zweimal, um mit Amtsgenossen 
zusammen zu tagen ^). Die Anregung zu einer solchen Versammlung 
war von Geiger ausgegangen; die Aufforderung wurde von Philip p- 
son erlassen, laut welcher sich 24 Kabbiner vom 11. — 13. August 
1868 in Cassel zusammenfanden. Die Versammelten beschränkten 
ihre Berathungen meist, gemäss der Aufforderung, auf Cultusfragen, 
kamen aber in denselben zu keinem Besultate; sie fassten indess 
vornehmlich den Beschluss, im nächsten Jahre eine Synode zu Leipzig 
abzuhalten, welche aus Babbinern, Gelehrten und Gemeindevertretern 
zusammengesetzt sein sollte. Diese Synode fand vom 29. Juni bis 
4. Juli 1869 statt. Geiger begab sich zu derselben im Auftrage des 
Gemeindevorstandes, wohnte in dem Hause seines Amtsgenossen Dr. 
M. A. Goldschmidt, mit dem und dessen Frau Henriette er 
seit lange freundschaftlich »verbunden 'war, und nahm an den Ver- 
handlungen der Synode als erster Vicepräsident theil, hatte aber dieses 
seines Amtes nur bei sehr wenigen Gelegenheiten zu walten. Er griff 
manchmal in die Debatten ein, welche sich theils auf die Stellung 
der Juden zu den anderen Beligionsgenossenschaften und zum Staate, 
theils auf Unterrichtsfragen, theils auf die Thorahvorlesung bezogen, 
war aber im Ganzen mit dem Gange und dem Charakter der Ver- 
handlungen wenig zufrieden. Denn er vermisste die Freiheit der 
Gesinnung, die Entschiedenheit der Beschlüsse und wenn er es auch 
persönlich sehr leicht vergessen mochte, dass die von ihm vorge- 
schlagenen Thesen 2) den Verhandlungen nicht zu Grunde gelegt 
wurden, so musste er lebhaft bedauern, die Dinge, deren Berathung 
ihm vorzugsweise am Herzen lag, ausgeschlossen zu sehen. Die von 
ihm vorgelegten. Thesen — die überaus merkwürdigen über die 
Speisegesetze zog er zurück — bezogen sich zunächst auf die Or- 
ganisation der Synode : Theilung in Hauptversammlung und Sectionen, 
sodann auf die Ehegesetze und auf den Gottesdienst. 

Zur Erörterung dieses letztern Gegenstandes war Geiger nicht 



') Für das Folgende vgl. j. Z. "VI, 161—171: Die gegenwärtige Lage. Die 
wiedererstehende Rabbinerversammlung und das. S. 241—247: Die Versammlung 
von Rabbinern in Cassel; femer VII, S. 70—74: Eindrucke der Rabbinerversammlung 
zu Cassel von Wechsler. 

2) J. Z. VII, S. 161—167. Vgl. ausserdem: Die Versammlung zu Leipzig und 
die zu Phüadelphia, j. Z. VIII, S. 1—28, bes. S. 5. 



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— 270 — 

bloss dadurch veranlasst worden, dass er der Reform desselben be- 
ständig seine Theilnahme schenkte, sondern auch dadurch, dass er 
gerade damals von der Frankfurter Gemeinde beauftragt war, ein 
Gebetbuch herzustellen. Dieses wurde, laut einigen Hauptgrundsätzen, 
welchen jenen oben angeführten Thesen entsprechen, nach einem aus- 
führlichen, wissenschaftlich begründeten Plane i) mit Unterstützung 
J. Auerbach's und E. Kirchheim's meist noch in Frankfurt 
bearbeitet, aber erst in Berlin vollendet 2). 

Das Gebetbuch und die damit zusammenhängenden Abhandlungen 
blieben indess keineswegs die einzigen literarischen Produkte des 
Frankfurter Aufenthaltes, sondern wurden in Folge der grossen fast 
ungestörten Müsse durch viele andere vermehrt. Zu ihnen gehören 
vier Predigten, die bei verschiedenen Gelegenheiten, die eine nicht 
in Frankfurt selbst, gehalten, zum Druck vorbereitet und zum Theil 
auch wirklich gedruckt wurden^), ein Glückwunschschreiben an Zunz 
zu dessen 70. Geburtstage, ein anmuthiges, für Geiger's Jugend- 
geschichte sehr wichtiges Schriftstück [ob. Bd. I, 296—308]; femer 
vereinzelte Beiträge in der von L. Low herausgegebenen Zeitschrift 
,Ben-Chananjah'' und viele Abhandlungen und Becensionen in der 
Zeitschrift der deutsch -morgenländischen Gesellschaft, die sich vor- 
nehmlich auf das Syrische und Samaritanische bezogen. 

Endlich aber gehören drei grössere literarische Arbeiten der 
Frankfurte'rZeit an: die Fortsetzung der Zeitschrift, Gabirol und die 
Vorlesungen. 

Von der „Jüdischen Zeitschrift für Wissenschaft und Leben* 
[s. oben S. 136, 255] erschien in Frankfurt Bd. II— VIIL Der Charakter 
der Zeitschrift blieb im Wesentlichen derselbe, auch insofern, dass 
Geiger nicht nur Herausgeber, sondern auch Verfasser des grössten 
Theils derselben waf . Freilich hatte sich die Zahl ^^r fremden Mit- 
arbeiter im Vergleich zu früher bedeutend vermehrt — man zählt 
deren 25 — aber die Gesammtzahl ihrer Beiträge füllt kaum einen 
der sieben Bände. Dagegen traten in der äussern Anordnung der 



1) Plan zu einem neuen Gebetbuche, j. Z. Vn, S. 241—280. Vgl. dazu: 
unser Gottesdienst, j. Z. VI, S. 1—21 und als Vertheidigung dieser Abhandlung: 
Etwas über Glauben und Beten. Zu Schutz und Trutz, j. Z. VII, S. 1—59. 

2) Israelitisches Gebetbuch [s. oben S. 115 A. 1]. Zweite Auflage. Berlin, 
L. Gerschel's Buchhandlung. 2 Bände. 1870. 

3) Oben Bd. I, S. 398—444. Vgl. auch: Worte liebenden Angedenkens am 
Grabe seiner Schwägerin Frau Johanna Geiger. Frankfurt 1867. 7 Seiten in 8^. 



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. — 271 ^ 

Zeitschrift yortheilhafte Veränderung^ ein, welche darin bestanden, 
1. dass den Becensionen ein grösserer Platz eingeräumt wurde, durch 
welchen die Möglichkeit gewährt wurde, den hervorragenden Erschei- 
nungen bald eine Besprechung zu schenken, 2. dass unter der Auf- 
schrift „Umschau^ eine Seihe kleinerer Artikel zusammengestellt 
wurde, welche allgemeine Angelegenheiten besprachen oder wißsen- 
schaftliche Notizen * mittheilten, 3. dass eine neue Rubrik: „Aus 
Briefen" eingeführt wurde, in welcher Auszüge aus der Correspondenz 
zumeist gelehrten Inhalts gegeben wurden. Aber der Hauptwerth 
der Zeitschrift bestand nach wie vor in den grösseren Abhandlungen 
Diese waren entweder theologischen Zeitfragen gewidmet [ob. S. 269 
A, 1. 2, S. 270 A. 1], behandelten Vorgänge in den verschiedenen 
Ländern, welche für die Juden von Bedeutung waren, z. B. die 
schmachvollen Verfolgungen in Bumänien, oder bemühten sich in 
eingehender Weise, die freilich von der blossen Zusammenstellung 
von Nachrichten ebenso weit entfernt war, wie von hohlem Pan- 
egyrismus, die Erinnerung an Verstorbene: G. Kiesser, Salomon 
Ed. Kley, L. Rapoport, S. D. Luzzatto, Sal. Munk, Pinsker 
und Mannheimer aufzufrischen. An di( Seite solcher Abhand- 
lungen, welche Geiger gern als Zeit- oder Tendenzartikel bezeichnete 
und zu deren Abfassung Müsse und günstige Stimmung abgewartet 
werden mussten, traten nun die grösseren wissenschaftlichen Abhand- 
lungen. So verschieden ihr Inhalt auch ist, so lassen sich unter 
ihnen doch deutlich drei Gruppen unterscheiden: 1. die bibelkritische, 
in welcher die über den Stamm Benjamin die merkwürdigste ist, 2. 
die thalmudische oder nachbiblische, in welcher die sehr bedeutsame 
Arbeit: über Mechilta und Sifre ausdrückliche Hervorhebung verdient, 
3. die der Entstehung des Christenthums-j gewidmete, uz der eine 
ganze Reihe sehr ausführlicher, scharfsinniger und gelehrter Unter- 
suchungen gehört. 

Die letzteren Untersuchungen beschäftigten Geiger damals im 
höchsten Grade; zu ihnen wurde er nicht bloss durch das Erscheinen 
der Werke von Renan und Strauss (Volksausgabe) über das Leben 
Jesu geführt, sondern besonders durch die Nothwendigkeit, in seinen 
Vorlesungen die Entstehungsgeschichte des Christenthums zu behan- 
deln. Diese Vorlesungen über „das Judenthum und seine Geschichte*^), 

^) Die 12 ersten zuerst u. d, T.: Vorlesungen über Judenthum in j. Z. II, 
S. 161—229. ni, S. 1—78; dann: Das Judenthum und seine Geschichte. In zwölf 
Vorlesungen. Nebst einem Anhange: Ein Blick auf die neuesten Bearbeitungen 



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— 272 • — 

vor einem zahlreichen ausgewählten Hörerkreise in den Wintern 
1863/64 und 64/65 gehalten, sind Geiger's bekanntestes, meist ge- 
lesenes und meist angegriffenes Werk geworden. Denn in ihm hatte 
er mit einer Kühnheit und Rücksichtslosigkeit, die vor ihm kein 
jüdischer Gelehrter besessen hatte, die Resultate seiner Forschungen 
über die Entstehung des Christenthums und die Quintessenz seiner 
Anschauungen über die Stellung desselben in *der Weltgeschidite, 
besonders sein Verhältniss zur Cultur des Mittelalters dargelegt und 
war damit nicht nur mit den gläubigen Bekennem des Christenthums, 
sondern auch mit d^n unbefangenen Geschichtsforschern in bedenkliche 
CoUision gerathen. Aber selbst die erbitterten Gegner des Buches 
vermochten nicht dessen schöne Darstellung, geistvolle Auffassung, 
künstlerische Gruppirung zu läugnen; Alle erkannten die Selbständig- 
keit der philosophischen und religiösen Anschauungen, die reiche Fülle 
der Gelehrsamkeit, die zugleich doch weise beschränkt war, die fein- 
sinnige Schilderung grosser Literatur- und Culturerscheinungen an. Die 
Vorlesungen, deren erster Theil die Betrachtung bis zur Zerstörung 
des zweiten Tempels, der zweite bis zum Ende des zwölften Jahr- 
hunderts führt — beiden ^folgte je ein scharfer polemischer Anhang — 
wollten keine erschöpfende gelehrte Geschichtserzählung bieten, son- 
dern in abgerundeten Geschichtsbildern die grossen Persönlichkeiten 
und Erscheinungen der jüdischen und der allgemeinen Gulturgeschichte, 
soweit sie mit jener in Beziehung stehen, vorführen. 

An den zweiten Band der Vorlesungen, welcher zum gross^i 
Theil die von Geiger oft und gern behandelte jüdische Literatur- 
geschichte schildert, knüpft eine Schrift über Gabirol ^) an. Sie war 
schon viele Jahre früher, im Anschluss an die Arbeit über Juda 
ha-Levi beabsichtigt, aber durch andere Arbeiten in den Hintergrund 
geschoben worden, nun wurde sie in Folge äusseren Drängens wieder 
aufgenommen und, da die Uebersetzungen zum grössten Theil längst 
vollendet waren, schnell beendet. 

des Lebens Jesu. Breslau 1864. Schletter'sche Buchhandlung. X und 181 Seiten; 
endlich: D. J. u. s. G. Erste Abth. Bis zur Zerstörung des zweiten Tempels. 
2. Aufl. N. e. A.: Renan und Strauss. Breslau 1865. XVI undi 187 Seiton. 
— Die 12 späteren: D. J. u. s. G. Zweite Abth. Bis zum Ende des zwölften 
Jahrhunderts. N. e. A.: Offenes Sendschreiben an Herrn Prof. Dr. H. Holtzmann. 
Breslau 1865. VIU und 203 Seiten. 

^) Salomo Gabirol und seine Dichtungen. Leipzig, Oskar Leiner 1867. XII 
und 148 Seiten. — Vgl. oben S. 216, 257, das Einleitungsgedicht ^Bedenken" s. 
unten im Anhang. 



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— 273 — 

Auch sie erschloss, ähnlich wie jene frühere literarhistorische 
Arbeit, dem grösseren Publikum ein bisher fast gänzlich verhülltes 
Gebiet und machte es mit einem bedeutenden Dichter, mit einer 
jener titanischen Naturen bekannt, die im beständigen Kampfe mit 
sich und den Welträthseln ihre Kräfte aufreiben. Diese Eigenart 
der GabiroFschen Muse, welche an Stelle der Liebeslust die Schmerzes- 
wollust setzt, musste das ihr gewidmete Buch zu einem ernsteren 
machen, als die zum Theil leichten Liebesljändeleien Juda ha-Levi's 
gestattet hatten, aber sie gaben dem Darsteller und dem üebersetzer 
nur um so reichere Gelegenheit, seine Gewandtheit, seinen feinsinnigen 
Geschmack und seine Fähigkeit, einem bedeutenden Dichter nach- 
zuempfinden, zu bekunden. 

Kurz vor der Vollendung des Gabirol war Geiger, wie die Be- 
wohner Frankfurts überhaupt, durch den preussisch-deutschen Krieg 
und die preussische Okkupation Frankfurts von Besorgniss und Trauer 
erfüllt, nicht etwa um das eigene Geschick, sondern um die Greuel 
des Krieges und um die Schädigung, die er in Folge desselben für 
die Cultur und für die ruhige geistige Entwickelung befürchtete. 
Aber so wenig er auch das Vorgehen Preussens in jenem Kriege 
billigen zu dürfen glaubte, so entschieden hielt er schon* während 
des Krieges und besonders nach dem Friedensschlüsse an der Ueber- 
zeugung fest, die sich in ihm seit Jahrzehnten herausgebildet hatte, 
dass ein einiges Deutschland, nach dessen endlicher Gestaltung er 
sich sehnte, nur mit Preussen an der Spitze erreicht werden könnte. 

Auf Grund dieser Gesinnung hätte er wohl schon damals kein 
Bedenken getragen, einem Rufe an die Berliner Gemeinde Folge zu 
leisten. Schon damals nämlich hatten die Bemühungen der frei- 
sinnigen Majorität der Repräsentanten Versammlung und des Vorstandes. 
der jüdischen Gemeinde Berlin, Geiger für Berlin zu gewinnen, ihren 
Anfang genommen; schon im Februar 1866 erhielt er von Berthold 
Auerbach, der sich immer, sobald es galt, als treuer Freund be- 
währte, die Anfrage, ob er einen Ruf nach Berlin annehmen würde. 
Aber erst nach vielen, langjährigen Kämpfen begeisterter und treu 
ausharrender Anhänger, nach manchen Neuwahlen der Gemeinde- 
behörden, nach energischen Massenpetitionen aus dem Innern der 
Gemeinde gelang es, die rikch dem Gesetze nothwendige Zweidrittel- 
majorität des RepräsentantencoUegiums zu gewinnen und zum grossen 
Jubel der gesammten freisinnigen Partei die Wahl Geiger's durch- 
zusetzen (September 1869). Zur Erlangung dieses Resultats hatten 

Geiger, Schriften. Y. 18 



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— 274 — 

auch die Bemühungen des bereits seit 1866 in Berlin angestellten 
Babbiners Jos. Aub beigetragen, der seit einem Menschenalter mit 
Geiger befreundet, ,in ihm den ersten Bepräsentanten der wissen- 
schaftlichen Theologie des Judenthums verehrte* ^), der ihm während 
der kurzen Zeit ihres gemeinschaftlichen Wirkens ein treu ergebener 
Freund, ein stets hülfreicher, unwandelbarer Genosse geblieben ist. 

Geiger nahm den ehrenvollen Buf ohne Bedenken an, nachdem 
er sich vorher vergewissert hatte, dass er in kürzester Zeit an der 
zu gründenden Hochschule für Wissenschaft des Judenthums theil- 
nehmen werde, und hielt am 22. Januar 1870 seine Antrittspredigt 
in der grossen Synagoge Berlins. Berthold Auerbach schrieb 
ihm darüber: ,Du kannst in Dir begnügt sein. Du hast die Gemüther 
mächtig erregt und Du wirst Grosses wirken*. Erst Ende Februar 
übersiedelte Geiger nach Berlin. 

Die Befürchtung, dass er hier die gedeihliche Buhe, deren er sich 
in Frankfurt erfreut hatte, mit erneutem Kampf gegen erbitterte 
Gegner vertauschen müsste, erfüllte sich nicht, vielmehr blieb er, 
obwohl er Fähigkeit und Neigung in sich spürte, die Kräfte mit den 
Gegnern zu messen, bis auf wenige ganz vorübergehende und wir- 
kungslose Demonstrationen der Orthodoxen unbehelligt. Die durch 
dieses fast unerwartete Verhalten gewährte Müsse benutzte er, seiner 
Gewohnheit nach, zu einer eifrigen Erfüllung seiner amtlichen Ob- 
liegenheiten, richtete aufs Neue einen Beligionsunterricht ein, der 
in der Confirmation der Zöglinge seinen Abschluss erhielt, fand für 
seine Predigten, die er an Sabbathen und Festtagen abwechselnd in 
den drei Gemeindesynagogen hielt, ein verständnissvolles, leicht err^- 
bares, dankerfülltes Publikum und hatte nicht selten Gelegenheit, bei 
feierlichen Veranlassungen an geweihter Stätte Worte zu sprechen, 
welche weit über die Grenzen der Gemeinde hinaus bedeutenden Ein- 
druck hervorriefen 2). 

Mit dieser amtlichen Thätigkeit hing auch das Bemühen zusamm^ 
die Fortsetzung der Synodalberathungen, welche in Leipzig nicht die 
von Geiger gewünschten Kesultate ergeben hatten, eifrigst zu fördern. 
Aber die Versammlung in München (1870), zu deren Beschickung 



Worte Aub's (6. Oktober 1842) in den RabbiniSchen Gutachten, 2. Abth., 
Breslau 1843, S. 11. 

2) Vgl. z. B. Predigt zur zweiten Säcularfeier der Berliner Gemeinde 10. Sept. 
1871. BerUn 1871. [Vgl. auch j. Z. IX, S. 241—255.] — Am Sarge des Ab- 
geordneten J. R. Kosch. Voss. Ztg. 3. April 1872. 2 Beil. 



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— 275 — 

Geiger die Frankfurter und Berliner Gemeinde in dringenden Schreiben 
aufforderte^), kam der Zeitrerbältnisse wegen nicht zu Stande, erst 
im folgenden Jahre (1872) konnte sie in Augsburg abgehalten werden. 
Diese Augsburger Synode, an deren Verhandlungen Geiger wiederum 
als erster Yicepräsident theilnahm, unterschied sich sehr zu ihrem 
Vortheile von der Leipziger, obwohl sie weit schwächer besucht war 
als jene. Denn die geringere Anzahl der hier Versammelten ermög- 
lichte entschiedenere Beschlüsse besonders aus dem eherechtlichen 
Gebiete und über Sabbathsgesetze, Beschlüsse, deren Fassung und 
Berathung eben sowohl von dem Ernst wie von dem Freisinn der 
Versammelten ein vollgültiges Zeugniss gaben. Die Verhandlungen 
<ler Synode sind nach den stenographischen Aufzeichnungen von Geiger 
im Verein mit dem Präsidenten der Synode, Prof. Lazarus, heraus- 
gegeben worden ^), Es war die letzte Synode, die letzte Versammlung 
von Amtsgenossen, der Geiger beiwohnte. Ein volles Menschenalter 
war seit der ersten Versammlung in Wiesbaden (ob. S. 99 f.) dahin- 
gegangen, die Beihen der Treuen, welche damals zusammengestanden, 
hatten sich sehr gelichtet; mit manchem altbewährten Mitkämpfer 
wurde hier zum letzten Male ein trauliches Wort gewechselt. 

Als Rabbiner fühlte sich Geiger ferner gedrungen, in zwei An- 
gelegenheiten das Wort zu ergreifen, welche für das Judenthum von 
«ingreifender Bedeutung zu sein schienen. Die eine betraf einen 
Erlass des Oberkirchenraths, die andere die Lasker'sche Resolution. 

Der Oberkirchenrath hatte am Anfang des Jahres 1871 einen 
Erlass »vom TJebertritt zum Juden thume** veröffentlicht, in welchem 
die Geistlichen aufgefordert wurden, bei jedem ihnen bekannt wer- 
denden derartigen Falle der Gemeinde unter Nennung des betreffenden 
Namens diese „schmerzliche Mittheilung* zu machen, der Trauer 
über diesen Abfall Ausdruck zu verleihen und die Gemeinde aufzu- 
fordern zum Gebete, „dass Gott sich des Abgefallenen erbarmen wolle 
und ihn erkennen lasse den Irrthum seines Weges*. Gegen diesen 
Erlass richtete die jüdische Gemeinde Berlin einen Protest und erhielt 
dafür „Dank und Anerkennung* in einer Erklärung mehrerer hoch- 
stehender freisinniger Männer; Geiger veröffentlichte seinerseits eine 
Brochüre^), in welcher er nicht bloss den Erlass, sondern „das Ver- 

J) Vgl. femer: Von der Synode bis zur vertagten Synode und: Synodalarbeiten 
über die das Ehegebiet betreffenden Vorschläge in j. Z. VIII, S. 81—100. 

2) Berlin 1873. L. Gerschel. VI und 262 Seiten. 

3) Breslau 1871 auch als Anhang zu den Vorlesungen Bd. III, S. 161—200. 

18* 



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— 276 — 

halten der Kir<;he gegen das Judenthum in der neueren Zeit"" iber- 
haupt einer schneidenden Kritik unterwarf. 

Die Lasker'sche Besolution hatte von der Regierung einen Ge- 
setzentwurf verlangt, nach welchem den Juden der Austritt aus einet 
Beligionsgemeinschaft ohne gleichzeitigen Austritt aus dem Juden- 
thum ermöglicht werde. Gegen diese Besolution, die, wie bekannt^ 
später ein ihr entsprechendes Gesetz zur Folge, hatte , nahm Geiger 
eine entschieden feindselige Stellung ein, nicht bloss weil er als un- 
unausbleibliche Wirkung derselben eine Vernichtung der kleineren 
Gemeinden befürchtete, sondern auch weil er den durch diese Beso- 
lution vorausgesetzten Grundsatz, dass nämlich das Judenthum Sekten 
oder Parteiungen kenne, denen ein selbständiges Dasein zugeschrieben 
werden müsste, als historisch unhaltbar bekämpfte. Er versuchte 
seinen Widerspruch in Verhandlungen mit dem genannten Abgeord^ 
neten und mit dem Gemeindevorstande geltend zu machen und 
erlangte ^auch eine Verständigung, begann eine darauf bezügliche 
Abhandlung, die freilich nicht vollendet wurde ^), und hätte wohl 
das Unzutreffende seiner Befürchtungen selbst anerkannt, wenn es 
ihm vergönnt gewesen wäre, das Inkrafttreten dieses Gesetzes noch 
zu erleben. 

Auch vorher hatte er schon zweimal den Versuch gemacht, Be- 
einträchtigungen des Judenthums, welche durch Beschlüsse oder 
Debatten des Abgeordnetenhauses zu drohen oder zu erfolgen schienen, 
abzuwehren. Er suchte nämlich Mitglieder der Commission für die 
Kirchengesetze zu bewegen, in das Gesetz über die Vorbildung und 
Anstellung der Geistlichen eine Bestimmung hineinzubringen, nach 
welcher die Babbiner denselben Verpflichtungen unterworfen werden 
sollten, wie die Geistlichen der christlichen Coi^fessionen; und dachte 
daran, im Vereine mit Amtsbrüdern und Gemeinden, eine Erklärung ' 
gegen eine von Lasker ausgesprochene Meinun|^iüber den Bann ab- 
zugeben, vermochte aber Beides nicht durchzuseihen. 

Indess so gerne er den politischen Verhandlungen sich zuwandte, 
mochten sie jüdische Angelegenheiten betreffen oder allgemeine Fragen 
berühren, so liess er sich dadurch doch nicht von der Wissenschaft 
abziehen, der sein Leben und Streben geweiht war. Er führte zu- 
nächst seine Zeitschrift fort, von der in Berlin drei weitere Bände 
erschienen — das letzte Doppelheft freilich erst nach seinem Tode — 

^) Unter dem Titel: „Kosch ist todt*' im Nachlass; vgl. übrigens j. Z. X> 
139 f., 262 f., 278-281. 



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— 277 — 

getreu in der früher (S. 270) geschilderten Weise und hielt in dem 
ersten Winter seines Berliner Aufenthaltes Vorlesungen über die 
Geschichte des Judenthums, in welchen er im Anschluss an die 
früher veröffentlichten Bände, die Geschichte vom Anfange des IS. 
bis zum Ende des 16. Jahrhunderts verfolgte^). Aber von weit 
grösserer Bedeutung als diese Vorlesungen waren für die Vertiefung 
seiner Studien diejenigen, welche er 1871 an dem Veitel-Heine- 
Ephraim'schen Institut vor Studirenden begann und zwei Semester 
lang durchführte. In ihnen gedachte er über „die Geschichte der 
Parteien innerhalb des Judenthums während des zweiten Staatslebens 
und im ersten Jahrhundert nach der Auflösung des Staats* zu sprechen, 
kam aber nur dazu, die Geschichte der 12 Stämme zu behandeln und 
versenkte sich dabei in die weittragendsten biblischen Untersuchungen, 
die er freilich nicht vollkommen zum Abschluss zu bringen vermochte. 
Aber die reichste und reifste Frucht seiner wissenschaftlichen 
Arbeiten ist in den Vorlesungen niedergelegt, die er an der im Mai 
1872 errichteten „Hochschule für Wissenschaft des Judenthums* hielt. 
Er sah freilich weder durch die Art der Gründung dieser Lehranstalt, 
noch durch die Art, in welcher an ihr gelehrt wurde, das Ideal er- 
füllt, das er sich von einer jüdisch-theologischen Fakultät gemacht 
hatte, meinte vielmehr, dass eine solche Anstalt nicht von einem 
Curatorium Aussenstehender, sondern von den Lehrern selbst geleitet 
werden müsste, dass sie nicht nur Vorlesungen bieten dürfte, als 
welche nur für Vorgeschrittene von Erfolg sein könnten, sondern 
dass sie in Seminarübungen der verschiedensten Art den Schülern 
Gelegenheit zur Mitthätigkeit zu gewähren habe, erachtete endlich 
die Tendenz, Männern entgegengesetzter Parteien ein Lehramt an 
der Anstalt anzuvertrauen, um ihr dadurch den Charakter einer echt 
wissenschaftlichen zu geben, eher für bedenklich als für heilsam, 
unterzog sich aber trotz aller dieser Bedenken freudig dem ihm ge- 
wordenen Auftrage und erfüllte während der fünf Semester, in denen 
er zu lesen vermochte, mit dem grössten Eifer seine Pflicht. Er las : 
Allgemeine Einleitung in die Wissenschaft des Judenthums; Einleitung 
in die biblischen Schriften; Pirke Aboth; Genesis. — Diese Vor- 
lesungen sind, bis auf die letzte, oben (Bd. II und IV) zum Abdruck 
gebracht worden. Es kann hier nicht versucht werden, über dieselben 
ein ürtheil zu föUen, nur die eine Bemerkung sei gestattet, dass sie 

Das Judenthum und seine Geschichte. Dritte Abtheiinng. Breslau 1871. 
ym und 200 Seiten, üeber den Anhang s. oben S. 275. 



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— 278 — 

der ganze volle Inhalt einer mehr als zweijährigen, überaus emsigen 
wissenschaftlichen Thätigkeit sind und dass sie schon aus diesem 
Gnmde, ganz abgesehen von der Fülle der in ihnen gebotenen neuen 
Gesichtspunkte und Besultate, selbst in ihrer nicht selten hervor- 
tretenden aphoristischen Gestalt durchaus würdig scheinen mussten, 
einen grossen Theil der ^Nachgelassenen Schriften*' einzunehmen. 
Während dieser fünf Semester musste die sonst so fieissig gepflegte 
Gorrespondenz sich manchen Abbruch gefallen lassen^ die Zeitschrift 
wurde vernachlässigt, das Mitarbeiten an der Zeitschrift der deutsch- 
morgenländischen Gesellschaft beschränkt; — dem einen Hauptzweck, 
der Vollendung der grossen wissenschaftlichen Arbeiten, zu welchen 
in den Vorlesungen Pläne und Rüstzeuge dargeboten wurden, musste 
sich alles Andere unterordnen. Aber freilich der Abschluss dieser 
Arbeiten wurde durch den jähen Tod verhindert. 



1. „Ich habe bis jetzt die zwei verschiedenen Berufsarten des Schrift- 
stellers und des Rabbiners zusammenzuhalten versucht, ohne sie zu 
vermischen, aber gerade die gegenseitige Einwirkung um so sicherer 
gehofft; ich glaube noch bis zur Stunde, dass ich keine widernatürliche 
Vereinigung unternommen und harre getrost des einzig gültigen Richter- 
spruches, welchen der Herr der Wahrheit über mich aussprechen wird^, 
Ihm bleibt mein Leben und mein Streben geweiht** [ob. Bd. I, S. 504]. — 

2. , Durch Erforschung des Einzelnen zur Erkenntniss des All- 
gemeinen, durch Kenntniss der Vergangenheit zum Verständniss der 
Gegenwart, durch Wissen zum Glauben.** — 

3. „Aus der Vergangenheit schöpfen, in der Gegenwart leben, 
für die Zukunft wirken.** 

Mit diesen drei Aussprüchen, welche unter drei verschiedenen 
Lithographien (Frankfurt 1839, Breslau 1846 und 1857) ihren Platz 
fanden, hat Geiger versucht, seine Bestrebungen zu kennzeichnen. 

Er war Schriftsteller und Rabbiner, blieb, so bedeutenden wissen- 
schaftlichen Ruhm er auch erlangte, stets Rabbiner, nicht aus Gewohn- 
heit, sondern aus innigster Liebe zu Amt und Beruf und konnte heftig 
zürnen, wenn Amtsbrüder und Fremde die Idealität seiner Auffassung 
bespöttelten. Bis zum Ende seines Lebens bestieg er gern und freudig 
die Kanzel, übte mit Vorliebe seine amtlichen Funktionen, war nn- 
ermüdet thätig, irgend eine kleine Reform in Gottesdienst und Leben 
anzuregen und innerlich vergnügt, sobald ihm die Durchfuhrung der- 
selben gelungen war. Diese Bestrebungen blieben stets neu und jung 



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— 279 — 

in ihm, weil seine Liebe zu Beligion und JudeDthum eine nie al- 
ternde, vielmehr stets neu sich erzeugende, unvertilgbare war. Denn 
er war tief durchdrungen von den Wahrheiten seiner Religion, erfüllt 
von inniger Liebe zu Gott, an den er glaubte, und immer aufs Neue 
bestärkt in seiner Begeisterung für die hoben Sittlichkeitsgrundsätze 
des Judenthums, denen er Dauer und ewige Gültigkeit zuschrieb. 
Die äusseren Vorschriften aber, welche sich im Laufe der Zeit ge- 
bildet und jene Grundsätze zu überwuchern oder zu verdrängen an- 
gefangen hatten, hielt er nur für zeitlich begründete, für momentan 
gültige und erachtete es daher für seine heilige Pflicht, ihre Be- 
kämpfung in Gesprächen, Predigten und Schriften zu unternehmen. 
Trotzdem hielt er sich nicht berechtigt, sich selbst über diese Vor- 
schriften hinwegzusetzen, übte sie vielmehr sein ganzes Leben hin- 
durch, ungeachtet der Unannehmlichkeiten, welche er dadurch erduldete. 
Diese durch^ seine Stellung gebotene Halbheit rief manchen Gegner 
gegen ihn auf; gegen ihre Angriffe sowie gegen den Widerspruch, 
der sich gegen seine Ansichten von der Reform und vom Judenthum 
seitens der Orthodoxen oder der Radikalen, seitens christlicher Ge- 
lehrter oder philosophischer Freunde erhob, vertheidigte er sich, nicht 
selten in sehr heftiger Weise. Denn er war ein eifervoller Mann, 
der nicht dulden mochte, dass die Ideen, von deren Wahrheit er 
uberÄeugt war, bespöttelt und verlästert wurden, der, weil er der 
Sache mehr ergeben war als den Personen, ein hartes Wort nicht 
zurückhielt und der, weil sein Kampfesmuth nicht ein Zeichen rasch 
veriöschenden Jugendfeuers, [sondern stetig flammenden Geisteslichts 
war, in seinen höheren Lebensjahren sich eher zu energischerer Aus- 
prägung seiner Reden und Gesinnungen, als zu milder Ausgleichung 
bereit zeigte. So verschärfte sich z. B. zuletzt seine Abneigung gegen 
das Christenthum, sein Widerwille gegen die naturwissenschaftlich- 
materialistische Anschauung in bedenklicher Weise, so dass er es 
nicht immer vermied, ungerecht zu werden gegen Anderer Ansichten 
und Bestrebungen. Durch diese Schärfe und Einseitigkeit indess, 
welche nothwendigerweise eine gewisse Vereinsamung hervorrief, wurde 
er nie zur Verbitterung, nicht zur Verzweiflung getrieben, niemals 
anch zu dem Glauben verführt, als sei das, für dessen Erringung er 
kämpfte, das einzige Erstrebenswerthe, sondern gewährte willig Jedem 
in seinem Gebiete den Platz, den er in dem seinigen für sich bean- 
spruchte. Denn von Neid und Missgunst war er völlig frei, freudig 
wnsste er Änderer Verdienst anzuerkennen und gern liess er den 



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— 280 — 

Vorrang denen, vor denen er sich, wie vor dem Meister Zu nz, zeit- 
lebens neigte. 

Und wie in seiner Verehrung, so war er auch in seiner Freund- 
schaft unverbrüchlich treu. Mehr als vierzig Jahre lang hat ,er mit 
Jakob und Berthold Auerbach, mit Wechsler und Aub, mit 
J. Der n bürg und Stern in treuer Gemeinschaft gelebt und die 
Freundschaft durch regen Briefwechsel wachgehalten ; auch denen, die 
sich durch ihre Bahnen von der seinigen schieden und einen regelmässigen 
Verkel^r verhinderten, wie dem wackern Jugendgenossen Frensdorff, 
wahrte er anhängliche Theilnahme und liebende Erinnerung. Wohl 
machte ihn die Freundschaft nachsichtig, aber nicht blind; er hielt 
die Wahrheit zu hoch, um sie selbst dem Freunde gegenüber zu 
verheimlichen und gab, bereitwillig den Tadel ertragend, auch derb 
den Vorwurf zurück, der ihm am Platze schien. 

Aber mochte er manch hartes Wort austheilen und anhören, 
manche Entfremdung wahrnehmen und manchen Verlust erleiden, 
das Scheitern gewisser "Lieblingsplane, den Widerspruch Unwissender 
und UebelwoUender, Vorsichtiger und Verständiger bemerken, zu allen 
Zeiten blieb er doch des Sieges seiner Sache, des Durchdringens seiner 
Ueberzeugung gewiss, immerdar von jenem unzerstörbaren Optimismus 
erfüllt, der ihm Streben und Gesinnung stets jugendfrisch erhielt. 

Diese Jugendlichkeit des Geistes war mit einer unversiegbaren 
Fröhlichkeit und edlen Beinheit des Gemüths verbunden; sie bewirkte 
dass er stets das Gute an den Menschen herauszufinden bemüht war 
und das Schlechte an ihnen zu sehen vermied; sie erzeugte in ihm 
jene unermüdliche Lust zum Wohlthun, jene freundliche Art mild- 
thätigen Spendens und trostreichen Zuspruchs, welche den Armen 
vielleicht mehr erhebt als die ihm zufliessende Gabe, sie verlieh ihm 
den Kelchen gegenüber jene grosse Kraft der Ueberredung, welcher 
selbst die Hartherzigen nicht zu widerstehen vermochten ; sie machte 
ihn endlich heiter und anspruchslos in geselligem Verkehr, stets 
anregend und angeregt, gütig und freundlich gegen die Kinder, von 
milder Zutraulichkeit gegen Jünglinge, die diese ermuthigte und er- 
hob, ritterlich und aufmerksam gegen Frauen, voll lebendiger Theil- 
nahme an Gesprächen mit Männern, wes Standes und Berufes sie 
waren. 

Wenn er mit Aelteren oder Jungeren zusammen war, so liebte 
er es in launiger oder ernster Weise das Wort an die Versammelten 
zu richten. Denn er hatte das Bewusstsein von sich, dass er die 



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— 281 ~ 

Gabe der Eede besass. Wirklich war er ein vortrefflicher Redner 
und verfehlte durch die Macht seiües Wortes selten den Eindruck, 
auch nicht bei denen, welche seiner üeberzeugung nicht waren. Er 
sprach ganz frei, selbst bei den wichtigsten Veranlassungen ohne 
irgend eine schriftliche Notiz, aber doch nach sorgfältiger Vor- 
bereitung, die er am liebsten vornahm, indem er stundenlang sein 
Studirzimmer durchwanderte. Seine Stimme war wohlklingend und 
kräftig, ungewöhnlich laut, wenn er von der Begeisterung ergriffen 
wurde, man merkte jedem Wort, das er sprach, an, dass es freier 
Erguss des Augenblicks und doch zugleich wohldurchdachter Aus- 
druck tief innerer üeberzeugung war. Diese geistige Beweglichkeit 
und Lebhaftigkeit, von überstürzender Hast weit entfernt, verbunden 
mit wohlthuender Klarheit, machton ihn zu einem ausgezeichneten 
Docenten und Lehrer: seine Collegien boten nicht nur Früchte gründ- 
licher, durchaus origineller Studien, sondern auch nicht selten her- 
vorragende oratorische Leistungen; seine Religionsstunden bewiesen 
die Fähigkeit, das kindliche Gemüth zu begreifen, schwierige Gegen- 
stände methodisch, bei aller Objektivität mit Wärme zu behandeln, 
das oft Wiederholte ohne Ermüdung beständig neu zu gestalten, 
Geistes- und Herzenspflege mit einander zu vereinigen. Für diesen 
Unterricht belohnte ihn stets die innige Anhänglichkeit seiner Schüler, 
seinen Predigten und Reden fehlten selten dankbare, bewundernde 
Zuhörer. Solchem Beifall war er nicht feind; aber das schlichte 
D^nkeswort eines einfachen Mannes konnte ihm eben solche Freude 
bereiten wie das günstige ürtheil hochstehender Freunde. 

An das öffentliche Leben drängte er sich nicht. Er hat niemals 
den Versuch gemacht eine politische Rolle zu spielen, obwohl er leb- 
haftes Interesse für politische Dinge besass und das Aussprechen 
seiner Ansichten nicht scheute. Auch in religiösen Dingen kam er, 
je älter er wurde, desto mehr davon zurück, sich praktisch hervor- 
zuthun: hatte er in seiner Jugend von dem prunkvollen Auftreten 
als Reformator geträumt, sich in Bezug auf öffentliche Wirksamkeit 
nicht genug thun können, so überliess er in reiferen Jahren, theils 
in Folge einer gewissen Schüchternheit, die ihn niemals verliess, 
theils seiner inneren Neigung folgend, die praktisch-organisatorische 
Thätigkeit gern Anderen, denen er mehr Geschick zutraute und ver- 
senkte sich immer mehr in seine Studien. 

