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Full text of "Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen"

BUSTDING LIST DEC 1 5 1922: 



ARCHIV^ 

FÜR DAS STUDIUM DER NEUEREN 
SPRACHEN UND LITERATUREN 



BEGRÜNDET VON LUDWIG HERRIG 

HERAUSGEGEBEN VON 

ALOIS BRANDL UND OSKAR SCHULTZ-GORA 



^^[7 



75. JAHRGANG, 141. BAND 
DER NEUEN SERIE 41. BAND 




BRAUNSCHWEIG UND BERLIN 

DRUCK UND VERLAG VON G E OR G WE STERM AN N 

1921 



Inhalts -Verzeichnis des 141. Bandes 

der neuen Serie 41. Bandes 

Abhandlungen g^,,. 

Albert Malte Wacnor, Ungedruckte Dichtungen und Biiefe aus dem Nachlaß Heinrich 

Wilhelm von Gtrstenberps. (Fortsetzung) 1 

Albert Leitzmann, Kleine Studien zu Gottfried Kellf-r 24 

Albert Malte Wagner, Ungedruckte Dichtungen und Briefe aus dem Nachlaß Heinrich 

Wilhelm Ton Gerstenbergs. (Schluß) 169 

Gertrud Jahrmann. Das Gebet in Shakespeares Tragödien 41 

Fritz Fiedler, Das Weihnachufest in England Tor und bei Dickens 59 

Wilhelm Schulze, Nordhiimbriscli sptfß und bfjftun 176 

Cieorg Kartzke, I)ie anienkaiiische Sprache 181 

Fritz Neubert, Das Well-syst<m des Benolt d«.- Maillt-l 79 

BaerwoKf, Christine von l'isan. ihre Auflösung und Weiterbildung der Zeitkultur . . 33 

Leo Spitzer. Kine StW:>mung innerhalb der romanischen Sprachwisscuachaft .... 111 
G. Cohn, Bemerkungen zu 'Adolf Toblers Altfranzi^sischcm WOrierbucli', Lieferung 1 u. 2. 

(ForUeUung sutt Schluß) l'*9 

O. Schultz-(iora. Die deutsche Komanislik in den leUt«n beiden Jahrzehnten . . . 208 

V. Klemperer, Petrarcas Stellung tu Humanismui und Renaissance 222 

Kleinere Mitteilungen 

Zur Voranslellung vornehmlich des raumlichen Adverb- und PrüpositionsaltribuU in der 

modernen deuttchen l*r<>»n. Von Arvid. Smith 1S2 

Zur Vita Ceolfridi (ij-nt-nsis. Von F. Liebermann 138 

Ein Nonlfranzose ülier die Angelsachsen um O'Jö. Von F. Liebermann 138 

Zum Namen 'Angelsachsen'. Von F. Liebermann 138 

t'ponserian«. Von LGoHuncz 138 

Reim nel>en Alliteration Im Anglolatciii um G«0. Von F. Liobermann 2M 

LiebesMtMl zum Tanz um St)0. Von F. Liebermann 2Sl 

T)OT Eigenname Arthur vor Galfrids Einfluß. Von F. Liebermann . . 236 

Englische likund.n nach UM>0. Von F. Li ebcrmann 2.3Ö 

EngliBche-i ZutriTiktn 1248. Von F. I,iebermann . 23;'» 

Zur KreuzzuK'Repik Frankreichs und Englands. Von F. Liebermann . . -36 

Zu bpenser. Von F. Li eher ui an n j-*'^'> 

Zur tiescbicht« der Phonologie. Von F. Lieberniann 236 

Zur deuuchen Beurteilung ••uRlischen Leh.us 1770—1800. Von F. Liebermann . 2:J6 

Phonetische rinschrift in englischen .>^chulbiichi-rn. Von A.Brandl 23G 

Englischer Krii-gsgnind. Ein GesUndnis in Versen. Aus der Londoner Wochenschrift 

'Rpfercc', 28. Not. l'J20 j;3' 

Zum englischen Studium. Von Feldm. T. Hl ndenbu rg ('Aus meinem I>eben ) ... 2.38 

Rnndnoton zu Enul Lovys proren/Jilischen WJlrterböchem (Nr.9— 22). Von Adolf Kolsen 144 

\\»\. farfaüa 'Schm»ni«-rling'. Von Leo Spitzer 146 

Zur urkundlichen Identifikation von Peiro d'Alvcrnhe. Von O. Sch ul tz-G nra ... 149 

Zur BMiogravhie des VoycujM en Egpafine. IV. Von Lud wig Pf andl 238 

Die Frau "des'^robadors (iaucelm Faidit. Von AdoHKolsen 243 

Froy. yfrexexa. J'on O. Sc h u I tz-0 ora 244 

Sitzungen der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen 246 

Verzeichnis der Mitglieder der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen, 

Januar 1921 264 



160 
161 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 

E.[Ella] Vettcrmann, Die Baleu-Dichtiingen und ihre Quellen. (Rudolf Zenker). . 
Friedrich Schiebrics, Victor Hugos Urteile über Deutschland. (Erich Loewenthal) . 

N. Bogholm, English prepositions. (G. Schleich) ■ 269 

Eilert Ekwall, Contributions to the history of Old English dialects. — Derselbe, Scandi- 

navians and CelU in the North-West of England. (A. Brandl) 258 



III 

Seiio 
Wozu Französisch und Englisch? Gutachten hervorragender Männer und Frauen über die 
Erfordernisse des fremdsprachlichen Unterrichts. Herausgeg. von der Berliner Gesell- 
schaft für das Studium der neueren Sprachen 261 

Luigi Foscolo Benedetto, Le Origini di 'Salammbö', Studio sul realismo storico dl 

G. Flaubert. (H. Geizer) 277 

Attilio Levi, Le palatali piemontesi. (Leo Spitzer.) 262 

Dante Alighieri, La Divina Commedia. Vollständiger Text, mit Erläuterungen; Grammatik, 

Glossar imd sieben Tafeln hg. von Leonardo Olschki. {Berthold Wiese) .... 2G4 

T. Navarro Tomas, Manual de pronunciaciön espanola. (F. Krüger) 267 

Verzeichnis der bei der Redaktion eingelaufenen Druckschriften, 
mit folgenden kurzen Anzeigen: 

Allgemeines 

Clara imd William Stern, Monographien über die seelische Entwicklung des Kindes. I : Die 

Kindersprache, eine psychologische imd sprachtheoretische Untersuchung. 2. erw. Aufl. 280 
Joseph Graß, E-xperimenUilphonetische Untersuchungen über Vokaldauer, vorgenommen 

an einer ripuariscben Dorfmundart 280 

Motiv und Wort, Studien zur Litenitiu- und Sprachpsychologie. I.Hans Sperber, Motiv 
und Wort bei Gustav Meyrink. 2. Leo Spi tzer. Die groteske Gestaltungs- imd Sprach- 
kunst Christian Morgensterns 280 

Richard Benz, Die Grimdiagen der deutschen Bildung 281 

Hans Lorenz Stoltenberg, Keine Farbkunst in Raum und Zeit und ihr Verhältnis zur 

Tonkunst 281 

Siegfried Schab, Studieren oder nicht? 281 

Wilhelm Lamszus, Die Begabimgsschule 281 

Friedrich Jodl, Sein Leben und Wirken, dargestellt nach Tagebüchern imd Briefen von 

Margarete Jodl 282 

Neuere Sprachen 

C. Th. Lion , Kurzgefaßtes Lehrbuch der niederländischen Sprache für den Selbstunterricht 293 

Skandinavisch 

Edda. 2. Band. Götterdichtung und Spruchdichtimg. Übertr. von F. Genzmer . . . 296 

Deutsch 

Lesebuch zur Einführung in die ältere deutsche Dichtimg, hg. von E. Schönfelder, 

R. Kniebe und P. Müller 296 

Othmar Meisinger, Bilder aus der Volkskunde 296 

Franz Muncker, Anschauungen vom englischen Staat und Volk in der deutschen Literatur 

der letzten vier Jahrhunderte. Erster Teil 297 

Adolf Hauffen, Geschichte des deutschen Michel 299 

Lawrence M. Price , English-Germau literary influences. Bibliography and survey. Part I : 

Bibliography 300 

J.Petersen, Das deutsche Nationaltheater 300 

Else Pfenniger, Friedrich Ludwig Schröder als Bearbeiter englischer Dramen .... 301 

Ludwig Tieck, Das Buch über Shakespeare, hg. von R. Lüdeke 301 

Emil Soff 6, Bühne und Gesellschaft 301 

Friedrich Otte, Meeresrauschen. Dichtungen 302 

Blätter des Burgtheaters. 5./6. Jan./Febr. 1920 302 

Das große Schauspielhaus. Zur Eröffnung hg. vom Deutschen Theater zu Berlin . . . 303 

Englisch 

F. Liebermann , Ort und Zeit der Beowulfdichtung 307 

Hans Dürrschmidt, Die Sage von Kaiu in der mittelalterlichen Literatur Englands . 308 

Otto Theodore Wedel. The mediseval attitude towards astrology 316 

Purity. A Middle English poem, ed. with introduction, notes and glossary by R. J.Meuner 309 

Albert Stanburrough Cook, Chaucerian papers. 1 309 

Kurt Schröder, Piatonismus in der englischen Renaissance vor und bei Thomas Eliot, 

nebst Neudruck von Eliots 'Disputacion Piatonike' 1633 '. 309 

Paulus Scharpf, Über ein englisches Auferstehungsspiel 309 

Rudolf üroßmann, Spanien und das Elisabethanische Drama 310 

Oscar James Campbell, The position of the 'Roode en witte roos' in the saga of King 

Richard III 311 

Ben Jonson, Cataline his conspiracy (Yale Studiesin English LIII), hg. von L.H.Harris 311 

The Stonyhurst pageants, ed. with introduction by Carleton Brown 312 

Fritz Zschech, Die Kritik des Reims in England 312 

Nelly D i e m , Beitrüge zur Geschichte der schottischen Musik im 17. Jahrhundert nach bisher 

imveröffentlichten Manuskripten 313 

Daniel Webb, Ein Beitrag zur engl. Ästhetik des 18. Jahrhimderts 313 

Erich Schwebsch, Schottische Volkslyrik in James Johnsons The Scot's musical museum 313 

Adam Smith (Jastrows Textbücher Wirtschaft und Staat, 3). 3. venn. Aufl P>'i 



IV 




CA 



M.UW»i 



J M«!«a««r. L 



Ungedruckte 
Dichtungen und Briefe aus dem Nachlaß 
Heinrich Wilhehn von Gerstenberffs. ' 

(KorUrUun^.) 

XX. Gerstenbergs Briefe an den Grafen Schimmelniann, 

im Besitz des HeicliJiiirchivs in Kopenhagen 

und dea Freien deutschen Hc^hstifts in Frankfurt a. M. 

1. (Kopcnha^n.) 
Httchg^ebuhrener unil ven»hrunj:»würdi|:er Graf, 
Du wohl Nioinaml dio edle r.milio ' p-kannt hat, (von allem, waa sie In 
diMer Wolt. »olbst unter i\viv i.-'-n riieilo ihres (.ie»chlooht>- •■• •lichnote. 
ist nun hier nicht» als ihr -^ verowi^er Name ührip . . n), dor 

nicht lobhaft bopriffc, was Ew. Exccllcnz durch ihn-u frülien >lintritt aus 
die«er Vergic;:' ' " so darf auch ich w<>hl »ajron, daß 

Ich den ffmozen ; .... .. ...i unerwarteten Verlusten mit innigster 

Theiluehinunp empfunden In tler That hätten meine eignen häuslichen 

Leiden, mit denen e« Gott gefallen hat, mich seit einiger Zeit in vollem 
Maaßetu prüfe. ' '• n bittereren Zusatz erhalten können, als die Vorstellung. 
dafi sie, die 1 nicht mehr ist, die l.w. Excellenz für st» viele Ver- 

dienste eines i vollen und wohlthätigen I/obens schon diesseits de« 

1 '* belohuen konnte. Wie gegen\\ artig ist sie mir itzt, da ich dieß 

«»vij.v.i.e. mit jedem unnachahmlichen Keize ihre» I ' ' 'iiren Ochelnsl mit 
j«dem unnennbaren Zuge ihres gruudgütigen (1. -: Ich glaube sie 

vor mir zu sehen in dem lichthellen Gewände eines Engels, ihren himm- 
Blick unverwandt geheftet auf den, der noch vor wenig Wochen das 
:. V....V G'!f ;»>r.>* irdischen I^bens war: als wollte sie sagen — Trauere 
nicht, du ' .ster unter den .Menschen! auch hier wird die .Seligkeit 

deiner Emilie durch die Gewißheit erhöht, ewig und unwandelbar dein zu 
Mjn. Kein Zustand weder im Himmel noch auf Erden kann Bande auf- 
lS«en, die für alle Ewigkeit gebunden wurden, l'nd wäre ich bereit» heute 
ein Cherub auf der letiten Stufe göttlicher Herrlichkeit, so würde ich doch 
ewig nicht aofliören können. Deine Vennählte zu scyn. 

möchte diese Hand und diese hellen Locken 

Dir sichtbar seyn: ich trocknete 
Mit dieser Hand, mit «liesen goldnen Locken 

Die Thränen, die Du weinst 
Ich schreite je<len Tag. der dich dem Himmel nShert. 

D«n gaiue? Leben, um dich her. 
Auch dieß ist Lohn des früh emingnen Ziele«: 

Und nenne dich vor Gott 

' Allgemein verweise ich auf den inzwischen erschienenen ersten Band meiner 
Biographie Gerstenberp» : Heidelberg r.ters Univer>itlt»-Buchhandlang). 

* Schinunelmanne Gattin. Chariu^. .._..„;.• v. Buchwaid. 

Aidü* L M. «IfwcfcM 141. 1 



2 Ungedinickte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 

Ich habe lange bey mir angestanden, verehrungswürdiger Graf, ob ich 
mir anmaaßen könnte, ein Wort der Beruhigung oder des Trostes an Ew. 
Excellenz unter solchen Umständen zu schreiben, da ich niu" mein eignes 
Herz zu fragen brauche, ob es auch wohl sonst noch ein anderes Beruhi- 
gungsmittel gebe, als Ergebung in den göttlichen Willen. Ich habe mich 
enthalten, meine Empfindungen bey freudigen Veranlassungen zu äußern, 
und glaubte, es gezieme mir um so viel mehr, auch bey Veranlassungen so 
trauriger Art zu schweigen. Da inzwischen mein unschätzbarer Freund, 
Herr Graf Stolberg, mich durch die Versicherung ermunterte, daß Ew. Ex- 
cellenz den Charakter meines Herzens insbesondere auch in dem Verhältnisse 
eines Ehemannes desjenigen Grades der Achtung würdigen, der dem Aus- 
di'ucke wahrer und ungefärbter Mitempfindung bey den großen Prüfungen 
der göttlichen Vorsehung allein einen Werth geben kann: so habe ich es 
dennoch gCAvagt, wenigstens diejenigen Gründe zu erwähnen, denen ich es 
zutraue, daß sie auf mich selbst noch einige Wirkung in einem Falle thun 
könnten, den ich mir sonst nicht anders als mit Schrecken und Entsetzen 
zu denken weis. Ich schließe mit den eifrigsten Wünschen, daß Gott jede 
Kraft seiner allbelebenden Gnade herablassen möge, Ew. Excellenz noch 
ferner und bis in das späteste Alter zu dem Avichtigen Berufe zu stärken, 
zu welchem er Sie zur Wohlfahrt eines wachsenden Staates und zum Muster 
der Menschlichkeit ausgewählt hat, und ich beharre mit der größten dank- 
vollsten Ehrerbietung lebenslang 

Ew. Exccllenz ganz unterthäniger Diener 

Lübeck den T^n März 1780. H. W. v. Gerstenberg. 

2. (Kopenhagen.) 

Hochgebohrener Graf, Höchstzuverehrender Herr Geheimer-Rath, 

Deputirter, Ritter p. 
Nie hat ein Brief mich in eine so außerordentliche Lage gesetzt, als der, 
den ich von Ew. Excellenz zu erhalten die Gnade hatte. Gott im Himmel! 
es war ein herrlicher, ein väterlicher herzvoller Brief! ein Brief voll Edel- 
muths und Herablassung! ich hätte ihn augenblicklich beantworten sollen. 
— Aber der Inhalt war für die ganze Zukunft meines Lebens unendlich 
wichtig; es galt Entscheidung. Ew. Excellenz verweisen mich zugleich auf 
Boiens Ankunft, von dem ich die näheren mündlichen Erläuterungen er- 
warten sollte; und Boie, der sich mit der freundschaftlichsten Theilnehmung 
in ein weitläuftiges Detail meiner näheren und entfernteren Bedürfnisse, 
meiner itzigen und meiner künftigen Ausgaben einließ, glaubte auch seiner- 
seits wieder andre Erläuterungen einziehen zu müssen, die er mir schriftlich 
mittheilen wollte. In dieser Suspension sind nun meine Angelegenheiten ge- 
blieben, bis die große Nachricht von Resignationen im Staate einlief, die 
mich sehr wahrscheinlich weiter als jemals vom Ziele entfernt hat. Gott 
allein weiß, was mir noch bevorsteht! Es ist denn nun freylich, wie auch 
Boie mir vor 14 Tagen schrieb, der Zeitpunkt nicht, Ew. Excellenz mit den 
Klagen eines Unglücklichen zu belästigen (ach die ganze Erde ist des Elends 
voll!) Nur dieß Einzige, verehrungswürdiger Graf, erlauben Sie mir itzt zu 
bitten, daß der Abzug von meiner Gage, den Sr. Excellenz der Herr Graf 
von Moltke, auf den Anfang des bevorstehenden Jahres angesetzt hatte, 
noch einige Zeit aufgeschoben werden möge. Das Finanz-Collegium muß 
befriedigt werden, ich begreife es ganz; alle meine Gläubiger müssen es, 



üngedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 3 

sollen es; es ist ja der erste Wunsch aller meiner Wünsche, und ich wäre 
weniger elend, wenn er, dieser erste große Wunsch, nicht längst an der 
Ruhe meines Herzens nagte. Aber höchst notwendig ist und bleibts mir, 
daß Abzug und Kessource mit einander in Verbindung bleiben, 
wie Ew. Excellenz mir selbst den Plan an die Hand gegeben 
haben. Was für Ressourcen hätte ich wohl itzt? Alles, alles ist dicke 
Finstemiß um mich her, und der Quell, der micli laben soll, lispelt mir nir- 
gend durch die undurchdringliche Nacht. 

Es ist mein tägliches und stündliches Gebet zu Gott, daß er Ew. Excel- 
lenz und jedes edle Herz, dessen der Staat bedarf, zur Wohlfahrt des Ein- 
zelnen wie des Ganzen lange lange bewahren wolle. Ich kann aus dieser 
Fülle meiner Seele, die mich drängt, nichts hinzusetzen, als daß ich nie auf- 
hören werde, mit jeder Verehrung zu seya 

Ew. Excellenz ganz unterthäniger Diener 

Lübeck den 21ten Decemb(er) 1780. H. W. v. Gerstenberg. 

3. (Kopenhagen.) 

Hochgebohrener Graf, Höchstzuverehrender HeiT Geheuner-Rath, 
Commerz-Minister, Ritter p. 

Ewr. Excellenz Stillschweigen hatte mich freylich sehr gebeugt: aber ich 
konnte nicht zweifeln, ich glaubte bis auf den letzten Augenblick; und ich 
danke dir, o mein Gott, du Vater aller, du, dessen gewaltige Hand tief in 
den Staub erniedrigt, aber mächtig wieder emporrichtet, o Gott, ich danke 
dir, daß auch dieser Glaube nicht unbelohnt geblieben ist! 

Ich kann mir nun, auf einige Monate wenigstens, einen Schimmer von 
Seelenruhe versprechen: recht hell und lauter wird meine Sonne doch schwer- 
lich je wieder scheinen; es ist irgendwo schon zu trübe. 

Insbesondere, gnädiger Graf, dank ich Ewr. Excellenz für die Art, mit 
der Sie mir ausgeholfen haben; sie zeigt Achtung für mein Unglück an, 
wie sie nur großen Seelen eigen ist, und giebt mir einige Hoffnung für die 
Zukunft. Ich lege, dero Befehle gemäß, die Assignation auf meine Consulat- 
gage mit dankbarem Herzen hiebey an; was ich darinn unbestimmt gelassen 
habe, kann und muß von Ewr. Excellenz allein nur bestimmt werden, 

Ew. Excellenz erinnern mich an Ihr wahrhaftig edles Schreiben vom 
12. Aug. 1780, und scheinen mir einen gelinden Vorwurf zu machen, daß 
ich dero mir damals gegebenen und mit des Grafen von Bernstorf Excellenz 
concendierten Vorschlägen nicht gefolgt bin. Gnädiger Graf, ich habe Ihre 
Güte, Ihre Herablassung, tief in dem Innersten meines Herzens gefühlt, 
glaube es mehr als einmal gesagt zu haben, und wiederhole es hier vor 
Gott, er soll mir unvergeßlich seyn, dieser herrliche, menschenfreundliche 
Brief. Allein er gründete sich auf eine Voraussetzung, die sich weder in 
meiner damaligen noch itzigen Verfassung fand; er setzte voraus, daß eine 
Einschränkung meiner Oekonomie noch möglich wäre. Ich habe es aber der 
Überzeugung aller meiner hiesigen Gläubiger von der wirklich äußersten 
Einschränkung, unter der ich lebe, ganz allein zuzuschreiben, daß sie bis itzt 
noch Kachsicht mit mir gehabt haben ; und es wäre eine vorgcs^piegelte Auf- 
opferung, deren ich unfähig bin, gewesen, wenn icli an eine Seite, um mir 
Ewr. Excellenz gute Meynung zu erhalten, 600 Th. von meiner Gage hin- 
gegeben hätte, die ich, da weder Boie, noch ein Verleger sie mir mit Zu- 
verlässigkeit versprechen konnte, nicht anders als durch die grausamsten 

1* 



4 Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 

Palliatif-Mittel von einer andern Seite wieder herbeyzuschaffen gewußt 
hätte. Wie so was an der Wurzel des Lebens nagt, fühl ich, der ich 
mein eignes Leben für nichts, aber ein gewisses andres desto mehr 
achte, mehr als ich ausdrücken kann. Wollte Gott! es gäbe noch irgend 
in mir oder außer mii- eine sichre Hülfsquelle! längst hätte ich den besten 
Theil meines Unterhalts mit Freuden dahin gegeben. 

Etwas Avill ich inzwischen diesen Winter versuchen : vielleicht erfahre ich 
dann gewisser, ob noch diesseits des Grabes — nicht Glückseligkeit, die 
mir nicht beschieden war, sondern nur Berahigung für meine vielgeliebten 
mich Übrlebenden zu finden sey. 

Ich bin ewig mit der wärmsten Erkenntlichkeit und der innigsten Verehrung 
Ewr. Hochgräfl(ichen) Excellenz ganz unterthäniger 

Lübeck 28ten Oktober 1782. Gerstenberg. 

4.1 (Kopenhagen.) 

Hochgebohreuer Graf, Höchstzuverehrender Herr Geheimer-Rath, 
Commerz-Minister, Ritter p. 
Sechs Monathe sind nun seit dem Verkauf meiner Bedienung verflossen, 
und Ehre, Pflicht, und Gewissen fordern mich auf, die Ungeduld meiner 
noch übrigen Gläubiger, die zum Theil schon aufs höchste gestiegen ist, 
nicht noch länger zu ermüden. Für mich selbst, für die fernweitige Wohl- 
fahrt meiner zahlreichen Familie habe ich in aller dieser Zeit nur die Über- 
zeugung gewonnen, daß ich auf jede Ressource Verzicht thun müsse, die 
außer dem kleinen Capital liegt, das mir nach Abzug meiner Schulden noch 
übrig bleibt, und für welches ich meine bisherige Einnahme von 1500 Th. 
aufgeopfert habe. Ob ich gleich selbst nie aus eigner Wahl daran gedacht 
habe, den Weg des Verkaufs einzuschlagen, sondern mich in diesem ganzen 
Handel blos einer höheren Verfügung unterwarf: so weiß ich doch gar wohl, 
daß ich von nuu an für die Veränderung der Grundsätze werde büßen 
müssen, die seitdem über den Punkt des Chargen- Verkaufs entstanden ist; 
und mit eben dieser Veränderung verschwindet auch meine Hoffnung auf 
jede andre Art der Unterstützung, deren ich sonst vielleicht wohl als ein 
in Gnaden entlassener Königl Bedienter gewürdigt worden wäre, wenigstens 
in so fern ich die Umstände meines Abgangs mit denen so vieler Anderer 
vergleiche, die zum Theil ihre Demission wirklich ertrotzt, und doch an- 
sehnliche Pensionen und Gnaden-Versprechungen davon getragen haben. Ich 
kann mich also von diesem Augenblick an als einen Menschen betrachten, 
der, wiewohl etwas spät, eine völlig neue Laufbahn betritt, und sich seinen 
notdürftigen Unterhalt in der Welt aus eigenen Kräften, so weit diese reichen, 
zu verschaffen hat. Meine Absicht, gnädiger Graf, ist nach Eutin zu ziehen, 
und da mit einigen meiner Freunde einen Plan zu entwerfen, wie ich mir 
zu dem Belauf meiner wenigen Zinsen noch nebenher noch etwas erwerben 
könne. Weil abei dergleichen Entwürfe durch viele nicht vorzusehende 
menschliche Zufälle, Krankheiten, Hindemisse, vermehrte Ausgaben p. auf 
eine ungewisse Rechnung hinauslaufen, und der wirkliche Erfolg, ehe alles 
ins gehörige Gleis kommt, von Zeit, Umständen, und Erfahrung abhängt: 

1 Am Kopf des Briefes findet sich von Schimmelmanns Hand die Bem.: 
'Eingegangen am 4ten Juni, beantw. d. 5ten — daß man das Geld nicht zur Dis- 
position habe, folglich ihm nicht damit helfen.' 



Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 5 

80 ist es der Vorsicht gemäß, mich wider die Gefahren eines augenschein- 
lichen Minus wenigstens gleich in dem ersten Jahre einigermaßen gesichert 
zu wünschen; und ich weiß diese nothwendige Rücksicht mit der eben so 
dringenden, mich meiner Schulden zu entledigen, nur durch folgende Mittel 
zu vereinbaren, welches ich Ewr. Hochgräflichen Excellenz in unterthänigster 
Zuversicht auf dero fortdauernde gnädige Gesinnung hier vorzulegen mir die 
Freyheit nehme. 

Nach den ersten 3000 Th., die ich auf die gesamte Masse meiner Schulden 
abgetragen habe, stehen itzt noch 17000 Th. bey der Landschaft Süder-Dith- 
marschen, die mir von nächstbevorstehenden Kieler-Umschlag ^ an, zu 1 P.C. 
gerechnet, 680 Th. eintragen, wozu noch die Pension meines Nachfolgers von 
100 Th. hinzu kommt, so daß nach Michaelis dieses Jahres, als dem Termin, 
da die mir noch vorbehaltene Gage aufhört, zu meiner ganzen Subsistenz 
bis zum Kieler Umschlag 1786, also für IV2 Jahre (wenn ich das erste Quar- 
tal dieses Jahres, für welches das Königliche] Finanz-Collegium meine Gage 
zurückbehalten hat, mit dazu schlage), 780 Th. haben würde, wofern ich nicht 
von eben diesem Capital gleich itzt schon eine Summe von wenigstens 
4000 Th. abziehen müßte, um theils noch einen Rest meiner Schulden zu 
tilgen, theils meine erste Einrichtung zu machen, und allerley Unkosten zu 
bestreiten, die bey Jeder Veränderung eines langen Aufenthaltes vorfallen: 
bleiben also nach Abzug dieser 4000 Th. meine ganze Einnahme auf IV2 Jahre 
nur noch 620 Th. Ich zweifle sehr, ob ich in Eutin jährlich mit 900 Th. 
werde auskommen können: folglich verfiele ich von den 1350 Th., die dieß 
für IV2 Jahre beträgt, gleich in einen Rückstand von 730 Th., die ich von 
dem Überreste meines Capitals, nämlich 13000 Th., ersetzen müßte. In dem 
zwej-ten Jahre 1786 ginge es mir wahrscheinlich nicht viel besser, da ich 
nun schon den Hauptstuhl xim 730 Th. gemindert hätte, und doch schwerlich 
gleich in dem ersten Jahre, mit dem sich die Wirkung meiner Industrie an- 
heben sollte, auf neue Zuflüsse sonderlichen Betracht nehmen düi'fte. 

Mir schaudert vor einer solchen Berechnung; und ich will lieber gleich 
auf das Mittel kommen, wodurch dem Übel meiner Meynung nach wenigstens 
auf die ersten beyden Jahre vorgebaut werden könnte. Dieß Jlittel biethen 
mir meine müßig liegenden Obligationen der Landschaft Süder-Dithmarschen 
dar, sobald ich Gelegenheit fände, einen Theil derselben gegen das Anlehn 
jener Summe der 4000 Th. unter leidlichen Bedingungen auf Hypothek aus- 
zusetzen. Ich nehme an, daß mein Creditor den Werth von 6000 Th. in 
diesen Obligationen für die baare Anleihe der 4000 Th. empfinge, und sich 
dagegen in zwey Jahren gefallen ließe, die Zinsen stehen zu lassen, für die 
er in dem Überschusse der 6000 Th. hinlängliche Sicherheit hätte. Alsdann 
liefe meine jährliche Einnahme von 780 Th. während dieser zwey Jahre un- 
gehindert und unverkürzt fort, ich legte einen Theil des aufgenommenen Geldes 
für das Minus in dem ersten Jahre zurück, und wendete die Zwischenzeit dazu 
an, um mir die Zinsen von den 4000 Th. fürs künftige entbehrlich zu machen, 
und also nach Verlauf zweyer Jahre meine Obligationen wieder einzulösen. 

Der Etatsrath Traut, dieser wohlgesinnte und thätige Freund, der die 
Forderungen meiner Hauptgläubiger in Kopenhagen auf sich genommen 
hatte, hielte Anfangs dafür, daß ich meine sämtlichen Schulden, wo möglich, 
80 lange zinsenfrey stehen lassen möchte, bis ich auf andre Art versorgt 

• Die Kieler Messe. 



6 Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 

seyn würde. Da ich das aber nicht möglich zu machen, und durch Um- 
stände, die Ewr. Hochgräfl. Excellenz noch erinnerlich seyn werden, mich in 
der mir etwa vorher gemachten Hoffnung bestärkt fand, daß ich mich einer 
baldigen Beförderung zu getrösten haben dürfte, aus bciderley Grund also 
mit der Bezahlung meiner Schulden sofort den Anfang machte, und 3000 Th. 
auf einmal abtrug: so veränderte das, wider alle \ernünftige Erwartung, die 
Gesinnung der vorerwähnten Kopenhagener Gläubiger, daß Traut plötzlich 
mit meinen dortigen Schulden ins Gedränge kam. und mir einen Termin nach 
dem andern, immer nur von 1-i Tagen setzte, wie er mir denn eben einen 
solchen 14tägigen Termin noch mit der vorletzten Post aufs neue gesetzt hat. 

Ewr. Hochgräfl Excellenz sind also wirklich der einzige meiner Gläubiger 
(denn daß ich Hochdieselben persönlich dafür erkennen müsse, lehrt mich 
das Stillschweigen des General-Commerz-Collegii über die ehemals gethanen 
Vorschüsse, welches ich sonst nicht zu erklären wußte), der bisher eine auf 
Billigkeit und Umstände gegründete Nachsicht mit mir gehabt hat; und eben 
dleß bringt mich auf die Gedanken, daß ein so wahrhaftig edelgesinnter 
hoher Gönner sich wohl auch entschließen möchte, die oben gedachte auf 
6 — 7 oder mehrere 1000 Th. zu bestimmende Hypothek in landschaftlichen 
Obligationen von mir anzunehmen, und auf der einen Seite die eignen Forde- 
rungen dadurch zu sichern, auf der andern aber mir durch die bedürftige 
Summe der 4000 Th. ein leichtes Mittel an die Hand zu geben, wie ich Traut 
außer Vcrlegeniieit setzen, und zugleich meine nothwendigen Ausgaben p. 
zu meiner vorhabenden Einrichtung bestreiten könne. Sollte Ew. Hoch- 
gräfl. Exccllenz nun noch diese letzte Gnade für mich haben wollen, die mir 
so äußerst wichtig und unentbehrlich ist, und die ich sonst von Niemandem 
zu erlangen weiß: so würden von gedachtem Darlehn 2000 Th. an 
Herrn Etalsrath Traut gleich zur Stelle ausbezahlt werden können, und die 
übrigen 2000 Th. würde ich mir hier zu bevorstehendem Johannis, da ich 
von hier ziehen muß, weil meinem llauswirtlic auf diesen Termin aufgekündigt 
ist, in klingender Münze untcrthänigst erbitten. Eben dieser nahe Termin 
aber dringt mir den angelegentlichsten ehrfurchtvollsten Wunsch ab, daß 
Ew. Hochgräfl Excellenz mich dicserhalb mit einer baldmöglichsten gnädigen 
AntAvort zu erfreuen geruhen, und überhaupt mein gegenwärtiges Anliegen, 
das augenscheinlich durch die allertriftigsten Bewegungsgründe veranlaßt ist, 
mit Dero gewöhnlichen menschenfreundlichen Gesinnungen beurtheilen wollen. 
Die Beylage ergiebt übrigens das Formular der hienächst auf weiteren hohen 
Befehl originaliter einzusendenden Obligationen, nebst der, auf Verlangen 
per ad Notarium zu fidinidirenden, Clausel in der Jessenschen Obligation, durch 
welche mir das Eigenthum über jene landschaftlichen Verschreibungen über- 
tragen und eingeräumt worden. 

In sehnsuchtvollel Erwartung einer gnädig genehmigenden Antwort habe 
ich die Ehre, mit der tiefsten unverbrüchlichsten Veneration lebenslang zu 
beharren 

Ewr. Hochgräfl Excellenz ganz unterthäniger Diener 

Lübeck den 31ten May 1784. H. W. v. Gerstenberg. 

Sollte ein ungünstiges Schicksal mich wider alles Verhoffen eine Fehlbitte 
thun lassen, so wäre mir doch gar zu viel daran gelegen, zeitig genug da- 
von unterrichtet zu werden; ich schmeichle mir aber, daß es Ewr. Excellenz 
edlem Herzen unmöglich seyn wird, das Glück eines alten treuen Dieners 
nicht vollenden zu wollen, für den Sie bisher so viele Gnade gehabt haben. 



üngednickte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 7 

Beilage zu Nr. 4. 

I. 

Abschrift einer per vim contractus mir zugehörigen Obligation der Landschaft 
Süderdithmarschen, der die übrigen, mutatis, mutandis, bis auf die Summe 

von 20000 Th. völlig gleichlauten. 

N. 14. (Stempelbogen) Sechzehn Rthl 

Wir Endesbenaunte, Königl Etatsrath und Landvoigt, Kammer-Rath, 
Commerz-Rath und Kirchspiel voigte, als Gerichtspersonen und Landespfennig- 
meister, wie auch Landes- und kirchspiels Gevollmächtigte und andre mit 
untergeschriebene Eingesessene des Süderntheils Dithmarscheu Uhrkunden 
und bekennen hiermit und in Kraft dieses, für Uns, unsere Erben und Nach- 
kommen, im Namen und von wegen angeregter Landschaft, daß wir den 
hochwohlgebohrenen Herrn Mathias Reinhold ^on Jessen , Ihro Königl 
Majestät zu Dännmark, Norwegen p. hochbetrauten Etatsrath und Land- 
schreiber in Süder-Dithmarschen, und dessen Erben, wohier, wissentliclier, 
und wolgeständiger Schuld, schuldig und pflichtig scyn = Viertausend 
Reichsthalern, welche wir von demselben in guter grober couranten Münze, 
auf einem Brete baar empfangen, und in der Landschaft scheinbaren Nutzen 
hinwiedeiTim verwendet haben, derohalben wir aus der Exception : non nura- 
ratae vel in rem nostram non versae pecuniae, ausdrücklich begeben. Ge- 
reden, loben, und verpflichten uns demnach hiemit für uns, unsere Erben 
und Nachkommen, im Namen und von Wegen obberegter Landschaft, wohl- 
bemeldeten Herrn Gläubigem, dessen Erben, oder dieses Briefs getreuen 
Inhabern, obbemeldetes Capital der viertausend Reichsthaler, grob Courant, 
alle Jahr, und jedes Jahr besonders, so lange dasselbe bey uns unabgelöset 
stehen bleibt, in Octavis Trium Regum mit Vier pro Centum zu verzinsen, 
und welche Zinsen, gegen des Herrn Gläubigers, oder dieses Briefs getreuen 
Einfahrers, Quitung, zu bezahlen, auch damit solchergestalt ein Octavis Trium 
Regum des Eintausendsiebenhundertundsechsten Jahres den Anfang zu machen. 
Da aber obbesagtes Capital länger zinsbar stehen zu lassen, einem oder an- 
dern Theile nicht beliebt, soll dasselbe dem andern ein halb Jahr vorher die 
Loskündigung schriftlich oder mündlich zu thun berechtigt seyn, und wenn 
solches geschehen, so sollen und wollen wir und unser mit beschriebener, 
in deren nächst darauf folgenden Octavis Trium Regiuu, das Capital, zusamt 
allen verfallenen Zinsen und verursachten Kosten, in einer unzertheilten 
Summe, in empfangener Münze wiedenun zu bezahlen verpflichtet, Herr 
Gläubiger auch nicht gehalten seyn, einige Portionlies Solution an Land, 
Vieh, Waaren und dergleichen anzunehmen. Damit nun der Herr Creditor, 
und dessen mitbeschriebenes, angeregtes Capital sowohl, wie auch der ver- 
schriebenen Zinsen, und über Verhoffen verursachten Kosten und Schadens 
desto besser gesichert seyn mögen: Als versehen und verpfänden denenselben 
wir hiemit unsere und unserer mitbeschriebenen eigne, auch erstgemeldeter 
Landschaft gesammte Eingesessenen, sämtliche Beweg- und unbewegliche, 
itzige und künftig überkommende Haabe und Güter, keine davon ausbeschie- 
den, dergestalt, daß Sie, auf den Fall der nicht erfolgten beschriebenen Zah- 
lung, daraus dieselbe zu suchen, und zu nehmen berechtigt seyn mögen. 
Dawider uns und unsere mitbeschriebenen nicht schützen noch befre}^en sollen 
einige Exceptiones oder Ausflüchte, geistlich oder weltlich Gebot oder Ver- 
bot, kein Statutem Provinciale, kein widriger Landesgebrauch, und was der- 



8 Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 

gleichen mehr schon ersonnen oder künftig noch denen Debitoribus zu gute 
mag ersonnen werden, viel weniger die Regula: genzeleu remendationera 
non valere, nisi praecessit pecialis, maßen diesen allen, absonderlich der Ex- 
ception, rei non sie, sed aliter gestae, und übrigen allen, wie die Namen haben 
mögen, kraft dieses wohlwissentlich uns begeben. Alles ohne List und Ge- 
fährde. Zur Urkunde haben Wir diese Verschreibung mit eignen Händen, 
anstatt und von wegen der Landschaft untergeschrieben, und mit unsern 
Pettschaften versiegelt. So geschehen Meildorf in Octavis Trium Regum des 
Eintausend Siebenhundert Neun und Fünfzigsten Jahres 

(L S) Eggers (L. S) Claus Lienau 

(LS) Thießen pp H. Karstens pp 

[in allem 32 Namen J. 

IL 

Aus den Obligationen des p. t. Herrn Residenten von Jessen und dessen 
Frau Mutter d. d. 11. und 15. Febr. 1781 
Besonders aber wollen wir sieben von der Süderdithmarschen Landschaft 
ausgestellten und mir, der Etatsräthin Anna Christina Hedewig von Jessen, 
geb von Rheder, zuständige Pfand- Verschrbg. als: 

1) d. d. Oct. trium regum 1759 auf 4000 Th. grob Cour. 



2) 




1760 


500 Th. 


3) 




1762 


600 Th. 


4) 




1765 


900 Th. 


5) 




1766 


2000 Th. 


6) 




1774 


1500 Th. 


7) 




1775 


500 Th. 


die mi 


thin zusammen 


zehntausend 


Reichsthaler 



und die mithin zusammen zehntausend Reichsthaler betragen, hiermit 
plenoite dominii originaliter cediret und in des Herrn Verkäufers Händen 
überliefert haben, um sich daraus semper tarnen salvo iure \ariandi nach 
Willkühr bezahlt zu machen, gleich wie uns dann von dieser unserer Schuld- 
verschreibung nichts als die wirkliche baare klingende Bezahlung des völligen 
Capitals, der Zinsen und eventuellen Unkosten befreyen soll. 

5. (Kopenhagen.) 

Hochgebohrener Graf, Höchstzuverehrender Herr Geheimer-Rath, 
Staats-lMinister, Ritter p 
So fest ich darauf gerechnet hatte, gnädiger Graf, den ganzen Belauf des 
von Ewr. Hochgräflichen Excellenz mir angediehenen Vorschusses im dieß- 
jährigen Kieler- Umschlage auf einmal abtragen zu können, so schwer, ja un- 
möglich wird es mir, mich dieser Verpflichtung nach der Strenge und nach 
ihrem völligen Umfange zu entledigen. Wie unendlich schmerzhaft es mir 
sejTi müsse, besonders unter den itzigen Umständen, auch nur den entfern- 
testen Anschein wider mich zu haben, als ob ich entweder so unbedachtsam, 
oder so unordentlich in meinen wichtigsten Angelegenheiten, seyn könnte, 
die Nachsicht Ewr. Excellenz im eigentlichsten Verstände zu misbrauchen, 
läßt sich besser denken, als sagen. Die bloße Furcht, mich einem solchen 
Verdachte auszusetzen, müßte mir schon die Feder lähmen, wenn es allein 
auf die Frage ankäme, ob ich nicht mein Möglichstes thun sollte, das Ganze 
lieber, als die Hälfte, von dem Belauf meiner geringen Kieler-Ressource ab- 
zunehmen. Ich sehe aber, gnädiger Graf, eine ungeheure Menge von theils 



Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 9 

unvermeidlichen theils nöthigen Ausgaben vor mir, daß ich kaum bis Jo- 
hannis, geschweige bis künftigen Umschlag, auszureichen weiß. Meine beiden 
ältesten Söhne sollte ich nothwendig auf die Universität schicken; und wenn 
ich so glücklich wäre, die Haderslebeuer Bedienung zu erhalten, so würde 
und müßte das auch noch zu Ostern geschehen. Meine beiden ältesten 
Töchter sollte ich dieses Jahr nothwendig zur Confirmation gehen lassen. 
Die Ausgaben häufen sich, drängen sich von allen Seiten, imd noch nirgends 
sehe ich einen Strahl des Lichts, wo ich sie nur für die unentbehrlichsten 
Bedürfnisse hernehmen soll. Meine Hoffnungen auf eine baldige Beförderung 
werden mit jedem Tage, mit jeder neuen Nachricht von den großen Ver- 
änderungen um uns herum, schwächer, unsichrer. Ach gnädiger Graf! meine 
Lage ist entsetzlich! 

Nach langem Kampfe, wozu ich mich entschließen sollte, sehe ich mich 
doch noch gedrungen, Ewr. Hochgräflichen Excellenz gnädige Genehmigung 
zu erbitten, daß ich von meiner Schuld für dießmal nur etwa die Hälfte mit 
300 Th. abtragen dürfe, und, wenn mir dieß zugestanden würde, unterthänigst 
anzufragen, ob ich die 300 Th. hier in Hamburg ausbezahlen, oder in däni- 
schen Banknoten nach Kopenhagen absenden solle? In Bereitschaft stehen 
sie schon seit dem Ablaufe des vorigen Monaths. Nicht die wirkliche Ab- 
lieferung derselben, sondern die beschämende Vorstellung, meine Verpflichtung 
nur zur Hälfte, oder vielmehr nicht einmal zur Hälfte, zu erfüllen, ist mir 
schwer geworden, und hat mein gegenwärtiges Schreiben verzögert. 

Mit der tiefsten Veneration ersterbe ich 

Ewr. Hochgräflichen Excellenz p ganz unterthäniger Diener 

Altona den 18ten Febr. 1791. H. W. v. Gerstenberg. 

6. (Kopenhagen.) 

Hochgebohrener Graf, Höchstzuverehrender Herr Geheimerath, 
Staats-Minister, Ritter p 
Ewr. Hochgräflichen Excellenz gnädiger Verfügung zufolge habe ich die Summe 
von 300 Th. Schlesw, Holst. Courant in klingender Münze, und zwar in Species- 
Thalerstücken, an den Herrn Bank-Direktor Gebauer unterm 5ten dieses ab- 
geliefert, wovon derselbe vermuthlich mit der heutigen Post den Empfang 
einzuberichten nicht ermangeln wird. Meine Rührung, gnädiger Graf, über 
den ausnehmenden Grad von innerer Herzensgüte und wahrer Hoheit der 
Seele, den der übrige Theil dero gnädigen Schreibens ausdrückt, ist unbe- 
schreiblich. Ich glaube der Zukunft mit größerer Beruhigung, als jemals, 
entgegensehen zu dürfen, wenn es meinen Söhnen gelingen sollte, sich der 
hohen Protektion würdig zu machen, die Ew. Hochgräfliche Excellenz nicht 
allein persönlich mir selbst, sondern auch diesen Jünglingen für ihre heran- 
nahenden reiferen Jahre, durch solche Beweise einer mehr als gewöhnlichen 
Herablassung und Theilnehmung zu versichern die Gnade haben. Da Ostern 
schon zu nahe herangeriickt, und meine Aussicht auf die Haderslebner- oder 
eine andre Stelle noch zu unbestimmt ist, als daß ich mir schon einen Plan 
auf drey Jahre hinaus für die Studien meiner Söhne zu machen getraute, so 
werden sie dieß Jahr schwerlich nach Kiel kommen, und sich desto ange- 
legener seyn lassen, ihre Zeit hier noch gut anzuwenden. Sollte ich unter- 
dessen so glücklich seyn, eine Bedienung mit einer verhältnißmäßigeren Ein- 
nahme, als meine gegenwärtige ist, zu erhalten, wie Ew. Excellenz mir durch 
die gnädigen Versicherungen, welche Hochdieselben mir theils von den Ge- 



10 Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 

sinnungen Dero eignen hohen Wohlwollens, theils von Seiten Sr. Excellenz 
des Herrn Grafen von Bernstorf, zu geben geruhen, die erfreuliche Hoffnung 
dazu machen: wie unerwarteter Weise hätte dann die göttliche Vorsehung 
den \Yeg vor ihnen her gebahnt, und wie leicht und muthig würden sie in 
jene neue Laufbahn ihres bürgerlichen Lebens hineintreten! 

Mit der tiefsten und dankvollsten Verehrung ersterbe ich 

Ewr. Hochgräflichen Excellenz p ganz unterthäniger Diener 

Altona den 8ten März 1791. H. W. v. Gerstenberg. 

7. (Frankfurt.) 
Gnädiger Graf, 

Ew. Exzellenz haben die Gnade gehabt, mir mündlich zu erlauben, daß 
ich mich über die Ursaclien, die mich nöthigen, um eine Zulage aus der 
Lotto-Casse anzusuchen, schriftlich näher erklären dürfte. Ich glaube durch 
die That bewiesen zu haben, daß ich nicht gerne sollicitire. Ich habe in den 
theuersten Jahren, die wir erlebt haben, mich — fast möchte ich sagen ohne 
Beyspiel — enthalten, Ewr. Excellenz mit Bitten um Zulage beschwerlich zu 
fallen, weil mir immer noch das Mittel übrig blieb, meine wenigen dringen- 
den Bedürfnisse in eben dem Verhältnisse einzuschränken, wie die Pretia 
rerum stiegen, ob sie gleich, wie ich als allgemein anerkannt voraussetzen 
darf, seit 10 Jahren in dieser Gegend weit über das Duplum gestiegen sind. 
Mit den 500 Th., die ich aus der Lotto- und den 200 Th., die ich aus der 
Pensions-Casse genieße, wäre mir dieß freylich nicht möglich gewesen: ich 
hatte aber noch eine Reßource in dem Künstler-Talente meiner Ehegattinn, 
die mit einer Ilamburgischen Cattunfabrik schon vor meiner Ileirath unter 
Contract stand, ihr die Zeichnungen zu liefern, wodurch nach meiner ehe- 
lichen Verbindung mit ihr nieine Einnahme um 100 Th. vermehrt ward. 
Durch die Rivalität der Engländer ist aber itzt dieser Nahrungszweig der- 
gestalt für die Stadt Hamburg in Abnahme gerathen, daß der Eigenthümer 
der gedachten Fabrik schon beschlossen hatte, sie ganz eingehen zu lassen, 
als ihn vor einiger Zeit ein plötzlicher Tod der traurigen Vollziehung dieses 
Entschlusses überhob. Was er indessen nicht persönlich gethan hat, das 
haben seine Erben ausgeführt. Die Fabrik ist eingegangen, und ich sehe 
mich seitdem auf meine eigne jährliche Einnahme von 700 Th. zurückgesetzt, 
mit der ich kaum ein halbes, geschweige ein ganzes Jahr auskommen kann. 
Fühlte ich mich nicht schon zu alt, gnädiger Graf, um wieder als Schrift- 
steller aufzutreten, so würde ich durch meine Feder zu ersetzen suchen, was 
der Pinsel meiner Frau nicht mehr herbeyschaffen kann. Ich muß aber leider 
schon lange in die Antwort einstimmen, die der alte Theokrit Jemanden 
gab, der sich über sein schriftstellerisches Verstummen wunderte: was ich 
itzt schreiben möchte, das kann ich nicht mehr, und was ich noch schreiben 
könnte, das mag ich nicht. Der Mann, der dieß sagte, mochte etwa den 
Sechzigen nahe seyn, und war ein Grieche. Ich, der ich seit einiger Zeit 
nur zu fühlbar erinnert werde, daß ich mich den Siebzigen nähere, bin kein 
Grieche, finde keine Geldquellen in dem, was ich ehemals war, und hoffte 
noch vor kurzem, in Ermangelung derselben, meine letzte Ruhestätte er- 
reichen zu können, ohne meine hohen Gönner mit einer Meiner Sollicitationen 
belästigen zu dürfen. Doch das Schicksal hatte es anders beschlossen. 

