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Full text of "Archäologische Zeitung"

m:>k : 








ARCHÄOLOGISCHE ZEITUNG. 



HERAUSGEGEBEN 



EDUARD GERHARD, 

MITDIRRKTOR DES ARCHÄOLOGISCHEN INSTITUTS ZU ROM. 



ELFTER JAHRGANG, 

enlhallend Dfiiikmiilor und Forschunoren No. 49 — 60, Tafel XLIX — LX , Anzeiger No. 49 — 60. 



BERLIN, 

DRUCK UNI) VKRLAG VON GEORG REIMER. 
I 8 5 3. 



DENKMÄLER, FORSCHIINGEIV 



UND 



BEIUCHTE 



ALS FORTSETZUNG 

DER ARCHÄOLOGISCHEN ZEITUNG 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

EDUARD GERHARD, 

AHTDIHKKTOR des archäologischen INSTITUTS zu ROM. 



FÜNFTER JAHRGANG, 

enllialleiul Deiikiiiiiler und Forschungen No. 49 — 60, Tafel XLIX — LX, Anzeiger No. 4!t— (50. 



BERLIN, 

üllLClv UND VERLAG VON GEORG REIMER. 
i85 3. 



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/ i^l 



DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 



J\S 49. 50. 



Archäologische Zeitung, Jahrgang XI. 

Januar und Februar 1853. 



Zeus und Herakles, Hippolyt und Pliiidra. — Das Bild der Hippodameia im Hippodrom zu Olympia. — Zur Arcliiio- 
logisclien Zeitung (Orest und Hennioiie). — Allerlei: Keleiideris. 



I. 

Zeus und Herakles, Hippolyt und Phädra. 

Hiezii die AliMIdiint' TaM XLIX. L. 

XLIX, 1 — 1. W^m mit röUiliclien Figuren bemalter 
Kotylos'), der Sammlung des Gelieimerallis Acs/zicr 
zu Kom angehörig, zeigt auf der Ilaujitseite eine 
Vorstellung die so genau mit dem [zu bequemer 
Vergleichung hier gleichfalls als no. 4 beigefüg- 
ten] Innenbild einer bekannten Trinkschale des 
König!. Museums') übereinslimml, auf welchem ich 
Zeus Uasileus und Herakles KaUinikos^) 
nachwies, dafs kein Grund vorliegt, für das neue 
Vasenbild abweichende Namen in Vorschlag zu 
bringen. Demi der Herakles des Kestner'scheii Ko- 
tvlos erscheint, wie jener, mit einem Lüwenlell, 
dessen Kopf seinem bärtigen Haupte zum Heime 
dient, über dem kurzen gefalteten Chiton bedeckt; 
die Fellbekleidung wird auch bei ihm von einem 
(jürtel umschlossen, in welchen hinten der Löweu- 
schweif sciilangenähnlich sich hindurch- und hinauf- 
zieht. Einen Köcher nehmen wir bei ihm niciil wahr; 
die Keule, auf welche der Herakles jenes Bildes 
nach vollbrachlen Mühen sich aufstützt, trägt unser 
Herakles, über die linke Schulter gelegt, ohne Zweifel 
in gleicher Andeutung, dafs er seine Käm|)fe glück- 
lich überstanden hat. Deshalb reicht ihm gegen- 
überstehend, in schwerer üekleidung, mit einfacher 
Binde im Haar, durch das grolse Sce|)ler in der 

') Kotjlus: iler neiierdiiit'S fiir iilinliclie Gefäfsformen 
liäiiüsir anpcwandtfii liinenming des Skjiihoa enisprecliend. 
Vgl. Berlins antike nildwerke I, S. 3()S. E. G. 

'J Nu. 1023: Gerhard, Berlins antike Bildwerke S. 317. 
Stackeiberg Gräber der Hellenen Taf. 41. [Die Aiilseiiseite 
derselben Scliale stellt IiocLzeitlicIie Scenen dar]. 



Linken als Bnsileus sich bekundend, Zeus als König 
und R'tcliter einen Kranz hin , den der Heros an- 
zunehmen im Begriffe steht. So wenig die Beschaf- 
fenheit der Blätter uns auch berechtigt Kotinos 
hier zu erkennen, da dieselben weit eher auf die 
dem Heros geweihte Silberpappel, XevKrj *), schliefsen 
lassen: so tragen wir docli kein Bedenken, das 
Siegssymbol der Spiele des olympischen Zeus ^) 
hier von demselben ausgetheilt zu glauben. Der 
Grmid liegt aber nicht blofs in der Persönlichkeit 
des Gebers, sondern auch in dem Gegenbilde, das 
die [»ückseite dieses Gefälses uns veranschaulicht. 
Taf. L, no. 1. Auf dieser fificAsei/e erblicken wir 
nämlich einen griechischen Epheben mit der Chlamys 
über dem kurzen Chiton, den Petasos hinten auf- 
gebunden, mit hohen Schnürstiefeln und zwei Jagd- 
speeren versehen, das Haar mit einer einfachen 
Binde geschmückt. Dieses Kostüm, für jugendliche 
griechische Heroen das gebräuchlichste, liefse mit 
gleichem Reciit auf T/ieseus, Orest, Peleiis, und 
manciie andre Heroen rathen. Der ihm zukommende 
Name erhellt erst aus seinem Betragen und seiner 
Beziehung zu der ihm gegenüberstehenden, schwer- 
bekleideten, im Weggehn begriffenen, weiblichen 
Figur. Das Haupthaar mit einer blättergeschmück- 
ten Stephane ausgezeichnet, erhebt dieselbe, Aphro- 
diten ähnlich, mit ihrer Linken den Zipfel ihres 
langen, den Hinlerkopf verhüllenden Pcplos. Dieses 
von der rechten Schulter sie enlblöfsend herabglei- 
tende Gewand durfte sicli Lei Frnuenbildern auf 

') Siebentes Programm zum Berliner Winckelmannsfest 
1S47. 

") S. mein l'rogramni S.9. 

') KKÜ.iait'fuyoi beifst zu Olympia der Kotinos Paus, 
V, Ij, 3. 



Vasen als mit der aldcug siltliclier Frauen unver- 
Iräsrlich und Iielärenhaft niclil liäufis; nacliweisen 
lassen. Hier aber ist es an seinem Platze. Wäh- 
rend nämlich der Blick, der gedachten Frau, auf 
Liebesglulh deutend, in den Jüngling ganz versenkt, 
ihre Abschiedsworte begleitet, indess ihre Rechte ") 
vertraulich seinen Arm berührt, steht er erstaunt 
und unempGndlich, durch die Oeffnung seiner Hand 
seine Frage, was sie verlange, mimisch aussprechend, 
ihr gegenüber. Irren wir nicht, so dürften sich mit 
Rücksiclit auf die verschiednen Gemülhszustände 
der beiden Personen als passende Namen Hippolyt 
und Phädra besonders empfehlen, für welche 
letztere als Leibeigne der Aphrodite jene kokette 
Kleidung eben so sehr spricht, als des Jünglings 
Unempfindlichkeit den frommen Diener der keuschen 
Göttin charakterisirt. Rufen wir uns ins Gedächt- 
nifs, dafs Trözcn der Hauplschauplnlz ist, wo der 
Mythos des Hippolyt in seinem Temenos und Naos 
mit Priester und Lockenweihe der sich verheirathen- 
den Jungfrauen eben so deuthch als in seinem Grab- 
mal uns entgegentritt (Paus. 11, 32, 1 u. 3), während 
der Mythos der Phädra in dem, neben dem Stadion 
des Hippolyt gelegenen, vaog der herabschauenden 
Aphrodite (xataanonia) , den sie an dem Orte 
stiftete wo sie seinen Uebungen im Gynniasion 
verstohlen zugeschaut hatte, sowie in ihrem Grabe 
nicht weit vom Grabmal des Hip])olyt (Paus. II, 32, 
3) sich offenbart: so gewinnen wir nicht luir eine 
genügende Erklärung dieses Bildes, sondern gleich- 
zeilig einen Zusannncnhaiig zwischen den Vorstel- 
lungen der Rück- und Vorderseite, insofern Pau- 
sanias (11, 32, '.•) uns benachrichtigt, dafs bei Trözcn 
am saronischen Meer der Kotinos unter dem 
Namen aigenzog (läyog in reicher Fülle wächst; 
womit folgende Er/.ählung desselben Reisebeschrei- 
bers II, 31, 13 als unsrem Vasenbilde sehr zu 
Statten konunend zu verbinden ist. „Auch Hermes 
ist hier (in Trözen) mit Namen Polijgios; bei 



dieser Statue soll Herakles seine Keule hingelegt 
haben; und diese (sie war nämlich von Kotinos) 
wuchs in die Erde hinein, trieb wieder Spröfslinge 
und der gewachsene Kotinos existirt noch. Von 
IlcraJiles aber erzählen sie, dafs er den Koiinos 
am saronischen Meer auffindend, sich dacon eine 
Keule schnitt". (Vgl. Curtius Peloponn. II, -143). 
Auf diese Weise glauben wir die Erklärung der Vase 
befriedigend abzuschliefsen und machen blofs dar- 
auf aufmerksam, dafs, wie auf der Trinkschale 
des KönigL Museums die Aufsenseiten einen Hoch- 
zeitszug darstellen , so auch hier die Rückseite ein 
Liebesverhällnifs, freilich das Werk einer anderen 
Aphrodite, und daher unglücklichen Ausgangs, zur 
Anschauung bringt. 

Der Umstand, dafs Herakles Kallinikos mit 
Zeus Basileus auf der Insel Paros laut dem Zeugnifs 
von Lapidarmonumenten') ihren besondren Kultus 
genossen und dafs daselbst ein Berg mit den be- 
rühmten Marmorbrüchen den Namen Marpessos") 
führte, hatte mich anfangs auf den Gedanken ge- 
leitet, die Frau dem Epheben gegenüber könnte 
Marpessa^) vorstellen. Ihre Erscheinung mit der 
Verschleierung entspricht in der That genau ihrem 
Bilde, sowohl auf einer berühmten volcenterVase'"), 
als auf einem durch Inschriften nicht nnnder wich- 
tigen etruskischeu Spiegel"). Ihr gegenüber lielse 
sich in Bezug auf Jugend und Tracht Idas ver- 
mulhen, dem Marpessa vor dem anderen gleichzei- 
tigen Bewerber, dem Golt Apollon, den Vorzug 
sab. Allein die Abwesenheit dieses letzteren und 
mehr noch die phlegmatische Kälte von Seiten eines 
Liebhabers, der um so mehr Ursache hatte sich 
liebenswürdig zu zeigen, je gefährlicher ihm die 
Concurrenz eines Gottes, wie Apoll, werden mufste, 
überzeugte mich von der Unhaltbarkeit dieser Ver- 
muthung. Der Vergleich der Gruppe von Idas und 
Marpessa auf der voicenter Vase nnt unsrer von 
Phädra und Hippolyt auf der Kestner'schen empfiehlt 



') Kuriii. Ilippol. 200. I-hädra: /.f!,'?fi' iv^n/Hi Xi'Q"it 
7inüJio).oi. 

") Tliierscli iilicr Paros S. (337 f. (Abli. il. Müncliner Aka- 
ilcmie I'i34), Rikkli C. J. Gr. II, 23öS und ISoss Reis, in der 
gr. Ins. lld. I, S. 44. 

'^) Paus. \, 12. St. Byz. Müonriaatt, 



') Tocliter des Buenos Hoin. II. IX, 557; Apollod. I, 7, 8; 
St. Byz. MuQnrjaaa. 

'") Gerliard Auserl. Vasenb. Taf. XLVI, Idas mit Panzer 
und Speer. 

") (Jerliard Ktruskisclie Spiegel Taf. SO, Ite mit Bopen 
wie A^ilti; Marniis versciileiert ; aufserdeni noch 'l'uran u. Lasa. 



sicil Ulis nber niciitsiieslowenigor zu willkoiinniicr 
Belcliriiiig wie selir die griecliisclie Kunst iiliniiclie 
Motive auf analoge Weise zu versiniiliclieii verstand, 
indem bei gewechselten Rollen die Mimik des Mar- 
pessa's Liebe zu sich Iieranzieliendcn Idas wenig 
von der gegen Uiji|)olyt gleiche Absicht venailien- 
den Pliädra sich unterscheidet. 



Taf. L, 2. 3. Nachdem der vorsiehende Auf- 
salz geschrieben war, veranlafste mich dessen Iii- 
liall zu einer Revision von Frauenbiidern auf an- 
tiken Kunstwerken riicksichtlich ähnlicher, von der 
LScIuiller lierabgieitender, Arm und Brust dadurch 
verführerisch enlhliifsendcr, Kleidung. Auf dem 
Gebiete der gemallen Gefiifse findet sich diese Er- 
scheinung so selten und dann immer durch den 
Charakter der Person so molivirl, dafs sogar in Com- 
jiositionen wo zehn bis zwölf weibliche, selbst lauter 
jugendliche, Gestalten auftreten, keine einzige diese 
der griechischen Sille so widerstrebende Anzugs- 
art uns zum Besten giebl, welche z. B. bei der 
Muse des Tanzes Terpsichore, (auf dem Relief der 
Apotheose des Homer, auch auf Vasenbildern) und 
welllichen Tänzerinnen ganz an ihrem Platze ist. 
In der Plastik bemerken wir dieselbe auf dem be- 
rühmten Caraffa-Noja'schen Relief (Miliin G. mylh. 
173,540; vgl. 159,541) bei Aphrodite, welche Helena 
für Paris zu gewinnen sucht, ferner bei der kolos- 
salen Statue der sogenannten Flora Farnese, beide 
im Neai)ler Museum [Neapels Cildw. no. 210. 200], 
und endlich noch rückhaltloser bei der weiblichen 
Figur einer [als no. 2 hier abgebildeten] unter dem 
Namen Orest und Eh-Jctra, auch Achill und Deidamia 
(R. Röchelte Mon. ined. PI. XXXI, 1. Gargiulo 
liaccolla Tav. 12) allgemein bekannten, vorzüglichen 
Marmorgruppe fariiesischer Herkunft im Neapler 
Museum. Diese Grupjie verdienl um so mehr eine 
erneute genaue Prüfung, je weniger einerseits die 
bisherigen Deutungen mit dem Ausdruck und der 
Tracht der Figuren vereinbar erscheinen, und je 
audallender andrerseits die Motive beider mit denen 
von Phiidra und Hippolyt der zugleich abgebil- 
deten (no. 1) und kurz vorher erklärten Kestncr'schen 
Vase übereinstimmen. 



6 

Wenn in Gestall, Kopf und Ilaaranordnung des 
.Jünglings das vollendete Bild eines griechischen 
Kj)heben uns entgegenlrilt, das für eine ziemliche 
Anzahl junger Heroen Griechenlands mit gleicher 
Berechtigung zu heroischen Benennungen veran- 
lassen kann, so läfst sich doch andrerseits sein der 
Frau nicht zugewandter, sondern etwas gesenkter, 
ernster Blick, im Einklang mit der Geberde der 
linken Hand und völlig übereinstimmend mit dem 
des Hi|)|)olyt auf der Kestncr'schen Vase, weder 
verkennen noch stillschweigend übergehen. Je 
weniger diese Kälte von Seiten eines die Schwester 
eben erst wiederfindenden Bruders, auch wenn er 
mit ihr den ernsten Plan den gemeinsamen Vater 
zu rächen schon bespräche, sich entschuldigen lälst, 
desto angemessener finden wir dieselbe für den 
keuschen Hippolytos, dessen ruhige Reinheit auf 
diese Weise einen scharfen Conlrast mit den inneren 
Stürmen bildet von denen die ihm gesellte Frauen- 
geslalt hier aufgeregt wird; denn deren Empfindung 
verräth unzweideutig sowohl, den Geliebten um- 
schlingend, ihr rechter Arm, als auch ihr liebes- 
trunkener Blick und ihre sich hebende linke Brust. 
Die Vertraulichkeit der Umarmung, ein Schritt weiter 
als es die Grujipe des Vasenbildes uns zeigt, findet 
einige Milderung in dem Verhältnils der Mutter, 
wenn gleich Stiefmutter, zum Sohne. Allein nicht 
blofs in diesem Motiv hat bei gleicher Aufgabe der 
plastische Künstler dem Vasenmaler einen gewifs 
glücklichen Vorsprung abgewonnen; auch in der 
Entkleidung des linken Arms der gleich der „weifs- 
armigcn" Hera wegen ihrer schönen Arme gepriese- 
nen Phädra — gleichwie wir es bei derselben Minos- 
lochler dem Hippolyt gegenüber auch auf einem 
jiompejanischen Wandgemälde (Mus. ßoib. VllI, 52) 
wahrnehmen — , hat er die Dienerin der Aphrodite 
Pandemos scharf zu charakterisiren verstanden. Eine 
so gar freie Tracht, die höchstens für des Aegisth 
blutschänderisches Weib sich ziemte, der edlen 
Agamemnonstochter Eleklra zuzumuthen, zeugt von 
allzu geringer Kenntnil's des in der griechischen 
Frauenkieidung stets beobachteten Anstands. Wie 
unverheirathete Griechinnen, Prinzessinnen so gut 
als schlichte Bürgerstöchtcr, gekleidet gingen, lehren 
uns Tausende von Vasenbildern aufs Genaueste, 



8 



und wie namentlich Eleklra gekleidet zu denken sei, 
bezeujien uns ebenfalls Vasenbilder wo sie, durch 
Inschrift beglaubigt, bald am Grabe des Vaters 
Todtenspenden darbringt, bald zwischen Pylades 
und Orest mit dem Krug der vermeintUchen Asche 
des Letzteren einherschreilet. Am kürzesten übrigens 
widerlegt sich die bisherige Benennung der Neapler 
Gruppe durch einen Vergleich mit der berühmten 
Marmorgruppe in Villa Ludovisi [s. unsre no. 3], 
in welcher — ihrer ursprünglichen Deutung auf 
den jungen Papirius und seine Mutter zu geschweigen 
(Maffei Raccolta di Statue LX. Milhn G. mylh. 167, 
fil?) — es unmöglich ist Orest und Elektra, 
die sich wieder gefunden, zu verkennen. 

Zum Schlufs mache ich noch zur Begründung 
meiner für diese Frauentrachl gegebnen Deutung 
auf zwei pompejanische Wandgemälde aufmerksam, 
deren eines allbekannt unter dem Namen „Am.oren- 
häniHerin" (Milhn. G. myth. 46, \93'), diese Haupt- 
person , in ihrem Charakter einer Kupplerin ent- 
sprechend , so gekleidet zeigt. Das andre (Mus. 
Borb. 11, 12) stellt gegenüber dem Theseus, welcher 
des Vaters Schwert soeben unter dem Felsen her- 
vorgeholt hat, seine Mutter Aiihra sitzend in ahn- 
lieber Brust- und Armentblöfsung dar, vielleicht 
nicht ohne Anspielung auf deren, wie auch bei 
Phädra der Fall ist, Licht und Wärme andeutenden 
Namen. Tu. Panofka. 



IL 

Das Bild der Hippodaineia im Hippodrom 
zu Olympia. 

Als Siegslolin der Olympiotiiken ist der KoünosVaanz 
vom „Baume der scliiinen Kriinze" l)ckannt. War Dun 
ein solcher Kranz des Siegers Preis, so kitiin es mit 
Recht helremden warum aufserdem nocli eine Tänie 
diesem beigefügt wurde, weil doch beide zugleich oder 
zusammen unmöglich das Haupt des Siegers sciimückeo 



kooDten. Es wird ferner auffallend sein, dafs die Nike 
auf des Olympiers Hand nicht wie die Nike der Par- 
tlienos zu Atlien einen Kranz trug, welcher «loch sowohl 
ihr wie des Gottes Haupt zierte, sondern nacli des Pau- 
sanias') unverninglichera Zeugnisse eine Tänle in Händen 
liielt; eine Thatsache, über welche man stets, ohne sich 
an ihr zu stolsen, hinweggesehen hat. Mau wird endlich 
Iragen müssen, welcher Unterschied nun zwischen dem 
Kranze und der Binde sei, ob dann Binde und Kranz 
zu gleicher Zeit und mitliin an einem und demsell>en 
Orte verlielieri wurden oder nicht? 

Was die letzte P'rage anbetrifft, so habe ich bereits 
an einem andern Orte ') nachgewiesen , dafs die Olym- 
pioniken den Kranz von dem 'l'ische der Siegeskriinze, 
vor den Schranken des tlironenden Gottesbildes in der 
Cella des Zeustempels, und zwar aus der Hand des 
Hellanodiken, also nach Plinius' ^) nicht meUi\)horisch 
sondern wörtlicli zu fassendem Ausdrucke: siib ijiso Jove 
empfingen. Die iil)rigen Fragen werden durch ein Bild- 
werk beantwortet, welches bisher in seiner Bedeutung 
hierfür unbeachtet geblieben ist. Pausanias sagt nämlich 
in der BescJireibung des Hippodromes von Olympia, es 
l)efinde sich auf der einen Zielsäule das erzene Bild der 
Hippodameia, eine Tänie liuHend, welche sie dem Pelops 
ivcgen seines Sieges umlegen wolle '), Aus dieser an sich 
scheinbar unbedeutenden Angabe iliel'sen mancherlei Auf- 
klärungen. Erwartet Hippodameia, ehemals selbst ja der 
Preis welchen Pelops mit Gewinnung des Zieles errang, 
auf diesem Orte den zuerst herankommenden Kämpfer 
als Sieger um demselben das Siegszeichen umzulegen, so 
kann einmal ihr Bild nur auf derjenigen Zielsäule ge- 
standen haben bei welcher die Entscheidung über den 
Sieg erfolgte; zweitens müssen oothwendiger Weise die 
Hellanodiken ihren Sitz dieser Säule und ihrem Bilde 
grade gegenüber gehabt halieu. In ähnlicher Weise und 
an gleichem Orte, den Kampfrichtern gegenüber, stand 
bekanntlich im Stadium zu Daphne bei Antiocheia ein 
Bild der Nemesis in einer Aedicula, um die Richter stets 
an die gerechte Entscheidung im Betrell des siegenden 
Käm|)fers zu mahnen'). 

Es folgt hieraus ferner, dafs an dein Platze und An- 
gesichts dieses charakteristischen Hippoilauieiabildes, das 
so prägnant die Handlung bezeichnet welche hier vor- 
ging, tlie Hellanodiken dem erkannten Sieger, dessen 



') Paus. 5, II, I inivluv it fybvaiiv. 

') Berliner Zeitschrift (Vir Bauwesen, II. Jalirgang. 

') Plin. II. N. If), 4, 5. 

*) Paus. t>, 20, 10 T.nl äi rvaarji fiiäs ' InnoiauiCas iaiiv 



tlxüiv /al.xij, xaivCuv i£ i/ovan y.tü üraöth' jür lltlona ft^X~ 
Xovaa Ini ii] v(xg, 

") O. Müller, Kl. Schriften I, S. 101. 



10 



Name sogleich diircli Heroldsnif verkündigt wurde, die 
Siegsbiode zur Stelle selbst iihcneichten oder auch wohl 
umlegten. Nicht also in der Cella des Zeusterapels, 
sondern hier unmittelbar auf dem Kampf|)lntze wurde 
die Binde eben so gegeben wie sie Hippodameia einst 
dem Pelops verliehen hatte. Verlangt man hierfür noch 
eine historische Beglaubigung, so mag diese die Versiche- 
rung des Thukydidas gewahren"): dafs der Lakediiraonier 
Liclias (11 ilen Schranhen erschien, und hier seinen mit 
dem Gespann siegenden Heniochen sell)St hehränzt habe; 
was Pausaiiias ') viel deutlicher und ausdrücklich so ver- 
merkt: es habe Lichas dem Heniochen die Tünie umge- 
legt. Dafs die Hellanodiken hierüber den Lichas geifsel- 
ten und aus den Scliranken liinaustrieheo, um den Ein- 
griffin ihr Recht und Amt zu ahnden, auch wie Xeoophon ") 
meint um den von den Spielen ausgeschlossenen Lake- 
dämonier als solchen und noch dafür zu strafen, dafs er 
ebenfalls seinen Heniochen durch die Kriinzung als La- 
kedamonier bezeichnete, wiihrend die Hellanodiken die 
Thebaner als Sieger Iiatten ausrufen lassen, auch des 
Lichas Gespann nur unter dem Namen dieser Antheil am 
Rennen hatte nehmen dürfi-n, alles das ändert in dem 
Beweise nicht das Geringste dafs die Siegsbinde hier 
und im .^ugenlilicke des Sieges verlii-hen wurde. Es 
konnte dies auch selbst durch die irrige Meinung Ciceros"), 
nach welcher der Herold den Sieger bekränzt hal)e, keines- 
wegs verneint, sondern umgekehrt nur bestätigt werden, 
indem wenigstens eine Kränzung an diesem Orte zuge- 
standen wird; dafs aber nur die Kränzung mit der Binde 
hierunter geraeint sein könne ist klar, weil der Kranz 
nach dem ausdrücklichen Zeugnisse das Pindar'") von 
den Hellanodiken und, wie aufser vielem Andern schon 
die Gruppe des von Ekecheiria gekränzten Iphitos an- 
deutet, in der Cella des Zeustempels gegeben wurde. Da 
der Herold durch Namensaufruf den Sieger bezeichnete, 
oder nach attischem Ausdrucke „den Kranz verkündigte", 
so mag hieraus die Verwechslung zwischen dem Preis- 
richter und dem Herolde bei Cicero geflossen sein. 

Weiter folgt aus jenem Hippodameiabilde die wich- 
tige Thatsache dafs, wie die Binde der Kriinzung voraus- 



ging, so auch die Binde iiherhuupt früher war als der 
Kranz. Freilich sind Binde, Zweig und Kranz uralte 
Symbole des Sieges, beide werden aufser den Agonen 
als Zeichen des Sieges gespendet"), allein die Binde ist 
zu Olympia das urspriinyliche und ültere Siegeszeichen 
der Agonisten vor Einführung des Kranzes, der Kranz 
eine spätere Zuthat ; denn mit jener Tänie lohnte schon 
Hippodauieia den ersten Sieger, während ,,der Baum 
der schönen Kränze" erst viel später zur Zeit des Iphikles 
durch Herakles, dem Nachkommen des Pelops, in die 
Allis von Olympia verpflanzt wurde, ja während selbst 
der Olympische Agon lange nach Iphitos noch kranzlos 
war und erst mit der siebenten Olympias, in welcher der 
Messenische Daikles den ersten Kranz empfing, stepha- 
nitas wurde"). Aus diesem Festhalten an der Tänie 
der llippodameia im Brauche der Spiele, erklärt sich 
auch bei jener Nike auf des Zeus Hand die Tänie an- 
statt des Kranzes, erklärt es sich warum man bei der 
Stiftung des Bildes die Tradition durch Phidias festhalten 
liefs. Andrerseits kann dies aber gar nicht auffallend 
sein , indem es ja bei andern Agonen hiermit dieselbe 
Bewandnifs hatte. Auch der Pythische Agon, dessen 
Beginn man überhaupt erst nacli der achten Olympias 
setzt, wurde erst kranzbringend als Sakadas seinen zweiten 
Sieg in demselben gewann '^). Wie streng man aber die 
Tradition von wegen der Tänie festhielt, zeigt sich weiter 
an den ikonisclieo Bildnissen der Olympioniken in der 
Altis zu Olympia und anderwärts, indem kein einziges 
derselben mit einem Kranze gebildet ist, die Binde da- 
gegen bei Vielen erwähnt wird. So hatte Phidias den 
Pantarkes einmal am Throne des Zeus, das andre Mal 
ikonisch in der Altis dargestellt, die Tänie sich um das 
Haupt legend, gleich dem Diaduinenos im Palaste Far- 
nese"); auch den auf dem Wagen stehenden Polykles 
sähe Pausanias die errungene Tänia in der rechten Hand 
emporhaltend'') und wenn die Achäer dem Bilde des 
Oibotas aus Dyme, welcher in der sechsten Olympias 
gesiegt hatte, jedesmal einen Kranz aufsetzten sobald 
sie gesiegt hatten, so war dies nur möglich wenn sein 
Bild nicht schon im Kranze, sondern in der Tänia dar- 



') Thucyd. 5, 50: nQOiXOo'jt' fi löv uyöivn ihdSiae töv 
rjvCoxov. 

') Paus. 6, 2, 1 Toc öi iivCo/ov vixrjaavia (iv{i>\oiv kv- 
töf raivCit. 

») Xenoph. Hell. 3, 2. 

') Cicer. ad faniil. 5, 12. 

'») Pin.l. Olymp. 3, lOseqq. 

") Rei Tliucyd. 4, 121, lohnen die .Skionäcr den Brüsidas 
als Befreier von Hellas mit einem goldenen Kranze und mit 



Binden, und Teleiitias wird von seinen Kriegern beim Abschiede 
mit Kränzen iin<l Binden iiberliäiift, Xenoph. Hell. 5, 1. Auch 
hieraus sieht man nur wie beide Zeichen gleiche Bedeutung 
hatten. 

") Corsini im Katalog S. 127. 

") Paus. 6, 14. 4; 10, ö, 3. 

"J Paus. 0, II, 2 und 6, 4, 3. Vgl. Winckelmanns Werke 
6 B. I Abth. S. 48. 

■') Paus. 6, l. 



11 



12 



gestellt war"). Audi der Pytliisclien Siegerin Koiinna 
Bild zu Tanagra, zeigte ilas Haupt nur mit der Tiiiiie 
iiujwuDden '"), und als Siegsaiigiirium erscheint die Binde 
iii der hekanuten Geschichte mit Timoleon, wo diesem 
hei seinem Eintritte in den Pythischen Tempel eine solche 
von der Decke herabfällt und sich so um sein Haupt 
legt, als kränze ihn gleiclisam der Gott seihst zum he- 
vorstehenden Siege "). 

Schmückte mithin die Binde schon im nächsten Augen- 
hlicke nach dem Siege die Stirn des Olympioniken, so 
mufste der Kranz später, in einem andern Festakte 
und auf einem andern Orte folgen. Hierdurch erklärt 
es sich wieder warum die Tische der Siegeskränze nie 
mit solchen Binden, sondern nur mit Kränzen, Zweigen 
und andern Preisgewinnen ausgestattet vorkommen, welche 
nach der Binde empfangen werden, und %yohei die Zweige 
entweder zu Fiifsen des Tisches liegend, oder in eigen- 
thuralich geformten Korben oder Wassergefufsen steckend 
vorkommen. 

Der wichtige Unterschied zwischen Binde und Kranz 
nun besteht darin, dal's erstere das stetig dauernde Ehren- 
zeichen des Siegers war, welches er hinfort sein ganzes 
Leben hindurch bei jeder festlichen und feierlichen Ge- 
legenheit anlegte, wie alle Bildnisse dies bezeugten; der 
schnell verwelkende und leicht vergängliche Kranz da- 
gegen , weil er nur kurze Zeit frisch erhalten werden 
konnte, war nur für die Dauer der Festlichkeit zu Olympia 
und wurde wohl blos bei den Epinikien getragen. Wohl 
zog Nero, als vierfacher Olympiasieger, in beflügelter 
Eile mit einem noch frischen Kranze geschmückt zu Rom 
ein "), und hing die verdorrten Kränze dann als Trophäen 
in seinem Kuhegeinache auf; wenn aber Diodor vom 
starken JMilon sagt, er habe im Schmucke seiner sechs 
Olympischen Kränze die Krotoniaten gegen die Sybariten 
in die Feldsclilacht geführt-"), so küunen hierunter nur 
die liinden zu verstehen sein, von welchen eine die Stirn 
zierte, während die andern die Arme umwanden. 

Die Frage endlich: wie es sich dann mit der Binde 
verhalle, wann die Stirn des Siegers mit dem Kranze 
umwunden wurde, beantworten interessante Bildwerke da- 
hin, dafs der zu kränzende Sieger dieselbe in dem Auaen- 



blicke vom Haupte leiste und um den rechten Arm, ge- 
wöhnlich um das Handgelenk knüpfte, den Siegszweig 
mit der Hand ergrilF und den Kranz um die Scheitel 
empfing. Ein bekanntes schönes Vasenbild bei Tisch- 
bein") zeigt einen Doppelsieger um jeden Arm die Binde 
tragend, in jeder Hand einen Siegszweig haltend, wäh- 
rend eine Nike ihm den Kranz auf das Haupt setzt; 
aucli das Bild des lasios zu 'J'egea, eines der ältesten 
Olympioniken, legte nach Pausanias'^) die Linke an 
seineu Wettrenner, mit der Rechten hielt er den Palmen- 
zweig; sicher zierte die Binde das Haupt. Am wich- 
tigsten lüerfür ist aber das merkwürdige Vasenbild bei 
Stackell)erg •'), auf welchem ein ganz nackter Nemeischer 
Sieger von dem Kampfrichter mit den Worten el)en den 
Kranz umgelegt erhält: „Trage die Gebühr ai)" •'); denn 
hier hängt dem Agonisten die roth gefärbte Binde vom 
Unterarm herab, und die Hand hält die Siegszweige ge- 
fafst. Diese Darstellung zeigt hierbei noch wie der eben 
ausgesprochene Unterschied zwisclien Kranz und Binde, 
und der Brauch hinsichtlich der Verwendung beider, bei 
allen grofsen Kampfspielen gleich gewesen sei. Gänzlich 
al)zuweisen ist es daher wenn man glauben wollte, dafs 
die Binde zur Zusammenbindung der Kranzzweige genutzt 
worden sei. 

Hinsichtlich eines Kennzeichens als agonale Siegs- 
binde, möchte das Vorhandensein eines solchen schwerlich 
abgewiesen werden dürfen; es war gewifs noihwendig an 
ihr zu erkennen, ob sie eine Siegsbiiide und nicht ein 
blofses StrophioD sei welches auch Priester und Obrig- 
keiten trugen, ob sie ferner in Delphi, Neroea, auf dem 
Isthinos oder in Olympia gewonnen war; möglicherweise 
konnten sogar die Binden für die verschiedenen Arten 
des Agoties uoterschiedeD worden sein, so dafs an dem 
Sieger welcher sie trug gleich die Kampfesart kenntlich 
war, in welcher er sie gewonnen hatte. Äufser einer 
verschiedenen Farbe ist daher zu vermuthen, dafs man 
denjenigen Theil der Binde welcher um das Haupt lag, 
mit dem Blätterzweige desjenigen Gewächses bezeichnet 
hal)e, welches der Gottheit geweiht war, unter deren Ob- 
hut die Spiele standen und aus welchem der frische 
Siegskranz bestand; es mochte die Delphische ßinde mit 



") Paus. 6, 3, 6 und 7, 17, 6. 

'■') Paus. 9, 22, .? jiiivt'tc jrjv xe(feih)v uvaiovftivt] n],- 
vlxr]i fl'jfzn. 

'") Plutarcii, Timoleon 8. 

"j .Sneton. Nero 25; vgl. Philostr. vit. Apollon. 5, 8. 

'") Diodor 12, a xttnaTKjctvwuü'og /.üv joii'Olvfiniicy.oT; 
ninfavovs. 



") Tischbein, I. pl. 57. [Neu abgebildet auf unsrer 
Taf. LI, 1]. 

'') Paus. 8, 4«, 2. 

") Gräber d. Hell. Tal. XII. [Wiederholt auf unsrer 
Tafel LI, 2, in deren Text auch von sonstigen Versuchen Hie 

oben berührte rälhselliafte Inschrift zu erklären <lie Rede 
sein wird. A. J, U.] 



13 



14 



Lorlieer, die Neineische mit Eplieii, die Istlimisclie mit 
Ficlite, die Olympisclie mit Kotiiios liezeicliiiet sein; «eiin 
mich eine solche Bezeiclinung erst nufkain seit die Agoiieii 
kranzhringeiul wurden, und den Olympisclieii Spielen 
nach und nach die iihrigen an die Seite traten. Aus 
Servius' Erklärung der agonaleh Siegsl)inden geht wenigstens 
hervor, dafs sie roth, von Wolle geweht, mit Blätter- 
zweigen hezeichnet und die älteste Art der Kränzung 
seien'*); Plutarch aher sagt grade zu von jener lUnde, 
welche als Siegsaugurium dem Timoleon auf das Haupt 
liel, sie sei mit Niken und Siegeskränzeu durchwirkt ge- 
wesen ■'), was den sichersten Bevieis iiir jene Annahme 
gewäliren kann. 

Von den Siegeskränzen, namentlich aher von dem 
Siegszweige, einem Syrahole, welches sich schon an den 
Sieg der Giitter iiher die 'J'itanen anschliefst, ein ander- 
mal. C. BÖTTICHER. 



III. 



Zur Archäologischen Zeitung. 

Orest und Ilermione. 

Denkmäler und Forschungen 1852 Taf. XXXVll, 1. 

Ein merkwürdiges Vasenhild des Museums zu Kassel 
ist von dem Herausgeher dieser Zeitschrift mit der Deu- 
tung auf Ions Mordungrilf' mif Ale ihm noch iinhekunntc 
Miilter Krensu verotFentlicht worden, wohei des Euripides 
Ion als Grundlage vorausgesetzt, zugleich aher die Ge- 
genwart eines weder hei dem Tragödiendichter noch ander- 
wärts hei dieser Handlung als mitwirkend erwähnten Apoll 
als Freiheit des Künstlers enischiddigt ward. 

Gegen diese Erklärung liegte ich schon hei ihrer 
ersten Mittheilung das ernste Bedenken, die auf dem 
Altar sitzende Frau verrathe durchaus nicht, weder im 
Anzug, nocii im Ausdruck des Kopfes, einen matronalen 
Charakter, vielmehr würde ein unhefanguer Beschauer 
liier weit eher Bruder und Schwester, als Sohn und ^lutter 
voraussetzen. Diese Rücksicht hielt auf gleiche Weise 
mich ah, einer anderen, von Hrn. O. Jahn vorgeschlage- 
ueo (Arch. Anz. 1851 S.58) Deutung, dal's hier Alkmüon 

'*) Serv. Virg. Aen. 5, 269 Paniceis taenis; vittis roseis: 
et significat Iciiviisentus Coronas, quae sunt <Ie froiuliljus et 
(liscoloribus fasciis. Kt sicut Varro dicil. iiiagni honoris sunt, 
mit Festus Ijemiiisii\ vgl. Ilesjcli. ^iijuriaxovs. 

"J Plutarch. Timol. 8. 



seine Mutter Eriphylc umzuhringen beabsichtige, beizu- 
stimmen. 

Dagegen kann es befremden, dafs die Zeichnung des 
Ephehen sowohl in Bezug auf Gestalt, Gesiclitsausdruck, 
Tracht und namentlich Pileus, zumal in Verbindung mit 
gezücktem Schwert, niclit schon längst das Bild des- 
jenigen Heros ins Gedächtnifs rief, den uns in völlig 
gleicher Weise so manche Vasenbilder bereits in Delphi 
bald als Muttermörder vor den Erinnyen llüclitend, bald 
als Mörder des Neoptoleraos am Altar des Gottes vorge- 
stellt haben. Ist aber die Ueberzeugung, dafs der Vasen- 
raaler in jenem Schwertraann einen Orest uns vergegen- 
wärtigen wollte, gewonnen: so kostet es auch wenig Mühe 
sowohl den Namen der nach dem Altar geflüchteten zu 
errathcn, als auch die Gegenwart des delphischen Gottes 
aus schriftlichen Zeugnissen zu erweisen. Derselbe Euri- 
pides, auf dessen Ion die Hauptschuld an der ersten Er- 
klärung der Vase zurückfällt, vermag, wie die Lanze des 
Achill, die geschlagne Wunde auch wieder zu heilen. 
Denn in seiner Tragödie Orestes v. 1625 u. ff. räth Apoll 
dem Menelaos von dein geschärften Entsclilnfs (nemlicli 
der Rache an Helena) abzustehen, und fügt die für unser 
Bild gewichtigen Worte hinzu: ,,dies ruft dir Phoibos, 
der Leto Sohn, hier luihe stehend zu", und fährt fort 
„und du, der mit geziicllem Schwert auf diese Jitngfrau 
hier (nemlicli Hermione) eindringst, Orestes" — 

31ivi\ui, nuvaui Xfjfi i'/iov zi&tjyfiivov, 
Onlßog a o ^jjiorg nuTg ck)' fj'j'tf i"" xuXü, 
av &' ög iii^pijQf]; irjd' iqiÖQivitg xögi], 
OQiad', "v lidfiQ oi)j (ftg(ov ijxu Xoyovg — , 

ferner v. 1653: „auf deren Hals du, Orest, das Schwert 
jetzt hältst, die zur Gemahlin, Hermione, ist dir bestimmt: 
denn der da glaubt sie zu bekommen, Neoptolemos, er- 
hält sie nie: 

i<l' rjt; d' l'/_iii, 'Oqigtu, (füayuvov dtg>], 
yrjinat ningiozut a EQftiüvrjv. Sg d' o}'nut 
NionTu).i/.iog yufiHv vir, ov yufiH noji. 

Endlich Vs. 1671 antwortet Orest dem Apollon: „sieh ich 
lasse WiTinioiic frei «oh der Ermordung und genehmige 
zum Ehebette sie, sobald der Vater sie mir giebt : 
Iddv fi(&izjfc EQfitüvrjv unu aq)uyijg, 
xui Xf'xip' iTtfiVia', »;kV liv did<o tiuiIiQ. 

Demnach stellt dieses Vasenbild Hermione dar von 
Orest bedroht und von AjioU gerettet. Die Handlung er- 
klärt sich vollständig aus der ursprünglichen Verlobung 
der Ilermione mit Orest und der in Widerspruch ilamit 
vor llion von Menelaos dem Pyrrhos als Lohn seiner 



15 



16 



Tapferkeit verheifsenen VerUindung mit derselben Tocliter, 
■Horüber Orest mit Reclit entrüstet, eh er diese Elie zu- 
giebt, lieber Hermionen zu tödten bescliiiefst, \^ie er denn 
auch spater diesen seinen Mitbewerber Neoptolemos, laut 



Servius (ad Virg. Aen. III, 330) n;iclidem dieser Hermione 
mit Gefolge und Einwilligung des Meneiaos geraubt hatte, 
in Delphi hinterlistig ums Leben brachte. 

Th. Panofka. 



IV. Allerlei. 



60. Kelenderis. Auf einer Erzmiinze von Kelenderis 
wird der lorbeerl)elirauzte Kopf der Vorderseite auf De- 
metrius Soter bezogen, obschon der Herausgelier einge- 
stellt dal's bisher die Köpfe dieses Königs niemals be- 
kränzt sich zeigten. Es scheint mir gerathner in dem 
Kopf dieser Münze das Bild des Sandakos, Vaters des 
Kinyras, zu vermuthen, da Apollodor III, 14, 3 diesen als 
(Gründer von Kelenderis in Cilicien bezeichnet. Niichst- 
dem verdient der Haupttypns dieser Münzen, uamlich 
Ziege oder Bock mit gebogenem Schenkel {axtXr]) d. i. 
im Begriff des Laufens und Anklimraens, um so gröfsere 
Berücksichtigung als er das redende Wappen der Stadt 
Tersinnlicht. Denn liiXivSigig hat sich im französischen 
escalader, unserm Klellern, und dem lateinischen scala 
(Hes. ax (< X a, xXi'ftd^, drüßunfid. — oxiXtafta dg6^i7]/.tu) 
noch erhalten und bezeichnet die Erhlimmerin, wie Issa 
für 'A'i'anit die Springerin bedeutet und daher das gleiche 
Tbier f/Y^ die Ziege zum Typus seiner Münzen wühlte. 
Auch der Name UY ül)er dem Bock sowie das Symbol 
neben dem lorbeerbekränzten Kopf der Vorderseite ist 
niciit ohne Bedeutung. Denn der Magistratsname lau- 
tete offenbar IIv&iov oder flvdig und deutet auf einen 
Schützling des pythischen Gottes, als Inhaliers des Ora- 
kel» zu Delphi, zu dessen Entdeckung bekanntlich 
Ziegen geleitet hatten. Mit Python stellt aber das 
mit Unrecht bei der Erklärung übergangne Symliol 
der Vorderseite als Siegel der Älagistratsperson Python 
im Zusammenhang; auf dem Original lafst sich der 



eine Fufs eines Dreifußes vgl. Comlie Mus. Hunt. 
T. 14, XVII. erkennen, welchen besser erhaltne Exem- 
plare mit iireiterem Rand wohl vollständig zeigen vferden. 
Die Verehrung des Apoll als Orakelgott in Kelenderis er- 
giebt sich aber tlieils aus einer Erzmünze mit dem ura- 
bundnen Kopf des Antiochus IV Epiphanes BA~IAEY^ 
j4NTI0X02 und einem nackten, stehenden, auf einen 
Pfeiler gestützten Apoll, der in der Linken einen Drei- 
fufs und in der Rechten einen Kranz hält (Mionn. D. III, 
570, 163) mit der Beischrift KEAENJEPIT, theils 
aus autonomen mit derselben Stadtinschrift und einem 
nackten stehenden Apoll (der in der Rechten einen Lor- 
heerzweig mit Binde hält, während der linke Ellbogen 
neben dem Saiteninstrument sich auf einen Pfeiler auf- 
stützt; im Feld JIY. AP. KA.) verselmen Erzmünzen, 
deren Vorderseite einen verschleierten Frnueukopf mit 
Thurmkrone zeigt (Mionnet D. III, 569, 162). Hier ver- 
mag derselbe Magistratsname Python liei dem Bilde seines 
Schutzgottes des pythischen Apoll die Auslegung der 
Güterbock'schen Münze (Pinder Beitrage zur älteren 
Münzkunde Taf. V) seinerseits zu bekräftigen, liefert 
al)er uualihängig davon ein neues Zeugnifs für unsre seit 
längerer Zeit (Von einer Anzahl antiker Weihgeschenke 
Akad. Abh. 183S) verfolgte Ansicht, dafs die in einem 
Ort vorzugsweise verehrten Gottheiten den Bewohnern 
ihre Namen, theils demotisclie, theils hieratische, zu gehen 
pflegten. 

Th. Panofka. 



Hiezu Tafel XLIX. L: Zeus und Herakles, Hippolijl und Phädru 

Marmuryruppen. 



Vasenbilder und 



Herausgegeben von E. Gerhurd. 



Druck und Verlaq von G. Reimer. 



309 



310 



ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER. 



Zur Archäologischen Zeitmig, Jahrgang XI. 



M 51. 



März 1853. 



Wissenscliaftliclie Vereine: Berlin (archäologische Gesellschaft). • — Museographisches: Reisebericht aus Südfrankreicli 

(Lyon). — Neue Schriften. 



I. Wissen.schaftliche Vereine. 



L>EKLiN. In der Sitzung der archäologischen 
(iesellschai t vom 1. Fel)ruar sprach Hr. Panofka von 
neuem ülier das in der vorigen Sitzung betrachtete Vasen- 
liild der Res tnerschen Sammlung zuRom[D.u. F. no.49.50]. 
Mr. Gerhard empfahl zu genauerer Uetrachtung einen durch 
den Geschichlsmaler Hrn. Kaselowslcy vor mehren Jahren 
in Rom erworhnen und zum gegenwartigen ßeliul ge- 
fälligst mitgetheilten statuarischen Gjpsabgul's, dessen 
mit archaistischer Sorgfalt ausgeführtes härtiges Diony- 
soshild einer bekannten, nur ungefähr dreimal gröfsereo, 
Statue der iMünchener Giyptotliek (Clarac Mus. de sculpt. 
pl. 696A. no. 1641) mit Ausnahme des fehlenden rechten 
Unterarms fast durchgängig entspricht, und, da eine 
mechanische Verkleinerung des Münchener Originals aus 
äufseren Gründen nicht vorausgesetzt werden kann, der 
Vermuthuiig Raum gil)t, dafs eine kleinere Replik derselben 
Statue in einem jetzt irgendwohin verschwundenen Mar- 
inorwerk sich erhalten hal)en miige. [Diese Verrauthung 
\(ird uus von Rom aus durch Emil Braun bestätigt, welcher 
noch mehrere Abgüsse desselben kennt. Wo das Original 
sich gegenwärtig befinde, ist auch ihm unbekannt; es 
möge aber der Villa Albani entstammen, da ein Abguls 
sich auch unter den W'icar'scheu, meist von dorther ent- 
nommenen, Gypsen befinde].— Hierauf hielt Hr. /sitfcam 
einen anziehenden Vortrag über die ägyptischen soge- 
nannten MemnoDskolosse. Er suchte nachzuweisen, 
(lal's der 'l'empel Amenophis III, zu welchem jene Kolosse 
gehören , nicht in unmittelbarer Verbindung mit ihnen 
gestanden haben kann, sondern dal's mau sich nach dem 
Vorgange andrer, wenngleich seltner, ägyptischer Cluster 
zwischen beiden eine Sphinxallee eingeschaltet denken 
müsse, deren vorderstes Al)schlnrsglied und Portal die 
beiden Kolosse dermaleinst bildeten; dalier rühre denn 
die so auffallende Isolirung dieser Denkmäler in der 
Thebanischen Eiuie. Des Weiteren gab Hr. Erhlum eine 
Anschauung ihrer gewaltigen Dimensionen, indem er an- 
führte, dals jeder der aus einem einzigen Steinblock ge- 
arbeiteten Sockel etwa lliOOCtr., jede der Statuen aber 
mehr als 13300 Ctr. an Gewicht gehabt habe, schon die 



erstere Summe soviel als zwei der gröfsten Obelisken 
Aegyptens zusammen genommen. An die Fundamentirung 
dieser Massen auf der blofsen Nilerde knüpfte der Vor- 
tragende Bemerkungen ül)er die allmähliche Verschlam- 
mung des Landes selbst, welche ihren natürlichen Gang 
vom Delta ab aufwärts genommen, und die Cultivirung 
Ober- Aegyptens erst Jahrtausende später als diejenige 
Unter- Aegyptens zugelassen lialie. Schliefslich wurde 
des eigeuthümliclien Phänomens Erwährung gethao, welches 
dem einen Kolosse die Bezeichnung der Memnons-Säule 
verschaffte, und welches seinen Grund bekanntlich in der 
plützlithen und gewaltsamen Ausdehnung des in der Nacht 
erkalteten Steines unter der Einwirkung der ersten Son- 
nenstrahlen hatte, da denn durch ein Zerspringen der 
harten Steintheilchen die räthselhaften Töne hervorge- 
bracht wurden. Dafs aiier nur einer der beiden Kolosse 
in dieser Hinsicht zur Berühmtheit gelangt sei, mül'ste 
seinen Grund wesentlich in einer mangelhaften Auflage- 
rung auf seinem Postamente gehabt haben, wodurch seine 
Masse mehr isolirt, und der Klang demgemäfs stärker 
nnd ausdauernder geworden sei. — Nachdem auch Hr. 
LepsUis einige denselben Gegenstand beireifenden Be- 
merkungen gemacht hatte, theilte Hr. E. CurtUis der 
Gesellschaft den Inhalt der in ilen Schriften der hiesigen 
kgl. Akademie so eben abgedruckten ausführlichen und sehr 
gelehrten H^cfcfetfr'schen Abhandlung über ,,den Felsaltar 
des höchsten Zeus oder das Pelasgikon zu Athen, bisher ge- 
nannt die Pnyx" mit; er besprach die darin mitgetheilte 
und durch neue Beweise gestützte Ansicht des verstor- 
benen Ulrichs, dafs die bisher sogenannte Pnyx nichts 
Andres als ein heiliger Bezirk des Zeus und dafs die 
sogenannte Rednerbühne der alterthüinliche Felsaltar 
derselben sei. Im Uebrigen sei auch hier, wie leider in 
so vielen Punkten der Topographie von Alt-Athen, das 
negative Resultat sichrer als das positive, namentlich 
müsse tlie Unterscheidung, welche Welcker zwischen dem 
Pelasgikon als dem Heiligthume des Zeus und der Pe- 
lasgischen Feste, die von der Burg nicht zu trennen ist, 
aufstellt, in vielen Rücksichten bedenklich erscheinen. 



311 



312 



Zweifelbaft l)leibe endlich die bisher an falscher Stelle 
gesuchte Oeitliclikeit der athenischen Volksversammlun- 
gea, welche vielleicht am fiiglichsten au der Stelle des 
in der Kaiserzeit darauf erhauten Odeions vorausgesetzt 
werden könne. HerrPnHO/l« vermifste in der gedachten 
Schrift [vgl. jedoch dort S.llf.] einen Nachweis, nie wol der 
höchste Zeus hierzu dem Charakter eines Heilgottes gelangt 
sei, von dem sein Kultus an andern Orten keine Ahndung 
giebt, und wofür auch die Anlage spiiterer Asklepien 
in Gegenden reinster Luft keine hinlängliche Rechtfer- 
tigung gewahrt. — Werthvolle Vorlagen wurden in dieser 
Sitzung hauptsächlich Hrn. Zahn verdankt, welcher von 
den, in Deutschland bisher nocii nicht niilier bekannt ge- 
wordenen, drei gröfsten Wandgemälden Pompeji's wohl 
ausgeführte farbige Zeichnungen mitzutheilen im Stande 
war. Die gedachten, im Jahr 1847 im Hause des Lucretius 
entdeckten und bald nach deren Entdeckung durch Hrn. 
Panofka in Gerhards Archaol. Zeitung 1847 S. 109 ff. 
141 tT. 26* ff. 49* ff. 60* zuerst erläuterten, figiirenreichen 
Bilder stellen bekanntlich den trunknen HeraMes bei 
Omphah, die Erslehung des Dionysos und die Erricli- 
tung eines Siegeszeichens, sei es zu Ehren des Dionysos 
oder des Macedonerkönigs Argäos dar, nnd sind durch 
die Eigentluimlichkeit ihrer lehrreichen Darstellung wie 
durch künstlerischen Werth gleich anziehend. Sie werden 
in Hrn. Zahn"s grofsem Werk pompejanischer Wandge- 
mälde alsbald veröffentlicht werden. Aufserdem waren 
als nachträgliche Mittlieilungen die Programme des zu 
Bonn und Göttingen begangenen Winckelmannsfestes, das 
zu Uonn erschienene von Prof. ßr«i(ii über Juppiter Doli- 
cbeous, das Güttingisclie von Prof. WieseJer über Nar- 
cissus handelnd, eingegangen. 

In der Sitzung vom 1. März gab Hr. Gerhard auf Grund 
des neuerschienenen Werkes von Barker und Ainsworth 
Cilicien betreffend [oben S.299ff.] nähere Auskunft über die 
seit Jahr und Tag nur durch das Gerücht bekannten anti- 
quarischen Funde aus Tarsos. Obwohl die bisherige Er- 
wartung ei"enthümlich asiatischer Religion und Sitte 
weniger als es den Herausgebern scheint durch jenen nun 
in .Abbildung vorliegenden Fund befriedigt sein mag, so 
bleibt derselbe doch unter dem Gesiclitspunkt griechischer 
und röuüsclier Terracotten durch Kunstvverth und Fund- 
ort anziehend und daukenswerth. — An die gedachten 
cilicischen Funde knüpfte Hr. Kiepert eine Notiz über 
die von Lydien her zu verhoffenden, für Kunst und Alter- 
tlium vielleicht sehr ergiebigen Funde. Es sei nämlich 
laut Mittheilungen des preufsischen Consuls Spiegelthal 
zu Smyrna bereits Hand angelegt, uro den Grabhügel 
des Aly attes zu untersuchen und auszul)euten; die Hälfte 
der auf ungefähr 1000 Thalern veranschlagten Ausgra- 
bungskosten habe ein deutscher .\itertliumsfreund, Baron 
von ßeer-Negendank, bereits dargeboten, und werde sich 
die andre Hälfte gedachter Summe wohl um so eher auf- 
bringen lassen, als man den etwa dabei betheiligfen .\ct!o- 
nären einen verhäitnifsmärsigen Aotheil an Ruhm und 



Gewinn aller beim Ahnherrn des Krösos vielleicht noch 
lagernden Schätze verbürge. Einer für Kunst und Alter- 
thum, zunächst für die Kenntnifs der Gräberanlage, dann 
aber auch für deren unzweifelhaft vorauszusetzenden Grä- 
berschinuck, so viel versprechenden Ausgral)ung empfahl 
Hr. Kiepert auch hiesigen Orts durch Geldbeiträge zu 
Hülfe zu kommen, und ist theils er selbst, theils der Vor- 
stand der archäologischen Gesellschaft zu deren Ent- 
gegennahme gern bereit. Man war einverstanden darüber, 
dal's wenige alte Denkmäler in gleichem Mafs wie jenes 
Alyattesgrab zu einer gründlichen Untersuchung auffordern, 
und blieb höchstens darüber bedenklich, ob der gegebene 
Kostenanschlag für eine bis in die gehörige 'J'iefe zu 
führende Grabung ausreichen möchte. — Ebenfalls aus 
Consid S;)iecfc/(/i«?s Mittlieilungen gab Hr. Kiepert näheren 
Bericht über die neuerlich zu Smyrna erfolgten mehr- 
fachen Ausgrabungen, unter denen die Aufdeckung eines 
steinernen Löwen zu Nachweisung einer ansehnlichen 
antiken Brücke geiührt hat, welche den früheren Lauf 
des Flusses Males festzustellen geeignet erscheint. — Von 
sonstigen Ausgrabungen kamen die aus mehreren Orten 
des Königreichs Neapel neuerdings durch drei brittische 
Artikel des „Athenaeura" gegel)nen und in deutschen Zei- 
tungen sehr gläubig wiederholten glänzenden Berichte in 
Rede, denen zufolge theils römische Funde zu Bajä und 
Kunä, theils und hauptsächlich ein in der Nähe von 
Canosa entdecktes altgriechisches Gräberfeld, mit korinthi- 
schen Säulen und elegantem Mobiliar geschmückt, auch 
bis zum leibhaftigen .■inblick der dort bestatteten Personen 
ungleich besser als die Wohnhäuser Pompeji's erhalten, 
alle Aufmerksamkeit heischt. Werth und Bürgscliaft jener 
Berichte war mau einestheils geneigt der verübten oder 
erlittenen Slystilication einer gewandten brittischen Feder 
beizumessen, während andererseits ein anwesender viel- 
jäliriger Kenner Pompeji's lediglich den Verschönerungs- 
styl des dortigen Architekten Bonucci für Einzelheiten 
der im Ganzen vermuthlich nicht unwahren Funde ver- 
antwortlich machte. Weitere Aufklärungen ül)er deren 
Thatl)estand hat die Gesellschaft alsbald aus Neapel zu 
erwarten ; [sie gewähren aber aufser den Funden von Bajä 
und Kumä nur geringe Bestiitigung. Vgl. unten no. 52], — 
Hierauf gab Hr. Panofka für die berühmte unter dem 
Namen „Orest und Elektra" im Mnseu Borbonico zu 
Neapel befindliche altgriechische Marmorgruppe eine neue 
und ül)errascliende Erklärung, zu welcher die ähnliche 
Gruppe eines in neulicher Sitzung der (iesellschalt vor- 
gelegten und besprochenen Vasenbilds den Erklärer ge- 
führt hatte. Wie in diesem letzteren Bild glaubt nämlich 
Hr. Panofka auch in der gedachten Geuppe eine Dar- 
stellung von Phiidra und Hipjtolyt zu erkennen [Vgl. 
Denkm. u. F. Taf. L S. 2 ff.]. — l'Vrner erregte eine 
durch Hrn. Preller zu Weimar (In den Berichten d. kgl. 
Sachs. Ges. d. Wiss. 23. Oct. 1852) veröffentlichte und 
erläuterte athenische 'l'erracolta aus der Privatsammlung 
l. M. der Köni"in von Griechenland wegen ihrer zum 



313 



314 



erstenmal ans Liclit tretenden elgentliiimliclien Form all- 
gemeine Aii(meiksainkeit. Dieses zieiliclie (leiiitii bestellt 
nämlicli aus einem Cylinder vom Umfang eines miifsigen 
Mittelfingers, der mitten zwei Sclieihen auseinanderhält: 
von diesen Sclieil)en zeigt die obere, in rotligelhen Figuren 
auf scliwarzein (irund, den jugendliclieu Herakles mit 
dem Meerl)elierrsclier Nercus ringend, dagegen <lie untere 
von gleicher Gröfse, al>er heim Autstellen des Geräthes 
verdeckte, des Peieus l!ewerl)ung um Tlietis darstellt. 
Die Vernnitliuiig des gelehrten llerausgel)ers, als sei jene 
Doppelsclieihe, gleich den beiderseits mit Reliefs ver- 
zierten Marmordisken römischer Sitte, an Tänien oder 
Festkriinzen befestigt frei aufgeliiingt worden, fand weniger 
Anklang als eine andre von Hrn. Preller verworfene, von 
Hrn. Panolka aber mit neuer liegriindung unterstützte 
Ansicht, es sei nämlich dies Geräth gleich unsren Radrollen 
zum Wollaufwickeln für das Arbeitszimmer einer Griechin 
bestimmt und etwa als I loclizeitsgesclienk gebraucht worden. 
Mit dieser Ansicht ist tlieils die Wahl iler beiden Mythen- 
liilder, theils der in 'l'hetis und Nereus sich bekundende 
enge Zusammenhang mit Weberei wohl vertriiglich; auch 
ist anzunehmen, dal's et«a in einem hohen Arl)eitsknrb 
unter Wolle radartig aulgestellt, die Existenz des mehr- 
gedacliten Geräthes bei allmählicher Abwickelung nur wenig 
gefährdet war. — Endlich sprach Hr. Punofha auch 
über die merkwürdigen neulich von Hrn. li. v. Köhnc zu 
St. Petersburg in einer Lettre ä M. Akerman aus russi- 
schen Privatsammlungen zuerst edirten Münzen von Odessos, 
Kyzikos, Kolcliis u. a. Indem Hr. P. den nicht selten 
verkannten, theils epigraphisclien , theils vielseitig beleh- 
renden archäologischen (iehalt in den einzelnen Typen 
näher beleuchtete, bemerkte er, dafs besonders zur Kennt- 
nifs der Pythioniken und ihrer Kampfbelohnung neue, 
aucii für die Vasenerklärung fruchtl)are, Ergebnisse aus 
dem Vergleich unbeachteter Münztypen sich entnehmen 
lassen. — Als artistische Vorlage waren neue Probedrücke aus 
dem 26. Heft von Hrn. Zahns pompejanischen Wandge- 
mälden willkommen. — Von litterarischen Neuigkeiten 
waren eingegangen: 1) das bereits obengedachte cilicische 
Reisewerk von W.ll.Uarher, herausg. von W. F. Ainsworlh; 

2) H. liriinn, Geschichte der griechischen Künstler. Erster 
Tlieil (einer in zehnjährigem römischen Aufenthalt emsig 
und gründlich geflegten Forschung, ßraiinschweig 185.^. S.); 

3) 'E(frifif()ig ÜQ/uiiiXnytxt'i. (Eine von Hrn. PHliihis aus 
Athen gesandte, durch inschriftlichen Inhalt willkommene 
und als no. 30, November 1852 bezeichnete, längst ver- 
milste Fortsetzung dieser Zeltschrill); 4) L, Murcklin, 
Anonymus Magliabecchiatnis (Dorpater Universitäts|)ro- 
gramni 1852), dem bekannten mittelalterlichen Pilgerbuch 
,,Mirabilia Rome" verwandt; 5) Akerman, Remains of 
pagan Saxondom, pari. 3, Fortsetzung einer wohl ausge- 
statteten Herausgabe brittisclier l<"unde — , zugleich mit 
Ankündigung einer von Edn\ Trollope auf Subscription 
liezweckten, in etwa 400 Holzschnitten als Quartband zu 
liefernden Auswahl [loinpejanischer Geräihe (Illustrations 



of ancient art selected from ohjects discovered at Pompeii 
and Herculanum. Preis 1 1. 1 sli). — 6) L. Pniller über 
Oroj)os und das Amphiaraeion (aus den Leipziger Socie- 
tätsschriften) und (e!)endaher) die bereits oben berührte 
Abhandlung „über eine Terracotte zu Athen"; 7) Roulez, 
Artemis Elaphebole (ebenfalls oben erwähnt). 



II. 

Museographisclies. 

Reisebericht aus Südfrankreich. 

Der Wunsch aufser den grofsen und vielseitigen 
Schätzen des Pariser Louvre, die dem verschiedensten 
Roden in Grieclienland , Kleinasien, Italien, Afrika und 
aucii dem der eigenen gallischen Ileimath entstiegen, 
aus den mannigfaltigsten Sammlungen gebildet eine sehr . 
reiche und noch lange nicht wissenschaftlicli erschöpfte 
Uebersicht der antiken Kunstwelt gewähren, auch die 
Provinzialmuseen Frankreichs kennen zu lernen und hier 
schäifer und lel)endiger die dem gallischen Boden ange- 
hörigen Denkmale in ihren Hauptgruppen zu erfassen, die 
Ueberzeugung , dafs in der bildenden Kunst von Süd- 
frankreich neben den römischen mehr ornamentistischen, 
der Architektur dienenden Werken eine Reihe von Schöpfun- 
gen des antiken Geistes hergehn, welche in Massilia und 
den vielfachen griechischen Ansiedelungen selbständiger 
Art oder in den griechischen Elementen im Bereiche der 
gallisch-römischen Städte wurzeln, bestimmte mich in dem 
Herbste des verflossenen Jalires von Paris aus eine aller- 
dings durch die Zeit selir beschränkte Rundreise über 
Lyon, Viennc, Avlgnon, Marseille, Aix, Arles, Nimes, 
Montjudlier, Narhonne, Toulouse, Bordeaux, Poitlers und 
Orleans zu machen. Liegt ein Theil dieser Punkte auch 
an der grofsen belebten Hauptstrafse über Marseille nach 
Italien, den deutsche Arcliäologen häufiger betreten, so 
geschieht dies Letztere doch meist nur in beiläufiger und 
etwas ungeduldiger Beachtung des hier jährlich sich 
mehrenden und verändernden Antikenschatzes. Und 
jenseit Montpellier darf man wohl sagen ist überhaupt 
jeder Fremde, der das Land zur eigenen Belehrung, zur 
unmittelbaren Anschauung seiner historischen Denkmale 
l)ereist, eine seltene Erscheinung. HotFentlich werden 
daher die folgenden Bemerkungen zunächst über den 
Stand dortiger Provinzialmuseen nicht ganz unwillkommen 
erscheinen und manches Neue oder schärfer gefafste Alte 
der archäologischen Betrachtung nahe führen. 

I. Lton. Eisenbahn uud Dampfschiff führen den 
Reisenden allznschnell von Paris aus an Melodunum 
(Melun), Agendicum (Sens), nicht sehr weit von Antesio- 
dorum (Auxerre), an der Felsenhöhe der alten Alesia 
vorüber, sowie jenseit der Wasserscheide von Nord und 
Süd die civitas Divionum (Dijon), Cabillonum (Chälons), 



315 



316 



endlich Matisco (Macon) nur kurz berührt werden. Lyon 
bildet den ersten ruhigen Haltepunkt der Reise, jetzt noch 
die zweite Stadt Frankreichs, einst als Lugdunura oder 
Colonia Claudia Copia Augusta Lugdunensis unter den 
Imperatoren unbestritten die erste. Seine architekto- 
nischen Uel)erreste der Riiinerzeit liegen bekanntlich zum 
gröfsten Theil auf der Höhe Ton Fourviere (Forum urbis), 
bei dem Hospiz de l'Antiquaille und über die Vorstädte 
von St. Irenee und St. Just hinaus, obpleich man auch 
auf dem andern Saoneufer unter der Höhe von Croix 
rousse die Form einer Naumachie im Jardin des plantes 
zeigt und die angeblich älteste Kirche Ainay am Ende 
der alten Stadt zwischen Rhone und Saone gelegen, die 
in früherer Zeit sich hier bereits mit einander vereinig- 
ten, nach Tradition, einzelnen Funden und Oertlicli- 
keit mit Recht') als die Stätte des einst so grofsartigen, 
architektonischen Complexes betrachtet wird, der die Ära 
Augusti nebst der der Roma zum Mittelpunkte dienten. 
Aber noch viel mehr als die .Architekturreste waren die 
inschriftliclien und plastischen Denkmäler bis in das zweite 
Jahrzehnt iinsres Jahrhunderts, über die ganze Stadt fast, 
in eine Menge oft schwer zugänglicher Privatbaulichkeiten 
verstreut, wenn auch bereits ein kleines Antikenkal)inet 
in Verbindung mit der so wichtigen Bibliothek des dor- 
tigen Lycee bestand •)• Seit Millins Reise, welcher nach 
Spon ') und Menestrier zuerst wieder eine umfassendere 
und die frühere Inschriftensammlungen der Stadt be- 
deutend ergänzende Besclireibung der Denkmäler Lyons 
geliefert hat, sind allerdings die Haiiptschätze in dem 
grofsen Gebäude St. Pierre, dem Palais des arts vereinigt 
worden, aber auch hier stehen sie noch in drei getrennten 
Gruppen und nur unter dersellien Oberaufsicht: die be- 
rühmten Mosaike, sowie eine Anzahl ägyptischer, von 
Drovetti mitgebrachter Denkmäler und Papyrusstreifen 
befinden sich in der Gemäldegallerie, in den schönen 
Hallen des grofsen Hofes sind die grofsartigen und reichen 
architektonischen Reste von Capitellen, Friesen, Gesimsen 
und die inschriftlichen Denkmale gehäuft, mitten darunter 
auch ein einziger spätrömischer Sarkophag mit Reliefs. 
In dem vorderen Theile des Gebäudes ist endlich die 
eigentliche Antikensammlung aufgestellt, welche erst 1838 
vollständig eingerichtet ward und die frühere Bibliothek- 
sammlung in sich anfgenomraen zu haben scheint. Ein 
kleines Vorzimmer enthält auch hier ägypiische Denk- 
mäler, daim ein neilgefundenes Mosaik und Bruchstücke 
von anderen. Man tritt in eine lange, schmale Gallerie, 
welche freistehend auf Postamenten, in hohen Schränken 
und Tischglaskasten eine in vielen 'l'heileu sehr reicli- 
haltige Sammlung von Mannorwerken, Bronzen, Terra- 
cotten , Vasen, Schmucksachen, (Jemmen, Münzen und 
Gläsern enthidt; bis auf die Terracotten, Vasen und kleinen 
ägyptischen Statuetten ist alles übrige in oder bei Lyon 

') Dagegen Bernaril in Uev. arch. IV, \>. 577 ff. 

'J Miliin Voyaye dans les depart. ilu Midi I, p. 438— 440. 

^) Rccherches des anliques de la ville de Lyon. Lyon 1673. 



gefunden worden. Hier ist in sehr bedeutender Höhe, 
dem Auge zu genauer Prüfung fast unerreichbar, die be- 
kannte Bronzetafel mit den zwei fragmentirten Columnen 
der Rede des Claudius befestigt. Ein gedruckter Katalog 
oder auch nur ein geschriebener, welcher dem Publikum 
zugänglich wäre, existirt für die .Antiken nicht und es 
scheint auch zunächst noch keine Aussicht dafür da zu sein. 
.Suchen wir nun einen Ueberblick über das Wich- 
tigste zu gewinnen, soweit es bei einem einmaligen, wenn 
auch längeren Besuche möglich ist. Von jenen vier grofsen, 
durch Artaud') näher bekannten Mosaiken der Ge- 
mäldegallerie, deren Farbenfrische wahrhaft in Erstaunen 
setzt, sind zwei in Lyon gefunden worden, eines in 
St. Colombe, Vienne gegenül)er, ein viertes in St. Romain 
en Gal, westlich von Vienne am Gebirge. Das letzte 
war in seiner Ausdehnung das bedeutendste, 7 Metres 
lang, 6 Metres breit, ist aber bei der Restauration in 
seinen Seitenfeldern , welche sich der in einem Viereck 
befindlichen Mitteldarstellung anschliefsen, sehr zusammen- 
geschmolzen. Ovplicus in plirygischer 3Iütze sitzt in der 
Mitte die Leier spielend, während die 12 noch erhaltenen, 
kleineren Felder von Thieren, tlieils Vögeln, theils vier- 
füfsigen Thieren, darunter einem Kamel und Tiger, ein- 
genommen worden. Es tritt diese Darstellung also zu 
den von Welcker im Zusatz zu Müllers Archäologie §. 413, 3 
aufgezählten Beispielen noch hinzu. Zwei Mosaike ge- 
hören einer und derselben, nur in dem einen sehr erwei- 
terten Darstellungsweise an, dem des scherzenden Wett- 
kampfes von Pan und Eros. Das bedeutend gröfsere 
jener zwei, an der Höhe der Fourviere gefunden, mit 
einem breiten xArabeskenrande umgeben, dessen Arabes- 
kenzweige in Braun und Grau wechseln, ist durch 4 Reihen 
von je 10 Cai'res gebildet, deren 4 mittelste aber jener 
Darstellung') weichen. Auf einem landschaftlichen Bodea 
geht Pan wie zum Ringkampf dem kleinen, geflügelten, 
mit den Händen streitfertigen Eros entgegen, während 
zur Rechten eine Wald- und Berggoltheit, kahl, bärtig, 
bekränzt, nur in dem um Leib und linken Vorderarm 
geschlagenen Urawurf, einen Palmzweig in der Hand stellt, 
ihm gegenüber eine weibliche Herme die Scene schliefst. 
Offenbar ist hier die Ausstattung eines gymnastischen 
Kampfes mit Gymnasiarchen und Herme, als Symbol des 
Gymnasiums selbst, die aber hier in Beziehung auf Eros 
als V^euusherme erscheint, auf das auch sonst wohl be- 
kannte Liebesbegehren des Pan zu schönen Knaben über- 
tragen; Silen , so können wir allerdings mit Spon jene 
Gyinnasiarchengestalt neimen, ist alier hieralsPan nahe im 
C'ultus verbunden und als Ortsgottheit wohlan seinerStelle. 
So ist die .Situation jedenfalls aufzufassen, während Spon, 
obgleich die einzelnen Gestalten richtig zuerst bestimmend, 
den Zwang der Satyre darin sieht die Herme, das Zeichen 
der Heiligkeit der Termini, hochzuhalten und anzuerkennen, 

') llistoire abregee de la peint. en mosairiue. Lyon 1835. 
') Abgebildet zweimal bereits bei Spon Miscell. erud. ant. 
p. 15. 39-43. 



317 



318 



Miliin ') von einer Merkurslierrae, einem geflügelten fienius, 
den er Akratos oiler Ainpeios sogar nennt unil einem 
.llten Satyr spiiciit. Das hedeutend kleinere Mosaik zeigt 
uns in einem zierlich durch 8 Seitenstiicke zu einem Vier- 
eck iihergeführten Kreise nur Pan im Kampfe mit Eros. 
Das vierte Mosaik, erst im Jalire 1806 liei dem Beginn 
des dem Wasser erst abgewonnenen Stadttheiles, la l'er- 
rache, also in der Nähe der Ära Caesarum gefunden, gieht 
uns eine der interessantesten, in seinen allgemeinen Um- 
rissen auch schon wohl liekannten Circusdurstulliinycn. 
Auf dem schwarzen Grunde heht-n sicli die liraune, rothe, 
weifse unil Maue Farl)e des ornauientistisclien Musters 
trefl^lich al). Der Circus selbst wird liier in seinen Ein- 
zelheiten genau uns vorgeführt: so sind in der Reihe der 
je 7 Eier auf der Spina bereits 3 hinaufgeschoben und 
bestimmen so die Zahl der bereits gemachten Uniliiufe. 
An dem einen ist der Diener, welcher bei keiner Reihe 
fehlt, noch mit der Manipulation des Hioaufschiebens be- 
schädigt. Von den 8 Gespannen, deren je 2 einer F'arbe 
(blau, weifs, grün, rnth) angehören, ist ein rolhes und 
ein weil'ses so eben zusammengestürzt. 

Die reichen Inschriftenschätze im Hofe des Palais 
des Arts werden jetzt durch das Werk von IJoissieu, einem 
31anne, der sonst in keiner geschäftlichen liezielmng zum 
Museum steht, und mit Unterstützung der Stadt auf eine 
aucli typographisch glänzende Weise und mit gut und 
instructiv geschriebenen Einleitungen [inblicirt. Es ist 
bereits in dieser Zeitschrift ) auf dasselbe aufmerksam 
gemacht worden. Das erste Heft enthält die Gijtterin- 
schriften, das zweite sacerdotale, das dritte die Rede des 
Claudius und die Älilitärinscliriften, das vierte dieltineraria. 
Im ^ erhältnils der Inschriften zu den plastischen Denk- 
mälern ist es auffallend, dafs von Meroir, der häufigsten 
Erscheinung unter diesen, nur eine einzige, jetzt ver- 
schwundene Inschrift und möglicherweise ein Inschrift- 
fragment handelt, dafs dagegen für den Mi/J«'«dienst 
liier nur Inschriften, niclit Darstellungen existiren. Wichtig 
sind bekanntlich die Tauroholien, Altäre und Inschriften, 
deren 5 in Lyon, einer in Tain gefunden wurde: der 
frühste derselben gehört unter Antonin in das Jahr 160 
n. Chr., der späteste ward dem Septimius Severus, seinem 
Sohne und Mitregenten Caracalla und seiner Gattin Julia 
Augusta zu Ehren im Jalire 197 aufgestellt"). Die gal- 
lischen Dc.ue Malres sind in Reliefs und Inschriften ver- 
treten. Unter den Priestercoliegien treten natürlich die 

') Vojage ilans les dep. du Midi I, p. 4f)tj. 

') Jahrg. 1852 no. :i9. In den Kuclilianilel ist ührigens 
(las Werk, was dort bezweifelt winl, von vorn herein gekom- 
men und bei Terlien<-r in Paris (Place de Louvre) im Debit. 
Der Preis des Ganzen (l(> Hefte) ist auf CO Frank gestellt. 

') Miliin Voy. 1, p. 522. 

") (Jerliard Ant. lüldw. T. 112, 1. 

'") Im Kunstblatt 1852 no. 34 ist ein interessanter, bacclu- 
schor Sarkophag des Museums zu Cambridge beschrieben, der 
aus dem üesitze des Kreta-reisenden Pasldey stammt. [.4b- 
gnls zu Kerlin im kgl. Gewerbeinstilut.] Auch auf diesem 
wird der Wagen des Gottes von Kentauren gezogen. 



ad templum Roraae et Äugusti, ad aram, ad aram Caesarum 
gehörigen ganz auf den Inschriften in den Vordergrund. 

Der einzige von mir in Lyon gesehene römische 
Sarkophag, im Hofe von St. Pierre befindlich, weist 
uns au seiner Vorderseite einen hacchischen Zug auf, 
der Darstellung des farnesisclien Sarkophages in Neapel') 
sehr ähnlich. Ariadne ruht auf einem von Kentauren 
gezogenen Wagen; unter der üegleilung von Bacchanten, 
Satyrn wird der trunkene Herakles im Zuge mitgeführt'"). 
Miliin erwähnt diesen Sarkophag nicht, aber einen andern 
mit der kalyilonischen Ju(jd, welcher im Hause der jMlIes. 
de la Balmodiere sich befand, von ihm aber nicht näher 
untersucht werden konnte. Dieser aber stammte, sowie 
ein dritter, von ihm aber nicht gesehener, altcliristlicher 
aus Arles her, diesem an Sarkojjhagen so reichen Fund- 
orte. Es ist danach fast wahrscheiulich, dafs der unsrige 
ebenfalls in Lyon nicht selbst gefunden ward. 

Wenden wir uns nun zu den mannigfaltigen Denk- 
mälern des eigentlichen Antikenkabinets, so treten hier 
die Bronzen sowie die Schmucksachen mit ge- 
schnittenen Steinen an Zahl und Bedeutung entschieden 
in den Vordergrund. Unter den ersteren vor allen die 
Theile zweier kolossaler Uronzcstatuen : zu der einen 
gehört das bekannte "), gebogene Vorderl)ein eines Pferdes, 
im Jahr 1766 aus der Saone gezogen, von vergoldeter, 
über Bleiplatten gelegter Bronze, ferner der Fufs des 
Reiters mit der einfachen, glatt anschliefsenden, den Sta- 
tuen der Augusteischen Familie besonders eigenen Schuh- 
bekleidung, endlich ein Arm; zur andern existirt nur ein 
nackter, kolossaler Fufs. Man hat jene Reste meist auf 
eine statua equestris' bezogen, welche nach einer lyonneser 
Inschrift") ad aram Caesarum von den drei gallischen 
Provinzen (bekanntlich Gallien aufser Narboneusis) dem 
ProcuratorTiberius AntistiusMarcianus als erstem römischen 
Ritter und Verwalter des Census (a censibus accipiendis), 
dem diese Ehre zu Theil ward, errichtet wurde. Diese 
Thatsache fällt nach dem Ausdrucke IMPP. DOMINOR. 
NN. .AVGG. frühestens unter M. Aurel und L. Verus"), 
leicht erst unter Septimius Severus und Caracalla. Aber 
ehe einem Procurator die Ehre einer bronzenen Reiter- 
statue im Hauptheiligthum zu Theil ward, wo bereits 
gleich bei der Gründung 60 gallische Stämme als Statuen 
sich befanden, wo die Imperatoren, zunächst des Juiischen 
Geschlechts Stifter, Erneuerer und göttlich Verehrte waren, 
kann die Zahl der Reiterstatuen ebendaselbst keine ge- 

") Miliin Atlas pl. IX, 2. 

'■') :\Iillin Voy. I, p. 44t). 

") Marrpiardt Küm. Alterth. II, 3. .S. 304. Zur Ver- 
gleichung dieser Inschrift dient schlagend eine griechische iui 
kleinasiatisclien Nikaea (liöckli C. J. no. 3751) zu Ehren eines 
iMannes, der ebenfalls Tribun der Legio W Apollinaris (in 
Kappadocien stehend zu jener Zeit vgl. Dio Cass. 55, 23) imd 
dann lniinonog Kar 2Lffiaaiiuf ru)J.itiiHxi'iiiirixrji iiü xijraov 
war. Es i.-^t iiberliaiipt ein Zeichen der späteren Zeit, dafs 
ITir das wichtige Geschäft den gallischen Census zu onlnen, 
wotilr früher Mitglieder der kaiserlichen Familie verwandt 
wurden, einem eben Lcgionstribnn gewesenen übertragen wird. 



319 



320 



ringe gewesen sein. Unter der Menge kleiner Bronzen 
nimmt Mercur in den verscliiedensten IMotiven die erste 
Stelle ein"); man unterscheidet hier leicht treffliche, 
römisch-griechische Arbeit von der rohen, gallischen. Zwei 
ganz »orziigliche Exemplare des schwehend eiidierschrei- 
tenden Gottes treten vor ;dlem hervor. In einer sitzenden, 
männlichen Gestalt mit konischer Mütze und Exomis ist 
Hephäst oder vielleicht Odysseus zu erkennen. Aufser 
einer weil)lichen Gewandstatue ohne alle Attrilnite nenne 
ich unter der nicht kleinen Zahl weiblicher Gottheiten 
eine Diana mit silbernen Augen auf antiker, einst auch 
mit Silber eingelegter Basis; hochgeschürzt, ohne das 
gewöhnlich shawlartig umgegürtete Obergewand schreitet 
sie einher, auf den rechten Kufs tretend, an ilirer Seite 
der Hund, der mit dem Kopfe nach ihr sich liinauf- 
wendet. Wichtig ist es überhaupt, dafs wir eine ganze 
Reihe antiker Bronzevasen hier finden und so auch für 
den Geschmack in diesem Gebrauch eine feste Grundlage 
bekommen. Unter den Idealköpfen fiel mir der einer 
Stadtgötlin auf mit einer Mauerkrone, die sichtlich eine 
genaue Nachbildung einer bestimmten Stadtbefestigung 
ist: vier Thüruie, drei Tliore, darunter das eine mit 
Krontisspiz zeichnen sich daran aus. An Wagen erschei- 
nen häufig Köpfe als Gewicht, so der Nike Athene. .Auch 
die .Scene hat in einer Sc1untS]nelcrstatuclte ihre Ver- 
tretung gefunden, sowie der Cultus in einem Priester mit 
dem heiligen Löffel und Weihrauchkastchen; höchst auf- 
fallend sind die langen Schnabelschuhe einer männlichen, 
lang bekleideten Gestalt mit hoher Kopfbedeckung. Da- 
neben fehlen Bronzeltiinde nicht, deren auf Verträge, 
freundschaftliche V^erbindung von Stämmen bezüglichen 
Gebrauch für Südgallien jene interessante Inschrift einer 
lironzehand im Cal)inet des medailles zu Paris: 

ZYM80A0N 

npoz 

OVEAAYNIOYE 

an den Tag legt '^). Aufmerksam mufs ich hier endlich 
auf einen sUbernen Hlelutlspiegel machen mit schöner 
Zeichnung, der aus Athen stammen soll: eine hermaphro- 
ditische Klügelgestalt mit einem Hahn in der Hand ist 
hier sitzend dargestellt. 

Es führt uns dies weiter zu den Schmucksachen 
mit den damit verl)undfnen geschnilteiien Steinen. Im 
Jahre 1840 ward in dt-r Saone eine vollstäinliger Damen- 
schmuck zusammen gefunden, welcher jetzt allein drei 
filaskasten füllt. Durch die Köpfe der Crispina und des 
(,'ommodii.s , welche sich in Stt-in geschnitten bei dem 
einen Halsband befinden, wird die Zeit der Verfertigung 
in die Jahre 180 — 18.'$ verwiesen. Halsketten von grünen 

") Caes.H. G. VI, 17. Deiim maxime Mcrcurium colunt, 
huius sunt jilurimn simulnrrn, 

'■') Nnlicc ilfs moniiin. par Mar. de Mersan 183S p. 24. 
Vgl. aucli ji-t/.t C. J. no. ()7"s, wo aber der jetzige Aufent- 
haltsort nicht angegeben i»t. 

") Orelli no. 1736. 37. 18.37; davon Tutilina die abge- 



Steinen, von Granaten, Saphir, Amethyst, von Korallen 
und von Lapis Lazuli bilden diesen reichen Schmuck. 
Bei einem andern Kund von drei Ringen sind zwei der- 
selben durch Intaglios interessant: das eine zeigt uns einen 
jugendlichen Jäger mit dem zu ihm sich hinaufwendenden 
Hunde, also einem Meleager oder Adonis, das andere die 
bekannte Darstellung des auf den Felsen gestützten Po- 
seidon mit Delphin und Dreizack. Ein hierzu nicht ge- 
höriger, goldener Ring trägt die Weiheschrift; 

VENE 
RIETTV 
TLEVO 
TVM 

Tiitela, eine sonst nicht oft bezeugte göttliche Gestalt, 
mit Securitas, Providentia, Salus in eine Linie tretend, 
ist hier sichtlich ein Ausflufs der Venus selbst, der von 
ihr gegebene Schutz und Fürsorge"). Reicher Goldschmuck 
mit Goldmünzen, die bis Philippus Arabs reichen, ist 
zwei Gräbern entnommen worden. Auf einen merkwür- 
digen Intaglio mache ich endlich aufmerksam, der eine 
weibliche Gestalt, ganz in der römischen Auffassung der 
Gäa, unter einem Baume uns ruhend zeigt, während 
über ihr schräg zwei bekleidete männliche Gestalten er- 
scheinen und eine dritte, mit Köcher und Bogen zu ihr 
herabscliwebt. An Mars und Ilia ist hier nicht zu denken, 
wozu man zuerst geneigt sein könnte, sondern an eine 
Zusammenstellung von Naturmächten: die Erde, ApoUo 
Helios und die zwei freilich nicht charakterisirten Dius- 
huren^''). 

Die bedeutende Anzahl griechischer Silber- 
münzen, darunter eine Reihe altattischer, sowie sehr 
schöne Ptolemäermünzen, sind alle aufser Landes gefun- 
den. Münzen von Massalia und den übrigen Städten 
Südfrankreichs habe ich hier nicht gesehen. Ebenso 
wenig hat man bisher hier und überhaupt in Südfrank- 
reich griechische Vasen mit Darstellungen gefunden. 
Auch hievon ist aber durch fremden Ankauf eine ganze An- 
zahl nach Lyon gekommen. Neben jenen häufigen Dar- 
stellungen einer gewandten, aber flüchtigen Kunst, auf 
denen ein weiblicher Kopf mit asiatischem, lydischem 
Kopfschmuck erscheint, als Amazonenkopf durch genaue 
Vergleichung der gröfsern, mehr und mehr zusammenge- 
drängten Amazonendarstellungen erweisbar, neben den 
Todtendarstellungen einer Jünglingsgestalt im ionischen 
Tempel, begegnet uns hier eine interessante hacchisehe 
Darstellung auf einer Amphora mit hellen Figuren, näm- 
lich eine Verbindung kriegerischen Spieles mit bacchischer 
Feier. Eine weil)liche, bacchische Gestalt trägt neben 
dein Thyrsus einen Schild, neben ihr Bacchus selbst, die 

leitete Form, als altitalische Göttin der .Scheuern, der Wahrung 
der Getreidefrucht bekannt vgl. l'lin. H. N. XVIII, 2. 

' ) Zum Vergleich dient ganz der Stein mit der Apotheose 
des Victoriniis und dem Kevers mit Gaea, Helios, den 3 Horen- 
knaben und den 12 Thierzeichen. Alillin Atlas WIV, &. 



321 



322 



Schale in der Hand li.iltend. Als Revers ersclieint iim- 
gekelirt ein Satyr mit ScliiUl bewaffnet einer Bacclianlin 
gegenülier. — Audi die Terracotten dieser Sammlung 
sind von auswärts erworben: vor allem zeicijnet sich liier 
eine auf wohlerhalteneni , mit ausgearl)eiteten Lehnen 
versehenem Throne sitzende, matronnl bekleidete Göttin 
aus mit der Patera in der Hand, sowie ein Hermes mit 
Hahn und dem daneben stehenden Widder. 

Ganz dem lyonnesischen Hoden gehört die reiche 
Sammlung von Glasern an, diesem Hanptluxusartikel 
des spateren römischen Lebens, unter ihnen jene lekythen- 
artigen, lilau und weifs gestreiften Gefafse. Ebenso sind 
als lokale iMinde von Bedeutung die in dieser Sammlung 
gewöhnlich ganz übersehenen ^larmorwerke, mit denen 
wir die Beschreibung des Kabinetes schliel'sen wollen, 
von den zahlreichen, kleinen ägyptischen Bronze-, Glas- 
flul's- und Holzfiguren absehend. Zwei Marmorköpfe 
in Lebensgröfse, zusammen in la Deserte, einer Gegend 
des hochliegenden Stadttheils Croix rousse gefunden, aus 
einem dem Parischen durchaus gleichenden Marmor und 
von guter, der Glätte hadrianischer Zeit noch fern stehender 
Arbeit, ziehen den Beschauer sehr an; es sind Porträts, 
aber sehr verschiedener Art, der eine Kopf ganz bartlos, 
der andere stark bebartet in der Weise griechischer Phi- 
losophen. Dazu kommt bei dem letzteren eine schmale, 
hohe Kopfform mit eigenthünilich gebogener Stirn, der 
Epikurbildung vergleichbar, aber doch eher mit den be- 
kannten celtischen Formen der Gefangenen, des ster- 
benden Fechters u. s. vi. zusammenzustellen. In 3Iarmor 
ist ferner eine sitzende Göltcrgcstalt da unter Leliens- 
gröfse; der Kopf bärtig, das Obergewand um den Unter- 
körper geschlagen während der Oberkörper enthlöfst ist, 

") Caes. B. G. VI, 18: Galli se omnes ab Dite patre 
prognatos praedicant. 

") Gerhard Trinkschalen Taf. 4. 5. Auserl. Vasenb. 1, 1. 
u. a. Anfülirungen bei Müller Arcliäol. §. 359, b. 

■") L. de la .Saussaye Nuinisinatique He la Gaule Narbon- 
naise. Münzen von Marseille no. 12 — 17. 



die Vorderarme sind ergänzt. Man wird ohne Weiteres 
sie eine Jupiterstatue oder vielleicht auch einen Hades, 
den Dis, den gallischen Stammvater") nennen, wenn 
nicht auf der antiken, dazugehörigen Basis (Ips Thrones 
grols und deutlich geschrieben stände: ATTOAAiZN. 
Da am Schlul's des Wortes ein I nicht zu entdecken ist, 
wodurch die Statue als Weihegeschenk an Apollo sich 
herausstellte, eine solche Verkürzung des Künstlernamens 
'AiuiXXdtvlüV hier ohne weiteren Zusatz unerhört wäre, 
die Beischrift des Götternamens zwar ungewöhnlich, aber 
auf späteren griechischen Reliefs nicht unerhört ist, um 
so weniger, je abweichender die Darstellung von der 
herrschenden war, so müssen wir hier diese Apollodar- 
stellung in der Auffassung seines Vaters, als dessen Mund 
er gleichsam erscheint, hinnehmen. Wie der härtigu 
Apollo auf Vasenbildern und Münzen erscheint"), wie er 
in kleiiiasiatischen Orten und dann auf den Münzen 
Massilias •") bewaffnet, hier im Helm mit der eigenthüm- 
lichen, aber den Sieg im Wagenrennen bezeichnenden 
Riiderkokarde und Backenbart bekannt ist, so konnte er 
in der von den Galliern hervorgeholienen Auffassung, 
wonach er vor allem Krankheiten vertreibt"'), ebenso wie 
Asklepios dem Zeusideal ganz nachgebildet werden. Und 
haben wir nicht umgekehrt die bestimmte Nachricht, dafs 
Zeus Kasios ganz als jugendlicher Apollo dargestellt 
war? "■). — Eine andere, kleine Jiipiterslulue von Jlarmor 
l)efindet sich endlich hier noch, stehend, mit einem mo- 
diusartigen Gefäfs in der Hand. Die zwei von Herrn 
von Quandt allein genannten-') tragischen Mashen vou 
Älarmor sind von mir, ich mufs es gestehen, nicht be- 
achtet worden. 

Jena. K. B. Stark. 

= ') Caes. B. C. VI, 17. 
"■) Achill. Tat. III, ö. 

■') Beobachtungen und Phantasien auf einer Reise in d. 
mittag. Frankr. S. 97. 



III. Neue Schriften. 



.MoNUMENTi dell' Institüto di corrispondenza arclieo- 
logica per l'anno 1852. Roma. Fol. 

Enthaltend: tav. XXXVII. Vaso dal Musaios. — XXXVIM. 
Glauco, niusaicü di Cartaginc. — XXXIX. 1, Sostruzioni i)ri- 
ineve del Palatino. 2, Sostruzioni anticlie del Quirinale. — XL. 
Teinpio creduto di !\I. Anrelio, rappresentato in un hassori- 
lievo esistente in villa Medici. — XLI. 1, Ulisse e Circe. 2, 
Kitorno d' Ulisse. — XLII — XLIV. Anüleatro di Thysilrus. — 
XLV — XLVII. Planta della via Appia dal iiiiglio quarto al 
nono. — XLVIII. Tvrracolta vulnnte del Museo Britannico. 

BüLLETTINO AKCHEOLOGICO NapOLETANO (Vgl. ob. .S. 205) 

Napoli 1852. 53. 4. No. 1—14. tav. I— VI. 
Knthaltend: No. I. Descrizione di un vaso ruvese del 
R. iMuseo Borbonico fBoreas und Orilhyia, Mol dir Artemis 
AgriiaJ p. 1 ff. 48 (^Minervmi). — .Sülle sigle delle iscrizioni 



pornpeiane dipinteapenneüo p. 411. {Gnrrucci). — No. 2. Nuove 
scoperte in Napoli, con la iiotizia di una nuova fratria (A'y^j- 
Toi'dVd) p. Hlf. {Mijicroini). — Lainina di Antino p. lOf. 
(OskibcliJ und Iscrizioni di Cajiua p. Iliff. (GrtrrKcci). — Iscri- 
zione cri^tiana di Pozzuoli [i. 15f. 31 f. (Minervlni). — No. 3. 
Tre inedite monete di Napoli {Xt7iii'}os) p. 171f. und Tavola 
aquaria Venafrana p. 21 ff. 30 f. 3:i ff. 63 f. 79 f. (zu tav. II. 
Garrticci). — No. 4. Notizia degli scavi di Pornpei per l'anno 
1S50 e seguenti p.25fi'. iMI. .iS ff. 711. 73 If. 8'.» ff. (Minervini). 
— Notizia di alcune terrecotte antiche della collezione del 
defunto Fr. .'Mongelli a Nai)oli p. 30 f. (zu tav. I. Minervini). — 
No. 5. Osservazioni intorno al nome liasilica della iscrizione 
jjuteolana di C. Nonio Flacco p. 3011. [Oarrucci). — Fram- 
iiiento d'iserizione presso l'antico teatro di Capua, con oss. 
del conte ßoi;//ifSi p. 3« f. (Minervini). — N. 0. Due iscrizioni 
irentane di Pennaluce p. 41 ff. {Gnrrucci). — Osservazioni 



323 



324 



siiUe monete Hi Napoli colla protome del Sebeto [). 45ff. (Mi- 
iiervini). — No. 7. Descrizione di iina patera aiitica dipinta, 
con «lue eroi eponimi ilelle atticlie tnbCi p. 4ytr. (^tav. 111. Mi- 
ncrvini); Iscrizione di Venafro p. öl f. (Garrucci); dicliiara- 
zioni di due monete di Trajano, l'una latina e l'altra greca 
p. 52f. (Cnvedoni). — No. 8. Moneta inedita di Napoli, che 
risolve la qiiistione del toio andropiosopo p. 57s. (Mincrvini) ; 
Relazioni dei nuovi scavi eseguiti nelP Aniiteatro Carnpano 
p. 62f. {Mincrvini). — No. 9. Osservazioni numismaticlie p.(j5il'. 
(tav. IV. Samnitisches) ; Della legge dei LXXII solidi per ogni 
libbra p. 6Sf. (Gnn-uifi); della Groma osia ferramento agri- 
mensorio, figurato in un cippo sepolcrale d'lvrea p. tj'Jli. 
(Cfwcduni). — No. 10. Iscrizioni di Sepino, con oss. del conte 
B. Hurghcsi p. 76if. {Gnrriicci); articoli del Sebeto p. 78t. 
(desgl.). — No. 11. Intorno alla lapida viaiia osca di Ponipel 
p. 81 If. (G(trrucci) ; iscrizioni etrusclie grafüte sul fondo esterno 
di due vasi trovati in sepolcri canipani p. 81tf. (desgl.); pionibo 
siciliano und Lapide Capuana p. 87 f. (desgl.). — No. 12. De- 
scrizione di aicuni vasi <lipinti del R. ^luseo Borbonico p. ÖlfF. 
10911'. {IldiQuxlov ru(fOi, ^Spllinx, Homer als Sänger, Miiier- 
viiii). — No. 13. Della leggenda IIutqijxXov inifog p. 97f. 
(Gitmuci); il ludus gladiatonns ovvero convitto dei gladiatori 
in Ponipei p. ÖSIf. (desgl.); dell' arma glarliatoria <letta Gaierus 
p. lOlii. (desgl.). — No. 14. .Moniinicnti cuniani, scoperte di 
S. A. R. il conte di Siracusa p. lOüif. (Mineriini); Monete 
inedite p. 107 if. {Mincrvini, Arpi n.a.). — Die Krläuterungen 
^on tav. V (TerracottenJ und VI (VasenbildJ sind nocli rück- 
ständig. 

BarVer (W. Burckhardt) L:ires and Petiates, or, Cilicia 

aiid its go\ernors .... edited hy W. Fr. Ainsworth. 

Lond. 1S5.H. 8. XIV, 394 mit Abb. [Vgl. oben S.299ff.]. 
lieaiiVieu: Aiitiquites des eaux miiierales de Vicliy, Ploin- 

biercs, ßains et IViederbroun. Paris 1851. 8. (Revue 

arciieol. Vlll p.TlSf.) 
Köchli: Itisclirifteii von Drea (Im JMonatsbericiit d. Kgl. 

Akad. zu Berlin 1853 Februar). Vgl. oben S.291. 
Itoudurd (P. A.): Etudes sur Talphabet Iberien et sur 

quelques nionnaies autonomes d'Espagne. Beziers 1852. 

8. (Revue arcb. IX, 248ff.). 
'EqjjfitQig ügxaioXoyixri. (l)r)J.adiov 30. 1852 Noffißgiog, 

S. 6.i7— 664 (7v. .1. niiiüy.ri?). 
Fuyc {de hl): Reclierclies sur la preparation que les 

Romains donnaient ä la cliaux. Paris 1852. 8. 90 S. 

(Revue arcli. IX, 2, 460). 
Franke {A.}: de curiabbus ronianis, qui fuerint regum 

tempore, brevi praeuiissa <le curiarum origine quaestione 

part. I. Vratisl. 1853. 35 S. 8. 
GöttUng (C): de loco quodam liymni homerici in Cerereni 

commentatio. Jena. 7 S. 4 [Zum Lectionskataiog 1853. 

In V. 267 soll «J.r^oio' 7,'((«t« nüvta statt avvuv- 

4r|fioia' •/('. n. gelesen werden, mit Bezug auf den eleu- 

siniscben Waffensliilstand.] 
Hcllner (H.): Griecliisclie Reiseskizzen. Brscliw. 1853. 

308 S. 4 Tal. 8. [Wie die Alten ihre Tempel be- 
malten: S. 185—206]. 
Hucher (E.): Etudes sur lesymbolisme des jdus anciennes 

inedailles gauloises (n)onnaies des Aulerces Cenomans). 

In der Revue numismatique 1850 p. 85— 108. 165—197. 

pl. II-IV. 
•luhn (0): über ein griechisches Terracottagefal's des 

archäologischen .Museums in Jena [Arch. Anz. 1852 

S. 225J. In den Berichten der kgl. säclis. («eselisch. 

d. Wiss. 1853 S. 14—21. 2 Taf. — Uelier einige 

Vasenbilder, welelie sich auf die Sage vom Zug der 

Sieben gegen Theben beziehen ['i'ydeus und Lykurg 

u. a.]. Ebd. S. 21— 32. 1 Taf. 



Illustr a tion s of tlie remains of Roman art in Cireii- 
cester, tlie site of tlie ancient Corinium. Lond. 1850. 
Vgl. Osanu in der Ztg. f. Alt. 1853 S.88btf. 

Keck: der theologische Charakter des Zeus in Aeschylos' 
Prometh. Trilogie. Glückstadt 1851. 26 S. 4. (Ztg. 
f. Alt. 1852 no. 35). 

Liisinilx (F.. V.): Zur Geschichte und Pliilosophie der 
Ehe bei den Griechen. Aus den .4bh. d. bair. Akad. 
Vir, 1. lAlünchen 1852. 108 S. 4. 

Layurd (A. H.): Discoveries in the ruins of Nineveh and 
Babylon \<ith travels in Armenia, Kurdistan and the 
desert, being the result of a second expedition under- 
taken for the trustees of tlie British Museum. Lond. 
1853. XXIV. 686 S. 8. mit Abbildungen. 

: A second series of the monuments of Nineveh 

illustrating .Mr. Layard's second expedition to Assyria, 
froin drawings made on the spot chielly relatives to the 
wars and exploits of Sennacherib. Lond. 1853. 70 pl. Fol. 

: a populär account of Nineveh, arranged for general 

circulation. I4tli Thousand[?J. Woodcuts. Lond. 1853. 8. 

Linde (P. A.): Die Porta nigra und das Capitoliura der 
Treviris. Trier 1852. 8. 63 S. 1 Taf. 

Murtnorit {Wh. della) : Sopra alcune antichitäsarde, ricavate 
di un manoscritto del XV secolo [des Senators Gilli 
von Cagliari. Vgl. oben S. 289, A. 57]. Torino 1853. 4. 

Mercklin (L.): Anonymus Magliabeccliianus [de regionihus 
nrbis Romae] nunc prinum editus. Dorpati 1852 (Jubi- 
liiumsprogramm) 4. 25 S. 

Mignard: Monographie du coffret [gnostique] de M. le 
(lue de Blacas. Paris 1852. 8. 1 pl. (Revue arch. IX, 
252 ff.). 

Minervini (G.); Intorno le medaglie dell aatica Dalvoa. 
Osservazioni lette all' Accad. Ercol. Nap. 1852. 17 8. 
1 laf 4. 

Mommsen (Th.): Epigraphische Analekten (Aus den Be- 
richten der phil. bist. Gl. d. sächs. Ges. d. Wiss. 1852. 
S. 188—282). 

Pelet {A.): Essai sur le Nymphee de Niraes. Nimes 1852. 
72 S. 8. i pl. Vgl. oben S. 297. 

Perrel (L.): Catacorabes de Rome. Architecture, peintures 
murales, inscriptions, figures et symboles des pierres 
sepulcrales, verres graves sur foiid d'or, lampes, vases, 
auneaux, instruments etc. des cimetieres des pre- 
ujiers Chretieos. Oiivrage public par ordre du gou- 
vernement sous les auspices de M. le Ministre de 
rinterieur et sous la direction d'une commission com- 
posee de MM. Amjiere, Ingres, Merinu-e, Vitet. Paris 
1852. Livr. 1—4. Fol. '[Auf pl. 22, 4 das Dadalos- 
bild einer Lamjje]. 

Petersen (C/i.): Das Zviölfgöttersysteni der Griechen und 
Römer. Erste Abtheilung, das Zwölfgöttersystein bei 
den Griechen. Hamb. 1853. 4. 48 S. 2 Taf. 

Preller (L.): Die Vorstellungen der Alten, besonders der 
Griechen, von dem Ursprünge und den idtesten Schick- 
salen des menschlichen Geschlechts. (In Schneidev\ins 
Philologus VII. S. 1- 60). 

— — : lieber eine Terracotte aus Athen [.Scheibe r. Fig., 
einerseits mit der Gruppe von Peleus und Thetis, 
anderseits mit der von Herakles und Nereus bemalt, vgl. 
oben S. 312f.] — , desgl. Oropos und das Amphiaraeion. 
(Aus den Berichten der kgl. sächs. Cies. d. Wiss. bist, 
ph. Cl. 1852. S. 89—99. 2 Tal. und S. 140—188). 



Herausgegeben von E. Gerhard. 



Druck und Verlag von G. Ret: 



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18 



DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 



Archäologische Zeitung, Jahrgang XI. 



M 51. 52. 



März und April 1853. 



Agonistische Vasenliilder. — Ueber die Meiniions-Kolosse des ägyptischen Tlieljens. — Assyrisches aus Griechenland. 



I. 



Agonistische Vasenbilder. 

Hiezii die Aliljiidung TalVI LI. LH. 

imuf den liienächst uns vorliegenden beiden Tafeln 
sind agonistische Darstellungen vereinigt, welche 
dem im vorigen Stück dieser Zeitung unscrn Lesern 
mitgetlieilten Aufsalz Hrn. Bölticher's iiber den ur- 
sprünglich in Tänien und nächsldem erst in Kränzen 
befolgten Brauch hellenischer Siegespreise zu an- 
schaulicher Erliiuterung dienen, wie denn zwei der 
zu diesem Behuf zusanimengestellten Gefülsmalereien 
(Taf. LI) in jenem Aufsatze selbst l)esprochen sind, 
die beiden andern aber (XII) als eben daliin ein- 
schlagend sofort sich bekunden werden. 

LI, 1. Bekränzung eines Siegers durch 
den Kampfrichter: nacii Stackeiberg, der in seinem 
Gräberwerk Tafel XII dieses oben S. 12 berührte 
archaische Lekylhosbild athenischen Fundorts ver- 
ölTentlicht hat, eines Nemeoniken. Diese Ansicht 
sowohl als die von ihm gegebene und auch von 
Bötticher befolgte Erklärung der wichtigen Bei- 
schrift bedarf einiger Beschränkung. Allerdings 
sind zwei bekränzte Kampfrichter, (der eine, seinen 
Stab miifsig aufstützend, nach einem miniler glück- 
lichen Kämpfer mit Diskus und Lanzen umgewandt), 
um einen Jimgling versammelt, auf dessen Haupt 

') Diese Bewegung ist ungewöhnlich und würde geläufiger 
sein, wenn der dargestellte Jüngling wirklich, wie oben (D. u.F. 
S. 12) augenoininen ward, ,,die Siegs/.welge mit der Hand 
gefafst" hielte, was jedoch durch den Augenschein nicht be- 
stätigt wird. 

') Kppich zu Neinea: Paus. VIII, 4S, 2. 

') Htwa als AvT(iifov tnoi)tntv und als ^4i((tyQo)i y.akog 
sind diese letzteren Inschriften zu verstehn; in der erstge- 



der Erlheiler des Preises reichliche Zweige häuft, 
welche der Jüngling in sillig gebückter Stellung, 
die mit einer Binde bereits geschmückte Arme vor- 
streckend'), dankbar anniml; es ist jedoch in jenen 
Zweigen eher Efeu oder sonstiges frischeres Laub 
als der in Nemea übliche Eppich") vorauszusetzen. 
Sodann ist, abgesehn von der uns gleichfalls in 
die Palästra vielmehr als in grofse Agonen ver- 
weisenden Nebengruppe zur Linken des Beschauers, 
bestehend aus der verletzten Figur eines dritten 
Aufsehers der Spiele, welchem ein Jüngling mit Stä- 
ben und Springgewicht gegenübersteht, theils zwar 
die unzweifelhafte Lesung und Deutung der alsÄ'ap<g 
naXog, ^iviog icaXog unmittelbar verständlichen Bei- 
schriflen, so wie der ungefähre Sinn zwei anderer 
zu versichern, die minder wohlerhalten sind "), theils 
aber auch die bei früherer Erwähnung für unver- 
fänglich erachtete Sentenz irenauer zu erörtern. 
Denn aus denselben deutlichen Schriftzügen, in 
denen Stackeiberg sein aTtodog zo öia^eQiov „trage 
die Gebühr ab", nach Sinn und Sprachgebrauch 
unbefriedigend, las, hat Otto Jahn ^) mit gleicher 
Berechtigung ein ccnödog zo diä /iitjquüv oder zo 
diaf.irjQiov herausgelesen, welches, dem Sprachge- 
brauch \on öiafü]orC(o nni\diai.irj()iafiot entsprechend, 
vielmeiu- die Leistung schwerer und schamloser 
Ungebühr ausspricht, welche hier einer der Jugend- 
Aufseher dem zurücktretenden Paläslriten anmuthet. 

dachten ist Xagig deutlich und müfste, wenn als Männername 
vielleicht '/'np/f vorgezogen wiril, für verschrieben gelten. 

') Jahn in der Zeitsclnilt für Alterthumswissenschaft von 
1941 no. (II, mit Vi-iweisung auf .Xiistoph. A\. lOÖ {no).?.ovs . . 
7ittt(Sui . , äiä jljv layiv JrjV )l((fi^()fii' du firj'jiaKV co'cFpfs 
louarcU) und andere Stellen, nachträglich auch auf Diog. 
Laert. VII, 5, 172. 



19 



20 



LI, 2. Des Siegers Bekränzung durch 
Nike. Dieses aus Tischbeins Vasenwerk I, 52 be- 
kannte V^nsenbild freieren Styls stellt den gleichfalls 
oben S. 12 erwähnten, mit doppelten Binden be- 
reits geschmückten und einen Siegszweig in jeder 
Hand haltenden, Jüngling im Augenblick dar, in 
welchem eine herantretende, langbekleiJete und mit 
Halsband gezierte, geflügelte Psike, in zierlicher das 
Gewand mit der Linken lüftenden Bewegung, einen 
Lorbeerkranz auf sein Haupt setzt. Eigenthümlich 
ist hieneben die dritte weiter rechts sitzende Figur 
eines Jünglings, der, nach seinem künstlich erhöh- 
ten schlichten aber wohl vorgerichteten Sitz^) und 
nach dem in seiner Linken aufgestützten Stab, als 
ein Ordner des Wetlkampfs zu betrachten sein würde, 
wiiren nicht seine Nacktheit und Jugend sowohl als 
auch die drohende Geberde seiner rechten Hand 
als Merkmale eines besiegten, aber nicht muthlos 
nachstehenden Mitbewerbers zu fassen. 

LH, l. Tänia und Kranz einem Sänger er- 
Iheilt sind hienächst, so eigenthümlich als gemeinsam, 
im Bild eines aus Etrurien herrührenden Stamnos 
von gefälliger Zeichnung dargestellt, welcher, als 
Gegenbild drei Mantelfiguren zeigend, im Museum 
Gregorianum des Vatikans ") sich befindet. Wirer- 
blicken hier einen jugendlichen Kilharöden, welcher, 
erhöht durch ein künsthches Bema, auf welchem 
er steht, die in seiner Linken gehaltene Phorminx 
mit dem Plektron das seine Piechle hält von neuem 
zu rühren im Begriff ist — , etwa um durch neuen 
volltönenden Klang den Lohn zu erwiedern, der 
seiner Sängertugend von allen Seiten sich zudrängt. 
Den Lorbeerkranz, der seine Stirn schmückt, ver- 
dankt er ohne Zweifel dem vor ihm mit langem 
Stab auf einem Stuhl sitzenden, gleichfalls lorbeer- 
bekränzten, bärtigen und in seinen Mantel gehüllten, 
Kampfrichter; aber auch über diesen hinweg breitet 
von der rechten Seite her eine schwebende Siegs- 
gütlin die offenen Arme gegen ihn aus, während 
am linken Ende des Bildes eine dem Sänger be- 
freundete Frau dieTänie über ihr Haupt hin breitet, 

'■) Auf breiter Unterlage ein viereckter Stein, worunter 
als Fufsbank ein ebenfalls viereckter kleinerer — , eine für 
gymnastische Häunie und Uäder wolil angemessene scLIiclite 
Vorrichtung. 



welche, als erster Siegespreis ihm gehörig und mo- 
mentan gegen den eben empfangenen Kranz ver- 
tauscht, von der gedachten Frau ihm aufbewahrt 
wird. 

LH, 2. Siegspreis im Waffenlauf. So 
bezeichnen wir endlich mit Bötticher ein Gefäfsbild, 
welches an Eigenthümlichkeit agonistischer Sitte 
vielleicht alle bisher erörterten Darstellungen über- 
bietet. Es ist die Rede vom Innenbild einer Schale, 
welche im reichen Kunstbesitz des Herzogs von 
Luynes') sich befindet: Hr. BuHicher, von dessen 
neulichem Aufsatz wir ausgingen, äufsert darüber 
sich folgendermalsen : 

„Die Aufschlüsse, welche aus der Betrachtung des 
Hippodameiahikles fiir die Beleliuiing der Agonisten mit 
den Zeichen des Sieges in den grofsen Spielen sich uns 
ergeben, fiiliren weiter zu vergleichender Betrachtung 
derjenigen Bildwerke in welclien gleiche oder verwandte 
Gedanken ausgesprochen sind, um wo möglich aus allen 
vereinzelten Andeutungen diese Sitte in ihrer Ganzheit 
herstellen zu können. Ein zunächst liegendes sehr be- 
ziehungsreiches Beispiel hierfür bietet uns nun die gedachte 
-Schale des Herzogs von Lnynes im Innenbilde eines 
Agonisten dar, welcher von dein Vorsitzenden oder 
Preisrichter des Spieles mit den bereits erkiimpften Zeichen 
und Preisen ausgestattet wird. Der Richter steht hin- 
sichtlich der Geberde und dem Gewandvvurl'e in seltsamer 
Uebereinstimmung mit derselben Persönlichkeit auf dem 
Bilde Taf. LI, 1, welches bereits im Vorigeo erörtert 
ist; übereinstimmend mit diesem ist auch die Stellung 
des Agonisten, zum Richter hingeneigt und in lieiden 
Händen die Siegszweige haltend; abweichend jedoch und 
von dem gröfsesten Interesse ist, anfser den weitern Bei- 
werken, der ganz veränderte Sinn der Handlung, in welcher 
sich offenbar folgende Situation erkennen liifst. Der 
Agonist empliingt nicht erst Kranz oder Binde von deui 
PreisricJiter, sondern ist bereits im Besitze davon; er liat 
mithin die verschiedenen Stufen der Preisbelehnung durch- 
gangen und wird in diesem Augenblicke zu einem letzten 
Feierakte ausgestiittet, bei welcliem er mit allen erkämpf- 
ten Zeichen |irangend erscheinen soll. Der Preisrichter 
hat ihm den Kr:tnz nebst den Binden einstweilen auf die 
vorgestreckten Arme gelegt und ist im Begriff diese Ge- 

') Mus. Gregor. I, 22, 2. Statt rler dort gegebenen klei- 
nen Zeichnung ist liier eine grulsere Originalzeichnung im 
archäologisclien Apparat des Kgl. Museums benutzt worden. 

J Liiynes Description de quelques vases pcints pl. XLV. 



21 



23 



genslände von Iii. r nacli und nacli zu enfnelimen und sie 
dem A<i()iiistfii liestimmteii Ortes anzulegen". 

„Ist nun slIiou diese ganze Handlung neu und für 
die Cerimonie der Ausrüstung eines Agonensiegers ergän- 
zend, so ersclieint noch als wiciitigstes Stück liierliei der 
Helm, mit welcliem dessen Haupt bedeckt ist; denn ohne 
Zweifel ist dieser nicht als ein KumjiflieJm , sondern als 
ein lilofse.s Prunkstück, als der von ilem Agonisten ge- 
vtonnene Pre i s liel ui zu erkennen, indem alle andern Ge- 
genstiinde welche der im Uehrigen ganz nackte Sieger 
liesitzt, nur Ziiclien und Preise des Sieges sein können. 
Hierlür .s|iricht denn auch sowohl die ganz ungewöhn- 
liche und in I5ezug auf einen wirklichen (iehrauch für die 
hellenische Kampfesweise ganz unjiraktische Form des 
Helmes selh.sf, wie auch die Bezeichnung seiner als geweihter 
Ciegeiistand durch eine Preishin de. Es geht hieraus gleichfalls 
Iiervor, wie dieser Helm eine nähere Bezeichnung der 
vornehmsten Disciplin des Agones, njimllch eine Bezeich- 
nung des Uo]ililL'nhiufcs sei, in welchem der Agonist den 
Sieg und damit zugleich eine Binde nehst dem Wertlipreise 
errungen hat. Bekannt ist die Aussetzung von WafFen- 
stucken, ja ganzen Rüstungen als Preise, in köstlicher 
Schmuckarheit und öfter aus edlen Metallen hergestellt; 
sie erscheinen auf Vasenhildern wie aucli auf Älünzen, 
und die hier und da aufgefundenen Arniaturstücke dieser 
(ialtung, welche augensclieinlich nie zu wirklichem Ge- 
lirauche gedient hahen können, auch theilweise als Votiv- 
gaheu erkannt sind, mögen solche Preisgewinne sein die, 
ehen so wie die goldnen Kranze, der Gottheit wieder ge- 
weiht wurden. Als Seilenstück hierzu möchte beispiel- 
weise jener Sieger in dem Vasenliilde l)ei Millingen') zu 
betrachten sein, der mit dem Siegszweig in der Hand, 
der Binde um den Handknöchel und dem erkämpften 
Schilde am linken Arme, vor einem Spendealtare steht, 
auf welchem die iSike sitzend eine Lihationsschale hält; 
vielleicht ein Sieger in den Heräen zu Argos, wo neben 
dem Myrtenkranze ein Schild ') der Siegspreis war. Aus 
derselben Darstellung geht ierner hervor, dal's der Jüng- 
ling in drei Disciplinen des Agones gesiegt habe, da er 
im Besitz dreier Binden ist, von welchen die eine 
bereits den Lophos des Helmes ziert, also dem Hopliten- 
»ieger angehört, die beiden andern zwei andern Disci- 
plinen zugeliören. Diejenige dieser Binden welche der 
Preisrichter eben dem Sieger undegen will, möchte, nach 

•) MillinKcn Vases Cogliill pl. XLVII. 

') 1] l^'yfQyovg aan(i: Dissen zu Find. Nem. X, 22. 

'") Vgl. Laborde Vases Lamberg 1, PI. 39; auch auf dem 
Bilde oben Tal'. LI, Fig. I hat der Agonist mehrere Zweige 
in jeder liaml, wULrend er nur eine Binde besitzt. 



Haltung di^r Arme und Hände des Kränzenden, quer über 
.Schulter und Brust zu sitzen kommen ; die dritte der- 
selben, die noch auf den Armen des Agonisten liegt, 
wohl um den einen Arm; jedoch ist bei dieser eine Ver- 
zeichnung des Malers unzweifelhaft. Welchen Ort der 
Kranz einnehmen solle ist fraglich; um die Stirne über 
den Helm, würde er wohl zuerst gelegt worden sein; viel- 
leicht sollte er also den Hals umfangen, wie diese Weise 
der Kränzung ebenlalls Sitte war sobald schon andere 
Zeichen die Schlafe zierten. Auf Vasenbildern erscheint 
diese Art des Kranztragens als Kestschmuck. Au» 
der Zahl der, wie es scheint, aus Myrtenreis bestehenden 
Siegeszweige, je ilrei in jeder Hand des Agonisten, möchte 
schwerlich hier etwas weiteres zu folgern sein, da andre 
Darstellungen ergeben wie die Zahl der Binden nicht 
überall übereinstimmt mit der Zahl der Zweige, und oft 
in jeder Hand meiirere Zweige zu sehen sind während 
nur eine Binde die .Schläfe oder einen Arm schmückt'"). 
Dal's nur ein einziger Kranz im Ganzen, so für die ein- 
zelne Disciplin wie für mehrere Disciplinen dem Sieger 
verliehen wurde, möchte ohne Weiteres deutlich sein". 

„Was den Aufsatz angeht welcher statt des Lophos 
den Helm auszeichnet, so besteht er in einem langen 
Halse, welcher auf der Kuppel des Helmes aufsitzt, und 
Simaförmig nach vorn gebogen in einem Adlerkopfe mit 
langen Ohren endet, sehr ähnlich dem Kopfe jener Greifen- 
bildung welche den Leib eines Löwen mit dem lang- 
ohrigen Kopfe eines Adlers verbindet. Vielleicht fiiefst 
hieraus ein Aufschlul's liber die Oertlichkeit und die 
Gottheit des Kampfspieles. Aus der Inschrift, welche nur 
den Namen des Siegers mit dem gewöhnlichen KAytO^ 
enthält, geht auch weiter nichts hervor; der festliche Akt in- 
dess zu welchem der .Agonist ausgeschmückt wird, möchte 
die Festpompa bei der Siegesfeier der Epinikien sein. 
Schliefslich zeigt aber auch dieses Bildwerk auf die interes- 
sante Tbatsache hin, dals sich der Preisrichter ebenfalls hier 
dersell)eu Handlung der festlichen Ausstattung des Sieger» 
unterzieht, wie er früher die Kränzung vollzog, welche 
letztere Handlung öfters durch geflügelte Niken an seiner 
Stelle ausgeführt erscheint". E. G. 



II. 

Ueber die Memnons-Kolosse des ägyp- 
tischen Thebens. 

Auch ohne die besondre Weihe jener griechisclien 
Mythe, durch welclie die Memnons-Kolosse, fast vor 
allen andren Denkmälern Aegyptens, bei den europäischen 



23 



24 



Völkern zur BerüLintheit gelangt sind, würden doch die- 
selben, an und für sich sell)st betrachtet, immerhin zu 
dem Bedeutendsten gehören, was dereinst die Kunst 
jenes Landes geleistet und l>is auf unsre Zeiten vererbt 
hat. — Freilich erscheinen sie dem jetzigen Beschauer, 
aus der Niihe betrachtet, nur noch als unförmliche ver- 
stümmelte Steinmassen, aber dennoch iiben sie, theils durch 
die Isolirtheit ihrer Stellung, theils durch die Riesen- 
baftigkeit ihrer Dimensionen, in ihrer 'i'otalwirkung einen 
Reiz, der in dem groi'seo Umkreise des alten Thebeu's 
unser Auge mit immer gleichem lebendigen Interesse 
darauf ruhen lafst. Was der Sphinx -Kolofs auf dem 
Todteufelde von INlemphis, das sind die Memoons-Kolosse 
in der Nekropolis des neuen Reiches. Hier wie dort 
scheinbar ohne Verbindung mit einem grüfseren Bau- 
werke, sei es Tempel oder Pyramide, möchte man beide 
Denkmäler gevrissermafsen als die vorgeschobenen Wächter 
jener alten Friedhöfe betrachten; Wiichter, von denen 
der eine Jahrtausende hindurch mit dem andrangenden 
Sande der Wüste, die andren mit dem anwachsenden 
Schlamme des Nilstrom's zu kämpfen haben. Aber die 
Isolirtheit dieser Monumente ist in der That nur eine 
scheinbare. Beide beziehen sich ohne Zweifel auf da- 
hinter liegende Bauwerke und stehen mit ihnen in einem 
innigen Zusammenhange. Denn es ist kein Beispiel vor- 
handen, dafs die alten Aegypter, wie nachmals die Griechen 
und Römer, die Sculptur um ihrer selbst willen aus- 
übten und vereinzelte Statuen auf freien Platzen dem 
Anschaun der Menge darboten. In gewissem Sinne gab 
es bei ihnen nur eine Kunst, und zwar die der Arclü- 
tehtur, an welche sich Bildhauerei und Malerei stets nur 
in dekorativer Weise anschlössen. Daher die Strenge 
und Gemessenheit der Formen in letzteren, wohl berechnet, 
mit den einfachen architektonischen Linien ihrer Bau- 
werke in harmonische Wirkung zu treten und sich ihnen 
unterzuordnen, nicht aber, um ein selbständiges Ganzes 
für sich zu bilden. 

So finden wir denn die kolossalen Statuen ägyp- 
tischer Herrscher ohne Ausnahme, sei es in mittelbarer, 
oder, wie gewöhnlich, in unmittelbarer Verbindung mit 
Tempel-Anlagen geordnet. Zu Seiten des Haupteinganges 
vor den mächtigen Anl'sen-Pylonen oder auch in den un- 
bedeckten Vorhöfen der 'i"emptl sehen wir sie an den 
Thürpfosten aufgerichtet und zwar so, dafs ihr .Antlitz 
dem Kommenden entgegen gewendet ist; er schreitet 
dicht an ihnen vorüber oder zwischen ihnen hindurch, 
wenn er sich in das innere Heiligthum begiebt. Nur 
zwei Beispiele sind in der ägyptischen Architektur aufzu- 



weisen, wo die Stellung von Kolossen eine unal)hängige 
zu sein scheint, nämlich bei dem Tempel von Sebua in 
Nubien und in dem Vorhof des luwenköpfigen Isistempels 
zu Karnak, In dem ersteren Falle aber bilden sie den 
Abschlufs einer von dem Tempel nach dem Flusse zu 
führenden Sphinxallee, und in dem andern Falle, wo 
die Distanz bedeutend geringer ist, hat höchst wahr- 
scheinlich eine ähnliche Verbindung durch die Isisstatuen 
oder durch jetzt verschwundene Sphinxe bestanden, so 
dals hier wie dort die Kolosse gewissermafsen das vor- 
derste Tempelportal darstellen und ihre Anordnung von 
der ganzen Anlage untrennbar ist. Eine gleiche Bewand- 
nifs hatte es unzweifelhaft mit den Memnoos-Kolossen. 
Trotz ihrer jetzt völlig vereinsamten Stellung mitten im 
fruchtbaren Nilthale weisen die in der Axe hinter ihnen 
gelegenen üeberbleibsel eines Tempels Amenophis III auf 
eine Verbindung mit denselben hin; aber ilire Entfernung, 
welche wenigstens 1000 Ful's beträgt, ist so grofs, dafs 
die Annahme unmöglich wird, als könnten sie, wie die 
Kolosse des Tempels von Luxor vor den Haupt-Pylonen, 
und noch viel weniger, wie der berühmte Kolofs Ramses 
des Grofsen , iu einem Vorhofe des Tempels selbst ge- 
standen lialien. Ueberdiel's bilden die sogenannten Mem- 
noiiia der Thebaischen Todtenstadt immer nur Tempel- 
anlagen mäfsiger Gröfse, da sie, stets nur von einem 
Herrscher erbaut, nicht zu der gewaltigen Ausdehnung 
der eigentlichen Volkstempel anzuwachsen vermochten. 
Hiezu kommt noch eine andere Betrachtung, welche die 
unmittelbare Verbindung der Kolosse mit ihrem Tempel 
unwahrscheinlich macht. Vergleichen wir die Stellung 
der langen Reihe von Tempelanlagen anf der westlichen 
Flufsseite in Theben, so finden wir sie in einem grofseo 
Bogen entlang dem grünen Thale, aber auf dem festen 
Grunde der felsigen Wüste erl)aut. Der Tempel Ameno- 
phis III, obwohl am meisten in die El)ne vorgerückt, 
welche heutzutage weiter denn ehemals um sich gegriffen, 
hat ohne Frage dieselbe (Gründung; denn seine letzten 
Reste, ein Theil des mittleren bedeckten Säulensaales, 
liegt so nahe dem Wüstenrande, dafs noch jetzt die hin- 
zugefügte Ergänzung der hinteren Tempelparthie den- 
selben fast berühren würde. Bei einer Hinwegräumuns 
von 7 Ful's hohen Nilschlamin, welchen die Jahrhunderte 
über dem Thalboden aufgehäuft haben, miil'ste unfehlbar 
der h'els zu Tage treten. Nun ist es aber bei einem in 
der Baukunst erfahrenen Volke, wie die Aegypter es 
waren, nicht denkbar, dafs der eine Theil des in Rede 
stehenden Tempels auf dem Felsboden und der andre 
auf dem unsichren Grunde der Nilerde gebaut sein sollte; 



25 



26 



lind docli inüfste dies der Fall sein, wenn seine Vorhöfe 
und Mauern liis an die Kolosse gereicht hatten. Wir 
haben uns also auch hier, wie bei jenen vorerwähnten 
Beispielen, eine Verbindung derselben mit ilirein Tempel 
durcli eine doppelte Spliinxreihe oder etwas dem Aehn- 
liches vorzustellen, und daher erklärt sich die aufi'allende 
Isolirung dieses Denkmals, was in seiner nächsten Um- 
gebung aucli nicht die leisesten Spuren eines Bauwerks 
aufzuweisen vermag. Es bleibt nur bemerkenswerlli, dal's 
gegen die sonstige Gewohrdieit anstatt der stehenden 
hier sitzende Kolosse angewendet worden sind, und zwar 
Kolosse von einer Gröise, wie sie in ganz Aegyptenland 
kaum zum zweitenmale gefunden werden. Wenn wir von 
den allerdings in riesigeren Verliältnissen ausgeführten, 
aber in den natürlichen Kels gehauenen Statuen des 
Tempels von Abusimbel absehen, so existirt nur eine 
einzige, bei der es zweifelhaft bleibt, ol) sie um ein Ge- 
ringes kleiner oder gröfser als jene gewesen; es ist diefs 
die sogenannte Statue des Osiuiandyas in dem Raniesseura 
zu Gurna; aber sie liegt von ihrem Fufsgestell lieral)- 
gerissen in 'I'rümmer zerstückelt am Boden und eine ge- 
naue Ermittelung ihrer Dimensionen ist nicht mehr mög- 
lich. Die Maafse ihres Sockels erreichen nicht ganz 
diejenigen bei den lAIeinnons -Kolossen, und so möchte 
aucli ihre dereiustige Höhe von letzteren übertrotfen 
werden. Bleiben wir bei diesen stehen, so ist noch jetzt 
ersichtlich, dafs in alten Zeiten, die Sockel sowohl als 
die Statuen sell)st, Jegliches aus einem einzigen Stein- 
blocke gearbeitet war, und nur der eigentliche Memtions- 
Kolofs später zum Theil aus kleineren Stücken zusam- 
mengebaut wurde. Betrachten wir aber ihre ursprüng- 
lichen Abmessungen näher, so ergiebt sich für jedes der 
Postamente eine Länge von 33'/^ Fufs, eine Breite von 
17 Fufs und eine Höhe von 13 Fufs, was einen kör])er- 
lichen Inhalt von beinahe 7404 Cblufs ausmacht. Danach 
beträgt die ganze Schwere eines Unterblockes nicht 
weniger als 11106 Centner. Eine solche ungeheure Last 
aber überschreitet so sehr alle bewegbaren Massen der 
Jetztzeit, dafs in der That die Aufrichtung eines einzigen 
derartigen Kolosses den 7 Wunderwerken hinzugezählt 
werden könnte. We';u die Franzosen zu der Fortschaf- 
fung und Aufstellung eines Ohclislen alle erdenklichen 
Mittel unsres Jahrhumlerts anwenden mufsten, und sich 
des glücklich volilirachten Werkes rühmten, so müssen 
wir bedenken, dafs die Schwere auch des gröfslen Obe- 
lisken nur zu der Hälfte der Schwere eines dieser Posta- 
mente hinanreicht. — Und noch bedeutender stellt sich 
das Gewicht der Statue selber heraus, deren Höhe nach 



unsren Messungen 45' . Fufs sitzend (beiläufig etwa 54 Fufs 
stehend) beträgt. Sie enthalten jede nach einem unge- 
fähren, und no( hiniiglichst gering gehaltenen Ueberschlage 
einen Inhalt von 8898Cbfufs, was eine Schwere von mehr 
denn 13300 Centner ergeben würde. Der 'l'ransport 
dieser Massen bleibt um so wunderbarer, als dieselben in 
weiter Entfernung von ihrem Standort, wahrscheinlich 
aus den Katarakten von Syene, auf SchilTen hei!)eigeholt, 
scheinliar lange Strecken über den weichen Nilerdboden 
fortbewegt und endlich auf einen 12 Fufs hohen Unter- 
bau hinaufgeschallt werden mufsten. Wenn wir den 
Schwierigkeiten, welche bei diesen Operationen obwalteten, 
näher nachdenken, so kommen wir auf die Vermuthung, 
dafs der Nilstrom selber entweder in jener Zeit seinen 
Lauf viel näher als jetzt an der westlichen Seite gehabt 
habe, oder dafs die Annäherung der Massen mittelst eines 
künstlichen Canales l)ei Hochwasser bis zu dem Stand- 
orte der Kolosse bewirkt worden sei. Das gewallige, 
jetzt nur in seiner Umwallung noch erkennbare Becken 
des heiligen Sees bei Gurna, was sich unweit des Ameno- 
phis-Tempels ausdehnt und wahrscheinlich mit dem Strome 
in Verbindung stand, mufste dabei von wesentlichem 
Nutzen sein. Von hier aus wurden die Blöcke auf dem 
Felsgrunde der Wüste entladen , und dann auf dem ab- 
wärts geneigten 'l'errain derselben in die Ebne vorge- 
schoben. — Wenn aber auf eine solche Weise die Fort- 
bewegung dieser Massen erklärbar wird, so bleil)t immerhin 
doch grade die verhaltnifsmäfsig bedeutende Weite dieser 
Vorschiebung bemerkenswerlli. Sie ist Ursache, dafs die 
Kolosse, wie unsre Ausgrabungen es erwiesen, ihre Grün- 
dung nicht mehr auf Felsen, sondern auf dem Schlamm- 
boden des Nilthaies gefunden liaben. Wo sich aber 
dieser letztere ablagern konnte, bis dahin mufste auch 
die alljährliche Ueberschwemmung reichen, und w ir kommen 
demgemäfs zu der Annahme, dafs das Gebiet des Ameno- 
phis-Tempels dermaleinst gegen dieselbe durch eine Um- 
schliefsung mittelst Deichen geschützt war. Heutzutage 
finden wir den Sockel der Statuen, von ihrem mit Sand- 
steinplattcn umlegten Fiifsboden ab, 7 Fufs hoch mit dem 
allmählich wachsenden Boden umhüllt und die Zeichen 
der höchsten Kiuth niarkiren sich etwa um 2 Fufs höher. 
Nehmen wir an, dal's die Zerstörung jener Umwallung 
und mithin der Verfall des Bauwerkes etwa in) dritten 
Jahrhundert unserer Zeiliechnung statt gefunden hätte, 
also etwa 1600 Jahre erforderlich waren um den Erd- 
boden bis zu dieser Höhe anwachsen zu lassen, so er- 
giebt sich das interessante Resultat einer alljährlichen 
Verschlammung Aegyptens von Vs Linien Dicke. Freilich 



27 



28 



ist mir wohl bewufst, dafs dieses Resultat nur ein an- 
nälierodes genannt werden kann, denn schon eine stärkere 
oder geringere Strömung wird ein verschiedenes Maal's 
der Sclilamm-Alisonderiing bedingen; aher selbst annähernd 
ist ein solches in seinen Consequenzen von der äulsersten 
Wichtigkeit für die ganze Cnltur und Geschichte dieses 
Landes. ■ — Wenn die Franzosen bei einer Untersuchung 
der Mächtigkeit der ISilerde im Delta deren grtifste 'l'iefe 
etwa in 30 bis 36 Kuls landen, quer durch das Nilthal 
in Mittel-Aegypten al)er nur in etwa 18 Ful's, so würden 
jene 36 Fufs auf einen Zeitraum von öOOO Jahren, die 
18 Fufs aber auf 4000 Jahre hindeuten, seit welchen 
Zeitpunkten erst begonnen werden konnte, das Land 
urbar zu machen. Es ist danach höchst wahrscheinlich, 
dafs die erste Gründung der meisten Städte, selbst des 
alten Memphis nicht ausgenommen, auf der festen stei- 
nigen Thalebne geschah und erst die allmähliche An- 
häufung des Erdbodens sie inselartig umschlol's. — Auf 
eine solche Weise aber schiebt »ich von selbst die Urge- 
schichte Aegyptens in die INiederungen des Delta zurück; 
die Fläche des bebaubaren Landes war hier sicherlich 
am gröfsten, ja, es mufs angenommen werden, dafs ganz 
Ober-Aegypten damals unfruchtbarer war als ISubien, 
worin sich , durch die Katarakte von Assuan gehemmt, 
die noch heut sichtbaren um 23 Fufs höheren Nilschlamm- 
AblagerungeD bilden konnten, während die schon halb 
geklärten Fluthen erst bei ihrem matteren Laufe in Uiiter- 
Aegypten dem fernen Delta zu gute kamen. 

Kehren wir aber nach dieser Abschweifung wieder- 
um zu unsren Kolossen zurück, so darf die Mythe, welche 
sich an di-n einen von ihnen knüpfte, nicht gänzlich un- 
erwähnt bleiben. Es ist jetzt keinem Bedenken mehr 
unterworfen, dafs die Töne, welche die aufgehende Sonne 
ihm entlockte, durch die gewaltsame und plötzliciie Aus- 
dehnung des in der Nacht erkalteten Steines hervorge- 
bracht wurden, die zuerst in 1000 feineren Rissen, nach 
und nach aber in immer bedeutenderen Zerklüftungen 
sich kund gab. Wäre das Material, was in einem kiesel- 
artigen dunkelbraunen Quarz - Porphyr besteht, weniger 
hart, oder auch, wie der Granit, aus heterogenen zum 
Theil weicheren Steinarten zusammengesetzt gewesen, so 
wurde eine solche Zertriimuierung, wie sie hier statt ge- 
funden, nicht gescliehen sein. Aber grade die ungemeine 
Dichtigkeit des Steins brachte auch den schärferen und 
helleren Klang hervor, der in späteren Zeiten die Auf- 
merksamkeit der Menschen dauernd auf ihn hinlenkte. 
Dafs derseli)e, wenn auch zuerst in geringerem Mal'se, 
doch ^chon seit der Aufstellung des Monumentes gehört 



werden konnte, kann nicht bezvreifelt werden; aber die 
Aegypter selbst, an diese Erscheinung, die noch heutzu- 
tage jeder Reisende ihres Landes in ülierraschender Weise 
unzählig oft beobachten kann, gewöhnt, achteten nicht 
dara'if oder vernahmen ihn gar nicht; und erst als hei 
dem Verfall des Reiches der Besuch Aegyptens seiner 
Wunderwerke wegen häufiger geschah, als das Empor- 
klettern und Besteigen iles Kolosses, wie jetzt das Be- 
steigen der Pyiamiden, für Jeglichen eine Art von Noth- 
wendigkeit war, um in der Heimath davon erzählen zu 
können, da kuüpite die Poesie der Griechen die alte 
Sage des Memnon an diese zerspringende Bildsäule, nicht 
ahnend , dafs dieselbe mit diesen Schmerzenslauten viel 
weniger den Aufgang der Sonne begrüfste, als ihre eigne 
Vernichtung beklagte. Dazukam, dafs die feinen Sprünge, 
welche anfänglich nur die Oberhaut der ungeheuren 
Steinmasse geritzt hatten, sich je länger je mehr, durch 
die immer wiederholte Ausdeliiuing und Zusammenziehung 
des Materials tiefer und tiefer erstreckten, und so immer 
seltsamer aus dem Innern der Statue hervorzugehen 
schienen. Dafs aber nur der eine der beiden Kolosse in 
dieser Hinsicht zur Berühmtheit gelangt ist, das mufs 
seinen Grund wesentlich in einer mangelhaften Auflage- 
rung auf seinem Postamente gehabt haben. Mit je wenige- 
ren Punkten die Berührung eines Steins mit einem andren 
Körper statt hat, um so leichter wird er zerspringen, 
einen um so helleren Klang wird er von sich geben. Ein 
solches Verhältnil's mufs Ijei der Memuons- Statue vor- 
ausgesetzt werden. War ihre untere Fläche vielleicht 
hohl gearbeitet, so ruhte sie nur mit den Aufsenkanten 
auf ihrem Unterbau und bildete so noch gewissermafseo 
einen Resonanzboden, der die Töne verstärken und an- 
haltender machen mufste. — Mit der Restaurirung der 
unteren Hälfte des Postamentes wie des oberen Theils 
der Statue selber hörte natürlich das Klingen auf, weil 
die Isolirung der Masse aufhörte; aber auch ohne dies 
würde es seine Endschaft erreicht haben, sobald den 
einzelnen Stein-Theilchen so viel Zwischenräume gegebeu 
waren, als sie zu ihrer doch immer in bestimmte Gren- 
zen eingeschlossenen Ausdehnung nöthig hatten. 

Der jetzige Arjblick dieser Kolosse gewährt durch 
ihre einsame Lage mitten in der weiten grünen Ebne de» 
Nilthals oder in dem glänzenden Spiegel des Ueher- 
schwemmungswassers einen ganz eigentliümlichen Reiz. 
Mit dem Antlitze hingewendet auf die Trümmer ihrer 
einst so gewaltigen Herrscher-Stadt haben ihre starren 
Augen die manuichfachen Wechsel von Jahrtausenden an 
sich vorübergehen sehen, scheinbar ohne davon berührt 



29 

zu werden, llire Scliinerzenslaute liaben mit dem Unter- 
gang ihres ei);nen Volkes aiilgeliört, und in traurigem 
Schweigen erwarten sie jeden neuen Aufgang des Tages- 
"estirns. Aber wenn wir niilier treten, und ihre i'ast un- 
kenntlichen, verwitterten (iestalten hetracliten, auf dein 
unsicher« Grunde gegeneinander gebeugt, von unzaldigen 
Kissen durchfurcht und zerklüftet, so fühlen wir, dafs die 
Jalirtausende auch sie gealtert haben, und die Throne, 
auf denen sie sitzen waukend geworden sind. Bald er- 
reicht die wachsende [''luth die Sohlen ihrer Kül'se und 
der gewaltige Unterbau ist in dein Sclilamine des Stromes 
begraben. Und dennoch werden, wenn nicht irgend eine 
iiufsere Gewalt sie in den Staub wirft, noch mehr denn 
UOOO Jalire vergeben, ehe der Pllug des Landmanns 
über ihre Scheitel hinwegfiihrt, und der uralten Mythe 
vom Aleiunon das siciitbare Zeugnifs genommen ist. 

G. Ekbkam. 



III. 

Assyrisches aus Griechenland ''''X 

Befragen wir ül)er Poseidons Ursprung nicht den 
spktlebenden llerodot, sondern die älteste uns erhaltene 
Dichtung des Homer, der nach Herodot's eigener Aussage 
nebst Hesiod das Güttergescblecht der Griechen schuf; 
so geliört Poseidon zu den Göttern, welche die Griechen 
schon in der ältesten Zeit als einen Bruder des Zeus 
und Aides verelirten. Aus Jonien, in der Mitte von Hellas, 
verbreitete sich sein Cult in die nördlichen und südlichen 
(hegenden. Auf das Fest Punionia, wovon Herodot 1, 
148 schreibt, spielt Homer 11. XX, 404 sogar in einer 
Vergleichuug an. Aber die Jonier erhielten alle ihre 
Götter aus dem Morgenlande, von wo auch der Cult des 
Poseidon durch die Phöniker nach Libyen kam, mit welchem 
Griechenland auf keine Weise verkehrte. Drei heroisirte 
Sonnengötter, die ein babylonischer Cylinder No. 132 bei 
A. CuUiraore mit der Mondgöttin zusammenstellt, und 
spatere CJriecheu mit Poseidon in Verbiinliing bringen, 
bezeichnen die Limder, iiber welche der Cult des Poseidon 
aus Assyrien zu den (kriechen in Kleinasien kam. Auf 
jenem Cylinder begrüfst ein Babyloiiier den (lOtt der 
aufsteigenden Sonne mit dem Schv\erte des Bei 1 e rophon 
(■-:?2 f-ian-' oder "■"31;;' Rieht. \l, 32. ein I'"or/cc/i(er 
Jes. XIX, 20, wie Jareb Hos. V, 13. X, (i), während ibiii 
der Gott der flammenden Mittagssonne mit der Geissei 

') In Fortsetzunp der in unserni Jahrgang 1^51 S. 33711'. 
von gleicher llaml, naincntlicli ancli bereits über Poseidon, 
vergünstigten brielliclien iVlittlieilungen wird dieser etwas ver- 
spätete Aufsatz bei naher luscheinung eines zweiten l^ayard"- 
schen Werkes doppelt willkoiuinen sein. E. G. 



30 



oder der Harpe des Perseus ("ililv) auf dem Flammen 
sprülieiulen Pegasus (O^Cm^S Slrcilroß) entgegen reitet, 
den nach Herodot VI, 54 die Perser selbst für einen 
Assyrier erklarten, sowie Layard das geflügelte Pferd 
sowohl als den Triton, der auf dem schönen Cylinder 
bei .Miiuter einen llülfeerHeIienden vor dem Gotte der 
Abendsonne überschwebt, auf den assyrischen Sculpturen 
fand. Auf dem vorerwiihnten babyloiüsclien Cylinder tritt 
die Mondgöttin mit der Peitsche in der linken und dem 
.Siernenlacher in der rechten Hand dem Gott der Abend- 
sonne entgegen, welche in Lykien als Artemis und Schwester 
des Apollon verehrt wurde. Da auch Bellerophon in 
Lyhien heimisch war, Perseus in der von Sanherib er- 
bauten Stadt Kilikiens Tarsus als Gott verehrt wurde, 
und Melkarth der Schutzgott von Tyriis in Phöuikieu 
war; so sind dadurch die Zwischenliinder gegeben, durch 
welche assyrisch-babylonische Götterlehre zur Kunde der 
Griechen gelangte. 

Sie fanden es neulich bemerkenswertli , dafs unter 
den assyrischen Flügelgestalten keine Spur der geliügelten 
Artemis vorkömmt, die, Löwen an den Schwäuzeu 
haltend , seit dem Kasten des Kypselos bis in römische 
Zeit ein dem Orient so befreundetes typisches Bild nnd 
unverkennbar orientalischen Ursprungs sei. Ich habe 
aber in meiner Abhandlung die Vermuthuog aufgestellt, 
dafs die zwei weiblichen Figuren mit vier Flügeln, welche 
über dem Abzugskanale am Ende des langen Ganges im 
östlichen Flügel des Nordwestpalastes zu Nimrud, welche 
gehörnte Kopfbedeckungen haben und Blumengewinde 
in den Händen tragen, dieselben Mondgöttinnen seien, 
welche die Thüren des Harems und des Haupteinganges 
des Thronsaales zieren mochten. Von meinem Freunde 
in London habe ich neulich ein schönes Werk, ,, Aedes 
Hartwelliana" vom Captain Smyih, erhalten, worin ich 
die Nachricht lese, dals Layard in der grofsen Pyramide, 
in welcher ich «las Harem vermutliete, wollin der letzte 
assyrische König alle Kostbarkeiten des Nordwestpalastes 
vor dessen Verschüttung bringen liefs, das Grab des 
Sardanapalus mit dessen Statue und ein gewölbtes Zimmer 
vom Boden bis zur Decke mit Platten, Cylindern und 
Inschriften augefüllt gefunden habe. Hierdurch holf'e ich 
mehr Ijelehrung üiier den von mir beschriebenen Palast 
zu erhalten: denn ich vermuthe, dafs auch der Thron 
und die Kostbarkeilen, von welchen Layard nicht eher 
eine niihere Nacliricht geben wollte, als bis sie in London 
glücklich unter Dach gebracht seien, in dieser Pyramide 
gefunden worden. In den Ruinen des Südwestpalastes 
zu Nimrud fand Layard das unter Fig. 81. Vol. 11 pag. 451 



31 

allgebildete Basrelief mit den Götterhildern, die er nicht 
ohne Grund mit den Gottheiten im grofsen Tempel zu 
Bal)ylon, dem Bei oder Zens, der Hera und Rliea (^^"1), 
wie sie Diodor nennt, vergleicht, in welchen ich aiicli 
ein Vorbild zu den capitolinisclien (iotllieiten in Rom 
finde. Diodor hesclireiht aher die Rliea auf einem gold- 
nen Stuhle sitzend , welche an den Seiten ihrer Kniee 
zwei Löwen und neben sich zwei silberne Schhingen hatte. 
Hera stand aufrecht, in der liuken Hand ein mit Edel- 
steinen besetztes Scepter haltend , wie die in Fig. 82. 
pag. 456 abgebildete Hera von l'terion , die zwar einen 
Stall mit der .Mondsicbel in der Rechten tragt, aber sonst 
der in Fig. 23. pag. 217. abgebildeten Giittin gleicht. 

Geflügelte Sonnenjungfrauen neben ruhenden Ga- 
zellen enthalt ein lialiylonischer Cylinder aus der Zeit 
der babylonischen VVelllienschalt bei A. Cullimore No. 7; 
aber die Mondgöttin, welche gleich der aul dem Cylinder 
bei A. Cullimore auf beiden Schultern Mondiackeln trügt, 
thront auf einem andern ("ylinder im ,,Second Memoir 
on Dabylon by Rieh" No. 10 (oder Fundgr. des Orients 
in, 3. tab. 11, Fig. U. Miinter Rel. d. Babylon. Tab. I. 
Vi'Z. 5. von Movers I, S. 407. nicht ganz richtig gedeutet), 
auf einem mit Löwen gescliiniicliten Stuhle, wahrend ihre 
Fufse auf einen Panther treten. BloCs durch ihre ge- 
hörnte Kopfbedeckung ausgezeichnet, aber von demselben 
Hunde unter der Inschrift begleitet, thront sie auf einem 
Cylinder in den Fundgr. des Orients IV, 2 Fig. 6 mit 
derselben Inschrift, welche Rawlinson in Jour. of the 
R. A. S. Vol. XII. I'ig. 461 zwar nicht richtig lieset, 
aller richtig als Bezeichnungen der Sonne und des Mondes 
deutet. Nocli einfacher, aber von der Mondsichel, wie 
von dem Hunde unter der ebenerwiihnten Inschrift, be- 
gleitet, erscheint sie in den „Oriental Cylinders by 
A. Cullimore" No. 2o; ohne den Hund, aber mit einem 
Oelkrnge auf den Knieen in No. 23; dagegen über einen 
Panther oder Luchse vorschreitend in gehörnter Kopt- 
bedecknng, mit den iMondfnckeln aul beiden Schultern, 
der Peitsclie in der Linken und drei Lichtstiiben in der 
rechten Hand zur Seite des Gottes der Aiiendsonne in 
No. 30, wo eine Zeile beide Namen dieser Gottheiten 
am deutlichsten zeigt. Das Zeichen des Sonnengottes 
ist dasselbe, welches aul No. 55 auch dem Gotte der 
IMorgensonne beigegeben ist, während die mit einer Dop- 
pelfackel über zwei Löwen stehende Mondgöttin anders 
benannt ist. In No. 57 ist blul's der (iott der Morgen- 
sonne dargestellt, obvvoiil von der Mondsichel begleitet; 
aber die Inschrift fügt seiner Bezeichnung auch die Be- 
zeichnung der Moudgötlin (vgl. TIN Dan. III, 22 ent- 
zündet) hinzu. 

Ich könnte diese Alondgöttin noch vielfacli auf lia- 
iiylonisclien Cylindern nncliweisen, aber ich mag Sie nicht 
«lainit ermüden, und kehre zu meinen Ansichten über 
Poseidon zurück. Weim dieser gleich andern Göttern 
sich liei »lern .Stier- und VViddeiopfir der Aethiopen er- 
freut Od. I, 2211. V, 282, soloigt daraus keineswegs, dals 
Libyen seine Heimatli sei, und d.il's die (kriechen, wie 
Huroilot IV, ISO meint, von den Libyern \ier Pferde zu- 
siimmenspanneii lernten, was andere richtiger dem Lri- 
chthonios zuschreüien. Erichihdii'ios , den erst Pinto in 
Critias von Erechlhciis unterschied, ist uns die verlüngerte 
Form dieses Namens, um den Poseidon deutlicher als 



32 



elneo Gott der Tiefe (^''S"l^^) zu bezeichnen. Dafs der 
Name Ercclilheus kein griechischer war, erheilet aus 
dessen verschiedener Deutung. Das Sternbild des Fuhr- 
manns spricht sich durch dessen Bildung in knieender 
Stellung, sonie durch die Ziege auf der Schulter und 
die beiden Böckchen auf dem Arme, als assyrisch aus, 
da bei den wandernden Hirten in Assyriens Ebene diese 
Art zu fahren nichts seltnes war. Bei den Phöniken wurde 
der Fulirmann zum SchitTer; daher der homerische Hymnus 
auf Poseidon sagt: 

Ehre Dirsclienkten die Götter, Du Erderschiitterer, zwiefach. 
Bündiger nnithiger Rosse zu sein und Erhalter der Schiffe. 
Jenes ist er als Bcllerophon (TIuiXul^iiiiv) , Perseus 
{'Tnntog) und assyrischer ä«r(i/.h;s (Tac. A. XII, 13j oder 
Sundes, Sundoii, Sandakos, welche Namen durch Ein- 
schaltung eines X aus TO gebildet scheinen. 

Als Erhalter der Schiffe ist Poseidon zwar ein freund- 
licher Gott; aber als Gott des befahrenen JMeeres hat er 
ein ungestümes ]Vesen im Gegensatze zum schnell, jedoch 
sanft lliel'senden Olieanos, der als Weltstrom, Himmel, 
Erde und Unterwelt in friedlicher Eintracht verbindet. 
Daher sind alle wilde und brutale Riesen seine Söhne, 
und als Erderschütterer, Stiirmerreger und Landüber- 
iiuther ist er ein gefürchleter Gott. Doch stellt ihn die 
Odyssee auch eben so versöhnlich als mächtig dar. Auf 
diese Weise liilst sich des Poseidon Wesen und Geltung 
aus den Dichtungen des Homer bestimmen , ohne dals 
man spätere Dichter zu beiragen braucht, \(ie denn auch 
der orphische Hymnus an Poseidon lauter homerische 
BearifTe enthält. Als Herrscher des Meeres heilst er in 
diesem Hymnus im Gebraus dumpirauschender Länder- 
erschütlrer, reich des Gewogs; aber lioldblickend als 
Jäger des Viergespanns. Er hatte daher bei den Assyriern 
einen mildin Charakler; verschieden davon ist aber der 
Gott des Elementes IVitsscr, welchen Die Chrysostomus 
ebeid'alls Poseidon neimt. Nach dessen Darstellung der 
Lehre, welche die persischen Alagier durch Zoroaster aus 
Assyrien erhielten, ist der Wagen des Weltalls mit vier 
Rossen bespannt, welchen er die Namen des Zens, der 
Hera, des Poseidon unil der Hestia beilegt. Sowie das 
erste geflügelte Rofs einst das vierte so erhitzte, dals 
dessen IMähnen und Schmuck verbrannten, wobei es sich 
vorn Wayen iles seitdem nur mit drei Rossen bespannter 
Wagen des Himmels losrils; so iiberschütteten zwei junge 
Füllen der !Musen und des Poseidon durch einen muth- 
willigen S|>rung das vierte Rol's mit Wasser. Hieraus 
entsprangen die Sagen von Phaelhon unfl Deukalion. Den 
mit vier Rossen bespannteji Himmelswagen, auf welchen 
ilie Göttin des .Morgenroths dem Morgenstern entgegen- 
fahrt, linden Sie nebst den vier elementarischen Göttern, 
die ich noch in andern Abbildungen nachweisen könnte, 
wenn ich nicht zum Schlüsse eilte, aufNo. 6 der ,, Oriental 
Cylinder" bei A. ('idlimore. Ich schliefse aber mein 
Schreiben mit den Worten des Agathias aus dem sechsten 
Jahrhundert: ,,ln den altern Zeiten verehrten die Perser 
den Zeus, Kronos und alle bei den Griechen besungenen 
(iölter; nur benannten sie dieselben mit andern Namen, 
wie mit lid den Zeus, mit Sandes den Herakles, mit 
Aniiitis die Aphrodite u. s. w., sowie der Babylonier 
Berosns und Andere melden, welche von den idtesten 
Lehrern der Assyrier und Meder geschrieben haben". 

G. I"'. (iROTEFEND. 



Hiezu Tafel LI. LH: Agonistische Vasenbilder verschiedener Sammlungen. 



Herausgegeben von E. Gerhard. 



Druck und Verlag von G. Reimer. 



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34 



DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 



Archäologische Zieituny, Jahryuny XI. 



M 53. 54. 



Mai und Juni 1853. 



Pelops auf Kiiiistdenkiniilern. — • Allerlei: Tiiueslanax, Kalainis' Heimes Krioplioros, Paregorius. 



I. 

Pelops auf Kunstdenkmälein*3- 

Hiezii <lie AMjiMungen Talel Llll. LIV. 

iPer IMvlhos des Pelojis') lial zwar sclion im 
Allerlimm keine dem Ruhme seiner Nachkommen 
entsprechende StelKing eingenommen; während 
dieselben aber sowohl in der epischen als in der dra- 
uialischcn Poesie fortwährend als Protagonisten 
auftreten, fehlt es doch auch keinesweges an schrift- 
licliL-n und künstlerischen Zeugnissen ihres Ruhmes. 
In den homerischen Gedichten wird i'elops gegen 
alle Erwartung nur beiläufig erwähnt, da nämlich 
wo von seinem Scepter die Rede ist, und es kann 
höchstens die ihm beigelegte Bezeichnung ttA/J- 
^mnog als Argument dazu dienen um zu ver- 
inuthen, dals auch der Kern der Pclopssage dem 
Sänger nicht unbekannt war; viel bestimmter aber 
weist die daselbst vorkommende nähere Verbin- 
dung des Pelops mit Zeus und Hermes darauf hin, 
dals das Verhältnils des Pelops zu Poseidon, dem 
Schutzpatron der Halbinsel, eine spätere Erfindung 
sei, die erst nachdem der Kultus Poseidons von 
Korinlh aus über die ganze Halbinsel sich aus- 



breitete, nach IMalsgabe der Ganymedessage aus- 
gedacht wurde. Dals dies in der That der Fall 
sei, folgt nicht nur aus der gedachten Stelle der 
Ilias, sondern auch daraus, dals der vornehmste der 
zu (Uympia verehrten Heroen^), dem die Verherr- 
lichung oder gar Gründung der olympischen Fest- 
lichkeiten zugeschrieben ward, zugleich auch der 
Schützlingdes höchsten olympischen Gottesursprüng- 
lich sein mufste, was auch in späteren Zeiten in 
regem Bewufstsein blieb ^). Wenn überdies selt- 
samer Weise die Ueberlieferung sagt, dafs die Renn- 
bahn bei diesem für die olympischen Spiele nor- 
malen Wettkampf sich von Olympia bis zum Altar 
des Poseidon am Isthmus erstreckte^), so ward wohl 
auch dies mehr als Nothbebelf ersonnen um den 
olympischen Held mit Poseidon in Verbindung zu 
setzen. Aelter jedoch als diese Verwechselung 
Zeus und Poseidons scheint die Fabel von Myrtilos 
und dessen Verrath zu sein; sie ist höchst wahr- 
scheinlich gleich beim Einbruch der Dorier in den 
Peloponnes entstanden, und zwar durch diese selbst, 
indem sie, um den Ruhm der gestürzten Herrscher 
des Landes zu schmälern, eben so gut die Sage ver- 
fälschten, wie ihr bildsamer Geist, mitunter auch 
durch bösen Willen geleitel, jede Spur der grofsen 



*) Von einem Landsmann Jes Ljilicr l'elops darjieljoten, der 
seine in Leipzig und Bfilin den Litteiatiii- und kiinstweiken 
des .\lterllinnis gewidmeten .Studien seit längerer Zeit diesem 
für ilin vaterländischen Gegenstan<l zugewandt liat, durfte 
dieser an und IVir sich uns willkommene Aufsatz ausnalinis- 
weise auf etwas mehr Raum Anspruch machen als er nach 
den liekannlen Grenzen dieser Zeitschrift sonst uns treisteht. 

.1. ((. H. 

'J Alte Hauptijuellen der Pelopssage sind find. Ol. I und 
die Schollen daselbst, Pherecjdes bei dem Schol. zu Soph. 
Electra 5j5 (hei Sturz S. 94), Diod. Sic. IV, "5, ferner Apoll. 



