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Full text of "Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen"

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Library 



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ARCHIV 

FÜR DAS STUDIUM DER NEUEREN 
SPRACHEN UND LITERATUREN 

BEGRÜNDET VON LUDVvlG HERRIG 

herausgegebp:n von 
ALOIS BRANDL UND HEINRICH MORF 



LXVII. JAHRGANG, CXXX. BAND 
DER NEUEN SERIE XXX. BAND 






BRAUNSCHWEIG UND BERLIN 

I) IUI (; K II N I) V K 1{ L A (i VON (i K O K (i K W E S T ERMANN 

19L3 



3 
As 



Inhalts -Verzeichnis des CXXX. Bandes 

der neuen Serie XXX. Bandes 



Abhandlungen 

Seite 

Henry Sweet. VonH. C. Wyld und A. Brau dl 1 

Eine mittelniederländische Bearbeitung altfranzösischer Minnefrageu. Von Walther 

Such i er 12 

Aufführung von Jesuitendramen in Indien. Von Th. Zachariae 32 

Lautverwachsuni; und Lautabtreunung im Schweizerdeutschen. Von Fe rd i na nd Vetter 249 

Zwei mittelenglische Prosaroniane : The sege of Thebes und The sege of Troy. Von 

FriedrichBrie 40 

Die Hirtendichtimg des Feliciano de Silva und Shakespeares Wiutermärchen. Von 

JosephdePerott 63 

Die 'Merry Muses of Caledonia' und Bums' 'Court of Equity'. (Schluß.) Von Hans 

Hecht 57 

La correspondance in^dite de Harriet Martineau et de Henry Crabb Robinson. Von 

Jean-Marie Carr6 73 

Zwei mittelenglische Prosaroniane: The Sege of Thebes und The So'^c of Troy. (Schluß.) 

Von FriedrichBrie 2()9 

Lydgatiana. Von H. N. MacCracken 286 

Prolegomena zu einer Studie über die romanischen Krankheitsnamen. Von Hermann 

Urtel 81 

Zum Tristan-Roman. (Schluß.) Von E. Brugger 117 

La Chronologie du s(5jour de Voltaire en Angleterre et les Leilres philosophiques. Von 

FernandBaldensperger 137 

Das Rousseauproblem und seine neuesten Lösungen. Von Paul Sakmann 205 

Volkstümliche französische Lieder aus Arienbüchem und Chansonssammlungen des aus- 
gehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts. Von Theodor Gerold .... 312 

Zur provenzali sehen Bibliographie. Von Kurt Lewent 32-1 

Über italienisch cosl. Von Leo Spitzer 335 

Die Entstehung des romantischen Trimeters. Von Hanns Heiss 356 

Kleinere Mitteilungen 

Zu Goethe in England. (Herbert Smi th) 154 

Zum Beowulf (Grendelsage). (Walter Benary) 154 

Ags. Berechtxcine in Alt-Irland. (Kuno Meyer) 155 

Über einige Quellen zu .l-'Jfrics 'Homiliae catholicae'. (Bernhard Fehr) 378 

Dialektologische Exkursion des Romani.schen Seminars in Basel. (S. Merian) .... 156 

Bruchstück einer neuen Handschrift diT 'Fait des Romains'. (J. Pirson) 381 

Molifcre et Montausier. (Ph. A ug. Becker) 384 

Peut-6tre. (Alfred Schulze) 385 

Das Sirventes Honratx es hom per despendre (B. Or. 242,38). (Zu Archiv CXXIX, S. 460.) 

(Leo Spitzer und AdolfKolsen) 388 

Sitzungen der Berliner Gesellschaft für das Studium der neuereu Si>nichon 161 

Verzeichni.s der Mitglieder der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Spnichen. 

Januar 1913 172 



IV 

Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Seite 
Goethes AVerke. Vollständige Ausgabe in vierzig Teilen. Auf Gnmd der Hempelschen 
Ausgabe neu herausgegeben, mit Einleitungen und Anmerkungen sowie einem General- 
register Tersehen von Karl Alt in Verbindung mit Emil Erma tinger, S. Kaii- 
sch er, Wilhelm Niemeyer, Rudolf Pechel , Robert Riemann, Eduard Sclieide- 
mantel und Christian Wans. Teil 11—13, 23—24, 25—26, 32, 33-35. 30-38. 

(W. Nickel) 407 

K. Berger, s. Otto Giintter. 

E. Brandenburg, s. Otto Giintter. 

Rudolf Buch mann, Helden und Mächte des romantischen Kunstmärchens. Beitrage zu 

einer Motiv- und Stili)arallele. (Erich Bleich) 420 

Georg Dinges, Untersuchimgen zum Donaueschinger Passionsspiel. (Hans Legband) . 392 

Th. Engert, s. Otto Giintter. 

Emil Ermatinger, s. Karl Alt. 

Die schöne Seele. Bekenntnisse, Schriften und Briefe der Susanna Katharina von Kletten- 
berg. Hg. Ton Heinrich Funck. (Reinhold Steig) 409 

Schillers sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe in 20 Bänden. Unter Mitwirkung 
von K. Berger, E. Brandenburg, Th. Engert, A. Köster, A. Leitzmann, 
F. Muncker hg. von Otto Giintter und Georg Witkowski. (Robert Petsch) . . 410 

Hugo Herchenbach, Das Präsens historicum im Mittelhochdeutschen. (August Geb- 

hardt) . . .' 178 

Ernst Jenny imd Virgile Rössel, Geschichte der schweizerischen Literatur. 2 Bände. 

(Reinhold Steig) 399 

S. Kalischer, s. Karl Alt. 

A. Köster, s. Otto Giintter. 

Schillers Werke. Vollständige Ausgabe in 15 Teilen. Auf Grund der Hempelschen Aus- 
gabe neu hg., mit Einleitungen tmd Anmerkungen versehen von Arthur Kutscher. 
(Robert Petsch) 410 

A. Leitzmann, s. Otto Giintter. 

Marta Marti, 'Gottes Zukunft' von Heinrich von Neustadt. Quellenforschungen. (August 

Gebhardt) 391 

F. Muncker, s. Otto Giintter. 
Wilhelm Niemeyer, s. Karl Alt. 
Rudolf Pechel, s. Karl Alt. 
Robert Riemann, s. Karl Alt. 

Edmund Rieß, Wilhelm Heinses Romantechnik. (Roheit Riemann) 401 

Willy Rosalewsky, Scliillers Ästhetik im Verhältnis zur Kantischen. (Robert Petsch). 410 

Virgile Rössel, s. Ernst Jeimy. 

Ludwig Sad6e, Schiller als Realist. Eine literarisch-psychologische Studie. (Hans Lindati) 418 

Eduard Scheidemantel, s. Karl Alt. 

Schillers sämtliche Werke in 16 Bänden ('Hören- Ausgabe'). Bd. I— IX (bis 1793). (Robert 

Petsch) 410 

Fr. Seiler, Der Gegenwartswert der Hamburgischen Dramaturgie. Zweite vermehrte und 

verbesserte Auflage. (Erich Bleich) 4f)-4 

Des Minnesangs Frühling. Mit Bezeichnung der Abweichungen von Lachmann und 

Haupt und unter Beifügung ihrer Anmerktmgen neu bearbeitet von Friedrich Vogt. 

(W. Nickel) 3i)0 

Christian Waas, s. Karl Alt. 

Herman Felix Wir th. Der Untergang des niederländischen Volksliedes. (Heinrich Lohre) 178 

Georg Wi tkowsk i , s. Otto Günttcr. 



Gustav Grau, (iuellcn imd Verwandtschafton der älteren gormanischen Darstellungen des 

jüngsten Gerichts. (Hans Hecht) 424 

Paul Hoffmann, Das grammatische Genus in La.'^amons Brut. (J. Marik) 4.32 

0. Jespersen, Growth and structure of the Eugli&h lauguage, 2'^'^ ed. reviscd. (J. Mafik) 433 



V 

Seite 
Alexander Müller, Mittelengli che {;eistlichc und weltliche Lyrik des 13. Jahrhunderts 

(mit Alisschluß der politischen) nach Motiven nnd Formen. (Otto Zippel) .... 182 

Karl Neßler, Geschichte der Ballade Chevy Chase. (Heinrich Lohre) 180 

Carl Richter, Chronologische Studien zur angelsächsischen Literatur auf (irund sprach- 
lich-metrischer Kriterien. (Hans Hecht) 430 



I,uther Herbert Alexander, l'anicipial substantives of the -ata-type in tbe Romance 

langnages with special reforence to French. (Klise Richter) 134 

(i. Bielef eldt , Methodische W'ortkunde der französischen Sprache mit besonderer Be- 
rücksichtigung der (irammatik, Phraseologie, Synonymik und Ktymologie. Kine 
(irundlage für das Studium der französischen Sprache, ein Korrektiv für den fran- 
zösischen Hilfsimterricht. (Eugene Pariselle) 451 

Pompejanische Wandinschrifteu und Verwandtes, Ausgewählt von Ernst Dielil. (Williolin 

Heraeus) 133 

Niccolö Machiavelli. Pie H;indschriften, Ausgaben und Übersetzungen seiner Werke im 
16. und 17. Jahrhundert. Eine kritisch -bibliographische Untersuchung von Adolph 
Gerber. Erster Teil: Die Handschriften. (Oskar Hecker) 199 

Ludwig Geyer, Der französische Aufsatz. Ein Wegweiser für Studierende, Lehrer und 

Lehrerinnen der neueren Sprachen. (Tli. Zeiger) 449 

Henri Gh^on, Nos Directions (Ri'alisme et podsie. Notes sur le dnime poi'-tiqiie. Du 

classicisme. Sur le vers libre). (Kurt Gla.ser) 418 

Kurt Glaser, Le sens pejoratif du suffixe -ard en Iranrais. (W. Schumann) .... 454 

Emest Gossart, La revolution des Pays-Bas au seizif-me si^cle dans l'ancien th<'i\tre 

espagnol. (A. I.,udwig) 203 

Die lyrische Bewegung im gegenwärtigen Frankreich. Eine Auswahl von Otto und Erna 

Grautoff. (Gustav KoU) 192 

J.Haas, (jrundlagen der französischen SjTitax. (Leo Spitzer) 451 

J.Loth, Contributions ä l'(5tude des romans de la Table Ronde. (Kuno Meyer) . . . 445 

F. K. Mann, M('moire int^dit adress<5 ä Monseigneur le duc d'Orh^ans par Charles de Se- 

condat, Baron de Montesquieu. (Leo Jordan) 118 

Ph. Martinon, Les Strophes. Etüde historique et critique sur les formes de la po(''sie 

lyrique en France depuis la Renaissance. (Ph. Aug. Becker) 187 

Das altfranzösische Eustachiusleben (L'Estoire d'Eustachius) der Pariser Handschrift Nat.- 
Bibl. fr. 1374 zum ersten Male mit Einleitung, den lateinischen TexU>n der 'AcUi 
Sanctorum' und der 'Bibliotheca Casinensis', Anmerkungen und (Jlossar hg. von 
Andreas C. Ott. (Angelo Monteverdi) .... 43f> 

Dr. Rudolf Rubel, Über den Gebnuich von debere und den Ausdruck der Notwendigkeit 

im Romanischen. (Elise Richter) 184 

Martin Rühlemanii, Etymologie des Wortes harkqidn inid verwandter Wörter. (Otto 

Driesen) l.'iö 

Hugo Schuchardt, Geschichtlich verwandt oder clemenUir verwandt? (Richard AL Meyer) 183 

Wilhelm Weigand, Stendhal und Balzac. Essays. (Hanns Hciss) 44(j 

Verzeichnis der von Mitte Dezember 1912 bis Ende Mai 1913 bei der 
Redaktion eingelaufenen Druckschriften, mit folgenden kurzen Anzeigen: 

Allgemeines ^pHp 

The bulletin of the Bibliographical Society of Ainerica. IV, 1, 2. (Hans Daffis) . . . 229 
A.Gercke und E.Norden, Einleitung in die Altertumswissenschaft. Bd. 111. Grie- 
chische und nimisehe Geschichte, (iriechische und römische Staatsaltertümcr. (Richard 

M. Meyer) 229 

Ediuird Hermann, Griechische Forschungen. I. Die Nebensätze in den griechischen 
Dialektinsclirifl^Mi im Vergleich mit den Nebensätzen in der griechischen Literatur 

und die Gebildeten.sprache im Griechischen und Deutscheu 230 

\ 



VI 

Seite 
Vox. Internationnles Zcntralblatt für experimentelle Phonetik. Gegründet mit Unter- 
stützung der haniburgischen wissenschaftlichen Stiftung und hg. von H. Gutzniann 

und Dr. Panconcelli-Calzia. I.Heft. (H. M.) 457 

P. Passy, Petite phon^tique compar^e des principales langues eurnp(5ennes. Deuxitme 

^'dition revue et compl(5t^e 457 

Deutsch 

F. Sohns, Wort und Sinn. Begriffswandlungen in der deutschen Sprache. (W. Nickel) 233 
Erich Petzet und Otto Glauning, Deutsche Schrifttafeln des 9. bis 16. Jahrhunderts 
aus Handschriften der Kgl. Hof- und Staatsbibliothek in München. II. Abteilung: 
Mittelhochdeutsche Schriftdenkmäler des 11. bis 14. Jahrhunderts. (Robert Petsch) . 283 

Israel Weinberg, Zu Notkers Anlautsgesetz. (August Gebhardt) 234 

Der Wiener Oswald. Hg. von (ieorg Baesecke 234 

Sigmund Grolimund, Volkslieder aus dem Kanton Solotliurn. (Heinrich Lohre) . . 235 
Hans Benzmann, Die soziale Ballade in Deutschland. Typen, Stilarten und Geschichte 

der sozialen Ballade. (Hans Daffis) 235 

K. Zagajewski , Albrecht von Hallers Dichtersprache. (W.Nickel) 236 

Wolfram Suchier, Gottscheds Korrespondenten. Alphabetisches Absender-Register zur 

Gottschedschen Briefsammlung in derUuiversitäts-Bibliothek Leipzig. (C. A. v. Bloedau) 236 
Robert Petsch, Deutsche Dramaturgie von Lessing bis Hebbel. (Hans Daffis) .... 237 
Hans Knudsen, Heinrich Beck, ein Schauspieler aus der Blütezeit des Mannheimer 

Theaters im 18. Jahrhundert. (Hans Daffis) 237 

R. Petsch, Lessings Faustdichtung. Mit erläuternden Beigaben herausgegeben. (Erich 

Bleich) 238 

Wilhelm Todt, Lessing in England 1767—1850. (Georg Herzteld) 239 

Hans Gerhard Graf, Goethe über seine Dichtungen. Versuch einer Sammlung aller 
Äußerungen des Dichters über seine poetischen Werke. 3. Teil : Die lyrischen Dich- 
tungen. (Hans Daffis) 239 

Erich V. d. Hagen, Goethe als Herausgeber von 'Kunst und Altertum' und seine Mit- 
arbeiter. (Richard M. Meyer) 239 

Faust, der Tragödie erster Teil, synoptisch hg. und eingeleitet von Hans Lebede . . . 240 
Arndts Werke. Auswahl in 12 Teilen, hg. mit Einleitungen und Anmerkimgen versehen 

vonA. Leffson imd W. Steffens 240 

Walther Brecht, Heinse und der ästhetische Immoralismus. Zur Geschichte der italieni- 
schen Renaissance in Deutschland. (Hermann Bräuning-Oktavio) 241 

Erich von Schrenck, Richard Wagner als Dichter 241 

Artur Farinelli, Paul Hey se. (Hans Daffis) 242 

K. Burdach, Vom Mittelalter zur Reformation, Forsch\mgen zur Geschichte der deut- 
schen Bildung, im Auftrage der Kgl. preußischen Akademie der AVissenschaften hg. 
Zweiter Band : Briefwechsel des Cola di Rienzo, hg. von K. Burdach und P. Piur. 
Dritter Teil: Kritischer Text, Lesarten und Anmerkungen. Vierter Teil, Anhang: 
Urkundliche Quellen zur Geschichte Rienzos ; Oraculum angelicum Cyrilli nebst dem 

Kommentar des PseudoJoachim. (H. M.) 457 

K. Bohnenberger, Die Mundart der deutschen Walliser im Heimattal und in den 

Außenorten 458 

Englisch 

Beowulf nebst den kleineren Denkmälern der Heldensage. Mit Einleitung, Glossar und 
Anmerkungen hg. von F. Holthausen. IL Teil: Einleitung, Glossar und An- 
merkimgen. 3. verb. Aufl 244 

Cid English riddles. Edited by A. J. Wyatt 244 

W. H. Schof ield , Chivalry in English literature. Chaucer, Malory, Spenserand Shakespeare 244 

Bangs Materialien zur Kunde des älteren englischen Dramas 245 

Käthe Eck leben. Die tragische Ironie bei Shakespeare 245 

The works of Shakespeare. The winter's tale. Edited by F.W. Moorman 245 

Philip Massinger. Edited by L. A. Sherman 246 



vn 

Seite 

K.A. Beutler, Über Byrons 'Hebrew melodies' 246 

Edgar Allan Poe, Le poesie. Tradotto da Federico Olivere 246 

F. Sefton De Im er, A key to spoken English. For tbe use of schools and private students 247 
Max Bellows, Sclireibtiscliworterbuch der deutschen und englischen Sprache. KoiTektur- 

bogen durchgesehen von Clarence Sherwood UBd Wilhelm Johann Kggers . . . 247 
English poems with bic^'raphical notioes. Ou the basis of a selection by Ludwig Herrig 

edited by Max Förster 247 

John Kirkpatrick, Haudbook of idiomatik English as now written and spoken . . . 248 

Romanisch 

Testi romanzi per uso delle scuole a cura di E. Monaci. N» 29: h'Ässedio di Zamora 

nella Primera Crcmica general de Espana. Estratti e Glossario a cura di M.Pelaez 459 

Sammlung mittellateinischer Texte, hg. von A. Hilka. N° 5 : Ilistoria Septem sapien- 
tuni, II. Johannis de Alta Silva Dolopathos sive De rege et Septem sapiintibus, nach 
den festlUndischen Handschriften kritisch hg. von A. Hilka 459 

Scritti varii di erudizione e di critica in onore di Rodolfo Renier 4(50 

Manualetti eleuientari di filologia romanza, raccolti da E. Monaci. N» 2 : A. Camilli, 

11 sistema Ascoliano di grafia fonetica 401 

E. Diehl, Lateinische altchristliche Insehrilten, mit einem Anhang jüdischer Inschriften, 

ausgewählt und erklärt. 2. Auflage 462 

Französisch 

Revue du dix-huiti&me sifecle, publice par la Societe du XVIII<- sif-de 462 

Annales de la Society J.-J. Rousseau. Tome huitit^me, 1912 463 

Chrestomathie de l'ancien fran^ais (VIll» — XV« sifecles) accompagn^-e d'une grammaire et 
d'iui glossaire par K. Bartsch. Onzi^me Mition entierenient revue et corrig^e par 
L. Wiese 463 

J. Schmidt, Le jugement d'Amours. Textausgabe mit Anmerkungen imd vollständigem 

Glossar 4G3 

Aucassin et Nicolette. Texte critique accompagnee de paradigmes et d'un lexique par 

H. Suchier. Huiti&me ^'dition 463 

Li dis dou vrai aniel. Die Parabel von dem echten Ringe, franziisische Dichtung des 
13. Jahrhunderts, aus einer Pariser Handschrift zum ersten Male lig. von Adolf 
Tobler. Dritte Auflage 463 

Marie de France. Six lais d'amour moderuisi^es en regard de l'original avec une notice 

historique sur l'auteur et ses ouvrages par Ph. Lebesgiie 464 

Kristian von Troyes, Yvain (Der Löwenritter). Textausgabe mit Variantenauswahl, Ein- 
leitung, erklärenden Anmerkungen inid vollständigem Glossar hg. von W. Fo erster. 
Vierte verbesserte und vermehrte Auflage 464 

Oeuvres complf-tes de Stendhal publi<^es sous la direction d'Edouard Cliam|)ioii, 

Tome I et II 464 

K. Voretzsch, Eiuführimg in das Studium der altfranzösischen Literatur im Anschluß 

an die Einführung in das Studium der altfranzösischen Sprache. Zweite Auflage . . 465 

CG Utersohn, Die Balduin-Episode des altfranzösischen Ogier-lCpos. Verhältnis der 
Handschriften untereinander und Charakteristik der einzelnen Handschriften und 
Bearbeitimgen 466 

A. Wiedenh of en, Beiträge ziu- EiUwicklungsgeschichte der französischen Farce . . . 466 

G. Lanson, Manuel bibliographiqiie de la litti'ralure fran(;aise modern«; (1500 — 1900). 

IV: Revolution et dix-neuvieme siecle 466 

La Revue critique des id<5es et des livres. Tome XX; N» 118 466 

Kr. Nyrop, (iraminaire historique de la langiie fran(;aise, tome quatriemo : Semantique 466 
Schwan-Behrens, Grammaire de l'ancien frani,ais. Tniduction fi-an^aise par O. Bloch. 
Premii-re et deuxif-me parties : Plionetique et morphologie ; deuxieine «'■dition d'apres 
la neuvii'me ^ditiim allemande. — Troisifcme i>artie: Mat<''riaux pour servir d'intro- 
duction ä r<5tude des dialects de Pancien fi-anv'uis, publies par D. Behrens .... 467 



VIII 

Seite 

H. Urtel, Autour du rluimo 467 

L. Cl(5dat, Dictionnaire ötyraologique de la langue franjaise. Ueiixieuie L'ditiuu revue, 

corrig^e 467 

Provenzaliscta 

C. Appel, Provenzalische Chrestomathie mit Abriß der Formenlehre und Glossar. Vierte 

verbesserte Auflage 46S 

Poösies de Uc de Saint-Circ, publikes avec une introduetion, une traduetion et des notes 

par A. Jeanroy et J.-J. Salverda de Grave 468 

Les classiques franfais du moyen äge publiös sous la direction de M. ^voques: Les 

Chansons de Guillamne IX, duc d'Aquitaine (1071 — 1127) ^ditees par A. Jeauroy . 469 

Italienisch 

A. Monteverdi , GH esempi dello Specchio di vera penitenxa 470 

G. Gröber, Über die Quellen von Boccaccios Dekameron. Mit einem Porträt G. Gröbers 

luid einer Einleitung von F. Ed. Schneegans 470 

A. Jeanroy, Carducci et la Renaissance italienne. Etüde sur les sources du quatriöme 

discours Dello svolgimento della lettcratura navkmale 470 

C. Salvioni, Relazione sull'andaniento dell'opera del Vocabolario nell'annu 1912 . . . 470 

Spaniscil 

Las burlas veras, comedia famosa de Lope de Vega Carpio, editcd with an introduetion 

and notes by S. L. Miliard Rosenberg 471 

R. Lehmann-Ni tsche, Folkloi'e argentino. I: Advinanzas rioplatenses coleccionadas 

y publicadas 471 



Henry Sweet. 

011 the thirtieth day of April last, Heniy Sweet died in Oxford, 
at the age of 07. A fe\v days later, lie was buried in tlic (luiet 
country cemetery of AVolvercote, a few miles out of Oxford. 

As we stood round the open grave, amid the gentle, refreshing 
rain of an Eiiglish spring, just as the coffin was being lowered into 




llL'iny Swt'ot. 

the ground, a cuckoo in the neighbouring woods, green as perhaps 
only English woods can be in early May, suddenly sang out softly, 
but clearly. The sweet and ])laintive notes seenied a fitting funeral 
song for the great and simi)le-hcarted man wlio had just been laid 
in his 'narrow cell'. The words from the O. E. poem which he 
loved, and edited, must have flashed through the niinds of more 
than one who was present: — 

Sinjlcc (ji'df ynonaä fn'onircui reonii- 
simicil swiieres treard, sorf/r hcodid 
fiiter in brrosthonl . 

Arcliiv f. n. S|>r;iclicii. f'XXX. 1 



2 • Henry Swoot 

The passing away of a scholar of the importance of Henry 
Sweet makes a blank in the world of learning which nothing can 
fill. AVc look lonnd in vain in England, whether among his con- 
temporaries, or among younger men who are rising into some sort 
of prominence, for one to take his place, either immediately, or 
in the future. With his departure a great vital intellectnal force 
is reraoved frora our midst, and so far as English and wider lin- 
guistic studies in this country are concerned, we feel that the 
sun is gone, and only twilight remains, and the flickering of paler 
Stars. 

Fi'om the purely human point of view it is the same thing. 
Those who knew Sweet well, and loved him, and they are not 
few, know how stränge it is to think he is no longer tliere, how 
wide a gap his absence makes. For just as he filled a splendid 
place in learning and thought, so also in the hearts and lives of 
his intimates, his strong, and remarkable personality bulked laige. 
In feeling, as in pure intellect, Sweet was like a great elemental 
force. As I look back upon my friendship with him, and try to 
call up the man as I knew him, his figure emerges vivid, froni a 
crowd of vague and fussy persons, who, compared with him, are 
like the shadows of shades, a figure massive, serene, and radiant 
with the light of intelligence and goodness. 

No one could meet Sweet for the first time without being 
impressed by the freshness and originahty of his mind. It was 
clear that he was no ordinary man. He was not one of those 
who in a mixed Company hold forth, as in a lecture-room, upon a 
subject, concerning which many of those present may know noth- 
ing, and for which they care less. He had absolutely nothing of 
the pedant about him. He did not lay down the law, even upon 
subjects on which his opinion might be decisive, as though his was 
the last Word on the point. He liked to discuss, and speculate, and 
to hear other people's views. His rnind was ever open to new ideas. 
and fresh points of view, no matter how humble the source might 
be. He had this unfailing mark of a great man, that he cared 
more to get at the Truth, than to prove himself right. Thus, 
latterly, he rarely entered into controversy, and if he was attacked, 
was more interested in his opponent's new contribution, if indeed 
he made one, than he was in resenting the vulgarity with whicli 
the attack was sometimes made. 

In conversation, Sweet was offen at his best with perfect 
strangers. As there were few topics which did not interest him, 
he delighted in hearing men talk if they really knew something at 
fu'st band, or had thought for themselves in any direction. He 
had not the unfortunate limitations of interest which offen dehuma- 
nise scholars, and cut them off from everything outside tlie ränge 



Ilciny Swci't ß 

of their oavii immediate studies. He would eiiter keenly into a 
description of fox-hunting. into plans for planting an orchard, into 
the technique of a game of skill. He possessed to a very high 
degree the saving virtues of Imagination and huniour. Thus he was 
able to understand that pursuits and interests very reniote froni 
his own niight deserve respect. He coiild also perceive drollery 
and coniicality in persons and situations, in which duller men 
found ouly a very dismal seriousncss. Xothing about Sweet was 
so characteristic as his quaint and unexpected turns of humour. 
Although he did not latterly much frequent general society. he 
made several excursions a few years before his dcath, into the 
social life. just then fairly exuberant, of the young University of 
Liverpool — upon which he conferred the distinction of acting 
:is Examiner in the English Language, — and also to Dublin, 
which he visited in Company with his friend Kuno Meyer. Into 
the spü'it of the groups of people with whom he {;ame in con- 
tact in these cities, he entered with great zest and enjoyment, 
and showed, what his intimate friends knew already, that in a 
merry Company, he could hold his own with the best in gaiety, 
good humour, and wit. The late York Powell, a great friend of 
Sweet's, and a man who liked to talk freely among persons he 
could trust. once said of another fi'iend, that he was a man to 
whom you could say what you wanted, without having to explain 
what you meant every moment, because he always understood. 
This is an excellently true description of Sweet as a human being, 
and that is the reason why he was so eminently satisfactory as a 
companion. A\'hether the conversation ran upon scientific problems. 
or upon the more trivial, but none the less vital interests of every- 
day life, one always gaiiied something from Sweet — illumination. 
and sympathetic understanding at all times. 

Thanks to these qualities of mind, Sweet's personal influence 
both upon Englishmen. and foreign scholars has been very con- 
siderable — far wider probably than many people in Oxford it- 
self realised. While many of his books and shorter writings have 
become classics. appealed to. and quoted wherever the study of 
English, and of general linguistic problems is pursued, the number 
of students in many countries who, in one way or another, were 
directly his pujjils, is very large, and the names of those who are 
indirectly so must be legioii. The impetus which by his teaching 
and writings be gave to English and phonetic studies in his own 
country is a lasting force. By his exact editions of O. E. texts. 
his practical and workmanlike Readers, Primers and Grammars, and 
liis wonderfully complote and reliable, yet concise -Anglo-Saxon 
Dictionary' he not only made iin])ortant ci>iitributi(Jiis to know- 
ledge, but placed the study of English t'or l)egiiiiiers upon a sound 

I 



4 Henry Sweet 

basis. In all the Englisli Uiiiversities, there are now 'Schools of 
English', and it is not too mucli to say, that but for Sweet's 
labours tliey could not exist. From tbis point of view, he might 
have Said in the words of Blake, 

I will not cease from mental strife 
Not shall my sword rest in my liaud, 
Till I have bullt Jerusalem 
In Englands green and pleasant land. 

Even if it were not a impertinence to the readers of this pm-nal, 
it woiild be superfluous to enumerate »Sweet's writings, for they are 
well known, and besides, the nanies of niost. though not of all the 
niost important are to be found in the list given by Mr. Savory in 
his excellent article in the last number of Neuere Sprachen^ and a 
list which is practically complete down to 1901 is to be found in a 
sketch of Sweet by the present writer in the now defunct Modern 
La//gfia</e QiKirterJij for July in that year. It is hoped that an 
ampler record of Sweet's life and work may appear before long in 
a more permanent form, and it must suffice here to indicate in a- 
general way, the nature of his chief contributions to learning. 

There may be classed under the foUowing heads: 

1. Editions of O. E. texts. 

2. Phonetics. 

8. The General History of English. 

4. Works for beginners. 

5. Theory of the evolution of language and general linguistic 
prol)lems. 

It is quite unnecessary to say anything here as to the impor- 
tance of such editions as those of the Cura Pastoralis, Orosius, 
and the Oldest English Texts, and reference has already been made 
to the value of the collection of books for learners. It may be 
added that these books are really original works, since they are 
not based, as are some other Primers, and Readers which could be 
mentioned, upon similar books by other people, but have on the 
contrary, themselves served as modeis for several inferior works of 
the same type. The texts were in many cases taken straight fron) 
the MSS. and the grammatical introductions are marvellously clear 
and concise. The Anglo-Saxon Reader will long hold the place which 
it now occupies, on account of the admirable selection of texts, the 
accuracy of the grammatical introduction, and the practical nature 
of the glossary. 

As a phonetician, Sweet was known wherever language is 
studied, not only to the leading exponents of this science in every 
country, but also to a host of students who, interested chiefly in 
the practical study of languages, were offen unaware of his dis- 



Henry Sweot 5 

tinctioii in other fields of leaniiiig. It is not oFteii that a scliolar 
who is a profouiid scientific philologist is also ;i leader in the study 
nf practica! Phonctics, and many professional phoneticians take but 
little interest in the evolution of language. It would prohably be 
difficult to name niany scholars besides Sweet, Sievers, Stonn, Jes- 
persen and Vietor who have made important contributions to tlic 
pui'e science of language, and also to the sister science of Phonetics. 
At an early age Sweet made the acquaintance of Melville Bell, 
the foundcr of the Organic Method of classifying the sounds of 
Speech, and having niastered the systeni as it then existed, became 
convinced that here was a real scientific basis for the study of the 
external part of language. CTifted with an exccUent ear, and in- 
finite powei-s of patient obsen^ation, Sweet proceeded to study the 
pronunciation of various forms of English. as well as that of a 
considerable number of living foreigu tongues, with a minuteness 
and accuracy which liad never hitherto been devoted to the subject. 
Having thus obtained an extraordinarily wide knowledge and com- 
mand of speech sounds, he was able to illustrate and enrich the 
Organic Method in a way that its author could not do. He was 
also able to state the principles of the method m a far more 
scientific and convincing manner, and to correct Bell's shortcomings 
and defects. 

Sweet's studies of English pronunciation, and of that of North 
Welsh, Danish, Swedish, Portuguese and Eussian are of lasting 
value, not only for their intrinsic merits, but as modeis for all 
future investigators. His account of Welsh pronunciation and the 
Grammar of the spoken language, is perhaps the most trustworthy 
and practical guide which exists, to this difficult language. 
Sweet's description of these languages, as well as of several others, 
discussed in the Handbook of Phonetics, are not mere parrot 
reproductions, or phonographic records, they are the work of a man 
with a geimine linguistic genius, who knew thoroughly, and spoke 
fluently, the languages he describes — he had lived amongst the 
various peoples, and assimilated their habits of thought, and modes 
of expression. 

This practical and living study of speech-sounds, Sweet con- 
tinued all his life. He was for ever increasing his knowledge of 
languages, and as he invariably ])egan a language by a practical 
study of it with a native Speaker, this meant a perpetual increase 
of his command of sounds. His mind as well as his vocal organs 
were always at work upon plionetic j>robleins. Thus, in the second 
edition of his Primor of J'iionetics (1!HJ2) he was able to state as 
the result of his latest observations, that the thirty-six vowel 
sounds, enumerated in the first edition. must now bc increased to 
seventy-two. All the Fro)/! vowels, twelve in nund)er, may be 



6 Henry Sweet 

proiiouuced in 'in'-positioii, that is with the tongue very inuch re- 
traeted; tlie same applies to the Mi.red or Flot \owels, twelve 
in uumber, while the Bar/,- vowels, also twelve in number, may 
be uttered with the tongue very much advanced. Sweet had of 
course already recognised that Back, and Front vowels could be 
respectively 'advanced', and 'retracted'; he now maintained that if 
the advancing, or retraction went beyond a certain point, both the 
Position of the organs, and the sound which resulted, were so dif- 
ferent from the normal position and sound, that a new category 
nnist be made for them. As regards the 'shifted' forms of the Jyric/,. 
and Front, vowels, there can be no doubt that Sweet made a great 
discovery, and a far-reaching contribution to the science. 

The work which Sweet produced in Phonetics, and the iii- 
vestigation of living tongues, in editing texts, in writing elementary 
and advanced Primers and Readers, in compiling his A.-S. Die- 
tionary, in the discussion of minute points in the history of English, in 
devising a System of shorthand, and his studies in O. E. palaeographv, 
would more than have exhausted the time and energies of any or- 
dinary clever and laborious man, and by themselves would constitute 
a fine life's work. But alongside of these activities, his l)usy brain, 
which until the last year of his life seemed never to grow tired, 
was for ever ranging over the wider problems of the evolution of 
human speech. AVhile still a young man, in the various 'Peports' 
compiled for the Philological Society, and in his discourses as Pre- 
sident of that body, Sweet had shown a thorough knowledge of- 
the work that was being done on the Coiitinent, in the domain of 
investigations concerning the Idg. Mother Tongue; he Avas following 
closely, throughout the late seventies, and the eighties, the pro- 
gress of Comparative Philology, Avhich received a new impetus at 
that period; he was keeping in touch with the development of 
knowledge concerning the history of the AVest Germanic and Scan- 
dinavian languages; he Avas himself leading in the field of Engh'sh. 
The /Reports' alhided to, were not mere mechanical enunierations 
of the titles of books and monographs. They were critical digests, 
which showed that Sweet had a thorough mastery of principles 
and facts. With the methods and fundamental principles of the 
New School of Grammarians, Sweet was in thorough sympathy. 
These methods were the result of a new, and more living con- 
ception of the nature of speech, a more vivid realisation of its life. 
The view of language as something which has n » existence apart 
from the living human beings Avho speak it, Sweet had already 
reached for himself from the nature of his investigation of living 
spoken languages. His essentially logical and scientific mind had 
already grasped tbe necessity of applying a rigid method, which 
assumed the invariability, under similar conditions, of the laws of 



Henry SMcct 7 

soiuid change. He saw tho iiiiportance ol" Analogy in tlie cvolutidii 
of language. As eaily as ]s7(i. all tliis liad been clearly set i'ortli 
in the notable paper entitlcd U'o/y/.s, Loiiic and Grauiuiar. '\\) 
Sweet, throughout bis life, tbo practical study of the living laii- 
guage, was always a necessary prej)aration for the study of the 
earlier stages. and of its geiieral history. His habits of tbought 
and woik were a i)erpetual embodiment of the 'new priiicii)les'. 
As his practical command and knowledge of tongues grew, it was 
natural that so powerful and origiiud a mind should busy itself 
with the problem of the possible affinities f)f languages which aro 
usually held to belong to widely separated, and perfectly distinct 
faniilies of speech. In his later years he was dreaniing of, and 
feeling his way towards a wider ( 'omparative IMiilology, which 
should bc based upon a coniparison of the reconstructed foiins of 
the 'Ursprachen' from which Idg. Finno-Ugric, and other great 
f amilies were severally sprung. Some of his speculations on this 
subject are embodied in his flisfor// of Lf//t<//i(i(/r and in a short 
article on Liin/Nisfir Affiiiitji which appeared in the Liverpool 
( Hia Merseiana of 1900 — lllOl. A typical paragraph may be 
([uoted from the latter. 'In applying the results of comparative 
Aryan Graramar to other families of languages, it is evident that 
we must keep before us two main aims: (1) to carry out the me- 
thods we have learnt as consistently as possible without regard 
to traditional prejudices or uiiproved assumptions; and (2) to be 
ready to widen or niodify our methods with the scope of their 
ap})lication.' I wish I were able to state what was Sweet's atti- 
tude to the recent work of Möller and Pedersen, who have raised 
anew, and as it seenis upon unimpeachable lines, the (piestion of 
the ])rimitive affinity of Idg. and Semitic. Unfortunately, I liad 
got rather out of touch with him at that time. 

The last few years of Sweet's life were occupied, apart from 
his teaching, in which he was greatly interested, with a work of 
considerable magnitude which unhappily he never lived to finish, 
to which he attached the greatest imj)ortance. I am not empowered 
to say more about this, at present, but what he left may some 
day be given to the world. 

In his old age, Sweet read widely, fiction, and poetry, in many 
modeiMi European languages, and it gave him the greatest delight. 
His af)prcciation of literature, as such, was keen, and his judge- 
ment penetrating. His remarks upon what he read were always 
original, fresh, and illuminating. His own style, while making no 
pretence to great eloquence, was yet thoroughly competent, pointed, 
exact, and idiomatic. He was a master of concise and clear statemeut. 

Sweet had by nature, great capacities for happiness. He was 
warm-hearted, affectionate, sympathetic. He ought to have been 



8 Honrv Swert 

sonouiided by a host ol' l'iiends. The most strongly-marked fea- 
tures in his character Avere probably his tnithfulness, simpUcity, 
and courage. He had what Swinburne finely calls -a hatred of 
hateful men', and to hitn, any one who seemed cowardly, 
treacherous and utitruthlul, was hateful. If he once beheved 
that he had detected any of tliese quaUties in a man, he turned 
his back on hiin for ever, and never wiHiugly spoke to him again. 
Doubtless he was sometinies mistaken in his man, and he was 
perhaps occasionally too hasty in his judgements of people. When 
once he had made up his niind al)out a man's character, iiothing 
coukl shake him in his opinion. His pure and simple nature 
loathed and despised any deviation from absolute truthfulness to 
such an extent, that contact wita one who seemed to him to 
lack perfect candour made him miserable, and he shrank from 
such an one as from some frightful infection. While no man was 
ever more alive to, and grateful for kindness, and genuine friend- 
liness, even from humble people. no man surely was ever more 
sensitive, and more easily wounded by maliciousness, callousness, 
and brutality, even when these were veiled by a soft voice and 
sleek manners. Unfortunately the world is füll of malice and 
cruelty. The man of the world protects himself by indifference, 
real or assumed, and does not allow his heart to be easily 
broken. 

Sweet was not a man of the world; he remained always a 
child at heart, for all his power of intellect, and he suffered as 
a child suffers, from an unkiiidness which it cannot understand, 
which repels and dismays it. But that is all over now, he lias 
passed 'to Avhere beyond these voices there is peace'. 

^Hini of hreärc ycirat 
sairol sccean soäfrcstra dorn.' 
Liverpool. H. C. Wyld. 



TV/Teinen guten, hilfreichen Freund Sweet möchte ich nicht hin- 
■*-"-^ übergehen lassen, ohne ihm gleichfalls ein dankbares Wort 
nachzurufen. 

Ich machte seine Bekanntschaft 1879 mit Hilfe einer Visiten- 
karte, die ich mir von Prof. Zupitza erbat. Einsilbig, scheu, mehr 
grunzend als sprechend saß er am Kamin, und beim Abschied 
nahm ich mir vor, den verdienstreichen (lelehrten nicht so bald 
Avieder zu stören. Aber nach einigen AVochen sagte Furnivall zu 
mir: 'AVarum gehen Sie nicht nochmals zu Sweet? Er erwartet 
Sie.' Was vorgefallen Avar, erfuhr ich erst lange später. Furnivall 
hatte sich gegen SAveet über meine schlechte Aussprache des Eng- 
lischen ausgelassen und es bedauert, daß ich deshalb als Anglist 



Henry Swccf 

keine Aussichten liiitte. Tatsiiclilich wußte ich nach alleni l'nter- 
I icht in den Englischen Seminaren von Wien und Herhn — natiir- 
hch noch ohne Phonetik — weder Engländer zu verstehen, noch 
mich vei-ständHch zu maclicn. Schicken Sie ihn zu nur, sagte 
Sweet zu Furnivall; ohwohl er schon ■J4iäiu-ig ist. hoffe ich ihm 
doch mit meiner phonetisclien Metliode nocli ordenth'ches Sprcclien 
heizul)ringen. So ging icli wieder zu ihm, wurde gleich in seine 
Lautumschrift eingeführt und dann für jeden fohlenden Dienstag- 
ahend neun Uhr eingeladen. Jedesmal galt es zuerst Zungen- 
gymnaslik, dann Theorie der Phonetik, dann Wilesung und Um- 
schrift längerer Stellen in hrrxnl roniic, his hall) elf Uhr, einen 
ganzen Winter hindurch. Namentlich verriet mir Sweet das Gle- 
heimnis, daß der Engländer jeden Tonvokal in einsilhigem Wort, 
wenn niclit ein stimmloser Konsonant folgt, langsam spricht, also 
/•//. rhir, rhul. im Gegensatz zu htIIi\ liint, rircr. Nach ein jiaar 
Monaten fand Furnivall hereits. daß er mich verstehen könne, was 
mir Sweet erfreut mitteilte. \\'ie drückte ich meinem Wohltäter 
die Hand! 

Um hall) elf Uhr nachts gab es Zigaretten, ein Glas Ungar- 
wein und freies Gespräch. Da tat Sweet gern seine Sainndungen 
über mittelenglische Grammatik auf oder sprach von den sprach- 
philosophischen Fragen, die er vor kurzem in "Words. logic and 
grammar" behandelt hatte — lange vor Pauls 'Prinzipien' — , oder 
redete auch über die (iedichte, die wir vorher phonetisch um- 
geschrieben hatten. YjV führte mich in Wordsworth ein, dessen 
Namen ich vor dem Betreten englischen Bodens nie gehört hatte, 
lehrte mich die Lyrik Shelleys bewundern und verriet überhaupt 
eine gründliche Kenntnis der einschlägigen Literatui-, von der lange 
später auch sein gedruckter Vortrag über 'Shelley 's nature jioetry' 
zeugte. Diese Zigarettenabende unter vier Augen auf Hampstead 
Heath Brow, wo er damals wohnte, waren mir wertvoller, als viele 
Vorlesungen auf Universitäten liätten sein kömnen. Je kecker man 
fragte, desto mehr kam aus ihm heraus, kritisch, klar, kühl und 
manchmal auch kaustisch. Und je mehr Wissenschaft man von 
ihm nahm, desto wärmer blitzte es seitwärts in seinen blinzelnden 
Augen, und desto häufiger (jUoU etwas wie Zärtlichkeit aus seiner 
knapp zugeknöpften Brust. Nert Tuesday ru/tiiff, pflegte er um 
Mitternacht zu sagen, wenn er mich im Mondschein noch einige 
Schritte begleitet hatte. Coinc I<> »ir, for n ncd; <>r ttro, ])flegte 
er vor dem Auszug in die Sommerfrische zu sagen, so oft ich in 
England war, und so durfte ich bald auf den Moors des Nordens, 
bald auf den Jhj/rns des Südens geistig reiche Tage mit ihm ver- 
leben. Ja im August USS4 kam er mir mit zwei Angelruten über 
iialb Europii bis nach Tirol nach, um mir (l:is Fischen mit künst- 
lichen Fliegen beizubringen. In (Gesellschaft konnte er stundenlang 



10 Henry Sweet 

wortlos in einem Leliiistulil liegen, das Gesicht in eine Ecke ge- 
kehrt, um die Aussprache der redeseligeren Leutchen zu belauschen; 
aber bei gemeinsamer Arbeit ging ihm das Herz auf, in einer oft 
rührenden Weise. 

Wie war Sweet zur Philologie gekommen? Er seilest schob es 
auf den Einfluß des Arztes und Phonetikers M. A. Bell, dessen 
'Visible Speech' 1867, als Sweet 22 Jahre zählte, erschien und 
eine ganze Gruppe von englischen Linguisten hervorrief. Mit Beils 
soiind notation war er so vertraut, daß er sie vielfach für den 
Privatgebrauch benutzte. Durch solche Gewohnheit, zwischen wirk- 
lichem Sprachlaut und traditionellem Schriftbild zu sondern, kam 
er zu jener lebendigen Auffassung grammatischer Dinge, die seinen 
charakteristischen Leistungen auf dem Gebiete der altenglischen 
Dialektforschung und Syntax zugrunde liegt. In die historische 
Grammatik drang er zuerst in Heidelberg ein, wo er kurze Zeit 
bei Holzniann hörte, und besonders durch autodidaktisches Studium 
von Grimm. Von Haus aus war er so weit unabhängig gestellt, 
daß er zunächst keine Professur anzustreben brauchte. Gleich- 
gestimmte, anregende Umgebung fand er in der FhiMoißml Society, 
vor der er sich zuerst in Vorträgen erschloß. Dann gewann ihn 
Furnivall für die Earhj Enf/lish Text Societii als Herausgeber der 
Handschriften aus Alfreds Kanzlei — dadurch erst wurde eine 
sichere Basis für die Erkenntnis der ags. Dialekte geschaffen, 
wie sie fehlte, solange man alles Augenmerk auf die früher ent- 
standene, aber fast nur in späterer Umschrift erhaltene Poesie 
der Angeln heftete. Systematisch hat er dann die Entwicklung 
von Wortreihen — nicht gleich von Lautgesetzen — durch das 
Mittelenglische herab verfolgt in der ersten Auflage der 'History 
of Enghsh sounds' (1874) und landete mit dem 'Handbook of 
l)honetics' (1877) bei der Umgangssprache der Gegenwart. Ei* 
hatte keine Eile mit Bücherschreibeu, w^ar nicht so sehr auf Dar- 
stellung als auf geistige Durchdringung gerichtet, hatte jedoch den 
nationalen Elirgeiz, daß sein England in der Aufhellung des eigenen 
Altertums nicht hinter den inevitable Germans — das Wort sollte 
ein KompHment sein — zurückbleiben dürfe, und suchte daher für 
solche Studien zunächst durch den 'Ags. reader' (1876) Liebhaber 
zu gewannen. So war er, als ich ihn kennen lernte, gerade daran, 
das Gesamtgebiet der englischen Sprachkunde zu umspannen und 
dafür Schule zu machen. 

Da trat ein Ereignis ein, das den in sich gekehrten, tief- 
gründenden Mann im Innersten verwundete, so daß er zeitlebens 
daran blutete. Oxford begründete eine Professur für Englisch mit 
einem Gehalt von ^ 900. Das war eine einzige Gelegenheit für 
Sweet, Jungengland zu seinen Studien heranzuführen; auch wäre 
ihm das Einkommen wichtig gewesen, um einen eigenen Haushalt 



IltMirv Swoct 11 

ZU begründen. Mit dem Selbstgefühl, das er hab(Mi dui't'te, bewarb 
er sich um die Stelle lediglich unter Einsendung einer Liste seiner 
Schriften und eines Zeugnisses von einem alten Er/.ieber über 
seinen Charakter, verschmähte also das in England iibliclie Sam- 
meln und Drucken von Kmiit'ehlungsbriefen. Er l'iel durch, und 
ein viel jüngerer Gelehrter l)ekam die Stelle, teilweise durch Inter- 
stüt/ung von Furnivall und Zupitza, die von Sweets Bewerbung 
und heißem Wunsch nicht rechtzeitig unterrichtet wurden. 'Solches 
Grlück wäre für einen Menschen, wie ich bin. viel zu groß ge- 
wesen*, schrieb er mir bitter. i\Iit den vorgenannten Freunden kam 
es zu einem erregten Bruch. Iliis straiifie connirij, sagte er fortan 
über sein Vaterland. Im sich und die Frau, die er dennoch 
nahm, zu erhalten, schrieb er eine Reihe Lehrbücher für die Cüt- 
rcndon Press. Ijange hinterdrein gewährte ihm Oxford a reader- 
.-iJ/f'j) in pltonciics mit ein })aar hundert Pfuiul im Jahr; auch zog 
mau ihn zu Ferienkvusen heran. T3as Temperament, nn't dem er 
fortan manchen ( )xforder Kollegen behandelte, war das Gegenteil von 
seinem Namen. Diese Dinge werden eines Tages aus seinem Brief- 
wechsel sehr deutlich ans Licht treten; in Deutschland wenigstens 
sollen sie daher gleich ins richtige Licht gerückt werden. 

In einer Hinsicht war die Enttäuschung für Sweet ein Glück: 
er behielt die Zeit und Ruhe, um im Laufe der achtziger ,lahn> 
seine anglistischen (ledauken in großen Büchern herauszubringen, 
in der zweiten, auf Lautgesetze gerichteten Auflage der 'History 
of Enghsh sounds', in der 'New English grammar' u. a. Dann 
erklärte er jedoch, im Englischen wisse man jetzt alles, da sei 
nichts mehr interessant. Er trieb Arabis(;h, um zu l)eol)achten, wie 
sich gewisse Aufgaben des syntaktischen Ausdrucks ganz anders 
lösen lassen, als es im Germanischen geschieht. Er arbeitete an 
einer künstlichen Sprache, die von den Kategorien des mensch- 
lichen Denkens ausgehen sollte, ungefähr wie es Leil)niz geplant 
hatte. Er las und schrieb Novellen, wofür er bereits in den sell)st- 
erfundenen Texten seiner phonetischen Unterrichtsbücher ein inter- 
essantes Talent verraten hatte. Sein Hinscheiden war wie das 
einer Sonne nach halber Dämmerung. Möge sein Nachlaß treue 
Herausgeber finden ! 

Berlin. A. Brandl. 



Eine mittelniederländische Bearbeitung 
altfranzösischer Minnefragen. 

F\ic Texte, die liier veröffentlicht werden, sind Sammlungen von 
Fragen und Antworten, die die Minne betreffen.^ Sie sind 
in folgenden drei Handschriften erhalten: 

1) H Handschrift 75 H 57 der Königlichen Bibliothek im 
Haag, aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Sie enthält 
unseren Text auf Bl. 48 — 52, mitten zwischen anderen die Minne 
betreffenden Versen. Die ganze Handschrift ist abgedruckt von 
Eelco Verwijs, 'Van vrouwen ende van minne, middelnederland- 
sche gedichten uit de XIVde en XVde eeuw, Grroningen 1871 
(Bibliotheek van middelnederlandsche letterkunde, onder redactie 
van H. E. Moltzer, vierde en vijfde aflevering) ' ; das uns inter- 
essierende Stück steht daselbst auf S. 43 — 47 und umfaßt die 
Nummern 22 — 40. In der Einleitung ist die Handschrift ein- 
gehend beschrieben: wegen der Minnefragen vgl. dort S. XVI 
bis XVII.2 

2) B Handschrift II 144 der Kgl. Bibliothek in Brüssel, 
aus dem 16. Jahrhundert (wohl zweite Hälfte). Die Handschrift 
enthält zwei verschiedene Sammlungen von Minnefragen: eine 
längere (Bj, aus 39 Nummern bestehend) auf Bl. 40r bis 42v und 
eine kürzere (B^, 7 Nummern) auf Bl. 7r bis v.^ Die Texte sind- 
abgedruckt, aber nur teilweise und nicht besonders zuverlässig, 
von R. Priebsch in der 'Zeitschrift für deutsche Philologie', 
Bd. XXXVIII, 1906, S. 331— 333; ebenda (S. 301— 333 und 436 
bis 467, sowie XXXIX, 156—179) ist eine sehr ausführliche Be- 
schreibung der Handschrift zu finden. 

3) W Handschrift 2940* der Wiener Hofbibliothek, aus dem 
15. Jahrhundert, Bl. 29r bis v. — Während die Sprache der Hand- 
schriften H und B mittelniederländisch ist, bietet Hs. W die 
Minnefragen in einer mittelniederdeutschen Fassung.* 

Bei diesen Minnefragen handelt es sich nicht um ein origi- 
nales Erzeugnis der mittelniederländischen Literatur, sondern 



^ Einen kurzen Hinweis auf diese nnttelniederländischeu Fassungen von 
Minuefragen und ihren Ursprung habe ich bereits in der 'Zeitschr. f. rom. 
Philologie', Bd. XXXVT, 1912, S. 225— 22G gegeben. 

2 Auch die Nummern 1 — 5 und 48 — 56 (vgl. Verwijs S. 37 — 39 niul 
48 — 51) bieten Minnefrageu und Antworten, doch gelu' icli nicht darauf ein, 
da sie mit den Texten, die uns hier beschäftigen sollen, niclits Näheres zu 
tun zu liaben scheinen. 

* Dies zweite Stück ist überschrieben : Dil .si//( clzrlicJce vrnegcn. 

* Der Text zeigt an verschiedenen Stellen Korrekturen, die aber von 
zweiter Hand herzurühren scheinen (vgl. unten die Varianten). 



Eine initteliucdorlämlischo Boiirbcitmig altfranzös. isrimiofragcii 13 

wir haben die Bearbeitung- einer alirranzö.sischeu A'oila^e vor 
uns. Über 4ie Minnefrageu in der altfranzösischen Literatur 
ist zusammenfassend, aber leider nicht n])S('hließend, gehandelt 
in dem Buche von A. Klein, 'Die altfranzösischen Minne fragen. 
Erster Teil: Ausgabe der Texte und Geschichte der Gattung'. 
Marburg a. L., 1911 (Marburger Beiträge zur romanischen Phi- 
lologie, Heft 1); einige Nachträge dazu habe ich in der 'Zeit- 
schrift für romanische Philologie', Bd. XXXVI, 1912, S. 221 bis 
228 geliefert. Klein hat 14 verschiedene Texte abgedruckt, von 
denen einige in ihrem Fragenbestand wesentlich ül)ereinstiinmen, 
während andere wieder mehrere ursprünglicli geschiedene Samm- 
lungen verbunden überliefern; sie sind teils in Prosa, teils in 
Versen abgefaßt. Bei den Prosafragen kann man auf Grund 
der Kleinschen Untersuchungen etw^a drei verschiedene Samm- 
lungen unterscheiden (1. die Texte ABC EG; 2. D; 3. F),^ 
doch ist zu bemerken, daß, wenn diese Texte auch im all- 
gemeinen nichts miteinander zu tun haben, sich doch fast zwi- 
schen allen auch einige Berührungen finden, indem einzelne 
Fragen (w^ohl infolge sekundärer Entlehnung) mitunter mehreren 
Texten gemeinsam sind. Die in Versen abgefaßte Sammlung 
führt den besonderen Titel Lv chastel cVamonrs; hier ward zu- 
nächst das Schloß der Minne in Frage und Antwort allegorisch 
gedeutet, andere Minnefragen schließen sich an. Zu dieser Re- 
daktion gehören von Kleins Texten die mit den Sigeln H I K L 
MXOPQ bezeichneten.- die aber im einzelnen ziemlich stark 
auseinandergehen. 

AWas nun die eingangs zusammengestellten mittelniederländi-' 
sehen Texte betrifft, so ist der Bestand an Fragen und Antworten 
in diesen drei bzw. vier Fassungen durchaus nicht der gleiche. 
Wieweit sich der Inhalt der drei Handschriften deckt, das er- 
gibt sich am einfachsten aus der folgenden Übersichtstafel, die 
so angelegt ist, daß die sich entsprechenden Fragen der verschie- 
denen Texte auf einer Zeile stehen. Ich habe zu diesem Zweck 
die Fragen und Antworten in jedem der Texte durchnumeriert; 
nur bei H habe ich die Zählung von Verwijs beibehalten. Hin- 
sichtlich der Anordnung folge ich im wesentlichen der Fassung 
B,, die die umfassendste ist; doch habe ich einige nachweisliche 
Umstellungen verbessert. Außer unseren vier Texten habe ich 
noch unter der Rubrik die Entsprechungen der französischen 
Quelle aufgenommen, und ül)erdies in einer ersten Spalte eine 



^ Wegen der Bedeutung dieser Sigel und der damit bezeichneten Hand- 
schriften oder Drucke muß ich auf KU'iiis Zusaiiimeii.sicUung S. 9 — 18 ver- 
weisen. 

2 Vgl. die vorstehende Anmerkung 1. 



14 Eine niittelniederländisclie Bearbeitung altfranzös. Minnefragen 

'kritische' Durchnumerierung des überlieferten mittelniederländi- 
schen Fragenbestandes gegeben; Näheres weiter unten. 



Nr. 





Bi 


B, 


H 


I 1 


P5 


1 





22 


2 


K12 


— 


— 


23 


a 


M15 


— 


— 


24 


4 


H13 


2 


— 


25 


5 


— 


3 


— 


26 


6 


117 


4 


_-— 


31 


7 


35 


5 


— 


27 


8 


K15 


6 


— 


29 


9 


K17 


7 


— 


28 


10 


FII4 


8 


— 


30 


11 


MIO 


9 


— 


32 


12 


Mll 


10 


3 


34 


13 


QI9 


11 


1 


33 


14 


QU 12 


12 


— 


— 


15 


LI 


13 


— 


35 


16 


H6 


17 


— 


36 


17 


HS 


— 


— 


37 


18 


H9 


14 


— 


38 


19 


QU 7 


15 


— 


39 


20 


Hll 


IG 


— 


40 



w 



Nr. 





Bx 


II 1 





18 


2 


— 


19 


3 


— 


20 


4 


— 


21 


5 


— 


22 


6 


H9 


23 


7 


Hll 


24 


8 


— 


25 


9 


— 


26 


10 


— 


27 


11 


— 


28 


12 


P5 


29 


13 


K12 


30 


14 


— 


31 


15 


— 


32 


16 


— 


33 


17 


— 


34 


18 


H13 


35 


19 


— 


36 


20 


— 


37 


21 


MIO 


— 


22 


QI9 


38 


23 


Mll 


— 


24 


— . 


39 



B2 H W 

^ — 2 

^ — 3 

— — 4 

— -^ 6 

2—8 

— — 9 

— — 10 

— — 11 
4 — 14 

— — 12 

— — 13 

— — 15.16 



6 — 



25 FI 10 



17 
21 
22 
23 
18' 
19 
20 
24 
25 



Wie diese Zusammenstellung lehrt, bietet B^ die umfang- 
reichste Sammlung (39 verschiedene Nummern); in H ist nur 
deren Anfang erhalten (19 Nummern), in W nur der Schluß 
(25 Nummern), während Bo nur eine kleine Auswahl (7 Num- 
mern) gibt. Bei dieser Sachlage erhebt sich die Frage, ob es 
sich bei diesen mittelniederländischen Minnefragen wirklich um 
einen einheitlichen Text handelt (so wie er sich inB^ präsentiert), 
oder ob es ursprünglich zwei verschiedene Sammlungen waren 
(einerseits der Bestand von H, anderseits der von W), die dann 
in Bj zufällig äußerlich verschmolzen wären. ^ Mir scheint das 
letztere so gut wie sicher zu sein. Für diese Auffassung spricht 
einmal die Tatsache, daß in Teil I (dem Bestand von H) sämt- 



^ B2, das aus beiden Beständen einzelne Fragen enthält, ist offenbai 
ein Auszug aus einer Bi nahestehenden, ebenso umfassenden Sammlung 



Eiue uiittelniederläadisclie Beaiboitiing altfruuzös. Minnefragou IT) 

liehe Nummern' aus dem i'^runzosiselieu stammeu, während in 
Teil II (dem Bestand von W) nur die kleinere Hallte der Fra- 
gen französisch zu belegen ist. Ferner stehen H und W den 
französischen Texten zeitlich ziemlich nahe, während die Hs. B 
bedeutend jünger ist. Weiter wird auch aus inneren Gründen 
der Gedanke nahegelegt, daß mit Nr. B^ 18 ein neuer Text be- 
ginnt: es werden in dieser und den folgenden Nummern recht all- 
gemeine Themen berührt, die besonders als Ausgangspunkt recht 
geeignet erscheinen, und auch die Anrede (geselle), die in B^ 18 
auftritt, läßt auf einen neuen Anfang schließen. Noch größere 
Beweiskraft kommt aber einem anderen Punkte zu, nämlich dem 
Auftreten zahlreicher Dubletten in B^. Eine ganze Reihe von 
Nummern aus Teil I begegnet in etwas abweichender Fassung 
wieder in Teil II; das wäre bei einem von vornherein einheit- 
lichen Texte kaum zu verstehen, während es mit der Annahme 
einer Verbindung zweier ursprünglich verschiedener Texte viel 
besser vereinbar ist. Ich habe also in dem unten folgenden Ab- 
druck die beiden Bestandteile von B^ unbedenklich als Text I 
und II gegeneinander abgesetzt. 

Zu der Frage nach den Verwandtschaftsverhältnissen wäre 
zu bemerken, daß B^ und B^ stets zusammengehen, sow^ohl gegen- 
über H als gegenüber W; doch scheint Bo nicht unmittelbar auf 
Bi zu beruhen, da es in Nr. 1 13 einen Fehler von B^ vermeidet 
(Bj V. 68 meyste — B2 minste, ebenso H). — Außerdem be- 
dürfen noch der Prüfung die etwaigen Beziehungen zwischen 
Text I und II, die sich in den schon erwähnten Dubletten zu 
dokumentieren scheinen. Ich gebe zunächst eine Zusammen- 
stellung dieser Parallelen.^ Es entsprechen sich folgende 
Nummern: 

(Text I: 1, 2, 4, 5. 11, 12, 13, 18, 20. 
(Text II: 12, 13, 18, 15, 21, 23, 22, 6, 7. 

Zur Erklärung dieser Berührungen gäbe es verschiedene 
AV^ege, doch können die wenigsten ernsthaft in Betracht kommen. 
Zunächst muß die Möglichkeit, Text I und II könnten auf eine 
gemeinsame oder auf zwei verschiedene, aber unter sich ver- 
wandte a 1 1 f r a n z ö s i s c h e Vorlagen zurückgehen, als aus- 
geschlossen gelten, mit Rücksicht darauf, daß fünf der genannten 
Parallelen (die Nrn. 2, 4, 11. IM. 18 von Text T) in beiden 

^ Mit einer einzigen Ausnahme, der Nr. 5. 

- Nicht mit in Betracht gezogen habe icli die Ähnlichkeit zwischen iloii 
Nrn. 18 und II 25; auch hier sind zwar inhaltliclie Berülirungen vor- 
lianden, aber da ziemlich genau entsprccliende doppelte Fassungen bereits 
im Altfranzösischen begegnen, setzt man diese beiden mittelniedcrliüidi 
sehen Fragen besst-r nicht in direkte Beziehungen zueinander. 



16 Eine mittolniederländisehe Bearbeitung altfranzös. Minnefragen 

Fassungen die gleich eu Reime und weitgeliende wörtliche Über- 
einstimmungen zeigen. Ferner ist auch die Annahme einer di- 
rekten Abhängigkeit eines der beiden Texte vom anderen ab- 
zulehnen, indem sowohl Text I (z. B. in Nr. I 12) wie Text II 
(z. B. in Nr. II 13) gelegentlich besser zur französischen Vor- 
lage stimmt, so daß also jeder von beiden einzelne Fehler des 
anderen vermeidet. Es bliebe somit nur die Erklärung, durch 
eine beiden Texten gemeinsame niederländische Vorstufe übrig, 
und es wäre noch festzustellen, wie sich diese anzusetzende A^or- 
lage zu den erhaltenen Fassungen verhält. Leider zeigen diese 
in ihrem Wortlaut kaum solche Übereinstimmungen, die da zu 
bindenden Schlüssen berechtigten; nur an folgenden Stellen 
scheinen gemeinsame Fehler vorzuliegen: 

I 11 =: II 21. Welche (Wat W) is dat meiste profijt Bi 9 W 18 — Welc is 
die dinc, dair meest profijt ... af comt H 32 (Dont puef 
(/rcignetir prouffit venirj. 

I 18 =z II 6. der mytinen raeckt Bi 14, di/e rnymic onl-slut B^ 23 W 6 — 
OnHluyt die poorten H 38 (piici la portc deffre»ierj. 

Demnach würden also Text I in der Fassung B^ und Text II 
auf einer gemeinsamen Vorlage beruhen, mit anderen Worten: 
Text II geht auf eine ältere Stufe von Text I zurück. Sehr be- 
Aveiskräftig sind allerdings, wie ich selbst zugebe, die beiden mit- 
geteilten Stelleu nicht; aber daß Text I gegenüber Text II ur- 
sprünglicher ist, ergibt sich auch daraus, daß jener, besonders in 
seinem Bestände, viel besser zu dem französischen Original 
stimmt. Der Zusammenhang zwischen den beiden mittelnieder- 
ländischen Fassungen wäre demnach in folgender Weise zu 
denken: Text II, der ja seinem Kern nach ganz anderen Ur- 
sprungs zu sein scheint, insofern von seinen 25 Nummern im 
ganzen nur 9 französisch nachweisbar sind, hat eine verlorene 
(und in mancher Hinsicht bessere) Fassung von Text I als Neben- 
quelle benutzt und daraus mindestens die oben S. 15 zusammen- 
gestellten fünf Nummern (I 2, 4, 11, 13, 18) entlehnt. Bei den 
übrigen vier Nummern (II 7, 12, 15, 23), die in Text I und II 
nur sehr wenig Berührungen aufweisen, ist nicht so sicher zu 
erweisen, daß die entsprechenden Nummern von Text I die 
Quelle bildeten;^ und bei der noch übrigen Nummer nachweis- 
lich französischen Ursprungs in Text II (Nr. 25), die in Text I 
überhaupt nicht belegt ist, muß es sogar als sehr zweifelhaft 
erscheinen, ob sie ebenfalls aus jener verlorenen Fassung stammen 



1 Möglich ist es natürlich; man vergleiche z. B. die großen Unterschiede 
der Nr. I 20 in den Fassungen Bi und 11, an deren ursprünglicher Identität 
man aber doch kaum wird zweifeln dürfen. 



Kiue initloluii'dorUuKlisrhe Bearbeitung altfranzös. Miuncfiagon 17 

kann, oder ob sie nicht vielmehr anderer Herkunft ist, d. h. in 
irgendwelcher direkteren Beziehung zu den altfranzösischen 
'J'exteu steht. 

Wegen der Unsicherheit, die also doch über die Beziehungen 
im einzelnen bestehen bleibt, ist der A'ersuch, die Text I und IT 
gemeinsame Vorlage zu rekonstruieren, nicht wohl ausführljur. 
Auch die Herstellung der Grundtexte der beiden Teile I und IL 
ist nicht angängig, da sich immer je zwei Fassungen (Bj und H, 
oder Bj und W), die in sehr vielen Einzelheiten auseinander- 
gehen, gegenüberstehen. Die Heranziehung der französischen 
Vorlagen hilft nicht viel, da sich der Wortlaut der deutschen 
Texte oft sehr weit von dem der französischen entfernt. Immer- 
hin beweist aber das Vorhandensein einer Frage in französischer 
Fassung natürlich die Echtheit einer entsprechenden deutschen, 
auch wenn diese nur in einer einzigen Handschrift überliefert 
ist; z. B. dürfen die Nrn. H 23, 24, 37 und B^ 12 unbedingt als 
ursprünglich angesprochen werden. Ebenso ist an einigen Punk- 
ten, wo Bj und H in der Anordnung auseinandergehen, durch 
die französischen Texte eine Kontrolle ermöglicht. So wird in 
Text I die Richtigkeit der Reihenfolge Bj 5, G, 7 (gegenüber H 27, 
29, 28) er^\"iesen durch die französische Parallele K 14, 15, 17, 
und ebenso die Reihenfolge B^ 9, 10, 11 (gegenüber H 32, 34, 33)^ 
gestützt durch die französische Parallele M 10, 11, 12, während 
anderseits die Folge H 35, 36, 37 (gegenüber B^ 13, 17, — ) durch 
die französische Parallele Q II 1, 2, 3 bestätigt wird.^ In Text II 
wird die Reihenfolge Bj 29, 30, 31 nur durch einen Teil der fran- 
zösischen Texte (H 14, 16; M 16, 18) gehalten, indem auch die ab- 
weichende Anordnung in W (14, 12, 13) in einer französischen 
Fassung (L 15, 14) eine Parallele hat.^ 

Über das Verhältnis der mittelniederländischen Texte zu den 
altfranzösischen Minnefragen wäre im einzelnen folgendes zu 
sagen. Wie schon bemerkt, steht Text I in viel engerem Zu- 
sammenhang mit den altfranzösischen Fassungen als Text II; 
seine sämtlichen Nummern (mit der einzigen Ausnahme I 5) sind 
französisch nachweisbar. Allerdings ist keine französische Samm- 
lung bekannt, die sämtliche im Niederländischen auftretenden 
Fragen vereinigt böte. Daher läßt sich auch wohl kaum ent- 
scheiden, ob der niederländische Text die einfache Übertragung 

1 Sehr auffällig ist, daß W 18, 20, 19 die gleiche Umstellung wie IT zeigt. 

' Welches die richtige Stellung der Nr. I 6 ist (Bx 4 gegen H 31), ist 
nicht zu entscheiden. 

3 Daß die Nr. II 22 (Bi 38 gegen W 19) ihre Stelle irgendwo hinter TT 18 
bat, dafür spricht die Anordnung der entsprechenden Parallelen von Text I 
(4, 1.3); vgl. die Tabelle S. 15. 

Arcliiv f. II. Sprachen. (XW. 2 



18 Eine mittelniederläudische Bearbeitung altfranzös. Minnefragen 

einer genau entsprechenden französischen Sammlung i.st, oder 
ob die Komi^ilation erst durch den niederländischen Übersetzer auf 
Grund mehrerer altfranzösischer Vorlagen vorgenommen wurde; 
die erstere Möglichkeit ist aber wohl wahrscheinlicher. Was nun 
die bei der Quellenfrage in Betracht kommenden französischen 
Texte betrifft, so stammt die weit überwiegende Mehrzahl der 
ins Niederländische gedrungenen Fragen aus der schon oben 
(S. 13) kurz erwähnten Versredaktion, dem Chastel d'amours. 
Besondere Beziehungen zu einer bestimmten der neun bekannten 
Fassungen dieses Textes (vgl. S. 14) sind kaum nachzuweisen;^ 
doch möchte ich erwähnen, daß die Nr. 6 von Text I sich fran- 
zösisch nur in Hs. I findet, die Nrn. 7 — 9 desselben Textes nur 
in Iv P. Nur eine einzige niederländische Nummer ist in keiner 
Fassung des Chastel d'amours zu belegen, Nr. I 10; sie hat ihre 
französische Entsprechung in dem zu einer ganz anderen Gruppe 
von Texten gehörigen Druck F. 

Von Text II stehen, wie schon festgestellt, neun Nummern in 
engem Zusammenhang mit Fragen von Text I (vgl. die Zusammen- 
stellung der Parallelen oben S. 14) und haben offenbar den gleichen 
Ursprung wie diese. ^ Außer ihnen ist nur noch eine Nummer in 
Text II vorhanden, die aus dem Französischen zu stammen 
scheint: II 25;^ allerdings ist die Übereinstimmung nicht sehr 
genau, in Text I ist sie nicht überliefert. Die übrigen 15 der 
25 Nummern von Text II sind altfranzösiscli nicht nachweisbar. 

Über die vom Übersetzer bei seiner Arbeit befolgte Praxis ist 
wenig Sicheres zu ermitteln. Im allgemeinen scheint die nieder- 
ländische Fassung dem Worlaut der französischen Vorlage nicht 
sehr genau zu folgen; auch verdient noch Erwähnung, daß vier 



^ Bei der Auswahl der in der Übersichtstafel auf S. 14 (Rubrik 0) ein- 
getragenen altfranzösischen Parallelen habe ich solche altfranzösische Num- 
mern herausgesucht, die der niederländischen Übersetzung gut entsprechen, 
dabei aber doch auch einen einigermaßen korrekten Wortlaut bieten. Diese 
altfranzösischen Stücke, die aus acht verschiedenen Fassungen zu entnehmen 
waren, habe ich unten unter den niederländischen Texten abgedruckt. 

2 Auffällig ist, daß drei dieser Nummern von Text II (nämlich 12, 13, 
18) durch die Zahl ihrer Verse auf andere französische Vorlagen hinzu- 
weisen scheinen als die für die entsprechenden Nummern von Text I 
(1, 2, 4) in Betracht kommenden; während bei diesen letzteren (sowohl 
altfranzösisch wie niederländisch) die Fragen drei oder mehr Verse um- 
fassen, haben die Fragen in II 12, 13, 18 nur zwei Verse, und das Gleiche 
ist der Fall bei den inhaltlich entsprechenden französischen Nummern 
L 15, Q I 4, L 13. Ich möchte aber glauben, daß hier nur eine sekundäre 
Übereinstimmung vorliegt, auf die nichts weiter zu geben ist. 

* Der Nr. FI 10 bei Klein entsprechend. Erwähnt sei hier, daß die 
niederländische Nr. II 15 einige Ähnlichkeit mit einer anderen Nummer des- 
selben französischen Textes zeigt (FI 38), doch sind die Unterschiede so 
groß, daß ich nicht wage, einen Zusammenhang anzunehmen. 



Eiiu' iiiittrliiicderlämli.sclie Boarbcituiig altfruuzös. Minuefrageu l!) 

Niimmeru, die altl'rauzüsiücli nur in Prosa belegt sind, nieder- 
ländisch ebenfalls in Verse gebraelit sind.^ 

Was die metrische Form betrilVt, so verwenden die nieder- 
ländischen Texte ilurchaus den vicrhebigen Vers." Meist umiaÜt 
die Frage zwei solcher Verse, die miteinander reimen, so durch- 
aus in Text II und in der zweiten Hallte von Text I (Nr. 11 
bis 20). I)ie Fragen der ersten Häli'te von Text I sind länger 
und haben von drei oder vier bis zu zwölf Versen, die dann paar- 
weise gereimt sind. Die Autwort ist fast stets in Prosa gegeben; 
auszunehmen ist nur die Antwort der Xr. I 20 in der (wohl ur- 
sprünglicheren) Fassung B^ und die wohl entstellte der Nr. I 2 
(nur in H überliefert). Die Form der französischen Minne- 
fragen ist ganz ähnlich, und diese dürften auch in metrischer 
Hinsicht als Vorbild der niederländischen Texte anzusehen sein. 
Das Chasiel damours verwendet den paarweise gereimten Acht- 
silbler, meist zwei Verse zu einer Frage, seltener drei oder vier; 
die Antwort ist fast stets in Prosa. Daß nebenher auch einige 
französische Prosafragen als Vorlagen gereimter niederländischer 
Nummern in Betracht kommen, war schon oben konstatiert 
worden. 

Schließlich noch einige Bemerkungen zu den einzelnen nieder- 
ländischen Texten selbst. 

Die Fassung H bietet, wie schon früher erwähnt, nur Text I; 
dabei fehlt ihr noch die Nr. 14. Von der großen Mehrzahl der 
vorhandenen Nummern ist nur die Frage erhalten, während die 
Antworten fehlen; auszunehmen sind nur die Nrn. 1, 2 (Antwort 
vielleicht nicht ursprünglich), 9, 19, 20. Verschiedene Nummern 
sind umgestellt (vgl. oben S. 17). 

Handschrift B enthält Text I und II in unmittelbarer Auf- 
einanderfolge (Bi), außerdem noch einen kurzen Auszug von 
sieben Nummern (Bg), aus beiden Texten genommen. Die Fas- 
sung Bi weist verschiedene Lücken auf, es fehlen die Nummern 
I 2, 3, 17 und II 21, 23, 25. Eine Umstellung (B^ 17) ist oben 
S. 17 erwähnt. Eine weitere kleine Störung des ursprünglichen 
Zustandes bildet die Vertauschung der Antworten der beiden 
Xummern I 18 und 19, die mittels der französischen Vorlage und 
teilweise auch der Fassung H leicht zu erkennen und zu ver- 
bessern ist. In formaler Hinsicht wäre noch zu bemerken, daß 



1 Es sind die Nrn. I 7 — 10, die sich vor den anderen schon durch ihren 
viel größeren Umfang auszeichnen; ebenso wäre noch die Nr. II 25 liier 
/u nennen, eventuell aueli Tf 1.5 (vgl. S. 18 Anni. ;i). 

- Allerdings ist die ursprüngliche Versforni oft entstellt, indem die Verse 
in der überlieferten Gestalt liäufig zu kurz (z. B. Bi 12, H 28, 3C, B, 51, 
?tl, 9.3, 94, 100, 123, W 58, 61, 04), nur selten zu hing erscheinen (z. B. 
Bi 34,' W 23). 

2* 



20 Eine mittelniederländische Bearbeitung altfranzös. Minnefragen 

die Reime verschiedentlich gestört sind (vgl. V. 1, 2; 65, 66; 77, 
78; 108, 109; 138, 139; 147, 148), und daß die Sprache gelegent- 
lich hochdeutschen Einfluß verrät. 

Die Handschrift W schließlich überliefert nur Text II, mit 
Ausnahme der Nr. 16. Dafür begegnet Nr. 15 in doppelter Ab- 
fassung (W 15, 16). Wegen einiger Umstellungen vgl. oben 
S. 17. Die Sprache der Fassung W ist nicht niederländisch (wie 
in Bi, B2, H), sondern niederdeutsch, außerdem mit starken hoch- 
deutschen Beimischungen. Einige Reime sind gestört dadurch, 
daß das Wort minne fast überall, nicht nur im Versinnern, son- 
dern auch am Versende durch leffte ersetzt worden ist (vgl. V. 58, 
59; 64, 65). 

Zu dem sich gleich nachher anschließenden Textabdruck 
bemerke ich noch folgendes. Ich habe nicht danach gestrebt, um 
jeden Preis einen glatt lesbaren Text zu rekonstruieren; dazu 
sind die überlieferten Fassungen zu oft und zu stark verderbt. 
Ich habe mich vielmehr darauf beschränkt, die vorhandenen 
Texte ohne wesentliche Änderungen mitzuteilen und nur in 
Kleinigkeiten (besonders bei Versehen des Schreibers) zu bessern. 
Unklare Stellen der einen Fassung werden, wenn sie überhaupt 
zu emendieren sind, sehr oft schon durch die Lesart der daneben- 
stehenden anderen Fassung verständlich gemacht; in besonderen 
Fällen habe ich auch anmerkungsweise eine Emendation versucht. 

Der Text von H ist wiedergegeben auf Grund des Verwijs- 
schen Abdrucks (vgl. oben S. 12), allerdings habeich dabei einige 
von dem Herausgeber vorgenommene ziemlich überflüssige Emen- 
dationen wieder beseitigt und den Wortlaut der Handschrift 
meist wiederhergestellt. — Der Text von B^ beruht auf einer Ab- 
schrift der Handschrift, die ich selbst genommen habe; den an 
vielen Stellen fehlerhaften Abdruck einzelner Stücke bei Priebsch 
(vgl. oben S. 12) habe ich nicht benutzt. Von den wenigen Num- 
mern von B2 gebe ich die Varianten bei den entsprechenden 
Nummern von B^. — Auch die Handschrift W habe ich selbst 
abgeschrieben. 

Die Worttreunung der Handschriften B^ und W habe ich im 
Prinzip nicht angetastet und nur, was mir als Schreibfehler er- 
schien, daran verbessert. Die schwierige Regelung von y und ij 
habe ich in B nach paläographischen Gesichtspunkten durch- 
zuführen gesucht. 

Was die unter den Texten mitgeteilten altfranzösischen Pa- 
rallelen betrifft, so habe ich hinter dem Text jeder Nummer in 
eckigen Klammern die französische Fassung bezeichnet, deren 
AVortlaut ich mich bei der betr. Nummer gerade angeschlossen 
habe. Im einzelnen habe ich mir dabei verschiedentlich still- 



Eine luitteliiii'derländiscliL' Boaibciliui"; altfiaiizüs. Miuuol'ra'roii 



21 



schweigende Emendatioiien nnf Grund einer anderen Fassung er- 
laubt, was ja darum unbedenklich ist, weil sämtliche Texte 
bei Klein (vgl. oben S. 13) in extenso gedruckt sind und der 
originale Wortlaut also ohne weiteres feststellbar ist. 

Zum Schluß sage ich noch Herrn Privatdozent Dr. W. von Un- 
Axerth in Marburg und Herrn Dr. Joh. Lochner in Göttingen 
meinen Dank l'ür mancherlei Hilfe, die sie mir bei der Bearbei- 
tung der Texte geleistet haben. 

Teoct I. 
1 

Bi H 

l) [Bl.^Or] Mynre dye hoger iiiyu- 22)Minres die lioghor minnc plict, 
nen plegen, 

wilck ist. dinck datmen sogt, Velc is die diiic dieinea sict 
dat profist geft allgoit 

onde eerst aeflf geit Inder noit? Ende die eerst faelgiert ter noct? 

5 Schoen sprecken. Dats een scoene spieken. 

2 

23) Velc is dat teyken openbair, 5 
Dairmen best bi wairt gewair, 
Wair dat minne is sonder baraet? 

Sijn ghetrouwe ende sonder 
quaet. 

! 3 

24) Wye es nioeder ende voestcr mode 
Vander minnen telker stede, 10 
Soe si nieer es in hair wesen, 
Soe si onreyne es in desen? 



2) Hoe niaech weten yelken Jon- 25) Iloe mach best weten elke jonc- 
frouwe, frouwe, 

ofiF hoeris hoer lieff getruwe Of te hair hair lief is getrouwe, 

Ende of hi doir hair isghepijnt 15 



6) yefken. 



4) Dats is. 15) dair. 



Aux fins ainans qui ayment luuilt 
quelle choso est qui plus Icur vault 
et au besoing plus tost leur fault? 
Beau parier. [P 5] 

Quels est li signes par dehors 
qui plus inonstre l'amour du cors, 
et s'est li signes si appers 
que il ne puet estre couvers? 
Ch'est uiuer coUour. [K12] 



2 Qu"cst en auiours iiiere et uour- 
rice, 
quant plus est noble, plus est 
nyce? 
Esperance. [M 15] 

4 Par quel essay et par quel touche 
puet mieulx sage dame esprover 
se cilz qui la prie d'aincr 
l'ayme de euer ou de la bouche? 
Fayre dangier. [H 13, Q II 14] 



Eine niilioliiirdcrliiiulisclu' Bearbeitung altfranzös. Miunefrasen 



van rechter dats scliynt, 
ende off hy vruntschap lieft tot 
oer? 
10 Bericht niy hir up dats voer. 
Dats by ti'inven. 



H 

Van ininnen, soe dat heni scijnt, 
Ende of hi pine doghet oin hair? 

Nu berecht my hier of twair. 



3) Segt my, wer is dyeinan 

meer verfroinvet, beriehtmy dan, 
als hij biddet om dye niynne, 
15 off als hyse heft van gewyn? 
Als hy biddet. 



26) Te welker tijt soe es die man 
Meest amoreus, berecht mi dan , 20 
Soe als hi bid om die minne, 
Soe als hi loen van srhewinne? 



4) Welick heddi liefste van desen 
dyngen, 
Eyn körte genoechte dye bald ver- 

dan van uwen lieven langen hoep, 

20 daer geyn genucht uut en dropt? 
Eyn Corte genucht. 



;51)Welc haddi liefste van desea diu- 

ghen, 
Een cort solaes dat säen sarna- 

ringhe, 
Soe van uwen lieve soe vasten 

hoep, 05 

üair gheen solaes uut en croep? 



5) [Bl. 40v] Oft alsoe weer, dat u 
dye schone 
geven wolde dat te loen 
by oer te liggen eyne nacht, 

25 sonder enych overhelsen kacht, 
ende küssen moecht ghj^ genoech 
sonder enich ander ongevoech, 
wer dede sy meer doer u, 
off ghy doer oer, bericht my nu. 

30 Ich meer dor oer. 



27) Oft soe wair, dat u die scoene 

Gheven wilde te loen 
Bi hair liggende enen nacht. 
Sonder te doen enighe cracht, 30 
Mer helsen, cussen mochti ghenuch 
Ende spreken al u ghevouch. 
Weder si dede meer doir u, 
Soe ghi doir hair, bericht mi nu. 



6) Off ghy gemynt het eyn Jon fron 
reynlick ende mit goyder truw. 



19) lie ue. 29) oer] v. 



29) Of ghi glierne hadde ene jonc- 
frouwe 35 

Noyaler met gueder trouwe, 



16) scuyt. 26) een. 31) mocht si. 



ß Lequel averies vous plus chier: 
jouyr d'amours et tost finer, 
ou espoir a tousjours durer? 
Bon espoir. [J 17, P 25] 
7 Une dame mande querir son amy pour coucher avccques eile par tel con- 
venant qu'il ne la fera que baiser et acoler tant seulement, et il y vient: 
lequel fait plus l'ung pour l'autre? 

Response: II fait plus pour eile. [0 35] 
g Vous av6s une amie hors du pais, lequel amerißs vous miex, quaut vous 
l'i irißs veir: k'elle fust morte u k'elle eilst folijet a .i. seul homme, de 
coi Celle fust repentans? 

Qu'elle eijst meffait. [K 15] 



Eiuo inittflnietlorUludisclio Boaiboiliiii"' iiUfniiizös. Minnefrajreu 



23 



ende sy inyt yemaus eyns iiiis- 

dedo, 
ende oer dau boruden alle jaor 

der sti'doii, 
weer sy u liovor doit 
off iu beruwenisse herde groit? 
In beruwenisse. 



H 

Ende sijt mit enen man eens mis- 
dede, 

Ende liair berouwcde, als wall- 
te spade, 

Weder wair si u liever doot, 

Soe in berouwc velc groot? 40 



7) 011" ghy liadt in uwen synne 
Icfl" gedaen up rechte niynne 

40 ende ghy wael wist all open baer 
dat ghy hoer nimmer meer soe 

naer 
en nioecht comen, dat ghy et aon 

vont 
enioh troist tot cyniger stout, 
woldi dan yet, dat u geselle goit 
45 hed tot hoer alsulcken stoet, 
dat sy hem dede in oeren syun 
ende van oer troege loen der 
mynne ? 
Neyn, ic nyet. 

8) [Bl. -^flr] Seg my dye waer heit 

nu ter ure, 
50 off u lieff, dye schone figure, 
tot wen ghy droecht niynne, 
een ander dede in oeren synne, 

wer solt ghy liever gedoegeu, 
dat ghy seget mit uwen ogen, 
55 dat hy uutten huse gynck, 



28) üf ghi een oprechte minne 
Ghedaen liadt iu uwen sinne 
Ende ghi wel wist al openbair, 
Dattet nyniiiiermeer liair soenair 

Ell (juaeiii, dat ghi daer ane 
wont 4ö 

Enighe solaes tot enigher stont, 
Wildi dat u gesellen guet 
Te hair hadden selken spoet, 
Dat si daden in hären sinne, 
Ende van hair hadde loen der 
minne? 50 

Neen ic. 



10 



30) Segt mi dier nu ter ure, 

Echte of u lief, die scone creature, 
Te Wien dat ghi draghe minne, 
Enen anderen had in hären 
sinne, 55 

Welc soudi best moghen ghedoghen, 
Of ghi saghet met uwen oghen, 
Dat hi Uten huse ghinghe. 



35) lie uer. 41) mimer. 



37) Sit. 45) Ende quaemt. 

51) Diese Antwort stellt in der 
IIs. versehentlich im ersten Vers der 
folgenden Nr. H 29 f= V. 35) zici- 
schen den Worten gherne und hadde. 

55) Ende enen. 



9 Se vous avi6s dame u demisele et vous sentißs que ja n'i deiissös 
merchi trouver, vaurriez vous que vos compains en goist? 
Nenil. [K 17] 

La Damoiselle. Sire Chevalier, je vous demande, se vous aniiez dame 
uu damoiselle, et un autre aussy Tamast pareillement, Icqiicl ameriez 
vous le mieulx: ou que veissiez Tautre issir de la chambre d'elle, 
quant vous y entreriez, ou qu'il y entrast, quant vous en ysteriez? 

Le Chevalier. Damoi-selle, que lautre en yssist et que je y entraisse; 
car se je lui veoie entrer et j'en ississe, jamais n'avroye joye eu mon 
euer, tant que a eile parl6 avroie. [F II 4] 



24 Eine iiiitlclnicdcrliiudisi'he Bcarbfifuiig altfranzfis. 'Miiinof ragen 



(lair u lieff weer Sonderlinge, 
ende ghy dan ginget dar ynne, 
off het ghy liever in uwen synne, 
dat hy dar ynne bleve ende ghy 
dar uut? 
60 Bericht nii dit all averluit. 

Ick dar inne ende hv dar uut. 



n 

Dair u lief in wair souderlinglie. 
Ende dat ghire ginghet yn, go 
Of haddi liever in uwen sin, 
Dat hiere in ghinc ende ghi dair 

uut? 
Berecht mi dit overluvt. 



11 



0) Welekc is dat meiste profijt, 
dat dye luynne geft tot alre tyt? 
Wael helen. 



2) Welc is die dine, dair meest prolijt 
Vau niiuuen af oouit talre tijt? cü 



12 

(;.") 1") Wilck is dye meiste frunte 34) Welc is van minnen meest hovc;- 
lick heit, sched 

daer dye mynste baet aen ligget: Van minster baten, segd mi mede. 

Eyns küssen. 
B2 3 liest wie ßi 10, mit folgenden 
Varianten: 65) Welick, 66) ligt, 
67) eyn. 



13 

It) Wat ist meyste dinck van myn- 33) Welc is die miuste dinc van min- 



nen, 
dattet hert meyste verblijt van 
bynneu? 
70 Fruntelic aen sien. 

Bo 1 zeigt folgende Varianten : 68) 
Welick is dat mynste dynck, 69) 
dattet meiste dat herte sterckt, 
70) Dat eyn fruntelick. 



Die meest eonforteert therte bin- 
nen? 



1 1 



12) Wat duet dye mynre lange syu 
aen dye mynne, segget my den 
syn. 
Iloes heit. 



60) a uerluit. 69) byne. 



1^ Dont puet grcigneur prouffit jg Qu'est le moindre don qu'amours 



venir 
en vie d'amours maiutenir? 
En bien celer. [MIO, Q I 6] 

12, Qu'est en amours graut cour- 
toisie 
mains prouffitable et plus prisie? 
Ung baiser. [M 11] 



face, 

qui plus conforte et plus solace? 
Uu doulz regart. [Q I 9] 

24 Qu'esse qu'amours oste des siens, 
et s'est lachose honneur etbiens? 
C'est contenance. [Q II 12] 



Eine uiitt('liu((li'rläu(.lis(_liL HcarlicitiniLr iiltlrauzö.s. Miunefiugen 25 

1.". 
Bi H 

13) Nu si'ggi't luy ende doyt luy hv 35) Vanden castelen dal fiiiida- 

koiineu nient 70 

75 dat fundauKMit van rocht inymirii. Der ininiicn duct mi bekent. 
Getru heit. 

k; 

17) Warmede is iiieii van myiuieii 36) Welc is die niinne, dairniou bi 

meiste mee.st 

best Verseckert ende ougefreest? \'erzekert is ende onghewreest? 
Be gestedicheit. 

17 

37) Welc sijn die pileu die niinne 
seiet? 
Berechts niy ende en laets uiet. 75 

18 

so l"!) [BI. ilv] ^^'eliek is der sloe- 38) Welc sijn die slotelen, dairmen 

tel, darmeu mede mede 

der inynnen raeckt tot elieken Onsluyt die poorteu in elker 

stede? stede? 
Loen der myunen. 

19 

l.j) Noemt der mynnen bede my, 39) Noenit dat bedde vanden casteel, 

dar nien up rust ende frolick sy. Dairmen op rust mit ruweel. 

85 Bidden ende versoecken. Loen der minnen. So 

20 
16)Wye syn dye vauder myunen 40) Wie sijn vacliters dez casteels 

vynden loen ende troist gewyn- Vol yoyen ende vol ryveels? 

nen? 
Dat syn dye hem lialden in Die hem houde segelijc. 

reynieheit 
ciidi' volstaen in trouwlicheit. 



73) Verzeker. 75) een. 



15 Du chastel d'amours, vous de- Jg Je vous demanz, quelle est la 
mant, clef 

dites le premier fondement. qui puct la porte deffremer? 

Amer loyaument. [LI] Frier continuellement. [H 9] 

](j Or me nommßs le maistre mur, 29 Q"i ^^t la chambre ou est le lit 
qui plus le fait fort et seür. et toute joye et tont deduit? 

Celer sagement. [H 6] C'est joyssance entiere. [Q II 7] 

] 7 Dites moy, qui sont li crenel, 9Q Anprös les gardes me nommös 
les saietes et ly quarrel? ' par qui le chastel est gardez. 

Regart atraiant. [H 8, L 3] Vivre loyaument, 

li'uir netteinent. . . . niw. 
[HU] 



26 Eine mittflnicdcrläiidisclio Boarbcitung altfranzüs. Minucfragen 



Text II, 
1 



Bi 



<)() 18) Segget iny, geselle, den recli- 
toii syn, 
wat is volkomen mynne? 

Dais twee van eynen syn. 



W 



\)[IU.2l>r] Saget myr, glieselle, den 
rechten syn, 
Wor her kompt vullekamen 
mynne? 
Tzwe van eynen synne. 



l!))Want comt gerechte mynne 
den mynres inden synn? 

95 Van natur licker maneren. 



2) Wan kompt de rechte mynne 
Dem reynen leffhebber in den 
syn? 5 

Van ehelicher naturen. 



20) Comt sy anders nirgens by 
dan by naturen? Berichtesmy 

Ja, bi behagen. 



3) Kompt se anders nergen by 
Dan van ghelicher naturen? Be- 
richtet my ! 
Ja, by behagen. 



21 ) Is dar nyet noch eyn saeck 
100 dye dye mynne raaeckt? 

Ja, sehoende, hoescheit ende 
duejjden. 



4) Is dar nycht noch eyne sake lo 
De die leve make? 

Ja, hovescheit, schoenheit unde 
doget. 



22) Welcke is dye rechte mynne säen 
Van desen dryen sonder waen? 
Gestedicheit. 



5) Wilche is de vastere leve säen 
Van dessen dren sunder waen? 
Stedicheit. n 



105 23) Wilcke is der sloetel, dar men 
mede 
dye mynne ontslut tot elcker 
Stade? 
Hoescheit. 



G) Willich is der slotel, dar men 
mede 
Die leffte entslut to aller stede? 

Hovescheit. 



24) Wats der wechter der mynneu, 

raet, 
dye die mynne beschirmt vor 

noet? 
310 Schemelheit. 



102) myne. 

106) elcke- [= elekeu). 



7) Wat is der rechten lefften hoet, 

De die leffte bescliermet vor 
noet ? 20 

Schemelheit. 



2) Vbcr dem Worte mynne stvlit 
leue. 4) Das e von mynne ist durch- 
gestrichen. 13) is] syn (korrigiert, 
woraus?). Zwischen de und vastere 
ist i hineinkorrigiert; säen ist kor- 
rigiert in stan. 



Eine mitU'liiiederlänili.sclio BoarbtMtiiiig all französ. Miniu'fragPii 27 

8 

Bi W 

•2'i) [BL'i^^r] Wat doet dye inynuo 8) Wat doit de lofTto vastc staou, 

vaste stacii, 
dyi- duck w ylo audcrs sold vrr- De anders dick utide iucnnicli uo- 

gaou? reff solde vargaen? 

Reyuiehoit. Ucynichoit. 

Bj 2 liest genau wie Bi 25 viit fol- 
(icnden Abxoeivhungcn: 111) dcvt — 
vast. 112) dat — soldo. 



26) Segt iny, wat is der iiiyimcu 0) Saget myr, wat is der IcfTten 

draiick. dranck, -^ö 

lir, dye dieniyune liilt iiibedwanck? De die leffte helt in dwanck? 

Vcrlaugeu. Vorlaiigen. 

10 

27) Wat is dye spysc dar si by left, tU)Wat is de spiso dar de lefFte by 

levet, 
als si den dranck gedroncken Alse den dranck ghedruncken 

lieft? licvet? 

lloopeu. lloefreu. ;;() 

11 

lliO 28) Segt Vl\j, wat is der mynnou 11) Saget niyr, wat is der lefTien 
ieitt, loit, 

daer si altyt mit is gekleyt? Dar se alletyt myt is bekleit? 

Arbeit. Arbeit. 

12 

29) Wat is dye meiste liste, 14) Wat is in dem leffhobber de 

dye dye mynne in noeden eerst meiste lyst, 

mist? Alse de lefTte in noden is? 35 

VIT) Wael vertalen. Wol entleggcn myt worden. 

B2 4 liest genau ehcnso, nur 124) 
dye die — erst myst. 

13 

IJU) War by wortmcn eerst gewaor 12)Wor wert men erst by gliewair 

sonder baraet der mynnen claor? Sünder berait die leflfte klair? 

Bi verroeten verlesen. De ere varwe vor luyst. 

14 

31)Wye weitmen ofT si rechte staet, l'.) [BI. 20v] Wo wet men oelFt sie 

vaste staet, 40 

];jodye rechte liefde sonder quaet ? De rechte leflte sunder alle qiiaet? 

Bi voel pijnen ende suchten. By wilcn dencken unde suchten. 

34) dem. 



ti8 Kino niitti'liüpclerländisclio Boarhtütnng altfraiizös. Minnufragcn 

15 

Bi W 

32) Wer ys dye mynne iiieer, segt 15) Offt is dt' leffte lucr, sage myi- 
nion dit, dat, 

alsnien vercrj'cht, off alsmeu bit? As meu kryget, offt as mon baydt? 

Alsmeu bit. As nien baydt. 4.-, 

IG) Off syu de leffhebber nier beladen 
Alse krygeu, offt alse baden? 
As se baileu. 



IG 



i;i5 33) Wanuer niaclinicu vrouweii 
byuden, 
als sie soecken, off alssi vyndeu? 
Als sy vynden. 

17 

34) Segt my, wat is der mynnen best 17) Sage niyr, wat is in der lefftcn 

best 
ten eersten, dat vergeit int lest? Tzo dem ersten, dat vorgijt nycht 

lest? 50 

340 Vrolick heit. Vryheit. 

B2 5 zeigt folgende Varianten: 
138) Seget — beste. 140) dats eu 
trolick herte. 

18 

35) Wye maech weten elicke jonfrou, 21) Wo mach best weten eyu junt-k- 

frouvve, 
off oer vrunt oeck is getruw? Off er leff sy rechte van hertzen 

truwe? 
By frunt lick berispen. lu fruutlich beryspen. 

19 

36) Segt my, wat doyt dye mynne 22) Saget myr, wat deit de leffte vor- 

vergaen, gaen, 55 

145 dye duck wyle solde blyveustaen? De anders dicke bleve staen? 

Der nyder clapp. Der nyder klaffent. 

B2 6 zeigt folgende Abioeicliungen: 
145) solde. 146) Dats clap der nij der. 

20 

37) [Bl.'i2v] Wat is dat dynck dat 23) Wat is thit dorch de lefffe 

dye mynre 

Mennigen mynsken uymt den 
syn? 
Mishopen. 00 

44) bäydt. 47) Das a von baden 
korrigiert in ei; ebenso in V. 48 — 
alse] alße. 52) eyn. 54) begryspen. 
58) Über leffte ist geschrieben myn. 



meunigen beroeft der synne? 
Waen hoep. 
138) beist. 139) int] in. 



Eiue niitti'lniiHlorlämlisclip Bcurbcilung ;il1 fraiizüs. Miniicfrageu 29 

21 

Bi W 

18)Wat, is dat meiste profyt 
lu der leHteu tzo aller tzyt? 
Helen sunder vorraiiieii. 

22 
]r,0 :>8) Wilck is dat meiste dynek 19)Wat is diit beste von lefften, 
Vau mynnen, 
dat hert meiste stricht van Dal best sterkcl IutI/, luidr 

bynnen? synne? oö 

Vruutliok aen sien. Vruntlicli tzo syn. 

23 

20)Wat is in lefften dat kleyner 
bait, 
Dar luen groess ghenochte uude 
beger tzo haitV 
l\iissfn linde unmiebefa"!!. 

24: 

39) Nu segt niy doch, ich bicKle ti 24) Saget niyr iluch, icli bidde ucli 
bloit, bloit, 70 

welck is der niyunen doit? Wat is der lefften meyste noit? 

355 Verkalden. Sclionwen fruntiicli. 

Bo 7 zeigt folgende Varianten: 
153) Seget mi doch ick. 154) wat. 
155) d'-its verkaklen. 

25 

25) Offt hedde gy lever, dat iuvv frunt 
storve, 
Oft't dat gy van em untruwevar- 
worveu? 
Dat niyn frunt starve. 75 

25 La Damoiselle. Sire Chevalier, je vous demande, se vous amiez uue 
damoiselle laquelle demourast en aucune loingtaiue contree, et vous 
alaissiez en par dela, lequel ameriez vous mieulx: ou que vous la 
trouveissiez niariee a aucun, ou qu'elle fust de ce monde trespasseeV 
Le Chevalier. Trop mieulx l'ameroie trouver trespassee de ce monde. 
Car . . . usiv. [F 1 Ki] 

AniHerkiuii^eii. 

Zu Text I. 

1) H 2. Velc (=welc) : die Schreibung von v statt w kommt in unserer 
ifandscliritt noch mehrfach vor (in unserem Text noch in V. 5 Velc und 
V. 81 vachiers); der umgekehrte Fall (w statt v) ist ebenfalls zu belegen: 
\'. 45 tcont und V. 7.'5 ongheioreest. 

Bi 3. jyroßfit, statt des gewöhnlichen prnßjt, ist wolil französische 
Sclireibwei.se. 



30 Eine niittelniederländische Bearbeitung altfranzös. Minnefragen 

2) H 8. Die Antwort ist wohl unursprünglich, nicht nur deshalb, weil 
sie dem Französischen gar nicht entspricht, sondern auch, weil sie in 
Versform ersclieint und mit dorn letzten Verse der Frage reimt. 

3) H 11. Verwijs scheint incer für den Komparativ 'mehr' gehalten zu 
haben und hat darum wohl im folgenden Verse onreyne in onreyncr korri- 
giert; vielleiclit ist mcer aber eher als mare, muer, merc 'vornehm' anzu- 
sehen, das dann dem nohle des französischen Textes gut entsprechen würde. 

4) Bi8. Der Vers ist offenbar entstellt; vielleicht ist zu lesen van 
rechter mynnen. 

Bi 10. dats vocr verstehe ich nicht. 

5) H 22. Verwijs korrigiert hi in hire, was allerdings sprachlich kor- 
rekter ist, doch ist die.se Korrektur wohl nicht unbedingt nötig. 

6) H 24. sarnaringhc ist sinnlos und bereits von Verwijs in verginf/hc 
gebes.sert worden, mit Recht, wie Bi 18 lehrt. 

7) Bi 25. Die zweite Hälfte des Verses ist sinnlos entstellt. 

8) Bi 34. Auch hier ist die zweite Ver.shälfte völlig entstellt. 

9) Bi 42. et ist hier wohl = yet 'etwa' (vgl. V. 44). 
Bi 45. stoet] lies spoet (vgl. H 48). 

H 47 — 49. Statt gesellen und hadden ist (mit Bi) der Singular geselle 
und hadde zu lesen; si daden ist ebenfalls entstellt und wird von Verwijs 
in sine dade emendiert. 

10) H 52. Verwijs korrigiert dier in dit, doch ist mir fraglich, ob mit 
Recht. 

H 53. Wegen des hier vorliegenden unverständlichen cc/tic vgl. E. Ver- 
wijs en J. Verdam, 'Middelnederlandsch woordenboek', Bd. II, 's-Graven- 
hage 1889, Sp. 512, wo gerade unsere Stelle behandelt ist. 

13) Bi 68. meyste] lies mynste (vgl. die Variante von B2 und H 68). 

14) Bi 72. Der französische Text scheint mißverstanden zu sein, indem 
amours, statt als Subjekt, als Objekt aufgefaßt worden ist. 

15) Bi 75. van recht mynnen wäre zu halten, wenn man mynnen als 
substantivierten Infinitiv auffaßte; vielleicht ist aber recht in rechter zli 
bessern. 

H 71. Der m.innen hängt ab von caslelen, nicht von fundament (vgl. 
den französischen Text). 

16) H 72. Man könnte geneigt sein, nach dem Muster des Französi- 
schen minne in muur zu emendieren; da aber auch Bi an der gleichen Stelle 
mynnen hat, liegt wohl näher, anzunehmen, daß der Niederländer fran- 
zösisch mur in amour verlesen hat. 

18) Bi 82. Die richtige Antwort zu dieser Frage bietet V. 85; V. 82 ist 
die Antwort von Nr. 19 (vgl. H 80). 

19) H 79. Wegen des hier vorliegenden ganz unverständlichen riiioeel 
vgl. Verwijs-Verdam, Bd. VI, 1907, Sp. 1741 (zu unserer Stelle). 

20) Bi 89. volstaen bedeutet hier etwa 'beharren'. 

Zu Text II. 

2) Bi 95. manere (statt maniere) vermag ich nicht weiter zu belegen. 

4) Bi 100. dye mynne ist natürlich Objekt, nicht Subjekt. 

5) Bi 103. Mit desen dryen scheint auf die Fragen 2 — 4 verwiesen zu 
werden ; doch paßt die Antwort nicht dazu. 

8) W 23. woreff ist offenbar das ndd. tcerve 'mal'; eine Form mit o 
(worve) ist belegt bei K. Schiller und A. Lübben, 'Mittelniederdeutsches 
Wörterbuch', Bd. V, Bremen 1880, S. 692a. 

12) Bi 124 und W 35. In beiden Fassungen scheint eine mißverständ- 
liche Auffassung der französischen Worte vorzuliegen; vgl. die französische 
Parallele zu Nr. 1 von Text I. 



Eine mittolniederländisclie Bearbeitung altfrauzös. Minnef ragen 31 

13) Bil28. Die Antwort ist offenbar entstellt; violleielit ist zu lesen: 
Bi verroeten ende varwe verlesen. — W 39. cre ist ohne Beziehungswort 
und gellt wohl auf eine Frau. 

14) Bil31. vocl als Nebenform zu vccl vermag ieli zwar gerade nicht 
iiiittelniederlUndisch, wohl aber mittelniederdeutseh zu belegen; vgl. 
Öchiller-Lübben Bd. V, S. 298a. — W 42. ßi/ tvilcn ist wohl gleich 'zu- 
weilen'. 

15) W44. Die Form iaydt kann unmöglich dem hit von Bi 133 ent- 
sprechen und ist wohl überhaupt keine Form von hiddcn; offenbar ist darin 
zu sehen hcidt, die 3. Pers. Sing. Präs. von leiden (heyden) 'warten'. Vgl. 
auch die Variaute unter dem Text. — W 47. Die hier vorliegende Form 
Imden dürfte dementsprechend als beiden, 3. Pers. Plur., aufzufassen sein, 
worauf ja auch die in der Handschrift vorgenommene Korrektur (vgl. die 
Variante) schließen läßt. 

17) W50. nycht ist wohl entstellt aus int (vgl. Bil39). 

20) Bi 147. Statt mynre ist offenbar mynnc zu lesen, sowoiil mit llück- 
sicht auf den Reim, als auch wegen der Lesart von W; doch sind wohl noch 
weitere Emendationen nötig. Auch in W ist mir der Sinn der Frage 
keineswegs klar. 

21) W 63. Was vorrame7i (eig. 'festsetzen, bestimmen') hier bedeuten 
soll, verstehe ich nicht; die französische Parallele (vgl. Nr. 11 von Text I) 
hat nichts Entsprechendes. Vielleicht ist zu emendieren vorraden (=: 'vor- 
raten'). 

22) Bi 150. Statt meiste ist mynsle zu lesen; vgl. II ü8 und Nr. 1 von 
Bo (Variante zu Bi69). — - Auch beste in W 64 wäre entsprechend zu korri- 
gieren. 

Bi 151. Statt stricht ist wohl sterckt zu lesen; vgl. W 65 und Nr. 1 
von Ba (Variante zu Bi69). 

Göttingen. A\^ a 1 1 li e r S u c h i e r. 



Aufführung von Jesuitendramen in Indien. 

P>ei dem Interesse, das man jetzt dem Drama der Jesuiten ' ent- 
gegenbringt, wird es nicht überflüssig sein, auf eine leicht zu 
überseliende Notiz über die Aufführung eines Jesuitendramas in 
Pondiclierry im Jahre 1705 hinzuweisen, die der Venezianer Nic- 
colao Manucci- gegeben hat. Manucci schreibt in s.einer Stor/'a 
i/o Moqor (in der englischen Übersetzung von William Irvine, 
Bd. IV, London 1908, S. 211): 

The Jesuits at Pondicherry do not give over the Performance of their 
extravagant comedies, one of vvhich they produced the other day. In it 
they represented a knight of good fatnily who had married a rieh and 
noble lady. By gambling and other dissipation he came in a few yeara 
to the end of bis wealth, and feil into extreme poverty. Oppressed by 
bis needs, and finding no one would lend him any money, he had re- 
course to thp Devil. Satan lent him the money on condition that, should 
he not find the wherewithal to satisfy the debt, he must make over bis 
wife in payinent. 

The term fixed having passed, the Devil appeared to demand hia 
money; but the knight, having nothing from which to pay the debt, 
contended for a long tirae with bis creditor. Finally he agreed to produce 
his wife at a place appointed by the Devil. In order not to break his 
Word the husband enticed his wife away from the house on a pretext 
of taking a walk in sorae gardens. On the way they passed close to a 
church, when the wife craved leave from her husband to enter and oflfer 
a prayer to üur Lady the Virgin Mary, for whom she feit great 
veneration. 

Whilst the woman was at the foot of the altar engaged in prayer, it 
came to pass that the Virgin descended from the altar and said to her: 
"Stop where you are, for your husband is taking you away deceitfully. 
I will take your place." The Virgin issued from the church, joined the 
knight, and they continued the journey. Upon arriving at the place fixed 
upon, the knight said to the Devil: "Here is my wife in place of the 
cash." The Devil approached to seize the woman, but received a great 
shock of terror, and with a backward leap cried: "This is not thy wife 
as thou promised me; it is the Virgin Mary, whom I am impotent to lay 
hands on." The knight assured him it was his wife; but meanwhile the 
Virgin had disappeared. 

The character was played by a blackman dressed in woman's clothes. ^ 
The Devil's and the knight's parts were taken by two white men, who 



* Zum Drama der Jesuiten vergleiche man die Literatur, die Willi 
Harring in seiner Schrift: Andreas Oryphius und das Drama der Jesuiten, 
Halle 1907, S. XV ff. zusammengestellt hat; sonst namentlich auch A. Baum- 
gartner, Oeschichte der Weltliteratur ^ IV 029—43; Bernhard Duhr, Oe- 
schichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge I 325—56. 

* Über den Autor und sein Werk vergleiche Journal of the Royal Asiatic 
Society 1903, 723—33; 1907, 716-22. 

^ 'Neque vero quo loco dramata exhibentur, aditus mulieribus: neque 
ullus muliebris habitus, aut si forte necesse sit, non nisi decorus et gravis 
introducatur in scenam,' heilst es in der Ratio Studiorum. S. Zeidler in 
Litzmanns Tlieater geschichtlichen Forschungen IV 28. 



Aufführung von Jesuitendrameu in Indien '.V.\ 

now commenced to shoe-beat each othcr,' and thus the play caine to an 
eud. This play was acted by the Jesuit« in tlie month of July, 17t )5, in 
the preseuce ot all the ofticials of the settlenicnt, as also of the Malabiui 
populatioü, ^ to a noisy accompaniraeut of drunis and tiunipets and the 
discharge of fireworks. 

Da sich der gelehrte Übersetzer von Maouccis Storia mit 
keinem Worte über den Stoff geäufsert hat, der in dem vor- 
stehenden Drama behandelt ist, so sei hier folgendes bemerkt. 
Die Jesuiten entnahmen den Stoff zu ihrer 'Komödie' einer wohl- 
bekannten, neuerdings von Gottfried Keller in seinen 'Sieben 
Legenden' bearbeiteten Marien legen de, die ich nach dem 
Vorgang von Ad. Mussafia mit dem Titel 'Frau dem Teufel 
versprochen' bezeichnen will. Lateinische Fassungen der 
Legende: Jacobus a Voragine, •* Legenda aurea 119, 3, p. 518 ed. 
Graesse; Caesarius Heisterbacensis, * Liber miraculoruhi 111 7G; 
Altdeutsche Blätter II 79, Nr. 14 (vgl. Catalogni' of Romances in 
the (le/iartment of Mss. in the British Museum III 395); Thomas 
^^'right, SelectioH of latin stories Nr. 29 (ins Deutsche übersetzt 
von A. Wesselski, Mönchslatein, Leipzig 1909, S. 132 ff.; vgl. 
S. 238). Vgl. noch Mussafia, Studien zu den nidtelalterlichtn 
Marienlegenden III 26. 31. 44; Catalogue of Romances II 661, 
III 575. Altdeutsche Gedichte, die die Legende behandeln, 
in Lafsbergs Liedersaal Nr. CLXXXI (Der Ritter und Maria) 
und in Pfeiffers Marienlegenden S. 137 ff. (Der Ritter und sein 
Weib) =^ von der Hagen, Gesandabenteuer III 480 fl". (Maria und 
die Hausfrau). Ein französisches Gedicht 'Le dit du povre 
chevalier' in A. Jubiuals ^onveau recueil de contes, dits, etc. I 
138 — 44. Englische metrische Versionen der Legende ver- 
zeichnet im Catalogue of Üomances II 735. 737. 738. 740, HI 334 



' Mit einem 'shoe-beatins;' endigte auch die Aufführung eines Passions- 
Kpiels in Santa Cruz bei Alanila im Jahre 17<>:5, nach dem Bericht von 
Manucci, Storia do Mogor IV 213. Ähnliches soll bei der Aufführung 
eines ungenannten Josuitendramas in Baden in der Schweiz vorgekommen 
sein; s. Vulpius, CuriositätenYll (1818), S. 27(). 

'^ Malabäri population, d.h. die einheimische, tamulische Be- 
völkerung, 

^ Die hei Jacobus vorliegende Fassung der Legende scheint die älteste 
zu sein, die auf uns gekommen ist. Woher sie Jacobus entlehnt hat, ist 
nicht bekannt. Mussafia schreibt in seinen Studien xu den tntttelalterlirhen 
Marienlfgendcn II 67: 'Bemerkenswert ist, dafs manche der in der Legenda 
aurea enthaltenen Legenden, und zwar gerade solche, welche in vulgären 
Fassungen vorkommen, wie z. B. 'Frau mit der Kerze', 'Frau dem 
Teufel versprochen', in den bisher untersuchten grofsen Sammlungen, 
welche meist in Handschriften des 1-'. Jahrhunderts enthalten sind, nicht 
vorkommen.' 

" Über das Vorkommen der Legende 'Frau dem Teufel versprochen' 
im Liber miractdorum des Caesarius von Heisterbach vgl. A. Foncelet, 
Analecta Bollandiana XXI (r.^(>2), S. 17 Anmerkung. 

Archiv f. II. Spriiclieii. CXXX. ."> 



34 Aufführuug von Jesuiteudramen in Indien 

und in G. F. Warners Einleitung zu Ji'an Mudot, Mirades Je 
Nostre iJcnne (Roxburghe Club, 1885) S. IX. 

Welche Quelle die Jesuiten ihrem Drama zugrunde legten, 
mufs dahingestellt bleiben. Wahrscheinlich ist es ja, dafs sie aus 
der Legenda auren schöpften.' Indessen bestehen zwischen dem 
Drama und der Fassung in der Legenda aurea gewisse, wenn 
auch nur geringe, Verschiedenheiten. So heifst es z. B. im Drama, 
dafs der Ritter nur in dem Falle seine Gattin dem Teufel aus- 
liefern soll, wenn er nach Ablauf der bestimmten Frist das ge- 
liehene Geld nicht zurückerstatten kann. In der Legenda aurea 
verspricht der Ritter ohne weitere Einschränkung, dem Teufel 
die Gattin zuzuführen. Dies tut er denn auch 'appropinquante 
die statuta'; im Drama tritt erst noch einmal der Teufel auf, 
um sein Geld zurückzuverlangen: der Ritter streitet sich lange 
mit seinem Gläubiger herum, bis er sich endlich bereit er- 
klärt, des Teufels Verlangen zu erfüllen. — Es ergibt sich, 
dafs die Jesuiten entweder den Text der Legende umgestaltet 
oder einen anderen, vorläufig unbekannten Text benutzt haben 
müssen. 

Es erhebt sich weiter die Frage, ob die Marienlegende 'Frau 
dem Teufel versprochen' als Drama von den Jesuiten nicht nur 
in Indien, sondern auch anderwärts, in Europa, aufgeführt worden 
ist. Ich vermag diese Frage nicht zu beantworten. Die zahl- 
reichen Dramentitel, die von Bahlmann, Prohasel, Weller und 
anderen veröffentlicht worden sind, habe ich vergebens durch- 
gemustert. Aber darauf mufs hingewiesen werden, dais die Je- 
suiten nicht die ersten und einzigen waren, die die Legende zu 
einem Drama gestalteten. In Drucken des 16. Jahrhunderts ist 
ein Mirakelspiel erhalten geblieben, das ebenso wie das von 
Manucci analysierte Jesuitendrama auf die alte Legende 'Frau 
dem Teufel versprochen' zurückgeht: das 'Mystfere du Cheva- 
lier qui donna sa femme au diable a dix personnaiges'. 
Den Text findet man z. B. bei Fournier, L^e theätre Frangais avant 
la renaissance p. 175 — 91, eine Besprechung des Dramas bei 
L. Petit de Julleville, J-es Mysteres II 335—40. Siehe auch 
Creizenach, GescJnclde des neueren Dramas'^ I (Halle 1911), S. 151. 
Wesentliche Unterschiede zwischen der Legende und dem fran- 
zösischen Drama bestehen nicht. Mit einer Ausnahme. Im Drama 
soll der Ritter nicht nur, wie in der Legende, nach einer be- 
stimmten Frist seine Frau dem Teufel ausliefern: er soll auch 
die Dreieinigkeit und die Jungfrau Maria verleugnen. Der Ritter 



1 Es kann nur eine lateinische Fassung der Legende in Frage 
kommen, und unter den lateinischen Fassungen kaum eine andere als 
die, die in der Legenda aurea vorliegt. Mit dieser stimmen übrigens alle 
anderen lateinischen Fassungen, die ich habe einsehen können, entweder 
wörtlich oder doch dem Sinne nach überein. 



Aufführung von Jesuitendramen in Indien 35 

erklärt sich zu allem bereit; nur die heilige Jungfrau will er 
nicht verleugnen. In der Legende ist davon nicht die Rede. Der 
Dichter des Dramas hat diesen Zusatz, wie schon Julleville her- 
vorgehoben hat, nicht selbst erfumlcn. Der Zusatz stammt ohne 
Zweifel aus einer anderen wohlbekannten Legende, die wir z. B. 
bei Jacques de Vitry ' lesen {/'J.r,nip/a Nr. 296; ein Mann hat 
im WürfelsjMel all sein Hab und Gut verloren; ein reicher Jude 
will ihm unter der Bedingung helfen, dafs er Christus, seine 
Mutter und die Heiligen verleugnet; darauf der Mann: Deum 
' t fo.nctos ncgare possem, sed piissiinam ejus matrem niillo modo 
iicqarem). — 

Der Bericht Manuccis über die Aufführung in Pondicherry 
ist deshalb von besonderem Interesse für uns, weil er den Inhalt 
des aufgeführten Stückes so genau angegeben hat. Es dürfte 
schwerfallen, einen ähnlichen Bericht in der Literatur aufzufinden. 
Dennoch halte ich es für nützlich, hier anzufügen, was mir sonst 
über theatralische und ähnliche Aufführungen der Jesuiten in 
Indien bekanntgeworden ist. Auf Vollständigkeit erheben meine 
Mitteilungen keinen Anspruch. 

Pietro della Valle erzählt in seiner Reisebescltreilnuui (Brief 
vom 4. November 1624), wie das Fest der Heiligsprechung ^ des 
Franciscus Xaverius zu Anfang des Jahres 1624 in Goa 
mit grofsem Pomp gefeiert wurde. Dabei wurde auf einer grolsen 
Schaubühne, die man auf dem Platze vor der Kirche aufgerichtet 
iiatte, das Leben des heiligen Xaverius dargestellt. 3 Die Auf- 
führung des Stückes begann mit dem ersten Akte am 12. Februar 
im Beisein des Vizekönigs, des ganzen Adels und der Bewohner 
der Stadt. Von der Tragödie selbst, die von mehr als 300 Per- 
-onen* dargestellt wurde, will Della Valle nichts Näheres sagen, 

' Weitere Literatur bei Crane zu Vitry S. 2C4. Siehe auch Histnire 
lilteraire de la Fra^ice 23, 835 (Zusatz zu S. 122); Mussaßa in deu Süxungs- 
berichien der Wiener Akademie, phil.-hist. Klasse 113, SS. 982, Nr. 1 ; S. 984, 
Nr. H-.t. 

'^ Die Nachricht von der Heiligsprechung des Fr. Xaverius erhielt 
Della Valle in Goa am 11. Mai 1623, wie er selbst in einem früheren 
Briefe mitteilt. 

^ Xaverdranien wurden auch in Europa nicht selten aufgeführt. So 
verzeichnet P. Bahlniann, Je^iiitendramen der niederrlieinischen Ordens- 
provinx S. 93 ein Drama 'S. Xaverius apud Sinas nioriens' (5 Akte; 173-i 
in Köln aufgeführt). Siehe sonst Zeidler im Progratttm von OherlioUa- 
brunn 1888 S. 3(i. J2; Duhr, Geschichte der Jesuiten 1, 341; Prohasel in 
der Festschrift xur Feier des SOOjührigen Bestehens des k. kathol. Gym- 
nasiums XU Glatx S. 42. 03. Xaverdramen wurden von den Jesuiten 
Nikolaus Avancinus und Franz Neumavr vcrfal'st; s. Bahlmann a. a. O. 
Ö. 5. 8. 

* An der grolsen Zahl der Mitwirkenden nehme man keinen Austols. 
Fast scheint es, als hätte G. Havers, der Verfasser der euglisclien Über- 
setzung des Della Valle vom Jahre T'ii'-J das 'treceuto persone' des ita- 

3^ 



36 Aufführung von Je-suitendramen in Indien 

da er den gedruckten Bericht darüber bei sich habe ('perchö ne 
tengo appresso di nie la relazione stampata'). Ist unter 
dieser relazione stampata eine Perioche oder Synopse zu ver- 
stehen? Es ist bekannt, daft in Europa bei den Aufführungen 
gedruckte Programme, Synopsen oder Periochen genannt, an 
die Zuschauer verteilt wurden, auf denen der Titel des Stückes, 
die Fabel (argumentum) und der Gang der Handlung, oft aucii 
die Darsteller mit ihren Rollen, die Komponisten des musikalischen 
Teils und die Ordner der Tänze verzeichnet waren. ' 

Della Valle erzählt weiter, dafs die Aufführung wegen einer 
Unpäfslichkeit des Vizekönigs am 13. Februar nicht fortgesetzt 
werden konnte. An den drei folgenden Tagen aber wurde die 
ganze Tragödie, 'welche nicht allein defs S. Francisci Xaverii 
Lebeuslauff, sondern auch sein Absterben, die Versetzung seines 
Leibs nach Goa, und seiner Seelen in den Himmel, und endlich 
seine Canonisation vorstellete', gespielt. Au jedem Tage wurden 
zwei Akte gegeben ;2 die ganze Komödie bestand somit aus 
sechs Akten. 

In dem grofsen Kollegium der Jesuiten in Goa sah Johann 
Albrecht von Mandelslo bei seinem Besuche daselbst feine 
Aufzüge und Ballette 'durch wohl abgerichtete Knaben, 
welche sie von den Morischen ^ und Heyden zum Christlichen 
Glauben gebracht hatten' (Mandelslos Morgetdändische Reise- 
he sclireibung, Buch 2, Kap. 8). 'Die Inventiones der Ballette (die 
Mandelslo ausführlich beschreibt) waren alle sehr gut.' Dafs, in 
dem Kollegium zu Goa häufig Spiele und Komödien aufgeführt 
wurden, erwähnt z. B. auch Franyois Pyrard ( Voi/age II 6, p. 58. 
Paris..! 6 7 9). 

über die Aufführung eines Dramas 'Der Triumph Davids 
über Goliath^ durch den P. Bouchet in Aour berichtet der 
P. Martin in einem Briefe folgendes:* 

Com nie les Indiens soDt fort amateurs de la poösie, le Pere ßouchet 
avoit fait reprösenter en vers le triomphe de David sur Goliath; 



lienischen Originals für einen Druckfehler gehalten; denn er übersetzt: 
'thirty persona'. 

' Vgl. z. B. P. Bahlmann, Das Drama der Jesuiten: Euphoi-ion II 
(1895), S. 285 «. 

^ Die prunkhafte Aufführung eines Estherdranias in München im 
Jahre 1577 nahm drei Tage in Anspruch, und beim Spiele selbst be- 
teiligten sich an :!00 Personen. Siehe Duhr, Oeschichte der Jesuiten ^, .■>45 
(wo weitere Literaturangaben). 

^ Von den Morischen d. h. von den Mohammedanern. 

* Lettres edifiantes et airieuses^^ X.I (Paris 1781) 151. Joseph Bertrand, 
La mission du Madure IV 159. Über die Aufführung und über die Fol- 
gen, die sie für Bouchet hatte, vgl. Maximilian Müllbauer, Oeschichte der 
katholischen Missionen in Ostindien S. 238 f. Über den Jesuitenmissionar 
P. Bouchet (1()55 — 1732) habe ich gehandelt in der Zeitschrift des Vereins 
für Volkskunde 190G, S. 1.".0 ff. 



11 



Aufführung von Jcsuitendranicu iu Inilien 37 

c'ötoit uiie all^gorie oontinu^e de la victoire que JESUS-CHRIST a 
rcmportöe dans sa Resurrection sur les puissances de l'enfer. Tout y 
t'toit instructif et touchant. 

Man vergleiche Dramentitel wie 'Triumphus Dei hominis 
ilo Luciferi fastu in Davide funda sternente Goliathum aduni- 
l)ratns' (aufo;eführt in Düsseldorf 1736). Ein Drama 'David de 
(n)lia victor' vcrfalste der Jesuit Nie, Avancinus. ' 

Die Aufführung eines Josaph at d ramas - schildert der 
Pater Balthazar da Costa'' in einem Briefe aus Tanjore vom 
'lahre 1653, abgedruckt bei Joseph Bertrand, /." mission du Ma- 
hnS III 1 — 41. Der Missionar P. Emmanuel Alvarez war er- 
Ixrankt und mufste auf den Befehl seiner Oberen der Ruhe pflegen: 

'Inspire par son goAt pour la ddcoration', berichtet nuu Da Costa 
'ei Berirand III 1<'), 'il sut niottre a profit ce rcpos forc^; 11 improvisa 
im charmant thfiatre, choisit quelques u^ophytcs qui annonfaient d'heu- 
reuses dispositious, les pxer9a soigneut<euient a la ddclamation et ä l'action 
th^atrale dans le genre des Indiens; puls, le soir du jour de Pftques, il 
donna au public, cn forme de trag^die, la ropr^seutaüon de la vic du 
Saint roi Josaphat dont j'ai parl^ plus haut. On y accourut de tous 
les environs, de Tirouchirapally et de Tanjaour.^ Les nombreux paudels' 
qu'on avait eu soin de pröparer pour les etrangers ne pouvant contenir 
qu'une faible partie des curieux, tous les autres camp^,^ent sous les arbres 
tout le temps que dura la tragedie. Elle dut 8on succfes prodigieux ä 
r^clat et a la delicatesfce de> dt'corations non moins qu'au talent des 
actcurs, mais surtout au gout, ou, pour mieux dire, ä l'espfeco (\o furcur 
qu'ont les Indiens pour ces sortes de represcntations. Nos n(jophyte» ne 
se possedaient plus de joie; les paiens ('"taient öbahis: "As-tu vu, se 
disaient-ils entre eux, le grand roi Josaphat? Non, le Nayakcn ' lui- 
menie, dans ses plus beaux jours de gloire, n'a jamais ddploye une pompe 
et une maje8t(5 pareilles".' 

Das 'Leben des heiligen Josaphat', das P. Alvarez zur Auf- 
führung brachte, war nicht von diesem selbst gedichtet. Der 
Verfasser war, wie Da Costa an einer anderen Stelle seines 

' Bahlmann, Jesuitoidramen der niederrhei?!. Ordensproiinx S. 'i. 3o. 
Siehe auch Duhr, Geschichte der Jesuiten 1, !I2; Prohasel a.a.O. S. 57. 

^ Vgl. dazu Müllbauer, Geschichte der katholischen Missionen S. 220. 
Über die Aufführung eines Josaphatdramas in München vgl. Ernst 
Kuhn, Barlaam und Josaphat, München ]Sl):'), S. '-^7; Duhr, Geschichte der 
Jesuiten 1, .■'■'14. Ein Josaphatdrama verfafste Jakob Bidermann. S. J., ein 
anderes Jakob Masen S. J. (aufgeführt in Münster ](i47). Über Auf- 
führungen von Josaphatdramen in Wien und Jülich vgl. Duhr 1, ;5;{2; 
Bahlmann, Jesuitendramen S. 54. 73. 198 f. 

'' Der Missionar Balthazar da Costa ist bekannt als Verfasser einer 
Tamilgrammatik (gedruckt IBSO); siehe G. A. Grierson, Linguistic Survey 
of Lidia IV :;(i2. :'.04. 

* D. h. Trichinopoly und Tanjore, Städte im Lande der Tamulen 
(Präsidentschaft Madras). 

* Pandel (ein tamulisches Wort), Zelt, Pavillon ; 'Espece de «alle cou- 
verte de nattes soutenues par des piilers de bois' {Leltres edifiantes XI :!0,S. 
Paris I781). 

® Nayaken 'Füret'; vom Sanskritworte näyaka 'Führer, Anführer'. 



38 Auffuhrung von Jesuitendramen in Indien 

Briefes mitteilt (bei Bertrand III 9), ein einheimischer Christ; 
einer von jenen 'Katechisten', die in den Briefen der Jesuiten 
oft erwähnt werden, und die man, wie es scheint, mit Vorh'ebe 
aus den vornehmeren Kasten auswählte. * Drei von diesen Kate- 
chisten macht Da Costa a. a. O. namhaft. Der erste heilst Hilaire, 
ein ausgezeichneter Dichter; von dem dritten wird gesagt: 'Le 
troisiöme, nomm^ Aroulanda (Jean), est aussi un pofete c^lfebre 
par plusieurs ouvrages remarquables. II a composd la vie de 
sainte Marguerite, et la vie du saint roi Josaphat, 
en vers ^l^gants, et sous Ja forme de poeme ou de tragddie in- 
dienne.' Die Sprache, worin Aroulandas Dichtungen abgefalst 
waren, war, wie sich von selbst versteht, seine Muttersprache, 
d.h. das Tamil oder Tamulische.- 

Aroulandas 'Leben des heiligen Josaphat' kann nur insofern 
als ein Jesuitendrama bezeichnet werden, als es sicherlich unter 
dem Einflufs und unter der Mitwirkung der Jesuitenmissionare 
entstanden war. Dasselbe hat von einem anderen Drama zu 
gelten, von dem 'Martyrium der heiligen Agnes', -^ das 
im Jahre 1725 in Ariancoupan, einem drei (englische) Meilen 
südlich von Pondicherry gelegenen Dorfe, aufgeführt wurde. Unter 
den Zuschauern befand sich der Missionar P. Ducros, der erst 
vor kurzem in Ariancoupan eingetroffen war und daher von der 
Sprache des Dramas, d. h. vom Tamil, nur eiue geringe Kenntnis 
besafs, so dafs er einen Dolmetscher zu Hilfe nehmen mufste. 
Immerhin ist der Bericht, den er in einem Briefe vom 17. Ok- 
tober 1725 über die Aufführung gegeben hat, in mehr als einer 
Beziehung von Interesse. Ich teile ihn daher vollständig mit, 
Ducros schreibt:* 

La veille de la fete qui termine toujours la neuvaine, la jeunesse 
Malabare= a reprösentö cette ann^e-ci, dans une Tragödie, le Martyre 
de sainte Agnfes. On a dans ces climats une fureur extreme pour le 
th^atre. Les bons Poetes sont en grande v^n^ration chez ces peuples qui 
nont rien de barbare. La poesie jouit dans l'Inde de la faveur des 
Grands. Ils accordent ä ses nourrissons le palanquin, distinction tres- 
honorable. 

Le Thöatre dress^ dans une plaine prfes de notre Eglise, ötoit vaste. 
Je n'y allai d'abord que dans le dessein de n'y rester qu'un moment. 
Mais les acteurs 89urent m'attacher je ne sgais comment; et j'y demeurai 
jusqu'ä la fin de la piöce avec mon Interpret e. Sürement je n'y vis 



' Siehe Müllbauer, Geschichte der katholischen Missionen in Ostindien 
S. 202. 257. 

^ Auch für den 'Triumph Davids über Goliath' werden wir anzunehmen 
haben, dafs er im Tamil abgefafst war; selbst unter der Voraussetzung, 
dafs nicht ein Katechist, sondern Bouchet selbst das Stück gedichtet 
hatte; denn Bouchet war ein vorzüglicher Kenner des Tamil. 

^ Ein provenzalisches Legendendrama, dessen Heldin die heilige Agnes 
ist, analysiert bei Creizenach, Geschichte des neueren Dramas- I 153. 

* Lettres edifiantes et curieuses XIII (1781) 337 — 39. 

^ 'La jeunesse Malabare' d. h. die tamulische Jugend. 



Aufföhrung von Jesuitendranien in Indien H9 

pas DOS Regles ni d'Horace, ni de Boileau, mises en oeuvre; niais je fiis 
agr^ablement surpris d'y remarqiier des actea diatinguös, et vari(5s par 
des interniedea, des scenes bien li^es, de I'invention dans les inachiues, 
beaucoup d'art dans la conduite de la piece, du goAt, et de la biensf^ance 
dans les liabillemens, de la justesse dans les danses, et une Musique fort 
harmonieuse, quoiqu'un peu bisarre. Les acteurs faisoient paroitre une 
grande libertö, et beaucoup de dignite dans Icur ddclaniatiou. Aussi 
avoient-ils 6t6 tir^s d'une caste sup^rieure. Leur mdmoire fut fidelle, il 
n'y avoit point lä de Souffleurs. Ce qui m'(5difia le plus, c'est que la 
piece commeufa par une profession authentique du Christianisme; et que 
dans toute la suite les dörisions, et les invective« les plus sanglantes 
contre les divinites du pays, ne furent point äpargn^es. On en use de la 
Sorte dans les trag^dies Chr^tiennes, qu'on oppose ici aux tragödies pro- 
fanes des Idolatres: et ellcs sout pour cette raison un excellent moyen 
de con Version. 

L'auditoire ^toit au moins de vingt mille ames qui ^coutoient dans 
un silence profond. Ün a mis au jour le th^atre Fran^ois, le tböatre 
Anglois, le th(fatrc Italien, le tbdatre E]spagnol. Je ne desespere pas que 
quelqu'un n'y mettc aussi le theatre Indien. Le caractere qui distingue 
le plus ce dernier, c'est l'action vive et perpätuelle qui y regne, et le soin 
qu'on y a d'dviter dans les röles les longueurs non entre-coup^es. 

Halle a. S. Th, Zachariae. 



Zwei mittelenglische Prosaromane : 
The Sege of Thebes und The Sege of Troy. 

(1422 bis ca. 1450.) 

"P^ie Spuren, die sich für das Vorhandensein eines englischen 
Prosaromans im Mittelalter bis jetzt haben feststellen lassen, 
sind noch immer so gering, daß jedes neu auftauchende Werk, 
mag sein ästhetischer Wert noch so unbedeutend sein, ein literar- 
historisches Interesse beanspruchen darf. Soweit wir nach dem 
bisher bekannten Material schließen können, das etwa zehn Werke 
vor Einführung der Buchdruckerkunst umfaßt, handelt es sich 
bei diesen ersten englischen Prosaromanen stets um die Über- 
setzung eines französischen Vorbildes. Nur in einem einzigen 
Falle, der etwa 50 Jahre nach Einführung der Buchdruckerkunst 
liegt, beim William of Palerne, ist es bisher gelungen, den Nach- 
weis zu führen, daß die Prosa, wie wir das in Frankreich und 
Deutschland zur gleichen Zeit so häufig finden, aus einem Vers- 
roman umgeschrieben wurde. ^ 

Ein sehr merkwürdiger Fall liegt nun in den beiden bisher 
unbekannten Prosaromanen vor, deren Text hier zum erstenmal 
wiedergegeben wird, der Sege of Thehes und der Sege of Troy, 
die sich beide unmittelbar hintereinander von ein und derselben 
Hand geschrieben in einer Handschrift der Bodleiana (MS.Rawl. 
D 82) finden. In diesem sorgfältig, wenn auch enggeschriebenen 
Foliomanuskript aus der Mitte des 15. Jahrhunderts^ nimmt die 
erste Erzählung fol. 1 — 10^, die zweite fol. 11 — 24^ ein. Durch 
den poetischen Stil und die beständige Ausschmückung des In- 
halts erweisen sich beide auf den ersten Blick als Erzeugnis ein 
und desselben Autors. Unser Interesse beanspruchen sie indessen 
in erster Linie durch ihren Stoff: treten uns doch hier die beiden 
berühmten Sagenkreise des Mittelalters, Theben und Troja, zum 
erstenmal in englischer Prosa entgegen. 

Fragen wir uns nach der Herkunft dieser beiden Romane, so 
nennt die Siege of Thehes als ihren Gewährsmann Boas (Boc- 
caccio) , die Siege of Troy D a r e s und G- u y d o (Guido de Colonna) . 
Aber das sind, wie wir sehen werden, nur Autoritäten, die aus 
zweiter Hand zitiert werden. In Wahrheit sind beide Erzählungen 
nur Auszüge oder Bearbeitungen zweier bekannter Xunstepen 

^ Vgl. F. Brie, 'Zwei frühneuenglische Prosaromane', Archiv für nettere 
Sprachen CXVIII (1907), S. 318 ff. 

' Papier; 28 — 29 Zeilen die Seite; auf die beiden Prosaerzählungen 
folgen 'Court of Venus' und 'Tales of old Gower'. 



The Sege of Thebes und The Sege of Troy 41 

vou Lydgate, die um 1450 großes Ansehen und entsprechende 
Verbreitung besaßen, der Sege of Thehes (1420 — 1422) und dem 
Troy Book (1412 — 20). Dieser Umstand verleiht beiden Er- 
zählungen ein weit größeres Interesse als den anderen Prosa- 
romanen der Zeit, die lediglich wortgetreue Übersetzungen aus 
dem Französischen sind. Es ist wohl der erste Fall in der G-e- 
schichte der englischen Literatur, daß die Dichtung eines be- 
kannten Autors von anderer Hand zu einem Prosawerk um- 
gestaltet ward. Was die Abfassungszeit der beiden Erzählungen 
betrifft, so läßt sich nur sagen, daß sie zwischen dem Jahre 1422 
und ca. 1450, dem Zeitpunkt ihrer Niederschrift, liegen muß. 
Damit gehören beide in dieselbe Zeit wie die Prosaromane von 
'Alexander', 'Ponthus und Sidonia' und 'Merlin'. 

Daß die Prosaerzählung von der Belagerung von Theben 
(PST) nur ein mit unwesentlichen Zutaten versehener Auszug 
aus Lydgates Siege of Thebes ist und nicht etwa, ähnlich wie 
Lydgates Dichtung, auf eine französische Prosaversion des 
Bomnn de Thehes zurückgeht,-^ läßt sich aus vielerlei Anzeichen 
erschließen. Nur PST beruft sich wie Lydgate, und zwar an 
genau denselben Stellen wie dieser, auf Boccaccio (Genealogiae 
Deorum) als Autorität. Nur PST und Lydgate kennen die Epi- 
sode von Theseus' Ankunft mit Hippolita und Emilia, die Lyd- 
gate nach seinen eigenen Worten Chaucers Knight's Tale in den 
Canterbury Tales entlehnte. Ein genauer Vergleich der eng- 
lischen Prosa und Lydgates mit den französischen Versionen 
zeigt endlich auch noch, daß bei Abweichungen die ersteren gegen 
die letzteren stehen. Um all das zu belegen, will ich einige 
Stichproben von PST. Lydgate und den mir zu Gebote stehenden 
französischen Prosaversionen synoptisch gegenüberstellen. Die 
letzteren sind dabei vertreten einmal durch die Tlistorre de Thehes, 
die sich in einer Ende des 15. Jahrhunderts gedruckten fran- 
zösischen Version der bekannten Weltgeschichte des Orosius ein- 
gefügt findet (= OV^ dann durch drei Mss. des Britischen Mu- 
seums, die ebenfalls im "Rahmen der alten Geschichte die Er- 
zählung der Belagerung von Theben brincren. MS. T^oval D T 
fAnfang 14. Jahrb.: Theben fol. 1—21^). MS. Poyal IfiGVH^ 

1 Übfir diVse Prosaversionen vpl. Constans, "Legende d'Oedipe', Paris 
1881: E. Koppel, Tjvdgate's Story of Thehos'. Eine Quellonnntorsnohnng, 
MündiPn 1884; P. Mpyer. 'Les premiors rompilations francaisos d'histoire 
aneienne' in Romnnia XTV (1885); 'Poman de Thöbes', hg. v. Constans. 
Paris 1890, Bd. TT; 'Lydgate's Siege of Thebes', hg. v. Axel Erdmann, 

EETS. ES. 108 noin. 

' Tm Britischen Museum undatierter Druek. naeh Angabe des Katalogs 
Paris bei A. Verard 1.509 erschienen. 

8 Von Paul Meyer a. a. O. S. 50 und von Tonstans in der Einleitung 
zum Eoman de Thöbes fälschlich als Royal 16GVTTI zitiert. 



42 



Zwei mittelenglische Prosaromano 



(Ende 14. Jahrh.;^ Theben fol. 54—68) und MS. Add. 19,669 
(Anfang 14. Jahrh.; Theben fol. 58—74). Alle drei Mss. ver- 
treten den Text der sogenannten ersten Redaktion der Histoire 
ancienne jusquä Cesar.^ 

Die erste Stichprobe gibt den Anfang der Geschichte von 
Theben wieder. ISTur PST und Lydgate geben die Namen Josua, 
Amphioun und Boccaccio, was sich daraus erklärt, daß Lydgate 
außer seiner französischen Vorlage an dieser Stelle die Genea- 
logiae Dcorum heranzog.^ 
PST: 
IN tlie tyme of thc füll worthi 
Josue, as the story reherceth by tlio 
writing of the noble clerke Boas, 
that King Alphioü fouuded and first 
bigan tlie famous Cite of Thebes, of 
wliom descended lynyally King 
Layus, And hat to wife Jocasta . . . 

Lydgate (hg. v. A. Erdmann) 

V. 186—189: 

Of worthy Thehes / the myghty 

Royal tonn, 
Bylt and begönne / of olde antiquite, 
Vpon the tyme / of worthy Josu^, 
Be dyligence / of Kyng Amphioun, . . . 

V. 199: 
As writ myn auctour / and bochas 
both two 
V. 212: 
But, as Bochas j list to specifie 

V. 332—334: 
Conveying doun / pe stok of Am- 

phyoun 

Cereously [Curiously] be lyneal dis- 

cent. 

V. 336—340: 

How layus be processe / gan succede 

To bere the Croune / in this myghty 

Lond, 
holdyng the Sceptre of thebes in his 

hond, 
Manly and wys / duryng al his liflf. 
And Jocasta / called was his wyff . . . 

Bei der Aufzählung der griechischen Fürsten, die Adrascus 
zu Hilfe kommen, geben die französischen Versionen lediglich 
eine Aufzählung der Namen, während PST und Lydgate an die 
meisten Namen längere Lobpreisungen anknüpfen. Auch stimmen 

1 Nach den Korrekturbogen des neuen Katalogs der Royal MSS. 

2 Vgl. die Einleitung von Constans, Roman de Thöbes II, S. CXXIII ff. 

3 Vgl. Koeppel a. a. 0. S. 22 ff. 



(fol. 69b): 
Cy commence Ihystoire de thebes. 
Pour auoir euidente congnoissance 
des miseres du monde. Nous de- 
uons noter q thebes fut vne fort belle 
cite de laqlle vng nöme layus fut 
roy et auoit espouse vne belle dame 
nömee iocaste . . . 

MS. Royal 20 D I, fol. 1: 
Uns roys estoit adonc en thebes 
riches et puissans laius estoit ap- 
pelles et auoit ferne de son lignage 
qui iocasta [in] appellee. 

MS. Royal 16 G VII, fol. 54b: 
Uns roys estoit adoncques a thebes 
riches et puissans Layus fu appelles. 
II auoit feme belle et de son lignaigö 
qui iocaste fu appellee. 

MS. Add. 19,669 fol. 58: 

Ci coumence de thebes. 

Uns rois estoit adonc en thehes 
riches & puissanz laitis fu apelez. 
il auoit fame bele de son linaige qui 
iocaste fu apelee. 