Aus dem, was ich oben von meiner bisherigen Einnahme von 1400 Th., 
und von der Nothwendigkeit, worinn ich mich befaüd, mir bey dieser, an 



üngedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 11 

sich nicht unbeträchtlichen, Einnahme alle bloß Conventionellen Bedüi'fnisse 
abzuschneiden, erwähnte, werden Ew. Excellenz Höchstselbst ermessen, daß 
ich meine Wünsche auf die äußerste Gränze des nothdürftigen Auskommens 
beschränke, wenn ich nur um eine Zulage von 500 Th. ansuche. Dürfte ich 
mir die Absicht erlauben, den kurzen Rest meiner Tage nicht bloß kärglich, 
sondern auch einigrermaßen ruhig und heiter zu verleben, und wüßte ich, 
daß ich durch die Äußerung einer solchen Absicht mir nicht schaden würde: 
so möchte ich — ich gestehe es, gnädiger Graf — mit meinen Wünschen 
gern, auch nur um ein weniges, mich über diese äußerste Gränze hinaus 
versteigen. Mein Vorerster, ^^ der Conferenzrath von Aspern, hat, so viel 
ich weiß, nie weniger als 1000 Th. aus der Lotto-Casse gehabt, und stand 
noch außerdem in dem lucrativen Posten eines Altonaischen Stadt-Kämme- 
rers. Allein ich bin weit entfernt, die Regel meiner Glückseligkeit in solchen 
Vergleichungen zu suchen, und überlasse mich und mein Schicksal ganz der 
mir längst bewährten theilnehmenden Gesinnung eines großen Staats-Ministers, 
der, wie ich gar wohl weiß, und mich gern bescheide, bey der Bewilligung 
von Zulagen und Gratificationen in dem mehr oder weniger beschränkten 
Vermögen des Staates einen ganz anderen Maaßstab der Wohlthätigkeit, als 
in seinem eigenen edlen und gefühlvollen Herzen findet. Da ich aber bis 
dahin nur von meinem itzigen Gehalte leben muß, und also in Gefahr bin 
Schulden zu machen, wenn mir nicht bald geholfen wird: so wage ich es, 
auch noch diesen Umstand, in Beziehung auf die baldmöglichste Datierung 
der Zulage — denn daß auf mein nothgedrungenes Gesuch um die Zulage 
selbst keine Rücksicht sollte genommen werden, darf und mag ich mir nicht 
einmal denken — so respect- als vertrauensvoll zu berühren. 

Ich schließe mit der Wiederholung von etwas, wovon der erhabene 
Menschenfreund, an den ich dieß Gesuch richte, längst überzeugt seyn muß, 
daß Niemand eine Wohlthat von diesem Belang tiefer, inniger, und dank- 
baier empfinden könne, als 

Ewr. Hochgräfl Excellenz ganz unterthäniger 

Altona d 30st Okt. 1804. H. W. v. Gerstenberg. 

8. (Kopenhagen.) 
Gnädiger Graf! 

Ewr, Hochgräflichen Excellenz nahm ich mir zu Anfange dieses Winters 
unterthänigst die Freyheit, mein nothgedrungenes Gesuch um eine Zulage, 
nach der mir deßfalls mündlich auf Wandsbek gewordenen gnädigen Erlaub- 
niß, schriftlich zu wiederholen. Die Hauptmomente dieses Gesuchs bestanden 
in einer Darstellung des mich betroffenen Verlustes meiner halben jährlichen 
Einnahme, und der Unmöglichkeit, bey meinem hohen Alter diesen Verlust, 
oder auch nur einen geringen TheU desselben, durch meine eignen Kräfte 
zu ersetzen. 

Ich fühle die Unschicklichkeit, einen großen für das höhere Wohl des 
Ganzen unabläßig beschäftigten Staatsminister mit beständig erneuerten Solli- 
citationen über einen imd denselben Gegenstand zu bestürmen, die doch 
weiter nichts sagen können, als was schon gesagt ist, zu sehr, als daß ich 
meine Ungeduld, nur irgend einen Ausweg aus meinem itzigen Labyrinth 
geöffnet zu sehen, das Übergewicht über dieses Pflichtgefühl der Bescheiden- 

1 Vorgänger. 



12 Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 

heit hätte verstatten können; zumal da jene Edlen auf Wandsbek, die an 
meinem Schicksale einen so unverkennbaren Antheil nelinien, gerade in der 
bisher noch verschobenen Beantwortung meines Gesuchs einen Grund zu 
entdecken glaubten, mich über den Erfolg desselben zu benihigen. Gleich- 
wohl darf ich mir doch die Älögliclikeit nicht verhehlen, daß meine Privat- 
Angelegenheit, so wichtig sie auch mir selbst ist, doch unter der Menge neuer 
Einrichtungen, durch die sich Ew. Hochgräfliche Excellenz in der gegen- 
wärtigen Epoche, so wie in jeder vorhergegangenen, um den Staat verdient 
machen, auch bey dem erklärtesten Triebe des Wohlwollens sich der Auf- 
merksamkeit und dem Andenken des erhabenen Menschenfreunds, an den 
jenes Gesuch gerichtet war, habe entziehen können. Und selbst auf den 
Fall, daß ich mir hierunter eine ganz unnöthige Besorgniß machte: wird diese 
große und schöne Seele mir nicht gern den Versuch verzeihen, einen gün- 
stigen Augenblick zu treffen, wo durch den Federstrich eines einzigen Fiat 
dem unruhigen schmerzvollen Herzen einer von innen und von außen be- 
drängten Familie ein sehnlich erwünschtes Ende gemacht würde? einer Fa- 
milie, die sich nur noch durch die einzige Hoffnung aufrecht erhält, daß eine 
Zulage von 300 Th., um die ein alter TOjähriger Mann, der nach dem natür- 
lichen Verlaufe des menschlichen Lebens, dem Staate auch damit nicht lange 
zur Last fallen kann, sich nun zum Ictztenmalc anzusuchen genötliigt sieht, 
keine unübersteiglichen Hindernisse finden werde? Ach, um des Himmels 
willen, gnädiger Graf, — wenn ich dem Schrecken, mit dem mich die bloße 
Vorstellung von solcher Möglichkeit ergreift, diesen starken Ausbruch er- 
lauben darf — um des Himmels willen, gnädiger Graf! keine abschlägige 
Antwort! Die Folgen einer Einbuße von 700 Th. sind mir schon in diesem 
halben Jahre so äußerst nachtheilig gewesen, daß mir der Gedanke, meine 
letzten Tage in einer Geldnoth, wie diese war, und es mit jedem Tage in 
immer steigenden Verhältnisse werden muß, beschließen zu sollen, die här- 
teste Strafe scheint, deren selbst ein durchaus nichtswürdiger Mensch sich 
schuldig erkennen könnte. 

Ich wage es, mich auf die in meinem vorigen unterthänigsten Schreiben 
weiter detaillirten Umstände, welche die erwähnte Einbuße, für mich und 
die Meinigen herbeigeführt haben, ehrfurchtsvoll zu beziehen, und einer gnä- 
digen Erhörung meiner so flehentlichen und wahrlich nothgedrungenen Bitte 
mit derjenigen tiefen Devotion entgegen zu sehen, mit der ich ersterbe 

Ewr. Hochgräflicheu Excellenz ganz unterthäniger Diener 

Altena den 22ten Febr. 1805. , H. W. v. Gerstenberg. 

9. (Frankfurt.) 

Hochgebohrener Graf, Höchstzuverehrender Herr Gebeimer-Staats- 
Finanz- und Commerz-Minister, 
Nicht ohne die äußerste Besorgniß, Ewr. Excellenz mir so sehr bewährte 
gnädige Gesinnung durch abermaliges Sollicitiren zu mißbrauchen, sehe ich 
mich genöthigt, das einzige Mittel das mir übrig bleibt, zu ergreifen, und 
meine Zuflucht zu der Autorität des großen Staatsministers zu nehmen, die 
es allein in ihrer Macht hat, der mir angediehenen königl Gnade in der Bey- 
behaltung meiner bisherigen Einnahme von 700 Th. ihren abgezielten Effect 
zu verschaffen. Es ist hier leider! mit dem Mißcredit des S.H. Papiergeldes, 
besonders der kleineren Sorten, die man von der Stadt-Cämmcrey empfängt, 
80 weit gekommen, daß ich in Gefahr bin, mit diesem Papiergelde noch vor 



üngedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 13 

meiner natürlichen Auflösung Hungers zu sterben; wenn jene mir allergnä- 
digst beybehaltene 700 Th. auf eine Gasse angewiesen werden, die mir statt 
dessen lauter Zettel auszahlt, welche im täglichen Verkehr, ich darf nicht 
einmal sagen einen sehr schwankenden, sondern überhaupt gar keinen Coitrs 
haben, weil Niemand, der es irgend vermeiden kann, sich damit belasten 
will. Nur die Lotto-Casse ist im Stande, da sie die Einsätze unter 5 Th. in 
Scheidemünze von den Collecteurs erhebt, die auf sie angewiesenen Aus- 
zahlungen baar, nämlich ebenfalls in Scheidemünze, zu leisten ; und nur von 
ihr kann ich also auch nach wie vor den effektiven Belauf der mir bewillig- 
ten 700 Th. erhalten, wenn Ew. Excellenz die einzige Gnade für mich haben 
wollen, die Verfügung zu treffen, daß ich dieses Geld quartaliter wie bisher 
hier in loco bey gedachter Lotto-Casse erhalten kann. Die General-Lotto- 
direction ist, wie ich aus ihrem eignen Munde weiß, so weit entfernt, mir 
diese gerechte Erleichterung meiner nothdürftigen Subsistenz zu mißgönnen, 
daß es ihr \'ielmehr nahe gehen würde, wenn ein so bejahrter Emeritus, wie 
ich es bey der Altonaischen Zahlen-Lotterie in dem hohen Alter von 76 Jahren 
nun durch die Gnade Gottes geworden bin, an eine Casse verwiesen werden 
sollte, von der er nichts als Verlust, und in diesem Verluste nichts als Jammer 
zu erwai-ten hätte. Ich bitte flehentlich, geben Ew. Excellenz mir doch noch 
diesen, mit so gar keiner Schwierigkeit verbundenen, für mich und die Mei- 
nigen aber höchst wichtigen und nie genug zu verehrenden Beweis Ihrer 
Teilnahme an dem Schicksale des alten Gerstenbergs, damit ich, unter den 
übrigen schönen Erinnerungen, die ich der Gnade Ewr. Excellenz verdanke, 
auch diese mir noch zu allerletzt gewährte mit mir ins Grab nehmen könne! — 

Ich ersterbe in den Empfindungen der tiefsten Veneration 

Ewr. Exzellenz ganz unterthäniger Diener 

Altona d 25 st Aug. 1812 H. W. v. Gerstenberg. 

10. (Kopenhagen.) 

Hochgebohrener Graf, Höchstzuverehrender HeiT Geheimeratli 
und Commerz-Minister, 
In der diingenden Verlegenheit, worinn ich mich befinden AAälrde, wenn 
ich an den mir allergnädigst beygelegten, so eben zu meinem kärglichsten 
Unterhalte hinreichenden 700 Th. noch etwas verlieren sollte, nahm ich mir 
vor einiger Zeit die Freyheit, an Ew. Excellenz mein unterthäniges Ansuchen 
gelangen zu lassen, daß mir diese 700 Th. wenn es irgend thunlich wäre, 
aus der hiesigen Lotto-Casse ausgezahlt werden möchten. Da aber bei dem 
itzt abgelaufenen Quartals-Termine der Stadt-Cämmerier Olde mir meine 
wenige Pension von 200 Th. in sogenannten blauen Zetteln zugesandt, und 
mich zugleich benachrichtigt hat, daß die Anweisung auf die übrigen 500 Th. 
wohl schwerlich vor Neujahr eintreffen würde, so fühle ich das Traurige 
meiner Lage doppelt — leider schreibe ich diesen Brief auf dem Kranken- 
stuhle nach einem vorhergegangenen gefährlichen Bein- oder vielmehr Flechsen- 
bruche — daß ich mich genöthigt sehe, Ew. Excellenz mit dieser Geld- An- 
gelegenheit abermals behelligen zu müssen. Ich brauche wohl in keinen 
weitschweifigen Detail einzugehen, um zu beweisen, daß es mir schlechter- 
dings unmöglich sey, mit 150 Th. — und selbst von diesen 50 Th. was 
bleibt mir übrig, wenn ich den Verlust auf die blauen Zettel, die mir die 
Stadt-Cämmerey unbegreiflicher Weise aufdringt, und die Stadt-Opera, die 
an die nämliche Cämmerey alle in Silber abgetragen werden müssen, nebst 



14 Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 

den übrigen Abgaben davon abrechne? — bis Neujahr auszukommen; mit- 
hin hängt meine ganze Subsistenz davon ab, daß mir die mir allergnädigst 
bewilligte Pension von 700 Th. quartaliter, und nicht erst zu Neujahr aus- 
gezahlt werden. Indem ich nun hierüber einer gnädigen Resolution mit ehr- 
erbietigem Vertrauen entgegen sehen darf, wage ich unter der Voraussetzung, 
daß es mit der Anweisung auf die gedachten 500 Th. vielleicht noch res in- 
tegra sey, meine vorige unterthänige Bitte zu wiederholen, daß mir wenig- 
stens diese 500 Th., wenn auch nicht das Ganze der 700 Th., von der Lotto- 
Gasse ausbezahlt werden möge, welches mir auf jeden Fall, selbst wenn die 
Lotto-Gasse in der Folge genöthigt sein sollte, ihre Zahlungen gleichfalls in 
Papier-Gelde zu leisten, verschiedener häuslicher Verhältnisse wegen zur 
nicht geringen Erleichterung gereichen würde, wenn anders unter solchen 
Umständen noch von Erleichterung die Rede seyn darf. 

Ich habe die Ehre, mit der tiefsten Veneration zu beharren 

Ewr. Excellenz ganz unterthäniger Diener 

Altona den 6ten Oct. 1812. H. W. v. Gerstenberg. 



XXL Briefe Gerstenbergs an Voß. ^ 

1. 

Altona 2 May 1794. 

Liebster Voß, ich bin Ihnen, mehr als ich sagen kann, für das ganz vor- 
treffliche Geschenk Ihrer Mythologischen Briefe verbunden. Was ich mir 
immer als das Studium Ihres Homer dachte, hat, Avie ich nun sehe, so aus- 
nehmend ich mir es auch dachte, den außerordentlichen Umfang, den hohen 
Werth, den in seiner Art ganz einzigen Gehalt desselben bey weitem nicht 
erreicht. So wie Sie hat, meines Wissens, noch nie ein Leser, Ausleger, 
Übersetzer seinen Homer gelesen. Ich wundre mich gar nicht, daß Ihnen 
das Heynische seichte und eitle Gewäsche die peinlichsten Empfindungen ge- 
macht hat. Ein Halbseher, dem es gelingt, digitie monstrari et dicier: Hie 
est! 2 blos weil Niemand da ist, der auch etwas sähe, muß für den, der ihn 
so, wie Sie, übersieht, ein unerträglich windigter Patron sein. Wenn Heyne 
noch Menschenverstand hat, und sich zu schämen im Staude ist, so muß er 
einsehen, daß er, Ihnen gegenüber, wie ein Gorgias oder Protagoras neben 
Sokrates hingestellt erscheine. 

Alles Lesen — ich bin itzt mehr als jemals davon überzeugt — ist eine 
Art von Seelen-Hermeneutik, die diesen vielumfassenden Namen nur halb 
verdient, so lange der Leser den Horizont verkennt, unter dem sein Autor 
geschrieben hat, und den er sich nur durch eigne Intuition vergegenwärtigen 
kann. Man muß, wie Sie, begriffen haben, daß keine menschliche Phantasie 
ihren Gesichtskreis anticipire, sondern vielmehr mit den Bedürfnissen und 
Erfahrungen des Zeitalters in einem sehr genauen Verhältnisse stehe. Ehe 
die Künste der bildenden Hand mit dem, was der Verstand hinzuthut, er- 
funden waren, mußten die Gestalten der Götter und Heroen, ihre Zwecke 



^ Im Besitz der Gymnasialbibliothek zu Eutin. 

2 Schluß eines Hexameters, Persius satira 1, 28; dicier archaisch = dici. 
Auffällig die persönliche Konstruktion des Persius. Persius ist Nachahmer 
des Horaz; der Vers, als Einwand eines Anhängers philiströser Auffassvmg 
des Dichterberufs, ironisch. 



Üngedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenberga 16 

und Mittel, sich der Einbildung des Dichters mit demjenigen Schematismus 
darstellen, den diese aus sich allein hervorbringen konnte. Das Schreiten 
der Götter über Luft, Meer, Land mußte immer ein Schreiten bleiben: denn 
wo sollten die Flügel herkommen, wenn vom Schreiten die Rede ist? Eben 
das, daß sie in der Folge auch in der Poesie zum Vorschein kamen, deutet, wie 
Sie entscheidend gezeigt haben, auf einen Ursprung, welcher der Poesie fremd 
ist; und eben das, daß Homer seine Götter Luftschritte ohne Flügel machen 
läßt, beweist unwidersprechlich, daß die Künste der bildenden Hand in ihrer 
nachherigen Vollendung ihm glücklicher Weise noch fremd waren. So auch 
die Homerische Erdkunde. So seltsam es auch auf den ersten Anblick 
scheint, daß Homer etwas von Scylla und Charybdis gehört haben, und 
gleichwohl Thrinakien^ an der Gränze des Oceans mit den Kimmeriem und 
Aethiopen in gleicher Entfernung und Lage denken sollte, so begreiflich 
wird es doch, wenn man sich mit Ihnen einen festen Standpunkt macht, aus 
dem Homer seine Welt überschauen mußte. 

Ehe wir unsern Horizont überall noch dem wirklichen Gesichtskreise der 
Alten abändern und abgränzen lernen, werden wir sie nie mit dem wahren 
Interesse lesen, mit dem Voß sie gelesen hat, und Lessing sie zu lesen 
suchte. Wie sehr wünschte ich, daß Sie Jedermann so lebendig davon über- 
zeugen könnten, als mich die Lesung Ihrer Myth. Briefe davon überzeugt hat! 

Aber daran, so weit ich die Bedürfnisse und die Superviliosität unserer 
heutigen Lesewelt kenne, verzweifle ich vor die Hand noch ganz. Ihr Stil 
ist zu attisch, zu gearbeitet, als daß er dem schlüpfrichen verwöhnten Gau- 
men des großen Haufens nicht trocken vorkommen sollte. Mica salis ist den 
Leuten heutiges Tages zu wenig: es muß scheffelweise ausgeschüttet werden. 

Sohn der Natur! wie glücklich müssen Sie sich in Ihrem freundlichen 
Garten, an den Ufern Ihres beneidenswürdigen Eutiner-Sees, in dem Kreise 
Ihrer herrlichen guten Gattinn und Kinder fühlen, bey dieser schönen Jahres- 
zeit fühlen! Werde ich nie den sehnlichen Wunsch meiner Seele erfüllen, 
meinen Voß noch einmal in diesem Paradiese zu umarmen? Wie wenig habe 
ich Ihren lehrreichen Umgang zu nutzen gewußt! wie viele Stunden meines 
Lebens habe ich selbst in Eutin verlohren, wo ich noch Ruhe und Heiterkeit 
hatte, um mit Nutzen zu lesen ! Doch diese Saite muß ich ja nicht berühren 

Ich sehe, daß es nun doch der Dichter Nonnus, und nicht der Nonnius 
de piscium, den ich Henslem geschenkt habe, war, den Sie letzthin von 
mir verlangten. Nur begreife ich nicht, wie Sie jenen Nonnus bey Henslern 
gesehen haben können, da ihn H., so viel ich mich erinnere, nie von mir 
geliehen hatte, und ich selbst kein andres Exemplar vom Nonnus besaß, als 
was ich meinen Söhnen, und Fritz der Gymnasien-Bibliothek hingab. 

Leben Sie wohl, mein theuerster Voß, und lieben Sie stets 

Ihren Gerstenberg. 

2. 

Undatiert. ^ 

Da ich noch ein Viertheistündchen übrig habe, so kann ich mich nicht 
erwehren, über Wolfs Briefe ein wenig mit meinem Voß zu kosen. Viel- 
leicht läßt mein Voß sich gefallen, mir gelegentlich einmal etwas umständ- 



> Die sagenhafte Insel, auf der die Rinder des Helios weiden (11. Buch 
der Odyssee, Vers 107 ff.). Meist, wie auch G. es tut, auf Sizilien gedeutet. 
2 Wolfs Werk erschien 1795, also vermutlich auch dieser Brief. 



16 Ungedruckte Dichtungen und Briefe GerstenbergB 

lieber über eine Streitfrage zu schreiben, die mir so verwickelt, als je eine 
andre zu seyn scheint. 

Die Frage ist, so viel ich davon verstehe: 

Läßt es sich denken, daß ein Gedicht von 24 Büchern, in dem eine so tief 
durchdachte und bis auf die geringsten Kleinigkeiten durchgeführte Einheit 
herrscht, wie in der Ilias und in der Odyssee, durch Ehapsoden zusammen- 
geflickt, und durch Grammatiker zu einem solchen Ganzen aufgestutzt 
werden konnte? 

Hierauf antwortete Wolf: 

Es läßt sich allerdings denken. Denn es ist ganz gewiß, daß Macpherson 
mit seinem Ossian etwas ähnliches unternommen hat. 

Da erwidert man aber: 

Mitnichten. Macpherson hat keineswegs aus seinem Ossian ein solches 
Ganzes gemacht, wie die Ilias und die Odyssee ist. Bey ihm ist das Flick- 
werk aus biblischen Sprüchen und aus gälischen Sagen und Liedern noch 
immer sichtbar. Aber wer kann sich rühmen, in der Ilias nur einen Schimmer 
von einer Nath zu zeigen, wo das Mannigfaltige ganz verschiedener Dicht- 
und Denkarten zu der Einheit eines vollendeten Ganzen zusammengefügt wäre? 

Das kann ich, antwortet Wolf. Ich will euch nicht eine, sondern viele 
dergleichen Näthe zeigen, die ganz offenbar eine Zusammenstück elung meh- 
rerer Hände, sogar aus ganz verschiedenen Zeitaltem, verrathen. Und wie? 
Gesteht ihr nicht selbst, daß die homerischen Hjinnen bloß ihrer in einzelnen 
Worten abweichenden Diction wegen, die auf andre Zeiten und Sitten hin- 
deutet, unm(")glich von Homer seyn können, ob ihr gleich einräumt, daß 
übrigens der Geist, der über der Ilias, der Odyssee, dem Hymnus an den 
deiischen Apollo, an Aphrodite, an Hermes schAvebt, so durchaus der näm- 
liche sey, daß Niemand darauf verfallen würde, ihnen verschiedene Verfasser 
unterzulegen, wenn diese Verschiedenheit der Diction nicht zuerst darauf 
aufmerksam gemacht hätte. 

Mit eben den Gnind, sagen Andre, ließe sich nur beweisen, daß Luthers 
Bibelübersetzung nicht von Luther seyn könne, weil die neuen Ausgaben 
ganz andre Ausdrücke und Sprachwendungen haben, als die von Luther be- 
sorgten. Was du als einen Beweis für die Mehrheit der Verfasser ansiehst, 
beweist weiter nichts, als daß mehrere Abschreiber, Kritiker, Sprachreiniger 
u. s. w. dabey geschäftig waren. In den Hymnen und in den beiden Epo- 
pöen herrscht eine ganz andre Art der Einheit, als in irgend einigen andern 
Produkten des nachahmenden Geistes pp 

Ich bitte Sie, liebster Voß, helfen Sie mir zurechte. Ich gestehe es, ich 
bin hier ganz im Dunkeln. 

3. 

Altona 20 Jun(i) 1800. 
Nie hat mir eine schlechte Witterung bey gesundem Leibe so unangenehme 
Empfindungen gemacht, als die in diesem unseligen Jun. Monath, von dem 
ich mir so viele Freude versprach ! In beständiger Unruhe, ob die geschwächte 
Gesundheit meines Voß ihr wohl in dem Grade würde widerstehen können, 
daß der Reiseplan auf Hamburg und Meldorf nicht ganz dadurch vereitelt 
würde, erlosch mir mit jedem Tage ein Fünkchen Hoffnung nach dem andern, 
den lieben Freund und seine edle Ernestine noch in diesem Mouathe hier in 
Altona zu umarmen. Eine Besorgniß ist nun durch Ihren gestrigen Brief, 



Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gersteubergs 17 

mein innigst geliebter Voß, glücklich gehoben: Sie sind gesund; das ist die 
Hauptsache. Aber wie schwer wird es mir, all die schönen Luftschlösser 
Avieder einzureißen, die ich mii- für die so sehnlich herbeygewünschten 
8 Tage Ihres hiesigen Aufenthaltes erträumt hatte! Das Andenken an die 
xielen glücklichen Tage, die ich ehemals mit meinem Voß verlebt hatte, war 
nach meiner itzigen Rückkunft von Eutin so lebendig in m.einer Seele ge- 
worden, daß ich nur mit Ungeduld daran denken kann, mich auf unser 
Wiedersehen so ganz vergeblich gefreut zu haben. Gewiß, mein theuerster 
Freund, wie sehr ich auch Ihre Entschlüsse ehre, so kann ich mich doch 
kaum enthalten, über den letzten Entschuldigungsgrund, den Sie mir an- 
führen, ein Avenig zu murren. Soll ein Mann wie Voß nicht das Eecht 
haben, auf einer Reise, die er seiner Gesundheit, seiner Aufheitening wegen 
unternimmt, seine Besuche nach seinem eignen Gutdünken einzurichten? Wie 
oft habe- ich mir nicht müssen gefallen lassen, daß meine Lübeckschen 
Freunde sich 8, 14 Tage und länger in Hamburg aufgehalten haben, ohne 
mich eia einzigesmal zu besuchen? War ich befugt, sie darüber zur Rechen- 
schaft zu ziehen? Habe ich mich selbst nicht in Hundert ähnlichen Fällen 
über die Meynungeu Anderer hinweggesetzt? Wird durch bloße Besuche 
irgend ein Verliältniß in der Welt anders, als es sonst war? Und dann 
würde Kl.^ der ja wohl wissen muß, was schriftlich unter Ihnen beiden vor- 
gefallen ist, nicht vielleicht recht wohl damit zufrieden gewesen seyn, wenn 
Sie ihm und sich selbst eine müudliclie nähere Erörterung erspart hätten? 
Was übrigens die Abendschmäuse betrifft, so wissen Sie besser, als ich es 
Ihnen sagen kann, wie ein Mann von Grundsätzen, der dafür bekannt ist, 
zumal wenn seine unschätzbare Gesundheit dabey in Betrachtung kommt, 
sich gegen dergleichen Zudringlichkeiten zur Wehre setzt. Zu geschAveigen, 
daß Ihre wirklichen Freunde in Hamburg sie sich gegen Sie gewiß nicht 
einmal erlauben würden. 

Die Witterung fängt gerade itzt, da ich dieses schreibe, an wieder gün- 
stig zu werden. Auf einer Reise, die man seiner Gesundheit wegen macht, 
hat ein kleiner Umweg bey heiterer Sonne allemal Vorzüge vor dem besten 
Richtwege, und Zerstreuimgen gehören ohnehin mit in Ihren Reiseplan. 
Lassen Sie sich erbitten, lieber guter Voß, die Sache noch einmal mit Ihrer 
Ernestine zu überlegen, und wenn es irgend möglich ist, so lassen Sie meine 
so warmen Hoffnungen, Sie auf einige Tage auch unter meinem Dache zu 
genießen, .nicht zu Schanden werden. Meine Sophie vereinigt ihre Bitten 
mit den meinigen: Sie haben ja beide uns beide lieb. 

Ihre Anmerkungen zum Theokrit, da ich nicht wissen kann, ob Sie ihrer 
bis dahin entbehren können, schicke ich Ihnen inzwischen gleich, und, weil 
ich einmal beym Einpacken bin, imd der Brief doch mit der fahrenden Post 
geht, auch die drey griechischen Bücher nebst Wolfs Briefen an Heyne 
zurück. Aus allen habe ich viel gelernt, was mir neu und wichtig war: 
vorzüglich aus Ihren Anmerkungen und aus Ihren Lesarten und Conjektureu 
zur Hymne an die Ceres. Hammerich;2 ist noch mit Auspacken beschäftigt, 
möchte auch wohl so bald nicht damit fertig werden. Mit der lebhaftesten 
Dankbarkeit sehe ich daher auch Ihrem Virgil vom Landbau entgegen: Nie- 
mand macht so reichhaltige Geschenke, als Voß. daß der Gedanke, mit 
Ihnen den Rest meiner Tage zu verleben, etwas mehr als ein schöner Traum 



1 Klopstock. ^ Altonaischer Buchhändler und Verleger Gerstenbergs. 

Archiv f. n. Sorachen. 141. 9 



18 Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenberga 

wäre! Wie geizig wollte ich diesen Rest auskaufen, dessen Werth mir immer 
mehr einleuclitet, je weniger ich zu verlieren habe! 

Die beiden Guzman behalte ich mit Ihrer Erlaubniß bis zu einer 
andren Gelegenheit zurück. Ich habe noch keine Zeit erübrigen können, 
sie zu lesen. So viel ich aber beym vorläufigen Durchblättern bemerkt 
habe, möchte der Gewinn auch nicht einmal von Erheblichkeit seyn, Avenig- 
stens der nicht, der sich von der Übersetzung machen läßt. Es ist doch 
eine eigne Sache mit den franz. Übersetzern: diese Menschenclasse ist in 
ihrem Geschmack so ekel, daß er kein Original aus ihren Händen ent- 
schlüpfen läßt, ohne es mit ihrem eignen Uurathe zu besudlen. 

Warum haben Sie mir nichts von Ihren eignen Idyllen gesagt, die Sie 
mir zur Michaelis-Messe versprechen? Ich bin sehr unzufrieden mit mir 
selbst, daß ich die kostbare Zeit, die ich bey Ihnen zubrachte, so wenig ge- 
nutzt habe. Von den Gedichten Ihrer Ernestine, die, wie mir meine Sophie 
sagt, so voll der schönsten mütterlichen Empfindungen sind, habe ich nur 
ein einziges gelesen. Sie können sich aber kaum vorsteilen, mein bester 
Voß, wie wild mir da alles durch Kopf und Herz schwärmte, wie ganz 
sonderbar mir von dem Augenblicke an zu Muthe war, da ich den lieben 
Eutincr-Bodon, Ihre Zimmer, Ihren Garten pp wieder betrat. 

Tausend Grüße an die gastfreundlichen Jacobis, au denen ich weiter 
nichts zu tadeln habe, als daß man bey ihnen nicht schlafen kann. Auch 
an die Herren Vandebourg und Villers,' wenn Sie den letzteren etwa vor 
Ihrer Abreise sehen. Ganz Ihr G. 

4 

Altena 24 Dcbr 1812. 
Liebster Voß, 

Wenn Sie etwa zuweilen in den Zeitungen den Artikel von Kopenhagen 
lesen, so werden Sie gleich auf den ersten Anblick des hiebey angeschlossenen 
gedruckten Laufzettels erratheu, was Ihren alten Freund bewegt, Sic nach 
einem langen mehrjährigen Stillschweigen mit einer Angelegenheit dieser 
Art bis nach Heidelberg zu verfolgen. Lange, sehr lange — Sie selbst 
werden es mir bezeugen — habe ich mich gesträubt, meine, fast schon in 
meiner eignen Erinnerung verschollenen, Papiere noch einmal, und zwar zum 
letztenmale, mit dem Vorsatze durchzublättern, um, wo möglich, etwas daraus 
zusammenzusetzen, was unter dem Titel: Sämtliche Werke, oder einem ähn- 
lichen, mit einigem Anstand vor dem Publico erscheinen kann. Man hat aber 
in Kopenhagen, wie ich Ihnen gleich umständlicher erzählen werde, Mittel 
gefunden, mich dazu zu zwingen, freylich nicht direct in der Absicht, meinen 
schriftstellerischen Entschluß zu beschleunigen — so beschlüssig ist man in 
Kopenhagen nicht — aber doch indirect. Das einzige Gute, was ich vor 
der Hand diesem, mir sonst wahrlich höchst mißfälligen, Zwangsmittel zu 
verdanken habe, ist, daß es mir die Gelegentheit verschafft, wieder an meinen 
herrlichen Voß zu schreiben, und sein Andenken an mich nicht etwa bloß 
aufzufrischen, sondern mit einer Art von Zudringlichkeit, die ich mir nur 
bey einem Freunde wie Voß erlauben konnte, in Thätigkeit zu setzen. Wie 
sehr werde ich Ursache haben selbst dieser Zudringlichkeit mich zu erfreuen, 
wenn sie mir das sehnlich erwünschte Vergnügen bewirkt, einen Brief von 
der Hand dieses Vielgeliebten zu lesen, der mich auch seinerseits seiner un- 



^ Charles de Villers; s. meine Biographie. 



Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 19 

verminderten Liebe und Freundschaft und Bereitwilligkeit mir nützlich zu 
eeyn versichert. 

Um mich Ihnen also über das Zwangsmittel, dessen ich vorher erwähnte, 
näher zu erklären, fange ich mit der Nachricht an, daß ich, da ich mich 
doch nun schon meinem achtzigsten Jahre nähere, — das 77ste habe ich 
schon zurückgelegt, — für nöthig hielt, zu Anfang dieses Sommers um 
meinen Abschied anzuhalten; der König hatte nichts dawider; und um mir 
einen Beweis seiner Zufriedenheit mit meinem 50jährigen Dienste zu geben, 
that er etwas (oder vielmehr, wie sie gleich sehen werden, schien es zu 
thun), was seit vielen Jahren hier im Lande fast unerhört ist: er sicherte mir 
in meinem Abschied zugleich ausdrücklich die Beybehaltung meiner bis- 
herigen vollen Einnahme zu. So weit gut. Einige Posttage nachher aber 
— wer hätte sich so was träumen lassen? — ward mir von der Finanz- 
Casse bey Übersendung des Abschieds zugleich angezeigt, daß Sr, M. alier- 
gnädigst geruht hätten, der Resolution eigenhändig hinzuzufügen, daß mir 
meine Pension in sogenannten Repräsentationen ausgezahlt werden sollten. 
Die Repräsentationen sind eine Anweisung auf die Schatzkammer, den Werth 
In baarem Gelde zu zahlen. Recht gut auch das. Unglücklicher Weise hatte 
aber der Cours, der über alles Papiergeld mit unbeschränkter Machtvoll- 
kommenheit gebietet, wie der König wohl wußte, diesen Werth bis auf den 
vierten Theil herabgesetzt, d. h. die Schatzkammer bezahlte mir dieser könig- 
lichen Verfügung zufolge für 100 Th. nur 25 Th. Stellen Sie sich, liebster 
Voß, mein Erstaunen, meinen Schrecken, meine Verlegenheit vor. Ich, der 
ich meine letzten Tage mit der Aussicht auf ein ruhiges, und wenigstens 
von dieser Seite ungetrübtes, Alter zu beschließen hoffte, finde mich nun 
auf einmal in wirkliche Nahrungssorgen versetzt, in Nahrungssorgen, wie ich 
sie kaum in der traurigsten Periode meines Lebens gekannt hatte. Es war 
also durchaus und unumgänglich nothwendig, daß ich auf eine andre Hülfs- 
quelle bedacht sein mußte, die mir, bis etwa das allgemeine Elend mit einer 
besseren Lage der Dinge wechselt, den Verlust an dem Papiergeld ersetzen 
könnte. Da ich nun in der Geschwindigkeit keine näheren ausfindig zu 
machen hoffte, so habe ich mich in mich selbst eingehüllt, und trete noch 
einmal als Autor auf. 

Was ich damit sagen will, werden Sie aus der Ankündigung ^ ersehen. 
Nur über das abgezielte Mittel, und ob ich mir nach Ihrer reifern Einsicht 
etwas davon versprechen könne, muß ich noch einige Worte hinzusetzen. 
Der gute Hammerich geht von der Voraussetzung aus, daß es ihm gelinge, 
sich 1000 Subscribenten zu verschaffen, was zwar in dieser Zeit der allge- 
meinsten Geldnoth, und bey der itzigen Beschaffenheit der deutschen Litte- 
ratur kaum zu erwarten ist. Es soll ihm aber auch nur zur Basis dienen 
um seine Anerbietungen darauf zu gründen. Für jedes Hundert dieser Sub- 
scribenten bezahlt er mir 200 Th. ; und wenn sich 600 Subscribenten ein- 
gefunden haben, so fängt er an zu drucken. Sind ihrer aber nur 400, so 
entlasse ich ihn seiner Verpflichtung und suche mir einen Verleger zu ver- 
schaffen, bey dem ich meinen vorher erwähnten Endzweck besser erreichen kann. 

Nun bitte ich Sie, Bester, mir zu sagen, was Sie über jene Voraussetzung 
der 1000 Subscribenten, und über die davon abhängige Ausführbarkeit des 



1 Nicht erhalten, doch wohl identisch mit der im dritten Bande von 
Friedlich Schlegels 'Deutschem Museiun' abgedruckten (Wien 1813, S. 546 ff.). 

2* 



20 Ungedrucktc Dichtuno^en und Briete Geratenbergs 

ganzen Planes denken. Ihr Urtheil soll in dieser Angelegenheit über meine 
ferneren Entschließungen entscheiden. 

Um Ihnen aber doch einigermaßen einen Begriff zu machen, was ich unter 
den angekündigten Zusätzen verstehe, lege ich hier eine Art von Ein- 
leitung zu den Id3'llen aus den Hesperischen Gärten, von denen wir wohl 
eher mit einander gesprochen haben, und ein paar Beyträge zu meinen 
Tändeleyen bey,' mit denen ich eben itzt tändle, und so wie sie mir vor ein 
paar Tagen frisch aus der Feder geflossen sind. Ob es meinem 80jährigen 
Alter gezieme, mich gerade so zu beschäftigen, muß ich meinerseits dahin 
gestellt seyn lassen. Sie werden mir am besten sagen, was Sie davon denken. 

Empfehlen Sie mich und meine gute Sophie Ihrer lieben Emestine. Sie 
wird das traurige Schicksal der vortrefflichen Mad. Sievekiug,^ bey der wir 
uns noch zuletzt so glücklich fühlten, wohl längst schon wissen. Eine 
wärmere Freundinn kann ihre würdige Frau schwerlich haben, als sie an 
ihr und der nicht weniger unglücklichen Mad. Pauli besitzt. Ich habe davon 
selbst, weil mir das damals, besonders an der letzteren, nicht so recht ein- 
leuchten wollte, eine fast zu vorwitzige Erfahrung gemacht. Schreiben Sie 
mir doch, wie Sie alle in Heidelberg leben, unter andern auch von ihren 
Söhnen, in denen Sie, wie ich von dem jungen Eckstein* höre, so glück- 
lich sind. , 

Ich umanne Sie, lieber Voß, ganz Ihr Gerstenberg. 

In dem Gedichtchen : Der Paradiesvogel wird es Ihnen mit Recht an- 
stößig seyn, daß Theanor die Wörter Amor und Venus braucht, da er doch 
ein Grieche war. Ich glaube aber, da die Tändeleyen mehr für Leserinnen, 
als für sachkundige Leser geschrieben sind, mich hierinn nach dem Bedürf- 
nisse Jener bequemen zu müssen, und habe mich darüber in einer Anmer- 
kung zu Anfange des Ganzen zu entschuldigen gesucht. Inzwischen wünschte 
ich doch auch darüber Ihre Meynuug zu wissen, ehe daran gedruckt wird.* 

den 26stenjan. 1813. 
Der Abdruck meiner Ankündigung hat sich von einem Tage zum andern 
verzögert, bis ich ihn Ihnen nun endlich übersenden kann. Während der 
Zeit ist jedoch glücklicher Weise eine Veränderung in unsern Finanzen vor- 
gegangen, die mir die volle Auszahlung meiner Pension für die Zukunft 
sichert. Dagegen verliere ich wieder an einer andern Seite, da der König 
die Altonaische Deposito-Casse aufhebt, worinn ich ein nicht ganz unbe- 
deutendes Capital liegen hatte, das ich nun nicht aufkündigen kann, und 
wofür ich überdem nur die Hälfte der bisherigen Zinsen erhalte. 
[Am Fuß der ersten Seite findet sich die Bemerkung] : 
Den baldigen Empfang dieses Briefes mit den Beylagen, wenn ich bitten 
dai-f! Es ist mir bey der itzigen Einrichtung der benachbarten Posten viel 
daran gelegen. 



1 S. Anmerkung auf voriger Seite. ^ g^ meine Biographie S. 180. 

3 Ferdinand v. Eckstein, siehe Biographie S. 184, 

* Voß an G.: 5. XII. 1814: 'Amor, Venus, Grazien? Unbedenklich; 
wie in Geßners deutschen, nur mit griechischer Farbe, geschilderten Hirten- 
szenen. In den Hexametern finde ich nur Kleinigkeiten, die von meiner 
Theorie abweichen. Aber warum soll Gerstenberg nicht seinen eigenen 
Gang gehen, zumal da meine Theorie noch bei weitem nicht von andern . . . 
als richtig erkannt wird?' 



Ungedi-uckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 21 

5. 

Altona 13 Dcbr 1814. 

Den empfindlichen Kummer über Ihr unerklärbares zv»eyjähriges Still- 
schweigen, mein theurer unvergeßlicher Voß, konnte mir nur ein Brief, wie 
Ihr letzter vom 5ten d. J.^ war, versüßen. Ich nenne Ihr Stillschweigen un- 
erklärbar, weil ich von Hammerich die wiederholte Versichening erhalten 
hatte, daß mein Brief mit den Beylagen richtig und ohne Zeitverlust bey 
Ihnen angelangt wäre, und ich auch von Eckstein, der selbst in Heidelberg 
gewesen war, lauter beruhigende Nachrichten von Ihrer Gesundheit und von 
Ihrer äußeren Lage bekommen hatte. Ihr lieber Brief löst mir nun das 
ganze Räthsel zu meiner völligen Beruhigung auf, und ich freue mich, die 
unveränderliche Gesinnung eines meiner ältesten, verehrtesten, und gelieb- 
testen Freunde in jeder Zeile desselben zu erkennen. Was Sie verhindert 
haben kann, in diesen beiden erstaunlichen Jahren an andre Gegenstände zu 
denken, erfahre ich ja ganz an mir selbst, da ich sogar die bereits ange- 
kündigte Ausgabe meiner gesammelten Schriften habe schuldig bleiben 
müssen. Wohl uns, daß wir den letzten Akt des großen Drama erlebt 
haben, und wieder über Litteratur imd eigne Geistesarbeiten wie ehemals 
an einander schreiben können. 

Und doch, hätte das Schicksal nicht gerade diese zweifelvollen Jahre über 
uns verhängt, wer weiß, ob wir unseru Briefwechsel, wenigstens über etwas, 
das ich Ihnen von mir hätte schreiben können, sobald erneuert hätten? Ich 
hatte von der Schwierigkeit, eine lesbare Ausgabe meines buntscheckigen 
Geschreibsels zu veranstalten, eine so abschreckende Vorstellung, daß selbst 
die Hoffnung, das Deficit, das der König in meiner Einnahme hervorgebracht 
hatte, auf diese Art zu ergänzen, mich nicht dazu vermocht haben wüi-de, 
wenn nicht mein Freund Gähler hier in Altona mich halb mit Gewalt dazu 
gezwungen hätte; wie Sie aus den beiden Briefen an ihn, die ich meiner 
Sammlung Vordrucken lasse, umständlich ersehen werden. 

Was ich Ihnen vor zwey Jahren darüber schrieb, betraf eigentlich nur 
den zweyten Theil, von dem ich Dmen einige Pröbchen zu Ihrer freund- 
schaftlichen Beurtheilung übersandte. Von dem ersten Bande, der nun zu 
Johannis herauskommt, und der gleich voran meine Minona enthält, konnte 
ich Ihnen damals wenig oder gar nichts sagen, weil ich selbst noch nicht 
wußte, was sich daraus machen ließe. Gern möchte ich mich noch itzt auch 
über diese Minona bey Ihnen Raths erholen, wenn es nicht zu spät wäre, 
etwas Wesentüches darinn zu verändern. Sie werden sich über die neue 
Gestalt verwundern, die ich sowohl dem Gange der Handlung als den Cha- 
rakteren der spielenden Personen gegeben habe. So wie das Stück nun ist, 
darf ich es wohl selbst eine Oper von einer ganz neuen Art nennen; und 
wenn sich ein Componist fände, der allen den vielseitigen Anforderungen 
Genüge leistete, die ich darinn an seine Talente mache, so würde ich für 
das, was der Zuhörer noch außerdem zu hören bekäme, und was ihm eben 
nicht in jeder Oper zu Ohren kommt, ziemlich unbewegt seyn. 

Ihren TadeP meiner mythologischen Namen-Verwechselimgen hatte ich 
also richtig vorausgesehen. Sie haben ganz Recht. Aber etwas glaube ich 
doch auch zu meiner Vertheidigung sagen zu können. Wären die römischen 
Benennungen Amor, Venus, Grazien p dem Eindrucke uachtheilig, den Geß- 



Erhalten. - Voß hatte das gar nicht getadelt I 



22 Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 

ner in seinen Idyllen auf die Phantasie seiner Leser machen wollte, wie hätte 
Herder in seinen Fragmenten sich überwinden können, diese Geßnerschen 
Idyllen den Theokritischen an die Seite zu setzen? und würde nicht Lessingen 
schon bey der bloßen Überschrift meiner Grazien die Ungereimtheit seiner 
Lobeserhebungen aufgefallen seyn, da er in den mir so schmeichelhaften 
Ausruf: o die Griechen! die Griechen! ausbrach? Der Zweck verändert den 
Gegenstand der Beurtheilung. Wenn ich mich je selbst, bey der Lesung der 
bessern Gedichte dieser Art in allen Sprachen, wahr und treu beobachtet 
habe, so konnte ich mich nie der Täuschung erwehren, daß ich mir irgend 
ein wirkliches griechisches Original dabey dachte, was ein freyer Übersetzer 
mehr oder weniger keck modernisiert hätte. Ich verzieh dem Übersetzer 
diese poetische Licenz um desto williger, je angenehmer ich mich bei seiner 
Täuschung gefühlt hatte. Laß ich mir doch gefallen, daß sogar Apulejus in 
seiner griechischen Liebesgeschichte der Psyche das eben so griechische 
Nomen proprium Eros durch Cupido übersetzt! Seitdem uns Ihre mytho- 
logischen Briefe, mein edler Voß, und noch mehr Ihre unerreichbaren 
Beyspiele gelehrt haben, bey dieser willkührlichen Täuschung unserer Phan- 
tasie etwas behutsamer, als ehemals, zu seyn, ist auch mir in meinem jugend- 
lichen Getändel manches nicht recht, was ich itzt gern anders hätte: aber ist 
sowas eine Unternehmung für einen 80jährigen Autor? Ich werde schon 
froh seyn müssen, wenn ich nur den gröbsten Mißgriffen abhelfen kann. 

Lieber Voß! sind es wirklich nur Kleinigkeiten, was Sie an meinen 
Hexametern auszusetzen finden? Ich bitte Sie, zeigen Sie mir diese Kleinig- 
keiten ja etwas näher. Eben weil es Kleinigkeiten sind, kann ich nur 
hoffen, sie zu verbessern. An Gelehrigkeit fehlt es mir gewiß nicht. Nie- 
mand kann von der Richtigkeit Ihrer Prosodie und von der Vortrefflichkeit 
Ihres Versbaus überzeugter sej'n, als ich. 

Eine Übersetzung des Aristophancs?' mit allen seinen attischen Zierlich- 
keiten? allen? allen? Himmel! was sagen Sie mir da! Und eine neue, aber- 
mals revidierte, Ausgabe Ihres Homer mit Kupfern? Voß! welchen köst- 
lichen Genuß bereiten Sie mir für diesen ersten nalibevorstehenden Sommer 
unsers schriftstellerischen Wicdorerwachcns! 

Und welch ein Vollgenuß auch für Sie selbst, wenn Sie neben diesen 
wohlgerathenen Kindern Ihres Geistes auch Ihre nicht weniger wohlgerathenen 
leiblichen Kinder um sich her versammelt sehen! Sowohl in der letzteren 
Beziehung wenigstens, Avird es mir dießnial nicht weiden. Nur einen von 
meinen Söhnen kann ich hoffen, von Zeit zu Zeit bey mir zu sehen, meinen 
Wilhelm, und dieß Vergnügen ist mir doch schon in diesem abgelaufenen 
Herbste zu Theil geworden, da er die Erlaubniß erhielt, nach seinen ehren- 
voll zurückgelegten beiden Feldzügen 12 ganze Wochen lang bey mir auf 
seinen Lorbeern auszuruhen. Etwas zum Andenken hat er aus seinen Feld- 
zügen doch davon getragen, etwas, worüber wir itzt beide gelacht haben, 
etwas, worüber Yorick sich halb todt gekitzelt hätte: kurz, einen Schuß in 
the groine, genau wie Onkel Toby, nur daß es glücklicher Weise ein Streif- 
schuß, und die Kugel schon matt war. 

Ich bin übrigens Gottlob! bey meinem hohen Alter gesund, wie man es 
80 nah am Grabe nur selten ist; wer mich seit 20 Jahren nicht gesehen hat, 
findet mich fast unverändert; meine Haare sind noch nicht einmal grau; 

' Die Voß in 14 Monaten geliefert hatte. 



Ungednickte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 23 

und was dieser mir selbst unerwarteten Fortdauer meiner Lebenskraft ihren 
besten Werth giebt, ich habe ein zufriedenes Herz. Viel trägt freylich dazu 
bey mein sehr glücklicher Ehestand, und meine schöne ländliche Wohnung. 
Ich wohne mitten in einem Garten, der nicht nur die Hälfte größer ist, als 
der, wo wir uns zuletzt sprachen, einen geräumigen Ententeich mit einem 
stattlichen Springbrunnen und einer Brücke gerad vor dem Eingange meines 
Hauses hat, mir vortreffliches Obst von allen Sorten (auch Pfirsiche, nur 
keine Weintrauben"), und sogar aus diesem Obste einen Wein, der mir beynah 
wie Jacobischer Mallaga schmeckt, das ganze Jahr hindurch liefert, mir von 
Morgen bis Abend neun Monathe lang einen reinlichen wohlthätigen Spatzier- 
gang gewährt, und mir sogar, wenn es mir so gemüthlich ist, aus einem 
aitigen Lusthäuschen einen Blick auf das Getümmel der Gasse darbiethet. 
Wahrlich, ich hätte sehr Unrecht, ungeachtet der, auch schon nun über- 
standeuen, Leiden einiger Kriegsjahre, über mein Schicksal zu murren. 