Diese wissenschaftliche Arbeit, die Thätigkeit in seinem Berufe, 
der Verkehr mit vertrauten Freunden, das innige Zusammenleben mit 



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— 282 — 

seiner Gattin, so lange diese ihm zur Seite stand in Freud nnd Leid, 
die Hingabe an seine Kinder, denen er ein überaus zärtlicher liebe- 
voller Vater war, bildeten seine einzigen Freuden und Vergnügungen. 
Er nannte sich selbst scherzhaft gern einen Böotier in der Kunst, 
besuchte selten das Theater, ergötzte sich höchstens an schönem Ge- 
sänge, liebte die Behaglichkeit, aber Einfachheit, Prunklosigfeeit nnd 
strengste Begelmässigkeit in allen Dingen, hatte kein Verlangen nach 
Naturgenuss, sondern reiste nur, wenn er der Erholung bedurfte oder 
wenn er mit den Ländern zugleich auch Menschen geniessen konnte, 
aber so erfrischt er auch immer von kleineren Ausflügen oder grösseren 
Beisen zurückkehrte, am liebsten weilte er doch zu Hause. 

In den letzten Jahren seines Lebens fühlte er sich vollkommen 
glücklich und befriedigt. Er hatte Alles erreicht, wonach er sich 
sehnte: eine hochgeachtete Stellung in der ersten Gemeinde Preussen's 
und Deutschland's; eine grosse praktische Wirksamkeit, die von seinen 
Verehrern mit stets erneuter Theilnahme und wohlthuender Anhäng- 
lichkeit begrüsst wurde; eine wissenschaftliche Lehrthätigkeit, welche 
er früher zu wiederholten Malen vergeblich angestrebt hatte; einen 
bedeutenden wissenschaftlichen Euf in der Heimath wie im Auslande; 
Kraft und Lust, stets auf's Neue in den verschiedenen Gebieten, in 
welchen ihm ein Platz angewiesen war, thätig zu sein; das Glück 
seiner Kinder, welche ihm durch ihre Entwicklung und Lebensstellung 
Freude bereiteten; körperliches Wohlbefinden, das ihm eine rastlose 
Thätigkeit gestattete. In dem Vollbesitz dieser Schätze und Kräfte 
ist er, wie er stets gewünscht hatte, gestorben. 

Am 24. Mai 1874 feierte Geiger zum letzten Male seinen Ge- 
burtstag. Berthold Auerbach schilderte ihn folgendermassen 
(,Die Gegenwart«* 1874, S. 293): 

„In Berlin in 3er Rosenthalerstrasse, wo das lärmende Verkehrs- 
leben hin und her wogt, ist ein grosses Haus, Numero 40 mit weit- 
läufigen Hofgebäuden, in denen man vom Geräusch da draussen nichts 
vernimmt. In dem Querbau, aus dessen Fenstern man über Gärten, 
über den abgeschlossenen jüdischen Friedhof den Thurm der Sophien- 
kirche und die Kuppel der neuen jüdischen Synagoge sieht, — dort 
wurde am vergangenen 24. Mai das Geburtsfest Abraham Geiger's 
von seinen Söhnen, Freunden und Schülern gefeiert. 

Wer hätte damals geahnt, dass dies die letzte Geburtstagsfeier 
sei; denn der Gefeierte, von gedrungener kleiner Gestalt, gescheiteltem, 
vollem dunkelm Haupthaar, rothwangig und frisch, beredt und leb- 
haft, zeigte die volle Kraft rüstigen, arbeitsfrohen Manneslebens. 



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— 283 — 

Es war rührend und erhebend zugleich, wie die Hochschüler 
ihren Meister feierten.* 

Am 31. Juli 1874 (schloss Geiger seine Vorlesungen, den Tag 
darauf reiste er nach Norderney; wo er auch in den zwei vergangenen 
Sommern je vier Wochen zu seiner Erholung geweilt hatte. Hier 
war er, wie gewöhnlich, unter Freunden und Fremden angeregt und 
heiter, voll Dank für das bisher Errungene, voll freudiger Zuversicht 
für die Zukunft. Am 28. August traf er wieder in Berlin ein, pre- 
digte an den hohen Feiertagen (September) mit alter Kraft und unter 
grossem Beifalle und widmete die noch übrige Ferienzeit — die Vor- 
lesungen sollten am 26. Oktober wieder beginnen — fleissiger wissen- 
schaftlicher Arbeit. 

Seine Briefe aus dem Jahre 1874 athmen die vollste Freudigkeit 
und Lust am Leben und an der Thätigkeit. Am 22. Oktober arbeitete 
er, seiner Gewohnheit gemäss, den ganzen Tag und legte sich nieder, 
nachdem er einen Brief beendet und die Vorbereitung zur wissen- 
schaftlichen Arbeit des nächsten Tages getroffen hatte; ,am folgenden 
Morgen wurde er leblos auf seinem Lager gefunden. Sein ruhiges, 
heiteres Antlitz zeugte von keinem Bingen, von keinem Kampfe mit 
dem unerbittlichen Tode, der ihn im Schlafe beschlichen. Ein Hirn- 
schlag hatte ihn getroffen; die Werkstätte des tiefen Denkers war 
zertrümmert, das für Religion und Wissenschaft so warm schlagende 
Herz war gebrochen** (Derenburg's Nachruf). Die Beerdigung, welche 
am 26. Oktober auf dem jüdischen Friedhofe in Berlin stattfand, 
gestaltete sich zu einer grossartigen Trauerfeier. Am 24. Mai 1875 
wurde der Denkstein enthüllt, welcher sein Grab schmückt. iDie 

Inschrift lautet: 

Die jüdische Gemeinde Berlin 

ihrem unvergesslichen LehrdSr und Führer 

Abraham Geiger. 



Briefe. 



109. 
Aß Dr. M. A. Levy und Frau in Breslau. Frankfurt, 4.-7. Okt. 1863. 

Ich habe hier wieder schwere innere Kämpfe durchgemacht, und 
um so schwerere, als doch eine Entscheidung nicht mehr vorlag und 



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— 284 . — 

ich Alles tief in mich hinein verschliessen musste. Was mir so 
schöne Lebensfreuden bereitet, das erzeugt auch ebensowohl Schmerz. 
Da^s ich mich innig und liebevoll anschliessen kann, das bietet mir 
reiche Herzensnahrung; um so mehr vermisst man es auch, wenn 
man sich losreisst. Und dieses Anschmiegen bestand nicht bloss au 
einzelne Personen, es galt von den Gesammtverhältnissen , von denot 
ganzen Wirkungskreise, mit dem ich mit meinem ganzen Sein 
verknüpft war. Was Widerwärtiges mir in Breslau widerfahren, war 
und ist längst verwischt, aber die ganze gemüthliche Beziehung zu 
Allen und Jedem ist noch voll lebendig in mir. Wie ist es nun 
möglich, dass ich dies so rasch hier wiederfinde? Das nagte und 
nagt theilweise noch sehr an mir, kaum aber kann man es aus- 
sprechen, ja man muss, um sich seinen neuen Boden nicht zu ver- 
derben, um durch Verstimmung seinem Wirken nicht den Schwung, 
das Pathos zu entziehen, worauf bei mir ein jedes eindringliches 
Wirken ruht, eine jede solche Gemüthsbewegung gewaltsam in sich 
niederdrücken. Das erfordert den ganzen Menschen; es ist mir ge- 
lungen, die Predigten haben befriedigt, begeistert, ich bin vollkommen 
Herr der Situation und ich darf die vollkommenste Sicherheit haben, 
es wird mir Vieles hier gelingen. Ich selbst fühle mich von Tag 
zu Tage behaglicher, aber dennoch, so in der vollen inneren Einheit 
lebe ich noch nicht, gearbeitet habe ich noch Nichts, klagen ist 
meine Sache nicht — und so bin ich still. Allein, meine Lieben, 
ich unterbreche nun die Stille, der alte Geiger lebt wieder auf, ich* 
werde Breslau mit allen seinen Lieben nicht vergessen, aber dennoch 
knüpft sich hier Band um Band neu, die Thatkraft regt sich, die 
Beziehungen mehren sich und die Freude an der frischen Segsamkeit, 

dem neuen Wirken stellt sich ein Die hiesige Gemeinde ist 

nicht eine solche, die sich rasch einem kühnen Eroberer unterwirft; 
sie ist eine Bepublik, in welcher sich Jeder seine Selbständigkeit 
wahrt; aber sie ist auch dadurch reich mit Kräften und mit Ver- 
ständniss ausgestattet! 

Den 7. So sei denn Gott gedankt, dass die Pesttage nun vor- 
über sind. Es war ein schwer Stück Arbeit, das in hohem' Grade 

gelungen, aber auch den ganzen Menschen beschäftigt hat 

XJebrigens fühle ich, dass das Arbeiten nunmehr wieder ordentlich 
beginnen wird und dann erst lebt man wieder. Meine Plane werden 
dann auch allmählich reifen. Man hat hier in der That vor der 
Wissenschaft einen sehr grossen Respekt. Ich habe vor einigen 



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— 285 — 

Tagen den älteren Bürgermeister Müller besucht und in ihm einen 
sehr intelligenten Mann gefunden, mit dem ich mich sehr gut ver- 
ständigt und Vieles besprochen habe; von welchem Einflüsse auf die 
Juden aller Schattirungen das gute Einvernehmen mit der christlichen 
Obrigkeit ist, wissen Sie, und so wörde ich mir hier dieses zu er- 
werben suchen, was für meine Eichtung in Preussen nicht zu erreichen 
war. Ach, Preussen! Wenn man das von ausserhalb betrachtet, so 
wird es dem unbefangenen, der Preussen's Bedeutung nicht unter- 
schätzt, gar weh zu Muthe. Es ist für die ruhige, gedeihliche Ent- 
wicklung nun für lange Zeit verloren, und auf Stürme zu hoffen und 
von. ihnen eine fruchtbare Umgestaltung zu erwarten, — dafür sind 
wir doch schon zu alt, zu klarblickend. Nun, wir müssen uns in die 
Geschichte fügen, es dulden, dass wir in eine minder angeregte Zeit 
fallen und darum dennoch nicht verzagen und ein Jeder das Seinige 
tbun, das Saatkorn still und vertrauensvoll in die Erde legen. 



110. 
An Wechsler. Frankfurt, 15. Oktober 1863. 

Lass es Dich nicht verdriessen, dass Du ruhig in Deinem Olden- 
burg bleibst. Mein lieber Freund, ich scheue das offene Bekenntniss 
nicht, dass ein Wechsel in unseren Jähren mit ungeheuren Schwierig- 
keiten verbunden ist, schmerzliche Wehmuth erregt. Ich habe schwere 
Zeiten durchgemacht, ich habe sie. Gottlob, durchgemacht, aber wie 
musste ich an mir selbst arbeiten, um mich durchzuringen und alle 
die vielen Wunden vernarben zu lassen. Ich bin darüber weg, aber, 
wie gesagt, es war schwer. Das Geschlecht, mit dem man 23 Jahre 
hindurch unter den verschiedenartigsten Lebensverhältnissen in Leid 
und Freud', in Kampf und Sieg, in den intimsten Beziehungen und 
Berührungen verkehrt, ein anderer Theil, der unter den eigenen Augen 
erwachsen ist, den man sich selbst erzogen hat — solches Vertrauen, 
Achtung, Anhänglichkeit, die lassen sich in acht Wochen am andern 
Orte nicht mit einem Male erobern. Dazu hat Frankfurt auch seine 
Eigenthümlichkeiten, die zuerst leicht als Schattenseiten hervortreten. 
Wer gewöhnt ist, als Mittelpunkt einer Gemeinde zu gelten, der wird 
in Frankfurt auf viele centrifugale Kräfte stossen und auch auf andere, 
die selbst Mittelpunkt sein wollen. Prankfurt hält überhaupt viel 
auf sich, theils mit Becht, theils auch ohne genügenden Grund; 
Alles strömt ihm zu und es wird nicht so leicht überrascht, es lässt 



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— 286 — 

sich nicht so leicht in einen Enthnaiasmus hineinbringen. Und ein 
grosser Theil der Juden, gerade die gebildeteren, haben sich sehr 
den allgemeinen Interessen zugewandt, aus den jüdischen heraus- 
gelebt, und dem Babbiner, der hier seinen Angelpunkt hat, diese 
Kräfte, die naan gern als Hebel gebrauchen möchte, nach« dieser 
Seite hin so schwer zu bewegen findet, ist das unbehaglich. Und so 
wäre Vieles aufzuzählen. Mir war es an den hohen Feier- und 
Festt9>gen, wo nun gerade ein sehr gemischtes Publikum erscheint, 
weit schwerer in der erhöhten Stimmung mich zu erhalten, die mir 
immer zum Predigen, namentlich für solche Tage nöthig ist. So 
habe ich denn recht stark mit mir selbst zu thun gehabt. Aber 
ti'otz alle dem ist es gelungen, und zwar gelungen, weil ich alle 
Ansprüche ausser denen, zu welchen die Zeiten selbst berechtigte, 
gewaltsam bannte. Und es ist gelungen. Ich habe Frankfurt und 
ich lebe in ihm. Man ist hier in einer Gesinnung und in einer 
Stimmung in Beziehung auf mich, wie ich sie nicht erhöhter erwarten 
darf, wie sie mich vollkommen befriedigt, wie sie mich zu den 
schönsten Aussichten berechtigt. 

Den 14. hatte ich eine Trauung wie sie fast nur hier vorkommt. 
Die Tochter des Herrn Weisweiller, des Bothschild'schen Geschäfts- 
führers in Madrid, der aber dort eine grosse Stellung einnimmt, mit 
dessen Neffen, der gleichfalls im Hause ist und wiederum schon eine 
Bedeutung erlangt hat. Ein solches Publikum hat nicht leicht ein 
Eabbiner, mehrere Gesandte, der Herzog Max von Baiern (Schwieger- 
vater des Kaisers von Oesterreich) und dergleichen. Gestern war 
die Feier des 18. Oktober und wieder eine ebenso ausgewählte wie 
glänzende Zuhörerschaft aus der Gemeinde. Und ich darf bei allen 
diesen Gelegenheiten mit meinen Erfolgen zufrieden sein. 



111. 
An D. Honigmann. Frankfurt, 3. November 1863. 

Eine schöne Bürgschaft für meine bereits festgewurzelte Stellung 
hier bot mir namentlich das Festessen, welches mir am 11. Oktober 
bereitet worden; es war ein Fest allseitiger Anerkennung und Herz- 
lichkeit. 

Dass das Leben hier grossartiger ist, berichten Ihnen die Zei- 
tungen; bis jetzt habe ich noch wenig Antheil daran genommen. 
Ich habe ruhig tagen lassen, ohne zu glauben, dass es bei mir darum 



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— 287 ~ 

weniger Tag sei. Viel Gescheidtes ist dabei nicht herausgekommen, 
nicht aber bloss beim Fürstentage, bei der Versammlung des gröss- 
deutschen Beform (!) Vereins, dem zünftlerischen Hand werkstage, dem 
katholischen Vereinstage, sondern auch beim Abgeordnetentage, beim 
Bonge'schen religiösen Beformverein und wohl auch beim Protestanten- 
tage. Alle diese Zusammenkünfte haben mir keinen Besuch gebracht. 
Sonst fühlt man es wohl, dass Frankfurt ein Mittelpunkt ist, und 
vielfach habe ich Breslauer und manche Celebritäten bei mir gesehen, 
unter denen ich auch Oppert nicht vergessen darf. 



112. 
An Wechsler. Frankfurt, 15 December 1863. 

Die Zeilen, welche ich nunmehr beginne und hoffentlich auch 
bald zu Ende führe, treffen Dich, wie ich von Herzen wünsche, wieder 
bei völligem Wohlsein, und Du machst Dir beim Anblick der kleinen 
Handschrift eine frische Pfeife an, um sie mit Behagen zu lesen. 
Erst brummst Du, wenn auch ohne Grund: endlich! Dann raisonnirst 
Du: dass doch der Geiger so undeutlich schreibt, als wärest Du der 
«rste Kalligraph, und nach solchem Eäuspern und Brummen begiebst 
Du Dich' an's grosse Lesewerk. Möge es Dir Befriedigung gewähren ! 
Amen ! 

Und nun, mein lieber Zuhörer oder vielmehr Leser, werde ich 
mein heutiges Thema in folgenden drei Theilen behandeln, werde 
erstens sprechen über mein Ich als ein persönliches und hier amt- 
liches, zweitens über mein Ich als ein literarisches oder unliterarisches, 
und endlich drittens über mein Nichtich, d. h. über das grosse An- 
hängsel, das um mich herumschwappelt, die nichtsnutzige Welt. 
Ich komme ohne lange Umschweife zum Gegenstande. Mit frohem 
Danke verkünde ich nun zuvörderst, dass sich mein persönliches und 
amtliches Ich ganz behaglich fühlt; ich bin wohl und habe mich 
eingelebt, finde hier eine meine Erwartungen übertreffende allseitige 
Anerkennung. Wenn der an norddeutsche Sitte Gewöhnte und mit 
derselben » Befreundete sich einmal über die hiesige, vielleicht im 
Allgemeinen süddeutsche Formlosigkeit hinweggesetzt hat, da ist es 
hier ganz gut leben. Je länger ich hier bin, desto unverständlicher 
wird mir Stein. In den vier Monaten meines hiesigen Aufenthalts 
ist mir nur Angenehmes widerfahren, kein trübes Wort, kein Ent- 
gegentreten von irgend einer Seite, im Gegentheil liebevolle Wärme, 



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— 288 — 

die sich freilich nicht überschwänglich äussert, aber doch ganz herzlich 
kundgiebt. Vierzehn Jahre an einem solchen Orte weilen als un- 
bestreitbar guter Prediger, in den vielfachsten Eamilienbeziehungen« 
noch dazu in regeren religiösen Zeiten — und dennoch spurlos da- 
hingehen, das ist unbegreiflich! Die Betheiligung am Gottesdienste 
ist eine verhältnissmässig viel grössere als in Breslau, und die regel- 
mässig in der Synagoge stattfindenden Trauungen werden mit einer 
Dankbarkeit auch in solchen Familien, die sich sonst um das Juden- 
thum gar nicht kümmern, aufgenommen, dass ich oft selbst erstaunt 
bin. Ich habe nun auch Vorlesungen begonnen. Mit ihnen habe ich mir 
eine schwere Aufgabe gestellt, und sie beschäftigen mich sehr; aber auch 
sie sind ungemein lohnend. Ein Publikum, wie es sich nicht so leicht 
findet, und bis jetzt eine tiefgehende Befriedigung ^). 



112. 
An M. A. Levy und Frau. Frankfurt, 18. Februar 1864. 

Sehr erfreulich war mir, dass die „Sadducäer und Pharisäer*' so 
viel nachbestellt werden, natürlich mehr um des Eindringens willen in 
das sachkundige Publikum, als um des sehr problematischen Vortheils 
willen, der mir daraus erwachsen kann, und dass Diestel in den 
^Jahrbüchern für deutsche Theologie'* mit solcher Entschiedenheit auf 
die kleine Arbeit hinweist. Da sie nun wieder auf die , Urschrift* nach- 
drücklich zurückweist, so denke ich, es werde auch diese einen weiteren 
Eingang finden. Mir klären sich meine geschichtlichen Anschauun- 
gen mehr und mehr, woran die Vorlesungen einen guten Theil haben ; 
diese bringen ein Stück der Resultate, die Forschungen, welche dahin 
führen, müssen dann noch folgen. 

Zu der allgemein sich vorbereitenden Auflösung aller Verhältnisse^ 
über die zu schreiben wahrhaft ekelhaft ist, gehört auch das Hin- 
scheiden vieler tüchtiger Menschen innerhalb des jüdischen Kreises 
auf der Höbe des Mannesalters, -für die einen Ersatz zu finden sehr 
schwer halten dürfte. Wo sind die Männer, welche Sachs und Vei t, 
bei allen ihren Verkehrtheiten, zu ersetzen vermögen? Es ist eine 
glückliche Zeit für die Mittelmässigkeiten und die kleineren In- 
triguanten. Es ist ein Glück, wenn man doch höhere Zwecke im 



') [Der übrige Theil des Briefes, dessen Inhalt oben angedeutet ist, musste, 
da er ähnlich auch in folgenden Briefen behandelt ist, fortgelassen werden.] 



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— 289 — 

Auge hat, und um so lieber klammere ich mich an die Wissenschaft^ 
Ja, wenn es mir gelänge, mit der Errichtung eines Seminars am 
hiesigen Orte durchzudringen! Und ich gebe die Hoffnung keines- 
wegs auf; nur muss man sich den Boden erst gehörig erobern. — 
Freitag war ich zum ersten Male bei Frau Baronin v. Bothschild, 
die den Wunsch, mich zu sehen, mir hatte ausdrücken lassen; sie mit 
ihren Töchtern sind sehr fleissige Besucherinnen meiner Eredigten. 
Dieser erste Besuch liess einen recht angenehmen Eindruck bei mir 
zurück; ich denke ihn bald zu wiederholen und dann manches Ernste 
mit ihr zu besprechen. 



114. 
An M. A. Stern. Frankfurt, 15. Juni 1864. 

Predigten und Schrifterklärung, Traureden wie Leichenreden, 
Erklärung der „Sprüche der Väter", die ich mit dem Sabbath nach 
Pessach begonnen, die Confirmation, die ich, wie hier üblich 
am zweiten Tage des Wochenfestes abgehalten, der Eindruck des 
Keligionsunterrichtes auf die Zöglinge selbst, mit dem ich mir, wie 
es nicht minder in Breslau der Fall war, eine Gemeinde erziehe: 
alle diese Erfolge sind höchst erfreulich und hoffentlich um so tiefer 
wurzelnd, je geräuschloser sie sind und je weniger davon gesprochen 
wird» Nun werde ich auch endlich wieder einmal schriftstellerisch 
auftreten ; mein Doppelheft — vom vorigen Jahre ! — und meine Vor- 
lesungen, die mit einem Anhange: „Ein Blick auf die neuesten Be- 
arbeitungen des Lebens Jesu* vermehrt sind, müssen dieser Tage 
erscheinen, und ich verspreche mir von diesen einen Erfolg auch für 
das grössere, namentlich auch für das christliche Publikum. Dass 
ich auf Dein ürtheil darüber begierig bin, brauche ich nicht erst zu 
sagen. Uebrigens mehren sich meine Schriftstellerfreuden. Meine 
„Urschrift'' ist im Laufe des letzten Jahres besser abgegangen als 
in den vorhergehenden. Die neueste Ausgabe des Brockhaus'schen 
Conversations-Lexikons hat einen Artikel: „Apokryphen*, in welchem 
meine Ansichten über die beiden Makkabäerbücher als ganz selbst- 
verständlich aufgenommen werden, und Dozy in Leyden, der mir 
schon früher sich mit voller Anerkennung zugewendet, ist in einem 
neuern Briefe ganz übersprudelnd, er habe sich mir mit Leib und 
Seele übergeben, sei ganz und gar ein Geigerianer u. s. w. Ein neues 

Geiger, Scbriften. V. jg 



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— 290 — 

Bach von ihm: «Die Israeliten zu Mekka, von Davids Zeit bis in's 
fünfte Jahrhundert unserer Zeitrechnung** --ein Gegenstand, über 
welchen ich freilich keine Zeile zu schreiben wüsste — , das im April 
bereits holländisch erschienen ist und dort Aufsehen gemacht hat, wird 
in kurzer Frist in Leipzig bei Engelmann in deutscher Uebersetzung 
erscheinen und wird mir eben, wie er sagt, beweisen, dass er ein 
Geigerianer ist. Seitdem sei auch in Holland erst die , Urschrift" 
sehr bekannt geworden, werde viel gelesen, und de Goeje habe 
durch eine ßecension seines Werkes gleichfalls dazu beigetragen. 
Dass Holland überhaupt ein fruchtbarer Boden für mein Buch ist, 
zeigt die Schrift JuynbolTs, auf die ich in meiner Zeitschrift hin- 
weise [J. Ztschr. III, 150 fg.] und in der ich, da er sie mir nun zu- 
geschickt^ noch gar Manches erblicke, wo ich stillschweigend als 
Führer gedient habe. 



115. 
An Zunz. Frankfurt, 9. August 1864. 

Wie gerne rüstete ich mich, um an Ihrem Ehrentage Ihnen mit 
Innigkeit in das Antlitz zu schauen! Denn ein Ehrentag ist Ihnen 
der morgende; wer seine siebenzig Jahre so verlebt hat, wer mit 
dieser Hingebung bis in das späte Alter der treue Priester der 
Wissenschaft bleibt, der verstand und versteht es, aus der glück- 
lichen Gabe, die Gott ihm zu Theil werden liess, sich den Ehren- 
kranz zu winden. Er wird Ihnen sicher von Nahestehenden über- 
reicht werden, und von der Ferne erfreue ich mich des Anblickes. 
Nur das schwache geschriebene Wort kann ich darbringen [oben 
Bd. I, S. 296 flf.], und wie Sie und Ihr Wirken der Oeffentlichkeit 
angehören, so wird es Sie auch nicht befremden, dass ich das Wort 
des Glückwunsches gleichfalls der Oeffentlichkeit übergeben habe. 

Möge dieser Tag seine schönste Feier darin finden, dass er in 
zahlreicher jährlicher Wiederkehr Sie in rüstiger Kraft an der Seite 
Ihrer werthen Gattin begrüsse, Ihnen zum frischen Lebensgenüsse, 
uns zur Erhebung! 



\.^ 



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— 291 . — 

116, 
An M. A. Stern. Frankfurt, 5. Januar 1865. 

Die Weltgeschichte hat wieder ein Jahr zurückgelegt, sicher 
nicht ohne Frucht, aber die Verwirrung ist noch unendlich gross, ja, 
sie häuft sich mehr und mehr. Die fortschreitende günstige Ent- 
wickelung steht im entschiedensten Widerspruche nicht bloss mit den 
bestehenden Zuständen, was die politische Haltlosigkeit und Un- 
zufriedenheit erzeugt, sondern auch mit den herrschenden und ge- 
waltsam sich erhaltenden Anschauungen. Den Widerspruch ersterer 
Art gesteht man sich ein, hat jedoch nicht die Macht, ihn zu 
beseitigen, den der anderen Art will man jedoch immer ver- 
tuschen, und das ist eine gefährliche Krankheit. Ich mag in Vielem 
irren, aber ich irre nicht in meiner Auffassung des Cbristenthums, 
welche in diesem einen Gegner der grossen Culturbestrebungen 
erblickt. Es sorgt freilich dafür, sich in seiner ganzen Unduld- 
samkeit zu enthüllen; die päpstliche Encyklika, wie die Expecto- 
rationen der Ober-Kirchenräthe, Synoden und Kirchentage thun 
wahrlich das Ihrige. Aber mit welcher Feigheit nimmt man das 
Alles hin! Man bedenkt hier und da, beugt sich dem Papste 
in Betreff des Dogma und wahrt bloss das übrige Leben — als 
stände das nicht im Zusammenhange — , geht vornehm darüber hin- 
weg und sagt zum Schlüsse, das sei Missverständniss des Cbristen- 
thums, dieses sei doch Mutter und Stütze aller Bildung und nährt 
die Schlange am eigenen Busen. Solche Feigheit, wenn sie von 
Männern wie Ben an und Strauss ausgeht, ist doppelt ge&hrlich. 
Da lassen sich auch die Juden blenden und klatschen mit in die 
Hände, machen verblüffte Gesichter, wenn ein unbefangener Jude — 
der es jedenfalls in diesem Punkte ist — ehrlich die Wahrheit aus- 
spricht. Natürlich die Christen sind dazu vornehm still; das Wort 
ist ja nicht von den Generalpächtern der Bildung ausgegangen, was 
braucht man darauf zu antworten? Da kommt nun Einer, der doch 
seinem Ingrimm Luft machen muss, und ist bissig und höhnend in 
seinem Unverstände, scheut keine Lüge und keine Verdrehung. Basch 
folgen die Juden und sind zum Erbarmen aufgeklärt und sprechen: 
, Ja, der Mann hat nicht ganz Unrecht, wir sind gerecht und sind gar 
nicht so parteiisch wie der Geiger, wir sind ganz dankbare Kinder, 
wenn Ihr uns auch hier und da prügelt, Kinder müssen Schläge 

19* 



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— 292 — 

haben, Ihr seid doch die Verständigen und wir lernen hübsch von 
Euch. Wir werden keine Christen, weiss der liebe Gott warum? Ein 
Stückchen Eigensinn, ein Stückchen Familien -Anhänglichkeit und 
Jugenderinnerungen, ein Stückchen sind wir ungeschickt und können 
den Sprung nicht so recht graziös machen; aber darum sehen wir 
doch respectvoll auf Euch hin.* — Hole der Henker solche jüdische 
Aufklärung mit der christlichen Verdammung; sie sind einander w^th. 
Meine Vorlesungen werden binnen Kurzem in zweiter Auflage 
erscheinen ; in Nordamerika werden sie in's Englische übersetzt. ^ Für 
die zweite Auflage werde ich bloss stilistisch feilen und ein neues 
Vorwort hinzufügen; an Standpunkt und Auffassung weiss ich bis 
jetzt nichts zu ändern. Apologetik, wie ich sie treibe, scheue ich 
nicht; den treibenden Geist nachweisen und ihn von der zeitlichen 
Erscheinung, in der er sich offenbart, unterscheiden, das ist Aufgabe 
der Geschichte, das ist nicht Vertuschung und Schönförberei, was die 
Anderen treiben. Ich will Nichts befestigen, was sich überlebt hat; 
sagt man mir, was ich wolle, sei nicht mehr Judenthum, so hat man 
mit Unrecht über eine Seligion abgesprochen, die nicht abgeschlossen, 
sondern noch immer in voller Bewegung ist. Will man dasselbe vom 
Christenthume sagen, so würde ich Nichts dagegen haben, wenn es 
möglich wäre. 



117. 
An M. A. Levy. Frankfurt, 20. Februar 1865. 

Ich habe einen merkwürdigen Brief aus Paris erhalten. Ein 
junger Mann, der vor einigen Monaten erst das Pariser rabbinische 
Seminar verlassen, will sich ausschliesslich philologischen Studien 
widmen; er heisst Isaie Levaillant. Ein Schüler Benan's, wird 
er dessen Sekretär werden nach dessen Bückkehr aus Asien. Der- 
selbe hatte schon vor langer Zeit meine «Urschrift^ gelesen und das 
Verlangen gehabt, sie in's Französische zu übersetzen. Nun sei die 
Zeit dazu jetzt sehr günstig, da man in Frankreich sich jetzt mit 
ganz besonderem Eifer auf die religiösen Studien geworfen. Benan 
habe ihn zu seinem Unternehmen ermuntert und wolle ihm einen 
Verleger schaffen. Er verlangt nun meine Zustimmung und auch 
etwaige Anleitung. Ich habe jene gegeben, in Betreff dieser nicht 
verschwiegen, dass ich das Unternehmen für ein ziemlich schwieriges 



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— 293 — 

halte, dass ich heute das Buch anders arbeiten wurde, aber für eine 
üebersetzung keine Umarbeitung vornehmen kann, wohl aber meine 
Beantwortung auf Anfragen zugesagt und meine Bereitwilligkeit, 
wenn er mir die Bevision zukommen lasse, nöthige Berichtigungen 
anzugeben und ihn endlich an Dernburg gewiesen. — Ueber Kenan 
schreibt der junge Mann ferner: ,M. Kenan m'a charg^, avant de 
partir, de vous remercier de toutes les charmantes choses que vous 
lui avez envoy^es et de vous dire quel lecteur sympathique vous 
avez en lui/ 



118. 
An M. A, Levy. Frankfurt, 27. März 1865. 

Die Nachfrage nach den Vorlesungen dauert noch immer fort, 
und sie muss, meiner üeberzeugung nach, noch zunehmen, wenn die 
christlichen Theologen einmal den Mund aufthun, was sie doch nicht 
werden unterlassen können. Bis jetzt sind sie freilich noch ganz 
still, und selbst das neueste Heft: „Saat auf Hoffnung*, wo ich am 
ersten eine Wehklage erwartete, gedenkt dessen nicht. Und dennoch 
müssen sie kommen. Die amerikanische Zeitschrift „Occident*' fährt in 
der Mittheilung der Üebersetzung der Vorlesungen fort, und ^as Januar- 
heft bringt den Schluss der zehnten. Unterdessen schreiten meine 
neuen Vorlesungen fort, die zehnte ist bereits gehalten, und noch zwei 
bilden für diesmal den Schluss, aber ich gelange nicht bis über den 
Anfang des 13. Jahrhunderts hinaus, so dass ich auch für den folgenden 
Winter noch einen vollständigen Cyklus übrig behalte, und da ich 
nun einmal begonnen, so will und muss ich auch das Ganze zu 
Ende bringen. Auch von den neuen Vorlesungen verspreche ich mir 
einen Erfolg. Wenn ich nicht irre, ist Alles unter neue Gesichts- 
punkte gebracht, der geistige Faden aufgewiesen, die treibenden 
Kräfte in ihrem Flusse aufgedeckt, so dass eine übersichtliche Er- 
fassung des geschichtlichen Zusammenhanges möglich ist. Unsere 
dickleibigen Geschichtsbücher reihen Massen von Details an einander, 
ohne dass die Grundgedanken und deren Entwickelung zur Klarheit 
kommen, und wie vieles Wesentliche fehlt bei all' ihrer Umständ- 
lichkeit! Und welch' eine Gruppirung! Wenn ich jetzt so zuweilen 
in Graetz hineinblicke — was meistens freilich nachträglich ge- 
schieht — 80 überzeuge ich mich immer mehr, dass es ihm bei 



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— 294 — 

allem Fleisse, bei manchem Heranziehen von Neuem, richtigem Er- 
örtern von Einzelnheiten, abgesehen von den massenhaften Irrthümem 
und Flüchtigkeiten, ganz und gar am geschichtlichen Blicke fehlt, 
an der Einsicht, die den Stoff bewältigt .... 

27. März. Heute Abend bin ich in kleinem Kreise mit Karl 
Vogt zusammen, der hier Vorlesungen hält, die ich — ein Böotier 
in der Naturwissenschaft, wie in der Tonkunst — natürlich nicht 
höre. Sie wissen, ich mache mir nichts aus der Bekanntschaft mit 
literarischen Grössen, wenn sie mir nicht irgendwie geistesverwandt, 
sympathisch sind, jedoch man kann das auch mitmachen. 



119. 
An M. A. Levy. Frankfurt, 9. August 1865. 

Die Vereinsangelegenheit ^) ist im Werden. Verworren gähren mir 
verschiedene Pläne schon lange — und noch jetzt durcheinander, und 
da hatte ich zuerst nur mit einigen benachbarten Babbinem besprochen, 
dass es doch in der Ordnung sei, wenn wir von Zeit zu Zeit freund- 
schaftlich und wissenschaftlich zusammenkämen. Natürlich M die Auf- 
forderung mir zu. Dies geschah, es kamen im Mai Einige hierher mid 
wir sechs Versammelten kamen bald dahin überein, dass etwas Ernst- 
licheres gd^chehen müsse, dass Besprechungen in weiteren Kreisen in 
Verbindung mit einsichtsvollen und tbeilnehmenden Gemeindemitglie^ 
dem nöthig seien. Eine Aufforderung dazu auf den 12. Juli sollte 
erfolgen, natürlich wieder durch mich, und ein anderer Weg als 
durch die öffentlichen Blätter war nicht gegeben. Auch sie erfolgte, 
aber es musste doch der Zusammenkunft ein bestimmterer Zweck 
vorliegen, und so gestaltete sich dieser in mir zu einem Vereins- 
vorschlage, über den ich mich auch mit Philippson, wenigstens 
in seinen allgemeinsten Zügen, zu vereinigen suchte. Nun mussten 
erst am hiesigen Orte Theilnehmende gewonnen werden, das wsur 
schwer genug, aber es ging doch so weit, um wenigstens das unter- 
nehmen in's Werk zu setzen. Der Tag kam heran und die Theil- 



*) [Oben S. 267. Ein gedrucktes Circular „an aUe Freunde des Judenthums*, 
hauptsächlich von Geiger verfasst und von ihm, den Rabbinern Adler, Aub, 
Goldschmidt, Philippson, Wolff, den Herren B. Beer, R. Eirchheim, 
Ph. Wertheim unterschrieben, musste ebenso wie der Statuten-Entwurf (s. tint^ 
8, Februar 1866) des Raummangels wegen fortgelassen werden.] 



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— 295 — 

nähme war genügend. Das Bedürfniss liegt in der Luft, aber es ist 
auch schwebend wie dieselbe, und es zu fixiren ist schwer. Die Ver- 
handlungen verliefen sehr befriedigend, und die nun veröffentlichte 
Ansprache erregt von vielen Seiten die Aufmerksamkeit. 

Von rechtem Interesse war es mir, bei der Versammlung wieder 
einmal die alten Kumpane zusammen zu sehen. Adler in Cassel, 
den ich vielleicht seit mehr als dreissig Jahren nicht gesprochen, ist 
ein wackerer und verständiger Mann ; dass dasselbe in hohem Grade 
auch von Aub gilt, wissen Sie. Von sonstigen Theibehmern nenne 
ich: Landsberger, Goldschmidt, Wolff, Cahn in Mainz, 
Eothschild in Alzey, Goldmann in Birkenfeld, Süsskind in 
^Wiesbaden, Witteishöfe r in Floss in Bayern. Es fehlt nicht an 
Elementen und Streben, und wenn nur der rechte Modus gefunden, 
so wird auch die That nicht ausbleiben. Die Laienbetheiligung be- 
kam durch die Theilnahme Wertbeim's aus Berlin, der vom Vor- 
stande geschickt war, und des Pariser Königswarter eine aus- 
gesprochene Bedeutung, indem grössere Kreise darin ihre, wenn auch 
nicht ofjBcielle, Vertretung fanden. 



120. 

An Prof. Th. Nöldeke. Frankfurt, 28. August 1865. 

Seltsam freilich ist, dass die christlichen Gelehrten 

Deutschlands, welche sonst die sorgsamste Herbeischaffung des Ma- 
terials anstreben und aufs Gründlichste in jede irgendwo vorgebrachte 
Ansicht eingehen, jüdische Arbeiten, selbst wenn sie ihnen zugänglich 
sind, ignoriren! Wenn meine neuere Zeitschrift nicht einmal von 
einer Göttingischen Universitätsbibliothek gehalten wird, ja, wenn 
selbst meine Aufsätze in der „Zeitschrift der deutsch -morgenl. Ge- 
sellschaft", wie es scheint, als von einem nicht der Zunft Angehörigen, 
nicht genügende Beachtung finden, so ist das wahrlich ein über- 
raschender Beweis engherzigster Befangenheit. Da hat Vilmar die 
Annales Sam. des Abulfath herausgegeben, sie sind sorgfältig bear- 
beitet, aber es fehlt ihm dennoch am Eindringen in das Wesen des 
Samaritanismus, und er ignorirt meine vielfach zerstreuten Bemerkun- 
gen über dieselben oder er kennt sie nicht. Da musste es neulich 
ein ßecensent in der Prot. K.-Z. an Hase rügen, dass seine neueste 
Auflage des „Leben Jesu" gar keine Notiz nimmt von meiner Auf- 



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— 296 — 

fassung der »Sadducäer und Pharisäer"! Dass es Strauss nicht 
anders gemacht, habe ich zur Genüge ausgesprochen« Ist das wirklich 
Wissenschaft? Das Ausland ist unbefangener, Zeugniss dessen ist 
Holland. Aber natürlich ist man dort doch nur auf solche deutsche 
Arbeiten aufmerksam, welche in der Heimathstätte selbst Geltung 
erlangen, und sie bleiben auch von dem, was man hier zur Seite 
liegen lässt, in Unkenntniss. Ein Herr Field in Norwich bereitet 
eine neue Ausgabe der Hexapla vor, er hat ein Specimen über seine 
Benutzung der syrischen Hexapla herausgegeben ; der gute Mann hat 
keine Ahnung von meiner „Urschrift** und meinem „Symmachus.* 
Er wird jetzt damit bekannt sein, doch wird dem englischen Geist- 
lichen die freie Bichtung in den deutschen Forschungen im Allgemeinen, 
wie in den meinigen insbesondere nicht sonderlich munden, und da 
er überhaupt erst nach der Feststellung seines Planes, nach der vollen 
Vorbereitung zu seinem Werke mit meinen Arbeiten bekannt ge- 
worden, darf ich eine eingehende und unbefangene Benutzung derselben 
kaum erwarten. 