The Sege of Thebes und The Scgo of Troy 



43 



die Formell der Eigennanieu Lei iliiieu i\u^^ nurralleiid.sie gegen- 
ül)er den französischen Texten überein: 



PST: 
First tliere ooinc to him Profho- 
lume, whicli was sou to pe Kiug of 
Aichades witli ful grete power of 
riglit wortlii inon and of werre, A 
füll prudent man at all tyiiies proued. 
There come also pe King of Sylmc- 
thens a fiille worthi and a fanious 
man as derkos writcth with füll 
grete and mygliti power at liis rel(>- 
nue. There was also pe King Yj>a- 
medon a passing man proued in 
Knigthode, leding an houge and 
myjty power w' him at his retenue. 
There was also pe worthi King Cap- 
paneus, pat often tyme had ben pro- 
ued a worthi werreour. There was 
also pe worpi King Mebeagar, whos 
name of Knighthodo is nowe ful 
wyde, bringing with him a ful grete 
ooste in his retenuo. There come 
also pe wortlii famous King Cauor 
with ful moche multitude at his 
gouernaunce; Thider come also po 
mighty King Ladres and pe King 
Purrens that weren right victorious 
and of grete might, having at their 
gouernaunce a ful grete ooste and 
many a worthi werreour. There was 
also Palameon a ful grete renowned 
werreour with an houge multitude of 
peple in his retenue. 

Lydgate v. 2598—2625: 
Thider cam first / proionolope, 
The wich was, be recorde of wryting, 
of Archada / sone to the Kyng. 
And ful prudent found in werre and 

pees 
'Iher came also / the Kyng C'ylmy- 

Ihcnes. 
And as I fynde / ful famous of ro- 

noun 
Thyder cam ek / tlie Kyng ypcmc- 

donn. 
And passing all / of Knyghthode and 

of name, 
And excellyng / by worthynesse of 

fame, 
The noble Kyng / callyd Campaneus, 
Kam ek to ^r<7e / the story telleth vs, 
Proued ful wel / and hadde rydcn 

ferre. 



(fol. 84b) : 
JjEs priuces qui vindret au se- 
cours de Adrascus roy dargcs füret 
ci'ulx qui icy dessoulz söt nömez 
Cestassauoir le filz du roy darchadie 
nöme Parlhonopeus. Le price de 
iiiichevrs & ses alliez \jc roy ymodon. 
\jü roy vappurneus. JjC roy decrclcs 
avecquos pliisieurs autres notables 
Chevaliers du pais vaillans hommes 
et de grant renoiimu^e entre les- 
quelz furent troys de puissantc 
vertu nommez Pirrus, Trltolomus et 
Püluinon. 

ÄIS. Eoyal 20 D I fol. 1.",: 
la uint part[f Jonopeus qui fu ßls le 
roi darchade a toute gilt chrie & tout 
eil de micene & li rois ipomedon & li 
roys capaneus & li rojs meleager &,U 
roys de crete & li rois lagenour & li 
rois laordes et piriis & trilolemis & 
palemon & encore pluisour autre. a 
tout gut chrie sasemblerent desous 
(trgcs. 

MS. Üoyal 16 G VII fol. 62 : 
La vint pthonolopeus qui fu filz 
le roy darcade. Et eil demichencs & 
le roy ypomedon. & li roys capane' 
et li roj's melagcr & li roys de 
cr[?jGte & li roys degenor. & li roys 
laertes. Et piriis et tortolomus & 
palemon et tuit eil et encore plu- 
.seurs autres a toutez giis chl'ries 
sassambl'ent dessous argez. 

MS. Add. 19,669 fol. 67b: 
La uint parthonopieux qui fu filz 
le roi darchade a toute graunt 
ch'rie . & uint de micemes & li rois 
ipoc[?]emon & li rois capaneus & li 
rois melager & li rois de ct[?]etekVi 
reis agenor & li rois Inertes & pirrus 
& lortolem •' Sc palemon tuit eil & 
ciicor plu.sor autre a toute granz 
( heualeries sasamblerent desoz arges. 



44 



Zwei mittelenglischo Prosaromane 



And thider kam tlie Kyng Melleager, 
Kyng Oenor ek/that beide bis Royal 

sete, 
Myn Autour seip / iu the lond of 

Crete ; 
Kyng Laeris and the Kyng Pyrrus, 
And ek the Kyng / oalled TortolamiK. 
And renomed in niany regyoun 
Thor cam the Kyng / ynamed palc- 

moun, 
Oft assayed / and found a manly 

Knyght, 
'I'liat willi hyni broght / in steel y- 

armed bright, 
Ful many wortliy / out of liis cuntrö. 

Noch überzeugender endlich wirkt die Übereinstimmung xon 
rST und Lydgate an jener Stelle, wo Theseus mit Hippolita und 
Emilia den unglücklichen Frauen begegnet. Für diese Partie, 
die Lj^dgate fast wörtlich aus Chaucer übernahm, findet sich 
naturgemäß nichts Entsprechendes in der französischen Version. 
Sie geben nicht einmal den Namen Theseus, sondern sprechen 
lediglich von dem 'Duc d'Athenes': 



PST: 
vnto pe tyme pat of fortune, po 
wortbi Duke Teseus of Athenes re- 
payring home oute of pe Ile of Fe- 
myne fro bis wortbi conquest, brin- 
ging with bim bis newe wife Ypo- 
lita pe quene w bir faire suster 
Emely, bolding bis iournay to The- 
hes witb ful grete chevalry ful like 
a conqueroure. AI pes ladies seing 
bim come, went al togidre ayenst 
bim, falling al on Knees bifore 
bim . . . 

Lydgate v. 4501—4519: 
And as my mayster Chancer list en- 

dite, 
AI clad in blak / with her wymples 

white, 
Witb gret bonour / and due rcuc- 

rence, 
In the temple / of the goddesse Clc- 

mence 
They abood the space / of fourten- 

nyght 
Tyl Theseus / the noble worthy 

Knyght, 
Duk of Athenys / witb bis Chyvalrye 
Repeyred bom / out of Femynye, 
And with hym ladde / ful feir vpon 

to sene, 



(fol. 94) : 

Come le roy Adrascus apperceut 
venir le duc d'athenes. 

En celluy teps q les fernes grcc- 
ques estoient venues pour la douleur 
de le's maris & qelles estoient aux 
tetes du roy adrascus / il y auoit 
vng duc a athenes q alloit mener 
^uerre a vng autre qui le hayoit & pas- 
soit par vng chemin le long dune 
mötaigne au pres de thehes / & ainsi 
que li roy adrascus estoit hors de 
ses tetes & regardoit de toutes pars 
ontour luy / il apperceut la com- 
paignide ceulx qui passoient . . . 

MS. Royal 20 D I (fol. 20) : 
La nuit trespassa et qnt cc uint 
a la matinee. Li roys adrnstv.'i ro- 
garde' uers le montegne si pcb[?]ut 
cbrs & serganz ue a gnt cöpegnie. 

MS. Royal 16 G VII fol. 66b: 

La nuit trespassa & qnt uint a la 

matinee. Li roy adrastus resgarda 

entour la montaigne si appcut chl'rs 

et s'i[?]ans venir a gns compaignies. 

MS. Add. 19,669 fol. 73: 
La nuiz trespassa et quant ceuint 
alamatinpo&li rois adrastus regarda 



The Sege of Thebes und The Sege of Troy 45 

Thorgh his manhood / ypolita the selonc lamontaigne si percut [ — ?] 

quene, chrs & seri[?]anz uenir a grant 

Aud her suster / callyd Evielye. apaiguies. 

and whan thies woninian / gounö 

first espye 
This worthy Duk / as he cam ry- 

dyuge, 
Kyng Adrastus, / hem alle couvey- 

inge, 
The wommen brouht vnto his pre- 

sence, 
which hyui bysought / to jive hem 

audience. 
And all attonys swownyng in the 

place, 
Ful humblely / preiden hym of grace 
To rewe ou hem / her harmys to 

redresse. 

Erwähnt sei auch noch, daß bisweilen die Prosa fast wörtlich 
mit ihrem Gewährsmann Lydgate übereinstimmt: 

PST: Lydgate (v. 332 ff.): 

of whoiii dtscend'.d lynyally Kiug Couveyiug doun pe stok of Am- 
l.ayus. phyoun 

Cereously [curiouslyj be lyneal dis- 
cent. 
(V. 461:) 
pur posin g fully Fully in purpoos. 

(V. 4530:) 
taking theym vp in his armes And in ]hs Armys he hem all vp 
euerychone. hente. 

Viel auffallender als die Abhängigkeit der PST von Lyd- 
gates 'Sege of Thebes' ist die Abhängigkeit der Sege of Troy 
(PST) von Lydgates 'Troy Book', da es sich darum handelte, aus 
einem Riesenepos von beinahe 30 000 Versen, also dem sechs- 
fachen Umfang der Siege of Thebes, einen kurzen Prosaauszug 
herzustellen. Daß PST wirklich aus Lydgate und nicht etwa 
direkt aus Guido de Colonnas Historia Troiana oder einer Be- 
arbeitung dieses Werkes geflossen ist, läßt sich an einer ganzen 
Reihe von Umständen feststellen. Einmal geht nirgends PST 
mit Guydo gegen Lydgate zusammen, während umgekehrt Lyd- 
gate sehr häufig mit Guydo gegen PST geht; weiter haben PST 
und Lydgate eine Menge von Zügen gemeinsam, die sich bei 
Guydo nicht finden; endlich zitieren PST und Lydgate an den- 
selben Stellen Guydo als Quelle, d. h. PST schreibt den Verweis 
auf Guydo von Lydgate ab. 

Ein paar Beispiele mögen den ersten Fall illustrieren: 
PST: Lydgate Buch I, v. 2998: 

!i litul yniage of golde. a riche ymage of silver. 

Guido : 
ymagiiuiii iiiianda argcntcam. 



46 



Zwei mittelenglische Prosaromaiie 



PST: 
a stone called Acheues. 



PST: 



Medea übergibt Jason die Phiole 
vor dem Stein und der Zaubersclirift. 



Lydgate Buch I, v. 3032: 
pe whiche stoon wyse clerkis ealle 
Achates. 

Guido : 
hunc lapidem sapientes achatem 
appellant. 

Lydgate und Guido: 
Die Phiole nach dem Stein und 
der Zauberschrift. 



Ein Beispiel für den zweiten und dritten Fall: 
PST: Guido: 



To which ther came ful many a 
crafty masoun, Carpenter, smyth, 
and al oper pat longeth to suche 
occupacioun, that hadden ful redy 
Knowlache and Konnyng as wel in 
gemetry as in oper sotel insight of 
Werkes, where they toke her markcs 
and mesures of lengthe and com- 
passe of the Cite . . . For as Guydo 
seith hit was /// daies iourney 
abought the wallis which Wallis 
were reysed of IIIIXX eubites of 
hejt. 

Lydgate Buch II, v. 490—498 : 
He made seke in euery regioun 
For swiche werkemen as were corious, 
Of wyt inventyf, of castyng mer- 

veilous ; 
Or swyche as coude crafte of geme- 

irye, 
Or wer sotyle in her fantasye; 
And for eueryche pat was good 

devysour, 
Mason, hewer, or crafty quareour; 
For euery wrijt and passyng car- 

penter, 
Pat may be founde, owper fer or 

nere . . . 

V. 561—564: 
But I dar wol of troupe affeniiyn 

here. 
In al pis World ne was per neuer 

pere 
Vn-to pis cite, and write it for a 

sope, 
As in liis bok*; my mayster Guydo 

doth. 

V. 570—580: 
Pe leutho was, schortly to conclude, 
Thre dayfes] lourne, lyche pe lati- 
tude, 



Hinc est quod quesitis vndique fa 
hris & pcritis in edißcandis artihus 
et marmoreis celaturis lapidariis &, 
doctissimis architectis omnis generis 
marmora natiuis diuersimode insi- 
gnita coloribus mirabiliter coegit in- 
struere & sie amotis ruderibus & a 
ruiuosis loco purgatis in quo con- 
stitit prima Troia mirabilis longi- 
tudiuis & latitudinis sub dei Neptuni 
civitatem erexit: quam eodem no- 
mine Troiam videlicet censuit appel- 
lari. Fuit autem huius secunde 
Troie ambitus longitudinis trium. 
direiitn & latidudinis coequalis. 
... A terre igitur superficie vsque 
ad summum eins superedificata sunt 
meuia in mirabili compositione mu- 
rorum circumquaque cubitorum alti- 
fudine ducenioruin. 



The Sege of Thebes und The Sege of Troy 47 

Pat neuer I herd make mcncioim 
Of swiche another of fundacioun, 
So huge in compas nor of swiclio 

larges, 
Nor to counte so passyng of fayrnes, 
So edyßed or lusty to pe syjt. 
And, as I rede, pe walles wern on 

hijte 
Two liundrid cuhites, al of marbil 

gray, 
Maskowed withoute for sautis and 

assaj'. 

Im folgenden gebe ich den Text in unveränderter Fassung.^ 
Xur die Abkürzungen sind aufgelöst und durch kursiven Druck 
kenntlich gemacht. In den Fußnoten habe ich in einzelnen 
Fällen auf die entsprechende Stelle bei Lydgate verwiesen. 

Here bigynneth l)e Sege of Thebes. 

JN the tyme of the füll worthi Josue,^ as the story reherceth by po 
writiug of pe noble clerke Boas, that King Alphio<en fouiided and first bigau 
llie famous Cite of Thebes, of whora descended lynyally King Layiis, And 
had to wife Jocasta, and leueden togidre longe withoute issue. — Layus ful 
hevy, and alvvey pensif in hert, thenking ever on bis reme and dignite to fal 
into stränge hondes, made ful grete rightes and sacrafices to his goddis 
for to sende hini issue, whos praiers was admitted and herd in suche vvisc, 
that Jocasta hadde conceyued* a son, which afterward was called Edippes, 
a yenst whos berth, the seid Layus, lete do send thorgh euery party of his 
reme, for the moost famost and wisest Clerkes pat might be founde, for lo 
devyne and calke of pat childe, pat, Jocasta hadde so conceyued. The whicli 
in suche wise so labored, serching oute euery constellacioun and influens 
of pe heuenes, founde bi iuste inspexiouw, pat hit shuld be a son, And in 
pe tyme of his bogeting, pe heuenes weren eueryche so contrarius to opor, 
and of suche nature, pat pei foude redely, hit shuld sie pe fader; pe whieli 
infortunat destony pei oponli declared vnto pe king, as pei oujt to do of 
right. Of which, pe king right hevy and sory in hert, yaf in Charge and 
commaundement to Jocasta his wife, that assone, as hit were borne,* pat 
hit were don to deth. — Jocasta pat in no wise list not to disobey pe 
commaundement of hir lorde, not with stonding that hit was right greuous 
to sie hir owne childe; Assone as hit was borne, made calle a servaunt of 
heris, eharging him to bere hit ferre into pe florest, and pere to sie it; 
Which was anone redy to obey pe commaundement of the quene; toke and 
bare pe childe and sey hit so faire and wel shapcn, hadde pite in hert to 
sie hit and to late hit ben deuourcd with bestes and wormes, but he made 
[fol. Ib] two holis porgh his fete, and so hinge him vppon a gagg of a tre 
a life, and so returned home. In which fTorest, that day, were knyjtes of 
king Pollibon on honting, and herd crying of a childe & come ny, and 
fonde where hit hing on a tre, whereof tliey hadde grete pite, And anone, 
toke it downe fro pe tre, and brouglit hit to king Pollibon, whicli anoiic, 
with glad hert and chere, receyued it. And in all hast sent for norses and 
leches to hele his fete, pwrposlng fuUi,-' pat sith hit come by pe sonde ol' 



1 Für die Abschrift bin ich Herrn Dr. Fritz Jung aus Pforzheim zu 
I):ink verpflichtet. 

- Lydgate v. 188. =» L. v. ^!^7. " L. v. 404. - L v. 4fi1. 



48 Zwei mittelenglische Prosaromane 

god, and he none issue of his body, for to make it his heyre. But euer as 
hit grewe in age hit grewe ful of wicked and cursed condicions, so pat no 
man with bim myjt dele ne accord. — Fortuned vppon a day, pat one of 
his felawes, that be debated with repreued and seid. Wbi art pou so wicked 
and cursed, thou trouest tbat pou art pe kinges son, And pou art so, ne 
nojt of bis kynrede; tbou were founde in pe forest as a tbing forsake and 
cast a wey, bonging by pe fete on a tre. The cbilde penking gretly vppon 
bis wordes, wox füll bevy and sory in hert, and come to pe king, rebercing 
what his felawe had seid; besecbing pe king to tel bim, wbeper he were bis 
son or no. The king told and declared to bim, how pat be was founde; 
wbereof pe cbilde was gretly di^amayed and asstonyed, And went sodenly 
into pe temple,! and made ful deuoute prayers and grete sacrofices to pe 
goddis, to pat entent, to baue knowlacbe and relaciouw of whens tbat be 
come; wbos praiers was herd, and had answbere & verry knowlage, pat he 
come of pe verry blöde of Thebes, wbeper in ful grete hast and yre, he toke 
pe wey, And at a Castel beside called Pilotes,^ lay pe king, making a turney, 
and a grete feste wbeper pis Edyppes toke bis wey in ful grete rage and 
oute of mesure aligbt a downe, and tyed bis borse at pe gate bynding pe 
porter to open pe gate in hast; And for cause, hit was not [fol. 2] opened 
at pe first worde, with bis swerde he smote pe porter. And slewe bim. 
The king stonding in a windowe, seing tbis case, come sodenly rennyng 
to pe gate, rebercyng tbis Edippes, wbi be didde pat ofifense within his 
Castell. — Edippes bolding bis swerde drawen in his bonde, witboute eny 
more, smote pe king bis fader, and pere slowe bim, taking his borse al 
sodenly, and rode fast on his wey, onespied of eny man, bolding his 
iOMrnay toward Thebes, wbere, in his wey vppon a montayne as be rode, 
be met with an horrible beest a monstre, called a Spinx,3 And was so cruel 
a beest, that be had ny destroied pe contre aswel of man as of beest; the 
which beest, pere, of manbode, slowe And brougbt pe hede with bim to 
Thebes. — Of which manfull dede, pe Cite and contre abougbt merveiled 
gretly, tbat hit might be in pe power of man to do so mervelouse a dede. 
And weren so glad and ioyful tbereof, pat pey beiden bim as a conqueroure. 
And within sbort tyme tbere aftre, for as moche as pe king was dede, and 
pe londe stonding witboute hede or gouernoMr; the lordes of pe londe and 
Cite badden a grete counsell And by hole assent, maden a trety with 
pe quene Jocasta, for to take pis worthi knyjt to husbond, And seiden 
with one voice, pat be was pe moste worthi able man for to gouerne pe 
londe, and for to be theire protectottr and sbelde; To whom she answered 
and seid. Tbat for asmocb as ye, that ben lordis, and gouerno«<rs in pis 
londe, if ye se in youre wisdomes tbat bit may be to pe moost profite, 
avayle, & worshipp of tbis londe, if ye se in yowr wisdomes pat bit be best, 
I woll enclyne and obey to yoMr desire. Tbe day of spousell anone were 
sette and done, pe sollempnite of pe coronaciou» also; After certen dayes 
ended, pe lordes token bir leve, And eueryche deported to his contre. Tbis 
worthi Edippes and Jocasta his wife and moder leueden togidre in lustes 
and likinges by yeris, so pat pey badden to issue [fol. 2b] ij sones and ij 
doughteres, And not with stonding-) tbat pey weren innocent, and nojt 
knowing-) of theire myscbeues leving, yit was he punysbed and brougbt ful 
lowe, or tbat he deied. Wbereby A man may se, tbat suche an eirour and 
syn knowen, onght to be gretely escbued. Of which ij sones, pat one bight 
Ethiocle, And that oper Pollymytes. Of the ij doughteres, tbat one higbt 
Antigon, and tbat oper Ismyne; ffortuned vppon a nyjt, tbis migbty king 
sitting by his moder and wife barefote, going to bis bedde, she bibolding 
vppon his fete, aspied pe carectes and olde woundes in tbeym, ful sodenly 

1 L. V. 534. 2 L. V. 5G1. :' L. v. 624. 



The Sege of Tliobes uud The Sege of Troy 49 

fiU into a grete pensifuosso and sighing. Tlie king espyiug hir county- 
noMiice asked of hir, vvhi she was of suche chere, she atte pe last, yaf 
auswhere in this wise, and seid, Truly ser I had a son by king Layus, 
that was honged by pe fete in a fforest, vnto pe tyme that he was dede, by 
oowtniaiiudement and charge of liis ffader pe king. Wherefor the vvoundes 
in yoMr fete putteth me nowe in renieuibrauuce, pe which, causeth me nowe 
to be pe more hevy. The kiug conceyving well hir wordes, And anone by 
verri evidence, he knewe well that hit was him seif; whoreof, he, al so- 
denly, feil into a grete aflfray of him seif; syttiug into so greuous thought, 
that anone Jocasta nierveyled what liit myjt be, praying him for to toi hir 
his grete pensifnes, To whom, he anone answhered and seid. Truly, hit was 
niy seif, pat so was founde honging in pe flforest. Of which infortunat 
i;haunce, they fil bothe into grete hevynesse and sorowe, which myschef, was 
anone kuowe porgh pe Cite and londe. — The king falliug alwey more and 
more in dispaire, vnto pe tyme, that as my Auetor writeth for sorowe, he 
wept oute bothe his eighen, And euer of al peple, his sones, had him raost 
in dispite, putting him onder fote so, pat he died in grete myschef; After 
whos dethe, the seid ij breperen maden ful grete strif for pe londe and 
reme. — Ethiocles seying [fol. 3] alwey, that by cause, he was pe eider 
broper, he wold haue al the londe with domynacioun and regne as king. 
Pollymytes seid ayen that pough it were so, pat he were eider, yit shuld 
he not haue all, and he right nojt. — The lordes of pe londe and Cite, seyng 
pe grete variaunce & discorde bitwen peym, considering pe grete myschef 
that my3t fall, maden grete ordenaMnce, and ful diligent laboure, to put 
peym in accorde and rest. Whereto pey condece?iden as ye shal here. For 
asmoche as pey were hole bretheren of flfader and moder, and neuer list to 
obey Oper; pat one sliall occupie pe crowne and dignite with hole pos- 
sessioun one yere. And pat oper in pe same wise anoper yere. And so while 
pe one occupieth, pat oper for to voyde pe londe, So pat none shuld regne 
vppon oper. And for as moche as Ethiocles was pe eider he shuld regne 
pe first yere. The which accorde bothe condecewded and was in pe moost 
strengest wise regestred and enroUed with pe surest bondes and opes vppon 
peire goddis pat myght be done. Ethiocles assigned and set in his estate 
ful rially; The oper taking his horse and armowr, and rode vppon his Auen- 
ture oute of pe londe. — Fortuned so as he rode in a stränge londe, pe nyjt 
come, where he no thing knewe pe contrey and in grete tempest of weder 
abought mydny3t atteyned to pe Cite of Arge; where that tyme, king 
Adrastus lay. And hit was so late, and pe tempest so grete, pat he myjt 
no herborgh gete, but he fonde a porche^ And perein light down and leyd 
beside him his spere and shelde, And so, pere, toke his rest as for pe tyme. 
Of Aventure bifeil pe same tyme pere come riding to pe same porche, one 
pe worthiest on lyve, whos name was called Tydeus, And was son vnto pe 
king of Calydoyne, And was exiled, by cause he slogh his broper [fol. 3b] 
onware of him with an Arowe at a huntyng stonding in a trister; And as 
he come to pe porche for to haue had succowr for pe grete wheder, PoUymet 
sodenly stept vp, And drewe oute his swerde, as he pat was füll cursed and 
coragious, and asked, who was so hardy for to disloge him of his herborgh 
which he had take. Tedeus answhered ayen in ful gentil and sobre wise,'- 
seying, I am not in pwrpos for to dislogge you, but ser as me semeth, this 
porche is large ynogh, for to ese us bothe as for pe tyme if hit like you. 
PoUymet as he pat was of berth and blöde contagious and contrarious, seid 
playnely, but if pou voide, I shal sie pe. — Tedeus answhered ayen and 
seid. Truly ser for asmoche as pis porche is large ynogh for vs bothe, 
if ye list not pat I shal haue port with you, hit shall be tryed betwen vs two 

1 L. V. 1252. » L. V. 1312. 

Archiv f. lu Sprachen. CXXX. 4 



50 Zwei mittelenglische Prosaromane 

witli Sharp speres, which shal haue pe hole, for in gode feithe, I penk not 
to stonde withoute in grete tempest, and ye alone within, where there is 
rome ynogh for vs botlie. Pollymet with ful yrous corage grauuted anone 
to pat tryall. Theire horse sadeled and brideled, lopen into the sadeles 
with sporis in honde, and ron togidre with ful manly hertes, that here 
speres al to brekke. Drawing oute theire swerdes and leyden togidir so 
strongly, pat porgh pe noyse, pe worthi king Adrastus lying in his bed 
within his palis, sodenly awoke of his slepe, And called vppon hem pat 
were of his chambre, charging hem to wite in hast what was al pat noyse 
that he herd in pe strete, his seruawntes ran oute in al hast, finding thes 
ij knyjtes fighting togidre with ful grete ire, and fers corage. Whereof pe 
seid seruawntes had fülle grete mervaille, retwrnyng to the king & tolden, 
pat pey seyn two men fighting togidre as hit were in bataile assigned. The 
king anone lete calle his peple abought him withoute euy tarying And weut 
into pe strete where he fonde hem fighting [fol. 4] togidre in ful mortall 
wise, whom pe king anone charged for to cese, Axing theym, who yaf hem 
leve for to fight so togider withoute Juge,^ and lete take anone peire 
wepones fro peym. Tedeus fülle knyghtly withoute eny more delay, light 
fro his horse, obeying pe kingges commaundement, And Pollymet also in 
like wise. The king asked of peym of wens pei were, and of what lynage- 
twey come of. Tedeus answhering first and seid, pat he was son vnto 
king Calydon, And shuld be his eyre. And declared vnto him pe cause of his 
cxile, and of his metyng pere that tyme with Pollymet. Pollymet told 
pat he was of Thebes, son to Jocasta pe quene, but of his ffader spak he 
no thing. The king anone by his wordes, knewe pe grownde of his berthe, 
and made peym right gode chere and ladden peym into his palis, where he 
made theym ful accorded conveying, peym to chambres, where pei were in 
pe best wise demened; And pe king held hem pere still with him, and 
hadden all pe chere and disport pat my3t be don. Fortuned vppon a day 
pe king remembring him wel vppon peire berth, and blöde riall, purposed 
fully for to mary his ij doujters to peym two, which doughteres shuldeu 
be heires of his londe. — The king Walking on a day in his disport, called 
to him pes ij knygtes, seying to hem in pis wise Truly seres, 1 am right 
sory to se yow in pis disese, penking on jour noble and worthi blöde, 
wherefor y am in ful pwrpose if hit plese you for to gif you my ij 
doughteres to wifes, pe which after my decese, shuUe enherite al my reme, 
with al my oper possessions and richesse. Thes ij knightes right glad in 
hert of pat worthi profre, ponked pe king in peire best wise. The day of 
spousell sette with grete sollempnite and array füll rially was done; Tedeus 
wedded pe eider called Deyphille, and Pollymet pe yonger called Argyve. 
— Thes two knightes by alliaunce, loued so truly togidre [fol. 4b] alwey 
during theire lyves, pat pere was neuer truer love founde bitwixt two 
breperen. But ye shuU white, that worde & knowlage of this worthi and 
stronge mariage, was sone sprong and ran, into many a stränge londe, so 
pat hit come to pe eris of his broper Ethiocles, which pereof, was right 
sory in hert, stonding pe more in doute of pat mighti alliaunce, lest 
Pollymet at his next commywg for to receyve his dignite of Thebes, wold 
by strength exclude and disherite him for euermore. Wherefor he toke 
fully to ptM'pose, & conclude within him seif, that while he stode in ful myjt 
& power and possessed within pe myjti Cite, for to kepe it with strengthe 
And to holde oute his broper for euer. Not withstonding, pe grete 
suertees and opes made bifor tyme, afore al his lordes in playn parleraent. 
Where vppon, he in al hast, sent for all his lordes, where he oponly 
declared to peym his ful entent and wyl, saying to hem in pis wise. — 



1 L. V. 1282. 2 L. V. 1400. 



The Seg'i of Thebes und Tlie Sege of Troy 51 

Sirres ye knowe wel pat al pe wliile po rewle and gouernaunce of pis reme 
stondo in pis wise transitory, and euery yere to change newe, there inay 
neuer be tranquyllyle vnite ne rest in pe reme amonge you. Wiierefor in 
eschuyng of al myscheues and perelles pat myjt folowe, I am fuUy pui- 
posed and aviscd to occupie and contynue in iny domnacioujj. And to holde 
oute and exclude for euer my broper, And to kepe that he shal neuer regne 
vppon you. To which purpose grete party of his lordes assented and 
accorded. And in afferuiyng of pe kinges entent, seiden playnely, pat pere 
as pe soueraynte shulde regne in suche wise by course vppon hem, hit 
shulde within short tyme pele and destroy heni. For eyper souerayne for 
his tyme wold for his owne lucre and avayle take what that he myjt. 
Oper party of pe seid lordes answhering in this wise, seiden playnely. The 
hiest thing partaynyng to a king-| [fol. 5] were alwey proserue and kepe 
his feith and trouth above all oper pinges, consideriug pe strong bondes 
and opes made in so hie places of recorde to his broper brekiug; of which 
shulde turne to grete displesaunce to oure goddis. Whereby grete venge- 
aunce myght folowe vnto you aud yowr reme. Wherefor, oure ful consel is 
and avise that ye kepe and afl'erme pe bondes and covenaMules made vnto 
}oure broper. — The seid Ethiocles horing and wel conceyving pe ententcs 
of his lordes, tokc fuUi to p^frpos to withholde al pat iie might gete 
according to his pMrpos, And al, pat held pe contrary opyneou«, 
were anone exiled and banshed oute of his reme; wliich in short 
tyme after, he foujide most cruel ayenst him. Ethiocles penking also, 
pat if his broper come for to clayme or to chalange eny dignite pere, 
pat he wold sie him, so pat he might hold it still in pesable po.ssessioun. 
— Within short tyme aiter pe terme of Ethiocles was termyued and ended 
as fore that yere. Pollymet enformyng Adrastus and Tedeus holy his cause, 
right, and title, which he had to pe crowne of Thebes, as for pe next yere, 
Praying pe seid king of counsell & succowr in pat mater, wheper he shuld 
go him seif to Thebes for to receyve crowne and septre, or ellis to sende 
his messenger to haue redy knowlage of pe entent and wil of his broper 
Ethiocles. To which, Adrastus yaf ful counsell, pat he shuld not go hi?H 
seif ne put him in aventure, but pat he shuld send thider his broper Tedeus, 
for pe ful knowlage of his entent. Tedeus with ful good hert and will toke 
pe ioMrnay vppon him, to pat entent, that pei pe better might procede to 
peire pwrpos. Tedeus arraied in the best wise, rode forthe on his ioz<rnay 
to Thebes, where he fonde Ethiocles, holding ful proudely his estate; To 
whom Tedeus spak in pis wise. — Right worthi Lorde, as yit regning in 
youre see, [fol. 5b] yowr worthi broper Pollymet bade, that ye shuld haue 
in remembrau7ice pe grete and strong bondes, suerteis, opes, and couen- 
awntes, made by a vice of al pe lordes of Thebes, with yoiir consent, which 
is of so hie recorde, that hit may in no wise be repeled. Considering pat 
the tyme is come, that ye of right most nedis resigne bothe crowne & septre 
with al pe hole possessioun and dignite to yowr said broper as for pis 
next yere. Eemembring also, that by pe same suertees and Statutes, ye 
may not bothe, be in Thebes at onys. Wherefor he wold that ye voide pis 
reme, as for this yere; So pat he may come, his crowne and septre of 
Thebes for to receyve as pe poyntement is, flfor he hath truly leved in exile, 
during his terme; Ethiocles hering this message, was sore chaufed in his 
corrupt blöde, axing him, howe he durst be so hardy for to entre into his 
reme withoute his licence or protexioun witli eny suche message. Tedeus 
answhering ayen and seid. Myn Auctorite is of him, pat of rijt hath 
moost power, fTor yoMr power is ceded as ye wel knowe; Ethiocles having 
grete dispite at his wordes, yaf in commaundement to his sej-unwutes for 
to put him into strong prisoun. And anono he made his othe, that ho 
shuld dye in ensaumple of all oper to be wäre of eny suche me.sage; And 



52 Zwei me. Prosaroniane: The Sege of Thebes und The Sege of Troy 

also iu his entent to put his broper in pe more drede, pat he shuld not dare 
clayme ne chalange eny title there. Tedeus seing pe peple abought to ley 
hondes vppon him, ful manly drewe oute his swerd, aud made peym to voide 
his wey, And goeth streite to pe gate of pe palis where his mighty horse 
stode sadeled and brideled, where vppon he lept and rode forth his wey; 
Ethiocles sore meved that he was so gon fro him, eharged al his meyne 
fast to ride aftre him, And to sie Iiim, or he passed his londe. His seruawntes 
were sone redy and on horse, toke uere pathes, Aud so at a streite 
encowntred him [fol. 6] where he might not eskape vnder pe moutayne, where 
Edyppes slewe pe Spinx. Tedeus seing pat he myjt in no wise passe that 
streyte light fro his horse, And there ful manfuUy faught with hem so longe, 
pat he slogh hem euery chone, saue one, which he preserued a life, for to 
make relaciouw to Ethiocles, howe his felawes weren slayne. But Tedeus 
is gone on his iowrnay sore wounded touard Arge, where he fonde Adrastus 
and PoUymet, which were right sory for his woundes and hurtes. Tedeus 
there making ful report of pe answhere and pMrpose taken ayenst him by 
Ethiocles. This mighti king Adrastus, having redy knowlage of pe grete 
wronge and dispite don to Tedeus, And also of pe grete wronge pwposed 
ayenst pe title and right, pat Pollymet onght to haue in Thebes, take 
fully to pMrpos to ben avenged in pe vttemost wise if fortune wold assent, 
and that in al hast possible, sending oute his sompnes into euery partie of 
his reme, for to make al his lordes fore to appere bifore him vppon 
assigned. Which ful redy, kept hir day of appareuce, where Adrastus, by 
avice of his said lordes, toke pere p«<rpos fore to ride to Tebes with all pe 
might and power that he might reyse, fore to depose Ethiocles of his 
dignite, or ellis for to ley sege thereto vnto pe tjrme hit were destroied 
for euer. Where vppon he sent oute his messengers to euery coost to make 
his retenue, pe which was don within short tyme And as Boas writeth, pe 
moost worthiest retenue that euer was made bifor that day; In pe which, 
pere were of estates as ye shall here right ferre geten in diuerse regionos. 
First there come to him Protholome,^ which was son to pe king of Archades 
with ful grete power of right worthi men and of werre, A füll prudent 
man at al tymes proued. There come also pe king of Sylmetheus a fülle 
worthi and a famows man as Clerkes writeth with füll grete and myghti 
power at his retenue. There was also pe king Ypamedon [fol. 6b] a passing 
man proued in knijthode, leding an houge and myjty power with him at his 
retenue. There was also pe worthi king Cappaneus, pat often tyme had 
ben proued a worthi werreowr. There was also pe worpi king Mebeagar, 
whos name of knighthode is nowe ful wyde, bringing with him a ful 
grete ooste in his retenue. There come also pe worthi famous king Cauor 
with ful moche multitude at his gouernaunce; Thider come also pe mighty 
king Ladres and pe king Purreus that weren right victoriozts and of grete 
might, hawing at theire gouernaunce a ful grete ooste and many a worthi 
werreowr. There was also Palameon a ful grete renowned werreowr with 
an houge multitude of peple in his retenue. And also pe worthi knight 
Tedeus sending into Calidoyne, where of he was right heire,^ where, al pe 
worthiest of pat reme, were fayne to come at his desire; In which retenue, 
was ful many a worthi lorde & werreowr that I write not of; And as I 
fynde writen, thider come many of pe lordes of Thebes to Pollymet, pe 
which were preued right worthy and ful eruell ayenst Ethiocles, by cause 
he exiled peym for peyre record of trouthe, And ful violently proued her 
malis vppon him. (Schluß folgt.) 

Freiburg i. B. FriedrichBrie. 



1 L. V. 2598. « L. V. 2625. 



Die Hirtendichtung des Feliciano de Silva 
und Shakespeares Wintermärchen. 

Ochon Southey^ hat darauf aufmerksam gemacht, daß in dorn 
*^ 'Amadis de Grecia' betitelten Kitterromane des ohenge- 
nannteu spanischen Verfassers die Quelle der Schäferei im Winter- 
märehen zu suchen sei. Man hat diesen Gedanken auch schon 
öfters verfolgt, aber dabei merkwürdigerweise bloß den französi- 
schen Amadis benutzt. Ich besitze das spanische Original in der 
Sevilla ner Ausgabe von 1542 und will das darin enthaltene 
Pastoral skizzieren. Was die in Lisuarte de Grecia enthaltene 
Vorgeschichte betrifft, so bin ich leider auf die italienische Über- 
setzung (Venezia 1573) angewiesen, 

Lisuarte und Perion machen einen Besuch bei den Prinzessinnen Ono- 
loria und Gricileria, Töchtern des Kaisers von Trapezunt, und verheiraten 
sich mit ihnen heimlich, wobei jedes Liebespaar als Zeugen für das andere 
dient (Lisuarte, cap. 68). Nun geht der Kaiser auf die Jagd in Begleitung 
von Lisuarte und Perion, wobei sie einen Bären" mit ihren Lanzen ver- 
wunden. Sie verfolgen das Tier und töten es, hören aber un dolorosa In- 
mento da una parte della falda della montagna che il mar hatteua. Als die 
Ritter zu Hilfe eilen, werden sie von einem den toten Vater beweinenden 
Mädchen in die Falle gelockt und gefangen genommen (Lis. cap. 60 — 71). 
Da die Prinzessinnen sich darüber sehr betrübt zeigen, so sendet sie ihre 
Mutter ins Sankt-Sophien-Kloster in der Hoffnung, daß sie dort Trost finden 
werden. Dort gebiert Onoloria einen Knaben und übergibt ihn ihrer Zofe 
Garinda mit dem Bescheid, ihn bei einer in der Seestadt Filiria wohnen- 
den Amme unterzubringen. Das Kind sah aber so schwach aus, daß das 
Dienstmädchen es unterwegs auf den Namen Amadis de Grecia 
taufte. Als sie dabei ein Geräusch hörte, ließ sie das Kind liegen und lief 
fort. Der Knabe wurde von Seeräubern entführt, die sich über den schönen 
Prinzen inuoltato in si ricchi panni nicht genug wundern konnten. Als 
Garinda zurückkam und ihn nicht mehr fand, glaubte sie, er sei von wilden 
Tieren zerrissen worden, meldete aber ihrer Herrin, sie habe ihn der Amme 
übergeben (Lis. cap. 72). Nach dem vermeintlichen Verlust ihres Gatten 
und Kindes fand sich also Onoloria ungefähr in derselben Lage wie der 
König Leontes im Wintermärchen. 

Nach Verlauf von melireren Jahren wurde die Prinzessin Onoloria wieder 
schwanger, und als die kleine Silvia zur Welt kam, ließ man sie mit Hilfe 
eines Seiles in die Arme eines Knappen nieder, dessen Frau sie säugen 
sollte. Als aber die Eheleute das Kind loswickelten und eine mit Edel- 
steinen besetzte und durch Versehen beigepackte HaarnadeP (prendedero) der 
Prinzessin^ erblickton, so wurde ihnen wirr im Kopfe, und sie beschlossen, 
mit dem Säuglinge durchzubrennen. Sie schifften sich wirklich als Kauf- 
maniisfamilie nach Alexandrien ein (Amadis de Grecia II cap. 32). 

^ Dunlop-Liebrecht p. 160. 

^ Vgl. den Bären im Wintermärchen. Tm Mucedorus wird eine andere 
Bärenjagd (Amadis de Grecia I cap. 3) benutzt. 

ä Nicht carcan de pierreries, wie der französische Übersetzer es will. 



54 Die ITirteudichtung des Feliciauo de Silva 

In Alexaudricu augelaugt, verkaufte der neugebacki'ue Kaufuiann die 
Haarnadel und frachtete ein Fahrzeug nach Venedig, erlitt aber Schiffbruch 
und kam bettelarm uach Hause zurück. Glücklicherweise blieb ihm noch 
eine Schäferhütte in Tirel nicht weit von Alexandrien übrig, wo er sich nun 
niederließ und sich mit karger Not durch Arbeit seiner Hände ernährte. 

Die kleine Silvia mußte schon im Alter von sechs Jahren Schafe 
hüten, wuchs aber dabei zu solcher Schönheit heran, daß die reichsten 
Bauern der Gegend um sie warben. Die Pflegeeltern wagten nicht, sie 
unter ein niedriges Dach zu bringen. Schließlich, um sich die Freier vom 
Halse zu schaffen, gab das Mädchen vor, sie habe ihre Keuschheit der Göttin 
Minerva geweiht. Ihren Spinnrocken in der Hand, hütete sie die Herde 
ihrer Eltern von etwa fünfzig Schafen. Als sie ihre Eltern über ihre 
niedrige Lage weinen .sah, tröstete sie sie mit den Worten: die Götter senden 
ja solche Prüfungen bloß denjenigen, die sie lieben. So erreichte sie glück- 
lich ihr dreizehntes Lebensjahr; da sah ihr ein reicher Bauernsohn namens 
Darinol so tief in die Augen, daß ihm die Lust zu allem andern verging. 
Einmal fand er auch die Gelegenheit, sich zu erklären, erhielt aber einen 
so scharfen Verweis, daß er sich voll Verzweiflung in das Babylonische 
Gebirge zurückzog (Amadis de Grecia II cap. 130). 

Nun müssen wir wie Shakespeare die Zeit zu Hilfe rufen und uns niclit 
etwa Amadis von Griechenland, sondern seinen Sohn Florisel de Niquea 
zu einem bildhübschen Jüngling von zwölf Jahren herangewachsen denken. 
Als der junge Prinz und sein Vetter Garinter sich im Gebirge mit der 
Jagd belustigten, hörten sie auf einmal die Stimme und die Flöte Darinels, 
der Silvias Schönheit besang und sich über ihre Härte beklagte. Als die 
Prinzen den Bauernsohn darüber befragten, erzählte er ihnen so viele 
Wunderdinge über die schöne Schäferin, daß sie gleich beschlos.sen, nach Tirel 
zu reisen, um das Wunder zu besehen. Sie führten auch ihren Vorsatz ohne 
Wissen ihres Hofmeisters aus. Der arme Hofmeister dachte, sie seien von 
wilden Tieren zerrissen worden. Die Prinzen setzten sieh eines Morgens 
an eine Quelle und warteten, bis die Schäferin nahen würde. Sie kam 
wirklich herbei, um ihre Toilette zu machen, zum großen Ergötzen der 
Prinzen, die ihr aus dem Verstecke zusahen. Nun wagte sich Don Florisel 
heran und frug die Schäferin, ob nicht etwa der Gott Jupiter hier in der 
Nähe hause, wie man es aus der Schönheit, die er vor sich sehe, schließen 
könne. 'Der Herr kann kaum eine geeignete Antwort von einem in Armut 
und Einsamkeit erzogenen Mädchen erwarten,' erwiderte Silvia. Als aber 
auch Garinter vortrat, kam es zu Streit. Die Prinzen griffen zu ihren 
Hirschfängern und hätten sich viel Schaden angetan, wenn es dem schönen 
Mädchen nicht gelungen wäre, sie auseinanderzubringen. 'Wozu wollen die 
Herren einander töten, da die Sache doch von meinem Willen und nicht 
von euren Wünschen abhängt? Mein Stand ist ja zu gering, als daß ich 
mein Herz mit euren Herzen in Einklang brächte.' Und die Prinzen 
gingen traurig, jeder seinen eigenen Weg, nach Alexandrien zurück (Amadis 
de Grecia II cap. 131). 

Nun sah Don Florisel ein, daß es bloß einen einzigen Ausweg für ihn 
gab, nämlich sich zu dem Stande der geliebten Schäferin zu erniedrigen. 
Er ließ sich wirklich in einem Dorfe namens Alderiua nieder, kaufte Schafe 
und fing an, sie zu weiden. Dann erklärte er der geliebten Schäferin, daß 
er ihretwillen in den Schäferstand getreten sei. Silvia sagte ihm aber rund- 
weg, daß er durch das Weiden der Herde (ganado) keineswegs ihren Willen 
gewonnen (ganado) habe. Und als er ihr noch dazu die Geschichte des be- 



^ Auch im Wintermärchen findet sich Queen Zferwtojtc's juwel bei dem 
Kinde. 



Die niriendichtung des Feliciauo de Silva 55 

zauborion Prinzen Anastarax erzälilte, war alles verloren. Die Sciiäferiii 
verliebte sich in den bezauberten Prinzen vom Hörensagen ! Inzwischen 
kehrte auch Darinel zurück, und sie fingen alle drei an, zu lustwandeln, 
wobei Florisel für Silvia eine Girlande von wilden Blumen sammelte. So 
gingen drei Jahre vorbei. Die schöne Schäferin hielt an ihrer Liebe für den 
bezauberten Prinzen mit solcher Zähigkeit fest, daß (>s ihr schließlich gelaug, 
den Prinzen sowohl wie den Bauernlümmel zu überreden, mit ihr einen 
Gang nach dem Zauberturm zu unternehmen, um den bezauberten Prinzen 
zu erlösen (Amadis de Grecia II cap. 132, 133). 

Zum Schlusse schreibe ich eine Stelle aus der Antwerpener 
Ansgahe von 1572 des französischen Amadis (Liv. VII chap. 
XXII) ah, weil sie eine gewisse Ähnlichkeit mit einer bekannten 
Stelle im Sturm aufzuweisen scheint: 

... si se trouuerent Hz trop mieux entre les buissons et bruyeres, que 
parmy l'impetuositö et tempeste, etc. 

Die entsprechende Stelle im Sturm I, 1 lautet wie folgt: 

G o n z. Now would I giue a thousand furlongs of Sea, for an Acre of 
barren ground: Long heath, Browne firrs, any thing; ... 

Da es übrigens bei Feliciano de Silva an Standbildern/ die 
ins Leben gerufen werden, nicht fehlt, so scheint es mir ganz 
natürlich, die Verbindung dieses Motivs mit dem Pastoralmotiv 
sowohl im Wintermärchen von Shakespeare wie in El Marmol 
de Felisardo A^on Lope de Vega dem Einflüsse der viel- 
gelesenen Werke von Feliciano de Silva zuzuschreiben. Der von 
Shakespeare angenommene Xame des Prinzen, die Bärenjagd, der 
geniale Spitzbube,^ das ins Leben gerufene Standbild fehlen alle 
insgesamt bei Eobert Greene, dem man also den Spanier zugesellen 
muß, wenn man das Wintermärchen erklären will. 

Ich schreibe noch zwei Stellen aus Florisel de Niquea ab, die 
Shakespeare möglicherweise benutzt hat. Als die Prinzessin 
Diana, Tochter der Königin Sidonia, sich verheiratete und das 
Land verließ, sehnte sich der Schurke nach ihr: 

. . . que con la ida de Diana a me quedado mucha soledad=* on csta 
tierra . . . (Florisel de Niquea IV 1 cap. 3). 

Man denkt dabei unwillkürlich nn den X'arren im König 
Lear I 4: 

Since my young Ladies going into France Sir, tlie Foole hath much 
pined away. 



1 Bie se tournera le Marbre eu chair humaine . . . (Amadis, Livrc VI, 
Anvers 1572 chap. 50). 

2 Vgl. Englische Studien XLI 332. 

3 Dies schöne spanische Wort wird heutzutage im Sinne des portu- 
giesischen saudade nicht mehr gebraucht. Bloß in den andalusischen 
Liedern lebt es noch fort. 



56 Die Hirtendichtung des Felioiano de Silva. 

In demselben Roman versucht der Prinz Rogel, seinen Freund, 
den König von Susiana, zu bekehren, und offenbart ihm die 
Grundsätze der christlichen Religion, worauf der König erwidert: 

valame Dios y que Academia me habeis ensefiado, de donde todas las 
centellas Platonicas y Aristotelicas de derecho natural y moral se esten- 
dieron en el arte del virtuose vivir, salidos del inünito fuego de virtud 
que Christo aqui encendiö. (Florisel de Niquea IV 1 cap. 83.) 

Vgl. 'Verlorene Liebesmüh' am Schluß des dritten Aktes: 

From womens eyes this doctrine I deriue, 
They sparcle still the right promethean fire, 
They are the Bockes, the Arts, the Academes, 
That shew, containe, and nourish all the world. 

Worcester, Mass. U. S. A. JosephdePerott. 



Die 'Merry Muses of Caledonia' und Burns' 
'Court of Equity'. 

(Schluß.) 

n. 

Tm folgenden gebe ich ein Verzeichnis der in den MMC. enthal- 
tenen Stücke, alphabetisch nach der ersten Zeile angeordnet. 
Pie rechtsstehende Zahl bezeichnet die Seitenzahl in der Ausgabe 
^■on Yindex. Bei der Besprechnng der einzelnen Gedichte be- 
diene ich mich hänfiger der folgenden Abkürzungen: 

AE. = Poetical Works of Robert Burns, ed. G. A. Aitken. 3 vols. London, 

1893 (Aldine Edition). 
CE. = The Poetry of Robert Burns, edd. Henley and Henderson, 4 vols. 

Edinburgh, 1896—97 (Centenary Edition). 
Ch.W. =z Life and Works of R. B. by Dr. E. Chambers revised by William 

Wallace. 4 vol.«'. Edinburgh and London, 1896^ — 97. 
D i c k =r James C. Dick, The Songs of R. B. London etc., 1903. 
Farmer = John S. Farmer, Merry Songs and Ballads etc., 1897, s. Archiv 

Bd. CXXIX, S. 366. 
Glen = John Glen, Early Scottish Melodies. Edinburgh, 1900. 
H e r d's Mss. = Songs from David Herd's Manuscripts, ed. Hans Heclit. 

Edinburgh, 1904. 

1. Altho' my back be at the wa" 09 

2. Amang our young lasses there's Muirlaud Meg . 44 

3. As honest Jakob on a night 46 — 47 

4. As I cam' down by Annan side 50 

5. As I came down yon water side 84 

6. As I came o'er the Cairney mount 64 

7. As I looked o'er yon Castle wa' 103^ — 104 

8. Blythe, blythe, blythe was she 83 

9. Callum cam to Campbell's court 96 

10. Can ye play me Duncan Gray 112 

11. Come cow me minnie, come cow mc 121 

12. Come rede me, dame, come teil me, daino .... 55 

13. Coming o"er the Hills o' Coupar 59 

14. Comin' thro' the rye, my jo 61 

15. Duncan Macleerie and Janet his wife 74 

16. EUibanks and Ellibraes 57—58 

1 7. Gat ye me, gat ye me 85 

18. Green grow the rashes, 52 — 53 

19. Gudwife, when your gudeman's t'rae hämo .... 42 

20. Had I the wyte, had I the wjte 56 

21. He tiirt and she till't 117 

22. How can I keep my maidenhead 80 

23. I am a bard of no regard 114 

24. I'Il lay theo o'er the lee-rig 98 

25. I'U teil you a tale of a wife 49 

26. In Embro' town they've made a law 100 

27. I once was a maid, though I cannot teil when ... 108 



58 Dio 'Merr^' Muses of Cal('(loiii;i" luul Bums' 'Court of Equiiy" 

28. I rede you beware o' the ripples, young man . 35 

29. It feil about tho blythe New Year . 95 

30. It feil Oll a day, iu the Jlow'ry month o' May ... 67 

31. Jenny Macraw was a bird o' the game 107 

32. Jenny sits up in the laft 60 

33. John Anderson my jo, John 71 — 72 

34. Madgie cam to my bedstock 118 

35. My auntie Jean held to the sliore 41 

36. My Jockey is a bonny lad 97 — 98 

37. My mither seut me to the well 105 

38. My wife's a wanton wee thing 117 

39. Near Tweedmouth town there liv'd three maids . . 11!) 

40. can ye labour lea, young man 80 

41. Errock stane, may never maid 40 — 41 

42. gie the lass her fairing, lad 89 

43. gin I had her 109 

44. 0, ken ye na our lass, Bess 94 

45. O leeze me on his curly pow 81 

40. saw ye my Maggy 76 — 77 

47. wha my baby clouts will buy 106 

48. wha'U mow me now, my jo 70 

49. will ye speak at our town 73 

50. 0, yon, yon, yon, lassie 66 

51. Our bride flat and our bride Hang 69 

52. Our gudewife's sae modest 41 

53. Put butter in my Donald's brose 43 

54. Roseberry to his Lady says 65 

55. Tail todle, tail todle 111 

56. The bonnie lass o' Liviston 36 

57. The Cooper o' Cuddy cam' here awa" . . ... 93 

58. The Logan burn, the Logan braes 104 

59. The moudiwark has done me ill 82 

60. The night her silent sable wore 88—89 

61. The night it was a haly night 51 

62. The ploughman he's a bonny lad 78 — 79 

63. Thcre cam' a cadger out o' Fife 94 

64. There liv'd a lady in Lauderdale 37 

65. There lived a wife in Whistle Cockpen 48 

66. There was a jolly gauger, au' a gaugin' he did ride . 54 

67. There was a lass, and a bonie lass 110 

08. There was a lass, they ca'd her Meg 75 

69. There was a wedding o'er in Fife ....... 101 — 102 

70. They took me to the Holy Band 77 

71. Twa neighbour wives sat in the suu 87 

72. Waes me that e'er I made your bed 110 

73. Wha is that at my bower door? 120 

74. Wap and rowe, wap and rowe 51 

75. When maukin bucks, at early f-k.s 68 — 69 

76. When princes and prelates 90 — 92 

77. Where will we get a coat to Johnie Scott .... 113 

78. Whilst others to thy bosom rise 62 — 63 

79. Ye Coopers and Hoopers attend to my ditty .... 105 

80. Ye hae lien wrang, lassie 45 

81. Ye jovial boys, who love the joys 33 — 34 

82. Yestre'en I had a pint o' wine 38 — 39 

83. Yestre'en I wed a lady fair 107 



Die 'Merry Muses of Caledonia' und Burns' 'Court of Equity' T/J 

Von den in der vorliegenden Liste angeführten Gedichten 
haben die folgenden zweifellos Burns selbst zum Verfasser: 1. s. 
CE. III, 177, 431; AE. I, 239.^ Beide Sammlungen geben nur 
die erste von zwei in den MMC. enthaltenen Strophen. Von Ab- 
weichungen im Wortlaute bemerke ich: Z. 7 Till] Though MMC. 

— Z. 9 But, tho' my back be at the wa'] But let them say 
whate'er they like MMC. Strophe 2 abgedruckt bei Farmer V, 
245. — 3. Überschrift: The Patriarch. Melodie: The Aulcl Cripple 
Doiv. Abfassungszeit: November 1786.- A^gl. Scott Douglas IV, 
163. Abgedruckt bei Farmer I, 257—258. — 11. Melodie: My 
mithers aye glowrin o'er me (hierzu Glen, S. 30 — 31). Ab- 
fassungszeit: Oktober 1793. Abgedruckt bei Farmer V, 217 — 218. 

— 23. CE. II, 15 — 16: Lied des fahrenden Sängers aus den Jo?/.?/ 
Beggars. — 26. Überschrift: Act Sederunt of the Court of Ses- 
sion. Melodie: O'er the Muir amang the Heather (hierzu Glen 
165— 166,Dick501. Abfassungszeit: Oktober 1793. Abgedruckt bei 
Farmer V, 215. Hierauf bezieht sich der Archiv CXXIX, S. 371 er-, 
wähnte Brief an Cleghorn. dem dieses Lied undlSTo. 11 beilagen. — 
.27. CE. TT, 4 — 5: Lied der Soldatendirne aus den Jolly Beggars. 

— 47. CE. m, 70, 354; AE. L 238. — 73. CE. ITT," 102— 103, 
375 — 378 mit ausführlicher Behandlung der Vorstufen; AE. T, 
47 — 48. — 75. Überschrift: The Summer Morn. Melodie (nach 
:^rMC.): Bush ahout the Jorum (hierzu Dick, S. 452). Abfas- 
sungszeit?, mitgeteilt in einem Brief an George Thomson, Januar 
1795, bei Chambers-Wallace TV, 185—188, dort auch Str. 2 mit 
der gefälligen Variante heart statt a — e in Z. 8; desgleichen AE. 
III, 43; das Ganze abgedruckt bei Farmer I^'^, 266 — 267. — 
70. Überschrift: Poor Bodies do Naething hut Mow. Melodie: The 
Campheils are Coming (hierzu Dick, S. 489). Abfassungszeit: 
Dezember 1792. Vgl. die Briefe an Robert Graham vom 5. Ja- 
nuar 1793. Chambers-Wallace ITT, 386. und an G.Thomson, Juli 
1794. Einzelne Strophen abgedruckt in AE. III, 105 — 106 und 
Ch.W. IV. 130. an beiden Stellen mit Hinweis auf die MMC. — 
(S7. Überschrift: The Fornicator. Melodie: Clout the Cauldron 
(hierzu Glen S. 53, Dick S.447). Abfassungszeit: 1784. In AE. 
I^ 59 — 60 gereinigter Abdruck nach Scott Douglas' Kilmarnoch 
Edition IL 420. Farmer V, 229—230. — 82. CE. IV, 25—26, 
92—93; AE. IL 319—320. 

Bei einer weiteren Gruppe bestehen zunächst unlösbare Zweifel 
sowohl hinsichtlich der Urheberschaft wie der Abfassungszeit in 



* Ich zitiere im allgemeinen nur diese beiden Ausgaben, womit natür- 
lich nicht gesagt sein soll, daß die betreffenden Stücke ausschließlich dort 
zu finden sind. 

' Die Datierungen beruhen auf den von V i n d e x mitgeteilten Doku- 
menten. 



60 Di« 'Merry Muses of Caledonia' und Bums' 'Court of Equity' 

dem Maße, daß es gewagt erscheint, ein Urteil darüber abzugeben, 
ob die betreffenden Gedichte vor oder z u Burns' Zeit entstanden 
sind, ob sie von ihm selbst herrühren, oder ob er vielleicht nnr ein- 
zelne Strophen und Wendungen hinzugefügt hat. Hierzu gehören 
die Nummern: .95. AE. I, 20 — 21, wo auf einen Brief Burns' vom 
4. Mai 1788 (Ch.W. II, 338) an seinen Oheim mütterlicherseits, 
Samuel Brown in Kirkoswald, hingCAviesen wird, in dem er für 
sein Haus in Ellisland fhree or four stones of feathers bestellt. Es 
geht selbstverständlich nicht an, aus dieser Tatsache auf seine 
Verfasserschaft zu schließen, die ihn, im Hinblick auf den Inhalt 
des Scherzgedichtes, wohl kaum dem Herzen des Oheims näher- 
gebracht haben würde. Die Zeilen lauten in den MMC, etwas ab- 
weichend von AE., so: 

My Auntie Jean. 
Tune — 'John Anderfton, my jo. 

My auntie Jean held to the shore, 

As Ailsa boats cam' back; 
And she has coft a feather bed 

For twenty and a plack; 
And in it she wan fifty mark, 
^ Before a towmond sped; 

O! what a noble bargain 

Was auntie Jeanie's bed. 

^8. Str. 1, 2, 5, 6 mit geringen Änderungen in AE. III, 75 — 76, 
unter Hinweis auf die MMC. als Textquelle, wo sich zwei weitere 
Strophen und ein sicher alter Chorus finden. Str. 6 wiederholt 
eine von Burns öfter ausgesprochene ritterliche Anschauung: 
But devil tak' the lousy loon, 

Denies the bairn he got, 
Or leaves the merry lass he lo'ed, 
To wear a ragged coat. 

Ein Beweis für seine Verfasserschaft läßt sich aus der ihm 
geläufigen Tendenz nicht ableiten. Vollständiger Text bei Farmer 
TI, 262 — 263. — 61. Notiz Vindex': Anonymus, hut quite in 
Burns s style. Abgedruckt bei Farmer V, 216. — 66. s. CE. II, 
297: Parodie auf Jakobs V. (?) Jolly Be.^.^ar. — 80. AE. III, 75, 
wörtlicher Abdruck aus den MMC. — 39 und 78 dürften eng- 
lischen Ursprungs sein. Näheres weiß ich über die sehr wenig 
beachtenswerten Texte nicht auszusagen. Sie stehen bei Farmer 
Y, 249—250 und 231—233. — Während die Texte der ersten 
Gruppe in einer ungekürzten Ausgabe der Dichtungen Burns' 
nicht fehlen dürften, liegt einstweilen kein zwingender Grund 
vor. die der zweiten in sie aufzunehmen. 

Den ganzen übrigen Inhalt der MMC. kann man wohl mit 
Sicherheit als vor-burnsisch bezeichnen. Es handelt sich dabei 
entweder um in sich abgeschlossene Lieder größeren Umfangs 



Die 'Merry Muses of Caledonia" und Buius' 'Court oi EyuiLy' Gl 

oder um einzelne Strophen und Liederreste, um Erinnerungen an 
Texte, die in vollständigen Fassungen nicht mehr erhalten sind. 
Um so größer ist der Wert dieser Fragmente für die Volkslieder- 
forschung. Ähnliches kennen wir insbesondere aus den hand- 
schriftlichen Sammlungen David Herd's und aus der zweiten 
Ausgabe seiner Anclent and Modern Scotiish Songs, Ileroic Bal- 
lads, etc. (1776). Auch John Leyden in seiner Ausgabe des 
Complaynt of Scolland, 1801, und aus späterer Zeit der weit- 
belesene C. K. Sharpe in seinem Ballad Book, 1823, haben in 
richtiger Einschätzung ihrer Wichtigkeit Bruchstücke dieser Art 
veröffentlicht und so für einen noch zu erwartenden Historiker 
des englisch-schottischen Volksliedes nicht zu übersehendes Ma- 
terial bereitgestellt. Dem Alter ihrer Aufzeichnung nach stehen 
nun die von Burns gesammelten Stücke an zweiter Stelle, un- 
mittelbar hinter denen Herd's. Bei ihrer literargeschichtlichen 
A^erwertung ist aber stets zu bedenken, daß bei der Persönlichkeit 
des Sammlers Burns der Verdacht einer Umformung, Glättung 
und Abrundung des Übernommenen beträchtlich größer ist als 
bei Herd, selbst dann, wenn die betreffenden Texte von Burns 
nicht zur Veröffentlichung durch den Druck bestimmt waren. 
Ein Unterschied besteht demgemäß auch in der Tendenz der 
beiden Sammler. Er wird empfunden in dem verschiedenen Ein- 
druck, den die Texte bei Herd und in den MMC. hervorrufen: bei 
diesen herrscht in der überwiegenden Anzahl der Fälle der Cha- 
rakter des Abgeschlossenen vor, die Bruchstellen scheinen abge- 
schliffen, die Lücken überbrückt zu sein; jene dürften die Hand 
des dichterisch jedenfalls nur bescheiden veranlagten David Herd 
etwa in dem Zustande verlassen haben, in dem sie hineingelangt 
sind. In dem einen Falle stehen wir dem auf Neubelebung be- 
dachten, begeisterten Künstler, in dem anderen dem gewissen- 
haften Konservator literarischer Altertümer gegenüber. DerA^er- 
gleich läßt sich an einigen Beispielen leicht bewerkstelligen, in 
denen wir dasselbe Lied in den MMC. und bei Herd besitzen: 

MMC. No. : ITerd's Mss. S. : Hord's Songs- 

5 115 — Abweichungen unerheblich. 

8 — II, 18—19 = Tea- Table Miscellany^- 

(1760), S. 423—424. In MMC. 
vielleicht die ursprüng- 
liche Fassung, s. CE. III, 326. 
10 208—209 — Siehe CE. III, 321—322. — 

Variauten dürften Burns zu- 
zuschreiben sein. 
20 117 — CE. III, 410—411. — Die 

(Fragment von Fassung in den MMC. (3 

8 Zeilen) Strophen zu je 8 Zeilen) wohl 

von Burns gedichtet. 



62 



Die 'Merry Muses of Caledonia' und Burns' 'Court of Equity' 



MMC. No. 
24 



38 



45 
58 



Ilerd's Mss. S. 
100—101 



111 

(Fragment von 

8 Zeilen) 

140—141 
104 



Herd's Songs^ 



II, 230 
dgl. 



II, 215 
II, 230 



CE. III, 497—498. — Auch 
hier liegt kein Beweis dafür 
vor, daß MMC. tatsächlich 
einen älteren Text aufweisen 
als Herd. 

Erste vollständige Fassung im 
dritten Bande von Johnsons 
Mus. Museum III, No. 217, 
identisch mit MMC. 
Siehe unten. 
Abweichungen unerheblich. 



Ein Text — No. 45 — , neben den ich die Fassung aus Herds 
Songs^ II, 215 zum Vergleich stelle, diene zur Veranschaulichung 
des Gesagten und zugleich als charakteristisches Beispiel für die 
in den MMC. enthaltenen Gredichte: 



Dainty Davie 
[Text der Herd-Mss.]i 
[Chorus:] 
O leeze me on your curly pow, 
Dainty Davie, dainty Davie, 
Leeze me on your curly pow, 
Mine ain dainty Davie. 



Dainty Davie 
[Text der MMC, nach V i n d e x] 

leeze me on his curly pow, 
Bonie Davie, dainty Davie; 
Leeze me on his curly pow. 
He was my dainty Davie. 



It was in and through the wiudow 

broads 
And all the tirliewirlies o'd: 
The sweetest kiss that e'er I got 
Was from my dainty Davie 

O leeze me on your curly pow etc. 



2. 

It was down amang my daddy's 

pease, 
And underneath the cherry-trees : 
there he kist me as he pleas'd, 
For he was mine ain dear Davie. 
O leeze me on your curly pow etc. 



Beiug pursued by the dragoons, 
Within my bed he was led down, - 
And weel I wat he was worth his 

room, 
My ain dear dainty Davie. 
Leeze me, etc. 

2. 
My minnie laid him at my back, 
I trow he laid na lang at that, 
But turu'd, and in a verra crack 
Produc'd a dainty Davie. 

3. 
Then in the field among the pease, 
Behin' the house o' Cherrytrees, 
Again he wan atweesh my thies, 
And creesh'd them weel wi' gravy. 
Leeze me, etc. 



1 Zur Sacherklärung s. meine Ausgabe der Herd-Mss. S. 140—141 und 
297, ferner Dick, Songs of Bums S. 474 und Notes on Scottish Song S. 86. 
Burns bemerkt in dem durchschossenen Exemplar des Mus. Museum nur das 
Folgende: The original verses of Dainty Davie and the anecdote which 
gave rise to them,, are still extant, and were their delicacy equal to their 
wit and humour, they would merit a place in any collection. So viel konnte 
Burns im Hinblick auf Herd^ II, 215 mitteilen. Die erweiterte Notiz 
(s. z. B. Ch.W. IV, 411 — 412) erschien zuerst in Cromeks Reliques, 1808. 



Die 'Merry Muses of Caledonia' und Burns' 'Court of Equity' G3 

3. 4. 

When he was clias'd by a dragoon, But had I goud, or had I land, 

Into my bed he was lod down, I^ should be a' at his comuiaud; 

I thought him wordy o' his room, Fll n'er forget what he pat i' my 
And he's ay my daiuly Davie. hand, 

leeze me on your curly pow etc. It was sie a dainty Davie. 

Ijeeze nie, etc. 

Herds erste Streiche fehlt iu den MMC. Die dritte ersclieirit 
zu zwei Strophen erweitert, die aus Gründen der Steigerung und 
Entwicklung der Episode an den Anfang des Gedichtes traten. 
Das Reimwort gravy statt des bei Herd regelmäßig wiederkehren- 
den Davy kann als Zeichen für die Unursprünglichkeit der Strophe 
aufgefaßt werden. Bemerkenswert ist auch das Bestreben, die bei 
Herd schwer erkennbare Anspielung auf den Eigennamen Cherry- 
tree — ebenfalls in Strophe 3 — deutlicher hervortreten zu 
lassen. Str. 4 mit den kraftvoll einsetzenden Zeilen 1 und 2 
fehlt bei Herd. Der Vergleich legt somit fraglos den Schluß nahe, 
daß die Fassung des Dainty Davie der MMC. nicht unabhängig 
neben der Herd's steht, sondern mit bewußt künstlerischen Ab- 
sichten aus ihr abgeleitet wurde. Daß der Bearbeiter Burns selbst 
war, unterliegt wohl keinem Zweifel. Damit wird unsere Ver- 
mutung unterstützt, daß auch in d e n Eällen, in denen wdr nicht 
in der Lage sind, andere Fassungen neben die der MMC. zu 
stellen, der Kern des betreffenden Liedes zwar alt sein mag, daß 
aber sehr häufig, im Interesse erhöhter künstlerischer Wirkung, 
Eingriffe von seiten des Dichters stattgefunden haben dürften. 
Dies zur Einschätzung des literarhistorischen Wertes der in den 
MMC. vereinigten Gedichte. 

Daß sie zum Teil als Quellen oder Vorstufen für allgemein 
bekannte Burnssche Lieder dienten, ist von den Herausgebern der 
CE. einleuchtend dargetan worden. Der Vergleich mit den 
späteren, gereinigten Fassungen beleuchtet aufs willkommenste 
die Arbeitsweise des Dichters nach einer bestimmten Richtung 
hin. Wir müssen schon von diesem Gesichtspunkte aus das Er- 
scheinen des Neudrucks der MMC. mit Interesse begrüßen, denn 
die CE. bot im allgemeinen nur Proben und konnte nach Lage der 
Verhältnisse auch wohl nicht mehr bieten. Folgende Stücke 
kommen als Burns-Quellen in Betracht: 

6 zu Burns' As I came o'er the Cairney mount CE. III, 171, 427. 

14 „ „ Comin thro' the rye „ III, 151—152,411—413. 

17 „ „ The lass o' Ecclefechan- „ III, 156, 415— 41G. 

18 „ „ Green grow the rashes, 0» „ I, 251— 252, 414— 41 fi. 



1 sie! — Ich vermute hier einen Druckfehler für It. 
- Beide Fassungen fast gleichlautend. 

» Siehe auch Herd's Mss. S. 118— 119 und 289—290. Audi dieser Text, 
der von dem der MMC. abweicht, war Burns bekannt. 



64 Die 'Merry Muses of Caledonia' und Burns' 'Court of Equity' 

28 zu Burns' The bonie moor-hen ' CE. IV, 20 — 21, 89—90. 



33 „ 


,, John Anderson my jo 


„ III, 


63, 349—350. 


37 „ 


„ Whistle o'er the luve o^t^ 


„ II, 


303 und 




{Jolly Beggars) 


„ III, 


58, 346. 


40 „ 


„ 0, can ye labour lea 


„ III, 


138—139, 397—398. 


53 ., 


„ For a' that, an' a' that 


,. II, 


304 und 




(Jolly Beggars) 


„ III, 


271 273,489—491. 


57 „ 


„ The cooper o' Cuddy- . 


„ III, 


157—158, 416. 


62 „ 


„ The "ploughman^ 


„ III, 


24—25, 322—323. 


68 „ 


„ Duncan Davison 


„ III, 


19—20, 319. 


79 „ 


„ Bonie Dundee 


„ III, 


302. 



Die Durch fülirung des Vergleiches zwischen Quelle und Be- 
arbeitung würde an dieser Stelle zu weit führen. Ebensowenig 
kann hier untersucht werden, ob und inwiefern die noch nicht 
besprochenen Stücke schon den Einfluß Burnsscher Kunst ver- 
raten. Bemerkt sei nur noch, daß sich No. 36, My Jockey was a 
bonny lad, in dem Nachdruck der dritten Ausgabe von Herds 
Songs, Edinburgh, Lawrie and Symington,^ 1791 (11,325) wieder- 
findet, und daß endlich No. 60, The night her silent sable wore, 
mit geringen Abweichungen auch im Tea-Tahle Miscellany^^ 
S. 123 — 124, gezeichnet Z = old Song und in zahlreichen Lieder- 
büchern nach Ramsay, so in Johnson's Musical Museum, I, No. 83, 
enthalten ist.^ 

Zusammenfassend läßt sich demnach über den Inhalt der 
MMC. folgendes aussagen: er besteht zum geringeren Teil aus 
Burnsschen Originaldichtungen, zum größeren aus Liedern oder 
liiederfragmenten unbekannter Verfasser. Die Stoffe sind derb- 
obszönen und humoristischen Charakters, der Stil ist vorherrschend 
volkstümlich. Die grobe Uriverhohlenheit des Ausdrucks steht zu 
der schlecht drapierten Lüsternheit gangbarer Lieder der Sing- 
spiel- und Varietebühne in befriedigendem Gegensatz, Die nicht 
nachweislich von Burns herrührenden Texte finden sich meist nur 
in den MMC, waren wohl schon zu der Zeit, als sie von Burns ge- 
sammelt wurden, literarische Seltenheiten und entziehen sich aus 
diesem Grunde zunächst einwandfreier Beurteilung. Wo ein Ver- 
gleich mit Ähnlichem, z. B. in Herd's Sammlungen, möglich ist, 
zeigt es sich, daß Veränderungen mit dem Überlieferten vorge- 
nommen wurden, die mit einem hohen Grad von Gewißheit Burns 
zugeschrieben werden dürfen. Es liegt somit die Vermutung nahe, 
daß auch diejenigen Stücke, bei denen ein Vergleich undurchführ- 



^ Die Strophen der MMC. stammen aus Herds Songs^ 316 — 317 oder 
2 II, 208. 2 Beide Fassungen fast gleichlautend. 

3 Siehe auch Herds Songs^ I, 317—318 und -II, 144—145: 'a milder 
Version' CE. III, 322. 

4 Siehe Herd's Mss. S. 68. 

6 Verfasser: Thomas D'Urfey (1653—1723); siehe Chambers-Patrick, 
üyclopcedia of English Literature I, S. 732 u. 782. 



Die 'Morry Muses of Caledonia' und Burns' "Court of Equity' 65 

bar ist, nicht ganz in ihrer ursprüngliclien Form erscheinen, sondern 
Ijereits Ansätze der Bearbeitinig durch Burns aufweisen. Bei einer 
kleineren Gruppe ist dann die Umwandlung weiter fortgeschritten 
und hat zu den gereinigten und veredelten Fassungen des Musical 
Museum geführt. Die Texte der MMC. sind demnach für die 
Volksliedforschung wohl zu verwerten, wenn auch mit einiger 
Vorsicht. Ihre hauptsächliche Bedeutung gewinnen sie erst im 
Hinblick der Entwicklungsmöglichkeiten, die Burns an ihnen 
wahrgenommen oder in sie hineingelegt hat. 

III. 

Der Herausgeber der MMC. hat die Gelegenheit nicht vorüber- 
gehen lassen, ohne den Kern seiner Ausgabe um einige Zusätze zu 
bereichern, die er teils handschriftlichen Aufzeichnungen, teils 
frühen Nachdrucken der MMC. entnommen hat. Im Hinblick 
auf die abfällige Kritik, die er an diesen Nachdrucken mit Recht 
geübt hat, erscheint dieses Verfahren nicht ganz folgerichtig, zu- 
]nal da es nichts sonderlich Bemerkenswertes zutage gefördert hat. 
Berechtigt aber ist es in einem Falle: auf S. 127 — 135 des vor- 
liegenden Bandes erhalten wir einen neuen Abdruck des unter dem 
Titel The Court of Equity mehr oder weniger bekannten, umfang- 
reichen G-edichtes vom Frühjahr 1786, also aus Burns' stärkster, 
inspiriertester SchafFensperiode stammend, dem bisher sein Recht 
auf Öffentlichkeit noch nicht gebührend zugestanden worden ist, 
selbstverständlich auch nicht durch V i n d e x' schwer zugängliche 
und teure Veröffentlichung. Die Prüderie englischer Heraus- 
geber hat es aus den offiziellen Burns-Ausgaben ferngehalten 
oder ihm nur in sinnentstellender Verstümmelung unwillig Platz 
gewährt. Mitunter mangelt es nicht an Ausdrücken des Bedauerns, 
einem Werke von solcher Bedeutung den Einlaß verwehren zu 
müssen, doch die hohe Pflicht gegenüber dem sittsamen Leser er- 
fordere eine so strenge Maßnahme. Der Stand der Dinge ist nun 
der, daß das Gedicht in der Centenary Edition überhaupt nicht 
erwähnt wird ; bei Ch amber s-AVallace I, 249 heißt es — 
nach dem Abdruck der 'Jolly Beggars' und Adam Armours 
Prayer! — : This ivould have heen the proper place to introduce 
a poem knotvn as 'TJie Court of Equity' etc. It is füll of 
humanity and tenderness, hut it is too 'hroad' for puhlication. 
Ganz ähnlich hatte sich in den früheren Auflagen desselben 
Werkes der ausgezeichnete ('hainbers selbst geäußert: das 
Spöttisch-Ernste {the mock-serious) sei niemals zu größerer Vor- 
trefflichkeit gebracht w^orden wie in diesem Gedichte, hut, un- 
fortunately etc. Ebenso Scott Douglas in der Edinburgh 
Edition I, 166. George A. Aitken, der sonst nicht engherzige 

Archiv f. n. Sprachen. CXXX. 5 



66 Die 'Merry Muses of Caledouia' und Buins' 'Court of Equity' 

Herausgeber der Aldine Edition, begnügt sich, trotzdem er von 
den MMC. etwas weiß, mit dem Abdruck einer ad usum delphini 
jämmerlich zugerichteten, mit den fatalen Sternenreihen durch- 
zogenen Fassung, s. Bd. I, S. 151 — 154. Daß bei dem A^ersagen 
der berufenen Vertreter Burns' auf Erden die obskurere Presse 
sich des Gedichtes als willkommener Beute bald bemächtigte, be- 
darf kaum der Erwähnung. Eine genaue Bibliographie zu geben, 
wird kaum möglich sein. Es findet sich unter dem Titel Libel 
Summons in den späteren Ausgaben der Merry Muses (so in 
meinem Exemplar von 1827, S. 122 — 126). Ein Separatdruck 
ohne Ürtsbezeichnung, Jahreszahl und irgendwelche andere An- 
gaben, nach dem Äußeren zu urteilen etwa aus dem Anfang des 
19. Jahrhunderts stammend, liegt mir gleichfalls vor. Hier trägt 
es die Überschrift: The Fornicator's Court, By Robert Bums. 
Farmer druckt es als The Court of Equity im IV. Bande der 
Merry Songs and Ballads ab, S. 281 — 287, wie er behauptet from 
an autograph copy in the British Museum. In der Tat scheint er 
einen flüchtigen Blick in eine gleich zu erwähnende Egerton-Hs. 
geworfen zu haben, von Genauigkeit kann aber keine Rede sein. 
Sein Text ist ebenso unbrauchbar wie die anderen genannten, die 
V i n d e X mit dem Prädikat either garhled or incomplete abtut. 
Doch ist Vindex selbst bei der Herstellung seines Textes 
nicht glücklich gewesen. Er schreibt: Judging from the MS. 
copies which have been preserved, it does not appear that a finq^l 
corrected copy ivas ever executed by the poet ... Ä Version is 
preserved in the British Museum among the Egerton manuscripts; 
and in the same collection are to be found a fragnient of the same 
Version, and a curtailed version knoivn as the 'Ädditional MS.' 
Besides these, Mr. Scott Douglas evidently had access to another 
Version, MS. copies of which he distributed amongst his friends 
'when engaged on his magnum opus, the Edinburgh Edition of the 
tcorks of the poet. Concerning the origin of that version we have no 
information. In the transcript given here, ive found upon Scott 
Douglas's version, and indicate the differences and Variation of 
the text as established by comparison (a. a. 0. S. 127 — 128). Ab- 
gesehen von den tatsächlichen Unrichtigkeiten, die diese Angaben 
enthalten, ist es selbstverständlich methodisch mehr als bedenk- 
lich, einen Text als Grundlage zu wählen, von dem der Heraus- 
geber zugeben muß, daß sich seine Herkunft über Scott Douglas 
hinaus nicht verfolgen lasse. Wie wenn Scott Douglas selbst kon- 
taminiert und verändert hätte, was an und für sich durchaus nicht 
unwahrscheinlich ist? Hier kann es sich nur darum handeln, end- 
lich einmal alle Zwischenstufen außer acht zu lassen und den 
Text der uns glücklicherweise erhaltenen Hss. unverfälscht und 
ungeschwächt zum Abdruck zu bringen. Das soll nun geschehen 



Die 'Morry Musos of ('alcdoiiia' und Biuiis' 'Court of Equity' G7 

unter Ausschaltung sämtlicher gedruckter Fassungen, auch der 
Scott Douglas', zu deren Authentizität ich, vielleicht mit Unrecht, 
kein großes Zutrauen habe. — 

Wir besitzen von dem fraglichen Gedichte drei voneinander 
abweichende Niederschriften in Burns' Hand, die sich sämtlich 
im Britischen Museum befinden, nämlich: 

A. Ms. Egerton 1656, fol. 8a — 10a: ausfiilirlic:lie Fassuug. 

B. Ebenda, fol. IIa — b; Fragment derselben, 57 Zeilen. 

C: MS. Additional 22307, sogen. Hastie-Colleetion, fol. 176a— 1771j: 
kürzere Fassung. 

Ich drucke hier zunächst A mit den Lesarten von B. Ortho- 
graphie und Interpunktion sind die des Ms. Gesperrt Gedrucktes 
wurde von Burns durch stärkere und größere Schrift bei den be- 
trclTenden Wörtern hervorgehoben. Sacherklärungen gebe ich in 
besonderer Rubrik unter den Lesarten. 

[8a] In Truth and Honor's nanie, amen. - — 

Know all men by these presents piain. — 

This twalt o' May at M . . . . ne given ; 

The year 'tween eighty five an' seveu; 

We, Fornicators by profession, 5 

As per extractum f rom each Session ; 

And by our Brethren coustituted, 

A Court of Equity deputed : 

With special authoris'd direction, 

To take beneath our strict protection, 10 

The stays-unlacing, quondam maiden, 

With growing life and anguish laden ; 

Who by the Scouudrel is deny'd 

Who led her thoughtless steps aside. — 

The knave who takes a private stroke 15 

Beneath his sanctimonious cloke: 

All who in any way or manner 

Distain the F o r n i c a t o r's honor, 

We take cognisance tliere anent 

The proper Judges competent. — 20 

First, Poet B — , he takes the C h a i r, 
Allow'd by all, his title's fair; 
And past nem. con. without dissension. 
He has a duplicate pretension. — 

1 Amen — // nach Z. 2 eine Zeile Zioischenraum AB // 13 Who] That 
ß // 17 nach All ist those gestrichen A. // nach Z. 14 folgt in B: The wretch 
who can refuse assistance / To those whom he has given existence // Z. 16: 
his] the B // nach Z. 16: The Coof wha stan's on cli.shmaclavers / When 
lasses hafflins öfter favors B. 

3 Abkürzung zu ergänzen Mauchline. 24 Burns' Tochter Elizabeth 
iPaton) war im November 1784 geboren. Es folgten im September 1786 die 
vorehelichen Zwillinge Jean A r m o u r's. Im Hinblick auf das bevor- 
stehende Ereignis konnte Burns wohl schon von einer 'duplicate pretension' 
sprechen. 

5* 



68 Die 'Merry Muses of Caledonia' und Burns' 'Court of Equity' 

The second, Sm — th, our wortliy Fiscal, 25 

To cowe each pertinacous rascal; 
In this, as every otber state, 
ITis merit is conspicuous great; 
E — nd tlie third, our trusty Clor k, 
Our Minutes regulär to mark, 30 

And sit dispenser of the law, 
In absence of the former twa. — 
[8b] The fourth, our M e s s e n g e r a t a r m s, 
When failing all the milder terms, 
Hunt — r, a hearty willing Brotlier, 35 

Weel skill'd in doad an' living leather. — 

Without preamble less er more said, 

We, body politic aforesaid, 

With legal, due w h e r e a s, and wherefore, 

We are oppointed here to care for 40 

The int'rests of our Constituents, 

And punish contraveening truants; 

To keep a proper regulation 

Within the lists of Fornication. 

W h e r e a s, Our Fiscal, by petition, 45 

Informs us there is strong suspicion 

Y o u, Coachman Dow, and Clockie Brown, 

Baith residenters in this town. 

In other words, you, Jock and Sandie 

Hae been at wark atlioughmagandie; 50 

And now when it is come to light, 

The matter ye deny outright. — 

You Clockie Brown, there's wituess borno. 
And affidavit made and sworne, 

That ye hae rais'd a hurlie-burlie 55 

In Maggy Mitchel's tirlie-whurlie. — 

29 R.ch — nd // 32 former nehen gestrichenem tither A. 35 H — nt — r, 
a willing, hearty Brother // 40 in B zunächst vergessen, dann eingefügt, jj 
42 contraveniug. // 43 And keep. // 51 — 52 And now the matter's come to 
light, / Your part in't, ye deny outright. — Soweit Ms. B. 56 Maggy ge- 
strichen und von anderer Hand Jeany darüh er geschrieben icie in Ms. C; 
ebenso Z. 66. 



25 James Smith, geb. 1765, Tuchhändler in Mauchline, später nach 
Jamaika ausgewandert und dort gestorben. Siehe die Epistel an ihn CE. I, 
59 — 67. — 29 John Richmond, geb. 1765, Schreiber bei Burns' Gönner 
Hamilton in Mauchline, seit 1785 auf einem Anwaltsbureau in Edin- 
burgh tätig, später selbst Anwalt in Mauchline; gest. 1846. Siehe Ch.W. I, 
307, Anm. — 35 William Hunter. Burns am Rande von Ms. C zu der 
Stelle: a Tanner. Es ist weiter nichts über ihn bekannt. — 47 Burns am 
Rande von Ms. C. zu D o w : A coachman ; zu B r o w n : A clockmaker. — 
Sandy Dow (oder Dove) war der Sohn des Wirts der 'Whitefoord Arms' 
und fuhr — nach V i n d e x — die Postkutsche zwischen Mauchline und 
Kilmarnock. — John Brown soll nach einem neuen Fund der Held der 
Zeilen On a Wag in Mauchline CE. II, 268, 451 sein. Siehe J. Taylor G i b b, 
Mauchline, Town and District. Glasgow, 1911, S. 39. Mehr ist über die 
'Angeklagten' nicht überliefert. — 56 Weder über Jeany (oder Maggy) Mitchel 
noch über Maggy Bor (e) lan (Z. 76) liegen erwähnenswerte Nachrichten vor. 



Die 'Merry Muses of Culodonia' und Burns' 'Court of Equity' Gi) 

An' farther still, ye cruel Vandal, 
A tale inight o'on in TTell be scandal, 
Ye'vc made repcated wickod tryals 
With druggs an" draps in doct.or's pliials, m) 

Mix'd, as ye tliought, wi' feil infu.sion, 
Yotir aiu begottou woan to poosion. 
An" yet ye are sae scant o' grace, 
Ye daur set up your brazen face, 

An' offer for to tak your aith, 65 

Ye never lifted Maggie's claitli. - - 
[91)] But tho by Ileavon an' ITell ye swiar, 
Laird Wilson's sclates can witness bear, 
Ae e'enin of a M — ne fair, 

That Maggie's niasts, they saw tliein bare, 70 

For ye had furl'd up her sails. 
An' was at play at heads an' tails. — 

You Coaclinian Dow are liere indicted 
To liave, as jiublickly ye're wyted, 
Been clandestinely upward-wliirlan 75 

The petticoats o' Maggie Borlan; 
An' gied her oanister a rattle, 
Tliat months to come it winna settle. — 
An' yet ye oflFer your protest, 

Ye never herry't Maggies nest; 80 

Tho' it"s weel-kend that, at her gyvle, 
Ye hae gien mony a kytch an' kyvle. — 

Then Brown & Dow, above-design'd, 

For clags and clauses there subjoin'd, 

W e, Court a f o r e s a i d, c i t e & s u m ni o u , 85 

Tliat on the fourth o' June in coniiu, 

The hour o' Cause, in our Courtha' 

At Whiteford's arins, ye answer Law! 

But, as reluctantly we punish. 

An' rather, niildly would adinonish : 90 

Since Better Puuishment prevented, 

Than Obstinacy sair repented. — 

Then, for that anciont Secret's sake, 

You liave the houor to partake; 

An' for that noble Badge you wear, «»."j 

You, San die Dow, our B r o t h e r dear, 

We give you as a M a n an' M a s o n, 

Tliis private, sober, friendly lesson. — 

[üa] Your crime, a nianly deed we view it, 

As man alone can only do it; loo 

But, in denial persevering, 

Is to a S c o u n d r e l's n a m e adhering. 

07 Fol. 9 ist falsch eingeheftet: b vor a. 91 Since neben gestrichotem Far. 

88 Whiteford Arms: John Doves Wirtshaus in der Cowgate, Mauehline; 
beschrieben und abgebildet in Gibbs Mauehline S. 29 — 30. 9.3 Über Burns 
als begeisterten Freimaurer vgl. Ch. W. I, 128 fT. und 462 ff., ferner Mar- 
shall. A Winter with R. Burna. Edinburgli, 1846. 



70 Die 'Merry Muses of Calodonia' und Burns' 'Court, of Equity' 

The best o' m e n hae beert surpris'd ; 

The best o' w o m a n been advis'd: 

Nay, cleverest Lads hae haen a trick o"t, 105 

An' bonniest Lasses taen a lick o't. — 

Then Brother Dow, if you're ashani'd | 

In such a Quorum to be nam'd, ' 

Your conduct niuch is to be blam'd. - — | 

See, ev'n h i m s e 1 — there's g o d 1 y B r y a n . 5 10 

The auld whatreck he has been tryin ; 

When such as he put to their han', 

What man or character need stan'? 

Then Brother dear, lift up your brow, 

And, like yoursel, the truth avow; ]15 

Erect a dauntless face upon it. 

An' say, 'I am the man has done it; 

'I Sandie Dow gat Meg wi' wean, 

'An's fit to do as much again.' 

Ne'er mind their solemn rev'rend faces, 120 

Had they — in proper times an' places, 

But seen&fun' — I muckle dread it, 

They just would done as you & we did. — 

To teil the truth's a manly lesson, 

An' doubly proper in a M a s o n. — r2ö 

You Monsieur Brown, asitis proven, 
Meg Mitchel's wame by you was hoveu; 
Without you by a quick repentence \ 

Acknowledge Meg's an' your acquaintance, ' 
Depend on't, this shall be your sentence. — ) iijo 
Our beadles to the Gross shall take you, 
And there shall mither naked make you; 
[10a] Some canie grip near by your middle, 
They shall it bind as tight's a fiddle; 
The raep they round the pump shall tak i;i5 

An' tye your hans beliint your back; 
Wi' just an eil o' striug allow'd 
To jink an' hide you frae the croud. 
There ye shall stan', a legal seizure, 
Induriug Maggie Mitchel's pleasure; 140 

So be, her pleasure dinna pass 
Seven turnings of a half-hour glass: 
Nor shall it in her pleasure be 
To louse you out in less than three. — 

126 as it is proven über getilgtem it's füll. 



110 godly Bryan: nach Gibb, Mauchlifie S. 41, identisch mit James 
B r y e n, Farmer in Wilton, der auf dem Kirchhof von Mauchline begraben 
liegt. Nach ihm scheint AuldWhitrick (Z. 111: whatreck) sein Spitz- 
name gewesen zu sein, was dieses hier sonst schwer deutbare Wort am besten 
erklärt. — Burns' Brief an Eichmoud, vom 9. Juli 1786, der bei Ch.W. leider 
verstümmelt abgedruckt ist (I, 368), soll nach V i n d e x S. 129 folgende Stelle 
enthalten haben : Oodly Bryan tvas in the Inquisition ycsterday, and half the 
countryside as witnesses against him. He still Stands out steady and 
denying; tut proof loas led yesterniglit of circtimstanccs highly stlspicious, 
alniost de facto: one of the girls made oath that she upon a time rashly en- 
tcred the house (to speak in your cant) 'in the hour of cause'. 



Die 'Merry Muses of Caledoiiia' und Buins' 'C'ouii of Equity" 71 

Tliis, our futurum esse D o c r e e t, 145 

We niean it not to keep a secret; 

But in Our S u m m o n s here insert it, 

And whoso da res, may controvert it. — 

Tliis, uiark'd betöre the date and place is; 
Subsignum est per B — the Preses. — 150 

T>. S. B. 
Tliis Suniiuons & the Signet mark 
Extractuni est per R — d, Clerk. — 

R d. 

At M— ue t\veiit\- fiftli of May, 

About the twalt hour o' tlie day, 

You two in propria personae l.-,5 

Beforo design'd Sandie & Johnie, 

This S u m m o n s legally liave got, 

As vide witness underwrote; 

A\Mtliin the house of John D — , \'in1ci-, 

Nunc facio hoc — Gullelnuis Htm — r. jiiu 

152 Die Unterschrift in Burns' Hand. — 153 Es sind also zwischen 
Sitzung und Zustellung zwei Wochen verflossen, falls der Unterschied 
zwischen den Daten hier und in Z. 3 nicht auf einem Versehen beruht. 

Die Version des Ms. C unterscheidet sich von der Egertou- 
Ycr.sion vor allem durch größere Kürze. Den 160 Versen der hier 
ahgedruc'ktcn Fassung stehen dort nur HO gegenüber. Eine 
Lücke setzt nach Vers 88 ein und reicht bis 148, so daß in C die 
große, pathetische Freimaurerstelle mit den Ermahnungen an 
Sandy Dow und die übermütig-witzige Strafandrohung an Clockie 
Brown fehlen, also gerade die Teile, die dem Ganzen Größe und 
Aufschwung verleihen. Es läßt sich aber vielleicht aus den Zeilen 
145 — 147 schließen, daß die kürzere Fassung die ursprüngliche 
war. Auf der anderen Seite ist auf einige Zusätze in C hinzu- 
weisen, so nach Z. 6: 

In way and manner here narrated. 

Pro bono Amor congregated; 

statt Z. 1.^ und 16 hat C: 

He who disowns the ruin'd Fair-oue, 

And for her wants and woes does caro none; 

The wretch that can refuse subsistence 

To those whom he has given existence;i (4) 

ITe who when at a lass's by-job, 

Defrauds her wi' a fr — g or dry- — b — b; 

The coof that Stands on cli.shmaclavers, 

When women haflins offer favors: — (g) 

All who etc. etc. 

Xach Z. 56: 

And bloo.ster'd at lier regulator, 

Till a' her wheels gang clitter-clatter. - — 

^ Hiernach ausgestrichen die Worte: The selfish, d — mn'd, dry liohbiag — . 
Beachte die Über einst imviung von Zeilen 3, 4, 7, 8 mit den Lesarten von B. 



72 Die 'Merrj- Muses of Caledonia' und Burns' 'Court of Equity' 

Yon abweichenden Lesarten in C erwähne ich: 11 stays-out- 
bursting. 13 Scoundrel] rascal. 14 Who] That 25 Next, 
Merchant Smith. 43 To keep] Keeping. 51 when facts 
are. 53 F i r s t, y o u, J o h n B r o w n. 55 rais'd] bred, 56 
'Bout Jeany Mitehers. 59 That ye hae made repeated triaLs. 
64 set up] to lift. 67 But tho' ye (hiernach wickedly gestrichen) 
shoTild yourself manswear. 73 Next, Sandy Dow, you're 
here indicted. 75 upward whirlin. 76 Borelan. 83 before design'd. 
150 Sigilhim est. 153 — 154 At Mauchline, idem date of 
June, / Tween six & seven, the afternoon. 156 Before] Within. 

Das Gedicht trägt in C die Überschrift L i b e 1 S u m m o n s. 
Außerdem ist die Datierung in C eine andere als in AB: Z. 3: 
This fourth o' June statt twalt o' May und twenty fifth of May 
A 153. Der vierte Juni wird dagegen in A 86 als Tag der Ge- 
richtssitzung in Aussicht genommen. Die Beschuldigten haben 
also, wie es scheint, der ersten Aufforderung nicht Folge geleistet 
und dadurch die Wiederholung der Zustellung hervorgerufen, die 
nunmehr die Verhandlung festsetzt auf the fifth of July comin, 
wie es jetzt in C statt Z. 86 in A heißt. Es wird wohl auch 
dann nichts daraus geworden sein, denn vier Tage später, am 
neunten Juli 1786, während in Kilmarnock jene Auswahl seiner 
Gedichte durch die Presse ging, die seinem Namen Unsterblichkeit 
erringen sollte, war aus dem Sittenrichter Burns ein Angeklagter 
geworden, gezwungen, in Sack und Asche als reuiger Sünder um 
seines Fehltritts mit Jean Armour willen vor der Gemeinde zu er- 
scheinen. Wir haben auf den Brief, in dem er das Ereignis seinem 
'Mitrichter' und Fiscal John Richmond mitteilte, bereits Bezug 
genommen (s. die Anm. zu Z. 110): I am going to put on sackcloth 
and ashes this day. I am indulged so far as to appear in my own 
seat. Peccavi, pater. miserere mei. My hooJc irill he ready in a 
fortnight. If yon have any svhscrihers, reftirn fhem hy Connel. 
The Lord stand irith the righteous; amen, amen. 

Basel. Hans Hecht. 



La correspondance inedite de Harriet Martineaii 
et de Henry Crabb Robinson. 

T es aunees les plus interessantes de la vie de Harriet Martineau 
-L' sont peut-etre Celles qui s'ecoulent sans evenements dans la 
solitude de Tynemouth (1840 — 1845). La vie active, la predi- 
cation antiesclavagiste, le voynge en Amcrique, tout cela parait 
dejä loin. Ramenöo brisee de Yeuise, abattue par une maladie 
declaree inciirable, l'auteiir de 'Deerbrook' fait, avec une resi- 
gnation touchante et presque continue, son voyage autour de sa 
eliambro. Son beau livre 'Life in the sick-room' (1843) et son 
'autobio<T:ra])liie' disent tonte la richesse de cette vie profonde et 
subtile d'infirme. Les 'Lettres sur Ic mesmerisme' (1845) racon- 
teut en revanche sa guerison soudaine, inesperee et constituent 
une apologie documentee et vibrante du magnetisme aninial. Mais 
ce sont lä des travaux composes, ecrits pour le public. Et les 
lettres qne Harriet Martineau ecrit, a cette epoque, ä son ami 
Henry Crabb Eobinson nous fönt penetrer davantage dans son in- 
timite. En feuilletant ces longues missives dans les albums de la 
Dr. Williams's TAhrary, on a l'inipression d'entrer cliez la malade, 
on croit l'entendre causer, sans liäte et sans^fin, IVil fixe sur la 
mer, de toutes les choscs d'ioi-bas. Comnie eile le dit ollo-menic, 
sa correspondance est une veritable conversation 'not likc talk, 
but talk, a flowing out of tlie nioment'.-^ 

Je n'ai pas l'intention de ])ublier integralement ces lettres: 
ce serait manquer a la memoire de celle qui y proclame 'tbe prin- 
ciple of inviolability of private correspondence'.^ Mais je crois 
permis de noter quelques -unes de ses appreciations litteraires 
et de completer. par des extraits, certains passages de son auto- 
biographie. 

H. C. TJobinson semble elrc entrö cn relations avec Harriet 
Martineau en 1837.^ H se trouve a Rydal Mount. chez Words- 
worth. au debut de l'annee 1841, et c'est alors qu'il lit le nouveau 
livre de la romanciere: 'The Hour and the Man'.^ H est lui-meme 
un antiesclavagiste convaincu — n'est ce pas sur ce terrain bril- 
lant qu'il rompit avec Carlyle?^ — Et il ne peut que saluer avec 
Sympathie l'histoire de Toussaint Louverture. 



1 Lettre MS ä H. C. R. 27 Avril 1843. 2 id. 

3 Diary, Rem. d Corr. od. 1872, TT, 202. Loltro a, Wordswoiili. 

* ComniPnc<s le 2 Mai 1840, iniprini6 en Novembrc. Cf. AntoJtioiimphv 
ed. 1877, TT, 157. 

* Revue Germnnique, Janvier 1912, Notes et documents (J. M. Carrß), 
p. 49. 



74 La correspondancc inödite de H. Martincau et de H. C. Robinson 

Voici, ä ce propos, la fin cl'nne lettre que lui envoie Harriet 
Martineau, le 8 Janvier 1841: 

Tlioiigh I have been closely coufined for a year and a half, I really 
liardly feel it, so animating is tbe fine sea-view my window connnauds. 
I never before watched the sea in late autumn and winter, and thereforo 
never knew half its cliarms. Mr. Eeid has given nie a fine stand-telescope, 
which opens such a world to me that I forget that I am a prisoner. Was 
it not the best possible gift? I am not better, nor likely to be, as far as 
we knovv. But then I am in no hurry and no anxiety. My mother has 
given up waiting for my getting botter and has settled herseif with her 
children at Liverpool. The last of my cares is thus extinguished, and tliere 
is no further hurry. My strongest natural taste is for solitude & quiet 
(I think I see you stare as you did when I told you I was not an Utili- 
tarian) and the gratification of this taste, for the first time in my life, 
fully compensates to me for the (so-called) evil which is its cause. 

I See by your note that you can feel with me about Toussaint^ — can 
imagine the support and unintermitting pleasure that the contemplation of 
his character must have been to me during these latter months. You will 
be glad to hear that the book is eminently successful, as far as can be 
judged by the sympathy testified ou every hand. Only one thing annoys us 
(Julia^ and myself) that people will suppose Toussaint himself to be the ficti- 
tious part of the book: whereas I solemnly believe him to have been 
what I have represented ; and the sayings which are called the 
finest in the book are his own. I entreat you to say this where 
opportunity offers. It is of great consequence that the truth should be 
known: and I am uneasy at having the credit of originating what a dead 
hero thought and said. A Haytian gentleman now in Tjondon is busy 
translating the work, for publication in Hayti. We hope he will give us 
a historical chapter on his country which will add to the value of the book.' 

May not one send respects to one's benefactors, without leave? I would 
fain offer mine to Mr. Wordsworth. For twenty-two years I have owed 
him more than I can ever estimate. When I was a little girl and every 
body about me was raving about Byron, I used to keep a few chosen ones 
listening by the hour together to my recitation from the 'Excursion', and 
others of his great sayings. I could almost venture to say that I knew the 
'Excursion' as well as he did himself, before I was twenty. What are 
differenees of views in the presence of such sympathies? I regard them 
little. 

Good uiglit now, my dear Sir. Believe me ever yours truly 

H. Martineau. 

Le ton de toutes les lettres n'est pourtant pas toujours aussi 
pacifie. Harriet qui vient a peine de publier un roman avec 
succes, ne peut s'empeclier parfois de s'incliner sous la violence du 
mal, de desesperer de la vie, de voir se fermer la carriere de son 
esprit. de se dire finie. II y a la un renoncement, un sentiment 
de fatigue et d'inutilite qu'on ne peut plus trouver dans son auto- 
biographie, ecrite a une epoque oü l'existence meme a dement! 
ces craintes. 



^ Cf. Atitotiography, id. II, 157. 

2 Julia Smith, une amie commune, sceur de Sam. Smith et plus tard 
rfisidant ä Dresde (1844). 



La correspondaiuv iiuMÜfe de If. Maifiiioau el do II. C. Robinson 75 

. . . We niust not. form auy expecfation of niy resting niy comfort on 
doiug good deeds. I feel the presumption of saying, short of old age, that 
oiie's work is done; but I at prcsent feel as it mine was. I havo brought 
niy authorsliip to a close;and I can hardly imagine a Situation of fowcr 
opportunities of serving othors thau niine is, and is likely to n>niain . . . 

(Jauvier 1842.) 

Le 29 Octobre de la iiienie aunee, Harriet analyse pour Ro- 
binson — un an avant de songer a ecrire ses essais: 'Life in the 
sick-room' — maiute impression suggestive qu'elle reprendra et 
developpera dans son livre. Elle porte aussi sur Lady Byron un 
jugenient qui fait pressentir les pages qu'elle lui consacrera plus 
tard dans ses 'Biograpliical sketches'.^ 

My long silencc has not been froni waut of tliinkiug of you, or of grati- 
tude for your very welcome letter. I have written to nobody (except my 
mother) for some weeks past, having been engrossed (as to strength, not 
regard) by a rapid and coustant suecession of visitors, whose society lias 
been so valuable to me that I put away all omploymeuts that could lessen 
my ability to enjoy it. I am a bad correspondent in summer time. My 
Winter (that is my season of sileuce and solitude) begau ou Thursday 7tb, 
the last of my friends having left me. Now, for about 7 mouths (If 1 live) 
my days will pass in the deepest repose that can be had in this world by 
auy but hermits. I shall see scarcely a face, but those of my doctor and 
maid, tili June; while enough of the social spirit will live in me to make 
me a punotual and eager corresi)ondent. If you like to take this as a 
hint that your letters will be exceedingly welcome, pray do. I must teil 
^ou, however, that this loneliuess is altogether a matter of choice. 
I have at last persuaded my friends to indulge me in it. I .spont tho 
first 5 months of this year so; and my maid always has her remark to 
make and her wonder to express at the improvement in my looks and, 
spirits when I have been silent and solitary for a few weeks. My deafness 
places me out of the common rule, I believe, and also my illness. One's 
.'^ufife^ing is really of so little consequence when nobody knows of it, — 
one's own 'smoke' (as Carlyle calls it) is so easily eonsumable when it 
dims nobody's sunshine but one's own, that the whole matter of illness 
becomes very light. I habe been greatly surprised, within a few months, 
to find myself becoming more vividly sensible of the richness of the harvest 
of life (under any circumstance) thau I ever was in my few days of health 
— surpri-sed because almost my whole life has been a series of troubles and 
griefs, and it is stränge that this lesson has been left to be learned now. 
What I particularly mean is that an inexpressibly clear distinction is 
made by my present experience betwccn what is indcstructible in our life 
and what transitory.- Young people are told, rightly enough, in entering 
upon life, of the absolutely fleeting nature of sensual pleasures, while the 
sting of guilt is ineradicable: but the conver.se of this is not produced for 
the consolation of the sick, in auything like the degree the truth would 
Warrant. I really long to relieve myself of .some of tho iutensity of this con- 



1 Biographical sketches, 1868, Lady Noel Byron p. 320. IL C. Robin.son 
qui devint l'ami du pasteur F. W. Robertson, n'entra en relations directes 
avec Lady Byron quo dix ans plus tard (1853). Cf. Diary, Rem. etc., 11,341. 

2 Cette pens6e, d6velopp6e ä l'aide du meme exemple, sera le sujet du 
premier essai, 6crit l'annöe suivante dans 'The Life in the sick-room': The 
transient and the permanent in the sick-room. Cf. 6d. 1844, p. 4. 



76 La correspondance iuödiie de FI. Martineau et de H. C. Robinson 

viction by iniparting it. I find my enjoyment of even tlie best pleasures 
often spoiled at the time, by bodily uneasiness. Day alter day is uneasy. 
But at the end of weeks, naonths, and years, all tlie pain is goue — anni- 
hilated — its very existence is only recalled by memory — while meniory 
itself can not recalJ its natura — Sensation being incapable of revival: the 
pain then is good only to be forgotten, while every thing that is agreeable 
remains and is indestruetible. Everey sunset, every bouquet of flowers 
(however long withered) every good thought, in books, conversation or 
nieditation, every kind act of any neighbour — every step of progress that 
Society has made, every thing that is independent of Sensation, in short 
remains, for evermore. Wliat a Uarvest is there! and it is one which no 
turbulence or gloom of the seasons of our life eau check or blight. One 
particular night, in the spring, I was in too mucli paiu to keep still, and 
waudered iato niy sittiug rooni — • just from not knowiug what to do 
with myself. I looked behind the thick stuff window curtain and found the 
sun was rising. I was in too uuich pain to enjoy the scene at the time, 
but a hundred times siuce. I have feit the keenest pleasure in the Images 
gained at that moment, the gush of light through, the diamond-strewu sea, 
the green ridges and shady hollows of the down, the springing of the 
larks which abounded there, and even Mrs. Turnbull's^ brisk walk down 
to her pig-stye, lookiug complacently on her cabbages by the war. Here 
is the gain of one minute and I could teil of far richer gains of other 
minutes. It is true, the same principle acts the other way — in the 
malaise and feebleness of illness, all one's misdeeds rise up — every foolish 
thing one has ever said, every wrong thing one has ever donc. This is the 
real trial of illness — and a very bitter one, but it is not without its good 
in driving one out of one's seif for iuterests and subjects of meditation as 
well as in other and perhaps holier ways. But I am filling my paper witlu 
what my head and heart are füll of, without considering how very common it 
may be to you 'a student of tlie heart of man' as you are. Yet to none but 
such a Student assuredly should I have said a word of the matter . . . 

. . . You asked nie about Lady B y r o n, when you were here. I uow 
know much more about her, Mrs. Jameson having spent a week with nie. 
Lady Byron means to come next year if we are both living. If you should 
be Coming this way, at that time, you may possibly make her acquaintance. 
All I hear goes to raise my opinion of her, and there is now in her an 
expansion of heart towards myself, which I can hardly account for after 
the small progress we made in our few Interviews, but which naturally 
and inevitably wins upon me. I dare say I said to you, as T have said 
to every body who has questioned me about her, that in my opinion she had 
done one act which was weak and which displaced her from the most 
dignified position she could other-wise have held — of not letting the 
World at all into her affairs. That act was sanctioning Campbell in 
Publishing in the 'New Monthly Magazine',- a letter revised by herseif, 
professing to explain her position with Lord B., but really explaining 
nothing. She n e v e r d i d this. It was all a . . . lie of poor Campbell 
who, I really believe, says many things he does not intend or remember. She 
never saw the letter before its publication, never gave him any authority^*: 
and the consequence of his act was that he has never seen her 
s i n c e. Neither I or any otiier eritic of the proceeding could have ima- 
gined how tlie matter really stood: but I am anxious that it should be 
explained. 



^ La voisiue. Sur l'utilisation de cettc pittoresque Observation. Cf. 'Life 
in the sick-room', §d. 1844, p. 6. 

2 1836. * Cf. Biographical skclvhes, loc. cit. 



La correspondance inödite de H. Martineau et de H. C. Kobiuson 77 

Some of her friends liave begged her to expose the trutli in print: but 
sUe siniles and says: 'No, wliore there is so niucli iujurious mistake, this 
uiuch more does not matter — so as to niove me to speak.' If you were 
Iiere, I would teil you mauy things of her too long to write, which niust 
interest you. What tiiere is morbid about her, her excessive shyuess, her 
appareut dryness, her shriuking from intellectual subjects, vvhen not im- 
mediately connected with moral — may all be ascribed to her having lived 
for years in an atmosphere of i r o n y, after having beeu reared (an ouly 
child) in the suushine of sincerity and sympathy. From the chill of that 
pestilent fog she bas not fuUy recovered: and for this, vvho will not reve- 
rently pity, instead of blaming her? In exact proi)ortion to her heart's 
warmth must have been the chill. Nothing can be more sublime that the 
temper with which she regards h i m — the involuntary forgiveness (except 
in regard to the 'Fare thee well' which was too much), the intense i)ity 
the yearning hope. It melts one's very soul to hear of these things from 
one (and there are but three such) who knows her heart to any deptii. 
I rejoice to hear how bright and gay she still is, when her hoalth admits 
of her enjoying anything. 

Dicke n's book is on the way to me.^ Meantime I have seen large 
portions of it in the papers, and rejoice to find how fare more moderate 
his tone is thereiu than in his Speeches, and conversations and letters. It 
is absurd enough to pretend to au impression before having read the 
book: but I have au impression that it is human, good tempered, faithful, 
as far as it goes, but superficial, rather afi'ected and fine in parts, likely 
to occupy the whole world for a month or two, and then be absolutely 
forgotten in the superior merit of his fictions. Is this a good guess? . . . 

... I am not quite so well as when you were here, but really (odd as 
it may seem) cheered by the best informed of my visitors being now as 
fuUy convinced as myself of the hopelessness of the case - — • as regards 
recovery. This saves me from unfounded congratulations and hopes whicli 
I know to be baseless. Herein lies the comfort . . . 

Le 27 Avril 1843, Harriet Martineau semble avoir de nou- 
veau perdu, pour un moment, cette resignation et cet optimisme 
relatif. Elle est evidemment reprise par une crise de desespoir, 
eile avoue ä Robinson sa grande fatigue, son besoin de solitudo, 
nieme de neant et 'son absolue incapacite d'ecrire'. 

. . . My weariness of life, my longing to be non-existent is indescribablo. 
The oppression of life grows heavier, almost from day to day, and more 
unrelieved, but the sufferings from nervous horrors and from bodily sick- 
uess are less than they were- . . . 

Et pourtant la guerison n'est plus si lointaine. Les amis de 
Robinson, M"" et M™® Basil Montagu conseillent ä Harriet d'avoir 
recours au magnetisme et ils lui citent, en Mai 1844, la eure mer- 
veilleuse operee par le jeune Henry Atkinson, celui qui devait etre 
le eher et devoue collaborateur des 'Lois de la nature sociale de 



^ American Notes for general circulution, 2 vols., Ort. 1842. 

2 A propos de la publication prochaine de la Life in the sick-room, 
Harriet Martineau 6crit ä Robinson le 27 Novembre 1843, 'never was there 
a volume more true in every line . . . Whether it affects my fame, I do 
not care'. 



78 La correspondance inödite de H. Martineau et de H. C. Robinson 

rhomme'.-^ Les premieres passes magnetiques lui sont faites en 
Juin par M^ Spencer Hall, et voici, en partie, la lettre qu'elle 
envoie ä Robinson en Octobre. Ces quelques lignes completent 
surtout le second chapitre des 'Lettres sur le mesnierisme' oii 
Harriet ctudie le cas de la 'girl Jane'.^ 

Tynemouth, October 6th 1844. 

... I have walked about 2 miles in one day. — spreading the exercise 
over some liours, and basking on the rocks between times. No effect of 
this wouderful infiuence is inore astonishing to me than its life giving 
power. I have no weakness on lesuming a naturel mode of life. I am not 
overpovvered by the wide sky after 41/2 years of bed and sofa. In nerve 
and activity it was well at ouce! There is no doubt of the disease having 
much given way; — so mach that there seems no reason why it should 
not go on. 

But all this is to me as nothing compared with the new revelation 
since Monday last. Mesmerism is true to the füll exten t. I nieau, 
human beings have, under certain conditions, a power of prevision and 
insight, alternating with ordinary states of the mind. When our ovidence 
is complete, I mean to throw the whole weight of ray character in- 
tellectual & moral, into my testimony to this truth.* I have seen many 
awful things in life, more than most see in the whole compass of their 
years: but never did I dream of witnessing, in this life, anything so awful 
as that I have seen and heard this last week. A simple truthful girl 
— my landlady's niece — (mesmerized for head and eyes) turns out a 
somnambule.* She is utterly unconcious of this; and no one 
here knows it but my kind mesmerist, myself and my brother Green- 
how.* She declares she shall soon teil us how to put me into the sleep 
(which we have never yet accomplished) and that my eure will be complete, 
she believes, though 'it will be some little time yet'. She 'tries to see' 
precisely what my disease is (not yet clear to anybody)^ and expects soon 
to teil US all about it . . . Now farewelP ... H. Martineau. 

C'est alors que Harriet Martineau publie dans V Äthenaeuni 
ses 'Lettres sur le mesmerisme'. Mais eile ne se contente pas 
d'ecrire, de porter temoignage, eile veut agir, guerir, faire du 
bien, eile est reprise par sa fievre pliilantropique. Et maintenant 
qu'elle quitte Tynemouth et se bätit un joli refuge a Clappers- 
gate (Westmoreland) : The Knoll, voici ce qu'elle ecrit le 24 Juin 
]845, ä Robinson . . . 



1 Harriet Martineau, d6tach6e de toute präoccupation th6ologique, publia 
avec Atkinson en 1851 ces Letters on the laivs of man's fiocial Tiature and 
development. 

2 Letters on Mesmerism, 2e 6d. 1845, p. 22, et Autohiogrophy II, 154. 
•■' 'The girl Jane'. 

^ T. M. Greenhow, beau-fr6re de Harriet et mßdecin ä Newcastle, auteur 
du paijiphlet: Tlie medical report of the case of Miss Harriet Marlineaii 
(1845). Aprös la gu6rison et les exp6riences de niagn6tisme, la faiuille de 
Harriet Martineau lui en voulut et la delaissa pendant un cortain tcnips. 

5 Une tumeur interne. Cf. Autobio grnphy, id. II, p. 151. 

" Sur la perspicacite de la jeuue somnambule. Cf. Letters on Mesmerism, 
2e 6d. 1845, p. 22? 'it soon beeame evident that one of her strongest powers 
was the discernment of disease, its condition and remedies' (Octobre 1844). 



La correspondance inßdite de H. Martineau et de F. C. Robinson 79 

My Chief gratification, however, lias been in witnessing and spreading 
tlio blessings of Mesmerism. I have enjoyed the spectacle of coniplete suc- 
cess, wherever I have been and my own power is pretty considerable, and 
of a very agreeable kind. Fow sensations can excoed in delight that of 
linding one seif able to remove pain and infusc health by nieaus so gentle 
and agreeable and this delight is now pennitted to me. I have also vvit- 
nessed the complete eure of cases perfectly 'hopeless' the retrieval of opiuni 
takers, the Suspension of all pain in those dying of torturiiig diseases — 
in Short, the banishment of pain and the Infusion of health, wherever this 
beautiful natural reruedy is tried. Whenever we meet, I shall be able to 
teil you some curious facts of the ulterior experiences which 1 
have witnessed and feit. It does not do to publish yet such things as 
I could now teil; but of my own State of modified extase you shall not 
only hear, if you wish it, but shall see the evideuce in the notes (taken in 
Short band) of what I said in that state. 

Harriet Martineau reprend des lors sa vie active d'autrefois. 
Elle fait en 1846, le grand voyage de Palestine. Et si, dans le 
domaine des idees, eile s'eloigne progressivement de la pliiloso- 
phie religieuse, eile garde tres vivaces ses anciennes admirations, 
Emerson et Wordswortli.^ En ohacun d'eux eile aime la belle 
personnalite, riiomme. Yoici, ä ce sujet, nne lettre curieuse dont 
Robinson avait dejä cite im passage a son frere en 1848.^ 

June 8th 1848. 
My dear friend, 

I was well pleased to see your handwriting again and much amused 
by your confession about Emerson.^ He is a man so sui generis that I do 
not wonder at bis not being appreheuded tili he is seen. His influence is 
of a curious sort. There is a vague nobleuess and thorough sweetness about 
him which move people to their very depths, without tlieir being able to 
explain why. The logicians have an incessant triumph over him, but their 
triumph is of no avail. He conquers minds, as well as hearts, wherever he 
goes; and without convincing anybody's reason of any one thing, exalts 
their reason and makes their minds worth more than they ever were bc- 
fore. I, for one, feel it no small blessing to behold and converse with a 
man — in such a time as ours — who is imperturbably noble and sereiio 
and humane to the uttermost degree, without the slightest bustle or 
meddling. I never read a page of his books or talk with him for half 
an hour, without finding myself raised, to my highest point. How beautiful 
that same irony of his is! so usually impersonal and always useful and 
inoffensive! Thank you for his programme. It makes one's mouth water 
but I like to think what so many of you are enjoying. 

The Wordsworth are very well iudeed. I need not teil you that the 
account in the papers of Mr. Wordsworth's imbecility is utter nonsense. 
I dare say Mr. Quillinan has told you that the abominable statement 



^ Elle avait empruntö ä Emerson un certain nombre d'äpigraphes pour 
.sa Life in the sick-room. Les Word.sworth admirörent vivement le livre 
lorsqu'il parut anonymoment et l'attribuörent sans hß.sitation ä Harriet 
Martineau. Cf. H. R. Robinson Diary, Rem. & Corr. II, 250. A partir 
de 1845, Harriet fr6qutnta souvent Wordswortli a Rydal Mount. 

2 Cf. H. C. Robinson id. II, 292. 

=» Robin.son avait assist^ aux conff^rences d'Emerson ä Exeter Hall. 



80 La correspondance iiiödito do H. Martineau et de H. C. Robinson 

was made by a trumpery intruder who went oue day — where Mr. W. 
was in one of bis silent moods. I saw him twice last Sunday, when be 
was very cbeerful aud amiable. Botb were pleased to see my friend 
Mr. Ewart, after rcadiug of bis doings in tbe desert in niy book. Mr. E. 
(wbo left me tbis moruing) went to tbe niount witb nie ou Sunday; aud we 
fouud Mr. W. bringing up from tbe cburcb tbree stranger bxdies, to see 
bis garden. How deligbted tbey must bave been ! and I was pleased. It is 
tbe best way of bis (unconsciously) putting a stop to tbe reports of bis 
imbeeility, wbicb, acoording to Mr. Quillinan, bave spread very widely. 
Mr. W. seenied comfortable, and I was glad to see tbat tbe amiable Miss 
Soutbey is staying witb tbem . . . 

Lorsque Wordsworth meurt en IS/iO, c'est Harriet Mar- 
tineau qui, la preiniere, apprend la triste nouvelle ä Henry Crabb 
Robinson, l'hote frequent de Rydal Mount et le compagnon du 
Yoyage en Italie.-^ 

Yesterday it was tbougbt aud feared tbat be uiigbt liuger for soiuo 
days, suffering sadly from loug lyiug in oue posture. He sank niiic-b 
during tbe nigbt and died at noon to-day. 

Dans la suite, les lettres de Harriet Martineau se fönt plus 
rares. C'est l'epoque du positivisme croissant, de la collaboratiou 
etroite avec Atkinson. James Martineau qui resta jusqu'au bout 
le fidele ami de Robinson, critique äpreraeut les 'Lettres sur les 
lois de la nature sociale de rhomme' dans la Prospective Review 
en 1851, et tandis que Harriet traduit et explique la philosopliie 
d' Auguste Comte (1853), Robinson engage une correspondance 
tlieologique avec la pieuse Lady Byron.^ 

Paris. J e a n - M a r i e C a r r e. 



^ Lettre MS non cataloguee. Dr Williams's Library. 

2 Cf. Diary, Rein, d Corr. II, 352 et suiv. Sur le röle jou6 par Ro- 
binson dans les milieux littöraires de Londres, Cf. mon ötude dans la 
Revue Germanique, Juillet 1912. 



Prolegomena zu einer Studie 
über die romanischen Krankheitsnamen. 



T^ie vorliegende Abhandlung, aus einem Vortrage entstanden, dient 
'^ einer umfangreichen Arbeit über die 'Romanischen Krankheits- 
namenV die in den Grundlagen vorbereitet ist, als programmatische 
Einleitung. Daher treten hier vielfach skizzenhafte Ausführungen an 
die Stelle eingehender Erörterung der Probleme, die gröfseren Raum 
beanspruchen würde. 

Wer sich der Untersuchung eines grofsen Namengebietes zu- 
wendet, der wird vielleicht am besten die Arbeit fördern, indem 
er die einzelnen Bezeichnungen mehrerer verwandter Volksgemein- 
schaften nach Herkunft und Bedeutung genau miteinander ver- 
gleicht. Ein solches Verfahren bedarf heute kaum einer besonderen 
Rechtfertigung; denn auf den verschiedensten Wissenschaftsgebieten, 
auf denen man Studien zur Erforschung der Psyche der Völker macht, 
in der Mythologie, der Religionsgeschichte, der Volksmedizin usw., 
begegnen wir solcher Methode. 

Der Sprachforschung wird bei derartigen Untersuchungen auf 
den verschiedensten Arbeitsgebieten nicht die Rolle einer unter- 
geordneten Helferin zugewiesen, sondern sie scheint berufen, die 
wertvollsten Aufklärungsdienste zu leisten. 

Machen wir also das Untersuchungsmittel, die Sprache, zum 
Untersuchungsobjekt, und sehen wir zu, was sich damit indirekt für 
die Erkenntnis der Vorstellungen gewinnen läfst! 

Zweifellos führt uns die Sprache am unmittelbarsten an die 
volkstümliche Begriffswelt heran, die am engsten mit der Volksseele 
verwachsen ist: die Mundart. Hier liegen alle eigentümlichen 
Regungen der Sprache offen zutage, hier gibt sich noch am unver- 
fälschtesten das Innenleben einer Gemeinschaft kund, soweit es 
überhaupt bei der immer mehr zunehmenden Freizügigkeit und der 
wachsenden Macht der Kulturzentren noch unberührt genannt 
werden kann. 

Wo der Wortschatz einer Sprachgemeinschaft zur Erforschung 
des Ideengehalts genauer geprüft werden soll, müssen wir der ganzen 
Ausdehnung und besonderen Eigenart von Begriffs- und Ausdrucks- 
welt Rechnung tragen, und so wird auf den einzelnen Sprachgebieten 
der Gang der Untersuchung wie die zu erwartende Erkenntnis ver- 
schieden sein. 

Auf jedem Sprachgebiete wird es sich zunächst um eine philo- 
logisch-kritisclie Sammlung, Sichtung und Erläuterung der betreffen- 

' Dort wird sich Gelegenheit bieten, zahlreichen gütigen Korrespon- 
denten zu danken, deren Material schon dieser Arbeit zugute gekommen ist. 

Anlii\ f. II. Sprachen. CXXX. (I 



82 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

den Materialien handeln, dann erst um eine Darstellung und Klar- 
legung der Beziehungen der einzelnen BegrifFsgruppen. 

Auf romanischem Gebiete erstehen zunächst folgende 
Fragen: Worin besteht die eigentümliche Anschauungsart eines jeden 
romanischen Dialekts, und sind irgendwelche Gründe aufzuzeigen, 
warum sie sich in diesem bestimmten Idiom gerade so geformt hat? 
Ferner: Berechtigen uns gemeinsam in einzelnen romanischen Sprach- 
gebieten auftretende Anschauungen zur Annahme einer gemein- 
romanischen Vorstellungsart? Sind die auftretenden Anschauungen 
autochthon oder aus der Fremde übernommen? Wir beschränken 
diese Untersuchung, die von der Bezeichnung ausgeht, auf die 
Krankheitsnamen. 

Da wird es vor allem nötig sein, einige allgemeine Gesichts- 
punkte zu erörtern, die sich uns bei der Untersuchung als wichtig 
herausgestellt haben. Wie die Bearbeitung eines bestimmten Namen- 
gebietes in Angriff genommen werden soll, wird im einzelnen Falle 
abhängen von der Wesensart der betreffenden Namen und der ihnen 
zugrunde liegenden Vorstellungen. * Die Dingbezeichnungen, wie die 
Namen von Körperteilen, von Werkzeugen, werden, weil sie einfach 
und sehr leicht fafsbar sind, nur selten in ihrer Deutung Schwierig- 
keiten verursachen. Die Mafsbezeichnungen mögen zur Berücksichti- 
gung allerlei kultureller Faktoren Anlafs geben; sie werden, soweit 
sie sich über weitere staatliche Gebiete erstrecken, in Zusammenhang 
gebracht werden müssen mit den historischen Machtfaktoren, soweit 
sie individuellen landschaftlichen Charakter tragen, mit den jedesr 
maligen Anschauungen vom äufseren Werte. Hier grenzen wir schon 
an Gebiete, die persönlicher Auffassung Spielraum geben. 

Alle Ausdrücke, die Kulturverhältnisse, die die Anschauungen 
über Leben und Tod, Ehre und Scham, Recht und Unrecht illu- 
strieren, sind deshalb so schwierig zu deuten, weil die Neigung zu 
Assoziationen auf diesen Vorstellungsgebieten besonders stark ist. 
Ähnlich verhält es sich auch mit den Krankheitsnamen. Diese Namen 
haben mit den eben genannten Kategorien das gemeinsam, dafs sie 
in der subjektiven Sphäre der Beurteilung liegen. Über 
das, was ehrwürdig, was verabscheuungswert, was ehrenhaft, scham- 
haft und so auch was krankhaft ist, gehen die Anschauungen der 
Menschen erheblich auseinander. 

Die schwankende Beurteilung dessen, was krankhaft und wie- 
weit etwas krankhaft sei, wird von verschiedenen Gründen abhängen. 
Einmal wird der einzelne subjektive Betrachter im allgemeinen ganz 
verschieden werten nach eigener Bildung und Kompetenz, nach Er- 
fahrung und Verantwortlichkeitsgefühl, nach eigenem körperlichen 



' Für die folgenden Ausführungen ist dem Verfasser die wichtige 
Rezension Meyer- Lübkes in Wörter und Sachen, Bd. I, Heft ], S. 115—20 
von Bedeutung gewesen. 



Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 83 

und geistigen Wohlbefinden; aber auch die pathologische Er- 
scheinung als Objekt unterliegt leicht einer schwankenden Be- 
urteilung, je nachdem sie sich bei den verschiedenen Berufen oder 
unter verschiedenen Klimaten einstellt. Dem Zittern wird ganz 
andere Bedeutung beigemessen werden, wenn es beim Kind als 
wenn es beim Greis auftritt, und der Husten wird je nach dem 
Auftreten bei engbrüstigen oder robusten Personen verschieden be- 
urteilt werden. 

Aber nicht nur Schwanken, sondern direkt falsche Auffassung 
einer Krankheitserscheinung wird sich fortwährend einstellen. 

Sie wird einmal begründet sein können in der falschen Wertung 
eines augenfälligen Symptoms, das an sich als das krankhafte 
Moment betrachtet wird. Denn es liegt im Wesen des pathologi- 
schen Symptoms, dafs es hinwegtäuscht über die Natur der zugrunde 
liegenden Krankheit, deren wahres Wesen gewöhnlich erst lang- 
jähriges Studium und praktische Erfahrung erkennen lehrt. Eine 
Täuschung wird vor allem bei Erkrankungen von Zentralorganen 
eintreten können, da hier zumal in den ersten Stadien sinnlich wahr- 
nehmbare Anzeichen bekanntermafsen nur sehr schwer festzustellen 
sind. Unter solcher Art von Laientäuschung (und der ihr ent- 
springenden unsinnigen Behandlung) hat die Menschheit durch das 
ganze Altertum und Mittelalter bis heute leiden müssen, und das 
Volk verharrt allenthalben weiter in solchen Irrtümern. So sieht 
der Laie in skrophulösen Geschwüren lediglich Hautabszesse, die er 
durch lokale Behandlung zu unterdrücken oder zu bessern sucht; er 
behandelt beim Erbrechen eines vom Pferde Gestürzten den Magen; 
er bearbeitet den Kopf bei Schleimausscheidung aus dem Nasen- 
kanal, weil er darin Abflufs von Gehirnmasse erblickt usw. 

Noch aus einem anderen Grunde (der übrigens mit dem ge- 
nannten eng zusammenhängt) wird eine Laientäuschung möglich 
werden: allerlei vage Ideen über die Ursächlichkeit der Krankheits- 
erscheinung werden bei Diagnose und Therapie eine Rolle spielen 
können. Es liegt nun einmal im unheimlichen Wesen der Krank- 
heiten begründet, dafs die Frage nach der Ursache in den Vorder- 
grund tritt. 

Solche Irrtümer müssen nun auch in der Sprache, als dem Ab- 
bild der Vorstellungen, zutage treten. Sprachliche Tatsachen, die 
solche Auffassungen bestätigten, haben wir im Verlauf unserer 
Arbeit im Terrain und vor dem Schriftbild täglich gemacht; sie sind 
nur Abstraktionen aus der Praxis, und wir können sie daher wohl 
am besten illustrieren, wenn wir sie einreihen in den Bericht über 
die Erfahrungen, die wir bei der Grundlegung der Arbeit gemacht 
haben. 

Das erwähnte Schwanken und direkte Fehlgehen in der Auf- 
fassung zeigte sich überall als der schlimmste Feind bei der Suche 
nach absolut sicherem Material. Überall wurden die Quellen be- 

6' 



84 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

droht, mochte nun aus eigenen Aufnahmen, ' aus schriftlichen Mit- 
teilungen von Korrespondenten, 2 aus Wörterbuchindizien oder aus 
Exzerpten medizinischer Schriften geschöpft werden. 

Über die Unverläfslichkeit der Wörterbuchangaben gibt uns 
Schuchardt in seiner Festschrift für Mussafia, dort, wo er über die 
Pferdekrankheiten handelt, einen lehrreichen Kommentar. Auch die 
Unbestimmtheit solcher Angaben bringt uns bisweilen in Verlegenheit. 
Wir finden z. B. bei Rönsch, 'Semasiol. Beiträge zum lat. AVörter- 
buch' I 75: Vacillatio ■=. lippüudo, palpitantium oculorum inflam- 
maiio. Das sind drei grundverschiedene Dinge, die hier gleichgesetzt 
werden: Zittern des Augenlides (Nystagmus), Triefäugigkeit (also 
eine Entzündung der Bindehaut mit eiteriger Absonderung, die wie 
gelber Rahm aussieht) — auch der (venerische) Augentripper und 
später die ägyptische Augenkrankheit wird mit lippiiudo bezeichnet — , 
endlich eine Entzündung des Augenlides [plepharitis ciliaris). 

Um die Vorstellung, die mit einem Namen verbunden wird, 
möglichst genau zu verstehen, waren wir — da aufser bei körper- 
lichen Abnormitäten, wie bei X-Beinen, Kropf usw.^ die pathologi- 
schen Erscheinungen nicht im Bilde gezeigt werden können — auf 
eine Beschreibung der Symptome angewiesen, die indes oft erst recht 
irreführte. In den meisten Fällen raufste mit dem schriftsprach- 
lichen Ausdruck operiert werden, auch wenn sich dabei hier und 
dort herausstellte, dafs er nicht eindeutig sei. Es bezeichnet ja z. B. 
envie nach Littre, Dict. de medecine: 

1) les depravations de l'appetit qu'on observe surtout chex les 
femmes enceintes (desir, pica) ; 

2) les taches (naevi) que les enfants apportent en naissant et 
auxquelles ort s'imagine trouver de la ressemblance avec certains objets, 
que la mere a desires pendant sa grossesse; 

3) les petites portions de peau (reduviae) qui se detachent autour 
des ongles (Neidhaken, Nietnagel). 

Drei ganz verschiedene Erscheinungen werden hier mit demselben 
Namen benannt. Ähnlich steht es bei brüle-cou, worunter einmal die 
pyrosis (das säuerliche Sodbrennen im Halse), im Osten Frankreichs 
auch die angina verstanden wird, mit der ja andere, dem äufseren 
Befund nach ähnliche Krankheiten verwechselt werden. Noch weiter 
wird das Feld der Bedeutungen bei rhume, in dem seit alter Zeit 
unter dem Einflufs der wissenschaftlichen Anschauungen die ver- 
schiedensten Erscheinungen untergebracht wurden. Heute ist rhume 



' Am besten zu persönlicher Ausfragung eigneten sich — soweit 
unsere Erfahrungen reichen — alte Frauen, Landärzte und für Tierkrank- 
heiten Tierärzte und Hufschmiede. 

^ Eine Beifügung der lateinischen Termini in den Fragebogen zeigte 
sich bei aller Sicherheit, die sie gewähren konnte, nicht ratsam, da sie 
die bei weitem grölsere Zahl nicht medizinisch gebildeter Korrespondenten 
nur verwirrte und die an sich umfangreichen Bogen beschwerten. 



Prolegomena zu einer Studie über die rorn. Krankheitsnamen 85 

in französischen Dialekten die Bezeichnung für allerlei Art von Er- 
kältungsfieber, Schnupfen, Rachenkatarrh, Luftröhrenkatarrh, Bron- 
chitis, Pleuritis, Pneumonie, ja direkt Husten. 

Aber noch ein anderer Übelstand konnte bei der Aufnahme zu 
verhängnisvollen Irrtümern führen: die Flucht des Unkundigen 
zu allgemeinen Bezeichnungen. Vom Ungebildeten, dem nun 
einmal nur ein geringes Mafs pathologischer Kenntnisse zu Gebote 
steht, wird man nicht erwarten, dafs er die unzähligen Arten von 
Hautausschlag, von Darmkrankheiten unterscheiden kann. Er wird 
daher, sei es aus Verlegenheit oder aus Bequemlichkeit, unter einer 
allgemeinen Bezeichnung alles mögliche unterbringen und mit mal 
de tele, mal d'estomac, mal de hoyau, mal de membres die verschieden- 
sten pathologischen Erscheinungen bezeichnen. Darin liegt eine 
Schwierigkeit bei der Feststellung der Namen, der man nur schwer 
aus dem Wege gehen kann. Die ersehnte spezielle Bezeichnung wird 
durch diese allgemeine semantische Verschleramung oft ganz erdrückt 
oder doch in den Hintergrund des Bewufstseins verbannt. 

Allein nicht nur Fragen der Art, wie gemäfs der Beschaffenheit 
der Krankheitsnamen die Arbeit zur Erlangung möglichst einwand- 
freien Materials eingerichtet werden müsse, auch rein technische 
Bedenken über die zeitliche und begriffliche Umgrenzung des zu 
eruierenden Stoffes traten uns im Verlauf der Untersuchung nahe. 

Es bedarf kaum der Erwähnung, dafs in den Rahmen einer 
Untersuchung über die Krankheitsnamen nicht nur die Namen der 
eigentlichen Krankheiten chronischen und akuten Verlaufs hinein- 
gehören, sondern auch die Benennungen pathologischer Zustände 
aller Art. Zunächst aus einem äufseren Grunde. Denn wo wären 
die Grenzen zu ziehen, an denen die eigentlichen Krankheiten auf- 
hören und der pathologische Zustand beginnt? 

Dann aber wird recht oft euphemistisch die Bezeichnung des 
pathologischen VorBtadiums gewählt (z. B. frisson, chaleurs, de- 
mangeaison etc.), wo ein regelrechter Krankheitsname am Platze wäre. 
Ferner sind unbedingt in die Bearbeitung hineinzuziehen die Namen 
von symptomatischen Anomalien, die nicht einen ausgesprochenen 
Krankheitszustand bezeichnen {veröle, ecrouelles etc.); desgleichen 
dauernde körperliche Gebrechen, Erb- und Anlagefehler, auch gering- 
fügige Irregularitäten jeder Art {bosse, goitre, sterilite, croüie, boulons 
etc.), die oft in engster Beziehung zu wirklichen Krankheiten stehen. 

Auch denjenigen Erscheinungen ist ein Augenmerk zuzuwenden, 
die zwar an sich nicht krankhaft sind, die aber unter krankhaften 
Begleiterscheinungen vor sich gehen {grossesse, menstruation etc.). 

Ferner werden vorübergehende körperliche Schädigungen und 
Verletzungen behandelt werden müssen. In einem besonderen Ka- 
pitel mufs dann die pathologische Nomenklatur erörtert werden, da 
in den allgemeinen Bezeichnungen [mal, epidemie, indisposüion, dou- 
leur etc.) mancher eigentliche Krankheitsname sich verbirgt. Mit le mal 



86 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

z, B. — man spricht das Wort aus, indem man ein Kreuz schlägt — 
werden neben dem bösen Blick {le mal im Waadtland) unzählige 
Krankheiten ' bezeichnet, und es ist nicht unwichtig, zu wissen, 
welches Übel mit diesem Terminus xar' t'^o/i]u benannt wird. Zum 
Schlufs müssen auch die Tierkrankheiten behandelt werden, denn 
viele dieser Krankheiten stehen in naher Beziehung zu menschlichen 
Leiden (coliqtie, rogne, vertige-toiirnis etc.). 

Bei dem Aufbau der verschiedenen Bezeichnungen, die histo- 
risch geordnet werden, müssen wir darauf achten, dafs in den ein- 
zelnen Jahrhunderten ein und dieselbe pathologische Erscheinung 
die verschiedenartigste Benennung erhalten hat. In Goethes Todes- 
anzeige lesen wir, dafs der Geheimrat an 'einem nervösen Katarrhal- 
fieber mit StickfluTs' gestorben sei, was wir heutzutage als Pneumonie 
mit Lungenödemausgang bezeichnen würden; die 'Blutkrämpfe', an 
denen Christiane starb, waren vermutlich eine Frauenkrankheit (Blut- 
stockungen in der Gebärmutter?). Stofsen wir bereits hundert Jahre 
rückwärts auf nicht unmittelbar klare Bezeichnungen, wieviel mehr 
wird Vorsicht und wohl auch Resignation in der Deutung mittel- 
alterlicher Namen geboten erscheinen. Nur möglichst ausgedehnte 
Sammlungen und fortwährende Vergleiche mit den Ergebnissen, die 
fürs germanische Gebiet uns Max Höfler in seinem lehrreichen 
Krankheitsnamenbuche (KNB.) und Hans Geldner in seinen 'Alt- 
englischen Krankheitsnamen' gebracht haben, können uns einiger- 
mafsen Hoffnung machen, auch die romanischen Namen zu erhellen. 

Wenn wir nun so aus dem ganzen Gebiete der Romania von 
den frühesten Zeiten romanischer Sprachbildung bis auf den heutigen 
Tag möglichst umfangreiches Material gesammelt haben, so können 
wir diese Namen von verschiedener Richtung aus betrachten. Wir 
können einmal Herkunftsfragen stellen, d. h. versuchen, die 
Namen etymologisch zu klären und dabei festzustellen, welche Grund- 
vorstellungen in den heutigen Ausdrücken uns überliefert sind und 
wie diese Vorstellungen in der alten Vorstellungswelt verankert sind. 
Wir können dann ferner fragen, wie denn der heutige Mensch, so- 
weit er einer Krankeitserscheinung reflektierend und empfindend 
gegenübersteht, seine Stellungnahme in der Benennung der Krank- 
heiten zum Ausdruck bringt, d, h, wir können Würdigungs- 
fragen auf werfen. Indes auch die formativen Faktoren, die äufsere 
Hülle, in die der Redende die Seele des Wortes einkleidet und weiter- 
gibt, dürften einer Betrachtung wert sein, d,h, Formfragen können 
erhoben werden. Endlich müssen die einzelnen Namen innerhalb 
der sie weitertragenden kulturellen Strömungen begriffen werden; die 
Untersuchung ihrer Irrfahrten wird uns auf Wanderungsfragen 
führen. 



' Lothr. mou = plaie, ulcbre, Epilepsie (^Labourasse) etc. 



Prolegonieua zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 87 

Sobald wir nun Herkunftsfragen an die Spitze stellen, 
heben sich beim näheren Zuschauen nach dem äufseren Kleide sogleich 
zwei grofse Klassen von Bezeichnungen heraus, denen zwei ebenso 
stark voneinander getrennte Vorstellungsarten entsprechen: die Gruppe 
der wissenschaftlichen offiziellen Bezeichnungen und 
die der laienhaften volkstümlichen Namen. 

Weiteren Fragen gehen wir einstweilen aus dem Wege und 
geben erst einmal ein ausführliches Schema, das zeigen möge, wie 
wir uns im einzelnen den Stoff geordnet denken : 

A. Herkunftsfragen: 

I. Gelehrte, wissenschaftliche Bezeichnung: 

a) in erkennbarer Form erhalten; 

b) in volksetymologischer Entstellung. 
n. Volkstümliche, laienhafte Bezeichnung: 

a) Allgemeinere Bezeichnung: 

1. das Übel selbst wird benannt; 

2. Wirkungen, Aufserungen, Symptome des Übels wer- 
den zur Bezeichnung des Übels selbst genommen. 

b) Speziellere Bezeichnung: 

1. nach Göttern und Heiligen; 

2. nach dämonischen Wesen; 

3. nach Pflanzen und Heilmitteln; 

4. nach äufserer mechanischer Einwirkung; 

f). nach meteorologischen Einflüssen und astrologischen 
Beziehungen ; 

6. nach Körperteilen ; 

7. nach Geschlecht, Volk, sozialen Schichten und Be- 
rufen. 

B. Würdigungsfragen: 

Die Krankheit wird bezeichnet: 

1. nach der Bedeutung (die Kr., schwere Kr. usw.j und 
nach dem Range, den man ihr gibt (vornehme Kr. 
und Kr. der Armen); 

2. nach dem Grade von Ehrbarkeit, den man mit ihr 
ver])indet (anständige und unanständige Kr.); 

3. nach scherzhaften Bezieluingen : 

a) durch Gedanken- und Wortspiel; 

b) aus dem Kartenspiel; 

c) aus Sprichwörtern und Redensarten. 

C. Formfragen : 

1. Substantive in Adjektivfunktion; 

2. Pluralia; 

3. Suffixe; 

4. onomatopoetische und kindersprachliche Formen. 

D. Wanderungsfragen. 



88 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen] 

Wir heben nun aus den einzelnen Gruppen eine Reihe von 
Punkten heraus, die uns zur Erörterung allgemeinerer Fragen Ge- 
legenheit geben werden. 

Wir brauchen uns, nachdem wir jene Disposition aufgestellt 
haben, über eine mehr oder weniger wissenschaftliche Anordnung 
der einzelnen Krankheitserscheinungen kaum grofsen Bedenken hin- 
zugeben, sondern können a capite ad calcem vorgehen und in allen 
einzelnen Typen jener Einteilung folgen. Allerdings wird es wesent- 
lich sein, solche Leiden, die nicht rein örtlicher Natur sind, wie Er- 
krankungen des Zentralnervensystems, möglichst so zu gruppieren, dafs 
Zusammengehöriges von vornherein zusammengestellt wird. Auch wird 
nötig sein zu beachten, wie in allen einzelnen Kategorien analoge 
Vorgänge ausgedrückt werden. Schwellungen kommen am Hals, an 
der Brust, am Magen vor. Werden sie nun innerhalb der ver- 
schiedenen Gruppen ähnlich bezeichnet? Werden die Verstopfungs- 
erscheinungen in der Nase — soweit die Namen darüber Aufschlufs 
geben — ähnlichen Ursachen zugeschrieben wie die Verstopfungen 
in anderen Kanälen, in der Luftröhre, in den Därmen, in den Blut- 
adern? Wird die Schwangerschaft ähnlich aufgefafst wie eine 
Beule,' wie eine Bauchgeschwulst, wie die Wassersucht (wsdlou. aiwe- 
lene du noüf mevs ['Neunmonatswassersucht'] = grossesse, BSLLW. 
40, 325)? So versuchen wir, bei einer Kategorie stets für das Ver- 
ständnis anderer, ähnlichgestalteter Typen zu lernen. 