Wie ich sehe, sind Sie in Ihrer paradiesischen Pfalz do^ch auch nicht so 
ganz leer ausgegangen. Der Verlust eines Sparpfennigs von 4600 Th. muß 
keine Kleinigkeit seyn. Der Congreß wird viel zu thun haben, wenn er 
unsere verschiedenen Lagen nur einigermaßen wieder so herstellt, wie sie 
gewesen sind. 

Ich danke Ihnen sehr, mein theurer Freund, für Ihre ansehnliche Sub- 
scribenten-Liste. 25 Subscribenten in dem einzigen Heidelberg! So viele 
wird vielleicht das ganze Königreich Dänemark nicht aufzuweisen haben. 
Im Ganzen rechne ich doch auf keinen großen Ertrag für Haramerich. Ich 
bin dem Publicum schon zu lange abgestorben; und was ich in meinen 
früheren Jahren schrieb, ist seitdem durch Werke von einem ganz andren, 
und zum Theil weit bessern, Geschmack verdrängt worden. Wie könnt' ich 
mir das wohl verhelen? und was hülf's mir? 

Kann man sich etwas ärgerlicheres denken? Sie, der Sie mit einem ein- 
zigen türkischen Pfeifenkopfe so haushälterisch umzugehen wissen, daß Sie 
nach Verlauf, ich weiß nicht wie vielen, Jahren noch itzt zu meinem An- 
denken daraus rauchen, müssen mich vergebens um einen andern bitten! 
Mit den beiden letzten, die ich noch hatte, thut sich mein ehrlicher Rodriguez, 
ein spanischer Soldat, der bey mir einen ganzen Sommer hindurch, und zwar 
in dem vorerwähnten Lusthäuschen, in Quartier lag, itzt vermuthlich in 
Estremadura gütlich. Ich selbst rauche schon längst, da der Artikel der 
türkischen Köpfe, bey der allgemeinen Handelssperre seit vielen Jahren hier 
in Altona und Hamburg zwar ausgegangen ist, nur aus Meißnischem Por- 
cellan. Was mich tröstet, ist, daß der unsterbliche Justus uns wieder mit 
rauchbarem Tabak versieht. 

Meinen hochachtungsvollen Gruß dem Herrn Professor J. H. Voß, der 
seinem vollen Namen so viele Ehre macht. Meine Frau empfiehlt sich nebst 
mir dem Andenken ihrer Ernestine. Erhalten Sie mir, lieber Guter, Ihre 
Freundschaft. Ich bin stets und unwandelbar Ihr Gerstenberg. 

(Schluß folgt.) 
Hamburg. Albert Malte Wagner. 



Kleine Studien zu Gottfried Keller. 

1. Gottfried Kellers Zitate. 

Die folgende kleine Studie will ich nicht mit langen prinzipiellen 
Erörterungen darüber einleiten, was eigentlich ein Zitat ist 
und wie Zitate zu bewerten sind, obwohl darüber mancherlei zu 
sagen wäre. Nur wenige kurze Andeutungen genügen hier, ehe 
wir zur Sache kommen. Zwischen dem wissenschaftlichen Zitat, 
das belegen und beweisen will, und dem Stimmungszitat, das 
stimmen, färben, gefühlsmäßig beleuchten möchte, ist ein strenger 
Unterschied, formell wie inhaltlich. Jenem hat Michael Bernays 
eine seiner geistreichen Abhandlungen gewidmet ('Zur Lehre von 
den Zitaten und Noten', Schriften zur Kritik und Literatur- 
geschichte 4, 258, zuerst erschienen 1892 in der Beilage zur All- 
gemeinen Zeitung) ; um dieses, das auch alle sogenannten geflügel- 
ten Worte in sich faßt, hat Büchmann in seinem bekannten, zuerst 
1864 hervorgetretenen Buche sich große Verdienste erworben. 
Bei beiden kann der an sich vernünftige Gebrauch bis zur vollen 
Inhaltslosigkeit und Äußerlichkeit schematisiert werden: dann 
bekommen wir auf der einen Seite den pseudowissenschaftlichen 
Anstrich so vieler Abhandlungen, die ohne ein Dutzend 'vgl. . . .' 
auf jeder Seite nicht glauben auskommen zu können, auf der an- 
dern den sinnlosen Massenverbrauch geflügelter Worte, wie wir 
ihn täglich und stündlich im gewöhnlichen Alltagsleben bei vielen 
Menschen beobachten können. Die Meister, die mit Sparsamkeit. 
Geist, Geschmack und Witz zitieren, werden naturgemäß auf bei- 
den Gebieten selten sein. Man kann etwa vier verschiedene Grup- 
pen oder Arten von Zitaten unterscheiden, wenn wir einmal das 
wissenschaftliche Zitat und seine Formen hier ganz beiseite lassen 
und uns auf das Stimmungszitat, trete es nun in geschriebener 
oder gesprochener Form auf, beschränken: jede dieser einzelnen 
Gruppen entfernt sich mehr von dem abstrakten Ideal des Zitats, 
bei jeder verschwimmt der Begi'iff mehr und geht schließlich 
nahezu ganz verloren. 1. Zitate mit korrekter Quellenangabe. 
Dahin gehören bei Keller z. B. die Motti. die er den einzelnen 
seiner sieben Legenden vorangestellt hat, oder auch die in sein 
Trauerspiel 'Therese' verwebten Bibelstellen aus dem Hohenlied 
und dem Prediger Salomo (vgl. Preitz, Gottfried Kellers drama- 
tische Bestrebungen S. 115) und die Stelle aus der Exodus 35, 10 
bis 19 in der Predigt des Pfarrers von Schwanau im 'Verlorenen 
Lachen' (Gesammelte Werke 5, 300). 2. Zitate mit falscher 
Quellenangabe. Bei Keller kommen solche nicht vor. Ein hüb- 
sches Beispiel fand ich in meiner jüngsten Lektüre, in Kreuzhages 



Kleine Studien zu Gottfried Keller 25 

Leipzig 1916 erschienener Biographie des Komponisten Hermann 
Goetz (S. 138) : dessen Frau berichtet, daß er ihr in seiner Sterbe- 
stunde 'einen alten Kirchenvers, der ihm durch den Sinn ging', 
in das Taschenbuch geschrieben habe ('Geduld, Geduld, wenn's 
Herz auch bricht: mit Gott im Himmel hadre nicht!'); dieser 'alte 
Kirchenvers' ist von einem sehr unheiligen Liederdichter, nämlich 
aus der Schlußstrophe von Bürgers Lenore. 3. Zitate ohne Quellen- 
angabe, der bei weitem häufigste Fall. Hierher gehört es unter 
andern auch, wenn Keller in Briefen an die Geschwister Exner 
seine Schwester Eegula mehrfach als die 'Sorrentinerin' oder die 
'Schwester von Sorrent' bezeichnet (Ermatinger, Gottfried Kel- 
lers Leben, Briefe und Tagebücher 3, 84. 122. 299), womit er auf 
Tassos A^ision von seinem Besuch bei seiner Schwester Cornelia 
in Sorrent in Goethes Drama (5, 4) anspielt; vielleicht war der 
Scherz, die Dichterschwester so zu nennen, ursprünglich von 
Exners ausgegangen, und Keller zitierte selbst nur aus zweiter 
Hand. Endlich 4. Unbewußte Zitate, bei denen dem Zitierenden 
nicht nur mehr oder weniger unbekannt ist, wen er zitiert, son- 
dern oft auch, daß er überhaupt sich eines Zitats bedient. Bei- 
spiele sind in der Konversation unserer Gebildeten Legion: wer 
denkt, wenn er die Wendung gebraucht 'Und ward nicht mehr 
gesehen', an Goethes 'Fischer' (daß sie im allerletzten Grunde 
biblisch ist und Goethe sie der Genesis 5, 24 entnommen hat, be- 
merkt Hehn im Goethejahrbuch 8, 190 unter gleichzeitigem Hin- 
weis auf Schillers Braut von Messina Vers 717), wer bei dem fast 
sprichwörtlichen 'roten Faden', der von dem englischen Marine- 
tauwerk hergenommen ist. an die Wahlverwandtschaften 2, 2 (Ge- 
naueres bei Büchmann, Geflügelte Worte ^^ S. 168)? Den letz- 
teren nennt daher der Philologe Zumpt in einem Briefe an Lobeck 
mit vollem Recht einen 'Goethischen roten Faden' (Ausgewählte 
Briefe von und an Lobeck und Lehrs S. 99). Aus Keller führe 
ich die Briefstelle 'Kann auch ich kecklich ausrufen daß mir 
nichts Menschliches fremd sei' (Ermatinger 3, 217) an, bei der 
es ihm sicherlich nicht bewußt war. daß er einen berühmten Vers 
aus Terenzens Heantontimornme'nos zitierte, zumal er den römi- 
schen Komiker wahrscheinlich gar nicht kannte. 

Direkt über Zitate ausgesprochen hat sich Keller nur äußerst 
selten, aber die paar Stellen, die ich mir aus seinen Briefen notiert 
habe, sind charakteristisch und verdienen hier noch angeführt zu 
werden. Bei Gelegenheit eines Dramas von Mathilde Wesendonck. 
das ihm zur Durchsicht und Begutachtung übergeben war, schreibt 
er an diese (Ermatinger 3. 25): 'In dem "Bischoftum für ein 
Schiff" wird jeder trotz der geschichtlichen Berechtigung eine 
Eeminiszenz an das "Königreich für ein Pferd" [Shakespeare. 
Eichard TTT. 5, 4] erblicken. Es ist aber eine der ersten Pflichten 



26 Kleine Studien zu Gottfried Keller 

konfidentieller Beurteilung, auf Reminiszenzen dieser Art auf- 
merksam zu machen, weil es sonst nacliher die öffentliche Kritik 
tut. Gewiegtere Schriftsteller beseitigen sogar solche Stellen so- 
fort freiwillig, auch wenn sie das, was als nachgeahmt erscheint, 
nicht einmal gekannt haben, nur um den Schein des Nachsagens 
zu vermeiden.' Daß Keller für die Korrektheit von Zitaten ein 
empfindliches Gefühl hatte, zeigt der Umstand, daß er Rodenberg 
für ein richtiges Goethezitat aus 'Jägers Abendlied' gegenüber 
einem von Scherr beharrlich falsch zitierten aus dem Epilog zur 
Glocke eigens lobt (ebenda 3, 403) und an einer Schrift von Schott 
die 'bis auf die Zitate ungewohnte Sachlichkeit' rühmend hervor- 
hebt (ebenda 3, 526). 

Die folgende Musterung von Kellers Zitaten beginnt mit der 
antiken Literatur, geht dann zu den neueren ausländischen Lite- 
raturen über und schließt mit der deutschen, die das meiste zu dem 
gesammelten Material beigetragen hat. 

Aus der Antike habe ich nur zwei Zitate gefunden, von denen 
das erste zudem die wirkliche Lektüre des Quellenschriftstellers 
nicht einmal bezeugen kann, da es dem Schatze der allgemein und 
häufig zitierten geflügelten Worte angehört. Am Schluß der 
19. Romanze der älteren Fassung des 'Apothekers von Chamou- 
nix' (Euphorion erstes Ergänzungsheft S. 175; Brunner, Studien 
und Beiträge zu J-Cellers Lj^rik S. 391) lesen wir: 'Denn das 
best' ist nicht das Wasser, wie einst Pindar hat behauptet'; um 
diesen Anfangsgedanken der ersten olympischen Ode zu zitieren, 
brauchte man schon damals kein Wort Griechisch zu können und 
Pindar nie in der Hand gehabt zu haben. Neben dies pseudo- 
griechische Zitat tritt ein pseudolateinisches. In dem wichtigen, 
für Lindaus 'Gegenwart' verfaßten autobiographischen Aufsatz 
finden sich (Nachgelassene Schriften und Dichtungen S. 11) bei 
Gelegenheit des modernen Industrialismus und der Dekadenz 
fünf Verse aus .Tuvenal deutsch zitiert, die Verse 48 — 52 der 
siebenten Satire. Auch in einem wenig späteren Briefe wird der 
Name des Satirikers genannt (Ermatinger 3, 264), aus dem ein 
preisendes Zitat auch in Kellers Ehrendoktordiplom erklungen 
war (ebenda 3, 21 Anm.). 

Die englische Literatur wird nur durch den einzigen Shake- 
speare vertreten, über den uns der Dichter seine innerste Mei- 
nung mit tiefen AVorten in 'Pankraz dem Schmoller' (Gesammelte 
Werke 4, 47) enthüllt. Von seinen Werken müssen ihm die Dra- 
men von Heinrich TV. und seinem Sohn ganz besonders lieb ge- 
wesen sein, denn alle Shakespearezitate mit Ausnahme eines ein- 
zigen sind aus ihnen entnommen: die 'ergötzlichen Dialosre' des 
Percyschen Paares aus Heinrich IV. 1, 2, 3 zieht ein Brief an 
Marie Melos (Ermatinger 3, 440) heran; im Grünen Heinrich 4, 9 



Kleine Studien zu Gottfried Keller 27 

(Gesammelte Werke 3, 142) werden Bardolplis Diebsstreiche in 
England und Frankreich aus Heinrich Y. 3, 2 und 6 im ersten 
Gespräch zwischen Heinrich und Dortchen Schönfund zitiert, die 
sich dadurch als schlagfertige Shakespearekennerin erweist, im 
Fragment 'Die Roten' (Preitz S. 120) des Pagen schnöde Be- 
merkung übei- Bardolphs rotes Gesicht und das Gitter aus Hein- 
rich IV. 2, 2. 2. Ein Zeitungsartikel aus dem Züricher Intelli- 
genzblatt (Kriesi, Gottfried Keller als Politiker S. 263) gibt eine 
längere Stelle aus Julius Caesar 1, 2 mit den bekannten Worten 
über Gassius' Hagerkeit wieder; zwei ironische Schlußverse sind 
von Keller hinzugedichtet. 

Auch aus der französischen Literatur sind nur zwei Zitate 
entnommen. Das schöne Gedicht 'Rosenglaube' (Gesammelte 
Werke 9. 186) mit seiner tröstlichen Philosophie trägt im ältesten 
Druck (Brunner S. 272) ein Zitat als Motto: 'So lange eine Rose 
zu denken vermag, ist noch nie ein Gärtner gestorben. Fonte- 
nelle'; es ist der Gedanke, der, leise in der Form geglättet, den 
Refrain der drei Strophen des Gedichtes bildet. Das Wort findet 
sich in Fontenelles berühmtester Schrift, den für die Popula- 
risierung der Grundgedanken der cartesianischen Philosophie so 
bedeutungsvollen 'Entretiens sur la pluralite des mondes'. Hier 
wdrd in der fünften Abendunterhaltung die Anschauung der 
Alten, daß die Himmelskörper von Natur unveränderlich seien, 
weil man sie noch nie sich habe verändern sehen, durch folgende 
Erwägungen ad absurdum geführt (CEiivres 2, 168 in der x^us- 
gabe von 1758): 'Si les roses qui ne durent quun joiir faisoient 
des histoires et se laissoient des memoires les imes aux autres, les 
premieres auroient fait le portroU de lenr jardinier d'une certaine 
fagon et de plus de quinse mille äges de roses; les autres qui l'au- 
roient encore laisse ä Celles qui les devoient suivre, n'y auroient 
rien chanqe. Sur cela elles diroient: Nous arons toujours vu le 
meme jardinier; de memoire de rose on na vu que lui; il a tou- 
jours ete fait conime il est: ossiirenient il ne meurt point comme 
nous, il ne change seulement pas.' Voltaires bekannter 'Trumpf 
von dem Gott, der erfunden werden müßte, wenn es ihn nicht 
gäbe (Ejntre a Vauteur du nnuveau livre des trois imposteurs Vers 
22) wird im Grünen Heinrich (Gesammelte Werke 3, 20) zitiert: 
auf ein andres Wort Voltaires, dessen Herkunft ich genauer nicht 
nachweisen kann, spielt ein Brief an Baumgartner (Ermatinger 
2. 278) an. 

Aus der spanischen Literatur begegnet nur einzig Cer- 
vantes, dpssen Don Quixote. allerdings in der mißlungenen Be- 
arbeitung Florians, seit der Kindheit Kellers Lieblingsbuch war 
(Ermatinsrer 1. 29V Noch in späteren Jahren pflegte er gern dar- 
aus in seiner oriorinellen Art zu erzählen, so die Geschichte von 



28 Kleine Studien zu Gottfried Keller 

den sich allniählicli auflösenden Quarkkäsen im Helm, den sich 
der Ritter nichtsahnend aufgesetzt hat (ebenda I, 527; Don 
Quixote 2, 17). Im Martin Salander 15 (Gesammelte Werke 8, 
246) muß Louis Wohlwend seinen Bildungsmangel damit kenn- 
zeichnen, daß er von der Hochzeit des Camacho (Don Quixote 2, 
20) nichts weiß. 

Wir wenden uns schließlich zur deutschen Literatur. Aus 
deren älteren Bereichen sind die Belege spärlich. Daß Keller auch 
dem Mittelhochdeutschen, wenn auch nicht intensiv, nahe ge- 
treten ist, war wohl Jakob Baechtolds Einfluß zu verdanken, und 
er konnte ebenso wie seinerzeit Bodmer und Breitinger aus dem 
altertümlichen Lautstand seiner Züricher Mundart, der demjeni- 
gen der alemannisch getönten Dichtersprache der höfischen Zeit 
so ähnlich ist, sich das Verständnis dieser Dichtungen wesentlich 
erleichtern. Der kleine humoristische Brief an Baechtold in mittel- 
hochdeutscher Prosa (Ermatinger 3, 151) allerdings wimmelt von 
Fehlern, wie sie kaum ein germanistischer Anfänger machen 
dürfte und würde. Mit einem mittelhochdeutschen Zitat aus 
Bonerius' Edelstein (22, 35) hat sich Keller unter den Sprü- 
chen der Mitarbeiter zum hundertsten Heft von Lindaus 'Nord 
und Süd' verewigt (Baechtold, Gottfried-Keller-Bibliographie 
S. 32): er hat also wohl die Fabelsammlung in Beneckes Ausgabe 
(Berlin 1816) durchlaufen, die sich durch das angehängte Wör- 
terbuch empfahl und in der die beiden Zeilen außerdem gesperrt 
gedruckt sind. In der autobiographischen Skizze von 1876 werden 
(Nachgelassene Schriften und Dichtungen S. 7. 8) zwei Strophen 
aus alten Volksliedern zitiert, die die verschiedene Achtung 
des Schreiberberufs im ausgehenden Mittelalter beleuchten sollen, 
eine positive und eine negative: sie*^nden sich in zwei unmittel- 
bar hintereinander stehenden Liedern in Uhlands Sammlung 
Nr. 263 Strophe 3 und Nr. 264 (S. 687. 688), deren Kenntnis 
für Keller auch durch den ersten Gotthelfaufsatz neben der des 
Wunderhorns bezeugt wird (Nachgelassene Schriften und Dich- 
tungen S. 115). Auf die Zitate aus Angelus Silesius im 
Schlußband des Grünen Heinrich (Gesammelte Werke 3, 204. 
307; Cherubinischer Wandersmann 1, 10. 8. 9. 14. 15. 7. 12. 13. 
47. 3, 90) und auf das Zitat aus Lessings Logau (6, 48), auf 
das das 'Sinngedicht' aufgebaut ist, braucht nur hingewiesen zu 
werden. 

Den Löwenanteil an den Zitaten Kellers nehmen Goethes 
Schriften für sich in Anspruch, was nichts weniger als verwun- 
derlich ist, wenn man sich der begeisterten Stelle im Grünen 
Heinrich 3, 1 (Gesammelte Werke 2, 11; in der ersten Fassung 
2, 3 Ermatinger) erinnert, wo dieser den überwältigenden Ein- 
druck schildert, den 'die goldenen Früchte des achtzigjährigen 



Kleine Studien zu Gottfried Keller 29 

Lebens', dieser 'Himmel' voll 'ganzer Sternbilder in ihren schönen 
Stellungen zueinander' auf ihn machen; vgl. auch das Sonett 
'Goethepedanten' von 1845 (Gesammelte Werke 9, 120). Aus 
Goethes lyrischen Gedichten werden zitiert (im allgemeinen vgl. 
über Goethes Lyrik auchtebenda 7, 86): Beherzigung Vers 10 
und 12 (Ermatinger 2, 325; da Keller die Verse als 'Spruch' zi- 
tiert, war ihm wohl ihre Herkunft aus Goethes Gedicht augen- 
blicklich nicht gegenwärtig); Auf dem See Vers 17 — 20 (Nach- 
gelassene Schriften und Dichtungen S. 230); Geistesgruß Vers 1 
bis 4 (Ermatinger 3, 116); Harfenspieler Vers 1 (ebenda 3, 519); 
Ritter Kurts Brautfahrt Vers 39. 40 (Grüner Heinrich 1, 301 Er- 
matinger; auch diese Verse werden als 'Spruch' zitiert und waren 
daher dem Dichter nicht als Goethische gegenwärtig; aber auch 
Ermatinger in den Anmerkungen hat die Herkunft sowenig be- 
merkt wie Beyel, Zum Stil des Grünen Heinrich S. 46); Schatz- 
gräber Vers 1 (Ermatinger 2, 416) und 39 (Xachgelassene Schrif- 
ten und Dichtungen S. 69); Römische Elegien Vers 108. 109 dem 
Sinne, nicht dem Wortlaut nach zweimal (Gesammelte Werke 10. 
215; Ermatinger 2, 458); endlich Lilis Park (ebenda 3, 505). 
Daß im Schlußkapitel des 'Sinngedichts' (Gesammelte Werke 7, 
327) eine volkstümlich zersungene Gestalt des Gedichts 'Mit 
einem gemalten Band' gegeben wird, hat Erich Schmidt (Cha- 
rakteristiken ^ 2, 195) zum Ausgangspunkt einer lehrreichen Be- 
trachtung ähnlicher apokrypher Bildungen gemacht. In die Schil- 
derung des Künstlerfestes im alten Grünen Heinrich 3, 6 (2, 151 
Ermatinger) hat Keller bei Gelegenheit Hans Sachsens eine Reihe 
längerer Zitate aus 'Hans Sachsens poetischer Sendung' (Vers 60 
bis 64. 71. 72. 77. 78. 107. 108. 127—132. 146—154. 169—172. 
177. 178) eingefügt, und zwar mit den Lesarten der älteren Fas- 
sung im Merkur von 1776 (64 'kollert!'. 72 'möcht' statt 'mögt' 
und 'sein'n'. 108 'Affen-Sprüngen', 129 'anzuschau'n'. 130 'Wie'n' 
und 'Frau'n', 149 'Sitzt's' statt 'Sitzt', 151 'ihr'n', 152 'gar' statt 
'sehr', 170 'Müh' er' statt 'Mühe', 171 'runde' statt 'liebe'. 172 
'Lebenstäg" statt 'Lebenstag"). Wenn Ermatinger diesen letz- 
teren, bei oberflächlichster Betrachtung deutlichen Umstand be- 
merkt hätte, würde er nicht die wahrhaft ungeheuerliche Behaup- 
tung aufgestellt haben, die auf Vers 78 folgenden zwei Verse 

'Sie ist rumfet, strumpfet, bucklet und krumb, 

aber eben ehrwürdig darumb" 

seien 'kein Zitat aus Goethes Gedicht' (2. 547), womit er Keller 
die Frechheit zutraut, er könne zwischen die Goetheschen Verse 
zwei Verse eigener Mache oder sonstiger unbekannter Herkunft 
eingeschmuggelt haben: die beiden Verse finden sich wörtlich so 
im Merkur hinter Vers 78 und wurden von Goethe seit der 
Göschenschen Ausgabe der Schriften aus dem Texte gestrichen. 



UO Kleine Studien zu Gottfried Keller 

Aus dem ersten Teil des Faust, dessen Verse 'jeden Deutschen, 
sobald er einen davon hört, elektrisieren' (Gesammelte Werke 1, 
112), werden zitiert oder angespielt; aus dem Vorspiel auf dem 
Theater Vers 97 (Nachgelassene Schriften und Dichtungen S. 34) 
und 220. 221 (ebenda S. 124); aus 'ler Osterspaziergangsszene 
A^ers 903 und 933. 934 (Gesammelte Werke 5, 299), 911 (Nach- 
gelassene Schriften und Dichtungen S. 231) und 941. 942 (Erma- 
tinger 3, 400); aus der Szene im Studierzimmer Vers 1740 (Brun- 
ner S. 302); aus der Hexenküche Vers 2392 (Ermatinger 3, 500); 
aus den Gretchenszenen Vers 2802 — 4 (ebenda 2, 405, 3519. 3520; 
ebenda 3, 240) und 3587—89 (Kriesi S. 265). Aus Iphigenie 
findet sich Vers 11. 12 zitiert (Gesammelte Werke 5, 301), aus 
Tasso Vers 930—32 (Kriesi S. 245) und der vielzitierte Vers 969 
(Ermatinger 2, 409). Goethes Motto zum zweiten Teil von 'Dich- 
tung und Wahrheit' zitiert Keller in einem Briefe (ebenda 3, 71), 
eine Anekdote von dem uralten Gouverneur von Messina aus der 
Italienischen Reise (Werke 31, 208) in einem andern (Erma- 
tinger 3, 425). Daß der Dichter auch den Briefwechsel Goethes 
mit Schiller gut gekannt hat, beweisen zwei Anspielungen: wie 
Goethe (Briefe 10, 357) seinen Wilhelm Meister mit einem 'Strick- 
strumpf, der bei langsamer Arbeit schmutzig wird', vergleicht, 
so Keller seinen Grünen Heinrich während der Umarbeitung 
(Ermatinger 2, 346. 357); Goethe nennt (Briefe 10, 265. 269) 
Jean Pauls 'Hesperus' und später auch (ebenda 12, 372) seinen 
eigenen Faust einen 'Tragelaphen', ebenso Keller seinen Roman 
und ein andermal Spittelers 'Prometheus und Epimetheus' (Er- 
matinger 3, 348. 401). Endlich ist auch ein französisches Zitat 
bei Keller sicher aus Goethe abzuleiten: 'Es ist doch ein wahres 
Wort . . . wenigstens für die ideale Liebe, jenes geflügelte: Ua- 
niour est le vrai rccommenceiir^ im Martin Salander 15 (Gesam- 
melte Werke 8, 267); dieses Wort der Frau von Sevigne hat sich 
Goethe in seinen Maximen und Reflexionen Nr. 305 (Hecker) 
notiert (vgl. Varnhagens Aufsatz darüber in seinen Vermischten 
Schriften 3 2, 348). 

Schiller, der Sänger des Schweizer Freiheitskampfs, stand 
Keller wie allen seinen Volksgenossen nicht nur als Dichter, son- 
dern auch als Mensch sehr nahe: das beweist die herrliche Cha- 
rakteristik im Grünen Heinrich 4, 3 (Gesammelte Werke 3, 42), 
in der ersten Fassung 4, 4 (2, 300 Ermatinger), die ursprünglich 
den Abgesang des 'Apothekers von Chamounix' bildenden Verse 
zum großen Schillerfest von 1859 (Gesammelte Werke 10, 153) 
und der Aufsatz 'Am Mythenstein' (Nachgelassene Schriften und 
Dichtungen S. 34). Von den vielen geflügelten Worten, die aus 
ihm lebendig sind, finden sich auch bei Keller gebraucht der Ein- 
gangsvers des Räuberlieds (Ermatinger 2, 250), der des Don 



Kleine Studien zu Gottfried Keller 31 

Carlos (Baechtold, Gottfried Kellers Leben 1, 428) und das Wort 
von den Pappenheimern (Ermatinger 2, 404; Wallensteins Tod 
Vers 1871). Ferner zitiert Keller aus den Gedichten: Kindes- 
mörderin Vers 1, 111 und 115 (Ermatinger 2, 112), Erwartung 
Vers 46 (Gesammelte Werke 6, 264), Worte des Glaubens Vers 7. 
8 (Kriesi S. 245) und 11. 12 (Gesammelte Werke 5, 300), Gang 
nach dem Eisenhammer Vers 199. 200 (Ermatinger 2, 423; vgl. 
auch S. 442), Handschuh Vers 13—15 (Baechtold 1, 450); aus 
den Dramen finde ich nur Teil Vers 1514 (Gesammelte Werke 
8, 208). 

Die übrigen Zitate aus deutschen Dichtern ordne ich nach 
deren Namen alphabetisch: zu besonderen Bemerkungen geben sie 
nirgends Veranlassung. Bürger: Lenore Vers 201. 202 (Baech- 
told 1, 447). Geibel: Lieder als Intermezzo 29, 1 (Ermatinger 
2, 453). Grün: Kolibri Vers 36 (ebenda 2, 414). Ida Hahn- 
Hahn: Stelle nicht aufgefunden (Gesammelte Werke 10, 190). 
Heine: Heimkehr 37, 11. 12 (Ermatinger 3, 160); Atta Troll 
8, 73 (ebenda 2, 412). Kl op stock: Züricher See Vers 52, der 
vielzitierte 'Schweiß der Edeln' (Grüner Heinrich 2, 272 Erma- 
tinger). Körner: Lützows wilde verwegene Jagd Titel (Brun- 
ner S. 291); Männer und Buben Vers 1 (ebenda S. 317). 
Kotzebue: Lorenz Kindlein im 'Armen Poeten' Theater 28, 
216 (Ermatinger 2, 311). Platen: Ghaselen 60, 10 (Gesammelte 
Werke 10. 199). Prutz: Politische Wochenstube 1 (Ermatinger 
2, 418). Rückert: Selbstschau Vers 1 — 6 und 15. 16 in den 
Gesammelten Gedichten 1, 5 und Die sterbende Blume Strophe 10 
und 3 ebenda 1, 21. 19 (Gesammelte Werke 5, 300. 301).^ 
Wagner: Lohengrin 2, 3 (Ermatinger 3, 110). 

Für drei Zitate habe ich den ürsprungsort nicht feststellen 
können: für die Stelle eines 'neueren Schriftstellers' über den 
Jesuitismus und die Welt im alten Grünen Heinrich 4, 3 (2, 285 
Ermatinger), die in die Schule Pascals weist; für die Spott\^erse. 
die der 15. Romanze des 'Apothekers von Chamounix' als Rand- 
bemerkung beigefügt sind (Euphorion erstes Ergänzungsheft 

S. 164): 

*Kein Deutscher ist so schlimm daran, 
Er hat noch seinen Eckermann; 
Und wo ein Faust zum Teufel fährt, 
Fühlt sich das Wagnertum verklärt.' 



^ Das häufige Zitieren von Dichtern ohne Quellenangabe ist eine Eigen- 
tümlichkeit der Predigten Heinrich Längs, von dem es der Pfarrer von 
Schwanau überkommen hat (vgl. Ermatinger 1, 505. 519) : Goethe z. B. er- 
scheint dort als 'der Dichter', 'jener Dichterfürst der neueren Zeit', 'jener 
große Dichter' usw. Keller läßt seinen Pfarrer oflFenbar rein zufällig nach 
der Ausgabe von Rückerts Gedichten von 1836 greifen und aus den ersten 
anderthalb Bogen sich wahllos blätternd seine Zitate zusammenlesen. 



32 Kleine Studien zu Gottfried Keller 

und für die Worte 'Die Zeit ist hin, da Bertha spann' (Baechtold 
1, 428), über die Seiler in der Zeitschrift für deutsche Philologie 
45, 244 zu vergleichen ist. 

Den Schluß meiner Zusammenstellung bilde ein Selbst- 
zitat Kellers, dessen Feststellung ini;.: erst nach langem Suchen 
zufällig gelungen ist. In der Novelle 'iiegine' im 'Sinngedicht' 8 
findet sich der Satz (Gesammelte Werke 7, 100) : 'Indessen glaubte 
ich mehr als einmal während des Tages das Phänomen bemerkt 
zu haben, daß eine gewisse innere Unruhe und Unzufriedenheit 
durch alle Lustigkeit ging, wie ein heimlicher Lufthauch im wel- 
kenden Laube zittert und raschelt oder wie es im Liede von einer 
Gesellschaft von Männern und Frauen heißt, die in einer Lust- 
gondel auf stillem Wasser fahren: 

Die Herzen schlagen unruhvoll, 
Kein Auge blickt, wohin es soll! 

und die einzige Regine schien die ruhigste Person von allen zu 
sein.' Nachdem ich in den verschiedensten Dichtern des 19. Jahr- 
hunderts die Stelle vergeblich gesucht hatte, wandte ich mich, da 
das Wort 'unruhvoll' ja wohl nicht allzu geläufig ist, an Karl 
Euling, den Bearbeiter des U im Deutschen Wörterbuch, mit einer 
Anfrage, die dieser an die Göttinger Zentralsammelstelle weiter- 
gab, von wo ich aber nach einiger Zeit den negativen Bescheid 
bekam, daß man die Stelle weder in dem bereits verzettelten Ma- 
terial habe noch bei eigenem Suchen habe auffinden können. 
Schon hatte ich die Hoffnung auf Erfolg gänzlich aufgegeben, 
als ich das Zitat zufällig fand, und zwar — bei Keller selbst. 
Baechtold hat folgenden nicht ausgeführten Gedichtplan ver- 
öffentlicht (2, 542): 'Seefahrt. Ein von Frauen und Männern an- 
gefülltes Schiff fährt auf abendlichem spiegelglattem See. Alle 
sind leidenschaftlich erregt, aber die Neigungen kreuzen sich un- 
glücklich und mißverstanden. 

Es droht kein Sturm, kein Felsenriff. 

Und doch sind sie so unruhvoll; 

Die Herzen schlagen wild und toll, 

Die Saiten tönen lang erregt, 

Es sagt's das Lied und sagt's doch nicht usf. 

Nur der am Steuer sitzt, ein halberwachsener Schifferknabe, ist 
ruhig, fröhlich und unschuldig.' Die Identität beider Stellen 
unterliegt keinem Zweifel: das zitierte 'Lied' ist vom Verfasser 
des 'Sinngedichts' selbst. 

2. Zu Gottfried Kellers Sprache. 

Man ist ja leider aus vielen Beispielen gewöhnt, daß in literar- 
historischen Arbeiten und Untersuchungen über Schriftsteller des 
18. und 19. Jahrhunderts sich eine bejammernswerte Hilflosig- 



Kleine Studien zu Gottfried Keller 3:) 

keit und eine haarsträubende Unwissenheit überall da einstellt, 
wo die Rede auf grammatische und sprachgeschichtliche Fragen 
kommt, ein redender Beweis dafür, daß der heute vielfach prak- 
tisch so beliebte und theoretisch verteidigte Schnitt zwischen 
älterer und neuerer deutscher Sprach- und Literaturgeschichte 
nicht ungestraft ausgeführt werden kann und stets zum Schaden 
der Sache ausschlägt, um die es sich handelt. Auch Paul Brunner 
hat sich nicht überwinden können, uns in seinem vielfach so för- 
derlichen und treiflichen Buche über Kellers Lyrik (Zürich 1907) 
mit einem Kapitel 'Grammatisch-syntaktische Verbesserungen' 
(S. 135) aufzuwarten, in dem nach den guten einleitenden Be- 
merkungen über des Dichters Autodidaktentum und die Entwick- 
lung seiner Kenntnis der hochdeutschen Schriftsprache leider 
recht schlimme Dinge zu lesen stehen, wde man sie keinem an- 
gehenden germanistischen Seminarmitglied hingehen lassen 
würde: das schlimmste ist wohl (S. 137). daß 'forcht' ein 'aus 
metrischer Verlegenheit' gebildetes starkes Präteritum zu dem 
schwachen Verbum 'fürchten' sein soll! Teilweise im Anschluß 
an seine Erörterungen teile ich im folgenden einige sprachliche 
Bemerkungen zu Kellers Gedichten mit. die ich alphabetisch nach 
den besprochenen Worten und grammatischen Kategorien ordne. 
Ablaut. Auf dem Gebiete des verbalen Ablauts ist höchst 
sonderbar die Optativ form 'gebore' von 'gebären', die in einer in 
den Neueren Gedichten von 1851 gedruckten, später ausgeschie- 
denen Ghasele (Brunner S. 401) im Reim auf 'höre : Chöre : ge- 
höre : schwöre' sich findet. Das der vierten Ablautsreihe an- 
gehörende Wort ist hier offenbar von der Analogie der zweiten 
angezogen worden: nach dem Vorbild von 'gefroren, fröre; ver- 
loren, verlöre; erkoren, erköre' entstand so zu 'geboren' die Form 
'gebore'. — Nach der Analogie von 'sinken, trinken' geht das 
schwache 'wanken' in die starke Flexion über und bildet ein Par- 
tizip 'gewunken', das wir heute nur mit komischer Klangfarbe 
brauchen können. Keller braucht es auch im pathetischen Stil, 
so in den wunderschönen und charakteristischen, leider in die 
spätere Gedichtsammlung nicht aufgenommenen Terzinen an 
Freiliffrath (Brunner S. 423) und in einem erst bei Baechtold 
(1, 433) gedruckten Jugendgedicht. 

'Anschicksmann' = 'Werber. Agitator. Vermittler' (fehlt in 
den Wörterbüchern von Grimm. Heyne. Paul und Weigand) fin- 
det sich Gesammelte Werke 8, 201. 233. 9. 252 und Nachgelassene 
Schriften und Dichtungen S. 259. Das Wort ist schweizerisch 
(vgl. Schweizerisches Idiotikon 4, 278). 

'Bord' von Gewässern, schriftsprachlich nicht üblich, steht Ge- 
sammelte Schriften 6. 34. 409. 9. 64. 10. 100 und Brunner S. 404. 
Wie die erste der angeführten Stellen klar und eindeutig ausweist, 

ArchiT f. n. Sprachen. 141. O 



34 Kleine Studien zu Gottfried Keller 

hat das Wort bei Keller neutrales Geschlecht, wofür ich bei 
Grimm 2, 239 nur einen Beleg aus Wieland finde. Daß das Wort 
im Zürcherischen geläufig ist, beweist die Vorliebe, die Geßner 
dafür hat (Sämtliche Schriften 1, 79. 2, 54. 73. 76. 81. 83); vgl. 
auch Zagajewski, Albrecht von Hallers Dichtersprache S. 123 und 
Schweizerisches Idiotikon 4, 1628. 

'Dämlich', das sich Gesammelte Werke 7, 49. 10, 177 und 
Brunner S. 380 findet, dürfte sich der Dichter in Berlin angeeignet 
haben, wo es in der gewöhnlichen Umgangssprache floriert, 

'Dämmer' steht Gesammelte Werke 10, 203 und Brunner 
S. 225 (hier hat es Keller später beseitigt, aber wohl nicht des 
Wortes selbst, sondern des fehlerhaften Daktylus wegen in dem 
sonst streng die Einsilbigkeit der Senkungen wahrenden Gedicht). 
Brunner (S. 138) nimmt daran als 'unserm Sprachgebrauch 
fremd' Anstoß: aber 'Dämmer' hat stets als poetische Nebenform 
für 'Dämmerung' gegolten, und Keller konnte es z. B. im Faust 
(Vers 395) und in Tiecks Novellen lesen. 

Terg, Ferge' findet sich Gesammelte Werke 9, 15. 147. 174 
und Brunner S. 403. Das Wort, im frühen Neuhochdeutsch ver- 
altend, ist dann durch die altdeutsche Literatur, besonders das 
Nibelungenlied (aus ihm notiert es sich z. B. Goethe, Werke 42, 

2, 437), und deren Nachahmung bei Dichtern wie Uhland wieder 
in unsre höhere Dichtersprache eingeführt worden. Tm Schwei- 
zer Dialekt lebt es nicht mehr. 

'Flattern' braucht Keller vom Licht in der ersten Fassung 
eines Jugendgedichts (Brunner S. 193), hat es aber dann in der 
letzten Ausgabe durch 'flackern' ersetzt. Dieser Umstand legt die 
Auffassung nahe, daß auch in dem Verse aus dem Gedicht 'Son- 
nenaufgang' (Gesammelte Werke 9, 32): 'Flattre, du rosige Wölk- 
leinschar' rosig glänzende und nicht etwa in dem Naturbilde ganz 
fremd und ungehörig wirkende, sich rasch bewegende Wolken ge- 
meint sind. Wenige Belege für den Gebrauch gibt Grimm 3, 1732: 
ich füge noch Wielands Übersetzung des Sommernachtstraums 

3, 2 (Gesammelte Schriften 2, 1, 46, wo durch Druckfehler 'fla- 
kernd' steht) hinzu. 

'Fluh, Flühe', ein speziell schweizerisches Wort (vgl. Schwei- 
zerisches Idiotikon 1, 1184), das schon bei Ulrich von Zazikhoven 
und Bonerius vorkommt (Mhd. Wörterbuch 3, 355 a), findet sich 
Gesammelte Werke 9, 47. 221 und Brunner S. 371. 372; ebenso 
das Kompositum 'Nagelfluh', überall später beseitigt, Grüner 
Heinrich 1, 6 Ermatinger, Brunner S. 203 und in der erst durch 
Freys Faksimileausgabe bekannt gewordenen ersten Fassung des 
ersten der 'Rheinbilder' (Gesammelte Werke 9, 177). 

'Flunkern' = 'glitzern, flimmern' steht Gesammelte Werke 5, 



Kleine Studien zu Gottfried Keller 35 

74. 9, 63 und Brunner S. 400. Grimm 3, 1851 bringt nur einen 
Beleg aus Voß. 

Fremdworte. Bei einer ganzen Anzahl von Fremdworten, die 
Keller in seinen lyrischen Gedichten verwendet, kann man die 
merkwürdige Beobachtung machen, daß er sie zunächst mit fal- 
scher Betonung gebraucht hat, die sich deutlich aus der metri- 
schen Messung der betreffenden Verse ergibt, und sich dann bei 
Herstellung des Druckmanuskripts für die letzte Gedichtsamm- 
lung vielfach zu Besserungen genötigt sah, die dann änderten oder 
die richtige Betonung herstellten. Das Material ist folgendes: 
'Das füllte mich mit Ärger, denn im ganzen war der chäpeaii 
gut' (Brunner S. 298), später: 'Das füllte mich mit Ärger, 
der chapeau war doch im ganzen gut' (Gesammelte Werke 
10, 14); 
'Fanatismus als Feldprofoß' (Brunner S. 291), später: 'Den 
(Der) Fanatismus als (ist) Profoß' (ebenda; Gesammelte 
Werke 9, 282); 'Fanatismus' vielleicht nach Analogie von 
'Fanatiker, fanatisch' ; 
'Über die marmornen Wangen' (Brunner S. 232), später: 'Über 
deine weißen Wangen' (ebenda) ; 'Marmornen Säulen zeigt' 
(ebenda S. 402); 
'Der Märtyrer blass Gebein' (Gesammelte Werke 9, 16), da- 
gegen: 'Darin ein Freiheitsmärtrer ruht' (ebenda 9, 61); 
'In den Staub mit dem Popanz' (Gesammelte Werke 9, 277); 
'Die ultima ratio' (Brunner S. 277), später: 'Die ratio ultima' 

(Gesammelte Werke 9, 202) ; 
'Mir i.st ein Eival aufgewacht' (Brunuer S. 229), später: 'Mir 
ist ein Nebenbuhl' erwacht' (ebenda; diese Korrektur stammt 
von Folien, der sie in die durch Frey als Faksimile heraus- 
gegebene Handschrift des Dichters eingezeichnet hat; vgl. 
Frey, Gottfried Kellers Frühlyrik S. 30), endlich: 'Es 
scheint mir ein Rival erwacht' (Gesammelte Werke 9, 91); 
'Auf den Weiden der Saone' (dreisilbig; Brunner S. 391), spä- 
ter: 'Auf der Saone grünen Weiden' (zweisilbig; Gesam- 
melte Werke 10, 227); 
'Mit tiefblauem Licht' (Brunner S. 208), später: 'Mit äth'rischem 
Licht' (Gesammelte Werke 9, 56; hier ist erst bei der letzten 
Revision ein falsch betontes Fremdwort in den Text hinein- 
gekommen) ; der Dichter hat das Wort offenbar nie gehört, 
sondern nur gelesen und dann nach der Analogie von 'Äther' 
betont. 
Die bei dem letzten Wort gegebene Erklärung, daß Keller die 
Worte nur durch das Auge, nicht aber durch das Ohr bekannt 
geworden sind, wird auch bei einigen andern, wie 'Fanatismus, 
marmorn, Märtyrer, ratio, Saone', die einzig annehmbare bleiben; 

3* 



36 Kleine Studien zu Gottfried Keller 

in Fällen wie 'chapeau' und 'Rival' könnte germanische Zurück- 
ziehung des Akzents vorliegen, auf die er dann verzichtet hätte. 
Ich kenne keine ähnlichen Erscheinungen bei irgendeinem andern 
deutschen Dichter. 

'Geländer', heute nur im Sinne einer Brustwehr oder Ein- 
friedigung an Treppen, Brücken, Galerien usw. gebräuchlich, 
braucht Keller einmal im Sinne von 'Gelände' (Brunner S. 190): 
'Siehe, wie lebend'ge Fahnen flattern dort am Berggeländer Kin- 
der, bunte Lenzgewänder'; in der letzten Gedichtsammlung ist die 
Stelle geändert (Gesammelte Werke 9, 15) : 'Und wie ferne 
Kirchenfahnen flattert's von der Burg Geländern bunt von seidnen 
Lenzgewändern', so daß man nun mit Brustwehren versehene Ga- 
lerien einer Burg sich vorstellen muß. Grimm 4, 1, 2858 bringt 
zwei frühnhd. Belege für diesen Gebrauch bei: daß er im Zür- 
cherischen geläufig war, beweist wieder Geßner (Sämtliche Schrif- 
ten 1, 137. 140. 174. 175); vgl. auch Schweizerisches Idiotikon 3, 
1307. 'Gelände' in dem gewöhnlichen Sinne erscheint in einer 
neuhinzugekommenen Versgruppe Gesammelte Werke 9, 93. 

'Handlich', ein Schweizer Idiotismus (vgl. Schweizerisches 
Idiotikon 2, 1404), den auch Schiller (Teil Vers 2258) aus 
Tschudis Chronik aufnahm, findet sich Gesammelte Werke 6, 308. 
7, 366, Nachgelassene Schriften und Dichtungen S. 37. 156. 355 
und Brunner S. 382. 

'Hellebarde' kennt der Dichter in zwei verschiedenen Formen: 
'Hellebarte' steht Nachgelassene Schriften und Dichtungen S. 258 
und Brunner S. 294. 431, 'Halmbarte' Gesammelte Werke 1, 361. 
9, 255. 285. 10, 133. Zur Geschichte und Verbreitung der Formen 
vgl. Grimm 4, 2, 969. 

'Kraken', der Name jenes grausigen Wasserungetüms, das ur- 
sprünglich in Freiligraths 'Meerfabel' beheimatet und von dort 
her durch Keller in seine Versgefilde verpflanzt ist, steht Gesam- 
melte Werke 10, 212 und Brunner S. 231, und zwar an der letzt- 
genannten Stelle nicht nur in der durch Frey faksimilierten Hand- 
schrift, sondern, wie mir Herr Gagliardi aus Zürich mitteilt, auch 
in dem Manuskriptband von 1845, aus dem Brunner 'Krabben' 
abgedruckt hat; damit erübrigt sich Freys Bemerkung (S. 42): 
'Er wußte wohl selbst nicht recht, was er sich darunter vorstellen 
und was er mit dem Worte anfangen sollte.' 

'Minne' und seine Ableitungen verwendet Keller nur in der 
Lyrik: 'Minne' Gesammelte Werke 9, 211. 10, 51. 59 und Brunner 
S. 234; 'Minnelohn' Gesammelte Werke 9, 156; 'Minnesang' 
ebenda 9, 97; 'minnen' ebenda 9, 33. 233. 10, 52; 'minnig' Brun- 
ner S. 193. 

Optativ. Ich möchte auf einen mundartlich beschränkten Ge- 
brauch des umschriebenen Optativ praeteriti hinweisen, den ich 



Kleine Studien zu Gottfried Keller 37 

bisher nur bei oberdeutschen, d. h. alemannischen und bairisch- 
österreichischen Schriftstellern gelesen oder bei Angehörigen die- 
ser Sprachgebiete mündlich gehört habe und wo nach meinem und 
wohl allgemeinem mittel- und norddeutschen Sprachgefühl un- 
bedingt der echte statt des umschriebenen Optativs gefordert ist. 
Aus Keller habe ich mir zahlreiche Belege notiert: 'Meine Mutter 
... tat so, als ob sie essen würde' (Gesammelte Werke 1, 44); 
'daß es beinahe klang, wie wenn einer in Flageolettönen auf der 
Geige spielen würde' (ebenda 2, 258); 'daß sie einige Worte 
veränderte oder hinzusetzte, als ob eine Frau an einen Mann 
schreiben würde' (ebenda 5, 117); 'Für einen jungen Krie- 
ger . . . betete er fast etwas zu gern und zu laut und mit zu feier- 
lichem Gesichte, wie wenn er sich selbst wohlgefällig belau- 
schen würde' (ebenda 6, 388); 'und stellte sich, als ob er erst 
jetzt nach und nach seinen Besucher erkennen würde' (ebenda 
8, 49) ; 'Sie . . . rieb sich die Hände, als ob es sie f r ö s t e 1 n 
würde' (ebenda 8, 104): 'Sie ließen sich gar nicht mehr bei uns 
sehen, wie wenn sie das Elternhaus geflissentlich fliehen wür- 
den' (ebenda 8, 276); 'Mir ist, ich geh' im grünen Tale, als 
würde mich ein Liebchen küssen' (ebenda 9, 265); 'Es ist mir 
zumute, als ob lange Jahre des Leidens und des Kampfes zwi- 
schen gestern und heute lägen und wie wenn ich aus einem 
Grabgewölbe an die Sonne treten würde' (Nachgelassene 
Schriften und Dichtungen S. 322; in diesem und dem vorigen Bei- 
spiel echter und umschriebener Optativ in derselben Periode neben- 
einander) ; Kellers Mutter an den Dichter (Ermatinger 1, 334) : 
'Man könnte daraus schließen, als würdest Du dich schämen, 
sie als Deine Schwester zu betrachten.' Bei dem Kellerforscher 
Brunner finde ich zwei Beispiele: 'Bald erscheint die Zusammen- 
setzung mit her, bald mit hin, ohne daß es gelingen würde, 
eine bestimmte Ordnung darin zu erkennen' (S. 140) ; 'Viele Va- 
rianten des Sammelbandes sind syntaktische Verbesserungen im 
einzelnen, ohne daß sich gemeinsame Gesichtspunkte für die Art 
der Korrektur ergeben würden' (S. 141). Eine weitere Beleg- 
gruppe entnehme ich den Erzählungen der Marie von Ebner- 
Eschenbach: 'So schüchtern kam's heraus, als ob sie kaum hof- 
fen würde auf die Erfüllung ihrer Bitte' (Gesammelte Schrif- 
ten 4, 198); 'Mir hat manchm.al geschienen, als ob er so wenig 
Gewissen hätte und die Reue so wenig kennen würde wie 
ein Tier' (ebenda 7, 207; wieder echter Optativ und Umschreibung 
nebeneinander); 'Dem ist jetzt, als ob er einen lieben Toten ins 
Bahrtuch hüllen würde' (ebenda 8, 121); 'Mir war's, als ob 
ich dich auf einer großen Reise wüßte und in deinem Zimmer 
auf deine Rückkehr warten würde' (ebenda 9, 182; wie im 
vorvorigen Beispiel beide Ausdrucksmöglichkeiten nebeneinander). 