Jedoch ich will nicht klagen und anklagen, aber die unmass- 
gebliche Meinung wollte ich nur aussprechen, dass es von Männern, 
wie Sie sind, wohlgethan wäre, eine Verständigung zu erzielen. 
Suchen wir uns gegenseitig in's Klare zu setzen! Theilen Sie mir 
Ihre Bedenken mit, Sie werden mich nicht hartnäckig finden; dass 
auch Sie bereitwillig meine Begründung anhören werden, daran 
zweifle ich nicht. Das Buch — die „ Urschrift ** — ist über mich 
gekommen; es ging nicht aus einem von vorn herein bestimmten 
Plane hervor; Plan und Anschauung gestaltete sich erst während 
der Arbeit. Im Begriffe, eine Geschichte der Karäer zu schreiben, 
kam ich auf die Sadducäer, da ging mir ihr Wesen und ihre Ent- 
stehung auf; aufwärts und abwärts steigend, enthüllte sich mir nun 
die Methode für die biblische Kritik, wie der Entwicklungsgang der 
Halacha. Von einem ganz anderen Punkte ausgehend, kam ich an 
Ziele, denen ich nicht entgegengestrebt und die ich nicht geahnt. 
Das Buch mag daher die Spuren des Werdens unter der Hand an 
sich tragen, keine so geschlossene Ordnung beobachten, es mag ihm 
an Uebersichtlichkeit in der Gruppirung und Behandlung des weit- 
schichtigen Stoffes fehlen; aber für den, der sich die Mühe nimmt, 
die Untersuchungen aufmerksam zu verfolgen, werden doch die Re- 
sultate klar genug sein. In mir selbst hat sich der Gedanke immer 
mehr geklärt, ich konnte die weiteren, den ganzen geschichtlichen 



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— 297 — 

Gang offenbarenden Ergebnisse bis jetzt bloss andeutend in einzelnen 
Abhandlungen berühren;. amtliche und praktische Beschäftigungen, 
Studien, die vom Hauptwege fern liegen und die man auch nicht 
vernachlässigen möchte, wie sie denn auch dennoch wieder in den 
Hauptweg einmünden, haben mich verhindert, den Versuch einer neuen 
umfassenden Darstellung zu unternehmen. Wenn mir Gott Kraft und 
Müsse giebt, werde ich an die Ausarbeitung dieses Werkes, welches 
ich als den Zielpunkt meines Strebens betrachte, doch in nicht ferner 
Zeit gehen. Ein gegenseitiger Austausch der Ansichten mit Ihnen 
wird mir dazu gewiss von Nutzen sein. 



121. 

An Saniel Markus in Bukarest. Frankfurt, 3. September 1865. 

Wenn das Unternehmen der Gründung eines Vereins für all- 
gemeine Angelegenheiten des Judenthums weiter keinen Erfolg hätte, 
als dass die aufrichtigen Freunde des Judenthums einander, wenn 
auch nur schriftlich, näher treten, so ist auch dieses schon ein grosser 
Gewinn. Das Bewusstsein, an den verschiedenen Orten treue, gleich- 
gesinnte Brüder zu finden, hat etwas ungemein Ermuthigendes auch 
unter schwierigen Umständen. Allein die Berathungen in den Ver- 
sammlungen werden noch bedeutend wichtigere Erfolge haben; die 
Discussion aus den Besseren der Gemeinde heraus^ wird zur Klärung 
der Lage und der Ansichten ungemein viel beitragen. Noch mehr 
als dies werden die Anträge wirken, welche von allen Seiten ein- 
treffen; die Bedürfnisse müssen klar gelegt werden, damit auch die 
Mittel zur Abhülfe aufgefunden werden. Ueberall, wo eine Anzahl 
von Mitgliedern sich zusammenfindet, müssen diese zusammentreten, 
in ihren Berathungen das für ihre Gegend Nöthige sich klar machen, 
darüber Anträge an den Verein einschicken, damit dieselben in einer 
Generalversammlung zur Berathung und Beschlussfassung gelangen. 
Ein wesentliches Erforderniss ist und bleibt, Männer für die Zukunft 
herbeizuschaffen, die an allen Orten durch Eifer und Einsicht fördern. 
Anstalten zur Erziehung solcher Männer zu gründen und zu erhalten, 
ist eine Aufgabe der Gesammtthätigkeit; wie an den einzelnen Orten 
und in einzelnen Gegenden gewirkt werden muss, das richtet sich 
nach vielen Bedingungen und muss von vielen Kräften ausgeführt 



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— 298 — 

werden. — Für den Osten wird eine vorzügliche Aufgabe sein: Schulen. 
Diese müssen in einem jeden Orte von den .einsichtsvollen Bewohnern 
selbst angeregt, gegründet werden; Deutschland könnte nur insoweit 
beistehen, dass es in seiner Mitte für Anstalten sorgte,' welche Männer 
zur Leitung solcher Schulen ausrüstet. Dann aber sendet Deutsch- 
land — ich spreche natürlich von meinem Standpunkte aus, ohne die 
Leistungen Frankreichs, Englands, Italiens damit ignoriren oder herab- 
setzen zu wollen — seine Literatur nach allen Weltgegenden, und ist 
auch seine Sprache nicht Allen zugänglich, so dringen doch mittelbar 
die Ansichten überall hin. Die Verbreitung dieser Literatur ist für 
jene Gegenden von grosser Bedeutung .... 

Von bedeutendem Einflüsse für den Osten würden allerdings 
hebräische Werke und hebräische Zeitschriften sein, wenn sie im 
rechten Geiste bearbeitet sind. Empfehlenswerth sind in dieser Be- 
ziehung die Ausgaben von Mechiltha und Sifre, welche vor Kurzem 
in Wien erschienen sind, auch die Zeitschrift Beth Hamidrasch von 
Weiss in Wien macht einen guten Anfang. Von vielem Interesse 
wird für Sie sein Ozar Jfechmad, das in vier Heften in Wien er- 
schienen ist, ferner He-Chaluz in sieben Heften — das siebente erat 
neuerdings — , welches zwar oft vielleicht zu kühne Aeusserungen 
enthält, aber auch sehr Schätzbares. Traurig ist, dass die ver- 
breitetsten hebräischen Blätter so wenig gesunde Nahrung bieten. 
Das verbreitetste, und es ist auch das einzige, das mir zu Gesieht 
kommt, ist Ha-Maggid. um von dem politischen Theile zu schwei- 
gen, ist das literarische Blatt Ha-Zofeh so schrecklich mager, so 
alles wahrhaft Belehrenden haar, dass es ein höchst trauriges Bild 
der wissenschaftlichen Verwahrlosung darbietet Bis jetzt war es 
wenigstens in seiner Tendenz vorsichtig gemässigt, und das konnte 
ihm in Berücksichtigung seines Publikums nicht verargt werden. 
Bei der Entstehung unseres Vereins jedoch weiss ich nicht, „welcher 
Geist über ihn kam**, da fing er an, im Chore mit einigen der 
nichtsnutzigsten Blätter über mich zu schimpfen in jener ganz rohen, 
fanatischen Weise, die wahrlich seinem Motto: „Die Wahrheit und 
den Frieden sollen sie lieben* sehr wenig entspricht. 

Jedoch halten wir nur zusammen, so wird sich auch der 
Einfluss auf die literarischen Arbeiten bald kundgeben, und es 
wird auch die Zeit das durch die Presse hervorrufen, wessen 
sie bedarf und was sie verlangt. Binnen Kurzem wird von mir ein 
ausführliches Programm erscheinen, das an die wirklichen und zu 



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— 299 — 

erwartenden Mitglieder gerichtet und versendet wird^). Jedenfalls 
bleiben wir in Verbindung! Werben Sie Mitglieder, halten Sie Be- 
sprechungen und berichten uns darüber. 



122. 
An M. A. Levy. Frankfurt, 2. November 1865. 

Bei der Philologenversammlung war ich, wie Sie bereits wissen 
werden, nicht, ich war zwischen Neujahr und Versöhnungstag unwohl, 
und obwohl ich hoffte, dass das Uebel vorübergehen würde, so brach 
es doch wieder am Versöhnungstage aus und zwang mich, den Tag 
im Bett zuzubringen. Ich habe an Fleischer nach Heidelberg ge- 
schrieben und einen Aufsatz über Samaritaner beigelegt, worauf ich 
auch bereits eine Antwort von Krehl, dem gegenwärtigen Bedacteur, 
erhalten. Mit dem Unwohlsein am Versöhnungstage war übrigens 
mein üebel geheilt, das Hüttenfest sah mich wieder in voller 
Thätigkeit und in den Mitteltagen machte ich einen Abstecher nach 
Bonn, wohin ich meine Jenny mitnahm; wir amüsirten uns sehr 
gut, ich erholte mich prächtig, verkehrte mit Philippson viel, 
suchte mich über die Statuten des Vereins mit ihm zu verständigen, 
dessen Geburt etwas schwer von Statten geht; um so mehr wollen 
wir hoffen, dass er ein kräftiges Knäblein wird .... Von einem 
Pfarrer Ron seh im Württembergischen, einem Mitarbeiter der Herzog- 
schen Encyklopädie, erhielt ich ein Schreiben; derselbe hat nämlich 
in dieser Encyklopädie einen Artikel: „Biblische Zeitrechnung* und 
»wollte nun bei dessen Ueberarbeitung meinen Aufsatz: „Die Lebens- 
jahre der zwei ältesten Geschlechterreihen •* in meiner Zeitschrift 
[I, 98 — 121, 174—185] auch benützen, wusste aber nicht, wie ihn 
erhalten, und bittet mich nun, die Hefte ihm zu borgen. Es ist 
immer schön, wenn die Christen anfangen, uns zu berücksichtigen 

und allmählich die Ebenbürtigkeit anerkennen Von meinen 

Vorlesungen ist in den „Blättern für literarische Unterhaltung" nur 
der erste Band bis jetzt beurtheilt. Aber in den „Hamburger Nach- 
richten* (September) stand ein vortrefflicher kleiner Artikel über den 
2. Band, ebenso in der hiesigen „Neuen Frankfurter Zeitung* .... 



^) [Ist nicht geschehen; die politischen Verwicklungen Hessen den genannten 
Verein zu keiner Entfaltung gelangen.] 



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— 300 — 

Ach wie kläglich ^ieht es in Deutschland aus! Welch eine Zer- 
fahrenheit und wie ist selbst die freisinnige Meinung in sich unsicher ! 
Wäre der Philipp von Macedonien nur schon da, der deutsche Louis 
Napoleon oder Victor Emanuel, wir kommen sonst nicht zu Stande. 
Die ganze alte Misere will nun noch einmal ihre Kesultatlosigkeit, 
ihre Unfähigkeit zu einem Endziele zu gelangen, offenbaren, aber 
auch der Mann fehlt, der diesen Knoten durchhaut, und eine Ab- 
wickelung ist unmöglich. Wie die BatUosigkeit der französischen 
Nationalversammlung Louis Napoleon geboren hat, so giebt die Zer- 
splitterung Deutschland's und die Ohnmacht der Einigungsversuche 
Bismarck das Heft in die Hände. Ich möchte es ihm schon gönnen 
und meine Freude haben an der Auflösung der erbärmlichen Wirth- 
schaft der Kleinstaaterei mit ihrer ganzen unklaren Selbstüberhebung. 
Die Freiheit wird sich dann trotz ihm erheben. Sollen wir uns 
wundern, dass dieselbe Zerfahrenheit in jüdischen Angelegenheiten 
herrscht? Sehen Sie Wien und Berlin; und was wird in Padua [nach 
Luzzatto's Tode] geschehen? So oft gegenwärtig ein Mann stirbt, 
ist die volle Rathlosigkeit da, weil erstens Männer nicht vorhanden 
sind, und weil man zweitens nach einem Manne suchte der aber doch 
wieder kein Mann sein soll. Da soll nun aber der in Geburtswehen 
liegende Verein nach seinen Tendenzen zu helfen suchen; er soll 
erstens Männer bringen und zweitens durch die Betheiligung der 
Oesammtheit dieser Klarheit verschaffen. Ich verkenne nicht [die 
Schwierigkeiten, lasse mich aber nicht abschrecken. 



123. 
An M. A. Levy. Frankfurt, 28. November 1865. 

Berlin scheint nun in seiner Bepräsentantenwahl dem Fortschritt 
gehuldigt zu haben, wenigstens meldet so ein Telegramm, das gestern 
Abend die Zeitung brachte. Aber ob nicht nach diesem Siege die 
Abspannung folgt, die ßathlosigkeit wieder von Neuem beginnt? Das 
gehört ja einmal zu den preussischen, zu den deutschen, den euro- 
päischen Zuständen. Welch ein aussichtsloser Wirrwarr! Er verdirbt 
alle Freude an thatkräftigem Eingreifen , ertödtet ein jedes muthige, 
das Ziel fest im Auge behaltende Wirken, weil der Erfolg so unsicher ist 
und die mitwirkenden Kräfte erlahmen. Man darf sich freilich nicht 
dadurch beirren lassen, und die Thätigkeit för den Verein geht un- 
geschwächt weiter und wird bald wieder hervortreten. So viel ist 



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— 301 — 

sicher, dass wenn die Zeit sich wieder einmal aufrafft, das Jadenthum 
wissenschaftlich und praktisch einen ganz anderen Standpunkt ein- 
nimmt als zur Zeit, da die Keformbestrebungen zuerst in den 30er 
und 40er Jahren sich geltend machten, und weit höhere Aufgaben 
zu lösen hat. Dann werden sich auch die Organe und Eräfbe hiefür 
schon finden. Unterdessen hat still die Wissenschaft sich an Fragen 
gewagt, die von ungleich grösserer Bedeutung sind, als man früher 
nach den kühnsten Hoffnungen sie öffentlich aufzustellen gewagt 
hatte, und sie dringen ganz ruhig ein; war auch Anfangs Angst und 
Entrüstung gross, so schwindet Beides allmählich. Praktisch aber 
geschieht trotz aller sensiblen Beaktion gar Vieles selbst officiell 
stillschweigend, worüber früher die schwerfälligsten Verhandlungen 
geführt wurden. Da hat man neulich in Hohenems einen Juden zum 
Organisten angestellt, der auch am Sabbath die Orgel spielen soll; 
freilich der Babbiner protestirt, aber nicht um's Princip; ich bin 
begierig, was das Besultat sein wird, und kommt es zu Vereins- 
besprechungen, so werden sich die merkwürdigsten Dinge offenbaren. 



124. 
An Prof. Nöldeke. Frankfurt, 30. Nov.— 1. Dec. 1865. 

In Betreff der allgemeinen Theorie wird unsere Differenz, wie 
ich kaum bezweifle, sich immer mehr ausgleichen. Natürlich glaube 
ich an zufällige Corruptionön [und Missverständnisse [in der Bibel], 
nur muss man bedenken, dass ebenso einerseits die Sorgfalt, welche 
über ein heiliges Nationalbuch wacht, grösser, und wiederum anderer- 
seits der Drang dasselbe zu modificiren, sich und der Zeitanschauung 
zu assimiliren stärker ist. Dass die Anordnung auf's Einzelne den 
verschiedensten Ansichten noch einen sehr weiten Spielraum lässt, 
ist natürlich, und verschiedene Individualitäten werden da immer 
auseinandergehen. 

Dass ich Ihrer Anzeige meiner Zeitschrift in der Zeitschrift der 
D. M. G. mit Begierde entgegensehe, brauchn ich wohl nicht zu 
sagen. Aber darum sollten Sie, wenn Sie die Absicht haben, meine 
Zeitschrift in populärem Sinne dem Leserkreise der „Grenzboten'* vor- 
zuführen, nicht warten,. bis man schon wieder daran vergessen habe, 
was die Z. d. D. M. G. darüber gesagt; das ist umgekehrt natürlicher. — 
Ueber das Wesen der Wissenschaft sind wir natürlich einig; sie ist 
der Ertrag der gesammten geistigen Entwickelung der Menschheit, 



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— 302 — 

die sich immer mehr von einzelnen zeitlichen und Tolksthümlichen 
Einwirkungen, als Einseitigkeiten zu befreien sucht; Christenthum wie 
Judenthum sind Factoren, die wirksam eingegriffen haben, die aber 
bloss soviel Werth haben, als sie den Menschengeist nach gewissen 
Bichtangen hin geleitet, die Anlagen und Keime in ihm zur Ent- 
wicklung gebracht haben. Wollen sie eine fortdauernde höhere 
Grültigkät haben, so sind sie eben unwissenschaftlich. Freilich sind 
sie noch Lebensmächte und es fragt sich, welche von ihnen ge- 
eigneter ist, in die erlangte allgemeine Oeistesentwickelung einzugehen, 
sich mit ihr zu durchdringen. Da wird oft das ürtheil von der 
Stellung des Beurtheilers beeinflusst, und schon in diesem Sinne m^ 
ich ebenso gut von einer jüdischen wie so mancher Christ von der 
christlichen Wissenschaft sprechen. Hauptsächlich verstehe ich unter 
ersterer das Begreifen aller geistigen Lebensäusserungen des Juden- 
thums, und da will es mieh oft bedünken, ^dass mancher christliche 
Gelehrte, weil er dieselben nur aus älterer Zeit her und nicht 
in ihren fortdauernden Ausströmungen kennt, weil er entfremdet 
sich ihnen gegenüberstellt, oft nicht den innersten Grundtrieb zu 
entdecken vermöge. Die jüdische Wissenschaft ist mir demnach das 
Wissen vom Judenthum nach allen seinen Schöpfungen und die tiefere 
Erkenntniss desselben; dass die Wissenschaft ein jüdisches Gepräge 

haben solle, dieser Gedanke liegt ihm durchaus fern 

Die Krim'schen Grabschriften und Inschriften scheinen mir doch 
von hoher Bedeutung zu sein, wenn auch das ürtheil darüber noch 
in der Schwebe bleiben muss; an solch massenhafte Fälschung ist 
schon an sich nicht .zu denken, und die Punkte, welche durch sie 
, angeregt werden, haben eine Bedeutung, von der die Entdecker 
eigentlich keine Ahnung haben. Hingegen aber werden etwaige 
Parteiunterschiede, welche diesen wichtig sind, gar nicht davon be- 
rührt. Wer nun gar die Samaritica gefälscht haben soll, ist gar 
nicht zu begreifen. Ein Nichtsamaritaner, etwa der alte Firkowitsch, 
ist dazu nicht im Stande. Die kleine unwissende Gemeinde der 
Samaritaner selbst, die hat wahrlich nicht dieselben, und hätte sie 
dieselben, so würde sie gerade an gelehrte christliche Beisende für 
hohes Geld die untergeschobenen Sachen an den Mann zu (bringen 
suchen. Dass die Schriften kritisch untersucht werden müssen, dass 
sie, was von vorn herein behauptet werden kann, nicht den alten 
angegebenen Autoritäten angehören, ist natürlich, sie bleiben aber 
doch interessante Documente und bei dem Mangel an Entwickelung 



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- 303 — 

unter den Samaritanern, selbst wenn sie aus späterer Zeit herrühren, 
Zeugnisse für deren Wesen im Alterthum. Warum aber erschliessen sie 
sich Pirkowitsch, nicht Petermann, nicht Eosen? Da muss man 
nicht vergessen, dass diese Samaritaner, so bettelhaft sie auch sein 
mögen, doch noch mehr von religiöser Engherzigkeit geleitet werden, 
und da steht ihnen ein Jude immerhin näher als ein Christ, oder 
gar ein Earäer, namentlich wenn er so gewandt ist wie Firkowitsch, 
so nahe, dass sie ihn fast als Glaubensbruder betrachten, gegen den 
sich ihr ganzes Inneres ersehliesst und von dem sie auch vielleicht 
Theilnahme und Förderung erwarten. Jedenfalls bilden wir uns kein 
Urtheil, ehe wir Genaueres erfahren; bis jetzt ist mir keine neue 
Nachricht zugekommen. 



125. 
An Zunz. Frankfurt, 7. Januar 1866. 

Sie haben mir eine doppelte Freude bereitet durch die Zusendung 
Ihrer Festrede^); ich habe mich an der Frische des Kedners erquickt 
und wohlthuend war mir der Beweis Ihres freundlichen Andenkens. 
Und dessen sind Sie gewiss auch meinerseits sicher, wenn auch kein 
direktes Wort von mir zu Ihnen gelangte. Wir, die wir in Büchern zum 
Publikum sprechen, haben doch am Ende zunächst die Wenigen im 
Auge, bei denen |wir [ein tieferes Verständniss voraussetzen dürfen; 
und so ist eine jede Arbeit, die ich veröffentliche, auch von einem 
stillen Briefe an Sie begleitet. Und dennoch drängt es, von den 
Wenigen, denen man Hochachtung und Liebe im Herzen bewahrt, 
Näheres, Persönliches zu erfahren. Meine Studien führen mich immer 
mehr der dunkeln Entstehungsperiode des Judenthum^ zu und vom 
Mittelalter ab, wenn auch mein Interesse an demselben, wenn es in 
grossen Zügen erfasst wird, deshalb nicht geschwunden ist. Hoffent- 
lich sind Sie und Ihre liebe Frau körperlich wohl; es wäre schön, 
wenn man sich wieder einmal spräche. Jedenfalls liegt eine wahre 
Beruhigung für mich darin, dass ich wieder an Sie geschrieben, und 
sehr erfreuen würde es mich, wenn Sie mir einige Zeilen erwiderten 
und auch meine alte liebe Freundin dieselben mit einem Nachtrage 
begleitete. 



[Bei der Jubelfeier des Herrn Lewandowsky. Ges. Sehr. U, S. 135—143]. 



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— 304 — 

126. 
An Babb. Dr. Wolff in Gothenburg. Frankfurt, 8. Februar 1866, 

Von dem Verein werden Sie nun auch ein erneutes Lebenszeichen 
erhalten. Der Statuten-Entwurf wird Ihnen gedruckt zukommen und ein 
Circular wird sich demselben anschliessen [vgl. ob. S. 294 A. 1]. Es geht 
langsam, aber es geschehen doch imnier Schritte vorwärts, und wenn 
die Verhältnisse wieder einen lebhaften Aufschwung nehmen, wird ein 
Anhalts- und Vereinigungspunkt gewonnen sein, der den erwachenden 
Bestrebungen den rechten Nachdruck und die gemeinsame Ausführung^ 
zu geben geeignet ist. Freilich liegen die Dinge gegenwärtig noch 
in ziemlich tiefem Schlafe, wenn auch hie und da einzelne Anregungen 
hervortreten. Der Kampf in Berlin [s. oben S. 300] hat doch we- 
nigstens dort die Geister etwas aufgerüttelt; die rückschreitende 
Eichtung hat ihre Siegeszuversicht verloren und es zeigte sich doch, 
däss wenn es gilt, die Gemeinden zu einer ernsten Betheiligung er- 
weckt werden können. Freilich was das Endresultat sein wird, das 
steht noch dahin. Auch in Baden rührt sich der Kampf für die 
Befreiung der Gemeinden von der drückenden Bevormundung des 
Oberraths, der ebenso von der Orthodoxie abhängig, wie er deren 
Hort war und ist, und auch da muss dem Erfolge noch entgegen- 
gesehen werden. Unterdessen verliert die äussere Lage der Juden 
immer mehr die Gestalt des Exils, und dies ist von einem unge- 
heuren Einflüsse auf die innere Entwickelung. Das wirkt zunächst 
freilich auflösend, zersetzend; aber muss nicht noch erst Vieles dahin- 
schwinden, ehe ein gesundes Leben in seiner Vollkraft sich geltend 
machen kann? Von geringerer Bedeutung ist vielleicht die volle 
Gleichstellung der Juden im Westen Europa's wie in der Schweiz, 
die Annäherung daran in Schweden, von weit grosserer die Bewegung 
im Osten, die Besserstellung in Eussland und Polen, die Bemühungen 
dafür in Galizien und Ungarn. Dort, wo die Massen zusammen- 
gedrängt sind, alte jüdische Anschauung und Gelehrsamkeit Alles 
durchdringt, da muss eine gewaltige Aufrüttelung der Geister vor 
sich gehen, und bei ihrer Lebhaftigkeit werden gewiss interessante 
Erscheinungen hervortreten. An solchen Festungen hält man fest 
und sieht man die Früchte nicht, so nährt man die Ueberzeugung, 
es müssen die Keime vorhanden sein, wenn auch noch nicht fühlbar. 
Die neuen Männer mit jugendlicher Kraft und Regsamkeit, sie fehlen 
freilich noch immer, während die älteren dahingehen oder ermatten. 



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— 305 — 

Mit Luzzatto ist uds eine grosse Kraft entschwunden; wenn er 
auch je älter je ängstlicher geworden, so bleiben seine Leistungen 
doch weiter höchst anregend; wer ersetzt ihn nun? Im ersten Hefte 
des vierten Bandes der Zeitschrift i) soll eine gerechte Würdigung 
seiner schriftstellerischen Verdienste von mir erscheinen — sie ist 
bereits vollendet — und Luzzatto bedarf bloss der Geifechtigkeit, um 
genügende Anerkennung zu finden. Das wehmüthige Gefühl, welches 
mich immer bei der Betrachtung dieser weithin wirkenden Männer 
aus dem abgelaufenen Zeitabschnitte ergreift, weil die Lücken nicht 
ausgefüllt werden, habe ich gewaltsam unterdrückt, um nicht immer 
als malcontenter Ankläger zu erscheinen. 

Jedoch nun genug des Käsonnements! Scheint es ja in der Natur 
dies Mal früher Frühling zu werden, und so wollen auch wir uns 
Frühlings- und Auferstehungshoffnungen hingeben; auch sie werden 
. ihrer Erfüllung entgegengehen. Sie aber wollen mir wohlgewogen 
bleiben; die Wirksamkeit für die Gesapimtheit erhält Geistesfrische, 
die Liebe der Näherstehenden, wenn auch im Baume Entfernten, ist 
die wohlthuendste Nahrung für das Gemüth, und diese entziehen Sie 
mir nicht. 



127. 
An M. A. Levy und Frau. Frankfurt, 8. März 1866. 

Ja, ich kann es nicht leugnen: Trotz aller Misere, welche die 
Ereignisse darbieten, trotz der Versumpfung, in welche die religiösen 
und theologischen Zustände immer mehr zu gerathen scheinen, trotz 
der hartnäckigen Verdumpfung auf der einen und dem Aflfen-Enthu- 
siasmus, d. h. unserer, der menschlichen Erzeugung aus irgend einer 
Affenart, auf der andern Seite, bin ich so getrost und wohlgemuth 
in Wirken und Arbeiten, 'so innerlich überzeugt von dem Siege der 
Ideen, welchen ich lebe, und der Fruchtbarkeit meines, wenn auch 
geringfügigen Beitrages auf diesem Gebiete, dass mich Alles nicht 
anficht. Solches Leben für die Zukunft, die man als gegenwärtig 
umfasst, ist doch Jugend, quod demonstrandum est. 

Wenn ich nicht irre, habe ich Ihnen und namentlich auch meiner 
lieben Freundin den Schluss von Freytag's'Buch: Neue Bilder aus 
der deutschen Vergangenheit (1862), nämlich die Schilderung Matthy's 



[Jüdische Zeitschrift IV, S. 1—22.] 

Geiger, Schriften. V. 20 



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— 306 — 

Witt er 3 Jahre lang Dorfdchullefarer in der Schweiz gewesen, bestens 
empfohlen; da ich in Ihren Briefen nichts davon lese, bringe ich 
nochmals in Erinnerung. Dickens' „Oemeinschaftlichen Freund*" 
habe ich noch immer nicht die Ehre zu kennen, hoffe aber doch 
nächstens seine Bekanntschaft zu machen. Auch mit Virchow's 
„Frauenberuf* werde ich bekannt werden; da es jetzt verwehrt ist 
ein Mann zu sein, so ist es immer gut sich den Frauenberuf an- 
zueignen: „Sie forscht nach WolF und Linnen, arbeitet selbst mit 
Lust daran'' u. s. w. Sie sollten einmal sehen, liebe Freundin, wie 
schön ich Abends im Kreise der Meinigen strickend, stickend, flickend, 
zwickend und die Stube mit Rauch schmückend sitze, vielleicht be- 
kämen Sie Bespect vor der würdigen Matrone! Doch das hört bald 
auf. Bis jetzt bin ich nämlich unter fünf weiblichen Personen im 
Hause gewesen und so habe ich ein zweiter Achilles mitgesponnen. 
Li einigen Tagen kommen die Jungen wieder und dann bin ich wieder 
Mann. Den Ludwig habe ich erst vor Kurzem gesehen ; ich war am 
20. V. M. zur Trauung und Hochzeit meiner Nichte in Carlsruhe — 
nicht in Oberschlesien, sondern wie Ihnen jedes geographische Buch 
und jede Karte anzeigen wird, in Baden — und habe, da, wie jeder 
Eisenbahnfahrplan lehrt, Heidelberg zwischen Frankfurt und Carls- 
ruhe liegt, meinen Ludwig gesehen und als Eilfrachtgut mit nach 
Carlsruhe genommeu. Berthold aber war seit Oktober nicht hier. 
Da jedoch, wie ich höre, noch Andere schreiben wollen, die des 
Frauenberufs über die häuslichen Angelegenheiten zu schreiben mehr 
kundig sind, so will ich es dabei bewenden lassen und bemerke nur 
noch, dass die Butter 41 Kreuzer kostet, wenn es wahr ist. Leben 
Sie beide zu Zehent unbeschrieen wohl und halten Sie mich ernst 
und scherzhaft im besten Andenken. 



128. 
An M. A. Levy und Frau. Frankfurt, 8. Mai 1866. 

Da ist er wieder, der wahrhaft liebliche Mai und es ist wirklich 
in meiner Studirstube wahrhaft duftend, poetisch anregend, wenn es 
auf ein dichterisches Gemüth träfe. Nun bin ich jedoch — gleich 
meinem Luzzatto — in diesem Betreffe mehr anempfindend als 
schöpferisch, und — inter arma silent musae. Das sind ja erbärm- 
liche, ideenlose Zeiten, in denen trübe Gährungen gewaltsam aus- 
brechen. Was daraus werden wird? Gewiss Gutes, denn den faulen 



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— 307 — 

Verhältnissen ist eine Durchscbüttelung nöthig, die erlahmte That- 
kraft muss aufgerüttelt werden; aber ob der Durchgang nicht ein 
sehr schwerer sein wird? Nun, wir wollen ruhig der Entwickelung 
folgen, da wir doch ohnedies nicht eingreifen können und ein Jeder 
in seinem Kreise die stille Saat weiter ausstreuen, die doch trotz 
dem wüsten Geräusche weiter befruchtet. Da ist es nun zunächst 
das Haus, in dem das stille und ununterbrochene Wirken seine reichen 
Früchte trägt; man freut sich selbst der Mühe und Sorge und fühlt 
sich belohnt in dem Ertrage, den kein Anderer so zu schätzen weiss, 
weil Niemand sonst den Strom der Liebe ahnt, der zwischen Eltern 
und Kindern hinzieht 

Da lese ich Ewald 's 3. Band der Gesch. d. Volk. Isr. in der 
3. Ausg.; welches Gefasel! Ich werde da nächstens dreinschlagen. . . - 
Haben Sie Delitzsch 's Jesus und Hillel gelesen? Mit diesem albernen 
Geschwätz glauben die Herren die Welt zu erneuern! — Auch Ee- 
nan's Apostel — ich lese die üebersetzung, deren 3. Lieferung ich 
bald beendigt habe — sagen mir wenig zu; er ist freisinnig und 
will gerecht sein, aber doch mit süsslicher Eomantik vertuschen. 
Breichen ist gut für Kinder; wir bedürfen kräftigerer Kost. Küenen's 
Buch kenne ich noch nicht, aber nach Allem, was man darüber hört, 
scheint es sehr gesunde kritische Ansichten zu enthalten, von denen 
man sich in Deutschland zu weit entfernt hat. Was dieser Ewald 
alles dem David beilegt! Ich werde immer mehr Idealist. Menschen- 
kenntniss, geschichtlicher Blick sind angeborene Eigenschaften, sie 
werden nicht erworben, sie werden durch das Leben geübt, durch 
Studium befestigt, aber wer sie nicht hat, sieht Alles verkehrt. Da 
haben Sie ein Pröbchen in den Fr ankel 'sehen Sikyon'schen Münzen; 
es ist schade, dass der Mann nicht mehr schreibt, eine Blumenlese 
Fr.'scher Conjekturen wäre wirklich eine ergötzliche Sammlung. . . . 

Auch unter uns ist wieder ein Vertreter der freisinnigen Eichtung 
heimgegangen [Frankfurter in Hamburg], der schwer ersetzt 
wird, freilich keine Autorität, aber doch eine Capacität. Die Männer 
des frischen Anhauches scheiden und man möchte fast glauben, sie 
vertrocknen vor der Zeit an dem kalten Froste der Gegenwart. Wer 
nicht jetzt Tag für Tag sein Bündel Eeisig aus der Wissenschaft 
heranschleppt um sich innerlich zu heizen, der friert ein. Ich hatte 
Fr. zu seinem Hamburger Jubiläum geschrieben, aber keine Antwort 
«rhalten; körperliche und Gemüthsleiden hatten ihn bereits tief nieder- 
gedrückt. Ihm war der Tod eine Wohlthat. 

20* 



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— 308 — 

129. 
An M. Ä. Stern. Frankfurt, 1. Juni 1866. 

. . . Erfreulich ist mir die Aufmerksamkeit, welctie Du meinem 
letzten Hefte zugewandt. Meine Würdigung Luzzatto's ist, denke 
ich, doch weit entfernt, eine Lobrede zu sein. Ich habe allerdings 
den Tadel, der im ersten Entwürfe reicher und schärfer ausgedrückt 
war, bei der angewandten Feile beschränkt und gemildert, der ganzen 
Arbeit mehr das objectiv historische Gepräge gegeben; aber auf 
diesem Standpunkte glaube ich auch den richtigen Ton getroffen zu 
haben. In dem Entwickelungsgange der jüdischen Literatur nimmt 
L. eine höchst beachtenswerthe Stellung ein; in dem Herkömmlichen 
tief wurzelnd, hat er dasselbe von innen heraus sehr gefördert und 
mit dem Blicke eines heimisch Vertrauten tief hineingeschaut, was 
den von Aussen Herankommenden nicht sichtbar wird. Eine so lange 
zurückgebliebene Richtung und Literatur bedarf der Männer, die 
mächtig drängen und treiben, sie bedarf aber auch Anderer, die mehr 
anschliessend dennoch fördern, und der Historiker wird diese nicht 
in ihrem Werthe verkennen, wenn er auch in jenen die bewegenden 

Kräfte erblicken wird Wenn ich nicht irre, ist auch Dein 

Geburtstag in der Nähe und so nimm auch meine besten Glück- 
wünsche dazu an. Frisch an Körper und Geist, so lange wir uns 
des Aufenthalts auf dieser schönen und doch so seltsam verworrenen 
Erde erfreuen, das mag unser Loos sein; von hinnen zu scheiden ist 
bloss schmerzlich, so lange man die Seinigen noch nicht versorgt 
weiss, und wäre Dies das Einzige, was mir bis jetzt das Denken 
daran umflort, doch weit trüber ist der Gedanke sich zu überleben 
und nicht voll mit eingreifen zu können in die geistige Bewegung 
der Zeit. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich noch so weit aus- 
schauende Pläne habe; wie viele der Verwirklichung entgegenreifen, 
das steht dahin. Was man in sich trägt, das hat man, wenn es 
auch noch nicht nach Aussen getreten ist. 



130. 
An D. Honigmann. Frankfurt, 25. Juni 1866. 

• . . Ich bin tief betrübt über den Schiflfbruch, welchen unsere 
ganze Bildung leidet; denn wenn solche Zustände eintreten können, 
dann ist unser ganzes ideelles Leben faul, durch und durch vom 



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— 309 — 

giftigen Wurme angefressen. Vielleicht ist es dann gut, dass es 
zusammenbricht; wir, das Geschlecht der Sündfluth, haben schwerer 
daran zu tragen. Mit diesem Mitgefühle sehe ich auf Schlesien, auf 
Breslau hin; wir haben es dahin gebracht, dass die Verbindungent 
deren Kaschheit der Triumph unserer Zeit war, wieder in alte Lang- 
samkeit gerathen, ja theilweise ganz unterbrochen sind. Die roman- 
tische, alterthümliche Isolirung gewinnt räumlich wie geistig wieder 
an Boden, weil man gewaltsam einigen will, nicht die freien Geister 
verbünden, sondern die geknechteten Leiber an einander schmieden. 
Bis die äusserste Noth drängen wird, wird kein freies Wort die 
Lippe der Gewalthaber überschreiten; den Kurhessen versprieht man 
die volle Ausführung ihrer Verfassung, im eigenen Lande ignorirt 
man sie. Ohne den Willen der Völker dafür zu gewinnen, will man 
sie in einen Schafstall zwängen, damit der Wolf sie hüte. Doch die 
Noth wird beten lehren, nicht das Gebet, das auf Mittwoch anbefohlen 
ist und das an manchen Orten bluttriefend genug verkündet werden 
mag, sondern das Gebet, das in der Anerkennung der ewigen sitt- 
lichen Weltordnung, der geistigen Mächte, der unveräusserlichen und 
zu höherer Entwickelung zu führenden Güter der Menschheit besteht. 
Das rechte Wort, das sehen die Tieferblickenden wohl ein, es kann 
nur von Preussen gesprochen werden, und um so trauriger ist es, 
dass man es von dort am Wenigsten erwartet. 

Es ist natürlich, dass hinter diese welterschütternden, alles Be- 
stehende und in der Entwickelung Begriffene zerrüttenden Ereignisse 
alle einzelnen Bestrebungen zurücktreten. Sie arbeiten in ihrem engen 
Kreise fort, sich in der Ueberzeugung beruhigend, dass ein Saatkorn, 
still und emsig gepflegt, dennoch aufgeht; allein was wollen die 
machtlosen Ideen sich auf den Schauplatz des Wirkens drängen, wie 
können sie auf Empfänglichkeit hoffen? Ja, wenn das Christenthum 
die religiöse Macht wäre, die es zu sein vorgiebt, die Quelle aller 
veredelnden Bildung, welche die Tiefe lebendiger Ueberzeugung seinen 
Trägern und Bekennern einflösste, dass sie muthig vor den Grossen dieser 
Erde ihre Stimme aus erleuchtetem Gewissen vernehmen liessen! Der 
Prophet Nathan trat vor David strafend, als er das sündhafte Buben- 
stück gegen üriah ausführte, er verbot ihm den Tempel zu errichten, 
weil er so viel Blut vergossen. In späterer Zeit betete Onias in dem 
mörderischen Bruderkampfe: „Gott, höre nicht das Gebet der Einen 
gegen die Anderen, hicht die Verwünschungen Dieser gegen Jene" ; der 
edle Märtyrer ward gesteinigt. Was thun die Priester der Kirche? Die 



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— 310 — 

Elenden, die sich vom hohen Munde haranguiren lassen über die 
I^othwendigkeit der Bettung, der Machtstellung des Vaterlandes, da 
stehen sie im „heiligen Schmucke" mit gekrümmtem Bücken, Keiner 
wagt im Namen des Gottes des Friedens ein Wort der Ermahnung 
auszusprechen, fühlt sich gedrungen zum Versuche, das Herz, das 
wogende, zu beschwichtigen, die Begnügen des Friedens, der freien 
Völkerentwickelung als das höchste Gut dringend zu empfehlen! Da 
laufen sie zusammen, wenn die Fesseln dogmatischer Engherzigkeit 
gelüftet werden sollen, da wollen sie ein Zeugniss ablegen, wenn auch 
der „frevelhafte* Versuch ganz fern von ihnen unternommen wird; 
warum treten sie nun nicht zusammen, um ein Zeugniss abzulegen, 
dass Zwang und Gewaltthat, List und Heuchelei nicht die Waffen 
sind, deren man sich im gerechten Streite bedienen darf? Die Knechte, 
welche den traurigen Muth haben, gegen das Abgeordnetenhaus in 
die Schranken zu treten, um Erlass des Gebetes für dasselbe zq 
bitten, denen aber aller Mannesmuth gebricht, wenn ihre eigenen 
angeblichen Ueberzeugungen, von bestehendem Bechte, von Heiligkeit 
der Verträge, von Legitimität mit Füssen getreten werden. Kein 
Wort von geistlicher Lippe, dass im J. 1866 des Heils Menachen- 
schlächterei nicht mehr geübt werden darf. Hier miethen, segnen die 
Priester Briganten, dort vertreten sie die Sklaverei, und nun verkriechai 
sie sich knechtisch vor dem Waffengetöse, sie, die Vertreter einer Macht, 
die als ein sittigendes Band der ganzen Menschheit über Völker- 
verschiedenheiten, um so mehr über Stammesverschiedenheiten des- 
selben Volkes walten soll, machen gar keinen Versuch, diese einigende 
Friedenskraft zu bewähren, lassen sich höchstens gebrauchen, um deo 
Zwist durch Erregung confessionellen Haders zu verschärfen. Ehr- 
würdig erscheint in dieser ganzen Misere der Bundschauer Ger lach; 
der Mann bleibt sich doch wenigstens treu und hat den Math es 
auszusprechen, ohne das Gekläffe der wedelnden Meute zu scheue. 