Stehen nun aber auch den als parallel betrachteten Erschei- 
nungen solche gegenüber, die als direkt gegensätzliche Erscheinungen 
aufgefafst werden ? Wir wissen aus der Volksmedizin (Hov. u. Kronf. 
II 73), dafs die Wassersucht für eine ansteckende Krankheit gilt, 
und zwar lediglich aus dem Grunde, weil man an dem 'Gegenteile' 
dieser allgemeinen Anschwellung: der allgemeinen Abzehrung, d. i. 
der Schwindsucht, beobachtet hatte, dafs sie ansteckend wirke. Der 
Betrachtung der einzelnen Erscheinung als Widerspiel einer anderen, 
die gar nicht ursprünglich mit ihr in Zusammenhang steht, begegnen 
wir recht oft in der pathologischen Begriffswelt. Aus dem Deutschen 
mag an den 'Monatsaderkropf' =: Hämorrhoiden erinnert werden. 
Es besteht nämlich die Vorstellung, dafs die blutenden Geschwüre 
im Mastdarm die Funktionen der Ausscheidung überflüssiger Stoffe 
übernehmen; deshalb werden sie beim Mann als Korrelat zur monat- 
lichen Reinigung der Frau aufgefafst; die Hämorrhoiden sollen daher 
auch monatliche Gezeiten einhalten- (KNB. 324^^). Dafs solche Er- 
scheinungen als parallel oder gegensätzlich aufgefafst werden, davon 



* Schwangerschaft = Beule (KNB. 40'^). 

^ Auch der Aderlafs wird angesehen als 'Mäfmermenstrualion' ; vgl. 
ferner die Vorstellung von der Nützlichkeit des Erbrechens (bei reichlicher 
Speiseeinnahme zweimal im Monat empfohlen, s. Hovorka u. Kronfeld 
II 90); die Frauenbeschneidung bei afrikanischen Völkern, Ausdrücke wie 
,Gebärvater' usw. 



Prolegomena zu einer Studie über die roni. Krankheitsnamen 89 

werden uns oft nur die Wortbilder Kunde geben. Unter Umständen 
werden nur geringe formelle Anzeichen, wie gleichartige Präfixe oder 
Suffixe usw., die dahinter verborgene BegrifFsgruppierung ahnen 
lassen; so hat accessio febris eine accessio fehris (Du Gange) ver- 
anlafst; so wird impedicite statt appendicüe (Verrier-Onillon, Nachtr.) 
vielleicht unter Mitwirkung von indigeslion entstanden sein. 

Besonders leicht wird sich nun eine gegensätzliche Benennung 
einstellen, sobald damit die böse Vorbedeutung, die den Krankheits- 
namen anhängt, durch einen guten Namen hinweggeschafit werden 
kann. Solch euphemistischen Namenszauber finden wir besonders 
bei äufserlich sichtbaren Leiden. Schon Du Gange berichtet von 
einem Übel, das als species corbunculi seu iumor malae maxillae 
bezeichnet wird : dicebant eam pati inßrmitaiem, quae diciiur Bonan- 
num, per contrarium, id est, mal, malannus. Wir finden dann aber 
malannus als morbus comitialis, von deren begrifflichem Zusammen- 
hang mit Hautkrankheiten unten die Rede sein wird. 

Deutlicher lassen sich solche Verkehrungen in heutigen Mund- 
arten nachweisen. Es herrscht im Volksglauben nicht nur romani- 
scher Länder die Vorstellung, dafs der 'Wurm', das 'Feuer' sowohl 
von innen nach aufsen — bei den Dämonenwürraern — als auch 
von der Oberfläche nach dem Inneren zu — bei allerlei Haut- 
würmern — frifst. Die Vorstellung des Einfressens scheint die 
ursprüngliche zu sein; eine ganze Reihe von Namen deutet auf 
sie hin: ver mangeant, feu mangeant, die von äufseren Hautübeln 
(von Krebs, Rose usw.) gebraucht werden. Dem steht nun aber 
ein lothr. fymindjä (La Baroche) =- Krebs entgegen, das nur foris 
manduccmtem ' sein kann, denn feu lautet dort föj. Auch wenn 
wir annehmen dürften, dafs das Wort eingewandert sei und viel- 
leicht eine lothringische sekundäre Volksetymologie aus ursprüng- 
lichem 'feu mangeant' vorliege, so stehen wir eben doch hier einem 
vogesiechen Ausdruck gegenüber, dessen Analogon wir in einer 
deutschen Heilformel: 

Brand schlag' aus, 
Schlag' nimmer ein ! 

(Hov. u. Kronf. II 117, 418) 

und in dem Wort 'Ausschlag' wiederänden. In ähnlich gegensätz- 
licher Weise hat ein als en -\- poule aufgefafstes 'ampulla' in Anjou 
ein horfsjpoule, ein avnnt-cnur,^ in Südfrankreich ein reire-cniir 
(Mistral) hervorgebracht. 

Nach der Erörterung allgemeiner Probleme, die das Wesen der 
Krankheitsbegriffe berühren, wird sich uns nun, wenn wir dem ersten 
Teile unserer Disposition nahetreten, vor allem die Frage auf werfen : 
Wie steht es um die Wissenschaftlichkeit und die Volkstümlichkeit 
der Namen? 



' erpes estiomenus bei Du Gange s. v. farsa. 



90 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

Wir sind im ersten Teile, der die offiziellen wissenschaftlichen 
Bezeichnungen behandeln soll, besonders aus einem Grunde gegen- 
über dem zweiten Teile im Hintertreffen. Wir sind angewiesen auf 
gedruckte Überlieferung mit aller Spärlichkeit und Unklarheit, mit 
allen Schreib- und Lesefehlern primärer oder sekundärer Quellen. 
Es steht uns hier nicht die Möglichkeit wiederholter Nachfragen offen; 
verhältnismäfsig selten nur klären uns gleichzeitige folkloristische, 
volksmedizinische, mythologische Überlieferungen auf. Jedenfalls 
darf ein einzelnes Wort nie allein betrachtet werden, 
es mufs vielmehr in den Zusammenhang gestellt wer- 
den mit all dem, was Folklore, Volksmedizin, Mytho- 
logie, Botanik usw. darüber lehren. 

Wie steht es nun mit dem Verhältnis beider Gruppen, der ge- 
lehrten und der volkstümlichen Namen? Auf der einen Seite sehen 
wir als Schöpfer der Namen die gelehrte und halbgelehrte Ärzte- 
zunft des Mittelalters, mit einer ausgesprochenen Neigung zu Be- 
nennungen, die aus der Reflexion geschöpft sind. Ihre Termini 
stammen aus Kreisen, die festgebannt in einer uralten Tradition mit 
pedantischer Ängstlichkeit ihre arcana wahren, die an dem äufseren 
Namensgewande zäh festhalten, die aber auch unerschöpflich in der 
Produktion neuer gelehrter Bezeichnungen sind, sobald eine neue 
Strömung in der wissenschaftlichen Auffassung eintritt. Demgegen- 
über das Gros des unverständigen Volkes, dessen Tradition, münd- 
lich von Geschlecht zu Geschlecht sich fortpflanzend, in einem Kreise 
beschränkter, immer wiederkehrender Auffassungen besteht, aus denen 
heraus es sich das unheimliche Wesen der Krankheiten zurechtzulegen 
sucht, dessen grobsinnliche, oft stark naive Anschauung in der 
Namengebung zuweilen einen drastischen Ausdruck findet. 

Die Verschiedenheit beider Anschauungskreise spiegelt sich in 
den Namen ab. 

Die wissenschaftlichen Termini sind und bleiben im Bewufst- 
sein des Volkes Fremdkörper, die ursprünglich von keiner in der 
Volksseele lebendigen Vorstellung getragen, lediglich als Formel- 
wörter weitergegeben werden. Mit der Zeit kann indes auch bei 
diesen Namen eine 'Bedeutungsentwicklung' eintreten, sobald sich 
nämlich die Volksetymologie ihrer bemächtigt; sie drängt dann das 
Wort oft in ähnliche Richtung hinein, in der verwandte volkstüm- 
liche Namen ihre Bedeutungswege gegangen sind. So werden nun 
auch die mit volkstümlichem Gewände umgebenen gelehrten Termini 
Fingerzeige geben können über die Art, wie bestimmte volkstümliche 
Krankheitstypen aufgefafst werden müssen. Gleichwohl bleiben die 
wissenschaftlichen Namen im allgemeinen Geröll, das als Ballast im 
Strome der Entwicklung mitgeschleppt wird. 

Ganz anders nun die volkstümlichen Bezeichnungen. Da wachsen 
die Termini aus den verschiedensten Vorstellungsgebieten heraus; 
ein buntes Bild ergibt sich. 



Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 0] 

Aber ehe wir weitergehen, erhebt sich hier die Frage: Sind denn 
wirklich beide Arten, wissenschaftlicher und laienhafter Ausdruck, 
immer genau zu trennen? Hat nicht die medizinische Wissenschaft 
in einem fort den medizinischen Volksglauben beeinflufst, und hat 
niclit auch die Zunft der Arzte aus den Beobachtungen des Volkes 
mancherlei gelernt? In alter Zeit waren Popularmedizin und wissen- 
schaftliche Lehre viel enger verbunden als heute, wo der gebildete 
Arzt im Kurpfuscher seinen bittersten Feind erblickt, und die 
Namen, die, aus alten wissenschaftlichen Vorstellungen hervorgehend, 
allmählich Gemeingut des Volkes geworden, ja von Volksseiten dann 
oft wieder neu eindringenden gelehrten Ausdrücken gegenüber als 
die alte gute volkstümliche Benennung ausgespielt werden, geben 
uns allerdings bisweilen zu überlegen. Was fangen wir mit einzelnen 
Bezeichnungen aus der Humoralpathologie an ? Rhume, humeurs 
fmides, goutte sind sicher ursprünglich wissenschaftliche Namen ge- 
wesen, und deshalb müssen sie, auch wo das Gebiet der volkstüm- 
lichen Namen keine Parallele bietet, im ersten Teile behandelt werden. 
Im zweiten Teile dagegen wird man Namen unterbringen müssen, 
die zwar auf ursprünglich humoralpathologische Vorstellungen zurück- 
deuten, aber ihrer ganzen W^esensart nach volkstümlich sind. Wenn 
ich eine blutende Wunde als 'Brünnlein' bezeichne, so ist das kein 
wissenschaftlicher Terminus, und so werden z. B, auch Geschwür- 
naraen wie gote.ro, abrevjo (abreuvoir) oder gar j)dSd-tsl (pisse-chien) 
aus der romanischen Schweiz im zweiten Teile zu behandeln sein. 

Wie soll man ferner einen Ausdruck wie 'Cancer' beurteilen ? 
Die Tierbezeichnung soll von Galen der bösartigen Geschwulst des- 
halb verliehen worden sein, weil er 'die krebsfufsähnlichen, radien- 
förmigen Aderschlängelungen um das Krebsgeschwür herum' beob- 
achtet hatte (s. KNB. 327"). Ob Galen, der Kleinasiat, bei dieser 
Benennung auf einem ihm bekannten einheimischen Ausdruck fufste, 
wird sich schwer feststellen lassen. Ob er, der fortwährend an Tier- 
leichen arbeitete, zu konkreter Tierbezeichnung besondere Neigung 
hatte? Jedenfalls trug er das charakteristische Wort mit seiner 
Wissenschaft in alle möglichen Länder, Das Wort setzte sich schnell 
fest und hat heute in Frankreich und anderwärts Popularität er- 
langt; das Volk interpretierte sich das Bild gewandt etwa so: 

Ce sont ces lambeaux (les parties de chair frappees de degeneres- 
cencej que la crogance populaire jjreud pour Vanimal lui-mcme. Les 
fibres, souvent assex longues qui y appendent sont regardees comme 
les pattes, les tentacules de la bete ... aussi beaucoup de personnes 
pre7inent-elles soin de nnurrir le pretendu animal en appliquant de la 
viande sur la plaie cancereuse ... (Verr.-On. S. 180"). 

' Im Sard. ist eine andere Tierbezeichnung für das Krebsgeachwür 
eingebürgert: formigheddas 'nlcere eancrenose'. IJas Bild steht, besonders 
wenn man an grofse Ameisen denkt, dem des Krebses nicht fern. 



92 Prolegoniena zu einer Studie über die roni. Krankheitsnamen 

Aufeerdem wurde das Tier seiner eigentümlichen Bewegung 
halber mit einem anderen pathologischen Symptom in Verbindung 
gebracht. Unter den krampfartigen Erscheinungen entzogen sich 
alle inneren Spasmen der Beobachtung des Laien, dagegen drängten 
sich dem Auge ' allerlei Gliederkrampfungen, besonders der Krampf 
der Finger, sofort auf. Solche Zusammenziehungen wurden mit den 
gekrümmten Bewegungen der Krebsfüfse in Verbindung gebracht, 2 
daher heute noch in Frankreich vielfach *cratica (aus *caneerä) > 
cranque (Havre), h-ttf (Lothr.) 'Krampf, 

Wenn wir von dem gewifs seltenen Falle einer Namenschöpfung 
wie bei Cancer absehen, so scheinen uns besonders folgende Fragen 
für die richtige Einordnung eines Namens Beachtung zu verdienen: 
Ist die Fundstelle des betreffenden Wortes in einer medizinischen, von 
einem Fachmanne verfafsten Schrift oder in einem populäreren, von 
Laien geschriebenen Werke? Ist die Form, in der der betreflende 
Ausdruck überliefert wird, gelehrt oder erb wörtlich? Spricht sich in 
dem Ausdruck volkstümliche Auffassung oder gelehrt reflektierende 
Betrachtung aus? 

Wenn — um zwar kein eigentlich pathologisches, aber doch 
ein Lebensphänomen anzuführen — der Puls bei Du Gange s, v. 
Cauda als cauda retomativa oder soricina, als 'Mäuseschwänzchen' 
bezeichnet wird, so haben wir darin ganz gewifs keine wissenschaft- 
liche Bezeichnung, sondern einen echten Volksnamen zu erkennen, 
auch wenn wir den betreffenden romanischen Ausdruck nicht nach- 
weisen können. Demgegenüber wäre der abstrakte wissenschaft- 
liche Charakter bei dem Worte defecit (Du Gange), einem Namen 
der Schwindsucht (?), klar, auch wenn wir die Erklärung 'gravem 
morbum pectoris qui Defecit a medicis vocaiur' nicht hätten. So hat 
der schon ältere Ausdruck ordinaire = menses unbedingt ebenso 
wie die Bezeichnung les regles einen gelehrten Beigeschmack; wir 
finden überdies auch bei Du Gange die Parallele consueiudo, id est 
menstrua vgl. tu. avpt^d^ri, owrj&tiu. Dem Volke ist eben eine ge- 
wisse konkrete Erfassung der Erscheinung eigentümlich, damit ist 
aber auch dem Spiel der Assoziationen gröfsere Bewegungsfreiheit 
gestattet. 

So glaubt und sagt man von einer Flechte, einem Furunkel, ja 
von einer Wunde, dafs sie sich einpflanzt, einnistet, eingräbt: daher 
alle Bezeichnungen dieser Art gern mit in-, en- versehen werden, so 
endarde (Berrichon), inmalano adj. (Wallis), eigentlich enhoutonne zu 
malan 'gros houton'. Diese Inhärenz wird dann übertragen auf 



* Man kann die Frage aufwerfen, inwieweit überhaupt der Gesichts- 
punkt der Augenfälligkeit eines Leidens für die Popularität und damit 
für die grölnere oder geringere Variabilität in der Benennung in Betracht 
kommt. 

* Entsprechend im Sard. ^manos cancaradas', die von Kälte erstarrten 
und zusammengekrampften Hände (Spano 142). 



Prolegomena zu einer Studie über die roni. Krankheitsnamen 93 

Fälle, wo genau genommen von einem Eindringen, Platzgreifen von 
aufsen her nicht die Rede sein kann : äpo.lö 'qui a l'epaule dcmise 
(Verr.-On.), eiigugnie 'bossele' zu gugne, bosse (Montb^Iiard), engouüe 
(vgl. dt. 'verlährnt'), entoussez s.v. tussitare bei Du Cange, etc.' 

Das Volk erkennt dort überall Leben, wo das Mitglied der Zunft 
bedächtig und gewissenhaft registriert. Eine Wunde, die nicht heilen 
will, besitzt eine geradezu aktive Vitalität, eine Reaktionsfähigkeit 
gegen den Heilprozefs: la hlessure s'indigne,^ heifst es im Ost- 
französischen; endignu 'une personne dont les plaies ne guerissent (jne 
difficilement', und mit etwas abseitsgehender Bedeutung: endigni 'se 
du d'une chose ou d'rin faü propre ä envenimer une plaie', und daraus 
entsteht dann die Gleichung: 'sich auflehnend' = entzündet, vgl. 
lothr. edogne 'e?iflamme', edognesse 'i7iflammation' (Haillant), s'ai- 
dogne 's'e7iflnm?ner, s^irriier' (Hingre, La Bresse); ähnliche Vor- 
stellungen begegnen uns dann bei Hautkrankheiten: revoluchon de 
sang (Waadt) etc. 

Ein Nachklang der Einteilung in wissenschaftliche und laien- 
hafte Namen wird sich nun auch in den beiden letzten grofsen Ab- 
teilungen wiederfinden. Wo man zu einer Krankheit Stellung nimmt, 
wo man sie würdigt, da werden allerdings wissenschaftliche Namen 
keinen Platz haben, denn die Wissenschaft wertet nicht wie das 
Volk ; desto mehr wird in den Formfragen, besonders bei der Be- 
trachtung der Suffixe, von wissenschaftlicher und volkstümlicher Bil- 
dung die Rede sein; und bei den Wanderungsfragen wird natur- 
gemäfs eine Besprechung des fremden Imports und der inneren Aus- 
breitung gewisser Tj'pen immer mit der Frage von der wissenschaft- 
lichen oder populären Herkunft in Zusammenhang bleiben müssen. 

Und die Schilderung des Kampfes und des Auf- und Abwogens 
jener zwei Arten von Benennungen wird der Darstellung Reiz und 
Leben verleihen. 

Wenn wir nun den einzelnen Gruppen unserer Einteilung näher- 
treten, so geraten wir gleich an eines der schwierigsten Kapitel unseres 
Themas. Die Gewohnheit, Namen von Krankheiten an gewisse Hei- 
lige zu knüpfen, nötigt uns, alle möglichen Fragen der Hagiologie 
zu streifen, denen wir uns nur zaghaft nähern. ^ 

' Bei gelehrten Bezeichnungen arbeitet auch die Volksetymologie in 
dieser Richtung: südsard. intirisiai 'divenir itterico' zu ttrtsia ^itterixia' 
(Spano); entropixi, hydropisie (Dottin), hyndropisie (Moisy) etc. 

* Dafs hier ursprünglich dämonistische Vorstellungen zugrunde liegen, 
ist wahrscheinHch. 

^ Über diese Art der Namengebung ist bereits mehrfach gehandelt 
worden : v^l. Louis Du Broc de Segange, Les saints patrons des corpora- 
tions et protecteurs, spi'cialement invoques dans les maladies et dans les cir- 
constances de la vie (Paris 1881», 2 Bde.); D. H. Kerler, Die Patronale der 
Heiligen (Ulm 1005); Nyrop, Das Lehen der Wörter (Deutsche Ausgabe) 
S. 22.J f.; Cornu, Idg. Forsch. XVI 1 1."); Brissaud, Histoire des expressions 
populaires, passim. 



94 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

Für die Verbindung der Heiligennamen mit Krankheiten mufs 
man offenbar die verschiedensten Ursachen verantwortlich machen ; 
Kultmotive, antike Traditionen, biblisch-kirchengeschichtliche Motive, 
dämonistische und mythologische Auffassung und endlich sekundärer 
Namenzauber und Neigung zur Persiflage und zum Bonmot. 

Wo uralte Bäume, ragende Felsen und heilkräftige Quellen die 
Macht einer verborgenen Gottheit ahnen liefsen, erstanden Kult- 
stätten, die mit gewissen Heiligen in Verbindung gebracht wurden. 
AVunderbare Heilungen, die uort vor sich gingen, wurden dann wohl 
der Anlafs, bestimmte Leiden bestimmten Kultstätten und ihren 
Heiligen zuzuweisen, wie das heute noch allenthalben Brauch ist. 
Unter diese Heiligen waren alttestaraentliche Helden, Apostel und 
Kirchenväter aufgenommen; unter sie mischten sich Gestalten der 
Sage und des Volksglaubens, dämonische Wesen aller Art. Dafs 
an die Heilung der Name des Heiligen ' geknüpft wurde, d. h. nach 
dem St. X. die Krankheit mal de saint X. genannt wurde, mag sich 
daraus erklären, dafs in alten Zeiten die Heilung allein im Vorder- 
grunde stand, während wir heute erst Erkennung und dann Heilung 
verlangen und so von Basedoivscher Krankheit, maladie de Charcot, 
Morbus Brightii etc. reden. Denn dafs die Bezeichnung mal de saint X. 
daher stammte, dafs St. X. selbst an der Krankheit gelitten habe, ^ 
dafs er die Krankheit durch sein Leiden geadelt und ihr seinen 
Namen vermacht habe, erscheint doch als ursprüngliches, reines 
Motiv verhältnismäfsig selten. Dafs nachträglich aus den Heiligen- 
namen die Legende gebildet wurde, der Heilige habe selbst an dem 
Übel gelitten, das begegnet natürlich viel häufiger. 

Hiob ist entsprechend seinem Leiden der typische Patron für 
allerlei Hautkrankheiten: Aussatz, Geschwüre, Krätze und Syphilis 
(mal de saint Job). Wenn er nun auch in Sprüchen zur Heilung der 
Mundfäule erscheint, so deutet das nach Höflers Interpretation darauf 
hin, dafs man diese — und zwar die einfache Stomatitis ebensosehr 
wie die Mundhöhlensyphilis — für einen infektiösen Aussatz hielt 
(KNB. 124 a). 

Wenn die Krämpfe dem Paulus unterstellt werden, so hängt 
das mit dem Krampf bei seiner Bekehrung zusammen (Kerler S. 2 1 6). 
Aber schon bei St. Johann liegen die Dinge anders. 

Wenn die Epilepsie als mal de saint Jean bezeichnet wird, so ist 
wahrscheinlich, dafs St. Johann, der als Heiliger des Sommersonnen- 

' Vgl. übrigens die Etymologie des Wortes bei Kluge. 

' Oskar Kühn in seiner interessanten Abhandlung: 'Medizinisches aus 
der altfranzösiacheu Dichtung' {Abhandlungen xnr Gesch. d. Medixm ed. 
Magnus, Neuburger und Sudhoff, Heft VIII) sagt S. 59: dafs 'zwei Arten 
solcher Benennungen zu unterscheiden seien: man bezeichnete mit dem 
Namen eines Heiligen diejenige Krankheit, an welcher der betr. Heilige 
einst selbst gelitten hatte, oder aber eine Krankheit bekam den Namen 
desjenigen Heiligen, der einst — der Legende nach — die von der betr. 
Krankheit Befallenen geheilt hatte'. 



Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsuamcn 95 

wendfestes gewifs die Stelle einer alten Sonnengottheit vertritt, aus 
dem Grunde zum Heiligen der Epileptiker gemacht wurde, weil 'die 
Sonnenkultzeit von jeher eine Zeit der Heilung der von Dämonen 
Besessenen war, die man durch Reigentänze im Anblicke der Morgen- 
sonne vertreiben wollte, und zu diesen Besessenen gehörten auch die 
an Epilepsie Leidenden' (Hovorka u. Kronfeld, 'Vergl. Volksmedizin' 
n 187). 

Man kann beobachten, dafs es vor allein Hochsommerheilige 
sind, die mit solchen unheimlichen Krankheiten in Verbindung ge- 
bracht werden: St. Ulrich, der Patron der Epilepsie, feiert sein Fest 
am 4. Juli, St. Ignaz, der gegen Epilepsie und Kopfleiden hilft, am 
31. Juli; auch St. Veit, der Helfer der von Herzkrämpfen Befallenen, 
hat seinen Tag im Sommer (15. Juni). ' Dafs mehrere Heilige für 
die Heilung einer Krankheit in Anspruch genommen werden, ist 
auf weiten Gebieten zu beobachten. 

Aber anderseits übernimmt auch für verschiedene Krankheiten 
ein Heiliger das Patronat; vermutlich wird in solchen Fällen die 
Bedeutung des Heiligen ursprünglich allgemeinerer Art gewesen sein. 
Er wird als Schutzgott des allgemeinen Wohlbefindens aufgefafst 
worden sein. So wird z.B. saint Verain (Verin, Vrin) ursprünglich ein 
Epidemieheiliger gewesen sein, denn jener heilt nach Brissaud S. 216 
Anni. 6 'l'erysipele gangreneux' und die 'inaladies peslileniielles', nach 
Rolland, Faune pop. 11 125 den Keuchhusten oder ein anderes Hals- 
leiden. Saint Blaise wird ursprünglich ein Heiliger für 'FlufsafFek- 
tionen' sein, denn er heilt sowohl die angina als den Rheumatismus 
{Rev. d. irad. pop. XX 245). Saint Orban ist der Heilige für Mumps 
wie für Gerstenkörner (Brissaud S. 145), also ein Geschwulstheiliger. 
Diese Unterstellung zweier Krankheiten unter einen Heiligen ist für 
die Auffassung, die das Volk von der Krankheit hat, nicht ohne Be- 
deutung. So finden wir z. B. bei Brissaud (S. 42 Anm.) für Zahnschmerz 
den Ausdruck 'mal sainte Apolline' ohne Angabe, w o er üblich ist. 
Dem entspricht eine Mitteilung Haigneres' Le Patois boulonnais, 
Vocahulaire S. 30: Sainte Äppolene, sainte Apolline, vierge et mar- 
tyre, invoquee conire le mal de dents. En Boulonnais on lui fait ceite 
eirange priere: Sainte Äppolene j'ai ma aux dents etc.; vgl. ferner 
wallon. mau de sainte Appolöne ^= mal aux dents (BSLLW. 40). Nun 
wird St. Appolöne- auch bei Steinleiden angerufen, und im Deutschen 
ist die St. Appolinariskrankheit — 'Vergiclit, Gicht, Analepsie' (KNB. 
16% 310") und das Appolinariswasser ein Gichtwaaser. Man könnte 
an die äufsere Ähnlichkeit von Gichtstein und Zahn denken, viel 



' Es mag auffallen, dafs wir liier nach Höflers Oberbayrischem Kult- 
kalendarium zitieren; aber da der katholische Kuli ein durchaus roma- 
nisches Gewächs ist, ist die Höflersche Fublikation für den vorliegendeu 
Zweck durchaus verwendbar, 

* Siehe Ä'pollonia bei Kerler S. 206,419; Santa 'Potlina - male de ii 
de7Üi im Stadtrömischen (Zanazzo). 



96 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsuamen 

näher aber liegt die Vorstellung, dafs das Zahnweh als 'schmerzhafter 
Flufs' aufgefafst wurde; darauf deutet z. B. der Umstand, dafs wir in 
Poitou avoif- la goutte = avoir mal aux dents finden. Ob nun sainte 
Appolene im letzten Grunde auf Apollo zurückgeht? Fast hat es den 
Anschein; 'Apollo medicus' ist eine uralte Bezeichnung; an alten Heil- 
quellen finden wir Geschenke und Votivtafeln für Apollo. Das 'Kraut 
des Apollo' ist das Bilsenkraut (hyoscyamus), von ihm heifst es (ThLL. 
e.V. Apollinaris): hyoscyamon Latini insanam vocant aliqui Apolli- 
narem (Pe. Apul. herb. 5); strychnon hemeron (den Nachtschatten) 
Latini Apollinariam (Ps. Apul. herb. 74); mandragora femina plerique 
Apollinarem vel malum terre vocant (Ps. Dioscur. herb. fem. 1 5), vgl. 
malum terrae als Heilpflanze bei Du Gange. Von den drei Bei- 
spielen, die Apollo in Verbindung mit scharfgiftigen, einschläfernden 
Pflanzen nennen, ist das letzte das bedeutsamste; denn es nennt die 
Alraunpflanze die 'apollinische' oder 'malum terre', d. h. 'Epilepsie' ' 
(wie unten gezeigt wird, setzt man den Krankheitsnamen selbst oft 
zur Bezeichnung der heilenden Pflanze ein). Apollo hat also auch 
hiernach Beziehung zur Epilepsie und zur Gicht, über deren Zu- 
sammenhang im folgenden die Rede ist. St. Apollinus, Apollinaris 
scheint demnach ein 'Flufsheiliger' ebenso wie St. Blasius gewesen 
zu sein. 

Aber nicht nur die heilende, sondern auch die verleihende Gott- 
heit wird an den Namen des Leidens gekettet. Neben der 'Dea 
Salus' und der 'Valetudo' erscheinen unter den medizinischen Gott- 
heiten der Römer die 'Dea Febris' und die 'Dea Scabies'; ^ die Per- 
sonifizierung der Krankheitsdämonen erhielt sich; Tiere und Krank- 
heiten selbst wurden auch später zu Heiligen erhoben; nur wurden 
ihre Namen aus Furcht, man könne durch Nennung die unheimliche 
Macht selbst herbeirufen, ungern gebraucht; sie wurden umschrieben 
oder man hing ihnen einen christlichen Mantel um. Aus dem Übel, 
das der Krankheitsdämon Wolf erzeugt, schlechthin 'der Wolf ge- 
nannt, wurde ein mal de saint Loup; Fifevre lente, Rose und Gicht 
wurden wie in alter Zeit personifiziert, und ein mal de ste Fiv'laine, 
mal de saint Rose und mal de saint Goutte entstand.^ 

Die eigentliche Personifizierung der Krankheiten ist in den 
romanischen Sprachen noch nicht ganz verloren gegangen. Man 
findet zu den heute auf den Watubela-Inseln gebräuchlichen Aus- 
drücken 'Herr Seuche' und 'Grofsvater Pocken' (mit denen der Me- 
dizinmann die Krankheit anredet) auch heute noch Analoga in den 
romanischen Sprachen. 

In dem obenzitierten Santa 'Pollonia einen solchen Überrest 
der Personifizierung zu sehen, halte ich für verfehlt, da es gewifs 

' Etwas Ähnliches scheint die rätselhafte, 'St. ApoUinaris' genannte 
Krankheit zu sein, die Höfler im KNß. 16-* aus dem 16. Jahrh. belegt. 
'^ H. Haeser, Lehrb. d. Oesch. d. Med. 13 S. 255 f. 
^ Bull. d. l. Soc. d. lang, et litt. tvalL 40, 366. 



Prolegomena zu einer Studie über die rom. Kraukheitsnamen 97 

eine Reduktion aus male de S. P. darstellt. Dagegen werden in 
Italien die Krankheiten, besonders die augenfällige resipola, in zahl- 
reichen Sprüchen angeredet: 

Quando la resipola ira per mare 
Con Gesü Cristo s'incontrd. 
resipola maledetta, 
Doie te ne vai'^ etc. 

(Au3 l'raiola Peliyna bei De Nino V, 20.) 

Die Personifizierungskraft ist, soweit die Krankheitsnamen in 
Betracht kommen, nicht überall gleich stark erhalten. Ich kenne 
keine derartige Krankheitsbeschwörungen aus Frankreich; in der 
Schriftsprache ist ein c'est une peste de femme, une pesle de bete^ 
noch üblicli. Weiter noch geht das Rumänische, das aufser persön- 
lich gedachten Krankheitsgeistern (avestitä = Kindbettfieber, böser 
Geist, dinsele, ele, filma, Luftgeister und Krankheitserreger) Aus- 
drücke wie holera de mäiä (s. Tiktin s. v. holerü) 'Deine Mutter das 
ScJieusal' kennt; ebendort wird boalä (Krankheit) selbst, dalac 
{== anthrax) als Schmähwort für Tiere gebraucht: un dalac de 
mpä. — 

Kehren wir zu den Heiligen zurück, so gestalten sich die Dinge 
schwieriger beim nial de saint Antoine (das jedenfalls als Eresipel zu 
denken ist). Höfler ist der Anschauung ('Kultkalendarium' S. 194 
und KNB. 134^), dafs der heil. Antonius als Patron des 'höllischen 
Feuers' (der Rose) einem Feuerkultvertreter entspricht. Er erwähnt 
dabei, dafs das Schwein in der Legende des heil. Antonius eine 
volkstümliche Rolle spielt, dafs Antonius zur Schweinezucht in Be- 
ziehung gebracht wurde und infolgedessen vor allem als Patron des 
Schweinerotlaufs angesehen wurde. Aber liegen die Dinge nicht 
vielleicht gerade umgekehrt? Gab nicht die Beobachtung der land- 
läufigsten Schweinekrankheit und ihr Vergleich mit dem 'höllischen 
Feuer' "^ die Veranlassung, dafs man Antonius mit dem Schwein in 
Beziehung brachte? 

Bei St. Johann wie bei St. Antonius sind es unheimliche, schnell 
auftretende oder schrecklich anzusehende Leiden, die mit Heiligen 
in Verbindung gebracht werden, und an solche sind überhaupt vor- 
zugsweise die alten Bezeichnungen dieser Art geknüpft. Begreiflicher- 
weise; denn im schnell wirkenden oder entstellenden Leiden sieht der 
Ungebildete vor allem die Hand der Gottheit. Später wurden dann 
zu den alten Namen allerlei Analoga gebildet, die 'iiresse' wurde in 
der Normandie zum 'mal de saint Martin' (Moisy), offenbar weil der 
Namenstag des Heiligen in die Zeit der Weinlese und der gröfsten 
Trunkenheit fiel (vgl. den Martinswein als Erstlingsopfer der kom- 
menden Frucht 'Kultkal.' S. 209). Beim mal de saint Hubert, der 

• In Castres: aco 's uno pesio per la coumouno (Couziniö). 
' Solche Parallelbetrachtung von Menschen- und Tierkrankheit finden 
sich zahllos. 

Archiv f. ii. Spraclien. CXXX. 7 



98 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

Tollwut, wurde der Patron der Jagd und der Jagdhunde zur Heilung 
in Anspruch genommen. 

Allmählich wird nun die Beziehung immer äufserlicher, bis die 
^^amengebung endlich in eine gezwungene Spielerei ausartet. Beim 
tnal de sai7it Fontre ('il est foutu') = Syphilis und beim mal de sainte 
Blanche ('qui afflige la tete des bebes') waren wenigstens die Unheil- 
barkeit und die Farbe des Ausschlags noch bestimmend, bei mal 
Saint Aignan ('teigne' in Vitre) und dem aus Brissaud bekannten mal 
Saint Meen ('mal de mains'; war es nur noch ein Haschen nach 
äulserem Gleichklang, bis die Sache beim mal de saint Nnznre {Nasen- 
lupus, wallon.) und beim mal du pere Antoine (aus 'peritonite' in 
Anjou) im Kalauer endete. 

In diesen Zusammenhang gehört nun auch le mal du roi, bei 
dem an die Stelle des Heiligen der König getreten ist. 'Der Drüsen- 
kropf wird, wie die Skrofeln, Epilepsie und Rachitis, durch die 
aufgelegte Königshand geheilt . . . diese Heilmethode entstammt 
dem nordgermanischen Priesterkönigtum', sagt Höfler (KNB. 654^). 
Ob diese Gepflogenheit nicht Anschauungen entstammt, die viel 
höher hinaufreichen und auch weiter verbreitet sind? Zuerst fällt 
auf, wie sowohl Drüsen und Skrofeln als auch die Epilepsie, ein 
nach unseren Begriffen völlig heterogenes Leiden, mit der Heilung 
durch den König in Verbindung gebracht wird. Diese Analogie 
zwischen Epilepsie und solchen Schw.ellungserscheinungen, die auf 
schlechte Säfte zurückgeführt werden, geht noch viel weiter; djis 
mögen einige Beispiele aus Mistral zeigen, nicht nur dafs die epilepsie 
des enfants als aucidmt de gouteto bezeichnet wird, wir finden auch 
folgende Gleichungen: 

mau-de-terro = scorbut (neben epilepsie), 

mau-de-sant-Jnn = ecrouelles (Dauph.), 

marrit mau = 1) eancer, eruption maligne; 2) epilepsie. 

Vgl. dazu Feifei im Dt. (KNB. 126»), also avivae, die bekannte 
Drüsenkrankheit bei den Pferden, die auch: 'Epilepsie bei Menschen 
und Pferd' bezeichnet wird. ^ 

Aber kehren wir nach dieser Abschweifung zum mal du roi 
zurück. Die Epilepsie gilt für eine Krankheit, bei der hohe Mächte 
eine Rolle spielen. Darauf deutet schon die Uqu vnnog der Griechen, 
die divinatin, sacer morbus (Du Gange), heute die deutschen Namen 
{das Höchste, der höchste Siechtag), zahlreiche französische [haut 
mal, gros mal),- die rumänischen Namen {ducä-sd-pe-jJustlT, altä 
a%a) u. V. a. 

' Diese merkwürdigen Verknüpfungen lehren, wie stark das Moment 
der schlechten Säfte die Vorstellungen von dem Wesen der einzelnen 
Krankheiten beherrscht. 

^ Littrö geht also fehl, wenn er von dem haut mal (haut 12") sagt: 
ainsi dit ä cause de la gravite de cette affection. 



Prolegomena zu einer Studie über die roin. Krankheitsnamen 99 

Aufser der Epilepsie macht noch eine andere Krankheit An- 
spruch auf vornehme Herkunft. Das malum regium der Römer ist 
die Gelbsucht (bei Varro, Horaz, Celsus und Asklepiades bezeugt). 
Sie kehrt wieder als 'königliche' in Italien {mal regio, morho regio), 
als 'kaiserliche' in Rumänien {boald hnpnrdteascti). 

Auffallend bleibt, dafs das Wirken hoher Mächte gerade an 
schlechte oder vertriebene Säfte (Epilepsie, Skrofeln, Gelbsucht) ge- 
knüpft wird; ob die Farbe der Haut: Blässe, Rötung, Gelbheit, den 
Anlafs gab? 

Die Macht unheimlicher Geister bei Krankheiten tritt uns nun 
auch vor allem in dem Wirken dämonischer Tiere entgegen. 
Damit gelangen wir zu dem Teile unserer Arbeit, der den Anteil der 
Tiergestalten bei der Naraengebung der Krankheiten schildern soll, 
und der in mancher Beziehung Analogien zu dem vorhergehenden 
Teile bieten wird. 

Wer die Tiernamen in den Krankheitsbezeichnungen unter- 
suchen will, der würde vorsichtigerweise erst einmal von Volk zu 
Volk feststellen müssen, welchen Tieren ' im Volksglauben — ganz 
abgesehen von den Krankheitsnamen — vor allem dämonisches 
Wesen zugesprochen wird, und was eigentlich an diesen Tieren seit 
alter Zeit als charakteristisch oder auffällig beobachtet wurde. Eine 
Durchsicht von Rollands Faune populaire lehrt uns, dafs die Zahl 
dämonischer Tiere recht bedeutend ist. Ihre Namen müfsten aus 
allen romanischen Dialekten gesammelt werden und mit den Krank- 
heitsbezeichnungen in Beziehung gesetzt werden. 

Wesen und Grund dieser Art Namengebung richtig zu be- 
urteilen, ist ungemein schwer, weil auch hier wieder die zugrunde 
liegenden Vorstellungen uralt sind. 

Allerlei Getier strebt danach, in den Körper des Menschen ein- 
zudringen. Gewöhnlich suchen die Eindringlinge durch eine der Öff- 
nungen (Nasen- und Ohrenkanal oder offenen Mund) des Schlafenden 
ins Innere zu schlüpfen oder, wenn dies nicht möglich ist, an der 
Aufsentiäche in der Haut, am Fingernagel sich festzusetzen. So ent- 
stehen nach dem Volksglauben Hemmungen oder Entzündungen 
aller Art. 

Es wird sich nun fragen, ob in allen romanischen Ländern die 
gleichen Tiere (Wurm, Schlange, Drache, Eidechse usw.) mit Dämonen- 
funktionen betraut, wieweit Übereinstimmung oder Abweichung im 
Vergleich zu den Tyjjen des Mutterlandes sich zeigt und welche 
Motive die Auswahl bestimmen. 

Auch der Inkarnationsgeschichte solcher Tierdämonen nachzu- 
gehen, wird nicht ohne Interesse sein. Dabei wäre z. B. festzustellen, 

' Aufser den Tiernamen wären noch allerlei Teufelsnamen zu sam- 
meln und vor allem eine genaue Liste der Kinderpopanze oder Bumäiiner, 
in die sich ebenfalls manche Dämonen, die mit Krankheiten zu tun haben, 
verstecken. 



100 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

wie lange das Bewufstsein sich erhält, dafs bei dem Krankheitsnamen 
sich ein wirklicher Tiername erhalten hat. Wer bei Du Gange (s.v. 
dracunculus) liest: in dextro brachio lanceatur et subrepente dra- 
cunculo quinto die moritur {Chron. Andrense p. 411), fühlt, dafs der 
Kleriker, der in Andres bei Boulogne zwischen 1024 und 1234 diesen 
Abschnitt verfafste, sich der Wirkung eines tierischen Dämons noch 
bewufst war; ob er dagegen in der Vita Hugonis Abbatis Marchia- 
nensis (f 1158): ecce dranculo morbo, qui ei naiivus erat, a capite 
descendente, fades ejus intumescere coepit (s. Du Gange s. v. dranculus) 
noch als lebendes Wesen empfunden wurde, mufs bezweifelt werden. 
Heute ist der dracunculus als Dämon aus dem Bewufstsein wohl 
ganz verschwunden: s'indruncllie, s'irriter, s'enflammer {se dit d'une 
hlessure) Aosta; ädrö/lja 'enflamme du pis' (Waadt) etc. 

Die dämonistischen Tiere hausen mit Vorliebe im Schlund. In 
seiner Arbeit über Saunois und Vosgien ('Jahrbuch der Ges. f. lothr. 
Gesch. u. Altertumskunde' Bd. XX [1908] S. 346) erwähnt J. Gal- 
lais ein kleines Wasserinsekt gujnot, 'von dem man glaubt, dafs es, 
geschluckt, eine Entzündung der Kehle hei'vorruft' , daher tgujnt (eig. 
* engorgene) 'erkältet'. Hier liegt natürlich ein Krankheitsdämon vor. 
Das Aufschlucken von Dämonen durch das Vieh ist eine ganz land- 
läufige Anschauung; so lesen wir Rev. trad. pop. XIX 248: 

Si une vache passe ou pait ä l'endroit oü un herisson a passe, 
cette vache devient enherissonnee; et cela l'empeche de bien veler. 

Quand une musaraigne tombe sur un cochon, le cochon devient 
emmuseraigne ; et 'cela le perit des membres' c. v. d. l'animal est 
comme paralyse, ou rhumatisant, ou goutteux. 

Andere Krankheiten gehen nach dem Volksglauben auf dämo- 
nistische Einwirkung durch Nebelwesen zurück; z. B. heifst die in 
der Provence unter dem Namen gamaduro oder pourriture bekannte 
Schaf krankheit auch nebladuro (Mistral : pourriture des moutons, ma- 
ludie ä laquelle sont sujets ces nnimaux, lorsqu'ils paissent de l'herbe 
onouillee par les brouillards). 

Auch auf die eigenartigen Kuren, die bei Krankheiten an- 
gewandt werden, müssen wir unser Augenmerk noch richten. Wo 
man ein lebendes Tier (als Gegendämon) in den erkrankten Körper 
einführt, ^ da wird es sich in der Regel immer um dämonistischen 
Hintergrund handeln, und in dem Namen der betreffenden Krank- 
heit wird sich gewifs irgendwo die Benennung nach einem Dämou 
nachweisen lassen. 



' In Bournois (nach Roussey) glaubt man, dafs eine Kuh Blähungen 
bekommt, wenn sie eine Schnecke verschlungen hat, und um, wie in alter 
Zeit, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben, steckt man ihr einen leben- 
den Frosch in die Kehle. In manchen Gegenden läfst man (Hov. u. Kronf. 
11 144) eine Laus in die Harnröhre kriechen, um das Urinieren zu er- 
möglichen, usw. 



Prolegomena zu einer Studie über die roni. Krankheitsnamen IUI 

Es zeigt sich nun bei den Tiernamen die Eigentümlichkeit, dafs 
ein bestimmter Erreger für mehrere Erscheinungen verantwortlich 
gemacht wird. So werden eine ganze Reihe Krankheitserscheinungen 
mit dem "Wolf in Verbindung gebracht. Das obenerwähnte mal de 
Saint Loup bedeutet nicht nur 'Epilepsie', sondern 'die Krämpfe der 
Kinder, den Milchschorf, den pavor nocturnus, den croup'. Bei Lit- 
tre finden wir unter loup 9": zdcere rongednte \lupus\, gasiro, enierite 
coynpUquee d'hematurie des vaches (Oise), uvoir crie au loup, goher le 
loup = recevoir un coup de soleil (vgl. was Rolland, Faune pop. I 
129 fF. dazu berichtet). 

Dem Wolf wird bei allen möglichen Krankheiten Beteiligung 
zugeschrieben, bei gefährlichen wie bei ungefährlichen, bei inneren 
wie bei äufseren Leiden; bei diesem Tiere mag wohl die 'Gefräfsig- 
keit' der Ausgangspunkt für die Annahme dämonischen Wesens ge- 
wesen sein; später erst wird sein Name auch auf weniger gefährliche 
Leiden übertragen worden sein; denn es gilt ja z.B. von der harm- 
losen Balggeschwulst der lonpe gerade nicht der Gesichtspunkt, den 
Diez, 'Et. Wtb.' S. 629 zur Erklärung anführt {'nach diesem gierigen 
Tiere vielleicht von ihrem Umsichgreifen genannt'). 

Aber nicht immer ist es das dämonistische Wesen der Tiere, 
das zu Bezeichnungen zwischen Tier- und Krankheitsnamen An- 
lafs gibt. 

In Frankreich finden wir auf weiten Strecken die Bezeichnung: 
re?iarder, ecorcher le renard, piquer le renard, faire des renards in der 
Bedeutung 'vo7nir'. 

Nach Karte 1413 des Atlas ergibt sich, dafs diese bildliche Be- 
zeichnung besonders im Osten Frankreichs gebräuchlich ist, ohne 
dafs einstweilen ein rechter Grund für diese örtliche Verteilung zu 
ersehen wäre: renarder Vosges (76),' H**^ Saone (25, 44), Doubs 
(54, 41), Jura (22), Rom. Schweiz (939, 40, 00 [faire des renards\); 
dafs dies Bild ursprünglich noch gröfsere Gebiete überspannt hat, 
dafür scheint sein Vorkommen in Creuse (504) und Puy-de-Döme 
(804) zu sprechen. Brissaud (S. 166) versuchte diesen Ausdruck an 
das Wort 'renard' anzuschliefsen, das bezeichnet: 'en parlant de 
catiaux, de bassins, un trou par oit l'eau se perd et qui est difficile d 
decouvrir'. Das scheint doch recht weit hergeholt. 

Eine andere Erklärung liegt viel näher. Einem 'faire des 
renards' entspricht gewifs der deutsche Ausdruck 'einen Löwen 
giefsen' (KNB. 192='). Die Bezeichnung ist offenbar so zu deuten, 
dafs die ausgebrochene gelbliche Masse als 'der Löwe' angesehen 
wird. Dieser Anschauung entspricht nun im Französischen 'le re- 
nard';'^ der rötlich - gelbe Auswurf wurde mit dem Fuchs ver- 

" Auch sonst in Lothr.: St. Am^ (Adam 283), La Bresse (ÖGD.). 

* Diese Zeilen waren geschrieben, als Scbuchardts interessante Mit- 
teilungen in Zs. '.'>'), 7'-'i~ dem Verfasser zu Gesiebt kamen, in denen dieser 
Gelehrte die gleiche Deutung bringt. — Eine rein äufaerliche Anlehnung 



' 102 Prologemena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

glichen, 1 daher auch renard = nausee, vomissement (Du Bois, Rom- 
dahl), piquer des renards ( Verr,-On,), ecorcher le renard ( Gloss. du Centre) ; 
ff:r de pjow (faire des peaux) in St- Pol vgl. dt. 'den Fuchs abhäuten'. 

Vielleicht wird das Erscheinen des 'Hundes' beim Erbrechen 
ähnlich aufzufassen sein; avoir les chiens finden wir nach dem Atlas 
(K. 1413 N. 70) in Gruy^res (Freiburg). 

Dieser Ausdruck erscheint ähnlich wie bei renarder nicht nur 
für 'Übergeben', sondern auch für Menstruation, bezeichnet übrigens 
auch noch das Auswerfen von schleimiger Masse bei Rachenaffek- 
tionen. Da es sich hierüberall um die Absonderung von Flüssigkeiten 
handelt, so könnte man bei jenem Bilde vielleicht auch an einen 
Zusammenhang mit chier denken. Wenn man dagegen in Yonne 
avoir les chiens für einen Hexenschufs braucht, so hat Heuillard S. SO 
richtig darauf hingewiesen, dafs im Champagnischen (Tarbe) avoir 
les queignas offenbar zu dem im Kanton Sezanne üblichen Ausdruck 
equinettes = courbature zvi stellen ist, wo echine zugrunde liegt. 

Werfen wir nun noch einen Blick auf solche Bezeichnungen 
von Krankheiten und Symptomen, in denen Vogelnamen eine 
Rolle spielen. 

Hier zeigt sich besonders, wie genau die Beobachtungen des 
Volkes im einzelnen seit alters gewesen sind; sie werden vom Haus- 
geflügel ausgegangen sein und sich dann an allerlei Feld- und Jagd- 
vögeln fortgesetzt haben. 

Aus solcher Kenntnis erklärt sich die Tatsache, dafs zur Be- 
zeichnung von Hornauswachsungen, wie dem Leichdorn an der Zehe, 
in vielen Sprachen mit Vorliebe der Name eines Vogel auges gewählt 
wird {(ßil de perdrix, u d'agas, Hühnerauge usw.); das Volk lernte 
eben iFrühzeitig die bekannte Hornhaut der Vogelaugen beobachten. 

Wenn man von einem Menschen, der heiser ist, in Italien sagt: 
ha gridato alle cornacchie (Rolland, Faune II 125), so wird man 
natürlich sofort an den heiseren Schrei der Krähe denken, und man 
wird, zugleich in Erinnerung an rumän. coracä 'Bräune' (zu neugriech. 
>co()«z«c), auch das mal sainte Corneille des enfants {'mal bleu [?] qui 
leur fait pousser des cris de Corneille') ebenso deuten wollen. Gleich- 
wohl wird man sich fragen müssen, ob dieses Übel, dem im Fran- 
zösischen auch 'angine couenneuse' entspricht, nicht mit der Beob- 
achtung einer corne cutanee zusammenhängen könnte. 

An den vielfachen Beziehungen, die in der Namengebung zwi- 
schen Eigentümlichkeiten der Vögel und Abnormitäten 2 des Auges 



an renard scheint mir der Ausdruck: avoir le renard (reinard) = 'avoir 
mal aux reins' in Anjou (Verr. On.). 

' renarder bezeichnet deshalb auch avoir la menstrue (Rolland). 

^ Körperliche Abnormitäten sind von jeher als Anzeichen dämonischen 
Wesens aufgefafst worden, vgl. die einäugigen, schielenden, triefäugigen 
Hexen, Ungeheuer und Gottheiten, die Hornhautflecke als Signum diabo- 
licum, der Klumpfufs des Sataus, die Entenfülse der Schrattgeister usw. 



Prolegomena zu einer Studie über die roni. Krankheitsnamen 103 

offenbar werden, sind gewifs auch allerlei dämonistische Vorstellungen 
mitschuldig. Zur Annahme eines gewissen geheimnisvollen Wesens 
mancher Vögel trug ihr eigentümlich starrer oder auch flackernder 
Blick bei, den die geschäftige Phantasie des Volkes als 'bösen Blick' 
auffafste. Darauf deuten Vogelnamen wie berlusimi (Rolland, Faune 
II 232), der die berlue = mi/odopsia, das Augenflimmern, hervor- 
zurufen imstande war. Auch dem uns so unschuldig scheinenden 
Rotkehlchen wurden — nach Namen wie hezuet (Mistral) zu urteilen 
— Eigenschaften zugesprochen, die auch der Hexenmeister besitzt, 
qui donne la berlue. Anderes kommt wohl bei der Schwalbe in Be- 
tracht. Seit alter Zeit (bei Tobias II 10) wird die Schwalbe mit der 
Blindheit in Verbindung gebracht (vgl. die Heilung durch den wunder- 
baren Schwalbenstein, Rolland, Faune II 317 fi'.). Ob dieser Zu- 
sammenhang gerade von dem Schw'albenauge ausgegangen ist, 
mufs doch bezweifelt werden. Ostfranzösische Ausdrücke deuten 
darauf, dafs man in den Schwalben offenbar wegen ihres pfeil- 
geschwinden Vorbeihuschens ' Schattengeister- vermutet, vgl. Atlas 
hirondelle K. 697 N. 74, 75 alobrot (Berner Jura und Beifort); so 
werden die dem Patienten vor dem Sehfelde auf und ab tanzenden 
schwarzen Schatten oder Trübungen (anderwärts les papUlotes) als 
'Schwalben' bezeichnet, avoir les olombrattes heifst in Montbcliard '•'• 
das Augenflimmern haben, nvoi les unbrotes in der Nähe von Beifort 
(Vautherin) = avoir la berlue, avoir les petites ombres] nach Conte- 
jean bedeutet dasselbe in Montbeliard 'etre myope'. 

Eine Aufhellung der Beziehungen von Tiernamen und Krank- 
heitsnamen wird nun auch von anderer Seite aus für unsere Unter- 
suchung nützlich sein können. Es läfst sich der Fall denken, dafs 
Krankheitsbezeichnungen früherer Perioden mit Tiernamen irgend- 
wie in Verbindung traten, dafs die alten Bezeichnungen aus irgend- 
welchen Gründen Aveichen mufsten und nur noch in den Tiernamen 
hängenblieben. Dafür ein Beispiel. Merkwürdigerweise heifst der 
Zaunkönig auf galloromanischem Gebiete der 'Triefäugige', prov. 
liigagnouso, lagagriouo (zu lagagne Augenbutter, span. lagaTta), bour- 
richon (Anjou zu bourre, beurre), cagfidänulete, po.garJaideta (Montpellier 
vgl. Rolland, Faune II 291 zu cacare, also der 'Kotzäugige'). Wenn 
wir nun sehen, dafs der letztere Ausdruck, der an und für sich auch 
eine andere Deutung zuliefse, auf das Auge bezogen werden mufs, 
so ist (für gewisse Orte wenigstens) hierin eine Bezeichnung der 
Triefäugigkeit erhalten, die von dem heute üblichen Ausdruck ab- 
weicht, so z. B. anfojd neben dem französischen fasjo in Montpellier. 
AVarum freilich der Zaunkönig gerade als 'Triefäugiger' bezeichnet 
wird, ist eine besondere Frage; der Name hängt gewifs mit dem 

' Vgl. virodel N. 019, hiründelo N. 618, 7]2— 17. 

* Nach All. liny. K. 6<2 N. 89 werden im Lothr. die Wespen als nbrot 
bezeichnet. 

' Rolland, Faune pop. II ol4. 



104 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

dämoniBchen Charakter * zusammen, den man diesem Vogel zu- 
schrieb. 

Noch einer weiteren Beziehung zwischen Tiernamen und patho- 
logischer Terminologie, deren Kenntnis für die Untersuchung der 
Krankheitsnamen nicht unwichtig ist, sei hier gedacht. Die dämoni- 
schen Tiere, die die Wunden schlagen, werden in totem Zustande, 
bisweilen pulverisiert, zur Heilung der Wunden herangezogen, sie 
werden zu offizinellen Tieren. ^ Die musaraigne hat einen Bifs, 
der giftig ist, wie der der Spinne, der Name rat mege (Rolland) 
verrät aber zugleich, dafs sie als Heilmittel auf die Bifswunden ge- 
legt wird. 

Solch ein offizinelles Tier ist der Älcedo hispida, der martin- 
pecheur: 'Le corps desseche {du m.-p.) passe pour eloigner les niites et 
les teignes' (Rolland, F. pop. II 73), und nun vergleiche man einige 
der Namen des Vogels nicht nur, wie Rolland tut, mit dem Namen 
der mite, sondern mit denen von Hautanomalien selbst: 

Vogel: Krankheit: 

afr. arire nach Cotgrave dartre 

derna Auvergne derbitas : zernas Thes.Gl. Lat. III 607, 6 

j. o • I c?/erscVe (Gloss. d. 1. Suisse rom.) 'gercure' 

djersa buisse rom. ) / & y 

zerche Fribourg (Schinz) zerche (Gloss. d. 1. Suisse romande, Lens 

Wallis) 'teigne'. 

Solche Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen decken uns alte 
Gedankenverbindungen auf; sie werden deshalb, weiter ausgedehnt, 
unsere Kenntnis von den Krankheitsnamen fördern können. 

Vom offizinellen Tiere zur heilenden Pflanze ist nur ein 
Schritt. 

Die Beziehungen, die Pflanzen- und Krankheitsnamen ver- 
binden, sind mannigfacher Art. Rein äufserlich ist die Verknüpfung 
dort, wo Gebilde des Pflanzenreiches mit Krankheitssymptomen 
verglichen werden. Sie ist so landläufig, dafs hier ein kurzer Hin- 
weis genügt: enjo (oignon) 'Auswuchs am Pferdehufe', pt. caroQo 
(Obststein) 'Drüsenanschwellung, Parotidis', tnuguet {= mal blanc), 
fleur (= flux) in französischen Mundarten ; lothr. for ä pwe:r bjas 
{tomber en poire bleite) 's'evanouir' u. v. a. Es liegt auf der Hand, 
dafs vom Symptom aus die pflanzliche Bezeichnung auf die patho- 
logische Gesamterscheinung ausgedehnt wurde; so heifst htse 
im Jura 1) eine Art Roggenbrand, 2) brandartige Geschwulst am 



' Auf die Vorstellung, dafs der Zaunkönig ein dämonisches Wesen 
ist, deutet aufser Namen wie troglodyte, oiseau beni auch der Volksglaube, 
nach dem der, welcher einen Zaunkönig tötet, das Feuer des Himmels 
auf sein Haus zieht (Rolland a. a. O. II 294). 

^ Hierzu vergleiche man das lehrreiche Buch M. Höflers: Die volks- 
medixinische Organotherapie und ihr Verhältnis xum Kultopfer, 1908. 



Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 105 

Euter der Kuh, dann der durch die Geschwulst hervorgerufene all- 
gemeine pathologische Zustand; ähnlich verhält es sich mit nielte 
(Korn- und Kälberkrankheit). 

Enger schon ist die Verknüpfung dann, wenn die pathologische 
Wirkung, die von der Pflanze beim Berühren, beim Auflegen oder 
beim Einnehmen des Saftes ausgeht, als Benennung für die Pflanze' 
selbst eingesetzt wird:"- \othr. fa:kts, Jo:dür 'Brennen, Jucken, dann 
Brennessel', sang-melure (Fumaria officinalis), cranquillure (Clematis 
vitalba); andere Beispiele bei Rolland, Flore I. ^ Man geht nun 
noch einen Schritt weiter und wählt als Pflanzennamen nicht nur 
das Abstraktum, das die Wirkung der Pflanze '* bezeichnet (Blut- 
mischung usw.), sondern man nimmt den Namen der Krankheit 
selbst, deren Symptome mit der Pflanze kuriert werden: span. muermo 
{Clematis vitalba, Roll. I 6), lepro (I 81), \oi\\Y. pojjelure =^ rougeole 
(I 16G), kjivli in Bournois (lothr. tjeve: Haillant, Flore 121), die wilde 
Zichorie, ist eigentlich die clavelee, die bekannte Schweinekrankheit, 
die durch Abreibung der Pflanze geheilt wird. In der Creuse heifst 
(nach einer mündlichen Mitteilung von Prof. A. Thomas) eine Scro- 

' Bisweilen wird umgekehrt eine Pflanze nach der Ähnlichkeit mit 
pathologischen Symptomen benannt; dabei spielt entweder die Form der 
Pflanzeuteile eine Rolle, vgl. Rolland, Flore I 07 : Les medecins du 7>ioyen- 
nge attribuaient ä cette plante (ficaria rammculoides) la propriHe de gurrir 
les hmiorrhdüles, en raison de l'analogie de forme de ses racines globuleuses 
avee les tumeurs hemorrhoidales (De Cock, Volksgeneeskunde in Flaanderen, 
1S91); oder die Farbe ist schuld, wie bei Chelidouium majus, das seiner 
gelben Farbe wegen die Gelbsucht heilen soll, daher Namen wie jaunisse 
(Rolland, Flore I lO.i). 

'^ Diese sprachliche Gleichsetzung zeugt davon, wie stark gerade der 
therapeutische Wert der Pflanze im Vordergrunde des Bewufstseins stand ; 
die aufgebundene Pflanze ist seit alters zum rettenden Amulett, zur 
helfenden Gottheit erhoben worden: a lligaturas et tutamina suo potta- 
f)ant in corpore, Filastr. 21, 3, vulnus curatur adustione non sine alliga- 
tura, Mulomed. 2, 51 (ThLL.). 

^ Vgl. mal d'els I 44, 7nal d'yeux I 1(59, engl, headaelie, ear-aches I 173 
als Pflanzennamen (Papaver Rhocas). 

* Das Volk verquickt bei solchen Bezeichnungen bisweilen zwei ver- 
schiedene Vorstellungen: 1) dafs die Pflanze ein bestimmtes Übel zu 
heilen vermag, 2) dafs sie ein bestimmtes Übel hervorzurufen vermag. 
Die Schafgarbe {rnillefeuille, Atl. K. 8öS) lieilt Blutungen, daher: kamt 
N. 86 (Vosges) 'cure-nex^; erb o farpatjo N. 345, 387 (Calvados, Manche), 
trb a narin X. 114 (Aube). Bei weitem der verbreitetste Name dieser 
Pflanze ist aber saigne-nex (in Vosges, Haute-Saone, Jura, Doubs, Schweiz, 
Savoyen, Arufeche), das 'Nasenbluten'. Das Volk falste die Gleichsetzung: 
Schafgarbe — Nasenbluten so auf, als ob die Pflanze Nasenbluten hervor- 
bringe; so nennt man sie in Cantal, Atl. K. 858 N, 71Ü irba df faire 
sdga tu na:f, imd in Savoyen singen die Kinder, indem sie die Blüten in 
die Nase stecken : r, ; , ,• , 

ßarbotonna. tire man sang. 

(Constantin Desormaux, Diel.) 
Ahnlich Ranunculus acris in Languedoc -^ lagagno, mal d'els, pleur'yeü 
'qui fait pleurer les yeux (Rolland, Flore I 44). 



]()6 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

fularla-Art malmort, hat also den populären Namen der Skrofeln ' 
völlig übernommen. 

Wir mufsten hier ein wenig auf die Betrachtung von Pflanzen- 
namen eingehen, weil nämlich nun auch der Fall eintritt, dafs der 
Name von Pflanzen als Krankheitsname verwendet wird, ohne dafs 
eine äufsere Ähnlichkeit zwischen Pflanzenteilen und pathologischem 
Symptom vorliegt. Es ist schon ein kleiner Umweg, wenn eine 
Hautkrankheit durch den Namen einer Pflanze bezeichnet wird, die 
bei Berührung der Haut ähnliche cutane Erscheinungen hervorruft, 
wie sie für jene Krankheit charakteristisch sind, wenn also in Anjou 
(nach Verrier-Onillon) der Nesselsuchtausschlag ortie, ortruge ge- 
nannt wird. Noch weiter scheint der Weg bei fr. coqueluche, das 
heute den Keuchhusten, früher eine Art Grippe bezeichnete. Dafs 
bei der Wahl des Wortes der Gedanke an das Krähen des Hahnes 
{coqueliner, cocerico) mitgewirkt habe, ist deshalb nicht wahrschein- 
lich, weil in den Beschreibungen der alten Grippe, die Littre s, v. 
coqueluche aufführt, gerade vom Husten als charakteristischem Merk- 
mal der Krankheit nicht die Rede ist. Der Name wird im Zu- 
sammenhang mit der alten Bedeutung von coqueluche = capuchon'^ 
gedeutet werden müssen. 

Wie stark zu einer bestimmten Zeit die Gleichung Grippe = 
Käppchen empfunden wurde, zeigt die populäre Tradition, nach der 
man glaubte, man könne die Kinder von der Krankheit heilen, 
wenn man ihnen Mantelkappen umhinge. Nun ist aber coqueluehe 
in manchen Mundarten Frankreichs (z. B. im Savoyischen) der Name 
für den Eisenhut Aconitum napellus^ (wegen seiner blauen Kappen- 
blüten), und seit alter Zeit ist der Saft des Eisenhutes als homö- 
opathisches Mittel gegen Grippe und später gegen den Keuchhusten 
gebraucht worden. Der Name des Heilmittels ist also auf die Krank- 
heit, die es heilen soll, übertragen worden.* 

Eng verbunden mit der Vorstellung, dafs ein Dämon die Krank- 
heit hervorruft, ist die Anschauung, dafs ein Leiden auf irgend- 
welcher mechanischen Hinderung beruhe. Bei allerhand Verstopfungs- 
erscheinungen treten Ausdrücke auf, die auf die Annahme einer 
äufseren Abschliefsung, Abbindung, Fesselung deuten. Aber nicht 

' maluni mortuum =: morbi genus pedum et tibiarum (Du Gange). 

* coqueluchot = capuchon (im Verduno-Chalonnais, RPhFr. 5, 378), 
ähnlich in La Bresse, in der Bourgogne usw. 

^ Aconitum-Arten heifseu coqueluchon (Rolland, Flore I 99), coqueluehon 
jaune (ebd. 102), coqueluchon d'Aüemagne (ebd. 104). Sind engl, cuckoo's 
Caps, cuekold's cap vielleicht an den Stamm angelehnt? 

^ Im Dt. darf man an das nhd. Bickarsch (KNB. 17'') erinnern, ein 
durch Sekretion von Feigwarzenflüssigkeit klebriger Hinterer, den man 
eher mit der Bickbeere, dem Heilmittel, als mit picken und Pech in 
Verbindung bringen dürfte; vgl. auch jParre (KNB. 122'^), ein Eingeweide- 
wurm, der vermutlich nach dem Heilmittel heilst, durch das er vertrieben 
wird (Farnkraut), ebenso: Bleiblatter, syphil. Beule, die mit Bleibehand- 
lung geheilt wird, usw. 



Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 107 

nur die eigentlichen Kanäle des Körpers werden als verschlossen, 
umklammert {sarrengle 'engorgement' Landes, sp. garrotillo etc.) vor- 
gestellt, auch die Nerven- und Adernstränge werden in Mitleiden- 
schaft gezogen; allerlei Lähniungserscheinungen, Schlaganfall usw. 
(siz. ligatu etc.), werden auf mechanische Einwirkungen zurückgeführt. 
Dazu kommen die vielen Fälle, wo Stofs, Schlag oder Druck als Er- 
reger des Symptoms und damit der Krankheit gedacht wird. Diesen 
Vorstellungen entspricht die Heilmethode, die darauf ausgeht, mit 
mechanischer Einwirkung dem Übel entgegenzutreten, die Krankheit 
wird 'eingepflöckt', oder mit einem Speichelkreis umzogen, on harre les 
darires, und man umschlingt bei garrotillo den Hals dreimal mit 
einer Hundspeitsche. Die Vorstellungen über das Wesen der Krank- 
heit, wie sie in solchen Heilmethoden zum Ausdruck kommen, werden 
sich auch in den Namen widerspiegeln, und so wird eine Erklärung 
der Namen stets Rücksicht zu nehmen haben auf die volkstümliche 
Therapie. 

Gleichfalls durch äufsere Einwirkung, wenngleich nicht so un- 
mittelbar, beeinflussen, soweit wir nur alten Glauben zurückverfolgen 
können, die Gestirne den Gesundheitszustand der Menschen. Sie be- 
stimmen nicht nur vom ersten Tage ab den allgemeinen Gang der 
Entwicklung des Menschen, sondern auch den Gesundheitszustand 
innerhalb der Jahreszeiten, ja der einzelnen Tage, Die ganze medi- 
zinische Wissenschaft des Mittelalters ist beherrscht von astronomi- 
schen Ideen. Ijeider stehen wir hier noch vor schwer zugänglichen 
Gebieten. Von dem ungeheuren Material liegt das meiste noch hand- 
schriftlich begraben. Deshalb werden wir an Namensbezeichnungen, 
die auf astronomisch -medizinische Vorstellungen zurückgehen, mit 
besonderer Vorsicht herantreten. 

Der Glaube an die Einwirkung der Gestirne und damit im Zu- 
sammenhang die Vorstellung vom Wirken meteorologischer Verhält- 
nisse' und gewisser Zeiten- auf das körperliche Befinden herrscht 
heute noch in weiten Kreisen; ich erwähne nur das, was Goethe am 

' Vom Nebel war schon die Rede. Auch der Wind ist als Träger 
böser Miasmen eine Krankheitsursache, vgl. Du Cange .s.v. aura: cum 
suis Omnibus subita aura contagüitus atque plagatus est (Acta S. Deicolae 
Abb. eaec. 2 SS. Benedicti p. il.')); vgl. ferner den lähmenden Windgeist 
hei den Wenden (KNB. 60S^'), die Windpocken, 'die Influenza liegt in der 
Luft' usw. 

' Die Sommerzeit ist, wie wir bereits bei den Heiligen sahen, be- 
sonders dem Entstehen von Krankheiten günstig, daher mundartlich les 
caniculcs direkt als Bezeichnung von 'Unwoldsein'. — Die Schaltjahre 
sind Unglücksjahre (vgl. bisselre [bei Richeletj 'mal/ieur,^ accidcnt causf 
par l'imprudence de quelq.' [S. Heymann, Franx. Pial. Wörter b. Lexi/co- 
graphmdeslG.—lS.Jk. Giel's. Di.ss. lUO:'.. S. 72], porter bissäre [R. trnd. 
pop. 20, :')06) und gewähren daher auch den Krankheiten eher Kiiilafs; 
bisse fPuitspelu, Lyon) aus bissextum, ursprünglich nur 'malchance, acci- 
dent par suile de la superstition attachüe aux unni}fs bissextiles', geht zur 
Bedeutung 'indispositiou' , ja 'maladie epidemique' über. 



108 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

21. März 1830 über den Einflufs des Barometerstandes auf seine 
Gesundheit zu Eckerruann sagte. Auf romanischen Gebieten sind 
zahlreiche Einzelbeobacbtungen in folkloristischen Schriften und in 
medizinischen Veröffentlichungen niedergelegt. Da diese Vorstellungen 
meist in Anschauungen wurzeln, die weit zurückgehen, so ist der 
Zuhammenhang zwischen Gestirnen und körperlichen Leiden oder 
Schwächen (z. B. der Einflufs der Kometen auf die Hautkrankheiten) 
oft schwer zu deuten. Analogiezauber liegt vor, wenn der Mond, 
dessen Veränderlichkeit, Anwachsen und Abnehmen am besten beob- 
achtet werden konnte, für wechselnde Stimmungen, für Wachstums- 
und Entwicklungsverhältnisse, für Anschwellungen und Geschwüre 
verantwortlich gemacht wird. Die Launen (zu lunä) sind ursprüng- 
lich nichts als die Folgen von auf und ab schwellenden Blut- 
strömungen, die sich dann auch in der Menstruation 'dem Mondblut', 
fr. les lunes, oberital. lünjd, rum. lunätäci etc., in der flussione luna- 
tica = der Mondblindheit der Pferde (auch lunatisme, tour de lune, 
mal de hma) äufsern. Der Mond läfst nun auch im und am Körper 
allerlei aufwachsen oder abschwinden. Auf das Gedeihen oder 
Nichtgedeihen der Leibesfrucht hat der Mond Einflufs,' das Volumen 
des Gehirns erweitert und verengert sich je nach der Veränderung 
der Mondscheibe (Rev. d. trad. pop. 19, 133). Wer im Mondschein 
spazierengeht, dem frifst der Mond die Haare weg^ (vielleicht ist 
Mondschein ^= Kahlkopf nicht nur eine optische Analogie); nach 
volkstümlicher Vorstellung sind gewisse Tage dem 'Haareschneiden' 
nicht günstig; wer in der Zeit vom 9. bis 14. Januar während Ab- 
gang des Mondes sie schneiden läfst, dem wachsen sie nicht wieder 
(Höfler, 'Kultkalendarium' S. 179); der Mond frifst den Kindern die 
Oberlippe ab und verursacht so die Hasenscharte (San Salvador), er 
verleiht den Schönheitsfleck (lunar, auch 'Muttermal', S. Salv.), er 
hängt dem Menschen einen Kropf an (Hov. u. Kronf. II 14); viel- 
leicht darf man auch rumän. minegocm (Banat) zu [.iriv stellen. 

Merkwürdigerweise spielt das Hauptgestirn (sidus), die Sonne, 
eine viel weniger bedeutsame Rolle als der Mond. Sidere ictus sagt 
der Römer, und sideratio nennt er eine Lähmungserscheinung ^ bei 
den Zugtieren {sideraticia jumenta); auch Sprachstörung verursacht 
die Sonne sidere percussa lingua, sidere muhis; sie schlägt (coup de 
soleil, colpo di sole, golpe de sol), während sie bei uns nur sticht. 



' Logud. lunädigo 'sterile' wird in diesen Zusammenhang gehören, 
vgl. dt. 'Mondkalb', eig. Embryo, der mit Rachitis foetalis behaftet ist. 
Hier wird sich die Frage anschlielsen, inwieweit die äufsere Gestalt des 
Feminale (port. barhädo da luneta [Porto], Hufeisen, d. h. Mondamulette 
als Symbol der vulva, S. Seligmann a. a. 0. II 11) die Annahme der Be- 
teiligung des Mondes begünstigt hat. 

* Weiteres bei Söbillot, Le Folklore de France I 41 flf. 

^ Im Italienischen hat sich asstderarsi nicht für Lähmung durch Hitze, 
sondern für Erstarrung durch Kälte erhalten ; in den Mdd. arsira 'para- 
lytisch', piem. sirä 'lahm' nach Mussafia, Beitr. d. nordit. Mdd. 



Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 109 

Den Einflufs anderer Gestirne aus Krankheitsnamen zu be- 
stimmen, wird nicht leicht sein. Dem Saturn wird seit alter Zeit ein 
Einflufs auf das Temperament zugeschrieben, daher die saturnüä, 
sard. satiirnu 'malincoyiico' (Spano), die saiurniens, die unter dem 
Saturn geborenen kalten Temperamentsmenschen. Warum aber wird 
die Pest gerade als 7nal saturnien^ bezeichnet? Hängt dieser Name 
mit der Sitte zusammen, dafs man den Pestkranken bleierne Amu- 
lette umhängte {Saturnus-^Xoi nach alchimistischer Ausdrucksweise), 
und war diese wieder nur eine volkstümliche Variante zur Blei- 
behandlung der Pestbeulen? 

Die Sternbilder werden nun seit alter Zeit mit bestimmten 
Körperteilen in Verbindung gebracht. Es gibt in den Handschriften 
zahlreiche Darstellungen, in denen die einzelnen Teile des mensch- 
lichen Körpers mit Symbolen von Sternbildern übermalt sind. Die 
Verteilung dieser Bilder ist bei den mir bekannten Darstellungen 
zwar nicht immer ganz einheitlich, aber sie gibt doch deutlich Kunde 
von dem engen Zusammenhang, in dem ganz bestimmte Körperteile 
und Sternbilder nach alter Auffassung stehen. In einem medizini- 
schen Traktat der Bibl. Mazarine (B. M. 3599 Fol. 116"') findet sich 
das Bild eines menschlichen Körpers mit folgenden S3"mbolen: Widder 
(Kopf), Stier (Nacken), Krebs (Brust), Zwillinge (Oberarme), Löwe 
(Rumpf), Jungfrau (Genitalien), Skorpion (Schenkel), Schütze (Knie), 
Bock (Wade), Wassermann (Fufsfessel), Fische (Fufs). Ähnliche Be- 
ziehungen werden in einem Ms. von 1446: Di segni solari (Bibl. Nat. 
F. ital. 1524) beschrieben, dort heifst es Fol. 49'": 

Come la terra e fredda et fecca coß nui habiamo l'offa di fimü 
conditione I quali non puotrebbono confißere fe non fossero (dimentati 
dal humidita dille mediale. Or uegniamo al cielo. Sicome adunque 
Saturno e freddo fecco duro trifte, coß nui hauemo. La nilza ouer 
fplene fredda fecca dera dura trifta. 

Und dann folgt direkt eine Gegenüberstellung der Gestirne und 
Elemente und der durch sie beeinflufsten Körperteile und Säfte: 
Harte — lieni, 
Sole — cuore, 

Venere — l'univerfal complessione, 
Mercurio — pulmone, 
Luno — cerebro, 
Fuocho — colera, 
Äere — Sangue, 
Aqua — fleuma. 

So haben wir bei dialektischen Krankheitsbezeichnungen zu 
prüfen, ob nicht vielleicht durch solche Gleichungen auch astrono- 
mische Benennungen sich eingeschlichen haben. Denn Körperteil 

' Siehe Littrö s. v. saturnien. 



110 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

und Krankheit sind in der Vorstellung so eng verbunden, dafs dort, 
wo ein Übel vornehmlich in dem schmerzhaften Fühlen eines Körper- 
teils besteht, dieser einfach als Name für die Krankheit eintritt. 

Wir finden matrice als 'Frauenleiden', jointes als Gelenkrheuma- 
tismus, do (=r mal de dos) als mal de reins (Berner Jura); sp. agallas 
Schwellung der Mandeln. Hier macht sich nun bei der Lokalisie- 
rung der Krankheit wieder jene obenerwähnte laienhafte Unwissen- 
heit geltend, die falsche Körperteile verantwortlich macht. Man 
redet vom Magenhusten und von Herzweh bei Brechreiz. J'ai mal 
au ccßur {j'a mau m' coür) bezeichnet im Wallon. (BSLLW. 40, 338) 
ebensogut Herz- als Magenleiden; coür qui hausse, qui hope (estomac 
qui a des envies de vomir, dt. 'das Herz hochelt', KNB. 236^), coür 
chergi [estomac embarrasse) ebd. ' Man bezeichnet als Öhrchen 
{oreillons) oder Backen (giffles) die Anschwellung der Ohrspeicheldrüse, 
und der Mundschwamm wird sowohl bouehes als giffles benannt 
(Rom. Schweiz). Selten wird der Fall eintreten, dafs ein Körperteil 
zur Bezeichnung eines erkrankten anderen Teiles herangezogen wird, 
wie in boderc (Bedano Ticino, SAV. VIII 259) 'cht ha gli occhi gonfi 
per aver troppo dormito o pianto o per malaitia'. 

Gewisse körperliche Anomalien und Krankheiten werden nun 
häufig bei bestimmten Geschlechtern, Volksschichten und Nationali- 
täten besonders reichlich beobachtet, und so bezeichnet man solche 
Leiden am charakteristischsten als 'Übel der und der menschlichen, 
sozialen oder nationalen Gruppe', was besonders lockend ist, sobald 
damit zugleich eine Gelegenheit zur Verspottung des Nächsten ge- 
geben wird. Es wird sich dabei vor allem um äufserlich sichtbare 
Übel, um entstellende Hautkrankheiten und .schamerregende Leiden 
handeln. An erster Stelle sei hier die 'weibliche' Krankheit xai 
i'§o/i]y erwähnt, die muliebria, yvyaixfia, der die mascla (Du Gange 
V 294) morbi species (Männerschwäche?) gegenübersteht. 

Man wird ferner häufig Krankheitsnamen als sobriquets be- 
gegnen, die man den Mitgliedern bestimmter Gemeinden anhängt, so 
goltreux etc.; umgekehrt wird man den Kropf bisweilen auch als 'Übel 
der Leute von X' oder allgemeiner 'Übel der Bergbewohner' {'Berg- 
sucht', KNB, 334'') benannt finden. Der Bewohner der Landes nennt 
die Hautflechten mal gascoun; der Italiener nennt eine venerische 
Krankheit mal di Francia (Purg. 7, 109)2 und der Sarde den damit 
Behafteten affranzesädu; der Franzose rächt sich dann mit 'mal de 
Naples'. Auch innere Krankheiten verfallen bisweilen solcher Be- 
zeichnung: B. Nat, Ms. Fr. 2040 Z. T"" heifst es: pour guerir des 
Espaignons ou flux de venire. Direkt nach Ortsnamen wird diese 

' Vgl. österr. der Herxwurm hat ihn angepifst bei Magenkrankheit; 
schwed. han har ett godt mathjärta (er hat ein gutes Eisherz, guten 
Appetit). 

* S. dt. Franzosen, spanische Blattern, rum. frente 'Syphilis', das dann 
sogar auf die Tierkrankheit übergreift: freantä = räudige Ziege (Tiktin). 



Prolegomena zu einer Studie über die roni. Krankheitsnamen 111 

Sommerkrankheit in Anjou benannt; je nachdem der Badegast sie 
in Sables, Royanne usw. erwischt, heifst sie la Sablaise, In Royan- 
naise etc. 

Bei der Untersuchung über die Krankheitsnamen sind nicht 
nur die Gebiete zu untersuchen, denen die Namen entnommen sind; 
es ist auch der Wertung, der Art und Weise, wie der 
Mensch die Krankheit betrachtet, ein Augenmerk zuzu- 
wenden. 

Die Stelhing, die man einer Krankheit gegenüber einnimmt, 
hängt in manchen Fällen mit den Anschauungen von Anstand, 
Sitte und auch mit der Mode zusammen, und solcher Zusammenhang 
spiegelt sich auch in der Benennung wider. Es ist eine öfters beob- 
achtete Tatsache, dafs man schon in Deutschland, zwischen Norden 
und Süden, Unterschiede bemerken kann in der Art und Weise, wie 
man über gewisse schamhafte Dinge (z.B. Zustände der Frau) spricht. 
Welche von den Benennungen der pathologischen Zustände noch 
allenfalls salonfähig sind, darüber sind die Anschauungen sehr ge- 
teilt. Grofsstadtgesindel wird z. B. den Symptomen venerischer Krank- 
heiten gegenüber bei der Bezeichnung ganz andere Töne hören lassen 
als ernste gebildete Männer und Frauen. Das, was als schamhaft 
angesehen wird, wechselt ja auch mit den Zeitläuften und mit den 
Ländern. Einen Bruch zu haben, gilt in gewissen Gegenden als 
etwas, dessen man sich schämen mufs, wie etwa einer venerischen 
Krankheit (Hov. u. Kronf. II 152). Von der gale (gol in Grand' Combe, 
Doubs) sagt Boillot in seinem trefflichen Glossar: on en a honte, an 
ne veut pas qu'il 'seit du'. 

Es gibt nun auch Krankheiten, die unter gewissen Umständen 
wiederkehren, die lästig, aber nicht gefährlich sind, wie Heuschnupfen 
und Seekrankheit; man belächelt sie. Andere schleichen sich mit 
zunehmendem Alter ein, man betrachtet sie als einen unangenehmen 
Hausfreund, der ungeladen lästig fällt. Man findet sich ab, und ein 
Hätschelwort wird zur Bezeichnung des unwillkommenen Gastes an- 
gewandt. So nennt der Trinker das Zipperlein sein 'Freundclien'; so 
ist die Gicht zum 'guten alten Männleln' geworden. Euphemistische 
Bezeichnung hilft hier etwas über das unvermeidliche Geschick 
hinweg. 

Aus solcher freundschaftlichen Auffassung der Krankheiten ent- 
wickelt sich dann die humoristische Bezeichnung. Man 
kann, soviel ich sehe, drei verschiedene Arten solcher Bezeichnungen 
unterscheiden. Einmal, indem pathologische Zustände oder Sym- 
ptome, die Form und Farbe des Körpers oder der Haut verändern, 
zur Aussprache scherz hafterGedanken Verbindungen oder 
zu unerwarteten spafs haften Vergleichen verführen. Be- 
sonders geben die Zustände der Frau unzarterem Empfinden Ver- 
anlassung zum Lachen, zur Persiflage. Von der schwangeren Frau 
heifst es: eile pouponne, eile dorlote, von der Menstruierenden heifst 



112 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

es im Französischen: eile a ses Änglais] man könnte an eine Ver- 
drehung aus sa?ig denken (vgl. sanglant); vielleicht auch hat die Farbe 
der englischen Flagge den Anlafs zu dem Vergleich gegeben; denn 
im populären Portugiesisch heifst die Periode: 'bandeira inglesa'. Nach 
Grammont sagt man dafür in der Franche-Comte sürbot (wohl * Sor- 
bette). Hat man sich eine Beule zugezogen, so spricht man wohl von 
einer 'fluxion de pave'. Wem das Gesicht geschwollen ist, von dem 
sagt man: il a la gueule en pantoufle. Ist man dem Tode nahe, so 
befindet man sich ä la quervaison et au mouroir ['bei der Krepier- 
angelegenheit und der Sterberei'), läfst dagegen die Gesundheit nichts 
zu wünschen übrig, so gilt sie als ßscnl 'staatlich geregelt'. 

Komische Vergleiche geben nun zu allerlei weiteren Vor- 
stellungen Veranlassung, die dann in Redensarten und Sprichwörtern 
ausgeführt werden. So wird das Gerstenkorn, das kleine gelbliche 
Geschwür am Augenlid, gern mit einem Häuflein Kot verglichen, 
Boulonnais: etroncouyon. Aus diesem Vergleich bildete sich durch 
Analogiezauber die Vorstellung, dafs man ein solches Drecklein er- 
wischt, quand on a chie dans un chemin (Plechätel); ' derselbe Glaube 
in Lothringen, im Boulonnais usw.; vgl. dazu Littres Zitat aus dem 
Evangile des quenouilles, wo das Vergleichsmoment schon mehr in 
den Hintergrund tritt: 2 Pour pissier entre deux maisons ou contre le 
soleil, on en gaigne le mal des yeux qu'un appelle le leurieul. ^ 

Äufserlicher ist die humoristische Beziehung da, wo lediglich ein 
Wortspiel vorliegt: die galante oder charmante zur Bezeichnung 
einer epidemischen, pestähnlichen Krankheit gehört offenbar zu gale 
und charmer. Hier liegt eine humoristische Anknüpfung kaum mehr 
vor, da gewifs eine Pest zu der Bedeutung, wie wir sie mit galante 
verknüpfen, nicht wohl in Beziehung gebracht werden kann. Auch 
sard. Tninistra =r menstruation legt keine gedankliche Verbindung 
nahe; dasselbe möchte man bei peritonite zu perentonie zu mal de 
Pere Äntoine glauben, falls hier nicht die Erinnerung an das feu 
St. Äntoine hereinspielt; ganz unsinnig dagegen erscheint velocipede 
für Sresipele (All. ling. K. 1154). 

Als eine dritte Art humoristischer Benennung sind die Namen 
anzusehen, die aus dem Kartenspiel entnommen sind. Man sagt 
wohl landschaftlich 'perdre la carte' für 'in Ohnmacht fallen'; mit 
quinte et quartorze wird in Anjou (Verr.-On.) die Syphilis bezeichnet; 
vomir heifst dort sehr hübsch: mettre le cieur sur le carreau, tirer du 
coeur etc. 

' Ahnliche Vorstellungen auch in Deutschland; vgl. den Namen 'Weg- 
scheifser'. 

^ Noch anders in San Salvador, wo man ein Gerstenkorn bekommt, 
quand on voit se coupler les chiens. 

' Man kann sich fragen, ob gerade der loriot' zur Bezeichnung des 
Gerstenkorns seiner Farbe wegen gewählt wurde, ob nicht Vor (vgl. l'orier 
= boulon bei Motivier S. 312) und der Anklang an V orgelet diese Wahl 
begünstigte ? 



Prolegomena zu einer Studie über die rom. Kran kheitsu amen 113 

Der humoristischen Bezeichnung nahestehend ist die Benennung, 
die sich aus der Auffassung des für ein bestiuiniles Leiden charak- 
teristischen Geräusches und Klanges herleitet. Das Näseln beim 
Schnupfen, das Gurgeln beim Erbrechen, die mannigfach variierten 
Hustengeräusche, das Quallern bei flüssigem Stuhlgang' u. v. a. 
geben Veranlassung zu onomatopoetischen Bezeichnungen; chamar o 
Gregorio sagt der Portugiese für 'Erbrechen' und wählt damit einen 
ähnlich klangreichen Namen wie der Deutsche, wenn er zum heiligen 
Ulrich'- oder zum 'Bullerjahn' ruft. So ist bei vielen dieser onoma- 
topoetischen Bildungen von vornherein leicht einzusehen, warum sie 
gewählt wurden; bei tefe tcfe (Jaclot, Vocab. messin) 'mouvement du 
ccciir' hört man ordentlich den schweren Atem bei HerzafFektionen; 
dagegen ist bei anderen ähnlichen Bildungen die Erklärung nicht so 
einfach; schon das auch einen pathologischen Zustand bezeichnende 
iifo-tafe -= 'demangeaison, envie immoderee de dire ou de faire une 
chose' (Castres b. Couzinie) scheint nicht klar; und dann die ganze 
Reihe von Ausdrücken der Launenhaftigkeit, des Schwachsinns, der 
Gehirnerweichung: piemont. avei 'l torlo-horlo 'esser di mal umore' 
(Zalli), fr, eire dodo, dada, wall, touyt-brouyi toque, cerveau brouille 
(Lurpuin, Gloss. d. l. Fosse), rumän. hututüiü 'schwachsinnig' etc. 
Handelt es sich hier um die Nachahmung des zusammenhanglosen 
Lallens des radolierenden Patienten ? 

Wir kommen nun noch mit einigen AVorten auf den zweiten 
Teil unserer Auseinandersetzung, in dem wir stets mit Rücksicht auf 
den Gedankeninhalt der Namen uns mit den Bildungsfragen, 
den formativen Faktoren bei der Schöpfung der Krankheitsnamen, 
beschäftigen. Die Fragen, die sich an das äufsere Gewand der 
Krankheitsnamen knüjjfen, sind durchaus nicht gleichgültig für die 
Beurteilung der Namen im allgemeinen. 

Der Gebrauch des Plurals vermittelt uns die Auffassung, dafs 
man in einer Krankheitserscheinung einen wiederholten Vorgang 
oder einen mehrfachen, vielleicht aus scheinbaren Einzelsymptoraen 
zusammengefafsten KollektivbegrifF sieht {les flevres, les aptlies, seje 
pl. 'soyon' [roman. Schweiz], oreillons ■= doppelseitige Parotidis). 
Eine Übersicht über die Form der verschiedenen Krankheitsnamen 
zeigt uns, dafs eine gewisse Scheu vor dem Substantivum vorhanden 
ist, es gibt eine grofse Anzahl von Krankheitsbezeichnungen, bei 
denen das Substantiv fehlt, wo nur Adjektiv und Verbum existieren. 
Diese Tendenz zur 'Veradjektivierung' ist so stark, dafs in den 
Fällen, wo ein gelehrtes Substantiv als Bezeichnung einer Krankheit 
in die Mundart eindrang, es trotz seiner substantivischen Form auch 



' guille 'diarrhee', guiller, couler, se dit des matieres semiliquides (Havre, 
Maze), drille 'diarrhee' (Bourbonnais, Diichon), ridya 'diarrhee', St-Genis- 
les-Olliferes (Lyon), ital. squaccherare, sind solche ononiat. Benennungen. 

' Auch sonst im (iernianischen, so schwed.: Hans rop /jci naturguden, 
eller Ulrik som hau kallade honom (Heidenstam, Skogen sitsar Ö. 230). 

Archiv f. ii. Spraclieu. CXXX. 8 



114 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitenamen 

in adjektivischen Gebrauch genommen wurde; so sagt man in Anjou: 
// est un peu anemie, il est paralesie, etre rhumatisse, il est asthme, 
in häuf qui est tubereulose (Verr.-On.). Diese Vorliebe für Adjektive, 
auf die schon Schuchardt in der Festschrift für Mussafia S. 29 hin- 
gewiesen hatte, zeigt uns die Abneigung des Volkes gegen Abstrak- 
tionen. Das Volk kann mit wesenlosen BegriiFen wie Nervosität, 
Schwindel usw. nicht viel anfangen; es empfindet eine starke Nei- 
gung zur Verbildlichung, zur Symbolisierung; so sieht es in den 
Krankheiten vor allem das Symptom, die Eigenschaft, das Agens. 
Die pathologischen Zustände werden als eine Leistung, eine Arbeit 
aufgefafst, die man hinter sich bringen mufs, daher laboriosus = aeger, 
invalidus (Du Gange), le travail (die Geburtswehen), rumän. face7-e 'die 
Entbindung', dt. die St. Valentmsarbeit (Epilepsie). So sagt man in 
manchen Gegenden direkt: faire une maladie: il a fait U7ie terrible 
ßevre, etc. 

Nicht ohne Interesse für die Erkenntnis der den Namen zu- 
grunde liegenden Vorstellungen ist die Anwendung von Suffixen, 
ihre Bedeutung an sich und die Rolle, die sie bei semasiologischer 
Gruppenbildung spielen. 

Schon im Lateinischen werden Krankheitsnamen vorzugsweise 
mit -aginem, -iginem, -uginem verbunden, das vermutlich 'eine Art 
von' ' ausdrückt; es zeigt sich hier schon bei der Benennung der 
Krankheiten im Lateinischen jene Ungewifsheit, jenes Tasten, von 
denen bereits oben die Rede war. 

Dafs einzelne Kategorien besondere Suffixe bevorzugen, erscheint 
nicht auffällig. So neigen viele Hautkrankheiten, entsprechend ihrem 
Zusammenhang mit kleinen entzündlichen Gebilden, zu -ola, -ella: 
rujöl (Plechätel), bazigöl 'herp^s' (Marne), krgtola 'veröle' (rom. Schw.). 
brejula 'bouton' (Wallis), jxrrpirai 'varicelle' (Berner Jura); pot/aia 
'gourme' (Waadt) zeigt, dafs diese Tierkrankheit als Hautkrankheit 
aufgefafst wird. Anderwärts zeigt sich -ör produktiver: propdljör (zu 
purpula =1 'veröle', Luppy), vloßr 'veröle' (Jura); früh scheint -uyiculus 
um sich gegrifien zu haben: furunculus, carbunculus, dragunculus 
(afr. draoncle), log. pabari/ncula 'pustolette rosse nel viso'; rumän. 
gräünt; megl. garnuts 'Pustel' (zu * granunculum, s, Puscarlfi, 'Et. 
Wtb.' 730); nach pestilentia haben sich esquilencia und epilencia ge- 
richtet, nach leprosia ein genues. idiprosia (A. Glott. VIII 359) etc. 

Gewisse Suffixbildungen verraten nun, dafs das betreffende 
Wort zur Zeit der Bildung nicht mehr in seinem eigentlichen Sinne 
gefühlt wurde, das zeigt z. B. Imesür 'inflammation qui se produit 
enire les ongles des ruminants ... par comparaison toute inflammation 
qui se produit entre les doigts de pied d'une persone (Bournois) aus 
Imts =. 'limace'. 

' Wie diese Suffixe später im Romanischen lebenskräftig blieben, dar- 
über vergleiche man Meyer-Lübkes R. Qr. § 428 Ende und 429. 



Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 115 

Durch die Beobachtung häufigeren Vorkommens von gewissem 
Suffixtausch lassen sich unter Umständen etymologisch schwer er- 
kennbare Krankheitenamen deuten. So ist röpHrd =: 'hydropisie' 
(Schweiz) wohl nichts anderes als i(d)ropit, das aus 'hydropique' ent- 
standen ist. Denn der Wechsel von -ite und -ique ist sehr häufig, 
idropik neben idropü in St -Pol, gastrik 'gastrite' (Pferdekrankheit) 
und hronchite in Lothringen; umgekehrt apatit (adj.) in Landes. Dafs 
das Suffix -ide in -it umgewandelt wird, bedarf wohl kaum der Er- 
wähnung (lothr. tmoi-üit, fjoef tifojit). Es handelt sich bei solchem 
Austausch im wesentlichen um Namen, die gelehrten Ursprungs sind. 

Die oft recht schwierigen Fragen nach gelehrter oder nicht- 
gelehrter Form wurden oben schon gestreift, mit ihnen hängen in 
allen romanischen Ländern die Wander ungs fragen aufs engste 
zusammen, denen hier noch eine Zeile gewidmet sei. 

Wenn ein Wort wandert, so dringt es mit irgendeiner kulturell 
überlegenen Strömung ein, und es hängt von dieser Kultur ab, ob 
der Sieg des Wortes ein dauernder ist. So sind die Wanderstrafsen 
medizinischer Termini die grofsen Kulturwege der ärztlichen Wissen- 
schaft. Orient — Salerno — Südfrankreich — Nordfrankreich oder 
Orient - Nordafrika — Spanien — Südfrankreich sind im Zentrum 
und im Westen der Romania wohl die beiden Hauptwege. Dann 
aber wandern auch nordfranzösische Ausdrücke nach dem Süden: 
cloque etc. Im allgemeinen fällt immer wieder auf, wie leicht überall 
Hautkrankheitsbezeichnungen wandern. Im Rumänischen ist der 
slawische Einflufs in dieser Begriffskategorie sehr stark; schon der 
Begriftsname hoala (Krankheit) ist slawisch; ferner sind viele Haut- 
krankheitsnamen slawischen Ursprungs {jolna, malic, gubuvie, Mr- 
law, parJial zu slaw. jyarliu 'Grind* und andere). Im Französischen 
sind die griechischen Lehnwörter schnell populär geworden [cresi- 
pele, esquinitnce, gangrene, lepre, malandre, panai'is, etc.). Im roma- 
nischen Elsafs, z. B. im Französisch redenden Breuschtal (vgl. Hor- 
nings 'Gloss. von Belmont' in Zs. 33, 385) sehen wir, dafs eine ganze 
Reihe von Bezeichnungen, meist Hautkrankheiten, deutsche Lehn- 
wörter sind : blodr, plndr = ampoule (Blatter), li/Zn t= er^sipöle 
(eis. Rotscheen), vgl. dazu paprel -- Pocken in Schnierlach, dessen a 
sich nur aus dem 'Barpein, Pojpebi (purpula)' der elsässischen Ebene 
erklärt; aus dem Deutschen sind ferner die Namen leichteren Un- 
wohlseins übergewandert: katst 'erbrechen*, _;;^ii7cq; 'Seitenstechen', dj'a 
väddrli 'wunderlich' und wohl auch dje n'a mi pft 'ich bin unwohl'.' 

Wenn wir auf diese Weise versuchen, die Ausdrucksformen 
einer kleinen Gruppe der Begriffswelt, der Krankheitsbezeichnungen, 

1 Die Namen der Krankheiten wandern mit den Heilmitteln, daher 
würden diese VerhältriisHe wohl am besten durch die Volksmedizin be- 
leuchtet werden; schon melixtitp (Milchdieb) als Bezeichnung der Eiiplirasia 
offic. deutet darauf hin, dafs es deutsche Hirten waren, die die Wirkung 
der Pflanze auf die Kühe beobachteten. 



116 Prolegomena zu einer Studie über die rom. Krankheitsnamen 

klarzulegen, wie sie uns auf romanischem, speziell auf französischem 
Boden entgegentreten, so müssen wir rückblickend uns bekennen, 
dafs die Berührungen, in die dieses Begriffsgebiet mit anderen Kate- 
gorien tritt, vielseitig sind und nicht immer offen zutage liegen. 
Worauf wir immer wieder unser Augenmerk lenken, ist die ver- 
schiedenartige Auffassung der Krankheits Vorgänge innerhalb grofser 
Völkerverbände. Eine Vergleichung germanischer und romanischer 
Namen würde gewifs an manchen Punkten dartun, wie fundamental 
der Unterschied in der Ausgestaltung ist. Der Heilungsvorgang z. B. 
wird zweifellos in der germanischen Welt ganz anders aufgefafst als 
in der romanischen: ich erinnere nur an das sehr aktive se guerir 
it. assanarsi gegenüber dem unpersönlichen geneseti. 

Den Unterschieden ganzer ethnischer Gruppen werden sich ge- 
wifs, in feinerer Abtönung erkennbar, allerlei Nuancen innerhalb 
der Mundarten anschliefsen. Und so wird vielleicht eine genaue 
Untersuchung dieser Namen manches zutage fördern, was uns das 
Verständnis des Innenlebens eines oder mehrerer Völker erleichtert. 
Freilich werden wir mit Diderot sagen: Je crois que nous avons plus 
d'idees que de mots; comhien de choses seniies qui ne sont pas nom- 
mces! Es gibt mehr Gedankennuancen als sprachliche Ausdrucks- 
nuancen. Indes wir werden mit sprachlicher Betrachtung allein 
nur an einer Seite der Erforschung romanischen Geisteslebens 
näherkommen, und es wird uns auch hier nicht immer eine gewisse 
Resignation erspart bleiben, von der einst Wilhelm von Humboldt 
bekannte: Wieviel wir auch in der Sprache heften und verkörpern, 
vereinzeln und zergliedern mögen, es bleibt immer etwas unerkannt 
in ihr übrig, und gerade dies der Bearbeitung Entschlüpfende ist 
dasjenige, worin sie Einheit und Odem eines Lebendigen ist. 

Hamburg. Hermann Urtel. 



Zum Tristan-Roman. 

I. Der Name Kanelangres. IL Zur Harfner - Episode, 
III. Zu einer Stelle der Berner Folie. IV. Zu Tristans Tod. 



III. 

Fox, com' as non? O'e non Picous. 
Qiii t'angendra? Uns valeiox. 
De que t'ot il? D'une balaine. 

(Berner Folie v. 159—161.) 

Die Fragen stellt König Marc; die Antworten gibt Tristan als 
Narr. In der Oxforder Folie fragt der König an der entsprechenden 
Stelle den Narren, woher er sei, und dieser antwortet nur: 

Ma mere fu tme baleme, 

Ell mer hantat cume sereine, 

Mes je ne sai u je nasqui (v. 273—275). 

In dieser Fassung sagt also der Narr nichts von seinem Vater. 
Gerade im Mittelalter wollte man aber, wenn man die Herkunft 
einer Person zu wissen wünschte, in erster Linie den Vater 
kennen; auf die Mutter konnte man sehr wohl verzichten, nicht 
aber auf den Vater. Dementsprechend fragt denn auch nach 
der Berner Folie der König zuerst nach dem Erzeuger. Der 
Vater mufste um so eher genannt werden, als es sich, wenn die 
Mutter une haieine war, offenbar um eine sehr ungewöhnliche 
Verbindung handelte. Und wenn etwa der Leser nach dem 
Wunsche des Dichters an vaterlose Zeugung oder Schwängerung 
(in Märchen, Sagen, Legenden und Mythen kommt ja derartiges 
bekanntlich etwa vor) denken sollte, so hätte natürlich auch dies, 
als ein merkwürdiges Faktum, besonders erwähnt werden müssen. 
Die Oxforder Version präsentiert also offenbar eine Lücke, aber 
wahrscheinlich nicht eine, die dem Kopisten zur Last fällt. Die 
Berner Version ist hier jedenfalls ursprünglicher, und dies ist 
sie ja bekanntlich in den weitaus meisten Fällen. 

Aber die Bezeichnung uns valerox, mit welcher nach der 
Berner Folie die Frage nach dem Vater beantwortet wird, scheint 
den modernen Leser auch nicht ohne weiteres zu befriedigen. 
Bädier gibt im Glossar seiner Ausgabe valeureux, und er hielt 
es nicht für nötig, ein Fragezeichen hinzuzusetzen oder in einer 
Anmerkung auf die Unsicherheit entweder seiner Übersetzung 
oder dann der Überlieferung hinzuweisen. Aber in seiner Nach- 
dichtung wagte er doch nicht, jene Übersetzung aufzunehmen; 
lieber liefs er die Frage nach Vater und Mutter ganz weg. Auch 
Golther {Tristan und Isolde in den Dicläungen des Mittelallers imd 
der neuen Zeit S. 220) wich der Schwierigkeit aus, indem er in 



118 Zum Tristan-Roman 

seiner Analyse der Folie den Narren antworten liefs, 'er sei der 
Sohn eines Walfisches', was übrigens jeder Leser so auffassen 
wird, als ob der Narr augeblich einen Walfisch zum Vater 
hatte. Wenn der Redaktor der Oxforder Folie in seiner Vor- 
lage auch uns valerox fand und letzteres Wort ebenfalls in der 
Bedeutung valeureux auffafste, so wird man es begreiflich finden, 
daCs auch er schon in derselben Weise wie Bödier und Golther 
sich aus der Klemme zog. 

Abgesehen davon, dafs eine Substantivierung des Adjektivs 
valerous, wie sie nach B^dier hier vorläge, jedenfalls kaum ge- 
bräuchlich, vielleicht nicht einmal möglich war, so wäre die Be- 
deutung valeureux an unserer Stelle ganz und gar ohne Pointe. 
Wenn der Narr als seine Mutter une baieine ausgibt, so ist dies 
grotesk-witzig und vor allem verrückt, also der Situation ati- 
gemessen. Aber wenn der Narr sagt, sein Vater, also der Gatte 
oder Geliebte der baieine, sei 'ein Tapferer', so ist dies nicht 
verrückt in dem hier erforderlichen Sinne, sondern schwach, blöd, 
sinnlos, und würde eher für die Verrücktheit des Dichters als 
die seines Helden sprechen. Es ist doch wohl zweifellos, dafs 
hier entweder die Überlieferung entstellt oder die Bedeutung des 
Wortes valerox eine andere ist. 

Nach meiner Meinung kommt man mit der letzteren An- 
sicht aus. Ich halte dafür, dafs valerox hier W^alrois bedeute. 
Da das Wort mit dieser Bedeutung in Godefroys Lexikon nicht 
zu finden ist und ich selbst auch keine anderen Belege kenne, 
so muls ich mich hier noch etwas mit demselben befassen. Dafs 
die Bedeutung sehr gut pafst, wird sofort einleuchten. Das 
Walrofs ist gerade das richtige Pendant zur baieine. Ein W^al- 
rofs als Vater ist ebenso exzentrisch-verrückt wie eine baieine 
als Mutter. Das grammatische Geschlecht der beiden Tiernamen 
bestimmte das natürliche Geschlecht: li valerox mufste der Vater, 
la baieine die Mutter werden. Wenn wir im Deutschen die Mutter 
einen Walfisch nennen, so erregt dies Anstofs; wenn wir aber 
baieine mit Walfisch Weibchen übersetzen, so treiFen wir nicht 
ganz das Richtige; denn für den Franzosen ist hier gewissermalsen 
die ganze Gattung Walrofs männlichen, die ganze Gattung baieine 
weiblichen Geschlechts (sexe). 

Über die germanischen Namen für Walrofs ist in Sophus 
Bugges Aufsatz Oplysninger am Nordens Oldtid hos Jordanes (im 
Arkiv fm- Nordisk filoloyi Bd. I, 1883, vgl. speziell S. 46 und 
20 21) die Rede (ganz auf Bugge beruht der Artikel hvalros 
in dem neuen norwegisch-dänischen etymologischen Wörterbuch 
von Falk-Torp). Von Bugges Bemerkungen geht uns folgendes 
an. Das Walrols wurde im Altnordischen gewöhnlich entweder 
rostungr oder rosmhvalr genannt. Letzteres Wort bedeutete nach 



Zum Tristan-Roman 119 

Bugges Hypothese rötlicher Wal ' (hier findet Biigge die An- 
knüpfung an die Rosomonorwn gens bei Jordanes); es ist im Ah- 
ish'indischen und Altnorwogisclien zu belegen. Jüngere Formen 
sind rosmal und rossmar (daher dann der wissenschaftliche Ter- 
minus rosmarus, belegt seit 1555). Hrossvalr (d. h. Rolswal) be- 
zeichnet in gewissen altnordischen Texten nicht dasselbe Tier 
wie rosiiingr und rosmhmlr, sondern eine andere Art Wal. 'Den- 
noch ist das Wort hrossihralr m der Bedeutung WalroCs vom 
Nordischen in verschiedene fremde Sprachen übergegangen/ König 
Alfred nennt in seiner Wiedergabe des Berichts des norwegischen 
Seefahrers Ottar (Ohthere) eingeschoben in die Orosius-Uber- 
setzung) das Walrofs hoishiccel [das angelsächsische Wörterbuch 
von Bosworth- Toller kennt keinen anderen Beleg als diesen: 
auch im Mittelenglischen ist das Wort nicht belegt. Der Um- 
stand, dals Alfred nach Ottars Zeugnis das Tier beschreibt und 
mitteilt, wodurch es sich von 'anderen Walen', deren Kenntnis 
er vorauszusetzen scheint, unterscheidet, beweist wohl, dals seine 
angelsächsischen Leser von dem Tier und seinem Namen nichts 
wuCsten, soweit sie nicht etwa, wie Alfred, von skandinavischen 
Reisenden etwas gehört hatten]. Im Deutschen findet man im 
18. und im Anfang des 19. Jahrhunderts die Formen Bosxwal, 
Rusxwal. Im 1-i. Jahrjiundert ist in Frankreich von dentes de 
roardo (Walrolszahn) die Rede; im 14. — 16. Jahrhundert trifft 
man rohart, rochal, rohal (Walrols und Walrolszahn).'^ 7-oJial steht 
für roshal (< hrosshvalv] das l ging nachher in r über). In 
nhd. Walross, Walriiss, holländ. Walriis (Mitte des 18. Jahr- 
hunderts) sind die Komponenten umgestellt worden. Aus dem 
Holländischen kam das Wort ins Englische als walrus und aus 
dem Deutschen 'wahrscheinlich' ins Dänische als hvalros und 
ins Schwedische als hvalross, valruss. Das altnord. hroshvalr 
ging auch ins Altirische über als rosualt, ruasuall in der Be- 
deutung 'Meerungeheuer' (verwiesen wird auf Stokes in Rev. 
cell I 258) [vgl. ferner H. Zimmer in Z. f. d. A. 32, S. 267—71]. 
Meines Erachtens sind die von Bugge angeführten Tat- 
sachen keineswegs ein Grund, um meine Hypothese aufzugeben. 
Dals die heutigen dänischen und schwedischen Ausdrücke aus 
dem Deutschen stammen, ist nur eine Vermutung Bugges, zu 
deren Gunsten er nichts anzuführen weils. Mir kommt diese 
Ansicht keineswegs 'wahrscheinlich^ vor. Die Skandinavier haben 
doch wohl ebensowenig den Namen des Walrosses von den Deut- 
schen entlehnt, als sie den Walrolsfang von den Deutschen 

' Für die Richtigkeit von Bugges Etymologie spricht auch der von 
Godefroy zitierte Beleg aus einem Coustumier de Normandie, wo der Wal- 
rofszahn definiert wird als une chose vermeille qui est en la mer. 

' Godefroy hat s. v. rochal nur zwei Belege aus einem Coustumier de 
Normandie, 6d. 1483, 



120 Zum Tristan-Roman 

lernten. Natürlicherweise ging es gerade umgekehrt zu. Weshalb 
nur die Deutschen und Holländer, nicht auch die Skandinavier 
(He Komponenten umstellen konnten, ist nicht einzusehen. Aus 
altnordischer Zeit haben wir Belege nur aus Island und Nor- 
wegen, also gerade nicht aus denjenigen skandinavischen Ge- 
bieten (Schweden und Dänemark), deren Sprachen heute Um- 
stellung der Komponenten aufweisen. Die Umstellung mag also 
in diesen Ländern, oder wenigstens einem derselben, schon alt 
gewesen sein. Die französischen Formen des 14. — 16. Jahr- 
hunderts, welche auf hrossvalr zurückgehen, beweisen nichts für 
das 12. Jahrhundert; sie mögen erst spät eingeführt worden sein 
(die von Godefroy zitierten Belege — andere kenne ich nicht — 
stammen charakteristischerweise aus der Normandie; sie beweisen 
eigentlich nicht Kenntnis des Walrosses, sondern nur der Wal- 
rofszähne, eines Handelsartikels). Wären" sie schon im 12. Jahr- 
hundert häufig gewesen, so wären sie jedenfalls schon früher zu 
belegen, z.B. in Bestiarien, in libri de monstris u.dgl.: wären sie 
aber früher selten gewesen, so hätten sie sich nicht so lange er- 
halten können. 

Die Franzosen des Mittelalters waren alles eher als ein see- 
fahrendes Volk. Kein einziger dürfte ein Walrofs gesehen haben. 
Die halaena kannten die Franzosen natürlich ebensowenig aus 
eigener Erfahrung. Aber der Ruf dieses Tieres war wegen dessen 
ungeheurer Gröfse doch weithin gedrungen; in römischen Autoren 
und in Bestiarien war von ihm zu lesen (vgl. auch Brunettos 
Tresor p. 186; R. Köhler: Der Fisch Celebrant in Kleinere Schriften 
n 20 if.). Die Franzosen scheinen es für eine Art Monstrum 
gehalten zu haben. Aber auf französischem Sprachgebiet (Nor- 
mandie und später auch England) hatten sich auch zahlreiche 
Skandinavier niedergelassen, und diese Wikinger kannten aufser 
den Walfischen auch die Walrosse sehr gut,' und ihre Lands- 
leute trieben Handel mit Walrolszähnen. Im Jahre 912 wurde 
den Nordmännern das Gebiet der Normandie abgetreten; bis 
1035 herrschte ein Dänenköuig in England. Bis zu dieser 
Zeit war Dänemark eine Grofsmacht, und mindestens so lange 
unterhielten zweifellos auch die Dänen der Normandie enge Be- 
ziehungen zu ihren Stammesgenossen. Da ist es nichts als natür- 
lich, dafs man sich auch noch im 12. Jahrhundert, wenigstens in 
der ersten Hälfte desselben, in der Normandie wie im nor- 
mannischen England von Walrossen erzählte, und es war fast 
selbstverständlich, dal's man, da das Romanische keine Benennung 
für diese Tiere besafs, den skandinavischen Namen romanisierte. 
Dafs dem so entstandenen Worte keine grofse Verbreitung und 
keine lange Dauer beschieden sein konnte, ergibt sich aus den 

' Im Mittelalter gab es Walrosse sogar an den Küsten Schottlands. 



Zum Tristan-Roman 121 

Verhältnissen. Dafs in den uns erhaltenen literarischen und 
nicht-literarischen französischen Texten das Wort sehr selten sein 
würde, war zu erwarten. Heute nennen die Franzosen das Wal- 
rofs keineswegs mehr, wie im 14. — 16. Jahrhundert, rolial etc., 
sondern morse, und dieses Wort scheinen sie der finnischen oder 
russischen Spraclie entlehnt 7A\ haben, eben weil sie keine eigene 
Benennung mehr hatten. So gut wie das Wort rohal in der 
Neuzeit untergegangen war, ebensogut mochte im 14. Jahrhundert 
das Wort valeros ausgestorben sein. Zuerst lernten die Fran- 
zosen das Walrol's jedenfalls von den auf ihrem Gebiet nieder- 
gelassenen Dänen kennen, und zwar in der wahrscheinlich dänisch- 
schwedischen Form /uo/ro.s; im 14. Jahrhundort werden die Fran- 
zosen mit dem Handelsartikel Walrol'szahn durch norwegische 
oder isländische Händler unter der Benennung roshval bekannt- 
geworden sein; in der Neuzeit werden Franzosen, die selbst ins 
Polarmeer fuhren, daselbst die russische oder finnische Bezeich- 
nung morx gehört haben. Es bleibt auch noch die Annahme, 
dals schon in früher Zeit die zwei skandinavischen Formen zu- 
gleich ins Französische aufgenommen wurden, da die in Frank- 
reich niedergelassenen Normannen jedenfalls nicht sämtlich Dänen 
waren. 

Ein skandinavisches hvalros mochte im Altfranzösischen wohl 
zunächst walros oder gualros ergeben. Für w aber trat oft v ein 
(z. B. varder neben ivarder, guarder); es scheint diese Modifikation 
für nordostfranzösische Dialekte charakteristisch zu sein; doch 
haben bekanntlich pikardische Phänomene auf das ostnormannische 
Gebiet übergegriffen. Die Gruppe Ir, die für Romanen ohne 
Gleitlaute ziemlich schwer auszusprechen ist, hat sich aufserhalb 
des pikardischeu Gebietes, wo sie zu ur geworden ist, zu Idr > 
ndr entwickelt. Aber Fremdwörter brauchten sich nicht in der- 
selben Weise wie die einheimischen zu entwickeln, aufser wenn 
sie durch das Sprachgefühl von diesen nicht mehr unterschieden 
wurden, also nicht von Anfang an. Aul'serdem war aller Wahr- 
scheinlichkeit nach, als das Wort hvalms in das Französische 
aufgenommen wurde, der Übergang h- > Idr oder sogar schon 
Ir > udr vollzogen, und dieses Lautgesetz hatte für später auf- 
genommene Wörter keine Geltung mehr (so wurde intervokalisches 
er in einheimischen Wörtern zu ir, in Fremdwörtern zu gr). Das 
Natürlichste war dann, dafs statt des konsonantischen Gleitlautes d 
der übliche vokalische Gleitlaut e eingeführt wurde. Ich habe oben, 
Abschnitt I, Beispiele der Verwendung dieses Gleitlautes zwischen 
Konsonanten in Eigennamen fremden Ursprungs erwähnt. Das 
überlieferte vulerox hat phonetisch den Wert valerous. Aus hvalros 
konnte aber nur valeros entstehen. Man möchte nun geneigt 
sein, das Reimwort Picous in Picos zu ändern und letzteres als 
Nominativ von Picot aufzufassen (letzterer Eigenname kommt ja 



122 Zum Tristan-Roman 

heute noch vor). Aber abgesehen davon, dafs der Übergang von 
z > s für den Redaktor der Berner Folie nicht bezeugt ist, spricht 
dagegen das später (v. 189) im Reim verwendete Diminutiv Picolet 
(zu Picot würde das Diminutiv Picotin lauten). Vollständiger 
Schwund des / vor Konsonanten kommt zwar dialektisch vor, 
aber nicht auf normannischem Gebiete. Bei der Ableitung des 
Wortes valerox von hvalros läl'st sich also in v. 159 kein ge- 
nügender Reim herstellen. Aber meines Erachtens ist dieser 
Umstand kein Grund, um diese Etymologie aufzugeben. Die 
Reime der Berner Folie brauchen ebensowenig wie die der 
Oxforder Folie auf die Quelle zurückzugehen. Die beiden Fas- 
sungen stammen aus derselben Vorlage, sind aber in den Reimen 
ganz verschieden. Also mufs mindestens einer der beiden Re- 
daktoren seine Vorlage umgereimt haben. Ebensogut wie einer 
mögen es aber beide getan haben. Das Umreimen der Lais und 
Romane, das recrire derselben, wie G. Paris (der aber anderer 
Ansicht war) einmal sagte (vgl. Ztschr. f. frz. S])r. 28, p. 3 f.), war 
gerade die Haupttätigkeit der Arthur-Romandichter mindestens 
seit der Mitte des 12. Jahrhunderts, und die beiden Folies sind 
ein sprechendes Beispiel dafür. Wenn der Redaktor der Oxforder 
Folie ebenso wie B^dier (früher) und Golther das valeros samt 
Kontext ausliefs, weil ihm das Wort keinen vernünftigen Sinn 
zu geben schien, so mochte der Redaktor der Berner Folie ebenso 
\v\e B^dier (später) valeros (vielleicht fand er in der Vorlage 
sogar noch waleros und 'korrigierte' dann das w) in der Bedeu- 
tung valeureux nehmen und sich damit zufrieden geben; dann 
konnte er es mit Picous reimen lassen ^ und das s durch us 
oder X ersetzen. In seiner Vorlage aber mag valeros mit -os ge- 
reimt haben oder auch nicht Reimwort gewesen sein. So läf'st 
sich also auch vom formellen Standpunkt aus gegen die vor- 
gebrachte Etymologie nichts einwenden. 

' Vorausgesetzt, dafs letzterer Name mit geschlossenem o gesprochen 
wurde. Die Etymologie des Namens Picol ist meines Wissens nicht be- 
kannt. Ich möchte eher glauben, dafs Picol aus Picolet abgeleitet wurde, 
als dafs das Umgekehrte der Fall war (da vortoniges freies o stets ge- 
schlossen ist, so mufs bei dieser Hypothese auch Picous geschlossenes o 
haben); denn der Name, der aus den Chansons de geste zu stammen scheint, 
fiudet sich da nur in den Formen Picolet und Pacolet (vgl. die Literatur- 
angaben bei Wilh. Keller, Das Sirventes 'Fadet joglar' des Ouiraut von 
Calanso, Erlangen 19U5, S. 117 f. ; vergessen wurden daselbst die Enfances 
Vivien; vgl. Langlois' Table). Nach den Chansons de geste war Picolet 
der Name eines zauberkundigen Zwerges; nach der Bataille Loquifer war 
er von tierischem Aussehen und wegen seiner Häfslichkeit der direkte 
Gegensatz zu seinem Bruder Auberon. Da heifst es von ihm u.a.: qui 
par mer nöe en guise de poisson (ich zitiere nach Rajna, Origini p. 429). 
Eine solche Beschreibung brachte vielleicht den Tristan-Dichter auf den 
Gedanken, seinen Picolet als den Sohn eines Walrosses und einer balaena 
auszugeben oder umgekehrt den Sohn dieser Tiere Picolet zu nennen. 



I 



Zum Tristan-Roman 12'^ 

Ich halte an meiner Hypothese fest, einerseits weil die Be- 
deutnng valeiireux keinen Sinn zn geben scheint, anderseits weil 
der Zusammenhang kaum eine andere Bedeutung zuläl'st als ge- 
rade Walrols oder etwas ähnliches. Beachtenswert ist auch die 
Frage des Königs Marc: De que (nicht qui\) t'ot ü? Der König 
fragt nicht, mit wem, mit was für einem Weib der valerous den 
Picol gezeugt habe (frei übersetzt), sondern mit was, mit was 
für einem Geschöpf oder gar Ding. Ist eine solche Frage nicht 
natürlicher, wenn Picol ein Walrols, als wenn er einen Helden 
als Erzeuger genannt hatte? 

Eine ebenso groteske Schilderung wie in der eben besprochenen 
Stelle der Folie finde ich in einem alten S'm d'amors (Bartsch, 
liomanxen u. Pastourellen I, Nr. 28). In diesem leider unvollständig 
überlieferten Gedicht erzählt ein Ritter, wie er, als er unter einem 
Olivenbaum in den Armen seiner Geliebten ruhte, ein Weib in 
wundersamem Aufzug erblickte. Sie trug Beinkleider aus Schwert- 
lilien, Schuhe aus Maiblumen, einen Gürtel aus Blätterzweigen 
mit goldenen Knospen; ihre Gürteltasche war aus Liebe (Fehler?) 
gemacht; deren Ketten waren Blumen; sie ritt ein mit Silber 
beschlagenes und mit einem goldenen Sattel geschmücktes Maul- 
tier; hinter ihrem Sitz standen drei Rosenstöcke, die sie be- 
schatteten. Dieses phantastisch beschriebene Weib, eine Art Flora 
oder Frühlingsgöttin, gibt einigen Rittern, welche die Frage do7it 
s/es vos nee ? an sie richteten, zur Antwort, sie sei du plus haut 
jiarage: Li rosignox est mon pere, Qui chante sor la ramce El plus 
haut boscage. La seraine, ele est ma niere Qui chante en la mer salee 
El plus haut rivage. Auch hier war jedenfalls das grammati- 
kalische Geschlecht von rosignol und seraine für das natürliche 
Geschlecht mafsgebend.' 

' Nachtrag. Meine Arbeit 'Zum Tristan-Roman' wurde im Juli l'Jll 
an die Redaktion des Archivs eingesandt. Seither erschien (im letzten 
Heft der lioniania lOll, herausgegeben im März 1912) eine Notiz von 
Bertoni un<J Thomas, welche meine Erklärung des Wortes valerox vorweg- 
nimmt. Nach dem Wunsche des Herrn Redaktors erscheint nun mein 
Abschnitt III dennoch. Er bietet immerhin einiges, was in der Romania 
nicht zu lesen ist, zumal über die skandinavische Grundlage des Wortes. 
Für die l>eser des Archivs, welche den liotuctiiia-ATÜkel nicht gleich 
nachschlaL'cn können, möchte ich bemerken, dal's daselbst von Bertoni 
als ganz sicher konstatiert wird, dafs die Berner Hs. nicht valerox, son- 
dern yalerox hat. Das für germanische Lehliwiirter charakteristische g 
ist natürlich ein wesentlicher Stützpunkt unserer Etymologie. Thomas, 
der yalerox als Walroß erklärt, erwähnt auch die Version des Prosa- 
Tristan, die ich vergessen habe, und in der es heilst: Fol, fait le roy, ou 
fus tu ne? — En Angleterre, fait iL — Et qui fu ton pere? — Uny 
rouchin. — Et ta >/ie?-e? — Une hril)is. Er scheint zu glauben, dals 
rouchin ein gewisses Verständnis des Wortes yalerox von seiten de;- Frosa- 
redaktors voraussetze. Ich kann dieser Ansicht nicht beistimmen, son- 
dern möchte glauben, dafs eher der Klang als der Sinn der Wörter die 
Wahl der Ersatzwörter suggerierte: (yale)rous — roiissin, h(alaine) — b(rebis). 



124 Zum Tristan-Romau 

IV. 

Die näheren Umstände von Tristans Tod sind sehr bekannt. 
Meine Analyse dieser Partie kann darum summarisch sein. Aus- 
führHcher erwähne ich nur das, worauf ich hier speziell die .Auf- 
merksamkeit meiner Leser lenken will. Ich korrigiere die Über- 
lieferung kaum, von einer Stelle abgesehen, die ich in Klammern 
setze. 

Indem Tristan in der Bretagne einem Freunde bei einem 
Liebesabenteuer mit einer verheirateten Dame half, wurde ihm 
von dem Gatten der letzteren mit vergifteter Waffe eine Wunde 
beigebracht, die nicht heilen wollte. Schon früher war er einmal 
in derselben Lage gewesen, und da hatte ihn niemand vor einem 
traurigen Tode bewahren können aufser der heilkundigen Isolde. 
In ihr sah er auch diesmal wieder seine einzige Rettung. Er 
sandte einen Boten nach Cornwall, um sie zu bewegen, ihm 
Heilung zu bringen. Es wurde mit dem Boten vereinbart, dafs 
er bei seiner Rückkehr durch die Farbe des Segels schon von 
fern kenntlich mache, ob er Hoffnung oder Verzweiflung bringe. 
Ein weifses Segel sollte anzeigen, dals Isolde auf dem Schiff sei, 
ein schwarzes das Gegenteil. Der Bote fuhr nach Cornwall und 
brachte sein Gesuch vor. Isolde folgte ihm auf das Schiff. Als 
die Rückkehr des Schiffes erwartet werden konnte, liefs sich 
Tristan ans Gestade tragen, wo er die Aussicht aufs Meer hatte. 
Den ganzen Tag schweifte da sein sehnsüchtiger Blick in die 
Ferne, um das erste Auftauchen des Schiffes zu erkennen. Doch 
seine Krankheit verschlimmerte sich so, dafs er sein Kranken- 
lager nicht mehr verlassen konnte. Da schickte er ein kleines 
Mädchen ans Gestade und gebot ihm, es sofort zu melden, wenn 
es ein Schiff nahen sehe, und dabei auf die Farbe des Segels 
zu achten. Aber Tristans Gattin, Isolde Weifshand, war hinter 
das Geheimnis gekommen, und, von Eifersucht getrieben, befahl 
sie dem Mädchen, die Nachricht vom Schiff erst ihr zu sagen. 
[Lieber wollte sie ihren Geliebten tot haben als in den Armen 
einer anderen sehen.] Als sie nun von dem Mädchen erfuhr, dals 
ein Schiff mit weilsem Segel nahe, ging sie zu dem Kranken 
hin und berichtete, dafs ein Schiff mit schwarzem Segel gesehen 
worden sei. Bei dieser Nachricht wurde Tristan so vom Schmerz 
überwältigt, dafs ihm das Herz brach. Nun wurde Isolde Weifs- 

Der Redaktor hat Landtiere für Seetiere eingeführt. Thomas weist auch 
darauf hin, dafs in Berol, dessen Dialekt demjenigen der Berner Fulie 
nahestehe, offenes und geschlossenes o reimen. Betreffend den Gleit- 
vokal macht er auf harousse (Schindmähre) aufmerksam, welches Wort 
man vom deutschen hros ableitet. Für die Formen rohal etc. verweist 
er auf Romania 34, p. 614 (Notiz von Delboulle-Thomas), von wo wieder 
auf eine Notiz Bugges in Romania 3, p. 157 verwiesen wird. Entgangen 
ist mir auch die neufranzösische Form rorqual. 



i 



Zum Tristan-Roman 125 

haud von Kummer und Reue ergriffen, und das ganze Volk 
nahm an der Trauer teil. Als die Kiuiigin von Cornwall ans 
Land stieg, sah sie überall Zeichen der Trauer und hörte die 
Leute wehklagen. Sie frug, was dies bedeute, und man erzählte 
ihr, dafs Tristan soeben gestorben sei. Sie ging zu ihm, der auf 
einer Bahre lag, neben ihm die trauernde Gattin, 'Macht mir 
Platz!' spracii die Königin; 'denn ich beweine den Toten mit 
mehr Recht als Ihr; das könnt Ihr mir glauben.' Dann warf sie 
sich auf ihren Geliebten und starb in der Umarmung. 

Bekanntlich hat diese Erzählung eine unverkennbare, nicht 
blofs zufällige Ähnlichkeit mit einer Episode der griechischen 
Theseus-Sage. 

Die Athener hatten die Verpflichtung, in regehnäfsigen Intervallen an 
Kreta einen Menschentribut zu leisten, der für das Ungeheuer Minotauros 
bestimmt war. Mit schwarzem Begel pflegte das Schiff auszufahren, das 
die unglücklichen Opfer trug, und ebenso zurückzukehren. An einer 
dieser Trauerfahrten nahm auch freiwillig Theseus, der jugendliche Sohn 
des Königs Aigeus von Athen, teil, mit der Absicht, den Minotauros zu 
bezwingen und den Tribut abzuschaffen. Es wurde vereinbart, dafs, wenn 
das Schift' Theseus lebend zurückbringe, das schwarze Segel durch ein 
rotes ' resp. weifses ersetzt werden sollte, das dem Vater von weitem die 
freudige Botschaft melden würde. Das Unternehmen des Theseus gelang 
mit Hilfe der Ariadne: Theseus nahm dieselbe mit auf sein Schifl". Man 
landete auf der Insel Naxos, und dort verlor er Ariadne oder liefs sie im 
Stich. 'In der Trauer über Ariadnes Verlust oder in der Freude über die 
glückliche Heimkehr vergifst Theseus oder vergessen seine Leute, das rote 
resp. weilse Segel aufzuziehen.' Als Aigeus, der auf dem Felsen der 
Akropolis nach dem Schiffe Ausschau hielt, das schwarze Segel gewahr 
wurde, stürzte er sich verzweifelnd von dem Felsen herab oder in das 
Meer, das von ihm den Namen des Aigeischen erhielt. 

Diese Sage wird von manchen Gelehrten für die Quelle der 
Tristan-Erzählung gehalten. Einige, besonders Golther, nehmen 
aulserdem noch die Benutzung einer anderen griechischen Sage an: 

'Als Paris noch unter den Hirten des Ida lebte, vermählte er sich 
mit Oinone, der heilkundigen Tochter des Flufsgottes Kehren. Sie wuiste 
die Znkunft voraus und sagte ihm, dafs er im trojanischen Kriege ver- 
wundet würde und niemand ihn würde heilen können als sie selbst. Als 
Paris die Helena entführt hatte, verliels ihn Oinone. Paris aber wurde 
im Kampfe vor Troja durch einen vergifteten Pfeil des Philoktetes ver- 
wundet. Da gedachte er an Oinones Worte und sandte nach ihr aus, sie 
möchte ihm helfen. Sie erwiderte trotzig, er solle sich an Helena wenden, 
folgte aber trotzdem dem Boten nach. Als Paris den abschlägigen Be- 
scheid erhielt, da starb er. Oinone kam zu spät, fand ihn tot und nahm 
sich unter Wehklagen das Leben' (Golther, Tristan und Isolde p. 20—21, 
griechischer Text bei Golther, Die Sarjc von Tristan und Isolde p. 25 — 26). 

Die Tristan-Erzählung unterscheidet sich von dieser Oinone- 
Sage hauptsächlich nur dadurch, dals nicht eine Weigerung der 
eifersüchtigen ersten Geliebten des Helden (Isolde von Cornwall 

' Dies wird für die ältere Tradition gehalten ; vgl. O. Gruppe, Grie- 
chische Mythologie S. !<] und 004. 



126 Zum Tristan-Roma» 

hatte übrigens auch Grund zur Eifersucht), sondern eine Intrige, 
eine gefälschte Nachricht der ebenfalls eifersüchtigen zweiten 
Geliebten, den Tod des Helden verursachte. Diese Modifikation 
wurde nach Golther durch die Kontamination mit der Theseus- 
Sage hervorgebracht. Letztere bot nun allerdings nicht das Motiv 
der absichtlich, sondern nur das der aus verzeihlicher Nachlässig- 
keit gefälschten Nachricht; aber schliefslich war der Übergang 
von jeuer zu dieser leicht möglich. Wir wollen darum auf dieser 
Verschiedenheit nicht sehr insistieren und zugeben, dafs durch 
eine Kontamination der beiden Sagen, die übrigens der Tristan- 
Dichter schon hätte als vollzogen vorfinden können, etwas unserer 
Tristan-Erzählung sehr Ahnliches entstehen mochte. 

Anderseits mufs nun doch bemerkt werden, dafs man letz- 
teres Resultat wohl auch bei Benutzung der Theseus-Sage ohne 
Oinone-Sage erreichen konnte. Wenn man die Theseus-Sage für 
den Liebestod verwenden wollte, so mufste natürlich die Königin 
Isolde in die Rolle des Theseus oder des Aigeus eingeführt 
werden. Es ist aber bei den zahlreichen Fällen von Tod aus 
Liebesschmerz, welche uns die französische Romantik des Mittel- 
alters überliefert, fast immer das Weib, nicht der Mann, der vom 
liiebesschmerz getötet wird, und dies spiegelt offenbar die An- 
schauungen der Zeit in bezug auf den Unterschied der Geschlechter 
wider. Also war es natürlich, dafs Tristan die Rolle des Aigeus, 
Isolde die des Theseus gegeben wurde. Wenn aber demnach 
Isolde zu Tristan kommen mufste, so war es das Natürlichste, 
anzunehmen, dafs Tristan schwer krank war. Der Zug, dafs es 
Wunden gab, die uur unter besonderen Bedingungen oder von 
einer bestimmten Person geheilt werden konnten, ist kein spezi- 
fisch griechischer, ist z. B. der keltischen Literatur auch bekannt 
(z. B. Gral-Sage). Dafs die Ärztin, die allein heilen konnte, die 
GeHebte des Kranken war oder wurde, kommt in der keltischen 
Literatur auch vor (Guigemar). Namentlich aber ist zu be- 
merken, dafs in der Tristan-Dichtung selbst dieses Motiv schon 
einmal verwendet wurde: Tristan war auch vom Morhold mit 
vergifteter Waffe verwundet worden, und da vermochte ihn nie- 
mand zu heilen aufser Isolde. Zur Erklärung dieser Episode hat 
selbst Golther nicht die Oinone-Sage zu Hilfe genommen. Es 
brauchte also in der Schlufserzählung nur das Motiv von der 
vergifteten Wunde, in Verbindung mit der angepafsten Theseus- 
Sage, wiederholt zu werden. Die Oinone-Sage ist also eigentlich 
entbehrlich; ihre Kenntnis würde immerhin die Umgestaltung der 
Theseus-Sage erleichtert haben. Die Hypothese von der Konta- 
mination von Theseus-Sage und Oinone-Sage hat denn auch auf 
den ersten Blick etwas Bestechendes. 

Eine wichtige Frage aber drängt sich uns auf: Gehörte die 
Tristan-Dichtung zu derjenigen Klasse von Dichtungen, welche 



Zum Tristan-Koman 127 

gelehrten Einflüssen überhaupt ausgesetzt war? Wenn der fran- 
zösische Archetypus der Ur-Tristan war und man sich unter dem 
Verfasser desselben einen INIann wie Thomas oder Chr^tien von 
Troyes vorzustellen hat i,und diese Ansiciit wird von Bddier, 
Golther u. a. vertreten), dann kann man die Möglichkeit gelehrten 
Einflusses nicht bestreiten. Wenn aber die Tristan-Dichtung samt 
der Liebestoderzäiilung, die doch wohl nicht blofs ein spätes An- 
hängsel ist, nicht französischen Ursprungs ist, so ändert sich die 
Sachlage sehr. Die oben aufgestellte Frage kann nun off'enbar 
nicht ohne Rücksicht auf alle übrigen Teile der Dichtung gelöst 
werden, mufs also hier aufser acht gelassen werden. Ich will 
immerhin bemerken, dafs ich die Frage nach der Entstehung der 
Tristan-Dichtung nicht in der Weise beantworte, dafs ich für ihre 
älteren Stadien gelehrte Einflüsse zulassen könnte. Was aber 
denjenigen, die gelehrte Einflüsse annehmen, auch Schwierigkeit 
verursacht, ist die Erklärung des Übergangs der griechischen 
Sagen in die Tristan -Dichtung. Muret, der an eine keltische 
Tristan-Dichtung glaubt, weist darauf hin, dal's die Kenntnis der 
griechischen Sprache und Literatur bei den Kelten sich länger 
erhielt als in dem übrigen Westeuropa (Rezension von Golthers 
Tristan und Isolde in Ztschr. f. frz. Spr. 1911). Mir scheint dieses 
Argument von sehr zweifelhafter Güte zu sein ; übrigens ist uns 
jene Tatsache nur für Irland bezeugt, für welches Land die 
Tristan-Sage nicht nachgewiesen ist, und darf keineswegs ohne 
weiteres auf das keltische Grofsbritannien übertragen werden, 
dessen Kultur jedenfalls bedeutend tiefer stand. Die einzige 
lateinische Quelle für die Tlieseus-Aigeus-Sage ist ein von B^dier 
entdeckter Passus des Virgil-Scholiasten Servius. B^dier (II 139) 
sagt: 'Die Episode vom weifsen Segel konnte also, mufste sogar 
zur Kenntnis der Leute des 12. Jahrhunderts kommen.^ Seltsam 
bleibt immerhin, dal's noch kein französischer Text bekannt ist, 
in welchem auf diese Sage angespielt wird, trotzdem die fran- 
zösischen Dichter, welche antike Sagen kannten, sonst keine Ge- 
legenheit vorübergehen liefsen, um ihre Kenntnisse an den Mann 
zu bringen. Die obenerwähnte Oinone-Sage ist nur von dem 
Griechen Parthenios überliefert. Golther {Tristan und Isolde p. 22) 
hält es dennoch für sehr wohl möglich, dafs sie 'irgendwo auf 
lateinisch mitgeteilt wurde'. Aber es geht nicht einfach an, latei- 
nische Texte zu postulieren. Solche gingen nicht verloren, wie 
volkssprachliche Texte, die oft der Aufzeichnung nicht für wert 
gejialten wurden. Es ist äulserst unwahrscheinlich, dafs es im 
12. Jahrhundert irgendeine lateinische Übersetzung aus dem Grie- 
chischen gab, die uns vollständig verloren ging. 

Ehe wir unter so bedenklichen Verhältnissen an gelehrte 
Einflüsse glauben, müssen wir doch erwägen, ob die Verwandt- 
schaft der Tristan- Erzählung mit griechischen Sagen, wenigstens 



128 Zum Tristan-Roman 

der Theseus-Sage, nicht als eine folkloristisclie sich erklären läfst. 
Dals in der Thesens-Sage selbst Märcheumotive vorhanden sind, 
erkennt auf den ersten Blick, wer auch nur ein wenig im Folk- 
lore bewandert ist. So ist die Verwendung von verschiedenfar- 
bigen Zeichen für gute oder schlechte Nachricht ein echt märchen- 
hafter Zug. In dem Grimmschen Märchen 'Die zwölf Brüder' 
(Nr. 9) wird gleich anfangs erzählt: 

Ein König und eine Königin hatten zwölf Kinder, lauter Buben. Nun 
sprach der König zu seiner Frau: 'Wenn das dreizehnte Kind, das du 
zur Welt bringet, ein Mädchen ist, so sollen die zwölf Buben sterben, 
damit sein Reichtum grofs wird, und das Königreich ihm allein zufällt.'' 
Die schwangere Mutter j^ber wollte ihren Söhnen das Leben retten und 
teilte ihnen mit, was der Vater sagte. Sie gab ihnen den Rat, hinaus in 
den Wald zu gehen, 'und einer setze sich immer auf den höchsten Baum, 
der zu finden ist, und halte Wacht und schaue nach dem Turm hier im 
Schlofs. Gebär' ich ein Söhnlein, so will ich eine weifse Fahne aufstecken, 
und dann dürft ihr wiederkommen; gebär' ich ein Töchterlein, so will ich 
eine rote Fahne aufstecken, und dann flieht fort, so schnell ihr könnt.' 
Die zwölf Brüder gingen in den Wald, und einer um den anderen hielt 
Wacht auf der höchsten Eiche. Als elf Tage herum waren, sah der jüngste, 
wie auf dem Turm eine Fahne aufgesteckt wurde; es war die rote Blut- 
fahne. Dann wanderten sie weiter in den Wald. Als aber ihre Schwester 
herangewachsen war, zog sie aus, die Brüder zu suchen. 

Der Rest des Märchens, die Hauptsache, geht uns nichts an. 
Die Brüder Grimm wiesen noch auf eine italienische, eine nor- 
wegische und eine litauische Fassung dieses Märchens hin, Singer 
(in seinen Schweizermärchen I Nr. 6) macht aul'serdem noch auf 
eine schweizerische, eine griechische, eine isländische und eine 
finnische Fassung aufmerksam. Ich habe nicht alle diese Fassungen 
gelesen, kann aber doch bemerken, dafs gerade in bezug auf das 
hier in Betracht kommende Motiv Abweichungen vorhanden sind. 
So soll in dem schweizerischen Märchen eine rote Fahne die 
Geburt eines Knaben, also frohe Nachricht, eine schwarze Fahne 
die Geburt eines Mädchens, also schlimme Nachricht, bedeuten. 
In der finnischen Fassung ist das Signal für ein Mädchen eine 
Spindel, für einen Knaben ein Beilschaft; es wird an der Haus- 
tür angebracht. Der Beilschaft ersetzt wohl ein Schwert; denn 
das Schwert war das allgemein gültige Zeichen oder Symbol des 
männlichen Geschlechts, die Spindel dasjenige des weiblichen 
Geschlechts bei den alten Germauen und vielleicht auch bei 
anderen Völkern (vgl. Grimm, Rechlsaltertümer 163, 171; Wein- 
hold, Die deutschen Frauen I 163). ^ In der italienischen Fassung 



* Diese Rede scheint mir, auch vom märchenhaften Standpunkt aus 
betrachtet, nicht viel Sinn zu haben. 

^ Von König Pipin erzählt die Sage, dafs er zu dem Müller, in dessen 
Haus er eine Nacht mit Berta schlief, sagte: Wenn sie ein Kind gebäre, 
so solle er es ihm melden kommen; wenn es eine Tochter sei, einen 
Rocken und eine Spindel mitbringen ; wenn ein Knabe, einen Bogen und 



Zum Tristan-Roman 12\) 

soll ein Mädchen Löffel nnd Spinnrocken, ein Knabe törichter- 
weise Tinte und Feder als Zeichen haben. In der isländischen 
Fassung fehlen die Zeichen ganz. Für unsere Frage ist es 
gleichgültig, ob in diesem ^Märchen die eigentlichen Geschlechts- 
zeichen oder die verscliiedcnfarbigen Fahnen, welch letztere 
natürlich für die Elutfernung berechnet sind, ursprünglicii sind 
;was schwer zu entscheiden sein dürfte). Auf den ersten Blick 
erweist sich dem Kundigen auch als märchenhaft die Vertauschung 
der Zeichen, sei sie nun absichtlich (wie in der Tristan-Dichtungj 
oder nicht (wie in der Theseus-Sage). lu der italienischen Fas- 
sung des obenerwähnten Märchens (Basile, Pe^itamerone IV 8) 
drohen die Brüder, fortzuziehen, wenn ihre Mutter wieder einen 
Sohn zur Welt bringen sollte. Es wird nun zwar ein Mädchen 
geboren; aber unglücklicherweise wird von der Hebamme, welche 
'verblüfft und verdutzt war', also aus Irrtum, Tinte und Feder 
(siehe oben) ans Fenster gestellt, worauf die Söhne das Weite 
suchen. Mit dieser Fassung stimmt auch die finnische (E. Schrek, 
Finnische Märchen Nr. 13) überein, nur mit dem Unterschied, dafs 
hier die Vertauschuug der Zeichen nicht mehr irrtümlich, sondern 
absichtlich ist (woraus man erkennen kann, wie leicht Irrtum 
und Absicht wechseln konnten): es wird hier zuerst eine Spindel 
an die Tür gestellt, als Zeichen, dals ein Mädchen geboren wurde, 
die Knaben also zurückkehren könnten; doch ehe diese noch das 
Zeichen erblickten, kam eine Hexe und hing einen Beilschaft an 
die Stelle der Spindel. Als die Knaben diesen sahen, liefen sie 
davon. In der Hexe haben wir also eine Figur, ähnlich der 
Isolde Weifshand. ' Wie leicht mögen Fassungen unseres Mär- 
chens existiert haben, in welchen das Fahnenmotiv und das Ver- 
tauschungsmotiv vereinigt waren! Dann bestehen noch folgende 

einen Pfeil (also auch eine Walle). Der Müller erscheint dann und schielst 
einen Pfeil so, dafs er den Becher der falschen Königin umwirft (G. Paris, 
Eist. port. de Charlemagne p. 2:^S f.). 