38 Kleine Studien zu Gottfried Keller 

Der einzige nicht oberdeutsche Schriftsteller, bei dem ich einen 
Beleg kenne, ist der Hamburger Hauptpastor Goeze (Streitschrif- 
ten gegen Lessing S. 36 Schmidt): 'Da sie den vermeinten Gärt- 
ner, der ihr eben die Frage gleich nachher tat, auch gleich ge- 
radezu in Verdacht nahm, daß er den vermißten Leichnam weg- 
gebracht haben würde'. Durchweg handelt es sich, wie 
man sieht, um Irrealfälle, die mit 'als ob', 'wie wenn' oder 'ohne 
daß' eingeleitet sind. Soviel ich sehe, ist auf diese Erscheinung 
in der grammatischen Literatur bisher nirgends geachtet worden. 

'Plan' steht, fast immer im Reim, in den Gedichten Gesam- 
melte Werke 9, 52. 10, 59 und Brunner S. 266. 404. 436 ('Him- 
melsplan'), in Prosa nur Baechtold 1, 422. 

Präfixe. 'Anglühen' intransitiv = 'zu glühen anfangen' findet 
sich Gesammelte Werke 5, 213 und Brunner S.359, wie es scheint, 
nach dem Vorbild Jean Pauls, aus dem Grimm 1, 355 drei Be- 
lege anführt; das Partizip 'angeglüht' im Sinne von 'leicht an- 
getrunken' steht Gesammelte Werke 1, 366. Für das Neben- 
einander von 'ver-' und 'zer-' an zwei Stellen der Gedichte hätte 
Brunner (S. 137) auf die einleuchtende Erklärung hinweisen sol- 
len, die Behaghel in seiner Rede über Schriftsprache und Mundart 

5. 13 dafür gegeben hat. 

'Reuen'. Keller hatte in der Feueridylle 3, 8, 1 ursprünglich 
geschrieben: 'Nur eins reut mich', wie das von Frey faksimilierte 
Manuskript ausweist: Folien änderte das in 'Eins tut mir leid' und 
schrieb mit Recht an den Rand 'Provinzialism' (vgl. Frey S. 33 
und Schweizerisches Idiotikon 6, 1883). Diese Korrektur trug der 
Dichter dann auch in seinen Manuskriptband von 1845 ein (Brun- 
ner S. 259) und nahm Follens Lesart in den gedruckten Text auf 
(Gesammelte Werke 9, 154). 

'Risch', das im oberdeutschen Sprachgebiet von Haus aus nicht 
heimisch ist (vgl. Grimm 8, 1039 und Schweizerisches Idiotikon 

6, 1463), verwendet Keller, offenbar als Reminiszenz aus der Lek- 
türe, Gesammelte Werke 10, 107 im Reim. 

'Schank' = 'Schenke' Gesammelte Werke 10, 105 und Brun- 
ner S. 252. 421 soll nach Brunner (S. 138) 'eine Originalbildung 
von Keller' sein: vgl. über das frühnhd. belegte und im letzten 
Jahrhundert als Archaismus erneuerte Wort Grimm 8, 2160. 

'Schlotter' = 'Zittern' Brunner S. 427 ist spezifisch schweize- 
risch; vgl. Grimm 9, 785. 

Substantivflexion. Auf diesem Gebiete sind auffällig: starker 
Dativ 'Hirt' Gesammelte Werke 9, 46. 10, 15 (vgl. den starken 
Akkusativ bei Schiller, Der Abend Vers 46 und Grimm 4, 2, 
1572); Femininum Singularis 'die Linne' (Gesammelte Werke 10, 
51 (sonst nirgends belegt); Nominativ Singularis 'die Sonnen' 



Kleine Studien zu Gottfried Keller 39 

ebenda 9, 34, durch den Reim auf 'gesponnen' gesichert (vgl. 
Grimm 10, 1, 1592). 

'Trollen' wird eigenartig gebraucht in der ersten Fassung des 
'Grußes d^r Sonne', wo es in der Eingangsstrophe heißt (Brunner 
S. 197): 'Grüne Knospen trollen tausendfach hervor'; die spätere 
Besserung 'rollen' (Gesammelte Werke 9, 33) ist eine ganz ent- 
schiedene Verschlechterung. Das geläufige Reflexivum 'sich trol- 
len' hat der Dichter öfter (ebenda 9, 125. 135. 10, 50. 76); wie 
schon Brunner (S. 142) bemerkt, ist 'trollen' mundartlich. 

'Überschnappen' = 'sterben', von einem Hasen gesagt, steht 
Brunner S. 211, später geändert in 'ausschnappen' (Gesammelte 
Werke 9, 63). 

'Unentwegt'. Dieser demokratische Modeausdruck des ver- 
gangenen Jahrhunderts ist ursprünglich Schweizer Herkunft (vgl. 
Grimm 11. 3. 473). Bei Keller findet er sich Gesammelte Werke 

4, 240. 6, 314. 324. 332. 10, 70 und Brunner S. 279. 307 (die bei- 
den letzten Stellen später geändert Gesammelte Werke 9, 212. 
10, 30). 

Verbalflexion. Der von Brunner (S. 137) notierten und schul- 
meisterlich-unwissenschaftlich besprochenen Kontamination der 
Präsensformen des transitiven und intransitiven 'schwellen' ver- 
gleicht sich der ähnliche Vorgang bei 'quellen' Gesammelte Werke 
9, 128. wo Keller nicht wie bei jener geändert hat (vgl. Grimm 
7, 2345). 

'Verhirschen' := 'mit Hirschhörnern versehen, in einen Hirsch 
verwandeln', von Aktäon gesagt, Brunner S. 429 hat Keller einen] 
Gedicht Heines (Atta Troll 19, 23) und dieser wohl Bürger (Bel- 
lin 6, 2) entlehnt. 

'Vor' im Sinne der Koniunktion 'bevor' steht Gesammelte 
Werke 10, 126 (fehlt in den Wörterbüchern von Heyne, Paul und 
Weigand). Ich kenne keinen zweiten literarischen Beleg, wohl 
aber einen schwäbischen Kollegen, der es mündlich wie schrift- 
lich beständig braucht, off'enbar ohne sich der Unüblichkeit irgend 
bewußt zu sein. 

Korrekturnote. vSeit der vorstehende Aufsatz an die Re- 
daktion abgeliefert war, ist der Briefwechsel Kellers mit Heyse 
durch Kalbeck veröfi*entlicht worden (Braunschweig 1919), und 
ich benutze die Gelegenheit, die häufigen dort vorkommenden Zi- 
tate als Ergänzung meiner obigen Studie hier noch zusammenzu- 
stellen. Außer Shakespeares 'Bereit sein ist alles' (S. 256: Hamlet 

5, 2) entstammen sie sämtlich der deutschen Literatur. Ulrich 
von Huttens berühmtes 'Obwohl mein fromme Mutter weint, 
da ich die Sach hätt gfangen an . . . Ich habs gewagt' (aus dem 
gereimten Vorwort zur Übersetzung seiner lateinischen Gespräche: 



40 Kleine Studien zu Gottfried Keller 

Strauß, Ulricli von Hütten 2, 121) wird dreimal (S. 296. 314. 406 
mit origineller Variante 'Mein fromme Mutter weint im Grab') 
zitiert. 'Die Bitterniß, es wie der selige Lessing auch einmal so 
gut haben zu wollen wie andre Leute' (S. 199) zitiert Lessings 
monumentalen Schmerzbrief an Eschenburg nach dem frühen 
Tode seines Sohnes (Sämtliche Schriften 18, 259). Der Löwen- 
anteil entfällt auch hier wieder auf Goethe: Lilis Park (vgl. oben) 
wird S. 414 zitiert; ferner aus dem ersten Teil des Faust Yers 
941. 942 (vgl. oben) zweimal in scherzhafter Umformung (S. 197. 
268), Vers 3519. 3520 (S. 125; vgl. oben) und Vers 4572 (S. 237). 
Ein Zitat aus Tasso (Vers 389) in einem Briefe Heyses (S. 180): 
'wenn ich merken sollte, daß gute Freunde nur sehr schonend 
seiner sich zu erfreuen vermögen' hat Keller nicht erkannt, wenn 
er in seiner Antwort (S. 182) 'schonende Freude' einen 'ingeniösen 
Ausdruck' nennt, den er offenbar für Hej^'sisch hält. Auf den 
Briefwechsel Goethes mit Schiller spielen außer dem auch hier 
begegnenden 'Tragelaphen' (S. 320. 406; vgl. oben) an 'Bin dar- 
nach verlangend, wie Schiller in seinen Briefen sich ausdrückte' 
(S. 238, ähnlich S. 383; die Wendung ist nicht Schiller indivi- 
duell, sondern auch Goethe und andern Schriftstellern des 18. 
Jahrhunderts eigen, wie Grimm 12, 717 beweist) und die 'Sper- 
lingskritik', deren Quelle Keller selber genau angibt (Schillers 
Briefe 5, 457). Drei Zitate sind aus S chil 1er sehen Dichtungen 
hergeholt: Don Carlos Vers 3141. 3142 (S. 385), Die Zerstörung 
Trojas Vers 3. 4 (S. 320), Wilhelm Teil Vers 2792 (S. 301). 
Wilhelm Buschs bekannte Stelle vom rauchenden Frosch fin- 
den wir S. 303. 

Daß der 'Krabbe' (vgl. oben) auch Heyse geläufig war, er- 
sehen wir aus folgender Stelle eines Briefs an Keller (S. 306): 
'Dem braven Sindbad, als er merkte, daß das Eiland, an dem er 
gelandet, ein tückischer Krabbe war, kann nicht trübseliger zu- 
mute gewesen sein.' Oder ist das Wort auch hier verlesen für 
'Krake'? Grimm hat wohl für letzteres Belege, aber nicht für 
ersteres. 

Jena. Albert Leitzmann. 



>fl 



Das Gebet in Shakespeares Tragödien. 

Der da ein Meister war an Gestaltungskraft, der das heiße Lallen 
der Liebeslust wiederzugeben wußte wie auch das kalte Planen 
des Ehrgeizes, das scharfsichtige Schachspiel der Politik wie die 
blinde Raserei des Hasses — Shakespeare — , der nahm seine 
Menschen und stellte ihre Seele vor Gott. Jede Hülle fiel vor dem 
Angesichte des Ewigen. Menschliches und Allzumenschliches 
ward schonungslas offenbar. Staunend stehen wir vor dieser Fülle 
seelischer Erregungen, die widergespiegelt werden in der Er- 
hebung des leidenden Helden zu Gott. Alle Wirren des Lebens, 
alle Laster der Leidenschaft tönen mit, alles Erhebende und Zer- 
malmende klingt wider aus der Zwiesprache des Geschöpfes mit 
dem Schöpfer. Von den Jugend werken bis zu den Meisterstücken, 
von der Selbstzetstörung Romeos bis zur Vernichtung eines Welt- 
reiches in Antonius und Cleopatra, mit einziger Ausnahme von 
Coriolanus, nimmt das Gebet eine bedeutende Stelle in Shake- 
speares Tragödien ein. 

I. Wer betet in Shakespeares Tragödien? Des 
Dichters Schöpferkraft führt uns die verschiedenartigsten Ver- 
treter der Menschheit vor Augen, Seine Darstellungsmöglichkeiten 
sind so vielfältig wie die Natur selbst. Er hält das Gebet ge- 
eignet für die reine Ophelia^ (Ham. TIL 1. 139; IV, 5. 199), Cor- 
delia (Lear IV, 7. 92), Imogen (Cymb. II, 2. 12; III, 2. 29; lY. 
2. 303) und Desdemona (Oth. II, 1. 195; III, 4. 163; IV, 2. 135; 
V, 2. 34) wie auch für Cleopatra (Ant. I, 3. 99), Lady Macbeth 
(I, 5. 41) und Julia (Rom. III. 5. 54. 57), und er zwingt einen 
Jago und Othello (Oth. III, 3. 447), einen Romeo (Rom. I, 4. 112) 
und einen Hamlet (Ham I, 2. 130; 4. 39) in die Knie, ja sogar 
den Verbrecherkönig im Hamlet (Ham. III, 3. 69). Titus (1, 1. 
150) und Timon (in. 6. 79; IV, 1. 1; 3. 23. 177. 502), Brutus 
(Caes. II, 1. 303; IV, 3. 80) und Posthumus (Cymb. I, 1. 115; V. 
1. 31; 4. 10). auch :Cymbeline (III, 5. 52) halten Zwiesprache mit 
den Göttern, und der unglückliche Lear entlastet seine Seele im 
Gebet (I, 4. 296; I, 5. 50; II, 4. 193. 276; IH. 2. 1). All diese 
tragischen Gestalten wandeln oft in der Dunkelheit des Zweifels 
und der Verzweiflung, und wenn ihre Kraft nicht mehr aus- 
reicht, suchen sie Hilfe von oben — oder von unten! 

Doch welche Schar drängt sich um diese Hauptpersonen? Es 
sind die Nebenpersonen, die Shakespeare den Helden zur Seite ge- 
stellt hat, keine Schattenbilder ohne Eigenleben, sondern auch 
Fleisch von unserem Fleisch und Bein von unserem Bein. Nicht 



' Die Zitate 3ind gegeben nach der Everyman-Edition. 



42 Das Gebet in Shakespeares Tragödien 

SO überragend wie ihre Führer und HeiTen, zuweilen ihr schwaches 
Abbild, zuweilen ihr schroffer Gegensatz, immer aber so gestaltet, 
daß sie einen wirkungsvollen Hintergrund für den eigentlichen 
Hauptcharakter bilden. Auch sie alle wenden sich im Gebet an 
eine höhere Macht. Da ist der Spottvogel Thersites (Troil. II, 
3. 1), der treue Bruder Marcus (Tit. lY, 1. 66; 123), der liebens- 
würdige Cassio! (Oth. II, 1. 77). Da drängen sich Apemantus 
(Tim. I, 2. 63), Flaminius (Tim. III, 1. 53), Alcibiades (Tim. III, 
5. 114), Flavius (Tim. IV, 3. 464), Banquo (Mach. II, 1. 123), 
der alte Mann (Mach. II, 4. 40) und Enobarbus (Ant. IV, 9. 12). 
Charmian erscheint (Ant. I, 2. 64) und Gloucester (Lear III, 7. 
92; IV, 6. 34; 9. 220). Pisanio (Cymb. III, 5. 165), Guiderus 
(Cymb. IV, 2. 276) und Belarius (V, 5. 350). Ja, wir hören sQgar 
das Gebet der Geister von den verstorbenen Eltern und Brüdern 
des Posthumus (Cymb. V, 4. 87). 

II. Was wird erbeten? Verschieden wie die Charaktere 
und die Lage, in der sie sich befinden, ist auch der Inhalt ihrer 
Gebete. Segen und Fluch, Verzeihung und Rache, Erhaltung 
und Zerstörung, Hilfe und Tod werden mit gleicher Inbrunst 
vom Himmel erfleht. Hier entringt sich gepreßten Lippen nur ein 
kurzer Schrei der Seelenqual, dort hören wir lange Ergüsse, welche 
die Höllengeister zu dunklen Taten herbeirufen. 

Um des Himmels Segen fleht Bruder Laurence, als er dem jungen 
Romeo alles Gute wünscht (Rom. II, 6. 1), und Brutus, da er seines 
edlen Weibes wert sein möchte (Caes. II, 1. 303). Mit frommem 
Segens A\ainsch scheidet der alte Mann von Macduff und Roo- 
(Macb. II, 4. 40). Gloucester bereut seine Ungerechtigkei' 
gegenüber und gibt ihm seinen väterlichen Segen (Lear III, 
IV, 6. 34). Cassius grüßt fröhlich seine Herrin (Oth. II, : . j 
mit einem Wort des Segens. Desdemona betet für ihres Gf.tten 
Glück (Oth. II, 1. 195), Posthumus für seines Weibes Wohl 
(Cymb. I, 1. 115). Imogen hat nur den einen Wunsch, gute 
Nachricht von ihrem Gemahl zu erhalten (Cymb. III, 2. 29), 
Pisanio betet um das glückliche Entkommen seiner Herrin (Cjanb. 
III, 5. 165), Belarius segnet des Königs Söhne beim Abschied 
(Cymb. V, 5. 350). 

Hilfe soll der Himmel senden in Tagen der Trübsal oder in 
Augenblicken banger Entscheidung. Des Schicksals Schläge haben 
Timon fast vollständig zerschmettert, da beschwört sein Bruder 
Marcus die Götter, ihnen beizustehen (Tit. IV, 1. 66). Jung- 
Romeo dagegen wendet sich schon gleich zu Anfang seiner Lauf- 
bahn zu den Himmlischen und erbittet ihr gnädiges Geleit (Rom. 
I, 4. 112). Timon ist schließlich so weit, daß er nur an sich 
denkt und für sich Hilfe erfleht gegen den Hunger (Tim. IV, 3. 
23. 117. 464), während Lennox die Leiden eines ganzen Landes 



Das Gebet in Shakespeares Tragödien 43 

im Gebet vor Gott bringt. Wie entsetzt ist Hamlet bei der Geister- 
erscheinung seines Vaters (Harn. I, 4. 39), wie unglücklich Ophe- 
lia bei Hamlets anscheinendem Wahnsinn (Ham. III, 1. 138)! 
Innere Gewissensqual entringt den Lippen des Königs den Ver- 
zweiflungsschrei nach Engelbeistand (Ham. III, 3. 69), äußeres 
Elend veranlaßt Lear, geistige Umnachtung zu fürchten (Lear I, 
5. 50) und seinen Töchtern zu fluchen (Lear II, 4. 164). In das 
Kindesherz Cordelias und in Gloucesters Vaterherz schauen wir, 
wenn wir das Gebet kindlicher Treue und väterlicher Liebe lesen 
(Lear IV, 7. 726 u. 6. 40). Der teuflische Jago schrickt nicht 
zurück, einen Gebetsseufzer in schlechtester Absicht hervorzu- 
stoßen. Um Othellos Eifersucht zu schüren, flüstert er betend: 
'Good Heaven, the souls of all my tribe defend from jealousy!' 
(Oth. III, 3. 175). Den gleichen Wunsch hegt Desdemona für 
ihren Gatten, aber hier aus lauterstem Herzen. Eines treuen 
Dieners Sorge um seine Herrin erfleht der Himmlischen Hilfe 
(Cymb. III, 5. 165), und toten Eltern läßt das Schicksal ihres 
Sohnes im Grabe keine Ruhe, Hilfe heischend heben sie die 
Hände zum höchsten Herrscher empor (Cymb. V, 4. 87). 

Vergebung für seine Untreue ist des reuigen Enobarbus letzter 
Wunsch, bevor er sich selbst vom Leben scheidet (Ant. IV, 9. 12), 
auch Gloucester betet zu den gütigen Göttern, ihm sein Verhalten 
gegen Edgar zu verzeihen (Lear III, 7. 92). Jagos Anrufung 
der Gottheit ist nur leere Phrase (Oth. HI, 3. 373). dagegen ist 
es Desdemona heiliger Ernst, wenn ihre reine Seele des Himmels 
Verzeihung erfleht für anderer Leute Sünden. 

Gnade erbittet Banquo als Schutz gegen seine schwarzen Ge- 
danken (Mach. II, 1. 7) und Desdemona in der Todesangst ihres 
letzten Stündleins (Oth. V, 2. 34 — 57). Ophelias Lippen ent- 
schlüpft das Gebet: 'God ha' mercy on Ins soul and of all Chri- 
stian souls, I pray God!' (Ham. r\^, 5. 199), als ihr armes Herz 
gebrochen und ihr armes Hirn verwirrt ist. 

Ergreifend klingt Imogens Beten um Schutz und Beistand, als 
sie neben dem toten Gatten erwacht und des Himmels Mitleid zu 
erregen sucht (Cymb. I^^, 2. 203). Herr, gib ihm die ewäge 
Uuhe! Diesen letzten Wunsch gibt man geliebten Entschlafenen 
mit ins Grab. Es ist das letzte, was Titus für seine toten Söhne 
tun kann (Tit. I, 1. 150), es ist auch der Abschiedsgruß für Imo- 
gen, den Guiderius und Arviragius ihr weihen (Cymb. TV. 2. 
276). Dem Lebenden dagegen manscht Cleopatra Erfolg in 
einem tatenreichen Dasein des Ruhmes und Glückes. 

Doch auch Kraft brauchen die Lebenden, teils um sich hin- 
durchzukämnfen zum Thron, sei es auch durch blutigen Mord 
wie Lady Macbeth (Macb. I. 5. 41). teils, um sich nach freiwilli- 
gem Thronverzicht zu rächen an undankbaren Töchtern (Lear II, 



44 Das G«bet in Shakespeares Tragödien , 

4. 274), hier, um mutig zu sterben wie Posthumus (Cymb. V, 1. 
31), dort, um ein verhaßtes Leben weiterzuführen wie Hamlet 
(I, 2. 130). Ja, auch dazu gehört Kraft, fortan der Mensch- 
heit zu mißtrauen, was Apemantus beabsichtigt (Tim. I, 2. 63). 
Der Tod ist denen ein erwünschter Genosse, die alles eingebüßt 
haben, was das Leben lebenswert, machte. Kann man es Glou- 
cester verdenken, wenn er nach dem Verlust des Augenlichtes und 
des Sohnes den Tod herbeiruft? (Lear IV, 6. 220). Kann man es 
nicht Posthumas nachfühlen, daß er zu sterben wünscht, nach- 
dem, wie er glaubt, Imogen auf seinen Befehl getötet wurde? 
(Cymb. V, 4. 10). Zum Fluch wird das Gebet in dem Augen- 
blick ungebändigter Wut. So flucht Thersites dem Lager der 
Griechen (Troil. II, 3. 1), und der Grimm des Flaminius über 
das Betragen von Timons Freunden entlädt sich in derselben Weise 
(Tim. III, 1. 53). Bei Alcibiades bewirkt die Enttäuschung (Tim. 
TU, 5. 114), bei Lear die Undankbarkeit der eigenen Kinder eine 
gewaltsame Entfesselung der Leidenschaft in der Form des 
Fluches (Lear I, 4. 296). .Tagos verabscheuenswürdiger Verrat 
legt seinen aufgebrachten Weibe den Fluch auf die Lippen (Oth. 
V. 2. 155). 

Bis zum vollständigen Vernichtungswillen werden Shake- 
speares Menschen getrieben, und auch diesen erkennen wir im 
Spiegel des Gebetes. Was soll Timon in seiner melancholischen, 
zynischen Weise weiter wünschen, als daß nach der Zerstörung 
seines eigenen Glückes nun auch ein allgemeiner Zusammenbruch 
erfolgen möchte? (Tim. IV, 1. 1). In der Streitszene ruft Brutus 
Vernichtung seiner selbst vom Himmel herab (Caes. IV, 3. 79), 
Lear dagegen erfleht in seinem freudlosen, gramvollen Alter eine 
Aufhebung aller Naturgesetze (Lear III, 2. 1). 

Der Wunsch nach Rache beseelt Marcus, der tief erregt ist 
durch seines Bruders nie endende Unglücksfälle (Tit. IV, 1. 123). 
Als Macduff die Nachricht vom Tode seiner Familie überbracht 
wird, ist ein glühender Racheschwur seine einzige Antwort, der 
Wunsch, sich an dem Urheber dieses teuflischen Massenmordes 
rächen zu können, sein einziges Gebet. Der schwarze Undank 
seiner Töchter nagt an Lear (II, 4. 193), die vermutete Untreue 
seines Weibes bringt Othello zum heißen Begehren nach Rache 
(Oth. III, 3. 447). 

III. Wann führt Shakespeare das Gebet ein? 
Seine Stellung ist nicht bedeutungslos, sondern wechselt je nach 
der Wirkung, die dadurch erzielt werden soll. 

Am Anfang eines Aufzuges oder eines Auftrittes finden wir 
häufig ein Gebet. Hier hat es nur einführenden Charakter und 
gewährt uns einen Einblick in die Stimmung des Redenden, so 
wenn Thersites vor dem Zelt des Achilles durch sein Fluchen 



Das Gebet in Shakespeares Tragödien 45 

seine schlechte Laune offenbart (Troil. II, 3. 1 — 40), oder wenn 
Bruder Laurence die kirchliche Einsegnung von Romeo und 
Juliet durch ein kurzes Gebet einleitet (Rom. II, 6. 1). In Cym- 
beline eröffnet Posthumus den V. Aufzug mit einem Monolog, in 
den Gebetsausdrücke eingeflochten sind. 

Weit wirkungsvoller ist das Gebet am Schluß des Auftritts. 
Da bezeichnet es meistens leidenschaftliche Erregung oder kenn- 
zeichnet einen Fortschritt in der Entwicklung der Handlung. 
Nach heftigem Rachegebet verlassen Marcus (Tit. IV, 1, 66) und 
Flaminius (Tim. III, 1. 53) die Bühne auf dem Höhepunkt ihrer 
Entrüstung. Mit furchtbarer Verwünschung endet i\.lcibiades 
den 5. Auftritt des III. Aufzuges in Timon (Tim. III, 5. 114). 
Doch haben wir zuweilen auch ein Abebben der Bewegung und 
den Ausblick auf die Zukunft. So wenn der 2. Aufzug von Mac- 
beth geschlossen wird durch den frommen Wunsch des Alten 
Mannes: 

'God's benison go with. you and with those 

That would make good of bad and friends of foes.' (Macb. II, 4. 40). 

Am Ende des 3. Aufzuges fleht Lennox die heiligen Engel an, 
sein Vaterland zu segnen (Macb. III, 6. 44), den gleichen Wunsch 
hegt Pisanio für Imogen (Cymb. III, 5. 165). 

In der Exposition schlägt das Gebet das Leitmotiv des ganzen 
Dramas an. Das können wir nachweisen am Begräbnisgebet des 
Titus. Er wünscht seinen Kindern Ruhe, entfernt von den Wech- 
selfällen des Lebens, wo kein Verrat lauert, kein Neid wühlt, und 
zählt dabei all das auf, was sein eigenes Dasein bald so äußerst 
elend macht (Tit. I, 1. 150). Romeo erbittet Gottes Beistand, da 
sein Geist mit trüben Ahnungen erfüllt ist (Rom. 1,4. 112). Selbst 
des Apemantus Gebet schließt das Thema der ganzen Tragödie in 

sich: 'Grant, I ma^^ never prove so fond, To trust m,y 

friends if I should need 'em' (Tim. I, 2. 63). Lady Macbeths 
Anrufung der Geister ist besonders interessant, da sie zeigt, wie 
sie ihre ganze Willenskraft nur auf eins richtet: auf die könig- 
liche Krone (Macb. I, 5. 41). Als Hamlet über seiner Mutter 
Betragen nachdenkt, spricht er das große Wort gelassen aus: 
'It is not, nor it cannot, come to goodi' (Ham. I, 2. 130). Darin 
bestärkt ihn das Erscheinen seines ermordeten Vaters (Ham. I, 4. 
39). Cassios Begrüßung der Desdemona (Oth. II, 1. 77) und Des- 
demonas eigenes Gebet erstrecken sich auf den AVunsch des 
Wachstums ihrer ehelichen Liebe (Oth. II, 1. 95). Wie tragische 
Ironie wirkt das auf den Hörer. Cleopatras i^bschied von An- 
tonius (Ant. I, 3. 99), Posthumus Lebewohl seiner Gattin gegen- 
über sind durchklungen von der Ahnung des Kommenden (Cymb. 
L 1. 115). 

Die Schürzung des Knotens wird oft durch Anrufung der 



46 Das Gebet in Shakespeares Tragödien 

Götter betont. Jedoch hat dies Gebet meist retardierenden Cha- 
rakter und dient nicht zur Weiterführung der Handlung. Dies 
wird ersehen aus der Streitszene zwischen Brutus und Cassius 
(Caes. IV, 3.282), Banquos Kampf gegen seine eigenen Gedanken 
(Mach. II, 1. 7), Macduffs Racheschwur (Mach. IV, 3. 230), des 
Königs vergeblichen Versuch, zu beten (Ham. III, 3. 69), Ophe- 
lias Klage über Hamlets Wahnsinn (Ham. III, 1. 139. 147). 
Überall steht das Gebet am Grenzpunkt des Dramas, wo die stei- 
gende Handlung durch den Beginn der Verwicklung unsere ge- 
spannte Aufmerksamkeit erregt. Hierher gehört auch Cornelias 
Gebet für ihren Vater (Lear IV, 7. 14. 26) und Jagos Verhalten 
gegen Othello in der Verdächtigungsszene (Oth. III, 3. 175. 373. 
447). Meisterhaft versteht es Jago, die Eifersucht des Mohren 
.zu wecken, zu fesseln und zu steigern. 

Vor der Katastrophe dient das Gebet dazu, die Tragik zu ver- 
tiefen. Dabei müssen wir den Begrilf Katastrophe in doppeltem 
Sinne betrachten, einmal als Schlußpunkt des ganzen Dramas, 
dann aber auch als Wendepunkt in dem Leben des einzelnen, der 
zu frühzeitigem Tode führt. Wir erleben Cressidas Verzweif- 
lung darüber, daß sie Troilus zu verlassen hat (Troil. IV, 2. 165). 
Ehe Timon seine Freunde verjagt, spricht er das berühmte Tisch- 
gebet (Tim. III, 6. 79). Im Banne des Wahns erbittet Ophelia 
des Himmels Gnade (Ham. IV, 5. 199). Lear fleht um Geduld 
für sein grenzenloses Elend (II, 4. 274), bald aber wütet er sinn- 
los in der Einsamkeit der sturmgepeitschten Heide (III, 2. 1). 
Desdemona betet in holdseligem Erbarmen für den Verleumder 
(Oth. IV, 2. 131) und in zitterndem Zagen um himmlische Gnade 
für sich selbst (Oth. V, 2, 34. 76). In Antonius und Cleopatra 
vernehmen wir das letzte Gebet des Enobarbus vor seinem Selbst- 
mord (Ant. IV, 9. 12), in Cymbeline die letzten Gebetsworte des 
Posthumus vor der Hinrichtung (Cymb. V, 4. 10). Nach der 
Katastrophe werden Ausdrücke der Klage oder der Wut gen 
Himmel gesandt. Marcus beschwört die Götter, ihn den Schur- 
ken finden zu lassen, der sich an Virginia vergangen hat (Tit. IV, 
1. 66). Timon wütet nach seiner Verbannung gegen Athen (Tim. 
IV, 1. 1) und jammert nach einigen Wurzeln, um seinen Hunger 
zu stillen (IV, 3. 23. 177), und nach einem einzigen ehrlichen 
Menschen (IV, 3. 464). Gloucester begehrt des Himmels Gerech- 
tigkeit (IV, 1. 69), versucht Selbstmord (6. 34) und bereut dann 
diesen vergeblichen Versuch (6. 220). Wie ist Emilia zornent- 
flammt über ihren verleumderischen Gatten! (Oth. V, 2. 155). 
Wie innig beklagt Imogen den vermutlichen Tod ihres Gemahls! 
(Cymb. IV, 2. 303). 

IV. Warum führt Shakespeare das Gebet ein? 
Mannigfache Gründe, auf den verschiedensten Gebieten liegend. 



Das Gebet in Shakespeares Tragödien 47 

bewogen ihn dazu. Er hat es nicht nur in den Tragödien an- 
gewandt, auch alle Geschichtsdramen außer H 4 A weisen es auf, 
ja selbst einige Komödien. Bald ist es der Dichter, der unsere 
Spannung erregen oder steigern will durch das feierliche iinrufen 
höherer Mächte, bald beabsichtigt der Künstler, dadurch einer 
Stimmungsszene erhöhte Anschaulichkeit zu verleihen. Der Ethi- 
ker möchte unsere Begeisterung für das Gute, unseren Abscheu 
vor dem Bösen wecken; der Schauspieler unterstreicht dadurch 
die Deutung oder Entwicklung eines Charakters. Schließlich 
blickt auch noch der Praktiker durch, der Szenen miteinander 
verknüpfen muß und vereinzelt seine eigene Ansicht zum Aus- 
druck bringt. 

Ästhetische Gründe sind also zunächst maßgebend. Wer wird 
nicht in Spannung versetzt, wenn Marcus Lavinia zeigen will, wie 
sie ohne Hände schreiben kann, vorher aber die Götter feierlichst 

anruft: 

'Apollo, Pallas, Jove or Mercury 

Inspire me, that I may treason find!' (Tim. IV, 1. 66). 

Nicht nur die Tischgäste, sondern auch die Zuschauer werden 
durch Timons langes Tischgebet vor dem Mahl in Erwartung ge- 
halten, zumal der sarkastische, hohnvolle Ton des Gebetes auf 
etwas Außerordentliches schließen läßt (Tim. III, 6. 335). 

Gloucester ist bereit, sein Leben zu enden. Aber ehe er den 
Vorsatz ausführt, kniet er nieder und macht uns mit seiner Ab- 
sicht bekannt. Diese lange Verzögerung erhöht die Wirkung der 
Tat, wenn sie dann endlich vollbracht wird (Lear IV, 6. 635). 

Mit gespanntem Interesse verfolgen wir den Gang der Hand- 
lung, wenn Othello die schwarze Rache anruft und niederkniend 
feierlich sein Wort verpflichtet, nicht seinen Sinn zu ändern; 
wenn Jago, in derselben Art und Weise, sich auf den Knien dem 
Othello weiht (Oth. III, 3. 702). 

Imogen erhält einen Brief von ihrem verbannten Gatten. An- 
statt ihn sofort zu lesen, ergeht sie sich in Erwägungen, was ■ er 
enthalten könnte, und betet zu den Göttern um recht gute Nach- 
richt: 

•You good god.s, 
Let what is here contain'd relish of love, 
Of my lord's health, of his content, yet most 
That we two are asunder; let that grieve him. 

Good news, gods! (Cymb. III, 2.'29). 

Dieses retardierende Moment macht uns um so neugieriger, den 
wirklichen Briefinhalt kennenzulernen. 

Die Einführung der Stimmungsszene ist ein anderes Mittel, 
um die Aufmerksamkeit des Hörers zu gewinnen. Diese Art 
Szenen haben keine direkte Verknüpfung mit der Handlung, 
liegen anderseits natürlich nicht ganz außerhalb der Hauptidee. 



48 Das Gebet in Shakespeares Tragödien 

Sie nehmen zuweilen die Stelle des antiken Chores ein, indem sie 
die verschiedenen Situationen und Stimmungen widerspiegeln. 
Auch hierin findet das Tragische und das Schöne, das Abstoßende 
und das Erhabene den passenden Ausdruck in einem ernsten, 
schlichten Gebetswort oder in gesteigerter religiöser Ekstase. Der 
Zuschauer der Shakespeare-Zeit war ja viel abhängiger vom 
Wort als wir, da die Bühnentechnik nichts ahnte von unserer 
raffinierten Ausstattung. Heutzutage hören wir den rollenden 
Donner und den strömenden Regen, wir sehen den zuckenden 
Blitz auf der Bühne, das Heulen des Windes geht uns durch Mark 
und Bein. Aber in Shakespeares Zeit konnte das Toben der Ele- 
mente nur durch das Wort geschildert werden, das übrige war 
der Phantasie des Zuschauers überlassen. Sicherlich aber hatte 
jeder einzelne eine klare Vorstellung von dem furchtbarsten Un- 
wetter, wenn Lear in die beschwörenden Worte ausbrach: 
'Blow, winds, and erack yoiir cheeks ! rage ! blow ! 
You cataracts and hurricanoes, spout 
Till you have drenched our steeples, drowu'd tlie cocks! 
You sulphurous and thought-executing fires, 
Vaunt eouriers to oak;-cleaving thunderbolts, 
Singe my white head! And thou, all-shakiug thunder. 
Smite i\at the thick rotundity o' the world! — 
Rumble thy bellyful ! Spit, fire! spout, rain." 

Es ist eine Szene von großartiger Wildheit, die uns der Dich- 
ter hier vorführt. Yon dem dramatischen Hintergrund von Nacht 
und Sturm heben sich die erregten Wogen menschlicher Em- 
pörung ab. Es ist kein gewöhnliches Unwetter, das über die ein- 
same Heide dort rast; 'it is a night of bleak winds sorely ruffling, 
of Curling waters swelling above the main.' All das aber harmo- 
niert mit dem Wirbelwind menschlicher Leidenschaften, der nur 
dadurch ungehemmt dahinrast, daß er dem Aufruhr der Elemente 
Trotz bietet und sie zu noch wahnsinnigerer Wut anspornt. Die 
gezeichneten Situationen sind so scharf umrissen, daß uns kein 
einziges Bild entgeht und alles sich unverlierbar einprägt (Lear 
III, 2. 1). Es ist an sich eine ergreifende Szene, wenn Titus mit 
den beiden lebenden Söhnen auf der Bühne erscheint, und der 
Sarg mit den beiden im Kriege gefallenen Söhnen wird herbei- 
getragen. Aber der Höhepunkt ist in dem Augenblick erreicht, 
in dem der Sarg ins Grab gesenkt wird, und der Vater seinen 
Kindern ein letztes Lebewohl widmet mit dem ruhigen Gleich- 
mut des antiken Römers, der in den schönen Zeilen zum Aus- 
druck kommt, die beginnen: 'In peace and honour rest you here, 
my sons!' ... (Tit. I, 1. 150). 

Eine vorhergehende Bankettszene gestaltet den Auftritt im 
'Timon' vor den Mauern von Athen noch packender. Dort sahen 
wir Timon, umgeben von Senatoren, Freunden, Dienern, hier fin- 



Das Grebet in Shakespeares Tragödien 49 

den wir ihn, verlassen von aller Welt. Bei seinem Festmahl 
lauschten wir süßer Musik, jetzt vernehmen wir entsetzt die fürch- 
terlichen Verwünschungen jener selben Stadt, die ihn einst ver- 
wöhnte (Tim. IV, 1. 337). 'Wälder und Höhle nahe der See- 
küste' sind der nächste Ort, wo wir Timon wiederfinden, arm, 
einsam, elend. Er durchwühlt den Erdboden und wimmert ver- 
zweifelnd: 'Roots, you dear heavens! . . . one poor root!' (Tim. IV, 
3. 23. 117). 

Der Auftritt zwischen Hamlet und Ophelia wird pathetischer 
durch Ophelias kurze Stoßseufzer: '0 help him, you sweet 
heavens! — heavenly powers, restore him!' Gebrochenen 
Herzens spricht sie diese aufrichtigen Wünsche in demselben 
Augenblick aus, da Hamlet sie mit ausgesuchter Grausamkeit be- 
leidigt und verletzt hat (Ham. III, 1. 139). 

Eine entgegengesetzte Seite des Lebens enthüllt sich uns, 
wenn wir der Unterhaltung beiwohnen, die Charmian und Iras 
mit dem Wahrsager führen. Ihr spöttisches Gebet gibt uns einen 
klaren Begriff von der leichtfertigen Lebensart, die am Hofe der 
bezaubernden Königin herrscht (Ant. I, 2. 64). 

Nach Cäsars Feldlager führt uns der Dichter in klarer Mond- 
scheinnacht. Schildwachen sind auf ihrem Posten und brechen 
das Schweigen der Nacht durch ihre Flüsterworte. Ein Krieger 
tritt auf und ruft zum heiligen Mond. Enobarbus ist es, den 
Gewissensqual nicht schlafen läßt, und der deshalb den ewigen 
Schlummer sucht. Er bereut seine Untreue gegen Antonius, er- 
fleht Vergebung und stirbt mit seines Herrn Namen auf den 
Lippen. Zuerst halten ihn die Soldaten für eingeschlafen, bald 
aber erkennen sie 'so bad a prayer as his was never yet for sleep.' 
Die Hand des Todes rührte ihn an (Ant. TV, 9. 6). 

Eine andere Abschiedsszene ist dargestellt in der Gartenszene 

zwischen Posthumus und Imogen. Ein grausames Schicksal 

zwingt sie zur Trennung. Sie wechseln Erinnerungszeichen aus. 

Imogen deutet eine Ehe des Posthumus mit einem anderen Weibe 

an. Er aber weist diesen Gedanken mit dem Gelübde ab: 

'You gentle gods, give me but this I have 
And sear up my embracements from a next 
With bonds of death.' (Cymb. I, 1. 115). 

Im zweiten Aufzug sehen wir in der friedvollen Abendszene 
'Imogen in bed, reading, a Lady atteuding' ein rührendes Stim- 
mungsbild, dessen Reiz erhöht wird durch Imogens schlichtes, 
kindliches Abendgebetchen: 

'To your protection I commend me, gods ! 
From fairies and the tempters of the night 
Guard me, beseech ye!' (Cymb. II, 2. 12). 

Hochpoetisch ist auch die Begräbnisszene mit den lyrischen Sän- 

Archiv f. n. Spruchen. 141. 4 



60 Das Grebet in Shakespeares Tragödien 

gen. Blumen streut man auf Imogens Blumengesicht, und ihre 
Brüder beenden die Feierlichkeit durch eine Abschiedsstrophe, 
deren einzelne Zeilen sie abwechselnd singen (Cymb. IV, 2. 276). 
Die letzte Stimmungsszene der Tragödien, die durch das Gebet 
besonders gehoben wird, ist die, in der wir den schlafenden Post- 
humus umgeben sehen von den Erscheinungen seiner verstorbenen 
Angehörigen, die für ihn ihre Gebete zu Jupiter emporsenden. 

Ethische Gründe kommen hinzu als Ursache für die Gebets- 
verwendung im Drama. Des Hörers Anteilnahme soll geweckt 
werden. Glänzend löst Shakespeare diese Aufgabe. Er erregt 
unser Mitleid, und dadurch erreicht das Drama erst seine volle 
tragische Wirkung. Unser Herz fühlt mit dem alten Titus am 
Grabe seiner jungen, hoffnungsvollen Söhne (Tit. I, 1. 150), es 
wird schmerzvoll bewegt durch Hamlets tiefes Stöhnen zu Gott 
(Harn. I, 2. 129), es kann nicht umhin, heftiger zu schlagen bei 
Lcars Verzweiflungsschrei: 'I would not be mad!' (Lear I, 5. 50). 
Cordelia erregt unser Mitleid durch ihr schluchzendes Gebet für 
ihren Vater (Lear IV, 7. 14, 26), Desdemonas sanfte Unterwer- 
fung unter den gewaltsamen Tod und ihr Gebet um Erbarmen 
nift all erreinste Sympathie in uns hervor mit diesem armen, un- 
schuldigen Opferlamm (Oth. V, 2. 34. 37). Imogens Sehnsucht 
nach dem Gatten, ihre herzbewegliche, jammervolle Klage um 
ihn wird wieder und wieder tiefgerührte Hörer finden. Es ist un- 
möglich, gleichgültig zu bleiben bei Kassandras trostlosem Auf- 
schrei (Troil. II, 2. 101) oder bei ihrem herzzerreißenden Ab- 
schied von Hektor (Troil. V, 3. 81). Dann sieh Romeo und Juliet 
im frischen Liebesglück ihrer jungen Ehe! Kann ihnen ein här- 
teres L(OS zufallen, als sich jetzt voneinander losreißen zu müssen? 
Kannst du da gefühllos bleiben, wenn du weißt, diese Trennung 
steht unter dem dunklen Schatten banger Ahnungen? (Rom, III, 
5. 54). Weilt nicht all dein Wünschen, Hoffen, Bangen, Sorgen 
bei diesen jugendschönen Menschenkindern? 

Anderseits versteht es Shakespeare gleicherweise, unseren Ab- 
scheu zu erregen bei Timons entsetzlichem Fluch gegen seine 
Vaterstadt (Tim. IV, 1. 337) oder Lears unnatürlicher Maß- 
losigkeit (Lear I, 4. 297; II, 4. 164). Ruft Lady Macbeth die 
Geister an 'to unsex her and to fill her from crown to toe with 
direst cruelty', so erzittern wir vor dieser unweiblichen Roheit 
(Mach. I, 5. 40). Ähnlich wirkt die unvergleichlich gebaute Ver- 
dächtigungsszene im Othello, die in grandioser Steigerung von 
den harmlosesten Fragen zum gemeinsamen Racheschwur des 
Verleumders und des Betörten führt (Oth. III, 3. 447). 

Künstlerische Absichten führten Shakespeare dazu, durch das 
Gebet die Charakterentwicklung anzudeuten. Die Charaktere in 
Shakespeares Stücken werden nicht durch abstrakte Abhandlun- 



Das Grebet in Shakespeares Tragödien 51 

gen oder Beschreibungen vor unser Auge gestellt, sondern in 
voller Wirklichkeit erblicken wir sie, durch ihr eigenes Wort, 
durch ihre eigene Tat scharf gezeichnet. Es sind Selbstporträte, 
aber wir bewundern nicht nur ihre Außenseite, wir schauen ihnen 
ins Herz. Shakespeare ist nicht damit zufrieden, uns zu zeigen, 
was sie taten, sondern er enthüllt ihre innersten Beweggründe, 
warum sie es taten, und das häufig genug durch das Gebet. 

Wenn uns von Thersites nur das Gebet überliefert wäre, es 
genügte vollkommen, um uns seine menschenfeindliche Welt- 
anschauung zu offenbaren, seinen beißenden Witz, seine scharfe 
Ironie, den böswilligen, neidischen, boshaften Grundzug seines 
Wesens (Troil. II, 3. 1). 

Cressidas Klage zeigt ihre heftige Neigung zu Troilus und 
ihre feste Absicht, ihm treu zu bleiben. Diese leidenschaftlichen 
Beteuerungen verstärken den Eindruck ihrer flatterhaften Un- 
beständigkeit, wenn sie ihn später so schnell vergißt und mit glei- 
chem Feuer einem anderen Manne ihre Liebe weiht (Troil. IV, 
2. 105). 

Aus Titus' Totengebet spricht der starre Römer, der ohne 
Seufzer seine Söhne dem Staatswohl opfert, der klar und hart das 
Leben beurteilt und scharfsichtig die üblen Zeichen der Zeit er- 
kennt (Tit. I, 1. 150). 

Romeos kurzer Wunsch: 'He, that has the steerage of my 
course Direct my sail!' spiegelt uns das Bild eines leidenschafts- 
losen, frommen, melancholischen Jünglings wider. Wie bald 
beobachten wir im Gang des Dramas die Entwicklung dieses 
Charakters! Wie schnell nimmt er sein Schicksal selbst in die 
Hand und hat's nach eigenem Willen zu Ende dann gebracht: 
Here will I set up my everlasting rest! Die Entwicklung Ti- 
mons von einem freigebigen, freundlichen, glücklichen Herrn zu 
einem fluchenden Menschenhasser, der an nichts Gutes im Men- 
schen glaubt, haßerfüllt seiner eigenen Vaterstadt gedenkt und 
am liebsten die Naturgesetze umstürzen möchte, wird dargelegt 
in der langen, inbrünstigen Anrufung der Götter vor den Mauern 
Athens. Das Erscheinen seines treuen Dieners wandelt seine 
gefährliche Stimmung etwas zur Milde, er stellt die Bitte um 
Verzeihung für seine allgemeine, ausnahmslose Verdammung des 
Bestehenden in den Vordergrund. So erkennen wir wenigstens 
einen Versuch zur Selbstbeherrschung (Tim. IV, 1. 1; 3. 102). 

Nur Wille, nicht Weib, das ist der Eindruck, den die Geister- 
anrufung der Lady Macbeth herv^orruft. Ihre ganze Natur ist 
auf ein Ziel gerichtet. So gewaltig wirkt diese Einstellung ihres 
ganzen Ichs auf eine Tat, daß sie schon vollendet sieht, was kaum 
geplant ist. Alles, was von außen auf sie eindringt, wird auf 
diesen einen Zweck gedeutet: die krächzenden Rabenstimmen 

4* 



52 Das Grebet in Shakespeares Tragödien 

künden ihr nur den verhängnisvollen Eintritt Dueans unter ihres 
Schlosses Zinnen an. Böse Geister ruft sie an um Hilfe. Sie 
sollen ihr beistehen, Gewissen und Weiblichkeit abzulegen. Hül- 
lenlos steht sie vor uns in ihrer eisernen Selbstbeherrschung, ihrer 
starken Zielstrebigkeit, ihrer gewissenlosen Rücksichtslosigkeit. 
Ihre Wünsche zeigen uns ihrer innersten Seele Triebfeder: ver- 
brecherischen Ehrgeiz (Mach. I, 5. 41). Der regt sich auch leise 
in Banquo. Er aber wünscht, im Schlaf und Wachen ein reines 
Herz zu haben und scheut sich selbst vor der Gedankensünde: 

'merciful powers, 
Restrain in nie the cursed thoughts thal nature 
Gives way to in repose!' (Maeb. II, 1.7). 