Rhod. (vgl. .Soliol.) I, 7')2, Pausanias vornehmlich V, 10, 5. 17, 
7. Die Deschreihung dreier Dilder hei Pliiloslratus sen. imagg. I, 
17, 30. jun. 9. Hygin. fah. S4. Schol. Kur. Orest. 99L Tzetz. 
zu Ljcophr. 156 ff. Vgl. lioeckh expl. PinJ. Ol. 1. Jacohs und 
Welcker zu Philostr. und Weicker gr. Tragg. Klausen hajl. 
Encycloii. III, II. .S. 97 f. [Kin Posthumum ilesselhen über 
Pelops im Philologus 7, 49.i If.] üeher den Ort der Entstehung 
der Pelopidensage Curtius Zeitschr. f. A\V. 1S52 Heft 1 unil 
Peloponn. II, 5-39 Anm. 6. O. IMüller's .\rchäol. .S. 70j. Anui. 4. 

") Curtius Peloponnesos I, 63 If. II, 346. 

') Hom. II. 13, 103 if. *) Paus. V, 13, 1. 



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36 



Kultur, in welche die aus dem goldreichen Lydien 
übslamnienden Herrscher das Land erhoben hatten ^), 
bis auf die wenigen noch heutzutage bewunderten 
Ueberreste jener Urzeit aus der Halbinsel vertilgten. 
Somit nahm iMyrlilos, wie sich nachweisen lüfst, in 
ganz ähnhchem Verhältnifs die Stelle des Hermes 
ein wie der RIeergott Poseidon die Stelle des Zeus. 
Die so veränderte Sage erhielt ihre durchgrei- 
fende poetische Darstellung im hesiodischen Ge- 
dicht der Eöen, und obwohl die späteren Dichter 
der dort gegebenen Darstellung nicht unbedingt 
folgten °), so blieben doch zumal die Tragiker der 
so umgestalteten Fassung des Mythos im Ganzen 
treu, wie man aus den wenigen Fragmenten der 
sophokleischen Tragödie Olvö^aog und der des 
liümers Atlius schliefsen kann'j. Im Gegensalz aber 
zu dieser Armulli schriftlicher Zeugnisse über die 
Pelopssage haben die Kunsldenkmäler manchen be- 
deutsamen Zug uns aufbewahrt, der eine genauere 
Betrachtung derselben auch nach den mancherlei 
neueren Arbeiten gleichen Bezuges noch immer 
wünsciienswerth macht. Eine solche Betrachtung 
denken wir hienächst für alle bisher bekannt ge- 
wordene Kunstdarslellungen dieses Sagenkreises 
nach einer durch dessen Momente gegebenen Rei- 
henfolge zu crüiTnen, und glauben, dafs dadurch 
auch den zu nächster Erklärung hier dargebotenen 
Abbildungen mehr als es bei abgerissener Behand- 
lung der Fall sein könnte ihr Recht werden wird ■*). 

A. Die liäufige ErvriiliauDg des Verhältnisses, in 
welcliem der lydisclie Pelops, Königs Tantalos Solin, 
von Poseidon begünstigt ward wie Gaujiuedes von 
Zeus, liifst uns vennutiien, dal's aucli die bildende Kunst 
den Poseidon mit seinem geliebten Knaben oder Jüng- 
ling in geJiilligen Scenen, vrie solcties der Fall mit 
Zeus und Ganyuiedes ist, behandelt halte'). 

1. Eine solche Scene wird uns auf einem im Museum 
zu Berlin '") beflndlichen Krater von spaterer Zeicli- 
tMing vorgeliihrt. Der am von ihm gehaltenen Dreizack 



leicht kenntliche Meeresgott schaut sitzend aus der Hühe 
auf eine anmuthvolle Scene herab, wo ein Knabe der 
Verfolgung eines soeben aus seiner Behausung heraus- 
getretenen Schwanes entgehen will, wiihrend der alte 
Pädagog mit seinem krummen Stocke das lüsterne Thier 
al)zuweliren sich bestrebt. Dafs hier ein Liebesver- 
hiiltnifs zwischen dem göttlichen Zuscliauer und dem 
schönen Knaben im Spiele ist, bezeugt nicht nur der 
erotische Schwan, sondern auch die Anwesenheit Apliro- 
ditens und eines Liebesgottes, welche mit Hermes zu- 
sammen als Zuschauer dargestellt sind, und zwar ist der 
letztere, auch nach Mafsgabe seiner niedrigeren Stellung, 
vielleicht bestimmt den Jüngling zum Olymp abzuführen. 
Dabei wird man zunächst an die Liebe Poseidons zu 
Pelnjis erinnert, und obwohl Gerhard, welchem dies 
nicht entgehen konnte, durch ein Vasenfragment, welches 
bei einem Schwanenhalse die Inschrift FANVMH^HS 
aufbewahrt hat, sich veranlafst sah eine Gestalt der Sage 
vorauszusetzen, die auch den Poseidon zum Liebhaber 
Ganymeds gemacht hätte, so bleibt man im .'allgemeinen 
doch geneigt statt solcher Annahme verlorener Mythen 
allenfalls einen IMifsgriff des Künstlers vorauszusetzen. 
Hiezu gesellt billigerweise jedoch sich die Erwägung, 
dafs im Allgemeinen die alte Kunst von aller fabrik- 
mäfsigen .Arbeit frei ist, daher man mit Sicherheit wohl 
nicht berechtigt ist aus einem Fragment auf eine sonstige 
ganz äliuliclie Wiederholung desselben Kunstwerks zu 
schliefsen. Dafs bei der Ausführung zwei einander so 
sehr ähnlicher Sagen die Auilassuog der einen auf die 
der andern einwirkte, kann nichtsdestoweniger einge- 
räumt werden. 

2. Wahrscheinlich durch eines der Mittelbilder der 
im Museum zu Neapel befindlichen grofsen Amplwra aus 
Ruvo, welche den Wettkampf des Pelops und Oenomaos 
vorstellt, ist Otto Jahn zu der treffenden Beinerkung ge- 
langt, dafs der in einem der Obenbilder desselben Ge- 
fäfses vor dem sitzenden Poseidon stellende Jüngling, 
welcher nackt das Himation um die Arme geschlagen hat 
und mit der Linken einen grofsen Blumenstengel hält, 
während er mit der Rechten den Kranz sich auf das 
Haupt setzt, PcJops sei, welcher, von Po.stiJon liebevoll 
angeblickt, das Gegenbild zu der am anderen Ende der- 



■') Ziv; fi iy.i'diat IW.onl y tnctvov iaitiov. Epicharm. 
bei Athen. VII [, S. 338. 

'■) Scliol. A[iQllon. I, 752 u. a. iii. 

") Paus. VI, 21, 10. V, 1, 0. In den Kyprien mufs auch 
oft von Pelops die Rede gewesen sein. Fragin. bei Dünzer 
XI, 6. 



■*) Vgl. Welckergr. Tragg. I, 352—7. Die Fragmente der 
gleichnamigen euripiileischen Tragödien enthalten nichts, was 
die Saclie angeht. Weicker II, S. 274. 

') Find. Ol. I, 42 fr. Boeckb. explic. daselbst. Weicker 
Philoftr. S. 359, s. auch unten. 

'") Er gehört dem Museum zu Berlin, s. Gerhard's neu- 



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38 



sellteu Ktilic- anf;el)racliten itlinliclitii Gnipije des Zeus 
und Ganymciles bildet''). 

3. I'iir ein durch Rouhz bekannt geroaclites Ge- 
f'äfsMid ist eine iiliiiliche Darstellung des Pelops mit 
wenijicr Grund vorausgesetzt worden. Zwar dal's Po- 
seidon dort dargestellt sei liahen K. Fr. Ilerinaiin und 
Walz mit Recht eingesehen; dal's aber die Stellung der 
l>eideu Personen gegen einander auf das eigentliclie 
Liehesveriiältnifs, statt auf ein ungleich entfernteres, hin- 
weise, ist nicht einleuchtend''); auch würde jener Deu- 
tung zufolge Pelops hier zum erstenmal in griechischer 
Riistung vorgekommen sein. Es scheint somit riith- 
licher statt eines versteckteren Mythos in jenem Bilde 
den Tlwscus zu erkennen, welclier vor seinem göttlichen 
Vater und 13escliiitzer stände "). 

ü. Dersellie von den Giittern begünstigte Pelops 
ward aber, so scheint es Pindar ") zu meinen, wegen 
des Uebermuths seines Vaters wieder unter die Sterb- 
lichen heraligesandt, erscheint in der nachgehend von 
ihm benannten Halbinsel, namentlich zu Olympia, und 
tritt dort als Freier der Königstochter des Oenomaos, 
Htppoiliimciu, auf. Seine durch Göttergunst begründete 
Erscheinung in fremdem Land ist der spateren des Paris 
in Sparta zu vergleichen, und macht es weniger für uns 
befremdlich auf einer Anzahl bildlicher Monumente i)eide 
Heroen kaum unterscheiden zu können. Namentlich ist 
dies bei dem zunächst zu betrachtenden Geiäl'sbild der 
Fall, welches auf unsrer Tafel LIII uns vorliegt. 

4. (Tafel LIII). Dieses noch unedirte, im Kunst- 
liandel Neapels vorlängst gezeichnete ' '), Bilil einer mit Vo- 
luten und anderen Verzierungen ausgestatteten Amphora 
zeigt uns vor Allem jene verwandte Auffassung beider 
Sagen, und es väre dabei ohne die Anwesenheit des Zeus 
und Hermes schwer gewesen zwischen Paris und Pelo[)s 
zu unterscheiden, zumal wenn man das Rückbild be- 
trachtet"); jedoch nicht nur Zeus, sondern auch das 
Weib mit dem Fächer, welches noch in vielen andern 



Pelojis- Darstellungen in ähnlicher Haltung vorkommt, 
kann als Argument für unsere Deutung dienen. — Den 
Mittelpunkt der Vorstellung nimmt eine auf prächtigem 
Thron sitzende weil)liche Figur ein, die mau als liippo- 
ddmeia nicht verkennen kann, und deren Haupt nach vorn 
ein Stirnscliinuck ziert, während der nach hinten herab- 
wallende faltenälirdiche I'eplos jjarallel mit ihren zier- 
lichen Locken läult und den Händen freie liewegunfj 
gestattet; indem ein langer ionischer Chiton ihren Leib 
und Schuhe die Füfse bekleiden, schützt das Gesicht vor 
der Sonnenhitze ein frei stehender Schirm, welcher nur 
aus Nachlässigkeit der Zeichnung nicht durch die Hand 
der hinter ihr stehenden Frau gehalten wird. Ihre 
an den vor ihr achtungsvoll stehenden Asiaten gerichtete 
Rede begleitet sie mit Bewegung der hingestreckten und 
mit Armbandern geschmückten, jedoch verzeichneten, 
rechten Hand. Pelops, durch die phrygische Kopfbe- 
deckung, den gestickten umgegürteten und mit langen 
Aermelu versehenen Chiton, wie durch die Beinkleider 
und .Schuhe kenntlich, ist eben in Begleitung eines Reise- 
gefiihrten in der Fremde angelangt und stellt sich der 
vielberühmten Königstochter vor, während er sich mit 
der liidien Hand auf zwei Lanzen und mit der rechten 
Achsel auf einen langen knotigen Wanderstab stützt, 
und aufmerksam die Vorschläge der Hippodameia zui 
üeberwältigung des Vaters anhört''). Der liinter Hippo- 
dameia stehenden weiblichen Figur vornehme .Haltung, 
welche durch das langgelockte Haar, das Halsl)and, den 
langen faltenreichen Chiton, wie das um die Arme ge- 
scldagene Obergewand mit dem in der linken Hand ge- 
haltenen Fächer, f)ezeugt wird, verbietet es uns dieselbe 
eher für eine untergeordnete Person anzunehmen als 
für die Mutter, Sterope, die hier halb erschrocken und 
halb billigend den verabredeten Untergang ihres Mannes 
anhört und sonst auch in die Darstellungen gleichen 
Gegenstands aufgenommen war"*). In der oberen Reihe 
sitzt über Pelops ein anderer junger Asiat, dessen Tracht 



erworbene Denkiiiiiler no. 1946. Trinksclialen und Gefafse 
Tat. \\n. Derselbe erklärt es für Pelops: arcliiiol. Zeitung 
184b S. 2ä2. 

") Monuin. il. Inst. II, tav. 31. O. Jahn, archäol. Beitr, 
S. 133. — Zwischen diesen zwei Gruppen ist der Aufgang 
des Helios dargestellt, welcher von der Seite des Zeus auf- 
gegangen nach dem Gotte des Meeres bin seine Rosse treibt. 

'■) Koulez im Bidletin de PAcad. de Bnixelles X, no. 6. 
Walz archäol. Z<it. 1845, S. 59, wo man auch <lie Beschreibung 
nachsehen kann. 

") Auf Theseus und Poseidon liat man auch das Vasen- 
Mld Monum. d. Inst. II, 51 bezogen. 

'") Pind. Olymp. I, v. 55—66. 



'°) Mitgetheill von Prof. Gerhard aus dem archäologischen 
Apparat des kgl. iMuseums. 

"') Die spitzen Kopfbedeckungen der beiden mit Speeren 
bewaffneten jungen Krieger im Kückbilde lassen zunächst an 
die Dioskuren denken, denen etwa ihre Mutter einen Fruchtteller 
vorhält. 

' ) Es mag vvold im Namen Hippodameia angedeutet 
sein, dafs diese dem Fremdling die Mittel zur üeberwälti- 
gung der Schnelligkeit der Rosse des Vaters anwies. 

") Sterope war auch am Giebelfelde des olympischen 
Tempels bei Oenomaos dargestellt (Paus. V, 10, 2). V.s ist 
sehr natürlich, dafs eine verlorne Sage sie als Mithelferin 
für die Pläne der Tochter angab. 



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40 



nur iineriibhliclie Unterschiede von der des Pelops bietet, 
indem er aufser den zwei Wiirfspiefsen ;mch ein Schwert 
an der linken Seite trägt welches bei Pelops wenigstens 
niciit sichtbar ist. Mit dem zurückgewandten Gesiclite 
richtet er seine Aui'merksamkeit auf die Götterscene, 
wo der jiif;endlicli und bis auf die Fliigelstiefeln und den 
am llalsbande nacbliifsig gehaltenen Petasos nackt ab- 
gebildete Hermes, kenntlich durch den Heroldstab, 
welchen er in der recliten Hand trägt, während die ver- 
zeichnete linke einen Kranz hält , wilUährig die Befehle 
empfängt, die ihm der gegenüber lagernde, majestätisch 
abgebildete, Zeus ertheilt; diesen bezeiclineu aufser dem 
Harte lange bis au die nackte Brust heraljfallende zier- 
liche Locken, und der mit Nägeln beschlagene und vom 
Adler bekrönte Herrscherstab, während die um die Beine 
geschlagene Clilamys den OI)erkürper nackt läfst. Be- 
kränzung des Hauptes und Sciiube fehlen ihm nicht. 
Die sonst auch vorkommende ") Gegenwart des Hermes 
ist vielfach durch die Ueberlieferungen motivirt. Er ist 
der Vater des den Pelops unterstützenden Myrtilos '"), 
welchen die Sage allmählich von der Person des Hermes 
gewisserraafsen absonderte; in der Ilias "') ist es Hermes, 
der das von Zeus erhaltene mächtige PeIo[)idenscepter 
dem Pelops iibergiebt ' 'j, und ebenso soll er auch hier 
in eigner Person statt des ursprünglich mit ihm identisclieo 
Myrtilos der Sage des Pelops Hülfe bringen'^). Aus dem- 
selben Grunde vertritt hier Zeus der ältesten Sage ge- 
inäfs, die noch in späteren Zeiten vornehmlich durch die 
olympischen Feste lebendig l)lieb, die Stelle Poseidons, 
was wir oben bereits nachzuweisen versuchten. 

C. Es folgt die heimliche üeberei nkunft der 
Liebenden. Pelops und Hippodameia kommen dahin 
überein, dafs »ie, um durch üeberwältigung des Oenoraaos 
ihren Zweck zu erreichen, ihre Zuflucht dahin nehmen 
müssen, den gescliickten Wageiilenber des Königs, den 
Myrtilos, in ihre Verschwörung hineinzuziehen. Die an 
ihn gemachte falsche Versprechung, dafs er auch nach 

") Monurn. d. Inst. IV, 30 (s. unten). 

'") Paus. Vm, 14, 3. V, I, 6. 

") Hnin. II. B, 104. 

") Iloin. II. B, 103 — 4 : aiijän tipa Ztii; Jojzf (axiJ7tT(>in>) 
iSitiXJOQOi ylnyfKf oi'iij' i:ii/Xf(ctg d'i ih'iti ilmxtv Ilthjni 7i).ri'ilnno\. 

•'J Dafs Miiniikoi ursprünglicli ein Beiname des Herinis 
war, wird mehr als wahrscheinlich durch die Ueberlieferung, 
dafs im Krechtheion zu Athen ein uraltes hölzernes Bild des- 
selben Gottes sich befand, welches, ein Weihgeschenk des 
Kekrops, in Myrten versteckt war. Vgl. Müller Pallas-Athene §.7- 

'•) Paus. VIII, 14, lOif. .Schob zu Sopli. Electr. 504. 
Serv. ad Virg. Georg. III, 7. Anders juriil besser] Hygin. 
fab. 84: regnum ei lUmidittm polliccrclur. 



errungenem Siege seine lieifse Liebe zu Hippodameia 
l)efriedigen möchte ■"'), verlockte ihn den Untergang seines 
Herrn durch das locker gemachte Wagenrad zu bewir- 
ken''). Erhaltene Denkmäler beleliren uns, dals die Kunst 
auch dies Moment behandelt hat, wie zunächst aus dem 
Bild einer aus Ruvo stammenden Amphora -*) hervorgeht. 

5. Ganz unten ist hier ein .Altar sichtbor, ueben 
ihm zwei Rindsköpfe und eine Opferschale; etwas höher 
als der Altar gestellt, erheben sich ein hochgestelltes 
Lustralbecken und hinter diesem eine mit Voluten ver- 
sehene hohe ionische Säule"), auf welcher ein Grabge- 
fäfs aufgestellt ist: dieses Monument ist das Grab der 
getödteten Freier"). Rechts von dem Becken, mit seinem 
Ellenbogen daraufgestützt, steht der asiatisch gekleidete 
und zwei Speere haltende Pelops in traulichem Ge- 
spräche mit dem etwas niedriger stellenden Myrtilos 
begriffen, welcher das verhängnifsvolle Rad unil eine 
Gerte hält. Oberhalb dieser Personen sitzen in einer 
höheren Reihe zwei andere, ebenso wie Pelops dessen 
Reisegefährten sie sind gekleidete, Asiaten, von denen 
ein jeder zwei Wurfspiefse hält, aufserdem aber einer 
dem anderen eine Kriegstrompete reicht, als Zeichen 
des naiieliegenden Wettkampfes"). Dem Pelops gegen- 
über steht, in ähnlicher Stellung wie dieser, Hippodameia, 
die sich mit ihrer Mutter Sicrope, deren Stellung der 
des Myrtilos entspricht, und die noch feierlicher als die 
Tochter geschmückt ist, unterhält. Olierhalb beider 
Frauen endlich sitzt, die Chlamys um die Schenkel ge- 
schlagen, Hermes, kenntlich durch seinen Heroldstab, 
während die in der linken Hand von ihm gehaltene 
Siegespalme ihn als Vorsteher der Kampfspiele ((vuyiöviog) 
kundgiebt. Seine ganze Aufmerksamkeit ist der Unter- 
redung des Pelops mit Myrtilos zugewandt. Ein aus 
dem Boden sich erhebender Lorbeerbaum bezeichnet den 
unter freiem Himiuel zu denkenden Schauplatz, während 
oben ein sternförmiger runder Körper vielleicht auf die 
höheren Regionen hinweist '"). 

'"'') Die Stellen über das Verderbei ilcs Kads sin<I ge- 
sammelt von Ritschi Annal. d. Inst. XII, .S. 173 Anin. 2. 

"') Abgebildet in Monnm. d. Inst. IV, tav. 30, erklärt von 
K. Brunn in Ann. d. Inst. XVIII, S. 177. Das Gefäfs ist nach 
Frankreich gebracht. 

') (irabsäulen kommen auch in ionischer Ordnung nicht 
selten vor. Millingen peint. XVII, XXXIX. Vgl. Winckelm. 
mon. ined. 14f). 

") Nach der Angabe bei Paus. ^'I, 21, 9 v\iirde hier eine 
Prolepsis stattfinden; denn erst nach dem Siege errichtete 
Pelops ein Khrendenknial der umgekommenen Freier. 

"} SophocL FIcctr. 083 und 711 schob daselbst. 

'") Den blätterlosen gebogenen Stab für ein Schabeisen 
anzusehen ist man durch die Grüfse desselben vcrLimlert. 



41 



42 



6. Densellien Gegenstand stellt die eine Seite eines 
ebenfalls iu Iluvo ausgegrabenen KnUers vor "). Zur 
Kecliten des Zuschauers, neben dem die Mitte einneb- 
luenden Lustralbecken, sitzt auf einem Felsen, und auf 
sein Schwert gestützt, Pclops; als einziges Gewandstiick 
hat er eine Chlainjs unter sich gebreitet und ist be- 
stiefclt. Da die asiatisciie Traclit demselben liier ab- 
geht, so wäre es schwer gewesen den dargestellten Ge- 
genstand zu l)estimmeii, wenn nicht das vom weiterhin 
rechts stehenden, mit C-hlamjs, Pileiis und Jagdstiefeln 
leiciit bekleideten, Myrtllus gehaltene Rad, als Werkzeug 
des beabsichtigten Verraths, zu Hiilfe gekommen wäre. 
Auf Myrtilos hin weist Pelops, indem er rückblickend 
zugleich nach der andererseits vom Lustralbecken stehenden 
H'ipjxtdameia sich wendet. Diese wird zu Billigung der 
Tliat, die den Untergang ihrrs Vaters herl)eifiilireii soll, 
dem Anstände gemäfs von der daneben stehenden Mutter 
ermuthigt. Die schon vorher bei ähnlicher Darstellung 
lienierkte Säule erhebt sich hier zwischen Pelops und 
Myrtilos und trägt anstatt des Grabgefäl'ses als Sieges- 
symbol einen Dreifufs; ein Rinderkopf ist weiter unten 
angeheftet. — Die Personen der oberen Reiiie aber sind 
hier ganz andere als die des vorher i)etrachtetea Bildes, 
üeber Myrtilos sitzt auf einem mit architektonischen 
Verzierungen ausgestalteten Kasten ein Weib, höchst 
wahrscheinlich die Nymphe des Ortes Olympia, welcher 
die an der anderen Seite sitzende Aphrodite entspricht; 
dieser letzteren reichen von der einen Seite der Liebes- 
gott einen Myrtenkranz und von der anderen der zwar 
menschlich gebildete aber an seinen Horcern kenntliche 
Pan einen mit Binde geschmückten Myrtenzweig ''). 

7. Zu derselben Gattung von Pelopsbildern gehört 
auch das Bild einer grofsen apulischeu Amphora des 
Museo Borbonico, welche folgendermafsen beschriel)en 
wird ^^). „Pelops, mit Pileus, Chlamys, Stiefeln und Schwert 
sitzend, wendet sich nach Myrtilos um, der, ein Rad auf 



der .Schulter und ein anderes in der ITand, eben von ihm 
weggebt u[i(l auf sein Nachrufen den Kopf zurück- 
wendet. Rechts von dieser Scene steht eine weibliche 
Kigur mit Kranz und Patera, worauf drei Aepfel, zu 
denen ein schwebender Amor mit Binde bereits einen 
vierten in der Hand hält"). Diese Vorstellung kann als 
der abgeschlossene Vertrag zwischen Pelops und Myrtilos 
l)etrachtet werilen. Das Weib ist wahrscheinlich liippo- 
dameia, diedie von Pelops erhaltenen Liebesgeschenke hält." 

D. Als eine vierte Gattung von Monumenten, die 
die Pelopssage behandeln, können diejenigen betrachtet 
werden, welche eine Opferscene zwischen Pelops unci 
Oenomaos enthalten, wobei letzterer, um die Heiratli 
seiner Tochter, die für ihn, einem Orakelspruche gemäfs, 
verderblich sein würde, unmöglich zu machen, die schwere 
Bedingung des Kampfes dem aulgetretenen Freier vor- 
legt und deren Annahme durch vorangehendes Opier 
verlragsmäfsig zu heiligen nöthigt. Jene Bedingung be- 
stand hauptsächlich darin, dafs der um die Hand seiner 
Tochter Freiende ein Wettrennen mit ihm halten, und 
nur wenn er ilin besiegte die Hippodameia zur Frau er- 
halten, im Gegenfalle aber den Tod leiden sollte; auch 
war bis zur Ankunft des Pelops lediglich dieser letztere 
Fall eingetreten, weil Oenomaos durch die Schnelligkeit 
seiner Rosse und durch des Myrtilos Gewandtheit durch- 
gängig den Sieg behielt "). 

8. (Tf. LIV,I). Hierverdient nun das Hauptbild einer in 
Riifo ausgegrabenen und ebenfalls mit Inschriften versehenen 
Amphora, vormals in Hrn. Stevart's Besitz, vor allen andern 
beachtet zu werden, da sie nicht imr durch den vollen- 
deteren Styl der Arbeit, sondern auch durch die In- 
schriften, die die einzelnen Figuren bis auf zwei bezeich- 
nen, sich auszeichnet). In der Mitte der Vorstellung 
stellt auf einfacher Basis eine Altarsäule, die die von 
oben nach unten [xiopTjduv) zu lesende Inschrift ZAlO^ 
für den des Zeus angiebt ^'). Zur Rechten des Zuschauers 



") Dieses vormals in Sieuarts Besitze befimlliche Gefäfs 
wird von Gerhard archUol. Zeit. 1846, .S. 263 ausfiilirlicher 
bescliritben. Abgebildet Monnni. il. Inst. IV, 22, erkliiit von 
U. Bninn Ann. <1. Inst. XX(, S. 330 — Die andere Si'ite stellt 
die Käserei des thrakisclien Lykurgs vor; weiterhin wird ein 
anderes Gefäfs den BeriiUrungs|)unkt der beiden .Sagen zeigen. 

") Die Zusammenstellung Pan's mit den Liebesgottheiten 
hat hier eine andere als die Localbedeutiing, denn nur bei 
Philostr. scn. I, 17 wird Oenomaos ein Arkader genannt, 
wozu vgl. auch Paus. V, ."i, l. Der Pan kommt oft mit flen 
besagten Gottheiten zusammengestellt vor. So auf der Vase 
des Berliner Museums (Gerhard antike Bildw. 115) und Mon. 
d. Inst. IV, 14 (Amynione), vgl. Panofka Mus. Blacas S. 27. 

") Gerhard und Panofka, Neapels ant. Bildw. S. 284 no.971. 



•") Ueber die aus Tlieokrit und andern bekannte erotische 
und hochzeitliche Bedeutung der Aepfel vgl. Böttiger Kunst- 
mythol. II, S. 249. Gerhard Vasenbilder I, S. 132. K. Fr. Her- 
mann gr. Alterth. III, §. 31, 2S. 

^') IIjS- fäb. 84 und andre der oben citirten Stellen. 

"■J Abgebildet ist dies Gefälsbibl in den Annali dell 
Inst. XII tav. IV mit reichhaltiger Behandlung der Pelopssage 
von Kitscid (ebd. p. I72ir.). Drei eben so reichhaltige Neben- 
biblcr mystischen Inhalts sclimücken dasselbe Gelafs, welches 
in ilen Besitz von Millingi-n lam (GerliMrd arch. Intelligenz- 
blatt 1835 März). 

' ) Kbenso wurde dem Zeus geopfert am Giebelfelde des 
olympischen Tempels (Paus. V, 10, (j). Kine andere Ueber- 
lieferung (Paus. V, 14, 6), wonach Oenomaos dem Zeus 



43 



44 



nahe beim Altare steht der biirtige, mit Helm, Panzer, 
Scliwert, Speer, Chiton, Clilamys und Jagdstiefeln wohl- 
gerüstete Sohn des Ares '^) Oenmnuos (OINOMAOZ) 
und reicht mit der rechten Hand die Opferschale dem 
an der anderen Seite des Altars in ruhiger Stimmung 
auf zwei Speere gestützt stehenden Pelops (TTEAOY), 
auf dafs derselbe die Spendung eröffne. Für des letzte- 
ren asiatische Abkunft zeugt nicht nur das weichliche 
Gesicht, sondern auch der zackige Kamm des phrygischeu 
Helms, und der reichbestickte langarmige Chiton, welche 
ihn sammt der Chlamys und den Jagdstiefcln umkleiden; 
der Griff des Schwertes ist auch an seiner linken Seite 
sichtbar. Von derselben Seite her führt eine ältliche, 
einen Fächer iu der linken Hand haltende, und sonst 
anständig mit Schuhen, langem ionischen Chiton und 
fallenreichem Peplos bekleitlete, Frau die noch feierlicher, 
mit prächtig gesticktem ionischem Doppel-Chiton, Peplos, 
Sandalen, Stirnkrone, Arm- und Halsbändern, geschmückte 
und etwas sich zurückhaltende Htp}wdameia (ITTO— 
AAMOA) an der Hand der Hauptscene zu. Es sind 
wohl nicht genügende Gründe vorhanden jene durch keine 
Inschrift bezeichnete Frau für die Amme, wie Ritschi 
es will, statt für Hippodameia's Mutter Sferojic anzusehn; 
denn die Haltung dieser zweiten Frau ist auch hier im 
Ganzen dieselbe wie in den anderen Ijildern , wo sie, 
selir häufig mit königlichem Ansehen begabt, neben 
Hippodameia vorkommt, und die Auslassung der Namens- 
inschrift kann durch die Verschiedenheit der Angabe des 
Namens der Mutter veranlafst sein "). Diesen zwei weib- 
lichen Figuren entsprechen auf der anderen Seite Myrt'dos 
(MYPTIAOZ), welcher, die Chlamys am Halse zu- 
sammengeknüpft tragend, in den Händen einen Kranz, 
den er beim angetretenen Wettrennen sich aufsetzen wird, 
und den Treibstecken haltend, in der unruhigen Stim- 
mung, die ihm das schuldige Gewissen erzeugt, der 
Opferscene zuschaut; ferner die etwas weiter hin sitzende, 
mit langem Chiton, Peplos, Armbändern, Hals- und Stirn- 
schmuck bei schön aufgewundenen Haaren geschmückte 
Aphrodite, welche in der linken Hand eine Binde hält 
und mit dem hinaufgewandten Antlitze eine nachdrncks- 



volle Rede an den über sie hin mit ausgebreiteten Fittigen 
Schale und Binde haltenden Liebesgott richtet, wie aus 
der Haltung der Finger der rechten Hand sich abnehmen 
läfst^"); ohne Zweifel in dem Sinne, dafs sie ihm die 
Erfüllung seiner Pflichten bei diesem Liebeskampfe in- 
ständiger einschärft. Eine Opferschale liegt neben der 
Göttin am Boden. Sehr wichtig aber für den Mythos 
sind die ol>erhalb der zwei Frauen im oberen Räume 
sichtbaren zwei Menschenköpfe, deren einer mit der 
Namensinschrift Peripluts (TTEPI^J'AS) ül)er der Altar- 
säule versehen ist, während der andere die verstümmelte 
Namensanzeige TTEAAP, vielleicht Pehir(gos) zeigt. 
Zugleich mit der zwischen ihnen liegenden Mütze und 
einem Schwert weisen diese Inschriften auf die schon 
früher erlegten Freier hin, wie man nach alter bar- 
barischer Sitte die Heiligthümer der Götter und die 
Eingänge der Häuser zu schmücken pflegte"). 

9. (Tafel LIV, 2). Man kann zu dieser so wichtigen 
Spendungsscene noch eine andere im Vasenwerk von 
Dtihois - Muisonneuve "') abgeliildete, viel einfachere, 
hinzuliigen, die auch nicht aller Eigenthümlichkeit be- 
raubt ist. Sie enthält in nur drei Figuren die Haupt- 
personen der Handlung, gleichsam als ob sie uns einen 
Dialog aus der sophokleischen oder euripideischen Tra- 
gödie vor die Augen brächte. Zur rechten Seite des 
Zuschauers steht neben einer einfachen Altarsäule ein 
bärtiger, mit Helm, Schild und zwei Speeren bevvatlneter 
und mit kurzem Chiton bekleideter Krieger, dessen Ge- 
stalt man nur neben den Kriegsmann andrer bis hieher 
besprochener Pelopsbilder zu stellen braucht, um zu 
entnehmen, dafs jene Figur die so liestimmt ausgeprägten 
Charakterzüge des grausamen Königs von Pisa augen- 
fälliger in sich trägt, als es bei andern Heroengestalten 
der alten Kunst, zumal in Vasenbildern, der Fall zu 
sein pllegt. Oenomuos reicht die rechte Hand über den 
Altar hin um die Schale zu empfangen, die ihm eine 
mit Doppelchitüu und Himation gekleidete Frauengestalt 
darbietet; ihr stumpfnasiges fast satyreskes Profil ver- 
bietet es uns nicht sie für Hippodumviu zu halten, die 
nur gezwungen die Opferschale dein Vater reicht, auf 



"AQtiog opferte, weist aal eine Gleichsetzung des für die Sage 
besser passenden Kriegsgolls mit dein olynipisclien Zeus. 

'"} Paus. V, 1, 6. 

'") Sie heifst noch Kurytlioe (Tzetz. Lycopbr. 156). 
Sonst wird die IMntter des Oenomaos Sterope genannt (Scliol. 
Hom. II. XVlir, 4%6. Hyg. fab. 64. Tzetz. Lyco|>hr. 149). 

■"') Porriijit dextrnm et tul insliir orntnrum confonnat 
nrticnlum iludhuisciuc hilimis lonclKsis tliffilis celeros emi- 
nente» porriijil (Apulej. .Metam. II. p. 125). 



") Philostr. jiin. 9. Hygin. Fab. 84. Scliol. ziiPind. 
Istlim. IV, 92. (Der letztere aus Sopli. Oenom. vgl. Kitschi 
S. 181. Anin. 1 — , über die getödteten Freier s. l'ind. Ol. I, 
79 Schob daselbst. Paus. VI, 21, 6). 

•") Abgebildet bei Dubois-.Mais. introd. Taf. LXX> II, 2, 
der nichts Näheres über das Gefäfs sagt. Auch die daselbst 
vorgebrachte Deutung (Paris, Hecuba) sagt nicht zu. 



45 



46 



dafs dieser sie dem hinter ilir mit piirygiscliem Helm 
und Speer liewaffnetem , sonst aher wie Oeuomaos ge- 
kleidetem Pclops mit festem durch heilige Speudung 
gesicherten Vertrag übergebe. 

10. Das Cild einer ganz neuerdings durch Gargallo 
bekannt gewordnen ruvesischen Amphora*'), worin der 
Vertrag durch Spenduug und Opfer abgeschlossen wird, 
hat das Eigentiiümliclie, <lal's nicht PcUijis und Oeuomaos, 
sondern Pelops und Ilipftodameia diejenigen sind, die die 
Hände über die brennende Altarsflamme einander reichen, 
wahrend Oenomaos von der Seite Hippodaraeia's bei dem 
geschlossenen Ehevertrage '") als Zeuge gegenwartig ist 

^') Krkliining von Garyallo-Grimaldi Ann. d. Inst. XXIII, 
S.289; ahyebildet ilaseldst tav. d'agg. Q— K. 

*') Ueber die Auilassung der Ehe als heilig s. Lobeck 
AgIao|ih. S. 659. K. Fr. Hermann gr. Alterth. Tb. III, §.31,2. 

*'') Wie hei Aeschyl. Kinn. 492 (Herrn.) die ßQOjoaxonoi 
fiuivc'iöes. 



und durch die vorgestreckte rechte Hand seinen Eifer 
dafür bezeugt. Ein junger Mann, den das unten an den 
Boden geworfene Rad als Myrl'dos kundgiebt, bringt 
von der rechten Seite her den zu opierudeu Widder her- 
bei. Hinter diesem steht eine in ihrer Hand einen Speer 
lialteude weibliche Klügelgestalt, weiche das leidenschaft- 
liche Treiben der dargestellten Handlung erspiilif'), 
übrigens alier wohl eher für die Ki]q /.dXavoi; &(ivüzotü, 
die den Oenomaos erwartet, als für eine Egtvv? zu 
halten ist. Zur Linken des Zuschauers hinter dem asia- 
tisch gekleideten Pelops steht Aylirodite, einen Kiiclier 
in der linken Hand haltend und mit der rechten den 
neben ihr stehenden, Schale und einen Reifen haltenden, 
Liebesgott liebkosend. Ueber dem Altar ist aufser zwei 
Riuderkiipfen auch noch eine spitze Mütze, vielleicht 
mit derselben Bedeutung wie olien, zu sehen. 

(Der Schlufs folgt.) 



II. 



Allerlei. 



61. TiMKSiANAX. In der archiiologischen Zeitung 
1852 S. 509 wird eine von mir publicirte Münze be- 
sproclien, deren Aufschrift {T)1]\1H2IANAE Herrn 
Professor Panofka ungenau gelesen dünkt, er liest dainr 
{E)FMH^IANAB, und bringt nun den auf der .Alünze 
dargestellten Widder mit diesem Magistratsnamen in Ver- 
bindung. Allein es steht auf der Münze, wie in den 
Beitragen für ältere Münzkunde S. 181 richtig angegeben 
ward, und genau sowie es die getreue Abbildung Taf. V, 6 
darstellt, wirklich IBIH^IANAS, es ergiebt sich daher 
TtfiTjaiüvu:^, ein aucli sonst (wie bei lamblichus de vita 
Pythagorae ed. Küster S. 216) vorkommender Name. 
Wenn Herr Professor Panofka sagt, eine sorgfältige 
Prüfung des Originals lasse keinen Zweifel über das P, 
welches er statt des I liest, so mag wohl eine der zu- 
fälligen kleinen Unebenheiten im Felde der Münze ihn 
getäuscht hal)en, was leicht geschehen kann, wenn man 
die kleinen Buchstaben der Münzaufschriften zu lesen 
nicht völlig eingeübt ist. 

Es giebt eine Anzahl gleicher Münzen mit anderen 
Magistratsnamen, ebenfalls oline Stadtbezeichnung; man 
schreibt sie gevvöhnlicli Cluzonicne zu obwohl sie in den 
Typen auch mit den ."Münzen von Same übereinstimmen 
(vgl. de Bosset medailles antiques des lies de Ceplial- 
lonie et d'lthaque Taf. I\', No. 48—52). Die hier in 



Rede stehende Münze Same zu attribuiren, veraulaiste 
mich liesonders eine gleiche mit liEOAylylh . . . . , 
welche von Hrn. de Longperier (Revue numismatique 
184.^ S. 426) Cepluillenia zugetheilt worden ist. In- 
zwischen hat auf meine Aufrage ein erfahrener Numis- 
matiker in Corfu initgetheilt , dafs diese Müozeu nicht 
auf den Ionischen Inseln vorzukommen pflegen, dafs er 
sie daher in Clazomene geprägt glaube. Vielleicht ist 
also auf der Longperiei'schen KEOA^Ah . . . auch 
der Anfang eines Magistratsnameus. Mögen nun aber die 
Münzen Cephallenia und Same oder mögen sie Clazomene 
gehören, es stehen neben dem Widder vielerlei Namen 
— Ulwr, H(jödoTOi, (DuvayoQu^ u. s. f. — welche doch 
wohl nicht in Beziehung zu dem Widder gesetzt werden 
können. Wenn also auch wirklich auf einer von ihren 
'£p;<7;ffmvag stände, so würde doch iler W'idder nicht 
auf diesen Namen zu beziehen, sondern, ebenso wie neben 
den anderen Namen, das Stadtzeichen sein. Auf den 
fraglichen ;\Iünzen steht aber, wie gesagt, nicht (E)PMH- 
IIANAB sondern (r)II\lHIIANA5. 

Berlin. J. Friedländeh. 

62. Kala.mis' Hermes Kkiophoros. I\aum tiir 

irgend eine Epoche der griechischen Ivunstgeschiclite ist 

die Gewinnung neuen monumentalen .Materials wichtiger 

als für die Epoche unmittelbar vor Pheidias, und so wird 



47 



4S 



der Hiaweis auf ein »ortrtfriiclies Wtik u.icli KaUiinis, 
wenn nicht von Kalumis, uiclit un«lllkoii)meii sein. Ich 
meine den Hermes Krioplioros. der Peiuhroke'sclien Saiam- 
hing in VViltonliouse, ahgeh. hei Clarac M. d. sc. 658 
No. 1545. B und in Miiller's D. a. K. If. XXIX. 324. 
Kalainis hat nach Paus. IX. 22. 1 für Tanagra in Coiotien 
einen Herines Krioplioros gearheitet, weltlier dasclhst 
geweiht wurde, weil der Gott, einen Widder auf seinen 
Schullern um die Stadt tragend, dieseihe vor der Pest 
geschützt liahen soll. Diese Arheit seihst, oder, wenn 
nicht das Original, so doch eine ganz vorzügliclie Copie 
derselben in der kleinen Pemhroke'sclien Statue wieder 
zu erkennen, veranlal'st nicht allein der gesammte Stil 
dieser feingefühlten archaischen Sculptur, sondern noch 
mehr ein ganz bestimmter Anhalt, die .-Xrlieit des Widders 
nitmlich, welcher auf des Gottes Schultern liegt. Kaiamis 
war in 'I'hierhildungen vorzüglicher, als in Menschendar- 
stellungen , seine Plerde waren „semper sine aemulo" 
Plin. XXXIV. 7J, auf ein Viergespann des alten Kanst- 
ler's stellt aber Praxiteles den Lenker, damit nicht das 
hohe Verdienst in der Bildung der Rosse durch das Ge- 
ringere in der Darstellung der menschlichen Figur ge- 
schmälert erscheine, Plin. 1. I. Sehr richtig hat nun Hr. 
Brunn in seiner schönen Kiiustlergeschichle S. 1281. 
darauf aufmerksam gemacht, ,,dafs wahrend die freie 
Darstellung des menschlichen Körpers noch durch ge- 
Iteiiigte Satzungen gehemmt und gebunden ist, die Bil- 
dung der Thiere dem Höhepunkt der Vollendung schon 
weit näher steht". Diese Geliundenlieit der Hlenschen- 
bildung al>er werden wir am allermeisten in Götterhilden) 
anzuerkennen haben, und, während Plinius I. 1. von Ka- 
iamis' Alkmene sagt, Niemand würde sie edler gebildet 
haben, während Lukianos Imagg. 4 u. 6; dial. mer. III. 3 
dem feinen, siitigen .\usdruck der Sosandra desselben 
Künstlers hohes Loli ertheilt, werden wir uns nicht 
wundern, seine Apollonstatuen, seinen für Pindaros ge- 
arbeiteten Ammon, seinen Hermes Krioplioros in Stellung 
und Bewegung noch wesentlich in der Gehaltenheil der 
herkömmlichen Götterliilder dargestellt zu finden. Dieser 
Vorstellung aber entspricht der Peml)roke'sche Hermes 
durcliaus; die Stellung des Gottes ist durchaus streng 
symmetriscli, die Beine stehn ohne .ausschritt neben ein- 
ander, die Arme sind durchaus gleiclwiiäfsig gehalten, 
das Gewand fällt in gleichen Zickzackfalten an beiden 
Seiten herunter, es iehlt noch jener freiere Rhythmus 



der Bewegungen, den Pjthagoras von Rliegiou in die 
Kunst einführte, sowie anch das Haupthaar und der Bart 
noch in der Weise älterer Werke gehalten ist, während 
auch hier der Ruhm des Fortschrittes Pj'thagoras gehört. 
Daliei ist aber, so weit nach Umrifszeichnungen zu urtheileu 
erlaubt ist, die Arbeit am Nackten sehr vortrefflich, und 
ein Fortschritt gegen die unschätzliare Stele des Aristion 
von Aristokles unverkennbar. Auch das Gesicht des Gottes, 
obwohl fern von dem individuellen Ausdruck der späteren 
Kunstvollendung, zeigt nicht mehr jenes typische Lächeln 
des ApoUon von Tenea, des Aristion, der .4igineten. Das 
Böckchen endlicli, in dessen Bildung der Künstler seinem 
Talente freien Lauf lassen konnte, ist so (iiefsend, so 
lebendig, dafs man auch von ihm sagen kann, es sei 
sine aemulo; und doch ist es nicht so von dem Hermes 
im Stil verschieden, wie die fliefsender gearbeiteten Theile 
in hieralisch- archaistischen Werken von den dem alten 
Stil nachgeahmten. Sonach entspricht dies Werk durch- 
aus und vollkommen dem Stile des Kaiamis. Ob derselbe 
aber das Original des Künstlers, ob es eine Copie nach 
demseliien sei, [wie Andre, welche den Marmor sahen, 
lielier meinen, E. G.] das läfst sich natürlich an Umrifszeich- 
nungen nicht entscheiden; aber ich gestehe, dafs ich mich 
stark dahin neige, das Original selbst zu erkennen. 
Wenigstens wüfste ich kein nachgeahmt altes Werk an- 
zuführen, welches eine solche liebevolle und durchaus 
tüchtige Arbeit zeigte, wie diese unschätzbare kleine 
Statue; aucli sciieint mir der schmale Pfeiler, an welchem 
der Gott steht, selir viel mehr für ein Original, das als 
Auathem aufgestellt werden sollte, geeignet, als für eine 
anderem Zwecke liestiminte Copie eines solchen. 

Bonn. J. OvERBECK. 

66. Paregorius, ein Künstlername. An dem durch 
Gerhard für das kgl. Museum in Berlin erworbenen, aul 
Tal. VI des ersten Jahrganges der archäol. Zeitung ab- 
gebildeten Sarkophage endet die Inschrift mit den so ab- 
getlieilten Worten: 

SIGBAR 
IVSTI . PARECORI 

Diese sind dem Herausgeber, nach S. 122, Aimi. 40, 
dunkel gebliel)en. Ich zweifle nicht, dafs sie den Namen 
des Steinmetzen enthalten und so zu lesen sind: SIG- 
NARIVS Tl. PAREGORIus. Die beiden letzten Buch- 
staben blieben weg, weil kein genügender Raum für sie 
da war. Fr. Wieseler. 



Iliezu Tafel Uli. LIV: Pelops und Il/ppodameia, apulische Vasenbilder. 



Herausgegeben von E. Gerhard. 



Druck und Verlag von G. Reimer. 



49 



50 



DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 



Archäologische Zeituny, Jahryang XL 



J\f 55. 



Juli 1853. 



Pelops aui' Ktinstdeiikiniik-rn (.Sclihils ). 



Pelops auf Kunstdenkmälein. 

Iliezn die Alibil.liing- Tafel LV. 
(Stiilufs.) 

11. Vor allen amieru (iefäfsdarstellungen des Pelops 
al)er heisclit eine sein- reichhaltige unteritalische unsre 
Aufmerksamkeit, welche wir, da sie zu bester Uehersicht 
uljer die Hauptinomente der Sage gereicht, der davon 
auf unser 'i'afel LV gegebenen Abhililung zur Seite, hie- 
nächst ausführlicher beschreiben wollen "'). 

Tafel LV. Durch geschickte Anordnung und lebeu- 
ilige Ausführung hat dieses zu Neapel belindliche, mannig- 
fach gelarbte*") und mit iSamensinschriften versehne, Ge- 
fafs"') Ansprüclie, welciie auf ein nicht ganz spätes Zeitalter 
der Vasenmalerei, noch mehr aber auf \ollkommene 
Kenntoil's des Mythus und auf eine ebenso tiefe als 
richtige \^ ahrnehmuMg und Empfindung des Künstlers zu 
sclilielsen gestatten. Die in Mitten der Darstellung auf 
einer ionischen Säule, die wieder auf einem mit Voluten 
und sonstigen N'erzierungeu ausgestatteten Altar steht, 
gestellte alterthumliche Ijildsiiule einer Göttin theilt die 
obere und untere Figurenreihe in eine rechte und eine 

"''3 Altar und Säule, die Unteryewänder und die unbe- 
deckten Kürpertlieile der weiblichen Figuren, wie das Gesicht 
und der Modius des Standbilds, ferner der Panzer und Helm- 
kainni des Oenomaos, desgleichen der Helmbuscli der Pallas, 
aufserdem der Widder und je zwei Pferde an jedem Vierge- 
spanne, sind weifs; sonst ist alles roth auf schwarzem Grunde 
gemalt, und somit gebort flieses Vasenbild auch in Hinsicht 
iler Farben zu den Seltenlieiten. Uesclireibungen geben, nach 
der in „Neapels antiken Bildweiken" a. O. enthaltenen, Rath- 
geber Hall. Kncyclop. III, II, p. 90. Weicker zu Pbilostr. p. t)27. 
Die mit Inschriften bezeichneten Personen weiden wir einzeln 
angeljen. 

" ) Die zwei bis jetzt vorliamlenen Abbiblnngen ilieses 
Kunstwerks, die eine bei DuLois-Maisonneuve (intioduct. etc. 
pl. X\X) und eine spätere bei Iiigliirami (Monuni. ctrusclii 
ser. V, 15), enthalten manche nicht unerhebliche Abweichungen 
von einander. Die gegenwärtige Beschreibung ist nach der 
letzteren ausgeführt, welche getreuer zu sein scheint. Das 



linke Hälfte; bekleidet mit einem langen breitumgürteten 
Cliitun und einem ebenso lanüen, am Hals zusammen- 
gekniij)ften , Übergewand tragt dieses Standbild in der 
rechten Hand ilie Opierschale, in der linken den üogeii, 
und auf dem langgelocklen Haupte den Modius. Niemand 
würde beim ersten Anseilen dieses Idols zweifeln, dafs 
es die Artemis oder Hekale sei"'); es ist aber dem nicht 
so, denn die über dem Modius erhaltenen Sjjuren von 
drei Buchstaben lassen mit genügender Wahrscheinlich- 
keit nur als HPA sich deuten; im Uebrigen möge man 
liehuls der Erklärung seine Aufmerksamkeit nicht so sehr 
auf den opfernden Ocnomuos richten, als auf die Ge- 
sammtheit der Verhältnisse, die mit der Sage und der 
Entstellung des Kunstwerks verbunden sind. Hera war 
in uralter Zeit die Schutzgöttin von Sparta, Jlykenä 
und Argos ^"), den Residenzstädten der Pelopiden; später- 
liiii concentrirte sich ihr Kultus ziigleicli mit der übrigen 
Herrlichkeit des untergegangenen Slykenä in Argos ''). 
Holle Verehrung genol's Hera ni>er auch zu Olympia, wo 
nicht weniger als dem Zeus ihr im eigenem Tempel ein 
thronendes LSild geweiht'-) war; der Altar des Zeus stand 
in gleicher Entfernung zwischen ihrem Altare und dem 
des Pelo|is ''). Im Anfang der Rennbahn standen zwei 

Gefälssoll aiisS. Agata de'Goti lierriiliren und lielindet sich jetzt 
im Museo Dorbonico, vgl. Neapels ant. Bildw. I, .S. 342. — 
[Die Treue der Inghirami'schen Zeichnung bestätigt nach einer 
auf meinen Wunsch neu angestellten Prüfung auch Hr. Minervini. 
Nach Neapel gelangte die Vase zugleich mit den übrigen nach 
Palermo geretteten und im Jahr 1SI6 zurückgeführten Kunst- 
schätzen ; Inghirami scheint sie aber aus vormaligem Besitz 
des Marchese Venuti zu kennen, dein das Museo Borbonico 
auch andere seiner Kunstschiitze verdankt. E. C] 

■") Ritschl Ann. d. Inst. T. XII, 182. Ralhg. a.a.O. 

") Panofka a. a. O. 

") Ilom. U. IV, 52. Virg. Aen. I, 28. 

") Die Tragiker vornehuilicli lassen die ganze .Agame- 
mnonssage in Argos, nicht Mvkenä, sjiielcn. 

''■') Paus. V, 17, 1. 

") Diese Kntgegenstellung Ilera's zu Pelops führt auf 
deren von Gerhard (Prodr. S. 3.3) berührte Gleichsetzung oder 
Verwandtschaft mit Ilippodameia. 



51 



52 



Altäre, der eine dein Poseidon und der andere der Hera 
inniu gevfeilit '*), wie denn aucli laut der Ilias Pferde 
und Wagen ihr liel) sind '). Anfserdem war sie Vor- 
stelierin alles Eliebunds, und zum Danke für ilireu geleiste- 
ten Beistand bei diesem Wettkampf soll Hippodameia ihr 
Frauenspiele, ähnlich denen des Zeus, gegründet haben ^''). 
Diese im oberen Raum dieses Bildes auch wegen des 
Gauymedes minder zuläfsige Giittiu hatte der Künstler 
somit aus sehr guten Gründen zum Mittelpunkte der 
ganzen Darstellung sich ersehn. Den Kopfputz des Modius 
trägt Hera nicht selten auch sonst'"); ungewöhnlich, aber 
doch auch nicht unpassend ist der hier ihr zugetheilte 
Bogen "), obwohl anderartige Bewaffnung ihr öfter zu 
Theil ward"). Das hier dargestellte Idol gehört jener 
bei den Schranken des Wettlaufs zu denkenden Hera 
Hippia, an deren Altar dort Pelops vor angetretenem 
Wettkampf geopfert hat, und welche durch Opfer zu 
versöhnen der grausame Herrscher von Pisa Ocnomaos 
(OINOMAOZ) an gleichem Altare beschäftigt ist; 
bärtig, mit Helm, Panzer, Speer, kurzem Chiton und 
kurzem Ueberwurie gerüstet, langt derselbe mit beiden 
Händen nach dem breiten mit Blumen geschmückten Korb 
und dem noch geschlossenen Kästclien, die ihm ein auf- 
geschürzter Sklave von der anderen Seite des Altars 
reicht, um die auf dem Altar schon hell emporzüngelnde 
Flamme einstweilen hinlänglich zu nähren, bis sie stark 
genug sein wird den Widder*^") zu verbrennen, welchen 
ihm \on der linken Seite des Zuschauens ein zweiter, 
jenem ersten ganz ähnlicher, Sklave an den Hörnern 
lierbeiführt. — Nicht wenigere Schwierigkeiten als das 
Standbild hat den Erklärern dieses Gefäl'sbilds die Person 
des jungen Mannes verursacht, welcher am Ende des 
Bilds, mit dem ganzen Körper nacii aufsen , mit dem 

") Paus. V, 13, 1. 

") Hein. II. IV, 27. V, 720 u. a. m. 

'■'■) Paus. V, 16. Visconti Mos. Pio-Clem. Tom. III, tav.27. 
Rathg. Hall. Encjcl. HI, 3. S. 152. 

'•') Als samische Göttin und sonst. 

'") Kbenso trägt sie ihn unil den Modius auf der viel- 
bestrittenen lo- Vase des Berliner Museums. Gerh. Berlin's ant. 
Bildw. no. 902. 

'■'') In Elis selbst ward sie unter dem Beinamen änXoauin, 
die Waffen tragende, giehrt (Lycoplir. 613. 862. Hancarv. I, 
130). Aehnliclie Standbililor finden sich bei Millingcn peint. 
pl.L — LH, Gall. niytli. XCIV, 3'-5 (Meidias-Vase). Gerhard 
antike Biblw. Taf. CCCIX. Arch. Zeitung IS4.') Taf. XX.W. 

'") niv Oiyiiittog «,'/y£ xQtöv iw ./('/'. Diod. IV, 73. vgl. 
Fans. V, U, 5. 

") Weicker Pliil. niaj. p. 627 : „iirmii/ern comitalus". 

■■') Kulhg. hall. Kncycl. a. a. O. 

") Paus. V, 23, 1. .Scliol. II. 18, 466. Iljg. fab. 84. 169. 
Philostr. jun. imag. IX. 



Gesichte aber der Hauptscene zugewandt, auf seiner 
Chlamys sitzt und zwei Lanzen am linken Arm angelehnt 
hält, während der Schild neben ihm am Boden liegt. Die 
Olivenbekränzung des Hauptes liat er gemein mit allen 
unbedeckten männlichen Figuren unseres Bildes; aber 
sein gelocktes Haar und vorneiimlich die Chlamys stellen 
ihn dem Poseidon und Zeus in der oberen Reihe zur 
Seite, so dafs man ihn weder für einen Waffenträger") 
ansehen kann, noch auch für einen Hopliten, welcher 
nach dem Wettrennen auf derselben Bahn laufen sollte '''). 
Hienach kann ich nicht umhin diese Figur für Ares, den 
Vater des Oenomaos "), anzusehen, welcher ängstlich und 
vielleicht der Endscliaft seiner dortigen Ehren bereits 
gewärtig dem herannahenden Ende der Herrschaft seines 
Sohnes zuschaut: denn schon durch den nächsten Wett- 
kampf soll jenes Wüthriches rohe, übernatürliche, nur 
wilden Leidenschaften gehorchende Zwingherrschaft ihr 
Ziel finden und jene mildere Macht an deren Stelle treten, 
deren Vertreter und Verleiher die oben als Zuschauer 
lagernden Götter sind "). Am anderen Ende dieser 
unteren Reihe fährt Pelops (TTEAOY) mit Hippodain'ui 
(ITTO AAMOA) auf eiuem von vier sprengenden Hengsten 
gezogenen Wagen, auf dessen Diphros er sitzend die vor 
ihm stehende Geliebte zwischen seinen vorgestreckten 
Händen, in denen er die Zügel und die Gerte hält, ein- 
schliefst''). Er selbst mit lydischem Helm, reichgesticktem 
kurzem Unter- und Obergewande angekleidet, und ebenso 
seine Geliebte mit Chiton und Himation, schauen beide 
beklommen, mit den Gesichtern rückgewandt, nach der 
Opferscene, von deren, schleuniger oder langwieriger, 
Verrichtung ihr Geschick den eingegangenen Bedingun- 
gen getnäfs abhängt'"'); die Rennbahn erstreckt sich von 
Pisa bis zum Altare des Poseidon am Isthmus""). — Am 

"') Dafs in der Sage der Fall eines von wilden Leiden- 
schaften geleiteten Zustandes der Dinge angedeutet liegt, er- 
sieht man ebenso aus dem Namen Oenomaos d. h. der Wein- 
gierige, Trunksüchtige, wie auch daraus, dafs er als Sohn des 
Ares immer schwer Ijewalliiet vorkommt und seine wilde Figur 
einen scliönen uiiil schlagenden Gegensatz zu der milden des 
Ijdisclien Helden bildet, dessen Name vielleicht als der eines 
Siegers, Eroberers, von iXio | anders Volker Japet. S. 353] sich 
deuten läfst. Auch die überlieferte Sage, dals er selbst seine 
eigene Tochter geliebt hätte, spricht dafür (Hyg. fab. 253. 
Tzetz. Lyco|ilir. 156). Ueber die Darstellung des Oenomaos 
als eines Alordgierigen vgl. l'liil. iinag. 1, 17. jun. 9. 

'') lliiipiidamcia fuhr mit diu Freiern auf gemeinsamem 
Wagen: .Schob Pind. Ol. 1, 114. Luc. Charid. 19. Apoll. 1, 754. 
Scliol. daselbst. 

'') Schob Pind. Obl, 114. 

'") Diod. IV, 73: vTiiaxiiacno Ji (_0lv6u.) innoäQOfiluv 
ctnu 7»]s Iftatj; f't'X'-," ^"'^ ^«'" KÖQiv(tov 'inituov nQog lov 
ßu)uivjoö JJ(j(ii(ö'oirvs. Vgl. Tzetz. Ljc. läü. Scliol. Apoll. I, 752. 



53 



.54 



linken Ende der cl)eion Reihe hält Mijrtilos (MVPTI- 
AOZ), der Wageillenker des Oenomaos, aufrecht auf 
dem Wagen stehend und mit einem langen (Jhiton ange- 
kleidet, das Viergespann liereit zur Aufnahme seines 
Herren nach vollendetem Opfer. An seinen sonst viel 
lierüchtigteu Verrath'") dachte der Künstler dieses Bildes 
vTolil ehensowenig wie Pindar; wenigstens wird durch 
nichts auf dem Bilde seine 'I'reue hlolsgestellt. Vielmehr 
liahen heide, der unverfälschten idtereii Sage folgend, 
den Ausgang des Kampfes einer höliereii (junst zu- 
schreiben wollen, deren Träger vornehmlich der vor dem 
Viergespann mit dem Dreizacke und der herahgelasse- 
nen ('hlarnys sitzende und bärtig dargestellte Poseidon 
(TTOZElAßN) ist, welclier den geliebten Knaben 
l'elops eine Zeit lang im Himmel bei sich gehabt haben 
soll und jetzt zum Wettkampfe mit dem Viergespann 
göttlicher Rosse beschenkt hat'^^'). Sein riickgewandter 
Blick ist, wie der Blick der ihm gegenüber stehenden 
und mit Helme, gewaltigem Schild, doppelspitzigem ") 
Speer und Gorgonenpanzer wohlgerüsteten , mit langem 
Gewand angekleideten Pallas''), eher auf die bildliche 
Darstellung als auf ihre beiderseitige nächste Figur ge- 
richtet. 

Ungleich heiterer erscheint in der oberen Scene 
der rechtsbin sitzende Zeus (ZEVZ), welcher, abge- 
rechnet dal's er ein einfaches Scej)ter statt des Dreizacks 
hält, sonst ganz in derselben Haltung wie Poseidon dar- 
gestellt, mit dem vor ihm stehenden Ganymedcs (rANY— 
MEAES) scherzt, während dieser, ganz nackt, in der 
linken Hand sein Lieblingsspiel, den Reifen mit einem 
dazu gehörigen, geschlängelten Stabe liält"') und mit 
der vorgestreckten rechten den Vater Zeus zu necken 
scheint. Auf die Unterstützung des Zeus hat Pelops, 



der künftige Verherrlicher seiner olyrapisclien S|)iele, 
sehr berechtigten Anspruch ''), aber auch sein lydisclier 
Landsmann "') und olympisclier Amtsgenosse " ) Gaoymedes 
ist sehr passend in diese Darstellung aufgenommen. 
Ungern würde man endlich l)ei dieser Götterreihe die 
Liebesgöttiu vermissen, da sie auch in anderen l)ildlichen 
Darstellungen dieses Gegenstan<Is durch Inschrift bezeugt 
erscheint''), weshalb mau denn nicht Anstand genommen hat 
Aphroditen in jener Frau zu erkennen, welche, mit Chiton, 
und zierlicli heraufgezogenem Peplos bekleidet und mit 
einem Halsband geschmückt, die Reibe der Götter von 
dieser Seite abschlicl'st. Bevor Pelops von Asien aliführ, 
soll er der Liebesgöttin ein Standbild errichtet haben, 
auf dal's sie ihn bei seiner Unternehmung unterstütze"). 
Schliefslich mag noch bemerkt werden, dafs der Künstler, 
wahrscheinlich wegen beschränkter Räumlichkeit, seinem 
Vorsatze die Götter und Menschen in den beiden Reihen 
zu trennen nicht durchaus treu geblieben ist; dieselbe 
Freilieit findet in ähnlichen Fällen auch sonst hie und 
da sich vor. In verwandten Gefäfsbildern unteritalisclier 
Herkunft werden die Götter zwar meist als Zuschauer 
der handelnden Sterblichen in einer ol)eren Reihe dar- 
gestellt; wie aber, dieses Kunstgebrauchs unbeschadet, 
diejenigen Götter, welche sich unmittelbar bei der Hand- 
lung betheiligen mitten unter den Sterblichen erscheinen, 
werden hingegen auch Sterbliche, deren Antheil dabei 
entfernter ist, so dafs sie nur eben den Ausgang der 
Handlung abwarten, als dem alltäglichen Treiben ent- 
rückt und den zuschauenden Götterkreise gesellt' mit 
diesem zugleich in die obere Figurenreihe gesetzt. Bei 
der hölieren Stellung des Myrtilos aber kann hier überdies 
noch die Abstellt zu Grunde liegen seine räumliche Ent- 
fernung anzudtuten "). 



'''') Die Stellen über das locker gemachte Rad sinil voll- 
ständig von Ritschi Ann. d. Inst. XII, 173s. gesammelt. 

<•■') Find. Ol. I, &7. 

") So der des Peirithoos Mon. d. Inst. I, Taf. LV. 

"') Paus. VI, 22, 5 : Aiyovai ö't y.tu IJO.ona et 'iD.iToi 
TJj L^tfjjv« 1/vacti t;7 KvdiovCu, tiq'iv ^ fij luv ityiüva y.aiiC- 

'') Dieses Spielwerk wird gcwiilmlicli dem Ganymedes 
in die Hände gegeben. Winckelniann mon. ined. II, taf. Kl4— 6. 
Tassie Tat'. 47. 79. 82. 84 und auf einer Kalpis des berliner 
Musenms (Gerh. neuerworb. Denkm. no. 1750), vgl. Müller 
Archäologie S. 522, aber auch dem Eros: so auf der lovase 
des berl. Mus. (Gerh. ant. Bildw. taf. 115) vgl. Raonl-Rochette 
M. Ined. tav. 44, 1. Der Stab (W^iiJ«, zuweilen auch ihrer 
zwei) zum Antreiben des Reifes (rcio/of, xnixog) hat verschie- 
dene Formen. Kine Beschreibung des S|iiels, genannt yoi- 
xri).aat'u, geben Mercurialis de arte gymnastica III, 8. Artemid. I, 
55. Acren zu Hör. od. 111,24,57. vgl. noch K. Fr. Hermann 



gr. Alterth. Tb. 111, §. 33, 20. Nach der symbolischen Er- 
lilärungsweise Ingliiraini's (Mon. etr. zu ser. V, 115) bedeutet 
dagegen Ganymedes das Gestirn des Wassermannes und sein 
Keif den Zodiacus. 

"') Der Gegenstand unseres Bibles schmückte, wie be- 
kannt, das östliche Giebelfeld des Tempels zu Olympia. 
Paus. V, 10, 2. 

'') So, obgleich als Stammverwandter aus näheren Mo- 
tiven , steht er auf der schon citirten Kalpis des berliner 
Museums, welche das Urtlieil des Paris darstellt. 

''') Pind. Ol. 1,69: tv!>ic äfVT^nto /qovm rilSe xiäravvfiijSrii 
Zrjvl r(ovT Inl /pfof. 

''■) Ann. d. Inst. XII, tav. d'agg. N. 

•") Paus. V, 1.3, 4. 

■*) Dieselbe Stelle nehmen auf der Meidiasvase die Wagen 
derDioskuren, Miliin G. M. taf. XL1V, und der zur Aufnahme 
des Leichnams wartende Wagen des Priamos ein (Monum. d. 
Inst. V, 11). 



55 



56 



E. Naclidem somit eiü die zwei Haiiptmomente der 
Pelojjssage, das Opfer sowolil als auch den Anbeginn des 
VVagenrennens, verbindendes Kunstwerk uns in die Renn- 
bahn Olyinpia's eingeführt hat, geliu wirhienächst zu einer 
vierten Reilie von Monumenten, nämlich denjenigen über, 
welche das Wettrennen selbst \orstellen. 

12. Dafs eine seit Wiuckelinana's Zeit durch Auf- 
findung mehrerer Bildwerke erläuterte Vorstellung, die 
nämlich des jungen Asiaten, welcher ein Mädchen auf 
seinem Wagen entfüiirt, nicht dem Paris gelte, der seine 
Beute übers Meer bringt '), sondern dem Pelops, der 
zugleich mit der Erwerbung seiner Braut auch den Besitz 
des Landes beanspruclit'"), dient hauptsächlich einem 
schönen und oft fabrikmäfsig wiederholten Thonrelief") 
zur Erklärung, welches demnach nicht, wie Winckel- 
mann meinte, die Abführung Helenas, sondern die der 
Hippodameia durch Pelops darstellt. Vier mit voller Kraft 
stürmende Rosse, deren Zügel ein eiiörmiger aus Stricken 
zusammeugeknäulter und über die Deichsel befestigter 
Körper zusammenhiÜt, ziehen dort einen Wagen, auf 
welchem Pelops, ein ihn so eben besteigender, mit phry- 
gischer Mütze, umgegürtetem Doppelchiton und flattern- 
dem G.ewande bekleideter Jüugliiig, fährt, welcher, in- 
dem er mit beiden vorgestreckten Händen die Zügel 
schiefsen läfst, die vor ihm stehende, mit Stirnkrone, 
langem Doppelchiton und über das Haupt geworfenem 
Himation bekleidete, Hippodamia zwischen seinen Armen 
einschliefst^"). Es kann hier der IMouient erkannt 
werden, wo sie das Wettrennen der zugestandenen Be- 
dingung gemäfs vor Oenomaos antreten, obgleich auch 
sonst die halb aulser dem Wagen schwebende Körper- 
stellung die äufserste Hast bezeichnet. 

"') Paris entfuhrt die Helena auf einem Schiff, in Tischbein's 
Homer I no. 4. Miliin G. Mytii. CLVII. Winckelin. M. ined. 
116. Die Monumente dieser .Art sind erwähnt bei Overbeck 
Gall. b. BilHw. S. 273. 

"") Pind. Ol. IX, 7: l^xnonriniov 'L4).iöos , , . lö Srj noxt 
Aväös yjnwg lUXotp lit'tnaro atuvüv Mt'ov 'InnoäuixeCag. 

"') Taylor Combe ancient terra-cotta's of llie Brit. Mus. 
|j1. 34. Welcker zu Pliilostr. S. 309. Gerhard Arclicm. S. 29. 
Anni.l. Ratligeber ball. Encycl. v. Oenomaos (Annierk.). Müller 
Arcbäol. S. "O.j Anm. 4. halten es für l'elo|)S, vgl. auch Sani. 
Bircli, Arcliaeologia nr nüscell. XXXI,, S. 25, 5. Abgebildet bei 
Winckelmann Mnnuni. ined. 117. Kin ähnliches ist in der 
Terracottensammlung des berliner Museums vorbanden. Da- 
gegen noch bei Campana anticlie 0|jere in plast. no. 76 für 
Paris angegeben. 

") Minervini in Biillett. arrh. napolet. erldärt das f/f'J' 
bei Paus. V, 17, 4: Oivö/xuog ihtoxon' J/O.onu iaiiv e/ovrec 
'Innoituuiiuv für Umarmen, gewils allznenglieizig. 

«') Monum. Mattaeian. T. Iir, taf. 29. Gori Mus. etr. 
T. I. taf. 135. Kathgeber hall. Kncyclop. III, II, 99 Anmerk. 



13. Dagegen trage ich grolses Bedenken, auf den- 
selben Gegenstand auch zwei elrushische Reliefs zu be- 
ziehen, wie man bisher häufig getlian hat'^). Auf dem 
einen jener Reliefs sind auf einem Viergespanne zwei 
Figuren sichtlich, die man für Pelops und Hippodameia 
ansah, wie den daneben angebrachten Reiter für Myrtilos. 
.\u( dem zweiten fehlt der Reiter. Auf allen beiden ist 
nicht zu unterscheiden, ob die eine Figur weiblich ist; 
die Lage der Pferde und des Wagens dagegen erregt 
die Vermutliung, ol) man nicht vielmehr den sammt 
seinem Wagen und sammt seinem Wagenlenker Baton in 
die Erde versinkenden Ampliiaraos erkennen soll, wäh- 
rend dessen Untergang Adrast auf dem Pferde Areion 
nach Athen entfloh. 

14. Das obere Bild auf der vorderen Hälfte der 
inhaltreichen Arclieinorosvuse stellt den Wettkampf selbst 
vor""). Pelops, der als ein bald einzubürgernder Grieche 
nicht mehr die phrygische 'J'racht trägt, fährt mit der 
bräutlich geschmückten Hi])poilamcia auf einem von zwei 
springenden Hengsten gezogenen Wagen; beide sehn zu- 
versichtlichen Blicks nach dem grausamen schwerbewafF- 
neten Vater sich um, welcher auf seinem Zweigespanne 
sie fast eingeholt hat und den gewaltigen Speer bereit 
hält um den mifsliebigen Eidam zu durclibohren *''); Hippo- 
dameia jedoch hat mit männlichem Mutlie selbst zum 
Speer gegriil'en, um den erbleichten Geliebten zu ver- 
theidigen, dessen Körper sie mit dem ihrigen deckt, in- 
dem sie ihre eigene Brust dem Mordstofse des Vaters 
darbietet. Hiezu wird es nicht kommen; denn der neben 
Oenomaos auf dem Wagen stehende und nach der Art 
ausländischer Sklaven bekleidete Myrtilos hat, wie die 
nagellose Axe es zeigt"'), seinen Verrath schon ausge- 

Zwei ähnliche Kunstwerke scheint auch Welcker zu Philustr. 
S. 309 zu meinen, wenn er sagt ,,illos (Pel. et Hi|]i).) agnus- 
cimus etiam in siniilibus anaglypbis etruscis apud Goiium 
Mon. etnisc. T. III tab. 29, 1 et tab. 7 ubi Myrtilou adjunctus 
etc.", welches Werk nicht zur Hand ist. 

"*) Grofse bei Kuvo ausgegrabene Amphora, deren vier 
Bilder eine lehrreiche Erklärung erfahren haben (Gerhard 
Arcbem. und die Hesperiden, aus den Abbandl. der königl. 
Akad. 1838 auch besonders abgedruckt). Dieses in Neapel 
aufbewalirte Tliongeläls ist namentlich dadiircli unschätzbar, 
dafs es zugleich die Verherrlichung der olymiii.sclien und 
nemeisclien Spiele des Zeus, in einem unteren und oberen 
Hilde zusammengestellt, uns vorführt. Die Figuren sind auch 
hier wie in allen darauf bezüglichen \'asenbildern roth auf 
schwarzem Grunde gemalt, nur je eines der Bosse ist weifs. 

'*'') ijiO.ußtv iv iw ÜQOtim 10 /jjtu)V \li>imuuciy_ov Paus. 
VI, 21, 11. 

"'') cid* oi.iog (f-ißaköiTu jov iyßoi.ov Pherecjd. bei Schob 
Apoll. I, 752. 



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58 



ülit; er liiilt deswegen sicli auch bereit hei der ersten 
Ersciiiitteriiiig auf die Krde lieral)zu.s[)riiigen, um nicht 
zugleich seihst ein Opi'er des eigenen Verratlis zu werden. 
Ein mit Hinde vor dem ersten Zweigespanne lliegender 
Amor und das unter dem zweiten nehenheilautende 
Häschen, als aplirodisisches SymhoP") bekannt, weisen, 
wie aucli die oben mit Cynibeln in den Münden darge- 
stellte Sirene tliut, darauf hin, dals es sicIi bei diesem 
Kample um Liel)e handele. 

15. Wenig beaclituugswerth aber sind die Unter- 
schiede, die eines der Oberbilder der grolsen Vusc aus 
Ruvo darbietet'*''), liier trügt Pelops asiatische Bewail'- 
nuug und statt der Uigen sind Quadrigen zu sehn. Eine 
zwischen beiilen stehende, mit Schlangen und Fackel 
gerüstete, Erinnys verscheucht die Rosse des Oenomaos, 
wie auch ein über denselben mit einer in den Klauen 
geiafsten Schlange schwebender Raubvogel auf den her- 
annahenden Tod hinweist"). Die Stellung des hier mit 
Himatioii leicht bekleideten Myrtilos ist diesell)e, obglticli 
der Verrath an der Axe nicht bemerkbar ist. Die unten 
gemalten Fische und Delphine sind ohne Zweifel aus 
Nachlässigkeit von der entsprechenden Seite, v^o der Auf- 
gang der Lichtgottheiten dargestellt ist, vom Künstler 
liieher versetzt worden •"'). 

16. Von einem im Museo SuntunyeJo zu Neapel befind- 
lichen Gefäfs liat Panofka genauere Kunde gegeben'"). 
Pelops uad Hippodumeia, diese mit einer Sirahleukrone 
auf dem Haupt, fahren dort auf einem Viergespann, und 
werden von Oenomaos, welcher im Beisein des lAlyrtilos 
ein anderes besteigt, verfolgt. Ueber Oenomaos schwingt 
Lyssa, die personificirte Wuth, eine Lanze ^'), ein dem 
Wagen voranschreitender Panther wird als bacchisches 
Thier auf den Namen Oenomaos'") gedeutet [oder als wildes 
auf dessen Wildheit?]. Am Halse des Gefafses werden von 



zwei asiatisch gekleideten Siegesgöttinnen dem auf einer 
Dlume ruhenden Haupte der Ilippodameia Binden gereicht. 

17. Das innere Bild einer Schale aus Caiiosa stellt 
die Hallte dieser Darstellungen vor'"); nämlich den 
schwergerüsteten und zum ls.am|)fe bereiten Oenomaos aut 
seiner eilenden Quadriga, die von Myrtilos geleitet wird. 
Ein voraidaufender Hund wird von Minervini als Symbol 
der Eile betrachtet; die sonst liekannte Bedeutung des 
Hunds als Unterweltssymbols giebt ihm eine den vorge- 
dachten bösen Anzeichen entsprechende Stellung ''). Walir- 
scheinlicli hat diese Schale das Gegenstück einer anderen, 
wo Pelo[)s und Hippodameia dargestellt waren, gebildet; 
obgleich auch sonst Theile, aus grüfseren Compositioneii 
entnommen, vorkommen '"'). 

18. Scenen dagegen des volKiihrten N'erraths und 
des mit Oenoinaos' Tod endenden Unfalls stellen nur 
Reliefs, der späteren Kunst angehörig, uns vor. Ein 
solches, welches einst in der Villa Borghese sich befand, 
jetzt aber im Louvre zu Paris sich vorlindet^"), verlandet 
drei Scenen des Mythus. Links vom Beschauer zwischen 
Oenomaos und einer anderen ganz ausgebrochenen Persou, 
wahrscheinlicii aber der Ilippodameia, steht Pulops und 
bewirlit sich bei dem Vater um die Hand der Tochter. 
Die Mitlelscene stellt das Wettrennen vor. Der langbe- 
kleidete und bärtige Oenomaos liegt schon unter seinem 
Wagen gestürzt, während Mijrülos das Viergespann zu- 
rückzuhalten sich bestrebt und gleichzeitig sich an einem 
anderen neben dem Wagen stehenden Manne festhält, um 
sich vor der Erschütterung zu schützen. Der aut dem 
anderen voraneilenden Viergespann fahrende Pelops wendet 
sich rückwärts um dem Myrtilos seine Billigung kundzu- 
geben, während eine andere Figur, vielleicht eine Slccjes- 
göttin, von hinten her ihm den Kranz auf das Flaupt 
setzen will. Die Nymphe des Orts Pisa oder Olympia 



^') Der Hase kann noch das malum omen andeuten 
(Bullet. (1. Inst. VI(, p. 202), wie der Hase und der Fuclis 
heutzutage noch bei den Griechen gelten, wenn sie dem 
Wanderer vor den Augen gelaufen sind (jöv iSqÖuov xomiir). 
Mit Unrecht aber erklärte Quaranta Ann. delle due .Sicilie 1S37 
Sett. et Ottob. den Hasen als Sjmbol der Schnelligkeit. 

«*) Monum. d. Inst. 11, 32. 

"'') Aehnlicli über einen erlegten Giganten: Lenorm. uml 
ile Witte elite ceraniogr. pl. VII und die Auslegung ilasellist. 
Ueber die Schlange als Zeichen des herannalienden Tods s. 
Welcker in der Zeitsclir. f. d. AW. 183S S. 240. 

'"') Diese Vase, deren nianniclilaltigeUilder drei volleTafuIn 
iler Mon. d. Inst. II, 30 ss. einnehmen, ist aus ihren Gruclistücken 
schlecht zusammengesetzt (Ann. d. Inst. VHI p. 107. Anm.). 

") Bullet, arch. napol. V, S. 91. Panofka nennt die Form 
des Geläfses bald Amphora bald Krater. 



'') Su über den seine Kinder tödtenden Lykurgos auf 
der Steuart'scben Vase (s. oben). So wird durch dies Gefäfs 
der Berührungspunkt der beiden Sagen an den Tag gelegt. 

'") Üieselbe bacchische Bedeutung kann auch die .Sirene 
auf der Archemoros- Aase haben, s. Ann. d. Inst. VIII, 59. 

■") Minervini Monum. ined. posseduti da Kalfaele Barom- 
vol. I, p. 31, tav. VI. 

''■') Der Hund beim Hades (Gerbard auscrl. Vasenb. 1,46); 
sonst kommt er auch in den clusinisclien Grabmalereien vor 
(Mus. Chilis. I, taf. 162. Mon. d. Inst. V, 15). 

''■) Welcker alte Denkmäler MI, 47, 195, 266, 276 und 
andere, vgl. Overbeck Gall. her. Bildw. 105 f. 

''') Clarac Mus. Koy. du Louvre no. 760. Welcker Philostr. 
S. 390. 



59 



60 



lagert, das Haupt auf einen Fruclitkorb gestützt, unter 
dem Wagen des Pelops. Deu Wettrennern liiult voran 
ein Reiter, der, vielleiclit nacli einer in deu Kaiserzeiten 
iihliciiea Sitte, die Balin eröffnen soll. Die letzte Scene 
endlich stellt die Vereinigung Pelops' und Hippodamiens 
>or. Ein Lieliesgott ist bemüht den Pelops ins Braut- 
semacli zu führen; dieser leitet die etwas niedergeschl.i- 
gene Hippodaraeia an der Hand, während eine andere 
weihliclie Figur, die Mutter oder die Amme, dieselbe 
tröstet. Ein weiblicher Kopf, vielleicht der Mutter, be- 
schauet von einem Fenster aus das Wettrennen. 

19. Ein ganz ähnliches noch unedirtes Basrelief 
soll in der Villa Albani zu Rom vorhanden sein, wo 
den Wettrennern zur Seite auch Reiter dargestellt sind'"). 

20. Im Vergleich zu der eben besprochenen, von 
unzugehörigen Persönlichkeiten vollgestopften, Mittelscene 
hat der Künstler eines römischen Alaljastersarkophags, 
gegenwärtig im Vuttlan, frei von jeder fremdartigen 
Zutliat den Gegenstand behandelt"). Ein in voller Flast 
voraneilendes Viergespann trägt auf dem von zwei Ziel- 
säuleu (metae) begrenzten Circus den geharnischten und 
bärtigen Pelops, der selbst die Rosse leitet, während 
Iiinter ihm der Gegner durch die Ausgleitung der Axe 
verunglückt zu Boden gestreckt liegt. Dieser letztere 
ist rait Panzer und Kriegesmantel bedeckt , während der 
noch auf dem Wagen stehende und reuevoll auf das 
Opfer seines Verraths umblickende Myrlilos nur eine 
einfache umgegürtete kurze Tunica trägt. Im Ausgangs- 
punkte stehen die vom Unglücke bestürzte Steropc und 
Iiinter ihr die am Tode des Vaters mitschuldige Hippo- 
lUtnwiu, die das Gesicht vom Unglücke abwendet. Beide 
sind angemessen bekleidet. Ueber denselben lagert der 
Flufsgott Alpheios oder Kladeos) '""; diesem entsprechend 
auf der anderen Seite wird man mehrere Köpfe von 
Zuschauern gewahr. Niemand wird es einer Nachläfsig- 
keit des Künstlers zuschreiben wollen, dafs er der Gleicli- 
mäfsigkeit zuwider nicht auch dem Pelops eine zvieite 
Person zur Seite fahren liefs, wie solches auf den be- 
schriebenen altern Kunstdarstellungen durchgängig sich 
vorfand. Ein klügelnder Beurtheiler kann hieran Anstofs 
nehmen, dagegen die Vollendung der Form und die An- 
sprüclie sinnliclier Anschauung ganz anderen Gesetzen 
folgten; wie es denn vorfällt, dafs wir auch auf Kunst- 
werken vollendetem Styls sehr häufig dergleichen . nur 

'-) E. Briinn, Ann. d. Inst. XVIII, 166. 

"') Guattani Monuni. ineil. an. 1785, XI, III. Miliin 
G. M. 521« (CXXXIII). Weicker zu Plülostr. S. 309. Der 
.Sarkoiiliag liiiilet sich jetzt im Vatican (Gerhard Beschreibung 
des Vatic. S. 9). 



scheinbaren, UDregelmäfsigkeiten begegnen. Ich brauche 
dabei nur an die Meidiasvase zu erinnern, wo der Wagen 
des noch bei Wegführung des Älädcliens beschäftigten 
Dioskuren von Wagenlenker angehalten wird, während 
ein solcher bei dem von dem Brautpaar bereits bestie- 
genen Wagen des anderen Dioskuren verraifst wird. Eben 
so hier: da auf dem zweiten Wagen nur Myrtilos vor 
der Hand steht, so wäre die Gleichmäfsigkeit verloren 
gegangen, stünden auf dem ersteren zwei Personen. Eher 
könnte man durch den hier bärtig dargestellten Pelops 
und den in einen römischen Circus verwandelten olym- 
pischen Hippodrom sich veranlal'st sehen zu fragen , mit 
welcher Nel)enbedeutung auf diesen Sarkopliagen die 
griechischen Mythen behandelt wurden '"'). 

21. In nicht geringer Verlegenheit befinden wir uns, 
wenn wir die liieher gehörige Anzahl von etruskisclien 
Urnen (vgl. no. 13), worauf ein verunglücktes Viergespann 
vorkommt, in unsern Bereich ziehn und einer genügenden 
Erklärung unterwerfen wollen; dergestalt, dafs bald der 
Gedanke nahe liegt, als seien bei der sonst nicht geringen 
Zahl schriftlicher Ueberlieferungen über die Pelopssage, 
die Besonderheiten dennoch verloren gegangen, nach 
welchen jene Monumente ausgeführt wurden, bald auch 
sich fragen läfst ob vielleicht ein anderer Mythos in den 
bisher jener Sage zugesprochenen Reliefs gemeint sei; 
doch ist für diese letztere Voraussetzung auch die zu- 
nächst sich darbietende Sage vom Unglück des Lajos 
ebenfalls unzureichend. Die Besonderheiten anlangend, 
aus denen jene Schwierigkeit herrührt, so finden, bei 
sonstiger Fülle und nicht erklärlicher Umgebung von 
Personen, namentlich zwei bärtige Männer zwischen den 
Pferden einander entgegenstehender Wagen sich vor; 
auch trägt v^ohl der eine von diesen beiden die phry- 
gisclie Kopfljedeckung, während der andere ein blofses 
Schwert hält. Auf einer Aschenkiste des berliner Mu- 
seums""), deren Nebenseiten, wie bei dieser Art von 
Monumenten sonst selten, gleichfalls benutzt sind, sieht 
man neben einem unter dem ausgegleiteten Rade liegen- 
den jungen Manne zwei andere gegen einander kämpfende, 
und dazu eine dämonische Flügelgestalt mit einer ver- 
stümmelten fünften Figur; auf der einen Nebeiiseite aber 
ein Mädchen mit aufwallendem Gewand , und auf der 
anderen einen jungen Mann, der das blofse Schwert 
gegen eine nackte weibliche Figur zückt. 

'"") So im Giebelfelde des olympischen Tempels Paus. V, 
10, 7 vgl. Plülostr. sen. im. I, 17. 

"") Darüber s. Gerhard Beschreibung Konis S. 320f. 

'"') Uhden Schriften der berl. Akad. 1827 S. 211. [Vgl. 
H. sog. Oenomaoshilder in Panolla's Verz.no. 15. 24. 34. E.G.']. 



61 



62 



Eine älinliclie, aber leichter erklärliclie, Vorstellung 
liietet auf einer andern etrnskisclien Todtenkiste sicli 
dar""). Ociiomuos und eine Frau, vieileiclit Slurojic, 
liegen zwischen den Plerden am Boden; Pidnps, kennt- 
lich an der phrygischen Mütze, hat mit der rechten Hand 
ausgeholt um jenem das Garaus' zu machen. In dorischer 
Bekleidung steht nehen Pelops Hqipodumeia. Andrerseits 
sind ein Flügelgenius, Harmes und eine dritte männliche 
Figur, alle in der Anstrengung des Kampfes, sichtbar. 

Viel einfacher sind die Compositionen auf zwei andere 
'I'odtenkisten: auf der einen will Pdops den Todesschlag 
dem darnieder liegenden Ocnomnos versetzen, während 
von beiden Seiten Flügelgenien herbeieilen ""■). Auf der 
anderen hat er das Rad aufgehoben um es über Oeno- 
maos zu schleudern. Ein mit F'ackel bevialfneter F'lügel- 
genius läuft herliei, während an beiden Enden je ein l)e- 
wafFneter Krieger zu sehen ist '"^), 

F. Erst hier können diejenigen Monumente einge- 
reiht werden, welche den Pelops zu Wagen aber nicht 
mehr im Kampfe vorstellen; worunter drei von den sehr 
merkwürdigen altertliümlichen l)emalten HeViefs aus Velletri 
den ersten Platz einnehmen dürfen ). 

22. Auf diesen Reliefs sehn wir zwei bekleidete 
Figuren unl)edeckten Hauptes, eine männliche und eine 
weibliche, welche letztere die linke Hand auf der rechten 
Schulter der ersferen aufgelegt hat, einher fahren, bald 
auf einem von zwei gelliigelten Pferden "") gezogenem 
Wagen, bald auf einem von Hermes und Poseidon oder 
auch von Herines allein angeführtem Viergesjjann. Die 
Anvfesenheit der (lötter sowie die volle Ruhe, in welcher 
die Pferde schreiten, lassen uns auf einen friedlichen 
Heimzug der Sieger Pelops und Hippodameia schliefsen. 

2,S. Mit vollem Rechte ist auch ein Gemmenhild 
durch Miliin '"") auf unsern Mythus bezogen worden. Ein 
jugendlicher Held, der eine Chlamys, sein einziges Kleid, 
um die Lende des höher gesetzten rechten Fufses ge- 
schlagen hat, hält an einer mit Pferdeköpfen geschmück- 
ten viereckigen Urne seine vier Rosse, die daraus zu 

•") Micali Mon. etrusc. taf. 106. 

""') Micali 1. c. 105. 

""■) Uliden Schriften der berliner Akademie 1828, S. 233. 

"") Abgebildet sind sie im iVIuseo Doibonico X, 9—12 
Inghir. Monum. ctrusclii Ser. VI, taf. T4 — U4; besomlers hier- 
her peliorig sind cbil. tav. Vi, no. 2, V4, no. 1 ii. V4, no. 2. 
Im letzteren ist die weibliche Figur ganz abgebrochen. Die 
übrigen unter diesen stylistisch wichtigen Thonreliefs stellen 
entweder agonistische Scenen vor, oder zeigen ims, wie auf 
ägyptischen Werken, hinter einander thronende Götter, denen 
Huldigung dargebracht wird. Vgl. Müller Arohäol. §. 171, 3. 

'"') Gellügelt waren die Rosse des Viergespanns auf dum 



trinken scheinen. Einen zweiten Jüngling, der in kurzer 
Tunica und jihrygischer Mütze niedergekauert aus einem 
auf der Urne gehaltenen Gefälse trinken will, hält Miliin 
für den Wageidenker des Pelops SpMros oder Killas ""'). 
Hinter den Pferden ist noch eine Herme mit dem efeu- 
bekränzten Haupt des bärtigen Weingotts oder Silenos 
sichtbar. 

24. Laut freundlicher Mittheilung des Hrn. ür. 
Julius Friedländer zeigt eine SUliermnnze sechster Gröl'se 
nach Mionnet auf der Vorderseite eine stehende weib- 
liche Figur durch die Inschrift IMEPA bezeichnet, und 
auf der Rückseite ein Zweigespann im .Schritte rechtshin ; 
der Lenker im Mantel hält Zügel und Treibstab mit der 
daneben stehenden leserlichen Inschrift TTEAGY. Dieses 
schon von Eckhel doctr. num. Th. I. .S. 213 kurz er- 
wähnte Exemplar wird Dr. J. Friedländer im zweiten 
Tlieil der von ihm und M. Pinder erscheinenden Beiträge 
zur alten iMünzkunde nach dem Original der fürstlich 
Waldeck'schen .Sammlung in Arolsen publiciren. Auf einer 
andern kleinen Münze hat Torrerauzza (Sicilia numismatica 
Taf. XXXV, 7) irrig TEAOI gelesen statt TTEAOY. 
Eckhel hält Pelops für einen Magistrat. Anstatt aber 
einen heroischen Namen gegen die gewöhnliche Sitte in 
historischen Zeiten wiederholt anzuerkennen, liegt es der 
Natur der Sache sehr nahe, dafs die Himeräer nach der 
Vertreibung des Tyrannenhauses des Thero, in der Person 
des Thrasydäus (472 v.Chr.)""), in die Rückseite ihrer 
Münzen, die bis dahin zur Verherrlichung der olympischen 
Siege jenes Herrscherhauses bestimmt war, um den Typus 
nicht völlig zu ändern, den mythischen Heros dieser 
Spiele, Pelops, aufgenommen haben. 

25. Sehr zweifeliiaft ist dagegen eine etwanige ähn- 
liche Deutung für den Revers einer Miiiizc aus EVis 
(HAEII2N)'")- Auf der Vorderseite ist dort der Kopf 
des Kaisers mit der Inschrift AVTOKPATOPOZ 
AAPIANOV. Auf der Rückseite fuhrt eine mit Helm, 
Doppeltuoica, Lanze, Jagdstiefelu versehene junge, männ- 
liche oder vielleicht gar weibliche, Figur ein Pferd"). 

Kasten des Kypselos (Paus. V, 17, 4. Apollod. J, I, 752 und 
Pind. Ol. J, &7J, was auch die älteste Darstellungsweise zu 
sein scheint, vgl. Voss niythol. Briefe 7, S.58. 

'"'') Millin Monum. ined. taf. 1. Im Musee rational 
no. 172 des Catalogs. Der Stoff der Gemme ist Sardonyx, 
der Grnnil schwarz, das Eingegrabene weifs mit Benutzung 
einer rötblichen .Schichte. 

"") Paus. V, 27, 1. 10, 2. 

"") Boeckh explicalt. Pind. Ol. XII. 

'") Müller Archäol. S. 705. 

"■') Mus. Sanclement. Th. U, taf. XIX, no. 127. Dasselbe 
Exemplar ^lionn. snppl. IV, .S. ISO no. 47. -Alan hat um so 



63 



64 



Es liegt allzu fern auf einer Münze dieser Zeit den Pelops 
zu suchen, aus dem einzigen Grunde niimlicli weil sie 
nach Elis geliört, dasegen weder in Tracht noch Wagen 
die sonst üblichen sprechenden Abzeiclien des lydischeu 
Helden gegeben sind. Ungleicli natürlicher ist es in jener 
Darstellung an Anlliioiis zu denken, der zwar als Gegen- 
hild des gedachten Kaisers auf Münzen sonst nicht leicht 
Norkomint, in solcher Verbindung jedoch ungleich wahr- 
scheinlicher ist als Pelops. 

26. Der Beiname n}.t]'ii7inog, welchen Homer neben 
vielen anderen auch dem Pc!o;)s beilfj;!, Iiat ebenfalls 
Anlals gegeben, mehr oder minder glücklich diesen Held 
in einem jungen Mann zu vermuthen, der auf der einen 
Aulsenseite zweier Schulen ein oder zwei Pferde führt 
und durch jenes Wort l)ezeiclinet wird'"). 

27. Durch das innere Bild einer aus Volci stam- 
menden Tf'mhichide des Museums zu Berlin, auf welcher 
Herakles den wilden Olivenzweig an Zeus übergiebt, 
wurde Stackeiberg"*) daraufgeführt, die zwei äulseren 
Bilder derselben Schale auf den Triumjthsug des Pelops 
nacli erworbenem Sieg und auf dessen gefeierte Hochzeit 
mit Hippodameia zu beziehen. Auf der einen Seite bahnt 
der voranschreitende Hermes dem von eiuera Jüngling 
gelenkten Viergespanne den Weg, wahrend eine Citharödin 
dem Zutie entgegenkommt, und liiuter dem Wagen eine 
Priesterin folgt, die die Hochzeitsfackel in der linken 
Hand trügt und mit der rechten einen Olivenzweig auf 
das schon bekränzte Haupt des Jünglings setzen will. 
Das dem Alltagslel)en entnommene zweite Aul'senbild der- 
selben Scliale macht jene Deutung des ersten aus der 
Heroensane etwas bedenklich; hier linden wir niimlich 
eine Hochzeitsfeier in ganz gewöhnlicher attischer Weise 
dargestellt. Dersellie Jüngling führt an der Hand die 
scliilchterne Braut in sein Haus, an dessen Thor eine 
zwei brennende Fackeln haltende Frau sie erwartet, 
während ein entgegentreteudt-r junger Citharöd das Braut- 
paar bewillkommt und eine andere Frau, <\'n- jiu.QÜvviKf og, 
mit zwei brennenden Fackeln demsell)en folgt. So lanpe 
demnach die Grenzen zwischen Alltagsleben und Heroen- 
oder Göttersage in der alten Kunst nicht fester gesteckt 



sind, wird es schwer sein zu entscheiden, inwieweit der 
Künstler jenes schönen Geläfsbilds einer Idealisirung 
seiner heimischen Vermählungssitte bedurlte, um tur den 
im üebrigen nahe gelegten Sagenkreis des Pelops auch 
eine verständliciie Darstellung seiner Hochzeit zu geben. 
G. Neben dem Wettkample haben Kunst und Poesie 
auch noch andere Momente aus dem Leben des Pelops 
nicht ganz aufser Acht gelassen, soweit diese den Ueber- 
gangs- oder Anknüpfungspunkt zu bedeutenderen Sagen- 
kreisen l)ildeten. Namentlich äufserle sich das durch den 
jMord des .Myrtilos moti\iite böse Schicksal des Pelopiden- 
liauses zunächst, wie es die Sage erzählt, liei Chrysip- 
pos, dem Sohne des Pelops von der Nymphe Axioche. 
Khe er al)er durch den Hals der Stiefmutter Hippodameia 
von deren Söhnen ermordet wurde, soll er wegen seiner 
.Schönheit \on Lajos, denj vertriebenen König von Theben, 
seinem Lehrer im Reiten, bei den nemeischen Spielen ent- 
führt worden und erst durch ^^ atfengewalt dem betrübten 
Vater wiedergegeben sein, nachdem dieser bereits den 
Fluch der Kinderlosigkeit über Lajos ausgesprochen 
hatte"). Es ist dies der bekannte Gegenstand einer der 
gröfsten apulischen Amphoren des berliner Jiuseums"") 
und vielleicht noch andrer Kunstdarstellungen. Pelops und 
Lajos, die Häupter der zwei Unghickshäuser Mykenä's und 
Thebens deren Mord- und Schaudtliaten von Poesie und 
Kunst wetteifernd behandelt und ausgeschmückt worden sind, 
vermögen, in diesem engeren Verhältnil's zusammenge- 
stellt, das schlaj;endste Beispiel für den fast systematisch 
durchgeiührten Reichtluim zu lielern, den im Gebiet des 
Gedankens und des Gefühls die -alte Kunstwelt in jedem 
einzelnen ihrer Sagenkreise zu durchschreiten liebte. Viele 
mythischen Züi;e, die uns nur luckenhalt und al)gerissen 
bekannt sind, mögen trotz manchen befremdlichen Ab- 
stands in Raum und Zeit durch feste Bande innig ver- 
bunden gewesen sein, ohne dal's wir mit ihrem verlornen 
Zusammenhang die Gesammtheit alter Dichtungen und 
Kunstj;ebiide für uns zu erneuen oder auch nur die 
sinnvolle Bedeutung der auf uns gekommenen Ueberreste 
für uns zu retten im Stande sind. 

Berlin. G. Papasliotis. 



nielir Grund mit der Entscheidung zurückzuhalten, als kein 
ähnliches Exemplar vorhanden ist. 

'") Die eine dieser Schalen lindet sich im hrittisclien 
Musenm; auf Her entgegengesetzten Anfsenseite ist ein Gefecht 
vorgestellt, wobei die Inschrift jMr.ME./EO^, die eine der 
Personen bezeichnet. (Uircli in der Archaeologia or miscell. 
etc. T. XXXI, p. 2(jj). — Die andre ist abgebildet in ilen 
Annali d. Inst. XXI, Tav. d'agg. B, und daselbst S. 145 er- 
klärt von Gargallo-Grinialdi. Vgl. Panofka in der Archäol. 
Zeitung 1849 S. 247. 

'"J Stackeiberg, die Gräber der Hellenen taf. XLII. 

"■•) Apollod. III, ,0, .0. Paus. VI, 20, 4. Scliol. Eurip. Or. 
600. Nnr lljgin. Fab. 271 nennt den Theseus als Entiiilirer 
des Chrjsippos. Auch über die lüniordniig des Jünglings 
äufsert die Sage sich verschieden: Sclinl. Tluicyd. I, 9. Schob 
Eurip. l'hoerüss. 17(i0. Plntarch. parallel, min. i'i. — Ueber 
ilie JSehanilliing der Chrysippossage durch Aeschylos vgl. 
Argum. Sept. c Theli. und Web ker Aesch. Tril. S. 354. (ier- 
hard Apul. Vasenb. S.S. Tal. \'l. iMiripidcs machte sie ziiiii 
Gegenstand einer von dem Clirysi|)pos benannten Tragödie 
(Ael. V. H. VI, 15). — L'ebrigens lindet derselbe Gegenstand 



sich auch auf zwei andern apulischen Gefäfsbildern des Mu- 
seums zu Neapel, deren eines durch Gerhards ]\Iittheilnng 
neuerdings in Overbecks Gallerie des heroischen Cychis Taf. 1, 
2. S. 711. 153 verölfentliclit worden ist. 

'"') Gerhard, Berlins ant. Bildwerke, Vasen no. 1010. 
Abgebihlet in dessen „Apulischen Vasenbildern" Taf. VI. Es 
ist nicht schwer den Zusammenhang der dortigen drei Haupt- 
bilder herauszustellen, indem das zweite die Zeiüeischung 
Aktäon's eines Tliebaner's darstellt, das dritte aber die 
Entfülirung Aegina's, der Schwester Tlieba's, durch den in 
Adler verwandelten Zeus. — Mit vollem Unrecht hat dagegen 
Kaonl- Kocliette die Person des Pelops bei einem IVidtlcr- 
op/'cr, aul einer anderen grolsen apulisclien Am|}hora voraus- 
gesetzt, indem er das Bild für die Opferung des im Hause der 
l'elopiden verliängnil'svüllen goldenen M id<lers auslegie; wir 
stinnnen dagegen der Meinung Gerhards bei, welcher statt 
jener von ihm widerlegten .Ansicht jene Darstellung auf ilie 
Opferung des kolchischen Widders gedeutet l'.at. Vgl. Kocliette 
IMon. pl. \XXV. Gerhard Berl. ant. Bildw. Vasen no. 1003. 
Apul. Vasen Taf. A, 5. (). S. 2911. 



Hiezu Tafel LV: Pelops und Hippodameia, Vasenbild des Kgl. Museums zu Neapel. 



Herausgegeben \ou E. üerUard. 



Druck und Verla;; von G. Reimer. 



65 66 

DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 



Archäologische Z^eilutig, Jahrgang XL 



.Af 56. 



August 1853. 



Antiope und Dirke 



Antiope und Dirke. 

Iliezu die Abbildungen Tal. LVI. LVII'j. 

MPer Mytlios von Antiope, ihren Leiden und der 
durcli ihre Söhne Zetlios und Amphion ;in iiirer 
Peinigerin Dirke genommenen Rache, gehörl, durch 
Diciiter und Künstler verherrlicht, zu den he- 
kanntesten, und doch ist gerade er vorzugsweise 
geeignet, die ünvollsfändigkeit und Lückenhaftig- 
keit unserer Kenntnifs des Alterthums einleuchtend 
zu machen, indem hei genauerer Forsciuuig nach 
der Bedeutung und Ausbildung der Sage, wie bei 
der Betrachtung der Kunstwerke wiciitige Fragen 
ohne bestimmte Antwort bleiben und der Zu- 
sammenhang oft nur geahnt, aber nicht nachge- 
wiesen werden kann. 

Zuerst in der Odyssee (A, 2G0ff.) wird Antiope 
erwähnt, die Tochter des Asopos, welche dem Zeus 
die Zwillinge Amjiliion und Zelhos gebar, die zu- 
erst die Mauern Thebens erbauten. Hesiodos, welcher 
Amphion und Zelhos als die Erbauer der INLiuern 
Thebens kennt (Palaeph. 42), nannte Hyria als 
(leinirtsorl der Antiope (Sleph. Byz. 'YQia), ohne 
Zweifel in den Eoeen (Schob II. B, 4VU')). Das ge- 
nealogische Gedicht des Asios (Paus. II, (',3) nannte 



Antiope ebenfalls eine Tochter des Asopos, erwähnte 
aber neben dem Zeus ihren Gemahl Epopeus und 
scheint wie in ähnlichen Sagen eine Do])|)elzeugung 
der Zwillinge gekannt zu haben, während in den 
Kyprien Epopeus als Verluhrer der Antiope genannt 
war, der seinen Frevel durch die Zerstörung Sikyons 
biifste (ProcI.). In der Europeia, welche unter dem 
iSamen des Eumelos ging, war auch die Leier he- 
reitserwähnt, durch deren wunderbare Kraft Amphion 
die Mauern Thebens erbauet hatle (Paus. IX, .3, 8). 
Dies sind die einzigen Zi^ige, welche uns aus dem 
Epos aufuewahrt sind, und in der That scheint dieser 
ganze Sagenkreis nicht im Heldengedicht ausführ- 
lich behandelt, sondern local geblieben zu sein. Die 
einzelnen zum Theil widersprechenden Züge sind 
wahrscheinlich zuerst in historisirender Weise von 
den Logograj)hen zusammengefafst und als ein 
Ganzes dargestellt, wie sie Pherekydes im zehnten 
Buch behandelt hat (Fr. 102 Müller) '). Abgesehen 
von einzelnen Zügen, welche die Lyriker benutzten, 
ist aber diese Sage erst durch die Tragödie des 
Euripides ])oetisch so motivirt und gestallet worden, 
wie sie dann später allgemeine Geltung gefunden 
hat. Bekanntlich lautet sie in ihren Hauptum- 
rissen so^). 

Antiope, die schöne Tochter des Königs Nykteus 



') Audi die Tafeln XLVII und XLVIII iinsies vorigen 
Jalirgangs, deren seiner Zeit in Aussicht gestellte gründlichere 
Krkliining hiemit erfolgt, dienen diesem Aufsatze zur Ver- 
gleichung. A. d. II. 

') Später liahen aucli Armenidas (Müller fr. Iiist. IV 
|i. 339) und Tiinagoras (Müller fr. Iiist. IV p. J20) in ihren 
Qijßuixd diese Sagen als historische IJegebenheiten erzäldt; 
und in derselben Weise beliandelt sie aucli Tansanias II, 6, 2. IX, 
.O, 3. In prob euhemeristischem Sinne bat sie Kephalion unter 
Hadrian in seinem ioniscli gesciuiebenen Geschiclitswerk dar- 



gestellt, ans welcliem die Byzantiner schöpften, s. loa. Mal. 
p. 4511'. Cedren. p. 22. Tzetz. seh. II. exeg. p. 1.^2 f. vgl. 
Unger Parad. Tlieb. |>. 691'. 

') Ilan|.tstellen sind Apollod. III, 5, .5. Schnl. Apoll. Rh.IV, 
1090. I'rop. IV, l.j. Hygin. fab. 7, mit welcliem abgesehen 
von einzelnen Irrlliüinern und Verderbnissen .Seh. zu Pers. I, 76. 
zu Stat. Tiieb. IV, Ö70. VII, 190. 1\, 422. iinth. Vat. I, 97. II, 
74 übereinstimmen. Die einzelnen Abweichungen dieser Er- 
zählungen anzugeben ist überliüssig. Aufser den Krklärern 
des Euripides .bat besonders Avellino in der Sclirift Dcscri- 



67 



68 



von Hysia, gewann die Gunst des Zeus, welcher 
sich ihr in der Gestalt eines Satyrs nahte und sie 
schwächte. Um dem Zorn ihres Vaters zu ent- 
gehen entfloh sie nach Sikyon und fand dort Schulz 
beim König Epopeus (den die lateinischen Rlylho- 
graphen Epaphus nennen), welcher sie zu seiner Ge- 
mahlin machte. Sterbend hinterliels Nykleus seinem 
Bruder Lykos den Auftrag, ihn an seiner Tochter 
und deren Beschützer zu rächen, welclien dieser 
vollzog, indem er Sikyon zerstörte, Epopeus tödtete 
und Antiope als Gefangene heimbrachte. Auf dem 
Wege gebar sie — nach anderer Ueberlieferung 
schon auf der Flucht nach Sikyon — bei Eieutherae 
am Kithaeron Zwillinge, welche dort ausgesetzt 
und von einem Hirten gefunden und erzogen wurden. 
Sie selbst wurde von ihrem Oheim seiner Gemahlin 
Dirke zur Züchtigung übergeben, und von dieser 
in strenger Haft durch harte Arbeit und unmensch- 
liehe Behandlung Jahrelang gequält. Endhch gelang 
es ihr zu entfliehen, und der Zufall führte sie zu 
ihren Söhnen, bei denen sie Schutz suchte. Nach- 
dem diese sie als ihre Mutter erkannt hatten, nahmen 
sie an der Dirke Rache, banden sie an einen wilden 
Stier und liefsen sie von diesem schleifen, bis sie 
in den Ouell bleichen Namens verwandelt wurde. 
Lykos mufste ihnen die Herrschaft abtreten, und 
sie wurden nun die Erbauer der Mauern der Stadt 
Theben. 

Wir werden durch die im Wesentlichen über- 
einstimmenden Ueberlieferungen sehr bestimmt auf 
das Local dieser Sage hingeführt, den Kithaeron 
und seine nächste Umgebung. Dahin weist es, 
wenn Antiope Tochter des Asopos, welcher dort ent- 
springt, und wenn sie in Hysia heimisch genannt 
wird. So berichtete Euripides; und da Hesiodos 
ihren Geburlsort Hyria nannte, hat man diesen 
Zwiespalt dadurch auszugleichen gesucht, dafs man 



annahm Hysia sei eine Colonie von Hyria, oder 
Hysia und Hyria sei derselbe nur der Aussprache 
nach verschiedene Name'), was gewifs richtig ist. 
Eben daselbst war auch Eieutherae gelegen, wo 
die Zwillinge geboren und erzogen sein sollten. 
Wenn Euripides (Fr. 215 W. bei Schol. IL A, 774) 
den Hirten sagen läfst 

Olvörj 

avyxoQta va'uo nsdia Talg x EXEv&Eqcüg, 
womit es übereinstimmt, dafs derselbe bei Dio 
Chrysostomus (XV, 9) ein Hirte des Oeneus genannt 
wird, was gewifs aus Euripides entnommen ist, so 
ist diese genaue Angabe wohl aus der Neigung der 
Tragiker, besonders des Euripides, hervorgegangen, 
historische Verhältnisse durch ein Zurückweisen 
auf die mythischen zu begründen. Denn bekannt- 
lich war der Besitz von Eieutherae und der Um- 
cecend zwischen Atlika und Boeotien von uralters 
her streitig*) und an das seit unvordenklicher 
Zeit begründete Recht Athens in dieser Weise zu 
erinnern mochte in der Bedrängnifs zur Zeit der 
Aulführung der Antiope (Ol. 92) wohl Veranlas- 
sung sein. 

Einleuchtend richtig hat Müller (Orch. p.222ff.) 
auf den Gegensatz zwischen dem Geschlecht des 
Kadmos und dem des Amphion und Zethos aufmerk- 
sam gemacht, wie er sich in verschiedenen, zu einem 
sicheren Zusammenhang nicht mehr zu vereinigen- 
den, einzelnen Zügen der Sage erkennen lälst, in 
denen ohne Zweifel Bruchstücke der ältesten Ge- 
schichte Boeotiens, insbesondere der Kämpfe der ein- 
zelnen Ortschaften und Gemeinden um dieHegemonie 
aufl)ewahrt sind"'). Bemerkenswerlh ist auch die 
Verbindung mit Sikyon, auf welche die Flucht der 
Antiope zum Ejjopeus hinweist, welche in der Sage, 
wie sie jetzt überliefert ist, so durchaus unmotivirt 
erscheint, dafs man um so sicherer aimehmen darf. 



ziune di und casa äisollerrala in l'omjiei 7iell' anno 1833, 
lit iiunrln alle spallc dcl lempio dclla Fortuna Aiigusta (Neap. 
1S43) p. 40 ff. über diesellien gesproclieii. Viele Kinzf Hielten 
der Saue sinil von Unger in seinen paradoxa Thebana mit 
gewobnteni Citateniciclitliiiin bcliandelt. 

'J Stepli. Byz. 'YqCic — 'j/a^oäog d' fv'Ynfa Tijv'Ai'TiÖTjrjV 
ifrjal y(v(aOa(, EiininCäm ä' Iv 'Yaiuis. tau d" ij ixIv'YqCu Tinog 
TOV Evoinov, ui S"Yaittt rrjs ITaQaaianCag in' uvröv lov 
J(i!)ttiQ(üva xtCfUvui. und 'Ya/a, nöhg Boiiajlag — «tioixoj 



Yp/fo))', xrlnfia Nvxriio; tov Umonrig TxaiQÖg. .Strabo IX, 
p. 404 'ivtot äi T«? 'Yaiitg 'Yqiijv XfyiaSctC ifuai, r^f IlaQct- 
atunUts ovaav vno Hii KiO^aiQÜivi nkrjaCov 'KQvlhQiöv iv r^ 
ftfaoyiilit, cinotxov 'Yqidov, xtCoftu äi Nvxrio); lov 'Aviionrji 

") Bückli, über die Lenaeen (Abbandlungen der Berl. Akad. 
1817) p. 121 f. 

') Vgl. Wclcker über eine kret. Kol. p. 81 lt. 



69 



70 



dafs sie als ein urspiüngliclicr Zug des Myllios 
lorlgeiiflimzl ist. Wenn die Sikyonier eine Statue 
der Antio|ie im Tempel der Aphrodite weilieten '*), 
so kann das freilich ebenso gut durch den Einlluls 
der spateren Poesie geschehen sein , als wenn sie 
Amphion als Erfinder des Sailenspiels an den An- 
fang ihrer musischen Agonen stellten'); allein nicht 
nur, dafs auch in Sikyon ein Asopos fliefsl, dessen 
Tochter Thebe heifst (Unger par. Theb. p. 04), auch 
sonst findet sich in Ortsnamen und in Cultusge- 
bräiichen so manche Uebereinstimmung zwischen 
iSikyon und Boeotien , dafs ein uralter auf Stainni- 
verwandlschaft gegründeter Verkehr unzweifelhaft 
erscheint "). 

Nicht inindrr lassen sich in der Sage noch die 
Spuren alter Cultusheziehungen walirnelimen'). Eleiitherae 
war der Sitz eines uralten Cultus des pliallischen Dionysos, 
der mit seinem geheimen Dienst von daher nach Athen 
gebracht sein sollte'") und dionysisclien Charakter hal)en 
nicht wenige Züge des Mythos hevvahrt. Wenn iiherein- 
stiuimend bericlitet wird, Zeus hal)e als Satyr die Aiitiope 
lieriickt "), so kann dies, da es in der spiiteren Gestal- 
tung der Sage kein bedeutsames Motiv al)giel)t, nur ein 
ursprünglicher Zug derselben sein, durch welchen Antiope 
mit dem Cultus des Dionysos in Verliindung gesetzt, als 
eine in seinem Dienst und Gefolge schwärmende charak- 
terisirt wird"). Auch zeigte man bei ILleutherae in der 
Nahe eines Tempels des Dionysos die Grotte, in welcher 
Antiope die Zwillinge geboren, und daoelien die Quelle, 
in welcher der Hirt sie gebadet hatte (Paus. 1, 38, 9j, 
iler im Dienst des Oeneus war. Dahin weist auch die 
merkwürdige Sage, welche Pausanias an einer leider 
schmählich versliimmelten Stelle (IX, 17, 3) erzahlt hatte. 



und ilerun In lialt er spater kurz wiederholt (X,32,7). Antiope 
war nach der Bestrafung der Dirke durch den Zorn des 
Dionysos in Haserei versetzt und irrte llüchtig durch ganz 
Hellas, bis Phokos, Sohn des Ornytion, Enkel des Sisyphos, 
sie entlührte, heilte und sich vermahlte; beide waren in 
Titliorea auf dem Parnafs in einem Grabmal vereint be- 
stattet "). Die Motivirung der Raserei der Antiope durch 
den Zorn dis Dionysos über die Destrafung der ihm er- 
gebenen Dirke ist bestimmt erst in spaterer Zeit hitiein- 
getragen; das urspüngliche ist das Rasen und .Schwürmen 
im Dienste des Gottes. So sollten in Eleutherae die Töchter 
des Eleuther von Dionysos in Raserei versetzt sein, bis 
ihm zu Ehren ein Cultus des Dionysos Melanaegis ein- 
gesetzt wurde (Snid. v. /.n'kuv); nach anderer Angabe 
war Dionysos selbst dort vom Wahnsinn befreit (Scliol. 
Hes. tlieog.52). Auch in anderen ganz verwandten Sagen 
sehen wir das als eine von demsell)en Gott verhängte 
Strafe dargestellt, was im Cult zu seiner Ehre geschah: 
der ekstatische krankhafte Zustand der Seele, welclien 
man nur als die unmittelbare Wirkung des Gottes glaubte 
autTasseu zu können, iand seine Sühnung und Heilung 
allein in der unbedingten Hingebung und Unterwerfung 
unter die göttliche Macht, die ihn gesandt. So mufs 
auch in der Natur, damit die belebende Wärme und 
Heiterkeit des Frühlings sich wirksam erweisen könne, 
der furclitl)are Wintersturm sich austoben und ausrasen, 
von welchem der rasende Orgiasmus des dionysischen 
Cultus nur die in die Seele des Menschen verlegte, da- 
durch zu sittlicher Bedeutung erhobene Spiegelung ist. 
So konnte in der Sage das als die vom Gott gesandte 
Strafe erscheinen, was im Cultus als Sühnungsmittel auf- 
tritt. Ganz entsprechend ist die Sage von den Proetiden. 
welche nach Hesiodos ebenfalls von Dionysos rasend ge- 
macht durch den Peloponnes schwiirmen und von Me- 
lampus geheilt werden, der sich mit einer derselben ver- 



') Paus. II, 10, 4 (JV liVTOv ()i liU.o lax'iv'AtfQoäCjti; Uqöv, 
(y S^ cnjiM noünov iiy(i)./iii (ajiv-Avjionrig. tlvia yi'cQ ol roiig 
7i(döuq 2^ixvu}vCovg, xiu dt' Ixtivovi (!t0.t>vai xcü avjtjV jtv- 
iionriv TiijoarjXfiv oi/tni. 

') Plut. tie inus. 3 p. 1I31F 'Jlnaxi.iläiji ä' iv rfj avru- 
j'(oj';7 j(äv (v ftovaix^ (SiciXujj\puvjV}V scheint ausgefallen zu 
sein) i»)V xiltaQoiälav xaX jtjv xiltuQifiäixrfV 7io(rjaiv 7iqo)t6v 
<ft}ijiv 'A/x<fiovcc inivoTJacti, röv ^lög xalllvriÖTiris, roS najQos 
litjlovöji äiiSi'cStii'TOg civiov. maTovjcii (ff rovjo Ix rijg «j'k- 
yQKifijS Ttji Ip 2Lixvtövi ('inoxiiut'i'tig, <Si' yg itig J( ifQiliig lüg 
it' Anyti x(u Toi'f Jionjjug xitl loig /uovaixovg övo/nü^ii. 

') Curtius Peloponnesos II, p. 484. 

'') Kine Deutung auf Sonnencultus geben SchwenckAndeutt. 
p. 169. Uscliold Vorhalle II, p. 135 f. 



'") Böckh über die Lenaeen p. Il9(f. Welcker Nachtrag 
p.207f. Lobeck Aglaopli. p. 660 ff. 

") Euiipides bei loa. Mal. p. 49. Ovid. met. VI, 110. 
Seh. Apoll. Kli. IV, 1090. Unger parad. Tlieb. p. 371 ff. 

") Eine Keniiniscenz ist vielleicht noch in der Erzählung 
des loa. Mal. zu erkennen Nvxrtvg i/ei O-vyajiott, Uqiiuv 
zov vuov'lD.iov, ovöfiaTi Ai/tiÖtit]!', iJTig i<Siäü/Or] Trjv Tjiiaxijv 
iv/rjV rjTOi fivaTciyüiy{i(V tüiv Aiovvaucxüiv ßaxxivfii'niav, xä- 
xiiSii' ^Kyno Btix/rj. Das hier die Ilelios-Mitlirasnijsterien des 
spatesten Heidenthnins mit dem alten baccbiscben Geheimcult 
ohne Weiteres identiiicirt sind, wird Niemand irren. 

'^) Ueber die Lage von Tithorea s. Ulrichs rhein. AIus. 
N. F. II p. 544 ff. Dafs auch Zethos und Amphion dort ein 
Grabmal hatten ist wohl nur ein Mifsvcrständnifs bei Stephanus 
von Byzanz v. TiOoQitiu. 



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72 



mahlt, und zwar soll dies io Sikyon geschehen sein 
(Apollod. 11, 62, 2); von wo auch Pliokos als Enkel 
des Sisyplios ahstainint. Die Verhindiiim der Antiope 
mit Pliokos, ihreSüliDung und Bestattung au( dem Parnals 
zeigt, dafs der orgiastische Cult des Dionysos auf dein 
Kitliaeron uralt war und daPs man hei der spater ge- 
schehenen, noch in so manchenUeherlieferiingen kenntlichen 
Ausgleichung des apollinischen und hacchisclien Dienstes 
in Del|>hi "j sich eines Zusammenhangs der Orgien auf 
dem Parnafs mit denen auf dem Kitliaeron hevvufst war' ). 
Auch der Vater der Anllope Nykteus weist auf den Dio- 
nysos Nyktelios."') den Gott des orgiastischen Cultes hin, 
■wie in dem Oheim Lykos, welcher der Antiope feindlich 
gegenühertritt, der in so sehr vielen Sagen in diesem und 
verwandten Naraen ausgedrückte Gegensatz einer dem 
dionysischen entgegenstellenden, meistens apollinischen 
Religion wahrnehml)ar ist ''). Dieser tritt ja auch in der 



Sage von den Kindern des Aniphion und der Niohe, welche 
Apollon und Artemis tüdten, deutlich genug liervor'"), 
und ich glauhe auch in <ler vorherrschenden Uelierliete- 
rung, dafs Ainpliion seine Leier von Hermes erhalten 
haben soll, eine Spur desselben zu entdecken"). 

Die Zvvillingsliriider genossen als Erbauer Thebens 
dort spater heroische Ehren, und Jiiefsen Dioskuren, wie 
die spartanischen'"). Sie hatten ein gemeinsames Grab"), 
und eine eigenthiimliclie Sitte giebt über den Sinn dieser 
Verehrung Auf^chlufs. Im Frühjahr suchten die Ein- 
wohner von Tithorea Erde vom Grab der Zwillinge zu 
erlangen um mit derselben ain Grabmal der Antiope eine 
Cereinonie vorzunehmen, dies verbürgte ihnen eine frucht- 
bare Erndte; die 'I'hebaner aber, welche glaubten, dafs 
ihnen dadurch die Ernte entzogen würden, sucliten es 
auf alle Weise zu verhindern ''). Sie galten also als die 
Daemonen der im Frühling nach den Stürmen des Winters 



") Welcker alte Dcnkni. I p. 151 ff. 

'"") Wenn es Iieifst Lokros habe den niüdern bei der 
Krbauung Thebens gebollen, so ist auch darin mit Recht eine 
Verbindung der Stämme erkannt worden, s. ünger par. Theb. 
p. 21. Auch Eutresis bei Thespiae sollen sie erbauet haben 
(Strabo IX p. 411 B. Steph. Byz. EvT(>r]iyis)\ vielleicht war 
dadurch nur das Lob der Befestigung angedeutet, üeber die 
Sage, dafs Aniphion und Zethos die Mauern von Kpidaiiiiiiis 
erbauet hätten vgl. ünger parad. Theb. p. 49f. 

"') Plut. syinp. qu. VI, 7, 2 p. 692E. stellt dem Dionysios 
iiit/.i'/iog und Ijixfgid'ijg den rvxi^oivog und fiti-avuiyk gegen- 
über und verbindet (de ti p. äS9A) den vvxiiliog Zi:yt)tvg 
und iaod'diTij;. Die späteren Dichter nennen ilen orgiastischen 
Gott oft vvxxO.iog. 

'') Nach Hygin. fab. 9 stürmte Aniphion den Tempel 
des Apollon und wurde von ihm getödtet. 

") Vgl. Welcker Nachtrag p.20.i. VerschuldungdesAiiiijbion 
kannte die Minyas (Paus. IX, 5, 4). Wenn in den Kyprien Antiope 
die Tochter desLyknrgos lieifst, so ist darin ein Schwanken der 
durch die Dichter umgestalteten Sage zu erkennen; und ebenso 
scheint es mir auf flicliterisclier l'mgestaltung zu beruhen, 
wenn Dirke, die Genialilin iles Lykos, als Dienerin des Dionysos 
im ticgensatz der Antiope aufgefa^^t wurde. Nach Pbitarch 
(de gen. Soor. .5) war das Grab der Dirke ein verborgenes 
Heiligthuin, das nur die Hipparclien kannten und mit Geheim- 
dienst ehrten; vielleicht darf man darin einen Grund des 
Gegensatzes der tliebanisclien Diike gegen die kithaeronisclie 
Antiope erkennen. 

"J So hatte Fumelos in der Europeia erzählt; andere noch 
mit dem Zusatz, Ampliion habe zuerst dem Hermes geopfert, 
der ilirn dafür die Leier geschenkt habe, s. ünger paracl. Theb. 
p. 32 IT. Wenn einzelne Nacluicliten die Leier von Apollon 
oder den Musen berrühren lassen, so wird jener eigenthüiii- 
liclie und charakteristische Zug der Sage dadurch nicht be- 
einträchtigt, llerincs ist wie Dionyso.s der Gott der Hirten 
auf der feuchten Waldesirift. 



•") Hesycli. ^tiöaxovnoi, ol 'E).h't]g ttSe).ifo(. Zijftog y.uX 
l-tu(fliüv, l.tvxoniüi.oi xi().ovufvoi, womit man die Stellen des 
Euripides Ilerc. für. 29f. t<ü ItvxoJTcöf.tu tiq'iv jvnKrvrjOiii 
yßovog ll^LKf lov' ijät Zij!}ov Ixj'oyo) Jtog und l'hoen. ti09 xiu 
^tiüf TuJj' ).tvxoni!}).iov ä(ö/ja!^' mit Recht verglichen hat. Scliol. 
Od. T. 523 obioi Tceg Qt]ßag olxovai- ngäiov xa\ xitkovviiu 
Jibg xovQOi, XtvxoTKoXoi, Von Antiochia erzählt loa. Mal. 
p. 234: fxTias äh xal ttQov toj zliorvata nQog rtjj ögei 6 ctvTog 
Tißeniog ßtcadevg, oirjoug öuo aziilag j.i(yu).ug züiv ii 'Ai'zio- 
Titjg yevrriOü'Toiv Jioaxovnojv f j'tu tov vkov tig tiu)]V avTWV, 
Hjj(flov6g i£ xu\ Zr'iO-ov. Wenn das richtig ist, »o wird eine 
Auffassung des Verhältnisses dieser Dioskuren zum Dionysos 
in dem oben erwähnten Sinn zn Grunde gelegen haben. 

■') Paus. IX, 17, 3. Schob Kur. Phoen. 147. Aeschyhis 
(Sept. 534) sagt ivfißov xtn' aviov Jioytvovg lliKfCovog, 
Euripides (Phoen. 147) ilagegen zig oviog uuijl uvijutt zoü 
Zi]!)ov TitQÜ; Auch das Epigramm in Aristoteles Peplos lautet 
ln\ ZriS^ov h Qrißaig (41 p. 37 Sehn.). Nicht selten wird auch 
sonst bei verschiedenen Veranlassungen bald der eine, bald 
der andere genannt, wo beiile gleichmälsig betlieiligt sind. 

•'■') Das Orakel iles Bakis, das Pausanias anführt, verräth 
seinen neuen Ursprung deutlich genug; der Gebrauch, dem 
zu Liebe es gemacht ist, scheint alt zu sein. Die Verbindung 
mit dem Zeichen des Stiers macht es denkbar, dafs auch 
Zetlios und Ainphion im Orakel schon als .Sternzeichen gefafst 
sein, wie man den Zwillingen ja auch ihren Namen gab, 
schob Geriiianici p. 50 B. üebrigens verdient die riimisclie 
Sitte verglichen zu werden, dals nach dem Opfer iles October, 
f(ji:us die Bewohner der Siibiira und der sacra via um den 
Pferdekopf ernstlich stritten, um ihn jene an der tiirris Ma- 
milia, diese in der regia aufzustellen (Festiis ji. 17HM. October 
eqiiits. Plut. (ju. rom. (j7). Denn dies Opfer galt einer 
gliiokliilien l'^rndte (Paul. p. 220 pnniliiis reilunibant Caput 
eijiii hinniilitli iilihus Oilultrihnx in cnmpa Mnriio, quin id 
siicriliiium fiehdl oh fruijnm eventum), und der Besitz des 
Pferdekopfes galt gewifs für einen kräftigen Schutz derselben; 
vgl, Grimm, deutsche Mytliol. p. ()24f. 



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74 



neu sprosseutlen iiiul treil)eii<len Kraft. Diese Natur- 
syiiibolik tritt auch, wie Yolcker[Jap. p.356) undScIivvenck 
(rli. Mus. VI p. 569) hemerkeu, in dem Mytlios hervor, nach 
weichem die Kinder des Ainphion und der IS'iohe") 
deu Pfeilen des Ai)olion und der Artemis im versengen- 
den Sonnenbrand erliegen his auf die jüngste 'J'ochter 
Chloris"'), wie niclit minder auch in der Sage, welche 
dem Zetlios zur Gemahlin Aedon und zu Kinder Itylos 
und Neis gal) '■''). 

Doch diese Remlniscenzen alter Naturanschauung 
und liistorischer Erinnerungen waren schon hei den Alten 
zurückgetreten vor der Gestalt der Sage, wie sie in der 
Tragödie des Euripides motivirt und ausgebildet war, 
welche Pacuvius in einer seiner berühmtesten auch später 
niclit ganz vergessenen Tragödie nachgebildet liatte"). 
Allein obgleich wir bei Hygin '") eine sinnmarische In- 
lialtsangahe und aulser zahlreichen ljrnch!;tückeu nianclie 
Andeutungen und Notizen besitzen, so sind wir doch 
über die Oeknnomie derselben in wesentlichen Punkten im 
Unklaren und auf Vermutliungen angewiesen. Ich be- 
gnüge mich hier den Gang derselben im Allgemeinen an- 



zudeuten , wie er mir nach wiederholter Untersuchung 
wahrscheinlich geworden ist, ohne im Einzelnen die .Ab- 
weichungen von meinen Vorgängern zu bezeichnen"). 

Im Prolog theilte ein Gott, wahrscheinlich Hermes, 
den Zuschauern mit, was ihnen von den früheren Schick- 
salen der Antiope, welche in der Gefangenschalt der 
Dirke schmachtete, und ihrer Söhne, die als Hirten auf- 
erzogen waren, zu wissen nöthig war. Dann trat der 
Ghnr auf, welchen thebanische (ireise bildeten •'). Wahr- 
scheinlich führte sie ein Fest auf <len Ivithaeron und aus 
den Worten (fr. 4W.) 

ivi)ov dt dulüfioig (-Inv/.ülov 
y.o^tiüvTd xinniTi aivlov Eii'ov 9iuv ') 
hat man nicht mit Unrecht geschlossen, dal's sie ein 
Fest des Dionysos begehen wollten. Zu ihnen gesellt 
sich Ainphion mit der Leier, und da er in der Tragödie 
als Kitliaröde auftreten mufste, so war hier der geeig- 
neteste Platz für eine jMonodie"). Auf diese folgte ohne 
Zweifel das berühmte Gesj)räch des Zethos mit dem 
Ainphion, in welchem Euripides den von ihm durchgeführten 
Gegensatz im Charakter der beiden Brüder mit einer 



•') Niobe ist liier wie in Argos (ISnrmeister <le Niobe 
p. 27ff.) ilie im Frühling neu aufbliihemle und fruchtbrin- 
gende Krde, s. VVelcker zu Schwenks Andeutt. p. 298. 

'''') ßurnieister a.a.O. p. SSff. Der Name ist sprechend, 
auch wenn Zcpliyros sich mit Cliloris vermählt (Weicker alte 
Denkiii. III p. 159). Nicht inimler verständlicli ist est, wenn 
die überlebende Tochter der Niobe Meliboea oder Neaera ge- 
nannt wird, Apollod. III, 5, b. Paus. 11, 21, 10. 

") Hom. Od. I, 5I8ff. das. scliol. Paus. IX, 5, 5. 8, 3. 
Die Alten fafsten den Gesang der Nachtigall als Klagelied 
der Mutter um einen friihveistorbenen Sohn, dessen Name 
Itjlos onomatoiioetiscli ist. Sehr schön bemerkt Schwenck 
(rhein. Mu;. VI [i. öfis), dafs diese Klage um Itylos die Klage 
um die im Frühling aufgeblühte, im heil'sen Sommer erster- 
bende Natur ist, welche in so vielen Sagen zu erkennen ist. 
Der iVIytlios von Tereus Prokne und Philomele hat später von 
den Diclilern den Vorzug und dadurch grüfsere Verbreitung 
erhalten. Die kithaeronisilie von Zetos und Aedon, welche 
ebenfalls auf die Verbindung mit Attika hinweist, ist schwer- 
lich jünger. Charakteristisch ist auch die Schwester des Itylus, 
Neis, die feuchte, welche wie Chloris ausdrückt, dafs die Natur 
nur scheinbar stirbt und ihre belebende Kraft unvergäng- 
lich ist. 

'') Auch ich bin überzeugt, ilals bei Iljgin fall. S e<itlcm 
Euripidis quiim scribit Ennius dieser Name, wie bei Nonius 
p. 170, 17 septuosc der Name lAuiiis, verschrieben ist statt 
Pncuuiiis, und es nur von diesem eine Antiopa gab. 

'■) Hygin. fab. 8: IVijclei regis in Bacolin fitit lilia Aniiupn. 
eins fiinnae Jtunilnte Iiippiler nihluvhis ijritiiiUim fi'iit. quam 
pntcr cum puidre vi'tlet ])rnpter sluprum, minilaus perieuluui 
Anliupa effuijit. iiisu in eudem loca, quo illa pcrvciicrttt, ICpa- 
pltus Siti/unius slubut. is muliercm adneitam dumu (lies doiiiwiii) 



malrimonin suo (vielleicht siiij iuna-it. id Niicleus ncgre /crcii.s- 
cum moreretur, Lyco fratri suo per ohieslalionem mandal, 
cui tum ret/nnm rclinquchnt, ne inpune Anliopa ferret. huius 
post mortem Lycus Sininticm vcnit, interfccto Epnpho Antiopam 
vinctam nhdu.rit in t'ithacronem: parit ijeminos et relinqiiil, 
quos pnntor cducavit, Xcihum et Amphionem nominaoit. An- 
tiopa Dircac, uxori Lijci, data erat in cruciatum. ea occtt- 
sione navta fuijne se manditoit , devenit ad filios suo«, ex 
quibus Zethus, existimnns fiujitiiinm, non recepit. in cundem 
locum Dirve per hacchationcm Liberi iUuc delata est. ilii 
Antiopnm rcperlam ad mortem cxlrahebai, scd iih educatore 
paftore adolescentes certiores facti cnm esse matrem sunm 
ci'leriler cunsccuti ninlrem eripueruni, Dircen nd taiirum cri- 
uihus rcUijatam iiecnnt. Lycum cnm occiderc veUerit, vetuif 
cos Mercnrins et simul itissit Lijcum concederc reqnum Am- 
pliioni. 

•-) Weicker griecli. Trag. p.8!I IT. Haltung Fnri[). rast. II 
p. 415fi'. Wagner poett. giaec. trag. frgmni.II p. 92 fr. O. Ribbeck 
trag. Lat. rell. p. 27811'. 

-') Schob Cob. Kur. Hipp. 67 xcu ti' t;) llvjioTitj ö'tvjenov 
yoimv hiiiaüyii (die Hanilscliritt hat ß •/_ Imiadyii, Cobet las 
(h'io ytjnovg itadyti), rov tj i-h]ßai(or j'f^iorrMi' äiöt.ov xci riv 
unä .lliy/.tjg. 

'") .Solche Idole vergegenwärtigen uns die Vasenbilder, 
uius. Horb. \II, 22. Gerbard Trinksch. u. Geläfse. Taf. 5. tJ. 
.■Minervini mon. ined. 7. 

■") Die liistorisirende Erzählung heim Seh. I'^ur. Phoen. Ifi2 : 
TifiayoQiti 6i h TOig (■)r\ßaiy.oTi (frjaXv üg xaxüi; näa-yorrtg 
vnö Twi" 7i(nl l4ii(jiovc( oi ^nanro) tci'iTXov ctVTOvg Xo/rflayTtg 
ÜTiiovictg tig 'E).(v!l(Q(<g InX Titnoixiiv Hvniitv hat in dem 
Letzteren einen charakteristischen Zug aufbewahrt. 



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76 



Kunst entwickelt hatte, welclie durch das jianze Alter- 
tliuin nachklingt "). Seiner Weise geiniil's die sittlichen 
Bestrebungen und Kämpre, welche seine Zeit hewegten, 
in seinen Dramen als die Motive der mythischen Begehen- 
lieiten zu behandeln , wodurch er die Sagen in ihrem 
innersten Wesen umgestaltete, iiatte er in den Zwillingen 
den Gegensatz der musischen Bildung gegen die prak- 
tische 'rüchtigkeit dargestellt, und in einem langen mit 
aller P'einheit rhetorischer und dialektischer Kunst aus- 
gearbeiteten Gespräch Vorwürfe und Vorzüge hin und 
her erwoiien. Zu einer Zeit, wo das Fortschreiten einer 
aufklärenden Bildung und der Besciiäftigung mit Wissen- 
schaft und Kunst den einen die Gnmdlagen des Staates 
zu erschüttern schien, weil sie alles Positive in Frage 
gestellt und durch eine geistige Genufsschwelgerei jede 
maonliclie Tüchtigkeit für ernste Lebensaufgaben ver- 
drangt zu sehen glaubten, wäiirend die anderen gerade 
hierin die schönste Blüthe einer freien Entwicklung edler 
JNlenschennatur bewunderten, mul'ste bei einem Pulilikum, 
das an dem Spiel der Dialektik so grofses Behagen fand 
wie das altische, diese Art der Charakterschilderung 
grofsen Beifall finden. Und bei dein grofsen Wider- 
streben , welclies in Rom nicht biofs die Masse sondern 
auch hervorragende Männer der Ansicht entgegensetzten, 
welche für Kunst und Wissenschaft an sich eine Bedeu- 
tung und der Beschäftigung mit ihnen einen höhern Werth 
als den eines allenfalls zidässigen Zeitvertreibes in müfsigen 
Stunden in Anspruch nahm, war es auch für den römischen 
Tragiker von Interesse diesen Gegensatz zur Sprache zu 
bringen und das gebildete Publikum mochte ihm wohl 
seine Theilnahrae schenken. Auf welche Seite der Dichter 
sich stellte, konnte nicht zweifelhaft sein, Amphion, 



weicher und zarter von Gemütli und feiner von Geist 
als Zethos, mag ihm nachstehen an körperlicher Kralt 
und Gewandtheit, an Neigung und Fertigkeit für die 
Geschäfte des praktischen Lebens, allein er ist nicht, wie 
jener ihm vorwirft, verweichlicht und untüchtig, sondern, 
wenn es gilt, zur That bereit und kräftig, nur dafs der 
(iott, der ihn beseelt, ihm mühelos zu vollbringen ver- 
liehen hat, wozu jener aller Anstrengung bedarf. Indessen 
läfst er sich bei der liebevollen Weichlieit seines Ge- 
müthes, auch wohl im Gefühl seiner geistigen Uelierlegen- 
heit , bewegen dem eifrigen Andringen des Bruders, das 
ja nicht aus Feindseligkeit gegen ihn soiulein aus Liebe 
entspringt, nachzugeben : er entsagt für jetzt seiner Leier'^). 
Nun trat die llüchtige Antiope auf; aus dem Kerker ent- 
flohen war sie nach einer mühseligen Irrfahrt an das 
Geholt ihrer Söhne gelangt, und die Verfolgerin fürchtend 
flehte sie dieselben um Schutz au '^). Sie erzählte ihnen, 
wie sie durch Zeus verführt sei, und mit jener der Tra- 
gödie eigenen Ironie mifstraut der eigene Sohn ihren 
Worten: Amphion erklärt ihr (fr. 9) 

ovdi yuQ Xü&Qu doxa) 
<f(oidg y.uxoi'QYOV nyi'jfim' ix/ntfiovfui'ov 
aol Zr/v' ig tvvriv üantQ uv&Qwnov fioliTv, 
er, der selbst der Sohn des Zeus ist. Sie schilderte dann 
die entsetzliche Grausamkeit, mit welcher Dirke sie be- 
handelt hatte ^'), erzählte, wie ihr durch ein Wunder 
plötzlich die Fesseln abgelallen seien — dieser Zug bei 
Apollodor scheint euripideisch — , dafs sie ungehindert 
liabe entfliehen können, und beschwor die Jünglinge, sie 
vor der Rache, die sie treffen würde, wenn sie wieder 
in die Hände ihrer Peinigeriu fiele, zu schützen. Amphion 
zwar wurde durch ihr Flehen erweicht und v»ollte sie aui- 



'■) Valkenaer diatr. c. 8. Ilieher glaube icli gehört die 
Unterredung, weil eine weitausgesponnene Auseinandersetzung 
spater, nachdem das Interesse an der Handlung einmal erregt 
worden war, gar zu hemmend gewesen wäre, und weil durch 
dieselbe das Benehmen der Brüder gegen Antiope motivirt 
werden mufste. Der Komiker Kubidos hatte in seiner Antiope 
den Gegensatz der Brüder liauptsächlicli in ihrem Appetit ge- 
schildert fMeineke bist. er. ]). 3öf)J, und ileslialb hefahl bei ihm 
(•in Gott, Zetlios solle in Theben wohnen, wo es billiges Brod 
gebe, Amphion in Athen, 

ob y(T(ri* iltl ntiiiüni KtxQOTiiäoiv y.onoi 
xÜ7ij0VT€S (ivnici (iTiCäug anoiuivoi. 
") Horat. epp. I, 18, 39: 
nee Inii Inndiihis sliulia iiiil alii'un reprcniles, 
nee enm vevitri valet ille^ poemnin paiiiies. 
l/riilin sie friilrum gemiunruin Ampliionis nliiue 
Zethi dissiluil, donec suspeeta severo 
conticuit lijra. fritlernis cessissc pulntur 
mnribus Ainpltian. 



= ') Propert. IV, 15, 25 : 
intle C'illiiicronis limiilo peile ciirrit in arces. 

7io.r erat et spiirso triste cubilc getii. 
snepe vni)u Asupi sonilu permoln ihieiilis 
credehiit dominne pone venire pedes. 
') ünger hatte (parad. Theb. p. 82) beim etym. magn. 
p. 60, 4 (ü.tjQfvova«, ith']!)ovaa „'OoiffdCijg hl /ciXxov cci.trniv- 
ovßii xuhi'ig" — Oll T»;l' 'ylviiÖTTijy o NvxTivg ßuailiv; (■Jtjßiüv 
iJvyaitQa uijov iTionjOf xic).xiig lO.ijUtn' x(ti!)iii einen Vers 
eines unbekannten Dichters zu linden gemeint und später 
(electt. critt. p. 12f.) die Vermuthung ausgesponnen, er sei 
von Uesiodus, und von Apollonios Khodios wörtlich aufge- 
nommen, aber auf Metope angewandt, die Tochter des Kchetos 
(l\, 10!(U), was um so unwahrsclieinliclier wäre, da er kurz 
vorher selbst der Antiope ICrnälmung thut. iMeineke hatte 
kurz bemerkt, im etym. sei der Vers aus Apollonios citirt 
und das Scholion nachlässig dazu excerpirl (anall. Alex. p. 168), 
aber Unger glaubt es noch nicht (anall. Prep. p.90). 



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78 



iielimi'ii, allein dem entschieden ausgesprochenen Willen 
des Zelhos, der es für unrecht und unkliiy erkliirte, einer 
entlaiilenen Sciavin Sciiutz zu gewüliren, fügte er sicli 
wenn gleich widerstrehend aucli jetzt. Von ihm mochte 
daiier Antiope mit Recht sagen (Fr. 47) 

TiokXol ii itvijTÖJy rovio nüay_ovaiv xuxüv. 
yvwf.tTj (fQovovvxiQ ov i}iXova' vnrjQtxuv 
ifjvxfj, XU. noWa npog (flXiav viy.djfiipoi. 
Fortgewiesen von ihren Sölineu machte sie sich von Neuem 
auf die Flucht "). Dirke, welche in orgiastischer Dionysos- 
ieier auf dem Kithaeron schwärmte, trat mit dem (Jlior 
der sie begleitenden Mänaden auf, die in einem begeister- 
ten Liede den Gott feierten. Wie es eitjgeleitet sei, dafs 
Antiope entdeckt wurde, wissen wir nicht, genug sie 
wurde ergriffen und vor die Königin gefüiirt. Ich zweille 
niclit, dal's was die ineisteu Berichterstatter erzählen, 
Dirke sei zu ihrer Grausamkeit durch Eifersucht bewogen, 
weil sie Antiojje für die Geliebte ilires Gemalils Lykos 
hielt"), von Euripides als Motiv benutzt worden sei. Um 
die furchtbare Härte der Dirke poetisch zu rechtfertigen 
bedurfte es noch eines anderen Motivs als das der sittlichen 
Entrüstung ül>er die von Antiope verletzte Keuschheit war; 
Dirke selbst mufste sich, wenn auch in falschem Wahn, 
in ihren heiligsten Rechten verletzt, in ihrer Liebe, ihrem 
Stolz, ihrer Eitelkeit gekränkt fühlen, um im Sturm der 



Leidenscliaft zu einem solciien Uebennafs von Rache ge- 
trielien zu werden und doch noch menschlich zu erschei- 
nen. Ein solches Weib, von Leidenschaften durchwühlt, 
war eine Aul'gal)e, wie Euripides sie liebte, und bildete 
den wirksamsten Gegensatz gegen die sani'te Dulderin 
Antiope, die wie sie als Sciavin in dürftigem Aulzug mit 
den Spuren der erlittenen Mil'shandlungen '") der stolzen 
Gebieterin im Festschmuck gegenüberstand, ihrem Hohn 
und ihrer Wutli ") nichts als Klagen entgegenzusetzen 
hatte. Diese Klage der Antiope, welche, sicherlich mit 
Beziehung auf eine Scene in der Tragödie, zum Sprüch- 
wort geworden ist""'), glaubt man noch in den Versen 
des Propertius (IV, 15, 19) durchklingen zu hören: 

luppiter, Anliopue inis(/u«m sKccwrris hubcnli 
lot «lui«? covrumpil ihira cutcnu iiuoiiis. 

si deus es, libi turpu iuum servire piielluiH. 
invocel Antlniii; tjuem nisi vhicta /owcin? 
Die durch den orgiastischen Taumel gesteigerte Leiden- 
schaft der Dirke verhängt eine Strafe über sie, welche 
der bacchantischen Raserei ihre Entstehung verdankt. Wie 
die im Dienst des Gottes ekstatisch tobenden nicht nur 
Rehe und Zicklein, sondern Stiere einfangen, jubelnd 
iorttragen uud zerreissen, so soll Antiope an einen .Stier 
gebunden, von diesem geschleift und zerrissen werden "). 
Denn diesen Zug lialte auch ich für echt euripideisch. 



"•) Propert. IV, 15, 29: 
et (liiruvi Zcthutii et Incrimis Amphiona mollcm 
expcrta est stahiilis matcr ithuitn suis. 
'') Nach einigen Berichten war Antiope die Gemahlin des 
Lykos, und von ihm verstofsen wegen Ehebruchs mit Epopeus, 
worauf er dann Dirke heirathete: ganz nacli der Analogie 
der Ino und Themisto; scliol. Slat. Theb. IV, 570. 

^') Husclike zu Tibull. I p. 26S vormntliet nüt Hecht nach 
den Worten des Propertius (IV, 15, 1.^): 

ah quolietis putchros ussit (?) reyina cnpillos 
mulliaipw imtniics fixil in orn manits, 
dafs Antiope ähnlich der Tyro des Sophokles, die mit geschornem 
Haar und :ni.ii)rS) r«; Tianfiü; (Poll. IV, 141) erschien, aulge- 
treten sei. Was zu den Scholien zu Persius I, 77: Antiopam 
verrucosam Persius <licit qune apiitt Dirceii in stiunlore fuit 
servitio oppressa in der editio princeps hinzugefügt wird : 
fic illiwie corporis et cnma promissn impexn conijUiineriiln 
liurridn, ist ollenbar Hnichstiick einer längeren Annierkung, 
und ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich in diesen 
Worten erkennbare Ucberrcste des Pacuvius anspreche. Da 
man nicht genau weifs v»ie weit und wo sie verstümmelt sind, 
ist ilie Herstellung nicht sicher; Haupt schlägt mir vor: illuvic 
corporis, comn promissa inpexa glomerntn horridn. 

") Für diese Situation sind im Munde der Dirke die 
Verse angemessen (fr. 10): 

xonrj; d'i TtäfTiav. xa't yün Ix xaXXioviov 
X(xTQOis in^ nlo/noig ilSov (x/ii7iXriyu(t'ovi. 



ddiTog äi TiXtinioOtii Tig itßfiil'Oi -niü.tv 
<f«v).i] J'iKi'r;/ TiQOOßnkmv ijaHi] aroua. 
sowie (fr. 17) 

(( vovg h'tmir. tl öi f.u), ii StX xit).rjs 
yvrciixög, d /jr/ rüg (fQti'ctg /Qrjorag i/oi. 

"") Apostol. III, 1 'AvTiönrig OQrjyog Inl xdiv iliSixtog nua- 
yorjMy, ihu itüv ifirüv it7ia).?.ccyrjg iv/oviun'. ^Avitonti Ovyi'atji) 
MvxTiiag, ijr iifd^iiQ^ ng riüv TioXiroJv. 6 äi nujljii ni/inii im 
ää().(foi xoXuaui. 6 6( fyxvov uv7r)V iteicaciufvog üxTUQtv. i) 
di yd'rit ZfjO^ov xut HiKfCova, ovg lig onog iQQiif/tv 6 >')(tog, 
ti/i rft yvi'aTx(c uroftci Jioxrjv, i'irig vnovotjaaati rov itivrrjg 
«rrfp« --Ivxov ifiXitv 71)1' ^Ayjionriv i:vuyii avjrjv i!g ogog xid 
d'riauaa avTr/v uno XQn/r)).ov tkvqov xni üvcapctaa iääctg itno 
XMV uvToü xigdiwv f^ueXl.tv (ivtIiv unoD.vnv. ij Si t'lm'jvti 
xcu iloQvßov yivOfifvov rilhQoCaür] 7rA^.'>0f yiO)Qymi, ai'V oif 
xai Z!j!)-og xa'i Afxtjiiav. xrd yvioQlauvxtg xijv /nijxeiia nurtüv 
(onvauviu itvTtiv, xijV öi Ai<>xt]V t;] 7rooxti[J.ifiJ nciniöioxicr 
riftioQÜi. Arsen, p. 61. Suid. Aviiöni). 

") Hieher würden die Verse des Pacuvius passen aus 
einer nicht genannten Tragödie (fr. ine. 4): 
ngite rtipite vohitc ferte comn, 
traclate per nspern snxn et humum, 
svinilite vestcm ocius! 
loa. Malal. p. 47 »} Jinxrj i^itynyovaic fx xov «vrov ywi){(jv 
TKvQOv ciyQiov xa'i nrjluau tSiiSa Iv xoig avrov x^gaai xrjv 
'Ayxtörjrjv ix(Xevae StOijydt x(ct rov oxoh'ov lig xöy jnüyriloy 



79 



80 



Es ist dem Charakter der Sage und ganz liesonders der 
tragisch entwickelten geniiifs, dal's dieselbe Strafe, weiche 
der Grausame im Uebermutli iiher den Unschuldigen ver- 
liaugt, ihn dann seihst tritTt und ehen dadurch in ihrer 
Härte inotivirt ist. Der Zuhörer würde sonst niclit l)egreil'en, 
warum Amphiou und Zetlios das P2ntsetzliche ersinnen, 
und würde sich schaudernd vor dem Irevelhalten Ueher- 
mal's der Rache al)W'enden, wäiirend er die unerhitt- 
liclie Gerechtigkeit der Nemesis verehrt, welche die volle 
Wucht der eigenen Grausamkeit auf das Haupt des Schul- 
di"en zurückfallen läi'st. Und nun ujn die Katastrophe 
zu vollenden erhalten Amphion und Zethos von Dirke 
den Auftrag einen Stier einzutangen und die Strafe an 
Antiope zu vollziehen; sie sind als ihre Untergebene da- 
zu bereit^'). Hier, wo das Entsetzlichste vollführt werden 
soll, tritt nun mit Nothweudigkeit ein vollständiger Um- 
schwuni; ein. Der Hirte, welclier die ausgesetzten Knaben 
«efunden und erzogen iiat, kommt hinzu, erkennt Antiope, 
und bricht das aus Zärtlichkeit für die Pflegesöhne so lange 
bewaiirteScl)weigen"); er erklärt ihnen, es sei ihre Mutter, 
und indem er nun durch seine Erzählung das, was Antiope 
schon früiier ihren Söhnen gesagt hatte, bestätigt und 
ergänzt, wahrscheinlich auch unzweifelhalte uvayvioQio- 
fiuTu beibringt, erkennen die Söhne Antiope als ihre 
Mutter und jeder Zweifel an ihrer Abstammung für sie 
wird beseitigt, indem höchst wahrscheinlich Dirke sellist 
durch ihre Vorwürfe das zum Theil bestätigt hatte, was 



sie der Antiope früher nicht iiatten glauben mögen. 
Die rülirende Scene der Wiedererkennung, in der sich 
Freude und Schmerz mischen "), wird unterbrochen durch 
die Rückkehr der Dirke, über welche nun das Geschick 
liereinbricht. Vergebens demütliigt sie sich vor der, welche 
sie mifshaiidelt hat, vergebens lieht sie um .Mitleid, das 
sie selbst nicht kannte, die Brüder führen sie fort und 
ein l5ote erzählt die furchtbare Strafe, welche sie er- 
litten haf*'). Ohreozeuge dieser liotschaft war wahr- 
scheinlich auch Lykos, der mittlerweile um seine Ge- 
mahlin zu schützen herbeigeeilt war. Da sich der Zorn 
der Brüder auch gegen ihn wendet, wird der sonst unver- 
meidliche Kampf durch die Erscheinung des Hermes 
verhindert, welcher dem Lykos gebietet seine Herr- 
schaft dem Amphiou abzutreten "*■). 

Gehen wir zur Betrachtung der Kunstwerke über, 
so finden wir diese Sage — und das stimmt vollkommen 
mit dem ül)erein, was über die Geschichte dersell)en be- 
merkt worden ist — auf keinem älteren Kunstwerk dar- 
gestellt, sondern alle gehören einer Zeit an, in welcher 
der EinÜufs der 'l'ragödie vorherrschend war, welcher 
auch hier theils mit Wahrscheinlichkeit vorauszusetzen, 
theils bestimmt nachzuweisen ist. Es erscheint daher am 
natürlichsten dieselben nach den charakteristischen Mo- 
menten, wie sie der Verlauf der 'J'ragödie ergiebt, ge- 
ordnet zu betrachten. 

(Schlufs folgt.) 



TOÜ TttvDOv (D.iyijVKi, y.tt'i ovrtag avQijvcti t^i' 'Aviionriv vtio 
TOÜ TKVQOv xtu ii7ioX(a!>c<i. 

"■') Schul. Eur. Phoen. 102 ol yiiQ ntQi ZijOov xtu llfi- 
ffiovn Ixjt&^vitg vnb Tt); /^rixQÖg jlviiönr]; xal TQaqiivjig Iv 
101'; ßoi'xöi.tJts iTJg JiQxr^i ißovxoi.ovv nüiij. vOTioov äk uanf- 
äwxiv KvTOig t!]1' 'AvtiOTZtji' ItjI io d'n'i lavttiuv äiciGTiciacii, o! 
i)t yroi'rts ccvjtjV /^tjjt\)a uvtiüi', avirjg ijtr i(f(i'a(trro riji> i^k 
Jti>xr]V vJto TtiJv TcwQtov äiiananuv. Scliol. Apoll. Rh. IV, 1090 
7/ <Ji (fEvyti y.tel ).i](fOttaa nüXiv rors ittvrijg nctio'iv ixöCäojui, 
'AuipCovt xal Zf)Oo). IvrcwOa ät Ixxcü.vmn 6 rnotflig ßov- 
xölog 10 ytyovög. 

■"J Seine Worte sind sicher (fr. 41): 

xon^og iJt aiyrjg oie(fciroi (h'Jpos ov xctxov. 
10 ä' ix!.ai.oüv rov'i' rjdot'ljg fj'tv linjtrai, 
xitxöv ä' ö/^O.rju', ctaOtvig äi xat nolii. 
Vyl. Dio Clirjs. XV, 9 ö yäg ixiCvov vouivg o h zttig 'Ei.tv- 
lunuig xut i] yvvi\ rj jov vou^ug — te).>.('jT()i(i ivQoviig it' 
t;7 ocFfi) ntuöfa — t}v().6f.tiroi hQHfOv o'ig iwztäv, xctc oviSi 
laitoor txövjtg ovä^nori löuo/.öytjnay oti (iD.öjqioi ijnitv. 



") Bei Pacuviiis redet Antioi)« die Söhne an (fr. 13); 
saloclc, ijemini, mcn jiroprines snuiiuhih ! 

*■') Dahin gehören die Verse (fr. 43): 

TV/Ol ninii iliing, ti)/' ouov ).aßtüv 
yvredxii ttHohv änijv, fmaVM'.anMv nti. 
Dafs der wilde Stier, welchen die Brüder bündigen, und 
von dem Dirke im Sprunge durch Wälder und über Felsen 
fortgeschleift wird, bis sie zur Quelle wird, ursprünglich den 
im Winteisturm tosenden Giefsbacli des Gebirges bedeute, 
bezweifle ich nicht. 

") Hjgin. fab. 8. ScIiol. Apoll. Kh IV, 1090 ihv öi 
^(nx}]V (i ity()(ov KWQOV TiQoaih'iadviei äiitiil)i(Qovai, fjua- 
nifixpttfitvoi äi töv ^vxov tög (xäoJaovres rijv 'AvjioTirjV aifttiittv 
tufV.ov, 'r.nurig äk lx(ü).vne, iw Avxto öl 7jQoa(iit.'iiv 7i«nt(- 
yo)ni]ap.i jrjs ßaaiXiktg ciiijoig. 



Hiezu Tafel LVl. LVll: Antiope und Dirke, Bildwerke zu Neapel und Vollerra. 



Herausgegeben von E. Gerhard. 



Druck und Verlag von G. Reimer. 



8t 



82 



DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 



Archäologische Zeitung, Jahrgang XI. 



M 57 A. B. 



September 1853. 



Antiope und Dirke. — Denkmiiler zur Odyssee. — Allerlei: Bekleidung der Parzen. 



I. 



Antiope und Dirke. 



(.Sclilufs.) 
Hiezii lue AhbiUlungen Taf. LVI. LVII. 

Der erste Hloiueut*), welchen wir von der bildenden 
Kunst dargestellt sehen, ist der Wettstreit der bei- 
den Brüder: diesen finde ich aiil' zwei Kunstwerken. 

Ein Wand^eniiilde, welches sich in Pompeji dreimal 
wiederholt findet'"), stellt in einer Felsengegend einen 
hekränzten Jüngling vor, mit Chlainys und Sandalen be- 
kleidet, der die Leier, welche er auf einen Pfeiler auf- 
stützt, mit dem Plectrum spielt und begeistert dazu singt"'). 
Ihm gegenüber sitzt auf einem Kelsstück mit unterge- 
lireiteter Chlamys ein Jüngling mit phrygischer Mütze 
und Sandalen; er stützt den linken Arm auf den Fels 
und lehnt das Haupt gegen die Hand, in der gesenkten 
Rechten halt er den Hirteostab; mit finstrer Miene hört 
er dem Kitharödea zu, neben ihm ist ein Rind zur 
Hälfte sichtbar. Finati (mus. Borb. X(, 23) erklärte die 
Darstellung für Apollou bei Laomedon, bestimmt durch 
den apollinischen Charakter des Kitharöden. Indessen 
sieht man nicht recht ein, wie ein Maler eine so bedeu- 
tungslose Situation wählen sollte, auch läf»t sich der 
finstere Ausdruck des Laomedon so wenig wie seine 
Darstellung als Hirte erklären. Braun (mon. ined. d. ist. II, 
59, 3 ann. X p. 328 f.) erkannte deshalb in dem Hirten 



Arges neben der in eine Kuh verwandelten lo und in 
dem Kitharöden Hermes, der ihn einschläfern will. Allein 
wenn gleich die Leier Hermes sonst wold zukommt, so 
ist doch bei diesem 3Iythos die Klöte bei Dichtern und 
Künstlern so constant, dafs man ohne Noth eine Aus- 
nahme nicht wird annehmen wollen. Dies Gemälde aber 
erklärt sich befriedigend, wenn man in den beiden Jüng- 
lingen Amphion und Zethos erkennt. Um einen jeden zu 
cliarakterisiren mul'ste Amphion dargestellt werden, wie 
er zur Kithar singt'"), Zethos ist durch den Hirtenstal» 
und das neben ihm siclitbare Rind bezeichnet; der Ge- 
gensatz zwischen beiden ist dadurcii ausgesprochen, dafs 
der göttliche Gesang, der selbst Thiere und Steine be- 
zauberte, von Zethos nur mit finsterem Widerwillen ver- 
nommen wird. 