' Das Motiv der bös\villi<ren Vertauschung von Gegenständen und der 
gefälschten Nachricht ist in Märchen überhaupt sehr häufig. So z. B. in 
einem sizilianischen Märchen (bei L. Gonzenbach Nr. 24), welches zahl- 
reiche Parallelen hat: Die junge Frau des abwesenden Königs gebiert 
schöne Kinder; es soll ihm brieflich gemeldet werden ; aber der Brief wird 
von der Mutter (sonst gewöhnlich Schwiegermutter) der Frau abgefangen 
und ein anderer Brief statt dessen an den König gesandt, worin die junge 
Mutter verleumdet wird: sie habe Hunde geboren. Der König befiehlt 
trotzdem, man solle seiner Gemahlin nichts zuleide tun, bis er zurück- 
kehre; aber sein Brief wird wieder von dem bösen Weib abgefangen und 
durch einen anderen ersetzt, worin befohlen wird, man solle die Königin 
verjagen (oder mit dem Tode liestrafen). In einem litauischen Märchen, 
übersetzt von R. i?piller {Zur Geschichte des Märchetis vom Domröschen im 
Progr. Thurgauische Kantonschule, IHü:;, S. 'M fJ".), hinterliels der Prinz 
bei seiner Abreise seiner Gattin ein rotes, seiner Mutter ein schwarzes 
Petschaft. Letztere entwendete das rote Petschaft und vertauschte dann 
aufser den Briefen auch die Siegel. 

Archiv I. n. Sprachen. CXXX'. 1» 



130 Zum Tristan-Roman 

Differenzen zwischen diesen Märchen einerseits nnd der Tristan- 
Erzähking und der Theseus-Sage anderseits. In den Märchen 
handelt es sich um ein Fortgehen, in den Sagen um ein Zurück- 
kommen; dort wird das Signal für die Reisenden, hier von 
den Reisenden gegeben. Die Verhältnisse sind also in den Sagen 
und Märchen gewissermalsen reziprok. Eine solche Umkehrung 
der Verhältnisse ist aber in der Märchenliteratur selbst sehr 
häufig zu beobachten. Eine wichtigere Abweichung der Sagen 
ist die Lokalisierung am Meer, wodurch, bei jener ümkehrung, 
die Fahnen sehr leicht durch Segel ersetzt werden konnten. Es 
ist bekannt, dafs das Meer in den internationalen Märchen, so- 
weit sie nicht bei maritimen Völkern zu Sagen geworden sind, 
eine sehr geringe Rolle spielt, und dafs, wo es vorkommt, es 
meist vom Hauptschauplatz der Handlung weit entfernt ist und 
daher im Vagen liegt. Die Lokalisierung der Tristan- und Theseus- 
Sage scheint also ein sagenhafter, nicht märchenhafter Zug zu 
sein. Der Hauptunterschied aber liegt in Folgendem: in den 
Märchen bedeutet das Unglückssignal Todesgefahr, in den Sagen 
Tod (in der Tristan-Dichtung allerdings nur im figürlichen Sinn); 
der Übergang mochte sich leicht vollziehen ; er war aber doch 
von entscheidender Bedeutung, da er der Erzählung einen ganz 
anderen Charakter gab. Der vermeintliche Tod der einen Partei 
(Theseus, Isolde) verursachte nun den Tod der anderen Partei 
(Aigeus, Tristan) eventuell dann auch noch den wirklichen Tod- 
jener Partei (Isolde). Im Märchen entrinnen die Brüder der 
Todesgefahr; ihre Mutter (oder ihre Eltern) haben folglich auch 
keine genügende Ursache, um aus Verzweiflung zu sterben. In 
den Märchen löst sich alles heiter, in den Sagen entsteht Tragik. 
Tragischer Ausgang ist ganz unmärchenhaft, dagegen sehr beliebt 
bei Sagen, Volksballaden und Epen. Die Theseus- und Tristau- 
Erzählungen müfsten also nicht nur dieselbe märchenhafte Grund- 
lage enthalten, sondern sich auch in paralleler Weise zu Sagen 
ausgebildet haben, falls sie unabhängig voneinander sind. Ob 
man unter diesen Umständen noch an ihre Unabhängigkeit glau- 
ben darf, ist sehr zweifelhaft. Aber anderseits scheint man denn 
doch deshalb noch nicht genötigt zu sein, an gelehrten Einflufs 
zu denken. Auch Sagen und Volksballaden und sogar Epen oder 
wenigstens epische Formeln konnten wandern, wenn auch bei 
weitem nicht so leicht wie Märchen. Auch sind sie, weil schon 
als Gattungen viel jünger als Märchen, natürlich bei weitem nicht 
so verbreitet. Die Fähigkeit zum Wandern hat zur Voraussetzung 
die Universalität der in der Erzählung verwendeten Lebens- 
verhältnisse (der phase of life, wie Hart sagt') und die Abwesen- 
heit wesentlicher nationaler Elemente. So sind z. B. manche 

' Hart: Ballad and epic {= vol. XI von Harvard studies and notes) p. 5. 



Zum Tristan-Roman 131 

Volksballaden bei verschiedenen Völkern zu treffen, und die 
epische Formel, die unter dem Namen Verbannungs- und Rück- 
kehrformel bekannt ist, erfreute sich relativ grofser Verbreitung. 
Sobald wir nun Wanderungen derselben Art wie bei Märchen 
annehmen, so müssen wir uns darein schicken, dals wir in der 
Regel nicht wissen können, welchen Weg die Stoffe nahmen und 
von wo sie ausgingen. Wir können dann auch nicht mehr sagen, 
dafs die Theseus-Sage zur Tristan-Sage geworden ist; es kann 
ja ebensogut umgekehrt zugegangen sein, wobei man natürlich 
von den Personennamen absehen mufs. 

Nützt uns auch unter diesen Umständen die Theseus-Sage 
nichts mehr zur Ermittelung der Kntwicklungsgeschichte unserer 
Tristan-Erzählung, so gibt es andere Erzählungen, die uns viel- 
leicht darüber Aufschluls geben können. Im Heft 2 von Band 32 
(Jahrgang 1911) der Revue celtique^ ist eine irische Volkssage ver- 
öffentlicht unter dem Titel Finn dans le pays des geants et l'anneau 
de Sliabh na Fideoige von A. Kelleher und G. Schoepj)erle. Letz- 
tere Gelehrte, welche die Einleitung dazu schrieb, erwähnt nichts 
von der Verwandtschaft dieser Sage mit der Tristan-Dichtung. 
Da sie aber sich speziell mit dieser beschäftigt und ein Buch 
darüber vorbereitet, so ist anzunehmen, dals ihr die Ähnlichkeit 
nicht entging, und dafs sie die betreffende Mitteilung für ihr 
Tristan-Buch aufsparte. 

Fiun begab sich mit Seachran zu dem Riesen ülunreamar, dem Feinde 
des Seachran. Seachran entging zwar dem Tode während seines Aufent- 
halts bei Glunreamar, wurde aber während der Rückfahrt von diesem 
durch Zauberei getötet. Fmn rächte seinen Genossen und führte dessen 
Leichnam mit sich. Vor der Fahrt ins Land des Glunreamar hatte aber 
Seachrans (iattin von Finn verlangt, dafs er ihr bei der Rückkehr durch 
die Farbe des Segels anzeige, ob ihr Gatte tot oder lebend zurückkehre 
(die Segelfarben werden nicht genannt). Finn gelangt dann mit dem 
Leichnam zu Seachrans Gattin, ohne dafs ihm etwas geschieht. Seachran 
wurde durch einen Zauberring, den Finns Freund Diarmaid sich zu ver- 
schaffen gewulst hatte, wieder lebendig gemacht. 

Es ist klar, dafs das Segelmotiv hier entstellt ist, eigentlich 
zwecklos geworden ist (dies ist auch G. Schoepperles Ansicht). 
Glüchlicherweise ist unsere Sage noch in anderen Versionen er- 
halten, die zum Teil besser sind. G. Schoepperle verweist auf 
folgende Versionen: J. G. Campbell: The Fians p. 260 ff., J. Curtin : 
Myths and folklore of Ireland p. 244 ff., W. Larminie: West Irish 
fdtktales p. 64 ff., G. Dpttin: Cordes et legendes d'Irlande p. 47 ff. 
Ursprünglich war die Absicht der Gattin des Seachran, das Schiff 
durcii Zauberei zum Scheitern zu bringen, falls Finn seinen Ge- 
fährten nicht lebend zurückbrächte. Aber Seachran, der Finn 

' Dieses Heft erschien aber erst im Anfang des Jahres l'.)]_', als meine 
Abhandlung schon längst der Redaktion dieser Zeitschrift eingereicht war. 
Was ich aus dieser (Quelle entnommen habe, ist also ein Nachtrag. 

9* 



132 Zum Tristan-Roman 

liebte und die Absicht seiner Gattin erriet, gab Finn, als er 
seinen Tod kommen sah, den Rat, das falsche Segel zu hissen. 
Indem Finn diesen Rat befolgte, entging er dem Tode. Von 
den obengenannten Versionen habe ich leider nur diejenige 
J. G. Campbells gelesen, in welcher gerade das Segelmotiv fehlt. 
Über die anderen Versionen berichtet G. Schoepperle folgendes: 
Dans Celle de Curtm aucune mauvaise intention n'est indiquee chez la 
femme: par le choix de la voüe Finn lui annonce simplement la mort 
de son mari. Dans la version de Larminie, Finn, quoique le muri 
soit mort, hisse la volle, qui suivant la conversation, indique que le 
mari est vivant. Mais an ne comprend ni pourquoi la femme a donne 
cet ordre, ni comment Finn a Videe de lui desoheir. Dans celle de 
Dottin, il n'est pas question de voiles. La ruse y parait saus une 
forme un peu differente. Le mari a prevenu Finn: Quand vous 
atteindrez le port, ma femme sera lä devant vous, et il n'y aura per- 
sonne ä sortir du vaisseau ä qui eile ne demande oii est Seachrdn: 
que chacun lui dise qu'il va venir; quand eile saura que je suis mort, 
eile fera plonger le vaisseau et ce qu'il y a dedans. Die von Camp- 
bell herausgegebene Version war oder ist noch in Schottland vor- 
breitet; die übrigen Versionen sind irisch. Die Einwanderung 
der (ursprünglich irischen) Finn-Sagen in Schottland fällt haupt- 
sächlich in die Zeit des 8. bis 10. Jahrhunderts. Die eben er- 
wähnte Sage dürfte also in Schottland auch schon seit jener Zeit 
heimisch gewesen sein. 

Eine andere Erzählung, die vermutlich nicht aus Irland 
stammt, kommt aber der Tristan-Dichtung noch näher. Es ist 
eine der von J. Gregorson Campbell in einem anderen als dem 
obenerwähnten Werke gesammelten gaelischen Volkserzählungen. ^ 
Sie hat folgenden Inhalt: 

Einst sandte der König von Dänemark seinen Sohn mit sechs anderen 
Jünglingen an den schottischen Hof. Sie landeten in Caithness und wid- 
meten sich dem Jagdsport. Sie begaben sich nach Ross-shire und nahmen 
Aufenthalt in einem Hause beim Loch-Maree (einem der Küstenseen in 
Nordwestschottland). Eines Tages safs der Prinz allein an der Landstrafse. 
Da erblickte er ein von zwei Männern begleitetes Weib von so grofser 
Schönheit, wie er noch nie gesehen hatte. Er redete sie an, wurde aber 
dafür von dem einen ihrer Begleiter grob zurechtgewiesen. Er erklärte 
ihm, dafs er sich keine weiteren Beschimpfungen gefallen lassen werde, 
da das königliche Blut von Dänemark durch seine Adern rinne. Hierauf 
wurde der andere bescheidener und entschuldigte sein Benehmen mit der 
Bemerkung, dal's die Jungfrau auf Befehl ihres Vaters den Schleier ge- 
nommen habe und von dem Kloster in Isle Maree (so wird die kleine 
Insel des Loch-Maree heifsen) hergekommen sei, aber vor Einbruch der 
Nacht wieder zurück sein müsse. Der Prinz bittet, ihm den Namen der 
Jungfrau zu nennen, und erhält zur Antwort, sie sei Prinzessin Deorath, 

' Clan Traditions and Populär Tales of the Western Highlands and 
Islands, collected frotn oral sources 189.5 ( Waifs and Strays of Celtic Tra- 
dition; Argyllshire Series No. V). Unsere Erzählung befindet sich p. 74 — 79. 



Zum Tristan-Roman l!?;! 

die Tochter dos TTerrsichers von Ulster in Irland. Beim Abschied sas^te 
er ihr, er fürchte, es .«ei dies ihr letztes wie ihr erstes ZusammentreHen. 
Aber oft kam der Prinz wieder an denselben Ort und wartete daselbst 
tagelang, in der HoH'nung, die l'rinzessin wieder einmal zu sehen. Doch 
da sich diese HoHiiung nie erfüllte, liel's er sich zu dem Inselchen hin- 
übersetzen. Daselbst empfahl man ihm, von dem Wasser eines Brunnens 
zu trinken, das gegen alle Krankheiten gut sei, besonders aber Wahnsinn 
heile,' und in die Höhlung eines Baumes, der bei der Quelle stand, 
irgend etwas von Wert zu legen. Der Prinz ging bei dem Brunnen und 
Baume vorbei, ohne daran zu denken. Im Kloster wollte man ihm erst 
nicht gestatten, die Prinzessin zu sehen. Aber als er sagte, wer er war, 
und dafs er die Prinzessin zur Gattin haben wolle, erhielt er den Be- 
scheid, man werde die Entscheidung ihrem Willen überlassen. Er brachte 
den ganzen Tag bei ihr zu, und beim Abschied sagte sie [jedenfalls vom 
Prinzen zur Entscheidung gedrängt): 'Ich habe ein Bedenken in dieser 
Sache, nämlich dafs wir einander noch nicht kennen; und wenn Liel)e 
schnell entsteht, so mag sie auch ebenso schnell vergehen.' Da deutete 
der Prinz auf den Abendstern hin, der am südwestlichen Himmel schien, 
und sagte: 'So wahr jener Stern auf jenen Hügel scheint, so wahr liebe 
ich dich.' 'Ich habe noch ein 15edenken,' sagte sie. 'Deine Bedenken sind 
zahlreich,' bemerkte er. Ihr Bedenken war, dafs 'der rote Plector'^ von 
den Hügeln', wie man ihn nannte, weil er sich Tag und Nacht auf den 
Hügeln herumtrieb, ein gefährlicher Feind werden könnte, wenn er ihn 
treffen sollte. Befriedigt von dem Erfolg dieses Tages, setzte der Prinz 
wieder über den See. Auf dem Wege nach Hause schwirrte plötzlich ein 
Pfeil dicht vor seinem Gesicht vorbei; ein zweiter Pfeil trat seine Mütze. 
Der Prinz sah sich um und erblickte neben einem Felsen einen grolsen 
Mann. 'Wer bist du, der du aus mir eine Zielscheibe machst?' 'Hast du 
noch nie von dem roten Hector von den Hügeln gehört? Den hast du 
jetzt vor dir und sollst .seine Geschicklichkeit kennen lernen. Wir haben 
jetzt miteinander abzurechnen. Du tötest mich oder ich dich.' Sie griffen 
zu den Schwertern und fochten. Der Prinz wurde schwer verwundet; 
sein Feind machte sich davon. ^ Der Prinz suchte sich zu einem Bach 
zu schleppen, fiel aber in Ohnmacht, ehe er so weit kam. Am folgenden 
Morgen fanden ihn Leute, die von dem Inselcheu kamen, und trugen ihn 
dorthin zurück Wochenlang blieb er bewul'stlos. Die Prinzessin und 
seine Gefährten aus Dänemark pflegten ihn. Als er wieder sein Bewufst- 
eein erlangte, fühlte er .sich der Prinzessin für ihre treue Pflege sehr zu 
Dank verpflichtet und sprach oft davon, dafs er sie nach Dänemark mit- 
nehmen würde. Ehe er noch genesen war, kam ein Schiff aus Irland an, 
um die Jungfrau nach Irland abzuholen, da ihr Vater im Sterben liege. 
'Wirst du zurückkommen?' fragte der Prinz. Sie bejahte die Frace. 'Wirst 
du mich nicht vergessen unter deinen Landsleuten?' 'Nichts als der Tod 
kann meine Rückkehr verhindern.' Sie reiste ab, und längere Zeit ver- 
ging. Ab sie noch nicht zurückkehrte, sandte der ungeduldige Prinz [der 

' In der Vila Merlini, welche, wie ich in Ztschr. f. frx,. Spr. oO nach- 
gewiesen habe, auch in Schottland lokalisiert und verfafst wurde, wird 
ebenfalls eine Quelle (im nemus Caledonis) erwähnt, deren Wasser vom 
Wahnsinn heilte (v. 1150— (jS). 

* Wenn dies der griechische Name Hektor und nicht etwa ein gleich- 
oder ähulichlautender keltischer ist (was ich nicht entscheiden kann; doch 
vgl. Ilestor oder Hector des M'ires, Lancelots in Schottland geborenen 
Halbbruder, in den Arthur- Romanen), so mufs der Name hier ein späterer 
Einschub sein. 

^ Man versteht nicht, weshalb er den I'rinzen nicht tötete. Vielleicht 
hielt er ihn für tot? 



]r54 Zum Tristan-Roman 

offenbar selbst noch nicht gehen konnte] täglich Leute auf die Spitze 
des höchsten Hügels, um Ausschau zu halten. Endlich meldete man, dafs 
drei Schiffe, deren erstes die irische Königsflagge gehifst hatte, gesichtet 
wurden. Nun begab sich auch der Prinz, in Begleitung von anderen, auf 
die höchste Hügelspitze. Zu seiner Begleitung gehörte auch ein alter 
Mann. Denselben, der sich Dughall Mac Kenzie nannte, hatte der Prinz, 
kurz vor der Abfahrt der Prinzessin, auf der Strafse getroffen und auf 
dessen Bitten hin in seinen Dienst genommen. Auf dem Wege zur Hügel- 
spitze wollte der Alte den Prinzen mit der Erzählung eines Traumes auf- 
halten. 'Ich kümmere mich nicht um Träume,' sagte der Prinz. 'Aber 
ich träumte denselben Traum drei Nächte hintereinander; und der Traum 
war, dafs sie tot sei.' 'Wir wollen jetzt frohe Nachricht haben, und du 
gibst uns dafür kummervollen Bericht.' Da sagte der Alte: 'Ich werde 
zum Schiff [Einzahl!] gehen, und wenn ich dort bin und alles in Ord- 
nung finde, so sollst du ein rotes Signal sehen, und wenn Kummer dir 
beschieden ist, ein schwarzes.' Er ging und sah die Prinzessin auf dem 
Schiff. Sie erkannte den Diener des Prinzen wieder und erkundigte sich 
ob alles gut gehe. Der Alte bejahte es. 'Er wird begierig sein, eine Nach- 
richt zu erfahren,' meinte die Prinzessin. Der Alte überredete nun die 
Prinzessin gegen ihren Willen und gegen den Rat ihrer Begleiter, das 
Todessignal zu zeigen, indem er sagte: die Freude, sie nachher lebend zu 
sehen, würde ihren Geliebten für die Enttäuschung entschädigen. Als das 
Signal 'von denen am Ufer' gesehen wurde, sagte der Prinz, er könne 
nicht länger leben, zog seinen Dolch und gab sich den Tod. ' Als die 
Prinzessin ans Land kam, erzählte man ihr, dafs ihr Geliebter, in der 
Meinung, sie sei tot, sich das Leben genommen habe. Sie liefs sich dahin- 
führeu. wo der Leichnam lag. Da bemerkte sie, dafs ihr jemand folgte. 
Sie wandte sich um, sah den Alten und sprach: 'Elender Dughall, welch 
Übeln Rat gabst du mir!' 'Das ist nicht mein Name,' sagte er; 'ich bin 
der rote Hector von den Hügeln, und dies ist meine Rache.' Und er er- 
stach sie mit seinem Dolch. Dann verschwand er, und seither hörte und 
sah man nichts mehr von ihm in dem Lande. 

Es ist seltsam, dafs Alfred Nutt, der die Vorrede zu Camp- 
beils Sammlimg schrieb, und dem doch die Tristan -Dichtung, 
wenigstens der berühmte Schlulsteil, auch hätte bekannt sein 

' Die Überlieferung ist in dieser wichtigen Partie offenbar sehr ent- 
stellt", denn sie ist stellenweise geradezu widersinnig. Warum will der 
Prinz, als ihm die Nachricht von der Ankunft der Schiffe gebracht wurde, 
auf den höchsten Hügel klettern, und geht nicht an Stelle des Alten an 
den Strand ? Wenn sein Gesundheitszustand ihm jenes erlaubte, so hätte 
er doch auch dieses tun können. Und wie kann er an der Rückkehr der 
Prinzessin zweifeln, wenn ihm gemeldet wurde, dafs drei Schiffe, darunter 
das königliche Flaggeuschiff, gesichtet wurden? Blofs zur Meldung, dafs 
die Prinzessin nicht komme, wäre doch keine solche Flotte nötig gewesen. 
Sogar das Signal scheint nicht vom Prinzen selbst, sondern von semen 
Begleitern gesehen worden zu sein. Auch das Benehmen der Prinzessin, 
die gegen ihren eigenen Willen das Todessignal hissen läfst, scheint un- 
sinnig. Die ursprüngliche Fassung dürfte folgende gewesen sein: Der 
Prinz war noch nicht imstande, selbst auszugehen (auch dem Alten war 
er nicht auf der Strafse begegnet, sondern jener war zu ihm gekommen). 
Darum sandte er den Alten aus, ihm Nachricht zu geben. Mit der Prin- 
zessin hatte er verabredet, dafs ein rotes Segel (oder Signal) ihre Rück- 
kehr, ein schwarzes ihren Tod bedeuten solle. Der Alte sah nun ein rotes 
Segel oder Signal, meldete aber, dafs er ein schwarzes gesehen hätte. 
Mehr als ein Schiff war dann nicht nötig. 



Zum Tristan-Roman 135 

sollen, die auffallende Ähnlichkeit nicht bemerkte. Er nennt obige 
Erzählung einfach novel und a euriouit tale (p. XX), sonst nichts. 
Dieselbe ist offenbar ihrem ganzen Charakter nach kein Märchen, 
sondern eine Sage. Dabei ist zu bemerken, dal's das Gebiet, in 
welchem sie lokalisiert ist und von Campbell aufgezeichnet wurde, 
das schottische Hochland, dasjenige ist, aus welchem nach Aus- 
weis der Namen des Helden und seines Vaters die Tristan-Sage 
zu stammen scheint. Eine Vergleichung der beiden Sagen will 
ich hier nicht vornehmen, da ilieselbe auf eine breitere I>asis 
gestellt werden mufs, als hier möglich ist. Nur was die Farben 
der Signale betrifft, so mag gleich hier bemerkt werden, dafs die- 
jenigen der gaelischen Erzählung ursj)rünglich zu sein scheinen. 
Schwarz galt allgemein als die Farbe der Trauer, des Unglücks. 
Nur in dem obenerwähnten Grimmscheu Märchen ist Schwarz 
durch Rot ersetzt. Rot ist daselbst als Farbe des Blutes die Todes- 
farbe, palst aber offenbar nur für den Tod, bei dem Blut ver- 
gossen wird. Die Brüder Grimm wiesen bereits auf eine Stelle 
in Wirnts Wigalois hin: man band dem Helden Wigalois einen 
roten Sammetstreifen an seine Lanze; 'das bezeichnet, dal's er an 
diesem Tage in den Tod reiten solltet Sonst aber symbolisiert 
Rot als die intensivste, leuchtendste Farbe zweifellos Glück und 
Freude, und dies ist auch noch der Fall in dem obenerwähnten 
schweizerischen Märchen, in der ältesten Fassung der Theseus- 
Sage und in der gaelischen Erzählung.' Weifs symbolisiert sonst 
Reinheit und Unschuld, und es führte wahrscheinlich nur die 
Überlegung, dafs Schwarz und Rot optisch keine so vollständige 
Gegensätze sind wie Schwarz und Weil's, zu der Verwendung 
von Weil's als Glücksfarbe. ^ Wie leicht übrigens die Farben 
wechselten, zeigt der Vergleich des schweizerischen und des deut- 
schen Märchens und der beiden Varianten der Theseus-Sage. Im 
isländischen Tristmms kvcedi steht an Stelle von Weils als Glücks- 

• Auch in dem obenerwähnten litauischen Märchen wird ein rotes 
Siegel Glück, ein schwarzes Unglück bedeutet haben. In dem Märchen 
Nr. liO der Brüder Grimm (Zwillingsbrüdertypus, Drachenepisode) kommt 
einer der Zwillingsbrüder in eine ^tadt, wo eiue Prinzessin einem Drachen 
ausgeliefert werden sollte; später gelangt er nochmals dahin, als die Prin- 
zessin mit dem vermeintlichen Drachentöter Hochzeit feiert. Das erste- 
mal war die 8tadt schwarz, das zweitemal rot behängt (ebenso in einer 
literarischen Fassung bei Schleicher p. 1— (i). 'Darum war die Stadt da- 
mals mit schwarzem Flor zur Trauer und ist heute mit rotem Scharlach 
zur Freude ausgehängt.' In den Anmerkungen zu einem anderen Märchen 
(Nr. 2'.t) wird ein Aberglaube au« Pelgien von der Glückshaut, nach deren 
roter (oder bleicher) und schwärzlicher Farbe man auf das zukünftige 
Glück schliefse (die Quelle, Del Rio, ist mir nicht zugänglich), erwähnt. 

* Im athenischen Areopag bekundeten weifse Stimmsteine die Rein- 
heit oder Unschuld des Angeklagten, h-chwurze die Schuld; für den An- 
geklagten aber bedeuteten diese Unglück oder Tod, jene Glück; so kann 
Bich die Verwendung von Weifu als Glücksfarbe auch erklären. 



l.'.l) Zum Tristan-Roman 

färbe sogar Blau (vgl. Golther, Tristan und Isolde p. 187); schou 
die Tristramssaga hat Dämlich Weifs und Blau für Weils. 

Es scheint mir zweifellos, dafs die gaelische Sage auch in 
anderen, wichtigeren Punkten ursprünglicher ist als die Tristan- 
Dichtung und schon deshalb (ganz abgesehen von anderen Grün- 
den) nicht als ein Derivat der letzteren, wenigstens ihrer fran- 
zösischen Version, aufgefaCst werden kann. Die gaelische Er- 
zählung ist noch eine echte Volkssage, und sollte sie etwa durch 
ein älteres, vorfranzösisches Stadium der Tristan-Dichtung be- 
einflufst worden sein, so müfste eben dieses letztere auch noch 
Volksdichtung gewesen sein und könnte als solche auch nur in 
der Volkstradition seine Wurzeln haben. Die Erzählung von 
Tristans Tod wurzelt also unter allen Umständen in der Volks- 
tradition, die jedenfalls älter war als die Tristan-Sage selbst. Die 
Frage, wie die Tristan-Dichtung und die griechischen Sagen von 
Theseus und eventuell von Oinone verwandt sind, scheidet somit 
eigentlich aus der Tristan-Forschung aus. Die Frage, wie die 
Volkssagen Schottlands und Griechenlands zusammenhängen, ist 
ein Problem für sich. Ich glaube kaum, dafs man da noch 
länger an den Einfluls der immerhin seltenen griechischen Studien 
bei den Kelten oder an den des Scholiasten Servius denken darf. 
In meiner gröfseren Arbeit werde ich die Übereinstimmung der 
Tristan-Dichtung mit der gaelischen Sage noch von einem anderen 
Standpunkt aus beleuchten. ' 

Davos-Platz (Schweiz). E. Brugger. 



' Korrekturnote. Die Segelfarben in der Fiun-Sage sind bei Lar- 
minie: graugrün (Glück) — rot (Unglück), bei Curtin: weil's — schwarz. 



La Chronologie du sejoiir de Voltaire en 
Angleterre et les Lei f res i)htlosoi)luqiies. 



Los voyageurs, ecrit Voltaire ä Bubb Dodingtou en lui re- 
coiumaudaiit son aiiii Thieriot, jugent d'un pays d'apres les 
hommes qu'ils ont vus.' Kt, bien qu'une fjatterie adroite pre- 
teiule surtout faire tourner cette niaxime en compliment ('par 
la liaute estiine que je professe pour la nation aiiglaise, il est 
facile de s'apercevoir que j'ai eu rhoiineur de jouir de la con- 
versation de M. Dodingtou'), ou peut en croire l'auteur des 
Lettres angfaises: en depit de toutes les sources livresques dont 
il saura tirer profit, Texperience directe d'un certain nombre de 
choses britanniques est venue s'inscrire dans cette relation, re- 
digee cependant plusieurs annees apres un long sejour outre 
Manche. Mieux encore: quelques-unes des Icctures meines de 
Voltaire ont trouve, dans une occasion vivante, une rencontre, 
un contact, une circonstance definie, leur point de depart le 
plus efficace. On est loin, par nialheur, de pouvoir determiner 
dans le detail ces 'experiences' anglaises de l'attentif voyageur: 
il y laudrait le mysterieux carnet qui faisait partie des Asli- 
burnham MSS, et qui, examine jadis par Churton Collins,' n'a 
pu etre remis ä la (lisj)osition de M. Lanson.^ II y faudrait au 
moins le promier etat des lettres envoyees vraiseniblablement, 
sur plus d'un sujet, par Voltaire ä Thieriot:^ on pourrait evaluer 
ainsi ce qui a passe, de ces impressions immediatcs, dans 1 ecrit 
polemique elabore en 1732. 

A defaut de tels documents, dans quelle mesure peut-on 
rapporter, ä des instants precis du sejour, ä telles particularites 
(.oncernant des hommes ou des choses, les apergus et les no- 
tations dont les Lettres garderont la trace — non saus l'appro- 
i'ondir on lattenuer? 



' Churton Collins, Voltaire, Montesquieu and Rousseau in England, 
London l'J08, p. öö. 

- CJ. Lanson, Introduction aux 'Lettres philosophiques', p. XLVI de 
r^dilion fle la Socicle des Textes franfai.s modernes. C'est J\ ceite Edition 
que nous renvoyons le lecteur. Les dates, pour l'Angleterre, sont celles 
de l'ancien calendrier. 

' La lettre du 2-1 juillet 17.'{'i contient une all^gation qui est une ruse 
de guerre, niairt ne saurait 6tre n^glig^e: ',.. Ces Lettres vous ont 6{^ 
('^orite«, pour la plupart, en 1728.' Durant son sejour, Voltaire se piaint 
(L'l avril 172^) du silence de Tliieriot pendant dix niois: cela veut-ii dire 
que son ami ne lui a pas accu.sö röception :1 «on jirt'- de lettre« qui etaient 
de siniples relatiouH, des rapports? II s'inquii^terait d'avantage et in- 
histcrait bi des atiaires personnclles <5taient en jeu et en cause. 



138 I^a Chronologie du s^jour de Voltaire en Angleterre 

I. 

Les toutes premieres decouvertes que Voltaire a pu faire, 
dans T'ile inconnue' qui lui offrait un abri, ont-elles coincide 
avec ces Rotations enthousiastes, si fraiches et si alertes, re- 
digees (sans doute vers le milieu de 1728) dans 'le projet de 
Lettre ä iW**^ qui aurait pu servir de debut a un Tahleau 
pittoresque de V Angleterre'? '... C'etait dans le milieu du prin- 
temps; le ciel etait sans nuages, comme dans les plus beaux 
jours du midi de la France ... Je m'arretai pres de Greenwich 
sur les bords de la Tamise ...' Mais il est visible que la suite 
de cette relation synthetise et 'stylise' des observations qui furent 
reparties, en realite, sur un plus long espace de temps. Ni sa 
connaissance pratique de l'anglais parle, ni les dispositions de 
ce voyageur qui, ä peine arrive une premiere fois, retournera 
en France pour tacher d'y joiiidre son insulteur, le Chevalier 
de Rohan-Chabot, ne rendaient possibles les multiples experiences 
rassemblees ici en tres peu d'heures. Voltaire n'a pas observe 
tant de choses avant son faux depart. 

Le voici de retour ä la fin de juillet ou au commencement 
du mois d'aout 1726. Son ami ßolingbroke n'est pas ä Londres, 
et lui-meme ne fait guere que traverser, ä ce moment, la grande 
ville: il s'installe dans les envirous, au Sud-Ouest, ä Wands- 
worth, chez Falkener, 'citoyen de Londres que j'avais vu une 
seule fois ä Paris, et qui me conduisit ä sa maison de campagne 
oü je menai des lors une existence obscure et charmante, sans 
aller ä Londres, et tout aux plaisirs de l'indolence et de l'amitie.' 
Indolence voltairienne, bien entendu, c'est-ä-dire fort active; 
amitie moins sentimentale qu'intellectuelle: mais la lettre ä 
Thieriot dit vrai, et il dut y avoir la quelques semaines d'ete, 
et bientot d'automne, oü Voltaire put se niettre sans trop de 
fievre au courant de diverses particularites de l'Angleterre. Falkener 
etait gargon et ne devait se marier, selon le Dictionary of 
National Biograpliy, qu'en 1747; il etait sans doute trop affaire 
de correspondances commerciales, en sa qualite de gros negociant, 
pour ne pas se rendre souvent ä Londres, dans le milieu du 
jour. La 'profonde solitude' dont pourra parier Voltaire se 
congoit assez, dans ce menage de gargon oü l'amphitryon est 
loin d'etre toujours present: notre Frangais s'accommode de ces 
circonstances pour faire de l'anglais ä force. II prend des legons 
d'un instituteur du voisinage, J. Kuweidt* sans doute, dont 
l'ecole est toute proche. Une de ses lectures favorites semble 
etre le Spectator;'^ ses Lettres offriront quelques traces de cette 

' D'apr^s le t^moignage cito par Lanson, 1. 1, p. 20. 

' Qu'il avait lu auparavant dans la traduction franjaise, sans comprendre 
le Buccis qu'avait trouve en Angleterre un ouvrage dont il ne percevait 
pas encore l'originalitö. La lecture de roriginal le rend plus öquitable. 



et les Lettres philosophiques i;^9 

familiarite avec Toeuvre d'Acldison et de Steelc: c'est ainsi que 
la fameuse epitre Orientale d'Addison, ä la date du 27 avril 
1711, Celle du 8 niars 1711 sur la Bourse de Londres, ont 
laisse des traces dans l'esiirit de Voltaire. Les poesies de Pope, 
V Essay on Criticism et le Rape of the Lock, le ravissent. Peut- 
etre se risque-t-il meme des ce moment ä pousser une premiere 
reconnaissance vers Shakespeare. Jules Cesar peut l'avoir in- 
cite, alors, ä une traduction et ä l'imitation de Brutus, et il 
semble s'etre risque dans Ham/et: ses lettres a Tliieriot et ä 
M"^ Bessieres le 15 octobre, ä la piesideute de Bernieres le 16, 
ne laissent pas d'offrir une legere teinte de melancolie que les 
circonstauces justiüent, que la pratique du fameux monologue 
contribue peut-etre ä determiner (*... ce passage si court et si 
difticile qu'on appelle la vie'). Mais, une fois que le quakerisme 
l'a interesse, et qu'Kdward Higginson^ eleve-adjoint de J. Kuweidt, 
a renseigne ses premieres curiosites, il s'appliquc a traduire en 
anglais l'epitre latine de R. Barclay ä Charles II, jointe au traite 
Theoloqiae vere christianae Apologia: exercice de thenie, plus 
malaise que les versions ordinaires, et qui oblige Voltaire, en 
particulier, ä se servir de la deuxierae personne du singulier, 
moins commode en anglais que le pluriel de politesse! 

Cette forme bizarre du sentiment religieux, le quakerisme, 
semble rester au premier plan de ses observations durant son 
sejour de Wandsworth — , ce qui est assez naturel pour quclqu'un 
qui, en France, s'etait interesse aux singularites du jansenisme 
degenere: c'est par les 'enthousiastes', qu'il presentera si drole- 
ment dans ses Lettres, que 'la uation de philosophes' renferme, 
malgre tout, sa dose speciale de folie, ainsi qu'il l'ecrit ä Thieriot 
le 15 octobre. De toutes les choscs qui se revelent ä lui, c'est 
peut-etre en eft'et, la plus inattendue. 

Avant l'hiver, Voltaire transporte ses quartiers ä Londres. 
Lord Bolingbroke, absent de la capitale ä son arrivee en Angle- 
terre, mais qui avait insiste dejä, ä plusieurs reprises, pour 
faire accepter ä son ami de France l'hospitalite de sa raaison, 
le regoit ä present dans Pall Mall. L'enquete religieuse, parti- 
culierement interessante pour l'auteui- de la Ilenriade, se con- 
tinue Sans doute. Du moins savons-nous que la question du 
bapteme tracassait encore l'anii d'F. Higginson apres son depart 
de Wandsworth. II est vraisemblable que ses visites aux eglises 
et aux reunions, son interview d'Andre Pitt, le quaker venerable, 
a Hampstead, se placent au debut de son installation ä Londres 
meme: sa connaissance de l'anglais parle est asse/ avancee pour 
que de telles enquetes puissent etre fructueuses. 'Lorsque j'etais 
dans la ville de r)enares sur le rivage du (jange, ecrira-t-il 
plus tard dans Bahnhec et les fakirs, je tächai de m'instruire. 
j'entendais passai)lement l'indien; j'ecoutais beaucoup, et re- 



140 La Chronologie du Bdjour de Voltaire en Angleterre 

nuuquais tout . . .' C'est lä, au commencement de son sejour 
en pleine capitale anglaise, une sorte de contact qiie cet homme 
de iettres fraiif^ais prend avec quelques-unes des singularites les 
plus caracteristiques de la Grande -Bretagne, l'individualisme 
religieux et ses modalites presque infinies, Rien d'etonnant si 
les Lettres fönt ä ces choses la premiere place, qui est aussi 
Celle de la Chronologie. 

II. 

IVTais il va de soi que des curiosites plus variees le sollici- 
taient, et que des rencontres fort diverses les faisaient naitre 
dans son esprit. Sans compter Bolin gbroke lui-meme et ses 
amis aristocrates, curieux de politique et de philosophie, quel 
amüsant kaleidoscoi)e ne s'offrait pas ä ces yeux aigus, d'autant 
plus disposes ä regarJer autour d'eux qu'il s'agissait, pour le 
demi-proscrit, de faire piece aux choses de France! Son pre- 
mier amphitryon, le negociant Falkener, est le propre beau- 
frere d'un les plus gros bonnets de la Cite, P. Delme, alderman 
de Langborne Ward, qui avait ete lord-maire en 1723 — 24: 
truchement excellent et porte-paroles autorise, dans son 'office' 
de Fenchurch Street, de l'importance des arts mercantiles et 
de la grosse fortune intelligemment geree. 

La vie mondaine ajoute, ä ces occasions de voir et d'ap-, 
prendre, quelques nouveaux objets d'observation. Et il est 
probable que c'est dans la griserie de cette Initiation multiple 
que Voltaire songe a mettre veritablement en forme toutes les 
remarques au jour le jour que peut susciter ce genre de vie 
si souple et si divers. Voltaire est bien, ä ce moment-lä et 
dans la joie de la premiere decouverte, *un particulier qui aurait 
assez de loisir et d'opiniatrete pour apprendre ä parier la langue 
anglaise, qui converserait librement avec les whigs et les tories, 
qui dinerait avec un eveque et qui souperait avec un quaker, 
irait le samedi ä la synagogue et le dimanche ä Saint-Paul, 
entendrait un sermon le matin et assisterait l'apres-diner ä la 
comedie, qui passerait de la cour ä la bourge, et par-dessus 
tout cela ne se rebuterait point de la froideur, de l'air de- 
daigneux et de glace que les dames anglaises mettent dans les 
commencements du commerce, et dont quelques-unes ne se de- 
font jamais . . .' 

Notre explorateur est bien en seile, et il n'a guere, pour 
l'instant, qu'ä se laisser porter par les circonstances. Les mar- 
chands de la Cite, ces negociants qui 'enrichissent leur pays, 
donnent de leur cabinet des ordres ä Surate et au Caire, et con- 
tribuent au bonheur du monde', lui semblent avoir quelque 
raison de se comparer aux citoyens romains: il les a vus dans 
leur gloire et dans leur activite, il leur a entendu exposer 



et les Lettres philosophiques 141 

l)liilosopbiquemeiit la theorie du luxe, teile qua la fable des 
Abeilles de Maiideville l'avait mise eii honiieur, teile qu'il 
hl reprendra daus son Mondain.^ La politique d'oppositiou qui 
se concerte et s'organise cliez Holiiigbroke lui fait niieux com- 
jjieudre, sinou l'essenee de la traditiou politique anglaise, du 
moins rappareut equilibre des pouvoirs en Angleterre, ce qu'il 
appelle 'ce gouvernement sage, oü le prinee tout puissant pour 
faire du bien, a les mains liees pour faire le mal, oü les seigneurs 
sont grands saus iiisolence et sans vassaux, et oü le peuple 
partage le gouvernement sans confusion ...' I.e Dr. Samuel 
Clarke, disciple de Newton, l'entraine en des conversations meta- 
pbysiques plus audacieuses, au debut, quo lui-meme nc le sou- 
baiterait: 'Clarke sautait daus l'abime, et j'osai l'y suivre.' Et 
les dogmes deistes de Bolingbroke, quelque peu transposes ])ar 
son ami, trouvaient un ecbo sympathi(|ue dans la pensee d'un 
homme bien decide ä appliquer sa raison ä toutes les reve- 
lations. 

Le tbeätre a certainemenl. des ce moment, sa graude place 
dans les experiences de Voltaii-e, Recommande ä CoUey Cibber, 
grand iournisseur et co-directeur de Drury Lane, - il pouvait 
profiLer de son ])atronage pour frequenter les salles de spectacle 
sans s'iii:poser des depenses trop onereuses.^ L'biver 1726 — 1727 
lui permit de voir, ä Drury Lane et ä Lincoln's Inn Fields, 
plusieurs pieces de Shakespeare, le Caton d'Addison, VAndro- 
maque de Racine. UEssai sur la poesie epique garde une 
trace, plus expresse que les Lettres ■pliüosophiques, de ces 
soirees. 'Je n'ai jamais vu ä Londres la salle de la comedie 
aussi remplie ä VAndroviaque de j\l. Racine, toute bien traduite 
qu'elle est par M. Philipps, ou au Caton de M. Addison, qu'aux 
anciennes pieces de Shakespeare. Ces pieces sont des monstres 
en tragedie. 11 y eu a (j^ui durent plusieurs annees, ou y baptise 
au premier acte le beros qui meurt de vieillosse au cinqnieme; 
on y voit des sorcieres, des paysans, des ivrognes, des bouffons, 
des lossoyeurs qui creusent une fosse, et (jui chantent des airs 
a boire eu jouant avec des tetes de mort ... Des que j'eus 
une plus grande connaissance de la langue, je m'apergus que 
les Anglais avaient raison ...' Parnii ces prises de contact 
directes, Jules Cesar (joue sur ks deux scenes iondoniennes) 

• Cf. r^dition critique du Motidain par .M. Morize: L'Apoluyie du luxe 
au XVlll sücle. Paris 1909, p. 72. 

- Voltaire rapport ä 1726 ces preiiiier.s entretiens {Elements de la 
pliilosojiliie de Newton, chap. I). 

' L'hetwood'H Uistory of the Staye, p. 4(i, citee par Churton Collin», 
p. 22 et par Ballautyiie, p. -18. Chetwood, bouftleur ä Drury Lane, four- 
iiissait ä Voltaire le livret des pieces, qu'il eniportait ä son fanteiiil 
d'orcheslre accoutume. 'Quatre ou cinq moia' de ce regime avanceieiit 
admirablenient ses connaisBances en anglais. 



142 La Chronologie du s^jour de Voltaire en Angleterre 

aura naturellement l'avantage. Detail curieux: Romeo et Juliette, 
piece qui ne figure pas au repertoire cette annee-lä, semblera 
plus tard ignoree de Voltaire:^ comme si ses lectures suppleaient 
mal ä une perception immediate qui, pour cette piece en parti- 
culier, lui fit deiaut. 

II va de soi qu'un repertoire de moindre envergure venait 
s'ajouter ä ces pieces classees, sinon classiques. La liste donnee, 
par M. Lanson, dans les notes de la lettre XVIII, est completee 
par le commentaire de la lettre XIX: la Provoked Wife de 
Vanbrugh, le Careless Hushand de CoUey Cibber, le Don Juan 
de Shadwell, peut-etre le Piain Dealer et la Country Wife de 
CoDgreve ont ete joues sur les scenes londoniennes du temps 
oü Voltaire pouvait 'voir la comedie tous les jours'. Ce dernier 
poete, valetudinaire et dedaigneux d'une reputation uniquement 
litteraire, trainant dans les infirmites sa vieillesse preinaturee, 
re^ut Sans doute sa visite dans son logis de Surrey 8treet. 

La rencontre personnelle de Pope s'est fait attendre, on le 
sait, un peu plus longtemps qu'on ne serait tente de le supposer. 
Voltaire, ä Wandsworth, pratique l'oeuvre de cet emule bri- 
tannique dont il etait lui-meme connu depuis 1724, et avec qu'il 
avait correspondu. Mais l'auteur de VEssai sur la critique a 
ete victime d'un accident de voiture en septembre 1726, et ce 
n'est que le 16 novembre, une fois installe chez Bolingbroke, 
que Voltaire a entendu parier de ce fächeux fait-divers et qu'il 
envoie ses condoleances, comme 'd'un eleve ä son maitre'. II 
est difficile de dire ä quel moraent il lui a rendu visite pour 
la premiere fois, la correspondance du poete anglais etant muette 
sur ce point. Les temoignages peu sürs qui nous ont ete 
transmis de divers cotes donneraient ä penser qu'apres une 
premiere tentative manquee, faute de pouvoir converser d'une 
maniere süffisante, Voltaire remit ä des temps meilleurs un 
entretien dont il s'etait promis plus de plaisir et de profit.^ 
Chose curieuse: ce n'est pas, dirait-on, au petit jardiu du poete 
ä Twickenham que s'associe, dans les reminiscences de Voltaire, 
l'image de Pope, alors qu'il y avait lä un cadre assez bien fait 
pour frapper le jeune homme de lettres ... 

Ciell avec quel transport j'ai visite ce lieu 

Dont Mindipe est le niaitre, et dont Pope est le dieu! 

Le plus humble r^duit avait pour moi des charmes ... 

Voici le bois secret, voici l'obscure all^e 

Oü s'^chauffait sa verve, en beaux vers exhal^e.' 

' Lettre de Patu ä Oarrick sur sa visite aux Deltces, Genfeve, l*^' nov. 
1755 (dans les Lettres de M™*^ de Graffigny, öd. Asse. Paris 1879, p. 249). 
Patu fait ä son böte une lecture de la pifece, ou peut-etre une analyse, 
avec la citation des morceaux essentiels: et Voltaire semble enchantö du 
dönouement, qu'on dirait qu'il ne connait pas. 

^ Churton Collins, p. 20. ^ Delille, Les Jardins, chant III. 



et lea Lettres philosophiques 143 

C'est bien plutot l'absolue incapacite oü se trouvait Pope 
de dire un mot de fraiiQais qui reste liea' au souvenir d'uu 
auteur que Voltaire, du reste, n'a pas cesse de louer. Et, sans 
doute, est-ce surtout chcz ses nobles amis que Voltaire a pu 
voir et frequenter le f'utur auteur de VEssai sur l'homme. 

A cet egard encore, c'est l'aunee 1727 qui Importe. Voltaire 
est presente ä la cour vers la fiu de janvier et 'regu tres 
gracieusement par le roi' au temoignage du Daily Journal du 
27 de ce mois, La recommandatiou du niinistre frauQais Morville 
lui a valu d'etre accueilli par les milieux officiels, aussi bien 
qu'il l'etait par les chefs de l'oppositioii. II peut juger par lui- 
raeme de cette liberalite bospitaliere, de cette cordialite poui- 
les gens de lettres qu'il louera si souvent cliez les grands 
seigneurs anglais. 11 peut converser ä son aise, et sur un terrain 
neutre, avec ses conlreres d'Angleterre. La visite ä domicile, 
en somme, n'est pas toujours une demarche bien plaisante: 
temoin la legere mesaventure qui lui arrive cbez Congreve, tres 
froisse qu'on aille le voir en qualite d'auteur et qu'on ne le 
prenne pas pour 'un gentilhomuie qui vivait tres uniment'. 

Chez Bolingbroke dans sa maison de ville, et plus encore 
dans sa resideuce de Dawley en Middlesex; chez Robert Walpole, 
indifferent ä la litterature, mais alors premier ministre; chez 
Temple, premier vicomte Palmerston, Fun des meilleurs partisans 
de Walpole; chez lord Peterborough dans sa delicieuse maison 
des champs de Parson's Green, oü se pressent les gens d'esprit 
les plus qualifies; chez Pulteney, comte de Bath, l'un des co- 
fondateurs du Craftsman; chez Chesterfield, avant son depart 
pour l'ambassade de La llaye le 23 avril 1728; chez J. Hervey, 
avant son voyage en Italic de l'annee 1728; chez Bubb Dodington 
ä Easthury dans le Dorsetshire, oü ce Mecene du parti whig, 
ancien envoye extraordinaire en Espagne et lord du tresor, fait 
grand accueil aux homnies de lettres qui ne sont pas trop 
attaches au clan oppose; chez la ducliesse de Marlborough ä 
Blenheim, oü il peut s'informer de nombre de points historiques 
coucernant Charles XII; chez Henry Fox, jeune prodigue qui 
gaspillait alors la plus grande partie de sa fortune; chez la 
duchesse de Queensberry, la belle et joyeuse protectrice du 
poete Gay, on apergoit la mince Silhouette et le tin sourire de 
l'homme de lettres frangais. 

Voltaire ne neglige pas, assurenient, de profiter de ces belies 
relations ä d'autres egards encore. Et sans doute son ingenieuse 
et souple flatterie, les compliments imprevus et les propos 
agreables et galants qu'il sait adresser aux helles Anglaises peu 



• Cf. sa lettre (6d. Moland, tome XLV, p. 4121, et la XXIb Lettre 
philoaophique. 



144 La Chronologie du B^jour de Voltaire en Angleterre 

accoutumees ä ce genre cFattentions masculines, lui valent-elles 
quelques succes d'uu autre genre: il dira plus tard ä Sherlock, 
par un jeu de mots gaillard, que la 'cliair' anglaise (son visiteur 
voulait dire la chere) lui avait paru 'tres t'raiche et tres blanche'. 
Mais il a le goüt de l'intellectualite trop cheville au corps pour 
ne pas tourner au profit de son emulation litteraire les heureux 
hasards de lu moudanite. 'II aimait immenseinent Gay', qui 
lui montra son Opera des (rueux avant qu'elle füt representee: ' 
donc avant la premiere ä Lincoln's Inn Fields, le 29 janvier 
1728. II rencontre Thomson, le prochain auteur des Saisons, 
Sans doute chez Dodington: 'je decouvris en lui, ecrira-t-il en 
1750, un grand genie et beaucoup de simplicite; j'aimai en lui 
le poete et le vrai philosophe, c'est-ä-dire l'ami de l'humanite.' 
Young, de meme, lui apparait ä Eastbury: il n'est pas encorc 
le poete des Nuits, mais un brillant causeur qui l'emporte souvent 
sur Voltaire dans les joutes de la conversation, et un poete 
habile ä se concilier de puissants patronages. C'est lui qui se 
prete le mieux, ä ce qu'il semble, aux interrogations de Voltaire 
en fait d'ancienne litterature anglaise. Mieux que la fameuse 
anecdote qui les met aux prises au sujet des personnifications 
du Paradis perdu, la mediocre Seapiece d'Young est signi- 
ficative a cet egard, et aussi la lettre d'Young ä Tickeil, oü 
Voltaire est depeint comme 'un homme de bonne educatiou 
ayant beaucoup de vivacite et d'application, et possedant un 
savoir etendu qui ne se borne pas ä la poesie'.^ 

Ce 'savoir etendu', le printeiups et l'ete de 1727 ont extreme- 
ment contribue a l'affermir et ä le preciser. Et c'est surtout 
la relativite du goüt, le 'genie ditferent des nations qui cultivent 
les arts', que notre jeune ecrivain apprend a comprendre. II 
se piquera, au chapitre IX de son Essai sur la poe'sie epique, 
d'avoir travaille la biographie de Milton et 'recherche avec soin 
en Angleterre tout ce qui regarde ce grand homme, decouvert 
des circonstances de sa vie que le public ignore': en tout cas, 
ce qui est mieux encore, il a su percevoir la uotion des differents 
goüts des peuples, comme il intitule le premier chapitre de 
VEssai. Ses habitudes litteraires se cabrent encore devant les 
etrangetes et les incoherences, raais il sait du moins que ces 
bizarreries elles-memes ne paraissent point telles aux hommes 
d'une autre latitude. Camoens, qu'ü ignore ä son arrivee en 
Angleterre, lui est revele par un ancien combattant des guerres 
d'Espagne, le colonel Martin Bladen;^ et il lit la Lusiade dans 
la traduction anglaise de Fanshawe. L'Espagnol Alouzo d'Ercilla, 



• Broome dans Notes and Queries, l'^ s^rie, t. X, p. 403. 

^ W. Thomas, Le poete Edward Young, p. 115. 

3 Warton d'aprfes ßallantyne, Voltaire's Visit ..., p. 121. 



i 



et les Lettres philosophiqued 145 

qui occupe le huitieme chapitrc de VEssai, est sans doute iine 
autre de ces revelations iiicidentes qu'il doit au hasard des con- 
versatiüus: la peuinsule hiberique a toujours tenu, dans l'Mtten- 
tion des Anglais, un rung que la France n'accoida qu'episodique- 
nient ä sa voisine trall^pyl•enee^ne. II faut noter enün que 
c'est ä son sejour d'Angleterre que se rapporte un iletail bil)liü- 
graphique iniportant: l'acquisition d'uu exomplaire du Coran 
dans la traduction Säle.' Peut-etre Falkener, orientaliste ania- 
teur, est-il ici en cause. 

Celle de toutes ces rencontres qui a du faire le plus d'iin- 
pression sur Voltaire fut, eu 1727, sa coincidence eu Angleterre 
avec Swiit. La pul)lication de Gulliver avait ete le grand evene- 
ment de Thiver: 'Le Rabelais de l'Angleterre, mais un Rabelais 
sans fatras', avait ete signale saus retard par Voltaire ä Tbieriot. 
Et le premier tome, au moins, de cette oeuvre originale lui 
paraissait appeler une traduction frangaise: 'ce livre serait amü- 
sant par lui-nieme, par les imaginations singulieres dout il est 
plein, par la legerete de son style, etc., quand il ne serait pas 
d'ailleurs la satire du genre bumain ...' II ne devait guere 
tarder, lorsqu'il ecrivait cela eu levrier, a se trouver lace ä face 
avec le grand pessimiste: le doyen de Saint-Patrick, qui des 
l'annee precedente avait repris le contact avec ses amis de 
Londres, revient en Angleterre en avril 1727. La fin de ce 
sejour-ci, en aoüt et septembre, va etre assombrie par les mau- 
vaises nouvelles que Swift regoit de la saute de son amie sccrete 
Stella; de plus, ä partir du 10 juin, la grande aflaire, pour 
toute ce groupe, est de savoir si la mort soudaine de George I" 
ramenera les tories au pouvoir. 

Ces conditions particulieres n'empecbent pas Voltaire d'avoir 
ressenti l'amer prestige du grand buinoriste et ce ridiculum 
acre qu'il lui reconnaissait ä quarante ans de lä: on peut Ten 
croire, lorsqu'il proclame 'l'bonneur inestimable d'etre de ses 
amis', ä propos du voyage en France que projette l'auteur de 
Gulliver et des commodites que Voltaire s'ingenie ä lui pro- 
curer. II se vantera aussi, vis-ä-vis d'uu Anglais,^ d'avoir passe 
trois mois avec lui cbez Lord Peterborough: sans doute s'agit- 
il de l'bospitalite de Parsons Green, oü Swift apparait assez 
souvent, et serait-ce lä que Voltaire aurait passe une partie de 
l'ete de 1727. Merveilleuse occasion, en tout cas, pour l'esprit 
frangais et l'liumour britannique de s'affronter et de rivaliser 
ensemble: et puisque uon seulement la XXIP Lettre anglaise, 



' W. R. Price, Tke symbolism of Voltaire' a Novels. New York, 1911 , p. 41. 

■^ Le major W. Broome, le IG mars 17(i5 {Notes and Queries, vol. cito). 
En fait, Swift est siirtout Tbote de Pope ä Twickenham en inai et en 
juin, et de lord Oxford ä. Wimpole dauB le Cauibridgeshire en juillet. 

Archiv f. n. Sprachen^ CXXX. 10 



]46 La Chronologie du s^jour de Voltaire eu Augleterre 

mais Micromegas et la Relation de la Mnladie du Jesuite 
Berihier temoignent de l'influence de Swift, il n'est pas in- 
different de rappeler que, lä encore, la presence reelle avait 
facilite les voies ä l'intelligence des oeuvres. 11 faut noter d'ailleurs 
que, sous la plume de Voltaire, plusieurs malices des Lettres 
rappellent dejä le procede ordinaire de Swift: je veux dire la 
designation d'un office social, d'une fonction ou d'une charge 
par sa simple apparence exterieure; le christianisme consistant 
•ä jeter de l'eau froide sur la tete, avec un peu de sei', 'des 
nieurtriers vetus de rouge avec un bonnet haut de deux pieds, 
enrolant des citoyens en faisant du bruit avec deux petits 
biitons sur une peau d'äme bien tendue', sont assez dans le 
ton du rapport que fait Gulliver au gigantesque roi de 
Brombdiguac. 

C'est Swift enfin — mais ä l'insu de Voltaire, bien en- 
tendu — qui est le principal confident de ßolingbroke dans la 
singuliere affaire de delatiou ou d'indiscretion politique qui in- 
digne ses amis tories au printemps de 1727. 11 s'agit des 
Pamphlets anonymes dont le troisieme, en fevrier de cette annee, 
attaquait energiquement la personnalite et la politique de Wal- 
pole: Bolingbroke en etait l'auteur, et le premier ministre et 
ses amis souhaitaient vivement avoir des certitudes ä cet egard. 
Pope ayant confie ä Voltaire, sous le sceau du secret, que lui-- 
meme avait ecrit cette lettre, le credule Frangais aurait donne 
dans le panneau, et du meme coup demontre une duplicite que 
soupQOunaient ses amis tories: il avait acces ä la Cour, et des 
le lendemain, sur cette indication fallacieuse rapportee par Vol- 
taire, le monde officiel attribuait ä Pope, contre toute apparence, 
le mysterieux pamphlet. En mai, la demonstration semble faite 
du double jeu joue par un homme dont on se defiait depuis 
assez longtemps: le 18, ßolingbroke, ecrivant ä Swift, fait allusion 
ä une 'certaine personne' qui se laufile parmi les adversaires 
du ministre pour rapporter, ä defaut de propos authentiques, 
ses propres suppositions: *car personne ne cause avec abandon 
devant lui'. Swift reprend, presque dans les memes termes, en 
1727, cette denonciation voilee dans sa Letter to the writer of 
the Occasional PaperA Et Voltaire, de son cote, le 27 mai, 
mande mysterieusement ä Thieriot: 'Do not talk of the occasional 
writer.2 Do not say it is not of my lord Bolingbroke; do not 
say it is a wretched Performance: you cannot be judge neither 
of the man nor of this writing ...' D'ailleurs, comme on ne 
prenait pas tres au serieux, de toutes manieres, le spirituel et 

* Cf. Churton Collins, op. dt., p. 39 ; W. Sichel, Bolingbroke and his 
times. London 1902, t. II, p. 217, note 2. 

* L'ödition Moland commet un contre sens en traduisant l'ecrirain 
anonyme. 



et les Lettres philosophiques 147 

papillonnant et versatile Frangais, la Situation apparente de 
Voltaire ne parait pas avoir ete el)ranlee par cet episode secret 
de la lutte des partis. 

III. 

Mais toutes ces curiosites ä satisfaire, l'anglais a perfectiotuier, 
ces mille decouvertes incidentes ä poursuivre, — toute la menue 
monnaie plaisante d'un sejour a Tetranger ne va-t-elle pas 
distraire Voltaire de ce qiii etait robjectit" priucipal de soii 
voyage outn-Mauche, l'inipressiou de la Heuriade':! On sait 
que le desir de faire enfin uu sort digne de liii ;i son grand 
poenie etait, en 1726, au })remier rang de ses preoccupations, 
et l'oii a pu dire' que, meine saus sa mesaventure avec Rolian- 
Chabot, l'auteur de la Lic/ue aurait fait peut-etre le voyage 
d'Angleterro pour y publier ä son gre une oeuvre que le gou- 
vernenient, en France, ne voyait pas d'un bon (eil. Des le 
14 mai, saus doute par l'effet d'un 'communique' direct, le 
British Journal prevenait ses lecteurs que le poete frangais 
allait publier a Londres uiie grande edition de la Lii/ue, 'dont 
nous n'avons qu'un imparlait tirage'; d'autre part, nous l'avons 
vu, 'M. de Morville. niinistre des Affaires ctrangeres, uvait obtenu 
de l'ambassadeur d'Angleterre a Paris, II. Walpole, des lettres 
de recomniandation qui elargissaient, dans l'aristocratie bri- 
taunique, le cercle des souscripteurs recrutes par Voltaire. Mais 
ces travaux d'approches et de sape, qui occupaient l'actif bomnie 
de lettres au printemps, semblent suspendus au protit de l'ini- 
tiation anglaise du voyageur. On plutot, sou plan de cam- 
pagne, sans etre abandonne, a du changer de forme. Ses me- 
comptes tinanciers, en 1726—27, la faillite du banquier d'Acosta, 
la diminution de ses rentes et de ses pensions, outre les frais 
du sejour en pays etranger, l'auront empecbe de songer ä une 
publication de la Henriade qui ne düt pas etre entierement 
couverte par des souscriptions abondantes. Et c'est ä la reprise 
de ce projet, qui lui tient ä cceur, qu'il va s'employer desormais. 

II est meme possible que son inquietante docilite pour les 
gens en place, alors qu'il a ete surtout re^u par les cbefs de 
l'opposition, vienne de son grand desir d'aboutir bi'illamment: 
Bolingbrokc et Peterborougli souscriront chacun pour vingt 
exemplaires du fameux poeme epique; mais Walpole,^ des feviier 
1727, 's'emploie de son cote tout de son mieux pour täcber de 
lui en (de souscrivants) faire avoir le plus grand nombre qu'il 
sera possible': parmi les trois-cent quarante-quatre souscripteurs, 
le moude de la Cour sera represente ])ar bien des nonis illustres 

' L. Foulet, Le voyage de Voltnire en Anyleterre. Revue d'histoire litt, 
de la France, ]90(;, p. 9. 

- Churtoii CoUinH, op. cit., p. 275. 

lu- 



148 La Chronologie du s^jour de Voltaire en Angleterre 

que l'opposition n'aurait pas recrutes ä eile seule pour cet 
liabile lanceinent. 

Cependant, durant l'ete de 1727, les clioses n'avaient pas 
encore pris une tournure si favorable que le poete n'envisageät 
l'eventualite d'un iiouveau sejour en France, afin d'imprimer 
dans ce pnys soii fameux ouvrage: le permis de Maurepas, en 
date du 29 juillet, a trait ä ce projet, qui ne tarde pas ä etre 
al)«ndonne. Et Voltaire passe dans la retraite la fiu de l'ete 
1727, occupe ä disposer et ä pieparer le double ballon d'essai 
qui doit devancer, decidement, l'edition anglaise de la henriar/e. 
Point de lettres de cette epoque-Iä. ' Point de diversions, 
non plus, qui rarraclient ä sa täche: sans doute Falkener l'he- 
berge-t-il ä VVandsworth, loin des distractions et des iächeux. 
A la fin de l'aniiee, il met en vente, chez les libraires de Lon- 
dres, le petit volume imprime par Samuel Jallasson, Old Bailey: 
An Essay upon the civil wars of France ... And also upon 
tlie Epick Poetry of the European Kations, from Homer doion 
to Milton. II peut l'adresser, le 14 decembre, ä Swilt ä Dublin, 
et interesse du meine coup l'ile-soeur ä cette Heuriade, *qui 
est acbevee et qui, laute d'un peu d'aide, n'a pas encore paru'. 

Comme pour souligner ses intentions laborieuses, et pour 
se rendre moins faciles ces 'experiences' anglaises au-devant 
dt'squelles il courait un an plus tot, Voltaire renonce pour 
l'instant a l'hosp.talite de ses nobles ampbitryons. II habite a 
ce moment, non plus l'aristocratique l'ail Mall, mais le laborieux 
quartier de Covent Garden, ä l'enseigne de la White Pernke 
dans Maiden Lane, pres du Strand. II est ä deux pas du 
libraire James Woodman, qui a son magasin dans Rüssel Street: 
cet editeur-imprimeur, qui aura encore, en avril 1732, les 
plancbes des gravures de la Henriade, est occupe de la typo- 
graphie du poeme. Voltaire a aussi dans ses environs les plus 
immediats la taverne du Bedford Head, connue des gens de 
lettres, et oü la legende veut qu'il ait frequente. 

L'impression de l'ouvrage fioit par aller bon train; et si 
des 'cartons' avaient pu, quelque temps auparavant, en etre 
envoyes ä Tbieriot, le magnum opus s'approcbe, cette fois, de 
son acbevement. Un communique parait dans un periodique, 
le Present State of the Repullic of Letters, en janvier 1728, 
allechant les lecteurs; une serie d'annonces fönt esperer pour 
fevrier d'abord, ensuite pour mai, le poeme tant attendu. II 
parait enfin dans ce dernier mois, avec sa dedicace a la reine 
Caroline. Trois editions in-8^ suivent la grande edition in-4°, 

' Aucune des lettres donn^es par l'edition Moland, eu ddpit du millä- 
sime des num^ros 175 (qui est de 1728) et 177 (qui est de 1726, vrai- 
semblablement) ne se rapporte ä cette pöriode. 



et les Lettres plnlosophiqiies 149 

et le succes accueille pareillement les unes et l'autre: succes 
pecuniaire autant qu'lionoritique, et qui dedommageait l'auteur 
de toutes ses peines passees en meine temps qu'il posait quelques- 
uns des fondements de la fortune de recrivain. 

D'ailleurs, si cette periode de son sejour ä Londres semble 
l'eloigner quelque peu de ses relations anterieures, ' en le plon- 
^'pant dans un labeur tenace et dans un miiicu d'affau'es de 
librairie, de bas journalisnie et presque de boheme, il Ini doit 
peut-etre d'avoir vu eufin de plus pics ces cei'cles lefugies dont 
L'S Lettres philmtoiihiqites ne parlent point, mais qui avaient 
leur interet pour l'exile volontaire de 1726. Ce nVst, en effct, 
qn'ä propos de la Henriade et des arrangenicnts relatils ä sa 
reedition, qa'un teinoigna^e documentaire prouve que Voltaire 
a frequente le cafe de l'Arc en-ciel, lieu de reunion de cette 
bolieaie intcllectuede qui a joue un si grand role dans les de'tuts 
du journalisnie europeen. L'atfaire Pievost -Voltaire, teile qu'on 
peut la reconstitucr d'apres une lettre conservee dans les papiers 
de des Maizeaux,^ nous moiitre l'auteur de la Henrinde de^'ide 
ä ne pas se laisser exploiter par un editeur, et nous savons 
qu'il saura, dans sa carriere d'ecrivain, prendre plus d'une 
initiative avantageuse ä ses interets d'auteur. Nous apercevoiis 
aussi — au moment oü la mise en veiite de la Henriade trans- 
forme quelque peu l'auteur en un courtier de librairie et un 
agent de puldicite — un Voltaire qui sait frequenter les abords 
de (Jrub Street. II a entre les mains de fortes sommes d'argent, 
puisque des gratifications olficielles s'ajoutent au produit des 
ventes: quoi d'etonnant si les refugies besoicneux, les aventuriers 
frangais soicnt attires, au printemps de 1728, par la reussite 
de ce compiitriote qui sait, du reste, se montrer bon prince et 
qui, lorsque sa boui-se est garnie, a vraiment l'argent facile? 
Saint-Ilyacintbe qu'ü oblige, Buri{,niy qui veut le faire cbanter, 
Coderc qui pretend le reediter, Faget qui le critique, d'autres 
encore qu'il rencontre au cafe du Rainhow ou ailleurs, com- 
p'etont son initiation et acbevent de lui faire comprendre la 
difficulte de ces carrieres aventureuses d'exiles intellectuels 
comnie les 'enfants per lus' du Refuge en out tant connu: avec 
moins de sens pratique, Voltaire ne risquait-il pas de leur 
resseml)ler? 

Un nouveau changement de domicile semble se produire, 
une fois la Henriade lancee. Le vieux coiflfeur fran^ais de 
Covent Garden, qui l'bel'ergeait durant l'hiver 1727 — 28 ä 
l'enseigne parlante de la 'Pcrruque blanche', est remplace par 

' 'Je n'ai point vu M. Pope cet hiver', öcrira-t-il ä Swift au printemps 
de 1728. 

' 8ayou8 l'avait einjnal^e dann son Dix-huitieme siede ä l'etranger 
t. I, p. 21, note; Churton CoUins l'a publice, op. cit., p. 81, 



150 La Chronologie du s^jour de Voltaire en Angleterre 

un logeur qui, ä en juger par son nom, est encore un com- 
patriote. C'est M. Cavalier, qui a sa maison pres du Iloyal 
Exchange, dans Billiter Square: Voltaire se trouve ici dans le 
voisinage de MM. Simon et Benezet,* Nicholas Street, qui lui 
servent d'agents et de courtiers. II peut revoir aiseraent, dans 
leurs bureaux de la Cite, ses ainis les 'marchands', dont il a 
eprouve la generosite. II lui est facile de se documenter aupres 
d'eux sur tous ces faits relatifs au commerce, au mouvement 
des finauces et des denrees, ä la balance des richesses, qui 
interessent une fois pour toutes le futur historien de YEssai 
sur les inoeurs. Ces quartiers de Londres proches de la Tamise, 
qui doivent au Üeuve leur raison d'etre, sont tournes vers les 
docks et les cbantiers du port: il est permis de conjecturer que 
c'est lorsqu'il est löge ä deux pas de la Tour qu'il explore les 
abords de la riviere et qu'au printemps de 1728 il s'interesse ä la 
'presse' brutalement employee par l'Amiraute pour son recrute- 
ment. 'IJn Frangais qui etait avec moi m'avoua qu'il sentait 
une joie maligne de voir que les Anglais, qui nous reprochent 
hautement notre servitude, etaient esclaves aussi bien que nous. 
J'avais un sentiment plus humain, j'etais afflige de ce qu'il n'y 
avait plus de liberte sur la terre ...' Y aurait-il la une amerc 
reflexion de huouenot rapportee par Voltaire? 

Autre contact possible, vers ce moment-lä et dans ces' 
raemes regions, avec les couches les moins distinguees du peuple 
loudonien: le Frangais legendaire, froggy ou French dog, a tou- 
jours ete specialement raille et insulte aux environs des docks: 
et s'il faut ajouter foi ä l'anecdote qui nous montre Voltaire 
sautant sur une borne, haranguant la populace qui l'injuriait 
et la retournant par quelques plirases habiles,^ c'est a cette 
date et en cet endroit plutot qu'ailleurs qu'on peut la situer — 
surtout si la foule, charmee de l'adresse de cet etranger, devait 
le ramener ä son logis sur des epaules complaisantes. 

IV. 

Mais Voltaire reprend, des le printemps 1728, ses quartiers 
d'ete chez Falkener: 'etant toujours ä la campagne, et ne fre- 
quentant en Angleterre qu'un petit nombre d'amis', comme il 
l'ecrit ä Thieriot ä la mi-juin, il se remet ä l'etude. La philo- 
sophie, cette fois, se pousse au premier plan. Des impressious 

' Les noms de Cavalier et de Bönezet — la remarque n'en a pas 6t^ 
faite — appartiennent au 'Refuge'. Un Antoine B^nezet, d'aprfes Haag, 
est n^gociant ä Londrefl avant de se faire quaker ä Philadelphie. 

' Cette anecdote, transmise par Longchamp et Wagnifere I, p. Jo et 
par Luchet, I, p. 65, se trouve d^jä dans les Curiosites de Londres et de 
V Angleterre par Lerouge, Bordeaux 1765, p. 126 (traduit d'un original 
de 1763). 



et lee Letires phüosophiqucs 151 

regues auparavaiit sout controlees et veritiees; des lectures entre- 
l)rises dans le recueillemeiit de Wandsworth vienneut y ajouter 
quelques precisions. La iiietapliysique, assurement, n'a jamais 
ete le fort de Voltaire: mais plusieurs de ses curiosites les plus 
fecondes s'amorceut ä present et commencent ä s'equiper et a 
s'ariner pour l'avenir. 

Newton, d'abord: il n'a pu 'avoir la consolation de voir le 
grand Newton qui touchait a sa fin';' mais il a assiste, en niars 
1727, aux funerailles solennelles que l'Angleterre a f'aites au 
grand savant, et son amour-propre d'intellcctuel s'est trouve 
indirectement flatte de ccs honneurs rendus a une sorte de con- 
frerc par tout un peuple: 'les principaux de la uation se sont 
dispute l'honneur de porter le poele a son convoi'. II a fait 
connaissance de la niere du grand homme, Mrs. Conduitt, et 
des medecins qui le soignerent dans sa derniere maladie. Lors- 
(ju^il dedie la Henrinde a la reine Caroline, il n'a pas encore, 
il s'en faut. depossede Descartes de la gloire d'etre 'le plus 
grand philosophe d'Europe, avant qu'appariit Isaac Newton'. II 
est possible que l'idee meme de ce rapprochement lui vienne 
au clebut de 1728: le propre editeur de la Henriade, Woodman, 
publie en janvier l'une des quatre traductions anglaises de 
l'eloge de Newton par Fontcnelle qui parut insuffisant au neveu 
du physicien anglais, et oü un parallele entre les deux grands 
liommes occupait pres de deux pages;^ et c'est un point oü la 
quatorzieme Lettre philosophique semble donner une Chrono- 
logie sincere: *Ce fameux Newton mourut au mois de mars de 
Tan passe 1727 ... On a lu avec avidite, et l'on a traduit en 
anglais l'eloge que M. de Fontenellc a prononce de M. Newton 
dans rAcademie des Sciences.' Pembertou, dont il connait avant 
l'impression le traite publie en 1728 sous le titre Ä view of 
Isaac Neicton's phüosophy, aide sans doute Voltaire a s'initier 
au Systeme newtonien, — en attendant (ju'en 1732 Maupertuis 
acheve sa conversion. 

Le printemps de 1728, de merae, a vu la publicatiou de 
VIHstoire de Thou traduite en anglais: ^ d'oü, peut-etre, une 
curiosite plus insistante pour le chancelier Bacon, que la douzienio 
Lettre rapproche sur un point secondaire, mais d'une fagon assez 
surprenante, de l'historien francais. 

Locke, enfin, ayant ete l'ami de Lord Peterborough, n'a 
pas manque de forcer de bonne heure l'attention de Voltaire 
d'une fagon toute speciale. On sait qu'il s'est repris ä deux fois 
pour trouver, au sujet du philosophe, une expression qui füt 

* Courte reponse aux längs diacours d'un docteur allemand, 1744 
(Ed. Moland, t. XXIIl. p. l'.M). 

=* Ed. LanBon, t. II, p. '.). ^ Ibid., t. I, p. 104. 



152 La Chronologie du s^jour de Voltaire en Angleterre 

tout ensemble anti-cartesienne, et assez prudente pour ne pas 
valoir a l'auteur trop d'ennuis avec Tautorite. 'Je suis oblige, 
ecrira-t-il ä Formoiit eu novembre 1732, tie changer tout ce 
que j'avais ecrit ä Toccasion de M. Locke, parce qu'apies tout, 
je veux vivre en France, et qu'il ne m'est pas permis d'etre 
aussi philosoplie qu'un Anglais. II me faut deguiser ä Paris ce 
que je ne saurais dire trop iortement ä Londres.' * 

Cet ete de 1728 s'ecoule donc dans uue retraite studieuse, 
qui fait contraste avec l'agitation d'autres periodes du sejour 
londonien de Voltaire. II est ä Wandsworth en juillet, mais il 
donne, le 23 de ce mois, Fadresse de Cavalier ä un correspon- 
dant; le 4 aoüt, de Londres, il parle encore ä Thieriot de la 
'retraite' oü il vit. C'est au debut de septembre que meurt le 
beau-frere de Falkener, ce Dclme dont Voltaire se souviendra 
dans sa XXIV^ lettre. II a en revancbe, semble-t-il, quelque 
degoüt des trop illustres frequentations de naguere: 'qui me- 
prise les grands peut bien mepriser les sots ... il vaut mieux 
etre maitre d'une boutique que dependant dans une grande 
maison,' ecrit-il le 4 aoüt ä Thieriot.^ Faut-il croire que les 
diverses anecdotes contestables qui representent sous un jour 
inquietant et loucbe les relations dernieies du Frangais avec 
quelques-uns de ses amis britanniques, auraient leur point de 
depart dans une 'pique' dont se ressentirait l'humeur de Vol- 
taire? C'etait aux 'grands' de son pays qu'il en avait, au debut 
de son sejour: en depit de ses observations optimistes, quelque 
maussaderie a pu se glisser ici, alors qu'il songeait assez fre- 
quemment au retour, dans ses sentiments ä l'egard de ses 
nobles patrons anglais. Et ce serait ä la fin de l'annee 
1728 que se rapporterait la lettre de Lord Peterborough au 
Dr. Towne dont on ne connait que le quantieme du 14 no- 
vembre.^ *I1 est aussi difficile de rendre compte de notre poli- 
tique que des resolutions et de la conduite de Voltaire. Le 
pays et le peuple d'Angleterre sont en detaveur ä present, et 
il a pris conge de nous^ comme d'une folle nation qui croit en 
Dieu et fait confiance ä ses ministres ...' 

Un certain mystere plane toujours sur la date du depart 
et sur la destination du voyageur. Lord Peterborough fait une 
allusion bizarre, dans la suite de cette lettre, ä une boutade de 

I Churton Collins, p. 93. 

^ II est vrai que M. Foulet (Rer. d'hist. litt., 1906, p. 16) propose de 
ramener cette lettre au 4 juin: pourquoi pas avril, qu'on peut ais^ment 
confondre avec aoüf! D'autre part, Voltaire a bien l'air d'y reprendre 
une correspondance interrompue quelque temps. 'Thieriot n'^crit pas', 
dit-il le 31 mars 1728. 

^ Churton Collins, p. 273. C'eet d'ailleurs ä la traduction de la 
Henriade, projet^e par Towne en 1728 (cf. p. 92) que fait allusion le 
troisifeme paragraphe de cette lettre. 



et les Letlres phtlosophtqttes 153 

Voltaire *qui va ä Constantinople afin de croire aiix Evangiles, 
ce qui, dit-il, est cliose impossible ä qui vit parnii les apötres 
de christianisme.' Serait-ce que Falkener, doiit la personnalite 
est indissolublemeiit liee ä l'Orient, au gre de Voltaire, lui a 
otfert de remmener en Turquie* oü, nieme avaut son ambassade, 
il a lait plus d'un voyage? Serait-ce une fagon de deguiser, 
au depart d'Angleterre, sa reelle destination — qui est un 
village fraugais oü il se doiinera quelque temps pour uii voyageur 
anglais? 

Peu Importe, d'ailleurs, au poiiit de vue des 'experiences' 
de Voltaire dans la grande ile qui l'abrita. Le cycle de ses 
rencontrcs est clos; la liste de ses curiosites somble epuisee. 
II se tiendra au courant de beaucoup de clioses anglaises, et la 
redaction des Letti\s l'obligera ä preciser des notions super- 
ficielles et eparscs. Ou bien les lionimes qu'il a connus l'in- 
teresseront par le developpement de leur individualite et par leurs 
productions ulterieures. Mais ses curiosites demeureront ä peu 
pres encloses daus ce premier cercle trace autour de lui par 
des rencontres precises, des contacts determines auxquels n'ajou- 
teront rien — le fait est digne de remarque — quelques im- 
portantes nouveautes anglaises surgies entre 1728 et 1733, les 
debuts du methodisme, le succes du drarae bourgeois de Lillo, 
le depeloppement de Pope et de Thomson, la grande revancbe 
musicalc de Hsendel sur l'italianisme. 

Paris. Fernand Baldensperger. 



' Cf. la lettre ä Thieriot du 12 aout 1729: 'j'ecris demain ä Con- 
stantinople, oü j'ai plus d'amiö qu'ici ...' 



Kleinere Mitteilungen. 

Zu Groethe in England. 

In Vol. CXXVI (N. S. XXVI) p. 433, Prof. Fiodler, Oxford, nieutions 
a trauslation of Goetbe's 'Jahrmarktsfest zu Plmidt'rsweilern' by John 
Stuart Blackie, which appeared iu 1836 in Vol. VIII of tha Dublin Univcrsity 
Magazine. The trauslation, as given here, is incomplete, ending with line 
558 (Weimar-Ausg. XVI, 30), the Editor haviug added: 'Our MS, does not 
couelude here, but goes on with a sort of farcical leeture on the creatiou, 
by a common Showman, which, however characteristic, may be dispensed 
with; and in deference to religious feelings that ought to be respected, as 
also with the consent of the trauslator, we have omitted it altogether.' 

The University Library here has a copy of the translatiou, which 
looks like a reprint from a magazine, and in which the trauslation is 
complete. The copy is in the collection of books which belougod to Sir 
William Hamilton (1788 — 1856), who resided in Edinburgh from 1813 
and was Professor of Logic in the University there from 1836. It was 
there also that Blackie studied in 1825/26 and taught as Professor of 
Greek from 1852. 

Sir William Hamilton and Blackie were close friends. Hamilton was 
a keen student of German philosophy and literature and took a particular 
interest in Blackie's German studies, encouragiug him in his trauslation of 
'Faust' three years before the appearancc of the trauslation of the 'Jahr- 
marktsfest'. 

Hamiltou's library was purchased aftcr Ins death aud i)resented to the 
University of Glasgow. The copy of the trauslation of the 'Jahrmarkts- 
fest' which it contains bears the iuscriptiou: Gulielmo Hamilton, J. S. B., 
fi?.qt filos, 1836. It is therefore evident that it was prosented to 
Hamilton by Blackie liimself. 

Gla.sgow. Herbert Smith. 

Zum Beowulf ((Tiendelsage). 

Bei Friedrich ]\Iüllcr, Siebenbüryische Sagcn,^ Wien 1885, S. 5, steht 
folgendes zu lesen : 

G r ä n d e 1 s m 6 r. 

Auf dem Berge der Seundorfer Gemarkung, welcher gegen Windau hin 
liegt, befindet sich mitten im Walde ein großer uud tiefer Sumpf, Grändels- 
mör genannt, über dessen Entstehung folgendes erzählt wird: Ein Seun- 
dorfer Bauer ackerte hier eiust mit sechs Ochsen auf den Ackerländern, 
die sich vor alters daselbst befanden. Die Sonne stieg immer höher und 
schien immer wärmer; der Mann konnte die Hitze kaum mehr auslialten; 
da — ärgerlich über so heißen Sonnenschein während seiner harten Arbeit 
— ergrifT er das 'Kulter' und hieb nach der Sonne. Im nämlichen Augen- 
blick aber sank er samt seinen sechs Ochsen und dem Treiber in die 
Tiefe, und an der Stelle jener Ackerländer befindet sich bis heute der 
große und tiefe Sumpf (mündlich in Senndorf). 

Der Name Orändelsmör stellt sich neben das Grcndles mere einer Ur- 
kunde vom Jahre 931 aus der von den Westsachsen besiedelten Grafschaft 



Kleinere MiHciliuigoii 155 

Wiltshire, welcher Name — in Verbinduug mit dem benachbarten Böoican 
hanimes hecgan — schon zu so mauclien Erörfeniiigeu Anlaß gegeben 
hat (siehe Pauls Grundriß^ Hl S. 902; zuletzt Panzer, Studien zur gtrm. 
Sagenyesch. I, S. 397). Besondere Betleutung hat der Name hier durch 
die Tatsache, daß sich eine Lokalsage daran geknüpft zeigt, und durch die 
Art dieser Sago, in welcher das Moor, der Sumpf in J5eziehung steht zum 
ackerbautreibenden Bauern. Es ist an die Auffassung Grendels als 'die 
Persouitikation der Schrecknisse der uneiugedeichten Marsclf^ zu erinnern. 
Es scheint in der Tat, als habe sich die hier vorliegende Lokalsage aus 
der Auffassung Grendels als der dem Ackerbau feindlichen Gewalt heraus- 
gebildet. Wir dürfen dabei nicht vergessen, daß die siebenbürgischeu 
Sagen nur Mythentrümmer bieten und starke Entstellungen aufweisen.- 
Was es für eine Bewandtnis mit der Art des hier erzählten Vorgangs hat 
(Hauen nach der Sonne und Versinken als Strafe) und seiner Verquickung 
mit Grendel, darüber sich zu verbreiten überlasse ich anderen.^ Hinweisen 
will ich nur darauf, daß es wohl nicht unwichtig ist, wenn wir diese Sage 
im Laude Siebenbürgen, und zwar der Siebenbürger Sachsen vorfinden. 
ob freilich die Sachsen sie aus der Rheingegend mitgebracht haben, oder 
ob sie, etwa als Sageugut der Goten, auf einen bereits am Ort haftenden 
Mythus zurückgeht und von den Sachsen vorgefunden und entstellt wurde, 
ist wieder eine Frage für sich und keine, deren Beantwortung leicht er- 
ledigt werden dürfte. 

München. Walter !'• e u a r y. 

Ags. Be recht wine in Alt-Irland. 

In diT nördlichsten Ecke der Grafschaft Cork in Irland, in ihT Baronin 
Ouhallow, liegt ein jetzt Tullylease, altirisch Tulach L6is genannter Ort, 
in dessen alter, längst ruinenliafter Kirche sich ein mit einem schön ge- 
meißelten Kreuze und folgender Inschrift versehener Grabstein ^ heündet: 
qui cumquse huuc titulum legerit orat pro berechtuine. 

Schon durch die Abfassung in lateinischer Sprache kennzeichnet die 
Inschrift das Grab eines Ausländers. Denn seit der ältesten Zeit bis ins 
14. Jahrhundert sind alle Grabinschriften Irlands in der heimischen Sprache 
verfaßt. 5 In bvrechttiine liegt nun klar der altenglische Name Berhtwine 
vor, von dem Searle'* unter der Form ISt'orJttwinc nicht weniger als neun- 
zehn Belege aufführt. Die Form des Namens zeigt, daß wir es mit einem 
Anglen zu tun haben. 

>■ Kögcl, 'Zs. f. (L A.' 37, 1893, S. 274 f. 

2 Siehe Müller a. a. O. S. XXV f. 

^ Siehe z. B. Fei. Liebreciit, 'Zur N'olkskunde', S. 341. 

< S. gute Abbildungen des Steines in dem Ulster Journal of Archaeology, 
vol. VI, S. 267 und in Petries 'Christian Inscriptions of Irelnnd', vol. IT, 
|)late XXX. 

^ Da diese Bemerkung bi.sher no<ii niclit gemacht ist, verweise; ich auf 
i'etries Sanunlung und auf R. S. Macal isters 'Memorial Slabs of (;io)ima(- 
nois', wo sich außer unserer und der berühmten Insclirift VlI ivOMANI 
auf Aranmore aus der angegebenen Zeit keine ganz lateinisch verfaßten 
Grabschriften linden. 

6 ünoniasticon Anglo sa.\onicum, S. 97. 



156 Kleinere Mitteilungen 

Es ist nun merkwürdig, daß der Name bisher stets falsch gelesen oder 
gedeutet worden ist. Reeves (Journ. of the Ulster Arch. s. c. VI, S. 273) 
beschuldigte den braven Steinmetzen, der seine Sache so trefflich gemacht 
hat,' daß er aus Unwissen Berechtuine statt des richtigen Beretchuirt ge- 
setzt habe; Petrie liest Berechtuire;^ Stokes {'The Martyrology of Gorman', 

5. 336) will zwar Berechtuine lesen, möchte es aber als einen lateinischen 
Ablativ der irischen Wiedergabe des altenglischen Namens Bercthun fassen. 

Der Grund für all diese abwegigen Vermutungen ist folgender. Unser 
Berhtwine war der Gründer und Patron der Kirche von Tulach L6is und 
genießt als solcher bis heute eine weitverbreitete Verehrung. Sein dem 
Iren schwer zu sprechender Name ist im Lauf der Zeiten durch Volks- 
etymologie umgewandelt worden und lautet jetzt Bericheart, gleichsam 
'Rechtsprecher'. 3 In den Annalen der vier Meister, die seinen Tod am 

6. Dezember 839 (recte 840) berichten, wird der Name Berichtir geschrieben, 
während Gorman in seiner Maryrologie (12. Jh.) schon die Form Bereichert 
hat, ebenso die Martyrology of Donegal, S. 326. 

Unser Berhtwine ist einer von den vielen sächsischen oder anglischen 
Geistlichen, die im 7. und 8. Jahrhundert nach Irland zogen und oft dort 
ansässig wurden. Die irische Sprache macht bekanntlich keinen Unter- 
schied zwischen Angeln und Sachsen, sondern nennt beide Seaxa,^ später 
Sax, Nom. Plur . Saxain. Während die Kymren ihr Sais, Nom. Plur. 
Saeson, aus dem lateinischen Saxö entlehnt haben, weisen die irischen 
Formen auf Herübernahme aus dem Altenglischen. 

Charlottenburg. Kuno Meyer.- 

Dialektologische Exkursion des Romanischen Seminars 

in Basel. 

(14.— 23. Juli 1912.) 

Im Archiv Bd. CXXVII p, 208 ff. ist über eine dialektologische Ex- 
kursion des Zürcher Romanischen Seminars referiert worden. Hier darf 
vielleicht einiges mitgeteilt werden über Organisation und Ergebnisse 
eines ähnlichen Unternehmens der Basler unter Leitung von Herrn Prof. 
Dr. Tapp ölet, der uns vom 14. — 23. Juli 1912 durch das mittlere 
Wallis führte : von Sitten südwärts durch das Val d'Hörens nach E v o- 
1 e n a, dann ostwärts über den Col de Torrent ins Val d'Anniviers nach 
Grimentz und St-Luc, von da wieder hinunter ins Rhonetal und an 
dessen Nordabhang hinauf nach L e n s, und endlich über den Rawylpaß 
ins Berneroberland. 

Vielleicht machen uns dann andere nach, was wir den Zürchern ab- 
gesehen haben: denn beinahe wie Imitation sieht es aus, wenn auch bei 
uns just 17 Leute, wovon die gute Hälfte Damen, sich an der Fahrt be- 



1 Die Formen quicumquce und orat sind keine Schreibfehler, sondern 
auch sonst in der irischen Latinität belegt. 

2 Die Form des irischen r eignet sich zur Verwechslung mit n. 

3 S. Reeves a. a. O. S. 270. 

* Diese älteste Form findet sich in der Tochmarc Emire genannten Sage, 
wo die Handschriften Saxa, Sexae, Boexu haben. S. Zeitschr. f. kelt. Phil. 
III, S. 249. 



Kleinere Mitteilungen 157 

teiligten. Die Anmeldungen waren zunächst spärlich gewesen, dann kam 
plötzlich Zug in die Sache, und damit die Gesellschaft nicht unübersichtlich 
groß werde, mußte die Liste lange vor der Abreise geschlossen werden. 
Omne tulit punctum qui miscuit tilile dulci: wir sclimeicheln uns nicht, 
aus bloßem Wissenstrieb ohne weitere Beimischung mitgekommen zu sein; 
die Gelegenheit zu einer wohlfeilen Walliserreise hatte auch ihr Schönes.^ 

Dabei lebte man nicht schlecht: die eigene Küche ist uns sehr wohl 
gelungen; um nicht alles mitschleppen zu müssen und doch nicht auf das 
wenige, was in Bergdörfern zu haben ist, angewiesen zu sein, ließ man das 
Erforderliche per Post an die verschiedenen Stationen schicken. Im 
übrigen handhabte unser Senior die Kochrezepte so gewandt wie Laut- 
gesetze, und die Damen bemühten sich mit Erfolg, durch Vermeiden an- 
gebrannter Suppen usw. den Gegnern des Frauenstudiums gewisse Redens- 
ai'ten unmöglich zu machen; sogar wer, wie der Schreiber, vom Kochen 
gar nichts, vom Rauchen aber sehr viel versteht, vermoclite sich noch 
unentbehrlich zu machen durch unentwegtes Umrühren, wenn im beißenden 
Qualm alle anderen nassen Auges davonliefen. Und auf dem Heu ließ es 
sich sehr wohl schlafen; man behandelte einander so rücksichtsvoll wie 
die drei Kammacher; die Müdigkeit tat das ihre, und für starke Tages- 
touren hat solch ein Heuschober das Augenehme, daß man in der Morgen- 
kühle ganz von selber zur rechten Zeit erwacht. Es kann natürlich schief 
herauskommen, wenn Leute, die sich nicht näher kennen, diese Art des 
Eeisens wählen, bei der auf guten Willen alles ankommt; aber in unserer 
bunten Schaar bildete sich ein so starkes Solidaritätsgefühl aus, daß die 
paar 'oberen Zehntausend', die nicht sämtliches mitmachten, alles anwenden 
mußten, um sich durch gutes Betragen und besondere Dienstfertigkeit 
gesellschaftsfähig zu erhalten. Und vor allem mit der Bevölkerung sind 
wir auf diese Art sehr rasch auf einen grünen Zweig gekommen; statt der 
befürchteten Zurückhaltung zeigten uns die Walliser im ganzen ein sehr 
bereitwilliges Entgegenkommen. Und von der Art einer Bauernbevölkerung 
bekommt der Patoisreisende eben den richtigsten Begriff, wenn er sich in 
ihren Küchen und Scheunen herumtreibt und sich selber ein wenig in 
ihrer Art betätigt; nur muß er sich dabei die Mühe nehmen, nachher 
hübsch wieder aufzuräumen, und darf nicht den gnädigen Herrn spielen 
wollen. Sogar die 'Bildung' blüht übrigens in der Bauernstube leichter 
als im Hotel: da kann man beim Regenwetter ungestört Keller vorlesen, 
nachher das Tanzlegendchen realisieren und beim Klange von Melodien 
aus der Zauberflöte froh die Wasserprobe draußen niedergehen lassen. 

Nicht als ob der Regen unser Marschprogramm wesentlich gestört hätte: 
vier große Tagestouren nebst einigen kleineren, im ganzen stark 120 km 
mit über 13 000 m Höhendifferenzen, wurden zumeist bei gutem Wetter 
vollbracht. Es hätte nicht viel Sinn, Unbeteiligten eine genaue Reise- 
be.schreibung zu geben: wie wir gleich am ersten Abend in Saviöse ob 
Sitten die ganze Dorfbevölkerung bei Musik und Tanz antrafen, die Mäd- 



^ Da immatrikulierte Schweizer Studenten von den Bundesbahnen wie 
Schuljungen behandelt werden, d. h. für unseren Fall nur 9 statt 20 Fr. 
zahlen, da ferner unser Wandervogelsystem (vgl. Archiv CXXVII p. 209i) 
trefilich funktionierte, kostete die zehntägige Reise, Bahnfahrt inbegriffen, 
pro Person 25 Fr. 



löS Kleinere Mitteilungon 

eben in der schönen landesüblichen Tracht mit den breiten flachen Stroh- 
hütchen; wie wir tags darauf den guten drei Ordensgeistlichen in Longe 
Borgne (oberlialb Bramois) einen Besuch machten in ihrer Felsenklause 
mit den vielen Votivbildehen; wie wir ob Evolena eine Sennhütte be- 
suchten und bei der Erkundigung nach Betrieb und Gerät den Sinn der 
Parole 'Wörter und Sachen' ohne weiteres verstanden; wie wir friedlich 
auf dem Col de Torrent unser Mittagsschläfchen machten, bis uns ein ge- 
waltiger Blitz mit langhinroll r^ndem Donnerschlag ins Val d'Anuiviers 
hinunterscheuchte; wie wir. hier prähistorischen Schalensteinen nachliefen, 
um mit Bedauern zu konstatieren, daß sämtliche Schalen voll Regenwasser 
standen; wie wir bei der prächtigen Morgenwanderung auf die Bella Tola 
auch noch einen veritablen Augiasstall entdeckten, der ganz sachgemäß 
mittels eines durchgeleiteten Baches gesäubert wurde; wie wir bei der 
Ankunft in Lens fröhlich alte Bekanntschaften erneuerten, die wir früher 
beim Sammeln von Material fürs Olossaire de la Suisse romande gemacht 
hatten : all das und noch vieles andere sei dem Leser geschenkt. 

Daß wir in der kurzen Zeit so manches durchführen und, um die 
Hauptsache nicht zu vergessen, auch vier halbtägige Patois Sitzungen 
in Evolena, Grimentz und Lens (zugleich für das nahe Ayent) abhalten 
konnten, das war ermöglicht durch die gute Einrichtung des lleiseplans, 
auf welchem Marsch- und Sitzungstage regelmäßig miteinander wechselten. 
Unser wissenschaftliches Programm war von dem der Zürcher insofern 
wesentlich verschieden, als diese vorwiegend solche Gegenstände unter- 
suchten, die sich jeweilen in einer Sitzung erledigen ließen (z. B. Topono- 
mastik, Konstatieren eines Lautwandels an verschiedenen Generationen) ; 
wir hingegen notierten an allen vier Orten in der Hauptsache dieselben 
Wörter und erhielten das abschließende Resultat erst in der Schlußsitzung; 
das machte die Sache natürlich etwas anstrengender und ist vielleicht insoft^ru 
gefährlich, als die Notizen leiclit durcheinandergeraten. Doch wurden et- 
waige Unstimmigkeiten durch das klare Resümee des Kursleiters wieder aus- 
geglichen. Vorbereitet liatte man sich schon in Basel durch phonetische 
Diktate, hauptsächlich durch Studium eines von Herrn Prof. Dr. Jean 
jaquet im Bulletin du Glossaire 190.3, p. 26 publizierten Evolenertextes, 
einer Feensage mit stark an die Polyphemgeschichte gemahnendem Motiv; 
ferner waren einschlägige Arbeiten von Morf, Gauchat, Zimmerli und 
Lavallaz zu Rate gezogen worden. Unsere 'Sujets' waren meist Dorfschul- 
lehrer, teilweise schon als Korrespondenten des Olossaire de la ,'^nissc 
romande auf unsere Wünsche eingestellt. 

Es mögen nun in kurzer Zusammenfassung die Ergebnisse unserer 
Notierungen folgen: 

Lautliches: Wir beobachteten zunächst die Verbindungen von s 
mit stimmlosem Explosivlaut, welche sämtlich zu Reibelauten werden: 
st ergibt in Evolena und Grimentz i'/ (pasio > pa^aj, vermutlich 
durch direkten Übergang ohne Zwischenstufe t, da sich die Erschei- 
nung im wesentlichen auf etymologisches st beschränkt. In Lens und 
Ayent entspricht dem st ein h fpahaj, ebenso wird hier und in Grimentz 
der Nexus str zu hr (xr); dieses h scheint eine Vorstufe 9" vorauszusetzen, 
während daneben in Ijens vereinzelt s als direkterer Abkömmling von st 
vorkommt \1esa neben teha, asu (rr as-tu) neben ahu]. — sp wird an allen 



KlciiHTc MiltfiliiiiErcii 159 

vier Orten zu f (s p i s s u m > e/c), indem sich der Reibungscharakter des 
s auf den Labial überträgt und zugleich dentilabiale Bildung eintritt. — 
sk wird in Evolena zu x (s c o pa > pojomi;«), au den drei anderen Orten 
zu Ji. — Ein parasitäres Je findet sich in Evolena und Grimentz nach hocL- 
zungigen Vokalen (Puris = parilc, il avait = i avek, 6cu z=: ehuk) , ebenso in 
Lens, nur daß hier nach u die Lippenrundung des Vokals ein p hervor- 
bringt (6cu = ehuji)- übrigens ist das Vorkommen dieses parasitären 
Lautes fast ausschließlich auf das Wortende beschränkt und auch da durch- 
aus unregelmäßig. — Geschlossenes, freies und betontes e ist in Evolena 
(vereinzelt auch Ayent) teilwei.se e geblieben, teils zu ej geworden; hier- 
aus entstand wohl über *ei und *oi das i, welches in Grimentz und Lens 
die Regel ist. — Akzentverschiebungen wurden in Grimentz notiert; öfters 
zeigte sieh Bevorzugung des klangvolleren Lautes (vita>t;ya). — • Auf 
Satzphonetisches achteten wir in TjCus; erwähnt seien Fälle wie foin, de.ssen 
Auslaut vierfach verschieden gehört wurde, fei, fuHprln, 'zartes Heu', 
fenduur, ftvgroho 'grobes Heu', je nach der Stellung in Pausa, vor La- 
bial, Dental oder Palatal; ferner die satzphonotische Verschmelzung zweier 
Wörter, wie fehu = fais-tu). 

Morphologisches. In Evolena, Grimentz und Lens notierten wir 
fälle von Erhaltung des Plural-.?, sie fanden sich hauptsächlich bei Wör- 
tern auf -t und fi (tit, iis =: toit; tsanst, tsants 'Hündchen'; rat, ras, avo- 
lat, -as; piß,, pis 'Haar'; hufi, hus ^ Brunnentrog); von Interesse waren 
ferner die stark ans Afr. gemahnende Flexion des Artikels sowie dessen 
Verwendung beim adj. Possessivpronomen in Evolena, die uns an die Nähe 
Italiens erinnerte [vgl. la mc'yra kumuna =: il nostro coniune]. — In 
der Verbalflexion konstatierte man die Erhaltung des lat. Plusquam- 
perfekts im Conditiounel einiger ]Iilfsverben. 

Wortgeschichtliches. Wie auf phonetischem, so zeigten sich 
auch auf lexikalischem Gebiet Verschiedenheiten: Nicht so sehr bedeutend, 
trotz den hohen trennenden Bergen, schienen sie zu sein zwischen Evolena 
und Grimentz, beträchtlicher zwischen Evolena und Lens: während z. B. 
mala am erstgenannten Orte 'Mädchen' bedeutet, käme man in Lens schön 
an mit dieser Bezeichnung; denn hier bedeutet das Wort 'weiblicher 
Kretin'; in Lens muß man fifia, bwata oder wenigstens drola sagen. So- 
dann wurden wir durch hereingedrungene italienische und besonders 
deutsche Wörter immer wieder daran erinnert, daß wir uns in einer nach 
zwei Seiten exponierten Ecke des französischen Sprachgebietes befanden; 
am meisten Deutsches zeigte sich in Lens und Ayent, vornelimlich auch 
.solche Wörter, die sich durch Handelsbeziehungen zum Oberwallis und 
via ]{awylpaß zu Bern erklären; die italieni-schen Wörter waren beinahe 
überall dieselben. 

In Lens hatten wir noch das besondere Vergnügen, mit Herrn Prof. 
Dr. Jeanjaquet, der am Glofiaaire speziell das Wallis bearbeitet, zu- 
sammenzutreflen. Hier untersuchten wir noch etwas ausführlicher die 
Dialektgrenze zwischen Lens und Ayent. Diese beiden 
Dörfer, die der Luftlinie nach nur 2,5 km voneinander entfernt liegen, 
sind durch eine beträchtliche Bachschlucht voneinander getrennt; ein Fuß- 
weg existiert wohl, aber es sind ?>i)0 m IKiiienuuterschied zu überwinden, 
und so ist ein direkter Verkehr kaum vorliandeu; auch die Alpeu von 



160 Kleinere Mitteilungen 

Lens und Ayent berühren sich nicht, und Kirchspiels- und Distriktsgrenzen 
haben sich nach der natürlichen Grenze gerichtet. Dieser Trennung ent- 
spricht nun eine Anzahl von sprachlichen Unterschieden, hauptsächlich im 
Lautstand. So in der Behandlung: von betontem e ('je crois' heißt in Lens 
krijö, in Ayent krqjjö; von betontem, gedecktem e ('tete' : teha, tejhaj; 
von a in - a t u m, - a t e m und vor l ('pre' : pra, pro) ; von freiem, be- 
tontem p ('je pleure' : pjuro, ploeyro) ; von l in pl, hl, fl, gl (vgl. 'je pletire') ; 
n vor Dental ('repondre' : refondrd, refoijdra) ; initiales und intervokalisches 
V schwindet in beiden Dörfern häufig, aber seltener in Lens, wo an- 
scheinend das Nachfolgen eines Vokals mit Lippenrundung erforderlich 
ist ('neveu' : nau, naceyj aber 'vache' : vatsa, atsd) ; p resp. 6 vor r bleibt 
nur in Lens explosiv ('ouvrier': ohri, uvri) ; das obenerwähnte parasitäre k 
(resp. p) findet sich m Ayent nicht. Dazu kommen morphologische und 
lexikologische Unterschiede, so heißt 'honsoir' in Lens icyefro, in Ayent 
ho7iani. So ließ sich hier deutlich erkennen, wie mit geographischen und 
historischen Grenzen auch sprachliche zusammengehen. Schon die ganze 
bisherige Wanderung über Berg und Tal hatte uns das gezeigt, aber am 
deutlichsten wurde es schließlich an dieser Schlucht zwischen Lens und 
Ayent. Diese spielt, wie uns unser 'Sujet' zum Schluß der Sitzung er- 
zählte, sogar in der Ortssage ihre Rolle als Grenze. Vor langen Zeiten, 
so berichtet die Legende, war zwischen den beiden Dörfern ein heftiger 
Streit entbrannt: Jedes beanspruchte für sich das Recht, an einer be- 
stimmten günstigen Stelle des Grenzbaches einen Bewässerungskanal 
('hisse') anzulegen. Schließlich wurde der Handel unten in der Schlucht aus- 
getragen durch einen Zweikampf, der beinahe aussieht wie der zwischen 
David und Goliath, nur daß der lensische 'David' mit einem tüchtigen 
Kropf und nicht allzuviel Intelligenz behaftet gewesen sei. Übrigens habe 
er den riesenhaften Gegner glänzend überlistet und so den 'Lensards' das 
strittige Recht gesichert, zum größten Ärger der 'Ayentots'. So erzählte 
unser Gewährsmann. Darauf klappten wir unsere Notizbüchlein zu und 
wanderten tags darauf besagter Schlucht entlang dem Rawyl zu, von dessen 
Paßhöhe zurückblickend wir dem Wallis Valet sagten. 

Basel. S. Merlan. 



Sitzungen der Berliner Gesellschaft 

liir (liis Studium der ncuoi'cu S])i';ichen. 
Sitgung vom 9. Januar 1912. 

Herr L a m p r e c li 1. t^pracli über eine 3.'] oiii luiigo und 11 ein breite J'er- 
•^anientiirkiiiule, nach der Pierre Arnoiix aus (iraudfontaiue (ö. Besaiifou) 
und seine Frau Cecile jMouiii von dorn ISehniied Claude Bole aus üreliainps 
ein Kapital von 200 Franken in spanischen, t'ranzösischeu und iinderen 
Müuzsorteu als Darlehn erhalten haben und von dem vom 9. April lü81 eine 
jährliche fortlaufende Kente von zwölf Frauken in burgundisclier Münze zu 
zahlen sie sich, unter Verpfändung all ihres beweglichen und unbeweglichen 
Besitzes, verpflichten. Aufgenommen von dem Notar Pierre Bouhelier in 
Avondrey in Gegenwart der herbeigeholten Zeugen Tjeonard Bastou und 
Simon Boulielier. Der Notar selber hat sie, zwar mit einigen Abkürzungen, 
aber mit sehr schöner Schrift geschrieben. Auf dem Kande steht mit sehr 
schlechter Schrift die Bemerkung, daß Pierre Aruoux aus Graudfoutaine 
die Hypothek übernommen und das Kapitel samt den Zinsen von 18 Mo- 
naten am 8. Oktober 1682 an den Schmied Bole bezahlt hat. 

Herr K u 1 1 n e r sprach zu dem 'Klagegcnung der cdelcn Frauen des 
Amti-Aya'. Unter Berufung auf Miklosich, K.Bartsch, Talvj, Curcin, Yovano- 
vitch zeigt er im einzelnen, wie Goethes Fassung auf Fortis" italienisclier 
Übersetzung und der deutschen Übertragung der Ballade, die 1775 in Bern 
erschienen ist, beruht und uamentlicii mit der letzteren zum Teil wörtlich, 
auch in deu sachlichen und sprachlichen Irrtümern, übereinstimmt. Der 
A'ortrag wird fortgesetzt. 

Herr Tiktiu gibt als Erklärung für die 'Suaten' die Brautfühici', die 
Kameraden des Bräutigams. Die Ballade von der Eroberung von Skutari 
kommt in den südöstlichen Literaturen in einer Reihe von Varianten vor. 

Herr Oberlehrer Prewitz wird iu die Gesellschaft aufgenommen. 

Sitsung vom 24. Januar 1912. 

Herr Mangold spricht am zweihundertjährigen Gedenktage Friedrichs 
des Großen über des Königs Dichtungen aus der Zeit der beiden ersten 
schlesischen Kriege. Der Vortrag ist im Archiv CXXIX, 188 ff., erschienen. 

Herr Morf erklärt in der Diskussion die französischen Sprachfehler 
Friedrichs vor allem aus seiner Unkenntnis der Orthographie, französisch(! 
\'er.se .seien nun einmal Schreibwerk. Eine zweite Fehlerquelle sei Friedrichs 
ungenügende Schulung iu der künstlerischen Verwendung der Sprache ge- 
wesen, f US- fasse scheine der König übrigens auch gesprochen zu haben, von 
seinen sonderbaren Ausspracheneigungen gibt der ' Redner einige Belege. 
Gegen den Ausdruck Spion möchte Herr Morf Voltaire in Schutz nehmen; 
Friedrich habe wohl Bescheid gewußt und auch selb.st Voltaire gegenüber 
nicht ganz einwandfrei gehandelt. Herr Mangold erwidert, daß nach 
Ko.ser und Droysen ^'oltaire docli tatsächlich für seine diplomatischen 
Dienste 174.J 8000 Fr. erhalten habe. Die jivlile cnioniivrie, wie Friedrich 
sie selbst nennt, .sei ihm wohl bekannt, doch könne er ein ils se vaUnt. das 
auch Sakmann schon ausgesprochen habe, nicht anerkennen. Sakmann hübe 
unrecht, wenn er im Plural von Privatbriefen \'oltaires spreche, die der 
König andern au.sgeliefert liabe. Der König habe nur diesen einen kleinen 
Verrat mit den Versen über Mire]Joi.\ an Voltaire v»'rübt, und dieser ver- 
einzelte Streich könne nicht auf ein«; Linie gestellt werden mit den zahl- 
reichen Verrätereien, die Voltaire in der ganzen Zeit des Verkehrs mit 

.An-liiv f. ti. Spr;.<-li.-ti. (XNX. H 



162 Sitzungen der Berliner Gesellschaft 

Friedrich begangen habe. Herr M o r f erwidert, daß er seine Bemerkung 
auch nur als für diesen Einzelfall gültig gemacht habe. 

Herr Kuttner beendet seinen Vortrag aus der vorigen Sitzung. Er 
erörtert diesmal das Verhältnis von Merimees Guzla-Erzählung zu der ita- 
lienischen Vorlage. 

In der Diskussion weist Herr Urlaub für die Stellung des Bruders auf 
altbiblische Anschauungen hin. 

Herr Roland wird zur Aufnahme in die Gesellschaft vorgeschlagen. 

Sitzung vom 14. Februar 1912. 

Herr Landgerichtsrat a. D. Haendler spricht als Gast über die 'ita- 
lienische Sappho' Vittoria Aganoor. Er macht Mitteilungen über ihre Ab- 
stammung (aus persischem Adel.sgeschlecht) , ihren Lebens- und Bildungs- 
gang, schildert nach eigener Bekanntschaft ihre Persönlichkeit und nennt 
ihre Veröffentlichungen. Der Vortragende erläutert sodann die Grundsätze, 
die für ihn bei der Verdeutschung der Dichterin maßgebend waren; er will 
seine Ausgabe ihrer Gedichte nicht so sehr als Übersetzung denn als Nach- 
dichtung aufgefaßt wissen. Die Art Vittorias, ihre Stoffe und ihre Be- 
trachtungsweise von Welt und Menschen werden durch eine Anzahl ihrer 
Poesien, die in der Übersetzung, zum Teil daneben auch im Original vor- 
getragen werden, charakterisiert; bei einem Gedichte 'Der schwarze Reiter' 
wird auch die Heysesche Übersetzung zum Vergleich herangezogen. 

Herr Förster hat einen Vortrag über rfp?i Brief ivechsel des Grafen 
Gohineaii mit Adalbert von Keller angemeldet; bei der vorgerückten Zeit 
beschränkt er sich, als Einleitung zu diesem Thema eine Charakteristik des 
Grafen Gobineau und seiner Geschichtsauffassung zu geben, weiteres sich 
für später vorbehaltend. 

Sitzung vom 28. Februar 1912. 

Herr Ludwig spricht über Deutschland und Deutsche in englischen 
Romanen des 19. und 20. Jahrhunderts. 

An der Hand der ihm bekanntgewordenen Romane, in denen Deutsche 
in England auftreten, sowie derjenigen, die ihren Schauplatz in Deut.schlaud 
haben, zeigt der Vortragende, wie sich das Bild unseres Landes und seiner 
Söhne den Engländern von Geschlecht zu Geschlecht verschob. Vom Lande 
der Romantik wurde Deutschland das Land der Dichter und Denker und 
des Philisteriums dazu; nach 1870 sah man die Träumer von Preußen ein- 
exerziert zur furchtbaren Heercsmaschine, und die politischen Verhältnisse 
brachten es mit sich, daß seit den neunziger Jahren diese aufgespeicherte 
Energie England zu bedrohen schien. Seitdem findet sich wieder ein neuer 
Typus des Deutschen dämonischer Art, rücksichtslos und kalt berechnend, 
listenreich und um des Zieles willen jedes Mittel heiligend. Anderseits ist 
nicht zu verkennen, daß auch eine andere Schilderung versucht wird: man 
ist neuerdings bestrebt, verständlich zu machen, wie sich die deutschen 
Eigenschaften der Überlieferung vertragen und verschmelzen mit den Zügen, 
die neuzeitlicher Imperialismus unserm Volke gegeben hat. Der Vortrag 
wird in der Germanisch-romanischen Monatsschrift erscheinen. 

Herr W o 1 f f sucht den Unterschied zwischen Komödie und Posse 
zu ermitteln, wobei er unter Posse alle komischen dramatischen Aufführun- 
gen, die nicht Komödie sind, zusammenfaßt. Nachdem er die Ansicht Ari- 
stoteles' dargelegt und die Boileaus gestreift hat, findet er das entscheidende 
Merkmal darin, daß die Komödie wie die Tragödie eine Plandlung ent- 
hält, die das Leben des Helden in entscheidender Weise festlegt, also eine 
schicksalmäßige Bedeutung besitzt. Die Art dieser Handlung wird be- 
stimmt durch den geringeren oder stärkeren Grad der komischen Indivi- 



für (las StiidiuiM der iicucrcii Spiaclicii 163 

dualiuii; ja nach iliin führt dit' Komödie zu liuer \'erüduiig dos k()iiiis(,'lu'H 
Helden mit der Umwelt oder seiner Ausstoßung. Wie in dem klassischen 
Begriff Tragödie die beiden Typen des Trauerspiels und Schauspiels ver- 
einigt sind, so deckt auch der Begriff Komödie zwei nach dem Ausgang 
verschiedene Formen, wenn sie aucli nicht so ausgeprägt sind wie bei der 
Tragödie. 

Sitzung vom 12. März 19J2. 

Der stellvertretende Vorsitzende macht Mitteilung von dem Tode eines 
der ältesten Mitglieder der Gesellschaft : Professor Odwart 11 a ii n, der ]\lit- 
verfasser des Jubiläumsgedenkblattes. ist nach kurzer Krankheit plötzlicii 
gestorben. Er widmet ihm einige Worte herzlichen Nachrufes: die An- 
wesenden erheben sich von ihren Plätzen. 

Herr Roediger spricht über abcicgriffoic Sprach münzen. Er versteht 
darunter Wörter, die wir hergebraclitermaßen verwenden, ohne uns über 
ihre ursprüngliche Bedeutung und die Wandlungen, die sie erlitten haben, 
Gedanken zu machen, mögen diese Veränderungen auch noch so auffällig 
sein. Die Wörter sind wie ^Hinzen durcli den (iebrauch abgenutzt, un(l 
damit hängt die Neigung zu Verstärkungen zusammen, die man ihnen nament- 
lich durcli Komposition oder bei \'erben durcii Auflösung in ein abstraktes 
Substantivum aus dem gleichen Stamm, abhängig von einem neuen Verbum, 
zuteil werden läßt, ^'gl■ z. B. mindern — vermindern, Jieruh mindern; er- 
fahren — iJi Erfahrung bringen. Unverstandene fremde oder veraltete ein- 
heimische Wörter erhalten in ähnlicher Weise verstärkende oder erläuternde 
Zusätze: neu renovieren, Bilehmaus, Zieselmaus usw. Der Vortragende 
behandelt dann einzelne Wortgruppen und Wörter : Komposita und Formeln 
mit schlagen, darunter beschlagen und das synonyme anlaufen; mit Blich; 
Vertreter, Stellvertreter und Synonyma; das durcli den Bedeutuugswechsel 
und die Konstruktionen besonders schwierige aufliören und einiges andere. 
Er schließt mit der Bemerkung, daß der zweckmäßige und wirksame Ge- 
brauch unserer reichen Sprache gewinnen würde, wenn wir von der Ge- 
schichte und Entwicklung unseres Wortschatzes mehr verstünden, als es im 
allgemeinen der Fall ist. 

Herr Lewent erinnert zu 'verschlagen' an prov. velha i.olps cazadd 
und möchte hier eine ähnliche Begriffsentwicklung annehmen. Auf eine 
Anregung von Herrn Förster äußerst sicli der Vortragende nocli zu 
Redensarten wie 'das schlägt in diese Frage'. 

Herr Förster .setzte seinen Vortrag vom 14. Februar fort. Er wür- 
digte zunächst nochmals des Grafen Gobineau Gesamtpersönlichkeit und 
Lebenswerk und die von ihm in seinem 'Rassewerk' begründete Geschichts- 
auffassung und Schule; nicht ohne für iim die auf alle Baiinbrecher zu- 
treffende Rechtfertigung geltend zu maciien, die am kürzesten Voltaire so 
au.s.spricht : 'C'e.st ie privilege, du vrai genie, et surtout du genie qui 
ouvre une carriöre, de faire impun»*ment de grandes fautes.' Er ging 
dann auf den Briefwechsel mit Adalbert von Keller ein; schon Albert Sorel 
habe auf die bezaubernde Art des mündlichen und schriftliciien Verkehrs 
mit Gobineau, zur gerechteren Feststellung seiner Persönlichkeit, hin- 
gewiesen. Welclie Rolle in G.s Leben gerade Keller gespielt habe, zeige sich 
u. a. in folgeiuler Briefstelle: 'Vous jouez un plus grand röle que vous ne 
croyez, dans mon existence par vos encouragements si afl'ectueu.K et si bons.' 
Und er rühmt ihm Wissen, Geschmack, Empfindung nach: 'D'ordinaire ceux 
qui savent beaucoup sentent peu, et ceux qui sentent beaucoup. ne savent 
lien.' Ungemein hoch .stellte G. den Roman 'Simplizissimus'', mit dem er 
durch K. bekanntgeworden war, und das mit ]{echt; er rühmt an ihm: 'la 
verve Ironie la richesse de couleur, la verite des caractöres, l'interet 
liistorique, l'invention incomparable'. Die gerade in seiner Rasse-Lelire be- 
ll* 



164 Sitzungen der Berliner Gesellscliafi 

gründete pessimistische Grnndstinmiung, für die wohl der schärfste Aus- 
druck ist: 'Ce siöcle est celui de la hasse coquinerie et de l'iueptie gran- 
diose', überwand er gegen Ende seines Lebens einigermaßen durch beschau- 
liche Muße und Arbeit. Den Einigungsbestrebungen Deutschlands brachte 
er kein volles Verständnis entgegen. Der Kronprinzessin (naclimaligen 
Kaiserin) Friedricli schrieb er in ihr Album den .sphinxrätselartigen Satz: 
'Croire ä ce qui merite d'etre cru, pour ne pas croire au reste.' U. a. m. 
Ein späterer Vortrag soll auf G.s liervorragende Bedeutung nochmals ein- 
gehen. 

Sitzung vom 26. März 1912. 

Der stellvertretende Vorsitzende macht Mitteilung von dem plötzlichen 
Tode Wilhelm Münchs, des langjährigen, hervorragenden Mitgliedes 
der Gesellschaft. Er widmet ilim einige Worte des Nachrufs und spricht 
die Hoffnung aus, daß sich Gelegenheit finden werde, der Gesellscliaft ein 
umfassenderes Bild seiner Persönlichkeit und seines Wirkens zu bieten. 
Die Anwesenden erheben sich von ihren Plätzen. 

Herr Philipp sprach über ÜDiar Chajjäm. Einleitend gab er seinem 
Bedauern darüber Ausdruck, daß das Studium der persischen Sprache und 
Literatur in Deutschland so wenig Förderuug erfährt. Nachdem er das 
Wesen des Sufismus und seinen Einfluß auf die Literatur Persiens erläutert 
hatte, schilderte er das Leben Omar Chajjäms, das in das elfte und den An- 
fang des zwölften Jahrhunderts fällt. Sodann sprach er von dem be- 
geisterten Kultus, den die Nachdichtung der Vierzeiler durch Fitz Gerald 
in England und Nordamerika hervorgerufen hat. Im Anschluß daran ver- 
breitete er sich über die Werke und die Lebensauffassung des ganz modern 
anmutenden Dichters und gab zahlreiche Proben nach verschiedenen Über- 
setzungen. Neben den Übertragungen von Schack und Bodenstedt wies' er 
empfehlend auf die von Fritz Rosen, Die Siniisprüclie Omars des Zeit- 
machers, Stuttgart u. Leipzig 1909, hin, die nach seiner Meinung in 
ihrer schlichten, wortgetreuen Wiedergabe dem leichter am meisten gerecht 
\\ ird. 

Herr Herzfeld weist als Parallele zu Fitz Gerald auf Sir Francis Bur- 
tons T]ie Kasidah of Hajö-Abdiil e Yezdi liin und verliest einige charakte- 
ristische Stellen. 

Herr Ludwig bespricht als 'kleine Mitteilung' ein Motiv, das er der 
verschwundene Eisenhahnzug nennt. Anknüpfend a:\ einen Aufsatz Max 
J. Wolffs {Literarische Verschollenheit), zeigt er, daß, wenn die fort- 
.schreitende Zivilisation gewisse früher sehr beliebte Motive der dich- 
terischen Behandlung entzieht, sie dafür auf der anderen Seite neue, un- 
geahnte Möglichkeiten schafft. Für den ver.schwundenen Eisenbahnzug 
bi ingt er drei Behandlungen bei : eine Episode aus La doiMe vie de 
Theophraste Longuet von L e r o u x, The lost special von Conan Doyle 
(Sammlung Round the fire stories) und The phantom motor von Futrelle 
(Sammlung The professor on the case). Der Vortrag wird in der wissen- 
schaftlichen Beilage zum Jahresbericht des Realgymnasiums zu Berlin- 
Lichtenberg 1912/13 erscheinen. 

Sitzung vom 16. April 1912. 

Herr Conrad erörtert die Frage, ob Graf Southampton der Freund 
der Shakespeareschen Sonette sein kann. Die sehr verbreitete Ansicht, 
daß er es ist, gründet sich auf die einzelne Tatsache der Widmung von 
Venus und Adonis und Lucretia. Sie kann nur aufrechterhalten werden, 
wenn man außer acht läßt, daß jeder von den meist armen und gesell- 
schaftlich tiefstehenden Dichtern und Schriftstellern für seine Produkte 
nach einem hochgestellten Schützer suchte, der ihm für die Widmung ein 



für das Studium der neueren Sprachen 1G5 

recht ansehnliclies Geldgeschenk machte und jenem durch seinen Namen 
Eingang verschaffte bei dem llaupt-Lesepublikum jener Zeit, der vor- 
nehmen Gesellsdiaft. Wenn wir also aus Sliakespeares Widmungen auf 
dessen intime Freundschaft mit Southampton schließen könnten, so miifJte 
jeder der Hunderte von untertänigen Widmern der Freund des betreffenden 
hohen Patrons gewesen sein. 

Lee, der besonders naclidrücklich für die Southampton- Freundschaft ein- 
tritt, findet eineu speziellen Beweis dafür in der Ähnliciikeit der Widmung 
der Lucretia mit einem Sonett (26). das offenbar die Sendung einer Anzahl 
von Freundschafts-Sonetten an den ungenannten Freund begleitete. Diese 
Ähnlichkeit besteht in weiter nichts als dem Ausdruck der Widmungs- 
absieht, der sich notwendig in jeder Widmung finden muß. Im übrigen 
unterscheidet sich die Widmung der Lucretia nur darin von den meisten 
anderen, daß sie etwas weniger schmeichlerisch gehalten ist; aber auch sie 
ist gesucht und gequält, auch in ihr spricht der arme Diener zu seinem 
hohen Herrn. Das Sonett aber ist von einer geradezu schmerzhaft be- 
rührenden Offenheit, die man nur vor einem wirklichen Freunde entfalten 
kann. Auch inhaltlich steht dies Sonett, wie auch 29 und 30, mit der 
W'idnmng in Widerspruch. 

Ferner glaubt Lee an die Legende, daß Southampton unsern Dichter 
einmal 1000 Pfund — 160 000 Mark! — geschenkt habe, weil Rowe 
•versichert worden i.st, daß Sir William Davenant die Geschichte über- 
liefert habe'. Sir William Davenant war ein verlogener Narr, der die Ehre 
seiner unbescholtenen Mutter besudelte, um für einen Sohn Shakespeares 
gelten zu können. 

Der Jüngling, den Shakespeare besingt, war so sdiöri, daß er ihn mit 
Adonis und Helena vergleicht. Der Vortragende .schildert die fruchtlosen 
lU-müliungen Lees, um Leute zu finden, die auch Southampton schön ge- 
funden haben. Lee bringt in seinem Buch offenbar das schönste von den 
14r existierenden Bildern von Southampton: an diesem Jüngling ist jeder 
Körperteil lang und dünn (außer dem Halse), der Ausdruck des pferde- 
ähnlichen Gesichts schläfrig und wenig gescheit. Dieser Jüngling ist 
liäßlidi — nicht gerade ugly, aber plnin-lookirnj. Sliakes])eare wäre ein 
schamloser Heuchler gewesen, wenn er den mit Adonis verglichen hätte. 
— Der Freund Shakespeares ist auch geistig bedeutend. Southampton hatte 
zwar die höliere Bildung von seinesgleichen genossen, aber von seiner 
geistigen Bedeutung ist nichts bekannt. 

Der Dichter ist in 1590/91 geschriebeneu Sonetten eifersüchtig auf einen 
großen Dichter 'von gewaltiger Rulimesschwinge', der auch den Freund 
feiert. Das kann in dieser Zeit nur Spenser sein, und Spenser hat beim 
Erscheinen der er.sten Gesänge der Faery Queen an Robert Es sex ein 
Sonett gerichtet, in dem er ihm verspricht, daß er ihn in den letzten Ge- 
sängen zu höchstem Ruhm emporlieben wird: er ist der ausersehene Ge- 
iios.se der Feenkönigin Gloriana (Elisabeth). Lee findet den großen Dichter 
in einem vor iiim ganz unbekannten Barnaby Barnes, einem kläg- 
liciien, schwülstigen Reimer, der unter sechs .sciiweifwedelnden Sonetten 
;iuch eins an Southampton gericlitet hat. 

Es spricht also alles gegen eine Freundschaft Shakespeares mit South- 
ampton. — 

Herr Lewent unterzieht als Beispiel der Sorglosigkeit, mit der noch 
immer Schulau.sgaben selbst weitverbreiteter, schon oft edierter Scliultexte 
angefertigt werden, die bei \'eliiagen & Klasing im Jahre 1909 erschienene 
zweite Auflage der Pliedrc von Racine einer eingehenden Prüfung. Hierbei 
werden besonders die L'ngenauigkeiten der saciilichen und die zahlreichen 
Fehler der sprachliclien Anmerkungen getndelt. 

Herr Prof. Dr. Carl Win ekler wird zur Aulnahme vorgeschlagen. 



166 Sitzungen dor Berliner Gesellschaft 

Sitzung vom 30. Ajnil 1912. 

Der Vorsitzende macht Mitteilung vom Tode eines längjährigen Mit- 
gliedes, des Dr. Gold staub; die Anwesenden ehren sein Andenken in 
der übliclien Weise. 

Herr M o r f spricht über Friedrich den Großen als Anf klärer. 

Am 30. Juli 1766 wurde in Zürich gemäß Beschluß des Rates der Stadt 
das 'verdammliche Buch' Abrege de l'histoire ecclesiastique de Fleury als 
religionsgefährlih durch den Henker zerrissen und verbrannt, und dem Bei- 
.spiele Zürichs folgte Bern am 5. August. Der damals unbekannte Verfasser 
des anonymen Werkes, das sich als übersetzt [traduit de Vanglois) ausgab, 
fälschlich den Druckort Berne aufwies und von der Buchhandlung Voß in 
Berlin vertrieben wurde, ist Friedrich der Große. Er hat 1762 während 
der Belagerung von Schweidnitz aus den 36 Bänden der Ilistoire eccle- 
siastique de Fleury (1691 — 1737), die ihm Catt sukzessive ins Heerlager 
senden mußte, einen Auszug dessen gemacht, was die Kirchenlehre als 
zweifelhaft und die Hierarchie als gewalttätig, geldgierig, fanatisch er- 
scheinen ließ. Die aufklärerische Absicht des Abrege geht deutlich aus dem 
Tone hervor, in welchem der Exzerptor referiert, und erhellt auch ohne 
weiteres aus dem avaiit-projios, in welchem von den imposteurs sacres die 
Eede ist, deren fatale Geschichte hier berichtet werde, und Jesus als ein 
obskurer Jude von trefflicher Moral geschildert wird, der den Deismus ge- 
predigt habe. Der Stil sowohl des Abrege als der Briefe, die sich auf ihn 
beziehen, schwelgt in den üblichen Redewendungen des Aufklärertums. Es 
ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß der König in der nämlichen 
Zeit zu diesem Angriff gegen die Kirche schritt, da für Voltaire die Affäre 
Jean Calas zum Au.sgangspuukt eines leidenschaftlichen Kampfes gegen /iie 
nämliche Kirche wurde. Und doch waren die beiden Männer in jenen 
Jahren einander entfremdet und schrieben sich nicht mehr. — Zwei Jahre 
später, 1764, machte sich der König daran, aus Pierre Bayles Dicfionnaire 
historique et critique, dem Bilduugsbuche seiner Jugend, die philosophischen 
Artikel auszuziehen. Er ließ diesen Extrait du Diciionnaire de Bayle 1765 
— und in zweiter, vermehrter Auflage 1767 — bei Voß anonym drucken 
und schrieb eine Vorrede dazu, in welcher er den Denker Bayle über Des- 
cartes und Leibniz stellt, die Lektüre des Dictionnaire als die beste Schule 
freier Denkweise bezeichnet und die Absicht kundgibt, durch diesen Extrait 
die Gedanken Bayles in weitere Kreise zu tragen. Wie sehr der König an 
diesem Extrait hing, geht daraus hervor, daß er ihn in den letzten Mo- 
naten seines Lebens von Dantal sich nochmals ganz vorlesen ließ (Dez. 1785 
und Jan. 1786). Im Briefwechsel mit Voltaire hat der König die Urheber- 
schaft des Extrait ohne weiteres zugegeben; die des Abrege aber hat er zu- 
nächst abgeleugnet, freilich ohne Glauben zu finden. 

Herr Mangold dankt dem Vortragenden für seine Ausführungen. Herr 
Rosenberg erörtert die Möglichkeit, daß Schicksale Rousseaus für König 
Friedrichs Tätigkeit einflußreich waren, was aber Herr Morf nicht für 
wahrscheinlich hält. 

Herr Kuttner stellt als Gedanken bei der Lektüre eines neuen fran- 
züsischen Romans eine Reihe von Erscheinungen zusammen, aus denen er- 
liellt, wie in Wortwahl, Wortstellung, Satzbau usw. die Prosasprache von 
Geschlecht zu Geschlecht neuen Charakter annimmt. 

Sitzung voyn 14. Mai 1912. 
Zum Protokoll der vorigen Sitzung bemerkt Herr Mangold, er habe 
unterdessen die deutsche Übersetzung des Abregß von 1788 gesellen; sie 
trage bereits auf dem Titel die Worte 'verfaßt und mit eigenen Reflexionen 
begleitet von Friedrich dem Zweiten'. 



für das Studium der neueren Sprachen 1G7 

Herr Brau dl widmet W i 1 ii e 1 m M ü n c h, dem verstorbenen hervor- 
ragenden Mitgliede der Gesellschaft, einen Nachruf. 

Münch war einer der überzeugtesten, begeistertsten Mitglieder der Ge- 
sellschaft, ein häufiger Besucher der Sitzungen, von dem wir auch so 
manchen anziehenden und anregenden Vortrag hören durften, ein eifriger 
Leser des Archivs. Das Verschwinden seiner Gestalt, deren feines und 
sauberes Äußere ein Sinnbild seiner inneren Vornehmheit war, hinterläßt 
eine schmerzlich empfundene Lücke. 

Der Vortragende gibt in kurzen Strichen eine Übersicht über seinen 
Lebensgang: Geboren 1843 in Schwalbach, wurde er nach vollendetem Studium 
Oberlehrer an rheinischen Gymnasien, 1877 Direktor in Ruhrort, 1883 in 
Barmen, 1888 Provinzialschulrat in Koblenz; in einer Bonner Pension hatte 
er sein Interesse für das Englische gewonnen. 1897 schied er aus seinem 
\'erwaltungsamt aus; nur ungern, aber er hoffte, für seine Gedanken in 
der Reichshauptstadt — im Ministerium mit Althoff, in der Literatur mit 
der Feder — Ersprießliches leisten zu können. 

Sein Ilauptprogrammpunkt war im Anfang die Neuorganisation des 
neusprachliclien Uuiversitätsunterrichts durch Schaffung eines o k z i d e u- 
t a 1 i s c h e n Seminars, in dem die westlichen Kultursprachen prak- 
ti.sch gelehrt und mit Anschauungsunterricht verbundene Vorträge über 
Literatur und Kultur der betreffenden Völker gehalten werden sollten, 
während die ueuphilologische Wissenschaft im engeren Sinne der Universi- 
tät verbleiben mochte. Der Gedanke, dem Althoff zunäch.st günstig gegen- 
übergestanden hatte, wurde aufgegeben zugunsten zweckmäßigerer Aus- 
gestaltung der bestehenden Universitäts,seminare: in einer Ver.sammlung 
von Fachmännern der höheren Schulen hatte Münch seine Gedanken dar- 
gelegt; jener Weg der Ausgestaltung des Bestehenden hatte aber durch- 
gängig die L^nterstützung der Anwesenden gefunden, die ihr Fach nicht 
von der Universität getrennt wissen wollten. Erreicht hatte Münch jeden- 
falls ein Interesse beim Ministerium für die Gründung praktischer Sprach- 
kur.se an den Universitätsseminaren, Seine und des Vortragenden Be- 
mühungen um die Gewährung von Auslands.stipendien an Studierende 
trugen freilich erst viel später Früchte, 

Der Redner geht dann auf Münchs Tätigkeit bei der Konferenz für die 
Reform des höheren Schulunterichts ein. Auch da erlebte er Enttäuschungen, 
der neusprachliche Unterricht wurde an den Realgymnasien in mancher 
Hinsicht sogar gemindert, und unmutig rief er einmal nach einer Mini- 
sterialsitzung aus: 'Jeder Geheimrat kommt sich ungeheuer gebildet vor, 
wenn er für Zwangsgriechisch eintritt!' 

Trotz solcher Erfahrungen hörte Münch nicht auf, im Ministerium für 
das Interesse dieses Unterrichts zu wirken : er war dessen ständiger Ver- 
treter auf den Neuphilologentagen, denen er dadun^h Gewicht verlieh und 
auch durch sein freundliches, versöhnliches, vermittelndes Wirken an- 
genehme Förderung brachte. 

Immerhin trat mehr und mehr die literarische Tätigkeit in den Vorder- 
grund. Seine Vorträge und Aufsätze erschienen in mehreren Bänden ge- 
sammelt, dazu eine Anzahl größerer Werke. In allen nehmen die neueren 
Sprachen, denen er fast dasselbe Gewicht beilegte wie den klassischen, einen 
hervorragenden Platz ein. Er wollte nichts hören davon, daß sie nur utili- 
taristisch seien: rühmen sich etwa nicht auch die Lehrer der alten Sprachen, 
daß diese nützlich sind? Er war kein Parteigänger der formalen Bildung, 
denn er sagte, nicht der formalen Bildung wegen lerne man heutzutage 
Sprachen, sondern weil sie Kultur.schlüssel sind, und in dieser Bezieliung 
schienen ihm die neuen an Wert den alten mindestens gewachsen. Sein 
Wort hatte besonderes Gewicht als das unparteiische eines Pädagogen. Dazu 
kam sein Streben nach Hebung der Lehrer, die seinem Herzen entschieden 



168 Sitzuugeu der Berliner Gesellschaft 

näherstaiuleii als die Gelehrten: (ientleim-ii sollten sie sein und Zeit Ite- 
konunen zur eigenen, freien Weiterbildung. 

Doch sein Wirken galt nicht bloß den neueren Sprachen : auf Volks- 
erziehung stand sein Sinn. Und da fällt seine Tätigkeit in eine bedeutsame 
Zeit, eine Zeit, wo alle Werte umgewertet werden, die Autoritäten wanken 
und die freie Persönlichkeit sich nicht mehr erziehen lassen will. Nach 
Möglichkeit suchte er alten wie neuen Idealen Achtung und Gehör zu ver- 
schaffen. Eine friedliche und glückliche Entwicklung wünschte er der 
Kinderwelt, die Gesundlieit sollte gewahrt, die Phantasie geweckt werden. 
Anderseits brauchten aber nach seiner Meinung die Kinder auch zielbewußte 
Führung und Gewöhnung an Arbeit, beste Lehre und gute preußische Zucht. 
So wollte er die Jugend und das Volk zu einer abgeglätteten, sittlichen 
Harmonie führen, zu äußerer Vielseitigkeit und innerer Selbstbeschränkung. 
Als sein Programm kann man bezeichnen: Freiheitszügelung, Gleichheit 
und Brüderlichkeit. Nicht jeder wird dies Ideal teilen. Vortragender ist 
eher für Freiheit, Ungleichheit und Brüderlichkeit und wünscht unserem 
Volke mehr starke Persönlichkeiten. Münch war aber ehrlich in seiner 
Ansicht und verfocht sie unentwegt. 

Das Recht dazu verdiente er sich besonders, indem er auch nach oben 
hin ein Lehrer der Selbstbeschränkung war, wie sein Buch über Fürsten- 
erziehung zeigt. Für Fürstendemut trat er ein; als Mitglied der büiger- 
lich-men.schlichen Ge.sell.schaft solle sich auch der Höchste betätigen: auf 
den Geist der Zeit zu achten, sei niemals eine Unehre. 

Bei alledem war Münch ein warmherziger Mensch; nicht bloß Pädagog, 
sondern speziell in seinen Novellen, diesem edlen Abbild seiner entsagenden 
Innerlichkeit, auch Gestalter. Seine Lebensweisheit verstand er am besten 
epigrammatisch auszuprägen. Der A'ortragende liest einiges Dahingehörende 
aus den 'Anmerkungen zum Text des Lebens* vor, um wenn nicht seine 
Stimme, so doch sein Wort noch einmal in der Gesellschaft ertönen zu 
lassen. 

Herr Kuttuer setzt seinen Vortrag über Beohachtungen beim Lenfii 
eines neuen französischen Romans fort. Er hat A 1 p h o n s e de C h ä t e a u- 
briants Monsieur des Lourdines gewählt, weil das Buch den Goncourtpreis 
erhalten hat. Haftet dem Buche damit gewissermaßen etwas Program- 
matisches an, so hat die Auszeichnung doch einen getroflfen, der ein Be- 
rufener zu sein scheint; denn das Buch enthält viel Schönes, zeugt von 
feiner Beobachtung.sgabe und ist erfüllt von einem warmen, aufrichtigen 
Naturgefühl. Wenn man den Stoff unter ein Stichwort bringen will, .so 
kann man dafür an das in letzter Zeit so vielfach varierte Thema der 'De- 
zentralisation' erinnern, an den Kamj)f zwischen dem Vampyr Paris und 
den unverbrauchten, gesunden Kräften der Provinz, zwischen Stadt und 
Land, ein Thema, das von Balzac über Bazin und Barres in die Tages- 
literatur herüberklingt. Was die Form betriflt, so tritt sinnfällig in die 
Erscheinung, daß hier eine Sprache lebt, die nach neuen Ausdrucksmitteln 
ringt und sich freimachen will von konventionellem Material, A'on im Tages- 
kurs befindlicher Scheidemünze. .\ls cliarakteristisch gibt der N'ort ragende 
zunächst eine Auslese der Besonderlieiten des bildlichen Ausdrucks in dem 
neuen Buche. Dann wird gezeigt, wie bei der Einfachheii der Fabel dem 
weniger erzälilend, sondern darstellend malerischen Gestalten eine Fülle 
von auffälligen Eigenheiten die.ser jüngsten Kunst.sprache entspricht. In 
ihr treten klar die allgemeinen Tendenzen der künstlerischen Betätigung 
unserer Zeit hervor. Was Vorgang ist, wird gegenständlich erfaßt: die 
Verbalform wird zum Sub.stantivum. Dementsprechend wird das Adverb 
zum Adjektivum, das Adjektivum zum Snbstantivum. Wo das Auge bisher 
nur eine einzige Nuance wahrgenommen, da werden jetzt ilirer viele er- 
späht: der Singular ^\■ird zum Plural. .Vuf das gleiche malerische Sehen 



für das Studiuu! doi iicucihmi Sprachi'u 169 

v>ird die stark(! \'oilieb'j für luvorsioiu-ii l)('<;rüridel, von dcuoii ciiizolno 
15ois[)iele fast deutsches tie])räge liaben. Aueli die asyndetische Aneiii- 
auderreihunfj der Aussagesätze gehört zum ("liarakter dieser Kunstform. 

Zum Schluß wird der Wortschatz geprüft, gleichsam als Farbenmaterial, 
und gezeigt, aus welchen Quellen geschöpft wird. Nur ver.schwindend kommt 
llialektgut der l'rovinz in Betracht, in der der Roman sjjielt. Ks werden 
allgemeine Provinzialismen verwendet, vielfacli arcliai.sche Bildungen ein- 
gewebt und AbgegritTenes oder Erstarrtes zu neuem Clanz und Leben er- 
weckt. Dazu tritt eine große Zahl von technischen Au.sdrücken, die sich 
je aus der Milieuscliilderung ergeben, und neben der Einführung von be- 
fremdenden gelehrten Wörtern wird niclit vor kräftigen Argotausdrücken 
zurückgeschr(>ckt. Endlicli wird die Schöpfungskraft auch an mehr oder 
weniger glücklichen Neubildungen versuclit. 

Zum Scliluß werden einige Beispiele gegeben, die zeigen .sollen, daß 
nicht kritiklos die Sprachkenntnis und das Sprachmaterial des Verfassers 
entgegengenommen werden darf. 

Sitzung vom 17. September 1912. 

Herr Iv a b i s c h spricht über den Einfluß, den Etyniolof/ic und Be- 
(l( iilii}i(jsiniiid(i der Wörter aufeinander ausüben, und zeigt an Beispielen 
aus dem Lateinischen, Französischen und Englischen, wie fal.sche Deutungen 
und Erklärungen schwieriger Stellen der drei Literaturen aus diesem Ein- 
fluß entstanden sind, sodann aber auch, wie beide Seiten der Spracli- 
betrachtung zu keinem oder einem falschen Resultat führen, wenn nicht 
zuer.st aus dem Zusammenliang der zu erklärenden Stelle das Bedeutungs- 
gebiet der schwierigen Wörter und die Richtung festgestellt worden sind, 
in der sicli die {Erklärung, der Sachlage nach, zu bewegen hat. 

An der Diskussion beteiligen sich die Herren T a n g e r, K u 1 1 n e r, 
Förster und Müller teils mit Zusätzen zu den Ausführungen des 
Redners, teils mit anderen Beispielen. 

Herr Ludwig spricht über Wandernde Stoffe dfr neueren Literutur. 
Der erste Teil des Vortrages, der über verschiedene Beziehungen zwischen 
französischer und deutscher Literatur berichtet, wird in der Sonniags- 
hcilagc der Vossisehen Zeilinuj (1912, Nr. 44) erscheinen: im zweiten stellt 
der \'ortragende zwei auffallend ähnliclie Szenen aus Reades Roman The 
Cloister and the Ilearth und Molieres Malade Imacjinnire fest und erwägt 
die Frage, ob eine ?>ntlelinung oder eine genuMusame (j)uelle vorliegt. 

Sitzung vom 15. Oktober 1912. 

Herr Adolf Müller berichtet über den zu Frankfurt a. M. vom 27. 
bis 30. ]\Iai 1912 abgehaltenen ZV', allf/oneinen deutschen Aeiiphilolotjentuff. 
Die Teilnehmerliste weist 489 Namen auf, darunter Vertreter von Amerika, 
Iiänemark. England, Frankreich, (^.sterreicli, Rußland, Schweden, Schweiz, 
Serbien. Die Vorver.sammlung fand am Naclimittag des 27. in einem Zimmer 
der Akademie für Sozial- und Ilandelswissenschaften statt. Der Verband, 
«lern jeder Neuphilologe angehören sollte, zäiilt jetzt 2288 Mitglieder. Mit 
großer Freude wurde die Mitteilung begrüßt, daß in Preußen der Etat für 
Auslandsstipcndien auf 30 000 ^Mark erliöht sei. Zu weiteren Sammlungen 
für das Diezdenkmal wurde aufgefordert. Bremen erbot sicii, die nächste 
Tagung bei sich abzuhalten. Die den Teilneiimern gewidmete Festschrift 
enthält elf wertvolle .Vbhandlungen. Der Begrüßungsabend in der Alemannia 
war so zahlreidi besuciit, daß die eine Hälfte unter Walters Fiiiiruiig in das 
IWirsenrestaurant auswandern mußte. 