Zu diesen Tatmenschen bildet Hamlet einen schroffen Gegen- 
teatz. Schon sein erster Monolog beginnt mit einem Gebet, das 
seinem Charakter entsjjricht: Weltschmerz, Todessehnsucht, nur 
in Schranken gehalten durch religiöse Bedenken, erfüllt ihn. Dem 
toten Vater trauert er nach, von der lebenden Mutter wendet er 
sich schaudernd ab, da ihre übereilte zweite Ehe sein Zartgefühl 
empfindlich verletzt (Harn. I, 2. 130). Auch der König charak- 
terisiert sich selbst durch seine Betrachtung über das Gebet und 
deutet die Wandlung an, die er durchgemacht hat. Ist das noch 
der selbstzufriedene, hartherzige, lächelnde Schurke? Schuld- 
bewußtsein schüttelt ihn, zwingt ihn zum Schuldbekenntnis, 
bringt ihn an den Rand der Verzweiflung, und läßt ihn himm- 
lischen Beistand erflehen. Seine steifen Knie beugen sich, sein 
zerschlagenes Herz bebt in Furcht und Hoffnung (Ham. III, 
3. 69). 

Lears Reizbarkeit, Rachsucht, Raserei — alles wird scharf 
beleuchtet durch sein Flehen zu der Natur, seiner Tochter Goneril 
Kinder zu versagen. Luft und Licht, Nacht und Nebel werden 
angerufen, ihr Schaden zuzufügen. Sein ganzes tiefgekränktes 
Selbst spricht aus dieser furchtbaren Beschwörung (Lear I, 4. 
296; II, 4. 164. 193). 

In Cordelias Gebetsworten ist dagegen ein wundervoller Cha- 
rakter voll Selbstverleugnung, frauenhaftem Vergeben, kindlicher 
Liebe, inniger Frömmigkeit enthüllt. Ihr reines Herz strömt 
über in den zartesten Tönen der Sorge und Liebe. Ihr Vater hat 
ihr schmachvolles Unrecht zugefügt — sie ist von tiefstem Mit- 
gefühl erfüllt für sein herbes Geschick. Ihrer Schwestern un- 
ehrerbietiges Betragen wird von ihr aufs heftigste beklagt (Lear 
IV, 7. 14. 26). Wie ein holder Engel schreitet sie über die Erde. 

Doch auch erschreckende Abgründe des Meuschenherzens wer- 
den offenbar im Gebet. Jagos niedrige Heuchelei benutzt das 
heilige Gebet zu unheiligem Zweck. Mit seinen berechnenden, 
halb hingeworfenen Bemerkungen, seinen hämischen, heimlichen 



Das Grebet in Shakespeares Tragödien 53 

Andeutungen, seineu sehlauen Wiederholungen könnte er den 
friedlichsten Menschen zur Wut bringen. Kein Wunder, daß er 
den heißblütigen Othello zum Verderben hinreißt, zum feierlichen 
Racheschwur, zur verbrecherischen Tat (Oth. III, 3. 175. 373). 
Diesen Mächten der Finsternis ist Desdemonas Lichtgestalt nicht 
gewachsen. Hören wir ihr Gebet, so sehen wir ihr ins Herz, das 
ausgefüllt ist von alles verzeihender Liebe zu ihrem G-atten und 
zu ihrem Feinde Jago; was sonst noch darin lebt an wahrhaft 
christlicher Ergebung und Tugend, das gehört ihrem Gott, auf 
dessen Gnade sie baut. 

Technische Gründe, die eine Anrufung der Götter erwünscht 
sein ließen, können nur aus der damaligen Bühne verstanden 
werden. Bis 1599 bestand keine Akteinteilung. Pausenlos wurde 
durchgespielt. Durch ein Gebet war die Möglichkeit gegeben, 
einen Menschen auf der Bühne zu belassen, während die geringe 
szenische Veränderung oder auch ein Kostümwechsel vorgenom- 
men wurde. Außerdem konnte dadurch eine zuweilen nötige Er- 
klärung eingeflochten werden, die das Verständnis des folgenden 
Auftritts erleichterte. In dem Sinne der Zeitgewinnung ist 
eingeführt das Gebet des Marcus in Tit. IV, 1. 66, des Alcibiades 
in Tim. III, 3. 114, des Lennox in Mach. III, 6. 45 und des Post- 
humus in Cvmb. V, 1. 31. 

Imogens Verzweiflung beim angenommenen Tode ihres Gat- 
ten (Cymb. IV, 2. 302) oder das Gebet der Geister für Posthumus 
erläutert die Vergangenheit oder Zukunft und klärt dadurch die 
Lage. 

Im Gebet haben wir auch den so seltenen Fall, daß Shake- 
speare seine eigene Meinung zum Ausdruck bringt. Er ist so 
überaus unpersönlich, daß es ein sehr gewagter Versuch ist, 
Shakespeare, den Mann seiner Zeit, in seinem Werk zu finden. 
Verschiedene unternahmen es, diese Aufgabe zu lösen, die Er- 
gebnisse waren aber nicht sehr ermutigend. Der eine wies aus 
Shakespeares Worten nach, daß er ein frommer Katholik und ein 
Charakter von hohem sittlichem Wert war, der andere belegte 
klar seinen Atheismus und seine gemeine Lebensauffassung. Nur 
bei zwei Gebeten möchte ich den Ausdruck seiner persönlichen 
Ansicht zeigen. Im Timon beginnt Flaminius seine Anrufung 

der Götter: 

'0 you gods! 
Ts yond despised and ruinous man my lord?' 

und fährt fort: 

What viler thiug lipon the earth than friends 
Who can bring noblest niinds to basest end.s ! 

Hier klingt das von Shakespeare besonders in den Sonetten so oft 
behandelte Freundschaftsthema an. Timon entstand ungefähr in 



54 Das Gebet in Shakespeares Tragödien 

derselben Zeit, so daß wohl ein Klang persönlichen Interesses mit 
hineingekommen sein mag (Tim. IV, 3. 464). Im Lear ist Glou- 
cesters Unterhaltung mit dem Narren fast etwas zu hochgehend 
angelegt, so daß man da wohl zu dem Schluß kommen könnte, es 
ist der Dichter, der ^a spricht: 

'Heavens, deal so still! 
Let the superfluous and li'^t-dieted man, 
That slaves your ordinanoe, that will not see 
Because he does not feel, feel your power quickly; 
So distribution should imdo excess « 

And each man have enough.' (Lear IV, 1. 69.) 

V. Wodurch wirkt das Gebet so gewaltig? 

Äußerst zahlreich sind die Mittel, welche dem Dichter zur 
Verfügung standen, um den Eindruck des Gebetes zu vertiefen. 
Das Gebet als Monolog lenkt die ungeteilte Aufmerksamkeit des 
Hörers auf sich. Was ist natürlicher als eine laute Zwiesprache, 
wenn die betende Seele sich mit ihrem Gott allein fühlt! Shake- 
speare, der große Psycholog, macht deshalb von diesem Mittel 
Gebrauch in den Stimmungsmonologen des Thersites (Troil. II, 
3. 1—40), Marcus (Tit. IV, 1. 123—129), Timon (IV, 1. 1—41; 
3. 22—44; 175—196), Hamlet (I, 2. 129. 159) und des Königs in 
Hamlet (III, 3. 35 — 72). Leidenschaftlich erregte Personen 
offenbaren hierin in machtvoller Eindringlichkeit ihres Herzens 
geheimstes Weh. Der Entschließungsmonolog macht uns mit den 
Willensentschlüssen des Alcibiades (Tim. III, 5. 104) und der 
Lady Macbeth (Macb. I, 5. 39) äußerst wirkungsvoll bekannt. 

Die Wirkung des Gebetes wird auch dadurch erhöht, daß es 
in eine Sterbeszene verlegt wird. Ist der Tod dann gar noch ein 
gewaltsamer und frühzeitiger, so gewinnen selbst so schlichte 
Stoßseufzer wie Desdemonas Gebet um des Himmels Barmherzig- 
keit (Oth. V, 2. 34. 67) oder des Enobarbus letzter Wunsch um 
Vergebung eine erschütternde Verinnerlichung. 

Die eindrucksvolle Umgebung, welche oft den Rahmen für 
das Gebet bildet, offenbart so recht Shakespeares künstlerische 
Ader. Die einsame Terrasse, die tiefe Dunkelheit, die nächtliche 
Stille nach dem Verklingen der Trompeten, die Geistererschei- 
nung, jetzt hier, ietzt dorthin gleitend, das alles ist die ausgesucht 
wirkungsvolle Einleitung zu Hamlets entsetztem Aufschrei: 
'Angels and ministers of grace, defend us!' (Ham. I, 4. 39). 

Imogens Verzweiflung leuchtet jedem ein, der miterlebt, wie 
sie im offenen Grabe erwacht, mit Blumen bedeckt, und neben 
sich den blutenden Rumpf ihres vermeintlichen Gemahls erkennt. 
Kaltes Grausen durchbebt uns und ihr Gebet. 

Schließlich führt Shakespeare an einer Stelle übernatürliche 
Wesen ein, um das Gebet wirksamer und geheimnisvoller zu ge- 



Das Grebet in Shakespeares Tragödien 55 

stalten. Ein ganzer Reigen Verstorbener in spukhafter Geister- 
gestalt läßt seine unheimlichen Stimmen an Posthumus' Lager 
ertönen. Wie aber vertieft sich der Eindruck noch, als plötz- 
lich der angerufene höchste Gott in Person erscheint und zu ant- 
worten geruht auf die flehenden Bitten! 

Neben diesen äußerlichen Situationsmitteln, die des Zu- 
schauers Einbildungskraft und Auge beschäftigen, stehen dem 
Dichter noch die poetischen Stilmittel zur Verfügung, die das Ohr 
des Hörers gefangennehmen. Versbau und Sprache der Gebete 
ist den Anforderungen der dramatischen Kunst angepaßt. So 
erzielt Shakespeare große Wirkungen durch die i^nwendung des 
Gegensatzes in der Ausdrucksweise. Die äußerst schlichte Sprache 
des Gebetes wirkt doppelt wohltuend, wenn sie neben aufgeregter 
Rede steht. In dieser Art steht Gloucesters einfaches Gebet neben 
Edgars närrischem Geplapper (Lear IV, 1. 69). Imogens Abend- 
gebet, gesprochen mit der anmutigen Schlichtheit der Unschuld, 
hebt sich vorteilhaft ab von Jachimos langem Getöne, womit er 
sein schlechtes Gewissen zu betäuben sucht (Cymb. II, 2. 902). 
Dann wieder bietet Imogens gemäßigtes, ruhiges Gebet vor Er- 
öffnung des Briefes einen angenehmen Gegensatz zu dem vorher- 
gehenden Monolog des Pisanio, der nur aus wilden Ausrufen und 
Fragen besteht (Cymb. III, 2. 30). 

Der Ausruf ist seinerseits auch für eine ganze Reihe von 
Gebeten, ja, wohl für alle angewandt; denn schließlich ist jede 
Anrufung der Götter in diese Form gekleidet, jeder lebhafte 
Wunsch so ausgedrückt. Aus der großen Zahl weisen wir nur 
kurz auf die auffallendsten Stellen hin. Zahlreiche Ausrufe ge- 
stalten das Gebet des Thersites vor dem Zelt des Achilles leb- 
hafter (Troil. II, 3. 1). Cressidas Gebet beginnt mit dem be- 
tonten Gelübde: 

'O you gods divinel 

Make Cressid's name the very crown of falsehood, 

If ever she leave Troilus.' 

Marcus ruft vier Gottheiten an, ihn mit ihrem Geist zu erfüllen 
(Tit. IV, 1. 66), und beendet den Auftritt mit dem Racheschrei: 
'Revenge, ye heavens, for old Andronicus!' (Tit. IV, 1. 129). 

Flaminius' Gebet besteht nur aus entrüsteten Ausrufen (Tim. III, 
1. 53), und Alcibiades beginnt in gleicher Weise (Tim. III, 5. 
114). Das treffendste Beispiel für wirkungsreichen Nachdruck 
durch Anwendung des Ausrufs gibt Timons lange Fluchfolge. 
In 40 Zeilen prasseln 21 Ausrufe auf den Hörer hernieder (Tim. 
IV, 1. 1), und sein späterer Schrei nach Wurzeln und einem ehr- 
lichen Menschen zeigt noch die heftige Erregung seines Geistes 
(Tim. TV. 3. 23. 177. 502). Ihm zur Seite steht Lear als typi- 



56 Das Gebet in Shakespeares Tragödien 

sches Beispiel für die höchste Ekstase, ausgediückt durch aufein- 
anderfolgende oder eingestreute Ausrufe (Lear I, 4. 296; II, 4. 
164. 192. 274; III, 2. 1). Emilias Zorn über die Niedertracht des 
Gatt.en (Oth. V, 2. 222), Cleopatras Abschied von ihrem Geliebten 
(Ant. I, 3. 99), des Posthumus Gattentreue (Cymb. I, 1. 115), 
Cymbelines Furcht vor Unglück (III, 5. 52), Pisanios Treue 
gegen seine Herrin (Cymb. III, 5. 165) und des Guiderius und 
Arviragus Trauer um die Tote sind durch soviel Ausrufe als 
Sätze ausgedrückt. Findet Flaminius seinen Herrn (Tim. IV, 
3. 464), unterhält sich Brutus mit Portia (Caes. V, 1. 303), er- 
wartet Lady Macbeth den Gemahl (Macb. I, 5. 41), schwört Mac- 
duff Rache (Macb. IV, 3. 230), beklagt Hamlet seiner Mutter 
zweite Ehe (Ham. I, 4. 39) oder versucht der König zu beten 
(Ham. III, 3. 69) — in den verschiedensten Situationen verstär- 
ken die verschiedenen Personen die Macht ihres Gebetes durch 
Ausrufe. 

Rhetorische Fragen sind dabei oft eingestreut. Ihre Plötz- 
lichkeit gestaltet die Gebetsform lebhafter und natürlicher. In 
Titus (IV, 1. 123) und Timon (III, 1. 157/8: 5. 110—112; IV, 3. 
15. 25/6. 30. 465/6), in Hamlet (I, 2. 143), Othello (HI, 3. 374) 
und Cymbeline (V, 4. 11. 13. 77 — 80) sind sie vorhanden. 

Die Wiederholung einzelner Worte oder Sätze verleiht dem 
Gebet einen rhythmischen Schwung und bewirkt dadurch eine 
Steigerung seiner Wirkung. Diesen Eindruck erhalten wir durch 
Cressidas leidenschaftlich betontes: 

'I know n o touch of sanguinity. 

N o kin, n o love, n o blood, n o soul . . .' (Troil. IV, 2. 102). 

Titus' letztes Gebet für seine Söhne beginnt und endet mit 
dem feierlichen Gruß: 'In peace and honour rest you here, my 
sons!' Wie die gemessenen Klänge eines Trauermarsches wirkt 
diese Wiederholung (Tit. I, 1. 150. 156). 

Wie weit Shakespeare in der Verwendung dieses Stilmittels 
ging, zeigt das Gebet des Marcus. Um die Rachevorstellung zu 
verstärken, endet er eine Zeile mit dem Wort als Verb und be- 
ginnt die nächste mit dem gleichen Wort als Substantiv: 

'But yet so just that he will not r e v e n g e. 

Revenge, ye heavens, for old Andronicu.s ! ' (Tit. IV, 1. 128/9). 

In zwei Zeilen braucht Lear dreimal das Wort 'mad': 

'O, let me not be mad, not mad, sweet heavens! 

Keep me in temper: I woiild not be mad!' (Lear I ,5. 50/1,). 

Diese gewaltige Wiederholung entspricht vollständig Lears 
Seelenzustand und läßt uns ahnen, daß er nicht weit vom Wahn- 
sinn entfernt ist. Auch in der folgenden Stelle ist die einfache 
Wiederholung des Wortes 'weep' äußerst eindrucksvoll: 



Das G^bct in Shakespeares Tragödien 57 

'You think I'll w e e p ; 

No, I'll not w e e p : 

I have füll cause of weeping; but this he;\rt. 

Shall break into a hundred thousand flaws. 

Or ere I'll weep.' Lear II. 4. 285—289.) 

Voraus geht das Gebet um Geduld: 'You heavens, give me that 
patience, patience I need!' (274). 

Jago verstärkt eine gut gespielte Entrüstung durch eine dop- 
pelte Wiederholung: '0 monstruous world! take note, take 
note, o World !' Desdemona stammelt ihre Todesangst in fast 
gleichem Ausdruck : 

'T h e n heaveu have mercy on me!" 

Then Lord have mercy on me!' (Oth. V, 2. .34. 67). 

Vergleiche bereichem die Anschaulichkeit der Rede mit Gott. 
Romeo vergleicht sein Leben mit einer Schiffsreise, wenn er fleht: 

'He, that has the steerage of my course 
Direct my sali!' (Rom. I, 4. 112. 113.) 

In seinem Tischgebet vergleicht Apemantus etwas, dem man 
nicht trauen kann, mit dem Manneseid, den Dirnentränen, dem 
schlafenden Hund, dem Wärter und dem Freund. Unsägliche 
Bitterkeit, Menschen- und Weltverachtung kommt darin zum 
Ausdruck (Tim. I, 2. 63 — 70) wie auch in Timons Behauptung: 
'The unkindest beast more kinder than mankind.' (Tim. IV, 1. 36.) 

Hamlet betrachtet diese beste aller Welten als 

'an unweeded garden, 
That grows to seed; things rank and gross in nature 
Possess it merely.' (Ham. T, 2. 13.5—137.) 

Er zieht" eine Parallele zwischen dem verstorbenen König und 
Hyperion, dem lebenden König und einem Satyr, seiner Mutter 
und Niobe (140. 149). Lear bezeichnet ein undankbares Kind als 
Schlange, Tränen als die Waffe des Weibes oder auch als Wasser- 
tropfen (Lear I, 4. 310. 311; II, 4. 280). 

Othello stellt in durchgeführtem Vergleich das Pontische Meer 
neben seine Blutgedanken (Oth. III, 3. 453 — 460). 

Desdemona setzt die Eifersucht einem Ungeheuer gleich (Oth. 
III, 4. 163). Imogen erfleht vom Himmel 'as small a drop of 
pity as a wren's eye' (Cymb. IV, 2. 304. 305). Belarius preist 
seine Söhne als Sterne, des Himmels Segen ist Tau für ihn (Cymb. 
V, 5. 350. 352). 

Personifikation ist das nächste rhetorische Mittel, das Shake- 
speare im Gebet anwendet, um es recht wirkungsvoll zu ge- 
stalten. Eriar Laurence läßt den Himmel lächeln und Sorgen 
schelten (Rom. II. 6. 1. 2). In überwältigender Weise häuft Lady 
Macbeth die Personifikationen in der schaurigen Beschwöi-ung: 



58 Das G-ebet in Shakespeares Tragödien 

'Come, thick night, 
And pall theo in the dünnest smoke of hell, 
That my keen knife see not the wound it makes, 
Nor heaven peep through the blanket of the dark 
To cry: "Hold, hold"!' (Macb. I, 5. 51—55.) 

Lears Beseelung der Naturmächte, die ein Gewitter begleiten, ist 

schon zitiert in seiner bildhaften Eindringlichkeit (Lear III, 2. 

1. 5. 14). Cordelia stellt gute Mächte als hilfreiche Geister dar 

in dem Wunsch: 

'Restoration hang 
Thy medecine on my lips.' 

So oflPenbart uns jede neue Vertiefung in Shakespeare sein 
einzigartiges Genie, wenn wir an ihn herantreten, wie es Moulton 
rät: 'Sympathy is the great Interpreter: secrets of beauty will 
unfold themselves to the sunshine of sympathy, while they will 
wrap themselves all the closer against the tempest of sceptical 
questionings.' 

Cottbus. Gertrud Jahrmann. 



Das Weihnachtsfest in England vor und 

bei Dickens. 

Der Ursprung des englischen Weihnachtsfestes mit seinen zahl- 
reichen volkstümlichen Gebräuchen ist in Dunkel gehüllt. 

A. Tille {Oesch. d. deutschen Weihnacht, 1893, und Yule 
and Xmas, 1899, G. Bilfinger, Untersuch, über die Zeitrechnung 
der alten Germanen, 1899 (1901) und E. Mogk {Mythologie 
Pauls Gr} III, 391 ff.; 1900) bestreiten das Bestehen eines ger- 
manischen Wintersonnwendfestes. Tille nimmt germanische Feste 
des Winteranfangs an — dieser war zugleich Jahresanfang — die 
im Martins- und Nikolaustage fortgelebt hätten (D. W.) und setzt 
die Entstehung des altnordischen Julfestes erst in das 9. Jahrh. 
(Y 218). Bilfinger betrachtet die Nachrichten von einem alten 
germanischen Julfest als eine unberechtigte Zurückversetzung eines 
christlichen Gebrauches in heidnische Vorzeit (II, 125). Als dritter 
sieht Mogk (391) im Julfest das höchste Fest der alten Germanen 
und erklärt es als ein Totenfest, 'das zu einer Zeit gefeiert wurde, 
wo die ganze Natur ausgestorben zu sein schien, wo die Winde 
ärger heulten als je, wo die Geister nach dem Volksglauben los 
waren und allüberall ihr Wesen trieben'. 

Das Wort ^JuV ist unbekannter Herkunft. Zuerst finden wir 
es als Monatsnamen: got. jiuleis = Julmonat, fruma jiideis = 
November; aisl. ijler = Julmonat, Altnordisch Jöl (n. pl.) bedeutet 
Julfest und seit Hakon dem Guten (940 — 60) Weihnachten. Ags. 
jeö/a, iüla = Dezember (auch se cerra jeöla\ se cBfte?-a jeöla = 
Januar). In Alfreds Gesetzen (888) bezeichnet z^hhol noch die 
heihge Zeit um Weihnachten. Erst vom 11. Jh. ab wird jeöl 
{jiül, iül, eoh[h]ol) zur Bezeichnung des Weihnachtstages, wahr- 
scheinlich unter skandinavischem Einfluß (vgl. Y 147 und Miles, 
^Xm in ritual and tradition' 25). 

Mit den Missionaren Ende des 6. Jh.s kam das 354 in Rom 
entstandene christliche Weihnachtsfest nach England (Usener, Das 
Weih7iachtsfest, 281). 

Die älteste Bezeichnung für den 25. Dezember in den ags. Au- 
nalen ist midwinter, erst für das Jahr 827 heißt es an middes 
lüintres mcesse niht. Der Name Christes 7iicBSsa erscheint zuerst 
1038: Ho Cristes mcessan on Stephanes mcesse dceg [Saxon Chro- 
nicle, Laud Ms.), wird aber erst am Ende des Jh.s häufiger. 
jeöl kommt in der Bedeutung Weihnachtstag erst Ende des 11. Jh.s 
auf (Y 158 ff.). 

Der bekannte Brief Gregors d. Gr. an den Abt Mellitus in 
Britannien lehi't, daß die Kirche zunächst bemüht war, altes Heiden- 



60 Das Weih nachtsf est in England vor und bei Dickens 

tum umzudeuten und mit der christlichen Lehre in Einklang zu 
bringen (Y. 123). Anderseits erkennen wir auch aus Verboten und 
Erlassen der Kirche das Eindringen heidnischer Elemente in die 
Weihnachtsfeier. Es sind namentlich Fastengebote, Verordnungen 
gegen Vermummen, Neujahrsaberglauben, Geschenkegeben, Schlem- 
merei usw. Capitula des Bischofs Martin v. Braga, verboten auch 
das Schmücken der Häuser (vgl. Miles 169, Y 125, Chambers, Med. 
Stage, II, 290 ff.). Die Reste alten Heidentums im Weihnachts- 
feste, die sich zum Teil bis in die neueste Zeit erhalten haben, 
entstammen hauptsächlich der römischen Januarkalendenfeier und 
den Saturnahen, die kurz vor den Kaienden gefeiert wurden, wie 
Bilfinger (II, 40 ff.) nachweist. Schmausgelage, Tanz, Gesang, 
Festbettel, Aberglaube verschiedener Art, Schmücken der Häuser 
mit grünen Pflanzen, Anzünden von festlichen Lichtern, Masken- 
umzüge, Narrenfest und Bohnenkönig sind alle schon im alten 
Kaiendenfest zu Hause und finden sich als Weihnachtsgebräuche 
wieder. Dazu kam als christliche Sitte Freigebigkeit gegen Arme, 
Nachsicht gegen die Dienerschaft, Gerichts- und Schulferien. 

Die weite Ausdehnung des Kaiendenfestes spiegelt sich in der 
Erhaltung des Wortes calendae in verschiedenen Sprachen (Miles 24). 
In Britannien hat es sich behauptet im Wallis. Calenig = Ckrist- 
mas-box und im gäl, Callüinn = Neujahrsnacht. 

Das Wort hängt auch mit politischen und periodischen Dingen 
zusammen. Von 800 an, vom Tage der Kaiserkrönung Karls des 
Großen, erscheint Weihnachten als Tag für Staatszeremonien. Für 
das Jahr 1065 berichtet Florence von Worcester (f 1108), daß der 
englische König zum ersten Male zu Weihnachten Hof gehalten habe 
(Y 160 ff.). Der Norm annenherzog Wilhelm der Eroberer ließ sich 
am Weihnachtstage des Jahres 1066 zu Westminster zum eng- 
lischen König krönen. 1085 wurde Weihnachten bürgerlicher Jahres- 
anfang an Stelle des I.Januar (Y159 Anm. 3), und von diesem 
Jahre an verzeichnet die Laud-Hs. der Chronik regelmäßig, wo der 
König Weihnachten feierte (Y161), 

Auch das Wort nativitedh für Weihnachten und 7ioel, eigent- 
lich = Neujahr, kommt nach England — zuerst 1102 (vgl. Y 159, 
Anm. 4). 

Durch das Rittertum wurde es am Hofe der normannischen 
Könige Brauch, Weihnachten durch prächtige Festlichkeiten mit 
Schauspielen und Aufzügen zu feiern. Die Haushaltbücher der 
engUschen Könige aus dem 12. Jahrh. geben uns die erste Kunde 
von diesen Hof festen (Hervey, ßook of Xmas, 56 f.). 

Bei den höfischen Festen läßt sich eine ständige Entwicklung 
zu größerem Glänze verfolgen, die nur durch den Bürgerkrieg der 
beiden Rosen ernstlich unterbrochen wurde (BX 55 ff.). Unter 
den prachtliebenden Tudors gelangte das Fest zu hoher Blüte. 



Das Weihnachtsfest in England vor und bei Dickens 61 

Mit großem Kostenaiifwande wurden glänzende court-revels insze- 
niert. Ahnliche offizielle Feiern fanden in den In7is of Court, an den 
Universitäten und bei den städtischen Behörden statt (BX 65 ff.). 
Nach kurzem Rückgang während des Alters der Königin Elisabeth 
— ein beredtes Zeugnis dafüi" liefert Nashs Spiel ^Summers last 
Will and Testamenf (1600) — erhob sich das Weihnachtsfest unter 
Jakob I. und besonders unter Karl I. noch einmal zu alter Herr- 
lichkeit. 

Mit Karls I. Unglück aber begannen auch schwere Zeiten für 
Father Christmas. Die Puritaner mit ihrem Fanatismus gegen jede 
Art fröhlichen Lebensgenusses bekämpften auch die heiteren Feste 
des englischen Volkes, besonders das Weihnachtsfest (Y 166 f.). 
Am 3. Juli 1647 verbot das Parlament alle Kirchenfeste (NQ VII, 
2, 504). Auf den 25. Dezember ^commonly called Christmas-day^ 
wurde Markt angesetzt. Die Läden sollten geöffnet sein. Das 
Parlament trat zusammen. Weihnachtsgottesdienst sowie jede Art 
Feier wurde bei Strafe verboten. ^ 

Dieser gewaltsame Eingriff in die durch ihr Alter geheiligten 
Gewohnheiten des Volkes rief heftigen Widerstand hervor. Es kam 
selbst zu öffentlichen Tumulten, bei denen der Pöbel die Läden 
zertrümmerte, die am Festtag offen waren (BY 123). Im Jahre 
1647 erschien folgender Protest gegen das puritanische Regime: 
^A Declaration of many Tliousands of the City of Canterbury, 
provokt by the Mayor's riolent Proceedings against ihose ivho 
dcsired to continue the Celebration of the Feast of Christ's Nati- 
vity, 1500 years and upwa7'ds maintained in the Church^ (NQ X, 
6, 485). 

Mit der Restauration der Stuarts kehrte Weihnachten wieder 
zurück und wurde von seineu Freunden mit Jubel begrüßt (NQ III, 
2, 481). Diese Stimmung spiegelt sich deutlich wieder in der Bal- 
lade jener Zeit 'Old Christmas Returned' usw. [Pepys. Collection I, 
474; gedr. bei Jamieson, Pop. Ballads, 1806, II, 278 und Sandys, 
Xmas Carols 53.) Der Glanz und die Pracht früherer Zeiten aber 
waren füi- immer dahin. Der puritanische Geist hatte zu weite Kreise 
ergriffen. Die offiziellen Feiern hörten auf. 

Die Zeit der Aufklärung konnte einem Feste, an das sich so 
viel Aberglaube knüpfte, auch nicht günstig sein. So ist denn ein 
allmählicher Rückgang des Weihnachtsfestes zu bemerken, den selbst 
die Zeit Sir Walter Scotts, die Romantik, mit ihrer Liebe für alten 
Brauch und ererbte Sitte nicht aufhalten konnte. 

Der Verfall des Festes wurde sehr gefördert durch die sozialen 
Veränderungen, die sich in England im Anfang des 19. .Ih.8 voll- 
zogen. Die Umwandlung aus einem Agrar- zu einem Industrie- 



Common's Journal, Friday, Deceniber 24, 1652; NQ VII, 12, 126; BX122. 



62 Das Weihnachtsfest in England vor und bei Dickens 

und Handelsstaat hatte eine starke Verminderung der Landwirt- 
schaft und das gewaltige Anwachsen der Städte zur Folge. Wäh- 
rend der Bauer zum Fabrikarbeiter wurde, verlegten auch die 
Adligen ihren Wohnsitz immer mehr nach der Stadt. Das patri- 
archalische Verhältnis zwischen Gutsherrn und Bauern, das die 
Grundlage der ländlichen Weihnachtsfeier gebildet hatte, hörte auf 
und hatte in der Stadt, wo sich Arbeitgeber und Angestellter fremd 
gegenüberstanden, keine Parallele. 

Ein neuer Feind erwuchs Weihnachten in der Nützlichkeits- 
richtung der Philosophie, die in der lustigen Feier nichts als eine 
törichte, überlebte Sitte sah. Gegen sie wandte sich 1836 Thomas 
K. Hervey in seinem Buche über Weihnachten. In Herveys Ge- 
folge trat Dickens für das Weihnachtsfest ein, und seinen volks- 
tümlichen, überall gelesenen Schriften gelang es, das verschwindende 
Fest in England wieder zu beleben. ^Dickens saved Christmas^ 
sagt Chesterton [Appreciaiions and Criticisms of the Works of 
Ch. D. S. 145), und auch Miles gibt D. einen bedeutenden Anteil 
an der Erhaltung des Festes (S. 359). 

Die verschiedenen Entwicklungsphasen der Weihnachtsfeier in 
England finden in der englischen Literatur ihr getreues Spiegelbild. 

Von den großen Hoffesten zur Weihnachtszeit im Mittelalter 
und der Sitte, dabei reichlich zu schmausen und zu zechen, be- 
richten mittelalterliche Romanzen (vgl. 'Richard Coeur de Lion' 
V. 1783 ff., ed. Brunner, Wien 1913, S. 173). Für die spätere Zeit 
berichtet Holinshed eingehend von den 'Mummeries' und Masken- 
aufzügen, den Banketten, dem ^Lord of Misride'' usw. bei den 
königlichen Weihnachtsfeiern [Chronicles, ed. 1808, 1. Aufl. 1577, 
III, 558, 613, 1032). Wie die Londoner Bürger in den Jahren 
1377 und 1400 ihren Herrscher mit einer ^mumynery^ und durch 
Darbringung von Geschenken ehrten, erzählt Stow im ^Siirvey of 
London'' (1598; ed. Morley S. 123). Er spricht weiter von der Sitte 
des ^Lord of Misrule\ den üblichen Weihnachtsvergnügen (Ver- 
kleiden, Kartenspiel usw.) und dem Schmücken der Häuser und 
Kirchen. Dem Anfang des 17. Jh.s entstammt der Bericht ^The 
X.mas Prince' von außergewöhnlich prachtvollen Veranstaltungen, 
die 1607 in Oxford stattfanden: Auftragen des Eberkopfes, Auf- 
züge, Theater (vgl. Sandys, Xmas Carols XXXV). 

Tritt aus diesen Berichten das Spiegelbild des englischen Weih- 
nachtsfestes in augenfälligen und groben Konturen hervor, wenn 
auch teilweise nur skizzenhaft unvollständig, so erscheint es in den 
WeihnachtsUedern des 14. — 16. Jh.s zunächst weit undeutlicher. 
Bei genauerer Prüfung aber zeigen sich gerade hier ausgezeichnete, 
ins Detail gehende Feinheiten, die für die Vervollständigung des 
Gesamtbildes ungewöhnlich wertvolles Material bieten. 

Abgesehen von der ags. Dichtung 'Christ I.' oder 'Christi An- 



Das Weihnachtsfest in England vor und bei Dickens 63 

kunft auf Erden', einer hauptsächlich auf der lateinischen Weih- 
nachtsliturgie Gregors des Großen beruhenden Sammlung von Hymnen, 
Gebeten und einem Dialog (vgl. Pauls Grdr.^, Brandl, Ae. Lite- 
ratur, S. 1036) sind die ältesten Lieder lateinisch und innerhalb der 
mittelalterlichen Christenheit völlig international. Den Inhalt bilden 
hauptsächlich Lob auf Gottvater und die Dreieinigkeit, Begeben- 
heiten aus dem Alten Testament, das Geheimnis der Menschwerdung, 
Szenen vor und nach der Geburt des Erlösers und mitunter der 
Hinweis auf Christi Tod. Die allen gemeinsame Quelle bildet die 
lateinische Liturgie (vgl. Löpelmann, 'Weihnachtslied der Fran- 
zosen und der übrigen romanischen Völker'; Diss. Berhn 1903. 
S. 20ff.; Miles 31 ff). 

Schon in den lateinischen Kantionen ist weltlicher Einschlag zu 
verzeichnen: Tanz, Eselsfest, Bakelspiel, Freude über die Weih- 
nachtsferien (in den Vagantenliedern) und Weihnachtsschmaus (vgl. 
Löpelm. 39 ff.). 

Das älteste Lied in der Volkssprache, das nachw^eislich in Eng- 
land entstand, ist ein anglo-normannisches Bettellied des 13. Jh.s: 
'Seignors, or entendez ä nus ...' (Ms. Reg. 16 E, VIII fol. 130; 
gedr. schon bei Brand, 'Populär antiquities' I, 481 und oft; Paul 
Meyer, 'Becueil d'anciens textes', Paris 1874, LI, 382); die beiden 
Schlußverse enthalten in den ags. Worten ivesseyl (= wses hael) 
und drincheyl die Aufforderung zu einem kräftigen Trünke. 

Zur anglo-normannischen 'Noel'-Literatur des 13. Jh.s gehören 
ferner eine Parodie auf die lateinische Hymne: 'Laetabundis exultet 
fidelis chorus'; ein Trinklied (Gaston Paris, Romania XXI, 260); 
ein Mariengedicht; ein Glückwunsch- und Segensgedicht; die Über- 
setzung einer lateinischen Hymne und noch ein paar religiöse Lieder 
bis zum ersten Druck, 1515 (vgl. Löpelm. 45 ff.). 

Von den Weihnachtsliedern vorwiegend geistlichen Inhalts, die 
wir in englischer Sprache besitzen, ist wohl das älteste 'This endur 
nyjt', zuletzt gedruckt in Brandl-Zippels 'Me. Sprachproben' S. 114. 
Von späteren seien zunächst erwähnt die nach ilu-em Verfasser, 
dem blinden Kaplan John Audelay in Shropshire, genannten *Aude- 
lay carols', 1426—29 (Ms. Douce 302, Bodl. L.; gedr. von Cham- 
bers & Sidgwick in Mod. Lang. Rev. V, 473 ff., VI, 68 ff.). Es 
sind 25 kurze Lieder religiösen Inhalts, zum Teil mit lateinischen 
Worten und Versen versetzt. Ihr Inhalt — zumeist eine Verherr- 
lichung der Feste von der Geburt Christi an bis zum Epiphanias- 
tage, nur vereinzelt ein Lob auf die Jungfrau Maria — und das 
einleitende Verspaar: 

I pray you, sirus, booihe moore and lose, 
Sing these Caroles in Christemas . . . 

lassen ihren Weihnachtscharakter unzweifelhaft erscheinen. Die 

Form (am häufigsten Schweifreimstrophe auf einen Reim mit cauda 



64 Das Weihuachtsfeat in England vor und bei Dickens 

und Refrain) ist sangbar und weist auf französische Tanzlieder, 
^chansons de carole' des 12. Jh.s (vgl. Chambers & Sidgwick, Early 
English lyrics 290 ff., Mod. Lang. Rev. V, 475). 

Aus dem späteren 15. Jh. und dem Anfang des 16. sind mehrere 
Carol-Handschriften erhalten: Ms. Sloane 2593, um 30 — 40 Jahre 
jünger als Audelay (Arch. f. u. Spr. 109, 33), Ms. Harley 541, aus 
der Zeit Heinrichs VII., ca 1500 (Arch. 107, 53), Ms. Add. 5665, 
aus der Zeit Heinrichs VIII. (Arch. 106, 262) und Rieh. Hill's Ms., 
Balliol 354, ca. 1536 (EETS, Extra Series, CI) usw. 

Der älteste Druck einer Xmas-carol- Sammlung stammt von 
Wynkyn de Worde, 1521. Davon ist aber nur ein Blatt in der 
Bodleiana erhalten (Neudr. Anglia XII, 587 ff.; vgl. Anglia XII, 
585). Groß ist die Zahl der nun folgenden Drucke von carol- 
Sammlungen: zwischen 1546 — 1562 erscheint ein black-letter-Druck 
von Rychard Kele. Das Exemplar ist nicht mehr vorhanden (vgl. 
EEL 312); Proben enthält Bliss, 'Bibliographical Miscellanies', 
Oxford 1813 (vgl. EEL 314) und Xm Cs (vgl. Xm Cs CXXIX). 
1562 veröffentlichen John Tysdale und Rowlande Hall eine neue 
Sammlung; weitere folgen 1563 (von Thomas Becon), 1569 (von 
Christopher Payne), 1580 (von John Alder) 1587 (von Mose Powell), 
1597 ('Ane compendioos booke of godly and spirituall songs', Edin- 
burgh; Neudruck 1801), 1630 (von Wilham Slatyr), 1642 (von 
Frances Coules) usw., letztere wie auch einige der genannten in der 
Bodl. L. (vgl. Hazlitt's 'Handbook' und 'Bibliograph. Coli.', auch 
XmCs CXXVIIIff. und Sandys, 'Xmastide,' 208 f.). 

Die überwiegende Mehrzahl der so erhaltenen Weihnachtslieder 
ist religiöser Natur, allerdings meist im Tone fröhlicher Feststim- 
mung. Ursprünglich hatte gerade das umgekehrte Verhältnis be- 
standen. Noch bis an die Grenze des 15. Jh.s weisen die 'carols' 
inhalthch und namentlich in ihrer metrischen Struktur starke Ähn- 
lichkeit mit den französischen 'caroles' des 12. Jh.s auf, sind also 
zumeist rein weltlichen Charakters. Erst allmählich tritt das reli- 
giöse Element in Erscheinung, dann aber bald so stark, daß die 
religiösen Lieder im Vordergrunde stehen und die weltlichen ver- 
drängen (vgl. EEL 290, 293). 

Charakteristische Beispiele für die zahlreichen religiösen Lieder, 
wie man sie zur Weihnachtszeit und auch bei anderen großen 
Kirchenfesten in der Kirche oder vom Minstrel hörte, bietet Ms. 
Oxf. Bodl. Engl. Poet. e. L (2. Hälfte des 15. JLs), gedr. Percy 
Soc. XXIII, in den Liedern: 

Notv ys wele and all thyng aryjht, 

And Ckryst ys come as a trew knyjht . . . 

(A. a. 0. Nr. VII), 
Wold god that nien myjt sene 
Hertys trhan thei hene ... 

(Ib. Nr. VIII), 



Das Weihnachtßfest in England \()r und bei Dickens 65 

Thys cndris nyjhf 
I saw a syjth, 

Ä stare as bryjt as day . . . 

(Nr. X, nach Ms. Edinb., Advocates' Libran- 

auch EETS, ES. CI, S.175; Brandl u. Zippel, 

Me. Sprach- u. Lesebuch, S. 114.) 

A Ferhj thyng it is to nienc, 

Thai a matjd a ehild havn borne . . . 

(Percy Soc. XXIII, Nr. XI), 

Lidlay, my cl/yld, nepp no more, 
Slepe and be notr styl/ . . . 

(A. a. 0. Nr. XIV). 

Da die religiösen Lieder hinsichtlich besonderer Weihnachts- 
sitten und -gebrauche so gut wie belanglos sind, wendet sich unsere 
Untersuchung der in dieser Beziehung ungleich interessanteren, 
wenn auch geringer vertretenen Gattung der weltlichen Lieder zu. 
Lihaltlich lassen sich mehrere Gruppen unterscheiden. Zu den 
ältesten Liedern zählen Streitgedichte zwischen Stechpalme 
und Efeu: Hier kämpfen die Pflanzen als Symbole der beiden 
Geschlechter um den Vorrang. Die Partien der Stechpalme wurden 
von jungen Männern, die des Efeus von Mädchen gesungen. Die 
Gattung knüpft sich an die schon bei den Juden geübte Sitte, zum 
Laubhüttenfest Häuser und Kirchen mit frischem Grün zu schmücken 
(vgl. Xmt. 11) und scheint aus irgendeiner Art Naturanbetung her- 
vorgegangen zu sein (vgl. Rickert, -Ancient English Xmas carols', 
Lo. 1910, S. 1)01 f.). Hauptbeispiele sind die drei Lieder der Hs. 
Engl. Poet. e. I., ca. 1460—80 (Percy Soc. XXHIa, Nr. 40, 69, 
70; vgl. EEL 306). In den beiden ersten Liedern 'Holvyr and 
Heyvy mad a gret party ...' (a.a.O. Nr. 40) und 'Her comenys 
holly, that is so gent . . .' (Nr. 69) deuten volkstümliche Sprache, 
flickversähuliche AViederholungen und rhythmische Unebenheiten auf 
Abfassung und gesanglichen Vortrag in Laienki'eisen. Ln dritten 
Lied 'The most worthye she is in towne ...' (a.a.O. Nr. 70) ver- 
raten kunstvollere Reimtechnik und der lateinische Refrain 'veni 
coronaberis' die lateinkundige Geistlichkeit. Aus dem fi'ühen 16. Jh. 
stammt das Lied 'Holy berith beris, beris rede jmowgh ...', eben- 
falls volkstümlicher Art (Ms. Balliol 354; gedr. in EETS, ES CI, 
Nr. 99). Diese Gattung hat sich noch bis in das späte 17. Jh. hin- 
ein erhalten, wie Stevensons Bemerkung in seinen 'Twelve months' 
(1661) lehrt: ^Great is iJie contention of Holly and Ivy, uhcther 
mnster or dame ivears the breeches^ (Hone, Every Day Book I, S04). 

Die zweite Gruppe bilden Wasnail songs, Trink- und Bettel- 
lieder, die unzweifelhaft ältesten 'noels' (vgl. EEL 293). Ihnen 
sind wir schon im Anglonormannischen des 13. Jh.s begegnet. Das 
eingangs erwähnte älteste Lied 'Seignors, or entendez ä nus ...' 
verrät den Mhistrel vor der Gesellschaft des adligen Schloßherrn. 

Archiv f. n. Sprachen. 41. g 



66 Das Weihnachtsfest in England vor und bei Dickens 

In der Sitte des Festbettels haben die 'wassail-songs' fortgelebt 
(vgl. Chambers ^Med. stage' I, 253). Beispiele dieser Art bieten 
Herricks Lied 'The Wassail' {'Hesperides' 1648; ed. Morley, Lo. 1884, 
S. 139) — es wünscht den Bauern ein gedeihliches Jahr und droht 
den Geizigen — und die bei Sandys gedruckten Texte 'The Was- 
saile' und 'A carol £or a wassel-bowl' (Xm Cs 44, 50); hier ziehen 
die Bettelnden mit einer ivassaü - boivl von Haus zu Haus und 
tauschen ihre GKickwünsche gegen Geschenke und gute Bewirtung 
ein (vgl, Brand, ^Popul. antiqiäties^ I, 1). 

Ungleich umfangreicher ist die Gruppe der Schmauslieder, 
unter denen die besonders charakteristischen Eberkopf lieder eben- 
falls hohen Alters sind. Sie gehen auf den heiligen Eber des 
Freyr zurück, können aber auch das Nachleben eines römisch- 
heidnischen Opferritus sein, der viele Parallelen hat (vgl. Med. 
stage I, 257). 

Einige Lieder erzählen das Töten des Ebers, so z. B. das aus 

dem 15. Jh. stammende: 

Tydynges I bring jnw for to teil, 
What me in wyld forest befell . . . 

(Percy Soc.XXlIIa, Nr. 20; auch bei Eickert 256.) 

Das Lied führt uns in eine aristokratische weltliche Gesellschaft, 
die zum Weihnachtsschmause geladen ist. Der Hausherr oder ein 
von ihm Beauftragter singt das Lied, während der Eberkopf auf 
die Tafel gesetzt wird, und betont, daß die gefährliche Eberjagd 
nur unternommen wurde, um den Gästen durch die Beute einen 
fröhlichen Tag zu bereiten. Das Lied schließt mit einer Aufforde- 
rung zum Essen und zu allgemeiner Fröhlichkeit. 

Das Fehlen lateinischer Wörter und kunstvoller Reimtechnik 
sowie jeglicher Anspielung auf biblische Personen oder Begeben- 
heiten beweist, daß eine geistliche Gesellschaft nicht in Frage kommt. 

Das Lied enthält entgegen den meisten übrigen Vertretern dieser 
Gattung keinen direkten Hinweis auf den Vortrag durch einen 
Sänger. Dennoch ist seine Sangbarkeit nicht zu bezweifeln, denn 
die dreizeiligen Strophen mit je vier Hebungen, dazu cauda mit 
zwei Hebungen, weisen in der Zahl der Senkungen so starke 
Schwankutigen auf, daß nur der gesangliche Vortrag den Ausgleich 
zu harmonischem Rhythmus ermöglicht. 

Andere Lieder begleiten das Auftragen des Eberkopfes in feier- 
lichem Aufzuge, eine Sitte, die sich noch in Queen's College (Oxford) 
erhalten hat (vgl. Med. stage I, 257). Ein Beispiel dieser Art bietet 
die Porkington Hs. (15. Jh.) mit dem Liede: 

The horis hede in hond I bryng, 
With garlond gay in potoryng, 
I pray yow all with nie to syng 
with hay! 

(Percy Soc. IV c, Nr. 2). 



Das Weihnachtsfest in England vor und bei Dickens 67 

Hier ist nicht der Hausherr der Sänger, sondern der Träger des 
Eberkopfes, und vielleicht seine Begleiter. Die Aufforderung zum 
Singen erfüllen alle Festteilnohmer, indem sie in den Refrain ein- 
stimmen. Die Festgesellschaft besteht aus 'lordjs, knyjttes, and 
skyers, persons, prystes, and wycars', also aus Mitgliedern des hohen 
Adels und geladenen Vertretern der Geistlichkeit. Lehnwörter wie 
'pottage', 'cappons', 'reysons' u. a. lassen normannischen Einfluß er- 
kennen. 

Ahnlich verhält es sich mit dem Liede aus Ms. Add. 5665 (Zeit 
Heinrichs VUI.): 

The horys hede, that we bryng here, 

Betokeneth a prince withowte pere . . . 

(Percy Soc. IV c, Nr. 31.) 

Dieses verrät durch den Refrain 'nowell' vielleicht normannischen 
Einfluß; aber die merkwürdige Parallele zwischen dem Eber und 
dem Heiland scheint eher auf eine geistliche Gesellschaft zu weisen. 
Sicherlich haben wir es mit einer solchen zu tun in dem von Wynkyn 
de Worde 1521 zuerst gedruckten Lied: *The bores heed in band 
bring I ...' (Percy Soc. lYc, Nr. 18), dessen lateinischer Refrain 
'caput apri defero ...' schwerlich auf weltliche Hörer schließen läßt. 
Ebenfalls in geistliche, zum mindesten aber lateinkundige Kreise 
führt das mit dem gleichen Refrain schließende Lied: 

The boar's head in hand bear I, 
Bedeck' d with bays and rosemary . . . 

(Rickert 259.) 

Schmauslieder allgemeiner Art klingen bei Herrick an. 
Eins handelt vom Anzünden des ^Xmas log\ sowie von dem Zu- 
bereiten der '■mince-pies^ und des *plum piidding'' ('Hesperides', 
S. 204 ^Ceremonies for X.mas''), ein anderes von dem Bewachen 
der 'mince-pies' vor Dieben (a. a. 0. 205 'Xmas Eve'). 

Andere führen uns wie die obenerwähnten Eberkopflieder öfters 
in Adelshäuser. Sie fordern zu fröhlicher Geselligkeit auf und 
ziehen zur Anhörung gern religiöse Tagesereignisse heran, z. B.: 

Make ice merry, bothe morc and lasse, 
For now ys ihe tyme of Crystymas . . . 

(EETS, ES CI, Nr. 27, Ms. Balliol 354; s. o. S. 8.) 

Ferner das Lied: 'Lyft up your hartis and be glad ...' (EETS CI, 
Nr. 28), dessen letzte Strophe auf den gastlichen Hausherrn als 
gegenwärtig anspielt: 

The gudman of this place in fere, 
You to be mery, he prayth you here. 

Ahnliche Anspielungen enthalten das Abschiedslied des Father Xmas 
(EETS, ES CI, Nr. 31), sowie 'Profate, welcume ...' (Arch. 106, 
274 und Percy Soc. IVc, Nr. 32). Die beiden letztgenannten Lieder 
verraten normannischen Einfluß; jenes durch Lehnwörter wie 'denere' 



68 Das Weihnachtafest in England vor und bei Dickens 

(-dinner), dieses durch französische Beigaben wie z. B. 'Bevez bien 
par tutte la Company'. 