Eins der schönen Reliefs im Palazzo Spada zeigt 
uns vor einem mit Kränzen geschmückten kleinen Tempel, 
in welchem ein archaisches Bild der Artemis aufgestellt 
ist, eine ilerbe Jünglingsgestalt, nackt bis auf die um die 
Schenkel geworfene Chlamys, auf einem Felssteine be- 
quem sitzend; er lehnt den Kopf an die aufgestutzte 
Rechte und blickt nicht ohne Uebermuth auf einen zarter 
gehaltenen Jüngling, der ebenfalls bis auf die Chlamys 
nackt in ruhiger Haltung, die Linke auf den Rücken ge- 
legt vor ihm steht , mit der ausgestreckten Rechten 
eine Leier auf einen nelieu jenem stehenden Pfeiler stützt 
und ihn fest und klar anl)lickt. Ein Hund zu l<'ürsen 
des sitzenden Jünglings sieht wie sein Herr ijleichsam 



'■) Miiiervini hat (Bull. Nap. I p. 2fi) auf einer Vase von 
Anzi mit rotlicn Figuren, wo eine nackte Frau in eiliger 
Flucht von einem eplieubekrünzten Satyr ereilt wird, Zeus 
und Antiope erkannt, weil fler Satyr durch niajestätiscbe Ge- 
sichtszüge sich auszeichne. Indessen erscheint mir diese von 
Gerhard (arcli. Zeitung I p. 7011.) gebilligte Deutung ebenso 
problematisch als die eines etruskisclien Spiegels (Ingbirami 
nion. Ktr. II, 17), wo Zeus mit dem l!lit/. eine nackte gellii- 
gelle Frau umarmt, während ein junger Satvr mit zwei Flöten 
neben ihnen steht, der nach Müllers (D. a. K. II, .3, 46) nicht 
annehmbarer Vermuthung die Verwandlung des Zous andeuten 
soll. Wahrscheinlicher hat Gerhard (etr. Spiegelst, 2) Semele 



erkannt. Ueber die Gemmen, aut welchen man Zeus als Satyr 
hat erkennen wollen, nitheilt ganz richtig Zoega bass. I p. 195. 

'") Schulz ann. X p. 329: neun casa di Cnslore e Polluve, 
nella casa della Caccia c nella casa delle pareti nere. 

"') Diese Figur findet sich allein fast ganz genau wieder- 
holt auf einem herculanisclien Wandgemälde, pitt. d'Erc. III, I. 
Sie erinnert allerdings auch an den von Pliilostratos (im. I, 10) 
beschriebenen Amphion, 

'■") Verg. ecl. II, 2:}: 

canlo (/une solitus, si quandu armcnta vocabat, 
Ami>liion Dircaciis in Actnco Arac'jntho. 



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84 



tVagead zu dem vor ilim stehenden Jüngling auf. Nach- 
dem Guattani (tnon. iued. Vll p. 156fi'. Taf. 34) den 
Streit des Apollon und Hermes um die Leier in dieser 
Vorstellung erkannt hatte, hat Braun (zwölf Basreliefs 
Taf. 3) die richtige, auch von Welcker (alte Denkm. II 
p. 318fF.) gebilligte Deutung auf Zethos und Ampliion 
gegeben. Zethos ist wie bei Horaz als Jiiger charak- 
terisirt und es scheint mir als sei hier — verschieden 
von dem Wandgemälde, mit dem die Uebereinstim- 
muug im Allgemeinen deutlich genug ist — der Moment 
dargestellt, vro .Amphiou den N'orstelluugen des Bruders 
uachgiebt; denn der Pfeiler, auf welchen er die Leier 
stellt, ist unmittelbar neben diesem und vor dem Bilde 
der Artemis, in deren Heiligthum er sie gewisserraafsen 
niederlegt. 

Die zweite Scene ist die WiedererkennuDg der An- 
tiope und ihrer Söhne. Hier wiirde ein berühmtes lierr- 
liches Relief den ersten Platz einnehmen, wenn diese 
Deutung desselben sicher stände. Bekanntlicli besitzen wir 
eine wundervolle Composition griecliischer Kunst in drei 
antiken Wiederholungen '). Eine jugendliclie weibliche Ge- 
stalt im dorischen Chiton und verschleiert nimmt die 
Mitte ein. Im Gehen begrilTen hält sie ihren Schritt 
an und legt mit dem Ausdruck schmerzlicher Zärtlichkeit 
ihre Linke auf die Schulter eines vor ihr stehenden jungen 
Mannes, der sie innig ansieht und mit seiner Hand sanft 
die ihrige berührt, als wolle er sie entfernen. Er ist 
mit einer Chlamys über dem Chiton, mit Stiefeln und 
mit einem eigenthümlichen Helm bekleidet und hält in 
der gesenkten Linken eine Leier. Hinter ihr steht ein 
.lüngling in Chiton und Chlarajs, den Hut im Nacken; 
.mcli er hält im Gehen an und fafst mit der Rechten 
leise die herabhängende Linke der Frau, als wolle er 
sie zur Umkehr mahnen. Diese drei Figuren sind auf 
dem Relief in Neapel durch die Beischriften ^Y^fiO 



HYPIJIKH HPMHI bezeichnet, und es ist jetzt 
allgemein anerkannt, dafs dadurch die richtige Deutung 
gegeben ist. Eurydike vermag nicht von dem .Anblick 
des kaum wiedergewonnenen Gatten sich zu trennen, 
während er seines Fehls eingedenk in schmerzlicher Re- 
signation den Abschied herbeizuführen sucht, und auch 
Hermes sie sanft an die Nothwendigkeit ihm zu folgen 
mahnt. Das Ganze drückt eine Innigkeit des Gelühls, 
das in jedem anders nuancirt ist, mit einer einfachen 
Wahrheit aus und durch das edelste Mafshalten zu einer 
Harmonie verschmolzen, welche wohl nur die griechische 
Kunst erreicht hat. Nun finden sich aber im Relief 
des Louvre die Beischriften AMPHION ANTIOPA ZE- 
THOS. Indefs hat namentlich Zoega darauf aufmerk- 
sam gemacht, dafs wenn auch eine allgemeine Aehnlich- 
keit der Situation vorhanden ist, doch weder die Auffassung 
derselben überhaupt noch der einzelnen Figuren befrie- 
digend so zu erklären ist. Wie viel Wehmuth sich auch 
in die Freude dieses Wiedersehens mischen mochte, so 
gleich einem Abschiede konnte es doch nicht aufgefafst 
werden. Auch konnte bei der Wiedererkennung der 
Söhne Zethos nicht in dieser Weise gegen Amphion zu- 
rückgestellt werden, und ein Künstler, der ihre ungleiche 
Sinnesart auf diese Art hätte charakterisiren wollen, 
vürde sich nicht zugleich als ein solcher Meister in der 
feinsten Darstellung des Gefühls bewährt haben. Endlich 
palst die auffallende Tracht viel besser für Orpheus als 
für Amphion. Seitdem aber durch Zoegas gründliche 
von Welcker mitgetheilte Untersuchung ieststeht, dafs 
diese Inschriften modern sind^'), ist kein Grund vorhan- 
den an jener Deutung festzuhalten und die an sich keines- 
wegs zu leugnende Möglichkeit der schon im Alterthum 
versuchten Benutzung eines Motivs für einen verwandten 
Gegenstand'') auch in diesem Falle anzunehmen'^). 

Leider steht ein anderes Kunstwerk, das walirschein- 



'■') a. In Villa Albani, Zoega bass. 42. 

b. Im Musto Borlionico, eliemals im Besitze des duca 
<li Caraffa Noja (Winckeliiiann mon. ined. p. 114), 
Gerhard Neap. ant. liildw. p. 67, 20ö. iiius. Borb. X, 
62. Gargiulo racc. 11, 35. 

c. Im Louvre, ehemals in Villa Borghese, Winckel- 
mann mon. ined. 185. Marini fr. Arv. \>. 121. 
Miliin gal. myth. 167 bis, 512. Clarac nms. de 
sc. 116, 212. vgl. Winckelmanns Werke V, [). 285 ff. 

'■') Zoega hatte schon friilier Zweifel gcäiifsert (Bass. I 
|i. 62. 194), welche bei einer genauen Besichtigung in der 
Nähe vollkoMimen Lestätigt wurden, s. Welcker ann. V p. 157 f. 
alte Denkmäler II p. 319f. 

'■'J Braun Bull. 1837 p. 33. vgl. Welcker alte Denkm. II 
p. 319 f. 



'■') Ich habe die Deutung dieser Reliefs auf Orpheus und 
Eurydike ausführlicher zu unterstützen gesnclit, weil ich einen 
Verdacht gegen die griechisclien Inschriften nicht unterdrücken 
kann, damit, wenn auch diese äul'sere Autorität wegfallen 
sollte, die Krklärung nicht in Frage gestellt werde. In der 
That ist mir sowohl die Orthographie IIPjMIIX, JTYPfJIKE 
bei einem Kunstwerk von solcher Ausführung höchst bedenk- 
lich, als dals 3T*34''?0 der Richtung der Figur nach von der 
Rechten zur Linken gesclirieben ist, was (Veilicli auf Vasen 
liäulig ist, aber auf Reliefs soviel mir bekannt sich nicht hndet. 
In derselben Sammlung des duca di Carall'a Noja befand sich 
das Parisrelief mit griechischen Inschriften (Winckelmann mon. 
ined. IIa. nms. Borb. III, 40), das wie in ähnlichen Fällen zur 
Fälschung Anlafs geben mochte. Dafs man durch längere 
Zeit in Neapel das wenige Griechisch, das man konnte, ge- 



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lieh liielier zu ziehen ist, an Schönheit und Bedeutsam- 
keit unendlicii hinter jenen Reliefs zurück. Ein etruskischer 
Spiegel der Duraiid'schen Sammlung stellt eine bekränzte 
Frau im dorischen Cliiton zvvisclien zwei Jiinnlingeu vor, 
welche ihr nuluierksnm zuhiiren. Beide sind his auf die 
Chlamys n;ickt; der welcher ihr zur Hechten steht hält 
ein Schwert in der Hand, der andere stützt eine Leier 
auf einen Pfeiler auf. Im Hintergrund ist wie oft auf 
Spiegeln ein tempelartiges Gehaude sichtbar. Die Deu- 
tung auf Antiope zwischen ihren Söhnen ist zuerst von 
Lenormant (cat. Durand p. 416, 1962) gegel)en und von 
Koulez in einer kleinen Schrift ausgeführt worden*'); 
mit Recht, glaube ich, nur darin scheint er mir gefehlt 
zu haben, dafs er den Zeitpunkt annimmt, wo die flüch- 
tige Antiope noch unerkannt ihren Söhnen ihr Schicksal 
erzählt. Denn olFenbar mufste dieser Moment bewegter und 
leidenschaftlicher in seinem Conilict nufgefafst werden, und 
dann gewinnt so das Schwert in der Hand des Zetlios eine 
ungleich energischere Bedeutung; welches übrigens Roulez 
als charakteristisches Sjmliol des Zethos sehr gut nachge- 
wiesen hat durch Vergleichung des schol. German. p. 50 B. 
alii vnliint Zullnim et Amphioiiem esse, ideo niius zonam, 
alter lyrinn licthet. Gerhard (etr. Spieg. 219), welcher 
von Roulez's Al)handluug keine Notiz genommen hat, 

legentlicli anwandteiini Keliefsancli mit Inschriften zu schmücken, 
beweist das Karyatidenrelief in Neapel (Gerhard Neap. ant. 
Bildw. p. 132, 497. Mus. Borb. X, 59), von dem Relief bei 
Lupoli (iter Venus. Titelvign. p. 49) gar nicht zn reden. 

'''') i. E. G. Roulez, Anipliion et Zütliiis, dissertation 
archeologique sur un niiroir etrnsijue. Liege 1S42. 8. 

''J Auf einem anderen Spiegel sind genau dieselben Fi- 
guren dargestellt, in ihrer Mitte ein Jüngling mit Chlamjs 
und phrygischer Mütze. Gerhard (etr. Spiegel 122) sieht hier 
Paris und Hektor mit Deipliobos, ohne eine bestimmte Situa- 
tion zu bezeichnen. Mül man an der Deutung auf Aniphion 
und Zetlios festhalten, niülste man wohl Lykos in der Mittel- 
ligur annehmen; allein bei dieser Gattung von Kunstwerken 
wage ich nichts bestimmt zu behaupten. 

'■) Vgl, Jacobs exerc. critt. II p. I39ff. anim. anth. Gr. III, 
3 p. 620ff. Die Ueberschrift lautet Iv Kv^ixot ilg tüv vctöv 
Unoi.'/.wiCiSog, ii;s fjtjjnog ^AiTulov xu'i Evixtvovg, imyQi'ifjfxma 
il tii IK arvXoTJiVi'iXiu iy^ynciriTO, TiinifyoVJii i'cvtiyl.vifovg 
lajOQCctg, log vtiot^kcxtcci. Diese aivXonivcixia, welche mehr- 
mals als Reliefs bezeichnet werden , waren je an einer Säule 
{xCwv) angebracht. Man hat wohl nicht mit Unrecht die 
Säulen an einem Tempel in Labranda (Alterth. v. Jonien 4 
Taf. 3. Choiseiil Gouflier voy. pitt. I pl. 10.5. Fellows Asia 
min. p. 2t)0. 262) — denn nur dies eine Beispiel ist bekannt — 
verglichen, an welchen eine viereckige Tafel, welche man bei 
der Cannelirnng hat stehen lassen, angebracht ist um In- 
schriften aufzunehmen. VVeIcker hat (Hall. Littztg. 1636 Oct. 
p. 226) damit zusammengestellt, dafs bei Livius (XXXVIII, 9) 
die Ambrakioten sieb beklagen orniimentis parieles pusiesque 



glaubt Helena zwischen Hektor und Paris zu erkennen, 
eine Situation, die in keiner Weise eigenthümlich und 
scharf ausgeprägt sein würde"'). 

Zu den zahlreichsten und bedeutendsten Kunstwer- 
ken gab die Bestrafung der Dirke Veranlassung. Unter 
den Reliefs, mit welchen Attalos II den in Kyzikos zum 
Andenken seiner Mutter Apollonis Ol. 155, 3 erbauten 
Tempel schmückte '), — sie stellten alle Beispiele der 
Kindesliebe dar — zeigte das siebente die Bestrafung 
der Dirke, wie das darauf bezügliche Epigramm be- 
sagt '■') 

Idi-Kfiwv xai Zfjdi, dvo axvXuxiv^tuTU, /JiQy.tjV 

xTiivuTi ravd' öXtiiv ^lUTiQog'jivzloTtug, 
öia/ittov tjv nuQog ii/e öiu Crj'f.i'finva ft^viv, 

vi'ii J' ixtzig uint) Xirynti' ödvQn/iitv?]. 
uyt xtn ix juvpnio xad^umiii dlnXuxu gii'qtjv, 
Zqga öi^iag oi'grj T)jad( xaiu '^vXö/ov'') 
und zwar, wie begreillich, den Moment, wo die Brüder 
im Begriff sind sie, die im letzten Augenblick vergel)licli 
um Mitleid fleht, an den mit Mühe gebändigten Stier 
zu fesseln, üeber die künstlerische Composition erfahren 
wir leider nichts Näheres, sell)st das ist nicht bestimmt 
angedeutet, ob Antiope dabei gegenwärtig ist. 

Derselbe ist auf mehreren Gemmen und Münzen dar- 

nuthilos ; allein die Pfosten der Tempelthüren konnten auf 
mancherlei Art geschmückt werden, wie schon die jiostihus 
affi.ra tropnea beweisen, und auch die von Welcker angeführte 
Stelle des Rufinus (bist. ecci. II, 29), welclier von den allent- 
halben, auch in jwstibtts angebrachten Büsten {thornces) des 
.Serapis spricht. Andere hielten die arvlonivuxia ohne Grund 
für Gemälde, und der von R. Rochette (peint. ant. p. 142ff.) 
vorgeschlagene Compromifs, dafs es gemalte Basreliefs ge- 
wesen seien, ist illusorisch, s. Letronne append. p. 85f. Diese 
Epigramme sind ohne Zweifel von Gregorius Magister, der 
in Kleinasien umherreiste und Epigramme abschrieb, welche in 
die Anthologie des Constantinus übergegangen sind (Hecker 
comm. crit. I p. 166f.), in Kyzikos von den Monumenten ab- 
geschrieben, wie auch die genaue Angabe der Localitäten be- 
weist. Dadurch erledigt sich auch Jacobs von Marquardt 
(Cyzicus p. 150) gebilligte Ansicht, die Epigramme hätten 
nicht im Tempel in Kyzikos gestanden, weil sie zu schlecht 
wären. Aber in üblem Zustaml fand sie wahrscheinlich 
Gregorius, weshalb er sie fehlerhaft abschrieb. 

*") Dazu das Scholion; ö ißöouog 6/ft thqI t« ünxii^it 
filQrj 'Afxiilovog xtu ZrjSyov laioninv. ' * nQoacinrovrag javQb) 
Tijv ^1inx)jV, oji jriv firjT^nct aviüiv 'Avrionriv, äiü itjv ifftoQccv 
yivxco IM uvönX (tvirig vnö NvxTi'iog jov TKcroög üvTljg*, OQyr, 
(i]).OTii,Tiüg (i'(y/f9fTacc t'tfi^jQiog IjiuatnTjijaTO. 

'") Ich habe die Verbesserungen von Jacobs aufgenommen, 
die Handsclirilt hat 1. oxvi.tvfiiacc Ji\)xtig, 3. ij, 4. ixiiijg, 5. 
Xtt9u7iteiai. 5 ist clye xal (x gewifs nicht richtig: Jacobs 
vermuthete icy^Cov ix, oder ük).' uye xüx, oder ülV llytj' 
(x, ünger parad, Theb. p. 83 tvye xal ix. 



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88 



gestellt, welche, wie natürlich, im Wesentlichen überein- 
stimmen, indem Zetlios und Ampliion mit vereinten Kräf- 
ten den Stier bändigen, während Dirke nm Mitleid fleht. 
Auf zwei unter einander genau übereinstimmenden Gem- 
men '") knieet sie und streckt bittend die Arme gegen den 
einen der Brüder aus; auf einer anderen (Granelle II, 52) 
liegt sie, halb auf der Erde und stützt sich mit dem 
einen Arm auf dieselbe. Auch auf einer Münze der Akra- 
sioten liegt Dirke mit nacktem Oberleib auf die Erde 
hingestreckt unter dem Stier, stützt sich auf den linken 
Elliibogen und fasst mit der ausgestreckten Rechten den 
Strick, der unter dem Stier durchgeht und an ihrem 
Kopf befestigt zu sein scheint. Den springenden Stier 
fal'st ein vor ihm stehender Jüngling mit der Rechten am 
Hörn, mit der Linken am Maul, ein hinter dem Stier 
stehender hält mit beiden Händen den an den Hörnern 
iestgebundenen Strick "'). Auf der Slünze von Thyatira"') 
ist Dirke sitzend vorgestellt und breitet Hellend ihre Anne 



aus, während einer der Brüder sie bei den Haaren fafst. 
Diese Abweichungen hindern nicht, in diesen Darstellun- 
gen I\achi)ildungen eines berühmten Kunstwerkes zu sehen, 
wie in den meisten ähnlichen Fällen, wo diesellie Dar- 
stellung auf Gemmen und Münzen wiederholt ist, allein 
sie lassen auch keinen sicheren Schlufs zu, was bei diesen 
Veränderungen auf das Original und was auf die Willkühr 
des Copisten zurückzuführen sei. 

Dafs dieses Original die Marmorgruppe sei, welche 
die Gebrüder Apollonios und Tauriskos aus Tralles in 
Rhodos aufgestellt hatten, von wo sie Asinius Pollio als 
eines der bewundertesten Meisterwerke der Sculptur nach 
Rom brachte'''), hat die gröfste Wahrscheiidiclikeit. Eben- 
so wenig können einzelne hie und da geäul'serte Bedenken 
die allgemein angenommene Ansicht zweifelhaft macheu, 
dafs die grofsartige unter dem Namen des toro Faruese 
weltberüiimte Gruppe in Neapel das Werk jener Künstler 
sei, soweit es nicht moderne Restauration ist"). Zwar 



'") a. .Sarder einst im Besitz des Ritters Odani, abge- 
bildet bei Gori columb. Liv. Aug. \i. XXXV. Miliin 
gal. niyth. 140, 514. Müller Denkm. a. K. I, 47, 215c. 
b. antike Paste in Berlin. Winkelniann descr. p. .322, 
54. Tülken Beschreib. |). 257, 6; abgebildet arcli. 
Beiträge T.if. 3, 3. 
"') Die Münze, eine Grofsbronze, ist angeführt im mus. 
Tbenpol. p. 933 und bei Kckhel D. N. ll[ p. 191; die Abbil- 
dung auf Taf. LVIII, 2 ist nach einem Abdruck gemacht, den 
mir Hr. Director Arneth gütigst niitgetheilt hat. Auf der 
\ üiderseite ist das Brustbild des bekränzten bärtigen Kaisers 
im Mantel mit der Umschrift ArTKAlCEnTCEOYHPOCll. 
"') Grofsbronze nüt dem Kopf des Alexander Severus, 
ex mns. Cranell, bei Kckhel numi vett. an. 15, 1 p. 269. Müller 
I). a. K. I, 47, 215c. Dieselbe Münze führt Kckhel (D. N. III, 
p. 122) mit dem Ko|)fe des Caracalla ex mus. Caes. an; dafs 
dies nnr durch einen Irrtliuni geschehen sei, und dasselbe 
Kxemplar nach Wien gekommen ist, beweist sein catal. mus. 
Caes. I p. 194, 4. Der Grund, weshalb auf diesen Münzen die 
Gruppe abgebildet ist, ist nicht genügend aufgeklärt. -Dafs 
die Künstler aus Tralles gebürtig waren, konnte die Thya- 
(irener und Akrasioten kaum dazu bestimmen; auch dafs 
Wiederholungen derselben sich dort befanden, ist eine will- 
kührliclie Annahme (Livezow niedic. Venus p. 63). Mas 
Jacobs (verm. Sehr. V p. 433 f.) bemerkt ist nicht frei von 
Irrthümern. 

") Plin. XXXV, 5, 4, 34: PMio Asinius, ut fuit ntris 
vcliementiiie, sie (jni)ijne speelari jnonimenia siin vohät. in liis 
sunt — Zellius vi Amjthion iic nirce cl Itiiiriis vincnlumquc 
ex eodcm hipiilv , a lihotlo inlojtia upera Apiillonii et 'l'nu- 
risci. pnrculnm lii rerinmen de se fecere, Meiicvratcn viilcri 
professi, seil esse nnturnlem Arlemiilorum. Dafs sie ans Tralles 
waren, nimmt man daraus ab, dafs Plinius unmittelbar anführt 
Jlermeniles Tauristi, non ciielnloris illius, sed Trnllinni. Die 
pretiose Wendung von dem cerlamen pnreitlnm bedeutet nur, 
dafs sie xuO^' voOtaCuv jMtvixrjuiovg tfüan ät 'Aoxtiiiäianou 



waren, nach der auch in den von Rofs (rhein. Mus. N. F.IV 
p. 166 If.) herausgegebenen rhodischen Inschriften vorkommen- 
den Formel; wahrscheinlich entnahm Plinius seine Floskel 
einem Epigramm, das in diesem wie in ähnlichen Fällen neben 
dem Kunstwerk angebracht war. Heyne (ant. Aufs. II p. 209) 
vermuthele, dafs die Künstler „mit einer Art von Rücksicht 
auch auf zwei Brüder, Zethus und Amphion, das Sujet könne 
gewählt haben", und Avellino (descr. p. 53) meinte, in einer 
Zeit, da die Anspielungen bei den Archäologen so sehr im 
Credit ständen, sei diese nicht zu verachten. Gewifs nicht, 
und doch beachtete Heyne nicht einmal, dafs von beiden 
Zwillingspaaren, den darstellenden wie den dargestellten, das 
certamen parentum gilt, ja dafs einer von den Künstlern dieses 
taurus selbst Tauriskos liiefs. Doch es ist gefährlich mit Ab- 
surditäten Spafs zu treiben: es könnte einer sie für haare Münze 
nehmen. — Aulfallend ist bei Plinius der Plural Oftera für 
eine Gruppe, von der er selbst rühmt, dafs sie aus einem 
Mein war; er hat ihn wohl gewählt, weil es mehrere Figuren 
waren und zwei daran gearbeitet hatten, doch sagt er vom 
Laokoon opus, 

") Heynes Aufsatz (ant. Aufs. II p. 182(1.) hat das un- 
bestreitbare Verdienst darauf hingewiesen zu haben, dafs es 
an einer genauen Unterscheidung dessen, was an der Gruppe 
anlik und modern sei, noch fehle und ein sicheres üttheil so 
nicht möglich sei. Allein statt durch diese Unsicherheit des 
Bodens sich zur Ziuücklialtung mahnen zu lassen, hat er sich 
— und auch in dieser Beziehung ist sein Aufsatz lehrreich — 
zu sehr willKührlichen Vermuthimgen berechtigt gehalten, die 
gar ins Blaue gelien. Die (iruppe ist bei den ihermae Än- 
toninianae unter Paul III (1534 — 49) gefunden und kam in 
den Besitz der Farnese. Die ältesten Nachiicliten von Ulisse 
Aldroandi le stallte di Itomn (in Lucio Mamo le antichitä 
di Koma. Veued. 1556 p. 162 f. auch bei Fea miscell. I 
p. CCXII) und Vasari (vite de' pitt. III p. 267 Hott.) geben 
ülier die Restaurationen rur ungenügende Auskunft. Man 
glaubte anfangs die Grnj)pe stelle lierak'es mit dem Slier 



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90 



lial>en neuere Untersiiclniiigen"') Iiinreicliend dargetlian, 
iJafs alle nocli Vdrliaiulenen l''igiireii iirsprüriglicli zu der 
finippe geliörtei), auch sind die neu ergänzten Theile 
jetzt zienilii'li genau verzeichnet, allein eine scharfe 
mit technischer und kunsthistorischer Einsiclit unternoin- 
mene Prüfung, wie weit die Restaurationen richtig, 
oder andere walirscheinlich oder seihst nothwendig sind, 
ist leider noch immer niclit vorgenommen. Uehrigens 
ist die staunensvverihe Gruppe durcli Weicker neuerdings 
so scliiin und treiFend gewürdigt worden , dafs ich mich 
in den wesentlichen Punkten ihm nur aMschliefsen kann'"). 
[Taf. LVI, Ij. Auf den Felszackeii des Ivithaeron 
stellen die beiden kriiitigen Jünglingsgestalteu frei in 
l'ester Stellung und sind mit aller Anstrengung hemüht 
den wild sich haumeiiden Stier nur so lange zu hän- 
digen, dal's sie die zu ihren Hülsen liegende Dirke an 
(lensellien fesseln können. Sehr glücklich ist dieser 
Bloment gewählt, nicht nur als der günstigste für die 
Enlvvickehiug der ausgehilJetesten körperlichen Kraft, 
sondern weil er uns <lie Brüder, indem sie eine grausame 
Strafe vollziehen wollen, zunächst seihst einer grofsen 
Gefahr, die sie mit Kralt und Kühnheit üherwinden 
müssen, ausgesetzt zeigt und sie dadurch wahrhaft zu 
Helden in dieser Katastro|)he macht. Amphion — die 
Leier, welche er nehen sich an einen Uaum gelehnt hat, 
njacht Ihn keuiitlich ■ — ist dem wüthenden Stier, der 
sich losreifsen wollle, rasch entgegen getreten und hat 
ihn mit der Rechten heim llorn, mit der Linken am Maul 



gepackt, um ihn in seiner Gewalt zu hahen ; noch eine 
gewaltsame Bewegung des Tliiers und es stürzt den Jüng- 
ling von den h^elszacken heral). Zethos kommt ihm von 
der anderen Seite z\i Hülfe, er hat das um die llörner 
des Stiers geschlungne Seil gefafst , um demselben nach 
dieser Seite hin einen Ruck zu geben und ihn so zum Stehen 
zu bringen. Zu ihren Fiifsen liegt gewaltsam hinge- 
worfen Dirke und umfal'st ilehend mit der Rechten das 
Knie des Amphion. .Sehr gliicklich hat nun Müller 
(ann. XI p. 288) auf das ßruchslück eines Cammeo im 
museo IJorbonico') autuierksam gemacht, auf welchem 
der obere Theil des Arnphion mit dem Kopl des Stiers 
so genau mit der farnesischeii Gruppe ül)ereinstimmt, 
dafs man auch für die übrigen 'l'heile diese Ueberein- 
stimmung voraussetzen darf. Nun ist alier auch der obere 
'("heil der Dirke noch sichtbar und die rechte Hand des 
Zethos, welche ihr Haupt bei den Haaren gewaltsam zu- 
rückreifst; den rechten Arm hatte sie wie uiiwillkührlicli 
erhoben, während der linke gegen Amphion ausgestreckt 
war; auch gewahrt man noch den .Strick, mit dem sie 
unter der Brust zwiefach umschnürt ist. Höchst wahr- 
scheinlich war die Jlarmorgruppe ursprünglich iu der- 
sellten Weise componirt; denn bei der jetzigen Restaura- 
tion ist es müfsig, dals Zethos mit beiden Händen an 
dem Strick beschäftigt ist, und Dirke ist zu wenig mit 
den iibrigen Figuren in eine unmittelbare und uothweu- 
dige Verbindung gei)racht '^j. .Allein Müller glaubte nun, 
dafs der von Euripides ausgebildete Gegensatz im Cha- 



vor, und so nennen beide die bereits ergänzte Grup|)e; Heyne 
sagt in den Vorlesimgen p. 2(j2: „Ich habe Kupfer nach flem 
Jahr 1500 gearbeitet und herausgegeben gesehen, worin Her- 
knies in der Gruppe erschien. — Auch war in diesem Kupfer 
nur eine Figur zu bemerken". Wann sie von ?<euein, viel- 
leiclit weil man auf die Münze aufineiksani geworden war, 
restaiirirt sei, ist nicht bekannt; ein Holzschnitt in der Aus- 
gabe von Marlianis Topographie mit Zusätzen des Hier. Fer- 
rutius V. J. i588 stellt sie bereits in ihrem jetzigen Zustande 
vor. Was für Veränderungen bei der neuen Restauration in 
Neapel geniaclit worden sind, ist ebenfalls niclit genau bekannt. 
Von <\vn älteren Ablüldiingen mögen die bei de Cavalleriis, 
l'errier 100, iMaflei (oder de Kossil 48, von den neueren nms. 
Borb. XIV, 5. Gargiulo racc. I, S. 4 angeführt werden. Die 
Gruppe ist 18 Palmen Loch, die Basis 14 Palmen breit. 

") Nach Winckelmann W. VI, I, p. 128 IF. Miszkowski, 
Zeitg. f. d. eleg. Welt IS.^0 no. 43. 44 und bei Weicker alte 
Denkm, I p. 3fi'j ff. Solani nius. Borb. \IV, f) p.3ll'. 

"■) Weicker alte Denkmäler I p. 3,)2il'. vgl. Brunn Gesch. 
der griech. Künstler I p. 4!»') 11'. Fin ungünstigere» Urtheil 
fällt K. F. Hermann ges. Abliandl. p. 347. 

''') Taf. 53, 1, nach der besseren Abbildung bei .\vel!ino 
Taf. 2. Ich linde von Niemand angemerkt, dafs die Hand, 
welche am Stier siebtbar ut, nicht die der Dirke sein kann. 



Abgesehen davon, dafs sie mager und dürftig ist, so ist es 
physisch unmöglich, dafs sie bei dieser Haltung des Arms die 
volle innere Handdäche zeigte, so wie auch ihr Arm bis da- 
hin nicht reichen konnte. Einer Prüfung des Originals wird 
es überlassen bleiben dieses Bätlisel anlzuklären. 

''") Ein Contorniat, den Fiioroni besafs und Gori (colunib. 
Liv. Aug. p. X.W) bekannt gemacht, nach einer von Hrn. 
Directür Arneth mitgetheilten Zeichnung Taf. LVIII, 1 neu 
allgebildet , zeigt auf der Vorderseite den Kopf des Homer, 
auf der anderen die Gruppe, auch darin mit der farnesiscLen 
übereinstimmend, dafs Zethos ilen Stiick mit beiden Händen 
falst, ilocli ist derselbe schon um den Leib der Dirke ge- 
wunden und wie es scheint an ihrem langen Haar befestigt, 
indem Dirke den rechten Arm mehr seitwärts ausstreckt.' 
Heyne (ant. Aufs. II p. 190) hielt ihn ich weifs nicht warum, 
für unecht. Auf der Münze von Tliyatira dagegen fafst Zethos 
Dirke ebenlälls bei den Ilaaren. — Abweichend ist die Vor- 
.■ilelluiig eines Contoriüalen im nius. Hedervar. 11 p. 409, 27 
impp. ae. tab. X, 9, nach einer ebenfalls von Hrn. Directoi 
Arneth mitgetheilten Zeichnung Taf. LVIII, Ib neu abge- 
bildet, wo ein nackter Jüngling einem aufwärts schreitenden 
Stier entgegentritt, der in beiden Händen, wie es scheint 
den Strick hält, niclit, wie in der ersten Abbildung, eine ge- 
schwungene Keule, vNÜhrend ein zweiter nebenher läuft. .\m 



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92 



rakter de/ beiden Brüder ein F^auptlnotiv für den Künstler 
gewesen sei, so dals Zetlios der eigentliche Rächer, 
Amphion nur der Helfer sei. Dem hat Weicker mit 
vollem Recht widersproclien, denn es gründet sich auf 
eine falsche Auffassung des Charakters des Ampliion wie 
der Gruppe. Freilich tritt bei Amphion das weichere 
Gefühl wie die musische Bildung hervor, aber beide 
machen ihn nicht schwach und unkräftig. Diese ist aller- 
dinos durch die Leier angedeutet, aber er hat sie weg- 
gesetzt, und so wie Apoiloii, wenn er die Leier abgelegt 
hat und Bogen und Pfeile ergreift, der strafende Gott 
ist, so ist auch Amphion liier allein der Rächer. Ebenso 
ist eine Andeutung seines weicheren Sinnes wohl darin 
gegeben, dafs Dirke sich ilelieiid an ihn wendet, allein 
dafs er sie nicht einmal anblickt, keine Regung von Theil- 
nabme und Mitleid zeigt, sondern ganz mit Leib und 
Seele bei dem Werk der Rache ist, hebt es nur um so 
schärfer hervor, dafs hier bei ihm von Weichheit des 
Gefühls keine Rede ist. Und so schön es ist, dafs er 
Mitleid mit dem Jammer der llüchtigen Antiope empfindet, 
auch ohne sie als seine Mutter zu erkennen, während 
sich Zetlios dabei nicht als grausam und gefühllos er- 
weist, sondern als den verständigen Mann, der überlegt, 
dafs er kein Recht hat die entlaufene Sklavin zu schützen, 
ebenso richtig ist es, dafs er gegenüber der grausamen 
Peinigerin seiner Mutter kein anderes Gefühl kennt als 
das der Rache''"). Auch ist es keine Aeul'serung einer 
besonderen Grausamkeit, wenn Zetlios Dirke bei den 
f^aaren ergreift, sondern die iiothwendige Folge der Situa- 
tion. Amphion wendet die äufserste Kraft an um den Un- 
sjestüin des wilden Thiers aufzuhalten, was ihm nur für 
einen Moment noch gelingen kann, Zetlios darf den Strick, 
an welchem er den Stier hält, nicht loslassen, so bleibt 
ihm nur die Linke frei um Dirke zu fassen, mit einem 
gewaltigen Ruck empor zu heben und vollends an den 
Stier zu fesseln '"). So v\ie dies geschehen ist, „lassen 
sie den Stier los" — um mir Welckers Worte anzueig- 
nen — „mit Vorsicht zur Seite springend, er wirft sich 
lierab auf seine Füfse, macht einen Satz und schleppt 
schleudernd die Last an den Hörnern fort. Es ist wie 



eine Mine, die im Losgehen begriffen ist: mit gröfster 
Kunst ist die Gruppe wie gewaltsam in den Augenblick 
zusaminengefafst, wo sie sich auf die regelloseste, wildeste 
Art entlalten soll. Der Confrast dieser Scenen, furcht- 
bare, rascheste, endlose Bewegung als unausbleibliche 
Folge eines durch Kraft und Gewandtheit herbeigeführten 
und glücklich benutzten flüchtigen Augenblicks des Still- 
haltens geben dem Bilde Leben und Energie in wunder- 
barem Mafse". 

Im Hintergrund gewahrt man eine ruhig dastehende 
weibliche Figur, in einen Aermelchiton von feinem Zeug 
und einen Ueberwurf gekleidet. Genau läfst sich nicht 
angeben, welche Haltung sie gehabt habe, da ihre Hände 
wie der Ivopf ergänzt sind, jedenfalls hat sie ruhig und 
ohne an der Handlung unmittelbar Theil zu nehmen da- 
gestanden. Der unglückliche Einfall sie für eine Magd 
der Dirke, also eine ganz bedeutungslose Figur, zu 
halten ist von Weicker gebührend zurückgewiesen. Es 
kann, wie von jelier angenommen ist, nur Antiope sein. 
Wie Müller sagen konnte, diese sei der Handlung ziem- 
lich fremd, ist vollkommen unbegreiflich; Avellino (a. a. O. 
p. 62) hat mit Recht bemerkt, ihre Gegenwart begründe 
nicht nur die Bestrafung der Dirke, sie erscheine ge- 
wissermafsen als Nemesis, welche dieselbe sittlich recht- 
fertige. Ohne Zweifel war dies die Intention der Künstler, 
auch ist diese wohl zu fassen, wenn man die Gruppe 
so betrachtet, dafs Antiope im Hintergrund sichtbar wird, 
ohne sich an der Handlung zu betheiligen, ohne die 
Söhne anzutreiben, ohne Dirke von sich zu stofsen, die 
Rache, welche die Söhne für sie nehmen nur duldend, 
wie sie ihre Leiden ertrug, so dafs das Gefühl, welches 
die Söhne antreibt, in ihrer Person objectivirt erscheint. 
Allein es läfst sich nicht läugnen, dafs es den Künstlern 
nicht gelungen ist, diese Intention so vollständig in das 
Ganze ihrer Composition zu verweben, dafs die Figur 
der Antiope gleich den übrigen ein integrirender Theil 
der Gruppe geworden wäre; wodurch denn manche be- 
wogen sind dieselbe für nicht antik zu erklären, obgleich 
sie nicht nur mit dem alten Grund zusammenhängt, son- 
dern mit am besten erhalten ist. Namentlich von der 



Boden knieet Dirke, die Hände über den Kopf erhoben. Auf 

iler Vorderseite ist das Brustbild Trajans mit der ümsclirift 

DIVO TKAIANO. 

"'') I)iese Gesinnung ist offenbar aucli in iler Ermalinung 

bei Euripides (fr. 4tjW.) ausgedrückt 

TQtig tlaiv uQiTul. jag yotiiiv o' äaxtti; tixvov, 
&t(tvs ti Tiftäv, TOi/s T« (fvaavrag yovtis, 
vofiovq re y.oivov; 'E).).tiiSos. xrtl tkOi« ioüp 
xi'JMaxüv 'iitig azdfuvov tvxktCug lui. 



Die Ueminiscenz an die sogenannten Gesetze des Triptole- 
inos in Eleusis: yortlg ti/xüv, ö^eoiif xa^noi; Ayält-tiv, ^ma 
fi!) alvtaOui (l'orpliyr. de abst. IV, 22. Hieron. adv. lovian. II, 
14) ist auliallenil und gewifs niclit zufällig. 

'") Dals Dirke mit den Haaren an den Stier gebunden 
sei, wie Hjgin lab. 8 sagt: Uirven ad tniirum crinibus alli- 
i/iitnm necnni, und die Münzen der Akrasioten und der iico- 
ronisclie Contorniat es darstellen, folgt daraus noch niclit; ea 
ist das natürlichste Mittel sie emporzureifsen. 



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94 



Seite gesehen, wo sie im V^orderprunde stellt und die 
liaiulelnden Personeu nur tlieilweise lieinerklicli sind, ist 
eine gewisse Leere heuerkUar; wie denn überhaupt, oh- 
wolil die Gruppe gewifs hestiiuint war von allen Seiten 
gesehen zu werden, doch der hei weitem bedeutendste 
Anl)lick der ist, wo man den handelnden Personen ge- 
genübersteht, wogegen alle anderen sehr zurücktreten. 

Noch ist einiger Beiwerke zu gedenken, welche Zeit 
und Ort der Handlung bezeichnen. Neben Dirke stellt, 
zum Tlu'il durch ihr Gewand bedeckt, die gefloclilene 
Cista und auf der anderen Seite liegt hingeworfen ein 
zerbrochener Thyrsos und ein Epheukranz, zum Zeichen 
der so schrecklich gestörten bacchischen Feier, wie 
Heyne richtig mit Beziehung auf Euripides erkannte. 
Diese gewahrt man auch an einer absichtlich in klei- 
nerem MaFsstab gehalteneu männlichen Figur, welche zur 
Seite sitzt, mit Stiefeln, einer Nebris über dein Chiton 
bekleidet, das Haupt mit Fichten bekränzt, um die Brust 
nach Art der Bacchanten ein Epheugewinde ''). In ihm 
kann ich mit Levezow (Familie des Lykomedes p. 28) 
nur den Gott des Berges Kithaeron erkennen, der wie 
oft in Kunstwerken in seinem Aeufsern die darstellt, 
welche auf ihm verkehren ") ; nur ihm ziemt es, mit dieser 
Ruhe das entsetzliche Schauspiel zu betrachten, w.ihrend 
ein jeder Sterbliche auf irgend eine Weise, wenn auch 
nur durch eine lel)liiif!e Aeufserung seiner Empfindung 
sich an derselben hätte betheiligen müssen. Auch sonst ist 
die Natur des Gebirges durch viele an der felsartig be- 
arbeiteten Basis ringsumher angebrachten Tliiere und 
Thierscenen, die mit Sorgfalt ausgeführt sind ''), in einer 
Weise ausgedrückt, welche in griechischen Kunstwerken 
nicht gewöhnlich ist. Verwandt ist das Motiv eines Hirten- 
liundes, welcher neben Dirke am Felsen einporspringt 
und gegen den Stier anbellt. Vergleichen kann man 
damit wohl den Hund auf dem Relief Spada, allein die 
grofse Verschiedenheit der Situation springt in die Augen. 
Dafs hier ein so naiv naturalistisches Motiv unmittelbar 
in die hochpathetische Situation hineingebracht ist, mahnt 
uns ebenso wie das Behagen , mit welchem die Sceneu 
des 'I'hierlebens daneben ausgeführt sind, an die Zeit der 
Entstehung der Gruppe, in welcher man eine starke Auf- 



regung durch die Darstellung heftiger Leidenschaften, 
sj)anneuder und entsetzlicher Begebenheiten und zugleich, 
wie zur Abspannung, idyllische und genremäfsige Natür- 
lichkeit und Behaglichkeit verlangte. Den Charakter dieser 
Zeit verleugnet die Gruppe nicht, aber sie bewährt auch 
die Kraft und Kühnheit derselben, welche die ungewöhn- 
liche und schwierige Aufgabe mit Vorliebe wählt und 
nicht nur im Besitze jeder technischen Äleisterschaft mit 
Sicherheit zu lösen, sondern im lebendigen Verständnils 
der poetischen Schöpfungen der Blüthezeit geistig zu 
bewältigen und zum Kunstwerk zu gestalten fähig ist "). 
['I'afel LVI, 2—7.] Interessant sind die von Avellino 
bekannt gemachten, nach Finatis Angabe (inus. Borb. XIV 
tav. 4 p. 9) vor reichlich zwanzig Jahren in Pompeji ge- 
fundenen Ueberreste einer in Elfenbein gearbeiteten 
Gruppe, deren Figuren ganz frei ausgearbeitet doch mit 
einem Grunde zusammenhingen "). Die Aehnlichkeit mit 
der farnesischen Gruj)pe in der Anordnung im Allge- 
meinen ist auch in diesen Bruchstücken noch ebenso 
erkennbar als die vollkommene Verschiedenheit in der 
geistigen Auffassung. Denn während dort das leiden- 
schaftlichste Pathos und die angespannteste Kraft herr- 
schen, ist hier der Ausiiruck zu elegischer Trauer und 
zur möglichsten Ruhe herabgestimmt, die der Gegenstand 
nur verträgt. Alan kann daher von einer eigentlichen 
Nachbildung kaum reden, wenn gleich die farnesische 
Gruppe zu Grunde liegt. Am meisten entsprechen die 
Bruchstücke des Zethos (2. 3. 6.) dem der Marmorgruppe; 
auch er trat mit dem zurückgesetzten linken Fufs fest 
auf und setzte den rechten etwas höher auf; von dem 
rechten Arm ist genug erhalten um zu sehen, dafs er ihn 
in die Höhe hielt, gewifs mit dem Strick. Ganz verschie- 
den ist Dirke (5) und giebt deshalb auch leider gar keinen 
Aufschlufs über die ursprüngliche Composition dieses 
'l'heils der Marmorgruppe. Sie ist in sitzender Stellung; 
der Strick ist bereits um den Oberleib geschnürt, den 
rechten Arm hob sie empor, und da sie Zethos zuge- 
kehrt ist, ist es wahrscheinlich, dafs er sie bei diesem 
gefafst hielt. Ihrer ruhigen Haltung entspricht der ge- 
mäfsigte Ausdruck ihres Gesichts, in welchem sich eine 
resiguirte Trauer ausspricht, welche es kaum noch wagt 



") Winckeliiiann inon. ined. 200. Visconti mus. Pio- 
Clem. IV, 20. 

■') Vgl. arcliäol. Beiträge p. 45. 

'') .Sie ist genau abgehildet nius. ßorb.XIV, 6. Löwen 
anzubringen gab die Sage vom kithaeronisclien Löwen einen 
bestimmten Grund (Paus. I, 41, 4 vgl. Dnger jiarad. Theb. 
|i. 401); Löwe uml Adler bezeichnen auch auf<lem Wandge- 
mälde von Telephos Auflindung das rauhe Gebirge (arch. 



Zeit. X, |i. 479f.). p^ine astrononiisclie Krklärung aller Thiere 
gab Sancliez il gran musaico Pompejann p. 105 ff. 

'•') Die Vermnthung Müllers (ant. Antioch. p. 82), die 
von Johannes jMalalas erwälinlen .Stadien der thebanisclien 
Dioskuren (s. Anm. IS) sei eine NaclibiMung der farnesi- 
schen Gruppe, ist schon von Weicker als unbegründet und 
unwahrscheinlich zurückgewiesen. 

'') Avellino Taf. 2, danach Taf. 56, 2-8. 



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96 



um Mitleid zu liehen und vorwurfsvoll auf den Radier 
sieht: das Dild einer stillen Dulderin, welches der leiden- 
schaftlichen Dirke wenig entspricht. Selbst der Kopf 
des Stiers (7) zei^t nichts von unbändiger Wildheit, 
sondern nur den finstern ßlick, der diesen 'J'hieren eigen 
ist, übrigens scheint er geziiJimt und keinen Widerstand 
zu leisten. Die rechte fland Ainphions die das Hörn 
gefafst hielt ist erhalten, ebenso der linke Arm (S), dessen 
Bedeutung nicht ganz klar ist; hätte er den Stier damit 
am Maul gepackt, müfsten sich die Spuren davon am 
Kopf des Stiers erlialten lial)en. Das Gesicht Amphions 
— denn auch sein Kopf ist erhalten (4) — zeigt weder 
Anstrengung noch Leidenscliait , sondern hat ebenfalls 
einen elegischen Ausdruck nicht ohne eine gewisse ideale 
Haltung. Gewifs ist, dafs uns diese Köpfe keine Vor- 
stellung von denen geben, welche Apollonios und Tau- 
riskos gebildet hatten. 

Es ist eine merkwürdige Erscheinung, dafs vier Wand- 
gemälde, welche die Bestrafung der Dirke vorstellen, keinen 
bestimmenden Einflufs der schon im Alterthum bewunderten 
Gruppe, die ftir eine malerische Nachbildung so sehr 
geeignet war, wahrnehmen lassen, dal's sie ferner auch 
unter sich keine Verwandtschaft zeigen und endlich den 
Gegenstand, der zu lebendiger, ergreifender Darstellung 
aufforderte, nur matt und ohne poetische Auffassung 
der in demselben liegenden Motive wiedergeben. Diese 
Wahrnehmung bestätigt, dafs die Leistung der trallianischen 
Künstler, zu einer Zeit entstanden da der Einflufs der euri- 
pideischen Tragödie in voller lebendiger Wirksamkeit war, 
wie die meisten jener Zeit eine vereinzelte war, und die 
Fähigkeit, zu einer Reihe von neuen aus diesem Keime 
sich hervorbildenden Kunstschöpfungen anzuregen nicht 
mehr in sich trug, auch eine dem entsprechende Empfäng- 
lichkeit nicht mehr vorfand "'^). Dagegen finden wir, dal's 
die Mythen , welche vom Epos durchgebildet in dieser 
poetischen Gestaltung im Volk lebendig geworden und von 
der bildenden Kunst zu der Zeit, wo sie von innen her- 
aus wahrhaft schöpferisch war, eifafst worden vjaren, bis 
in die späteste Zeit der Kunstiibung hinab in einer Weise 
dargestellt werden, dafs bei aller Mannigfaltigkeit, aller 

■") So ist es denn wohl auch nicht zufällig, dafs I'linius 
kein Gemäliie anfiilirt, welches diesen Gegenstand ilarstellte, 
und — was noch uiigleicli aiillallender ist — ilais auf riiinisclien 
Sarcopliagreliels, die sonst den bei weitem gröfsten Tlieil der 
vulgären Mythen umfassen, diese .Sage sich gar nicht (indet. 
Auch Ovid hat die Verwandlung der Dirke nicht in den Meta- 
niori)hosen erzählt. Dafs I'ropirz durch die neuerdings nach 
Koni gebrachte rliodisclie Grnpiie zu seiner Klegie angeregt 
worden sei, ist eine wahrscheinlichem >einiiitliuiig Ilertzbergs; 
wenn ich mit Recht hei ihm mehrere euriiudeische Motive 



l''reil)eit im Aus- und Umbilden, der feste unerschütter- 
liche Grund einer nationalen Kunst, aus dem diese Ge- 
bilde erwachsen sind, gewahrt bleibt. Die Tragödie des 
Euripides, wie mächtig sie auch seine Zeit ergriff, und 
die Gebildeten aller Zeiten interessirte, war nicht mehr 
volksthümlich und auch die Kunst, welche durch sie an- 
geregt wurde, mufste denselben Charakter des Indivi- 
duellen tragen, und konnte daher auch nicht io der 
Weise fortzeugend wirken wie die vom Volksgeist ge- 
borene es vermocht hatte. 

Das im Jahr 1833 in Herculanum entdeckte Ge- 
mälde ") entspricht der farnesischen Gruppe noch am 
ehesten. Amphion hat den rennenden Stier beim Hörn 
und bei der Schnauze gepackt, Dirke kideet mit entblöfs- 
tem Oberleib, um welchen der Strick unter den Brüsten 
gewunden ist, am Boden und umfafst mit der Rechten 
sein Bein, oline ihn anzusehen, während sie die Linke 
gen Himmel streckt. Zethos schreitet auf der anderen 
Seite neben dem Stier und hat ihn mit der Linken beim 
Schwanz gefafst, indefs er in der Rechten den um dessen 
Hörn geschlungenen Strick hält. Wenn man hier auch 
gewisse Reminiscenzen an die Gruppe anerkennen möchte, 
so ist doch — ich sage nicht von dem Feuer und Geist 
derselben, sondern vom Verständnifs der einzelnen Mo- 
tive so gar nichts zu spüren, dafs von unmittelbarer 
Ableitung kaum die Rede sein kann. Ebenso nichts- 
sagend, wie die Gruppe, ist die Figur fies bärtigen Mannes 
im kurzen Chiton und mit der Chlamys, der einen Stab 
in der L'uken aus einer Felshöhle herbeieilt und ver- 
wundert die Rechte ausstreckt. Wenn es der alte Hirt 
sein soll, wie es den Anschein hat, so begreift man kaum, 
dafs er jetzt erst, und voll Verwunderung dazu kommt; 
wäre Lykos gemeint, so erwartet man königliche Erschei- 
nung, auch vielmehr AeuCserung des Entsetzeus als der 
Verwunderung. Im Hintergründe gewahrt man eine am 
t'^els liinaufgebaute Stadt mit stattlichen Gebäuden und 
mit Mauern und runden Tiiürmen umgeben, wie sie auf 
antiken Gemälden nicht eben häufig sind ") und hier um 
so auffallender, da sie mit der alten geläufigen Sage, 
dafs Amphion die Mauern von Theben erbauet habe, im 

erkannt habe, so würde das dafiir sprechen, dafs man damals 
den Zusanuiieiiliang zwischen der Tragödie und der Gruppe 
sehr wohl kannte. 

'') Avellino a.a.O. Taf. 3 p. 5S11. Bonurci (null. 1834 
p. 148) erkannte darin nach einer wohl nur ihm bekannten 
Wendung der Sage „it momeulo tu citi D'ircc c perdotiata 
diiir ull'esit Anliope, ed e scioltn dnllc fiiiii, che Vaovolye- 
rniio alle curiie del fitrioso anbiKile". 

') Vgb ann. d. inst. Will p. 170. 



97 



98 



VVidersprucli stellen. Aus einem Tlior kommt ein junger 
Mensch, der einen Stall über die Sciiulter gelegt liat, 
hervor, ohne sich um das zu kümmern was vorgeht. 

Ein um dieselbe Zeit aufgelundenes pomjieianisches 
(iemiilde ") ist ehenlalls weder durch Anllassung noch 
Ausliihrung bedeutend. Dirke ist an den Stier gefesselt, 
indem der um ihren nackten Oberleib geschlungene Strick 
dem Stier um den Leib gebunden ist, so dal's auch ihre 
linke Hand mit an denselben festgeschniii t ist; sie liegt 
mit ciusgestreckten Beinen an der Erde, auf welche sie 
sich noch mit dem rechten Arm stützt. Im Haar tragt 
sie den bacchischen Epheukraiiz und auch ihr Gesicht 
drückt mehr ekstatische Erregung als Entsetzen und Todes- 
angst aus. Der Stier hat sich noch nicht in Lauf gesetzt; 
stutzig gemacht durch die ungewohnte Last und den 
Widerstand tier sich entgegenstemmenden Dirke, bleibt 
er stehen und mit HÜthendem I5lick, ausgestreckter Zunge 
senkt er den Kopl um mit den Hürnern die Erde auf- 
zuwühlen. Zum Theii ist diese Bewegung alier auch 
l'olge des Widerstandes, welchen er Amphioo entgegen 
setzt, der ihn an dem um die Horner gewundenen 
Strick mit beiden Händen vorwärts zu ziehen bemüht 
ist. Neben Amphion , der mit Chiton, Chlamys und 
Stieliln bekleidet ist, steht eine mit langem Chiton und 
darüber geworfenem Mantel bekleidete Frau, welche auf 
Dirke blickt und ihre Rechte auf die Hand Amphions 
legt. Dafs es Antiope sei ist nicht zweifelhaft, wohl aber 
die Bedeutung ihrer Geberde, ob sie, wie meistens an- 
genommen wird, den Sohn zur Beschleunigung der Rache 



antreiben, oder, wie R. Rochette meint und auch mir 
natürlicher scheint, im Hinblick auf Dirke von I\Iitleid 
ergrilTen ihn zurücklialten will: auch der Ausdruck ihres 
Gesichts gielit darüber keinen sicheren Aufschlul's. Die 
Figur und Haltung des Amphion ist übrigens weder be- 
deutend noch edel. Auf der anderen Seite steht Zethos, 
durch das .Schwert in der Rechten kenntlich '*"_), nackt 
bis auf die Chlamys, die Lanze in der Linken und blickt 
auf die Gruppe, wahrend er zugleich einem bärtigen 
Mann mit Aerraelchitou, Chlamys und Kruramstab zuhört, 
der, wie die Geberde mit ausgestrecktem Zeigefinger 
der erhobenen Rechten andeutet, eine wichtige Mahnung 
ausspricht. Was für eine Mittheilung der Alte — der 
mehr einem Pädagogen als einem Hirten gleicht — ihm 
in diesem Augenblick noch zu machen hat, das können 
wir bei unserer Kenntoifs der Sage nicht ermitteln, da- 
her auch der Gedanke, welcher den Maler diese beiden 
Gruppen einander so gegenüberstellen liefs, uns nicht 
klar wird"'). Den Hintergrund bilden hier Bäume und 
Felsen, unter denen ein grofser Felsblotk, der quer über 
zwei Felszacken gelegt ist, aufFällt "'). 

Ein drittes in Pomjjeji im Jahre 1845 aufgegrabenes 
Wandgemälde ist bis jetzt leider nur durch eine Beschrei- 
bung bekaimt"'J. Dirke, nackt und am Boden hinge- 
streckt, ist mit der Rechten an die Seite des Stiers ge- 
bunden, welcher mit dem Rücken gegen den Beschauer 
gekehrt im rasenden Lauf nach der Rechten hin sie fort- 
schleift. Auf der einen Seite dieser Hauptgruppe eilt 
im Hintergrunde Amphion, die Leier mit einer Tänie in 



"') Avellino a. a. O. Taf. 4 p. 60 ff. Zahn Ornam. iiml 
Gem. 11,3. nins. IJorb. XIV, 4. R. Rocliette chuix de peint. 23 
p. 277(f. Schulz im Bull. 1S35, p. 39 bemerkt, das Bild sei di 
un vsecuzionc pocu pregevole, und lt. Rochette stimmt ihm 
bei. Avellino sagt, es sei dem herkidanischen vorzuziehen 
per In mnyyior hellczzii ileJIa composizione cd csecuziuiie stin, 
Finali aber behauptet, es gehöre zu den schönsten antiken 
Gemahlen des Museums pcl merilo delV aric e per la im- 
porlnnzn del sugi/ctto. 

'") S. oben S. b!>. Diesen Jüngling Amphion und den 
anderen Zethos gegen den Augenschein zu nennen, wie Finati 
und Härtung (Eurip. rest. II p. 428) es thun, ist wohl nur 
durch die falsche Voraussetzung hervorgerufen, es sei dem 
Charakter Amphions nicht angemessen sich so an der Aus- 
führung der Rache zu betheiligen. Die Verse des Seneca, 
welche Minervini (Bull. Nap. IV p. 149) anführt, von der 
Todtenbeschwöi'ung iles Tiresias (Oed. (j09) 
prhnits emerijit solu 
dextra fcroccm cornibus tnurutii prauctis 
Zelhus, manuqiie sustinct Ineva chehjn 
fjui sa.va diihi trnjcit Amphion sono 
können hielür nichts beweisen, da dort die beiden Brüder 



nicht in einer gemeinsamen Handlung geschildert sind: sonst 
würden sie ja auch beweisen, dafs in der farnesischen Gruppe 
Aini)hion vielmehr Zethos zu nennen sei, was der Leier wegen 
unmöglich ist. 

"') iMan könnte etwa daran denken, dafs er ihn vor der 
Rache des Lykos warne und ihm die List angebe, durch 
welche sie ihn in ihre Gewalt bringen könnten; s. Anni.4!, 

"^j Avellino {a. a. 0. p. 64) hat den Einfall, dadurch solle 
der Mauerbau angedeutet werden, indem die Steine schon 
angefangen hätten sich in Onlnung zu stellen, welcher Cavedoni 
so entzückt hat, dafs er ihn als Beweis anlührt (Bull. Napol.IV 
p. 44) „come clii iiacque in quelle ameue contrnde della Magna 
Grecia mcglio d'ogni «Uro jjkö indngare il concetto del genio 
degli nntichi artefici, che in csso fioriroiio". Mir scheint er 
schon deshalb nicht glücklich , weil ähnliches sich auch auf 
andern porn|iejani5chen Gemälden ündet z. B. dem der Jagd 
(K. Rochette clioix de peint. 16 Zahn Ornament. III, 5) 
R. Kocliette erinnert an ilie Aehnlichkeit mit den celtischen 
ilolmens, deren asiatischen Ursprung er nachzuweisen ver- 
spricht. 

"') Avellino Bull. Nap. IM p. S3f. Kunstblatt 1S4j no. 75 
p. 310. Brunn, Berl. Jahrb. I84(i, 1 p 723. 



99 



100 



der Linken, mit erhobener Rechten aus einem grofsen 
von quadraten Steinen gebauten Thor liervor auf den 
Stier zu. Auf der anderen Seite desselben entfernt 
sich ein Mann mit Chiton und Chlamys eilig mit erho- 
bener Rechten, zwei andere begegnen einander und der 
eine zeigt mit einem Stab auf Diriie hin. Endlich ist 
noch ein junger Mann im Chiton dargestellt, der mit beiden 
Händen eine Lanze halt und damit einen nackten Mann 
bedroht, der zur Erde gefallen ist , auf die er sich mit 
der Linken stützt, während er mit der Rechten die Lanze 
abzuwehren sucht. Man kann kaum anders als mit Avellino 
in ihnen Zethos und Lykos erkennen. Auch nach den 
iiistorisirenden Berichten, welche den deus ex machina, 
der bei Euripides Frieden stiftet, nicht gebrauchen konn- 
ten, kommt es zum Kampf und Lykos wird getödtef'). 
Auffallend ist es freilich, dafs Lykos ganz nackt gebildet 
sein soll. Wenn aber Avellino annalim, Amphion 
habe an der Rache keinen Theil genommen und eile erst 
jetzt herbei , nachdem Zethos sie vollzogen , so kann icli 
ihm darin nicht beistimmen. Soweit ich nach der Be- 
schreibung urtheilen darf, scheint mir die natürlichste Auf- 
fassung zu sein, dals die Strafe vollzogen ist und die 
nächsten Folgen derselben bereits eintreten. Lykos 
ist zu spät zur Hülfe herbeigeeilt und Zethos nimmt den 
Kampf mit ihm auf, während Amphion nach vollbrachter 
Rache die Leier ergreift, wie es bei Propertius (IV, 35, 
41) heifst 

prata cnienltintur Zctlio, victorquc cunehat 
paeana Amphion rttpe, Aracynlhe, tua, 
als dessen unmittelbare Folge hier allerdings der Mauer- 
bau aufgefal'st zu sein scheint''). 

Sehr roh ist die Vorstellung auf dem Wandgemälde 
eines in der Villa Pamfili in Rom entdeckten Columba- 
riums, welches ich nach der in München in den vereinig- 
ten Sammlungen befindlichen treuen Copie beschreibe. 
Auf demselben eilt ein nackter Jüngling mit einem sprin- 
genden Stier herbei, den er bei den Hörnern hält. Vor 
diesem liegt auf der Erde eine Frau im Chiton mit einem 



Ueberwurf um die Schenkel, mit dem Oberleib aufge- 
richtet, beide Arme ausgestreckt; ein nackter Jüngling 
eilt mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Wer hier 
Zethos, und wer Amphion zu benennen sei, kann man 
schwerlich bestimmen. Zur Seite sitzt nocli auf einem Fels- 
stein eine Gestalt mit kurzem Haar, im dorischen Chiton, 
der die Waden entblüfst läfst; sie liat den linken Arm be- 
quem auf den Fels gelegt und streckt die Rechte be- 
fehlend aus. Man wird in ihr doch wohl nur Antiope 
erkennen können, welche ihre Söhne zur Rache auffor- 
dert"); und vielleicht soll ihre ungewöhnliche Erschei- 
nung die flüchtige, gemifshandelte Sclavin charakterisiren. 

Bei drei etruskischen Sarcophagreliefs, welche diesen 
Gegenstand vorstellen, wiederholt sich eine ähnliche Er- 
scheinung wie bei den Wandgemälden. Während auf den- 
selben meistens die Darstellungen einer Sage, wie oft sie auch 
wiederholt sind, in den wesentlichen Punkten so miteinander 
übereinstimmen, dafs der denselben zu Grunde liegende 
Typus durch alle Variationen hindurch mit Sicherheit zu 
erkennen ist, finden wir hier drei Darstellungen so ganz 
von einander verschieden, dafs man sieht, ein Vorbild 
von allgemeiner Geltung war nicht vorhanden. 

Die einfachste Darstellung ist die eines volaterra- 
nischen Sarcophags, der sehr durch die Zeit entstellt 
ist*'). Ein junger Mann, mit Stiefeln an den t'üfsen, 
übrigens nackt, die Chlamys über dem linken Arm, führt 
einen wilden springenden Stier am Strick, der zwar nicht 
mehr sichtbar ist, aber nicht fehlen konnte. Unter dem- 
selben knieet eine fast ganz nackte Frau — • ihr Gewand 
bedeckt nur den einen Schenkel • — , sie stützt sich mit 
der Linken auf einen Stein und erhebt die Rechte angst- 
voll gegen den Jüngling von dem sie den Blick abwendet. 
Vor dem Stier schreitet ein geflügelter Mann — nach 
Uhden ist er bärtig, in der Zeichnung jugendlich — die 
Chlamys um die linke Hand gewickelt; er sieht sicli 
nach dem Stier um und scheint mit der Keule in der 
erhobenen Rechten einen heftigen Streich gegen densel- 
ben zu führen. Auf der anderen Seite steht hinter dem 



'*) Fans. IX, 5, 3 Avxov äi ot lij; ylvjiuni]i naiöig rij 
ixu^ri -/.naiovaiv. myth. Vat. 11, 74 niatris iniurins vindicnturi 
Ltjcum interfecerunt ; vgl. I, 97. 

"') Amphion die Leier spielend, während die Steine zu- 
sammenlaufen und sich zur ^Alauer bililtn, war der Gegen- 
stand eines vonl'bilostratos (im. I, lOj beschriebenen Gemäldes. 
Apollonios Kliodios (I, 73j) führt unter den Darstellungen 
eines kunstreichen Gewebes auch folgende an: 

tv ä' iaav 'AvjiÖTiijS 'AauiviCäog vUt äouö, 
lAnifCiov xal ZfjSos, ünv(>yo>Tos <J" tri. &^ßl , 

xeTzo 7iO.it;, rljs o'i'yc v(ov ß('0.).ov7o Ho/iaCovs 



ovQlog rjlißüroio xciQt], ftoytova ioixiui. 
l-tfiifCu)V <)" inl Ol XQVOO) (fOQfiiyyi liyaCviov 
j/'(f, (fts löaar] äk fitt' X/via vtCaezo n^igt]. 
Diese Stelle ist nachgeahmt von Nonnos XXV, 4I3ff. bei 
der Beschreibung vom Schilde des Dionysos. 

^'') loa. Mal. p. 48 xitl XvOiTatt iiov iSiaftiöv 7} 'Aviiönt] 
in^TQSipf ToTg iiSiotg avrijg nniaiv, llfitfCovi xcii ZrjOoi, (fovivani 
triv /liQxi]V. 

*'') Kine genaue Beschreibung gab Uhden (Abhandlungen 
der Berl. Akad. 1817 p. 33); abgebildet ist das Relief bei 
Inghirami gall. Omer. IV, 60 arch. Ztg. 1852 Taf. XLVIII. 



101 



102 



Stier eine Frau, welclie ein sclileierartiges Gewand ül)er 
den Kopf und den Rücken gellängt hat, so dal's der 
\ ordere Theil ilires Körpers ganz entblöfst ist; sie wendet 
ihr Haupt von der Scene ab und hat mit der Linken 
den Ziplel ihres Gewandes gelafst, wie um sicli zu ver- 
schleiern. 

Bei diesem Relief ist die grol'se Vorliel)e für das 
Nackte anifallend, welche gegen die Neigung der Etrusker 
lur schwere, faltenreiche Bekleidung merkwürdig al)sticht. 
Die Deutung der Hauptgruppe ist klar, ol)gleich schwer 
zu entscheiden wiire, oh Zetlios oder Ainphion gemeint 
sei; denn die Stiefeln, mit welchen wir den letzten mehr- 
mals bekleidet gefunden haben , möchte ich Jiicr nicht 
geltend machen. Schwierigkeiten machen die anderen 
Figuren. Die inärmliche möchte man am liebsten für 
den zweiten Bruder nelimen; allein mit Gerhard 
(archäologisclie Zeitung 1852 pag. 504) getraue ich 
mir nicht einen gellügelten Zethos oder Amphion vor- 
auszusetzen. Ebensowenig läl'st sich läugnen, dafs ein 
Dämon des Todes, wie Inghirami will, oder des wütlien- 
den Stieres, wie Uhden meinte, auf diese Weise hier dar- 
gestellt sehr befremdlich ist; ich fürchte, dafs bei dem 
ül)len Zustande des Reliefs kaum eine Entscheidung 
möglich sein wird. Auch in der nackten weiblichen Figur 
Antiope zu erkennen sträubt sich das Gefühl ; und wenn 
man nicht eine blol'se Willkühr des persönlichen Ge- 
schmacks des Künstlers annehmen will , finde ich keine 
andere Aushülfe als die Annahme, dafs Antiope entkleidet 
hat geschleift werden sollen, wodurch auch die Ent- 
blöfsung der Dirke gewissermafsen erklärt würde; aber 
eine befriedigende Rechtfertigung ist dies bei Weitem 
nicht. Wiederum ist mir auch unter den allegorischen 
«eil)lichen Figuren der etruskischen Sarkophagreliefs 
keine ganz entsprechende bekannt, und auch die ziemlich 
entblöfste Figur, welche namentlich bei der Wiederer- 
kennung des Paris nicht zu fehlen pflegt und für Venus 
gilt, ist doch noch verschieden"), und wie käme Aphro- 
dite zur Bestrafung der Dirke? Auch diesen Zweifel ver- 
mag ich nicht zu lösen. 

"') Vgl. arcliiiol. Beiträge p. 343. 

^'') Abgebildet bei Dorow vojage archeologique dans 
Tancienne Ktrurie Taf. 14 p. 10. Inghirami gall. Onier. III, 
59. arcls. Zeit. 1^.32 Taf. XLVIl, wo es im Druck verkehrt ist. 

'") Der Strick um den Leib ist bei Dorow deutlich zu 
erkennen, ancb wäre sonst ihre Stellung schlechterdings un- 
erklärlich. Fast könnte es sclieinen, als sei sie an den Schwanz 
des Stiers gebunden, doch ist das kaum glaublich und der 
Strick am Stier wohl aus Ungenauigkeit nicht angegeben. 
Zwar in der lächerlichen Parodie bei Lucian (asin.23), wo 
der Esel die Alte wie eine zweite Dirke fortschleift, heilst es 



Einen späteren Moment stellt ein Sarkophag in 
<,'ortona vor'''). Ein nackter Jüngling mit flatternder 
Chlamys hat einen dahinrennenden Stier bei den Hörnern 
gefafst und sucht ihn zugleich mit angestemmtem Knie 
zu bändigen, ein anderer Jüngling mit Chiton und Chla- 
mys tritt ihm entgegen und packt ihn beim Nacken und 
in die Wammen; diesen soll die reichere Kleidung wohl 
als Amphion bezeichne. Dirke mit einem langen Chiton, 
der die rechte Brust entblöfst läfst, und einem Ueber- 
wurf bekleidet, der im Bogen ül)er ihrem Haupt flattert, 
auch nüt Hals- und Armbändern geschmückt, ist mit einem 
unter den Brüsten um ihren Leib geschlungenen Strick 
an den Stier festgebunden'") und wird von ihm fortge- 
schleift, flehend breitet sie ihre Arme aus. Wie sich 
damit die Handlung der Brüder vereinigen lasse, die 
offenbar den wüthenden Stier im Lauf aufzulialten und 
zu hemmen suchen, ist schwer zu begreifen; man sollte 
eher beim Anblick dieser Scene denken, Antiope sei an 
den Stier gefesselt, von ihnen erkannt, und sie suchten 
nun den Stier zu bändigen. Allein dies ist an sich nicht 
wahrscheinlich und erscheint bei der Betrachtung der 
übrigen Personen unmöglich; daher wohl nur die An- 
nahme übrig bleibt, dals die beiden 3Iotive der Stier- 
bändiguiig und der Schleifung auf eine Weise vereinigt 
sind, die allerdings von Rlangel an Verständoil's zeugt. 
Hinter Dirke nämlich eilt ein bärtiger Mann in der 
üblichen Herrschertracht, langem breitgegürteten Chiton 
ur.d faltigem Mantel, mit dem Stab in der Rechten zornig 
herbei, neben ihm ein Jüngling mit flatternder Chlamys 
und greisem rundem Schild. Unter dem Stier aber liegt 
kopfüber zu Boden gestürzt ein Mann, weiterhin sein 
Helm. Auch hier ist also die Wendung der Sage zu 
Grunde gelegt, dafs Lykos seiner Gemahlin zu Hülfe 
eilte und ein Kampf mit ihm und seinen Gelahrten sich 
entspann, iu welchem Amphion und Zethos Sieger blie- 
ben, — eine Wendung, die der Vorliebe der Etrusker 
auf ihren Sarkophagen Gräuel- und Kampfscenen dar- 
zustellen willkommen sein mufste. 

[Tafel LVI, 9]. Ungemein interessant, aber leider 

Xtt/ißäviTiu /je Ix Ttj; ovoüg xul ti/no. Allein dies würde 
eben des parodischen Charakters wegen für eine ernste Dar- 
stellung nichts beweisen, wenn man nicht Avellinos (a. a. O. 
p. 67) Verbesserung Ix rijg atiQÜg annehmen will, die nm so 
wahrscheinlicher ist, als es bei Apulejns in der entsprechenden 
Erzählung (inet. VI, 27 p. 434) heilst lontm prehendit uml 
loro iamcn Icnnciter inhiierebnt. Nach den Worten des Cassius 
Dio LXIII, 22 tiäov itvTÖv ätäfijh'ov, eiiSov nv()6fi(vov, xvovrcc 
äij, Tlxiovra Sri scheint Nero in einer Pantomime sich als 
Dirke haben schleifen lassen. 



103 



104 



für micli niclit zu vollem Verstiindnifs zu bringen ist 
die Vorstellung des dritten Sarkophags"). Bekanntlich 
stellt eine Anzahl etruskischer Sarkophagreliefs Mythen 
der ariechisch-röinischen Tragödie dar, und zwar mit 
einer beachtenswerthen Selbständigkeit der künstlerischen 
Auffassung, so dafs die Katastrophe drastisch hervor- 
gehoben und die Hauptpersonen zu einer Gruppe ver- 
einigt sind, welche die wesentlichen Motive in den Mo- 
ment der Entscheidung concentrirt. In ähnlicher Weise 
ist offenbar hier die tragische Katastrophe der Dirkefabel 
dargestellt, nur fehlt uns für die genauere Einsicht die 
Kenntnifs von dem Detail der Tragödie. 

Von der einen Seite bringen zwei Jünglinge, der 
eine nackt mit fliegender Clilaniys, der andere l)ekleidet, 
einen mühsam gebändigten Stier herbei — ganz ent- 
sprechend dem vorigen Relief. Ihnen steht zunächst eine 
Gruppe von drei Männern gegenüber. Der erste in der 
beschriebenen Herrschertracht, den Stal) in der Linken, 
tritt ihnen mit erhobener Rechten (die wie der Kopf ab- 
gebrochen ist) lebhaft entgegen, ein zweiter bärtiger, 
ebenso gekleidet, weicht mit erhobener Rechten entsetzt 
zurück, zwischen beide tritt ein nackter Jüngling in 
der Clilamys (dessen Kopf al)gebrochen ist) und legt 
dem ersten, wie begütigend, die Hand auf die Schulter, 
während er den andern, umfal'st, um ihn nicht zurück- 
weichen zu lassen. Dann folgt eine Frau im breitge- 
gürteten Chiton, mit einem Schleier über der Stephane, 
welche hinter einen Altar geflohen ist und die Rechte 
entsetzt erhebt. Daneben steht ein zweiter Altar, auf 
welchem ein Mann (ebenfalls ohne Kopl) in Herrsclier- 
tracht sitzt, der mit der Linken sich auf den Altar stützt 
und die Rechte staunend erhebt. 

Es ist klar, dafs die unerwartete Erscheinung der 
Jünglinge mit dem Stier, die wir doch wohl unbedenklich 
Amphion und Zethos benennen dürfen, das nameidose 
Entsetzen unter den übrigen hervorruft, von denen einige 
den Gedanken an Gegenwehr aufzugeben scheinen, wäh- 
rend andere ihnen entgegen zu treten versuchen. Dals die 
fliehende Frau Dirke sei, scheint auch sicher und die Situa- 
tion läfst sich im Allgemeinen durch die oben besprochene 
Voraussetzung aufklären, Dirke habe den ßrüdern den Auf- 



trag gegeben Antiope vom Stier schleifen zu lassen; wie 
sie rachedürstend den Bericht darüber erwartet, erschei- 
nen die Brüder um an ihr dieselbe Strafe zu vollziehen: 
der nächste Augenblick wird die Aufklärung und den 
Kampf bringen, welcher mit Dirkes Fesselung und Lykos 
Tod endigen wird. Allein auch wenn dies zugegeben 
wird, so ist doch für ein detaillirtes Verständnifs noch 
wenig erreicht. Nicht nur, dafs Personen da sind, über 
deren Antheil an der Handlung man sich keine Rechen- 
schaft geben kann, so fehlen auch solche, die man 
kaum missen kann. Wenn man den Mann zunächst 
Dirke lür Lykos") nehmen darf, so bleibt die Mittel- 
gruppe der drei Männer, die doch nicht für blofse 
Begleiter des Lykos gelten können, von denen be- 
sonders der mittlere eine eigentliümliche Rolle spielt, 
noch unerklärt. Dagegen konnte in einer Scene, wie die 
vorausgesetzte, um alles klar zu machen weder Antiope 
noch der Hirt fehlen. Es sind daher nur die ersten 
schwachen Umrisse zu einer Erklärung gegeben , die 
vielleicht nur, wenn noch Varianten dieser Vorstellung 
auf anderen Sarcophagen zum Vorschein kommen, möglich 
sein wird. 

['I'afel LVII]. Leider mufs ich gestehen, dafs auch 
das letzte Monument, welches ich hier anzuführen habe, 
nicht mit vollkommener Sicherheit von mir erklärt werden 
kann. Es ist dies eine schöne Vase mit rothen Figuren 
aus dem k. k. Antikenkabinet in Wien (111, 2, E, 125), 
von der ich eine Zeichnung vorzulegen durch die Güte 
des Herrn Directors Arneth im Stande liio. 

Eine Frau im durchsichtigen Chiton und Ueberwurf, 
mit langem aufgelöstem Haar und einem eigenthümlichen 
Kopfputz, flieht mit weiten Schritten einen Berg Iiinan '^) 
und eilt mit ausgestreckter Rechten auf eine oben sitzende 
vollständig bekleidete Frau zu, die ihr beide Arme wie 
zum Empfange entgegenstreckt. Ein nackter Jüngling, 
Chlamys und Hut auf den Rücken geworfen, folgt ihr; 
am Fufs der Anhöhe hemmt er seinen Schritt, und streckt 
aufwärts schauend wie von einem unerwarteten Anblick 
überrascht beide Hände vor sich hin. Uel)er ihm ist mit 
halbem Leibe Hermes sichtbar, kenntlich durch das Ke- 
rykeion, und streckt seine Rechte wie !)egütigend gegen 



"") Ingliiranii {;all. Omer. III, 59. [Anbei abgebililet nüt 
Zuziehung einer Zeiclinung im arcliäologiscben Apparat des 
kgl. Museums. E. G.] 

'"') Ks iälst sich wollt denken, dafs KuripiiJes den Lykos 
neben der Dirke als einen gutiniillilgen, «b'in Mitleiden nicht 
unziigüngliclicn Mann cliarakterisiit habe, wüilurtli die liilcr- 
sncht der Dirke neue Nahrung erhallen niulsle, während da- 



diircli auch niotivirt werden konnte, dafs er nachher von den 
Brüdern verschont wurde. 

"') Was auf der Zeichnung als eine lange Kanke erscheint, 
zeigt sich anf der Vase als der mit heller Farbe schwach 
angedeutete Umrifs einer Bergliolie. Auch die Linien, welche 
dem Kros fast das Ansehen eines geschwänzten geben, be- 
zeichnen die Anhöhe. Zwei rundliche Flecke daneben sind 
nur durcli ein Versehen angegeben worden. 



105 



106 



die Flieliende ans. Unterhalb der sitzenden Frau knieet 
ein junges fliiidclien im dorisclien Chiton und tändelt 
mit Eros, dein sie einen Kranz oder ein Halshand liinhidt ""). 

Es scheint mir nun klar, dal's hier die l'rau, welche 
vor dem sie verlolgenden Jüngling flieht, unter Hermes 
Begünstigung Schutz hei Aphrodite findet; denn diese ist 
durch die mit Eros spielende Charis oder Peitho hin- 
reichend charakterisirt. Auch ist diese Verfolgung deutlich 
genug nicht eine feindselige, blutdürstige, sondern die 
eines Liehenden. Nun ist die Flüchtige durch die Bei- 
schrift ANTIOfTH bezeichnet "')• 'ch weifs keine 
andere l.iisung als die Annahme, dal's der Jüngling 
Pliokos sei, welcher der von Dionysos in die Irre getrie- 
benen Antiope folgt, unil auf dem Parnafs unter dem 
Schutz des Hermes durch Aphroditens Beistand sie ent- 
sühnt und für sich gewinnt'"'). 

Die Schwierigkeiten, welche dieser Ansicht entgegen- 
stehen , entgehen mir nicht. Obwohl uns Hermes als 
schützender Gott der Antiope und ihrer Söhne bekannt, 
auch als Geleitsgott hier an seinem Platz ist, so erwartet 
man doch eher Dionjsos zu finden und vermil'st schwer 
an der Antiope jedes Symbol bacchisclier Käserei. Auch 
das ist mir liedenkhch, einen Mythos nur localer Natur 
auf einem Vasenbild dieses Stils zu finden; indessen 
sind diese Bedenken doch nicht von der Art, dafs sie 
mich abhalten raufsten, einen bescheidenen Vorschlag zur 
Deutung dieser räthselhaften Vorstellung auszusprechen. 
Leipzig. Otto Jahn. 

'"•J Auf einem Vasenbilil bei Miliin (vus. I, 15. Inghirami 
vasi fitt. 02) hält ein gedügelter Knabe eine:n Kell, welches 
(lern Gespann des Helios vorausläuft, einem almlichen Kranz 
hin. Ks scheint, als wolle er dasselbe wie in einer Schlinge 
fangen, und etwas älinllches möchte man auch hier annehmen, 
wie Kros ja auch in einen Käfig gesteckt wird; vgl. arch. 
Beitr. \i. 21411". Auf der Rückseite ist ein verwandtes Motiv 
weiter ansgefTdirt. Ein junges Mädchen miteineni Halsschmuck in 
den Händen knieet zwischen zwei anderen, von denen die 
eine im Begriff ist fortzugehen, während die andere ihr mit 
erhobener Lmken winkt. Auf die Mädchen eilt Eros, beide 
Arme vorgestreckt, von oben her zu. Ihm zur Seite ist eine 
sitzende Frau zum Tlieil sichtbar, welche mit einer lebhaften 
Handbewegnng auf Eros sieht. Ich finde keinen Grund hier 
eine niytliologisclie Darstellung anzunehmen, sondern es scheint 
mir eine ileni täglichen Leben angehiirige .Scene zu sein, wo 
Kros, der überall zugegen ist wo Liebreiz und Anmuth sich 
zeigen, sich unter die spielenden Mädchen mischt, ohne dafs 
ich eine bestimmte Situation genauer anzugeben wüfste. 

"'■) Was die noch sichtbaren Z'üge .■iyl beileoten sollen, 
kann ich nicht sagen. 

'"^) Man darf daran erinnern, dafs die Sikyonier eine 
Statue der Antiope im Tempel der Aphrodite weihten, s. oben. 



II. 

Denkmäler zur Odyssee. 

In Overbecks Bildwerken zum Thebisclien 
und Troischen Heldenkreis finden sich aufser 
einem, wie ich glaube, nicht dahin gehörigen nur fünf 
Vasengemälde der neueren Gattung und vier kleine der 
älteren abgebildet und kaum noch eben so viele andre 
aus beiden Klassen angeführt. Davon einige nachzu- 
tragen wird also der Mühe werth sein, da sie im Ganzen 
einen so grofsen Vorzug vor der Menge der andern Dar- 
stellungen behaupten. Man kann füglich zwei Abthei- 
lungen machen, die der natürlichen, reinmenschlichen 
Verhältnisse und die der fabelhaften Abentheuer, Ge- 
genstände der gemüthlichsten und andre von phantasti- 
scher Art. 

Die schöne Scene, Tel eniachs Besuch bei Nestor, 
mit dem Namen (nicht NEZTOP, sondern NEZTßP), 
No. 1, wo gleich bei der LSegrüfsung Nestors Tochler Obst 
oder Gebäck zum freundlichen Empfang lierbeibriogt 
(nach einer in (iriechenland noch jetzt nicht ganz aus- 
gegangnen Sitte, nur dafs man wohl süfses Eingemachtes 
dem frischen Obst vorzieht), von einer 1845 in Ruvo ge- 
l'undnen und 1848 für Berlin in Neapel erkauften Amphora 
(No. 1945 des Verzeichnisses), hätte vor vielem Andern 
die Aufnahme im Stich verdient. Durch sie ergiebt sich 
auch, dafs Millingen Uniecht hatte, seine eigne Ver- 
muthung über das Gemälde seiner Peint. de Vases pl. 55. 
56 aufzugeben und lieber allgemein eine pafsliche Scene 
anzunehmen, weil die Darstellung nicht mit Homer über- 
einstimme. So gut wie die Ankunft des Telemachos frei 
und nach Sitte und Cäremoniel der Zeit gemalt worden 
ist, eben so gut konnte auch dessen Alischied von Nestor, 
zu dem dort zwei Töchter den Abschiedstrunk bereit 
halten, nach eigner Erfindung dargestellt werden. Wäre 
die Scene genreartig allgemein verstanden, so hätte das 
auflfallend altergraue oder durchaus kahl aussehende Haupt 
des Alten keinen Sinn. Es ist wichtig sich endlich zu 
überzeugen, welcher grofse Unterschied zwischen Homers 
Darstellungen und den aus ihm gescliöpften Gemälden 
ist; und verkennen läfst sich auch nach so manchen vor- 
kommenden Beispielen nicht, dafs man für die bedeu- 
tenden Scenen des häuslichen Lebens gern einen Typus 
aus der heroischen Poesie entlehnte. Ob freilich die 
Riickseite des Gefäfses die Ankunft des Telemachos und 
des ihn begleitenden Nestoriden in Sparta vorstellen solle, 
wo ihnen Helena selbst, zwischen ihnen stehend, den 



107 



108 



'I'rank reichte, wie de Witte vermuthete (Cal). Durand 
110. 420. Coli. ^1. no. 6o), ist ungewisser. Doch möchte 
icli lieber Beides zusammen annehmen als, mit E. Vinet, 
Beides zusammen ablehnen. Hiernach würde aueii in 
Tischbeins Vasen I, 14 Telemaclios den Abscliiedstrunk 
empfangen, Nestor hier nur weniger steinalt und weniger 
treuherzig, und zwei Töciiter auch hier, der Composition 
wegen, gemalt sein. 

Zu der Candelorischen Vase in München No. 7 
(derselben welcher Gerhard im Rapp. Volc. p. 129 not. 135 
mittelmiifsige Zeichnung zuschreibt), wird künftig eine 
\on Campanari gefundne hinzukommen, die als eine der 
schönsten Vasen einer reichen Ausgraliung bezeichnet 
wird: „Nausikaa, die mit ihren Miidchen zum Flufs 
die Fvleider zu waschen gelit." Bull. d. 1. I8.S4 p. 177. 
Schon eiu Gemäkle Polygnots, in dem Bau links von 
den Propyläen, enthielt Nausikaa nebst den mit ihr 
waschenden Mädchen und den Odysseus sie überraschend 
(iqitaTÜfiivov, Paus. I, 22, 6). Da von dem Chortanz 
dieser Wäscherinnen bei Aeschylus die Rede gewesen 
ist, so bemerke icii , dafs in Pompeji in der casa della 
fullouica (in der Strafse di Mercurio) vier grofse Wasch- 
stände zwischen ganz niedern Mauern, worin man ver- 
muthlicli das Zeug mit den Füfsen stampfte, und an 
einem der Pilaster des Peristyls Gemälde von Wäsciie- 
rinuen gefunden wurden. 

Dagegen würde ich No. 8 u. 9 ausscliliefsen , das 
letztere Gemälde, welches Taf. XXXI, 2 auch abgebildet 
ist, unbedingt. Denn was wollen ein auf einem behaue- 
nen Stein sitzender König mit Scepter und, anstatt einer 
Scliutz suchenden Flüchtenden, eiu Mädclien, das ihm 
Obst aus ihrem Gewaodbusen darbietet, wonacii er reicht, 
neben einem die Begleiterinnen der Nausikaa in Schrecken 
setzenden Odysseus, wenn auch an sich der glatthärtige 
nackte Jüngling, der, auf ein Knie niedergelassen, auf 
vier Mädchen ganz entgegengesetzte Wirkungen macht, 
wirklich Odysseus sein könnte? Auch das aus Stackei- 
bergs Gräbern Taf. 23 herbeigezogene Gemälde erweckt 
mir weniger die Vorstellnng eines Sophokleischen Chors 
der Wasclierinnen, welcher billigerweise Ball spielen sollte, 
als den eines Tanzmeisters, welcher zehn in drei Gruppen 
vertheilte Mädchen im Tanzen und in Lultsprüngen übt 
und durch seine lebhafte Bewegungen sie aufmuntert und 
antreibt. Noch weniger freilich als diese Jahn'sche Er- 
klärung kann ich die dagegen in der Arch. Zeitung IV 
S.309 wieder hervorgezogene Stackelbergische billigen. 

Dafs Odysseus von Alkinoos Abschied nehmend 
zu verstehen sei nach dem aus Buonarroti von Miliin 



Gall. m. 172, 639 gegebenen Medaillon, wie auch O. iMüller 
anführt, ist eine sinnreiche Erklärung, bei welcher der 
Raum zu berücksichtigen ist: weit wahrscheinlicher we- 
nigstens als was R. Rochette mon. ined. p. 368 not. 3 
dachte, Berathung des Odysseus mit Eurylochos und aul 
der Säule das Bild der Galene, welcher der Anker kaum 
angemessen sein möchte. 

Odysseus eingekehrt beiEumäos kann ich nur ver- 
mutheu, nicht behaupten bei Dubois-Maisonneuve pl. LIV, 
3, in einer Vorstellung, die der Text irrig zum „genre" 
heral)zieht. Odysseus hat edle Gestalt und das Kenn- 
zeichen der Mütze. An einer Stange trägt ein Mann 
zwei wirthschnfiliche Körbe, aiiuv dt acftv tviifii JMi- 
auvlioQ, Od. XIV, 449, ein Schwein mit einem Jungen 
ist neben ihm. Die Inschrift Vc^vl;0 möchte falsch 
gelesen sein. 

Hieran knüpfe ich, indem andre Vasen in dieser, so 
wie auch in der Reihe der Fal)elu nachher folgen mögen, 
ein wohl erfundnes, jetzt verlornes Basrelief. Winckel- 
mann liefs es in der Wiener Ausgabe der Kunstgeschiclite 
auf S. 135 stechen und bemerkt in dem Verzeichnifs der 
Kupferstiche zu No. 7, dafs es im Capitolinischeo Museum 
sei (wo es jetzt sich nicht findet) und dafs die Vignette 
,,aus einem grofsen Kupierstich, so für den 3. Band der 
Mon. ined. bestimmt war, hier ins Kleine gebracht worden 
und die Deutung anderwärts gegeben wird." Von hier 
muls es Fea genommen haben in der Storia d. a. I p. 238, 
welcher 111 p. 424 angiebt, es sei aus Villa Albani und 
scheine eine Speisekammer (dispensa) vorzustellen, indem 
er auf II j). 142 verweist, wo W inckelmaim wirklich eine 
All)anische dispensa anführt, in der Dresdner .Ausgabe IV, 
4, 4. Darunter aber versteht er nicht diefs, sondern ein 
wirklich Albanisches Relief und eine wirkliche Speise- 
kammer, dazu mit lateinischer Inschrift, die nämlich bei 
Zoega Taf. 27. Die Vorstellung des andern Reliefs nun 
ist nach einem Camee in Eckhels Choix de p. gr. pl. 37, 2, 
im 'I'ischbein-Schornschen Homer, von Inghirami und auch 
von Overbeck No. 91 abgebildet worden. Kleine Ab- 
weichungen sind, dafs im Relief die Mütze des Odysseus 
geflochten, die Lanze der Pallas weniger gerade gestellt 
ist, der Behelmte, der einen Widder schlachtet, an Eu- 
niäos anstöl'st. In der Vignette, einem .Ausschnitt aus 
einer vollständigen Zeichnung, sind anstatt diese zu ver- 
kleinern, des Raums wegen, unten die Fül'se, auf der 
rechten Seite die letzte Figur bis auf das rechte Bein 
und das geschlachtete Schneinchen in ihrer Hand, oben 
der Helm der Pallas weggeschnitten worden. Der Stein 
selbst ist zwar nach Eckhels Urtheil von Meisterhand 



109 



110 



gesclinitten; ol> er alier wirklicli aucli antik oder erst in 
neuerer Zeit vorn Marmor copirt sei, uuci so vielleicht 
aucli der Taf. 20, welcher einen Ausschnitt des einem 
andern Basrelief, der Ermordung des Aegisthos, darbietet, 
wünschte ich noch von Andern geprüft zu wissen. Der 
IJeliehnte miifs wohl Telemaclios sein, der in seiner Freude 
sich hergieht an der Bereitung des Mahls Theil zu nehmen, 
so dal's an das Mahl am Schlufs des 16. Gesangs zu 
denken wäre. Eumiios um! Philütios gieiit Sehern im 
'l'ischbeinsclien Homer an Vlll, 7; Odysseus im Hause 
des Laertes VIII, 8. 

Im Museum zu Parma ist an einer Vase Odysseus 
von seinem Hund erkannt, mit einer weiblichen 
Figur, Eurykleia. Rv. Odysseus sein Schwert haltend, 
Kirke und einer der (iefiihrteu mit Thierkopf, auch 
dies hier, wie die andere Seite, nicht im alteren Styl. 
Odysseus und der Hund, ähnlich wie No. 92, ist auch 
im Mus. Worsiej. tav. 27, 30 der Mail. Ausg. Im Tisch- 
bein -Schornschen Homer VIII, 3. 4. 5, vgl. Schorn im 
Kunstblatt 1824 No. 102. 

Penelope sitzend und den Odysseus anhörend, 
den sie noch nicht erkennt, an einem dreihenkligen Ge- 
fäfs, mit KAAOH, ist angegeben in der Reserve etr. 
(deLuc. Bonap.) p. 13 no. 52. Ein Gemälde von edelster 
Auffassung und Composition, ein Muster aus der guten 
Periode der Vasenmalerei , an einem sehr grofsen Itei 
Gäre gefundnen Krater, stellt dar Odysseus, eine lang- 
gestreckte Figur, sitzend vor Penelope und als AetlioD 
ihr von Odysseus erzählend. Uel)er ihren Stuhl ist ein 
Pantherfell gebreitet, über ihm ist zu lesen OAVTEVX 
(das T mit dem Querstrich nicht oben, sondern ein wenig 
tiefer, wie auf Mommsens Taf. I der Unterital. Dial. no. 14 
von Nolanischen Gefäfsen, auch im Lucianischen Mus. 
etr. no. 1449 und sonst). An der Wand hängen Schild 
und Schwert. Während Odysseus in angenehmer Nach- 
liissigkeit, behaglich sein übergeschlagnes Knie hält, schlägt 
sie in Sehnsucht nach dem Entfernten sich mit der Hand 
an die Stirne, ein Bild der Trauer und Unruhe. Zu 
beiden Seiten ist eine Nebenfigur, bei der einen erhalten . . 
OMEAEE. (Rv. Schlaf und Tod, geflügelte Jünglinge, 
tragen die Leiche des Sarpedon, unten und oben gefafst, 
sehr schön dabin). Dies in Gerhards Archäol. Zeit. IV 
S. 285 No. 17 kurz erwiihnte Gefäl's sah ich unlängst 
wieder in der Sammlung Campana, die angeblich auf 
930 Stück angewachsen und in langen Reihen von Sälen 
wohl aufgestellt ist. Dieselbe V"orstellung, aber „von 
alterlbümliclier Strenge nicht frei," ist an einer Hydria 
aus Lokri im Museum zu Berlin No. 884. Odysseus, mit 



dem Reisehut auf der Schulter liängend, in gleicher 
Stellung als dort, erzählt, Penelope, mit etwas gesenktem 
Haupt, liört mit Theilnahme zu: der Ausdruck in früherer 
Kunst ist noch weniger tief und ansprechend. Auch liier 
ist ein Helm aufgehängt zwischen beideu. Nur hinter 
dem Odysseus sitzt hier ein Dritter, ein Alter mit Mantel 
und Stab, in welchem Gerhard im Verzeichnifs den Laertes, 
Panofka wohl richtiger den Mentor erkennt. Archäol. 
Zeit. IV S. 248. 

Das gar wohl gedachte Gemälde aus Pompeji No. 103, 
hat schon der wackre Gu. Becchi im Museo Borbon. I. I. 
1824 tav. B, neun Jahre vor W. Gell, richtig gedeutet. 
Odysseus baarfüfsig, mit dem von Eumäos ihm geschenk- 
ten Knotenstock, hat auf einem Stück Säule vor dem 
Hause sich niedergelassen; Penelope ist lierausgetreteu 
und sichtbar ist die Freude, womit er den Aeul'serungeu 
über ihre 'iVeue gespannt zuhört; eine Dienerin schaut 
neugierig aus einem Fenster des Hauses heraus auf diese 
Sceue. 

Bei Baseggio in Rom sah ich 1846 in einer Kylix 
von schöner Zeichnung, wie mir schien, Penelope, 
sitzend zwischen zwei Säulen , also in oder vor ihrem 
Hause, eingehüllt wie in Trauer; vor ihr stehend Odys- 
seus, bärtig mit langem Stab und Hut; hinter ihr und 
über die ganze andre Seite hin Figuren der Freier, alle 
als Männer, nicht zu jugendlich gezeichnet, die ihr Haus 
erfüllen und deren Anwesenheit und Zahl auch ohne 
irgend ein besondres 'I'hun Bedeutung genug hat. 

Toreutisch war auf einem silliernen Teller vorge- 
stellt nach einem Epigramm Authol. Pal. IX, 816 p. 487 
Odysseus, vor Telemaclios und Penelope der Eurykleia 
ängstlich winkend ihn nicht zu verrathen, wie Jacobs 
richtig erklärt Aniin. III, 3 p. 678. Auf Odysseus, welcher 
der Penelope die von den Pliäaken zum Geschenk er- 
haltnen Gewänder übergiet)t, geht ein Epigramm unter 
den anathematischen der Anthologie VI, 314, vermuthlich 
ein Gemälde. Penelope war von Zeuxis höchst charak- 
teristisch geraalt nach Plinius; Odysseus von Nikomachos. 
Statuen der Penelope und der Eurykleia von Thrason 
im Tempel zu Ephesos erwähnt Strabon. In Ithaka 
wurde nach Thiersch (Epochen S. 273) eine aus kleineu 
l)ronzenen in einem Halbkreis vereiniateu Figuren be- 
stehende Wiederholung einer Gruppe gefunden, welche 
die Fufswaschung nach des Odysseus Heimkehr darstellte, 
wovon Bröndsted nur das Bild des Odysseus selbst er- 
halten konnte. 

Von den ungemein schönen Thonfriesreliefen, welche 
die Fufswaschung und die trauernde Penelope darstellen, 



111 



112 



liuden sitli Wiedirlioliingeii, aiiFser den zu No. 97 ii. 101 
anueliilirlen, aus 'rusfuhim in Caniiias Tusciilo tav. 3. 4 
p. 13 und in den Kestuer'sclien Sanimluiigen, und ist das 
zweite auch in Ivopeidiaj;en (Musee Tliorwaldsen I p. 116 
no. 104), das andre auch ht-i dem Marquis von Rockln^- 
ham (Terracott. of the ßrit. Mus. p. 9). Beide sind 
auch ahgehildet in dem Rec. des pl. pour l'liist. du Cah. 
des Med. par du Mersan 1838 pl. 23. 24. Kleine Ver- 
schiedenheiten kommen liier wie in andern der classischen 
tliiinernen Friestypen vor. — Odysseus an der Narlie 
erkannt enthalt eine Paste in Tischbeins Homer II, 5 
(vielleicht No. 100). 

Penelope scheint allerdinj;s auch gemeint zu sein 
in zwei Vasenhildern der Annali d. Inst. XIII tav. J. K. 
p. 261. Nachdem sie in dem ersten J. dp Witte im Gab. 
Duraud no. 419 an einer Ainpliora aus Nola vermuthet 
hatte in einer auf einem Stuhl mit Riicklelme sitzenden 
Figur in langem Gewand und Peplos, welche Wollknäuel 
hin und iier wirft und durch eine Knte, ntjVtXotp, vor 
ihren Fiifsen, statt des beigescliriel)enen Namens, be- 
zeichnet sein würde, kam au einer Vase in Neapel der- 
selbe Vosel vor, auf der Hand einer stehenden, vom 
Hals bis zu den Fiifsen verliiillten Figur, vor welclier 
ein Wollkorb stellt. Diese ist ohne Nebenfigur; der 
andern steht ruhig ein junger Mann im Mantel, mit einem 
Stab, gegenüber, den man Telemachos nennen darf. 



Wegen dieser, nicht einmal gewils untrüglichen Deutung 
soll man indessen nicht jede Frau, bei der eine Gans 
ist, ein Vogel sehr liestimmter Bedeutung bei den Alten, 
oder ein Arbeitskorl) stellt, für Penelope halten; wie z. B. 
Italinsky wegen des letzteren das anmuthige Bild Tiscli- 
beiü I, 10, wo eine KAAH sitzt zwischen zwei stehen- 
den Zofen, wovon die eine einen Spiegel hält. Das 
ebenfalls sehr gefällige Gemälde in Millingens Vases de 
Sir Coghill pl. 22, ein junger Mann mit knotigem Stab, 
gegenüberstehend einem an Spindeln im Stehn spinnen- 
den jungen Weib, ein TTAIE KAUOE einer KAUE 
gegenüber, kann nach dem Anzug und der treuherzigen 
Miene gar wohl ein ehrliares häusliches oder fiir einen 
Hausstand bestimmtes Paar vorstellen. 

Die Freier durch Odysseus getüiltet, von Polygnot, 
enthielt die Wand des Pronans im 'I'empel der Athene 
Areia zu Platäa. Auf ihre Erlegung durch Odysseus unti 
'l'elemachos wird die andre Etrurische Aschenkiste von 
('etoua bei Cliiusi Annali d. I. XIV tav. E von Emil Brauti 
p. 48 und Bullett. 1843 p. 61 mit Recht bezogen, wie 
undurchdringlich auch die F^trurischen Ideen sein mögen, 
die sich daran gehängt haben. Weit weniger sind die 
Bemerkungen von Micali zu seiner Abbildung in dem 
letzten seiner drei Bände Monnmenti tav. 49, 1 zu l)illigen, 
worüber Cavedoni in seinen Osservazioni crit. p. 20 sich 
verbreitet. (Schlufs folgt.) 



III. 



A 1 1 



1 



67. Bekleidung der Parzen. Auf griechischen 
Kunsldenkmälern entsinne ich mich nicht unbekleidete 
Parzen gesehen zu haben ; dagegen zeigen etruskisclie 
Spiegel dieselben häufig mit Schreibgeräth, auch Beflüge- 
lung,^ und ohne die letztere, jedoch mit dem charakte- 
ristischen Attribut der Spinnerinnen treffen wir sie auf 
mancher römischen Gemme, ohne dafs meines Wissens 
über diesen bei Aphrodite und Grazien so gewöhnlichen 
Maugel an Kleidung eine befriedigende Auskunft in Vor- 
schlag gebracht worden wäre. Das Kgl. Museum besitzt 
einen in dieser wie in mancher andern Hinsicht beleh- 
renden Karneol der Stoschischen Sarninliing (Winckelmann 
Catal. II, 358), bei 'iolken (III. Kl. 1284) folgender- 
mal'sen beschrieben: ,,eine jugendliche Parze, Klotho odtr 
Lachesis, beendet das Abspinnen eines Rockens, welchen 
sie vor sicli hält, indem sie unbekleidet auf einer komi- 
schen .Maske sitzt, eine tragische vor ihr liegt, und hinter 
ihr schon ein neuer Spinnrocken bereit steht." Da über 
das Befremdende dieser [von Gerhard hyperl). römische 
Studien II, 186 Venus Lihitiiia benannten] nackten Parze 
ein weises Stillschweigen beobachtet wird, fühle ich mich 
veranlalst die Vermuthung auszusprechen, die römischen 
Parzen möchten aus gleichem Grund wie die Wuhrhelt 
(Lucian caluinn. non feinere cred. c. 5. Piscator c. 16. Apnl. 
Metain. X, 12) )iHi:/.( dargestellt sein. Denn dafs bei den 
Römern Wahrheitsliebe zu den Haupleigensrhaften der 
Parzen gehörte, darül)er gestatten folgende Stellen des 
lloraz nicht den mindesten Zweifel. Carm. saec. 25: 



,,Vosque vcrucos cecinisse Parcan, Quod semel dictum 
stabilis per aevum Terminus servet, bona jam peractis 
Jungite lata." Carm. II, 16, 37: „mihi parva cura, et 
spiritum Grajae tenuem Camenae Purca »lo» mcndux dedit 
et malignuin Spernere vulgus." Vgl. Pers. V, 48: Parca 
teiias veri." 

Die Erwägung, dafs das Beiwort hihtris „heiter" vor- 
zugsweise den Grusieii zukömmt, berechtigt wohl auch 
dem Juvenal das Bild solcher nackten Parzen vorschwe- 
bend zu denken, wenn er von fruiindlichen Parzen im 
Gegensatz der iininilden (immitis Prop. I\ , 11, 13; saevae 
Val. Flav. V, 552) XII, 64 singt: j.postquam Parcuc 
meliora bcnlgna Pensa niuwM ducunt Itilurcs et staminis 
ulbi Laiiificae." Die komisclie Maske, die der Parze 
hier zum Sitze dient (man denke an die Hilarotragodia), 
scheint eine solche liUuris Parca anzudeuten, für welche 
unter den römischen Namen der drei Parzen, Nona, 
Pecima, Morta (Caesell. Vindex ap. Gell. III, 16), inso- 
fern sie sich als Spinnerin uns darstellt, die Benennung 
Nona, von viio spinnen [wovon allerdings Nenia; aber sind 
Nona und Dc'cima nicht vielmehr Ziffern der Todesnähe ? 
K. G.\ herrührend, wohl als die geeignetste sich empfiehlt. 
Leicht möglich, dafs ein dramatischer Dichter in Rom mit 
Namen Noniiis (wenn auch nicht urade der alte Komö- 
<liendichter flieses Namens) sich dieses Ringes mit solchem 
Bilde der Parze Nona zum Siegeln bediente. 

Th. Panofka. 



Uiezu Tafel LVll: Antiope, Vasenbild der Kaiserlichen Sammlung zu Wien. 



Herausgegeheo von E, Gerhard. 



Druck uDcl Verlag voa G. Reimer. 



113 114 

DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 



Archäologische Zeituny, Jahrguny XI. 



J\f 58. 



October 1853. 



Giiecliisclie Münzen. — Denkmiiler zur Odyssee (Sclilufs). — Allerlei : Dionysos Perikionios, Tyro Pelias Neleus, Ukalegon. 



I. 

Griechische Münzen. 

Hiezn die Abbildung Tafel LVIII. 

in der vorstehenden Abliandliing über Anliope 
und Dirke sind einige der iarnesisclien Gruppe 
entsprechende ftlünzlypen bereits erwähnt und er- 
läutert worden, deren Abbildung auf gegenwärtiger 
Tafel nacligeHefert wird. Zuvörderst ist es eine 
der lydisclien Stadt Ahrasos gehörige Grofsbronze '), 
welche, andererseits mit dem Kopf des Alexander 
Severus versehen, die gedachte, ohne bekannten 
Grund auf jener Münze erscheinende, Gruppe in 
neuer nach Abdruck eines Originals im Wiener 
Rlünzkabinet angefertigter Zeichnung uns vorfuhrt. 
Sodann aber liegt dieselbe Gruppe auch als Münz- 
bild zweier Confornlaten') uns vor, deren einer, 
aus Ficoroni's Besitz jetzt in der Sammlung des 
Collegio Romano zu suchen, auf seiner Vorder- 
seite den Kopf des Homer darstellt, dagegen der 
andre, dem Museum Hedervarianum entnommene, 
auf seiner Vorderseite ßildnils und Umschrift 
Trajans zeigt. 

Wir haben diesen bei früherem Anlals in diesen 
Blättern erwähnten Münzen zunächst zwei andre 

') Absebildet als no. 1. Vgl. Hckliel Doctr. num. III, 91; 
oben S. 87 Anni. 61. 62. 

') Abgebildet als no. 2n and 2b nach Zeicbnangen, welche 
Hrn. Reg. R. -^rwcfA zn Wien verdankt werden; der erste, von 
Heyne für unecht gehalten, nach einem von Ficvrmn be- 
sessenen iinil durch Oori (coIii:nb. Liv. |). XXV) bekannten — , 
der andre nach einem im Mus. Heilervnr. II p. 409, 27 impp. 
aen. X, !l behndlichen und in Zeichnung gleichfalls von Hrn. 
Reg. K. Aritclh niitgetheilten Original. Vgl. oben .S. 90 Anni. 6S. 

^) Abgebildet als no. 3 unserer Tafel nach einem Exeu)- 
plar der hiesigen kgl. Sammlung, Vgl. Mionnet V, 298, 103. 
Denkm. u. V. 1850 S. 138, 9. — Die Sitte doppelter Uarstel- 



angereiht, von deren Darstellung ebenfalls schon 
früher die Rede war. Bei Erörterung der für 
Zeus, Pallas und andre Gottheiten nachweislichen 
Darstellung in zwei aus inneren Gegensätzen des 
Götterbegriffs erklärbaren Gestalten, ward auch die 
seltsame Erscheinung eines doppelten Herakles 
berührt: ein solclier ist nämlich nicht nur als Dop- 
pelemblem verschiedener Legionen auf einer zu 
diesem Behuf vormals durch Hrn. J. Friedländer uns 
mitgellieilten Erzmünze von Heliopolis^) mit Bild- 
nifs des Septimius Severus zu finden, sondern, viel- 
leicht als Zusammenstellung des tyrischen Gottes 
und griechischen Heros, aucii auf einer unteritalischen 
Münze von Hcraklea, deren Abbildung wir, dem 
Carelii'schen Münzwerk ^) entnommen, mit jener 
erslgedachten Münze hier vereinigt haben. Für den 
noch übrigen Raum dieser Münztafel aber schien 
es angemessen eine Anzahl von Münztypen aus- 
zuwählen welche, zum Theil erst neuerdings be- 
kannt geworden, eine ihrer wichtigen mytholo- 
gischen Darstellung entsprechende Verbreitung bis- 
her mehr oder weniger vermissen liefsen. Es ist 
dies selbst mit dem längst bekannten und durch 
Inschrift sprechenden schönen Münztypus der kre- 
tischen Stadt P/iäslos der Fall, welcher, bei üb- 
lichem Stierbild auf dem Revers, in seiner Vorder- 

lung einer und derselben Gottheit ist zuletzt in dieser Zeit- 
schrift (D. u. F. 1850 S. 13.')fT. ; vgl. Ghd. Prodr. S. 120 ff. 
129fF. Programm Zwei Minerven 1848) besprochen worden. 

") Aus Carelli num. Ital. tab. 164, abgebildet als no. 4 
unserer Tafel. Auf der Vorderseite ist Pallas mit Speer und 
Patera dargestellt, die über einen Altar von ihr ausgegossen 
wird, daneben ihr Schild und eine aus gekreuzten Stäben ge- 
bildete Fackel; hiezu gehurt denn als Revers der gedachte 
Typus zwei stehender Figuren des Herakles, beide in gleicher 
Weise mit Löwenfell, Skyphos und Keule angethan , und da- 
neben in Umschrift IliHv/J.dmv mit vorgesetztem Digamma. 



115 



116 



seile den aus der Argonautensage berühmten Riesen 
Talos darstellt^). Eine andere mythische Gestalt, 
die des äloHschen Flufsgottes Acheloos, scheint 
in ihrer veredelten menschlichen Bildung, der nur 
ein Stierkopf anhaftet, ebenfalls weniger allgemein 
gekannt zu sein als die schöne Silbermünze von 
Meiapont, aus welcher seit Millingen sie veröffent- 
lichte jene Darstellungsweise zuerst hervorging, 
dazu auffordert"). In anziehenden Münztypen ist 
ferner neuerdings auch Arne erschienen, die in 
gangbaren mythologischen Büchern fast fehlende, 
aber durch die geschichtliche Bedeutung ihres auch 
örtlich bekannten Namens vorzüglich beaclitenswerthe 
Geliebte Poseidons. Die Widdergestalt, in welcher 
Poseidon sie überraschte, hat sie im widderbehörn- 
ten und lorbeerbekränzlen Frauenkopf einer vor- 
trefflichen metapontischen Silbermünze des Herzogs 
vonLuynes') erkennen lassen, während, noch buch- 
stiibhcher beglaubigt, schon eine kleinere, jetzt im 
Pariser Kabinet zu suchende, Silbermünze im Bild 
einer knieend niederblickenden, vermuthhch als 
wasserschöjjfend zu denkenden, Jungfrau mit quer 



am Boden liegender Fackel aus jenes Mythos 
eigenster und ursprünglicher, später Kierion be- 
nannter, Oertlichkeit denselben Gegenstand bereits 
früher zum Vorschein gebracht hatte *). Eine andre 
wundersame Geliebte Poseidons, die von ihm gleich- 
falls in Widdergestalt überraschte und nächstdem 
zur Mutter des kolchischen Widders gewordne 
Theophane, die sich, auf des sie begehrenden 
Widders Rücken getragen, an Helle erinnernd und 
öfters mit dieser verwechselt, auch sonst vorfindet, 
drängt hier unsrer Erinnerung aus dem lampsa- 
kenischen Stcder") von neuem sich auf, der als 
werlhvolle Seltenheit, durch seines Besitzers des 
Freiherrn von Prokesch Güte unsern Lesern zwar 
bereits bekannt, an diesem Ort neu betrachtet 
zu werden verdient. Es kann nicht fehlen, dafs bei 
erneuter Abbildung dieser Münze auch eine neulich 
mit ihr zugleich dargestellte kleine Goldmünze 
von seltenstem Werth hier uns vorgeführt werde: 
eine Münze von Pisa, die einerseits mit dem Kopf 
des olympischen Zeus, andrerseits mit dem Symbol 
seines ßhtzes geschmückt ist'"). Minder gefällig. 



'') Abgebildet als no. .5 nacli einem Exemplar der hiesigen 
kgl. Münzsammlung. Vgl. Eckliel D. N. II, 317. Mionnet 
Descr. II, 292, 269. Cavedoni in den Annali dell' Inst. VII, 154. 
Mercklin die Talüssage (St. Peteisb. 1851) S. 881T. Taf. I, 
1 — 4. Die vordere als Magistratsname gefafste Inschrift hat 
erst Mercklin durch Erinnerung an den für den Gegenstand 
einer Widmung üblichen Accusativ (Franz Elem. ejiigr. [). 331) 
dem mytliischen Talos zuges|)rochen. 

'■) Abgebildet als no. 6 nach Millingen (num. ital, Suppl. 
pl. I, 1), der die Umschrift des stehenden, links einen Schilf- 
stengel haltenden, in der Rechten eine Schale ausgiefsenden 
Flufsgotts, A/_0.oo aOXov ä- b. 'Ayth^ov uHov, als auf Agonen 
deren Preis in Geld bestand {ccywv yQt]uca(ri]i) schon frülier 
in den Transactions of the R. Soc. of literature (II, 95 (f.) er- 
läutert hatte; auf der Kehrseite der übliche Typus von Metapont, 
die Aelire worauf eine Cicade, mit beigeschriebenem Anfang 
des Ortsnamens (AltTci). Vgl. noch Millingen Coins I, 21. 
Müller tiandbuch §.403, 2. Gerhard Auserl. Vasenbilder II, 
S. 107, IKi. 

') Abgebildet auf unserer Tafel als no. 7 nach Luynos 
Choix de niedailles grecques pl. III, 6; vgl. I'anofka Ann. d. 
Inst. XIX pl. L. p. 222(1. Gerhard Abhandlung über Poseidon 
Anni. 4Sir. 

') Kieoiüiv: abgebildet auf unsrer Tafel als no. 8, nach 
Cab. Allier de Hauteroche IV, 12; die Vorderseite stellt einen 
rechtshin blickenden Fraucnkopl, vielleicht derselben Arne als 
vergötterter Ortsherüine, dar. Dafs Kierion dem früher Arne 
benannten Ort gleichgelte, ist durch altes Zeugnifs (Steph. 
'^Qvrj. Strab. IX p. 435) wie durch die örtlielien Nachweisungen 



Leake's und O. Müller's (zur Karte des nördl. Griech. 1831 
S. 19(r.) bekannt; die am Boden liegende Fackel gereicht für 
denselben Ursitz äolischen Poseidondienstes zugleich als Andeu- 
tung des ihm verknü|iften cerealischen. 

') Hier abgebildet als no. 9 (vgl. D. u. F. 1849 Taf. X, 
2 S. 253), samt dem ein Flügelrofs darstellenden Revers, 
vom Hrn. Besitzer neu vorgelegt und besprochen in den 
Denkschriften der kaiserl. Akademie zu Wien 1650 S. 331 ; 
in dem dort beigefügten Text wird diese Goldmünze, eine 
der schönsten ihrer Gattung, auch von .Seiten des Kunstwerths 
nach ihrem Verdienst neu gewürdigt. Dafs zwei ICxemplare 
derselben Münze aus Böotit-n, nämlicli aus Lebadea und aus 
Orchomenos, kamen, darf zu Unterstützung der von Hrn. 
V. Prokesch noch jetzt festgehaltenen Deutung auf Helle 
nicht vergessen werden, obwohl nach sonstigen von Weicker 
zu Ternite's pompej. Wandgem. (VII, 1. N.F.IV, 1 ; vgl. l). n. F. 
1849 S. 158) erörterten Gründen die Deutung auf Theophane 
den Vorzug beansprucht. 

'") Abgebildet als no. 10, ebenfalls nacli den Wiener 
Denkschriften von 1850 S. 332: wichtig, wie dort hervorge- 
hoben wird, als die einzige uns bekannte Goldmünze der 
Landschaft Elis nicht nur, sondern auch des ganzen Pelopon- 
neses. Dem lorbeerbekränzten und links gewandten Kopfe 
des Zeus steht als Revers, mit Inschrift der Stadt Pisa rU^A, 
der Typus drei ringsum vertheilter halber Blitze gegenüber, 
in dem man, wie Ilr. v. Prokesch bemerkt, mit einer jedoch 
schwächeren Wahrscheinlichkeit auch Lilienbhimen (dem Zeus- 
gewand Paus. V, 11, 1 entspreciiend) vermuthen kann. 



117 



118 



aber duicli die ihnen beigelegten Bezüge auf den 
lykaisclien und dodoniscben Zeus unsier Erinnerung 
hier begegnend, reihn jenem Bild des olympischen 
Zeus hier noch zwei andre Miinztypen sich an. 
Erstens eine seit längerer Zeil bekannte Silber- 
münze von Kijrene, welche dem widderbehürntcn 
Kopf des Zeus Amnion gegenüber als dessen Revers 
eine, statt auf dortigen elwanigen Dienst des 
lykäischen Zeus, vielmehr auf das Königsgrab des 
Battos bezügliche Darstellung enthalt"); in ähn- 
licher Weise berichtigt ist jetzt aber auch die Er- 
klärung einer deshalb hier gleichfalls zu erneuter 
Betrachtung empfohlenen Kaisermünze von Kos, 
welche, dem Bund dieser Stadt mit Halikarnafs 
gewidmet, neben der samisch-koischen Hera nicht, wie 
vordem vermuthet ward, den dodoniscben Zeus, son- 
dern als halikarnassischen Gott eher einen Herma- 
phroditos uns vorzuführen scheint ''). 

Noch einige wichtige unteritalische Münzen 
neuerer oder neuester Bekanntmachung mögen 



dieser Auswahl zum Schiufs gereichen. In welcher 
lieihenfolge griechischer {Joltheiten die Pandina 
eines durch Millingen bekannten Münztypus von 
llipponlon^^) ihre feste Stelle behaupten solle, ist 
eine zu letzter Entscheidung noch immer geeignete 
Frage, welche wir durch Erneuung jenes gefälligen 
Münztypus gern neu hervorrufen mögen. Einer 
andern, oft und streitbar verhandelten, Frage, der 
Frage über den baccbischen oder fluvialischen Stier 
milMenschengesicht, bietet theils der ganz neuerdings 
erst veröffentlichte Typus dreier Silbermünzen von 
JSeapolls zu unverkennbarer Unterscheidung des 
in sehr bescheidener Fülle strömenden und daher 
bartlos mit einfachem Hörn dargestellten dortigen 
Flufsgotts, 2£7i£id-og das ist Sebetos durch alte 
Umschrift benannt, von dem gedachten häufigsten 
Münztypus derselben Stadt und Gegend sich dar"), 
theils findet zu endlicher sicherer Deutung jenes 
kam])anischen Stiermenschen selbst in dem dritten 
jener neu entdeckten Münzlypen zugleich mit Wie- 



") Abgebildet als no. 11 nacli einem seit Pellerin (III, 
118, 2) bekannten und in der l?evue numismatique von 1851 
(|). 8911. zu 1850 pl. XVI, 2) von Hrn. Duclialais erläuterten 
Original : einerseits den reclitsliiu gewandten widderbeliörn- 
ten Kopf des Zeus Ammon, andererseits, aui'gericlitet auf 
einem Hügel, eine Säule darstellenil, anf welclier ein Gefäfs 
stellt. Dals in diesem Grabmal das aus l'indar (l'jtli. V, 93 If.) 
und Catidl (VII, 0) berühmte ktinigliclie des Battos (vgl. auch 
Tlirige Res Cyrenens. p. 100) gemeint sei ist kaum zu be- 
zweifeln, obwolil auch an den bei Herodot IV, 203 erwähnten 
Hügel des lykaisclien Zeus {Jiog .iv/.iäov öyjlov) gedacht 
■worden ist (Revue numism. a. 0. p.90). 

") Abgebildet als no. 12 nach dem von Streber numism. 
graeca IV, 4 pag. 226ir. gegebenen Exemplar der Münchener 
.Sammlung. Den Bildnissen Caracalla's und Geta's (Av. xai. 
Av. Ai'jiorivog. K. JI. Ffrag. 2) gegenüber zeigt der merk- 
würdige Revers dieser koiscli-halikarnassischen Bundesmünze 
in aufrechter Stellung einen lang bekleideten bärtigen und 
stralilenbekränzlen Gott mit gesenkten das Gewand fassenden 
Händen, umgeben von zwei niedrigen Bäumen auf denen 
Tauben dem Gotte zugewandt sitzen; rechts davon eine 
stehende und bekleidete, mit einer Stirnkrone geschmückte, 
rechts eine Scliale, links ein Scepter haltende Gottin, auf 
einem von Pfauen gezogenen Wagen. .Strebers Deutung der, 
auf halikarnassischen Münzen auch einzeln zu lindenden, bär- 
tigen l'"igur auf den dodoniscben Zeus wird durch dessen 
weichliche Bekleidung, dessen Strahlenbekränzung und durch 
den Mangel sonstiger dodonischer Spuren in Halikarnafs 
widerlegt, auch sind die von den Tauben besetzten Bäume 
keine Kiciien ; daher Kathgebers (Bull. d. Inst. IS59 p. 182Ü'.) 
Vorschlag hier den zu Ilalikarnals beim Quell Salmakis (vgl. 



Vitr. 11, 8, 11. Arch. Zeit. 1847 S. 179) mathmafslich verehr- 
ten Hermaphrodit zu erkennen mehr Beachtung verdient. 

") Abgebildet als no. 13 nach Millingen num. ital. p. 72ff. 
Snppl. pl. I, 8 (ebd. no. 7 Kopf mit gleicher Umschrift aus 
Terina): als Revers eines rechtshin gewandten lorbeerbekränz- 
ten Frauenkopfs eine linkshin gericlitete langbekleidete Frau 
mit einer Peitsche in der ausgestreckten rechten und einem 
langen Stab, wenn nicht einer Fackel, in der zurückgehaltenen 
linken Hand ; daneben die Ortsinschrift Einioriecov d. i. 'Itttiio- 
VKÜov, und die Personaldeutung Ilcd'ätva, der noch ein Stern 
im leeren Felde zur Seite geht. Die Attribute weisen auf eine 
als Wagenlenkerin gedachte Güttin, deren Beiname, von öip^ai 
(vgl. Ktym. Hiiv^tia) abgeleitet, als „kreisende" Liclitgiittin 
zu verstellen ist. In eben dem .Sinn daclite Cavedoni (Bull. d. 
Inst. 1814 p. 157) mit Vergleichung einer ähnlichen zwischen 
Saturn und Lnna befindlichen Figur nnter den Planetengöttern 
des Martorellischen Dintenfasses an Eos oder Uemera, Avellino 
aber (Bull. Nap. VI, t>9) auf die eben auch als Lichtgüttin 
gedachte und aus Hipponion sonst mehrbezeugte Korn; An- 
lafs der Darstellung könne der Ortsname Hipponion mit 
Bezug auf i'nnog (vgl. Kora Leukippos) gewäliren. Am natür- 
lichsten jedoch bleibt Millingens Deutung auf Sehne oder 
llchnle, an welche letztere auch nach der, obwohl minder 
wahrscheinlichen, Deutung der Ilavdiva als nuriStiri] „schreck- 
bar" (vgl. Mill. a. D. zu Auth. Pal. II p. 846) sich denken liefs. 

'") Abgebildet als no. 14. 15 nach dem neuen Bullettino 
arch. Napol. 1852 p. 15 if. tav. IV, 1. 2. Dem Besitze des 
Hrn. Gennaro Riccio und dem Eifer der Hrn. Garrucci und 
Minervini wird die Kenntnifs dieser merkwürdigen Hemiobolien 
verdankt, welche, als Revers einer auf ihrem Wassergefäfs 
sitzenden gellügelten Ortsnymplie von Neapolis (Inschrift 



119 



120 



derholung desselben die Andeutung von Wellen 
sich vor, welche der Deutung auf Acheloos neue 
Vorzüge vor der vorherrschenden auf Bacchus-/ieio»« 
ffewidut '^). Wir verdanken die Veröffentlichung 
dieser drei iMünzen dem zu grofsen Vorthell der 
Alterthumsforschung durch Garrucci und Minervini 
in neuer Folge eröffneten Bulietlino Napohtano und 
diesem wird, durch Äliltheilung des Herzogs von 
Lhi/hcs, auch die demselben gehörige und auf 
unsrer Tafel an letzter Stelle") angereihte, bisher 
unbekannte, alterthümliche Silbermünze verdankt, 
deren bildhche Darstellung an den vom Delphin 
getragenen Taras tarentinischer Münzen erinnert, 
während die Umschrift IAB3/IÄ^ Vulcthas zu- 
gleich ein ansehnliches Gepräge, und, laut gründ- 
licher Nachweisung ihres gedachten Besitzers, eine 
bisher vermifste sichere Naraensbeslinimung der 
messnpischen Stadt Valeüum ") hier erkennen 
läfst. E. G. 

Ntonolnt ä. h. NeonoXntjg) einen Jiinglingskopf mit Stirn- 
band und einem Hörn auf der Stirn darstellt, dessen nun 
schon aus mehreren Exemplaren bezeugte Beischrift XtniiOog 
ihn als den dortigen Flulsgott Sebetos zu erkennen giebt. 
An die so gewonnene Tliatsache knüpften sich sofort mehrere 
Folgerungen, namentlicli die Annahme, dafs der bärtige Stier 
mit Alenschengesicht auf denselben Münzen eine andere Gott- 
heit, sei es den Aclieloos für dessen kainpanischen Dienst 
sonst keine Zeugnissen vorhanden sind, oder vielmehr, wie 
vor Kiitdeckung der nächstfolgenden Münze auch Minervini 
Bull. I. c. p. 46 annahm, der bisherigen Annahme gemiils, 
den doch eben auch mit dem Reich der Gewässer eng ver- 
knüpften Dionysos Hebon vorstelle. 

'■'J Abgebildet als no. 16, nach der gleiclifalls aus Hrn. 
Riccio's Besitz von Minervini edirten (Bull. Nap. 1852 p. .')7 f. 
tav. IV. 8) Silbermünze: vorn einen lorbeerbekränzten Apollo- 
kopf rechtsliin darstellend , als Revers aber die auf Meeres- 
wellen schwimmende Halbfigur eines Stiers mit Menschen- 
gesicht, aus dessen Maul Wasser strömt; daneben eine Lyra 
und oberwärts die Inschrift Ntonolizf. 

"■) Abgebildetals no. 17 nach Bull. Napol. N. S. tav. XI, 1 
p. 1701. Die Münze ist eine Didrachnie archaischen groben 
Gepräges: vorn ist Arion auf dem Delphin dargestellt, eine 
Nachbildarg des tarentinisclien Taras, dabei die oben bemerkte 
Inschrift; als Revers, gleichfalls mit derselben Inschrift ver- 
seilen, eine, vermuthlicli auf dortigen Dienst der Mondgottin 
bezügliche, mit den Hörnern niederwärts gekelirte, Mond- 
sichel, und unter ihr ein Delphin. 

'") VaUtium lieifst diese, elf MiUic'n von Brundusium be- 
legene, Stadt bei Mela (II, 4), woneben auch die Formen 
Bttlesium nnd Bnlenlium, auch Fiilenlin sich finden; vgl. 
Luynes im üull. Nap. 185-J p. Ki'J. 



II. 

Denkmäler zur Odyssee. 

Sclilufs zu Seite 112. 

Was nun die andre Abtheilung oder die Fabeln be- 
trifTt, so bedaure icli von Proteus und Menelaos, die 
sciion ain Amyklüischen 'riirou vorkamen, und anderen 
Darstellungen an einer Vase des Bourbouisclien Museums 
in Neapel augenblickiicii genauere Notiz nicht aulfindeo 
zu können. Die „vielleicht einzige" Vorstellung eines 
unter Schilfstrümmern schwimmenden Odysseiis, mit zwei 
aus der Höhe blasenden Gesichtern von Winden, glaubt 
E. Brunn an einer Lampe der Fogelberg'sclien Sammlung 
(jetzt in München) zu erkennen, BuUett. d. Inst. 1844 
p. 41. Odysseus auf dem l<'losse war nach Plinius von 
Pamphilos gemalt. 

Zu der Nolanisclien Vase mit der Blendung des 
Polypiiem No. 10 kommt eine andre arcliaische liinzu, 
wovon ich einst die Zeicliuung hei Gerliard sah. Der 
riesige Polyphem sitzt; drei mit Schwertern umgürtete 
Begleiter des Odysseus, oder er selbst voran mit zween, 
wieviohl er sich nicht unterscheidet, führen den horizontal 
über ihren Köpfen gehaltnen Pfalil nach dem Auge (Rv. 
l<'ünf Kämpfer). An einer Amphora aus Capua in Berlin, 
in dem Nachtrag des Verzeichnisses 1850 No. 1929, ist 
die Scene anders und „in Caricatur" dargestellt. An 
einer Aschenkiste von Volterra bohrt Odysseus allein den 
Balken in das runde Auge, Uhden in den Sehr, der 
Berl. Akad. 1816 S. 37. Dies und die Werke der Kirke, 
die Sirenen und die Unterwelt sind es, die man aus dem 
Kreise der Odyssee an diesen Etrurischen Kasten findet. 
Odysseus den Becher hinreichend, ahnlich wie die Pam- 
filische Figur No. 19 (Tischl)eins Homer VI, 2), ist im 
Museuro Chiaramonti, s. Gerhard in der Beschreil)ung 
Roms II, 2 S. 84 No. 499. Ueber das Relief No. 23 (wo 
Gal. mythol. 172, 632* für 174—632 zu lesen ist), s. 
auch Clarac m. du Louvre pl. 323, 249 p. 682 und 
Zeitschr. f. a. Kunst S. 422. No. 27 ist auch in Houels 
Voy. pitt. de la Sicile Tai'. 2 pl. 137 und in Tischbeins 
Homer VI, 4. 

Die Capitolinische Gruppe No. 17, besser in der 
kleinen Erzgruppe Pourlales hei R. Rocliette Mon. ined. 
pl. 62, 2 p. 356, und frei von der Syrinx, welche dem 
Marmor zugleich mit der restaurirten Hand gegeben 
worden ist, gehört wahrscheinlich nicht hierher. Heyne 
hat zum Tischbein'scheu Homer VI, 3 wohl bemerkt, dafs 
die von Polyphem getretue Figur, nach ihrer grofsen 



121 



122 



Jugend und Zartlieit, auch natli der Kopfl)inde, die sie 
trügt (und lieide Kiiple sind im Marmor, wenDgleich auf- 
gesetzt, docli alt, wie Platner in der Besclireil)ung 
llonis in, 1 S. 144 bezeugt), nicht einer der Gelahrten 
des Odysseus, sondern Akis, der Geliebte der (Jalatea 
sein möge. Die Wuth des Kyklopen gegen Akis und die 
Liebe der Galatea zu ihm sind aus den Römischen 
Dichtern bekannt, aus Ovid (Met. XIII, 750), Silius (XIV, 
221), der Lateinischen Antiiologie (I, 148, Serv. ad 
Ed. IX, 39), und es konnte gar nicht iehlen, dal's in 
dieser Muslercarte der Leidenschaften den komisclien 
Bildern zarter \'erliel)tiieit auch andre der bestialischen 
Eifersudit gegenüber gestellt wurden. Ein solches weist 
die Gruppe auf, nach Mafsgabe der Aufgabe fein und 
gut gehalten. Der Riese zerrt den getödteten oder viel- 
leicht nur ergrilTenen und sein Schicksal noch erwarten- 
den Akis, über dessen Tiidtung die Sagen natürlich 
wechselten, und weidet sich an seiner Rache. Ein Hoch- 
relief in Jlünchen, das der damalige Kron])rinz von Bayern 
in Rom kaufte, stellt dasselbe dar, ol)gleich Scliorn an 
Akis nicht gedacht bat, Kunstblatt 1828 S. 190, Glypto- 
thek VI, 137 S. 121. Polyphem sitzt „auf einem Felsen 
am Meer und hält in der aufgeschwungenen Rechten 
eine Keule, während er mit der Linken einen todten 
nackten Körper aus der Fluth zieht." Dieser letzte Zug, 
der im Morgenblatt 1810 S. 298 angegeben ist, würde, 
wenn er sich wirklich erkennen läfst, die Rachlust malen, 
die sich von ihrem Opfer, das der grofse Akisfelsen, nah 
am Ufer, nächstens bedecken wird, nicht sogleich trennen 
mag. Auch der Karneol No. 43 dürfte hierher zu zie- 
hen sein. 

Odysseus unter dem Widder geklammert ist in 
Vasenbildern nicht selten. Eines der vorzüglichsten be- 
sitzt E. Braun in Durclizeichnuog, Odysseus gravitätisch 
unter den mächtigen Widder gestreckt, viele sinnlose 
Inschriften umher. Solche finden sich auch an einem 
Lokrischen Gefäfs mit derselben Vorstellung und einem 
Baum dahinter, aber mit schwärzlichen Figuren auf 
weitsem Grunde (Uv. Kriegsleute), iu der Ivarlsruher 
Sammlung, Jahrb. des Alterthumsvereins der Rheinlaiide II, 
S. 61, wo auch eine unedirte Wiederholilung in München 
angeführt ist. P'ine andre, 7.v>isclien zwei Mantelfiguren, 
besitzt Col. Leake in London, und im Calal. del Pr. di 
Canino, genauer in der Französischen Ausgabe, No. 1449 
ist ein einhenkliges Gefäfschen, Odysseus mit dem Schwert 
in der Hand unter dem Widder, mit den Beischrilten 
A0GOATS und UAII. Auch an einer Fogelbergschen 
Lampe kommt die Gruppe vor, Bullet. 1844 p. 41, und 



im Brittischen Museum sah ich sie in einer kleinen Gruppe 
in Erz. 

Unter den Darstellungen der Kirke ist die welche 
O. Jahn, Arch. Beitr. S. 407, dem Overbeck S. 782 folgt, 
ich verstehe nicht warum, für mehr als problematisch er- 
klärt, vorzüglich zu beachten. An demselben Gefäfse sind 
iu oberer Reihe Oedijjus mit der Sphinx und ein Greif 
mit einem Kämpfer, in der unteren Kirke mit einem 
Löwen, Eber und W'olf dargestellt, dies alles in geistreich 
phantastischer Weise. Die drei Verwandelten der Kirke 
stecken gerade in den von Homer genannten Thieren 
(X, 212. 239); die Zauberin, die originell und charak- 
teristisch gezeichnet ist, hat oben mit einer gebietenden 
Handbewegung das Werk vollbracht, ihre Zauberbüchse 
ist aufgestellt, auf ihren Zauberstab stützt sie sich nur, 
indem sie hinter Felsen nackt, mit flatterndem Peplos 
hervorgeht. Hier sind also Wunderthiere zusammenge- 
stellt, Sphinx, Greif und die aus Menschen verwandelten 
natürlichen 'l'hiere, die man zumal in dieser Umgebung 
und durch die Erinnerung an Homer und durch die Ge- 
berde der gemalten Kirke leicht als verwandelte erkennt, 
während anderwärts die Menschen mit Thierköpfen besse- 
ren Effect machten. Die ganze Verkehrtheit der aus 
Vorurtheil oft verdrehten Kunsturtheile Micalis erkennt 
man darin, dafs er diese Malerei für etrurisch erklärt. 
Dafs sie echt griechisch sei, hat auch Cavedoni bemerkt 
in den schon erwähnten Osservazioni p. 25. In Nola sah 
ich im Sept. 1842 bei Hr. Dominico Soglia an einem der 
schönen lekythenartigen gröfseren Gefäl'se auf der einen 
Seite Kirke mit dem Zauberbecher, auf der andern einen 
der Gefährten mit Schweinskopf. Den „bisher un- 
edirten" Spiegel No. 57 werden auch die Annali d. Inst, 
für 1852 tav. H bringen, mit Erklärung von O. Jahn 
p. 210. Die Sicilische Lekythos aber No. 49, mit Kirke 
und vier verwandelten Gelahrten, ist von der No. 51 an- 
gegebenen, in Gerhards Besitz, nicht verschieden. 

Odysseus den Schatten des Elpenor citirend hat 
man in den Impronte gemm. VI, 47 zu erkennen geglaubt, 
Bull. 1839 p. 110. Den Schatten seiner Mutter Antikleia 
befragte er auf dein achten der Epigramme im Tempel 
der Apollonis in Kyzikos in der Anthol. Palat. Ueber 
den No. 64 erwähnten, wichtigen Spiegel Mon. iued. II, 
29 (nicht 39) schrieb auch (irili (dello specchio rappres. 
Ulisse e Tiresia, Roma 1836 4.), welcher die Namens- 
erklärungen von Bunsen, Campanari und P. Secchi be- 
streitet. Einiges ist auch bemerkt Bullett. 1840 p. 58. 

Für das schöne Gemälde des Sirenen - Aben- 
flieuers No. 67 ist es nicht unwichtig, dafs das andere 



123 



124 



Bild au dersellien Ampliora (im Katalog des Prinzen 
von Canino No. 829, jetzt im Brittisclien Museum No. 785), 
die drei scliwebenden Eroten HIMEPOZI, Potlios und 
Eros, damit in Verbindung stehe. Denn die Sirenen 
sollen hier Liehe bedeuten, wie denn auch der einen 
HIMEPOTTA beigeschrieben ist, was nicht bedeutet 
„mit reizender Stimme begabt", sondern femin. ist von 
einem ifitgotp, i,(u'po;ioc. An einer von dem ersten Her- 
ausgeber angeführten Cornaline Blacas sind auf der einen 
Seite zwei Sirenen, auf der andern zwei Eroten. Die 
Sirene über der Entführung der 0AAIA durch den 
Adler in Tischbeins Vasen I, 26 schwingt Tympanon 
und Tänia, und das Tympanon liat auch der Eros bei 
der Baccha das. I, 50 und sieiit man in ahnlicher Be- 
deutung öfter. An einer Kylix von Nikosthenes im Gab. 
Durand No. 418 (übergegangen an Beugnot) sitzt nur 
eine Sirene auf einem Felsen und zwei SchilFe segeln 
vorüber. Ko. 77 ist bei R. Rochette pl. 61, 1, nicht 61, 
2. In dem Basrelief Landsdowne in den Mon. d. Inst. IV, 
29 (Annali XIV p. 155) scheint das SchitT des Odysseus 
mit den drei Sirenen darüber mit den Schiffen der beiden 
andern Abtheilungeu und der figurenreichen Einfassung 
in einen phantasievollen, aber schwer zu errathenden 
allegorischen Zusammenhang gesetzt zu sein. An einem 
Lampengritf abgebildet im Bullett. Napol. 1846 tav. III, 
5 und ausführlich besprochen von Avellino 1847 p. 39f. 
45 — 47, ist Odysseus, an den Mast gebunden und bestrebt 
sich loszureifsen, von einem Jüngeren gehalten, während 
ein dabei sitzender Bärtiger zuzureden scheint. Eine 
Etrurische Urne mit dem an den Mast gebundiien Odys- 
seus ist auch in den Antiq. Pourtales No. 10; eine andre 
Nachahmung im Antiquiirium zu Mannheim nach dem 
Verzeichnifs von Gräff II, S. 8. Die Gemme No. 72 ist 
in Millins Gal. m. 167, 638 aus Paciaudi in umgekehrter 
Richtung abgebildet. 

Skylla kommt in V^asenmalerei [Relief] wenigstens 
No.68 an der Kylix in Berlin mit dem viermaligen Schiff des 
Odysseus vor, woraus man verrauthen miiclite, dals auch 
an dem vorhin erwähnten Landsdowneschen Basrelief das 
Schiff des Odysseus dreimal vorgestellt wäre. Wie sehr 
die Skylla die Maler beschäftigte, zeigen die Beispiele 
bei Plinius, die Skylla in Rom von Nikomachos, die von 
Phalerion, die von Audokides bei .Andern. Von Nikias, 
dem Maler der Necromantia Ilomeri (No. 60), war aucii 
Kalypso zweimal gemalt, der Kyklop von Timanthes. 
Eine Skylla, die in drei Siehundsrachen drei Gefährten 
versciilingt, woran aber der obere 'l'heil fehlt, ist abge- 
bildet -Marm. Oxon. P. 1 tai). LI, 132 und ist von echt 



griechischer Ausführung. Damit ist das Gemälde Pitt. 
d'Ercol. III, 21 zu vergleichen, wo a\icl) drei der 
Gefährten gefafst sind und Skylla dabei ein Ruder 
schwingt. 

Sehr sonderbar und ihre Aufklärung erst noch er- 
wartend sind zwei Vasengemälde. Das eine aus Pästum 
im Museum zu Neapel, bei Dubois-Maisonneuve pl. 72 
und Panofka sur les noms des Vases gr. pl. VII, 1 p. 9 
not., enthält OAYSZEYZ, auf Felsen gelagert, das 
Schwert in Häuden. Ein junges Weib mit der sogenann- 
ten Cista mystica geht auf ihn zu. Hinter dieser steht 
ein Jüngling mit Lanze an einer Stelle, wobei geschrieben 
steht XHAEMAXOZ!, vor einer sitzenden weiblichen 
Figur, die eine Amphora auf dem Schoofse hält und 
einen Kranz unter sicli hat und vor welcher KAAE 
(so ist auch bei Dubois für KAA2. zu lesen, ein Fehler 
der auch bei Tischbein I, 10 vorkommt), gerade vor dem 
Namen Telemachos geschrieben ist. Hinter ihr eine 
weibliche Figur mit einem Spiegel. Müller in der Archäol. 
§. 416, 1, indem er irrigerweise liest und verbindet 7j;- 
7Jfi(t/og xuXog, nennt das Ganze „Odysseus an Tele- 
machos Grabe, nach einem dunkeln Mythus", Panofka 
noch unglaublicher die zweite Hochzeit des Odysseus. 
Dnfs Cäremonien zu verstehen seien , wird durch das 
untere F'eld noch wahrscheinlicher, welches man in Ne- 
apels Antiken S. 261 beschrieben findet. Der .'^echtheit 
der Inschriften zu mifstrauen ist nicht der entfernteste 
Grund. — Sodann macht R. Rochette in den Mon. ined. 
pl. 7(i, 7 bekaimt OAYXUE . 21 sitzend, nackt, jung, 
uMl)ärtig, hinter ihm ein Mädchen mit Cista, vor ihm ein 
auf einen Stab gestützter Jüngling zwischen einem 
Hündchen und einem Schwan, worin ich eben so wenig 
als dort etwas Mythisches erkennen kann. Der Heraus- 
geber meint p. 251 Eurynome, die treue Magd der Pe- 
nelope, oder die Amme des Odysseus Eurykleia. Man 
begreift, dafs bei einem Kämpfer, zwischen zwei Weibern, 
wie es in zwei Gruppen bei Dubois pl. 66, 3. 4 der Fall 
ist, THAEMAXOE nach der Wortbedeutung, nicht 
als Sohn des Odysseus geschriebeji wäre. Alier Odysseus 
und Telemachos zusammen sind doch nur die bestimmten 
Personen der Sage, und mit welcher Art von ti).it)] sind 
sie in Verbindimg gesetzt'? 

Falsche Erklärungen aus der Odyssee sind wir los 
geworden Pitt. d'Ercol. III, 6 durch O. Jahn über Paris 
und Oenone 1844 S. 13, der darin diese erkannte; 
Kirke in einer Zauberbude nach Gell New Pomp. pl. 72 
p. 150 in Müllers Archäol. a. a. O. durch denselben, 
Arch. Beitr. S. 402 — 406. Gegen manche Benamsungea 



125 



126 



«ie Oclysscus und Telemachos ia den LamliergscIieQ 
Nasen F, 94 p. 92, Odysseus ankoiDmend bei der Kalypso 
an einer in Neapel, Odysseus die Penelope wiederer- 



kennend in einem Vaticanischen Relief u. a. ist es heute 
nicht mehr nöthig ein Wort zu verlieren. 

F, G. Welcher. 



III. A 1 I 

68. Dionysos Perikionios. In brieflicher Mitthei- 
lung des Hrn. Ch, Newton an Hrn. Sam. Birch verbreitet 
dersell)e sich ül)er den bisher nicht genügend erklärten 
Umstand, dal's auf den Ersmiinzen von Miliikne eine 
archaisch gebildete Herme öfters auf einem Schiff er- 
scheint, welches an die bei Pausanias X, 19, 2 erwähn- 
ten Austischung eines Dionysoskopfes erinnern kann. 
Die alte Lesart ist dort ^lövvaov Iii(puVJiva, alier 
Dionysos -Phallen ist [um mit Lol)eck Agiaopli. 1087, 
Welcker Trilogie 189, und den neueren Herausgebern 
OulXrjvu zu lesen] durcli das bei Eusebius Praep. V, 36 
p. 253 erhaltne Orakel [(Da).}^fjvog Tifiiüat Jtwvvaoto 
xÜQr^vov] dort gesichert. [Vgl. auch Gerhard Flyperb. 
röm. Studien II, S. 270, 145a]. Die erwähnte Herme 
ist öfters mit Efeu bekränzt, während in andern 3Iiinz- 
typen statt dessen ein Efeublatt nebenher angegeben ist: 
so auf den Kaisermiinzen des Verus und Commodus 
(Pell. II, p. 74). Nachdem dieser Typus aus zahlreichen 
Münzwerken als sehr bekannt vorausgesetzt werden darf 
(Mionnet Suppl. VI p. 61 uo. 67—76. II, p. 44, 90. Sestini 
Num. vet. p. 318. Eckbel Num. vet. II, 503. Museum 
HuDter. XXXIX, 4 p. 208. Combe Num. vt-t. p. 169. 
P. Knight Num. vet. p. 136), scheint doch theils dessen 
Gleichheit mit dem Dionysos-Stylos oder Penh'ionios 
(vgl. Panofka Berl. Akad. 1852 S. 341—390 Taf. I, 1. 2. 
Inghir. vasi fittili I, 36. Panofka Noms des vases grecs 
pl. A. Mus. Cor!). XII, 21—23; vgl. auch Catal. of Vases 
in tlie I5r. Mus. p. 216 no. 743), theils die Bestimmung 
der dort abgebildeten lesbischen Herme allzuvfenig er- 
kannt worden zu sein. Zunächst verdient dieselbe mit 
einem neuerdings mehrerwähnten Typus der Münzen von 
Aenos verglichen zu werden, welche das viereckte Her- 
mesbild auf einem Sessel aufgestellt zeigen, der früher 
irrig für eine Weinkelter gehalten ward (Borrell Numism. 
chron. 7. 106. pl. 1 Eig. 1. Dumersan Cab. Allier p. 21 
pl. 23 no. 3. Mionnet Suppl. II, 213 no. 45. Sestini descr. 
p. 52 no. 3. Haym Tes. Brit. II, p. 87. (iesner \"ir. 
Illustr. tb. 2, Fig. 1, p. 96. Rasche Lex. rei num. Suppl. F, 
p. 278; ül)er das dabei vorauszusetzende Lectisternium 
vgl. Letronne Rev. Arch. 1846 p, 351 ff.). Eine ganz 



1 



I. 



ähnliche Vorrichtung zu festlicher Aufstellung [und nichts 
anderes: an Äleergeburt des Dionysos dachte Zoega 
obelisc. p. 229, 15] scheint nun auch in dem als Unterlage 
der lesbischen Herme angewandten Schiffe gemeint zu 
sein, dergestalt dafs es bei einer festlichen Theorie dor- 
tiger Inselbewohner ihrem hochgefeierten Dionysosbild 
zu prunkender Anschauung in ähnlicher Weise diente, 
wie vielleicht das panathenäische Schiff (Paus. I, 29, 1. 
Meurs. Panath. c. 19), und wie, verwandter zugleich und 
unzweifelhafter, auch der schiffsähnliche Wagen des 
Dionysos auf einer archaischen Vase aus Akra (Catal. 
Vases Br. Mus. p. 190 no. 197. Judica Aut. di Acre 
tav. XXV. XXVI p. 197. Inghir. Vasi I, 33. Panofka 
Vasi di premio I, 4 a) es zeigt. 
Aus Mittheilungen der HH. Ch. Newton «nil Sam. Birch. 

69. Tyro, Pelias, Neleus. Auf einem Spiegel 
des Museo Gregoriano (I, 22), welclier in der Peterscheu 
Cista gefunden wurde*), ist eine mit Chiton und Ueber- 
wurf bekleidete Frau vorgestellt, welche mit der Linken 
einen Stab aufstützt. Sie steht zwischen zwei Epheben, 
welche jederseits auf einem Felsstein sitzen, der eine ist 
mit einem Scliwert umgürtet, der andere hält es in der 
Linken; beide legen wie betheuernd die Rechte auf die 
Brust und sehen mit gespanntem Interesse zu der Frau 
hinauf. Im Hintergrunde ist ein Berg angedeutet, über 
welchem ein Satyr theilnehmend auf die Sonne schauet. 
Auf der anderen Seite ist ein ziemlich grofses, ovales 
Geräth oben aufgehängt. Unter dieser Darstellung im 
Abschnitt sind zwei Delphine angebracht. Die unglaub- 
liche Deutung auf Alhenes Geburt bedarf keiner Wider- 
legung, auch wird es wohl Niemand zweifelhaft sein, dal's 
hier eine der in so vielen Sagen sich wiederholenden 
Erkennungsscenen zwischen einer Mutter und ihren von 
ihr ausgesetzten und nun herangewachsenen Söhnen dar- 

*) Der zii meinen „EJruskischen .Spiegeln I S. 22 Anm. 42 
(vgl. Abhaiullunf; über die Metallspiegel der Htrusker, Berl. 
Akad. 183(i, Anni. 35) geäufserten Wrinuthung durchaus ent- 
sprecbend: Peter sali in dem gedachten Bild eine Einwei- 
hiingsscene, statt deren Gennarelli (Mus. Greg.) auf eine ."Mi- 
nerva mit Korybanten rieth. E. C. 



127 



128 



gestellt sei. Mit Bestimratlieit T y ro zuerkennen, welclie 
von Posi-idoii den Pelias und Neleus gebar, die von 
Hirten nuferzogen ihre von der Stiefmutter S idero grau- 
sam gepeinigte Mutter rjicliten, veranlnfst inicli das oben 
erwiiiinte Geratli, in welchem ich eine axücpi] zu erken- 
nen glaube. Die cjxücpt] war eine Wanne von nicht all- 
zugeringem Umfange, denn man bediente sicli derselben 
zum Fufshade. Pollux (I, 245) nennt es unter den länd- 
lichen Geräthen, und Hesychius erklart axürpui durch 
oxpon7.t'na; bei gewissen Opfern braciite man dalier die 
r!y.üq>r; mit verschiedenen Früchten gefiillt dar, in Delos 
(Athen. VIII p. 335B) vrie in Athen. So wie sich hierin 
eine ahnliche Verwendung wie beim Liknon zeigt, so auch 
darin dafs man die axäcfi] als Wiege gebrauchte, wie 
in der Geschiciite vom Eiephanten als Kinderwärter, der 
17] ngoßoaxidi -irjv axäfpr/V ixlvii (Athen. XIII p. 607A), 
und Cassius Felix (problera. phys. 8) erwähnt die ahüga 
diu TJjC axcKprii; deshall) setzte man auch Kinder in 
einer axäwt] aus, z. B. Romujus und Remus bei Piutarch 
(Rom. 3). Auf dieselbe Art hatte ebenfalls Tyro die 
Zwillinge ausgesetzt, und eben diese Wanne war später 
das Zeichen, an welchem Mutter und Kinder sich er- 
kannten, wie die bekannte Stelle des Aristoteles (poet. 16, 
3), der als Beispiel einer üvayi'WQiaig durch äufsere 
Kennzeichen anführt oiov iv t/5 Tvgot diu z/jg axü(pi]g, 
beweist und die scherzhafte Anspielung auf Sopliokles' 
Tyro bei Aristoplianes (Lysistr. 139) oidiv yüg la/^tiv 
n).rv Tloatidoiv xul axüqrj. Die Wanne genügt also 
auch hier um uns Tyro erkennen zu lassen, welche iliren 
Söhnen ihre Leiden erzählt und sie dadurch zur Rache 
aufifordert. Vielleicht kann die Darstellung des Spiegels 
rinzu dienen in dem leider so arg verstümmelten neunten 
kyzikenischen Epigramm (nntli. lat. I p. 61), dafs man 
den Sinn nicht mit Sicherheit bestimmen kann, die von 
Uecker (comm. crit. p. 6 f.) angefochtene Lesart des 
letzten Verses 

iyyv&i 'kivaawv 
Nyj'kta xul Tliltuv tüvq di xu9t^0f.iiv0VQ 
zu rechtfertigen, wo er xud^t^a^itvovg lesen wollte. Der 
zuschauende, mit Kopf und Schidtern sichtbare Satyr, 
der ebenso auf einem Spiegel aiigel)raclit ist, welcher 
Poseidon und Araymone vorstellt (Gerhard etr. Spieg.64), 
ist wohl nur als Localgottheit aufzufassen. Die zur Ver- 



zierung angewandten Delphine passen für den posei- 
donischen Gegenstand sehr wohl. Demnach glaube ich 
dies Älonument den übrigen von mir auf Tyro bezoge- 
nen (arch. Aufs. p. 14711.) beizählen zu dürfen. 

Otto Jahn. 

70. Ukalegon. Die Erklärung, welche L. Schmidt 
von der merkwürdigen Vase des Duc de Luynes gegeben 
hat (ann. XXII p. 143ff. tav. H. I), hat mich, so fein sie 
gedacht ist, doch niclit überzeugt. Wenn ich gleich nicht 
im Stande bin die Räthsel dieser Vorstellung zu lösen, 
so glaube ich doch niclit, dafs die allerdings auffallende 
Erscheinung eines Ulidegon als Begleiter des Achilieus 
uns veranlassen darf so ganz aus dem Kreise der ge- 
wöhnlichen Vorstellungen herauszutreten. Ukalegon ist 
bei Homer (II. III, 148) und Virgil (Aen. II, 312) ein 
Trojaner, aber durchaus keine als ausgeprägte Indivi- 
dualität hervortretende Erscheinung; sollte nicht ein 
Maler oder Dichter, der einen Genossen des Achilieus 
neben Patroklos und Antilochos mit Namen bezeichnen 
wollte, da er in der Sage keinen überliefert fand, auch 
diesen anwenden können? Dafs sie darin freier verfuhren, 
als uns jetzt gelegen ist, kann man schon aus dem, was 
Pausanias über einige Namen des Polygnotos bemerkt, 
nl>neliinen, auch wenn es nicht an sich schon walirschein- 
licli und natürlich wäre. Viel auffallender ist das Bei- 
spiel auf dem Vasenbild bei Gerhard (etrusk. und kamp. 
Vasenbilder 22), wo der Frevel des Aias an Kassandra 
dargestellt ist und ein troischer Knabe neben Polyxena 
AN0IUOXOS (nach einer auf Vasen nicht gar seltenen 
Ungenauigkeit fur'AviiXo/og) heifst*), und das war doch 
einer der allerbekanntesten Namen eines griechischeo 
Helden. Kehren ja .tucIi in der llias dieselben Namen 
bei Troern und Acliäern wieder, was hier gleiche Bedeu- 
tung hat, man mag über ihren Ursprung denken wie man 
will. Uebrigens kommt der Name Ukalegon sonst noch 
vor. Nach dem Schol. Eur. Phoen. 26 haben historisi- 
rende Erzähler den Vater der Sphinx Ukalegon genannt; 
haben sie ihn erfunden, so haben sie es gewifs nicht ge- 
than ohne den homerischen Ukalegon zu kennen. 

Otto Jahn. 

') Wenn niclit, wie Hr. Prof. Keil vermuthete, Avqiio/os 
(1. h. llfuf ü.oyoi zu lesen ist. A. d. II. 



Hiezu Tafel LVIII: Griechische Münzen verschiedener Sammlungen. 



Herausgegeben von E. Gerhard. 



Druck und Verlag von G. Reimer. 



129 



130 



DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 



Archäologische Zteitung, Jahrgang XI. 



J^59. 



November 1853. 



Dioskuren ia Delplii. — Ueber den amykläischen Thron. — Allerlei (Dioinede). 



Dioskuien in Delphi. 

Hiezu die Abbildung Tafel LIX. 

m9\q Betraclitiing des auf vorliei;endec Tafel ab- 
gebildeten Vaseiigeiiiäldes*) fixirt sich in der Milte, 
von wo deninach die Erklärung ausgehen mufs. 
Hier sehen wir vor einem bekränzten Dreifufs, 
welcher auf einer Säule ein in der Mitte geklLif- 
leles Geschichte von Steinblücken überragt, eine 
jugendliche weibliche Gestalt in langem dorischem 
Chiton '), deren fliefsendes Haar ein mit Lorbeer- 
blättern besteckler verzierter Stephanos krönt. Wenn 



schon die Säule den Dreifufs als einen in gehei- 
ligtem Raum aufgestellten bezeichnet^), so tritt die 
sacrale Bedeutung des Geräthes noch ferner hervor 
in der weiter als gewöhnlich ausgeführten Symbolik 
der Dreizahl, welche auch in einem zweiten und 
dritten Reif unterhalb der Stephane, in den drei 
Zacken auf dem Holmos ') und eben so vielen auf 
dem mittleren Querring erkennbaren sich aus- 
prägt*); noch mehr verdeutlicht aber, als schon 
durch das bisher bemerkte, wird der pythlschc 
Orakelsttz uns durch die den Rand des Kessels 
kränzenden Lorbeerreiser ^), ja der heilige Lorbeer- 
baum'^) selbst, durch Aeste angedeutet, wird nicht 
vermifst. Auch die vieldeutige Steinmasse dürfte 



*) Herrülirend ans dem Kiinstliandel Neapels und ans 
einer Zeichnung, die ich vor längerer Zeit dem verstorbnen 
A. de Jorio verdankte; als Gefalsform darf die eines Kraters, 
als Fabrikort vielleicht S. Agata de' Goti vorausgesetzt werden. 

E. G. 

') Vgl. C. O. Müller Dorer II, S. 259— 61. 

') S. Gerhard „Prodroinns mjtliologisclier Knnsterklärung" 
S. 242. Hier als Unterlage des Dreifufses nur die i'Jpuo/f 
desselben in demselben Sinne andeutend, vie wenn an der 
Dresdener Basis der wiedergewonnene delpliische Dreifufs 
auf einer Säule befestigt wird (.Miliin niytliol. Gall. 16, 5(iJ. 
Vgl. auch das Bildwerk liei Zoega „die ant. Basreliefe von 
Rom" Taf. 99, wo anfserdem der delphische Tempel mit ko- 
rinthischen Säulen sich darstellt, so dafs, wenn dieser Tempel 
auch, wie behauptet wird, in dorischem Styl gebaut war, hier, 
wo wir gleichfalls delphisches Local erkennen, das ionische 
Capital keinen Kinwurf begründet. 