In der Aula der Akademie wurde durch Dir. Dürr am 2S. der W. Neu- 
pliilologentag feierlich eröfTiicI. Die vielen Begrüßuiigsicdcn dcliiilcii sich 



170 Sitzungen der Berliner Gesellschaft 

so aus, daß die für die drei Vorträge der ersten allgemeinen Sitzung be- 
stimmte Zeit sehr A'erkürzt wurde. Es mußte daher, da der Empfang durch 
die städtischen Behörden im Römer um 1 Uhr eine Verlängerung der 
Sitzung niclit zuließ, der dritte Vortragende, Prof. Morf, sich auf einen 
stark gekürzten Auszug seines Vortrages 'Vom linguistischen Denken' be- 
schränken. Der Vortragende berührt darauf die anderen Vorträge, be- 
spricht die Lehrmittelausstellung in der Aula der Viktoriaschule und 
schildert die zur Feier der Tagung veranstalteten Festlichkeiten: den Emp- 
fang im Römer, das Festmahl, die Festvorstellung im Städtischen Schau- 
spielhaus und die Rheinfahrt, bei der die Teilnehmer auf der Rückkehr 
nach Bieberich das herrliche Schauspiel der Uferbeleuchtung genossen. 

Herr E b e 1 i n g spricht über eine Reihe von Redewendungen (z. B. 
faute de, crainte de usw.), die man bisher durch den Wegfall von Prä- 
positionen hat erklären wollen. Der Vortrag erscheint in Probleme der 
romanischen Syntax IL 

Herr Morf weist auf einen ähnliclien Gebrauch von ital. senza hin, das 
vielleicht auch so aufgefaßt werden könne. Herr Ebeling faßt senza als 
den Ablativ von absentia auf; das afrz. senz, sanz vertritt vielleicht ab- 
sentiis. Herr Tiktin erinnert an 'kraft', 'laut' und ähnliche Ausdrücke; 
der Vortragende hat auch diese behandelt, doch an anderer Stelle. Herr 
Tiktin bringt noch rumänische Wendungen bei wie: 'er ist gesund, Ka- 
none', 'er fiel zu Boden, Haufen' — sei nicht 'kerngesund' dasselbe? 

Die Herren Oberlehrer Dr. Sievers und Dr. Fehse werden zur 
Aufnahme vorgeschlagen. 

Sitzung vom 29. Oktober 1912. 

Herr W o 1 f f behandelt die Accademia degVIntronati von Siena. Der Vor- 
tragende besprach zunächst die Bedeutung der italienischen Akademie zur 
Zeit der Renaissance im allgemeinen, dann im besonderen die der Intronati. 
Nachdem er ihre Gründung, äußere Geschichte, Organisation und ihre 
Absicht, nicht einseitige Fachgelehrte, sondern möglichst harmonisch durch- 
gebildete Menschen heranzuziehen, auseinandergesetzt hatte, ging er auf die 
einzelnen Gebiete ein, auf denen die Akademiker sieh bewährt haben. Er- 
wähnenswert sind besonders ihre Komödien, ihre Stegreifspiele, aus denen 
sich die Commedia dell'arte entwickelt hat, sodann aber auch ihre Leistun- 
gen als Übersetzer aus den antiken. Sprachen und ihre Erklärungen klassi- 
scher Autoren. Sie sichern der Akademie der Intronati einen Ehrenplatz 
unter den zahlreichen ähnlichen Vereinigungen im 16. Jahrhundert. 

Herr Morf spricht über eine bisher unbekannte Fassung der ersten 
zwei Gesänge von Ronsards Franciade. Der Vortrag ist im Archiv CXXIX, 
459 ff., erschienen. 

Herr Provinzialschulrat Dr. Doblin wird zur Aufnahme in die Gesell- 
schaft vorgeschlagen; die Herren Dr. Sievers und Dr. Fehse werden 
aufgenommen. 

Sitzung vom 12. November 1912. 

Herr Colin spricht über den Guillaiime d'Anglctcrre des Chreticn de 
Troges. Er charakterisiert die Dichtung und den Dichter, der für ihn wie 
für W. Foerster Chretien de Troyes ist, führt aber aus, daß die Dichtung 
in ihrem überlieferten Zustande nicht durchweg von letzterem herrühren 
kann, sondern eine jüngere Überarbeitung .seiner Schöpfung ist. Einige 
Stellen des Romans werden eingehend besprochen. • 

Herr W o 1 f f erwähnt das Vorkommen einer dreimaligen göttlichen 
Stimme in einer indischen Legende. 

Herr Löschhorn gedenkt des 50. Todestages L. Uhlands. 



für (las Stiuliuiii der noiioreu Sprachen 171 

Herr Kugel sprielit über die Tendenz in den Romanen von Henri/ 
Bordeaux. Die Absieht Bordeaux', durch seine Romane beizutragen, den 
erschütterten Familiensinn in Frankreich zu stärken, die Liebe zur engeren 
Tleimat zu wecken und zu pflegen, die alten guten Traditionen pietätvoll 
zu bewahren, die \'orherrschaft von Paris und die zu strafte Zentralisation 
zu brechen, um dadurch eine Gesundung des politischen sowie vor allem 
des moralischen Thebens der Nation zu erzielen, verfolgt und erläutert der 
Vortragende in den Romanen: La Peur de Vivre, Pays natal, La Rohe de 
Laine, Les Roqiterillard, La Croisee des Chemins, Les Jeux qui s'oiwrenl, 
La Neige siir le Pas. Einleitend hebt er ähnliche Tendenzen bei mehreren 
anderen neufranzösischen Schriftstellern hervor und gibt zum Schluß eine 
kurze Würdigung von Henry Bordeaux' Bedeutung als Schriftsteller und 
Moralist. 

Der bisiierige \'orstand wird wiedergewählt. 

Herr Provinzialschulrat Doblin wird in die Gesellschaft aufgenommen, 
Herr Überlehrer Dr. B r ü ß zur Aufnahme vorgeschlagen. 

Sitzung vom 26. November 1912. 

Herr Ludwig spricht über die Geschichte der Deutschen Shakespeare- 
Gesellschaft. Nachdem der Vortragende darauf hingewiesen hat, daß die 
Gesellschaft der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft seit ihrer Gründung 
angehört und dadurch nunmehr, abgesehen von dem einen noch lebenden 
Gründer der Shakespeare-Gesellschaft, Paul von Bojanowsky, ihr ältestes 
Mitglied ist, nachdem er ferner daran erinnert hat, daß F. A. Leo im Jahre 
1864 in unserer Gesellschaft schon gesprochen hat über 'Stiftung eines 
Zweigvereins der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft' sowie über die 'Tätig- 
keit der Weimarischen Shakespeare-Gesellschaft', schildert er auf Grund der 
Akten die Gründung und die ersten Jahre der Shakespe.are-Gesellschaft. 
Der Vortrag ist ein Teil der zum fünfzigjährigen Jubiläum der Gesellschaft 
in ihrem Auftrag verfaßten Geschiclite, die in Bund ^i9 des Sliakespeare- 
Jahrhuches im Druck erscheinen wird. 

Herr B r a n d 1 erzählt im Anschluß einiges aus späteren Zeiten der 
Shakespeare-Gesellschaft und lädt zum Besuch ihrer Jahresversammlungen 
ein. Herr Tanger regt deren Verlegung auf eine Zeit an, die den Besuch 
erleichtere. 

Herr Oberlehrer Dr. Brüß wird in die Gesellschaft aufgenommen. 

Sitzung vom 10. Dezember 1912. 

Herr Lewent behandelt das in Bartsch' Grundriß unter Nr. 233,1 
verzeichnete Lied Beui platz lo gais temps de pascor. Er legt den proven- 
zalischen Text vor, bietet eine wörtliche Übersetzung, sodann die poetische 
von Diez, und versucht nachzuweisen, daß Bertran de Born der Verfasser 
des Liedes nicht .sein kann, daß vielmehr Guillem de Saint-Gregori nach 
der hand.schriftlichen Überlieferung derjenige i.st, dem das Lied wahr- 
.scheinlich zugeschrieben werden nuiß. Der zweite Teil des Vortrages wird 
in etwas veränderter Gestalt und mit einigen anderen Mitteilungen zu- 
sammen unter dem Titel 'Zur provenzalisch(>n Bibliograpliie" im Archiv er- 
scheinen. 

Herr Barral (als Gast) besj)richt La (jiKslion de In Uingue internatio- 
nale et son etat actuel. Er erörtert die Bedingungen, die eine Weltsprache 
erfüllen müs.se, charakterisiert frühere Versuche und zeigt, wie deren 
Mängel einen Erfolg au.sge.schlo.ssen hätten. Als letzte Erscheinungen auf 
dem Gebiete werden das Esperanto und das Tdo genannt und in ihren 
Grundsätzen erläutert. 



Verzeichnis der Mitglieder 

der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen. 

Januar 1913. 

Torstand. 

Vorsitzender: Herr A. R i s o p. 
Stellvertretender Vorsitzender : ., A d. M ü 1 1 e r. 
Schriftführer : ,, A. Lud w i g. 

Stellvertretender Schriftführer: ,, K. Schmidt. 
Erster Kassenführer: ,, M. Kuttner. 

Zweiter Kassenführer : ,, G. O p i t z. 

A. Ehrenmitglieder. 

Herr Dr. Meyer-Lübke, Wilhelm, ord. Professor an der Universität, 

Mitglied der k. k. Akademie der Wissenschaften. Wien, XVTII, 

Währinger Straße 147. 
llev. Skeat, Walter W., Dr. phil., Litt. D., LL. D.. Professor. Cambridge, 

2 Salisbury Villas. 
Herr Dr. S u c h i e r, Hermann, Geh. Kegierung^rat, ord. Professor an der 

Universität. Halle a. S., Sophienstr. 32. 
Frau V a sc on cel 1 o s, Carolina Michaelis de, Dr. phil. Porto, Codofeita. 

B. Ordentliche Mitglieder. 

Herr Dr. Aronstein, Ph., Professor, Oberlehrer an der \'. städt. Real- 
schule. Berlin NW 87, Elberfelder Str. 28. 

Dr. Becker, Gustav, Oberlehrer an der Charlottenschule. Berlin 
W30, Zietenstr. 2L 

Dr. Berger, Rudolf, Oberlelirer an der TIT. städt. Realschule. Beiiiti 
NW 23, Altonaer Str. 21. 

Dr. Beyer, Bruno, Oberlehrer au der städt. Realschule iu Char- 
lottenburg. Charlottenburg, Grolmannstr. 62 II r. 

Dr. Bitter hoff, Max, Oberlehrer an der XIII. städt. Realschule. 
Berlin NW 23, Claudiusstr. 14. 

Dr. Block, John, Professor, Oberlehrer an der Goetheschule. Haien- 
see, Johaun-Georg-Str. 11. 

B o e k, Paul, Professor, Direktor der XIII. städt. Realschule. Berlin 
NW, Schleswiger Ufer 14. 

Dr. Bolle, Wilhelm, Leiter des Realgyuuiasium i. E. in Friedru-hs- 
felde. Karlshorst, Tresckovv-AUee 91. 

Dr. Born, Max, Oberlehrer an der Chamissoschule. Schöueberg, 
Berclitesgadener Str. 22/23. 

Dr. Brandl, Alois, Geh. Regierungsrat. ord. Professor an der Uni- 
versität, Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Berlin 
WIO, Kaiserin-Augusta-Str. 73 111. 

Dr. Brüß, Friedrich, Oberlehrer an der Oberrealschule. Berlin-Wil- 
mersdorf, Mannheimer Str. 44. 

Dr. C a r e 1, George, Professor, Oberlelirer an der So]jliienschule. 
Charlottenburg IV, Waitzstr. 8. 

Dr. Churchill, George B., Professor am Aniherst College. Anilier.st, 
Massachusetts, U. S. A. 

Dr. Cohn, Georg. Berlin W 15, Bregenzer Str. 8 III. 

Dr. Conrad, Herrn., Professor. Gr. -Lichterfelde 0, Bismarckstr.il. 



Verzeiclmis der MilglicdtT dor Borlincr Gesell scdiiift f. n. Spr. 17l> 

Dl. C o r n i ft" 1 i u -s, ;M;ix, Professor. iJerliii W ."iO. Luilpoldstr. 4. 

Dr. Da mm holz, Kudolf, Professor, Direktor der Auguste-Viktoria- 
ISeliule und des Mädcheu-Kealgymnasiuins. Charlotteiiburg, 
Nürnberger Str. 63. 

De Im er, Frederie Seftou, Professor, Lektor der englischen Sprache 
au der Universität, Lehrer an der Kriegsakademie und au der 
Militärtechui.schen Akademie. Berlin NW 2:5, Flotowstr. 8. 

Dr. D i 1) e 1 i u s, W., llamburgiseher Professor für euglisciio 8]naehe 
und Kultur. Hamburg, Sierielist r. 18 1 1 1. 

Doblin, Ernst, Provinzial-Schulrat. Steglitz, VVrangelstr. .">. 

Doegeu. Wilh., Oberlehrer an der XI. städt. Keal.scluile. Z( lih lulorf, 
Alsenstr. 121. 

Dr. D r i e s e 11, Otto, Überlehrer au der städt. Realschule in (.'liai- 
lotteubiirg. Charlotteiiburg, tüe.sebreeht.str. 6. 

Dr. D ü V e 1, Willi., Direktor des Kealgvninasiums. Ueiuiekeudorf-Ost. 

Dr. E b e 1 i u g, Georg, Privatdozeut an der Uuiversität. Cliarlotleii- 
burg, Sybelstr. 35 Portal 1 e. 

Dr. E h r k e, Karl, Oberlehrer an der IJealsehiilc zu Zehleudorf-Wa. 
Zehlendorf-Wa., Anna.str. 5 11. 

!•', ugel. Ilermanu, Professor, Oberlehrer am Friedrich-Werdersclicii 
Gymnasium. Cbarlottenburg, Kaut.str. 4(1. 

Dr. E n g w e r, Theodor, Geh. Regieruugsrat uuil X'orl ragender Ifat 
im Kultusministerium. Steglitz bei Berlin, Arndtstr. 40. 

F e a t h e r s t o u h augh, Albany. Charlottenburg, Köuigiu-Elisabetii- 
Str. 41. 

Dr. F e h s e, Erich, Oberlehrer am Beform-Kealgymuasium \\'eiBeu.see. 
Berlin-Weißeusee, Albertiuenstr. 24. 

Dr. Förster, Paul, Professor, Oberlehrer a.D. Friedeuau, Schmar- 
geudorfer Str. 23. 

F r i e d 1 ä n d e r, J., Oberlehrer an der III. Oberrealseiiule. Berlin 
N 58, Eberswalder Str. 35. 

Dr. F r i e d rii a n n, Georg, Professor, Oberlehrer an der V. städt. 
lleal.schule. Ciuirlottenburg-W^estend, Ulmenallee 38. 

Dr. Fuchs, Ma.x, Profes.sor, Oberlehrer au der VI. städt. Eealschule. 
Friedenau, Stubenrauchstr. 5. 

Dr. (lade, Heinrich, Oberlehrer am Audreas-ixcalgyinnasiuiii. Ber- 
lin NO 43, Am Friedriehshain 7 III b. 

Dr. Gladow, Hans, Oberlehrer am Reform-Gymnasium in ^farien- 
dorf. Berlin NO 43, Barnimstr. 31. 

Dr. Greif, Wilhelm. Professor, Direktor der III. städt. Realseliule. 
Berlin W 35, Steglitzer Str. 8a. 

Dr. Gropj), Ernst, Profes.sor, Direktor der städt. Oberrealseiiule 1, 
Ciiarloltenburg, Schloß.str. 27. 

Haas, J., Oberleutnant a.D. Berlin C 2, An der Sclileii.se 5a. 

H a r s 1 e y, Fred, M. A., Lektor der engli.schen Sprache an der Uni- 
versität. Berlin W, Elßholzstr. 9, b. Kupfer. 

Dr. Hausknecht, Emil, Direktor a. D., Profes.sor au der Uni- 
versität. Lausaune, Avenue d'Ouchy 96. 

Dl. 11 e i n z e, Alfred, Professor, Oberlehier am Kaiser- Wilhelm Real 
gymnasium. Charlottenburg. Kuno-Fischer-Str. 14. 

Dr. H e 1 1 g r e \v e, Willi., Professor, Oberlehrer au der städt. Oberreal- 
schule I in Charlotteiiburg. Charlottenburg, Bi.smarckstr. 39. 

i)r Hendreich, Otto, Professor, Oberlehrer an der Luisenstädti- 

.schen Oberrealschule. Charlottenburg, Uhlandstr. 24. 
Dr. Herr mann. Albert, Profes.sor, Oberlehrer an der XII. städti- 
schen Realschule. Bciiin NO. Am l'ticdri(li.sli:iin 13. 



17-i Verzeichnis der Mitglieder der Berliner Gesellschaft f. u. Spr. 

Herr Dr. Her z fei d, Georg. Berlin W, Lützowufer 30 III. 

„ Dr. H i 1 1 e, Karl, Oberlehrer am Realgymnasium in Lichtenberg. Ber- 
lin-Lichtenberg, Normannenstr. L 

,, Dr. Ho ff mann, Willy, Überlehrer am Kealgymuasiuni nebst Real- 
schule zu Friedeuau« Friedenau, Fehlerstr. 16. 

„ Dr. H ö r n i n g, Willy, Oberlehrer am Realgymnasium zu Lichtenberg. 
Lichtenberg-Berlin, Frankfurter Chaussee 111. 

,, Dr. Hummel, Fritz, ord. Lehrer am Schiller-Lyzeum. Berlin NW 52, 
Calvinstr. 10. 

„ Dr. Johannesson, Fritz, Professor, Direktor der XIV. .städt. Real- 
schule. Berlin N 65, Lütticher Str. 56/60. 

„ K a b i s c h, Otto, Professor, Oberlehrer am Luisenstädtischen Gym- 
nasium. Berlin-Wilmersdorf, HohenzoUerndamm 26. 

„ Keil, Georg, Professor, Oberlehrer a. D. Berlin ÖW 48, Friedrich- 
straße 32 IL 

„ Dr. Kiehl, Bruno, Oberlehrer an der Herderschule. Charlottenburg, 
Berliner Str. 103. 

„ Dr. Koebe, Karl, Oberlehrer am Luisenstädtischen Gymnasium. Ber- 
lin NW 21, Essener Str. 32. 

„ Dr. K Olsen, Adolf, Professor. Berlin W 30, Schwäbische Str. 3 III. 

„ Dr. K r a e m e r, Franz, Oberlehrer an der Schillerschule. Berlin 
NW 87, Elberfelder Str. 22. 

„ Dr. K r u e g e r, Gustav, Professor, Oberlehrer am Kaiser-Wilhelm- 
Realgymnasium, Lehrer an der Kgl. Kriegsakademie, Lektor 
des Englischen an der Technischen Hochschule zu Charlotten- 
burg. Berlin W 10, Bendlerstr. 17. 

„ Dr. Kühnhagen, Oscar, Professor, Oberlehrer an der IV. städt. 
Realschule in Berlin. Charlottenburg, Neue Kantstr. 1 7. 

„ Kündiger, Hans, Oberlehrer am Andreas-Realgymnasium. Berlin 
NW 52, Kirchstr. 24. 

„ Dr. Kuttner, Max, Professor, Oberlehrer an der Kgl. Augusta- 
schule. Berlin-Schöneberg, Bozener Str. 21. 

„ Lach, Paul, Haudelsschuldirektor a. D. Berlin S 14, Dresdener 
Straße 90 I. 

„ Lall mann, Gustav, ordentl. Lehrer an der Schillerschule. Berlin 
NW 52, Thomasiusstr. 2. 

„ Dr. Lamp recht. F., Professor, Oberlehrer am Gymnasium zum 
Grauen Kloster. Berlin C 2, Klosterstr. 73 IL 

„ La n g e n s ch e i d t, C, Verlagsbuchhändler. Schöneberg-Berlin, Bahn- 
straße 29/30. 

,, Dr. L e b e d e, Hans, Kandidat des höheren Sclnilamts. Scliöneberg, 
Wartburgstr. 39. 

„ Dr. L e w e n t, Kurt, Oberlehrer am Dorotheenstädtischen Realgym- 
nasium. Berlin W 30, Barbarossastr. 16. 

,. Dr. Lommatzsch, Erhard, Privatdozent au der Universität. Halen- 
see-Berlin, Johann-Georg-Str. 11. 

,, Dr. L ö s c h h o r n, Hans, Professor, Oberlehrer an der Kgl. Augusta- 
schule. Berlin W 35, Genthiner Str. 41 III. 

„ Dr. Lücking Gustav, Professor, Realschuldirektor a. D. Berlin 
W 50, Achenbachstr. 2. 

„ Dr. Ludwig, Albert, Direktor des Realgymnasiums zu Licliteuberg. 
Lichtenberg-Berlin, Parkaue. 

„ Luft, Friedrich, Professor, Oberlehrer am Ilohenzollerngyiunasium. 
Berlin-Friedenau, Kaiserallee 74. 

„ Dr. Lummert, August, Oberlehrer an der Dorotheenschule. Berlin 
NW 21, Dortmunder Str. 2. 



Vcrzoic-hnis tler ilitgliodor der ßorliucr Gesellschaft f. n. Spr. 175 

Herr Maillet, A. S., Lektor au der Ilandelslioclischule. Herliu-Wiilniers- 
dorf, Pfalzburger Str. 33a. 

„ Dr. Mangold. Wilhelm, Professor, Oberlehrer a.D. Steglitz, Kleist- 
straße 38. 

„ Dr. M a r q u a r d t, ]{ud., Überlehrer aui Kealgymuasiuui in Frideuau. 
Friedenau, Stubbeurauciistr. ö3. 

„ Dr. Merz, Johanues, Oberlehrer aui Healgyuiiiasiuui in Friedenau. 
Friedenau, Wagnerplatz 5. 

„ Dr. Michaelis, C. Th., Geh. Keg.-Kat. Stadl-Schulrat. Berlin W, 
Blumeshof 16 III. 

„ Dr. M o r f , Heinrich, ord. Professor au der Iniverstät, ]\Iitglied der 
Akademie der Wissenschaften. Herliu-llalensee, Kurfürsteu- 
danim 100. 
Dr. ]\l ü 1 1 e r, Adolf, Professor, Oberlehrer a.D. Friedenau, Südwest- 
Korso 13. 
Dr. Müller, August, Profe.s.sor, Oberlehrer an der Kgl. Elisabeth- 
schule. Berlin SW47, Großbeerenstr. r^r) part. 

,. Mülle r, Friedrich, Kgl. Baurat. Friedenau, Goßlerstr. 2. 

,. Müll e r. Fritz, Oberlehrer an der Siemens-Oberrealschule. Charlotten- 
bufg I, Königin-Luise-Str. 2/3 I. 

,. Dr. Münster, Karl, Profe.ssor, Oberlehrer an der VII. städt. Peal- 
schule in Berlin. Köpenick, Freiheit 1. 
Dr. X a e t e b u s, Gotthold, Bibliothekar an der Kgl. Bibliothek. Groß- 
Lichter felde O, Frauen.str. 3. 

„ Dr. Neuen dor ff, Beruh., Oberlehrer an der Oberrealschule II. 
Charlottenburg, Bismarckstr. 13. 
Dr. Noack, Fritz, Oberlehrer am Gymnasium in Groß-Lichterfelde. 
Groß-Lichterfelde, Theklastr. 12. 

„ Dr. Nobiling, Fr., Oberlehrer au der Oberrealschule II in Char- 
lottenburg. Charlottenburg I, Guerickestr. 42. 

„ Opitz, G., Professor, Oberlehrer am Dorotheeustädtischen Realgym- 
nasium. Steglitz, Grenzburg.str. 6. 

,, Dr. Otto, Ernst, Oberlehrer an der Herderscluile. Charlottenburg, 
Kaiser-Friedrich-Str. 2a. 
Dr. P a r 1 s e 1 1 e, Eugene, Professor, Lektor der französischen Sprache 
an der Univer.stät, Lehrer an der Kgl. Kriegsakademie. Ber- 
lin W 30, Landshuter Str. 36 IL 

,, Dr. Philipp, Karl, Oberlehrer am Gymnasium. Kottbus, Kaiser- 
Friedrich-Str. 22 I. 
]^r. P 1 a t o \v, Hans, Oberlehrer an der mit dem Gymnasium verbun- 
denen Realschule. Zehlendorf bei Berlin, Bergmannstr. 7. 
P r e \v i t z, Erich, Oberlehrer an der VI. städt. Realschule. Berlin S, 

Bergmannstr. 69. 
Dr. Püschel, Kurt, Oberlehrer am Dorotheen.städtischen Realgym- 
nasium. Berlin NW, Es.sener Str. 13. 

,. Dr. Risop, Alfred, Professor, Oberlehrer am Dorotheenstädt isclien 
]{ealgymnasium. Berlin-Dahlem, Ladenbergstr. 7. 

„ Dr. Ritter, 0., Professor, Direktor der Luisenschule. Berlin N 24, 
Ziegelstr. 12. 

,, Dr. Roediger, Max, Geh. Regierungsrat, außerord. Profes.sor an der 
Universität. Berlin W 62, Bayreuther Str. 43 IL 

„ Roettgers, Benno, Professor, Direktor der Viktoriaschule. Berlin 

S 14, Prinzenstr. f)!. 
„ Roland, Max, Kandidat des höheren Schulamfs. Spandau, Ham- 
burger Str. 116 I. 



176 "\'('izt'i(linis (Ut IMilgliinUT dor Berliner Cesellschafl f. Ji. Spr. 

Herr Dr. IJoseuberg, Felix, Professor, Oberlehrer am Kölluischen Gym- 

iiusium. Groß-Lichterfelde, Unter deu Eichen 127. 
„ llossi, Giuseppe, Kgl. ital. Vizekonsul, Lehrer an der Militärtech- 
nischen Akademie. Berlin NW, Lüneburger Str. 22. 
„ Dr. S a b e r s k y, Heinrich. Berlin W 35, Genthiner Str. 28 I. 
,, Dr. Saß, Ernst, Oberlehrer am Mommsen-Gymnasium. Grunewald, 

Humboldtstr. 6a. 
Dr. Schayer, Siegbert, überlelner an der IV. stiidt. Piealsclmlc. 

Berlin NO 55, Greif svvalder Str. 194. 
Dr. Schleich, Gustav, Professor, Direktor des Friedrich-Kealgyiii- 

nasiums. Berlin S 53, Schleiermacherstr. 23. 
., Dr. S c h 1 e n n e r, R., Professor, Oberlehrer an der Luisenstädtischen 

Oberrealschule. Berlin SW, Großbeerenstr. 58/59 III. 
Dr. Schmidt, Karl, Professor, Oberlehrer am Kaiser-Wilhelm-Ueal- 

gymnasium. Berlin SW 47, Yorkstr. 68. 
., Dr. Schmidt, Karl August, Oberlehrer au der Luisenstädtischcii 

Oberrealsehule. Berlin S 61, Lehninstr. 9 IV. 
Dr. Schmidt, Max, Professor, Oberlehrer am Prinz-IIeiurich-Gym- 

nasium. Berlin W 50, Eankestr. 29 III. 
Schreiber, Wilhelm, Professor, Direktor der städt. Plumboldt- 

Realschule in Tegel. Tegel, Hauptstr. 33a. 
Dr. S c h u 1 z e - V e 1 1 r u p, Wilhelm, Professor, Oberlelirer atn Pnlk- 

Realgymnasium. Berlin NW 23, Schleswiger Ufer 12. 
Dr. Seibt, Robert, Oberlehrer i>n der VII. städt. Realschule. Berlin 

W 50, Meinekestr. 15. 
Dr. S i e b e r t, Georg, Oberlehrer an der höheren Mädchenschule und 

dem höheren Lehrerinnenseminar in Pankow. Pankow-Berlin, 

Spandauer Str. 5. 
Dr. Sievers, Rieh., Oberlehrer an der Goethe.schule zu Wilmersdorf. 

Berlin-IIaleusee, Joachim-Friedrich-Str. 55. 
Smith, James, M. A., Lehrer des Englischen. Berlin W 30, Viktoria- 
Luise-Platz 9, Gartenhaus III. 
Dr. Spatz, Willy, Professor, Oberlehrer am Bismarck-Gynmasiuni. 

Berlin-Wilmersdorf, Uhlandstr. 107. 
., Dr. S p i e s, Heinrich, Privatdozent an der Universität. Berlin W 57, 

Kurfürstenstr. 4. 
,. Dr. S p 1 e 1 1 s t ö ß e r, Willy, Oberlehrer an der XIII. städt. Real- 
schule in Berlin. Wilmer.sdorf-Berlin, Gieseler.str. 22. 
Dr. Stroh meyer, Fritz, Professor, Oberlehrer am Gymnasium Tl. 

Wilmersdorf, Ilohenzollerndamm 187. 
S t u ni p f f, Emil, Direktor der Friedrich-Wilhelm-Realschule. Köuigs- 

wusterhausen. 
Dr. Tanger, Gustav, Professor, Direktor der IV. städt. Realschule. 

Berlin NO 18, Distelmeyer str. 
Thiedke, Gustav, Oberlehrer am Helmholtz-Gymnasium zu Schöue- 

berg. Friedenau, Fehlerstr. 3. 
Dr. T h u r a u, Gustav, Professor an der Universität. Greifswald, 

Wolgaster Str. 53. 
Dr. T i k t i n, H., Professor am Orient. Seminar. Friedenau, Isoldestr. L 
Dr. Tob 1er, Rudolf, Oberlehrer am Joachimsthalschen Gymnasium. 

Templin, Uckermark, Joach.-Gymn. Villa V. 
Tülle, Karl, Oberlehrer an der Berliner städtischen Studienanstall. 

Berlin S 61, Bergmann.str. 68 I. 
,, Truelsen, Heinrich, Professor, Oberlelirer am Clymnasiiim. Lands- 

berg a. d. Warthe. 



Verzeichnis der Mitglieder der Berliuer Gesellseliaft f. n. Spr. 177 

llerr Dr. U 1 b r i c h, 0., Professor, Geh. Kegierungsrat, Realgymnasial- 
direktor a. D. Charlottenburg, Kantstr. 150. 

Urlaub, Ph., Kandidat des hölicreu ychulanits. Charlottenburg, 
Spreestr. 58. 

Dr. V e u z 1 a f f , Günther, Oberlehrer am Realgymnasium in Lichten- 
berg. Baumschuleuweg, Wohlgemutstr. 27. 

Dr. Vollmer, Erich, Oberlehrer am liismarck-Gymnasium. Wilmers- 
dorf-Berlin, Uhlandstr. 123. 

V o r h a u e r, Ernst, Obeilchrcr am Jjyzeum Schillerschule. Berlin 
NW. 52, Thomasiusstr. 19 III. 

Web er, Emil, Oberlehrer am Askanischeu Gymnasium. Berlin SW 29, 
Bergmannstr. 32. 

Dr. Wonderoth, Georg, Oberlelirer an der Auguste-Viktoria-Schule 
in Charlottenburg. Friedenau, Südwest-Korso 75. 

Dr. Werth, II., Direktor der städt. höheren Mädchenschule und des 
städt. höheren Lehrerinnensemiuars. Potsdam, Waisenstr. 29. 

Dr. Wespy, Paul, Professor, Direktor der IL Realschule in Schöne- 
berg. Schöneberg, Mühlenstr. 8b. 

W i 1 k e, Felix, Professor, Oberlehrer an der Kaiser-Friedrich-Schule 
in Charlottenburg. BerliuW 15, HohenzoUerndamm 3. 

Dr. W i 1 1 e r t, H., Professor, Oberlehrer au der VII. städt. Realschule. 
Berlin SW 11, Kleinbeerenstr. 8 I. 

Dr. Winckler, Carl, Professor, Oberlehrer am Lyzeum in Grune- 
wald. Grunewald, Siemensstr. 22. 

Dr. jur. Wolff, Max J., Professor. Berlin W 15, Wielandstr. 24. 

Zack, Julius, Professor, Oberlehrer an der XIII. städt. Realschule. 
Berlin SW 46, Luckenwalder Str. 10. 

C Korrespondierende Mitglieder. 

lU-rr Dr. B egema nn, W., Schuldirektor a. D., BerliuW 57, Pallasstr. 10/11. 
„ Dr. J a r n i k, Joh. Urban, Professor an der tschechischen Universität. 

Prag. 
„ Dr. Meißner, A. L., Professor. Belfast (Irland). 
„ Dr. Scheffle r, Wilh., Professor am Polytechnikum. Dresden -A. 14, 

Sedanstr. 6. 



Archiv f. II. Spraihi'ii. (XXX. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Hugo Herchenbach, Das Präsens historicum im Mittelhochdeut- 
schen. (Palaestra CIV: Untersuchungen und Texte aus der 
deutschen und englischen Philologie, hg. von Alois Brandl, 
Gustav Roethe und Ericl^ Schmidt.) Berlin, Mayer & Müller, 
1911. XI, 163 S. 8. M. 4,50. 

Das mittelhochdeutsche Präsens historicum unterscheidet sich dadurch 
vom neuhochdeutschen, daß dieses dann angewendet wird, wenn der Er- 
zähler sich recht lebhaft in das Ereignis zurückversetzt, bei jenem aber 
umgekehrt der Erzähler die Ereignisse und die darin handelnden Personen 
zu sich, in seine und vor allem seiner Zuhörer Gegenwart herüberversetzt. 
Wir können das vor allem in solchen Fällen beobachten, in denen der mhd. 
Dichter sich geradezu mit seinen Hörern darüber bespricht, was er nun mit 
dem Helden seiner Erzählung weiter machen soll, z. B. Parz. 349, 27 waz 
weit ir daz Gäwän nu tuo ern hesehe waz disiu mcere sinf Aus dieser 
Auffassung heraus ergibt sich dann, daß das mhd. Präs. hist. vom Stand- 
punkte der Erzählung aus oft geradezu in futurischem Sinne gebraucht 
wird, z. B. Parz. 207, 4 die rede lät sin, hoert loaz geschult. Mit dieser 
Verwendung hängt es auch zusammen, daß das mhd. Präs. hist. im Gegen- 
satz zu dem unserigen niemals bei fortschreitender Handlung angewendet 
werden kann. Auch verhalten sich die verschiedenen Gedichtgattungen 
verschieden. Am häufigsten ist es im höfischen Epos, selten im Volksepos, 
es fehlt in der älteren geistlichen Dichtung, den Chroniken. Aber auch 
innerhalb der Gattungen zeigen sich Verschiedenheiten. Gottfrid meidet 
es, dagegen ist es sehr beliebt bei Wolfram und seinen Nachahmern, so setzt 
es bei Wirnt erst in der zweiten Hälfte ein, nachdem der Dichter mit Be- 
geisterung von Wolfram gesprochen. 

Es muß aber doch in der Umgangssprache auch das eigentliche Präs. 
hist. schon bestanden haben, wenn es auch in der klassischen mhd. Zeit im 
Schrifttum nicht verwendet wird, sondern erst bei Heinrich von Neustadt 
und seinen Zeitgenossen darein Eingang findet. Es ist jedenfalls nicht von 
dem Vorbilde der altklassischen Sprachen beeinflußt, denn es tritt gerade 
im Volks tümlichen spätmhd. Schrifttum auf, so bei Hans Folz, während 
es vom Übersetzer Steinhöwel nur mäßig angewendet wird. Entstanden 
ist dieses Präs. hist., wie Verfasser in der Einleitung mit Recht hervorhebt, 
wohl durch die Apokopen der Präteritalformen, durch die Präsens und Prä- 
teritum einander so oft gleich werden, z. B. ordnet, anJcleidet, gepürt, manet. 

Ohne in allem mit dem Verfasser einverstanden zu sein, so z. B. nicht 
damit, daß der mhd. Dichter so ganz frei über seinem Stoffe stehe, daß er 
zeigen wolle, wie er — z. B. Wolfram — die Situationen herbeigeführt 
habe, so lege ich das Buch doch nur mit großer Befriedigung aus der Hand 
und halte es für einen wichtigen, höchst lehrreichen und wohlgelungeneu 
Beitrag zum Verständnis des mhd. Schrifttums. 

Erlangen. August Gebhardt. 

Herman Felix Wirth, Der Untergang des niederländischen 
Volksliedes. Haag, Martinus Nijhoff, 1911. XVI, 357 S. 8. 

Temperamentvoller als'der Verfasser des vorliegenden Werkes hat selten 
ein Autor die Volkspoesie gegen exklusive Höhenkunst verteidigt. Man 
müßte in Deutschland bis auf Bürger zurückgehen, um für manche leiden- 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 179 

schaftlich einseitige Anklage die Parallelen zu finden. Aber Bürger führte 
seine Sache mit mäßigen Kenntnissen ; W. ist ein gelehrter Kenner des 
Volkliedes und darüber hinaus gut orientiert in der Gesamtkultur der 
Niederlande. Das gibt dem Buche die andere charakteristische Note. In 
einem Werke dieses Titels erv/artet man nicht von vornherein Ausfüh- 
rungen über die Weidewirtschaft Hollands, die kalvinistische Ethik oder 
gar 'das innere Problem der Renaissance', wie eine Seitenüberschrift lautet. 
Aber W. will Förderungen und vor allem Hemmnisse, die die Volkspoesie 
fand, so allseitig und tiefbohrend, wie es ihm möglich ist, schildern; mau 
.soll sehen, in welchem Boden die zu früh erstorbene Pflanze volkstümlicher 
Dichtung wuchs, welche Winde sie zausten und welche Hufe darüber gingen. 
Mir ist einiges aus diesen kulturgeschichtlichen Ausführungen zu breit 
erschienen Freilich ist es nicht die Breite des bequemen Causeur.s, son- 
dern eine aus reicher Belesenheit in ernster wissenschaftlicher Literatur 
liießende Fülle der Gesichtspunkte. Und schließlich: breit oder nicht — 
im ganzen stellt diese Anlage des Buches eine wirksame Warnung vor 
spezialistischer Enge hin. 

Sehen wir zu, wie sich für W.s Auffassung das große Sterben des Volks- 
liedes in der Geschichte der Niederlande vollzogen hat. Über den Stand 
des Volksgesanges im Mittelalter ist dort noch schwerer etwas zu er- 
schließen als in Deutschland, denn es fehlt der Minnesang, der hier wenig- 
stens einige Anhaltspunkte geliefert hat. W. ruft musikhistorische Er- 
wägungen zu Hilfe; aus der germanischen weltlichen Musik müsse die all- 
mählich in die Kirchenmusik eindringende Mehrstimmigkeit wie auch 
der Sieg unserer Dur- und Molltonarten über die alten Kirchentouarten 
stammen. Ich vermag die Triftigkeit dieser Argumente nicht ausreichend 
zu beurteilen. Für den Süden und Osten des Landes, wo nicht, wie in 
Holland, die alle Geselligkeit und .so auch den gemeinsamen Gesang unter- 
bindende Vereinsamung der Bauern auf ihren Einzelhufen in Betracht 
kommt, wäre das Fehlen des Volksgesanges jedenfalls gegen alle Wahr- 
scheinlichkeit. Aber schon im 15. Jahrhundert zeigt sich der Feind. In 
den immer reicher und mächtiger werdenden Städten entstehen die 'Rhe- 
torikkammern', in denen der wohlhäbig gewordene Bürgersmann seine 
Kunstübung von der des gemeinen Volkes absondert. Jedes kleine Land- 
städtchen, jedes größere Dorf hatte bald eine solche Kammer, die großen 
Städte deren mehrere. In ihnen wurde das Dichten handwerksmäßig er- 
lernt und betrieben und dabei ein Hauptwert auf mythologischen und alle- 
gorischen Aufputz und Verskunststücke gelegt. Das mußte früher oder 
später der naiv - sinnlichen Volkskunst gefährlich werden. Zwar das 
16. Jahrhundert sieht die Volkskunst zunächst erstarken und stellt im 
ganzen ihre beste Zeit dar. Manches schöne Lied erklang namentlich im 
0.steu, in Gelderland. Aber eine Sammlung, wie das bekannte 'Antwerpeuer 
Liederbuch' (1544) erinnert, wenn man ihre Texte genau ansieht, immer 
wieder an die von der rhetorischen Richtung drohende Gefahr: die Texte 
wei.sen verkünstelte Stellen auf, wie W. an dem beliebten Liede 'Ick segh 
adieu' lehrreich nachweist (S. 129). Und noch ein anderer Feind des Volks- 
gesanges hatte sich erhoben: der Kalvinisums. Er forderte eine 'inner- 
weltliche Askese', d. h. er wies seine Anhänger an, die weltlichen Güter 
zwar zu gebrauchen, aber nur, um sich als den 'guten Haushalter' des 
Evangeliums zu bewähren und durch angestrengte berufliche Tätigkeit das 
Fleisch zu bändigen, keineswegs aber, um selbst zu genießen; alles Ge- 
nießen, selbst schöne Stimmungen und Gefühle, Romanlcsen u. dgl. sei 
vielmehr verderblich. Solche Gedanken, in eine ohnehin ungesellig auf 
ihren Einzelhufen lebende Bevölkerung g(;worfen, mußten unbefangener 
Lebensfreude und damit dem Volksliede grüudlicli das Wasser abgraben — 
wie ja auch jen.seit des Kanals w?» " '.''/ /•:,,///<».<</ :in der kalvinistisch- 

12* 



180 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

puritanischen Askese erstickte. Im 17. Jahrhundert zeigen sich deutlich 
die Wirkungen sowohl der volksfremden Stadtkultur als des Kalvinismus. 
Jetzt gelangt Amsterdam zu einer alles beherrschenden Vormachtstellung 
und Vorbildlichkeit. Die dort heimische Kultur wird in allen Stücken 
humanistisch und international. Ein Opitz hat sie einst beneidet, der 
Niederländer sieht hier gemeinhin sein 'goldenes Zeitalter', unser Autor 
aber sieht Orgien einer aufgeblasenen, innerlich unwahren und dekadenten 
Parvenükultur. 'Die humanistische Dichtung Amsterdams war die Mode- 
kunst der Patrizierwelt. In ihrem Streben, sich zu veradligen, war die 
Annahme einer eigenen "Kultur'' die sicherste soziale Trennung vom Volke, 
dem kleinen und geringen Mann, dessen Milieu sie selbst entstammten. 
Denn Parvenüs, homines novi, waren diese ganze Patrizierwelt, waren alle 
Regenten Amsterdams' (S. 138). 'Aus den Büchern von Grotius und 
den anderen Schriftstellern der Regentenfamilien redet ein empörender 
Standesdünkel, minder ungebildet als der Ahnenstolz des deutschen Edel- 
mannes und eben darum häßlicher : eine absprechende Menschenverachtuug, 
woran Geldstolz, Gelehrtenhochmut und das Selbstgefühl des Eingeweihten, 
des Staatsmannes, etwa gleichen Anteil haben' (S. 141.) In solchem Milieu 
sei der letzte Funken volkstümlicher Poesie erloschen, während auf dem 
Lande der Kalvinismus sein Zerstörungswerk übte. Die Niederlande aber 
hätten sich von der falschen Richtung, die hier eingeschlagen wurde, bis 
in das 19. Jahrhundert hinein nicht bekehrt; immer sei jener hohle, inner- 
lich kalte Humanismus das Ideal geblieben, erst die allerneuesten Dichter 
hätten den Wirklichkeitssinn wieder entdeckt und eröffneten damit für die 
Zukunft der niederländischen Volkskunst günstigere Aussichten. 

So die Gesamtanschauung W.s. Er weiß sie so beredt hinzustellen, daß 
sie mindestens für den Augenblick den Leser in ihren Bann zieht. Hinter- 
drein kommen freilich die Bedenken. Die Kultur, in der ein V o n d e 1 wur- 
zelte, kann wohl nicht nur von negativen und unedlen Kräften emporgehoben 
worden sein; wo Leistungen sind, ist doch immer auch eine positive 
Triebkraft vorhanden, mindestens irgendein versprengter Strahl eines ge- 
sunden Ideals. Der Schmerz um Zerstörtes macht ungerecht. Die herbe 
Antithese von Volkskunst und Höhenkunst hat auch auf W.s erstes Kapitel, 
wo er seine Definition der Volkspoesie gibt, eingewirkt. Er sucht nach 
Unterschieden der inneren Form und scheidet dann ähnlich hart, wie 
Schiller einst 'Naiv' und 'Sentimentalisch' schied. Nur der Volkspoesie 
komme 'wereldaanschoutving' zu, d. h. ungebrochene Hingabe an die Wirk- 
lichkeit. W. sagt das ganz allgemein, nicht bloß von der niederländischen 
Volkspoesie, die, weil sie früher als anderswo versiegte, in den erhaltenen 
Stücken auch mehr Einheitlichkeit zeigt. In der deutschen Volkspoesie aber 
wechselt der Grad des Wirklichkeitssinnes recht merklich in den einzelnen 
Stücken. 

W. stellt uns eine 'Geschichte des niederländischen Volksliedes' in Aus- 
sicht, der man bei seinen Kenntnissen freudig entgegensehen darf. Denn 
in dem vorliegenden Buche war im ganzen doch mehr von den Toten- 
gräbern des Volksliedes die Rede, als von diesem selbst. 

Berlin. Heinrich Lohre. 

Karl Neßler, Geschichte der Ballade Chevy Chase. (Palaestra, 
Untersuchungen und Texte aus der deutschen und englischen 
Philologie, hg. von A. Brandl, G. Roethe und E. Schmidt, 
CXII). Berlin, Mayer & Müller, 1911. XI, 190 S. 8. 

Die bekannte Ballade von der Jagd in den Cheviotbergen hat einst in 
ungünstiger Zeit sowohl in England wie in Deutschland das Interesse für 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 181 

Volkspoesie wach gehalten. So bot sie ein besonders würdiges Objekt für 
eine Sonderuutersuchung dar, die allen Fragen nach der Überlieferung, dou 
geschichtlichen Grundlagen, der literarisclion Verwandtschaft und dem 
Nachleben des Gedichts gründlich und philologisch-streug nachging. Seit 
langem kannte man zwei Fassungen der Ballade, von denen die eine in der 
Metrik glatter, in allem Konkreten (Ortsnamen, ritterliche Sitte u. dgl.) 
verwischter war, während sie im Stil z. T. mit gelehrten Worten und ge- 
schmacklosen Eö'ekten arbeitete. Jetzt erhalten wir vor allem feste Grenzen 
der Überlieferung. Die ältere Fassung (A) tritt zuerst in einer Lieder- 
handschrift aus der Mitte des 16. Jahrh. auf (Ms. Ashmole Nr. 48): und 
das ist in Wahrheit die ganze Überlieferung, denn der erste Druck (1719) 
fußt auf dieser Hs. und alle folgenden Drucke auf dem ersten. Die jüngere 
Fassung (B) i.st nur bis zu Broadsidedrucken aus der Mitte des 17. Jahr- 
hunderts aufwärts verfolgbar; in der Folgezeit erfuhr sie keine sonderlich 
wichtigen Veränderungen. Nun aber macht N. eine interessante und weiter- 
führende Beobachtung. B hat nämlich, wie verschlissen sie sonst sei, bis- 
weilen einwandfreie Reime an Stellen, wo A offenbar verwischte Reime 
zeigt; B spiegelt also in diesen Reimen ältere Stadien der Überlieferung. 
Schon von hier aus und auch durch den ganzen Zustand von A wird wahr- 
scheinlich, daß die einzige alte Niederschrift keineswegs der Abfassungszeit 
der Ballade nahesteht, sondern daß schon ein gut Stück Überlieferung vor- 
ausging. Nun wird überdies von N. nachgewiesen, daß der ganze zweite 
Teil, vom Beginn der Schlacht an, im Aufbau und in ganzen gemeinsamen 
Strophen sich aufs engste an eine andere alte Ballade anlehnt: an die 
Ballade von der Schlacht bei Otterburn. Von dieser Übereinstimmung kann 
sich jeder durch N.s Paralleldruck auf das bequemste überzeugen. Die 
beiden Balladen haben also gleichsam denselben Rumpf, der Kopf aber, in 
dem freilich der Charakter sich offenbart, ist verschieden. Aus diesem Tat- 
bestande folgt freilich nicht zwingend (was N. annehmen möchte), daß der 
Cheviotdichter nur eine verkürzte Form der Otterburnballade gekannt habe, 
die er dann nach vorn ergänzte (vgl. R. Imelmaun in der 'Deutschen Lite- 
raturzeitung' 1912, Sp. 2151). Er kann bewußt dem alten Liede durch Neu- 
dichtung des Anfangs ein anderes Gesicht gegeben haben, oder die älteste 
Cheviotballade (die ja mit der ältesten Aufzeichnung nicht identisch ist) 
hatte eine selbständige, poetisch vielleicht schwächere Schlachtschilderung, 
die ein geschickter Bearbeiter durch Teile der Otterburnballade ersetzte. 
Hier hört Gewißheit auf. Aber N.s Darstellung läßt uns nirgend im 
Zweifel, wo das Gebiet der Hypothese beginnt — und die ist in solchen 
Fragen unentbehrlich. Sein Hauptverdieust ist, das sicher Feststellbare, 
Childs Untersuchungen natürlich nützend, zu großer Klarheit gebracht zu 
haben, die sich bei seiner schlichten und durchsichtigen Darstellung auch 
leicht dem Leser mitteilt. Die Schlußteile seiner Arbeit behandeln das 
frühere Vorkommen verwandter poetischer Motive, wobei kenntnisreich 
manche Brücke zu mitteleuglischen Verserzälilungen geschlagen wird, und 
das Nachleben von Chevy-Chase in England und (anhangsweise) in Deutsch- 
land. Für England verwendet N. fleißige eigene Sammlungen (gute Be- 
merkungen zu Addison S. 109, zu Percy S. 122, zu S. Johnson S. 133) ; für 
Deutschland stellte er das Bekannte, aber nirgend zu so bequemer Über- 
sicht Vereinte zusammen. Im ganzen eine saubere, gut fundierte Arbeit. 
Der Ausgestaltung fähig erschienen mir allenfalls die Bemerkungen über 
den Stil von A; des Verfassers Aufmerksamkeit war vor allem auf die 
Stilunterschiede von A und B eingestellt, es verlohnt sich aber auch, 
völlig frei und allseitig die Kunstmittel zu analysieren, die eine so 
große Wirkung der Ballade auf die verschiedensten Zeiten und Menschen 
begründete. 

Berlin. Heinrich Lohre. 



182 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Alexander Müller, Mittelenglische geistliche und weltliche Lyrik 
des 13. Jahrhunderts (mit Ausschluß der politischen) nnoh 
Motiven und Formen. (Studien zur englischen Philologie, 
hg. von Lorenz Morsbach, XLIV.) Halle 1911. XI, 160 S. 
Geh. M. 5. 

Verfasser hat sich die Aufgabe gestellt, die niittelenglische Lyrik des 
13. Jahrhunderts mit Ausschluß der politischen auf Stil und Metrik hin zu 
untersuchen. Während die bisherigen Arbeiten entweder einzelne Gat- 
tungen oder das ganze Gebiet mehr oder minder unvollständig behandelten, 
ist hier zum erstenmal der verdienstliche Versuch gemacht, das gesamte 
Material zusammenzustellen und im Zusammenhang zu würdigen. 

In der ersten Hälfte seines Buches charakterisiert Verf. die geistliche 
Lyrik, und zwar zunächst im allgemeinen. Er untersucht die Motive (Preis 
der Maria, Bitte zur Jungfrau, Bitte zu Jesus, individuelles Moment, be- 
trachtendes Moment), dann den Stil (I. Figuren und Tropen, IL Formen 
der Sprachbewegung, z. B. Asyndeta, Polysyndeta, Rhetorische Frage, Be- 
griffspaarung usw.) und schließlich die Metrik (Strophe, Versmaß, Reim., 
Alliteration). Auf diesen allgemeinen Teil folgt eine Betrachtung der ein- 
zelnen Lieder als Ganze mit Inhaltsangabe und Bemerkungen über Stil und 
Metrik. Hierbei wird die behandelte Periode in drei Unterabteilungen 
zerlegt: 1. die ältesten lyrischen Gedichte des Mittelenglischen in vor- 
wiegend nichtstrophischer Form (Cantus beati Godrici, Cantus de sanctf) 
Nicholao, On ureisun of God Almihti usw.), 2. geistliche Lyrik bis etwa 1250 
(eingeteilt in Marienlieder, Jesuslieder und Betraehtungslyrik) , .3. geist- 
liche Lyrik bis etwa 1310 (nach denselben Gesichtspunkten eingeteilt). Am 
Ende jeder der drei Perioden stellt Verfasser die Hauptergebnisse der 
Untersuchung zusammen, um die Entwicklung aufzuweisen. 

Im zweiten Teil, der die weltliche Lyrik zum Gegenstande liat, unter- 
scheidet Verf. zwei Perioden: Vor 1250 (bloß das Kuckuckslied), und bis 
etwa 1310. Eine Charakteristik im allgemeinen gibt er diesmal nicht, da 
er sie nach der eingehenden Behandlung der geistlichen Lyrik nicht für 
nötig erachtet, vielmehr wendet er sich sogleich zur Betrachtung der Ge- 
dichte als Ganze. 

Den Schluß bildet eine Zusammenfassung der gewonnenen Resultate, ins- 
besondere ein Vergleich zwischen den Eigentümlichkeiten der geistlichen 
und weltlichen Lj^rik. 

Müllers Arbeit verschafft uns zweifellos eine gute Anschauung von den 
Motiven und Formen der mittelenglischen Lyrik, doch will es mir scheinen, 
als ob das Ganze gewonnen hätte, wenn der Verfasser seine Periode weniger 
absolut, weniger zeit- und ortlos betrachtet, sondern die entsprechende alt- 
englische Lyrik mit ihren Eigentümlichkeiten als Folie herangezogen hätte. 
Mag man auch mit Müller der Ansicht sein, daß der lateinische und fran- 
zösische Einfluß auf die mittelenglische Lyrik bisher noch nicht genügend 
untersucht worden ist, so ist doch die Priorität der französischen Lyrik 
überhaupt unbestreitbar, und die Beschäftigung mit dieser (vgl. Jeanroy, 
Les origines de la poesie lyrique en France au moyen äge, Paris 1904^) hätte 
vielleicht Anlaß gegeben, auch die weltlichen Lieder in bestimmte Gruppen 
zu teilen. 

Unter den Hss., denen die von ihm behandelten Lieder entstammen, er- 
wähnt Müller p. 7 und p. 9 auch ein 'Same MS.', das die Nummern 5, 6, 
8, 10 des Old Engl. Mise, enthalten soll. Das ist ein Mißverständnis von 
Morris' Bezoichnungsweise, die besagen will 'Dasselbe MS.', d. h. Jes. Coli. 
Oxf. MS. 29, worüber Morris auch a. a. 0. p. IX keinen Zweifel läßt. 

Durch Müllers Arbeit ist der Weg zu einer über das Mittelenglisehe 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 183 

hinausgehenden historischen Betrachtung ein gut Stück geebnet worden. 
Die lateinischen und französischen Vorlagen hat Müller, wie bereits er- 
wähnt, absichtlich aus dem Spiel gelassen, da die Forschung in dieser Hin- 
sicht noch nicht weit genug vorgedrungen sei. Mittlerweile hat hier 
Patterson, The Middle English Peniteniial Lyric, New York 1911, viel Neues 
zutage gefördert. Aus früherer Zeit nenne ich außer den von Müller an- 
geführten Schriften noch Heider, Untersuchungen zur mittelenglischcn 
erotischen Lyrik (1250 — 1300), Diss. Halle 1905, und namentlich Chambers 
and Sidgwick, Early English Lyrics, Amorous, Divine, Moral and Trivial, 
London 1907. Letzteres Werk enthält einen sehr interessanten Aufsatz über 
mittelalterliche Lyrik und bietet unter den Texten verschiedene sonst noch 
nie oder an sehr schwer zugänglicher Stelle gedruckte Gedichte. Das sieben- 
zeilige 'Mirie it is wliile sumer ilast' (No. 1) aus MS. Bodl. Rawl. 6 22 
(2. Hälfte 12. Jahrb.) und das vierzeilige 'Foweles in the frith' (No. 3) aus 
MS. Bodl. Douce 119 (2. Hälfte 13. Jahrb.) könnte man zum Kuckucks- 
lied stellen. Das sechsstrophige engl.-lat. 'Seinte Mari moder milde, // 
Mater salutaris' (No. 45) aus MS. Trin. Coli. Cambr. B 14, 39 (13. Jahrb.) 
würde sich zu den Marienliedern fügen. No. 47, demselben Ms. entnommen, 
ist eine Variante zu No. 21 des Old Engl. Mise. 

Berlin. Otto Zippe 1. 

Hugo Schuchardt, Geschichtlicli verwandt oder elementar ver- 
wandt? Sonderahdruck aus Magyar Nvelvör (Ung. Sprach- 
wart) 1912. 

Der kleine Aufsatz, noch nicht einen Bogen stark, ist in seinem Reich- 
tum wie in seiner Anlage für die Eigenart seines Verfassers besonders be- 
zeichnend. Seh. geht, wie er es liebt, von persönlichen Beziehungen aus 
— diesmal von der ungarischen Zeitschrift, die vierzig Jahre alt wird — ; 
schließt allgemeine Betrachtungen über die Formen sprachlicher Verwandt- 
schaft an, wobei er dreierlei unterscheidet: Verwandtschaft, parallele Ent- 
wicklung, Entlehnung; und widmet den größten Teil der Untersuchung 
einem Einzelfall, dem sog. Genetivus identitatis, speziell bei Eigennamen : 
urhs Romce, die Stadt Rom. 

Wir haben hier wieder eine jener ungemein anregenden Studien zur all- 
gemeinen Sprachentwicklung, wie sie sonst fast nur auf semasiologischem 
Boden angestellt werden (doch ist etwa an Arbeiten wie die von Jespersen 
und Boudouin de Courtenay über sprachlichen Fortschritt zu erinnern). Die 
Eigenheit Schuchardts liegt dabei in dem besonders intimen Zusammen- 
wirken rein grammatischer und psychologischer Betrachtungen, wofür 
Probleme der Syntax sich ja besonders eignen; es ist gewissermaßen 
Toblers Manier, vom Romanischen auf das Sprachvergleichende übertragen. 
Sie gibt auch diesmal zu feinen Beobachtungen allgemeinerer Art Gelegen- 
heit, z. B. (S. 10) über Orts- und Personennamen: 'Man redet nur von 
Orten, aber hauptsächlich zu Personen' — eine Unterscheidung, die freilich, 
zumal in ihrem zweiten Glied, nicht überspannt werden darf. 

So ist denn speziell bei der sonderbaren und doch, wie Seh. zeigt, über 
die ganze Welt verbreiteten Erscheinung des Genetivus identitatis ein 
psychologisches und ein syntaktisches Moment zu beachten. Zunächst 
möchte ich das Phänomen doch (ähnlich wie Meyer-Lübke in der von 
Schuchardt S. 9 nicht völlig gebilligten Auffassung) in eine große Kategorie 
syntaktischer Verschiebungen einreihen, die ich 'syntaktische Ausschnitte' 
zu nennen pflege. Eine Wortgruppierung, die eigentlich nur in bestimmten 
Satzverhältnissen begründet ist, wird von diesen Bedingungen losgelöst. 
Das bekannteste Beispiel solcher syntaktischer Hypostasen sind die appo- 



184 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

sitionellen Titel. 'Der König von Schweden' wird gewiß mit Recht aus 
Konstruktionen abgeleitet wie 'es kam der König von Schweden'; wofür 
besonders noch (was meines Wissens noch nicht hervorgehoben worden ist) 
die häufige Verwendung der Hauptstadt statt des Eeiches im Titolgebrauch 
spricht ('der Kaiser von Byzanz'). So haben wir nun auch Konstruktionen 
rein partitiver Art von dem Typus: 'Scharen verabschiedeter Söldner er- 
gossen sich über das Land.' 'Ein großer Teil der Stadt Rom brannte ab.' 
Indem nun aber in der Vorstellung der Teil immer mehr anwächst, bis er 
sich mit dem Ganzen fast deckt, wird ein syntaktischer Ausschnitt mög- 
lich, bei dem der Teilbegriff mit dem Ganzen identisch wird: 'Die Scharen 
der verabschiedeten Söldner' — wobei 'die Scharen' eben die Gesamtheit der 
Abgedankten darstellen: inflagravit uris Romce, wobei die Stadt und Rom 
zusammenfallen. 

Aber daß diese Erscheinung nun gerade bei Namen so beliebt ist, scheint 
mir weiter mit noch allgemeineren Sprachneigungen zusammenzuhängen. 
Die Sprechenden (um nicht zu sagen : 'die Sprache') scheinen das bloße 
Nebeneinanderstehen zweier substantivischer Worte wie eine Formlosig- 
keit zu empfinden, die generell nur bei Titeln geduldet wird: Kaiser Karl. 
Nun ist iirhs Roma ja auch in gewissem Sinn titelmäßig und kann deshalb 
auch bleiben; aber lieber noch bringt man die beiden Substantive in eine 
sprachliche Beziehung: für solche ist aber unter Substantiven der Genitiv 
die gebotene Form. Man denke an die Verbindung von Eigennamen mit- 
einander: analog einem Marcus Tullius (die ad jektivistische Bildung ist einer 
genitivischen gleichwertig), einem OSvaafvs ytaeoTin^rg entspricht der 
volkstümliche Typus Jürgen Peipers, aus dem erst allmählich das moderne 
Rudolf Peipcr sich entwickelt. 

Auch hier also haben wir, wie Seh. hervorhebt, überall Berührungen. 
Ich habe einmal (in meinen 'Kriterien der Aneignung', Leipzig 1906) für 
die verschiedenen Formen der Verwandtschaft systematische Kennzeichen 
aufzustellen versucht (vgl. jetzt Gräbner, 'jNIethode der Ethnologie', Heidel- 
berg 1911). Aber freilich handelt es sich nach Schuchardts Ausdruck (S. 11) 
meist 'um Assoziationen, die sich schwer herausprägen lassen'. Eine 
Genitivkonstruktion kann, wie erwähnt, mit einer nur genitivartigen sich 
inhaltlich decken: '7a coquine d'Antoinette' entspricht unserem: 'das Scheu- 
sal von einem Caesar Borgia'; und so weist Seh. (S. 10) auf entsprechende 
Formen wie tirts Romana hin. Es handelt sich also wohl sicher bei dem 
Genetivus identitatis um 'elementare Verwandschaft', wie denn syntaktische 
Ähnlichkeiten wohl überwiegend auf parallele Entwicklung, lexikalische 
auf Entlehnung, lautliche auf Zufall zurückzuführen sein dürften. 

Berlin. Richard M. Meyer. 

Dr. Rudolf Rubel, über den Gebraucb von deherc und den Aus- 
druck der Notwendigkeit im Romanischen. Dissertation. 
Straßburg, 1911. 

Der Titel ist etwas zu weit genommen. Der Verfasser zeigt uns nicht 
'den Ausdruck der Notwendigkeit im Romanischen', sondern beschränkt sich 
auf die Variationen des Ausdruckes der Notwendigkeit, die in dehere selbst 
liegen. Wir haben es fast ausschließlich mit diesem Worte zu tun, mit 
Beobachtungen über den Gebrauch, die Bedeutungs- und Funktionsverschie- 
bung von debere. Hat man diese Einschränkung gemacht, so darf man der 
Arbeit nachsagen, daß sie über den Durchschnitt der Dissertationen ent- 
schieden emporragt. Sie ist mit Umsicht durchgeführt; das wichtige und 
anziehende Thema wird eingehend behandelt und klar dargestellt. Wenn 
der Verfasser auch eine Reihe der feinsten Beobachtungen nur zitiert, so 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 185 

ist doch die übersichtliche Zusammenstellung des Gebrauches von debere 
.schon für sich allein eine dankenswerte Leistung. Der Verfasser bemerkt 
/utrellend, daß sich die eigenartige Brdeutungsentwicklung von dehcre durch 
die Fortdauer der ursprüngliclien Bedeutung neben den Veränderungen er- 
klärt. Dadurdi ent-stehen zahlreiclie Kreuzungen und Verzweigungen, die 
die Erfor.?chuug der Funktionssphäre von dehere so anziehend gestalten. 
Aber diese Bedeutungsentwicklung gibt der Verfasser in einer Reihenfolge, 
die nicht ganz überzeugend ist.^ Es sei daher gestattet, eine andere zu ver- 
suchen : 

Wie der Verfasser, beginnen auch wir mit der im Lateinischen zugrunde 
liegenden Bedeutung von dehere = schulden =: nicht haben (< de habere), 
aus der sich die weiteren Verwendungen entwickeln. Vom Bewußtsein 
des Schuldens: je liii dois cinq francs; des panneaux dus au pinceaii 
de L., zum Ausdruck der Verpflichtung: vos esies tuit mi home 
a messe, Si me devez anior et foi. Weiteres Stadium : on lui devait au 
moins de Ventendre. Von da zur Vorstellung des pflichtgemäßen 
Sollens: si cum om per dreit (zu Recht, von Rechts wegen) son fradre 
salvar dift (S. 8. Se je ai fet ce que je dui, Si ni'an doit an tel gre savoir. 
Vom 'pflichtgemäßen Sollen' entwickelt sich die Bedeutung der unaus- 
weichlichen Notwendigkeit des Müssens: car ce est reison 
de jnstise, que eil qui autrui juge a tort, doit de cele mc'isme mort morir 
(S. 27), und in-sofern devoir das absolute Müssen, das absolute pflichtmäßige 
Sollen ausdrückt, kann es auch grammatisch absolut vorkommen. Es 
ist keine Ellip.se, wenn wir finden: or ai je fet ce que je dui (S. 47) Ce que 
dcit? 

Von der objektiven Vorstellung der Notwendigkeit gelangt man zur 
subjektiven Vorstellung der Notwendigkeit, wie sie auch 
im deutschen 'müssen' vorhanden ist, das die Vermutung ausspricht: 
mort doit estre bele et jante. Schließlich gelangen wir zur Aussage der 
Unsicherheit und Ungewißheit: il sam,ble hien que il doivcnt 
terre ronqicerre es macht den Eindruck, als ob sie die Welt erobern würden. 
Devoir vertritt öfters ein Adverb. So in der vom Verf. mit Recht her- 
gesetzten Sentenz Villons sclon le clerc est deu le maistre (S. 29) = wie 
der Knecht ist vermutlich auch der Herr. Bedenkt man die Dehnbarkeit 
der Ausdrücke 'notwendigerweise', 'gewiß', so wird man für die subjektive 
Vermutung des Sprechenden, in der sich bald eine größere, bald eine ge- 
ringere Glaubenszuversicht ausspricht, 'gewiß', 'notwendigerweise', 'viel- 
leicht', 'etwa', 'vermutlich', 'am Ende', 'sicher' u. a. bei der Übersetzung 
dieses devoir miteinander Vikariieren lassen. 

Der Ausdruck der Vermutung, der unsicheren Behauptung, wird e u - 
phemis tisch gesetzt : vous devez vous tromper, wo man im Deutschen 
zu größerer Höflichkeit das Futurum setzt (S. 42). 

Das pflichtmäßige Sollen, als Beruf ausgeführt, ergibt eine stehende 
gewohnheitsmäßige Handlungsweise, daher die Vorstellung des 
Pflegen s, Gewohntseins: sonoient ades les cloches Si con Van doit faire 
por mortj — Manjuent ansanlle et boivent Tant que del mangier lever 
doivent (S. 34). 

Äußere Verpflichtung, etwas zu tun, kann auch zur A u f f o r d e r u n g 
werden: liomes qui deussent assaillir ceaus =z ordinavit viros ut pugnarent 
adver.sus eos (S. 57). Abgeschwächt zur Bitte im Französischen kaum zu 
belegen, aber italienisch : pregögli che in Cipri a m,io padre m,i dovesse 
mandare (S. 57). 



^ Man beachte die Sprünge in den Seitenzahlen der Ver- 
weis e bei der folgenden Darstellung. Die Belege sind durchweg dem Buche 
des Verfassers entnommen. 



186 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Formelhaft verwässert erscheint der Ausdruck des Sollens, wo os sich 
nicht mehr um ein moralisches Gebot, sondern nur um eine Neigung, ein 
Mögen handelt. Hier wird devoir zur Milderung der Behaup- 
tung eingefügt: je dois votis dire, je dois vous avouer (S. 42). 

Da Pflicht und Eecht korrelative Begriffe sind, entspringt aus der Vor- 
stellung des pflichtmäßigen Sollens auch die vom Dürfen, berech- 
tigterwoise Tun: en tels vassals deit hom aveir fiance: un huem ke 
Vum dut hicn pur merveille esguarder :=z virum dignum spectaculo ^r ein 
Mann, der verdiente usw. (S. 37). Mit der Negation dient es zur Bezeichnung 
des Verbotes: chose que tu ne deis faire, die du nicht tun darfst (S. 44). 

Berechtigterweise tun nz 'dürfen' führt uns abermals auf irrealen 
Boden, ins Gebiet des Möglichen, .so daß devoir und pooir Vikariieren 
können : an tanz leus estoit plaiiez, que hien devoit (V. L. pooit) estrc 
csmaüez (S. 39) ; se garir vos en doit nus, A moi vos an poez atandrr 
(Cligßs 3020). Vous ne devez pas penser ä entrer . . . =z Sie können uu- 
niöglich daran denken. Das negative Pflichtgebot schließt jede Möglichkeit 
des Tuns aus. 

Die Vorstellung von der objektiven Notwendigkeit eines Tuns (vgl. 
oben) wird verallgemeinert und so abgeschwächt, daß debere in Fällen An- 
wendung findet, wo von persönlicher Verpflichtung nicht mehr die Rede 
ist, vielmehr von einer Naturnotwendigkeit, die als eine Art Schicksals- 
fügung (S. 10 flf.) betrachtet werden kann, wie unser 'sollen' in: er sollte 
die Vollendung seines Werkes nicht erleben. Hier wird dehere zum 
futurischen Ausdruck und entspricht sowohl einem Gerundium als einem 
Participium futuri : pugnandum erat z= le combat devait avoir Heu; pugna- 
turus erat = il dut combattre (es war ihm bestimmt). Was infolge einer 
Schicksalsfügung vor sich geht, ist weniger als Handlung denn als G e - 
seh eben aufzufassen. Daher übersetzt der Verf. richtig ce que je dm 
orainz veoir fu fantosme = was ich zu sehen bekam (S. 36). Hierher 
gehört auch die Verwendung von devoir bei Zeit- und Wetterbcstim- 
mungcn: quant il dut ajorner, il dut toner (S. 35). 

Wie schon z. T. die Beispiele andeuten, dient devoir hauptsächlich für den 
Au.=idruck des Futurbegriffs in der Vergangenheit; in anderen 
romanischen Sprachen ist debere geradezu zur Bildung der reinen Futur- 
form verwendet worden. Im Französischen ist Verwendung von devoir 
7,war für zukünftiges Handeln ohne Nebenbegriff des 
Sollens, jedoch stets mit der Neben vor Stellung der Schicksalsfügung zu 
belegen: je me les rappellerai aussi longtemps que je dois vivre. 

Die Futurform der Vergangenheit verschiebt ihre Funktion und wird 
Ausdruck des Konditionalis: il sentait que sa voix devait etrr. 
Iremblante = Er fühlte, daß seine Stimme zittere. Ils attendaient l'heure 
qui devait les rendre parfaitement heureux zz: die sie ganz glücklich machen 
würde. 

Die futurische Bedeutung schließt häufig die einer Absicht, selbsl - 
verständlicherweise die des im-Begriffe-Seins in sich. Quant le dut 
prende (le gant), si li ca'it a terre; Je voloie alcr Vautre soir En deduit 
por mes bos veoir; Quant je dui de ma porte iscir, Bi vi III Chevaliers venir 
(S. 54 ff.). 

Etwas, was eben im Begriffe ist, vor sich zu gehen, kann möglicherwcisi' 
noch hintertrieben werden. Daher bekommt devoir die Bedeutung b o i 
nahe, es hätte wenig gefehlt: Li cuens en dut estre derv4s de chou 
qu'il (Eustaches) li ert eschapes (S. 56). 

Die Absicht eines Tuns hat naturgemäß oft einen unbestimmten Cha- 
rakter, und so stellt sich die deliberative Bedeutung von devoir ein : 
que dois je faire de bon pour avoir la vie eternelle = quid boni faciarn 
IS. 58). 



Beurteilungen und kurzo Anzeigen 187 

Devoir kann zur phraseologischen Umschreibung des 
Konjunktivs dienen: ne sai que vos deie conter (S. 59). 

Die Beobachtungen des Verfassers erstrecken sich auf das ganze ro- 
manische Gebiet; naturgemäß ist aber das Französische sehr bevorzugt. 

An Einzelheiten Wcäre etwa zu bemerken, daß Rubel mit Unrecht das 
Bestehen zweier verschiedener Futurausdrücke im Portugiesischen anzweifelt 
(S. 18). Ganz klar zeigt sich die mit habere verwachsene Form als 
Ausdruck des einfachen Futurbegriffs, die zusammengesetzte Form 
dient der prägnanten Sprechweise, dem unmittelbar bevorstehenden Sollen, 
Wollen, Müssen. A verdade e que em nossos foetas . . . näo achamos qnasi nadn 
. . .Tradtiziremoü? Mas o que kavernös de traduzir? (Coolho, Elementos trad. 
da educagäo 29) = Aber was sollen wir (haben wir zu) übersetzen. (A geo- 
graphia . . .J comcgard pelo estudio dos elementos grngraphicos . . . Far-se-häo 
notar d creanga a colUna, a monfavha etc. := Man inul.i (ebd. 2.5). Ter-Uie-heis 
ja explicado o que c um animal = Ilir müßt ihm schon vorher erklärt haben 
(ebd. 14). Yisfo que es täo bom rapazinho, divertirle-has com«osco = Sollst 
du (= darfst du) dich mit uns unterhalten (ebd. 10). Aus den Contos tra- 
dicionaes do povo portuguez (T. Braga) : I 43 por ludo quanto ha näo mr 
deixes aqiii, porque has de-te esquecer de mim := um alles, was es gibt, 
laß mich nicht hier, denn du wirst mich gewiß vergessen; 42 vae ä cavalhe- 

riga e hasde In cncontrar um rico cavallinho ... espera por mim e par- 

tiremos a7nbos. Man beachte den feinen Unterschied in der Verwendung 
der beiden Formen: 'dort wirst du bestimmt' =z 'sollst du ein feines Pferd- 
chen finden' = 'dort muß ein Pferd zu finden sein', gegen 'wir werden mit- 
einander fortgehen'. 41 Amanhä ao entrar para la missa, has-de me v4r 
com. uma rosa hravca na bocca zz: sollst du mich sehen. 40 Dansando t'o 
dou, dansando m'o has-de dar, E se m'o näo deres, a vida te hade custar =r 
tanzend sollst du mir's (das Binglein) wiedergeben, und wenn du mir's 
nicht gäbest, so soll es dich das Leben kosten. Altere Belege zeigen deutlich 
.schon die gleiche Neigung: , . . e me näo leveis a jiiizo ante a deusa Juno; que 
algum grnnde mal me ha de ordenar, sabendo que por Icttrn. vossn me 
chamars mnnceba de seu marido (Kodr. Lobo, A Corte na Aldeia, S. 29, 
Anfang des 17. Jahrhunderts). Ja in der Bemanda do S Graal 2.5 Os que 
avjam de hir aa demanda = 29 Os que ham de hir. Eine Reihe von Be- 
legen, in denen die futurischo Bedeutung noch reiner hervortritt, bei 
Meyer-Lübke, Rom. Gramm. IT § 329. 

Wien. Elise Richter. 

Ph. Martinon, Les Strophcs. Eturle historique et oritiquo sur les 
formes do la poesie lyriqne on France depuis la Renaissance. 
Avec une Bibliographie chronologique et un Repertoire 
general. Paris, H. Champion, 1912. XX, 615 S. 8. 

Es ist sehr erfreulich, wenn ein Thema wie der neufrauzösische Strophen- 
bau gleich beim ersten Versuch so gründlich und gediegen behandelt wird, 
wie hier geschieht. Das aufgearbeitete Material, über das eine gedrängte 
bibliographische Übersicht (S. 469 — 500) und ein wohlgeordnetes und bequem 
zu benutzendes metrisches Repertorium (S. 501 — 592) Aufschluß geben, läßt 
an Reichhaltigkeit und an zweckmäßiger Auswahl kaum etwas zu wünschen 
übrig und i.st, soweit ich es nachprüfen konnte, von tadelloser Verläßlich- 
keit. Die Ergebnisse, die mit ebensoviel Verständnis gewonnen als klar 
und sachgemäß dargelegt sind, bedeuten einen beträchtlichen Fortschritt 
und einen bleibenden Gewinn für die Forschung. 

Die Einleitung (S. 1 — 77) würdigt in einem hi.storisch-kritischen Über- 
blick die Leistungen der Franzosen auf dem Felde der strophischen Lyrik. 



188 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Mit Recht läßt M. seine Untersuchung erst bei den Vorläufern der Ee- 
naissance beginnen; denn die Tradition des höfischen Minnesangs hat 
keine direkte Fortsetzung gefunden, und die Balladenkunst des 14. und 
15. Jahrhunderts mit ihren Schnörkeleien, ihren Reimverkettungen (abab 
bebe cdcd . . .) und Reimliäufungen (aabaab) beruht auf grundverschiedenen 
Prinzipien. Für die Neuzeit erkennt nun M. den wahren Wegweiser und 
Pfadfinder in Cl. Marot, der schon in seinen Chansons, besonders aber in 
den Psalmen (namentlich in den 30 letzten), von den Formen der Rhetoriker 
sich abkehrt und mit sicherem Griff die bis dahin vernachlässigten ein- 
fachen Schemata und schlicht symmetrischen Kombinationen aufnimmt, 
welche auch heute noch die Grundlage des französischen Strophenbaues 
bilden. Auf seinen Spuren wandeln G. Corrozet, B. des Periers, Margareta 
von Navarra (diese mit eigenen mittelalterlichen Befangenheiten) , J. Peletier, 
Pontus de Tyard u. a. m., die alle, wenn auch mit bescheidenen Leistungen, 
Ronsards Schaffen vorbereiten. 

Gelegentlich weist M. auch ausdrücklich auf die 'poesie populaire' hin, 
'd'oü 6tait issu en definitive, au moins en grande partie, le systöme lyrique 
nouveau'. Dieses Gebiet der volksmäßigen, durch den Gesang verbreiteten 
Chansons wäre metrisch sowohl als literarhistorisch ein recht ergiebiges 
Erntefeld, wenn einmal ein kundiger Sammler es vms erschließen wollte. 
So finde ich z. B. bei Ihan Gero, II primo libro de Madrigali italiani, et 
Canzoni Francese a due voci (Venetiis 1541), im Neudruck von 1588, eine 
hübsche Fünfzeile: 

Mon mari est alle au guet, La sera^ mon amy prest 

Sans apointer mon conninet; Qui le prendra au trahucJiet 

Mais, par sainct Pierre, Sans trop grant haire. 

Je le merray au vert hosquet Car il a son geniil hraquet 

Pour soy reffaire. Prest ä ce faire. 

Metrisch erscheint Ronsard bei genauerer Prüfung nicht gerade als der 
schöpferische Bildner, für den er gemeinhin gilt. Er ist unsicher in der Wahl 
der zweckmäßigen Formen und begeht bei seinen ersten Versuchen, den 
pindarischen Oden, aber auch bei den horazianischen, entschieden Miß- 
griffe. Erst wie er die Bestimmung des lyrischen Liedes für den Gesang 
begriffen hatte, ging ihm auch der Sinn für das Wesen des Strophenbaues 
auf, und nun kehrt er zu Marots Tradition zurück, gerade da, wo er sich 
von ihm hatte trennen wollen. Entschieden Neues bietet er jedoch auch 
jetzt nicht besonders viel; meist gehen ihm andere um ein weniges vor- 
aus, z. B. in der Verwendung des Alexandriners. Sein eigentliches Ver- 
dienst besteht nicht im Schaffen neuer Rhythmen, sondern vielmehr im 
Reichtum seiner lyrischen Inspiration. Indem er die verschiedenen, schon 
von anderen gebrauchten Formgebilde mit entsprechendem Inhalt füllte 
und damit ihren dichterischen Wert erst fühlbar machte, hat er die tasten- 
den Versuche seiner Vorgänger überholt und sich als einen Vollender er- 
wiesen, wo andere Bahn gebrochen hatten. 'Son merite est moins dans la 
fagon du vase qui enferme la liqueur que dans la coinposition de la liqueur 
elle-meme, et la plupart de ses chefs-d'cetwre sont ecrits dans les formcs les 
plus 'banales.'' 

Als Erbe der Plejade hat Desportes das Werk der Selektion begonnen, 
durch das sich der Klassizismus aus dem Sturm und Drang herausschälte. 
Durch die Bevorzugung des Alexandriners und Achtsilblers und der Ver- 
bindung von beiden, durch die vorwiegende Verwendung der einfachen Vier- 
und Sechszeile und die richtige Erkenntnis der wirksamen Stellen für die 



1 Vielleicht: se tiendra. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 189 

eingelegten Kurzverse, und endlich durch die Begünstigung der männlichen 
Strophenschlüsse hat er den Weg zu den reinen klassischen Formen ge- 
wiesen. Bei ihm und seinen Zeitgenossen bedeutet indessen die vorgenom- 
mene Zuchtwahl noch keine Verarmung des Formenschatzes. Erst durch 
Malherbes Reform, die auf eine strenge Sclieidung der höheren Lyrik und 
der ihr angemesseneu Stropheugcbilde hinausläuft, geht der Trieb nach 
freiem Erzeugen der Formen verloren. Die leichte Lyrik, die sich mehr 
Spontaneität wahrt, sinkt in der Wertschätzung. Bald beschränken sich 
die strophisclien Neubildungen auf ungewohnte Versvcrmengungen. Es 
macht sich ein Zug zu dissymmetrischer Heteronietrie geltend, und diese 
unglückliche Tendenz trifft gerade mit einer kräftig aufstrebenden Mode- 
richtung zusammen, mit dem Überhandnehmen der freigemischten Vers- 
maße, deren Triumph nach IGGO das Ende der strophischen Lyrik, ihren 
Tod durch Auflösung herbeiführt. 

Aus dem Schiffbruch der Strophe hat Boileau durch die Ode sur la prise 
de Namur die klassisciie Zehnzeile gerettet. Indessen konnte auch der 
Klassizismus aus eigener Kraft eine Wiedererweckung der strophischen 
Lyrik versuchen, wie z. B. J.-B. llousseau zeigt. Von seinen Nachfolgern 
haben aber Lebrun und A. Chönier nur wenig Sinn für die Aufgabe (mehr 
wohl Le Franc de Pompignan) ; eher leiten Fontanes und Chenedollö zur 
Romantik hinüber, mit der Lyrik und Strophik zu neuem Blütenlenz er- 
wachen. Die erste Tat der jungen Schule war die Überwindung der freien 
Versmaße, und die zweite der allmähliche Verzicht auf die komplizierten 
Formen zugunsten der elementaren Schemata. Durch einfache Mittel (An- 
wendung von Fünfzeilen, Reimverdoppelungen ababcccd u. dgl., Aufnahme 
des gleichteiligen Zehnsilblers) gewannen sie einen gediegenen Formen- 
reichtum, dem bald von selten der Chanson, der Romanze, der Ballade ein 
Zuwachs an leichtgeschürzten Strophengebilden zugeführt würde. Neben 
V. Hugo wirkt besonders A. de Musset in diesem Sinne, und wieder zeigt 
sich bei ersterem die Meisterschaft weniger in der Verwendung noch nicht 
gebrauchter Formen als in ihrer eigenartigen poetischen Nutzanwendung. 

Die großartigen Errungenschaften der romantischen Schule erschwerten 
natürlich der folgenden Generation der Originalität und leiteten sie dadurch 
auf manche Irrwege. Dies zeigt sich schon in den Eigenheiten Leconte 
de Lisles und noch stärker in den virtuosen Kunststücken Banvilles. Ander- 
seits sieht sich die strophische Lyrik durch die neuerdings beliebt ge- 
wordenen Alexandrinerpaare beiseite gedrängt und in ihrer späteren Ent- 
faltung durch das Überwuchern der Achtsilblervierzeile gefährdet. Der 
drohende Verfall wird bei Verlaine und den Symbolisten zur Wirklichkeit. 
Wieder erscheint der vers lihre auf der Bildüäche, aber diesmal nicht als 
eine Auflösungsform der Strophe oder des Gedichtes, sondern als eine Auf- 
lösungsform des Verses. So kann die Strophe neben dem rhythmisch ver- 
renkten Verse weiter fortbestehen und neue Früchte reifen sehen. 

Ich kann diesen Ausführungen im allgemeinen nur zustimmen, möchte 
mir aber erlauben, als Ergänzung dazu auf zwei meiner Arbeiten hinzu- 
weisen, auf meine Dissertation 'Zur Geschichte der Vers libres in der neu- 
französi.schen Poesie' (Zeitschr. f. ronian^ Philologie XII, 1888), wo ich das 
unaufhaltsame Vordringen der freigemischten Versmaße im 17. und 18. Jahr- 
hundert und ihre zersetzende Wirkung gezeichnet habe, und auf meine 
'Streifzüge durch V. Hugos Lyrik' (Archiv CXVII), wo ich die Über- 
windung der formlosen Versmischung in V. Hugos Jugendversuchen, sein 
siegreiches Fortschreiten zur Ode, den Übergang zu den leichteren Gebilden, 
seinen Abfall zum gepaarten Alexandriner und endlich seinen Anschluß 
an die Heinesche Vierzeile (denn Heine hat hier maßgebend gewirkt) be- 
leuchtet habe, indem ich nicht bloß das metri.sciie Moment, sondern vor- 
wiegend die literarischen Einflüsse in ihrer Wirkung darlegte. 



190 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Der Hauptteil des Buches (S. 79 — 425) ist der Systematik und Geschichte 
der einzelnen Strophenformen gewidmet. Hier verbietet die Reichhaltig- 
keit des Inhalts eine eingehendere Analyse. Ich will nur an wenigen Bei- 
spielen andeuten, was wir alles finden. Bei der Dreizeile sehen wir die 
aus Italien importierten terze rime von Jean Lcmaire (1503) eingeführt, 
von ihm, von Alione d'Asti, Colin Bucher, J. Bouchet, Saint-Gelais, Marot 
(im Ps. 37), Margareta, Corrozet, Sibilet u. a. weiter verwendet, unter den 
Plejadendichtern von Tyard, Baif und Jodelle gebraucht, nach Desportes 
aber verlassen, bis Emile Deschamps oder Roger de Beauvoir (1837) sie 
wieder aufgreifen und Th. Gautier ihnen neue Beliebtheit verschafft. Da- 
neben lernen wir das Tercet hardique (aaa) bei Brizeux und nach ihm bei 
C. Mendes und Banville kennen. Und die wohlbelegten Auskünfte erstrecken 
sich nicht allein auf diese äußeren Züge ihrer Verwendungsgeschichte, 
sondern wir erfahren auch, daß Beza statt des Zehnsilblers Achtsilbler, 
Jodelle Zwölfsilbler, Corrozet gemischte Versarten probiert, wir erhalten 
Angaben über das Reimgeschlecht, regelmäßigen Wechsel oder nur weibliche 
Schlüsse, und hören, wie die Dichter sich beim Gedichtschluß behelfen. — 
Bei der Vierzeile können wir verfolgen, wie die Zehnsilbler- und Achtsilbler- 
vierzeile von Marot aufgebracht wird, wie Baif (1552) und Ronsard (1554) 
die Alexandrinervierzeile versuchen, die aber erst bei Desportes und seinen 
Zeitgenossen wirklich beliebt wird, während die Zehnsilblervierzeile mit um- 
schlungenem Reim in der gnomischen Spruchdichtung ihre Triumphe feiert, 
wie Du Bartas (unlyrisch wie er ist) die Reimfolge abba vorzieht, während 
Lyriker wie V. Hugo dem gekreuzten Reim seine gebührende Stellung ein- 
räumen (60 mal abab gegen 5 oder 6 mal abba in der Alexandrinervier- 
zeile) usw. 

Die wichtigsten Gruppen sind Vier-, Sechs- und Zehnzeile, während 
Fünf-, Sieben-, Acht- und Neunzeile und die größeren Gebilde entsprechend 
zurücktreten. Ohne auf weitere Einzelheiten einzugehen, verweise ich nur 
noch kurz auf die gewandte Einteilung der Strophen, zunächst in iso- 
metrische und heterometrische, und letztere in solche mit Kurzversklausel 
(abab), in vollkommen oder unvollkommen symmetrische (abab. abab), in 
asymmetrische (abab . abab) und in polymetrische : Quatrains ä clausule, 
qu. symetriques (parfaits, imparfaitsj, qu. dissynietriques (ä un vers court, 
u deux, ä trois vers courtsj, qu. ü trois mesures. Sixains symetriques, s. dis- 
symetriques ä double tercet, ä disUque final, s. ä trois mesures, usw. 

Ich wende mich den Schlußfolgerungen (S. 427 — 451) zu, in denen M. 
die Grundprinzipien des französischen Strophenbaues zusammenfaßt. Die 
Lehren, die er aus seiner Untersuchung gewinnt, sind etwa folgende: Die 
Strophe muß einen bestimmten Rhythmus haben, den das Ohr fassen kann; 
dazu ist es nötig, daß sie ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und in sich 
harmonisch gegliedert ist. Der Fluß des lyrischen Gedankens ist nicht in 
die Strophe gebannt, er kann über Strophen hinweggreifen, aber ein En- 
jambement von Strophe zu Strophe ist widersinnig. Die Gliederung der 
Strophe wird durch das Reimschema angedeutet; die Reimfolge bedingt den 
Aufbau der Strophe, ihr ordnen sich normalerweise die verwendeten Vers- 
arten unter (vgl. das Vorwort). Von besonderer metrischer Bedeutung ist 
der Schlußreim der Strophe. Er niuß das Ende des Systems deutlich fühl- 
bar machen. Reimpaare geben daher nur ausnahmsweise einen guten 
Strophenschluß; besser ist es, wenn der Schlußreim isoliert dasteht. Dem 
ihm entsprechenden Reime kommt naturgemäß im Stropheninnern eine 
analoge Bedeutung zu, auch er markiert einen rhythmischen Ruhepunkt und 
bleibt daher am besten gleichfalls isoliert; aabab und abaab sind abbab vor- 
zuziehen. Die durch diesen Reim bezeichnete Ruhepause ist zugleich Sinnes- 
pause, leichter in kurzen Gebilden, deutlicher in schwereren. Die moderne 
Strophe kennt demgemäß Schemata wie aabbc nicht mehr. Die neufranzö- 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 191 

sischen Dichter haben aber auch auf vierfache Reime (aaaa) innerhalb der 
Strophe verzichtet, die größte zulässige Häufung ist aabcccb oder aaabcccb; 
längere Strophen können infolgedessen nicht mehr auf drei Reimarten 
aufgebaut sein, sie sind notwendigerweise zusammengesetzt. Dabei ist der 
erste Bestandteil in der Regel der kürzere, der vorbereitende. Und der 
größte Umfang der Strophe ergibt sich bei den Klassikern, die Reim- 
verdoppelung in der Strophe nicht kannten, als Zehnzeile: abab.ccdeed, bei 
den Modernen als Zwölf zeile: abab.cccdeeed. Der Schlußreim ist mit Vor- 
liebe männlich. Diese Tendenz erklärt M. anfänglich aus dem Bestreben, 
mehr weibliche Reime als die klangvolleren in der Strophe anzubringen, 
ihr siegreiches Durchdringen zu Desportes' Zeit dagegen aus dem richtigen 
rhythmischen Empfinden, daß der männliche Stropheuschluß die Pause 
besser bestimmt. Bei leichteren Strophen wird dieser Punkt weniger be- 
achtet. Bei Reimtypen wie abba müssen nach der abergläubischen Beob- 
achtung der Reimgeschlechtsregel die Strophen alteruieren ahha . ciViVc . . . 

Die neufranzösische Strophe beruht demnach, was die Grundschemata 
anbelangt, auf symmetrischem Wechsel im Verhältnis von 1 zu 1 oder von 
2 zu 1. Die elementaren Typen sind abab und aabccb. Diese sind die 
spezifisch lyrischen Reimkombinationen; die übrigen steigen oder fallen in 
ihrem lyrischen Wert, je nachdem sie sich diesen Gruudtypen nähern oder 
sich von ihnen entfernen. Bei der Fünfzeile sind abaab und aabab, bei der 
Siebenzeile aabcccb oder aaabccb demnach als die guten Formen anzusehen. 
Ich möchte hier den Einwand erheben, daß sich theoretisch die Beschrän- 
kung der Anerkennung auf einfache und zusammengesetzte Strophen nicht 
rechtfertigen läßt. Neben den einfachen Strophen vom Typus abab . abaab . 
aabccb und den zusammengesetzten vom Typus abab.ccdeed würde ich un- 
bedingt auch erweiterte Strophentypen ansetzen wie: abab.cc (vgl. S. 27), 
abab.ccb und aab.ccb.ddb u. dgl. Wenn diese Formen minder gebräuchlich 
geworden sind, so liegt es für die eine Art (ababcc) lediglich am Reim- 
geschlechtsaberglauben. 

Was die Verbindung verschiedener Versmaße betrifl't, konstatiert M., 
daß Verbindungen von drei Versarten in einer Strophe schon selten sind. 
Die verwendeten Versmaße stehen in der Regel in einem einfachen mathe- 
matischen Verhältnis zueinander, die ungeradsilbigen für sicii. Die normale 
Kombination scheint die von Langvers und Kurzvers zu sein, nicht um- 
gekehrt. Am beliebtesten ist der Schluß mit einer Kurzzeile, daneben findet 
sich die Kurzzeile auch gern an vorletzter Stelle; werden mehr Kurz- 
zeilen verwendet, so verteilen sie sich entsprechend auf die beiden Strophen- 
teile. Bei zusammengesetzten Strophen wird die Heterometrie vermieden. 
Natürlich gehen die Dichter in allen diesen Punkten mitunter absichtlich 
von der Norm ab, und oft mit Glück, oft aber auch zum eigenen Schaden. 

Was die Wahl der Strophen anbelangt, so läßt sich metrisch kaum etwas 
anderes aussagen, als daß es leichte kurzzeilige und feierliche gewichtige 
Formen gibt; andere Unterscheidungen sind kaum haltbar. Zu beachten 
ist aucli noch der Strophenwechsel innorlialb eines und desselben Gedichtes, 
sei es in längeren Partien, sei es in regelmäßiger AUernanz von Strophe 
zu Strophe. Letzteres kann wieder zu raffinierten Komplikationen führen, 
die an das Ohr unmögliche Anforderungen stellen. 

Von diesen allgemeinen Betrachtungen sind manche schon von früheren 
Theoretikern vorweggenommen worden, z. B. von Lubarsch, den M. nicht 
anführt. Unsere Inhaltsübersicht läßt aber trotz ihrer UnvoUständigkeit 
erkennen, daß wir es mit einer systemati-sch durchdachten, wohlabgewo- 
genen und auf breiter und sicherer Basis aufgebauten Untersuchung zu tun 
haben, die lange unter die Standard Works einer ueufranzösisciien me- 
trischen Bibliothek gehören wird. 

Wien. P h. .\ u g. B e c k e r. 



192 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Die lyrische Bewegung im gegenwärtigen Frankreich. Eine Aus- 
wahl von Otto und Erna Grautoif. Jena, Eugen Diederichs, 
1911. LIV, 239 S. Kart. M. 4,50. 

Ich gehe in medias res und betrachte den Hauptteil dieses Buches, die 
von Erna Heinemann-Grautoflf übertragenen Proben zeitgenössischer fran- 
zösischer Lyrik. Zunächst ihre Form. Für sie ist in dein Vorwort ein 
Programm aufgestellt, in dem es heißt: 'In den Übertragungen haben wir 
Inhalt und Form streng zu wahren getrachtet. Dort wo der Rhythmus 
gleitender und verschwimmender als der uns Deutscheu gewohnte war, 
wurde versucht, seineu Charakter treu zu übertragen. Keine Strophe wurde 
um eine Verszahl gemindert oder erhöht . . . Der Reim ist überall, wo die 
Dichter ihn bildeten, angewandt. Unregelmäßigkeiten oder Gleichklänge 
treten nur als Übertragungen der originalen Freiheiten auf. Wenn die 
Siunwiedergabe es erlaubte, ist versucht worden, die Musik der einzelnen 
I-autzusammenstelluugen wiederzugeben.' Ein Teil dieses Programms, so 
z. B. der zuletzt genannte Punkt oder auch die rhythmische Treue, ist 
großenteils mit Glück zur Ausführung gelangt. Sprachton und -bewegung 
sind im allgemeinen zu ihrem Rechte gekommen. Immerhin sind eine ganze 
Anzahl von Fällen zu notieren, in denen rhythmische Freiheiten und 
Härten zu beobachten sind, zu denen das Original keinen Anlaß bot. Wen)i 
in Gustave Kahns Chanionne lentenient . . . die Zeile Encorc! la chans-on 
s'alanguit . . . mon cceur pleure wiedergegeben wird durch 'Wei'ter ! der Sang' 
mattet . .. mein Herz' ist in Trä'nen' (S. 34), so ist für dieses Geholper der 
Franzose doch kaum verantwortlich zu machen. Ebensowenig darf man es 
Henri de Rögnier zur Last legen, wenn in der Übertragung seiner Sccnc an 
Crepuscule auf eine muntere vierhebige Zeile eine nicht endenwoUeude 
siebenhebige gereimt wird (81,1). Was soll man zu einer Betonung sagen 
wie: 'ist manch'mal verzweif'lungsvoll schwer" (145) oder die gleich zuugen- 
brecherische : 'nie'mals den Sinn' mir zurückbie'gen' (141)? Dreisilbig»^ 
Senkungen kommen wiederholt vor (so 48, 1.33, 143) und geben den Zeilen 
ein fast knittelversartiges Gepräge. In einem Gedichte Deubels (159 — 61) 
gehen drei- und vierhebige Verszeilen wirr durcheinander, und mit einem 
Muß-Vierheber wie 'in dem herr'lichen Au'genblick deiner wil'den Ge- 
lü'ste' (138) rücken wir dem Bänkelsang schon bedenklich nahe. Am weite- 
sten scheint mir die Freiheit dem Original gegenüber in Viel6 - Griffins 
Crois: Vie ou Mort que t'importe (69) gegangen zu sein, wo die Schönheit 
des durchgängig parallelen Reims selbst in dem refrainartigen Ausklang 
beider Strophen völlig geopfert wurde, ganz abgesehen davon, daß der Ton 
des Gedichts infolge der verstiegenen Übersetzungsweise (Vunique loi =: das 
Gesetz von Erz, si tu dis ton intime emoi := singst du Tiefstes Welten 
zu, il n'est pas de fatals desastres = es gibt keines Schicksals dämoni- 
sche [!] Strenge) geradezu seiner Natur entkleidet ist. 

Was in dem Programm vom Reim gesagt ist, trifft nicht immer zu. In 
V(.>rhaerens Uäge est venu . . . gibt es keine reimlose Zeile, die Übertragung 
(53) weist deren drei auf. Das gleiche gilt für den ersten Absatz von 
Henri de Rßgniers J'ai feint que des Dieux m'aient parl4 (78). In dem 
Bruchstück aus Emile Cottinets L' Ascension vers la Mort stehen neben den 
reimlosen Zeilen des Originals sechs weitere in der Übertragung (174 f.). 
Im Schluß von Jules Romains' Je sors. La porte Court sur mes pas hat ein 
dreifacher eindrucksvoller Reim in der Übertragung überhaupt keine Be- 
rücksichtigung gefunden (187). — Auch Schwellzeilen schleichen sich ein, 
ich habe sie außer einmal in Viel6-Griffins Ces heures-lä (68, 2) wiederholt 
bei Verhaeren [Uäge est venu 53, 4, A ces reines qui lente7nent descendent 
51, 2 und Trds doticement, plus doucemenl encore 57, 4) konstatiert. Es 
wäre nicht schwer, an Hand dieser Übertragungen so ziemlich alle Sorten 



Beurteilungen und kurze Anzeiget! 19ä 

von uureiuon oder verpönten Reimen zusammenzustellen. Da sind sie alle, 
die liebgowordeneu Bindungen, die e : ä (denke : sänke), e : ö (Vermögen : 
legen), i : ü (knistert : llüstert), äu : ei (sträuben : reiben), die Bindung von 
Kürze und Länge (Narr : Haar, schwelen : Bellen) oder beide in idealer 
Vermischung (Stille : Schwüle), die Bindung von g und ch (Tuch : Zug), von 
g und k (entlang : Trank), von ch und seh (scheuchen : Geräusche), der 
Apostrophreim (fand : sandt), der Augenreim (Gestalt : gemalt), der falsch 
betonte Reim (denkbar : sichtbar, Weisheit : Schönheit, berauscht mich: 
eidlich, erstehn kann : Sämann, Ptirsich : ohnmächtig : bin ich! !), der iden- 
tische Reim (erfüllt : glückerfüllt, hernieder : nieder, klingt : klingt), der 
assonierende Halbreim (blassen : satten, bannen : wandern, Art : Gewalt, 
Sordinen : gestiegen) und endlich der Spezialreim der Übersetzerin, für den 
mir eine Bezeiclmung fehlt: Grabe : Raben, spüren : rüiire, betören : höre 
sowie Firn : Gestir n e, glüht : My t h e, übermannt : Andan t e. 

Auch üblen Gewohnheiten des Stils begegnet man. Dem Rhythmus zu- 
liebe wird zuweilen dem Substantiv unbedenklich der zugehörige Artikel 
geraubt, ein Vorgang, der für unser Sprachempünden unerträglich wirkt: 
'Mir ist als küßte ich Herz einer Blüte' (10), 'so süß als entströmte ihn 
Gruft' (34), 'das aufrecht mit Wut zwischen Zähnen nicht sieht' (39), 'welch 
Mensch bin ich' (211), 'auch ich bin solch Platz' (193). Einmal wird gar 
ein Possessivpronomen verschluckt, so daß man erst allmählich hinter den 
Sinn der Zeile kommt: 'Ich klage nicht Tod' = Je ne regrette pas ta 
mort (85). Eine andere sehr häufig vorkommende Unart der Übersetzerin 
besteht darin, daß sie Modi und Tempora willkürlich behandelt, um mühe- 
los zu einem Reim zu kommen. Es heißt also: 'so spräche Torheit und der 
niedrig denke' (4) statt 'dächte', weil im Hintergründe sciiou 'sänke' als 
]{eimwort lauert. Es heißt ferner: 'wenn je ... der Sehnsucht Bogen 
sanken' (50), obwohl richtig fortgefahren wird: 'wenn je die Kristalle 
... zerschlügen'. Andere Beispiele sind: 'Er weiß kaum mehr, ob er 
besitze' (61); 'O daß der Tag kommt, der von dir mich stieß!' (29); 
'das Nachtlicht sah dem Moudstrahl gleich, der zittre und empfinde' 
(164) usw. usw. Die Aufforderung an den Herbst bei Viele-Griffin: 
Qm'j7 passe son chemin, au moitis, — Qu'il couche ailleurs que dans 7)1011 
fein, — Qu'il aille mendicr plus loin lautet deutsch nach französischer 
FaQon : 'daß er doch nur des Weges fliegt, — daß er in meinem Heu 
nicht liegt, — daß er wo anders trügt' (73). Überhaupt läßt das 
Deutsch der Übersetzerin häufig zu wünschen übrig. Wortbildungen wie: 
'Gespinn', 'Gewell', 'Sonnschein' und 'Todglocken' sind offenkundige Ver- 
legenheitsprodukte. Lateinisch muten an: 'ein wenig ihrer Blühekraft' 
(53) und 'frei des Zufalls' (17). Unmöglich sind: 'Sie waren blau und 
schneeig reinst' (124), der 'Lie b e - Schwur' (123) und das aus dem Femini- 
num 'Begierde' und dem Neutrum 'das Begehren' ueudestillierte Femi- 
ninum 'die hitzigste Fragebegehr' (61). 'Gebeut' wird irrtümlich im Sinne 
von 'beut' verwendet (6), ebenso 'sticken' (!) für 'ersticken' (28) und 'auf- 
gespeicht' (35) für 'aufgespeichert'. Stutzt man schon bei dem Impera- 
tiv 'spreche' (52) oder bei dem Gebrauch von 'zerschlagen' ahs"« intransi- 
tivem Verb (50), und befremdet einen die Beifügung des Artikels zu dem 
substantivi-schen 'alle': 'der Allen' (171), 'den Allen' (161) für 'aller', 
'allen', so wird einem das Deutsch der Übersetzerin geradezu verdächtig, 
wenn man sieht, welche Schwierigkeiten ihr das Deklinieren bereitet. 
Formen wie: 'den Narr' (72), 'meines Sein' (204), 'an grün und blau 
Kristall' (18), 'des Motor' (205), 'des Morgen' (142), 'im Herz' (29), 
'des Aeroplan' (206), 'des Schicksal-Bezwing e n' (218), Plurale wie: 'in 
Fessel' (61), 'meiner Echo' (56), 'die Nichts' (174) verdienen keine Ent- 
schuldigung. An Flüchtigkeiten fehlt es nicht. In einer Stanze Morias' 
heißt es: 'Damit ich milde Möwen girren höre, — Fühlen, daß Flutschaum 

Archiv f. n. Spradien. CXXX. 13 



194 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

auf den Lidern liege' (6). Man kann fühlen nicht hören; offenbar hat der 
Übersetzerin ein fehlendes 'möge' vorgeschwebt. In Fernand Greghs Le Retour 
wird ein Substantiv im Plural mit einem Verb im Singular verbunden: 
'Rosen der Liebe, deren volle Munde der Freude düftefeuchtes l^achen lacht' 
(23). Zu vermeiden waren Verknüpfungen wie: 'ihre und sein Herz' oder 
'es werd e n Viele dein Gebot erfragen und Überiluß wohnen in Scheune 
und Gemach' (49). Ebenso waren Plurale wie 'Munde' und 'Liebesbunde' 
ihrer Ungebräuchlichkeit und Strittigkeit halber nicht empfehlenswert. 
Manche Wendungen sind der Übersetzerin arg mißglückt. Ein 'Lieben', 
das 'zerrieben' wird (54), 'Ahnherrn in Bronzehaut' (133) und 'grasbe- 
wachsene Bäche' (133) wirken zum mindesten ungeschickt. Banal klingt 
die Zeile: 'am Rand des stillen Sees, derSonnehat(6) iüT d'un lac plein 
de clarte. Daß 'Stunden voller Angst und Tränen' 'dorren' können, dürfte 
bloß im Reich der schiefen Bilder möglich sein. Die Stimmung leidet, 
wenn in Jamnies' Elegie premiere ä Albert Samain 'hameau' ohne Not mit 
dem Fremdwort 'Farm' wiedergegeben wird (84), oder wenn in Elsa 
Koeberlßs Prends nion cceur triste et fou die Zeile Dans l'odeur des grands 
yris verts de ce qu'il a plu die groteske Übertragung findet: 'im Duft der 
Fluren, die beregnet sind' (154). Vollends verworren wirkt es, wenn in 
John-Antoine Naus 8ur l'arc vcrt de la plage apaisee die lourds parfums 
egarants, confondus zu 'verschlungenen (!), verführenden Düften' 
werden (118). Der Gipfel unfreiwilliger Komik aber ist erreicht, wenn 
Jammes seinem Freunde Samain die tröstliche Versicherung geben kann : 
'Mein Hund legt die Schnauze dir warm auf die Hand' (84). War in den 
eben zitierten Fällen bloße Flüchtigkeit die Ursache der Entgleisungen, so 
ist es in dem ersten Sonett L6on Deubels die allzu wörtliche Anlehnung an 
das Original, die das Mißgeschick hervorruft. Wohl kann der Franzose 
von einer Frau sagen: Son heau corps effeuille, pätale par petale, Jaillit de 
la dentelle, weil er mit 'pötale' im Bilde des 'effeuill6' bleibt, allein im Deut- 
schen ist das unmöglich. Die Übertragung: 'entblöß' ich nun den Leib ihr, 
Blatt für Blatt' ist leider gänzlich verfehlt, was um so mehr zu be- 
dauern ist, weil das Gedicht im übrigen durchaus gelungen ist. 

Neben diesen Mängeln der Form und Technik fallen auch inhaltliche Ver- 
fehlungen ins Gewicht. Der am häufigsten hier zu erhebende Vorwurf ist 
naturgemäß der der Unklarheit. Ich muß zwar bekennen, daß manches, 
was in der Übertragung unverständlich schien, sich nach Heranziehung des 
Originals öfters aufklärte. Allein eine Übertragung muß aus sich her- 
aus f lUich sein, denn sie wendet sich ja gerade an solche, die das Original 
nicht verstehen oder nicht besitzen. Wenn ich im folgenden auf mancherlei 
Unklarheiten aufmerksam mache, so geschieht es, wie bei den oben gerügten 
technischen Mängeln, nur deshalb, um in dem wünschenswerten Falle einer 
Neuauflage der Übersetzerin die Stellen zu weisen, au denen bessernde 
Hand anzulegen wäre. In Strophe 3 von Vielö-Griffins Ccs heures-lä wird 
'lueur opaline' sehr gesucht mit 'Glanz entgleitenden Gesichtes' übersetzt. 
In der letzten Strophe der Elegie au Samain heißt es mit wunderliclier 
Ortliographie: 'Ich denke an der Schafe weißen Trott, die Tod gewiß die 
C! locken überblökten' (86), man denkt dabei an 'cloches' und findet 'cla- 
rines'. Ebendort lautet die Übertragung für Je songe ä la rosee qui irille 
Nur les vignes: 'ich denk an blassen Wein in dunklen Reben' (!). Gerade 
Jamuies scheint der Übersetzerin besondere Schwierigkeiten bereitet zu 
haben. In dem nächsten Gedicht David tu i'cveillais lautet eine Zeile: 'Der 
Schrei, den dein Schmerz den Monden befahl'; man begreift sie erst im 
Original : ce cri que tu poussais vers les errantes lunes. Ganz unverständ- 
lich ist Jammes' Les Dimanches. Warum der Titel 'Sonntag' statt 'Sonn- 
tags'? Was bedeuten 'Wälder, die im Festeszeichen stehen'? Wozu die 
ungerechtfertigte Übersetzung von Penser cela, est-ce etre poete? durch: 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 195 

'Heißt dies Denken wohl Dichter bleiben?' Und wie die Schlußstrophe 
erklären, die den Sinn des Originals fast völlig ins Gegenteil verkehrt? 

Dansera-t-elle sous les hetres? Tanzt sie wohl unter Eichen? — 

Je voudrais etre, voudrais etre Ich möchte, ich möclite gleichen 

eelui qui lentenieut laisse touiber, den leichten, den ganz befreiten, 

conune un arbre ses baies, • — • denen die Trauer entgleitet 

sa tristesse pareille, sa tristesso wie den Bäumen die fallenden Bee- 
pareille aiix bois qui sout sout aiix ren, - — 

vepres. den Wäldern im Festeszeichen. 
Jammes, De VAngelus.. Grautoff (S. 90/91). 

(p.58). 

Die an sich schon reichlich verschwommene vierte iJaWade rfe iaiVMt7 Paul Forts 
hat in der Übertragung noch au Deutlichkeit vt^rloren. Ich muß es mir 
versagen, alle fehlerhaften Einzelheiten ilaraus anzuführen, und beschränke 
mich darauf, die zweifellos falsch interpretierte Schlußstrophe zu zitieren: 
iprends-toi de toi-memc epars dans cctte vie. Laisse ordonner le ciel d tes 
yeux, Sans comprendre, et cree de ton silence la nmsique des nutts. Das 
wird wie folgt übertragen : 'empfinde dein Ich, das sich ins Leben v e r- 
f 1 a c h t ( ! ) ; laß den Himmel deine Augen gedankenlos lenken (also 
der Himmel ist gedankenlos!) und schaffe in deinem Schweigen die Musik 
der Nacht' (95). Fast unverständlich ist weiter die erste Strophe von 
Duhaniels Schicksal, dessen Originaltext ich nicht zur Hand habe. Sie 
huitet : 

Und wenn mir der Glanz in den Augen verbleicht, 

darfst du davon bestimmt, es nicht enden 

deine Worte treu auf mein Antlitz zu legen, 

deine Worte gleich unsichtbaren Händen. (208.) 

Das gleiche gilt für eine Stelle bei Henri Franck: 

und die Nachricht schwang sich einen Augenblick laug 
rings um das Feuer, daß sie entfachte 
wie ein mächtiger Nachtfalter. (193.) 

Auch in den Schluß von Vielß-Grifüns L'Automnc und Regniers Scdne au 
C'r6piiscule ist einiges hiueingeheimuist worden, das ausgemerzt werden 
.sollte. (Um nur eines in Parenthese zu benu^rken : Wenn man von 
Schwalben spricht, die 'matt vom Her und Uiuüber der Meere' sind, so 
kann sich dieses 'Her und Hinüber" nur auf Meere, niclit aber aüO den 
Flug der Schwalben beziehen, wie die Übersetzerin gern möchte.) Daß in 
Cottinets Nuit d'Opium bei der Stelle loin du triste corps gisant im Deut- 
schen eine Erweiterung in: 'die Leiber liegen gefällt wie zum Spott' 
(173) vorgenommen wird, ist bloß aus dem Bedürfnis nach ReimfüUsel zu 
erklären. Ein recht unangenehmer Über.sotzungsfehler in der zehnten 
Strophe von Verliaerens Le Banquier läßt sich auf Nichtbeachtung der 
Interpunktion zurückführen. Unerfindlich ist mir, warum in Gides Aoüt 
(Stroplie 5) 'aniour' mit 'Seele' wiedergegeben wird (21) und warum in dem 
dritten Sonett Deubels les anges du soir zu 'des Bösen Engel' werden 
(158). Ein offenbares Versehen i.st bei Cottinct der 'Pilger, der den Abend 
niederzwingt' (175) für den pilerin lasse que ierrassc le f-oir. In der 
er.sten Strophe von Elsa Koeberl(5s Toldde hat sich die Flüchtigkeit dt r 
Übersetzerin einmal bitter gerächt. Sie hat in der Eile 'vin' für 'ravin* 
gelesen und übersetzt dann L'äpre ravin resplendit mit 'der herbe Wein 
leuchtet satt', ohne sich dieses Unsinns bewußt zu werden (153). Ein be- 
sonderes Unglück verfolgt die Stances von Mor<^as. In der einen (4) wird 
'le rameau' mit 'la rame' verwechselt und ergibt so für Riez coinme au prin- 
limps s'agitenl les rameaux die selir malerische Übersetzung 'Lacht so wie 

13* 



196 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Ruder, die mit Wasser scherzen'. In der anderen wird 'l'Aquilon' mit lat. 
'aquila' zusammengeworfen, so daß in den beiden Zeilen 

Je ne me plaindrai pas: qu'importe l'Aquilon, 
L'opprobre et le mepris, la face de l'injure! 

der selige Moreas von sich rühmen muß: 

Ich klage nicht. Wie kann der Adler spüren, 

ob Spott und Srhande und Beleidigung höhnt. (5) 

Am schlimmsten ist ein Gedicht von Jules Romains (188/89) weggekommen. 
Gleich die erste Strophe ist falsch aufgefaßt: 

Elle monte la rue Die Straße steigt 

Sans vouloir de mon coeur. und grollt meinem Herzen nicht. 

Hier ist 'vouloir de quelqu'un' =: 'von jmdm. etwas wissen wollen' mit 'en 
vouloir ä quelqu'un' =: 'jmdm. grollen' vertauscht, so daß die Strophe gerade 
das Gegenteil von dem bedeutet, was der Dichter beabsichtigte. Die dritte 
Strophe ist von der Übersetzerin ohne Grund weggelassen worden. Die 
sechste Strophe C'est le cuivre des houles Sur les rampes en hots wächst 
sich in der Übertragung zu einer völligen Phantasie aus und zeigt, daß die 
Übersetzerin die Situation gar nicht verstanden hat. Sie lautet bei ihr: 
'Das ist Kupfer der Küche auf Holzgestellen'. Eine auch nur kurze Über- 
legung hätte der Übersetzerin doch sagen müssen, daß man au fotid des 
vestihules für gewöhnlich kein 'Küchengeschirr auf Holzgestellen' zu sehen 
bekommt. Auch in den folgenden Strophen finden sich Schiefheiten. Der 
Schluß endlich ist ganz verunstaltet. Während Romains in einem präch- 
tigen Bilde sagt: Ich dringe mit einem Blick bis in die verstecktesten 
Ecken wie die sinkende Sonne, Je vais jusqu'aux recoins Conime un soleil 
couchanV, sagt die Übersetzerin: 'Ich wandre um die Winkel wie die sin- 
kende Sonne', ohne zu bedenken, daß die sinkende Sonne gar nicht mehr 
um etwas herumwandern kann. 

Nebenumstände kommen hinzu, das Verständnis der Übertragungen hie 
und da zu erschweren. So die Interpunktion der Übersetzerin. Ein 
Beispiel: 

Liebe, soll ich fern von dir die Ufer, 
die feuchten Quais, weiß, überblaut betreten, 
auf denen einstmals die verliebten Rufer 
Leander — Hero zueinander spähten? (29). 

Wer ist hier 'weiß', wer 'überblaut'? Man muß annehmen Frau Gräfin 
de Noailles, die Dichterin. Zum Glück gibt sie im Original Auskunft: 

Amour, loin de vos yeux revoir le bord des eaux 
Oü trempent, azurßs et blancs, des quais de pierre. 

Ebenso eigenartig wie die Interpunktion ist die Orthographie der Ver- 
fasserin. Man mag gern von fehlerhaften Schreibungen wie 'Ritournell', 
'Reiß', 'gähren' u. a. absehen, sie genieren kaum. Liest man aber 'mein 
Bach durchbraust Gelände', so sieht das mehr wie eine Aussage denn wie 
eine Anrede aus. Zusammengesetzte Wörter werden hm und wieder in ihre 
Bestandteile zerlegt. Die Verfasserin schreibt also 'ein Gold durchwirkt 
Gespinn'. Und was sie auf diese Art an Apostrophen spart, gibt sie ge- 
legentlich an anderer Stelle in Form von traits d'uuion wieder her, sie 
schreibt nämlich: 'Anzug-Samt', Nordland-Sageu', 'Liebe-Schwur'. 

All das hätte sich bei einiger Sorgfalt mit Leichtigkeit vermeiden lassen. 
Aber diese Sorgfalt fehlte. Das Buch ist hastig zum Druck gegeben. Da- 
für zeugen die in allen Teilen auftretenden Druckfehler, deren Schar 
geradezu Legion ist. (Manches von ihnen allerdings, wie z. B. die stets 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 197 

wiederkehrende Schreibung Lebes^ue statt Lebesgrue dürfte wohl auf Irrtum 
beruhen.) Dafür zeugt auch die Nachlässigkeit in den Quellenangaben und 
der beigefügton, an sich so \Yillkoinnionen 'Bibliograpliie'. Bei etwa einem 
Fünftel der Gedichte ist die Quelle überhaupt nicht angegeben, und mau 
muß mühsam nach den Originalen suchen. Zuweilen sind die Angaben falsch. 
So wird man das Gedicht der Delarue-Mardrus vergeblich in iliren Horizona, 
das an letzter Stelle stehende Gedicht von L6on Deubel vergeblich in La 
litmidre natale suchen. Auch Verwechslungen kommen vor, so stehen 
Jammes' Les Dimanchcs nicht in den Clairiercs dans le viel, sondern in der 
früheren Sammlung De VAngelus de VAuhe ä l'Angelus du Soir. Hie und 
da sind die Titel mangelhaft oder ungenau angegeben. Wie der Beurteiler 
oder der interessierte Leser zu der Quelle der Gedichte Rena Ghils vor- 
dringen soll, das läßt die Übersetzerin deren Sorge sein. Auch die Biblio- 
graphie befriedigt wenig. Gerade den beiden Herausgebern des Buches 
wäre es bei ihren persönlichen Beziehungen zu der jüngsten französischen 
Dichtergeneration ein Leichtes gewesen, hier Vollständigkeit zu erreichen. 
Aber sie haben sich die Sache bequem gemacht. Das meiste, was man in 
dieser Bibliographie findet, war auch schon in den bekannten modernen 
französischen Anthologien von Bever und Lßautaud oder Walch gegeben. 
Was die Herausgeber demgegenüber an Neuem bringen, enttäuscht durch 
den Mangel an Konsequenz und Exaktheit. Die biographischen Daten wer- 
den verschieden behandelt, Verleger und Jahr des Erscheinens werden bald 
angegeben, bald weggelassen. Wem also mit diesen Notizen gedient sein 
soll, ist nicht einzusehen. 

Wenn man gleichwohl trotz aller Fehler und Mängel, trotz aller 
Schwächen und Entgleisungen, die im Interesse der Sache zur Sprache ge- 
bracht werden mußten, das Buch aufrichtig begrüßt, so geschieht es, weil 
es sich mit einem Gebiet befaßt, das bisher, man kann wohl kaum sagen dem 
Fachmann, sondern allenfalls dem Liebhaber bekannt war. Das Buch ist, 
soweit ich sehen kann, in der Presse äußerst günstig aufgenommen worden. 
Der Beifall, den es fand, erstreckte sich nicht nur auf den Gegenstand der 
getroffenen Wahl, sondern auch auf die künstlerische Gediegenheit der 
Leistung. Anfangs und nach flüchtiger Lektüre ähnlich begeistert ge- 
.stimmt wie jene Referenten, da mein Urteil nur durch einen Vergleich der 
vier dem Buche auf besonderem Blatt beigelegten französischen Texte mit 
ihren Nachdichtungen bedingt war, bin ich nach eingehenderer und um- 
fassenderer Prüfung an Hand der Originale zu einer wesentlich strengeren 
Beurteilung der hier bewiesenen Übersetzertätigkeit gelangt und habe 
mich, um meine weniger günstige Anschauung zu begründen, notgedrungen 
in Einzelheiten bewegen müssen. Dies ist oben gescliehen, und zwar gerade 
um deswillen, weil ich der Überzeugung bin, daß die Verfasserin durchaus 
befähigt wäre, durch eine gewissenhafte Überarbeitung ihr Buch zu einer 
Musterleistung zu gestalten. Sie hat in den gelungenen Teilen dieser Nach- 
dichtungen — und sie bilden die Mehrzahl — eine .solche Fähigkeit zur Ein- 
fühlung in fremde und komplizierte Individualitäten bewiesen, eine solche 
Stärke dichteri-schen Nachschaffens offenbart, daß über ihr ßerufensein 
keinerlei Zweifel herrschen kann. Sie weiß, wenn ich so sagen darf, das 
Atmosphärische der jungfranzösischen, sich häufig in freien Rhythmen 
bewegenden Ver.skunst einzufangen. Einzelnes, z. B. Verhaerens L'A7bre, 
hat man bei anderen (Stefan Zweig) schon besser gelesen, anderes, wie 
Vildracs Si Von gardait, dagegen dürfte kaum je einen Konkurrenten zu 
scheuen brauchen. Man fühlt, daß in der Nachdichterin eine Dichterin 
steckt, die nur eine straffere Selbstzuclit üben, die Neigung zum Dilettan- 
tischen in sich zu bekämpfen braucht, um künstleriscli Reifes und Ein- 
wandfreies hervorzubringen. Erna Grautoff hat ohne Frage eine glück- 
liche Hand, aber diese Hand hat ein wenig zu rastdi zugepackt. 



198 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Der den Übertragungen vorausgeschickte Aufsatz Otto Grautoffs 'D i e 
Bevrvf^ung in der französischen Lyrik der Gegenwart' ist, 
seinem gewollt unkritischen Charakter nach zu schließen, offenbar nur als 
Wegleitung und orientierende Einführung in die Lektüre der Nach- 
dichtungen gedacht. Ausgehend von einer Darlegung des konservativ- 
rhetorischen Charaktors der französischen Lyrik und ihrer daraus zu er- 
klärenden jahrhundertelangen Inferiorität — Bruuetiere gebraucht diesen 
Ausdruck — , sucht Grautoff inen kurzen historischen Überblick über die 
Revolutionen zu geben, zu denen der immer mächtiger hervorbrechende 
Wille zum T^yrischen in Frankreich geführt hat. Er betrachtet den roman- 
1 Ischen Ansturm und seine Ergebnisse, um sich dann jenen Geistern im 
einzelnen zuzuwenden, denen die Bedeutung von Wegbahnern für die heutige 
Generation zuzuerkennen ist. Hier steht Baudelaire an der Spitze. Es 
folgen Verlaine, Rimbaud, Laforgue und Mallarmö, die Väter der modernen 
französischen Lyrik, und endlich Morias und die Schar der Symbolisten 
(eine Bezeichnung, die Grautoff mit Recht nur als historisch gewordene 
und bequeme, aber rein äußerliche Klassifizierung der verschiedenartigsten 
Dichternaturen gelten läßt). Mit Glück wird als das einigende Band aller 
Symbolisten, D6cadents und wie sie sonst hießen, der machtvolle Drang 
nach der neuen Form, die unablässige Suche nach dem für das nuancierte 
und raffinierte moderne Empfinden erforderliche Instrument, dem vers 
libre, in den Vordergrund gerückt, der 'den Jüngeren nicht nur eine musika- 
lische Freiheit oder eine bereicherte Bewegungsschönheit, sondern den 
gleichzeitig mit der Empfindung geborenen und notwendigen Rhythmus 
eines Ausdrucks bedeutet' (p. XXIII). Der Ursprung dieser so plötzlich 
in die Erscheinung tretenden kühnen Neuerung ist nicht klar zu erkennen. 
Der Verfasser weist auf Lafontaine als möglichen Anreger, ferner' auf 
deutschen Einfluß (Nietzsche, Dehmel, Holz, Schlaf — auch Wagner wäre 
zu nennen ■ — ) und endlich auf den damals allmählich bekannt werdenden 
Walt Whitman. Schon 1887 hatte Gustave Kahn, bezeichnenderweise ein 
Elsaß-Lothringer, seine Palais nomades bewußt in freien Versen verfaßt, 
aber 'es mangelte ihnen noch rhythmische Kraft und tönende und ge- 
schlossene Harmonie', wie Grautoff mit Anlehnung an Albert Mockcl sagt. 
Andere, wie Viel6-Griffin oder Henri de Rögnier und vor allem Verhaeren, 
mußten die Erfüllung bringen. In ihnen im Verein mit Francis Jarames, 
Paul Fort und Ren6 Ghil sieht Grautoff, wie aus der Gruppierung der 
Übertragungen hervorgeht, die 'Meister der Jugend', während Morßas, 
Stuart Merrill, Andr6 Gide, Fernand Gregh und die Komtesse Mathieu 
de Noaiües als 'Die Erhaltenden' angesprochen werden. Der Schlußteil des 
Aufsatzes ist 'Den Werdenden' gewidmet, den Jüngsten, die in den kleineren 
Revuen, wie Vers et Prose, Pan, La Phalange, Le Beffroi u. a. begannen, um 
dann, vom Mercure de France anerkannt und protegiert, den Weg aus den 
Liebhaberkreisen in die Allgemeinheit zu finden. Naturgemäß konnte sich 
bei der Fülle der Erscheinungen der Blick hier nur einigen besonders ver- 
heißungsvollen zuwenden: so L6on Deubel, Jules Romains, dem Führer der 
unanimisfes, Georges Duhamel, dem nunmehrigen lyrischen Kritiker des 
Mercure nach Pierre Quillards Tod, und endlicli dem vielleicht berufensten 
unter ihnen: Charles Vildrac. Für die übrigen, wie Jean Royöre, den 
Herausgeber der Phalange, Gauriel Mourey, die beiden Perin, John-Antoinc 
Nau, Tristan Klingsor, Alexandre Mercereau, Henri Vandeputte, Philßas 
Lebesgue, Henri Guilbeaux, den bekannten Vermittler zwischen Jung- 
deutschland und Jungfrankreieh, Florian Parmeuiier, die Delarue-Mardrus, 
Elsa Koeberlß, Marcel Raybaud, Renö Arcos, Emile Cottinet, Henri Franck, 
Andrß Spire und Th^o Varlet ist nicht viel mehr als die Nennung des 
Namens abgefallen. Dem Verfasser ist daraus kein Vorwurf zu machen, 
lim so weniger als ja das Zuwortkommen dieser Dichter in den nachfolgen- 



Bctirteilungori uud kurze Anzeigen 199 

den Übertragungen einer natürlich knapp zu bemessenden Charakteristik 
von anderer Seite gegenüber zweifellos den Vorzug verdient. Man ist bei 
der Beurteilung des Grantoffschen Aufsatzes von ähnlich zwiespältigen Ge- 
fühlen beseelt wie bei den Übertragungen. Das Ganze wirkt zu sehr wie 
ein etwas sorglos aueinandorgereihtes Notizenmaterial. Man vermißt die 
notwendige feste Struktur. Die Probleme werden zwar angerührt, aber 
weder gründlich — das war vielleicht nicht zu verlangen — noch klar aus- 
einandergesetzt. Ist dem Leser, der kein Französisch versteht — und an 
ihn richtet sich das Buch ■ — , mit freigebig eingestreuten fremdsprachlichen 
Zitaten aus kniff liehen theoretischen Manifesten geholfen? Nützt es ihm 
etwas, wenn man von dem Einfluß der Han Ryuerschen Philosophie auf 
gewisse Dichter spricht, ohne ihm auch nur mit einem Worte zu verraten, 
worin diese Philosophie besteht? Und was soll er mit Paul Claudel an- 
fangen, der ganz wie zufällig in die Darstellung hereingezogen wird und 
von dessen Wirkung er sich ja doch kein Bild machen kann? Indessen 
vergißt man diese Bedenken im Hinblick auf die schon oben berührte Tat- 
.sache, daß hier zum erstenmal ein beachtenswerter Vorstoß in eine terra 
virgo unternommen wird. Es ist zwar noch keine Eroberung erfolgt, aber 
doch eine Rekognoszierungsfahrt, die geeignet ist, manche Legende und 
manches Vorurteil aus der Welt zu schaffen, vor allem das, daß die mo- 
derne französische Lyrik eine schwächliche Spezialistenkunst sei, die alle 
Brücken zum Leben abgebrochen habe und in dem Ausklügeln rein ästhe- 
tischer Raffinements langsam ersticke. Im Gegenteil: hier handelt es sich 
um eine Kunst, die nicht vom Leben weg, sondern zu ihm zurück will, und 
zwar mit aller Kraft und mit allen Mitteln. 

Was an dem Werk der beiden Verfasser ganz besonders besticht, das ist 
der sichere und vornehme Geschmack, den sie bei der getroffenen Auswahl 
bewie.sen haben. Man stößt, von Gregh vielleiclit abgesehen, auf keine 
Niete. Allenfalls über die Verteilung des Raumes ließe sich streiten. Stuart 
Merrill zehn Seiten, Henri de Rögnier dagegen fünf, oder Cöcile Pörin fünf 
Seiten und Henry Franck nur drei : da sehe ich kein richtiges Verhältnis. Auch 
Lücken empfindet man. So hätte ich das Gedicht von Klingsor gern etwa für 
eine Probe L6o Larguier hingegeben. Allein man darf nicht vergessen, daß 
bei einer Auswahl aus der persönlichsten Kunstgattung, dem lyrischen Ge- 
dicht, nicht jeder Wunsch erfüllt, nicht jeder Geschmack befriedigt werden 
kann. Zudem will die Sammlung kein Abbild der ganzen Bewegung, son- 
dern nur des Schaflens einiger ihrer bedeutsamsten Träger sein, mit denen 
die Herausgeber überdies durch persönliche und freundschaftliche Be- 
ziehungen verbunden sind. Es gibt viele Leser, die den Reiz einer Antho- 
logie nur darin .sehen, daß sie eine erfreuliche Entdeckung oder Über- 
raschung erleben. Mögen sie das vorliegende Buch getrost zur Hand nehmen. 
Sie werden sich in ihrer Erwartung nicht getäuscht selien. 

Frankfurt a. M. G u s t a v N o 1 1. 

Xiccolö Macbiuvelli. Die Handschriften, Ausgaben und Über- 
setzungen seiner Werke im 16. und 17. Jalirliundert. Mit 147 
[für sich in München gedruckten] Faksimiles uud zahlreichen 
Auszügen. Eine kritisch-bibliographische Untersuchung von 
Adolph Gerber. Erster Teil: Die Handschriften. Gotha, Fried- 
rich Andreas Perthes, 1912. 

Nach den Vorarbeiten der grundlegenden Werke von Pasquale Villari 
und von Oreste Tommasini, nach der verdienstvollen, kritischen Ausgabe 
des 'Principe' von G. Lisio und nach dtr ansprechenden Würdigung des 
'Abbozzo autografo delle Storie fiorentine' von selten Plinio Carlis wird uns 



200 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

hier zum erstenmal auf Grund eingehender Studien eine systematische, alle 
bekannten Hss. der literarischen Werke Machiavellis umfassende Arbeit 
unterstützt von reichem Faksimile-Material geboten. Für diese Förderung 
unseres Wissens muß jeder, der sich näher mit Machiavelli befaßt, dem 
Fleiße und der Sorgfalt des Verfassers dankbar sein, mag sich auch die 
Kritik im einzelnen nicht alle seine Schlußfolgerungen und Ergebnisse zu 
eigen machen. 

Das einleitende Kapitel bringt eine elementare Untersuchung über 
einige Figentümlichkeiten der Schrift und der Sprache Mach., deren Ent- 
wicklung' (entgegen der herrschenden Ansicht) nach Meinung des Verf. 
genug Regelmäßigkeit aufweist, um sie als chronologische Kriterien für 
undatierte Schriftstücke verwenden zu können. So ließe sich alles zwi- 
schen 1504 und 1517 Abgefaßte ziemlich genau zeitlich bestimmen nach der 
Schreibung von e = und (erst e', dann et) und von jotaziertem 1 (erst gli, 
dann gl). Für den Zeitraum von 1517 bis in die letzten Lebensjahre un- 
seres Autors sollen Sprachformen uns die gleiche Hilfe gewähren, da Mach, 
mit seinem Eintritt in die literarische Arena anscheinend immer mehr 
gewisse dialektische Formen fallen läßt (Verdrängung von el und e durch 
il und i, Ersatz von -orono durch -orno, von -ssi und -ssiüo durch -sse und 
-ssero, allmähliches Verschwinden der Plurale mia, tua, sua und dua, Über- 
gang von suto zu stato usw. usw.). Inwieweit man hier wirklich auf 
festem Boden steht, vermag natürlich nur zu beurteilen, wer zu genauer 
Prüfung der Hss. selbst Gelegenheit hat. Es folgt nun eine chronologische 
Übersicht über die wichtigsten Schriften und Schriftstücke (1499 — 1527), 
teils von Mach, datiert, teils vom Verf. durch Konjektur — gemäß den 
obigen Kriterien — eingereiht. Das wichtigste Ergebnis würde hier sein, 
daß die Übersetzung des Victor Uticensis nicht — wie man bisher xi.n- 
genommen — ein Jugendwerk ist, sondern in die Zeit um 1515 fällt. Ein 
Faksimile dieses Stückes wäre sehr willkommen gewesen. 

Das II. Kapitel beschäftigt sich mit den Auszügen aus Briefen und 
Protokollen (1494 — 98), den Übersichten über die Ereignisse des Spät- 
herbstes 1503 und über diejenigen vom Tode Cosimos bis 1501, den Fram- 
menti Storici (1494- — 98), den Naiiire d'Uomini Fiorentini usw. Daß diese 
nicht, wie man früher meinte, als Bruchstücke einer Fortsetzung der 'Istorie' 
anzusehen sind, sondern vielmehr als Vorarbeiten zu einer Art Decennale 
in Prosa, von dem das poetische Decennale (Cantafavola) nur eine der 
Augenblickslaune entsprungene Vorfrucht gewesen, darauf hatten schon 
Tommasini und Alvisi hingewiesen. Diese augenscheinlich zutreffende An- 
sicht stützt der Verfasser noch durch orthographische und sprachliche 
Kriterien und setzt die Entstehungszeit dieser Vorarbeiten mit annähern- 
der Genauigkeit fest. Für den — bisher zu derselben Klasse gerechneten 
— im Kod. Riccard. 3627 überlieferten Estratto di Lettere ai Dieci di Balia 
(1497 — 99), der noch von Carli dem Machiavelli zugeschrieben wurde, ver- 
sucht der Verf. die Autorschaft des Marcello Virgilio Adriani, des be- 
rühmten Gelehrten und langjährigen Vorstandes der ersten Florentiner 
Kanzlei, nachzuweisen. Daß der Estratto nicht von Machiavelli geschrieben, 
ergibt sich wohl jedem Schriftverständigen aus dem gänzlich verschiedenen 
Schriftduktus. Sind aber jene Brief auszüge wirklich von der Hand des 
Adriani? Um diese Annahme, für die noch innere Gründe sprechen, jedem 
einleuchtend zu machen, hätte es meines Erachtens einer umfangreicheren 
Schriftprobe bedurft, als es die vom Verf. gebotene faksimilierte Namens- 
unterschrift des Kanzlers ist. 

Im III. Kap. folgt eine Erörterung zu den Discorsi sopra la prima Deca 
di T. Livio, deren Original (um 1531 noch im Besitz des Kardinals Ri- 
dolfi) heute verschollen ist. iTberliefert ist nur der eigenhändige Entwurf 
der Vorrede zu Buch I. Au diesem Stück prüft der Verf. den kritischen 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 201 

Wert der beiden vorhandenen Drucke des Werkes, sowie denjenigen der 
einzigen vollständig erhaltenen Handschrift (Brit. Mus. Harl. 3533), auf 
die als erster hingewiesen zu haben sein Verdienst ist. Den eigenhändigen 
Entwurf Machiavellis zur Vorrede teilt der Verf. ganz im Faksimile mit, 
weil seine Vorgänger manches verlesen haben. Die Varianten ergeben nach 
Gerber als wichtigste Tatsache, daß die Londoner IIs. nicht von einem der 
Drucke abgeschrieben ist, und bestätigen, daß Blado (im Gegensatz zu 
Giunta) bei seinem Druck tatsächlich die Original-TIandschrift verwertet 
hat. Zum Schluß untersucht der Verf. noch den Wert des Londoner Kodex, 
sowie den der Florentiner Bruchstücke, und ihr gegenseitiges Verhältnis. 

Das IV. Kap. gibt eine Probe aus dem erhaltenen Original der De- 
scrizione dcl modo tenuto dal Duca Valentino neWammazzare Vitellozzo 
Vitelli usw., wobei gezeigt wird, was der Druck Blados vmd der Original- 
druck der Testina sich an Textverderbnis geleistet haben. Gemäß seiner 
orthographischen und morphologischen Eigenart wird das Original des 
Valentino vom Verf. in die Zeit zwischen 1514 und 1517 gesetzt. Bei 
einer dann folgenden Vergleichung der Kladde der Andria mit der Rein- 
schrift (beides im Original erhalten) ergibt sich dem Verf. das Bestreben 
Mach., die Sprache der literarischen Norm näherzubringen. Zum Schluß 
bespricht er die eigenhändige Reinschrift des Belfagor Arcidiavolo und ihr 
Verhältnis zur Ausgabe Donis und zu Brevios gleichnamiger Novelle. Seine 
Beweisführung bestätigt, woran übrigens wohl heute kaum noch jemand 
zweifelte, daß INIach. als der Verfasser der Novelle und Brevio als sein Nach- 
ahmer oder gar Entlehner zu betrachten ist. 

Das V. Kap. ist der eingehenden Erörterung der vier Hss. der Arte della 
Gtierra gewidmet. An erster Stelle steht der ungefähr die Hälfte des 
Werkes enthaltende Original-Kodex (Bibl. Nazion. Firenze), der den end- 
gültigen Text bringt, wie ihn Mach, dem Kopisten zur Reinschrift übergab. 
Auch die zahlreichen nicht eigenhändigen Korrekturen (lexikologische, 
grammatische, orthographische) sollen vor der Reinschrift und daher mit 
Mach. Zustimmung vorgenommen worden sein. Sie scheinen nicht aus der 
Giuntaschen Druckerei zu stammen, die sich denmach einer anderen Hs. als 
Vorlage bedient hätte. Über die Person des Korrektors, dessen sich hier 
^lach. zur Ausmerzung des Dialektischen aus seinem Manuskript bediente, 
läßt sich heute kaum noch etwas ermitteln. An zweiter Stelle folgt die 
eigenhändige Nachträge aufweisende andere Hs. der Bibl. Nazionale, von 
welcher der Verf. wahrscheinlich macht, daß sie nicht zum ersten Original 
gehört, sondern daß die Nachträge für einen anderen, nicht erhaltenen Kodex 
(möglicherweise die erste Reinschrift) bestimmt gewesen sein müssen. Die 
dritte Handschrift ist ein Kodex Riccardianus von Schreiberhand, dessen 
Wert für die Kritik gering i.st. Der letzte Kodex schließlich, ebenfalls von 
Schreiberhand, liegt auf der Bibl. Comunale in Verona. Die Buchüber- 
schriften von II — VII und die letzten 14 Blätter wären eigenhändig, da- 
gegen soll im Text selbst nicht die kleinste Korrektur von Mach. Hand zu 
finden sein. Nicht dieser Kodex selbst, sondern ein ihm nahe verwandter, 
aber fehlerfreier Kodex hätte nach Gerber dem Giuntaschen Druck als 
Vorlage gedient. Immerhin ist sein Text, da wo nichts Eigenhändiges vor- 
handen, zuverlässiger als der Kodex Riccardianus. 

Das VI. Kap. handelt von den Istorie Fiorentinc. Die Original-Rein- 
schrift ist leider nicht auf uns gekommen. Zum erstenmal wird hier vom 
Verf. das gegenseitige Verhältnis der vier Hss. etwas genauer beleuchtet, 
besonders mit Hilfe der eingehend besprochenen, zum Teil faksimilierten, 
zum Teil auch in Bruchstücken — mit den Varianten der endgültigen Re- 
daktion und des Blado.schen und Giuntaschen Druckes — herausgegebenen 
eigenhändigen Kladde Machiavellis, die etwa ein Sechstel des ganzen Wer- 
kes umspannt. Das Ergebnis der Vergleichung ist dahin zusammenzufas.sen, 



202 ßcurtoilungen und kurze Anzeigen 

daß die JIss. A (Laurenz. PI. XLIV, 34) und B (ebenda Nr. 37) ihrem Werte 
iiHcli au der Spitze stehen, nud daß C (Flor. Nazion. 11, III, 64) und D 
(J-aurenz. Pal. 163) aus einer gemeinsamen Quelle gellossen sind. Der 
Giuiitaschü Druck, der auf D zurückgeht, wird au Zuverlässigkeit im all- 
gemeinen von Blados übertroffen. Es iolgt alsdann eine ausführliche Be- 
schreibung und Besprechung der einzelnen Kodizes. A hätte nach dem 
Verfasser aus inneren wie äußeren Gründen dem Original wahrscheinlicli 
sehr nahe gestanden. Die im alten Katalog als Autographus bezeichnete 
Hs. B ist in Wirklichkeit keinesfalls von Mach. Hand, wie das aus 
entstellten Eigennamen, aus der Orthographie und vor allem aus den faksi- 
milierten Schriftzügen erwiesen wird. Doch hält der Verfasser für B eine 
direkte Abhängigkeit vom Original für nicht ausgeschlossen. Zu der mut- 
juaßlicli vor 1532 von Lodovico Buonaccorsi gefertigten Hs. C ist nichts 
Besonderes nachzutragen. Der Kodex D, der wie B vom alten Katalog als 
Autographus hingestellt wurde, ist es — nach dem Faksimile zu urteilen 
— ebensowenig wie jener. Er ist in der Giuntaschen Druckerei als Vor- 
lage benutzt worden. Nach der Untersuchung des Verf. hat der Korrektor 
seine Korrekturen, wo es sich nicht um bloße Herrichtung für den Druck 
handelte, augenscheinlich aus einem der Hs. A nahestehenden Kodex ent- 
nommen, der aber auch nicht das Original gewesen sein kann. Den Be- 
schluß dieses Kapitels macht eine Untersuchung des Verhältnisses zwischen 
A und B und beider zu dem nicht erhaltenen Original. Um hier zu einem 
völlig einwandfreien Ergebnis zu kommen, wäre eine — ■ nur in Florenz 
mögliche — vollständige Vergleichung der Hss. meines Erachtens doch un- 
erläßlich. 

Im VII. Kap. kommt der Verf. (nach kurzer Besprechung der nur je in 
einer einzigen, nicht eigenhändigen Hs. erhaltenen Decennali und Ritratti) 
zu dem Principe, von welchem Werke die größte Anzahl Kodizes, nätniich 
zehn, noch vorhanden ist. Leider befindet sich ein Original nicht darunter 
und sind die Hss. in ihrer Mehrzahl für die Textkritik von nur zu geringem 
Wert. Während den Herausgebern der Opere (1813) nur der Kod. Laur. 
und der Kod. Riccard. bekannt waren, hat Lisio in seiner kritischen Aus- 
gabe inmierhin sechs Hss. verwertet. Auf Grund vollständiger Kollatio- 
nierung der meisten Hss. und Ausnutzung der bisher nicht beachteten vier 
Ivodizes vermag der Verf. die Aufstellungen Lisios für die Klassifikation 
der Hss. in nicht unbeträchtlichem Maße zvi bericlitigen. Zuvor gibt er 
noch eine genaue Beschreibung der einzelnen Kodizes. Von der wertvollen 
Hs. L (Laur. XLIV, 32) nimmt der Verf. als sicher an, daß sie von Biagio 
Buonaccorsi selbst (ebenso wie P und R) geschrieben wurde. Das mag sein, 
doch scheint mir die gegebene Schriftprobe (sechs Zeilen!) zu dürftig, um 
dem Leser die gleiche Überzeugung zu vermitteln. Mir persönlich erschließt 
sich aus den Faksimiles nur, daß P und R sehr wahrscheinlich, L nur mög- 
licherweise von dem gleichen Schreiber stammen. Ob dieser jedoch Buonac- 
corsi war, möchte ich mit Lisio dahingestellt sein lassen. Betreffs P (Paris 
Nation. Ms. Ital. 709) macht der Verfasser die textliche Abhängigkeit von L 
wahrscheinlich; dasselbe ist nach seiner Ansicht bei R (Riccard. 2603) wie 
auch bei C (Corsin. 440) der Fall, dessen nachträgliche Korrekturen aus G 
(Gotha, Herzog!. Bibl., Chart. B 70) entlehnt wären. 