131. 
An Frau F. in Breslau. Frankfurt, 31. August 1866. 

Es ist ungemein wohlthuend, in diesen Tagen mit entfernten 
Freunden ein trauliches Zwiegespräch zu halten, und je seltener ein 
solches vergönnt war, nicht weil keine Briefe kamen, sondern w^ 
in allen ein falscher, oft verletzender Ton angeschlagen wurde, um 
so dankbarer bin ich Ihnen, werthe Freundin, für Ihre sich gleieh 



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— 311 — 

bleibende edle Weiblichkeit, die in jedem Worte Ihres Schreibens 
sich offenbart. Ja, es waren recht schwere Tage, und ihre Folgen 
werden nicht so bald verwischt sein. Oberflächliche Beobachter, 
MenscheD, die bloss von ihren Parteiansichten beherrscht werden, 
lassen sich von den Erfolgen blenden und bestimmen; sie übersehen, 
was in der Tiefe gährt. Es giebt noch einen schwerwiegenden Factor 
ausser den hervortretenden Thatsacheu, das sind die Empfindungen 
der Menschen, die vor der Gewalt der Ereignisse verstummen müssen, 
die aber dann um so tiefer im Innern wühlen. Es hat sich eine 
Verbitterung und ein Groll in den Gemüthem angesammelt, die als 
ein trauriges Erbe aus einem Jahre in das andere übergehen, eine 
Verstimmung, die selbst das Gute verkennt, es höchstens widerwillig 
gewähren lässt. Aus der Aussaat der Gewalt erwächst kein frohes 
Heil und mit lügenhaften Vorwänden und Anschwärzungen wird selbst 
die gute Idee entweiht. Es wird aller Kraft der Einsichtsvollen, der 
zartesten Kücksichtnahme echten Wohlwollens bedürfeu, um die 
Wunden zu heilen, die nicht bloss durch den Verlust so vieler 
Menschenleben, durch die Erschütterung des Wohlstandes, gondern 
die vorzugsweise den Gemüthern, ihren Wünschen und Hoffnungen 
geschlagen worden sind. Es ist tief schmerzlich, dass man dies auf 
Seiten der durch den Erfolg Berauschten nicht in seinem vollen Um- 
fange zu empfinden und zu würdigen scheint. Anklagen und Hohn 
gegen den Besiegten, dem der Mund verschlossen wird, sind nicht 
die Mittel, durch welche die verletzten Gemüther versöhnt, geheilt 
werden. Eine jede officielle Aeusserung drückt den Stachel neu 
verwundend in die widerstrebend Angeschmiedeten. Das kennen 
Sie dort im Osten weniger, Sie stehen auf Ihrem preussischen 
Bewusstsein, das ich als ein vollkommen berechtigtes anerkenne, von 
dem ich es aber gerade um so mehr bedaure, dass es die moralischen 
Eroberungen verabscheut und sich an der blutigen Waffe erfreut. 
Diese ist leider zweischneidig, und ich sehe den kommenden Ereig- 
nissen zwar immer mit Ruhe, aber doch nicht mit so froher Zuversicht 
entgegen, wie Sie es vielleicht dort thun. 

Jedoch wozu in politischer Schwarzseherei sich ergehen? Sie 
haben die rein menschliche Seite, welche Zeiten und Ereignisse dar- 
bieten, mit tiefem, zartem Sinne erfasst, und das war eben das Er- 
quickende, das mir Ihre schönen Zeilen darboten. Ich habe mit 
bangem Blicke nach Breslau gesehen, das wieder so schwer heim- 
gesucht worden ; Gottlob, dass die Geissei allgemach abzuziehen scheint. 



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— 312 — 

Bis jetzt habe ich von Bekannten und Freunden und über dieselben 
beruhigende Nachrichten erhalten und so werden wieder Zeiten des 
Heiles eintreten, in denen man mit fröhlicher Erwartung, nicht mit 
ängstlicher Spannung auf einander hinblickt. — Wir leben hier seit 
Anfang Juli im traulichen, engen Familienkreise vereint zusammen; 
auch da fühlt man freilich das Provisorische aller Verhältnisse und 

Sie haben selbst auf die Unsicherheit hingewiesen 

Ich sende Ihnen, meine Liebe, unter Kreuzband ein Neujahrs- 
angebinde; es ist in Tagen veröffentlicht worden, die seine Verbreitung 
fast verhinderten^). Der Inhalt ist von den Ereignissen überholt, 
obgleich die darin ausgesprochenen Gedanken, wenn sie wahr sind, 
ihre dauernde Bedeutung nicht einbüssen. Gerade in ruhigerer Zeit 
liest sich ein solches Wort auch mit mehr Sammlung des Gemüthes. 
Mir aber ist es auch besonders wohlthuend, bei Ihnen wieder die 
Erinnerung an den amtlich auftretenden Geiger zu wecken; ich denke, 
wenn Sie die Predigt lesen, so hören Sie mich sie vortragen 



132. 

An Chwolson. Prankfurt, 29. Oktober 1866. 

Ich muss handschriftliche Veröffentlichungen Anderen überlassen, 
ich kann weder so lange andauernde Eeisen unternehmen, als 
die Untersuchung und Ausbeute erfordert, noch kann ich einer 
für mich nur vorbereitenden Arbeit so viel Zeit zuwenden. Meine 
Arbeitskraft ist jugendfrisch und, weit entfernt irgendwie Ermattung 
zu fühlen, fühle ich mich immer höher angeregt. Allein man muss 
doch bedenken, dass die arbeitsföhige Zukunft zugemessen ist, und 
seine Kräfte zusammennehmen für die Aufgaben, die man sich noch 
vorgesetzt hat. Und diese sind wahrlich nicht klein und ich darf 
froh sein, wenn ich sie bewältige. Ich habe spät erst eine neue 
wissenschaftliche Arbeit übernommen; während meine Studien früher 
nur dem Mittelalter zugewendet waren, bin ich mit meiner „Urschrift* 
höher hinauf vorgedrungen und ich glaube da einen Weg eingeschlagen 
zu haben, der noch nicht gebahnt war und der zu einer richtigeren 
Erkenntniss in den bedeutsamsten historischen Menschheitsfragen hin- 
führt. Noch habe ich bloss einzelne Pfade zu lichten und zu ebnen 
versucht; die grössere Heerstrasse glaube ich mit meinem geistigen 



[Predigt: s. oben Bd. I, S. 410—423.] 



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— 313 — 

Auge vollkommen klar zu erkennen, aber sie ist noch überwachsen 
und wird wenig geahnt. Hier ist nun noch viel zu thun, Vorberei- 
tendes und Ausführung, und ich würde es für unrecht halten, zu sehr 
davon abzulenken. Meine samaritanischen Studien sind entschieden 
Vorarbeiten dafür, wenn sie natürlich oft bloss auch auf Hilfsstudien, 
namentlich Sprachliches,] eingehen; es sind Andeutungen meiner 
historischen Auffassung. Allein diese Andeutungen sind nur sporadisch 
und es bleibt immer das Hauptwerk, dessen Ausarbeitung mir noch 
vorschwebt, die wahre Entwickelungsgeschichte des biblischen und 
thalmudischen Judenthums in wissenschaftlicher Begründung. Alles 
Andere ist eine blosse Emballage dafür. Syrisch, in so fern es die 
Uebersetzungen betrifft, gehört natürlich in den Arbeitskreis; ich bin 
jedoch, weil ich einmal meine Liebhaberei daran habe und weil ich 
mich zum Recensenten dafür in der Ztschr. d. D. M. G. aufgeworfen 
habe, etwas tiefer in das Syrische als einen semitisch -sprachlichen 
Zweig hineingerathen, als es meine eigentliche Aufgabe erfordert. 
Meine Zeitschrift zerrt mich auch nach den verschiedensten Gebieten 
und wenn sie mich gerade nicht ablenkt, so macht sie mir doch eine 
viel detaillirtere Beschäftigung mit Dingen nöthig, von denen jch 
sonst nur allgemeine Kenntniss zu nehmen hätte. Jedoch bedaure 
ich das nicht; ich mache die Erfahrung, dass ich erst dann, wenn 
ich über einen Gegenstand schreibe, ihn zu bewältigen anfange. Im 
Schreiben ersteht erst die rechte Klarheit, enthüllen sich ganze Ge- 
sichtspunkte wie einzelne wichtige Momente, die ein neues Licht 
darauf werfen, so dass unter der Hand aus der Arbeit ein ganz 
Anderes wird, als ich bei deren Unternehmen beabsichtigt habe. 
Freilich ist es dann schwer, sie in der Darstellung zur Abhandlung 
zu bringen, es bedarf der Umarbeitung früherer Theile, um sie dem 
Folgenden, das aus klarer Einsicht hervorgearbeitet ist, homogen zu 
machen, und manchmal wird auch eine solche Ungleichartigkeit 
bleiben. Aber jedenfalls lerne ich viel dabei und von meinen meisten 
Arbeiten kann ich sagen, dass sie für mich wie eine Vorstudie sind 
zu eii^er folgenden, die sich mir am Schlüsse der vorhergegangenen, 
beendigten erst recht klar ergiebt. 



133. 
An M. A. Levy und Frau. Frankfurt, 28. Januar 1867. 

. . . Wie mir Krehl schreibt, wird er im nächsten Hefte eine 
kleine syrische Arbeit von mir aufnehmen, die ihn sehr interessirt 



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— 314 — 

und auch Sie interessiren durfte. Du armes Syrisch! Du liebes 
Püppchen, mit dem ich so gern spiele, wie liegst Du jetzt im Winkel! 
Da schickt mir Wright eine kleine Schrift, in der er ganz öffentlich 
in der Einleitung sagt, auch jüdische Gelehrte, wie my friend Dr. 
Geiger, werden sich dafür interessiren — sehen Sie mich doch nicht 
so an, ich bin ganz schamröthlich — ja prost Mahlzeit, er interessirt 
sich vielleicht dafür, aber er liest sie noch nicht, er — dichtet. Der 
alte Bursch, er dichtet! Freilich, zunächst schreibt er bloss die vor 
etwa 12 Jahren gemachten Uebersetzungen ab [Gabirol, s. oben 
S. 272 f.] ; aber es geht doch nicht anders, als dass Manches umgestaltet 
wird und selbst früher Uebersehenes nun im Zusammenhange ganz 
neu aufgenommen werden muss. 



134. 
An L. G. Prankfurt, 3. Juni u. 3. Juli 1867. 

Von meiner Keise nach Giessen ist nicht sehr viel zu berichten, 
obgleich sie mir recht wohlthuend war. Ich konnte erst Freitag 
Mittag von hier abfahren, da ich noch um 8 Uhr hier eine Leiche 
zu begleiten hatte, und dort ging nun der Rest des Freitag mit der 
Feier [der Einweihung der Synagoge] vorüber. In der Synagoge 
wurde mir eine Predigt auf den kommenden Tag, den Sabbath 
Morgen, octroyirt, dieser Beschluss verkündigt, und so predigte ich 
richtig, um nicht aus der Gewohnheit zu kommen. Der Tag gmg 
dann unter Essen und Plaudern, Spazierengehen und Festball zu Ende 
und gestern machte ich mich zeitlich, um 8 Uhr weg und war hier 
bald in der gewohnten Ordnung, um dem herankommenden recht 
vielbeschäftigten Tagen entgegenzusehen. Nun, auch sie werden in 
der entsprechenden Weise ihre Ausfuhrung finden! 

3. Juli. Aus der neuen Wohnung in rechter Behaglichkeit ergeht 
ein erstes Schreiben an Dich. — Einen Tag bin ich der Unordnung 
entflohen; ich habe mich bei diesem Aufenthalte auf dem Rjchus- 
berge bei Berthold Auerbach, mit dem ich einen Sprung nach 
Creuznach machte, sehr wohl amüsirt. An letzterem Orte habe ich 
auch D. F. Strauss gesehen; doch gehört der zu den Schriftstellern, 
deren Bücher man lesen soll, mit denen aber weiter eine Beziehung 
nicht anzuknüpfen ist. 



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— 315 — 

135. 

An Th. Nöldeke. Frankfurt, 12. August 1867. 

Ich habe mich etwas satanisch auf der Erde herumgetrieben, 
da habe ich freilich keine Frommen wie Hiob gefunden, bin aber 
auch fern von aller Absicht geblieben, Einen zu plagen und zu 
schinden, ganz zufrieden, wenn ich nicht selbst geschunden werde. 
Seit etwa vierzehn Tagen bin ich wieder zu Hause, und da sei auch 
der unbeantworteten Briefe gedacht. Auf meiner Reise habe ich in 
Leipzig den alten Fleischer und Krehl gesprochen. In Breslau 
resp. Warmbrunn habe ich mit Levy verkehrt und Wetzstein 
kennen gelernt; ein interessanter Mann! Zurückgekehrt habe ich 
eigentlich nichts Neues gefunden, wie ich auf dem Wege Nichts ge- 
funden, wo freilich auch meine Absicht nicht darauf ausging, viel- 
mehr dahin, den Gelehrten, den Juden, den Theologen, den in einem 
bestimmten Staate Lebenden zu vergessen und den Menschen walten 
zu lassen. Das ist auch im Ganzen ziemlich gut gegangen .... 
Ich habe mich an der schönen Natur, an herzlichen Menschen er- 
quickt und mich wieder erfrischt. Unterdessen scheint meine Auf- 
fassung der ^Sadducäer und Pharisäer •* doch sehr entschieden in die 
gelehrten Kreise einzudringen. Holtzmann in dem von ihm be- 
arbeiteten Bd. n der „Geschichte des Volkes Israel** von Weber und 
H. adoptirt sie so ziemlich mit Beziehung auf mich; Hanne in 
Hilgenfeld's Zeitschrift schreibt sie im Grunde ab, glaubt aber 
dennoch auf eigenen Füssen stehen und den christlich -theologischen 
Standpunkt sorgsam wahren zu müssen. Was H — h (Hausrath) 
in den Geiz er* sehen Monatsblättern geschrieben, habe ich noch 
nicht gelesen. 



136. 

* 

An M. A. Levy. Frankfurt, 20. Dezember 1867. 

Dass Ihre Arbeiten in Paris so schön anerkannt und honorirt 
werden, ist sehr erfreulich. An Dem bürg habe ich Ihren Auftrag 
vollzogen. Wie ich aus dessen Schreiben ersehe, ist übrigens eine 
definitive Besetzung der durch Munk's Tod erledigten Professur noch 



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— 316 — 

nicht erfolgt. Dem bürg ist nach wie vor ungemein rege und von 
massenhaften Plänen nach allen Richtungen hin erfüllt; nun, was sich 
verwirklicht, wird immer nützen. Sie werden nun mit seinem Buche 
[s. S.317] zu Ende sein und sich daran erfreut haben; hoffentlich haben 
Sie es noch so weit im Kopfe, wenn mein raisonnirender Artikel 
darüber erscheint. Das ist und bleibt Thatsache: meine „Urschrift' 
tritt als Siegerin auf den literarischen Plan. Ich habe jetzt Ge- 
legenheit gehabt, in dem Buche von Keim [Geschichte Jesu von 
Nazara, 1. Bd. 1867] an den betreffenden Stellen zu blättern und 
ich begegne vollkommen diesen Ansichten mit den Restrictionen, die 
ein christlicher Theologe machen muss. Da schickt mir Brockhaus 
heute den Bogen der neuen Auflage des Conversations-Lexikons, auf 
dem sich mein Artikel „Saadia" befindet; da lese ich nun auch den 
Artikel »Ruth." Da heisst es, allerdings in einer etwas schroffen 
Form von dem »Zwecke des Idylls*, er sei »kein anderer, als durch 
den Hinweis auf die Abkunft des gefeiertesten unter allen israelitischen 
Königen und durch Schilderungen der Tugenden und Frömmigkeit 
seiner fremdländischen Ahnen die Abneigung des Volkes gegen die 
Moabiter und seine Scheu vor Mischehen mit demselben zu be- 
kämpfen.* Ich glaube nicht, dass irgendwo dies als Tendenz des 
Buches so bestimmt hervorgehoben ist, wie in meiner »Urschrift* 
S. 49 ff. ; freilich outrirt es jener Artikel. Ich würde mich sehr 
freuen, wenn Sie es über sich gewinnen könnten, das Buch nochmals 
zu lesen, wie Sie sagen; ich denke, Sie läsen es jetzt mit anderen 
Augen, unter dem Einflüsse einer Temperatur, die dasselbe sich er- 
zeugt hat; ich wage fast zu glauben, dass Sie sich selbst im Zado- 
kitenreiche heimisch fühlen werden, denn das ist am Ende die un- 
entbehrliche Grundlage ,für die richtige Würdigung der »Sadducäer 
und Pharisäer.** Um auf Brockhaus und das Conversations-Lexikon 
zurückzukommen, so sind allerdings diese knappen Artikelchen nach 
keiner Beziehung lohnend; was lässt sich auf solch engem Baume 
sagen? So ist nun auch »Saadia*, so werden nicht minder „Syna- 
goge* und »Synedrium** sein, die ich noch zu erwarten babe, und 
jetzt hat er mir »Thalmud** und »Thargum** zugeschickt, jener kaum 
eine halbe Seite, dieser ganze zwölf Zeilen! Dennoch weise ich den 
Auftrag nicht zurück, weil es mir doch von Wichtigkeit ist, in einem 
solchen Buche die Auffassung nach meinem Sinne wenigstens irgend- 
wie dem grösseren Kreise zugänglich zu machen .... Röville ist 
ein Mann von Geist und Unbefangenheit und versteht es, seine wie 



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— 317 — 

fremde Studien klar und mit Geschmack zu verarbeiten; allein für 
seine Abhandlung ,Le peuple juif* [in der ^Kevue des deux mondes**] 
lagen ihm nur die verkehrten bisherigen Arbeiten vor, und da er 
nicht selbst zu den Quellen zurückgehen konnte, so mussten seine 
Combinationen haltlos werden. Er hat an Dernburg einen sehr 
liebenswürdigen Brief geschrieben und bedauert, sein Buch nicht ge- 
kannt zu haben, als er den Artikel schrieb; er würde sich, wie er 
sagt, viele Irrthümer erspart haben. 



137. 
Ali Th. Nöldeke. Frankfurt, 26. Dec. 1867 bis 1. Jan. 1868. 

Ich wünsche, dass wir im Jahre 1868 eine gesunde und ein- 
sichtsvolle biblische Kritik erhalten; das weltliche Eom fällt erst, 
wenn das geistliche gestürzt ist, und die protestantischen Zwing- 
burgen erst, wenn der papierene Papst entthront ist. Wir sind weit 
gekommen, wenn die Hoffnungen auf geistige Befreiung von Oester- 
reich, Bayern und Baden ausgehen müssen ! — Kennen Sie das fran- 
zösische Buch von Dernburg: „Essai sur Thistoire de Pal^stine** etc.? 
[J. Z. V, 261 ff.] Da ist doch einmal wieder einmal solide Gelehr- 
samkeit, aus der die Herren Büchermacher Etwas lernen können, 
wenn sie nicht dazu zu stolz sind. 

1. Januar. Und nun Prosit neues Jahr! Ist es nicht volle 
Unnatur, mit dem ersten Januar ein neues Jahr beginnen zu lassen ? 
Mit der vollzogenen Ernte und Herbstung das Jahr zu beschliessen 
oder es mit dem Frühling zu beginnen, das ist beides doch natur- 
gemäss, aber diese Verschnörkelung, bei dem Stillstande Erneuung 
eintreten zu lassen, ist ein Zeichen von Mangel an allem Natursinn. 
Freilich der menschliche Geist ist nicht abhängig von dem rein 
Vegetativen der Natur, er soll seinen Sieg darüber bekunden; wenn 
nur eine wirkliche That des Heils sich an diesen Zeitmoment knüpfte! 
Allein gertide darüber habe ich meine grossen Bedenken, die ich 
jedoch besser unterdrücke. Bleiben wir im neuen Jahre rüstige 
Diener wahrer Wissenschaft und gute Freunde. 



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— 318 — 

138. 
An Hrn. San. Markus in Bukarest. Frankfurt, 17. März 1868. 

Schon längst bedrückt die rumänische Angelegenheit mein Herz, 
doch begnügte ich mich mit der stillen Theilnahme, da ja auch die 
Presse wie ausländische jüdische Vertretungen die Sache mit Leb- 
haftigkeit vertraten. Als jedoch gestern früh das Blatt in meine 
Hände gelangte, da duldete die empfundene Wehmuth nicht, es bei 
dem im Herzen verschlossenen Gefühle zu lassen, ich schrieb sogleich 
an den Gemeindevorstand in Berlin mit der Aufforderung, eine Ein- 
gabe an den König oder an den Bundeskanzler zu richten, und be- 
nachrichtigte davon auch den hiesigen Gemeindevorstand. Welchen 
Erfolg meine Schritte haben werden, welchen die etwa daran sich 
anschliessenden Maassnahmen, muss dahingestellt bleiben; ich setze 
keine grossen Hoffnungen darauf. Dennoch muss die öffentliche Mei- 
nung Europa's in Bewegung erhalten werden gegen leidenschaftliche 
Selbstsucht, die sich unter der Maske der Pflege der Bildung und 
der Nationalität verbirgt. Ein Aufsatz in meiner Zeitschrift soll auch 
möglichst bald mit aller Schärfe folgen^). 

Alles Erwähnte war geschehen und beschlossen, bevor ich am 
Abend Ihren Brief erhielt, und es war mir angenehm, Ihren Wünschen, 
soweit es in meinen Kräften steht, zuvorgekommen zu sein. Gar 
sehr erfreute es mich auch, einen so einsichtsvollen und warm theil- 
nehmenden Leser meiner Arbeiten in jener fernen Gegend zu wissen. 
Mit der Entwicklung der Intelligenz in dem Judenthume — wozu 
reiche Anlagen vorhanden sind — , mit dem Nachweise, dass seiner 
bisherigen Gestaltung, wenn sie auch durch den härtesten Druck viel- 
fache Missformen angenommen, dennoch fruchtbare Ideen zu Grunde 
liegen, mit dem wissenschaftlichen Kampfe gegen die Anmassung 
anderer Religionen wirkt man nachhaltiger, wenn auch langsamer, 
als durch populäre Vertheidigungen , deren Werth ich darum nicht 
herabsetzen will. Das Judenthum muss als ebenbürtige, ja als höhere 
geistige Macht zur Anerkennung gebracht werden; erst dann ist der 
Sieg erreicht. Freilich muss aber auch dazu die innere^ Befreiung 
errungen werden. 

1) [Vgl. J. Z. VI, S. 81—86, 160, 289. Das oben genannte Blatt ist „L'Echo 
danubien** vom 6. März 1868. In dem Aufsatze der J. Z. sind die Schreiben an 
den Berliner und Frankfurter Gemeindevorstand abgedruckt. Auch später bewahrte 
G. den rumänisch-jüdischen Angelegenheiten seine lebhafte Theilnahme. Vgl. „Geist 
oder Geld«, J. Z. X, 161-165 und 220.] 



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— 319 — 

139. 
An Zunz. Frankfurt, 4. Juni 1868. 

Meine Zurechtweisung der Wiener AUgem. Literatur -Zeitung^) 
scheint doch an die rechte Adresse gelangt zu sein; in einer 
späteren Nummer wird nämlich wieder eine andere Schrift über 
,Christenthum und Frauen** besprochen, und da sagt der Recensent: 
,Auf die sociale Stellung des Weibes bei den Israeliten nimmt der 
Verfasser gar keine Rücksicht .... Vielleicht hat ihn die Furcht 
vor (!) der «Jüdischen Zeitschrift für Wissenschaft und Leben*, 
geschimpft zu werden, abgehalten.** — Neues, woraus man etwas 
lernt, ist mir leider noch nicht bekannt geworden, und Sie, im 
Centralpunkt der Wissenschaft, erlangen wohl weit eher Kunde von 
neuen fördernden Erscheinungen, als ich in der Handelsstadt. Was 
in mir selbst reif geworden, theile ich öffentlich mit; was ich mit 
mir herumtrage, das harrt späterer Mittheilung entgegen zur Zeit 
erlangter Abrundung. Freilich, wenn wir uns sprechen würden, so 
würde gar Manches discutirt werden und in der Discussion auch zu 
reinerer Klärung gelangen. Werden Sie denn dieses Jahr ruhig zu 
Hause bleiben? Sie, verehrte Freundin, fühlen Reiselust in sich und 
werden wohl auch noch den Herrn Gemahl nach einem grünen, freien 
Plätzchen locken. Ich werde keinen weiten Ausflug machen und wohl 
nur Anfangs August zum Üniversitäts-Jubiläum nach Bonn wandern, 
wo ich mit Dernburg zusammenzutreffen gedenke. Das wäre schön, 
wenn auch wir uns da begegneten. Für mich ist um diese Zeit Bonn 
die Statte, wo ich selbst vor einem Menschenalter der Wissenschaft 
frei und sorgenlos, aber um so reicher an Hoffnungen, obgelegen, 
und mein Ludwig gegenwärtig in gleichem Beginne seiner Laufbahn 
begriffen ist. So verbindet sich unser Alter zugleich mit der eigenen 
Jugend und der Jugend eines neuen Geschlechts 2). Mögen wir selbst 
neue Jugendfrische daraus schöpfen! 



1) [J. Z. VI, 55—57: „Ein Gradmesser der Bildung", gegen eine Besprechung 
des Vortrags von Reisslei thner: „üeber die Stellung des Weibes im Judenthum etc.] 

2) [Die Reise nach Bonn, wo G. sich von October 1829 bis Juni 1832 auf- 
gehalten hatte, vgl. oben S. 17—56, ist schliesslich, trotz des anfänglich festen Vor- 
satzes, nicht zur Ausführung gekommen.] 



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— 320 — 

140. 
An Th. Nöldeke. Frankfurt, 28. Juni 1868, 

Der erste Aufsatz im neuen Hefte meiner Zeitschrift [über Ru- 
mänien, s. ob. S. 318] wird Manchem Anlass geben, sich über meine 
Feindschaft gegen das Christenthum zu beklagen. Nun, wenn man 
auf der einen Seite wahrnimmt, wie der „Beherrscher der Gläubigen*^ 
allgemeine Glaubensfreiheit und Kechtsgleichheit verkündet, in dem 
neu gegründeten Staatsrath Christen und Juden aufnimmt, auf 
der anderen nicht bloss in Bumänien im Namen christlicher Bil- 
dung der äussersten Unduldsamkeit begegnet, sondern das officielle 
Christenthum aller Orten, wie das katholische in Oesterreich und 
Frankreich, geschweige Bom, so das protestantische, mit geringer 
Ausnahme, bildungs- und freiheitsfeindlich ist und mit jedem Zu- 
geständnisse, zumal gegen die Juden, mäkelt, dann kann ich aller- 
dings Liebe zum Christenthum schwer begreifen. Können ja selbst 
die Ungläubigsten ihre Ausfälle gegen Juden und Judenthum nicht 
zurückhalten, und dies aus einem vom Christenthume, das sie 
selbst verwerfen und das sie doch noch mit seinen Knochenarmen 

umschlungen hält, ihnen eingeimpften Hasse Da halte 

ich doch lieber, wenn ich einmal in der Vergangenheit wurzeln 
soll — und dem kann kein Geschlecht entgehen — an dem jungem 
Jesajas als an Jesus. Da ist doch bei Jenem mehr reines Mensch- 
thum und freier Schwung, als bei Diesem. In diesem Sinne habe ich 
den zweiten Aufsatz fMaleachi und der jüngere Jesajas, J. Z. VI» 
86 — 101] geschrieben, und ich bin begierig, wie Sie über die dort 
dargelegte Anschauung und Auffassung urtheilen. — Ebenso möchte 
ich Ihre Ansicht kennen über den Salböl -Artikel [Das Salböl bei 
den Pharisäern und den Evangelisten, das. S. 105—121], der theil- 
weise in das „Neue Testament* eingreift; die Unkenntniss der 
damaligen jüdischen Zustände und Vorstellungen macht den im- 
•fcefangensten Forschem das Verständniss der urchristlichen Schriften 
unzugänglich. Vereinigen wir uns auf historischem Boden, geben 
Sie zu, dass das Christenthum eine naturgemässe Entwickelung aus 
Judenthum und Heidenthum ist, die beide zu jener Zeit sehr ver- 
dorben waren, demselben daher den Sieg erleichterten, aber auch 
viele kranke Stoffe zuführten. Eine neue gesunde Entwickelung kann 
uns einander zuführen, nicht Hochmuth und Hartnäckigkeit auf der 



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— 321 — 

«inen oder andern Seite. Dass ich mich Ihnen gegenüber so un- 
umwunden ausspreche, beweist Ihnen, dass ich in Ihnen einen der 
Seltenen erkenne, die unbefangen genug sind, solche Herzensergiessun- 
gen zu vertragen. 



141. 

An Th. Nöldeke. Frankfurt, 25. November 1868. 

Gestern erhielt ich Ihre „Untersuchungen und die „Literatur*^). 
Die letztere hat mich ausnehmend erquickt, die kritischen Verschieden- 
heiten, in denen wir uns befinden, haben auf den Inhalt dieses Buches, 
welches die Eesultate der bisherigen Forschungen einem weiteren ge- 
bildeten Kreise in anregender Form eröffnet, weniger Einfluss. Der 
frische, muthige Ton, jenes frohe Bekenntniss zu der freisinnigsten 
Auffassung des jüdischen Alterthums, die so siegesgewiss in die ver- 
rotteten Trümmer apologetischer Gelehrsamkeit eintritt und dennoch 
den weihevollen Ernst vor einer grossen culturhistorischen Epoche 
bewahrt, wird auch in dem Leser eine ähnliche Stimmung erzeugen. 
Dass mich die „Untersuchungen" nicht in gleichem Maasse befriedigt 
haben, setzen Sie wohl voraus. 

Das kleine Buch von Hausrath, das bereits vor vier Jahren 
erschienen unter dem mit dem Ihrigen fast ähnlichen Titel: „Ge- 
schichte der alttestamentlichen Literatur in Aufsätzen" 2) ist Ihnen 
wohl nicht bekannt geworden, wie es überhaupt weniger Ver- 
breitung gefunden zu haben scheint, als es meiner Ansicht nach 
verdient. Hausrath ist allerdings kein selbständiger alttestament- 
licher Forscher, er nimmt vielmehr bloss vorzugsweise die Ee- 
sultate auf nach Hitzig 's Forschungen, weiss diese aber durch- 
sichtig darzustellen und sich auch vor den Auswüchsen des Scharf- 
sinnes bei diesem Gelehrten zu bewahren. — Ich habe mich bei 
meinem kurzen Aufenthalte in Heidelberg in der Zwischenzeit zwischen 
meinen zwei Krankheitsperioden [Mitte September] an Hitzig, der 
sich in den späteren Jahren nicht bloss die Rüstigkeit und Arbeits- 
kraft, sondern auch die Frische und den freien Blick bewahrt hat, 
sehr erfreut. Zufallig traf ich dort auch mit Rödiger zusammen, 



1) [Titel beider Schriften und ürtheil über dieselben in J. Z. YII, 106—111]. 

2) [J. Z. a.a.O. S. 104 fg.] 

Geiger, Schriften. V. 21 



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— 322 — 

dessen Vielseitigkeit anregend ist, aber doch mehr nach umfassender 
Gelehrsamkeit, als nach fruchtbaren wissenschaftlichen Besultaten 
aasgeht. Einen besonders guten Eindruck machte Zeller auf mich, 
ein umfassender und tiefdenkender Geist, der Tiefsinn mit Klarheit 
in schöner Weise verbindet. Andere waren verreist, nurHausrath, 
jung und frisch, wenn auch hier und da etwas malcontent, hat mich 
durch verhältnissmässig häufigeren Verkehr erfreut. — Meinen Dern- 
burg konnte ich später nicht gemessen. Zu frühe üebemahme der 
amtlichen Thätigkeit in der anstrengendsten Zeit hatte mich dann 
noch weit ernstlicher aufs Krankenlager geworfen und mich in einen 
Zustand versetzt, in dem jede Aufregung, selbst die frohe, zur Ver- 
anlassung bedenklichster Folgen hätte werden können. Die Anfangs 
langsam fortschreitende Genesung, die mich fast besorgen liess, dass 
volle Wiederherstellung erst durch den Gebrauch eines Seebades — 
im kommenden Herbste! — eintreten werde, wich dennoch bald einer 
raschen Kräftigung, die keine Spur von dem üebel mehr zurück- 
gelassen. Ich arbeite amtlich und wissenschaftlich mit neuer Büstig- 
keit und verdoppeltem Frohsinn. 



142. 

An den Vorst. der jüd. Gem. in Berlin. Frankfurt, 6. Okt. 1869. 

Einem wohllöblichen Vorstande fühle* ich mich gedrungen, die 
wahrhafte Erhebung auszudrücken, mit welcher ich die vom 30. v. M. 
datirte und am 5. d. mir zugekommene Berufung zum Rabbiner der 
dortigen Gemeinde entgegengenommen habe. Der schönste Lohn 
meiner bisherigen Thätigkeit liegt in der Anerkennung der dortigen 
einflussreichen Gemeinde, und es ist einlockendes Ziel für mich, dort 
amtlich und wissenschaftlich zu wirken. Dieser inneren Mahnung, 
wie der Mission gegenüber, welche ich für Israel nach dem Maasae 
meiner Kraft und dem Grade meiner Einsicht übernommen, müssen 
manche Bedenken schweigen, insofern nur die Verhältnisse so ge- 
staltet sind, dass sie der gehoflften Wirksamkeit eine Verwirklichung 
verheissen 

Aus dem trüben Dunstkreise materieller Interessen, in denen wir 
uns doch einmal zu bewegen gezwungen sind, erhebe ich mich gern 
zur heiteren Höhe des rein geistigen Wirkens. Hoch steht mir die 
Wirksamkeit als Kanzelredner; ich verkünde gern das Wort von 



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— 323 — 

geweihter Stätte aus, und habe das Vertrauen, dass es erleuchtend^ 
ermuthigend, ja auch hier und da zündend und begeisternd wirke. 
Es wird meine angelegentliche Sorge sein, dass ich, wie es mir 
bisher gelungen, auch ferner ein rüstiges Werkzeug sei in Gottes 
Hand zur Verbreitung religiöser Erkenntniss und Erwärmung. Doch 
ebenso hoch, ja in gewissem Sinne höher steht mir die Aussicht auf 
lebendige, durch mündliche Belehrung vermittelte Anregung wissen- 
schaftlichen Sinnes und wissenschaftlicher Erkenntniss innerhalb der 
jüdischen Theologie. Diese in früherer Zeit entschieden im Vorder- 
grunde stehende Aufgabe des Rabbiners nach der Färbung des da- 
maligen religiösen Standpunktes ist in unseren Tagen sehr zurück- 
gedrängt worden hinter die fast zur ausschliesslichen Geltung er- 
hobene Predigt; sie hat eine Erneuerung nach den fortgeschrittenen 
wissenschaftlichen Einsichten und Anforderungen nicht gefunden. 
Ah&c gerade diese lebendige Wurzel eines gesunden, richtig erkannten 
Judenthums zu pflegen, habe ich als eine unverbrüchliche Aufgabe 
meines Amtes und meiner Stellung betrachtet; sie auszuführen nach 
den mir dargebotenen Mitteln war mein angelegentliches Streben. 
Was die allgemeine Aufmerksamkeit, was namentlich auch die Ihrige 
auf mich lenkte, galt sicher ebensoviel mindestens dem Manne der 
wissenschaftlichen Arbeit, wie dem Kanzelredner. In fruchtbarer 
Weise, durch die Anleitung von Jüngern der Wissenschaft, durch 
die Anbahnung einer Israel und der Menschheit heilbringenden theo- 
logischen Erkenntniss, dort wirken zu können, ist — lassen Sie es 
mich offen bekennen — das entscheidende Moment, welches mich zu 
«inem Wechsel der amtlichen Stellung bestimmen kann. Da darf 
ich es auch nicht verschweigen, dass mir »die in der dortigen Ge- 
meinde bestehenden Institutionen*, soweit ich von ihnen Kenntniss 
habe, nicht genügen können, ich vielmehr bloss durch die Gründung 
einer umfassenden theologischen Lehranstalt und meine thätige Be- 
theiligung an derselben mich befriedigt fühlen werde. 

Weit entfernt bin ich davon, an den wohllöblichen Vorstand die 
Anforderung zu stellen, dass er die Erfüllung eines solchen Ansuchens 
mir zusichere, wenn es mir auch zur hohen Freude gereicht iiaben 
würde, in der mir gewordenen Berufung ausgesprochen zu finden, 
dass man die Hoffnung hege, ein solches Institut dort erstehen zu 
sehen, erwarte, dass ich zu einem solchen Eesultate mitwirke und 
bereitwillig meine Kräfte dazu anbieten werde. Bei dem Vertrauen 
jedoch, welches ich zu dem regen, frischen Geistesleben der dortigen 

21* 



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— 324 — 

Gemeinde, zu deren reichen materiellen wie geistigen Kräften, zu dem 
energischen und erleuchteten Willen der Verwaltung habe, wurde ich 
das Schweigen davon in dem geehrten Anschreiben gleichfalls still 
übergangen haben, in der hohen Zuversicht, dass es mir gelingen 
werde, die bereits dort und anderwärts vorhandenen mächtigen Re- 
gungen zu einer vollen That zu sammeln, wenn nicht ein Umstand 
Bedenken in mir erweckte. 

Es ist mir bekannt, dass vorbereitende Schritte zur Ausfuhrung 
eines solchen Unternehmens dort geschehen sind, ein Comit^ sich 
constituirt hat, das sogar schon einen Lehrplan festgestellt, Circulare 
erlassen, Zeichnungen entgegengenommen, vielleicht noch weiter seine 
Thätigkeit verbreitet hat, ohne dass Kunde davon zu mir gedrungen 
ist. Von diesem Allen habe ich nämlich bloss zufällig gehört, directe 
Nachricht ist mir nicht geworden, man hat sich auch dann nicht 
mit mir in Verbindung gesetzt, als bereits meine dortige Wahl voll- 
zogen war. Eine Abmachung dieser Angelegenheit ohne meine Zu- 
ziehung muss mir jedoch ziemlich gleichbedeutend mit meiner beab- 
sichtigten Fernhaltung erscheinen und ich würde in diesem Falle auch 
nicht in einen Kampf mich einlassen, der den Schein persönlicher 
Eitelkeit annähme, mit Bedauern werde ich eine gerechte Hoffnung 
vereitelt sehen, aber auch dem Schauplatze derselben fern bleiben. 
Die Sache ist mir zu wichtig, als dass ich hätte ruhig abwarten 
sollen; ich habe vielmehr gegen meine Gewohnheit, statt an mich 
herankommen zu lassen, mich offen und direct mit einer Anfrage an 
Herrn Prof. Lazarus, der an der Spitze dieses Comitö's stehen soll, 
gewandt. Ich gewärtige nun seine Antwort, und sie wird von einem 
sehr massgebenden Einflüsse auf meine Entscheidung sein. 

Verzeihen Sie, hochgeehrte Herren, die Ausführlichkeit dieses 
Schreibens, und wollen Sie darin die Bedeutung erkennen, welche ich 
der Angelegenheit beilege. 