Solchen Aufforderungen zu geselHger Fröhlichkeit zeigt sich 
auch die Geistlichkeit nicht abhold. In ihre Kreise führen uns 
zwei Lieder des Ms. Sloane 2593 aus der Zeit Heinrichs VI.: 'Wol- 
cume be thu, hevene kyng ...' (Percy Soc. IVc, Nr. 3) und 'Blys- 
sid be that mayde Mary' (a. a. 0. Nr. 4). Im ersten Liede bilden 
ungewöhnlich zahlreiche Hinweise auf die Heiligen, namentlich 
Stephanus, Johannes und Thomas, im zweiten — normannischer 
Einfluß: 'nowel'! — die lateinische cauda, z. B. 'non ex virili semine', 
das Kriterium, 

Was ergibt sich aus den bisher untersuchten 'carols'? Die 
'carols' des 14. — 16. Jh.s sind sangbar; wo ein direkter Hinweis 
auf ihre Sangbarkeit fehlt, läßt diese sich aus der Metrik erweisen. 
Mögen diese Lieder aus dem Munde des Minstrels, des Hausherrn 
oder des Eberkopfträgers erklingen, stets ist ihr Grundton trotz 
aller Fröhlichkeit der weihevollen Feststimmung angepaßt. Der in 
Lehnwörtern fast ausnahmslos erkennbare normannische Einfluß 
selbst in Liedern der GeistHchkeit (vgl. ^The borys hede . . .' oben 
S. 67 und 'B/yssid be that mayde Mary ...') beweist, daß diese 
Lieder vom Adel ins Volk drangen, nicht umgekehrt, und daß 
sie nicht auf den Einfluß des kirchlichen Spiels zurückzuführen 
sind. Landschaftlich ergibt sich, daß diese 'carols' nicht in Schott- 
land, sondern nur in den südüchen Ländern Englands zu Hause 
waren, d. h. auf die Gegend der Normanneneinwanderung beschränkt 
blieben. 

Mit dem Ausgang des 16. Jh.s und dem Anfang des 17. tritt 
ein bedeutsamer Wandel ein. Inhalthch ist das Zurücktreten reli- 
giöser Elemente zu beachten, in formaler Hinsicht das Einsetzen 
des für das 17. Jh. charakteristischen Bänkelsängertons, der fortan 
ausschließlich fortlebt. 

Auf religiöse Elemente ist verzichtet in Nich. Bretons 'Carols' 
(1577, 'From a Flourish upon Fancy,' gedr. in Bullen, 'Lyrics from 
Elizabethan romances,' 1890): da wird nur an Essen, Spiel und 
Tanz gedacht. Ahnlich in Withers 'Xmas carol' (Juvenilia 1622; 
gedr. bei Rickert 226 ff.), in dem der Bänkelsang zum Durchbruch 
kommt. Das Lied ist auf den Ton übersprudelnder Freude ge- 
stimmt und gibt ein Gesamtbild des weltlichen Festes: alles ist 
festlich geschmückt, die Schornsteine rauchen vom Christmas block] 
Feststimmung hat alle ergriffen, namentlich die Jugend und die 
Dienerschaft; selbst die Geizigen, von denen es im Eingang heißt 
'Bank misers noiv do sparing shun . . .', werden verschwenderisch; 
auch die Armen, von guten Bauern bewirtet, können mitfeiern; 
Gastfreundschaft wird gepflegt; die Nachbarn kommen zum Schlacht- 
fest, und man erfreut sich an Musik, Tanz, Spielen und Vermummen. 



Das Weihnachtsfest in England v-^or und bei Dickens 69 

Ein Zeugnis besonders realer Art ist in der Ballade ^ Christmas 
Lamentation for the Losse of his acqiiaintance, shoicimi hoiv he 
is forst to leave the country and to come to London'' (Anfang des 
17. Jh.s, Blackletter, Roxb. Ball. I, 154) erhalten: hier klagt Christ- 
mas über die Geizigen und die Mode des Landadels, Weihnachten 
in London zu feiern. 

Die Pui'itanerzeit macht sich bemerkbar in der eindringlichen 
Aufforderung zur Weihnachtsfrömmigkeit, in Anspielungen auf 
Geizige und in dem nachdrücklichen Plädieren für die Armen. So 
wird z. B. in dem Lied ^All yoii that are good feUoivs^ (1642, 
Rickert 242) betont ^This is no miser's feasf. Besonders agres- 
siven Ton gegen die Geizigen schlägt eine Ballade aus der Pepysian 
Collection an (I, 474; Zeit Karls IL; NQ KL, 2, 481 ff.): 'Old 
X.mas returned or, Hospitality Revived; being a Looking - glass 
for rieh Misers . . .' {Xm Cs 53). Die letzte Strophe verwünscht 
sie, wenn sie sich nicht von Xmas bekehren lassen: 

Then let all curmudgeons, ivlio dotc on their ivealth 
And valiie their treasurc much more than their health, 
Qo hang themsehes iip, if they nill bc so kind. 
Old Christmas ivith thetn but small toellcome shall find. 

Daneben wird aber das Lob von joyfnlness, good cheer und Xmas 
ale in allen Tönen weitergesungen, fast noch eifriger als in der 
vorhergehenden Zeit, wo die Existenz des Festes nicht bedroht war. 

Der Freude über das Ende des Puritanerregiments, der Fanatics, 
verleiht das Trinklied 'The Merry Bot/s of Xmas^ lebhaften Aus- 
druck {Boxb. Ball. V, 82; ca. 1681). 

Solche Lieder wurden jetzt nicht mehr nur von den, Gästen, 
sondern auch von den Untergebenen des Hauses gesungen, wie die 
häufige Erwähnung von hnasters^ und 'dame^ beweisen, z. B. 'Heavon 
bless my dame'' (1642; Rickert 234) und ^And fm' niy master I 
rvill j)ray tvitl/ all that of his honsehold are' (1661; Rickert 236). 

Als im 18. Jh. das Interesse für AVeihnachtsgebräuche nachließ, 
trat auch das Weihnachtslied zurück. Nur auf dem Lande lebten 
noch Carols als Volkslieder fort. Sandys hat 1883 eine Samm- 
lung von solchen WeihnachtsUedem zusammengestellt, die noch im 
Westen Englands gesmigen wurden (Xm Cs, Teil 11, 61 ff.). 

In London hörte man fast nur noch von Straßensängem ^Ood 
rest yoii merry, gentlemen\ Weihnachtslieder wurden als Broad- 
sides von Hausierern verkauft. Hone stellt in seinen 'Ancient 
Mysteries^ fünfzig Titel solcher Carols zusammen. Sandys bezeugt 
1833: 'Lideed many carols are yet priyited in London for the 
chapman, o?' dealers in cheap litcrature; and I havr some scores 
of halfpenny and penny carols of this description published 
Chief ly by Pitts of St. Andrew' s Street, Seven Bials: Catnach, 
Monmouth Court, Monmouth Street; and Batchelor, Long Lane, 



70 Das Weihnachtsfest in England vor und bei Dickens 

Smithfield, who are large venders of hallads and Single, or broad- 
side pieces' (Xm Cs S. CXXV). 

Entsprechend nehmen die Anspielungen auf Gasthchkeit ab. 
In dem Liede ^Fo?' St. John the Baptisf heißt es nach Beendigung 
des rehgiösen Teils: ^Notv kindly for my pretty song Good Butler 
draw some heer^ (Xm Cs 130); dazu ein Wunsch nach fröhhchem 
Verlauf der Feier. Merkwürdig verbirgt sich jetzt die weltliche 
Freude hinter frommen Eingängen; ^The Saviour of all PeopW 
(Xm Cs 115) handelt fast nur noch von weltlichen Vergnügen. ^To- 
morrow shall be my dancmg day' (Xm Cs 110) erzählt die Lebens- 
geschichte Christi in Form eines Tanzliedes. 

Ganz nahe an die Zeit von. Dickens kommen wir heran, wenn 
Hervey in seinem BX (213 ff.) die ^carol - skeets' erwähnt. Wie 
Förster berichtet, studierte D. im Jahre 1841 gründlich die Bal- 
laden von Seven Dials und sang selbst nicht wenige dieser 'wonder- 
ful fvoductmis'' (Fo II, 34). 

Eine Literaturgruppe für sich sind die religiösen Weihnachts- 
spiele des 14. und 16. Jh.s, die aus dem Weihnachtsgottesdienst 
hervorgegangen waren ; desgleichen die weltlichen Weihnachtsstücke 
der Elisabeth- und Stuartzeit, von denen hier nur Ben Jonsons 
,Masque of Christmas'' genannt sei. Das Spiel wurde 1616 vor 
Jakob I. aufgeführt: Xmas — ^attired in a round hose, long 
stockings, a dose doublet, a high croivned hat with a broach, a 
long thin beard, a truncheon, Utile ruffles, white shoes, his scarffes 
and garters tyed crosse, and his drum beaten before hini* — be- 
gehrt Einlaß, beteuert, ein guter Protestant zu sein, obwohl er aus 
'Pope's-head alley^ komme, und kündigt an, daß er eine Maske 
vorführen will. Von Kupido geführt, treten seine zehn Kinder auf: 
Misrule, Carol, Minced-pie usw. Später erscheint Venus als 'a deaf 
tire-woman' und verlangt, dem Spiele ihres Sohnes zusehen zu 
dürfen. Gesang und Tanz der allegorischen Figuren vervollstän- 
digen die Aufführung. 

Eine Gattung Streitprosa über Weihnachten wurde durch 
die Versuche der Puritaner, das Fest abzuschaffen, ins Leben ge- 
rufen. Es erschienen eine Menge von Streitschriften für und wider. 
Die Puritaner stellten die Beobachtung des Weihnachtsfestes als 
heidnischen und teuflischen Gebrauch hin. Hezekiah Woodward 
faßt die Vorwürfe seiner Partei in dem Titel seiner 1655/6 ver- 
öffentlichten Schrift zusammen ^Christmas Day; taking to heart 
the heaihen's Feasting Day in honour to Saturn, their Idol God. 
The Papisfs Massing Day. The Prophaiie Man's Ranting Day. 
The Superstitious Man's Idol Day. The Multitude's Idle Day. 
Whereon, because they can do Nothing, they da tvorse than Nothing 
(NQ yil, 2, 504). 

Die Verteidiger des Weihnachtsfestes, unter denen besonders 



Das Weihnachtsfest in England vor und bei Dickens 71 

Edward Fisher ('Feast of feasts,' 1649/50, vgl. NQ X, 2, 505) zu 
nennen ist, suchten es dagegen aus dem ständigen Gebrauch der 
Kirche, den Wunderzeugnissen, den Kirchenvätern und den Äuße- 
rungen berühmter und moderner Geisthchen zu rechtfertigen. Mehrere 
dieser Pamphlete gegen die Puritaner sind diu-ch ihre allegorischen 
Einkleidungen interessant. Sie führen Xmas in Person ein: 'The 
arraignment, conviction, and imprisoning of Xmas on St. Thomas 
day last, and how he broke out of prison ... with a hue and cry 
after Xmas ...' (BX 124) läßt ihn einsperren und wieder entkom- 
men; John Taylors Pamphlete 'Complaint of Xmas^ (1646) und 
'Xmas in and ouf (1652), letzteres auch bekannt unter dem Titel 
'The vindication of Xmas^ (1653; vgl. NQ IV, 2, 597) legen ihm 
Klagen über die Geizigen in den Mund; Josiah Kings 'Exami- 
nation and trial of old Father Xmas together ivith his Clearing 
the Jury ,..' (1655; Collection of Anthony Wood, Oxf. Nr. 100 a; 
vgl. Jamieson, PojJ. Ball. II, 282) — hier ist Father Xmas zum 
ersten Male als Bezeichnung des personifizierten Festes verwendet! — 
stellt ihn vor Gericht, und Laurence Prices 'Make room for Xmas 
all that you love him ...' (1657, NQ IV, 2, 549) erzählt, wie 
schlecht es ihm neuerdings bei den Geizigen in England ergeht. 
Dabei werden die Puritaner mehrfach als Geizhälse hingestellt, 
während die Armen als die besonderen Schützlinge des alten Herrn 
Xmas erscheinen (vgl. Withers 'Xmas carol', die Balladen 'Xmas 
Lamentation' und 'Old Xmas returned', John Taylors Pamphlet 
'Xmas in and out' und Laur. Prices 'Make room for Xmas' oben 
S. 68, 69, 71). 

Unterhaltungsprosa für Weihnachten findet sich bereits 
in der zweiten Hälfte des 17. Jh.s in Mathew Stevensons 'Twelve 
months' (1661), einer Art Year book, das die den einzelnen Jahres- 
zeiten eigentümlichen Beschäftigungen und Vergnügungen illustrieren 
sollte (vgl. Hazlitt's 'Handbook' 578, I, 406 und Allibone's 'Dictio- 
nary'). Uns ist nur die von Irving ohne Nennung Stevensons in 
dem Essay 'The stage coach' zitierte Stelle zugänglich, die auch in 
Hones EDB (I, 804) erscheint. Stevenson spricht von den großen 
Vorräten an Geflügel, Pflaumen, Gewürz, Zucker usw., die zur 
Festzeit vertilgt werden. Man muß für Musik zu Gesang und Tanz 
sorgen, während die alten Leute beim Feuer sitzen. Das Land- 
mädchen läßt die Hälfte ihres Einkaufs liegen und muß noch ein- 
mal geschickt werden, wenn sie vergißt, ein Spiel Karten für Weih- 
nachten zu kaufen usw. Im 18. Jh. tritt die Unterhaltungsliteratur 
stärker in Erscheinung. Da erzählt im 'Spectator' (Nr. 269) Sir 
Roger de Coverley von den Vergnügen des letzten Weihnachts- 
festes auf seinem Landsitze. Hierher gehört auch das Schriftchen 
'Round about our coal-fire', das der anonyme Autor dem Mr. Lun, 
d. h. Mr. Rieh, dem Begründer der enghschen Pantomine gewidmet 



72 r);is Weihnachtsfest in England vor und bei Dickens 

hat (ca. 1734; Neudruck: Vellum-Parchment Sbillmg Series Nr. 4 
'Xmas Entertainments'). Vorausgegangen war in gewisser Be- 
ziehung Laur. Prices oben (S. 71) genanntes Pamphlet 'Make room 
£or Xmas . . .' das sich 'a delightful new book, füll of merry jests, 
rare inventions, pretty conceits, Xmas carols, pleasant tales, and 
witty verses' nannte. Aber 'Round about our coal-fire' hat nichts 
mehr mit den Feinden des Weihnachtsfestes zu tun. Es erzählt 
von den zur Festzeit üblichen Belustigungen (Spielen, Tanzen, 
Küssen, Geschichtenerzählen) und bedauert das Verschwinden der 
alten Gastfreundschaft: Hhere was once upon a Urne hospitality 
in the land\ Es beschäftigt sich mit dem Volksaberglauben, der 
den ünterhaltmigsstoff für die Abende der Weihnachtszeit lieferte, 
und erzählt das Zaubermärchen ^The Stoi-y of Jack Spriggins ayid 
the enchanted Bean\ das erste Beispiel einer Weihnachtsgeschichte. 
In diesem Zusammenhang verdient auch ^The Connoisseur^ (1754), 
Nr. 48, Erwähnung, der von den verschiedenen Arten berichtet, 
nach denen in England Weihnachten gefeiert wird, undMacKeuzies 
'Man of Feeling' (1771; cp. XXXIV). 

Antiquarische Studie über Weihnachten wird aus ten- 
denziösen Gründen begonnen. Das erste bedeutendere Werk dieser 
Art ist Bournes 'Antiquitates Vulgares^ (1724). Nach dem all- 
gemeinen Erwachen des Interesses für mittelalterliche Dinge infolge 
'Percg's Reliqnes^ (1765) fand es Nachfolger in Chattertons Auf- 
satz 'Äntiqfdty of Christmas Games' (Works 1803, ed. Southey); 
femer in Brands ^Populär Antiquities^ [1111), Jos. Strutts 
^Sports aiid Pastimes of the People of England^ (1801) und Drakes 
^Shakespeare and his Times'' (1817). Drake berichtet von den 
alten Weihnachtssitten (I, 123 ff.). Er schöpft aus Douces ^Illu- 
strations of Shakespeare and ancient Manners', Bournes 'Anti- 
quities\ Stows 'S^rvey of Londoti'' und zitiert die Dichter Tusser, 
Herrick und Scott. Seine Quellen übernimmt er zum großen Teil 
wÖrthch. 

Auch in Zeitschriften erschienen Beiträge, die sich mit den 
verschiedeneu Weihnachtsbräuchen befassen. Schon 1811 berichtet 
das Gentleman s Magazine (Part. I, 423/4; vgl. Gentleman's Mag. 
Library) über Weihnachtsgebräuche in Yorkshire; ein gutes Jahr- 
zehnt später veröffentlicht die gleiche Zeitschrift zwei Artikel: 
'Christmas Festivals' (1824; II, 587—90) und 'Christmas Festi- 
vities in Holmesdale in Surrey {1S21 ; II, 483 — 86) ähnlichen In- 
halts. 

Scott — im 'Marmion' (1806) — und Irving — im 'Sketch- 
book' (1819) — bekundeten Interesse für das Weihnachtsfest und 
verwandten es zu künstlerischer Darstellung. Scott schildert 
ein mittelalterliches Weihnachtsfest auf einem englischen Ritter- 
schloß: Glockengeläut, Christmesse; Bewirtung der Vasallen, Hörigen 



Das Weihnachtsfest in England vor und bei Dickens 73 

und Knechte im Saale des Barons; Tanz und Spiel, woran sich 
Adlige und Gemeine in gleicher Weise beteiligen. Irving hat die 
gesamte vorausgehende Weihnachtsliteratm* studiert und das Büch- 
lein ^Fonnd about our Coal-Fire^ als Hauptquelle für sein '•Sketch- 
hooli^ benutzt (zitiert in Sketchbook, ed. Tauchnitz, S. 198). 

In diesem unternimmt er es, ein engUsches Weihnachtsfest seiner 
Zeit künstlerisch darzustellen. Der Schauplatz der Handlung ist 
der abgelegene Landsitz eines sehr konservativen Edelmanns in 
Yorkshire, der sich bemüht, die alten Sitten unverändert zu be- 
wahren. Im einzelnen schildert Irving: 

A. The Stage Coach: 1. die Reise in der winterlichen Land- 
schaft und durch die Dörfer, die sich zum Empfang des Festes 
rüsten. In den Häusern lodern fi-eundliche Feuer, die Leute sind 
fröhlicher Stimmung. Die Fenster der Wohnungen und die Her- 
bergen sind mit grünen Pflanzen geschmückt. 2. Die Heimkehr 
der Schulkinder — ihr Jubel, ihre Pläne und Erwartungen, wäh- 
rend sie unter besonderer Obhut des Kutschers dem Eltemhause 
zusteuern. 3. Den Weihnachtsmarkt: da werden Riesenvorräte von 
Geflügel, Obst usw. verkauft. Die Käufer sind in festlicher Er- 
regung (diese Stelle aus Stevenson, 'Twelve Months'; vgl. oben 
S. 71). 

B. Das Fest im Schloß des Squire: I. Christmas Eve: 1. Eevelry 
in der 'Servanfs HaJV mit den beliebten Spielen 'hoodman blind\ 
^shoe — the — wild — mare^ usw.; ^Jule clog\ ^ Christmas cnndle' 
und der Mistelzweig, unter dem man die Mädchen küssen darf, 
werden nicht vergessen. 2. Die Feier der Adelsfamilie: a) des 
Spiels der Kinder wii'd um- kurz gedacht, b) Möglichst vollzählige 
A^ersammlung aller Familienmitglieder, c) Abendessen mit den 
obligaten Gerichten mince-pies und frumenty. d) Gesellschafts- 
vergnügen: Carols: Vortrag eines alten Harfners; Tanz, an dem 
der alte Squire selbst lebhaft teilnimmt; Unterhaltimg, Scherze und 
Liebelei der jüngeren Mitgheder der Familie. II. Christntas Dag: 
1, Morgenandacht im Schloß; Kirchgang, Festpredigt. 2. Dank der 
Bauern für die Wohltätigkeit des Squire. 3. Mummerei der Bauera- 
jungen. HI. The Christmas Dinner: 1. Das Essen; Auftragen des 
'boar's head' — 'irassail-boivV. 2. Nach Tisch: Blindekuhspielen 
— Master Simon 'mogelt'; er verfolgt ein junges ausgelassenes 
Mädchen, auf das er es abgesehen hat, über die Stühle und in alle 
Ecken; Gespenstergeschichten; Maskenaufzug, zu dem die Garderobe 
des Squire herhalten muß, und Tanz. 

Neben Scott und Irving verwenden Leigh Hunt, Miss Mitford 
und Christopher North (Wilson) das Weihnachtsfest zu künstlerischer 
Darstellung. 

So schildert Leigh Hunt in seinem 1820 im 'Iftdicator' ver- 
öffentlichten Essay 'Holiday Childre?}' (bei Hone, EDB I, 804) 



74 Das Weihnachtsfest in England vor und bei Dickens 

die Heimkehr der Schüler unter Hurra und Hörnerklang und die 
Ferienfreuden der Kinder: Spielzeug, Besuch von Museen und Ge- 
mäldegalerien, Theater und Pantomime, Blindekuh-, Pfänderspiele usw. 
Selbst der kleine Armenschüler, der mit blaugefrorenem Gesicht 
von Haus zu Haus wandert und schüchtern seine Schreibkunst- 
stücke zeigt, genießt jetzt eine kurze Zeit der Fröhlichkeit, da er 
ein paar Pennies sein eigen nennen darf. 

Der 1825 \m Neiv Monthly Magazine erschienene Essay ^Keeping 
Christmas^ desselben Autors (vgl. Monkhouse, 'Bibliography by 
J. P. Anderson' S. VI!) bietet die kurze Darstellung einer Weih- 
nachtsfeier im Dorfe: Weihnachtsgottesdienst; der Geistliche predigt 
mildtätiges Christentum. Die Familienangehörigen versammeln sich. 
Man delektiert sich an mince-pies, Pudding usw.; die Mädchen 
werden unterm Mistelzweig geküßt. Spiele, Tänze, Lieder; Erinne- 
rungen und Hoffnungen des Weihnachtsfestes. 

In ländlichem Milieu spielt auch Miss Mitfords Erzählung 
^Ä Christmas Partg^ [Our Village I, 485 ff., ed. Geo. Bell & Sons, 
1901). Eine Gesellschaft feiert Weihnachten in einem Dorfwirts- 
hause. Bis in die späte Nacht hinein wird getrunken, Karten ge- 
spielt, gesungen und vor allem getanzt. Der Geiger Timothy, ein 
alter Veteran, ist unermüdlich; er fiedelt fast ebensogut betrunken 
wie nüchtern. 

Christopher North läßt in seinen ^ Christmas Vreams'' {Black- 
wood' s Mag. 1827; vgl. PocWs Index. Gesammelt in ^The Recrea- 
tions of Christupher North\ 1842) am heiligen Abend im Traume 
eine Reihe früher verlebter AVeihnachtsf eiern an seinem Geist vor- 
überziehen: Weihnachten im Elternhause — das Spiel der Kinder, 
Gesellschaftsspiele, die Geliebte mit ihrem hellen Gesang, die so 
früh sterben sollte. Es folgen andere, frohe Weihnachtsfeste in 
verschiedenen Freundes- und Familienkreisen. Dann aber hörten 
diese Zusammenkünfte auf. Er erinnert sich der Weihnachtsfeste 
in Oxford und in der Gebirgslandschaft Windermere. Nun aber 
sitzt er allein in seinem Zimmer und denkt an Weihnachten in der 
Stadt, auf dem Lande und auf den Schiffen draußen im Meere. 

Offenbar unter Irvings Einfluß entstanden ist das uns unzu- 
gängliche AVerk ^A Fireside Book, or, an acconnt of Christmas 
spent ai Old Courf von E. Robinson (1830; Cat. of Brit. Mus.). 
Hone bemerkt darüber: ^In "A Fireside Book''^ there is a lively 
description of ^^ Christmas spent at Old Courf \ the seat of a 
country gentleman, ivith specimens of old stories and story telling . 
It is . . . füll of amenity and kind feeling, with snatches of gentle 
poetry ...' (YB 64). 

Speziell mit der Geschichte des Weihnachtsfestes beschäftigt 
sich Hone in seinem 'Ancient Mysteries^ (1823) und namentlich 
EDB (1828) sowie im YB (1832). Auf Houes Forschungen fußt 



Das Weihnachtsfest in England vor und bei Dickene 75 

Sandys, der die Entwicklung des "Weihuaclitsfestes in der Einleitung 
seiner Xm Cs skizziert; ferner Herrey in seinem BX (1836), der 
eine Wiederbelebung des Weibnachtsfestes als ein gutes Mittel im 
Dienste der sozialen Beformbewegung binstellt. Das Weibnacbts- 
fest soll sein ^an antidote to tke cold and sei fish spirü, ichich is 
tainting the life blood and freexing tke pidses of societif (BX21). 
Er wendet sich gegen die Nützlichkeitsrichtung in der Philosophie, 
die das Aussterben alter Sitten begünstigt: Hhey ivho ivould have 
no man enjoy without being able to give a reason for the enjoy- 
ment ivhich is in him, are robbing life or half its beauty and 
some of its virtue' (S. 20). An einer späteren Stelle heißt es: 
^ive love all ivhich tends to call man back from the solitary a7id 
chilling inii'suit of his own seimrate and selfish vieivs into the 
warmth of a common sympathy and the bands of common brother- 
hood' (S. 23). 

Die wichtigsten Begebenheiten, die Herveys Schilderungen und 
K,, Seymours Illustrationen behandeln, sind 1. die Heimkehr der 
Schüler; dazu ein Bild: zwei mit Knaben besetzte Kutschen auf 
der Landstraße; die Kinder sind in ausgelassener Stimmung (S. 163). 

2. Die Verproviantierung Londons; Bild: eine unter Truthähnen völlig 
versteckte Kutsche, die sich der Hauptstadt nähert (S. 168 ff.). 

3. Einbringen von Wintergrün (S. 173). 4. Waits and carol-singe?'s 
(Bilder S. 157, 197, 215). 5. Erzählen von Gespenstergeschichten 
(Bild S. 239). 6. AVeihnachtspantomime (S. 249). 7. Londoner Markt 
am Christabend (Bild S. 267); Läden und Verkaufsstände für Obst, 
Geflügel, Fleisch usw. und schwerbeladene Einkäufer. Die Aus- 
lagen sind mit holly und mistletoe geschmückt. 8. Festessen in 
der Familie (S. 300). 9. Das Bild S. 286 zeigt die Zubereitung 
des Weihnachtspuddings. Eine dralle Frau hebt mit Anstrengung 
einen riesigen Pudding aus dem Waschkessel. 10. Das übermütige 
Treiben in den Londoner Straßen an Twelfth Night usw. 

In welchem Verhältnis stehen nun Dickens' Weihnachtsschilde- 
rungen zu denen seiner Vorgänger und Zeitgenossen? 

Die Kenntnis der Weihnachtslieder des 14. — 16. Jh.s ist für 
D. nicht anzunehmen, schon wegen der abweichenden Sprache. Wohl 
aber wird der Bänkelsang des 17. Jh.s zu ihm gedrungen sein. Auf 
seine Einwirkung ist wahrscheinlich ein gut Teil D.' ausgedehnter 
Kenntnis alter Weihnachtsgebräuche zurückzuführen. D. beschäf- 
tigte sich mit Weihnachten zuerst als Journalist. Die Skizze ^ Christ- 
mas Festivities^ (in den Sk als 'A Christmas Dinner' veröffentlicht; 
vgl. Benignus, Anfänge von D. Diss. Straßb. 1895. S. 3) erschien 
als Weihnachtsartikel am 27. Dezember 1835 in der Zeitung BeU's 
Life of London and Sporting Chronicle (vgl. Leigh Hunts 'Holi- 
day Children'' im Lidicator und ^Keeping Christmas^ im New 
Monthly Mag., ferner die beiden Artikel 'Christmas Festivals^ und 



76 Das Weihnachtsfest in England vor und bei Dickens 

^ Christmas Festivities in Holmesdale in Surrey' \m ^Oentleinom' s 
Mag.; s. oben S. 72 f.). D. schildert ein Weihnachtsfest in einer 
Londoner Bürgerf amihe : alle Verwandten kommen beim Onkel zu- 
sammen, bei dem die Großeltern wohnen, Vorbereitmigen: Ein- 
kauf des Truthahns, Bestellungen beim Bäcker; Geschenke; Blinde- 
kuhspiel am heiligen Abend. Am Weihnachtstage Kirchgang, Fest- 
essen, fröhliche Unterhaltung. Besonders zu bemerken ist die Aus- 
söhnung der Eltern mit ihrer Tochter, die gegen ihren Willen ge- 
heii'atet hat. 

Zum zweiten Male befaßt sich D. mit dem gleichen Thema in 
den PPp (1836) cp. 28: Die Pickwickier verleben ein lustiges Weih- 
nachtsfest bei ihrem Freunde Wardle auf Manor Farm. Einzelne 
Begebenheiten: Reise in der Postkutsche, gemeinsame Feier mit den 
Dienstboten in der großen Küche — Küssen unter dem Mistel- 
zweig, Blindekuhspiel, ^Sna.p-Dragon\ Singen von Weihnachtsliedern, 
Liebelei, Gespenstergeschichte u. a. m. 

Ein drittes Mal kommt D. in MHCl (1841) auf das Weih- 
nachtsfest zm-ück: Master Humphrey wandert am Weihnachtstage 
einsam in den Straßen umher und sieht die FröhHchkeit der anderen. 
In einem Wirtshaus macht er die Bekanntschaft seines schwer- 
hörigen Fremides. Wie er ihn so einsam und in Gedanken ver- 
sunken sitzen sieht, vermutet er, daß er an frühere Weihnachtsfeste 
denkt und 'tkat ma?iy of them sprung np togeiher not with a 
long gap hetween eacJi, but in unbroken succession like days of 
the week' (MHCl I, 31). 

Die vollendetste Darstellung des Weihnachtsfestes bietet D. 
schließlich im XmC (1843). Hier schildert er — ein paar kleine 
Szenen ausgenommen — Weihnachten in London. Nicht in London 
spielen die Szene der von der Schule heimkehrenden Schüler — 
ihr Schauplatz ist die Landstraße Chatham-Rochester (XmC 88, 
39, vgl. Fol, 36, Langton 176) — , die Weihnachtsfeiern bei den 
Bergleuten, im Leuchtturm und auf dem Schiffe. 

Alles übrige in der Hauptstadt: 1. das Lied des kleinen frie- 
renden Carolsängers vor dem Traimi (S. 19). 2. der Weihnachts- 
markt; die Geschäftigkeit der Leute; in ihrer Erregung stoßen sie 
sich gegenseitig, vergessen, ihren Einkauf mitzunehmen und begehen 
ähnliche Gedankenlosigkeiten (S. 61). 8. Der Kü-chgang (S. 62). 
4. Heimkehr des Vaters mit Geschenken (S. 53, 65 ff.). 5. Häus- 
liches Fest in drei FamiHen: a) beim alten Fezziwig — das Bureau 
wird in einen Tanzsaal verwandelt; Freunde, Nachbarn, Diener und 
Angestellte sind zu Gast geladen; Abendessen und Tanz; das wür- 
dige Ehepaar Fezziwig, Prinzipal und Prinzipalin, tanzen tapfer den 
'Sir Roger de Coverley^ mit (S. 45 ff.); b) beim armen Schreiber: 
Weihnachtsessen; die Gans wird vom Bäcker geholt, wo die armen 
Leute sie haben braten lassen; Mrs. Cratchit nimmt den Pudding 



Das Weihnachtsfest in En^'land vor und bei Dickens 77 



^o 



aus dem Waschkessel (S. 64 ff.); c) bei Scrooges Neffen: Singen, 
Blindekuhspiel, bei dem Topper immer nur eins der Mädchen zu 
haschen sucht, so daß jeder merken muß, daß er recht gut sehen 
kann; Pfänderspiele, Liebelei usw. (S. 75 ff.). 6. Versöhnung des 
bekehrten Scrooge mit seinem Neffen und dessen junger Gattin 
(nach dem Traum; S. 110). 

In der künstlerischen Verwendung des Weihnachtsfestes ist D. 
offenbar ein Nachfolger Scotts und namentlich Imugs, der diese 
Schilderungsart zum literarischen Gemeingut machte. In seinen 
Bahnen wandeln dann auch Leigh Hunt, Miss Mitford, Chiistopher 
North (Wilson) und E. Robinson. 

D.' erste Weihnachtserzählung ^Ckristmas Festk/ties' (= A Xm 
Dinner, s. oben S. 75) hat in der Schilderung Londoner Verhält- 
nisse zur Festzeit Vorstufen in dem 'Co?inoisseur' (s. oben S. 72) 
imd in Leigh Hunts 'Holiday Children^ (s. oben S. 73); die von 
diesen beiden Vorgängern aber abweichende Darstellung eines 
Familienfestes weist auf L^vings 'Sketchhook^ hin. Offenkundig ver- 
rät sich dessen Einfluß auf D. schon in den PPp (cp. 28): die 
Reise durch die Dörfer zu dem Landgut, wo Weihnachten noch in 
patriarchalischer Weise gefeiert wird, ist eine recht durchsichtige 
Entlehnung aus dem Sketchhook. Nicht minder schwierig ist es, 
in Wardle einen modifizierten Squire Bracebridge zu erkennen. 

Am deuthchsten tritt D.' Abhängigkeit im XmC zutage; hier 
zeigt sich miverkennbarer Einfluß nicht niu- von L-ving, sondern 
auch von Hen-ey. Die Heimkehi- der Schulkinder beschäftigt schon 
Irving (s. oben S. 73). In seinem Gefolge beschreiben Leigh Hunt 
{^Holiday Oiüdren'') und Hervev (BX) die Ferienfreude der Kinder 
(s. oben S. 74 u. 75). D.' Darstellung entspricht genau dem Bilde 
Seymours (BX 163, s. oben S. 75), das seinerseits wahrscheinlich 
von Hunt inspiriert ist: die Kinder fahren im Wagen für sich und 
rufen einander zu (XmC 38). Direkt auf Hervey, bzw. Seymour 
verweisen ferner die Schilderungen des Weihnachtsmarktes und der 
Zubereitung des Puddings. Auch bei dem kleinen Carolsänger — 
sein direktes Vorbild liefert der frierende Betteljunge in Leigh 
Hunts ^Holiday Children' (s. oben S. 74) — und den Familien- 
szenen kann man an Hervey und Leigh Hunt denken, da es sich 
auch bei ihnen um Londoner Verhältnisse handelt. Die Ein- 
käufer, die vor Aufregung den Kopf verlieren, erinnern an die von 
Irving aus Stevensons 'Twelve Monihs^ übernommene Stelle (s. oben 
S.71). 

Klarer tritt Irvings Einfluß in dem trefflichen Fezziwig hervor; 
dieser ist Wardle oder Squire Bracebridge in städtische Verhält- 
nisse übertragen: vgl. die wohlwollende Sorge für die Freude der 
Untergebenen und den Tanz, an dem die alten Herrschaften teil- 
nelunen. Die Wirkung Irvings zeigt sich weiter besonders bei der 



78 Das Weihnachtsfest in England vor und bei Dickens 

Weihnachtsfeier des Neffen : Bhndekuhspiel (Master Simon = Topper; 
s. oben S. 73 u. 77), Singen, Liebelei usw. 

Das Festessen bei den armen Cratchits ähnelt den "Weihnachts- 
feiern bei armen Leuten, wie sie Withers 'Xmas CaroV, John 
Taylors 'Xmas in and ouf und Laur. Prices 'Make Room for 
Xmas^ geschildert hatten (s. oben S. 68 u. 71). 

Es ist wohl möglich, daß D. diese Schriften gekannt hat und 
von ihnen beeinflußt ist, denn Withers Gedicht z. B. war zu seiner 
Zeit gedruckt bei Jamieson, Pop. ball. (1806), in Hones EDB 
(1828) und in Sandys' XmCs (1833); vielleicht waren ihm auch 
die beiden Pamphlete nicht unbekannt, zitiert er doch in seinem 
Schriftchen 'Sunday under three heads' verschiedene Stellen aus 
einem Pamphlet der Puritanerzeit, das er im Britischen Museum 
gelesen hat {'Sunday under three hea.ds\ ed. Manchester Series, 
Chapman & Hall, S. 38). 

Es ergibt sich: zum Teil schon in seiner ersten Weihnachts- 
schilderung 'Christmas Festivities' , mehr noch in den PPp, vollends 
aber mit dem XmC steht D. an Lrving anschließend in der direkten 
Fortsetzung der durch Irving — Leigh Hunt — Hervey gekenn- 
zeichneten Gattung. In der Reihe der Weihuachtsverteidiger gegen 
die Puritaner hat D. mit seinem XmC alle seine Vorgänger über- 
troffen. Er steht höher als sie, weil erst durch seine Zeilen die 
englische Literatur auf Weihnachtssitte und lebendiges Volkstum 
wirksam wird. Und daher hat D. mit seinem XmC eine bedeu- 
tende Kulturarbeit geleistet. 

BerUn-Steglitz. Fritz Fiedler. 



Das Weltsystem des Benoit de Maillet. 

Zu den seltenen Werken, die dank den in ihnen niedergelegten 
scharfsinnigen Beobachtungen und kühnen Spekulationen den 
Anschauungen ihrer Zeit weit voraus gewesen sind, gehört ein 
Buch, das einst gewaltiges Aufsehen erregt und eine Zeitlang im 
Mittelpunkt der widerspruchsvollsten Beurteilung gestanden hat: 
das Weltsystem des französischen Konsuls Benoit de Maillet 
(t 1738), das unter dem Titel TelUamed ou Entretiens d'un philo- 
sophe Indien avec un missionnaire frangois zu Amsterdam 1748 
zum erstenmal veröffentlicht wurde. Wie so manches andere 
Werk der Weltliteratur, dessen hoher Wert für die Geschichte 
der menschlichen Idee feststeht, ist auch der TelUamed lange Zeit 
dem Fluche der Vergessenheit anheimgefallen gewesen, und erst 
in jüngster Zeit haben drei Gelehrte auf seine Bedeutung für die 
französische Literatur kurz hingewiesen: Heinrich Morf in 
der von ihm besorgten 7. Auflage von Hettners Geschichte der 
französischen Literatur im 18. Jahrhundert (Braunschweig, 
1913, 7. Auflage, S. 270/71); J. K F. Kohlbru gge im Bio- 
logischen Zentralblatt (Bd. XXXII, Nr, 8, S. 505 ff.) und Leo 
Jordan in der Zeitschrift für französ. Sprache und Literatur 
(Bd. XLIV, S. 1 ff.), der hier die Erstausgabe des Buches be- 
spricht. Seit einiger Zeit habe auch ich mich tiefer in das Stu- 
dium dieses merkwürdigen Werkes versenkt, bin aber infolge ver- 
schiedener durch den Krieg geschaffener Hindernisse noch nicht 
dazu gekommen, die Resultate meiner Untersuchungen in grö- 
ßerem Umfange zu veröffentlichen. Auch heute muß ich mich 
damit begnügen, nur in Kürze die mannigfachen Probleme zu 
skizzieren, die sich an den TelUamed anknüpfen. 

Welche Bedeutung dem Werke für die Geschichte der mensch- 
lichen Idee beizumessen ist, ersieht man schon aus einer In- 
haltsübersicht, die ich mit um so größerer Berechtigung an 
die Spitze dieses Aufsatzes stellen zu dürfen glaube, als der 
TelUamed fast durchweg unbekannt ist. 

In sechs entretiens trägt ein indischer Weiser namens TelUa- 
med (Anagramm für de Maillet) einem französischen Missionar 
im Laufe von sechs Tagen (journees) in Kairo sein Weltsystem 
vor. Die Bezeichnung entretiens ist berechtigt; die Dialogform 
ist gewahrt, obwohl freilich der indische Gelehrte fast ausschließ- 
lich die Kosten der Unterredung bestreitet. 

Ein Hauptgedanke bildet den Ausgangspunkt des 
Sj'stems: die ganze Erde ist einst, in grauer Vorzeit, vom Meere 
bedeckt gewesen, das seit langem in einer ständigen Abnahme 
infolge Verdunstung begriffen ist. Dem Wasser hat die Erde die 
Gestaltung ihrer Oberfläche zu verdanken; im Wasser müssen 



80 Das Weltsystem des Benolt de Maillet 

wir den Ursprung zu allem Organischen und Unorganischen 
suchen. Das Grundprinzip einer unaufhörlichen diminution de 
Ja mer durchzieht wie ein roter Faden das Werk von Anfang bis 
zu Ende. 

In den beiden ersten entretiens bedient sich de Maillet des 
indischen Weisen als Sprachrohrs, um über die Resultate seiner 
eigenen langjährigen und unermüdlichen geologischen Unter- 
suchungen und Experimente zu berichten, die er während seiner 
Amtszeit als Konsul in Ägypten und später im weiteren Orient 
und im Küstengebiet des Mittelmeeres angestellt hatte, um die 
Richtigkeit seiner Hauptthese von der unaufhörlichen Verminde- 
rung des Meeres und der Rolle, welche dieses bei der Formation 
der Erdschichten gespielt hat, mit wissenschaftlichem Beweis- 
material darzutun. In der dritten und vierten Unterredung ver- 
wahrt sich der Verfasser, nachdem er zunächst weitere Einzel- 
belege und Ergebnisse seiner praktischen Forschungen geboten 
hat, von vornherein gegen eine Reihe Einwände, die von Gegnern 
seines Systems angeführt werden könnten, und hält anschließend 
daran eine scharfe Kritik ab über die Werke derjenigen Autoren, 
die als seine Vorgänger gelten können. Schließlich befürwortet 
er den Plan zu der Errichtung einer hydrographischen Station 
an der Küste des Mittelmeeres oder auf Malta, wodurch er die 
Ergebnisse seiner Forschungen der Nachwelt zu überliefern hofft. 

Während die bisherigen Resultate de Maillets fast durchweg 
auf Tatsachen aufgebaut sind und langwierigen, scharfsinnigen 
Experimenten des Verfassers ihr Dasein verdanken, beruhen die 
Theorien der letzten beiden entretiens mehr auf vielfach recht 
phantastischen Berichten und kühnen Analogieschlüssen. Im 
Verlaufe der fünften journee wird in großen Zügen die Stellung 
der Erde im Weltall in höchst eigenartiger Weise skizziert, stets 
in Verbindung mit der Ausgangshypothese der diminution de la 
mer, und die letzte Unterredung enthält endlich den Versuch, 
die Abstammung des Menschen, der Tier- und Pflanzenwelt aus 
dem Meere zu begründen. Mögen uns hier auch gewisse Hypo- 
thesen, wie die Annahme von hommes marins als maritimen 
Ahnen des heutigen homo sapiens recht phantastisch anmuten, so 
begegnen wir doch hier anderseits jenen Theorien und Prinzipien, 
durch die das Buch zur Zeit seines Erscheinens ungeheures Auf- 
sehen erregte,^ und dem es in erster Linie seine einstige Berühmt- 
heit verdankte: zum ersten Male wird hier auf breiter Basis eine 



1 So leitet z. B. Grimm seine Besprechung des Telliamed in der Corre- 
spondance Utteraire mit den Worten ein: Tout est extraordinaire dans un 
ouvrage qu'on vient d'imprimer en deux volumes et qui fait leaucoup de 
hruit par la hardiesse des sentiments qu'on y a hasardes {ed. Tourneux; 
Paris, Garnier, 1877 ff., Bd. T, S. 240/1, Nr. XXXVI). 



Das Weltsystem des Benolt de Maillet 81 

Evolution der Lebewesen, eine allgemeine Wand- 
lungsfähigkeit der Organismen und fortschrei- 
tende Entwicklung des Menschen, eine Deszen- 
denztheorie in großen Zügen proklamiert, der natürlich noch 
eine streng wissenschaftliche Begründung fehlt, wie sie erst hun- 
dert Jahre später durch Lamarck und Darwin erbracht wurde. 
Der Eigenart, seines Inhalts, der eine höchst merkwürdige 
Mischung zwischen Wahrheit und Dichtung, zwischen wissen- 
schaftlich feststehenden Resultaten und tollen Phantasiegebilden, 
für seine Zeit kühnen, aber der Wahrheit dabei ganz nahe kom- 
menden Spekulationen und anderseits von mittelalterlich anmu- 
tendem ^Aberglauben bildet, verdankt der TeUiamed die wider- 
spruchsvolle und oft recht ungerechte Beurteilung, die ihm im 
Laufe der Jahrhunderte zuteil geworden ist. Von jeher ist 
de Maillets unbestreitbarem Verdienst um die Geologie volle 
Anerkennung gezollt worden. Dadurch, daß er als einer der 
ersten den modernen Weg der wissenschaftlichen Beobachtung 
beschritt und seine Theorien auf langjährige praktische Unter- 
.suchungen und Experimente gründete, erhob er sich über die 
meisten seiner Zeitgenossen, deren 'Wissenschaft' sich fast aus- 
schließlich auf haltlose Spekulationen und Trugschlüsse be- 
schränkte. Deshalb vor allem verdienen seine geologischen Resul- 
tate hohes Lob. weil durch sie die Absurdität der herrschenden 
Richtung des Diluvianismus, welche die Entwicklung der 
Erde von dem Termin der biblischen Sintflut herleitete, schlagend 
dargetan wurde. Anstatt dieser Theorie, die zu den seltsamsten 
Folgerungen führte, lehrt de Maillet eine langsame, regelmäßige 
Entwicklung der Erdschichten, die im Verlaufe von Hunderttau- 
senden von Jahren vor sich gegangen sei und noch fortbestände. 
Es ist für uns von besonderem Interesse, daß unter der langen 
Reihe von Forschern, die sich näher mit de Maillets System be- 
schäftigt haben, auch unser Goethe an erster Stelle zu nennen 
ist. Wir wissen jetzt, daß er nichts Geringeres plante, als eine 
allgemeine Geschichte der Xatiir. eine Art Kosmos, zu schreiben.^ 
In diesem leider nicht zur Ausführung gebrachten AVerke hätte 
unser TeUiamed, wie sich feststellen läßt, eine bedeutsame Rolle 
gespielt. Im 13. Bande der Weimarer Ausgabe^ finden wir in 
dem großen Entwürfe Goethes auch de Maillet verzeichnet, den er 
genau gekannt hat.^ Wie jener, so schrieb auch er dem Wasser. 



1 Vgl. Bielschowsky. Ooethe, sein Lehen und seine Werke. München 1914, 
25. Auflage, Bd. Tl. S. 444. 

2 Naturvnssenschaftliche Schriften Bd. XIII, Paralipomena S. 298 ff. 

' Vgl. J. H. F. Kohlbrugge, Goethe als Natttricisscnschaftler, Würzburg 
1913. Anm. 21 zu S. 55. Danach hat Goethe den TeUiamed aus der Biblio- 
thek zu Weimar noch in den Jahren 1806 und 1816 entliehen. 

Archiv f. n. Sprachen. 141. 6 



82 Da« Weltsystem des Benoit de Maillet 

eine tiefgehende und umfassende Einwirkung auf die Gestaltung 
der Erdoberfläche zu, sowie daß diese ruhig, langsam, ohne ge- 
waltsame, sprunghafte Revolutionen vor sich gegangen sei, im 
Verlaufe vieler Jahrhunderte.^ 

Goethe ist nicht der einzige gewesen, der im 19. Jahrhundert 
de Maillets Bedeutung richtig eingeschätzt hat. Forscht man 
einmal tiefer in Hand- und sonstigen Büchern der Naturwissen- 
schaften nach, so wird man sich mit Staunen bewußt, daß der 
Telliamed wenigstens in diesem Zweige der Wissenschaft nicht 
vergessen worden ist. Aus der langen Reihe von Kritiken, die 
ich ausfindig gemacht habe, seien hier nur Namen wie d' A r c h i a c, 
Sigismund Günther und besonders A. von Zittel ge- 
nannt, der dem Telliamed in seiner Geschichte der Geologie und 
Paläontologie (1891; S. 46 ff.) die verdiente Würdigung nicht 
versagt. 

Etwas anders verhält es sich mit der Beurteilung jenes Teiles 
von de Maillets Buche, der ihm die allgemeine 'Berühmtheit' ein- 
trug, deren er sich eine Zeitlang erfreut hat: des letzten (6.) 
entretien, in dem die Grundprinzipien einer Evolution der 
Lebewesen, einer Transformation der Arten von 
Wasser- zu Landgeschöpfen, kurz die Hypothese einer 
Darwinschen Deszendenztheorie zum ersten Male auf- 
gestellt wurde. Da solch kühne Ideen für jene Zeit unerhört 
waren, nimmt es nicht wunder, daß sie zum Gegenstand der 
widerspruchsvollsten Beurteilung wurden. Dadurch allein schon, 
daß de Maillet den Menschen auf rein natürliche Weise, ohne 
Gottes Mitwirkung aus Wassergeschöpfen hervorgehen ließ, 
mußte er schwersten Anstoß bei der herrschenden Kirche erregen, 
und so fehlte es nicht an heftigen Angriffen von klerikaler Seite 
aus. Bereits 1755 weiß der Herausgeber der letzten Ausgabe zu 
berichten, daß der indische Philosoph als impie, athee et ahomi- 
nahle verschrien wurde. Zeitgenössische Kritiker gingen mehr- 
fach gegen das Buch vor, indem sie teilweise es lächerlich zu 
machen suchten. So schließt z. B. La Porte seine eingehende 
Kritik des Systems, das er häufig als ridicule und rempli de folies 
et d'extravagances bezeichnet hat, mit den Worten: Nous avons 
des connaissances so vraies, si incontestahles de la maniere dont 
Dieu a cree le Monde, et dont Vhomme a ete forme quil y 
auroit de la folie de prendre au serieux ce quon na pretendu nous 
donner qiie comme un amusement philosophique.^ 



1 Vgl. Bielschowsky, Bd. II, S. 441 ff. 

2 Ohservations sur la litterattire moderne. Nonvelle edition augtnentie, 
Londres 1752, Bd. I, S. 331. — Vgl. weiterhin D. Mornet, Les sciences de 
la nature en France au XVIIIe siMe (Paris 1911) S. 260. Anm. 245. 