Unter der Gruppe der übrigen Hss. nimmt der reichverzierte, kalli- 
graphisch meisterhaft geschriebene Pergamentkodex B (Vatlc. Barber. 5093) 
eine besondere Stelle ein. Leider liat der Auftraggeber keine Vorsorge ge- 
troffen, daß die kostbare Hs. nach einer mögliclist tadellosen Vorlage aus- 
geführt wurde. Von den anderen Kodizes ist nur die von Tommasini zuerst 
herangezogene Gothaer Hs. näherer Erwähnung wert. Sie wird vom Verf. 
in die Zeit vor 1532 gesetzt. Ihr Text weist insofern etwas Rätselhaftes 
auf, als einigen vortrefflichen, sonst nirgend erhaltenen, sicher Ursprung- 



Beurteilungon und kurze Anzcigon 203 

liehen I^esarteu anderseits hier und da eine starke Verderbnis und eine an 
die Drucke gemahnende Überarbeitung gegenübersteht, trotzdem eine Be- 
uutzung der beiden Drucke (1ör!8 und 1539) von Seiten der Hs. nach dem 
Verf. völlig ausgeschlossen werden muß. Die Verwandtschaft diesei TTs. 
mit den Drucken dürfte darin ihre Erklärung finden, daß Blado neben 
seiner Haupt vorläge auch noch (dno andere, G nahestehende ITs. verwertet 
haben wird. Was die Quelle von G anlangt, hat sich dem Verf. ergeben, daß 
(r gemeinsam mit der besten Hs. M auf ein und denselben, vom Original 
nur wenig entfernten Kodex zurückzuführen ist. Bei einer eingehenderen 
Untersuchung (deren Widergabe zu weit gehen würde) kommt der Verf. 
schließlich im Gegensatz zu Lisio zu der Ansicht, daß alle vorhandenen Hss. 
teils aus orthographischoi und grammatischen, teils aus sachlichen Gründen 
nicht von dem eigenhändigim Original, sondern von einer Reinschrift von 
SchreiberhaTul abstammen mögen. 

Beim Cm^trxccio und bei der Clizia bieten die nur je in einem Exemplar 
erhaltenen, nicht eigenhändigen ITss. kaum etwas Erwähnenswertes. Von 
der Mandragola, dem Asino d'Oro und dem CapitoU ist nicht ein einziger 
Kodex auf uns gekommen. Hier bricht die Schrift Gerbers ab. Alles in 
allem eine verdienstvolle, lleißige und scharfsinnige Arbeit, deren zweitem 
Bande (über die Ausgaben und Übersetzungen) man mit Erwartung ent- 
gegensehen darf. 

Berlin. Oskar Hecker. 

F'rnest Gossarl, La revohition des Pays-Bas au seiziemc siecle dans 
Taiicien tliöätre espagnol. (Extrait dos Bulletins de rAcadcmie 
Royale de Bruxelles.) Brüssel 1910. 125 S. 

Philipp und sein unglücklicher Sohn, Don Juan, Barbara Blombergs Sohn, 
und die anderen Träger spanischen Wafl'enruhms vom kommandierenden 
General bis zum Glückssoldaten ziehen in der Spiegelung an uns vorüber, die 
ihnen die patriotische Comedia gab. Nicht ua^h Gesichtspunkten der Lite- 
raturgeschichte hat der Verfasser seine Studie augelegt: die Personen stellt 
er voran, es folgen als einzelne dramatisierte Ereignisse die Belagerung von 
Mons, die Einnahme von Macstricht, die Ermordung des Oraniers und zwei 
unwichtigere Epi.soden: eine ^Meuterei lohnfordernder Regimenter und der 
wohlgelungene Handstreich gegen Amiens (der eigentlich zum Tliema nur in 
loser Beziehung steht). Den Beschluß macht eine Art kulturhistorisches 
Kapitel Le soldat cspagnol en Flandre. Auf die innere Verschiedenheit der 
behandelten Dramen, ihre technischen Besonderheiten geht der Verfasser 
nicht ein, und sicher wäre eine Untersuchung, wie sich all diese Dichtungen 
zum Typus der 'Historie' .stellen, der uns aus Shakespeare bekannt ist, 
ganz anziehend gewesen. Nun, das war nicht beabsichtigt, auch über das 
Verhältnis der frei erfundenen Bestandteile zum ge.schiclitlichcn Kern (oder 
Rahmen) erhalten wir keine eingehende Auskunft — Gossart hebt im wesent- 
lichen nur die zur Haupt- und Staatsaktion gehörigen Vorgänge heraus und 
gibt sie unter Übertragung bemerkenswerter Stellen in llüssiger Nacherzäh- 
lung wieder. 

Was fällt bei dieser Studie, die sich zunächst an die allgemein mensch- 
liche Teilnahme der Belgier für ihre geschichtliche Vergangenheit wendet, 
als Nutzen für den Literarhistoiiker ab? Zunächst der Vergleich der poeti- 
schen Vorgänge mit denen der Wirklichkeit. Es finden sich arge Geschichts- 
klilterungen, wie des Andres de Claramonte Kl valiente negro en Fldndrn 
oder des Tomas Ossorio Lo que toca al valor y el Principe de Orange (der 
apokryphe Titel ist deutlicher als der offizielle Fl rrhrldr al hrnefocio), aber 
gerade die hervorragendsten Dichter — Lope de Vega, Enciso, auch Mou 



204 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

talvän — rücken wohl die Ereignisse zusammen, stellen sie auch um und be- 
leuchten sie ad maiorem gloriam Hispaniae, folgen aber sonst selbst in Einzel- 
heiten getreulich guten Quellen. Das geht sogar so weit, daß hier und da 
in der Comedia schon die geschichtliche Wahrheit dargestellt wurde, während 
die offizielle Historie sich noch in Schweigen hüllte: die Vermutung Schacks, 
daß der eine und andere geschichtliche Dramatiker aus guter mündlicher 
Überlieferung, vielleicht auch ai's sonst nicht allgemein zugänglichen schrift- 
lichen Quellen schöpfte, wird hier am Don-Carlos-Drama Encisos, an Lope 
de Vegas Asalto de Mastrique nachgewiesen. Ob ähnliches auch für die Ge- 
schichte von Albas natürlichem Sohn (in El Aldegüela) gelten darf, ist mir 
zweifelhaft; vieles in der Darstellung seiner Jugend ist doch konventionell 
für den jungen Adelssproß, der in niedriger Umgebung aufwächst. 

Zum Vergleich mit der geschichtlichen Grundlage — er erstreckt sich 
auch auf die Feststellung der manchmal wunderlich verkauderwelschten Orts- 
und Personennamen, auf die dankenswerte Auflösung der gelegentlich von 
I.ope gebrauchten flämischen Sprachbrocken — tritt der Nachweis der als 
Quelle benutzten zeitgenössischen Darstellungen. Hier und da werden Proben 
aus ihnen gegeben, die einen Vergleich mit der Vorlage ermöglichen, die be- 
weisen, wie eng sich häufig der Dichter an den Chronisten anschloß. 

Was bliebe zu wünschen? Nicht viel, wenn nicht der ganze Charakter 
der Studie umgeworfen werden sollte. Aber da Gos.sart nun einmal die Don- 
Carlos-Dramen der Weltliteratur mit leichten Strichen charakterisiert, hätte 
eine eigentümliche spanische Tragödie des 19. Jahrhunderts wohl eine Er- 
wähnung verdient, nämlich Nufiez de Arces El haz de lena. Don Juan de Au- 
stria war nicht nur den Spaniern eine poetische Gestalt — ich nenne nur 
Frankls Epos, C. F. Meyers Ballade — und Albas Bastard hat durch Goethe 
auch bei uns Bürgerrecht erworben. Doch das sind Kleinigkeiten, auch daß 
Gossart Schillers Charakterauffassung Don Pliilipps unrecht tut, sei nur 
nebenher erwähnt. Ob die besprochenen Dramen alle diejenigen umfassen, 
die ihren Stoff aus der Geschichte der niederländischen Empörung ent- 
nehmen, ist bei der Fülle der dramatischen Erzeugnisse Spaniens kaum zu 
sagen — auf zwei fehlende vermag ich hinzuweisen : Moretos Travesuras son 
valor spielt im Kreise der flandrischen Armee und teilt Herzog Alba eine 
bedeutsame EoUe zu; eine gemeinsame Arbeit der Brüder Figueroa y C6r- 
doba La dama capitdn gehörte ins letzte Kapitel als ein Beispiel für die Auf- 
fassung Flanderns als des romantischen Landes, wo 'die Welt auf der Spitze 
des Degens stand': ein Mädchen bringt es zum Hauptmann und Ritter von 
Santiago. 

Berlin-Lichtenberg. A. Ludwig. 



Das Rousseauproblem und seine neuesten 

Lösungen. 

Revue de metaphysique et de morale 6d. X. L6on, Mai 1912. Armand 
Colin, Paris: 

E. Boutroux: Remarques sur la Philosophie de Rousseau. 
Harald Höffding: Rousseau et la religion. 

D. P a r o d i : Les idees religieuses de Rousseau. 

B. Bosanquet: Les idees politques de Rousseau. 

C. B o u g 1 e : Rousseau et le socialisme. 

M. Bourguin: Les deux iendances de Rousseau. 
J. J au res: Les idees politiques et sociales de Rousseau. 
R. Stammler: Notion et portee de la 'Volonte generale' chez 
J.-J. Rousseau. 

E. Claparede: Rousseau et la conception fonctionelle de l'enfance. 
L. L6vy-Brühl: Quelques mois sur la querelle de Ilume et de 

Rousseau. 
V. Delbos: Rousseau et Kant. 
J. Benrubi: Rousseau, Goethe et Schiller. 
G. Dwelshauvers: Rousseau et Tolstoi. 
A. Görland: Rousseau als Klassiker der Sozialpädagogik. Gotha, E. F. 

Thienemann, 1906. 
Edme Champion: J.-J. Rousseau et la Revolution franrjnise. Armand 

Colin, Paris, 1909. 
Ewald Wasmuth: Jean-Jacques Rousseau. Xenienverlag, Leipzig, 1912. 
Bernard Bouvier: Jean-Jacques Rousseau. Geueve, A. Jullien, 1912. 

Es gibt viele Rousseauprobleme; Rätselhaftes in Rousseaus Leben und 
Schicksal. Z. B. : welcher Art war seine Krankheit? wo und wie früh 
zeigen sich die ersten Symptome der geistigen Störung? wie ist sein 
Ende zu deuten? sind seine letzten Schriften Anzeichen einer Art von Ge- 
nesung? wenn nicht, was sind sie dann? Das Beste in dieser Frage hat bis 
jetzt wohl Möbius gesagt. — Sodann: Wie kommt der unreife und mittel- 
mäßige erste Discours zu seinem ungeheuren Erfolg? Sein erstes Leser- 
publikum konnte ja nicht ahnen, was hinter ihm stand. Warum trägt 
gerade der verhältnismäßig so zahme und harmlose Emile seinem Verfasser 
diese Verfolgung ein, und zwar nicht bloß auf französischem und katho- 
lischem Boden? über die einzelnen Stadien in dem gerichtlichen Vorgehen 
sind wir ja heute aufgeklärt; beim Blick auf das Ganze, und wenn man 
vergleicht, was man sonst dem 18. Jahrhundert bieten durfte, ungestraft 
und nahezu unbelästigt, so stellt sich doch immer und immer das Staunen 
ein. 

Wie steht es mit dem Komplott zwischen Diderot, Grimm und dem 
menschlichen Geschlecht gegen Rousseau? Ist gar nichts daran? Ist es 
bloß die Ausgeburt des kranken Hirns eines phantastischen Menschen- 
hassers? Was ist die Tragweite der einer Rousseaujüngeriu, Frederika 
Macdonald, geglückten Entdeckung, daß der Memoirenroman von Frau von 
Epinay in einem Rousseau feindlichen Sinne von Diderot und Grimm um- 
gearbeitet worden ist? Beweist das, daß Rousseau doch recht hatte, daß sein 
Wahnsinn eigentlich gar kein Wahnsinn war, sondern nur eine Art Ver- 
zweiflung darüber, daß andere niclit sehen wollten, was er so deutlich sah 
und nur eben nicht nachweisen konnte? oder wenigstens — da doch der 
Wahn der letzten Jahre nicht ganz zu leugnen ist — , daß eben jemand 



20G Das Rousseauproblem und seine neuesten Lösungen 

anders, der böse Feind, 'schuld' war an dem Wahn; eine Wendung freilich, 
mit der Frau Macdonald vielleicht ihrem Geschlecht einen kleinen Tribut 
bezahlt hat. 

Das Eousseauproblem schlechtweg ist und bleibt aber doch das Lebens- 
werk des Mannes selbst. Was wollte er eigentlich? Wollte er etwas? 
Oder war er nur etwas wie ein lyrischer Dichter, an den man ja auch nicht 
mit der Frage herantreten darf: Was willst du denn eigentlich? Und wenn 
er etwas wollte, wollte er etwas Einheitliches oder bald dies, bald das? Und 
läßt sich in dem vielen, das er etwa wollte, eine verborgene Einheit ent- 
decken, oder ist es schlechterdings unter keinen Generalnenner zu bringen? 
Das neuerwachte Interesse an Rousseau, das keineswegs bloß vom Abreiß- 
kalender angeregt wurde und darum auch bessere Früchte aufzuweisen hat 
als die bekannten Erzeugnisse in Jubiläumsbegeisterung und Jubiläums- 
industrie, gravitiert ersichtlich gegen diese Frage hin. Das ist das Ver- 
dienst der beiden klassischen Darstellungen, die Rousseaus Weltanschauung 
bei Faguet in seinem Dix-huitidme Stiele und bei Lanson in seiner Lite- 
raturgeschichte gefunden hat. Der scharfe Gegensatz, in den diese beiden 
Historiker und Psychologen zueinander treten, ohne, soviel ich weiß, gegen- 
einander zu polemisieren, hat offenbar anregend gewirkt. 

Faguet leugnet bekanntlich die Einheitlichkeit in Rousseaus Werk ; 
womit aber durchaus nicht gesagt ist, daß er nun in Rousseau einen Ge- 
legenheitsdenker mit willkürlichen, splitterhaften Einfällen sähe. Im Gegen- 
teil, er weist sehr schön den streng logischen und psychologischen Zu- 
sammenhang auf, in dem die Hauptwerke untereinander und mit dem Leben 
ihres Verfassers stehen. Nur ein Werk, allerdings ein Hauptwerk, der 
Contrat social, läßt sich schlechterdings nicht in diesen Kreis hinein- 
zwängen. Für diesen Riß, diesen Dualismus, weiß er im Grund keine Er- 
klärung. Den einheitlichen Grundgedanken — es ist nach Faguet fast der 
einzige Gedanke, den Rousseau überhaupt hat — sieht er in dem Schlag- 
wort: Der Mensch gut, die Menschen schlecht. Er faßt ihn in dem 
Sinn eines romantischen Individualismus, ohne daß er übrigens diese Worte 
brauchen würde. Romantik sei hier verstanden als sehnsüchtiger Rückblick 
nach etwas unwiederbringlich Verlorenem, und Individualismus soll be- 
deuten : das zigeunerhafte, sorglose, träumerische, ins eigene Selbst ver- 
sunkene, gesellschaftlich ungebundene Leben des jugendlichen Rousseau, das 
.seine Geschichtsphilosophie in den Anfang der Menschheitsgeschichte als 
eine Art von Wildenparadies hinausprojiziert. Das ist nach Faguet nicht 
ein Gedanke Rousseaus, sondern der Gedanke; denn er erscheint nicht bloß 
im Discours sur Vinegalite, der für Faguet den Hauptschlüssel abgibt, son- 
dern auch im ersten Discours, der nichts anderes ist als ein jeuer Haupt- 
schrift vorangesandtes Kapitel der Inegalite, und wieder, nur in der Färbung 
etwas anders, in der Notwelle Helo'ise, in Emile, im Brief an den Erzbischof 
von Paris. Wäre Rousseau, der Politiker, in den Bahnen dieses Gedankens 
geblieben, so müßte sein politisches Gesetzbuch im Sinne eines radikalen, 
intransigenten Liberalismus abgefaßt worden sein. Rousseau müßte folge- 
richtigerweise eine Art von Edelanarchist sein, wie wir in Deutschland 
sagen. Damit scheint noch der Eingangssatz des Contrat zu stimmen: Der 
Mensch ist frei geschaffen, und doch ist er überall in Ketten. Also, sollten 
wir weiter vermuten: Zurück zur Natur, d. h. in diesem Falle zur ursprüng- 
lichen Freiheit! Nun kommt es aber ganz anders. Es heißt jetzt: Vorwärls 
zum Staat des Gesellschaftsvertrags! Und das bedeutet: Vorwärts zum 
extremen Gesellschaftssozialismus, in den das Individuum eingeht durch eine 
ali^nation totale, durch eine Entäußerung Leibes und der Seeleu, durcli 
Hingabe seines Vermögens, seiner Freiheit, seines Gewissens. Hinein in 
den antiliberalen Staatssozialismus, in dem der allmächtige Staatssouverän 
uUes ist und das Individuum an uiul für sich gar nichts, oder doch etwas 



Das Rousseauproblem und seine neuesten Lösungen 1*07 

nur als Bruchteil des Souveräns. Das Bewußtsein, dieser Bruchteil zu sein, 
muß dem einzelnen die Freiheit ersetzen. Es ist die Verherrlichung des 
anonymen Massendespotismus. 

Der iliß, der Faguet so viel zu schaffen machte, verschwindet vollkommen 
in der großartigen Nachdichtung der Kousseauschen Gedankenwelt in Lan- 
sons Literaturgeschichte. Noch nie ist in solch prägnanter Kürze so viel 
Bedeutendes über Rousseau gesagt worden. Faguet fornuilierte das Prinzip 
Rousseaus in Form von These und Antithese, weil er in ihm wesentlich den 
Romantiker sieht. Lanson ersetzt die Dyas durch eine Trias von Sätzeu : 
These, Antithese, Synthese, weil nach ihm die Rousseausche Romantik von 
Rousseau dem Reformator, dem positiven Geschichtsphilosophen überwunden 
wurde, weil sie als Moment in einer höhereu Einheit unterging. Sah Faguet 
den ganzen Rousseau in nuce im zweiten Discours, dessen Leitmotiv in den 
anderen Schriften nur noch variiert wurde, so stehen sie nach Lanson alle, 
den Contrat mit eingeschlossen, je an einer bestimmten Stelle eines Systems. 
Er stützt seine Deutung hauptsächlich auf zwei Stellen: eine vor Lanson, 
wie es scheint, überhaupt nicht beachtete Stelle in den üialogues, in der 
Rousseau selbst die Einheitlichkeit seines Gesamtwerkes stark betont. Lan- 
son unterstreicht darin besonders den Satz, nach dem es ein Zurück zu dem 
einmal verscherzten Naturzustand nicht gibt: Mais la nature humaine 
ne retograde pas, et jamais on ne remonte vers les temps dUnnocence et 
d'egalite, quand itne fois on s'en est eloignee. Daran fügt er, gewissermaßen 
als logische Fortsetzung, eine Stelle aus dem Contrat social (I, chap. VIll), 
nach der der Übergang aus dem Naturzustand in den Stand der Gesellschaft 
einerseits einen Verlust, anderseits einen Gewinn für die Menschheit be- 
deutete, nach der ferner jener Verlust ein unumgänglicher und — recht 
betrachtet — höchst heilsamer, ja segensreicher Verlust war, weil beim 
Überschlag des Ganzen der Gewinn den Verlust an Wert weit überwiegt. 

Im Licht dieses Gedankens ordnen sich ihm Rousseaus Werke, wie von 
selbst in folgendem Schema: Der Mensch von Natur gut, oder, wie es nach 
Lansons Paraphrase, die den positiven Ausdruck Rousseaus ins Indifferente 
umbiegt, eigentlich heißen müßte: der Mensch ist zunächst weder gut noch 
böse, amoralisch. Die animalische Harmonie des ursprünglichen Mensehen 
wird zerstört durch den differenzierenden Kulturprozeß, der mit der zer- 
setzenden Reflexion und mit der selbstsüchtigen Ausbeutung der Neben- 
menschen einsetzt und daher ein Schritt nach abwärts zu sein scheint: 
Zweiter JHscours. Nachweis der verderblichen Wirkungen einer minder- 
wertigen Kultur an den gepriesenen vermeintlichen Kulturblüten, an Kunst 
und Wissenschaft und am Theater: Erster JHscours und Brief an üalembert, 
.S'wr les spectacles. Nun kommt eine unausgesprochene Phase in Rousseaus 
Denken, eine Aposiopese sozusagen, die Lanson folgendermaßen auf den 
Begriff bringt: der praktische Schluß aus dem allem scheint zu sein: Zu- 
rück zur Natur ! Aber verstehen wir uns wohl : die menschliche Natur geht 
nie zurück; ein Zurück wäre ein Hinab, und für uns kann es sich nur um ein 
Hinauf handeln. Uns liegt das Werk einer restauration ob, die Aufgabe 
einer Höherbildung des Typus Mensch, eine Arbeit, in der die Eigenschaften 
des Naturmenschen : Güte, Freiheit, Frohsinn in tieferem Sinn neu erzeugt 
werden müssen. Dieses Werk der Wiederlierstellung begreift zwei Aufgaben 
in sich: die Wiedergeburt des Individuums durch die Erziehung des 
jungen Geschlechts: der Emile; und durch Läuterung und Zucht, die wir, 
jung und alt, an uns selb.st üben: die Nouvelle Ileloise. Denn so faßt 
Lanson die letzte Intention dieses Werkes auf, nicht wie eine veraltete, aber, 
namenllicli in Deutschland, immer noch mitgeschleppte Ansicht meint, als 
eine Verkündigung der Rechte der Leidenschaft. Die andere Aufgabe ist 
die Wiedergeburt ihr (M'sell.schaft: der Aufbau der idealen Familie: nocli 
einmal die Nouvelle H^loiae, der Aufbau des Idealstaates auf dem Gedankiii 



208 Das Rousseauproblem und seine neuesten Lösungen 

der freien Hingabe des einzelnen an das Ganze: der Contrat social. Dabei 
unterstreicht Lanson mit Recht sehr stark das Moment der Freiwilligkeit, 
der Autonomie in dieser Hingabe. So mildert sich der Gegensatz des Con- 
trat gegen den sonst bei Rousseau vorherrschenden Ideenzug. Und Lanson 
hat sich hier in der Tat besser in unsern Philosophen hineingedacht als 
Faguet, der den Contrat zu realpolitisch, zu modern als einen Verfassungs- 
entwurf mit starren Rechtsformen faßt, als eine Rechtsordnung, wie sie 
eine Majorität einer widerstrebenden Minorität aufzwingt. Für Rousseau 
ist aber der Contrat vielmehr eine Gesinnung, eine Begeisterung für Recht 
und Gerechtigkeit, die alle eben haben. Selbstverständlich will doch, meint 
Rousseau, ein jeder, oder will doch das bessere Selbst in jedem, sich zu- 
gunsten des Staates entäußern, will seinerseits schlechtweg, was die objek- 
tive volonte generale will. 

Der wunde Punkt an diesem schönen Systemkörper ist die Stelle des 
Übergangs von der Dyas der Thesen zur Trias. Den Beweis dafür, daß 
Rousseau selbst diesen Übergang vollzogen hat, ist Lanson schuldig ge- 
blieben. Die beiden Belegstellen, auf die er sich stützt, sind nicht beweis- 
kräftig. Das Kapitel im Contrat über den etat civil und seine Überlegen- 
heit über den etat de nature scheidet aus, da der Contrat eben kontrovers 
ist. Ja, wenn sich diese Anschauung noch in einer der anderen Haupt- 
schrifteu nachweisen ließe ! Daß aber der Contrat selbst nicht den radikalen 
Gesellscliaftspessimismus der übrigen Werke haben kann, daß e r die Kultur 
positiv würdigen muß, das ist ja klar. Daß er sich hier eben zu dieser 
positiven Schätzung der Gesellschaft aufschwingt, die dem zweiten Discours 
imd noch dem Emile stracks widerspricht, das war für Faguet das unlösbare 
Problem, das ist für uns die Crux. — Und die interessante Stelle in den 
Dialogues besagt gerade das Gegenteil von dem, was Lanson sie beweisen 
läßt. Der Nerv des Stückes liegt in dem Wort: Hais la nature hiunaine 
ne retograde 'pas. Das Wort ergänzt Lanson, wie wir sahen, etwa so: Also 
nicht zurück zur Natur, sondern hinauf über die Natur! Nun ist aber diese 
optimistische Fortschrittsenergie ausgeschlossen durch den Zusammenhang 
der Stelle selbst und durch den ganzen Geist der Schrift, in der sie steht. 
Die Dialogues sind durchtränkt von Romantik, einer potenzierten, einer ins 
Mystische vertieften Romantik, das Wort in unserem Sinne der rückwärts- 
gewendeten Sehnsucht genommen. Nichts ist bezeichnender hierfür, als 
daß in dieser Schrift, in der sich Rousseau in so eingehender Umständlich- 
keit mit seinen eigenen Werken und mit der Tendenz seiner ganzen Schrift- 
stellerei befaßt, der Contrat social samt allen den ihm vorhergehenden und 
nachfolgenden politischen Schriften einfach unter den Tisch fällt. Es ist, 
als wäre es aus seinem Gedächtnis weggewischt, daß er je etwas Derartiges 
geschrieben habe. Und das hat seinen guten Grund, wie wir sofort sehen 
werden. 

Ein zweites Element der Dialogues nämlich, neben dem romantischen, 
ist das apologetische und läßt sich so formulieren: Die Verfolgung, unter 
der ich leide, ist ein reines Rätsel. War ich doch und bin ich noch ein 
durchaus harmloser Mensch, der nie etwas Staatsgefährliches, Revolutionäres 
im Schilde geführt oder gesagt hat. Das, und nichts anderes, steht in der 
von Lanson angezogenen Stelle. Wir können sie etwa so umschreiben: Alle 
meine Schriften drücken nur den einen Gedanken aus: Wieviel schöner und 
besser ist doch das paradiesisch primitive Menschenwesen im Vergleich mit 
dem raffiniert zivilisierten! Diese Stimmung hatte ich und wollte ich mit- 
teilen. Aber man traue mir ja nicht zu, daß ich etwas Umstürzlerisches 
wollte, daß ich überhaupt etwas wollte. Weiß ich doch zu gut, daß die 
menschliche Natur nicht rückwärtsschreitet. Ich habe nicht gesagt: Retour- 
vons ä la nature! Ich habe mich überhaupt gar nicht an die Bürger der 
großen Kulturstaaten gewendet. Nur die Menschen, die primitiven Zu- 



Bas Rousseauproblem und seine neuesten Lösungen 209 

ständen noch ualiestehen, meine Mitbürger zum Beispiel, hatte ich im Auge. 
Ihnen wollte ich zurufen: Nehmet euch in acht vor dem Betreten der ab- 
schüssigen Bahn, auf der es kein Zurück, kein Hinauf meiir gibt. Also nicht 
ein Huf zu mutigem Weiterschreiten, sondern der Seufzer eines müden, resi- 
gnierten Pessimismus klingt uns aus diesen Zeilen entgegen. Der einzige 
Imperativ darin ist: Sauve qiii peut! Halte, was du hast, wenn du noch 
etwas hast! 

Welche Stellung nehmen zu diesem Problem die neuesten Piousseau- 
forscher ein? Zählt man die Stimmen, so hat entschieden Lanson Schule 
gemacht, nicht Faguet. Des letzteren These von der Diskontinuität der 
Rousseauschen Gedankenwelt wird eigentlich nur aufgenommen von Bour- 

- u i n, der sie eigenartig durchfülirt. Er ündet ein Gegenüber und Wider- 
einander von Vernunft oder Verstand und Herz bei Rousseau. Dieser 
psychologische Gegensatz fällt ihm zusammen mit einem Widerstreit zweier 
.«sachlichen Tendenzen, einer Richtung auf das Absolute und Generelle und 
einer solchen auf das Individuelle und Relative. So ist ihm, übrigens neben 
dem E»tile, der Contra t ein reines auf das Abstrakt-Menschliche gerichtetes 
Verstandeserzeugnis mit streng rational-deduktiver Methode, der äußerste 
Gegensatz zur Nouvelle Ilelo'ise und zu dem Rousseau der Confessions. Der 
Verfasser des Emile und des Contrat ist ein radikaler Vertreter des Geistes, 
den Taine den esprit classique genannt hatte. Es gibt Werke des Politikers 
Rous.seau, in denen sich jene andere Richtung zur Geltung bringt, die des 
realistischen Relativismus, die dem Besonderen sein Eigenrecht läßt; so be- 
sonders die Schrift über die Reform der polnischen Regierung und der Ver- 
fassungsplan für Korsika. Ja, auch in den Contrat ist diese Tendenz 
stellenweise eingedrungen; in der Warnung vor Revolutionen und vor d( r 
Reformierung alter Staaten, in der Wertschätzung alter, angestammter Ein- 
richtungen, in der Mahnung zur Achtung vor der konkreten Individualität 
der Völker, in dem Satz von der Relativität der Verfassungsformen — eines 
ziemt sich nicht für alle ! Da rede Rous.seau wie ein Schüler des maßvoll 
konservativen Montesquieu, der unserem Verfasser der klassische Vertreter 
des historischen Relativismus ist. 

Aber der vorherrschende und durchschlagende Gedankenzug im Coniral 

— dieser Nachweis ist Bourguin vollkommen gelungen — ist auf die abso- 
luten Ideen und Ideale gerichtet. Mag sein Verfasser privatim noch .so 
revolutionsscheu und timid sein, sein Buch ist ein durch und durch revo- 
lutionäres Werk. Das Relative hat sein Recht sozusagen nur auf der Epi- 
dermis des Staates; über Verwaltungsformen mag man nach Zweckmäßig- 
keitsrücksichten befinden. Für die Grundstruktur des staatlichen Gemein- 
wesens gibt es nur einen Tjqius, der zu Recht besteht und der bezeichnet 
ist durch die Forderungen: Souveränität des Volkes, Gleichberechtigung 
aller Bürger, strenger Mandatscharakter aller Ämter, die in dem Maß 
widerruflich sind, daß sie jeden Augenblick ohne Angabo eines Grundes 
M'iderrufen werden können, und zwar eingeschlossen das Amt des Monarchen, 
auch des erblichen Monarchen, wo ein .solcher beliebt wird. Jede Einrich- 
tung, die diesem Typjus widerspricht, ist als solche rechtswidrig, mag das 
positive, das historische Recht darüber festgesetzt haben, was es will. — 
Die Schlußfolgerung i.st bei Bourguin dieselbe wie bei Faguet. Es i.st ein 
nicht aufzuhebender Widerspruch einerseits zwischen dem Ichgefülil, welches 

las literarische Werk Rousseaus durchwaltet: romantiscli, moralisch-religiös 
in der Nouvelle Ileloise, anarchisch-antisozial im zweiten Dificours, utili- 
larisch in der Econo7nte politique, wo wir im Vorübergelien auch einmal einer 
liberalisti.schen Staatskonstruktion begegnen (die bürgerliche Freiheit, die 
Sicherung des J^igentums und der Person sind dort als Zweck der Vergesell- 
schaftung angegeben), und ander-seits der Vergötterung der souveränen Ge- 
sellschaft, dem pantMisme politique, dem Rückfall in die antike Staatsauf- 
Archiv f. n. Sprachen. CXXX. 11 



210 Das Rousseaiiproblem und seine neuesten Lösungen 

fassung, die kein Eigeurecht des Individuums kennt und keine andere 
Freiheit als den Auteil des Bürgers an der Souveränität des allmächtigen 
Staates. Das Sparta des Lykurg, das ilom des Brutus erscheinen ihm als 
Musterbilder freier Republiken. 

Bourguin hat die für Faguet und gegen Lanson entscheidende Stelle in 
Emile gesehen und beachtet, in der Rousseau entschlossen dem Individua- 
lismus sich zuwendet und dem sozialen Ideal den Abschied gibt, wie man 
sich von einem alten Freunde trennt, den mau hochachtet, dessen Wegen 
aber die unserigen nun stracks entgegenlaufen : die guten gesellschaftlichen 
Einrichtungen, heißt es in dieser merkwürdigen Äußerung, sind die, welche 
dem Menschen am gründlichsten die Natur austreiben (qni savent le mieux 
denaturer Vhomme), die ihm sein absolutes Dasein nehmen, um ihm ein 
relatives zu geben, die das Ich in einer gemeinsamen Einheit aufgehen 
lassen, so daß sich der einzelne nicht mehr als einzelnen ansieht, sondern als 
Glied eines großen Ganzen fühlt. Wir aber nicht also, könnten wir fort- 
fahren, wenn wir den Tenor des Emile in Worte bringen dürfen. Unser Emil 
soll nicht ein Bruch sein, der seinen Wert vom Nenner bezieht, sondern 
ein ganzer Mann, der seinen Wert in sich selbst hat, dazu wollen wir ihm 
verhelfen. 

Eine gewisse Versöhnung der klaffenden Gegensätze findet Bourguin 
nun aber doch: Rousseau ist sich nicht bewußt, im Contrat sein Freiheits- 
ideal verleugnet zu haben. Er gibt zwar nicht, wie ein Montesquieu, ein 
System von Garantien gegen den Souverän ; aber wir brauchen das auch 
nicht. Der Souverän ist schon dadurch, daß er ist, immer schon, was er 
sein soll. Die volonte generale kann nicht irren und nicht unrecht tun. 
Der Staat des Contrat ist ex hypothesi der ideale Staat der unbedingten 
Tugendhaftigkeit. Er ist, dürfen wir — vielleicht in Bourguins Sinn — 
hinzusetzen, eine Art Kirche, in die man aufgenommen wird im Akt der 
alienation totale, einem Taufsakrament, durch das alle Sünden abgewaschen 
und alle Laster ausgetilgt werden. — Wenden wir uns von diesem Schluß- 
punkt wieder zum Ausgangspunkt Bourguins zurück, so ist klar, daß dieser 
nicht mehr haltbar ist. Stehen die Dinge so, dann ist der Verfasser des 
Gesellschaftsvertrages kein Vertreter des Taiueschen esprit classique; die 
raison raisonnante hat ihn nicht inspiriert, sondern der Enthusiasmus. Und 
dieser Gesichtspunkt gibt eine gewisse psychologische Lösung des Rätsels, 
das Faguet und Bourguin richtig aufgegeben hatten. Nämlich so: Rousseau 
ist immer und zu jeder Zeit Idealbildner, emotionaler Denker. In der Zeit, 
da er sich noch nicht selbst gefunden hat, ist er, angeregt durch Jugend- 
eindrücke, auf ein Ideal verfallen, das seinem Ideengehalt nach schon geprägt 
vorlag und in das eine Gedankenarbeit vieler Jahrhunderte hineiugewebt 
vrar; wodurch die Spuren der raison raisonnante im Contrat sich leicht er- 
klären. Es ist dies das Ideal des Naturrechts, das nun aber von Rousseau 
mit dem Gluthauch seines Atems durchströmt wird. Nun kommt, zu ihrer 
Zeit (in der Krise von Vincennes und in den Wäldern von Saint-Germain) 
seine Ofienbarung über ihn, die ihn in eine ganz entgegengesetzte Rich- 
tung treibt. Die Mühsal und Qual des Denkens, über die er klagt, kommt 
daher, daß der neue, mächtigere und originalere Impuls den früheren doch 
nicht ganz zurückzudrängen und daß er selbst keine sichere Diagonale der 
Kräfte zu gewinnen vermag. Und so schreibt er in der Verzweiflung einen 
Emile und einen Contrat unmittelbar nach-, ja nebeneinander. 

Viel stattlicher ist, wie gesagt, die Zahl der Forscher, die, wie Lanson, 
die Kontinuität von Rousseaus Gedankenentwicklung behaupten. Unter 
ihnen ist kein Geringerer als der Philosoph B o u t r o u x. Die Widersprüche 
des Genfer Propheten kommen nach ihm lediglich auf Rechnung des Tem- 
peraments und der Darstellung, die nicht die eines Schulphilosophen ist. 
Sie sind nur an der Oberfläche. Dringt mau in die Tiefe, so entdeckt man 



l^as tiousseauproblciii und .seine nciu'.stoii J.ösungcii 211 

eine echte Philosophie von großartiger Einheitlichkeit, einer Philosophie in 
Form einer Entwiclclungs- oder Heilsgeschichte, deren Dreistufengang man 
auf die Formeln bringen kann: Unschuld, Sünde, Erlösung; oder: Natur- 
stand, Gesellschaftsstand, Staats- und Sittlichkeitsstand; oder: Instinkt, 
^'erstand, (Vernunft und) Herz. Wieder ruht der JS'erv der Beweisführung 
auf der Contratstelle (I, 8), die auch Lanson zugrunde legt. Die Kon- 
struktion der Entwicklung ist bei Boutroux im wesentlichen dieselbe wie 
bei Lanson, nur daß der erstere noch den Versuch macht, den Sozialismus 
des Contrat und den Individualismus der anderen Schriften zu versöhnen, 
oder richtiger, ihr Nebeneinander als widerspruchslos zu erweisen. Es ist 
so wenig wahr, daß der Staat des Contrat despotistisch ist, daß vielmehr 
das Gegenteil richtig ist. Der Staat ist nur dazu geschaflen, das Indivi(hnim 
in den Stand zu setzen, sein innerstes Wesen, d. h. seine Individualität, zu 
genießen. Anders gewendet: der Staat ist nur die Wrkörperuug des Triebs 
der Individuen, sich selbst anzugehören und die Bedingung der Möglichkeit 
für die Verwircklichung dieses Triebs. 

Diese Deutung kann sich auf einige Gedankenreihen im Vontrat berufen, 
die schon Faguet entdeckt und als eine Unterströmuug von individualisti- 
schem Liberalismus charakterisiert hatte. Aber Faguet wird recht behalten, 
wenn er die entgegengesetzte Oberströnmng als die entscheidende bezeichnet. 
Wollte man dagegen einwenden, es sei schließlich Geschmacksache, welche 
Gedankenreihe man als die wichtigste ansehe, so wird dieser Ausweg ab- 
geschnitten durch die schon von Bourguin bemerkte programmatische Äuße- 
rung im Eingang des Emile. Sie entscheidet die Frage zugunsten Faguets: 
Kousseau selbst hat die Ideale des Individualismus und des Sozialismus als 
unvereinbare Gegensätze angesehen, als ein Entweder — Oder, bei dem mau 
sich nicht zu gleicher Zeit für beide Glieder zugleich entscheiden kann. 
Damit ist der Faden, mit dem Boutroux den Emile au den Contrat annäht, 
als brüchig erwiesen. Er fährt nämlich fort: 'Dank der Sicherheit, welche 
der Staat gewälirt, kann das Individuum sich an das Werk der gesellschaft- 
lichen Keform machen, die mit der Erziehung des einzelnen beginnt'. Ricli- 
tig ist vielmehr, daß auf dem Boden des Idealstaates des Contrat eine ganz 
andere Erziehung vorgesehen ist als die, welche der Emile enthält. Rousseau 
hat zwei scharf zu sondernde Erziehungsideale, ein individualistisches, das 
er in Emile ausführt, und ein sozialistisches, zu dem uns in zwei Skizzen 
zum mindesten so viel Material vorliegt, daß jeder Versuch, den Gegensatz 
zu verwischen, unmöglich i.st. Ähnlich ließe sich nachweisen, daß der 
Untergrund, den Boutroux dem Ehe- und Familienideal Rousseaus gibt, von 
Boutroux frei aus seinem Eigenen und nicht im Sinne Rousseaus eingezeich- 
net ist. Dank den Daseins- und Entwicklungsbedingungen, die der Staat 
gewähre, sagt nämlich Boutroux, entwickle sich diese neue Gesellschaft der 
regenerierten Familie. Das ist nicht roussoauisch gedacht. Saint-Preux 
und seine Julie, samt ihrem Wolmar, schwimmen auf der hohen See des 
Individualismus oder des in rein privaten Beziehungen lebenden Altruismus. 
Die Ehemänner und Ehefrauen des Contrat aber sind keine Saint-Preux 
und keine Julien; im spartanischen Klima des Kontraktstaates gedeihen 
diese Gewächse nicht. 

Boutroux fügt .seinem Aufriß eine Würdigung der bleibenden Bedeutung 
Rousseaus an. Er rühmt es, als ein besonderes Verdien.st seiner Weisheit, 
daß er die Funktion des Staates so richtig bestimmt, Zwang und Freiheit, 
Soziales und Individuelles so glücklich ins Gleichgewicht gesetzt habe. Sei 
ihm doch der Staat beileibe nicht die volle Verwirklichung der mensch- 
lichen Natur, da er ja keineswegs den ganzen Menschen in Anspruch nehme, 
vielmehr nur die Bedingungen herstellen wolle für die Freiheit des Indivi- 
duums, dessen volle persönliche, gefühlsmäßige, religiöse Entfaltung durch- 
aus vorbehalten sei. Gefühlsleben, Erziehung, Religion seien nach Rousseau 

14* 



212 Das Eousseauproblem und seine neuesten Lösungen 

— und, wohlgenieikt, auch nach dem Rousseau des Contrat — reine Privat- 
sache. Das ist nachweisbar falsch. Es ist der Pathos des Rousseauschen 
Republikaners, daU er sich nicht mehr als Ganzes, sondern als Bruchteil 
eines Ganzen fühlt. Und wie es um die Privatfreiheit der Erziehung und 
der Religion im Staate steht, darüber hat uns der Politiker Rousseau in 
seiner Sozialpädagogik und in den religionspolitischen Abschnitten des Con- 
trat sattsam belehrt. Verfehlungen gegen die Staatsreligiou werden be- 
kanntlich unter Umständen mit Kürzung des Kopfes geahndet. Alles, was 
recht ist! aber ein Warnungsruf vor den Gefahren der vStaatsallmacht und 
des Staatssozialismus, nein, das ist der Contrat nicht. 

Dagegen ist nun fein und tief, wenn vielleicht auch etwas zu frei und 
kühn die Art, wie Boutroux seinen Rousseau das Lebensproblem formu- 
lieren läßt: Es gebe zwei Grundkräfte in uns, eine emotionale und indivi- 
duelle einerseits, eine intellektuelle und soziale anderseits, und diese Kräfte 
seien irreduzibel. Und das sei die Wahrheit, meint Boutroux. Das emotio- 
nale und individuelle Element sei das Wesentliche im Menschen, das in- 
tellektuelle und soziale sei eine Art künstlicher Überbau, der wieder ab- 
getragen werden könne. Und das sei der Irrtum, meint Boutroux. Und 
dieses Irrtums könne er, nach eigenem Geständnis, als eines Irrtums über- 
führt werden, da er doch in Gewissen und Herz eine gewisse Verbindung 
von Instinkt und Intelligenz sehe. In der unlösbaren Verschlingung von 
Intellekt und Gefühlskräften, von Individuellem und Sozialem besteht nach 
Boutroux das menschliche Grundwesen. Der Mensch ist von allem Anfang 
an Gefühls- und Verstandeswesen, Individuum und Gemeinschaftswesen. 
Rousseaus Fehler ist sein Dualismus. Mag sein. Aber dann ist mit der 
trilogistischen Entwicklungsphilosophie Rousseaus Geistesart nicht richtig 
nachgezeichnet. Und Boutroux müßte von seinem kritischen Teil aus seineu 
thetischen einer Durchsicht unterziehen. 

Eine von Lanson und Faguet weniger ausführlich behandelte Frage, in 
der aber doch die bezeichnende Verschiedenheit der beiden Auffassungen 
hübsch zutage tritt, ist die nach Rousseaus Religion und Theologie. Faguet, 
auch hier ein Gegner des Glaubens an Rousseaus Einheitlichkeit, verweist 
sie in eine Art von Anhang: Rousseau, in Temperament und Fühlen ein 
ursprünglicher, genialer Mensch, sei in Weltanschauungsfragen nichts we- 
niger als ursprünglich, im Grunde herzlich mittelmäßig. Er mache sich fo 
etwas wie eine Theologie zurecht aus den Restbeständen, die im allgemeinen 
Zusammenbruch des christlichen Dogmensystems noch leidlich intakt ge- 
blieben waren, seine 'natürliche Religion', die im wesentlichen zusammen- 
falle mit Voltaires Religion, nur daß dieser seine Religion bloß für seine 
Dienerschaft und für das 'Volk' benötigte, während Rousseau sie zu seinem 
Privatbedarf nicht missen mochte. Mit dem philosophischen und sittlichen 
Wert der beiden Religionen sei es nicht weit her, und sie befriedigen beide 
keine sehr respektablen Bedürfnisse; die Voltairesche sei auf den reichen 
Pharisäer zugeschnitten, auf die Männer der Respektabilität und der Ord- 
nungsparteien, die Rousseausche auf die gefühlige Frau und auf den Mann, 
der an etwas Rhetorik seine Freude habe. 

Ernster nimmt Lanson die Sache. Ihm ist Rousseaus Theologie nötig 
zur Gründung und Krönung seines Systemgebäudes. Der erste und dritte 
Satz seiner Thesentrias stehe in der Luft ohne den Gottesglauben. 'Der 
Mensch ist gut.' Womit beweist man das? Mit dem Glauben an Gott, der 
ihn nicht schlecht machen konnte. 'Der schlecht gewordene Mensch kann 
wieder gut werden.' Wodurch? Durch Gottes Hilfe. Dieser Gedanke wird 
von Parodi, von dem unten die Rede sein soll, geistvoll ausgeführt; und 
doch möchte man fragen, ob da nicht wieder einmal Systemlinien in Rous- 
seaus Gedankenwelt eingezeichnet werden, die ihr Urheber weder gezogen 
noch auch nur gesehen hat. 



Das Rousscauproblem und seine neuesten Lösungen 213 

Lanson sowohl als Faguet, namentlich aber der letztere, fassen zu ein- 
seitig Rousseaus Theologie ins Auge. Wir müssen, das haben wir von der 
neueren Religionsphilosophio gelernt, Theologie scharf unterscheiden von Re- 
ligion, liier setzt Hoff ding ein, der tiefer gräbt und der uns Rousseaus 
Religion in ihrer eigenartigen Ursprünglichkeit sowie in ihrem notwendigen 
Zusammenhang mit der Persönlichkeit aufzeigt. Weit entfernt, etwas Zu- 
fälliges, ein Anhängsel zu sein, ist sie sogar noch mehr als Grundlage und 
Krönung des Systems: sie ist das Innerste und Heiligste seiner Person. Mit 
sicherem Blick weiß er sie an der richtigen Stelle zu finden: im Schwanen- 
gesang Juliens, in gewissen Gefühlsergüssen des savoyischen Vikars und im 
dritten Brief an Malesherbes. Diese Zeugnisse ergeben drei Formen von 
Religion: das überströmende Liebesverlangen, dem kein irdisches Wesen 
Genüge tun kann, den Drang der Hingebung in Dankbarkeit für das als 
Geschenk, als Gnade empfundene positive Lebensgefühl und das durch die 
.Vaturanschauung angeregte mystisch-pantheistische Gefühl des Aufgehens 
und Untertauchens der Persönlichkeit im All, ein unaussprechliches kos- 
misches Gefühl der Zusammengehörigkeit des Ich mit dem grand totif. 

Das Gemeinsame, die Grundlage dieser drei Formen von Religiosität ist 
in Rousseaus Seelenstruktur gegeben, die Höffding tiefer und schärfer be- 
istimmt, als gewöhnlich geschieht. Gewöhnlich heißt es, Rousseau habe das 
Gefühl und sein Recht entdeckt, er habe die übermäßige Wertschätzung des 
Verstandes durch die Aufklärung zurückgedrängt usw. Das ist natürlich 
richtig, aber auch so schief und halbwahr, wie alle Banalitäten nun einmal 
zu sein pflegen. Hatte doch auch Rousseau seine gute Dosis von Intellek- 
tualität, wie anderseits die Aufklärung auch ihre Gefühlsseite hatte in ihrer 
Sentimentalität. Bringt dann Rousseau bloß noch ein gewisses Plus von 
Gefühl? Über dieses unbestimmte Gerede, das im Quantitativen stecken- 
bleibt, kommen wir bei Höffding hinaus. Wenn man doch auch vor und 
neben Rousseau gefühlt hat, so wollen wir wissen: welches Gefühl hat er 
entdeckt? Und wir bekommen bei Höffding die präzise Auskunft: dife Höhe- 
punkte von Rousseaus Leben sind Steigerungen des Vitalgefühls ins Ab- 
solute, des etats d'ame al)solus; es sind Augenblicke, in denen von den drei 
Beziehungspunkten, zwischen denen unser inneres Leben verläuft, Ich, Welt 
und Gott, der zweite (die Welt) verschwindet, der erste und dritte (Ich und 
Gott) ineinander ver.schwimmen. — Es sind das nicht Höffdings Worte, aber 
seine Meinung wird damit hoffentlich richtig wiedergegeben sein. Auf diese 
Höhepunkte der Ekstase folgt eine Zeit der Erschlaffung, in der die Welt 
ihre Rechte wieder geltend macht, die W^elt, der Rousseaus Denken und 
Willenskraft nun in keiner Weise gewachsen ist. Er erlangt seine Kraft 
erst wieder, wenn er nach langer Wanderung durch die öde Wüste der 
Gottesferne von neuem mit der Ekstase begnadigt wird. Diese innere Er- 
fahrung hat ihren dogmatischen Ausdruck in jener Antithese gefunden, 
deren bekanntester Ausdruck der Gegensatz der guten Natur und der 
schlechten Kultur ist. Andere, auch vorkommende, vielleicht noch treffen- 
dere Formulierungen sind: sentiment absolu und sentiment relatif; Selbst- 
gefühl (in das man Liebe und Mitleid inbegriffen denken muß) und Egois- 
mus mit Zorn, Haß, Furcht und Neid. Es war nun, nach Höffding, die 
Schranke und das Verhängnis der Natur Rousseaus, daß er dem Bewußtsein 
der Relationen und der Gegensätze, der Hindernisse — wir könnten viel- 
leiclit sagen: dem Weltgefühl — keinen positiven Sinn abzugewinnen ver- 
mochte, daß er, seiner passiven, träumerischen Art gemäß, immer nur vor 
d<-r Welt flüchten und sich ins Schneckenhaus seines Innenlebens zurück- 
ziehen konnte. Darauf beruht auch die Einseitigkeit der Religiosität Rous- 
^"■aus, welche die Welt und ihre Gegensätze, ilire Kämpfe, Leiden und Er- 
fahrungen nicht in sich aufnehmen kann, sondern das alles vergessen muß. 
Es fehlt auch die Auseinandersetzung der Ergebnisse des religiösen Gefühls 



214 Das RousseauprobU'iii und seine neuesten Lösungen 

mit der objektiven Weltbetraclitung. Er hat nie im Ernst an einer denken- 
den Verarbeitung und Lösung des religiösen Problems gearbeitet. 

Mit dieser psychologischen Genesis nimmt Ilöfi'ding eine interessante 
Mittelstellung ein zwischen den beiden französischen Forschern T>anson und 
Eaguet, doch näher bei Faguet. Denn auch dem letzteren ist der Dualismus 
Natur — Kultur Eousseaus Zentralidee, und auch er unterführt sie psycho- 
logisch wie Höffding. Nur daß er das zugrunde liegende Erlebnis etwas 
weniger innerlich und tief, etivas nüchterner und namentlich etwas weniger 
schmeichelhaft für Eousseau auffaßt. Nach ihm ist die entscheidende Er- 
fahrung der Zusammenstoß des dreißig- bis vierzigjährigen Eousseaus mit 
der Pariser Gesellschaft, d. h. die Erfahrungen, wie sie ein liebenswürdiger 
Zigeuner macht, der ein gutes Herz hat, der sehr gut weiß, daß er eines hat. 
und der alle anderen verachtet, weil sie natürlich kein solches haben; wie 
er sie macht in einer raffinierten Salonwelt, in der man ungemein entgegen- 
kommend und scharmant, aber fast ebenso herzenskühl und unzuverlässig 
ist. Diese beiden Auffassungen des Eousseauschen Urphänomens dürften 
sich wohl ergänzen ; man muß immer die beiden Bilder zusammen sehen. 
Aber es wird wohl die schlimmere Einseitigkeit sein, wenn man alles aus 
dem mit dem realistischen Auge Faguets gesehenen äußeren Konflikt her- 
leiten wollte, ohne auf die in seinem tiefsten Wesen angelegte ideale Span- 
nung Rücksicht zu nehmen. 

Eine wertvolle Ergänzung Höffdings bietet Parodi, der die Eeligions- 
philosophie, es würde wohl besser heißen die Theologie oder die Dogmatik 
Eousseaus, behandelt. Sie wurde von Höffding seinem Thema gemäß, das 
lautete: Eousseau und die Eeligion, nur gestreift. Nicht bloß von der Ee- 
ligion, sondern auch von dieser Theologie behauptet Parodi, in energischem 
Gegensatz zu Faguet, daß sie kein Anhängsel, sondern die innerste Quelle 
seines Denkens, ja seiner Inspirationen sei. Bei seinem Beweis dafür hält 
sich Parodi etwas zu sehr an die Texte und liest zu wenig zwischen den 
Zeilen. So legt er großen Wert darauf, daß Eousseau sich in den Ver- 
teidigungsschriften des ersten Discours als Champion von Eeligion und Sitt- 
lichkeit ausgibt. Er protestiere gegen die Kultur nur im Interesse einer 
höheren, der sittlich-religiösen Kultur. Diese Stellen wollen vorsichtiger 
angefaßt sein. Gewiß ist es Eousseau jeweils Ernst mit seinen Beteuer\in- 
gen; sie sind keine Fechterkniffe nach Art der Taktik der radikalen Auf- 
klärer; aber es ist etwas Pose dabei. Er steigert und erhitzt sich ein 
bißchen bei der Einfühlung in seine schöne Eolle als Champion der Eeligion. 
Für diese Auffassung gibt es natürlich keinen direkten Beweis, wohl aber 
einen indirekten. Da wo Eousseau den Gedanken, der hinter der In.splration 
von Vincennes steht, zu Ende denkt, im zweiten Discotirs, verduftet die 
Genfer Pastoralmoral und -religion, für die er sich eben ins Zeug legte. Der 
Naturmensch, dessen Paradies Eousseau mit der Seele sucht, wie Iphigenie 
das Land der heimatlichen Götter, ist religionslos und amoralisch. Es soll 
nicht behauptet werden, Eousseau habe gar kein Verhältnis zu dieser 
moralistischen Eeligion gehabt; aber in diesen Zusammenhang gehört sie 
nicht hinein; mit dem Naturgedanken von Vincennes hat sie nichts zu tun. 
Es i.st falsch, sich vorzustellen, er habe sie als stärksten Trumpf in der 
Hinterhand gehabt, als er seine beiden Discotirs vorlegte. Das Naturevange- 
lium des Protestlers Eousseau ist gewiß ein anderes als das Diderotsche 
Evangelium des Fleisches, aber mit dem der Genfer Vermittlungstheologen 
fällt es darum doch nicht zusammen. 

Sehr gut hat Parodi die Methode charakterisiert, die Eousseau befolgt. 
■wo er zu theologisieren anfängt. Er weist auf die Geständnisse hin, in 
denen Eousseau den Zustand, in den ihn das Nachdenken versetzt, den Zu- 
stand des Zweifels, der 'snoxr, als einen ihm unerträglichen bezeichnet. 
Mit einem Willensentschluß vollzieht er die Wendung zu der Weltan.schau- 



Das Rousscaiiproblom und soino noupsten Lösungen 215 

xmg, die ihm die tröstliche, die wertvolle zu sein scheint. 'Wenn eine An- 
nahme mich tröstet und keinen logischen Widerspruch enthält, warum 
sollte ich ihr mich nicht hingeben?' Er unterbindet damit ein für allemal 
alle Anwandlungen weiteren Donkens. Es ist durchaus zutroflend, wenn 
Parodi Eousscau damit eine Führerstellung im modernen Denken anweist. 
Rousseau ist mit diesen Gedanken in der Tat der Anfänger der voluntaristi- 
schen Weltanschauuugstheorien, der Vater der Kantischen Postulatentheo- 
logie und ihrer Sprößlinge, der Bedürfnistheologie des protestantischen 
Liberalismus und des amerikanischen Pragmatismus. Nur das ist verfehlt, 
aus der geschichtlichen Zeugungskraft dieses Denkens sofort auf seinen 
inneren Wert zu schließen. Es gibt auch kräftige Irrtümer, und man hat 
Beispiele, daß auch ein schlechtes Denken Schule macht und Jahrhunderte 
beherrscht. 

Die inhaltliche Darlegung der Rousseauschen Theologie bei Parodi ist 
lichtvoll und richtig. Sie bedarf wohl nur auf zwei Punkten der Ergänzung. 
Er bemerkt zwar, daß die mystisch-pantheistischen Gemütszustände, wie sie 
der dritte Brief an Malcsherbes schildert, in einer gewissen Spannung stehen 
zu den personalistischen Formeln im savoyischen Glaubensbekenntnis. Er 
findet aber in diesen beiden grundverschiedenen Zeugnissen keinen Wider- 
spruch, er sieht sie ungefähr wie zwei Stellungen in einer Ebene an, die 
man nach Belieben abwechselnd einnehmen kann. In Wahrheit handelt es 
sich um einen Tiefenunterschied von Schichten, um einen Gegensatz wie 
zwischen Urgestein und Flözschichten. Im ersten Fall stehen wir vor einem 
Erlebnis, im zweiten vor einem Erzeugnis des Kachdenkens, das entstanden 
ist in den Stunden, in denen Rousseau, im Widerstreit der auf ihn ein- 
dringenden alten und neuen Weltanschauungen, sicli seine Meinung bilden 
wollte. Hier i-st er, dem das Denken immer ]SIülie machte, selbstverständlich 
weniger ursprünglich und den Einflüssen der Sitte und Überlieferung mehr 
ausgesetzt. 

Und doch ist auch in dieser Gedankenbildung sein Urerlebnis zur Gel- 
tung gekommen an einem interessanten Punkt, auf den Ilöffding feinsinnig 
aufmerksam gemacht hat und der Parodi entgangen ist. Dem dualistischen 
Riß gemäß, der sein Erleben durchzielit, kann Rousseau auch seinen Gott 
sich nicht als den allmächtigen Schöpfer, nicht als den Alhvirksamen denken. 
Er kann nur an ein gutes, göttliches Wesen glauben, das aber an einem 
passiven Prinzip, der Materie, einen unaufhebbaren Widerstand immer erst 
zu überwinden hat. Er opfert die Absolutheit Gottes. Auch hier darf man 
wohl in Rousseau einen Anfänger sehen, den Protagonisten einer weitver- 
breiteten, nur eben nicht bewußten und nocli nicht häufig ausgesprochenen 
modernen Stimmung, über die wohl noch einmal ein Wort zu sagen wäre. 
Sodann könnte man vielleicht beide Essays, den von HöfTding und den von 
Parodi. durch ein weiteres Kapitel ergänzen, ein Kapitel über Rousseaus 
Wahnsinn. Wie man auch die geistige Verfinsterung der letzten 18 Jahre 
pathologisch und p.sychiatrisch deuten mag, von der psychologischen Seite 
aus gesehen ist sie sicher nichts anderes als eine furchtbare Krise seiner 
Religion. Sein Vitalgefühl, aus dem .sein religiöses Fühlen und Glauben 
herauswuchs, erfuhr aus dunklem Grund herauf eine entsetzliche Erschütte- 
rung, die ihn mit dem Zusammenbruch des Geistes ui.d des Herzens bedrohte. 
Die Geschichte dieser religiösen Erkrankung und — violleicht — Wieder- 
genesung ist noch zu schreiben. 

Eine geistvolle Neubearbeitung der These Lansons finden wir bei Bosan- 
riuet. Ihm ist Rousseau der Reorganisator der Gesellschaft, derjenige, der 
Kant und Hegel die entscheidenden Anregungen gab. Das Lehrreiche ist, 
wie er zur Durchführung seiner These den zweiten Discours abschwädien 
und den Conirat dämpfen muß; aus dem Discoitrs muß Oi die antisoziale 
Tendenz herausschafTen und aus dem Conirat die antiliberal-. Die Bedeu- 



21G Das Rousseaupioblom und seiue ueuesten Lösungen 

tung des ersten Discours wird reduziert auf einen Protest gegen den In- 
tellektualismus zugunsten der Lösung: Leben, Gefühl, Praxis. Rousseau 
wird mit dem pietistischen Bischof Butler zusammengestellt, dem es sich 
darum handelte, das Herz besser und den Charakter vollkommener zu macheu. 
Weiter wollte Eousseau nichts. Der zweite Discours will nur warnen vor 
dem Verlust des Ich durch die Verstrickung ins künstliche Gewebe der Ge- 
sellschaft. Nicht aber wollte Rousseau sagen, daß der primitive Zustand 
des Menschen der für die Menschheit wünschenswerte Zustand gewesen sei; 
er wolle nicht sagen, daß die kulturelle Entwicklung, die von diesem Zu- 
stand abgeführt habe, auch hätte vermieden werden können; er wolle im 
Grunde nicht sagen, daß der Naturzustand der Stand der Gleichheit gewesen 
sei. — Übrigens lassen sich alle diese Sätze, von denen Rousseau hier ent- 
lastet werden soll, mit dem Text in der Hand bei Rousseau nachweisen. — 
Der Contrat seinerseits sei nichts anderes als die Rekonstruktion des zweiten 
Discours. Da trete deutlich heraus, daß Rousseau und Aristoteles einig 
seien in dem Gedanken, daß der gesellschaftliche Zustand der dem Menschen 
natürliche sei. Burlamaqui, Rousseaus Zeitgenosse, habe das, was bei 
Rousseau latent bleibe, nur deutlicher herausgesagt: der Gesellschaftsstand 
sei der vollkommenste Stand des Menschen und eigentlich sein wahrer 
Naturzustand. Denn dem Verfasser des Contrat sei es nun ganz klar ge- 
worden, daß der Naturstand nicht die Gleichheit, sondern gerade die Un- 
gleichheit bedeute, daß die Gleichheit nur im bürgerlichen Zustand zu ver- 
wirklichen sei. Der Quellenbeleg für diese Anschauung ist natürlich wieder, 
wie schon bei Lanson, jene Cowira^ Stelle, die als Quintessenz der wahren 
und eigentlichen Meinung Rousseaus in allen seinen Phasen gefaßt wird. Was 
für eine Bedeutung nun freilich die Offenbarung von Vincennes, die Rous- 
seau selbst für entscheidend hält, noch hat, bleibt bei dieser Ansichi un- 
erfindlich. Bosanquet hat nicht bedacht, daß der Contrat schon sechs Jahre 
vor der Vincenner Krise (in Venedig i. J. 174.3) konzipiert war, ja daß er 
in den Grundzügen schon ausgearbeitet war. Es hätte sicher etwas Ko- 
misches, wenn ein Mann von einem Gedanken, den er schon durchdacht und 
schriftstellerisch ausgeführt hat, aufs neue überwältigt würde wie von einer 
Offenbarung, bei der einem Hören und Sehen vergeht. An der Vernach- 
lässigung der Tatsachen der Seelengeschichte Rousseaus scheitert Bosanquet. 
Sein Verdienst, den Contrat gegen landläufige Mißverständnisse ver- 
teidigt und den tiefen Gehalt seiner Grundgedanken ins Licht gestellt zu 
haben, bleibt ihm dabei ungeschmälert. Wenn er darauf hinweist, daß der 
Vertrag bei Rousseau nicht eine geschichtliche Tatsache sein soll, sondern 
etwas, das Kant eine regulative Idee heißt, wenn er den scharfen Unter- 
schied hervorhebt zwischen der volonte generale und der volonte de tous, so 
wiederholt er zwar nur, was schon des öfteren gesagt wurde, aber diese 
Wiederholung ist immer noch nicht überflüssig. Was wie eine Knechtung 
des Individuums unter den allmächtigen Willen der Majorität aussieht — 
für Faguet die Hauptsache am Contrat — , schiebt er beiseite als nicht 
wesentlich und ablösbar, aus einer Privatliebhaberei und Schwärmerei 
Rousseaus für Sparta, Rom und Genf stammend. Die volonte generale, 
eine Idee, mit der Rousseau die höhere Einheit zwischen Hobbes und Locke 
erreicht habe, sei ganz gut mit der Freiheit vereinbar; denn sie enthalte 
ja den wahren und eigentlichen Willen des Individuums, das ein soziales 
Wesen sei. Und darum kann er den oft verspotteten Satz, wenn der einzelne 
nicht wolle, so zwinge man ihn eben, frei zii sein, als ganz besonderen Tief- 
sinn nachweisen. Wird doch mit diesem Zwang nur meinem mißverstan- 
denen, willkürlichen Privatwillen gegenüber mein tieferer eigentlicher 
Grundwille geltend gemacht. Alles schön und gut. Wenn nur Eousseau 
und seine spekulativen Nachfolger uns nachweisen wollten, wo diese wunder- 
bare volonte generale residiert. Bosanquet weiß es: die volonte generale ist 



Das Rousseaupioblem und seine neuesten Lösungen 217 

die in den Boratungen der Vertreter des Volkes liorausdostillierte, wahre 
öffentliche Meinung. Aber das ist eine Anglisierung des Contrat, von der 
Bosanquet so ehrlich ist, zuzugestehen, daß Rousseau sie abgelehnt hätte, falls 
sie ihm vorgelegt worden wäre. iJaß sie aber den wahren Sinn und Geist 
seiner Lehre enthalte, dabei bleibt er. Wir aber erlauben uns aus guten 
Gründen au dem philologischen und philosophischen Recht dieser Lö.sung 
zu zweifeln. 

Ein interessantes Eiuzelproblem, au dem der Reichtum der Ideen Rous- 
seaus und auch der cvtharras dieser richesse zutage tritt, behandelt Bouglö 
in seinem Aufsatz 'Rousseau und der Sozialismus'. In Faguets simplifi- 
zierender Darstellung war hier alles klar. Der Rousseau des zweiten Dis- 
cours ist — folgerichtig — Anarchist nach der Formel: Die Erde gehört 
niemand, die Früchte gehören allen. Wer zuerst ein Gütchen für sich ein- 
zäunte, war der Gründer der men.schlichen Gesellschaft und der Feind der 
Menschheit. Der Rousseau des Contrat ist Kollektivist: der Staat Herr 
aller Güter, deren sich die einzelnen in der alienation totale zu entäußern 
haben. Bei Bougle erhalten wir ein Bild mit reicherer Färbung, weil er die 
\ielen Gedankenströmungen bei Rousseau beachtet, wie auch die vielen 
Sozialismen. Man darf nach Bougle die Frage nicht so stellen: Wie will 
Rousseau das Privateigentum behandelt wissen? Denn dann kommen wir 
über die Widersprüche niclit hinaus. Neben dem eminenten Eigentumsrecht 
der Gemeinschaft im Contrat steht die vorsichtige Behandlung des Privat- 
eigen, die Rousseau den Gesetzgeber und Verfassungsschöpfer (in seinen 
Schriften über Polen und Korsika) kennzeichnet: einige indirekte Steuern 
auf Luxuserzeugnisse und einige Einkommensteuern; das ist alles. 

Erheben wir uns, wie billig, über einzelne Textstellen zu großen Gesamt- 
anschauungen, so ist nach Bougle eine Geistesverwandtschaft unverkennbar 
zwischen dem konstruierenden, utopistischen Sozialismus eines Saint-Simon 
und Fournier und dem Koutraktgedanken, der conceiption contractuelle de 
la vie sociale. Denn dieser Gedanke besagt ja: Richten wir die Lebens- 
bedingungen ein ohne Respekt vor Besitz und Macht, vor Vorrechten, vor 
der Geschichte, wie wenn freie und gleiche Männer zusammengetreten 
wären. Dagegen scheint Rousseau um so weniger zu tun zu haben mit 
dem realistischen, positivistischen, wissenschaftlichen Sozialismus von heute, 
der .sich von diesen luftigen Gedankengespiusten eines einzelnen, vom Glau- 
ben au die konstruierende Vernunft überhaupt abwendet, sich selbst als 
streng notwendiges Stadium einer weltgeschichtlichen Entwicklung be- 
trachtet und mit dem Mittel des Klassenkampfs zum Sieg zu gelangen 
gedenkt. So hat denn Kautsky unsern Rousseau von den Rockschößen des 
Sozifilismus abgeschüttelt. Vergebens — Rousseau ist auch mit dieser Spiel- 
art von Sozialismus durch manche Fäden verbunden. Eine entwicklungs- 
geschichtliche Gedankenreihe des zweiten Discours hat der Marxisnuis eines 
Engels aufgegriffen und verwertet. Dort präludiert Rous.seau dem so- 
genannten historischen Materialismus, indem er die Fortschritte des Acker- 
baues und der Metallverarbeitung, also technische ForLschritte, verantwort- 
lich macht für das Aufkonnnen des Eigentums. Er kommt auch der 
sozialistischen Theorie nahe genug, nach der das sozialisierte Eigentum die 
richtige Sj'nthese bildet für die These des primitiven Kommunismus und 
die Antithese des durch die Industrie individualisierten Privateigentums. 
Den proletarisierten Industriearbeiter, diesen Träger und Vollender der 
lieutigen Entwicklung, hat Rousseau ja allerdings nicht würdigen können, 
weil er ihn nicht gesehen und erlebt hat. Er ist, seiner zurückgebliebenen 
Zeit ent.sprechend, noch etwas Mittelstandsromantiker. J)er Bauer, der auf 
dem eigenen Gute sitzt, der freie Kleinhandwerker, dem die Kraft und die 
(Geschicklichkeit .seiner Arme die Unabhängigkeit verbürgt, ist der Mann 
nach seinem Herzen. Auch der Abscheu vor der Maschine uud maschinellen 



218 Das Roiisseauproblom Tind seine neiiesten Lösungen 

Technik und vor der Arbeitsteilung, sein Ruf: Zurück aufs Land! ist eine 
Romantik, die dem modernsten Sozialismus wenig zusagt. Trotzdem er- 
klingen bei ihm schon die furchtbarsten Schlachtrufe, die gefährlichsten 
Losungsworte der Agitation des Klassenkampfes. Hierher gehört das Evan- 
gelium der Volksverehrung, der Abgrund, den er aufreißt zwischen den 
ausgebeuteten Enterbten und den ausbeutenden Bevorrechteten — 'das Volk 
allein bildet das menschliche Geschlecht; streicht man alle Könige und alle 
Intellektuellen weg, man würde nichts vermissen und es würde nicht 
schlechter gehen' — , seine Tiraden gegen den Luxus, den Müßiggang und 
den Reichtum, der durch sein bloßes Dasein schon rechtswidrig ist und 
gleichbedeutend mit brutaler Vergewaltigung, die Denunziation gegen die 
besitzenden Klassen, daß sie zu ihren Gunsten die Gesetzgebungsmaschine 
erfunden haben und noch handhaben . . . 

Man kann nicht erwarten, daß ein Politiker wie Jean Jaurös, von 
dem eine Rede in unseren Sammelband eingefügt ist, zu der kritischen 
Frage, die wir hier verhandeln, Stellung nimmt. Natürlich ist es an sich 
interessant, einen Vorkämpfer des heutigen politischen Sozialismus über 
den großen Wegbahner der sozialistischen Stimmung zu hören. Es ist schön 
von Jaures, daß er Rousseau in keiner Weise als Schulhaupt in Anspruch 
nimmt, weder für die Sozialdemokratie im allgemeinen, noch für eine ihrer 
besonderen Spielarten. Nur einen Ahnherrn der sozialen Gesinnung sozu- 
sagen sieht er in ihm — mit Recht — , und zwar einen Ahnherrn, auf den 
die Familie stolz sein kann. Der Quell seiner sozialen Gesinnung ist nach 
Jaures kein persönliches ressentiment, keinerlei Art von Neid — und hier 
hat Jaures sicher recht gegen die Verunglimpfung seines Helden durch 
Nietzsche — , vollends nicht, wie man oft hören muß, kleinlicher Ärger über 
die schnöde Behandlung, die seinen diplomatischen Verdiensten in Venedig 
zuteil wurde, überhaupt kein negatives Gefühl, sondern etwas durchaus 
Positives, Reines und Großes. Das volle Herz, das überströmt von den 
Freuden, die ihm die Natur, die ihm Gott verleiht, das weckt in ihm den 
heilsamen, den fruchtbaren Schmerz über das Ungenügen und die Ungerech- 
tigkeit der gesellschaftlichen Ordnungen. Und damit hätten wir nun doch 
eine in Rousseaus Gedankenwelt eingezeichnete Einheitslinie, freilich nur 
so skizzenhaft angedeutet, daß eine eingehendere Diskussion sich noch nicht 
verlohnt. Im übrigen habe Rousseau auch einen Fehler oder eine Schwäche, 
und das ist sein Kleinglaube: er traut seiner 'Schimäre' nicht Kraft genug, 
nicht Macht genug über die Zukunft zu. Aber das sei eine verzeihliche 
Schwäche. Denn er habe ein Erlebnis nicht, um das wir reicher sind als er. 
Dieses Erlebnis, das sich Französische Revolution heißt, sagt uns, daß wir 
nicht verzweifeln dürfen. Hat die Revolution das eine der Rousseauschen 
Probleme, das der Souveränität, dem Rousseauschen Gedanken gemäß, oder 
was gleichviel heißt: dem rechten Rechte gemäß, gelöst, so werden wir für 
das zweite, das Eigentumsproblem, auch noch eine Lösung finden. 'Und die 
Größe der Ereignisse wird, wie es immer war in französischen Landen, 
dereinst der Größe des Gedankens entsprechen.' 

In große geschichtliche Zusammenhänge wird Rousseau von anderen !Mit- 
arbeitern unseres Sammelbandes gestellt. Claparöde zeigt in ihm d^n 
genialen Bahnbrecher für die biologisch-entwicklungsgeschichtlicho WeU- 
anschauung, besonders in ihrer Anwendung .auf die Kindheit. Der große 
Genfer hat die wichtigsten Erkenntnisse der neueren Biologie über Wert 
und Bedeutung der Kindheit im Haushalt des Lebens vorweggenommen. 
Nicht weniger als fünf der wichtigsten von der neueren Forschung nach- 
gewiesenen Entwicklungsgesetze lassen sich ansatzweise mehr oder weniger 
deutlich in Emile aufzeigen. Auf dieser Grundlage vermag es Claparftde, 
ein in der Tat entscheidendes Votum in der vielverhandelten Frage nach 
der Originalität der Erziehungslehre Rousseaus abzugeben, und zwar zu 



Das Roussoauprobli'iu und seine neuesten Lösungen 219 

■Rousseuus Gunsten. Man braucht gar nicht zu leugnen, daß bei Montaigne, 
Fßuelon, Locke viele psychologische und pädagogische Lichter aufblitzen, die 
Eousseaus Weg eriiellten. Es ist doch ein grundsätzlicher Unterschied zwi- 
schen ihren aufgerafften Erkenntnissen und seinem großen wissenschaft- 
lichen Zug. Er ist und bleibt der erste, der die Kunst der Erziehung auf 
eine wissenschaftliche Erfassung — wir sagen vielleicht bes.ser auf eine 
genial richtige Anschauung von der Kindheit aufbaut. Eine Frage bleibt 
übrig, auf die Claparöde keine Antwort gibt, vielleicht weil er sie, seinem 
Thema gemäß, überhaupt nicht behandeln wollte : Wie kommt Jean- Jacques, 
der im Guten und im Schlimmen ein unnormales Kind war, und der in seinen 
reiferen Jugend- und Mannesjahren sich nicht viel um Kinder kümmert, 
zu seinen das Wahre so %vunderbar treffenden Intuitionen von der gesunden 
Kindheit? 

In gediegenen, bei der Schwierigkeit des Gegenstandes fast allzu ge- 
drungenen Ausführungen behandelt Delbos die interessante Frage der 
Nachwirkung Eousseaus bei Kant. Die Parallele Rousseau-Kant ist so lehr- 
reich, daß man sie sich nur noch mehr ins einzelne ausgeführt wünschte. 
Delbos gehört zu denen, die bei Rousseau zwei Ströme unterscheiden, einen 
rationalen {Contrat social und Emile teilwei.se) und einen, den er sentimen- 
tal heißt (Zweiter Discours, Helo'ise u. a.) ; das Wort sentimental deckt 
sich wohl am ehesten mit dem in der neueren Psychologie gebrauchten 
Ausdruck emotional. Die letztere Strömung wirkte, wie zu erwarten war, 
mächtig ein auf die kongeniale Sturm- und Drangbewegung; aber auf- 
fallenderweise auch auf Kant, der doch nach Temperament und Charakter 
fast ein Antipode Rousseaus war. Und zwar wirkt sie — höchst seltsam ! 
— gerade in dem Augenblick, da Kant sich schon loslöst von der dem 
Rousseaugeist so verwandten englischen Gefühlsmoral, der sich Kant vor- 
her zeitweilig zugewandt hatte. Es ist eben offenbar nicht Rousseau der 
Theoretiker, von dem sich der Königsberger Denker erfaßt fühlt, sondern 
Rousseau der Mensch. Und der Mensch Rousseau wirkt im Menschen Kant 
eine Umwertung der Werte; er bricht in ihm den Wissenschaftsstolz und 
erweckt in ihm die Achtung vor der schlichten, reinen Menschlichkeit: 
'Rousseau hat mich zurechtgebracht'. Nebenbei: Ob Kant zu dieser Emp- 
fänglichkeit für diese Einwirkung gerade durch seine pietistische Erziehung 
vorbereitet war, wie Delbos meint, mag billig bezweifelt werden. 

Eine zweite spätere Beeinflussung geht von Rousseaus rationalem Ge- 
dankensystem aus. Es freut mich, daß Delbos einen Gedanken bestätigt, 
der mir bei der Lektüre der Economie poUtique kam, vind dem ich in 
meinem Rousseau (S. 27) Ausdruck gab — doch Delbos hat die Priorität der 
öfTentlichen Aussprache: In Rous.seaus Gesetzesbegriff ist die Wurzel des 
Kantischen Gedankens der Autonomie und der Kantischen Gleichung: 
Autonomie z= Freiheit; nur daß Kant die Rous.seausche volonte generale, 
die das Gesetz gibt, aus der rechtlich-sozialen Sphäre in das Forum der 
sittlichen Innerlichkeit überführt. 'Gehorsam gegen das Gesetz, das mau 
sich selbst vorgeschrieben hat, das ist die Freiheit': dieser Satz stand bei 
Rousseau zu lesen, ehe ihn Kaut in seiner Sprache und mit seinen Formeln 
in der Kritik der praktischen Vernunft offenbarte. Eine S|)ur dieses Tat- 
bestandes — der Übernahme einer ethischen Idee aus dem politischen Werk 
Rousseaus — findet Delbos in feinsinniger Weise in dem sclion oft bemerk- 
ten juristischen Charakter der Kantischen Ethik. Es .scheine, als habe die 
Kantische Lehre eine gewisse Seite des Rousseauschen Geistes zum Siege 
geführt, um eben damit eine gewisse andere Seite desselben Rousseaugeistes 
zu überwinden. An einem meist nicht beacliteten Ort findet Delbos bei 
Kant sogar eine Formel für die Versöhnung der beiden widerstreitenden 
Tendenzen Rousseaus, die nicht blos philosophisch interes.sant, sondern 
.sogar 'geschichtlich richtig sein dürfte'. Die beiden Discotirs haben voll- 



220 Das Rousseauproblem und seine neuesten Lösungen 

kommen richtig den Widerstreit der Kultur mit der Natur des Menschen- 
geschlechtes als tierischer Gattung nachgewiesen. Der Emile und der Con- 
trat wollen zeigen, wie die Anlagen der Menschheit als sittlicher Gattung, 
im Sinn ihrer Bestimmung so entfaltet werden können, daß die Menschheit, 
als sittliche Gattung, nicht mehr im Widerstreit sei mit der Menschheit, als 
rein natürlicher Gattung. Das Ergebnis von Delbos' Aufsatz darf man viel- 
leicht dahin zusammenfassen, daß Rousseau durch Kant und in Kant auf- 
gehoben ist in dem doppelten iSinn, den das Wort bei uns hat; wobei man 
dann freilich die Frage aufwerfen kann, ob Kant gerade für das Beste und 
Tiefste an Rousseau das erforderliche Organ hatte: Rousseaus Naturintuition 
und Naturmystik; seine schöne menschliche Natürlichkeit konnte Kant doch 
wohl in keinem Sinn des Wortes 'aufheben'. Doch das ist eine Frage der 
Wertbeurteilung. An Tatsächlichem könnte vermißt werden nur etwa der 
Hinweis auf die Postulatentheologie, deren Begründung Kant einfach aus 
dem Emile herübergenommen hat, nicht zum Nutzen seiner Sache. 

An die noch schwerere Aufgabe: 'Fortwirkung der Rousseauschen Geister- 
revolution bei Goethe und Schiller' hat sich B e n r u b i gewagt. Allein die 
schöne Begeisterung für den Genfer Propheten und die Sachkenntnis, mit 
der Verfasser an sein Thema herantritt, genügen hierfür nicht. Es braucht 
auch noch kritische Behutsamkeit, die zu vermissen ist, wenigstens in dem 
Abschnitt über Goethe. Benrubi sucht zwar, und findet deshalb auch, eine 
Menge zum Teil recht interessanter Einzelparallelen zu Rousseauschen Ge- 
danken in Goethischen Äußerungen. Auch ist ja außer allem Zweifel, daß 
der jugendliche Goethe von Rousseaus Geist einen Hauch verspürt hat, ja 
von ihm inspiriert wurde. Allein, es ist doch im höchsten Grade auffallend, 
wie wenig Goethe von Rousseau spricht. Lange Reihen von Seiten könnte 
man füllen mit seinen Urteilen über andere Franzosen, bedeutende und un- 
bedeutende; wer wissen will, was er eigentlich von Rousseau gehalten hat, 
wird Werke, Briefe und Gespräche vergeblich durchblättern. Sehr kühn ist 
daher Benrubis Eingangssatz: Goethe a admire et aime Rousseau de sa plus 
tendre jeunesse jusqtt'ä sa mort. Qtiand il parle de Itii, il en parle prcsque 
toujours avec Sympathie. Uns fällt vielmehr auf, wie Goethe sich aus- 
schweigt, und das ist sicher nicht zufällig. Er ist höchstwahrscheinlich in 
Rousseaus Wesen auf etwas gestoßen, das ihm nicht zusagte; und zwar wird 
es wohl das Romantische und Subjektive an ihm gewesen sein, das ihm zu- 
wider war, das er vielleicht als ungesund empfand. Darüber kann man 
streiten. Jedenfalls ist es eine schlimme Einseitigkeit, wenn man über den 
Berührungspunkten die ungeheure Verschiedenheit der beiden Naturen über- 
sieht, die sich gerade in d e n Werken zeigt, die ohne Rousseaus Anregung 
vielleicht gar nicht entstanden wären. Gewiß ist Werther eine Art von 
Saint-Preux, und gewiß hat Goethe vieles von sich in Werther hineingelegt. 
Aber wenn Rousseau m seiner heißen Leidenschaftlichkeit sich ganz mit 
seinem Saint-Preux identifiziert, so hält sich Goethe seinen Werther doch 
sehr in der Distanz: die Kühle und Objektivität bei aller tiefen Sympathie 
mit seinem Helden ist nicht zu verkennen, weil eben Goethe noch etwas ganz 
anderes ist als sein Werther. Darum ist das Wort vom Rousseauisme des 
Werther mit aller Vorsicht aufzunehmen, und ganz dasselbe gilt von dem 
Verhältnis, in dem Verfasser und Held der Confessions einerseits, Verfasser 
und Held von Dichtung und Wahrheit anderseits zueinander stehen. 

Besser kommt Benrubi mit Schiller zurecht, der ja in der Tat viel 
Rousseauhaftes in sich hat. Die Definition des sentimentalischen Dichters 
(in Über naive und scntimentalische Dichtung) , die Schiller ja auch auf sich 
selbst gemünzt hat, paßt ganz vorzüglich auf Rousseau.^ Die Rousseau- 



* Mit den Worten übrigens, mit denen Schiller den sentimentalen Dichter 
charakterisiert, hatte sich Rousseau schon selbst gekennzeichnet (in seinem 



Das Rousseauproblem und seine neuesten Lösungen 221 

Stimmung und die Rousseaugedanken der Erstlingswerke werden treffend 
aufgezeigt und bis in Einzelheiten verfolgt. Die darauf folgende Wendung 
Schillers zur Kuust. deren Lebeusfuuktion er mit geradezu religiöser Be- 
geisterung verherrlicht — nichts ist ja falscher als der Spottname Moral- 
trompeter, den iiim Nietzsche aufgetrieben hat — , die Lobpreisung der ge- 
schichtlichen Kultureutwicklung in den großen Kulturgedichteu, die Ge- 
meinschaft mit Goethe, das alles bedeutet dann freilicli eine Abwendung 
von Rousseau in jedem Sinn; das dürfte Benrubi mehr zugeben, als er es 
tut. Im übrigen bleibt die tiefe Seelen Verwandtschaft Rousseaus und Schil- 
lers bestehen, auch in der Periode von dessen klassischer Reife, sobald wir nur 
etwas in die Tiefe gehen. Und dabei hat man gar nicht nötig, Rousseau 
mit Benrubi nach der Dreistufendialektik von Boutroux und Lauson umzu- 
deuten. Nein, wir können Jean- Jacques ganz so lassen, wie er war, und 
brauchen auch Schiller nur so zu nehmen, wie er wirklich war, nämlich 
allerdings etwas anders, als er in dem Bilde erscheint, das die Festredner 
und die Vereiirungsvereiue von ihm zu entwerfen pflegen, und das Nietzsche 
in die Irre geführt hat. Man muß die Untertöne der Schwermut und Weh- 
mut verzehrender Sehnsucht bei ihm hören, wie sie aus dem Gedicht Der 
Pilgrim hervorbrechen — und dieses Lied hat viele Geschwister — , diese 
unbegreiflicherweise so oft überhörten Herztöne. Dann kann man nicht 
mehr verkennen, daß die Saiten seiner Seele in einem Einklang erzittern 
mit denen der tiefleidenden Seele des promeneur soUtaire. 

Das Verhältnis Rousseaus zu Tolstoi, über das Benrubi früher (in den 
Annales de la Societe Jean- Jacques Rousseau 1907) einen hochinteressanten, 
tiefeindringenden Aufsatz veröffentlicht hatte, behandelt in unserem Sammel- 
band Dwelshauvers. Hier springt ja das Verwandtschaftsverbältnis und 
— bei allem Respekt vor der Ursprüngliehkeit Tolstois sei es gesagt — das 
Abhängigkeitsverhältnis in die Augen. Tolstoi selbst hat es nie geleugnet: 
'Rousseau ist mein Lehrer seit meinem fünfzehnten Jahre. Rousseau und 
das Evangelium waren die beiden großen wohltätigen Einflüsse meines 
Lebens.' Im Gegensatz zu Benrubi zeigt Dwelshauvers hin und wieder die 
Neigung, den Graben, der die beiden Propheten trennt, etwas breiter und 
tiefer zu machen als er ist; wobei er Rousseau nicht ganz gerecht wird. Es 
ist z. B. nicht richtig, daß Rousseau zu einer gewissen Zeit seines Lebens 
den .schuftig-schlauen Bedienten Molieres geglichen habe. Von einer 'Be- 
dientenseele' Rousseaus zu reden, ist ein Unrecht. Sein Gefühl gegen die 
Reichen und Mächtigen war nie der Neid (darin hat Jaures vollkommen 
recht). Den Kampf einer edlen Seele gegen die gemeinen, niederen Triebe 
hat auch Rousseau geführt, nicht bloß Tolstoi. Wenn dieser in seiner 
Beichte 'reservierter' ist als der Verfasser der Confessions, so spricht das 
nicht ohne weiteres zugunsten der Beichte und zuungunsten der Con- 
fessions. Dagegen ist der Parallelismus der Weltanschauungen der beiden 
Männer richtig gezeichnet, der sich ja weit hinein bis in die Einzelheiten 
verfolgen läßt: die .scharfe Kulturkritik, die niclit bloß dem Kulturbestand 
zu Leibe geht, den offenkundigen sozialen Schäden, wie der ungerechten 
Ungleichheit, der Fäulnis und Heuchelei der Kulturträger, die vielmehr den 
Schaden in .seine Quelle zurückverfolgt und in den gepriesenen Kultur- 
mächten selbst, in Philosophie und Wissenschaft, in Kunst und Technik die 
Verunreinigung und das Verderben aufspürt; das Motiv dieser Kritik: der 
Durst nach intensivem, wahrem, natürlicliem Leben (bei Tolstoi das Problem 
vom Sinn des Lebens, bei Rousseau die Rückkehr zur Natur) ; das Suchen 
in derselben Richtung: die Hinwendung zu den primitiven Menschen und 



Brief an den Herzog Ludwig Eugen von Würtlemberg vom 10. Nov. 17GI}), 
nur daß er statt sentimental romanesque sagt, was der bessere Ausdruck 
seiu dürfte. 



222 Das Housseauproblem und seine neuesten Lösungen 

Völkern bei Rousseau, zu den einfältigen, hartarbeitenden, gutherzigen 
Bauern bei Tolstoi; bei beiden die sympathische Neigung zum einfältigen 
Ilerzensglauben inmitten einer skeptischen, ironischen, blasierten Welt. 
Und man könnte, Bcurubi und Dwelshauvers folgend, noch lange so fort- 
fahren. 

Dabei darf dann freilich die Verschiedenheit und der Gegensatz nicht 
übersehen werden. Der Gegensatz in einzelnen Anschauungen fällt dabei 
weniger ins Gewicht; daß z. B. der Rousseau des Contrat social eine sehr 
positive Stellung zum Staat einnimmt, Tolstoi, der Idealauarchist, eine 
durchaus ablehnende. Wichtiger ist der psychologische Gegensatz, den man, 
teils in Übereinstimmung mit Dwelshauvers, teils im Widerspruch gegen 
ilin, so formulieren könnte: Tolstoi ist die radikalere und tiefere Natur. 
In die Abgründe des Zweifels und der Verzweiflung, an die der vornelinie 
Russe durch sein vielbewegtes Leben geführt wurde, hat Rousseau, wenig- 
stens in den Jahren vor dem Ausbruch seines Wahnsinns, nie auch nur 
einen Blick geworfen. Aber Tolstoi hat mit der Unnatur, die er in seiner 
Bekehrung ertötete, doch auch manches Natürliche und Menschliche in sich 
umgebracht, ohne das der Mensch nicht leben kann. Daher sein utopisches 
Bergpredigtideal, das sich nun einmal nicht ins Leben umsetzen läßt, und an 
dem Tolstoi selbst bekanntlich gescheitert ist. Rousseau, mit seinem star- 
ken Erdenrest und in gewissen Zügen zeitlebens ein Kind des harmloseren 
18. Jahrhunderts, hat der Tragik des Lebens wohl nicht so scharf ins Auge 
gesehen, bleibt dafür aber mehr auf dem Boden der Natur und der schönen 
Menschlichkeit. Sein Menschenideal im Emile gehört nicht zu den höch- 
sten Idealen, welche die Geistesgeschichte kennt. Aber es läßt sich danach 
leben. 

In dem bedeutenden Schriftchen von A. G ö r 1 a n d, Rousseau als Klassi- 
Ictr der Sozialpädagogik, finden die Unitarier, wenn man die um Lanson 
so bezeichnen darf, wertvollen Sukkurs. Rousseau — und zwar wohlgemerkt 
nicht der Rousseau der Economic politique oder der Considcrations snr le 
gouvernement de Pologne, nein, der Rousseau des Emile — ist Sozial- 
pädagog, nicht Individualist. Damit ist der Stier bei den Hörnern gepackt, 
um mit Luther zu reden. Das Individualistische im Emile komme auf Rech- 
nung der schriftstellerischen Einkleidung; das 'Ich'-Temperament des Schrift- 
stellers, des Renaissancemenschen habe die Wissenschaftsabsicht Rousseaus 
etwas verdunkelt. Diese wird nun mit großer systematischer Entschieden- 
heit — man möchte sagen: prachtvoll energisch — im Sinne des Neukantia- 
nismus gedeutet : Rousseau gehört zur Familie der intellektuellen und ethischen 
Idealisten und Aprioristen, zu der Denkerreihe: Piaton, Descartes, Leibniz, 
Kant, Pestalozzi. Der Emile selbst ist ein straff einheitliches Werk: die 
drei Erziehungsstufen (die Erziehung zum Individuaistand des physischen 
Glücks, zur gesellschaftlich-industriellen Arbeit, zur moralisch-politischen 
Arbeit) bilden einen Zusammenhang, in dem sich ein einheitlicher Zug 
der Gedanken aufweisen lasse. Und — der Verfasser sagt nicht so, aber so 
meint er es — der Emile und der Contrat gehören zusammen: 'In dem Mut 
zur reinen Sittlichkeit soll der Mensch Politiker sein. Denn Moral und 
Politik sind eins. Darum muß Erziehung Erziehung zur Politik sein.' 

Ich glaube nicht, daß der Verfasser recht hat. Meine eigene, von der 
seinigen abweichende Ansicht zu begründen, ist hier nicht der Ort. Ich muß 
dafür auf meine Darstellung von Rousseaus Pädagogik^^ verweisen. Hier sei 
nur auf die Stellen im 'System' hingewiesen, in denen Görland Rousseaus 
Meinung offenbar nicht trifft, und anderseits sei unumwunden anerkannt. 



^ Paul Sakmann, Jean-Jacques Rousseau. Berlin, Reuther & Reichard, 
1913 (.'5. Band von 'Die großen Erzieher', hg. von R. Lehmann). 



Das Rousseauproblem und seine neuesten Losungen 22i^ 

daß Gürland sich auf Gedankenpartien stützen kann, die ihm recht zu geben 
scheinen und in denen das Wahrheitsmoment besteht, das er vertritt. Zum 
ersteren eins vor allem: in seinem Bestreben, l\0usseaus Naturalismus, der 
ihm nicht paßt, in den Kantischen Moralismus umzubiegen, verengt er Kous- 
seaus Begritl" von Natur, der eben nicht aufgeht in den Gürlandscheu Be- 
griff: 'Grundgesetz, vor allem moralisches Grundgesetz des Menschen'. Das 
ist zu wenig, zu eng für die Gottuatur, von der wir das Leben und die 
Gruudt riebe des Lebens haben, für die hohe Schicksalsgöttin, die Rousseau 
verehrt, Rousseau, der weniger moralistisch ist, als Görland ihn haben 
möchte, und mehr religiös. iSodann: die entscheidende, freilich nicht ganz 
leicht zu verstehende Stelle bald nach dem Eingang des ersten Buches über 
den komme und den citoycn exegesiert Görland nicht richtig. Dort be- 
gründet Rousseau .seine grundsätzliche Entscheidung für den Individualis- 
mus. Endlich hat Görland die Freilieit, in der Rousseau das noch nicht ge- 
wissensreife Kind erziehen will, moralistisch gedämpft — im Interesse der 
ihm am Herzen liegenden Einheitlichkeit der sittlichen Erziehung. Er hat 
ja ganz recht, daß diese Freiheit nicht Willkür, Zügellosigkeit, Laune be- 
deutet, aber er schwächt Rousseaus Polemik gegen die Gehorsamserziehuug 
nun doch ganz unerlaubt ab, wenn er zum Beispiel sagt: das Kind solle nur 
nichts bloß aus Gehorsam tun, es soll sich bei seinem Tun eines Gehorsams 
nur nicht bewußt werden. Trotzdem nichts aus Gehorsam geschehe, solle 
es doch von Anfang an an unweigerlichen Gehor.sam gewöhnt werden. Der 
letzte Satz ist ein augenscheinliches Mißverständnis der Stelle S. 77, 21 
(Emile, Ausg. Firmin-Didot) : II n'y a point ici de niiUeu, il faut 71'en 
exigcr rien du tont, ou le plier d'abord ä la plus parfaite obeissance. Das 
zweite Glied des Dilemmas, das völlige Zerbrechen des kindlichen Eigen- 
willens, will Rousseau hier denen als unumgängliche Folgerung zuschieben, 
die überhaupt mit irgendwelcher Pflichtforderuug an das Kind herantreten. 
Er für seine Person will selbstverständlich nichts davon wissen, redet auch 
nicht — beim gewissensunmündigen Kinde — von der Gewöhnung zu einem 
'wertvollen Gehorsam'. Auch nicht um ein 'Zügeln der Begierde' durch den 
Zögling handelt es sich, nicht um eine Verinuerlichung, eine 'Zueignung' 
irgendwelches Prinzips oder Gesetzes. Die 'Beschränkung der Begierde' 
ist eben nicht 'eigene Leistung au5 einem Prinzip des Willens'. Sondern die 
überlegene Kraft des Erzieherwillens, der die hohe Schicksalsmacht stell- 
vertretend darstellt, läßt es gar nicht zum Aufkommen der Begierde kom- 
men, indem er dem Trieb — aber nur dem Trieb, nicht dei Laune — freie- 
sten Spielraum läßt. S o denkt sich Rousseau die pädagogische Methode, 
deren praktische Durchführbarkeit hier nicht in Frage steht. 

Es soll nun aber nicht geleugnet werden, daß Görland manches in Emile 
schärfer gesehen hat als diejenigen seiner zahlreichen Erklärer, die dieses 
Werk zu sehr vom zweiten Discours her deuten, über den hinaus der Emile 
doch einen Fortschritt bedeutet. Emil ist und bleibt ein auf sich selbst 
stehendes, streng autonomes Individuum, aber ein solches, das in fruchtbare 
Beziehungen soll treten können zu den Menschen, zur Gesellschaft, zum 
Staat. Emil soll nicht bloß der 'gute' Mensch der Natur, er soll auch, wenn 
die Pflicht es .so will, 'tugendhaft' sein können. Hier sind Verbindungs- 
l.iücken, die Rousseau zum Contrat hinübergeschlagen hat. Daß sie diese 
Verbindungsbrücken zu Fundamenten des Werkes umgestalten möchte, das 
ist die P^inseitigkeit dieser durch den Reichtum an kräftigen systematischen 
Gedanken ausgezeichneten kleinen Schrift. 

Eine ganz besondere Note kennzeichnet das Buch von Champion, 
J.-J. Rousseau et la Revolution frangaise, das keine Jubiläumsschrift ist 
und nicht mit bewunderndem Aufblick zu seinem Helden geschrieben wurde. 
Wenn es auch gewiß nicht feindselig gehalten ist, so weht in ihm doch der 
kUhle Wind jener Objektivität, die ihren Gegenstand etwas unter sich sieht 



224 Das Rousseauproblem und seine neuesten Lösungen 

und in der Entfernung der Überlegenheit hält. Übrigens: wenn man das 
Wort bibelfest, angewandt auf Leute, die ihre Bibel in- und auswendig 
kennen, umprägen darf, so kann man von einer Rousseaufestigkeit Cham- 
pions reden, in der er wohl wenige seinesgleichen hat. Geschrieben ist das 
Werk zur Widerlegung von Männern wie Taine und Lemaltre (in dessen 
vielberufenem Buch Champion nur einen Abklatsch von Taine sieht) , m. a. 
W. gegen die Meinung, welch' Rousseau für den politischen Ideenfanatis- 
mus der Revolution und für die Greuel von 1793 verantwortlich machen 
will. Die Revolution, zeigt Champion, habe ein politisches System Rousseaus 
weder anwenden wollen noch können, einfach weil er keines hatte. Hier 
kommt das Buch also für unser Problem in Betracht. Champion geht 
nämlich noch viel weiter als Faguet, dem doch nur der Dualismus Rousseaus 
zu schaffen machte. Er findet ein Chaos in ihm; und es ist fast amüsant, die 
gelinde Verzweiflung mitanzusehen, in den diesen klarheitsbedürftigen, ein- 
heitsdurstigen Franzosen der guten alten Schule die vieldeutigen, wider- 
spruchsreichen Orakel des Genfer citoyen versetzen. Der Contrat ist ihm 
eine unverdaute Aneinanderreihung zusammenhangloser Erwägungen; es 
sei unmöglich herauszubringen, was sein Verfasser eigentlich wollte und 
dachte; er habe es wohl selbst nicht gewußt. 

Champion legt nun, dem polemischen Zweck seines Buches entsprechend, 
besonderen Nachdruck auf die Stellen, in denen Rousseau seine abstrakten, 
prinzipiellen, radikalen Sätze einschränkt. Seinen Anklägern gegenüber, 
die wie Lemaitre ihn und die Guillotine beständig in einem Atem nennen, 
führt er Rousseau den Relativisten vor, den konservativen Rousseau, den 
Revolutionsgegner, den Patriarchalisten, den timiden Vertreter des Grund- 
satzes: Quieta non movere! Man bekommt den Eindruck einer so harm- 
losen Unschuld den Revolutionsgreuelu gegenüber, daß man an das Schiller- 
sche Wort denkt: 'Dies Kind, kein Engel ist so rein'. Allerdings — neben- 
bei gesagt — ■ auch so rein von Verdienst; die Revolution wäre gekommen 
auch ohne Rousseau, sie hatte Hunderte von Propheten und Wegbahnern 
außer ihm, und sie lag in sachlichen Notwendigkeiten begründet. Doch im 
Ernst: man staunt darüber, wie vieles von dem, was A. WahU bei Montes- 
quieu als Reaktionsgedanken bezeichnet, d. h. als Gedanken, welche die Re- 
volution zu überwinden berufen waren, doch auch bei Rousseau zu lesen 
steht. Immerhin : man sollte eben doch kein Buch schreiben bloß zur Wider- 
legung anderer Bücher. Einmal laufen einem dabei Übertreibungen mit 
unter, wie z. B. das ungeheuerliche toujours in dem Satz (S. 112) : II a tou- 
jours recomniande de respecter la tradition. Und dann hat es Champion 
in der Bewertung jener Stellen, in der Verteilung des Akzents sozusagen 
vollkommen versehen. Man kann ein perfekter Rousseaukenner sein und 
doch kein Rousseaupsycholog. Mit Champions Methode könnte ein Voltaire- 
forscher ein ganz ähnliches Buch über Voltaire schreiben, in dem gezeigt 
würde, daß Voltaire entfernt nicht der Kirchenfeind und Pfaffenfresser 
war, als der in der Überlieferung fortlebt. Und die Überlieferung, welche 
die Züge zu simplifizieren liebt, hätte dann noch mehr recht als dieser Ge- 
lehrte. Noch viel mehr recht hat diese Überlieferung, wenn sie in dem ab- 
solutistischen Rousseau der 'idealen Forderung' den wahren Rousseau sieht 
und nicht in dem Relativisten der vorsichtigen Einschränkungen, ja wenn 
sie ihm die Revolution auf den Kopf zusagt und ihn ihren Vater heißt. Die 
Ideale des Rechts und der Gerechtigkeit, zu deren Sprachrohr sicli Rousseau 
machte, haben nun einmal etwas Revolutionierendes. Die langen Stellen- 
reihen aber, die Champion für seine Anschauung ins Feld führt, erklären 



^ A. Wahl, Montesquieu alfi Vorläufer von Aktion und Reaktion. 'Histo- 
rische Zeitschrift' (109. Bd.) 3. Folge 13. Bd. 



Das Rousseauproblem und seine neuesten Lösungen 225 

sich einfach psychologisch aus einer Eigentümlichkeit Rousseaus. Der 
emotional erregte Rousseau ist immer von einer unerhörten Kühnheit, die 
aber sein schwacher Wille nicht durchzuhalten vermag. Ruhiger geworden 
oder irgendwie zur Besinnung gebracht durch den Widerspruch anderer 
oder durch die Schranken der Wirklichkeit, erschrickt er regelmäßig über 
die Gefährliclikeit seiner eigenen Gedankengebilde. Dann gleicht er dem 
Cioethischen Zauberlehrling und kaun die Geister, die er gerufen, nicht 
schnell genug loswerden. Das ist auch ein Dualisums, ein formaler, der sicli 
bei ihm durch sein ganzes Werk, die individualistisch wie die sozialistisch 
gestimmten Schriften, durch verfolgen läßt. Zu dem besonderen von Cham- 
pion behandelten Problem darf hier wohl auf das zurückverwiesen werden, 
was oben (S. 209) von und über Bourguin gesagt wurde. 

Das durch einzelne feine Bemerkungen ynd durch wohltuende Sympathie 
mit dem Helden ausgezeichnete Festschriftchen von Ewald Wasmuth 
wendet sich an einen weiteren Kreis von Lesern und macht keine Ansprüche 
auf strenge Wissenschaftlichkeit. Es ist eine Art von psychologischem Kom- 
mentar zu den Confessions, die so ziemlich die einzige Grundlage für die 
hier gegebene Konstruktion der Seele Rousseaus bilden. Es wird so aller- 
dings eine gewisse Einheit gewonnen, aber auf eine billige Art, sofern die 
Offenbarungen, die Rousseau über sich in seinen Werken gegeben hat, fast 
ganz außer acht gelassen werden. Wer die 'Wurzeln seiner Philosophie in 
seinem Leben aufzeigen' will, muß uns über diese Philosophie selbst etwas 
Bestimmteres sagen als das, was der Verfasser davon sehen läßt. Mit dem 
einen, an sich nicht unrichtig beobachteten Zug, daß er ein nervöses, impul- 
sives Phantasiegenie war, ist nicht alles erklärt. Für diese oft zarte und 
feine, aber öfters auch etwas vage Stimmungspsychologie tritt das Problem, 
das uns hier beschäftigt, eigentlich gar nicht in Sehweite. 

Die beste und reifste Frucht, die uns das Jubiläumsjahr bescherte, ist 
ohne Frage das aus Festvorträgen hervorgegangene Buch von B o u v i e r, 
der als Vorsitzender der um Rousseau hochverdienten Societe Jean-Jacques 
Rousseau und Herausgeber ihrer Annales heute die erste Autorität unter 
den Rousseauforschern ist. In allem, was das Biographische im engeren 
Sinne betrifft: Lebensgang, Umwelt und Zeit, persönliche Beziehungen, Ein- 
flüsse und Nachwirkungen, haben wir hier etwas endgültig Abschließendes 
erhalten. Und in der Form ist das Buch ein Meisterwerk.^ Diese Kunst, 
mit wenig Strichen ein Charakter-, ein Zeit-, ein Milieu-Bild zu geben — 
ein besonders feiner Zug dabei ist das Verweben von außerordentlicii glück- 
lich gewählten Rousseauworten in den Text der Schilderung — , der hohe 
Standpunkt der Überschau, von dem aus alles einzelne in der verwirrenden 
Fülle dieses reichen Lebens wie von selbst an die richtige Stelle sich ordnet 
und ins rechte Licht tritt, vor allem die tiefe Menschenkunde und reife 
Lebensweisheit, die unseren Biographen zum berufenen Deuter dieser rätsel- 
vollen Seele machen, das alles ist klassisch an diesem W'erk. Und wie es 
beim Klassischen zu sein pilegt, ist es eben der gleichmäßigen Vollendung 
wegen schwer, einzelnes besonders hervorzuheben; man muß durchaus den 
mächtigen Eindruck des Ganzen auf sich wirken lassen. 

Es entspricht nun nur dem bisher dargestellten Stand der Forschung von 
heute, wenn uns der Aufriß der Rousseauschen Weltanschauung in diesem 
Buche nicht gleich einwandfrei er.scheinen will. In der Frage, die uns hier 
beschäftigt, stellt sich Bouvier durchaus auf die Seite Lansons. Der Über- 



^ Da für eine eingehende Diskussion, wie sie dieses Werk beanspruchen 
kann, hier in diesem Rahmen nicht Raum genug vorhanden ist, so darf icli 
wohl auf meine Besprechung des Buches in den Oöttingischen Oelehrten An- 
zeigen verweisen. 

Arclüv f. n. Sprachen. CXXX. 15 



ÖÖ6 Das Rousseauproblem und seine neuesten Lösungen 

blick über Rousseaus Grundgedanken, mit dem er die Analyse der Haupt- 
werke einleitet, wird ganz in dem aus Lansons Literaturgeschichte bekann- 
ten Schema gegeben und unterliegt daher den oben (S. 208) gegen diesen 
erhobenen Einwänden. Im Verlauf der Darstellung jedoch und namentlich 
am Schluß schiebt sich an Stelle der Lansonschen logischen Systemeiuheit 
eine andere eigenartige Auffassung der Einheitlichkeit von Rousseaus Ge- 
schichte und Werk, die einer Entwieklungseinheit des inneren Lebens. Wenn 
bei Lanson jede Schrift ihren bestimmten geometrischen Ort im System hat, 
wenn jede an ihrem Ort ein bleibend gültiges Moment der Wahrlieit des 
Gedankenganzeu ausspriclit, so sieht Bouvier in den früheren Werken Stu- 
fen, über die Rousseau zu einer Höhe hinaufschreitet, auf der er das Frühere 
als überwunden hinter sich läßt. Der zweite Discours z. B. enthält, von 
dieser Höhenlage aus gesehen, Irrtümer, die Rousseau mit den Werken der 
Reife stillschweigend zurückgenommen hat. Um eine Trias handelt es sich 
auch hier, aber nicht um eine logische Trilogie, sondern um einen Drei- 
stufengang. Erste Stufe: die Jahre der Unselbständigkeit und der An- 
passung an das Wesensfremde, Traditionalismus, von den Jahren in den 
Charmettes bis 1749 (Leitmotiv: il faut faire comme les autres). Dann 
Finden des Selbst, Wendung in der Erweckung: Opposition des sentiment 
interieur gegen Traditon und raison generale, Individualismus, Autonomie, 
Naturalismus, Romantik. Endlich langsame Höherentwicklung und Läute- 
rung der erst trotzig auf sich selbst stehenden, auf ihr Eigenrecht pochen- 
den Eigenpersönlichkeit, die nun ein Höheres über sich anerkennt: Sozial- 
ethik des Contrat social, die religiösen Glaubenszeugnisse des gereiften 
Rousseau. Rousseau depasse inflniment Jean-Jacques, Vhomnie de la nature 
et le promeneur solitaire. Quelles etapes magnifiques sa pensee a franchies 
depuis les paradoxes des premiers Discours (S. 400). Es ist einer der Höhe- 
punkte dieser Biographie, wie dieser Prozeß sittlicher Läuterung und Ver- 
tiefung geschildert wird, namentlich in der Geschichte von Rousseaus Me- 
ditation über seine Verschuldung an seinen Kindern; noch niemand hat uns 
in die einzelnen Phasen dieser contritio einen solchen Einblick tun lassen. 
Es ist keine Frage, daß an dieser Auffassung viel Wahres ist. Diese 
sittliche Entwicklung ist es, die zwischen dem Naturalismus Diderots und 
Rousseaus, die eine Zeitlang einander zum Verwechseln ähnlich sahen, einen 
tiefen Graben zieht. Aber den instinct moral nun als den fond Rousseaus 
zu bezeichnen, ihn als essentiellement moraliste zu charakterisieren, das ist 
doch wohl eine Übertreibung dieses Zuges, der vielleicht der schönste, aber 
nicht der tiefste an unserem Helden ist. Uns will bedünken, wenn man 
von einem fond dieser dichterartig reichen Natur reden will, so müßte 
es doch der Naturglaube sein, der auf den tiefsten Erlebnissen seiner Seele 
ruht. Da ist er ganz er selbst, wenn er dieses Gottes voll zum Flug in die 
mystisch-pantheistischen Höhen sich erhebt oder hingegeben ruht am Busen 
der mütterlichen Erde. Die ekstatischen Ergüsse des dritten Briefes an 
Malesherbes, die wunderbaren Naturschilderungen der Confessions, das in 
Emile entworfene Ideal des komme de la nature, das sind die echtbürtigen 
Geistesschöpfungen Rousseaus. Mehr bloß anempfunden ist das citoyen- 
Ideal des Contrat — darauf verfiel er in der Zeit, da er sich noch nicht ge- 
funden hatte, angeregt von Jugenderinnerungen, um dann allerdings in 
dieses übernommene Ideal den ganzen Enthusiasmus seiner Seele einzu- 
strömen. Und dasselbe gilt von der Genfer Pastoral- und Moraltheologie 
der Profesion de foi du vicaire savoyard. Wie ließe sich sonst erklären, 
daß der Contrat und der Emile, den er doch gewiß nicht mit dem Contrat 
auch zurücknehmen wollte, wie das Bouvier vom zweiten Discours — wohl 
zu Unreclit — behauptet, so beziehungslos nebeneinander stehen, daß am 
Schluß der Contrat von Rousseau geradezu als Fremdkörper empfunden und 
in entscheidenden Äußerungen über sein Lebenswerk geradezu ignoriert 



Das Rousseauproblem und seiue neuesten Lösungen 227 

wird! Und die Glaubensartikel seines theologischen credo können ebenso- 
wenig die sichere Errungenscliaft sein, als die sie in Bouviers Darstellung 
erscheinen. Wäre der Unsterblichkeitsglaube mehr als bloßes Postulat, 
wäre er lebendiger Besitz seiner Seele gewesen, so hätte diese unmöglich 
in die Bande des finsteren Komplottwahus geraten können. 

Fassen wir den Eindruck unserer Übersicht zusammen. Wir sind heute 
dem Verständnis Eousseaus vielleicht näher gerückt als je zuvor. Nocli aber 
liat es keine der widerstreitenden Auffassungen von Rousseaus Person und 
Werk vermociit, sich siegreich durchzusetzen. Um zur Einigkeit zu ge- 
langen, .soweit eine solche überhaupt möglich ist, dazu gilt es noch, dieselbe 
emsige Einzelforschung, die bisher vor allem dem Lebensgang und den per- 
sönlichen Beziehungen gewidmet wurde, nun auch den Gedanken des großen 
Genfers zu widmen, ihrer psychologisch-geschichtlichen Entstehung, ihrer 
Verwandtschaft und ihrem Widerstreit, ihrem Ringen im Geist ihres Ur- 
hebers. Ilicr muß philosophischer Geist mit philologischer Pünktlichkeit 
sich verbinden. Wir müssen neben der nun gesicherten Chronologie der 
Lebensgeschiclite — soweit das möglich ist — auch eine gesicherte Clirono- 
logie der Ideeugeschichte bekommen. Dann wird sich zwar nicht jedes 
Rätsel lösen, manches Rätsel vielmehr auch neu sich knüpfen, aber wir 
werden uns wenigstens klar werden über die möglichen Auffassungen, 
zwischen denen wir wählen können. 

Stuttgart. Paul Sakmann. 



lü* 



Verzeichnis 

der von Mitte Dezember 1912 bis Mitte März 1913 bei der 
Redaktion eingelaufenen Druckschriften. 

Allgemeines. 

F o 1 k - 1 o r e. XXIII, 1 [W. Crooke, The scientific aspects of folklore. 
■ — F. Fawcett, Odikal and otlier customs of tue Muppaus. — W. W, Skeat, 
Snakestones and stone thunderbolts as subjects for systematic investigation. 

— Collectanea (u. a. Armenian folktales). — Correspondence. — Reviews 
(u. a. Jones, King Arthur, Griffith, Perceval of Galles und Brown, The 
bleeding lance, bespr. v. J. L. Weston)]. 3 [W. Crooke, The veneration of 
the cow in India. — W. H. R. Rivers, The sociological signifiance of myth- 
collectanea (u. a. : Dovinney-Oil, the night - man : a Manx folk - tale, by 
S. Morrison). — E. Clodd, In memoriam: Andrew Lang. — R. R. Ma- 
reth, A. van Gennep, W. H. R. Rivers, and P. H. Schmidt, Andrew Lang: 
folklorist and critic. — A. Lang: Last words on totemism, marriage and 
religion. — Reviews and short biographical notices]. 

Zeitschrift für österreichische Volkskunde. XVIII, 4, 5 [M. Höfler, Der 
Frauen-Dreißiger. — J. Blau, Die alten Ewiglasten der eisernen Kühe und 
ihre angeblichen Rechtssymbole. — P. Tschurtschendaler, Die Abfahrt von 
der Alm im Pustertal (Tirol). — Kleine Mitteilungen. — Ethnographische 
Chronik. — Literatur. — Mitteilungen aus dem Verein und dem k. k. Mu- 
seum für österreichische Volkskunde]. 

Miscellany presented to Kuno Meyer. By some of his friends and pupils 
on the occasion of his appointment to the chair of Celtic philology in the Uni- 
versity of Berlin. Edited by Osborn B e r g i n and Carl Marstrander. 
Halle a.S., Niemeyer, 1912. IV, 486 S. M. 16 [A. Anscombe, Lucius Rex 
and Elentharius Papa. — G. Henderson, Arthurian motifs in Gadhelic lite- 
rature. — Chr. Sarauw, Specimens of Gaelic as spoken in the Isle of Skye. 

— W. J. Purton, The dove of Mother — J. Roy. — J. H. Lloyd, From the 
book of Clanaboy. — R. Thurneysen, Das Futurum von altirisch agid 'er 
treibt'. — R. Priebsch, 'Grethke, warumb heff stu mi' etc. ; das 'Bauer-Lied' 
Simon Dachs. — E. Anwyl, The verbal forms in the White Book text of 
the four branches of the Mabinogi. — H. Gaidoz, Le mal d'amour d'Ailill 
Anguba et le nom de Laenuce. — G. Dottin, Sur l'emploi de i. — E. Ernault, 
Les nouveaux signes orthographiques dans le breton du Mirouer. — J. Glyn 
Davies, Two songs from an Anglesey ms. — F. Sommer, Der keltische Dual. 

— R. J. Best, The Lebar Becc tractate on the canonical hours. — E. C. Quig- 
pin, A poem by Gilbride Macnamee in praise of Cathal O'Conor. — E. J. 
Gwynn, Becin Foris. — D. Hyde, Seiig mhör Shliabh Luachra. — M. Joynt, 
The fate of Sinann. — J. Lloyd-Janes, The development of the verbal r- 
forms. — J. Pokorny, Eine altirische Legende aus dem Buch von Leiuster. 

— J. Fräser, A use of the verbal noun in Irish. — J. Rhys, Three ancient 
inscriptions (from Wales). — E. Knott, A poem by Giollo Brighde O'Heog- 
husa. — J. G. O'Keeffe, A portrait. — G. Coffey, Araber beads found in 
Ireland. — Th. P. O'Nowlan, Imchlod, aingel. — Tadlig O'Donoghue, Cart 
cech rig co rßil. — A. S. Green, Henry VIII, 'King of Ireland'. — J. Ven- 
dryes, A propos des groupes imitiaux dentale-j-v. — A. Bugge, Norse Coan 
words in Irish. — T. O'Mäille, Merugud clßirech Choluim Chille. — W. P. 
Ker, On a lyric stave called in Irish ochtfoclach hec. — J. Sampson, The 
leaves that hung but never grew (a Welsh gypsy f olk-tale) . — C. Marstran- 
der, Varia. — 0. J. Bergin, Poems attributed to Gormlaith. — C. Marstran- 
der, Dun na Trapoharla. — Deux contes irlandais]. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 229 

The bulletin of the Bibliographical Society of America. IV, 1, 2. Ja- 
nuary — April 1912. 32 S. Doli. 1 per vol. [Mit Nachdruck sei auf diese 
Veröffentlichung der im Jahre 1904 gegründeten Bibliographical Society of 
America hingewiesen. Die praktischen Amerikaner haben sich hier, im 
Verein mit den von derselben Gesellschaft herausgegebenen Papers, ein Or- 
gan geschaffen, wie es uns in Deutschland fehlt, und das schon reiche und 
tüchtige Arbeit geleistet hat. Das vorliegende Heft gibt das Programm deV 
im Juni 1912 abgehaltenen fünfzehnten Versammlung, die sich auch viel- 
fach mit deutschen Bibliographien befaßte, ferner eine sehr bemerkenswerte 
Zusammenstellung der deutschen Übersetzungen Alexander Popes im 18. Jahr- 
hundert, einen interessanten Bericht über die Natioualbibliothek in Chile 
und ihre bibliographische Tätigkeit, kurze Referate über Neuerscheinungen, 
eine Liste laufender amerikanischer Bibliographien (nach Stichworten ge- 
ordnet) und schließlich die Fortsetzung einer Bibliographie der Biblio- 
graphien. Nach all dem scheint mir die Bibliographical Society of America, 
in Verbindung mit der Modern Language Association, wahrlich den Be- 
fähigungsnachweis für jenes großzügige bibliographische Unternehmen er- 
bracht zu haben, über das ich in dieser Zeitschrift (Bd. 128, H. 3/4, S. 398 
bis 400) berichten konnte. Hans Daffis.] 

Jespersen, Otto, Lehrbuch der Phonetik. 2. Aufl. Mit 2 Tafeln. 
Leipzig u. Berlin, Teubner, 1913. IV, 258 S. M. 5,20, geb. M. 5,80. 

S c h r o e d e r, O., Vom papiernen Stil. 8. durchges. Aufl. Leipzig u. 
Berlin, Teubner, 1912. VIII, 101 S. M. 2,40, geb. M. 3. 

Historisch-pädagogischer Literatur-Bericht über das Jahr 1910. Hg. von 
der Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte. (2. Beiheft 
zu der Zeitschrift für Geschichte der Erziehung und des Unterrichts.) 
Berlin, Weidmann, 1912. VIII, 372 S. M. 3. 

The Carnegie trust for the Universities of Scotland. Eleventh annual 
report (for the year 1911 — 12). Submitted by the executive committee to 
the trustees on 12th february 1913. Edinburgh, University Press, 1913. 
IV, 90 S. 

G e r c k e, A., und Norden, Ed., Einleitung in die Altertumswissen- 
schaft. Bd. III. Griechische und römische Geschichte. Griechische und 
römische Staatsaltertümer. Leipzig u. Berlin, Teubner, 1912. 428 S. und 
16 S. Register. M. 9, geb. M. 10,50. [Der dritte Band des vorzüglichen 
Werkes ist für den Nichtphilologen zwar inhaltlich von großem Wert, 
methodisch aber naturgemäß nicht so wichtig als die beiden ersteren. Ge- 
schichte und Privataltertümer der Griechen und Römer, zumal die Ge- 
schichte, haben für uns Germanisten zwar die Wichtigkeit bedeutender Tat- 
sachen, eröffnen uns aber kaum je die Möglichkeit vergleichender Blicke auf 
das eigene Arbeitsgebiet. Gewiß ist auch unser Studium selbst ein histori- 
sches, und nicht bloß, wie IL Usener urteilt, eine Vorbereitung des histori- 
schen StTidiums, und so haben wir von den Urteilen der Beurteiler über die 
Historiker zu lernen und dürfen uns nicht scheu machen lassen, wenn etwa 
Belochs Urteil über Mommsen mit dem wenig übereinstimmt, das der bei- 
nahe gleichzeitig im selben Verlag er.schienene Band 'Staat und Gesellschaft 
der Griechen und Römer' (Kultur der Gegenwart, Teil II, Abt. IV, 1) von 
U. v. Wilamowitz und B. Niese bietet. Bei einer so eminent persönlichen 
Persönlichkeit wie Mommsen es war, wird eben der eine in der Subjektivi- 
tät eine Gefahr sehen, die durch die exaktesten Untersuchungen (z. B. zur 
Kunstgeschichte), am besten eingeschränkt wird (so Beloch), der andere 
einen Vorteil, der auf den freiesten Gebieten sich am schönsten bet.ätigen 
kann (so Wilamowitz). Da es aber zu den besonderen Vorzügen dieser Ein- 
leitung gehört, daß sie für 'Gesichtspunkte und Probleme' besondere Ab- 
schnitte übrig hat — wie denn nicht leicht der Plan eines solchen Werkes 
sorgfältiger durchdacht und die Ausführung besser überwacht war als bei 



230 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Gercke-Norden — , so können wir doch aus diesen Übersichten manchen Ge- 
sichtspunkt und manches Problem unmittelbar aufnehmen. Beloch weist 
(S. 149) auf die Verschiedenheit philologischer und historischer Auffassung 
hin, wobei er allerdings die Historie, wie mir scheint, zu abstrakt nimmt: 
'die Gescliichte — das Wort im höchsten Sinne genommen — • ist eine enzy- 
klopädische Wissenschaft wie die Philosophie; sie hat die Darstellung der 
gesamten Kulturentwicklung der Menschheit, in allen ihren Richtungen, 
zur Aufgabe'. Aber in diesem Sinne ist doch eben jede Wissenschaft enzy- 
klopädisch; mir scheint vielmehr für das Verhältnis der Philologie zur Ge- 
schichte das Überwiegen des statischen Prinzips dort, des dynamischen hier 
ausschlaggebend. (Ich sage: das Überwiegen; denn natürlich kann weder 
die Philologie die Veränderungen noch die Geschichtswissenschaft die Gleich- 
gewichtszustände außer acht lassen.) Oder er erörtert gelegentlich der an- 
tiken Wandersagen (S. 199) ein Problem, daß auch für die germanische Ur- 
geschichte wichtig zu werden beginnt, die archäologische Wertung der wech- 
selnden Kunststile. Allgemein spricht er (S. 202) das mehr als bedenkliche 
Wort aus: 'Nur was bewiesen werden kann, gehört in die Geschichte'; soll 
damit etwa das Ideal der mathematischen Evidenz wieder aufgerichtet wer- 
den, an dem bei uns ein so bedeutender Forschergeist wie Heinzel sich zu- 
grunde gerichtet hat? — K. J. Neumann dagegen liebt weniger prinzipielle 
Aufstellungen als praktische Hinweise, z. B. (S. 417) auf die Methode der 
Rückschlüsse, die Art der Kodifikationen. Lehmann-Haupt versteht bei den 
Ausführungen über Prähistorie und Geschichte (S. 63) beides zu vereinigen. 
— Vor der Lektüre des neuerdings so stark empfohlenen Werkes von Fer- 
rero warnt Kornemanh (S. 263) alle, die nicht 'Kenner des Quellenmaterials 
und der Literatur' seien; was doch ein wenig an das 'Achgesebrei der zünf- 
tigen Perücken' bei Mommsens Auftreten (Beloch, S. 192) erinnert! Richard 
M. Meyer.] 

Hermann, Eduard, Griechische Forschungen. I. Die Nebensätze in 
den griechischen Dialektinschriften im Vergleich mit den Nebensätzen in 
der griechischen Literatur und die Gebildetensprache im Griechischen 
und Deutschen. Mit zwei Tafeln. Leipzig und Berlin, Teubner, 1912. 
VIII, 345 S. M. 10, geb. M. 12. [Die Nebensätze in den Dialekt- 
inschriften und in der Literatursprache der Griechen werden in der alpha- 
betischen Reihenfolge der subordinierenden Konjunktionen aufgezählt und 
beschrieben. Bei der Vergleichung hebt Hermann die Tatsache hervor, daß 
die Urkundensprache bereits eine Gebildetensprache war, sowie, daß die 
icntrrj sich nicht bloß schriftlich, sondern auch mündlich verbreitet und 
neben die Volksmundart gestellt haben muß. Eingeschaltet ist dabei ein 
beachtenswertes Parallelkapitel: 'Die Entstehung der gesprochenen Gemein- 
sprache im Altgriechischen und Deutschen' S. 192 — 218. H. vertritt dabei 
gegenüber der herrschenden Ansicht, daß bis zum 19. Jahrhundert bei uns 
nur die Kanzleisprache hinausgewirkt habe, die These, daß schon im 16. Jahr- 
hundert die Gemeinsprache auch mündliche Eroberungen gemacht habe, und 
bringt dafür eine Reihe Zeugnisse bei. Tatsächlich findet man in jedem 
Dialekt eine Zwischenstufe, die zwischen dem reinen Dialekt und der Ge- 
bildetensprache in der Mitte steht, also einen Kompromiß darstellt; in 
Nordtirol z. B. sagt man in bäuerlichen Kreisen stoan, in gebildeten stein, 
und als Zwischenform, je nach der angeredeten Person und der Umgebung, 
staan. In England sind bereits beim ersten Aufkommen der Schriftsprache, 
zu Ende des 15. Jahrhunderts, dreierlei Londoner Sprechweisen nachzu- 
weisen: 1) die höfische des ersten Druckers Caxton, der als Gesandter ge- 
dient hatte, 2) die halbgebildete der Rechnungsführer von St. Mary, die not- 
dürftig noch Latein konnten, und 3) die gröbliche, sehr gemischte der Buch- 
halter im Geschäftshaus Cely — alle zu gleicher Zeit in derselben Stadt 
London. Hermann hat also eine in den neueren Sprachen längst beobachtete 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 231 

Durchkreuzung der mundartlichen Verhältnisse, durch Abstufungen der 
Bildung, auf altgriechisclios Gebiet übernommen. Es ist eine dankbare, 
weil dem Leben abgelauschte Beobachtung.] 

Neuere Sprachen. 

Literaturblutt für germanische und romanische Philologie. XXXIII, 12. 
Dezember 1912 [Golther: Strucks, Der junge Parzival. — Griffith, Sir Perce- 
val of Halles. — Junck, Gralsage. — - Peebles, The legend of Longinus. — 
Nitze, The sister's son and the coute del graal. — Helm: Lüdicke, Vor- 
geschichte und Nachleben des Willehalm von Orlens von Rudolf von Ems. 

— Brenner: Angermann, Der Wechsel in der mhd. Lyrik. — Jung: Ewald, 
Der Humor in Chaucers Canterbury Tales. — Jordan: Reinhold, Die ver- 
schiedenen Fassungen der Bertasage. — Voßler: Stern, Dante und Goethe, 
übs. V. Daniela Thode]. XXXIV, 1. Januar 1913 [Moog: Diethey, Das Erlebnis 
und die Dichtung. — Goetze: Levy, Geschichte des Begriffes Volkslied. — 
Helm: Banz, Christus und die Minnende Seele; Beyer, Die md. Segremors- 
fragmente; Tiedemann, Passional und Legenda aurea; Hohmann, Beiträge 
zum Veterbuch. — Moog: Friedemann, Die Rolle des Erzählers in der Epik. 

— Richter: Mändvescu, F. G. Klopstock. — Traumann: Plansen, Goethes 
Leipziger Krankheit. — Bödtker: Akerlund, On the history of the definite 
tenses in English. — Glöge: Schölkopf, Das Naturgefühl in Byrons Dich- 
tungen. — Becker: Zenker, Zur Mabinofrage; Mann, Das Roland.slied. 

— Küchler: Wiegand, Montaigne. — Herzog: Gierach, Synkope und Laut- 
abstufung. — Hansel: Kohler, Sieben spanische dramatische Eklogen]. 

Modern language notes. XXVII, 7. November 1912 [G. 0. Curure, Force 
and function of 'Solch'. — L. C. Karpinski, Augrim-Stones. — G. T. Northup, 
Old Spanish Brunda. — H. S. V. Jones, A proverb in Hamlet. — J. S. Ke- 
nyon, On an idiomatic order of words]. 8. December 1912 [M. B. Ogle, 
Classical literary tradition in Early German and Romance literature. ■ — 
G. B. Woods, The bailad of The Gypsy Davy. — T. M. Campbell, Novalis 
on form and content. — L. S. Friedland, Milton's Lycidas and Spenser's 
Ruines of time. — D. S. Blondheim, Rabbinial legend in the Cavallero Cifar. 

— W. Nicholson, Notes on Milton]. XXVIII, 1. January 1913 [Ph. Barry, 
An American homiletie ballad. — R. Tombo jr., The identity of the Hassen- 
pflugs in Hauptmanns The fool in Christ. — St. L. Galpin, Notes on the 
sources of Deguilevillo's Pelerinage de Väme. — W. L. Phelphs, Browning 
in Germany]. 

Schweizerisches Archiv für Volkskunde. XVI, 3. 1912 [A. Rossat, Les 
'föles' ITI. — J. Müller, Sagen und Schwanke aus Uri, 2. Forts. — S. Schlat- 
ter, Das Haus als Fahrhabe. — A. Borioli: Storielli, leggende, costumanze 
ticinese. — Miszellen. — Bücheranzeigen]. 4 [0. v. Greyerz, Das alte Gug- 
gisberger Lied. — M. Gabbud, Eph6m6rides baguardes. — J. Meier, Der 
Eieraufleset in Dintikon]. 

Modern philology. X, 3. January 1913 [T. P. Gross, Notes on the 
chastity-testing hörn and mantle. — T. F. Crane, New analogues of old 
tales. — I. H. Heinzelmann, Pope in Germany in the eighteenth Century. 

— E. P. Morton, The Spenserian stanza in the eighteenth Century. — D. 
C. Stuart, Stage decoration and the unity of place in France in the seven- 
teenth Century. — T. E. Oliver, Notes on the Bourgeois gentilhomme. — 
J. A. Adams jr., Everey Womati in the Tlonour and The Pumh Knight. — 
J. R. Hulbert, Chaucer and the Earl of Oxford]. 

Revue germanique, annie VIII, 2. Mars-Avril 1912 fCh. Joret, La reli- 
gion du jeune Goethe. - — F. L. Schoell, Un drama Clisabethain anonyme: 
'Charlemagne']. 3. Mai-Juin 1912 [A. Leger, Wesley in6dit. — F. Piquet, 
Le caractöre de Don Cä.'^ar dans la 'Fiancß de Messine']. 4. Juillet-Aoüt 



232 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

1912 [J.-M. Carrö, Un anii et un döfenseur de Goethe en Angleterre. Henry 
Crabb Robinson (1775—1867). — G. d'Haugest, Le premier roman de John 
Gelsworthy]. 5. Novembre-D6cembre 1912 [G. Rabache, Austin Dobson, 
poöte. - — E. Pitrou, Une source des nouvelles de Theodor Storm. Le recueil 
des 'Sagen, Märchen und Lieder' de K. Müllenhof f]. IX, 1. Janvier- 
Fövrier 1913 [E. Seilliöre, La morale de W. James et les 6l6ments de l'ac- 
tivitß mystique. — M. J. Minckwitz, Encore le Willehalm de Wolfram 
d'Eschenbach. — C. PitoUet, Carducci et la littörature allemande. — A. 
Koszul, Le roman anglais 1911 — 1912]. 

The modern language review. VIII, 1. January 1913 [H. V. Routh, The 
future of comparative literature. — F. Baldensperger and J. M. Carrö, La 
premiere histoire indienne de Chauteaubriand et sa source amßricaine. — 
L. Ragg, Wit and humour in Dante. — G. C. Moore Smith, Doirniana. — 
M. Körner, Two poems attributes to Th. Körner. — A. S. Napier, Two frag- 
ments of Alfred's 'Orosius'. ■ — W. W. Greg, A ballad of Twclfth day. — M. 
R. James and G. C. Macaulay, Fifteenth Century carols and other pieces]. 

Modern language teaching. VIII, 7. November 1912 [A. Tilley, French 
as an Instrument of liberal education. — Carfax, French and German in 
Scottish schools]. 8. December 1912 [St. Leathes, Modern languages and 
a liberal education. — Professor Skeat (Obituary). — T. B. Rudmose-Brown, 
The apotheosis of French poetry]. 

Germanisch-romanische Monatsschrift. IV, 11. November 1912 [P. Leh- 
mann, Literaturgeschichte im Mittelalter, I. — Ph. Aronstein, Die Hexen im 
englischen Renaissancedrama, IL — Ch. Bally, Le style indirect libre en 
frangais moderne, II]. 12. Dezember 1912 [P. Lehmann, Literatur- 
geschichte im Mittelalter, IL — H. Naumann, Zur altnordischen Namen- 
gebung. — 0. Floeck, Romantische Operudichtuug. — E. Friedrichs, Ein 
russischer Literarhistoriker über Jean- Jacques Rousseau]. V, 1. Januar 

1913 [A. Schirmer, Die Erforschung der deutschen Sondersprachen. — 
Alb. Ludwig, Deutschland und Deutsche im englischen Roman des 19. und 
20. Jahrhunderts. - — L. Jordan, Henry Becques Polichinelles]. 2. Februar 
1913 [G. Jungbauer, Zur Volksliedfrage. — B. Fehr, Der deutsche Idealis- 
mus in Carlyles Sartor Resartus. — M. J. Wolff, Italienische Komödien- 
dichter, IL Antonio Francesco Grazzini]. 

Studien zur Literaturgeschichte. Albert Kost er zum 7. November 1912 
überreicht. Leipzig, Insel-Verlag, 1912. 264 S. M. 9, geb. M. 10 [A. Götze, 
Der Untergang des Volksliedes. — P. Merker, Der Verfasser des anonjTnen 
Reformationsdialogs 'Eyn wegsprech gen Regenspurg zu synsz Concilium'. 

— H. Kleinstück, Zu Maternus Steyndorffer. — C. Kaulfuß-Diesch, Ban- 
dellos Novelle Timbres und Fenicia im deutschen Drama des 17. Jahr- 
hunderts. — C. Höfer, Vom ältesten Weimarischen Hoftheater. Ein Beitrag 
zur Lebensgeschichte von Carl Theophilus Doebbelin. — E. Bergmann, Neues 
zum Streit zwischen Haller und Lamettrie. — W. Hofstaetter, Die histo- 
rische Bedeutung der Dresdener Zeitschriften im 18. Jahrhundert. — R. Rie- 
niann, Kassierte Kapitel der 'Theatralischen Sendung'. — J. Petersen, Die 
Minneburg in Schillers Maria Stuart. — F. Ulbrich, Radziwills Privatauf- 
führungen von Goethes 'Faust' in Berlin. Ein Abschnitt aus der Bühnen- 
geschichte des Goetheschen Faust. — W. Deetjen, Zu Jean Pauls 'Komet'. 

— F. Schulze, Vom romantischen Geniebegriff. Ein Versuch. — Else Rie- 
mann, Th. Storms Bemerkungen zur Theorie der Novelle und die Entwick- 
lung seiner Novellistik. — R. Buchwald, Praktische Grundlagen und Ziele 
der Literaturwissenschaft]. 

Germanisch. 

The Journal of English and Germanic philology. XI, 4. October 1912 
[E. Voß, Aus den Schätzen der Herzoglichen Bibliothek in Wolfenbüttel. — • 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 233 

P. E. Titsworth, The attitude of Goethe and Schiller toward the French 
classic drama. — H. H. Bender, ^nn y.mvov in Gudrun. — G. Schütte, Tho 
geats of Beowulf. • — J. E. Wells, Tl. Fielding and the history of Charles XII]. 

Nordgermanisch. 

Spräk och stil. XII, :?. 1912 [R. Hedvall, Om stilon i Runebergs lyrik 
särskilt med avseende pA bildspräket]. 

Lind, E. H., Norsk-isländska dopnanm. H. 7. Uppsala, Lundequist. 
Leipzig, Harrassowitz, 1912. M. 3. 

Naumann, Hans, Altnordische Namenstudien. (Acta Germanica. N. R. 
H. 1.) Berlin, Mayer & Müller, 1912. 194 S. M. 5. 

Deutsch. 

Hessische Chronik. II, 1. Januar 1913 [P. Th. Falck, Der Dichter 
Heinrich v. Ende. ■ — Beiträge zur Geschichte und Charakteristik Gießener 
Professoren. — M. Ploch, Gießen vor hundert Jahren]. 2. Februar 1913 
[Ph. Losch, Der Uriasbrief des Grafen von Schaumburg. — F. Schrod, Zur 
Entwicklungsgeschichte von Hessen. — M. Ploch, Gießen vor hundert 
Jahren, II]. 

Seiler, Fr., Die Entwicklung der deutschen Kultur im Spiegel des 
deutschen Lehnworts. Vierter Teil : Das Lehnwort der neueren Zeit. Zweiter 
Abschnitt. Halle, Waisenhaus, 1912. XVI, 565 S. M. 8, geb. M. 9,60. 

Weise, O., Unsere Muttersprache, ihr Werden und ihr Wesen. 8. verb. 
Aufl. Leipzig u. Berlin, Teubner, 1912. VIII, 288 S. Geb. M. 2,80. 

Sohns, F., Wort und Sinn. Begriffswandlungen in der deutschen 
Sprache. Leipzig u. Berlin, Teubner, 1911. IV, 149 S. 8» Geb. M. 2. [Das 
vorliegende Buch setzt sich zusammen aus Einzelstudien über die Bedeu- 
tungswaudlungen von mehr als 200 Wörtern wie Bursch, Elend, Heimweh, 
Pfaffe, Zeitung, galant, hübsch, schmecken, stinken. Der Verfasser geht 
immer auf die Grundbedeutung zurück. Kluge hat hierfür viel hergegeben 
(vgl. Getreide, Hagestolz). Überhaupt hat Sohns, wie er selbst sagt, die 
deutschen Wörterbücher benutzt, aber daneben hat er auch aus eigener Lek- 
türe geschöpft. Der Stil ist lebendig; ihm fehlt nicht das Salz des Pathos 
und des Witzes in der Dosis, die bei einem Buche nötig ist, das 'nicht ledig- 
lich Wissenschaftlern, sondern jedem Dienste leisten soll, der Herz und Sinn 
für seine Sprache hat'. W. Nickel.] 

Petzet, Erich, und G 1 a u n i n g, Otto, Deutsche Schrifttafeln des 9. 
bis 16. Jahrhunderts aus Handschriften der Kgl. Ilof- und Staatsbibliothek 
in München. IL Abteilung: Mittelhochdeutselie Schriftdenkmäler des 11. 
bis 14. Jahrhunderts. München, Kuhn, 1911. [Wir haben s. Z. {Arcltiv, 
Bd. CXXVIII, S. 228 f.) ausführlich auf diese wertvolle Veröffentlichung 
hingewiesen und können lieute feststellen, daß die zweite Lieferung hält, 
was die erste versprach. Wenn das Werk fertig vorliegt, so wird sich nicht 
nur der Paläograph des Zuwachses an deutschem Ubungsnuiterial von er- 
staunlicher Ausdehnung und Vielseitigkeit erfreuen, auch der Philologe wird 
;-:einen Schülern Beispiele aus allen wichtigeren hochd. Mundarten und 
Mundartmischungen vorlegen können. Dazu kommt, daß der Reichtum und 
Wert der Münchener Sammlung die Vorlegung .so vieler inhaltlich inter- 
essanter Stücke ermöglicht und damit den literarhistorischen LTnterricht 
fördert und belebt. Die zweite Lieferung führt uns von der ältesten mhd. 
Liebeslyrik (dem Gruß aus dem Ruodlieb und der Strophe 'Ich bin din') 
bis zum Nibelungenlied (Hss. A und D) ; dazwischen ein schönes Blatt aus 
den 'Carmina Burana'. Der Löwenanteil fällt auf die geistliche Literatur, 
wie die folgende Liste zeigt: Bamberger Beichte (MSD, XCI) und 'Iliuimel 



234 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

und Hölle (ebd. XXX) ; 'Von den Steinen und Wurmsegen (MSD, XLVII, 2) 
aus Clm. 536; Windberger Psalmen; Schwäbische Trauformel (MSD, XCIX) ; 
'St. Ulrich' und das 'Lied an die Seele' aus Cgm. 94; 'Speculum ecclcsiao'; 
die 'Geistlichen Ratschläge' und der Meßgesang (MSD, XLVI) aus der Bene- 
diktbeurener Hs. Clm. 4616; Heinrich v. Rugges Leich vom h. Grabe; Bene- 
diktinerregeln aus Cgm. 91 und 90; endlich die von Schönbach 1879 (Wiener 
Sitzungsberichte, Band 94) au!^ Cgm. 88 mitgeteilten deutschen Predigten, 
und das bayrische Plenar in Cgm. 66 ('Deutsche Evangelien'). So dient das 
vorliegende Heft vor allem den Studien der wichtigen Übergangszeit des 
12. Jahrhunderts und ragt noch in die klassische Epoche hinein, der die 
dritte Lieferung gewidmet sein wird. Robert Petsch.] 

Weinberg, Israel, Zu Notkers Anlautsgesetz. (Sprache vmd Dich- 
tung, hg. von H. Maync und S. Singer, Heft 5.) Tübingen, Mohr, 1911. 
V, 40 S. 8''. M. 2, [Der Verfasser zählt zunächst aus, in welcher Anzahl 
von Fällen das bekannte Anlautsgesetz Notkers — germ. p, 6, g; f er- 
scheinen als d, h, g; v nach Vokal und nach l, r, m, n, sonst als t, p, k; f — 
durchgeführt und in welcher es vernachlässigt erscheint, und stellt die 
Zahlen in Tabellen übersichtlich zusammen. Die meisten scheinbaren Ab- 
weichungen finden sich in der Stellung im Satzanlaute, wo bald überhaupt 
t, p, k, f erscheinen, bald der Auslaut des vorangehenden Satzes maßgebend 
ist, und am unregelmäßigsten ist das Gesetz beim f durchgeführt. Es zeigt 
sich aber, daß eine gewisse Gleichmäßigkeit innerhalb der einzelnen Schrif- 
ten Notkers herrscht, von denen nur die Psalmenübersetzungen nicht mit 
beigezogen werden konnten, da sie bloß in späten Hss. erhalten sind. W. ver- 
wendet aber sein Material weiter in einem Exkurs über die Chronologie der 
Notkerschen Werke, die nach ihm in drei zeitlich verschiedenen Gruppen 
entstanden sind: 1. Boeth. I, II, Interpret. Categ. ; 2. Boeth. III, IV und 
Cap. I; 3. Boeth. V und Cap. II. Gruppe 1 schreibt regelmäßig t, g, k im 
Satzanfang und unterscheidet f und v, Gruppe 2 schreibt nur noch f und gibt 
gegen den Schluß auch d, i, g im Satzanfange, Gruppe 3 läßt auch für den 
Satzanfang die gleiche Regel wie im Satzinnern gelten. Sodann spricht 
Verfasser die verschiedenen Auffassungen des Wechsels seit Grimm durch 
imd kommt dann mit Hilfe des Vergleiches lebender Mundarten zu dem 
zweifellos richtigen Schlüsse, daß es sich um Wechsel zwischen stimmloser 
Lenis und Fortis handelt. — Wir haben es mit einem recht brauchbaren 
Baustein zu dem Gebäude der deutschen Grammatik zu tun. August Geb- 
hardt.] 