143. 
An Öerrn Prof. Lazarus in Berlin. Frankfurt, 5. Okt. 186&. 

Die Thatsache der Berufung ist für mich höchst ehrenvoll, die 
Eröffnung einer amtlichen Thätigkeit in Berlin, dessen Bedeutung 
und Einfiuss ich seinem ganzen Gewichte nach anerkenne, für mich 
höchst anziehend, da es mir als hohes Ziel erscheint, dort meine 



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— 325 — 

Kräfte einem gedeihlichen, weithin sich ausbreitenden Wirken zu 
widmen. Dennoch würde ich sehr gewichtige Bedenken zu über- 
winden haben, um die hiesige Stellung, nachdem ich nunmehr länger 
als sechs Jahre mich in ihr befinde, mich in die hiesigen Zustände 
wieder eingelebt, Frankfurts Vorzüge, ohne seine Schattenseiten zu 
verkennen, zu würdigen gelernt habe, zu verlassen, und ich bin im 
Augenblicke noch nicht im Stande zu sagen, wohin sich das Zünglein 
der Wage zur Entscheidung neigen würde. Ein Moment, und nur 
es allein, vermag die Schale hinabzudrücken, und umgekehrt würde 
ich, wenn dasselbe nicht in's Gewicht fällt, entschieden ablehnen. 
Dieses Moment ist: 

Die bestimmte Aussicht auf die Mitwirkung an einer höheren 
theologischen Lehranstalt. 
Sie haben uns in Leipzig eröflfnet, dass Schritte zur Errichtung 
einer solchen Anstalt in Berlin bereits geschehen sind, Sie haben 
auch dort Gelder oder Zeichnungen dafür entgegengenommen. Geben 
Sie mir die Zusicherung, dass ich von vornherein eine Stellung an 
derselben einnehme, so bin ich der Ihrige, ohne diese Zusicherung 
nicht. Ich verlange keine ausschliessliche Leitung der Anstalt, auch 
nicht, dass sie ausschliesslich nach meinem Sinne errichtet werde, 
nur Männer meiner Kichtung angestellt werden. Die Wissenschaft 
muss frei sein und darf nicht einer einzelnen Richtung zu eigen 
gegeben werden, mir sind gediegene Männer, wenn sie auch An- 
schauungen folgen, die ich vielleicht als irrig betrachten muss — 
ich nenne beispielsweise: Bernays, Preudenthal — in hohem 
Grade willkommen; aber noch weit weniger darf der Wi9senschaft 
das Gepräge schwächlicher Vermittelung als bedingend aufgedrückt 
werden, sie darf ihre Unparteilichkeit nicht in Halbheit und Halt- 
oder vielmehr Grundsatzlosigkeit erkennen wollen. Ich bin ein Mann 
bestimmter Richtung und werde diese nie verleugnen; sie ist ein 
ehrliches Resultat wissenschaftlicher Arbeit. Aber ich bin nicht so 
einseitig, zu verlangen, dass Andere nicht auf gleich ehrlichem und 
ernstem Wege zu anderen Resultaten gelangen, und Männer von 
tüchtiger Wissenschaftlichkeit erkenne ich mit Freuden an, sehe sie 
gerne neben mir als Genossen, wenn sie auch abweichenden An- 
schauungen huldigen. Wenn ich also zu dem dortigen Comitö hinzu- 
gezogen werde, so steht der Freiheit der Richtung und der wissen- 
schaftlichen Stellung durch mich Nichts hindernd entgegen, aber mir 
würde Dies die einzige Bürgschaft geben, dass keine falsche Rück- 



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— 326 — 

sieht mich vod der Theilnahme an dieser Anstalt fernzuhalten 
vermöge. 

Wie ich Sie kennen gelernt, darf ich von Ihnen meiner ganz 
offenen Aussprache gegenüber auch eine ganz offene Beantwortung 
erwarten. Ich werde Ihre Gründe ehren, wenn sie auch meinem 
Verlangen entgegentreten, doch wird jedenfalls Ihr Ausspruch mass* 
gebend sein für meine Entscheidung. 



144. 
An den Vorst. d. jüd. Gem. in Berlin. Frankfurt, 21. Okt. 1869. 

So sei denn der Entschluss gefasst! Ich folge dem mir von 
Ihnen gewordenen ehrenvollen Kufe, vorbehaltlich der Genehmigung 
von Seiten der dortigen Königlichen Regierung, sowie der mir von 
der hiesigen Gemeinde zu ertheilenden Entlassung; ich folge dem 
Rufe frohen Muthes und guten Vertrauens, nachdem ich in ernstem 
innerem Kampfe gerungen. Ich verlasse nicht ohne Bedauern eine 
friedliche Stellung, in welcher mir genügende Müsse vergönnt waj-, 
meinem Drange nach wissenschaftlich -schriftstellerischer Thätigkeit 
zu genügen, — und ein Amt anzutreten, in dem meiner vielleicht 
neue Kämpfe warten und das mich nach vielen Seiten hin in An- 
spruch nimmt. Allein ich glaube, mich einer Pflicht nicht ent- 
ziehen zu dürfen, die mich mahnt, dort meine Kräfte zu verwenden, 
wo die Wirksamkeit weitergreifend und weithin fruchtbar sein kann, 
und wo sich mir die Aussicht eröffnet, ein Ziel zu erreichen, das ich 
seit meinem ersten öffentlichen Auftreten anstrebe und vorzubereiten 
mich bemühe, nämlich die Begründung einer Pflegestätte und Pflanz- 
schule echter jüdischer Wissenschaft, an der ich auch nach dem 
Maasse meiner Kräfte mitzuwirken vermag. Mit diesem frohen und 
muthigen Hinblicke beginne ich einen neuen Lebensabschnitt, ver- 
trauend, dass die energische und erleuchtete Verwaltung, sowie die 
ganze intelligente Gemeinde mich in meinen Bemühungen nach- 
drücklich unterstützen werde. 

Vorwärts zum inneren Heile Israels und zu seiner vollen und 
wahren Anerkennung nach Aussen! Dieser Wahlspruch vereinige 
unsere Kräfte zur einsichtsvollen fördernden That! 



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— 327 - 

145. 
An M. A. Levy. Berlin, 28. April 1870. 

Ja, es gehört ein Entschluss dazu, sich an's Briefschreiben zu 
machen, wenn man in einer solchen weitläufigen Stadt, in neuen 
und ausgedehnten Verhältnissen lebt und von Verpflichtungen der 
mannigfachsten Art belastet ist. Allein da Alles sich freundlich ge- 
staltet und die brieflich zu unterhaltenden Beziehungen doch gleich- 
falls enge und angenehme sind, so trägt man Alles leicht und guten 
Muthes. Meine hiesige amtliche Stellung ist in der That eine sehr 
angeregte und anregende; sie hat Bedeutung in der grossen Ge- 
meinde nach allen Kichtungen hin, und meine Thätigkeit wird im 
hohen Maasse anerkannt. Von Aufregungen, welche vielleicht Einige 
künstlich erzeugen möchten und die sie als vorhanden gerne in die 
Welt hineinschreien, weiss man durchaus Nichts. An den verflossenen 
Festtagen habe ich in den drei Synagogen gepredigt, überall vor 
einem im hohen Grade theilnehmenden und dankbaren Publikum, 
und die Trauungen in den verschiedensten Schichten bewiesen gleich- 
falls, wie ich in allen Klassen bereits Wurzel geschlagen. Und so 
leben wir denn sehr angenehm, im Ganzen still und zurückgezogen, 
aber dennoch in manchem Verkehre, der mit der Zeit seine regel- 
mässige Pflege finden wird. Wäre es das Amt allein, so könnte ich 
sehr behaglich leben, allein die leidige Literatur — und sie bleibt 
ja doch die Seele — nimmt die Zeit gar sehr in Anspruch. Eine 
Arbeit, die allerdings der Wissenschaft garnichts bietet, die aber 
doch theils praktisch wichtig, theils Ehrensache ist, welche drängt 
und beunruhigt, ist das Gebetbuch [vergl. oben S. 270]. Da ist nun 
höchst drollig, dass die gemässigte Reform in Amerika — Jastrow 
und Hochheiraer — sich diesem anschliessen will! .... 

Nun habe ich mich aber von einem alten Goj, dem Mesa, König 
von Moab, verführen lassen ! Ja, Alter — ich meine das meinige — 
schützt vor Thorheit nicht! Ja, wie den alten König Salomo, der, 
so lange er bescheiden der Gottesstimme in Gibeon lauschte, weise 
war, kostbare Moschelchen dichtete, herrliche ürtheile über Kinder- 
zerschneidung und dergl. erliess, wie ihm im Alter moabitische und 
andere Frauen „das Herz neigten* und er gar dem Khemosch und 
ähnlichem Gesindel Tempel errichtete, so erreicht auch den alterndei^ 
Geiger sein Geschick. Der hatte sich bescheiden concentrirt, lugte 



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— 328 — 

höchstens nach dem Syrischen und Samaritanischen', hielt sich 
schüchtern von epigraphischen Untersuchungen fem; da kommt nun 
der alte Mesa, der sich rühmt, schon einmal die Tapferkeit seiner 
Ahnen zu Schanden gemacht zu haben, und bricht auch sein tapferes 
Herz. Er wirft sich diesem moabitischen König zu Füssen, huldigt 
dem Khemosch und opfert ihm die kurz zugemessene Zeit. Ja, 
liebster Professor, ich habe gesündigt und frevle noch immer. Ich 
habe über diese unsere Schandsäule, die uns nach 2700 Jahren noch 
an den Pranger stellt, geschrieben und ohne alle sittliche Ent- 
rüstung [J. Z. Vm, S. 104—118]. Aber verzeihet mir, all' ihr 
guten und bösen Götter, Aschthar, Khemosch, Moloch und wie ihr 
alle heisset, ich will es gewiss sobald nicht wieder thun. Aber ich 
habe nun einmal der Verführung nicht widerstehen können. Ja, 
warum schickt auch der Graf Vogüö einem so Unberufenen den 
Abdruck, warum reizen sie Einen mit allen Künsten der Verlockung? 
Wahrhaftig, ich sehe, wie der alte Bileam vor Freude sich die 
Hände reibt, seine alte List ist wieder einmal gelungen. Ich wollte 
zuerst nur in meiner Zeitschrift berichten, und als das Aufsatzchen vor 
mir lag, da dachte ich: nimmt sich das Bürschchen nicht ganz nett 
aus? Sollte es denn auch vor den Augen der Unbeschnittenen — denn 
ein unbeschnittener Jude ist nach dem Ausspruche des untrüglichen 
Philippson kein Jude mehr — erscheinen dürfen? Und da war 
eine leicht verwundbare Stelle in meinem Herzen entdeckt, doch der 
Verführer kleidete sich in einen Engel des Lichtes, und husch, war 
meine Seele dahin. Eine Abschrift gelangte an die Deutsch-morgenl. 
Gesellsch., einzelne Nachträge folgten nach, sie sind aufgenommen, 
die Correctur hat mir schon vorgelegen. Mir schwindelte, ich wollte 
Alles durchstreichen, aber ich gewann die Kraft nicht dazu, und so 
bin ich in den Banden Khemoschs und lauere wie eine Hyäne auf 
Alle, die ihm nahen. Seh. ist verzehrt, die Knochen, die er bietet, 
sind unverdaulich, Nöldeke ist aufgefressen, da nutzt keine 
Freundschaft, und wenn er seine Arbeit, die seiner würdig ist, auch 
nicht bloss meinem Freunde, dem gründlichen Kenner semitischer 
Schrift, Professor Levy, gewidmet, sondern wenn er sie etwa gar 
mir selbst zugeeignet hätte, kann ihm Nichts helfen; wer an meinen 
alten Freund Mesa rührt, der wird aufgefressen. Gott gebe, dass 
die Hitze nicht zu arg wird, die Aufregung verzehrt mich, ich träume 
von nichts Anderem als von Mesa — das ist buchstäblich wahr, denn 
ich träume gar nicht — , und erwacht erst gar mein Patriotismus, 



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~ 329 - 

schnalle ich den Panzer um, ziehe ich in den Streit für Joram und 
das Haus Omri, für Josafath, den ich besonders als meinen Hildes- 
heimer'schen Freund nach der Chronik zu würdigen weiss, und für 
meinen treuen Bundesgenossen, den König von Edom, nun, da stehe 
ich nicht für die Folgen. Jedoch vorläufig ist Kühe, bis etwa ein 
neues Heft der Revue arch. oder des Journal asiatique neue Auf- 
regung bringt. 

In der That seheint es, als habe mich dieser alte, nichtsnutzige 
Kosche, dieser reiche Heerdenbesitzer Mesa, ganz aus meiner ruhigen 
Bahn gebracht. Sie, als kluger Mann, halten die Nachricht der Base 
A. Z. d. J., dass ich eine Abhandlung über die Säule schreiben werde, 
mit Recht für einen Irrthum; ich selbst, als Apostel des Unglau- 
bens — meine Bestallung dafür wird Ihnen der treffliche Treuen- 
fels mit Vergnügen geben — glaube es erst recht nicht, und dennoch 
ist es so, die Welt dreht sich um und Philippson redet wahr . . . 

Von Graetz' neuem Geschichtsbande giebt uns der ebenso liebens- 
würdige, wie achtbare Treuen fels einen kleinen Vorgeschmack; 
Börne und Heine sind würdig, d. h. Graetz würdig, behandelt. 



146. 
An M. A. Stern. Berlin, 26. August 1870. 

Dass die gegenwärtige Weltlage, die herrschende Stimmung mich 
nicht befriedigt, wirst Du wohl von mir erwarten. Ich bin voll ein 
Deutscher, doch mehr ein Mensch, und deshalb auch einer jeden ge- 
bildeten Volksindividualität ihr Recht und ihr Verdienst zuerkennend, 
und verkenne namentlich auch die weltgeschichtlichen Leistungen des 
französischen Volkes nicht, wie seinen fortdauernden historischen Be- 
ruf, obgleich ich auch für seine, wie es scheint, bei ihm fast untilg- 
baren grossen Schwächen, die noch durch unsere Verhätschelung ver- 
härtet wurden, nicht blind bin. Ich erkenne auch Preussens Aufgabe 
und die providentielle Mission innerhalb Deutschlands an, doch habe 
ich, nachdem ich mich mit derselben, die ich früher bereits ideell 
zugegeben, durch 23 Jahre reell identificirt hatte, dann lange genug 
ausserhalb Preussens geweilt, um diese Aufgabe nüchterner und kriti- 
scher zu betrachten. Vor Allem bin ich ein Mann, der der geistigen 
und sittlichen Entwicklung der Menschheit, wenn sie ernstlich an- 



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— 330 -^ 

gestrebt wird, mehr vertraut, als aller Gewaltsamkeit und feinen 
Berechnung, der vor dem blutgetränkten Lorbeer sehr wenig Achtung 
hat, die Mannhaftigkeit nicht in der Wehrtüchtigkeit, sondern in der 
Charakterfestigkeit, mehr Bedeutung in der Gradheit, in dem Muth 
der Wahrheit, als in der schlauen üeberlistung und der gleissnerischen 
Lüge erblickt. Vielleicht wäre ich, wenn ich in Breslau geblieben, 
1866 mehr vom Rechte Preussens überzeugt gewesen, wäre vielleicht 
auch ein huldigender Bewunderer Bismarck's geworden, und würde 
nun auch begeistert den stürmischen und ausdauernden Muth unserer 
Krieger verherrlichen, Strassburg und Metz, überhaupt Elsass und 
Lothringen „zurückfordern* — als wäre eine anderthalbhundertjährige 
Geschichte auszustreichen — , über die factisch vollzogene, durch den 
Blutkitt scheinbar gefestigte Vereinigung des Südens mit dem Norden 
Deutschlands jubeln. Ich bin jetzt nüchtern, leugne nicht Bismarck's 
staatsmännische Begabung, sein unerwartetes Lossteuern auf ein Ziel 
mit einer bedenklichen Rücksichtslosigkeit, ehre Moltke's Feldherrn- 
genie, vor Allem weiss ich, dass es auch eine welthistorische Auf- 
gabe ist, den Napoleonismus zu stürzen, die Geckenhaftigkeit des 
französischen Volkes zu züchtigen, weiss, dass wir gegenwärtig in 
den Krieg hineingezwungen worden, kann mir aber nicht verschwei- 
gen, dass 1870 die Consequenz von 1866 ist, dass die Blut- und 
Eisentheorie fluchwürdig ist, derselbe Spott der „Ideologie", wie der 
des alten Napoleon, hervorgehend aus derselben Verachtung der freien 
Selbstbestimmung, der mannhaften Entwicklung der Völker, ans der 
Verleugnung der Erziehung aller Menschheitsschichten zu freier Er- 
kenntniss. Und wenn zu dem tiefen Wehe über das namenlose Elend, 
welches hüben und drüben ausgesäet wird, die Besorgniss kommt, 
dass die Pflege der wilden Leidenschaft des gegenseitigen Volks- 
hasses auch nach erlangtem Frieden nur Unheil ausbrütet, so ist die 
gehobene Stimmung, die man als Volksmitglied doch empfindet, bald 
wieder niedergedrückt, getrübt. 

Doch ich bleibe ja ein Mann der geschichtlichen Betrachtung; 
ich bin gewohnt, die Entwicklung der Menschheit in grossen Zügen 
durch mannigfache seltsame Windungen zu überblicken, meistere die- 
selbe nicht und will ihr für die Zukunft ebensowenig den einzuschla- 
genden Weg vorschreiben, wie ich es für die Vergangenheit nicht 
kann, halte auch an dem Vertrauen auf den dennoch erfolgenden 
wahren Fortschritt fest. Und so sage ich mir auch: hindurch! doch 



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— 331 — 

^enn der Friede erwirkt ist, dann arbeite auch Du an Deinem Theile, 
den Irrthümern mannhaft entgegenzutreten und auf die gerade Bahn 
zu lenken. 

147. 
An Salomon Geiger. Berlin, 2. September 1870. 

„Tröste ihn nicht, so lange sein Todter noch vor ihm liegt** 
{Aboth 4, 18), ist nicht bloss in Rücksicht auf den Leidtragenden 
gesagt, es gilt auch für den, welcher das Trosteswort sprechen will. 
Wie sollte der Mitfühlende es finden, wenn der Schmerz noch so 
frisch ihn selbst überwältigt. So erging es auch mir, und noch heute 
weiss ich nur meine tiefe Theilnahme auszudrücken. Ich hatte mich, 
nachdem ich über eine Erkrankung, dann Besserung des nun Ver- 
ewigten 1) unterrichtet war, mit der Hoffnung auf seine ToUe Genesung 
getragen, und nun kam plötzlich die Trauerkunde. Er ist uns Allen, 
er ist der Wissenschaft gestorben, und es ist eine, wenn auch schwache 
Beruhigung, dass es ihm doch noch vergönnt war, der Kraft seines 
Geistes ein würdiges Denkmal zu setzen. Es ist nicht nöthig, dass- 
ich seinen Werth nach allen Richtungen, nicht bloss als Denker und 
Gelehrter, sondern auch als Mensch, als Sohn, als Freund erörtere; 
Jihr, die Ihr ihn im Leben mehr umgeben, seid von seiner tiefen 
Innigkeit mehr erquickt worden und jeder Zug seines reichen Ge- 
müthes lag Euch offen vor. Nun seid dankbar dafür, dass er Euch 
so lange geschenkt war. Er hat in seinen verhältnissmässig kurzen 
Jahren mehr, inhaltreicher gelebt, als Viele in hohem Alter. Friede 
ihm, Trost Euch! 



148. 
An M. A. Levy. Berlin, 23. September 1870. 

lieber den Krieg und seine Resultate, die nun bald nach Aussen, 
wie nach Innen sich klären müssen, kein Wort! Sie wissen, ich bin 



[Lazar Geigej (vgl. oben S. 220), geb. 21. Mai 1829, gest. 29. Aug. 1870, 
Verfasser des berühmten Werkes: „Ursprung und Entwicklung der menschlichen 
Sprache und Yemunft", das (1. Band, Stuttgart 1868) in Folgendem angedeutet 
ist. Vgl. J. Z. VI, S. 178—187, 280—286, und Peschier: Lazarus Geiger. 
Frankfurt 1871.] 



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- 332 — 

kein Chauvinist, habe auch nicht den deutschen Hochmuth, der auf 
Frankreichs Stellung in der Weltkultur mit bäurisch -plumper Ver- 
achtung blickt; Oottlob, dass ich auch nicht Staatsmann, nicht Volks- 
vertreter und überhaupt keine politische Persönlichkeit bin, so dass 
ich kein Urtheil abzugeben, noch weniger eine Entscheidung zu treflfea 
habe. So bleibe ich Historiker, der die grossartigen Ereignisse in 
ihrer Entwicklung betrachtet, bald unter staunender Bewunderung, 
bald mit tiefem Schmerz. Mich jammern die schweren Opfer, die 
unersetzlichen Verluste in den Familien; mich ergreift das Weh bei 
dem Gedanken an Frankreich, an das schöne Paris, an die vielen 
lieben Menschen dort. Natürlich höre ich auch Nichts von dort .... 
In Thüringen wollte ich einige Zeit mit L. zubringen [Mitte 
August], allein das Wetter war da gerade so miserabel, dass wir 
nach sechstägiger Abwesenheit, während derer wir uns in Leipzig, 
Weimar und Gotha aufgehalten, vorzogen, wieder zurückzukehren. 
Dennoch hat auch diese kurze Entfernung auf mich beruhigend ge- 
wirkt, nachdem ich früher von den Ereignissen sehr aufgeregt war. 
Seitdem arbeite ich ruhig und freue mich dessen, vergesse der Gegen- 
wart und versenke mich in Mechiltha und anderes ähnliche alte Ge- 
rumpel. Mein Gebetbuch [oben S. 270] ist längst fertig und wollen 
wir abwarten, wie es seinen Rundgang machen wird .... Ueber 
meine hiesige Wirksamkeit kann ich wirklich nur das Erfreulichste 
berichten; sie gestaltet sich immer einflussreicher und angenehmer. 
Aber von Predigtdrucken bleibe ich wie auch früher fern. Isolirt in 
wissenschaftlicher Beziehung ist man auch hier; das Zusammen- 
kommen in der weitläufigen Stadt ist spärlich, und Jemand nach 
dem eigenen Herzen findet man doch nicht so leicht. Kirchheim 
ist mir hier nicht ersetzt. 



149. 
An Frau F. Berlin, 14. Oktober 1870. 

Mich haben die Zeitereignisse einige Zeit recht aufgeregt und 
eine nachhaltige Erhebung haben sie in mir nicht erwecken können. 
Ich bin nicht theilnahmlos für die Grossartigkeit der vor unseren 
Augen sich entwickelnden Bestrebungen , nicht gleichgültig gegen 
die Erstarkung und Einigung Deutschlands, war über die frivole 
Herausforderung des Bonapartismus gegen unsere Selbständigkeit im 



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— 333 — 

Tiefsten entrüstet, war hocherfreut über die Sühne, welche durch 
den Sturz dieses hohlen, unsittlichen Kegiments geboten wurde, be- 
klage tief die Verblendung, welche Frankreichs Volk noch immer 
umnebelt, begrüsse die Folgen, welche im Sturze der weltlichen 
Macht des Papstthums sich vollzogen, als eine segensreiche, welt- 
geschichtliche That: aber es fehlt überall der Drang der geistigen 
Freiheit, der ideale Aufschwung für edle Menschenbildung. Ich be- 
klage nicht bloss die grossen Opfer des Krieges — es muss der 
Einzelne sich der Gesammtheit unterzuordnen wissen — , ich beklage 
weit mehr die Zertrümmerung eines grossen Culturvolkes , dessen 
Schatteüseiten allein man jetzt sehen will und dessen reichen Beitrag 
zur Förderung alles Grossen in der Menschheit man jetzt gänzlich 
in den Hintergrund drängt ; ich beklage die Aufstachelung der natio- 
nalen Leidenschaft, welche Missbrauch treibt mit der ehrenden Wür- 
digung der eigenen Nationalität, die bloss Werth hat, wenn sie sich 
als förderndes Glied im grossen Menschheitsgedanken willig einfügt, 
nicht aber, wenn sie abötossend und anmassend vorherrschen will. 

Jedoch wohin gerathe ich und noch dazu in einem Geburtstags- 
briefe? Verzeihen Sie mir, liebe Freundin; jedoch die liebende Theil- 
nahme an den ewigen geistigen Gütern der Menschheit, an deren 
Förderung, ist ja das mächtigste Band zwischen denkenden und 
fühlenden Menschen, und warum sollte ich, der ich ohne Wanken, 
seitdem ich in meinen sechs Jahrzehnten zu denken und zu handeln 
vermochte, der Pflege dieser Güter alle Kraft gewidmet habe, Ihnen, 
die Sie mit so feinem Verständnisse und so tiefer Empfindung in 
Ihrem Kreise für die Wahrung und Ausbildung dieser Güter gewirkt 
haben, nicht auch mein Herz ausschütten dürfen? Doch mein Muth 
und meine Zuversicht sind nicht gebrochen; die Freude am amt- 
lichen und wissenschaftlichen Wirken ist mir geblieben, umsomehr 
als das erstere hier einer sehr regen Theilnahme und Anerkennung 
begegnet, das letztere nun einmal meinen tiefsten Lebensgehalt aus- 
machen wird — bis zum letzten Athemzuge. So lebe ich denn hier 
ganz befriedigt, und die lieben, alten Breslauer, denen ich hier be- 
gegne, sind gar erquickende Erscheinungen, nur Schade, dass die 
hiesigen weiten Entfernungen den häufigen Umgang verhindern. 



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— 334 — 

150. 
An M. A. Stern. Berlin, 16. April 1871. 

Wenn Lessing's Ausspruch, ein grosser Papst sei ihm lieber als 
viele kleine, wirklich mehr sein sollte als eine blosse dialektische 
Wendung, mit der er den Gegner ärgern, ihn aus einer scheinbar 
günstigen in gefährliche Positionen verlocken wollte, ein Verfahren, 
das namentlich in seinen Streitschriften, aber auch sonst, sehr häufig 
vorkommt, das er selbst als ösixttxwg bezeichnet — und nun hole 
erst einmal tüchtig Athem! — Also wenn, sage ich, der beregte 
Ausspruch Lessing's nicht bloss dialektische Wendung, sondern ernst 
gemeint gewesen, — nun, dann hat auch er wie der gute Homer 
einmal geschlafen. Das will ich übrigens jetzt durchaus nicht unter- 
suchen. Sicher bleibt die Gefahr der der Willkür der Staatsgewalt 
völlig unterworfenen protestantischen Geistlichen von unten bis oben 
nicht zu vergleichen der der in sich abgeschlossenen katholischen 
Hierarchie mit der Anmassung ihrer Macht über die geistige und 
bürgerliche Welt, die sich in einem albernen Menschen concentrirt. 
.... Die Angelegenheiten in Frankreich betrüben mich recht sehr. 
Die Republik der Rothen behagt nicht und bietet keine Aussicht, 
und die provisorische republikanische Thatsache der Nationalversamm- 
lung ist der Vorbote einer stumpfsinnigen Reaction, und dass Frank-, 
reich dieser verfalle, ist das Signal zum allgemeinen Rückschritte. 
Das französische Volk bleibt doch, bei all den Thorheiten, die es in 
neuerer Zeit begangen hat, ein edles Glied der europäischen Cultur- 
familie. Das zeigt sich wieder so recht in Beziehung auf Juden. 
Was würden Deutsche, wenn die Leidenschaften so bei ihnen entfesselt 
worden wären, gegen Juden gewüthet haben! In Frankreich |hatte 
und hat man von dieser Raserei keine Ahnung mehr, unterdessen 
lässt römisches Polenthum (in Lemberg) und griechisches Russenthum 
(in Odessa) die Meute wieder gegen die Juden los, und protestan- 
tisches Deutschthum schweigt im Ganzen die Hetze gegen die Juden 
völlig todt! Wie wäre in Frankreich, auch in England der Gegen- 
stand aufgenommen worden! 



151. 
An M. A. Stern. Berlin, 20. Juni 1871. 

Zu der amtlichen und literarischen Thätigkeit, welche letztere 
den neuen Erscheinungen und ihrer Besprechung, den laufenden Stu- 



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— 335 - 

dien und dergl. gewidmet ist, ist seit dem 8. Mai eine zwei Male 
wöchentlich abzuhaltende Vorlesung am Veitel- Heine -Ephraim'schen 
Stifte hinzugekommen, die mich sehr beschäftigt und mich in den 
Mittelpunkt der interessantesten, aber auch anstrengenden Studien 
versetzt. Wie ich bei meiner „Urschrift" von der Absicht über die 
Karäer zu. schreiben, zu den Sadducäern gefuhrt worden, und zu 
Allem, was darum und daran hängt, so wollte ich nun über die 
Parteien im zweiten Tempel lesen und kam — auf die israelitischen 
Stäname. Darüber schwirrt mir schon lange Vieles im Kopfe, das 
ich in Andeutungen auch schon ausgesprochen habe, ich hatte spär- 
liche Vorarbeiten gemacht, aber ich hatte Scheu ernstlich an die 
Arbeit zu gehen, sie erschien mir ^u umfassend, zu schwierig. Nun 
bin ich darin, freilich bloss in den Vorarbeiten, diese soweit ordnend, 
um darüber sprechen zu können. Aber dabei ergeben sich mir die 
überraschendsten Kesultate, und Schlag auf Schlag erhellt sich ein 
Gebiet nach dem andern, aber freilich häufen und thürmen sich die 
Vorarbeiten, und wenn mich auch nun deren Bewältigung nicht mehr 
erschreckt, weil ich den ordnenden Gedanken gefunden, den Einblick 
in die Entwickelung der bürgerlichen und geistigen Zustände gewonnen 
zu haben glaube, so nimmt das Detail, das eifrigst bis in seine 
kleinsten Verästelungen verfolgt und dann zu einem allgemeinen 
Bilde verarbeitet werden muss, sehr viel Zeit und Kraft in Anspruch. 
Natürlich kann ich in der kurzen Zeit, die mir in diesem Sommer- 
semester, das ich noch dazu so früh beschliesse, vergönnt ist, den 
Gegenstand nicht beendigen, werde ihn aber im Winter fortsetzen; 
ob ich ihn da wenigstens als Vorlesung zu Ende bringe, muss ich 
abwarten. Jedenfalls habe ich nunmehr einen tüchtigen Ansatz ge- 
macht zu dem Hauptwerke, das ich mir vorgesetzt habe, nämlich 
einer wirklichen Geschichte des Judenthums und seiner Literatur. 
Ich hoffe das Ganze durch Vorlesungen vor Studirenden genügend 
vorbereiten zu können, und diese sind mir jetzt bereits durch das 
genannte Stift eröffnet, und werden, wohl erst von Ostern k. J. ab, 
an der so genannten Hochschule gleichfalls sich eröffnen. So unklar 
deren Verhältnisse noch liegen, so wird sie doch zu Stande kommen 
und mir ein weiterer Spielraum darin angewiesen werden, als Anfangs 
beabsichtigt sein mochte. — In diesem grösseren Zusammenhang 
würde sich nun auch das einfügen, was ich bloss in Umrissen über 
den Gang der weiteren jüdischen Geistesbewegung und Literatur im 
Aufsatze über die jerusalemische Gemara \j. Z. VIU', S. 278—306] 



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— 336 — 

gezeichnet habe, und zwar in voller Ausführung. Möge es mir ver- 
gönnt sein, in dem schon etwas späten Alter diesen meinen jüdischen 
, Kosmos** zu vollenden! 

Nach diesem Ausblicke in die Zukunft und in die Vorarbeit für 
die Vorarbeit für dieselbe kehre ich zur voll realen Gegenwart zurück. 
Keal ist sie genug, und selbst die hervortretenden Ideen treten in 
massiver und klobiger Gestalt auf, aber ich verzage darum nicht 
und weiss, dass im tiefsten Grunde doch die Ideen schöpferisch sind 
und gereift sich verwirklichen werden. Lassen wir den hiesigen 
Siegesjubel und die Friedensfeier, die im Ganzen doch ziemlich ohne 
poetische Erhebung waren. Lassen wir auch den katholischen Streit, 
an dem Du mir die Freude nicht rauben wirst, denn überall wo 
Vernunft und wissenschaftliche Freiheit, mögen sie auch beengt sein, 
gegen die volle Verdummung und Geistesknechtung sich aufbäumt, 
da begrüsse ich hoch das Echtmenschliche, sollte es auch nicht in 
seiner vollen Klarheit durchbrechen. Der Kampf selbst fordert und 
führt weiter, als man Anfangs beabsichtigt. Dass jede Orthodoxie 
starr ist und feindlich gegen die geistige Freiheit, ist selbstverständ- 
lich; dennoch kann der Protestantismus, so gern er auch eine, und 
zwar die jetzt herrschende Kichtung, die vollste geistige Abhängigkeit 
von starren Dogmen vertritt und durchzuführen versucht, seinen ge- 
schichtlichen Bedingungen und seiner gesetzlichen Ordnung nach 
dieser rückschreitenden Bewegung nicht wohl unterthan werden. Noch 
weniger hat das Judenthum seinem innersten Wesen und seiner Ge- 
schichte nach dieses Streben, wenn es auch der Orthodoxie in ihm 
an solchen Absichten nicht fehlte. Ich habe mich darüber in den 
Vorlesungen [vgl. oben S. 277J, welche ich gleichzeitig mit diesem 
Briefe Dir zusenden werde, vielfach auszusprechen Gelegenheit gehabt. 
Jedenfalls war ich, der Vertreter der entschiedensten Richtung, resp, 
bin ich in den bedeutendsten Gemeinden Deutschlands: Breslau, 
Frankfurt am Main, Berlin Rabbiner, wurde und werde auch immer 
mehr Herr der Situation, was immerhin kein ungünstiges Zeugniss 
für das Judenthum ist. 



152. 
An M. A. Stern. Berlin, 26. December 1871. 

Indessen habe ich meine Sommerreise mit ebenso viel Genuss 
wie hoffentlich gutem Erfolge ausgeführt. Am 5. Juli Abends reiste 



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— 337 — 

ich nach Frankfurt, wo ich mich mit meinem Sohne und meinen 
alten Freunden einige Tage gut amüsirte. Es ist eine eigenthüm- 
liche Stadt, dieses Frankfurt, unsere Geburtsstätte. Sie kann tüchtige 
Männer hervorbringen; ist aber Jemand dazu gelangt, so muss er ent- 
weder hinaus, um seine entwickelten Kräfte in angemessenem Kreise 
zu verwerthen, bleibt er daselbst, entweder zum Niveau des Keinprak- 
tischen herabgedrückt, oder er wird ein Sonderling. Ich behage 
mich dort, wenn ich kurz als Gast weile; während der Zeit, dass 
ich dort dauernd zu wirken berufen war, war es mir schrecklich 
unheimlich, während ich hier vom ersten Augenblick an mich voll 
befriedigt fühle. — Von Frankfurt aus ging ich nach Augsburg zur 
Synode, die mich gleichfalls mehr als die zwei Jahre vorher zu 
Leipzig abgehaltene zufriedenstellte: die retardirenden Geister fehlten, 
und es wehte ein frischer, muthiger Geist daselbst. Die Beschlüsse 
über das Ehewesen, welche dort gefasst wurdeÄ, sind eingreifend 
und haben Bedeutung für die Gesammtentwickelung. Es war auch 
charakteristisch, ein Ausdruck der anderen Luft, welche durch die 
Zeit weht, dass Lazarus aus seiner hoch über den Parteien 
schwebenden Nebelregion herausstieg, und sehr entschieden für den 
Fortschritt mit eintrat. Die Herren, welche immer mit allen 
Richtungen gehen müssen, überzeugen sich von der Unfruchtbarkeit 
ihrer Bemühungen, wie das 66g fxoi nov atw die einzig richtige 
Massnahme ist, mit der man etwas Gedeihliches auszuführen im 
Stande ist. Lazarus ist ein Mann, der durch Lebensstellung, di- 
plomatische Feinheit, geistige und angenehme Begabung, Willens- 
kraft und Gewandtheit von vielem Einfluss ist; er lenkt nicht, aber 
er versteht es zu merken wo der Schwerpunkt ist, und sich dem- 
selben zuzuwenden, auch dann ihm durch seine Persönlichkeit einen 
Nachdruck zu geben. Er wird also bestimmt imd bestimmt nicht, 
aber er ist der Ausdruck des Vorwiegenden. So freut es mich, ohne 
dass ich im Entferntesten durch ihn von meinen eigenen Grundsätzen 
mich verrücken lasse, wenn ich merke, dass er sich diesen nähert. 
So erging es auf der Synode, so ergeht es auch jetzt bei der Revision 
des hiesigen Gebetbuches. Dieses wurde im Jahre 1866 für die neue 
Synagoge eilig hergestellt. Dieser Umstand und manche anderen 
bewirkten, dass demselben sehr viel Störendes anhaftet. Das fühlte 
man alsbald, es trat entschieden in's Bewusstsein mit meinem Wirken 
in hiesiger Gemeinde, und nun ist eine Commission mit dessen Re- 
vision betraut. Da zeigt sich Lazarus als rechte Stütze. 

Geiger, Schriften. V. 22 



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— 338 — 

Um nun alles ihn Betreffende und mich vorzugsweise Inter- 
essirende im Zusammenhange zu erledigen, komme ich alsbald auch 
auf die Angelegenheit der «Hochschule*. Es war offenbar die Ab- 
sicht von Lazarus, eine völlig neutrale Anstalt zu errichten, den 
Einfluss einer jeden Richtung und das heisst ja eben der fortschreiten- 
den, fem zu halten, und mir ein Gegengewicht entgegenzustellen. 
Dieses phantastische Gewebe ist zerrissen. Noch ist der Schleier 
nicht ganz gelüftet. Mit Ostern soll der Gedanke Fleisch und Blut 
erhalten, man hat officiell um meine mitwirkende Lehrthät^keit 
geworben, die ich zugesagt, man hat die schwebenden Pläne der 
Bichtungslosigkeit aufgegeben; die anderen Kräfte — ausser David 
Cassel, — sind auch den Unternehmern noch unbekannt. Aber 
möge das Werk nur einmal beginnen, so wird es auch sich selbst 
zu grösserer Bestimmtheit forttreiben. 

Von Augsbuiff aus machte ich einen Sprung nach Begensburg, 
der Einladung des dortigen evangelischen Stadtpfarrers Er äfft Folge 
leistend. Der Mann ist Dir vielleicht aus meiner alten Zeitschrift 
erinnerlich, wo er mit einigen glücklichen Nachbildungen des Cha- 
risischen Thachkhemoni [W. Z. IV, S. 130—138] aufgetreten, und 
auch mir war er seitdem, also ein Menschenalter hindurch, ans dem 
Auge gerückt, bis ein Brief von ihm nach Augsburg alte Erinnerungen 
auffrischte und mich ein solches Yerhältniss zwischen einem evan- 
gelischen Geistlichen und einem Babbiner ermunterte, seiner Auf- 
forderung nachzukommen, und so weilte ich anderthalb Tage ver- 
gnüglich unter seinem Dache. Merkwürdiger Weise ist er seitdem 
wieder verschollen. Von dort ging es endlich in rechter Bammelei 
fast die ganze Länge Deutschlands hindurch nach Norderney; unter- 
wegs hatte ich noch in Eisenach die Trümmer des unterdess ver- 
storbenen Hess gesehen, ein schmerzlicher Anblick. 

unterdessen hat sich ein reger und anregender Briefwechsel mit 
Mai er in Stuttgart angeknüpft. Der alte Bursche — er zählt seine 
vollen 75 Jahre — ist erstaunlich rüstig und frisch. Ich habe ihn 
seit 26 Jahren^) nicht gesehen, seitdem nur selten und gelegentlidi 
einige Zeilen mit ihm ausgetauscht, auf vertrautem Fusse hatten 
wir eigentlich nie gestanden. Da ereignete es sich, dass ich von 
Frankfurt aus eine Anfrage an ihn zu richten hatte, die freundliche 



^) [Seit der Frankfurter RabbinerversammluDg, 1845, siehe oben Seite 119, 
vgl. S. 15, 99.] 



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— 339 — 

Antwort traf mich noch daselbst, ich knüpfte daran von Nordemey 
aus einen Brief allgemeinen Inhalts und nun erfolgte eine Antwort, 
4ie mit mir zugleich hier eintraf und einen recht eingehenden wissen- 
schaftlichen Verkehr anbahnte, der, wenn auch nicht in raschesten 
Tempo, doch mit ziemlicher Begelmässigkeit und Lebhaftigkeit geführt 
wird. Der Alte ist ungemein freisinnig, vertrauensvoll selbständig und 
bestrebt mit der Wissenschaft Schritt zu halten, wenn auch tiefere 
Forschungen abgehen und mehr allgemeine ürtheile massgebend sind. 
Dennoch freue ich mich immer wenn ein Brief von ihm kommt, und 
es ist drollig, wenn zwei Männer sich in späten Tagen mehr und 
zutraulicher nähern, nachdem sie im Jugend- und frischen Mannes- 
alter sich nur wenig berührt haben ^). 