* Das Weltsystem des Benoit de Maillet 83 

Doch bereits im 18. Jahrhundert begegnen wir anderseits 
Stimmen, die im Gegensatz zu der gehässigen Verurteilung des 
Buches die wesentlichsten Punkte daraus adoptierten. So stützt 
sich LaMettrie in seinem Systeme d'Ejncure völlig auf 
de Maillets Schopfungslehre, und Robin et, der Verfasser des 
originellen und phantastischen Systems, das unter dem Namen 
Considerations jjhilosophiques sur la gradation naturelle des for- 
nies de Vetre ou Essais de la Nature qui apprend ä faire Vhomme 
(Paris 1768) in der Geschichte der Philosophie eine nicht unbe- 
deutende Rolle gespielt hat, schließt sich vielfach an de Maillet 
an, so z. B. indem er in seiner lückenlosen Kette der Organismen 
die hoimnes marins de Maillets als Vorstufe zum Mensch aufstellt. 
Die wahre Bedeutung unseres Autors aber als Vaters der Deszen- 
denztheorie konnte erst dann erkannt werden, als diese neue Lehre 
von Lamarck und Darwin in weitestem Umfange proklamiert 
worden war. Ein Jahrhundert mußte vergehen, ehe die kühnen 
Ideen de Maillets, zu denen er, seiner Zeit weit vorauseilend, auf 
Grund seines eigenartigen Systems wie von selbst gelangt war, 
in genialer Weise ihre wissenschaftliche Begründung erhielten 
und damit zu einem Umsturz der Weltanschauung führten, wie 
ihn vorher die Menschheit kaum erlebt hatte. Jetzt erinnerte man 
sich auch des längst vergessenen französischen Konsuls und seines 
Buches; jetzt wurde man sich bewußt, daß er die gleichen Theo- 
rien und Prinzipien in ihren Grundlinien wenigstens schon ein 
Jahrhundert früher ausgesprochen hatte, und so erschienen die 
Anhänger der Deszendenztheorie den Zeitgenossen als sectateurs 
de Maillet und Lamarck als de Maillet redivivus} Bis in unsere 
Zeit hinauf hat danach de Maillet als Vorläufer der neuen Lehre 
gegolten; aus der Reihe der zahlreichen naturwissenschaftlichen 
Bücher, in denen sein Name in diesem Zusammenhang genannt 
wird, will ich hier nur die gerechte und günstige Beurteilung des 
Telliamed herausgreifen, die der Darwinist und Herausgeber des 
Kosmos, Ernst Krause, ihm in seinem ausgezeichneten Buche 
Erasmus Danvin und seine Stellung in der Geschichte der De- 
szendenztheorie (Darwinist. Schriften Nr. 6, Leipzig 1880, 
S. 108 ff.) angedeihen läßt, und noch einmal auf den schon ge- 
nannten Aufsatz des holländischen Gelehrten Kohlbrugge 
verweisen, in dem man in gedrängter, übersichtlicher Darstellung 
den Vergleich zwischen de Maillet, Lamarck und Darwin durch- 
geführt findet.^ 

Steht somit fest, daß der Telliamed in der Geschichte der 
Naturwissenschaften niemals gänzlich in Vergessenheit geraten 



^ Vgl. hierzu die Nachweise bei Kohlbrugge im Biolog. Zentralblatt. 
- Daselbst. 

6* 



84 Das Weltsystem des Benolt de Maillet 

ist, so kann anderseits nur mit Bedauern festgestellt werden, daß 
seine Bedeutung für die Geschichte der französischen 
Literatur und Philosophie wohl überhaupt nie in vollem 
Umfange erkannt worden ist. Freilich darf dies uns nicht allzu- 
sehr wundernehmen, da der Telliamed und die Probleme, die sich 
an ihn anschließen, in eine Epoche der französischen Kultur- 
geschichte gehört, die noch lange nicht bis ins kleinste erforscht 
worden ist. Die Literatur der Aufklärungszeit, zu der er zu 
rechnen ist, birgt in ihrem Schöße noch manches dunkle Geheim- 
nis, über das der Schleier noch nicht gelüftet wurde, weil diese 
Epoche von der Forschung bisher verhältnismäßig stiefmütter- 
lich behandelt worden ist. Es wird aber nicht leicht wieder ein 
Werk ausfindig gemacht werden können, das dank der Eigenart 
und Mannigfaltigkeit der sich mit ihm verbindenden Probleme 
befähigt erscheint, in gleicher Weise Licht auf die Geisteskämpfe 
der ganzen Kulturperiode des 18. Jahrhunderts zu werfen, wie 
eben unser Buch, dessen Entstehung aber schon in den An- 
fang des Jahrhunderts zu setzen ist. Denn wenn auch die Tel- 
liamed-J)Tucke erst Mitte des 18. Jahrhunderts erscheinen, so hat 
mich doch eine genaue Prüfung der noch vorhandenen Hand- 
■schriften belehrt, daß diese bereits etwa zwischen 1720 und 1730 
verfaßt worden sind. Daß das Werk seinerzeit in dieser hand- 
schriftlichen Form nicht unbekannt war, das bestätigt außer an- 
deren Zeugnissen vor allem G. de Lamoignan de Males- 
herbes, der in seinen ungefähr 1750 abgefaßten, aber erst 1798 
von Abeille publizierten Observations sur Vhistoire naturelle 
generale et particuliere de Buffon wörtlich aussagt: . . . lespreuves 
en ont ete rapportees par Vauteur d' un manuscrit fameux 
qui a ete pendant vingt ans entre les m ains de tous 
les gens de lettr es et quon a imprime depuis peu sous le nom 
de Telliamed, und der Buffon scharf tadelt, weil er de Maillets 
Arbeit nicht zu kennen scheine, was er nicht versteht, denn: 
cetait un manuscrit si fameux qu'il n'etoit pas permis ä 
un komme de lettres d'en ignorer Vexistence ni ä un komme qui 
travaille a la tkeorie de la terre de ne l'avoir pas consulte} 

Aus diesem zeitgenössischen Zeugnisse ersieht man allein 
schon, welcher Berühmtheit sich der Telliamed bereits in hand- 
schriftlicher Form wenigstens in Gelehrtenkreisen seiner Zeit er- 
freut hat, und wir können schließen, daß sein Verfasser durch 
eine Veröffentlichung seines Werkes den Ruhm weithin erlangt 
hätte, den er nicht nur sehnlichst erlioffte, sondern auch un- 
bestreitbar verdiente. Aber ein widriges Schicksal vergönnte ihm 
die Verwirklichung seines Lebenszieles nicht; de Maillet starb 



1 Bd. I, S. 224. 



Das Weltsystem des Benoft de Maillet 85 

1738, und sein Buch blieb noch ein volles Jahrzehnt liegen, ehe 
es durch die Drucklegung neu erstehen sollte. 

Wenn wir nun berücksichtigen, daß der Telliamed schon zu 
Anfang des 18. Jahrhunderts verfaßt wurde, so erscheint er uns 
wie ein vereinzelter gewaltiger Block in einer Periode, die noch 
nicht reif für die Philosophie war, die er predigte. Es unterliegt 
nämlich keinem Zweifel, daß die ursprünglichen Grundlagen 
des Systems rein materialistische sind, auf denen erst 
viel später die Häupter der Materialisten, La Mettrie und d'Hol- 
bach, freilich waeder in erweiterter und vollendeter Ausführung, 
fußen sollten. De Maillet lehrt die Anfangslosigkeit und Ewig- 
keit der Materie, die einer beständigen Transformation unterwor- 
fen ist, und läßt die Entstehung und Entwicklung alles Organi- 
schen und Unorganischen auf rein natürlichem, mechanischem 
Wege vor sich gehen, ohne jemals auf Gott als Weltschöpfer und 
-erhalter zurückzugreifen. Daß er damit in schärfsten Konflikt 
zur Kirche geriet, versteht sich von selbst. Diese Gegnerschaft 
machte sich auch weiterhin in gewissen Fragen fühlbar, die eine 
'besondere Rolle in der philosophischen Litera- 
tur des 18. Jahrhunderts und weiter hinauf spielen sollten. Der 
Telliamed bildet nämlich noch den Ausgangspunkt zu einer Po- 
lemikundKritikderBibel, die fortlaufend, von de Maillet 
angefangen, bei J.-B. de Mirabaud, in dem man zunächst den 
Verfasser des berüchtigten Systeme de la Natur e des Barons 
d'Holbach vermutete, bei Voltaire, den Enzyklopädisten, 
La Mettrie bis d'Holbach wiederkehrt. Vor allem werden 
folgende Einzelpunkte der biblischen Tradition angegriffen: 
1. die Auslegung des biblischen Schöpfungsberichtes — die Ma- 
terialisten behaupten, auch die Genesis lehre in Wahrheit die 
Präexistenz der Materie! — ; 2. die Annahme, daß die biblische 
Sintflut ein deluge universel gewesen sei; 3. der Glaube an die 
Abstammung aller Menschen von Noah; 4. die biblische Alters- 
bestimmung des Menschengeschlechts. Die Behandlung dieser 
einzelnen Streitfragen, die teilweise noch bis in unsere Zeit hin- 
auf eifrig diskutiert wurden und eine gewaltige Literatur in theo- 
logisch-literarischen Kreisen erzeugt haben, ^ durch ihre oben ge- 
nannten Gegner gewährt einen scharfen Einblick in die Kultur- 
kämpfe der ganzen Epoche: ich gedenke sie in einer Serie von 
Beiträge)^ zur französischen Aufklärung sliteratur, die in der Zeit- 
schrift für franz. Sprache n. Literatur erscheinen werden, zu ver- 
werten und klarzulegen. Von diesen Studien wird die erste Ab- 
handlung sich mit dem eben erwähnten J.-B. de Mirabaud, 



*■ Hierüber vgl. die Realenzyklopüdie der protestantisdieti Theologie, Ab- 
schnitt Schöpfv7ig und Erhaltung der Welt, Bd. XVII. S. 682 ff. 



86 Das Weltsystem des Benolt de Maillet 

secretaire perpetuel de V Academie (t 1760) befassen. Von ihm 
existiert u. a. ein anonym erschienenes Buch Le Monde, son ori- 
gine et son antiquite, das in mehrfachen Beziehungen zum Tel- 
liamed steht. Es wurde 1751 zu London (?) von einem Abbe 
Le Mascrier veröffentlicht, demselben, der 1755 den Telliamed 
publizierte. Indessen muß Mirabaud sich auf eine Handschrift 
des Telliamed gestützt haben, da sein Büchlein in einer ersten 
Fassung in der ersten der von J.-Fr. Bernard bereits 1740 ver- 
öffentlichten — also acht Jahre vor dem ersten Druck des Tel- 
liamed — Dissertations melees sur divers sujets importants et 
curieux vorliegt. Die ziemlich komplizierten Verhältnisse zwi- 
schen Mirabauds und de Maillets Werke sowie vor allem die höchst 
eigenartige Mitwirkung des Herausgebers Le Mascrier, der in 
besonderen Anmerkungen und einem von ihm verfaßten und Le 
Monde angefügten Essai sur la Chronologie gegen die stark mate- 
rialistischen Anschauungen des noch lebenden Verfassers Mira- 
baud polemisiert, werden in dem angekündigten ersten Aufsatze 
erörtert werden. 

Schon aus den bisherigen Ausführungen dürfte ersichtlich 
geworden sein, welch mannigfache Bedeutung für die philosophi- 
schen Strömungen des 18. Jahrhunderts dem Telliamed zukommt. 
Sie wird uns noch besonders deutlich durch die Stellung, die 
Voltaire ihm gegenüber eingenommen hat. Voltaire hat sich 
sehr häufig mit de Maillets Werke beschäftigt und ihn zum Ge- 
genstand einer oft leidenschaftlichen Kritik gemacht. Zwar die 
obengenannten Angriffe des Verfassers auf die Bibel verwertet er 
durchaus in seinem großangelegten Plaidoyer gegen Christen- 
und Judentum — ohne daß sich freilich mit Sicherheit nachwei- 
sen läßt, daß er sie wirklich den Telliamed-Dmclien entlehnt hat, 
wo sie nicht so scharf ausgeprägt sind wie in den Handschriften 
— . aber de Maillets Grundidee von der Abnahme des Meeres, der 
Bildung der Erdschichten und Gebirge aus dem Wasser wie auch 
die Herkunft und Transmutation der Wesen, insbesondere des 
Menschen, bekämpfte er aufs heftigste.^ Er war scharfsinnig 
genug, um unter dem verhüllenden Mantel, den die Drucke des 
Telliamed im Gegensatze zu der ursprünglichen Fassung der 
Handschriften tragen, die wahren Ansichten de Maillets zu ent- 
decken, der die Natur auch ohne von außen in sie hineingetragene 
Zwecke zu erklären und eigene, selbständige Entvdcklungskräfte 
in ihr nachzuweisen suchte. Seine ablehnende Haltung gegen-' 
über dem Telliamed kann uns als der beste Maßstab einer rich- 
tigen Beurteilung des Werkes dienen: er erkannte bereits in ihm 
zum erstenmal die gefährlichen Kräfte, welche zu der späteren 

^ Vgl. Lcs Caiales; Les Sifstdmes; Des singtilaritSs de la nature, chap. 
XI; Les Colimagoyis du Reverend Pere UEf^cariotier; Dictionnaire pJiilo- 
f^ophigue, art. Coquüles; Dialogucs d'Euhimere. 



I 



Das Weltsystem des Benolt de Maillet 87 

rein materialistischen Richtung seines Jahrhunderts und noch 
später zum Darwinismus führen sollten. 

Ich habe soeben von einem Gegensatze zwischen den Drucken 
und den Handschriften des Telliamed gesprochen und komme da- 
mit zu jenem AJbschnitte des ganzen Problems, der unbestreitbar 
der interessanteste ist, und der diejenige Frage in sich schließt, 
in deren Lösung wir die wichtigste Aufgabe erblicken: die Frage 
der Textgeschichte und der Herstellung eines kriti- 
schen Textes. 

Schon dem holländischen Gelehrten Kohlbrugge war es auf- 
gefallen, daß die Textüberlieferung ungenügend sei, daß wir 
mehrere voneinander abweichende Ausgaben besitzen, denen 
einige Handschriften gegenüberstehen. Dies ist in der Tat der 
Fall: alle drei noch nachweisbaren Drucke sind unifereinander 
verschieden. Von der unzuverlässigen Erstausgabe (Amsterdam 
1748, in zwei Bänden) ist die einbändige nächste Ausgabe (Basel 
1749) ein etwas nachlässiger Abdruck, in dem ein beträchtlicher 
Teil der letzten Unten-edung gänzlich fehlt. Die dritte und letzte 
Ausgabe wurde, wie gesagt, von dem Abbe Le Mascrier 
(Haag 1755, in zwei Bänden) veröffentlicht, dem de Maillet das 
Manuskriptmaterial übergeben hatte. "^ Der Herausgeber hat sie 
um eine Lebensbeschreibung des Verfassers vermehrt, aus der 
allein wir nähere Auskunft über dessen Leben und Werke er- 
halten. In diesem biographischen Abriß behauptet Le Mascrier, 
daß er vor Jahren die Veröffentlichung des Werkes gestattet habe, 
daß jedoch die Erstausgabe stark verstümmelt und fehlerhaft 
hergestellt worden sei, ebenso wie die folgenden (?), während er 
nun für sich den Ruhm beansprucht, dem Publikum mit der vor- 
liegenden eine Ausgabe zu bieten: originale et teile que j'etois 
convenu avec Vauteur de la mettre au jour. 

Indes beruht diese Angabe auch nicht auf Wahrheit. Zwar ist 
zuzugeben, daß die ersten Drucke unzuverlässig sind, und die 
letzte Ausgabe im ganzen sorgfältiger ist als die vorhergehenden, 
aber wir begegnen anderseits auch in ihr einer Reihe Partien 
(Zufügungen usw.), die sich zumeist schon auf den ersten Blick 
als nicht von de Maillets Hand stammend erweisen, und von 
denen tatsächlich in den Handschriften überhaupt nicht die Spur 
anzutreffen ist. Wir wären danach überhaupt nicht in der Lage, 
uns ein einigermaßen sicheres Bild von dem reinen, unverfälsch- 

* Der aus den Initialen J. A. G. *** der Titelseite der ersten Ausgabe 
erschlossene Herausgeber G u e r hat jedenfalls keinen ernstlichen Anteil 
an der Veröffentlichung gehabt. Als Herausgeber und Textbearbeiter kommt 
lediglich Le Mascrier in Betracht. Das beweist auch der Umstand, daß die 
der letzten ed. 1755 vorangehende Preface in gleicher Weise bereits in den 
ersten Ausgaben figuriert, mit dem einzigen Unterschiede, daß sich hier 
Le Mascrier noch nicht öffentlich als ihren Verfasser und Herausgeber des 
Werkes bekennt. 



88 Das Weltsystem des Benolt de Maillet 

ten Texte de Maillets zu machen, wenn nicht eben noch Hand- 
schriften existierten, auf die wir zurückgreifen können und 
müssen. 

Deren habe ich noch fünf in Frankreich ausfindig machen 
können, von denen sich drei in Paris, die beiden anderen in den 
Provinzialstädten Chartres und LeMans befinden. Es handelt 
sich um die folgenden: 

1. Paris, Bihliotheque Nationale, f. fr. Nr. 9778 = N^ 

2. Paris, Bihliotheque Nationale f. fr. Nr. 9775 == N^ 

3. Paris, Bihliotheque de V Arsenal Nr. 2885 — Ars 

4. Chartres Nr. 762 -= Ch 

5. Le Maus Nr. 384 = M 

Das Vorhandensein der fünf Manuskripte beweist jedenfalls 
zur Genüge die Richtigkeit der vorhin erwähnten Angabe Males- 
herbes': der Telliamed ist in handschriftlicher Fassung zweifel- 
los weit verbreitet in Gdehrtenkreisen gewesen. Nun darf man 
freilich ohne weiteres annehmen, daß de Maillet sein eigenes wert- 
volles Manuskript nicht aus der Hand gegeben, sondern daß er 
Abschriften davon hat anfertigen lassen, die er seinen Freunden 
zusandte, die nun ihrerseits vielleicht erneute Kopien für ihre 
Zwecke herstellen ließen. Diese Ansicht findet eine Bestätigung 
durch das Zeugnis des Herausgebers von Malesherbes' Obser- 
vations, L. P. Abeille, der in einer Anmerkung zu des Ver- 
fassers Notizen über den Telliamed aussagt: De retour en France, 
il communiqua ses memoires, composes de notes et de morceaux 
detaches. On s empressa de faire des copies de ces precieux 
materiaux. 

Das Original-Manuskript ist zweifellos verlorengegangen; die 
fünf noch vorhandenen, fast gänzlich korrekturlosen Handschrif- 
ten sind Exemplare der genannten Kopien. In den Abweichun- 
gen, die sie zueinander haben, dürfen wir den Nachhall der Ver- 
besserungen erblicken, die de Maillet nach Le Mascriers Zeugnis 
an seinem eigenen Manuskript vorgenommen hat. 

Von größter Bedeutung ist für uns die Abfassungszeit 
der Manuskripte. Aus inneren Gründen, vor allem ans 
gewissen in ihnen vorkommenden Daten und Hinweisen, habe ich 
als Termin die Zeit von etwa 1722/9 festlegen können. Und zwar 
müssen wir eine ältere Version (N^. M) und eine jüngere Gruppe 
(Nl, Ars, Ch) unterscheiden, von denen erstere ungefähr 1722/5 
verfaßt worden ist, während für die andere als äußerster Termin 
1729 anzusetzen ist. In der Einleitung zu der kritischen Ausgabe 
des Telliamed, die ich plane, wird hierüber eingehend gehandelt 
werden. 

Nun berichtet Le Mascrier in der Vorrede zur Ausgabe von 
1755: Je pourrois ajouter que pendant plus de six ans fai 
iravaille de concert avec lui ä la mettre en etat de voir le jour etc. 



Das Weltsystem des Benoit de Maillet 89 

De Maillet starb 1738; Le Mascrier hat mit ihm reichlich sechs 
Jahre in Verbindung gestanden; das ergibt den ungefähren Zeit- 
raum 1731/2 bis 1738. Da als äußerster Termin für die jüngere 
Handschriftengruppe 1729 festgelegt worden war, so folgt dar- 
aus, daß alle Handschriften, soweit noch vorhanden, vor 
der Bekanntschaft mit Le Mascrier niedergeschrieben 
sind. Dadurch ist mit Sicherheit erwiesen, daß die Manuskripte 
unter allen Umständen einen ursprünglicheren, sicheren Text bie- 
ten, als wie er in den Drucken vorliegt, die Le Mascriers Bear- 
beitung ihr Dasein verdanken. 

Nun könnte man zwar zunächst annehmen, daß die späteren 
Abweichungen der Ausgaben, d. h. die zahllosen Zufügungen, 
Anmerkungen, Verbesserungen usw., welche die Drucke gegen- 
über den Handschriften aufweisen, nachträglich von de Maillet 
selbst noch oder wenigstens mit seinem Einverständnis von Le 
Mascrier angefertigt worden sind, aber dafür fehlt jede sichere 
Unterlage. Sie können ebensogut erst nach de Maillets Tode von 
Le Mascrier aus eigenem Antrieb oder auf den Rat anderer hin 
beigebracht worden sein. Nur von zwei Gattungen Nachträge 
läßt sich mit untrüglicher Gewißheit feststellen, daß sie noch aus 
de Maillets Lebzeiten und von ihm selbst herrühren. Im übrigen 
aber ergibt eine gewissenhafte Prüfung der einzelnen Abweichun- 
gen, daß die wesentlichsten Korrekturen von niemand anders als 
von Le Mascrier stammen! 

Die Untersuchung dieser Frage wird ungemein gefördert und 
erleichtert durch die Preface, die in allen Ausgaben außer einer 
halb ironischen Widmung an Cyrano Bergerac dem eigentlichen 
Texte vorangeht und nachweisbar Le Mascrier zum Verfasser 
hat. Sie ist deshalb von unschätzbarem Werte, weil sie uns höchst 
bedeutsame Fingerzeige über des Herausgebers Stellungnahme zu 
dem von ihm publizierten Werke bietet und gewissermaßen einen 
fortlaufenden Kommentar zu den Varianten zwischen Drucken 
und Handschriften bildet. Wir ersehen daraus, daß Le Mascrier 
durchaus nicht in allen Punkten mit dem ihm anvertrauten Gut. 
dem Material zum Tellimned. einverstanden gewesen ist. sondern 
manches an ihm auszusetzen gehabt hat. In formaler Hin- 
sicht erscheint ihm das Werk zu schwerfällig, allzu sachlich und 
nüchtern-steif, wenn man es, wie er es tut, mit dem anmutig-leb- 
haften Plauderton von Fönte nelles Pluralite des Mondes ver- 
gleicht, für welchen Schriftsteller er eine besondere Vorliebe hegt, 
wie mehrfache Hinweise auf ihn bezeugen. Danach und aus wei- 
teren Bemerkungen dürfen u4r auf Le Mascriers Rechnung nicht 
allein zahlreiche stilistische Korrekturen setzen, sondern 
vor allem auch die Gliederung des Werkes in sechs entre- 
'tiens nach Fontenelles Vorbild, während die Manuskripte durch- 
weg (mit Ausnahme von Ch, das fünf durcheinandergeworfene 



90 Das Weltsystem des Benoit de Maillet 

Teile aufweist und für die Text-Kritik so gut wie gänzlich aus- 
scheidet) drei große conversations enthalten. Die Neueinteilung 
bot zugleich dem Herausgeber Gelegenheit, den Stoff in seinem 
Sinne 'gefälliger' zu gestalten durch romanhafte Übergänge 
zwischen den neugeschaffenen entretiens. Diese Zwischenpartien, 
die schon auf den ersten Blick als heterogene Elemente erschei- 
nen, die an sich gar nichts mit dem TeUiamed zu tun haben, 
übernahm er zum Teil aus Werken, an deren Abfassung er selbst 
teilhatte, so z. B. aus den Ceremonies religieuses de tous les 
peuples du monde, die er 1741 in Gemeinschaft mit dem Abbe 
Banier herausgab. 

Wichtiger aber als die formalen Umgestaltungen sind die Ab- 
änderungen, die Le Mascrier am Inhalt des TeUiamed vornahm. 
Es würde hier zu weit führen, die einzelnen Punkte zu bespre- 
chen; ich muß mich mit der Feststellung begnügen, daß sie vor- 
nehmlich von zwei Gesichtspunkten geleitet sind. Zunächst sehen 
wir Le Mascrier eifrig bemüht, die Gelehrsamkeit des Werkes 
durch eine große Anzahl von Anmerkungen, Einfügun- 
gen und Notizen unter dem Strich zu steigern. Freilich 
passiert es ihm dabei nicht selten, daß er mit seinen Bemerkungen 
auf den Holzweg gerät und Zitate anbringt, die absolut nicht 
zum Inhalt passen. Außerdem wird dadurch der Charakter eines 
fortlaufenden Dialogs, der in den gänzlich anmerkungslosen 
Handschriften durchaus gewahrt ist, erheblich beeinträchtigt. 
A'^on einschneidender Bedeutung sind endlich die zahlreichen Ab- 
änderungen, die Le Mascrier in der ausgesprochenen Absicht ver- 
faßt hat, der Gefährlichkeit der Ideen des Ver- 
fassers die Spitze abzubrechen. Es ist sehr interessant, zu be- 
obachten, wie Le Mascrier in der Preface nicht müde wird, die 
verdächtigen Punkte des Sj^stems der Reihe nach durchzunehmen 
und in oft verzweifelt gewnindenen Ausführungen die antichrist- 
liche Tendenzen atmenden Theorien mit dem Dogma zu versöh- 
nen. Auf eine kleine Fälschung der Wahrheit kommt es ihm da- 
bei schon in der Vorrede nicht an. Diese erscheinen aber gewal- 
tig, wenn man den Text der Handschriften mit jenem der Drucke 
daraufhin prüft. Im allgemeinen läßt sich de Maillet auf Spe- 
zialfälle theologischer Spekulation überhaupt nicht ein. Aber hin 
und wieder kann er es nicht vermeiden, religionsphilosophische 
Probleme allgemeinerer Art zu streifen, weil sie sein Weltsystem 
unmittelbar betrafen (so in der Weltschöpfungs- und Sintflut- 
frage). Seinem Verfahren ist dann dasjenige Le Mascriers ent- 
gegengesetzt: während er unverrückt auf seinem einmal gefaßten 
Standpunkt verharrt und nur gelegentlich die christlich-dogma- 
tische Anschauung und tTberlieferung als mit seinen Theorien 
übereinstimmend hinzustellen sucht, ist jener umgekehrt eifrig 
bemüht, de Maillets Prinzipien überall dem Dogma anzupassen. 



Das Weltsystem des Benott de Maillet 91 

Das ging jedoch nicht ab ohne gewaltsame, willkürliche Verände- 
rung des ursprünglichen Textes. In der Tat ist schließlich dank 
dieser Verstümmelungsarbeit des Herausgebers von den alten, un- 
verfälschten, rein materialistisch-atheistischen Theorien de Mail- 
lets nur noch das Gerippe übriggeblieben. Le Mascrier hat 
ganze große Partien, die ihm allzu gefährlich erschienen, einfach 
ausgemerzt, dafür an zahlreichen Stellen kleinere und umfang- 
reiche Abschnitte eingefügt, durch die er in möglichst unverfäng- 
licher Weise dem System wenigstens eine stark teleologische 
Färbung zu geben versuchte. Davon finden wir in den Manu- 
skripten nicht die geringste Spur. Eine teleologische Auffassung 
des Weltganzen ist de Maillet völlig fremd; er läßt vielmehr den 
Zufall das Weltganze regieren. Dreimal weist er dem hasarrf 
die bestimmende Rolle in der Ordnung des Weltalls in seinem 
astronomischen Teil (entretien 5) zu. Auch diese Hinweise sind 
in den Drucken gänzlich umgestaltet; ihr Sinn sogar völlig ins 
Gegenteil verkehrt. Was für ein erbitterter Gegner der epiku- 
räischen Zufallstheorie Le Mascrier gewesen ist, ersehen \^dr 
übrigens auch noch aus dem von ihm Mirabauds Le Monde an- 
gefügten Essai sur la Chronologie, dessen erstes Kapitel De Veter- 
nite du Monde eine gründliche Abrechnung mit den alten T>nd 
modernen Jüngern des Epikur und Lukrez darstellt. Und so 
könnte ich noch zahllose weitere Einzelbeispiele aus dem Tellia- 
med anführen, die sämtlich dasselbe Ziel verfolgen, den materia- 
listischen, antichristlichen Tendenzen von de Maillets Lehre die 
Schärfe zu nehmen. Auch hierüber wird meine Einleitung zur 
kritischen Ausgabe eingehend handeln. 

So ist schließlich jene Version zustande gekommen, -wäe sie 
in den Drucken vorliegt: eine verstümmelte, farblose, A^erklausu- 
lierte Fassung, die nur noch der Schatten des ursprünglichen 
Textes ist. Ihre abgeschwächte Form ist vor allem mit schuld 
gewesen, daß die Bedeutung des Telliamed als eines rein materia- 
listisch-monistischen Werkes niemals — wenn wir von dem scharf- 
sinnigen Voltaire absehen — völlig erkannt worden ist. Daß von 
klerikaler Seite aus auch an dem verhältnismäßig harmlosen 
Text der Drucke Anstoß genommen wurde, darf uns für jene Zeit 
nicht wundern. 

Unsere Pflicht ist es jedenfalls, dem Autor wiederzuerstatten, 
Vas ihm von Rechts Avegen gehört, d. h. sein Werk in möglichst 
teiner unverfälschter Form, befreit von allen Zutaten und Ver- 
stümmelungen, wiederherzustellen. Nach welchen Grundsätzen 
diese Aufgabe durchzuführen ist, darüber kann nach den bisheri- 
gen Ausführungen kein Zweifel obwalten. Wir müssen in erster 
Linie auf die Handschriften zurückgehen, von denen v.nr 
wenigstens mit völliger Sicherheit -wissen, daß sie de Maillets 
Ideen in ursprünglicher reiner Form enthalten. Unsere Manu- 



92 Das Weltsystem des Benolt de Mai lief. 

skripte erscheinen, verglichen mit den Drucken, als ein fast ge- 
schlossener, einheitlicher Block. Die Tendenzen und Grund- 
prinzipien sind überall absolut gleichmäßig durchgeführt; Unter- 
schiede liegen nur in der Einzelgestaltung vor. Für die 
Textkritik scheidet die ältere Version (N^, M) aus, da in ihr noch 
eine Anzahl Partien, insbesondere einzelne geologisch-anthropo- 
logische Belege, die übrigens sämtlich auch in den Drucken wie- 
derkehren, vornehmlich aus dem Gebiet der Provence, fehlen, die 
de Maillet, der von 1722 etwa an seinen Lebensabend in Marseille 
verbrachte, jedenfalls erst später nachgetragen hat, nachdem er 
in Marseille von ihnen Kenntnis erlangt hatte. Von der jüngeren 
Gruppe kommt von vornherein Ch nicht in Frage, das sich zv^^ar 
inhaltlich mit den übrigen fast restlos deckt, aber eine höchst un- 
geschickte Gliederung in fünf ungleichmäßige Abschnitte auf- 
weist. Die besten Handschriften liegen uns in N^ und Ars vor, 
von denen wir der ersteren als der inhaltlich vollständig- 
sten den Vorzug geben müssen. Freilich ist diese noch stärker 
als die übrigen durch Kopistenfehler und Irrtümer entstellt, doch 
lassen sich diese mit Leichtigkeit durch Vergleich mit den übrigen 
Manuskripten, gelegentlich auch mit den Drucken, beseitigen. 
Aus letzteren sind dann noch jene bereits erwähnten zwei Gat- 
tungen Zusätze einzufügen, die wir mit Sicherheit de Maillet zu- 
weisen können. Alle übrigen Zutaten und Varianten aber, welche 
die Drucke im Gegensatze zu den Handschriften enthalten, ins- 
besondere jene, als deren Urheber wir von vornherein Le Mascrier 
feststellen können, müssen wir als zweifelhafte, heterogene Ele- 
mente weglassen. Ein' solcher, von allen Schlacken und unechtem 
Beiwerk gereinigter Text wird dann dartun, daß wir in de Maillet 
den ersten bedeutenden Evolutionisten, den ersten zielbewußten 
Vertreter jener philosophischen Richtung anzusehen haben, die 
sich nach und nach zum Darwinismus und ausgeprägten monisti- 
schen Materialismus entwickelt hat./' 

Leipzig. Fritz Neubert. 



1 Es ist mir an dieser Stelle nicht möglich, näher auf die Frage des 
Quellenmaterials einzugehen, die eine Abhandlung für sich erfor- 
dert. Nur so viel möchte ich bemerken, daß die Untersuchungen hierüber 
reiches Material, das wiederum besonders für die Kulturgeschichte von Be- 
deutung ist, zutage fördern und einen vortrefflichen Überblick über das 
wissenschaftliche ilüstzeug eines Forschers aus dem Anfang des 18. Jahrhun- 
derts gewähren wird. Von den zahlreichen Problemen sei hier zum Schlüsse 
nur dasjenige der homines caiidati und hommes marins genannt, von denen 
vor allem letztere eine hervorragende Eolle im Telliamed spielen. Da das 
Material hierzu, das ich für eine Spezialuntersuchung zu sammeln gedenke, 
schwer auffindbar und verstreut ist, würde ich für jede sachdienliche Mit- 
teilung dankbar sein. 



Christine von Pisan, 

ihre Auflösung und Weiterbildung der Zeitkultur. 

Nachdem der geistige Gehalt des Minnesangs nach Italien ab- 
geflossen war, behielt das nördliche Frankreich nur dessen 
Formalismus bei, in dem die besonderen Denklinien der Trou- 
badourkunst einer rettungslosen Schematisierung anheimfielen. 
Selbst bei den hervorragendsten Trägern der ritterlichen Kunst 
Nordfrankreichs bildet ein klügelndes Gedankenspiel über den 
Begriff der Liebe den lehrhaften Inhalt ihrer preziösen Dichtung. 
Die geistigen Verfassungen, welche im Lied des Minnesingers 
wiederzukehren pflegten, erstarrten zu hohlen Allegorien. Wenn 
auch die kirchlichen Lehrgedichte mit ihren überlieferten Ver- 
körperungen der sittlichen Ideen dieser Verwandlung als Muster 
vorgeschwebt haben, so konnte sie doch erst eintreten, als der 
bürgerlichen Nüchternheit das persönliche Erlebnis ferne lag, das 
eben doch die lebensvolle Quelle des Minnesangs gewesen war. 
In dem Maße, als sich die Bedingungen verloren, aus denen jene 
Kunst erwachsen war, veräußerlichte sich deren rhetorische 
Nachahmung. Die gesellschaftlichen Voraussetzungen fehlten 
dem neuen Geschlecht des städtischen Erwerbs ebensosehr wie 
die festliche Gehobenheit der Rittertage, und sie pflegten die 
übernommenen Dich tungs formen, nicht weil sie ein geeignetes 
Gefäß für ihre Gedankenwelt gewesen wären, sondern weil sie 
immer noch ein modisches Vorrecht besaßen. Die emporkom- 
mende Klasse fand ein Gefallen darin, die Haltung des Adels 
anzunehmen, soweit sie es vermochte; allein die erotischen Be- 
ziehungen, welche den fruchtbaren Kern der ritterlichen Lyrik 
ausmachten, blieben in den geselligen Formen des Bürgertums 
nur als eingebildete Annahme bestehen. Erst aus dieser Unwirk- 
lichkeit .und gedanklichen Schematisierung ist es zu verstehen, 
daß Guillaume de Lorris seine Heldin nicht etwa nur in einem 
einmaligen Bilde der Rosenknospe vergleicht, sondern sie als in 
einer vollständigen Allegorie darin verschwinden läßt. Die Person 
der Geliebten, die schon unter den Händen der Troubadours zu 
einem Typus verallgemeinert worden war, behält überhaupt nur 
noch ihre Bedeutung als zentraler Gegenstand, um den sich die 
Maschine der allegorischen Begriffe dreht. Um diese in Be- 
wegung zu setzen und zu erhalten, bedarf es nur zweier Tugen- 
den: der schönen Gestalt und der spröden Haltung, welche in der 
Rosenknospe des Guillaume als letzte Einheiten enthalten sind.^ 

^ In seiner Orlogc amoureux stellte sich auch Froissart das ganze 
Minnewesen als Uhrwerk dar, in dem Schönheit das Blei ist, welches das 
Mutterrad der Sehnsucht bewegt. 



94 Christine von Piaan 

Und was sich in seinem Roman begibt, mutet an wie eine 
Parade von Gedanken, die alle schon ausgesprochen waren und 
nun unter einem neuen und gefälligen Aufputz ihre klapprige 
Überlebtheit verbergen. Die Geisteswelt, deren Inhalt und Er- 
gebnis diese Begriffe bildeten, war abgeflossen, und sie lagen um- 
her wie Versteinerungen, aus denen kein Leben mehr zu holen war. 

Nachdem so die Minnedichtung aufgehört hatte, ein natür- 
liches Gewächs zu sein, und in ihren dürren AlDstraktionen 
nirgends mehr lebendigen Saft verriet, war es klar, daß sie von 
der Flut eines veränderten Zeitalters entwurzelt wurde, zumal 
sich darin zwei Strömungen verbanden, die dem Wesen des 
Frauendienstes todfeind waren. Der Klerus, der in neuge- 
schaffener Kraft die geistige Führung an sich riß, gab der Er- 
höhung des Weibes keinen Raum, denn er schätzte es theoretisch 
nach den Urteilen der Kirchenväter Tertullian und Hieronimus 
ein, und fand deren praktische Bestätigung in den Beichtstühlen. 
Und das Bürgertum, dessen Dasein auf Geld und Erwerb ein- 
gestellt war, vermochte unter diesem materiellen Gesichtswinkel 
die Frau nur nach ihrer Nützlichkeit einzuschätzen: als oberste 
Magd des Hauses und als Mittel zur Fortpflanzung. 

Freilich bemühte sich der Adel, die Gepflogenheiten und 
Ideale seiner Glanzzeit beizubehalten, aber die geschmacklose 
Pracht seiner Waffenspiele und die Plattheit seiner geselligen 
Formen verrieten erst recht, wie sehr er selbst vom Banausentum 
angekränkelt war. Er vermochte nicht, seinen Standestugenden 
prouesse und courtoisie den obersten Rang zu bewahren; und 
nachdem sich die Überlebtheit der ritterlichen Kampfweise bei 
Crecy und Poitiers in blutigen Niederlagen bewiesen hatte, 
blieben die Turniere der Burgunderherzöge sinnlose Schauspiele, 
und der Liebeshof Karls VI. war nichts als eine unterhaltende 
Belustigung, nachdem der Adel von politischen Aufgaben ganz 
in Anspruch genommen war. Aber die unruhige Bangigkeit, wo- 
mit er das Absterben seiner geistigen und kriegerischen Vor- 
herrschaft empfand, ließ ihn an den Äußerlichkeiten einer über- 
lieferten Sitte um so krampfhafter festhalten, und er suchte mit 
maßlosem Glanz zu ersetzen, was seiner Lebensweise an geistiger 
Kraft abging. Die Höfe des Adels öffneten sich einer Dicht- 
arbeit, die nach bürgerlichen Maßen wirtschaftete, deren unsäg- 
liche Nüchternheit sich nicht zum wenigsten in der Bedeutung zeigt, 
welche man der Menge beimaß. Das Handwerksmäßige gewinnt 
den Vorzug vor dem Schöpferischen, und auf den Pergamenten 
verrät sich die Schätzung, die der Schönschreiber und Vignetten- 
maler vor dem Dichter voraushatte.-^ Was aber bei aller stoff- 

^ Eine Bewertung, die sich freilich auch durch die verschiedenen Ent- 
wicklungsstufen erklärt, worin die beiden Künste standen. Nicht nur die 



Christin© von Pisan 95 

liehen Beschränktheit das neue Ideal der Zeitgenossen zu werden, 
begann, das ließ der Adel fast gänzlich unbeachtet: nämlich die 
sagesse. In Paris glänzte die Wissenschaft der Scholastiker, und 
der Laie strebte danach, sich ihrer zu bemächtigen, denn die ge- 
lehrte Bildung schickte sich an, dem zerfallenden Rittertum die 
Führung der Geister abzunehmen.-^ Wenn dagegen dies auf seine 
Gewalt vertraute, so sah es nur um so heftiger die Auflehnung 
der demokratischen Zeitgesinuung gegen sich entbrennen. Der 
Holzhauer Franc Gontier hält mit grollender Genugtuung seine 
biedere Beschränkung gegen den faulen Prunk der Herren; der 
Volkswitz macht sich im Baudoin de Sebourg lustig über das 
abgelebte Ritterwesen und erhebt einen Schuhflicker zum König 
von Bagdad, lauter geistige 'Jacquerien', die gegen alles, was vom 
Adel kam, erbittert loshieben, nicht zuletzt gegen den Kultus, 
den er mit der Frau getrieben hatte. 

Der Mann dieses bewegten und erwerbenden Zeitalters hatte 
weder Muße noch übrige Kraft, sich in langwierigen Anstrengun- 
gen die Gunst der Frauen zu erwerben; das geduldige und gehor- 
same Eheweib Griseldis wird das zeitgemäße Ideal, und man 
strebte weniger nach jener festlichen Gehobenheit, welche den 
Pulsschlag des weiblichen Umgangs bei den Minnesingern aus- 
gemacht und sie zu ihren Taten angespornt hatte; man wünschte 
vielmehr eine Alltagsbequemlichkeit, in der sich behaglich aus- 
ruhen ließ. Keinem fällt es mehr ein, sich vor dem Bild einer 
grausam stolzen Herrin abzuhärmen in vergeblichen Klagen, und 
diese nutzlosen Verhimmelungen wurden abgelöst von der Ge- 
stalt der allerbarmenden Gottesmutter, die auch den größten 
Sünder um eines reuigen Paternosters willen gnädig und mit 
Freuden aufhebt. Die humilitas, mit der sich einst der Frauen- 
diener trug, wird zur geziemenden Frauentugend, die sie vor 
Gott und dem Gatten gleicherweise zu bewähren hat, und der 

dichterische Schöpferkraft war erlahmt und ließ sich durch Gelehrsamkeit 
und Übersetzung vertreten, auch die Sprache selbst befand sich in einem 
Zersetzungsfieber, widerstandslos gegen die eindringenden Verheerungen 
des Latinismus. Die Malerei hingegen schwelgte in den Schnörkeln der 
Spätgotik und entfaltete in ihrer Guaschtechnik einen Reichtum des 
Form- und Raumsinns, von dem die Gebetbücher des Herzogs von Berry 
glänzendes Zeugnis ablegen. 

1 Deschamps, Miroir du mariage, 72. rebriche (Satire auf den ungebilde- 
ten Adel) : 

Ou l'estude a ete bonne 

la ehevalerie s'adonue 

A estre grant puissant et forte 

Et ou l'estude a ete morte 

Ou p6ri par accident 

A este, est par consöquent 

ehevalerie povre et vuide: 

Quant l'une s'en va. l'autre vuide. 



96 Christine von Pisan 

blinde Gehorsam, in dem ein Lancelot seinen Ruhm gesucht 
hatte, ist die erste Pflicht, die man von der Frau erfüllt sehen 
will. Jenes höchste Ehrenkleid aber, das sich die Ritterwelt auf 
den Leib geschnitten hatte, die courtoisie, verliert in der neuen 
Umgebung seinen goldenen Schimmer und verblaßt zum Begriff 
der hausbackenen Liebenswürdigkeit, die aufhört, den Verkehr 
nur eines bevorzugten Standes zu bestimmen, und welche nicht 
mehr um ihrer selbst willen geübt wird, sondern wegen des 
Nutzens, den man für sich daraus erwartet/ Eine bescheidene 
Zuvorkommenheit in Worten und Bewegungen gegen jedermann 
ist es, die man von der Frau erwartet; die femme courtoise ist 
nicht mehr die Verkörperung eines höfischen Ideals, als welche 
sie die Ehrerbietung des Mannes empfängt, sondern ein wohl- 
gezogenes Weib von bürgerlicher Gefälligkeit, das sich bei den 
Leuten beliebt zu machen weiß. Der Chevalier de Latour-Landry 
ermahnt seine Töchter zu dieser Tugend, indem er deren Nütz- 
lichkeit eindringlich erläutert an dem dreifachen Beispiel jener 
Unglücklichen, denen aus Mangel an 'Liebenswürdigkeit' die 
besten Partien verlorengingen. In diesem Jahrhundert der ent- 
stehenden Geldwirtschaft setzt man den Wert einer guten Ehe- 
versorgung mit unverhohlener Wichtigkeit ins Licht; deshalb 
geziemt auch der Frau nach bürgerlicher Elle ein braver Gehor- 
sam gegen den Mann, der den Vorzug des Geldverdienens vor ihr 
voraushat. Wenn die ritterliche Lyrik die konventionelle Ehe 
verwarf und in der Auflehnung gegen jede andere Verbindung 
mit einer Frau, die nicht von der Liebe allein geknüpft ist, das 
altfränkische Patriarchat in der Gestalt des 'yelos' verspottet, 
tritt dies Geschlecht den schulmeisternden Beweis an, daß die 
Hahnreischaft den Mann nicht lächerlich mache, sondern die 
Frau strafbar. Das Auge des Bürgers war keineswegs geschaffen, 
den Lichtschein zu erblicken, mit dem das Rittertum die Weib- 
lichkeit verklärt hatte; die jugendliche Freude Cjoie'), mit 



1 Geoffroy, Chevalier de Latour-Landry, enseignement des filles chptre 
Xc cy parle comment toutes femmes doivent §tre courtoises. . . . courtoisie 
vaint les felons orguilleux cuers, et ä Vexemple de Vespervier sauvage, par 
courtoisie vous le ferez franc, si que de Varbre il vendra snr votre poing, 
et se vous lui estiez en riens rüdes et cruelz, janiais ne vendroit . . . Et 
donc, puisque courtoisie vaint oisel sauvaige, qui n'a nul rayson en soy 
doit courtoisie mater et refraindre tout euer de homme et femme, ja tant 
n'aient le euer orgueilleux, fier ne felon; courtoisie est le premier chemin 
et Ventree de toute amistie et amour mondaine, et qui vaint les haulz 
couraiges et adoulcit l'ire et tout le courroux de toute amistie, et pourtant 
est belle chose, d'etre courtoise. . . . Apr^s je cognoys des grans dames 
et autres qui sont moult courtoises et qui en ont moult de helles graces 
acquist de l'amour des grans et des petits; se vous monstres votre courtoisie 
aux petits et aux petites, c'est de leur faire honneur et parier bei et 
doulcement avec eux et leur 8 estre de humbles reponses' etc. 



Christine von Pisan 97 

welcher sich im Herzen des. Minnesingers die Wirkung des an- 
deren Geschlechts bekundete, fand daher keinen Platz in dem 
Bilde des weltlichen Glücks, dem die neue Generation huldigte. 
Ihr aufs Materielle gerichteter Sinn fand die irdische Freude in 
der Geschlechtlichkeit des Weibes und schätzte sie wie die an- 
deren Genüsse des Essens und Trinkens als ein behagliches Ver- 
gnügen des Daseins. In der Menschenansammlung der Städte 
entstanden die Bordelle als wohlgelittene Einrichtungen, und der 
luxuriöse bürgerliche Haushalt vermehrte sich um die 'femme 
estrange'. 

So befand sich die ritterliche Achtung vor der Frau im Ab- 
sterben und deren bürgerlich-geistliche Geringschätzung in der 
Ausbreitung, als sich Christine von Pisan gegen Jean de Meung 
und dessen zahlreiche Gesinnungsgenossen zum Anwalt der weib- 
lichen Sache aufwarf. Früh verwitwet und in vergeblichem 
Kampf um eine mäßige Nachlassenschaft hatte sie jene Miß- 
achtung^ zum erstenmal am eigenen Leibe erfahren, ein Schick- 
sal, das sie um so empfindlicher treffen mußte, als entgegen der 
französischen Sitte durch eine sorgfältige Erziehung nach 
italienischem Muster ein Selbstgefühl in ihr geweckt worden 
war, das bei der zäi-tlichen Liebe ihres verstorbenen Gatten nichts 
eingebüßt hatte. Ihre Zeitgenossinnen waren zu beschränkt, um 
den Bann der Geringwertigkeit abzuwerfen, welcher die kirchliche 
Billigung besaß und mit dem schweren Rüstzeug scholastischer 
Gelehrsamkeit gewappnet war. Ihre Unwissenheit verschloß 
ihnen den Einblick in die Abhandlungen, worin über sie zu 
Gericht gesessen wurde, und sie kannten nur die Mißachtung 
selbst, nicht die vielen Schriften, welche sie predigten. Aber sie 
nahmen denn diese auch als etwas Gewohntes und Selbstverständ- 
liches hin, und man weiß von' keiner Frau, die an der Sache 
Christinens Anteil genommen hätte. Sie focht allein eine Fehde 
aus, in welcher mächtige Gegner in die Schranken traten, ohne 
daß diejenigen, für die sie sich einsetzte, ein Verständnis für 
das Ziel gehabt hätten, das sie mit klarer Einsicht verfolgte. 
Christine hatte ein zeitgemäßes Wissen nicht nur den Frauen, 
sondern auch den meisten Männern voraus, und in dieser Über- 
legenheit war nicht nur die sachliche Möglichkeit begründet, 
gegen die Frauenverächter aufzutreten, sondern auch die geradezu 
persönliche Beleidigung, welche sie in deren Schmähungen 
empfand. Wie sie das Weib im allgemeinen verleumdet sah, 
war ihr Ziel freilich, ihre Lanze für das gesamte Geschlecht zu , 
brechen, aber der Anlaß liegt doch in der Auflehnung, die sie 
für sich selbst gegen jene wegv\^erfenden Reden erlebte. Dies ge- 

1 über die Einzelheiten des Lebens C.s vgl. E. Robineau, Christine de 
Pisane, sa vie et ses ceuvres, St. Oraer 1882. 