'J Ebenso auf der volcentischen Kadniosvase bei Gerhard 
„Etrusk. und canipan. Vasenbilder des Berliner Museums" 
Taf. C, und auf dem scenischen Vasenbibl bei Wieseler „Tbeater- 
gebäude und Denkmäler des Biihnenwesens" Taf. VI, 2. 

"J Wie auf de/n erwähnten Dresdener Keliel, nach Creuzer's 
Bemerkung (Symbolik, 2 Auflage, I, S. "79f.). der <lreifaclie 
Umhang des Omphalos, vielleicht auch die drei aufgehobenen 
Finger der Priesterin (gewifs auch die drei Uoren auf pytliischen 
Reliefs, s. bei Weicker Alte Denkmäler II, S. 38, und der 
Paste bei Winckelmann „Monumenti ant. inediti" 44, vgl. Suid. 



ii)(novi) in gleicher Weise bedeutungsvoll sind. Dieselbe 
Symbolik scheint auf unserem Bilde an der Gestalt der Priesterin 
sich fortzusetzen, wie in der dreifachen Spange auf ihrer 
linken Schulter, so in dem dreifachen Lorbeer und der drei- 
lachen Ornamentur an ihrem Hauptschnuick, zunächst wohl 
zu stärkerer Betonung ihrer Beziehung zu dem Dreifufs. 

') C. O. Müller kleine deutsche Schriften il, S. 579f. 
Auf Münzen, mit Bezug auf das delphische Orakel, „Lorbeer- 
zweige, die bald durcli die Füfse (des Dreifufses) durchge- 
zogen, bald oben aufgesteckt sind, bald zu beiden Seiten 
herabhangen, bald die Stelle der Kinge zu vertreten scheinen. 
Ein Lurbeerzweig lag stets auf dem delphischen Orakelsitz, 
den die Pythia, sobald sie weissagen wollte, hinwegnahm und 
um den Kopf legte." Ein marmorner Dreifufs mit Lorbeer- 
kranz um die obere Platte Mus. PiocI. VII, t. 41, Müller a.a.O. 
597. Vgl. auch ilenselbeii, Dorier 1, .339 f. — Lorbeer erkennen 
wir hier unbedenklich; will man durchaus Epheulaub heraus- 
sehen, so ist auch dieses Sinnbild der Begeisterung (so der 
musischen, vgl. Schwenk „die Sinnbilder der alten \ölker" 
.S. &5f.J und Bacchisches dem pythischen Cult nicht fremd 
(Müller Orchomenos S. 37t), Preller in „Realencyclop. der 
Altertlinmsw." II, S. 915). Der bei der Pompa des Ptolemäos 
Philadelplios getragene ,, delphische" Dreiluis war mit einem 
goldenen Kranz aus Wiinlaub geschmückt (nach Athenäus, 
Müller kl. Sehr. II, 594). 

"■) In der Nähe des yuaiia: Eur. Ip'i. Taur. 1215 Herrn. 



131 



132 



wohl kein Stein des Anstofses für unsere Deutung 
sein. Ich möchte in diesem kyklopischen Gestein 
das von Pausanias') erwähnte Gemäuer erkennen, 
durcli welches ein Weg aufwärts zur mantischen 
Quelle Kassotis und zum Heihglhum seihst hindurch- 
fiihrle. Man könnte freilich, zumal auch Vegetation 
darauf angedeutet ist, auch an die (auf einer be- 
kannten Vase') ähnlich dargestellte) heilige Höhe 
selbst mit dem Chasma und vielleicht gar dem 
Nabelslein denken, oder hinwiederum blos einen 
roh aus Feldsteinen aufgeführten Altar ') annehmen. 
Auf dem erkannten Hintergründe läfst sich nun- 
mehr auch die Promaniis nicht verkennen, die uns 
in ähnlichem Anzug und gelöstem Haar auch sonst 
begegnet'") und besonders bedeutsam wieder durch 
den Lorbeer, der ihr Haupt krönt"), charakterisirt '*) 
ist. hl bewegter Haltung, mit lebhafter Handge- 
bärde, wie declamirend '^), tritt sie einem Jüngling 
entgegen, der, von einem gleichgebildeten Genossen 
begleitet, zu ihr heraufgestiegen ist und nun mit 
dem Ausdruck der Aufmerksamkeit ihr gegenüber- 
sieht. Beide Jünglinge stellen sich in schmuck- 
reicher Feiertracht dar, in prachtvoll gesticktem 
Chiton, zurückfallender verbrämter Chlamys, lor- 
beerbekränzten Hauptes'^), je zwei Lanzen der 
vordere mit der aufgeiiobenen rechten Hand auf- 
stützend, der hinlere in dem abwärts gebogenen 

") Paas. Phoc. 24, 5. 

"J NacU Tischbein anc. vases bei Miliin M. G. 14, 51. 
Vgl. Justin. XXI\, b. Aehnlicli der Felsen mit der Sphinx 
auf Geuinicn, z. B. bei Winckelniann „Geschnittne Steine der 
Stosch'sclien Sammlung" III, 1, 3S, aucli auf Vasen. 

') Wie z. B. auf dem Vasenbilde Archliol. Zeitung 1845, 
Taf. 35, I. \'gl. das bei Hermann „Lehrbuch der griech. 
Antiquitäten" li, §. 17, Angeführte. 

'") Vase bei R. Kochette „Monumens inedits etc." [>1. 37, 
•Stoschische Paste (A. 4), Dresdener Basis (A. 2); in ilirer 
Erscheinung ganz dem A[)ollon selbst entsprechend, wie er 
als pjthischer Kitharodos auf Vasenbildein (Gerhard Ant. 
Biidw. IX und LVIII) und del|ihischen IMiinzen (Müller Denkm. 
alter Kunst II, 12, 13.)) sich darstellt. Was bei Plut. ile Pyth. 
orac. 24 einige Gelelirte für eine Besclireibung des Anzuges 
der Pythia beim Orakelgeben nahmen, erlaubt freilich der 
Zusammenhang nur allgemein von der Kococotraclit der altern 
Zeit aristokratischer C'ultur zu verstehen. 

"} Aehnlicher blältcrhesttckter Koplputz findet sich auf 
Vasenbildern selir liäulig (wie an Apollon, Müller DAK. 11,13, 
140j. liinen solchen mit deutlichejn Lorbeer iiat auf einer 
interessanten Darstellung des Parisurtlieils bei Gerhard „Apu- 
lische Vasenbilder des Berl. Museums" Taf. D, 2 einerseits 



Arm hallend. Auch der Letztere zeigt sich durch 
Blick und Gebärde, nicht minder lebiiaft und un- 
millelbar als der Erstere, bei dem Vorgange be- 
iheiligl. Seine erhobene rechte Hand scheint auf 
einen Vogel zu weisen, welcher, ihm und seinem 
Gefährten zur Rechten, der Orakelslätle zufliegt. 
Gestattet auch die ungenaue Zeichnung schwerlich 
eine sichere ornilhologische ßeslimmung, so ist 
jedenfalls die Beziehung des Vogels einerseits zu 
den das Orakel Befragenden, als de^iog OQvig, an- 
dererseits zu dem Orakelsitze selbst, als „S^smv 
ayyelhav (prji.iag'" ''), hinlänglich bezeichnet, und 
wenn wir wohl lüglicher einen Adler als den 
„comes obscurus tripodum" in ihm errathen, so 
werden wir an die Zeusadier auf dem delphischen 
Omphalos erinnert, deren Bedeutung, wie sie Dissen 
fafst"') (has aquilas Jovem repraesentasse, summuni 
oraculi ])raesidem), auch für unser Bild Anwendung 
findet. Denn Zeus selbst, der Lenker der Ge- 
schicke, der Urspender aller Weissagung "), nicht, 
wie zumeist, sein Vermittler, Pliöbos Apollon, waltet 
hier persönlich '^) über der Verkündung seines Rath- 
schlusses. Ihn erkennen wir in dem lorbeerbe- 
kränzlen bärtigen Scepterträger, der mit herab- 
fallendem Gewände, enthülltem Oberkörper, linker- 
seits die Gruppe abschliefsend, in ruhender Stellung 
die Scene überschaut. Zwischen ihm und der 

eine dem Paris ihre Gaben verheifsende Eviv^ia, andrerseits 
die links gleich unter dem die Krisis überschauenden Zev; 
sichtbare KJ.v/.tevrj, welche, als die Mutter des Prometlieus 
aus Hesiod (Theog. 508) uns bekannt, also mit der weissa- 
genden Themis einerlei (Aesch. Prom. 211sqq. Herrn.), hier 
als die personiücirte Jiös ßovi.t} (vgl. ProcI. arg. Cypr. in., 
Welcker d. ep. Cycl. II, S. 67) sich mit ihrer Nemesisgebärde 
wie eine tragische Ironie zu jener trügerischen Prophetin 
verhält. 

") Bedeutung des Lorbeers; A. 5, vgl. A. 4 u. 11. Viel- 
leicht nebenher sprechendes Emblem: Daphne hiels die 
pythische Promantis der Gäa-Themis, Paus. Phoc. 5, 3. 

"J Man wird erinnert an Virg. Aeu. VI, 48sqq. 

") Vgl. Liv. XXIII, II. 

'■') Eiir. Ion V. Ib2. 157s(|q. 

'-) ad Pind. Pyth. IV, 4. 

' ') Zeus /lOKjay^T)];, nuvofiipaio; (II. VIII, 250 mit schol. 
A|, dessen nQoifri7t]S nur Apollon ist (s. bei Ilerm. a.a.O. 
40, I), zwar nicht nach der wahren mythologischen Begriffs- 
entttickelung (worüber ich mit Gerhard Prodr. 159, 37 ganz 
einverstanden bin), wohl aber nach dem populären Dogma. 

"*) l7tiöi]uii>v (nl Jiöv HKVitvoufvojv: s. scliol. Callim. 
in Apoll. 1. 



133 



134 



Pricsterin, iiiimiüelbar liinter tlieser, erhlicken wir 
noch tleii sUiiidigen Bolen und Aiisricliler seines 
Willens, Hermes kenntlich nur durch das Kery- 
keion, sonst in seiner ganzen Erscheinung, Aus- 
sehen, Tracht"), Stellung und Haltung, fast völlig 
gleich dem zuvorderst .Stehenden der beiden Ilel- 
denjiinglinge, auf welchem auch sein Blick haftet. 

Soweit hat uns unsere Belrncliluug des eben- 
so durch die üchlhellenische Aiuuulh seiner Ge- 
stalten und die Zierlichkeit der technischen Aus- 
führung anziehenden, als durch die Fülle bedeut- 
samen Details und die Harmonie der Composilion 
fesselnden Kunstwerkes Schritt für Schritt mit einiger 
Sicherheit dem Verstündnifs des Dargestellten ge- 
nähert. Fassen wir das Erkannte zusammen, so 
sehen wir also in einer p'jt/iisc/icn Orakclsccnc 
um den siirudeluden Quell götllicher Oniphe, in 
sinniger Verlheilung, vereint jenseits günstige Goit- 
heiten, diesseits begi'aistigte Meiisc/ien. Wenn wir 
aber nunmehr aus der in dieser Allgemeinheit auf- 
gefafslen Situation auch ihr specielles INIoliv, die 
zu Grunde liegende Fabel herauszufinden bestrebt 
sein müssen, so erhebt sich zunächst die Frage: 
welches verbrüderte Jünglingspaar der Helden- 
sage"') läfst sich hier erkennen? Bei dieser durch 
keine handgreiflichen Kennzeichen erleichterten 
Auswahl dürfte vornehmlich die dreifach betonte 
besondere Gunst des Zeus mafsgebend sein. Wer 
aber hat wohl an diese einen niiheren Anspruch, 
als Zeus eigene Spröfslinge, die DitisUnrcn? 

Diese Annaliine lindet weitere Untersliitzwiig, wenn 

") Kinen, wie hier, Tollbckleidcten Hermes k.ann ich 
allenlings aus Vasenbildern gereiften Stjis nicht nacliweisen; 
Beispiele auf Denkmälern anderer Art s. bei Müller It, Tf. 29 
II, 30. Ueber Beziehungen des Hermes und seines Stabes 
zur Mantik s. Preller K. E. IV, 1^47, 1859. 

'") Ich mag nicht yerliehlen, dafs, wenn von einer Deu- 
tung eines Denkmals dieser Art aus einer ganz siiäten ge- 
schichtlichen Anecdote iil)erlian|it nur die Rede sein könnte, 
ich zu der Deutung auf Alexander und Hephästio und den 
bei Plutarch Alex. 14 erzählten Vorgang versucht gewesen 
wäre. Auch Paris und iMenelans (scliol. II. V, 64), Orestes 
und Pjlades (Entsendung nacli Tauris), die tliebischen Dios- 
kuren (wegen der vielen .Vnklänge an die Kadmosvase), hatte 
ich abzuweisen. 

") Flut. Arat. 3; Bründsted Bronzen von Siris, 'Kopen- 
liügen 18.H7 (deutsche .\usg.) S. .i". 

") ap. Suid. JiooxovQot (cf. s. v. KtiniaiQ), wovon ich 



wir — in der durch Ausnaliinsiidle ihre Berechtigung 
niclit verlierenden Voraussetzung einer in der Kunstbil- 
duui; der Nationallieroen i'estgelialtenen, nur haid mehr 
bald minder vollständig durcligeiührten individuellen 
dliarakteristik") — die Kinzeiiieiten in der Erscheinung 
der beiden Jünglinge schärfer und genauer ins Auge 
lassen und in Erwägung ziehen. Niciit nur stimmt die 
D.irstellung im Wesentlichen mit einer aus dem .Alter- 
thuMi überlieferten I5esclireil)ung des Kunsttypus der 
Dioskuren •■') iiberein, und begegnen uns diese in der- 
selben reichen 'I'raclit und Dekränzung, die sie liier aus- 
zeichnet, auf Vasenbildern verwandten Styls wieder"'), 
— es lassen sich aucli mehrfach Indicien jener bekannt- 
lic]i neben ihrer Zwillingsbildung in der Regel hervor- 
tretenden symbolischen DilFerenz") in unserem Bilde 
aufweisen, die zusammeiigenommeu ins Gewicht fallen 
und für nicht absicjitlos zu halten sein dürfteu. Die 
DiOerenz der Lanzen in din Händen der beiden Jüng- 
lii]f;e ^^urde bereits beinerklich gemacht. Ferner ist die 
Stellung des vorderen eine aulsteigende, sein Standort 
tiefer, die Stellung des mit dem linken Fufs antretenden 
hinteren könnte man für eine absteigende''') ansehen. 
Ferner, um in dieser Richtung des Vergleichs nicht noch 
weiter zu gehen, mache ich auf den Unterschied in den 
Verzierungen der Gewänder auimerksam, besonders aber 
darauf, dafs, während bei dem zuhinterst Stehenden ein 
Petasos'') sichtbar ist, bei dem Anderen nicht, dieser 
dagegen [•'ufsbekleidung hat, jener keine. Dieser letztere 
Unterschied kehrt ebenso auf deua Hauptbilde der be- 
kannten (schon oben — Amn. 23 — verglichenen) Talos- 
vase wieder, und zwar ist es dort der durch Beischrift 
bezeichnete Polydeukes, der Fufsbekleidung hat. Damit 
wäre ein Merkmal gewonnen, den in den Sagen als den 
ächten Zeussohn bevorzugten Polydeukes in dem auch 

heraushebe: navlai ixtyuXoi, yvuyoi rccg nuQiiäs ixdjinoi, 
ouoioi 70 ilSog y.cd /ketuvättg i/ovJls tnl TÖij' di/iuv iifrjfi- 
fUvriv (Xfninav . . xtü löy/ug . , TrnoftrrtüoK?, Iv lüg rjQiCiovTO 
6 fiiv xctTtt (Tflin]/, ö (ff XKT« Xaiäy. 

") So beim Leukippidenraub auf der bekannten Vase 
des IMeidias (am vollständigsten edirt von Gerhard in den 
Abh. der Berl. Akademie v. .1. 1839) und auf einer sicilischen, 
ehemals Coghill'schen (zuletzt Arch. Zeit. J652, T. 41); ebenso 
als Argonanten auf dem den Tod des Talos darstellenden 
Hanptbilde einer Amphora aus Ruvo (Arch. Zeitung 1840, 
Taf. 44). 

•') Vgl. Mercklin ..die Talossage und das sardonische 
Lachen" St. Petersb. lbj\, S. Ol unten, auch Suid. in A. 22. 

•■) Vgl. Gerhard Prodr. I.i7, 23. 

"■) In der Zeichnung auffallend, wie doppelt, wenn nicht 
etwa die untere Rundung für den gebauschten Rand der 
Cblamys zu halten ist. 



135 



136 



auf unserem Bilde, wohl nicht blos raiiinlicli, in den 
Vordergrund Gestellten zu erkennen. Zu dieser seiner 
Hervorhebung gehört auch, dafs des Hermes Auge sichtlich 
ihm zugewendet ist, und dieser Umstand kann noch be- 
sonders durch ein aus der Sage bezeugtes zärtliches 
Verhältnifs dieses Gottes zu seinem irdisch geborenen 
Bruder"') motivirt werden. 

Also: Dioskuren in Delphi. Ein Fortschritt in 
der Erklärung, jedoch noch kein Abschlufs. Anlafs und 
Inhalt des Orakelspruchs bleibt zu bestimmen. Den Be 
lag aus der Sagenpoesie, durch welchen dem Griechen 
sein Gedachtnifs die Anschauung ergänzte, suchen wir 
io den auf uns gekommenen Bruchstücken vergebens. 
Nur durch Conjectur können wir dem neuen P'actum, 
das uns, wie manches andere, nur durch monumentale 
Ueberlieferung zugeführt wird, seine Stelle in dem System 
unserer Jiterarischen Kunde zu vindiciren suchen. Es 
fragt sieh nun, ob aus den Sagen von den 'J'yndariden 
etwas ausdrucklich Bezeugtes vorliegt, woran unmittelbar 
anzuknüpfen wäre. Ich konnte nur wenig finden. Eine 
Sage, wenigstens örtlicher Geltung, von einer Anwesen- 
lieit der Dioskuren in delphischer Gegend scheint durch 
den auf sie bezogenen Heroencult einer phokischen Ort- 
schaft") angezeigt zu sein. Auch wird von einem Schriit- 
steller, der sich auf die Autorität desjenigen Epos zu be- 
ziehen scheint, welches auch für unsere bildliche Darstellung 
die Quelle gewesen sein kann, auf einen den Angehörigen 
der Helena zu Theil gewordenen pythischen Orakelspruch 
angespielt"). Ist nun hierdurch wenigstens ein Verkehr 
der amykläischen Heroen mit Delphi einigermafsen be- 
zeugt, so glaube ich doch, wieviel zur Conjectur Ver- 
lockendes auch namentlich die letztere Notiz enthält, 
einstweilen davon abstehen zu müssen, auf so vagen An- 
lafs hin eine verklungene Sage erst neu auszudichten, 
um unserem Bildwerk ein imaginäres Licht zu schaffen. 
Mehr Anknüpfung bietet sich auf monumentalem Gebiet 
dar. Hier ergiebt sich aus der Vergleichung zweier 
(schon oben herangezogener) den Brautraub der Leiikip- 

'') Hermes „IpKOr^f yeyoviog Ilolvdfvy.ovg hog jwv 
JiogxovQwv" Ptol. Heph. h loj s' ap. Phot. bibl. 190. — 
Hermes erscheint auch sonst in Sagen um die .Söhne der 
Leda im Dienste des Vaters bemüht, so Paus. Lac. 26, 2. 

") Charaflra, Paus. Plicc. ^^, 6. Pliokisclie Münze mit 
bebändertcni Dioskurcnimt: Arcli. Zeit. 1649, T. 9, 8. 

") Isoer. encom. Hei. 19 (welcher auch I. 1. 59 den 
Kyprien folgt) sagt, Theseus habe die Helena gewaltsam 
entführt, iTKiörj nuQÜ iwv xvndav oi/_ oiög i' r^v «inriv laßtiv, 
tili' (n^fifvov irjv T£ Trjg Titiiäög rjlixtnv xnl jov ;!fp>)l/<oi' 
TOf n«pK it]; IIv!Hug, was wolil nur den Sinn haben kann: 
sie warteten auf die Zeit der Mannbarkeit der Helene und 



piden durch die Dioskuren darstellender Bildwerke, der 
Meidiasvase und zunächst der den Lesern dieser Zeit- 
schrift gegenwärtigen Coghiirsclien, eine Erklärung, die 
man als eine muthraafsliche sicii gefallen lassen wolle. 

Es Sei erlaubt, was ich auf dem letztgenannten Bilde 
sehe, hier in Kürze darzulegen. Die Figurenreihe be- 
ginnt linkerseits mit Zeus, der, ähnlich wie auf der durch 
ihre Inschriften erläuterten Meidiasvase, auf einer .Anhöhe 
thronend, gleichwie von seinem Ida aus, das seinem Rath- 
schlufs gemäl's Vorgehende überschaut. Es folgt die 
zurückblickend fliehende Peitho, d. h., wie auf der Mei- 
diasvase, Ueberredung zum Fliehen. Zwischen den beiden, 
wie auf der Meidiasvase, divergirenden Viergespannen, 
auf deren jedem, seine Braut im Arm haltend, ein Dios- 
kur Platz genommen hat, sehen wir vier jugendliche 
weibliche Gestalten, etwa die Gespielinnen der Bräute 
oder Charitinnen und Aphrodite, in lebhafter Bewegung, 
vielleicht tanzend^"); neben den beiden Wagen hochzeit- 
weihende Gottheiten"), neben dem rechtsgewendeten 
Apollon mit dem Lorbeerstamra '"), neben dem anderen 
wohl, wenn auch die Attribute vermil'st werden^''), Artemis. 
Letztlich vor dem Wagen rechts, der Peitho (oder Iris?) 
auf der entgegengesetzten Seite des Bildes entsprechend, 
ein Jüngling, gleichwie die Dioskuren bekränzt, mit Sei- 
tengewehr, Petasos im Nacken und Fufsbekleidung"), 
in welchem ich Hermes als Brantzuführer zu erkennen 
kein Bedenken trage, sowie demnach in dem von ihm 
zunächst Begünstigten, v»ie auf unserer Vase, den Poly- 
deukes. Auch al)er in der bei diesem männlichen, bei 
Kastor weiblichen GSttergeleitschaft glaube ich einestheils 
wiederum nicht blos einen rhythmischen Contrast der 
Composition , sondern jenen symbolischen des Anakten- 
mythos wahrzunehmen, anderentheils zugleich eine Her- 
vorhebung des Polydeukes, des ursprünglich Unsterblichen, 
den nicht, wie Kastor, bald das Verderben, als Folge, 
wie es in den Sagen zum 'l'heil ausdrücklich ausge- 
sprochen wird^'), eben dieser That, treffen sollte. 

Die Anwendung auf unser Vasenbild wäre nun, so- 

die (alsdann eintreten sollende) KrfüUung des (bereits früher 
empfangenen) Orakelspruchs. 

") Vgl. Jahn Arch. Zeitung 1845, S. 29. 

") Gerhard Prodr. VslS., Jahn „Arcliäol. Aufsätze" 
S. 92—95. 

") Gerhard a. a. O. 15i. 

") Vgl. Jahn a.a.O. 95, A. 24. 

^^) Jedoch ohne Chiton, wie Hermes gewöhnlich, und 
mit verstärkter Bewehrung, zwei Lanzen, etwa mit zur Her- 
vorhebung gewärtiger Schutzkraft. 

^'■) Der Streit mit den Apharetiaden als Folge dos Kanbes 
der Bräute: Thcocr. id. XXII, 137sqq., schob II. III 243 an- 



137 



138 



weit sie niclit schon in dorn Gesagteo mitausgesproclien 
ist, f'olf;eiide. Es stellt gleiclisain die Forwei/ie der Dios- 
kureHhochzcil ihir, i\k- ihrem, wie wir es hei der Aiis- 
füliniiig sahen, von Göttern und durch Zeus' Ratlisclilufs 
seihst geforderten Unternehmen, wie gemeiniglich jedem 
wiciitigen Beginnen, vorausgehende Befragung des Orakels, 
dessen Ausspruch, wenn vielleicht (in der Sagej eine 
gewisse Aml)iguitiit, jedenfalls einen — in dem Bildwerk 
mit besonderem Nachdruck ausgeprägten — entschieden 
protreptischen Charakter hatte. Daraus aber würde dann 
liir unsere Vase dieselbe hochzeitliche Bedeutung und 
Bestimmung resultiren, die für die beiden Leukippiden- 
vasen unzweifelhaft ist. Und, um mit einem vielleicht 
ganz subjectiven Einfall zu schliel'sen, am liebsten möciite 
ich mir unser Vasenbiid als in den Zusammenhang einer 
Trilogie von Bildwerken hineingehorig denken, von denen 
dann das Schlul'sstück etwa die Söhne der Dioskuren '") 
zum Mittelpunkt gehabt hatte, vielleicht wieder mit 
Hermes als no^tnuTog. 

Mitau, im Juli 1853. C. v. Pauckek. 



II. 

Ueber den aiu} kläischeu Thron. 

Eine der sciiwierigsten Aufgaben für den Alterthums- 
forscher ist und bleibt immer die graphische Herstellung 
eines zerstörten tektonischen Kunstwerkes; insbesondere 
gilt dies für ein Kunstwerk dessen Spuren völlig ver- 
scliwundeu sind, welches nur durch eine flüchtige Er- 
wähnung seiner vorzüglichsten Bildwerke von einem 
Augenzeugen bekannt ist, in seiner tektonischen Form 
und Anlage jedoch , sowie in seinem Materiale gänzlich 
unbekannt dasteht. So verhält sich dieses mit dem so- 
genannten Throne des Amyklaios zu Amyklai, dessen 
Pausanias in der angegebenen Weise wohl ganz flüchtig 
gedenkt, von dessen Entstehung und Zweck, Bedeutung 
und tektonischer Form wie Material, aber weder er noch 
irgend ein andrer Schriftsteller die gringste Andeutung 
geben. Ueber diesen „Thron des Apollon Amyklaios in 
Laconien" liegt uns eine sehr ins Einzelne gehende Unter- 
suchung von Dr. Pyl vor 'j, welche schon deshalb niclit 

geblich nacli Pindar, Ovid. Fast. V, 699—720, Hyg. f. SO u. s., 
t)ei Lvcophr. Cass. 541 — tifj in einer die Varietäten ansgleichen- 
ilen Version, um! zugleich so, Hals dieser Streit auf die Jiog 
ßovX'i] zurückgefniiit wird (v. öSIjsq«]., 5ö7sqq.), welche die 
leitende Idee des kyprischen Epos war. 

^") Paus. Att. is, 1, Cor. •>>, ti, Lac. 18, 7, Apollod. III, 
U, 2, Tzetz. ad Lyc. 511. 

•) Denkm.u.F. 1852 no. 4.3. Tal'.XLIII; weiter ausgelüliit 
mit gleicher Abhildung in der Zeitung für AUerthuniswissen- 
schatt l>-a3 no. 1 — (j. 13— Itj. 



unl)eac!itet bleiben ilarf, weil sie die Aufmerksamkeit von 
Neuem wieder auf eines der grofsartigsten, in seiner 
h'assung vielleicht einzig dastehenden hieratischen Werke 
der alten 'i'ektonik lenkt, von welchem, bis jetzt wenigstens, 
keine Analogie l>ekannt geworden ist. Indem nun der 
Kern der ganzen Arbeit des Verfassers in der graphischen 
Verzeichnung des 'l'hrones liegt, um \>elche er nach des 
Pausanias Beschreibung seine Abhandlung als „Wieder- 
herstellungsversuch" ausbreitet, so handelt es sich bei der 
Beurtheilung zuerst weniger um antiquarische Streit- und 
l'Vagepunkte, welche der dürftig lliefseuden Quellen wegen 
dennoch vielleicht kaum Erledigung linden würden, als 
vielmehr um materielle tektonische Fragen liinsichtlich 
der vom Verfasser aufgestellten Annahmen; letztere kön- 
nen allerdings positiv beantwortet und in ihren Verhalt- 
nissen durchaus klar und bestimmt beurlheilt werden. Die 
Beurtheilung ist damit also bezüglich des rein 'l'ekto- 
nischen, auf ein völlig zugängliches Gebiet versetzt; sie 
kann und mufs in diesem F\'»lle sogar von den archäolo- 
gischen Fragen ganz absehen, um erst die Wahrschein- 
lichkeit oder Möglichkeit der ihnen zu Grunde gelegten 
tektonischen Wiederherstellung technisch zu prüfen. Wir 
meinen aber es sei schon dadurch für die Forschung ein Be- 
deutendes gewonnen, wenn es möglich ist ein muthmal'slich 
Gesetztes allein schon auf tektooischem Wege und ohne 
Hülfe archäologischen Apparates kritisiren zu können. 
Freilich ist unsre Ansicht über den Weg den der \ er- 
fasser bei seinem „Wiederherstellungsversuche " genommen 
hat, eine der seinen ganz entgegengesetzte. Wir sind 
der festen Ueberzeugung dafs es nicht geralhen, ja wohl 
ganz unmöglich sei, auf die höchst dürftige Beschreibung 
des Pausanias aUein und von vorn herein eine Herstel- 
lung zu gründen, da dieser mit dem was er eingestän- 
diger Weise als ,,ganz bekannt" hierbei übergeht, viel- 
leicht grade das zur Herstellung unerläfsliche Bauliche, 
unberührt läfst; wir sind ebenso der Meinung es müsse, 
bevor man den Griffel zur graphischen Darstellung des 
Werkes ansetzt, vorher erst alles ^Material was auf die 
mythologischen und sacraleu Verhältnisse dieses heiligen 
Males und seiner Stätte, wie auf seine Bedeutung und Ver- 
wendung im Kulte nur im Entferntesten Bezug hat, her- 
beigeführt und wenigstens so klar und durchsichtig aus- 
gebreitet sein, dal's man eine Unterlage gewonnen habe 
auf der sich dann erst eine wahrscheiciiche und dem 
Gewesenen sich annährende Ilest.iuration erheben könne. 
In der That scheint uns die Entwickelung dieser Ver- 
hältnisse ein weit höherer Gewinn lür die Wissen- 
schaft zu sein, als jetle bildlkhc Restitution welche 



139 



140 



sellist l)ei spgebenein Material« iinil Torliaiuleiien Resten, 
iin gelungensten Falle dennocli das Probleniatisclie nie 
gänzlich alizustreifen rerinag und von einem andern 
denkenden Kopfe nach einer andern Auffassung darge- 
stellt werden kann, wie dies so viele bekannte Versuche 
von Restauration antiker "Werke liinliinglicii liezeugeo. 

Bei der \ erliegenden Restitution ist also zunächst 
der Tektonik diu Anforderung gestellt, die Möglichkeit 
der Wiederlierstellung nach Seite der Struktur in Verbin- 
dun" mit dem zu Grunde gelegten baulichen jMateriale und 
dessen statisclier Gliederung, nebst der aus diesem hervor- 
wehenden oder ilim entsprechenden Form, ins Auge zu 
fassen und zu priifen. Auf diese tektonischen Verhält- 
nisse des Tlnonbaues hinsehend leuclitet es ein, wie von 
der praktisch möglichen Formation, Gliederung und Struk- 
tur seines Materiales, diejenigen einzelnen Tlieile, Raum- 
flächen und Oertliclikeiten bedingt und erzeugt werilen, 
auf welciien die erklärenden Bildvferke und mythischen 
Episoden zu vertlieilen und anzuordnen sind, ja dafs 
viele dieser Bildwerke, unter andern die runden, statua- 
rischen, in ihrer engern künstlerischen Conceptioii ganz 
und gar derselben untergeben sind. Wiirde es sich also 
nachweisen lassen dafs die ganze Form des Thrones in 
Absicht auf Material, Struktur und realen Mal'sstab eine 
praktisch unmögliche, über das praktisch Ausführbare weit 
hinausgehende sei, so würde damit auch die künstlerische 
Anordnung des Bildwerklichen sehr erscliüttert werden. 
Gänzlicli würde endlich die Herstellung fallen müssen wenn 
es sich zeigte wie das dazu gewählte Material der Be- 
dingung einer dauernden, monumentalen Existenz grade 
zu widerspräche und dieself)e unmöglich machte. Leider 
ist Beides der Fall; desh;db brauchen wir auch nur das 
technische, materielle, in das Auge zu fassen ohne selbst 
einmal das künstlerische der Form betrachten zu dürfen, 
weil letzteres ohnehin fällt sobald das Erstere nicht 
haltbar ist. 

Keine Ueberlieferung giebt von dem Jlateriale 
Kunde aus welchem der Tlironbau und seine Bildwerke 
gearbeitet waren. Der Verfasser hat sicli diesen Bau 
unter der Form einer Art mehrsitzigen Sessels, mit Füfsen, 
Sitz, .Arm- und Rücklehne gedacht; er nimmt den Sessel 
durchgängig aus Holz, säinmtliche ihn cliarakterisirende 
Bildwerke aus getriebenem lüze an. Seite 28 folg. heilst 
es „Ein Werk des Holzbaues — an zweckmäl'sig ge- 
wühlten Orten kostbare Holzarten und .Steine in geschinack- 
vollen Arabe^ken eingelegt — ehriie Platten die am Holze 
befestigt wurden durch Vergoldung geschmückt — Be- 
maluiig des Holzes mit bunten l'aiben — der Kern des 



Altares aus Stein, um den ein Holzl)au mit Farben und 
andern Schmuck verziert aufgeführt wurde". S. 18 — 20 
wird noch bedingt, dafs der Thron „unter keiner Decke — 
in keinem Tempel — dnrcli kein Gebäude eingeschlossen, 
sondern unter freiem Himmel nach Art der ältesten Hei- 
ligthnme, wie zu Dodona von Bäumen umgeben, dastand". 
Bleibt man zunächst bei dem Materiale stehen, so geht 
aus dem Gesichtspunkte unser heuligen technischen Er- 
fahrung, von der man doch nur ausgehen kann, hervor 
dafs das ganze Holzgerüst ji«o/i den angegebenen realen 
Mafsen vnd seiner Stnihtur ein Unmögliches ist, weil es 
über die Gränze jeder praktischen Zusammensetzung hinaus- 
geht und iür die enormen Dimensionen welche bedingt 
sind gerade zu versagt; es sei denn dal's man sich 
durch ein Wunder in den Besitz solclier riesigen Hölzer 
gesetzt habe wie sie die Mafse erfordern, auch dem Holze 
dabei, wider seine Natur, durch eine gekünstelte Zu- 
sammenfügung solche Gewalt anthue, wie es im Entwürfe 
wirklich geschehen ist. Dies zeigt sich auf den ersten 
Blick in den Hauptgliedern des mächtigen Baues. Das 
,,Grundgebälke", — unter welchem die Balken und Rahme 
gemeint sind die, auf den aus Erz gegossenen Karya- 
tiden ruhend, zu beiden Seiten und hinten, den eigent- 
lichen .Sitz wie die Seiteidehnen mit der Rücklehne tragen — 
besteht aus drei mächtigen Balken; jeder dieser Balken 
wird (S. 31 iolg.) wiederum ans 9 andern Balken zusam- 
mengesetzt von welchen jeder Einzelne 62' bis 65' lang, 
3' breit, 2' hoch angenommen ist; die Kreuzbänder, 
welche die Pfosten der Rücklehne verbinden, hal)en so- 
gar eine Länge von 70'. Diese Balken des Grundge- 
bälkes sollen sowohl ,, unter einander als auch mit den 
andern Gel)älken hinten an den Ecken durch Zapfen ver- 
bunden und an der Stirnseite mit eingelegten Verzierun- 
gen geschmückt" sein. — Das ist aber nur eine gedachte 
aber keine praktisch ausführbare Möglichkeit; es ist ein 
Gedanke, welcher in der Tektonik alter wie neuer Zeit 
als ein unerhörter dasteht und von keinem praktischen 
Baumeister jemals nur gesetzt sein würde. Denn wenn 
sich auch Bathykles, wie gesagt, <lurch einen wunderbaren 
Zulall in den Besitz von .^0 .Stück Ripsenbä'imen gesetzt 
hätte, welche nach der Bearbeitung auf b5' bis 70' Länge, 
am Zopfende einen reinen rechtwinkligen Querschnitt von 
3' .Stärke und 2' Breite ergeben hätten (was beiläufig be- 
merkt am Zopfende einen Dun hmesser von ungefähr 5', 
arn Stammende einen Durchmesser von 7' bis 8', mithin 
eine Baumhohe von wenigstens 120' voraussetzte) so wäre 
die Zusaramenfügung derselben zu einem Stück Holze 
von 9' Breite und 6' Höhe, möge man sie nun durch 



141 



142 



Bolzen, Diil)el, Kl.tintiuTn oder umgelegte Biinder von 
Holz und Hletall licMiiken, ein Unternehmen welches 
\>egen seiner Unii itiirliihkeit in der baulichen Vervien- 
dnng des Holzes ganz heispiellos ist. Wie aber liiitte 
man nur iibcrhaupt zu solchen llc'ilzeru gelangen sollen, 
da lickannllich der üanm zum grol'sen fllaste der Syra- 
knsa des Hierou, welcher schwerlich eine HiJhe von 120' 
ijherstieg, nach langem Suchen in den mächtigen Wal- 
dungen Sicilischer Gebirge, endlich durch Zufall von 
einem Viehhirten in den LJrutlischen Waldern aufgefun- 
den wurde. 

Noch unhaltbarer möchte die Struktur <les eigent- 
lichen Siizhretes sein, welches von jenen drei gigantischen 
Rahmen zwischen ihnen getragen wird und die y.itäitl()(it 
bilden soll. Es besteht iiauilich in einer ungeheuren, 
rostartig aus 10 IJalkeu gelügten Decke, bei welcher 
jeder nach vorn vorgehende Balken, neben einer Höhe und 
Breite von 2', an 60', jeder querübergelegte Balken 60' messen 
soll; diese Balken kreuzen sich dergestalt, dal's ihre 
Ober- und Unterilächen bündig (in einer Eliene) liegen; 
sie sind mithin auf den Kreuzpunkten so eingeschnitten 
dafs sie die lliilfte ihrer Starke, in ihrer relativen Trag- 
fähigkeit aber gegen drei \ iertel verlieren. Wenn es nun 
schon in der praktischen Erfahrung begründet ist wie 
sich Hölzer in der Starke von 2', auf eine Spannweite 
von 60' selbst ohne alle Belastung niemals freitragend er- 
halten können, ohne nicht zwischen den Auflagern be- 
deutend einzubiegen, so würden solche Balken, um drei 
Viertel ihrer 'J'ragiahigkeit geschwächt und noch da- 
zu belastet, ohne Weiteres durchbiegen und brechen 
müssen; es würde eine solche Struktur, kaum zusammen- 
gesetzt oder gerichtet, sich also bald auch wieder auilösen 
und bei der Einbiegung zugleich ihre Lagerpunkte, wenn 
letztere nicht durch ein über die Mafsen starkes Geaeidaaer 
gesichert wiiren, zu beiden Seilen hinaus drücken. Nun 
kommt in diesem Falle hier noch hinzu dafs die Decke 
nur an drei Seiten Auflager hat und die 60' langen fiei 
vorspringenden Balken an der vordem Seite ohne alles 
Auflager ganz irei in der Lult schweben. Eine solche 
Constrnktion wiirde, selbst aus Eisen oder Erz hergestellt, 
ihre grofsen Bedenklichkeiten haben, aus Holz ist sie rein 
unmöglich. In der That, eine einzige Frage nach der 
Möglichkeit der ganzen Thronsiruktnr überhaupt, an einen 
gebildeten Architekten gerichtet, v>ürde den Hrn. Ver- 
fasser sogleich l)ev\ogeu hal)en von einer solchen C^on- 
ception abzustehen. 

Wollte man al)er auch \on alle diesem absehen niul 
zugeben was praktisch doch nicht möglich ist, so negirt 



die letzte Bedingung welche der Verfasser für sein Werk 
gesetzt hat, dassell)e vollständig. Dies betrilFt die Auf- 
stellung des gewaltigen hölzernen Monumentes jinfcr /'ctficm 
Himmel. Kein Werkmeister der alten wie neuen Welt 
würde es jemals gewagt haben ein solches Monument 
aus dem vergänylichsten aller Baiimaierluk, im Freien 
ohne schützende Wand und Decke den Wettern, dem 
Regen und Schnee preiszugeben; selbst im regenlosen 
alten Aegypten würde die brennende Sonuengluth in Ver- 
bindung mit dem starken Nachtthaue, die Zerstörung des 
Materiales binnen einem .Jahrhundert herbeiuefiihrt haben. 
Ein schirmendes Dach über einem von drei Seiten bis 
zu einer gewissen Höhe wenigstens eingeschlossenen 
Räume, vielleicht in Form einer Aedicula, würde für den 
hölzernen 'l'hron die einzige Alöglichkeit seiner Aufstel- 
lung und Erhaltung bieten. Dafs diese's freilich hei den 
vom Verfasser zu Grunde gelegten realen Mafsen, welche 
eine Decke von ungelahr SO' lang und breit in der Span- 
nung, bei 70' hohen Sauhn oder Wänden erforderten, 
eine bedenkliche Aufgabe für die Architektonik sein würde, 
wenn sie die Form in der Bauweise der alten Hellenen 
halten wollte, liegt auf der Hand. 

Aus diesen technischen Gründen wird der Hr. Ver- 
fasser die Ueberzeugung gewonnen haben dafs er seinen 
Wiederherstellungsversuch als einen unmöglichen zurück- 
ziehen und anders fassen müsse. Wir sind jedoch weit 
entfernt ihm einen Vor\uirf darüber zu machen, dal's er 
das Unmögliche gewagt habe; im Gegentheil wird ihm 
die Wissenschaft nur dafür zu Dank verpflichtet sein 
können, dal's er die Betrachtung wieder an( einen Ge- 
genstand gelenkt hat der in seiner Eigenthümlichkeit 
und Grol'sartigkeit, wie in seiner noch unenträthselten 
sacralen Bestimmung und mythologischen Beziehung zu 
der Stalte die er bezeichnet, der Aufmerksamkeit der 
Alterthumsforschung in hohem Grade werth ist. Und 
wenn wir die Meinung aussprechen dürfen dafs der so- 
genannte Thron im Amyklaion nur gebildet wurde um 
das uralte, durch den erzenen Apollon bezeichnete, Heroen- 
mal des Hyakinthos, um welches er später liiii/s lictumge- 
bant ist, zu verherrlichen, dal's auch die heiligen Festge- 
bräuche im Amyklaion zur Hälfte epitaphische Agonen 
sind, das ganze Kunstwerk mithin nur ein Ilcroon l)ildete 
iiir welches noch sehr interessante Analogien herbeige- 
führt werden können, so werden wir vielleicht in einem 
folgenden Aufsatze diese Behauptung näher begründen 
nn,l zu erweisen versuchen. Möglicherweise führt dieses 
dann auch zu einer annähermlen Form der Thronanlage 
selbst, für welche wir vorlaulig jede .\eiiolichkeit mit 



143 



144 



einem Thronsessel in Weise des Zeiistlirones zu Olympia 
oder das Heiasessel zu Argos ». d. m. negiren zu iDÜsseo 
glauben. C. Bötticheh. 



In meiner Al>Iiandlung über den Amykiaisclien Tiiron 
[Denkio. n. F. 1852 no. 43] habe ich es zu bemerken 
unterlassen, dafs wahrscheinlich innerlialb einer oder 
mehrerer Karyatiden 'J'reppen zu dem Gel)älke der 
Sitze des Tlirons emporfiihrteu. 

Diese mufsten deshalb angebracht sein, um theils 
die iiöthigen Ausbesserungen am OI)erbau des Throns 
beschaffen zu können, tiieils um einen Standpunkt zu 
gewinnen, von dem man die Innenreliefs des Oberbaus 
genügend sehen konnte. Bei den Aufsenreliefs konnte 
man in einiger Entfernung einen günstigen Standpunkt 
aufserhall) des Throns finden, bei den Innenreliefs da- 
gegen mufste maft entweder sich so weit von der Vorder- 
seite des Heiligtliums entfernen, dafs die etwa lebeiis- 
grofsen Gestalten der Reliels zu klein erschienen, oder 
wenn man näher ging, wurde man durch das Gel)älk der 
Sitze, die Apollostatue und ihren Hyakinthosaltar am 
Sehen gehindert. 

Aucii scheint mir in den Worten des PausaniasIII, 18,9. 
^Yni\3üvTt 6e vnö Tov &göi'Oi' T« f'idoj' uno X(uv 7\)i- 
Tf/o'W»' iög iaii &i'jQa tov KaXväuovlov eine Hindeutiing 
auf eine solche Treppe zu liegen, welche in der vorderen 
Charis unter den Tritonen auf das Gebalk der Sitze des 
Throns hinaufführte, besonders da der Begriff des vniX- 



&IIV eine gewisse Heimlichkeit und Duukellieit in sich 
schliefst, wie er einer solchen Treppe in der Statue 
eigenthümlich ist. — Der Sinn dieser Worte des Pau- 
sanias würde dann folgender sein : 

W^enn man aber in das Innere des Throns hin- 
einsteigt, so erblickt man auf der Seite von den 
Tritonen anlangend die Jagd des Kalydonischen 
Ebers etc. 
Zwar sind diese Worte dunkel, wie die ganze Deschrei- 
luiiig des Throns, aber ich kann mir sehr wohl denken, 
wie Pausanias von dem Priester geführt, nachdem er die 
Aufsenreliefs betrachtet, dann ins Innere der Karyatide 
steigt, durch die Treppe auf das Gebalk der Sitze ge- 
langt, und ol)en bei den Tritonen angekommen mit den 
Innenreliels fortfährt, in seinem Tagebuch jedoch nach 
gewohnter ungenauer Schreiliweise nur das Hineinsteigen 
ins Innere und die Ankunft bei den Tritonen bemerkt, 
die Anlage der 'l'reppe jedoch ganz vergifst. Von den 
Reliefs wendet er sich nun zu dem Gebiilk selbst, auf 
dem er sich befindet und endlich zu dem Apollobilde 
und seiner Unterlage. 

Of> nun auch von dem Gebälke der Sitze zu den 
ol)eren Theilen des Thrones Treppen führten, oder ob 
man sich dort mit Leitern behali, wage ich nicht ganz 
sicher zu entscheiden, jedoch möchte ich mich am liebsten 
auch da zu der Vermuthung neigen, dafs Treppen in 
den Hauptbalken und Gänge unter der Verdachung fort- 
liefen. 

Greifswald. Th. Ptl. 



III. 



A 1 1 



71. DioMEDE. Auf dem Innenbild der schönen Schale 
des Euphronios bei Gerhard (etrusk. u. camp. Vasenl). 14, 5) 
hat der Kopf des mit einem Speer bewaffneten Jünglings, 
welchem eine Jungfrau mit dem fragmentirten Namen 
OMEA gegenübersteht, einen so entschieden Achilleischen 
Charakter, dafs es kaum der Vergleichung einer schönen 
vatikanischen Amphora (Gerhard auserl. Vasenl). 184. 
mus. (liog. II, 58j bedarf, wo Achilleus durch die Namens- 
inschrift bezeichnet ist, um ihm diesen Namen beizulegen. 
Dies hat auch Panofka (üb. Euthymides und Euphronios 
p. llfF.) richtig gesehen, von dessen üiiriger Deutung ich 
absehe. Denn, wenn Achilleus hier vorgestellt ist, so liegt 
es doch wohl am nächsten iür den verstümmelten Namen 
die Ergänzung in der bekannten Stelle der Ilias zu suchen 
(IX, 6ß3fr.): 



5 r 1 e 1. 

uviuQ ^4/iXXivi; iiöi fir/i'i xXio/rig ivnt'iXTOv, 
TW d' uQu nctQxuxt'kixio yi'vrj, tjv ytioßi'td^iv rjytv, 
0uQßavxog dvyäzrjQ ^to/.iridi] y.a}.}.t7iü()rjOg. 
Diomeile hatte neben ßriseis und Ipliis bekanntlich auch 
Polygnut in der Lesche zu Delphi dargestellt (Paus. IX, 
25, 2). Otto Jahn. 



Druckfeh ler. 

In dein Aufsatz „Denluniiler zur Oiljssee" (Denkin. und 
Forsch, no. .i7. 58) ist S. 106 Z. 2t) gastliche Scene, S. 109 
Z.3 niis einem, Z. 24 ;>. 14 (statt 13), S. 121 Z. II Muster- 
ciirlcnlur zu lesen; ausserdem ist S. 11(5 Aiim. 9 Z. 12 die 
Ziller VII, 1 zu streichen. — Desgleichen ist im Arrli. Anz. von 
1852 S. 155 Z. 8 „eine von Hrn. M. »iihl nnhenutzt gelassene" 
zu lesen. 



Hiezu Tafel LIX: Dioskuren in Delphi, Vasengetnälde. 



Herausgegeben von E. Gerhard. 



Druck und Verlag von G. Reimer. 



145 



146 



DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 



Archäologische Zeitung, Jahrgang XI. 



J\^ 60 A. B. 



December 1853. 



Teleplios und Auge. — Artemis Gygala und die lydischen Filrsfenjiraber. — Allerlei: die Aloiden, Ares und Hepliiistos, 
QtQVTui, Ukalefion, Teleplios, IJadekiietht, Coiyciis, Sileii als Gdttergeliäuse. 



I. 

Teleplios und Auge. 

Hiezii die Abbildung Tafel LX. 

.A.iif einer Oenochoe mit schwarzen Figuren auf 
weissem Grunde, welche aus der Sammlung Durand 
(no.38'1) in die Sammlung der Porzcllanfai)rik von 
vSevres übergegangen ist, sieht man einen hurtigen 
Mann mit Helm, Harnisch, Schild (Schildzeichen: 
ein Dreifuss) Beinschienen und Schwert gerüstet, 
im eiligen Lauf mit eingelegter Lanze eine Frau 
im langen Aermelchiton verfoleen, welche in der 
raschen Flucht sich nach ihrem Verfolger umsieht, 
gegen welchen sie die Rechte abwehrend ausstreckt, 
während sie die Linke an die Brust drückt '). Vor 
ihr erhebt sich, noch unter Ranken versleckt, welche 
sich iiber das ganze Bild ausbreiten, eine machtige 
Schlange in mehrfachen Windungen. 

Mit dieser Vorstellung stimmt die einer zweiten 
Oenochoe mit schwarzen Figuren auf weissem Grunde 
im Berliner Museum (no. 16.39. Overbeck Galleiic 
her. Bildw. Tal. 7, 2) in allen wesenthchen Punkten 
genau überein. Die Situation ist dieselbe, die ein- 
zigen Unterschiede sind, dass der Mann nicht ge- 
rüstet, sondern mit einer Chlnmys bekleidet ist und 
statt der Lanze ein Schwert in der Rechten hält, 
die Frau aber mit einer Haube versehen ist, während 
auf jener Vase das flatternde Haar sehr beslimnit 
hervorgehoben ist. 



Overbeck (a. a. 0. p. 176 f.) hat diese Darstel- 
lung auf Peleus gedeutet, welcher Thelis verfolgt, 
aber die gewichtigen Bedenken gegen diese Deutung 
nicht verschwiegen; da die Schlange, so wie sie 
liier vorgestellt ist, nur sehr gezwungen auf die 
Verwandlung der Thetis bezogen werden könnte, 
auch das gezückte Schwert des Peleus zur Liebes- 
verfolgung wenig stimmen. 

Treffender ist die Deutung de Wittes auf 
Teleplios und Auge nach der Erzählung bei Hygin 
(Fab. 100. Teuthras): 

„Teuthrantem regem in Mysia Idas Apharei filius 
regno jirivare voluit. quo cum Telephus, Herculis 
Clius, ex response fjuaerens nialrem cum comite 
Partlienopaeo venisset'j, huic Teuthras regnum et 
filiam Augen') in coniugium daturum promisit, si 
se ab hoste tulasset. Telephus condicioneni regis 
non jiraetermisit, cum Partlienopaeo Idam uno proelio 
superavit; cui rex pollicitam fidempraestitit, regnum- 
(]ue et Augen matrem inscientem in coniugium dedit. 
f|uac cum mortaleni neminem vellet suum corpus 
violare, Telephum occidere voluit inscia (ilium suum. 
itaque cum in thalamum venissent, Auge enseni 
sumpsit, ut Telephum inlerficeret. tum deoruni vo- 
lunlale dicilur draco inmani uiagniludine inter eos 
exisse, quo viso Auge enscm jiroiecit et Telepho 
inceptum patcfecit. Tele|)hus reaudita inscius matrem 
interficere voluit, illa Herculem violatorem suum in- 
ploravil, et ex eo Telephus matrem agnovit et in 
|)atriam reduxit^)." 



') Der Sclicin als ob sie einen vicieckigpn Gegenstand 
jn der Linken halte, ist nur durch einen Bruch entstanden, 
wie mir Herr de Witte schreibt, dessen gütiger Mittheilung 
ich die Zeiclinung dieser Vase verdanke. 

■'} Vgl. Uibbeck trag. lat. rell. p. 295f. 



'} Hygin f. 99 Auge — profugit in Alysiam ad regem 
Teutlirantcin, (|ui cum esset orbus liberis, haue pro filia habuit. 

■■j Auch das kj/.ikeniscbe Epigramm (anth. Pal. III, 2) 
läfst Teli|ibos seine Mutter erkennen um sie wieder in die 
lleinialh zu führen. 

A 



147 



148 



Dass Hygin hier wie so oft den Inhalt einer 
Tragödie angebe, beweisen die Worte Aelians (hist. 
an. III, 47): ööze ftot roiig rqayc^dovq — tL ßovXö- 
uevoi Toaavxrjv ayvoiav tov naiSng tov y/atov xa- 
zaxEOvai xai tov TqXecpov tov ovveX&ovxos ttj (.tTjigl 
Trjv ävaTvyrrj avvodov, xal [.irj neiQad^ävxog (.isv Tijg 
o^iXiag, avyxaTaxkiV£VTog 6e xfj yEivaixevrj xai nqa- 
^avTog av tu avTCc, el /.n) noXXaxig (?) &eUc nofinfj 
öislQ^ev 6 ögäxcüv. Mit Recht hat Weicker (griech. 
Trag. p. 4M ff.) Sophokles INIyser als die Tragödie 
nachgewiesen, welche diesen Stoff behandelte. 

Die Anwendung dieser Erzählung auf die beiden 
Vasenbilder ist jedoch keineswegs ohne alle Schwie- 
rigkeiten. Offenbar verfolgt Telephos hier Auge nach 
dem vergeblichen Mordversuch, ehe er sie als seine 
Mutter erkannte. Was soll nun aber die Schlange, 
welche nach jenem Berichte den Sohn vor dem 
Schwert der IMutter beschützte? Wollte man an- 
nehmen, sie habe sich wieder in ihren Schlupfwinkel 
zurückgezogen, und ihre Gegenwart solle nur auf 
das hindeuten was vorangegangen war, so würde 
man dem Künstler Unrecht thun. Denn betrachtet 
man ohne vorgefasste Meinung die Scene, so kann 
nur der Moment dargestellt sein, welcher der Er- 
scheinung der Schlange unmittelbar vorhergeht, 
welche der Verfolgung ein Ende macht, der Mo- 
ment also, in welchem die Handlung am schärfsten 
gespannt ist. Man wird also eine etwas verschie- 
dene Wendung der Sage annehmen müssen, wie 
mir scheint, eine einfachere und ältere. Vermulh- 
lich erschien nach dieser die Schlange als Telejjhos 
Auge, deren Mordversuch vereitelt war, zum Tode 
verfolgte; er musste von seiner Mutter ablassen, 
um sich der Schlange zu erwehren, der siegreiche 
Heldcnkamj)f führte passend die Wiedererkennung 
herbei. Weshalb Sophokles iinderte lässt sich wohl 
einsehen. Er konnte die Erscheinung der Schlange 
nicht auf die Bühne bringen und sie daher auch 
nicht für die eigenthclie Schlufskataslrophc der Er- 
kennung benutzen, deshalb gebrauchte er sie sehr 
wirksam als eine spannende Vorbereitung auf diesen 
Schlufs. 

Dafs Telephos die Schlange erlegte, schliefse 
ich aus der Nachricht, dafs Parthenios den Tele|>lios 
äQy£iq)6vTi]g genannt hatte, wie Sophokles den Apol- 



lon^j, welches die Grammatiker durch Schlangen- 
lödter erklären. Die Sage, auf welche dies Beiwort 
sich bezog, und deren Meineke (anall. Alex. p. 286f.) 
sich nicht erinnerte, ist ohne Zweifel die angeführte. 
Leipzig. Otto Jahn. 



II. 

Artemis Gygaia und die lydischeii 
Fürsteugiäber. 

Vorgetragen am Winckelmannsfest 1S53. 

Wäiireod einzelne Stämme der alten Welt, welche 
iür die allgemeine Geschiclite eine nur untergeordnete 
Wichtigkeit lial)en, mit reichen Kunst- und Schriftdenk- 
malern aus ihrer Verhorgenlieit hervorgetreten sind, hlei- 
ben grofse Völker von weitreichender Bedeutung, viie das 
lydische, den angestrengtesten Forschungen zum Trotze 
in einem geheimnifsvollen Dunkel. Von Natur ein ge- 
wandtes, unternehmendes, kaufmännisches und gewerh- 
Ueifsiges Volk, waren die Lyder auf dem Landwege die 
Träger asiatischer Cullur, wie die Phönizier zur See. 
Auf der einen Seite mit den Euphrat- und Tigrisländeru 
so eng verbunden, dafs eine, wahrscheinlich Jahrhunderte 
lang dauernde, Abhängigkeit ihres Staats von Ninive an- 
zunehmen ist, waren sie andrerseits die unmittelbaren 
Gräuznachbaren des ionischen Stammes, der mit empfäng- 
licher Seele die dargebotenen Schätze des Orients bei 
sich aufnahm. Hier wurden die Geschicke helleuisclier 
Staaten zuerst mit denen der asiatischen Reiche verkettet 
und seit die Städte der lonier erst durch lydische Bil- 
dung vielfach angeregt und gefördert, dann durch das 
Gift lydischer Ueppigkeit entnervt und endlich durch 
lydische Waffen einzeln angegriffen und besiegt wurden, 
drang wiederum aus den unterworfenen Städten die hel- 
lenische Bildung an den Hof von Sardes; griechische 
Götter walteten über den Geschicken seiner Herrscher, 
griechische Weisheit erfreuete ihr Ohr. So erscheint kein 
barbarisches Volk in gleichem Grade mit den Hellenen 
verwachsen und darum ist im Interesse der Alterthums- 
kunde nichts mehr zu wünschen, als eine hellere Er- 
kenntnifs seiner Nationalität und seiner ganzen Cultur. 
Schrift- und Sprachdenkmäler werden auch hier erst 
endgültige Entscheidung zu geben vermögen. So weit 

') HItym. Gud. p. 72, 52 llnyciifoVTrjs 6 'EQ/Jtjg tjciq 'OftiJQii) 
xai TiaQc'i Tiolloig. nanit äi ^otfOxXtl xai ItiI jovlinoXXwvos, 
xtu 7ir(i>(i UaQ(t(vlii) xni inl tov TrjX^ipov. Vgl. Gaisford zu 
schol. Hes. i>. 84. Cranicr Anecd. Paris. IV p. 60. 



149 



150 



es jetzt vergiicint ist in das VGlkergedrange Kleinasiens 
einen sichern ßlick zn tliiiri, sclieint sich mit Recht die 
Ansicht festzustellen, dal's die Lyder als ein von Syrien 
her vorgedrungener Seniitenstauim zu betracliten sei, 
welcher pelasglsciie Viilker im Herinostliale unterworfen. 
Wenn nun nel)en ihnen die Pliryger, nach Osten mit 
Armenien, nach Westen mit den Völkern der griechisciien 
H;dl)insel zu einer Kette verliunden, sich immer mehr als 
den Hauptstamm der arischen Bevölkerung Kleinasiens 
erweisen, so tritt uns auch hier in dem engen Zusam- 
menhange der plirygischen und der iydischen Cultur vou 
Neuem die 'l'hatsache entgegen, dafs die nachbarliche 
Einwirkung semitischer und arisch -pelasgischer Völker 
auf einander überall von folgenreicher Bedeutung für die 
alte Culturgeschichte gewesen ist. 

Bei dieser wichtigen Völkerstellung, welclie die Lyder 
einnehmen, kommt jede Denkmalerkunde von dort doppelt 
willkommen, um so mehr da nur kärgliche Ueberreste 
von dem Staate zeugen, welcher einst als asiatische GroFs- 
maclit den IMedern die Stirn bot. Die wenigen Säulen, 
welche vom Tempel der Göttermutter noch übrig sind, 
«tehen tief im Sande verschüttet ') und die Burg sell)st, 
welche von ihrer uiieiimelimbareD Höhe einst so stolz das 
gesegnete Hermosthai überschaute, ist nur der klägliche 
Ueberrest der allen Akropole. Der Giplel ist fast ganz 
hingebröckelt und der noch stehende Rumpf, allerseits 
unterhöhlt, droht mit seinem Einstürze alle Reste der 
Unterstadt vollends zu verschütten. Aber während die 
Felsen der Burg der Verwitterung erlegen sind , stehen 
der Stadt gegenüber, jenseits des Hermos, am Rande des 
gygäischen Sees (Mermcreh-Göl) unverfallen die Gruppen 
der Todtenhügel (Bin-Tepe), über hundert an der Zahl, 
die einem künstlichen Gebirge ähnlich, das kesseiförmige 
Seetlial zur Hälfte umringen, staunenswerthe Denkmäler 
der Kraft und Tüchtigkeit eines Volks, das wir nur als 
ein entnervtes uns vorzustellen gewohnt sind; von den 
Alten als Weltwunder neben den Pyramiden gerühmt, 
von neueren Reisenden mehrfach betrachtet und beschrie- 
ben ') — doch fehlten bis heute alle genaueren, auf Lokal- 
untersuchung gegründeten Berichte. Der Königlich Preussi- 
sche Consul in Smyrna Herr Spiegelthal hat zusammen 
mit Herrn Baron von Behr-Negendank im Mai dieses 
Jahrs zuerst eine gründliche Untersuchung dieser wichti- 
gen Gegend unternommen und da bereits in der letzten 



Märzsilzung unserer (iesellschaft von der beabsichtigten 
Au/grabung des Alyattesdenkmals die Rede gewesen ist, 
so lialte ich es um so mehr für meine Pilicht, über die 
theilweise ausgeführte Unternehmung nach der mir ver- 
gönnten Einsicht des Spiegelthalschen Berichts in der 
heutigen Kestversammlung das Wichtigste mitzutheilen 
und das sich anknüpfende Interesse der Wissenschaft 
näher zu l)ezeichnen. 

Der gygäische See mit seinem Schilfufei» und seinen 
flachen Sloorinseln ist es, an welchen sich die ältesten 
uns bekannten Landessagen anschliel'sen. Die Mäonier- 
iürsten bei Homer sind Söhne der Seenymphe, Iphitioii 
der Mäonier ist am Rande des Sees gel)oren; Gyges 
sell)st mufs in der \ olkssage die Bedeutung einer Wasser- 
gottheit gehabt haben, wenigstens hat er mit den Dä- 
monen dieser Gattung den Charakter des Unfafsbareu, 
des zwischen den Händen Verschwindens gemein '). Ein 
nationales Heiligthura war das der Artemis Gygaia und 
endlich waren die Gräber der Landesfiirsten um den- 
selben See gelagert. Ueber zwei Meilen erstreckt sich 
diese grofsartigste Nekropolis des Alterthums, nordwest- 
lich bis oberhalb Sarkoi, nordöstlich bis Basoklu; der 
ganze Höhenrücken, der vom Kara Dagli sich abzweigend, 
das südliche Seeufer einfalst, ist aller Orten durchschnit- 
ten, von Steinbrüchen ausgehölt, geebnet und vielfach 
bearbeitet. Mitten durch die Hügelreihe zieht sich eine 
in den Fels gehauene Fahrstrafse an dem nordwestlichen 
Ufer um den See herum zu den Trümmern eines Tempels. 
Es war die Feststrafse der Artemis Gygaia, mit späterem 
Beinamen Koloeue, einer Göttin, deren hohe Geltung 
Strabon ausdrücklich hervorhebt*). Wenn wir hören, 
wie an ihren Festen die ganze umgebende Natur einen 
wunderbaren Aotheil nimmt, wie beim Flötenspiele, das 
vom Ufer über den See schallt, die Schilfhalme nach dem 
Takte sich regen, die heiligen Fische an das Ufer schwim- 
men und die Inseln selbst, vom Winde geregt, einen 
Reigen aulTüliren — so erkennen wir Jiier deutlicher als 
an den meisten Kultöitern tlie Artemis als eine nymphen- 
artige Naturgottheit ; sie ist selbst die Seegöttin, der 
Volksheroen Mutter, Limnaia oder Limnatis; es ist die- 
selbe Göttin, die wir durch die von den verschiedensten 
Stämmen bewohnten Gegenden hindurch als eine dem 
ältesten Glauben angehörige Gottheit finden. Es ist die 
Artemis Orthia, deren Beiname sich gewil's wie beim 



') Cockerell bei Lcake Asia Minor p. 342. 
') Namentlich in Prokesch Denkwürdigkeiten III, 47, 
Hamilton Travels etc. 1 p. 144. 

^) Ueber den gygäischen See als den Mittelpunkt lydischer 



Volkssage siehe den Aufsatz von Ed. Müller im Pliilologus 
1952. Auch die Iydischen Kerkopen sind Aluvr)g vloC. Vgl. 
Aelian. Hist. An. XII, 30 über den See bei Labranda. 

') .Strab. 626. Vgl. K. O. Müller kleine Schriften ][, 212. 



151 



152 



Dionysos Orthios auf phallisclien Naturdienst bezog, da 
JD Lydien die Apiirodite Urania als Artemis Anaitis ver- 
ehrt wurde. Deshajl» behaupteten die Lyder das Original- 
bild der in Liinnai bei Sparta verehrten Göttin l)ei sich 
zu besitzen; auf die Geilseiung au ihren blutigen Altaren 
folgte ein lydischer Aufzug; lydisclie Musik und lydische 
Pfeiferfamilieo waren in Sparta einheimisch '). 

Bei diesem merkwürdigen Zusammenhange zwischen 
<lem lydisc+ien und spartanischen Kulte der ^iaturgöttiu 
Artemis glaube ich auch nicht zu irren, v^enu ich den 
'l'auz der schilfbekrauzten Lakonierinueu als eine sym- 
bolische Darstellung auffasse, welche dem Schilftanze 
auf dem Artemissee entspricht. Strabon erziildte aus- 
drücklich, dafs beim Feste der gygaischen Artemis Scliilf- 
geflechte (xiiXa^oi) tanzten und auf eine bestimmte Form 
des Tanzes bezieht sicli auch die Andeutung, dafs vor 
allen ein königliches Schilfrohr vorragte, um welches sich 
die anderen schaarten. Es liegt im Cliarakter dieses 
Naturdienstes, dafs sich der Gottheit Dienerinnen, in die 
ihr heiligen Thiere, Reh, Kuh, Bärin verwandeln oder 
in Gewächse, welche zum Dienste eine lieilige Beziehung 
haben '). 

Das Schilfrohr hat eine sichere Beziehung zum Flö- 
tenspiele, das die Griechen von den Lydern kennen lernten. 
O. HlüUer hat auch die Sage der flöteospielenden Athena 
vom gygaischen See hergeleitet; gewifs ist, dafs in der 
Naturanschauung der kleinasiatischen Völker — denn wer 
vermag zwischen der lydischen und plirygischen Natio- 
nalität die Gränzliuie zu ziehen! — die Idee von einer 
die leblose Natur durchdringenden, im Strömen der Ge- 
wässer, im Rauschen des Schilfes sich offenbarenden 
Macht der Musik zu Hause war; von hier stammte die 
Amphionsleier, hier wurden die Nymphen zu Musen und 
so wird Artemis die Seenymplie zur musischen Göttin, 
zur Artemis Hymnia, v»ie sie in Arkadien die Satzungen 
der musischen Bildung ordnet. Es war daher ein echt 
lydisches Gleichnil's, wenn Kyros die griechischen Inseln 
mit den Fischen verglich, welche auf die Töne des Flö- 
tenspielers nicht zur rechten Zeit hiitten horchen wollen 
und zu spät den Tanz begonnen hiitten ). 

Endlich aber hatte die Artemis als Naturgottheit 
einen blutigen Dienst; sie ist eine todsendeude und lilut- 
fordernde. So kennen wir sie in Sparta, in Attica — 
überall sind .Sagen von Mensclieno|)fer mit ihrem Dienste 
verl)unden ; auch am gygaischen See hat sich die Spur 



einer Opfersage erhalten, nämlich in der Geschichte des 
Adrastos, der sich auf dem Grabe des Königssohnes als 
freiwilliges Sühnopfer darbringt *). 

So knüpfte sich ein vielfaches und weitverzweigtes 
Interesse an das Heiligthum der Artemis Gygaia oder 
Koloene, und um so dankeuswerther ist es, dafs wir durch 
die Bemühungen der genannten Reisenden zum ersten 
Male die genaue Lage des Tempels kennen lernen. In 
dem Reiseberichte wird von den aus mächtigen Basalt- 
quadeni gelügten Tempelmaiiern, von drei noch stehen- 
den, nur 6' (?) hohen dorischen Säulen aus verwittertem 
Marmor und von kolossalen Steinblöcken gemeldet, die 
iflit Relief geschmückt waren. Ein Bogenschütze mit 
spitzer Mütze, ein Löwenkopf werden als erkennbare 
Ueberreste dieser Skulpturen angeführt. 

Zwischen Tempel und See finden sich Bruchstücke 
von Thonvasen aufserordentlicher Gröfse, heilige Geräthe 
wie es scheint, zur Aufnahme von Spenden bestimmt, 
welche an die grofsen Steingefäfse erinnern, nie sie neuer- 
dings bei Amathus im Boden gefunden worden sind'). 

Die Grabhügel selbst, zwischen denen sich die Spuren 
alter Wege, Wasserkanäle und Brunnen finden, stehen 
suuimtlich auf dem zum See hin geneigten Felsboden, 
welcher dort, wo er als liasis eines Hügels dienen soll, 
geebnet, theilweise abgetragen, an der abschüssigen Seite 
mit Steinen aufgemauert und durch einen ringförmigen 
Graben isolirt zu sein pllegt. Die Reisenden unterschie- 
den verschiedene Gattungen von (Trabliügeln. Nordöstlich 
und nordwestlich vom See fanden sie solclie, die aus 
Schutthaufen und aufgetliürmten Steinen mit wenig bei- 
gemischter Erde ohne Flufssand bestehen. Zwei von 
ihnen waren geöffnet und zeigten, dafs unter den Stein- 
haufen sich im Felsen ausgehauene und, wo der Fels nicht 
ausreichte, mit Benutzung von Steinen geschlossene («rab- 
kammern befänden, deren Oeffimug oben durch einen 
eingefügten Stein gedeckt war. Es fanden sich in einem 
Grabe drei Kammern, eine hinter der anderen, Räume 
von 9 bis 10 Fufs Länge, 8 Fufs Breite und gleicher 
Höhe. Der Boden umher war mit Bruchstücken grofser 
Vasen und dunkelfarbiger Glasgefäfse bedeckt. In den 
geöffneten Felskammern sollen Goldarbeiten gefunden 
worden sein, welche von Zigeunern, die in dieser Gegend 
hausen, nach Smyrna verkauft sein sollen. 

Eine zweite Gattung glaubten die Reisenden in den 
Hügeln westlich vom Alyattesgrabe zu erkennen; ihre 



') Paus. III, 16. Müller Dorier I, .3S2. 
') aai.la-TiUyfxa Xtt).(xOii> iifiOiov, o int rfj xfifuXtj ifo- 
Qovoiv al .iaxttivui Ilesych. 



") Müller kl. Sehr. II, 212. Peloponn.I, 223. Herod. I, 141. 

") Ueroil. I, 45. 

') Rofs Inselreisen IV, 170. 



153 



154 



Eigentliiimlicliktit soll daiiü bestellen, clafs Steinlageo 
uud iniiclitige Erclscliiclilen abwechselnd den Kegel bil- 
den, welclier sich l)ei einzelnen l)is llOFufs erliebt. Zu 
der dritten Gru))pe aber, die ganz ans Erd- und Sand- 
scliiiliteu l)csteliet, geiiört der Hügel des Aljattes selbst, 
welcher sich in gerader Linie zwischen den Tempeln der 
Artemis und der Kyliele auf einer grol'sen, künstlich zu- 
geschnittenen und an der Südseite aulgemauerten Kreis- 
liilche erhebt; diese Aufmaueruog, welche die von Herodot 
erwähnten grol'sen Steine enthält, war durch herabge- 
schwemmte Erde verdeckt. Auf dem Gipfel wurde durch 
eine Ausgrabung ein starkes Mauerwerk, mit gebrannten 
Ziegelsteinen in der Witte aufgedeckt. Dies Gemäuer 
bildete wahrscheinlich die Grundlage des knopfartigen 
Steines, welcher nahe unterhalb des Gipfels umgestürzt 
lag; die obere, freiliegende Hälfte der Steinkugel war 
ganz verwittert, die untere, welche erst durch Aufgrabuug 
freigelegt wurde, wohl erhalten, aber ohne Schrift. Zwei 
Steuie derselben Form, aber nur hall) so grofs, wurden 
unten, 70 Fufs nordöstlich vom Grabhügel entfernt ge- 
funden. Die Kugelfläche war sichtlich mit scli.irfen In- 
strumenten geritzt, so dafs man Schriftzüge zu erkennen 
glaubte'"). 

Die Gestalt des Alyattesmales ist nnverfallen; nur 
ein schluchtartiger Einschnitt von ungefähr 100 Fufs 'l'ieie 
zieht »ich Sardes gerade gegenüber von der Spitze fast 
bis zur Felsbasis hinunter "). Ob derselbe von einer 
begonnenen Ausgrabung herrühre und dann durch Regen 
ausgewaschen diese Form erhalten habe, konnte nicht 
mit Sicherheit ermittelt werden; auf jeden Fall aber 
nuil'ste jede Ausgrabung des Denkmals von der Tiefe 
dieses Einschnitts aus weiter einzudringen suchen. Trotz 
der durch diese Vorarbeit wesentlich erleichterten Unter- 
suchung zogen die Reisenden es vor, einen kleineren, 
aber durchaus gleichartigen, südiistlicli gelegenen Tumulus 
fvon 8, 83 M. Hübe uud 67, 20 M. Durchmesser) aufzu- 
graben, um sich hier auf leichtere Art von der Anlage 
des Ganzen Kenntnifs zu verschalTen. Hier gelang es 
durch die aus verschiedenem Alateriale, Quarz, Kiesel- 
stein mit feinem Cement und Flufssand gebildeten, harten 
Schichten mit einem Gange in das Centrum vorzudrin- 
gen; hier kamen sie endlich auf eine mit feinerem, roth- 
geädertem Sande ausgelegte knppelartige Wölbung, die 
mit steinharten Wänden von Cement einen festen Kern 



im Innern bildete und, mit Sand ausgelüllt, nur zur An- 
ordnung der Schichten gedient zu hal)en schien. 

Darauf wurde am Alyattesmale selbst ein Versuch 
gemacht. Man sicherte einen thorartigen Eingang und 
suchte von da einen Gang durch die in verschiedenen 
Richtungen sich kreuzenden Schichten einzutreiben; die 
Schichten waren buntfarbig, roth, gelb, brauu; roth war 
vorherrschend wegen der gestofsenen Backsteinerde; die 
Masse schien in nassem Zustande geprefst worden zu 
sein, und bildete gleichsam einen Gufs; die Härte war 
unendlich gröl'ser, der Stahl zersplitterte; man fand nach 
oben strebende Schichten, welche ein Gewölbe im Innern 
voraussetzen liefsen. Man trieb den Gang 16 Meter weit; 
den Einschnitt mitgerechnet, war man gegen 48 M. tiul 
eingedrungen, so dal's nur noch 72 M. zu graben übrig 
blieben, um in den Mittelpunkt des Grabbaus zu gelangen. 

So wenig auch diese Untersuchungen ein befriedi- 
gendes Endziel erreicht haben, so ist uns doch die merk- 
würdige Nekropolis seitdem um Vieles bekannter und 
das Interesse für ihre Durchforschung anfs Neue ge- 
spannt worden. Auf keinem Punkte der alten Welt er- 
scheinen die Erdliügel, so wie in Lydien, als nationale 
Gräberform, nirgends in gleicher Zahl und Mannigfaltig- 
keit und mit so staunenswerther Arbeit ausgeführt. In 
dem älteren Asien jenseits des Taurus ist diese Gräber- 
form noch nicht mit Sicherheit nachgewiesen worden. 
Dagegea von Kleinasien westwärts verzweigt sich diese 
Bauform über den Hellespont, und in allen Landschalten, 
v.o sie vorkommt, bezeugt sie dem Wanderer, dals die 
Geschichte dieses Bodens in die heroische Zeit liiuaul- 
reicht; denn die Beziehung einzelner dieser Hügel, wie 
des maralhonischen, auf historische Ereignisse entbehrt 
sicherer Begründung. Als heilige Male der Stammhelden 
bildeten sie die Einigungs])unkte der späteren Geschlechter, 
wie des Pelops Hügel in Pisa, das Aipy tosmal, der Arkader 
Mittelpunkt, das llosmal, der Versammlungsort der Tro- 
janer. Sie waren der Gegenstand gemeinsamer Pietät, 
die sich in Opfer und Leichenspielen bethätigte; es galt 
lür ein Landesunglück, wenn solche Grabhügel verfielen 
und auf Orakel Geheifs wurden sie deshalb durch Stein- 
riuge neu gefal'st und gesichert '-j. 

Die eigentlichen Träger des historischen Zeitalters 
sind die Achäer; die Achäer aber sind durch ihre Pelo- 
piden so mit Lydien verbunden, dafs die Annahme einer 



'") Nach der angestellten Vermessung betrug des Alyattes- 
liiigels Gesaminthölie 61,46 Meter (davon die Hohe der Fels- 
basis 18,46); der Durchmesser der Felsbasis 257 Meter. Der 
runde Knopf hat 2,bj Meter Durchnu'sser. 



") Ueber ähnliche, in alter Zeit halb geofTnete Tuniuli 
siehe Peloponn. I, 209. Abeken Mittelitalien S. 244. 
'•) Paus. I, 44. 



155 



156 



auf diesem Wege erfolgten Verbreitung kielnasiatischer 
Gräbersitte zu den leichtesten Combioationen alter Kul- 
turgeschichte geliört. Wenn die an sich haltlosen Sagen 
von des Pelops Meerfalirt nach Elis des nachweislich 
späten Ursprungs wegen ihre historische Geltung eingebüfst 
haben , so müssen wir um so mehr zu dem Ergebnisse 
kommen, dal's schon in ihrem nördlichen Stammlande 
Thessalien die Achiier mit den 'l'antaliden verwachsen 
waren und dafs die Verbindung mit RIeinasien auf dem 
Landwege zu Stande gekommen ist. Man darf doch nicht 
glauben, dafs die Perser zuer>t die Meersunde über- 
schritten und asiatische Geschichte auf europäischen 
Boden verpilanzt haben. Blit glücklicherem Erfolge haben 
ältere Völkerzüge hier Bahn gel)rochen. Herodot führt, 
wie ein Vorspiel des troischeu Krieges, die Thatsache 
au, dafs eine asiatische Völkeimasse, namentlich Myser 
und Teukrer sich vom Bosporos her über Thrazien 
nach dem ionischen Meere hingewälzt und südwärts bis 
zum Peneios verzweigt habe '^). Auf diesem durch älteste 
Völkerzüge gebahnten Wege müssen lydische Geschlechter 
nach Thessalien gekommen sein, bei den Achäern Fürsten- 
macht gewonnen und den ganzen Stamm zu einem ge- 
schichtlichen Leben angeregt haben. In Folge dieses 
Anstofses zog ein Tlieil derselben erobernd in die süd- 
liche Halbinsel, um dort die Reiche zu gründen, an 
welche sich vorzugsweise der Ruhm des homerischen 
Zeitalters anschliefsen sollte, während der andere Theil, 
wie es später auch bei den Dorieru war, in der Heimath 
zurückblieb. In beiden Zweigen des achäischen Volks- 
stammes finden wir die Sitte, ihre Gräber in Hügelform 
zu errichten, einheimisch. Ihrer Helden Nachruhm ist 
wesentlich bedingt durch einen hochragenden Hügel; die 
Höhe und Breite desselben ist ein Slafsstal) des Helden- 
ruhms. Achilleus zeigt in der Uiade einen besonderen 
Eifer für diese Grabgebräuche; er ordnet an, dal's ein 
inäfsiger Hügel seinen Patroklos decken soll, nach seinem 
eignen Ableben aber die Achäer den Hügel breit und 
lioch machen sollen"). Wir sehen also wie diese Grab- 
hügel nach Art der ägyptischen Pyramiden allmählich 
anwachsen. Sie haben von Anfang an ihre typische 
Form und sind, da sie nicht auf eine bestimmte Gröl'se 
angelegt werden, in jedem Stadium der Auslülirung fertig. 
Die unverdrossene Ausdauer al)er, mit \\elcher die Ueber- 

") Herod. VII, 20. 

") II. XXIII, 245 f. Vgl. die Ausdrücke jvußog /ufyctg, 
äfjivfiiov Oll. XXI\', 80. TliitMsch Dt-nkinal des Alyaltes in 
den Denksch. der Münch. Akad. [ S. 398. Des Verstorbenen 
Khrc ist es xtiaUui 7i o l i. rj i' yitiuv ((fiaauunov 'l'lieogn. i2'^. 
{inu/^riaualtai, was die Vulg. hat, bezeichnet das xufißoyoiiv). 



lebenden den Grabhügel immer von Neuem rings mit 
Erde bekleiden, um ihn gleiclimäfsig auszubreiten und zu 
erliöhen, ist das Ehrenzeugnifs, das dem Verstorbenen 
auf Erden zurückbleibt. Diese Art des Grabbaus erklärt 
den Bericht Herodots über die Entstehung des Älyattes- 
mals-, denn wenn es darauf angekommen wäre, ein un- 
fertiges Königsdenkmal zur vorgezeichneten Vollendung 
zu bringen, so könnte nicht von einer freiwilligen Con- 
currenz der verschiedenen Stände dabei die Rede sein. 
Auch scheinen die neuerdings gemachten Beobachtungen 
über das Innere der Hügel und die verschiedenartigen, 
sich kreuzenden Schichten die vorgetragene Ansicht zu 
bestätigen. 

Wenn wir demnach in den Hügelgräbern einen vor- 
zugsweise lydisch-achäischen Brauch erkennen dürfen, so 
kann es befremden, dafs gerade in Arkadien nach Zeug- 
nissen und Monumenten diese Gräbersitte solche Bedeu- 
tung gewonnen hat, da sie doch der pelasgischen Vorzeit 
nicht anzugehören scheint. Ich mufs hierin einen neuen 
Beweis für die Stammverschiedenheit der Arkader und 
Pelasger erkennen; die Arkader sind ein ritterliches \olk; 
sie haben heroische Sagen und heroische Gräber; der 
Pelopsmythus spielt vielfach in Arkadien hinein, das auch 
der Dienst der Artemis mit der Heimath der Pelopiden 
verbindet. Denn ohne auf die sonstigen Kultverbindun- 
gen zwischen Lydien und Griechenland, welche zum Theil 
ausdrücklich den Tantaliden zugeschrieben werden'^), ein- 
zugehen, erinnere ich hier, da von der gygäischen Göttin 
die Rede gewesen, nur an die merkwürdige Verbindung, 
in welcher die Pelopiden mit der Artemis stehen. 

Die asiatische Artemi«, mit lydischen Festgebräuchen 
in Sparta gefeiert, die in Lakonien unter verschiedenen 
Namen einen orgiastischen Dienst hatte "^), wird als 
Ipliigeneia Agamemnons Tochter. Agamemnon selbst ist 
wesentlicli ein Opierpriester im blutigen Artemiskulte; 
das ist bei der sonstigen Dürftigkeit der seine Person 
betrelFenden epischen Sage der eigentliche Kern echter 
Ueberlieferung. Sein fürstliches Geschick und das seiner 
Völker hängt ab von der Gnade der Göttin, welcher er 
in Aulis opfert. In Attica gründet Agameumon den 
Myrrhinusiern das Heiligthum der Artemis Kolainis oder 
Amarysia '') und im attischen Brauron sollte er nach 
dortiger Sage das Ipliigenienopfer vollzogen haben '''). 

'■■) Vgl. z.B. Gerhards Metroon S.6. 
") Lobock AeIao|)hanius p. 10, 88. 
'") Kalliriiaclios Fr. 76 (Scbol. Arist. Aves 873.) 
'") Schob Aristopli. Lysistr. 645. Vgl. Suchier de Diana 
Brauronia \>. 33. 



157 



158 



Daraus erklärt sicli auch, warum im lieilij^en Bezirke der 
auf die ßurg verpflanzten Brauronia au den Jaliresiesten 
der Artemis die llliapsodieen der llias vorgetragen vfur- 
deii"'); es gescliaii zur Elire des neben der Göttin ver- 
elirlen Moros und seiner (jeuossen. In Megara, zu dessen 
Burgmauer sicIi einst nach Indischer Harmonie die Bau- 
steine gefügt hatten, wie in 'J'liehen '"), war das Heiliglhum 
der Artemis Ijdiigeneia eine Stiftung Agamemnons '); eben 
so das der Munychia in Pygela an der epliesisclien 
Küste '0' Nördlich davon lag jenseits des Kaystros der 
selinusische See, mit seinen Fischen der grol'sen Artemis 
heilig. In der tiefsten Niederung des Sees lag das so- 
genannte Kiinigsheiligthum, als dessen Gründer man 
Aganiemnun nannte"'). Der ephesischen Küste entspricht 
in seiner Naturbescliaffenlieit der lagunenreiclie Strand 
von Eiis; hier lag im tiefen Moorboden der Letrinaia 
ein Artemisheiligthum , gestiftet von Letreus, dem Pelo- 
piden "'). In Arkadien treten Pelopidensagen und Artemis- 
dienst immer neben einander auf, wie ün Kapliyai, 
Stymplialos, Oresthasion ' '); die Gefährten des Pelops 
führten am Alplieios die ersten Festtiinze zu Ehren der 
Göttin auf unil, wie in Lydien die gygiiische Göttin die 
Hüterin der Kürstengräber war, so lag Pelops in Pisa 
neben dem lieiligen Hause der Artemis Kordaka be- 
stattet. Ihr Dienst wurde hier gefeiert wie am Sipylos, 
vto Pausanias am Rande eines Sees den lierühmten Grab- 
hügel des Tautalos besucht hatte"). 

Den Zusammenhang dieses vieloamigen, alier seinem 
Wesen nach durchaus gleichartigen Artemisdienstes mit 
den Gottheiten des inneren Asiens zu verfolgen liegt meiner 
Aufgabe fern. Wer vermag auf diesem Gebiete nur einen 
Schritt mit Sicherheit zu thun! fliir genügt es darauf 
hinzuweisen, wie von den beiden Monumenten Lydiens, 
welche uns durch die neusten Untersuchungen so viel 
näher gerückt sind, dem Tempel der Artemis Gygaia und 
dem Alyattesmale, dem vorragenden Mittelpunkte der 
lydischen Nekropolis eine unverkennbare und ununter- 
brochene Kette alter Kulturverbindung uns mitten in die 
Geschichte und Gottesdienste von Hellas leitet. 

Aber wir dürfen, wenn wir die geschiclitliche Be- 
deutung dieser Denkmäler würdigen «ollen, nicht bei 



Hellas stehen bleiben; wir müssen noch einen Blick auf 
Italien werfen. Der vorgeschichtliche Verkehr zwischen 
Lydien und Etrurien ist eine sichere Thatsaclie, mag man 
nun mit Herodot auswandernde Lyder diese Verbindung 
herstellen lassen oder als fremde Zwischenträger der 
lydischen Kultur die tyrrhenisclien Pelasger betrachten, 
welche allerdings auch in den Schiffersagen vom wan- 
dernden Artemisbilde vielfach hervortreten. In Etrurien 
finden sich die Grabformen Lydiens in so genau ent- 
sprechender Nachbildung wieder, dafs eine Uebertragung 
gar nicht bezweifelt werden kann. Wir finden die Ring- 
gräben, welche die Hügel isoliren, die mächtige Unter- 
mauerung, die versteckten Kammern, den an der Basis 
genau abgezirkelten "), festgestampften Erdgufs mit spitz 
emporragendem Gipfel ; wir finden einzelne, dem Alyattes- 
male gleich, als Mittelpunkte ganzer Nekropolen vorra- 
gende Hügel, wie in Vulci; wir finden Grabzierden, den 
lydischen Steinknäiden ähnlich, und sell)St die gleiche Zahl 
derselben auf etruskischen Denkmälern "). 

Eine gründliche Erforschung der Nekropolis von 
Sardes würde uns den ursprünglichen Typus der über 
die klassischen Länder weit verzweigten Gräberform er- 
kennen lassen und uns darüber belehren, wie weit die 
vorkommenden Abarten der Grundform schon in Lydien 
vorgebildet waren. Die einfachsten der dortigen Gräl)er, 
welche mit offenen Kammern unseru Reisenden vorlagen, 
erklären die Thatsache, dal's man bisher so manche 
Grabhügel Griechenlands geöffnet hat, ohne einen Fund 
zu machen. Man ist, auch bei dem 1845 auf Kosten der 
Königl. Preussisclien Regierung geöffneten, elischen Tu- 
muhis, wie von Kennern des Altertliums mit Recht ver- 
muthet worden ist''), gar nicht in die Tiefe der im 
Felsboden angelegten (irabkammer vorgedrungen, sondern 
nur bis zu der Feuerstätte, wo in der Mitte der Kreis- 
fläche über der geschlossenen Felskammer das Optermal 
gehalten worden war. An dieser Stelle scheint auch 
nach dem Berichte Herodots Adrast, des Gorgias Sohn 
sich am Begräbnifstage des Atys, als der Lärm des 
Opfermals vorüber war, ül>er der Gruft getödtet zu 
haljen, auf dal's seine Gel)eine mit denen der Opferthiere 
unter dem aufzuschüttenden Tumulus bedeckt würden '"). 



''') Hesjch. JJoavobivioig. Welcker K[>. Cjclusl. p. 391. 

'") Theognis 773. Welcker Kret. Kolonie S. 8S. 

") Paus. I, 43, 1. 

") Strab. ()3'J. Die Erwähnung dieses Heiligtluims glaube 
ich in einer Rossischen Inschrift aus Astjpalaia erkannt zu 
haben. Siehe Neue Jen. Litteraturzeitung l!;4.i S. 447. 

'") Strab. 642. 

") Paus. VI, 22, 



'') Peloponnesos I, 226, 310. 

'"J Paus. VI, 22; V, 13, 7. An Kphebengeifselung er- 
innert Scliol. Pind. Ol. I, 90 zu ai/jtcxovQlcti. 
-') joortuociaitat arjuu bei Homer. 
") Abeken Mittelitalien S. 234f. 
''') Kofs Konigsreisen 1, S. I92f. 
") Her. I, 45. 



159 



160 



Wenn die in dem peloponnesischen Heroenmale gefun- 
denen Steinmasseii nur dazu gedient lialien sollten, dem 
Erdscliutte einen Iiaitenden Kern zu geben, so bestätigt 
sich auch diese Annahme bei den iydischen Denkmälern, 
wo solche Steinlagen im Innern sich vorgefunden haben. 
Auch das in Etrurien vorzugsweise ausgebildete System 
mehrerer, an einander gereihter Felskammern hat am 
gygäischen See sein Vorbild gehalU; es mufs sich zeigen, 
oh auch der Grahbau mit aufgeroauerten Kammern, ob 
namentlich die von den peloponnesischen Achäern in 
Iiöchster Vollendung dargestellte Form überschütteter 
Kuppelgewölbe sich auch schon in Lydien nachweisen 
lassen wird. Die bisherigen Untersuchungen lassen nur 
auf eine tief im Boden eingesenkte Gruft schliefsen. 

Das bis jetzt Unerkhirlichste in Herodots Schilderung 
vom Alyattesmale bleibt der Schmuck des Gipfels, die 
Gruppe der fünf sogenannten Gränzsteine. Auch hiefur 
fehlt die Analogie weder bei den achaischen noch bei 
den etruskischen Grabmälern. Homer unterscheidet den 
aufgestellten Stein {üT)]lr^ ausdrücklich von dem Hügel 
(riV'/Jo?); Hügel und Stein bilden erst zusammen die volle 
Ehre des Todten und darum wünscht Elpenor's Schatten, 
man möge in Ermangelung anderer Zierde sein Ruder 
ihm als Wahrzeichen oben auf dem Gralihügel aufrich- 
ten "). Herodots Ausdruck ovQot, uQOi kann nur uii- 
eigentlich gebraucht sein; denn wenn sie s;imratlich auf 
dem Gipfel nahe zusammen stehen, so können es keine 
Marksteine verschiedener Theile des Hügels gewesen sein. 
Herodot nennt also die Steine nur so, weil sie wie Mark- 
steine des Feldes aus dem Iknlen emporragen; was er 
aber weiter über die Inscbriften sagt, dafs in denselben 
die verschiedene ßetheiligung der Krämer, der Hand- 
werker und der Hetären an dem grofsen Werke ange- 
geben sei, das mufs wohl für eine Ciceronenanekdote 
gehalten werden. Dafs diese Steine eine symbolische 
Bedeutung hatten, erhellt schon daraus, dafs sie in 
gleicher Zahl und l<'orm bei den Etruskern wiederkehren, 
wenn sie auch hier, nach der Beschreibung des Porsenna- 
grabes und nach der Analogie des sogenannten Horatier- 
und Curiatiergrabes bei Albano zu urtlieilen, auf Spitze 
\ind Basis des Denkmals verlheilt zu sein pflegten''). 
Diese Aufsätze dienten in späteren Zeiten, da mit den 

") II. XVI, 4J7. 0.1. XI, 77, MI, li. 

") AbeKen S. 240. Tliiersch S. 42011'. 

") IIii>|)onax Fr. 40. \g\. Meinckes CliolianibenJicIitcr 
im Anliange zu Lacliinanns Kabrius 8.901'. Klearcli bei Athen. 
XIII, .i73A. 

^*) Kine Sammlung lydisclicr Wörter s. in Menkes Lydiaca 
p. 55. Das Wort y.uväuv).riiz=xviuyyt)s hat Welcker Kret. 



Menschen und ihren Thaten auch die Denkmäler der- 
sell)en zusammenschrumpften, ohne Tumulus zur Be- 
zeichnung des Grabes; so die Steinkegel auf der Spina 
des Hippodroms, welche sich auf die Leichenfeier, als 
den Ursprung der Wagenspiele beziehen, so auch die 
Stelen, die bei den alten Hymettosgräbern noch gruppen- 
weise auf gemeinsamen Mauerterrassen vorkommen und 
dann einzeln als bescheidenes Sema über den (iräbern 
stehend; es giebt attische Grabstelen und etruskische 
Cippen, welche dem knopfartigen Aulsatze der Iydischen 
Gräber sehr ähnlich sind. 

Bei der grofsen Zahl der Iydischen Grabmäler, die 
sich nicht nur am gygäischen See, sondern auch das 
Hermostlial hinauf finden, ist es wahrscheinlicli, dafs nicht 
nur die Landesfürsten und die königlichen Verwandten, 
sondern auch die Grofsen des Reiches durch solche 
Grabmäler geehrt wurden; vielleicht dienten sie auch für 
Geringere als Polyandrien. Ein Fragment des Hipponax 
führt eine Reihe sardisclier Grabhügel an mit verschie- 
dencEi Namen, die nur zum Theile in der Folge der 
Mermnaden sich wiederfinden. Audi einer Buhlerin Grab 
wird bei Athenaios angeführt, das ein König Lydiens 
durch Frohnarbeit aller Unterthanen so hoch aufge- 
schüttet habe, dafs es im ganzen Lande innerhalb des 
Tmolos sichtbar war")- Sollte es gelingen, schriftliche 
Aufzeichnungen, welche doch von Herodot angeführt 
werden, in der Iydischen Nekropole zu finden, so könnte 
es auf diesem Wege möglich werden, die Bedeutung 
einer Anzahl von Gräbern und die Beziehungen der 
darin Bestatteten zu einander an das Licht zu bringen, 
wie dies auf so glänzende Art in Aegyptens Nekropolen 
gelungen ist. Vor Allem aber würde dadurch eine der 
wichtigsten Fragen der alten Ethnographie und Geschichte, 
die Frage nach der Nationalität der Lyder und nach 
der Herkunft ilirer Sprache, aus der nur einzelne schwer 
zu beurtheilende Wörter uns überliefert worden sind, end- 
lich zur Entscheidung kommen^''). 

Am Schlüsse dieser Andeutungen über die Alter- 
tlüimer des gygäischen Sees und ihren Zusammenhang 
mit griechischer und italischer Culturgeschiclite darf ich 
wohl bei der Gesellschaft die gemeinsame Ueberzeugung 
voraussetzen, dafs eine gründliche Fortsetzung der auf 

Kol. !>. 14 mit Kadmilos zusammengebracht. Mein Bruder 
Georg glaubt in der ersten Sillie can-is, xvmv zu erkennen 
und in }iti).iws das skt. |i;ila-s rex, dominus. Vgl. llulor's 
Zeitschrift Tür die Wissenschaft der Sprache liand II, 8.22011. 
Diese Spuren scheinen allerdings auf einen indogermanischen 
Ursiirung der Ijdisrhen Sprache hinzuleiten. 




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EXEMPPVM E P I STVIAE A D H E RAG LIT V M 
QViA MQ VAM T YRANOR VMCIVITASOR E GINEM 
DATI3ENE/ICIIN0NOSTENDATNEC/ACILE QVAE , 
PERERR0REMAVTUCENTIAMV5VRPATASVrrPPRAE( 

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QVONIAMDIVIANTONPMIPARENTISPJOSTRILITTE 

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ANTONIIHlBERIGRAYISSJMIPRAESIDISaVODATTINET 

ADIPSOnYRANOSQYIQVEABIlSSECVNDVMLEOES 

E0RVM1MNVMERVMCIVIVMADSVMPTI5VNTEXPR1 

5TIN0M0RENIPT1LMVTARIV0LVMVSRETINEANT 

IGITVRQVAQVARATIONE QVAESITAMSJVEP OSSESSAM 

PRIVILEGIICAVSAMINPROMERCAUBVSQVOaVERE 

BVSQVASTAM ENPRISTINOMOREPR 0/RSSlONlBVS 

ADDISCERNENDAMVNI/ICAMERCIMONIORVMEDE^ 

DASESSEMEMINERINTSERCVMRLYRICI/RVCTVM 

PERAMB1TI0NEMDEMINVIN0N0P0RTEAT5CIANT 

E0SaVlP0STHAC/VERINTA]3SVMPTI/RYCTYM , 

JMMVNITATISITADEMVMHABITYROSSIEOSlEGATVSl 

ETAMICVSNOSTERYCIYRECIVITATISDIGNOSESSEDE; 

CRETOPRONVNTIAVERITQVO SCREDIMVSSATISA 1 
BVNDEQVAESIBICONSVLTVMSIGRATI/VERINTEXI I 
STIMATVROSaVODORIGJNEBENE/ICIINONQVAE^II 
TADIGNOSHGNORECIVESAIERIPRAECEPERJMV.? [S 

OOYINIOITEPTyAAOZ APXOYII BOYAMAM 
MOTYPANQN XAIPEIN | 

ANTTPA4^0NTDNeEIONPPAMMATQNPTEM i 
4>eENTi;:)NM OIYTTOT a NKY-PIQNHMQ NAN EI 
KHTQNKAIEYT¥XE2:TATQNA¥T0KPAT0P q n 
TOYTOIZMaYTOIZEPAMMAZINTTPOETASAG 
TTQZENGNTEZTHNeEIANEIZYMAZMEEAAO 
AQPIANTHMEEAAHAYTaNTYXHEyX7\PIETH 
XHTEEPPQEGAIYMAEKAIEYTYXEIN7T0A 
AGIERTE EINE YXGMAl ATPEAO0HPPP^O 

IPKAAANADNMAPTION ARrNEQNOE H 
ANE ETA GH ETTI MG YKIA N Y KAI 4^ AB I AMOT 
•YTTATQM E NT^I} ^EMP(^ ETEI <^ 
APXHETTAIAIGYKAATTOYPNIOY^ 



161 



162 



dem lydisclien GriiberfeKle liegoniK-iicn UntersiifliiingM) 
im Interesse liistorisclier iiiul iircliiiologisclier Koisclmiig 
in lioheiii (linde vviinsclienswertli sei. Wenn n.icli den 
\(iiliegernlen Kii'alirungen die (;r:d)iiiig auch sclivi icriger 
ist, ;ds aiaii erwarten konnte, so hat man doch den un- 
schiitzhareu Vortiieil, hei diesen Monumenten mit mathe- 
matischer Genauigkeit den Zielpunkt der Untersuchung 
feststellen zu können. Möchte es vergönnt sein, heim 
nächsten Winckelmannsleste, die Kenntniis des grofsen 
Königsdenkinals, seines Baus und seines lidi.dts zu ilen 
Jieu gewonnenen lirgehnissen unserer Wisseusclialt zu zidi- 
len! E. Curtius. 



III. 

Inschrift von Tvras. 



Iliezu dii 



L-nde Steinlal'el. 



Die Wiederholung der anliei mitgetheilten Inschrilt 
wird hollentlich den Lesern dieser üliitter nicht unwill- 
kommen sein, da sie bis jetzt nur in den (russischen) 
,, Schriften der Odessaer Gesellschalt für Geschichte und 
Alterthümer" T. II. Ahth. 2 und 3 S. 416—469 durch 
Hrn. P. A. Becker, Direktor des zweiten Gymnasiums 
zu Odessa, ihre erste Ijekaimtmacliung und zugleich eine 
ausiiilnliche Erklärung erhalten hat. Die Marniortaf'el, 
welche sie tragt, 6" 2'" Engl, dick, 4' 2" 1'" hoch und 
2' 6" hreit, und an ihrem unterem Rande mit einem 10" 
breiten, 4" langen Zapfen zur Einfiigung in eine Basis 
versehen, ward heim Pliiigen in dem Dorfe Ivorotkoje 
am linken Ufer des Dniesterlimans gefunden, auf dessen 
entgegengesetzter Seite die alte milesische Colonie 'l'yras 
(wo jetzt Akkerman) nach sicheren Angaben der alten 
Geographen zu suchen ist und beiludet sich gegenwärtig 
im Museum der (iesellschaft zu Odessa. 

Der Herausgel)er, dessen Erkliirung wir in den meisten 
l'unkten beitreten können, unterscheidet in der nur in 
ihren oberen Zeilen beschädigten Inschrift drei Bestand- 
tlieile, Z. 1—7, Z. 9—31, Z. 34 — 4.'), welche durch die 
Ueberschriften Z. 8 Exemplum epistulae ad fleraclitum 
Mn<l Z. 32, 33 'Oov'titog TtoiiO^Xag UQ/ovnt ßovlTj 
tii'if-iii) TvQurt'n- /uiQiiv sich deutlich sondern. Der zweite 
Abschnitt Z. 9 — 31 ist die Copie eines Briefes des Kaisers 
('omuMiilus .'in <len I'rocurator von Dacien lleraklitus. 
Der Z. 13 genannte divus Antoninus, parens noster, ist 
nimdich M. Aurelius Antoiinus, der Vater des Commodus, 
nicht Antoninus Pins, sein Grol'svater. Denn wäre dieser 
letztere gemeint, so hätte Commodus unter den fratres 



Imperatores Z. 14 (sonst divi fratres) seinen Adoptiv- 
vater I\I. Aurelius und L. Verus verstanden, und zugleich 
dem Vater des M. .\urelius, seinem Grofsvater Antoninus 
Pius, die Benennung parens gegeben. Läfst man diesem 
Worte aber seine eigentliche Bedeutung, so bleibt es 
auffallend, dafs derselbe M. Aurelius Antoninus zweimal 
unter verschiedenen Namen (als pareos und unter den 
Fratres Imperatores) erwähnt ist. Hr. Becker erklärt 
dies daher, dafs beide Brüder nach dem Tode des An- 
toninus Pius 161 u. Chr. zugleich zur Herrschaft ge- 
langten, aber nur bis 169 zusammen regierten, in welchem 
Jahre L. Verus starb, worauf M. Aurelius noch bis 180 
alleil! weiter herrschte. In dieser Zeit müssen also zwei 
Decrete an die Tyrener erlassen sein und es scheint 
natürlich, dals das beider Brüder das frühere war. 
Zur Erklärung der in dem Briefe des Commodus ent- 
gegengesetzten Aufzählung braucht man aber weder eine 
Verletzung der Zeitfolge anzunehmen, noch die Voran- 
stelhing des Vaters aus der Pietät des Sohnes (die nach 
Dio C. 71, 33 nicht vorausgesetzt werden darf) abzu- 
leiteu. .Sondern da L. Verus von 162 — 165 wegen des 
Kriegs mit den Parthern sich in Asien befand, erliefs 
M. Aurelius das erste Decret allein, und nach der Rück- 
kehr jenes gaben b;ide Brüder bei neuer Veranlassung 
zusammen ein zweites, dem Inhalte nach von dem früheren 
wohl nicht viel versclnedenes Decret. Aus dieser An- 
nahme folgt, dal's das Decret des M. Aurelius in die 
Jahre 162 — 165, das zweite beider Brüder in die Jahre 
166 — 169 fällt. Den Z. 15 genannten Antonius Hiberus 
gravissimus praeses ist Hr. Becker geneigt für den Consul 
des Jahres 133 n. Chr. zu halten, der in den Fasten den 
Vornamen M. führt, da nach Suet. Tib. 41 die Legaten 
der kaiserlichen Provinzen aus den consulares und prae- 
torii gewählt zu werden pflegten. Der Inhalt der er- 
wähnten drei Schreiben inufs wegen ihrer Zusammen- 
fassung zieudich gleichartig gewesen sein und nicht viel 
verschieden von der Bestimmung des Commodus, die da- 
hin lautet, es sollen die 'l'yrener ihre bisherige Immurntät 
von der Zollsteuer (eingehender Waaren), und zwar auch 
der ausgehenden Waaren behalten, nur müsse wie bisher 
eine Meldung bei der Behörde über das Steuerbare ge- 
schehen. Dieses Privilegium v^ird sowohl den eingebornen 
Bürgern zugestanden, als auch den nach localen Gesetzen 
von aufsen her aufgenommenen, nur soll der Eintritt in 
das Bürgerthum hiidort an die Entscheidung des kaiser- 
lichen Legaten gebunden sein. Diese .Alaafsregeln haben 
statt, damit die Einkünfte von Illyricum (wohin die 106 
n. Chr. eingerichtete Provinz Dacien gehörte) nicht per 

B 



163 



164 



ambitiooem geschmälert würden. Hr. Becker hält diesen 
Ausdruck (S. 451) für einen mit absichtlicher Zweideu- 
tigkeit gewählten, indem er sowolil auf die Bitten der 
Tyrener (ambire, vgl. Z. 18. 20) als auf die ihnen vom 
Kaiser erwiesene Gunst Beziehung leide. Icli kann darin 
nur die natürliche Rücksicht auf das vorher genannte 
Privilegium der Tjrener gegeniiber andern nicht so be- 
vorzugten Städten finden, und wurde es übersetzen: „aus 
Parteilichkeit". 

Der dritte Abschnitt Z. 34—45 ist das Schreiben des 
Oviuius Tertyllus an die Archoiiten, die Bule und den 
Demos von Tyra. Hr. Becker halt diesen Oviuius, wie 
jenen Heraclit, für einen Procurator von Dacien (S. 433. 
459) und zwar für identisch mit dem Dig. 38. 17, 1. §. 3. 
49, 15, 9 in einem Rescript des Septimius Severus und 
Antoninus erwähnten praeses von Mysia inferior, natür- 
lich aber nicht gleichzeitig mit beiden Aemtern bekleidet. 
Sein Vorname sei wahrscheinlich Q., da einmal in der 
letzten Stelle der Dig. die Lesart zwischen Oviuius und 
Quintus schwanke. Dagegen kann ich Hrn. Becker nicht 
zugeben, dafs unser Ovinius nach der Sitte der Kaiser- 
zeit seit den Antouinen zwei Gentilnamen führe, sondern 
lialteTertuilus für sein cognomen. (s. Ellendt, de cogno- 
mine et agnomine Romano, Regiment. 1853. S. 76. 84). 
Richtig ist weiter bemerkt, dafs sich der Ausdruck uvii- 
yQU(fov tiuv üiiwv yQ(if(fi(xTwv Z. 34 auf beide vor- 
stehende kaiserliche Schreiben beziehe, sowohl auf das 
an den Heraklitus als das an Tertyllus gerichtete im 
Anfang verstümmelte. Die Worte vnd tüiv xvgloyv ri/.iwv 
— uvioxQUTopujv Z. 35. 36 können aber nur auf die 
lebenden Kaiser Severus und Antoninus gehn, die das 
Schreiben Z. 1 — 7 an 'l'ertyllus richteten und wahrschein- 
lich zugleich den Brief des Commodus an Heraklitus, 
auf den sie sich bezogen, überschickten. Denn dafs diese 
Kaiser die Verfasser des ersten Bestandtheils unserer In- 
schrift sind, ergiebt sich aus der am Schlüsse von Tertyllus 
hinzugefügten Zeitbestimmung, demConsulate des L. Annius 
Fabianus und M. Nonius Annius Mucianus, im Jahre 201 
n. Chr. In den Worten ümdö&ij n(ju ly y.aluvdäiv BluQ- 
ttiZv ylriViwvdg 7} findet Hr. Becker (S. 466) eine An- 
gabe des Tages, an welchem das kaiserliche Schreiben in 
Ovinius Hiuide gelangte, während ich darin nur das 
Datum sehen kann, an welchem derselbe sein Schreiben 
an die Tyrener ausfertigte (vgl. C. J. T. 3 p. 302). Das 
Jahr fehlt bei dieser Angabe, weil es dasselbe war, in 
welchem die Tafel aufgerichtet wurde, worüber eine drei- 
fache Zeitbestimmung nachfolgt, tjach den Consuln Roms, 
nach einer uns unbekannten Aera im 145. Jahre, endlich 



nach dem Regiment des P. Aelius Calpurnius, welcher 
praeses oder Legat der Provinz Dacien gewesen sein 
mufs, sonst aber nicht weiter bekannt ist. In der Be- 
stimmung des Datums des ausgefertigten Schreibens nach 
römischem und epichorischem Kalender ergieljt sich aber 
wenigstens bei unserer mangelhaften Kenntnifs dieser 
Verhältnisse eine Discrepanz. Denn der Lenäon, welchen 
die Tyrener als milesische Colonie mit den ionischen 
Staaten gemein hatten, reichte vom 24. Januar bis zum 
21. März (Hermann, Griecli. Monatskunde S. 68). Da- 
nach müfste der 8. Leniion auf den 31. Januar fallen, 
während er hier dem 17. Februar gleichgesetzt ist. 

Der seiner Stellung nach erste alier unvollständig 
erhaltene Abschnitt Z. 1 — 7 enthält das Schreiben des 
Septimius Severus und des Cäsar M. Aurelius Antoninus 
(seines ältesten Sohnes Bassianus) an Ovinius und scheint 
nur eine Bestätigung des früher usuellen Rechts, nichts 
wesentlich Neues auszusprechen. Hr. Becker glaubt mit 
Berücksichtigung aller Umstände die lückenhaften Zeilen 
also herstellen zu müssen: 

[Imperatoriam privi-] 
fle]gii auc[toritatem, epistula de iure immu-] 
uitatis inspecta, quod [vobis datum ex ae-] 
qua ratione videbatur, cum iusta [religi-] 
5 one servavimus, ut neque ipsi con!.[titutio-] 
ne diuturna pellerentur, et in poste [rum] 
decreta civium assumendorum coiisi[lio] 
praesidis provinciae c. v. perpenderent[ur]. 
Die Kürze der hinzugefügten ersten Zeile vertheidigt 
derselbe durch die Analogie der Ueberschrift: Exemplura 
ep. ad Her., welche ebenfalls den Raum nicht gänzlich 
ausfülle, und glaul)t die übrigen Ergänzungen auch da- 
durch empfohlen, dafs sie den Zeilen fast dieselbe Bucli- 
stabenzalil gewähren, nämlich Z. 3, 4, 6, 7 drei und 
dreilsig Buchstaben, Z. 2, 5, S fünf und dreifsig. Ferner 
hält er sich überzeugt, dafs im Anfange der Inschrift 
nichts weiter fehle (S. 421), obwohl er S. 465 richtig be- 
merkt hat, dafs das Originalschreiben der Kaiser an 
Ovinius herkömmlicher Weise begonnen haben müsse: 
Impp, Severus et Antoninus A. A. Ovinio Tertyllo. Mit 
allen diesen Voraussetzungen können wir nicht einver- 
standen sein. Gewifs stand jene Präscrijjtion auch in 
unserer Inschrift, die ohne sie eine kopflose wäre. Die 
Kürze der ersten supplirten Zeile wird durch die beige- 
brachte Analogie nicht geschützt, weil sie eben keine 
Ueberschrift ist. Ebensowenig ist es richtig, dafs im 
Anfange der zweiten Zeile nur die Buchstaben LE Platz 
haben, sondern es werden hier die Sylben VILE gestan- 



165 



166 



den lial)en, dn L in unserer Inschrift iilierall mit kurzem 
llorizontalslricli ersciieint. Folglich stand am Ende der 
vorausgehenden ersten Zeile nur PRI und es ist diese 
vollständig auszufüllen. Dafs al)er mit ihr das Schreihen 
nicht l)egonnen hahe, ist schon deshalh wahrscheinlich, 
weil eine Verweisung auf den folgenden Brief des (^oni- 
modus an Heraklitus vermil'st wird, die in anderen Fidlen 
nicht zu feiilen pUegt. Vgl. den Stein von Torigiiy I, 
Z. 22 hei Mommsen, Berichte iiher die Verhaiidl. d. (Jesch. 
d. Wiss. zu Leipzig 1852. III. IV. S. 238. C. J. n. 4896, 
A, 6, 7, 8. B, 4, 5, 6. 4956, A, 2, 3, 4. 4957, 1, 2. Die 
fast erhaltene 8. Zeile enthalt zwar 35 Buchstahen, aher 
diese Zahl ist für die vorhergehenden nicht ganz mafs- 
gehend, weil in ihr zwischen der Al)l)reviatur 'C' V' sich 
gröfsere Spatien lielinden, und weil der Steinmetz ge- 
nöthigt war, in diese Zeile als die letzte den Schlufs 
des llescripts zusaninieii zu ilrangen. In dem folgenden 
Schreilien an Heraklitus schwankt die Buchstal)e[izahl 
zwischen 32 und 43. Dafs Zeile 6, 7, 8 richtig ergänzt 
sind, ist augenscheinlich. Alier schwerlieh hat sich Ilr. 



Becker zum Bewufstsein gehracht, was eine constitutio 
diuturna Z. 5 hedente, da er S. 458 constitutio in dem 
gewöhnlichen Sinne von Verordnung fafst. Es mufs 
heil'sen cons[uetudi]ne. Ebenso ist Z. 3 vohis unerträg- 
lich wegen der gleichlolgenden dritten Person ipsi, wie 
Ilr. Becker S. 457 sellist gefühlt hat, ohne gleichwohl 
diese Ergänzung zu unterdrücken. Die Ueherreste VU 
führen ebensowohl auf ^'0, als auf VS, und ich erganze 
daher mit Rücksicht auf das Schreihen an Heraklitus 
Z. 19 quod[usu firmatum qua] qua ratione videhatur. 
Auch an iusta [religi]one Z. 4 nehme ich Anstofs. Es 
wird ein längeres Wort erfordert, weil sonst die kurze 
Zeile von 32 Buchstahen keinen Grund zur Sylhenthei- 
lung bietet. Ich möchte dafür [approbatio]ne oder noch 
lieber [restrictiojne , so dafs die folgende Gliederung ut 
iieque ipsi pellerentur und et de creta perpenderentur 
durch das Vorausgehende usu firmatum quaqua ratione 
servavimus und justa restrictione (oder distinctione) seine 
Begründung fände. Den Anfang des Satzes wage icli aber 
nicht zu bestimmen. 

Dorpat. L. Mercklin. 



IV. All 

72. Die Aloiden. Ein archaisches Gefäfs mit Dar- 
stellung eines delphischen fllythos auf beiden Seiten ist 
aus den Monuraenti dell' Instituto II, IS bekannt: einer- 
seits erscheint dort Apoll mit Greifengespaun im Kampf 
gegen Tityos, der seine Älutter Leto ergriffen hat; 
andrerseits sind zwei gellügelte Riesen im Anzug gegen 
Apollon und Artemis, eine noch mit zwei Nebenfiguren 
verknüpfte Scene, welche Panofka (Annali VII, 86) auf 
Hyperboreer gedeutet hat, die er nämlich von den Söhnen 
des Nordwinds, Kaiais und Zelhos, zu den Gottheiten 
Delphis geleitet glaubt. Nach einer andern Erkliirung 
dieser räthselhallen Scene glaubt Ilr. de Witte (Cat, 
Durand no. Iil52 p. 440) Pldciiyas und dessen Tochter 
Koronis, durch Keren nach Delphi geschleppt, darin zu 
erkennen ; dieser h^rkliirung hat auch der jetzige Be- 
sitzer des Geiäfses, der Herzog von Lujnes, sich ange- 
schlossen, indem er hei neuer Herausgabe dieses Kunst- 
werks (Descr. de quelques vases peints, Paris 1840 fol, 
pl.VIl p. 4) Ischys und Koronis darin erkennt, die von 
Dämonen dem Apoll zugebracht, seiner Rache entgegen- 
sehen, und auch die Herausgeber der Elite ceramogra- 
phicpie (II, pl. LIX p. 173) haben dieselbe Erklärung neu 
angenommen. Noch eine andere Ansicht jedoch drängt 



: r 1 e i. 

zu Erklärung jener anziehenden Darstellung bei Erinne- 
rung an den Mythos der Aloiden sich auf, deren gi- 
gantische Natur aus der Odyssee (XI, 305) und aus 
Eratosthenes (A\<il'iöug yijyfnTg ii'vai 'Eg. (pr/ni Eudoc. 
Violar. bei Villoison Anecd. I p. 12, 37, 442) hinlänglicli 
bezeugt ist. Die tödtliche Züchtigung, welche in Folge 
ihres Angriffs auf der Artemis oder der Hera Keuschheit 
(Callim. H. Dian. 264) jene beiden Brüder, den Otos 
und Ephialtes, traf, wird durch die iMehrzahl der Zeug- 
nisse dem Apoll (Odyss. XI, 305. Schol. Iliad. V, 385. 
Apollod. I, 7, 5. Callimach I. c. Apoll. Rhod. I, 484. 
Eudocia I. c), von Andern aber zugleich ihm und der 
Artemis beigelegt (confixi sunt Dianae et Apollinis felis: 
Mythogr. lat. ed. Bnde 1834 p. 29 I, 83. 92. 53). Dafs 
hienach die beiden riesigen Gegner der beiden Gotthei- 
ten in der That auf die Aloiden sich deuten lassen, geht 
theils aus ihrer Aehnlichkeit mit den, mitunter gleichfalls 
geflügelten, Giganten wie auch mit dem geflügelten Talos, 
theils auch aus dem Umstand hervor, dafs jene gigan- 
tische Natur in einer Variante derselben Sage (Mythogr. 
Bode II, 55 p. 93) in Tödtung durch Donner und Blitz 
sich bekundet. Die mit derselben Sage verknüpfte örtliche 
Beziehung auf Naxos (Schol. Pind. Pyth. IV, 156. Schol. 



167 



168 



Hom. Iliad. V, 385) darf liienelien als spater betrachtet 
werden (vgl. Scliol. Odyss. XI, 371 ot rdüriQot q^aal rr^v 
Z4qti/.icv fAet^ov ni/.itpat). Was aber die weibliche Neben- 
figur mit spitzem Kopfputz betrifft, deren Gewand Ephi- 
altes ergreift, so scheint eben jener Kopfputz eine An- 
deutung darzubieten, dafs in ihr Hera gemeint sei (vgl. 
Gerbard Gottli. der Etrusker JS47 Taf. III, 6). Neben 
dieser Hera erblickt man eine, nach Anleitung ihres 
schwarz gelassenen Gesichtes, für männlich zu eraclitende 
Figur: in dieser kann Hermes oder auch Ares gemeint 
sein, dessen Einsperrung durch die Aloiden im Hyper- 
boreerland anderweitig bekannt ist (Scliol. Hom. Iliad. V, 
385); auf diese hyperboreische Oertlichkeit, in welcher 
jener ganze Götterkampf vorauszusetzen ist, scheint denn 
auch der vor Apolls Wagen gespannte Greif zu deuten. 
Den Kriegsgott in voller Bewaffnung hier zu erwarten 
ist kein dringender Grund vorhanden; eine helmähnliche 
rothe Kopfbedeckung jedocii scheint, nach dem in der 
Elite cerainograpliique gegebenen Stich, jener Figur zu- 
zukommen. Wird übrigens die hier vorgeschlagene Er- 
klärung angenommen, so läfst das liiemit besprochene 
Gefäfsbild, welches in seinen zwei Hälften beidemal 
apollinische Triumphe über gezüchtigte Feinde uns vor- 
führt, vielleiclit auf Vorbilder eines zweifachen apolli- 
nischen Tempelgiebels sich zurückführen. 

Aus Mitthcihinyeii des Hrn. Sam. Birch. 
73. Ares und Hei'hästos. Das bekannte Vasen- 
bild des brittischen Museums (elite ceram. I, 36. Wieseler 
Theater 9, 14), auf welchem Enyalios (Ares) und Daidalos 
(Hephaistos) in der Tracht der Phlyaken auf der Bühne 
vor der thronenden Hera mit einander kämpfen, ist längst 
richtig dahin erklärt worden, dafs Ares den Hephaistos 
vergeblich zu zwingen sucht, die von ihm an ihren Thron 
gefesselte Hera wieder zu befreien. Sehr schon ist 
Müllers Vermuthung, dafs das Fragment der Sapplio 
(8S Neue. 71 Bergk): o t)' y4givg cpatai xtv '^(fuiarov 
uyrjv ßi'ii auf diesen Zug der Sage zu beziehen sei; 
allein ein bestimmtes Zeugnifs für diesen Kampf ist 
meines Wissens noch nicht beigebracht worden. Ein 
solches findet sich bei Libanius (I p. 1099 R. Westermann 
mythogr. p. 372), wo es lieifst von Hephästos, der vom 
Olymp herabgeworfen bei Thetis verweilt: noiil di xul 
&q6vov Tfi (trjTQi ömgov, urpaveig i'/uviu öiafiovg, y.ui 
nf/iinn. xul tj fiüXa xt r^a^ri rw öd'iQd) xal xuO^tCävti 
xui iöt!}rj xal o Xvadjv oux rjv. /3ov7.fj lif yivtzai i/tiöi/ 
mgl T^5 itg ovguvovg uvußdanog Htfalaxov /xövov yug 
UV ixtTvuv xul Xvaat. atydivriov ovv riöv uXXwv xal 
anoQovvTwv 'y/p»;; vnia/ytiTui xul ilO-iuv nqdtzti fiiv 



oväiv, ulaxQwg öi unuXXuTTiTui nvQaoTg avTuv dnuu- 
TiünuvTog ^Hifuiarov. Der Schlufs der Erzählung, wie 
Dionysos den Hephästos zurückführt, ist dort verstümmelt, 
aber sonst ja bekannt genug. Otto Jahn. 

74. QEFYTAl, NEKAYA02. Wie mir scheint 
hat K. Fr. Hermann (archäol. Ztg. N. F. p. 237f.) das 
Vasenhild bei Gerhard auserl. Vasenb. Taf. 238 sehr richtig 
auf die Gefangennehmung des Silens durch die Leute 
des Lityerses gedeutet, welche ihn vor Midus führen; 
obgleich ich ihm darin nicbt so unbedenklich beistimmen 
möchte, dafs für BEPVTAI 0EPIZTAI zu lesen 
und dies als eine Hinweisung auf das gleichnamige Sa- 
tyrdrama des Euripides aufzufassen sei. Denn litterarische 
Citate der Art bleilien mir auch nach Bergks scharfsin- 
niger Erklärung der TTATPOKAIA auf Vasenbildern 
immer noch sehr zweifeliiaft. Und hier giebt ©EPbV I AI, 
das doch wohl am nächsten liegt, auch wenn man Her- 
manns Erklärung annimmt, einen passenden Sinn; nur 
dafs man nach der Analogie der ül)rigen Inschriften den 
Singular erwartet zur Bezeichnung des Mannes, der sonst 
ohne Namen bieil)t. Auch darin kann ich Hermann 
nicht zustimmen, wenn er die Inschrift NEKAVUOS 
iu KEPAVl'OS ändern will, ich glaube vielmehr, dafs 
jenes denselben Sinn hat, obgleich ich natürlich zugebe, 
dafs das Wort falsch gebildet ist uud vfxvuvATjg heifsen 
müfste, aber einem ungebildeten Vaseumaler kann man 
es wohl zutrauen, dafs er ein Wort falsch schrieb. Ki- 
QuvXrjg bedeutet, \iie Hermann aus Lucian tragop. 33 
nachweist, den, welcher die mit dem xtQug cornn ver- 
sehene plirygisthe Flöte bläst. Dieser aber bediente 
man sich vorzugsweise bei Leichenbegängnissen und xt- 
Qui'Xtjg wird von diesen gemietbeten Flötenbläseru und 
daber begreiflicherweise verächtlich gebrauclit. So er- 
zählt Apulejus (Flor. 1 p. 17) von Antigenidas: is\ig'Uur 
cum esset in libic'inio uppritne nobilis, nihil ae(iue se la- 
borare el (inimo unyi et «ic«(c dicebal, ijuam (juod mo- 
numenlurii ceruuUie tibicines dicerentur*). Dieselbe Anec- 
dote erzählt Dio Clirysostomus (or. 51, 12): Kfrj ät Tig 
li'iv i)Xiy(i) Tifjoiipio (ftXuaöifiov ov rfuvXuv zu 'la/u/]- 
vluv Tovio fiuXiaiu uyuvuxXHv tu xuXitadui uvXtjiug 
zuig zv/.i/j((rl<tg. Hier lial)en wir ein Wort, das dem 
viKi uvXijg vollkommen entspricht, und e!>enso auf dem 
V'astnbild denselben Gegensatz zwischen der kunstge- 
rechten Doppelllöte und dem Kruumhorn. Otto Jahn. 

') In fliesem Sinne mag Arcliilochos ilas Wort gebraucht 
haben (l'oll. IV, 71. 6 iSt lOiV uvXoig ^(ijuijii'os faUijr»)? xul 
x(ni(v/.)ji xinii Tov 'A(i/lkoyov), etwa wie Ilipponax dein 
lAliininerinos ilen vö/jog xQaölug beilegte (Weicker kl. .Sehr. I, 

i..2i7r.). 



169 



170 



75. Ukalegon. In dem Oktoberstücke der D. u. F. 
S. 127 spricht sicli O. Jahn gegen die von mir versuclite 
Deutung des Namens Ukalegon auf der Vase des Herzogs 
von Ltiynes (Ann. XX!I, tav. d'agg. 11. I.) aus, welche 
icli auf Aciiilleus' Auszug zum Kampfe bezogen habe, 
und l)eweist eingehend, dafs die Vasentnaler und die 
allen Maler überhaupt bei der Benennung der unterge- 
ordneten Personen nicht selten mit grofscr Willkiilir ver- 
fuhren. Ich bin weit entfernt, dieser Beweisführung 
etwas entgegenstellen zu wollen, allein ich möchte darauf 
aufmerksam machen, dafs eine solclie Willkiilir die spie- 
lende Anwendung bezieliungsreicher Namen keineswegs 
ausscldielst, ja vielmehr deren uothwendige Bedingung 
ist. Und was gerade dieses Vnsenljild betrifft, so mufs 
bei ihm wohl auch die Bezeichnung der 'l'lietis als VVogen- 
güttin (Kymothea) geneigt machen, einen willkührlich 
gesetzten Namen nicht zugleich als einen bedeutungslos 
gesetzten anzusehen, um so mehr da die augenschein- 
liche Aehnlichkeit der Haltung und Bekleidung zwischen 
den F'iguren der Vorderseite und denen iler Rückseite 
auf eine Fülle versteckter Beziehungen in demselben hin- 
weist. Wenn al)er solche Beziehungen, wie es hier der 
Fall zu sein scheint, nicht aus der Aufgabe des Kunst- 
werkes mit Notliwendigkeit entspringen, sondern einem 
mehr oder minder glücklichen Spiele der Künstlerlaune 
ihren Ursprung verdanken, so wird es allerdings immer 
schwer sein, sich über die Grenze der dem Künstler zu- 
zuschreibenden Absichten zu verständigen, da sich leicht 
eine Beziehung darbieten kann, an welche er nicht ge- 
dacht hat, leicht auch eine von ihm beabsichtigte dem 
Erklärer entgehen wird. Die eigentliche Aufgalte, wie 
ich sie fasse, war in dem vorliegenden Falle eine sehr 
einfache, doch hätte ich sie in meiner Erklärung im 
'I'exte der Annalen vielleicht schärfer von dem absondern 
Süllen, was die spielende Bewegung der Künstlerlaune 
hineingetragen hat. Es galt zunächst nur den zum Kampie 
ausziehenden .Vchilleus, der aus der Hand seiner gött- 
lichen Mutter den Abscliiedstnink empfängt, in lebens- 
voller Gruppe liinzustellen und mit einer Reihe von Per- 
sonen zu umgeben, deren mythologische Berührung mit 
dem Helden des Ganzen sich ohne Weiteres darl)Ot und 
die ihm ein höheres Relief zu geben geeignet waren. 
Befand sich unter diesen auf der Rückseite auch Patroklos 
in einer ungefähr entsprechenden Stellung zu Thelis wie 
der Achilleus der Vorderseite, also mit einer Andeutung 
seines .Auszuges in den Kampf, befanden sich darunter 
ferner der greise Nestor, der II. XI, 79()ir. <len Patroklos 
zuerst ermuntert, den unterliegenden Achäern zu Hülfe 



zu kommen, und dessen Sohn Antilochos, der II. XVIII, 
2 dem Achilleus die Sciireckensnachricht von Patroklos 
Tode überbringt, so waren damit zugleich für den mythen- 
kundigen Beschauer der Andeutungen genug gegeben, 
dafs kein anderer Auszug Achills als der durch den Tod 
des Freundes veranlafste gemeint sei. Hierdurch war 
die eigentliche Aufgabe vollständig erfüllt, aber damit 
begnügte sich der Künstler nicht, sondern er suchte zu- 
gleich Situationen und Charaktere der dargestellten Per- 
sonen durch eine Reihe von Contrasten zu beleuchten, 
deren Vorhandensein die auf den ersten Blick in die 
Augen springende Entsprechung der gegenseitigen Figuren 
unabweislich aufdrängt. Wie der verhältnifsmäfsig heitren 
und künstlerisch wenigstens als heiter aufgefafsten Ab- 
schiedsscene des Achilleus die ernste Al)schiedsscene des 
Patroklos, (dem Thetis selbst die Schale wie unlustig ab- 
gewandt hält, so dafs Beide nicht einmal eine eigent- 
liche malerische Gruppe bilden und dadurch zugleich 
der im Verhältnifs zur Mittelgruppe des Hauptbildes 
mehr dekorative Charakter dieser Gestalten gewahrt 
wird), wie dem jähzornigen Agamemnon der weise und 
ruhige Nestor, so ist dem rücksichtslosen Myrmldonen 
Ukalegon der aufmerksame und rücksichtsvolle Antilochos 
auf der Rückseite entgegengestellt, und die Absicht dieser 
Entgegenstellung für das Auge durch die Aehnlichkeit 
der Haltung und Bekleidung zwischen den sich gegen- 
seitig durch Contrast charakterisirenden Figuren unver- 
kennbar angedeutet. Der Wunsch, den mythisch be- 
kannten Charakter des Antilochos noch schärfer hervor- 
zidieben, war allerdings gewifs nicht der einzige Grund, 
der den Künstler vermochte, diesem Jünglinge den Platz 
unmittelbar bei seinem Vater anzuweisen, ja vielleicht 
nicht einmal der hauptsächliche, denn es wirkte dabei 
auch die Absicht, das Bild der Rückseite als dem Haupt- 
bilde gegenüber minder einheitlich gruppirt und dadurch 
als diesem untergeordnet erscheinen zu lassen: dagegen 
wird man die Annahme einer in der Charakteristik des 
Myrmidonen versteckten Anspielung auf eine Eigenschaft 
des -Achilleus wohl kaum zu gesucht finden. 

Bonn. L- Schmidt. 

76. Telephos und der Adler. Iu den D. u. F., 
1852, No. 43, hat 0. Jahn eine neue Erklärung des Adlers 
und Löwen auf dem berühmten herculanischen Gemälde 
mit der Ernährung des Telephos durch die Hindin in 
Vorschlag gebracht, die an sich gewiss sehr annehmbar 
ist. Da inzwischen auf der Bronzeniünze in IMüller's 
Denkm. d. a. K., Th. I, Taf. LXX, no. .391, deren Revers 
eine Darstellung desselben Gegenstandes enthält, der 



171 



172 



Adler auch vorkömmt, und zwar so gebildet, dafs die 
Jalin'sche Erklärung niclit so gut auf ihn pafst, so möchte 
er (und mit ilim natürlich aucli der Löwe) auch auf 
dem Wandgemälde anders aufzulassen sein. Riicksicht- 
licii des Adlers auf der Münze kann es nun wohl keinem 
Zweifel unterliegen, dafs man sicii ihn als Wächter des 
Telephos zu denken iiabe. Dieselbe Deutung auf die 
Thiere des Wandgemäldes zu übertragen, erlauben so- 
wohl äufsere als auch innere Gründe. 

Fh. Wieseler. 

77. Badeknecht. Auf der ficoronischep, Cista hat 
den Auslegern der Bursche des Polydeukes viel zu schaffen 
gemacht, welcher das BadegerJith seines Herrn trägt und 
mit geschlossenen Augen am Boden kauert. Aufschlufs 
giebt eine schöne attische Stele, deren Gypsabgufs im 
neuen Museum zu Berlin in der Rotunde sicii befindet. 
Nel)en einem l)is auf die Clilamys nackten jungen Mann, 
der einem bärtigen Alten im Älantel gegenübersteht, kauert 
auf der Erde ein Bursche mit Strigilis und Lekythos, 
offeDl)ar eingeschlalen, und dem auf der Cista ganz ähn- 
lich. Diejenigen Iiatten also Recht, welche nnnaliraen, 
der Knal)e sei, während Polydeukes seiner Dienste nicht 
bedurfte, über dem Warten eingeschlafen, und man sieht, 
dafs dies ein der Wirklichkeit entnommener Zug war, 
den man als charakteristisch iür das palästrische Trei- 
l)en ansah und deshall) gern anbrachte; es ist ein neuer 
Beleg für die Walirneliuiung, dafs in die Darstellung der 
Cista mit Vorliebe Ziige des gewöhnlichen Lebens und 
Verkehrs aufgenommen sind. Otto Jahn. 

78. CoKTCUs. Ich habe (ficor. Cista p. 29) Brauns 
Hypothese, der im Gymnasium zur Uebiing für die Faust- 
kämpfer aufgehängte Schlauch (Kwgvxog) sei in der Sage 
die dem Amykos abgezogene Haut, als unljegründet zu- 
rückgewiesen. Ich halte es fiir Schuldigkeit ihm wenigstens 
ein Surrogat zu bieten in einer Stelle des Servius 
(Aen. VIII, 138): 

Mercurius etiam palaestrae inveetor hoc modo esse 
narratur. Clioricus [Cori/ciisJ rex quidam Arcadiae lilios 
liabuit Plexippum et Enetum [Aimacum] et Palaestram 
filiam. Sed iuvenes cum casu inter se haberent certamen, 
inpressioue et nisu corporum invenerunt luctamina. qui 
cum hoc patre praesente facerent et ille re nova dele- 



ctaretur, ex ea re ludus factus est. quam rem Palaestra 
soror iuvenum fllercurio amanti se prodidit, qui cum rem 
novam vidisset, pleniorem de industria artem homines 
docuit. hoc seni iuvenes a sorore proditum nuntiavit 
[jnr»(i(ni/], ille iratus est potins filiis, qnod non tamquam 
iurem Mercurium insequerentur. quem cum illi in monte 
dormientem invenissent, manns ei amputaverunt, unde et 
ipse Cyllenius et raoiis dicitur, nainque Graece xvXXov? 
aliqua mutilatos corporis parle dicunt, unde etiam liermos 
[ficrm«s] vocamus quosdam stimulos [stjptfes] in modum 
signorum sine manibus. Mercurius vero novi [lovi] con- 
questns Choricura [Corycum] evisceratum in folliculum 
redigi fecit, amatam vero suam Palaestram remuneratus 
omne luctamen quod corpore conficitur palaestram vo- 
cari fecit. 

Dafs wir hier es nicht mit einem echten Mythus, 
sondern einer späten aus den Namen herausgesuchten 
Fiction zu thun haben, bedarf wohl keiner Erinnerung. 

Otto Jahn. 

79. Silen als Göttergehäüse. Dem Plato ver- 
danken wir im Gastmal S. 215 a folgende merkwürdige 
Mittheilung: „Den Sokrates will ich (AIcibiades) auf die 
Weise, Männer, durch Bilder zu loben versuchen. Dieser 
wird vielleicht nun glauben, um ihn mehr ins Lächerliche 
zu zielien. Das Bild jedoch wird vielmehr da sein der 
Walirlieit wegen, nicht des Lächerlichen. Ich behaupte 
nämlich demnach, dafs er sehr ähnlich ist diese» in den 
WerkstiilleH (]i;r Bildhauer sitzenden Silcnen , welche die 
Bildner arbeiten mit Hirtenpfeifen oder Flöten in der Hand, 
und die, wenn man sie uiiseinunde.r nimmt und öffnet, 
inwendig zeigen, dafs sie Götterbilder enthalten, und so 
behaupte ich, dafs er dem Salijr Marsyas gleicht '). 

Hiemit ist zu verbinden S. 216b: „und er weifs nicht 
wie sehr diese seine Erscheinung dem Silen ähnlich ist; 
diese nämlich hat er aufserhalb umgeworfen, wie der 
Silen im Bildwerk; wird er al)er «oh innen geöffnet, von 
wieviel Weisheit meint ihr wohl, 'I'rinkgenossen, ist er 
erfüllt?" -j. 

Endlich S. 2I7A. „Nachdem er sich ereifert und er- 
öffnet, ich weifs nicht ob da einer seine Prachtstücke im 
Innern beobachtet hat; aber ich habe sie schon ehemals 
gesehen und mir schienen sie so göttlich und golden, so 



') ^Irrj/ii yÜQ (Ji) ö^uoioinroj/ ki3i6j' tlvai xolg Sttlr]- 
voTs tovioiq joTs iv roig inuoyf.vffeioig y.rt9riin ^roig' 
ovsTivceg fQytiCovTdi Ol (hj/iiovnyol avQtyyag ^avXoig f/ov- 
Tug- o'i i i/iiSt ö toiy_!Kvfis if aivovxai ivdoOev uyH- 
HUTu i/ovjig löJv . . . . 



') K((t (fifi'i av loiy.irai ctvröv iijj aiiTvQii) rij! 
niccQavit. — [1. 2lö(J: xal oviSiv oJJfv, mg lö a^tjuu iciitov 
jOL'TO. ov (7f/i/j)'W(Jff ; a(fö(S(>a ye. tovto yuo ovjog fitolliv ni- 
()iß^,i).r)rai, iSgiren 6 f yi.v/^ifid'Og ^ei).T]VÖg. tväo!hev äi 
ttvoi/'hilg, Tiöatig oiiaiu yf'un, <o liväneg avuTrörai, aco- 
(fQOavvrig; 



173 



174 



vollkommen scliön und bewiindernswerth, dafs ich in 
kurzem alles tliiin mufste, was Sokrates mich lieifsf"). 

Diese für antike Kunst, Religion und Sitte gleicli 
lelirreiclien Stellen liahe ich in Äliiller's Hanilbuch der 
Archäologie, selbst in der neuesten Ausgabe von Weicker, 
au verschiedneu Orten vergebens gesucht. Wie wenig 
sie überhaupt bisher die Aufinerksandveit der Archäologen 
auf sich zu ziehen vermochten , beweist schon der Um- 
stand, dafs selbst Dr. Brunn in seiner geistreichen Ge- 
schichte der griechischen Künstler (S. 271), wo er von 
Sokrates dem Bildhauer und dessen Vater Sophroniskos 
gelehrt handelt, bei der Stelle desLuciau^), die den So- 
krates an der Hermoglyphik grofs gezogen bezeugt, unsre 
platonische, obvvoldsie jene zu ergänzen vermag, übersah. 

Dagegen hat ein andrer verdienstlicher Alterthums- 
iorscher, Direktor Petersen, in seinem „Hausgottesdienst 
der alten Griechen" auf dieselbe Rücksicht genommen, 
sie aber in der hienächst folgenden Weise aufgeiafst. 
„Am gewöhnlichsten scheinen indefs diese Schreine die 
Gestalt einer Herme geliabt zu haben mit dem Kopf 
entweder des Hermes selbst oder eines Silenos, dessen 
viereckiger Untersatz den Schrein bildete. Einem solchen 
Silenos, der die schönsten, bewunderswürdigsten, goldnen 
Götterbilder in sich barg, vergleicht AIcibiades !)eim Plato 
den Sokrates wegen seines Reichlhums an schönen Ge- 
danken bei liäfslichem Aeufseren". In welchem Grade 
die Stelle des Plato hier mifsverstanden ist, dürfte nicht 
schwer zu erweisen sein: denn Plato's Worte Silene die 
sitzen schliefsen schon an und iür sich die Idee von 
Hermen und viereckigem Untersatz aus. Die Heobachtung, 
dafs, bei der nicht geringen Anzahl Hermen verschiedner 
Gottheiten und Dämonen, der kahlköpfige Silen gerade 
derjenige ist, für den am seltensten diese beinlose Form 
sich nacliweisen last, vermag ihrerseits die Unzulässig- 
keit dieser Hypotliese zu bezeugen. Irre ich nicht, so 
entsprang die falsche Auslegung aus dem Blifsverstäud- 
nifs des Wortes t^f^ioyXvqtiu. Statt diesen Ausdruck 
allgemein als eine Bezeichnung der Werlcstiitte für Bild- 
hauer, welche Hernien, Grabsteine, Vasen und ähnliche 
untergeordnete Arbeit in Stein oder auch in Holz°) aus- 
führten, zu verstehen, fühlte Hr. Petersen sich gedrungen, 
das Wort auf eine Werkstälte, wo nur Hermen gear- 



beitet werden, zu bescliränken und daraus die Hermen- 
form der Silene zu folgern. Allein wünschen wir ein 
treues Bild eines tQ/iioyXvqiaov uns zu vergegenwärtigen, 
so genügt ein Blick auf die in meinen Bildern antiken 
Lebens Tafel Vlll, 7 gravirte Paste, wo ein Künstler mit 
Hammer und Meissel an einer marmornen Amphora be- 
schäftigt sitzt, indefs danelien das Idol einer eingewin- 
delten Göttin und weiter rechts ein weiblicher Kopf auf 
einer Säule sichtbar ist. 

Anerkennung verdient, dafs in dem eben erschiene- 
nen Werk Hrn. Lionnefs ,,Palaion, die alte Welt" beider 
Beschreibung Athens die oöof Tiüv tQfioylvif iüov nicht 
vergessen ward, nur durfte sie nicht (S. 59) als eine 
Strafse der Hermoglyplien, d. h. der Hermessäulenmacher 
bezeichnet werden, sendern als eine Slrufse der Hermo- 
glypheen, wo nicht Hermessäulen, sondern Pfeiler mit 
Hermes- und anderen Götter und Menschenköpfen ge- 
arl)eitet wurden. Diese Berichtigung geschieht keineswegs 
aus Pedanterie und darf nicht als unwesentlich betrachtet 
werden. Denn aus dem griechischen Strafsennamen 
lernen wir, dafs in alter Zeit wie heut zu Tage Bild- 
hauer aus denselben guten Gründen ihr Atelier )iic/(t 
unter gleichem Dach mit ihrer Wohnung wählten; da- 
gegen Strafsen, wo Wohnung und Arbeitslokal zusam- 
menhing, wie z. B. 7/ T(~tv xtßioronoiMV die Strafse der 
Klslunmacher, mit gleichem Recht von den Bewohnern 
und nicht von der Werkstätte ihre Benennung erhielten. 

Dafs der Kopf des Sokrates mit dem des alten 
Silen in Stumpfnase, aufgeworfnen Lippen und kahler 
Platte die gröfste Aehnlichkeit verräth, bezeugen die Denk- 
mäler des schriftlichen und bildlichen Alterthums einmiithig. 

Fragen wir nun weiter nach sitzenden Silenen, welche 
entweder eine Hirtenpfeife oder Flöten halten, so bieten 
Vasenbilder sehr häufig die Anschauung des Marsyas 
uns dar, wie er auf einem Fels sitzend bald die Flöten 
spielt'), liald sie nach Beendigung dieser Uebung in der 
Hand hält. Dafs indefs derselbe Silen Marsyas auch eine 
Hirtenpfeife zu halten berechtigt ist, ergiebt sich theils 
aus seiner Assimilirung mit Pan bei Gelegenheit des 
Musikunterrichts des Olympos, wo auf herkulanischen 
und pompejanischen Wandgemälden wie auf Marinor- 
gruppen ') die Hirtenpfeife bisweilen die Stelle der 



') |>. 216?: ajToväüaavjog öi «vrov xcd uvoiylKvTog ovx 
olSa tX jtg iioQaxe in Iviös (lyeiX/xaTa. äi,i.' iyui ij<irj nox' 
ftäov, y.aC [ioi läo^tv ovro) &ettt xal jrqvaä elvai xal nüyxai.u 
xul 0icvuttaiü,äaj(7ioiT]T^oi\iircci lt'ß(iaxHÜ Tixtlivti^lujxfiditjg. 

') Luc. Sümn. c. 12: 6 öi 2^u)X()ih>jg xid uviüs vtiö t;] 

iQflO)dv<flxij TUVTl} jncKfils. 



') Hes. y/lüi/»«/' ft'(T«/, /ttQdiai. — ivöiaaav iv iiio- 
lx(i't]V. cf. Seh. ad Suph. Oed. Col. v. 100. 

«) Millingen Vas. Coghill PI. 19. .Mus. Blacas pl. 21. 

■^ Pitt. (rKrcoI. Vol. I, 9. Mus. Borb. Vol. X, 4. Vol. X, 
22. Call. <li Fir.lV, 72. [Vgl. Arch. Zeit, (j, 318fr. A. d. B.] 



175 



176 



Flöten einnimmt, tlieils aus dem Ijeriilunten Leuchter 
von Coitoiia (Mon. tl. Inst, nrcli. 111, 42), der jede der 
acht Sirenen von zwei hingekaiierten Silenen eingeschlos- 
sen zeigt, deren einer die Flöten, der andre die Syrinx 
spielt. Wir dürfen liiel)ei nicht iil)ersehen, dals Flöten 
und Hirtenpfeiie, so wenig sie in den Händen des 
Marsyas helVemden können, dennoch, wenn nicht des 
Alcibiades Vergleich zwischen Marsyas und Sokrates 
hinken soll, noch eine Anspielung auf des Sokrates Per- 
sönlichkeit in sich schlielsen müssen. Erinnern wir uns, 
dafs "erade diese beiden Instrumente wegen ihres ero- 
tischen und elegischen Charakters vorzugsweise in den 
Händen der Sirenen auf Bildwerken uns begegnen, so 
lie"t die Vermuthuiig nahe, dafs dieselben auch hier das 
Sirenenhafte d. h. das Anziehende und Fesselnde von 
Sokrates' Vortrag und Umgang bezeichnen sollen, zumal 
Alcibiades am Schlufs der Platonischen Stelle sich gerade 
iiber die bezaubernde Anziehuiigskralt des Sokrates so 
«inzweideutig ausspricht und <hidurch zugleich sein Ver- 
lialtnifs zu Sokrates, ähnlich dem des Olympos zu Marsyas, 
nns verräth. 

Suchen wir nun weiter über das eigenthiimliche 
Ijild des Silen uns Rechenschaft zu geben, so zwingt der 
griechische Ausdruck ih/üdt dtrny&iviig in zwei Theile 
geöffnet zu der Annahme, dafs der Obertheil der Figur 
wie ein Deckel abzuheben ging, wahrend der übrige 
Körper offenbar ausgehölt sein nmfste, sobald man goldne 
(Götterbilder darin an! I)ewa!irle, und demnach den Unter- 
theil eines in Silensgestalt versteckten lieliälters al)yab. 
Ruft man sich die in den 'l'erracotlen des königl. Mu- 
seums (Taf. III, V) bekannt gemachte Figur einer, ans 
Clusium stammenden, thronenden Proserpina ins Gedächt- 
nifs, die, in ihrem Innern völlig hohl, zu einem Aschen- 
behälter diente, zu dessen Deckel Kopf und Hals der 
Göttin benutzt wurden: so wird man gewifs dasselbe 
System erkennen, welches die bei Plato geschilderten 
sitzenden Silene characterisirte, nämlich, dals nächst der 
äufseren Gestalt von Statuen diesem liildwerk noch eine 
materiellere Bestimmung als Mittel zur Aufbewahrung 
andier Gegenstände oblag. Es lolgt hieraus zugleich, 
dafs die Erfüllung dieses materiellen Zweckes die Haupt- 
sache bildete und das künstlerische Verdienst statuarischer 
(Gestaltung als Hülle nur unteigeordiiet zu sein brauchte. 
Um so gröfsere Rucksicht verdienen aber diese Monu- 
mente wegen ihrer IScstimmung als liehidter für gohtiie 
GiitterhiJder. 

Ist der Ausdruck äyi'üfiuTu wörtlich zu verstehen, 
so bezielit er sich auf Statuen von denen kaum abzu- 
sehen ist wie eine Anzahl derselben von einer gewissen 
Höhe in dem, wenn auch noch so dicken und auige- 
schwemmten, Bauch eines lebensgrol'sen Silen Platz fin- 
den konnte. Leichter kämen wir zu Stande, wenn im 
griechischen Text das l)iinin;iti\ i'iyulfiÜTtu stände und 
so zu Ideinen Giillcrhildern berechtigte. 

Allein dieser Aenderung uynliiüiiii wiedersetzt sich 
.sclion die Wiederholung desselben Aus<lrucks uyalfiura 

") Etyni. M. 'Aqixuqiov. oti t« Xtyoi-ttva 7ia() i]uiv 
ÜQ/^ÜQia iQfiuQia d(ftC).ovai i.fy(adtti, dg cvqov iv toTs a/oXCoig 
joC üyCov JiovvaCov, «p/;) ^nv fJrjrn XKfaXatov tkqI tmv Otloiv 
orofit'aon'. ol yüi) "E').h]Vf-i olu iivug ihnliiiäviug InoCovv, 
fxfjxi XHQttg fx^re noiSug 'iy^oviag- tovjovg äl 'Etifiüg ixiil.ovv. 



S.21T. Wie zielten wir uns aus dieser Verlegenheit? Sollte 
etwa die Analogie des Zeus Ktesios und Hermes Ktesios 
der Griechen, des Saturnus der Römer, als Gottheileti 
vnd schützende IVücUler der Geldschittze, uns berechtigen 
in den uydlj-utja 9n~}v zwar Bildnisse der Gottheiten 
zu erkennen, aber nicht statuarisch ausgeführt, sondern 
wie sie auf den antiken Goldmünzen in reicher Ab- 
wechslung hervortreten? Alsdann würde dieser Silen in 
die Kategorie der eben genannten (Gottheiten hineinge- 
liören, mit seinem durch Füllhorn charakterisirten Gefährten 
Uuhnon Agnlhos zusammenfallen und seine Slatiie eine 
Spiiarbüvhse mit Gotdstüchen (jefiilll vertreten. 

Der Zuliilsigkeit dieser Vermuthung willersetzt sich 
aber ein andres beachlungswerthesZeugnifs beim Etymolo- 
gisten"). Dasell)st werden nämlich unter dem Namen 
(i.o/iÜqki, (armaria) wiricliche Jileine Hermen, inwendig 
hohl, mit Elügelthüren zu öffnen, angeführt, w>eJche die 
Bestlmminuj haben als Schrunl; Giittersluliien, die Gegen- 
stand der Huiisandacht waren, in sich aufzunehmen und 
zu verschliefaen. Da hier derselbe Ausdruck dyüli.i(xia 
gebraucht wird und von keinen Statuen sich verstellen 
läl'st insofern die Behälter nur kleine Hermen heil'sen: so 
folgt, dals in der platonischen Stelle die yjjfaü uyd^.ftuTa 
.Vfiöi' ebenfalls aui yoldne Götterstaiuellen sich beziehen, 
uinl nicht auf Älünzen. Nur müssen wir nns hüten diese 
Silene, wie Hr. Petersen gethan, mit den kleinen Hermen, 
weil ihre liesttmmuny dieselbe war, in ein und dieselbe 
Klasse zu werfen. Denn nicht nur ihre änfsere Forin 
unterschied sich wesentlich von einander, sondern auch 
die Art ihrer Oeffnung. Was das Verschliel'seii dieser 
Hermen anbelangt, so glaube ich, dafs das männliche 
(Glied als Schlol's und Riegel sich benutzen liel's, indem 
beim Herumdrehen desselben die beiden Hälften der 
Herme sich wie 'Ihüien eines Schranks oder einer Kapelle 
öffniteu. Zu besserem Verständnifs bieten sich ver- 
gleichsweise aus neuerer Zeit die Nürnberger Kapseln 
an, die bei äufserer Mönchsgestalt in ihrem Innern Got- 
tesbilder nebst der ihnen geweihten .Andacht bergen. 

Wenn alier Hesychius i^iitijidt durch tjuXiiVui er- 
klart, so liegt darin keineswegs ein Zeugnil's iur ,, Silene 
in Hermenfoiui'', sondern im Zusammenhang mit dessel- 
ben Lexikographen Glosse tQ/ina no'i)« xX/i/^c werden 
nur „Silene als .Stützen der Kliiie", wie sie Bildwerke 
uns bereits mehrlach veranschaulichen, angeiührt. 

Dafs diese bisher vernachlässigten litterarischeu 
Zeugnisse iür die Schätze von Götterhgürchen ans Gold, 
Silber und Erz in unsren Museen einen besondren Werth 
haben, insolern sie angeben, auf welche Weise und au 
welchem Ort ein grosser 'i'lieil derselben im Allerllium 
aulbewalirt wurde, leuchtet von selbst ein. Zum Schlufs 
erlaube ich mir noch auf einen Karneol (Impronte gemm. 
iL Inst. arch. IV, 83) aufmerksam zu machen der die 
beiden .Sprecher uusres Dialogs, den schiinen Alcthiades 
mit Helm und Chiana vor dem auf einem Stuhl sitzenden 
Sohrules, ganz wie Olympus vor Marsyas darstellt. 

Th. P.\nofka. 

ob vnoxoiiiniixöv tQfinQ lov. Inoiovv öi uüiohg dict- 
x(vovg, OiiQttg '^^ovrag xit&unt(> lOiyonvQyCovg. xuliaia- 
Otv ai'Tiöv IrClhovv äyii)./JitTn äiv tatßov S-ewv 
ti<a9^iv öi an(x).ttor loig fQ/tiig. 



Hiezu Tafel LX: Telephos und Auge, VnaenbUder zu Berlin und zu Seores. 



Herausgegeben von E. Gerhard. 



Druck und Verlag von G. Reimer, 










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277 



278 



ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER. 

Zur Archäologischen Zteituny, Jahrgang XI. 



M 49. 



Januar 1853. 



All"eineiiier J:iliresbericlit. — Neue Schriften. 



I. A 1 1 g e ra e i n e r 

I. Ausgrabungen. Die tnonuroentale Ausbeutung 
des Erdbodens der alten Welt bat seil den letztverwiclie- 
iieu Jahren grol'se Erfolge nur aus detn Orient zu ver- 
künden gehabt. Noch immer wetteifern England und 
Frankreicli um mit beiderseitiger Aufo[)ferung Asiens 
llauptstiidte und Nekropolen zu erkunden. Nächst Ni- 
niveh ') und dessen Umkreis liat neuerdings auch Baby- 
lon -J dazu beigetragen; es haben auch Medien, Armenien 
und deren Nachbarländer Denkmäler der Kunst des 
Orients mehr oder minder ergiel)ig dargeboten '), der 
ül)erdies an mehr denn Einer Stelle — aus Syrien, Ci- 
licien, Memphis — auch manches bisher verborgene Denk- 
mal seiner hellenistischen Kulturzustände aus klassischem 
Boden hervorgehen liel's'). Kümmerlich erscheinen da- 
gegen die neueren Entdeckungen auf kleinasiatiscliem und 
griechischem Boden, ol)Wohl Smyrna und ('ypern ') und 
auch Athen') hier genannt werden können — , wenig 
lohnender die in Rom und dessen Umgegend, neuerdings 
auch zu Ardea, erfolgten Funde'). Etruskische Städte 
und Nekropoleu werden von Alessandro Francois mit un- 
ermüdlichem Muth, bisher aber, bei mangelnder Unter- 
stützung, ohne bekannten Erlolg erkundet, der auch aus 
zufälligen Funden, wie sie, zumal von Cäre und Clusium 
aus, sonst nicht fehlten, neuerdings uns nicht kundward''). 
Aus Kampanien^) ward die Aufdeckung des Forums von 
Kuraä durch korinthische Tem])elsäulen und schone Sculp- 
turen so eben erofTnet; in Bajä sind Kaiserl)üsten aus 
liadrianischer Zeit gefunden, in Pompeji ein noch unge- 
kanntes Stadtthor, heile Dächer und manches anziehende 
Wohnhaus zu Tage gefordert. Unteritalische Gräberfunde 
geben, hauptsächlich vonRuvo her, in stattlichen Vasen von 
Zeit zu Zeit noch immer sich kund, dagegen das pomp- 
liaft verbreitete Gerücht einer bei Canosa entdeckten, 
prachtvollen und unberülirt verbliebenen, Nekropole noch 
sehr der Bestätiginig bedarf, und aus Sicilien kaum irgend 
erhebliche antiquarische Kunde neuerdings zu uns ge- 
langte'"). Eben so wenig hat OI)eritalien die Denkmäler- 
kunde neuerdings bereichert, dagegen mancher sardinische 
Fund, namentlich wegen ägyptisirender Denkmäler der 
Kaiserzeit, unsre Aufmerksamkeit beanspruchte"). Die 
Wichtigkeit nordafrikanischer '■) Ueberreste veranlafste 



Jahresbericht. 

wol auch dort manche Grabung; dagegen der wunder- 
same Kiind eines Herkulesgrabes zu 'l'arragona '^) nur 
die iiim nächsten Alterthumsfreunde zu täuschen vermocht 
hat. Ebenso wurden auch gallische"), germanische"'), 
britannische'") Ausgral)ungen im letztvergangenen Jahr, 
wie in früheren, mit manchem Erfolg gekrönt. 

II. Denkmaler. Im Gebiete der Denkmälerkunde 
ward manche klassisclie Oertlichkeit neuerdings unter- 
sucht; Fragen athenisclier und römischer Topograpliie 
wurden dadurch neu angeregt, viellietretene Orte in ihrer 
anliquariscben Wichtigkeit durcli gründliche Forschung 
erkannt, wie solches namentlich für das dem Städtchen 
All)ano zur Grundlage dienende prätorische Lager der 
Fall ist''). Alte Bauwerke, welche der Forschung bisher 
entgingen, kommen hauptsäclilich aus Nordafrika fort- 
während zu Tage; andere sind, wie die Tempel zu Nismes 
und Vienne, neu erkundet und hergestellt worden '■*). Von 
neuem Zuwachs bildlicher Denkmäler war höchstens vom 
Orient her Erhebliches zu berichten ; doch diente der 
Vorrath früherer Funde den Museen von London, Paris, 
Berlin und andern zu mancher Vermehrung '"), woneben 
das kgl. Museum zu Berlin in seiner Aufstellung von 
Gypsal>güssen antiker Sculpturen den bisherigen Mafs- 
stab ähnlicher Sammlungen weit überbietet'"). Privat- 
sammlungen dagegen werden für Kunstgegenstände des 
klassischen Alterthums immer seltener; statt neuer Kunst- 
freunde Namen in solcher Beziehung nennen zu können, 
vernehmen wir nur dann und wann die Aullösung bis- 
herigen Antikenbesitzes, sei es dafs dergleichen durcli 
Verniächtnils an örtentliche Museen, wie noch ueuerdinss 
in England und Holland, oder durch sonstige Veräusse- 
rung erfolgte, aus welchem letzteren Anlafs die nicht un- 
erhel)liche Sammlung antiker Sculpturen des Hrn. v. Mont- 
f'errand von Rufsland her zu öffentlicher Kenntnil's ge- 
langt ist. Nur aus Athen hat die über den Privatbesitz 
I. M. der Königin von Griechenland neulich ins Publikum 
gelangte Notiz uns angenehm überrascht"'). 