153. 
An den Prediger Sydow in Berlin. Berlin, 1. März 1872. 

An dem Ehrentage eines Mannes, der ein halbes Jahrhundert 
hindurch mit echtem Mannesmuthe, mit gewissenhafter üeberzeugungs- 
treue das Recht des freien Gedankens in der Strömung des religiösen 
Lebens vertreten hat, wird es auch dem Fernstehenden ziemen, den 
Ausdruck seiner Hochachtung und seine Glückwünsche darzubringen. 
Es war mir ein erhebender Gedanke, am heutigen Tage Ihnen damit 
persönlich zu nahen, wenn ich auch bei dem weiten Kreise der näher 
stehenden Verehrer gern im Hintergrunde bleiben möchte. Da mir 
dies durch Ihre Abwesenheit versagt ist, so wollen Sie diesen schrift- 
lichen Gruss wohlwollend aufnehmen. 

Wenn es einerseits schmerzlich ist, dass es während des letzten 
halben Jahrhunderts in Preussen, das, wie im Allgemeinen, so auch 
namentlich im Gebiete des geistigen Lebens zum Vororte des grossen 
deutschen Vaterlandes bestimmt ist, so männlicher Entschiedenheit, 
unbeugsamen Geradsinnes, entsagender Verzichtleistung bedurfte, um 
der freien religiösen Bichtung treu zu bleiben: so wird Ihnen der 
£ückblick am heutigen Tage eine um so tiefere Befriedigung gewäh- 
ren, den Jüngeren aber Ihre Beharrlichkeit ein leuchtendes Vorbild, 
ein Mahnruf zur Nacheiferung sein. 

Es ist Ihnen vergönnt, nach einer vollbrachten langjährigen 



^) [Die Briefe sind abgedruckt u. d. T.: Ein theologischer Briefwechsel, j. Z 
IX, S. 255—275.] 

22* 



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— 340 — 

Wirksamkeit dieselbe mit rüstiger Kraft segensreich fortsetzen zu 
können; als eine frohe Yerheissung bestrahlt in neuester Zeit ein 
Lichtstreif den Abscbluss eines so langen Zeitraums unerschütterten 
Muthes in froher Gewissheit von dem endlichen Siege der geistigen 
Freiheit in dem scheinbar aussichtslosen Kampfe gegen die Mächte 
der Finsterniss. Möge Ihnen damit die frohe Bürgschaft gegeben 
sein, dass Ihnen noch ein langer, freundlicher Lebensabend gewährt 
werde, und Sie an ihm sich des voll durchdringenden, siegend^ 
befruchtend weithin sich ergiessenden Lichtes der Wahrheit und 
Klarheit erfreuen! Wie es mir heute zur Erquickung gereicht, als 
Vertreter des Judenthums dem Verkünder des Christenthums in 
warmer Anerkennung die Bruderhand darzureichen, so möge ein 
gemeinsames Wirken in geistiger Freiheit auch bei der Mannich- 
faltigkeit der Ueberzeugungen und Standpunkte mehr und mehr er- 
starken. • . . . 



154. 
An Frau Prof. Sophie Levy* Berlin, 10. März 1872. 

Es war mir eine so süsse Gewohnheit, am morgenden Tage 
[dem Geburtstage M. A. Levy's] mich in Ihrem Kreise zu befinden, 
und war ich nicht persönlich anwesend, wie dies nun schon seit 64 
der Fall ist, so war ich es doch wahrlich im Geiste. Ich freute mich 
so innig mit an den Liebesbeweisen, die Freunde und verehrende 
Schüler dem Verewigten darbrachten, und^ an der sinnigen Art, mit 
der Sie die Kinder ihre Anhänglichkeit ausdrücken liessen. Ich 
komme wieder auf diesen Tag, aber mir ist weh im Herzen, ich 
drücke Ihnen still die Hand, und wenn das Auge sich dabei feuchtet, 
wir wissen, wem es gilt. Es wäre falsch, wenn ich sagte, dass auch 
hier gelte: wir fühlen erst recht den Werth der Person, wenn wir 
sie vermissen, denn ich habe ihn wahrlich gewürdigt, auch als wir 
uns seiner noch erfreuten. Aber mir fehlt jetzt viel mit ihm. Selbst 
wenn ich nicht schrieb und nichts Schriftliches erhielt, wusste ich 
doch eine so gleichgestimmte Seele in ihm zu besitzen, ich war seines 
unbefangenen ürtheils so sicher, und wenn auch Jeder sein eigenes 
Gebiet hatte, so hatten wir doch so sehr viel Gemeinsames und in 
diesem Gemeinsamen eine so übereinstimmende Anschauung. Sie 
können es wohl kaum erfassen, wie viel dies dem Gelehrten ist, der 
in gewissen wissenschaftlichen Bestrebungen lebt, vielfach auf Un- 



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— 341 — 

verstand und Misswollen stösst, wenn er weiss, hier habe ich einen 
Sachkenner, der es begreift und würdigt. Und wenn dazu noch die 
Traulichkeit des herzlich freundschaftlichen persönlichen Verkehrs 
kommt ein Menschenalter hindurch, da ist ein Stück von Geist und 
Herz weggerissen. 

Jedoch ich will Ihren Schmerz theilen, nicht ihn durch den 
meinigen erhöhen. Mir thut die allseitige Theilnahme sehr wohl, 
die Ihnen entgegenkommt. Und sie gilt allerdings dem Andenken 
des werthen Hingeschiedenen, aber sie gilt doch vorzugsweise dem 
Hause, zu dem man sich hingezogen fühlte, mit dem man traulich 
verbunden war. Und das Haus, das ist und bleibt die Frau; der 
Mann erwirbt die Achtung, die Frau die Liebe, und wenn diese 
erwiesen wird, so mag die Frau das nun sich selbst zuschreiben. 
Das dürfen Sie, liebste Freundin, sie ist die reiche Frucht Ihres 
reichen Herzens. 



155. 

An Th. Nöldeke. * Berlin, 8. Juli 1872. 

Unsere Klage über Misshandlung des Judenthums von Seiten 
sonst verständiger christlicher Gelehrten beruht nicht darauf, dass 
wir im Allgemeinen etwa verlangen, sie sollten sich mehr mit dessen 
nachbiblischer Literatur beschäftigen. Ein Jeder hat die Freiheit 
sich sein Arbeitsgebiet zu wählen, und wir sind nicht berechtigt 
vorzuschreiben, wohin die Studien gerichtet sein sollen. Wohl aber 
haben wir das Becht zu verlangen, dass Diejenigen, welche dieser 
Literatur unkundig sind, sich auch des Urtheils darüber enthalten, 
mindestens darin sehr vorsichtig seien und wir haben das Becht, 
Diejenigen, welche trotz ihrer Unwissenheit mit massloser Arroganz 
und Gehässigkeit ihr geringschätziges Urtheil auf den Markt bringen, 
ob dieser Unwissenheit anzuklagen und sie aus dem Kreise ehrlicher, 
billig denkender Gelehrten hinauszuweisen. Freilich bleibt denjenigen 
christlichen Gelehrten, welche die Entstehung des Christenthums be- 
handeln, es nicht freigestellt, ob sie die spätere Entwicklung des 
Judenthums beachten wollen, sie müssen die damaligen jüdischen 
Zustäüde kennen, um ein richtiges Urtheil zu gewinnen und da ist 
wiederum der Anspruch gerecht, dass sie die jüdischen Quellen be- 
nutzen. Wenn sie dies nun mit leichtfertiger Ignoranz und der 
Superiorität des Besserwissens thun, sich an partäische secundäre 



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— 342 — 

Pfützen halten, so sagt man ihnen eben, dass sie ünrath herbei-^ 
schaffen, und je besonnener und unbefangener sonst ein Schriftsteller 
zu Werke geht, um so mehr hat die Klage ihren guten Grund. 

Allerdings ist das Verständniss jener jüdischen Quellen sehr 
schwierig, aber das überhebt nicht der Pflicht sich dasselbe anzu- 
eignen, wenn man über Dinge entscheiden will, die nun emmal 
lediglich aus diesen Quellen erkannt werden können. Es ist zu be- 
dauern, dass es an den zweckmässigen Hülfsmitteln fehlt, welche das 
Verständniss erleichtern, zu bedauern, dass nicht von Seiten der 
Juden, welche diese Kenntniss haben. Genügendes dafür geschieht. 
Diesem üebel wird sicherlich auch im Laufe der Zeit abgeholfen 
werden. Aber auch hier trifft wiederum die Juden keine Schuld. 
Noch bis zur Stunde ist den Juden auf diesem Gebiete die freie 
Gelehrtenthätigkeit so gut wie verschlossen; es beschäftigen sich 
damit entweder mit amtlichen Geschäften überladene Babbiner oder 
Dilettanten ; wie will man von ihnen umfassende, die vollste Hingebung 
eines ganzen Lebens verlangende Arbeiten erwarten? 

Sie meinen, wir mutheten Ihnen zu, in den entsetzlichen hala- 
chischen Discussionen mehr als eine Verschwendung von Geist an 
unwürdige Gegenstände zu sehen; sind dieselben auch unfruchtbar^ 
so lassen Sie sie nur ganz ruhig bei Seite liegen. Sind sie aber zur 
Beurtheilung eines Gegenstandes, den man behandelt, durchaus nöthig, 
30 kann die Beschäftigung damit ebenso wenig erlassen werden wie 
die mit Kirchenvätern, Legendarien, Scholastikern Demjenigen, der 
in seinen Geschichtsstudien jene Zeiten nach ihren bewegenden Bich- 
tungen darstellen will. — Auch ich bin wenig mit der romantischen 
Vorliebe für das Neuhebräische einverstanden, dessen sich so manche 
neuere jüdische Schriftsteller bei ihren wissenschaftlichen Arbeiten 
bedienen ; allein die meisten dieser Männer sind durch ihren Lebens- 
gang am Gebrauche einer lebenden Sprache verhindert, und es muss 
als willkommen betrachtet werden, dass sie in irgend einem verständ- 
lichen Idiome ihre, wenn nützlichen, Beobachtungen mittheilen und 
auf die einzige Art, die ihnen möglich ist, zugänglich machen. Auch 
dieser üebelstand schwindet übrigens immer mehr. 

Auf den Punkt, dass man sich nicht beklagen könne, wenn das 
Christenthum hart gegen das Judenthum sei, weil die semitischen 
Beligionen alle verfolgungssüchtig seien, mag ich weiter nicht ein- 
gehen. Es ist ein gar zu trauriges Ding, w^n man einerseits sicli 
miA der heutigen Humanität brüstet und andererseits auf den alten 



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— 343 — 

Orient-Standpunkt sich versetzt, je nach Gutdfinken. Das sage ich 
nicht Ihnen, aber um so mehr Ihren Kollegen. 



156. 
An Wechsler. Nordemey, 19. August 1872. 

Sure siebenzig und zween. 

Und eines Tages begab sich's, da kam Mohammed in die Nähe 
eines Berges. Der Berg war ihm werth, und er hatte schon manch- 
mal auf seinem zuverlässigen Bücken geruht. Nun aber wollte er 
den vorgeschriebenen Waschungen sich hingeben, wie der Engel 
Djibril es ihn geheissen, dass er der Freuden des Paradieses dereinst 
theilhaft werde. So konnte er nicht den Weg umkreisen und an die 
Brust des Berges sich lehnen, dieweil er nicht versäumen durfte die 
Pflicht der Andacht und Bussübung. Denn den Frommen und Hei- 
ligen ist auch die Zeit, da sie ruhen, eine solche, in der sie Saat 
guter Werke ausstreuen und in tiefe Betrachtungen versenkt sind. 
So hatte denn auch Mohammed geweilt, zurückgezogen im Büsser- 
gewand, das vom Bogen durchweicht war, auf unfruchtbarer Insel, 
welche seitdem heisst bei den Menschen: Nordemey d. h. Licht des 
Gesanges (Nur de Neyo), weil dort das Licht des Gesandten Gottes 
hat gestrahlt und die Insel dazu erkoren war, seine herrlichen und 
unvergleichlichen Gesänge zu vernehmen. Und er weilte dort gar 
erbaulich und ass und trank nur wenig und schlecht; er erhielt sich 
von den Wurzeln, die ein israelitisch Weib, das genannt wird Levi 
Cohn, für ihn auflas und in Salzbrühe zubereitete, und von dem 
Fleische der mageren Kühe, die Fara'un im Traume hatte geschaut. 
Doch gedieh er dabei gar wunderbarlich , und alle Welt pries den 
Herrn, der seinem Propheten nährende Milch aus den himmlischen 
Kuhställen zusandte und mitleidige Würste aus den Vorräthen der 
schwarzäugigen Hanna, des Weibes des gottseligen Elkanah, dessen 
Name ward umgewandelt in den Salomo Löwenstein's, weil er weise, 
muthig und beharrlich war vor dem Herrn. Und da er also fromm 
und demüthigliclj lebte, allen Anfechtungen des Iblis widerstehend, 
da vergass er dennoch nicht seines treuen Berges, und er sehnte sich 
sehr nach ihm. — 

Da rief er mit der Zuversicht des Gottesmannes und mit der 
Siegerkraft, die ihm verliehen war über alle Wesen: Berg, komm her 



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— 344 — 

zu mir! Der Berg aber war trotzig und rauh, es kollerte gar unwillig 
in seinen Eingeweiden, und er sprach: „Ich rfihre mich nicht von 
hier*. Das war nicht fein vom Berge, aber Mohammed in seiner 
Sanftmuth zürnte nicht, sondern verlegte sich aufs Bitten und ge- 
dachte ihn zu erweichen mit der Lauge seiner Lippen und ihn zu 
berauschen mit dem Honigseim seiner Worte. Und er sprach also: 

„Du, lieber Berge mein, treu und ohne Falsch, ohne Wechsel 
und Wandel, wenn auch Wechsler die Menschen Dich nennen, Du 
weisst, wie meine Stunden der aufrichtigen Busse sind zuertheiit in 
dürrem Lande, und um der Busse willen ist mir himmlisch Manna 
versagt zu meiner Labung. So komm Du denn her zu mir, damit 
auch Du wohlgefällig werdest in den Augen Gottes, und Du wirst 
erglänzen gar wunderbarlich. " 

Der Berg aber blieb hart und trotzig und sprach: »Nein, ich 
komme nicht, dieweil Du mich umkreiset hast*. Und noch beweg- 
licher richtete der Gesandte Gottes an den rauhen Fels das Wort, 
und das Herz der Löwenstein, die seine Stimme mit den süssen 
Klängen vernahmen, zerschmolz in die Salzfluth der Thränen. Aber 
der Berg blieb unerschütterlich. Aber der Gottesmann schaute hinein 
in die Eingeweide des Berges, und sie waren weich trotz der felsigen 
Hülle, und in Demuth sprach er: „Sollte ich streiten mit dem Treuen? 
Ich will ein Wunder verrichten und ihn dennoch umarmen, und wenn 
der Berg nicht zu Mohammed kommt, so wird dieser fürbass zum 
Berge hingehen, denn, wie die gewöhnlichen Menschenkinder sagen, 
der Gescheidte giebt nach.* 

So entschloss sich der Gottesmann, auf dem der Segen ruhe 
allezeit, zu verlassen die Insel, die da heisst Licht des Gesanges, am 
fünften in der Woche, am Tage des Donners, am zwei und zwan- 
zigsten des Monates, welcher benannt ist nach dem Kaiser von ßom, 
AugustuSy um hinzuwandern nach dem Berge, welcher gelegen ist 
bei der Burg der Holden. Und er gedenket dort eine kurze Bast 
zu halten, denn am Tage der Sonne muss er eintreffen in der grossen 
Stadt Babel, die da liegt an der sumpfigen Spree, welche aussendet 
Dünste zweifelhaften Geruches , um dort die sündigen Menschen zu 
gottseligem Wandel anzuleiten. — 

Und das ist das fünfte der Wunder, welche Mohammed ver- 
richtet zur Bekehrung der ungläubigen Menschenkinder. Und wenn 
er ankommen wird in der Burg der Holden, da werden freundliche 



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— 345 — 

Hände ihn pflegen, und die Strahlen lichtumkränzter Gesichter werden 
ihn umspielen. — 

Nun aber muss er wieder zurückkehren zu seinen Bussübungen, 
und Gott, sein Meister, wird ihm gnädig sein. Diese Worte hat er 
verkündet seinem armen Knecht, Ibrahim aus dem Stamme der lieb- 
lichen Saitenspieler vor dem Herrn, die da heissen 

Geiger. 



157. 
L. R. Bischoffsheim an Geiger. Paris, 7. September 1872. 

Ich bin seit langer Zeit getreuer Leser Ihrer Zeitschrift und bin vollkommen mit 
Ihren Ansichten über die Aufgaben und die Zukunft des Judenthums einverstanden. 
Jedoch scheint mir, es sei Zeit, dass das Wort zur That werde und dass die Ver- 
fassung, in der Frankreich jetzt lebt, sich ganz vorzüglich eigne, um die gewünschte 
Bewegung in Paris hervorzurufen. 

Es hat sich hier seit zehn Jahren die Gemeinde unglaublich vermehrt, so 
dass jetzt wohl nicht weniger als 40,000 Juden hier leben. Die Majorität derselben 
hat sich von fast allen rituellen Banden befreit, dergestalt dass sie nur dem Namen 
nach noch Juden sind. Yiele der besten und reichsten Familien besuchen keine 
Synagoge mehr, und was das Schlimmste ist — verheirathen oft ihre Mädchen an 
Christen und wenn jene auch nicht selbst zum Glauben ihres Mannes über, eben, 
so werden doch die Kinder als Christen (hier zu Lande als Katholiken) erzogen. 
Gemischte Ehen von Juden mit christlichen Mädchen sind bei weitem seltener. 
Die Erziehung der Kinder in religiöser Hinsicht ist in dem meisten Familien ent- 
weder gleich Null (sie lernen nicht einmal als Wissenschaft, was die Juden als 
Volk, was ihre Sprache, ihren Glauben betrifft) oder doch mit dem Leben der Eltern 
so im Streit, dass die Inconsequenz den Kindern nicht zu verbergen ist. Was 
kann, wenn es so fortgeht, daraus werden, als ein allmähliches üebergehen des 
Judenthums zur herrschenden Religion und ein Versinken in^s Pfaffenthum? 

Ich habe oft mit Vielen meiner Bekannten diesen so wichtigen Gegenstand 
besprochen, Alle wünschen ebenso wie ich dieses üebel zu verhüten und eine solche 
totale Reform hervorzurufen, dass verständige Christen leicht zu uns herübertreten 
können. 

Da kommt aber der schwierig^ Punkt. Soll die Reform bloss alles Rituelle 
(Speisegesetze, selbst die Beschneidung) begreifen, und Sabbath, Fest- und Feier- 
tage beibehalten, oder sich total emancipiren, Moses als grossen Staatsmann und 
Gesetzgeber seiner Zeit betrachten und also ein absoluter Monotheismus werden 
mit Zurseitesetzung der Bibel und um so mehr der Commentare; und welchen 
Namen sollen die so Reformirten annehmen? 

Die Beschlüsse und Vorschläge der R^|?büjerversammlung in Philadelphia 
gehen schon sehr weit, halten jedoch am Sabbath fest. Das scheint mir unmöglich. 
Man kann diesen Tag wählen zur Zusammenkunft im Tempel, zum Anhören einer 
Predigt, aber sonst darf man ihn nicht heiliger als jeden andern erklären. Soweit 



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— 346 — 

ich ersehen konnte, bat diese Yersammlung Pessach und Yersöhnungstag nodi un- 
berührt gelassen, aber wenn man znr That übergehen will, muss Alles vorher- 
gesehen und festgestellt sein. Da darf man nicht accordiren, feilschen, laviren,. 
sondern den Muth seiner Meinung haben und Alles über Bord werfen, wie es^ 
übrigens der gesunde Menschenverstand und die Wissenschaft mit sich bringt. 

Solche Ideen nahem sich denen der Unitarier, aber wir wollen nicht in eine 
christliche Secte aufgehen, wenn wir auch auf den Namen Juden Verzicht leisten 
könnten. Mein Ideal ist eine darauf gefasste Religion, zu der sich jeder ehrliche 
und Terstandige Mensch bekennen könnte. — Wie bringt man das zu -Stande? 

Ich bin bereit, mich einer solchen Bewegung offen anzuschliessen, scheue 
auch nicht, ein bedeutendes Geldopfer dieser grossen Sache zu bringen. Nie war 
ein Augenblick dazu günstiger im alten Europa als der gegenwärtige in Frankreich, — 
der Anklang bei den hiesigen Juden würde ungeheuer sein. 



158. 
An L. ß. Bischoffsheim. Berlin, 8. Oktober 1872. 

Von einer Beise- zurückgekehrt, finde ich Ihr ebenso inhalts- 
volles, mich tief bewegendes, wie mich durch Ihr schätzbares Ver^ 
trauen hoch ehrendes Schreiben vor, und beeile ich mich, diesem 
Vertrauen durch das Eingehen auf die so hochwichtige angeregte 
Frage zu entsprechen, indem ich die kleine Verzögerung lediglich 
dem erwähnten Umstände meiner Abwesenheit und den gerade in 
diesem Monate sich drängenden Amtspflichten beizumessen bitte. 

Die gegenwärtigen geschichtlichen Strömungen treiben, wie Sie 
so richtig bemerken, die religiösen Fragen wieder auf die Ober- 
fläche, in den Vordergrund ; was schon lange still und leise schlum- 
merte, tritt nun lebhafter in^s Bewusstsein, ringt nach dem Aus- 
drucke, nach thatsächlicher Ausprägung. Das muss innerhalb des 
Ohristenthums zu gewaltsamen Ausbrüchen und vollständigem Loss- 
reissen von dem Erbe der Vergangenheit hinfuhren .... Eine 
kunstvoll gefügte, durch den Einfluss von Jahrhunderten mächtige 
Hierarchie verhindert ferner eine jede freie, aus dem Schosse der 
Gemeinde selbst hervorgehende Entwickelung, und wenn dies nun 
zwar zunächst für den Eatholicismus gilt, so ist dennoch auch der 
Protestantismus durchaus nicht frei von der beengenden geistlichen 
Herrschaft. Endlich ist die christliche als herrschende Kirche so 
vielfach mit allen staatlichen und bürgerlichen Verhältnissen ver- 
schlungen, ihre Interessen und Machteinflüsse sind in denselben ao 



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— 347 — 

tief wurzelnd, dass nicht bloss die kirchlichen, sondern auch die staat- 
lichen Vertreter mit aller Zähigkeit diese Machtbefugnisse zu er- 
halten bedacht sind und jede Aenderung perhorresciren. Soll es daher 
in der Kirche besser werden, sollen deren bisherige Glieder ein 
geläutertes religiöses Bekenntniss, das mit unserm ganzen gegen- 
wärtigen Bildungsstande in Eintracht ist, erlangen, so muss der 
Bruch mit dem Alten ein vollständiger und ausgesprochener sein. 

In allen diesen entscheidenden Punkten steht es nicht so mit 
dem Judenthum. Weit entfernt davon, es zu verkennen, dass eine 
hässliche Ernste verschrumpfter Satzungen . es bedeckt, dass das 
religiöse Leben zu juristischer haarspaltender Aeusserlichkeit sich 
verengt hat, bekenne ich vielmehr frei, dass dasselbe schon in seinem 
ersten Auftreten Bestandtheile — wie die damalige Zeit sie erforderte 
oder doch zuliess — aufnahm, welche allmählich überwunden und 
beseitigt werden Äiussten, deren Beseitigung aber nur zum Theile 
vollzogen ist, während ein anderer Theil sich erhalten, ja an schäd-^ 
licher Ausdehnung gewonnen hat. Allein diese Schwierigkeiten sind, 
sofern sie in's Gewicht fallen, doch nicht unüberwindlich, hingegen 
sind die obengenannten, kaum zu bewältigenden Hindernisse nicht 
vorhanden. Die Wurzel unseres Glaubens ist gesund und lebens- 
kräftig; mit den Vernunftwahrheiten übereinstimmend, hat er die 
Dauerhaftigkeit seines Bestandes in den wechselvollsten äusseren Ver- 
hältnissen und bei der grossen Mannigfaltigkeit innerer Umgestaltun- 
gen bewiesen. Auch keine Macht einer beengenden Hierarchie lastet 
bedrückend auf der freien Entwicklung der jüdischen Gesammtheit, 
und dieses Fehlen einer solchen Zwangsmacht liegt nicht bloss etwa 
in den äusseren Verhältnissen, die sie nicht haben aufkommen lassen, 
sondern beruht auf dem innersten Gedankengehalte des Judenthums, 
der in Propheten und Pharisäern (Thalmudisten) die Vertreter des 
freien Geistes und der Gelehrsamkeit gegenüber dem erblichen Priester- 
thum erweckte und dessen Einfluss verdrängte. Von der Erkenntniss- 
stufe der Gemeinden hing und hängt daher die Entwicklung des 
religiösen Lebens ab, keine geistliche Macht kann nach ihrem Be- 
lieben darin eingreifen, ihr Einfluss gilt nur insoweit als berechtigt, 
als sie sich moralische Anerkennung zu verschaffen weiss. — Endlich 
hat das Judenthum seit langen Jahrhunderten keinen bestimmenden 
Einfluss geübt auf die gesammten bürgerlichen und staatlichen Ver- 
hältnisse, die Interessen sind nicht so eng mit einander verknüpft, 
dass eine Loslösung vom Herkömmlichen nach vielen Seiten hin zer- 



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— 348 — 

setzend wirken müsste. Das ist freilich die Frucht schwerer Be- 
drückung, tiefer Erniedrigung, unter denen unsere Vorfahren geduldet 
und die noch heute mannigfach als Rechtsverkümmerung uns be- 
lastet; dennoch wollen wir dem Lenker der Geschicke danken, dass 
er uns vor Privilegien bewahrt hat, die der freien Geistesentwicklung, 
der fortschreitenden Gestaltung schwere Hemmungen zu bereiten 
geeignet wären. 

So ist nun das Juden thum in der glücklichen Lage^ im Ein- 
klänge mit den Errungenschaften der zeitlichen Geistesentwicklung 
und mit den Mahnungen der drängenden Bedürfnisse seine An- 
schauungen klären und seine Gestaltung ordnen zu können, wenn es 
nur eben seinen Bekennern ernst darum zu thun ist, sie genug ideales 
Streben und moralischen Muth haben, Hand an*s, Werk zu legen. 
Als ein leuchtendes Vorbild treten Sie, verehrter Herr, mit Ihrer 
Begeisterung und Ihrer Opferwilligkeit voran; haben Sie Dank für 
diese dargereichte Erquickung! Erfreulich ist mir Ihre Versicherung, 
dass in Frankreich Lage und Stimmung gegenwärtig die günstigsten 
Erfolge versprechen, wenn das unternehmen ernst und angemessen 
ergriffen werde. 

Was ist nun zu thun? 

Ich stimme freudig in Ihren Ausspruch ein: ,Es ist Zeit, dass 
das Wort zur That werde.* Ja, das Wort der dazu Berufenen und 
Beföhigten musste und muss die Anregung geben, die Männer der 
That müssen nun zu dieser schreiten; Babbiner und Schriftsteller 
mussten die Gedanken wecken, läutern, die Gemeinden müssen nun 
ausführen und gestalten. 

Was ist nun die Aufgabe der Gemeinden? was namentlich die 
Aufgabe der Erleuchteten unter ihnen, der Männer von Einfluss, der 
geistig Vorangehenden, die auch durch ihr persönliches Gewicht, 
durch Opferfähigkeit und Opferwilligkeit der Bewegung Nachdruck 
zu geben vermögen? 

Ich meine nun, wir müssen vor Allem beachten, dass alle Neu- 
gestaltungen auf dem Boden der Geschichte sich zu vollziehen haben, 
däss auf der gegebenen Grundlage die Entwickelung vor sich gehe. 
Nicht Auflösung und Neugruppirung ist das Gesetz im gesunden 
Leben, sondern innere Zersetzung und innere Wiederverkittung. Zu- 
mal bei einem werth vollen geistigen Erbe! Das Judenthum ist nicht 
mit einem Male geworden, sein Anfang kann ihm kaum nachgerechnet 
werden, es ist nicht ein zeitlich Vorübergehendes, es ist ein mensch- 



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— 349 — 

heiüiches Urgut, das innerhalb eines dazu besonders beßlhigten 
Stammes zu seinem vollen Werthe gelangte, die Dauerkraft in sich 
trägt und seine Ausbreitung über die gesammte Menschheit anstreben 
muss. Das Judenthum hat eine grosse dreitausendjährige Geistes- 
geschichte, in der die edelsten Lebensfrüchte gereift sind, eine Ge- 
schichte, von deren Ernte immer neue Nahrung ausgeht und aus- 
gehen soll. Ob und was einstige grosse Geschichtsumwälzungen 
bringen können, darüber wollen wir wohl nicht voreilig abschliessen, 
aber bis dahin werden wir den Namen „Juden ^, den vielgeschmähten, 
an den aber doch die reinste Gotteserkenntniss, die edelste Geistes- 
freiheit und Sittenreinheit sich knüpft, nicht aufgeben. Man im- 
provisirt eine religiöse Genossenschaft ebenso wenig wie eine bürger- 
liche und staatliche. Man hat im Judenthume keine Hemmketten, 
dass man sich gewaltsam von ihnen befreien müsste, es tritt nicht 
mit Vernunft verhöhnenden, Gewissen bedrückenden Machtgeboten 
auf, dass man es wegschleudern müsste; es bedarf der innern Be- 
form und bietet selbst dazu die Handhabe. Was in der Geschichte 
lebendig ist, was mit dem Yolksgefühle sich innig verbunden hat, 
dks allein kann lebenskräftig fortwirken ; was unvorbereitet hingestellt 
wird, ist wurzellos und hat keinen Bestand. Wir machen daher in 
unseren Tagen keine neue Beligion, und alle Versuche dazu fristen 
nur ein kümmerliches Dasein. Der religiöse Gedanke, weil von der 
menschlichen Natur untrennbar, hat von je in der menschlichen Ge- 
sellschaft Gestalt gewonnen, die im geschichtlichen Fortschritte, in 
der geistigen Läuterung mannigfache Umwandlung erfahren, sie ist 
aber niemals gänzlich zertrümmert worden, um einer ganz neuen 
Platz zu machen. Gerade an das Judenthum knüpften sich alle 
grossen, die Culturanschauungen bedingenden religiösen Umgestaltun- 
gen; Christenthum und Islam sind aus ihm hervorgegangen, haben 
sich an ihm genährt, und innerhalb des Judenthums muss daher 
auch die neue religiöse Umbildung sich vollziehen. 

Freilich wird diese Umbildung, sobald der historische Boden, 
die gesammte jüdische Genossenschaft als deren Trägerin festgehalten 
wird, nicht so rasch vor sich gehen, sich von Trivialem nicht so 
bald ablösen können, wenn es auch als ein Hinfalliges, als ein Ab- 
gestorbenes bereits von den Erleuchteteren erkannt wird. Allein das 
ist der Gang des ganzen weltgeschichtlichen Prozesses, und unsere 
Ungeduld muss, so edel ihre Motive sein mögen, sich massigen und 
beruhigen. 



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— 350 - 

Wahre, dauerhafte Beforro kann nur auf zwei Wegen zu ihrem 
Ziele gelangen; sie einzuschlagen und zu ebenen ist die Aufgabe, die 
Pflicht ihrer Freunde. Der eine ist, geläuterte Ueberzeugungen zu 
verbreiten und zu vertiefen, der andere ist, denselben den gemein- 
samen thatsächlichen Ausdruck zu geben; also der eine ist die 
Förderung der Wissenschaft, der andere die fortgesetzte 
Anbahnung und Vollziehung der praktischen Beform. 
Beide Wege sind in Deutschland ernstlich eingeschlagen und es 
sind grossartige Erfolge weit über die Grenzen Deutschlands hinaus 
erzielt worden. Die Wissenschaft hat natürlich ihre Aufgabe noch 
nicht vollbracht, sie würde aber schon mehr bewirkt haben, wenn 
sie die hinreichende Unterstützung gefunden hätte. Nun aber mnss 
sie einen mühseligen Kampf ertragen, um nothdürftig zu bestehen 
und ihre Erzeugnisse verkümmert an's Tageslicht zu bringen. Wissen- 
schaftliche Werke sind nicht danach angethan, um alsbald ein grosses 
Publikum zu finden, zumal auf dem Gebiete des Judenthums, und 
so haben sie schwer zu ringen , müssen untergehen , wenn sie nicht 
Pflege von einsichtsvollen Gönnern finden. Ich scheue mich nicht, 
Ihnen gegenüber die Mühseligkeiten aufzudecken, die ich selbst in 
dieser Beziehung durchzumachen habe. Meine Zeitschrift, die Ihrer 
theilnehmenden Anerkennung sich erfreut, ringt seit zehn Jahren um 
die Fristung ihres Daseins. Der Verleger droht immer mit Ein- 
stellung derselben, weil er nicht auf seine Kosten komme. Ich selbst 
bin. Gottlob, in der Lage, dass ich nicht genöthigt bin, von ihr 
ein^ Ertrag zu meinem Lebensunterhalte ziehen zu müssen; ich 
opfere willig Zeit und Kraft im Interesse der Sache, lasse mich auch 
nicht beirren durch die geringe Verbreitung, den Mangel an Auf- 
munterung, während der Schriftsteller doch wenigstens die Befriedi- 
gung haben will, dass sein Wirken Anklang finde. An den Beichen 
und Angesehenen ist es, diese Ermunterung durch Subvention, durch 
Anregung darzubieten. Aber überhaupt müssen Schriften dieser Sich- 
tung verbreitet und unterstützt werden. Ich will vorläufig wiederum 
bloss noch zwei meiner Productionen nennen. Meine 1857 erschienene 
, Urschrift" und ȟebersetzungen der Bibel* hat, nach dem Zeugnisse 
bewährter Männer, wie nach den sichtbarsten Erfolgen in jüdischen 
und christlichen Kreisen, einen tieferen Einblick gewährt in die Geistes- 
entwickelung der biblischen und nachbiblischen Zeit. Wäre das Buch 
nicht von einem Juden ausgegangen, nicht mit jüdischer Gelehrsam- 
keit erfüllt, es würde bereits viel weitere Verbreitung gefunden haben. 



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— 851 — 

die darin dargelegten Ansichten noch viel tiefer eingedrungen sein. 
Was nun den wissenschaftlichen Arbeiten von Juden, weil sie noch 
eine geringe Minorität sind, im Wege steht, das muss durch das 
regere Interesse und die Hochherzigkeit Einzelner beseitigt werden; 
eine grössere Anzahl solcher Werke muss angekauft und den geeigneten 
Personen entgegengebracht werden. Ich nenne eine andere meiner 
Schriften: „Das Judenthum und seine Geschichte^ in drei Abtheilun- 
gen (1864, 1865 und 1871), denen eine vierte zum Abschlüsse noch 
folgen soll. Dieselbe hat sich einer weiteren Verbreitung und eines 
weithinreichenden Eindruckes erfreut, aber auch für sie, die sich des 
gelehrten Apparates entkleidet hat, um jedem Gebildeten zugänglich 
zu sein, ist bei Weitem nicht genug geschehen.. Das aber ist die 
erste Aufgabe, welche sich Männer von erleuchtetem Geiste, wenn 
sie mit den Mitteln dazu versehen sind, zu stellen haben. Ich weiss 
nicht, ob Sie im Besitze der zwei eben genannten Werke von mir 
sind; ist dies nicht der Fall, so würde ich mir die Ehre geben, sie 
Ihnen zuzusenden, ebensowohl als Ausdruck meiner Hochachtung, wie 
um sie Ihrem ürtheile näher zu bringen. — Ueberhaupt aber, wenn 
die Aussicht vorhanden ist, dass tüchtige Werke nicht an der leider 
berechtigten Aengstlichkeit der Verleger scheitern müssen, wenn sie 
die nöthige Unterstützung zum Erscheinen finden, ja etwa gar einen 
angemessenen Ertrag den Schriftstellern gewähren, so werden die 
geeigneten Kräfte schon angeregt werden, es wird an den jüngeren 
strebsamen Männern für solche Arbeiten nicht fehlen. Ich zweifle 
nicht daran, dass sich mir die Gelegenheit darbieten würde, zu 
solchen Werken zu veranlassen. 

Aber was noch weit wichtiger ist, das ist überhaupt die wissen- 
schaftliche Ausrüstung junger Männer, dass sie die Träger und Ver- 
künder der mit der ganzen Zeit in Harmonie stehenden Ideen seien. 
Wie es mit dem Pariser israelitischen Seminar steht, weiss ich nicht; 
bis jetzt hört man von seinen wissenschaftlichen Erzeugnissen Nichts. 
Es scheint mir überhaupt, dass gegenwärtig der fruchtbarste Boden 
für solche Zwecke Deutschland ist. Das ist keine nationale Eitelkeit, 
das ist Thatsache geschichtlicher Culturbewegung. Einst war der 
Mutterboden geistiger Anregung för die Juden Spanien, dann Nord- 
und Südfrankreich, dann Italien, dann Polen, dann Holland, seit 
einem Jahrhundert und drüber ist Deutschland der geistige Mittel- 
punkt, von dem aus die Strömung nach allen Erdtheilen geht. Aber 
dieser Quell muss auch genährt werden. Es ist nun hier eine „Hoch- 



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— 352 — 

schule ffir die Wissenschaft des JudeDthums* gegründet worden; sie 
ist noch eine schwache Pflanze, sie bewegt sich noch materiell wie 
geistig unsicher. Hier mfissten Männer wie Sie eintreten, durch 
grössere Summen deren Bestand sichern, auf deren Richtung be- 
stimmend einwirken, Stipendien stiften, um die Studirenden, die 
meistens den nicht wohlhabenden Klassen angehören, von den 
drückendsten Sorgen zu befreien. Das ist ein Werk far die Dauer 
und wahre geistige Verjüngung. Ich wage es ohne Scheu, Ihre hohe 
Opferwilligkeit auf dieses Gebiet zu lenken, naturlich bereit, Ihnen, 
sobald Sie darauf einzugehen sich bereit erklären, detaillirtere Vor- 
schläge zu machen. 