R o e t h e, Gustav, Die deutsche Kommission der Kgl. Preußischen Aka- 
demie der Wissenschaften. Ihre Vorgeschichte, ihre Arbeiten und Ziele. 
Sonderabdruck aus den Neuen Jahrbüchern. Jahrg. 1913. I. Abt. XXXI. Bd. 
l.n. Leipzig, Teubner. S. 37— 74. 

Bachmann, Albert, Mittelhochdeutsches Lesebuch mit Grammatik und 
Wörterbuch. 5. u. 6. Aufl. Zürich, Beer & Cie., 1912. VIII, 307 S. 

Ältere Urkunden in deutscher S])rache. Abt. A, Oberdcutschland. Nr. III, 
Schwäbische Urkunden. Hg. von Fr. Wilhelm. (Münchener Texte, H. 4.) 
München, Callwey, 1912. 24 S. M. 0,60. 

Der Wiener Oswald. Hg. von Georg B a p s e c k e. (Germanische Biblio- 
thek CX, III, 2.) Heidelberg, Winter, 1912. 67 S. M. 2,20, geb. M. 3. [Auf 
den Münchner Oswald läßt Baesecke hier den Wiener Oswald folgen und ver- 
sieht die .54 Seiten des Textes mit mehr als doppelt so viel Erläuterungen. 
Von der Kritik der Überlieferung, der Reime und des Inhalts ringt er sich 
empor zu den Urelementen der Dichtung, zu Bedas Erzählung von dem 
nordhumbrischen König Oswald, zum wunderbaren Raben des Legenden- 
schreibers Reginald, dem sprechenden Vogel in der Kreuzfahrt Karls und 
dem Heidenkönig Harun in der 'Vita Caroli Magni': Die erste Fos-sung wird 
einem Spielmann in der Nähe von Aachen um 1170 — 80 zugeschrieben, dem 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 235 

der Ortnit vorsehwebte, sie wurde bald darauf in derselben Gegend christlich 
und fröminlich umgearbeitet. Von dieser Fassung leitet B. direkt den 
Wiener Oswald ab, zirka 1310.] 

Brietzmauu, Franz, Die böse Frau in der deutschen Literatur des 
Mittelalters. (Palaestra XLII.) Berlin, Maver & Müller, 1912. VIT, 2.3G S. 
M. 7. 

Nie wohn er, Heinrich, Der Sperber und verwandte mhd. Novellen. 
(Palaestra CXIX.) Berlin, Mayer & iMüller, 1913. VIT, 172 S. M. 4,80. 

B u s k e, Walter, Die mittelhochdeutsche Novelle 'Das Rädlein' des Jo- 
hann von Freiberg. Diss. Eostock. Berlin, Ehering, 1912. 104 S. 

Strauch, Philipp, Meister-Eckhart-Probleme. I\ektoratsrede. Halle, 
Niemeyer, 1912. 38 S. M. 1. 

Gei ge r, Maria, Die visio Philiberti des Heinrich von Neustadt. (Sprache 
und Dichtung, H. 10.) Tübingen, Mohr, 1912. VIT, 116 S. ]\r. 5. 

K 1 i u g n e r, Erich, Luther und der deutsche Volksaberglaube. (Palaestra 
LVL) Berlin. Mayer & Müller, 1912. IX, 135 S. M. 4. 

Jellinek, M. H., Geschichte der neuhochdeutschen Graminulik von den 
Anfängen bis auf Adelung. 1. Halbband. (Germanische Bibliothek II, 7.) 
Heidelberg, Winter, 1913. X, 392 S. M. 7,50. 

Becker, Adolf. Die Sprache Friedrichs von Spee. Ein Beitrag zur Ge- 
schichte der nhd. Schriftsprache. Halle a. S., Niemeyer, 1912. XXXII, 127 S. 
M. 5. 

Grolimund. Sigmund, Volkslieder aus dem Kanton Solothurn. (Schrif- 
ten der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, Bd. 7.) Basel, Schweize- 
rische Gesellschaft für Volkskunde, 1910. VT, 111 S. 8". [Der rührigen 
schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, die, von anderen schweizer 
Vereinen unterstützt, eine umfassende Sammlung schweizerischer Volks- 
lieder plant, bietet G. hier einen wichtigen Baustein. Seine Sammlung 
zeigt im allgemeinen jene Art der Anlage, die sich schon bei Köhler-Meyers 
'Volksliedern von der Mosel und Saar' und E. Marriages 'Volksliedern aus 
der badischen Pfalz' bewährt hatte: Texte und Melodien vereint, bestimmte 
örtlich fixierte Fassungen, liedervergleichende Anmerkungen in knappster 
Form, aber sehr stoffreich. Ein besonderer Vorzug ist bei G. der ausführ- 
liche Index; er verzeichnet nicht nur die Liederanfänge, sondern auch die 
Anfänge der Strophen. Hätten alle Sammlungen diese Art Index, so wäre 
die Identifizierung irgendwo auftauchender Volksliedverse jedem wissen- 
schaftlich Interessierten, nicht nur dem umfas.send belesenen Spezialisten 
möglich. Für die John Meyorsche Auffassung des Volksliedes bietet die 
Sammlung neue Belege, da Kunstlieder bekannter Verfasser in volksläufiger 
Form mehrfach begegnen. Eine Einleitung gibt nach eigenen Erinnerungen 
des Verfassers ein lebendiges Bild der Sangesgewohnheiten des Volkes. G. hat 
übrigens 1911 einen Band 'Volkslieder aus dem Kanton Aargau' folgen 
lassen. Heinrich Lohre.] 

Benzmann, Hans, Die soziale Ballade in Deutschland. Typen, Stil- 
arten und Geschichte der sozialen Ballade. München, Beck, 1912. 123 S. 
M. 2,80. fBenzmann, selbst ein Schafi"ender und zugleich als Kenner deut- 
scher Lyrik vielfach bewährt, ist sich der Schwierigkeiten, die Physiognomie 
der 'sozialen' Ballade, als einer besonderen Typen- und Stilform der Ballade 
überhaupt, deutlieh herauszuarbeiten, wohl bewußt. Er ist sich von vorn- 
herein klar darüber, daß 'auch allgemeinere oder ganz spezielle Motive und 
die allgemeinen Formen der Ballade für sie in Betraclit kommen', und darf 
zum Schluß gestehen, daß er in seiner Abliandlung einen t^berblick über die 
Entwicklung der künstlerischen Prinzipien innerhalb der sozialen T>yrik 
gegeben habe. So ist es Benzmann freilich nicht gelungen, unverrückbare 
und starre Grenzpfähle aufzurichten — schon der BegrifT 'sozial' wird sich 
niemals dureli solche festlegen lassen — , wohl aber hat er mit glücklicher 



236 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Beherrschung eines weitschichtigen Materials große Gruppen der Balladen- 
dichtung in natürliche Zusammenhänge gebracht und nach Ursache und 
Wirkung betrachtet. In dem ersten Abschnitt seiner Untersuchungen sucht 
er 'Wesen, Typen und Stil der sozialen Ballade' herauszuarbeiten und er- 
kennt drei Momente als wesentlich: 1) das soziale Motiv, 2) die Hervor- 
hebung des sozialen Gegensatzes (Moment der Kritik), 3) die Form der 
Ballade. Auf Grund dieser P'-ämissen ergeben sich ihm drei Haupttypen: 
1) die 'Verbrecherballade' aus Konflikten mit den rechtlichen und sittlichen 
Mächten des Staates, 2) die Ballade von der Arbeit und den Arbeitenden 
aus den im eigentlichen Sinne sozialen Verhältnissen des Staates, 3) die 
Ballade als oppositionelle politische Dichtung, die 'sozialpolitische Ballade' aus 
öffentlich-rechtlichen Verhältnissen des Staates. Historisch-politische Gründe 
bewirken, daß erst seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts eine wirkliche 
Entwicklung der sozialen Ballade möglich ist. Diese Entwicklung gibt, auf 
reiche Belege gestützt, der zweite Abschnitt, welcher bis in die unmittel- 
bare Gegenwart führt. Drei besondere 'Stile' prägen sich aus: 1) der Stil 
der 'Chanson - Ballade', auf französische Vorbilder (vor allem Böranger, 
Villon) zurückgehend, 2) der gewöhnliche - — freie -— Stil der Ballade, 3) der 
impressionistische moderne Kunststil. Hans Daffis.] 

Zagajewski, K., Albrecht von Hallers Dichtersprache. (Quellen und 
Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker. 
H. 105.) Straßburg, Trübner, 1909. VIII, 269 S. S». M. 7,50. [Das Buch 
Zagajewskis ist eine Ergänzung zu Ludwig Hirzels 1882 erschienener Aus- 
gabe der Gedichte Hallers. Hirzel hatte auf eine Darstellung der Sprache 
und auf ein Wörterbuch verzichtet, wahrscheinlich um seine umfangreiche 
Ausgabe nicht noch umfangreicher zu machen. 'Von der Anfertigung eines 
Wörterbuches hat der Verfasser Abstand genommen. Die Eigentümlichkeit 
der Sprache Hallers, welche nach des Verfassers Ansicht eine eigene aus- 
führliche Darstellung erfordert, wäre damit ohnehin nicht erschöpft.' Zaga- 
jewski hat beides nachgeholt. — Von den Schweizerischen Gedichten er- 
schienen zu Hallers Lebzeiten von 1732 bis 1777 elf Auflagen, die fast alle 
starke Änderungen aufweisen. Diese Änderungen sind in einzelnen Auf- 
lagen wohl auch inhaltlicher Natur (Milderung von zu scharfen religiösen 
und politischen Stellen), aber in der Hauptsache sind sie sprachlicher Natur: 
Änderungen der Formen- und Lautbildung, der Syntax und des Stils, der 
Metrik (Apokope, Synkope, Elision, Hiatus). Diese sprachlichen Änderun- 
gen sind es, die nicht nur für die Textgeschichte der Gedichte, sondern 
noch mehr für die Geschichte der Rezeption der neuhochdeutschen Schrift- 
sprache wichtig sind. In den Auflagen, die nach Hallers Berufung nach 
Göttingen (1736) erschienen sind, also seit der 3. Auflage von 1743, ist 
Haller bestrebt, die Sprachfehler, die ihm die Kritik vorgeworfen hatte, d. h. 
das spezifisch Schweizerische zu tilgen und sich der schriftdeutschen Art zu 
nähern. Wie ihm dies gelungen ist, was Haller geändert hat und was er hat 
stehen lassen und die Gründe dafür, das alles wird von Z. in dem ersten 
Teil seiner Schrift im einzelnen dargelegt. Bei dem zweiten Teil, dem 
Wörterbuch, fiel mir auf, daß sich Z. bei vielen Worten nur auf Adelung 
beruft, statt das Grimmsche Wörterbuch, wo mehr Belehrung zu haben war, 
zu Rate zu ziehen. W. Nickel.] 

S u c h i e r, Wolfram, Gottscheds Korrespondenten. Alphabetisches Ab- 
sender-Register zur Gottschedschen Briefsammlung in der Universitäts- 
Eibliothek Leipzig. (Kleine Gottsched-Halle, Bd. 7 u. 8.) Berlin, Gottsched- 
Verlag, 1912. [Dies kleine nur in ganz geringer Anzahl im Buchhnndel 
erschienene Werk erleichtert der Kenntnis literarischen Lebens im 18. Jahr- 
hundert den Zugang zu einer neuen Quelle. Die Korrespondenz Gottscheds, 
in 22 Foliobänden in der Universitäts-Bibliothek Leipzig aufbewahrt, war der 
Forschung zwar bekannt und ist auch bereits benutzt worden. Es existierte 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 237 

zu diesen mehr als 4700 Briefen nur ein handschriftliches Register von 
Dauzels Hand. Dies Register hat jedoch mancherlei Nachteile: Es ist chrono- 
logisch angelegt, ermöglicht also nicht eine schnelle Feststellung, ob dieser 
oder jener Literat des 18. Jahrhunderts mit Gottsched in brieflichem Ver- 
kehr gestanden hat. Ferner finden sich manclierlei Irrtümer in Dauzels Re- 
gister, wovon y. iu seiner Einleitung einige Beispiele gibt. Und Danzels Ar- 
beit ist nicht ganz vollständig. Suchier hat, um diese Mängel auszugleichen, 
die Briefschreiber Gottscheds aus den Bänden exzerpiert und ihre Namen in 
alphabetischer Folge geordnet. Es sind deren aus den Jahren 1722 — 56 
etwa 900. Eine ganze Reihe davon waren auch sonst nachzuweisen. S. gibt 
tolche Nachweise nach den bekannten Nachschlagewerken und Monographien 
über die Zeit. Besondere Schwierigkeit bot die Ermittelung anonymer und 
pseudonymer Verfasser. S. stellt' sie in einer umfangreichen Rubrik 'Ano- 
nyme' zusammen. Eine ganze Reihe von Namen hat Suchier dabei gefunden. 
Andere sind verborgen geblieben. S. mußte darauf verzichten, systematisch 
nach Vergleichung der Handschriften anonyme Briefe bestimmten Verfassern 
zuzuteilen, da es nicht möglich war, solche Vergleichungen gleichzeitig an 
mehreren Bänden vorzunehmen. Ich halte den Verlust für nicht erheblich, 
da gerade derartige Ermittelungen wenig sicher gewesen wären. Vielmehr 
scheint es mir dankenswert, daß S. sich nur auf belegbare Quellen beschränkt 
hat. Daß er diese Quellen nicht den Resultaten beifügt, ist sehr zu be- 
dauern, aber mit Raummangel zu erklären. Jedem Namen sind die Daten 
seiner Briefe, sowie ihr Ort in den Bänden und in Danzels Register bei- 
gesetzt. Durch diese Bezugnahme auf Danzels Register wird S.s Werk auch 
für ältere Zitate verwertbar. C. A. v. Bloedau.] 

P e t s c h, Robert, Deutsche Dramaturgie von Lessing bis Hebbel. (Pan- 
dora. Geleitet von Oskar Walzel. Bd. 11.) München, G. Müller & E. Rentsch, 
1912. LH, 220 S. Pappband M. 2,50. [Einen glücklichen Gedanken hat 
Petsch vortrefflich ausgeführt, indem er die Entwicklung der Theorie des 
Dramas im 18. Jahrhundert und bis weit in das 19. iiinein durch umsichtig 
gewählte Zeugnisse und Bekenntnisse von Theoretikern und Praktikern le- 
bendig darstellt. Eine ausführliche Einleitung hat, über die Bedeutung des 
verbindenden Textes hinaus, selbständiges Leben und klammert sich durch- 
aus nicht ängstlich an die vorgelegten Proben. Lessing macht hier den An- 
fang, die Stürmer und Dränger folgen und treten zum Teil noch einmal, 
was sehr anschaulich wirkt, als Wegbereiter der 'klassischen und klassizisti- 
schen Ästhetik' auf. Im Zeitalter der Romantik, dem auch Grillparzer bei- 
gesellt ist, stehen neben den bekannten Führern auch, mit vollem Recht, 
Anreger wie Schopenhauer und Hegel. Das 'junge Deutschland' entsendet 
Grabbe, Börne, Gutzkow, Büchner, Heine, Laube. Den Beschluß machen 
Hebbel, R. Wagner, Otto Ludwig. Sehr sorgsame und aufschlußreiche An- 
merkungen geben die Quellen und zeigen dem Weiterstrebenden den Weg. 
So eignet sich das hübsche Büchlein auch für seminaristische Uuiversitäts- 
übungen. Vielleicht könnte eine zweite Auflage Kant, W. v. Humboldt und 
die Vertreter der 'Aufklärung' mehr berücksichtigen, oder gar in kurzen 
Strichen bis zur unmittelbaren Gegenwart, bis zu Paul Ernst, W. v. Scholz 
usw. heranführen. Die Einleitung hat hier bereits Fäden angesponnen, die 
leicht weiter zu knüpfen wären. Eine willkommene Ergänzung des Ganzen 
würde eine ähnliche Sammlung für die Entwicklung der Bühnenkunst bie- 
ten; in seinem Buche über die 'geistige Entwicklung der deutschen Schau- 
spielkunst im 18. Jahrhundert' hat II. Oberländer schon wichtige Vorarbeit 
getan. Hans Daffis.] 

K n u d s e n, Hans, Heinrich Beck, ein Schauspieler aus der Blütezeit des 
Mannheimer Theaters im 18. Jahrhundert. Mit 4 Tafeln. (Theatergeschicht- 
liche Forschungen, 24.) Leipzig u. Hamburg, Voß, 1912. VIII, 138 S. 
M. 5,50. [Aus Anregungen Max Herrmanns, denen wir schon eine größere 



238 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Zahl theatergeschichtlicher Monographien verdanken, ist auch diese fleißige 
und reife Erstlingsarbeit Knudsens hervorgegangen. Die äußere und innere 
Geschichte der Mannheimer Bühne war bereits durch Forschungen Koiikas, 
Wallners, Pichlers, Martersteigs und vor allem Friedrich Walters genügend 
erhellt; nun wendet sich der Blick ihren Hauptstützen, Iffland, Beil und 
Beck zu. Methodisch hat Knudsen manches von Vorgängern lernen können 
und benutzt dankbar die Gesichtsjmnkte, die Klopfleisch-Klaudius in seiner 
guten Arbeit über J. Chr. Brandes für eine Schauspielerbiographie aufgestellt 
hatte, und der, wie Julius Petersen in seinem Buche über Schiller und die 
Bühne, mit Nachdruck auf die Bedeutung szenischer Bemerkungen in den 
Dramen, die Schauspieler verfaßt haben, hinwies. In diesem Sinne weiß 
auch Knudsen die herzlich unbedeutende literarische Produktion Becks, die 
er übrigens verständigerweise nicht zu 'retten' versucht, auszunutzen. Das 
erste Kapitel, das 'Becks Lebsn' betrachtet, zieht mit Umsicht und Fiuder- 
glück die entlegensten Quellen heran, weiß aber nicht, was kein Fehler des 
Verfassers ist, alle Rätsel zu lösen, vor allem nicht das so merkwürdige 
Schwanken der schauspielerischen Leistung Becks und ihrer kritischen 
Beurteilung zu erklären. Ein zweites Kapitel mustert Becks literarische 
Tätigkeit und geht in mühsamer Arbeit den einzelnen verschollenen und 
vergessenen Stücken nach, deren Fundort in einem Anhange festgelegt wird. 
Das umfangreichste dritte Kapitel schildert Becks Schauspielkunst nadi 
eigenen Äußerungen in Theorie und Praxis, nach historischen Zeugnissen 
(Rollenbildern und Kritiken), schließlich nacn den schauspielerischen Ele- 
menten seiner eigenen Stücke. Beck erhält, als Schüler Ekhofs, einen Platz 
zwischen Schröder und Dalberg. Er neigt theoretisch zu einem idealisierten 
Naturalismus, bleibt aber praktisch häufig im Theaterpathos des 18. Jahr- 
liunderts stecken. Ein letzter Abschnitt gilt dem Regisseur, der eigene 
Wege geht, aber nicht den richtigen Wirkungskreis erhielt. Ein genaues 
Rollenverzeichnis und andere bibliographische Beigaben machen den Be- 
schluß der gediegenen Arbeit. Hans Daffis.] 

Petsch, R., Lessings Faustdichtung. Mit erläuternden Beigaben heraus- 
gegeben. (Streitbergs Germanische Bibliothek, Abt. II, Bd. 4.) Heidelberg, 
Winter, 1911. 57 S. M. 1,20. [Petschs Arbeit ist vor allem für philo- 
logische Seminarübungen bestimmt. Sie wird diesem Zweck gerecht, indem 
sie die Texte — den 17. Literaturbrief und das Berliner Szenarium, letzteres 
teilweise auch faksimiliert — sowie die wichtigsten Zeugnisse, vornehmlich 
Briefstellen zusammenstellt, darunter den bedeutsamen Bericht J. J. Engels. 
Die Anhänge weisen etwaige Quellen für einzelne Motive nach, z. B. Paulis 
Schimpf und Ernst. Die Einleitung verarbeitet den vorliegenden Stoff in 
instruktiver Weise: innerhalb der poetischen Entwicklung Lessings steht 
der Faust nach seiner Problemstellung zwischen dem dünkelhaften Pseudo- 
gelehrten des Jugendlustspiels — Der junge Gelehrte — und dem reifen 
Denker, der da überzeugt ist und bekennt, daß die reine Wahrheit nur für 
Gott allein ist. Lessings Verhältnis zur Faustüberlieferung bleibt zweifel- 
haft; die Kenntnis des Marloweschen Faust ist nicht nachweisbar. Während 
Lessings ältere Faustdichtung an der mythologischen Gestaltung der Faust- 
legende festhält, zieht unter den späteren Faustplänen die von J. J. Engel 
vermerkte Umgestaltung des Stoffes an: die Teufel üben ihre Künste, ihr 
Verführungs- und Vernichtungswerk nicht an dem wirklichen Faust, sondern 
an einem Phantom, das ihnen zum täuschenden Spiel überliefert ist; der 
wirkliche Faust wird im Traum zum Zuschauer dieser Vorgänge und fühlt 
sich erwachend gewarnt. Es ist interessant zu sehen, wie der Aufklärer 
Lessing zwar nicht so weit geht, mit Voltaire ('Le blanc et le noir') oder 
Grillparzer ('Traum ein Leben') alle märchenhaften oder wunderbaren Vor- 
gänge in ein warnendes Traumgebilde zu verlegen, wie er aber doch wenig- 
stens in reinlichster Scheidung das Übersinnliche und Übernatürliche von 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 239 

dem Diesseitigen und Irdischen trennt. Die Welt der guten Engel und 
bösen Geister wird zwar sichtbar, aber nur für den Zuschauer, in dessen 
Phantasie sie wohl leben, und für Faust, der in Sclilaf verseukt und träu- 
mend dem Zauber ihres Daseins hingegeben ist. »Sie spielen nicht wie bei 
Goethe in die wirkliche Welt hinein; vielmehr bleiben die bphären der 
Körper- und Geisterwclt streng geschieden, und nur im Traumlande weben 
sie durcheinander. Während sich demnach in der äuliereu Gestaltung des 
Stoffes wesentliche Unterschiede zwischen Goethe und Lessing bemerkbar 
machen, indem die naive Phantasie des einen der reüektierenden Ein- 
bildungskraft des anderen gcgenübortritt, ergibt sich in der Fassung der 
Grundidee eine Überciustimnunig beider Dichter; denn auch Lessing ist 
überzeugt, 'daß, wer immer strebend sich bemülit, erlöst werden nmß'. 
Erich Bleich.] 

Todt, Wilhelm, Lessing in England 1767 — 1850. (Anglistische Ar- 
beiten, hg. von Jjovin L. Schücking, Nr. 1.) Heidelberg, 1912. 67 ö. [Was 
in der vorliegenden Schrift behandelt wird, war wenigstens in den Grund- 
zügen schon bekannt. Die Ausführungen im einzelnen, besonders über die 
Schicksale der Lessingschen Dramen in England, sind dankenswert. Es ist 
nur zu bedauern, daß der Verfasser nicht bis zur Gegenwart vorgedrungen 
ist, zumal da in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Teilnahme für 
Lessing reger wird (p. 41). Er hätte da auf den Zusammenhang zwischen 
ihm und Matthew Arnold hinweisen können, wobei Arousteius Abhandlung 
('Zeitschr. d. vgl. Literaturgesch.' XV, 235, 243 u. ö) nützliche Fingerzeige 
geboten haben würde. Dann wäre ihm auch der umfangreiche Aufsatz von 
eL Russell Lowell (im Anhang zu seinen 'Essays on the Englisch Poets') nicht 
entgangen, vielleicht das Beste, was in englischer Sprache über Lessing ge- 
.schrieben worden i.st. Die Untersuchung verdient jedenfalls fortgeführt zu 
werden. Georg Herzfeld.] 

Herders Shakespeare-Aufsatz in dreifacher Gestalt. Mit Anmerkungen 
hg. von Franz Zinkernagel. (Kleine Texte für Vorlesungen und Übun- 
gen, 107.) Bonn, Marcus & Weber, 1912. 41 S. M. 1. 

G r ä f , Hans Gerhard, Goethe über seine Dichtungen. Versuch einer 
Sammlung aller Äußerungen des Dichters über seine poetischen Werke. 
3. Teil: Die lyrischen Dichtungen. 1. Band (des ganzen Werkes 7. Band). 
Frankfurt a. M., Hütten & Loeniug, 1912. XXII, 640 S. M. 20, geb. M. 21,50. 
[Nach anderthalb Jahrzehnten angestrengtester, entsagungsvoller Arbeit 
geht Grafs monumentales Werk nun seiner stolzen, glücklichen Vollendung 
entgegen. Gerade bei der Lyrik mußten sich die Schwierigkeiten des Unter- 
nehmens häufen, aber auch der Gewinn besonders hervortreten. Für die 
Chronologie wie für die Erhellung der Gedichte ist hier ein unerschöpflicher 
Schatz aufgespeichert. Aus guten Gründen hat Graf die für die früheren 
Bände durchgeführte alphabetische Anordnung nach den Überschriften hier 
aufgegeben und gegen die streng zeitliche Folge vertauscht. Der vorliegende 
Band gibt die Zeugnisse bis Ende des Jahres 1814. Der Schlußband, der in 
kurzem erscheinen soll, wird mit .seinen Registern auch dem rasche Be- 
lehrung Suchenden erst die notwendigen Stützen bieten. Hans Daffis.] 

Hagen, Erich v. d., Goethe als Herausgeber von 'Kunst und Altertum' 
und seine Mitarbeiter. Berlin, Mayer &, Müller. II, 216 S. M. 4,50. [Eine 
ungemein sorgfältige Untersuchung, die methodisch alle Hefte der Goethi- 
.schen Zeitschrift durchgeht. Vorau.sgeschickt ist eine quellenmäßige Dar- 
stellung ihrer Vorgeschichte, beigegeben ein 'Schreiben an einen Freund' 
'über das neueste Heft von Goethes Kunst und Altertum' vom 18. Okt. 1824. 
Anzuerkennen ist noch besonders, daß Verfasser auch den Mut hat. Autor- 
schaftfragen ungelö.st zu lassen (z. B. S. 33, auch S. 99, 131 u. ö.). Lehrreich 
ist die Redaktion eines Aufsatzes Boisserßes durch Goethe (S. 27). Ob wirk- 
lich Schubarth Goethe bestimmte, 'es moderner zu lesen' (S. 194), scheint mir 



240 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

nicht ausgemacht; merkwürdig genug sind ja beider Beziehungen. Richard 
M. Meyer.j 

S t e i u w e g, Carl, Goethes Seelendramen und ihre französischen Vor- 
lagen. Ein Beitrag zur Erklärung der 'Iphigenie' und des 'Tasse' sowie zur 
Geschichte des deutschen und des französischen Dramas. Halle a. S., Nie- 
meyer, 1912. XI, 258 S. M. 7. 

Faust, der Tragödie erster Teil, synoptisch hg. und eingeleitet von Hans 
Lebe de. Berlin, Borngräber, 1912. 240 S. [Es war ein hübscher Ge- 
danke, in großem, übersichtlichem Format, drei Spalten auf der Seite, zu- 
sammenzudrucken: den Urfaust, die erste Gauzausgabe von 1808 und das 
Fiagment von 1790. Nicht bloß Literarhistoriker mögen sich darüber freuen, 
sondern denkende Leser überhaupt werden auf solche Weise zu literar- 
historischer Beobachtung herangeführt. Engländer haben solche synopti- 
sche Methode des Herausgebens seit Jahrzehnten mit Vorteil geübt. Lebede 
hat mit Recht nur eine kurze Orientierung über die Entstehung der drei 
Fassungen vorangestellt, denn alles übrige sucht sich der Leser bequem aus 
den Paralleltexten zusammen, die zur Vergleichung geradezu anlocken.] 

Kuberka, Felix, Der Idealismus Schillers als Erlebnis und Lehre. 
Heidelberg, Winter, 1913. VII, 290 S. M. 4,20. 

M ü n n i g, Elisabeth, Calderon und die ältere deutsche Romantik. Berlin, 
Mayer & Müller, 1912. 88 S. M. 3. 

Varnhagen, Rahel, Briefe an Clemens Brentano. Mitgeteilt von 
Agnes Harnack. Aus : 'Zeitschrift für Bücherfreunde', N. F., Jg. IV, Bd. 2, 
1912. S. 240— 247. 

Arndts Werke. Auswahl in 12 Teilen, hg. mit Einleitungen und An- 
merkungen versehen von A. Leffson und W. Steffens. (Goldene Klas- 
siker-Bibliothek.) Berlin, Bong, 1913. I: CII, 324 S., II: 282 S., III: 250 S., 
IV: 223 S., V: 170 S., VI: 205 S., VII: 175 S., VIII: 181 S., IX: 250 S., X: 
186 S., XI: 199 S., XII: 336 S., geb. in vier Bänden M. 8. [Kein geeigneteres 
Aügebinde konnte dem deutschen Volke zur Jahrhundertfeier von 1813 ge- 
boten werden als diese nicht vollständige, aber gut gewählte Ausgabe des 
literarischen Freiheitskämpfers Arndt. Seine Werke sind von einer so 
mannhaften Persönlichkeit getragen, daß sie noch immer frisch und treffend, 
ja vielfach aktuell anmuten. Vorangestellt ist eine Lebensbeschreibung von 
Steffen, die es erklärt, wie aus dem geborenen Schweden ein begeisterter 
Deutscher wurde, dann unter Napoleons Einfluß ein überzeugter Preuße, 
endlich unter dem Einfluß kleinlicher Preußen ein Achtundvierziger. Ge- 
storben ist er erst zwei Jahre, bevor Bismarck an das Steuer trat, erfüllt 
von seinen Gedanken, und die meisten von ihnen auszuführen begann. Es 
folgen die Gedichte; in der Einleitung dazu hebt Leffson mit Recht die enge 
Verwandtschaft mit Luthers Lyrik hervor; in zweiter Linie spürt man den 
Einfluß von Klopstock. Der zweite Teil bringt die Selbstlebensbeschreibung, 
die hier doppelt wichtig war, wo die Persönlichkeit ungleich stärker wirkte 
als der Künstler. Teil III und IV umfassen die Märchen; die Einleitung 
betont, daß sie nach dem Muster der Grimmschen aufgezeichnet wurden, 
wenn auch nicht mit derselben Volkstümlichkeit des Stils. Teil V enthält 
die 'Wanderungen und Wandlungen mit dem Reichsfreiherrn von Stein', die 
zwar im Jahre 1812 wurzeln, aber erst 1858 erschienen und heute noch 
seine bekannteste Prosaschrift sein dürften. In den nächsten vier Teilen 
wird der 'Geist der Zeit' wieder heraufbeschworen — wie er sich zu Montes- 
quieu und Gibbon verhielt, wäre noch zu studieren. Teil X und XI erneuert 
die Erinnerung an den 'Bauernstand, politisch betrachtet', den 'Kurzen 
Katechismus für Teutsche Soldaten' von 1812, die 'Flug- und Lobschrift an 
die Preußen' 1813, die öfter zitierte als gelesene Broschüre 'Der Rhein, 
Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze' und andere Weckrufe 
der Freiheitskriege. Im Teil XII sind noch verschiedene Aufsätze über 



Verzeichnis der eingelaufeuen Druckschriften 24t 

Belgien, Polen, Schleswig-Holstein u. dgl. vereinigt. Mehr als viele Denk- 
mäler wird es dem deutschen Volke frommen, wenn diese prächtigen »Schrif- 
ten vom Verfasser des Liedes 'Der Gott, der Eisen wachsen ließ . . .' gerade 
in jetziger Zeit viel gelesen und verbreitet werden.] 

Stecher, G., Jung Stilling als ISchriftsteller. (Palaestra CXX.) Berlin, 
Mayer & Müller, 1913. VIII, 28U ö. M. 7,8ü. 

Stein, 0. Th., Der Dichter der 'Totenkränze'. [J. Chr. Frhr. v. Zedlitz.J 
Glogau u. Leipzig, Hellmann, 1912. 22 S. M. 0,40. 

Brecht, Walther, Heinse und der ästhetische Immoralismus. Zur Ge- 
schichte der italienischen Ilenaissance in Deutschland. Nebst Mitteilungen 
aus Heiuses Nachlaß. Berlin, Weidmann, 1911. XVI, 195 S. 8". M. 6. 
[Unter ausgiebiger Benutzung der nachgelassenen Tagebücher behandelt B. 
Heinse und seine Stellung in der Entwicklungsgeschichte der Ilenaissance 
in Deutschland und gelangt zu beachtenswerten neuen Resultaten. Nach 
ihm hat Heinse nicht, wie man bisher meinte, aus dem dunklen Gefühl vager 
Sympathie, ohne nähere Kenntnis, auf die italienische Renaissance zurück- 
gegriffen, sondern weil er, auf einer entsprechenden Stufe moralischer Auf- 
fassung, d. i. der Vorstellung vom souveränen Individuum, wieder angekom- 
men, auf Grund originaler Studien gerade sie als wesensgleich mit sich er- 
kannte. Ihm erwuchs vor Burckhardt, Taine und Conrad Ferdinand Meyer, 
vor Goethe im Cinquecento das Land seiner Träume und seiner Phantasie; 
die Anregungen und Studien auf seiner italienischen Reise haben ihm die 
Farben zum 'Ardinghello' geliehen. B. gibt in der kurzen Einleitung eine 
kurze Schilderung von Heinses Wesen und Bedeutung für uns heute; er 
zieht den 'Impressionisten' au das Licht und verirrt sich vielleicht doch zu 
einer zu hohen W'ertschätzung der Tagebücher. Denn wenn sie auch den 
naiven Impressionisten des Notizbuches, die Vielseitigkeit Heinses aufs an- 
schaulichste darstellen, so können doch die abgeschlossenen Arbeiten in 
ihrem Wertvollsten nicht als 'fragwürdige Umredaktion aus dem Tagebuch', 
also als minderwertig angesehen werden, wenn sie auch mit unzulänglichem 
Können in die Romanform gegossen sind. Gut festgehalten ist die Doppel- 
natur Heinses, die Geteiltheit seines Wesens; das Vorherrschen des Kopfes, 
auch dem Gefühl gegenüber, setzt ihn in Gegensatz zu den Romantikern, 
während sein naturwissenschaftliches Interesse, das mit den Jahren zunahm 
und ihn schließlich völlig beherrschte, bereits an die Romantik erinnert. 
Wichtig ist in der eingehenden Beweisführung der Nachweis (Kapitel II 
und III), daß Heinse Quellenstudien betrieben hat und auf ihnen sein 'Ar- 
dinghello' und in einzelnen Punkten auch 'Hildegard von Hohenthal' (vgl. 
S. 150 ff.) beruhen. Im Anhang (vgl. auch S. 17 — 29) wird näher unter- 
sucht, welche Quelle Heinse für die (Ardinghello, ed. Schüddekopf, Leipzig 
1907, S. 142/3) in einer Anmerkung erwähnte 'Geschichte der Bianca Ca- 
pello' und für die (ebenda S. 57 u. 357) mitgeteilten Anmerkungen zur Ge- 
schichte der Isabella Orsini-Medici benutzt hat. Hermann Bräuning-Oktavio.] 

P et seh, R., The development of the German drama in the nineteenth 
Century. An inaugural lecture. Liverpool, University Press, 1912. 31 S. 1 s. 

G u b e 1 m a n n, A., Studies in the lyric poems of Friedrich Hebbel. The 
sensuous in Hobbel's lyric poetry. New Haven, Yale University Press, 1912. 
XVIII, 317 S. Doli. 2. 

Dosenheime r, Elise, Fr. Hebbels Auffassung vom Staat und sein 
Trauerspiel 'Agnes Bernauer'. (Untersuchungen zur neueren Sprach- und 
Literaturgeschichte. N. F. H. XIII.) Leipzig, Haenel, 1912. V, 220 S. 
M. 4,60. 

Schrenck, Erich von, Richard Wagner als Dichter. München, C. H. 
Beck, 1913. VI, 218 S. Geb. M. 4. [Studien über Wagners Charaktere. 
Voran geht ein Kapitel allgemeiner Bewunderung für seine Gestaltungs- 
kiaft, seinen Aufbau der Fabel, seine Ideen und Stimmungen, seine Sprache. 

Archiv f. n. Sprachen. CXXX. 16 



242 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Noch allgemeiner ist das zweite Kapitel, über seine Romantik. Konkret 
wird der Verfasser im dritten Kapitel, wo er sich gegen die Versuche wen- 
det, die alte Theorie von der tragischen Schuld auf Lohengrin und Elsa zu 
übertragen; er sieht in Lohengrin vielmehr den genialen Menschen und in 
Elsa ein Weib, das dem Genie nicht genügt. Liegt es nicht eher im Kern 
dieser Wundergeschichte und vieler verwandten Märchen, daß der Mensch 
nach dem Übernatürlichen nicht zu genau spüren darf, weil es sonst ver- 
schwindet? Treffend und sehr anregend ist das Kapitel IV, das drei zwie- 
spaltige Helden miteinander vergleicht: Tanuhäuser, den Sinneumenschen 
mit der Anlage zur Askese; Amfortas, an Gott gekettet und von Gott ge- 
trennt; Tristan, voll Liebe für Isolde und doch für einen anderen sie wer- 
bend und einem andei'en sie zuführend. Ähnlich vergleicht Schrenck in den 
nächsten Kapiteln den Hans Sachs, einen Dichtergeist modernerer Art, mit 
Walter Stolzing, der ein Minnesinger geblieben ist, sowie Wotan, in dem 
etwas vom deutsehen Kleiufürsten der vormärzlichen Zeit stecke, mit Sieg- 
fried, in dem sich der Revolutionsgeist von 1848 melde. Die Schlußstudie 
gilt Parzifal, der Menschenweh und Gottesweh in eins empfinde. Müßte bei 
Wagner nicht noch mehr, als es hier gelegentlich geschieht, das Musikalisehe 
mit dem Dramatischen zusammen studiert werden? Bedingt doch die Musik 
eine gewisse Handlungsarmut und Empfindungsfülle der Gestalten; auch 
vermag sie einzelne Züge ganz anders zu betonen, als es mit den knappen 
Worten eines Operntextes geschehen kann.] 

Knapp, Martin, Albert Knapp als Dichter und Schriftsteller. Mit 
einem Anhang unveröffentlichter Jugendgedichte. Tübingen, Mohr, 1912. 
XII, 288 S. M. 5, geb. M. 6. 

Farinelli, Artur, Paul Heyse. München, 'Süddeutsche Monatshefte', 
1913. 110 S. M. 1,50. [Mit vollem Recht darf Farinelli Italien Paul Heyses 
zweite Heimat nennen. Seit frühester Jugend hat der Dichter, 'ein ver- 
späteter Renaissancemensch', 'ein Herzensbündnis mit dem Lande seiner 
Sehnsucht geschlossen'. Aber nicht immer hat Italien ihm — es sei nur an 
den Streit um Carducci erinnert — seine Liebe gedankt. Da wirkt nun die 
liebevolle, eindringende Studie des italienischen Professors wie die freudige, 
dankbare Abtragung einer lange gestundeten Schuld. Ein vortrefflicher 
Kenner deutscher Kultur und Literatur, dabei doch jeder Parteiung fremd, 
\v'eiß Farinelli so behutsam wie zielbewußt die Wurzeln Heysescher Kunst 
bloßzulegen. Der entferntere Standpunkt des Beobachters nimmt ihm 
keineswegs Wärme und aufrichtige Anteilnahme, gibt ihm aber eine größere 
Unbefangenheit, als sie gerade Heyse gegenüber bei deutschen Kritikern in 
jüngerer Zeit zu finden war. Dabei verkennt Farinelli durchaus nicht die 
Grenzen und Hemmungen des Dichters und verhehlt sich und uns nicht, daß 
Heyses Art und Kunst, eine 'fertige Blüte bereits im Keime', keine eigent- 
liche Entwicklung erfahren haben, daß der Dichter früh gewonnene An- 
schauungen im Schaffen und Leben unerschütterlich, allen Wandlungen der 
Zeit und des literarischen Geschmacks zum Trotz, bewahrte: 'Sein poetisches 
Werk ist im Grunde das hohe Lied der Liebe. Welche Fülle aber in diesem 
so mäßigen Gedankenreichtum!' Von hier aus ist es leicht zu verstehen, 
daß Heyse der kaum erreichte liebe- und verständnisvolle Schilderer der 
5rau geworden ist, daß er in der Psychologie des Mannes oft sprunghaft 
und unsicher erscheint. Aber auch seine Frauengestalten fliehen den All- 
tag und lassen letzte Konsequenzen mehr über sich ergehen als daß sie Kata- 
strophen herausfordern: 'Ein tragisches Spiel, welches rührt, ohne tief zu 
erschüttern. Kein Schlagen des Schicksals mit hämmernder Wucht. Das 
Reich des Gewaltigen, des Urwüchsigen, des himmelstürmenden, promethei- 
schen Ringens und Trotzens bleibt dieser Dichtung versagt. Den größten, 
unversöhnlichen Lebenskonflikten, den tiefsten, quälendsten Lebensproblemen 
geht sie geflissentlich aus dem Wege.' Gewiß ist das bei Heyse keine Nicht- 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 243 

achtung der Kämpfe und Wunden unserer Zeit, sondern eine Lebensbedin- 
gung seiner Kunst, der so alles 'aktuelle' notwendig fehlen mußte. Sicher 
ist dies auch ein Hauptgrund, weshalb der Dichter Zeit seines Lebens einen 
so zähen, meist vergeblichen Kampf um Wirkung von der Bühne herab 
führte. So vermißt Farinelli auch in Heyses Lyrik, der gewiß tiefe, er- 
schütternde Klänge nicht fehlen, zuletzt elementare Gewalt. Hans Daffis.] 

P e r r a u 1 1, Charles, Fecnmärchen aus alter Zeit. Jedes mit seiner 
Moral. Aus dem Französischen übertragen von Therese Tesdorpf-Sicken- 
berger. Berlin, Mcidingers Jugendschriften-Verlag, 191.3. 125 S. Geb. 
M. 1,50. [Die Übersetzung ist von einer Dichterin mit heller Freude am 
Reiz der berühmten Erzählungen gemacht. Die Vorrede ihres Gatten ent- 
hält einige Worte zum Ruhme Perraults, für die wiederum die Übersetzerin 
ihm ein Gedicht vorangestellt hat. — Illustrationen.] 

Kosog, O., Unsere Rechtschreibung und die Notwendigkeit ihrer gründ- 
lichen Reform. (Säemann-Schriften für Erziehung und Unterricht, H. 1.) 
Leipzig u. Berlin, Teubner, 1912. 24 S. M. 0,60. 

Englisch. 

Englische Studien. XLV, 3 [G. 0. Curme, History of the English gerund. 

— W. van der Gaaf, The origin of would rather and some of its analogues. 

— R. Imelmann, Chaucers Hans der Fama. — K. Luick, über die neueng- 
lische Vokalverschiebung]. XLVI, 1 [O. Johnsen, Notes on Anglo-Saxon 
Syntax. — 0. Ritter, Zur Mundart des nordöstlichen Schottland. Rand- 
glossen zu Mutschmauns Phonology. — Fr. Brie, Uorestcs von John 
Pickeryng. — H. Conrad, Zu den Quellen von Shakespeares Twelfth Night. 

— C. D. Locock, Notes on the technique of Meredith's poetry]. 

Anglia. XXXVI, 4. 1912 [M. Eimer, Byrons persönliche und geistige 
Beziehungen zu den Gebieten deutscher Kultur. II. Geistige Beziehungen. 

— W. J. Lawrence, Windows on the Pre-Restoration stage. — H. Lange, 
Rettungen Chaucers. Neue Beiträge zur Echtheitsfrage von Fragment A 
des me. Rosenromans. II. — P. Fijn van Draat, Rhythm in English prose. 

— E. Einenkel, Der Ursprung der Fügung 'a good one']. 

Beiblatt zur Anglia. XXIII, 10. Oktober 1912 [Walde: Steyrer, Der 
Ursprung und Wachstum der Sprache idg. Völker. — Born: Onions, 
A Shakespeare glossary. — Aronstein: Schipper, James Shirley. — Fehr, 
Studies in language and literature. In celebration of the 70th birthday of 
J. M. Hart. — Asanger: Schmitt, Shelley als Romantiker. — Lehmann: 
Kennedy, English literature (1880 — 1905). — Prosiegel: Sieper, Die Kultur 
des modernen England. I — IV. — Mühe, The magic flute (Die Zauberflöte). 
Transl. from the German by E. J. Deut. — Mozart's opera The magic flute. 
Its history and Interpretation]. XXIII, 11/12. November/Dezember 1912 
[Mafik: Hörn, Das englische Verbum. — Ackerlund, On the history of the 
definite tenses in English. — Gabrielson, The influencc of iv- in Old English 
as Seen in the Middle English dialects. — Fehr: Palm, The place of the ad- 
jective attribute in English prose. — Price: Courmont, Studies on Lyd- 
gate's Syntax in the Temple of glas. — Bödtker: Wendt, Syntax des heutigen 
Englisch. I. Teil. — Andrae: Schulz, Die englischen Schwankbücher bis 
herab zu 'Dobson's drie bobs' (1607). — Ackermann: Maier, Entstehungs- 
geschichte von Byrons 'Childe Harold's Pilgrimage'. — Minckwitz, Byro- 
niana und anderes aus dem englischen Seminar in Erlangen. — Eimer: Neu- 
deck, Byron als Dichter des Komischen. — Mühe: Scott, Wood.stock ed. 
Gaye]. XXIV, 1. Januar 1913 [Ekwall: van Hamel, De oudste Keltische en 
Angelsaksische geschiedbronnen. — Fehr: Mosher, Tlie exemplain on the 
early religius and didactic literature of England. — Sidney, The Countesse 
of Pembrokes Arcadia. Ed. Feuillerat. — Bailey, Poets and poetry. — Reed, 

16* 



244 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

English lyrical poetry. — Eimer : Coleridge, Complete Works ed. E. H. 
Coleridge. — Aronstein: Johnston, Th. Carlyle. — Becker, Bryan Waller 
Procter. — Mellin, Schulbücher]. 

Publications of the Modern Language Association of America. XXVII, 4. 
December 1912 [E. F. Shannon, The source of Chaucer's Anelida and Areite. 
— F. Tupper jr., The Shakespearean Mob. — G. B. Woods, A Reclassification 
of the Perceval Romances]. 

The Scottish liistorical review. X, 2. January 1913 [P. Hume Brown, 
A forgotten Scottish scholar of the sixteenth Century]. 

The Sewanee review. January 1913 [R. D. O'Leary, The most empirical 
of the professions. — H. Merian Allen, The murder of a prime minister. — 
A. Marioni, The poetry of Charles Baudelaire. — A. Dyce, The poets and 
the daisy. — J. S. Moore, The religious signifiance of the philosophy of 
William James. — M. Sherwood, A day of Giorgone. — D. R. Anderson, 
A Jeffersonian leader: W. B. Giles. — D. M. Key, The dramatic dement in 
the Iliad. — C. F. Tucker Brooke, King Lear on the stage. — B. O'Reardon, 
M. Hewlett. — L. P. Chamberlayne, Two recent books on Lee]. 

Grimm, Paul, Beiträge zum Pluralgebrauch in der altenglischen Poesie. 
Diss. Halle a. S., Kaemmerer, 1912. 168 S. 

Beowulf nebst den kleineren Denkmälern der Heldensage. Mit Ein- 
leitung, Glossar und Anmerkungen hg. von F. H o 1 1 h a u s e n. II. Teil : 
Einleitung, Glossar und Anmerkungen. 3. verb. Aufl. Mit 2 Tafeln. (Alt- 
und Mittelenglische Texte. Bd. 3 II.) Heidelberg, Winter, 1913. XXXI, 
190 S. [Aus dem Vorwort: In dieser Auflage sind wiederum Einleitung, 
Glossar und Anmerkungen gründlich revidiert, vielfach erweitert und ver- 
bessert worden. Im Glossar wird man die bessernde Hand in manchen 
Einzelheiten bemerken; in den Anmerkungen sind die Realien immer noch 
mehr betont und neue Parallelstellen aus der altgermanischen Dichtung 
und den älteren Geschichtschreibern beigebracht worden.] 

Old English riddles. Edited by A. J. Wyatt. (The belies - lettres 
series. Section I. English literature frora its beginnings to the year 1100.) 
Boston and London, D. C. Heath & Co., 1912. XXXVIII, 193 S. [Einzel- 
ausgabe mit Glossar, Kommentar und einer gut orientierenden Einleitung, 
worin namentlich die Tabelle nützlich ist, die die bisherigen Deutungen der 
Rätsel synoptisch zusammenstellt. Von neuen Deutungen sind hervorzu- 
heben: zu 59 nach Grein-Wülkers Zählung riding well, zu 62 helmet, zu 65 
man on horsehack, zu 76 hen. In der Deutung des sogen, ersten Rätsels 
schließt sich der Herausgeber im wesentlichen Bradley an; ob die Verse 
einer germanischen Sage nahestehen, sei trotz des Namens Odoaker nicht 
ganz sicher. Entstehungszeit: 8. Jahrhundert.] 

Meyer, Willy, Beiträge zur Geschichte der Eroberung Englands durch 
die Angelsachsen. Halle a. S., Hohmann, 1912. 86 S. 

Schofield, W. H., Chivalry in English literature. Chaucer, Malory, 
Spenser and Shakespeare. (Harvard studies in comperative literature. Vol. 2.) 
Cambridge, Harvard XJniversity, 1912. X, 294 S. [Ausgabe der Vorlesungen, 
die Schofield an der Sorbonne und in Kopenhagen gehalten hat. Einleitung: 
Chivalry less an institution than an idea; geschichtlicher Überblick. I. Chau- 
cer mit einer Psychologie seiner Gentlemanzüge, die als die besten in seinem 
Leben und in seiner Zeit bezeichnet werden. IL Malory. Biographisches, 
Darstellung von Rittertum und Liebe und der Aristokratenlehre 'noblesse 
oblige'. III. Spenser. Einfluß von Chaucer und Freunden; seine Ritter- 
ideale stark verbunden mit Renaissancevorstellungen, die vielfach aus Castig- 
liones 'Courtier' geschöpft sind; neuartige Verbindung von Rittertum und 
Gelehrsamkeit, besonders platonischer Art. IV. Shakespeare. Sein Ehr- 
bcgrifl", seine entarteten Ritter, seine Übereinstimmung mit Chaucer und 
Ver.schiedenheit von Bacon. Conchision : Eigenart der englischen Ritter- 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 245 

lichkeit, die als 'aristocracy with the doors open' charakterisiert wird; 
Ausblick auf Washington und amerikanische Rittorlichkoit. Die Vorlesun- 
gen sind fein ausgearbeitet und haben gewiß sehr gefallen.] 

Book er, John Manning, The Freneh 'inchoative' suffix -iss and the 
French -ir conjugation in Middle English. (Studies in philology. Vol. IX.) 
Chapel Hill, Uni'ver.sity Press, 1912. I, 109 S. 

Borchers, Kurt, Die Jagd in don nie. Eonianzen. Diss. Kiel, Fiencke, 
1912. XI, 66 S. 

Phrase-book. A 16th Century English-French. (Ilollyband's French 
Littelton.) Edited by F. J. C u r t i s. (Sonderabdruck aus der Festschrift 
zum 15. Neuphilologentag. Frankfurt a. M., 1912.) Frankfurt a. M., Gebr. 
Knauer, 1912. 39 S. 

W i n b 1 d t, S. E., Spenser and his poetrv. (Poetry and life series. 9.) 
London, Harrap & Co., 1912. 157 S. 

B a n g's Materialien zur Kunde des älteren englischen Dramas : Bd. 
XXXIV, 2. Ch. Crawford, The Marlowe concordance. S. 201—360. [Die 
Konkordanz reicht jetzt bis enfranchisement.] Bd. XXXV. TTow a man 
may chuse a good wife from a bad, ed. by A. E. H. Swaen. XLIII, 120 S. 
[Die Einleitung berücksichtigt besonders das Verhältnis des Dramas zur 
Novelle des Cinthio, die in Riche's 'Farewell to militaire profession', 1581, 
ins Englische übersetzt worden war. Sowohl der italienische Text wie die 
Übersetzung sind abgedruckt.] Bd. XXXVI. Edward Sharphams 'The Fleire' 
nach der Quarto 1607 hg. von Hunold Nibbe. 89 S. [Über Sharphams Leben 
ist das Erreichbare zusammengetragen; auch über die Zusammenhänge seines 
Dramas mit zeitgenössischer Literatur, wobei eine Entlehnung aus der 
großen Prozeßszene im 'Kaufmann von Venedig' auffällt.] Bd. XXXVII. 
John Mason's 'The Türke' edited from the quartos of 1610 and 1632 by J. A. 
Adams jr. XXV, 104 S. [Die Einleitung ist wieder eine sehr nützliche und 
umsichtige Arbeit. Eine eigentliche Quelle von Mason's Stück ist nicht zu 
erweisen. Praktisch ist eine Zusammenstellung der Türkendramen S. XVI f. : 
Von 1579 — 1642 sind deren nicht weniger als 51 über die englische Bühne 
gegangen. — Die Materialien sind unerschöpflich in der Veröffentlichung 
verschollener Dramen iind werden immer vorzüglicher in deren Erklärung.] 

Eckleben, Käthe, Die tragische Ironie bei Shakespeare. Diss. Halle, 
Karras, 1912. 43 S. [Vor sechs Jahren schon hat Lederer in einer Ber- 
liner Dissertation die rhetorische Figur der Ironie bei Shakespeare behan- 
delt, möglich.st nach allen Seiten hin. Hier wird die tragische Ironie nach 
dem Inlialt gefaßt: a) wo eine Person in Unkenntnis der Sachlage 'mit der 
im Kunstwerke vorhergesehenen Ereignisfolge kontrastierende Erwartungen 
äußert'; und b) wo Mitspieler und Zuschauer nicht mit dem Zusammenhang 
vertraut sind, so daß die Erfüllung der Vorgänge ironisch empfunden wird. 
So geht die Verfasserin die einzelnen Stücke Shakespeares durch. Für 
Hamlet genügen ilir anderthalb Seiten, über Shakespeare hinaus hat sie die 
Untersuchung eigentlich nicht ausgedehnt. Soll sich der Philologe mit den 
von Ästhetikern aufgestellten Definitionen eines Kunstmittels so leicht be- 
gnügen? Statt Vollständigkeit der Fälle kommt dabei meist nur eine 
Beispielsamnilung mit schwankenden Crenzlinieu heraus.] 

The Works of Sliakespeare. The winter's tale. Edited by F. W. M o o r- 
man. (The Arden Shakespeare.) London. Metliueii, 1912. "XXXIII, 125 S. 
[Sorgsame Ausgabe, an der namentlich die Einleitung hervorzuheben ist mit 
den neuen Quellennachweisen für Greene's 'Pandosto': Tlie pastoral element 
offers some striking points of resemblance to the fanious 'Daphnis and 
Chloe' of Longus: für die Abenteuer des I/iebespaares bieten ITeliodor und 
Achilles Tatius die auffälligsten Parallelen. Vielleicht war es das Erscheinen 
englischer Ileliodor- und Longus-Übersetzungen, 1587, was den 'versatile 
Greene' veranlaßte, seinen Roman zu schreiben. Shakespeare hat den we- 



246 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

sentlich griechischen Charakter der Geschichte wohl erkannt und sich für 
eine Reihe von Personen — Leontes, Antigonus, Cleomenes, Archidamus 
und Mopsa — Griechennamen aus Sidneys Arcadia geholt.] 

Conrad, Hermann, Unechtheiten in der ersten Ausgabe der Schlegel- 
schen Shakespeare - Übersetzung (1797 — 1801); nachgewiesen aus seinen 
Manuskripten. Berlin, Weidmann, 1912 (Umschlag: 1913). 93 S. M. 2. 

Kittredge, George Lynan, English witchcraft and James tlie First. 
(From Studies in the history of religious preseuted to Crawford Howell Toy 
by pupils CoUeagues and f riends.) New York, The Macmillan Company, 
1912. 65 S. 

Sartorius, Heinrich, Die klassische Götter- und Heldensage in den 
Dramen Beaumonts und Fletchers, Chapmans, Ben Jonsons und Massingers. 
Diss. Straßburg i. E., 'Neueste Nachrichten', 1912. XX, 153 S. 

Philip Massinger. Edited by L. A. Sherman. (Masterpieces of the 
English Drama.) New York, Cincinnati, Chicago, American Book Company, 

1912. 416 S. [Von den Dramen sind hier abgedruckt 'The Roman actor', 
'A maid of honour', 'A new way to pay old debts' und 'Believe as you list'. 
Die Anmerkungen und Einleitungen sind von Sherman besonders ausgiebig 
gemacht; namentlich der Vergleich von Massingers Aufbau mit dem Shake- 
speares ist lesenswert.] 

Hudson, William Henry, Milton and his poetry. (Poetry and life 
series. 11.) London, Harrap & Co., 1912. 183 S. 

Lee, Nathaniel, Sophonisba, or, Hannibal's overthrow. Nach der Quarto 
von 1681 hg. von F. Holthausen. Festschrift. Kiel, Lipsius & Tischer, 

1913. VI, 60 S. 

Kern, K. L., Die englische Lautentwicklung nach Right spelling (1704) 
und anderen Grammatiken um 1704. Diss. Darmstadt, Bender, 1913. 72 S. 

Morgan, A. E., Scott and his poetry. (Poetry and life series. 12.) 
London, Harrap & Co., 1912. 180 S. 

Lorenzen, H. L., Peveril of the Peak, ein Beitrag zur literarischen 
Würdigung Sir Walter Scotts. Diss. Kiel. Berlin, Blanke, 1912. X, 110 S. 

Beutler, K. A., Über Lord Byrons 'Hebrew melodies'. Diss. Leipzig, 
Hoffmann, 1912. 192 S. [Die Gedichte werden eingeteilt in: 1) epische, 
2) lyrische Monologe, 3) Hymnen, 4) didaktische Lyrik, 5) reine Lyrik. In 
dieser Reihenfolge werden sie dann im einzelnen auf ihre Entstehungs- 
geschichte hin besprochen.] 

Beger, Karl, Die historischen Quellen zu Bulwers Roman 'Devereux'. 
Diss. Leipzig. Weimar, R. Wagner Sohn, 1912. VIII, 109 S. [I. Allgemeines: 
Entstehungsgeschichte, Art des Romans. — Autobiographische Elemente. — 
Verhältnis zwischen Handlung und historischer Schilderung. — Historischer 
Hintergrund. - — IL Quellenforschung: England. — Milieuschilderungen. — 
Nolingbroke. — Ludwig XIV. und seine Umgebung. — Regentschaft Phi- 
lipps von Orleans. — Rußland.] 

Poe, Edgar Allan, Le poesie. Tradotto da Federico Olivero. (Scrittori 
stranieri.) Bari, Laterza & Figli, 1912. VIII, 236 S. [Das Träumerische und 
Mystische von Poes Versen kommt im melodiösen Italienisch sehr hübsch 
heraus. Die Übersetzung ist mit Schwung- und freiem Stil gemacht. Eine 
nicht zu lange Einleitung sagt dem Leser, welche Stelluug Poe besonders 
gegenüber Coleridge, Wordsworth und der englischen Romantik einnahm. 
Als Anhang sind saggi critici beigegeben.] 

Gary, Esther, Beiträge zur Charakteristik von Stephen Phillips' Stil. 
Diss. Marburg, Koch. 1912. 91 S. 

Collection of British authors. Tauchuitz edition : 
Vol. 4371. J. Conrad, Twixt land and sea tales. 

„ 4372. J. Galsworthy, The silver box and other plays. 

„ 4373—74. J. London, The sea-wolf. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 247 

Vol. 4375. J. Galsworthy, The inn of tranquillity. 

„ 4376. G. Moore, Salve. 

„ 4377. A. Ben nett, These United States. 

„ 4378. W. B. M a X w e 1 1, General Mallock's shadow. 

„ 4379. M. Hewlett, Mrs. Lancelot. 

„ 4380. U. A. Vachell Buncli grass. 

„ 4381. 'Rita', The house opposite. 

„ 4382—83. C. N. and A. IM. W i 1 1 i a m s o n, Set in silver. 

,, 4384. W. B. Y e a t s, A selection f rom the poetry. 

„ 4385. J. Galsworthy, The Island pliarisees. 

„ 4386. ]I. A. Vachell, The procession of life. 

,, 4387. AI. Autin, Tlie promised land. 

D e 1 ni e r, F. Sefton, A key to spoken English. For the use of schools 
;ind private stiidents. Berlin, Weidmann, 1912. VI, 164 S. Geb. M. 2. 
[Ein vorzügliches Lehrbuch, um idiomatisches Umgaugsenglisch durch 
selbstgeschriebene interessante Aufsätze mit beigefügten Fragen zu ver- 
mitteln. Mit Recht sagt der Verfasser in der Vorrede: "Every day .English 
should be learned before literary English.' Die Themen, die seine Aufsätze 
behandeln, sind: der menschliche Leib, Krankheit, Nahrung, Kleidung, Zeit, 
Haus, Möbel, Stadt, Regierung, Familie, Schul- und Kircheuwesen, Ver- 
gnügungen, Skat, Stände, Handwerke, Geographie, Metalle, Jahreszeiten, 
Tiere und Pflanzen, Armee und Flotte, Verkehrswesen. Die Aufsätze sind 
speziell zur Erlernung der Wörter uud doch zugleich mit einem persönlichen 
Interesse geschrieben. Das Buch ist eigentlich eine Anleitung zu englischen 
Gesprächen. Man kann es nicht zu warm empfehlen.] 

Dick, Ernst, A new English course. Frankfurt a. M., Diesterweg, 1912. 
VIII, 159 S. Geb. M. 2. 

E h r k e, Karl, Der neusprachliche Unterricht an Real- und Reform- 
anstalten. Marburg, Elwert, 1912. 64 S. M. 1,20. 

Jones, Daniel, Phonetic readings in English. Heidelberg, Winter, 
1912. XII, 98 S. M. 1,60. 

Klein, A., Ich lerne spielend. Die unregelmäßigen Verba des Eng- 
lischen nebst der Formenlehre und Syntaktischem. Eine Ergänzung zu 
jeder Schulgrammatik. (Mnemotechnische Bibliothek, H. 16.) Leipzig, 
Wartig, 1913. 32 S. 

Lincke, K., und Gl i f f e, H., Lehrbuch der englischen Sprache tür 
höhere Lehranstalten. I. Teil: Elementarbuch. Frankfurt a. M., Diester- 
weg, 1912. 181 S. Geb. M. 2. 

Dick, Ernst, Englische Satzlehre. Zusammengestellt auf Grund von 
Beispielen aus dem englischen Lesebuch Twelve chapters from Standard 
authoLS. I. Teil: Grammatik. IL Teil: Übungsbuch. Frankfurt a. M., 
Diesterweg, 1912. IV, 155, 63 S. Geb. M. 2,40. 

B e 1 1 o w s, Max, Schreibtischwörterbuch der deutschen und englischen 
Sprache. (Deutsch-Engiisch und Englisch-Deutsch.) Korrekturbogen durch- 
gesehen von Clarence Sherwood und Wilhelm Johann Eggers. Braunschweig 
u. Berlin, George Westermann. 1912. 806 S. M. 5. [Die Anordnung ist 
hier in neuartiger und recht praktischer Weise getrofTen: die alphabetisch 
zusammengehörigen Wörter der beiden Sprachen laufen parallel auf dem 
oberen und dem unteren Teil jeder Seite; oben stehen die deutsch-englischen 
Wörter, unten die englisch-deutschen. Dadurch wird sowohl das Nach- 
schlagen als das Vergleichen erleichtert. In ähnlicher Weise ist eine knappe 
Grammatik der beiden Sprachen vorangestellt, auch Maß- und Münztabellen.] 
English poems with biographical notices. On the basis of a selection by 
Ludwig H e r r ig edited by Max Förster. Brauuschweig u. Berlin, Wester- 
mann, 1912. VI, 151 S. Kart. M. 1,40. [Nochmalige Zusammendrängung 
zu einem Bändchen, das jetzt reines Gold enthält.] 



248 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Kirkpatrick, John, Handbook of idiomatic English as now written 
and spoken. Containing idioms, phrases and locutions. Heidelberg, Winter, 
1912. XVI, 317 S. Geb. M. 4. [Eine große und wertvolle Anzahl idioma- 
tischer Phrasen, nicht aus anderen Büchern, sondern aus dem Gebrauch ge- 
schöpft und alphabetisch geordnet von dem bewährten Leiter des englischen 
Sprachunterrichts bei den Edinburgher Ferienkursen.] 

India. Selections from various authors. Für den Schulgebrauch hg. von 
H. und Th. P e s t a. (Freytags Sammlung f ranzös. u. engl. Schriftsteller.) 
Wien, Tempsky; Leipzig, Freytag, 1913. 117 S. Geb. M. 1,30. 

Ricken, W., The great drama of 1066. (With an introductory chapter 
on the oldest history of England.) (Englische und französische Volks- und 
Landeskunde, Bd. 2.) München u. Berlin, Oldenbourg, 1912. VIII, 100 S. 
M. 1,40. 

B u 1 w e r L y 1 1 o n, E., Nacht und Morgen (Night and Morning) . 
(Sprachen-Pflege. Englisch. Bd. 5.) Berlin, Scherl, 1912. S. 448—559. M. 0,60. 

Kingsley, Charles, The water-babies. Edited with notes and glossary 
by Marie Duve. (Diesterwegs neusprachliche Reformausgaben. 32.) Frank- 
furt a.M., Diesterweg, 1912. 80, 40 S. Geb. M. 1,20. 

Kerr, Ph. H. and A. C, The growth of the British Empire. Für deu 
Schulgebrauch bearbeitet von Adolf Schmidt. Mit 8 Abbildungen im Text 
und 1 Karte. (Französ. und engl. Schulbibliothek, Reihe A, Bd. 168.) Leip- 
zig, Renger, 1913. IV, 88 S. Geb. M. 1. 

Dick, Ernst, Twelve chapters from Standard authors. 1850 — 1900. 
Frankfurt a. M., Diesterweg, 1912. 203 S. Geb. M. 2,20. 

Eliot, George, The milier and his childreu. Ein Auszug aus 'The mill 
on the floss'. Für den Schulgebrauch hg. von A. Leykauf. (Freytags Samm- 
lung französischer und englischer Schriftsteller.) Wien, Tempsky; Leipzig, 
Freytag, 1913. 160 S. Geb. M. 1,50. 



■^] 



Laiitverwachsung und Lautabtrennung 
im Schweizerdeutschen. 

Ernst Tap polet hat in der 'Festschrift zur 49. Versammlung 
deutscher Philologen und Schulmänner in Basel i. J. 1907', 
Basel 1907, S. 324 — 340 unter dem Titel 'Zur Agglutination in 
den französischen Mundarten' eingehend und lehrreich über eine 
lautliche Erscheinung gehandelt, die auch für die deutschen Mund- 
arten wichtig ist, wie er denn auch selbst einige Beispiele aus dem 
Schweizerdeutschen beizieht. Aus diesem möchten wir im folgen- 
den noch eine Anzahl Belege beibringen, die zur Bestätigung der 
von Tappolet sowie von seinen Vorgängern und Nachfolgern^ ge- 
machten Beobachtungen und gefundenen Regeln beitragen dürften. 

Die Agglutination, nach Tappolet eine der kleineren 
Streitkräfte, die neben den zwei Großmächten Lautgesetz 
und Analogie im Siegeszug unserer fortschreitenden Erkennt- 
nis auf dem Gebiete des Lautwandels als Hilfstruppen einher- 
gehen, ist ebenso wde ihr Gegenteil, die Deglutination, eine 
Lautveränderung, die davon herrührt, 'daß ein im Satzzusammen- 
hang stehendes Wort "falsch", d. h. der grammatischen Tradition 
/,u wider, abgetrennt wird und in dieser seiner neuen "irrtümlichen" 
Gestalt, vielfach die alte rechtmäßige Form verdrängend, in der 
Sprache Aufnahme findet' {lierre, lendemain, loisir zu hedera, 
en demain, oisif; tante aus ta ante = engl. aimt). 'Im Prinzip', 
sagt er, 'sind diese V erwachs ungs- und Abtrennungs- 
erscheinungen' (wie er sie weiterhin auf gut Deutsch nennt) 'über- 
all da möglich, wo eine enge syntaktische Verbindung ohne ge- 
nügendes Korrektiv immer wiederkehrt.' Von der Häufigkeit der 
entsprecli enden Stellung des Wortes im Satze hängt daher die 
Wahrscheinlichkeit einer Agglutination oder Deglutination ab. 

Demgemäß werden auf schweizerdeutschem Gebiete Lautver- 
wachsungen im Anlaut besonders zu erwarten sein in 

^ Tappolet ('Tapp.') a. a. 0. — B. Fehr in Testschrift zum 14. Neu- 
philologentage in Zürich 1910", S. 303 ff., 'Zur Agglutination in der engl. 
Sprache'; 3ÜG, Anmm.; 329 f., sowie ebd. S. 158. 160: B eh r e n s, U r t e 1, 
Tappolet ('Die e-Prothese in den franz. Mundarten'): Artikel-Aggluti- 
nation. — Vgl. ferner noch : Tappolet, 'L'agglutination de l'article dans 
les mots patois' ('Bulletin du Glossaire des patois de la Suisse romande', 
1, 3 ff.; 2, 22 ff.; 3, 37 ff.); derselbe a. a. 0. 337 über Meyer-Lübke, 'Zs. f. 
roman. Phil.' (1907) 19, 305 ff., 477 ff., 504, und dazu die Be.sprechung von 
Herzog in derselben Zs. 30, 368. Über Agglutination im Englischen: 
Kluge im 'Grundriß der german. Philol.', I*, 1010. 1023 f. — (Jetzt auch 
über diese Lautvorgänge in Walliser Orts- und Flurnamen E. M u r e t im 
'Bulletin du Glossaire des patois de la Suisse romande' 1912, 49 — 83. — 
Morf.) 

Archiv f. n. Sprachen. CXXX. 17 



250 Lautverwachsung und Lautabtrennung im Schweizerdeutscben 

Ortsnamen 
mit vokalischem Anlaut bei vorausgehender Präposition, da ohne 
solche die Ortsnamen in gewöhnlicher Rede sozusagen niemals 
gebraucht werden. Und ebenso wird bei Ortsnamen vielfach Ab- 
trennung von solchen anlautenden Konsonanten vorkommen, die 
häufig als Auslaut von Präpositionen oder des mit Präpositionen 
verbundenen Artikels auftreten. 

I. Beispiele der Lautverwachsung (Agglutination). 
1) mit vorausgehendem n^ und m: 
ii)n, {yo)n uoht, üehte > nüecht: Nüechtland, Nüechtere 
(nüaxtdrd), zu ahd. ühta, uohta (g. ühtivö, sppvxov, Mk. 1,35; 
sskr. ushas'i) = Morgendämmerung, Morgenzeit, vigilia matutina, 
sodann: Morgen weide, Nachtweide, AVeide überhaupt (auch zu- 
sammengesetzt uohtweide, Weideplatz für die Nacht: Grimm, 
'Weistümer' 1, 439, 441); Mhd. WB. 3, 191; Lexer, WB. 2, 1720; 
W. Wackernagel, Altd. WB. 307^ Leo Meyer, 'D. got. Sprache', 
§ 474; Fick, Etym. WB.^ 702; F. Vetter im 'Berner Taschen- 
buch', 1880, 196; Birlinger, 'Alemannia' 1, 167 ff.; 'Schweiz. 
Idiot.' 1, 75), wozu ahd. uohterin (neben uohtln, Schmeller, Bäyr. 
WB. 1, 1720), das durch Anlehnung an lat. nocturnus zu nuoh- 
tarnin, nuohturn (Graff, 'Sprachsch.' 2, 1024), mhd. nüehtern, 
nüehter, ennuchtern, ndd. enugterne (^ nüchtern, d. h. noch iu 
nächtlichem, vormorgendlichem Zustande befindlich?) wird: 
Wackernagel a. a. 0. 217^ Schmeller a. a. 0. 1, 1720; 'Schweiz. 
Idiot.' 4, 664 f. (woselbst auch ein Yb. nüechtere^'' = frühmorgens 
etwas zu sich nehmen, Graubünden) . Die alte zeitliche Be- 
deutung von ühta, uohta: Nachtzeit oder Morgendämmerzeit, zei- 
gen u. a. noch die Schlettstädter Glosse des 10. Jahrhunderts uhti- 
hita ('frühmorgendliches Gebet' oder 'Ausharren bis zum Mor- 
gen', 'Durchwachen der Nacht'?) als Übersetzung von Aen. 4, 301 
nocturni orgia Bacchi (Steinmeyer u. Sievers, 'Ahd. Glossen' 2, 
681, 53, und Sievers in den 'Beitr. z. dt. Spr. u. Lit.', 32, 154; 
vgl. uhtsang, nocturna (vigilia); nuhttrinchan, jejunus potus, 
Schmeller a. a. 0. 1, 1720, 1562), die zahlreichen Belege aus 
Notker (Graff, 'Sprachsch.', 1, 138: Ps. 21, 1; 29, 6; 56, 9; 62, 2. 
7; 107, 2; 129, 6; 118, 148), ferner die ühta ('Heliand' 3419, 
3463) und der ühtfugal (Morgenvogel, Hahn, 'Genesis' 287) des 
Altsächsischen, sodann ags. uhte, uhttid (Zwielicht, Frühzeit), 
uhtfloga, uhtsceada (Zwielichtflieger, Zwielichtschädiger, Drache), 

^ In der heutigen Mundart ist das n ein nichtständiges, 'unfestes' {ny 
ephelkystikön), das nur vor vokalischem Anlaut des folgenden Wortes er- 
halten ist und vielleicht gerade wegen dieser sonst ungebräuchlichen Form 
leichter der Verwachsung: unterliegt. 



Lautverwachsung und Lautabtrenuuug im Scbwoizordeutschen 251 

uhthlcm (Frülüärm), ulitcearu (Morgenkummer), uhternlic (mor- 
gendlich); altu. ötta (Morgeufrülie) ; holläud. (ebenfalls mit Laut- 
verwaclisung: Selimeller a. a. 0. 1, 1720) nuchte, -en, -ens (mor- 
gens oder vor Tag).^ Die übertragene — abstrakte oder 
örtliche Bedeutung (das Weiden, der Weideplatz) — erscheint 
wohl zuerst in bäuerlichen AWnstümern des späteren Mittelalters 
belegt: des meiers kriecht, sivenne er kumet ah uchten, Grimm, 
'Weist.' 1, 821 (aus Betmeringen bei Stühlingen); ein sunder 
uhtät, ebd. 374 (aus Dornheim im Schwarzwald), ist aber sicher 
weit älter. Den Brauch der Nacht- oder Morgenweide, insbeson- 
dere für das Zugvieh vor der Morgenarbeit, halten noch Flur- 
namen fest wie Nachtweid (oberhalb Herblingen bei SchafFhausen, 
ein von Natur eingehegter Wiesengrund zunächst dem Dorfe); 
vgl. Lüthi in 'Pionier' 23 (1902), 23, und vielleicht die Uotengasse 
in Basel, Birlinger a. a. 0. Aus mhd. Zeit erst wird die Be- 
nennung Üechtlcüid = Land der Morgenweide, Weideland für 
die Gegend von Soloturn bis Freiburg, stammen,^ woraus dann 
durch Agglutination Nüechtland (latinisiert Nuithonia) wird; 
ebenso der vielfach im Bernbiet vorkommende Ortsname Nüech- 
iere'^ (schriftl. Nüchtern; zur Bildung vgl. Farnere, Heitere = 
Ort, wo Farne, wo Heiti — Heidelbeeren — wachsen; zugleich 
Anlehnung an nüechter, nüchtern);^ urspr. wohl = Weide. Da- 



^ In der alten zeitlichen Bedeutung und in der agglutinierten Form zeigt 
dieser Stamm ferner (neben nüchicrn usw.) die Familie von schvvzd. ntiodite" 
und nüechte'', Vb. =r dumpfig riechen (wie in der Frühe ein ungelüfteter 
Eaum?), häufiger als Dimin. nüechtele' (allg. sehweizerdtsch. = muffig 
liechen, auch — durch Vermischung mit nüechter — ein Gefühl der Nüch- 
ternheit haben oder geben; Adj. nüechtelig) und - — mit Anlehnung an das 
Adj. mucht (Bern, Soloturn), *niuecht, müccht (Nidwaiden) z= matt, er- 
schöpft (wofür auch muchtlos), feucht, dumpfig, diminuiert müchtelig (Sei., 
Id. 4, 70 f.; vgl. Schwab, und bayr. müecheln, müechten, -teln, -zen = 
schimmlig riechen, Schmeller, WB. 1, 15G2, neben nuchten =: riechen nach 
verdorbenem Mehl oder Brot, ebd. 1, 1720) — : muechtele" (Luzern, neben 
nüechtele"), muechtele" (Bern, Aargau, Basel, Freiburg, V Orte) = schimm- 
lig, moderig, feucht, dumpfig riechen, von Mehl, Getreide, Gefäßen (Id. 4, 71) 
und mit noch weiterer Anlehnung an nüechter: nüechterle" (Zur., Ober- 
land). Vgl. bei Frisius und Maler: 'nüechtelecht, mucidus, graw, schimmlig'; 
bei Jer. Gottheit ('Anne Bäbi', 1, Kap. 7) : sonst graue es (in ungelüiteten 
Schränken) uad fange an zu nüchten; bei B. Wyß: im ehalte nüechtende 
Stübli (Id. a. a. 0.). 

2 1332 und 1353 heißt Bern urkundlich Verona in Üchtlanden, Verona in 
Uchtland: E. Welti im 'Anzeiger für Schw. Gesch., 1896, 450; 'BIL^ für 
Bern. Gesch., «Kunst und Altertumskd.', IV, 1 (1908), 7. 28««. Uht-, üht-, 
Ohte-, Oihte-, Ochte-, Oc-, Uechtland und -landen, Occh-, Otlandia in 'Fon- 
tes Iler. Bern.' vom 13. Jahrhundert au. otlandia, ötland, Etland (vgl. 
Ettal), Euchtenland bei Schmeller, 'Bayr. WB.', 1, 30. Auchtland, 
Id., 1, 84. 

* üer Ortsname erscheint bei Dur heim II, 244 \ mit Einrechnung 
von Nüchters7nad — zehnmal; Fontes V, 184, in der Nüchterne i. J. 1320; 

17* 



252 Lautverwachsung uud Lautabtreuuuug im Öchweizerdeutsclien 

neben dauern unagglutinierte Formen wie Üechtland, Üecht fort; 
letzterem Ortsnamen steht für denselben Hof eine andere mit dem 
dativiscben Artikel der agglutinierte Form Riiüch (uf der Üücli 
> uf der Küüch) zur Seite: meine 'Beiträge zu Jeremias Grott- 
helf, 1898, 1, 15. 

{i)n, {yo)n, {go)n, {e)n Ärgete > Näryete, schriftl. Nergeten, 
Hot bei Hüttwilen, Turgau, zu scliwzd. Argete, älter Ägerte, was 
wobl gegenüber anderen Ableitungsversuclien (J. Grimm ä-gi- 
erida = nicht [mehr] gepflügtes Land, vgl. 'Schweiz. Idiot.' 
1, 130) aus lat. ager (einem mittellat. *agretum?) oder einer deut- 
schen Kollektivbildung davon (vgl. Stuhete, [Stuben-] besuch; 
Sichlete, Sichelfest; Rislcte, Ortsname: rieselndes Erdreich?), 
wenn nicht am Ende aus deutschem e-garte (wogegen freilich das 
offene e der ersten Silbe sowie das Geschlecht spricht) zu erklären 
ist: in allen Fällen war vokalischer Anlaut der Verwachsung 
günstig. Mit anderer Agglutination stehen neben dem Ortsnamen 
Nergete die Appellativa Regerte (< in der Egerte) und Därgete 
(< d'Ägerte), 'Schweiz. Idiot.' 1, 129. 

{go)n Ei^sidle > Neisele, Einsiedeln: in Soloturn gebräuch- 
lich. Ebenso vereinzelt (aus Soloturn): 

(i)w, (go)n oder w(ah) Amerika > Namerika: J. Reinhart, 
'Der Jümpferlibuur' (Verein f. Verbr. gut. Schrr., Bern Nr. 67) 
S. 26. 79 (^ Nam., uf Nam.), woneben anderwärts, z. B. in Grau- 
bünden, mit Verlust des vokalischen Anlauts Merika erscheint. 

{de)n Agelsee > Nägelsee (umgedeutet: Nägelisee): vieler- 
orten für und neben Egelsee (See, worin Egel, Blutegel hausen),^ 
'Schweiz. Idiot.' 1, 130. 

(i)w, (de)n Akten, Acken (WasseTleiiung) > Nakten-, Nacken-: 
Nackental zu Vislisbach, Aargau; (ze)m, (i)m (uf e)m Akten, 
Acken, Achen > Mägden, Machen-: Mägden, Dorf im Aargau: 
Magdenhüchel zu Würenlos, Aargau; Machenberg bei Zurzach, 
Aargau, bereits bei Bonifacius Amerbach um 1520 (Burckhardt- 
Biedermann, 'B. Amerbach' S. 11). — Diese und andere jSTamen 
werden im 'Schweiz. Idiot.', 1, 166, zutreffend von Akt, Akte, 
Agtot, Ageducht = lat. aquceductus abgeleitet: sie haben teil- 
weise noch Formen ohne Agglutination {Aackhen Bühell, Achen-, 
AggenhühP zu Magdenbühel, Achenherg zu Machenberg), sowie 
mit dem bestimmten Artikel agglutinierte Formen (Dagtemvies 
nächst dem Nackental) neben sich. — Die Ortsnamen mit Nack- 



auch Flurname im Aargau und Wortspiel: uf der N. (deheime) si = auf 
dem Trockenen sein (mit dem Gelde), Bern; Id. 4, 665. 

1- Gehört auch der Rigelsee im Berner Oberland hierher, wo der best. Art. 
N. A. S. M. nicht wie in der Ostschweiz da", sondern rfar lautet? 

2 Äcke"matt bei Schwarzenburg wird nach F r i e d 1 i, 'Guggisberg', 280, 
auch noch vom Volke so erklärt. 



Laut vorwach sung und Lautabf icuuung im Schwoizerdeutschen 253 

erklären wir uns nicht als Agglutinationen von Äcke nach 'Schw. 
Idiot.' 1, 165, vielmehr dieses als Deglutination, s. u. 

(Der wortspieleude Name Narragonien bei Seb. Brant dürfte 
gleichzeitig auf einer volksmäßigen Agglutination [ge]w Arra- 
gonien beruhen.) 

(uf e)m Unuol > Munot (nur schriftlich, mit gelehrter An- 
lehnung an munitio), die Veste von Schaff hausen : ursprünglich 
An-nöt (nach Schaff hauserischer Aussprache Unat), Spottname 
des vermeintlich 'unnötigen' Festungsbaues; ein Seitenturm hieß 
TJndnrft (ohne Bedarf oder Notwendigkeit: 'Festschrift des Kan- 
tons Schaff hausen' 1901, 709: Id. 1, 299 f. 

Nättc"bärg und Mätte^härg s. u. bei Atti; NöcJic" u. dgl. bei 
Xacken. 

(Mit gleichzeitigem Verlust des — ebenfalls labialen — spi- 
rantischen Anlauts:) 

(i)m. (us e)nK (uf e)m Wistelach > Mistelach, in der Stadt 
Bern, die das Gemüse von dort erhält, sehr gebräuchlicher Name 
von Berg und Landschaft am Murtensee, amtlich Wistelach 
(= links — wist^ — am See?), frz. Vuilly. Vgl., mit Verlust 
des dem neuen Anlaut identischen Namenanlauts: Alt-Zürcherisch 
Zürich. Züri für ze Zürich-, ferner Znttershuus für zc Sufershus, 
Friedli, 'Guggisberg' 421, sowie auswärts, mit Verlust eines — 
wie n — dentalen Liquida- Anlauts: Niflant für Livland, Tapp. 
305. und (bei Radolfzell) Mindelsee neben Windelnsec. 

Ähnlich wohl: 

('\)m. (uf e)m Jiicher > Mncher. Dörfchen bei Aarberg, Dur- 
heim L 4: n. 168, 230.2 

2) mit vorausgehendem t, d: 

(Sank)^ Alban > Dalbe, 

(Sank)f Eisbeten > Delsbete, für zwei Quartiere in Basel. 
Tapp. a. a. 0. 325. Zu den Heiligennamen 

(Sank)? Urs > Ditrs, Dursli (in Soloturn allgemein: 'Schweiz. 
Idiot.', 1. 467 f.) und 

(Sank)? Osuald > T)oscl (nebst Osli. öschli. öscl häufig 



* wist (< mhd. winsterl) lautet bei uns auch der Zuruf an die Zugtiere, 
links zu gehen, d. h. gegen den links schreitenden Fuhrmann hin, wofür 
in der Nordostschweiz Jiarr (her?) gilt. — Im 'Berner Taschenbuch', 1910, 
17 wird 'Mini('lach\ wie der Name 'im ganzen deutschen Sprachgebiet' laute, 
von 'Medio in laru' abgeleitet! 

2 Vielleiclit gehört auch hierher (aus dem Elsaß) Arlegia, heute Marley 
mach TroMillat): Foiilcs T, 235. v. J. 866. — S. A. Bacon, 'The source of 
Wolfram's Willehalni" (M a y n c u. Singer. 'Sprache und Dichtung' IT. 
Tübingen 1910), S. 107, möclite ebenso die frz. Ortsnamenformen VArrhant, 
TAirchatiri) für Ali-sffiv.i aus der Agglutination des Artikels {VAliscnns) ab- 
leiten, was wir dahingestellt lassen, um so mehr, als die romanische Philo- 
logie diese Identität nicht anerkennt. 



254 Lautverwachsung und Lautabtrennung im Schweizerdeutschen 

in Zug, Glarus, St. Galler Oberland, 'Schweiz. Idiot.' 1, 548) er- 
scheinen ebenda die Namen: Dursenkirche; im Dosel, Stätte einer 
ehemaligen St. Oswaldskapelle, bei E. F. v. Mülinen, 'Heimat- 
kunde' (woneben im Zürichbiet im Osli, Id. a. a. 0. 548 'nach 
einem früheren Besitzer'). 

In diesen westschweizerischen Namen ist das t des neuen An- 
lauts, der Mundart gemäß, in d gewandelt, im folgenden (ost- 
schweiz.) dagegen geblieben. 

(Sank)f Anna > *Tanne, in Tannerhrünneli = 't Annen- 
hrünneli, an der Stelle einer St. Annenkapelle zu Ober-Stamm- 
heim (Zürich); die Anwohner heißen noch Bäsitanner, nach einem 
vorauszusetzenden be Set-Anne*^ = bei (mundartl. he) Snnkt- 
Annen. Farner, 'Altes und Neues', Andelfingen 1899. S. 14. 
Hier nach der Präposition ist das Sankt in vollerer silbischer 
Form erhalten geblieben als in Tannerhrünneli; vgl. basl. zct Lie- 
nert neben Dalhe, Tapp. a. a. O.; unten zset Theodere. 

Von fremden romnnischen Ortsnamen dieser Bildung ist zu 
den bei Tnpp. angeführten (z. B. Saint Chelris < SaincJr-Elvis 
— »St. Hilarius) als sehr bekannt noch (Sank)^ Ehno > Telmn in 
Neapel zu vergleichen (auch in Sevilla gibt es ein San Telmn), 
ferner engl. Saint Andrem > Tandrew. Tander. B. Fehr a. a. O. 
S. 304. 

Neben dem t von Sank^ erscheint auch der bestimmte Artikel 
d' (= die) mit Ortsnamen verwachsen: 

d'Akte > Dagte in Dagtenwies, s. o. unter Akte. 

Vielleicht ist auch der westschweizerische Fhißname Zihl 
neben der östlicheren Sihl aus Verwachsung mit dem Artikel d' 
zu erklären, sofern nicht das entsprechende lat. TeJa (Fontes TV, 
808, woneben aber ziemlich gleichzeitig Zila erscheint, ebd. s. 
Ortsverzeichnis), franz. Thiellr. die ursprüngliche, deutsch sodann 
in Zihl verschobene Form darstellt. Nebeneinander stehen im 
Bernerland die Znlq und der Snlgenhaeh nebst zahlreichen an- 
deren schweizerischen Orts- und wohl ursprünglich Flnßnamen 
mit Sulg-, wovon also wohl d'Sulg > Zrdg gebildet ist. Der 
zackige Zagtgraf am Balmhorn könnte, da die Form Saginrat da- 
neben gehört wird, durch Vermittlung von d'Sagi. was dort 'die 
Säge' heißt, seine jetzt auf den "Karten geltende Namensgestalt 
erhalten haben. Dagegen ist T.^ehanz für Schanz. Tapp. a. a. 0.,^ 
nicht als Verwachsung mit dem Artikel anzusprechen; t-^^cJ) ist 
vielmehr die regelrechte schweizerdeutsche Wiedergabe des franz. 
ch von chance: vgl. die Namen Tschampel < champel, Taehaeht- 



. 1 K. Jaberg im 'Bund' 1910, 30/31. August über B. Fehr, 'Zur Agglu- 
1 ination in der engl. Sprache' und E. Tappole t, 'Die e-Prothese in den 
franz. Mundarten' ('Festschrift zum Neuphilologentage in Zürich' 1910). 



LautverwacLsung und Lautabtrcimung im Schweizerdeutschen 255 

Jan < chastolan. Tscharner < *charnier, cnrnarins;^ auch das 
neutrale Diminutiv von Die Tschanz, das gewöhnlich sogenannte 
SchänzU in Bern, heißt rein mundartlich ds TschänzU. 

3) mit vorausgehendem r: 

(i de)r. fuf de)r Üecht > Tlüüch. wohl mit Anlehnung an 
rtich. rauh. s. o. unter uoht. 

Ist auch der Dorfname JRafz. an Ort und Stelle Afz, Äfzg ge- 
sprochen fld. 1. 124. 126), auf eine Lautverwachsung mit dem 
Art. Dat. Sg. Fem. zurückzuführen? 

4) mit vorausgehendem z (von ze, zu) : 

zc Apfolteni > ZapfoJfhrn CKts. Soloturn) = bei den Apfel- 
hiiuraen (Affoltern ist häufiger Ortsname; daneben Affeltrangen 
< Affoltenvangen). Ygl. urkundlich Zaichenegg, Zlanqemvyl 
(1533): Friedli. 'Guggisberg' 280. 36. — So wohl auch 

ze EgJingen > Zeglingen (gegenüber Eglisan, dessen Namen- 
geber Egli vermutlich auch in dem Namen des Dörfchens auf der 
anderen Eheinseite. jetzt Seglingen, steckt.^ 

ze Urznch > Zur zach (von woher nach Rüegers 'Chronik' 
1047. 1091 ein Schaffhauser Geschlecht Urzaeh stammte)? 

Ein altes ze dürfte als s (s) A-orliegen in dem ÜSTamen der süd- 
deutschen Xachbarstadt Sfraßhurg. kelt.-lat. Argentnratum > 
( Argen) f(o)rathnrg > ze frajhiirg > Sfratshrfrg^ > Straßimrg. 
Ygl. meinen Aufsatz '"Bern" ist Deutsch -Verona' in 'Blätter f. 
Bern. Geschichte. Kunst u. Altertumskunde' 4, 1, S. 23^*^. Die 
.Anlehnuno: an 1. sfrnfo. ahd. sfrnja (vgl. Dehio in 'Zeitschr. f. 
Gesch. d. Oberrheins', N. F. XTT (1897), kann immerhin bei der 
Bildung des deutschen Namens mitgewirkt haben. 

Ebenso wird (trotz dem Flußnamen Tanger]) niederdeutsches 
Ir vermutet in dem heutigen Anlaut von Tangermnnäe: Von der 
Hagen in den 'Abhandlungen der Preuß. Akademie' 1852. 

5) mit vorausgehendem / (von «/. auf): 

uf Üügste > Füügste (mhd. ouwest, Schafstall); vgl., mit 
Wegfall von // : uf Hirschhorn > Firschhorn und sogar z'Firsch- 

1 Ähnlich tsch < lat.-franz. c und sc: Tschumi (Familienname) < comes, 
Tschudi (ebenso) < nciitatusl Vb. tschämala'' (zu Gevatter bitten) zu 
l. scamellum, scamillus, vgl. mhd. schemelcere, Krüppel, Bettler (der sich 
auf untergebundenen Srhemeln bewegt), eher als zu schäme (Lex er, 'Mhd. 
^rB.' 2, 698) oder zu mhd. scheme, Larve nhd. Schembart, wie in meiner 
Gijtthelf-.\n?gabe. Ergänzungsband 4.33, vermutet ist. 

' So wird vermutet im 'Zürcher Taschenbuch' 1897. I.*^?. 

3 So in Fontes K. B., s. das Ortsnamenverzeichnis. 



256 Lautverwachsung und Lautabtrenr.uug im Schweizerdeutschen 

horn, und, vor konsonantischem Anlaut: uf Rüschegg > Früsch- 

egg und pleonastisch uf Früschegg: Friedli, 'Guggisberg' 280^''. 

II. Beispiele der Lautabtrennung (Deglutination) 

in schweizerischen (oder bei Schweizern vorkommenden) Orts- 
namen sind: 

1) bei anlautendem n und m: 

(ge)w, (vo)%, (i)w Naples > Aplaß: so heißt die Stadt Naples, 
Neapel in einem Liede bei A. Hartmann, 'Histor. Volkslieder' I 
(1907), S. 7: aus Aplaß her. 

(ge)n, (vo)w Narrenberg > (*Ärenherg) Ärenenberg, Arena- 
berg: so der heutige Name — der volksmäßige und der von den 
Napoleoniden aufgebrachte — des bekannten Schlosses am Unter- 
see, das einst Narrenberg hieß, was seinerseits wiederum schon 
eine Agglutination von Arnberg (zu ar, Adler) sein dürfte: 
J. Meyer in 'Schrr. f. d. Gesch. d. Bodensees' 35 (1907), 214. 

(ge)w, (vo)w, (i)w Nordschivaben (Nortsuaben, Noresvaben, 
Norswaben, Narsiiaba, Fontes I, 478 u. ö., im 12, Jahrhundert 
und weiterhin) > Ortschwaben, heutige Ortschaft in der Nähe 
Berns, Durheim I, 4. 33. 

(i)m Marsilie > Aar siele, wie bis vor kurzem auch amtlich 
^ mit Anlehnung an den Namen der Aar, an der sie liegt — eine 
A^orstadt Berns hieß, die aber im Mittelalter M«m?i/e genannt war. 
wohl nach der berühmten Seestadt; mündlich gilt durchweg die 
Form Marzili. Vgl. 'Berner Taschenbuch' 1880. 210: 'Bll. f. Bern. 
Gesch.' IV, 1, 24. In Fontes V, 381. 642 (14. Jahrh.) molen- 
dinum Marsili, Marsili extra muros; bei Justinger Marsilye; Fon- 
tes III, 31. 604 (13. Jahrh.) ein P. und ein Uolricus Marsili (diese 
nach dem Personennamen Marsilje in der Rolandssage genannt?). 
Bei Durheim (1838) II, 213 wird unter Marsiehle auf S. 1 Aar- 
siele verwiesen. 

(uf e)w Märbighorn > Ärmighorn: so heißt auf den Karten 
der hohe lichtgraue Gebirgsstock zwischen Kander- und Kiental, 
den die Anwohner Märbighorn nennen, was — wie Marbel für 
Marmel, Spielkugel — eine Dissimilation von Märmig ist und zu 
mhd. marmel, Marmor, gehört. 

(i)m Mental > Emdtal: an Ort und Stelle (im Kandertal) 
nur in der ersten Form gebraucht, die, wie das aarg. Möntal, auf 
wewe", das Zugvieh leiten, mene, die Fuhr, zurückgehen mag (im 
14. Jahrh. gibt es bei Steffisburg eine area linder dem Menivege, 
Fontes V, 121); amtlich und auswärts gilt lediglich die zweite, 
die eine Anlehnung an Emd, Grummet, ist und vielleicht durch 
die Parallele zu dem am Flusse gegenüberliegenden, aus früherem 
Tleistrich (< heisterach, Buchenwald) herausgedeuteten Heu- 



Lautverwachsung und T;autabtreunung im Schweizerdeutschen 257 

strich unterstützt worden ist. Vgl. meinen 'Ergänzungsband' zu 
'Jeremias Gotthelf (1901), 619.^ 

Auch das urkundliche 'an Yesen'. 'under dem Yesen (1357, 
1360; Fontes YTTT. 172. 374) hält Friedli, 'Guggisberg' 280^6, 
für jünger als das heute allein gültige 'Niesen (Bergname), 'im 
idtrenhoden (1533) für jünger als jetziges Muelterehode. 

Von auswärtigen Ortsnamen gehört hierher (nebst dem obigen 
ApJaß in einem schweizer. Liede) die Ortenan, die im Mittel- 
alter Mortenouwe, pagus Morfowna heißt (z. B. Fontes I, 435, 
i. J. 1155; 'Schrr. des Vereins f. Gesch. d. Bodensees' XTTT, 79, 
i. J. 1007. 1025) und also wohl aus (i)m Mortenau (mit Ergän- 
zung etwa von 'Gau' für pagus) entstanden ist. (Vgl, Miiotone 
und Vofone — sofern dieses Uotone zu sprechen ist — für eine 
und dieselbe Ortschaft in zwei verschiedenen Hss. in einer Ur- 
kunde von 961. Fontes L 273.) 

2) bei anlautendem t: 

Den Verwachsungen in den Basler Kirchennamen DaJhe und 
Bclshetc (Saukf AJhan. Sankf EJshefen) entsprach im 16. Jahrh. 
die Abtrennung 

(Sank)^ Theodore > Sani Joder: so heißt die schon im 
13. .Tahrh. den Heiligen Theodor, Andreas und Katharina ge- 
weihte Kirche von Klein-Basel bei Chronisten des 16. Jahrh. 
('Basier Chroniken' T): die Deglutination offenbar gefördert durch 
volksmäßige Vermengung mit dem Namen des Walliser Heiligen 
St. Theodul. der dort auch als St.Jodel erscheint: 'Schweiz. Idiot.' 
3. 11 f.: Gauchat in Herrigs 'Archiv' 97 (S. 7 des Sonderabdrucks); 
'Schweiz. Theolog. Zeitschr.' 24 (1907). 242. Heute gilt wieder 
der historische Name, aber mit dem Ton auf der zweiten Silbe. 
der allein den Übergang in »S'^ Joder ermöglicht hatte: Sant Theö- 
dere, z'set Theodere.^ 

3) bei anlautendem z: 
*zZeimge^ > Einige^: das jetzt schriftlich Einigen genannte 
Dorf am Thuner See (schon in der Stretlinger Chronik um 1450 
Eininqen mit entsprechender Etymologie) hieß einst Zeiningen 
fwie heute noch eines im Aargau) und heißt mundartlich noch 
Zeiriigr'': E. F. v. Mülinen. 'Heimatkd.' 1. 21: Friedli, 'Guggis- 
berg' 280^^.^ Jens Baggesens Parthenais nennt das Dörfchen in 

1 B. Fehr a. a. 0. .30.5 erwähnt aus Baselland das nur auf Karten er- 
scheinende Mapprach < im Apprach. — Tst vielleicht auch }feggen aus 
(a)»i Egfjr' (an der Ecke des Luzerner und Küssnacher Rces) zu erklären? 

2 Auf einer Scheibe, des Spießhofsaales im TTistor. Museum zu Basel er 
' heint ein 'Tlifoder Oftlin ^f>r>(^'. 

' Das ebendort verjrlichene Zeiigpiiril. obgleich schon 1.570 ZänJcenwyl 
geschrieben, dürfte docli eher Lautverwaclisung aus zfc) Engfiiwil als Laut- 
abtrennung aus *Zan7dnwilare sein. Zweifelhaft ist uns das Verhältnis 
von (aarg.) Umikon und (zürch.) Zumikon. 



258 Lautverwachsung und Lautabtrennung im Schweizerdeutschen 

den verscliiedenen Ausgaben (nach 0. Zürcher. 'J. Bs. Parthenais' 
75) abwechselnd Z einigen und Hinigen (dies wohl Druckfehler 
für Einigen). 

*z'Zerilach > Erlach: Burg und Städtchen am Bieler See 
(samt dem danach benannten Geschlecht) heißen so (Erilaco, 
Herilaco) seit dem 13. J'ahrh.; daneben besteht bis heute als 
franz. Ortsname Cerlier, was von J. Stadelmann ('Archives de la 
societe d'histoire du canton de Fribourg' 7 (1902)) auf den römi- 
schen Männernamen Caerel(l)iii.s zurückgeführt wird. Vgl.Meyer- 
Lübke im 'Schweiz. Arch. f. Volkskunde' 11. 150 [und Gauchat 
in Behrens' 'Zeitschrift' XXV^, S. 122]. 

(Tasgetinm'^) ^/Zasches. Zeschez'^ Aschinza, heute Eschez, 
schriftlich Eschenz. Das auf der Stelle der Römerstadt Tasge- 
tium (Ta^yalnov) bei Stein a. Eh. entstandene Dorf hat seinen 
heutigen Namen sicher nicht von dem Ausfluß des Rheins aus 
dem Untersee erhalten, wonach man ihn früher zu 'Exientia 
(Exeuntia?) latinisierte: die älteste deutsche Namensform ist 
Aschinza; wohl aber mußte Tasgeti(um) zu deutschem Zaschezi, 
Zescheze verschoben werden, woraus sich durch Abtrennung des 
als Präposition ze gefaßten oder mit der Präposition verschmol- 
zenen z (vgl. oben s'Zilri > Ziiri) und durch ?-Fmlaut des a die 
heutige Namensform ergeben mußte. 

4) bei anlautendem h: 

(na)^ Hemishnfen > Emishof e^ und 

(na)7?. Hemmrnhofen >• Emwe^hofe^. 

Die beiden kleinen Dörfer bei Stein a. Rh. tragen schriftlich 
noch den vollen Namen mit anlautendem /?: an Ort und Stelle 
werden sie allgemein ohne solches ausgesnrochen. wa« vermutlich 
eben auf Abtrennung des h bei der Terbindung mit nah (nach) 
oder ga (gen), wobei das h unbewußt zu der Präposition gerechnet 
ward, zurückzuführen ist. Zugrunde liegt bei beiden der Name 
Henman oder Heimo = HeimrTch. Heinrich. Ein unweit davon 
gelegenes turgauisches Dorf führt schriftlich und mündlich den 
Namen Emmishof cn. mit dem unser 'Hemishofen in der Aus- 
sprache unbequem zusammenfällt und der wohl auch aus einem 
Namen mit anlautendem — aber in Aussprache und Schreibung 
endgültig verlorenem — h hervorgegangen ist. — Ahnlich dürften 
sich bei dem ebenfalls nahegelegenen TTof Hofenacher oder Ofen- 
acTicr die beiden Nnmensformen verhalten, die schriftlich und 
mündlich nebeneinander srelten: schon in der Karte des Schaff- 
hauser Gebiets von TT. Peyer 1685 Hofennl'er. aber im Volks- 
mimd stets Ofenacl'cr. 

Nicht bekannt ist uns auf schweizerdt. Gebiet und überhaupt 
im Deutschen ein Fall wie ital, l'arena > la rena, wo beim Zu- 



Lautverwachsimg und Lautabtrenuung im Schweizerdeutaehen 2r)9 

sammentrefFen zweier Vokale der vokalische Anlaut fies Wortes 
verloren geht. 

Viel seltener als im Französischen und Englischen scheinen 
im Deutschen und insbesondere im Schweizerdeutschen die Ver- 
wachsungen und Abtrennungen bei anderen Wörtern als bei Orts- 
namen zu sein, die als unverständlich oder entlegen diesen Laut- 
veränderungen keinen kräftigen Widerstand leisten konnten. 
Schon die Personennamen, von keinen feststehenden Präpositionen 
und ursprünglich auch von keinem Artikel in ihrem Anlaut be- 
droht, sind weit seltener als die Ortsnamen der Agglutination 
verfallen; bei Appellativen und Partikeln sind sie wenigstens in 
dem von uns in Betracht gezogenen Oebiete auf verhältnismäßig 
wenige, entweder fremde und seltene, oder im Gegenteil sehr häu- 
fige, flüchtig gesprochene Wörter beschränkt. Starke Verba, so- 
wie Adjektiva, scheinen ihr, weil durch Verwandte geschützt oder 
aus syntaktischen Gründen, niemals erlegen zu sein. 

Personennamen. 
T. Verwachsungen. 
Zu den als Orts- und Quartiernamen gebrauchten Heiligen - 
namen (s. Ortsnamen: Daihr u. dgl.) kommen als wirkliche Per- 
sonennamen hinzu: 

1) mit vorausgehendem f. d. von Sankf: 

(Sank)^ Urs > Durs, s. o., bei Hans Salat (Luzern. IC). Jahrh.). 
Tnrs. Td. 1, 467. Daneben in Doppelnamen Durssepp u.dgl. und 
auch als zweiter Teil Vil-ferdurs (Id. a. a. 0.\ worin die Namen 
der beiden Soloturner Heiligen vereinigt sind. 

(Sank)f Ottilie>Tiniille, Id. 1, 488, wo das T von dem Ar- 
tikel (V abgeleitet wird. — Vielleicht auch 

(Sank)^ TJH (in Graubünden = Ursida) > Tutfi. Bidlt (ebd.: 
1(1. 1. 468; und mit vorausgehendem weibl. Artikel d (= die): 

d Susann > Zusann, wie dieser Name nebst seinen Kose- 
namen (Züs, Zi'isi, Züseli) in allen Stellungen lautet. 

2) mit vorausgehendem n 
des Possessivpronomens min gebildet sind die zu den Eigennamen 
zu rechnenden Ätti (= Vater) und Äni (— Großvater) in 

(mi)« Ätti > Nfitti. Id. 1. 584 f..^ 

(mi))? Äni > Närii (Graubünden), a. a. O. 247. 240. 
wogegen in dem Bern eri sehen (Emmentalerischen) 

dr Ätti > Drätti (Vater; 'Üse Drätti', Dichtungen von C. A. 
Loo.=ili. Bern 1910-) eine Agglutination mit dem bestimmten Ar- 

1 Davon wohl auch der Ortsname Knltr"})ärri nml M<iffp"h(irfj (<ini A.) 
hei Friedli. 'Ouggi.sberg' 14. 280''«. 

2 Vgl. Friedli, 'Guggisberg', 462. 



260 Lautverwaehsung und Lautabt rennung im Schweizerdeutschen 

likel (vgl. Id. a. a. 0. Tratt < dr Att) und in Datti und Tatte 
bloße reduplizierende Koseformen vorliegen. 

Die ursprünglichen Eigennamen Nani und Nevi sind unter 
den Appellativen zu erwähnen; Ncwn und Nanni (zu Anna, Id. 1. 
260) als reduplizierende Koseformen zu erklären. 

II. Abtrennungen 
sind uns bei Personennamen, wenn vnr von dem unseres Wissens 
nur in dem bez. Kirchennamen gebräuchlich gewesenen Sant Joder 
(<CSnnf Theoder. s. oben) absehen, keine bekannt. Bloßes Schwin- 
den des Anlauts am fremden Namen, das aber vielleicht auch auf 
ein verlorenes Sankt zurückgeht, hinter dem das anlautende n 
verloren ging, liegt vor in (Hans) Evenivh (= Johannes ISTepo- 
muk, zu Kaiserstuhl). Id. I, 108.^ 

Sachennam en. 

In erster Linie stehen hier aus den erwähnten Gründen die 

Fremdwörter. 

Wir führen, meist nach dem 'Schweiz. Idiot.', an: 

I. Verwachsungen. 

1) mit vorausgehendem n, w: 

(e)n Amedeli > Namedeli = Agnusdei, Id. 1, 127. 

ie)n Assel > Nassle^, Assel. Tausendfuß. Kelleresel, zu lat. 
osellus. Id. 1, 508. 

(e)w, (vo)w Esple^ > Nesple^, auch Misple^ (durch Ver- 
mischung mit Mistel? Grimm. WB. 6, 2258. 2269), zu lat. es- 
cidus? Id. 4, 509 (nesplan auch im Steiner Abtsrodel v.J. 1385, 
und der NespeJhonm hi Meinisberg [Bern, 14. Jahrhundert], 
Fontes 7, 553). 

(e)n Evi > Nevi, Nevli =: dummes Mädchen, eig. Eva, Id. 1. 
108. Vgl. Nani zu Anna (zugleich Beduplikation), Id. 

(e)n, (vo)w Ibsehe > Nibsche^ = Eibisch, hibiseus. Id. 1, 48. 

(e)n Ifele > Nifele'' = Inful, a. a. 0. 327. 

(de)r Bappel > Appel ^= Ekel, sofern das Wort nicht eher 
aus dt. Abiville = Aberwille zu erklären ist, a. a. 0. 361. 

Vgl. von auswärts: (ze)m Olf enter > MoJf enter, Geschlechts- 
name nach einem Haus 'zum Olfenter' (Kamel, elenhantns). Alb. 
Heintze, 'Die dt. Familiennamen' (1882), S. 60. (Das md. Nobis- 
haiis, -krug, Schweiz, -kratten = Hölle wird — mit it. nabisso 
neben abisso — durch J. Grimm von abyssus abgeleitet, Myth. 
296. 672. 837. Nachtr. 279, dagegen bei Laistncr — Germ. 1881. 
65 — von Obse, got. ubisica. Halle.) Hierher gehört auch der 
nach Id. 1. 467 aus schweizerdt. Lam-arsch = 'ars-lahmer', fauler 

i Im Italienischen dürfte noch liierher gehören der Sultan Aladin bei 
Tasso (< Suitanus Saladint). 



Lautverwachsung und Lautabtrennung im Schweizerdeutßchen 261 

Mensch, entstellte franz. Geschlechtsname La Matche. — Mit 
dein roman. Artikel ist nach Id. 1, 239 aus graubündn. Ämpe 
(=r sclnvzd. U'impi, Himbeere) ital. lampone gebildet. 

Beruht da.s allgemein deutsche Lehnwort Mergel aui' lat. 
marga oder auf Verwachsung von franz. argile, ital-lat. argilla, 
gr. äoyi/jyog, mit dem dativischen Artikel unter gleichzeitiger 
Anlehnung an marg'^ 

2) mit vorausgehendem r: 

{de)r Ettike" > Ixettiker = Schwindsucht, Freßsucht, wovon 
auch scherzhaft Freßtätiker, Schlaf rütlk er (Wintertur), zu lat. 
hectica, ital. etica. Id. 1, 599. 

(de)»- Inschenör > Rinschenör = Ingenieur. 

Auf ehemals romanischem G-ebiete entspricht 

(de)r aschil > Raschil = Wagenachse (Graubd., Prättigau), 
zu rätorom. aschigl, lat. *axienlüs, Id. 1, 563; mit verwachsenem 
romanischen Artikel Varader > Laräder = Pflugschar, Pilug 
(Graubd., Schanfik), zu rätorom. arader, lat. aratrum, Id. 1, 386. 
A^gl. (allg. Schweiz.) la retraite > Ladräft, Zapfenstreich, s. u. 
(und in der Berner Schülersprache rarref^Lär. der Schularrest?). 

3) mit vorausgehendem s: 

(da)s Älemöndli > Sdlemöndli (Zur.), die Anemone. Id. 1, 263. 
(da)« Imnii > Simmi = Immi, Hohlmaß, zu lat. hemina. 
Id. 1, 223. 

IL Abtrennungen. 

I) bei anlautendem n, m: 

(a) Natere" > Ätere", Ötere'' (und hochd. Otter, holld. und 
engl, adder), zu lat. natrix, mit Anlehnung an die Ader oder der 
Ottcr'f Id. 1, 588. 

(a)m [?] Matsman > Atsmann, neben die Matse = Stock 
zum Einschlagen von Nägeln als Aufruf zu einem Volksaufstand 
(Wallis), zu ital. mas^a = Keule. Grimm, 'MythoL' "^ 913; A. 430. 
(Auch mild, agetstein neben magetstein = Magnet dürfte hierher 

2) bei anlautendem r: 

(de)r *i?e?t^eraiii6->(elsässisch) Ewerants (aus irz. reverence). 
das sich HofFmann-Krayer ('Festschrift z. Basler Philologenvers.' 
1907, S. 501: Terndissimilation') noch nicht erklären konnte. 

Ohne Vermittlung eines Präfixes erscheint die Abtrennung 
des g in dem seltenen Fremdwort Gargel, GargW (mlat. gargula) 
> ÄrgW (Zur.) = Einschnitt der Faßdaube zur Aufnahme des 
Bodens, Id. 2, 416^ 

^ Für den französischen Anwohner des Lemansees war im 18. Jahrh. auel» 
das schweizer. Leckerli ein mit dem franz. Artikel gebildetes Fremdwort, 



262 Lautverwachsung und Lautabtrennung im Schweizerdeutschen 

Den Persouennamen und Fremdwörtern reihen sich naturgemäß 
zunächst an einige Tiernamen mit vokalischem Anlaut, mit 
denen der vorausgehende Artikel als n und d verwächst: 

I. Verwachsungen. 

{e)n Aber > Näher = Eber, Id. 1, 46. 

{e)n ÄgW> Nagel-, Nägel-, Nägeli-see =. Egelsee, Id. 1, 131; 
s. 0. Ortsnamen. 

(e)w Assel > Nassle^ = Assel, Tausendfuß, Kelleresel, zu lat. 
asellus. Id. 1, 508. 

{e)n Igel > Nigel = Igel, zsges. Sü-nigel, Id. 1, 149 f. 

{e)n Urfer, ürfel > Nur fei, Nurfer = Widder, Id. 1, 444, 
woneben, wohl mit dem Plur.-Artikel verwachsen, Turfel a. a. 0. 

{e)n Üwel, Öäel > Nöüel (Luzern) = Eule, a. a. 0. 613, 
und als Pflanzenname (mit Sing.- oder Plur.-Artikel) 

d{ie) Erle"" > Derle"", ebd. 451, 
sowie mit Fem.-Sing.-Art., der z. B. im Aargau en lautet, und 
gleichzeitigem Verlust des Anlauts l, der dann am Schluß des 
Stammes als Dissimilation aus n erscheint: 

{e)n Liand > e Niale = Waldrebe (ahd. liana, die Liebende?), 
wozu dann wieder als Abtrennung Idh^: Friedli, 'Guggisberg' 78. 
Nisple^, Nihsche'\ Salemönli, s. o. Fremdwörter.^ 

Als 

IL Abtrennungen, 

doch ohne Einwirkung eines Präfixes, vielmehr zum Zweck der 
Dissimilation eingetreten, sind wohl von Tiernamen aufzufassen: 

Lerekli > Erekli = Lerche, a. a. 0. 403, 

Fifolter > Ifolter = Schmetterling, a. a. 0. 19; 
ferner von Namen einzelner Körperteile von Haustieren, unter 
Einwirkung des Artikels: 

(da) 5 Sing eil > Ingeli = Hautzäpfchen oder -glöckchen am 
Halse der ungehörnten Ziege (Muttle^geiß), das mit einer Singd- 
Za" {z=L * Schelle, lediglich in der Bedeutung 'Maulschelle' er- 
halten) verglichen wird, a. a. 0. 336, 

und als Lautverwachsung: 

(da)s Uter > Suter = Euter, a. a. 0. 606. 

Andere Sachennamen. 
I. Verwachsungen. 
(e)w Ach '> Nach, Nache, Nahte = Beigeschmack (wovon i 
ferner Nächli, vornächW^, nachele^, nächele") Id. 1, 163. ^ 

das Rousseau daher in der deglutinierten Form des ecrelets braucht. Tapp. 
325. Fehr 305. 

1 Englische Beispiele der Verwachsung in Tier- und Pflanzennamen bei 
B. Fehr a. a. 0. 304: an efet > a newt = Eidechse, der Abtrennung 
a nettle > an etile r= Nessel. 



Lautverwachsung und Lautabtrennung im Schweizerdeutschen 263 

(de)m, (a)wi Äug gell > Mäuggeli — knusperiger Rand, xliis- 
wuclis am Brot, a. a. Ü. 3-10. 

{e)n Ast > Nast = x\st, allg. schweizer. -alemanuisch (schon 
1550 belegt), a. a. 0. 572. Der Plural Nest, ursprünglich mit ge- 
schlossenem, dann mit oiffenem, bezw. landschaftlich mit über- 
oft'enem e gesprochen, hat zur Entstellung der Redensart Hurst 
und Xest (= Crebüsch samt Vogelnest) in llurst und Nast (—Ast) 
bei Hebel geführt: Id. a. a. 0. 574. 

d{ie) Äsen, (i" de)r Asien > Dasen, Rasle, llaßle, Raßler, 
IlasU = Holzgestell über Ofen, Herd oder Kamin (zu a.-, mhd. 
ans, anshouni = Balken), a. a. 0. 504. 

(e)«, (de)r Äser, Öser > Nöser, Roser =■ Schnappsack, Schul- 
sack, Marktsack für Mundvurrat (zu äsen, äs), a. a. O. 506. Oder 
zu escarius't (Diefenbach Gl. 111: escarius etiam est bursa in qua 
ponitur esca pro via ein neser). 

Lediglich auf die Grrußformel beschränkt ist das in Schaß'- 
hausen gebräuchliche No"b<)d für (Guete)w o^'bod. 

{e)n Atem, Ote" > Note, Nöteli = Atem, a. a. 0. 587. 

(da)6' Äxtli, Ächsli > Sächsli'^ = kleine Axt; oder zu Sachs, 
Messer? a. a. 0. 617. 619. 

(e)n, (de)w Etter, Ätter > Natter = Zaun, Dorfbann, a. a. 0. 
597. Vgl. Weistümer 1, 446, in sinen nettem.^ 

(e)nlencli > Nieneli = Kleinod (Kindersprache), a. a. 0. 20. 

(de))i Itruck > Nietruck =■ das Wiederkauen (mhd. it(e)- 
rücken, ags. eodorcan, holl. edericken, bayr. itrucken), a. a. 0. 603. 

Gelegentlich auch, als Mißverständnis eines Fremdworts: 

(e)n Arie > e Narie, J. Reinhart, 'Der Jümpferlibuur' (a. a. 
0.) 86. 

Hierher wohl auch 

{\)n äuders > in Näuderis = zu nichts, zugrunde (in öuders 
= in ruinani: Id. 1, 91), sowie — mit Anlehnung an Markt - — 
bern. Marktscckli, bei Gotthelf auch W artsäckli, was Entstellung 
aus Watseckli (mhd. ivätsac, icetschger) ist: (mit e)>H tvät- > mat-, 
Markts.; vgl. oben Wistelach, und Muetisher, Muetise < Wue- 
iisher, mit Anlehnung an muot. Id. 

Örli: (Eie)r-örli > Eier-rörli = ohrähnlich flaches, dann über- 
haupt dünn gewalztes Gebäck mit Eiern (1557: eger- oder milch- 
örle), an 'Rührli' angelehnt, a. a. 0. 414; doch vgl. 6, 1234. 

(de)r üsel > Rüsel = Abfall, Getreidestaub (woneben auch 
Güsel < Ge-üsel? doch vgl. Id. 2, 477: zu *giesen, altn. gjösa, so- 

^ Dagegen sind wohl mit Anlehnung an ätter (Zaun, Gitter, Verschlag) 
aus Lettner, *Lätter (lectionarium) die deglutinierten Formen Äther und 
-äti für Borkirche ('Empore') entstanden (Id. 3, 1489), wobei vielleicht das i 
einer Zusammensetzung wie Orgel-lettner mitwirkte. 



2t)4 Lautverwachsung und Lautabtrennung im Schweizerdeutschen 

wie 472 ff.: Gusel, gusle^, Gusi). Zu mhd. usele, Funkenasche? 
Id. 1, 564. 

Bloße Zusammenziehung von Präp. und Subst., mit mehr oder 
weniger deutlichem Bewußtsein einer solchen, liegt vor in den 
häufigen Bildungen das Zabe(nd), Zabig ('zu Abend', Abend- 
essen), Zmorge, Znüni, Zimmis, Zmittag, Znacht (wovon auch: 
sum Znacht u dgl.). 

II. Abtrennungen. 

{de)n, (in de)n Nacken > Äcke"^, Äkte^ = Nacken, mhd. nac 
und nacke, ahd. hnac, Yh. hnigan, wovon nhd. neigen, nicken, Ge- 
nick. Diese Ableitung (J!cA;e" < Nacken) liegt auch der Be- 
deutung nach näher als die umgekehrte (Id. 1, 165) von ahd. 
ancha, mhd. anke > Äcke^\ wozu dann das ebenfalls schweizerdt. 
Näcke, Näkte'\ hd. Nacken, eine mit n agglutinierte Form wäre. 
— Als Ortsnamen finden sich beide Formen nahe beieinander: 
Friedli, 'Guggisberg', kennt einen Näcke'^ und eine Äcke^matt 
(22. 39; vgl. Uurheim 1, 5. 236), die auf beide Arten erklärt wer- 
den können: uf ew (= den) Näcke^ wie uf en Äcke^ kann zu- 
grunde liegen; in der Ostschweiz, wo es uf de oder (vor Vok.) uf 
der heißt, läßt sich Näcke" oder Nack (wenigstens dieses erscheint 
als Bergname) allein aus mhd. nac ableiten, nicht aber aus mhd. 
anke. (Einen Berg Nag gab es in der Westschweiz schon 1319: 
Fontes 5, 106.) 

(i)w Minggis > Inggis = Versteck, aarg. für das sonstige 
Minggis^^YoTTSit, Durcheinander, heimlicher Winkel, a. a. 0. 341.^ 

(de)r Range^ > der Ange'^ = Bräune (Schweinekrankheit), 
gemäß mhd. ränge, rankorn, ndld. tvrang, nach Id. 1, 330, wo aber 
auch umgekehrt Bange^ als Artikel- Agglutination zu Ange^, 
Angel, lat. angina, für möglich gehalten wird. Bei Manuel: Got 
geh dem hapst den fangen! 

Lautabtrennung durch falsche Wortabtrennung liegt auch vor 
in Rugg-grät > Rugg-rät (= Rückgrat) und mit Wiederherstel- 
lung der vollen Form des ersten Teils: Rugga-rät, -räd, -rot, vgl. 
schwed. rygg-rad, Id. 2, 821. 

Auf bloßer Dissimilation scheinen zu beruhen 

LVlache" > Hache = Leinlaken, a. a. 0. und Id. 3, 1004; 

Lauele^ Allele in Schnee-auele, Id. 1, 6 (wohl mit Anlehnung 
an Auele, Mutterschaf); 

^ Neben Mütich (=: ungeordnete Menge von Gegenständen) hört man 
auch Utich. — Nach Wackernagel, Altd. WB. 307b, gehört bereits im 13. Jahrh. 
uhnic (uz verfault) als aus mulmic deglutiniert hierher; vgl. ulm, olm z= 
verfaultes Baummark, Mhd. WB. 2, 1, 28; Id. 1, 193: olm = Moder. — Auf 
niederdt. Gebiete ist aus ahd. nahnger ('Nabengehr', Bohrer, mit Umstellung 
ahd. nafjaher, schwzdt. Näpper), durch Lautabtrennung nach dem unbest. 
Art., ndld. avegaar, engl, anger geworden. F e h r a. a. 0. 306^ 



Lautverwachsung und Lautabtrennung im Schweizerdeutschen 26;") 

Lilje > Ilie, llge = Lilie, Id. 1, 179 (vielleicht unter Einfluß 
einer franz. Deglutination 111] > Vilg'O, sowie der Eigenname 
Ilje neben Gllg, Gilgien < *Ägilius < Ägidlus, Id. 1, 181; 2, 213; 

la Viola > Aviönli = Veilchen, Id. 1, 105, 
und, mit Anlehnung an einen ähnlichen Stamm (e = Gesetz, 
Brauch, vgl. E - graben, gesetzlich gestatteter Abzugsgraben, 
Eferi — zu faren — dass., Id. 1, 108): 

Rehrett > Ebrett = Leichenbrett, zu re > Jire, Leiche, Id. 
1, 7 (e, 6). 

Von Partikeln 

(Präpositionen, Pronomina, Konjunktionen, Adverbien), 

die bei ihrer Häufigkeit und ihrer öfteren Verbindung mit vor- 
ausgehendem n ein n vorsetzen oder das eigene anlautende n ver- 
lieren, sind im Schweizerdeutschen vorhanden: 

I. Verwachsungen. 

{i)n, {e)n eben > we&e" = schriftd. neben. Vgl. bayr. näu 
(adv. dem Strome nach) < enoutve: Schmeller, 'Bayr. WB.' 1, 
1709, und ital. nel, nella < in ella. 

(e)w iddard > d nidddrd, d nidddH, ds niaddrs (Bern) = ein 
jeder, eine jede, ein jedes. Der in den Bernerischen Landmund- 
arten erhaltene alte Diphthong ie hat das n des unbest. Artikels 
an sich gezogen. Anderwärts im Schwzdt. (im Aargau und in 
Gebirgsgegenden, Id. 1, 95) kennt man wenigstens die Formen 
nieder, niede, nierige; meist, namentlich in den Städten, ist für 
ie- das schriftdt. je- und daher keine Verwachsung mit n ein- 
getreten. 

Durchweg ist in Bern, Soloturn, Luzern-Entlibuch, xlargau, 
Baselland (Id. 1, 406) das Pron. der 2. Pers. PI. (ihr) infolge der 
Verwachsung mit dem häufigen ^ (<0 der vorhergehenden Verbal- 
endung auch in allen anderen Stellungen zu dir, dier geworden.^ 
Im Bernbiet gilt auch vielfach für den unbetonten Dativ dch (< 
uch) in jeglicher Stellung die Form noch (eig. Verwachsung von 
i ha'' dch u. dgl.); ebenso in der 1. Pers. für is (<iüs):nis (Ver- 
wachsung von si hei^ is u. dgl.). Auch den unbetonten Akk. Sg. 



1 Ebenso im Altnordischen und im heutigen Isländischen, wo dieses 
Pronomen durchweg ther, ihjer statt 4r lautet. — Ähnlich ist im ganzen 
Schweizerdeutschen aus dem Pron. der 1. Pers. PI. wir durchweg 7nir, un- 
betont mor, geworden, indem das n der häufig vorausgehenden Verbalform, 
durch das w zu m labialisiert, für dieses w eintrat (durch Anlehnung an 
dieses mar sodann ist in manchen Schweiz. Maa. auch das unbest. Pron. wia 
(=z man) zu mor geworden). — Entsprechend haben wir auch in 'Personen- 
namen u. Namengebung' (Bern 1910), S. 10 f., Arminius aus *Aran-wini(u8) 
abgeleitet. 

.Vrcliiv f. n. Spradien. CXXX. 18 



•2GQ Lautverwachsung und Lautabtrenuung im Schweizerdeutschen 

M. des geschleclitigen Pron. der 3. Person na, nu (Bern, Basel, 
Aargau, Luzern, Wallis, Id. 1, 400 f.) betrachten wir als fest- 
gewordene Verwachsung des (ostschweiz.) dn, a (< in) mit vor- 
hergehendem i ha'' u. dgl., nicht als Rest des ahd. inan (wie ebd. 
401).i 

Wenn R. v. Tavel CDr Stärn vo Buebebärg' 152. 183) schreibt: 
je länger st redsäliger, je länger sl tvüetiger, so liegt wenigstens 
in der Schreibung eine Verwachsung des s von längers (flektiertes 
Adj., Ntr.) mit dem folgenden i {= ie) vor. 

Aus der häufigen Verbindung mit ist dürfte das Adv. tojfe'\ 
tuffe^ (u offen) = offen (von der Tür) zu erklären sein, zu dem 
weiterhin ein Vb. tui(ffe'\ diuiffe'^ (u geschlossen) gebildet ist 
(Bern-Guggisberg, -Seeland) .^ 

II. Abtrennungen. 

nit ^ it =^ nicht (Graubünden, Rheintal, Fricktal, Basel- 
land; häufig z. B. bei Marg. Plüß, 'Lustigs und Truurigs' 42 f.), 
wegen der häufigen Verbindung mit den auf n ausgehenden Verbal- 
formen (1. Sg., 1., 3. PL: i'^'^ ha"-nit, i*"'* chuma^'-nit; vyiir, si hei"- 
nit. chöme^-nit): Id. 1, 602. (Hier wird auch Abstammung von 
mild, iht für möglich gehalten, wogegen aber das Folgende 
spricht:) 

nüd > üd, öd = nichts, nicht (in St. Gallen und am Boden- 
see, Id. 4, 868. 874 f.; 'Schwizerhüsli' 1911, S.30. Daneben aus 
Unterwaiden, 16. Jahrb., «(^ == etwas, nihd. iuivit, iht, Id. 1, 98). 
Vgl. Schwab, allgemein ite, et = nicht (ebenda auch ai für nai). 

nume^ > ^tme" = nur (Aargau und a. a. 0., Id. 4, 751 f.), 
wegen der Häufigkeit derselben Verbindungen wie bei nit > it. 
nume^ aus niht-ivan > niuivan > nuivan > numan, im älteren 
Schwzdt. auch zsgz. nun, im heutigen teils nume" {noment, nop- 
ment), teils nu: Id. 4, 764 f. 

^ Ähnlich ist in einem Teil des westlichen alamannischen Gebietes der 
unbestimmte Artikel durch gelegentliche Verwachsung mit vorhergehendem 
n überall als M. n9, F. na, N. hq, nos festgeworden (z. B. bei Hebel Ne Gsang 
in Ehre, bei J. Reinhart, 'Der Jümpferlibuur', 3. Kap. Anfang: ne Jux, ne 
Rolle, ncs Eochzytchlcid) , während das südlich und östlich davon gebräuch- 
liche allgemein schweizerdt. a", a" (aarg. fem. stets a"), 9(s) (das wohl unmittel- 
bar aus ein(en) usw., nicht aus Abtrennung des n jenes agglutinierten west- 
schw. no usw. zu erklären ist) die Formen mit anlautendem n nicht einmal 
im Hiatus überall zeigt: so-n-e(n) Ma, wie-n-e(s) China, aber stets (wohl 
weil hier früher das ch von noch den Hiatus füllte) no e Wili (Weilchen), 
nicht no-n-e Wili, wie heute der Wahlspruch von Stein a. Eh., der örtlichen 
Sprache zuwider, oft geschrieben wird. — Die Gesetze des unfesten n in den 
verschiedenen Schweizer Mundarten sollten einmal genau dargestellt wer- 
den, ehe sie noch weiter ins Wanken geraten [einiges dazu: 'Dt. Litt. -Ztg.' 
1913, 841 flf.]. 

2 Friedli, 'Guggisberg' 358 f. 564^» u. ö. Vielleicht hat gleichzeitig eine 
Imperativform tmif < tu uiif eingewirkt. 



Lautverwachsung und Lautabtrennung im Schweizerdeutschen 267 

das(s) > as(s) = Konjunktion das (Nordwestschweiz von Solo- 
turn an: z. B. J. Eeinliart, 'Liedli ab em Land', S. 17, 11. 16. 17; 
stets bei Hebel), weil die Konj. (lid. daß) häufig nach Verbal- 
fornien (bes. Partizipien) aul' -/ steht {jr Itct yseit-daß), zugleich 
mit Anlehnung an as = als, also. Dasselbe das als Fron, dem str. 
{= dieses) zeigt diese Abtrennung des d niemals, vielmehr, ent- 
sprechend dem M. F. de'', die, stets den erhaltenen Anlaut: das, 
das (z. B. Hebel, 'Die Wiese': das ordelig Slädtli; Beinhart a. a. 
0., S. 9, 3: ivie liieyt das!); als best. Art. behält es das d nur im 
Bernerischcn: ds, wogegen in der übrigen Schweiz bloßes s gilt, 
wozu die vereinzelte Form ds (in der iSteiner Mundart: ds Chind 
= das Kind, ds Marili = das Mariechen) die wiederum auf Ab- 
trennung des d zurückzuführende Übergangsform darzustellen 
scheint. 

dekeln > dketiQ, dke (k = g/) = keiner, keines (neben der aus 
deJtein assimilierten Form keina, keno, deren k = gx dann durch 
Analogie auch in die durch Lautabtrennung nach Verbalformen 
auf -t entstandene Form eheine > ehene eingedrungen wäre?). 
Oder mild, enkein > ekend? 

Schließlich ist der Dat. Sg. M. N. des unbetonten bestimmten 
Artikels, dem, in den meisten schwzdt. Mundarten durch Abtren- 
nung nach Verbalformen auf -t des (häufig hinter einer Verbal- 
form auf -t, -d stehenden) anlautenden d zu 9ni geworden: dm 
Vater, om Chind, während die übrigen Formen das d bewahrt 
liaben: Sg. N. A. (1d oder da^ Vater, G. (beru.) (Js Vaters (hier 
l'reilich allgemein schwzdt. 's Vaters, aber in der aSTordostschweiz 
auch — aus des mit Abtrennung des d — : 9S V. und — mit An- 
lehnung an die Präp. in — : is Vaters); PI. IST. A. dVätter(e), 
dCliind(e), gespr. pfätt9r(d), gxind(d), D. da" Chinda"; in betonter 
Stellung heißt aber auch der D. Sg. ffem Chind. 

Abtrennung des Anlauts einer v o k a 1 i s c h beginnenden Vor- 
silbe liegt vor in bern. märvdh, umarmen < um-ärvele'^, zu Ar- 
valfa) = Armvoll, vgl. hämpfald (Gotthelf Uli d.K., unsere Ausg. 
5, 123) zu Hampfah = Handvoll. Simon Gfeller (in 'Steine ge- 
spendet zum Bau der Berner Kunsthalle' [1911], S. 15, "s Tubel- 
bett') macht daher einen unbewußt 'rührenden', aber bei der völlig 
undurchsichtig gewordenen Abstammung durchaus erlaubten Reim, 
wenn er sagt: Im linde Bett si märvele, / Umhalse-n-u-n-erärvele. 
Eine neue Wortforra aus einem (ebenfalls schwachen) Ver- 
bum scheint sodann auch die Abtrennung des anlautenden Vokals 
einer Vorsilbe in Verbindung mit deren Anlehnung an einen 
fremden Stamm geschafi'en zu haben in dem Verbum 

löse^ in der Bedeutung von ausleeren, ausgießen, das, in den 
Mundarten schweizerischer Gebirgsgegenden (bes. Bern), sowie 
aus älterem Schweiz. Sprachgebrauch belegt, vom Id. 3, 1441 ff. 

18* 



268 Lautverwachsung und Lautabtrennung im Schweizerdeutschen 

unter das allgem. gebräuchliche Vb. ^Öse" = losmachen gestellt 
wird, während es doch wohl zu öse'\ er -ose" = leermachen (a.- 
mhd, *ösjan, oesen, altn. ausa, Id. 1, 548 f., gehört, vermöge fol- 
gender Wandlungen: 

9r - Öse" > (Abtrennung des a und zugleich Verwachsung des 
r mit dem Stamme) *röse" > (Anlehnung an lös) lose^. Id. a. a. 
0., 1*^ 'die fass lösen heißt also nicht: 'die Fässer aus dem Banne be- 
freien', sondern: sie entleeren (demgemäß wohl auch ebd. l*': ^7öse" 
[graubündn. lösche^] ge'\ Za" = leermachen, aufgeben, vermieten) ; 
vgl. insbes. ebenda die Beispiele unter 2: Milch, Bier lese"' = aus- 
gießen oder eingießen (Nidwaiden), 's Wasser löse" — harnen 
(allg.) ; Es regnet, a}s we""-ses mit Zuhren dar Uschi = ausgössen 
(Wallis); ein Becken, einen Sack, einen Jauchetrog, ein Fuhr- 
werk ?öse"r= leeren, entladen (Bern, Luzern, Unterwaiden, Wallis; 
's CJiriiegli löse", Luzern: Id. 1, 915), ein Zimmer, eine Alp löse' 
= räumen, entladen (Bern-Habkern, Obwalden); ds Lagel löse" 
(Wallis, für ein Spiel = das Faß entleeren, s. a. a. 0. 1442), sich 
löse" = sich (Blase oder Darm) entleeren; löse"! ge" löse"'! Zuruf 
an den Büttentrager bei der Weinlese (Zürich); {löse" und ablöse" 
auch für Blut verlieren, s. ebd.); vgl. i" löse"; eim es Züberli voll 
Wasser ä-löse" (Unterwaiden), ebd.; üs-löse", ebd. 1443 (vom 
Regen: es hed ._^. toll üsglöst = heftig gegossen [Bern-Ringgen- 
b^rg] ; vgl. es löst uheriha bei Friedli, 'Gruggisberg' 58; ebd. alii 
löse" = heruntergießen, trinken, 384). 

Lehrreich dürfte für den ganzen Vorgang der Lautverwach- 
sung und Lautabtrennung die Beobachtung der Kindersprache 
sein, wo derselbe freilich, da Kontrolle und Korrektiv mangeln, 
in schwankender und zufälliger Gestalt erscheint. Meine Kinder 
sprachen lange von dem 'Arg' Sneewittchens, da sie beim Er- 
zählen de" Sarg (N. A. Sg.) als das Arg verstunden, und gingen 
zum Briefkasten a ddr Bidegg (vgl. oben Mistelach u. dgl.), wenn 
man sie zur Post a ddr Nideck schickte. — Ferner die Abtrennung 
und Verwachsung ganzer Silben von Fremdwörtern in der 
Volkssprache, wie Diakonissin > die A konissin; wie Pietist > Epist, 
wohl durch Vermittlung von (metathetisch) T epist, PI. T epist e" 
(= d'Episte"): wie la retraite > (der) Ladrätt{^= Zapfenstreich 
— und schon mhd. l'empereur > (der) lampiüre — ), oder um- 
gekehrt in romanischem Munde 's Lager > slagar (-= Speicher, 
Schutzhütte: A. Baragiola, 'Rassegne varie' ISTr. 6 [1911], 152). 

Bern. Ferdinand Vetter. 



Zwei mittelenglische Prosaromane : 
The Sege of Thebes und The Sege of Troy. 

(1422 bis ca. 1450.) 

(Schluß.) 

AikI as Boas telleth, thider come al pe chivalry of Grece. This excellent 
lotenue ful niade and comyn, Assembled and mostred vppon a faire 
playne in a faire day bifor the Cite of Arge which was right faire 
aud mervelouse to be holde; For as my Auetor seith, sith pe world first 
bigon into pat day, was never seyn so faire a fehle of peple And laboM»- 
ynogh for niany a herode for to distreve and blase pe Gates and baners of 
lordcs, pe brightnesse of which shone vp to heven. This worthi king 
Adrastus ordeynyng ful worpely for pe said peple and principally for hem 
pat come thider at theire owne cost and Charge, And gouerned him in suche 
wise pat euery man of pe said retenue, held him wel content and plesed. 
Ethiocles having knowlacche of this mighty purpose taken a yenst him; In 
al sodeu hast stufTed Ins [fol. 7] Cite with vitaile and peple, waged fro many 
a contrey, purposingg-( fully to resist aud withstond al peire malice. 
T?epairing strongely his Cite in casting of diches, Enforcynghis wallis, contre- 
nmnyng his depe diches, machecollyng his hie toures, Enbrayng his wacches 
abought the Cite, fortefying his bruges and barreris with many a mighty 
cheyne, purveying ful wisely his ordenawnce for his defence with bowes and 
balesteres, springaltrs and tegrettes And many a mighty bowe of brake and 
wyndeles, and many oper cast of stone and of fire, sparing for no cost. 
Assignyng euery man fore the werre to his warde, where vppon. peire 
lyves most be plegge. Which grete and mighty ordenawnce on bothe sides 
turned afterward to grete myschef on bothe porties, ffore hit preued well 
])ere of pejTn two, that weren so horribly goten ayenst all nature & orden- 
fiiince, for as clerkc.s seyn, blöde to touche blöde, bringeth forthe corrupt 
frute. Resorting nowe ayen to king Adrastus, having his houge peple in 
assemble redy to take theire iowruay, send forth a notable and a ITamous man 
a bisshopp called Amphiorax,* the moost wisest man holden of all pe world 
amonge pe peple of Grece, as hit were a prophet. For wliat by calculacioun, 
what by pe answere of his goddis,^ he wold alwey teil in maner as hit shuld 
fall: for pe which cause, Adrastus hath .sent for him to be his counseler in 
al his io7irney; Amphiorax having suche experience in calculacioun, founde 
redely by pe influence of heuen that if he went with Adrastus in pat 
io«rney, that he shuld be quyk deuoured of pe erthe;* Wlierefor he pwrposed 
him fully to eschue pat ioi<rney; praying and charging his wife, that if eny 
inan come to seche hun. pat she shuld not discouer him, for he wold go and 
hide him in savyng of his life. Anone messengers constreyned hir by othe 
to tele wher he was; To whom she said in saving of hir trouth. Goeth and 
secheth him in pe toure, where ye may finde him; [fol. 7b] To which place 
pey went And fonde him and brought him byforne Adrastus. To whom 
Adrastus yaf anone in Charge on peyne of his dethe to go and be wel avised 
fore to yeue him true counsel of his ioj<rnay and purpose to Thebes ward. 
Amphiorax making his calculacioun serching oute euery constellacioun and 
influence of pe heuenes of pe tyme, that pj/rpose taken; Abiding also pe 
an.swhere of his goddis, fonde verely and truly, that if Adrastus held forthe 
his iornay to Thebes, pat al pe chef blöde of Grece shuld be destroied & lost 
And him seif deuoured of pe erthe. And come ayen to pe kyng and seid. 