Ins Einzelne gehend, haben wir, von den assyrischen 
Kolossen des brittischen .Museums abgesehen, von neuem 
Zuwaclis an alten Sculpturen"), sellist im Gel)iet der 
aus Tarsos und Ardea bereicherten Thondenkraäler"), 



279 



280 



nicht viel zu l)ericliten, und wenn aucli ein und das andere 
Bildwerk oder Geriitli von Erz ") oder edleren Metallen ") 
Beaclitung erregte, Einiges im JMiinz- "') und Gemuien- 
facli'), Andres an Wandgemälden'"), Mosaiken'') und 
Vasenbildern ^"), namentlicli unter diesen drei reich aus- 
gestattete Vasen aus Ruvo "), dazu manche griechische^'), 
römische"), oskische") Iiischriit in diesen Blättern er- 
wähnt ward, so ist doch im Ganzen einzugestehu, dal's 
die jüngste Vergangenheit wenig Anblicke neuen Fundes 
hervorgebracht hat, welche an und für sich genommen 
die Bescliäftigung mit den Denkmälern des Alterthums 
neu anzuregen geeignet waren. 

III. LiTTKRATUR. In Umgekehrtem Verhältnifse zur 
Geringfügigkeit neuer Entdeckungen stellt vortheilhalt 
auch im verllossenen Jahr die archäologische Litteratur 
sich heraus, deren Grenzen wir mancher Einrede unge- 
achtet auch diesmal in ähnlicher Ausdehnung gelten lassen, 
wie unsre Auffassung der Archäologie als monumentaler 
Seite der Philologie es erheischt und ein eben gedruckter 
,,Grundrifs" ' ') auch schemalisch es ausspricht. Akade- 
mische") und sonstige Vereinsschiilten, unter denen die 
regelmäfsig fortschreitenden Werke des archäologischen 
Instituts für uns obenanstehn '"), haben zugleich mit den 
übrigen periodischen Sammelplätzen archäologischer, phi- 
lologischer und historischer Litteratur — denn ein artisti- 
sches Organ für die Kunst des Alterthums fehlt — im 
Ganzen reichhaltig wie früherhin sich erwiesen'"). Dafs 
liiebei die vorhersehende Richtung des Zeitgeschmacks, 
in ausländischen und auch in deutschen Zeitschriften, 
Mittelalter und Neuzeit") auf Kosten des klassischen 
Alterthums, dafs sie im eignen Gebiete der alten Welt 
den Orient vor dem Occiilent zu erheben bemüht ist, 
läfst als ein nicht blols vorübergehendes Symptom des 
übermächtigen Bildungsdrangs sich verschmerzen, der in 
seinen ferneren .Stadien doch immer wieder und alsdann 
mit neuem Vortheil den erprobtesten Zielpunkten aller 
geschichtlichen und aller rein menschlichen Bildung sich 
wird zuwenden wollen. Der im grofsen Publikum der 
Altertliumsfreunde vorzüglich lebendigen Theilnahme für 
Aegypteu '") und den Orient entsprach in rüstigem Fort- 
gang auch neuerdings, von erläuternden Reisebriefen be- 
gleitet, das agyptisch-nubische Denkmälerwerk von Lepsius 
sammt den in Aegyptologie einschlagenden Arbeiten An- 
derer. Auch Assyriens Vorzeit und Alterthümer sind 
wiederum in neuen Werken, zunächst in neuen Monogra- 
phien über Niniveh, behandelt, denen einerseits Raw- 
linsons und in Deutschland (iroteiends Arbeiten über 
Keilschrift""), andererseits die Forschungen über den 
liellenistischen Orient^'"') sich anschliel'sen, welche in einem 
so betitelten reichhaltigen Werk von B. Stark neu ange- 
regt sind und auch zur Erkundung orientalischer Elemente 
im ältesten Griecheidand") neu auffordernd rückwirken 
können. Uebergehend auf Hellas und Rom wollen theils 
Schriften von allgemeinerem Inhalt, solche wie des ehr- 
würdigen Jacobs Reli(|uie über Hellas "'), theils und haupt- 



sächlich die Untersuchungen über besondere Abschnitte 
der antiquarischen Erudition — von Geologie, Kriegs- 
wesen und Schiftbau der Griechen und Römer bis auf 
deren Beschuliuug herab ''^) — hier nicht übergangen 
werden. Älanchen Zuwachs für Mythologie"') und Kul- 
turgeschichte''") erwähnen wir anmerkungsweise, und wen- 
den alsbald den Belehrungen uns zu, welche für einzelne 
Fächer unseres monumentalen Wissens — Oriskimde und 
Baukunst, bildliche Kunstwerke und Inschriftsteine — zu 
rühmen sind. 

Hinsichtlich örtlicher Kenntnifs des klassischen Bodens 
haben E. Curtius und L. Rol's ihre für griechische Topo- 
graphie schätzbaren Werke fortgesetzt, denen in Welckers 
Abhandlung über die vermeintliche Pnyx reichhaltige 
Forschungen über athenische Ortsbestimmung zur Seite 
gehn "J. Der Ortskunde des alten Italiens kommt manche 
untetitalisclie Forschung — Isernia, Puteoli, Gnalhia be- 
treffend — zu statten"'). Für Rom hat Canina ein neues 
Ruinenwerk, umfassender als alle bisherigen, ausgerüstet 
und Emil Braun anziehende Einzelfragen erörtert'^"); eben 
so wellig hat es an manchem Beitrag zur Ortskenntnifs 
vormaliger Schauplätze römischer Herrschaft, namentlich 
aus dem Norden, gefehlt"). Die Baukunst der Alten 
betreffend, haben wir den endlichen Abschlufs von Böt- 
tichers Tektonik zugleich mit mancher Einzelforschung ") 
zu erwähnen , noch mehr aber für die Geschichte und 
Denkmälerkunde der bildenden Kunst Arbeilen allgemei- 
ner sowohl als besonderer Art, auf Gegenstände der 
Darstellung ''i), Zeitalter der Kunstwerke und ihrer Gat- 
tungen''), Namen und Geschichte der Künstler") wie 
auch auf Herstelbuig und Würdigung verlorner Kunst- 
werke '") bezüglich, anzuzeigen, und als gröl'seie, in viel- 
jährigem römischem Aufenthalt gepflegte, Arbeit namentlich 
H. Brunn's Geschichte der griechischen Künstler hervor- 
zuheben. Im Einzelnen vollends hat es in diesem Gebiet 
an mannigfacher Förderung auch neuerdings nicht gefehlt: 
theils für Veröffentlichung bildlicher Denkmäler^"), nament- 
lich auch von Münzen '"), Wandmalereien ") und Vasen- 
bildern''"), ist wohl gesorgt, theils für Begründung tieferer 
Kunsterklärung''') neu gewirkt und deren Erklärung in 
mancher Einzelschrift über plastische''') sowohl als gra- 
phische'*') Werke neu geiördert worden, wie denn auch 
die an Kunstwerken, namentlich Geramen, befindlichen In- 
schriften ") manche neue Untersuchung hervorrieieo. Auch 
sell)ständig ward manche griechische Inschrift veröffentlicht 
und erklärf*''), wie denn auch handschrillliclie Schätze der 
griechischen Litteratur, ägyptischen Gräliern entnommen, 
noch immer sich aufthun*"'), und während aus italischen 
und sonstigen Funden bald römische') bald oskische"") 
Inschriften zu unserer Kenntnifs gelangen, meldet, wie 
dort die wohlgeordnete Fortsetzung des griechischen In- 
schriftschatzes''''), so vollends die nicht blols in Wünschen, 
sondern auch beispielsweise in einem Musterwerk geför- 
derte Herausgabe aller in einem kritischen Sammelwerk zu 
vereinigenden Inschriften römischer Zunge, sich als die viel- 



281 



282 



leicht wichtigste Erscheinung im Faclie der neuesten monu- 
mentalen Litteratur. In einem so inhaltreichen, hisher jedoch 
seiner UKiteriellt-n nnindlaneii und eines kritisch gesicherten 
Standpunkts allzuoft enthehrenden , Gehiet ist diirch 
Mommsens Sammlung der römischen Inschriften Unter- 
italiens "") ein zunächst zur Darstellung von etwa 8000 
Deiikmjilern willkommenes, zugleich alier auch nach Um- 
fatig, kritischer Sichtung und methodischer IJeschriinkung 
iür fernere rückständige Leistungen desselben h'aclis mal's- 
gehendes Muster geliefert worden, welches, wie es durch 
Savigny und die Berliner Akademie sich angeregt und 
gefordert hekeiint, zugleich auch nach aller Voraussetzung 
dem elietidaselhst langst lieahsichtigten Corpus lateinischer 
luschrillen ") zum Gruniistein sowohl als zur Bescldeu- 
nigung dienen wird. Wie sehr eine solche Arheit an der 
Zeit, wie sehr der I5erul dazu gesteigert sei, lehrt eines- 
theils der vortretriiche Aufsatz eines andern ßorgliesi'schen 
Schülers, des in den Inschrilten Roms nicht minder er- 
fahrenen W. Ilenzen, über Deutschlands vormalige Ver- 
dienste um römische Kpigraphik und jetzige Ansprüche 
an deren Behandlung") — , es gieht dies andererseits 
durch eine Reihe von Einzelschriften sich kund, in denen 
Ritschis philologische Bleisterschaft die iiltesten Inschriften 
Roms darzustellen und zu erliiutern bemüht war ''), der- 
gestalt dal's aus den damit verknupiten vortretl'lichen 
Nachbildungen römischer Inschrilten der alteren Zeit 
eine bis an das Ende der Republik reichende Sammlung 
der ältesten Inschriften Roms zunächst hervorgehen wird. 
Hiezu die mancherlei mit Rüstigkeit und Geschick auf- 
gebotenen Kräfte rechnend, welche in Rom und Neapel, 
in Krankieich und Afrika, in Süd- und Norddeutschland, 
am Rhein und an der Donau der römischen Epigraphik 
sich neuerdings widmeten '"), dürfen wir denn wohl mit 
Zuversicht auf Erfüllung der dahin zielenden Wünsclie 
hoffen, deren Befriedigung wohlmeinenden Allerthums- 
forschern von Italien, Deutschland und Fiatd^reich aus 
bereits seit längerer Zeit gleichmäl'sig am Herzen liegt''). 
Eines Nekrologes kann dieser Jahresbericht sich über- 
lieben"'); das zweite Jahrzehend der Zeitschrift, das 
er beginnt, kann um so zuversichtlicher mit dem Wunsch 
hervortreten, dafs am bisher genos>nen Wohlwollen auch 
fernerhin ihr nichts abgelin, an ihätiger Mitwirkung ältester 
sowohl als der neubefreundeten ^Mitarbeiter noch weniger 
als bisher es ihr fehlen möge ). 

E. G. 

I. AUSGRABUSCEN. 

') Assyrische. Die Ausgralmngm von Mniveh wurden, 
nachdem seit dem Jahr 1^45 die in Kliorsabail };eHihrten 
Gral)Unf;en ruhten , von dem Iranzösisclien Consul Place mit 
einem Erlolg wieder auffienonunen, "lern man ztinäclist Bavi- 
triimmer mit einer anselinliclien Säulenreihe, wohl nachweis- 
lichem Weinkeller, farbigen Sculpturen, vielem Geschirr und 
Schnuick, desgleichen auch Bronzen und Gemmen verdankt. 
Auch ward die ganze L'mgegend im Umkreis von zehn Stunden 
untersucht, und namentlich ein Krdliügel, Dgigan genannt, am 
Ufer des Tigris als ein Ansgrabungs|ilatz bezeichnet, dessen 
Ergebnisse vielleicht mit denen von kliorsabad würden wett- 



eifern können. Vgl. Revue archeol. IX, 371. Allg. Zeitung 
1862 no. 219. 

') Babylonische Grabungen sind durch die neueste 
französische l<;x|iedition der Uli. F'resnel, Ojipert und Thomas 
mit Krbdg angestellt worden. NaTnentlich siml rlie Beste iler 
alten Kingmauer Babylons untersucht worden, als deren Be- 
standtheile sich glasirte unil bildlich verzierte Backsteine vor- 
gefunden haben; fernere Ergebnisse stehen in Aussicht. 

') Medien, welches auch von der ebengedachten Ex- 
pedition bereist werden sollte, ist zugleich mit -Inncuien 
bereits durch die Streilzüge des Hrn. Luftus (Orchoe: oben 
S. I.')4) neu erkundet worden. Merkwürdige Sculpturen sollen 
zu Krzerum entdeckt sein. 

"j Hellenistisches aus dem Orient. In Si/rlen soll, 
aul'ser der im Jahr 1851 von uns berichteten Ausbeute, auch 
liiera|iolis merkwürdige Kunde geliefert haben. In CiUcien 
bleibt 'l'iirsus ein stets neu zu erkunilender Mittelpunkt, ob- 
wohl die von dort aus berichteten Bautrümmer (Bäder und 
dgl. Kevne arch. IX, 5löJ urnl Terracotten (Anm. 23) sich nur als 
Gegenstämle römischer Zeitaller bekunden. Der Funde im 
herapeum zu Memphis ward zuletzt im Arch. Anz. S. 153. 
ISSii. von uns gedacht. 

'') Kleinasien scheint neuerdings, bei der überwiegen- 
den Anzieluingskralt des inneren Asiens, wenig untersucht 
worden zu sein. Anticaglien wurden aus Cijpern von uns 
berichtet (S. 153). In Iiijilien ward eine Untersuchung des 
Alyaltesgrabes begonnen; bei Synt/rtin ganz kürzlich der Rest 
einer sehr alten Brücke entdeckt (vgl. unten Arch. Ges. 1. März). 

'■) Athenischer Fnnde (Buleuterion, Propyläenaufgang) 
ward oben S. 199(f. gedacht. Neuerdings wird die Aullin- 
dung einer Maine mit b'isclileib — ob dem vermeintlichen 
Kekrops als H|ionym, vom Jahr 1S37, Ann. d. Inst. IX, 109 tav.G, 
ähnlich? — gemeldet. (Vgl. Beilage!). 

") Aus Rom vernahmen wir verschiedene topographisch 
wichtige Funde, das Miliarium aureum (Bull. d. Inst. 1852 
p. 81), einen das Forum durchschneidenden Kanal (ebd. 129(1.), 
wie aucli Spuren der Servischen Ringmauer am Aventin 
(ebend. S3. 1961.) betreffend. Ein Colunibarium ward in 
Vigna Codini an der \ ia Laiina neu entdeckt (ebd. 8111.); 
die Ausgrabungen der Via Appia scheinen fortgesetzt zu werden. 
— In der Umgegend Roms ist die Nekropolis von Arilea zu- 
gleich mit mancher Ausbeute vorzüglicher Terracotten zum 
Vorschein gekonnnen (Bull. p. 63 ff.). 

*) Etruskische Funde, die ab und zu erwähnt werden 
(Antäosvase Anm. 31 u.a.), mögen ans Cäre und Veji, Cosa ond 
Clusium stammen; da Ps Fmiicois weder in Koselle noch auch in 
der seiner Uelierzeugung nach nur unvollstänilig ausgebeuteten 
Cocumella zu Volci bisher hat graben können, gehört, wie alle 
sonstige Vernachlässigung dieses zur Wahrung und Auffindung 
antiker Ueberreste vor allen berufenen Mannes, zu den be- 
klagenswerthen Erscheinungen unsrer Zeil. 

■') Kampanische Funde. Neuestes ans Kimiä und Bajä 
wird im briltischen Athenapum no. 1319. 1320 und gründlicher 
im Bullettino lNa(ioletano no. 14 berichtet: aus Biijä der Fund 
fünf römischer Büsten, darunter Hadrian und Saliina — , Er- 
heblicheres aus hujiiii. Die dort geführten Ausgrabimgen des 
Prinzen von Syrakus haben eine zum Forum gehörige Tem- 
pelruiiie mit korinthischen .Säulen, vernuilhlich aus der .Antonine 
Zeit — , ferner ein Grabmal aufgedeckt, welches zwei Körper 
mit wächsernen Kö|ifen enthielt, einer der Wachsköpfe, mit 
gläsernen Augen versehn, war wohl erhallen. — Des Stadithois 
zu Pompeji ward oben (Anz. S. Il39l von uns gedacht: einen 
ansfübrliclien Bericht über die seit 1850 dort erfolgten Funde 
bat jetzt Minervini im Bullettino Napolelano no. 4. ö. 10. 12 
eröffnet ; Reste alter Bedachung werden als neulicher seltner Fund 
berichtet. — Nicht zu übergelm ist auch die zu Neapel hei der 
Kirche S. Filippo e Giacouio gefundene, durch Erwähnung einer 
bisher ungekannten Phralria wichtige, Statuenbasis (Bull. Nap. 
no. 2). 



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284 



'") Dnteritalische: grofse Vasen aus Canosa (Antn. 31) 
ilurcli welche der ponipliafte Bericht über einen dortigen Fund, 
aus Boniicci's Mittheilung, im Athenaeum no. 1318 (Allg. Zei- 
tung 1S5.H no. 52) wül veranlalst sein mag. — Ans tiicilien 
wird der Fnnd des Fufses einer sitzenden weiblichen Figur 
ans Chaicedon (Cnitnuia, Falkeners Museum II, p. 96) erwähnt. 

") Von oberitalischen Funden erinnern wir uns nur 
einen piemontesischen Miinzlund (Bull. p. ItjUlt.) vernommen 
zu haben. — Siirdinisihes ward oben S. 154 in bisher unge- 
wohntem, und namentlich duich die dortigen römisch-ägypti- 
schen Bildwerke eigentliiimlichem, Uml'ang erwähnt. 

'-) Nordafrika's Ausbeutung: neuerdings hauptsäcldich 
durch Leon Reniers epigraphische Berichte und publicationen 
nahe gelegt (oben S. IbOfi'.). 

") Spanien: Mystification aus Tarragona (Herkules- 
grab) S. 155. 

'^) G a II iscli e wurden liauptsächlich berichtet aus Nizy le 
Comic unweit Laon (romisclie Stadtiiberreste, .Sculpturen, auch 
Wandmalereien: Revue arch. IX, 5S-lt.), ferner aus Fecnrnji 
zwischen Havre und Dieppe (gallisch-römische Gräber, unter 
römischen Anticaglien eine Münze der Faustina: Rev. IX, 453). 

'^) Germanische. Aus 7{o((i,'ti6«n/ wurden die Freunde 
römischer Vorzeit durch Inschriften der Colonia Sumlocennensis 
(.S. 2011'. Rhein. Jahib. IX, 22111. X, KiOlf. Reliefs auf Attis 
bezüglich), nebenher auch die Celtenfreunde durch einen drui- 
dischen Steinkreis erfreut (Schwäbischer Merkur. Kronik lbJ2 
no. 71). — Ueber einige rhciuische Ausgrabungen berichteten 
aus Bonn die Jahrbücher dortiger Alterthumsfreunde (X,731i'. 
Gräber beim Vellerhof in der Kifel u. dgl. ni. — Aus Remagen 
«ine auf Ju|ipiter Dolichenus bezügliche Inschrift S. 255). 

'") Als britannische Funde neuester Zeit werden in 
Falkener's Museum II, p. 99 f. genannt: Villatrümmer bei 
Ilntlsloik, Mosaikfufsböden in un<l bei Leicesier, insonderlieit 
die durch C. Roach Smith und Hrn. Elliot geförderten Aul- 
deck\ingen zu Lijmnc in Kent, von denen ilie lllustrated London 
News no. 449 Plan und Ansicht entlialten sollen. Celtische 
Funde wurden oben .S. 205 berührt. 

II. Denkmäler. 

'") Ürtskunde: .-It/ieji (Anm. 6), Rom (Anm. 7), Alhimo 
(glänzende Ergebnisse des Architekten Rosa, oben S. 41. 241. 
Bull. 1853 p. iü.). 

") Bauwerke in Afrika (Anm. II). In Frankreich 
wurden die Tempelreste zu Nismes und Vienne neu erkundet 
und hergestellt (Rev. arch. VIII, (j49. IX, 4.>5) ; hauptsäcldich 
aber ward zu Nismes das sogenannte Nymphaeum Gegenstand 
neuer Untersuchungen (vgl. Beilage 2). 

") Im Gebiet der Museographie vermissen wir neuere 
Nachrichten über die .Sammlungen Roms; zu a) Neapel macht 
der Erwerb drei wichtiger apulischer Vasen (Anm. 31) Kpoclie. 
Diesseits der.\lpen wachsen die Schätze des b) hrittisvhcn Mu- 
seums, zumal von .Seiten des Orients, an (S. 169. 202 ff.); iler 
Universität Comhridije liel, zugleich mit Gründung eines Lehr- 
stuhls für /Archäologie, die Disney'sthe Sammlung als Vermächt- 
nils zu (.Museum II, p. 91)). — c) in Paris erhielt die Samuduiig 
des Louvre ägyptische .Sarkophage und sonstige Denkmäler 
aus Cloth Bey's Besitz, andres Aegyptische durch Hrn. 
L. Batissier (Rev. arcli. I\, 455); manche seit längerer Zeit 
verschlossen gebliebene Abtheilungen griecliischer und römischer 
Kunst, namentlich Bronzen, Terracotlen und Thongefalse, 
sind in neuer Aufstellung aus Licht getreten (Rev. VIII, 780). — 
Das (/) Herlincr Aluseum ist durch eine Anzahl grofsgrierhi- 
scher Vasen aus dem Besitz iles Grafen von Ingenheim ver- 
mehrt worden. — Einen neuen Zuwachs iles e) kgl. niederlän- 
dischen Kunstbesitzes bildet die durch Vermächtnils ihm anheim 
gefallene, fürs klassische Alterthum zwar wenig erhebliche, 
.Sauunlung des Baron Westreenen von 'l'iellandt (Rev. arch. IX, 
454); einigen bescheidenen Zuwachs des Museums zu I^eijtlen 
hat dessen thätig>'r Vorstand, Hr. C. I.eemuns, im „Neder- 



landschen Staats-Courant (1S53 no. 44) genau angegeben. — 
Die Schätze der f) kaiserlich russischen Sammlung werden 
allmählich, dem Vernehmen nach in gröfstem IMafsstab, ver- 
mehrt; eines seiner kolossalsten Monumente wird der, unsres 
Erachtens zwar sehr überschätzte, nach Zeitalter, Styl und 
Erhaltung minder erhebliche, ovale bacchische Sarkophag aus 
Palast Altemps (Anm. 22) in Rom sein. 

■") Gypsabgüsse antiker Sculpturen in eignen ge- 
wählten Sammlungen den Museen antiker Originale anzureihn, 
giebt das von .Stüler erbaute ,,Neue Museum" zu Berlin eine 
grolsartige Losung. In der daselbst umfangreich aufgestellten 
Auswahl begegnet man verschiednen bisher ungeformten Kunst- 
werken ersten Ranges, namentlich den Kolossen von Monte 
Cavallo, der Gruppe des farnesischen .Stiers, den lykischen 
Friesreliefs und dem Harpyiemlenkmal, und erfreut sich vor- 
nehndich einer möglichst vollständigen Zusammenreihung der 
.Sculpturen des Parthenons. 

■') Von Privatsani ml ungen kam aufser den vorge- 
dachten, der HH. Distiey (Anm. 20i|, Graf von lui/eiiheim 
(20(/), IVesIrecncn von Tiellandt (20c), welche in öffentliche 
Museen übergingen, auch die Sammlung antiker Sculpturen 
des Hrn. von Moiilferrand zu St. Petersburg (S. 187. 206) 
in Rede. Die allzeit gewählten Sammlungen des Herzogs von 
IjUi/iics wurden neulich zu Rom und Neapel durch werthvolle 
Gemmen und Münzen vermehrt. Ueber einen erst in den 
letzten Jahren entstandenen Kunstbesitz rein attischen Fund- 
orts, nämlich die Privatsammlung I. M. i]ifT Königin von Griechen- 
Innil, ward neulich zugleich mit Bekanntmachung eines zier- 
lichen Gegenstands jener Sammlung (Anm. 30) von Preller 
Nachricht ertheilt. 

•■) Von einzelnen .Sculpturen neuester Kenntnifs sind 
vorzugsweise die nach England gebrachten assyrischen Kolosse 
(Androsphinx S. 192) zu nennen. Zu Rom kam ein den Wer- 
ken des Parthenon gleich erachteter Kopf, nach atheniscliem 
Original in Gypsabguls, zur Betrachtung (.S. 193). In St. Peters- 
burg ward der in Rom neu erworbene Sarkophag Altemps 
(Anm. 20) als frohes Kreignils für endliche Kenntnifs der 
eleusinischen Mysterien durch einen Vortrag des Hrn. von Ouva- 
loir (L'lnstitut 1!^52 no. 198. 199) begrüfst. 

") Von Terracotten neuesten Fundes ist obenan das 
von Göttling aus Megnrn heimgebrachte Gefäfs in Venusge- 
stalt (S. 225) zu erwähnen; ferner sind die in Ardea (Bull. 1852 
|i. 84) gefundnen Gruppen und Familienscenen von vorzüg- 
licher P^rhaltung hieher gehörig, emllicli auch die hübschen 
Fragmente aus römischer Zeit, welche in den längst erwar- 
teten (S. 144, 26) und nun emllich veröffentlichten Funden 
aus Tnrsos (unten Beilage 3) zum Vorschein gekommen sind. 
Ueber Terracotten eines Hrn. Momielli zu Neapel, darunter 
eine apulische Schale mit Reliefköpfen die auf Lunus und 
verwandte Gottheiten gedeutet werden, berichtete IVlinervini 
im Bull. Napol. no. 4 p. 30ff. tav. I, 6. 

") Als vorzügliche antike Bronze rühmt Minervini (Bull, 
d. Inst. 1852 p. 189 ff.) einen aus der Gegend von Chieti her- 
rührenden Bildnilskopf, Hrn. Cremonese gehörig. 

"•) Als Goldschmuck ward eine Bulla Isiaca (S. 195f.) 
bekannt; aus Privatbesitz eines Hrn. J'int ward ein aus 
Tarerit herrühreniler silberner Diskus, mit aphrodisischem 
Relief, von Birch erläutert (S. 203). 

") Münzen anziehemlen und bisher unbekannten Ge- 
präges sind aus kleinasiatischen Reisen des Hrn. IfiiddimiloH 
vermittelst der Revue numismatii|ue (1851 |il.6— 9. 12. 13 phry- 
gische unil karische) bekannt worden. Drei unedirte Münzen 
von Neapolis, merkwürdig durch das inschriftlich (.i'(;if/.7of) 
so benannte Bild des Flulsgoltes .Sebetus und der als geflü- 
gelte .Sirene dargestellten Partlienope begrüfst das Bullettino 
Napoletano no. 3 mit [latriotischer Freude ausführlich, und 
darf dies um so mehr thun als zugleich der vielbestrittene 
.Stier mit dem Menschengesichte durch jene Kntileckung als 
Flulsgott bestätigt wird (ebd. no.Ö). 



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'") Zur Gemnienk\in<le «iliöiig und, spätiömisclier 
Zeit iingeaclitet, initiierliiii merkwürdig ist der sardinisclie 
Fund röiniscli-ägyptisclier Skaraljäen (.S. 154). 

■") AVandgeraälde neuentdeckter Häuser Pompeji's (ilar- 
unter Darstellungen einer bärtigen Sirene, gehörnter Tritonen, 
des (Janyrned und der Leda, Acliills mit Tlielis, des Kndyinion, 
Narcissus u. a.) Iiesclireiht Minervini im Bullettino ^apoletano 
no. 4. 5; aul andern sind der Muttermiirder Alkmäon und 
Orest bei Iidiigenia erkannt worden (ebd. no. 10. 12). 

-') Mosaike sind wiederum an verschiedenen Orten zum 
Vorschein gekommen: in Trier ein gefällig mit dem Meilu- 
senliaupt sammt lOnteii und Fischen verzierter, im Jahresbe- 
richt der dortigen liesellschalt für niilzliclie Forschungen vom 
Jahre l'<')2 (S. l(jf. M\i. mit Abbildungen) auf die Frucht- 
barkeit des Mosellandes gedeuteter AlosaiMursboden ; in Eng- 
land zu Wiiüerlnn ein Orpheus unter Thieren, darunter auch 
ein Flügelrol's (Falkener's Museum II, \>. lOtJ). 

'") Im Gebiete der Vasen bil der wurden als neuester 
Zuwachs ein Antäosbild der Campana'schcn Sammlung (.S. 193 
Bull. p. 'AM.), und mehrere ligurenreiclie apulische Vasen 
(Anm. 31) uns gerühmt, wie denn manches von uns gegebene, 
namentlich das als Ion und Kreusa von uns gedeutete Kasseler, 
Vasenbild (Tal. X.WVII) als neuer Fund sich betrachten 
lälst. Auiserdem sind mehrere Millheilungen Minervini's liier 
dankbar zu rühmen, namentlich die zu Kröffiiung des neuen 
Bullettino Napoletauo (no. I) auf mein Gesuch von ihm ver- 
günstigte Beschreibung eines vom Idol der Artemis Agräa 
begleiteten Orit/iyioraubs im Museum zu Neapel, welcher Be- 
schreibung nur auch die Abbildung recht bald nachfolgen 
möge; sodann die Veröllentlichung einer ebendaselbst auf 
tav. 3 abgebildeten Schale, welche von Minervini no. 7 laut 
den Namen Anliorhos und Pandion auf attische Kponjnien ge- 
deutet wird. [Von einem brennenden Altar anhebend, be- 
merkt man eine F>au einem Jüngling mit Vogel gegenüber; 
zwischen ihnen steht eine Lekane, dazu die Inschriften 
(KXviJUrjl), IlayäiMV, Krti/uüi; xtii.o;. Ferner sind Xixo- 
noXis, einen Kranz haltend, vor einem Kandelaber mit jMvq- 
Qiriaxii xitXi], sodann ein Jüngling .4rjioy\oi) mit einer sitzen- 
ilen und eine .Schale ihm entgegenhaltenden ungedügelten 
A'/z») gruppirt; den Schluls macht Kf.vutni mit einem Kästchen], 
— Kndlich ist hier auch das kürzlich von Preller bekannt ge- 
machte zierliche Doppelbild {l'eleus und Thells, Herakles und 
Nercus) einer räthselliaften Doppelscheibe im Besitz I. M. 
derKonigin von Griechenland zu erwähnen(Arch.Ges. I.März). 

") Drei Vasen aus Canosa (nicht aus Ruvo), oben 
S. 193 aus vorlänliger Mitllieilung (vgl. Bull. d. Inst. p. 84 (f.), 
gründlicher von Minervini in einem noch unbeendeten Artikel 
des Bullettino Naiiol. no. 12 als neuester Zuwachs des Neapler 
Museums erörtert, zeigen in ihren ligurenreichen Darstellungen 
«) den Scheiterhaufen des t'iilriiJ;liis mit Inschrift UuinoyJ.ov 
ta(fOg, mit dem achilleischen Todtenopfer ohnweit ,. Nestors" 
Zelt, am Halse eine (als (iräberbild gedeutete) .Sphinx, der 
Jüngling vor ihr mit riem .Schwert in der Scheide, anderer- 
seits eine Furie, auf der Kehrseite ein Heroon mit Todten- 
spenden; h) Euriipfi im Pallast und in Gegenwart ihres Vaters 
Agenor von Frauen beilient, sodann den Zeus-Stier liebkosend, 
R. Zeus in Umgebung von (iotlheiten; c) Metleii auf Schlan- 
genwagen, Aina/.onenkäiii|ife, Achill und Penthesilea. Noch 
eine vierte </) grol'se Vase aus Canosa oder Kuvo ward im 
Bull. d. Insl. p..S()l. von Fenicia auf Achills Kntführung aus 
Skyros, von Brunn aber auf ('liri/sipj/s (hier wie er annimmt 
nicht unfreiwillige) Kntfiihrung durch Liijns bezogen. 

") Für griechische Inschriften hat Athen manclien 
neuen Zuwachs {'F.ntyn(t(f«) «i'^zifoTK/ Anm. 65) geliefert, 
einige andre kamen aus Borrells Besitz in London (vgl. S. 222 ff.) 
zur Versteigerung; eine aus Siisa lierrührende ward oben 
S. 199 veröffentlicht, eine zu Rom gefiindne Bleiplatte mit 
Verwünschiingsroriiieln S, ISISf. (Bull. 1'"j2 p. 3<)f 21) er- 
wähnt. Kndlich ist auch die zu Neapel gefundene (Anm. 9) 
und von .Minervini im Bull. Nap. no. 2 edirte Inschrift einer 



Statnenbasis mit Krwälinung einer bisher unbekannten dortigen 
Phratria erheblich. 

") Römische Inschriften neuen Fundes sind aus Rom 
und Neapel kund geworden : aus Rom unter andern die sehr 
gelehrte Inschrift des lljmctius aus dem vierten Jahrhundert 
(Bull. d. Inst. p. 177 ff.), aus Neapel (Bull. Nap. no. 2. p. 13ff.) 
mehrere wichtige Capuanische. 

'") Oskische Inschrift: mehrzeilige neuerdings zu Neapel 
gefunden und gelehrt erörtert (S. 207 Bull. p. &9ff.); dazu 
die Frztafeln aus Pennaluce (Bull. Nap. no. 6). 

111. LiTTF.RATlR. 

'') Grundrifs der Archäologie. Die von mir so 
betitelte, „für Vorlesungen nach .Müllers Handbuch" bestimmte 
kleine Schrift (Berlin 1852. 4S S. H) umlal'st aufser dem In- 
halt von MüUefs Handbuch der „Archäologie der Kunst" auch 
Topographie, Niimisiiiatik und Fpigraphik, und aufser seinem 
historisclien und systematischen Abschnitt auch einen, auf 
Autopsie, Hermeneutik und Kritik hinweisenden, praktischen. 
Wem durch jene auch in dieser Zeilschrift befolgte Ausdeh- 
nung und durcli die dabei vorausgesetzte Geltung der Archäo- 
logie als „monumentaler Philologie" (Piniol. Versamml. 1850. 
Arch. Anz. 1850 S. 203(r.) die Grenzen des archäologischen 
Studiums über Gebühr erweitert erscheinen, der möge in 
einem gegliederten Aufbau der zur gesamiiilen klassischen 
Philologie gehörigen Fächer die Möglichkeit uns zeigen, die 
archäologischen Fächer derselben anders als durch den Gegen- 
satz einer monumentalen zu der auf rein litterarisclien Quellen 
beruhenden Philologie abzusondern. Kine philologische Kncy- 
klopädie, welche dieser Anforderung Genüge tliut, ist uns zur 
Zeit noch nicht bekannt; gesetzt aber auch, sie vermöchte 
den ganzen in Kartographie und Periegesen oder in Stein 
und luv, Überlieferlen Stoff, <len der Grammatiker bald ver- 
absäumt bald gutwillig ungeschickt anfäfst, ilem eigensten 
philologischen Lelirgebäuile einzuverleiben, so könnte die 
Wiederkehr und äufserliche Behandlung jener drei Fächer im 
archäologischen Grundrifs nur die olinehin feststehenden Wech- 
selbezüge der Denkmälerkunde und Kunstgeschichte zum littera- 
risclien Alterthum, iTir das Studium aber zugleich noch sonst 
einen Vortheil begründen: den Vortheil nämlich, dals drei der 
Allertliumsforscluing so allerorts wichtige Fächer, wie Topo- 
gra]iliie, Numismatik und H'|iigraiihik es sind, von nun an 
lieber an dopjielter Stelle des philologischen Lelirplans ihre 
Befriedigung linden sollen als, wie gemeinhin bisher der Fall 
war, an keiner. 

"'} Von akademischen Vereinsschriften haben die 
neuesten Bände der Akademieen und gelehrten Gesellschaften zu 
Berlin (1'>5I Abh. v. Gerhard, Lepsius, Panofka,Welcker), Göttin- 
gen (Grotefend, K. F. Hermann), Leipzig (O. Jahn, Mommsen, 
Preller), London (Transactions; in der ,,Arcliaeologia" Akerman 
und Bircli), München (Ilefner, Lasaulx, Tliiersch), St. Peters- 
burg (SIepliani), Wien (Arnetli ii. A. vgl. S. llillf.) schätzbare 
Beiträge auch für das archäologische Fach geliefert. Die 
Schriften der ausschlielslich für Archäologie bestimmten Aka- 
demien zu Rom und Neapel kamen seit längerer Zeit uns 
nicht zu Gesicht; doch wird die erfolgte Erscheinung von 
Vol. IV, 1 und Vol. VII herkiilanischer „Memorie" versichert, 
worin achtbare Beiträge von Garrucci, Gervasio, Minervini, 
Uuaranta ii. A. zu erwarten sind. Zu erwähnen ist hier auch 
der erste Tlieil von ,,Proceedings" einer neueröffneten „Society 
of Antifjuarians of Scotland ", in deren erster Lieferung (Vol. I. 
P. I. Edinb. 1852) ein Dr. Simpson das oben S. 224 erwähnte 
ärztliche „Monument of Paramysaeus" behandelt hat. 

'") Archäologisches Institut: S. 191 f. 203f. 253 ff. 

") Sonstige Vereins- und Zeitsch ri ften. Von antiquari- 
schen Zeitschritten stelin n) als rein nnlinului/isili unseren 
Zwecken zunächst das nach langer Enibelining wieder begon- 
nene Bullettino Napolet:ino der IUI. Garnicci und >Iinerviiii 
(S. 205), das Falkener'sche „Museum" (S. 207. 2541.) und 
die, regelmälsig obwohl minder inhaltreicli fortschreitende, 



287 



288 



Revue arclieologiqiie (S. 135). — Von b) philologischen Zeit- 
scliritten sind ilie Zeitiing für Alteitliumswissenscliart, Sclinei- 
dewins Pliilologus unil die Jaliiliiidier fiir Pliiloloyie dann 
und wann auch für Denkmalerloiscliung ergiebig. — Von Ver- 
einssclirilten überwiegend c) hislofisvher Richtung gingen von 
Bonn aus die Rheinischen Jahibiicher (zuletzt Heft XIX), so- 
dann neue Hefte der Vereinsschriften von Mainz (S. 205), Trier 
(Anni.29) und Zürich uns zu, von letzteren ein das Grachwyler 
Relief und <len etruskisclien Spiegel von Lausanne enthaltendes 
Heft. — Dagegen die Nachfrage nach (/) rein arlistischen 
Zeitschriften, denen auch das klassische Alterthuin obläge, 
mehr und mehr eine vergebliche wird und, <la der eng gezo- 
gene Plan lind Raum unserer Zeitschrift auf die ästhetische 
und technische Seite der Kunst nur sehr nebenher sich er- 
strecken kann, iliese in der That gegenwärtig eines eigenen 
periodischen Organes der Art ermangelt, wie vormals ilie 
Propyläen, Kuglers Museum oder Scliorns Kunstblatt dem 
Publikum deutscher Kunstfreunde sie boten. 

") Mittelalter und Neuzeit auf Kosten des klassi- 
schen Altertbuuis gefördert: in der Revue archeologicpie, den 
Jahrbüchern der Alterthumsfreunde im Rheinland — , am 
würdigsten, weil grundsätzlich, in dem vrm F. Kggers her- 
ausgegebenen „Deulsriien Kunstblatt", wo nur sehr ausnahms- 
weise Ausgrabungsnotizen und apokryphische Classicitiit (1850 
no. 48 die von Wolanski für slaviscli erklärten irdenen Vasen 
zu Gotha, vgl. Arch. Anz. S. I3ö, als einziger bisheriger Bei- 
trag „zur Kunstgeschichte des AltertIiains"J eine Stelle linden. 

"") Für die Kenntnifs Aegyptens fährt das bis jetzt in 
41 Lieferungen erschienene Denkmälerwerk von Lepsius tort 
EpocI'.e zu machen; ilesselben Verfassers Reisebriefe sind nun 
auch erschienen (S. l'^8). Desgleichen wird das Werk von 
Lecmans über die ägyptischen Alterthümer der niederländi- 
schen Sammlung (Moii. eg. du Hl. Neerl. bis Livr. 12) loitge- 
setzt. Von auswärtigen Forschungen dieses Gebietes geht 
dann und wann eine neue Arbeit von Snni. Birth (S. 205) 
uns zu ; als deutscher Aegyplolog ist insonderheit auch H.Brtii/sih 
beschäftigt. Ueber E. de Jtoiigc's Thätigkeit berichtet die 
Revue archeol. VIII, 602 If. Endlich ist der sichtliche Fort- 
schritt des neuen Systems der Hieroglyphenerklärung zu er- 
wähnen, welches der gelehrte Pater Senhi seit längerer Zeit 
fortgebildet und neuerdings den in Rom anwesenden Mit- 
gliedern des archäologischen Instituts genehm gemaclit hat 
(S. 195ff.i. 

"') üeherNiniveh haben Ronomi (S. 185) und P. H. Gosse 
(S. 255) neue übersirhtliclie Werke geliefert Zur Kntziffe- 
rung der Keilschrift setzt Rawlinson seine wundersam er- 
folgreichen, fürs deutsche Publikum von Walz (Allg. Zeitung 
18.52 no. 105) genauer erörterten, Forschungen fort, neben 
denen der Veteran dieses Gebietes, Grotefend, auch in Deutsch- 
land zu wirken lortfäbrt (S. 156. 20ti). 

"') Ilellenistisclier Orient: B. Slnrl: über Gtizn 
und die Philisläer (S. 224). Bnrker's Reisewerk über Cilicien 
(Lonil. 18.73. 8) ward wegen der Terracotten aus romischer 
Zeit, die als „Lares and Penates" des Buches Titel veran- 
lafsten, schon oben erwähnt (Anm.23. Vgl. Beilage 3). Kiner 
Arbeit des Dr. Holt Ynics über Seleitcin Pieria ist in Falkener's 
Museum II, p. 10(j gedacht. 

*') Orientalisclies in Griechenland: neu ange- 
regt diircli Olshaiisens Deutung griechischer Ortsnamen aus 
dem Phonicischen (Rhein. Mus. VIII, 32111. 597 tf.). 

") Hellas von Jncohs, mit einer lesenswerthen Ein- 
leitung herausgegeben von Wüsteinann (S. 223). 

■*') AI tertliümer: über Geologie (nicht „Genealogie") 
der Griechen und Römer ist von E. v. Lasiinl.v (.S. 207), über 
das griechisclie Kriegswesen von Köihli/ und liitstotv (S. 208), 
über den Schilfsbaii durch ./. Smilli (S. 224), über antikes 
Schuhwerk in Folge eines dahin einschlagenden batavischen 
Fundes von dem unermüdlichen Janssen (S. lätj) gehandelt 
worden. 



"') Die niythologiscbe Litteratnr ist nächst Abschlufs 
des GHi;;(iinH('schen Gesammtwerks (S. 186. 20ö) so eben auch 
durch ein neues ,, System der griechischen Mythologie" (Berl. 
1^53) vermehrt worden, welches wir, wenn auch nur aus einem 
unfertigen Collegienheft und mit kurzsiclitiger Pietät*) ans 
Licht gestellt, als inlialtreichen Naclilafs des frühverstorbenen 
J. D. E. Lauer nichtsdestoweniger bestens willkommen heilsen. 
Hinige Einzelforschungen mythologischen Inhalts — die über 
Faunus, Venus-Proserpina, Hermen — linden sich zusammen- 
gestellt in meinem ,, Archäologischen Nachlals aus Rom" (S. 206), 
in welchem auch eine dahin einschlagende poetische Reliquie 
Stackeibergs sich belindet; in gleichem Reziig sind mehrere 
den umfangreichen hesiodischen .Studien Schümnntts verknüpfte 
Gelegenheitsschriften desselben (über Eros S. 208, Phorkys 
und dessen Sippschaft S. 256, die Kindheit des Zeus .S. 256), 
meine Abhandlung über Dämonen und Genien (Berl. Akad. 
1852), die Behandlung der Sage des Dreifulsraubs von E. Ciirlius 
(S. 255) und die Schrift von IT«/: über Nemesis (.S. 186) zu 
nennen. Ueber die Bedeutung der Sphinx hat Eurckkiimmcr 
gehandelt (S. 185 If.). Ueber den Adonismythos hat H.Brniisch 
(S. 167) einen Vortrag gehallen, in welcliein ein neuer Aus- 
legungsversucli des Wortes Maneros sich beiludet; über Gyges 
und den gygäischen See hat Eil. Müller im Philologus (VII, 
2. 239 — 251) geschrieben. Endlich ist ITir asiatisch-römisches 
Götterwesen das einem hessischen Römerslein verdankte Er- 
gebnifs wichtig, dals Caulopalus wirklich als Beiname des 
Mitliras zu fassen sei (S. 223). 

"') Zur Ortskunde Griechenlands sind der zweite 
Band iles „Peloponnesos" von E. Curlius (S. 224), ein vierler 
Band der Inselreisen von Hofs (.S. 188), desselben neu um- 
gearbeitete Schrift über das allieni.-che Theseion (S. 208) und 
tfelcher's Abhandlung über die Pnyx (inhaltreicii auch für 
den altischen Zeusilienst iin<l für das Pelasgikon, vgl. unten, 
Arcli. Ges. 1. März) erscliienen. 

"") Für Unteritalien liefern Gnrrncui's sclion früher 
erwähnte „Storia d'lsernia" und die \'erhandlungen der her- 
kulanischeii Akademiker Garrucci und Rucca über das Amphi- 
theater zu Puteoli neue Beiträge; eine Monographie über 
Gnathia veröllentlicht Minervini in den Schriften der herku- 
lanischen Akademie. 

■") Für die Topographie Roms ist fortwälireml haupt- 
sächlich Cnninn beschältigt, dessen neuestes grolses Werk 
(S. 243 f.) die umfassendste Darstellung der Bauwerke des alten 
Roms gewährt. Nebenher ward manche Einzelforschung, das 
römische Forum (Wasserzug Uull. p. 12911'.), das Kapitol (Ära 
coeli , oben S. 194 nach Bull. p. 391'.), namentlicli auch die 
ältesten Subsiructionen des Quirinal und Palatin (Braun 
Ann. \MV, 32411'.), verölfentlicht; über die Baulichkeiten der 
Via Ajipia hat auslührlirli (,\nn. 1852 p. 254—500 zu Mon. 
XLV— XLVII) Canina gehandelt. 

'") Für sonstige Ortskunde des klassischen Bodens 
sind eine neue Arbeit E. Ctirrnrn's über .Salona (S. 206), 
ferner die manches epigraphische Denkmal enihallende Schrift 
Neiijebnurs über Dacien (S. 208) zu erwähnen, w ie auch die zur 
Kenntnifs germanischer Römersiralsen zwischen Rhein und 
Donau wichtige „Besclireibung des Oberamts Leonberg" (Topo- 
graph Paulus: Schwab. Merkur. Kronik 5. Mai 1^52). 

*) Eigenes Urtheil sowohl als lilterarischer Anstand sollten 
bei Verülfenllichung fremden Nachlasses nie leiden. Wenn 
man S. 144. 14>^ liest, dals J. II. Vofs kein Mytholog war, 
Stnhr aber der grölste, so kann auch der Herausgeber ilieser 
Zeitsclirilt sich zwar trösten, seine mythologische Thätigkeit 
S. 143 lediglich nach einer abgerissenen Stelle aus dem Jahr 1827 
taxirtzu sehn. Gründlich unil angemessen wird man diese Aeulse- 
rungen jedoch nicht linden, welche, wie sich von selbst ver- 
steht, sammt andern dieses /,ni(cr'sclien Buchs, nicht sowohl 
dem Andenken eines wackern und uns befreundeten Verstor- 
benen, als vielmehr der unges<:hickten Aulzeichnung und 
Herausgabe seiner momentan aiisgesproclienen Empüudungen 
durch tremde Hände zur Last fällt. 



289 



290 



'■') Kii nstgcsclüclite im Allgemeinen Ijeriilirt L. Frled- 
länders Ahliamllimg „iiljir ilea Kunstsinn <]er Homer" (S. 16S). 

''•') Baukunst: ijl)er das griecliisclie Tlieater bandelt 
eine Aliliundlung von Hutliniann (S. 223). 

'') fie gen s tän de der bildenden Kunst: E. JHiuiun, Ali- 
rifs der Denkniälerkunde (in (Jerliard's Arcliäol. Maclilals aus 
Korn: olien .S. 20l>)- Ue1>er Narcils handelt Tru'«i7t'r's neuestes 
Programm zum Winckelniannslest. 

") Die Clironologie der VasenLilder ist durch L. Jiofs 
(S. 198) neu zur Sprache gekommen. 

'') Künstlernamen und Künstlergescliichte behandelt 
des aus zehnjähriger römischer Arbeit hervorgegangene Werk 
von //. Rrniin (unten, Arch. (ies. l.iMär/.). 

■■') Zur K ep roil u c tio n alter Kunstwerke gehören die 
Arbeiten von 77i. Pyl (D. u. F. no. 4i), lt. M'. Lloyd (S. 223) 
unil I4. Slcphniii (S. Ib7 vgl. 2751.) über den arnykläischen 
Thron, von Kühl über den Kasten des Kjpselos (8. 250). 

•'") Im Gebiete der bildlichen Denkmäler ist theils 
durch die bekannten Verein-srhrilten (Anm. 3^^) mancher Zu- 
wachs erfolgt, theils auch der Abscliluls des ersten Bandes von 
Bnrutic's Monumenti inediti (S. J<)3lf. Beilage 4) und eine 
Fortsetzung des „Mnseu Hurhonicu" zu melden, welches Werk 
nach langer Stockung mit noch neun Heften (von <lenen zwei 
in Neapel bereits erschienen) abgescldossen wenlen soll. Von 
den Zusammenstellungen bereits bekannter Bildwerke geht 
OuerJcrA's Gallerie des lieroischen Cyclus (bis jetzt 5 Hefte) 
ihrer Vollendung entgegen. Unbegreiüicli lange ziigern die 
von JViüseler verlieilsenen zwei noch rückständigen Bilder- 
hefte zu O. Müller's Handbuch, deren bal(li{;er Abscliluls (mit 
möglichster Beschränkung auf das Nothwendigste — , allen- 
lalls, seit Overbeck's Werk für ilie Heroika, l'anofka für das 
Alltagsleben aushilft, auf Darstellungen des Götterwesens!) 
für Verleger und Publikum gleich wünscbenswerth sein dürfte. 
Aufserdem sollen auch sardische Bildwerke, monströse Idole 
sowohl als auch IHSkarabäen aus Can. .Spano's Sammlung 
(S. 154), durch Alb. delln Marmorn so eben verülfentlicht 
worden sein; gnostische gab Malter heraus (S. 207 vgl. 220). 

^') Für Münzkunde werden die ihr bisher gewidme- 
ten Zeitschriften, namentlich die Pariser Kevue nuriiisma- 
tii(ue, Al.ermnu'a Numismatic Chronicle und Köhnc's S. 207. 
223 erwähnte Memoires de la Soc. de St. Petersbourg, regel- 
inäfsig fortgesetzt; aus ihrer für antike Münzen verhältnils- 
mälsig geringen .\nsbeute wurden die phrygi.'ichen und karischen 
Münzen des Hrn. If'nililitinlun schon oben (Anm. 2()) hervor- 
gehoben. Eine zugleich numismatisch und epigiaphisch wich- 
tige Gabe ist <les Herzogs von Luijnes neues Werk über 
cyprische IMünzen (.S. 25-')). Aon h'iurelli's Annali nuniis- 
matici wird ein zweiler Band nächstens erwartet, in welchem 
aus Avellino's Nachlafs CoUectaneen über die noch unbestimm- 
ten italischen .Alünzen enthalten sein werden. Münzen des 
liellenistischen Oiients sind in67")A's Werk überGazafAnm. 42), 
altitalische in Mnrthi's uns noch nicht zugekommener Schrift 
über <lie „Afpiae Apollinares" von Vicarello behandelt, lieber 
gewisse, bisher zwischen 'l'hisbe lioeotiae unil Alvona Liburniae 
schwankende Münzen liat zu Gunsten der letzteren -Stadt 
Minervini in einer neulichen Abhandlung ,,intorno le medaglie 
dell' anlica Dalvon" (Nap. 1852 17 S. 1 Taf. 4. Vgl, Mionn, II 
p.27f, Suppl. III p.313. 535) sich geäufsert. 

^'') Wandgemälde aus Pompeji sind in den neueren 
Heften bekannter grolser Werke, dem sechsten der Peintures 
von Röchelte, dem neunten des Werks von 'l'ernile (S. 22(j) 
und am reichhaltigsten in dem von Znlin erfolgt, dessen 
sechs und zwanzigstes Heft nah bevorsteht. Aulserdem ist 
ein unerwartet reicher Schatz von Wandgemälden der ersten 
christlichen Zeit in ilem von Perrei und Savinien Pellt 
ausgerüstetem Werk über die Katakomben enthalten, dessen 
erste Lieferungen in glänzender Ausstattung bereits erschienen 
sind; auf KiO Folioblättern der Originalzeichnungen sollen 
ungelabr hundert Freskobilder entlialten sein. 



'■") Für Veröffentlicluing griechischer Vasenbilder er- 
sclieint der vierte, auf griecliisches Alltagsleben bezügliche. 
Band meiner ,, Auserlesenen griechischen Vasenbildern" (bis 
jetzt Tal. 241 bis 258); für die Pariser /iVite tcr(n»«;/TO(<Äi(/«e 
wird der Abscliluls des zweiten Textbandes noch immer ver- 
gebens verhollt. Ebenfalls noch in Aussicht ist die von Houlez 
seit mehreren .lahren vorbereitete Herausgabe ausgewählter 
Vasenbilder des Museums zu Ijeiden. Als einzelne neuer- 
schienene wichtige Denkmäler ilieser Gattung sind die Dar- 
stellungen von Prometheus und Hera (Mon. d. Inst. V, 3-)), 
die Musäosvase (ebd. V, 37) hervorzuheben ; desgleichen manche 
in unsrer Zeitschrilt behandelte Vase (Taf. 37. 42 u. a. ni.). 

'') Zur Erklärung alter Kunstwerke gewähren 
aniser den archäologischen Vereinsschriften (Anm. 38«) einzelne 
Abhandlungen von Jahn (Anm. fil), Slephani fS. I.i3. 224) 
und Anderen manchen schätzbaren Beitrag. Von be.sonderer 
Wichtigkeit waren die von Braun und von Ifchher in ver- 
schiedenem Sinn aufgestellten Erklärungen der thronenden 
Zwulfzahl am Parllienonfries IS. 48(jir.). Auch ist Panafka's, 
nie rastende Thätigkeit mit der Bemerkung hier zu berühren, 
dals selbst die keinem seiner deutschen Fachgenossen nenehine 
Bevorzugung etymologischer Namensspiele, welche seit frühester 
Zeit seinen Erklärungen alter Kunstwerke beigeht, theils, wie 
in den Namensspielen alter Münzen (D. u. F. no. 48) und 
Genimenbilder (Anm. 64), ihre Berechtigung hat, anderntheils 
aber doch auch der sonstigen Hermeneutik nicht vorgreift, 
die er in mancher schätzbaren Auslegung alter Kunstwerke 
mancherorts und (zuletzt in Bezug auf Phäilra und Hippolyt, 
Taf. L) auch diesen Blättern fortwährend bekundet. 

''•) Von plastischen Werken fanden, aufser dem eben 
gedachten PaithenonlVies, durch Jahn (in den .Schriften der 
Leipziger .Societät) die jiuteolanisclie Basis, Darstellungen der 
Leda, andre auf Eros und Psyche bezügliche, ihre Erklärung. 
Hervorzuheben sind auch Krunns Erklärung eines den kapi- 
tolinischen 'l'empei darstellenden römischen Keliels (Mon. d. 
Inst. V, 40. Ann. XXIV, 33811'.), die Verhandlungen über das 
asiatische Dianenbild der Grächwyler Bronze (S. 2013) nnd 
die von Birch zum Venusbild einer silbernen Keliefscheibe 
(S. 205) gegebnen Bemerkungen. 

") Erklärungen graphischer Werke: namentlich der 
eben (Anm. 30. 31. 60) genannten Vasenbilder. Ueber Olympos 
und Marsyas (S 207), Perseus und Pentheus (Ruveser Schale, 
in den Memorie Krcolanesi) u.a.m. hat neuerdings Minervini 
geschrieben. 

"') Gemmen mit Inschriften, den berühmtesten 
Sammlungen Ejuropa's entnommen, behandelt eine akademische 
Arbeit Panofka's (.S. 256), deren zu Willkür und Namens- 
spielen leicht veranlassender Inhalt durch anziehemlen Keich- 
thum monumentalen .Stoffes und durch sorgfältige Feststellung 
desselben ihrer Anerkennung nicht leicht verfehlen kann*). Dem- 
selben Gebiet gehört der seit Jahr und Tag noch unbeendet 
geführte .Streit über die Künstlernamen griechischer, zum Theil 
als unecht verdächtigter, Gemmen an, welcher, von dem ver- 
storbenen Köhler erölfnet, einerseits zu Berlin von Tülken 
(S. 187 f. 20'<), andererseits zu St. Petersburg von 7<. Stephani, 
dem Herausgeber von Köhler's Nachlafs (S. 224), geführt wird. 

'■') Für griechische Epigraphik haben mehrere 
athenische Publikationen, nächst zwei Heften der durch die 

') Wie diese Anerkennung seitens der Berliner Akademie 
durch Aufnahme gedachter Abhandlung in deren Schrilten er- 
folgt ist, darf ein Gelehrter wie Panofka, iler mit vielbethä- 
tigtem Eifer der Denkmälerkunde sein Leben gewidmet hat, 
eine mildere Beurlheilung auch sonst wolil beanspruchen, als 
man, selbst ohne durch eigene Forschung die eigne Befugnifs 
dazu zu bekunden, hie und da sie ihm gönnt. Einen ergiebi- 
geren und zugleich billigeren Standpunkt hatte selbst OKoJnAn's 
scharfe Polemik eingenommen, indem sie bei aller sonstigen 
Befehdung desselben Gelehrten einzelne Ergebnisse Panolka's 
als „selir glücklich" mit allem Dank annahm (oben S. 166). 



291 



292 



Grabungen am Bnleaterion veranlafsten 'E7iiyQ€i(fai (S. 206) 
aucli eine als Novemtieilieft 1852 ausgegrabene Fortsetzung 
t\f!T 'E(fi}Ufn'ig iin/aioi.oyixt], neuen Zuwachs gebracht; zwei 
der dadurch gewonnenen Inschriften, eine (von Pittakis der 
Göttin Rhea zugesprochen) auf die thrakisclie Stadt Rren, 
die andre lesbisclie, auf Hermins den gastlichen Freund des 
Aristoteles bezüglich, werden so eben auf akademischem Wege 
von Höihh erläutert. 

'*) Pa p y rus r ollen irn Besitz der IIH. Ardens und 
Harris werden nocli immer für Herausgahe der darin erhal- 
tenen Reden des HijperiiU'S (zuletzt die Rede gegen Kuxe- 
nippos) ausgeheutet. 

'") Römisclie Inschriften verdankte man neuerdings 
theils durch Henzcn's und ile Kossi's Thiitigkeit dem römischen 
Institut (darunter consularische, kaiserliche und sonstige Khren- 
inschrilten: Bull. 1852 p. 1511'. 26 If. J77Ü'.), theils dem neu- 
eröü'neten Bullettino Napoletano, wo, hauptsächlich durch 
Pater Gfirritcfi's Bemüliungen, unter andern die Tabula afjuaria 
\ enafrana (p. 2111.) neu berichtigt edirt ist. Die Inschrift 
„Toxasma" eines Köchers, zu Neapel von Hrn. Fusco edirt, 
ward D. u. F. S. 50öfi. näher besprochen. 

<•*) Oskische: Bull. d. Inst. 153 if. 

"j Corpus inscrijjtionum graecarum: unter 
üöckh's Leitung durch J, Franz und nach dessen Ahleben von 
E. Curtius fortgesetzt. 

"°) Th. Monimsen: Regni Neapolitani Inscriptiones 
(S. 198 f.) 

') Der Gedanke eines Corpus inscriptionuui latinaruni, 
von der kgl. Akademie zu Berlin seit Kellermann's (f 1837; 
darauf gerichteten und von ihr unterstützten Bemühungen nie 
aufgegeben, ward von derselben seit dem Jahr 1847 plan- 
niäfsig in Angriff genommen, dergestalt jedoch, dafs vorerst 
durch A. W. Zumpt eine materielle Grundlage des Ganzen 
beschafft wird. 

"3 W. Henzen ,, über lateinisclie Ki)igrapliik nnd ilire 
dermaligen Zustände" in der Kieler Allg. Monatsschrift lbö3 
Februar S. 157—184. 

'') Ritschl's Herausgabe der ältesten Inschriften Roms: 
oben S. 171. 208. 



■■■) Die epigrap hisch e Litteratur wird von Rom 
aus liauptsächlich durch Henzen und de Rossi (.\nni. 66), von 
Neapel aus durch Pater Garrucci, durch Fusco (S. 206), Ger- 
vasio und Minervini gefördert. Aus Frankreich werden die 
reichen iifrikntüsclwn Sammlungen des Hrn. Leon Renier (S. 188) 
ihr oeboten ; in Helvcticn ist Mommsen (Bull. 1852 p. 99ff. 
11311.) dalür thätig, dessen fortschreitende „e|>igraphische 
Analekten" (zuletzt no. 18 — 27) ihre Kritik neuerdings bis 
zu gründlicher Verdächtigung römischer Backsteininschriften 
(no. 18: SumlocenneJ im benachbarten Schwabenland sich 
ausdehnten Ebenfalls im südlichen Deutschland ist durch 
.1. V. Hefner's Eifer ein „Römisches Baiern'\ mit viel Inschriften 
lind mit einem Atlas neu ausgestattet (S. 206) erschienen; 
aus Aorihleittschland war A. VV. Zumpi's Aufsatz üher Ocu- 
listeninschrilten unsern Lesern (D. u. F. 426ff.) willkommen. 
Am Rhein bleiben die Bonner Jahrbücher um römische Rpi- 
graphik bemüht, wovon Professor Brann's Festprogramm über 
Juppiter Doliclienus (S.255) noch besonders zeugt ; von J. Klein 
in Mainz wird eine Sammlung der Mainzer Inschriften, von 
J. Becker zu Hadainar unter andern eine Ansheutung der 
Hömersteine für celtisches Götterwesen besorgt (vgl. Bei- 
lage 5). Endlich ist auch von der Donau her aufser der durch 
die kaiserliche Akademie angeregten ThätigUeit die in Neige- 
baur's Dacien enthaltene Inschriftsanindung willkommen zu 
lieilsen. 

■') Als thätige Beförderer des gedachten Plans eines 
Corpus Inscr. lat. waren in den letzten Jahrzehenden von 
Italien aus hauptsächlich Borgliesi, Kellermann und Sarti, von 
Frankreich her die voraussetzlichen Herausgeber eines solchen 
bei Didot in Aussicht gestellten Werks (Noel des Vergers u. a. 
Vgl. Henzen, Anm. 71), in Deutschland aber vor allen Savigny, 
desgleichen auch Otto Jahn, zu nennen. 

"'') Nekrolog. Nicht unberührt jedoch darf hier der Ver- 
lust eines allzufrüh verstorbenen Bearbeiters römischer Epi- 
graphik, Dr. Philippi aus Berlin, bleiben, dessen im römischen 
BuUellino (Iscrizione lalina trovata in Amorgö, Bull. 1S52 
p. 45 ti.) und neuerdings im Rheinischen Museum erschienene 
Aufsätze zu den schönsten Hoffnungen berechtigten. 

'") Arcliäo lo gische Zeitung. Die .Scldufsbemer- 
kung zu welcher hier Anlals ist, wird besser hienächst zu 
einer den Lesern dieser Zeitschrift gewidmeten selbständigen 
Ansprache sich eignen (Beilage 6). 

(Die Beilagen folgen im nächsten Stück.) 



II. Neue Schriften. 



Annali dell' Instituto di corrlspondenza archeo- 
logica. Voluine IX deila Serie nuova, XXIV di tutta la 
Serie. Roma 1852. 8. 

Enthaltend, wie folgt: I. Scavi e topografia. Rspo- 
sizione topograhca della prima parte dell' antica Via Appia 
dalla porta Capena alla stazione dell' Aricia: sezione 1. dal 
iniglio rjuarto al nono (Mon. vol. V, law. \LV — XLVIl); 
L. (anitin; p. 254 — 300. — Sülle sostrnzioni anlichissime del 
(iuicinale e del Palatino, discorso letto nella solenne adunanza 
della fondazione di Roma 18.J2 (Mon. vol. \', tav. XXXIX); 
E. Braun; p. 324—338. — Tempio d'lside nella regione IX, 
fra i septi e le terme d'Agrippa (tav. d'agg. V); L. Canina ; 
p. 34S — 353. — II. .Vlonumenti. a. Archilellura: AnlUentTO 
di Tisdro (.Alonumenti vol. V, tavv. XLIl— XLIV, tav. d'agg. V); 
P. t'osle ; Ij. Canina; p. 241 — 253. — h. Scullurn in »nnrniu; 
Groupes de Muses anti(|ues (tavole d'agg. ,1-K) ; Gueticoniiff; 
p. 42—65. — 'l'empio creduto di M. Aurelio, rappresentalo 
in un bassorilievo esislente in Villa Medici, discorso h-tto nell' 
adunanza della fondazione di Roma l'>52 (Mon. vol. V, tav. XL, 
tavv. d'agg. /{, .SJ; //. Rritun; p. 338 — 345. — c. Scullurn in 
melallo: Intorno ad un vaso d'argento rinvennto nelle vici- 



nanze di Vienna (Francya) con rappresentanze dclle stagioni 
(tav. d'agg. Ij); F. IVieseler; p. 2lö — 2.30. — d. Terreculte: 
Ritone vulcente del Museo britannico (Mon. vol. V, tav.XLVIll); 
K. Braun; |i. 357 — 360. — e. Pillurn vnsculnrc: Vaso etrusco 
in forma di pesce (tavola d'agg. G); A. M. Miyliarini; p. 108 — 
114. — Musaios, allievo delle Muse (Mon. vol. V, tav, XXXVII); 
0. Jahn; p. 198 — 206. — Due scene «lel milo di Circe nelV 
Odissea , vaso vulcente del Museo ili Parma (Mon. vol. V, 
tav. XLl); OoerOeck; p. 230— 241. — 1 Messapj (tav. d'agg. 
JM-A', 0, P, Q); Th. Paiinßa; p. 316— 324. — IMendico (tav. 
d'agg. 7); L. Schmiill; p. 345— 34S. — /'. Mmaico: Glauco, 
musaico <li Cartagine nel Museo britannico (Monum. vol. V, 
tav. XXXVIII; E. Braun). — </. Kpiijrafia: Iscrizioni di 
Sepino; />. Bunjhcsi; p. 5 — 42. — Inscriptiones graecae ab 
Eduardo Falkenero in Asia minore collectae; G. Henzen; 
p. 115 — 197. — Iscrizioni della Via Appia ; O. Henzen ; p.30l. 
315. — h. Miscellanei archeologici del codice Pighiano della 
R. Biblioteca dl Berlino (tavv. d'agg. //, /, K) ; U. Jahn; 
p. 206—216. — IH. O SS e rvazi oni. Gli occhioni dipinti 
sopra le tazze degli antichi, c del nodo Erculeo (tav. d'agg. F) 
A. M. yiigliarini ; p. 65 — 107. 



HerausgegebeD von E. Gerhard. 



Druck uud Verlag von G. Reimer. 



293 



294 



ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER. 



Zur Archäologischen Zeitung, Jahrgang XI. 



M 50. 



Februar 1853. 



Wissensi linltliclie Vfi'eiiie: Ne.i])el (Iierkiilaiiisclie Akaileiniej, Herliii C;uili;iolugiscln* Gesellsolialt). — Beilaufii zum 

Jaliresbericlit : Neuestes aus Athen, Nynipliaiiin zu Nisuies, MoniiiiKiiti inecliti aus Neapel , Terracolten aus Tarsos, 

Mytlioloüisclie Inscliiiltsauiailuni; \on J. Becker, Kurs zweite Jalirzelieiul der Arcliaologisclien Zeitung. 



I. Wissenschaftliche Yereine. 



Neapel, üie lierku la u is c lie Akademie liat 
mit gewohnter rej^elmal'siger 'l'hatigkeit auch neuerdings 
eine Reihe von Allhandlungen geliefert. Aul'ser einigen 
Abhandlungen der IIH. Rucca und Cirillo üher das Amphi- 
theater zu Capua und über die Streitlrage dortiger 
etruskischer Bevölkerung waren besonders die HH. Miner- 
vini und Quaranta thatig. Von Hrn. Mjjiccvini ward 
neuerdings gelesen: 1) der philologische Theil seiner Mo- 
nographie über Herakles im Amazoneukampf; 2) eine 
Erläuterung der oben S. 285 berührten und in Bezug auf 
unsre dort erwähnten Wünsche zu naher Veröß'entlichung 
bestimmten Orithyiavase; 3) Erklärung der auf pompe- 
janischen Inscliiilten bekannten Alonogranune 11. V. V. 
A. S. P. PROC, welche Hr. Minervini auf die Aedilen 
bezieht und mit Benutzung einer .Stelle des \'arro als 
J)iii(»i«(i"i wh'is uedihiis sucris pr'ivulisiiiiu pruciiiundis 
deutet; 4) Erklärung des neuentdeckten neapolitanischen 
Münztj'pus mit dem Flulsgott Sebetus (vgl. oben S.284); 
5) Erklärung einiger sicilischen Münzen mit plionicischer 
Schrift. — Von Hrn. (Juaruitta wurden gelesen: 1) Be- 
merkungen über den gedachten IMiinztypus des Sebetus 
Und 2) über den Bacchus Hebon; 3) über die puteola- 
nische Basis der kleinasiatischen Städte; 4) üljer die 
Gruppe des Satyrs der einem Pan einen Dorn aus dem 
Fufse zieht, im Hause des Lucretius zu Pompeji. — Hr. 
Gervasio hat in drei Abhandlungen über die falschen 
oder verdächtigen Inschriften des Museo Borbonico sich 
verbreitet. — Sons t ige 'J"h ä tigkei t berkulanisclier Akademiker 
betreffend, vernehmen wir gleichzeitig, ilals deren Veteran, 
der würdige neunzigjährige D. Caspare Selvugyl, neuer- 
dings eine Probe seiner Uebersetzung des Euripides her- 
ausgab. 

Berlin. In der Sitzung der arcliäolü<> ischeu 
Gesellschaft vom 4. Januar d. J. gab Hr. Punofha 
für das neuerdings in der .archäologischen Zeitung uo. 37 
Tai". 37 veröirentlithte und auf Ions .Mordversuch gegen 
Kreusa gedeutete \ asenbild des Museums zu Kassel eine 
andre ansprechende Deutung aus dem Orest des Euripides. 
f Abgedruckt oben üenkni. u.E. no. 49 S. 7 <T.]. — Ferner 
erkannte Hr. PaitoPca in der auf einem .Achatonyx des 
kgl. Museums allgebildeten liegenden Lüa-in oltitc Zuntje, 



mit der Umschrift Llmen Anicetus, eine Erinnerung an 
jenes eherne Denkmal des Ampdiikrates am Thore der 
Akropolis zu Athen, welches die Geliebte der 'I'yrannen- 
miirder Harmodios und Aristogiton, mit Namen Leuina 
d. i. ,, Löwin", weil sie trotz der schmerzlichsten Tortur 
des Hippias nichts von der Verschwörung verrieth, in 
dieser siirnbildlichen Darstellung in ehrendem Andenken 
zu erhalten bestimmt war. — Endlich zeigte l\r. Punofku 
in (iemmenabdruck das Bild eines komischen Schau- 
spielers, der auf einer altarähnlichen Basis sitzend zur 
Begleitung des Barbitos einen Hymnos singt, woneben 
eine Flasche bemerkt wird, und bezog diese eigenthüm- 
liche ^'ürslellung auf eine Scene aus der Weiullasche, 
eineni Drama des Komödiendichters Kratinos, über deren 
Einzelheiten Arislophanes Ritter Vs. 32(iir., und besonders 
der Scholiast zu dieser Stelle, werthvolle Aufschlüsse gibt. 
Herr Gerhard brachte von neuem die etruskischen 
Denkmäler helvetischen Fundorts zur Sprache, welclie 
die Gesellschaft schon irüher [oben Anz, S. 142J beschäf- 
tigt hatten und in den neu eingegangenen „Mittheilungen 
der antirpiarischen Gesellschaft zu Zürich" (VII, [>) nun 
veröifentliclit sind. Namentlich ist dies der Fall iür das 
archaische Grächwyler Erzrelief einer als Löwenbändi- 
gerin dargestellten asiatischen Artemis, und fiir diegravirte 
Zeichnung eines im Museum zu Lausanne be/indlicheu, 
früher grob mifsverstandenen und nach hiesigen Ortes 
erfolgter Berichtigung in kunstgerechter 'Irene neu ab- 
gebildeten, etruskischen Spiegels. Die statt auf der 
Dioskuren (ieburt aus zwei Eiern nun au( das Urtlieil 
des Paris bezügliche Darstellung ward mannigfach be- 
sprochen, wie denn namentlich als sitzende Nebenfigur 
die als Schicksalsgöttin eine Spindel haltende Aphrodite in 
jenem Bild Aufmerksamkeit erregte und von Prof. Kuiivit 
mit der ähnlichen sitzenden Figur des Humboldl'schen 
Reliefs der drei Mören verglichen ward. — Aulserdem 
legte Hr. Gerhard die Zeichnung einer Hrn. Kestner 
zu Rom gehörigen zierlichen Vase vor, auf welcher Hera- 
kles etwa aus des Zeus Hand einen Kranz empfängt, den 
von Hrn. Panofka ausführlich erörterten Benennungen 
eines Zeus Basileus und Herakles Kallinikos wohl ent- 
sprechend [Deokm. u. Forsch. Tat. XLIX. L.]. — Endlich 



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296 



wurden einige von Dr. Keller aus Ziiricli initgetlieilte 
Zeiciuiungeii vorgelegt und niilier l>estimint. — Von neuen 
Druckscliriiten wurde, aulser den vorgedacliten Züricher 
„Mittheiiungen", noch die von Jöftsseii sorgfältig veranstaltete 
Heraus"al)e der Geiiiineusaininlung des Leidener Museums 
voraelest. — Nocli eine Gabe, bestehend aus einem von 
Prot'. Fovchliummer zu Kiel zur Feier des neulicheu dor- 
tigen Winckelinannsfestes besorgten gefälligen kleinen 
Plans der Umgegend von Troja, war nach wohlwollender 
Bestimmung des Uebersenders sämmtlichen Mitgliedern 
der Gesellsciiaft schon früher zugegangen und hatte als 



arcliäologische Neujahrsk.irte gedient. Die Gesellsciiaft, 
welclie hiedurcli ihren Eintritt ins neue Jahr, seit ihrem 
eignen Bestehen das elfte, ausdrücklich zu feiein veran- 
lal'st war, zögerte nicht auch der eben neu fälligen Ge- 
burtsfeste zweier unsre Flauptstadt durch Namen und 
Tliat zierender Männer [Ktti(c7t, geboren den 2. Januar, 
Jacoh Grimm, geboren den 4. Januar] zu gedenken: eines 
Heroen monumentaler Kunst und eines N'orkäinpfers deut- 
scher Wissenschaft, denen auch sonst die vielseitigsten 
Wünsche für ferneres jugendkräftiges Leben und SchafFeii 
gesichert sind. 



II. Beilagen zum Jahresbericht. 



1. Neuestes aus Athen. 

Aus einem von Professor Theodor Manussis zu Athen an 
dessen hier verweilenden Landsmann Dr. G. Papasliotis ge- 
richteten Schreiben entnehmen wir mehrere nachträgliche Mit- 
theilungen über die mehr nachtheilig und hemmend als forderlich 
und belehrend ausgefallenen voijiihrigen französischen Aus- 
grabungen am Aufgange zu den Propyläen. Zu näherer 
Bezeichnung dieser bereits früher (1852 S. 200) von andrer 
achtbarer Hand besprochenen Ausgrabungen äufsert Hr. M. 
sich lölgendermafsen. „Man hat bei jenen Grabungen vorerst 
zwei Plattformen gleich hinter der Mauer des zerstörten 
Schanzwerkes aulgedeckt. Dieselben bestehen aus Tuflstein- 
quadern von alterthünilicher Arbeit, die einander ungleich sind 
und ohne Zweifel vorher anderweitig gebraucht waren. Zwischen 
diesen zwei Plattformen befindet sich das berüchtigte Auf- 
gangsthor, ans überall hergenonunenen und stark beschä- 
digten Marmorstücken zusammengebaut. In den Mauern, die 
diese Thür mit den Plattformen verbinden, bemerkt man ein- 
gemauerte Stücke aus dunklem Marmor, die olfenbar aus dem 
Denkmale des Agrippa entnommen sind. Die Pfosten der 
Thür sind von kümmerlicher Arbeit und haben gewifs Jahr- 
hunderte lang an<Ierswo gedient, ehe sie hieher versetzt wurden. 
Die Bedachung derselben besieht aus einer Reihe alter Tri- 
glyphen von Tuifstein, und über dieser stehn aufrecht einige 
Marmorplatten, die aus einem choragischen Denkmal her- 
rühren müssen, indem der darin erhaltene Theil einer Inschrift 
einen Sieger in Knabenkäuipfen bezeugt. Die Thür befindet 
sich in gleicher Linie mit Aem fiingang der Propyläen. Der 
ausgegrabene Theil erstreckt sich lus in die Unterlage des 
Agrippadenkmals, iin<l bis an das Plateau worauf derMketempel 
steht. Kinige maimorne Stufen, die anbei zum Vorschein ge- 
kommen sind, zeigen durch Löcher mit darin befindlichen Be- 
festigungshaken, dafs sie anderswoher hieher kamen. Dasselbe 
gilt von einigen Säulenwirbeln, die bei der venezianischen 
Pnlverexplosion hieher geworfen zu sein scheinen. Ich ver- 
mutlie [mit Hrn. Kangabe, oben S. 200|, dafs dies alles ein 
Werk byzantinischer, nicht der fränkischen Zeit sei, und den 



Aufgang zur damaligen gröfsten athenischen Kirche, dem 
christlichen Parthenon, bildete. Die Annahme liänkisclien 
Ursprungs wird durch keine Spur eines ßefestigungszweckes 
unterstützt, dagegen eine gewisse Nachahmung der alten Bau- 
weise unverkennbar ist: so fand sich eine Art von Opus incer- 
tuui, die vielleicht alt ist, da selbiges aus hartem Stein ohne 
Kalk besteht. Uebrigens geht nun aus jener so prunkend ver- 
kündeten französischen Nachgrabung leider auch noch die 
Gewifsheit hervor, dafs über die westliche Seite der Akropolis 
zunächst keine belehrendere Nachforschung uns bevorsteht: 
denn dort ist gegenwärtig der ganze Schutt der französischen 
Ausgrabung aufgehöht worden". 

„liin anderer Fund ist neulich durch Hrn. Pittakis in 
ölfentlichen Blättern berichtet worden ; er betritt die Statue 
eines mit räthselhafter Thierbildung versehenen Mannes. Diese 
.Statue ist der aus gleichem Orte im Jahr 1S37 hervorgezogenen 
und damals mehrbesprochenen [in den Annali dell' Inst. IX 
p. 109 als Gigant, von Röchelte gleichzeitig als einer der Kpo- 
nymen, Kekrops oder Krichthonios] Statue ganz ähnlirli, nur 
mit dem Unterschied dafs die neugefundene Statue von den 
Knieen abwärts nicht, wie jene frühere, Fischbildung, sondern 
Schlangenbildung zeigt. Der ausgearbeitete Theil dieses un- 
gefähr lebensgrofsen IMarmorwerks dient gegenwärtig in der 
Grundlage einer kleinen Hütte, und zwarilergestalt, ilafs derselbe 
nach unten gekehrt ist. Kopf und Hände sind abgebrochen ; 
nach den Körperformen jedoch sceint ein ^lann von vorge- 
rückterem Alter gemeint zu sein, als bei dem früher entdeckten 
sogenannten Krichthonios es der Fall ist. Der Unterleib vom 
Nabel abwärts endet in Blätter, in denen Akanthos gemeint 
zu sein schiünt; innerhalb derselben beginnt ein schuppiger 
Drachenleib, der vermuthlich zwei Windungen hatte, obwohl 
dies bei völliger V'crdeckung der rechten Seite vur weiterer 
Ausgrabung sich nicht durchaus versichern läfst. Kinige .Schritte 
weiter zurück, findet sich das Piedestal derselben Statue, der 
des sogenannten Krichthonios [auf der Vorderseite mit einem 
Olivenbaum, worin eine Schlange Ann. d. Inst. IX tav. G] 
ganz ähnlich, übrigens einfach. Noch in der l'^rde, nur mit 
einem stark abgestofsenen bärtigen Kojif hervorragend, steckt 
doit nun auch noch ein andrer [dritter?] Gigant". 



297 



298 



2. Nymphäum zu Nismes. 

Unter <len anselinliclit-n liaiitriiriimern zu Nismes ist den 
Altertlninisri'(Mjri(len seit lant'.ercr Zeit ein in der Nähe von 
Bädern yeleyenes Gebäude bekannt, das man bei nnleunl)arer 
Teni])el(urni zunüclistals „'reni|)lede lafontaine", dann meistens 
als Dianentempel, gegenwärtig aber, wie in des ih)rtigen 
eifrigen iiml verdienten Antiquars Hrn. Auijust Pelel neuester 
.Scliiilt ,,''''sai sur le !Njiu|ibi'e de Nismes" (Nismes IS.Vi) 
neu begründet «ird, als NiimpliäHm '/.\\ bezeichnen |i(leg(. Die 
gedaclite Schrill ist mit einem Plan begleitet, welcher zugleich 
mit den von Hrn. Peltt darin näher erörterten Ergebnissen 
neuerer Ausgrabungen begleitet ist. Zur Benutzung der im Jahr 
1648 reiciilich vorhandenen Aibeitskräfte schritt man nämlicii 
damals zu weiterer Krkundiing der das gedaclite Nymphäum 
umgeben<len liauliclikeiten: Kesle mehrerer antiken Wohn- 
häuser und hau|jtsächlieli drei, vom Nvmiihäum durcli einen 
Kanal getrennte, parallele IMauein von 20 Meter Länge und 
S Meter Zwischenranni — nach des Entdeckers Vermuthung 
(a. a. O. p. 6311.) Kornmagazine — waren das Krgebnils jener 
Untersuchungen, welches nun, wie oftmals in ähnlichen Fällen, 
der Alterthumslorscliung mehr neue Räthsel als Losungen 
zntührt. 

Unser gelehrter Mitarbeiter Dr. Bursian, dem wir die 
Zusendung jener Pelet'schen .Schrilt verdanken, begleitet die- 
selbe (von Florenz aus, 17. Februir il. J.) mit einer briellichen 
.\enlserung über die von Hrn. Pi'h't (,,der sich sein ganzes 
Leben lang mit dem .'^tudium seiner lieimathlichen Alterlhünier, 
von denen er jeden Stein, jedes Stück kennt, beschälligt hat") 
behandelten und von ihm selbst als Augenzeugen neu besich- 
tigten Denkmäler folgendermal'sen. „Hrn. Pelet's Ansicht, 
dals die aufgedeckten Baulichkeiten IJorren seien, ist mir 
zwar ganz unwahrscheinlich; denn wer wird Vorrathshäuser 
so nahe ans Wasser, an den feuchtesten Ort der Stadt, bauen? 
Allein eben so wenig weifs ich, trotz dem dafs ich mir die 
Sache genau besehen, einen besseren Namen und Zweck dafür 
zu finden. — AVas die Benennung Nijmfhiium lür den Tempel 
betrifft, so ist Hr. Pelet nicht iler erste der sie aufbringt, 
allein sie ist wohl eben so wenig gegründet als die Benen- 
nung „Tempel der Diana"; vielmehr erscheint es mir un- 
zweifelhaft, dals dieser Tempel dem Nemausus, dem Gotte 
der unmittelbar davor entspringenden Fontäne und, wie die 
Inschriften zeigen, Hauptgotte vor Nismes, geweiht war. — 
Kine S. 47f. von Hrn. Pelet mitgetheilte curiose Inschrift 
[sepnlcral], die ich nach Vergleichnng des Originals berichtigt 
habe, ist wol nicht vor das achte oder neunte .lahrhundert 
nach Christo zu setzen, obwohl die Buchstaben nichts mittel- 
alterliches haben. — Aulserdem habe ich in Nismes noch die 
Lithographie eines in der Nähe entdeckten und jetzt im dor- 
tigen Museum befindlichen Thonreliels, den Kampf zweier 
(Radiatoren, eines Samniten (KROS) und eines Mirmillo 
(X.\iN'i'\S) darstellend, aufgetrieben . . .". 



3. „Monumenli incdili'" aus Nccipel. 

Hr. Oiiilio Minervini, dessen grofser und in Neapel zur 
Zeit unübertroH'ener Thäligkeit wir für sein neueröffnetes 



Bullettino Napoletano wie für manche sonstige Belehrung über 
Denkmälerfiinde seiner Heimath oftmals zu danken haben, 
hat neuerdings uns in den Stand gesetzt, die im vorigen Jahr- 
gang dieser Zeitschi ilt S. KiSif. abgebrochene Inhaltsangabe 
der ,,Monumenti iiiediti di Kaf. Barone" hienächst fortzusetzen. 
Auf Tal. XVI p. 7äff. enthält dieser durch lobenswürdige 
Aulopterung eines Kunsthändlers ans Licht gestellte Band 
eine flaschenforniige apulische Vase, auf welcher ein roh ge- 
zeichnetes Vasenbild durch cigenthüniliche Darstellung der 
Strafe des Marsyas Aufmerksamkeit erregt. Der Silen 
sitzt an einem Baiiiiistainni, vielleicht an den Händen gebunden, 
zwischen der kurzbekleideten bartlosen Figur eines Schergen, 
der ein Messer liält und der an den Preistisch, worauf die 
Leier, gelehnten Muse, die eine flatternde Tänie ihm hätte 
zutheilen künnen , nun aber dieselbe wie zur Verhöhnung in 
der Hand hält. Daneben stellt eine (vom Herausgeber p. 77 
sepnlcral gelalste) .Säule mit darauf stellender Scheibe. Drei 
Satyrn, deren ihittelster Flöten haltend an Olijmpiis erinnert, 
dienen als bacchisches Gegenbibl. 

Auf allerlei miniler erhebliche Gegenstände (Taf. XVII) 
folgt Taf. XVIII ein apulischer Slyphos mit der Darstellung 
des vergötterten Herakles: auf seiner Löwenhaut aus- 
ruhend, scheint iler Held die Flügelstiefeln ablegen zu wollen, 
welche der hinter ihm stehende Hermes zur Fahrt in den 
luttigen Olymp ihm geliehen haben mag. Vor ihm steht, 
bräutlich verschleiert und geschmückt, mit innigem Ausdruck 
ihm zugewandt Hebe, hinter dieser, als sei es ihr Begleiter, 
ein mit Syrinx und palmenähnlicliem Stengel ausgerüsteter 
Ptiii, In oberer Reihe sind Aphrodite, liros und Piillns, im 
Gegenbild Eingeweihte um einen Jüngling versammelt, zu sehn, 
der eine Schale hält. — Ebenfalls anziehend ist Taf. XIX ein 
apulischer S(n(n«o« mit sehr eigenthümlichein, lant Hrn. Minervini 
p. 69 als Apotheose gemeintem, Bild desAktäon: der Jäger, 
durch den ihm angeschmiegten Hund und die vor ihm stehende 
Jagdgöttin Artemis unverkennbar, ist statt des sonstigen Hirsch- 
geweihs nur andeutungsweise mit den Ansätzen von Hörnern 
versehen, die vielmehr Stierbildung haben. Als Nebenfiguren 
sind ein als Apoll (Lorberstamm) oder lieber als Pan (.Syrinx) 
zu benennender jugenillicher Gott und eine aufschauende Frau, 
etwa Aktäons Mutter Autunoe, zu bemerken. H. Eingeweihte. 

Auf Taf. XX sind bekannte unteritalische Münzen neu 
abgebildet. — Sehr eigenthümlich dagegen ist das Tal. XXI. 
XXII dargestellte, in zwei Reihen vertheilte, vordere Bild 
einer apulischen Amphora, welche oben einen Giganten- 
kampf, unten cerealische Darstellungen zu enthalten scheint. 
Oben stürmt Zeus von //crjiies begleitet auf sprengender Qua- 
driga, durch eine Fackel und .Speere eriiebende Iji/ssii oder 
Eris von seinem (Jegner getrennt, gegen einem mit Schild 
und Speer bewaffneten nackten Kämpfer ein, dessen panther- 
bespannter Wagen verständlicher wird, wenn man der auch 
sonst nachweislichen Ausstattung der Giganten mit bacchiscli- 
chthonischen Attributen sich erinnert (vgl. Ghd. Trinkschalen 
Taf. A.B. S. 30,2 Hr. Minervini zwar denkt p. lOI an einem 
nach des Zin/rcii.v Ermordung gegen Zeus anstürmenden Ti- 
tanen); nuten aber umgeben mystische Opfer der üblichen 
Art ein Heroon welches hier ausnahmsweise mit fünf hoch- 
ragenden Aehren cerealisch bezeichnet ist. Die rückwärts be- 
(indlichen Bilder der oberen Reihe zeigen die Bekränzung 
eines bewaffneten Reisigen durch \ile, und am Lustralbecken 



299 



300 



einen Jüngling, dem Aphrodite orler eine sonstige Frau, einen 
Schunn liebkosend, gegenüliersitzl. 

Es folgen auf Taf. XXIII. XXIV allerlei Fragmente antiker 
Wandgem aide, unter denen die von einer sinnenden Neben- 
figur begleitete Penclope, den zur Probe der Freier bestimmten 
Bogen haltend, besondre Beachtung verdient; beaclitenswertli 
ist ebd. XIX, 2 auch die aus Griechisch und Latein gemischte 
antike Mauerinschrift rw r.vTV/t Deqiirio cum Jmjiclio frntre. 
— Weniger anziehend ist auf Taf. XXV eine, wir wissen niclit 
ob durchaus verbürgte, Replik bacchischerFiguren und Grn|i[ien, 
wie sie auch im vatikanischen Relief Pio-Clem. IV, 20 sich 
finden, un'l ebenfalls nur mäfsig anziehend (wenigstens für 
solche Beschauer, welche dieselbe Zeiclinung mit einem Texte 
desselben p;rklärers in den Monumenti dell' Institnto V, 25 
schon einmal kauften) die liier auf Taf. A. B neu erfolgte 
Abbildung des merkwünligen capuanischen Hrzgefälses mit 
Deckelgruppen und Friesreliefs archaischer (hier auf Proser- 
pina's Raub und auf des Herhiles Abenteuer mit Cncus neu 
und ausführlich gedeuteter) Darstellung. E. G. 



4. Terracollen aus Tarsos. 

Bereits vor einigen Jaliren ward ohnweit der Ringmauer 
lies heutigen Tarsos auf Veranstaltung des dortigen brittisclien 
Residenten Hrn. Barlcer ein Krdhügel ausgegraben, welcher, 
in ähnlicher Weise wie der römische j\Ionte Testaceo, viel 
weggeworfene Ueberreste alter Topferarbeit enthielt. Diese 
nach erfolgtem Gebrauch stark zertrümmerten, aber durch ihre 
bildliche Darstellung mannigfach anziehenden Ueberreste, deren 
Zahl wir gelegentlich (im Barker'schen Werk ji. 191) auf un- 
gefähr tausend Stück veranschlagt finden, gewannen grüfsere 
Anziehungskraft durch den horhberülunten Nanu-n ihres asia- 
tische Strafsen und Provinzen weiland verknüpfenden Auflin- 
dungsortts ; es war nicht unwalirscheinlioh, dals aus Denkmälern 
von Tarsos ein neues Glied zur wundersamen Kette assyrischer 
Kunst- und Religionsdenkniäler sicli ergeben würde, Hie wir 
aus Niniveh und Babylon zu gewinnen oder zu hoffen pflegen, 
und wenn solche lloflnungen den Eifer des Entdeckers viel- 
leicht über Gebühr gesteigert hätten, so niulsle der Alter- 
thumsfreund doch in jedem Falle ihm dankbar und durch die 
bisher nie erfolgte Kenntnifs cilicischer Terracotten irgend- 
wie belohnt bleiben. In der Tliat lielsen auch, seit die ge- 
dachten Terracotten nach England versetzt waren, urtlieils- 
fähige Augenzeugen über deren Wichtigkeit keinen Zweifel 
übrig j gründlicher hierüber zu urtheilen ist jedoch erst seit 
neulicher Erscheinung des Barker'schen Werkes uns möglich, 
welches, obwohl seiner Anlage nach eine .Statistik Ciliciens 
bezweckend, seinen Ilaupttitel „Lares and Penates" (or Cilicia 
and its Governors. Lond. 1853) den gedachten Terracotten 
verdankt. Der Besitzer derselben ist nändich der Ansicht, dafs 
in ihnen durchgängig Gegenstände vormaligen Götterdienstes 
gemeint und dem gemäls in ihren Darstellungen ein Inbegriff 
lies altcilicischen Götterwesens nachweislich sei. Diese Vor- 
aussetzung liat denn auch auf die Abfassung des Berichts 
wesentlich eingewirkt, welcher verbunden mit einer Auswahl 
von Abbildungen über jene Terracotten auf S. 145 — 258 des 
Barker'schen Werkes uns vorliegt. 

Griecliisrhe und römische Kunst ist diesen Bildwerken 



durchgängig eingeprägt, und obwolil die Auffindung eines verein- 
zelten, etwa aus .Tapan neuerdings nach Tarsos verschleppten, 
buddhistischen Bnnzenkopts mitten unter jenen übrigen als 
seltsames Factum berichtet wird (p. 235), ist über die hier 
nialsgebende und vorhersehende Knnst keine Frage. Dieses 
bindert jedoch nicht, dals der Herausgeber in diesen durch- 
gängig gräcisirenden Terracotten Zeugnisse für das Götterwesen 
aller irgendwie aus Tarsos bezeugten Völkerschaften zu linden 
glaubt. Einer allgemeinen Belehrung über die Hausgötter 
des Alterthums, wie über die Geschichte des Fundes (p. 153), 
fo'gt dort zuerst eine Erörterung über die zu Tarsos vormals 
verehrten Gottheiten, und da ein solarischer Apollodienst, 
samt der Perseus- und Bellerophonsage und mancher späteren 
Vergötterung, zugleich mit syrischem, phrygischem und ägy- 
ptischem Götterdienst notorisch dort bestand, so werden zu- 
vörderst im zweiten Kapitel (S. 152ff.) alle dieser Grundlage 
mehr oder weniger entsprechenden Darstellungen aus dem 
bildlichen Vorrath der aufgefundnen Terracotten behandelt: 
in diesem Zusammenhang wird jedes Pferdebild zur Andeu- 
tung des Pegasus oder vormaliger Sonnenrosse (no. 37), wie 
jeder Herkuleskopf (einer sei mit Strahlen verselin p. 151. 
216V?) zum assyrisch -lydisclien Kopf eines Sandon. (Eine 
Liste der solchergestalt aus diesen Terracotten herausgelund- 
nen cilicischen Gottheiten ist auf S. 159 gegeben, wo zugleich 
auch über die Etymologie des .Stadtnamens Tarsos mit Bezug 
auf Perseus und Bellerophon p. IfiOf. gehandelt wird). Ein 
drittes Kapitel (S. lS4ff.) reiht sonstige Darstellungen — 
Togaliguren, Thiergruppen u. a. m. — samt einer Betrach- 
tung daran, wann die vermeintlichen Hausgötter von Tarsos 
ihren vermuthlich durch christlichen Eifer erfolgten Unter- 
gang erlitten haben mögen, und schliefst mit schlichten, aber 
für unsern Zweck vorzüglich belelirenden Mittheilungen unsres 
erfahrenen Mitarbeiters Hrn. Bircli (S. 191 ff.) Ein dieser 
.Samndung angehöriges Zerrbild Ulie mos! extrnordiimry thing 
in all llii' cnllection p. 202 no. 55) veranlalste im vierten Ka- 
pitel eine Digression über hunnische und mexikanische Ge- 
sicbtsbildungen (p. 203 ff.) und im fünften zu sonstiger, von 
den Hunnen ausgehender, Ethnologie (S. 20yfr.). Ein sechstes 
Kapitel liefert anhangsweise Götier, Halbgötter und Heroen, 
welche aulserhalb dem obigen System stehn (S. 21211'.), worauf 
im siebenten (S. 225lf.) über Sibyllen gehandelt wird, welche 
der Verfasser in gewissen sehr häfslichen Frauenköplen vor- 
aussetzt, wie auch über die mehrfach vorgefuudnen Knaben auf 
Deljdiinen, die er als Apotheosen vergötterterKinderfafst. Noch 
andre Terracotten werden im achten Kapitel S. 232 ff. als 
Zauberer und Mönche (IMagi and Monks) gefalst, wohin 
namentlich ein S. 2:52 abgebildeter hübscher Telesphoros ge- 
hört; Ungelhüme und Dummköple (monstcrs and idiots, in 
belräclitlicher Anzahl p. 241) folgen im neunten Kapitel 
S. 237fr. (macrocephalus p. 238 no. fjs) nach, und allerlei 
(iestalten des Menschenlebens, als Barden (no. 243 no. f>7), 
Priester, Frauen, Kinder und sonstige, sind im zehnten S. 243 fr. 
zugleich mit einem wunderlich ornamentirten Fragment be- 
handelt, welches S. 248 als Bild des „Tartarus" (einer antiken 
Hölle) vorliegt. Noch sind im elften Kapitel S. 24911'. allerlei 
Thiere, allerlei Geräthe im zwölften S. 253 ff., musikalische 
Instrumente im dreizehnten S. 25911'. behandelt, womit der 
Bericht schliefst. Dem grofsen Fleilsc sowohl als auch der 
bildlichen Ausstattung desselben kann man nur dankbare An- 



301 



302 



ork'inniin;; zollen — , ancli ist (U-r dalici betliätigte Freund des 
Hrn. Harker, lir. //. J. Abhi(ili»i (of lianley Potteries, Slaf- 
fordsliire) durch seinen tecliiiisclien Beruf (S. 154. Uli) 
der Beurtlieihing einzelner Gegenstände niannijjlaeli fiiiderlicli 
geworden; weniger zwar kann eine solche Beiplliclitung für 
die hier entwickelten gelelirten Ansichten gelten, die wir be- 
reits hinlänglich bezeichnet zu Laben glauben. 

Uni nun über Inhalt und Werth dieser reiclihaltigen 
Sammlung zu leichter l'ebersiclit und eigenem Urtheil zu ge- 
langen, folgen wir der von Hrn. Bircli S. 191 If. zu gleichem 
Behuf erwählten dreifachen Einllieilung in statuarische Ge- 
genstände, Gefälse und sonstige Gegenstände gemischten Inhalts. 

I. Statii.\kisches. Im Allgemeinen wird der Kunst- 
werth dieser grofsentheils sehr gescIiicKt um! lebendig ausge- 
führten 'l'erracotten anerkannt (|i. 199); es wird ferner (p. 191 J 
bemerkt, dals sie sämmtlich zi-rstückt gefumlen wurden, dals 
ihre Abdrücke wegen mangelhafter Leiunforrn unvollkommen 
ausgefallen, hie und da aber nachgebessert sind, endlich dafs sie 
fast durchgängig Färbung erhielten, namentlich so, dafs Körper 
und Angesiclit roth, die Gewämler grün, der Kopfsciimuck o(t 
blau erscheinen, wie denn auch zuweilen die Augen blau an- 
gegeben sind. Die Hiiiie dieser Figuren pllegle 9 bis 10 Zoll 
zu betragen, doch lassen einige Ueberreste auch auf Figuren 
von zwei bis drei Fuls Hohe, namentlich ägyptische, schliefsen. 
Aegyptische Darstellungen sind ülierhaupt hier häulig be- 
zeugt: Serapis, Isis (no. 11, Kopf) und Hnriwlrrites (no. 3S 
]>. 181, vollständig) sind mehrfach vorhanden und selbst ein 
geheiligter Stieikopf (no. 19 p. 162 „Apis") ihnen beigesellt. 
Auch babylonisch-assyrische Gotterwesen mit F'ischleib 
solleri hier dargestellt sein (p. 224f. — Phallus einer solchen 
ebd. — Vgl. S. 256 f. Leider ist nichts von dieser Art abge- 
bildet). Desgleichen ist die phrygische Cybele in einem 
durch Schleier uml Mauerkrone geschmückten sehr schönen 
Kopf hier vorhanden (als Titelvignette und auch auf S. 192 
abgebildet) und niehrfach auch ihr Liebling Allis (Brustbibl 
mit Hirtenstab p. 174 no. 31 ; Köpfe p. 227 no. 62. 6.H). Sehr 
verwandt ist jenem Cybelekopf ein anderer, mit junonischer 
Stephane und auch mit <lem .Mo<lius, zugleich aber auch mit 
strahlenförmigem Blätterkranz verzierter, Kopf, den Hr. Birch 
IS. 192) scharlsinnig als Stadtgöttin Tyclie deutet. Diesem 
in den asiatischen Provinzialstädten der Kaiserzeit mit be- 
sondrer Vorliebe ausgebildetem Götlerbegriif dürfte überdies 
noch manches anziehende Fragment dieser Sammlung ange- 
hören, welches theils durch das Füllhorn in einer Göttin Hanil 
(no. 26 ]>. 11)7), tlieils durch die bei ähnlichen Figuren damit 
verbundnen Zusätze von Lorbeer- oder Palmzweigen oder 
selbst von Bellügelung in die Reihe ähnlicher Stadtgöttinnen 
fiiglicher treten als, wie Hr. Barker für ähnliche Fragmente 
einer nicht entschiedenen Männlichkeit (no. 7 p. 15711'. Dr. 
Schmitz p. 158 dachte an Bellerophon) annahm, einen gellü- 
gelten cilicischen Apoll darstellen können. Im Zusammen- 
hang dieser Vorliebe tür seltsarjie .\pollobilder solarischen 
Dienstes wird aus p. Kjl in no. 22 ein mit grolsen Weiii- 
blättern bekränzter und über der Stirn mit einer Lotusver- 
zierung geschmückter jugendlicher Kopf, welchem ein Kalathos 
kanephorenähnlich aufruht, als ein Apollo- Osiris gegeben; 
richtiger mag er von Birch als Isis benannt wonlen sein. 
Kine ähnliche, doch etwas mehr strahlenförmige, Blätterver- 



zierung bildet die Unterlage des Kopfes no. 2.3, der p. I()2 
als .solarischer Apollo bestimmt ist. Zu Unterstützung dieser 
.\nsicht ist, durdi Birch mitgelheilt, aus einem rhodischen 
Münzlypus des Sonnengottes nebenan ein Jünglingskopf mit 
straldenvcrziertem Nimbus oder Polos abgebildet, der uns von 
neuem den Polos eines zur Dodwell'schen Sammlung gehöriger, 
in München aber bis jetzt noch vermifsten (Arch. Anz. v.J. 
S. 219, 18), statuarischen Apoll in Krinnerung bringt. Wiederum 
folgt p. 164 als no. 24 Kopf und Schulter einer jugemllichen 
Flügelgeslalt, welche wir als einen mit Apolls Attributen ver- 
sehenen Priester bezeichnet linden. Der Herausgeber setzt 
nicht ohne Willkür viel solcher Priester voraus (p. 165); noch 
kühner jedoch ist für das Fragment p. 178 no. 16 die Annahme 
eines androgynen Adonis-Apollo , wie es scheint nur durch 
den Kunstwerth desselben (no tvotuler tUnl Venus feil in love 
tit his siijlit p. 179), ausgesprochen. Dagegen für ein andres 
schönes Fragment, die Köpfe eines liebenden Paars enthaltend, 
der Gedanke an Venus und Adonis der gewählten Benennung 
„Ariadne und Bacchus" (ji. 216 no. 56) vorzuziehen sein 
dürfte; ganz ähnliche Gruppirungen sind jedoch, wie in einer 
Lampe der Berliner Sammlung, auch für Serapis und Isis 
nachweislich. 

Von sonstigen gangbaren Gottheiten der griechi- 
schen Mythologie sind hervorzuheben ein SfidirNuskopf (p. 193, 
no. 46), einer oder zwei des Zeus (no. 5 ,,Zeus", aber doch 
wol eher ein Pluto oder Sertipis), eine tiefverschleierte Halb- 
ligur in Art der saniischen Hern (no. 47 S. 193, wo zweimal, 
wie auch noch p. \IV verdruckt ist,,Hero"; Kopf und Schulter 
einer Juno mit gezackter Stirnkrone no. ü), mehrere Minerven- 
köpfe mit korinthischem Helm (no. 12 p. 169. Bildnifs?). Eine 
von Hrn. Birch (S. 193) als eigenthümlich bezeichnete und in 
dieser Sammlung dreimal vorhandene Bildung derselben Göttin, 
in aufrechter Stellung mit dem korinthischen Helm, in ihren 
Mantel gehüllt und zum Theil auch mit Verhüllung des An- 
gesichts, bedauern wir nicht abgebildet zu linden. Gerühmt 
wird ein S. 176 no. 3H abgebildeter, mit Aehren bekränzter, 
6Vre«kopf von eigenthümlichem (lüstern Ausdruck. Die kni- 
dische Venus findet, wie auf den Münztypen, in ganzer Figur 
hier sich vor (no. 4S), andere ähnliche nackte Bildungen der- 
selben Göttin desgleichen (S. 194), wohin auch ein brunnen- 
ähnlich gebrauchtes nackt sitzemles Frauenbild (p. 245: Sibyl 
on her seat of Inspiration) gehören mag; aber auch der ältere 
Typus, der sie bekleidet und eine Taube haltend zeigt, ist 
vorhanden (S. 193). Getlügelte linaben oder sonstige in den 
Bilderkreis des Eros fallende, zum Theil sehr gefällige (z. B. 
ein Knabe, dereinen Schwan liebkost p. 219, no. 58 „Cujiid", 
zusammengestellt mit der zierlichen Gruppe eines vom .Schwan 
getragenen leiers|)ielenden Eros in Hrn. Mayors Sammlung 
p. 220) Darstellungen sind mit mancher, vom Herausgeber 
zum Theil für die Annahme vergötternder Bildnifsdarstellung 
angewandten, Besonderheit hier zu linden (p. 194), wohin 
anrh no. 25 p. 166 das Fragment eines efeubekränzten soge- 
nannten Eros mit grolsen Flügeln und über sein Haupt ge- 
legtem rechten Arm gehört , obwohl dessen ältlich finstere 
Gesichtszüge zu der Benennung Eros wenig stimmen. Kna- 
bengestalten wie die eines umhüllten Merkur (no. 8 p. 156. 
Warum Telephos, p. 166?) oder eines Telesphoros ((i. 232 
no. 66 „Magus") reihn sich daran. Darstellungen des Apoll 
in üblichster griechischer Weise sind hier selten; der unlere 



303 



304 



Tlifil einer Jünglingsfignr mit gekreuzten Beinen (no. 10 
[1.105) wiril dahin gerechnet; hauhger lälst allerdings, wie 
bereits oben bemerkt ward, ein solarisclier Apollo-Helios rho- 
discben Dienstes sicli hier voraussetzen, namentlich in einer von 
Hrn. Birch p. 195 näher bescliriebenen, auch wegen ihrer be- 
weglichen Extremitäten bemerkenswerthen, Figur, bei welcher 
auch die gelbliclie Färbung des Thons absichtlich und bedeut- 
sam zu sein scheint. Kin vereinzelter schöner Kopf wird der 
Artemis zugerechnet (no. 4. p. 156. 194; derselben Benennung 
für eine kopflose Statue no. 4. p. 156 widerstrebt deren ent- 
blöfste Brust). Eine fragnientirte JS«cc/iK«statue mit Fellbe- 
kleidung und einen Kantharos in der Linken ist als no. 18 
(p. 19.1 f.) abgebildet. Kine Pniismaske ist als no. 1 p. 155 
(vgl. .lüngling die Sjrinx spielend |i. 260 no.69), ein schöner 
.SiVfjiskopf in no. 57 p. 21S vorausgesetzt, wo jedoch eher ein 
Typhon oder Phtha zu erkennen sein dürfte; von Bacchan- 
tinnen und auch von Musen ist aus diesen statuarischen Besten 
kaum irgend etwas mit Sicherheit zu erwähnen. Die mit 
Hecht p. 224 als sehr seltsam hervorgehobne, unterwärts mensch- 
liche, statt des Kopfes aber in einen Pliallus endende, Ge- 
stalt sclieint aus Tbon, wie schon früher aus Marmor (Kelief 
aus Aquileja, Glid. Abh. Agathodämon 4, 3. Anm.59), ein neues 
Beispiet des phänischen Dämons Tychon darzidjieten, wie er 
ilen Lesern dieser Blätter (.\rch. Zeit. 2, 249 1f.) genugsam 
bekannt ist. Herkules ist hier nicht häufig; ein pappelbekränz- 
ter Kopf desselben (no. 27 p. 167. 196) scheint Bildnilsziige 
des Cunimodus zu enthalten; ein statuarischer Best desselben 
Helden ist no. 15 p. 169 — , räthselhaft bleibt die bereits oben 
berührte Erwähnung eines strahlenbekränzlen Herkuleskopfes 
(p. I5L2I6). Aeshulnp mit dem Scldangenstab ist in einem Bruch- 
stück voi banden (p. 196). Von mehreren liier vorhandenen 
Figuren der Sieiisiiiiltin ist die eine vorwärts schreitend mit 
Kranz und Palmzweig (no. 14 p. 189) gebildet, oder, wie in 
Bezug auf Judäa, mit einem Palmbauni hinler sich versehen, 
oder mit einem über ihrem Haupt kranzähnlich gerundeten 
Palmzweig (no. 20 p. 177 „Iris"). Hieniit Iiängen denn die 
bereits oben berühiten Viirstelliingen zusaninien, in denen das 
Füllhorn eine ganz ähnliche Flügelgestalt vielmehr als Tijtlte 
erscheinen lälst; auch mag manche andre räthselhafte gött- 
liche Franengestalt in den angeblichen .Sibyllenköpfen (p. 228 
r.o. 64) Hrn. Barker's versteckt sein. In der Figur eines 
schlafenden Knaben (no. 39 p. 163 vgl. no. 26 „Kinderkopf 
mit darüber gelegtem Ann) ist hier ein Somnns erkannt; bei 
einem Knaben der Trauben hält lälst sich an einen Genius 
der Jahrszeiten denken (p. 196). Gegenstände der Heroen- 
sage betreifend, so ist Perscus (no. 50 p. 197 ein ohne sicht- 
lichen Grund so benannter Kopf), wie versichert wird, hier eben- 
falls und zwar als Medusentödter dargestellt; diese Thatsache 
bat dem Herausgeber ein weites Kehl für seine dein Orient zuge- 
wandten Auslegungen (p. 160. 197) eröd'net. Eurojia auf dem 
Zensstier wird S. 220, desgleichen ancli dergi'bundene Mi'rst)tis 
(ebd.) aus gleichem V'orrath erwälint. Ueberrasciiender ist es, 
in mehrfaclier Wiederholung den vom Delphin getragenen, zu 
Korinth als Palämon, zu Tarent als 'rariis bekannten, Knaben 
(p. 2.'!0 no. 6-'j, auch weinbekränzt) hier zu finden. Endlich 
darf auch die lüthselhafte fragnientirte Figur einer dem ersten 
Anblick atlantisch belastet erscheinemU'n Figur nicht über- 
gangen wenleii, welclie, weil sie dem h^rklärer vielmehr einen 
auf seinem Kücken ruhenden Schwiniiner darzustellen schien, 



vielleicht anch von Wellen begleitet ist, die Benennung Lennder 
{[>. 222 110. 5if) erhalten hat. 

Vermuthlich auf Alltagsleben bezüglich sind manche 
nächstdem zu nennende Darstellungen, denen auch die Er- 
wähnung mancher unverstandner Fragmente sich verknüpfen 
läfst. So linden wir die Figur eines Knaben hervorgehoben, 
der einen Zweig trägt (p. 197), den Koiif eines Barbaren mit 
hohem phrygischem Kopfputz (no. 51 p. 197), einen Kopf mit 
triefendem Haar, vielleicht <len einer Najade, einzelne Hände 
mit einem Apfel oder einer gesenkten Fackel oder einer auf 
korinthisches Kapitell gestellten Leier (p. 197)5 desgleichen 
mit Dreifufs, mit Tympanum oder mit einem am E^nde als 
Männerkopf geformten Rhyton, oder mit einem Korb; auch 
der wehrhafte Arm eines Faustkämpfers wird bemerkt (p. 198). 
Zierliche Frauengestalten sind S. 245 mit mancher Besonder- 
lieit erwähnt. Manche andre anziehende Darstellung mag 
unter der einseitig vorgreifenden Auslegung des Erklärers 
sich verstecken: so unter den vermeintlichen Sibyllenköpfen 
(S. 228 ff.), so unter den vergötterten Priestergestalten, die 
der Herausgeber in grolser Anzahl hier voraussetzt (nament- 
lich gottlose lsis|iriester ; may we not imagine that we see 
these rogues in soine of these heads? a family likeness no 
doubt, p. 165 zu no,24), so auch unter den als vergöttert be- 
tracliteten zierlichen Knabengestalten, über welche S. 247 
gehandelt wird. Manche Vergötterung der Kaiserzeit mag 
allerdings unter diesen Terracotten mit allem Recht gesucht 
werden (die verschleierte Matrone mit entblöfster rechter 
Brust und einem Füllhorn no. 2S, wenn nicht als „.Inno", 
doch etwa als Forluna Augttslny, Bildnifszüge scheint selbst 
der Pallaskopf p. 169 no. 12 zu haben. — Als sonstige Figur 
römischen Alltagslehens wird eine Togafigur mit dem latus 
clavus bemerkt (p. 166 no. 41), ein sitzender Komiker mit ge- 
kreuzten Händen ist als „Davus" no. 52 p. I9S abgebildet; ver- 
wandt, aber griechischer, scheint die Figur eines ülier eine 
Amphora hingestreckten weinseligen Komikeis (p. 2.55). Da- 
neben fehlt es nicht an circensischen (Wettrenner — , auch 
ein „comiuered gladiator" p. 244) oder gymnaslisclien (Mann 
der auf einem Bären reitet p. 226 no. 61, Kopf eines Bade- 
knechts p. 198) Darstellungen. Die hier vorhandenen, griechi- 
schen (p. 188 no. 43?) oder römischen, Bildnilsköpfe scheinen 
dem ersten und zweiten Jahrhundert der Kaiserzeit anzuge- 
hören: daran erinnert der Haarputz der Julia Titi (no. 9 
,,Messalina", 29 p. 158. 168) und manche an Otlio, Titus, 
Domitian erinnernde Gesichtsbildung; (dem Caligula einen ge- 
harnischten Torso zusprechen zu wollen no. 60 p. 223, darum 
weil ilieser Kaiser sein Bildnifs gern vervielfältigen liels, ist 
zwar kühner); drei kleinere Bildnifsköpfe zeichnen durch be- 
sondere Feinheit sich aus. Ein eignes Gebiet der Darstellung 
ist das der Karikatur (S. 198), dessen für uns zu gewagte 
ethnologische Ausbeulung wir schon oben aus Cliap. 4 und 5 
<les Barkei'schen Buchs erwähnten, und dessen Ausdehnung 
bis zur Benennung eines Zerrbilds als Midas (p. 185 no. 40) 
ilurchaiis willkürlich ist, dagegen eine rein scherzhafte Deu- 
tung gewils für nicht wenige Gegenstände dieser Sammlung 
zulässig sein mag; in solcher Geltung niiut Hr. Birch p. 191 
namentlich die zum Anheften bestimmt<'n Zerrbilder in An- 
spruch. Eine tiefere Symbolik mag den p. 225 nur kurz be- 
rührten Fabelthieren b<igehen, die auftJrund ihres Vogelleibs 
lliujiyicn genannt werden und eine Abbildung vermissen 



305 



306 



lassen. Ijiiter den sonstipt'n Tliierliguien zeiclinet ilie selir 
lebendige (;iui)|)e eines Löwen sich ans, der einen Stier zer- 
fleisciit (no. 42 \>. 1&7), einem Ijekannten cilicisclien Miinzlypus 
«ntsprechend. Pferde sind auch in einzelnen Tlieilen, offen- 
bar zum Votivfjeliraucli (Pferdebein p. 175 no. 32 ; Pferdekopf 
l>. 180 no. S7), mehrfach vorhanden ; eben so aucli einzelne 
Glieder von Kindern, lliind und Kalze sind ebenfalls in ein- 
zelnen Figiirchen vorhanden, die kalze (p. 179) mit einem 
llalshand versehen, an dem ein umgekehrter halber Mond 
hängt (wobei Ilr. Birch p. 19ft an das Halsbaml der gleiclifalls 
lunarischen kerynitisclien Hirschkuh erinnert). Auch ein zum 
Schlancli bestiinmt(-s Thtofell hndet sicli abgebildet hier vor. 

U. (iiiRÄTHE. Wenig vollständige Gefüfse sind in 
jenem Vorrath alter Tüpferwaro gefunden worden; ilas erheb- 
lichste war ein unverzierter Krug. Häufiger fanden sich Frag- 
mente roth glasirten römischen Gescliirrs, deren ungleiche 
Färbung, zugleich mit Namenlosigkeit des Töpfers, hie und 
da die Benennung unecliter sauiischer Fabrik veranlalst Iiat; 
am Boden plU'gt in nicht geiuefsteni Kelief der Buclistabe T 
(Anfangsbuclistabe von Tarsos?) sicii vorzufinden. Ausge- 
zeichnet und zu ilen schönsten Ueberresten dieser Art gehörig 
sind zwei Fragmente von Trinkgefäfsen : eines mit dem Relief 
einer weiblichen leiclit bekleideten Ilalbfignr mit Festgewinden 
in der .Hand, etwa einer „Venus" ([1.200) oder Höre, eher 
als einer „Prieslerin" (no. [>'i p. 199. 2Ö5) ; ein andres mit dem 
genimenähniich rund gefalsten Biustbild einer efeubekränzten 
Bacchantin (no. 64 p. 200. 254). An sonstigen gefällig ver- 
zierten Gefälsfraginenten (p. 200. 254f.) ist in demselben Vor- 
rath kein Mangel; eine Auswahl zierlicher Gefäfshenkel ist 
auf S. 2.'J6f. des Buclies besprochen. Lampen aber fanden 
sich, zu sichtlichem Beweis einer benachbarten Tüpferfabrik, 
in so grol'ser Anzahl (über 3000, nach p. 200), dafs sie bei 
der Auffindung beliebig weggeliolt werden diirlten ; Hr. Birch 
erinnert an einen ähnlichen von Avolio (Futture d'argilla 
p. 117) aus Syrakiis berichteten Fund. In ihrer Form eigen- 
thümlich, im Ganzen einfach, aber Hoch auch mit mancherlei 
Bildwerk (p. 150. 201. 256; AlUiinn p. 1S9 no. 44) verziert, 
werden sie bei künftiger Aufstellimg dieser .Sammlung eben 
auch Beachtung verdienen; liier heben wir nur zwei Lampen 
in Schuliform und die neuerdings mehr besprochene Gruppe 
der asiatischen Artemis liervor, welche zwei Löwen an ihren 
.Schwänzen liält (p. 201). 

III. Vermischtes. Wenig Andres bleibt zu bericliten 
übrig. Aulfallend ist der völlige Ulangel architektonischer 
Verzierungen, die bei älinlicheni Vorrath nicht leicht fehlen; 
was sich von dieser Art gefunden hat, darf, wie eine ganz 
isolirte korintliische Säule, als Modeil betrachtet werden. 
Bemerkenswerth sind mehrere Oscilla oder Mnshen (komische 
Maske p. 177 no. 35. 30, mit aiisgeliöhlten .A.ugen, wie man 
dergleichen in pompejanischen Wandgemälden an Seilen in 
intercolumnieu aulgehängt sieht. Ferner sind zu erwähnen 
eine Art Arbeitskurh in freier Arbeit (in open work), eine 
KamniinKsc/if?, eine Thürpfoste (stud), ein cylindcrlörmiger 
Gegenstand mit einem ZU am einen Knde, vernnithlich fürs 
Haar. Sodann tragbare Altiire, verniuthlich zum Uäuchern 
liestimmt, no. 2 p. 155 eine viereckte Geldhüchse etwa zum 
Kinsammeln bei Gladiatorenspielen, zwei grofse Disken zum 



Aufhängen (etwa 3 Zoll im Durclimesser , mit A und mit B 
bezeiclinet). Merkwürdig, aber nicht unbedenklich, da es um 
einen Begleiter des Apostel Paulus (Act. 13, 24. 19, 1. I Cor. 
3, 6. 22 Suid. s. v.) sich handelt, ist auch ein flacher Diskus 
mit dem ringsum geschriebnen Namen A:io).).m; (p. 202) in 
Cnrsivschrift. — Auch an (Jegonständen sonstigen Materials ist 
Kiniges mit diesen Terracottcn zugleich vorgefunden worden, 
namentlich eine Büste mit abgebrochenem Kopf, aufgesetzt auf 
einen Tisch; dies Geräth hatte als Messergriff von .Speckstein 
gedient — , ferner drei flache kreislörinige Schleifsteine — , 
ein gläserner Riny von mysteriöser Bestimmung (connected 
witli rites whirh could not stand before the purifjing inlluence 
of the Christian religion) — , endlitli und hauptsächlich einige 
Gi/j>sli(iuren, bei denen man an die in einem Grabe zu Kerlsch 
gefundenen und jetzt im britlischen Museum beündlichen l^Io- 
delle erinnert wird. Die hier in der Barker'schen Samm- 
lung befindlichen Abgü.sse stellen einen Frauenko|)f (p. 170 
no. 30 „Venus") mit Stirnkrone und seitwärts aufgebundenem 
Haar vor, ferner einen Kopf des Hurintlrales mit roth ge- 
färbtem Gesicht, einen Herlaileskii[t( mit Löwenfell, einen 
Alller und zwei Architekturstücke. 

Dieser üeberblick der Barker'schen Terracotten wird ge- 
nügen, die Aufmerksamkeit der Alterthumsfreunde zunächst 
auf das darüber veröfleiitlichte Werk, dann aber und vorzugs- 
weise auf die dadurch keinesweges erschöpfte genauere Kennt- 
nils der Originale hinzulenken, denen eine angemessene Auf- 
stellung, wo möglich als künftiger Besitz des brittisilien 
Museums, wohl anzuwünschen ist. E. G. 

5. Mylhologische Inscliriflsammlung' von 
J. Becker. 

In einer dem Archiv f~ür Philologie und Pädagogik 
(ISSuppl. Bde. 4 H. S. 582— 590) einverleibten Abhandlung 
„über die wissenschaftliche Bedeutung und den Plan einer 
Sammlung der Denkmäler der keltisch-gernianisch-römischen 
.Mythologie"' kündigt Conrector Dr. Becher zu Hadamar in 
Nassau unter dem Titel „Barbarorum occidentalium nun\ina 
ex titulorum, numorum, scriptorum monumentis collecta et 
illustrata" ein auf 2 Bände in 4 Abtheilungen angelegtes Re- 
pertorium der Inschriften nnd übrigen Quellen-Zeugnisse einer 
Mijlhohiißa DccidentaUs an, die in umfassender Vollständig- 
keit den auf diesem Gebiete seit einer Reihe von .lahren ge- 
machten .Studien einen dem heutigen Standpunkt <les bezüg- 
lichen Studienkreises entsprechenden Abschlufs geben soll. 
Die erste Abtheilung des ersten Bandes wird die allgemeinen 
Gottheiten (Numina communia), die zweite die localen Gott- 
heiten der Völkerschaften, Länder, Städte, Berge, Thäler, 
Flüsse, Üuellen umlassen. Der zweite Band soll dann, anl'ser 
den nötliigen Indices zu dem Ganzen, ilie Denkmäler der 
Matres (Matronae) enthalten, die bekanntlich zeilher Gegen- 
stand eifriger Untersuchung gewesen sind und es bei ihrem 
räthselhaften Wesen noch lange bleiben werden. Die a. a. O. 
(insbesondere S. 5S9) erörterte wissenschaftliehe Bedeutung 
und Wiclitigkeit einer solchen Sainnilung kann für die mylho- 
lügischen Studien bei Kelten, Germanen uml Römern nicht 
anders als eingeräumt werden, wie denn auch uns ein will- 
kommener Anlafs daraus erwächst theilnehmende .\lterlhums- 



307 



30& 



freunde auf ein für Dt-nkmälerkunde und vaterländische Ge- 
schiclitsforschung so augenfällig wichtiges, bisher aber oft 
in seinen ersten Grundlagen entbehrtes Unternehmen hinzu- 
weisen. 



6. Fürs zweite Jahrzehend der Archäolo- 
gischen Zeitung. 

Dnfs ein zelinjiiliriües Hestelien dieser Zeitschrift und 
;uic]i deren Fortoan^ überhaupt mci^iicli ^e^orclen i>t, dafiir 
haben Herausgeber und Verleger dem Publikum zu dan- 
ken; dafiir jedoch, dal's dies unter sc!iv\ierii;f n Verhidt- 
iiissen und mit geringer Aufmunterung geschah, darf wohl 
rtucli ihnen einiger Dank zuerkannt uud darf dem Heraus- 
geber eine hienächst folgende freiinüthige Ansprache au 
seine Leser und Mitarbeiter nicht verübelt werden. 

Durch das BedürfniCs , das taglicli zunelimende und 
vielfach zerstreute [Material monumentaler Korschung und 
darauf bezüglicher .\uslegung zugiiiiglich und übersichtlich 
zu machen, ward im Jahr 1829 das archäologische Institut 
zu Rom ins Leben gerufen. Dieser nun bald ein Viertel- 
iahrhundert hindurch segensreich bewährten römischen 
.Stiftung schlofs seit 1843, verbunden mit einem zu Berlin 
gleichzeitig gegründeten geselligen Verein, unsre Zeit- 
schrift, hauptsächlich aus einem doppelten Grunde sich 
an: erstens, zur Unterstützung des riiuiischeu Instituts, 
die grofsentheils jenseit der Alpen verbliebenen Früchte 
des römischen Instituts zur allgemeinen Kennlnil's und 
Wechselwirkung deutscher Kunst- und .Alterthumslreunde 
zu bringen, zweitens und vorzugsweise aber der meistens 
nur auf die litterarischen Quellen iles Alterthums be- 
schränkten klassischen Philologie Deutschlands die monu- 
mentalen üel)erreste desselben Alterthums näher zu rücken. 

Vergleichen wir mit diesem doppelten Zweck unsrer 
Zeitschrift den Erfolg ihrer Leistungen, so dürfen wir, 
abgesehn von der früher gehegten vielleicht iinbesclieid- 
nen Erwartung eines mehr als nothdürftigeu Al)satzes oder 
auch zahlreicher Leser, des wesentlicheren Erfolges uns 
freuen, dafs sie, aus einem Kreise von iMitarl)eitern her- 
vorgegangen, dem vielleicht kein einziger hervorstechender 
Name aus den Vertretern klassischer Archäologie inrier- 
lialh Deutschlands fehlt, zugleich auch vom Ausland so viel 
begünstigt worden ist als eine solche, die europäische Wirk- 
samkeit des römischen Instituts auf das Bedürlnils deutscher 
Wissenschalt beschränkende, Zeitschrift nur immer es 
wünschen konnte. Diese so mannigfach uns bethätigte 
Tlieilnahme gleiclirnälsig fortgeführt zu sehn, liefs sich 
kaum verlioffen; sie ist jedoch, wenn die Veteranen der 
Wissenschaft sich seltner vernehmen liel'sen, ilurch manche 
neu herangewachsene achtbare jüngere Kraft neu unter- 
stützt worden. 

Der lidialt unserer Zeitschrift war schon durch das 
'I'itelblatt einem dreifachen Bedürlnils überwiesen: er 
sollte „Denkmäler, Forschungen und Berichte" 
gewähren, Denkmüfer nämlich, welche, bisher unbekannt 
oder sehr unzugänglich oder auch mil'sverstanden, durch 
erneute Herausgabe und lüklärung einer allgemeineren 
Kenntnil's zugeführt werden sollten; Forschnugen, welche 
aufser der Erklärung jener Denkmäler hauptsäcjdich die 



Wechselwirkung der Zeitschrift und ihrer Leser bekunden 

und manches zu gelehrter Verhandlung geeignetes neues 
Ergebnils mittheilen sollten; Ilcr'ichte endlich, welche den 
neuesten Zuwachs der Denkmälerkunde und aller zer- 
streuten darauf bezüglichen Forschung, zugleich mit den 
Neuigkeiten archäologischer Vereinsthätigkeit und Litte- 
ralur, zu veröfFentlichen bestimmt waren. Diesem drei- 
fachen Bedtirfnil's ist nun zwar reichlich genügt worden. 
In den 120 Bildertafeln , in denen die Arcliäol. Zeitung 
ihren Lesern eine noch gröfsere Anzahl gewählter Denk- 
mäler zu bequemer AnschalTung dargeboten hat, ist dem 
deidienden Altertluimsfbrscher ein überaus reicher Stoff zu 
fortgesetztem Nachdenken überliefert worden ; sie haben 
manche gelelirte Verhandlung innerhalb und anfserlialb 
dieser Blätter hervorgend'eii, und bibliographische Neuig- 
keiten sind, rascher und gewählter als, zumal von Seiten 
des Auslands, in andern Blättern es möglich war, unseru 
Lesern vorgelegt worden. 

Was rüclitsdestoweniger zu wünschen bleibt, besteht 
etwa in Folgendem; 

1. Hinsichtlich der Dciihmülnr , deren Beischaffung 
bisiier grofsentheils aus unedirten Vorräthen erfolgte, 
welche sich allmählich erschöpfen und deren Zusammen- 
stellung dem Herausgeber oft schwerer fällt als es bei 
einem flüchtigen Blicke erscheinen mag, werden wir vor 
wie nach denjenigen unsrer Mitarbeiter vorzüglich dank- 
barsein, welche ein bisher zurückgestelltes oder verkanntes 
Denkmal, zugleich mit neuen Erfolgen seiner Erklärung, 
zur Bekanntmachung in diesen Blättern uns überweisen 
oder empfehlen wollen. 

2. Die archäologische Forschung bedarf einer steten 
Wechselwirkung ihrer Theilnehmer, und wie jedes Stück 
unsrer „Denkmäler und Forschungen" ein neu zu lie- 
trachtendes Denkmal zugleich mit Versuchen seiner Erklä- 
rung darbietet, werden die daran zu knüpfenden F'orschun- 
gen hauptsächlich in gedrängter kritischer Beleuchtung der 
darüber abgedruckten Aufsätze erwartet. 

3. Der Inhalt des „Arcliäologischen Anzeigers" ist 
durch die darin bisher enthaltenen Berichte über Vereiiis- 
thätiukeit, Museographie und bibliographische Neuigkeiten 
hinlänglicli begrenzt, um gerade für diesen Theil unsrer 
Bekanntmachungen behufs reichlicheren und rascher er- 
folgenden Inhalts eine möglichst vielseitige Unterstützung 
neu ansprechen zu dürfen. Der Herausgelier kann dieser 
Zeitschrift nur einige Nebenstunden zuwenden; so wenig 
als man erwarten darf, dafs sein h'iMioiirujihischcr Ue- 
rkht Schriften anzeige, welche i/iiii Jijc/il zugesuiull worden 
sind, so wenig vermag er auch für die \ ollstäiidigkeit 
seiner Notizen in den übrigen Rubriken einzustehn, so- 
fern nicht die auf Archäologie bezügliche 'I'hätigkeit 
wissenschaftlicher ^ ereine und der allniähliche Zuwachs 
(irchiinlogischer Sdinmliintjcn von den ihrer Leitung und 
Aufsicht vorstehenden Personen ijefälligst ihm zugelertigt 
werden. Solchergestalt unsre Zeitschrift auch fernerhin 
und womöglich noch reichlicher als bisher zu begünstigen, 
verfehlen wir nicht alle diejenigen geziemend zu ersuchen, 
deren Beistand aus alter und neuer Zeit bisher uns zu 
statten kam oder hinführo zu unseren Gunsten sich he- 
thätigen will. 

E. G. 



Herausgegeben von E. Gcrinird. 



Druck und Verlag von G. Reimer. 



325 



a/a, 



,^ M''^r 



326 



ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER. 



J\S 52. 



Zur ArchäoJoyischen Zeilunr/, Jahrgang XI. 



April 1853. 



Wissenscliaftliclie Vereine: Rom (arcliüologisclies Institut). — Museograpliisclies; Reiseliericht aus Südfrankreicli 

(Vienne). — Neue Scliriften. 



I. Wissen.scliaftliche Vereine. 



Rom. In der Sitzung des arcliaol ogisclien 
Instituts vom 17. Deceral)er v.J. besprach Dr. ßriiini 
das von ilini aus Hrn. Campana's Besitz in den Werken 
des Instituts (.Mon. lil, 9j verciffentliclite und seiner Kclit- 
lieit wegen melirlacli , namentlich von Otto Jahn (vgl. 
U. u. F. 1852 S. 46), angefochtene Wandgemälde von 
Alplieios und Arethusa. Laut einer l)rie(lichen Mitthei- 
lung des scliari analysireudeu Hrn. GuUi würde doch 
wenigstens die Hauptgrui)|>e in Bütten jenes Bildes antik 
sein, wenn auch das Uel)rige vielleicht einer Ergänzung 
nach raffaellischen Vorbildern angehörte; ein seiner Grund- 
lage nach antikes Bild in jener werthvollen Composition 
zu erkennen, heischte Dr. Braun aucli aus dem Grund, 
weil andre zugleich vorgelundne Zeichnungen derselben 
Hand noch vorhandnen Denkmälern gelten (Bidl. 1853 
p. 22f.). Dr. //. lirnnn nahm von demselben Bild An- 
lafs, Erörterungen über die Corapositionen des Nikias 
daran zu kuiiplen. — Hr. Cunlnu gab Nachricht über 
eine ansehnliche Ehreninsclirilt, welche vor der Basilica 
Julia neulich gefunden v^ard. — Hr. Henzen legte den 
vom Architekt Rosa angefertigten Plan der am Albaner 
See unterhalb Palazzuolo's von ihm nachgewiesenen antiken 
Villatrüminer vor. — Ebenfalls Hr. Henzen gab kritische 
Bemerkungen über eine die Competenz römischer Ge- 
richtsbarkeit anlangende Stelle der Xiphilinischen Auszüge 
aus Dio Cassius 78, 22 (Bull. p. 24f.). — Dr. H. Brunn 
sprach über die aus Köhlers Nachlal's bekannt gewordnen 
Verdiichti^ungen griechischer Künstlernamen auf Gemmen, 
und äufserte sich günstig über deren zu Berlin durch 
Tölken erfolgte Beschriinkung (Bull. p. 25f.) — , dieses 
um so mehr als gleichzeitig iür die von Köhler vorzugs- 
weise angefochtene und als wissentliche Fälschung durch 
Stosch betrachtete (Jemmeninschrilt Ttti';;?;? j/ionxov- 
Qidov . . . eines Pallaskopfes, durch Nachweisung des 
Hrn. de Rossi aus einer vatikanischen Handsclirift, sogar 
die Bürgschaft des Cjriacus Ancoiütanus aus dem fünf- 
zehnten Jahrhundert sich beibringen liels (Bull. 1853 
p. 25fr. Vgl. ebd. 53 f. Sitzung vom 28. Januar). 

In der Sitzung vom 7. Januar 1853 zeigu^ Hr. Keslner 
das Original eines in den Impronte dell' Inst. \ , 87 ent- 
haltenen Gemmenliilds seiner Sammlung, welches bei dem 



durch Siephani und Mercklin verfafsten Verzeichnifs alter 
Plerdenamen neuerdings zu Sj)raclie kommt. — Hr. Cuninii 
gab Kenntnifs von einer in den Ausgrabungen des Forums 
vor kurzern gefuiidnen obscönen Inschrift; der damit ver- 
unzierte Stein enthält zugleich aus der späten Zeit des 
fünften Jahrhunderts eine Erwähnung des Genius populi 
romuni, wie solche laut Hrn. de Rossi's Bemerkung be- 
kanntlich auch bei Prndentius vorkommt. — Hr. de Rossi 
sprach ferner über ein bei der Basilica Julia gefundnes 
und von ihm als Decret des Stadtpräfecten Tarracius 
Bassus gegen Uebergriffe der Weinhändler gedeutetes 
(Bull. 1853 p. 37if.) Inschriftfragment. — Aus Mitthei- 
lung des Professor J. M. de Alavu zu Sevilla wurden 
Zeichnungen des Herkulesgrabes zu Tarragona [Arch. 
Anz. 1852 S. 155] vorgelegt, deren von GerliartI an- 
gefochtene Echtheit von Hrn. Canina lebhaft vertheidigt 
ward. Hr. Uethmann erinnerte, dafs dergleichen bild- 
licher Unsinn [besagte Schwarzmalerei enthält aber den 
ganzen Inhalt Diodors über des Herkules Abenteuer] im 
Blittelalter den Alcliymisten beliebt gewesen sei. — Hr. 
ISraiin sprach über die im Palast Giustiniani befindliche, 
schöne aber stark ergänzte, Wiederholung der sitzenden 
Ariadne im Museum zu Dresden. Der Sitz auf einem 
F'els ist in beiden Exemplaren dieser Statue gesichert; 
desgleichen geht ans dem Giustinianischen Exemplar mit 
Sicherheit hervor, dafs der rechte Ellbogen in <ler That 
auf die Hüfte gestutzt war. Auch die Richtung des 
Kopfes scheint, obwohl er ergänzt ist, richtiger getrofTen 
zu sein als im Dresdener Exemplar; besonders aber ist 
in diesem letztern die Riclitirng des linken Arms verfehlt, 
welche im Giustinianischen Exemplar nach Anleitung 
des I'^altenwurfs lebendiger erscheint. Sicherer hierüber 
urtheilen zu können, bedarf der Dresdener Marmor einer 
erneuten Untersuchung. Tiefer Schmerz ist das über- 
wiegende Motiv dieses schönen, von Winckelmanu deshalb 
auch als Agrippina benannten, Werks; bei der Benen- 
nung Ari.nlne alier [die bisher, seit der Vergleichung des 
Salzburger Mosaiks durch Thiersch, doch für entschieden 
galt] darf man nach Hrn. Braun's Ansicht sich nicht beruhigen. 
In der Sitzung vom 14. Januar zeigte Hr. William 
Go)u»io)i({ einen schönen etruskischen Skarabäus, worauf 



327 



328 



eine Fiügelgestalt mit Hammer iu der linken Hand ab- 
gebildet ist; eine Säge liegt daneben, von iilinlicher Form 
wie sie in dortiger etruskisclier Gegend noch lieute ül)licli 
ist. Nach Dr. Braun's Ansiclit ist Ikaros oder Diidalos, 
beim ersten Versuch ihrer Befreiung ans dem Labyrintlie, 
damit gemeint. Aul das Attribut der Flügel sei in einem 
etruskischen Werk nur wenig Gewicht zu legen. — Hr. 
Matrunga zeigte das Fragment einer Erztafel, welche 
einerseits einige etruskisclie Schriftziige, anderseits aber 
eine reichliche lateinische Inschrift enthält, und maciite 
dadurch das Verlangen nach ähnlichen, aber erhaltneren, 
bilingueu Denkmälern etruskisclier Schrift von neuem rege. 
— Von demselben ward der Gemmenabdruck eines an- 
geblich aus Pästum herrührenden Originals, mit dem Bild 
eines durch die Keule als Herakles bezeichneten Helden 
gezeigt, welcher einem Vogel das in ähnlichen Dar- 
stellungen dann und wann menschenähnliche Haupt ab- 
schneidet; diese Darstellung bleiljt einstweilen dunkel. \\s.\. 
Winck. Stosch.2, 8, 467; nach Panofka, Berl. Akad. 1839, 
Perseus.] Auch legte Hr. Matranga die Zeichnung eines 
kleinen Thors, ,,in Posterula" genannt, vor, welclies sich unter 
der Stadtmauer von Terracina befindet und durcli 'J'lieo- 
dorich mit dem Zeichen des Kreuzes versehen ward. — 
Schliefslich zeigte derselbe ein aus den Grabungen der 
Basilica Julia hervorgegangenes griechisches Epigramm, 
dessen Inhalt Hr. Welcher als Votiv eines Hirten für 
Apollo erörterte, der seinem Schützling nicht nur im 

Traum, sondern auch bei hellem Tage erschienen sei. 

Hr. de JRossi gal) eine sinnige Erklärung des neulich von 
Mercklin behandelten Glasgefäl'ses aus Populonia, welches 
zuvörderst mit einem ähnlichen Borgianischen in der 
Bibliothek der Propaganda verglicheu ward. Beide Ge- 
fäfse sind einander ähnlich; al)er die Inschrilt BaiAE 
bildet einen Vorzug des letztgedachten und beweist zu- 
gleich, dafs es sich in jenem merkwürdigen Complex 
alter Baulichkeiten nicht um römische sondern um kam- 
panische Oertlichkeit handelt. Demnach erhalten alle 
dort benannten Baulichkeiten ihr eigenthümliches Licht, 
so dafs das falui'mm dem in Alonunsens Inscr. Neap. 
no. 2618 erwähnten neroiiischen Palast, die ]n\ae dem 
])Uteolanischen „opus pilarum", das stuijnum einer dor- 
tigen Naumachie, die ostreariu denen des luCrinischen 
Sees gelten. Hrn. de RossVs Ausfülirun«; dieser Ansicht 
wird im Bullettino Napoletano erscheinen. Uel)rigens 
bemerkte Hr. Wehher, dafs dergleichen Gefäfse zur 
Erinnerung an jene reizenden Gegenden für deren zeit- 
weilige Besucher angefertigt sein mochten. — Dr. Braun 
legte Zeichnungen zweier Statuen des Palastes Giustiniani 
vor, welche, urspninglich zu einander gehörig, der im 
Braccio nuovo des Vatikans aufgestellten und längere 
Zeit für eine der Kaneplioren cles Pandrosions gehaltnen 
Statue entsprechen. Nach<lem jene Ansicht durch neuere 
athenische Grabungen ohnehin widerlegt ist, läfst sich 
zum Ueberlluls noch bemerken, dafs jene von Camuccini 
dem Vatikan überlassene Statue nicht, wie vorausgesetzt 



worden war, aus Palast Giustiniani und demnacli viel- 
leicht über Venedig aus Griechenland, sondern aus dem 
Palast Paganica herrührte. Da dieser sowohl als der 
Palast Giustiniani dem Panthnon nahe liegen, so kam 
Hr. Brami auf den Gedanken, als könnten in jenen drei 
Statuen einige der von Plinius als Zierden des P.Tntlieon 
erwähnten Karyatiden des Diogenes von Athen erhalten 
sein: dafs ein Athener aus Agrippa's Zeit die berühm- 
testen gleichartigen Statuen seiner Heimath nachahmend 
benutzte, darf nicht befremden (Bull. p. 37). 

In der Sitzung vom 21. Januar gab Hr. Henzeii 
Nachricht über eine aus Lambäsis herrührende Statuen- 
insclirilt, gehörig zu einer Gruppe von Bacchus und 
Ampelus, die um Rückkehr des Bittstellers nach Rom 
angeÜeht werden; sodann über eine im vorigen Jahr- 
hundert an derViaPraenestina gefundene Inschrilt, welche 
auf eine freigelassene Galeria Lysistrate, Kaiser Anto- 
nin's Gefährtin seit Ableben der Faustina, sich bezieht 
(Bull. p. 49). — El)enfalls Hr. Henzen brachte Cavedoni's 
neueste Arbeit ül)er ein bei Clusium gefundenes christ- 
liches Cimeterium iu Rede, in dessen Inschriften auch 
das unchristliche Disilanibus gefunden wird (ßull. p. 60f.). 
— Dr. Braun zeigte in Probedruck einen auf päpstliche 
Kosten schön ausgeführten Kupferstich des im latera- 
nischen Museum aufbewahrten Mosaiks (Asaroton) des 
Sosus, und sprach über dessen, unter JMitvvirkung des 
Pater Secchi erfolgte, Ergänzung durch die kapitolinische 
Taubengruppe (Bull. p. 51). — Hr. Camna berichtete 
über die neuesten Ausgrabungen auf dem Forum, aus 
denen so eben eine zum Tempel der Dioskuren gehörige 
Säule zugleich mit einem Rest seines Gesimses hervor- 
gegangen ist; dafs zwischen diesem Tempel und der 
Basilica Julia kein drittes Gebäude lag, hat durch den 
nun vollständig ausgegrabenen Grundplau dieser letzteren, 
in Ueliereinstimmung mit einem bekannten Fragmente des 
kapitolinischen Plans, sich bestätigt. 

In der Sitzung vom 28. Januar legte Dr. Braun eine 
Zeichnung der bisher aufgedeckten Ueberreste der Ba- 
silica Julia und einen Versuch zur Herstellung dieses 
Gebiiudes, herrührend von dem preufsischen Architekt 
Cuvuni, vor und knüpfte hieran verschiedene Folgerungen 
für die Bauart gedachter Basilica (Bull. p. 52f.). — Dr. 
//. Brunn erwähnte aus dem im Talndarium l)efindlichen 
Magazin ein Fragment marmorner Schillsschnäbel, welclies 
zu der vor längerer Zeit beim Sej)timiusl)Ogen entdeckten 
halbzirkligen Basis gehört haben möge. — Hr. de Rossi gab 
nähere Auskunft über das Fragment einer Handschrift aus 
Pergament (vgl. S. 325), durch welche ein Zeitgenosse des 
("yriacus Anconitanus (sec. XV) Abschrift der neuerdings 
von Hrn. Stephan! verdächtigten Gemmeuinschrift eines 
Eutyches, Sohn des Dioskorides, uns überliefert hat (Bull. 
]). 53 f.). — Hr. Kexinrr zeigte ein vierecktes Gewicht 
von Erz mit Zitfern und Siglen aus später Zeit. — F'rau 
.irec/cHS-SchatThausen zeigte einige aus Mainz herrührende 
Sachen von Elfenbein, einen Kamee aus Elfenbein mit 



329 



330 



den Reli(-fkö))ftii von Serapis und Isis, wie aiicli einen 
Kamee von Plasma dt siiieialdo mit <i<.T selir leliindiuen 
Figur einer liaccliantin. — Dr. Ilunzcn si)ratli idier e[ii- 
grapliische Scliriften von Craun (in IJonnJ, Spano und 
Minervini (p. Ö5i'.). 

In der Sit/nng vom 4. l'elirunr aufserte Hr. Mutranga 
seine \ iinuilliung, dal's der AuHindungsort in Via Gra- 
ziosa, aus «elclieni gewisse bekannte Wandgemidde [D.U. F. 
'l'af. XLV. XLVIJ lierriiliren, zum Porticus der Livia ge- 
hört liahen niöcliten, ward aUer von Hrn. Ctiniim wider- 
legt. — Weiter spraili Hr. Canina iil)er ein wichtige topo- 
graphische llntdeckung, indem eine hinter der Tribüne 
von S. Maria sojjra Minerva in einem kleinen Haus geluodne 
Treppe die vormalige Lage des bisher meist mit dem 
Sera|)euiu verwechselten Isistempels bestimmt, welcher 
dort auch durch ein ägyptisches Kapitell und durch den 
auf Grunil des «lortigen Bibliothekgebäudes gefundenen 
Isisaltar im kapitolinischen Sluseum bestätigt wird, — Hr. 
Kesiiier zeigte ein schönes Fragment eines Kameen mit 
Pallasbiiste. — Dr. H. Brunn sprach gegen Minervini's 
Deutung gewisser Sphinxbilder auf Oedipus (Bull. p. 69 tT.). 
— Dr. ISritiin sprach iiber Bildnilskopl'e des Cicero, wo- 
gegen Hr. iVulclcr Widerspruch einlegte (Uull. p. 57f.). 

In der Sitzung vom 11. Februar sprach Professor 
Vischer aus Basel, nach seiner Ruckkehr aus Sicilien, 
nl)er die im Rheinischen Museum 1846 S. 6 IT. von Mominsen 
heiiandelteu Theaterinschriften zu Syrakus (Bull. p. 58); 
es ward nach Bemerkung des Bankier Fischer zu Palermo 
auch der stylistischen Uebereinstimmung zwischen den 
Münzen der Königin Philistis und des zweiten Hieron ge- 
dacht. — Desgleichen sprach Hr. ]"isclicr über eine christ- 
liche Inschrift in den Katakomben zu Syrakus. — Es ward 
Hr. Rosas schöner Herstellungsversuch der Ruinen von 
Albano (Bull. p. Sfl.) näher betrachtet. — Hr. Henzen 
berichtete über den neulichen Fnnd eines zweiten Colum- 
hariuius in Vigna Codini (vgl. Bull. 1852 p. 81), welches 
bereits ausgebeutet, aber durch die consularische Inschrift 
seines Fufsbodens vom Jahre Roms 754 merkwürdig ist; 
ferner ülier die ardeatinisclien Funde des Hrn. Giii((i, 
denen aufser vorzüglichen Terracotten [oben S. 282] auch 
eine männliche Gewandstatue von Marmor mit einem Adler 
(kein Juppiler), unter den Terracotten aber hauptsäcldich 
ein künstlerisch werthvoller Silenskopf angehört (Hüll. 
[). 59). — Auf .^nlal's des Minervini'schen Bullettino Na- 
poletano ward über den neuesten kumanischen (iräber- 
fuud gesprochen. — Dr. Braun legte die .'Abbildung des 
kolossalen ,lunoko[)fes vor, welcher im Jahr 1843 von 
Hrn. Delajiorte aul der Stelle des alten Karthago ent- 

") Hirt B. Gall. Vlfl, 46. 

'') Dies (jelit hervor aus ihrem Namen Colonia .Iidia V'ienna, 
den ihre IMimzen aulwei.ven und aus jener .Stelle der Rede des 
Claudius (jetzt Tacitus ed. Nipperdey. T. II, 11.22')), wonacli 
Valerius Asiaticns, der bei des Caliyula Tode ein vnarixüi 
itirfit war, vor ilieser Vollbereclitigung von \ ienna als colonia 
Consiil f;eworden war. 

") De la .Saussaye Numismatique tab. XV. führt 6 ver- 



deckt ward; es scheint dieser Kopf einer Statue und zwar, 
da er lüldnilsziige verräth, einer Bildnifsstatue von noch 
ungleich griilserein Verhältnifs als der Kopf der Julia 
Pia in der Rotonde des Vatikans gehört zu haben. 



II. 

Muscograpliisclies. 

Reisebericht aus Südfrankreich. 

Vgl. oben no. 51. S. 314— 322. 

II. ViENNE. Die Stadt Vienne mit ihren an Fruclit- 
gärten und steilen, wolilbei)auten Bergen reichen Umge- 
liung, sowie das jenseit der Rhone gelegene St. Colombe 
gehören zu den ergiebigsten Städten antiker Funde im 
südlichen Frankreich. Als alter Hauptsitz der inäclitigen 
Allobrogen schon vielfach berührt von griechischen Ein- 
llüssen, seit Cäsar, der ja am Ende der gallischen Feld- 
züge die treuen couventus der Provincia — und solche 
waren die Allobrogen gewesen — belohnt"*), mit muni- 
cipalen Rechten, unter Caligula endlich mit dem solidum 
Roinaiiae civitatis beneficium ausgestattet ■ ') und als 
Colonia Blünzen schlagend ''j, ein in Zeiten des Thron- 
streites geiürchteter nationaler JMittelpunkt ''), später 
!\littelpunkt der Provincia Viennensis trägt es noch heute 
die Sj>uren jener von Kaiser Claudius"''), später von 
Ausonius^') gerühmten Opulenz an sich, die in grofs- 
artigen Bauten und reichem, künstlerischem Schmuck sicli 
aussprach. Auch hier hat das geistliche Regiment der 
Bischöfe, die seit dem elften Jahrhundert mit fürstlicher 
Gewalt die Stadt beherrschten, zur Erhaltung der antiken 
Trümmer wider seinen Willen beigetragen, indem es 
heidinsche Tempel zu christlichen Kirchen weihte, un- 
mittelbar antike Prachtstücke in kirchliche Neubauten 
übertrug, die Stätten weiugstens antiker Prachtanlagen 
durch Klostergebände heiligte. Auch das \'olk seihst 
hat manches Denkmal durch eine mittelalterliche Legende 
besonders von Pilatus vor dem Abbruche sicher gestellt. 

So ist mitten in der Stadt ein antiker peristyler 
Tempel mit korinthischen Säulen und den beiden Fronti- 
spizen bis auf die theilweis abgeschlilTenen Cannellirnngen 
wohl erhalten, indem er in eine Kirche Notredame de 
la vie umgewandelt und die Säulen in die Umfassungs- 
mauer versteckt wurden. Gothische Fenster und Ein- 
gang nehmen sich wunderlich genug zwischen den Säulen 
aus. .^Inii hatte bei meiner Anwesenheit den Grund so 
eben rings aufgegral>en , und war damit beschäftigt, aus 

schiedene Bronzemünzen auf, die die Kopfe des Caesar und 
Augnstns, des Angiisliis und Agripjja, des Angustus allein und 
als Revers Schill'schnäbel mit Thurmbau, Enlerbalken, Mast 
und die Inschritt C. 1. V. haben. 

■■") Tac. II. I, 65, 66. 77. H, 66. 

'") Claud. or. bei Niinierdey II, p. 224; ornatissiina ecce 
colonia valentissimacjue Viennensiuni. 

'") De dar. nrb. 8. 



331 



332 



dem luntin die aufgeliHutten Todtengebeiue lierauszu- 
scbaifeu. Der Bau soll, wie der 'J'empel zu Nimes, zu 
einem Jluseuiu Ijenutzt werden. Er ist bedeutend schwerer 
wie dieser gebaut, Lüiier, aber nicht länger und es ielilt 
iliin jener trefflich gearbeitete Fries ; die das Frontispiz 
umgebenden Glieder stehen an Feinheit denen zu Nimes 
weit nach. Jetzt wird es erst möglicli sein, die Erhebung 
des Unterbaus über das alte Pflaster zu bestimmen und 
vielleiclit findet sich bei diesen Aufgrabungen ein iu- 
schriftliches oder plastisches Zeugnifs, das sichrer als 
die A'agelliicher am Fries für Zeit und Weihung Auf- 
schlufs gäbe. — Den Charakter grofsartiger, nur durch 
Massen wirkender Einfachheit zeigt d;is vor der Stadt 
mitten in Garten liegende Denkmal, l'AiguiUe, der Sage 
nach das Grab des Pilatus, der überhaupt liier in Stadt 
und Umgegend eine grofse Rolle spielt. Eine steile, ab- 
gestumpfte Pyramide erhebt sich auf einem Tetrapylon, 
das mit einem schweren vou je 2 auf Stylobaten stehenden 
Säulen getragenen Gebälk bekrönt wird. Die Capitelle 
sind nackte, konische Körper, ganz entsprechend den 
an der Facade der Porta nigra zu Trier erscheinenden 
Pilastercapitellen. Aufserordentlich schwer und stark 
tritt der Keilstein der Eingangsbogen auf. Wie das Ganze 
aus grol'sen Steinquadern gefügt ist, so ist aucli das 
Innere nicht gewöll)t, sondern die flache Decke wird aus 
einem Ungeheuern Langsteiu und darin eingefugten Quer- 
steiueu gebildet. Auf diesen ruht die Last der innerlich 
liohlen Pyramide. Dals wir hier ein Grabdenkmal vor 
uns liaben, daran kann nach der bekannten, von den 
Uömern an den verschiedensten Punkten ihrer Herrschaft 
adoptirten Mausoleumsform kein Zweifel sein. Mir scheint 
jedoch dasselbe erst der späten römischen Kaiserzeit 
anzugehören, der Zeit, woiieben der Ueberfüllung der 
Ornam-ntik und diese zum 'J'heil verdrängend eine fast 
absichtliche Roheit und Nacktheit der architektonischen 
Formen eintrat. Eine genauere Untersuchung über den 
Zusammenhang der antiken Trümmerreste in der Maison 
des Caiiaux, wozu die Triumphplorle, sowie andere 
kleinere und einzelstehende Säulen gehören, war mir bei 
der Kürze der Zeit nicht möglich, ebensowenig ein Be- 
such der an dem liergabhang hinter der Stadt in Gärten 
iielindliclien Spuren des Amphitheaters, des weiter ent- 
fernten Theaters, sowie der Stadtmauer und Aquädukte'"). 
Dagegen fielen mir bei der nähern Betrachtung der 
lieideu Haupikirchen , der reichgolhischen Kathedrale 
.St. Maurice, sowie der höchst alterthilmlichen, mit ältester 
Rundnische, kleinen einfachen Rundbogenfenstern und 
Runden versehenen, nur gothisch dann theilweise umge- 
l)auten Prioratkirche Andre le Bas nicht allein die hierin 
benutzten antiken Säulen (so im Eingang der Nische von 
St. Andre), der antike Fries mit Blättern und Thierköpfen 
(St. Maurice), die Verwendung von Capitellen zu Weih- 
kesseln, edler Marmorarten, so Verde antico zu Beklei- 
dungen auf, sondern die unmittelbare Nachahmung antiker 
Formen bei der Gliederung und Bckrönuug der gothischeo 



Pfeiler, als korinthische Wandpfeiler, bei der Profilirung 
von Gewölbbauten mit Zahnschnitt, bei der Durchführung 
von Coruichen. Ja, unter den vielfach im Revolutions- 
taumel zerstörten Gestalten der reich geschmückten Haupt- 
portale der Kathedrale, die alle durch Stil und Erbau- 
ungszeit der Kathedrale dein vierzehnten, höchstens fünf- 
zehnten Jahrhundert angehören, sah ich einen weiblichen 
Torso mit einer scharf um den Leib gezogenen Gewan- 
dung, die unverkennbar nach einer Antike an Ort und 
•Stelle gearbeitet war. Eine so unmittell)are Fortwirkung 
der antiken, an örtlichen Denkmalen dem Auge immer 
entgegentretenden Formen in den Bauten und Bildnereieo 
des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts habe ich 
überhaupt, selbst in Italien nicht in gleichem Malse ge- 
funden, als in den Städten der alten Narbonensis. 

Wenden wir uns jedocli zu dem, was das Hauptin- 
teresse für den Archäologen bietet, zu der Antikcnsumm- 
hmg von Vienne, die ihre Entstehung dem unermüdeteu 
Eifer eines Deutschen, Schneyder verdankt, dessen Büste 
daher verdientermafsen auch in ihr sich befindet. Ich 
traf sie gerade in einem etwas desolaten Zustande; ihr 
früheres Lokal, die Kirche von St. Pierre war aufgegeben 
und das neue, eben jener antike Tempel noch nicht her- 
gerichtet. Einstweilen hatte man Mosaike und alle Werke 
von Stein hinter einem Bretterverschlag in der grofsen 
Halle au ble untergebracht, während alles Uebrige an 
(Seläfsen, Bronzen und dergleichen in der Bibliothek de- 
ponirt war. Dies letztere konnte mir nicht gezeigt werden, 
während ich ungestört ein Paar Stunden in der Getreide- 
halle der unbeschränktesten Besichtigung der aufeinander 
vielfach gestellten Schätze widmen konnte. Ich kann zur 
Vergleichung nicht auf die Notice du musee d'antiquites 
etc. von Schneyder mich beziehen, sondern auf den \ou 
-\Iillin gegebenen Katalog der Zeichnungen dersellien, den 
dieser") aber als den vollständigsten der Denkmale selbst 
bezeichnet. 

Die Zahl der ArcliUeJcturstiiclie ist sehr bedeutend 
und zum grofsen Theil von der reichsten Ausführuii": 
dreitheilige Architravstücke, eine zusammengehörige Reihe 
von vier Theilen eines weit vorladenden, korinthischen 
Gesimses, von Cassetten mit scharf gearbeiteten Blüthen, 
von korinthischen Capitellen. Interessant sind die drei 
hohen Friesstücke, die durch weit vortretende Pilaster 
mit gekröpftem Gesims getheilt sind, dazwischen tritt 
als Hauptrelief je eine Jünglingsgestalt mit phrygisclier 
Mütze und kurzem Pallium, der ileu gesenkten Kopf auf 
die ans Kinn geführte Linke stützt, wälirend die Rechte 
einen ovalen Schild hält; der eine hat als Schildzeiclien 
einen Delphin darauf. Ich will hier nur bemerken, dafs 
ganz ents|)rechende grol'se Archilekturlragmente, die sicht- 
lich zu einem Portikus, oder einem Triumphbogen ge- 
hörten, öfters in den südfraozösischen Museen erscheinen, 

^") Uiber Ausgrabungen von 1831 und 1S46 berichtet 
Kev. arch. III, \>. 272 (f. 

'') Vojage II, p. 11 ff. 



333 



334 



so z. B. in dein Garten des Museums zu Narbonne; diese 
Gestalten werden in den Katalogen weist mit ganz dunkeln, 
auch dem Gesclileclite nach nicht entsprechenden Namen 
belegt, wie Pretresse de Cybele ou plutöt Angerona, 
Keronia dc-esse des affrancliis und dergleichen "). Sicht- 
lich steilen sie weiter nichts als besiegte Nationen, hier 
vor allen Gelten dar, gerade sowie an denselben archi- 
tektonischen Stellen uns Watrentrophilen mit und ohne 
(Jefangene begegnen. 