Die Pflege d^r Wissenschaft ist selbst eine Leben spendende 
That. Allein es bedarf auch allerdings der entschiedenen Ausprägang 
der üeberzeugung in allen Lebensformen, der |)raktischen Beform. 
Inwiefern Frankreich dafür geeignet ist, im Gemeindeleben dahin 
zu gelangen, darüber steht mir kein TJrtheil zu. Was die Einzelnen 
als solche thun, wie sie in ihrem Privatleben ihre Gesinnungen kund 
geben, das ist hier von geringem Belange; das Wesentliche ist, wie 
sie die Wirksamkeit innerhalb des Gemeindelebens üben. Hier muss 
aber das Bingen der Einsichtsvollen um volle Läuterung ein un- 
ermüdliches sein, wenn auch der Kampf mit der trägen Masse be- 
schwerlich ist. Hier liegt aber auch die Pflicht vorzugsweise den 
Ländern ob, in denen sich die Juden der Freiheit, der Gleichstellung 
erfreuen. Grund und Masse der Veräusserlichung des religiösen 
Lebens, der vielen beschränkenden Satzungen wurzeln in den Trüm- 
mern einer judischen Volksthümlichkeit, in der beabsichtigten Ab- 
sonderung. Die mögen in den Ländern schweren bürgerlichen Druckes 
und geistiger Verfinsterung verzeihlich sein, in freien und erleuchteten 
Ländern sind sie eine Lüge, die nicht geduldet werden darf. Es 
muss die fortschreitende Läuterung des Gottesdienstes vollzogen wer- 
den, es dürfen nicht mehr Klagen über die Entfernung von Palästina, 
Bitten um Rückkehr, um Sammlung in Jerusalem, um Aufbau des 
dortigen Tempels, um Herstellung des Opferwesens gesprochen werden, 
keine Hervorhebung des Priesterthums , kein Angedenken an das 
versuchte Menschenopfer Abraham's geduldet werden. Die Gemeinde- 
Institute müssen von den Schlingpflanzen gereinigt werden; Speise- 
vorrichtungen dürfen nicht deren Mittelpunkt bilden. Die Eeformen 
werden mit Widerstand zu kämpfen haben, werden sich nur allmählich 
und stückweise vollziehen, allein den Kampf darf man nicht scheuen, 



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- 353 - 

wo es das wahre Wohl der Gesammtheit gilt, und die Umgestaltung 
in einer Religion, die Jahrtausende lang durch geschichtliche Er- 
eignisse und beispiellose Bedrückung in die seltsamsten Missformen 
sich verhärtet hat, kann nicht mit einem Male hergestellt werden. 
Aber eine kleine That erzeugt immer andere, ebnet den Boden, der 
dann gar fruchtbar sich anbaut, und so geht es schneller, als man 
erwartet, wenn nur der Ernst nicht fehlt. Wann das Ziel erreicht 
wird, lässt sich nicht bestimmen, kann auch nicht massgebend sein; 
eine jede Annäherung zum Ziele ist verdienstlich und fruchtbringend. 
Aber ernstlich begonnen muss werden,. Dazu wirkt vor Allem die 
zahlreiche Betheiligung der Einsichtsvollen bei der Wahl der Führer 
der Gemeinden, der Vorsteher wie der Rabbiner, der Jugendlehrer, 
um Männer von rechter Gesinnung an die Spitze der Leitung der 
Gemeinden zu bringen, und die so Erwählten müssen dann mit aller 
Hingebung in diesem Sinne wirken. Wir haben es in Deutschland 
damit schon recht weit gebracht, und, wie gesagt, nur der Anfang 
ist schwer; was darauf folgt, ist weit leichter und rascher zu be- 
wirken. Freilich darf man sich mit kleinen Reformen nicht selbst- 
gefällig begnügen, und ich freue mich des umfassenden Blickes, den 
Sie in der weiten Aufgabe bekunden, welche Sie der Reform zuweisen, 
aber, wie gesagt, wenn sie eine wurzelhafte, eine erziehende sein 
soll, muss sie im allmählichen Voranschreiten auftreten. 

Ich muss befürchten, dass ich in meiner Besprechung zu weit- 
läufig und doch nicht ausreichend geworden bin. Allein bei der 
hohen Bedeutung des Gegenstandes und der hingebenden Theilnahme, 
welche Sie ihm widmen , darf ich auf Ihre Nachsicht rechnen. Es 
wird mir zu hohem Genüsse gereichen, wenn Sie mich ferner mit 
der Mittheilung Ihrer Ansichten und Wünsche beehren und mir da- 
durch Veranlassung geben würden, in weiteren Aeusserungen meine 
Gedanken klarer darzulegen. Jedenfalls bin ich Ihnen für das Hoch- 
gefühl dankbar, welches Sie mir durch Ihr gewichtiges Schreiben 
bereitet, und gestatten Sie mir schliesslich die Bitte, den Ausdruck 
meiner vorzüglichen Hochachtung wohlwollend aufzunehmen. 



159. 

An Wechsler. Berlin, 25. November 1872. 

Im Strudel von Arbeiten benutze ich eine frühe Morgenstunde^ 

um wiederum einige Worte an Dich zu richten. Hoifentlich bist 

G ei ger, Schriften. V. 23 



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— 354 — 

Du wieder frisch und munter und nimmst lebendigen Äntheil an der 
r^en Thätigkeit der Zeit, die knarrend und mühsam mit dem Wust, der 
ihr von der Vergangenheit überliefert worden, aufzuräumen trachtet. 
Ein entsetzlich schweres Stück Arbeit, aber wenn es nur ernstlich vor- 
genommen wird, gelingt es doch, und ein zurückgelegter Schritt führt 
imm^ zu neuen. Ohne mich auf Zeitungsbetrachtungen einzulassen 
und die kleinen Schritte zu verfolgen, zu denen die Staatsmänner 
Preussens und Bayerns, ihnen nach die der übrigen Staaten, wider- 
willig gedrängt werden, berühre ich bloss zwei Schriften, nämlich 
ausser der bekannten Schrift von Strayss [^^Der alte und neue 
Glaube"] noch die von Lang: „Das Leben Jesu und die Kirche der 
Zukunft;.* Die letztere ist .von geringem umfange, enthält aber auf 
ihrem engen Baume eine treffliche Zusammenstellung der neutesta- 
mentlich- kritischen Studien in übersichtlicher Klarheit, und möchte 
der Verfasser nur doch noch einen christlichen Best sich erhalten, 
von dem man nicht weiss, wo er ihm herkommen soll. Die Schrift 
von Strauss hat mehr negativen als positiven Werth. Die offene Aus- 
sprache gegen das Christenthum ist achtungswerth und erwünscht, 
seicht hingegen sind die anderen Abschnitte und zeigen, wie schwach 
die Bichtung ist, welche hinter die Geheimnisse mit greifbarer Con- 
struction gelangen will. So wird die Schrift, die nun einmal mehr 
wegen des Namens ihres Verfassers, als wegen ihrer Gediegenheit 
Aufsehen macht und Verbreitung findet, auch durch das Verfehlte, 
welches sie zum überwiegenden Theile darbietet, ihren grossen Nutzen 
haben. Hoffentlich werde ich die Zeit finden, mich über beide Schriften 
noch öffentlich auszusprechen. 

Ja, die Zeit, die ist mir gar knapp zugemessen. Es ist unterdessen 
ein viertes Heft meiner Zeitschrift erschienen, und ich denke, das wird, 
seinem umfassendsten Theile nach, Dich beMedigen, und wirst Du mir 
bald Etwas darüber sagen. Nun aber soll es weiter gehen. Da ist aber 
kaum ein Tag ohne. starke amtliche Beschäftigung, die Vorlesungen 
für die Hochschule nehmen mich sehr in Anspruch, gelehrte Schriften 
durchzunehmen erfordert sehr viele Zeit, zumal wenn man die Ab- 
sicht hat, darüber zu schreiben, und so muss ich dankbar sein, dass 
mir Arbeitskraft und Arbeitslust bleibt. Erhalten und erhöht wird 
die letztere ebensowohl durch die innere Befriedigung, welche mir 
meine Thätigkeit gewährt, als auch durch die Anerkennung, welche 
sie findet. Diese wird mir amtlich, wie von meinen jugendlichen 
Zuhörern zu Theil, und nicht minder findet die schriftstellerisch 



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- 355 — 

Arbeit immer weitere Beachtung. So hat neulich erst ein Recensten 
in der Augsb. Allg. Ztg. (Beilage zum 17. November), offenbar ein 
Theologe, entschieden meine frühere Besprechung des „Leben Jesu 
für das deutsche Volk* hervorgehoben, und wie die orthodox-christ- 
liche Achtung mir, wenn auch grimmigen Blickes, folgt, zeigt an 
einzelnen Beispielen mein jüngstes Heft. Das giebt denn Muth 
und Kraft. 

In Frankfurt waren es recht schöne Tage, in traulichem Ver- 
kehre, in gemüthlicher Befriedigung zugebracht, um die Gemeinde 
habe ich mich wenig bekümmert. Es ist dort das jüdische Interesse 
nun einmal sehr geschwunden. Man empfindet in unseren Verhält- 
nissen überall den Mangel an einem Nachwüchse tüchtiger Theologen. 
Dem soll nun die hiesige Hochschule abhelfen. Aber auch sie ist 
noch erst im Werden begriffen. An wackeren Zuhörern fehlt es 
nicht und ihre Zahl würde sich noch bedeutend vermehren, aber es 
fehlt noch an der materiellen Unterstützung für dieselben, da die 
Armen mehr dem Fache sich widmen. Was mich betrifft, so kann ich 
nicht die Zeit aufwenden, die ich gerne dieser Thätigkeit widmen 
möchte. Ich lese diesmal fünf Stunden wöchentlich, eine Einleitung 
in die Wissenschaft des Judenthums einstündig, die andere vier- 
stündig: Einleitung in die biblischen Schriften. Beide hatte ich im 
Sommer schon begonnen, setze sie diesmal fort und es wird ge- 
lingen, sie zu Ende zu führen, indem ich in raschem Ueberblicke 
nur das früher Vorgetragene wiederhole, womit ich bei der einen 
schon zu Ende bin, bei der andern baldigst dahin gelangt seih werde. 
Gerne möchte ich nun noch mehr lesen, aber ich darf mir nicht zu 
viel aufbürden. Doch glaube ich, dass die Zuhörer hier zweckmässige 
Anleitung finden. 



160. 
An M. A. Stern. Berlin, 27. Dezember 1872. 

So alt musste ich werden, um auch einmal den Genuss der 
Ferien kennen zu lernen; da ich gestern vor acht Tagen meine Vor- 
lesungen an der „Hochschule** sistirt habe und sie Dienstag, den 
7. Januar erst wieder beginne, so wird mir derselbe. Diese Vor- 
lesungen machen mir sehr viel Freude, aber nehmen meine Zeit 
und Thätigkeit, soweit dieselben nicht schon vom Amte in Be- 

23 • 



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— 356 — 

schlag genommen sind, so sehr in Anspruch, dass ich in den letzten 
Monaten kaum zur Beantwortung eines Briefes gelangen konnte. 
Nun sollen zwar die wenigen Tage, die mir als halbfreie vergönnt 
sind — denn das Amt mit seinen Anforderungen nimmt auch bei 
ihnen seinen regelmässigen Gang — gar vielen verschobenen Arbeiten 
gewidmet sein, doch ist die freie Wahl nicht so beengt, und mein 
arg vernachlässigter Briefverkehr soll jedenfalls wieder in Fluss 
kommen. Wahrhaft erfreut hat mich die in diesen Tagen vollzogene 
Lektüre des du Bois-Reymond 'sehen Vortrages „Ueber die Grenzen 
des Naturerkennens.** Ein solch' massvolles Wort thut gegenüber 
den kecken Ausschreitungen wohl und wird dem hohlen Hochmuth 
der AUwisser, weil von solcher Seite ausgehend, einen Damm ent- 
gegenstellen. Ich habe die volle Ueberzeugung, dass man sich er- 
nüchternd auch noch weiter in dieser Selbstbescheidung gehen werde, 
noch manchen Modeschwindel als das kennzeichnend, was er ist, 
Setzung unbegründeter Hypothesen an die Stelle von Thatsachen, 
Vertauschung eine? Wortes mit dem andern , oljne dass damit ein 
Begreifen gefördert wird. Was ist z. B. bewegte Materie, insofern 
sie nicht von Aussen, sondern innerlich getrieben wird, anders als 
belebte? Was ist die Anerkennung, dass woher diese Bewegung er- 
regt wird, unerklärbar ist, ein Uebergang zum „Bewusstsein" des- 
gleichen, ebenso von diesem zum Denken und Sprechen, anders als 
die vollständige Negirung des Darwinismus? 

Man hat dieselbe Theorie auch auf die Sprachwissenschaft an- 
gewendet, hat einen Uebergang behauptet aus isolirenden in agglu- 
tinirende, aus diesen in flectirende Sprachen, diesen also solche zu- 
rückgelegte Entwickelungsstufen beigelegt, ohne dass man bedacht 
hat, dass das Chinesische mit seiner alten Literatur nie von seiner 
isolirenden Steifheit einen Schritt breit gewichen ist, und ohne dass 
man für die flectirenden Sprachen je eine Periode der Isolirung nach- 
gewiesen hat. So will man auch eine allen Völkern gemeinsame 
Mythenbjldungsperiode andichten, nur dass dann einige Völker ihre 
alten mythischen Götter zu menschlichen Persönlichkeiten, ihre Mythen 
zu Stammsagen umgesetzt haben, als wäre je ein solcher Euhemerismus 
fruchtbar gewesen, als wäre er nicht vielmehr, gerade wie der neuere 
Rationalismus, Auflösung, Zersetzung der bereits lebensunkräftigen 
Gebilde gewesen! Man muss in allen diesen Gebieten wieder zur 
Anerkennung von festumgrenzten Individualitäten gelangen. Es gibt 
bestimmte Arten und Gattungen, die sich innerhalb ihrer Grenze 



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— 357 — 

entwickeln, aber nicht in einander übergehen; es giebt Volksanlagen, 
die sich ausbilden, aber nicht aus sich selbst herausgehen. 

Jedoch das klingt wie hingeworfene Einfälle und lässt sich im 
engen Bahmen nicht ausführen. Besser also auch ich gehe zu meinem 
engbegrenzten Gebiete zurück. Ich habe immer gefunden, dass in 
der Goncentration das Hauptgeheimniss für die Möglichkeit liegt, 
Etwas zu leisten, und ich habe mich daher gerne auf mein enges 
Gebiet beschränkt, freilich dieses in möglichst weitem Sinne um- 
fassend und auch ohne den Ausblick auf die Grenzgebiete und die 
allgemeine Bildungsbewegung zu verschliessen. Du hast nun wohl 
nachträglich endlich den zehnten Band meiner Zeitschrift erhalten 
und hoffentlich manches Dich Ansprechende darin gefunden; ein 
beurtheilendes Wort darüber von Dir wird mich sehr freuen. Das 
Urtheil Einsichtsvoller ist ja am Ende neben dem Wesentlichen, dass 
man seinem inneren Drange genügt, und neben der Ueberzeugung, 
dass das Resultat redlicher Forschung, wie die unbefangene Aus- 
sprache einer mannhaften Gesinnung doch Frucht tragen werde, — 
neben der daraus erwachsenden Befriedigung bleibt eben das Urtheil 
Einsichtsvoller die einzige erquickende Belohnung. Ein tüchtiges Werk 
im christlichen Gebiete findet tausendfältigen Nachhall, im jüdischen 
bleibt es nicht bloss der herrschenden christlichen Majorität un- 
bekannt, wird es, wenn es ihnen bekannt wird, entweder als von 
keinem Belange oder auch absichtlich ignorirt, sondern auch die Be- 
theiligten, die Juden selbst, sind ihm zumeist entfremdet aus ver- 
schiedenen Ursachen, und so muss man sich mit der kleinen Schaar, 
die eine gewisse Theilnahme nicht versagt, begnügen. Meine «Zeit- 
schrift thut wohl im Ganzen ihre Schuldigkeit, aber wie Wenige 
wissen von ihr! Sie hat materiell mit den härtesten Schwierigkeiten 
zu kämpfen! Wie soll da im Judenthume ein Mann wie etwa Lang 
erstehen können? Dennoch trübt mir dies meine Zuversicht nicht, 
und ein Bückblick auf meine vierzigjährige Wirksamkeit, den ich 
am verflossenen 21. November still für mich angestellt habe, hat mir 
umsomehr Freude bereitet, als ich nicht bloss diesen Gang doch 
nicht als einen Zug durch die Wüste zu betrachten hatte, sondern 
auch und vorzugsweise, weil ich gar kein Verlangen empfand, damit 
meine Thätigkeit abzuschliessen. Noch immer lebe ich in der Zu- 
kunft, in der Vorbereitung, denke immer an Werke, die veröffentlicht 
werden sollen und von denen ich eine nachhaltige Einwirkung er- 
warte, habe mein Ziel fest im Auge, dem ich mich ünmer nähere, 



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— 358 — 

muss sogar von vomhereiii mich darauf gefasst machen, dass es mir 
nicht gestattet sein wird, alle Keime, die ich in mir nähre und die 
ich ausstreue, vollkommen zu Saaten reifen zu lassen. Aber es er- 
hält mich im frischesten Streben, und da ich Rüstigkeit des Körpers 
und des Geistes empfinde, so lebe ich jugendlichem Hoffnungsdrange, 
ohne die Unruhe, welche diesen im Frühlingsalter des Menschen- 
lebens begleitet 



161, 
An Wechsler. Berlin, 1. Januar 1873. 

Am ersten Tage eines neuen bürgerlichen Jahres rufe ich Dir 
ein Glückauf! zu, möge es uns beiden, möge es der Gesammtheit 
ein erfrischendes sein! Es beginnt allerdings knarrend, nicht in 
selbstbewusstem , fröhlichem Schritte, fast mühsam keuchend, von 
widerstrebenden Gewalten mächtig hin- und hergezogen, es fehlt 
etwas an dem frischen Muthe im Vorwärtsdrängen, es ist mehr der 
Drang der Zustände als der kräftige Wille, und auch in den muthig 
Voranschreitenden nicht die lebendige Lust an der Entwickelang, 
sondern ein Abschliessen für sich und von Anderen. Diesen Eindruck 
macht namentlich auf mich das Strauss'sche Buch, und das wird 
ihm seinen Einfluss entziehen. Ich las, dass Lang etwas Seniles in 
dem Buche bemerkt haben will; das will ich nun gerade nicht be- 
haupten. Aber aristokratisch exclusiv, moros und malcontent ist es, 
ohne. die liebevolle Theünahme für die Gesammtheit und deren Ent- 
wickelung, ohne das freudige Vertrauen auf die fördernde und ge- 
staltende Macht der Geschichte. Das ist ein Fehler des Herzens und 
des Kopfes zugleich. Wo ein Esoterisches sich dem Exoterischen 
gegenüberstellt, die „Wir" Wissenden sich von der Masse lossagen, 
da haben sie selbst bekundet, dass sie ohne Zuversicht sind auf das 
siegende Durchdringen ihrer Ueberzeugungen, dass sie selbst der 
Lebensfrische eijtbehren. Wenn ich das Vertrauen eingebüsst, dass 
meine Anschauung die der Gesammtheit werde, dann ist sie falsch; 
wenn ich den Kampf für meine Geistesrichtung aufgebe und nur 
mm Plätzchen ungestört einnehmen will, dann habe ich eben die 
frische Lebenskraft verloren und kann auch auf keine Anerkennung 
rechnen, muss mich darauf gefasst machen, dass mir besten Falls 
ein mitleidiges Dulden gewährt werde. Und damit geräth man auch 



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J 



— 359 — 

in die Lage,, dass man sich in seine Theorien einspinnt, unbekümmert 
um die Lage der Welt und der Wissenschaft, begnügt, wenn man 
sich selbst Hypothesen zusammenfügt, ohne danach zu fragen, ob 
man im Stande sei, dieselben so zu begründen, dass sie auch auf 
Annahme rechnen dürfen. 

Das gilt allerdings von Strauss und seinem Buche. Was er 
nach dem ersten Abschnitte schreibt, entbehrt jeder überzeugenden 
Kraft, ist hohl subjectiv und wirkt nur negativ, abstossend, zeigt; 
wie diese Hypothesenjagd, die sich für positiven Nachweis von That- 
sachen ausgiebt, ohne eine solche vorzubringen, zum widerspruchs- 
vollsten Unsinn führt. Das wäre mir schon recht, wenn das hohle 
Geschwätz, das mir widerwärtig ist, sich um seinen Credit brächte. 
Allein einerseits übt es doch einen zersetzenden Einfluss auf die 
Halbbildung, die sich mit solchen Phrasen und solcher Autorität 
schmückt, andererseits macht es Andere kopfscheu und treibt sie in 
das andere Extrem, so dass sie auch der echten Kritik sich ab- 
wenden und die Festhaltung eines überlebten Cbristenthums ebenso 
als geboten erachten, wie die des religiösen Gedankens und die des 
Bekenntnisses. Mit allem Schwindel, dass die neueren naturwissen- 
schaftlichen Entdeckungen und Theorien uns die Bäthsel des Daseins 
und gar des Wesens und der Bestimmung des Menschen lösen — 
ist es Nichts. 

Auch das Nachwort von Strauss habe ich gelesen, es ist glatt 
und elegant, aber doch ist der Gegenstand zu leichthin behandelt. 
Das Streben nach Durchsichtigkeit und Allgemeinverständlichkeit in 
der Darstellung ist gewiss sehr verdienstlich, aber auch sehr ver- 
führerisch und schadet doch gar sehr der Gründlichkeit. Eu findet 
sich ab, und die Halbgebildeten werden sich wieder die Hände reiben, 
aber wenn er glaubt, damit eine That zu verrichten wie ehedem mit 
dem „Leben Jesu ", so ist er in grossem Irrthum. Ich verkenne das 
Verdienstliche des offenen Bruches mit dem Christenthume nicht, aber 
wenn es für ihn nur ein aut — aut giebt, entweder das Christen- 
thum, und zwar das dogmatische, oder der Materialismus, so ist das 
doch gar zu oberflächlich. 

162. 
An M. A. Stern. Berlin, den 8. Juni 1873. 

Ich überlasse es dem sich aufblähenden Unsinn, der sich sehr 
mit Unrecht exacte Naturforschung nennt, während er weiter Nichts 



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— 360 — 

ist als willkürliche Phantasmen und geistlose Nacktheit, sich durch 
seine Extravaganzen selbst aufzulösen, überlasse es auch der geschicht- 
lichen Bewegung, das unbegründete Urtheil über Ghristenthum und 
Judenthum und die in beiden zur Geltung gelangenden Bestrebungen 
zu berichtigen, und beschränke mich darauf, innerhalb des letzteren 
Gebietes nach Kräften mitzuwirken. Mancherlei Umstände haben die 
Verzögerung verschuldet im Erscheinen meiner Zeitschrift und dürften 
dieselben auch die Veranlassung sein, dass bloss noch ein Band der- 
selben erscheint. Ich will und muss meine knappe Müsse und die 
Lebenszeit, die mir noch vergönnt ist, zum Abschlüsse meiner im 
Zusammenhange vorzutragenden Ansichten und Ergebnisse benutzen 
und darf mich nicht mit den einzelnen Zeitschriftartikeln zersplittern 
und muss wieder meine literarische Thätigkeit auf das wissenschaft- 
liche Gebiet beschränken, während ich zeitschriftelnd theils in Auf- 
sätzen, theils in Beurtheilungen der Besprechung anderer Fragen 
mich nicht entziehen kann. Darin mit einzugreifen, bietet mir die 
amtliche Thätigkeit, wie sonstige Anregung Veranlassung genug. So 
werde ich z. B. heute mit dem hiesigen Vorstande, dem Vorsitzenden 
der Bepräsentanten- Versammlung (Bechtsanwalt Mako wer) und 
Lasker eine Conferenz haben, die durch des letzteren in der Kammer 
vorgebrachte , Resolution* veranlasst ist* Es wird wohl auch nicht 
viel dabei herauskommen. Ich halte den Antrag für ohne Erwägung 
und ohne Erkenntniss der einschlagenden Verhältnisse gestellt und 
in seinen Folgen nachtheilig. Weder die Gleichberechtigung des 
Judenthums mit anderen Gonfessionen, die Gesammtheiten sind, noch 
die wahre innere Freiheit kommt in diesem Vorschlage zum Aus- 
druck. « Allein die Sache hat ihren äusserlichen Schein, und so hat 
sie in unserer äusserlichen Zeit mehr Aussicht auf Erfolg, als wenn 
sie innerlich erfasst wäre. Da nun die Menschen besser als ihre 
Systeme sind, die Menschennatur gesunder als die wechselnde Tages- 
meinung, so mag man sich beruhigen, wenn auch Manches in der 
Zeit herrscht, was Einem nicht zusagen kann. Genug, wenn man an 
seiner Thätigkeit Freude hat, sich dem Glauben hingeben darf, dass 
dieselbe ihres Erfolges nicht entbehren werde und auch sonst mit 
den näheren Verhältnissen zufrieden zu sein Grund hat. 



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361 



163. 
An Wechsler. . Berlin, 14 September 1873. 

. Die Nachricht von Maier 's Tod, die ich in Norderney erhielt, 
hat auch mich tief schmerzlich berührt; ich habe ihm in meiner 
Jugend, noch bevor ich auf die Universität ging [s. oben S. 15, 338 fg.], 
und wiederum in den letzten Jahren näher gestanden und mich zu 
allen Zeiten an seiner Geistesfrische und bewussten Thatkraft erfreut. 
Er hat für seinen Kreis viel geleistet und sein Lebensziel erreicht; 
aber wohl wiederhole ich mit Dir die Frage: wo ist der Nachwuchs, 
der solche Abgehende ersetzt? Selbst unter den wenigen Besseren, 
welche ich zu erkennen Gelegenheit habe, scheint mir Kraft und 
Wissen zu fehlen. Und so lange auf dem christlichen Gebiete eine 
kräftigere Erweckung nicht eintritt, ist kaum auf eine solche im 
jüdischen zu hoffen. Und wie gar seltsam es auf jenem aussieht, 
das brauche ich Dir wohl nicht zu sagen. Die Entwickelung der 
Verhältnisse drängt so mächtig zur Erschütterung und Umgestaltung 
der veralteten kirchlichen Institutionen, und diesem Drange von 
Aussen begegnet kein innerer Trieb, keine geistige befreiende That. 
Alles ist bloss politisch gemacht, ebenso der freisinnige Anlauf in 
Deutschland wie das romantische Geflunker in Frankreich. Doch 
aus dieser Gährung muss endlich auch die Vertiefung und Klärung 
erfolgen. Wie im staatlichen so im geistigen Leben bilden ein mäch- 
tiges Hindemiss die extremen Bestrebungen. Dort entzieht die sociale 
Frage die Massen aller gesunden, ruhigen Entwickelung und treibt 
sie zu Hirngespinsten, wie sie umgekehrt den Besitzenden und Ge- 
bildeten ein Schreckgespenst ist, das ihre Thatkraft lähmt. Hier ist 
der Materialismus der Naturforschung alles geistige Bestreben auf- 
lösend, er wirft eine jede geschichtliche Entwickelung, jede religiöse 
Aufklärung und geistige Erhebung als werth- und wesenlos hinweg, 
es erscheint ihm als überwundener Standpunkt, und wiederum dient 
dieser Nihilismus der Reaction zur Folie. Ich glaube, dass nur von 
der Wiedererweckung des selbständigen Geisteslebens eine Bfickkehr 
zu gesunden Bestrebungen erfolgen kann und wird. 

Unterdessen geht man seine Wege weiter und arbeitet an seinem 
kleinen Theile mit, was ich denn gerne nach der genossenen Erholung 
thun will. Ich habe ebenso wohl in Frankfurt wie in Norderney 



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~ 362 — 

angenehme Tage verlebt, an letzterem Orte namentlich im Verkehre 
mit mehreren Berliner Familien, die ich zum Theile bereits von hier 
ans gekannt, zum Theile neu kennen gelernt, was wohl auch hoffent- 
lich seine Nachwirkung hat für das hiesige amtliche wie gesellige' 
Leben. 



164. 
An Wechsler. Berlin, 20. Mai 1874. 

Es betrübt mich wahrhaft, dass ich Dir gegenüber wie so man- 
chem andern Freunde und nicht minder dem Publikum wie verschollen 
erscheinen muss. Wenn ich mit der Herausgabe meiner Zeitschrift 
säumig bin, überhaupt literarisch schweige — einige Kleinigkeiten 
in der Zeitschrift der D. M. 6. kommen nicht in Betracht — dann 
muss ich gefesselt sein. Es sind zwar, wie ich alsbald hinzufügen 
muss, ganz angenehme Ketten, aber dennoch drücken sie, indem sie 
an anderm Liebgewordenem verhindern. Meine Vorlesungen an der 
Hochschule neben einer ausgebreiteten anstrengenden Amtsthätigkeit 
nehmen mich so in Anspruch, dass ich keine Zeit finde zu irgend 
einer freien Arbeit und namentlich nicht die ruhige Sammlung. In 
den kurzen Osterferien ist es mir nun gelungen, ein Doppelheft; meiner 
S^itschrift vorzubereiten; aber zum Briefschreiben bin ich noch nicht 
gekemmen. Ich habe mir die Sache in unbedachter Weise schwer 
gemacht. Ich lese zwar wödhentlich nur sechs Stunden, aber vier 
verschiedene Collegien, und da es lauter neue Sachen für mich sind, 
d. h. nicht in diejenige Ordnung gebracht, welche ich ihnen zu geben 
beab^chtige, so ist dafür eine Masse mühsamer Studien erforderlid), 
die abwechselnd den mannichfaltigen Gegenständen gewidmet werden 
müssen und daher zerstückeb und zerstreuen. Dem wird nun hoffent- 
lieh allmählich abgeholfen werden, doch vorläufig stecke ich darin. 
Und doch ist wahrlich die Zeit und ihre Bewegung interessant genug, 
dass eine trauliche Besprechung derselben Bedürfhiss ist. Es ist 
allerdings nicht die ideale Bewegung der Geister, welche unsere Tage 
beherrscht und die unser Einem besondere Befriedigung bringt, es 
sind immer reale Interessen, die in den Vordergrund treten; allein 
diese haben doch eine stark durchgedrungene geistigd Befreiung za 
ihrem Hintergrunde, dass die Verwirkliehui^ des Angestrebten auch 
zugleich eine Verbürgung der Herrschaft des freien Geistes ist und 
wiederum in ihrem Gefolge die freie Fortaitwick^Iung zuversichtlich 



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— 363 — 

in Aussicht stellt. Ich schaue hinaus, und sicherlich Du mit nur: 
wird die geistige Arbeit in freier Behandlung der religiösen Wissen- 
schaft und demgemässer Ausprägung des religiösen Lebens wieder 
frisch ansetzen ? Was bis jetzt davon sichtbar wird, ist sehr schwäch- 
lich, es dreht sich Alles mehr um Machtbefugniss und juristische 
Abgrenzung als um innere Vertiefung, als um Erweiterung des Macht- 
gebietes des Gedankens, aber dennoch, meine ich, kann es nicht 
ausbleiben und ich labe mich schon an der Hoffnung. 

Ueber meine Vorlesungen wird übrigens ein etwas längerer Be- 
richt von mir erscheinen in einem Bechenschaftsbericht, den das 
Curatorium veröffentlichen wird, und auch meine Zeitschrift wird 
jenen bringen [j. Z. XI, S. 18—43]. Ich kann also, da Du das 
Erforderliche genügender daraus erfahren wirst, darüber hinweggehen. 
— Unterdessen ist Derenburg und Zadok Kahen hier gewesen; 
ihre Allianz-Angelegenheiten haben für mich wenig Interesse, weil 
ich von dem Erfolg Nichts halte, aber ich habe mich namentlich 
mit Ersterem gar sehr gefreut, und wir haben in alter traulicher 
Weise zusammen gelebt, indem er fast alle Zeit, die nicht seinen 
Conferenzen angehörte, bei mir zubrachte. . . . 

Schliesslich bitte ich um Eines. Wenn ich länger geschwiegen 
als gebührlich, so wisse, dass Dies nicht Mangel an Freundschaft 
und Achtung war, es ist der Drang der Umstände, die nicht immer 
zu bewältigen sind. Sonst bin ich in jeder Weise der Alte, frisch 
und rüstig, heiter im Wirken nach den verschiedensten Seiten, in 
treuer Gesinnung gegen meine Freunde, vielleicht auch etwas voran- 
schreitend im Ergrauen, doch voll froher Zuversicht und weit aus- 
sehenden Planen, als wäre ich ein Jüngling. 



165. 
An Th. Nöldeke. ' Berlin, 13. Juli 1874. 

Wider meine Gewohnheit in neuester Zeit antworte ich Ihnen 
recht rasch; ich will überhaupt, bevor ich eine kurze Ferienreise mit 
dem Anfange des nächsten Monats antrete, meine sämmtlichen Brief- 
schulden, die fast alle, nicht wie Ihnen gegenüber, schon alten Datums 
sind, tilgen, Ihnen aber will ich, da ich im Augenblicke einige Müsse 
habe, mit der beschleunigten Beantwortung beweisen, dass mich das 
Brechen des Stillschweigens von Ihrer Seite recht gefreut hat Man 



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— 364 - 

muss sich allerdings den literarischen Freunden durch öffentliche 
wissenschaftliche Arbeiten etwas in*s Gedächtniss rufen, und ich war 
etwas still, denn meine einzigen Kleinigkeiten in der Zeitschrift der 
D. M. 6. und mein Hapaxlegomenon in dem Lit. Centralbl. waren 
doch nicht vermögend, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die 
Nachschrift zu meinem Hefte hat Ihnen wohl den Grund angegeben; 
mein Professorspielen an der , Hochschule* hat mich allerdings neben 
der schwer anwachsenden Amtsthätigkeit ganz absorbirt, so dass ich 
nicht einmal zum Lesen neu erschienener, von mir durchaus zu be- 
rücksichtigender Schriften gekommen bin, viel weniger sie zu be- 
sprechen und gar in freiem eigenen Schaffen abrundend zu gestalten. 
Ich habe es ungeschickt angefangen, indem ich, wenn auch in wenigen 
Stunden vier verschiedene CoUegia lese, so meine Studien zerstückle 
und meine ganze Zeit darauf verwende, um es doch in einer Weise 
zu thun, die mich nicht ganz unbefriedigt lässt. Mein Bericht, 
den Sie mit Schweigen übergangen haben, sagt Ihnen das Nähere; 
mit dem nächsten Semester denke ich, jedenfalls die beiden zuerst 
begonnenen zu beendigen und werde von nun an es ebensowohl mir 
erleichtern und der Anomalie ein Ende machen, eine Vorlesung in*s 
Unendliche zu verschleppen. Uebrigens habe ich mich in der Ueber- 
zeugung befestigt, dass wir in der biblischen Kritik noch sehr zurück 
sind, dass die erreichten Besultate noch sehr wenig zuverlässig sind 
und die Methode, mit der man zu Werke geht, nicht ausreichend 
ist, zum Theile von ganz grundlosen Voraussetzungen ausgehend. 
Ich hoffe, dass ^s mir noch vergönnt sein wird, Jmeine Studien auf 
diesem Gebiete zusammenzufassen und der Oeffentlichkeit vorzulegen; 
ich bilde mir nicht ein, dass ich an's Ziel gelangt bin, ich werde 
freimüthig eingestehen, dass wir namentlich beim Pentateuch noch 
sehr unsicher umhertasten, allein dennoch glaube ich manches För- 
dernde bieten zu können, und jedenfalls haben meine Vorlesungen 
das Gute für mich, dass sie mir den Zwang zur Abrundung auf- 
erlegen. — Sie haben wohl die Abhandlung von Zun z gelesen^); sie 
sagt nicht viel Neues, aber sie stellt gut und knapp — freilich oft 
zu knapp — zusammen und spricht sich so freimüthig aus, dass es 
namentlich von einem Mann, der bis jetzt sich sehr ausserhalb der 
religiösen Bewegung gehalten hat, und noch dazu als das Besultat 
eines langen mit den ernstesten Studien zugebrachten Lebens, hoch 



«) [Vgl. dessen Gesammelte Schriften I, 217-270.]. 



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— 365 — 

erfreulich ist. Zunz wird den 10. nächsten Monats 80 Jahre alt, 
und er ist von einer geistigen Lebensfrische, die neidens- und freu- 
denswerth ist. Freilich beugt ihn jetzt die schwere und unheilbare 
Krankheit seiner Frau, mit der er nun länger als ein halbes Jahr- 
hundert in innigster Lebensgemeinschaft gelebt, sehr darnieder. Eine 
zweite Abhandlung, die Exodus und Numeri behandelt, ist bereits 
an die Zeitschrift abgesandt, aber eine dritte, welche die Genesis 
besprechen sollte, ist durch diese Umstände unterbrochen. Schön 
wäre es, wenn diesem würdigen Manne des Geistes an dem genannten 
Tage von Seiten der Gelehrten, auch derjenigen, die mit ihm bis 
dahin in keinem persönlichen Verkehre gestanden, der Ausdruck 
hochachtender Anerkennung zu Theile würde. ^) 



166. 
An M, A. Stern. Berlin, 13. Oktober 1874. 

Mein Aufenthalt in Norderney, dem ein kurzer Besuch meiner 
Tochter Jenny im Bade Pyrmont vorangegangen, war bloss drei 
Wochen, die, als im August, diesmal nicht besonders freundlich waren. 
Auch hatte ich bis zuletzt nicht so ansprechenden Verkehr wie sonst, 
zum Schlüsse meines Aufenthalts waren Eiesser's und Andere ein- 
getroffen, die, wenn das Wetter anmuthender gewesen, dem geselligen 
Verkehr angenehme Nahrung geboten hätten. Jedoch da hiess es 
für mich sich zur Abreise anschicken; dennoch bin ich mit dem 
Erfolge zufrieden, ich befinde mich wohl und frisch, die Festzeit mit 
ihren Anforderungen an mich sind gut vorübergegangen, und ich 
rüste mich zum neuen Winterfeldzuge. 



167. 

An Frau Sophie Levy. Berlin, 19. Oktober 1874. 

Sie leben hoffentlich im Kreise der Ihrigen vergnügt und an- 
geregt, geniessen die Gegenwart und sehen der Zukunft mit schönen 
Hoffnungen entgegen. Des Glückes, das ich entbehren muss, seine 



^) [Andere SteUen aus diesem Briefe s. j. Z. XI, 290.J 



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— 366 - 

verheiratheten Kinder um sich zu sehen, werden Sie bald in doppeltem 
Maasse sich erfreuen; Sie müssen das wahrlich in hohem Grade za 
schätzen wissen. — Heute sind es gerade 42 Jahre, dass ich nach 
Wiesbaden gefahren, in sorgloser Jugend, um meine Probepredigt 
dort zu halten. Welch eine Zeit und wie voll des mächtigsten In- 
halts! Aber er lastet nicht auf mir, und ich möchte noch eine Reihe 
Yon Jahren vor mir haben, um diesen Inhält zu vermehren. 



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Anhang. 



G- e cl i o li t e. 



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I 



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A. Albumyerse^ Denksprüche^ kleine Gedichte. 



Beglückt wer an liebendem Herzen 
Die Tage der Kindheit durchlebt, 
Und wen, unter fröhlichen Scherzen, 
Der Engel der Unschuld umschwebt. 
In seinem beglückten Geleite 
Genossen der Freuden wir viel. 
So geh' er uns femer zur Seite 
Und leite uns liebend zum Ziel. 



2. 

Mit des Lebens Bäthseln ringen, 
In das Weltgeheimniss dringen, 
Ist dem Menschen nicht verliehen. 
Frei den Blick von Selbstverblendung, 
Buhig streben nach Vollendung, 
Sei Dein lohnendes Bemüh'n. 
Höher noch als Geistesblüthe 
Bagt ein sittlich rein Gemüthe, 
Das umfassend, liebevoll. 
Allem Guten froh sich schmieget, 
Freudig jeder Pflicht sich füget. 
Gerne übet, was es soll. 



3. 

Treu gehorsam Gottes Bufe, 
Freudig folgen dem Berufe, 
Stets voran zu hOhrer Stufe 

Geiger, Sehriften. V. 24 



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— 370 — 

Innerer Entwicklung streben, 
Das ist echtes Menschenleben, 
Mnsst Dich selbst da^u erheben. 



4. 

Wahre Dir die innere Entwicklang, 
Hüte Dich vor lässiger Zerstücklung! 
Garn und in sich fest sich zu gestalten» 
Hebt uns über äussere Gewalten. 
In sich schaffen und nach Aussen geben, 
Muss der Mensch verlangen nicht vom Leben. 
Lebensschätze wachsen dem, der spendet; 
Der empfängt nur, der sie rüch entsendet. 



Mit ernstem Fleiss das Leben anzubauen, 
Der gottentstammten Kraft mit Muth veiinrauen. 
Das heisBt: des Lebens Wechsel überwinden. 
Es schmückt der Ernst auch leben«frohe Jugend; 
Dem höheren Alter ist es schöne Tugend, 
Mit jugendlicher Frische zu empfinden. 



6. 

Wie auch Gedanken, Sehnsuchtsziele 
Sich uns entfremden in der Zeiten Fluth, 
Eins bleibt, was sie hinweg auch spüle, 
Eins bleibt: des edlen Herzens reine Gluth. 



7. 

Zwei Engel sind es, die das Weib geleiten: 
Die zarte Scheu, der nützlich-fleiss'ge Sinn, 
Sie sei'n Dir Schutz, und Schirm zu allen Zeiten, 
Sie stets zu pflegen strebe eifrig hin! 



8. 

Wohl ist das Leben vielgestaltig 
XJnd sein Geschick gar mannigfaltig. 



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— 371 .- 

Doch dass sich seihst der Mensch hewährt 
In den verschiedenen Lehenslagen, 
In heitern, wie in trfihen Tagen, 
Darin heruht sein wahrer Werth. 



9. 

Ich hah' die Stufe überschritten, 
Da man der Schönheit Kränze windet, 
Dem Mann in des Jahrhunderts Mitten 
Ist längst die Feder schon entglitten, 
Die Prauenliebreiz preisend kündet. 
Doch wer mit weiblichem Gemüthe 
Vereinet geistesfrische Klarheit, 
Da duftet süss solch' edle Blüthe, 

Dem Forscher auch der hehren Wahrheit 



10. 