1 Lydgate v. 2798. = L. v. 2808. * I.. v. 2830. 



270 Zwei mittelenglische Prosaromane 

Truly ser if ye hold forth jour iOMrnaj^ pat ye haue purposed to Thebes, 
al pe blöde rial of Grece shal be destroied and lost; ffor in takiug of jour 
pwrpos, al pe heuenesse aboue vvere so disposed; wherefor my counsel is pat 
ye be right wel avised; And as for pis io?irnay, sendeth to Thebes, assaying 
by Oper weyes and menes to haue jour wronges amended and reformed. To 
whom Adrastus, Tedeus, Pollyniet and many oper estates answhered and 
seiden; Amphiorax thou tok-^ not thi tynie of calculaciou?i a right, ne 
vnderstode, nojt well thy goddis; ffor suche a peple as we haue, niay not be 
overcome for al pe world after. Amphorax seid truly, that hit shuld turne 
to grete myschef and veugeaunce to al pe noble blöde of Grece as he said 
bifore; Notwithstonding his sayiug and counselyug; Adrast«« ordeynyng 
forth al his peple, ledyng Math him Amphiorax yn a chare to geve him 
counsaile; So holding forth theire iojtrnay, spreding al pe contrey abought 
with bright baners and harneys, that hit was mervelouse to se, making 
peyre wey by pe worthi kiug Ligurgii<s the which receyued Adrastus and al 
his ooste ful worthely, In whos lond, Adrastus and al his houge ooste 
were wel refresshed holding forth pat ioi«rney til pey come bifore pat 
worthi Cite of Thebes; where pey ful proudely ligliten downe, settyng vp 
füll [fol. 8] many a riall pavilon and tent on eue?-y side pe Cite, closing 
pe Cite all abought, making peire logges,^ and many a myghty warde 
on euery side; So pat pere might no man yssue oute of pe Cite vnslayne 
or taken, A rering vp many a big bulwerk-j on euery side, setting mynowrs 
to pe Walles in füll ferse wise. Ethiocles seing al pis mortal ordeuaMUce, 
pMrposed ayenst him, was gretly abasshed, and purveyed strong resistence 
ayenst theym and defence for him seif. Ordeined ful many a siker warde 
and wacche on pe walles, making redy al peire Artelery and cast of stone. 
And of many anoper defence with ful siker sercherchero;«rs of wardes, pur- 
posing fully, that er he wold eny ping obey for to haue a ful sufficiant and 
profitable enpoyntement. — - Jocasta the quene and moder to Etheocles, and 
to Pollymet, seing pe grete myschef folowing, set hir seif on horse,^ taking 
with hir Antigon and Imyne hir doughters with oper of hir seruaunte^. 
And by licence of Adrastus come riding to his pavilioun. To whom he did 
ful grete reuerence. Hir son Pollymet going a yenst hir, did to hir lowly 
obeysaunce, and to his susteres also. — Jocasta praying Adrastus, pat pere 
might somc trety of pes taken and behad bitwen pe two breperen, so that 
pere were no blöde lost fo theire cause. Praying Adrastus and al pe lordes 
that were pere, pat she myjt sey for pe part of Etheocles, pe which Adrastus 
graunted with right gode will. Jocasta desiryng pat hir son Ethiocles myjt 
regne in Thebes durying his lyf with oute interrupcioun of eny man. His 
Brother Pollymet taking a part suffisaunt for to leve vppon. And to be vnder 
pe obeciens of Etheocle by cause he is pe eider brother. The Grekcs sodenly 
niaden answhere pere, and namely Tedeus, seying playnly, pey wold in 
no wise entrete with him, but if he wold resigne crowne, septre, and all pe 
dignite aftre pe covenaimt and Statutes made bifor tyme, of which pey had 
pe copies redy to shewe. To which Jocasta coude in no wise [fol. 8b] make 
Ethiocles to enclyne. Then she returnyng ayen to the Cite leting the mor- 
tall werre haue his course, whervppon pe fers proude sowdeoures of pe Cite, 
come yssing oute at pe gates, skarmysshing aswel on liorse as on fote with 
pe Grekes, At pe which, füll many a doughti man was slayn on bothe por- 
ties, And füll many wounden and take on bothe partycs. Aftre which 
scarmyssh so moche feruent yre and envy rose on bothe sides pat for pe 
deth none spared daiely to mete oper in pe berde. And Tedeus alwey bare 
him so manly, that he was dred as pe deth. Fortuned vppon a day as pe 
story telleth, that Amphiorax in his chare beyng yn the fehle amonge pe 

1 L. V. 3583. 2 L. V. 3740. 



Tlic Soge of Thebes und The Sege of Troy 271 

lordes, ycving pcm his counsel, sodeuly pe erth clef vnder his chare so wido, 
pat bis chare and he there yn fei porgh downe iuto helle, pe which sodenly 
closed ayeni as no thing as tbere ben; by whom ye may se, pat his merite 
for his Idolatry and niysbileue, and sey al bofor, tluit he myjt not voide but 
pat pe deuelP had his do?>inaciou/i of hini. Adnistus with all his oper 
lordes, seing pis vengeaunee, mervailed gretly, having giete drede, pwrposing 
to retHrne home ayen. The youge lordes fiil doujti and auentures to ])e 
werre, seiden playuely, that hit wcre a grete cowardise and shame infinite, 
for to leve so grete a p«rpos for pe niyschef of one niysviled wrecche. 
Coiisidering also that pe Grekes neuer into pis day was neuer in no repreue 
of no naciou/?, ne shanied in no wise, seying proudely, pat pey wold neuer 
go theus while pere were one left on lyve within pe towne, or stone, ston- 
dyng on pe Wallis, but if hit were yolden at peire wil. Adrastus with all 
Oper lordes seing and conceyving pe coragious desires of pe yonge lordis, 
token ful pterpos to abide pe vtniost ende, howe that euer fortune wold 
gouerne peim. Charging al maner of men to be redi in aray, ordeynyng 
ladders, picos, and niauy oper wepon, füll [fol. 9] cruelly assailiug pe Cite 
on eucry side with skaling, niynyng pe wallys foynyng and sheting, hewyng 
downe of bruges and barreris. They of within, in right manly wise, niade 
peire defence in casting of stone & wilde Are with brem stone, lede, picche 
inolton, casting on peir hedes, beting of bassenettis with axes, with ful many 
a. niighty shotte outeward, foyned hem fro pe wallcs, Alling ful her diches 
with slayn men. At pe which tyme, the worthiest werreoztrs of Grece that 
jireced ny pe walles were slayn, pe towne ful wol defcnded as fore that day. 
Adrastus thus discoufite, and beten fro pe walles, was gretly naeved in hert, 
p//rposed fulli to mete better; with lieni of within, ordeynyng of pe uewe 
al inaner of ordenn«nce and aray; he charged euery man for to come in here 
best wise eft [?] sones to assaile pe Cite. Ethiocles having knowlage of theire 
p;(rpose and comniyng touard pe Cite, awaited ful redely and ful proudel}'. 
i.ssed oute, and met with theini in peire commyng in the felde. At which tyme. 
as hit fortuued, Pollymet asspyiug his broper Ethiocles, ariued on horse, 
And with spere in lionde nietyng him ful manly, And with his spere bare 
Ethiocles ])orgh pe body, of which stroke Ethiocles fei to pe erth, pe trou- 
chou/i of pe spere abiding ia his body. Pollymet sodenly having pite ot 
his broper so mj scheued, light downe anone, and toke him in his armes And 
leid honde on pe tronchoujr'' to drawe it oute. Ethiocles ful of envy pulled 
oute his dagger And vnder his armes, bare him to pe hert, And so bothe of 
in fortune, fei downe dede, At the which skarmyssh many a thousand was 
slayn on bothe parties, And as Boas writeth al pe chef blöde of Grece was 
slayne there and best in pe felde, saving only Adrastus and Campaneus,* 
And in like [fol. 9b] wise, al pe cheualry of pe Cite, of pe which iowrney was 
ful grete heuynesse and sorowe on bothe p«>-ties. Thei of pe Cite stonding 
withoute hede or goucrnour assembled hem togidre, and chosen theim a 
iiewe king torule & gouerne theyra in that nede, pe which king was called 
(reon a ful cruel tyrant and a ful manly man. Adrastus ful hevy and sory 
of hert, send into Grece, lating peim wite and knowe of pe grete infortune 
and myschef don at his sege. Of which tidinges, hit were to grete hevinesse 
to tel of pe sorowe pat was made of ful many a worthi quene^ & Ladycs of 
grete estate, pat with ful sorowe chere, eueryche enquered of other of peire 
lordes, pj<rposing poym eueryche fore to go togidre to Thebes, fore to seche 
l)eire lorde.s-, Arraying peim al in mantelles of blak barbed and all barfote 
with pe grcttest sorowe and hevynesse that euer was sayne of one Company." 
So holding ])eire io«<rnay til pei come to pe Cite of Thebes where pei p«r- 
poseden to fetche pe bodyes of hir lordes home for to bury. Adrastus and 

1 L. V. 4036. ' L. V. 4039. » L. v. 4286. * L. v. 4347. ^L. v. 4413. «L. v. 4451. 



272 Zwei mittelenglische Prosaromane 

Campaneus, seing so grata a multitude of ladies come in suche array, mer- 
veling gretly, Arysing vpp and want ayenst hem making theym suche 
c-here, as he in his mortall sorowe might. But for to sa pe sownyng-] and 
dedely sorowes, pat pe ladios maden, hit were to havy to here, eueryche sech- 
ing oute hir lorde martred in pa fald; The cruel king Creon alwey keping 
pe bodies, not sufring one to be remeued, but pat pey shuld ba pere deuourad 
of wilde bestes, and wormes, which encresed gretly pe sorowe of al pe said 
ladyes, where they dwelled still in pe felde abought pe said bodies in suche 
dedely sorowe xv dayes vnto pe tyme pat of fortune, pa worthi Duke Teseus 
of Athenes repayring home oute of pe Ile of Femyne fro his worthi conquest, 
bringing with him his newe wif e Ypolita pe quene wt hir [fol. 10] faire suster 
Emely, holding his iowrnay to Thebes with ful grete chevalry ful like a eon- 
queroure. AI pes ladies seing him come, went al togidre ayenst him, falliug 
al on knees bifore him; Praying and besechyng him to haue pite vppon paym, 
And to halp, pat pey might haue awey pe bodies of peire lordes, lying slayn 
bifore pe Cite. Enformyng him howe cruelli pe king Creon wold not suffre 
peym to cary pe bodyes away. Teseus having pite of pe ladies, ful knightly 
light fro his horse, takiug theym vp in his armes euery chone,^ And bade pey 
shuld be of bettar cheere and confort; And seid that he wold do that were 
in his power to confort theym. Adrastus, and Campaneus going also ayenst 
him with ful disconfite and sory hertes, enformyng him holy of al theire 
myschaunce. Teseus seing pe grete myschef and sorowe as wel of al pe 
ladies, as of Adrastus and Campaneus, went streyt to pe bodies lying in 
pe felde, And lete gader peym togidre for to cary theym pans. Creon seing 
pat, come proudely with his peple issing oute fore to latte peym; Teseus 
with his manly co??ipany brakyn amonge peym, and won pe yates of pe 
Cite, sleing in pe felde, al pat he might sette honde on. Campaneus won 
vp to the Walles, where he faught ful manly, beting theym downe fro the 
Walles, where at pe last Campaneus was slayn of infortune. Teseus with al 
his peple toke Creon and slewe al that was with oute, entring pe Cite, and 
slewe all that he founde within; Then he late smyte of pe hede of Creon, 
taking oute Jocasta and hir two doughteres lete cast downe auery house 
of pe Cite, And last no stone stond on the walles, but made hit playne, and 
euen with the soyle,^ holdyng forth his iournej to Athenes. Taking with 
him pe ij yong knyjtes of Thebes, Arcet and Palamon breperen of Armes, 
pat were of pe blöde rial, but pei were sora wounded, deliuering to the 
ladies all pe bodies of peire lordes, pe which weren ful rially brent thara wt 
many [fol. 10b] A worthi relik and Jewelles with clopes of gold, encense, 
mylke Bawme, and many oper swete sauered spicery, And grete parte of 
peym caried home into Grece with many a rial obseqims and sacrafice don 
abought peym, which shul be pere in remembraunce vnto pe worldisende. 
Adrastus also dressing him into Arge where he leued but short tyme aftre, 
the which myscheues iowruay and sege was iiijc yere bifore Remus and 
Remulus bigan the fundacionw' of Rome. Here endeth the Sege of Thebes. 

Here "bigynneth the Se^e of Troye. 
[fol. 11.] 
As the noble and worthi clarke Guydo writeth in his boke and declareth, 
and so doeth pe famous clerk Dares also; How that some tyme in Thesaile, 
there was a king called Eson, which list not in his yonge and lusty daies 
to taka no wife, But at pe last, was so farra growen in age, that his wittes 
weren not moost profite ne right resonable, for toa rule and gouerna his reme 
ne his peple. But he was fall in a maner of dotaga fore age, flfor which 



1 L. V. 4530. 2 L. V. 4459. » L. v. 4624. 



The Sege of Thebes und The Soge of Troy 27B 

cause, he resigned bothe crowne and septre with hole estate rial to his 
broper callod Pyllios. But as Clerkes .seyn,i pt after by enchauntement aiid 
ciaft of medecyn, he was restored ayen to youth and lustynesse, and toke 
to wife one Medea vppon whom he gate a son pat was called Jason, pat 
whan he drewe to a oerton of age, was co»imitted to pe rule and goucrnaunce 
of his vncle Pelleus, the which, bi prosses of yeris, was holden so noble and 
worthi of honde, pat his name spiougo so wide & ferre that euery man had 
grete ioye to here speke of his worthinosse & of his pcrsone. — Pelleus 
aduorting and casting in his mynde, howe him seif and his yssue niight 
possede and enyoyse pe crowne and dignite pej-potualli and to exclude, his 
uevowe Jason fore euer; compasscd ful niany a diuorse wey in his mynde, 
to pe confusiou?i. and destruxioun of his seid cosyn, liulding him vpp alwey 
with faire flatery, and shewed hole love outeward, where there was ful 
dedely liate iuwardr saying to him vppon a day in the presence of al his 
Barons in this wise. — Xevowe Jason thy grete renowne and worthinesse 
sprongen so wide in euery contrey eauscth me verry heuen and erthly ioy. 
But Jason for to haue thi worthinesse sprongen so wider and more largely 
and oponly to ben knowe, And as a conquerowr for euer to ben dredde in 
euery contrey [fol. IIb] I haue founde a wey; Trusting fully that thorgli 
thi manhode hit shall well acheue within short tyme. Jason ful desirouse 
of manhode au worthinesse, thonked gretly his vncle, praying him to latc 
him haue knowlage thereof, So pat by his supportaciouv? and labowr, he 
might be pere at, in crece and forthering of his name. Pelleus co«ceyviug 
well his corage and manhode, seid to him in this wise. — Cosyn hit is 
oponly knowen in niany a londe, that within pe Ile of Calcos there is a 
Bann/i. that bereth a flece of golde, which is more worth then eny man can 
teile. And if thou; by thi myjt and manhode mightest wyn and conquere 
that Baiiijn, thi renowne and name, shal spring, vp to heuen. And as pe 
worthicst for euer to ben put in remembraunce. Jason fulfilled with 
knightly corage and innocent of his fayre and false, compassed tresou» 
ayenst him by pe flatery of his vncle, withoute a vice of eny man, hath 
vndertake pis perlious emprise, was fully ymagened & p»rposed fully for 
his destruxiou« and ende. Praying his vncle to ordeyne for him in al hast 
nien and aray after his estate. Pelleus füll ioyfull in hert, trusting fully 
hit shuld be his confusiour? & ende lete do make in haste possible a shipp 
redy for him, as Guydo seith, hit was the fairest shipp that euer sailed 
vppon pe water fro lond to londe; Gouernowr pereof was pe wise and redy 
Pilütes that hadde' redi knowlage and inspexiouw of eurry storme or tempest 
appering on pe sky, and also of sterre, ston. and nedle. Jason also havyng 
wt him in his vessell as his felawe, pe stronge and mighti Ercules with 
many anoper lusty and manly man of Grece with ful leve take of his vncle. 
was vnder saile, ful worthely taking his ioMrnay sailing au pe salt se(> 
touard pe Ile of Calcoys. where a tempest sodenly aro.se. And so hurled and 
labored pe ship til he was dryven into pe Ile of Troyo. whereof Jason and 
liis felaship weren right ffol. 12] fayne eny succo«r of the londe. for to 
haue some ese and rest after peire perilous laboure on the see. King La- 
medon being in his Cite of Troy. was enformed of malis, ])at pere was n 
shipp stuffcd with men of werre arryved in his londe. and come oute of 
Grcce, supposing for some malis ayenst him or his peple. And anone sent 
messengers to Ja.son and seid to him in this wise. — For asmoche as ye 
that ben strangers ben arryved here, in gise or werre, withoute liceuce or 
saue condite, pe king chargeth you that in al hast ye remeve his grownde. 
For if ye disobey, and kepc not his commaundement. ye be of to fehle power, 
for to resist and to with stonth- liis wil of you. — Wlierefor we coiinsel you 

1 Lydgate, Book of Troy, 1. Buch, v. 129. = L. v. 190. » L. v. 660. 



274 Zwei mittelenglische Prosaromano 

to voidc in hast. Jason and Ercules, hering his message fro the king weren 
some dele aggreued in hert, answheriug in this wise. Sirres, sitli hit is 
pe kingcs lust, pat we so sodenly shull departe, we shul not longe soio?<rne 
here. But if infortunc, we ben dryven liider magre oure lust; but we had 
supposed that pe king of his goodnesse, wold rathcr haue send fore us 
straiigers for to haue some dele refresshed vs, then in this wise to baunesh 
vs hens, thenking him, ne none of his härme in goode feithe, Praying you 
to sey to him on oure part; that sith we finde his kindenesse so stränge 
to vs at pis tyme, And wol not suflfre vs in no wise to rest on his londe, 
onys or this day iij yere if fortune wol suffre, we shall aryve somewhat 
uere him, wthoute licence, save condite, or protexiouw of him, or eny of his; 
je and in suche wise, that hit shal not be in his might; ne power to resist 
ne lette oure aryvaile ne tarying, while vs best lust. Thus token pei here 
leve and streite to shipp, and winde at wil tyl pei come to pe hauen of 
Calcos^ where anone, Sithes, king of lond come him seif in right gentil 
wise brynging peym into Jaconytes his Cite, where his Palis was, as for 
that tyme, making al pe disporte and chere that might be don, charging 
al maner officers, so to attende abought theim, pat pey lakke no [l'ol. 12b] 
thing-j that may be to theire plesaunce. Bidding also the faire Medea his 
doughter and heire, which as Guydo writeth, was passing eny other as wel of 
beute as of persone, as of konnyng, norture, and knowing of al the sciences, 
nigromancy, magyk-j sortery, and oper enchauntementes, that nowe ben 
forbode, that she shuld do al pe disporte and chere to Jason and his 
ftlashipp that she coude or might in performyng of hir fader wil. Avi- 
siug alwey pe persone of Jason : Considering his worthi berthe of blöde 
rial and his grete renowne and name of worthinesso, preised in many a 
londe, hath take to ful pwrpos to finde pe menys & weyes, if fortune wol, 
fore to be his M^ife. Taking no reward to fader heritage, ne none oper 
worldely richesse. But within short tyme hath founde a tyme, place, and 
leysoure to pe execucioim of hir eutent; First cnquering of him of his blöde 
and berthe. Afterward of his causes and io«rneyes into pat contrey, where- 
to, he alwey made his answhere, and told hir pe trouthe of al pat she axed 
him. And of the emprise that he had take on honde. To whom she yaf 
answhere in maner as she pat had lost hir fraunchise, and in maner, stode 
vnder his power. And he innocent, and not knowing thereof, seying to him 
in pis wise. — Hit is goode, pat so noble and worthi as ye be, to be right 
wele avised, M'hile ye stoude at large, to take vppon you so importable a 
Charge, which is vnlikely and impossible for eny erthly man for to acheue, 
For truly in pat case, there may no manhode avayle And armo?(r and we- 
pon scruen for nojt. For er that ye come to pe Eamm, yo most fight with ij 
bolis of brasse, either casting oute at pe mouthe fire and flawme, that wol 
bren and consume en.y erthly mater, which bolys, ye most in suche wise 
ouercomo, that ye shal take hem by the hornes, and so lede hem to pe yok; 
and ere po londe with here laboure; that don and oucrcome in suche wise, ye 
shal mete and fight with a dragon, maner of a serpent, whos venym is so 
contagiH.s, pat per [fol. 13] may no maner of metall abide pe malis thereof, 
the breth of hit, is worse pen eny pe.stilens, And pere may no wepon made 
of mater perish the skales. This ouercome and don, ye shal come to the 
Eamr«. which is withoute defence or resistens; but for to atteyne so ferre, 
hit is impossible fore eny erthly man. Jason remembring well euery worde 
nnd pereil. stode some dele asstonyed of him seif, answhering ayen and seid. 
Truly my lady Medea of yo«r gentil warnyng and counsell, y thonke you 
as your ownc man in al pat I can or may; But truly sith that I haue so 
ferreforth take on this enprice, I shall do my füll besynesse and power to 

1 L. T. 1198. 



The Soge of Tlicbes und The Sege of Troy 275 

acheue it if fortuue wol assent; fTor y had leuer ende and die with worshipp, 
pen endure and leve in repreue and shame; flfor then might euery man sev, 
pat Jason had vndertake enip?-(se, wliich fore couardise durst not holde nc 
complete; Medea seing his uianful corage, rcioysed gretly within her hert, 
seying to him in this wise. — Right worthi Jason, sith ye list in no wise 
to leve joiir yo«?-nay, for the grete worthinesso and mauhode that I haue 
herd of you, so tliat ye wol be ensured to me to be ruled and goucrnod after 
nie, I trust verely to shewe you suche nienys and weyes, that ye shall 
acheue youre p«?-pos; And truly withoute ine, ye may neuer liaue yowr 
entent in that matcr; To whoni Jason answered and seid, that truly with 
hert and wil, he wold be ruled as she list to gourrne him. Whereof she 
right fayne and glad, founde a place and tyme at more leysoure to enforme 
him. The night next folowing, she having a woman of hir as.sent, sent 
p?-Hieli vnware of eny man after Jason, whicli was right glad and fayne, to 
obey hir wil, come to pe chambre of Medea pat also was fayne of his com- 
myng, setting him downe on hir beddes side.i And anone vnclosed a litul 
cofre and brought bifore him a litul ymage of gokle where vppon she made 
him to swere, that he shuld folowe hir entent and wil in al thiiig. Jason 
alwey desiring to fulfiU & adveue his p«rpos, folowed hir wil and lust in al 
thing. This othe & cnsurans made, she seid to him. Jason ye knowe wele 
that I am doughter and heire to pe king my ffader, and I desire none oper 
thing for my labo«r in saving of jour life and worship, but pat ye wold 
lake me, before al other. Jason thenking on hir noble berthe, grete beut-e, 
and worthi estate, graunted thereto with ful glad chere and hert; And were 
there vppon ensured on pe newe. Then she toke him A litul ymage of golde, 
pat he shuld berc pr/uely- on him, pe which was a siker defence ayenst eny 
spirit. Also she annoynted his body over al with a precious oyment, pat 
was a noble defence ayenst al maner of venym. She toke him also a vioP 
with a oynement for to cast in pe protes of pe bolys, whan pei gape vppon 
him which shal englewe peire chaulys togidre, aud bireve, theym here might. 
Also she toke him a ringe willi a stone called Achenes, which shall cause 
him to be invisible, so neper bolle, ne dragouw shuld haue no sight of him. 
She toke to him also a charme writen that first whan he come te pe sight 
of pe fendis, kneling with good deuociomi, shuld sey it. All pes thinges 
receyued and taujt toke his leve of Medea, aud went to hir ffader for his 
licens to go touard his ioiirnay. The king seing his manly corage seid to 
hym; Jason beth right wele avised, er that ye procede eny ferther in 
yournay consider wel pat hit is impossible for eny man for to acheue that 
pi/rpos, And therefor my counsel is, that ye cese pcrof ffor I take al pc 
gcddis to recorde and witnesse, that hit is not my wil, pat ye shuld so put 
yo«r body in aventure to be spilt of which, truly, I am right sory, not with 
stonding all the sermonyng, Jason, Ercules with all peire lusty com])any 
taken theire leve, and went streite to böte rowing forthe into a litul [fol. 
14] Ile, where pe Ram?n with pe ffles of gold was in keping. Jason entring 
into pe lond alone, leving Ercules with al his ])eple within the böte, charging 
theym to abide there stil vnto pe tyme pat he come ayen; Taking his 
pas.sage ful manly vnto pe tyme that he come to the sight of the dredeful 
bolys, where anone kneling on his knees, seid this charme as he was taught, 
and arose vp, taking his paas touard pe bolis, which with horrible and 
grisfuU gaping, cast oute fire and flawnie. Jason ful wisely and manly toke 
his viol with his lico?/r, and boldely cast it into peire protes, wherewith; 
all sodcnly theire chaulys englewed togidre. So pat al theire might & power 
failed and cesed. Jason ful boldely toke peim by pe hornes, pey enclined 
and obeied his lust to pe yok and plogh, with whom he ered pe londe, as 



1 L. V. 2829. 2 L. v. 3011. ^ l. y. 3052. 



276 Zwei mittelenglische Prosaromane 

paciently as eny oper beest. That emprise don, toke his wey streite to pe 
dragoun, which anone cast oute suche an eire with veuym, that wold enfecte 
al a contrey. Jason holdyng his ring on his honde, went streite to him, 
And anone pe dragoun lost sight, power, and might, where Jason toke his 
swerd, And be good leysour smote of his hede, And anone rased oute al pe 
tethe oute of his hede, and cast hem on pe londe that he had plowed wt pe 
bolys. Of which cursed sede spionge vp anone porgh might of pe deuell men 
armed, which eueryche slewe oper anone in pt tyde. That so don, he went 
streite to pe Hamm, which made no defe?ice ayeust him, which he toke by pe 
hornes, and with a knyfe kutte his throte, And so at liis owne, leyso«r, flowo 
of his riche skyn taking hit with him, and went to his böte, where Ercules 
with his meyne was abiding vppon his commyng, pe which were right glad 
and ioyful of his commyng, seying him save of bod\, during al which 
tyme, Medea being in an hie toure, sawe him fro pointe to poynte, howe 
he pej-formed his emprise; Alwey proying [fol. 14b] to liis goddis fore his 
goode spede. Jason entring his böte with his flece and felaship ret«rued 
ayen to king Sithes, pe which was right sory pt Jason hadde won so pe 
flees, but alwey, made him faire chere outeward. But some Clerkes seyu, 
pat king Sithes lete make pat bolles & dragou» in so horriblc wise, by 
Graft of nigromancy, to kepe his grete treso/tr. But for that worthi 
conquest, Jason was renowned and named as for pe worthiest conquerowr 
in eny londe, by cause thereof spccially: vppon which gildeu flece, al pe 
courte and peple come reuuyng fore to mervaile and wonder there vppon, 
eucry man seying his avice pere vppon; the night folowiug after his com- 
myng ayen; Medea being in hir chambre alone, sent prüiely after Jason, 
which with ful hert and will, come to hir vnware of eny pej'sone, telling 
hir euery dele of his ioMrney. Of which, she was right glad and ioyfull, 
so pat he last with in hir chambre al pat night, where, bitwen hem two, 
they founde a tyme and leysowr, fore to stele awey be night into Grece with 
the flece of golde and al pe tresoztr of pe king hir ffader, which was to pe 
confusiou« of Medea, ffor afterward, he left hir in grete myschef. And toke 
anoper lady; And he hadde by Medea ij sones. And by cause they were so 
like Jason, Medea slewe hem bothe. But of hir I speke no more at this 
tyme. And whan Jason and Ercules were come to Grece, Pelleus, to al 
mennys sight made hem pe grettest cheere that euer man might, but in hert, 
hat was pe contrary. Jason telling Pelleus his oncle of al his aventures 
whereof, he made him füll ioyfull, and told him also, howe he was in a 
tempest dreven into Troy where Lamedon king, sent anone, charging vs to 
\oide his londe on peyn of deth, which was io vs a ful grete disconfort after 
eure grete laboj/r in pe see. Where vppon we made oure grete othes. And 
by his messengers sent him worde, pat er thre yere were passed, we wold 
aryve a litul nere him to his disese and härme if that we might; wherefor 
ffol. 15] we pray you oncle of jour goode help and succowr in this mater. 
Pelleus anone with good hert graunted theire desire, saying pat he wold go 
him seif with pem in pat io?irnay: sending Ercules to his Cosyne Thalamou 
king of Messene with certen le//res and tokenes, that he shuld come, with 
al pat he might gete. sending him also to the two worthi kinggcs and 
bretheren Castor and PoUux, king of Sparrus and breperen to Elyne quene 
of Tyndarus; And also to Duke Philon that was lorde of the grete prouince 
of Grece, And al, with goode will graunted euery chone at Pelleus desire, 
to go with him to Troy. Pelleus in al liast possible made his retenue, And 
with al pes worthi lordcs moustred in a faire grene playne, which was an 
houge multitude of peple taking theire shippes, and had wedur and winde 
at will, til pey come to pe riall haven called Symeont or Tenadoune right 
nygh pe noble Cite of Troy which haven pey toke within pe nyglit. Pelleus 
anone assembled his lordes togidre, and seid to theym in this wise: Sirres 



The Sege of Thebes und The Sege of Troy 277 

ye knowe pe cause of oure co/nmyug hidre, and.for what pi«-pos, And penk 
well, pt Laniedou is light mauly, and wise aud cruel of honde, wherefor but 
\ve preve wel oure manhode, oure uauie is los< fore euer. Ercules answliering 
ayen seid; yif ye wol be ruled be iiiyn avice and counsel, I trust fuUy to 
aelieue oure pwrpos. To whom pei graunted eutry chone to ben ruled. Thcn 
uiy counsell is that kiug Castor take with him a sufti.saut fclaship aud be 
putte oute bifore, shewiug hiin opouly bifore pe Cite \vt bauers di.splaied; 
king Thalamou with auoper felashipp pruiely as hit were iu a busshenient, 
if nede be to soccoi<r. Pelleus with al his peple abidiug here still, And if 
hit nede to be succoi^r aud rescue to theyni bothe; Jason and I, with anoper 
nieyne all p?-mely, er the day spring, ley vs all pr/uely vnder the vynes 
vnder pe wallis of pe Cite; So that whan Laniedon skarmeshith with you, 
we shal fal bitwen theym aud pe towne, And so bitwen you aud vs, for to 
take and sie heiu. And [fol. 15b] parauenture, wyu the towne also that is 
so richely stuflfed with al luaner of tresour, where with, we may freight al 
oure shippes and lede into Greee; AI pe lordes thenking his counsell goode, 
folowed his entent. — Castor in pe mornyng, shewing him opouly bifore pe 
Cite with baners displaied in the felde in the sight of jjaniedon aud al pe 
Cite, Anoue Lamedou assembled his peple, and with mauly corage yssed oute 
at pe yates, meting with Castor, And in suche wise skarmeshed wt him 
that he slewe grete parte of his peple; And had not Thalamou come the 
rather with succo?<r, hadde slayue Castor. But Thalamou brak so sodenly 
vppon Lamedon, pat he slewe grete peple of Troy; but alwey; pei of pe Cite 
yssed oute, And at pe la.st, put Thalamou & Castor to discoulite. Then Pel- 
leus brak oute with a fers co?«pany skarmeshing ful longe tyme with pe 
Troians, sleying ful moche peple on bothe p«rties. Then brak oute Jason and 
Ercules and were sodenly in pe bak of pe Troians, that so, bitwen Ercules 
and pe Grekes, pe Troians weren slayn and disconüte. Jason keping still 
the yatis of pe Cite, where pey smeten of the hede of Lamedon and cast hit 
vnder horse fete, sleing al pe remenaimt, and so passeden into pe Cite, where 
they left on lyve noper man, woman, ne childe, dispoyling al pe Cite of theire 
richesse and tresoure stuffing ful here .shippes therwith, prcseruyng Exeona 
dcughter of king Lamedon on lyve, by cause of hir beute, but they casteu 
downe pe Cite, aud last no stone stonding vppon other, but made hit playne 
euen with the soyle. This vengeaunce so cruelli don, token theire shippes, 
ledyng Exeona with al oper tresoure with theym into Grece. At which 
tyme, was Priami<s son and eire to king Lamedon hing at pe sege bifor 
Ä Castell, whether tydinges coruc to him of al pis strong vengeance; he al 
distroubled and mased of al thes sorowful tydingges, sode/ily last pe sege 
and come home, where he fonde no stone stondyng [fol. 16] vppon other, but 
al was playn leyde with the erthe, for sorowe of which, as wel for ITader, 
suster, and' Oper ffrende and fore all the other härme, despite, and shame, he 
toke suche an hevinesse that longe tyme he was oute of him seif. But by 
prosses of tyme, wt confort of frendes, he was drawen to sadnesse ayen; Aud 
anone there aftre he toke to ful pwrpose to reedefy and bilde pe Cite of newe, 
Aud in suche wise, that hit shuld not so lightly ben lost. And in al hast 
sende into many a contrey aud diuerse londe, for pe moost prjtdent and 
wisest men of craft, that might be founde and gete, sparing for no cost ne 
expense, pwrposing fully to make suche a Cite and so strong, that he wohl 
neuer drede fore none enemy, noper for werre ne pees. To which, there came 
ful many a crafty masoun,^ Carpeuter, smyth, and al oper pat lougeth to 
suche occupacioun, that hadden ful redy knowlache and konnyng as wel in 
gemetry as in oper sotel insight of werkcs, where they toke here markcs 
and mesures of lengthe and compasse of the Cite, the which was made so 

1 L. 2. Buch V. 496. 



278 Zwei mittelenglische Prosaromane 

large, that a grete ryver raji porgh tlie myddes. Wbere on was sette many 
a niylle, and stuff of fissh yuogh witliin pe same. AI maner of cornes and 
frutes giovving witbin pe Cite, pastures, wede, and niedevve, so that pey shuld 
neuer nede of no thing with oute. For as Guydo seith, hit was iij daics 
ictirney abought the Wallis which wallis were reysed of iiiixx cubites of 
hejt And toured so tbik-| that eut-ry toure might succowr other; And 
euery toure Ix cubites hier pen pe wallis; And bothe Wallis and toures 
ful bigely mascolde with depe diche and double ful mighty contre- 
mured; so that if eny man were within, he might neuer oute wtoute 
help. [fol. 16b] On which Cite was sette vj yates, of which, pe first hight 
Dardanydes, The secoud Tymbria, The third Elias, The iiiith Sethas, The 
fift Tamydes, The vj. Troianaan; Aud before euery of thes, was set a strong 
bulwerk as mighti as eny castell with barres and heps for a sure defence. 
There were also many smale posternes with planchettes if nede were to 
is-sue oute as wel in tyme of pes, as of werre. — He lete make also bi the 
one side of the towne an houge and a mijti dongeouii^^ a toure that was hie 
and thick-), pat no ordenaMUce shuld hurt him, diched and countremured 
strongely; within which, Priamws held his palis, and was called Ilyon. He 
lete make also his worpi temple of his goddis ful richely arraied, where he 
made his rightes and sacrafices. This cite fully made and perforiued; Pria- 
mus sending into many a londe and towne for the moost subtile men of all 
maner of craftes that might be gete and fouude, yeving theym bothe house 
and londe fre, as fore peire owne lyves, setting euery craft by peym seif; 
Stuffiug the Cite also with laborers And comeuers, for to labowr and plogh; 
Sending also into many a co?itrey for the manlyest men of werre pat 
might be goten, stufting euery toure abought pe Cite with theym, to defende 
the Cite if nede were, Assignyng to euery toure a certen of lyvelode for 
theire wages eterualy to endure, within which cite, there was al maner of 
cowmioditees so that theym nede no thing to seche withoute, while pe worlde 
may endure, neper for man ne beest. This Cite so worthely made aud 
stuffed, Priamus ful rialli dwelling in his walis wt Ecuba his quene, having 
abought theym here childeren, Ector, Parys, Deyphebus, Elacyus, that was 
a noble clerk-J, Troylus, Palliodorus [fol. 17] and Gameuede, that died. Of 
doughteres Granthia that was maried to Eneas; Cassandra a ful grete 
dyueueras and PoUixene, and also of oper soues goten on purchas xxxti ful 
worthi knightes. Frisivaus thus being in his grete ese and welthe, remem- 
bring him vppou a day on pe grete cruelte don to him, his lordis euery 
choiie, saying to peim in this wise. — Sirres ye kuowen well of pe grete 
vengeaunce and cruelte don to oure Auncetors and destruxioun of oure Cite 
and tresoure by pe Grekes, And of pe taking and ravesshing of my suster 
Exeona pat is yit holden and vsed of king Talamon to hir opon and grete 
diselaundre and shame, and oures also, the which greueth me more then al 
pe Oper harmes. Wherefor be jour goode avise and counsell I am fully 
purposed for to sende vnto pe Grekes to wite, whether they woll reforme 
and amende eny of pes grete wronges other no; To which purpose, al the 
lordes consented and Saiden, hit were wel don to assay there wil thereiu. 
— Then for asmoche as Antenor was named and knoweu for the moost 
pr?<dent and wisest man of al pat contrey and in many auoper londe also; 
Vriamus sent him vppon his message, ad enbasset into Grece vnto Pilleus. 
saying in this wise. — Fria.mus king of Troy, wold pat ye remembre on pe 
grete wronge & vengeable cruelte don to king Lamedon his flfader, and to 
his Cite of Troy, And praied some dele to amende and reforme his grete 
wrong and distruxioun, And taking awey of al peire tresoure, And in 
especyall pe withholding so longe of his suster Exeona to his grete shame 



L. 2. Buch v. 933. 



The Sege of Theb.'s und Tlio Sege of Tioy 279 

and al hir kyn and frendes. To wlioni Pelleus auswheied and seid: If that 
Prfamws hold him greued or displesed of eny thing don by vs bifor thi8 
tynie, sey to him that he take amoudis therefor wliore that he may, ffor 
truly of vs gete he noiijt. Antouor seing that hit was no böte to tary 
there no lenger, he went streite to king Tiiakmiou and on Fimmus bihalf, 
praied him to restore ayen, his suster Exeona [fok 17b] that he had so 
longe bothe vsed and occupied, taking no reward of hir berth ne of pc 
goddis, To whom he yaf answhere and seid: Sey to Priamus, pat ayenst his 
wil and lust, I brought hir hider. And at his dcsire, y wol neuer sende hir 
ayen, and for his sake, she shal fare the worse. Antenor having his 
answhere, went streite to Castor and PoUux, praying theym ou Vrintnus 
bihalf, some what for to make restitutiou?i of the grete wronges and harmes 
don to theym, to his fader and oper of Troy, which yauen answhere and 
seiden, that if Priamus held him mysplesed for oure dedis don at Troy bifor 
this tyme, byd him hold him wel there to, lest he take more hereaftre if he 
noyse it to nioche. Antenor having thes finel answheres, toke his shipp, 
and ret«?ned to Troy, and made ful report of al peire answhere. PrianiMs 
right gretly meued of pes answheres, called bifor him Ector, and al his sones 
with all his oper lordes, making Antenor declare to hem al pe croked 
answheres, whereof they were al graued sore. PrianiHs ealling his son 
Ector, seying to him: That for asmoche as pe Grekes haue don vs pes grete 
wronges and harmes and also eternal shame. And taking and yit with 
liolding of thi Aunte Exeona, And for all this, haue y but short answhere. 
I am avised to ordeyue a retenue of manly and worthli men, and to send 
the thider with theym as hir Capten, for to be avenged vppon tlie Grekcs, 
and bring fro thens Exeona thyne Aunte; Ector answhering his ffader seid: 
llit is well don to be well avised or ye sende in suche thidre, and to take so 
grete a pwrpos and emprise into suche a londe as grece is, hit were gode 
to thenk on the ende, flfor pe shame of my Aunte is moche lesse, pen pe 
losse of many a thousand lyves. His brother Paris hering him sey pes 
wordes seid vnto his fader: If hit lust you to lete me haue a retenue, I wol 
vndertake to fecche home my Aunte, oper I wol do theym as grete shame 
or that I depaj-te fro thens; Ector answhering his brother seid: [fol 18] 
Broper hit is goode to be wele avised, for al pe niight of Europ and Aufrik, 
ben allicd and vnder subieccioun to Grece and many anoper mighti regioun, 
And to vs, is noper help nor succoztr longing, saue only pe province of 
Assie, which is right simple ayenst al oure enemyes. Paris taking no 
reward to pe wordes of Ector, ne to no thing pat foloweth, but hath fuUy 
taken his pwrpos pe iowrnay vppon him, praying his fader, tnat peple and 
shipping inight be redy in hast with suche stufF that nedeth there for 
porteyning and longing for his estate. Of which enprtse and coragious 
wil, his ffader pe king was right glad and fayne. And in al hast, sent into 
al pe p«?-ties of his londe for pe best and manliest men that he might finde. 
And made vpp his retenue, ordeynyng sliippes and al oper stuff, that sliuhl 
long to him, so pat hit was al redy, as wel stuff of vitaile as opc»- orden- 
a«nce for pe werre bothe for water and for lond. Paris mo.string his pople, 
toke leve and blessing of ffader and moder, and went to shipp, and hadde 
weder and winde at wyll, arryved in an He of Grece called Citheron, of whidi 
pe worthi king Menelaus was lord of; And of fortune at that tyme, was 
from home, for a title that he claymed in Tesaile. Paris with his felashipj» 
being in this He in which, there was a temple of Diane the grete goddes, 
At pe which tyme, pe grete .soUempnite and vigil of pe seid goddes was 
holden, To which sacrafices and offering, AI pe peple of pe contrey abought 
was come thider fore to do peire olde costumes and dewtees. To which 
temple. Paris, with a oerten of his felashipp, come for to se pe vsagos of 
pat contrey. Fayre Elyne quene and wife to kyng ]Menelay, hering of pe 



280 Zwei mittelenglische Prosaromane 

cojnmyng of Paris into pe temple, come vvith a certen of hir maidones 
pryveli to haue a sight of that yonge lusty Paris, Takiug hir place on pe 
one side of the temple, vvhere Paris, with oue suche as him lust of his 
felaship, made his walke and stacious, casting alwey his eye and sight 
prmely touard the fayre [fol. 18b] Elyne, which sodenly was so planted in 
his hert, pat al oper besynesse was for yete, and leide a side. Elyne beiug 
in here closet, seing this fressh lusty Paris, so wel demenyng in his array, 
Walking alwey beside to and fro, sodenly was so sette in hir hert, pat al 
Oper thinges she foryete; stryving with hir seif, how to finde a mene for to 
be in speche with him. Parys in like wise turmentyng in his mynde, howe 
to finde a wey to come to hir presence, Amouge which brennyng thoughtes, 
sodenly hi last his felawe, and went streite into pe closet of Elyne; whereof 
she pe gladdest woman an live, having him in hir presence, They two 
holding peym so longe togider in the temple, pat either hadde ful knowlache 
of operis hert; where there was no ioy to seche. Alle which tyme, hit 
was fully appoynted and accorded bitwen peim two, pt she shuld go with 
Parys to Troy. They sette hir tyme and houre of peire going; Parys taking 
his leve of hir, went streyte vnto his shipp, charging al his peple in her 
best array, to wayte vppon him, and also his shipmeu, that his ship were 
vnder saile, in pe poynte, of pe day; Paris with his felashipp taking his wey 
ayen to pe temple, taking Elyne by the honde dispoiling pe temple of all 
pe Jewelles & relikes founden there in, holdyng his wey streite vnto pe 
palis of king Melany, robbing, dispoiling, and taking awey with him all 
pe richesse and tresoure founden there within, caryng hit to shippes with 
all hole Oper richesse and goodes founde within pe Ile. Elyne and he, with 
all peire felashipp entring theire vesselles, drowen vp saile with winde at 
wyll went peire wey, holding pe hie see, til they come to pe lordes of Troye, 
into an Ile, called Tededon, where they londed and rested theym, sending to 
his ffader king Priam«<s, certefyiug him holy as hit was lortuned. PrianiHs 
ful glad in hert fore pe taking of Elyne, trusting by hir, to haue hadde 
ayen his suster, but hit turned afterward to moche more myschef on bothe 
parties. Priamws taking with him Ector, Troylus; & all his oper childeren 
and lordes, and come to pe Ile of Teledon, where Paris [fol. 19] Elyne and 
al here oper felashipp was abiding pe wil of Priamus. The which anone 
lete array and ordeiue pe mariage bitwen Paris and Elyn. After which, 
they anone conveied hir ful rially into Troy where they begon hir ful lusty 
lyfe. After which ravesshing of Elyne, pe grete noyse arose sodenly thorgh 
oute pe Ile of Sitheren, and so thorgh al pe londe of Grece vnto pe tyme 
that hit come to pe eris of king Menelay where he was in stränge contrey. 
For sorowe of which, he feil in suche a soden rage, that he had ny 
destroied him seif, but assoue as he myjt apese his mortal sorowe, he 
returned home into Sitheron, where be fonde his palis, the themple, 
and al pe Ile abought clene dispoyled of al pe richesse, tresowr, 
and Oper goodis that was within. pg which in suche wise, renewed his 
sorowes, that he was ny fal into dispaire; But by prosses of tyme with 
grete confort and \sihour of frendes, he was repaired to his wisdom and 
sadnesse. Sending in all hast vnto Castor and PoUux bretheren of quene 
Elyne, pat must be chef fore the pursute of Elyne; Sending also vnto al pe 
frendes that they might gete in eny contre to l3en venged on pe Troians. — 
The Grekes holding hem seif so rial and worthi, had ful grete despite, pt eny 
Troiane shuld be so hardy to do eny so grete outerage and shame wt in 
theire londes. Where vppon, they holy, toke fully to pjtrpose euery lorde 
at his owne cost and Charge to be avenged of that grete despite in al pe 
hast possible, commyng to king Menelay in this wise. — First pe worthi 
Achilles Dyomede; king Tendalus; The worthi king Agamenon, that was 
made gouernowr of pe grekes cost; king Patroclus, king Cylyus; king 



The Sege of Thebes und The Sege of Troy 281 

Ajax, king Telanius; Vlixes, kiiig Partheselaus, Neptolomys; king Palla- 
mydes; kiug Pollydam«s; Makary pe kiug of Ptrce; pe king of Daymes; 
Amphmacus; king PoUibete; Matliaou and Pollidrus; Duke Antiphis of 
Esida and of Eriale; Polliphebus, Carpeuor, king of Capady, Treariws kingof 
Beysa; pe king of Barbary [fol. 19bJ Cariae, pe king of Coloson; pe kiug 
Philex of Traee; Duke Ampheus, Duke Forcun«s of pe Ile of Bosy; king 
Philanyme of Tigre; king Porces, king Syganion with his two bretheren of 
Ethiope; Teneres king of Dares; Archiligus: kiug Epistrophus. All whieh 
kingcs euerych broujt a grete nombre of shippes stuffed sufficiently in 
pe moost niighti wise as wel of man as of vitayle; beside niany a noper 
lorde that come at pe desire of pes said lordes to ben avenged vppon pe 
Troians. — The king Priamus having kuowlage of pis grete pwrpos taken 
ayenst hi?H in so feruent wisc, ordeiued füll manly and wisely by pe 
cou7isell of Ector to resist peire malis in stufüng pe Cite with vitaile; pen 
ordeynyng so grete a nombre of men of worre; so that he hadde of kingge.«, 
Dukes aud oper grete lordes of name iiic and xiij briuging with theym 
VC pousand and xxiiij thousand beside al oper stuff of pe Cite. Repayring 
ful strongly al pe defence of pe Cite — The Grekes assembling and mostriug 
al peire mijti & houge power; in A day vppon a faire playne, which was 
ful mervelouse to be holde; when anone was ordeined euery man to bere 
harneys to shipp, And euery capten their vasselles assigned; drawiug vp 
Ancre and sayle, having weder and winde at will, on an hole flete sayling 
togidre vnto pe tyme that they come within pe londis of Troy iuto the haven 
of Symeout. Of which arryvale Anone king Priamws having ful knowlage, 
purposed fully to lette peire arryvale, ordeynyng Ector, Paris, and Troilus, 
with grete nombre of peple to lette peire aryvale if they moght. — The 
Grekes having knowlage of peir pwrpos ayenst theym, purveied theire 
londing in ful wise aray and gode ordenaimce in saluacioun of theym seif. 
Not with stonding, which Ector with his felashipp yaf pem suche batayle 
at peire londing, that tliere was slayne on pe Grekes paj-t xxiijM & iiijc men, 
And Ector himself there slewe king Protheselay and mo *pen a thousand 
men with [fol. 20] his owne honde; After which, Ector retwrned ayen to 
Troy. The Grekes al pat ntjt commyng to londe; and in pe poynte of pe 
day, come in hole batail bifore the Cite with so grete multitude of peple, 
that they made xvij grete wardes with ful mighti ordena2mce in euerj" 
warde. And chef capten and cheften of al pe Grekes part, duriug pe sege, 
was king Agamenon, And on pe Troians p«rt, was Ector chosen, having ful 
grete aspies of theire commyng that mornyng befor Troy; ordeynyng a 
certen of peple with him, met peim in pe felde, scarmeshing togider til 
derk nyjt, where Ector himself slewe ij kinges And grete pa/'te slayne on 
bothe portios, but pe more part on pe Grekes side. After which day, pere 
was daiely sharmeshing during viij mouth and grete slaughter on bothe 
parties, and nameli on pe grekes part; Aftre which feruent werre was 
taken a trete during xl dayes for to releve men hurt on bothe sides. . . . 

[fol. 21] Atte which trety, Ector ordeined vppon on day with him his 
bretheren, Paris, Troilus And Deyphebus with a grete nombre of peple to 
fight with hem, Atte wliich skarmys.sh was slayn xxxM and vijc on bothe 
parties, And there was Deyphebus slayn. And on pe Grekes pa?t, king Ar- 
chiligus, Potroclus, and king Amphimacus. But alwey the Grekes turned 
liome at nyght with the wor.se; which .skarnio.sliing engendred .so grete hate 
&, cnvy on bothe parties, that pey skarmeshed and fought dayely togidre 
with oute eny speche of trety ij yere and iij monthe. Within which terme 
was grete multitude slayn on bothe sides, and prtncipally on pe Grekes side. 
King Agamenon scing pe grete myschef and los.se of peple, sending into 
Troy to PriamMs for a trety that endured vj monthe, within pe which either 
party had her disporte with other, aswell pe Grekes into pe Cite as pe 

Arcliiv f. u. Sprachen. CXXX. 19 



Ö82 Zwei mittelenglische Prosaromane 

Troians amonge pe Grekes. Vnder which trete, Calcas of Troy a Bisshopp 
a grete clerk, a devinojtr, founde by liis calculacioun, and by pe answhere 
of bis goddis, tbat Troy shuld be destroied within short tyme. Takiug 
fulli to pwrpos to leve pe Troians, and to go to pe Grekes, which was fui 
wortheli and nobely receyued of pe Grekes for bis gret name and fame. The 
Grekes pHrposing to gif him a rule and gouernaimce among theym; Trusting 
within Short tyme by bis wisdom to acheue here p^o-pose ayenst Troy ffor 
what by bis hie wisdom and answbere of bis goddis, And also by cause, he 
knewe al pe couusell of Troy, be wold the rather bring hit to confusiou??. 
And so by bis false sleghtes and vntrue wj'les did and performed; After 
which trety ended, pere bigan a newe feruent werre, skarmeshing daiely 
togider, pat peple was slayn on botb parties fui grete and houge nombre. 
— Fortuned vppon a day, Ector come proudely skarmeshing with theim fro 
morow til derk nyght At which day, the Troians had pe worse, ffor there 
was slayn king Epistrophis and king Eros And Antenor a fui famoits lorde 
and chef counseloure of Troy taken with many anoper worthi lorde; by 
cause of which pei resort daily to so feruent and mortall werre, that hit 
endured [fol. 21b] xviij monthe witboute eny speche of trety. !So pat pe 
peple on both parties were gretely amenesed and lost; but on pe Grekes 
part, pey weren oft refressbed. And on Troy part, no succo«r but euer 
wasted. Fortuned that at pe Grekes request, there was anoper trety taken, 
pat endured iij monthe, during which, eitber portie come to and fro to 
Oper, disporting and pleying with oper, vnder which trety, pe false trai- 
tour, Calcas tbat was made chef counselowr on pe Grekes port, come into 
peire counsell amonge pe lordes praying peym tbat for asmoche, that be 
was of bis owne volunte come to theym leving behinde him' al pe 
goodis and namely bis childe and doughter Criseide, pat pey wold 
geve bim some prisouer of Troy, by pe which, be might haue oute bis 
doughter fro pe Troians. To wbom pe Grekes graunted anone, aud yaf bim 
pe famoMS man Antenor, that was one of pe chef counseloijrs of Troy bifore, 
by whom afterward, was the Cite destroied and lost. For wbere that 
Pn'aniMs sende oute Cresside to fecche bome Antenor, he was after TraitoMr 
to bim and to pe Cite. The tyme of trety ended, Ector pwrposing him to 
made a proude ioztrney vppon the Grekes, ordeined bim v wardes, eueryche 
to succoitr other. The nyght bifor, the wife of Ector lying in hir bedde, 
hadde a visiouw in hir slepe by pe which, she vnderstode wel, tbat if Ector 
held bis pitrpos the morowe in pe feld, that be shuld be slayn; where, she 
come rennyng to him, praying bim as pat day to absteyn him fro pe fehle, 
telling bim hir avisiou?i; whereof, be seid, hit was but false bileue & 
Idolatri and set nojt thereby. bidding hir to speke no more thereof, ffor he 
wold not breke bis pwrpos for no thing. She rennyng to PriamMs, praying 
him to restrayne bis p««rpos, enformyng him what shuld folowe if he went 
oute tbat day, And to lete Paris and Troilus hold bis pwrpos, which witli 
grete peyne, obeyed bis charge. Paris and Troilus skarmeshing in pe feldo, 
which in short tyme were dryven a bakke touard pe Cite, but right grete 
nombre slayn on bothe portie. Ector in a maner seing theym disconüte, 
armed bim in hast, taking bis horse [fol. 22] and rode oute at pe yatc 
retwrnyng the Troians ayen into pe fehl encowutering king Philex, wbom 
he slewe with bis spere. Then come king Pallamydes with a grete multitudo 
of peple, and fil vppon Ector To whom be retwrned and put at disconfiture, 
And smote him downe fro bis horse, lighting downe for to rase fro him bis 
cote, as hit was bis vsage whan he had slayn eny lorde And as at that 
tyme, having none of bis peple abojt him, vnware behinde him, come 
Achilles, and bare bim thorgh with a spere, wbere pe floure of knighthode 
fei downe dede to pe grownde. Of wliom anou pe noyse sprong thorgh the 
feld tbat Ector was slayn, ffor sorowe of which, pe Troians fui of sorowe 



The Sege of Thebes uud The Soge of Troy 283 

and care anone retMrned ayen to pe Cite, carying pe body of Ector with 
theyni. For wliom, Frininns, Ecuba, FoUicene, Paris, Troilus, and al pe 
Cite after madcn pe grettest lameutaciou?i aud dedely sorowe, that with the 
lyves might be made ffalling fuUi in dispaire, trustiug uone opor, but in 
Short tyme to lese the Cite, And all; for Ector was so noble of goueru- 
aunce and so doughti of honde, that he had slaine with bis owne honde 
XV kiuges bcside many a noper lorde; And neuer feld, put discoufit; where 
he hadde pe gouernaunce vuto that tynie, which, he niight not escape, osclun , 
ne voide, not wt stonding that he was warned bifore. Where vppon, the 
Troyans sent oute for a trety of vj niontho, during which, Priamus 
ordeyuyng for pe sepulture, of Ector, füll rially held pe obseqims and 
vigiles, brannyng thereiu the riebe Jewellis, clopes of golde enceuse, bawnics, 
milke, with many a nother riebe thing; so that pe sauo?<r was made swete 
vp to heuen; Alwey conseruyng pe body hole by eraft of man for to endure 
bodely right as he did bifor, saviug that he was withoute life, ffor whoni 
there was made a towiiibe the moost rial and riebe that might be ordeincd. 
Ector stonding, there vppon Üesshly, holding his swerd drawen in bis honde, 
And by craft, there were ordeined smale pipes of golde put thorgh bis hodo 
strecching porgh euery veyne and lym of his body; porgh [fol. 22b] which 
pipes was reunyng by craft a licour into eutry part of bis body, pat alwey 
kept pe body like fressb and grene and wel colored. Setting also vnder his 
fete a basouw with a certen of bawme, which made his breth as swete as 
euer hit was, And a winde by craft fro vnder his fete blowing thorgh bim 
as he had ben quyk and brething, so that none stranger shuld well knowe, 
but pat he were on life. And of hys array hit were to longe to teil. But 
vnder pis trety taken bitwen pe Troians And pe Grekes After this rial 
tombe made and don eytber parte come entre, disporting with oper. Amonge 
which vppon a day Achilles entred the Cite with oper Grekes in A poer 
sowdioitrs array vnknowe of the Troians, for to se the gise and vsage of 
theym, holding his wey streite into pe temple, where pe obseqims and 
vigilis were in doing. PriamMS, Ecuba, Paris, Troilus, with many A uopor 
lorde and lady, doing theire sacrafices and obseruawnce, as peire gise was 
for Ector; Ector alwey bibolding fresshly and sternely on peym, Aud 
iiamely as bim semed on Achilles, with swerd drawe in honde; whercof 
Achilles was asstonyed and abasshcd, stonding in doute wbeper he was quik 
or dede. Saving he conforted bim seif with pe mortall bevinesse, that he 
.sey there made for bim, Amonge which prece, Achilles cast bis sight a side, 
And sey pe faire PoUicene suster of Ector and Troilus, whos love anoiu- 
persbed his hard cursed bert in so strong a wise, that be might not wele 
endure bis hard peines retitrnyng ayen to pe Grekes with the grettest peyne 
that might be suffred, praying a seruaunt of bis a well avised knight for 
to go vnto Ecuba vppon bis behalf, desiring hir doughter PoUicene in 
mariage Ecuba anone remembring on bis worthinesse, and also of pe myschef 
that was like to folowe if she denyed his desire, she seid that she wold 
speke there of vnto Priamws. Whereto PriamMs answhered and seid: If 
that Achilles woU take vppon him to make the Grekes cese theire werre 
[fol. 23] And also that he wold be ful frende to him and to al pe Troians 
as allioHnce axeth, be wold graunte his wil tberein. Of which answhere, 
Achilles was pe ioyfullest on lyve, promising fully to performe bis desire; 
Taking bis wey streite vuto pe king Agamonon, where be was in couusiMl 
amoHge his lordes, yeving theym bis avice and counsell, that for asmoche, 
as grete part of pe peple is destroied, and howe that their goddis weren 
diFplesed for pe dethe of so houge a nombre tiiat were slayn on bothe 
porties, and pe quarel of pe Grekes nojt goode, but of pride don, be coudo 
not sey, but yaf bem bis counsell, to returne ayen to Grece er fortune 
turned" fully ayenst tbeym, To wbom they yaue answbere and seiden; Sitben 

19* 



284 Zwei mittelenglische Prosaromane 

they hat bidden so louge, And as pei trusten nowe atte the poynte of 
vvynnyng of the Cite, they vvold not leve it so, but made al thing redy for 
the feld ayenst pe morowe, be cause pe trety was don that day. On pe mo- 
rowe the Grekes rennyng bifore the Cite; Troilus, & Paris encountriug hem 
in pe felde, slewe on pe Grekes part grete nombre and drove peym home 
into peire tentej dispoiliug and brennyng their logges, Achilles holding 
him still and wold in no wise fight ayenst pe Troians for pe loue of faire 
PoUicene. On pe next day folowing Trolles with his co?»pany come oute 
proudely skarmeshing with theym and slogh grete nombre of theym, so that 
they fiowen into pe Tent of Achilles, which stode at defence ayenst Troilus. 
The Grekes so releued on Troilus that of fortune, Troilus slowe king PoUi- 
bete and kingg-| Mathaon, and wounded Diomede thorgh pe body, folowing 
theym so, pt his horse was slayn, his peple ret?<rned ayeu, whcre Achilles 
with A grete peple fei on him and smote of his hede, And drewe the body 
after him at his horse taile, in pe moost shamefuU wise, that euer euy worpi 
man had with oute cause. Wherefor Achilles, was gretely repreued as wel 
of pe Grekes as of pe Troians, ffor sorowe of which, Priamus, Ecuba, And 
ai pe Troians were gretly in dispaire, ffor after Ector he was peir protec- 
towr. Ecuba thonking on this grete cruelte & fals tresoun [fol. 23bJ of 
Achilles, pwrposed fuUy be some tresoun to bring him to his ende, where- 
vppon she send to hir son Paris, and bade ordeine him a felashipp redy for 
to sie Achilles, for she wold send for him as for pe trety of pe mariage and 
to mete with hir in pe temple, where she shuld kepe him in secret wise vnto 
pe tyme pat he sey best tyme to fall on him and to sie him. Achilles the 
gladdest man on pe erthe whan he was sent fore, trusting to haue a ful ende 
of his mariage, he toke with him but one knight or two, come yn to pe 
temple, And as he kneled, one smote him vnder the fote, whereof he died 
anone, And then they lete smyte of his hede. And cast the body into the 
canel, where dogges and crowes shuld deuoure him. Aftre which tresouw so 
don to Achilles, the Grekes so feruently werred vppon pe Troians dayly, 
that grete party was destroied on bothe sides, and namely on the Troians 
party. — Vppon a day Paris making him redy for to make a iotonay on pe 
Grekes, which in like wise, made peym redy to ren bifor pe Cite, where, at 
pe yatis, they melle so feruently, that pere was grete slajt but pe Troians 
had pe worse, ffor Paris was pere slayn and grete parte of his peple, which 
renued pe sorowe of Priamus, ffore pen had he no cheften last on life to 
gouerne his peple. Where Priamus toke to pwrpos to kepe the Cite, and no 
more to issue oute, ne to skarmyssh with theym; Antenor and Eneas pur- 
posing fully to haue the Cite destroied come to Priamws seying in this wise: 
hit were nedeful fore to make a trety for a pes, and to restore ayen Elyne 
to hir lorde with tresoure for his damage, suche as might be accorded fore; 
PriamMs bering peire desirowrs, denied hir axing, they seing this, wenten 
to al pe comons of pe Cite And with peire speche so deceyued peym, pat 
they made al peym come byfor the king saying, but if ye wol consent to 
peire desires, pey wold depose him, and chese pem suche a king as shuld 
make a finell pes for al peir profit. Priamzts seying howe they had beut pe 
comyns with false flateryng that he might not be of might to with stond 
al peir malis, consented to a trety for vi [fol. 24] monthe, vnder pe which 
trety, the false traitoure seid, pat al pe couenawntes shuld be engrosed and 
enrolled, and Elyne deliuered, and Exeona brought ayen with deliueraunce 
of al pe prisoners of eiper party, And so to haue eternal pees, bitwen pe 
Grekes and Troians; In pe mene tyme, Antenor and Eneas with the consent 
of pe false traitowr Calcas lete meke an horse of Bras so large and moche, 
pat hit was mervaile to speke thereof, which horse the Grekes desired to 
offre to the goddes Mynerva within pe temple of Troy, like as pey had 
made here avowes bifore tyme. Priamws grouuting as fore their offering 



The Sege of Thebes und The Sege of Troy 285 

and sacrafice peir entent; which horse whan he was by craft brought vnto 
the yate, he was so houge, pat vnto pe tyme, pat pe wallcs weren broke 
to make pe yate larger, hit myjt not ontre; within which horse was liidde 
a pousand nien armed; The Grekes also euery man redy in hir best aray, 
so pat whan pe horse were past porgii pe brosten yate, pen men to lept; 
oute of his bely, And pere pei slewe al pat pey fonde aboutc pe Cite, as 
porters and kepers thereof. The Grekrs awayting wel vppon peym, ren yn 
at onys, and so won pe Cite; Priamws seing this myschef, fled into pe 
temple, where pei fonde him and slowe hl?», dispoiling pe temple of all 
pe richesse and tresoure saving that was pe two traitowrs, Taking 
oute Elyne and pe son of Achilles, sleing PoUicene, leving no pece with 
Oper of hir body, leding Ecuba into Grece for to stone hir there to 
dethe, breking downe pe Wallis of pe Cite And slewe al pe peple found 
perin And brent euery house, but for to teil of pe debate & discord of pe 
Grekt's for pe tresoiir in peire going homward. And howe euery lord slewe 
Oper, And some exiled for euer oute of Grece, as Dares & Guydo writen hit 
wold niake alonge prosses; but fro pe hing of pe sege into p ende, were 
slayn on pe Grekes party viijcM vijcxvj men, And on pe Troians party 
were slayn vjcM & ixe men, And so as I suppose neper party won gretly 
at the ende [fol. 24b] flfor afterward Eneas slewe Antenor, for he shuld not 
haue gretter rule pen he amonge theym that askope oute of Troy, And pe 
frendis of Antenor basshed and exiled Eneas for euer, where he lost all 
that euer he oper aunceters gate. And alwey the ende of euery trosoun and 
falsenes to sorowe and myschef at the last. Amen. 

Freiburg i. B. Friedrich Brie. 



Lydgatiana. 

IV. Unprinted texts from MS. Trinitv College, Cambridge, 

R. 3. 21. 

The present offering of Lydgatiana contains the texts of poeras 
in a MS. of Edward IV^s time, left anonymous by the 
scribe, but vvrongly ascribed by John Stow, the Eh'zabethan anti- 
quary, to Lydgate. His reasou for this ascription must be that 
many genuine poems by Lydgate are found in the same codex. 
The Trinity MS., as may be inferred from a colophon, was in 
the possession of Roger Thorney, a Citizen of London, and the 
patron who furthered the printing by Wynkyn de Worde of Tre- 
visa's Version of the De Proprietatibus RerumA It no doubt came 
originally from London. The ownership of the MS. by Thorney 
raises an interesting question as to the authorship of the two 
little childlike Prayers at bed and at uprising which are given 
below. They markedly resemble in metrical form and in tone 
the little God me Speed"^ which Trevisa inserted at the beginning 
of his translation from Bartholomew. Thorney's interest in this 
work by Trevisa makes it possible that he had access to some 
other MS. by that author, from which he had the prayers copied. 
Among the other poems printed here, that on the Batlle of 
Barnet is the most interesting. It presents the populär London 
view of Edward IV, who had endeared himself to the Citizens 
by knightly displays and by other means hardly so honourable. 
Of the religious poems little can be said. The Lament of Mary is 
a late attempt to rival the beautiful earlier lyrics in this manner, 
and does not bear the comparison well. The Life of St. Anne 
and the Psalms of the Passion seem to be the work of the author of 
Magnificentia Ecdesia, printed by me from this MS. some time ago.^ 
The Birds' Matins, printed from MS. Harley 225 1 as Lydgate's in 
Halliwell's edition of the Minor Poems, may also be by the same 
band. Of all the poems, that on the Seven Deadly Sins approaches 
most closely in its Imitation to the genuine work of Lydgate. 

[foi.22lJ Incipit Vita Beate Anne matris Beate Marie Virginis.' 

0] blessyd lesu that art füll of niyght, 
The ground of vertu and of all goodnes, 

Quykyn my derkenes and send me som lyght, 
For in the ys verrey sykernes; 
Be my com fort and gtreyngth my febylnes, 6 

In that I wold take on me for to wryte 

Mekely Besechyng thy grace to eudyte. 



• So de Worde teils us in his preface. ^ Printed by the editor, 
'The Nation', N. Y., July 30, 190S. ^ Publications of the Mod. Lang. 
Ass. of Am., Dec, 1909. ' Lydgate added by Stow. 



Lydgatiana 287 

For in my-eelf ryght well I vndyrstand 

My wytte but Rympyll and lak eke of connyng, 

Füll vnabyll to take suche thyng on hand, lO 

Werke of spyryt and febyll in doyng, 
Sauyng oonly by the gret pupportyng 

Wlierfore, good lord, now makc I my request, 

To quyte me lyke as hyt plesetli the best. 

Gret fnly were, and also presunipsiou« 16 

In hym that ys both naked and bareyn 

As in makyng to lak discrecioun 

There nothyng ya to harde were to constreyn 
The throuth to sey, I wyll be to yowe pleyn, 

I am vnpunieyed and in no wyse sure, 20 

Safe my good wyll feyne wold I put in vre. 

Thus half in feare, somdell in oowardyse, 
Whyche ys in maner a gret dyspleasure, 

Sore I am trobled many sondry wyse, 

Nothyng accordyng vnto my plesure; 26 

But euyn clene contrary to my desyre, 

I wold be sory truly to offend, 

NatwitÄstandyng to ]&hour I entend. 

From heuen commeth helpe, ys an old prouerbe; 

Wherfore I wyll take now to me corage; 30 

God yaue vertu both to stone and herbe, 

Whiche be vnresonable as in parage; 

He were to blame and also gret damage 
That hath hys wyttcs ioynyd to resou«, 
But yef he occupy well hys sesoun. 35 

[foi.22lv"l Hyt ys a vertu to rede in storyes, 

And holy seyntes lyfes to translate; 

Hit causeth to be in the memoryes 

Of well disposyd pepyll in good state 

To theym where grace ys nothyng desolate 40 

But by perseueraunce theym to apply 

Sore repenlaunce puttyng awey foly. 

For he that ys repentaunt, as I rede, 

Mercy to hym cannat be denyed; 
Gentyll lesu hys owne body dyd sprede 45 

For all synners on the Crosse besyed, 

And of the cruell lewcs defyed 
Wherfore take we now vnto that good hede, 
He neuer faylyd creature at nede. 

He that for helpe lyst mekely to hym call, 60 

He ys redy to eucry good entent. 

To let I wyll nat, what-soeuer befall, 

I wyll kepe forth my pwrpose as I ment, 
More hardynes the good lord hath me sent 

A gret dell, than I had at the begynnyng, 

I trust hys grace shail bryng hit to endyng. 

To be rebukyd, lo, I were to blame, 

In myn owne mynde, for doyng my dewte. 



65 



288 Lydgatiana 

Of vertuous laboMr cam neuer yet shame, 

For Idylnes ys nought, in no degre, 60 

The moder of vyce ys, I am in suerte; 
Therfore I wyll besy me to procede 
And call aboue for help when I haue nede. 

In hym ys mercy, in hym ys pyte; 

Beware, ye cruell hertes mercyles, 65 

Remembre hym well, take good hede and se 
Put clene fro yow your frovvard crewelnes, 
Ye shall repent hit tofore eis dowteles, 

For man w«tÄout racrcy, mercj shall mys, 

He shall haue mercy that mercifull ys. 70 

[foi.222j Bethynke yow well on this noble story, 

Of pore Lajar and Dlues in jour mynde, 

How ryche he was, and now ys so sory, 
Because to Lajar he was so vnkynde, 
For lak of grace he was to blynde, 75 

In World ly ryches witÄouten pyte, 

For-eucrmore therfor dampnyd ys he. 

noble vertu callyd pyte, 

That art so gret in the hygh court aboue, 

Well ys hym that endewed ys with the, 80 

Whyche came downe clerely for verrey loue, 
For worldly ioy neyther to heue ne shoue. 

Neuer man yet rad in holy scripture, 

A piteous man dampnyd, thys am I sure. 

parfyte charyte, whyche art w^tÄouten pere, 85 
Thow art best worthy forto haue the gre. 

And to be worshippyd both ferre and nere, 
For all vertues byn groundyd apon the 
Feythe and hope of thy consanguinite; 
He that these iij. lacketh ys but clene shent, 90 

Woo shall he be, that hath hys tyme so spenti 

1 lowly make now my peticion 

To all masteres that thys shall here or rede, 
Submyttyng me to youre correcciou» 

For vnconnyng my symple penne doth lede 95 

As a voyce in feare and eke in drede. 
Thys ys the fyrst and eke the begynnyng, 
Besechyng yow of your good supportyng. 

Explicit Prologus [Lydgate: in Stow'a hand]. 

[^1.222^1 0] blessyd Anne aboue predestinate, 

Chose by the godhede of hys gret goodnes lOO 

To be moder of that inuiolate 

Most glorious vyrgyn, grounde of mekenes, 
Moder to the secund person pereles, 

Abydyng styll in pure virgynyte 

And euer shall in perpetuyte! iü5 

Most dere brethern, thys day to vndyrstond 
As hit apereth by the story. 



Lydgatiana 289 

We halow and worshyp in eu^ry lond 

Of seynt Anne clief the festfull niemory, 

Whyche ys departyd and is in giory, " iio 

And hath forsaken the carnall pryson 

Of the body; to the soule a dongcon. 

Thys gloryous Anne, happy, füll of grace, 

Ys caryed vp niost worshipfully 
To tlie hyghest of seyntes in that place, 115 

With the seruyce of aungeiles truly, 

Vnto the euerlaetyng Company 
Of patriarkes and prophetes old ^ 
She ys comyn, vfüh ioyes raanyfold; 

Of whoni she hath takyn hyr begynnyng, 120 

And hyr flesshly habite by trew discent, 

That God shuld send so by hyr forth-bryngyng 
Vnto hys peple, thys was the entent, 
Of the pure godhede, sothly, by assent, 

By the frute of hir wombe redempcioun, 125 

And vtterly distroy discenciou». 

Therfore oure modyr, all-holy chyrche clere, 

Of thys holy matrone doth both ioy and syng, 

Gardyd and holdyn vp, both fer and nere, 

By hyr suffragys, and that in eucry thyng, 130 

Wherfore with all deuociou« j'^euyng 

In preysyng of her gret laude and thanke, 

ffor of oure wele she was the vcrrey banke. 

ffol.223| She ys forsoth that blessyd hygh erthe fyne, 

Of the whyche the heuynly potter hath made 135 
Of the most swete shoure of hys dewe dyuyne, 
The pot of oure hope whiche shall neuer fade, 
The son of God conceued vs to glade 
In oure nature hath brought forth incarnate, 
Whyche of the hygh influence was create. 140 

She ys the goodly felde circuwspect 
WttÄ f Ion res of the heuynly bames, 

Of whos swetnes the verrey preelect 

Diffuse odour, clene wr'tÄouton blames, 

Hath wellyd out v/ith hys fragraunt floures 145 

Of lyfe by the costes, so louyngly, 

Of all the World to comfort feythfully. 

And in thys felde the spouse of virgyns all 
Hath medled his myrre inost delycious 

With hys swete flauoures, whyche byn etcrnall, 150 

Hath tempred w/tA the swetnes prccious 
By the infinite power glorious 

Of hys most excellent diuinite 

The bitternes of oure sore mortalite. 

Blyssyd Anne, whyche in opcracioun 156 

Of oure redempcioun ys gone out, 

Lyke as the rote hath dominacioun 

Of the tre and the hraunches round about, 
Of whom the heuynly rodde, wüAouten dout, 



290 Lydgatiana 

Ys comen out that most blyssyd virgyne; 160 

Seynt Mary, thys derk world to enlumyne; 

Whyche gret wtth chylde, liyr owne begotyn son, 
The hygh almond of the most dyuyne floure, 

Hath brought forth to sease oure dyuysion, 

Of who8 sw.tnes dayly and euery houre 165 

The ioyfull refecciou» and socoure 

Fedeth the aungellys in heuyn aboue 

And men in erthe of verrey pure loue. 

ffoi.223T^] Of Bethlem, forsoth, that nobyll cyte 

Of Dauid, Anne ys gone out sycurly, 170 

And come out of the hygh rote of Jesse 

Whos blyssyd chyld that holy seynt Mary 
Cryste hath brought forth, and borne most porfytely, 
Whyche the captiuite had turnyd clene 
Of Jacob and all comyng of hys strene. 175 

And also the most harde durabyll wall 

Of oure old auncyen enmyte' 
Betwene God and man clerely ouerall, 

And by the mene of hys natyuyte 

God in hys manhode, of his gret pyte, 180 

Hath distroyed, oonly of his grace, 
, And ordeynyd hath, vs to his hygh palace. 

How gloryous, how worthy, and dere 
Ys thys modyr. & eke how prccyous 

To be takyn with hyr solempne prayere 185 

Whyche hath brought vs a moder most famous, 
Of oure redempcioun verrey ioyous, 

And in hyr includyd the testaraent 

Of the hygh heritage by consentement, 

Wherfore we ought to preyse thys holy Anne, 190 

Modyr of thys most holy virgine, 

With all worshyp that may be had or canne, 
And with the holy pryuylege diuine 
She hath begoten hyr that ys most dygne, 

Whereyn she passeth other moders all, 195 

More happier, and in especiall 

Of suche a chylde to ioy the priuilege 

Truly that shuld hyr owne maker begete, 

And of all other the trouthe to allege; 

Therfore ioy thow and be glad in thy fete, 200 

Thow happy modyr! before other grete, 

In conceuyng and bryngyng forth also 

Suche oon tnat hath sesyd all oure wo, 

|fol.224j By whom the Aungelys hane theyre gladnes 

And the ryght wisemen haue theyre parfyte grace 205 
And synners foreuer forgeuenes, 

By mercye of thys modyr in thys cace, 
Of the modyr of Cryst, oure chyef solace 

' enimyte AIS. 



Lydgatiana 291 

Euer styll abydyug virgyn, pure and clene, 

And euer shall, she ys oure parfyte mene. 2io 

The name of Anne, to sey hyt ys bat grace, 

For whyche, dere brethern, ye shall vndyrstond 

She ys of grace füll of the hyghest place, 

In whoni the lierytage most surely doth stond 

Of oure fadyr Jacob, lowsyng the bond, 215 

By hyr most ennobelyd magnificence, 

Puttyng awey clene all vyolence. 

The twelue sonnes of Jacob, verryly, 

Support the ground of the fundacioun, 

Of the holy place of Anne, truly; 220 

They lyste hit clene by hygh elaciouw, 
The most noble regale formaciou», 

Ejechias, and Ojias, also, 

Whyche byn bryght shynyng with other many mo, 

As precious stones incomperabyll, 225 

In the felyshyp yeuyng theyre beames, 

And in the hous of the modyr stabyll, 
Regale of god hath sent out hys stremes 
\Wiik so craftyous shynyng and lemes, 

No tong can teile how meruelously, 230 

Of the hygh influence copiously. 

Among whom Judas and Leui do shyne 
Before all other, there most myghtyly, 

Of whom the kyngdom and presthode, by lyne 

Of the same pepyll, ys gon out truly; 235 

The corner stone Cryst hath bound hem, surely, 

Togedyr as two stone walles most sure, 

In the blyssyd Anne, modyr clene and pure. 

ffoi. 224v| In hyr holsom formaciou» onely 

She ys that most clere matere capious, 240 

Of the hyghest beldyng to magnify, 

Of the kynrede of whom God gloryous 
The fadyr, all-myghty, most precyous 
Fouchesafe to make a syngler place new, 
Of the glorious modyr and vyrgyn trew. 246 

Of hys owne only begoten son dere, 

Thys day, dere brethern, most specyally 

In honowr of thys matrone ferre and nere, 
Most worshipfull and blessyd entyerly, 
As we haue seyde before, now verryly, 250 

And in thys day togedyr we byn come 

We Btedefastly beleue both all and some, 

Out of thys World she ys departyd clene. 
And worthy hit ys yet, neuertheles, 

To laude and preyse hyr housbond by som mene, 255 
Blessyd J(jachim the man of nobles, 
And of the most parfyte hygh holynes 

Whyche were both oon flesshe ioynyd parfytely, 

Of whom procedyd euyn naturally 



292 Lydgatiana 

The most blessyd and glorious virgyn 260 

As God wold haue hyni in ourc vvorshippyng 

Forsoth the storyes shewyn by dyuyne, 

That the most clere and parfyte begynnyng 
Of thys worshipfuU virgyn forth cowmyng 

Out of the 8tok of Dauid, veryly, 265 

Alivvey styll pure, yeuyng lyghte feythfuUy 

Vnto thys derk world most prosperyously. 
Hyr fadyr Joachim neuertheles 

And Anne forsoth hyr modyr eke truly 

Of worldly goodys lackyd none doutles 270 

They were myghty and puissaunt in nobles; 

Of erthely thyngcs so gret influence 

ir'assyng all other ferre in excellence. 

[foi.225j But yet were they more myghty a gret dele 

Of prouyd vertues, so euydently, 275 

As for theyre worldly ryohes yet, and wele, 
In the encresyng toke none hede onely, 
Hyt was a thyng they set but lytell by; 

But rather iustly ioyed in vertew, 

Lawfully to lyue, all vice[8] to eschew. 280 

Ne theyre appetyte was so mykell 

In the loy of thys world to folow here, 

But more a gret dele redy to fulfyll 

The heuynly Justyse that bothe ferre and nere, 
They besyed hem, where that the pepyll were, 285 

And labored bothe sore in studying. 

In the law of God, witÄout quarellyng. 

For the whyche they lyued in the pepyll of God, 
But moche more studiously they were, 

And in theyre deuociou» was to gret od, 290 

Passyng all other of that same pepyll clere 
In theyre lyuyng they were wttAoutyn pere, 

Whyche brought forth of theyre most noble kynrede 

Most shynyng sterre coueryd vfith the godhede. 

Whyche of hys pyte hath brought forth a Roose 295 
Of the thorny pepyll, yet, notwttAstandyng, 

The fadyr and modyr, wttÄouten gloose, 
Of thys most holy pure virgyn beyng 
Were clene wttÄouten thornes hauyng, 

But yet of theym byn they com reseruyd, 300 

By goddcs speciall grace preserued. 

The Jewes be lykenyd to thornes, 

For theyre obstinate froward crokydnes, 

They may be callyd thorny well, ywys, 

For why, the thorne ys bareyn and fruteles; 305 

So in theym is nomaner of goodnes, 

But byn perseueraunt in theyre errourc, 

Forsakyng clene the heuynly socourc. 



|foi.225v<>) Also they cam bothe verrey felowly, 
All of one wyll in porfyte charyte, 



SlO 



Lydgatiana 293 

They were ioyned togeder lawfully 
In tbe nobyll cyte of galyle, 
The contrey call yd y8 Nazareth, [)arde, 
Whore Joachim the fadyr was boruo eure, 
And Anne the niodyr in Bethlem so pure. 315 

And for they were bothe vn to God so iust 
And all men aswell, wj'tAoutyn fable, 

For in hyni was tlieyre vcrrey inward trust, 
To the tempyll of God nothyng varyable, 
To nedy pylgrynia eke bothe fernie & stablc, 320 

Yeuyng two partys of theyre p[roJpre good/s 

By oon assent, and with ryght good nioodys, 

The thryd part to theyre owne vse reseruyd, 
Wheron they lyuyd bothe temporally, 

And were susteynyd and so prfseruyd 325 

For to sey bareyn they were both truly, 
About the seson of yeres twenti 

The tempyll of God where that they hauntyd, 

Deuoutly praying thcre god worshippyd, 

Certayn dayes as they were wonyd to doue 330 

That they myght bothe deserue, and in that case 

Soine worthy frute to God thys was theyre bone, 
Of theyre owne tlessh bryng forth withyn a space 
A 8on or a doughter onely by grace 

And whan that they had made theyre solempne a vowe 335 

There as they were, in godde« seruice, howe 

What maner chykle soeucr they shuld begete, 

By Goddes yefte besechyng inwardly, 
Aftyr thys Joachym hys wo was grete 

Heryng the rebuke, that so vnkyndely aio 

Of Isacar the bysshop thretyngly, 
As for to sey he callyd hym bareyne, 
"There ys no frute brought forth betwene yow tweyne, 

|foi.22G| In Israeli", and when he thus had seyde, 

Anon both sory and eke confusyd 345 

Went forth hys wey, and was euyii dismayed 
Nat to hys howse as he somtyme vsyd, 
Ne to hys wyfe, he was clene abusyd, 

But to hys shepardes sothly lie went 

Tyll bettyr tydynges to hym were sent. 350 

And the pyte dyuyne dyd recomfort 

Hys greuous anguysshes and hys gret peyn. 

An aungell from heuyn downe to hym resort 

Bothe syght and spekyng made hym verrey feyn, 
And promysyd hym a maydcn souereyn 3üö 

Of hys begetyng truly to be born, 

To releue all that were but clene forlorn. 

Sothly that a nieruelous dignite 

Of the chyld, proiiouncyd by the aungell, 

Shuld opyniy be knowyn in all" degre 360 

And also a meruelous clerete be feil, 
The aungell of lyght sent there for to teil 



294 Lydgatiana 

To Joachym the fadyr vfiih gret lyght, 
The aungell dyd appere to hym iu syght. 

And to hym declared of that virgyne 366 

That shuld be borne callyd the verrey lyght, 

Commyng forth of the heuyuly lyght to shyne, 
So mekyll thys holyest virgyn bryght, 
Modyr to com and chose by Goddes myght, 

To be the modyr of all holynes 370 

Whyche that was born sure in clene parfytenes, 

Of the most holy couple lawfuUy; 

Therfore forsoth of ryght hit most nede be, 
That of all good the best ys she «uerly. 

And of all holy the holyest ys she 375 

Of bareyns frutefuU virgynyte 
And the most habundaunt frutefulnes 
Whyche shuld be born clere in parfyte goodnes. 

rfoi.226v<'] As a good tree bryngeth forth a ioyfull floure, 

And of that floure a verrey frute of lyfe, 380 

The fürst were good, parfyte in euery houre, 
The secund bettyr ferre, wztAouten stryfe, 
That blessyd vyrgyn modyr, mayde, and wyfe; 
At the last of these best incowparabyll 
Whyche bryngyng forth was most alowabyll. 385 

That cowmeth of a good fadyr and modyr 
The commyng of the most blessed virgyne, 

Mary ys bettyr passyng all other 

Of whom the chylde that she brought forth most digne, 
As for to sey that blessyd frute dyuyne 390 

Of her wombe ys good chyef aboue all thyng, 

For he was verrey lord of all and kyng. 

Thys holy vyrgyn of these good cowmyng 
Ys bettyr, and best of all hyr kynrede, 

Borne in the house of hir fadyr beyng 395 

As by the space of iij yere in dede 
Brought forth, and kept witA aungelies by theyr rede; 

Hyt ys beleuyd, thercyn no dout ys 

To lytyll and moche the trouth cannafc rays. 

Also the trouthe techyng that hyt ys thus, 400 

Knowyn playnly by informaciouw, 

And ys proued moche truer vnto vs; 
For to make a trew declaraciou» 
There ys non hath suche dominaciou», 

Insomoche there can be nothyng so trew, 405 

She chaungyd oure sorowes vnto ioyes new. 

That from the begynnyng she was kept sure 
V^iih holy aungeles allwey hourely, 

Thys holyest virgyn that was so pure, 

Forsoth for they had knowlege certeynly 4io 

Of hyr gret power, to com so myghtyly 

Aftyr allmyghty God aboue all clene, 

They kuew she shuld of heuyn and erthe be quene. 



Lydgatiana 2i)5 

[fol.2271 Begynnyng of the holy euangell 

■Shewetli by tretyng aftyr Mathcw, 415 

The boke of the geiiology doth teil 

The nobyll disceut, how that they came a rew, 
Lynyally the playn trouthe for to shew, 

Of lesu cryst the soii of Dauid kyng, 

Son of Abraham, so forth downc cowmiyug. 420 

And 80 forth the verrey pleyne Omely 
Of dyuerse tretyse ys drawyn oute, 

Therfor Matthew, euawugelist holy, 

Wrytyng the booke clerely, wit/iout doute, 

And besyed hym to bryng hit abonte 426 

Of lesu Crystcs generaciouw, 

Makyng pleynly the declaraciou«; 

And callyd hym the son of these above 

By other promyssys made certeynly, 
Whyche was done of verrey ppeciall love 430 

To these two Cryst made repj-omyse, onely. 

Long before thys to Abraham, truly, 
And seyde that "all tbe pepyll in thy sede 
Shalbe blessyd on erthe wüh the godhede". 

And also to Dauid foreoth he seyde: 435 

"Of the frute of thy wombe shall syt on thy sete." 

Abraham brought forth Isaac to eyde 
And Isaac Jacob he dyd begete, 
Thys foloweth forsoth the trouth for to trete, 

The manhode of Crystes generacion 440 

Whyche that he toke for oure sauacz'on. 

Mathew fro the begynnyng of the promyse 

That ys to Abraham remembryng 
The most noble progcnitours and wyse, 

Whiche lyneally procedyng doth bryng, 445 

Vnto Joseph a verrey chosyn thyng, 
Housband of the blessyd virgyn Mary 
Of whom was borne swete lesus sycurly. 

[foi.227v<'j Whoso beholdeth and redeth onely 

The hystory pleyn of the euöMngell, 450 

In Crystes most noble genology 

All of habundaunce renneth, as a welle, 
Dowue vnto Anne, as the story doth teile, 
That she shuld be a verrey chosyn merke 
Of lawe and grace forto fulfyli thys werke; 466 

By whom ys seyn that the gret dygnyte 

Of all mankynde in Cryste shuld floryssh new, 

And of hyr wombe, forsoth hyt ys to se, 

She brought the floure forth, chyeff of all vertew. 
Long before thys whyche nedys most be trew, 460 

The holygost seyde, that of holy chyrche 

A whyte clothe was made all oure wele to wyrche. 

Figuryng of this whyte cloth she hath made 
Of whytenes the colourc incowperable, 



296 Lydgatiana 

Hyt ys the same the whyche shall neuer fade, 465 

The holygost spake of most laudable, 
That blyssed virgyti, euer i/w mutable; 
She ys the whyte clothe and syndony, 
That brought vnto all synners remedy. 

Whyche was most pure and that she solde 470 

And toke a gyrdyll to the Canane, 

The snowy whytenes passeth manyfolde, 
Of thys syndony belokeneth purete, 
And the virginall clennes to beholde 

In the whyche the blessyd modyr Anne 475 

Abydyng styll whyche that she weued thanne. 

The vndyrstandyng of this Canane 
Ys he that loueth wonder fernen tly; 

So dyd the good lord in hys mageste, 

She was the seif and eke the same truly 480 

That she toke to the gyrdyll certeynly, 

And for the gyrdyll what that hit dothe mene 

Certys hyt ys the virgyne pure and clene. 

|foi.2281 She was gyrdyll to the most louly lombe, 

The secund persone of the Trynyte, 485 

When that he was withju hyr blessyd worabe, 
The most feythfuU trew louer yet was he 
That euer was of hys gret pyte; 

He suffred peynes and oppressiouw 

Euyn wyllyngly for oure transgressiou« 490 

When the moder of good blessyd Mary, 

That day she sprang in oure nature humayne, 

And brouL'ht hyr forth in forme temporally 
Out of the palace of hyr wombe certayue, 
To the redempciou» of mankynde playue, 495 

Whyche she solde to God the fadyr aboue 

And in that virgyn was nothyng but loue. 

Hyt well appereth the son incarnate 

Of the fadyr all myghty made shuld be, 

Pryce of the modyr clene iwmaculate 500 

And that precious virgyn Mary fre 
Shuld appere to Ihose in captyuyte, 

Clene to delyuer hem out of thraldom 

By hyr gret goodnes and blyssyd wysdom, 

Whereof the holy aungell fro God was sent 505 

To shew vnto the fadyr and modyr 

Of thys most holy vyrgyn the entent 

That shuld be borne excedyng fer all other, 
Of oure feythe to be the guyde and rother, 

Shewyng to hem hyr name and eke hyr lyfe 510 

Hyr comyng pleyne to seasyng of all stryfe. 

Also pronounced hyr in the tyme commyng 
The modyr of the son of God to be, 

To whom the pret aungell seyde accordyng, 

Gabriell, when he gret hyr ou hys kne, 5i5 

When she was come to füll age in the gre, 



Lydgatiana 297 

Of maryage spousyd, certeynly, 
To holy Joseph, but nat carnally, 

[fol.228v»] Ne eouplyd by caruall affeccioun, 

The coniuwcciou« was verrey heuyuly; 620 

The godhede toke holely direccioun 
NotwitAstaudyng hit was lawfuUy 
Aftyr the course aud fourrae vsually, 
There was no sensuall part that greued, 
Hyt was all godly; aud so hyt preued. 525 

Sothely aftyr thys salutaciou«, 

Holy aud worthy, seut fro the hyghest 

To suche a virgyue of probaciou«, 

Excedyng all other, both most and lest, 

She was the verrey modyr of bebest 530 

To thys World, that hath brought feythfully 

The tresure of oure fynaunce fyually. 

She was the vessell of eleccioun, 

Chogyn by the deyte gloryous 
To bere hym, that shuld make redempcioun, 535 

For all mankynde shent and dolorous 

The aungell seyde to hyr gracious, 
The holyest that euyr was or shal be 
Thow blessyd virgyu shal be borne of the. 

"He shalbe called verrey goddes son." 540 

She was kept therfor most souerenly 

In kepyng of aungell?« that seson, 

They wallyd hyr clene round about, surely, 
Such obseruaunce they dyd, and gret cause why, 

They knew ryght well she shuld bryng forth the kyng 545 

üf aungellys, passyng all erthely thyng. 

And a gret whyle before that she was borne 
Hyr name was knowyn, hyr lyfe, and dignite, 

To bere hym that shuld were the crowne of thorne, 
Preuyded by the blessyd Trynyte; ö50 

She was predestinat, and none but ehe 

To be the worldes verrey chief comfort 

By hym that shuld out'of hyr wombe resort. 

[fol.229] But vnto this maner of kepyng most sure, 

That ys fortosey heuynly and aungelike, 555 

Was gret in the fjidyres hous and pure, 
But more excedyng ferre and autentyke, 
In the holy houshold of God and lyke, 
Whyche forto speke of ys incomparable, 
No tong can teil how delectable. 560 

Of whom forsoth she was offryd vp pleyn 
In the temple, botho fadyr and modyr 

To God presentyd hyr, there both tweyn 
And he receuyd hyr and none olhyr 
Whyche passeth before all the othere, 565 

NatwztAstandyng the othcr was ryght good 

Thys ys verre|yj bettyr whoso vndyrstond. 

Archiv l. n. Sprachen. CXXX. 20 



298 Lydgatiana 

God that hath takyn here to hym seif truly, 
He hath kept hyr of hys inly goodnes 

By hys holy aungelys besyly, 570 

He hath preseruyd hir füll of mekenes, 
Euyn at hys owne sanctuary pereles, 

Hys owne dere son whyche was most pure and clene 

Of üod and men to be the verrey mene. 

When the fulnes of tyme and the sesou« 675 

Preuentyd before by tyme prefynyte 

God sent hys son, whyche passyth all resouw, 
Made of a woman w^t/^out lawe to quyte 
And theym redeme that lost were by delyte 

By the lawe ageyne that were oppressyd, 580 

Lowsyng theyre bondes that had transgressyd. 

Also thys mayden, of God thus elect 
And preelect, abode and dwellyd styll 

In the temple of God, to hyr most dilect, 

And she also set holyly all hyr wyll 585 

The plesure of God onely to fulfyll 

The worshipfuU tempyll of god to preyse, 

In that ehe myght the honoure for to reyse, 

[foi.229v»] That yvitli hir worthiest most precious 

Parfyte feyre epeche, inly delectable, 690 

Holy blessyd and eke mellyfluous 

That she myght therto be ryght acceptable, 
That he that strong kyng Dauid & stable, 
Of the rote of whom she ys descendyd, 
As the trouthe before ys comprchendyd. 695 

Hyt ys red in the psalme of Dauid pleyn 
Dominus p&rs "Thow good lord, part of myn enherytaunce". 

Forsoth forsaken was she now certeyn 

Of fadyr and modyr clerely in substaunce, 

And there betakyn to Goddes vsaunce 600 

Commyttyd to hym truly for to plese 

And the old sorowes sothly to appese. 

And how she lyuyd from that tyme forth, 
Or how in the tempyll she behad hyr 

Hyt ys nat possyble to sey for-soth, 605 

To any man that euer was nygh or fer 
To thynke or devyne all but veyne hyt were, 

Hyt passeth to fer all mannys resouw 

No tong can teil how she dyd that sesou«. 

And all feyne speche that can bethougt truly 6io 

Shall fayle, hit ys incowprehensible; 

And all the coniecturyng eke, sothely, 
Vanyssheth, and ys clere impossible 
To mannys resou7i, clene insensible, 

From the face of hyr superhabundaunt 615 

Vertues, innumcrable, extendaunt. 

Of thys virgyns most excellent grace 
In the conspect, of the hygh mageste 



hereditatii ince 



Lydgatiana 29ü 

Of hym whychc chase hyr for hys restyng place 

Preuydyd by tbe parfyte Trinite, 620 

The mayde, the lyfc, the tynie, when hit shuld be, 

Wherfore to yeue byr dew laude and preysyng 

Accordyngly hit passeth all connyag. 

[foi. 2301 O happy Joachim I therfor ioy tbow 

And be glad that tbus hast deserued, 625 

To be callyd the verrey fadyr now 

Of suche a chyUle, ioy thow, tbus preserued ; 

But thow Anne that art also reserued 
Joye now to gedyr, long tyme happyere 
Then Anne the modyr of Samuel fere. 630 

Thow hast brought forth the heuynly myrro?fr chyeff 
And the parfyte lyly of chastyte, 

The [rround and mene off all oure bonechyeff, 
The houshold of clennes and honeste, 
The lauterne of lyght and welle of pyte, 635 

The consolaciou*? of all wrechys, 

And of all trew pepyll the hope of blys. 

Quene of aungellys, fountayn of merey, 
Mediatrice of thy iueffable grace, 

Whyche to all synners art euyr redy 640 

To helpe and comfort in enerj spacc, 
And to TS all worshippyug in what place 

Of thys same day the gret solempnyte 

She bryngeth grace of hyr benyguyte. 

Lady of the world, make vs glad wiih the, 6-t5 

And with Cryst lesu, oure lord, thyn owne son, 

In euerlastyng ioy, for thow art verrey she, 
The blessyd moder of redempcioun, 
Bryng vs vnto thy sonnys hygh mansiouw, 

To whom be parfyte honoure and glory, 650 

By all the worldes now infinitely. 

Now blessyd seynt Anne, of thy gret goodnes, 
W'ith my trew hert I niekely beseche the, 

Here my prayere and do thy be^ynes, 

Be mene for vs all wit/j thy doughtres thre 655 

To that moet holy blyssyd Trynyte 

Of hys gret mcrcy, that we may be hys, 

And when we dy to haue eternall blys. 

Amen. 

Explicit vita sancte Anne Matris 
heute Marie virginis. 

lfol.i74v»] Incipiunt Psalmi Passionis dow«ni. 

o] Lord omnipotent, fader of oure creacyoun, 
All thing producyng only by volunte, 

Thy son transniysyng from hys habytacyoun, 
Tendryst oure nature wüh pure virgynyte, 
Whyche son iwniortal, with deth vs raunsomyd he, 5 

To Stahle oure kynde siiffryng better passyoun 

To oure porc frealte t-pred hys myld compassyoun. 

20^ 



300 Lydgatiana 

I the beseche, witA soule humble and mekc, 
Pylgryin here on erthe and toward thy glory, 

Beset witA vice, in vertu duil and seke, lo 

That these X psalmes in spyryte of prophesy 
Pronouncyd of Dauyd, conquerour of Goly, 

May be refuge and pauyce of defencyon, 

To garde my spyr} t when I of theym haue mencion. 

And as thy sayd son, when he shuld nedys dy, 15 

Behelde thy chyrche füll ravre and yet remysse, 

Exortyng thy peple to haue a specyall ey, 

That the to prayse they neuer cese ne mysse, 
So thow, niy guyde, dyspysyng worldly blysse, 

By thys fyrst psaluie to ryse from wylfull syn, 20 

And grace to purchase when I shall hens twyn. 

Psalmus. Dens deus mens respice in me &c. Ver. 
Adoramus te christe & benedicimus tibi. Quia per 
sanctam crucem &c. 

Caput misericordie qui propter nos descendisti. Oracio 
in vtero virginis appensus ligno perfossus clauo. Vesti- 
mentVs insuper sorti diuisis / eurrexit liber ab inferis / 
prccamur ergo vt huius commercii non immemor sis 
popttlis ab ore leonis ereptis rector qui fuisti quondam 
in te spectantibus liberator. Per. 

Now by thy passyouw the churche clensyd ys 

From all pollucioun of orygyhall syn, 
And we renale vnto eternall blys, 

By watyr of baptym both we and all oure kyn, 25 

And fatly to fostre oure soules witAyn, 
Norysshed witA sacramentVs of thy lawe new, 
Where feyth vs sheweth dyspeyre to eschew. 

Lfoi.175] Refresshe my mynde wVtÄ stabyll perseueraunce, 

That I nat wandre in doute or in ambiguyte, 30 

Let trew deuociou?i myn hert so avaunce, 
That thy loue be my felycite; 
Rule so my resoun that I ne rely from the, 

My maker, my keper, in all my welth, 

Preserue from syn, conseruer of myn helth. 35 

Psalmus. Dominus regit me. Ver. Esto nobis domine 
turris fortitudinis. A facie inimici. Oracio. 

Rege nos suauibus prccepcionis bonis. vt eterni ha- 
bitaculi habitacione percepta plenitudine pcrhennis po- 
cula repleamur. Per. 

The erthe ys thyne, the world thow dost enbrace, 
Expellyng vyce from the yates of oure credence, 

Excluayng Idols, oure mynde they nat purchace. 
Thow vs exortyst that we cause noon offence, 
But gladly receue y/ith hert and dylygence, 40 

The kyng of glory, stroyer of Portas infernal 1, 

Losyng oure bondage to entyr hys heuynly hall. 

Graunt, lord, to me by tythe of preseyence, 
The lyues to sew of that generaciou«, 



Lydgatiana 301 

Whyche the ay seketh with füll pure innoccns, 45 

In werk, in thought, in eucry occupacioiin, 
And that no fende haue in hys domynacioun 
On my pore soule my neyghboz^r to begyle 
But that thys psalnie enbarre may hys fals wyle. 

Fsalmiis. Do??? in i est terra. Versic. Saluura fac 
populum tuuni do??;2ne. Et rege eos vsque inet^rnu???. 
Oracio. stabilior terre deus cui cxincta mundi plena 
dcseruit. restitue nobis innocenciam vite. vt possimus 
te preuio montem sanctificactonis ascendere. Per. 

Ifoi. 175 v] Kyght as thy pepyll chosyn of thy grace öo 

Shuld thorough repentaunce confesse thyne infinite name, 
So lat my mynde on thy love to arrace 

Enforsyng my soule in ernest and in game, 
The to reniembre, that dred of worldly shame. 
Me nat affaynte thorough synfuU cowardyse, 55 

And yef I slumble I shame nat sone to aryse, 

And stable my flessh by vertuous conuersaciouw 
To myn approche, and guerdouw eke eternall, 

So that my foes haue noon occasiou?i 

Wiih scornyng mockes, to kepe bond or thrall, 60 

Dyrect mv steppys that I from the nat fall ; 

Enbar confusyoure from hert, wyll, and speche, 

And graunt thys psalm to be my gostly leche. 

Psalmus. Ad te Nomine Leuaui animam meam &c. 
Versic. Ostende nobis domine vi\isericord\&m tuam. Et 
salutare tuum da nobis. Oracio libera nos ab omnibus 
angustiis nostris iustissime deus quia am/??as nos/ras 
exigimws obliuiscere quesumus delicta iuuentutis & 
ignorancie prioris uostre. vt siquid negligenter delin- 
quimt*« clementer ignoscas. Per. 

Besecheth thy grace yviih humble consecracioun, 
*»***♦ 

Thy churche here halowed and consecrat viiih thy blood. 65 
To be theyre justyce, ioy, and gostly food, 
In ryght to sew all thyne obseruaciou«, 

Now kepe thy peple from all malignyte 

That vice wttAdraw nat oure loue, ay dew to the. 

[toi. 176) And as for my tyme and werk, ' 70 

Graunt me defenaiou?z from all my gostly foone, 

That they my wyll, myn hert, ne couscience breke, 
But that my plesure be set to the allone, 
And of thy mercy stable me as a stone, 

That hope me comfort in euery sore teraptacioun, 76 

So that I voyde the nett of dylectaciou«. 

Psalmus. Judica me dow/ne (\iconiam ego in inno- 
cencia &c. Versic. ffiat misericord'vA tua domine super 
nos que???admodum sperauimim in te. Oracio. 

Largire quesumus misericordiam tuam fainulis tuis 
«upplicibus et fac nos in veritate tua deuotos vt arti- 
l)us nos/ris in innoconcia restitiitis liberari mereamur 
ab impiis per christum. 



302 Lydgatiana 

Thow art oiire lyght illumynyng conscience clere, 
To entre thy lawe, with feyth to lyue and dy, 

Lat hope and ioy defend vs froin all wyere, 

And lovely drede let banyssh oure gostly spy 80 

Thow beyng oure protecto2«- we for no fals euuy, 

Who shuld aproche v/ith woo vs to assayle, 

Where thow art präsent euer to our avayle. 

Now gentyll lord, benygne and liberall, 

As to Dauid yaue mercy thorough repentaunce 85 

And shewdyst hym grace to euppryse vices ' all, 
Let of thy pyte ßom vertu ine avaunce, 
Lyft vp myu hert in continuall remembraunce 

My conscience to serche, clensyd with charyte, 

Otfryng mysylf, sacryfice pure to the. 90 

Psalmus. Dominns illuminacio mea &c. Ver. Exurge 
domine adiuua nos. Et libera nos propter nomen 
tuum. Oracio. 

Defende nos a castris & preliis ininiicorwm adiutor 
omnmra deus vt in domo tue perpetuitatis durantes 
merearawr vultuw tuum s^iritn&W contewplacione sus- 
picere. Per. 

[foi.iTbT»] Thy martyrs cryen wiih hert deuout and meke, 

Theyre voyces byn herd in 8uffrage of theyre meryte, 
Applaudyng thy presence syth lyfe thorough deth they seke, 
And to tryuwvphe eternally be knyt, 

Suche ys thy guerdoun-* from troubyll ia pese to syt 95 

For losse erthely to purchase and possede 
The glory of heuyn to be theyre fynall mede. 

Thy streynght of power, thy waraunt of protecciouw, 
Ys sure saufcondute from all oure gostly foon, 

And I beleue the plenytude of thy dyleccyou«, lOO 

Ys bawme sufficient to hele vs euerychon,^ 
And though ray noule be festred to the boon, 

I shall neuer cease on the to call and cry, 

The welle of pyte, multiplyed viith mercy. 

Psalmus. Ad te domne clamabo. Ver. Domine fiat 
pax in virtute tua. Et habundancia in turrib?<s tuis. 
Oracio. 

Fortitudo omnium fortissime deus salua popr<h*m 
tuum & descendentib?<s in lacuw et ita nos in templo 
8ancto tuo vtiatniter in mente vt pacem cum proximis 
ore proferimus puris cordibws teneamus. Per. X. 

Stedfast in credence, exhorteth thys psalme present, 105 

With raynde deuout to obey all sacryfice, 

As thy deth shuld cause vs to repent, 

Thy ioyfull lyfe shall glade vs euery wyse, 
With herty love oure passyons to suppryse. 

And as Dauid the knew in spyryt of prophesy, no 

We ought the to worshyp ■with vs now man bodyly. 



' viccll sie MS. * guerdoi« sie MS. ^ This line in margin, same hand. 



Lydgatiana 303 

Eke as thy chyldren in teniplys of thy law 
Offred theyre wethers in homaf^e and fewte, 

Make nie a wreche in v^rtues duU and raw, 

Thy polyashyd Arlce parnysshytl with beawte, 115 

Of good thewes that I may to the 

Present myn hert, contryte, humble, and meke, 

That at my coramyng ' I be nat for to seke 

[fol. 1771 Psalnius. Afferte dotnino filii dei. Versic. Eniitte 

6i>iritum tmim & creabuntur. Et renouabis faciem 
terra. Oracio. 

dona Aoynine virtutem pop?<lo tuo & effice nos teni- 
plum spmVus s,n7ict\ vt tibi de corde puro holocaustum 
prepareme<^. Per. 

And as thy prophetys thow yauest in a clowde, 

To know thy pask, thy deth, and resurreccion, 120 

And to vs shewdyst thy propre voyce alowde, 

Thow art the persone that breke all suspensioun, 
And of oure bondage made for eleccyouw, 

So thow, swete lord, cast thy mercyfuli ey 

On my pore soule, that I in clennes dy. 125 

And as myn hert, my wyll. and füll pwrpose 
Ys the to serue, thy lawes, and thy plesaunce, 

Graunt me deserue to be thy chylde ychose, 
By actuall dede and trew perseueraunce, 
And though my frealte nie whilom doth greuaunce, 130 

Frora consent to syn, that dede me nat assaile, 

Yeue me defensiou», grace, and good counsaile. 

Psalmus. Exaltabo te dow^'ne. Versic. Saluos fac 
seruos tuos et ancillas tuas . Dens mens sperantes in 
te. Oracio. 

Susceptor owni?/m clementissime ne permittas de- 
lectari inimicos nostros super nos . sed ita in virtute 
tua nos corrobora . vt conuersum planctuw uoslvum in 
gaudiuw sanctitatis tue meniorium iuigiter extoUamus. 
Per Christum 

Oure feyth beleueth confessioun of thy name, 
Yef we dyspose in vertu to perseuere, 

That iustyce shall breke the panters of blame, 1,35 

And we delyue^-yd to possede for euer, 
By successiou», and waraunt, nat to disseuer, 

Thy ioyfull place where thow takest entre, 

WitA wytnes sufficient of nien of Galyle. 

|fol.l77v°J And y/iih thi.s psalme, my yest of meditacioun, uo 

Myne hert, my wyll, my love, and lyvely gost, 

In to thyne handys, mekely, wz'tAout elacioun 
I holy yelde in sacryfyce for myn host, 
In the "for refuge my feyth and hope ys most, 

Whyche I the pray in vertu me to nory, 146 

That when I paeee I may atteyne thy glory. 

' coniiyiig MS. 



304 Lydgatiana 

Psalmus. In te domine speraui. Versie. Mittenobis 
domine auxilium de sancto. Et de syon tuere nos. 
Oracio. 

Immensam multitudinew dulcedinis tue piissime deus 
Buppliciter exoramus . vt dum veritatew tuam requiri- 
mu8 execrabilem . conteramus. Per. 

Now to conclude tLe effect of my prayere, 

What I deeyre of thy hygh mageste 
I wold beseche, with mynde and hert entyere, 

To graunt me grace so disposyd [to] be, 150 

Thy wyll to sue, all vyces for to flee, 
Both of the fende and worldly elaciouw, 
And flesshly lust to haue in detestacioun. 

And Sathan thow puttest to repreef, 

When he approchyd to tempt the on the hyll, 155 

Lat nat thys gyle on me haue bonnchief, 
Ne to suppryse my most vnstabyll wyll, 
Thow art my lord, lat nat my cause spyll; 

Syth thow hast payed the raunsom of my lyfe, 

Dystroy hys malcye, hys fraude, and all hys stryfe. 160 

Thow hast me wasshe with water of thy passyou«, 
Mengyd with blood as long as hyt wold rynne, 

Thy chyrche me wis out of hys possessyoun, 

When I abiured hys pompe and all hys kynne, 

Now wasshe my conscience with teares clene withyn, ' 165 

That mynde and dede be set, the to honoure, 

With lastyng feyth vnto my dedly howre. Amen. 

Expliciunt Psalmi Passionis Domini. 

|foi.276j A deuout prayere toward thy bedde at nyght. 

nOW Ihesu lord, welle of all goodnes, 

For l>j gret pyte I the pray 

Foryeue me all my wykkydnes, 

WherewttÄ I haue greuyd the to day. 4 

Honoure & praysyng to the be, 
And {)ankyng for |)y yeftys all, 
That I thys day receuyd of the 
Now, curteyse Cryst, to J)e I call. 8 

Thys nyght from porell thow me kepe 

My bodyly reste whyle that I take, 

And as long as myn eyen slepe 

Late my hert in {)y scruyce wake. 12 

For feryng of J)e fende oure fo 

Foule dremes, and fro fantasies, 

Kepe me this nyght fro syn also 

In clennes J)at 1 may vpryse. 16 

Saue my good doers fro greuaunce. 

And quyte hem {)at J)ey on me spende, 

Kepe myne enemyes from noyaunce, 

And yeue hem grace to amende. 20 



Lydgatiana 305 

Mercy, Ihesu, and granicrcy, 

My body and soule I the beken, 

In nomme patris & filii 

Et BTpiritus aancti, Amen. 24 

Explicit. 

[fol.276v<>] A devout prayere at thy vprysyng. 

[i]N nonoine patris & filii, 

Et Spiritus sa??c<i, Amen, 

Mercy, lesu, and gramercy, 

My body and soule I the "beken. 4 

New Jesu lord blessyd \>ou be 

For all {)ys nyght f)ou hast me kept, 

From the fende and hys postee, 

Whether I wakyd or slept. 8 

In gret dissese, in dcdly syn, 

Many on thys nyght fallen hase, 

That mysylf shuld haue fall in, 

Had J)ou nat kept me of thy grace. 12 

Lord yeue me grace to \)j worshyp 

Thys day to spende in ^y plesaunce, 

And kepe me fro wykyd felyshyp 

And from J)e fendes encombraunce. 16 

Jesu, my tong J)ou rewle also 

That I nat speke but hit be nede, 

Hertyly to pray for frend or fo 

And härme noman in worde ne dede. 20 

Cryste yeue me grace of mete and drynke 

Thys day to take mesurably, 

In dedely syn ])at I nat synke 

Thorough outrage of foule glotony. 24 

Ic«u, my lord, lesu, my loue, 

On all J)at I am boundyn to 

Thy blessyng sende from heuyn aboue, 

And yeue hem grace {)y wyll to do. 28 

My good Angell, ^at art to me sende 
From god to be my gouernoure, 
From euyll spyrytes thow me defende, 
And in my desease be my socoure. 32 

Amen. 
Explicit. 

|foi.276v ] A Lament of our Lady at The Passion. 

Sequitur Meditacio de Passione Domini Nostri lesu Cristi 
(John Lydgate: added in Stow's hand) 

T]here stood besyde the crosse of lesu 
Hys moder, hyr sustyr, and also lohn, 

Beholdyng hys woundes bledyng all new 

They sygliyd, JDey sobbyd euer in on ; 4 

Hys modyr fius mornyng made her mon: 



306 Lydgatiana 

"Dere son, delyuer vs out of pyne, 

Take me w^t/^ the, my loyes be gone, 
Lat bothe be lyke, thy deth and myne. 8 

"Thy peynes to me they be so emert, 
My sorow so sore, hit wyll nat slake, 

That ys a swerde they perse my hert, 

And euer wyll do, tyll dethe rae take; 12 

The peyne wherof hit maketh me quake, 

But well I wote to com to the, 

And euer ioy and myrthe to make 

Füll long therto now thyuketh me. 16 

rfol.277J She lokyd vp hygh vnto the Crosse, 

She saw her son opon hit hyng, 
How myght ])at may haue had more losse 

Than lese her son ])at was a kyng? 20 

She myndyd well, he made all thyng. 
And myght haue sauyd hymsylf fro wo, 

Therfore sorow to her hert dyd hyng 
That he suffrcd suche wreches to sie hym so. 24 

"Alias, dere son, thynkest J)ou nat on 
How thow thyne angell to me sent, 

And seyd {)ou wold become a mon 

To saue mankynde hat {)an was shent? 28 

He gret me wüh grace & good entent 

And seyd I shuld conceue with ryght 
The lord on whom my loue ys lent 

For thow art my son and God of myght. 32 

Gabryell gret me all with grace 

And all with myrthe he myngyd my mode, 

And now I loke opon thy face 

And se the, kyng, there on the rode 36 

Spoylyd and spryuklyd all yvith blöde, 

Scornj^d and scorgyd & all to-shent 
Now may ther nothyng do me goode, 

For sorow and care so hath me hent. 40 

Somtyme I lappyd the in myne arme. 
And thought füll kyndely the to kysse 

I weryd the wyll fro all kyn härme, 

On the was all my ioy and blysse; 44 

But now methynke hit ys all amysse 

To se thy blood renne from the hert, 
But I most take hit as hyt ys. 

And sofre sorow wz'tÄ peynes smert. 48 

Dere son, thow sokyd vppon my breste 

And coueryd me well fro all kyn care; 
I know well ])ou made bothe man and beste, 

Heuyn & erthe & mekyll mare, 52 

But now l)OU lernyst another lare 
And suffrest dethe wühouijn skyll; 

Alias, dere son, how shall I fare, 
Rewle me & gyde me euen as l>ou wyll. 56 

I lappyd the, I luUyd the, I layde the soft, 
1 kyssed the oft opon my kne, 



Lydgatiana 307 

And now thow niakest me syng füll oft, 

To se the thus hang oa thys tre. 60 

Alias, wyll hit no better be, 

Shall all my loyes J)iis fro me go? 

Make liere my ende, take me \v/t/i the, 

And lat me neuer abyde thys wo. 64 

Than spake ])at lorde wordys füll mylde, 

As he hyng vppon the tre: 
"Woman take lohn here to thy chylde," 

And J)an anone to lohn seyd he, 68 

"Lo, here f)y modyr, ]ww may her se." 
And euer aftyr yvitk all hys myght 

He Bocoryd ])at lady, blessyd mot she be, 
And scruyd her truly, bothe day & nyght. 72 

Yet mornyd that niayden in her mynde 

When she saw {)«< her chylde was slayne. 
Blame her nat, hit was but kynde; 

Yet was there oo Jjyng made her fayne, 76 

She wyst that he shuld ryse agayne: 
But for all that she was füll wo 

To se her chylde suffre suche payne, 
And hang there dede bo{)e pale & blo. 80 

ffol. 277^1 Euer she syghyd & seyde alias: 

A carefuU woman what sali I do ? 
My ioy, my comfort in euery cas 

My owne dere chylde ys slayne me fro; 84 

Why wold |)ese wyked lewes do so 
To sie ray son wüh-outyu cause? 
Wyte me nat {)augh I be wo, 
For I may neyther bynde ne lause. 88 

That blessyd lady, chosyn for chaste 

To bere [mI lord ]^at all thyng wrought 

Heuen and erthe, wode and vaste, 

Water and wynde, & all of nought; 92 

Her sorow was suche \)at she ne rought 

To dy for dole of her son dere, 

Her sorow so suyd her vnsought, 

That nothyng myght amende her chere. % 

O lorde, sythe {)ou wold nat her spare, 
That of her body toke flesshe <k blood, 

But as a caytyf let her haue care 

When thow hynge nakyd on the rood, 100 

Why shuld we wreches, ])at neuer dyd good, 

Grogc witk peyne or aduersite 

But thanke & blysse the with myght & mood 

In ioy or sorow, whether that we be. 104 

Remembre, lord, of thy goodnes, 

Howe with thy blood \)0U bought mankynde. 

And brought hym frcly out of dystres, 

Fro the foule fende \)at dyd hym bynde, 108 

Where-euer for syu he shuld haue pynyd, 

But \>at ])ou for hyw detlie wold take, 

Let neuer \)at sorow renne fro our mynde 

That thow wold suffer for our sakc. 112 



308 Lydgatiana 

And late Jyy Godhede graunte vs grace 
That "we mat mekely with all our myght 

Thanke J)e & looue, whyle we haue space, 

Serue {)e & blesse, bo|)e day & nyght; iiG 

And at oure (ende) come to l>at lyght 

VVheryn ]^ou art & euer shall be, 

And euer abyde {)ere in f)y syght, — 

Amen, Amen, for charyte. 320 

Explicit (lohn Lydgate: added by Stow.) 

An Exortacion to auoyde and to put awey the seuyn synnes. 

ffoi.275v«J Syth in ^ys world 'jper can no{)yng be sewre, 
Helthe ne lyfe, worshyp ne yet Ryches, 
Prufyte ne plesure, ne nought l)at may endure, 
But all ya changeable, bytter and Bwetnes, 
Than were hit wysdom, a man to take sadnes, 5 

And take to hym a perfyte remembraunce 
That eucry day he know hys owne gouernaunce. 

And call hymself before hys owne conscience 

Euery day ones to wete what he hath wrought, 

Whether he haue do any thyng by neglygence, lO 

Or elles of purpose and long contynued thought, 
Wherby Itat he in any syn were brought, 

So l>at he myght {)an take hys confessour, 

And 86 hys soule etond clene at euery hour. 

And to reduce it quykly to hys mynde 15 

Whether he haue syn n yd by any wantones 

In worde or dede by any maner of kynde, 
Dedely or venially, let hym eerche expres 
And to make amendys haue a sekernes, 

That he may thynke opon hys synnes sere, 20 

Euery day rede thys lessouw ^at ys here. 

[fol.276] Contro Superbiaw. 

When we by przde & foule presumpsioun 

Exalte our-sylf and set our hertes on hyght, 
Then |)ynke we nat, lord, of {)y bytter passioun, 

How J)ow were taken & led forJ)e in J)e nyght, 25 

Boundyii & bobbyd, & stoppyd was J)y syght; 
Haue mercj, lord, and pardone ^tat offence, 

As J)ou dyd Petyr l>at denyed |)e in |)y prcsence. 

Contra Iram. 

When we be mouyd by J)e syn of Ire, 

And steryd by angor to fall to any stryfe, so 

Or ellys by malyse so ferre be set on fyre 

Eyther to chyde or smyte wtth swerde or knyfe, 
Lord, of {)y grace remembre vs {)an blyfe, 

Howe J)ou were scorgyd & crownyd eke w/tA thorn, 

Than yeue vs charyte & let vs neuer be lorn. 35 

Contra Inuidiam. 

When we wykydly by \>e syn of enuy 

Hurt our soules by ded or wykyd {)ought, 

Then foryete we how J)e lewes dyd hy 

To make the, lord, before Pylat be brought, 

And to accuse {)e falsly |)ey sparyd nought, 40 



Lydgatiana 309 

Yet \>ou foryane hem of \)y blessyd grace; 
So, lord, foryeue vs all our foule trespace. 

Contra Accidiar«. 

Whcn we be duUyd with slouJ)e or slogardy, 
And sct awey so ferre fro deuocioune, 

Lord, of {jy irrace lyft vp our gostly ey, 45 

That we niay Jjen reme/nbre \>y passion, 
Howe of l>y blessyd body {)er ran doune 

Water and blood opou a niount on Iiyght, 

Yet sesyd Jjom nat to wache & pray \)ai nyght. 

Contra Gulam. 
O lorde, when we for lust of niete or drynke, 50 

By smeliyng or tastyng fall in-to glotony, 
Than of |)y grace, lorde, make vs for to thyuke 

How fourty dayes {)om fastyd by and by, 

And aftyr ]^at jjow were takyn on hy 
Scornyd and scorgyd, troblyd & tonnent, 55 

WitÄoutyn cause, for |)ow were iuuocent. 

Cont7-a Luxuria?«. 
Our fylj)y flesshc, so füll of corupcion, 

So sone assauteth our carnall freelte, 
And puttef) vs oft in suche tribulacion, 

That of our flesshe we haue no remedy; 60 

Then, lord, for \:>y passion and pyte, 
Helpe vs & saue vs as J)ou dyd Poule, by grace. 
And of {)y nicrcy pardon our trespace. 

Contra Auariciam. 
World ly desyre by wrechyd Couetyse 

üf worshyp or profyte, by meanes vnmesurable, G5 

ür in worldly tiynges to be to wyse, 

Ys as {)e aee euer iusaciable; 

Refrayne pat wyll, lord, & make vs able 
To holde ys content of Jjy yeftys all 
So \>at \>e worlde neuer make our soulys thrall. 

Explicit. (John Lydgate: in Stow's band.) 

A Song on The Battle of Barnet. 

[fol. 2-14 v] Oaudete iusti in Domino, 

For now regneth ryghtwysly oure souerayn, 
Trew enheryto?<r to the ciowne, hys quarcll preueth so, 
Edward the fourth, by grace to attayn 
With the crowne of England, on vs to rayn, 5 

By iust tytle of hys descendyng, 
All mys creatures to reconsyle agayn 

Conuertiniini, ye coinons & drede yoiir kyng. ' 

Conuertiniini, and leuc your opinion, 

And sey Credo, hyt wyll noon other wyse be, 10 

For he ys gon, that louyd dyuysion, 

Mortuus est, ther can uonian hym ae; 

Now ys lusticia in hys owne contre, 



' The last line of euch atanza is written, likc a refraiii at tlic aide of tlie 
other, bracketed liues. 



310 Lydgatiana 

Prosperyng liys purpose lo menteyne, 

All myscreatures to reconsyle ageyne. 15 

Conuertimini ye coraons & drede jour kyng. 

Drede your kyng and your souerayn lord, 
For he ys worthy to be louyd and dred; 

Hya gloryous victory bereth record 

That he ys both pacyent and sad, 20 

Of a more famous knyght I neuer rad 

Syn the tyme of Artors dayes, 

He that loueth hym nat, I holde hym mad 

Conuertimini ye coraons, and drede your kyng. 

Vppon Ester day befelle a pyteous case, 25 

Many a man hys lyfe lost in that mornyng, 

Cristus resurgens was song wiih "alase!" 

"Alias!" may he syng that causyd all thys, 
Sorow and care causyd many a day, 

Orate pro awiwa, that he may com to blys, 30 

Ye that [be] hys frendys, yow prestys, to pray, 

Conuertimini ye comons, and drede yowr kyng. 

Homo proponit, oftymes in veyn, 

But deu8 disponit, The boke telleth pleyn. 

quy serra serra. 35 

Finis. (Lydgate, in Stow's band.) 

The Birds' Matins. 

Ifoi. I96v°i aS I me lenyd vnto a ioyfuU place, 

Lusty Phebus to superuyde, 

How god almyghty of hys gret grace 

Had florysshyd the erthe on euery syde 

The woodes and the medewes wyde 5 

WitÄ gret habundaunce of verydyte; 

Whyche causyd me so gret felycyte, 

That styll 1 stood in a perplexyte 
To Phebus my wyttes gan reierre, 

And on thys wyse he .«eyde to me 10 

"Abyde a whyle, and thow shalt here 
Hym cowmendyd, whyche dyd conquere 

Thy sowie from peynes perpetuall 

And of hys blysse to make the parciall." 

Then herde I a noyse celestiall, 15 

Reioysyng my sprytes inwardly, 
Of diuerse fowles, both gret and small, 

Preysyng God with swete melody 

In all hys werke« füll reuerently 
WttÄ an heuynly hympne and an holsom, 20 

Gonditor alme siderum. 

The popyniay alone can syng 

And seyde, "thys ys my propurte 

With Aue or Kirie salute a kyng, 

As scripture maketh mension of me, 25 

In bookes of nature, who lyst to se, 

Wherfore me thynk I do nat amysse 

To welcome the king of heuyn blysse; 



Lydgatiana 3] 1 

"That from the sete of the hygh trynyte 

Into a vyrgyns woinbe iwmaculate, 30 

Descendyd thys tyme of fre volunte, 
And so becaine man incarnate, 
To restore hym to hys fürst estate, 

\V'berfore I syag of bis Natyuyte, 

A solis ort US cardine." 35 

[ft)i. 1971 Th,e Pellycan seyde witA mornyng cbere, 

"Of cristfs passyon I do conipleyoe 

Tbat mankynde batb bougbt so dere, 
Wüh greuous burtes and bytter peyne, 
And yet man cannat loue hytn ageyne, 40 

Wherfore I syng as I was wount, 

Vexilla reg'xs, prodewit." 

Tbe nygbtyngale lepyd from bow to bow, 
And on tbe Pellycan sbo made a cry, 

And seyde Pellycan wby mornyst tbow now, 45 

Cryste ys rysyn from detbe truly 
Mankynde w/tA hym to gloryfy, 

Wherfore syng now as I do 

Consurgat Christus tumulo." 

The larke also füll naturally 50 

Cryst^s ascension in humanyte 

Comendyd wztÄ song, specially, 

And seyde, "blessyd be thow, lord of felycyte, 
That hast callyd man to so hj'gh degre, 

That neuer deseruyd of equyte, 55 

Eterne rex altissime." 

The dove also tbat ys so whyte, 

In hert bothe meke and beautcuous, 

Vnto the erthe she toke her flyte 

And sang a song füll gracious, 60 

Of all songes most verteous, 

And as I perseuyd ehe sang thus 

Veni Creator 5/;iritU5." 

These byrdys all present apon a tre 

VVere gaderyd to gedyr, as couenant was, 65 

Praysyng oon God in trynyte 

That all thys wyde world doth enbrase, 
And tbus they sang, both more and läse, 

The melodyouse ympne wiili gret solase, 

lux bcata. Tritütas. 70 

London. H. N. MacCracken. 



Volkstümliche französische Lieder 

aus Arienbücliern und Chansonssammlungen des ausgehenden 16. 
und beginnenden 17. Jahrhunderts. 

Für die Kenntnis der in Frankreich während des 16. und 
17. Jahrhunderts gesungenen Lieder, die man als volkstümhch 
ansehen kann, stehen uns nicht wenige gedruckte Quellenwerke 
zu Gebote. Während nun von diesen diejenigen, die nur Texte 
enthalten {Recueils, Tresors, Elites des plus heiles chansons 
und wie sie alle heifsen), ziemlich tleifsig benutzt worden sind, 
haben die Liederhelte mit Musik weniger Berücksichtigung ge- 
funden. Der Ursachen dafür gibt es mehrere. Einmal sind 
solche Liederbücher seltener als die Gedichtsammlungen, und 
viele derselben sind nur unvollständig erhalten. Die Sammlungen 
mehrstimmiger Lieder wurden bekanntlich damals in Stimm- 
büchern gedruckt; so kommt es denn vor, dafs von manchen 
derselben uns eine oder zwei Stimmen erbalten sind, z. B. Tenor 
und Bafs, oder nur der Alt, oder auch dafs die verschiedenen 
Stimmbücher eines und desselben Werkes auf verschiedenen 
Bibhotheken liegen, so dafs es oft schwer fällt, das vollständige 
Werk zusammenzubringen. Ein anderer Grund ist der, dafs aus 
den kontrapunktisch gesetzten mehrstimmigen Gesängen über 
ein Volkslied die ursprüngliche Melodie nicht immer leicht 
herauszulesen ist.* Jedoch mufs man dabei bedenken, dafs im 
Laufe des 16. Jahrhunderts die französische Chansonkomposition 
eine Umwandlung durchgemacht hatte ;2 man triflt neben kontra- 
punktisch imitierenden Stücken auch solche, die rein akkordisch 
gesetzt sind, aus welchen die volkstümliche Melodie, wenn eine 
solche vom Komponisten benutzt wurde, mit Leichtigkeit genau 
zu erkennen ist. Um so mehr ist dies der Fall, wenn die Me- 
lodie nicht mehr im Tenor, sondern in der Oberstimme, im 
Sopran steht, wie es gegen Ende des 16. Jahrhunderts Brauch 
wurde. Man wird natürlich nicht jede Melodie, deren Text 
volksmäfsigen Charakter hat, auch als eine im Volke verbreitete 
ansehen dürfen. Manchmal kann es sich auch um eine an einen 
bestimmten volkstümlichen Typus sich anlehnende Original- 
komposition des betreffenden Musikers handeln. Doch weifs man, 
dafs viele Chansons aus der damaligen Zeit von den Kompo- 
nisten nicht erfunden, sondern nur mehrstimmig gesetzt worden 
sind, und wenn die Melodie eines Liedes sich in mehreren Be- 



* Diesen Grund gibt z. B. Weckerlin an (L'aficienne chanson populaire 
en France, Paris 1887) als Entschuldigung für die geringe Anzahl von 
mitgeteilten Melodien (p. IX). 

* Vgl. darüber u.a. Ad, Sandberger: Roland Lassus' Bexiehungen 
XU Frankreich und xur franxösischen Literatur, Sammelb. d. I. M. G. 19U7, 
S. 395 flf. 



Volkstümliche französische Lieder 313 

arbeitungen durch verschiedene Tonsetzer ziemlich unverändert 
vorfindet, so kann man wohl auf ihre Volkstümlichkeit schliefsen. 
Eine eingehende Durchsicht der französischen Liederbücher aus 
dem Ende des 16. und Aniaug des 17. Jahrhunderts würde wohl 
noch manches Interessante zutage fördern. Bei der Unter- 
suchung des Quellenmaterials für Studien über das französische 
Kunstlied jener Zeit fand ich in einigen Livres d'airs mehrere 
volkstümliche Lieder, die bisher noch nicht veröfientlicht wor- 
den sind oder von denen nur die Texte bekannt waren. Es 
schien mir daher interessant, eine Anzahl derselben hier wieder- 
zugeben, und zwar alle, bis auf drei, mit ihren Melodien. Varianten 
werden nicht mitgeteilt, sondern es wird nur kurz angegeben, 
wo solche zu finden sind. 

Die Melodien fanden sich in den fünf folgenden Arien- oder 
Chansonsammlungen : 

1. Airs mis en musique ä quatre parties par Pierre 
Cerveau , Angevin. Paris, par la vexifue feu R. Ballard et 
son fils Pierre Ballard, Imprimeur du Roy en musique 1599. 
(Superius auf der Herzoglichen Bibliothek Wolfenbüttel.) 

2. Le premier livre de chansons et Airs de court, tant en 
francois quen italien et en gascon, ä 4 et 6 parties, mis en 
musique par le Sieur Charles Tessier , vnisitien de la 
Chambre du Roi. 

Lmprimes ä Londres par Thomas Este, Jmprimeur ordi- 
naire. lö9T. (Paris. Bibl. S'^-Genevieve. Vm 593 2^.) 

3. Airs et vilanelles mises en musique ä quatre et cinq 
parties par Pierre Bonnet, Limosin. Paris, veufue Ballard 
et Pierre Ballard, 1600. (Paris. S^^^-Genevieve V 1205—08.) 

4. Airs de cour ä quatre et cinq parties par Pierre 
Guedron, Maistre et Compositeur de la Musique de la Chambre 
du Roy. Paris, P. Ballard. 1608. (Bibl. St«-Genevieve. ib.)' 

5. Recueil des Chansons de L. M. P. A Paris, par Pierre 
Ballard, imprimeur de la Musique du Roy. 1629. (Privatbesitz.) 

Die Texte der mitgeteilten Lieder stehen aufserdem beinahe 
alle in einem oder mehreren der zahlreichen Recueils, Tresors, 
Elites aus jener Zeit. Für die Bibliographie der letzteren ge- 
nügt es, auf die Angaben in Haupts Französische Volkslieder, 
herausgegebrn von Tobler (Leipzig 1877, S. 172fi'.), Weckerlin, 
L'ancienne chanson popidaire en France (Paris 1887, p. XV ss.),^ 



' Leider sind in dieser und der vorhergenannten Sammlung mehrere 
Blätter herausgerissen, und zwar gerade solche, die die Kompositionen 
einiger Chansons (z. B. Ä Paris sur petit pont oder Kn place, marchamir etc.) 
enthielten. Da die Stimmbücher der Abtei S"-C5enevi(jve gehörten, ist 
ea möglich, dals man die Lieder ihrer etwas zu freien Texte wegen ent- 
fernt hat. 

'■' Die von W. angegebenen Signaturen der auf der Bibl. Nat. befind- 
lichen Drucke stimmen nicht mehr mit den jetzigen überein. 

Archiv f. n. .Sprachen. C'XXX. 21 



314 



Volkstümliche französische Lieder 



Sandlaerger, Sammelb. d. I. M. G., 1907 , den Katalog der Herzog- 
lichen Bibliothek zu Wolfenhilttel (Abteilung Franz. Lit.) und meine 
kleine Alihandlung: Das Licderalbum einer franz. Provinzdame um 
1620 (Festschrift zum 15. Neuphilologentag. 1912) hinzuweisen. 

Die Beliebtheit, deren sich manche der betreffenden Lieder 
erfreuten, geht schon aus ihrer Aufnahme in mehrere, zeitlich 
oft ziemlich voneinander entfernte Sammlungen hervor. Einige 
derselben kehren in fast allen Recueils von der Mitte des 
16. Jahrhunderts bis in die ersten Dezennien des 17. mit mehr 
oder weniger Varianten wieder Um so interessanter ist es auch, 
ihre Melodien zu kennen. Diese sind zwar nicht immer be- 
deutend; sie gehören vielfach dem Typus des einfachen Tanz- 
liedchens an. Aber der Umstand, dafs verschiedene Musiker 
sich die Mühe nahmen, sie vier- oder fünfstimaiig zu setzen, 
beweist, dafs auch sie sehr verbreitet und beliebt waren. 

Der Inhalt mehrerer unserer Lieder ist ein anekdotischer. 
Es wird uns z. B. das Begegnen zweier Liebenden und die Folgen 
davon erzählt; oder das Abenteuer, das drei junge Mädchen, 
drei E)amen, auf einem Spaziergang erleben. Zu dieser Gattung 
gehören die beiden folgenden Liedchen, die dem Arienbuch von 
Cerveau entnommen sind. Beide sind Tanzlieder, wohl aus der 
Gattung der einfachen Branles, das erste vielleicht besser dem 
Typus der Rondes entsprechend. Es lautet:* 



i 



-f-n- 



'm 



s 



Des-sus la ri - ue de la mer Y a trois bel-les fil-les, Le 



i 



=f^E£ 



ma - ri - nier qui les me - noit Si par a - mour les pri - e. 
5f5 



H=^ 



nt: 



=t 



H^ 



-(2 — : 



gen - til ma - ri - nier, ra - me 

A la plus jeune s'adressa 
Comme a la plus jolie: 
'Bon gr6 mal grö me baiserez, 
Je vous feray ma mie.' 
O gentil ... 



ne moy a ri - ue 

Lors il la prist et la jetta 
Dessus l'herbe fleurie, 
Aussitost qu'elle fut ä bas 
Elle fist l'eudormie. 
gentil ... 



Mais aprfes l'avoir bien bais^ 
A haute voix s'ecrie: 
'Las, quand vous aurez faict de moy 
Ne vous en mocquez mie'. 
O gentil ... 

' Die Melodien sind alle ohne Taktstriche und ohne Takt- und Tempo- 
bezeichnungen. 



Volkstümliche französische Lieder 



315 



Mehr Schwung hat die Melodie des nächsten Liedes, die 
ebenfalls aus dem Arienbuche Cerveaus stammt; Weckerlin teilt 
einen ähnlichen Text mit (a. n, 0. p. 375). In den Airs de cour 
von 1597 kommt das Lied auch vor, leider ist davon meines 
Wissens nur die Tenor- und ßafspartie erhalten. Diese aber 
passen gut zu der Melodie,' welche Cerveau hat, woraus zu 
schhefsen wäre entweder, dafs das Lied Cerveaus schon zwei 
Jahre vorher ohne Autornamen gedruckt wurde, oder, was wahr- 
scheinlicher ist, dafs die Melodie eine wohlbekannte und volks- 
tümhche war, die von mehreren Komponisten benutzt wurde. 
Das Lied lautet: 



f1=^=^£gE^f - =f1;j;E tf 



--tt 



Nous es-tions trois nonues ves - tuea de Da - mas, Nous al- 




lions sur Loi-re prendre nos e-bats. com-me le moy-ne 



i 



:ä 



^^^EÖ 



trot-te. Et son froc com-ment il va. 



Nous aliions sur Loire 
Prendre nos ebate, 
Par lä passe un moine 
Qui nous salua. 
comme ... 

'Dieu V0U8 gard' les belies, 
Beiles Dieu vous gard'. 

La quelle sera ce 
Qui m'amie sera? 



J'ay dans ma boursette 
Encor cent dueas, 

Et ma hacquenöe 
Et tout l'atiral.' 

S'a dit la plus jeune, 
'Je veux les ducas'. 

S'a dit la seconde, 
'Je veux le cheval'.'-' 



Sehr verbreitet scheint im Anfang des 17. Jahrhunderts 
folgendes Liedchen gewesen zu sein, von dem wir nur die Me- 
lodie und erste Strophe geben, da der Text bereits hier im 
Archiv (LXIV p. 232) und in der Ztschr. f. rom. Phil (V p. 543) 
abgedruckt worden ist.' Die Melodie findet sich, fast genau 



' Es konnten nach den zwei Stimmen auch einige Ungenauigkeiten 
im Druck der Melodie korrigiert werden. Diese Bafs- und Tenorstimnien 
der Airs de cour de jdusieurs autheurs sind ebenfalls in Wolfen büttel. 

"^ Der Text endet hier, während in der Version Nous estions trois 
dames, die Weckerlin mitteilt, und die ^i(■h auch in der Eslite von 1008 
findet, nur ein junges Mädchen spricht, das am Schlufs auf das Rofs 
steigt und davon reitet. — Vgl. auch die Version Ztschr. f. vom. Phil. V 
S. 547 und die Angaben von Parducci (Archiv CXXI p. 114), 

^ Der Text steht ebenfalls in La Fleur ... 1602, p. 205 und Le Tresor ... 
Reuen 1G06. 

21* 



316 



Volkstümliche französische Lieder 



übereinstimmend, in dem Arienbuch von Bonnet und dem von 
Cerveau. Sie ist ziemlich unbedeutend, wie man hier sehen kann. 




:z=:1: 



z1: 






=]: 



^! 



=]: 



^J 



=1= 



nl^i 



U - ne pe - ti - te fes - te j'al-lois ceuillir de choux, C'es- 




I 



toit pour al-ler vendre 



re quelques sous — 



=): 



3 



i-^ 



Pier - re, Pier - re te - nez moy pres de vous. 

Mit diesem und dem folgenden Liede sind wir schon mehr 
in die Realistik des alltäglichen Lebens versetzt. Das Lied 
Que dit-on au village finden wir in einem der letzten Bücher, 
die noch mehrstimmig gesetzte volksmäfsige Gesänge enthalten, 
in den Airs ä 4 et 5 parties von Guedron 1608.' Der Kom- 
ponist, Pierre Guedron, war damals Maitre et compositeur de 
la musique de la chambre du Roi und am Hofe Heinrichs IV. 
sehr angesehen. Möglicherweise hat er die Melodie des Liedes 
ein wenig galanter gestaltet, als sie ursprünglich war. Sie lautet 
in seiner Fassung: 

Que dit - on, que dit - on, que dit- on, au vil - la - ge? 



ES^ 



r^ ^ , 



:tti: 



Wm^ 



rrw=\ 



t: 



On y dit que Mar -ge- ton a perdu son pu-ce-la-ge. El-le 




le cherche a ta - ston, Au re - coiu de ce boc-ca-ge. 



Das Mädchen gesteht dem erzürnten Vater, dafs Robin der 
Missetäter ist. II a ceuilli le houton \ Le plus beau du jardi- 
nage heifst es am Schlüsse des Textes, der, wohl auch etwas 
arrangiert, nicht viel Interessantes bietet. 

In den Sammlungen von Chansons pour dancer findet man 
ziemlich viele solcher Lieder, die ursprünglich wohl in ein- 



' Die Worte aufserdem in der Elite de toutea les chansons 
falls von 1608. 



eben- 



I 



Volkstümliche französische Lieder 



317 



facberer Form allgemein gesungen, aber für die vornehmere Ge- 
sellscbalt etwas umgemodelt wurden. In einem 1629 heraus- 
gegebenen und von L. M. (vielleicht Louis de MoUier) verfafsten 
Recueil sind uns verschiedene jedenfalls volksmäfsige Lieder in 
etwas veränderter Form überliefert.' Unter denselben sei eins 
(wenigstens die erste Strophe mit der Melodie) als Beispiel mit- 
geteilt : - 







Par un ma - tiu je me le - uay, je ra - cou je ra- 




rh=t 






cou je ra cour-ci-ray, De-dans uostre jar-diu j'en-tray, je ra- 




P^iPi^ 



cour - Ol - ray ma 



be, ma ro - be je te ra- 




coüf - ci - ray, tu me fais trop de peine ä trousser. 



Viel mehr auf dem Gebiete des richtigen Volkshedes stehen 
wir mit folgendem Liede, welclies das nur nach Vergnügen und 
Lust tracbtende Weib uns vorführt. Auch die Melodie hat 
einen kräftigeren, frischereu Zug als die eben mitgeteilten Chan- 
sons. Der Text ist allerdings nicht ganz klar und logisch. Denn 
warum sollten die Eltern über die Schwangerschaft der Tochter 
betrübt sein, wenn wir im ersten Vers erfahren, dafs sie ver- 
heiratet ist? Vielleicht sind zwei ursprünglich unabhängige 



' Der Verfasser gibt in der Vorrede, die er unter dem Namen des Berger 
Mahnte an die Bergfere Isabelle adressiert, selbst zu, dafs er sich bemüht 
hat, die Tanzlieder so umzugestalten, dafs sie der berühmtesten Gesell- 
schaften würdig wären. Der Passus lautet in seiner etwas merkwürdigen 
C)rthographie : Je me doute que dans Celles qui sont ä dancer beaucoup i 
trouueront d'ahord des mouuemans extra ordinair es ; mais il faut tenir ftrme 
ei pour si peu que Von ait d'air ä la dance on en viendra facilement ä 
haut; je l'ay faxt ä dessein de les elongner du commun e de lea rendre plus 
dignes des plus celehres assamblees. 

^ In den von Ballard 1724 heraufigegehcnen Bandes, chansons ä danser 
findet sich dieses (I p. 114j und noch ein anderes Lied des Büchleins von 
Mollier, woraus zu ersehen, dafs viele der betr. Rondes schon anfangs 
des» 17. Jalirhunderts im Volke verbreitet waren. Mit dem etwas ver- 
feinerten Text hat dann Rolland (Bec. de ckans. pop. I 1_'0) unser Lied 
wiedergegeben. 



318 



Volkstümliche französische Lieder 



Versionen vermischt worden. Der Refrain steht in engem melo- 
dischen Zusammenhang mit dem Liede.' 



i 



^ 



=1==f: 



; = 1 I 14 = — ^ ^_ :t4^=1:^ 

F*- —1^ — g- F -j— j ^ — J-\ -*-ä — *-* 



.^d 



Vray Dieu d'amour, don-ne moi ce que mon coeur ai - me taut! 




;ii 



Vray Dieu d'amour, donne moi ce que mon cceur ai-me tant. 



A Pa - ris a u - ne fil - le ma - ri - ee nou - vel - le - ment, 









::J=1 



g 



3tz-ä-: 



Vray 
Dieu... 



tous les jours el - le se mi-re. Dans un beau mi-roüer d'argent. 



TouB les jours eile se mire dans un beau miroüer d'argent, 
Et dit ä sa chambrifere Jeanneton venez avant. 
Vray Dieu d'amour ... 

'Regarde ei je suis belle ou si mon miroüer ment.' 

'Par ma foy mademoiselle, vous estes grosse d'enfant, 

Vostre ceinture est lev^e on le voit apertement. 

Vostre pfere et_ vostre mfere en auront le coeur dolent.' 

'Tu ne sais que tu veux dire ils sont morts tout raaintenant. 

Va depescher ta besongne, irons ä l'enterrement. 

Et n'ayons rien d'autre chose qu'ä nous donner du bon temps.' 

Es sei gestattet, im Anschlufs daran ein anderes Mädchen- 
lied zu geben, dessen Melodie mir allerdings unbekannt ge- 
bheben ist. Der Text steht im Recueil de phisieurs chansons 
nouvelles ... Lyon 1571. Das Lied, welches uns die Bestrafung 
eines spröden Mädchens erzählt, ist vielleicht eine Bearbeitung 
einer älteren Chanson. Es ist Chanson nouvelle überschrieben 
und nach der Melodie von la voilä la helle zu singen. 



^ ' Das Lied finden wir in den Airs von Bonnet, f. 45 ' '^. Die Melodie 
ist im Dessuß, nur der Schlufs des Refrains wurde aus dem Tenor ent- 
nommen, da der Sopran an dieser Stelle in die Höhe geht und offenbar 
zu der Melodie im Tenor eine Gegenstimme bildet. Eine spätere Variante 
des Textes : Weckerlin p. 24. 



Volkstümliche französische Lieder 319 

A Paris il y a une tant belle fille, 

Elle a tant d'nmoureux qu'ell' ne s^ait nuquel rire. 

II en vint un qui la vint demander, 

Elle est en fantaisie s'ell' le doit refuser. 

la voila la belle qui s'en va. 

Ell' dit qu'elle est malade, 

Qu'ell' ne dancera pas. 

Depuis trois mois en 9a il s'cst faiet une dance, 
La belle y arriua pour estre ia plus gente, 
Y en eut un qui la prit par la main, 
EU' dit qu'elle est malade, qu'ell' ne dancera point. 
la voila ... 

H41as montre-la moy, compagnon ie te pric, 
Je la feray dancer, ie le te certifie. 
Et il a pris la belle par la main. 
Ell' le veit si braue, ne le refusa point. 
O la voila ... 

Quand ils eurent danc^ deux ou trois tours de dance 
II dist au menestrier: 'donnez hiy un bon bransle, 
Et lui donnez ce bransle que sgauez 
A la ieune fiUette qui refuse ä dancer. 
O la voila ... 

[Le bransle que c'estoit c'estoit le ouyst en iouste. 
Et tous ses compagnons si ce sont pris ä rire. 
O la voila . . .] 1 

Le galand que c'estoit il estoit de la France, 
Le pourpoint de satin, aussi les chausses blanche» 
Et par dessus le colet chiquet^, 
Aussi la plume blanche, les souliers d^coup^s. 
O la voila ... 

Dramatischeren Zug haben diejenigen Lieder, bei denen wir 
den Vorgang direkt aus dem Mutide einer der beteiligten Per- 
sonen erfahren. Unter solchen Liedern scheint eins der ver- 
breitetsten dasjenige gewesen zu sein, in dem ein junges Mäd- 
chen dem Liebhaber, der durch zu geräuschvolles Auftreten das 
Rendezvous vereitelt hat, bittere Vorwürfe macht. Weckerlin^ 
teilt den Text nach einem Recueil von L555 und einem von 
1602 mit. Aufserdem findet man ihn noch im Tresor von 1619 
und, mit der Melodie, in den Aii-s von Cerveau (1599). In 
der einen Version gibt das junge Mädchen srhliefslich genaue 
Anweisungen zu einem neuen Rendezvous. In der von Cerveau 
mitgeteilten dagegen wird der Lieldiaber wegen seiner Dumm- 
heit ziemlich barsch abgef