Es führt uns dies hinüber zu den nimlen plastischen 
Dildungen: da zieht uns das Mittelstück einer muiiiinc/icii 
Gewaodstatue an, ein trefflicher Torso eines nackten 
Jünglings ganz einem acht griechischen Eros entsprechend, 
lerner ein grolser weiblicher sitzender Torso mit vollen 
Brüsten, einem griechischen, langen Untergewand und 
dem Himation mit xöXnog und Diploidion ; der rechte 
Arm ist nach vorn gestreckt, also eine mütterliche, thro- 
nende Göttin Demeter oder Hera, eine Slatueuhuse mit 
jugendlichen, miinnlichen Deinen, endlich ein trefflich ge- 
arbeiteter Windhund auf antiker Basis liegend, den Kopf 
rückwärts gewendet, auf dem Rücken des Tliieres zeigen 
sich Spuren eines andern, aber undeutlichen (Gegenstandes. 
Zwei bedeutende Bruchstiicke nohüren sichtlich einer 
weiblichen, auf einem Felsen sitzenden OrlsgoUheit an; 
daneben zeigt sich ein Baumstamm, in trefflicher Aus- 
führung erscheint die auf den Felsen gestützte Hand. 
Die im Jahre 1798 in einer Vigne gefundene, wohler- 
lialtene Gruppe der zwei Knaben, von denen der eine 
mit einer Taube forteilen will, während der andere, um 
ihn zu halten, ihn in den Arm beifst, sicherlich Eros und 
Antcros wobei die zwei Symbole prophetischer, durch 
die Soime hervorgerufener Erdkrait, Eidechse und Schlange 
noch erscheinen, ist von mir in dieser provisorischen Auf- 
stellung nicht gefunden worden ''). Unter den antiken 
Köpfen ragt an Kolossalität vor allem ein bärtiger He- 
rafcfcskopf hervor, wahrscheinlich die als la bobe de St. 
Maurice im Volke bekannte Antike; ferner ein bartloser, 
mit Lorbeerkranz geschmückter Ko|)f des Auijusltis, endlich 
ein Jii)io/.o;i/; auch Athene und Medusa sind hier vertreten. 

Das Hauptinteresse erwecken hier jedenfalls die Re- 
liefs durch Stil und Gegenstand. Ich führe liier zuerst 
mehrere Fragmente auf, welche grüfsern Friesreiben wohl 
angehörten, ihrem Stil nach alle, objleich an Werth unter- 
einander verschieden, eine acht griechische Kunstübung 
beurkunden. Voran steht ein Relief, welches geradezu 
unter die besten, überhaupt erlialtenen, des griechischen 
freien Stils gesetzt werden mul's: in Lebensgröfse ruht in 
bequemer, freier Haltung eine weibliche Gestalt auf 
einem weiten Sitz, dessen eine Lehne mit Voluten und 
Palmetten an der Seite sich aufbaut. Sie ist nach der 
rechten Seite gewandt: ihr linker Arm rulit auf jener 
Lehne, der rechte ist nach rechts vorgestreckt, war aber, 
nach den Resten des Unterarms zu urtheileu, mit diesem 

") Tonrnal Descr. ilu Musee de Narbonne p. "1. 
") Miliin ir, [K 14. l'l. \XVI1, 4. 



aufgericlitet, um sich an einen andern Gegenstand, eine 
Schulter etwa zu lehnen oder Erstaunen, Theilnahme zu 
bezeugen. Der volle, weiche Oberkiirper bis um einen 
Theil des Oberschenkels ist entblofst und zeigt ein feines, 
mafsvolles Linienspiel, während das von demselben her- 
abgefallene (lewand den Sitz bedeckt, mit dem einen 
Zipfel um den linken Arm geschlagen ist, und in reichen 
Massen den Unterkörper bedeckt. Dafs \tir hier eine 
Göttin vor uns haben, wahrscheinlich Aphrodite, welche 
mit Theilnahme einer in göttlicher Umgebung vorgehenden 
Handlung zuschaut, liegt auf der Hand. Unmittelbar 
wird man an die Motive im Parthenongiebel erinnert, 
obgleicli der Stil natürlich der Hoheit und Strenge eines 
Pliidias nicht zu vergleichen ist. Das Relief ist übrigens 
hier an Ort und Stelle, in dem an Funden reichen Wein- 
berg von Romestang entdeckt worden. Als gutes Relief- 
fragment erscheint der Unterkörper eines Knaben mit 
herabhängendem Gewandzipfel, sowie als Hautrelief ge- 
arbeitet der Untertheil einer w e i b 1 i c h e n , mit Diploidion 
bekleideten Gestalt neben einer cannellirten Säule. 

Durch das Interesse des dargestellten Gegenstandes 
und der erhalteneu Motive ziehen eine Reihe anderer 
Reliefs an, die dem Stile nach nicht mit den eben ge- 
nannten zu vergleichen sind. Ich nenne zuerst einen 
Murmordiskus: von einem Lorberkranz umgeben, erscheint 
in der Mitte eine hochgeschürzte Tänzerin, in heitiger 
Tanzl)ewegung, die Hände vor die Brust zusammen er- 
hoben (/ttQig vnilui); von dem Schenkel flattert der 
dorische Chiton auseinander; das Haupt ist von der 
leichten hohen Schilfkrone, die hier allerdings schon mehr 
regelmäfsig geilochteu erscheint, bedeckt. Dem Stile 
nach einer bedeutend späteren Zeit, gehört ein zweiter 
Marmordiskus an, mit einem Randornameut von Eppich- 
blättern. Die Darstellung gehört zu den überhaupt sehr 
seltenen, der Befreiung der Hcsione durch Hcraldes: die 
letzte im langen Gewand, mit lang herabwallendem Haar 
ist mit der rechten Hand an den Felsen befestigt, während 
Herakles mit seiner Linken sie berührt; seine Rechte ist 
rückwärts zu dem Bogen gewandt, an der Seite hängt 
ihm der Köcher; es scheint, dal's er nach glücklich be- 
endetem Kampfe den Bogen zurück über die Schulter 
hängen will. . Ob die Rückseiten dieser Disken Darstel- 
lungen enthalten, habe ich leider nicht untersucht. Ein 
dritter Marmordiskus findet sich endlich da, mit der 
Maske eines Wassergotles , eines Okeanos mit reichen, 
llielsenden Haarmassen und einem Delphin auf der Rück- 
seite, der auch bereits bei Jlillin ") angegeben ist. Sie 
vermehren also die Zahl 52 der von Welcker ^'') behan- 
delten Marmorrunde um drei neue Nummern und zwei 
neue Darstellungen. Ueber ihren Gebrauch, als Schmuck 
zwischen den Intercoluninien der Säulenhallen meist aui- 
gehängt zu werden, kann nach Welcker's Darlegung ein 
Zweifel nicht mehr bestehen; es mag nur noch hervor- 

") Voyage II, p. 15. 

'■; Alte Denkm. Tbl. 11, S. 122-145. 



335 



336 



gehoben werden, dafs der ganz herrschende Gegenstand 
eines feierlichen Tanzes oder einer Lil)ation an einem flam- 
menden Opl'eraltar sciion entschieden dafür spricht, sie uns 
in den die Opferstatten umgehenden, sie überschauenden 
Vorhallen angebracht zu denken. Was den Gegenstand 
der Darstellung betriflt, so erkennen wir natürlich in 
jener Tiinzerin eine Hicroihile, noch Visconti eine Fvarya- 
tide, deren Darstellung und Deutung VVelcker ebenfalls 
in einem eigenen Aufsatz behandelt hat"). Der diese 
Hierodule umgel)ende Lorbeerkranz kann allerdings auf 
apollinischen Cult bezogen werden, wie wir ja die be- 
stimmte Verehrung eines Athenabildes durch dieselben 
Gestalten aus Terracotten kennen, jedoch will hier der 
Lorbeer wahrscheinlich nur die heilige Weihung und 
Reinigung liei dem Gottesdienst bezeichnen. Wie aber 
Welckerdie Gegenüberstellung, ja den unmittelbaren Ueber- 
gang der Hierodulen und Bakchen nachgewiesen hat'"), 
so ist also auch hier in der Diskusform an die Stelle 
der häufigen Bacchantin jene 'l'änzeriii getreten. Die 
Darstellung der Befreiung der Hesione tritt als neues 
Beispiel zu dem Mosaik der Villa Albani '*) und zu der 
Campanasclien Terracotte hinzu [vgl. auch Pitt. d'Ercol. 
IV, 62. Gerhard Apul. Vasonli. Taf. XI no. 1018. Denkm. 
11. Forsch. 1849. S. 56. 'I"af. VI, 4] ; für ihre Umfassung 
durch Diskusform giel)t das runde Terracottarelief mit 
Perseus und Andromeda bei Millingen '^'') das Gegenstück. 

Ein ziemlich roh gearbeitetes und nicht gut erhal- 
tenes Relief (als No. 179 liezeichnet) bringt zu den drei 
von Overbeck"") aufgeführten Reliefdarstellungen des 
Oedijnts vor der Sphinx ein Inedittim hinzu. Oedipus, 
nackt bis auf die von der linken Schulter heraldiiingende 
Chlamj's, die rechte Hand gehoben und den Zeigefinger 
hoch gereckt, in der Linken ein Speerpaar haltend, tritt 
von der linken Seite des Beschauers heran, ihm gegen- 
über steigt die Spliin.x, die sich von der gewöhnlichen 
Darstellung nur durch ihre Vielbrüstigkeit unterscheidet, 
von dem Felsen herab, indem sie den rechten Vorder- 
iufs zur Stirn erhoben hat. In dem Felsen ist eine Grotte 
sichtbar mit Alenschenköpfen. Ebenso zeigt sich zwischen 
Oedipus und der Sphinx eine hingefallene Gestalt, mit 
einem darüber befindlichen undeutlichen, einer Hacke etwa 
ähnlichen Gegenstand. Also haben wir hier eine Dar- 
stellung der l)ereits gefallenen Opfer der Sphinx, wie 
anf dem Pompejanischen Grabrelief. 

Von l)esonderem Interesse ist ein \iereckiger Mar- 
inoraltar, oder vielmehr in Altarfonn gebildeter Cippus"), 
durch darauf stehende Säulenfragtnente jetzt sehr ver- 
deckt. Oben darauf i>t als Relief ein Kranz gebildet, 
von den vier Seiten, welche oben durch vorragende 

") a. a. O. S. 146-152. '') a. a. 0. S. 149. 150. 

") M'inkehn. Mon. In. I, 66. 

") Anc. mon. pl. 18. 

*") Gallerie her. Bililwerke Heftl. S. 52. 5.3. 

■") In Miliin (II, p. 1.3) steht folj;enil<-, rliinkle und nn- 
genane An;ialie: Fiisos, ollrant un prefericule, iine banJelette, 
un laorier sur Ictiuel est un corbeau, <leux des <)uatre genies 



Platte, einfaches Kymation und Stabe, unten durch das 
Schinngenziingenornament und breite Bändereingeschlossen 
werden, enthalten drei Reliefdarstellungen. Unter diesen 
tritt die eine sofort als Hauptgegenstand hervor, es ist 
Leda mit dem Scliwan. Unter einem Cypressenbaum 
ruht Leda mit angezogenem rechten Knie auf den rechten 
Arm gestützt, während sie mit dem linken den Schwan 
umfalst; das Gewand ist ganz von dem Kiirper herab- 
gefallen. Der Schwan, beide Flügel zur Umschattung 
breitend, hat den rechten Fufs zwischen die Beine der 
Leda, den linken über den Leib derselben gesetzt und 
kül'st sie mit dem Schnabel. Von der rechten Seite eilt 
Eros herbei mit Bogen, den Pfeil so eben abschlielsend. 
Bei mäfsiger .Ausführung tritt der wahrhaft schöne Linien- 
schwung und Ausdruck sinnlicher Hingabe sehr hervor. 
Wir erhalten also hier ganz dieselbe Alotivirung, als sie 
auf dem von 0. Jahn kürzlich herausgegebenen Sarko- 
phagrelief des Pighianisclien Codex''") uns gegeben ist, ^ 
nur dafs dort der Scliwan mit dem andern Fufs zwischen '| 
die Beine der Leda gestellt ist; dafs ferner Eros auf die 
Gruppe !ierabschwel)t, dafs aufst-r der Cypresse noch 
ein Eichenbaum erscheint. Den Cypressenl)aum möchte 
ich hier nicht mit Jahn ohne alle innere Beziehung zur 
Gruppe fassen, da er als ein der Aphrodite heiliger Baum 
und zugleich in sepulcraler Bedeutung hervortritt"'). Die 
andern zwei Seiten treten sichtlich an Bedeutsamkeit sehr 
zurück: auf der einen zeigt sich ein 'l'empel mit seiner 
Giebelseite, ein Ziegenbock und ein Baum, hinter dem 
ein Hirt sitzt, auf der andern ein geflügelter Eros oder 
Genius, welcher hoch ein dopj)ellienkliges Gefäl's hält, 
vor einem eigenthümlich gegitterten .Altar, dabei elienfalls 
ein Baum mit einem an den Hirt emporspringenden Ziegen- 
bock. .Also hier zwei ländliche Scenen mit Opferdienst vor 
einem Tempel, vielleicht dem Heroon des Verstorbenen ■'^). 
Ein spätrömisches Relief zeigt uns den gellü^'elten, 
lüwenköpfigenylcoji, schlangenumwunden, mit dem Schlüssel 
in der Hand; vor ihm flammt ein viereckiger Altar, wäh- 
rend weiter oberhalb des letztern ein Dioskur mit seinem 
Rosse steht. Von bedeutend besserer Arbeit ist ein anderes 
Relieffragment mit dem aus den deutlich angegebenen 
Fluthen sich erhebenden Helios; eine Strahleukrone um- 
giebt das Haupt, in der geholienen Rechten trägt er die 
l'ackel, eine Chlamys ist auf der rechten Schulter be- 
festigt. Endlich bleil)en uns noch zwei Reliefs an den 
zwei gegenüberliegenden Seiten eines grofsen, wie es 
scheint, zu einem FVies gehörigen Steines, von mittel- 
niäfsiger Arbeit: ein Bär oder \\olf erscheint bei einem 
fVuchtbeladenen , baumartigen Weinstock, den ein Mann 
mit dem Stein in der Hand bedroblt; die Gegenseite 

des Saisons dont l'un tient un vase, l'autre est devant une 
chevre, Leda avec le cygne et nn Ainour, qni bände son arc. 

■") Her. Kün. .Sachs. Ak. d. Wiss. S. 47— 64. 

"'} .S. 51. Lajaril, Hecherches sur le culte du cupres in 
Annal. de! Inst. arch. XIX, p. .S4— 204. 

") Aelinlicli die Hirtenscene und Leda auf dem Sarko- 
phag von Tortuna s. Piper Mythol. d. ehr. K. I, p. 201. 



337 



338 



nimmt eine aiulfre Tliierscerie ein, ein Löwe einen Hirsch 
verfoigeuil. 

Von den in Vienne und St. (.'olombe gefundenen 
Mosaiken ist «las {jröl'ste und interessanteste mit der Ent- 
deckung des Achilles unter den Tiichterii des Lykomedes 
von dein Besitzer des (iruudstückes hald nacli seiner 
Entdeckung im Jalire 1773 zerstört worden"). Die in 
der Sannnlung vorhandenen, niclit unliedeutenden Mo- 
saikl)ruclistücke sind alle ohne menschliche Darstellungen, 
unter ihren meist mit Blumen oder Vögeln belebten Clus- 
tern liebe ich nur eines heraus von schwarz und weifsen 
Steinen mit Hunden, in deren Ecken die bekannten, unten 
spitz zulaulenden VVeinbehälter mit den von zwei Eidl- 
hörnern umgebenen Merkurstiiben wechseln. Eine Samm- 
lung von Murmorarten zeigt den Keiclithum fremder, 
liier in Vienne verwendeter Marmor. 

W.^s die Inschriften belrillt, so habe ich ganz darauf 
verzichtet, die zahlreichen lateinischen zu vergleichen. 
Zwei, wie ich glaube, noch nicht beachtete viereckige Tlion- 



platteu tragen den Stempel CLARIAINVS . Griechische 
tietinden sich zwei daselbst. Die eine, eine Grabinschrift 
auf Eutycliia, <lie Freigelassene des Krates ans Tralles, 
ist von Miliin'") bereits bekannt gemacht und genau bis 
auf die zweite Zeile, wo Millin schreibt: KPATHCFAA, 

AIANOC 
obgleich im Stein ganz deutlich nur TA A zu lesen ist, 
allerdings ein Schreibiohler des Steinhauers. Die zweite, 
jetzt in der Sainmluiig betiiidliclie Inschrift wird dort von 
Millin nicht erwähnt, dagegen spricht er*") von einer 
iiiientziirerten griechischen Inschrift, die sich bei dem 
Tliore des Herrn Boissat an der Wand befand; dasselbe 
schrieb dann Mylius nach. Bei der Seltenheit griechischer 
Inschriften in diesen Gegenden zweifle ich nicht, dafs 
diese die jetzt im Museum vorhandene ist. Da ich glauben 
darf, dal's sie noch unedirt ist, da sie auch in den mir 
giitigst von Hrn. Professor Curtius mitgetheilten Aus- 
hängebogen des letzten Heftes vom Corpus Inscriptionuin 
neben der andern, eben genannten Inschrift sich nicht 
befindet, so gebe ich sie hier io möglichst genauer Copie: 



EN^ GAKITEH 

NlPetYHMATPliJ/VKi 



QYrA-t\ HP MOKI 
MOYMANKITTOC 
P üJ M HUs^^E Z H C 
AE /f\ \\ Ar\A 

n ^^i^^^W NT 
EN TE 



lEN 



Diese durch das in der I\Iitte befindliche Kreuz im 
Kreise mit A und CÜ, durcii die zwei dem Gefäfse sich 
nahenden Tauben und durch die Formel selbst als christ- 
lich sich erweisende Inschrift ist für mich in seinem 
mittleren Theile unentziirert geblieben, während Anfang 
und h^hde sich leicht lesen lassen: 'Evi^u y.iiiui iv iiQi'jVtj 
fiaTQUvu d-vyaxriQ Moy.t/.iov ftüvxtnog Pw^iait] Criauan 

iXT] u'y.oai y.at nivTi. Man erwartet 

natürlich die vor der ■)aliresangal)e vorausgehende Zahl 
der Monate und Tage, jedoch wollen diese Buchstaben 
einer einigermafsen treffenden Erklärung sich nicht fügen. 
Ich erlaube mir zum Schlüsse noch, mehr fragweise aui 
eine archäologisch interessante lateinische Inschrift aus 
Vienne, die längst bekannt ist und durch ihre grolsen, 
scharfen Schriftcharaktern sich auszeichnet , aufmerksam 
zu machen""): 

DDFLAMINICA VIENNAE 
TEGVLAS AENEAS AVRATAS 

CVM CARPVSCVLIS ET 
VESTITVRIS BASIVM et SIGNA 
CASTORIS ET POLLVCIS CVMEQVIS 
ET SIGNAHERCVLIS ET MERCVRI 
DSD 
Wir sehen al) von dem hier schwierigen D D, wofür 
noch ein Name der Flainiuica gesucht wird und finden 
also, dafs diese Flaminica in Vienna sichtlich für einen 
Punkt, ein Heiligthum zweierlei stiftet: architektonische 
'l'heile und signa, unter den letztern wieder zwei sell)stän- 
dige Gruppen, die des Castor und Pollux mit ihren Rossen 
und die des oft, besonders in Gymnasien verbundenen 
Hercules und IMercurius. Die vergoldeten Bronzeziegeln 
gehören natürlich auf ein. Tempeldach , wie wir sie ja 
beim Bau des Pantheon kennen. In enger Verbindung, 
als etwas Dazugehöriges, jedenfalls als architektonische 
Theile erscheinen hier die carpusculi et vestiturae basium. 
Was sind zunächst die letzteren? Wir können hier bei 
bases, wo von dem äufseren Schmucke des Tempeldaches, 
als der Hauptsache die Rede ist, nur an die Säulenbaseu 
des das Dach tragenden Peristyls denken. Diese halien 
eine vestitura bekommen. Allerdings kann man hier zu- 
erst auch an eine Marmorbekleidung etwa eines Back- 
steiiikörpers denken, aber unwahrsclieinlicli ist dies jeden- 
falls ganz bei einem also mit dem kostbarsten und schwersten 
Material gedeckten, heiligen Gebäude. Vielmehr sind 
wir schon durch das Vorhergehende auch auf eine ver- 
goldete Erzumkleidung hingewiesen. Was sind nun die 
carpusculi? So viel mir bekannt ■""), kommt es nur hier 
vor, wird meist aber mit carpisculis identilicirt, was eben- 
falls nur bei Vopiscus (V. Aurel. c. 30) erscheinend hier 
ein gemeines, barbarisches Schuhwerk bezeichnet; man 
liat es daher mit dem italienischen soccolo vergleichend, 

"') Millin Voy. II, \k 1511. 

") ir, ]). 24. 

'") II, p. 4S. 

") Millin Vojage II, p. 54. 

") Forcellini s.li.v. DufresneGIoss. med. et inf. latin.s. h. v. 



339 

als Säulensockel, d. Ii. also als Basis aufgefarst. Dies ist 
«anz uüwalirsclieiiilich: in unserer, nach der Sclirift zu 
urtheilen einer ganz guten, tler Augusteischeu wenigstens 
nahen Zeit angeiiöiigen Insclirift sind die carpusculi und 
niclit carpisculi bereits ein liekannter, technisciier Aus- 
druck für einen Architekturtheii. Sollte dieser also von 
jener, spaten Schuhhekleidung erst übertragen sein? 
Und was sollen denn die carpusculi als Sockel neben 
den vestiturae basium? Wir erwarten überhaupt vielmehr 
die Herstellung eines andern, der Basis entgegengesetzten 
Tlieils der Säule, desjenigen, an dein der Schmuck am 
meisten Jiervortritt, des Capitells. Die Demiuutivbildung 
carpusculus entspricht an und für sich schon den meisten 
lateinischen, den griechischen nachgebildeten Ausdrücken 
für das Capitell und seine Theile: capitulum, cauliculi. 
Carpus ist auch in das Lateinische mit der Bezeichnung 
der Handwurzel, also des engen Ansatzes der Hand an 



340 

den Arm aufgenommen, bekanntlich eines im Alterthum 
wie überhaupt zu allen Zeiten hauptsachlich schmuck- 
fähigen Theils. Auf die Säule angewandt, deren Aus- 
drücke ja dem menschlichen Körper zumeist entnommen 
sind, bezeichnet carpus oder carpusculus dann den Punkt, 
wo das Capitell an den Schaft ansetzt, das vnoxga/'^T.tov, 
welches l)ereits im dorischen Bau durch einfache Bänder 
hervorgehoben in ionischer und korinthischer Entwickelung 
vom reichsten Sclimuckband umgeben ward. Dieser Theil 
von kostliarerem, glänzenderem Stoffe umkleidet, bildet 
recht das Analogou zu den vestiturae basium und die 
gleiclisam geforderte Vermittelung zwischen jenen und 
dem glänzenden Bronzedach. Ich gebe diese Ansicht zur 
weitereu Prüfung, womöglich zu einer Bestätigung oder 
Verwerfung durch Erweis wirklichen Sprachgebrauches 
Erfahrenem auheim. 

Jena. K. B. Stark. 



III. Neue Schriften. 



Revue archeol ogi que. Annee Vlll. Livr. 10 — 12 
(Janvier — marsj. Annee IX. Livr. I — XII (avril — mars). 
Paris 1852. 1853. 8. 

Enthält unter anilern : Lettre ä M. Lenormant sur deux 
vases peints antiques du Musee du Louvre. Le rlieteur Tisias, 
Polyerate Roi de .Samos {A. de Lomjperier Vlll, 2 |). 62111'. 
pl. 167. 168.). — Des derniers travaux laits sur la philologie 
egyptienne (.1. Mminj [1.602 (f.). — Note sur quelques nonis 
puniques ä roccasion d'une insCription trouvee en Bretagne 
(t. Renier p. 702 11.). — Deuxieme lettre ä M. Ch. Jeannel sur 
les anciennes religions des Gaules (.-1. BdrthcUmij p. 717(1'.). — 
Lettre de M. Itonlez siir une inscription de Strasbourg {p. 773 11.) 
— De l'architecture |iülyclirome ^E. Cnrlier Annee IX. Partie I 
p. lif.). — Obss. sur les tombeaux des Rois a. Jerusalem 
(R. Ruchetlc p. 22ir. Reponse de M. de Säulen p. 39811.). — 
Notice sur les rnines de Zana, l'ancienne Diana Veteranoruin 
(/>. Renier p. 3Sff.) — Decouverte des Aquae Apollinares 
(P. Marchi p. 4ßlf.) — Lettre de M. de Ring sur rinscription 
de Strasbourg p. 51 ff. — Le retiaire et le Mirniillon (f. Leemiins 
p. 65(T. pl. ISi). — Kxcursion ä Cartliague et a rarnpliitheatre 
d'El Djem [Aime Rnelias p. 87(1'. pl. 185. Kolossaler JunoKopf 
p. 86 pl. 184). — Memoire sur le monument qui, ä Jerusalem, 
tstappele les tombeaux des rois {Quiilremere p. 92(1. 15711'.). — 
Reponse de M. de Saulrij p. 22Ütl. — Memoire numismati(|ne, 
medailles inedites (D. It. Müller—, Cituedoni p. 129(f. 33911. 
pl. 186. 187). — Agrippa (p. 17011'. pl. 188, die Grimanisclie 
Statue, Roelietle p. 17011'.). — Tiois inscriptions trouveis a 
Rome {Renier) [i. 19311. — Sur les decouveiles recemment 
faites ä Athenes (Guiijninut et E. Beule) p. 24111. 351(1.). — 
Lettre de M. Vinel :i M. Mineroini sur un vase de la collection 
Sanlangelo (p 276(1. -Akläon). — l'ropylees de l'acropole 
d'Atliencs (J. Chuudet |>. 28^11'. pl. 193. 194). — Letlie de 
M. t'hnudruc de Crnziiitnes ä M. Lenormant sur une tete 
antiqiie, colossale, que l'on croit etre celle d'un cbef gaiilois 
(zu Gemosac, p. 3121f.) — Autel romain decouvert ä Culoz, 
dep. de l'Aine („Marti Segomoni" p. 3 15 f.). — Notice sur 



Orange (J. Cnurlet p. 321(1. Tlieatre pl. 195). — Notice sur 
un manuscrit egyptien (E. de Rouge L\, 2 p. 3851f.). — Ca- 
racteres des (igures d'Ale.xandre le Grand et de Zenon le 
Stoicien, eclaires par la medecine (Dr. Deehnmhre p. 422(1".). — 
Recherches sur quelques aniinanx fantastiques (G. Brunei. Le 
grillon p. 461 ff. La licorne p. 55111'. etc. 736 (f.). — Artemis 
elaphebole, lutte d'une Centauresse et d'un Faune sur un vase du 
Musee de Leyde [Ronlez p.4841f. pl. 199. Schwarzes Reliel'ge- 
färs aus Volterra). — Le Dolmen de Quincampoix, Eure et Loir 
(Doublet de Boisthibimlt p.511f.). — Les deux pieces arclieo- 
logiques trouvees dans un toinbeau gaulois {J. Henri [>. bl'iiL 
Barbarischer Scliinuck). — Basrelief de Reims (./. de M'itte 
p.561(f. „Cernunnus-Aktäon" zwischen Apoll und Merkur). — 
Inscriptions latines recemment decouvertes, (Colonel Uhrich — , 
f.". E. p. 577 f.) — Note sur deux inscriptions latines portant 
quelques signcs d'Accentuation et sur un denii-sexlarius p. 645 (f. 
(ö. l). M.) — Memoire sur quelques phenomenes Celestes, rap- 
portes sur les monumens egyptiens avec leur ilate de jour 
dans l'annee vague (E. de Rouge) p. 653(1. — Nouvelles de 
M. Leon Retiier (de Tebessa 17. dec. 1852 p. 713(1.). — 
Mosaique antique, trouvee pres de Nimes (Amour monte sur 
un cygne p. 716). — Notice sur un eamee antique inedit 
(Neuerworbner des Cab. des medailles: Quadriga worauf 
,,Constantins College Licinius", von .Sol und Luna umgeben 
die Fackel und Globus halten. ChahouiUet) p. 764(1'. — Lettre 
de M. Raoul-Koc/iffff sur les fouilles de Cunies p. 770 (F. — 
Lettre de M. Jumi, relative h <les inscriptions trouvees dans 
le dep. du Bas-Rhin p. 776f. — Decouvertes et nouvelles: 
Fouilles d'Ardee p. 77^ (bemalte Terracotten, <larunter das 
Fragment einer archaischen Baccbusstatue). — Monnaies ro- 
maines trouvees ilans le dep. de la Ilaute Marne p. 780. — 
Fouilles de kliorsabad p. 7801. (Mur revetu de briques (leints, 
Statue qui represente un peisoniiage teuant une bouteille entre 
ses mains). — Statue de Laocoon trouvee h Vienne ip. 781. 
Reste von Erzligureii : „l'une d'elles, tenant des rleux mains 
les tetes de deux serpents (pii enlacent de leurs replis son 
Corps et ses jambes. paratt representer un Laocoon"). 



Herausgegeben von E. (ierhurd. 



Druck und Verlag von G. Reimer. 



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ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER. 

Zur Arckäologischen Yde'ilung, Jahrgang XI. 
JM 53. 54. Mai und Juni 1853. 



Wissenscliaftliclie Vereine: Rom (arcliäologisclies Institut, mitlirisclie Wandgeraiilde), Berlin (arcliäologisclie Ge- 

sellstliaft, Sera])emn zu Memphis). — Neue Schriften. 



I. Wissen.schaftJiche Vereine. 



Rom. In der Sitzung des arclia ol ogische n In- 
stituts vom 18. Fehruar d. J. zeigte Hr. Gommonde 
versciiiedene ITeil- und Lanzenspitzen ans Kieselstein, 
welche, wie sonst viele andre dergleichen l)islnr, jenseits 
der Tiher gefunden worden sind; die gangbare Alileitung 
ahnlicher WafTenspitzen aus den Einlallen der Gallier 
ist damit wohl vereinbar. Mao brachte in Erinnerung, 
dafs die in grofser Masse bei Älaralhon vortindlichen 
Pfeilspitzen nicht aus Kiesel, sondern aus Opsidi.ui sind; 
im Uebrigeu wird, wie Hr. Welcher erwähnte, die schlecht- 
hin vorausgesetzte Anwendung solcher Gegenstände zu 
Pfeilen von Hrn. Fiii(«;;, der \iel darüber gesammelt und 
nachgedacht, bestritten. — Hr. de Rossi zeigte in einem 
von Hrn. de Lacroix mitgetheilten Abdruck ein Gemmen- 
l)ild aus Girgenti, darstellend ein aus Pferdekopf und 
Menschenleib zusaniinengesetztes Gebilde; die daneben 
befindliche Palme giebt Andeutung, dafs die vereinigte 
Kraft der Rosse und ihres Wagenlenkers gemeint sei, 
denen ein Sieg im Circus verdankt ward. In der daneben 
befindlichen Inschrift VNIO ANLVIA SNA\ IS glaubte 
Dr. IJiaun snuvis, das jedenfalls für suavis zu f;elten 
habe, nicht als verschrieben, sondern als Eigenthümlich- 
keit der sicilischen Mundart betrachten zu dürfen. — 
Hr. Welcher zeigte in Abbildung einen der sogenannten 
magischen Nägel, der mit ägyptischen Zeichen bedeckt 
ist; auch eine Ziffer isl daran bemerklich. — Hr. Henzen 
legte Pater Marchi's wichtiges Werk über die l'"unde zu 
Vicarello vor; da man hiebe! auf die merkwürdige Sitte 
zurückkam ein Stück Geld in Mineralquellen zu werfen, 
denen man seine Heilung verdankte, so liefs nun auch 
der neuliclie gallische Fund von Uleistücken mit unver- 
ständlicher Schrift sich anführen, welche in einer IMineral- 
quelle zu Amelie les liains olinweit Arles (laut Revue 
archeol. IV p. 79 pl. 71) sich gefunden haben. Hieran 
knüpfte Hr. Henzen noch andre üemerkuugen, theils 
numismatischen Inhalts (Bull. p. 82), theils, durch eine iu 
Pater i>f«rc/ii's Werk abgebildete Silberschale veranlafst, 
über die den Namen A(i>iue Apoltinurcs erklärende Ver- 
bindung Apolls mit den Nymphen (Bull. p. 83). Auf 
Anlafs der drei wichtigen aus gleichem Fund herrührenden 



Silbergefäfse mit geographischer Inschrift des Reisewege» 
von Gades nach Rom sprach hierauf Hr. Henzen über 
die Meilensteine, welche mit ähnlichem Inhalt aus 'J'oogres, 
Anduse und vielleicht auch aus noch andern Provinzial- 
hauptstädten des römischen Reichs bekannt sind (Bull, 
p. 83 f.), und legte von Seiten des Hrn. FJoi-e//j zu Neapel 
den Anfang eines die .Ausgrabungen S. K. H. des Grafen 
von Syiakus betreffenden Werkes vor, welches in seinem 
ersten Heft den bekannten Wachskopf aus Kumä enthält. 
In der Sitzung vom 25. Februar hatte Hr. Welcher 
eine Dopjielherme, fast in halber Lebensgröfse, ausge- 
stellt, deren bartloser Kopf sofort für -Menaüder erkannt 
ward; den damit verbundenen bärtigen erkannte er, mit 
Hinweisuug auf Plutarchs Frage ob Menander oder 
Aristophanes gröfser sei, sofort für des letzteren bisher 
noch unbekanntes Bildnifs. Diese schöne Entdeckung 
ward mit allgemeiner Freude begrüfst; dafs der Künstler 
den Aristophanes durch eine Stirnbinde vor seinem Neben- 
buhler ausgezeichnet habe, blieb nicht unbemerkt. — 
Hr. W. Gommonde zeigte eine im kleineu Testaccio ge- 
füiidiie Münze des Gallienus als Beweis [?], dafs jener .Sclier- 
beuhugel nicht älter als jener Ilaiser sein könnte. Ferner 
zeigte derselbe in Abdruck eines Skarabäus das Gemmen- 
bild einer bekleideten Frau mit einem Kranz in der Hand, 
welche einem Gefäl's sich nähert, aus dem die Halbfigur 
eines bärtigen Mannes sich erhebt; er hatte dabei an 
die Aufkochung des Pelias durch Medea gedacht und 
verglich auch das Vasenbild bei Gerhard, antike Bild- 
werke Taf, LH. — Dr. Uriwn gali Alibildung eines Reliefs 
in Palast Sacchetti, welches den Imperator auf erhabenem 
Sitz, zuniiclist von vier Figuren, unterwärts von noch 
mehreren umgeben, in einer ähnlichen Feierlichkeit zeigt 
wie Joseplius 15. Jud. VII, 5, 4 sie beschreibt. Dadurch 
scheint der dort erwähnte Porticus der Octavia und die 
Porta triumplialis auch in alter Kunstdarstellung nach- 
gewiesen zu sein (Bull. p. 851'.). — Dr. Henzen zeigte 
das Facsimile einer vor Jahren von ihm in Sezza ge- 
seheneu und neuerdings für Hrn. Ritschis altlateinische 
Inschriften lithographirten Inschrift von sehr alterthüm- 
liclier Schrift, ihrem Inhalte nach durch die Erwäliuuug 



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von MunicipalprätoreD erheblicli; sodann ward aus einer 
andern Insclirift (Orell. 3043) das Amt der Vigintiviri 
zum Anlafs weiterer Besprechung. 

In der Sitzung vom 4. März zeigte Hr. de Rossi in 
Abbildung meiirere Wandmalereien aus Gräbern vonMi- 
thrasverelirern, welche im vorigen Jahrliundert ohnweit 
der Via Appia dem christliclien Cimeterium des Praetex- 
tatus benachbart gefunden und wegen dieser Nachbar- 
schaft unerwähnt geblieben waren, bis neuerdings Pater 
Garnicci zu Neapel in Verein mit Pater Marchi zu Rom 
die zum Theil wieder verschüttete Oertlichkeit neu unter- 
suciite und ihren gedaciiten Malereien eine besondere 
Schrift (Tre sepolcri con pitture ed iscrizioni apparte- 
nenti alle superstizioni pagane del Bacco Sabazio e del 
Persidico Mitra, scoperti in un braccio del cimitero di 
Pretestato in Roma. Nap. 1852. 4. 72 S. 6Taf.) gewidmet 
hat. Im ersten jener Grabmäler ist der Raub der Pro- 
serpina mit der Inschrift ahreptlo l^ihies et descensio, im 
zweiten Pluto Disputer mit Ahracura gepaart als 'J'odten- 
richter mit der Uel)erschriit Fata d'wina dargestellt. Rechts 
von ihnen stehn drei Figuren, zwei weibliche und eine 
dritte bärtige zwischen ihnen, alle in graues Gewand 
tief verhüllt; linkerseits aber führt Mercur „Merciirins 
nunthis" die Verstorbene „Vibia', heroisirt durch Be- 
gleitung der „Alcestis", herbei, beide in ähnlicher Beklei- 
dung wie die Fata; hiebei ist die Abracura als ußgä 
xovQa von P. Garrucci wohl ausgelegt, dagegen Dr. Braun 
in der männlichen Mittelfigur der weiblichen Fata, welche 
Garrucci für einen Todtenrichter oder für das Fatum 
hält, vielmehr die Forttma virilis der Römer, als Göttin 
der Männer, mit Vergleichung eines bekannten kapitoli- 
nischen Sarkophagdeckels, zu erkennen geneigt ist. In 
der Lunette desselben Grabmals sind zwei Scenen dar- 
gestellt, Vibia's Einführung zum Gastmahl der Seligen mit 
der Inschrift i;iduc(to Vibies, geführt \om Angclus boniis 
[wie dargestellt?], und das Gastmahl sell)st von sechs 
Theiluehmern begaugen, in deren Mitte Vibiu sitzt; das 
Ganze bat die Ueberschrift ßoiioi'iim iiidicio iudicati; 
Garrucci bemerkt, dafs hierait das himmlische Gastmahl 
gemeint sei, obwohl Bottari an vermeintlichen Darstel- 
lungen christlicher Agapen hier Anstofs nahm. Als vierte 
Scene zur Rechten ist ein Gastmahl der Septe pü sacer- 
doles dargestellt, von denen einer den Namen Vincentius 
trägt; der Umstand, dafs dieser und noch zwei andre 
Figuren des Bilds mit phrygischer Mütze bedeckt sind, 
hat den Herausgeber veranlafst eine mithrische Versamm- 
lung hier vorauszusetzen, zumal ein Succrdos D. S. I. M 
in einem benachbarten Grabe sich fand; wie denn auch 
Dr. Braun bemerkte, dafs, wie in jenem Gemälde, 
so auch in den mithristhen Reliefs gewöhnlich drei 
priesterliche f?] Figuren die phrygische Kopfbedeckung 
führen. Das Beiwort j)j» ward mit dem ivaißH(; /.tiarai 
samothrakischer Mysten verglichen. Ueber dem Eingang 
des Grabmals enthält eine von' Hrn. Garrucci ergänzte 
vierzeilige Inschrift, die Erwähnung eines numinis antlstes 



Sahazis; die merkwürdigen sonstigen Einzelheiten der- 
selben wurden ausführlich besprochen (Bull. p. 89f.). — 
Ein zweites Grabmal stellt unter verschiedenen anderen 
Figuren seiner ohne Inschrift gelassenen Malerei eine 
Venus vor, welche laut den darüber befindlichen fünf 
Sternen für eine in mithrischen Bezug gesetzte Urania 
zu halten ist (Bull. p. 91). — In einem dritten, welches 
keine Gemälde hat, liest man mit Mühe die roth ange- 
gebene Grabschrift eines Verstorbenen qui hasia volup- 
tatem iocitm uhimnls suis dedit. — Zum Schlufs dieser 
iiihaltreichen Mittheilung sprach Hr. de Rossi seine An- 
sicht über die Anläfse aus, durch welche heidnische und 
christliche Gräber dann und wann, wie in dem beschrie- 
benem Falle, vermischt sich finden (Bull. p. 91fF.). 

Die diesjährige Festsitzung des archäologischen In- 
stituts zur Feier des Geburtstags Roms ward am 21. April 
mit einer Gedächtnifsrede auf den vor kurzem verstor- 
benen Vicepräsidenten, A. Kestner , von Dr. E. Braun 
eröffnet. Es waren dessen Verdienste um verschiedene 
Zweige der Archäologie deren bei dieser Gelegenheit vor- 
zugsweise gedaclit werden mufste: Verdienste die, nach 
der Stellung des Verstorbenen, mehr als in litterarischen 
Arbeiten, in der vielseitigen persönlichen Anregung zu 
suchen sind, welche er auf den Kreis seiner Freunde 
ausübte. So war er es der auf die eigenthümlichen 
künstlerischen Verdienste der ägyptischen Monumente 
schon zu einer Zeit hinwies wo dieselben durch die hiero- 
glyphischen Entdeckungen Champollions noch nicht die 
Aufmerksamkeit auch in gröfsern Kreisen auf sich ge- 
zogen hatten. Schon damals entstand seine eigene Samm- 
lung, welche trotz ihrer Beschränkung auf kleinere Stücke 
für den genannten Gesichtspunkt eine Reihe der schönsten 
Muster und Proben enthält. An eine andere Abtheilung 
seiner Sammlungen, die der geschnittenen Steine, knüpft 
sich die Erinnerung an die Verdienste, welche er sich 
um diese ganze Denkmälerklasse erworben hat. Die 
gröfste der bis jetzt vorhandenen Zusammenstellungen von 
Gemmenabdrücken, die Cades'sche, verdankt ihren wissen- 
schaftlichen Wertli den Bemühungen und der Sorgfalt, 
welche Kestner auf die Sichtung und Ordnung dieses 
zerstreuten und verwirrten Materials verwendet hat. Unter 
den etruskischen Monumenten, deren massenhafte Ent- 
deckungen gerade in die Mitte seines röiuischen Lebens 
fielen, waren es aufser den kleinen Bronzen und den 
Skarabäen vorzugsweise die Wandgemälde, welche seinen 
künstlerischen Sinn fesselten. Zusammen mit seinem lang- 
jährigen Freunde Stackeiberg, dessen vortreffliche Werke 
über griechische Kunstdenkuiale gleichfalls Keslners ma- 
terieller Unterstützung viel zu danken haben, war er 
bemüht die von Tag zu Tag mehr verlöschenden Züge 
dieser Malereien der Nachwelt in getreuen Zeichnungen 
zu bewahren. Leider sind dieselben, oljwohl sie alle be- 
kannten Publicalionen in Hinsicht auf F'einheit des künst- 
lerischen Verständnisses weit übertreffen, niemals ans 
Licht getreten. Das archäologische Institut endlich zählt 



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346 



Kestiier zu seinen Grünclern, ja es war in seinem Hause 
wo sicli die Geselisclialt der „römisclieti Hyperlioreer", 
aus der das Institut hervorgegangen, zuerst bildete; seit- 
dem, fast ein Vierteljalirliundert, Ijatle er niclit aulgeliort 
für dasselbe als Vicepräsideut tlüitig zu wirken. In 
dieser Stellung folgt ihm jetzt der kgl. preufsische Ge- 
sandte, Hr. V. Usedom, welcher, an Dr. Brauns Vortrag 
anknii])l'end, die Versammlung mit einer kurzen Antritts- 
rede bewillkommnete. [Beide Reden sind abgedruckt im 
BuUettino p. 9711.]. — Dr. IV. Henzen legte sodann das 
Fragment einer griechischen Chronik in galvano- 
plastischer Nachbildung vor, welches, bereits vor zehn 
Jahren entdeckt und iiir das capitolinische Museum er- 
worben, erst vor kurzem durch eine sehr ungenaue Pu- 
blication bekannt gemacht worden war. Es gehört der 
Zeit seiner Ablassung nach iu das dritte Jahr der Re- 
gierung des 'l'iberius; und wenn auch die Angaben welche 
es enthält schon beinahe durchgängig aus andern Quellen 
und tibereinstimmend uns überliefert waren, so wird es 
doch wegen jener Abfassungszeit für eine Reihe anderer 
Denkmäler von Wichtigkeit, z. B. die sogenannte Tabula 
Iliaca, das albanische Relief mit der Apotheose des 
Hercules u.a., indem es sich nach dem Material, dem 
Styl, der Form der Inschriften herausstellt, dal's diese 
sämmtlich einem einzigen gröfsern mythologisch -histori- 
schen Bildercyclus angehören. — Den Scblufs bildete 
ein Vortrag des Dr. H. Brunn über drei Sarkophage, 
welche vor kurzem an der Strafse von Civitavecchia nach 
Livorno bei der Dogana del Chiarone, der toscanischen 
Gränzstation, entdeckt worden sind. Der erste ist eine 
ziemlich genaue Wiederholung des berühmten Sarko- 
phags im Dom von Girgenti, auf dem wir bisher die um- 
fassendste Darstellung des Slythus der Phädra und des 
Hippolytus besafsen, und steht diesem höchstens in Hin- 
sicht der Erhaltung einigermafsen, sonst aber in keiner 
andern Beziehung nach. Auch der zweite ist als Sarko- 
phag vonvortrelTlicher Arbeit, und ist in der einen Hälfte 
seiner Darstellung, welche gleichfalls auf Hippolytus 
gedeutet wurde, durchaus neu. Ebenso weicht der dritte, 
von geringerem Runstwerth, aber vollkommener Erhaltung, 
den Streit des Apollo mit Marsyas und die Bestrafung 
des letztern darstellend, in der Auffassung der Haupt- 
scene von den bisher bekannten Kunstwerken bedeutend 
ab; so dafs dieser Fund gewil's den wichtigsten Ent- 
deckungen der letzten Jahre auf dem Felde der römischen 
Scul()tur beigezählt werden darf. 

Behlin. In der Sitzung der archäologischen 
Gesellschaft von 5. April d. J. gab Hr. Gerhard Aus- 

*) Riner dieser Köpfe zeigte Löcher zu Ohrringen, v\as 
auf unrumisclie Aliknnft zu deuten scheint. Im Uebrigen hat 
jener eigentliüniliche Fund die Tliätigkeit italiänischer Alter- 
thiiinslorsclier in seltenstem Mafs hervorgerufen, wie aus dem 
napolitanisclien (no. 14. 10, seitens der IUI. I'iiirclli und 
Miiieruiiii) und röjnischen KuUettino hervorgebt, in welchem 
letzteren Hr. G. K. de iinssi p. bölf. die Anwendung von 
Wachsbildern zur Leichenausstellang spätrömischer Zeit ge- 



kunft über den wirklichen 'J'hathestand gewisser durch 
pomphafte Berichte der brittischen Zeitschrift „Athenaeum" 
(no. l.SISIf.) fast unglaublich ge\>ordener Ausgrabungen 
und Funde, welche an mehreren Orten des Königreichs 
Neapel stattgefunden haben sollten. Es beschränken sich 
nämlich die zu Bajü erfolgten Funde auf einige Marmor- 
köpfe der römischen Kaiserzeit, dagegen die zu Kumü 
auf Kosten S. Kgl. Hoheit des Grafen von Syrakus "e- 
führten Ausgrabungen theils durch die Säulentrümmer 
eines am dortigen Forum belegenen Tempels der Kaiser- 
zeit und durch die zugleich gefuudnen vortrefflichen Sculp- 
turen, theils selbst durch ein Grabmal, das den merk- 
würdigen Anblick enthaupteter Leichen mit wohlergänzten 
Bildnifsköpfen aus Wachs lieferte, mannigfach lohnend 
und lür den zu hoffenden Fortgang dieser Grabunoen 
anziehend geworden sind*). Was aber die ungleich phan- 
tastischere Beschreibung einer zu Canosa, wie in zwei- 
tausendjiihrigem Leben, erhaltenen Todtenstadt betrifft, 
so ist der zugleich berichtete Umstand mehrerer Pracht- 
vasen, die unter ihren Gefäfsmalereien auch einen sin- 
genden Homer enthalten sollen, entscheidend gewesen 
um diese Vasen in drei neuerdings dem Rluseo Borbonico 
anheimgefallnen und im dortigen BuUettino Napoletano 
jüngst beschriebenen wiederzuerkennen, welche Vasen 
jedoch auch dem deutschen Publikum und namentlich der 
hiesigen archäologischen Gesellschaft vermittelst ausdrück- 
lichen Berichts über dieselben (Archäol. Zeitung 1851 
S. 90f. 1852 S. 193) bereits seit Jahr und Tag nicht 
weniger bekannt sind, als hiesigen Orts auch der angeb- 
liche singende Homer in einer als „Sängers Grabmal" 
benannten Darstellung der hiesigen kgl. Vasensammlung 
(Berlins antike Bildwerke no. 1014) seines Gleichen findet. 
Ueber die Auflindungsumstände dieser Vasen war schon 
im Juni v. J. von Seiten des römischen archäologischen 
Instituts (BuUettino 1852 p. 86) berichtet worden, dafs 
dem sie enthaltenden Graligemach noch ein zweites bei- 
gefugt war, welches eine mit aufgehängten Waffen um- 
gebene Begräbnifsstätte enthielt; doch sind auch diese 
Umstände geeigneter die Uebertreibungen des brittischen 
Berichterstatters ira Athenaeum ins Licht zu stellen als 
seine Wahrhaftigkeit zu beglaubigen. — Hr. Panofka gab 
manche neue Erklärungen schwieriger alter Kunstdeuk- 
mäler. Zuvörderst ward über das merkwürdige und fein- 
gezeichnete ßild eines im Besitz des Professor Gerhard 
befindlichen kleinen nolanischen Fläschchens gehandelt, 
welches Dr. E. Braun in den Annali dell. Instituto archeolog. 
(1850 Tav. d'agg. L.) veröffentlicht und p. 214—23 unter 
dem Namen Enorches und Da'Ua auf die Entstehung des 

lehrt nachweist. Ein zu Modena gedruckter und im BuUettino 
Napolitano I. c. bereits besprochener Aufsatz des gelehrten 
Crioedoni (Antichilh Cumane di recente scoperta 11 S. 8) ist, 
denselben Gegenstand anlangend, neuerdings uns ebenfalls 
zugegangen und dient die lieweise der allgemeinen Theil- 
nahme zu häufen, mit welcher jene erfolgreichen und hoffentlich 
fortzusetzenden Entdeckungen eines kunstliebenden Fürsten 
auch aufserhalb ihres nächsten Umkreises aufgenommen werden. 



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Menschen hezogen liat, während Cavedoni an Helena, 
aus dem Ei hervorkommend gegenüber der erstaunten 
Leda, erinnert. Statt dieser seltsamen Sagen versuclit nun 
Hr. Panoflca eine neue auf das Euripides Ion v. 15 — 64 
gestiitzte Erklärung, indem er in jenem Bild den in einer 
(perspectivisch gezeiciineten) halburagestürzten Chytra 
(fafsäholichem Gefäfs) ausgesetzten neugebornen Ion, mit 
dem Halsschmuck und Armband seiner Mutter Kreusa als 
Erkennungszeichen versehen, vor dem Apollotempel nah 
am Altar (wo ihn Hermes hingelegt) und ihm gegenüber 
die durch diesen ?"und überraschte und verlegene Pries- 
terin sieht. Diese ansprechende Erkliirung fand Beifall 
und üefs nur von Seiten des bisher durchgängig als Ei 
betrachteten Gegenstands Bedenken zurück, da dessen 
Aehnlichkeit mit einem Korb oder Gefäfs ungleich ge-- 
ringer ist, [ja nach mehrerseits erneuter Prüfung kein 
Zweifel bleibt, dafs der Künstler ein Ei abbilden 
wollte]. — Hierauf legte Hr. Panofku die Zeichnung 
eines geschnittenen Steins vor, die Älilmans in seinem 
Bilder-Horaz zu Art. poet. v. 402 publicirt und auf den 
Kriegssänger Tyrtüos nach Visconti (Icon. Gr. Vol. I, 
Tav. 3) gedeutet hat. Die deutliche Inschrift yguvXe mit 
vorn fehlendem A bestimmte Hr. Punofka in Einklang 
mit der Darstellung in dem helmlosen Epheben mit 
Schild und Lanze vielmehr einen Peripolos zu erkennen, 
der vom 18ten Jahr an seinen zweijährigen Dienst im Innern 
des Landes besorgt, nachdem er vor dem versammelten 
Volk Schild und Lanze empfangen und im Hain der 
Agraulos den Pllichteid geschworen. — Drittens benach- 
richtigte Hr. Panofka die Gesellschaft, die neulich [vgl. 
oben Februarsitzung A. Anz. S. 309] in Abgufs betrachtete 
archaische Dionysosstatue in einem nur in Angalie der 
Gröfse nicht durchaus stimmenden Original von Marmor 
wiedergefunden zu haben, welches L. Müller's sorgfältiger 
Katalog derThorwaldsen'schen Sammlung zu Kopenhagen 
(Descr. des antiques du JMusee Thorvaklsen, Section et 2, 
p. 133) nachweist; hiebei ward jedoch bemerkt, dafs die 
dort erwähnte Traube in der linken Hand der Figur dem 
neulich betrachteten Abgufs fehlt und deshalb modernen 
Ursprung befürchten läfst. — Professor Otto Jahn aus 
Leipzig hatte bei neulichem Aufenthalt zu Wien ein noch 
unedirtes Vasenbild [Denkm. u. F. Taf. LVII] abbilden 
lassen, welches zugleich mit dem deutlichen griechischen 
Namen einer Antiope ungelöste Schwierigkeiten seiner 
Darstellung zurückläfst, in welcher Hr. Citrtius geneigt 
war, abgesehen von jener Inschrift, gescheuchte und zu 
ihrer Mutter flüchtende Kinder der Niobe zu erkennen. — 
Eine Itrielliclie Mittheilung des Professor L. Rofs zu Halle 
gab Aalafs eine in der nördlichen Halle des athenischen 
Erechtheions vorhandene, in den gewöhnlichen Grund- 
rissen aber fehlende, OelTuung zu besprechen, welche 
Hr. Rofs für eine zu priesterlichem Gebrauch bestimmte 
Seitenthür hält. Von den anwesenden Architekten ward 
bemerkt, dafs jene OefTnung wenigstens in der genauen 
Zeichnung lawood's nicht fehlt; doch äufserte sich Hr. 



Bötticher geneigter sie für eine zu Aufstellung eines Bild- 
werks bestimmte Nische zu halten und in dem n^oaiofiiiTov 
einer bekannten Inschrift gemeint zu glauben; derselben 
Ansieht war auch der gleichfalls gegenwärtige Architekt 
Hr. Laurent aus Dresden, welcher während seines viel- 
jährigen Aufenthalts in Griechenland jene Oertlichkeit 
wohl beobaclitet zu haben versicherte. Uebrigens ward 
von demselben bemerkt, dafs die Säulen der nördlichen 
Halle noch sämmtlich eingemauert sind und Spuren einer 
vormaligen Verbindung dersell)en durch ein Gitter deshalb 
nicht wahrgenommen werden können.- — Von Hrn. Lcpsi«« 
mitgetheilt zog LayurcVs neuerschienener und durch zahl- 
reiche Abbildungen erläuterter Bericht über die neuesten 
Entdeckungen Ninivehs und Babylons (Discoveries in the 
ruins of Niniveh and Babylon. Lond. 1852. 8) in seiner 
Gesammtheit sowohl als in seinen Einzelheiten — der 
Herstellung des Sanherib-palastes zu Koyunjik, den in Erz 
und Elfeul)ein vorhandenen bildlichen und tektonischen 
Ueberresten des Thrones und Hausgeräths, den Doppel- 
siegeln ägyptischer und assyrischer Könige — die Auf- 
merksamkeit der Versammlung um so mehr auf sich, als 
namentlich in den Thiergruppen der Erzreliefs über- 
raschende Aehnlichkeiten mit den etruskischen Funden 
archaischen Styls sich eröffnen. — Dr. Bursian, gegen- 
wärtig zu Florenz, hatte Bemerkungen über das soge- 
nannte Nymphäum zu Nismes eingesandt, das er vielmehr 
für einen Tempel des Flulsgotts Nemausus hält [oben 
S. 297]. • — Nachrichten über die von Professor Carrara 
geführten dalmatischen Ausgrabungen zu Salona waren 
von Gräfin Ha/sUngcn-Schickfufs, dermalen zu Venedig, 
eingegangen; von Professor Hcüner in Jena dessen „Griechi- 
sche Reiseskizzen" (I3raunschweig 1853. 8), in denen 
die Frage über Bemalung griechischer Tempel neu er- 
örtert wird. • — Ein neues Heft der Gesellschaft für nütz- 
liche Forschungen zu Trier war zunächst durch Abbil- 
dung und Erläuterung eines in dortiger Gegend neueot- 
deckten Mosaiks willkommen [oben erwähnt S. 285]. 

In der Sitzung vom 3. Mai d. J. ging Hr. Panofka 
von einer in neulicher Sitzung dersell)en Gesellschaft auf- 
gestellten scharfsinnigen Deutung Hrn. Bötticher's aus, 
welcher das aus Olympia bekannte Standbild der Hippo- 
damia mit dem Nemesisbild zu Daphne verglichen hatte, 
und knüpfte hieran die Vergleichung eines die Opfer- 
scene vor dem Wettrennen des Pelops darstellenden Vasen- 
bildes (Passeri III, 386), in welchem Hi])podamia, ihres 
Namens eine Rofsbändigerin, in der Hand ein Gebifs 
hält, wie Münzen von Smyrna, Petnelissos u. a. dasselbe 
Symliol der Zügelung in der Hand der Nemesis zeigen. — 
In Folge früherer Nachweisung des Rosses Aithales, welches 
dem Feldherrn Phormis in Olympia den Sieg gewann (Abh. 
Gemmen, Berl. Akad. 1852 Taf. I, 41 S. 33), erläuterte 
Hr. Panofka auch eine thessalische Münze (Mus. Hunt. 
T. 59, 13), die ebenfalls ein Siegesrofs mit erhobenem 
Vorderfufs zeigt und darunter das kandelaberförmige Ana- 
gramiD des Siegers Porpliyrios oder Porphyrion. — Des- 



349 



350 



gleiclien erklarte Hr. Panofka iiocli mehr merkwürdige 
Miiuzen von Ampliipolis, Tliessaloiiike , Sagalassos und 
Parion, deren gemeinsamer '1') jnis an einander aiisjjringender 
Böcke einen heiteren Tag bezeugt (Aelian. de nat. anim. 
VII, 8.). — Durch Autoritäten, denen in jüngst veröifent- 
lichtein liericht hiesiger Vereiustliiitigkeit der Glaube an 
unmittelbare Herkunft der Kolosse von Monte-Ca- 
vallo aus l'hidias und des Praxiteles Hand beigelegt 
worden war, fand Hr. Gerhard sich veranlal'st, seine in 
der Beschreibung Roms (von Platner, Bunsen u. s. w. 
Stiittg. 1830. I. S. 267) vor langer Zeit abgegebene und 
seitdem mehrfach befolgte Ansicht, des Inhalts zu wieder- 
holen, dafs eine gemeinhin übersehene Erwähnung des 
Plinius (H. N. XXXIV, 19, 54), nämlich das im Ver- 
zeichnil's der Erzbilder des Phidias genannte ,,alterum 
colossicon nudum"(d.h. „einer von zwei nackten Kolossen") 
zugleich die Bestätigung der Herkunft eines zweiten nackten 
Kolossen von einem andern berühmten Künstler und die 
Nothwendigkeit in sich schliefst, unser marmornes Jüng- 
lingspaar, welches der Bezeichnung jener Erzbilder im 
übrigen schlagend entspricht, iür eine römische Nachbil- 
dung zu halten*). Dieser Ansicht bekannte auch Hr. 
Schnaase sich zugethan, nur dafs auf seinem kunsthisto- 
rischen Standpunkt das Zeugnifs des oft getäuschten 
Plinius ihm nicht bindend genug erschien, um selbst die 
voraussetzlichen griechisclien Originale beider Kolosse von 
Monte Cavallo, der mittelalterlichen Tradition dieser letzte- 
ren gemäl's, dem Phidias und Praxiteles in der That zu- 
erkennen zu mögen. — Ueber die fortgesetzten Ent- 
deckungen im Serapeum zu Memphis gab Hr. Erhkam 
aus Briefen des dermalen in Aegypten weilenden Dr. 
Brugtch interessante, in seiner Zeitung für Bauwesen aus- 
luhrlich bekannt zu machenden [und für das archäologische 
Publikum auch hieuächst folgende] Mittheilungen, welche 
auch Hrn. Lepsius zu Erläuterungen über den Apisdienst, 
die chronologische Apisperiode und manche der mitge- 
theilten inscliriftllchen Neuigkeiten veranlafste. — Ferner 
ward von Hrn. Gerhard Nachricht ertheilt über die neuer- 
dings aus Rom, Perugia und Toscanella kund gewordnen 
Ausgrabungen, welche an letzteren Orten etruskischeTodten- 
kisten und römische Sarkophage, auf dem römischen Eorum 
aber die Ueberzeugung begründet haben, dal's zwischen 
dem jetzt vollständig aufgedeckten Grundplan der Basilica 
Julia und dem muthmafsliclieu Tempel der Dioskuren kein 
drittes Gebäude lag. — In Betreff von Pelersen's gelehrter 
Abhandlung über das Zwölfgöttersystem (Abth. I. der 
Griechen. Hamburg 1853 4.), Melclie dem Wunsche des 
Verfassers gemäfs einer genaueren Besprechung darge- 
boten ward, bemerkte Hr. Gerhard, dafs er die dort 



gelehrt ausgeführte Annahme eines iesten zwölffaclien 
griechischen (üitterpersonals nur für den Achäerslamm, 
fiir Athen und Rom, nicht aber (ür die anderwärts, bei 
andern Volksstämmen und auf anderweitigen Kunstdenk- 
mälern von ihm (in der Abh. über die zviölf Götter. 
Berl. Akad. 1840) nachgewieseneu Abweichungen, er- 
wiesen finde. 

[Aus den obengedachten, unsererseits Hrn. Erbkam 
verdankten, Mittheilungen des Dr. Urugsch über die be- 
reits früher (Arch. Anz. 1851 .8.12511'. 1852 S. 188 ff.) 
in diesen Blättern besprochene Aufdeckung des Serapeums 
zu Memphi s entnehmen wirFolgendes. „Die Ausgrabun- 
gen, welche Hr. M(irie((c seit dritthalb Jahren mit wenigen 
Unterbrechungen hintereinander geleitet hat, lassen sich to- 
pographisch am besten durch eine Linie bestimmen, welche 
in senkrechter Richtung den Halbirungspunkt der Ver- 
binduogs-Linie der ersten Pyramide von Abusir und der 
dritten (der Stufen-) Pyramide von Saccarah durch- 
schneidet und die Haupt-Axe des Serapeums bildet. Diese 
Ausgrabungen haben Mon\imente über und unter der Erde 
zu Tage gelördert; die erstereu bildeten den Tempel des 
Stieres Hapi (Apis), sammt den dazugehörigen Kapellen und 
Wohngebäuden für die Priester, die letzteren die Gräber 
des Osor-Hapi d. i. des Oslris-Apis. Den Haupt-Ein- 
gang zu diesem Complex von Gebäuden bildet eine Allee 
von Sphinxen, von denen sich sechs der schönsten im Mu- 
seum des Louvre befinden". 

„Die Allee ist gegenwärtig vollständig wieder vom 
Sande verschüttet, so dafs Strabo (IIb. XYII) Recht hat, 
wenn er berichtet: 'Man findet ferner (bei Memphis) einen 
Tempel des .Serapis, in einer so sandigen Gegend, dafs 
der Wind Massen von Sand daselbst aufgehäuft hat, 
unter welchen wir vergraben die Spliinxe erblickten, die 
einen zur Hälfte, die andern bis zum Kopfe: woraus 
man muthmafsen kann, dafs die Strafse nach diesem 
Tempel nicht ohne Gefahr sein würde, sobald man durch 
einen Windstofs überrascht wäre.' Ich führe diese Stelle 
nm so mehr an, da sie Hrn. Murietle Veranlassung zu 
seinen Entdeckungen gegeben hat. — Hat man diese Allee 
passirt, so stufst man geradezu auf einen Halbkreis von 
elf .Statuen, Dichter und Philosophen !)edeutenden Ranges 
unter den Griechen darstellend, wie Homer,Thales, Lykurg, 
während dahinter und links von der Allee der Tempel 
des Apis und die VVohngebäude der Priester ihre Stelle 
haben". 

„Rechts von der obengenannten .\llee führt eine Dop- 
pelmauer zu einem Pylon mit Cartouchen aus der Zeit 
des Königs Amyrlüus. Die Nordseite dieser, Mauer, 
durch welche parallel die Axe des ganzen Serapeums 



•) In gleichem Sinne spricht auch Weicker im akademischen 
Kunstmuseum zu lionn (Ausg. 2. Bonn, 1841. S. 1351.) mit 
den Worten sich aus: „Dieser Bezeichnung (des l'linius) fehlt 
es keineswcges an Ginauigkeit und Sicherheit, denn sie liifst 
keine andere Auslegung zu . . " Vgl. Müller llandb. (I.Archäol. 
(Aasg. 3) S. 706. Wenn Jahn (Leipz. Gesellsch. 1S50 -S. 195. 



Vgl. Brunn Gesch. d. gr. Künstler I, lS6f.) die diw cohssi 
lömisclier Topographen auf den neronischen und als andern 
auf den des Plii<lias zu deuten geneigt war, so war die in- 
schriftliche Tradition des Opus Phidiae und Opus Praxitelis 
ihm wohl augenblicklich entfallen. E. G. 



351 



352 



läuft, enthielt eine gröfsere Kapelle aus griechischer 
Zeit uud eiue kleiuere, in welcher sich in kolossalen 
Dimensionen der Stier ^|)is befand, ein Meisterwerk der 
ägyptischen Sculptur, aber ganz mit demotischeu Inschrif- 
ten bedeckt. Auch er befindet sich schön im Louvre. 
Die Südmauer dagegen trug die bekannten Gestalten von 
Kindern, die auf Löwen, Tigern, Pfauen u. s. w. reiten. 
Durch den genannten Pylon, gegen welchen hin zwei 
Löwen ihren Platz hatten, vollständig denen im Vaticau 
ähnlich, aber ohne Inschriften, betritt mau endlich einen 
grofsen viereckigen Raum, eingeschlossen durch eine 
Mauer, die nach der Nordseite zu, da wo Abusir liegt, 
einen zweiten Haupt-Eingang gewährte. Nach dem Hin- 
tergründe desselben zu, immer in der Richtung von Osten 
nach Westen, liegen die Apisgraber, welche den interes- 
santesten Theil der Ausgrabungen bilden. Sie liaben die 
Gestalt grofser Tunnel, etwa 10 Kufs breit, jedoch von 
bedeutender Länge, die unter dem Boden in den Kalk- 
felsen eingehauen sind. Der Haupt- Eingang war von 
Osten her durch eine Thür, von Hrn. Mariette mit No. 6 
bezeichnet '), zu der eine schräg in die Tiefe laufende 
Strafse führt, welche wie durch einen steilen Wall von 
beiden Seiten von Felsen eingeschlossen ist. Hier passir- 
ten die ungeheuren Sarkophage der Apis-Stiere vor der 
Ptolemäer Zeiten auf Walzen hinab, ich sage; vor den 
Ptolemäern, da die Thür gegenwärtig für einen Sarko- 
pha" viel zu klein ist, und offenbar, den Inschriften nach, 
ein Werk der genannten Epoche ist. Sie besteht aus 
2 orofsen Pfosten , aus vierkantigen Quadersteinen auf- 
gemauert, worüber ein mächtiger gleichfalls vierkantiger 
steinerner Querbalken liegt, also die einfachste Form der 
ägyptischen Thür. Alle Seiten der Pfosten, soweit sie 
für Schreibende zugänglich waren, sind mit demotischen 
Inschriften bedeckt, die abwechselnd mit rotlier und 
schwarzer Dinte geschrieben sind, oder in den Stein ein- 
gravirt und hernach mit denselben Dinten ausgefüllt 
wurden. Diese Inschriften enthalten sämmtlich Prosky- 
nemata zu Ehren des Apis, im Demotischen HAP-OSORI 
d. i. Hapi-Osiris genannt. Sie werden wichtig dadurch, 
dafs mehrere derselben (über 12) mit dem Datum der 
Regierung eines Ptolemäers beginnen, worauf das ent- 
sprechende Lebensjahr des Apis, des lebenden, folgt")". 
,Für die Namen der Personen bemerke ich, dafs es 
fimf oder sechs grolse Familien sind, deren Mitglieder, 
wahrscheinlich dem Tempel des Gottes attacliirt, dem 
Gotte ihre besondere Verehrung ausdrücken. Mit Hülfe 
zweier Angaben des Hrn. Mariette ist es mir gelungen, 
aus diesen demotischen Inschriften die Reihe der Apis- 
neriodeii vollständig herzustellen, insoweit dieselbe die 
Herrschaft der Lagiden nmfafst. Es stellt sich hierbei 
das merkwürdige Resultat heraus, dafs der Apis nie das 

') In dem von uns 1851 S. 127 gegebenen Plan als no. 7 
beziffert. '<■ •'•. "• . 

') Die üebersetzung eines dieser Proskynemata ist in 
Hrn. lirbkam's Zeitschrift für Bauwesen 1853 lieft VII. VIII 



fünfuodzwanzigste Jahr erreichte, sondern wahrscheinlicli 
nach Vollendung des vierundzwanzigsten getödtet ward". 
„Ein zweites bedeutendes Älaterial zur historischen 
Entwickelung der Apisperioden bilden die demotischen 
SteJen aus Kalkstein, welche sich zu Hunderten in den 
beiden Seitenwänden der schiefen Strafse und rings lierum 
in den Wänden des gleich näher zu beschreibenden Hofes 
befanden, und zwar eingemauert in Nischen über und 
neben einander. Die schönsten sind auf dem Wege nach 
dem Louvre. Wie ich aus einigen zurückgebliebenen 
gesehen habe, enthielten sie ähnliche Weih-Inschriften 
wie die Proskynemata des Thores No. 6, jedoch mit den 
richtigen Angaben des Jahres, Monats und Tages, der 
Geburt, der .Auffindung und endlichen Inthronisation des 
Apis in Memphis". 

„Hat man das Thor passirt, so tritt man in einen 
nicht gar zu grofsen Hofraum, der nach rechts und links 
Eingänge hat, die zu den Grabkummern der Apis -Stiere 
fuhren. Den Eingang rechter Hand wählt Hr. Mariette 
gewöhnlich, ausgezeichnete Fremde in die erleuchteten 
Räume der Apisgräber einzuführen". 

„Zuerst betritt man einen mehr als 10 Fufs breiten 
langen Gang, dessen Richtung von Osten nach Westen 
geht. Die Stelen und Inschriften setzen sich hier fort. 
Gleich auf dem ersten Viertel des Weges sperrt ein 
grofser viereckiger Sarkophag den Eingang, dessen Höhe 
ohne Deckel mehr als 7 Fufs beträgt, während die Dicke 
weit 1 Fufs überschreitet. Der Deckel liegt halb im 
Sande vergraben, nicht weit vom Eingang im Innern dieser 
Strafse. Auf dem Boden dieses und der folgenden Gänge 
sieht man die Spuren einer Doppelschiene, auf welcher 
die ungeheuren Särge hineingerollt wurden". 

„Durch eine rechtwinklige Verbindungsstrafse linker 
Hand gelangt man in den Hauptgang; zur Rechten und 
zur Linken desselben gewahrt man in der Tiefe von etwa 
6 Fufs in abwechselnder Lage grofse Zimmer, in deren 
Mitte sich spiegelblanke Sarkophage aus schwarzem 
Granit befinden, deren Deckel (schon seit alten Zeiten) 
so weit zurückgeschoben sind, um bequem lüneinsteigen 
zu können. Dies sind die Grabkaramern und Särge der 
Apis-Stiere. Um einen Begriff von ihrer (iröfse zu geben, 
bemerke ich, dafs 24 Personen im Innern desselben be- 
quem stehen können, dafs z. B. der des Ahmasis eine 
Länge von 8,95 metres, Höhe 2,62 m.. Breite 3,30 m. 
ohne Deckel hat, dessen Höhe wiederum 1,10 m. beträgt. 
Die wenigsten dieser Särge sind mit Inschriften versehen. 
Von den 24 Granitsärgen, die Hr. Mariette bis jetzt auf- 
gefunden hat (es sind aufserdem 5 aus IMauerwerk, von 
einigen auch Holzstücke vorhanden) tragen drei Inschrif- 
ten mitCartoucheu ; einer ist aus den Zeiten des.Mimasis, der 
zweite aus denen des Kambyses (Jahr 4 seiner Regie- 
gegeben, wo dieser Brief vollständig abgedruckt ist. Aach ist 
in der neuesten Forscluing von Lcpsius „über den Apiskreis" 
(Zeitscbr. der d. morgenl. Gesellscli. Band VII) bereits darauf 
Bezug genommen. A. J. H. 



353 



354 



rung), der dritte tragt den bisher unbekannten Namen 
eines walirsclieinlicli persischen Königs. Ein vierter Sar- 
kopliag entliält leere Königsschilder. Als Hr. Mariette 
die unterirdischen Zimmer entdeckte, waren dieselben znr 
Hallte vermauert. Nachdem dies llindernifs weggeräumt 
war, erblickte er eine Mauer von grofsen Kalksteinen 
auf den nur wenig weggeschobenen Deckeln aufgetliürmt, 
— das Zeichen der Verachtung eines (irabes bei den 
Orientalen — , und die leeren Riiume zwischen Sarkoj^hag 
und Wand des Zimmers gleichfalls mit Steinen ausge- 
füllt. Die Sarkophage waren mit Ausnahme zweier durch- 
wühlt, diese enthielten dagegen eine grofse Menge werth- 
voller Gegenstande in Gold und Edelsteinen. Hierogly- 
pbische Stelen waren bei mehreren Mauern aufserlialb 
eingefügt, bei anderen lagen sie in der Nähe im Scliutt 
vergraben. Bei den Stelen am alten Platze war jedesmal 
der Name des Apis ausgekratzt, Beweis, dafs die Berau- 
bung der Apisgriiber zu einer Zeit stattgefunden hat, wo 
die Hieroglyphen-Schrift noch bekannt war. Diese Stelen 
liaben es Hrn. Mariette möglich gemacht, die Apisperio- 
den von Amenophis 111. bis zu den Zeiten der Lagiden 
lüuab nach 'J'agen zu bestimmen. Nur die 20, 23 und 
29 Dynastie ist unterbrochen. Ich brauche wohl kaum 
zu bemerken, dafs die Regierungsjahre der Pharaonen, 
in welche die Apisperiodea fallen, mit einer Genauigkeit 
zu bestimmen sind, der gegenüber das bisherige Gebäude 
der ägyptischen Chronologie eine schwere Prüfung zu 
bestehen haben wird". 

„Schliefslich füge ich hinzu, dafs nach einer Dedica- 
tions- Inschrift der Gründer des Serapeums der vierte 
Sohn Ramses II Scliaemdjom war, der vor seinem Vater 
starb und von ihm ungemein geliebt wurde".] 

In der Sitzung vom 7. Juni d. J. forderte Hr. Piinofhl 
zur Erklärung eines merkwürdigen, von Gerhard in den 
Impronte dell' Institute I, 17 herausgegebenen, Skarabäus 
auf, welcher, den Herakles als Dreifufsrüuber darstellend, 
durch zwei Nebenurastände noch dunkel blieb: erstens 
durch den ihm beigehenden Cerberus, sodann durch einen 
dem Heros vorleuchtenden Stern. Letzteren deutete Hr. 
Panofla als häufiges Symbol der Diosknren, erinnerte 
an die bekannte N'ernechselungen des Pollux mit Hercules 
(vgl. mecastor mehercle) und erklärte demnach auch hier 
den Herakles als Stellvertreter dieses Diosknren, dagegen 
Hr. Gerhard geneigter war nur eine Andeutung des von 
Herakles bei Rückkehr aus der Unterwelt wieder be- 
grüfsten Sonnenlichts, nach einer nicht unerhörten An- 
wendung des Sternes als Sonnenzeichen, anzunehmen. 
Hinsichtlich des Cerberus (in dessen Bildung bei drei- 
fachem Schlangcnkopf, von Hrn. liöllivhcr auch die Be- 
sonderheit weiblicher Zitzen hervorgehoben ward) war 
Hr. Panofha geneigt ihn als Ortssymbol von Pheneos 
aufzufassen wohin Herakles den delphischen Dreifuls ent- 
führte. Zur Unterstützung dieser Auslegung erinnerte 
Hr. Ciirliiis theils an des Cerberus Vorkommen auf Jlün- 
zen von Pheneos, theils an die Sage, dafs im Hochlande 



von Pheneos die Verwandlung Kallisto's stattgefunden 
habe (vgl. Peloponnesos I, 197. 213, lOJ, aus deren Ver- 
setzung in den Sternenhimmel die gedachte Gemme dem- 
nach sich ihm vollständig zu erklären schien. — Weiter 
sprach Hr. Panofku über ein durch Älinervini im Bul- 
lettino Napolitano tav. 6 vor kurzem verüfTenllichtes werth- 
volles apulisches Vasenbild, in welchem Hr. Panofka des 
Priamiden Helenos an Odyssens und Diomedes mit Hin- 
weisung auf Philoktets Besitz der HerakleswalTen ergangene 
Weissagung erkennt, dafs Troja nicht ohne die ihm feind- 
liche Einwirkung dieser Waffen erobert werden könne. — 
Von Hrn. Roulez zu Gent an Hrn. Gerhard mitgetheilt 
lag der Gesellschaft ein Probedruck der seit mehreren 
Jahren von ihm zur Veröffentlichung vorbereiteten, auf 
zwanzig in natürlicher Gröfse farbig ausgeführten Tafeln 
wohl vertlieilten, Auswahl griechischer Vaseobilder des 
kgl. niederländischen Museums zu Leyden vor; diese 
Mittheilung ward vielfach anziehend befunden und erregte 
den Wunsch einer baldigen Herausgabe, zu welcher dem 
Anschein nach nur noch Hrn. Roulez's Text fehlt. — 
Von Professor Rofs zu Halle war durch eine gedruckte 
Ansprache der seit Winckehnann vielgenährte, vollends 
aber seit der französischen Expedition nach JMorea und 
seit der auch ins gröfsere Publikum gelangten Forschung 
von E. Curtius jedem Freuode des griechischen Alter- 
thums vor allen andern antiquarischen Projecten nah ge- 
legte Wunsch einer in Olympia anzustellenden Grabung 
zu allgemeiner Beherzigung neu empfohlen worden. Ohne 
den von Hrn. Rofs bezeichneten Älitteln zur Ausführung 
jenes von allen Freunden des klassischen Alterthuras aufs 
wärmste getheilten frommen Wunsches unbedingt bei- 
pllichten zu können, für welchen vielmehr noch mehrere 
Vorfragen zu erledigen sein dürften, konnte man doch 
im Kreis archäologischer Genossen nicht anders als durch- 
aus geneigt sein, der auf wenig Blättern bereit und um- 
sichtig von Professor Rofs dargelegten Sachlage alle 
Verbreitung, sowie ihrer zweckmäfsigsten Unterstützung 
alle Bereitwilligkeit zuzuwenden. — Noch brachte Hr. 
Gerhard mehrere, hauptsächlich auf angelsächsische Alter- 
tlnimer bezügliche Schriften zur Ansicht, welche, den 
Druckschriften der kgl. anticpiarischen Gesellschaft zu 
London entnommen, durch deren vielbethätigten Secretär 
Hrn. Aherman, zugleich mit Hrn. H'. M. Wylie's („Fairford 
Graves". Oxford 1852. 40 S. 12 Taf. 4) eingegangen 
waren. Dem Kreis einer wissenschaftlichen Archäologie, 
wie solche bis jetzt nur für das klassische Alterthum vor- 
handen ist, können jene Funde des frühesten Älittelalters 
nicht zugerechnet werden; da dieselben jedoch auch von 
den Bekennern der Kunst des Mittelalters und von der 
gelehrten Behandlung des skandinavisch- germanischen 
Nordens gemeinhin ausgeschlossen bleiben, so liegt der 
Gedanke nah, dafs sie als nordische Mittelglieder zwischen 
der llömerzeit und den beginnenden Kunstepoclien des 
Mittelalters, im Zusammenhang neulicher verwandter 
(Mainzer, Augsburger und Helvetischer) Funde eine grnod- 



355 



356 



Heilere Erforschung Terdienen dürften als ihnen bisher zu 
'l'heil ward. lu den sauber ausgeliilirten Werken der 
HH, Akerman und Wylie erregten aufser den in farbiger 
Abbildung wohl dargestellten Glasperlen und Glasge- 
fäfsen auch die seltsam gekreuzten Striclie Aufmerksam- 
keit, welche in einem durchbohrten runden Stein aus 
Dieppe (Wylie Teutonic remains from Dieppe p. 8. 9) 
sich vorfinden. Hr. W. Grimm, dessen Werk über deutsche 
Runen (Gott. 1821 S. 284ff.) bereits vor längerer Zeit 
andre iu altdeutschen Griibern gefundene Steine unter 
dem durch solche al>siclitliche Einschnitte gerechtfertigten 
Gesichtspunkt von Amuleten besprochen hat, war gegen- 
wärtig und fand die schon damals (S.296fF.) von ihm 
behandelte Aussage des Tacitus (Germ. 10; surculos . . 



not'is quihusdatti discretos . . temere ac fortuito spargunt) 
über Weissagung aus Baureisern für den gedachten Stein 
ganz wohl anwendbar. Von Hrn. Akerman's für jenen 
Zweig antiquarischer Litteratur besonders wichtigen und 
wohl ausgeführten „Remains of pagan Saxondom" war 
das fünfte Heft eingegangen. — Aufserdem lag Grotefend'a 
Abhandlung über die Tributsverzeichnisse auf dem Obe- 
lisken aus Nimrud (Gütt. 1852. 4) vor, desgleiclien zwei 
bei Murray (Lond. 1853) als .Auszug gröfserer erschienene 
antiquarische Wörterbücher von I^^ Smith, von denen 
namentlich das auf Antiquitäten bezügliche durch die 
von Hrn. G. Scltarff jun. mit gewohnter Umsicht und 
Sauberkeit hiuzugeiügten biklliclien Holzschnitte einen 
eigentliümlichen Werth Iiat. 



IL Neue Schriften. 



BULLETTINO AKCHEOLOGICO Napolitano. Nap. 1853. 4. 
No. 15— 21, tav, VII— X. (Vgl. ol)en S. 321fr.). 
Knthaltend in no. 15: Dell' arina gladiatoria detta Galerus 
(no. 15 p. 113. Gnrrucci); di ilue trofei di armi scoperli in Poinpei 
al 1767 nel Ludus gladiatorins, e della sica o faicetta dei 
Treci (p. 114 des^I.) ; niiovi proyranimi pompeiani a|)paitenenti 
aspettacoligl3diatorii(p.ll5ss.d8l.); Monumenli ruiiiani(no. l(j 
p 121 If.; ili alcuni anticiü oggetti diversi provenienti della 
Magna Grecia, della Sicilia e da Roma (p. 125 ff. Cnvciioiii); 
Descrizione di alcuni vasi djpinti del real ninseo Borbonico 
(p. 129 Minervini); Monumente di arcbitettura etrusca in 
Capua (no. 17 p. 129f. Gnrrucci); il Pempobolo omerico in 
sepolcro cumano (p. 130 f. Gnrrucci); sulla pretesa coppia di 
Consoli Q. Cecilio e M. Bennio (p. 131 ff. Gnrrucci); topo- 
grafia delle spiagge ili Baja graiita sopra due vasi di vetro 
(p. 133 ff. G, B. de Rossi und Gnrrucci, bezüglicb anlMerrklin's 
Arcli. Anz. 1652 S. 154f. berührte Schrift); scure di bronzo con 
greca iscrizione (ans S. Agata in Calabric-n: rüg IIiQicg 
HiaQOi=(ui TK5fi'77f()/=0( (■ivriaxo^=; fncirit!)t=y.i oQTC(fio=g 
Feniov=äiy.cacn; nämlich ciQ/ufiog FtQioiy, no. 18 p. 13711'. 
Minervini); Terracotta di Pozzuoli (p. 139f. In tav. IV, 13 
wird der Vogel Phönix vermuthet); IS'otizia de' piu recenti 
scavi di Pompei (p. 140fr. löbif. Minervini); descrizione di 
nn framniento di vaso dipinio conservato nel real museo Bor- 
bonico (p. 142il'. Minervini, Giganterkainpf, das von VVelcker 
zu Mülleis Handb. S. G39 erwähnte mit Inschriften EvxtXuäog, 
A!^r)rcl, Ihnd'i«); Vaso dipinto con ülisse Akantlioplex (p. 144 
Minervini; in der .Samndnng Porcinari zu Neapel, Hanrarv. II, 
29); Epoca in che lu costruito l'Anliteatro pompejano (no. 19 
p. 145 ff. Gnrrucci); l'Anibulatio e i proganimi popolari in 
Pompei (p. 148fr. öfirriifri); poche osscrvazioni sopia un vaso 
della collezione Jalta (no. 20 p. 15311'. tav. VI. VII, 1. „Phi- 
loktet und Neoptolemos", Minervini); Leltcra del eh. sig. 
Agostino Gcrvnsio al sig. Minervini (p. l5Sf. Briefliches von 
BöcUh über die tju^qcc Xfßuarrj einer griechischen Inschrift); 
una spiegazione (p. I59f. Minervini gegen Welcker Bidl. d. 
Inst. 1853 p. b5f. wegen Acheloos oder Ilehon, yj'ir; un^l 
ydiCttv); Scoperle cnmane (nn 21 p. Killi. Oskisches, Mi- 
nervini); tavola ar|i)aria \ enafrana (p. Ibbf. Gnrrucci); signi- 
ficato prohabile del nome Pompei (p. 107 f. Gnrrucci: ,,7tujjntiu 
aedes puhlicae") ; topografia del Vesuvio (p. 168 Gnrrucci). 

Zeitung für A 1 1 er t li u ms w is sen s ch alt , herausgeg. 
von T/i. licrgl; j welcher neuerdings ausschied] und 
J. Ciisur. Alarburg 1851. Wetzlar 1852. 4. 

Knthallend u. a. im Jahrgang 1851: der Kliebund der 



Persephone mit dem Pluton (no. 1 jrelcker). Bemerkungen 
über die unleritalischen Dialekte (no. 2. 3 Bergl), Kpigraphica 
mitgetheilt von Osnnn (no. 4 — S. 10. 11. 52. 53), der Hans- 
gottesdienst der alten Griechen (no. 13 — 15. 25 — 27. Petersen), 
epigraphische Miscellen von J. Becker (no. 15 — 17), Pau- 
sanias und dessen Periegese (no. 37 — 40. Schubnrt), Hercules 
in den Rachen des Meerungeheuers tretend und die befreite 
Hesione (no. 40. 41. Wieseler. Ganz dasselbe, nach Rom ge- 
sandt, im Bull. d. Inst. IS52 p. 114 f.), Oskische Varianten 
(no. 59. Dr. Slicr), der Mythos der Griechen und sein Ver- 
hältnils zur Geschichte (no. 64— 66. Heffler). — Im Jahrgang 
1''52: Verbesserungen und Kriäuterungen znm achten Buch 
Strabons (no. 1. E. Curlius), üf>er den hesiodischen Hymnus 
auf Hekate (no. 13. 14. Gerhnril), nmbrisch-oskische Erörte- 
rungen (no. 15 — 17. Knölel), Cajatia und Calatia (no. 26. 
Slier), lateinische Inschriften (no. 27. 28. 31. Klein), Rec. von 
Müllers Handbuch der Archäologie (no. 5 — 10. 2S — 31.40 — 42. 
filnrk), Rec. von Pape's Wörterbuch der griechischen Eigen- 
namen (no. 32 — 35. Keil), die Kolonien der Hhodier (no. 37. 
38. Ijiittcrs), etwas über die Eintheilung der Bildwerke auf 
dem Kasten des Kypselos (no. 39. Buhl), Rec. von Overbecks 
Gallerie heroischer Bildwerke (no. 47. //. A. Müller), über 
das zehnte Buch der Antiquilates rer. divin. des Varro 
(no. 49 — 52. Krnhner), das Relief des Thores von Mycenä 
(no. 51. Güitlinij). 

liiitlicher (C): üeber den Parthenon zu .^then und den 
Zeustempel zu Olympia, je nach Zweck und Benutzung 
(in Erbkam's Zeitsclirilt lur Bauwesen. Berlin. 4. Jahr- 
gang 2. 1852. S. 194 fr. 498 fr. Jahrgangs. 1853. S.35ff. 
127 fr. 269 fr.). 

JVylle (ir. iV.) : Fairford graves. A record of researches 
iu an anglo-saxon burial-place in Gloucestersliire. 
Oxford 1852. 40 S. 12. Tat. 4. 

— — : Remark on the Angon or baibed javelin of the 
Franks as described by .Agathias. Loud. 1853. 8 S. 
4. (Aus der Archaeologia Vol. XXXV. p.48fr.) 

— — : .Account of Teutonic remains, appareotly Saxon, 
found near Dieppe. Lond. 1853. 16 S. 4 in. Abb. 
(Ebendaher p. lOOir.). 

Wyse, {Th. H. M., .Minister at Athens): Letter to the 
President (Lord Mahon), detailing tlie particulars oi 
the miscliief done to the Erectlieium and to the temple 
of Jupiler Olyrnpius at Athens in the Stürm ofOctober 
26tb 1852. (Ebd. XXXV p. 23— 26). 



Herausgegeben von E. Gerhard. 



Druck und Verlag von G. Keimer. 



357 



358 



ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER. 

Zur Arcliäolotjischen ZteilWKj, Jahrgang XI. 
JM 55 bis 57. Juli bis September 1853. 



Wissenscliai'tliclie Vereine; Rom (arcliiiologisclies Institut), Berlin (arcliiiologisclie Gesellschaft). — Museograpliisciies 

aus Fiaiikreicli (Avignon). — Neue Scliiirten. 



I. VVissenschaftliclie Vereine. 



Rom. In der Sitzung des a rcliii olog is cli en In- 
stituts vom II. Miirz kamen, laut dessen erst neuerdings 
(Bullettino p. 113 ff.) veröffentlichtem Bericht, ein etrus- 
kischer Skarahäus in Besitz des Hrn. v. Usedom, ferner 
die Kunde eines l)ei TivnVi entdeckten Gralies vom alter- 
thüinlichen (. Iinrakter der etruskischen, wie auch die ver- 
meintlichen neuesten Entdeckungen apulischer Gräber 
[olien S. 346] in Rede, deren ühertriehene Kunde jetzt 
als veranlal'st durch Berichte des Ihn. Boniicci vom Jahr 
1843 liegreiflich wird. — Hr. Heuzeii herichtefe heifiillig 
iiher IVchhef's neueste die Pnyx betreuende Schrift. — 
Dr. Bcf/i))iann wies aus einem Chronisten nach, dals die 
oft zur Zerstörung grofser Mauerquailern z. B. des Co- 
losseuuis gemifsbrauchten eisernen iSäiiel und Klammern 
den eigeiithümlichen Reiz von Walirzeiclien verborgener 
Schatze hatten. — Hr. de Rossi sprach über den laut römi- 
schen Topographen des fünfzehnten Jahrhunderts in platea 
pontis S. Marine (d. h. S. ilaria Kgiziaca, vor Ponte rotto) 
belindlichen, laut inschriltlicliem Zeugnil's von August 
ex S. C. hergestellten. Bogen, den er für den von Li- 
vius XXXIII, 27 erwähnten des L. Stertinius (a. u. 556) 
liidt und zur Bestätigung von Canina's iNacliweisung der 
Fortuna- und Matutatempel anwandte (Bull. p. 115). 

In der Sitzung vom IS. März bemerkte Hr. Braun, 
dafs den von Hrn. de Rossi neulich erwähnten Ehren- 
bogen a\is Augusts Zeit noch Sulistructioiien unter dem 
Haus des Cresceiitius entsprechen; in Bezug hieraufgaben 
auch die Uli. de Rossi und Canina ihre Aenfserung ab 
(Bull. p. 116). — Hr. GoDHinde sprach ülier seine weitere 
Untersuchung des Monte Testaccin, unter dessen Scher- 
ben er eine Münze des Constantin gehinden hatte; älui- 
liche Hügel aus Scherbenwegwurf entstanden sind auch 
sonst, von Hrn. Welcker zu Tarent [vgl. den neulichen 
Kun<l zu Tarsos , oben S. 299], bemerkt worden, und 
mochte der römisclie, nacli Hrn. de Rossi's Ansicht, der 
Porta Trigemina gedient haben. — Hr. Henzen sprach 
über den neuesten Inhalt des üullettino Na])oletano, in- 
sonderheit über Onrniccis wohl begründete Ansicht, dafs 
das sogenaiuite Soldatenquartier zu Pom|)eii ein Liidus 
gladiatoriiis gewesen sei; desgleichen ward /'. üorriiccis 



Ansicht gebilligt, dafs gewisse kaiialfönnige und einerseits 
geschlossene Waden von Erz den von den Gladiatoren 
auf der linken Schulter getragenen Galertts uns anschau- 
lich machen (Bullet, p. 117). — Kerner gab Hr. Henzen 
Blittlieilungen aus den durch Hrn. v. Grahow in Algerien 
genommenen und durch Hrn. Gerhard nach Rom ge- 
sandten, Abschriften römischer Inschriftsteine, und hob 
namentlich die auf Lollius Urbicus bezügliche hervor. — 
Hr. Canina l)ericlitete, dafs die eine Zeitlang verlorne 
geglaubte archaische Inschrift des Kurius im Magazin 
der Ruiinella sich wieder gefunden habe. 

Berlin. In der Sitzung der archäologischen Ge- 
sellschaft vom 4. Juli d. .1. gab Hr. von Olfers interes- 
sante Jlittlieilungen über die neuerdings bei Nennig ohnweit 
Trier erlbigten Ausgrabungen. Die dadurch zum Vor- 
schein gekommenen Ueberreste eines altrömischen Pracht- 
baus sind eben dieselben, aus welchen ein von der dorti- 
gen gelehrten Gesellsclialt jüngst veröffentlichtes schönes 
Mosaik (ein Gorgohaupt von Geilügel umgeben darstellend) 
hervorgegangen war, lialien jedoch gegenwärtig einen 
früher ungealmdeten Umfang entwickelt, und namentlicli 
in einem Saal von 50 Fuls Länge zu 30 Fufs Breite eine 
Reihe von Mosaiken dargelegt, welche durch ihren bild- 
lichen Inhalt sowohl als auch durcli ihren Kunstwerth 
die Aufmerksamkeit der Altertliumsfreunde in seltenem 
Grade beanspruchen. Einige dieser IMosaike, namentlich 
die Gruppe lines Löwen der von seinem W-ärter geleitet 
einen Pferde- oder Eselskopf vor sicli hat, lagen in wohl- 
ausgefiihrter Zeichnung vor; am|)liitheatralischen Bezuges 
scheint auch der üröl'sere Tlieil der librigeu Darstellunaen 
zu sein. Im Allgemeinen drängt bei diesem neuesten 
Fund, wie bei manclieni früheren durch höchste und pa- 
triolische P'ürsorge erhaltenen des triimmerreichen Mosel- 
lands, zunächst unabwcislich der Wunsch sich auf, dafs 
diese schönen und anselmlicben Ueberreste des römischen 
Alterthums an Ort und .Stelle beiiütet und zugänglich 
bleiben mögen. — Hr. Puuofka legte seine neueste Schrift 
„Dionysos und die Thyaden" vor, worin eine Anzahl 
vorzüglicher, bisher unter dem allgemeinen Nameu 
„Bacchusfest" Iheils veröll'eutlichter, tiieils nur beschrie- 



359 



360 



bener Vaseobilder durch diese bildliclie Zusammeostel- 
lung für den Cultiis des alteo Weingottes Dionysos in 
Ansprucli genommen wird, dessen luystiscLes, auf dem 
Parnafs nur von Frauen, den Thyiadeu, gefeiertes naclit- 
liclies Fest die Heraiifliolung der Semele-Dione mitbetraf. 
In diese Festfeier greift auch die Zeichnung eines etrus- 
kischen Spiegels iin kgl. Museum ein, dessen neue Publi- 
cation durch die von dem Lithographen June entdeckten 
Inschriften „Aphm" und „Tyon" (für Thyone), die von 
Hrn. Panofka's bereits imWinckehuanusfestprogramml845 
gegebene Erklärung von Apoll und 'J'liyia (welche in der 
heroischen Mythologie der Idee nacli der Thyone oder 
Dioue aus dem Götterkreise entspreche) bestätigend, einen 
besonderen Werth erhalt. Zugleich wurden für eine be- 
rühmte Paste (Winck. Stosch Cl. II, 135.) und für einen 
Karneol im kgl. Museum (Tölken II, 125.), die Taf. III, 
3 u. 4 neu gravirt sind, statt der mit den Einzelheiten 
der Bildwerke unvereinbaren Namen Zeus und Scmele, 
oder Boreas und Oreithyia, die durch griechische und 
römische Inschriften in engem Verhäitnils nachgewiesen 
Gottheiten Agathas Theos Bronlon und Agathe Thea 
(der gute Donnergott und die gute Göttin) für die erstere, 
und dieselbe Göttin mit Agathos Theos Astrapaios (der 
gute Blilzgott) für den letzteren als angemessener vor- 
geschlagen; [eine nähere Bestimmung der dargestellten 
Handlung wird bei diesem Vorschlag verraifst]. — Hr. 
Gerhard gab aus Mittlieilungen des Geheime -Rath 
Ruhl, Directors des Museums zu Kassel, Nachricht über 
dessen neueste Versuche zu Herstellung des amykläi- 
sclien Throns; eine weitere Erörterung dieses Gegen- 
stands stellte Hr. Bötticher in Aussicht. — Hr. Le]isins 
legte neu vollendete Prol)edrücke seines ägyptischen Denk- 
mälerwerkes, der Zeit des vierten Amenophis entnommen, 
vor, in denen sowohl der Umfang abgebildeter Baulich- 
keiten, als auch die Hinweisuug auf Religionsreformen 
jenes ianatiscben-Sonnendieners, mannigfach anziehend 
befunden wurden. — Ansprechende Probedrücke hatte 
auch Hr. Zahn aus der neuesten Lieferung seiner pora- 
pejanischen Wandgemälde beigeliracht. — Neben diesen 
mancherlei Mittheilungen aus der Kunstwelt des Alter- 
thums ward die Gesellschaft durch einen philologischen 
Fund angezogen, dessen Kunde Hr. v. Reumont, aus Flo- 
renz eben hier gegenwärtig, von dem dortigen Professor 
Ferr«cci so el)en empfangen hatte; es befand sich in 
dessen brieflicher Mittheilung der bisher verniifste Anfang 
von Cicero's Schrift de fato, und ein an Macrobius an- 
schliel'sendes gleichartiges Fragment, beide aus einem 
Pergamentdeckel entnommen, welche, nach einer von 
Hrn. M. Hertz darülier angestellten Prüfung zwar nicht 
für ciceronisch gelten, und eben so wenig einer neueren 
Fälschung zugerechnet werden dürfen, al)er auch als Be- 
leg mittelalterlicher Arbeiten über Gicero ihr Interesse 
liaben. — Als erheblichste Neuigkeit der archäologischen 
Litteratur halte Hr. Gerhard den Jahrgang 1852 der Werke 
des römiscliea archäologischen Instituts zur Stelle ge- 



bracht, worin unter andern eine Reihe von Plänen und 
Abbildungen die neu aufgedeckte Via Appia veranschau- 
licht. Aulserdem fanden die seitens der HH. G. B. de Rossi 
in Rom und U. Meyer in Zürich zugleich mit Otto Jahn's 
neuester Schrift über ein antikes Mosaikbild (der lysip- 
pisclie Kairos mit Flügelrad und Scheermesser, bei 
Rochette Monum. XLllI, 2 nachgewiesen) ihre dankbare 
Anerkennung. 



II. 

Athenisclie Ausgrab ungeu. 

Aus brieflicher Mittheilung an den Herausgeber. 

„Ueber die Ausgrabungen des Hrn, Beule am Fufs 
der Akro])olis ist schon vielfach berichtet worden [Arch. Anz. 
1852 S. 200. 1853 S. 295]; ich erlaube mir nur hier einen 
Zweifel iiber die Richtigkeit der Angabe des Prof. Manussi 
[oben S. 295], dal's das Material des Tliores zum Theil 
aus dem Postamente der Agrippastatue hergenommen sei. 
Nur dem Fundameute derselben fehlt die Bekleidung und 
schwerlich ist diese durch so grofse und dicke Quadern 
hergestellt gewesen. Aufserdem habe ich den bläulichen 
Marmor jenes Postamentes nur in einem Steine wiederge- 
funden, der aber offenbar einer älteren Periode angehört. 
Er hat nämlich [in ibrtlaufender Zeile] die Inschrift: 

EYXEIPKAIEYBOYAIAH[E]KP[ßn] 
lAAlEPOlHEAN 

cf. Corp. I. uo. 666 et I p. 916. Die choragische Inschrift 
des Tliores (Ol. 115, 1), ferner die Lateinisch und 
Griechisch abgefafste der Römischen Kaiserzeit und die 
nachstehende 

OYEVnET 
OYZIKYßNIO 

befinden sich schon gewifs in Ihren Händen." 

,,Die von Hrn. v. Thiersch veranlafsten Nachgra- 
i)ungen im Erechllteiim sind noch nicht geschlossen. In 
letzter Zeit hat man das Fundament der Ostseite unter- 
sucht, um die Ursache der höheren Anlage dieses Theiles 
zu erforschen. An der Südostecke fand man Mauerwerk, 
im Innern dagegen den natürlichen Stein. Dabei kamen 
einige unleserliclie Inschriften zu Tage: 

TIAE IKANAPO AIONYZ AIOAO 
E^ITHZ NAPEYU \/IOYMI AAC 
und ^'AONA 

A0HNAIONMEIA. 

An der nordöstlichen ^\and landen sich Spuren einer 
Treppe und in der Tiefe von einigen Ful's, in der Aus- 
dehnung von 8 Schritten vom Erechtheum bis zur Ring- 
mauer der Akropolis, die Fundamente. Diese Treppe 
scheint zu einem Plateau vor der Ostseite des Erechtheums 
geführt zu liabea. Unter der nördlichen Halle beim 



361 



362 



&vp(Ofitt wurden die venneintliclien Spuren des posei- 
donischeii Dreizacks untersucht und ilire 'J'iele vermittelst 
eines Bolirers auf 3 Meters liestiinnit. Die Ariieiteu in 
der TipöozKrrij Ttüv xopdJv haben bewiesen, dafs das 
Fundament durcli grofse Steine zusammengesetzt worden 
war; die Spuren des Brunnens sciieint man nicht ent- 
deckt zu liaben." 

„Insclirilten, namentlich (rrabinschriften , linden sich 
nocii immer zahlreicii in den niirdlicheii Tlieilen der Stadt 
vor. Auch sind in diesem I^Vülijahr 2 Sarkophage 
mit bacchischen Darstellungen ans Licht gekommen. Vor 
wenigen Tagen sollen in der Niihe des Ljkabeltos drei 
Marmorstatuen, darunter die eines lesenden Knaben, aus- 
gegraben worden sein. Ich selbst habe die uyat-fiaTa 
weder gesehen noch dariii)er etwas Niiiieres erfahren 
können." 

„Ueber den dritten Giganten wage ich niclits zu 
bestimmen; er befindet sich in einem ganz dunkeln 
Keller, der nur durch ein sparsames Kolilenfeuer eine 
Idee von Beleuchtung erhält. Dazu muls man in diesem 
niedrigen Raum last herumkriechen. Ich glaube eine 
l'losse und Schuppen bemerkt zu liaben." 

Athen, den 15. .)uli 1853. A. von Velsen. 



III. 

Museograpliisches aus Frankreich. 

(Vgl. Arch. Anz. No. 52 S. 330—340). 

III. AviGNON. Sowie der Name von Avignon in 
der allgemeinen Geschichte eng verknüpft ist mit der 
Gesciiichte des Pal)Sltliums und vor allem dem vierzehn- 
ten und fünfzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, 
so wird der Reisende durcli die ganze äufsere Erschei- 
nung der Stadt, die gewaltigen Stadtmauern, den Dom, 
päl>stliclien Palast uud andere Anlagen, vorerst den Spuren 
des klassischen Allertliums ganz fern gerückt, die auch 
hier aufzusuchen er wohl ganz berechtigt wäre. Avenio 
('Aovn'i(uv) war ja mit Arausio und Aeria, wie Artemidoros 
berichtet, die Hauptstadt der Cavarer '), dieses das Rhone- 
ufer zwischen der Durance und Isere bewohnenden Volkes, 
dessen Name zu Strabo's Zeit bereits ein allgemeiner 
wurde für die in Sprache, Lebenssitte und zum 'l'heil 
auch politischer (iliederung romanisirten Bewohner des 
linken Rhoneufers. Die Avenio Cavarum trat in der 



Augusteischen Zeit in die Reihe der oppida latina der 
Narbonensis •), jene glückliche üebergangsform von einem 
lilojsen Mittelpunkte einer provincialen Volkerschaft zur 
Vollberechtigung eines römischen Gemeinwesens. Diese 
letzlere hat sie auch später mit andern südgallisciien 
.Städten in dem Rechte einer Colonie erhalten, wofür 
nicht allein I'tolemäus ') zeugt, sondern auch eine in Aix 
gefundene Inschrilt'j, welche von einem PATRONO COL 
AVKNN spricht und nach dem durch Münzen bestimmten 
Alter des Mausoleums, wozu sie gehört, in die letzten 
Regieruugsjahre des Hadrian fällt. Als eine Station an 
der Hauptstral'se, welche von Arelate nach Lugdunum 
führte, wird sie uns noch bis in spätrömisclie Zeit ge- 
nannt'). Die Bewohner von Avignon (Avenaicus) ') waren 
im fünften Jahrhundert mit vielen Städten an der untern 
Rhone durch grol'se Getreidezufuhr des Bischof Patiens 
von Lyon sehr erfreut worden '). Von besonderem In- 
teresse sind bei der Spärlichkeit der schriftlichen Nach- 
richten und der aus Avignon selbst stammenden latei- 
nischen Inschriften die Münzen von Silber und Bronze 
der AYENIOAN und der CAV(ares), welche uns die' 
volle Gräcisirung des Verkehrslebens von Massilia ") in den 
griechischen Legenden, wie in den Typen des lorbeer- 
gesclimückten Apollo, der mit der Tliurmkrone versehenen 
Artemis, des stolsenden und zurücktretenden Stieres ver- 
gegenwärtigen, daneben aber auch das acht gallische 
Symbol des Ebers oder des eilenden Rosses aufweisen '). 
Von architektonischen Denkmalen kann ich nur 
eine ^rAodejirci/te erwähnen, die hinter dem neuen Theater 
zu Tage tritt, dann aber in Häuserbauten eingeschlossen 
ist. Man soll sie in gerader Linie fast 200 Metres lan« 
verfolgen können. Von gewaltigen, scharf beliaunen 
Werksteinen erbaut trägt sie ganz das Gepräge einer 
römischen Anlage der frühem Kaiserzeit, eines Amphitheaters 
oder vielmehr Circiis. Merimee'") berichtet noch von dem 
Rest eines A(iuuduhles auf der Strafse nach Carpentras, 
sowie von den Fundamenten eines grofsen römischen 
Ge6«!i(Ies auf dem Platz des Hotel de ville, welche aber 
beim Auffinden sofort verschüttet wurden. Einzelne 
Säulenfunde, sowie Tlieile von Mosaikfufsböden aus der 
Stadt selbst sind im Museum aufbewahrt. Von archäolo- 
gischem Interesse ist jedenfalls auch das Porlnl und die 
Pilasterverzierung desThurmes der Kaihedrulo Notrcduvw 
lies Domes; da liier in der Detailbilduiig der zwei ko- 
rinthischen, auf Postamenten stehenden cannellirten Säulen, 
in dem Gebälke mit Perlen- und Eierstab, Consolen, Zahn- 



') Strabo IV, I, 11. 12. Mela rechnet Avenio zu den 
opiilentissiniae lubes der Narbonensis (Geogr. II, 5). 

••) l'lin.lll, 4. 

') Ptoleni. Geogr. II, 5: Avtrloiv y.olwvlit. 

") Miliin Vojage II, p. 253. 207. Auii'allenderweise stimmt 
die vordere Hallte der zerbrochenen und Iragmentirten In- 
sclirilt genau mit einer, ebenfalls verstiinimeUen, ilie in Kiez 
gefunden sein soll, zusammen. In dieser wird AVEM gelesen. 
Vgl. Miliin III, |i. .W. Ist es nicht dieselbe? 

') It. Antoniii. [i. 55.i. Tal). Peiit. Segm. II. 



') Dies wohl spätere Form des ^&vix6i'. .Stephanos 
V. Bjzanz (s. n. v.) führt an Aii(viior>\aiog und Avtvlitjg, 
das als einheimische uiul griechische Form bezeichnet wird. 

') Sidon. Apollin. VI, 12. 

*) Stephanos nennt Avtriiov geradezu eine ttoA/j Macs- 
aaUttg riQÖg iw Poöavo), was im vollsten Sinne genommen 
nicht der Fall war. 

') De la Saussaye Nninismat. Narbonn. t. XV. 

'") Merimee Notes d'un vojage dans le midi de la France 
p. 125. 



363 



364 



scliiiitt, in der Form des Frontispice, in dem arcliitrav- 
artig Ijeliaiidelten Eingangsbogen, der aiil' koriiitliisclien 
Anten ruht, in dem untern Gesimse und den drei kau- 
iieilirten Wandpilastern des Tliurmes die eutscliiedenste 
Naclibildung römischer Prachtbauten und zwar der niiclistea 
Uujgebun>», ja auch Benutzung antiker Tiieile sich kund- 
giebt. Icli habe auf Aeiinliches l)ereits bei Vienne auf- 
merksam gemacht und genaue Lokalkenner luiben ganz 
ähnliche Formen der Portale in Fernes, St. Quenin, Ca- 
vaillon, Vaison aus der Umgegend von Avignon aufge- 
liihrt"). Die Eleganz der Ornamentik, die die südfran- 
zösischen antiken Bauwerke auszeichnet, hat hier un- 
mittelbar die Augen mittelalterlicher Baumeister auf sich 
gezogen, wobei ein gewisses Älilsverhidtnil's zwischen jener 
antiken Detailarbeit und den mehr massenhaften Haupt- 
formen unverkennbar ist. Otleubar gehört dies Portal 
dein älteren Bau des Doms vor seiner durchgelienden 
Veränderung von dem Jahre 1332 an; aber man hat 
zwischen der altburgundischen Zeit vor dem Einbrüche 
der Saracenen, der karolingischen, der Zeit von Hugo 
und Ludwig von Provence (890 — 923) und endlich dem 
zwölften Jahrhundert geschwankt ''). Die letzte Annahme 
stimmt mit der übrigen Aidage des Doms und der allge- 
meinen Baugeschichte von Südlrankreich am besten. 

Das Museum zu Aviguon nimmt im Gegensatz zu 
den unbedeutenden architektonischen Denkmalen der Stadt 
geradezu eine hervorragende Stellung unter den Provin- 
cialmuseen Frankreichs ein. Durch den Arzt Calvet aus 
Lokalfunden zunächst gebildet und seiner Vaterstadt 
mit einer sehr bedeutenden Jahresrente für Verwaltung 
und Erweiterung geschenkt ist es nun als antiquarischer 
Mittelpunkt des Departement de Vaucluse und durch 
sehr glücklichen Ankauf bedeutend erweitert worden. 
Al)er ein Unstern hat bisher ülier der Besprechung ilieser 
Sammlung gewallet: Miliin war verhindert sie näher in 
Augenschein zu nehmen "), Merimee macht allerdings all- 
gemein auf sie aufmerksam und hat einige Inschriften 
daraus publicirt '^), v. Quaodt hebt aphoristisch einige 
Denkmäler heraus ''), aber was seit den zwei letzten Jahr- 
zehnten einen charakteristischen Werth der Sammlung 
verleiht, die Reihe der trefflichsten griechischen Grab- 
reliefs aus Athen, überhaupt (iriechenlaud, die zum 'J'heil 
zu dem Museum Nun'utniim in Venedig gehörten, dies 
ist in Deutschland meines Wissens noch nicht bekannt 
geworden und scheint es auch in Frankreich nicht zu 
sein. Um so mehr ist zu bedauern, d.ds es zu dem 
Drucke des Katalogs, den 183(j Merimee baldigst er- 
wartete, bis jetzt noch nicht gekommen ist, obgleich er 
schriftlich lange fertig liegen soll. 

■Nlan tritt zunächst von der Strafse aus in einen 
rechteckigen Mofraum, dessen beide Langseiteu, sowie 



das Vestibulum des quervorliegenden Hauptsaales mit 
architektonischen 'IVümmern aller Art, Capitellen, Säulen- 
schaften, auch Grabsteinen mit zahlreichen lateinischen 
Inschriften, sowie einigen spätrömischen Torsen von Ge- 
wandstatuen besetzt ist. Ein plastisches Werk von 
höherem Stilwerth oder interessantem Inhalt ist mir nicht 
aufgefallen. Um so reicher in jeder Hinsicht ist die 
Sammlung plastischer Werke, welche das darauf folgende 
Gebäude in seinem Hauptsaal und den zwei daran stofsen- 
den, durch Säulen geöffneten kleineren Räumen einschliefst. 
Aufser der nicht ganz unbeileutenden Sammlung ägypti- 
scher Gegenstände waltet hier geradezu acht griechischer 
Künstlergeist. Und das Interessante ist dabei, dafs wir 
die Fundorte von einzelnen trelFlichen Werken ganz in 
der Nähe von Avignon zu suchen haben. 

Wenden wir uns zuerst zu den Statuen und 
Köpfen, so sind vor allem eine Reihe treff^licher Torsen 
zu nennen: Torso einer Jungfrau von griechischem Mar- 
mor ganz in der Tracht der panalhenaischen Jungfraun, 
also dem langen Aermelchiton mit Diploidion und dem 
eigenthümlichen von beiden Schultern nach hinten her- 
abhäugendeu Obergewand, ferner ein weibticliur Torso 
zu Vaison gefunden, im Aermelchiton mit dem über den 
Arm in reichem, sehr ausgearbeitetem Falteuv^urf geschla- 
genen Himation, ferner Torso einer nachten an der Grenze 
des Knaben- und Jünglingsalter stehenden, etwas schmäch- 
tigen Gestalt, die rechte Seite sehr eingezogen, der linke 
Arm sichtlich hochgehoben, der Erosbildung angehörig, 
ferner Torso eines jugendlichen Bacchos aus der Stätte 
des alten Ernaginum (bei St. Rem)) mit dem über die 
linke Scliulter lallenden und reclits um den Unterleib ge- 
schlagenen Himation. Vollständiger erhalten, doch an 
Arbeit weit nachstehend erscheint eine mümdiche Gestalt 
mit dem linken Fufs vorschreitend, in der Rechten einen 
undeutlichen Gegenstand hallend; weit flattert die Chlainys 
vorn auseinander. Das Motiv ist dem des eilenden /ipoffo» 
am nächsten. Ueber Leiiensgröl'se ist ein Herakles auf 
Keule, das Löwenfell und den Felsen darunter gestützt. 
Von zwei Kolossalbildungen sind nur die Hände ubiig: 
eine weibliclie Hand mit dem Rest eines Füllhorn und 
eine männliche mit einem konischen, gewundenen Gegen- 
stand ; also ein Segen verleihendes Götterj)aar, eine Tyche, 
Lil)era und Bakchos, Asldepios{^). Dem historisch nationalen 
Kreise gehört der gallische Schildlrüger , ohne Kopf: 
ruhig stehend hält er vor sich gestellt einen grol'seu 
ovalen Schild, in dessen Mitte als Zeichen eine breite 
Lanzenspilze mit zwei widerhakenartigen Seitentheilen 
sich beiindet. Ein Ring schmückt seinen üi»erarm, der 
Mantel fällt über beide Schultern bis zu den Schenkeln 
herab, ein Theil derselben mit langen F'rangen deckt 
sich über den Schild. Offenbar eine Statue für eine 



") Courtet in Kev. arcli. I, |>.472(r. 

' ) \)U: ersten beiden Daten bei Merimee Notes [i. I2.i — 
130, das dritte bei Courtet (a. a. ().), das letzte ist die 
siiütere Ansicht von Merimee (Kev. arch. I, p. 533). 



') Milliii II, |i. im. 

•) Notes |). 147—150. 

") Deobaclitnngen etc. S. 122 ff. 



365 



366 



Nisclie an einem Siegesdenkmal bestimmt. Unter den 
Kiipfcii nenne ich einen Kopf des L. Venis, einen der 
PUtiililhi, einen wa'Mwhun Idealkojii' mit Diadem, ferner 
drei Doppclhc.rmcn. Eine grolse Animonsui.islie, von 
Eierstal) ningeben in einem Marmordiskiis hiidet uns den 
Ueherganf; zu den Reliefs. 

Die l{eliels hilden den eigeritliclien Glanz|)Uidit der 
Sammlung: Aletopen, Reste von einem Fries, llantrelieis 
aus Nischen von Allüren lieraustretend, Votivrelieis, Hache 
Gralireliefs der hesten griechischen Arheit und ans s[)ii- 
terer römischer Zeit die IJüsten der Todten im Ilautreliet' 
über der Inschrilt. Zu den ersten lialien wir Fragmente 
von kiimplenden Ceiitaureii zu rechnen, die aucli i\le- 
rimee "') erwiihnt. Einen ^masoiienoberkörper mit aus- 
gestreckter Rechten und der Bipennis weist ein F'ries- 
l'ragment nul, ein anderes von griechischem .Marmor einen 
weiblichen Oberkötyer in griechischem Chiton un<l llirna- 
tion ; der Kopf mit der Sphendone und Ohrringen ge- 
schmückt ist nach links gesenkt, der rechte Arm darüber 
iiehoben. Zu einer längeren Reliefreihe sciieint auch die 
treiriiche Arbeit einer i,orhcerguirlande zu gehören. In 
archaistischer Bildung erscheinen drei Krieger mit Spitz- 
bärten. In einer Nische eines Altars stellt Artemis als 
Jiigerin , mit dem linken Kul's auf einen Hirsch tretend; 
in einer andern die Ephesisclie Artemis, den Kalatlios 
auf dem Haupt, der Hals mit breitem Band geschmiickf, 
lange Locken herabfallend, die rechte Hand gehoben; 
drei Reihen Darstellungen bedecken den Körper, von 
denen die unterste als zwei Lüwenvordertheile erkennbar 
sind; zu den Füfsen liegen zwei Stiere. Ein .Mtar, dessen 
vier Ecken von Fackeln gebildet werden, zeigt auf ein 
Postament gestellt Herakles, dem ein Fell den Rilckeu 
iierablallt, in der Linken ein Pednm haltend, in der 
Rechten einen liinglicheu, undeutlichen Gegenstand; vor 
ihm ist an einem Baum die Keule aufgehiingt und ein 
Schwein liegt darunter am Boden. Ein dreiseitiger Altar 
ist mit drei Titnzerinnen geschmückt. Zweimal kehrt die 
Darstellung eines Vereines dreier ruhig stehender Göttinnen 
mit Schilfzweigen und des Pan wieder , welcher eine 
Traube und an dem Pedum ein Becken hängend trägt. 
Ein sonst meines Wissens noch nicht bezeugtes IMotiv 
aus den mannigfach tändelnden oder in kleinen Hand- 
reichungen sich kundgebenden Beziehungen zwischen 
Aphrodite und Eros bringt uns ein Relief von guter 
.Arlieit: die (iöttin ruht auf einem Lager halb gehoben 
und entblöl'st; Eros hat keck seinen rechten Fiils über 
ihr rechtes Bein gesetzt und küfst sie. Es erinnert dies 
ganz an die Ledadarstellungen. Ganz in dem Geiste 
eines anakreonteischen (Gedichtes ist ein ähnliches, kb-ines 
Relief gedacht, auf welchem Eros einer auf den Baum 
sitzenden rtirij nachlaufend erscheint. 

Indem ich mich jetzt zu den griechischen Gruh-, 
Votiv- und /i/irenreliels wende, welche zum gröl'sten 
l'heile mit Inschriften begleitet sinil und zu dem Museum 

") a. a. 0. [i. 147. 



Nauianum gehörten, kann ich mich in Bezug auf ihre 
Zugehörigkeit zu dieser .Sammlung und die bereits mit 
derselben erfolgte Pnblicirung nur auf deji zu den Mo- 
numenta graeca et latina ex museo Nanii von Biagi ge- 
lüsten Katalog über alle von ihm, Passeri und Paciandi 
pui)licirlen Denkmäler stützen. Das in Müllers .Archäo- 
logie p. 348 noch an;;eführte Werk ül)er dies Museum 
vom .lahr 1815 habe ich mir nicht verscIialTen können. 
Biagi hat allerdings in seinen zwei Büchern (Monumenta 
graeca und Monumenta graeca et latina) auch Abbildun- 
gen der Reliefs hinzugefügt, die aber alles .Stilgefiihls 
für diese acht griechischen Werke und oft der nöthigen 
Sorgfalt entbehren. Dafs aus der Nauischen Sammlung 
auch Marmorreliefs in andere Hände, wie an Kaufmann 
Wei)er, sowie in die .Sammlung von Pourtales- Gorgier, 
»eiche die Bronzen aufnahm, gekommen sind, zeigen 
.Anführungen bei Welcker Alte Denkmäler II, S. 252. 

Wir fangen von den Votivreliefs an: hier be- 
gegnen uns auf No. 19 die drei Nvf.irfai^'Oj.mviui, denen 
Philokratides, des Nikeratos .'iolin, den Dankstein geweiht 
hat. Die Abl)ilduug bei Biagi (Mon. graeca et latina 
|). 61) ist nicht unrichtig, der Text dann auch hei Böckh 
(Corp. Inscr. no. 454) gegel)en. — Ein kleiner viereckiger 
Altar mit der Inschrift NYMP findet sich in dem Na- 
nianum nicht. — Merkwürdig ist das unter sich bis auf die 
Inschrift ganz gleiche Reliefpaar (No. 20, 21): ruhigstellt 
eine weibliche Figur ganz en iace erscheinend, einen 
Modins auf dem gewelltem Haare tragend ; das Gewand 
mit Diploidion fällt in langen F'alteu herab und ist um 
die Taille mit einem breiten Band gehalten. In der 
einen Hand trägt sie die Patera, in der andern einen 
oben gespaltenen Stai). Die Inscliritten lauten: 
JAMOKAEIA und JAMOKAEIA 
IKETl APETOl 

und sind mit dem Relief bei Paciaudi (.Mon. Pelop. I, 
p. 26), danach bei Böckh (C. I. no. 1559. 1560) publi- 
cirt. Dafs diese Gestalt fortwährend als Edeithyia be- 
zeichnet wird, dazu gestehe ich nicht die geringste Be- 
rechtigung zu finden. Weder der IVIodius, der von dem 
Stephaoos der Polykletisclien Here'') nicht eben ver- 
schieden gestaltet ist, noch Patera, Scepter, noch das 
Gewand mit der C'övi] lüliren auf Eileithyia, deren sichere 
Darstellungen ganz andere Kennzeichen, wie Beilügelung [?] 
und Fackel, haben; sie tiihren vielmehr auf Hera oder 
allenfalls auf Demeter. Die Insclirifteu haben bisher 
eine genügende Erklärung noch nicht gefunden. — Als 
Votivrelief ist zunächst auch zu fassen die Darstellung 
(No. 27) eines Mannes in C^hlamys und thessalischein Hute, 
welcher neben seinem Rosse stehend mit der Schale in 
der Hand zu einem .Mtar sich wendet, hinter dem eine 
Schlange und eine weibliche grofse Gestalt in der Hy- 
(/icdbildung sich erhel)t. Ohne die letztere würden wir 
sie allerdings mit jenen unter dem Bilde eines Oi)fers 
gefafsten Heroisirungen von Todten, wo neben dem .Altar 

'■) Müller Denkin. t. XX\, 132. 



367 



368 



eine Schlange um den Baum sich ringelt, den Kopf dem 
Opfernden zugewandt, ganz gleichstellen können. Ja es 
erscheint iiingekeliit natiirlich, diese Scidunge zunächst, 
wenn keine besondern Beziige ausdrücklich gegeben sind, 
als das Symbol des Leben und Gesundheit gebenden, 
Todte erweckenden Gottes, des Asklepios und seiner Ge- 
nossin Hygiea zu fassen. Wir finden liier in der Samm- 
lung auch ein Beispiel dieser Darstellung auf No. 18: 
auf einen Altar mit einem Baum dahinter, an dem eine 
Schlange sich windet und den Kopf nach vorn erhebt, 
reitet ein jMann in DiosUurenmiitze, Chlamys und die 
Schale in der Rechten zu. Darunter befindet sich die 
Inschrift HPn^ EnWANH^ ^£2KPJTH. Biagi '0 
fügt noch ein — hinzu mit Recht, obgleich der am Ende 
verwitterte Stein nur die Spur eines geraden Striclies er- 
kennen liil'st. Das inKpai'Tiq ist, wie es bekanntlich in 
nachalexandrinischer Zeit der ehrende Beiname göttlich 
verehrter Könige wird, aucli hier das Beiwort, welches der 
heroisirte Todte erhalt. Pococke ") hat eine entsprechende 
Grabinschrift publicirt: tw yXvxviütot adiX((iü TiQU) ini- 
(pavtt. — Noch haben wir aber ein entschiedenes Votivre- 
lief und von liöherem künstlerischem Werth hier aufzu- 
führen, das Fragment No. 31 einer von zwei Anten, welche 
einen mit Palmetten geschmückten Giebel tragen, einge- 
schlossenen Darstellung. Eine grofse, weibliche Gestalt 
im Diploidion und dem über die linke Schulter fallenden 
Himation steht auf der dem Beschauer rechten Seite, mit 
dem Kopf stark vorwärts gebeugt; in den Händen hält 
sie ein kleines weibliches Kind in einem Tuch schräg in 
die Höhe. Von der linken Seite richtet sich eine be- 
deutend kleinere, jugendliche weibliche Gestalt, das Haar 
in der Sphendone ihr zu und bringt ihr einen ir«sser- 
vogel dar. Es ist wohl kein Zweifel , dafs wir eine 
/{oi'poTpJ70?-Göltin vor uns haben, welcher das Opfer 
gebracht wird. Gänse und lluliner werden ja unter clen 
6 Haupt-Opferthieren von Suidas mitgenannt ""). 

Zu den Ehrenreliefs, den öffentlichen Urkunden 
einer von Staatswegen Privatpersonen gewordenen Ehren- 
bezeugung rechne ich zunächst ein sehr ilach gearbeitetes 
Werk (No. 28), welches Paciauili") publicirt hat; die 
Inschrift steht l)ei Böckh "). Im Original liest man deut- 
lich: OSh:NTJ, nicht OEINJA. Die unter dem Relief 
befindliclie nicht sieben-, sondern neunzeilige Inschrift ist 
in kleinster Schrift, an den Ecken verstümmelt und sehr 
unleserlich. Jedoch würde eine etwas längere Beschäf- 
tigung damit den Text wohl vollständig lesen lassen, 
während wir nur einzelne Sylben daraus kennen. Das 
Relief zeigt uns deutlich Alhenu mit dem ihr zur Seite 
stehenden Schild, welche einen ihr entgegen tretenden 
Krieger bekränzt, der sich durch eine hohe Helmzier 



vor den zwei ihm folgenden, betend die Hand erhel)enden 
Kriegern auszeichnet, der mittlere derselben trägt einen 
hohen Stab, oder vielmehr Speer. Warum Biickli hier 
von einem Dank für Heilung durch Alhenc Hygiea als 
ganz sicher spricht, dazu sehe ich den Grund nicht ein: 
weder Athene selbst noch der kriegerisch geschmückte 
Mann , noch das Motiv des Kränzens weisen darauf hin, 
vielmehr auf eine ehrende Auszeichnung durch Athene, 
als göttliche Vertreterin der Stadt. Ich glaube daher 
auch nicht &io'^fvia, sonst als Bezeichnung eines dem 
Apollo und Hermes nur geweihten Festes"') bekannt, 
sondern einfach nQo'^ivla ergänzen zu müssen, was nicht 
allein die Auszeichnung des ngu^tvog , sondern sehr ge- 
wöhnlich das Dokument des Vertrags, die Urkunde über 
solche Ertheilungen bezeichnet. Die EntzifFerung der 
unteren Inschrift wird hierin zur entschiedenen Klarheit 
iüliren. — Ein zweites Relief ist agonistischer Natur und 
stammt aus Athen, aber befand sich nicht ira Museum 
Nanianum; die Iragmentirte Inschrift, welche beginnt 
INA20I SENQN ist bei Böckh C. I. no. 242 nach 
zwei neuern Abschriften (wo genommen?) genau edirt. 
Meine Aufzeichnung über die kleine, darüber angebrachte 
Darstellung reicht von der dort gegebenen Beschreibung 
etwas ab: die Fackel umgeben danach ein Oel- und ein 
Lorbeerzweig, zur Seite das Gefäl's in Krugiorm und die 
Palme. — Ein dritter hierher gehöriger Stein (No. 23) 
enthält blos eine längere Inschrift, welche auch nicht aus 
dem Museum Nanianum stammt, aber wohl attischer 
Herkunft ist. Sie lautet: 

31A 

T0NAri2N0QETHiS 
TQNMErA^niSGE 
QNMEmEIYEilNEm 
TEAEIANTA^. ON 
ATONAAE. £1^TH^ 
UATPIJ 02KA1 TUN 
QEQN. 
In der vierten Zeile ist wohl zu lesen: MEMYH- 
31E1SQN; das Uebrige ist leicht zu ergänzen: TON 
AFONA ASJQ~. Also eine Ehrentafel iür Agonotheten 
der grofsen Mysteriengöttinnen, Demeter und Kora. — 
Den Uebergang zu den Grabreliels bildet ein Stein des 
Nanianum-*), dessen Inschrift auch bei Böckh (C. I. no. 1942) 
edirt ist. Diese ist in sehr späten, llüchtigen Charakteren 
in und aufserhalb eines Lorbeerkranzes angebracht und 
bezeugt die von Bule und Demos dem Kai li machos, Sohn 
des Kallimaclios, gewordene Ehre. Das Relief darüber 
zeigt uns sichtlich die Hermes des (»eehrten, aber Todten, 
was die Endformel ergiebt; zu ihren Füfseu steht ein 
Gefäl's zur Weihung und eine jugendliche Gestalt, die 



'") ."Mon. graeca ex niiis. Nan. Nekrol.XII. 

'') Inscr. ant. (). Mh 1 hei Stc[ili. Tlips. s. v. 'F.ni'f^nvrig. 

'") Sniilaa I, p. 448. 11, p. 215. llenii. Griech. Ant. II, 

8. n». 

") Mon. Pdnp.n, |i. 155. 



=•) C. I. no. 475. 

'^) Hesychlns erklart es einlach ':/;7C)AA(ui'o; ^oprij; Apollo 
licifst (-ifoitrio;. Oas Fest pehürt vor allem nach Delplii, 
wo es einem Monat den Namen gab. 

''') Mon. Graeca ex ^lus. Nan. nekrol. 15. 



369 



370 



Clilaiiiys iiljer eine Scliulter geschlagen, l'afst au die 
Herme an. 

Uie (iral)reliefs zeilailen in dieser Sammlung in 
vier verschiedene Klassen nach ihren Motiven: wir hahen 
liier Beispiele vom Kamilienmalil, wie es jetzt durch Le- 
tronne, Kriedlaiuler und zuletzt Weicker lestgestellt ist, 
lerner von sitzenden un<l stehenden Gestalten meist mit 
dem Motiv des Aliscliiediielimens, lerner von tieni schönen, 
griechischen Motiv des traurig, sinnend stehen<len Jüng- 
lings, endlich römische Portriitbildungen. Unter ilen 
ersten ist das an Personen reichste und durch die über 
der xlivri aulgehaugten Gegenstande besonders interes- 
sante ungenau von liiagi^') edirt, dann aber genau von 
Weicker'') nach Lebas beschrieben worden. Ein zweites 
findet sich ebenfalls bei Biagi'"), aber mit der sehr 
grolsen Uoriclitigkeit, dafs die links sitzende, züchtig 
bekleidete Gestalt ein bärtiger Manu ist, wahrend an 
eine Frau nicht gezweifelt werden kann ; die yJJvri haben 
drei Aliinner inne. Die nur tbeihveis erhaltene Inschrilt 
ist von Biagi richtig edirt bis auf die Endl)uchstaben 
der beiden Zeilen AF statt AF und XAIPEFAN 
statt XAIPEIA, was als XuCgt IXaQWog zu ergänzen 
sein wird. Zwei Reliefs dieser Art, die nicht aus Griechen- 
land stammen , sondern aus Südgallien mit luschiilten, 
sind in dem eben erschienenen letzten Heft des Corpus 
Inscriptionum nicht erwähnt; das eine zeigt uns den 
Mann gelagert, Krau mit dem Kind auf dem Schofse 
sitzend daneben, den El'stiscli davor, alles auf einer 
liLstrade befindlich und Diener und Dienerin. Nach der 
Inschrift, welche Meriraee zuerst bekannt gemacht hat"), 
ist der Grabstein von L. Erennius Secundus und seiner 
Frau Pomponia dem Sohne L. Erennius Praesens und 
ihuen selbst bei Lebzeiten errichtet. Das zweite Relief 
ist sehr flach gearbeitet und verdorben, hier zeigt sich 
nur eine ruhende Gestalt auf einer y.Xiyt]. Von der In- 
schrift ist nur in der zweiten Zeile A'PüZO— lesbar. 
Von der zweiten Gattung ist das Relief der TerÜa Tochter 
des Jason aus üiagi bekannt ''), ebendaher"') das um die 
mäucdiche Gestalt, welche genau das Motiv der Sopho- 
klesstatue hat, reichere der Kulinike des Sostratos, ferner 
das der Eugenia, von Herakleon und Epaphras gestiftet, 
wo das Motiv der Handreichung hinzutritt, aus Paciaudi "), 
sowie das der Mt'itedote "). — Ein etwas anderes Motiv 
ist es, wenn einer sitzenden weil)lichen verschleierten 
Frau oder zwei sich gegenüliersitzenden v(ui einer Dienerin 
ein Gefafs angeboten wird, wonach sie läfst. Zwei Bei- 
spiele dafür finden sich hier: das eine hat Paciaudi edirt"), 
aber mit der Inschrift: IlAVl^IA nPOFAFXOY, ob- 
gleich deutlich zu lesen ist: nAPHXlAIW^TAPXOY. 



Von dem andern mit zwei Fraun und der dienenden Ge- 
stalt in der Mitte kenne ich keine Publikation; die In- 
schrift lautet: AII^XPA:^ TH:^ WllAlOY. — All"e- 

o 
mein bekatmt") ist das attische Grabrelief mit dem einen 

Vogel haltenden Jüngling. Eine sehr ähnliche Gestalt 
sehen wir hier auf einem gröfsern, acht griechischen Re- 
lief vor uns: ein Jüngling ruhig stehend mit übergeschla- 
genem Bein; der Zipfel des Gewandes über die linke 
Schulter fallend , der rechte .Arm nach vorn etwas ge- 
streckt und an deni Kör|)er ruhend. — Späterer Zeit gehört 
eine andere, aber immer verwandte Darstellung an: ein 
nackter Jüngling sitzt an einem Fels, den Kopf auf dem 
linken Arm gestützt, den rechten auf den Fels gelegt; 
danel)en ein Schiflsvordertheil. Die Unterschrift auf 
Prothymos ist ;uis Paciaudi ^ ') bekannt. ■ — In römischer 
Weise ist endlich auch ein Grabrelief gebildet: zwei 
Köpfe, ein matronaler mit dem Schleier und daneben ein 
jugendlicher befinden sich über der Inschrift, welche 
Merimee zuerst "') publicirt hat, aljer nicht richtig auf- 
gelöst. Sie lautet: 

LOYMMOE KAIKOYINTOE 
KAIKELIA MANTÜTH 
miTPI TM Tir XAPIN'). 
Hier heilst die Mutter offenbar Caecilia Manto, aber 
es ist nicht von einer lieaia die Rede, die mit Summus 
und Quintus die Mutter ehrte. Das lateinische L wird 
uns hier so wenig stören, wie gleich daneben unter zwei 
andern Porträtköpfen das in eine lateinische Inschrift 
eingeführt ist: 

T. TEGOICNIVS 
SECVNUVS SIBI 
ET. IVLIAE rXORl. 
Ich will hier zum Schlufs noch eine griechisch- 
barbarische Insclirift hinsetzen, die auf einem Kalkstein- 
fragraent im Departement gefunden ward und sich im 
Museum befindet: sie ist allerdings bei De la Saussaye^') 
nach einer Abschrift von Merimee abgedruckt, aber io 
Deutschland unbekannt geblieben. Die Höhe der Tafel 
beträgt 25 Cent., die Breite 31. INIeine Abschrift lautet: 

ceroMAPOC 

OYlAAONeOC 

TOOVTIOYC 

NAMAYCATIC 

6IC0POYBH/vH 

CAMICOCIN 

N6MHT0N. 

Die Zahl von jHos«(/;-Bruchstücken ist ziemlich grofs; 
das Muster concentrischer Kreise mit wecliselnden schwar- 



") Mon. gr. et lat. p. 97. 

"j Alte Deiik.n. II, p. 254 no. 41. 

'' ) Mon. Gr. ex Mus. Nan. no. XVIII. 

°") Notes il'im vojage p. 148. 

"J Mon. gr. no. WII. 

"') a. a. O. no. XVI 11. 

") Mon. Pilup. t. II, p. 133. 



") a. a. O. II, p. 236. 

") a. a. O. II, p. 237. 

") ^Müller Deiikm. A. K. t. 29, 127. 

^'•) Mon. Pelop. t. II, p.247. 

") Notes p. 14(1. 

*) Doch wohl f'riTQ't {.ivriurj; yuqiv'^ A. 

•■■) Numisin. NUrb. p. XUS. 



d. H. 



371 



372 



zen und weifseii Spitzen und einer Blume in der Mitte 
kehrt öiters «ieiler. Hüclist eigentliiimlicli ist al>er eine 
Darstellung, welche noch zweimal und zwar einmal schräg 
in die Ecke gestellt vorkommt, nämlich auf neifsem Grunde 
eine schwarze Zeichnung von ausgedehnten Befestigungs- 
wetken: ein Dop|/elthor von zwei 'l'hürnien eingeschlossen 
mit oberen Fenslern, dann Älauer, dann wieder cinTliurm 
zu !)eiden Seiten uud auf Mauer und Thürmen sehr ein- 
fach -durcli T angedeutete Zinnen. 

Nelien der Geiuäldegallerie im ol>eren Stocke he- 
tindet sich endlich noch ein Zimmer mit kleinen Bronzen, 
'l'erracott;;n und einer für das mittelalterliche Siidfrank- 



reicli ausgezeichneten Münz- und Siegelsammlung. Leider 
liahe ich von dieser Sammlung nur flüchtig Notiz nehmen 
können , zugleich noch abgezogen durch drei hier fast 
versteckte Bilder, die Leda von Leonardo da Vinci und 
Angelo Doiii uud Krau von Rafael, jedenfalls gleichzeitige 
treuliche Copien. 

FloiTentlich wird ein Ueherhlick iiher das hier ge- 
gebene Relerat ilie Bedeutung, die wir gerade diesem 
Museum beilegten, hinlänglich gerechtfertigt haben, um 
so mehr aber den Wunsch einen gründlichen und ein- 
gehenden Katalog einmal zu erhalten, rege erhalten, 
.lena. B. Stark. 



IV. Neue Schriften. 



Akerman (J.J: Ancient Gold Ornaments [aus Melos, darin 
eine Alexandersmünze aelalst], aus der Archaeologia 
XXXV p. 190—193. 

: Remains ot pagan Saxondom. Part. YI pl. 11. 12 

pag. 21—24. 4. 

li'irch (S«ni.): The Annais of Thotlimes III as derived 
from the hieroglyphical inscriptions. London 1853 
(Archaeologia XXXV p. 116(1.) 53 S. 4. 

Uorinann (A.): Kritik der Sage vom König Euandros 
(Programm der Klosterschule Rofsleben. Halle 1853). 
28 S. 4. 

Cumpanari (See): Le tavole Perusine dichiarate. Roma 
1851. 8. 

C'(/rr(ira (F.): de' scavi di Salona nel 1850. Praga 1852. 
24 S. 4. 5 Taf. (Graber, und Durchschnitt des Amphi- 
theaters). 

Cluruc (Cle. de) Musee de sculptnre etc. continue sur 
les mauuscrits de l'antenr par M. Allred Maury, pul)lie 
»ous la direction de Victor 'J'exier graveur. 'lome Gerne. 
Paris 1853. 8. XXVIH und 288 S. 8 mit einer Der- 
niere livraison (5 Bl. ii. Titelljlätter) der Al)biidungs- 
hefte in 4. 

Conestahilc (G. C); Süll' ipogeo della Famiglia Vibia 
scoperto vicino a Perugia nel novembre del 1852, e sopra 
alcuni altri monumenti scritti venuli recentemente in 
luce. Roma 1853. 47 S. 8. 

— — : Della origine ed istoria delle Streune. (Estratto 
dal giornale il Viminale no. 23. 24). 8 S. 4. 

'Effrif.itQ'iQ üci/iiiiiXoyiy.ii (Kfdfiwnn k/c: niai; tT^q EXXu- 
d(i(; ilvnQinxiifitviti; ixQ/uitiTi^irtg. <l)vXX. 32. liti'Ovaijio^ 
1853 p. 689— 778. 4.' 
VorcMuinuner (P. W.): Achill. Alit einer Karte der Ebene 

von Troja. Kiel 1853. 64 S. 8. 
Götllinji (C): Inscriptiones Olympicae IV. Jenae 13 S. 
4 (zum Lertionsk.italog 1853). ■ — Nova quaedam Irag- 
menta poetaruni graeoornm. 6 .S. (desgl. I8J4). 
Grolefenil (G. /■'.): die 'I'riliutverzeichnisse des Obelisken 
ans Nimrud, nel)st ^'orbemerkungen über den verschie- 
denen Ürs])ru(ig und (Charakter der persischen und 
assyrischen Keilschrift und Zugaben ülier die f>abylo- 
lüsclie ("urreiit- und medische Keilschrift. Aus Bd. V 
der Abb. d. kgl. Ges. d. Wiss. zu fiöttingen. <iött. 
1852. 94 S. 5 Taf. 4. 



Jaltn (0): Ueber ein antikes (jemälde (den Maskenscherz 
eines von zwei l<"ranen umgebenen Kindes darstellend] 
im Besitze des Malers (;h. Rofs zu München. (Aus 
der Kieler Allg. Älonatsschrilt). 9 S. 1 Abbildung. 

Lepsiiis (R.); Uel)er eiidge Ergebnisse der ägyptischen 
Denkmäler lilr die Kenntnil's der Ptolemäergeschichte. 
(Jelesen in der kgl. Akad. d. Wiss. am 29. Juli 1852. 
Mit 10 Tafeln. Berlin 1853. 4. 52 S. 

— — : Ueber den Apiskreis. 22 S. 8. (Aus der Zeit- 
schrift der niorgenl. Gesellschaft. Leipz. 1853). 

Murmnrit [Alb. ddla): Sopra alcune antichita sarde ri- 
cavate da nn IManoscritto del XV secolo. Torino 1853. 
154 S. 7 Taf. 4. 

Hlomuisvil (Tit.): Die nordetruskischen Alphal)ete auf In- 
schriiten und Münzen (S. 197 — 259 der Mitth. d. ant. 
Ges. zu Zürich). 3 Taf. 4. 

Ouerhevl; (J.): Ueber Systematik der Archäologie der 
Kunst, mit besonderer Rücksicht auf den Universitäts- 
nnterricht. (Aus der Kieler allgemeinen Monatsschritt 
1853 S. 444—466). 

Piinoßa (T/i.): Dionysos und die Thyaden. Mit 22 Bild- 
werken auf 3 Taf. Berlin 1853 (M)h. d. kgl. Akad. 
1852 S. 341 ff.) 50 S. 4. 

Rlny (Mux. de): Memoire sur les etablissements roinains 
du Rhin et du Danube, principalement dans le sud-ouest 
de l'Allema'ine. 2 voll. Paris 1852. 8. (Rev. arch. 
IX, 782). 

Hitsclil(F.): Anthologiae latinae corollariura epigraphicum 
(Lectiunskatalog 1853). 12 S. 4. 

Uo/s (L.): Die Pnyx und das Pelasgikon in Athen. Zur 
Walunnu der Topogra])hie von Athen gegen einige 
UHuere Zweifel. Halle 1853. 36 S. 3 Abbild. 8. 

Rns.<<'i (G . TS. de): Le prime raccolte d'antirhe iscrizioni 
cnmpilate in Roma tra il fmire del secolo XIV e il co- 
minciare del X\'. Roma 1852. 173 S. 8. 

Sauppe: über zwei attische Inschriften über die thrakische 
Koloiüe Brea. (Alonatsb. d. kgl. sächs. (ies. d. Wiss. 
1853. S. 33—48). 

Urlich.'i (L.): Vindiciae Pliiiianae. Fusciculus prior. 
Gryph. 1853. 192 S. 8. 

rillet (/'.'.): Explication d'uric pierre gravee represen- 
tant le dien marin Aegaeon (mit Blitz und Dreizack; 
aus der Revue archeolog. X). 16 S. 8. 



Herausgegeben von E. Gerhard. 



Druck und Verlag von G. Reimer. 



373 



374 



ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER. 



J^ 58. 59. 



Zttr Archüolo(fischen Z/cilung, Jahrgang XI. 

Oktober und November 1853. 



Wissenscliaftliclie Vereine: Berlin (iuchaologisclie Gesellsclialt}, IJom (arcliäologisches Institut). 
Funde /u Menar.i. — Miiseoiirapliisi'lies aus Kn^land; Altertliiiiner zu PawlotTsk. 



Ausgrabungen : 



I. Wissen.schaftliche Vereine, 



Berlin. Aui I. November il. J. ward untir Vorsitz der 
HH. Gerliarii und Panofka die hiesige a rcii ä olo jiis cli e 
Gesellschaft neu eröffnet. Die Gesellschaft hatte seit 
ihrer letzten Zusaininenkiiiilt im Juli d. J. das Hinschei- 
den eines ehrwürdigen .Mitglieds des Geh. Ratli lietilh zu 
beklagen, der, ein vorleuchtender Veteran im Gebiete iler 
Kunst wie des Handwerks, seine begeisterte Kennerschaft 
ihrer klassischen Cluster allerzeit zu erweitern und neu 
zu betliätigen hellte ; die Gesellschalt, die seines häufigen 
Besuchs sich erfreute, stimmt mit anderen Freunden des 
Verstorbenen in dem Wunsche iiberein, dass die in der 
letzten Zeit seines Lebens miilisam von ihm verfolgten 
Forschungen, ül)er Ursprung und Kunstdarstellung des 
l'ferdes in Griechenland, nicht ohne Abschluss und Ver- 
öffentliclinng bleiben mögen. — Der Architekt £(J. PV/Acncr 
aus London, als Herausgeber des Museum of classical 
antiquities, wie duich seine Reisen in Kleinasieu und 
durch die in Pompeji von ihm geleitete (Museum II, .^5fF.) 
Ausgrabung rühmlichst bekannt, legte eine ansehnliche 
Reihe von Zeichnungen pompejaiiischer Baulichkeiten vor 
und begleitete dieselbe mit Krliiuterungen über Anlage 
und Einzelheiten des antiken Hauses. — Aus dem an- 
ziehenden Kunstbesitz des gleichfalls anwesenden Hrn. 
Oberreg. Rath liartds lagen .abdrücke etruskischer Ska- 
rabiien und sonstiger schöner Gemmen vor, welche Hr. 
Pannfka erläuterte. Hinsichtlich ihrer künstlerischen 
.'Vuslübrung empfahlen sich ein Onyx mit lorbeerbekränz- 
lem Brustbild vielleicht eines römischen Kaisers und ein 
Sapphlr, worauf ein unbärtiger Mann zu Pferd durch 
Diadem um das Haupt und Scepter io der Rechten sich 
als Herrscher zu erkennen giebt; etwa das Ehrendenkmal 
einer Rcilerslulue in verkleinerter Ko])ie. Das archäolo- 
gische Interesse der Versammlung ward durch einen, 
die krumme Trompete (lituus) blasenden Mars mit Tro- 
piium hinter sich, auf einem Niccolo, in noch höherem 
Grade aber <lurch einen Karneol-Skarabäus in Ans]}ruch 
genommen, mit dem Bilde eines spitzbärtigen, unbeklei- 
deten, auf einem Stuhl sitzenden Mannes dessen auf das 
linke Bein aufgestützte an die Stirn gelehnte Linke tiefes 
Nachsinnen verräth. Eine auf seinem linken Bein stehende 



nach ihm aufblickende (jiins in Verbindung mit einer 
längs dem Stuhl sich windenden Schlange würde das 
Verstiindniss dieses Bildwerks wesentlich erschweren, wenn 
nicht dieselben 'l'hiersymbole um eine gleiche sitzende 
bärtige Figur auf Münzen von Rhegium (Panofka Tro- 
lihonioskultus Taf. I, 2 u. 3) bereits als Charakteristik 
des Heil- und Orakelgottes Trophonios (Paus IX, 39, 2) 
dienend nachgewiesen worden wären. Demnach dürfte 
nach Hrn. Panolka's Ansicht auch auf dieser Gemme der- 
selbe Trophonios zu erkennen sein. — Hr. IVattenbach, 
elien von einer Reise aus Ungarn zurückgekehrt, brachte, 
mit neuer Abschrift eines im Museum zu Pesth befind- 
lichen Inschriftsteins, die fragliche Echtheit der aus Orelli's 
Sylloge no. 2(i31 bekannten Inschrift, einem schon oftmals 

1 endlich dennoch verstorbenen Schauspieler geltend 

(magister inimariorum .... aliquoties mortuus ... set sie 
nunquain), zur Sprache. — In Bezug auf einen von Hrn. 
Cuvedoni zu Modena eingesandten Abdruck des in der- 
selben Gesellschaft bereits besprochenen .Anfangsstiickes 
zur ciceronischen .Schrift de lato wiederholte Hr. M.Hertz 
seine Ueberzeugung von der Unechtheit jenes nenlichen 
Fundes, eine Ueberzeugung welcher auch Hr. Professor 
Haupt beipflichtete und andere Kenner des Cicero (z. B. 
Ur.Huhn in München) auch auswärts beistimmen. [Dassomit 
erheblicher gewordne Fragment folgt hienächst.J — Rilschl's 
neu eingegangene anziehende Kriäuternngsschrift altrö- 
rnischer Inschriften auf irdenen Schalen gab Hrn. Gerhard 
Anlafs, zu Hrn. Rilschls ülierraschend einleuchtender 
Deutung eines Aecctiae pocolom als Aequitatis poculum 
(nämlich Aequitia lür Aequitas, wie uequitia mit nequitas 
gewechselt habe) auch die von Hrn. Rilschl ül)ersehene 
E(iiwtas eines bronzenen Kopfes zu vergleichen, den ein 
Mailändischer Gelehrter vonn;ds auf eine vermeintliche 
Rossgöttin Equejas gedeutet hatte. [V gl. Gaet. Cattaneo 
Equejade. Milano 1819 4.] — Einen anderen Stoff an- 
ziehender Betrachtung gewährte die neuerdings vielbe- 
s[irochene Frage iiber Bemaliing antiker Bmu- und Bild- 
werke: eine Frage, welche in überwiegendem Bezug auf 
die Baukunst vormals in Kuglcrs Schritt über antike Po- 
lychromie behandelt und von demselben verdieuteu For- 



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scher der Kunstgescliiclite in seinen neuerdings erscliie- 
neneii „kleinen Sclirilten" (Stutlfjard, Lfg. 1 — 4) mit gleiclier 
Uinsiclit beleuciitet worden ist, während üher die Karhiing 
alter Sculpturen gleichzeitig von Walz in Tübingen mit 
liezug auf Zeugnisse der Alten gehandelt wird. — Zu 
näherer Betrachtung iorderten auch die vorliegenden Bände 
des Feiierbac/i'schen Nachlasses, namentlich der von Pro!'. 
H. Hellner herausgegebenen Kunstgeschichte, und einen 
sehr gelälligen Anblick gewährte auch der von Ahertnun 
zu London neulich herausgegebene und verbiirgte griechi- 
sche Goldschmuck. — Zu reicher Augeuweide lud ferner 
die Erscheinung drei neuer Hefte (5 — 7) von Ternife's grossem 
Werk |)Onipejanischer VYaudgemälde ein, dessen Werth 
durch M'elckers, mit mancher neuen Erklärung ausgestat- 
teten, Text gesteigert wird. — Ausserdem wurde noch von 
sonst eingelaulenen Schriften der HH. Alermun, Birch, 
Carrarn, ForchhumUier, Lloi/d, O. Jahn, Lepsius, dcUa 
Murmora, RilscM, Rnfs, Wclclcr, Wiesder, de Witte, 
Zell, Zumpt, wie auch von zwei neuen Heften der zu 
Athen erscheinenden 'E<frj!.iiQ)g uQ/aioJ.oyixtj, dankbar 
Keniitnil's genommen. 

[Das in ol)igem Bericht erwähnte, angeblich cicero- 
nische, P'ragment, abgeschrieben von drei Pergament- 
deckelu „al volume stampato di un Velmazio Bagnacavalli" 
lautet wie folgt: De Falo disputacio. Falnm esse ntitum 
Jovis 0. M. ji/acidiiiif/iiB deunim immortulium, fides est 
phllosoplwrum et vuljji communis. Sed ijtiia philosophus 
nemo vel haben, vel dici solet, nisi parumper a vtilgo 
desc'iscut; iccirco visum est nonniillis, fall necessUalem 
ant untecessione causanim nuturuüum (juodammodo clr- 
cumscrihere, ant rutione voluntulum ut(jne uppetillonmn 
Vttila, quasi fulmen, e caelo deducere. Quia pcrtinel ad 
mores ipios jJ^o; Uli vocunt . . . 

Ein zweites, welches au das bei Macrobius Sat. H, 
12 erhaltne Fragment sich anschliefst, lautet folgender- 
mafsen. Vide quid agus! Acipenser iste paucorum liomi- 
num esl..quaeso: <piod exclusi, triclinio phires acipenseris 
deliciis caruere, un vis immulutue voluntalis (quue pluiju 
Democrito est) effeeit, ex eo quod in aurem Sclplonis 
itislilluvit Pontius; un acipenser capiondus, et Scipio, et 
Pontius, et coenaturi simul et non . . una connexionc «i» 
immittabili uelernitule conlincbanlnr? Mihi quideni cxpen- 
denti atijue aeslimanti quid quisque habeat propra, quid 
e.vp. . . (Folgt eine Lücke von mehr als zwanzig Zeilen, 
bis es auf derse|i)en Seile weiter heifst;) Salis erat 

dici: liijrsa fiindabitur. Id enim in fatis, ul aiunt, fuisset: 
f/iiue fatu, F.nnius inquit, deum rex nutu parlitur suo. 
Quod vero, mulato nomine, everlenda fuissct (id lieri di- 
liuisse i.icile putabilur ex) cohaerenlia causarum, ((pieis 
Karthago) ad occasum interilnuKjue rediijerclnr, (mox etiam 
ad ipsuni) exit(itiui et eversionem) perlinacia populorum 
et belli . . . 

Endlich auf dem Rücken desselben Bandes wird ge- 
lesen: l{c(j(\i\tiin oder ulus) (de)üo(().<t 

omnes nostros . . . C«r(tiiim in) pii(misj quem iu(re ac 



meri(o vel Herculem vel Theseum appeflabimus nostrum. 
is enim pro salute patriae futnra infcros — — , und auf 
desselb(?n Blattes Rückseite: atligit idque fucinus (juod 
vix amplitutiine fati tonciperetur, supremo clarissimoque 
liberae vohnüaüs ardore consiiniiiinuif. ifaque .... 

Wir geben diese bereits früher durch Hrn. v.Reumont 
uns zugegangnen Fragmente erst jetzt hier im Abdruck, 
da sie durch eines so aclitbaren Gelehrten Anerkennung 
wie Cavedoni jetzt eine höhere Autorität erlangt haben 
als sie früher beanspruchen durften und in deutschen 
Landen noch jetzt beanspruchen. Hr. Dr. M. Hertz, dessen 
gründliche Prüfung der in Rede stehenden F"ragmente 
schon früher (Arcli. Anz. S.359) dankbar von uns erwähnt 
ward, hebt insbesondere noch den Umstand hervor, dafs 
in der Abschrift von Hrn. Ferrucci's eigner Hand bei 
dem Fragmente IV zwar auch von der pergamena tra- 
forata e bucherata gesprociien wird, dafs aber alle Buch- 
staben in Capitälclieu — also als in der Handschrift ge- 
lesen erscheinen, während Hr. Cavedoni in seinem (dem 
Messagere di Modena no. 847, 14 Ott. 1853 entnommenen) 
Abdruck, olTenbar genau nach der ihm mitgetheilten Ab- 
schrift des Entdeckers, einen grofsen 'l'heil durch cursive 
Minuskel als durch Conjectur ergänzt bezeichnet hat. Auch 
hat im dritten Fragment d^s Ennius inquit in derReumout' 
sehen Abschrift seine Stelle nach Deum rex gefunden.] 