Was heiss der Knab' erfasst, ist nun erkaltet. 

Ich hab* im Laufe von gar manchen Jahren 

Gelernt, gehofft, erlangt, entbehrt, erfahren, 

Nur höh'res Streben ist mir nicht veraltet. 

D'rum wohl Dir, wenn Dir an des Lebens Schwelle 

Erglänzt des höheren Lebens lichte Ahnung, 

Wenn treu Du lauschst der bessern, innem Mahnung, 

Beirrt nicht von des Lebens flücht'ger Welle. 



11. 
An S. D. Luzzatto (Widmung des Jehuda ha Levi). 

Aus frommer Dichter Stamm, selbst frommer Dichter, 
Ein Weiser, Edler, mild zugleich als Richter, 
Ein Nil, der überströmend Segen spendet. 
Doch Deines Wissens Fluth nicht Schlamm aussendet 
Hast meine Fluren auch getränket. 
Dort edle Beben eingesenkei 
Die Frucht ist reif, lass sie Dir reichen, 
Nimm sie als treuer Freundschaft Zeichen. 



24« 



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— 372 — 

12. 
Einer Freundin (bei TJeberreichung des Jehuda ha-Levi)* 

Wohl steig* herab ich za des Denkers Gründen, 

Mir schwillt das Herz, wo Dichter tief empfinden. 

Doch fehlen mir des Genius Gewalten, 

Empfundenes urkräftig zu gestalteu. 

D*rum leihe Du dem schwachen Nachgebilde 

Die eigne Gluth, des edlen Sinnes Milde, 

Auf dass in Dir der Dichter auferstehe, 

Die Glieder frischer Lebenshauch durchwehe! 



13. 
An Frau A. G. Breslau, 5. März 1860. 

Es wandert' einst efn Dichter, 
Von Sehnsucht angetrieben. 
Er find't auf seiner Reise 
So manchen Trauten, Lieben. 
Und bleibt ihm auch die Sehnsucht 
Und treibt ihn in die Ferne: 
Er drückt die Hand den Lieben 
Und weilet dennoch gerne. 

Auch wir verfolgen Ziele, 
Die immer weiter rücken, 
Es will die heisse Stirne 
Nicht leicht der Lorbeer schmücken. 
Doch fesselt uns die Liebe 
In unsers Stürmens Eile, 
'* Es ruft die Freundschaft traulich: 
Vergönn' Dir Rast, verweile I 



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— 373 — 



B* Grössere Gedichte. 



14. 
Meinem Bruder Salomo zum 60. Geburtstage (1852). 

Des Gottesschatzes redlicher Verwalter, 

Des Gottesschatzes, der Dir anvertraut, 

Trittst heute Du in's höh're Lebensalter, 

Mit jungem Geist, wenn auch das Haar schon* graut. 

Wer emsig treu im Forschen nach der Wahrheit, 

Des Geisteskraft erstarkt in lichter Klarheit. 

Der Jahre sechszig sind Dir heut' erfüllt, 
Nach aussen still, doch innen reich durchlebt. 
Du schaust auf sie, ein lieblich Geistesbild, 
Gedankenkräftig, Deine SeeP umschwebt. 
So möge lange noch mit reichen Gaben 
Das Leben Dich im Ehrenschmucke laben. 

Und in* der Lebensgaben buntem Kranze 
Sei Dir ein immer frischer Geist beschieden, 
Der Geistesblick mit immer hellem Glänze, 
Das reine Herz init seinem hohen Frieden! 
Den Weg erleuchten Dir die grossen Geister, 
Dem würdigen Jünger — Israels würd'ge Meister! 

Des Judentliums, der heil'gen Sprache Tiefen, 
Du hast dem Knaben früh sie schon erschlossen; 
Was später wach in mir die Geister riefen. 
Die reife Frucht ist Deiner Saat entsprossen. 
Bei jeder Wand'rung schaute ich auf Dich, 
Wenn auch der Pfad oft von dem Deinen wich. 

Ich war der Lüge gram und der Verstellung, 
Versumpfter, knechtischer Geistesträgheit feind; 
Ich sah im Bund mit geistiger Erhellung 
Den wahren Glauben freundlich, schön geeint. 
Wollt' ich zum hohen Heiligthume dringen, 
• MussV ich die falschen Wächter erst bezwingen. 



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— 374 — 

Wir gingen auf verschiednen Lebenswegen, 
Doch strebten wir nach gleichem hohem Ziel: 
Das HeiPgpe soll in Hoheit sich bewegem 
Entwürdigt nicht durch falsches, trfig*risch Spiel, 
Wir hassten Beide das Gemeine, Schlechte. ^ 
Ich reiche Dir die brüderliche Bechte. 



15. 

10. Januar 1859. 

Wonach ich bange? 

Was ich verlange? 
Den klaren Geist, so lang' ich lebe, 
Und manche Brust, die froh sich hebe 
Für das, was redlich ich erstrebe. 

Was mich begleite 

Im Lebensstreite? 
Der Wahrheit ungetrübter Muth, 
Sie achten als das höchste Gut, 
Trotz gegen der Gewohnheit Fluth, 

m 

Und wen ich liebe 

Mit heissem Triebe? 
Dem kerngesund der reine Wille« 
Dem Tugend nicht bloss äuss're Hülle, 
Der prunklos ist bei Gefstesfülle. 

Wen fast ich hasse 

Und ihn nicht fasse? 
Der jede Thatkraft lässt Termisaen, 
Sich sklavisch beugt jedwedem Müssen, 
Der dünkelhaft bei schalem Wissen. 

Wen ich verweise 

Aas meinem Kreise? 
Dem Lüge sur Gewohnheit is^ • 
Der nur nach d«n Erfolge misset, 
Dem Tugend ^ Beichth^m, WeisheitT- List 



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— 375 — 

Was soll als Glauben 

Mir Keiner rauben? 
Dass weise Vorsicht Alles leitet, 
Die Menschheit immer weiter schreitet, 
Nur edles Streben Glück bereitet. 



16. 

25. Januar 1859. 



tiefer Abgrund, Menschenherz, 
So reich an Lust, so reich an Schmerz, 
So voller Kraft und doch so schwach, 
So gern betäubt und dennoch wach! 
Menschenherz, du seltener Zwitter, 
Du schwächlich Kind, du tapfrer Eitter! 

So nah' dem Leichtsinn frische Jugend, 
So nah' dem Falle stolze Tugend, 
So nah' dem Muthe keck' Vermessen, 
Harmlosem Scherze Pflichtvergessen. 
tiefer Schacht^ du Menschenherz^ 
Mit lauterem Gold, mit taubem ErzI 

Menschenherz, mein eigen Herz, 
steige nimmer niederwärts I 
Bewahre Dir als höchstes Gut 
Den reinen frohen WiUensmuth! 
wanke nicht, mein eigen Herz, 
Im Lebensernst, im heitern Scherz! 



17. 



31. Januar 1859. 



Menschenherz, sei stark, mein Herz, 
Wie du's ja stets gewesen. 

Hast durchgerungen manchen Schmerz 
Und bist davon genesen. 

Hast Täuschung, Lug im Glanz geseh'n 
und wurdest nicht geblendet; 

Du hörtest Wahrheit wathig schmäh'n 
Und hast Dich nicht gewendet. 



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— 376 — 

Sie lästerten mein eifrig Mühn, 

Bin dennoch nicht erkaltet; 
Sie lächeften ob mein Ergltüh'n, 

Hab' doch die Fahn* entfaltet. 

cWenn alter Jud' nicht, gar nicht Jnd',» 

So wütheten die Einen; 
Znm XJebertritt mich Mancher lud 

Der Elüglinge, der feinen. 

Verbrecherisch dem Einen dünkt, 

Zu rütteln an dem Alten; 
Mitleidig mich der And're winkt 

Hinweg vom Todten, Kalten. 

Wo weilen die Genossen traut, 

Die Wahrheitsmuth begeistert? 
Kanm hör* ich noch des Freundes Laut, 

Doch Manchen, der mich meistert. 

Erstanden ist ein neu Geschlecht 

Von Lehrern, sehr gescheuten. 
Die wissen so hübsch mundgerecht 

Den Glauben auszudeuten. 

Sie sind so klug, sie sind so süW, 

So voll von zarter Bücksicht; 
Sie lassen's gehn, wie's eben will, 

Wie sich's naturgewüchsigt. — 

»Wenn Christus nicht der Mittelpunkt, 

eist Stückwerk alles Wissen!» 
Wer wehrt's dem Mächtigen, dass er prunkt 

Auf seinem Ruhekissen? — 

Es gürtet sich der Schlendrian 

Mit alten rost'gen Waffen; 
Er sucht, was längst schon abgethan, 

Von Neuem aufzuraffen. 

Es fehlt am heil'gen Wahrheitsdrang 

Im bunten Stimmgesch wirre ; 
Doch Du, mein Herz, verzag nicht bang - 

Und werde nimmer irre! 



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- 377 — 

Die Wahrheit schreitet dennoch fort. 
Und Gott bleibt Gott der Geister; 

Entwürdige Du nur nicht Dein Wort, 
Bleib Du nur Deiner Meister! 



18. 

Spiegelglatt, 
Ruhig matt 
Liegt die See; 
Ist die ErafI; 
Dir erschlafft, 
Krankst am Weh? 

Krankst am Weh, 
Das so jäh 
Die Welt erfüllt? 
Oben feucht, 
Innen seicht, 
Trugumhüllt! 

Trugumhüllt 
Scheinest mild, 
Wälzest Schlamm; 
Bleib Dir treu, 
Tiger sei, 
Sei kein Lamm! 

Folg' der Spur 
Der Natur 
Mensch, Du auch. 
Innerem Drang, 
Nicht dem Klang, 
Hohlem Brauch. 

Besser Sturm, 
Als wenn Wurm 
Herz benagt; 
Tücke, fleuch! 
Kleinmuth scheuch, 
Frisch gewagt! 



Colberg, 22. Juli 1863. 



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~ 378 — 

19. 
An M. A. Levy. . Frankfurt, 19. März 1867» 

Geiger hat eine beschwerliche Reise unternommen, indem er eine Deputation 

Phönicier 

zu dem berühmten Punier, Herrn Prof. Dr. Moritz Abraham Levy fuhrt, nach- 
dem er sie zuvor mit Loyalitätsfracks versehen. Nachdem er sie vorgestellt, halten 
die SuiTeten £schmun-Ezer ben Milcom und Bod- Melkart ben Bod-Aschtoret, fol- 
gende Anrede in echt phonicisch: 

Mach Dir keine Fnrehtgedanken ! 
Wenn in Fracks auch, alterskranken, 
Sind wir dennoch keine Franken; 
Kommen nnr, um schön zu danken, 
Dass Du ohne Scheu und Wanken 
Uns, nachdem wir längst schon st—, 
Neu zum Lichte liessest schwanken. 

Aus Kenaan's Grabesschlünden, 
Fett einst von SuffetenpfHlnden, 
Kommen wir Dir zu verkünden, 
Dass wir es für billig finden, 
Dich Phönicien zu verbinden. 
Um das Haupt den Kranz Dir winden 
Wir aus festen Cedemrinden. 

Hast uns zwar auch oft misshandelt, 
Manchen Buchstab' umgewandelt, 
Und in Deinem Wörterbuche, 
Nun, da suche Einer, suche 
Nach der Sprache reichem Schatze, 
Ach, ist Alles für die Katze. 
Doch bist Du noch wahrlich witzig 
Gegen Ewald und den Hitzig. 

Wenn die Post kommt mit Packeten 
Für phönicische Suffeten 
* In die Unterwelt gefahren 
Durch den flinken Postbot Charon, 
Summt alsbald der erste Wächter 
An der äussern Ghebron-Pforte 
An ein höllisches Gelächter 



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— 379 — 

Ueber die verzwickten Worte 
Von dem schrecklichen Amhoriz. 
«Ist Nichts da vom grossen Moriz? 
«Giebt uns Levy keine Kunde?» 
Nun 80 sei gegrüsst itzundert 
Nach vollbrachtem Halbjahrhundert! 

Die Phomcier ziehen ab und legen ihre Fracks sorgfältig ab. Ein Geräusch 
inrd hörbar wie von Kupfeimfinzen, und rauhe hebräische Stimme ertönen, die 
folgende aramäisch geübte Anrede halten: 

Sind wir auch nicht Friedrichsd'öre, 
Geben wir uns doch die Ehre, 
Heute Dir zu gratuliren, 
Thust uns doch ja ästimiren. 
' Kommen aus dem heiPgen Lande 
Als der Schekel Abgesandte. 

Hier wir zwei, die gehn selbauder, 

Sind geprägt von Alexander. 

Wir zerfetzt und fast kapores, 

Umgeprägt von Ben-Giores, 

Sind zu Ehren nun gekommen 

Erst durch Dich) den Weisen, Frommen. 

Doch sind Kupfer wir, nichts nütze, 
Drum wähl' lieber zum Besitze — 
Ausser Deiner Frau, der Holden — 
Münzen viel, die silbern, golden. 
So ein guter preuss'scher Magen 
Kann solch* Annexion vertragen. 

Geiger, der sich bisher bescheiden im Hintergrunde gehalten, tritt hervor: 

Nun genug mit dem Geklapper! 
Lasst das ungereimt Geplapper! 
Geiger will nun selber grüssen. 
Legt die Huld'gung Dir zu Füssen. 
Jüd'sche Liebe, Deutsehe Treue 
Widmet er Dir heut aufs Neue. 
Wollen lange noch zu Zweien 
Uns der lieben Sonn' erfreuen. 



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— 380 — 

20. 
Bedenken. [Einleitnngsgedicht snm Gabirol. 1867.] 

Was mächtig in der Brust der Sänger ffthlt, 
Was ihm der Seele tiefsten Grand aufwühlt. 
Was ihm die Flammen schürt, die Flammen kühlt. 
Das prägt er aas in fearig kühnen Worten. 

Noch haften sie untrennbar am Gedanken, 1 * 

Um den als Zweige sie empor sich ranken^ \ ' 

Entgleiten zögernd des Gemüthes Schranken, 

Durchbrechen mühsam, schwer der Lippe Pforten. 

Kann ich hinab mich in den Grund versenken, 
In einer grossen Menschenseele Denken, 
Von ihrem Geistesstrome satt mich tränken^ 
Dass neu in mir der Dichter auferstehe? 

Was lebensvoll an seine Brust geschlagen» 
Was liebend er in seinem Geist getragen, 
Was halb verhüllt nur seine Worte sagen, 

Gelingt^s, dass es mein Geistesaug' ersp^e? 

Ich hab' der Seele muth'gem Kampf gelauscht, \ 

Mich an des Geistes kühnem Schwung berauscht. 
Bald hell ertönt mir, tief gedämpft bald rauscht 
Sein Kosen wie sein schmerzlich bittres Klagen. 

Ich liess von seinem Flug mich gern besckwingen, 
Mich fasst sein Schmerz, sein Ahnen^ Sehnen, Ringen, 
Ich muss ihm nach in deutscher Zunge singen, 

Das Werk ist kühn, und dennoch muss. ich's wagen. 



21. 

, Am MeeresBtrMde. 

Dank und Bitte. 

Nordemey, 7. August 1871. 
Von Femen am Bergesgipfel es Minkt, 
Des Meeres THürmung so bläulich winkt 
Ich fühle mich jung, das Herz gesund, 
Den Geist noch Mar, ungebrochen die Kn^ 
Zur Arbeit die Lust, die rüstig schafft, 
Und dankend entströmt das Wort dem Mund. 



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Coocü^ 



— 381 — 

Gesegnet ihr Tage, die hin sind gezogen, 

Ihr seid nicht wie eiteler Dunst verflogen; 

Nicht schau' ich seufzend zurück: Vergebens 

War Streben und Kämpfen, war Sorgen und Eingen, — 

Ich blicke auf manches frohe Gelingen, 

Ich habe genossen die Fülle des Lebens. 

Der Zeiten Strömung ist angeschwollen, 
Der Jahre sechszig sind reich ihr entquollen. 
Doch steht mir der Frohmuth treulich zur Seite, 
Noch winken die Ziele aus bläulicher Ferne, 
Den Pfad noch beleuchten der Forschung Sterne, 
Noch schauet des Geistes Aug' nach der Weite. 

Noch füllet liebendes Sehnen die Brust, 

Noch jauchzet die SeeP in Gedankenlust, 

Das dankende Wort steigt himmelwärts: 

Ich bin, wenn Du rufest, o Vater, bereit, 

Doch die Du vergönnst, die Spanne Zeit, 

Lass den Geist nicht ermatten, lass frisch mir das Herz! 



22. 

Norderney, August 1872. 



Ist auch günstig nicht das Wetter, 
Nicht des Sonntags froh Geschmetter, 
Bin ich dennoch guter Dinge. 
Lass die Winde mich umspielen. 
Mir im Haar, das halbgrau, wühlen, 
Fühle jugendfrisch und singe. 

Noch ist mir der Geist beschwinget. 
Noch das Herz so muthig ringet, 
Noch die Thatkraft ungebrochen. 
Hier Erholungs-müh-geschäftig, 
Und daheim in Arbeit kräftig. 
Wo die Geisteshämmer pochen. 

Gönne mir so manche Jahrwoch^ 
Büst'ger Tage reiche Schaar noch, 
Güt'ge Allverwaltung! 



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— 382 — 

DasSy was fleissig treu ich pflege, 
Liebendwarm im HerzeD hege, 
Sich mir darbeut zur Entfaltung. 



23. 

Ist seitdem^) hingezogen 
Ein Drdzehnbund Ton Jahren. 
Sie haben nicht gelogen, 
Wenn viel ich auch erfahren. 

Manch Out ward mir entrissen. 
So nah dem Lebensabend, 
Muss ich^s mit Weh vermissen, 
Doch bleibt mir Andres labend. 

Mir blieb ein schaffend Streben, 
Der tiefe Drang nach Wahrheit, 
Mir ward ein froh Erheben 
Empor zu geistiger Klarheit. 

Ich habe Kraft gefunden 
Im ernsten Kampfesringen, 
Noch ist sie nicht geschwunden, 
Noch nicht erlahmt die Schwingen. 

Mir blieb ein hehrer Friede 
Im heissen Kampfgewühle, 
Noch weckt die Lust zum Liede 
Der Erohmuth der GefQhle. 

Noch will das Herz erglühen 
Für hoher Ziele Feme, 
Die Funken noch entsprühen 
Dem lichten Oeistessterne. 

So mög' von Dir mir werden 
In Gnaden, Welterhalter, 
So lang' ich weil' auf Erden, 
Ein geisteskräftig Alter. 



1. September 1872. 



1) [Mit Beziehung auf die drei Gedichte oben No. 15 - 17.] 



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Register. 



A. 

Adler, A., Rabb. in Worms 120. 

Adler, B. 170. 

Adler, J. S. in Frankfurt 11, 17, 23, 

29, 68, 147. 
Adler, L., Rabb. in Eissingen, später 

Cassel 163, 294 A., 295. 
Adler, S., Alzey, später New-York, 201. 
Altenstein, Minister 109. 
Amheim in Glogau 87. 
Arnim, Bettina v. 110. 
Arnim, Minister 112. 
Aub, Dr., Rabb. in Bayreuth, Mainz u. 

Berlin 99 fg., 102, 163, 203, 274, 

274, 280, 294 A., 295, 
Aub, Rabb. in München 170, 204 fg. 
Auerbach, Berthold 16, 70, 130, 132, 

151 fg., 171—173, 179, 193, 210 fg., 

214 fg., 219 fg., 237, 251, 253, 256, 

257, 268, 274, 280, 314. 
Auerbach, Jakob 68 fg., 70, 88, 93—97, 

99-102, 131, 140-142, 159-164, 

187 fg., 192—195, 221—223, 242— 

244, 257, 268, 270, 280, 282. 
Auerbach aus Verden 22. 
Auerbach, Rabb. in Darmstadt 170. 

B. 

Bauer, Bruno 168. 

Bäuerie 7. 

Baum^rten E., 128 A. 

Beer, Dr. B., in Dresden 100, 108, 242. 

Beer, Leopold, in Frankfurt 15, 23, 

294 A. 
Benfey, i?rof. Th., in Gottingen 29, 259. 
Bernays in Hamburg 22, 169. 
Bernays, Prof. J., in Bonn 325. 
Bernstein, A. 188, 226, 251. 
Bertheau, Prof. 257. 259. 
Biedermann, v. 157. 
Bischofifsheim, L. R. 345—353. 



Bloch, Rabb. in Buchau 91. 

Bobrik, Dr., Docent in Bonn 24, 27 fg., 

49, 59. 
Bock. Lehrer 23. 
Bodek 158. 
Bodenheim 15, 17a 
Bohlen, Prof. 103. 
Bohlen, Graf 123. 
Borne 33, 89, 70, 176, 329. 
Brandts, Prof. in Bonn 23. 
Braunfels, L., Dr., ia Frankfurt 9, 22, 

54, 55. 
Brecher 157. 
Breslauer, M. 129. 
Brockhaus, Buchhändler 226, 316. 
Brodhag, Buchhändler 70, 94, 101. 
Brück, M. 107. 
Brüggemann, Geh. R.-R. 183. 
Brühl, S., 10, 132. 
Büdinger, Prof. 258. 
Bunsen 226. 



Gaben, in Paris 133. 

Cahn, Rabb. in Mainz 295. 

Galcker, Prof. in Bonn 23. 

Carmoly, Dr. 132, 259. 

Caro, Dr. 102. 

Chwolson^ Prof. in Petersburg 213,312fg. 

Chorin, Rabb. in Arad 163. 

Cohn, Rabb. in Schwerin, Berlin 128. 

Cohn, Albert, in Paris 132. 

Cohn, Ferd., Prof. in Breslau 220 

Crmenach, M., Dr. 11, 54, 68, 89, 103 <g. 

Creuzer, Archäolog 12. 

D. 

Daub 14. 

Delbrück, Prof. in Bonn 38. 

Delitzsch, Prof. 87, 307. 



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— 384 



Derenburg, J., in Pari» '41, 58, 68, 69fg., 
77, 82, 84, 96, 126, 132, 136, 268, 
280, 283, 31 5 fg., 317, 319, 322,363. 

Dernburg in Mainz 74. 

Dickens 306- 

Diestel, Prot 288. 

Dondorf 9- 

Dozy, Prof. 268, 289 fg. 

Dukes, L. 70, 157. 

Dupin 61. 

E. 

Ehrenberg 242. 

Eichhorn, Minister 112, 121, 183. 

Einhorn, Rabb. in Birkenfeid, später in 

New-York 163, 201. 
Eliissen, Dr.jur. in Frankfurt 10, 137, 257. 
Eppstein 16. 
EsKeles in Bonn 50. 
Ettlinger, Jakob 17. 
Ewald, Prof. in Göttingeo 86, 88, 252, 

259, 307, 378. 

F. 

Falk, ConsistoriaLrath 111. 

Falk, Rabbinats-Assessor 108. 

Fassel, Rabb. 113, l.'>7, 163, 176. 

Feibel, Dr., Lehrer 9|g., 30., 

Fichte 226. 

Field, F., in Norwich 296. 

Firkowitsch 303. 

Flascfain, M., Lehrer 5. 

Flehinger, B. H. 68, 75, 82, 222. 

Fleischer, Prof. 299, 315 

Formstecher, Rabb. in Offenbach 194. 

Förster, Domprediger 111. 

Francolm, Dr. 158. 

Frankel, Jonas, Gommerzienrath 120, 129. 

Frankel, Z., Dr. 119, 130, 163, 170, 

177, 307. 
Frankfurter, Dr., Prediger in Hamburg 

260, 307. 
Freiligrath, F. 176. 

Frensdorff, S., Prof. und Seminardirector 
in Hannover 21 fg., 24, 27. 28, 29, 33, 
41, 49, 55, 59—61, 69 fg., 72 fg ,76fg., 
82, 84, 88, 102 fg, 259, 280. 

Freudenthal, J. Dr. 325. 

Freund, W., Dr. 95, 107 fg., 116 A., 
117 fg, 129, 174. 

Freytag, Gustay 305. 

Freytag, Prof., Orientalist in Bonn 16, 
23, 28, 38 %. 

Friedenthal, M. B. 96. 

Frie<nänder in Brilon 99, 163. 

Friedlein in München 205. 

Friedmann, Rabb. in Mannheim 128. 

Friedrich Wilhelm lY. 121 fg. 

Frissoni 15. 



Fuld, A. M. 11, 14, 30, 84. 
Fürst, Jul., Prof. 87, 90—93, 243. 

G. 

Gans, Eduard 51. 

Geiger, Abraham: Eitern u. Verwandte 

3, 5, 8, 16, 22, 80, 40, 132, 247, 249, 

268, 306, 314, 365. 

— Emilie 42, 61-63, 69, 81 fg., 109, 
110 fg., 135 fg., 152 fg., 175%., 
225-227, 230-239, 244, 248 fg. 

— Lazar 220, 331. 

— Salomon 3 fg., 8, 16,52^g. 80, 268, 
531, 373. 

Gesenius 14, 91. 

Goeje, de, Prof. 290. 

Goethe 30 fg., 32 fg: 

Gold mann, Dr. 295. 

Goldschmidt, Dr., in Frankfurt 147. 

Goldschmidt, Dr. M. A., in Leipzig 269, 

294 A., 295. 
Goldstein in Posmi 128, 202. 
Gosen in Marburg 71, 163. 
Gr&tz, Prof.. in Breslau 126 A., 187, 

242 A., 243, 257, 293 f., 329. 
Grünbaum (Grünebaum), E., Rabb. in 

Landau 41, 56fg., 58fg., 73—76, 81 ig., 

97-99, 163. 

H. 

Haas, feobert, Pfarrer 96, 196. 

Habermann, Stud., in Bonn 22. 

Haindorf, Prof., in Münster 260. 

Hamberger 142. 

Hamburger, Jurist, in Hanau 15, 22 fg., 38. 

Haneberg, Prof., später Bischof 204. 

Hanne 315. 

Hartmann, A. Th. 16, 70, 86. 

Hasse, Prof. 24. 

Hausrath, Prof. 315, 321. 

Heidenheim, M., Dr. 257« 

Heidenheitai, W., in Rodelheim 14, 30. 

Heilberg 198. 

Heilbutt 15, 18, 23. 

Heine 39, 176, 329. 

Heincke, Polizeipräsident 108. 

Herder 10, 31fff., 33, 37 fe. 

Hermann, Philologe in Heidelberg 12, 23. 

Herxbeimer, Rabb. in Bembnig 81, 99, 

108, 163. 
Herz, Henriette 211. 
Herz, Heinrich 22, 41. 
Herz, Sal. 22. 

Hess, Student, in Bonn 19, 21, 55. 
Hess, Rabb., in Lengsfeld 116, 163, 175, 

336. 
Hilgenfeld, Prof. 254 fg-, 315. 
Hirsch, S. R., Rabb. 18 fg., 21, 27, 38, 

48-50, 55, 70. 77-79, 140, 142, 267. 



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— 385 



Hirschfeld 160. 

Hitzig, Prof. 259, 321, 378. 

Hochheimer, Rabb., in Amerika 327. 

Hocbstädter 54. 

HofmaDn 226. 

Holdheim, Dr., Rabb. in Schwerin und 

in Berlin 108, 117, 163, 173, 174, 

178, 182, 184, 192, 196, 201, 222, 

242, 246 fg. 
Holtzmann, H, Prof. 315. 
Honigmann, D., Dr- jor. 123, 176—180, 

220 fg., 286 fg., 309-311. 
Hüllmann, Prof., in Bonn 13. 
Humboldt, Alex. v. 109 fg. 
Hurwitz, Rabb. 157. 

I. 

Jacobs, C. F. W. 22. 

Jastrow, Rabb., in Amerika 327. 

Jellinek, Dr., in Leipzig, Wien 217. 

Joachimsobn, H. 164. 

Johlson, Dr. 14, 30. 

Jost, J. M., Dr. 39, 59, 76, 81, 84, 89 fg., 

140, 144, 152 fg., 188, 194. 
Isidor, Rabb., in Paris 132. 
Juynboll, Prof. 290. 



Kahn, Zadok 363. 

Kahn, Rabb., in Trier 163, 170, 174, 

216 fg. 
Kauila, V. 157. 
TCiP'jR^lbfich 1^ 
Kirchheim, Raphael 257, 268, 270,294 A,, 

.332- 
Kirchner, Pfarrer 10. 
Kley, Ed., Dr. 87, 271. 
Kohn, A., Rabb. in Hohenems, später in 

Lemberg 99, 163, 195 fg., 202. 
Kotzebue 7. 

Krafft, Stadtpfarrer 338. 
Krehl, Prof. 299, 313, 315. 
Krüger, Prof., in Braunsberg 241. 



Ladenburg, Dr. 259. 

Landau 14. 

Landsberger, Rabb., in Darmstadt 128, 

259, 295. 
Lang 354, 358. 

Lasker, Ed., Dr. 268, 276, 360. 
Lazarus, M., Prof. 258, 275, 324—326, 

337 fg. 
Leo, Prof. in Halle 51. 
Lessing 37, 334. 
LevaiUant, Is. 292. 
Levi aus Montjoie 22. 
Levy, Rabb. in Giessen 80, 163. 

Geiger, Schriften. V. 



Levy, M. A., Prof., in Breslau 121, 126, 
129, 130, 171, 222, 268, 283-285, 
292-295,299- 301, 305-307, 313 fg., 
315 fg., 327 fg., 331 fg, 340, 378 fg. 

Levy, Sophie 219, 305 fg., 340, 365 fg. 

Lilienthal, Prediger 164. 

Linke 200. 

Lob s. Lötmar. 

Lobeil, Historiker 51. 

Lotmar, Max, Dr. der M^d. u. Phil. 10, 
11, 22, 29, 204 fg., 210, 253, 257. 

Lovy, Rabb. in Fürth 49, 99, 163, 203. 

Low, Ascher 16. 

Low, L., Rabb. in Szegedin 120, 270. 

Löwenthal, Dr. 202. 

Luzzatto, S. D., Prof., in Padua 16, 92, 
97, 125, 127, 144, 208, 211 fg., 
217—219, 271, 301, 305, 308, 371. 
M 

Maier, Ad., in Berlin 188. 

Maier, J., Rabb., Kirchenrath in Stuttgart 
11, 15, 99, 163, 169, 173, 338fg , 361. 

Mannheimer, Pred., in Wien 60, 97, 158, 
271. 

Makower, Rechtsanwalt 360. 

Markus, S., in Bukarest 297—299, 318. 

Marx, Lippmann 205. 

Mauksch 128. 

Max, Herzog v. Bayern 286. 

Meisel, Dr., Rabb. in Pesth 262. 

Mendelssohn, Moses 51, 214. 

Meyer, Dr., Rabb. in Hannover 259. 

Meyer, Dr. S., in Breslau 264. 

Molitor, Prof. 50. 

Muhr, Abraham 131, 180, 183. 

Müller, Prof., in München 204. 

Müller, Bürgermeister in Frankfurt 285. 

Mundt, Th. 89. 

Munk, S., in Paris 82, 271. 

Näke, Prof. in Bonn 23. 

Nauwerk aus Strelitz 38. 

Neubauer, Ad., in Oxford 260. 

Neubürger in Frankfurt 99. 

Niebuhr 23, 24. 

Nissen, S. 233 A. 

Nöldeke, Th., Professor 259, 295—297, 

301-303, 315, 317, 320 fg., 321 fg, 

328, 341 fg., 365 fg. 
O. 
Oettinger, Rabb.-Ass. in Berlin 247. 
Oppenheim, Emilie, s. Geiger. 

— Familie 41, 42. 

— Franziska, s. Stern. 

— Henriette und Isaak 42. 
Oppenheim, H. B., Dr. 110. 

• 25 



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— 386 — 



P. 

Patow, V. 268. * 

Paulus« Hofrath in Heidelberg 37, 39, 

46^48 vgl. Zusätze. 
Peteröiann, Prof. 303. 
Philippson, Dr. Ludwig 101, 102, 104, 

108, 118, 141 %., 144, 149, 155, 163, 

194, 217, 257, 269, 294, 299, 299, 

328 fg. 



Pioner, Dr. 59. 
Pinsker 213, 240 
Popper, Dr. Jul. 
Pückler-Muskau 70, 



243, 271. 



R. 

Rahel 89. 

Randegger (st. Randecker) aus Baden, 

später in Parma, Neapel 16. 
Rapoport 70, 83, 112, 144, 158, 163, 

208, 271. 
Rebenstein s. Bernstein. 
Reckendorf 12. 
Redepenning aus Stettin 38. 
Reggio, J. J. 97, 128, 144. 
Remaud 132. 

Renan, E. 132, 272, 292 fg. 
Reuss, Stud. in Bonn 22. 
R^ville 316 fg. 
Riesser, Gabriel 38, 48, 60, 76, 104, 

132, 143, 149, 168 fg., 170, 257, 263, 

271. 
Ring, Dr. Max 109, 110, 139. 
Ritter, Dr. in Berlin 256. 
Rochow, Minister 109. 
Rödiger, Prof. 321 fg. 
Rohr 96. 
Rönscb 299. 
Rosen 303. 

Rosenfeld, Lehrer in Garlsruhe 17. 
Rosenfeld, Stud. in Bonn 19, 21, 27 fg. 
Rössel, Scbulrath in Aachen 39 fg», 

50—52. 
Rothschild, Herren v. :7, 89, 147, 268. 
Rothschild, Frau v. 289. 
Rothschild, Rabbiner in Alzey 295. 
Rubens aus Siegburg 22. 
Rubo, Dr. 123, 180, 183. 



Saalschutz, Prof. 126. 

Sachs, Dr. Mich. Rabb. 87, 90, 120, 158, 

177 fg. 
Sacy, Sylvestre de 71. 
Salomon, Dr. G. Pred.87, 100, 260, 271. 
Salvador 61. 



Sauerländer, Buchhändler 70, 95. 

Scbammes, S. 5. 

Schelling 226. 

Scheyer, Simon 17, 18, 22, 27, 281, 
80, 44. 

Schiller 30 ig, 32, 226. 

Schlesinger,^. 43. 

Schlesinger, Rabb. in Sulzbach 163. 

Schlosser, Historiker 14. 

Schloss in Frankfurt 30. 

Schönffut 128. 

Schreiber, Moritz 131. 

Schwabacher 157. 

Selz, Rabb. 99. 

Souchay, Senator 143, 147. 

Spinoza, 40, 56 %., 58 fg. 

Sprenger, Prof. 256 fg., 258. 

StäheUn, Prof. 259, 268. 

Stein, L., Rabb. in Frankfurt 90, 102, 
137, 163. 174, 259, 261 fg., 267. 

Steinberg in Munster 260. 

Steinhäuser 15. 

Steinheim, Dr. 76, 88, 156. 

Steinschneider, Dr. M. 125, 156 fg., 158, 
211 217 252. 

Stern,' Franziska 42, 109, 250. 

Stern, M. A., Professor in Göttingen 11, 
29, 43—46, 80 fg., 87—90, 116 A., 
142-150, 167—170, 172, 173—175, 
179, 184, 221, 223-225, 227—230, 
239—242, 244—246, 251-258, 256f., 
259, 263, 268, 280, 288 fe., 291 fg., 
308, 329—331, 334-339, 355—3®, 
359 fg., 365. 

Stern, Dr. S., Berlin, später Frankfurt, 
178, 179, 184. 

Strauss, D. F. 70, 89, 96, 159, 210, 272, 
296, 314, 354, 858, 359. 

Streckfuss, Geh. R. R. 143. 

Susskind, Rabb. in Wiesbaden 295. 

Sulzbach in Bonn 22. 

Sulzbach in Breslau 107. 

Sydow, Prediger 339 fg. 



Taillandier, St. Rene 127. 
Tiktin. Ged. 113 fg. 
Tiktin, S. A 107, 110 fg. 
Treuenfels 329. 
Truchon 226. 

U. 

UUmann, Professor 89, 200. 

Ulimann, Rabbiner in Coblenz, dann 

Crefeld 19, 20, 24, 26, 27, 28 fe., 30, 

38, 54—56, 70. 82, 163. 
Umbreit, Orientalist in Heidelberg 12. 



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387 - 



V. 

Yalentin, Prof. und Frau 136 fg., 244, 

246, 256 fg., 258, 263. 
Vilmar 295. 
Vincke, von 123. 
Virchow, Prof. 306. 
Vogt, Karl, Prof. 294. 
Vogue, Graf 328. 

W. 

Wagner, Rabb. in Mannheim 99, 258. 

Walesrode, L. 176. 

Wassermann, Dr., Rabb. 99, 163. 

Wechsler, B., Rabb. in Oldwiburg 68, 
95, 96, 99, 102, 138, 163, 195—208, 
209, 222, 246 fe., 251, 252, 253—256, 
257-^261, 269 A., 280, 285 fg., 
287 fg , 343fg., 353-365, 361-363. 

Weü, Dr. J. 54, 257. 

Weil, Prof. in Heidelberg 259. 

Weiss in Wien 298. 



Weisse 157. 

Weisweiller 286. 

Welcker, Prof. in Bonn 23. 

Wertheim, Phil. 294 A., 295. 

Wette, W. M. L. de 26. 

Wetzstein, Consul 315. 

Wiener, Dr. M. 359. 

WittetehöflBr in Floss 295. 

Wolf, Dr., in Bonn 55. 

Wolff, Dr. M., Rabbiner in Gothenburg 

138, 295, 304 fg. 
Wolff, Dr., Rabb. in Kopenhagen 87, 169. 
Wright, W. 314. 

Z. 

Zeller, Ed., Professor 200, 322. 

Zunz, L. 39, 70, 73, 81, 82-84, 87, 
90, 92, 110, 120, 123, 126, 135, 147 fg., 

^ 140, 151, 152—156, 166 fg., 170 fg., 
180-187, 194, 230 fg., 241 fg., 248 
bis 250, 280, 290, 303, 319, 364 fg. 



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Zusätze nnd Berichtigimgeii. 

Zu S 45-— 48. Ueber die Schäden des damaligen badiscben Rabbinatswesens 

vgl. W. Z. II, 183—192 [von Jakob Auerbach]. Geiger's Aufsatz ist im »Sophro- 

nizon" nicht gedruckt; seine Gesinnung gegen Paulus änderte sich bald, s. ob. S. 39. 

Zu S. 54, 55. In dem „Volks- und Anzeigeblatt für Mitteldeutschland^ ist« 

wie mir Herr Dr. L. Braunfels mittheilt, kein Aufsatz Geiger's gedruckt. 

S. 73, Z. 13 V. 0. statt „Stückchen* Kes: „Mückchen.« 

S. 87, Z. 2 V. u. statt „mein* lies: „nun". 

S. 93, Z. 16 V. 0. statt „schlechten** lies: „schlichten*. 

S. 97, Z. 5 y. 0.: ^Herren** zu streichen. 

S. 110, Z. 8 V. 0.: „Ludwig Bamberger* zu streichen. 

S. 115, Z. 5 V. 0. statt „1845* Hes: „1854*. 

S. 115, Z. 10 V. 0. statt „der* lies: .oder*. 

S. 161, Z. 3 V. u. statt „nun" lies: »nur«. 

S. 163, Z. 11 V. 0. statt „Radowitz* lies: „Redwitz*. 

S. 168, Z. 8 V» 0. statt „anmessen* lies: „anpassen*. 

S. 230, Z. 4 V. o. statt „vorigen" lies: „ewigen*. 

S. 247, Z. 2 V. u. (Anm.) statt „suchet" lies: „siebet*. 

S. 301, Z. 12 V. u. statt „Anordnung* lies: „Anwendung*. 

8. 302, Z. 15 V. 0. statt „mieh* lies: „mich*. 

S. 304, Z. 11 V. u. statt „davon" lies, „daran*. 

S. 304. Z. 5 V. u. statt „Festungen" lies: „Hoffnungen". 

S. 306, Z. 2 V. 0. nach „ich" einzuschieben «sie*. 

S. 313, Z. 12 V. u. statt „Abhandlung* lies: „Abrundung*. 

S. 336, Z. 19 t. 0. „er" zu streichen. 

S. 336, Z. 23 V. 0. statt «woW lies: „voll*. 



. Druck Ton G. Bernstein in Berlin. 



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