Rom. Von Seiten des archäologischen I nstitu ts ist, 
ungewöhnlich verspätet, der nachträgliche Bericht über 
dessen Sitzung vom 1. April d. J. eingegangen. Es ward in 
derselben zuerst ein etruskiscIierKandelaber nebst sonstigen 
Bronzen des Hrn. Gommonde vorgezeigt und besprochen. 
Dr. Uraun zeigte ein von Hrn. Carlo Bonichi aus Neapel 
gebrachtes gutes Fragment einer schwarzen Schale, mit 
eingesetztem Boden aus aretinischer (rother?) Erde; auf 
letzterem ist in Relief ein junger Held dargestellt, der sein 
rechtes Knie auf einen Altar stützt, neben welchem der 
Leichnam eines andern getödleten Helden samt seinem 
Schild ausgestreckt liegt. Jener erstere hält eine umge- 
stürzte Amphora, die eine Frau in Amazonentracht ihm 
abzunehmen vergeblich bemüht ist. Im Hintergrunde be- 
merkt man den Kopf noch einer Kämpfergestalt mit vor- 
gehaltenem Schilde. Zu Erklärung dieser seltsamen Dar- 
stellung dachte Hr. Braun an ähnliche Sceneu die auf 
Wiedererkennung des Paris oder auch auf den Palladien- 
raub [?] gedeutet werden. — Hr. de Rossi gab eine an- 
sprechende Erklärung der in einem kumanischen Grab 
gelünilenen Wachsköpfe (Bidl. p. (iölF.). — Hr. Canma 
sprach über neue Ausgrabungen zu Veji, wo mehr als 
150 (iräber f;eölTnet aber nur mit schwarzen Geläfsen 
angefüllt vorgefunden wurden, dagegen innerhalb der 
alten Stadt ein Haus mit Ful'sböden uml Marmorstücken, 
unter andern auch mit einer weililichen (iewandstatue 
gefunden ward, für deren Herstellung Hr. Teneruni sorgt. — 
Dr. Braun gab Nachricht liber die neidiche Aufdeckung 
eines Hauses zu l'oinpeji, welchem der bis jetzt noch uu- 
gekannte Vorzug eines unversehrten Daches zu gute 



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koimnt; die vollständige Aufdeckung desselben war l>is 
zur Uiickkelir S. M. des Königs von Baiern verschoben. — 
llr. lli'.nzen gab zu seiner neuliclien Nacliweisuog des 
Gulcnis als GladiatorenwalTe einen neuen Beleg durrli 
ein von Pelet zu Nismes edirtes und von Dr. lixirsiun 
beigebraciites Relief, welches neben einer Kämpfergruppe 
durch die Deiscliriften ([iug))ia«((;s iiiissi, Eros und X«ntii« 
sich auszeichnet (ßull. I>S5;4 p. IM)). — Ferner zeigte 
llr. Ilenzen mehrere von l'rol. Zaiinolli zu 'l'odi einge- 
sandte römische luschrilten, auf denen unter andern ein 
Hercules compos, ein piirpurarius im Vicus Tuscus und 
eine Krwalinung vcju XXXviri als iVIagistrat bemerkens- 
werlh sind (Bull. p. 131). 

in der Sitzung vom 8. April zeigte Hr. de Rossi 
eine Hacke von Krz, «eiche bei liiiuliger Form durch 
elruskische Buchstaben von eigenthümlicher Schrift [liull. 
p. 143; etwa als „\lliarnei" lesbar] ausgezeichnel ist. Des- 
gleichen nahm derselbe vom Fundort zv^ei griechischer In- 
schriften (C. I. gr. no. 6007. 6006) Anlal's über das im 
Marsfeld gelegene CainiU'Ktnum sich zu iiul'sern, eines 
Bogen« dessen Lage mit der bei Casa Silvestrelli gelegenen 
Ecke des Collegio Romano zusammentrifft, \»o neuerdings 
auch Spuren des in seinen Inschriften ervi ahnten Isistempels 
sich vorfanden. — Dr. H. Brunn sprach über die neuer- 
dings im Museum des Laterans aulgestellte Statue eines 
bartigen Satyrs (abg. bei Clarac j)l. 730 no. 1765) in vor- 
schreiteuder Stellung mit rückgebogenem linkem Knie; er 
wies nach, dafs dieses schöne Werk sehr mit Unrecht in 
tanzender Stellung ergänzt ist und verglich fiir dessen 
ursprüngliche Gestalt ;die ahnliche eines bekannten atti- 
schen Relieis bei Stuart (!\lüller Denkm. II no. 249) mit 
der Darstellung des Marsyas, welcher die von Pallas weg- 
geworfenen Flöten aufhellt [der ähnliche nach Gerhard 
Hyperb. Rom. Stud. 2, 111 in Frage gestellte iMünztypus 
ist abgebildet in dessen Venere-Proserpina p. 10; bei 
Mionnet fehlend?]. Somit lag es nahe an die vonPlinius 
erwähnte Gruppe ähnlichen Gegenstandes von der Hand 
des Myron zu erinnern (Plin. XXXIV, 57 Salynim mhni- 
nintem lilnas et Minervain); mit dem künstlerischen Cha- 
rakter des Myron scheint auch der Kunstwertli jenes Mar- 
morwerks nicht un\eriinbar (Bull. p. 146). ^ — Dr. Braun 
zeigte einen von Hrn. Boiticld mitgetheilten geschnittenen 
Stein mit Darstellung eines .lünglings, der einen siegreichen, 
mit Palmzweig versehenen, Kampfhahn dem Sahazius zum 
Opfer bringt; das Idol des (iottes ist mit gebieterischer 
Geberde versehen. Demselben Besitzer gehört eine für 
unedirt erachtete Silbermüuze von Lesbos mit dem Typus 
zwei einander entgegengesetzter und durch einen Baum 
getrennter Kalbsköpfe und als Revers eines Quadratum 
incusum, worin etwa ein Seethier zu bemerken ist. — 
Dr. Henzen berichtete aus Mitllieilungen des Hrn.SJ. V'wla 
über ein neuerdings bei Tivoli entdecktes Grabmal mit 
Wandgemälden; dasselbe liegt bei Cesarano am linken 
Uler des Anio etwa 4' . .Millien entfernt von Tivoli. Die 
Rtalereieo sind geringen Umfangs und, wie es scheint, 



nur ornamentaler Art; Weintrauben und das Bild eines 
Tigers werden zugleich mit genauer Beschreibung der 
Baulichkeit und mit Notiz über die dort gefundenen un- 
bemalteu 'i'liongeläfse von dorther erwähnt. Eine zu 
letztern gehörige Schale soll auf ihrem Boden eine iMünze 
des (iordianus Pius enthalten haben, welcher Umstand 
jedoch wol nur zufällig ist (liull. p. 1471'.). 

lu der Sitzung vom 15. .April zeigte Dr. Brunn ein 
zierliches auf seinem Fufs ruhendes Balsamar, und dem- 
niiclist eine Gemme mit wohlbekannter, gemeinhin auf 
den Raul) des Palladiums gedeuteter, Vorstellung. Ein 
Jüngling trauernden Ansehens befindet sich halbknieeud 
auf einem Altar, neben welchem eine Bildsäule Apolls 
sich befindt, er hält mit der Rechten das Palladium um- 
fal'st, während seine Linke ein Schwert hält. Angelehnt 
an den Altar liegt eine Figur, welche zu schlafen scheint. 
Gegenüber erblickt man einen Palmzweig der an ein 
Säulenstück angelehnt ist. Stern und Montlsicliel deuten 
eine nächtliche Sceoe an. Dr. Braun zeigte, dal's diese 
Gruppe scheinbar aus dem zwiefachen Mythos des Palla- 
dienraubs und der Heimkehr des Orest mis Tuuri zu- 
sammengesetzt sei: obwohl Helm und Schild des Idols 
diesen letztern Gegenstand zu verläugnen scheinen, so 
geht doch aus einem bekaniiten Florentiner Kamee [Denkm. 
u. F. 1849Taf.YII, 2] hervor, dafs allerdings jener orestische 
Mythos hier der eigentlich gemeinte sei, zugleich mit 
Hinweisung auf Orest's Ermächtigung durch Apoll (Bull, 
p. 149). — Dr. Bethmann sprach über die Anwendung 
geschnittener Steine zu Urkunden des Mittelalters. — 
Frau jHcr(e;is-Schafl'hausen zeigte den Plan eines in Villa 
Caserta bei S. Fito ausgegrabnen Gebäudes, von welchem 
vier gewölbte Gemächer zu hinlänglichem Beweis eines 
gröl'seren Baus sichtbar geworden sind; die Stempel der 
Ziegelsteine weisen auf die Zeit der Antonine hin. Ge- 
fällige Wandgemälde lohnten die Ausgrabung nicht hin- 
länglich, daher dieselbe eingestellt worden ist. — Ebenfalls 
durch Frau Mertens kamen sieben Ringe von Elfenbein, 
herrührend aus Arles, in ihrer Art ausgezeichnete (gegen- 
stände, zum Vorschein. Drei derselben sind mit JMasken 
von guter Arbeit verziert, ein vierter mit Doppelstricli 
(spina), noch einer mit der erhoben angegebenen Insclirilt 
Cacs Dldius, wieder einer mit dem gnostisclien Ajigul^uc: 
und [zugleich?] mit dem Monogramm des Namens Christus 
zwischen dem A und Gl): alle diese Stücke sind von be- 
sonderer Eleganz. — Desgleichen durch Frau Mertens 
wurden mehrere Gemmen ihrer Sammlung vorgezeigt: 
eine aus Xanten mit verschiednen durch eine Schlange 
eingefafsten Köpfen des Zeus, Janus und der Cybele, 
wie mit den Symbolen eines Krokodills und eines Adlers 
[Bull. p. 150, vgl. Rhein, .lahrb. XV, 1311.], eine andre 
aus Köln mit einem Apollokopf von schöner Behand- 
lung wie aus alexandrinischer Zeit ; sodann ein Amethyst, 
gleichfalls aus Köln, mit dem Abschied des Aegeiis von 
Aethra (Bull. p. 150); noch andre Gemmen mit dem 
Bild dreier Sirenen, einem lorbeerbekränzten Frauenkopf 



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etwa der Dapline, eine Minerva mit durclisiclitigem Ge- 
wand II. s. w. Ein Iiitaglio aus Mainz zeigt einec Bacchus 
oder Bacchanten j der unter finein reiciilichen Rehstock 
auf einem Altar libirt, danel)en eine Sicliel; vielieiclit 
ist ein Bacchus Lcnacus gemeint. Noch ein Stein zeigt 
einerseits einen auf seinen Dreifufs gelehnten Apoll, neuer- 
seits eine flüchtige Frau, etwa Daphue. Darauf befindlich 
ist eine vielleicht spatere gnostische Inschrift. Auch das 
Opfer der A graulos, dargestellt neben einer aus dein 
Boden heraustretenden Figur der Erdgöttin, glaubt Krau 
Mertens auf einer ihrer Gemmen zu besitzen, desgleichen 
den Kastor sterbend am Grabe des Aphareus. [Dem 
deutschen Publikum ist die Mehrzahl dieser Mittheiluiigen 
aus den Rhein. Jahrb. XV, 109 flF. bekannt.] — Aul'ser- 
dem theilte Hr. Henzen einen seitdem bereits abgedruck- 
ten (Bull. p. 114) Bericht des Hrn. Mlncrvlni über die 
Ausgrabungen zu Caiiosa mit. 



II. 

Ausgrabungen, 

Funde zu Megara. 

Zu Megara stiefs man vor einigen Tagen in dem 
siidlicheu Theile dieser Stadt bei der Grabung eines 
Brunnens in mafsiger Tiefe auf eine alte Wasserleitung, 
welche die zwischen beiden Akropolen gelegene Senkung 
etwa in ihrer Mitte von Norden nach Süden durcliscliueidet. 
Zugleich wurden au derselben Stelle die Bildsäule eines 
Knaben, mehieie Statuetten, ein Frauenkopf und eine 
Reihe gröl'serer und kleinerer Thongeiiifse an's Liciit ge- 
bracht, lieber die Ausdehnung dieses unterirdischen 
Canuls, über dem ein Theil der jetzigen Stadt angelegt 
ist, läfst sich zur Zeit noch nichts Genaueres feststellen. 
Besonderes Interesse würde diese Entdeckung gewinnen, 
falls es sich erwiese, dafs die besagten Reste ehemals 
dem lirunnen des Theagenes angeiiört haben. Freilich 
spricht Pausaiiias von einer z()yj> ?;, doch lassen die Worte 
väcug ig uvttjv qü xuXuvfxivov ^tdvidwv vvfi(j(üv in Ver- 
bindung mit dem, was er 1, 41, 2 über die von Theagenes 
unternommene Führung der den .Megarischen Bergen ent- 
strömenden Gewässer sagt, keinen Zweifel übrig, dafs 
wir an ein durch eine Wasserleitung gespeistes Bassin 
zu denken haijen*). Zwar sind auch jetzt noch die Me- 
"arenser im Besitze einer Quelle, doch liegt dieselbe etwa 
800 Schritt nördlich von dem westlichen Burghügel und 
wird schwerlich dem Bereiche der eigentlichen Stadt zu- 
zuweisen »ein; sie mag vielmehr dem yiüQiov Puvq ent- 
sprechen, das gleichfalls nördlich und, wie es scheint, 
in nicht grofser Entfernung von Megara lag. 

*) Kiiiji'tj als nölirbrnnnen .uich sonst liekannt; vgl. Rofs 
Reisen im l'eloi). I, 67 und Curlius in der Arcli. Zeitung 1847 
S. 32, 30. A. ,1. //. 



Aber noch eine andere Entdeckung spricht für jene 
Annahme. Nachdem nämlich Pausanias von dem Brunnen 
des Theagenes aus eia mit Bildsäulen der Artemis Soteira 
und Römischer Kaiser geschmücktes Heiligthum besucht 
hat, wendet er sich zum Olympieiim. Seinen Worten zu- 
folge mufs dieses zwischen jener Wasserleitung und dem 
nördlichen Abhänge der Burg Karia gelegen haben. Hier- 
unter aber kann nur die minder hohe und nach allen 
Seiten minder abschüssige östliche Akropolis verstanden 
werden; die westliche, bei weitem höhere und steilere 
Burg des Alkathoos fallt schroff gegen Norden ab und 
gewahrt hier keinen Raum, auf dem man das Denkmal 
der Alkmene ansetzen könnte. Mit Sicherheit werden 
wir also jenein ji/.in'og des Zeus auf der nordwestlichen 
Seite der Karia seine Stelle anweisen. Hier befindet sich 
gegenwartig eine zweien Stallen gemeinsam angehörijje 
Mauer, die aufser anderem altem Material auch 11 In- 
schriftensteine enthält, s.'E(p?j/.tf(jig upxaioXoytxi'j Heft 33 
uo. 1327—1337. Auch die im Corp. Inscr. I no. 1052 
herausgegebene Inschrift mag el)eiida gefunden worden 
sein. Zehn jener Documente (no. 1327—1336) waren im 
Olympieum aufgestellt, vielleicht auch no. 1337, wenn- 
gleich sonst das Staatsarchiv im Heroon des Alkathoos 
auf dem westlichen Burghügel aufbewahrt wurde, s. Paus. I, 
43, 4 und Plut. Ages. 27. 

Ungefähr den dritten Theil des Weges zwischen der 
Stadt und dem Meere bezeichnet ein aus rechtwinklig 
bearbeiteten Quadern zusammengesetzter und durch meh- 
rere Strebepfeiler gestützter Mauerrest. Die Richtung 
desselben geht einerseits auf das Südende der von dein 
jetzigen Markte der Stadt heraliführenden Hauptstral'se, 
andrerseits auf die Spitze des von der vorspringenden 
Klippe der Athene Aithyia und dem Nisäischen Strande 
"el)ildeten Winkels. Dieses scheint der östliche Schenkel 
der langen 31auern gewesen zu sein; die Spuren des 
westlichen werden noch jenseits einer mit zahlreichen 
Scherben bedeckten niedrigen Erhöhung erkannt. Den 
Weg von dem Südende der Stadt, die sich jetzt nicht 
ganz so weit wie die alte gegen das Meer ausdehnt, 
legt ein Fufsgänger in etwa 20 Minuten zurück, was mit 
den vonThucydides 4, 66, 3 angegebenen 8 Stadien über- 
einstimmt; die 18 Stadien Strabos (9 p. 391) sind schlech- 
terdings nicht herauszubringen. Andrerseits würden nach 
Kieperts ilurchaus willkürlicher Annahme von Minoa und 
Nisäa jene 8 Stadien auf eine noch geringere Zahl redu- 
cirt. Dafs die Megarische Ebene ein dem Meere abge- 
rungener Landstrich ist, ist deutlich iu der Sage der 
Deukalionischen Flutli ausgesprochen, s. Paus. I, 40, 1; 
ausgedeluite Kieslager, Lehmboden, (darauf gehen die 
Worte des Thucydides 4, b7, 1 c/'^fJ' inXiidnov T« ttixTj) 
und Muschelkalk liefern unzweideutige Beweise für den 
Grund jenes Mythus. Auch später noch mögen Meer nnd 
Gielsbäche an der Umgestaltung jenes Feldes gearbeitet 
haben; doch haben sie nicht Minoa, wenngleich diese 
Insel nur durch eine Furt von der Hafenstadt getrennt 



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■war, zu einem Tlieile des Festlandes gemacht. Nisiia 
liatte nach Piiiis. I, 44, 3 seine eigene Akropolis. Jetzt 
findet sich oin Strande nur eine Höhe; auf ilirem Gipfel 
sind die Iluinen einer iiiiltelalttrlichen Befestigung auf 
den noch wohl erlialtenen liellenischen Grundmauern. 
Sie hildeteu ein Quadrat mit vorspringenden Thürmen, 
von denen einer auf <l(r .Südseite in seinen Fundamenten 
erlialten ist. Dieses ist die Burg von Nisiia. Eine 50 Schritt 
westlich gelegene Erliehung mit zerklüftetem Gestein ist 
zu niedrig und zu winzig, um auf den Namen einer Akro- 
pole Anspruch zu mnclien. Von dem Fufse des Nisiii- 
schea Burgfelsens erreiclit man in einer Minute das Meer; 



hier lag das Grabmal des Lelex, so vrie jetzt noch sich 
an der Ostseite alte Graber mit Marmorsiiulen vorfinden. 
Dreihundert Schritte weiter liegt das Vorgebirge der 
Athene Aithyia, das über Osten nach Süden eine halb- 
kreisliirmige Zunge in das Meer treil)t. Dicht an dem 
Südrande dieser erstreckt sich eine kleine steinige Insel 
und in geringer Entfernung dahinter eine zweite gröfsere. 
Dieses scheint Minoit gewesen zu sein, wo die Schiffe 
der Kretenser anlegten und wo jetzt noch die gröfseren 
Fahrzeuge zu ankern pllegen. 

Schliefslich erlaulten Sie mir noch die Mittheiluog 
einiger vor Kurzem in Megara gefundenen InschrifteD: 




ZYNAPXIAIPPOEBOYAEYZANTOnOTITETOYZAlEYMNATAL 
TANJBOYAANKAITONAAMONEPEIAEIKEZIOZMHTPOA 
EtpELIOE OKATAETAQEIZErAiriNAZ YT 

lAEOZEYMENEOZAIATEAEITANrAEANZ AN 

T]OYAAMOYTO[YMEr]APEnNA N 

TO 



OPIßlKAI 
ATATOTT 
YTOYAIONY 



AOPOAIZIA 
APIZTIOY 



AHMHTPIOZnPAEßNOZ 
XAIPE 



Unter no. 4 ist das Relief des Demetrius, vielleicht desselben, der auch in einer Megarischen Inschrift des 
Corp. Inscr. no. 1055 genannt wird. 

Athen, 28. October 1853. A. ton Velsen. 

Am Ende der vierten Zeile sollen vor AN etwa drei Buchstaben fehlen. Am Ende der zweiten Zeile wird Tl/ij- 
XQoä{wnog) zu lesen sein. A. d. H. 



An das erste der von Dr. v. Velsen abgeschriebenen 
Megarischen Fragmente knüpft sich ein mehrseitiges In- 
teresse. Es ist der Anfang eines Senats- und Volksbe- 
schlusses zu Ehren des Ephesiers Hikesios, der als Bnlehls- 
haber Pergamenischer KriegsschilTe bei Aegina stationirt 
vrar und während der Zeit frelegenheit hatte, den Me- 
garern Dienste zu erweisen. Da nun der König Eumenes 
bei dem thiitigen Antheile, welchen er als römischer Bun- 
desgenosse am syrischen Kriege nahm, im Jahre 191 mit 
seinen Schiiren in den griechischen (iew;issern kreuzte 
tind am Ende desselben iu seine Heimath zurückkehrte, 
so ist darnach die Zeit, auf welche sich die megarische 
Urkunde bezieht, genau bestimmt. Durch dieselbe findet 
auch die ganz vereinzelte Nachricht des Livius, der König 
sei hei Aigina lange unschlüssig gewesen ob er bleiben 



oder nach Hause fahren sollte (1. XXXVI, 42), eine un- 
erwartete Bestätigung und Aufklärung; denn wir sehen 
aus der Inschrift, dafs dort ein Standquartier der könig- 
lichen Flotte zur Deckung des Saronischen Meers und 
seiner Küsten war. Vergleiche über die E^reignisse des 
Jahrs 191 Meier ,,Pergamenisches Reich" in Ersch und 
Gruber's Eocycl. S. 572. 

Zweitens ist die Inschrift lehrreich in Beziehimg auf 
die Staatseinrichtungen von Megara. Wir kannten schon 
die aviuQX'"" ('^f- ^- J- Gr. 1. p. 610) in Megara aus Aeneas 
Poliorc. c. 4 und ebenso in dem benachbarten Aigosthena 
durch die dorther stammende, von Welcker im Bullet, arch. 
1843 p. 169 herausgegebene Inschrift. Diese avvuQxiat 
bilden wie es scheint, eine Staatsbehörde, welche die 
exekutive Gewalt hat und die Initiative der Gesetzgebung. 



383 



384 



Sie ricliten ihre Anträge an die Aisymneten, den grofsen 
Ratli und die Gemeinde. Die Aisymneten waren liier, 
wie in der megarisclieii Tochterstadt Clialkedon (C. J. 
Gr. II no. 3794) Vorsitzende, waiirsclieiiilicii monatlich 
wechselnde Vorsitzende des Ratlis, durch \Yelche das 
ngoßovXiVfiu an das Plenum gelangt. Aus unserm Frag- 
mente lernen wir, dafs in der Welckerschen Inschrift zu 
lesen ist: avvag/Jui ngoißovXiünavio noxi xuv ßovXüv, 
wahrend diese uns belehrt, dals nach dem megarischen 
Kanzleistile awag/lat ohne Artikel tihlich war. Sollte, 
wie zu erwarten ist, eine Zeitl>estiiDmiing vorangegangen 
sein (ol)gleich die sorglallige Ahschriit keine Spuren 
oberer Zeilen vermerkt), so miisste sie nach Analogie der 
agosthenischen Inschrift so gefafst gewesen sein: int 
ygu/iinuTHüg toC diiyog firitog nijdizov (oder divitQov etc.) 
avvuQ/t'ai u. s. w. In früheren Zeiten war der Basileus 
Eponymos, wie C. J. Gr. no. 1052 lehrt. 

Was endlich die Wiederherstellung des Fragments 
lietrifl't, so wird sie durch die Ungleichheit der Schrift 
und der Zeilen erschwert. Versuchsweise würde ich also 
schreiben: avvrtg/Jut uQOißovXtvnuvTo niixi it Tovg ui~ 
avf.ivuiag, luv ßovXuv xul tÖj' Oi/^joc- imidij Ixtaiog 
BlrjTQoldd'iQov] 'Eqtaiog o xcijania^fig in Alyivug 
vn\ö xov ßua]iXiog Evfitviog läv nüauv a[novd]uv 
[noioi'fiivog t]ov dii/.iov to[v BJty^cQiuv ö[}'a]i^[ä xv/u 
didö/dai Tf". ßovXä xui xio dufio> u. s. w. 

E. CUKTIUS. 



III. 

Museograpliisclies. 
1. Vermischtes aus England. 

1. Zwei wichtige unedirte Mü nzen sind neuerdings 
den brittischen Museum von Obrist RawH7ison aus Ha- 
madan eingesandt worden. Die erste derselben (iS» 4'/^) 
ist von Molon dem Befehlshaber des unter Antiochus 
den Grofsen geleiteten Aufstamls, in Folge dessen er sich 
zum König von Mesopotamien machte (v. Chr. 223. Trog. 
Pomp, proleg. XXX. Polyb. V, 40. 54). Sie stellt vorn 
ein belorbertes Haupt des Zeus rechtshin dar, R. Baai- 
Xuog MoXüitog. Apollo die Leier spielend, langbekleidet 
und rechtshin schreitend, daneben ein K. Der Styl dieser 
bis jetzt unbekannten Münze ähnelt, vielleicht mit etwas 
schwächerer Ausführung, zumal durch ihrem scharfen 
Rand, den üblichen Erzmünzen der Seleuciden. 

2. Eine zweite ebendaher angelangte Silbermünze 
(8%. 241, 7 Gran) gehört einen unbekannten König von 
Characene, ^podu/:os, der ein Vorgänger des Tiroeus 
und Artapasdes (richtiger als Artabazes, wie Mionnet V, 
707. 708. Suppl. Vlll. Ö07. Visc. Icon. Rom. I p. 26 pl. A 
110. 14) gewesen sein mufs. Vorn zeigt diese Tetradrachme 
den mit einem Stirnband geschmückten Kopf des bart- 



losen Königs, rechtshin, als Revers BuaiXtwg Anoäaxov 
als Umschrift eines Herakles, dem ein mit seinem Ge- 
wand als Unterlage bedeckter Fels zum Sitze dient; in 
der rechten Hand hält er auf seinem Schenkel gestützt 
seine Keule erhoben. Daneben das Monogramm A/ und 
im Eperg ein T^. Styl und Fabrik dieser Münze rücken 
sie ülier die Zeit des Tiroeus hinauf, indem die Inschrift 
der alten Sitte folgt, ohne das viereckte Omikron der 
parthischen Münzen zu zeigen. Das T^ ist Angabe des 
Jahres der Seleucidenära 203 oder v. Chr. 110. Aus 
schriftlichen Zeugnissen ist dieser in der Münzkunde neue 
König ebenfalls nicht bekannt. 

3. Die bronzene Vo ti v-Tessera eines Agaro- 
nomen ist für das Museum gleichfalls erworben worden: 
sie ist viereckt und zeigt in einer gedrückten niedrigeren 
Fläche einen Reliefkopf des Herakles, rechtshin gewandt, 
bärtig und mit einer Stirnbinde geschmückt. Auf dem 
oberen Rand der Einfassung liest man QEOI^ ^EBA- 
:STOI^ K.41 TU JAHin, &toig ^tßuaroig xai t<5 
di/.fKO, wozu etwa tv/i]'' oder yu.Qiaii]ntov sich ergänzen 
läfst; rings um den äuFseren Rand aber ein AFOPA- 
NOMOYNTÜN nKylQJIOY POYOOY IL4] TEP- 
TIOY BEKTyllOY (P. Clodius Rufus und Tertius 
Vegilius). Dem Vernehmen nach ward diese Tessera in Italien 
erworben) gefunden mag sie, zumal bei ihrem dorischen 
Dialekt, wol eher in Corfu sein. Ihr Mafs beträgt 
.5 Zoll zu 4 Vi, bei 1'; Dicke; oberwärts hängt sie an 
einem Ring. 

4. Aus Leshos hat das Museum keine neueren Mit- 
theiluogen; doch sind zwei kleine Thonfiguren [von 
dort her?] eingelaufen, ein kleiner Kopf des Eros mit 
einfachem, und ein andrer der Aphrodite mit doppeltem 
Haarknauf über der Stirn. 

5. Hiebei kann auch ein Metalispiegel in hie- 
sigem Privatbesitz erwähnt werden, darstellend in altem 
Styl einen Hermes Kriopboros, wie im liilde des Kaiamis 
Paus. IX, 22, 2 und auf der Sosinsschale, vermutlilich 
mit Bezug auf das goldne Lamm des Atreus. Am Rande 
rles Petasus liest man EVKPVN, und in der Area 
EJIJA^KOPXL. [Echt? entschieden verdächtig er- 
scheinen die Inschriften. E. G.] 

6. Mehrere Vasen funde sind aus Athen Solygia 
und Korinth neuerdings kund geworden. In Privatbesitz 
sah ich neulich einen goldenen Ohrring mit Blumen- 
werk in Gestalt des Nasturtium. Besonders beachtens- 
werth aber ist ein Bombylios von sogenanntem ägypti- 
sirenden [korinthischen] Styl mit hrüutdiclien Figuren 
auf gelbem Grund, darstellend auf einem oberen Fries 
vier menschliche tf«up(er mit FJiigeln, eines von Sphinxen 
oder von einer geflügelten Gottheit, dahinter ein Greifen- 
kopf. Ein zweiter Fries zeigt auf dem Bauche desselben 
Gefäfses mitten eine Pflanzenverzierung, jederseits von 
derselben aber ein geflilydlcs üntstbild, das eine mit 
einem Federaufsatz, welcher dem ägyptischen des Gottes 
llnrpokrates zumal im Schriftzeicheu von Pa-neb-en-ta 



385 



386 



'Ik'iT der Erde' ähnelt — , das andre bärtig mit einem 
niedrigeren Ko|)fpiitz, welcher elier einer Lotushiiime nnd 
dein Zeichen Tiim-neler gleicht. Dieses kleine Gefäls 
hat nur 1'^ Zoll Hölie, ist aher wegen seiner V'erwandt- 
schalt mit orientalischer Kunstsitte sehr eigenthümlich. 

7. Noch hat das brittisclie Museum eine Acerra 
aus Iviioclien erworben, äliidich denjenigen, welche 
aus dein „Uecueil" von Caylus und aus dem Museum 
Disnejanuin bekfiiint sind. Der Deckel stellt ylitii/nioiic's 
Entfülirung dar. Poseidon trägt seine Schöne mitten aus 
dein Kreis ihrer erschrockenen drei Gelührtinnen zu 
seinem am MeeresuCer bereiten unil mit Hi|ipokaiupen 
bespannten Wagen; Ciipido besteigt einen dieser Hippo- 
kampen und lenkt denselben mit umgestürzter zierlich 
gezackter Triäna. Vorn ein Medusenhaupt in arahesken- 
artiger Verzierung, einerseits eine Krabbe in einem Fest- 
gewinde, andererseits ein Adler mit Donnerkeil in den 
Klauen. Auf der Kehrseite ist folgende Inschrift in Re- 
lief zu lesen: 

I. H. D. D. D. NEPT. L. VERVS. AVG. PR. PROV 
GEK. ET. BRir. ET. HEREN. APOL. ES. 
ET. C. LVC. ET. HER. BRIT. K. V. S. L. L. M. 
also: in honorem domus divinae deo Nepluno L. Venis 
Augustalis fnociirutor provhiciiirum Germaiüue et Uri- 
iunnide el Hercniüus ApoUhiuris Essenius vi C, Lucceius 
et Herennitis ISritunnicus fecerunt vota solventes lueti 
lihentor merito. — Das Kästchen steht auf vier Löwen- 
klaueu und soll in der Umgegend von Mainz gefunden 
sein; an der Rückseite sind silberne Haspen angebracht. 
[Die gedachte Inschrift erregt Verdacht. A. d. II.] 

8. Noch hat das brittisclie Museum ein Piedestal aus 
parischem Marmor erhalten, welches früher unter den 
'l'rüininern von Troas sich befand und mit einer seit 
Spon Mise. p. 175. Pococke liiscr. no. 41, 1. Murat. 
IIOI, 1. Orelli I p. 141. no. 512 bekannten römischen 
Inschrift versehen ist. In der noch bei Orelli gege- 
beneu Abschrift ist APRENSIS statt PHILIPPENSIS zu 
lesen, ferner PRlfCl:^ statt PRINCIPI, desgleichen VIC II 
statt VIC VII. Auf der linken Seite des Piedestals ist 
eine Trophäe dargestellt, welclie aus einem in seiner 
Mitte mit dem Medusenhaupt und einem Knoten be- 
zeichneten Harnisch, aus zwei Speeren, einem buschigen 
Helm und einem Schwert, auch einer Streitaxt besteht, 
anderseits alier der Helm des Flamen auf einein Gestell. 
Hoch 4' 7" und breit 2' 9". Vielleicht ist dieses Mo- 
nument auf C ^l;i(o;iii(s den Bruder des Triunuirs be- 
züglich. 

M. Durch gclällige Mittheilung des Hrn. Green sind neuer- 
dings 44 gestempelte Henkel rhodisclier und kiiidischer 
Ampliorenzum Vorschein gikommen, du ich welch eSloddarts 
schöne Arbeit über diese zur Erläuterung vormaligen Wein- 
liandels von ihm benutzten Denkmäler (in dem Transactions 
of the R. See. ofLit. III N. Ser.) und zugleich auch die 
von Franz im dritten Bande des Corpus Inscr. graec. 



gegebne Zusammenstellung manchen Zuwachs erhält. So 
dient aus den \on Hrn. Birch genommenen und uns mit- 
getheilteu Abschriften jeuer Amphorenstempel eine Er- 
wähnung des Neumonds (Neomenia no. 6 .\ Inschrift 
OA^M . . ..Caduceus NEOMA(i'iu) zu Vervollständi- 
gung des rhodischen Festkalenders; auch ist zu Berich- 
tigung von Stoddart's Auffassung des zweiten Eigennamens, 
welcher auf jenen Inschriften öfters den im Genitiv mit 
inl verbundenen Eigenuaineu einer Magistratsperson be- 
gleitet, nachzuweisen, dafs damit nicht eine zweite Ma- 
gistratsperson, sondern der Kaufherr gemeint zu sein 
pllegt z. B. 'Em AaxXrinioäüiQov ("Magistrat) !Aya&ilvov 
(Weinhändler) livlöiov. Die Richtigkeit dieser letztern 
Erklärung wird durch Formeln wie 'En) Atovvnlov Nt- 
xinnog lividwv, durch Vergleichung des bekannten 'lixao- 
vog ^ivy.ior, wie auch durch Vergleichung der auf Münzen 
und Gemmen enthaltenen Namen ihrer Verfertiger be- 
stätigt. Unter den von Hrn. Birch gegebenen Abschriften 
jener Stempel, [welclie dem akademischen Ap])arat des 
Corpus Inscr. graec. übergeben worden sind] machen zu 
besondrer Beachtung etwa die folgenden sich bemerklich: 

X\. A . . . OK . . . TOYAPO JEYS Stierkopf . . 
A 1. EPMIA 

EIirOrONO Y=APTAMITI 
A 3. EninYJAMOY=APTAnmiTlOY 
A 7. nTOALMAlOY=liOAJPOnnOY 
A S. K'iickwärts geidmeh<inEÜ[KAAI=AAMAK=NIJlON. 
C 1. ErnA=KAEYClCrAil=POY KNI Ruder. 
C 2. EnrAlOYMENTO^=KNIJIOY 
C6. EII[A^KAlIII=:lOAP.POYAr=A&INOY=KNIAlON. 

10. Bei neulichem Aufenthalte auf Rhodos entdeckte 
Hr. Ch. Newton Spuren einer bisher unbemerkten Stadt 
mit Trümmern, welche er als Grundlage eines Mausoleums, 
als steinernen Sitz aus einem Felsen gehöhlt, und als ein 
Bema bezeichnet. Die Stelle dieser Trümmer entspricht 
dem alten Kameiros. Etwa eine halbe Stunde entfernt 
liievou bemerkte derselbe zwei kolossale Löwen und 
Ueberreste einer griechischen Wasserleitung, in deren 
Nähe irdene Fragmente mit Blei überzogen sich fanden. 

11. Auf Rhodos entdeckten Hr. Newton und sein 
Secretair Hr. CoJmiighi neuerdings einige in den Werken 
von Böckh und Rofs nicht vorlindliche Inschriften. Aul 
dem längliclien Piedestal einer lebensgrofsen Marmor- 
statue, in einem türkischen Garten etwas südwestlich von 
der Stadt befindlich, liest mau erst in gröl'serer Schrift 
die lüwähniing eines II el iosp ries ters Antisthenes des 
Archilimos Sohn 

ANTII&ENHIAP+TTiaiOY lEPAT 

EY^A^ AAmi — , 

sodann darunter in kleinerer .Schrift, nach Wiederholung 

der ebengedachten Zeile den Künstlernamen eines 

Onusiphoii Sohn des Kleonaios aus Salamis: 

ONAIWON KAEW.NAIOY 

:EAAAmiNio^ EnomiEN. 



387 



389 



12. In demsell)eD Garten zu RlioJos enthalt ein älin- 
liclies Piedestal die folgende Insclirift: 

KOmOM^KE^TOPOI ^PI^rO^AIE 

mKA:^A:^nYQIAKAI nika 

AAElAnAIJAinAAAN AAIE 

NEMI 
AEYKDOPYNEl 
ANJPA2 nEN 
QEQNA]STIOXEY^i2IAEniJA31N]AAEAOTAIE 
nOIH^E MiSA^ITJMOITE 

Ol) die hier weifs gelassenen Stellen vielleicht aus- 
gekratzt sind oder gerade so in dem Original sich finden, 
wird hei der Ahsclirilt des Hrn. Colmughi nicht aus- 
drücklich hemerkt; doch ist jener erstere Fall ohne 
Zweifel für die linkerseits hefindliche Inschrift anzuneh- 
men, welche man K(jfiwi' Axiniooug vixaaug lli'diu 
xai AXtia natdog naXuv zu lesen hat, dagegen die In- 
schrift zur Rechten einen andern Athleten angeht. 

13. Auf einem Stein, der als Thiirschwelle in der 
Strafse der rhodischen Ritter dient, liest man 

AAM02 O 
TITON OAAYIONAP — 
auf einer der Seiten desselben Steins in kleinerer Schrift 
[J0]A1X0^ 
JA2J0AJX[0N] 
A^AOAlXlON]. 

14. Auf der Insel Kos fand Hr. Newton die kleine 
Erzfigur einer Maus, welche an einem mit den Vor- 
derpfoten gehaltenen Gegenstand nagt; man deutete 
dieses Thier als Sinnbild der AjtliroAite [oder des Apollo 
Smintheus?]. 

15. .\\\( Kalymna fand Hr. Newton hundert Sil ber- 
münzen, von erster Griifse und an Gewichte von 
18 Gran, einerseits mit der Aufschrilt EKA hei einem 
Löwenkopf, andrerseits mit einem Stern oder einer ßlume 
versehen. Diese Münzen waren von Budrun dorthin ge- 
bracht und verrauthlich zusammen gefunden. Hr. Newton 
legte sie dem Karischen König Hekatomnos bei, d^igegen 
man im brittisclien Museum geneigter ist sie für iiltere 
und nach Milet gehörige Münzen zu halten, so dafs KKA 
ein Magistratsname, vermuthlich des sonst bekannten 
Hekatäos, wäre. 

16. Zu Kepliissitt soll eine grofse Menge von In- 
schriften, unter andern aucli das B as re 1 ief eines Zeus, 
der Scepter und Schale halt (2' 2" lang) gefunden sein. 

17. Hiezu läfst eine erhebliche Inschrift unbekannten 
Fundorts aus dem Museum zu Chichester sich fügen: 

NI'IKOMHJH::: 
NElKODIHJnY 

ta31iey^a:^ 



ANEQHKENEKTQN 
AnOyfA OJilPOY^TO 
nx TA TPIA QiiPAKH 
A^YNTOI^BAQPOl^En 
TAnPO:^TilK YAQQ 
AAAABAQPASnTA. 
[Also: Xetxofn^ör/g Niixo/,i^doi> Tix/.iifv(jag üvi&i^y.ir ix 
lüiv AnoWoöwQov aioüiv t« rpi'« S^wpttxij« aiv joig 
ßud^QOiq tnxfi, ngög iw xvä9w uXXa ßädga fnia.] 

18. Endlich ist der durch Hrn. A^cwton's neueste 
Mittheilungen zu hiesiger näherer Keimtnifs gelangten, 
für die Geschichte griechischer Bauwerke wichtigen, 
Aul'riiumung des von Heroilot III, 60 als Werk des Rupa- 
linos von Megara erwähnten Stolleu zu Sa mos hier 
zu gedenken, den Hr. Guir'm mit Beistand des Gouver- 
neurs der Insel, Hrn. Coneinenos bis zu einer Länge von 
540 r^'ufs untersucht hat; einen näheren Bericht hierüber 
enthält das von Hrn. Newton dem brittisclien Museum 
eingesandte Blatt der zu Constantinopel erscheinenden 
Zeitung vom 29. April 1853. [Vgl. Curtius Arcli. Zeil, 
1847 S.30.] 

(Ams Mittheilungen der HH. Sam. Kirch und Ch. Newton.) 



2. Alterlhümer zu PawlofTsk. 

In einem Gartenhause, welches dem zu Pawlojfsk 
(28 Wersten von St. Petersburg) belegenen Schlofs 
Sr. Kgl. Hoheit des Grofsfürsten angehört, sind eine 
Anzahl antiker Denkmäler aufgestellt, welche aus einem 
von Hrn. E. von Muralt bereits vor einigen Jahren ver- 
fal'sten Verzeichnifs (Antiques dePawloffsk. St. Petersbourg 
1848. 16 S.) erst gegenwärtig zu unserer Kenntnifs ge- 
langen. Es ist darin zuvörderst eine Anzahl von Cine- 
raren mit römischen Inschriften enthalten, welche im ge- 
dachten Verzeichnifs (S. 1 — 10) sorgfidtig beschrieben 
sind; desgleichen sind einige Marmorbüsten, verschiedene 
P^rzfiguren und Erzgerätlie, auch einiger Goldschmuck, 
darin angegeben. Gröfsere Aufmerksamkeit dürtten die 
auf S 12 tr. angegebenen Stempel zu Tliongefäfsen und 
Amphorenhenkel mit persischen Stempeln verdienen, 
nächst denen auch mehrere Lampen (S. 14) sammt deren 
Inschriften näher angegeben sind. Einige vermuthlich 
recht hübsche Thonfigürchen sind auf S. 14 (Actrice, 
(iucrrier appuye sur son liouclier, farbige Gewandfigurt 
angegeben; desgleichen verdient ein Tlionrelief, angeblich 
Zeus und Hera darstellend (ebd. no. 64) näher betrachtet 
zu werden. Die S. 15f. angegebenen bemalten Thoiige- 
fäl'se scheinen unerheblich („Un genie avec deux sistres" 
wäre erheblich, wenn sein Klappergerätli nicht vielmehr 
einem Spiegel gleicht). £. G. 



Herausgegeben von E. Gerhard. 



Druck und Verlag von G. Reimer. 



389 



390 



ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER. 



Zur Archäologischen Zieitung, Jahrgang XI. 



J¥(JO. 



December 1853. 



Wissenscliiiftliclie Vereine : Winckelinannsfeste (Rom, Berlin, Bodo, Greifswalcl, Haralnir^'). — iMuseograpliiscIies: Sculpturen 
zu Stockliolin lind Avignon; V;isenl)il(!er zu Paris und 'Priest; Antikes ans Syrien. — Neue Schriften. 



I, Wissenschcaftliche Vereine. 

W i n c k e 1 m a n n s f e s t e. 



Rom. Die dem diesiidirigen Winckeimnnnsfest ge- 
widmete Sitzung des art li ao 1 ogis cli en Instituts er- 
öffnete Dr. Ltnil liritun mit einer Hinweisung auf die 
seit 25 Jalireu trotz so vielen Schwierigkeiten so erfolg- 
reiche Thiitigkeit des Instituts, dessen siimmtliche Puhli- 
katioaen, mit Inbegriff' derer für das eben vollendete Jahr 
1853, der Versainnduiig vorlagen. Soilann versuchte er 
eine neue Erklärung der unter dem Namen Plioclon be- 
karmten Statue des Vatikans. P> machte darauf aul- 
uierksani, dafs der Kopf offenbar als kein eigentliches 
Portrait, sondern als ein von der Kunst geschaffner Aus- 
druck einer Persönlichkeit zu betrachten sei, deren Züge 
nicht überliefert waren. Diese herauszufinden, müsse der 
sehr starke, ganz eigenlhündicli umgelegte Mantel uns 
beliidilich sein, der sich so, aufser an einer kleinem 
Wiederholung dersell)en Figur, an keiner antiken Statue 
finde. Er war der Meinung, dafs im Alterthum an diesem 
so ausgezeichneten Mantel die Figur zu erkennen gewesen 
sei und fand unter allen in IJetracht kommenden Personen 
der hallihistorischen Zeit keine, in deren Leben der 
Mantel eine so wichtige Rolle gespielt, als den Messenier 
.\ rist om en e s. Diesen Namen schlug er iür die Statue 
vor. — Hr. du Kossi bestimmte daraul in einem langern 
Vortrage die Lage der Ära maxima am Forutn boarium 
nach Zeugnissen des 15. und 16. Jahrhunderts, besonders 
nach Inschriften, aus deren F'undort hervorging, dafs diese 
Ära hinler der Kirche St. Maria in Cosmedin und zwar 
ao der Seite des Aventin, nicht wie man bisher annahm 
des Palatin war. Neben ihr stand der Herkulestempel; 
er ward im 15. Jahrhundert zerstcirt, doch waren bis auf 
Baltasar Peruzzis Zeit so viel Reste von ihm übrig, dafs 
I). P. eine Zeichnung von ihm halte machen können. 
Diese Zeichnung — wonach der Tempel ein dorischer 
Rundtempel war — hatte Hr. de Rossi in einer Hand- 
schrilt der Vaticana gefunden, und legte eine Durchzeich- 
nung vor. — Zuletzt sprach Hr. Hcnzen iiber das Edikt 
des August eine V en af rani sc he Wasserleitung be- 
treifend. Dieses hatte bekanntlich schon Hr. Mommsen ent- 
deckt, aber nur unvollständig publicireu können, weil die 



Lesung des in verkehrter Lage eingemauerten Steins nur 
sehr theilweise möglich war. Hierauf erfolgte eine Pu- 
Idikalion dieses Monuments durch Hrn. Garrucci (im 
ersten Jahrgang des neuen Bullettino Napoletano No. 3), 
die nicht nur durch ihre grofse Vollständigkeit (da be- 
kannt war, dafs der Stein ungemein gelitten halte), son- 
dern auch durch mehrere in sehr eigenthümlichem Latein 
gebildete Siitze verdächtig erscheinen mul'ste. Das Institut 
fand sich hierdurch veranlafst, sich um einen Gypsabgufs 
des IMonuments zu bemühen, der ihm auch durch Ver- 
raitlelung des Hrn. Dr. IVenlni]) (damals in Neapel) ver- 
schafft wurde. Er lag derVersammlung vor, und sie konnte 
sich überzeugen, dafs an Stellen, wo Hr. Garrucci ganze 
Sätze gelesen hatte, auch das schärfste Auge kaum eine 
S[)ur eines Buchstabens zu entdecken vermöge, dafs also 
Hr. Garrucci das Monument in seiner Publikation inter- 
poliit habe. Hr. Henzen rügte dies Verfahren in äufserst 
milder Weise, und gab sodann den Text des Edikts, so 
weit er von ihm nach einer langen und höchst mühsamen 
Untersuchung hatte ermittelt werden können. Der schon 
durch Mommsen bekannte Inhalt war durch seine voll- 
ständigere Lesung nicht wesentlich niodificirt worden; 
dagegen war es ihm gelungen die mittleren Paragraphen 
vollständig aufs Reine zu bringen, während die ersten 
und letzten, von Garrucci ebenfalls vollständig gelesenen, 
grofse Lücken enthalten, und so lange dies Exemplar 
das einzige bleibt, immer enthalten werden. [Wir ver- 
danken diesen Bericht dem jetzt in Rom verweilenden 
Hrn. Dr. L. Ffiedliinder aus Königsberg. A. d. H.]. 

Berlin. Am 9. December d. J. ward von der ar- 
chäologischen Gesellschaft, unter Vorsitz der HH. 
Gerhard und Panofka, der Gedächtnifslag W iuckelmauns, 
zugleich als Stiflungstag der Gesellschaft gefeiert ; diese 
Bedeutung des I""estes ward erhöht durch den Umstand, 
dafs vor jetzt 25 Jahren das unter Protektorat Sr. Majestät 
nnsres Königes seitdem segensreich fortwirkende archäo- 
logische Institut zu Rom, aus w elchem gleich andern 
archäologischen Vereinen auch der gedachte hiesige her- 
an eben jenem Tage zuerst ins Leben 



391 



392 



trat. Die dadurch LervorgerufeDen dankbaren Gefühle 
auszusprechen und zugleich eine für Kuuat und Alter- 
thuin nacii WinckeUnanns Voihild ergiebige Festgal)e 
darzubieten, war seitens der Gesellsclialt durch ein Fest- 
programm vorgesehen, dessen wissenscliaitlicher Theil 
„Zur Erklärung des Plinius" (Antikenkraiiz zum dreizehn- 
ten Berhuer Winckeimaniist'est, nebst 12 hildliclien Dar- 
stellungen 22 S. 4) betitelt, von Hrn. Panofku herrührt 
und mit einer, Kunstwerke die Plinius erwähnt in noch 
vorhandnen Nachbildern zusammenreihenden, Tafel be- 
gleitet ist. Die hier unter neuem Gesichtspunkt betrach- 
teten, durcligiiugig auserlesenen antiken Kunstdarstelluu- 
gen — auf Gemälde des Kleanthes und Aregon im Tempel 
der Artemis Alpheionia in Elis, auf Wandgemälde im 
Juno-Tempel zu Lanuvium und auf runde Holzbilder des 
Nikomachos auf dem Capitol bezüglich — machte Hr P. 
demnächst zum Gegenstand eines in jedes einzelne Denk- 
mal seiner Bildtafel eingehenden Vortrags und bezeich- 
nete zum Schlul's als Resultat dieser Forschung die neue 
für die Kunstgeschichte fruchtbare Thatsache, dafs Co- 
pieen nicht blofs von Statuen und Gruppen, sondern, 
was weniger zu erwarten stand, auch von berühmten Ge- 
mälden auf Münzen und Gemmen sich entdecken lassen. — 
Jlit Bezug auf die Nachschrift des Programms gedachte 
Hr. Gerhard hierauf der, seit das römische Institut im 
Jahr 1828 dazu die Losung gab, von deutschen Gelehr- 
ten und von deutschen Bilduugsanstaltcn zu erfolgreicher 
Ansprache für klassische Kunst und Bildung gediehenen 
Winckelmannsfeste, an deren Feier auch diesmal Greils- 
wald, Göttingeu, Bonn, Hamburg und vielleicht noch 
andere Orte sich betliätigten, wie in Bezug auf die erst- 
genannten durch gelehrte Programme des Prof. ürlichs 
(„Skopas im Peloponnes" Greifswald. 8) und des Prof. 
K. F. Hermann (den Helm des Untervveltsgottes betrei- 
fend) bereits näher bekannt war; [wozu noch das nächst- 
dem hier angelangte Programm des Prof. Dr. Braun zu 
Bonn: „das Judenbad zu Andernach", zu lügen ist]. — 
Hienächst im Einzelnen des röinisc/icn Inslittits zu ge- 
denken, dessen übliche kapitolinische Feier auch diesmal 
Stattland, bildete der mit gewohnter Regelmäl'sigkeit bereits 
hier angelangte 25s/e Jahrgang seiner Monumenli und 
Annali eine erwünschte Vorlage, nei)en welcher in be- 
scheidnerem Uuif.ing die unter gemeinsamer Mitwirkung 
des Instituts und der hiesigen archäologischen Gesellschaft 
bereits im eilten Jahrgang mit monatlich einer Denk- 
mälertafel erscheinende Archäologische Zeitun"' zur Kund- 
gebung diente, dal's im Verband beliiliigter und befreun- 
deter Krälte auch minder umfangreiche Mittlieilungen 
ihres Zweckes und Erfolges nicht ganz verfehlen. Ein 
im laufenden Jahrgang dieser Zeitschrift (Tal. LV) ent- 
haltenes unil erklärtes Gelalsbild des Museums zu Neapel 
gab in vervielfältigtem Abdruck Anlafs zu neuer Betrach- 
tung seiner gelälligen, durch Kunstwerth, ]Mytlios und 
Namensbeisclniften anziehenden, Darstellung. Das hiebei 
dunkel verbliebene Götterbild, unter dessen Obliut dea 



Pclops Wettlauf um Hippodamia eröffnet wird, glaubt 
Hr. G. für die aus Olympia's Rennbalin als Hippia, aber 
auch als Ehe- und Gel)urtsgöttin l)ekannte Hera halten 
und das ihr ertheilte ungewöhnliche Attribut eines Bogens 
als Andeutung schmerzlicher Geburtswehen aus dessen 
Anwendung bei andern ähnlichen Idolen idtester Art 
(dem llerabild auf der lovase des königl. Museums, und 
der Aphrodite-Kolias nnt den Genetylliden auf attischem 
Münztypus, Nouv. Ann. I, pl. A, 1) rechtfertigen zu kön- 
nen. — Hiebei rief die Erwähnung Olympia's den seit 
Winckelmann oft und noch neuerdings dringend ausne- 
sprochnen Wunsch einer Aufdeckung des dortigen Bodens, 
die Erwähnung des Lydiers Pelops den Gedanken au 
Stammverbiudungen hervor, wie sie aus der ähnlichen 
Prachtanlage etruskischer und lydischer Königsgräber 
sprechen; auch trat die Erinnerung neuester Erfolge 
hinzu, welche von Smyrna aus durch Nachgrabungen im 
Umkreis des gygäischen Sees stattfanden und die Er- 
wartung der Alterthumsfreunde dringend auf jenen Punkt 
richten. Auf alle diese Gesichtspunkte bezüglich und in 
seiner wissenschaftlichen Begründung doppelt willkommen 
war ein Vortrag, in welchem Hr. E. Ciirliiis zugleich mit 
genauer Kunde über jene lydischen Grabungen ein Bild 
des zwischen Hellas und Asien vermittelnd gewesenen 
alten Lydiens, seiner Kunsttliätigkeit und seines Götter- 
wesens entwarf; die "^Archäologische Zeitung' wird diesen 
ihr zugedachten anziehenden Aufsatz alsbald veröffent- 
lichen [Dkm. u. F. 1853 S. 148ff.]. — Noch andre werth- 
volle Mittlieilungen wurden derselben Versammlung durch 
Hrn. Pinder zu Tlieil, welcher aus neuen Bereicherungen 
des königl. Münzkabineis eine Reihe seltener antiker 
IMünzen zur Ansicht !)rachte unil mit erläuternden Be- 
merkungen begleitete. • — Aus dem reichen Vorrath seines 
ägyptischen Denkmälerwerks legte demnächst auch Hr. 
Lcpsius eine Reihe auserlesener und von ihm erläuterter 
Probedrücke, zugleich mit Zeichnungen dortiger ägypti- 
scher Inschriflsteine (eine dieser Platten erst neuerdings 
beim Umbau eines Hauses zu AUofen, römisch Aquincum, 
gefunden) des Museums zu Peslh, deren Rlitllieilung man 
durch Dr. IVattenbuch's Vermittelung dem Director jenes 
Museums Hrn. v. Kubingi verdankt. — Die Gesellschaft 
erfreute aufser einer so thätigen iMitwirkung ihrer regel- 
mäfsigen Theiluehmer sich auch der Gegenwart werther 
Gäste, von denen der hier verweilende königl. Gesandte 
zu Rom Hr. v. Usedom in seiner Eigenschaft als Vice- 
präsident des archäologischen Instituts, der königl. Ge- 
nerallieutenant Hr. V. Svharnhnrsl Exe. zugleich als einer 
der ältesten Mitarbeiter an den römischen archäologischen 
Annalen, und die Herren Älitglieder der ältesten hiesigen 
'Griechischen Gesellschaft' als Bürgen des steten Wechsel- 
bezugs zwischen Schrift- und Denkmälerforschung, zu 
wesentlicher Erhöhung dieser litterarischen Feier bei- 
trugen. 

Bonn. In Abwesenheit des Präsidenten Prof. Braun 
ward <lns diesjährige Winckelmannsfest auch zu Bonn 



393 



394 



unter Leitung seiner dermaligen Secretare m\. L. Schmidt 
und Spruujer lestlicli begangen. 

(;rkifswald. Zum Winokeimannsfest lud Professor 
Urlichs duicii ein gelelirtes l'rogramin iil<er „Skopas im 
Pelupoüues" ein. Die Saminiung von Gipsabgüssen hatte 
seit der letzten ülinliclien Versammlung sich ansehnlich, 
fluch durch ein neues Zimmer Vermehrt; hievon nahm 
Ilr. Urllchs Aiilafs zu einem ins Einzelne gehende Vor- 
trag. Niiclistdem las Dr. Pyl eine Ahliiindhuig „über 
den Dreifufsraub an der Dresdner 'l'ripodenbasis". 

Hamhukg. Dieses Jahr hielt Prot. Petersen am Ge- 
burtstage Winckelinanns einen öffentliclien Vortrag im 
grofsen Hörsaal des Gymnasiums. Er sprach (Jeher die 
Bedentuiiij mythologischer Darstellungen an Geschenken 
bei den Griechen. Er legte die Tliatsache zum Grunde, 
dal's, wie bei uns, auch bei den (iriechen der Älenscli bei 
allen Irohen J<]reignissen \on Freunden und Verwandten 
mit (ieschenken erlreut ward, und dal's bei diesem kunst- 
iiebenden Volk dieselben häufiger als bei uns Kunstwerke 
waren oder zur Ani'ertignng derselben Veranlassung gal)en, 
indem zur Auinalime und Uebergabe derselben Geliilse 
notliwendig waren, welche meistens mit Bildern geschmückt 
wurden; solchen, welche entweder das Ereignifs dar- 
stellen, das zum Geschenk \ eranlassung gegeben, oder 
einen Mythos, der einen allgeiueinen aui dies Ereignifs 
sich beziehenden oder einen speciellen auf die bethei- 
ligten Personen bezüglichen Gedanken aussprach. Die 
Art der Anwendung zeige die Poesie an Gebrauch des 
Mythos, namentlich die Art, wie Pindar ihn in seinen 
Siegsgesängen benütze. So seien die Vasenbilder in Be- 
ziehung auf die Persönlichkeit, für die sie bestimmt, als 
kleine lyrische Gedichte zu betrachten, welche ihre 
Sprache ans tier Mythologie entlehnten. Das wurde an 
allen Arten von Geschenken, welche den Menschen von 
der Geburt bis zum Tode begleiten, nachgewiesen. So 
ergebe sich ein neuer Gesichtspunkt fiir den l)isher so 
olt ganz uuerklärbnr scheinenden Zusammeidiang zwischen 
zwei ganz verschiednen Vasen. So finden gewisse Reihen 
von Bildern darin ihre Erklärung, dafs sie auf liäufig 
vorkommende Lel)ensereignisse sich beziehen. Vasen mit 
• dem Unheil des Paris seien otlenlj.ir Brautgeschenke oder 
zur Uebergabe von Brautgeschenken bestimmt, indem sie 
die Schünheit der Braut priesen. Oft sei das Gegeobild 
von gleicher Bedeutung, z. B. wie Menelaos, die Helena 
verlülgend , von ihrer Schönheit geblendet das Schwert 
sinken läl'st; oft sei das Gegenbild bncciiisch, was den 
Wunsch eines frohen Lebensgenusses auszusprechen 
scheine. Eine heroische Scene wie Herakles oder eine 
'l'hat dessejlien scheinen des Bräutigams Stärke zu prei- 
sen. In ahidicher Weise seien Gelälse mit der Hochzeit 
des Peleus und der Tlietis zu Hochzeitsgeschenken be- 
stimmt gewesen. In andern Bildern, wie vom Raul)e der 
Lenkippiden, Jason, Medea, sei nur llindeutung auf per- 
sönliche Verhältiüsse anzunehmen [1']. So wurden Liebes- 
geschenke Inr Jünglinge, Gel)urtstagsgeschenke, Geschenke 



für Sieger in Kampfspielen, Geschenke für Feste aller 
Art, besonders für die Anthesterien, nachgewiesen. Die 
Hinweisuug auf Leichengeschenke machte den Schlul's. 



II. 

Museograpliisclies. 
1. Antiken zu Stockholm. 

In einem Verzeichnifs, dessen dritte vom Jahr 1848 
datirte Auflage wir einem befreundeten neulichen Be- 
sucher schwedischer Natur- und Kunstschätze verdanken, 
wird der im kgl. IMuseum zu Stockholm vorhandne An- 
tikenvorrath nur kurz, aber genügend bezeichnet um 
eine gedrängte Uebersicht dieses im archäologischen Pu- 
blikum fast unbekannten Kunstbesitzes hier versuchen 
zu können. 

A. B. Einer ägyptischen Abtheilung (A) des ge- 
dachten Verzeichnisses, welche sich auf 36 Gegenstände 
belauft, folgt in einer „Niobe-Gallerie" (B) eine Reihe 
griechischer und römischer Sculpturen, deren Inhalt wir 
Jiienitchst vollständig angeben wollen. — Zuvörderst Büsten 
des Juppiter .^iiiiiioii (no. 1) und Pun (3), einer Lxicilla 
(4), eines Trujamis (5) und einer Urania (6), dazwischen 
die Figur eines Boches (2). Unter mehreren griechischen 
Grabsteinen mit Inschriften und Reliefs (\o. 7 — 14, 
darunter no. 11 ein neueres Werk) zeigt no. 13 ein Gast- 
mahl bekannter Art, die sitzende Frau ein Trinkliorn 
lialtend. Ferner sind Büsten des Titiis (15), der Sahina 
(16), des Caligiüu (17), der jüngeren Antonia (18), des 
Gordiamis {19), der Manila Scantilla (20), des Septimius 
Severus (21) vorhanden. In einem Relief, dessen Arbeit 
als barbariscli aber sehr deutlich bezeichnet wird (22), 
ist ein Trliimphzag dargestellt. Hierauf werden, ohne 
Bedenken über deren Alterthum, ein Medaillon mit 
Alexander des Grofsen Bildnifs (23) und ein Genius, der 
auf eine um einen Dreiful's gewundene Schlange zielt, mit 
der Beischrilt „Malus genius Bruti" (24) erwähnt. — 
Es folgen: 25 Fragment eines Hautreliefs, worauf ein 
Genius mit der Fackel; 26 statuarisches Fragment eines 
Zeus; 27 modernes Relief; 28 Relief, Bacchus, Miinade 
und Ahratos; 29 Relief einer Sphinx; 30 Fragment eines 
Reliefs worauf ein das dodonische Orakel befragender 
Mann erkannt wird (?) ; 31 Büsten des Caracalla, 32 der 
Agripplna, 33 des GulUcnus, 34 des Eplhir, 35 des An- 
ioninus Plus, 36 Aschenurne, worauf Amor und Psyche, 
mit Inschrift, 37 Leclislcrnium auf dem Aventin gefun- 
den, 38 Relief den Vcspasian und die F"lavia Domitilla 
vorstellend, 39 Herme des Plato, mit einer (neuen?) In- 
schrift, 40 des Sohrafes, 41 kolossale Büste des .^»(onius, 
42 zwei in Rom verfertigte ionische Säulen von Cipollin, 
darauf zwei Todtengenien mit gesenkter Fackel; 43 Relief 
darstellend Ji(j)j)i(cr Mars Diana und Jtino [44 modern], 



395 



396 



45 Büste des Agrippa, 46 eines Ptolcinäcrs, 47 der Juno, 
kolossal, 49 Grabstein mit lateinisclier Inschrift, 50 Büste 
der alteren FaitsÜna, 51 des 3/oi-ii(s, 52 des SiiUa, 53 
Thron des Zeus mit griecliisclier Inschrift, zu Konstan- 
tiuopel durch Graf Löweniijelm erworhen; 54 Deckelfi- 
gur einer etruskischen Urne, 55 antiker Fruchtkorb, 56 
vierseitige Ära mit Inschrift, 57 Büste einer Ompliule, 
58 — 60 Faunen als Atlanten architektonisch angewandt, 
61 Kindskopf von Erz, 62 Römische Frauenbüste, 63 
Cleopatra mit dem Kopfputz der Isis des Vatikans ('?), 
64 Her/.'ii/es^Kindskopf in Giallo antico, 65 Gordlanus 
Pius als Kind, Büste, 66 liacchns, Büste von Koäso antico, 
67 Büste des L. Caesar, 68 polychrome eines Negers, 
71 antikes Pferd in schwarzem Marmor, 72 Erzfigur eines 
Merhur, 73 Brustbild des Julianus in Relief, 74 Büste 
des Acshulap, 76. 77 Hermaphrodit in Hermeuform [zu 
näherer Prüfung geeignet; Ghd. Hyperb. Reim. Studien 11 
S. 278f.]; darunter ein Altar mit Inschrift; 78 Büste der 
Mafidia, 79 der Plotina, 80 Plato und Suppho als Dop- 
pelherme (bleibt ebenfalls gelehrter Prüfung empfohlen), 
81 Marcellus in Medaillon (neu?), 82 Büste des Diogenes, 
83 eines römischen Soldaten, 84 des Nero, 86 flötende 
Muse, Statue auf einem Säulensturz, 87 desgl. eines Silen, 
88 korinthisches Kapitell, 89 römische Büste, 90 Statue 
des Paris, 91 Marmorgefafs, 92 Kiiabcn-Statue, 93 Büste 
des L. Verus, 94 — 96 etruskische Urnen, 97 römische 
Grabsteine in Granit, 98 griechischer Grabstein, vou Palin 
herrührend, 99 Statue der PuUus, 100 des Juppitcr, 101 
Büste der Julia Aquilia Severa, 102 der Julia jMacsa, 
103 Athlet, Kopf, 104 Ascheourne, worauf bacchische 
Maslen, mit Inschrift, 105 Statue eines Hundes, 106 Grab- 
stein, worauf die römischen Zwillinge, 107 Pri«j)i(sherme. 

C. In der seit 1794 bestehenden Gallerie der Sta- 
tuen sind die hienäclist bezeichneten Gegenstände auf- 
gestellt zu finden. i 

112 Minerva, eine im Jahr 1780 an der Via Pränestina 
gefundene und geschätzte Statue, 113 Büste des Tiherlus, 
114 des jüngeren Brutus, 116 Statue der Euterpe, im 
Jahr 1796 in der Hadriansvilla gefunden, 117 Statue der 
Klio, gefunden bei den Älonticelli (Corniculae) 1778; 121 
Statue der Polymnia, aus der Nähe von Ponte-Mammolo, 
123 des Apollo Musagetes, vormals in Haus Vitelleschi 
zu Rom, 125 <ler Thalia, vormals im Garten des Quirinals, 
128 der Urania, aus Palast Altieri zu Rom, 129 der Erato, 
zwischen Aventin undPalatin gefunden, 130 der Terpsichore, 
aus der Farnesina zu Rom, 133 der Kalliope aus Villa 
d'Este in Tivoli, 108 desgl. der Melpomene aus Villa Ma- 
dama auf Monte Mario. Die Reibe dieser grössteutheils 
in Guattani's „Monumenti inediti" abgebildeten Musen, 
macht, ihres verschiedenen I'"undorts und der vennuthlich 
lieträcbllicheu Ergänzung ungeachtet, eine neue gründliche 
Besichtigung derselben wünschenswerth. — 131 Biiste des 
C'om?iio(lii.s, 134 des Aristoteles, 132 Herme des Zeno aus 
Villa Mattei, 135 Sarkophag mit Inschrift, 136 Grabstein 
desgleichen, 141 Ascheourne, auf deren Vorderseite ApoU 



mit zwei Musen oder Nymplien dargestellt sind, die Griffe 
sind mit Füllhörnern und mit der Gruppe reifsender 'l'liiere 
geschmückt (gefunden 1767 an der Via Labicana und durch 
Piranesi bekannt gemacht); 142 iJ/iy/oH mit Chimären ce- 
schmückt und mit lateinischer Inschrift, von Piranesi er- 
gänzt, 143 Lustralgefafs; 144 Herme des Demosthenes, 
150 des Homer, 145 Grabaltar mit Inschrift (desgl. 157. 
172), 148 Biiste des Cicero, 149 Statue des Caügula, 153 
Statue des Endymion, 1750in der Hadriansvilla gefunden, 
als Hauptstück dieser Sammlung auch durch Abgüsse be- 
kannt; 154 Feniis Anadyomene, Statue an der Via Appia 
1775 gefunden. Als Statue des „Caesar oder Tiberius", ist 
156 die Figur eines Jünglings mit einem Schwan bezeichnet, 
der eine Schlange im Schnabel hält; 158 Büste der Ariadne, 
169 eines Faun, 173 eines Bacchus, 159 Statue einer Diana, 
165 einer Juno, 160. 161 \ajaden, in knieender Stellung 
und !\Iusclielnäpfe tragend, angeblich bei Gastet Orione (?) 
ohnweit Rom gefunden; 166 Kopf des Britanniens, 167 
Piedestal mit griechischer Inschrift, aus der Propontis 
durch Graf Löwenlijelms, 171 Statue des L. Verus, 174 
der jüngeren Faustina, 175 Biiste der Julia Domna, 178 
der jüngeren Faustina, 180 des Marc Aiirel; 181. 185 
Grolse Kandelaber, mit Laubwerk und Vögeln reich ge- 
schmückt (die Basis mit Hippogryphen, Schildkrölen und 
Ziegenköpfeo, aus der Hadriansvilla herrührend und bei 
Piranesi abgebildet); 183 Priesterin, Statue zu Capua 
1450 [■?] gefunden, aus Palast Caraffä. E. G. 

2. Sculpluren zu Avignon. 

Hier einige Nachträge zu Prof. Stark's Beschreibung 
des Avignoner Museums in no. 55 — 57 des Archäolog. 
Anzeigers. Von den Statuen ist übergangen eine 
hübsche kleine Marmorstatue des Herakles (Kopf und 
rechter Arm leiden), ganz nackend, stehend: das untere 
Ende der Keule, worüber die Löwenhaut geworfen ist, 
stützt die linke Achsel; das obere Ende der Keule steht 
auf einem Eber (an dein nur die Schnauze fehlt); an 
der Basis, auf der die Staliie steht, sieht man in Relief 
eine liegende Hirschkuh, zu deren Seite ein nackter 
Knabe, emporschauend und die Hand erhebend, kniet: 
also Herakles, der nach Erlegung des erymanthisclien 
Ebers den Telephos auffindet. Da mir hier weder das 
Mus. Nanianiiin noch Jahns Telephos zur Hand ist, so 
kann ich nicht angeben, ob dies Slonument dasselbe ist 
mit dem im Museum Nanianum 190 abgebildeten. [Sehr 
w ilirscheinlich.] 

Von den Reliefs verdienen zuerst die zwei von 
Stark S. 365 nur kurz als „zwei Darstellungen eines 
Vereins dreier ruhig stehenden (Göttinnen mit Scbilfzwei- 
gen und des Pan, welcher eine 'IVaube und an dem 
l'cduin ein Becken hängend trägt" eine etwas genauere 
Betrachtung. Das erste dieser beiden, in Sandstein 
ziemlich roh ausgeführten, Reliefs zeigt uns drei ruhig 
nebeneinander stelif-nde h'rauen, deren jede einen Schilf- 



397 



398 



Stengel hiilt, rechts von iliDen stellt Pan, der mit der 
Recliten einen IJock an den Hilrnern gefafst liat und In 
<ler Linken ein Peduui li;ilt; der Schurz seiner Chlamjs 
ist mit P'rüchten gefüllt, zu seinen Füfsen steht ein Hund. 
Auf dem nntern Rande des Reliefs findet sich füli;ende 
Itischrift: 

rROSALVT. E. D. N. CA. I. PO. S. 

Das zweite, etivas grcifsere, Relief zeigt uns dieselben 
reiclibekleideten Frauen, von denen die rechts sowie 
die links stehende jede in jeder Hand einen Schilfstengel 
halten, während die mittlere die Hiitide auf heider 
Schultern zu legen scheint. Pan schreitet nach rechts 
liin (zwischen seinen Fiil'sen liegt der Mund), in der 
Rechten eine 'IVaube haltend, in der Linken das über 
die Schulter gelegte Pedum, an dessen Ende ein Kyni- 
balon Jiangt. Die Inschrift lautet: 

. INFLS. AVG. SLM. P . . . . S. D . . . 
Was die Inschrift des ersteren hetrifTt, so küonte 
man trotz der unpassend eingesetzten Punkte, die für 
die spilte Zeit zeugen, lesen: „Pro salute domini nostri 
Caesaris Augusti Imperatoris positum", wenn nicht diese 
Stellung der Titel ganz ungebräuchlich wäre, so dals 
wohl zu lesen ist: ,,Pro salute domini nostri Cari impe- 
ratoris (oder blol's Cari?) positum". Ueber die Inschrift 
des andern wage ich nichts Bestimmtes zu sagen; soviel 
sieht jeder, dals es „Ninfis Augustis" geweiht ist. Wir 
liaben also auf beiden Reliefs Pan und die Nymphen, 
deren Verbindung aus Kunstwerken bekannt genug ist, 
(auch auf einem in dem Novemberhefte vorigen Jahres 
der '/iy?;/up(? uQ/(tioloyty.rj publicirten, von Telephanes 
dem Pan und den Nymphen gewidmeten Relief): diese 
Nymphen sind auch hier, wie sonst in der Verbindung 
mit Pan, als Quellgöttinnen charakterisirt. — Ausserdem 
waren noch zwei Basreliefs aus Sandstein, von roher Arbeit, 
zu erwähnen: das eine zeigt einen nackten Mann (ob er 
bärtig sei oder nicht, läfst sich, da das Relief hoch hängt, 
rieht genau bestimmen; doch scheint mir das Letztere 
der Fall z\i sein), der einem Löwen den Rachen auf- 
reilst; rechts davon sieht man einen bartlosen Mann mit 
nacktem Oberleib, heftig die Arme bewegend, der von 
einem bärtigen Manne mit nackter ßrust mit beiden 
Armen umfafst wird. Wir haben hier wohl zwei der 
Kämpfe des Herakles vor uns, den mit dem Löwen und 
den mit Antäos. 

Das zweite Relief, Gegenstück zu dem vorigen, zeigt 
uns Herakles, bärtig, der mit einem llaumasle die Hydra, 
die hier sieben Kö[)fe und Draclieiilliigel hat, bekämpft, 
rechts davon sehen wir einen unbekleideten Manu mit 
einem Baumast in den Händen neben zwei Ochsen stehn; 
wohl derselbe Herakles die Rinder des Geryoneus liin- 
wegtreibend, ol)\vobl die Abwesenheit des (icn/oiu'H.s seliist 
dabei sehr befremdlich ist. Man könnte hier wie t)ei dem 
Ringkampfe des vorhergenannteu Reliefs an Cacus detd^en, 
allein wenn auch beide Reliefs ursprünglich zusammen- 



gehörten, so waren doch diese beiden Scenen immer ent- 
weder durch den Kampf mit der Hydra oder durch den 
mit dem Lö«en getrennt. 

Endlich gehören noch hieher zwei (irchUcklonlsche 
mit Reliefs gezierte Denkmäler aus Sandstein, <lie aus 
Vatson stammen und wohl als Fries von Grabmälern 
gedient haben mögen. Beide sind reich an architekto- 
nischen Verzierungen und Gliederungen, das erste zeigt 
oben im dreieckigen Giebelfelde ein Schaaf, unten in 
viereckigem Felde die Darstellung eines Opfers. Wir 
sehen dasellist einen Ochsen von einem Manne, der eine 
.Axt trägt, hingefiihrt zu einem bärtigen IManne, welcher 
in der erhobenen Rechten eine grofse Axt schwingt; dem 
Ochsen folgt ein Mann mit einer Scheere in der Linken, 
diesem ein kleinerer, der einen Schilfstengel in der 
Rechten trägt. Alle sind durch ihre Bekleidung (sie 
haben das Gewand um die Hüften geschlungen, so dals 
der Oberkörper nackt bleibt) als Opferdiener charakte- 
risirt. Das zweite Denkmal hat ol)en in dem halbkreis- 
förmigen Giebel das Bild eines bärtigen Mannes (wohl 
des Verstorbenen, dem zu Ehren das Denkmal errichtet); 
unten im viereckigen Felde einen mit zwei Pferden be- 
spannten vierräderigen Wagen: auf dem vordersten Theile 
desselben sitzt ein Marm, der in der Linken die Zügel, 
in der Rechten eine Peitsche hält; weiter hinten auf zwei 
Sitzen zwei Personen, einander den Rücken wendend, 
an der Seitenwand des Wagens sind zwei männliche 
Köpfe in Relief angebracht. Mit besonderer Sorgfalt 
ist das Geschirr der Pferde behandelt, auf dem Kopfe 
liat jedes zwei sichelförmige Zierden, die mit dem um 
den Hals gelegten Kummpte zusammenhängen: von liei- 
den .Seiten des Kummptes aus geht ein breiter Riemen 
der Länge nach um den ganzen Körper herum, an diesen 
• schliefseu sich zwei Bauchriemen und ein breiterer über 
den Rücken gehender Riemen, unter welchem eine sattel- 
ähnlicbe Decke, die durch ihn festgehalten wird, liegt; 
die Anspannung geschieht durch je zwei Riemen, die an 
dem langen Riemen des Pferdes wie an der Vorderwand 
des Wagens befestigt sind. Jeder sieht übrigens, dals 
wir hier die bekannte Darstellung des Todes unter dem 
UÜde einer Reise vor uns lKil)en. 

Unter den lateinischen lusclirilfen des Museums ist 
manches von Interesse für den örtlichen Cultus, wie ein 
kleiner Cippus mit der Inschrift: 

lOVI I DEPV I LSOR I 10 j SERVA [ NDVS | V.S.L.M. 
und ein Altar mit der Inschrift: MARTI | ALBIORIGI [ 
SEX CORNELIVS | SASCRATVS | V.S.L.M.— Ein kleiner 
steinerner Altar zeigt in einer .\rt von Arkaden drei weib- 
liche Figuren von roher Arbeit; darunter die Inschrift: 
FATISVOI'M I S.L.M.— EinweifslicIierStcinlFlufsspath) 
in Form eines der Länge nach durchschnittenen Eies 
trägt die Inschrift: VENERI | GENETRICI | SABIN A | 
.WGVSTA I D.D. — Auf einem hinten abgerundeten, vorn 



399 



400 



io drei Zacken endenden Steine liest . 

man: FVLGVR I CONDITVM, auf einem 

Stuck Blei: V . . I . . SEGVSIAVIC . ., 

wodurch die sclion aus einer von Hrn. 

Alplionse de Boissieu in seinen „In- 

scriptions de Lyon" publicirten Insclirilt bekannte Namens- 

»orm Segusiani (oder Segusianii?) für Segusiani neue Be- 



stätigung findet. 



C. BüRSIAN. 



3. Vasenbilder zu Paris und Triest. 

Aus brieflicher Mittheilung des Dr. G. PapasViolis 
aus Triest vom 18. August d. J. entnehmen wir folgende, 
auch in ihrer abgerissenen Form dankenswertlie, Notizen 
liber erhel)liche Gefafsbilder, welche unser Briefsteller 
erst zu Paris, dann zu Triest, als unbekannt oder neuer 
Beachtung bedürftig bezeichnen zu dürfen glaubte. Es 
sind die hieniichst bemerkten. 
I. Zu Paris, im Louvre und sonst. 

1. Das in der Archäol. Zeitung Taf. LIV, 2 aus 
Dubois-Maisonneuve abgebildete Gefäl'sbild ist von einem 
Oj";;iu))/io(i des Louvre entnommen. Die Figuren sind 
rotli auf schwarz gemalt; drei ruhig stehende Mantelfi- 
guren machen das Rückliild aus. Es stammt aus der 
Sammlung des Hrn. Tochon. 

2. Eine grofse Amphora des Louvre hat einerseits 
die Figuren roth gemalt und stellt die Entführung des 
Kerberos vor. Dabei steht Minerva. Das andere al)er 
sclvwarz auf rothem Grunde, stellt Dionysisches 
vor: eine Frau schenkt aus einer Oenochoe dem Dionysos 
in seinen Kantharos ein, zu beiden Seiten je ein pierde- 
schwiinziger Silen. Alle beide Bilder bekunden trotz 
ihrer Farbenverschiedenheit den vollendeten Styl der 
Gefafsmalerei. Hit-nach darf man annehmen, dafs viele der 
schwarz bemalten Vasen der Zeit guter Kunst angehören, 
wie denn auch melirere Älytlien lediglich nur auf diese 
Weise vorgestellt wurden. So sind z. B. alle diejenigen, 
welche den Kampf des Herakles mit dem Tritvn vor- 
stellen, archaisch gemalt, obgleich die meisten darunter 
eine grofse Bewegung und Fertigkeit bezeugen. 

3. Die Vaseusammlung des Louvre ist in Besitz 
von mehreren ausgezeichneten Hijdrien, die diesen auch 
sonst nicht seltenen Mythus vorstellen. Auf einer der- 
selben hat der schon überwältigte Triton mit dem in 
der Rechten gehaltenen Delphin ausgeholl um auf den 
Herakles zu hauen. 

4. 5. Zvtei Oennchoen \on niäfsiger Grofse und 
guter Arbeit und Färbung sind aus Athen in die Samm- 
lung des Louvre gekommen. Ebenso interessant sind 
ihre Bilder. Auf der einen dieser Vasen führen zwei 
mit Lanzen und gezogenen Schwertern bewaffnete Kr'wyer, 
ein jeder ein Palladium ab; links eine fackelhaltende 
Frau, etwa die priesterlicli gedachte Kassandra, rechts die 
mit Speer, Schild und scythischem Helm bewalTnete Mi- 
Der»a. [Abg. bei Millingen Uned. Mon.I, 28. Arcb. Ztg. 1848 



Taf. 17, 2]. Auf der anderen sieht man den hyperboreischen 
Oleaster auf einen Altar gepflanzt; links Heralies, eine 
Schale haltend, in welche die rechts stehende Minerva 
einschenkt, um etwa gleichzeitig dem Zeus zu spende» 
und den Baum zu tränken. 

6. Auf einer //i/Jri«: Peleus,der dieT/i«tis ergreift, 
trägt ein gesticktes Thierfell, ganz so wie bei Pindar, 
sein Landsmann Jason. [Magnetentracht: Denkm. u. F. 
1852 S. 397 fT.]. 

7. Im Aeufseren einer archaischen Trinlschale: ein 
Mann reitet auf einem Thiere, das halb Pferd und halb 
Hahn ist, also der Hippaleltnjon des Aristophanes. 

8. Sie werden einer beachtenswerthen kleinen Amphora 
sich erinnern, auf welcher sieben Mädchen mit Hausar- 
beiten beschäftigt sind mit der Inschrift TlEylIA2 
KAylO—, dahinter Dionysisches. 

9. Auf einer andern Vase kommen vier Frauen 
vor Paris vor; ich halte die vierte für Iris, wie diese 
auf einer von Ihnen herausgegebenen Berlin. Vase [no. 1640. 
Ghd. Etr. und Kamp. Vasen Taf. XIV], obgleich sie hier 
keinen Caduceus, sondern einen langen Stock, wie ein 
Scepter, hidt. 

10. DaPs auf der von Ihnen herausgegebenen und 
von Panofka besprochenen münchner Helena-Korone Vase 
wirklich eine Namensverwechselung stattgefunden hat, kann 
durch eine ansehnliche Hydria im Louvre bestätigt wer- 
den. Dionysos bietet seinen Kantharos einer Frau; 
bei jenem steht die Inschrift jmNA und bei dieser 
die Inschrift /1I0NY~02. Daneben giebt Poseidon der 
Araymone einen Delphin. 

11. Auf einer mit breiter Mündung versehenen 
Kulp'iS sitzt ein trauriger Greis auf einem Altar oder 
Grab, auf welchem eine ionische Säule sich erhebt; zu 
beiden Seiten je ein thyrsushaltender und mit phrygischer 
Mütze am Kopf bedeckter Jüngling. Vielleicht ist es 
Kadmos auf dem Grabe des Pentheus. Die zwei 
Gefährten haben schon den Thyrsus angenommen uro 
den Dionysos zu versöhnen. 

12. Soviel ich weifs, sind immer die vier Pferde 
eines Viergespannes neben einander angespannt; auf 
einer kleinen Lehythos aber sind die zwei vor den andern 
zwei, eben so wie man es heutzutage bei vier Pferden thut. 

13. Auf einem Bombylios hält auch ein sclilangen- 
füfsiger Gigant den Donnerkeil. 

14. Bei mancher Persönlichkeit liebt die Kunst etwas 
anderes als die Poesie: so ist in der Poesie Ganymedes 
allzeit der Mundschenk des Zeus, in der Kunst aber ist 
er ein im Olymp spielender Knalie. Deswegen ist eine 
im Cabinet des raedailles sich befindende Dolanische 
Amphora beaclitungswerth. Auf der einen Seite Zeus 
den Donnerkeil und das Scepter haltend, auf der andern 
ein Knabe, der eine Trinkschale hält. Sie ist erst neuer- 
dings angekauft, und gleicht aufs Haar einer andern von 
der Durand'sclien Sammlung herrührenden Amphora, 
worauf Poseidon und Amymone dargestellt sind. 



401 



402 



15. Im Aeufseren einer grofsen arcliaisclien Triiili- 
schalc, die im Cahinet des iiK'dnilles aufbewaltit wird, 
hat lleraivles einen grolsen, bärtigen, keulehaltenden 
Mann angepackt; mit der h'nken Hand liiilt er ihn am 
Sciiniirrljaite und mit den Fingern der Rechten reifst er 
ihm ein Atiijc ans. — Andererseits Dionysisches. Im Innern 
ein Gorgonen!iaii|)t im Grunde und rings Iierum am Rand 
mehrere Schifie. 
II. Fontaitasche Vasen zu Triest. 

Ich unterhreclie hier meine Pariser Notizen um Ihnen 
auch etwas über die h'onlana'sche Sammlung zu sagen, 
die durch Hrn. Kandler's Güte mir zuganglich ward. Die 
Vasensammlung des verstorbenen Fontana ist in zwei 
gleiche Tlieile zwischen seinem Sohne und seinem 
Schwiegersöhne Hrn. SartnrUis getlieilt. Jeder dieser 
Besitzer besitzt etwa 40 grol'se Stiicke, deren Formen 
meistens Keleben und Peliken, Hydrien oder Amphoren 
sind. Eine grofse Anzahl dort befindlicher kleiner Gefal'se 
ist merkwürdig wegen der seiteneu Formen. Mysteriendar- 
stellungen, Grabessclimückungeu und Amazonenkämpie sind 
am häufigsten darauf abgebildet. Das Geläfs, das Hr. 
Curtius im Berliner Winckelmannsfest- Programme von 
1852 erklärt hat, habe ich nicht linden können, denn 
viele waren sehr hochgestellt und die anderen eingelegt 
und viele sind nur von einer Seite siclitbar. [Andere 
sind vielleicht in den Kunstliandel übergegangen und 
eiier in England als in Triest zu suchen. A. d. H.]. 

Bei Hrn. Fonlanu sind etwa folgende hervorzuheben: 

1. Zwei grol'se Amphoren stellen [beide?] den 
Neoptolemos dar, wie er auf dem Altar des Zeus 
Herkeios den Priamos tödtef. Auf dem einen dieser 
Gefäfse schleudert er auch den Astyanax, am Beine 
gefafst, wiihrend ein zweiter Knabe hinter dem Grofs- 
vater fortllieht. Ich glaul)e, es kommen auch anderswo 
zwei Knaben vor. [Glid. Auserl. Vas. III, 216, 1]. 

2. Eine archaische Hy(!ria: Peleus und Atalante 
ringen, ähnlich wie auf dem raüuchner [Ghd. Auserl. Vas. III, 
177] Geial'se. 

3. Kelebe: Apollo n den Palmbaum haltend, ver- 
folgt eine Geliebte. 

4. Kelebe: Dionysos, Thyrsos und Kantharos 
haltend; rechts ein Silen in die Doppelflöte blasend; 
links ein anderer die Kithar S|)ielend. 

5. Grol'se PcUfcc. Ein bewaffneter Krieger empfängt 
vom Vater die Braut; hinter dem Helden ein Gefährte 
mit Speer und Zipfelmütze. 

6. Eine sehr alte yliiip/ior« mit vielfarbigen Dar- 
stellungen: diei Heldenpaare kämpfen je einer gegen 
je einen. Bei jedem unleserliche Inschriften. — Rück- 
seite : A m a z o n e n k a m p f. 

7. Pclike. Herakles mit Löweufell und Keule, 
aber auch mit einer langen königlichen Chhimys versehen, 
steht vor einem bärtigen Könige (E ury stheus?), der 
ihm mit der Hand und dem Worte Befehle ertlieilt. 

8. Merkwürdig ist eine kleine archaische ^«tp/tora: 



auf jeder Seite ein mit zwei Ffiigefpaaren auf den Schul- 
tern versehener (auf der einen Seite hat er die zwei 
F'liigel am Kopfe) und einen Krummstab gehoben hal- 
tender Jtann , der zu einem andern vor ihm stehenden 
sj)riclit. 

Die gegenwärtig im Besitze des Hrn. Surforiiis be- 
findliche andre Hälfte der Fontana'schen Sammlung ent- 
hält unter andern folgende Gegenstände. 

9. Olpe: zwei Schwäne ziehen einen Wagen, 
auf welchem eine Nike oder Fama fährt. 

10. Archaische Hydria: Minerva auf einem Vier- 
gespanne. Apollo mit der Phorminx geht voran. Die 
Götternamen im Genitiv. Um den Rand der Mündung; 
Tv/^iog inoitntv. 

11. Hydria guter Arbeit. Ein Adler raubt die /l«(/i)i«. 

12. Das beste Stück ist eine zweihenklige Kalpls 
[Stamnos] von guter Arbeit: Zeus, den Donnerkeil in 
der Linken, streckt die Rechte aus um den von der 
Pallas- A thene an der Hand geführten Herakles zu 
bewillkommnen. Zv»ischen Pallas und Zeus die Hera [?| 
als Pronuba mit Fackel. Hinter Herakles: A pol Ion mit 
der Phorminx gegenüber der eine Oenochoe haltenden 
Hebe. Hinter Hebe: Poseidon, Hermes, Dionysos mit 
ihren Attributen; die neun Personen gehen ganz rings 
herum in einem Kreise. [Abg. bei Gerhard Auserl. 
Vas. II, 146. 147. S. 182 fr. Welcker Denkm. III, 424 f.]. 

13. Archaische Hydria: zwei Kämpfer schwingen 
die Speere gegen einander; dazwischen drei Raubvögel, 
die an dem Kampfe Tlieil zu nehmen scheinen. 

14. Auf einem Gefäfs von sehr seltener Form 
kauert ein Jüngling vor einem Instrument, welches einer 
Hacke ähnlich sieht; oben dieloschnit KJ-402 IKETE2. 
Er ist ganz nackt und hält in der Rechten eine Schale. 

15. 16. Die eine und die andere Sammlung hat je 
eine Eberjagd auf grofsen Apulischen ^JinpftorcH. [Abg. 
Ghd. Apul. Vas. Taf. A, 2. 4]. Auf der des Hrn. Sartorius 
hat der eine der fünf Helden asiatisches Costüm und 
Bogen. 

17. Auf einer Kelehe des Hrn. Sartorius : zwei Frauen 
geben an zwei Amazonen die Waffen zu ihrer Rüstung. 

18. Auf einer andern Kelebe desselben: Festliches 
Gelage. 

19. Oenochoe. Herak les überwältigt einen Krieger. 

20. Kelebe. Ein Krieger mit phrygischer Mütze 
versehen , sein Pferd am Zügel führend , steht vor einem 
Altar, über welchen eine F'rau von der andern Seite 
einen Kranz herreiclit. Hinter der Frau steht ein Kriegs- 
gefangener, dem die Hände hinter den Rücken gebun- 
den sind. 

21. Archaische Trinkscliale: Pallas bekämpft den 
Eükelados; auf beiden Seiten dasselbe. 

22. Ein Trinkhorn hat die F'orm eines Geierkopfes. 

23. Eine Hydria hat über dem Bauche eine zweite 
kleine OefTnung. 

E. G. 



403 



404 



4. Antikes aus Syrien. 

Aus dem Besitz des Hrn. Pi-ntiez, Kanzler des Fr.tn- 
zösischen Generalconsulats zu Beirut, lierriilirend, kamen 
j-egen Ende des Monats Deceml>er 1852 zu Paris die 
naclifolgenden Gegenstände zur Versteigerung: 
I. Terracotten. 

1. Fragment eines Antefi.r, dessen Verzierung aus 
einem liartigen Kopf, mit orientaliscliem, wie persischem, 
Kopfputz bedeckt, gebildet ist. 

2. Paris, sitzend, neben ihm ein Widder; eine 
an den Seiten dieser Figur gelassene OefTnuug giebt 
deren vormalige Bestimmung als Sparhüclise kund. Der 
idäisclie Hirt, der zum Scliünlieitsurtheil dreier Göttinnen 
erwartet wird, erscheint liier in grotesker Weise. 

3. Untertiieil eines Apoll, der auf seine Leier ge- 
stützt ist; ein sehr scliönes Relieffragraent. 

4. Amor, der die Keule des Herhdes trägt. 

5. Amor, der den Helm des Mars trägt. 

6. Venus Anadyomene, iiir Haar mit beiden Hän- 
tlen auspressend, Fraguieut von schöner Arbeit. 

7. Obertlieil einer verschleierten Frau mit Stirn- 
schmuck, als Juno Ceres oder Venus verständlich. 

8. Mehrere Frauenköpfe mit dem liehen Kopfputz 
der Kaiserzeiten. 

9. Verschleierte «eiljliche Gewandfigur, in jeder 
Hand eine Fackel [Ceres'?] oder Lanze haltend. Der 
Obertheil dieses Reliefs war gebrochen. 

Diese Terrakotten kommen aus einem Schutthaufen, 
welcher die Nähe einer Töpferfabrik wahrscheinlich 
macht. Da die meisten jener Gegenstände frygmeutirt 
sind, so dürfen sie vermuthlich als Ausscbufs und Weg- 
wurf betrachtet werden. 



II. Bronzen. 

1. Mehrere dieser Erzfigürchen stellen die Venus 
dar; sie sind eigentliümlich durch die auf durchbohrtem 
Kopfputz angebrachte Taube mit ausgebreiteten Flügeln 
(vgl. Lajard im Arcli. Anzeiger 1851. S. 54). 

2. Venus mit einem Schwan. 

3. Dieselbe mit erhobenem linkem Bein, einen Apfel 
in der linken Hand haltend; der Kopf i^t blumeubekränzt. 

4. Göttergestalt mit den vereinigten Attributen 
Apolls und des Bonus Eventus. Das Haar ist am 
Hinterkopf zusammengeknüpft, auf dem Rücken des Gottes 
sein Köcher zu sehn; in einen Hand hält er eine Schale, 
in der andern etwa Garben. 

5. Medaillon von agypllsclier Art, darstellend ein 
Thier in der Mitte von Papyrusstauden. 

6. Christliche Lampe mit beweglichem Deckel ; der 
Griff ist durch ein Kreuz gebildet. 

III. Gemmen und Schmucksachen. 

1. Zwei Masken in getriebenen Goldplättchen. 

2. Vierzehn dünne Goldplättchen, mit dem Bildnifs 
eines römischen Kaisers, etwa des Septimius Severus. 

3. Amethyst mit intaglio eines lorbeerbekränzten 
Apolhkopis. 

4. Karneol: Kopf eines ägyptischen Königs, den 
Hr. Lenormant für Ptolemüus Philomctor hält. Dieser 
schöne Stein ist für die Sammlung des Cabinet des me- 
dailles erworben worden. 

5. Zwei l)laue und violette Glaspasten mit Köpfen 
asiatischer Könige und Satrapen. 

6. Mehrere Fragmente von Elfenbein oder Knochen, 
darstellend Genien und Kinder, spielend. Diese Frag- 
mente scheinen zu Kästchen oder Cisten gehört zu haben 
[vgl. Gerhard Etrusk. Spiegel I, Taf. 14]. 

Nach Miltlie'ilungen des Ilrn. J. de Witte. 



III. Neue Schiifteu. 



Annali dell' Instituto di corrispondenza archeolo- 

gica per l'anno 1853. 8. (In Rom zugleich mit dem 

Generalregister der letzten fünfzehn Jahrgänge bereits 

erschienen). 

KnllialtenH : Osservazioni süpra alcnnc medaglie ini|ieriali 

[Ciiveduiii); Monunienli scenici (tav. A — l'j. H'ieseler)\ in- 

scriptions antifjucs rie Lyon par lioissieu (Mommseu): crona- 

clietta pn-ca (//i'nioi) ; convitto ilf' ilei, tazza vulcente (Alon. 

V, 4^. Jirnitn); ynippu arcaico <li lironzo (Mon. V, 50. Briiitn); 

niünnintnti il'aviiiio e d'osso (Mon. \, 51, 1 — 5. /lenzen); 

pliiandc niissili (Moii. V, 5L (>. 7. /lenzen); hiniinette <li bronzo 

speltante a servi fiipitivi fMon. V, 51, h. //enzen); vaso ili 

lironzo e manichi (Mon. V, 52. Brunn); conio di metallo col 

noine della regina Herenice (Moii. V, 51, 9. Brnun); esposi- 

zione topot;raHca della jirinia parte di-ir antica Via Appia, 

Sezione II dalla porta Capena al (|narto iriiglio ( Mon. V, 57. .5''. 

Cnninn), Sezione III dalla stazione d«l nono niigiio a üoville 

(Mon. V, 59. 60. C'iininii); iscrizione onoraria di Concordiu 



( Bnrt/hesi); sul nionumento del Foro romano in cui stavano 
collocati i fasti consolaii e trionfali (tav. F. G. Cnninn); 
Aristolane e Menandro (^Ion.^', .')5. If'elil.er); vasi di terra- 
cotta a forma di (esta iirnana (Mon.\, 53. 54. /Srnun); l'nc- 
ccisione d'Kgisto e rombra di Clitennestra colle Kriiini (Mon 
V, 5t), tav. II. jrehker); leggende della tazza del convitto 
de' dei {Braun). 

MoNUMENTi dell' Institüto etc. Vol. V. tav. XL!X — 
LX Fol. 

Entlialtcnd die vorerwähnten : tav. 49 convitto de' dei, tazza 
voicente del ]Miiseo Britannico [früher gegeben in Gerhard's 
Trinksclialen und Gclalsin des kiinigl. Museums zu Berlin 
Taf. H] ; tav. 50 grnppo arcaico di bronzo scoperto a Gru- 
menlo; tav. 51 niDiiunienti vaij della collezione Fejervariana ; 
tav. 52 vaso di bronzu e inaniclii spettanti a siniile arnese; 
lav. 53. 54 'vasi di terracotla a forma di lesta nmana; tav. 55 
eima bicipite di Aristolane e Menandro; tav. 5ü L'uccisione 
d'Kgisto; tav. 57 — 60 pianta della Via Appia. 



405 



406 



HuLi-ETTiNo DKLi.' Institlto elc. jjer l'aniio l.S.yj. lioma. 
195 S. S. 

Kntlialtenil in no. I : Sülle ville anticlie esistenti utile 
vicinaiize «rAlliaiio e <li Castel (iaiiilollo ([>. 3(1. Ilenzen); 
ile üossi, le |jiiine raccoltc H'aiiticlie iscri/ioni cuin|iilate in 
Koma <lal secolo XIV (|). I'JII. Ilenzeu\. — ISo. II: Discoiso 
|i<l naiale di H'intKelinann l'?52 (|i. I71f. Rrniin); iscrizionc 
latina litiovata prt'sso la lia.siliea giiilia (p. 24 Ciinina), siT 
giuiiilici (Iclle leyioiii crilalia (p. 241. Ucnzen); iscii/.ione <li 
Nailionne (p. 2711. Miimmsen). — ISo. III — V: Adnnan/.c i\v\\' 
Inslituto (p. 33ir. 4911. aucli 8111'. II3I1. I2UI1. I4,')ll'.j; .Sen- 
tcnza (li Tairacco liasio piefetlo di Koiua (p. 3711. ilc Hiissi); 
Welckt'r, der Fi-Isaltar des lioclisten Zeii.s (p. 4211. Jloizcn); 
kiiir eflii;ie del (Jcnio di'l l'opulo loniano (p.ljOll. /-. C'.)\ scavi 
ili Perunia (p. ,')2 ir. 0.11.); ineilaglie insigniti- dall' cliigic di 
Aclieloo (p.h.')l. It ehUft); sclielclii acelali con teste arlili- 
riali di cera rinvemiti in nn sepo!( ro eiiniano (p. (i() 11'. de Kiissi); 
inlorno ad alcune lappresentan/.edellaSfinge {p. 1)9 11. n.Ilrunn); 
osservazioni intorno il vaso litiacnte Ulisse in laccia a Circe 
e all Kurycleia .Mon. d. Inst. V, 41 (p. 7611. Hrittin); monete 
ariaiclie de' Delli lonlronlate con le analoylie de' Focii 
(p. 7811'. 93 ff. Ciwcdoni). — No. VI: Natale di Koma IS.W, 
discorso letto dal dott. /:.'. Krniin (p. 971f. Lscilorn p. lOJI.); 
notizie sui recenti scavi di \ Cji (p. 10711'. /... f.); scavi roiiiani 
p. IlOir. i. C'.J.— No. VII: Scavi della liasilica giiilia {L.C.)^ 
iscrizioni elrusclie (l-'iihrclli a Cuneslaljik- p. IISII.); Dedalo 
iicrisoie di Talos o l'erdiee (p. J2I C'tiiedoiiit; Kiccio, Keper- 
lorio delle monete etc. (p. 12211'. Ciiufdoni)\ Ksemplaie della 
sillope epigralica dell' anoniinu d'liinsiedeln (p. J2.S de liussi). 
— No. \lll. IX. Iscriziüiii laline scojieite a VfHio (AvijeUuzzi 
di Kljoli, p. 13311'.); isciizioni greclie e latine di Honia e 
Terracina (p. 13b il. Miilrniii/n); isciizione eliu.sra (p. 149 
Mazzclli); annotazioni al \oliiine WIV degli Annali (]i. 14011. 
t'iwedoni). — No. X: Scoperla di nn iistrino romano falta 
nel regno Lonibardo-\'enelo (p. 161 II. Giuv. du .Sr/iioj; sco- 
l>erte di medaglie anticlie avvenute a Nasso e Keggio (p. 152 f. 
Poi}uhtli)\ Kapporlo del 1'. Pogwiscli sul ritrovauiento delle 
monete avvennlo nel suolo dell' antico Nasso e in Keggio 
(p. 164 If); notizie intorno alle collezioni de' ss. Aniali a Po- 
tenza e Fittipaldi ad Anzi (p. 16911. //. Brunn); monete di 
Tinilari ed Adaceno ()i. Ifi9 t'oijaisrh); iscrizione di (iiunone 
Sispila (p. 170ff. Munitimeu]; incostaiiza dell' allabeto latino 
nelle monete di laniiglie rumane (p. 1751. C'nuedoni). — No.XI. 
\ll: Discorso letto dal dott. f>. Krniin in ricorrenza del natale 
di Winckelinann 1863 ( p. 177 fl'.); scavi della linsilica ginlia 
(p. 1821. I^.C); anlichitä etrnsilie (p. 1831. G. //.); iscrizioni 
latine (p. 18411. /.'(i)y/ic,<i) ; L. Kofs, die Pnyx und das Pelas- 
gikon (p. 1891. Henzen); Avvisi della Direzione ([>. 19011'.). 

BüLLETTINO ARCUEOLOGICO NaPOLETANO. NllOVa StTJe 

[vgl. oben S. 356J. Nap. 1853. 4. Anno. I, no. 22 — 24. 
lav. XI — XIV. Anno II, no. 25 — 30 tav. I. Jf. 

Fntlialtend in no. 22 — 24: medaglie inedite (p. KiOlf. 
Duca di Ijiii/iics, Miiwriini); vaso nolano con la pngna di 
Kreole contro le Ainazzoni {p. 176f. Mhiervini); notizia de' 
piii recenti scavi di Poinpei (p. 177IT. no. 24 p. 18611'. Mhier- 
vini), diaspro sanguigno inciso (tav. .\l, 6 p. 179 Gnrriicci: 
drei Cäsarenkopie), suggello in corniola di im C. Cecilio 
Metello Caprario (tav. \l, 7 p. 179 Gnrnicci), iscrizione di 
Campomarino (p. l'^OIl'. Gurrueci), isciizione sannitica rinve- 
niita in S. IMaria di Capiia (p. l'-2(i'. Gitrnitdj; teste di ceia 
in sepolcro cnniano (p. 1>'7 11'. Oiini-nnlii), liassorilievo capnano, 
ora nel nuiseo boilionico (Pirseus lav. A , 19; p. l>-8ir. .Mitier- 
vini), patera capuana colla ligiira di Pelope (\l, 8 p. 190 
A/ineri)iin'J, morte di Aiace 'relainonio in vaso nolano (p.l91 
.WiiitTiiiiii), ossi anliclii, pietra incisa del sig. duca di Lnjnes 
(VIII, 3. 0—9 p. 192 .Mineriitii). — Anno II, no. 26-30; 
Qiiestioni ponipciane (topogralia del terreno ove In la cidä di 
Ponipei ; il triliiinale della Ijasilica, rAiigiisteiini etc., i diie 
teatri, dell' edilizio de(to Triil.i'is e della voce Cnmlienniils, 
tenipio di Merciirio e IMaia, cose cristiane? p. 123 0. Gnrnnci); 
notizia de' piii recenti scavi di Pompci (p. 9ir. 2611. Miner- 



vini), sul vaso di Ulisse Acantliojilex ( fVeliher, Mincruini), delle 
monete attrilmite a Palatiiim (p. Ijt. Ciwedmii); Ünestioni 
l'Oiiipeiane: ciiKo della Venere in Pomiiei, coine In interrato 
Poniijei, esca\azioni ili ternpi diversi in Ponipei (p. 17(1. 
Giirruieij, il l'aiisiljpon di Alezia Edone sul lago .Sal.atino 
p. 2111. G. Ji. de Uiis.-ii), sul prograinnia (lonipeiano di Giulia 
l'elice p. 231. Fiotelli, Gnrrueei); osservazioni sopia uri dipinto 
ponipeiano ( Troleo baccliico p. 2911. Minerinn), notizia di 
alcune iscrizioni messapiclie (p. 32 Miiieroini); Ijollo consolare 
(p. 3311'. Gnrrueei), sugli avanzi di anticlie costruzioni sotto- 
püste alla cliiesa catledrale di Kerentino (p. 36(1'. Gnrrueei), 
iscrizioni (atine (p. 39(. Gnrrueei); lirevi osservazioni sopiJ 
uu ljas»i.rilievo riimano {p.41f. tav. I, 2, Pelojis. Miuervini); 
dl im denario di lamiglia incerta, coinmiinemenle attriljuito a 
(iiiilid Cesare, clie vuolsi restituire a L. Cornelio Silla (p.42f. 
Cnvedoni); sul vero 'Ter consule" nella eiiigrale di Uiso To- 
sato (p.43ir. Geronsio, ßory/icsi), notizia .li due iscrizioni 
messapirlie ( p. 46 Miuervini), notizia di ima iscrizione piiti-- 
olana (p. 4.JI. Minereini), descrizione di alciini vasi dipiiili 
del R. Museo liortjonico (p. 4(jir. .Minerviui). 

licrgmann (/>.»: Scliiile der I3aiikunst. Ilaiidl.iicli liir 
Arcliitekteii, liaiili;iii(1v\erker, LJau- und (;ev\erl)scliiileii, 
llaiuinteriieliiiier. Zwei Bünde mit zalilreiclien in den 
Te.\t gedruckten llliislrationen. Inhalt : lid. I, Gescliiclue 
der Baiikunsl; Bd. II, 1—4, die Schule .... Leipzi» 
1864. 8. ■" 

üio KU (Pro!'.): Das Judenbad in Andernach (Winckeiinauns- 
lest-Prograinin). Bonn 1863. 4. 12 S. 1 Tal. 

Cuiiipanuri (.See); Le lavole Perusine dicliiarate. Roma 
1861. 

Carruni (F.): de' scavi di .Salona nel 1848. Estralto 
dal Vol. II delle Memorie dejla classe iilol. stör, dell' 
Imp. Accad. delle scienze. Vieuna 1860. 16 S. 6 'laf. 
[Tirahdeukmaler, auch christliche; Tal. II, 4 ein stell/ 
cervus in sauherer Ausführung enthaltend]. 

'E(pi]^nQtg ägyuioloyiy.i] MfoQimja r«? htÖc rijg 'EUü- 
dog uvfVQtaxoiitvuQ aQ/uiöirjai;. 1863. (hf,ig. — Ann 
p. 779— 840 (his no. 1.3'62). 4. 

Gütlluig (E.y. Das Pelasgikon und die Pnyx in Athen. Mit 
einem Grundrifs. Jena 1863. 30 S. " 

: Zur Topographie Athens. I. Die Stoa Poikile. 

(Aus den Berichten der künigl. sächs. Ges. d. Wiss 
S. 69—72). 8. 

Griissc (J. G. Th.): Handbuch der alten Numismatik von 
den ältesten Zeiten bis auf Constaotin den (irol'seii 
mit vielen Abbildungen der schönsten antiken Original- 
iminzen [in farbigem Metalldruck]. Leipzig 1864^ VI, 
241 S. 72 Tal'. 8. 

Grotefend (G.F.): Erläuterung einer Inschrift des letzten 
assyrisch-babylonischen Königs aus Nimrud, mit drei 
andern Zugaben. Hannover 1853. 4. 44 S. 1 Tal. 
[Ebd. S. 13 ir. Zeitfolge der assyrischen und babylo- 
nischen Könige nach den Keilinschriften des brittischen 
Museums; S. 17ff. der Ursprung der Keilschrilt mit 
dem Rechneu darin; .S. 30 H. die Erfindung der mor- 
genländischen Currentschrift]. 

Jiihn (0.); Ueber ein antikes Mosaikl)ild [Röchelte Mo- 
numents XLIII, 2, auf den lysippischen Kairos gedeutet]. 
In den Berichten der kgl. saclis. Ges. 1863 S. 49—69. 

Jali r liiiclier des Vereins von Alterthtimsfreunden im 
Rlieinlaiiile. XX. Bonn 1853. 192 S. 4 Tal. 

Knölcl (A.): Der opiscli- lateinische Volksstamra, seine 
Einwanderung und Nerbreituiiü in Italien. Glogau 1863. 
26S. 4. 



407 



408 



KocJi (M.): Die Alpeu-Etrusker. Leipzig 1853. 72 S. 8. 

Köhne (B. de): Meinoires de la Societe Imp. d'arclieol. 

de St. Petersbourg. Will. .St. Petersbourg 1852; bis 

S. 450 Tal. XXII. 8. 
: Lettre ä M. J. Th. Akermao sur quelques medaiiles 

autonomes grecques de differents cabioets (Extrait du 

Vol. VI. des Mein, de la Soc. Imp. d'arcli.). St. Petersb. 

1852. 18 S. 1 Tai. 

Lionnet {A.): Palaioii, die alte Welt. Das Privatleben 
der Alten in populärem Gewände dargestellt, üerliu 

1853. XIl, 593 S. 8. 15 Taf. 

Lloyd (W. ir.): Triptolemus and tlie Dioscuri 28 S. 
1 Tal. — , 'i'lie Dioscuri of Amyclae, Hyacintlius-Ajax 
20 S. ,lTaf. 8. (Aus den Transact. of the R. Soc. of 
lit. N. S. Vol. IV). 

JWcyci- {H.): Gescliiclite der XI. und XXI. Legion (oder: 
IMittlieilungen der aiitiquarisclien Gesellschaft zu Ziiricli. 
Band VII, Heft 5. 1853. S. 125— 171) mit 4 Taf. und 
1 Karte, die Militairstatiouea des Hauptquartiers Viu- 
donissa enthaltend. 

MerchVui (L.): Ueber die Anordnung und Eintheilung des 
romischen Priestertlinms (Lu le 29. oct. 1852: Bullet, 
de l'Acad. de St. Petersbourg) S. 305— 357. 8. 

Mommsen (T/i.): Die Venusinischen Fasten (aus dem 
Rhein. Museum für Philol. N. F. X. S. 482— 496 [Vgl. 
Zitmpt] 8.). 

Neigehuiir (J. F.): Die Insel Sardinien. Leipzig 1853. 
X, 372 S. 12 Kupier und 1 Karte. 8. 

Overbeck (J): Kunstarchiiologisclie Vorlesungen in An- 
schlufs an das akademische Kunstmuseum in Bonn. 
Braunschweig 1853. VIII und 220 S. 8. 

Punofha (Th.): Dionysos und die Thyaden. Mit 22 Bildw. 
auf 3 Taf. Berlin 1853. 50 S. (Abb. der künigl. Akad. 
1852 S.341H'.) 4. 

PuucUcv (C. w): Theano von einem unbegründeten Ver- 
dacht l)efreit. Bedenken gegen eine Vasenerklilrung 
des Hrn. Prof. Weicker (in Köline's Memoires de la 
Soc.Imp. d'archeoi. de St. Petersb. XVIII p. ,S52-362). 

RMer {L.): Premier Rapport adresse ä M. le ministre 

de l'instruction publique (sur sa mission scientiiique 

en Algerie, 17. dec. 1852J. 14 S. 1 pl. 8. 
RilscM {F.): de fictilibus lilteratis Latinorum antiquissimis 

quaestiones grammaticae. Berol. 1853. gr. 4. 

[Vgl. oben S. 374]. 
— : de sepulcro Furiorum Tusculano disputatio 

matica. Berol. 1853. 1 Taf. 8 S. 
Rochello (Raoul): Choix de Peintures de Pompei , 

Livr. 7 (p. 291— 321, pl.25— 28). Paris 1858. 
. : Notice sur les fouiiles de Capoue. Articies ex- 

traits du Journal des Savauts. Paris 1853. 110 pagg. 

1 pl. 4. 
Rouard: Basreliefs gaulois trouves h Entremout pres d'Aix 

en Provence. Memoire couronne. Aix. 5 pl. 8. (Revue 

arch. IX, 1271'.). 

Rouge (E. de): Memoires sur Tinscription du tombeau 
d'Ahmes chef des nautoniers. Partie l. Paris 1851. 
4. (Revue arclieol. VIII p. 69211.). 



1 Taf. 



Fol. 



Roulez (J.): Artemis Eiaphebole. Lutte d'une Centau- 
resse et d'un Faune sur uo vase du Musee de Leyde. 
11 S. (Aus der Revue arclieologique). 

Roux: Recherches sur le Forum Segusianorum et Torigioe 

gallo-romaine de la ville de Feurs. 8. (Revue arch. 

IX, 581). 
Scharjf (G. jun.): On the ancient portraits of Menander 

and Demosthenes (aus den Transact. of the R. Soc. 

of Lit. N. Ser. vol. iV). 14 S. 1 Taf. 8. 

Seidl (J. G.): Beitrage zu einer Chronik der archäolo- 
gischen Funde in der österreichischen Monarchie (im 
Archiv für Kunde österreichischer Geschiclitsquellen, der 
kaiserl. Akademie d. VViss. IX, 1. 1853. S. 80—168. 
Fortsetzung Ton Jaiirgang 1849 Bd. II, 1. 2 und 1851 
Bd. 1. Heft 3. 4). Wien 1853. 8. 

Seiiglcr (J .) : Gediichtnifsrede auf Anselm Feuerbach. F>ei- 

burg 1853. 4. 44 S. 
Smith (C. R.): Notes on the antiquities of Treves, Mayence, 

Wiesbaden, Niderbieber, Boiiu and Cologne. Lond. 1851. 

8. (Revue arch. VHI, 781 ff.). 

Smilh (H''.): A smaller classical dictiooary of biography, 

inythology and geography, abridged irom the larger 

dictionary. lilustrated by 200 engravings on wood. 
Lond. 1853. 464 S. 8. 

— — : A smaller dictionary of greek and roman anti- 
quities, abridged. lilustrated by 200 engravings on 
wood. Second edition. Lond. 1853. 436 S. 8. [Wegen 
der von G. Sc/iar//' jun. wohl gewählten und ausge- 
führten bildlichen Beigaben beachtenswertli]. 

Spano (Gio.): Memoria suU' antica Truviüe (Vgl. Bull, 
d. Inst. 1853 p. 551.). 

Slahr (A.y. Die Kolosse der Dioskuren von Monte Cavallo 
in Neuen Museum zu Berlin. Berlin 1853. 24 S. 8. 

Slier (0.): Geschichte und Beschreibung der Stadt 
Pompeji. (Aus dem diesjährigen Oster-Programm des 
Gymnasiums als 2 te Ausgabe besonders abgedruckt). 
Wittenljerg 1853. 45 S. 8. nebst Stadtplan. 

UrVichs (L.): Skopas im Peloponnes (Programm zum 
Winckelmannsfest). Greifswald 1853. 43 S. 8. 

Walz (C/i.): Ueber die Polychromie der antiken Sculptur. 
Tübingen 1853. 24 S. 3 Taf. 4. 

Wk'scJer (F.): Denkmäler der alten Kunst [nach O. Miiller| 
fortgesetzt. Band II, Heft 4 (Tal. XLVl— LX. Text 
S. 21—36). Querfolio. 

Witte (J. de): Du Christianisme de quelques imperatrices 
romaines avant Constantin. Extrait ilu tome III des 
Melanges d'archeologie. Paris 1853. 35 S. 4. 

Zell (K.): Handbuch der römischen Epigraphik. Erster 

Theil. Auswahl römischer Inschriften. Heidelberg 1850. 

XIV und 480 S. Zv^eiter Theil, Anleitung zur Kennt- 

nifs der römischen Insclirilteu 1853. XIV und 385 S. 

4 Taf. 8. 
Zumvl (G.): de fastorura municipalium Campanorum 

(ra"uiento defensio. (.Scluilprogramm des Friedr. Wilh. 

Gymnasiums herausgeg. von F. Ranke). Berlin 1853. 

36 S. 4. [Vgl. Mommsen], 



Herausgegeben von E. Gerhard. 



Druck und Verlag von G. Reimer. 



INHALT. 



DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 

No. 49. 50. Zeus und Herakles, Hippolyt und Pliädra (Panofka). — Das Bild der Hippodameia im Hippodrom zu 
Olympia (/>o(fic/icr). — Zur Archäologisclien Zeitung: Orest und Hermione (Panofka). — Allerlei: Keleu- 
deris {Pauoj ka). 

No. 51. 52. Agonistisclie Vasenbilder (E. G. und C. Böllicliur). — Ueber die Memnons- Kolosse des ägyptischen 
'l'liebens (G. F.rhkam). — Assyrisches aus Griechenland (^Grotefenil). 

No. 53. 54. Peiops aut Kmistdenkmalern (G. Papasliolis). — Allerlei: Tiinesianax (J. Friedlünder), Kaiamis' Hermes 
Kriophoros (J. Ovcrheck), Paregorius (F. Wiascler). 

No. 55. Peiops auf Kunstdeukrnidern (Cr. Papusliotis. Schlufs). 

No. 56. Antiope und Dirke (O. Jahn). 

No. 57 A. B. Antiope und Dirke (0. Jahn. Schlufs). — Denkmäler zur Odyssee (Welcher). — Allerlei: Beklei- 
dung der Parzen (Putwfku). 

No, 58. (iriechisclie Münzen (E. G.). — Denkmäler zur Odyssee {ll'eJcker. Schlufs). — Allerlei: Dionysos Perikionios 
(Ulrch), Tyro, Pelias, Neleus (0. Jahn), Ukalegon (0. Jahn). 

No. 59. Dioskuren in Delphi (v. Paiicker). — Ueber den amykälischen Thron (Bötlkhcr). — Allerlei: Diomede (O.Jalm). 

No. 60. 'l'elephos und Auge (0. Jahn). — Artemis Gygaia und die lydischen Fiirstengräber {E. Curtlus). — Allerlei: 
die Aloiden (Birc/i), Ares und Hephästos (0. Jahn), GiQVTui und Nr/.uiXog (O.Jahn), Ukalegon (L. Schmidt), 
Telephos und der Adler (Wieseler), Dadeknecht (0. Jahn), Corycus (O. Jahn), Silen als Göttergehäuse 
(Panofka). 

' ■ ARCHÄOLOGISCHER ANZEIGER. 

No. 49. Allgemeiner Jahresbericht (E. G.). — Neue Schriften. 

No. 50. Wissenscliaitliclie Vereine: Neapel (herkulanisclie Akademie), Berlin (archäologische Gesellchaft). — Bei- 
lagen zum Jahresbericht: Neuestes aus Athen (Th. Maniissis), Nymphäum zu Nismes (C. Bursian), Monu- 
inenli inediti aus Neapel (E. G.), Terracotten aus Tarsos (E. G.), Mythologische Inschriftsammlung von 
J. Becker (E. G.), Fürs zweite Jahrzehend der Archäologischen Zeitung (E. G.). 

No. 51. Wissenschaftliche Vereine: Berlin (archäologische Gesellschaft). — Museographisches: Reisebericht aus Siid- 
frankreicli, (I. Lyon. B. Stark). — Neue .Schriften. 

No. 52. Wissenschaftliche Vereine: Rom (archäologisches Institut). — Museographisches: Reisebericht aus Südfrank- 
reicli, (II. Vienne. B. Stark), — Neue Schriften. 

No. 53. 54. Wissenschaftliche Vereine: Rom (archäologisches Institut, mithrische Wandgemälde); Berlin (archäolo- 
gische Gesellschaft, Serapeum zu Memphis). — Neue Schriften. 

No. 55 — 57. Wissenschaftliche Vereine: Rom (archäologisches Institut), Berlin (archäologische Gesellschaft). — 
Athenisclie Ausgrabungen (A. v. l'elsen). — Museographisches aus Südfrankreich (III. Avignon. B. Stark). — 
Neue Schriften. 

No. 58. 59. Wissenschaftliche Vereine (Rom, Berlin). — Ausgrabungen: Funde zu Megara (v. Velsen, E. Ciirlhis). — 
Museographisches aus England (Birch und Newton). — Altertliümer zu Pawloffsk (E. G.). 

No. 60. Wissenschaftliche Vereine, Winckehnannsfeste (Rom, Berlin, Bonn, Greifswald, Hamburg). — Museographisches: 
Sculpturen zu Stockholm (E. G.) und Avignon (C. Bursian); Vasenliilder zu Paris und Triest (G.Pa\)asl\ol\s); 
Antikes aus Syrien (J. de Witte). — Neue Schriften. 



VI 



ABBILDUNGEN. 

• 'J'af. XLIX. Zeus Basileios und Herakles Kallinikos, Vasenbilder der Kestnersclieo Saminliing zu Rom und des Kgl. 

Museums zu ßerlin. 
, 'J'af. L. Pliädra und Hippolyt: 1. Vasenbild der Kestnersclien Sammlung, 2. Marmorgrujjpe zu Neapel, 3. Orest 

und Elektra in Villa Ludovisi zu Rom. 
, Taf. LI. LH. Agouistisclie Vasenliilder, zwei nacii Stackeiberg und 'J'iscliljein, zwei andere fius den Samiuluiigen des 

Vatikans und des Herzogs von Luynes. 
,Taf. Uli. LIV. Pelops und Hippodaraeia, apulische Vasenbilder verscliiedener Sammlungen. 
'Taf. LV. Pelops und Hippodameia, Vasenbild des Kgl. Museums zu Neapel. 
'Tai. LVL Antiope und Dirke, Bildwerke zu Neapel und Volterra. 
^'I'af. LVIL Antiope, Vasenbilder der kaiserlichen Sammlung zu Wien. 
^ Taf. LVIII. Griecliisclie Münzen verschiedener Sammlungen. 
'Taf. LIX. Dioskuren zu Delphi, Vaseobild. 
«> Taf. LX. Telejjhos und Auge, Vasenbilder der Sammlungen zu Berlin und zu Sevres. 



VERZEICHNISS DER MITARBEITER. 



Ambrosch (J.), Breslau. 

/{«)•;/( (H.), d. Z. in Afrika. 

Ilergk (Tit.), Freiburg. 

Birch (Sam.), London. 

Bort- (C), Brüssel. 

Hiiclk (A.), Berlin. 

ttötticher (K.), Berlin. 

BorffUesi (Graf Buvtol.), S. Marino. 

liravn (E.) , Rom. 

Bnrsian (C), Athen. 

Cuvedoni (Cel), Modena. 

Curlhis (E.), Berlin. 

Erhkum (G.), Berlin. 

FrieiVünder (L.), Königsberg. 

t'riedlünder (J.), Berlin. 

Gerhard (E.), Berlin. 

Oöltlinn (K.), Jena. 

Grotefcnd (G. F.), Hannover. 

Henzen (W.), Rom. 

Hermann (K. F.), Göttingen. 

Herlz (M.), Berlin. 



Horhel (J.), Königsberg. 
Jahn (0.), Leipzig. 
Janssen (L. J. F.), Leyden. 
Kandier (P.), Triest. 
Keil (K.) , Schulpforte. 
Kiepert (H.), Berlin. 
Koner (W.), Berlin. 
Lajard (F.), Paris. 
Lepsius (R.), Berlin. 
Lloyd (W. W.), London. 
Mannssis (Th.), Athen. 
Meineke [A.), Berlin. 
Mercklin (L.), Dorpat. 
Minervini (G.), Neapel. 
Mommsen (Th.) , Zürich. 
Movers (F. C), Breslau. 
Neigebttur, Turin. 
Newton (Ch.), Rhodos. 
Osann (F.), Giefsen. 
Overhnck (J.), Leipzig. 
Panofka (Th.), Beriin. 



Pajiasliolis (G.), Athen. 

Pancker (C. v.), Mietau. 

Petersen (Ch.), Hamburg. 

Preller (L.), Weimar. 

Prokesch-Oslen {Frhr. v.), Fr.Tnkfurt. 

Piß (Th.), Greilsvvnld. 

Schurff (G. jun.), London. 

Kofs (L.), Halie. 

Sc/iiiii(!( (L.), Bonn. 

Schulz (H. ir.), Dresden. 

Stark (B.), Jena. 

Stalin (V.), Stuttgard. 

Urlichs (L.), Greifswald. 

Velscn (A. v.), Athen. 

Walz (Ch.), 'J'übingen. 

IVelcker (F. G.), Bonn. 

Wieseler (F.), Göttingen. 

Witte (J. de), Paris. 

Zahn (ir.), Beriin. 

Znmpt (A. W.), Berlin. 



AIICHÄ0L0GI8CHE ZEITUNG, 



HKI!A[JS GEGEBEN 



EDUAKD GERHARD, 

MITDIltKKTOH DKS AliCHÄOLOGlSCHKN INSTIIUT!» ZU ROM 



ZWÖLFTER JAHRGANG, 

enllialtcnd Denkmiiler und Forschungen No. 61— 72, Tafel LXI — LXXIl, Anzeiger No. 61— 72. 



BERLIN, 

DIIU< K UND VERLAG VON (;E0R(; REIM KU. 
18 54. 



i 



\ 



DENKMÄLER, FOIISCHÜNGEIV 



UND 



BERICHTE 



A l, S H' B T !S E T Z U i\ G 

DER ARCHÄOIiOGISCHEN ZEITUNG 

HERAUSGEGEBEN 

V () N 

EDUARD GERHARD, 

MITDIRKKTOK DKS ARCHÄOLOGISCHEN INSTITUTS ZU R()\l. 



SECHSTER JA IIB G A A G, 

enlliallend Denkmäler iiiid Forschungen No. 61—72, Tafel L.\l — LXXII, AnzeicriM- No. ()I — 72. 



BERLIN, 

DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER. 
185 4. 



177 



178 



DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 

Archäologische ZeitutK/, Jahrgang XI l. 
J\ß 61 bis 63. Januar bis März 1854. 

Persische Artemis. — Allerlei: zu Pliniiis (Scojias, scopas); Iloplitensieg in den Nemcen; Walker- und Miillerfeste. 



I. 

Persische Artemis. 

Hiczu die Abbildungen T;if. LXI. LXII. LXIII. 

JrJLilten unter den mannigfachen Kunslgebilden, 
deren griecliisclie oder ilalisclie Abkunft zugleich 
auch den unverkennbaren Stempel des griechischen 
Geistes uns entgegenführt, begegnen wir dann und 
wann andren, zum Theil oft wiederholten, aus 
denen nicht minder unzweifelhaft die seit den Ur- 
zeiten Griechenlands unverkennbare Mitwirkung 
orientalischer Elemente in Göttergestalten und Thier- 
bildungen uns überrascht. Beiderlei Beziehungen 
finden vorzugsweise in einem Idol sich vereinigt, 
dessen neuerdings durch ein Erzgeräth helvetischen 
Fundorts ') hervorgerufne Erörterung vielmehr be- 
stimmend als hindernd für uns ist, ohne Absicht 
und iMoglichkeil einer völlig erschöpfenden Be- 
handlung auch diesmal von neuem darauf zurück- 
zukommen. INichl nur in solchen loreulischen und 
in andern glyplisclien Werken etruskischer Kunst, 
mit deren koiiiilhischer Abkunft die rüwalinung der 
Artemis am Kasten des Kypselos sich begegnet, 

') Erzrelief aus Gräcbwji: Arcb. Anz. 1851 S. 75 f. vgl. unten 
Anm. 20; ausfiibrlicb bebanJelt in den Rbeinischen Jabrbiichern XVIII, 
80 ß'. Von dein üeriebterstaUer der dortigen Ausgrabungen, A. Jahn, 
ward das Göllerbiid jenes Reliefs als ejihesisthe Artemis (ebd. S. 91), 
von J. Overbeck richtiger als Diana victrLv (S. 80 vgl. Orell. Inscr. 
2626) bezeichnet, letzteres in Uebercinslimmung mit meiner ebendaselbst 
S. 94 gegebenen Hinweisung auf die persische. Begrenzende üeinamcn 
dieser Art sind erbu-derlieb um Göltergestalten, denen irgend ein ge- 
schicbtlieher Duden vurmaligen Dienstes sieh nicht absprechen lässt, ihre 
ursprüngliche Oerllichkeit soviel als möglich nachzuweisen; dagegen 
es meines Erachtens ein liückschrilt sein würde die gelehrte Behand- 
lung eines so umfassenden Göttertypus noch gegenwärtig unler so 
vagem Gesichtspunkt zu nnlernchmen, wie Baoul-Bochette (I'ouilles 



auch aus Vasenbildern, deren altgriechischer Cha- 
rakter für uns unverkennbar ist, endlich aus unter- 
italischen Thonfiguren eines iheils rötnischen theils 
auch archaisch griechischen Styls, drängen die 
hienachst zu gebenden Anschauungen einer und 
derselben dem Osten entstammenden Göttin sich 
zusammen: einer Göttin, deren meist in voller Vor- 
deransicht erscheinende, langbekleidete und ge- 
schmückte, Flügelgestalt ztinächst als Beherscherin 
der von ihr ergriffenen Thiere des Waldes, der 
Löwen Panther Raubvögel oder auch sonstigen von 
ihr bewältigten Wildes sich kundgiebt. 

'Gross ist die Diana der Ephesier!' Diesem 
naclihallenden Ausruf des Goldschmids in der Apo- 
stelireschichte gemäss tritt die Nährmutter alles Le- 
bendigen in berühmten Kunstbildungen der Ephesia 
Leukophryne Pergäa und andrer verwandter Göt- 
tinnen kleinasiatischer Küstenstriche uns entgegen^); 
ganz anders aber giebt derselben Göttin Charakter 
in den wilderen Diensten Überasiens sich kund, 
wo die persische Artemis, der Tanais gleich- 
geltend und auch wol der Göttin Komana's und 
Tauriens gleich, vielmeh»- als wehrhafte Göttin^), 
von Löwen und anderen reissenden Thieren be- 

de Capouc p. C6f.) für sein bevorstehendes 'Memoire sur h Dcesse 
Nature asialique' ihn andeutet. 

■) Die Verschiedenheiten der Artemisdiensie habe ich in meiner 
nächstens erscheinenden „(iriechiscber. Mythologie" § 329 ff. zu sondern 
gesucht. Der mütterlichen Ephesiii sind dort §329. 2/j die 
Lcuhuphripie (§ 335, 4) und Pergän gleichgestellt, nach bekannter 
Ermächtigung der Münztypen, die jene Göttinnen unter dem mumien- 
haften Bild einer Allmutter darstellen. 

') Von den hier zusammen genannten oberasiatischen Göttinnen 
eines überwiegend wehrhaften Charakters weist selbst die ii) per- 
sische Artemis (Diod. 5, 77. Movers l'hön. 22. (123. Ghd. Mythol. 
§ 337, 3) als Zaretis (Hesych. vgl. Zerinlhia) den ans Griechenland 
bekannten wilden Charakter der taurischen Göttin nach; nicht weniger ist 



179 



180 



gleitet, sich kundgiebt, der SiegsgöHin in ganz ähn- 
licher Weise wie sonst Atiiena gebietet ") und blu- 
tige Opfer alles Lebendigen, in gleichem Sinne wie 
Griechenlands taurische orthosische oder laphri- 
sche*) Göttin, heischte. Wecliselbezug und Ver- 
wandtschaft jener beiderlei Abzweigungen einer 
und derselben asiatischen Göttin sind nicht zu be- 
zweifeln: die Leukophryne, die wir der Ephesia 
ähnlich gebildet auf IMünzen sehn, ist als des 
Theniistokles niagnesische Göttin in furchtbarer 
Geltung nachweishch '') , dagegen die |)ersischc 
Artemis, die sonst als hihaberin grosser von ihr be- 
schützter Thiergehege bekannt ist '), den schick- 
lichsten Namen für die durchs Löwensynibol her- 
vorstechenden Göttinnen darbeut, von denen hienächst 
gehandelt werden soll. Für die Verbreitung des Göt- 
terbilds, welches diese Untersuchung veranlasst, sind 
nicht wenige altgriechische Belege, fast nicht weniger 
aber auch Zeugnisse für dessen asiatischen und 
muthniasslich persischen Ursprung vorhanden. Den 
alsbald vorzulegenden Wiederholungen des in Rede 
stehenden Idols ganz ähnlich, geflügelt und reis- 
sende Thiere haltend, wird eben dieses Idol auch 
aus dem korinthischen Kasten des Kypselos als 
Artemis uns bezeugt^), und wie nach Korinth hatte 
eine vielleicht ganz ähnliche asiatische Löwengöttin 
ihren Weg auch nach Theben gefunden, wo sie, 
nicht ohne Spuren blutiger Opferung, Eukleia hiess; 

dies in Bezug auf b) Tnnnis oder Anaitis (Creuzer Syinb. II, 35111'. 
Mov. Phiin. 618ff.), eine nacüweislicb (ebd. 623ff.) assyriscli-pcrsische, 
wie auch der syriscb -babylonischen Mylilta (63011.) entsprechende 
und als weiblicher Moloch (401 II.) zu betrachtende, durch Feiier- 
dienst (623) und blutige Opfer von Jungfraun oder von wilden 
Thieren verehrte (iOOfl'. 622), Göttin der Fall, wie denn auch c) der 
zwischen .\thena und Artemis schwankende kriegerische Charakter der 
Uüttin zu Komitnn (Strab. .\II p. 535. .557. Creuzer Symb. 4, 297. 
Ghd. Mythol. §. 337, 2) genugsam bekannt ist. 

') Wie durch die komanische Göttin und sonst bezeugt, ist die 
gemeinhin nur für Pallas-Athena bekannte nahe Verwandtschaft der 
Siegsgöttin auch für Artemis nachweislieh, namentlich durch Kunst- 
darslellungen eines ihrem hier behandelten Idol gebrachten Opfers; 
so auf der Glaspaste, auf welcher Tölken im berliner Genunenver- 
zcichniss (Kl. III no. 1253) ein Minervenidol zu erblicken geglaubt 
hat, und gewiss auch auf der Gemme no. 679 des brittischen Museums. 

'') Von diesen barbarischen Artemisdiensten Griechenlands {Inu- 
rischer: Ghd. Mythol. §. 330, 4. Urlhia §. 332, 4) ist am eigcn- 
thümlirhsten der patrensische der Liifihria (P. 6. 18, 7): er ward 
durch Verbrennimg zahlreichen Wilds und Geflügels (Paus. 6, 18, 7: 
Vögel Hirsche Bären Wölfe) gefeiert. 



eine athenische Eukleia hieran zu reihen') liegt 
um so näher, da auch die asiatische Leukophryne 
als Weihungsbild auf der dortigen Burg sich be- 
fand. Hiebei ist es nun nicht allzu gewagt, Götter- 
dienste und Göltergestalten eines so fremdartigen 
Charakters für asiatisch und namentlich auch für 
])ersisch zu halten. In ganz ähnlicher Weise wie 
die Athener auch an der Göttin von Sardes ihre 
Verschuldung zu büssen hatten '"), kann man in 
diesen Einführungen einer ausländischen Artemis 
Versuche erkennen, wie sie das Allertluiin öfters 
unternahm um mächtige Gottheiten ihrer Feinde 
unschädlicher, wenn nicht sich selbst günstig, zu 
machen, und wird alsdann doppelt geneigt sein, 
statt anderer Löwengöttinnen Asiens, wie die phö- 
nicische Astarte und auch die Göttin von Hierapolis 
es sind"), vielmehr die Göttin der Erbfeinde 
Griechenlands, eine persische Artemis, zu Bestäti- 
gung desjenigen Namens und Beinamens zu er- 
kennen, der unter den oben dargebotenen auch 
durch alte Zeugnisse sich vorzugsweise empfiehlt. 

Tafel LÄl. Dieses vorausgesetzt, gehn wir 
zu Betrachtung des uns hier vorgeführten Gölter- 
bildes im Einzelnen über, dem wir hienächst noch 
andre charakteristische Beispiele seines neuerdings 
öllers in Rede gekommenen berühmten Göltertypus 
anreiben werden. 

Wir beginnen diese Musterung griechischer 

') Artemisdienst des Themistoklcs ist du:ch die Stiftung der 
inagnesischen Leukophryne auf der athenischen Burg (Paus. I, 26, -4) 
bezeugt. In Athen aber wohnte Theniistokles selbst in Melitc ohn- 
weit des Heiligthums der Aristohule, das zugleich die Stätte des 
Kichtplatzes bezeichnet (Plut. Them. 22; vgl. Plut. de Herod. malign. 
869=I.\. 449 Bsk. viwv BavXi}g'Aniifiiäog. Ghd. Mylh. §. 331, 5). 

') Thiergehege der persischen Artemis: Plut. Luculi. cap. 24. 

") Artemis mit Löwen und Panther am Kasten des Kypselos. 
Paus. V, 19, 5: 'l4(jrffiig JJ ovx oläa itp' öiio loym TtT^Qvyag 
f/ovaä loTi inl löiv öj/xcov, xcil r^ /aIv äf^i^ x(ii^/ei Ticipäa- 
)iiv, t;J iSk h^Qit T(3v /eiQÜv Xiovja. Vgl. Weicker Rhein. Mus. VI, 
587 und über den ganzen Typus auch Müller Handb. §. 363, 2. 

") Artemis Eukleia in Theben: Paus. IX, 17, 1. Plut. Aristid. 
I'. 20. Müller Orch. 209. — Eukleia in Athen am Ilissos : Paus. I, 
14, 4. Vgl. Forchhammer Topogr. von Athen 8.4711 

'") Göttermutter zu Sardes: HerodoL V, 102. 105. Vgl. meine 
Abhandlung über das Metroon zu Athen, Berliner Akademie 1849 
S. 17. 28. 

") Auf einem Löwen sitzend pllegt die phönicisclie Astarte und 
auch die phrygisclie Kybele abgebildet zu werden; Löwen zur Seite 
waren, wie der pbrygischen Gölleniiuttci-, auch der syrischen Göttin 
von Ilierapulis gegeben. 



181 



182 



Daistellungun der oriculnlisclici) Artemis iiiil der 
vorgedacliten merkwürdigen Vasensclierbc, welche, 
von l'rol. Ross aus seinen griecliisciien Insclreiscn 
lieimgcl)raclil, als werllie Gabe dieses um griechi- 
sche Allerlhiimcr und Peri«gese liocliverdienlen 
Freundes in meinem Besitz sich vorfindet Es ist 
die Uede vom Ueberrest eines vermuthhch zwei- 
lienkligen Gefasses, Amphoreus heber als ritlios '*) 
zu nennen, dessen hier in den Massen des Originals 
abgebildeter Hals die ansehnliche Grösse des Gan- 
zen augenliiliig ermessen liissl, und dessen Zeich- 
nung es zu verdienen schien ausnahmsweise hier 
zugleich in ihren eigensten Farben abgebildet zu 
werden. In beiderlei Beziehung wird man sich 
leicht entschliessen, ein frühes Beispiel des gemein- 
hin als ägyptisirend oder phönicisch, ursprünglicher 
getassl als assyrisch oder babylonisch zu bezeich- 
nenden, Vasenstyls hier zu erkennen, dem in den 
Verzierungen bekannte assyrisclie lieiiefs entsprechen 
und dem in der Zeichnung auch babylonische Tepjiiche 
ähneln mochten, daher wegen frühesten ähnlichen Be- 
triebs auf dem Festland derselben Kunslweise auch 
die Bezeichnung korinthischen Styles ") fuglich er- 
theilt werden darf. Dass unser vorliegendes Frag- 
ment dem Vernehmen nach aus Thera, einem 
Stapelplatz phönicischen Verkeiirs für Griechenland, 
herrührt, ist für jenen asiatischen Charakter und 
Ursprung durchaus bestätigend und würde, unsre 
allgemeine Ansicht über die in Bede stehende 
Technik festzustellen, nicht minder besliiligend 



bleiben , wenn nach anderweitiger Reminiscenz 
unser Fragment nicht aus Thera, sondern aus der 
durch bleichen Handelsverkehr und ähnliche Funde 
ausgezeichneten Insel Mclos herrührle "). Seinem 
dem Hals des Gefasses in natürlicher Grösse ent- 
sjuechcnden Hühenmafs zufolge darf dies Fragment, 
dem vom Ansatz des Bauches her noch eine hie- 
nächst folgende (Taf. LXII, 3) Figurenreihe angehört, 
unter den bisher bekannten Ucberresten dieser Art 
für das ansehnlichste und zugleich inhaltreicliste 
gelten; denn wie seine Zeichnung, weist auch das 
in ihr dargestellte Gölterbild aufs entschiedenste 
nach dem Orient hin, indem es l)emerktermassen 
dessen verbreiteiste Göttin die Artemis, und zwar 
in derjenigen Weise darstellt, die wir am liebsten 
der persischen Auflassung dieser Göttin zusprechen. 
Wir erblicken dieselbe hier in einer langbekleidelen 
und geflügelten Frauengestalt, die einen Löwen 
mit ihrer Linken am Ohr, mit iiner Rechten am 
Schwanz hält; das grimmige aber gezähmte Thier 
bückt mit geöffnetem Rachen nach seiner vorwärts 
blickenden Herrin sich um. Dio Gesichtszüge dieser 
Götlergeslalt zeugen von kraftiger Ausbildung; ihre 
Verhiiltnisse sind zwar niciil schlank, aber doch 
minder gedrungen zu nennen als es bei anderen 
Frauengestalten eines sehr alten Vasenstyls z. B. 
dem Pallasbild der Burgonschen Vase der Fall ist; 
ihre gegürtete lange Kleidung ist sehr eigenthüm- 
lich verziert '^), wie deim ausser Stirnband und un- 
gewöhnlich geformtem Ohrenschmuck auch die im 



'■') Vun „Amphoren" gemeinen Tlions, die in grosser Zahl zu 
Thera sich linden, spricht auch Prot. Koss in den Inseireisen (I, 66), 
erwähnt aber zugleich des Ausdruckes Tii&os als noch jetzt dort 
güllig (ebd. I, 68). 

") Die liier für die Vasenbilder ältesten Slyls befolgte Termi- 
nologie ist in den Annali dell' Instituto .MX p. 408 ff. von mir ge- 
rechtfertigt worden. 

'") Der llriilier und Gräberfunde von Tlierit und Melos gedenkt 
Hoss ausführlich in seinen Inseireisen (i, 6511'.), zugleich mit Er- 
wähnung grosser dort gefundner mit gepressten Ornamenten verzierter 
oder auch bemalter (I, 68) Amphoren; von letzterer Art habe er 
einige Scherben dort envorben. Aebnlicher Funde erinnert derselbe 
sich aus Melns und ist jetzt sogar geneigt die hier abgebildete Scherbe, 
als deren l'undiirt ich Irüberhin Thera vernoiniiien zu haben glaube, 
von Melos abzuleiten; in seinein gedruckten Bericht über dortige 
Gräberfunde (Inselr. III, 1'.)) linde ich gleich alterthüinliche Gefäss- 
malereicn zwar nicht erwähnt. Brieflich äusserte in Bezug hierauf 
Prof. Ross noch neuerdings, dass etwanige Bedenken über einen 



oder den andern jener beiden Fundorte gleichgültig seien: "denn die 
grossen aUertbümlichen Amphoren (niStoi, niüäniu) sind beiden 
Inseln gemeinschaftlich, wie sich dieselben nuch in Cypern finden'. 
Auch bemerkt derselbe, dass ein solcher 'schöner phönicischer 77 i,'>off 
in Kopenhagen in der Sammlung König Christians VIll vorfindlich sei, 
welchem derselbe durch Prof. Ross verehrt ward. 

'^) Auf dem rothbraunen Grunde des Kleids dieser Göttin ist 
vorn eine schwarz eingefasste Ahtheilung nach Art einer Schürze zu 
sehn ; diese giebt durch gekreuzte Striche als gewirkt sich kund, 
und in ähnlicher Weise gekreuzt ist auch das ganze Bruchstück, so 
jedoch, dass dessen Verzierung durch die mitten darauf angebrachte 
Befestigung der Flügel unterbrochen wird; gewisse braune Klappen, 
die man für Aermel hallen könnte, gehören wohl gleichfalls dieser 
Befestigung an. So könnte man auch versucht sein, zwei Gewand- 
stücke statt eines einzigen vorauszusetzen, wäre nicht der in Art 
eines Eierstabs verzierte und ringsunilaulende untere Saum des Kleides 
für diese letzlere Ansicht entscheidend. 



183 



184 



leeren Räume des Bildes zerstreuten Zierralhen 
Beachtung verdienen. Ungewöhnlich ist über dem 
Stirnband noch ein hochstehender Stirnschniuck; 
das in breiter Fülle den INacken bedeckende Haupt- 
haar ist überdies durch ein anderes breites Band 
zusammengehalten; eine Beschuhung ist nicht vor- 
handen, sondern vielmehr an deren Stelle der Mangel 
weisser Färbung beachtenswerth. Endlich ist, die 
malerische Technik anlangend, noch zu bemerken, 
dass siimmtliche innere Umrisse nur geritzt sind; 
die schwarz und braunroth gemischte Färbung auf 
weissem Grunde giebt zur Genüge in unsrer Zeich- 
nung sich kund. 

Taf. LXll, I. Die auf einer nächstfolgenden Tafel 
zunächst uns vorzuführende Gestalt derselben Göttin 
gehört einer unteritalischen Terracotta, welches 
der als Münzkenner verdiente Hr. Gennaro Riccio 
zu Neapel aus eignem Besitze neulich veröffentlicht 
hat '"). In der Zeichnung dieser n)it geärmeltem 
Chiton und sternenbesticktem Obergewand lang 
bekleideten, mit langen Haarflechten, Stirnband und 
grossen Ohrringen versehenen, in zuversichtlicher 
Kunstübung auch mannigfach roth gefärbten, Figur 
tritt ein sehr alter, dem äginetischen verwandter, Styl 
eigenthümlicher uns entgegen, als dass die bei ähn- 
lichen Werken meist unabweisliche Annahme der 
Nachahmung sofort aufkommen könnte. Namentlich 
sind es die schräg liegenden Augen und sonstigen 
scharfen Gesichtszüge, welche diese Ansicht be- 
gründen; aber auch die gedrungenen Verhältinsse 
und die strenge, von künstlicher Zierlichkeit freie, 
Haltung der ganzen ehrwürdigen (jöttergestalt stimmt 
damit überein. Die Göttin hält mit jeder ihrer 
Hände die Vordertalzen zweier Löwen ergrilTen, 

") Zuerst bekannt gemacht durch den Besilzcr dieses Reliefs 
in einem auch gesondert abgedruckten Artikel der zu Neapel er- 
scheinenden Zeitschrift l'ulioraina (no. 18), unter dem Titel: ,.Descri- 
zione di itn nlltt rilievo in terra cotta raji^rcseiitttvle iinn 
deiUi Orientale rinoenutn neijH svnvi ileir anticn Ciipun" 
(3 Seiten. 8.). Der Herausgeber verzweifelt die dargestellte Göttin 
in der griechischen Mytholugie vorzufinden, zumal sie nach ihrem 
Augenschnitt offenbar ausländischen Völkern (alle razze cgiziane, e 
pii'i alle cinesi) angehöre; einstweilen könne man sie eine (iötlin der 
Starke, Fortiludo (dea della forza, e non allro), nennen. Ilr. Haoul- 
Hocheltc, welcher dies Helicf neuerdings als Augenzeuge besprochen 
hat (notices sur les fouillcs di Capoue p. C-ill'.), weicht von unsrer 
obigen und von Hm. Riccio's eigner Beschreibung, welche durch An- 
blick der Zeichnung bestätigt wird, darin ab, dass er l'anther statt 



deren stylistischer Ausdruck gleichfalls der älteren 
Bildungs weise angehört; die grimmigen Thiere sind 
mit geöffneten Rachen riickwärts gewandt, während 
sie mit ihren beiderlei Tatzen sich unwillkürlich 
der Göttin anschmiegen. Hiebei ist die Geberde 
unangestrengt sicherer Festhaltung der als Symbol 
der Gottheit ihr dienstbaren Thiere charakteristisch, 
wie solches in ganz ähnlicher Weise auch in manchem 
echt hellenischen Göttertypus, im milesischen Apollon 
der seinen Hirsch, in mancher Artemis die ihreHirsch- 
kuh, in Meergotlheiten die ihie Delphine an den 
Schwingen halten, sich kundgiebt "). 

2. Späteren Charakters, seinem Styl nach der 
freiesten Kunstübung römischer Zeit angehörig, ist 
das dermalen dem königl. Museum zu Berlin ge- 
hörige, aus Calvi herrtjhrende, Thonrelief "*) von 
ganz ähnlicher Darstellung, weiches wir jener erst- 
gedachten Figur zur Seite gesetzt haben. Es zeigt 
uns wiederum eine langbekleidete, gegürtete und 
geflügelte Göttin strengen Ausdrucks, welche in 
jeder ihrer Hände ein reissendes Thier an den 
Pfoten hält; mit ziemlicher Sicherheit sind diese 
Thiere statt der sonst üblichen Löwen für Panther 
zu erkennen. Im Uebrigen sind auch Modius und 
am rechten Arme ein Armband, minder verständ- 
lich eine den Hals zwiefach umwindende Schnur, 
in der sonstigen Anordnung dieser Gestalt die lang 
herabhangenden Flechten, der aufwärts gerichtete 
Blick und die auswärts gewandte Richtung beider 
Fiisse, einer ins Einzelne eingehenden Betrachtung 
manchen beachtenswerthen Umstand darzubieten 
geeignet. 

3. Eine im oberen Raum derselben Tafel ab- 
gebildete Figurenreihe ist zur Vervollständigung 

der Löwen erkennt. Uebrigens beruft sich derselbe zugleich (p. 65) 
auf viele ctruskische Statuetten von angeblich ähnlicher Darstellung 
in der Campanaschen Sammlung zu Rom, deren er im .lournal des 
Savantsvon 1852 (.Iuilletp.4 14) gedacht habe; diese Notiz verdient genauer 
verfolgt z» werden. Als statuarisch ist auch das alto rilieio zu ver- 
stchn, das Riccio (a. 0. vgl. Koch. p.Oi) der hier abgebildeten Figurbeilegl. 

'") Eine Zusammenstellung ähnlicher Gutlerlypen, mit symbo- 
lischen Thieren die an ihren Schwänzen gehalten werden, ward be- 
reits in den Rheinischen .lahrbiichern (.Will, 95) von mir empfohlen. 

'") Helicf aus Calvi: im neuesten Verzeichniss der Terrasottcn 
mit no. '2'S') bezeichnet. Im rnlertheil einer ähnlichen Thoiiligur, 
die bei Dagincourt Fragm. de sculpt. X\I, 7 p. .').') als Cjbele abge- 
bildet ist, wird die Arbeit gerühmt, und ist auch die geschmückte 
Gürtung zu beachten. 



185 



186 



der auf der vorigen Tafel beigebrachten Vasen- 
scherbe hier nacligeliefert; iln'e sehr rüthselhnfte, 
durcii Frauen und Fliigeh-osse erst an die Liclil- 
göllin Eos, dann bei unverliennbarer Bewaffnung 
eben so füglich an Hera und Atltena, an Penthesilen 
und sonstige ^m«so»e/« erinnernde, Darstellung'"), 
auf die wir ein andermal gern wieder zuiückkoni- 
men werden, darf uns vorerst nicht hindern, noch 
mehreren andren zu gründlichem Verständniss des 
persischen Arteinisidols auf noch zwei folgenden 
Tafeln zusannnengesfellten Denkmalern unsre Auf- 
merksamkeit zuzuwenden. 

Tuf.LAlll. Wir eröffnen diese Reihe verwand- 
ter Artemisbilder durch (no. I) das schon oben er- 
wähnte, aus dem helvetischen Fundort Griichwyl 
neuerdings bekannt gewordne, unsres Erachlens 
offenbar etruskische"), Relief eines vormaligen Ge- 
fässbeschlages. Die in Rede stehende Göttin wird 
hier in seltenem Umfang der Darstellung uns vor- 
geführt: langbekleidet und geflügelt, vielleicht auch 
mit einem Halsband geschmückt, hält sie vorwärts 
blickend in jeder ihrer Hände sowohl die Tatze 
eines gleichfalls vorwärts blickenden ruhig sitzendei> 
Löwen, als auch die Pfoten je eines schwächeren 
und bedrohten Thiers, nämlich eines hier lebensfroh 
aufwärts gerichteten, dort abwärts gekehrten und 
kaum nocii aufathmenden Hasen; ausserdem aber 
knüj)ft tioch an der Göttin Ko|>fbedeckung, die 
einem Modius ähnlich auf ihrer Höhe einen Raub- 

'■') Erhalten ist von dieser Figurenrcibe das Obertlieil einer mit 
Stirnband gescbmiitklen Krau, «elcbe ni ihrer linken Hand die Zügel 
von Flügelrossen hält ; eigeiitbünilicb ist es, diese Fübrerin mit einem 
links bocb hervortretenden Webrgehenk Ijcnaffnet, auf einem etwa 
auf der Deichsel ruhenden Spross aber einen Wasservogel, einem 
Kranich am ähnlichsten, hervortreten zu sehn. Ausserdem ist hinter 
der gedachten Frau noch eine zweite bemertlich, welche verschleiert und 
oberhalb des Schleiers noch mit einem Modius geschmückt ist. 
Hienach würde diese Figur sehr wohl für Hern, deren Verbindung 
mit einer bewadiielen Frau sehr wohl für Alhvnii, das Ganze auf 
heider Göttinnen zu der Achäer Hülfe begonnene Fahrt, wie 0. Jahn 
vorschlägt, sich deuten lassen, wäre nicht laut dessen eigner Be- 
merkung der Mangel jeder sonstigen Rüstung allzusehr dagi'gen, die 
kriegerische tritonische Göttin hier vennuthen zu wollen. Auch an 
Demeter (^(nvauouoi Hom. HCer. 4) und Korn lässt sieb kaum di'nken. 

'") Helief aus Grächwjl: oben Anm. I. Die Kunstübung dieses 
Reliefs wird von Hochette (a. 0. p. 67) zwar eher für irgend eine 
asiatische gehalten; man fragt vergebens nach genauerer Bestimmung 
und Analogie einer solchen. 

^') Diese Aimabrae eines Modius ist nicht durchaus sicher. 



vogel trägt*'), ein rechts und links auslaufender 
Spross ") zur Basis noch eines Löwenpaares sich 
dar, um, wie vorher die starken imd schwächeren 
Erdgeschöjife, die herschenden Thiere der Erde so- 
wohl als der Luft in gemeinsamer Botmässigkeil 
der gewaltigen Göttin zu zeigen*^). Aehnliche Ge- 
gensätze finden zu mannigfacher Verherrlichung 
dieser Göttin, in ähnlichem iSinn wie bei der e])he- 
sischen obwohl in lebendigerem Wechsel, auch 
sonst sich vor, so jedoch dass die begleitenden 
Löwen ihr eigenstes und unwandelbarstes Symbol 
blieben. Während dies namentlicii im beschränkten 
Raum der Gemmenbilder (no 2. 3), zum Theil mit 
zierlicher Bewegung, etwa so dass die Göttin im 
Lauf die ^Schwänze der willig oder unwillig ihr 
zugewandten Thiere ergriffen hält, oder den von 
ihr abgewandt sitzenden eine freiwillig darzubie- 
tende Tatze abfordert**), so dass diese Löwen- 
beherscherin bald an Kybele bald auch") an die 
auf einem Löwen stehende mit Bogen und Pfeil 
bewaffnete Sternengöttin babyloniscli - j)ersischer 
Cylinder erinnert (no. 4), tragen wir kein Bedenken 
dieselbeGöttin auch in solchenDarstellungen wieder- 
zuerkennen, wo sie vielmehr als Heriin des Lult- 
raums gefasst und mit bewältigtem Geflügel dar- 
gestellt ist: so in (no. 5) der geflügelten, mit Modius 
bedeckten und jederseits ein schwanähnliches Thier 
am Hals fassenden Göttin eines vielgedeuteten 
orientahsch alterthumhchen tarquiniensischen ßal- 

") Eine Eule, wie Baoul-Hocbette annimmt, vermag ich in der 
Zeichnung dieses Vogels nicht zu erkennen ; auch scheint die von 
demselben als Unterlage der jungen Löwen angegebene Schlange 
nur auf Verkennung der tektoniscben Einfassung dieses Gefässbe- 
schlags zu beruhen. 

") Ueber die Bedeutung der zwei oben sitzenden, wie es scheint 
jüngeren, Löwen hat der früheste Berichterstatter dieses Reliefs nicht 
ohne Spitzlindigkeit sich ausgelassen (Rh. Jabili. XVHI, S. 92), mit 
Recht aber der etwanigen Anmuthung wideisprocben, dass dies Bild 
im .Sinne einer pantheistischen Gottheit zu fassen sei. 

'") Von diesen orientalischen Gcninienbildern ist no. 2 au.s 
Micali Monum. I, 23 (ähnliche Flügelgestalt mit den an den Schwän- 
zen gehaltenen Löwen auch hei Röchelte pl. VI, 9 und in der Samm- 
lung des Hrn. Hertz, Aicb. Anzeiger 1851 S. 93), no. 3 aber aus 
Rochette's Herculeassyricn VI, 14 entnommen; das letztgedachle Bild 
dient, als unbekleiaet und demnach mannlich, hier nur zur \er- 
gleichung. 

'■') Cylinder mit Artemis, die auf einem Löwen steht (Taf. II, 
no. 4), nach Röchelte Hcrcule pl. IV, 1«. Der Göttin gegenüber steht 
eine betende Frau, weiter links zwei einander slossende Bocke. 



187 



188 



samars im Museum zu Berlin^"), und so auch in 
der ähnlicli stehenden (no. 6), bei ähnhcher Ge- 
herde eher niitThieren wie Kraniche Ijescliäi'tiglen, 
Flügelgestalt eines mit geprefsten Reliefs versehe- 
nen schwarzen Bechers clusinisclier Art^'). Der 
etruskischen Herkunft beider letztgedacliler Gefiifse 
ist nocii der Umstand hinzuzufügen, dass die Grösse 
des gepaarten Geflügels auf beiden Gefiissen, viel- 
leicht nur zur Unterscheidung ihres Geschlechts, 
ungleich angegeben ist. 

Noch andre vorzügliche Varianten dieses weit 
verbreiteten Götterbildes gewährt uns das florenti- 
nische Prachtgefäss des Ergotimos und Klitias''^), 
indem unterhalb beider Henkel desselben Wiederho- 
lungen der bekannten langbekleideten Plügelgeslalt, 
hier schlanker und zierlicher, am Gewände und 
auch durch ein Stirnband geschmückt, mit wechseln- 
den Attributen vertheill sind: einerseits (no 7) sind 
es Löwen, welche, widerstrebend und abwärts ge- 
wandt, diesmal bei aller Zierlichkeit der Götterge- 
stall unsanfter als vorher, von ihr am Schöpfe ge- 
halten werden. Wie aber Panther anstatt der 

^') Von Pamifka (Miiseo Bartold. p. 95 S.) als Kora-Herkyna 
liczeichnet; vgl. Berlins BilJw. Vasen no. 541. Micali Storia lav. LXXIII, 
1 . Das ganz ähnliche Vasenbild eines grösseren Gefässes im Museum 
7.U Neapel (Mus. Burb. VI, 56) gedenkt Röchelte (Fouilles de Capouc 
p. 65) neu zu verüffentlichcn. 

'■) Den langhalsigen Vogel dieser nach Micali (Storia XX, 12) 
abgebildeten Götlergestalt bezeichnet auch Hi. Bocbette (a. 0.) un- 
bestininU als Strauss oder Schwan. 



Löwen ") ein Attribut dieser Göttin im vorher 
(Taf. LXII, 2) betrachteten Thonrelief des berliner 
Museums und auch sonst wol sind (no. 8), hält 
dieselbe, am andern Henkel derselben Klitiasvase 
wiederholt, rechlerseits einen unter dem Hals von 
ihr ergriffenen und unfreiwillig zu ihr hinauflangen- 
den Panther, dagegen ihre linke Hand einen glimpf- 
licher unter den Hals gefassten, willig und schmieg- 
sam zur Göttin die auch des zahmen Wildes 
Beschützerin ist aufstrebenden, Hirsch sich zueignet. 
Die hiemit gegebene Zusammenstelhmg mög- 
lichst fruchtbar zu machen, haben wir überdies 
nächst der bis hieher betrachteten persischen Artemis 
auch noch die, laut entsprechenden Gestalten und 
Attributen, ihr verwandteste männliche Gottheit 
kennen zu lernen: diese Gottheit, deren Darstellung 
durch ein dem berliner Exemplar jener Artemis 
benachbart aufgestelltes und nah verwandtes Thon- 
relief uns vorgeführt werden soll, wird bei Erläu- 
terung der nächstfolgenden Denkmälertafel uns be- 



scliäftigen. 



E. G. 



") Klitiasvase: Mon. doli' Inst. IV, 54 ff. (Ann. XX, 372). Arch. 
Zeitung 1850 Taf. XXIII. XXIV S. 275. 

■'") So in dem als no. 8 nach Micali (Storia XXI, 2) wieder- 
holten Relief eines clusinischen Thongefässes; die im Relief des Hrn. 
Riccio von Hrn. Rochctic vorausgesetzten Panther wurden oben Anm. 16 
abgelehnt. 



II. 



Allerlei. 



80. Zu Pliniüs H. N. XXXIV, 90 (21, 33). In den 
Worten „Simon caneni et sagittarium fecit, Stratonicus, 
caolator ilie, philosophos, Scoptis «terr/iie" ist sowohl 
vom ueusten Herausgeber als von Ilru. Brunn in seiner 
Geschichte der griechischen Künstler die Erwähnung des 
Scopas als „bisher nicht geniiyenil er};Uirt" bezeichnet 
worden und gewiss mit Hecht. Ilr. Brmui bemerkt S. 324 
zu dieser Stelle: „Vielleicht liegt, wie auch Sillig meint, 
die Verderbniss in dem Namen des Scopas, so dass an 
seiner Stelle der Name eines Gegenstandes zu setzen wJlre, 
welchen sowohl Simon als Stratonicns künstlerisch be- 
handelt hatten." Auch das ist ganz richtig, sofern Scopas 
nicht vorhanden ist, aber man liat mit sehenden Angen 
nicht gesehen: keine Silbe, kein Buchstabe*) darf gejindert 



werden, man schreibe nur statt S ein s: scn/ius oder will 
mau ganz deutlich sein mit griechischen Buchstaben 
riyoiTKtc, obgleich das Wort auch im L.iteinischen ge- 
l)r;luchlieh gewesen zu sein scheint mid mit Hindeutung 
auf die Bedeutung die es hier hat auch bei unserm 
Plinius X, 50 vorkommt, wo es heisst: 'Nominantur ab 
Homero scopes a^^um genus; neque harum satyricos motus, 
tjuum insident, pleris(jue memoratos facile conceperim 
mente' etc. Der griechische Accusativ hat aber bekanntlich 
bei griechischen Wörtern kein Bedenken, so dass scopas 
unver.'indcrt l)eiljehalten werden kann. Was al)er gemeint 
ist lernen wir ans Athenaens IX, p. 3!11. A, der nachdem 

*) Ich halle cnjxts, Schenkinnen, vcrniiilhel ('S. Rhein. Mus. IX, 
140 ff.). f. U. 



189 



190 



er vom Fange des Uhu durch Tanz erziihlt hat, berichtet: 
To de ttVTÖ noitiv Ityovnt xui toj''? axöJnag' xrti yaQ 
Toviovg UQyr^nn Xöyoq uXiaxiad'ttf ftvtifiovevtt 6 uvtüiv 
"Of^irjQoq, j'fVof T6 op/r'fftwf un' uvrwv xaXfTrat ax(oip, 
Xußdiiv Tovvofiu uno Tijg negl rv Mov iv rfj xivtjaei 
notxiXluQ- yui'govm yuQ ol axwTieg xnl ofioinrrjTi xai 
an' ui'rojv »;/(?('? axamritv x(t\orfitv zo avvuxuLfH' 
xui xiiTUGTOxÜLta&ui TOVi; ttxwnTOfif'vovg dtu rn rwv 
fxn'v(i)v fniTijdn'fiv TiQouiQfaip. Genauer hestimnit Athe- 
uaeus den Begnft' als eine ijcstimmte Stellung im Tanz 
und erkl;lrt dieselbe p. 629. F: r^v df axiorp Tiov anoaxo- 
noivxitiv Ti aytiiu lixpuv jtjV /tiQu rniQ ToC fifr(t)7iov 
xtxrQTiuxöjiiiv. 

Etwas anders erklärt PoUux Y\ \). 103 mehr im Sinne 
der ersten Stelle des Athenaeus: tJv dt n xui axonp, xo 
d' nvTi'i XUI axoniag, fidog v(>/i]ai((ig i-/,ov tivü tov Tp«- 
yr^lov TitQK/ (/(luv xarü t^v toü upviOog f(i/(rjaiv ög 
jin' fxTtXrj'^Kog ngog xr^v ogy^'^'" uXi'axtxat. Beide 
Stellungen finden sich abwechselnd au einer Reihe von 
SatjTn auf einer Vase bei Gerhard auserl. Vasenbilder I 
Taf. 59 u. 60 dargestellt. Auf andern Vasen findet sich 
sogar der Name: s. Müllers Arch.-iol. p. 385. Anni. 4, wo 
das Weitere nachgewiesen. Es kami demnach nicht zweifel- 
haft sein, dass diese Stellungen an SatjTvi unter dem 
Namen scopes Gegenstand künstlerischer Darstellung waren, 
\v\e denn bekamit ist, dass Satvrn in komischen Stellun- 
gen und Bewegungen aller Art dargestellt wurden. Hatte 
doch derselbe Stratonicus einen schlafenden SatjT an 
einem Gefiiss gebildet (PHn. XXX, 12. 55) und der Maler 
Antij)hilus grade einen solchen wie hier in Betracht kommt 
gemalt. Es heisst nJimUch PUn. XXXJV, 40, 32 : Antipliilus 
— laudatur — nobiUssimo Satyro cum j)elle pantherina, 
(|uem Aposcopeuonta appellant. 

Die bisher nicht verstandne Stelle des Plinius XXXIV, 
90 belehrt uns also, dass Simon und Stratonicus Tanzende 
dargestellt, ohne Zweifel Satyrn luid zwar in einer spottenden 
Stellung, indem sie entweder den Kopf spöttisch um- 
drehten oder thaten, als sjiheu sie m die Ferne. 
Hamburg. Chr. Petersen. 

81. HopLiTENsiEG IN DEN Nemeen. Das schüue 
Iiuienbild einer voleenter Trinkschale in der ansenviihlten 
Vasensammlung des Duc de Lujiies, in Gerhards Denkm. 
und Forsch. lb.').'{ Taf. LH, 3 aufs neue gestochen, hat 
unser gelehrter College Bötticher (daselbst S. 20—22) 
scharfsinnig auf den Siegespreis im Welt lauf bezogen 
und „den zur Pompa sich vorbereitenden Agonisten 
bereits im Besitz der drei verschiednen Siegssymbole, der 
Myrtenzweige, der Buiden und eines bindengeschmüekten 



Helmes, der statt des Federbusches die Büste eines Adlers 
mit Ohren oder eines Greifen zeigt", darauf erkannt. 
Indess eine genauere Prüfung des Thicrhopfes luid sein 
Vergleich sowohl mit den Thieren, welche des Triptolemos 
Wagen ziehen (s. m. Eigennamen mit liulog Taf. YK, 2), 
als den gleichen die als Wächter der Aresquelle in Theben 
\m\ Kadmos, des Hesperidcnbaumes von Herakles, des Ares- 
liains mit dem aufgehängten goldnen Vliess von Jason 
bekämpft werden, hindern uns dieser Erklärung beizu- 
pflichten: wir überzeugen uns vielmehr, dass auf dem 
LujTies'schen Vasenbilde ebenfalls die Protome eines Dra- 
chen dg('i.x(i)v demHelm zum Schmucke dient. Dieses Helmes 
unbrauchbare Form im Kriege hat Hr. Bötticher mit Recht 
henorgehoben, allein der orientaUsehe Charakter desselben 
fordert unabhängig von jenem Thierschmuck zur Nach- 
trage auf, ob inid wo in Hellas wir so (c/icr Helmform be- 
gegnen. Hiebei kommen Gemmen und Vasenbilder mit 
emem oder mehreren Thebanern bei der rl-ithselaufgeben- 
den Sphinx (Overbcck Gall. her. Bildw. I, 8. H, 2) misreni 
Verlangen alsbald mit befriedigendem Beseheid entgegen, 
indem sie bei diesen Thebaneni ähnliche Helme nach- 
weisen, deren orientalische Form wir wohl als von Kadmos 
auf die Kadmeer übergegangen ansehen dürfen. Erwägen 
wir ferner, dass aus den Zähnen dieses Drachen, des 
Sohnes des Ares, in Theben die ^nugxtn die Gesäten, 
als yriyii'itg (s. m. Eigennamen m. KuXog Taf HI, 12) 
aus der Erde emporkamen und zwar in voller Rüsluny, 
w^obei der Helm nicht fehlen dinfte, so leuchtet ein, dass 
für solche ^nugxol die Protome ehics Drachen in Ueber- 
einstimmung mit der übrigen unhellenischen Form des 
Helms sich sehr wohl eignete. Demzufolge läge es nahe 
an Spiele des Ares, eines der Hau])tgütter von Theben, 
zu denken, welche Kadmos, der Gemahl der Harmonia, 
zur Sühne des besiegten Drachen einsetzte, und wo die 
Agonisten nicht mit Schild, sondern nur mit Helm und 
Schwert als Nachbild des Kachnoskampfes hervortraten. 
Man denke au die Nachahmung des Apollo Pj-thoktonos 
in den Septerien zu Delphi. 

Indess vergessen wir auch nicht jene andie mythisch 
nicht minder bedeutende Begebenheit, welche bei Eröff- 
nung des Kriegs der Sieben gegen Theben Unlieil verkündend 
sich zutrug: ich meine den durch einen gleichen dgüxdiv 
herbeigefiilirten Tod des Archemoros (Overbeck YV, 2) in 
Abwesenlieit seiner Amme, der vertriebnen Lenniosfürstin 
Hypsipyle. Denn so gewinnen wir X erneu als Mittelpunkt 
der Scene, der Agonist tritt uns als Sieger in den neme- 
ischen Spielen entgegen wo zum Andenken au Archemoros' 
Mörder, den Drachen, dieser Helm als Siegsjjreis ausgc- 



191 



193 



theilt ward. Im Einklang mit dieser Auffassung nehmen 
wir in des Siegers ILinden nicht sowohl Zweige non Myrten, 
als vom Oelbaum wahr, der nach dem Zeugniss des Scho- 
liasten zu Pindar (Schol. Find. Nem. p. 425: ioTtfovTo 
di TO TiaXatov eXitiit) als idierer Siegespreis vor Ein- 
führung des mit Todtenkult zusammenh/ingeudeu Eppich 
zur BekrJinzung diente. 

Die Vermuthung, dass dies Vasenbild uns einen Sieger 
m den Nemeen veranschaulicht, gewinnt noch bedeutend an 
Wahrscheinlichkeit, sobald \Tir die Worte des Schohasten 
zu der Einleitung der Nemeen zu Hülfe nehmen, wonach 
zuerst an diesem dreijährigen Leichenspiele zum Gedächtniss 
des von dem Drachen getüdteten Opheltes Soldaten und 
Soldatenliinder die Spiele begingen, und erst später die 
Theilnahme an den Spielen, die nur g}innische und Wagen- 
rennen waren, auf die Volksmenge sich ausdehnte (^yw- 
vlt^ovro dl aTfjuTtwTut y.ul iiaiöig aTfjuTiw- 
T (iiy.vaTigov d l y.ai iTii Tu dm^ioXf/Mv nXr^i^og id()af.iiv). 

Th. Panofka. 

82. Walker- UND MÜLLERFESTE. Pliii. XXXV, 11,40, 
143 erwähnt unter den Gemälden eines Simos, aul'ser 
einem ruhenden Jüngling und einer vortretTlicIien Nemesis, 
nocli ofticiiimn fuUonis, (juinqualrus celebrunlem, worunter 
gewöhnlich zwei verschiedene Bilder verstanden werden. 
Die Walker spielten in Rom eine gewisse Rolle, wie 
seiner Zeit bei uns die Friseurs, und waren in den 
Atellanen, wie die Titel zeigen, eine beliebte Figur (Munk 
de fabulis Atellanis p. 45 f.). Eine solche officina fuUonis 
ist bekanntlich in einem Wandgemiikle in Pompeji dar- 
gestellt, wo die verschiedenen Arlieiten der Walker, 
Stampfen, Waschen, Kartätschen, Schwefeln, Pressen 
abgebildet sind (mns. Horb. IV, 49. 50. Becker Gallus III 
p. 168 tT.). Eine weniger klare Vorstellung kann man 
sich von dem ijuiniimitnis celehruns machen, und ich 
glaube, dafs es mit officina fullnnis zu verbinden ist; das 
Gemiilde stellte eine Walkerei vor, in welcher die quin- 
quatrus gefeiert wurden. Äliuerva ist als Ergane die 
Schutzpatronin der Walker, welche das Fest der quin- 
quatrus zu begehen pflegten , wie Ovidius bei der Be- 
schreibung des Festes ausdrücklich sagt (III, 821): ?ki)ic 
cole, qui tnaculas laesis de vestibus aiifers. Andere Be- 
lege für die der Minerva von den Fullones dargebrachten 
Verehrung hat Mommsen in der Zeitschrift für geschiclit- 



liche Rechtswissenschaft XV p. 330 f. zusammengestellt. 
Auch ist auf dem pompejanischen Gemälde einer der 
Arbeiter mit Oellaub bekränz.! und auf dem Apparat zum 
Schwefeln, den er trägt, sitzt eine Eule. Zu dem von 
mir vorausgesetzten Bild findet sich ebenfalls unter den 
pompejanischen ein ganz analoges. Auf demsellien (mus. 
Borb. VI, 51. Gerhard ant. Bddw. 62, 3) ist eine Mühle, 
ganz so wie sie noch in Pompeji erhalten sind, aufge- 
stellt und daneben läfst eine Gesellschaft von Amoren 
sich es wohl sein. Zwei haben sich bequem auf der 
Erde gelagert und der eine zeigt sich auf einen neben ihm 
stehenden Esel, der einen Krauz um den Hals trägt. Ein 
anderer sitzt auf der Erde neben einer Schüssel, auf der 
Becher stehen, und spricht mit einem ihm gegenüber- 
sitzenden, der ein ßlumengewinde in den Händen hält, 
um sich selbst oder vielleicht auch die Mühle zu bekrän- 
zen. Im Vordergrunde ist wiederum ein Amor heschäf- 
ligt einem Esel einen Kranz um den Hals zu legen. Von 
der anderen Seite kommt ein Amor in lebhaftem Ge- 
spräch mit einem geflügelten Mädchen im dorischen 
Chiton und bekränzt, und zeigt auf seine fröhlichen Ka- 
meraden hin. Wir haben hier, was so viel ich sehe noch 
nicht bemerkt worden ist, eine Darstellung derVestalia 
vor uns. Diese wurden namentlich von den Bäckern und 
jMüllern gefeiert, es war ein Feiertag, die Mühlen standen 
still und wurden bekränzt und auch der Esel war nicht 
nur von aller Arbeit frei sondern ebenfalls bekränzt. 
Ovid fast. VI, 305 f. eccc coronutis panis dependet asellis 
F.t velant scubras fiorida serla molas; und 341 f. vom 
Esel: quem tu, dlva, memor de pane monilibus ornas: 
Cessat opus, vacuae conticuere molae. Weil es ein Fest 
des Brodliackens war, so hing man dem Esel auch 
Brödchen an Schnüren gereiht um dt-n Hals (Lactant. I, 
21, 26), wie dem equus october, „f/uia id sucri^cium 
fiebat oh frugtim cventum" (Paulus exe. p. 220 s. v. po- 
nibus); allein dal's man ihn auch mit den gewühnlicbeu 
Kränzen schmückte zeigt auch Properz (V, 1,21): Vesta 
coronatis pauper gaudebat asellis. Dafs Amoren das 
Fest liegehen, wie sie in allen Functionen des mensch- 
lichen Lebens thätig erscheinen, ist jetzt aus vielen Wand- 
gemälden uns geläufig, welche es ganz klar machen, dafs 
wir in solchen Darstellungen ein getreues Abbild des 
wirklichen Lebens haben. Otto Jahn, 



Uiezu Tafel LXI. LXIl. LXIII: Persische Artemis, aus Gefüssbildern, Tlionfiguren 

und andern Denkmälern. 



Herausgegeben von E. Gerhard. 



Druck und Verlag von G. Reimer. 



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DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 



Archäologische Zieituny, Jahrgang Xll. 



M 64. 



April 1854. 



Plirygischer Sonnengott. — Der Aufgang zur Akropolis. — Allerlei: Kairos, Atalanta und Helena, Dolomedes. 



I. 

Phrygischer Sonnengott. 

Hiczu die Abbildung Taf. LXIV. 

MPie merkwürdige Giittcrgeslall der jiersisclien 
Arletnis, die auf drei uiuiiiUeibar vorher belracli- 
lelen Bilderlafeln (LXI — LXIII) uns besclmftigte, 
bietet nicht nur zu mancher nachlriiglicheii Bemer- 
kung über eben jenes Idols DeiAnuiler ') und Bil- 
dungen^), sondern auch zur AiireilumK eines und 
des anderen ihm vergleichbaren asiatisciien Götler- 
lypus sich dar. Hiezu ist zunächst das gleichfalls 
sehr eigenthümliche Götterbild eines rüniischen 
Thonreliefs geeignet, welches dem Vernehmen 
nach aus Culvi herrührt und gegenwärtig im kgl. 
Museum zu Berlin sich befindet'). In SlolT und 
Arbeit jenem ebendaher uns bekannten Artemisbild 
aullallend ahnlich, von dem es auch in seiner Grülse 
nur wenig abweicht, ninmit es, der von uns er- 
kannten Wichtigkeit jenes weiblichen Idols gemäfs, 
als seltenes Beispiel verwandter männlicher Auf- 

') So lässt jenen oben S. 177 ff. zusammcngeslelllen Denkmälern 
der persischen Artemis und namentlich dem Grächwvler Erz- 
relicf sich wol noch manche etruskische Bronze vergleichen, wie 
die von 0. Jahn brieflich mir nachgewiesene einer von zwei Löwen 
cberwarls verzierungsweise umgebenen archaischen Francngeslalt, dem 
vormaligen GrilT eines Gerätbes, bei Wilde Signa antiqua tab. XI. 

") Für die niannigfalligc Bildungswcisu der gedachten Göttin 
blieb namentlich unbemerkt, dass ihre Hellenisirung, den freiesten 
narsti'llungen der griechischen Artemis gleichkommend, selbst durch 
noch vorhandene [ieischril't bezeugt ist: so als IH'.PC IKJI benannt 
im fliancnkopf mit dem Köcher (fi. TfQOX((iatcni<ov, brennender 
Altar: .Mioimct IV p. 48, 249) im lydiscben .Miinzljpus von Hiero- 
cäsarea, den mir Panofka bemerklich macht. In gleicher Moderni- 
sirung pflegt auf Iphigeniareliefs auch die taurische Artemis in pylhi- 
scher und homerischer Weise als Jägerin zu erscheinen. 

') Thonrclief aus Calvi, im Jahr ISiä bei dem Kunsthändler 



fassiing unsre volle Aufmerksamkeit in Anspruch. 
Eine geilügelte Gestalt, welche zwei reilsende Thiere, 
rechts und litiks vertheilt, ergriffen hält, ist auch 
hier dargestellt. Gleichgültig ist, dafs statt der 
üblicheren Löwen es hier abwärts gewandte Panther 
sind; eigenlhümlich dagegen und wichtig ist der 
Unterschied, dafs wir statt der mehr oder weniger 
zierlich gebildeten langbekleideten Göttin hier die 
asiatisch, mit Anaxyriden imd kurzem gegürtetem 
Chiton, bekleidete Figur eifies bärtigen Mannes er- 
blicken, den bei wildem Ausdruck überdies eine 
phrygische Mvitze bedeckt. 

Dieselbe, der oben behandelten persischen Artemis 
augenfällig entsprechende, Männergestalt ward tmler 
den Werken griechischer imd römischer Zeit zu- 
gleich mit der Deutung auf Ueraliles aus einem an- 
dern Beispiel erst neulich bekannt*); in derKunslwelt 
des Orients ist sie utn so bezeugter. Eine bekrönte 
Herschergestalt welche, von Palmen umgeben, in 
jeder Hand einen Löwen am Schwanz gefalst hält, 
ist als babylonisches Gemmenbiid *) uns zur Hand 
(no.2); zwei andre gleichartige Bilder, in denen 

Gargiulo zu Neapel zugleich mit dem Relief Taf. II, 2 von mir an 
gekauft, im Verzeichniss mit no. 240 bezeichnet, früher erwähnt zu- 
gleich mit versuchter Deutung auf Milbras in den Rheinischen Jahr- 
büchern (XVIII S. 196, 9), neuerdings auch von Rochette (Fouilles 
de Capoue p. 1)8) mit einer biedurch erledigten Frage ans Berliner 
Museum. 

") Eine ungefähre, jedoch ungeflügelte, Replik unsrer Figur 
erwähnt Raoul- Rochette (a. 0. p. 07) aus dem Besitz des Hrn. 
Gennaro Riccio zuCapua; die Deutung auf Herakles ist ebendaselbst 
(a. 0. p. 06 IT.) gegeben. 

'•) Von diesen mancherlei Tbierbändigern orientalischer Amulele 
ist no. 2 aus Micali (Monum. I, 4. Rochette Hercule pl. VI, 5; vgl. 
ebd. VI, Sphinx davor), und auch no. 3. 4 ebendaher (Mic. Mon. I, 
u. ä) entnommen; zu vergleichen sind ähnliche Gruppen mit Grei- 
fen bei iMicali Mon. I, 22. Rochette Herc. VI, 16, wie denn ein ähn- 
licher Grcifeubändiger auch in einer vermuthlich orientalischen Bronze 



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ein äluiliclier Gewalthaber drei IJaubvögeln (no. 3) 
oder auch geflügcllen Einhörnern und Sphinxen 
(no. 4) obsiegt, bieten zu erläuternder Vergleicliung 
ungezwungen sich dar. Eben so wenig kann der 
aus gröfseren und kleineren Werken assyrischer 
Kunst ungleich häufigere Typus eines Löwenbän- 
digers ^) etwa deshalb von dieser Betrachtung aus- 
geschlossen werden, weil die !)ewältigte Erdmacht 
darin nur im Bild eines einzigen Löwen ersciieint ; 
wird aber die Verwandtschaft dieser einander so 
augenfällig ähnlichen (iruppirungen überhaupt zu- 
gestanden, so liegt es nahe, entweder der von 
Lajard seinem Denktnälerschalz persischer Cylinder 
beigefügten Hinweisung auf Mit/irns^) zu folgen, 
oder auch jener in Raoul-Rochelles iiihallreichem 
Werke gelehrt begründeten, wonach ein herkules- 
ähnlicher, mit Keule und Feil versehener Löwen- 
bändiger auf cilicischen ") Münzen (no. 5) sowohl 
als auch auf einem sonst anders'') gedeuteten etrus- 
kischen Gemmeiibild (no. 6) in der That für einen 
asiatischen, namentlich für den assyrischen, Hera- 
kles'") zu halten wäre, den Raoul-Rochetle, aller- 
dings olnie Keule und Fell, auch aus dem Bilder- 
kreis assyrischer Sculpturen uns vorfühlt. 

Wie sehr nun aber auch diese Benennung für 
den nach Münzen und sonstigen örtlichen Zeugnissen 
leicht bestimmbaren Bereich des assyrischen oder, 
genauer zu reden, phönicischen Herakles ") gesichert 
sein möge — , einer Kunstdarslellung welche, wie die 
vorliegende Thonfigur die entscheidendsten Merkmale 
eines Heraklesbildes, Keule und Löwenfell, ver- 



leugnet, sie anzupassen kann es uns nicht genügen, 
dafs Ivacul-Kochette voraussetzt, die Kopfbedeckung 
des hier dargestellten Gottes möge aus irgend 
einem Thierfell geschnitten zu denken sein. Ueber- 
dies bleibt es in hohem Grade bedenklich für uns, den 
jiiiönicischen, hauptsächlich aus Tyrus und dessen 
Pllanzstädten bekannten, Herakles, seiner oberasia- 
tischen Verwandtschaften ungeachtet, als allgemein 
asiatische Gottheit jeder andern verwandten Gestalt 
und Benennung voranstellen zu wollen. Wie in 
Babylon gewifs eher von Baal als von Herakles 
zu reden ist, wie bei der syrischen Göttin ein Son- 
nengott eher Bei und Apollon'") als Herakles hiess, 
wie auch der dem Herakles ganz ähnlich gebildete 
Löwenbezwiiigcr auf persischen Kunstdenkmälern 
vielmehr als Mithras betrachtet wird, so scheint 
auch selbst in Kleinasien die asiatische Götterge- 
stalt, die der Hellene dem Herakles verglich, nicht 
über Lydien hinauszureichen ; der phrygischen 
Kybele ist Herakles -Sardan ") nicht eben so wie 
der lydischen Omphale und der ihr zum Vorbild 
gereichenden Göttermutter verwandt, und gerade 
auf Phrygien weist die gemeinhin als phrygische 
Mütze benannte Kopfbedeckung des fraglichen Gottes 
vorzüglich hin. Auch kann es uns nicht entgehen 
dafs, wo ein Verhältnifs der asiatischen Artemis in 
Rede kommt, Herakles ein dem Namen und Be- 
griff dieser Göttin nicht leicht zupassender Name 
ist; der Artemis entspricht vielmehr Ares, noch mehr 
Dionysos '^), letzterer namentlich auch in solchen 
Fällen, in denen die Artemis nach der von uns an- 



dcs britlisclien Museums nachweislich ist. Zu erwähnen ist hier 
uuch die, obwohl rein ornanienlalc, Gnippirung von Jünglingen oder 
.luch Frauen zwischen Löwen, die auf den durch L. Grill auf niithri- 
scben Dienst gedeuteten cäretaniscbcn Goldbescblägen, jetzt im Vatikan 
(Mus. Greg. I, 76. 83. 84), sich lindet. 

') Löwenbändiger, aus assyrischen Kunstwerken, auch Sculpturen 
(Lajard Mithras pl. XXIV. Butta Mnn. de Niuive pl. XLVII. liochette 
llercule pl. I), häufig bezeugt: Müller llandh. §. 241, 3. Itochetlc 
Hercule p. 109. 151. 

■) In Lajard's Kecherches sur le cultc de Mithra (l'aris 1847 l'ol.) 
ist bekanntlich die umfassendste Reibe babylonisch-persischer Cylinder 
und verwandter Gcinnieubilder gegeben. Milhrisch ward auch der 
vorgodachle (Anm. 32) Güldschniuck aus Cäre gedeutet, und als 
niithrisrh selbst das vorliegende Tbonrelief aus Caivi früherhin von 
mir selbst hctrachlet. 

') Ciliciscbe Münze: nach liochette llercule pl. II no. In; vgl. 
Müller Ilaiidb. §.2il, 3. 



'') .\ngeblicher Orion : Impronte dell' Inst. I, 16. Lajard Mithras 
LXXWIII, 23. 

'") So ward namentlich unser vorliegendes Thoiirelief noch 
neuerdings von liochette (Fouilles de Capoue p. 66 ff.) auf den von ihm 
früher in seinen Memoires d'archeologie cumparee (I. Sur l'Hercule 
assyrien et phenicien. Paris 1848. 4) ausführlich behandelten assy- 
rischen Herakles gedeutet. 

■■') Unter dieser genaueren Benennung, des phönicischen lieber 
als des assyrischen Herakles, ist derselbe von Movers (Itelig. d. Phö- 
nicier 388 II. 7üÜf.) gründlich erläutert worden. 

") Des bärtigen und bekleideten sogenannten Apollon zu Hierapolis 
gedcukl Lucian als eines in Lmgebung der syrischen (Jöltin (de dea 
Syria cap. 3.5) vorhandenen GöUeibildes. 

") Ilerakles-Sardnn, dem Sardanapalos gleichgeltcud: 0. Müller 
kl. Schriften II, lUOlV. Movers l'liön. .470f. 

") Artemis und Dionysos: Ghd. Mvlh. §.344, 1. 



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198 



schaulicli gemaclilcn asiatischen Weise, nämlich als 
Lövvenbezwingerin, erscheint. Unter Gefiifshenkeln 
von alterthümlicher Zeichnung aiifhewalirt, wie solche 
auch an iler Kliliasvase uns das zweimalige Bild 
der persischen Artemis vorführten, ist uns von der 
Hand des stets archaisirend«n Nikosthenes "^) eine 
Wiederholung jener je einen Löwen festhaltenden 
Ciütlin mit dem Gegenhild eines Dionysos zur Hand; 
einander gegenijbergestellt, wie solches vermittelst 
der anbei folgenden bis jetzt unedirten Zeichnung 
(no. 7. 8) geschieht, bestätigen diese beiden Grup- 
|)en in augenfälliger Weise die Annahme, dafs auch 
im Löwenbändiger unsres Thonreliels nicht an He- 
rakles, sondern vielmehr an ein dem Dionysos in 
Namen und Begriff verwandtes Wesen zu den- 
ken sei. 

Eine noch genauere Benennung dieser Figur 
dürfte hienach nicht schwer zu finden sein. Das 
Bild das uns vorliegt gewährt durch seine Bentige- 
lung die Idee eines allereilenden, durch seine Kappe 
die eines gleich Hades verborgenen '"), durch die 
von ihm gebändigten Thiere die eines seinen Raub 
unwiderstehlich ergreifenden Gottes; allen diesen 
Begriffen entspricht die Idee des als furchtbarer 
Jager benannten ältesten Dionysos, des Unterwelts- 
gottes Za greus "), der auch gerade aus phrygischer 
und nordasiatischer Gegend bezeugt genug ist, um 
sein bis jetzt höchstens in Bezug auf dessen Ge- 
burl und Tod nachgewiesenes Bild in der uns vor- 
liegenden läthselhaflen Göltergestalt füglich erken- 
nen zu dürfen. Dafs eben jener Zagreus dem 
blutigen Dionysos gleichgilt, dem auch Themisto- 
kles den Persern bei Salamis gegenüber ein bar- 
barisches Rlenschenopfer zu leisten gestaltete "*), 
darf hier in Erwägung des bereits oben berührten 
Umstands nicht übergangen werden, dafs ein Be- 

") Arcbaisclie Amphora des Nikosthenes(i\rizoorv>n'£f £;iO(€ff£j'), 
Kämpforgruiipen Jorslcllend, vormals im römischen Kunslhandel für 
tiiich gezeichnet; die Zeichnung Leiindet sich jetzt im archäologischen 
Apparat des kgl. Museums. 

'") K. F. Flermann die Hadeskappe (Gült. 1833); vgl. Gerhard 
Mythologie §. 430, '>c. 

■') Zagreus d. h. '^ly'Qtvg: Etjm M. s. v. Lobeck Aglaoph. 
p. ä47(r 586ff. ei5ir. 710ir. Prellcr Demeter 53fr. Gerhd. Mythol. 
§.457, 4. 

") Menschenopfer für Dionysos lö/^riajrj;: Plutarch Thcmisl. 13. 
Ghd. Mvth. §. 453, in. 



streben den Gottheiten Persiens genug zu Ihim 
auch in der dmch des Themistokles Söhne erfolgten 
Slifliuig einer persischen Artemis nach Athen zu 
erkennen ist. E. G. 



II. 

Der Aufgang zur Akiopolis. 

Ausserhalb der Burg sind allf Entdeckungen auf dem 
Boden Athens bislicr znfiilliger Art gewesen. Die ersten 
planmjissigen Nachgrabungen sind von der französisclien 
Schule daselbst ausgegangen und es musste mit allge- 
meinem Interesse von allen Freunden der attischen Alter- 
thiimer die Nachriclit aufgenommen werden, dass ein Zög- 
ling jener Scliule Hr. Beule den Aufgang der Burg in 
grösserer Ausdefuumg zu durchforschen unternommen habe. 
Ueher die Resultate dieser Forschungen sind schon in 
diesen Blättern (Arch. Anz. 1852 S. 200, 1853 S. 295) 
Urtheile ausgesproclicn worden, welche mit den von Paris 
her laut gewordenen Stinnnen sich nicht in Einklang brin- 
gen Hessen. Jetzt liegt von dem auf Veranstaltung des 
kaiserlichen Unterrichts - Ministeriums gedruckten Werke: 
„I/'«croj)oIe (VAthi^nes pur E. Beule' der erste Band vor 
und so sind wir in Stand gesetzt, uns ein eigenes Urtheil 
iilier die wissenschaftliche Bedeutung jener Arbeiten zu 
bilden. Ich hebe einige IIau[)t[iunkte henor, die als Re- 
sultate derselben aufgestellt werden. 

Das Enneapylon wird richtig als eine Befestigung 
des Westfusses der Akropolis betrachtet ; aber Hr. Beuh' 
denkt sich darunter „un long chemin entre deux murs, 
l'espace iutermediaire ferme de distance en distance par 
une suite de portes" (p. 82). Er glaubt vier Punkte ge- 
fiuiden zu haben „pour determiner les courbes du sentier 
de l'Enneapyle" und hinter dem siidlichen PropylJientiiigel 
will er die Stelle des letzten Thors, wo der Festungsweg 
in die Burg mündete, gefunden haben. Es ist dies die 
schon anderweitig bekannte Marmor-Aute, der Ueberrest 
eines iiltern Burgthors. So wenig wir nun aber auch vom 
Enneapylon wissen, so viel steht doch fest, dass es kein 
Weg war (route, chemin Pülasgique) ; es war eine Um- 
mauerung, welche einen ansehnhchen Raum einschloss. 
Wenn daher auch Hr. Beule unterhalb des Niketempels 
und an einigen andern Punkten bis auf den natürlichen 
Felsboden gegraben und hier Spuren eines auf die Burg 
sich hinaufscldängelnden Pfades, den die iiltesten Erech- 
thidcn gewandelt sind, glücklich wieder aufgefunden hat. 



199 



200 



so wird dadurch über das Enneapylon und das Pelasgikon 
nichts entschieden. 

Die wichtigste Thatsachc, die durch Beule's Unter- 
suchungen zu Tage gefördert worden ist, bleibt die Existenz 
eines unteren Burg^erschlusses, einer Befestigung, welche 
sich parallel mit den Propyl;len 36 Meter vor denselben, 
16 Meter unterhalb ihres Stufenbaus in einer Breite von 
22 Meter erstreckt. Diese Befestigungslinie theilt sich in 
drei gleiche Theile; in der Mitte eine Mauer mit einem 
Thore, das genau in der A^e des mittleren Propyliien- 
eingangs liegt; zur Rechten und zur Linken ein viereckiger 
Thurm, der zur Vertheidigung des Thors 5, 2 vorspringt. 
Die von Marinorsteinen erbaute Mauer hat ihre volle Höhe 
von G, 74; das Thor hat 1, 73 Breite und 3, 87 Höhe. 
Das Baumaterial ist von den verschiedensten Denkmiilern 
in Hast zusammengeschleppt worden; es sind Bruchstücke 
.•iltercr und jüngerer Architektur von Tuff und von Mar- 
mor. Die Abbildung zeigt, wie die Werkstücke ohne 
Verständniss ihrer baulichen Bestimmung zusammengesetzt 
sind, nur mit Rücksicht auf eine gewisse Sj-mmetrie der 
Anordnung. In den unteren Theilen der Mauer sind 
Piedestals und bescliriebene Steine verbaut worden ; letztere, 
deren Veröffentlichung dem Anhange des zweiten Bandes 
vorbehalten ist, sollen bis in das zweite Jahrhundert unserer 
Zeitrechnung reichen. Beule hat sich über diesen Bau 
eine eigenthümliche Ansicht gebildet. Zur Zeit Yalerians, 
meint er, habe man die alten Befestigungsmauern, um sie 
zu erhöhen, wieder ausgegraben und unterwiirts erneuert (les 
Grecs reprirent ces fortifications en sous-oeu\Te jusqu'au 
roeher — la partie inferieure a ete remaniije au tems de 
Valerien, la partie superieure est restee intacte et remonte 
aux beaux siecles de l'art j). 108). Ich glaube kaum, dass 
es Hrn. Beule gelingen wird, unsre Architekten und Archiio- 
logen von der Wahrheit seiner II}-pothese zu überzeugen. 

Innerhalb dieses unteren Burgverschlusses, dessen 
Alter noch zur Sprache kommen wird, beginnt der Trep- 
penbau, der in einer grösseren Ausdehnung als früher 
aufgedeckt, nach Beule's Anschlag einst einen Raum von 
ungefjihr ICHJO Quadratfuss mit ^larmorstufen bedeckte 
und in ner Abtheilungen gegliedert erscheint. Von der 
Schwelle des unteren Thors trat man auf eine schmale 
Terrasse, über welcher sich eine Reihe von 26 Stufen 
erhob; dann folgte eine 4 Meter breite Terrasse am Fusse 
des Niketcmpels (grand ])alier central), auf diese die 38, 
durch die mittlere Falirbalm getrennten Stufen, die ihrer 
Anlage nach schon durch die von Ross und Schaubert 
geleiteten Arbeiten zu Tage gefördert waren, neuerdings 
aber durch die arehiiologische Gesellschnfl in Athen auf 



eine auch nach Beule's Urtheile ungeschickte Art wieder- J 
hergestellt worden sind ; endlich oben die schmale Terrasse * 
vor dem Stvlobate der Propyljien. 

Die sorgfjdtige Untersuchung der an Ort und Stelle 
erhalteneu Stufen und ihrer Unterlage konnte keinen 
Zweifel darüber lassen, dass der Treppenbau, dessen Ueber- 
reste vorHegen, seiner Ausfilhrung nach aus römischen 
Zeiten stamme. Indessen soll die Anlage des Ganzen aus J 
derselben Zeit wie die Propj'L-ien und aus dem Geiste ' 
desselben Baumeisters hervorgegangen sein. 

Hieran wird, was den oberen Theil betrifft. Niemand 
zweifeln; aber Hr. Beule ninnnt auch für den unteren 
Theil und den unteren Mauerschluss ein Gleiches in An- 
spruch und diese Annahme, welche durch nichts erwiesen, 
an sich in hohem Grade unwahrscheinlich ist, fiihrt den 
Verfasser weiter zu einer Reihe eigeuthümlicher Conibina- 
tionen. Da nämlich der untere, von ihm aufgegrabene 
Theil der grossen Freitreppe keine mittlere Rampe hat, ■ 
so sollen die Opferthiere und die Saumthiere auf zwei 
Nebenwegen, von der Pausgrotte und von der Seite des 
Niketerapels hinaufgefülirt worden sein. Nach Vollendung 
der Propyläen aber, meint Ilr. Beule, sei iiberhau])t zur 
Schonung des Gebäudes kein Baumaterial mehr auf diesem 
Wege zur Burg hinaufgeschleppt worden. Man habe ^^el- 
mehr für alle späteren Bauten das Material vom Fusse 
der Burg auf die Mauer hinaufge^vunden. 

In dieser Ansicht mag etwas Richtiges sein und weiui 
Parrhesiades, der im Bezirke der Polias auf der Höhe 
der Burgmauer sitzt und mit den von der Göttin ent- 
liehenen Werkzeugen in der Tiefe fischt, gefragt wird, ob 
er etwa Steine aus dem Pelasgikon heraufangeln wolle 
{)] nov Tovg Xt'&ovg uXievfiv dityriDxdig ix tov IliXun- 
yixov ;), so findet man tTir diesen seltsamen Einfall darin 
vielleicht einen Anknüpfungspunkt, dass die Athener ge- 
wöhnt waren, hier die an den Fuss der Burg gebrachten 
Bausteine durch ein über die senkrechten Felsen vorge- 
streckten Krahn hinaufwinden zu sehen. 

Weiter aber vermag ich den Anschauungen des Hr. 
Beule nicht zu folgen; denn wenn er seiner Ansicht von 
<ler Klassicität des imteren Thors zu Liebe annimmt, dass 
vor demselben der ganze Festzug der Panathenäen Halt 
gemacht habe, dass Wagen und Reiter unten geblieben, 
die Opferthiere auf den bezeichneten Nebenwegen , die 
Prozessionen selbst aber zu Fuss die grosse IIau])ttre])pe 
hinaufgewandelt seien, so sind dies lauter Phautasieen, 
welche lediglich durch die Enge des unteren Thorwegs 
hen'orgerufen sind. Nun ist aber dies Thor, wie ja auch 
Ilr. Beule urtheilt, ein Bau sjiätrümischcr Zeit, das obere 



201 



202 



Tlior aiicr, das Propylaioii des Mnesikles mit dein dazu 
gehörigen Stufenbaue offenbar darauf angelegt, Reiter und 
Wagen in die Burg cinzufiiliren. Deshalb ist doch wohl 
die natürliche Schlussfolgerung die, dasS jene unteren 
Bauten, welche die Bedeutung des oberen Burgthors augen- 
scheinlich vernichten, ihrer ganzen Anlage nac^h aus einer 
sputen Zeit stammen, in welcher die Propyl;ien aufgehört 
hatten, ein panathenjiisches Festthor zu sein. Statt dessen 
wird die Beschaffenheit des spjitgebauten Thors willkühr- 
lich zum Jlafsstabc genommen, um darnach im Wider- 
spruche mit den alten Denkmlilern die Bauanlagen und 
Festlichkeiten der klassischen Zeit zu bcurtlieilen. Und 
wenn auch der Fries des Parthenon nicht als Beweis für 
die Fahrbarkeit der Propyl'icn gelten soll, ist nicht Ross- 
ziigelung und Wagenlenkung auf der Burg des Erechtheus 
einheimisch? Ist es möglich sich die alten Erechthiden 
auf einer Höhe ansJissig zu denken, welche sie mit ihren 
Streitwagen nicht erreichen konnten? Fuhr nicht Peisistratos 
nach Herodots ausdrücklichem Zeugnisse (I, (50) hinauf, 
um sich von Athena selbst in ihre Burg und die Stadt- 
herrschafl eiufiihren zu lassen und in der Zeit der höchsten 
Prachtentfaltung des städtischen Athenadienstes sollte man 
die ritterliehen Pompcn von der Burg ausgeschlossen, 
sollte ein Thor gebaut haben, vor dem die Athener, statt 
im vollsten Staate vor ihrer Stadtgöttin Parade zu machen, 
absteigen, die Rosse ihren Reitknechten übergeben und im 
Reiterkostüm zu Fusse hinaufgehen mussten? Den deut- 
lichsten Beweis aber — wenn es noch der Beweise be- 
darf — liefert das mittlere Interkolummum der Propyl.'ien, 
dessen Weite offenbar auf Quadrigenbreite berechnet ist. 
Auch glaubte ich bisher, dass im mittleren Thorwege un- 
zweifelliafte Wagenspuren im Felsen eingehauen, zu sehen 
seien; dagegen behauptet Hr. Beule p. 147, dass sich am 
Stylobate der ionischen Halle, rechts und links von der 
Mittelbahn, S])uren von Stufen finden (des traces de 
marches veritables etc.). Bei der geringen Hebung des 
Bodens, die innerhalb des Projiylaions stattfindet, sind 
solche Stufen durchaus unerklärlich und ilu' Vorhanden- 
sein hätte von einem Architekten durch che allcrgenausteu 
Zeichnungen und Messungen enviesen werden müssen, um 
Glauben zu finden. Auf dem beigegebenen Grundrisse 
der Propyl.'ien sind aber nur vor dem Eingänge in die 
initere dorische Halle Stufenlagen angedeutet, welche leicht 
aus einer späteren Zeit stammen mögen. 

So wenig es auch möglieh ist, in den genannten 
Punkten die Ergebnisse der französischen Arbeit anzuer- 
kennen, so kann es doch andrerseits nicht fehlen, d.iss 
Lokaluntersuchungen, an ehiem so wichtigen Platze mit 



solchem Eifer betrieben, wie dankbar anerkannt werden 
soll, auf die alte Topographie neues Licht werfen, neue 
Fragen hervorrufen und die Wissenschaft fördern. Ich 
stelle kurz einige den Aufgang der Akropolis betreffende 
Punkte zusammen, auf die mich die Untersuchungen des 
Ilr. Bculi- hingeleitet haben. 

Der Burgaufgang, der clivus sacer von Athen, hiess 
7/ upodoi; denn so, als nomen proj)rium mit bestimmter 
ürtsbezeichnung erscheint das Wort bei Lucian Piscat. 42 : 
(og nXtjQijg ijdr] »/ (ivciöog Twi» lid^il^nfiiviov. Die Treppe, 
welche den oberen Theil der Anodos bedeute, hiess ufü- 
ßnOig. Das in der Pyloreninsehrift bei Ross (Demen von 
Attica S. 35) erwähnte igyov lijg üvnßüatiog bezieht sich, 
wie Beule richtig andeutet S. 129, auf eine Wiederher- 
stellung dieses Trep]>enbaus. Da diese Inschrift unter 
einer anderen steht, welche dem Jahre des Arehon Rhoi- 
metalkes Ol. 187, 4 angehört, so muss dieser Bau nach 
dem Anfange der Alleinherrschaft Octavians ausgeführt 
worden sein und zwar walirscheinlich sehr bald nach 
diesem Zeitpunkte, denn die auf der Inschriftsäule be- 
findlichen Inschriften gehören sämmtlieh einer Zeit an. 
Nun ist bekannt, dass sich an Octavians Besuch in Athen 
nach der Schlacht bei Actium eine Reihe freigebiger Gunst- 
envcisungeu anschloss. Die Inschriften des frülier soge- 
nannten Thors der neuen Agora, des auf der Burg dem 
Augustus und der Roma errichteten Gebäudes (C. I. 478), 
endlich das Denkmal des Agrippa lassen darauf schliessen, 
dass unter Octavians Princij)at mehr für Athen geschehen 
ist, als im Einzelnen überliefert worden ist. Das Posta- 
ment des Agrippa konnte nicht errichtet werden ohne 
einen Umbau der Burgtrej)pe und wenn der grosse Römer, 
Octavians guter Genius, welcher wohl auch an der Sinnes- 
änderung seines den Athenern aufiinglich mignädigeu 
Herrn Antheil hatte, gerade an cheser Stelle als Athens 
Wohlthäter geehrt wurde, so wird das doch nicht Will- 
kühr oder Zufall sein, sondern es liegt die Vermuthung 
nahe, dass die Errichtung des Agrippadenkmals mit der- 
selben Erneuerung der Marmortreppe in Zusammenhang 
gestanden habe, welche in der Pyloreninsehrift erwiihnt 
wird. Viel schwieriger ist die Frage, ob etwa die attischen 
Kuiifermünzen, welche den Aufgang zur Burg darstellen, 
mit einem in der Kaiserzeit ausgettihrten Neubaue desselben 
zusammenhängen und zur Erneuerung desselben geprägt 
sind; diese für die ganze Münzgeschichte Athens nicht 
unwichtige Frage bedarf einer besonderen Untersuchung. 

Wenn in älterer Zeit die Anodos der Burg mit in 
die Befestigung hereingezogen war, so konnte dies schwer- 
lich aus dem Gesichtspunkte einer bequemeren Vertheidi- 



203 



204 



giingsliuie hervorgegangen sein; denn die beste Mauerlinie 
blieb immer der obere Rand des Burgfelsen, den die Pro- 
pyläen spannten. Ein unteres Vorwerk konnte aber den 
wesentlichen Nutzen haben, dass es die Quelle am Ab- 
hänge der wasserlosen Burg, die Klepsytlra beim Paueion, 
in die Befestigungslinie einschloss. Das war die Absicht, 
in welcher Odysseus 1852 seine Bastion baute, die er auf 
einer Inschrift nQOfiuytütvdt. nriyalov vdaTog nannte (vgl. 
AVordsworth Athens ]i. 85) ; aas derselben Absicht waren 
die Fninkischcn Bastionen erbaut, die bis 1821 die Was- 
serader verschüttet hielten luid ein gleicher Zweck wird 
auch beim Baue des Enneajiylon vorauszusetzen sein, das 
mit seinen Mauereckcu den westlichen Burgfuss einschloss. 
Von der Burghöhe fiihrte eine alte Felstreppe von 47 Stufen 
nach der Brunnenkammer der Klepsydra, aber keine Treppe 
fülirte von hier m die Unterstadt, wie aus Pausanias deut- 
lich erhellt (I, 28, 4), wo er Klepsydra und Pelasgikon zu- 
sammen envJlhnt. Die Klepsydra erscheint auch in der 
Lysistrata durchaus als in den Bereich der von den Weibern 
raiUt.'irisch besetzten Burg gehörig. Der Jlauerzug des 
Enneapylon war zu Polemons Zeit nocli erkennbar, denn 
er bestimmt die Kapelle des Hesychos als fzToc Tför f'i'v*« 
nv}.(ov (Fragm. ed. Preller S. 92). Eine Befestigungslinie 
aber am Abhänge der Burg, wie ich sie bei der Veröffent- 
hchung meines Vortrages über die Akropolis von Athen 
annehmen zu müssen glaubte, gab es seit den Perserkriegen 



nicht mehr, sondern die grosse Freitreppe fiihrte unmittel- 
bar aus der Unterstadt auf die Höhe der Burg, welche 
durch des Muesiklcs Bauten als ein Temenos der Götter, 
als ein friedlicher, durch die äusseren Stadtmauern reich- 
lich gesicherter Sitz des Cultus und der gemeinsamen 
Bürgerfeste charakterisirt war. In der Lysistrata (v. 835) 
kommen wohl untere Wachposten vor, vrie sie zum Schutze 
des heiligen Aufgangs am Fasse der Trejjpe ausgestellt 
sein mochten, aber kein Dop])elthor. Auch bei der Be- 
lagerung durch Sulla war die Burg durchaus nicht im 
Stande ernsthaften Angriffen Trotz zu bieten; Sulla er- 
sparte sich dieselben, weil er wissen konnte, dass Aristion 
in wenig Tagen die Burg übergeben müsse. ' 

Was endhch den von Beule entdeckten unteren Theil 
der Burgtreppe und das denselben abschliessende Festungs- 
thor betrilft, so stehen diese Bauten mit den Anlagen und 
Gebräuchen der klassischen Zeit in Widerspruch. Die 
Neigungsliuie des alten Aufgangs ist unterhalb des Nike- | 
tempels gewaltsam unterbrochen. Thor und Thünne sind 
dergestalt aus antiken Bruchstücken zusammengesetzt, dass 
man sie den beiden ersten Jahrhunderten unserer Zeit- 
rechnung nicht zuschreiben darf; es bleibt also nichts 
übrig, als ihre Entstehung m die byzantinische Zeit zu 
setzen; sie sperrten den hellenischeu Prozessionen fiir 
inuner den Zutritt der Burg, die ein christliches Heilig- 
thum geworden war. E. Curtius. 



III. Allerlei. 



83. Kairos. In meinem Aufsatze über den Kairos 
des Lysippos (Bericlite der königl. sächs. Ges. d. Wiss. 
1833 p. 53) Iiabe ich aucli ein Türmer Itclief erwähnt, 
sowie ein demselben nahe verwandtes, das Lupoli (iter 
Veüus. p. 49) herausgegeben hat. Auf diesem ist ein 
hurtiger Mann dargestelU, an Schultern und Füfseii ge- 
flügelt, der mit der Rechten eine Wagscliale berührt, 
mit der Linken einen Glol)us mit einem Stern hält, auf 
dem der Wagebalken ruht. Uuter der Wage steht eine 
jugendliche Herme mit einem Tliierfell über dem linken 
Arm, deren ausgestreckte Reclite die zweite Wagschale 
unterstützt; davor steht ein Gefäfs, aus dem Flammen 
aufschlagen. Unter dem Relief stehen nach Lupoli die 
Worte ^UEYJE BP^JEfi^, auf welche er seine ab- 
surde Erklärung begründet. Ich hahe (lefslialb und weil 
Lupoli als ein Fälscher bekannt ist, Verdacht gegen diese 
Inschrift geäufsert. Ich wufste nicht, dafs Herr v. Kühne 
in den memoires de la societe imp. d'archeologie VI 



Taf. 14, 8 aus der Sammlung des Hrn. v. Montferrand 
ein Relief puldicirt hat, welches mit dem Lupolischeu so 
genau übereinstimmt, dafs man kaum zweifeln kann, dafs 
sie beide identisch sind. Leider erfahren wir nicht, wo- 
her es in diese Sammlung gekomjnen ist, die aber in 
Italien zusammengekauft wurde, sowie «ir wissen, dafs 
die Sammlung in Tripalda, in welcher Lupoli es sah, 
seitdem zerstreut worden ist. Das Petersburger Relief 
ist an der einen Seite verstümmelt, so dafs der rechte 
Arm der Herme fehlt; auch die Inschrift ist nicht da, 
wodurch mein Verdacht gerechtfertigt erscheint. 

Otto Jahn. 
84. Atalanta und Helena. In dem dreizehnten 
Programm zum Berliner Winckelmannsfest (zur Erklärung 
des Plinius, von Panofka 185."i) wird auf Gnnidlage einer 
Stelle des PUnius der Versuch zur Erniittclung der Dar- 
stellung zweier in dem schon in alten Zeiten zerstörten 
Tempel unversehrt gebliebenen Wandgemälde gemacht, 



205 



206 



von «clclicm das eine die Atalanta, das andere die Helena 
zum Gegenstand gcliabt habe. Die betreffenden Worte 
des Plimus, XJ<.XV, 3, 6, lauten: „Exslunt cerle hodleqite 
untiqtüores Urhe picturue Ardeue in aeiUbns savr'is, (juitnis 
cqiüdem nullas ucqiie miror, tarn htiujo uevo ditruntes in 
nrhituU: tccti vdut recenles; similiter Lannvi, %ibi Ata- 
lanle et Helena commimis piciae sunt nuduc uh eodein 
arlißve, ntriupie escellenlissima forma, sed ullera nl vlrifo, 
ne riiinis (j)iidem lempli concussae; Guius piinceps lot- 
lere eas conuixis csl libidine accensus, si teclori nulura 
permisissel ." Man «ird dem Seharfsinn inid der Gelehr- 
samkeit, mit ^^■eleher Ilr. Panofka dureli Nachweisung ent- 
sprechender Darstellmigen auf noch vorhandenen Monu- 
menten nachzuweisen hemiiht gewesen ist, gern Gerechtigkeit 
widerfahren lassen, ohne jedoch die Akten in dieser Sache 
als abgeschlossen ansehen zu köinien, da die versuchte 
Nachweisung auf Voraussetzungen beruht, welche nicht 
nur eines Grundes entbehren, sondern an sich selbst schon 
als irrig erscheinen. Il;ilt man es überhaupt filr möglich 
sich aus der kurzoi und, wenn die Lesart richtig, nicht 
einmal klaren Schilderung des Plinius ein Bild von den 
beiden Heroinen zu entwerfen, so muss, wie auch ange- 
nommen worden, der Ausgangspunkt zun.-iehst von den 
Worten sed ullera iil virgo genounnen werden; hier be- 
gegnet man nun aber der nicht leicht zu entscheidenden 
Frage, welche von beiden Frauen mit diesen Worten 
bezeichnet werde. Hr. Panofka dagegen geht vielmehr 
von dem Umstände aus, dass beide Figuren als nackt 
bezeichnet werden und hat sich hierdurch wohl des Mittels 
zur rechten Einsicht in die Sache beraubt. Durch das 
alterthümliche Bild einer nackten, vor einem Kästchen 
knieeuden Atalanta auf einem Skarab.-ius, welche als solche 
durch unzweideutige Beischrift bezeichnet wird, verlockt, 
ist Hr. Panofka geneigt das Kniecn der Figur als das 
Maassgehende in der Darstellung anzunehmen und h;llt 
diese Auffassungsweise Tiir um so sicherer, als es ihm 
geglückt ist, was der angenommene Parallelismns der 
beiden Gemälde zu erfordern schien, desgleichen eine 
knieende, gleichfalls nackte Helena auf einer Gemme nach- 
zuweisen. Um die Darstellung letzterer, welche in der 
Situation nach einem genommenen Bade aufgefasst wird, 
mit dem Bilde iler Lanu\-inischen Helena in Zusammenhang 
zu bringen, werden des Plinius Worte altera iit virgn be- 
nutzt, und zwar so gedeutet, dass dieselben, auf Atalanta 
bezogen, für die andere Heroin die Annahme einer ent- 
gegengesetzten Darstellung rechtfertigen sollen, nämlich 
aU^lra ul mthens (rrficf fvo/un;, Ttleiu), welche als solche 
passend sei und durch das vor der Vermählung nach üb- 



licher Sitte genommene Bad bezeichnet werde. Was daini 
weiter an diese Combination angeknüpft wird, dass zur 
Charakterisirung der „sich als vermählend" dargestellten 
Helena von dem "Maler wohl der Brautgürtel hinzuge- 
fügt worden sei, unterliegt erst einer Beurtheilung, wenn 
jene Voraussetzung iils gcgrihidet angesehen werden muss, 
und kann, da sich diese nicht bewährt, übergangen werden. 
Abgesehen davon, dass eine niibens gar keinen Gegensatz 
einer virgo gegenüber bildet, und erstere, wenn sie nicht 
als solche durch irgend ein Attribut bezeichnet ist, nicht 
verstanden werden kann : kann die Bezeichnung virgo, 
weil sie als charakteristisches Merkmal zur Unterscheidung 
der beiden Hcroinnen dienen soll, bei der offen stehenden 
Wahl zwischen beiden nur auf Helena bezogen werden, 
da die Kunstdarstellung Atalanta als eine Vermählte in 
ihren Kreis aufzunehmen verschm;iht hat, umgekehrt aber 
bei der Helena verfahren hat, welche der Regel nach als 
Frau und nicht als Jungfrau erscheint. Wird aber hier- 
nach Helena mit dem Ausdruck virgo bezeichnet, so fJillt 
das ganze Gebäude zusammen, auf welchem die versuchte 
Vergegenwärtigung der beiden Bilder zu Lanm-ium auf- 
geführt worden ist, und das Dunkel der Stelle des Plinius 
bleibt uugehoben, ja dasselbe bleibt, wenn man auch an 
dem bisher gewonneneu Resultate festhalten will, dass die 
Worte sed altera ut virgo auf die Helena zu beziehen 
seien. Das Prädicat der Jungfr.'iuliehkeit kann der Helena 
nur im Gegensatz gegen ihre sonst übliche Darstellung 
als Frau ertheilt werden: dann musste aber der Schrift- 
steller, wenn er hoffen wollte verstanden zu werden, sich 
anders ausdrücken, etwa so dass er haec statt altera ge- 
schrieben hätte, in keinem Falle durfte er sich der Be- 
zeichnung eines Gegensatzes mittelst sed bedienen ; nach 
dem jetzigen Wortlaute wird die Helena der Atalanta 
gegcni'ibcrgestellt, und diese muss als Frau gedacht werden, 
wenn jene als Jungfrau. Sollte aber auch der schiefe 
Ausdruck auf Rechnung des von dergleichen Nachlässig- 
keiten keineswegs frei zu sprechenden Plinius gesetzt 
werden müssen, dann erhalten wir beide Heroinnen als 
Jungfrauen, und zugleich die Frage, wie dieselben, nackt, 
als solche haben charakterisirt werden kiinnen. Weder 
die Sagengesehiclite noch die bildende Kunst kennt die 
Helena als M;ldchen oder Jungfrau. Ob sie als Frau 
oder Jungfrau auf dem Gemälde zu Lanuvium erscheine, 
diese Unterscheidung wird man genüthigt ganz aufzugeben 
und sich mit der Ansicht begnügen müssen, beide weib- 
liche Figuren, Helena und Atalanta, mit allen weiblichen 
Reizen der Jugend und Schönheit ausgestattet anzunehmen, 
deren völlige Bloslegung im Stande war, den Kitzel eines 



207 



208 



Römischen Kaisers in noch so sp.'iter Zeit zu erregen. 
Beim Mangel jeder weiteren Ueberheferung erscheint es 
massig nach etwaigen Attributen zu forschen, mittelst 
welcher beide Frauen zur Charakterisirung und Unter- 
scheidung bezeichnet gewesen, zumal da für letztere schon 
durch Hinzutugung ihrer Namen nach alter Malersitte ge- 
sorgt sein konnte. Recht gut denkbar ist aber, dass die 
Helena, um von dieser wenigstens zu sprechen, als ein 
Musterbild vollendeter Schönheit und kürperhchen Lieb- 
reizes dargestellt war, für welches sie ja den .\ltcn galt '), 
und man würde nach den mannigfaltigen Beziehungen, in 
welchen sie zur Aphrodite stand'), nichts gegen die Ver- 
muthung emwenden können, dass sie vom Künstler als 
Aphrodite aufgefasst worden sei. Auch erscheint Helena 
in der Bronzestatue, welche Niketas iu Fabr. Bibl. Gr. VI. 
S. 412 beschreibt, nur als Ausdruck des höchsten weib- 
lichen Liebreizes, ohne sonstiges auf ihre historische Person 
bezügliches Attribut, nur mit einem durchsichtigen Chiton 
bekleidet, durch ihre Schönheit die Sinne der Beschauer 
unwiderstflüich bezaubernd. Nichts von dem bisher Be- 
merkten vennag aber die Stelle des Plinius vollständig zu 
erklären, oder zu rechtfertigen, so dass man geneigt wird 
an eine Verderbung der Worte zu denken. Folgendes 
bietet einen Vorschlag dar, welchen wir einer unbefange- 
nen Beurtheilmig desjenigen Forschers anempfehlen, welcher 
zu dieser Bemerkung die Veranlassung gegeben hat. 

Von der Helena wenden wir uns zur Atalanta. Die 
\orstellung, welche sich die Alten von derselben machten. 
Läuft auf eine spröde Jungfrau von mämilichem Sinn und 
mäuidieher Sitte hinaus, und dass dieser Charakter auch wohl 
von der bildenden Kunst durch eine entsprechende, mehr 
männliche als weibliche Darstellung der Körjierfornien 
auszudrücken versucht worden sei, darf vermuthet werden. 
Wollte man diese beiden Eigenschaften, die ethische so- 
wohl als physische, mit einem Worte bezeichnen, so war 
das dafür geeignete mistreitig virago, und wirklich wird 
Atalauta mittelst dieses Namens charakterisirt, unter Be- 
ziehung auf die Eifersucht, mit welcher sie ihre Jung- 
fräulichkeit zu bewahren bemüht war. In den Veronesi- 
scheu Schollen zu Verg. Aen. XII, 468 lesen wir: „has 

') >acli Sicsichoros bei Schal. Eur. Orcsl. 1274 schreckte die 
ausscrorilenlliche .Schönheit der Helena diejenigen ali, welche sie zu 
steinigen im BegrilTe waren. 

') S. Creuzcr Auserw. unedirle Thongefiisse S. 15. 



virugiiies dicimus . . . qualis in tragoediis Atalanta tra- 
ditur." 'Wenn hier das M'ort nur in etliischer Beziehung 
gebraucht wird, so wird die körperliche Beschaffenheit 
ohne Zweifel bei Plautus Merc. H, 3, 79 angedeutet; „emcro 
matri tuae ancillam viragincni aliquam non malam, forma 
mala — aut S\Tain, aut Aeg^-ptiani." Auch ist in den 
meisten bildlichen Darstellungen der Atalanta ein Charakter, 
der mehr männUchen Formen anstrebt, nicht zu verkennen, 
was unzweideutig auf dem Etruskischen Spiegel bei Gerhard 
Taf. CCrV hervortritt, wo Atalanta, bis auf einen schmalen 
Gürtel ganz nackt, im Kampfe mit dem Peleus ringend 
dargestellt ist. Es dürfte hiernacli der Vorschlag, bei 
Plinius die Lesart virgo mit virago zu vertauschen, so- 
wohl in der Leichtigkeit der Aenderung als in der Sache 
selbst hinlängliche Begründung finden. 

Giessen, im April 1854. F. Osann. 

8.5. DoLOMEDES. Bekanntlich hat Braun (Bull. 1838 
\). 13) die Deutung der beiden Vasen, welche ein Opfer 
einmal mit der Inschrift AIOMEAE^, das anderemal 
mit der Beischrift APXENAVTHZ: vorstellen (Gerhard 
auserl. Vasenb. 155), auf die Nachricht bei Natalis Comes 
mjth. VI, 8 gegründet, Jason sei früher Diomedes genannt. 
Ergiebt dort an, der Satz cum prius Diomedes nominarclur 
finde sich noch nicht in der Venedig 15G8 erschienenen 
Ausgabe, sondern erst in der Frankfurter vom Jjilir 1584 
und verdiene also um so mehr Glauben, da es ein aus 
neuen Forschungen hervorgegangener Zusatz scheine. Allein 
in der Venedig 1581 gedruckten Ausgabe, von der jene 
Frankfurter nur ein Nachdruck ist, heisst es cum priiis 
Dolomedes nominaretiir; und da auch die von Sylburg 
besorgte Frankfurter Ausgabe von 1596 ebenso liest, so 
kann man nicht zweifeln, dass Diomedes nur auf einem 
Druckfehler beruht, und alle darauf gegründeten Combi- 
nationen zusammenfallen. Woher Natalis Comes den 
DoJomedes genommen habe, ist eben so wenig nachzu- 
weisen. Otto Jahn. 



Druckfehler. 

In no. 60 der Denkm. u. Forsch. (Inschrift von Tyras S. löl 11.) 
ist S. 162 Z. 14 und sonst durchgangig Tyrnner statt Tijrener zu 
lesen; S. 166 Z. 10 lies (/h«]i/ii«, Z. 16 derrcln, Z. 18 ihre stall 
seine. Auch ist in no. 61 6'. S. 182 Z. 22 Die, ebd. Anm. 15 Z. 4 
Rru.ilflücl; U\r Jinuhslürk zu lesen. 



Hiezu Tafel LXIV: Phryyucher Sonnengott, Thonfujur im kgl. Museum zti Bertin. 



Herausgegeben von E. Gerhurd. 



Druck und Verlag von G. Reimer. 



209 



210 



DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 



J\S 65. 



Archäologische Zieiltmg, Jahrgang XII. 



Mai 1854. 



Phrygische Götter zu l'ti'id. — Blcifigürclien vom Menelaioii. — Allerlei: Mithrischer Pferdekopf; AnJroineda; Niobi- 

dcngrupije; Demokopos, auch Myrilla (Theater zu Syrakus). 



I. 

Phrygische Götter zu Pferd. 

Hiczu die Abbildung Tuf. LXV. 

Ww iederliolte Belracliliing des auf der vorii;en 
T.nfel dargeslelllen GiiUerliilds fiihrl unsnocli inanclie 
Parallelen herbei, welche der Möglichkeit einen 
Mithras oder Lnnns in ihm zu erkennen sich an- 
reihn. Nanienliich wird der Kreis der hieher zu 
ziehenden asiatischen Giitlergeslalten wesentlich er- 
weitert, wenn wir uns der auch im griechischen 
Helios ') dann und wann nachgebildeten Vorstellung 
reitender Sonnengötter erinnern, die theils 
auf Stiidtemünzen des nördlichen Asiens, theils viel- 
leicht auch sonst noch für uns nachweislich sind. 
Obenan ist hier, auch wegen daran bereits ge- 
knüpfter gelehrter Untersuchung, das aus einer 
Kaisermünze von Traiiezunl (no. 1) bekannte Bild 
eines mit phrygischer Mütze bedeckten und dem 
gemäss bekleideten bartlosen Gottes zu T'ferd zu 
erwähnen, der einem brennenden Altar zugewandt 
ist; seitwärts wird ein Baum, unten eine Schlange 
bemerkt^), üechts und links von je einem ]ihry- 

') Helios zu Boss: Ghd. Alih. Lichlf:otllieilcn T^if. IV, 1 (Etr. 
Spiegel I Taf. 72); vgl. Müller llandb. §. 400, I. 

') Erznjünze von Trapczunt mit der lahresangabe LT. I'NK (155) 
und dem Bildnisskopfe des Elagabal als Revers, nach ungenauem Vor- 
gang Scstini's (I.elt. num. VII p. 36 tab. I, 13) gclebrt behandelt 
KOn Streber (nnmism. gr. lab. II, 10 p. 10911.); vgl. Mionnet Suppl. IV 
p. 458 no. 417. Aelinlicb ist der durch Sirahlenverzierung der phry- 
giscben Mutze eigenthümliche Typus einer dorligen Münze des tara- 
calla: Miunn. Descr. II p. 356 no. 139. Suppl. IV p. /i58 no. 416.— 
Die Vorstellung der Schlange, den Milhrasbildera entsprechend, lässl 
aus andern Exemplaren sich vielleicht noch genauer bestimmen. 

') Milhrischc Ueliefs: Müller Handb. §. 408. 7. 

') PUilarch. I'ompei. cap. 24. 

''i Diese Strahlen sind auf dem trapezunlischen Münztypus 



gisch bekleideten Knaben, mit niedergesenkler und 
mit erhobener Fackel, ohne Zweifel den Dämonen 
auf- und niedergehenden Lichtes, Lud [er und 
Itesperus , begleitet und an eben deren Erschei- 
nung auf römischen jl/<7/i!?Y/*bildern ^) erinnernd, 
liisst diese, dem jugendlichen persischen Sonnen- 
golt auch sonst wohl entsprechende, Gestalt um so 
mehr im Sinn des von l'crsien aus über Armenien 
und den Pontus nach liom gelangten^) Milhras 
sich deuten, weim die sein Haupt bedeckende Tiara 
oder iMilhra mit Strahlen heselzt ist^j-, aber auch 
ohne diese, in unsrer Zeichnung nicht sichtliche, Zu- 
tlial unterscheidet sich dieser Münzlypus von dem 
sonst ganz ähnlichen andrer nordasiatischer Städte, 
deren reitender Lichtgolt laut einer ihm beigefugten 
Mondsichel nicht sowohl auf den mehr solarisch 
gefassten persischen Mithras als auf den, zwar fast 
gleichgeltenden "), weibischen oder zwitterhaften, 
Mond- oder Monatgolt des nördlichen Asiens — 
Men, Mensis, Liinns ') — gedeutet sein will. Die 
ISamen zahlreicher Städte — Phrygiens, Bilhyniens, 
Thraciens, ferner Pamphyliens, Pisidiens, Cöle- 
syriens — auf deren Münzen sich jener reitende 
Lunus findet, lassen nach Strebers") Vorgang sich 

(Aiim. 2) vielleicht durchgängig vorauszusetzen, nach Streber a. <l. 
p. 185. 

') Den Salz, demu Ijunum iipud 'l'rnpeznntios esse cunilcm 
ac nlibi deittn Mitlirnm, führt Streber p. 174 IT. gelehrt aus, in- 
dem er insonderheit den über den Pontus gegangenen Weg (Anm. 4) 
des Mithrasdienstes, die Unzulänglichkeit spälrömischer Bildwerke 
für dessen gründliche Kennlniss, die Idee männlicher sowohl als 
weiblicher .Mundkrafl und das der persischen Sonncngnilheit (Mithras 
und Millira Herd. I, 131) bezeugle Doppcigeschiccht, den Androgynis- 
nius des Lunus, endlich die Mannhafligkeit der Anaitis und Des 
Comana in Anschlag bringt. 

■) Men, Mensis, Lunus: Müller Handb. §. 400, 2. 

*) Lunus zu l'ferd mit Mondsichel daneben: diesen Typus be- 
legt Streber (a. 0. p. 171 (T.) durch Münzen von Jnliopolis Bithyniac. 



211 



212 



leicht zusammenstellen; diese Beispiele sind über- 
dies leicht zu vermehren, sobald man aus andern 
phrygischen Münzen, namentlich der Städte Eume- 
nia ') imd Hierapolis '"), die ganz ähnlichen Dar- 
stellungen einer vermeintlichen Amazone hinzufügt. 
Indem wir jedoch einen dieser lelztgedachten Münz- 
lypen anbei vorlegen (no. 2), bietet ein für Lunus 
sonst nicht übliches Attribut zugleich den Grund 
warum man ihn mit einer Amazone verwechselte, 
und einen für die Charakteristik jener Gottheit 
eigenthümlich merkwürdigen Umstand dar. Jene 
reitenden Figuren des Lunus, deren Ross nach 
der Analogie sonstiger Sonnen- und IMondrosse ") 
Niemanden so leicht befremden wird, sind in ihrer 
rechten Hand mit einem Beil oder einen Hammer yer- 
sehen, welcher nun unsre Erklärung heischt. Durch 
die Analogie des Feuergottes Hephästos und seiner 
Kabiren ist diese Erklärung sehr nahe gelegt; wir 
vermögen aber dasselbe Attribut auch durch das 
merkwürdige Relief einer Erzplatle des künigl. Mu- 
seums zu Berlin '*) zu bestätigen welches, als no. 3 
dieser Tafel abgebildet, aus dem Bilderkreise des 
Lunus in den des Mithras uns zurückführt. 

In diesem rälhselhaften Bildwerk sind nun 
allerdings, wie im bis hieher erörterten Typus der 
von der Mondsichel und auch wol von mithrischen 
Sonnenstrahlen begleiteten Lanusgestalten, Bilder 
der Sonnen- und Mondgoltheil, nämlich an beiden 
obersten Ecken des Bildes, zugleich mit zwei auf 

Sillyimi Paniphyliae, Sagalassus Pisidiae und Laodicea Coelcsjriac. 
Dazu kommt Aicopolis Thracine (Bildnisskopf der Crispina, 11, 
reitender Lunus mit pbrygiscber Mütze: liei Mionnet Descr. des med. 
Suppl. 11 p. 347. mit Verweisung auf Vaillant num. gr.) ; willkürlicli aber 
erscheint, hei Vergleichung des in der Kgl. Münzsammlung belindliclien 
Exemplars, Scstini's Voraussetzung, dass aucU die Reilcrfigur ohne 
Tiara auf Münzen von JiiUa Phrygiae (Sest. Lett. VI, 70 lav. 111, 7. 
VIII p. 102. Mionnet Suppl. Vll p. 570 no. 403. Nero) einen Lunus 
vorstelle. 

') Eiimenia Phryniiit: Münze des Marc-.\urel, als Revers eine 
reitende Amazone: Mionnet 111, 29i no. 571. Abgebildet nach einer 
Mionnelschcn Paste auf unsrer Tafel no. 2. 

'") Hierapolis Plinjijine. Auf den Münzen dieser Stadt lindet 
Lunus sich auch stehend (Mionn. 111 p. 298 no. 594) und kann um 
so füglicher in den gleichfalls |]brygiseh bekleideten reitenden Figuren 
erkannt werden, die man wegen des von ihnen gehaltenen lieils als 
.\mazone bezeichnet; so bei Mionnct 111 p. 298 no. 592 imd ebd. 
Suppl. Vll p. 568, 374 (letztere nach Harn. Cat. Dan. I p. 28C, 2. 
Umschrift leQccnoliirtov). Als reitendem unbärtigem Lunus bietet 
demnächst der in eben jener Stadt mit der syrischen Gültin zugleich 



Morgen und Abend bezüglichen Sternen '') ver- 
knüpft. Es ist auch hier ein Reiter zu Pferd, mit 
pbrygiscber Mütze bedeckt, zu sehn; doch zeigen 
uns mehrere unverkennbare Andeutungen, dass 
wir mit dem Dienste des Mithras vielmehr als des 
Lunus, und zwar mit der furchtbaren Seile jener 
Gottheit hier zu thun haben. Auf ursprünglich per- 
sischen Dienst deutet zunächst die das Bild jeder- 
seits begrenzende Cypresse'*); aus jedem dieser 
beiden drängt je eine Schlange einer ihr gegen- 
über befindlichen andren Schlange sich entgegen, 
so dass beide Schlangenleiber mit ihren Köpfen in 
einem Lövvenkopf zusammentrelTen, welcher die 
obere Mitte der Darstellung bildet. Unterhalb 
dieser schreckbaren Einfassung ist nun als Haupt- 
figur ein reitender Gott zu erblicken, der durch 
Pferd und Mütze den obigen Bildern des Lunus, 
durch schreckbaren Ausdruck aber und bärtiges 
Antlitz vielmehr dem Thierbäudiger des Thonbilds 
aus Calvi (Taf. LXIV, 1) vergleichbar ist; über ihm 
scheint ein kleiner Altar angedeutet'^). Kurzbe- 
kleidel, und unterwärts, wie es scheint, eher mit 
einem Fussring als mit Beinkleidern angethan, eilt 
er auf sprengendem Pferd und mit geschwunge- 
nem Beil, über die ausgestreckte Figur eines be- 
kleideten Mädchens hinweg, einer verschleierten 
Frau entgegen, welche mit ausgestreckten Händen 
vergebens um Gnade bittet; linkerseits scheint ein 
ganz ähnlich bekleideter, dabei gegürteter. Mann, 

verehrte bärtige Sonnengott Apoll (Lucian. de dea Syria cap. 35) zu 
nah liegender Vergleichung sich dar. 

") Hephästischcr und Kabirenhammer: Müller llandb. §. 367. 
3. 395, 5. 

") Aus Rom herrührend, abgebildet in den Monunienti dell' 
Instiluto (IV, 38, 1); der von Lajard dafür beabsichtigte Text wird 
m dessen auf jene Tafel bezüglicher Abhandlung (Culte du cyprcs: 
Ann. d. Inst. XIX, 34 ff.) vergeblich gesucht, steht aber vermuthlich 
bei nah bevorstehender Herausgabe derselben weiter ausgeführten Ab- 
handlung [oder im Text seines Werks über Mithras] zu erwarten. 

") Wie andremal Lucifer und Ilesperus persönlich, auf niithri- 
schen Reliefs nicht weniger als auf der oben besprochenen trapezun- 
tischen Münze no. 1 unsrer Tafel. 

") Worülicr Lajard in der vorgedachten (Anm. 12) Abhandlung 
ausführlich gehandelt hat. 

•'') Dieser an der Stelle des Luftraums doppelt autfällige O- 
gensland lässt auf den ersten Blick auch als Säulenslück oder (woran 
jedoch die acht Streifen hindern) als siebenröhrige Syrinx von vicr- 
eckler Bildung, wie dann und wann in apulischen Vascubildcrn 
(Neapels Bildw. 1, S. 285), sich fassen. 



213 



214 



der in der erhobenen rechten Hand Stab oder Fackel, 
woneben ein Widiierkopf, hält, in seiner Linken einen 
menschlichen Scliätlel zu tragen, wiiiirenrl rechts eine 
ähnh'che dienende Figur ein Füllliorn oderTiinkhorn 
erhebt. Unten aber, wo mit vorgestreckten Hän- 
den, die oberhalb eines Tischchens einen Fisch und 
vor ihm ein Mischgefiiss berühren, jenes von Pler- 
deshuf eben getretene Mädchen liegt, deutet nach 
allem Anschein'") eine an ihren Füssen haftende 
Fischhaut symbolische Gebräuche uns an, welche, 
wie hier im Geschöpfe des Wassers, so noch liefer 
unten in Widder und Stier, (jann in einem Wasser- 
vogel, jenen Bezug des menschlichen Individuums 
auf die Mehrzahl der Elemente darstellen sollten, 
der aus den verschiedenen Stufen mithrischer 
Weihe samt Kriobolien und Taurobolien '^) auch 
sonst bekannt und auf diesem Bild auch im erst- 
gedachlen Löwen- und Schlangensymbol nachweis- 
lich ist. 

Es ist sehr zu bedauern, dass Felix hajard, 
dessen umfangreiche Kenntniss orientalisciier und 
occidenlalischer Denkmäler des Mithrasdienstes '") 
zugleich mit Zoega's Erforschung metroisch-phry- 
gischen Dienstes '") erforderlich wäre um in das 
volle Versländniss dieses seltsamen Bildwerks ein- 
zudringen, die früher von ihm beabsichtigte Erklä- 
rung desselben bis jetzt nicht verölTentlicht hat. 
Indem wir der HoiTnung nicht entsagen, dass eine 
solche von seiner Hand noch erfolgen werde, be- 
gnügen wir uns für den gegenwärtigen Zweck zwei 
Thatsachen hervorzuheben, weiche /.ugleich aus 
dem- unheimlichen Ritual asiatischer Superstition 
in die gewohntere und wiilkommnere Mitte helle- 
nischer Anschauung uns zurückzuführen verheissen. 
Augenfällig ist zuvörderst im furchtbaren Licht- 
gotte dieses Bilds die Ideenverwandtschafl ge- 
fürchteter Gluth und nah drohenden Todes"); wie 
Helios und Ilephüstos mit Hades in Wesen Sage^') 
und Tracht"*) einander berühren, liesse hienächst, 
von Ephyra und Lemnos her, zu manchem Vortheil 

'"■) ncr Zeichnung in den Mon. d. Inst, gemäss [; erneute Prü- 
fung des Originals lüsst jedoch eine Lampe erkennen]. 

'^ Leontika und Taurobolien: Creuzer Symb. I, 289. II, 386. 

") Dargelegt im grossen und unscrn Landslciiten wo! nicht 
hinlänglich bekannten Werk: Itcchcrches sur le culle de Mithras (I8'i7). 

") Zoega Bassirilievi I, 13. 14 p. 45 ff. 



unsrer Erkennlniss des griechischen Götlerwesens, 
sich weiter ausführen. Sodann aber ist dieser, von 
Tliier- und Menschenschädeln umgebne, berittene 
Licht- und ünterwcltsgott auch mit dem Todes- 
schergen Charon zu vergleichen, den wenigstens 
die neiigiiechische Vorstellung gleichfalls als Reiter 
kennt'') und den auch in älterer Zeit so zu denken 
wir nach dem vorliegenden Bild uns leichter enl- 
schliessen dürften. E. G. 



Noch ehe der vorstehende Aufsatz zum Ab- 
druck gelangt war, setzt Hrn. Lajard's freundschaft- 
liche Mitwirkung uns in den Stand, auch dieses hier 
besonders spruchfähigen Forschers Ansicht, sowohl 
über das eben beschriebene Erzreiief der vorliegen- 
den Tafel als auch über das im vorigen Stück 
dieser Zeilschrift besprochene merkwürdige Thon- 
relief (Taf. LXIV, 1) hienächst beizubringen. Von 
dem Bezwinger wilder Tliiere anhebend, welcher in 
diesem letztgedachten Relief dargestellt ist, äussert 
Hr. Lajard in einer an mich gerichteten Inschrift 
aus (Tours, 19. April d. J.) sich folgendermassen. 

„Je n'ai jamais rencontre, dans ines perquisitions, une 
figiire semblable m meme analogue a Celle que rcpresente 
cette terre cuite. Je crois meme que les grandes ailes 
dont eile est pourvue cocstituent un fait nouveau dans la 
sc'rie des figures vetues du costume phrygien ou barbare. 
Apres inure reflexion, je pense que cette figure ailue est 
ime iuiage du dieu qu'adoroient Ics Phrygiens, comme 
les Syriens, et qui s'identifie tout "a la fois avec IV'poux 
saus nom de la deesse Dea Syrla, avec Bclus, Cronos, 
Dagon, Ilcrmes, Apollon ou Helios, Zeus etc." 

„La terre cuite du musee de Berlin semble notis re- 
porter a l'image de ce dieu solaire asiatique que Lueien 
ou l'auteur quelcouque du traite de Den Sijria avoit vu 
tlans le tcmple de la deesse dea SjTia a Hierapolis et qu'il 
dösigne sous le nom d'Apollou, en fiiisant remarquer que 
ect Apollon est hurhu. Les deux lions que votre dieu 
alle et barhu tient par le cou, im de ehaque niaiii, me 
jiaroissent etre un arguuieiit decisif en faveur de moii 

'") Nachweislich im Zeus- und Apollodiensl : (Ghd. Hylh. §. 199. 
12. 309, 2). 

") Rinderherden zu Thrinakia (Od. XII, '262) und Erjtheia 
(Apd. II, 5, 10). 

") K. F. Hermann, die Hadeskappc, Gottingcn 1853. 

") Furlwängler der reitende Charon. 1850. Ghd. Mvtb. §.576 



215 



216 



opinion, surtout lorsque je rapproche de la terre cuite du 
uiusL-e de Berlin un grand broiize de Faustine, frappe ;i 
Tarse, qui, au revers, uous offre une image d'ApoUon 
bien certainement imitee d'un modele asiatique, mais mo- 
difiee selon les idees et le gout des Grecs. J'ai donne un bou 
dessin de cette belle nu'daille dans mes Rccherches stir Venus, 
1)1. V, no. 1. lei Apollon n'a ni barbe, ni bonnet recourbe, 
iii habillemcnt jihngien; mais il est vu de face, et il tient 
de chaque main un ])ctit quadrupede suspendu par les 
pattes de devant. De jilus, Vomphalos qui sert de piijdestal 
il cette figure est flauque, de chaque cütii, d'une protome 
de taureau; et Apollon est du nombre de ces divinites 
qui ont pour sjiiiboles simultanenient un taureau et un 
Hon, QU stiparement et alternativement tantot un taureau, 
tantut un lion. Nous en avons la preuve sur un petit 
Ijrouze d'Augustc, frappe a Philadelphie de Lydie, et offi-ant, 
au revers, une image d'ApoUon qui, une patere dans la 
main droite, comme 1' Apollon des monnaies d' Alexandria 
Troas, est place debout sur un lion et tu de face. Ce 
petit bronze est reproduit sous le no. 2 de la pl. IH B. de 
mes Recherclies sur Venus. Je n'ai pas sous la main les 
Mem. de VAcad. des inscrijillons, et je nc mc rappeile pas 
ce que Mr. Ilaoul-Rochcttc a dit de ce petit bronze dans 
la 2e. partie du tome X^^I. J'ai notü seulement qu'il en 
parle aux pages 211 et 212. Si, comme vous paroissez 
dispose "a le croire, on doit rapporter aux Sabazies pbry- 
gieuues la terre cuite du musöe de Berlin, je me per- 
mettrois de dire que, dans ce cas, il faudroit reconnoitre 
dans le dien qu'elle rcpreseute, jioii Diomjsos-Zayreus, ni 
Mithra (qui n'a jumais cte figure avec une barbe), mais 
le Zeus Sabazkis, qui ri''j)ond au Bc'lus des Syriens et 
des Assyriens, ä l'Ormuzd des Perses et au second des 
trois Soleils des S\Tiens '-)." 

„Cette assirailation justifieroit le rapprochement que 
forcement vous avez ete oblige de faire entre la terre 
cuite dont il s'agit et la plaque de bronze [LXV, 3] dout 
vous me parlez. Car, "a mes yeux, il y a identitö entre 
le dien que represente cette terre cuite et le dieu ;i cheval 
grave au milieu de la plaque de bronze. Ilemarquez, je 
vous pric, que la bipenne, ou le marteau a deux cotes, 
est place non seulement a la main de ce dieu equestre et 

") »Voycz, je vous pne, ce que dans la 2e partie du tome XX 
des Mem. de CAcaiL des inscr. j'ai dit de ces trois Soleils, ii 
l'occasion du ctliibre autcl polinyrcnien, ;i quatre faccs, du Vatican." 

") „Vous vcrrez ce que j'ai dit au sujct des Aniazones dans le 
tome XX, 2e partie, citc ci-dessus." 

"J Der, wie Hr. Lajard oben bemerkt, ungenannte eigentliche 
Beisitzer der syrischen Lowengotlin war von Stieren begleitet und 
ist bei Lucian (de dca Syr. cap. 31) mit derselben zugleich erwähnt, der 



a la main du Zeus Labrandeus et du dieu Lunus, mais 
aussi a la main de la Venus assyrienue ou phenicienne 
que rej)resente le grand bas-relief decouvert-a Yazili-Ka'ia, 
voyez Rech, sur Feims, pl. II; — et ajoutez la Venus 
equestre figuree au revers d'une jolie med. de Commode, 
frappee a Gabala (SjTie) Rech, sur Venus, pl. V, no. 5, 
par j\Ir. Ch. Texier, et "a la main des Amazones, qui 
sont certainement des initiees aux m^'steres de cette deesse '^). 

„La hlpenne est aussi placee a la main de Sardanapale 
sur les med. auton. de Tarse. Voyez Rech, sur Venus, 
pl. rV', no. 9. 

Dans la uouvelle et complete edition de mes itccft. 
siir le cuite du cypris, j'ai place de nouvelles observatious 
sur la plaque de bronze; mais je me suis reserve de parier 
aiUeurs, en detail, de la scene d'initiatiou qu'elle represente. 
Ce sera dans le cbapitre de nies Rech, sur Mithra, oii je 
traite de Timportation du cuite et des mysti-res de ce dieu 
dans l'Asie Mineure; non que je rapporte votre plaque 
a ces mysteres de Mithra, mais parce qu'elle concourt a 
montrer que ceux-ci trouverent, dans l'Asie occidentale, 
des mysteres deja etablis, qui, comme les mysteres de 
^lithra, derivoient d'une source primitive et unique, les 
mysteres invcntes par les Chaldeens d'Assyrie. — — 

Auf einem Gebiet in welchem Hr. Lajard so 
ungleich heimischer ist als ich dessen mich rühmen 
kann, bleibt die so erörterte mehrfache Verschieden- 
heit seiner Ansichten von den meinigen mir doppelt 
beachtenswerlh; den syrischen Apoll würde ich 
weniger in Anschlag bringen, da er der eigentliche 
Besitzer der syrischen Göttin nicht ist ^*), kann aber 
die Benennung eines sabazischen Zeus oder Dionysos 
statt der von mir vorgeschlagnen des Zagreus für 
das Thonrelief unsrer vorigen Tafel mir um so eher 
gefallen lassen, da beide Benennungen mir früher- 
hin gleichgeltend erschienen^'). Uebrigens ist zu 
möglichster Vollständigkeit der hier angeregten 
Untersuchung auch noch der phrygische Askanios 
in Erinnerung zu bringen, dessen von ihm berittenes 
einen ärztlichen Schlangenstab haltendes VVunder- 
ross als Münzlypus von ISikäa'"*) nicht nur (no. 4), 

bärtige Apoll nach Beschreibung mehrerer andrer Göltergeslaltcn 
desselben Tempels erst später (cap 3.i). 

•') Zagreus und Sabazios bat als Doppelnamen des Dionysos 
auch Cicero (de nat. deor. III, 23 p Ü17); vgl. Ghd. Myth. §. .438. 
3«c. 457, 4. 0). 

•") Münze von Nikäa, laut der Umschrift Ynnov ßciorönoän 
Nixatiiov darstellend, nach Mionnet Suppl. V, p. 148, 861 pl. 1, 2. 
Klausen Aencas S. 129 Taf. I, 8 abgebildet auf unserer Tafel no. 4. 



217 



318 



sondern auch als ein der Stammmuller Roms, Venus 
Geniliix und Efjuestris, verwandtes, askanisclies und 
äneadisches Symbol aus dem Iiisiegel Julius Cäsars*') 
bekannt ist. E. G. 



II. 

Bleifigiirchen vom JVIenelaion. 

SenJsclireibcn an den Herausgeber. 
Hiezu die AbIjilJungcn Tafel L\V, no. 5 — 13. 

So eben fällt mir ein lange vermisstes Blatt 
in die Hand, welches Ihnen vielleicht für die Arch. 
Zeitung willkommen sein wird : die Zeichnung einiger 
der Bleifiguren, die in grosser Zahl am Sockel des 
Menela'ion bei .Sparta gefunden wurden. 

Erlauben Sie mir, Sie an diesen Fund, der 
auch Ihrer Aufmerksamkeit bei Ihrer Anwesenheit 
in Griechenland nicht entgangen ist, kürz zu er- 
innern. Am besten geschieht dies durch Wieder- 
holung der Worte, in welchen ich früher darüber 
berichtet habe '). 

„Die wiehtigste Ausgrabung in Sparta [im "VVmter 
1833. 34] wurde bei dem Meneluioii angestellt, auf den 
hohen Hügeln über Therapne auf dem linken Ufer des 
Eurotas, der Stadt gegenüber. Die Räume dieses Ge- 
bäudes, dessen Unterbau in Form eines Parallelogramms 
und von Nord nach Süd gestreckt noch vorhanden ist, 
scheint der Aufmerksamkeis früherer Reisender vorzüglich 
deshalb entgangen zu sein, weil sie, diu-ch Livius ver- 
leitet''), das Wort Mcuelaion für den Namen der Hügel 
hielten und dabei übersahen, was doch schon die Wort- 
form hätte lehren können, dass to Miftliiiov zunächst 
den von Pausauias in Therapne erwähnten Tempel des 
Menelaos nebst dem Grabe desselben und der Helena be- 
zeichne, und dass der Name erst von dem auf dem Rücken 
dieser hohen imd steilen Hügel gelegenen Monumente 
auf die letzteren übertragen worden sei '). Die Ruine 

") Sueton. Caes. 61 : uichntur nittcm cijuo insiijni pedihus 

prope humanis et in mutlum digitoritm imyulis fissis , 

cuius etiam instar pro aede Vcncris yetiitrlcis yoslea dedi- 
cavil. Vgl. Miilk'i- Handlj. §. 433, •->. Klausen Aen. S. 129. 7i6. 

') Im Intelligcnzblatt der A. L. Z. 1837, no. 47, S. 3ä9ir. 

'J Liv. 34, 28: — sub ipsas Menelnii montis radices. 

') Paus. 3, 19, 9: Mev£>.äov lailv (v air^ {Ösoänvn) 
vaös, x«t MiV^f.aov xcii 'E).{vr]V ivTcevO^cc ia</)^j'n< X(- 
yovatv. — ^ Polyb. 3, 18, 3: i!ie'ßai.e toTs xurcivrixQV jiji nöleco; 
i.o(fOis, xcä TtßQiifi, öiitöv i/iur 10 liletelriiov, i:t' ctvia; 



bot vor der Ausgrabung nur das Ansehen eines spitzigen, 
mit Gestrüpp überwachsenen Erd- und Steinhaufens dar, 
da die sehr weichen Poros-Quadcrn (näiQog), aus welchen 
der Kern des sehr hohen Unterbaus bestanden, grossen- 
tiieils an der Luft verwittert waren und sich in Erde auf- 
gelöst hatten; allein in der Ueberzeugung, dass hier das 
Menelaion zu suchen sei, liess ich längs der (kurzen) Nord- 
seite den Schutt abgraben, und fand die äussere Mauer 
des untersten Absatzes dieses Baus, aus grossen bis zu 
12 Fuss langen und 1% Fuss hohen Quadern von emem 
harten Conglomeratfelsen bestehend, in einer Länge von 
etlichen und sechzig und in einer Hübe von drei bis acht 
Fuss noch wohl erhalten. Die Mauer schien mit einem 
Gesinmis aus Marmorplatten von sehr emfachen Gliedern 
gekrönt gewesen zu sein, von denen sich einige am Fusse 
derselben fanden; der ganze Bau aber scheint aus drei 
stufenartig zurücktretenden Absätzen oder Terrassen be- 
standen zu haben, deren oberste Fläche, von etwa 38 und 
20 Fuss Länge und Breite, den eigentlichen Tempel trug. 
Eine umfassendere Ausgrabung erlaubten die Geldmittel 
nicht. — Jene Nordmauer nun des Unterbaues ruht auf 
einer etwa 6'/, ZoU vorspringenden Stufe; und auf imd 
an dieser Stufe lagen längs der ganzen Ausdehnung der 
Älauer unzählige kleme Bleipgurcn, einen bis zwei ZoU 
hoch: theils Männer, behelmt, mit mächtigen Helmbüschen 
und mit einem grossen runden Schilde, der den Leib vom 
Hals bis an die Knice bedeckt mid über dessen Rand 
oben und unten die Enden der Lanze hervorragen ; theils, 
in noch grösserer Zahl, Weiber mit einer ganz modernen, 
scharf angezogeneu Taille, die Kleider auf verschiedene 
Weise gestreift, carrirt oder mit erhöhten Tüpfeln (Muschen) 
geziert; theils endlich, aber in kleinerer Anzahl, Pferde 
mit oder ohne Reiter. Ausser diesen Figuren fanden sich 
auch kleine ringsum mit Strahlen geschmückte Ringe aus 
Blei, in unsägHcher Menge, und encUich noch, aber in 
geringerer Zahl, rihnliche Figuren aus Thon, grösstentheils 
von sehr roher Arbeit. Wenn nun cUese Ruine nach den 
obigen Nachweisungen fi'ir einen das Grab und den Tem- 
j)el des vergötterten ') Paares jMeuelaos und Helena um- 
fassenden Bau zu halten ist, so köunen die Blei- wie die 

züs LiftvxXa;. Vgl. ebendas. §.10; ferner 21, 1 und 22, 3. Mit 
diesem Menelaion, welches ja auch das Grab der Helena umschloss, 
dürfte nocU das Heiligthum der Helena identisch sein, bei Herodot 6,. 
61: 10 i»]j 'EXivTjg l^öv to 3' tari iv t;; BeguTirrj xaliv- 
/lü'ij, iJTtsnSe (also hoch gelegen) lov <poißtfiov tQOv. l'eber dies 
rbübäon vgl. Paus. 3, 14,.9 und 20, 1; Liv. 34, 38. 

■*) Icli sage vergöttert, nkht bloss heroisirt ; wenn auch ihre 
Vergötterung nur eine örtliche, nicht in den allgemeinen Glauben 
der Hellenen übergegangen sein mochte, sie also bloss dii privnti, 
nicht communes (Serv. ad Aen 8, 275) waren. Die Vergötterung 



219 



220 



Thonbilder nur Votirfiguren gewesen sein; wir erinnern 
dabei an die Erziihlung des Ilerodot von der Gemalin des 
Königs Ariston und Mutter des Demaratos, aus welcher 
erhellt, dass die Weiber durch die Verehrung der Helena 
Köqjcrschönheit und Liebreiz zu gewinnen hofften. Die 
Verehrung des Menelaos durch die Männer mochte, da 
fast alle hier gefundenen miinnUchen Bleifigureu im Waf- 
fenschmucii erscheinen, auf Tajjferkeit und Kriegsglück 
sich beziehen." 

Eine spätere Ausgrabung an derselben Stelle, 
im Beisein des Königs und der Königin von Griechen- 
des Menelaos beweist schon der Ausdruck vcto; bei Pausanias, da 
ein vaös nur Göltern zukommt, nicht blossen Heroen; die Gottheit 
der Helena Herodols T&lyttJljt*« — iij»" 9-e6v. Weitere Nachweise 
der Gottheit des Menelaos giebt Siebeiis zu Paus. 3, 19, 9. 

^) Griechische Königsreisen H, 13. 14. 



land, dauerte nur einige Stunden, und hatte nur 
zum Zweck, noch einige jener Figuren zu entdecken, 
die sich immer noch in reichlicher Menge fanden*). 
Auf dem beigehenden Blatte erhalten Sie eine 
möglichst treue Abbildung einiger derselben in natür- 
licher Grösse. Die Dicke der Figuren beträgt weniger 
als eine Linie, und nur die Vorderseite hat Relief 
und Zeichnung, die Hinterseite ist völlig glatt. Sie 
waren also nicht bestimmt frei zu stehen, sondern 
niu' angeheftet oder angeklebt zu werden. Es sind 
zwei Krieger mit Helm und Schild, zwei nackte 
Epheben, wovon einer zu Pferde, und fünf weib- 
liche Figuren. 

Halle, Februar 1854. L. Ross. 



III. A 1 1 

86. MiTHRiscHER Pferdekopf. Tüllcen hat in der 
Vorrede zu dem erklärenden Verzeichniss der antiken 
vertieft geschnittenen Steine der Kgl. Preuss. Gemmen- 
sammlung, Berhn 1835 S. XXXB'ff. die Aechtheit der 
berühmten Berliner Gemme mit dem Pferdekopf und der 
Unterschrift QI31 (oder vielmehr 3110) gegen Köhlers 
Zweifel vollständig nachgewiesen. S. XXXIX macht er 
daim folgende Bemerkung: „Bei der Formation des ^Mundes, 
der Nüstern, des Auges, der Stirn mid der Theile neben 
dem Auge muss ich es sogar glaublich finden, dass der 
Urheber dieser Gemme nach jenem Kopfe (des Pferdes 
der Nacht am Parthenon) Studien gemacht habe, was 
jeden Gedanken an einen modernen Ursprung, der bei 
solcher classischen Meisterschaft ohnehin Niemanden ein- 
fallen kann, vollends unmöglich macht." Die Aehnlich- 
keit beider Köpfe in den von Tölken bezeichneten Parthieen 
ist nicht zu verkennen, aber an Studien von Seiten des 
Gemmenschneiders am Pferde der Nacht bei einer solchen 
Ilöhe seiner Stellung gewiss nicht zu denken. Weit eher 
ist anzunehmen, dass sowohl Phidias als der Urheber der 
Gemme einen bestimmten Typus edler Rosse vor Augen 
hatten. Welche I{a(je gemeint sei, darüber scheint die 
oben mitgetheilte Unterschrift der Gemme I\1I& Auf- 
schluss zu gewähren. Sie deutet an, dass das Ross ein 
heiliges Ross des persischen Sonnengottes Mithras sei. 
Es ist also ein nisacisclics Ross, dessen Kopf wir sehen; 
denn diese waren nach Ilerodot YH, 40 che dem Sonnen- 
gotte der Perser geweiliten und zogen seinen Wagen. 
Wenn dies sich so verhält, so wäre die Vermuthung des 



r 1 



I. 



englischen Malers Ilayden (S. Goethe : Kunst und Alter- 
tlium II, 2. S. 93), dass das atheniensische Pferd in seinen 
Haupttheilen mit den ächten arabischen Ra^enpferden 
zusammen stimme, nicht begründet; denn nach Obrist 
Rawlinsons gewichtigen Nachweisungen (S. C. Ritter: 
Erdkunde Th. IX, S. 364) waren die nisaeischen Rosse 
turkomanischer Zucht, die sich selbst vor der arabischen 
auszeichnet. 

Jena. Goettling. 

87. Andromeda. Auf einer Gemme bei Ficoroni 
genimac litteratae Taf. HI, 5 sitzt auf einem Felsen neben 
einem Baum ein nacktes Paar. Die Frau stützt die Linke 
auf den Felsen und umfasst ihn mit der Rechten, ihr 
Blick ist nach unten hin gerichtet. Der Jüngling neben 
Uir stützt ebenfalls che Linke auf, er wendet sich zu ihr 
hin und hält in der erhobenen Rechten eine Kugel; zu 
beider Füssen liegt ein runder Schild. Galeotti erklärt 
das Paar für Hlppomenes und Atalante. Vergegenwärtigt 
man sich che Wandgemälde, auf denen Perseus der be- 
frereten Andromeda das Gorgoneion im Wasser wieder- 
gespiegelt zeigt (mus. Borb. EX, 39. XII, 49—51), so wird 
man kein Bedenken tragen, denselben Gegenstand auch 
hier zu erkennen. Das Gorgoneion ist auf dem kleinen 
Stein nicht erkannt worden, und der Schild, mit dessen 
Hülfe Perseus die Medusa enthauptete, ist sehr passend 
auch hier als Spiegel benutzt. Otto Jahn. 

88. Triton dno Galatea. Einige durch lughirami 
(Monura. etruschi V tav. 56) bekannte archaische Vasen- 
fragmente stellen Nereiden dar, welclie mit bemerkens- 



221 



222 



wertheu Beischriften begleitet sind. Ein erstes jener 
Fragmente zeigt zwei Frauen, deren eine das Ende ilires 
Gewands in die Höhe zieht und ein Scepter hält; die 
andre erscheint in lebendiger Bewegung. Unterwärts ist 
ein Theil eines Thiers, verniuthlich eines llipjjokanips, 
zu bemerken. Vor der ersten Frau steht geschrieben 
ylVylAYPO^, womit das Wort ulj-ivgög oder, sofern 
ein attisches Bild der Kekropstöchter hier denkbar ist, 
auch eine AgJanros gemeint sein kann (vgl. de Witte 
Descr. d'une coli, des vases peints, Paris 1837 p. 57 
no. 105). Wahrscheinlicher ist jedoch ein Nereidenbild, 
etwa auf die Ueberbringung der Waffen Achills bezüglich, 
hier zu erkennen. 

Das zweite Frtigment gehörte dem Innenbild einer 
Kylix, derselben verniuthlich von deren Aussenseite jenes 
erste Fragment entnommen ist. Hier liest man, von der 
Rechten zur Linken geschrieben, die Namen (G)tt(otc« und 
Tritun (RaT AvI A(G) und NVTIST) ; letzterer er- 
als junger Schwimmer und bläst eine Muschel. Inghirami 
vermochte beide Namen nicht zu lesen, vielleicht weil die 
seltsame Schreibung luul Endung des letzteren ihm Schwie- 
rigkeit machten. Die Inschrift mag später Zeit angehören 
[?] und zeugt für einen ausserhalb Griechenlands fallenden 
Urs])rung dieses Gewisses. Uebrigens kann Galatea hier 
sehr wohl als Nereide genannt sein, ohne dass an den 
verhältnissmässig späten Mythus von Poljqihems Liebe 
zu ihr hier gedacht war. Sam. Bircu. 

89. NioBiDENGRüPPE. Eine von Miliin Pierr. gr. 
ined. u. Gal. mjth. CLXX, 621 publicirte Paste ward fiir 
„Orest, der von Reue gequält in Elehlras Armen ohn- 
mächtig wird," erklärt. Eine sehr ähnliche grüne antike 
Paste im königl. Museum, von Tölkeu (Gemmenverz. III 
Kl. 967) als „Bacchus von Ariadne-Lihera. umarmt" be- 
schrieben, hat Wieseler Denkm. a. K. II, XXXVI, 430 
publicirt und, wegen der Aehnlichkeit mit dem Graffito 
von Gcrhard's berühmten etruskischen Spiegel, auf „Dio- 
nysos und ScmeJe" bezogen. Denselben Gegenstand finden 
wir auf einer grün weiss und blau gestreiften antiken 
Paste, die aus der Bartholdy'schen Sammlung Qil. Bartold. 
Vetri e Paste 108), wo ich darauf eine „langbekleidete 
Frau, die mit ihren Armen einen ]\Iann, der zu fallen 
droht, aufrecht erhält" erkannte, in die königl. Sammlung 
(Gemmenverz. III Kl., 909) überging. Dass in dieser 
letzteren Beschreibung, wie in der Millinschen Erklärung, 
im Gegensatz mit den beiden anderen der Charakter der 
Handlung sowohl als das Verh.ältniss der beiden Figuren 
richtig erfasst sind, wird man um so weniger bestreiten 
können, als auch andrerseits dei' Mangel jedweden bacchi- 



schen Attributs jenen Deutungen nicht besonders zu Hülfe 
kömmt. Insofern aber die Darstellungen dieser Pasten 
mit der äussersteu Gruppe links auf dem ausgezeichneten 
NiobidenreUef der Campana'schen Sammlung in Rom völlig 
übereinstimmen, verdienen sie eine erneute genauere Be- 
trachtung, zu deren Erfolg ein (von Hrn. Dubois in Paris 
mir einst geschenkter) Abdruck der Millinschen Paste 
nm so förderlicher erscheint, als dadurch die nicht blos 
auf die Zuthat einer Haube sich beschränkende Untreue 
der Millin'scheu Publikation, sondern auch der vom vor- 
züglichen Kunstwerth des Originals keine Ahndung gebende 
Stich bei Wieseler sich deutlich herausstellt. Ein flüch- 
tiger Blick auf die Abdrucke reicht hin, um an die Stelle 
der drei bisherigen die Benennung slerhender Niohide in 
den Armen seiner Schwester als die unzweifelhafte zu 
empfehlen; gleichzeitig aber dürfen wir den echt helleni- 
schen Geist nicht übersehen, der sowohl in beiden Köpfen 
als in der Behandlung des Haars und der Gewandung 
der Schwester sich unverhohlen ausspricht, um vor allem 
dem Künstler, der in so klemem Raum das tief Ergrei- 
fende der Situation ohne Beihülfe von Symbolen so klar 
und glücklich zu veranschaulichen %vusste, das gebührende 
Lob zu spenden. Für die Berühmtheit des Originals 
zeugen dessen zahlreiche Wiedcrholmigen in anther Denk- 
mälergattung, unter denen noch eine auf brauner antiker 
Paste mit weissem Querstreif im kgl. Museum (IH Kl. 968), 
insofern sie die Gruppe nicht wie alle übrigen nach ünks, 
sondern nach rechts uns darstellt, besondere Beachtung 
verdient. Schliesslich machen wir noch darauf aufmerksam 
wie diese Pasten ein neues Zeugniss für den im letzten 
Winckelmannsfestprogramm aufgestellten Satz liefern, dass 
nicht selten für den Verlust berühmter Skulpturen bisher 
unbeachtete Gemmen einen lehrreichen Ersatz gewähren. 

Th. Panofka. 

90. DEMOKoros, AUCH Myrilla. Die emzige Kunde, 
welche von diesem auf MüUer's Handb. d. Archäol. S. 87 
hin von Raoul-Rochette Lettre S. 280 kurz berührten 
Künstler existirt, giebt ein bei Eustath. zu Odyss. III, 68 
aufuewahites Zeugniss, das ebenso zuverlässig als zugleich 
seinem Inhalt nach reich und in seinen weiteren Beziehun- 
gen wichtig ist. Es handelt sich daselbst von der Form 
tnnÖTa luid ähnlichen Beispielen, und was zur Erklärung 
derselben beigebracht wird, stützt sich auf das in Aus- 
rührhchkeit mitgetheilte Zeugniss des Grammatikers Eu- 
dämon aus Pelusium, der auch sonst nicht unbekannt ist. 
S. Bibl. Coisl. S. 597 und Ms. ap. intpp. ap Etj-mol. M. 
S. 905 und 900, an welchen bei den Stellen des Etymo- 
losen derselbe mit den Grammatikern ansehnlichen Rufes. 



223 



224 



Oros und Arkadios, zusammengestellt wird. Bei Erörte- 
rung jener grammatischen Frage wird nun unter Andern 
auch der Syrakusische Eigenname MyriUct angetTilirt, 
dessen Sophron gedenke, und dabei weiter erzählt, ein 
S^Takusier ^Mralla, eigentlich Demokopos geheissen, ein 
Architekt, habe jenen Namen vou dem Umstände erhal- 
ten, dass er nach Vollendung des Baues des Theaters 
seinen Mitbürgern Salbe (in'gov) vertheilt habe*), doch 
wohl in der Absicht, wie man zur Erg.'inzung dieser kurzen 
Angabe vermuthen darf, um zur Begehung einer Festfeier 
dieses Ereignisses seinen Landsleuten den Aufwand der 
Salbe zu ersparen. Ohne uns nun bei der Erörterung 
dieses zuletzt erwähnten Punktes auflialten 7,u wollen, da 
der Gebrauch der Salben im Alterthume ein zu mamiig- 
faltiger war, um in Kürze auszumachen, für welchen Ge- 
brauch jene Sj)endc an die an den ausschweifendsten Luxus 
gewöhnten Syrakusier (s. Athen. XIL S. 527. C.) bestimmt 
war, genüge es darauf hinzuweisen, dass in der obigen 
dem Architekten Demokopos betreffenden Nachricht zu- 
gleich eine Bestinnnung des Zeitalters für die Erbauung 
des Theaters zu Syrahis enthalten ist, dessen Ueberbleibsel, 
so geringfügig sie auch in architektonischer Hinsicht sind, 
noch jetzt gebührende Aufmerksamkeit auf sich lenken. 
Es ist nämlich in der Sache selbst kein Grund vorhanden, 
warum diese Ueberreste nicht für jenes ältere vom Demo- 
kopos angelegte Bauwerk gehalten werden sollen, und 
wenn jene bekannten, auf den Sitzreihen entdeckten In- 
schriften allerdings aus einer viel späteren Zeit herrühren, 
so ist aus diesem Umstände um so weniger ein Grund 
gegen jene Annahme zu entnehmen, als aus der Stelle, an 
welcher die Inschriften eingegraben sind, selljst aus ihrer 
sonstigen Beschaffenheit geschlossen werden darf, dass 
die Anlage dieser fürstlichen Sitzplätze nicht dem ursprüng- 
lichen Bau angehörte, und jene Inschriften erst ^•iel später 
eingegraben worden sind. Zur Unterstützung dieser in 
Mangel eigner Anschauung nur aus Beschreibungen ent- 
nommenen Behauptung vrird es genügen, das Urtheil Gött- 
ling's geltend zu machen, welcher aus eigner Untersuchung 
an Ort und Stelle zu der Ansicht gelangt ist, dass das 
Theater selbst älter als jene Inschiiften sei, N. Riiein. 
Mus. II, 1. Ferner, wenn diesellien als der Zeit Iliero's II 
angehörig erkannt worden sind, so wird obige Behauptung 
weiter dadurch bestätigt, dass nach Diodor XVI, 83 dieser 

') (Tiil iSi Tiliaiovoyriattg i6 Odanov /jioov lOiV iuvrov 
noliiuig <5i(v€i/^e, J\lv(>ik).a inixlrjOr]. 



Hiero, etwas später als Agathokles, einen Prachtaltar neben 
dem Theater errichtet haben soll, ja dass Timoleon in 
andern Sicilischen St.'idten Theater nach Art und Muster 
des Syrakusischen, des schönsten, welches in Sicilien e.xistirt 
habe, erbaut habe (d-Hirgov fifv yurfaxtvam imu rd 
jäiv ^vgaxoauüv xuXXiarov tw»' y.urd ^ixtXlav). Dazu 
kommt, dass unter den Bauten, welche Timoleon nach 
Nepos c. 3 aufgeführt, nichts von einem Theater vorkommt 
(urbium moenia chsiecta fanaque refeeit) , sondern dass 
■\\eiter unten c. 4 des Theaters in Syrakns Erwähnung ge- 
schieht, wo, wenn es durch Timoleon erbaut worden wäre, 
diese Thatsache gewiss nicht unerwähnt geblieben sein 
würde, was auch von Plutarch gilt, der im Leben des 
Timoleon dieses Theater ohne Beziehung auf Timoleon 
zu nehmen öfters gedenkt. Wenn wir hierdurch ermäch- 
tigt werden dieses Theater einer frühen Zeit zuzuweisen, 
und es ist bekannt, wie alt die Ausübung der dramatischen 
Kunst in Sicilien war, eine Ansieht, welche auch schon in 
Stuart Th. III. S. 228 Darmst. Ausg. ausgesprochen wurde, 
so sind mr nunmehr durch das Zeugniss des Eudämon 
in den Stand gesetzt, die Zeit der Erbauung genauer zu 
bestimmen. Wenn nJimlich schon Sophron des MjTilla 
gedachte, so wird das berichtete Ereigniss spätestens in 
die Zeit des Peloponnesischen Krieges gerückt, und riel 
weiter herab zu gehen scheint nicht rathsam zu sein. Hier- 
mit ist zugleich über das Zeitalter des Erbauers Demokopos 
entscliieden, welcher sich nun den bedeutenden Architekten 
anreiht, durch deren Kunst in jener Periode so bewunde- 
rungswerthe Werke geschaffen wurden. 

Schliesslich muss einer ^'ernnithung Bergk's Zeitsclu'. 
f d. Alterth. 1847. no. 22 Widersprüchen werden, welcher 
glaubt ausser jenem Zunamen dem Demokopos auch noch 
den Spottnamen Koniita znertlieilen zu müssen, luid zwar 
auf die Nachricht eines Grammatikers bei Gramer Anecd. 
Ox. T. rV. S. 334, wo allerdings beide Namen zusammen- 
gestellt werden: rö n Kintvva xui Mi'QtXla- t) ru, noir,- 
ttxiög [itrun'kundtvra' ncptXrjyipiTu Zirg, 'imiÖTu Ni- 
axwQ. Vor diesem Versehen sich zu bewahren, bedurfte 
es blos einer Ansicht der oben angezogenen Stelle des 
Eustathios, wo, wie l)emerkt worden, von der Nomi- 
nativfonn Inni'ixa die Bede ist, und zum weiteren Erweise 
derselben ausser dem Syrakusischen Myrilla auch der 
Illyrische Kunutvu angefTünt wird, letzterer noch ausser- 
dem durch eine Stolle aus einem Epigramm erhärtet: 
TiuriiQ dt fi' f'<fvai KöniAiiu. F. Osann. 



Hiezu Tafel LXV: Phryyische Götler zu Pferd; BletßgUrchen vom Menelalon. 



Herausgegeben von E. Gerhard. 



Druck und Verlas von G. Reimer. 



225 226 

DENKMÄLER UND FORSCHUNGEN. 



M 66. 



Archäologische Zeitung, Jahrgang XII. 



Juni 1854. 



Mero|)e. — Allerlei: Ageladas; Zeus als T;inzer. 



I. 

M e r p e. 

Hiczu die Abbildung Taf. LXVI. 

JWLresplioiiles, welcher sicli nach dem siegreichen 
Zuge der Ilerakliden durcli einen Lielnig in den 
Besitz von Messenien gesetzt liallc, wurde mit 
seinen beiden ältesten Söhnen von Polyphontes ge- 
tödtel, der sich des Thrones bemächtigte und die 
\\ itlwe Mero]ie, Tochter des Kypselos von Arkadien, 
sich ihm zu vermählen zwang '). Die Hache, welche 
ihn später ereilte, war der Gegenstand der Euri- 
pideischen Tragödie Kresfihotdes. Die allgemeinen 
Umrisse derselben lernen wir durch Ilygin kennen. 
Kr sagt fab. 137: 

Polyphontes Messeniae rex Cresphontem Ari- 
stoniachi (ilium cum interfecisset, eius imperium et 
Meropen uxorem possedit. 

Es ist längst bemerkt, dass dies nur der An- 
lang einer Erzählung ist, deren Fortsetzung durch 
eine Versetzung an fab. 184 gerathen ist; nur geht 
es freilich nicht unmittelbar fort, die Versetzung 
hat auch andere Confusion hervorgebracht, die jetzt 
nicht mehr zu heilen ist; übrigens ist der Sinn klar. 
Es lieisst dort: 

cum (jua Polyphontes occiso Cresphonle regnum 
occupavit, filium antem eius infaiitem iMero])e mater, 
quem ex Cres|)honte habebat, absconse ad hospilem 

') Apolluil. II, 8, ä. Die bislorisircnde Darstellung giebl l'au- 
sanias IV, 3, 3. vgl. VIII, 5, 5. Polyaen. I, 7. 

*) Diese Erwähnung der Brüder beweist, dass im Anfang niancües 
ausgefallen ist. 

') Das thnUidicum wird von Munker aus dem späteren Sprach- 
gcbraucb erläutert, nach «elebcni z. U. Ausonius das homerische 
Onenoiov durch ihdlcUUiuiu übersetzt. Sollte man es für möglich 



in Aeloliani mandavil. hunc Polyphontes maxima 
cum industria fjuaerebat aurumque pollicebatur, si 
(piis eum necasset. (pii postipiam ad puberem aeta- 
teni venit, capit consilium ut exequatur patris et 
fratrum'') mortem, itaque venit ad regem Polv- 
phontem aurum petilum, dicens se Cresphontis in- 
teriecisse filium et INIeropes Telephontem." interim 
rex eum iussil in hospitio manere ut amplius de 
eo perquireret. qui cum ])er lassitudinem obdor- 
misset, senex, qui inter matrem et filium inter- 
nuntius erat, flens ad Meropen venit, negans eum 
apud hospitem esse nee comparere. INIerope, ere- 
dens eum esse filii sui interfectoreni qui dormiebat, 
in chalcidicuni^) cum securi venit inscia ut suum 
filium interficeret, quem senex cognovit et matrem 
11 scelere retraxit. IMerope postquam venit (1. vidit) 
occasionem sibi datam esse ab inimico se uiciscendi, 
redit cum Polyphonte in gratiam. rex laetus cum 
rem divinam faceret, hospes falso sinmlavit se hostiain 
percussisse {percussurum Härtung) euiiKjue inter- 
fecit palriumque regnum adeptus est. 

Es ist mir bei wiederholter Betrachtung der 
überlieferten Fraginente nicht gelungen, den Ent- 
wickelungsgang und die Molivirung der Handlung 
mit derjenigen Wahrscheinlichkeit herzustellen, wie 
dies bei anderen Tragödien des Euripides möglich 
ist, und wichtige Zweilel sind mir ungelöst ge- 
blieben^). Ich bemerke nur, dass die Bedenken, 
welche zuletzt Kibbeck (tragicc. latt. roll. |).265f.) 

halten, dass Härtung (Eurip. rest. II, p- 51) von einem l'.halcidier 
faselt? Auch in den Choephoren (648. 098) nnd der Alkesiis (.")43. 
540 f.) ist von den Kremdengemächern die Hede. 

'') Vgl. Weicker griech. Tragödien p. 828 ff. Härtung Eur. resl. II. 
p. 47 ff. Wagner trog. gr. fr. II, p. 232 ff. Wenn Aristophancs in 
den rtionyoi (fr 81).) mit den Worten ElQt'ivr] ßnüvTi'i.ont auf 
den schönen Chor aus der Merope (fr. 9 W.) angespielt bat, so liegt 



227 



228 



gegen ilie Annahme gellend gemacht hat, dass der 
Cresphontes des Ennius eine ßearl)eilung des Euii- 
])ideischen gewesen sei, mir vollkommen gegründet 
erscheinen und dass namentlich die Verse in der 
Rhetorik ad Hercim. II, 24. 25 in keiner Weise in 
den Zusammenhang der Euripideischen Tragödie 
passen. Ferner glaube ich, dass Schwenck (N. Rhein. 
Mus. II, p. 456) mit Recht darauf besieht, dass der 
Sohn des Kresphontes bei Euripides ebenlalls Kres- 
phontes geheissen habe, und sehr ansprechend ist 
seine Vermuthung, dass der Name Tclcpliontes bei 
Hygin der falsche sei, welchen er dem Polyphontes 
gegenüber angenommen habe'). Wenn ich nun im 
Folgenden die Züge der Tragödie hervorhebe, welche 
mir als sicher erscheinen, so halte ich das deshalb 
nicht für iiberflussig, weil ohne allen Zweifel die 
Darstellungen der bildenden Kunsl unter dem Ein- 
fluss der Tragödie entstanden sind. 

Der Anlang der Tragödie stellte Merope als 
das leidende Weib dar, die um den Verlust des 
Galten und der Söhne trauert, die irlstls Merope 
bei Ouinlilian (XI, 3, 73 nach der sicheren Ver- 
besserung Langes vermischte Schriften p. 90), deren 
Stimmung durch die Verse charaklerisirt wird 
(fr. low.): 

lyiqfiv yaq rjiäs nvkXnynv 7iniovi.tivovg 
TOP (fvvza d-qrjveiv, eiQ o'd' tQ/STac xaxa, 
tov d' av O-avovza xal növiov ne7iavf.iEvov 
yaiQOvTag lv(prj(.io'vvtag lxni(.inEiv öoficüv. 
Ihre einzige Hoffnung, die sie noch ans Leben 
kettet, ist der geborgene jüngste Sohn, und auch 
um den ist sie in beständiger Sorge, das Missver- 
hüllniss zu ihrem Gemahl, der ihn fürchten und 
hassen muss, wird dadurch unheilbar und unerträg- 
licli. Dieses wurde ausgeführt in einer Unterre- 
dung zwischen Merope und Polyphontes, welchen 
Euripides das tragische Pathos zu erhöhen zum 
Bruder des gemordeten Kresphontes gemacht halte. 
Kr sprach sich wie ein kalter Egoist aus (fr. 17 W.): 
ixEivo yuq 7iinovO^\ oneQ nävxEg ßqozoi, 
(piXüv ^idliaz' l/.iavz6v ovx alayvvo^iai. 

ilie Vermiilliung nalic, dass Euripides dicsclljo zu einer Zeit aufge- 
fiilirl habe, wo die Kriegsnotli jenem Chor eine eigene Bedeutung geben 
musslen, und diesen Eindruck machen die Worle allerdings. 

') (lewöliniith wird er sonst Aipylos genannt. Krcsphimles 
nennt ihn ausdriicklicli das liyzikcnisclio Epigranini und die Scliolien 



Mit Vorwürfen und Klagen erinnert ihn Merope an 
das alle Unrecht, und da er sich damit entschuldigt, 
dass Kresphontes ihn habe lödlen wollen, entgegnet 
Merope mit höhnender Spitzfindigkeit (fr. 16W.): 
el yoQ ff' e/:ieXl£v, wg av yjjg, xTSiveiv nöaig, 
yqfj xal ae fielXetv, wg ygövog naQt'jlvdsv. 
Ich glaube, dass Polyphontes zuletzt selbst der 
Mero|)e erklarte, dass er, da sie sich weigere den 
Sohn ihm auszuliefern und ihn dadurch sicher zu 
stellen, einen Preis auf seinen Kopf gesetzt habe. 
Nach dieser Spannung der Situation trat der vor- 
gebliche Telephonles auf und gab sich dem Poly- 
phontes als Mörder des Kresphontes kund. Wie es 
motivirt war, dass dieser, anstatt gleich sich aus- 
führlich berichten zu lassen, den Fremden vorlaufig 
ins Gastzimmer schickt wissen wir nicht; allerdings 
musste verhütet werden, dass der Sohn nicht gleich 
mil der Muller zusanunenlraf, worauf sofort die 
Aufklärung erfolgt wäre. Ebensowenig wissen wir, 
auf welche Weise Merope von der Ankunft des 
Fremden und seinem Vorgeben eine Kunde bekam, 
die sie in xAngst und Sorge versetzt. Diese aber 
wird zur Gewissheit, als der treue alle Diener, 
durch den sie vom Sohne bisher Nachricht erhal- 
ten halle, weinend mil der Dolschaft kommt, der 
Sohn werde von dem Pflegevater vermisst und sei 
nicht aufzufinden. Dieser letzte Schlag, weit ent- 
fernt die von Kummer und Sorge gebeugte Frau 
vollends niederzudrücken, macht sie zur Heldin, 
alle ihre Kräfte vereinigen sich in dem brennenden 
Durst nach Rache. So spricht sie jene mannhaften 
Reden, welche wie Plularch (cons. ad Apoll. 15) er- 
zählt, das Publikum so mächtig ergiifl'en (fr. II W.): 
Te&väöL Tcaldsg ovx ifwl fiovtj ßqoTiov, 
ovo' avÖQÖg iaz£Q)jf^£&', dllci juvqiat 
TOV avzov i^rjvxXriaav log iycu ßiov. 
In der festen Ueberzeugung, der Fremde sei der 
Mörder ihres Sohnes, eilt sie mit geschwungener 
A.\t in das Zimmer, in welchem er verweilt. Aus 
dem Schlafe aufgeschreckt, stürzt er auf die Bühne") 
imd ruft ihr zu nicht so das heilige Gaslrecht zu 

zu Arist. eth. III, 1 ; den Worten llygins scheint grade hier etwas 
ausgefallen zu sein. 

') Ich kann nicht glauben, dass Wagner hier mit Hcchl ein 
Ekkyklema anniuirut; dazu scheint mir die Handlung zu bewegt und 
ausgeführt, auch isl sie olTiMiljar so wie üben angenonunen ist wirksamer. 



229 



230 



verlelzeii, d.i oiilüegnel sie ihm die Wolle, uciclie 
im Munde der iMiilter, die gegen den fcioliu die 
Axl scliwingt, vom liöchslen tragischen Pallios sind 
(fr. L'JVV.): 

öauotiqav drj t^vd' iyco dlöco/iil aoi 

nltjyr'jv. 
Allein der Alte, weicher den Sohn erkennt, füllt 
ihr in die Arme, inid fuhrt die Erkennung zwischen 
.Sohn und Mutier herhei'). ftlan begreift die Auf- 
regung und S|)annung, in welche diese Scene das 
Publikum versetzte 'j. Wie fein und schön dann 
auch die liefe Bewegung der Mutter, welcher der 
lSoIui, um den sie soviel geduldet hat, unter diesen 
Umständen wieder gegeben wird, vom Diciiler aus- 
geführt sei, lassen noch die Worte sehen (fr. MW.): 

aldiog Iv ncpüalfiolai yiyvtzai, Ttxvov. 
Man erkennt schon aus dieser Reihe bedeutender 
und natürlich aus einander entwickelter contrasti- 
render Gemütlisstiinmungen, dass Merope eine Rolle 
\var, in der die Kunst des Dichters sich glänzend 
bewährte und die berühmten iSchauspielern will- 
kommen und gerecht sein musste"). 

Indessen blieb noch die für Mutler und Sohn 
nun gemeinsam zu losende Aufgabe das Leben des 
Kresphonles zu sichern und die Rache an Poly- 
j)hontes zu vollbringen; dies konnte nur durch List 
gelingen. Mit verstellter Versölinlichkeit komml 
Merope dem Gemahl entgegen, — wie dies eingeleitet 



wurde, wissen wir iiiclil — sie bekennt, der Ver- 
lust auch des letzten Kindes habe sie zur Einsicht 
gebracht ffr. 15W.): 

u'i xiyjxi dt /.IE 

(xiaü-ov Xaßovaai iiuv l/iwv tu (pikraza, 

aoqirjv l'dt^xav. 
Diese Verstellung würde nach so hochherzigen 
Aeusserungeii der reinsten Mullerliebc sehr herab- 
sinken, wenn nicht auch ihr dieselbe Mutterliebe 
zu Grunde läge und die (icfahr, welche sie gebie- 
lerisch erheischt, nicht so drohend über dem Haupt 
schwebte. Indess ist es charakterisliscii für die 
Weise des Euripides, dass, nachdem die psycholo- 
gische Entwickelung ihren Hühenpunkt erreicht hat, 
rier Schluss durch die Lösung der in den äussern 
Umständen begründeten Spannung herbeigeführt 
wird. Poly|)hontes, durch die scheinbare Aussöh- 
nung hocherfreut, glaubt sich am Ziel seiner Wün- 
sche und veranstaltet ein feierliches Opfer; bei 
diesem fällt er unter den Sireichen des Poiyphontes 
und der Merope. 

Unler den Kunstwerken haben wir ztmächst 
ein vorlrelfliches Vasenbild des schönen Stils zu 
betrachten, welches die Ilauplkataslrophe höchst 
lebendig darstellt, und das aus der Wiener Samm- 
lung durch die Güte des Herrn Direclors Arnetli 
hier (Taf. LXVF, 1«. Ib.) zum ersten Mal vollstän- 
dig bekannt gemacht v\'ird '"). 



') Arist. puel. 14, 9: oiov h' Jtö KQeaifOi'Tij rj MiQÖnrj 
fi(i.i.(t jÖv vlüv finoxjft'i'nr, iinoxjtt'vii äi ov c'iX).' ürtyviü- 
(iiatv. etil. Nicum. III, 2: olrj^id) d' liv i/f z«! rdv vlöv no).(- 
fiiov elvai cianen 7} McQÖnrj. schul. Arist. elli. III, 1 (auch Lei 
Cramer anocd. Paris. I, p. 191): x(cl imi tihq r.vni-nläij (v jm 
Kinaifovjij (nißovltvovatt KQiaiforiri ly vioi, tag noktfiln), Si' 
üyvoUtv. 

*) Plut. de CSU carn. II, 5, [i. 988 E: nxona ö"t xiü t^I' h' 
rij TQuymiSüe Ahfionrjt' {tiI tov vlöv aviöv lög tjorid Tov vloO 
nikixvv itnciu^i'tiv xcd liyovattv 

n).t'iy>]V 
baov Iv TW (Hujniii xCvi]utt TTOiet avvi^oQfHaiovnd i/ößo) (Sicplian. 
las (joßoy, die (IdiTuptel srheint ticfor zu lii'j^i'n) xid iUog, fii] 
(f^iiaij rdv inikafißuroutvav yinoriu xiti inwatj 10 [innuxiov. 

') TUcodoros hatte nach Aelian (v. h. .\IV, 40) durch seine 
Darstellung der Merope (nach Valkenaers diatr. c. 18 Verljcsserung) 
Alexander von l'herae tief gerührt. Es ist übrigens sehr begreillich, 
dass die Hülle des KrespliDUIcs dem Trilagunistcn, wie Aescbines, 
zufallen konnte, dem Dcmusthenes dieselbe vurhall (de cor. 180). 

'") Miliin Ibcilt peint. de vas. II, 24 (danach gal. u\\\\x. 170, 



ÜI4. Guigniaut rcl. de l'ant. 243, 827) die Vorderseite mit, ohne 
der Hückscite zu erwähnen, und gicbt an, das Gel'äss ,,en l'iirme de 
cloche" sei aus der zweiten Hamiltun'schen Sammlung in die Hope'sche 
übergegangen, deren Catalog mir leider nicht zugänglicb ist. Eine 
mit der .Millin'schen übereinstimmende Abbildung, ebenfalls ohne die 
lüickseite, findet sich auch unter den Tischbeinschen Platten, welche 
fiir den fünften Baml seines Vasenwerks bestimmt waren, auf denen 
unter anderen auch Vasen abgebildet sind, welche wie das hier be- 
sprochene Gefäss, eine zierliche Amphora („keiebe" V, 7, C 240, 
p. 29 bei Arneth), nicht aus der Lamberg'schen Sammlung her rühren, 
sondern aus dem Besitz Rainers, Privatsecretärs der Königin von 
Neapel, im .lahr 1804 in die k. k. Sammlung übergegangen sind. 
i\un beschreibt Hirt im Beriiner Kunstblatt 1829 p. 70 eine Vase 
aus dem .Museum Biscari in Catanea lulgcndermassen : „Eine Frau in 
langer Tunica, mit dem Mantel darüber, ist im Laufe begriffen, den 
linken Arm vorwärts, und in der Hechten eine grosse A.vt haltend. 
Ein Bärtiger, ihr folgend, schlingt rückwärts einen Arm um ihren 
Leib, gleichsam das Ungestüm der Frau aufzuhalten. An der Rück- 
seite des Gefässes sieht man einen nackten schlanken .lüngling fliehen, 
der im Zurücksehen die Hechle gleichsam liebend ausslreekl und in 
der Linken einen Schlauch mit >ier Zipfeln hält." Dass aus der 



231 



232 



Die richtige Deutung ist, nachdem Miliin zwei- 
feliiaft die Darstellung auf Kli/Iaimnestra, welche 
Ayaniemnon tödteii will, ausgesprochen lialle, von 
Tülken gegeben worden"). 

Merope, im langen Aermelchiton und Ueber- 
wurf, mit einer Haube, in der Rechten die Axt, 
eilt mit vorgestreckter Linken dem nackten jugend- 
lichen Kres/j/ioutes nach, der vor ihr zu entllielien 
sucht, aber mit ausgestreckter Rechten um Mitleid 
(lebend sich nach ihr umsieht: mit der Linken hat 
er einen grossen schweren Schlauch gefassi, den 
er davon trügt. Der alle Diener, mit Chiton und 
Chlamys bekleidet, und durch den im Nacken ban- 
genden Hui als ein so eben von der Reise heimge- 
kehrter bezeichnet, hat sie mit dem linken Arm 
umfasst, um sie zurückzuhalten, und packt mit der 
Rechten ihren rechten Arni;, den lüdtlichen Streich 
unmöglich zu machen. Im nächsten Moment wird 
er das Wort aussjirechcn, das dun Zwiespalt ver- 
söhnt, die Axt wird Meropes Hand entfallen und 
Mutter und .Sohn werden sich in die Arme sinken. 

Die Situation ist so scharf und prägnant auf- 
gefasst und so beslinunl und klar ausgedrückt, 
dass nichts weiter hinzuzufügen ist. Die Deutlich- 
keit ist allerdings durch die Rückseite sehr erhöhet, 



der fliehende Jüngling aber nicht bloss durch Aus- 
druck und Geberde, sondern auch durch den Schlauch 
charakterisirl, der hier nicht ein gewöhnlicher Wein- 
oder Oelschlauch, sondern der Packsack des Rei- 
senden ist. Man bediente sich der Schläuche auch 
um Kleider und ähnliche Dinge darin aufzubewahren; 
so vermuthen die Gefährten des Odysseus, dass in 
dem Schlauch des Aiolos kostbare Geschenke ver- 
wahrt sind '■) Der eigentlüimliche Ausdruck flu- 
einen solchen Sack oder Schlauch war (pctaxcolog, 
(paaxojXiov '^). Wer irgend wohlhabend war, Hess 
sich auf Reisen sein Gepäck durch einen Sklaven 
nachtragen, wer unbemittelt war, trug es selbst, 
wie der verkleidete Orestes in den Choephoren 
sagt (671 f.): 

^evog (.liv elj-ii JavXistg Ix (Dioxiiov. 

azEi'/ovza d' aizotpÖQZov olxela aäyr] u. s. w. "). 
Genau dem entsprechend ist auf einer Münchener 
Vase mit rothen Figuren (301), welche mehrere 
Abenteuer des Theseus vorstellt, ein Reisegefährte 
desselben mit Chiton, Chlamys, Hut und Keule dar- 
geslelil, welcher nicht allein das übliche Badege- 
räth, sondern auch einen ganz gleichen Schlauch 
wie hier Kresphonles trägt, welchen er mit der 
Schnalle der Chlamys an der Schuller befestigt 



Sammlung Biscari einzelne Sliieke veräussert worden ivären, ist mir 
nicht liekannl. Sehr nierkwiirilig wäre diese ganz genaue Wieder- 
holung desselhen Gegenstandes auf drei Vasen. Ein ähnliehcs Dei- 
spiel ist die aus der Durand'schen Sammlung ('iJ8) vcrüircnllicüte 
Vorstellung von Orpheus Tod dureh die Thrakerin (mon. ined. d. 
inst. 1, 5, 2), die sich genau ebenso auf einer Vase in München (383) 
wiederholt, welche aus der Sammlung l.ipona herrührt; ein anderes 
Beispiel völliger L'ehereinstimmung einer Berliner Vase aus Viilci (900) 
und einer in (lirgenli gefundenen (Politi Nemesi. Girg. I82G. el. cer. II, 
44) führt Weicker alle Denkm. II, p. 73 f. an. Sehr häufig findet 
aber eine Verwechselung statt, die besonders leicht möglich ist, wenn 
die Besitzer wechseln und verschiedene Zeichnungen cursiren. 

") Tülken zu Millins myth. Call, 170, 014. Berl. Kunslbl. 1829 
|i. 70. Weicker griech. Trag. p. 835 billigt diese Deutung entschieden. 
Müller (Arch. 416, 2) und Guigniaut scheinen Bedenken gehabt zu 
haben, welche auch Overberk (her. Call. p. 080) äussert. Baoul- 
Uochelle (mon. ined. p. 138) bezweifelt ohne Tolkens Deutung zu 
kennen die Millin'sclie, welche Gerbard (elrusk. und kanip. Vasen- 
bilder p. 30) dagegen wieder billigt. 

") OA.Xyii: (UA' liyt itäaaov liStuutDu lijji ji'iiS' iaiiv, 
linaog rij yjtvaög te X(tl uoyvno; üaxi^ Ivtanv. 

") Anecd. ßekk. p. 314 ifctnxo'jXiuv liy/bs Jixiixüv ßiß).l(ov 
xal IfimttDV x(ä (inyinlov. I'oll. VII, 79 ([ Kaxo'iXovg (Ji t>.tyov 
Ol nulitiij'i T<V KÜi' iuc.jCiav iiyytTu xu'i !)vi.i:x<jvg, X, 131» SV« 



i)'f ünojiHtVTcit id ia!)fjj(g — if uGxiaKoi lui tv QtauoiffKuu- 
^ovatii;, Uvi.axoi, mQayutaoStaftu. Eusl. Od. p. 1534 lluvaM'lai 
Jf xtu (/äaxw).or inurjrivtt tÖv OiikaxoT', tlncav oTi Ov).itxos 
(laniog <fciaxto).og. Und so stellt auch Galen n. c'tvctT. iy/ng- 
VI t. II, p. 559 K. zusammen: iv aytjuart ftäliax« tjuoxioUov 
7£ xa'i itvXiixov xal aäxxov. Harpocr. qäaxutXoV tiijo« ti; oijmg 
ixiikiJro. Suid. t] aaxtiXiov l^taxio((onuov, (^üaxoi).ov de (an 
tianairiTiiov. Umgekehrt unterscheidet Uesjchius if«axtö).iov, ßuX- 
i.üiTiov ätQ/.iüiivov. ifaaxiaXog öi tu fi^y", tlg o t« luiaia 
lußuU.tiat, womit Ammonius und Thomas .Magister übereinstimmen. 
Verschiedenartige Glossen bat das Etym. Magn. p. 789, 5. Vgl. noch 
Paul. Diac. p. 223 M. jmscnln appcUanI Gracci, quas vulgus periis 
viicat. Non. p. 151, 10 piisccoUit:, ex nliila siicculns. Der Sack, 
welcher auf einem Vasenbild, das eine Büslung zum Kampf auszie- 
hender Krieger darstellt, an der Wand hängt (mus. Greg. II, 81, 2) 
ist vvol in diesem Sinne zu erklären. Ein anderer Ausdruck für das 
Gepäckbchällniss war OTQiüftajoöia^ov (Becker Charikles I p. 70 f.). 
weil man das Gepäck oft nur in einem Fell zusammenschnürte 
(l'ers. V, 140. Petron. 102). 

'") Baoul-Bochetle mon. ined. p. 311 hat damit sehr passend 
das Vasenbild verglichen, auf welchem Teukros sein Gepäck tragend 
vorgestellt ist, Gargiulu racc. II, 33. Ilaoul-Bocbettc mon. in. 71, ■ 

Inghirami vasi filt. 125. ■ 



233 



234 



!i;il'^). Auf anderen VasenbilJeiii liat dieser Reisc- 
sack iiiclir die Geslait eines grossen, oben zuge- 
bundenen Beutels '"). Hier, in der Hand des Kres- 
pliontes, ist er fiir die Situation cliarakleristisch. 
Dieser muss aus dem Sclilaf aufgescbreckt zunächst 
an einen Raubanfall denken, und sucht tialier aut 
seiner Flucht auch den 8ack zu retten , weicher 
ansser anderen Dingen liöchst wahrscheinhcii die 
avayvcoQiatiaTcc enthält, an denen seine Mutter ihn 
erkennen soll. 

Hiedurch scheint mir auch die Deutung des 
Innenbildes einer aus Tarquinii herrührenden Schale 
mit rotlien Figuren in der Berliner Sannnlung (no. 
1601, hier Taf. LXVl, 2) sicher gestellt zu werden, 
l'^ine Frau im feingefältelten, doppellgegürteten 
Aernielchilon, die Haare mit einer breiten Binde 
umwunden eilt, in der Linken eine schwere Axl, 
mit vorgestreckter Rechten hastig auf eine Thür 
zu. Wem) man auch, wie iMillin sagt, bei einer 
mit der Axt bewaflnetcn Frau zunächst an die 
l'ori'tssima Ti/ndaridurum denkt, so wäre doch hier 
für Klytaimnestra die Situation wenig bestimmt aus- 
gesprochen. Eilt sie zum Morde Agamemnons? 
oder um Aigisthos beizustehen? In beiden Fällen 
wäre ein nicht bedeutender Moment gewählt. Da- 
gegen für Merope ist grade die Thür, auf welche 
sie zustürmt, bezeichnend; es ist derselbe Moment 
gewählt, welcher nach Plutarch die Menge in solche 
Aufregung versetzte, und wenn der Künstler sich 
auf eine Figur beschränkt sah, konnte er die Situa- 
tion gar nicht besser ausdrücken. 

Wenn ich die Vereinigung Meropes mit ihrem 



Sohne nach der Erkennung in der berühmten Lu- 
dovisischen Gruppe des Menelaos ") mit grosser 
Wahrscheinlichkeit wiedeizufinden glaube, so ge- 
scliielit dies wahrhaftig nicht mn dieser vielgedeuteteti 
Crupjie einen neuen Namen anzuheften '") Was 
Weicker kürzlich (N. l!li. Mus. IX, p. 27511.) fiir 
Winckelmanns Deutung auf Elektra und Orestes 
mit tiefer Empfindung für das menschlich Wahre 
und Schöne und die Auffassung und Darstellung 
desselben durch die alte Kunst eesact hat, ist für 
mich von so ergreifender Wahrheit, dass jede Er- 
klärung die davon abweicht innerlich unwahr sein 
muss. Ich glaube aber, dass meine Deutung — 
und darüber spreche mein verehrter Freund um! 
Meister selbst das Urtheil — allen jenen Anfor- 
derungen enls|>reclie und einen Punkt einfacher 
aufkläre. Denn sehen wir hier Meroj)e vor uns, 
die den vor ihrem eigenen MordLeil geretteten, 
von ihr wieder erkannten Sohn in den Armen hält 
und mit einem Gefühl, in dem sich Liebe und Freude 
mit der kaum überwundenen Aufregung des Zorns 
und der Angst wunderbar vermischen, ist das nicht 
der Moment, da ,,auf die erste erschütternde Be- 
wegung bei einer Wiedererkennung naturgemäss 
die ruhigere Freude folgt, worin man des Glückes 
geniesst, indem man sich fragt : bist Du es wirk- 
lich?" LTnd die treffenden Worte, in denen Weicker 
darauf die Bedeutung der Gruji])e zusammenfasst: 
„Diesen schönen Moment, worin die Geschwister 
aus dem Inneren heraus die Bestäti^une eines Glücks 
zu schöpfen verlangen, welchem äussere Umstände 
die höchste Wahrscheinlichkeit gegeben haben, nb- 



"') In baccliischen Vorslollungcn sieht iiiuii hiiiilig, wie Satjni 
liiiil Mänadcn einen älinlicheii Sclilaucli in ilerscilien Weise Irngen z. 1!. 
nius. Burb. VI, 6. Inghir. vasi litt. fli). Panufiia über I'amphaios Taf. 3. 

'") Auf (lern Kopf wird derselbe getragen auf den Vasenbildem 
bei Gerhard auserl. Yasenb. 217, auch wohl 0. Jahn arch. Beiträge 
Taf. 1 1 ; als Silz dient er bei d'Hancarville III, 5 und Raoul-Bochetle 
moii. med. 'M (Ingbirami vasi fitt. läl), mit welcher Vorstellung die 
auf der Miincliner Vase cS14 [als no. i unsrer Tafel erlaulcrungsweise 
beigefügt. A. (/. //.] merkwürdig übereinstimmt. 

") Perrier 41. MallVi racc. Gi. 03. Sandrarl T. II, s. eleg. 
statt. 10. Miliin gal. mjth. 167, 617. Guigniaut rel. de l'ant. 239, 
830. Clarac mus. de sc. 836, 2094. arch. Zeitung 1853, Taf. .50, 3. 
L'cber den Stil der Gruppe siehe Brunn, Geschichte der griechischen 
Künstler I, p. .VJSlf. 

'") Die älteste Erklärung nannte die Gruppe I'iiyirins und 
seine Mutter; TUiersch (Epochen p. 295 f.) glaubte sie stellen eine 



Sccne aus dem Innern des kaiserlichen Hofes, vielleicht Oclaoia 
und Miircflliis vor. VVinckelmann hat seinen MissgrilT I'hiiiihn 
und llippnhilus in der Gruppe zu erkennen durch die Deutung aut 
Elektra und Orcsl.es wieder gut gemacht (Werke VI, 1, p. 242 ff.), 
welche fast allgemein gebilligt worden ist; vgl. Raoul-Rochctte mon. 
iued. p. 116. Feuerbach val. Apollo p. 388 ff. Miliin, welcher in der 
descr. des statues des Tuilerics p. 7 eine andere Deutung auf An- 
(Irotnnche und Aslijaunx vorgeschlagen hat, folgt in der pal. mvth. 
der Winckelmann'schen. Die Behauptung von Schulz (rapp. intorno 
gli scavi l'iMupejani p. JOl): Poche fiijiirc dclV arte ijrecn rice- 
vettcrti l'ni tlel priuiijilu im tijHt tautft preciso e Jo conscrvn- 
rouo per tili le VepaeheileUn stör in ilellcarli, quatito Ja Peiielope; 
eil alla stessa currisponile pure la ilinnia iiel famosu yriippd 
sctilpitu tili Meuelau neJia vilta Luiluvisi, vitlijiirmeute itetto 
I^letlra con Urcsle, iiieiitreiilic ilee riferirsi » I'cnelupe e 
Telemacu wüsste ich nicht zu rechtfertigen. 



235 



236 



gleich sie völlig verscliiedencr iinJ knum noch er- 
innerlicher Gestalt einander verliessen, drückt die 
(irnppe recht hestimmt aus" — behalten sie nicht 
ihre volle Geltung, wenn sie auf die Mutler mit 
ileni Sohn angewandt werden? Das äussere Kenn- 
zeichen des abgeschnittenen Haars erklärt Weicker 
als den Ausdruck der Trauer"), so dass „Elektra 
unter den Augen ihrer Muller durch diesen ihrem 
Gefühl so sehr gemässen Gebrauch zugleich ihrer 
wahren Gesinnung Ausdruck gab;" und „durch das 
kurz abgeschnittene Haar zur imglucklichen und 
im Druck der harten Mutter selbständigen und ent- 
schiedenen Elektra wird." Genau dasselbe gilt von 
Merope, die als die um den Verlust des geliebten 
(lemahls und ihrer Kinder trauernde {frislis Merope) 
lortwährend durch diese an den Tag gelegte Trauer 
die Abneigung gegen den ihr aufgezwungenen Ge- 
mahl und die unerschütterliche Festigkeit ihres Sinnes 
bewährt. Daher war für sie, die Gemahlin des 
Herrschers, das äussere Zeichen der Trauer in dem- 
selben Sinne und in noch höherem Grade charak- 
teristisch als für Elektra. Auch glaube ich in der 
Art, wie auf dem Wiener Vasenbilde das Haar der 
Merope behandelt ist, eine erkennbare Andeutung 
desselben zu finden. Folgen wir weiter Welckers 
schöner Darlegung: „Mit der Ehrfurcht eines Sohnes 
blickt Orestes auf die, welche erwachsen ihm als 
kleinem Knaben das Leben gerettet hat, sie blickt 
ihn wie mit mütterlicher Liebe an, die freudige 
lluhrung ist beiden gemein. Der Jüngere scheint 
gesjjannter zur Schwester aufzublicken, sie mit 
mehr Ruhe ihr Auge auf ihn zu heften, damit auch 
durch diese Art der Ueberlegenheit der Unterschied 
des Alters, nach dem hier angenommenen Verhält- 
niss, sichtbar werde. — Durch die noch kaum aus 
dem Knabenalter geschritlne Jugend des Orestes 
wird zugleich das fast müllerliche Verhällniss der 
Schwester zu ihm und seine schon im Knaben 
mannhafte Enlschliessung und Kühnheit hervorge- 



hoben." Dies ist der Punkt, der wie mir scheint, 
für die Deutung auf Merope den Ausschlag giebt. 
Denn wenn diese Auffassunsr des Verhältnisses der 
Elektra zum Orestes als eines fast mütterlichen 
.nuch zu rechtfertigen ist, so ist doch der Eindruck 
einfacher, befriedigender, wenn wir wirklich eine 
Mutter mit ihrem Sohne vor uns sehen. Das haben 
auch viele Ausleger gefühlt, nur fehlte ihren Deu- 
tungen das Grundmotiv einer Wiedererkennung 
zwischen Mutter und Sohn unter tragisch erschüt- 
ternden Umständen, und die Rechtfertigung der 
charakteristischen Haartracht. Beides gewährt, wenn 
ich mich nicht irre, die Deutung auf Merope und 
Kresphontes zu voller Befriedigung. Ob die Gruppe, 
wie Weicker anzunehmen geneigt ist, die Nach- 
ahmung einer aus der rhodischen Schule stammen- 
den, oder nach Brunn eine Originalschöpfung des 
IMenelaos sei, der ins erste Jahrhundert n. Chr. 
gehört, das will ich nicht entscheiden. Der Ge- 
genstand lässt beides zu, denn eine Darstellung 
pathetischer Gruppen nach Massgabe euripideischer 
Tragödien ist der rhodischen Kunstschule ange- 
messen. Allein das lebhafte Interesse, mit welchem 
Plutarch der Merope gedenkt, selbst die Erwähnung 
bei Ouintilian würden es erklärlich machen, wenn 
ein Künstler der Kaiserzeit sich diesen Gegenstand 
wählte. 

Die Schlusskalastrophe, die Tödtung des Poly- 
]ihontes, war auf einem der Reliefs im Tempel zu 
Kyzikos dargestellt; das darunter gesetzte Epigramm 
lautet (Anth. Pal. III, 5) : 
KQ£a(fnvTov y£v£ZT]v nicpvEg xo nÜQog, IloXv^övia, 

xnvQidlrjg alnxov XitcxQa d^ehov fiiävai 
Olpe öe Ol näig tjxe qiöv^ ysvetij nQoaa/.tvvwv^") 

xal as KaiaxTelvei /xctTQog tnig MsQÖnag. 
TOhvExce xal döqv n^^s fi£za(pQevf^>' a ö' luaqrjyEi, 

ßQi!}v xazit xQOTäfpiov ßäxioov iQ£tdof.üva. 
Dazu die Erklärung 6 E l'/et KqeaffovTTjv avaiqovvtct 
nolv(f6vTT]v Tov nazQog ibv cpovia' tan öe xai Me- 



■') Vgl. die Ausleger zu Eur. Ilcl. 367. Hcc. 837. Wytienljacb 
zu Plal. I'haed. p. 235. Becker Charikl. II, p. 200. liiilliger (kl. Sehr. II, 
p. 3.')5) cnnncrlc bei dieser Gruppe an das Epigramm des Dioskoridcs 
(:\nall. I. p. 500, 28. Autli. Tal. VI!, 37): 

?i d' ^l't xtQotv 
zoi'()/,uoj, (x noli); ijäe öidicaxcti.Crjg ; 



tiTi aoi 'AvTiyöi'rjV ilniTv ifClov, ovx tiv n/^ÖQtois, 

ihe xcil 'JlKxTQUv (CfiifOTiQui yi'iQ tixQOV. 

'") Hecker Coniin. cril. p. 3 liest aov und erklärt die folgenden I 

Worte mit ctieäe tun jxilri opcm feretis, was nicht den richtigen 

Sinn gielit. Jacobs vcrbesscrle i(6v<iv yn'erijijos t(/uviiov, venil 

iit pntris ciiedcm ithiscereliir, «as die Worte nicht hcisscn können. 



237 



238 



^nnt] ßäxtQOv xazixovaa xal Gvveqyovaa %([ vi(( 
TTQog rijv zov dvögog exörifiiav {C>]fiiccv Jacobs). Das 
Opfer, welches nach Hygin die Veranlassung dar- 
l)ot, scheint liier gar iiiclil angedeutet gewesen 
zu sein. 

Auf einer Vase, welche Tischbein gehörte "') 
(Taf. LXVI, '.]), ist neben einer ionischen Säule ein 
.lijiighng mit flallernder Chlainys und einem Helm 
auf dem Koiife ins Knie gesunken und e»'heht den 
Schild zur Abwehr gegen einen furchtbaren Schlag, 
zu dem eine auf ihn zueilende Frau, welche mit 
gesticktem Chiton, Ueberwurf und Haube beklei- 
det ist, mit einer Axt ausholt. Millins Erklärung, 
welcher auch hier Klytaimnestra erkannle, die Aga- 
memnon tödtet, ist von Feuerbach (vatic. Apollo 
p. 359), Raoul-Rochelle (mon. iiu'd. p. 138 f.), Over- 
beck (her. Gallerie I, p. 680) angenommen worden, 

") Miliin pciiil. Je vas. I, 58. jjal. iiijth. 170, 615. Guigniaul 
2S3, 828. 



welche sich über die von der gewöhnlichen Ueber- 
iieferung abweichende Darstellung und die mir 
durchaus unzulässig erscheinende Annahme eines 
unbiirligen Agauienuion glauben hinwegsetzen zu 
können. Allerdings Tülkens Meifuing, welcher auch 
hier den von Merope bedrohten Kresphontes er- 
kennen wollte, ist mit Iiecht von Overbeck zurück- 
gewiesen worden; unmöglich konnte der Alte fehlen, 
welcher Merope im entscheidenden Augenblick zu- 
rückhält. Ungleich wahrscheinlicher ist aber VVeIckers 
Ansicht (griech. Trag. p. 835), welcher Merope er- 
kennt, die dem schon getrofl'nen Pohjphoiiies den 
tödtlichen Streich versetzt. Allerdiriirs ist dann eben- 
falls eine abgekürzte Darstellung anzunehmen, allein 
sie hat ihre selbständige Bedeutung, indem Merope 
nicht iiloss als die Helferin des Sohns, sondern selbst 
als Vollenderin der Itaclie hervorgehoben werden 
sollte. 
Leipzig. 



Otto Jahn. 



II. 



Allerlei. 



91. Agel.\das. Die viel besprochene Streitfrage 
über Jas Zeitalter dieses als Lehrers des Pheidias be- 
rlilmiten Künstlers, welche eine Zeitlang durch die An- 
nahme zweier Künstler desselben Namens beseitigt zu sein 
schien, eine in der Kunstgeschichte eben so übliche als 
missllche Methode, ist von Raoul-Rochctte (Lettre "a Mr. 
Sehern S. 173 f. 2. Ausgalie) wieder aufgefasst und auf einen 
Punkt hingeführt worden, welcher der Wahrheit gewiss 
so nahe kommt, dass man die Sache als abgethan an- 
sehen könnte, wenn nicht dieser Auffassung wiederum 
Widerspruch entgegengesetzt worden wjire. Es dreht sich 
die ganze Frage, deren Hauptniomente anzugeben uns die 
bihidige und vollst.-indige Auseinandersetziuig Walz's in 
einer Beurtheilung der genannten Schrift (Heidelb. Jahrb. 
1845. no. 25. S. 393f.) überhoben hat, um die nach Mass- 
gabe der Zeugnisse angeblich constatirte Dauer der Lebens- 
zeit des Ageladas bis auf ehien Zeitraum von 110 Jahren, 
welche nun freilieh nicht gerade als eine Unmöglichkeit, 
aber als eine um so grössere Unwahrscheinlichkeit ange- 
sehen werden nniss, als eine solche Thatsache schwerlich 
lici einer so nandiaften Person unberichtet geblieben sein 
würde. Wenn nun bei der Unhaltbarkeit aller bisherigen 
Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche es imupts.-ich- 



lich darauf ankommt, die vom Schul, zu Aristoj)h. ihm. 
50-1 gegebene Nachricht zu beseitigen, dass eine Statue 
des Herakles Ale.\ikakos von der Hand des Ageladas zur 
Zeit der grossen athenischen Pest in dem Stadtviertel 
Mellte aufgestellt worden sei, wodurch die Lebenszeit des 
Künstlers bis zu Oljanp. 87, 3 ungebiihrlich ausgedehnt 
wird, so sucht Raoul-Rochette diesen Umstand durch die 
Annahme eines Missverst.-indnisses von Seiten des Scho- 
liasten zu beseitigen, wonach derselbe nämlich durch den 
Glauljen verleitet, Herakles habe den Beinamen dliil/.uxiK; 
erst durch jene Pest erhalten, die Entstehung des Bild- 
werks selbst einer so sj);lten Zeit f.-ilschlich zugewiesen 
habe. Diesen Erklönuigsversuch halten wir nicht nur für 
scharfsinnig, w ie ihn Walz S. 395 bezeichnet, sondern auch 
der Sache so genügend, dass es uns nur Wunder nimmt, 
wie jener Deutung der beim Scholiasten überlieferten 
Nachricht Walz den Einwurf entgegen stellen konnte, dass 
die Verwerfung einer wohl beglauliigten Ueberlieferung 
eine Gewaltth.'itigkeit sei. Dem ist aber keineswegs so, 
indem jene Ueberliefenmg nicht verworfen, sondern nur 
dasjenige daraus entnommen wird, was wirklieh darin liegt, 
so dass die Annahme eines Missverständnisses nicht ein- 
mal nüthig ist. Denn der Scholiast sagt: Vaxt di i/.ii 



239 



240 



' Hgux'kiovg inKfavtaxuioi 'littiv ui.i^ixäxttv ro dt tov 
Hfjdix'i.iuvQ uyu'kftu l'jjyov 'Ayt^-udav Ttiv ^gyn'ov, tüv 
i\idaa/.üXov Otiilav i] di 'töyiaiq lytttro xuxlt rov 
iiiyuv y.oifiöv othif y.iu inuiauTO tj vuang nu'/.li'iv uv- 
:)gfi'in(oi' AnoV.vufi'(t)y. Kein Wort, also über die Zeit 
der Anfertigung der Statue, sondern nur die Angabe, wann 
und auf welclie Veranlassung ein solches Werk des Age- 
ladas in Melite aufgestellt worden sei. Ferner wenn die 
Weihung oder Aufstellung (idgrai?) noch wjihrend der 
Pest geschehen ist, wie der Zeuge behauptet, so ist es 
gar nicht möglich, dass bei der kurzen Dauer des Pest- 
zustandes in Athen ein solches Werk beschaffen werden 
konnte. JMan benutzte also ein schon früher vorhandenes 
Bild des Herakles, das vielleicht selbst unter dem Namen 
eines u).i'^i'xuy.og, eines schon vor diesem Ereignisse vor- 
handenen Prädikats des Gottes, schon früher bekannt war ; 
und nur die weitere Nachricht, dass von dieser Weiliung 
an die Pest aufgehört habe, verbleiljt der nnzeitigen Weis- 
lieit des Scholiasten. Vielmehr steht nichts der Annahme 
entgegen, dass als die Seuche nachgelassen, man dieses 
als eine Wirkung des geweihten Götterbildes angesehen 
und aus Dankbarkeit das Heiligthnm des Herakles in 
Melite von nun an zum Cultus eines Herakles (D.iii'/.uxoc 
erhoben habe. 

Vorstehendes, vor geraumer Zeit geschrieben, bedurfte 
keiner Veränderung, seitdem ich gesehen, dass Brunn S. 67 
zur Beseitigung der chronologischen Anstände sieh geneigt 
erklärt, mit Welcker und Müller die ganze Erzählung von 
der Veranlassung zur Weiliung als unbegründet zu ver- 
werfen. Mancher von demselben erörterte Punkt kann 
übrigens nur dazu dienen, etwaige Zweifel au der oben aus- 
gesprochenen Ansicht noch weiter zu heben. F. Osann. 

92. Zeus als Tänzer, Ztvi; t,Q/(n'ftevog. Laut 
Athenäus I, 22 c. führt der Korinther Euinelos oder Arktinos 
den Zeus irgendwo tanzend in folgenden Worten an: 
f.iianoiniv d' wq/hto nii.Ti]g äi(){«wi' rt v^eo/v ti. 
Wenn ein Zeus als Tänzer selbst in den Augen derer die 
mit den Schätzen antiker Kunst nicht minder als mit den 
Zeugnissen antiker Religion vertraut sind, Befremden er- 
regen muss, so liegt hierin schon eine hinreichende Auf- 
forderung der fast anstössigen Erscheinung eines Tänzer 
Zeus eine nähere Prüfung zu widmen. 

Der erste Gedanke, der sich auf Anlass dieses Verses 
uns aufdrängt, ist dass Zeus als Kind mitten im Waffen- 
tanz von Kureten oder Korybanten hier selbst tanzt. Da 



Zeus auf Kreta geboren war, und diese Insel durch ihre Tän- 
zer (Arist. Ran. 1358) Berühmtheit erlangte, so läge schon 
hierin eine ]\Iotivirung für den Akt des Tanzes. Zur Unter- 
stützung Hesse sich nicht nur Lucian de saltatione 80, p. 31 
anführen, der von einem Tänzer bei'ichtet, er habe des 
Zeus Gehurt getanzt und des Kronos Kinderverschluckung 
im Tanz parodirt: sondern auch der merkwürdige Tj'pus 
einer Mihize (Mon. dell' Instit. arch. I, XLIX A. 2. Ann. V, 
p. 125) von Maionia in Lydien, wo das Zeuskind unter 
Aufsicht und WafFeutanz dreier Kureten als Mui'ovtg 
(nuidoxüQoi, Kinderwärter) auf einer Art Thron sitzend 
sich schaukelt. Allein die letzte Hälfte des Verses „Vater 
der Götter und Menschen", sie müsste denn ironisch von 
dem Dichter gemeint sein, verbietet uns dieser Vermuthung 
Glauben zu schenken und bestimmt uns einem bjlrtigen 
bekleideten Zeus den Vorzug zu geben, mit dessen Würde 
sich freilich nur ein feierlich einherschreitender Tanz ver- 
tragen kann. Steht dieser Punkt aber einmal fest, so er- 
giebt sich auch ungezwungen, dass fitacfoiatv nur auf 
seine Brüder Poseidon und Pluton sich beziehen kami, in 
deren Mitte er auf gleiche Weise tanzt wie wir es bei 
Hören und Chariten alterthümlichen Styls zu sehen ge- 
wohnt sind. Fragen wir nun aber nach der Bedeutung 
dieses Tanzes der drei Brüder, so lässt ihr Charakter als 
grosse Gottheiten der Elemente, als Herren von Wasser, 
von Luft, von Licht und von Erde, wohl kaum eine andere 
Auffassung zu, als dieselbe kosmische Idee der Folge und 
des Kreislaufs, welche dem Tanze der Hören zum Grunde 
liegt, auch auf den Tanz dieser Zeustrias überzutragen. 
Zu besserem Vcrst.'indniss dieser Auslegung des merkv^ür- 
digeu Verses Hesse sich auf einem Basrelief der Villa Al- 
hani (Zoega tav. 112. Müller D. a. K. XXTV, 258) ein 
Altar geschmückt mit dem Relief der drei Zeus herbei- 
ziehen, die, ein jeder mit Skeptron