Archiv f. n. Sprachfn. 141. 7 



98 Christine von Pisau 

steigerte Empfinden war nicht zuletzt ein Ergebnis ihres 
Witwenloses, in dessen harter Schule die Persönlichkeit und die 
Frau zugleich in ihr wuchsen. Die Bedürftigkeit wies sie an die 
Höfe der Großen und fesselte sie so an den Adel, um sie zugleich 
davon zu scheiden; von der bürgerlichen Umgebung entfernte 
sie der Tod des Gatten, und ihre gelehrte Bildung führte diese 
Loslösung noch weiter, während sie von der gelehrten Welt selbst 
durch ihr Geschlecht getrennt war. So war sie ganz allein, und 
man versteht ihr rührendes seulete siiy,^ das die Klage ihrer 
jungen Witwenschaft war. Eben diese Abgeschlossenheit, die sie 
ganz auf sich selbst anwies, zwang sie freilich, ihr Schicksal mit 
eigenen Händen zu formen, und wenn sie diese Tatkraft mit der 
behäbigen Geborgenheit anderer Frauen verglich, so hatte sie 
wohl ein Recht, zu sagen de femelle devint maale.' Aber die 
selbstbewußte Persönlichkeit, welche die Frucht ihres sorgen- 
vollen Geschickes war, bildete auch das Bewußtsein ihres Ge- 
schlechts zu einer Stärke aus, deren das enge Dasein ihrer 
Schwestern nicht fähig sein konnte. Sie fand ihr Leben frei von 
den Kardinallastern, welche die mittelalterlichen Schmähschriften 
am Weibe aufzuzeigen nicht müde wurden: Der Vorwurf der 
Putzsucht galt nicht für sie, denn sie ging noir vestue^ und ver- 
barg ihre Dürftigkeit unter der verblassenden Feinheit ihrer 
früheren Kleider non pas souvent renouvelee:'^ die Anschuldigung 
der Wollust traf sie nicht, denn sie hatte als eine stille Witwe 
die Liebe mit ihrem Gatten begraben, und der Trägheit konnte 
sie am wenigsten geziehen werden, die ihr Hauswesen mit Mühe 
und Eifer zusammenhielt und sich auf eigene Faust mit drei 
Kindern und bedürftigen Anverwandten durch die Jahre schlug." 
Wenn nun diese Christine den Kampf gegen die Frauenverächter 
einleitet, so ist es nicht mit der Absicht, dem Weibe etwa wieder 
jene erhobene Stellung zurückzugewinnen, die sie in der ritter- 
lichen Gesellschaft des zwölften Jahrhunderts besessen hatte. 
Ja, sie streitet nicht einmal um eine ausdrückliche Gleichberechti- 
gung der Frau, denn sie ermahnt ihren Sohn: Fay toy craindre 
de ta femme a point mais gard hien ne la hattre point.^ Sie war 
selbst ein zu gutes Eheweib gewesen, als daß sie jene humilitas 

^ Vgl. Soci^te des anciens textes frgs., ceuvres po^tiques de Christine de 
Pisane (publ. par Maurice 'Boy), Paris 1894. 

^ Mutacion de fortune. 

^ ffiuvres, tome I, rondeaux, pag. 148, no. III. 

* Vision 55ro. 

5 Sie haßte denn auch den Müßiggang der Frauen und nahm in ihrem 
livre des trois vertus Gelegenheit, der 'oisivetß' einen tadelnden Abschnitt 
zu widmen. 

8 CEuvres tome III les enseignes moraiix (für Jehan de Castel). pag. 41, 
no. XCIV. 



I 



Christine voc Pisan 99 

f^anz und gar aus der Franenseele hätte Terbaimen wolleiL, und 
wenn sie bei Grelegenheit ehebrecherische Liebschaften verwirft, 
so tat sie es nicht nnr mit der ernsten Erinnerung an den Zorn 
Gottes, sondern auch mit dem drohoiden Hinweis auf den Gatten, 
der s'en apergoit et la femme est marte ou eheoUe e» reproehe, me 
famais puis na hien} Um in dichterischer Verklärong ihre eigene 
Ehe zu malen, findet sie kein passenderes Bild als das einer ein- 
fachen Schäferin, die in demütigem Glück die liebe ihr^ 
'monseigneur' empfängt.^ Christine will der Fran keine andere 
Bedeatnng einränmen, als sie im Bahmen der Zeit schon hat; 
sie will sie nnr gegen verächtliche Ungerechtigkeiten verteidigea. 
Gerade im Kreis der bürgerlichen Alltäglichkeit erblüht ihr das 
Verdienstvolle an der Fran, und indem sie darauf verzichtet, an 
dem beschränkten Xützlichkeitsmaßstab der Zeitgeno^en zu 
rütteLn- will sie nichts weiter, als daß die Erfüllung der gestellten 
Aufgabe anerkannt werde. Es handelt sich bei ihr nidit damnL, 
der Männerwelt eine neue und höhere Bewertung des Weiblichen 
zu lehren; sie fordert nur de^>en angeme^ene Geltung in d^n 
untergeordneten Bereich, den ihm die bürgerliche Welt zuwies. 
Auch ihr sind es die Magdestngenden, die dem Weib eine Ehien- 
krone ums Haupt l^en. und als fromme Frau in einem kiidi- 
lichen Zeitalter zeigt sie den Wert des Weibes im Dienen: 

" — Car tont homime doit aroir le euer temdre 

Envers fewtme qui a iomt lmm:ime e«t mere 

Et ne Im* est me dicerse n'amere, 

Ainfois souefve, doulee et amiaMe, 

A gQH besoing pitemse et seeoumhle, 

Qyi taut Imi a fait et fait de Services 

Et de qmi tont les teuvres sont propiees 

A corpg ^omme »omeftxmemt nomrrier: 

A som naistre, am mvre et a» mmufir 

Lmi «oitf femmes aidams et secommbles 

Et piteusex, domices et »erviablem.^ 

Das Vorbild dieser Frauen ist nicht die hehre Himmelsfürstin, 
sondern die biblische Mutter im Stall mit dem Kindlein in jener 
Verbiederung der hi mm lischen Dinge, welche diesem Zeitalter 
der Legenden und Mirakelspiele geläufig war. 

Wenn so Christine nicht den geringsten Versuch maehi^. utii 
engen Zirkel zu sprengen, in dem ihr Jahrhundert die Frau ein- 
geschlossen hielt, so wandte sie sich mit ihrer beredten Verteidi- 
gung doch nicht an das Bürgertum, aus dessen Wesen sich die 
Stellung des Weibes bestimmte und das daher die deutüdiste 
Empfindung für den Hinweis auf ihre Dienste hätte haben 

"^ Ibd. tome m, le lirre da duc des Trais ansaiLS. pag. 169. 

* Ibd. tome 11, le dit de la. pastooie, pag. 223 iL 

' OEuTTes, tome 11. l'Epistre au Diea d'Amoors, pag. 6. rers 167 ff. 



100 Christine von Pisan 

müssen, auch nicht an den Klerus, der zuerst die weibliche 
Frömmigkeit dieser Zeit hätte anerkennen sollen, sie wandte sich 
vielmehr an den Adel. Diesem waren die Lehren des Jean de 
Meung und des Matheolus zwar ebenso geläufig als irgendeinem 
weiberfeindlichen Kleriker, und Christine beklag-te bei jeder Ge- 
legenheit die geflissentliche Unhöflichkeit der vornehmen 
Herren.^ Aber eben deshalb richtet sie ihre Worte an die Ade- 
ligen, denn unter allen zeitgemäßen Frauenschmähern waren sie 
die einzigen, denen sie durch den Hinweis auf die Überlieferung 
ihrer Ahnen^ klarmachen konnte, daß ihr Betragen unziemlich 
sei. Nicht zuletzt vertraute sie auch auf den Anruf ihres edlen 
Standes, der sie zu einer edleren Gesinnung verpflichte.^ Inner- 
halb des Adels selbst hatten sich auch jene Vereinigungen ge- 
bildet, die sich den Schutz und die Ehrung der Damen zur Auf- 
gabe stellten.^ Aber daß diese Nachblüte des Frauendienstes nur 
ein künstliches Gewächs war, das mehr der Schaustellung als der 
Sache diente, verrät die Dichtung Christinens zu Ehren des 
Hosenordens, bei aller freudigen Teilnahme. Dort werden die 
Ritter in einer Ballade aufgefordert, que desormais en trestoute 
maniere / Yrez Vonneur des dames soustenant,^ und die Dichterin, 
die ihre Heiligen kennt, schließt mit der bezeichnenden Drohung: 
mais s'aucun le prent et le jure (sc. Vordre) / et puis apres il s'en 
parjure / Cellui soit tenu pour infame / Hay de taut komme et de 



^ Ibd. pag. 2, 33 ff. : Car a present sont pluseurs Chevaliers 

Et escuiers mains duis et costumiers 
D'elles (sc. les femmes) trair par beaulx blau- 

[dissemens. 
Siehe auch ibd. pag. 5, 118 ff. 

2 Ibd. pag. 2, 23/24 : Sur tous pais se complaignent de France 

Qui jadis fu leur escu et deffense. 

^ Ibd. pag. 39, 320 ff. : C'est es nobles et es gentilz 

Hommes qui doivent ententis 
Estre a mieulx valoir qu'autre gent; 
Bont6 leur siet mieulx que or n'argent: 
Mais des vilains ne fais je force 
Car ceulx ne fönt bien fors a force 
N'on ne les pourroit amender 
Pour leur ennorter ne mander 
Car la condicion vilaine 
Qui pis flaire que male valaine 
Si est trop fort a corrigier. 
Siehe auch ibd. pag. 43, 477 ff. 

* Der Liebeshof Karls VI., der Rosenorden des Herzogs von Orleans und 
der Orden des grünen Schilds mit der weißen Dame des Marschalls von 
Beaucicaut. Groeber (Deutsche Revue, 27. Jahrgg. (1902), IV, Die Frauen 
im Mittelalter und die erste Frauenrechtlerin, führt die Gründung dieser 
Orden auf die Marienverehrung des 14. Jahrhunderts zurück.) 

° (Euvres, tome II, le dit de la rose, pag. 34. 



Christine von Pisan 101 

famme.^ Der angebliche Zweck dieser Orden schloß auch nicht 
aus, daß ihnen Leute angehörten, die eingeschworene Anhänger 
des Jean de Meung waren, ja sogar solche, die durch sittliche 
Ausschreitungen bekannt waren- und Gestalten wie Eustache 
Deschamps, dessen gTämlicher 'Ehespiegel' einen wunderlichen 
Gegensatz zu seiner Mitgliedschaft im Rosenorden bildet. Die 
Überlieferungen der ritterlichen Blütezeit hatten sich indessen 
auch in mancherlei sonstigen Gesellschaftsgebräuchen erhalten, 
sowie in dem Gehaben, das die Höflinge in der Verfolgung ihrer 
Liebeshändel beobachteten. Christine schildert selbst in ergötz- 
licher Lebendigkeit,^ wie sie ihre Beständigkeit zu beteuern 
pflegen, wie sie vorgeben, qualvolle Leiden zu erdulden und zu 
dessen Beweis selbst Tränen vergießen; wie sie tun, als mache 
sie die Liebe bleich und hinfällig,* um dann, da sie dieses Elend 
angeblich nicht länger ertragen können, ihre Gäule auf den 
Gassen umherzuspornen und sich in Trubel und Feste zu stürzen. 
So gebärdeten sie sich wie die Sänger der Minne, indem sie zu 
einer schlauen Liebestechnik machten, was dort 'die besten oft 
in tiefe und wahre Trauer versenkt'^ hatte. Aber da diese ganze 
ars amoris nur geübt wurde: 'a mettre a fin ce que leurs fauls 
euer pense,^ so sträubte sich der ehrliche Sinn Christines gegen 
diesen Mißbrauch. Gerade weil sie der Geringschätzung der Frau 
ein Ende setzen will, wird sie nicht müde, vor diesen Maskeraden 
zu warnen, in denen sich die platte Verführung verhüllt. Sie erkannte 
überdies, daß die wegwerfende Frauenschätzung ihren besten 
Boden fand in der sittlichen Lockerheit dieses kriegerischen Jahr- 
hunderts. Die altehrwürdige Kampfesweise Mann gegen Mann 
mit ihrer ausgebildeten Höflichkeit auch gegen den Feind hatte 
aufgehört, und die neue Kriegskunst verzichtete darauf, ein edles 
Waffenspiel zu sein, um dafür die Niederwerfung des Gegners 
mit allen Mitteln zu lehren. Man mußte jeden Zufall ausnützen 
und mit Verschlagenheit handeln. Die Staatskunst, welche zu 
einer bedeutenden Angelegenheit emporwuchs, entfaltete diese 
Praktiken weiter und erzog die Adligen nach ihrem Wesen, denn 
der Kampf um ihre Standesziele drängte ihnen dieses geistige 
Werkzeug auf. Tn dieser Schule verstärkte sich die einseitige Be- 
achtung des rein Praktischen, unmittelbar Nützlichen und Vor- 
teilhaften, und unter dieser Einstellung des Blicks auf das Stoff- 



1 Ibd. pag. 48, 628 ff. 

- Vgl. Eomania XX.. 447, A. Piaget, La cour amoureuse. 
3 CEuvres, tome II, l'Epistie au Dien d'Amours, pag. 2, 36 ff. 
* Vgl. das Spottlied mit dem Kehrreim: qui phis se plaint n'esf pas le 
plus malade tome /, cent balades, no. LIII, pag. 54. 

^ Vgl. darüber E. Wechßler, Kulturproblem des Minnesangs, pag. 3, 62. 
® ffiuvres, tome II, l'Epistre au Dieu d'Amours, pag. 3, 62. 



102 Christine von Pisan 

liehe bekam auch in den Beziehungen zum Weibe der Brenn- 
punkt des Geschlechtlichen eine ausschließliche Bedeutung. Ge- 
steigert wurde diese Abtrennung durch die geringere Seßhaftig- 
keit gegenüber dem Bürger, der in seiner ruhigen Häuslichkeit 
eine ordentliche Verwaltung zu schätzen wußte. Aber die Edlen 
hatten die Besorgung des Hauses nicht nur zumeist in die Hände 
Bediensteter gelegt, so daß die Frau in ihrer wirtschaftlichen 
Wichtigkeit eingeschränkt wurde, sie lernten auch auf Kreuz- 
ztigen, kriegerischen und politischen Reisen die Gelegenheit zu 
nehmen, wo sie war, und das, was ihnen nicht auf geradem Wege 
zufiel, als geschmeidige Unterhändler auf ränkischen Um- 
sclvjveifen zu haben. Diese Gesinnung war es in Wahrheit, die 
sich hinter jenem galanten Wesen verbarg. Das Gefühl Christines 
empörte sich gegen eine Spielerei mit Dingen, welche ihr sehr 
ernsthaft waren. Die Entwürdigung des Weibes, die darin ent- 
halten war, erschien ihr um so empfindlicher, als sie unter dem 
Schein einer dienenden und selbstlosen Unterwürfigkeit vor sich 
ging. Aber der gesellige Lebensinhalt, dem andern zu huldigen, 
besonders der Frau, unter Zurücksetzung des eigenen Ichs, lebte 
nur noch in mechanischen Formen, denn die neue Zeit lehrte, das 
Seinige festzuhalten und auf seinen Vorteil bedacht zu sein. Die 
Verbürgerlichung des Adels hatte eine Selbstsucht-' im Gefolge, 
die nicht verfehlte, auch auf das Verhältnis zu den Frauen Ein- 
fluß zu gewinnen. Aber nicht der nackte Trieb sollte die Wurzel 
des Liebeslebens sein, vielmehr suchte es Christine auf der treuen 
Aufrichtigkeit, der Loyaute, aufzubauen. In ihrem Festgedicht 
auf den Rosenorden ist es denn auch die Deesse de loyaute, welche 
das ideale Verhältnis des Ritters zu den Frauen beschreibt und 
die betrügerischen »Schlechtigkeiten im Liebesumgang auszurotten 
im Begriff ist. In der echten Aufrichtigkeit der Liebe, wie sie 
ihre eigene Ehe erfüllt hatte, liegt ihr die Zuflucht des Herzens 
aus dem Betrug und der Verlogenheit, in denen sie das Elend der 
Zeit erblickt.^ Die Herbheit des Lebens war ihr unter der 
schützenden Liebe eines zärtlichen Gatten frernd geblieben, und 
da sich ihr dieses Gut auf dem dunklen Hintergr^^nd ihres 
Witwenschicksals in schmerzlicher Erinnerung verherrlicht, 
mußte sie dessen Erniedrigung mit zornigem Abscheu empfinden. 
Die Keime aber jener lauteren Auffassung findet sie in der weib- 
lichen Eigenart, denn simples sont, ny pensent se hien non^ und 



1 (Euvres, tome II, balades, pag. 94, no. XCIV. 

2 Ibd. tome II, une epistre a Eustace Mourel, pag. 297: maistre! 
Quelle merveille dure Est de veoir ou temps qui dure Mengonge et harat si 
en cours En cites en chastiaulx, en cours etc. 

Ebenso tome I, autres balades, pag. 254, no. XLI. 

^ Ibd. tome II, epistre au Dieu d'Amours, pag. 4, 101. | 



Christine von Piaan 103 

in der Liebe sind ihrem einfältigen Sinn die Doppelzüngigkeiten 
fremd. Darum ist ihr auch das wahre Weib gefeit gegen alle 
niederträchtigen Täuschungen,^ und mit dem Stolz einer klugen 
und tugendhaften Frau ist ihr das Unterliegen ein Yerdammungs- 
urteil. Nicht etwa aus altjüngferlicher Entrüstung; sie nimmt 
vielmehr auch die Fehlgegangenen in Schutz gegen männliche 
Lästerungen, indem sie die eigentümliche Anschauung der mittel- 
alterlichen Kirche teilt: 'Car le pecheur on ne doit dif famer ce 
nous dist Dieux? Wenn sie dennoch eine deutliche Unterschei- 
dung macht zwischen den 'vaillans dames' und den 'femmes 
petit cremeteuses', so geschieht dies aus dem umfassenden Weib- 
lichkeitsbewTißtsein, von dem ihr ganzer Kampf getragen ist. 
Wie sie, aufgereizt c^rch die zeitgemäßen Schmähschriften, nicht 
als einzelne Person, sondern als Vorkämpferin ihres Geschlechts, 
als Weib, den hingeworfenen Handschuh aufgriff, so stellten 
sich ihr im Verlauf des Kampfes die beiden Lager immer ge- 
trennter gegenüber, und sie verlangt daher von "jeder Frau das 
Bewußtsein diöses Gegensatzes und damit dessen Verantwortlich- 
keitsempfinden. Das korporative JEhrgefühl. welches sie anspannt 
und in dem ihr eigenes Ich verschwindet, erwartet sie von jeder 
einzelnen. Es enthüllt sich hier eine Loslösung vom Einzeldenken 
zu einer überragenden Idee, die gerade in diesem Zeitalter der 
privaten Selbstsorge eine Kühnheit bedeutet, um so mehr, als ihr 
Aufruf an eine Gemeinschaft ergeht, die sich in gedrückter Enge 
befand. Die Frau kannte nur die Ehre ihrer Jungfernschaft: 
jetzt wurde ihr gezeigt, daß es darüber hinaus noch eine andere 
gab, bei welcher es sich nicht um die leibliche, sondern um die 
persönliche Bev/ahrung handelte. Denn was für Christine Ausgang 
und zugleich Ziel ihres Handelns war, das ist die Einheit des 
Weibseins mit der Persönlichkeit! Wenn sie in den männlichen 
Liebesränken und Schmähreden die beiden wechselseitigen 
Ursachen der Frauen Verachtung erkennt, so sieht sie die einzige 
Gegenwaffe in der Ermahnung an die Frauen, ihre Persönlich- 
keit zu wahren. Dieses weibliche Selbstbewußtsein nun wird zu- 
sammengefaßt in dem Ideal des 'bon renom', der seinen maß- 
gebenden Ausdruck findet in dem Brief der Sebylle de Monthault, 
dame de la Tour."^ der im 27. Kapitel (I. Abschnitt) des livre 
des trois vertus wiederkehrt. Auf dem Hintergrund des Kampfes, 
den Christine geführt hat, ist diese Tugend des 'guten Rufes' 
keinewegs nur eine bürgerliche Anständigkeit, sondern die An- 
gelegenheit des weiblichen Stolzes. Man ist sie seinem Geschlecht 
schuldig, wenn die Übelreden auf die Frauen ein Ende haben 

1 Tbd. pag. 11, 330 ff. 

2 Ibd. pag. 8. 210. 

•■' (Euvres, tome III, pag. 59 ff. im Livre du duc des vrais amans. ' 



104 Christine von Pisan 

sollen, und sie ist ein heikles Ehrenkleid, worin man verzichten 
muß auf den tändelnden Umgang mit Freunden und Liebhabern, 
wie es in der Sitte der feinen Welt eingewurzelt war. Der Begriff 
des 'bon renom' erwächst Christine aus ihrem Streit gegen die 
Frauenverächter, und seine Unliebenswürdigkeit im Gegensatz zu 
dem ritterlichen Ideal der cointise ist darin begründet, daß er eine 
Schutzmauer und ein Panzer sein soll. Der Zorn Christines 
gegen die mesdisans und jangleurs ist unversöhnlich, und man 
könnte nach dem Zeugnis ihrer Dichtungen geneigt sein, darin 
eine persönliche Erbitterung zu sehen. Denn man scheint, zumal 
in ihrer Fehde gegen die Gesinnung des Rosenromans, nicht nur 
ihren Lebenswandel angegriffen, sondern auch aus ihren modi- 
schen Liebesliedern verleumderische Folgerungen gezogen zu 
haben; sie nimmt nämlich mehr als einmal Gelegenheit, zu sagen, 
daß dies nicht ihre wahren Gedanken seien: 'de triste euer 
chanter joyeusement j Et r?re en dueil c'est chose fort a fane'} 
Aber von solchen gelegentlichen Erklärungen abgesehen, tritt 
ihre eigene Sache völlig zurück, und sie klagt vom Standpunkt 
ihres ganzen Geschlechts die üble Nachrede an und die erotischen 
Rodomontaden, die in den Tavernen so gut wie an den Höfen 
zu Hause waren. Damit aber der gute Ruf der Frauen nicht an- 
getastet werde, ermahnt sie immer wieder, sich zu hüten vor den 
Ränken der Liebhaber, und dies gibt ihrem 'bon renom' die eigen- 
tümliche Starrheit: 

'Dames d'onneur, gardez voz renommees, 
Pour dieu mercis eschevez le contraire 
De hon r en o m, que ne soyes 'blasmees; 
Ne vtieillez point acointances attraire 
Teiles, qu'on ptiist recorder ne retraire 
Par voz maintiens qu'ayez legiers les cuers, 
Ne qu'en nul cas vous daignissiez m.effaire. 
Et ne croyex flajolz de deoepveurs.'^ 

— touie grant maistresse et semhlahleinent toute femme doit trop plus 
estre convoiteuse d'acquerir hon renom que qtielconque autre tresor, car 
il la fait reluire en honneur.^ 

'Car son r c n o m dame trop fort eni/pire 
Qui ff. croire Icgierement se tire.'^ 

Ja, ihr Zorn gegen die galanten Betrüger geht bis zu dem 
Wunsch, sie wie die Genossen des Odysseus in Schweine ver- 
wandelt zu sehen, denn: 

II n'est nulle si grant maistrevc- 
Ne femme autre, soit droit ou tors, 



^ ffiuvres, tome I, rondeaux, pag. 153, no. XI. 

2 Ibd. autres balades, pag. 257, no. XLIII. 

^ CEuvres, tome III, le livre du duc des vrais amans, ibd. pag. 166. 

* CEuvres, tome I, autres balades, pag. 233, no. XXIII. 



Christine von Pisan 105 

Que leur fausse lengue ne blece 
Leur hon r e n o m;^ 

Schon äußerlich soll sich dieses Bewußtsein des bon renom 
kundtun durch ein sicheres Betragen und eine würdige Haltung, 
welche die Vertraulichkeiten im geselligen Verkehr zu meiden 
sucht. Es war dies eine Forderung, die in ihrer versteckten Ab- 
lehnung den Anstandsregeln der Courtoisie widersprach, als einer 
Umgangsform, die gerade das Einschmeichelnde und Liebens- 
würdige in ihrem Wesen verkörpern sollte. Die Schilderung der 
vollkommenen Dame im Sinne Christinens nimmt sich denn auch 
eigentümlich zusammengewürfelt aus, weil sie die beiden An- 
standsvorstellungen zu einem ungleichartigen Ganzen vermischt. 
So sind die Eigenschaften, welche Christine der Frau ans Herz 
legt: contenance asseiiree et rassise, haulfe maniere, grant port, 
pdriant a dongier non trop acointable, a estrangiers d'acuel 
seigneuri, und zugleich die Liebenswürdigkeit der Gebärden nach 
dem Vorbild der weiblichen Courtoisie: a tous de doulce response 
et amiahle parole, humble chiere, bonte.^ Die Hauptsache in- 
dessen ist. daß die Frau auf die volle Untadelhaftigkeit ihres 
Betragens achte; so verliert die gesellige Haltung, welche 
Christine predigt, eben den eigentlichen Sinn der Höflichkeit, 
die immer nur den andern im Auge hat; ihre Sorge ist vielmehr, 
dem Weib die unausgesetzte Rücksicht auf ihre eigene Person 
ans Herz zu legen. Ein unbedachtes Wort, ein unvorsichtiger 
Blick kann schon Verdacht erregen, aus dem dann die üble Nach- 
rede wie ein geiles Unkraut hervorwuchert, darum beschwört sie: 
pas un tont seiil regart, un ris, non une parole qui tout ne soit a 
mesure et par raison.^ Aber da in Christine der Zorn gegen die 
Schwätzer und Schwerenöter lebt, so sieht sie vollends bei den 
Liebschaften, in die sich eine Frau einläßt, nur die Gefahr, das 
Unheil und das Ausgesetztsein der weiblichen Ehre. Selbst eine 
unglückliche und traurige Ehe ist ihr keine Entschuldigung, um 
in einer 'törichten Liebe' Trost zu suchen, und es ist für die 
Leidenschaft ihres Eifers bezeichnend, daß sie, die das Glück der 
Liebe genossen und seinen Verlust so schm.erzlich beklagt hat. 
daß sie dennoch die Unantastbarkeit des Rufes über die Bedürf- 
nisse des Herzens stellt. Wenn die ritterliche Lyrik mit un- 
ermüdlichem Anlauf die Befreiung der Liebe aus dfn Fesseln 
einer konventionellen Ehe verfolgte, so gewinnt hier deren sakra- 
mentales Band wieder eine Strenge, gegen die menschliche 
Wünsche kein Recht mehr haben: se celle qui a tel mary le porte 

* CEuvres, tome I. autres balado.s, pag. 227. no. XVTI. 

* CRuvres, tomo ITT, lo livrc du duc des vrais amans. Brief der dainc 
de la Tour. 

' Tbd. pag. 168. 



106 Christine von Pisan 

paciemment et sans soy empirier, tant accroist plus le merite de 
son ame et son honneiir en hon los} Der Sinn dieses an Heiligen- 
geschicliten genährten Zeitalters vermochte gerade in dem geduldi- 
gen Ertragen widernatürlicher Ehen ein weibliches Verdienst zu 
sehen. ^ In Christine vereinigt sich diese kirchliche Betrachtungs- 
weise mit der rücksichtslosen Verfolgung ihres Ziels. Da ihr die 
Wiederherstellung der weiblichen Ehre nur möglich erscheint 
durch eine unerbittliche Reinhaltung des guten Rufes, so war ihr 
die Durchbrechung der Ehe unter allen Umständen verwerflich. 
Aber die äußerste Verwegenheit ihrer Gedankenfolge erreicht 
sie, wenn sie die überlieferten Ideale des Frauendienstes über den 
Haufen warf, weil sie ihre Aushöhlung erkannt hatte. Es wird 
dies in dem Brief der dame de la Tour nahegerückt durch die 
Verurteilung jener Leitgedanken, die mit so nüchternen Gründen 
geschieht, daß man einen unerfreulichen Einblick in den Ge- 
sichtswinkel bekommt, unter denen sie die Frauen ihrer Zeit 
überzeugen zu können glaubte. Die innerliche Erhebung durch 
den Frauendienst und seine Anfeuerung zu Ruhmestaten verwirft 
sie beide: Et a dire, sagt sie, je feray un komme vaillant, certes 
je dis que c'est trop grant folie de soy destruire pour acroistre un 
autre, poson que vaillant en detist devenir, et celJe bien se destruit 
qui pour reffaire un aultre se deshonnoure. Und weiter: Et quant 
a dire: j'aray acquis un vray ami et serviteur, Dieux! et de quoy 
pourroit servir si fait ami ou serviteur a la dame? Car se eile 
avoit aucun af faire il ne s'oseroit porter en nul cas^pour eile par 
paour de sa deshonneur.^ Sie sieht eben in dem allen eine Ge- 
fährdung des bon renom, den sie unter allen Umständen gesichert 
wissen will. Auch gerieten diese Dinge in der Tat unter eine 
andere Beleuchtung in einer Zeit, welche nicht mehr die Lebens- 
bedingungen und Werturteile des Geschlechts hatte, das deren 
Schöpfer war. Diese Überreste des Minnewesens waren eben nur 
Schablonen und vermochten sich nicht der wesensfremden Be- 
trachtiTng einer veränderten Geistesart zu entziehen, unter der sie 
ganz anders aussahen. Christine unternimmt im. Grunde nichts 
anderes, als zu zeigen, wie sich unter dem Rahmen der zeit- 
genössischen Anschauung diese nachgeäfften Dinge wirklich dar- 
stellten, und es ist ihr auch um nichts anderes zu tun, als deren 
Unwahrhaftigkeit aufzuweisen. Der Ritter ihres Jahrhunderts 
kannte nicht mehr die Hochherzigkeit seiner Vorfahren, darum 
wird der Schmuck, den diese trugen, bei ihm zu einem Mummen- 
schanz, unter dem er das Gegenteil von dem verbirgt, was das 

1 ffiuvres, tome III, le livre du diic des vrais amans, Brief der dame de 
la Tour, pag. 167. 

- Vgl. Latour-Landry, enseignement des filles. 
» QSuvres, tome ITT, Brief, pag. 167. 



Christine von Pisan 107 

Ideal seiner Väter war. Sie weiß, daß seinem auf sich selbst 
bedachten Sinn nichts ferner liegt, als der Tateneifer im Dienste 
einer Frau: Hz sont aucuns qui dient quih servent leurs dames 
quant ih fönt beaucoup de choses soit en armes ou autres 
fais. mais je di qiie ils servent eulx mesnies quant Vonneur et le 
preu leiir en demente et non niie a Ja dame} Und sie brandmarkt 
diese Gesinnung noch mehr, wenn sie sagt: ilz ont voulentiers 
pourchace laquelle amour . . . pour traire a eulx (sc. dames) dons 
ou Offices ou autres emolumens.^ 

So erledigte Christine die höfischen Ideale des Liebeslebens, 
um an ihre Stelle den strengen Begriff des bon renom zu setzen. 
Sie sah, wie die Frauenhuldigungen zu Frauentäuschungen ge- 
worden waren, die mit der klerikalen Frauenverachtung ein 
geistesverwandtes Bündnis eingingen, und so erfüllte sich ihre Auf- 
gabe darin, dem Weibe einen starken Schutz von sich aus zu 
geben. Man hat in dem allen nichts anderes zu sehen als eine 
natürliche Gegenwirkung gegen die zeitgemäße Geringschätzung 
der Frau in Worten und Werken. Aber obgleich Christine im 
Namen ihres ganzen Geschlechts als einsame Streiterin auf- 
gestanden war, verstanden ihre Zeitgenossinnen doch nicht diesen 
Idealismus, und als sie einmal im Eifer ihrer Sache zu fordern 
wagte: que tonte dame d'honneur se doit traire en sus d'amoureux 
pensement,^ da befahl ihr eine mächtige Gönnerin,* nun gerade 
eine weitläufige und abgeschmackte Liebesgeschichte zu schreiben 
mit dem ganzen galanten Modekram, in dem sich ihre weibliche 
Umgebung ebensosehr gefiel, wie er ihr zuwider war. 

Im Lebenswerk Christinens scheint überhaupt der Zeit- 
geschmack eine hervorragende Rolle zu spielen, und sie hat mehr 
als eine jener langatmigen Reimereien zusammengeschrieben, die 
in ihrem völligen Mangel an architektonischer Einheit den da- 
maligen Palästen nicht unähnlich sind, bei denen sich das künst- 
lerische Augenmerk auf die überladenen Ornamente und die 
Innenverzierungen beschränkte, lauter Details, die mehr Geduld 
als Begabung verlangten. Christine war eben durch ihre kümmer- 
lichen Verhältnisse an den Beifall der Höfe gewiesen, und sie 
mußte sich dem Zwangskleid der tonangebenden Schuldichtung 
einpassen. Ja, vermöge ihrer Gelehrsamkeit übertraf sie ihre 
Vorbilder, und man gründete ihr Lob darauf. Sie wird gepriesen 
als 'Muse der Beredsamkeit'.^ als 'Sprachenkundige'. ^ und selbst 



^ CEuvres, tome III, Brief, pag. 167. 

* Ibd. pag. 170. 

3 S. CEuvres, tome III, cent baladea d'amant et de dame. pag. 209 ff. 
' Isabeau von Baiern. 
•"> Eustaehe Deschamps. 

* Martin le Franc (Champion des dames). 



108 Christine von Pisan 

Clement Marot erschöpft den Wert Christinens in der Hervor- 
hebung ihrer gelehrten Bildung.^ Dieselbe Beurteilung verrät sich 
in der Auswahl der Werke, welche man des Druckes für wert 
hielt.- Aber alle diese schwerfälligen und langweiligen Schrei- 
bereien waren doch nur mehr oder weniger Fronarbeit; sie er- 
scheint sogleich in einem andern Lichte, wo ihre Feder frei von 
wirtschaftlichen Rücksichten ist. Das war sie am meisten in 
ihren 'Cent balades', von denen sie gesteht: Ne les ay faittes pour 
merites avoir, ne aiicun paiement,^ und in ihnen enthüllt sich die 
innere Angelegenheit ihres Lebens: die sehnsüchtige Trauer um 
ihren verstorbenen Gatten.^ Das Beispiellose ist, daß dieser Frau 
ihr Persönlichstes bedeutend genug war, um einen künstlerischen 
Vorwurf darin zu sehen, um ihre Stunden an diese absichtslose 
Selbstbetrachtung zu verwenden, ja, um sie sorgfältig auf 
Pergamente zu bringen und diese ihrem kunstsinnigsten Gönner, 
dem Herzog von Berry, zu bestimmen. Aus der Stärke des Ge- 
fühls entspringt hier eine persönliche Dichtung, die sich den 
Gattungen entzieht und sich nur der geläufigsten Formen der 
Ballade (zum Teil auch des virelay's, rondeau's und der Reim- 
paare) bedient, um das überfließende Ich darin zu fangen. Die 
Auseinandersetzung des Herzens mit seinem Schmerz ist hier um 
seiner selbst willen da, und die seelischen Verfassungen erhalten 
eine Bedeutung, die den Liebesgedichten, Abenteuererzählungen 
und Lehrvorträgen Christinens selbst und ihrer Zeitgenossen 
fremd ist, kurz, man sieht die Entfaltung eines Eigenlebens, 
das keine Vorgänger hat; denn selbst die Innerlichkeit der Trou- 
badourlieder fand den Zweck einer geselligen Unterhaltung. 
Seine Bewährung aber findet dieser Individualismus gerade dort, 
wo er sich zur Verkörperung einer ganzen Gemeinschaft macht 
und sie wie in einem Brennpunkt in sich selbst sammelt, nämlich 
im Kampf Christinens um die Frauenehre. Das Hineinschauen 
ins eigene Ich wird zugleich zum Weitblick des Gattungsbewußt- 
seins, und so war dieser Frau allein und zuerst die höhere Be- 
deutung der weiblichen Ehre aufgegangen. 

Diesem Geist konnte der enge Rahmen seines Zeitalters nicht 
passen, und so sehr die Werke Christinens dennoch das modische 
Gewand zu tragen scheinen, so reißt es doch an manchen Stellen 
auf und verrät ihre verborgeneren Gedanken: sie erkennt die Un- 



1 Clement Marot, Rondeau ä Jeanne Guillarde, Lyonnaise. 

2 Siehe Prosper Marchand. Dictionaire historique oii mömoires critiques» 
et litt#raires, La Haye 1758, tome II, pag. 148 (1497 tresor de la cit6 des 
dames, 1549 cheniin de long estude, in Prosa). 

' ffiuvres, tome I, cent balades, pag. 100, no. C. 

* Dasselbe Motiv findet sieh außerdem in vereinzelten virelays, rondeaux 
etc. und in den letzten Teilen des dit de la pastonre (tome II, pag. 223 ff.). 



Christine von Pison 109 

zulänglichkeit des Adels, wenn sie sich auch zu seinem Lob ge- 
nötigt sah; sie setzt sich hinweg über das mittelalterliche 
Klassengesetz, wonach der Adel der Gesinnung dem der Geburt 

gleich ist: 

'J'appelle villains ceulx qui fönt 
Villenies, qui les deffont, 
Je n'entens pas par ba^ lignaige 
Le vilain, mais par vil vourage;' ^ 

ebenso: 'Plus nobles est et plus est aboute 

Soit prince ou roi), duc, Chevalier ou conte, 
Se en valcur les untres surmonte 
N'a et en hien.'^ 

Sie wendet sich ab von der materiellen Habgier, die alle ße- 
völkerungskreise beherrschte, und verwarf den Reichtum, obgleich 
sie selbst unter seinem Mangel litt; ihr Reichtum ist die Bildung, 
aber nicht allein die äußerliche der sagesse, sondern erst in ihrer 
Vereinigung mit der Herzensfeinheit, der bonte,^ entfaltet sich ihr 
die Vollendung des Menschen, und sie selbst wünscht sich kein 
anderes Gut als das unvergänglichste aller irdischen, den Ruhm/ 
Aus solchen Dingen ist es zu verstehen, wenn die Dichterin der 
schwülstigen Rhetorikerschule eine Einladung an den Hof des 
Galeazzo Visconti (1403) erhält, wo sie einem Petrarca und 
Chaucer zur Seite treten sollte. l 

Vor der wachsenden Vermrrung und dem drohenden Zu- 
sammenbruch Frankreichs zog sich Christine in ein Kloster, nahe 
bei Paris (vermutlich Poissy), zurück, zumal sie die Aussichts- 
losigkeit ihres Wollens inmitten solcher Umstände einsehen 
mußte; denn ihre um das Staats wohl besorgten Mahnungen an 
ihre großen Gönner verhallten im Waffenlärm, ^ und ihren Kampf 
um die Bewertung des Weibes hieße es als eine bloße scholastische 
Rechthaberei auffassen, wenn man ihn lediglich mit dem Ein- 
treten des Kanzlers Gerson^ gegen den Rosenroman entschieden 



* CEuvres, tome II, dit de la rose, pag. 39, 336. 
■^ Ibd. tome I, cent balades, pag. 96, no. XCVI. 

* Vgl. CEuvres, tome I, cent balades, pag. 3, no. II (Oiiltrepasse-Strophe). 
Ibd. pag. 96, no. XCVI. Autres balades, pag. 207, no. I. Tome II. dit de 
la rose, pag. 39, 327. ' 

* Im Chemin de long estude weissagt ihr die Sibylle von Cumes Ruhm: 
Ton nom sera reluisant aprf-s toy, par longue m6moire. Vgl. außerdem: 
ffiuvres, tome I, cent balades, pag. 100, no. C. 

" über die politische Tätigkeit Chr. vgl. Thomas.sy, R. Essai sur les 
Berits politiques de C, Paris 1838. 

^ Überdies sind es andere Absichten, die Gerson zu seiner Gegenschrift 
veranlaßt haben (siehe Johannes Gerson, Opera, Paris 1606, IV, 922, trac- 
tatus contra romantium de Ro.sa). Er bekämpft vor allem die luxuria, die sich 
in den Worten des J. d. M. versteckte, und die Verachtung der kirchlichen 
Dinge. Die Frauenverachtung des Rosen romans nur soweit sie die Ehe unter- 
gräbt: . . . et vilipendit otitiiea midieres nullam rxcipiendo, ut eas reddut 



110 Cbiristine von Pisan 

sehen wollte. Aber dennocli fand sie der Ruhm einer Person, 
die, wie aus den Gedanken Christinens geboren, zugleich die 
Rettung Frankreichs war und der Triumph des weiblichen Ge- 
schlechts: die Jungfrau von Orleans. Es ist auffallend, wie taub 
sich die niedergedrückte Nüchternheit der Zeit gegen diese 
wunderbare Erscheinung verhielt, deren selbstlosen Idealismus 
sie nicht begriff. Nur eine einzige geistesverwandte Stimme, fast 
schon für immer verstummt, wurde noch einmal im Jubel laut, — 
die Stimme Christinens: hee! quelle honneur au femimin sexe, 
ruft sie, . . . Par femme est sours et recouvert Ce que pas hommes 
fait neussent.^ Aber in diesem Liede spreizt sich doch keine 
laute Genugtuung, denn was hier eine Frau über alle Männer 
Frankreichs emporragen läßt, ist ihr weniger eine unweibliche 
Streitbarkeit, als vielmehr ein Auserwähltsein. Aus ihrer welt- 
abgelösten Stille ist ihr die ganze Erscheinung ein überirdisches 
Wunder, in dem Gott selbst die Nebel teilt, die ihr zu dicht ge- 
worden waren (vgl. die Verse 11, 22, 26, und 36: mais tout ce 
fait Dieu qui la menne). Überhaupt verrät der fromme Klang 
des Liedes, daß der Lebenskampf dieser stolzen Frau in klöster- 
licher Bescheidung mit jener Demut schloß, welche auch die ge- 
wappnete Heldenjungfrau mit einem mittelalterlichen Heiligen- 
glanz umgibt. So stehen diese beiden Streiterinnen in ihrem 
Jahrhundert, verwandt durch ihre männliche Persönlichkeit, die 
in der Renaissancegestalt der 'virago' ihre Vollendung fand," aber 
erfüllt von der frommen Bescheidenheit spätgotischer Frauen, aus 
denen sie die begeisterte Hingabe an eine größere Sache heraushob. 

Marburg i. H. B a e r w o 1 f f . 

odiosas viris omnihus eo quidem pacto ne velint capere eas in fidem 
matrimonii. (Pag. 923, 2. Artikel.) 

^ Abgedruckt bei J. Quicherat, procös de condamnation et de rßhabili- 
tation de Jeanne d'Arc, Paris 1849, tome V, pag. 6 ff. 

^ Vgl. J. Burckhardt, Kultur der Renaissance in Italien, II, 117. 



Eine Strömung innerhalb der romanischen 
Sprachwissenschaft. 

Feinfühlige Beobachter der geistigen Bewegungen in Deutsch- 
land werden sich sagen müssen, daß wir fast vor einer Krisis 
in der Sprachwissenschaft stehen. Sie kommt von außen wie 
von innen, aus den Kreisen der Gebildeten wie aus denen der 
Sprachforscher selbst. Hierfür nur einen Beleg: beobachtet man 
die Stimmungen in unserem Universitätsleben in letzter Zeit (be- 
sonders auf dem mir naheliegenden Gebiet der romanischen Philo- 
logie), so wird man bemerken, wie meist der Literatur- dem 
Sprachforscher vorgezogen wird, und unter den Literatoren wie- 
der diejenigen, die mehr unhistorisch gesinnt sind. 

Die Anklagen gegen die Sprachwissenschaft sind teilweise 
durch den Krieg, teilweise durch Umstände hervorgerufen, die in 
der Sprachwissenschaft selbst liegen. 

Durch den Krieg — indem man in weiteren Kreisen die Emp- 
findung hat, die deutsche Wissenschaft habe versagt — , obwohl 
doch die deutsche Wissenschaft am Ausgang des Krieges utibetei- 
ligt ist. i^ber der Katzenjammer der Niederlage A^erursacht eben 
eine Selbstbenörgelung, die auch dort nicht haltmacht, wo nichts 
Tadelnswertes vorliegt, eine Lust am Verbessern und infolge- 
dessen Schlimmbessern, die alles Erworbene und Ererbte zum 
alten Plunder wirft. 

Durch wesentliche Besonderheiten der Sprachwissenschaft 
selbst: diese Wissenschaft ist eminent esoterisch, läßt sich kaum 
popularisieren, ist viel zu schwer für das große Publikum, ist 
daher gar nicht verankert im Kulturbe-^mßtsein der Massen wie 
etwa Naturwissenschaften, Geschichte, Kunst- und Literatur- 
forschung. Wer jemals in einer Volksbildungsanstalt über 
Sprachwissenschaft zu sprechen Gelegenheit gehabt hat, wird 
den schmählich geringen Besuch seiner Vorträge konstatiert haben, 
und die Direktoren pflegen linguistische Vorträge daher auch 
schon mit dem Bemerken abzulehnen, diese Wissenschaft 'ziehe' 
nicht. Die eminent aufs Praktische, Anschauliche, Lebendige 
bedachte Nachkriegsrichtung kann für eine nur Eingeweihten 
verständliche Wissenschaft wenig übrig haben. Die Vorherrschaft 
der historischen Methode in der Linguistik bringt es mit 
sich, daß alle Gegner des dem Leben fernstehenden Historismus 
auch gegen die Linguistik Front machen: 'Die Sprachgeschichte, 
der historische Lautwandel beherrscht das gelehrte Interesse' (auf 
philologischem Gebiet), schreibt Unterstaatssekretär Professor 
Becker in seinen 'Gedanken zur Hochschulreform' knapp vor dem 



112 Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 

anderen Satz: 'Der Historismus war unsere Stärke und unser Ver- 
hängnis, denn der Deutsche nimmt die Geschichte ernst.' Wer 
nicht gegen den rückwärts gewandten Sinn des Sprachwissen- 
schaftlers zu Felde zieht, stößt sich an dem vorwiegend experi- 
mentell - naturwissenschaftlichen, positivisti- 
schen Charakter seiner Arbeitsweise: da werden Formen an 
Formen statistisch gereiht, da wird mit Lautgesetzen, Lautgesetz- 
chen und Lautregelchen jongliert — lauter Detailfeststellungen, 
die keine weitere Perspektive gestatten und die großen Fragen 
des Sprachwerdens unberührt lassen. Die meisten Wissenschaf- 
ten haben unter sich eine Technik, über sich eine Philosophie: 
jene münzt die Ergebnisse der reinen Forschung praktisch aus, 
diese bringt sie in Zusammenhang mit unserem ganzen Denken. 
Da ist nun zu bemerken, daß die Sprachwissenschaft weder prak- 
tisch in größerem Umfang verwertbar ist (die Durchdringung 
der Pädagogik mit Linguistik hat bald ihre Grenze) noch 
ihre philosophischen Grundlagen selbst zu fundieren weiß, son- 
dern sich auf die Großen wie Wundt, Marty, Dittrich usw. ver- 
lassen muß (Männer wie H. Paul und Schuchardt sind Ausnahmen). 
Während der Literaturforscher leicht über seinen Autor oder seine 
Periode 'etwas schreiben' kann, muß der Linguist zur Beant- 
wortung der kleinsten etymologischen Studie eine Unmenge 
Wörterbücher und Traktate durchpflügen — die aufgewandte 
Mühe scheint nicht der Wichtigkeit der Resultate proportional 
zu sein. Karl Voßler hat lange vor dem Kriege den Zusam- 
menbruch der Sprachwissenschaft, die banqueroute de la science 
lingiiistique, auf dem Wege, den sie eingeschlagen hat, vorher- 
gesagt und in übeiTaschend scharfer und kühner Form die Vor- 
behalte formuliert, die ein ästhetisch orientierter Mensch gegen 
den formalistischen Betrieb machen kann. Seine beiden Werk- 
chen-^ sind allerdings mehr in ihrer negativen Kritik als in ihrem 
positiven Programm fruchtbar: die Überleitung der Sprach- 
wissenschaft in die Ästhetik gelang nicht ohne weiteres, da 
Sprache nicht nur dem Ausdruck, sondern auch der Mitteilung 
dient. Vor allem aber verdanken wir Voßler den Hinweis auf die 
Wichtigkeit der Verbindung von Sprache und Kultur: in 
seinem Buche 'Frankreichs Kultur im Spiegel seiner Sprachent- 
wicklung' sucht er die Erscheinungen der französischen Sprache 
aus der Kultur Frankreichs zu erklären. Das Buch ist anziehend 
durch die Problemstellung, und manch genialer Fund ist A'^oßler 
geglückt, aber er eilt unserem gegenwärtigen Wissensstand vor- 
aus und bietet uns mehr einen Ansporn zum Nachdenken als de- 



1 'Positivismiis und Idealismus in der Sprachwissens-^haft' (1903). 
'Sprache als Schöpfung und Entwicklung' (1905). 



Eine Strömung innerhalb der roniauischi^u Sprachwissenschaft 113 

finitive Lösungen der Probleme. Voßler hat trotzdem das große 
Verdienst, uns aus dem positivistischen Kleinkram und der All- 
tagsgelehrsamkeit in die lichten Höhen des Gedankens zurück- 
geführt zu haben. 

Voßlers Schüler E. L e r c h hat den wachsenden Widerwillen 
gegen die Sprachwissenschaft in der Revolutionszeit besonders leb- 
haft empfunden, und in einem Feuilleton 'Die neue Sprachwissen- 
schaft' (Der rote Tag vom 1.4.19) hält er mit der Linguistik ibsen- 
hafte Abrechnung: der Lebenslüge abgeneigt, die da behaupten 
könnte: 'Sprachwissenschaft muß sein, weil Sprachwissenschaft ist', 
psychologisch geschult durch die Marxsche Erkenntnis 'Nicht das 
Bewußtsein bestimmt das Sein, sondern das Sein das Bewußtsein' 
(d. h. für unseren Fall: der Linguist ist geneigt, Sprachwissen- 
schaft zu betreiben, nicht weil er sie als eine besonders nutzbrin- 
gende erkannt hat, sondern weil er zu ihr Neigung empfindet), 
stellt Lerch die alte Frage: 'Zu welchem Ende studiert man 
Sprachwissenschaft?' 'Die neue Sprachwissenschaft' soll nicht 
mehr Wissenschaft 'an und für sich' sein, sondern 'Hilfswissen- 
schaft der Kulturgeschichte'. Der 'alte' (will sagen: vorrevolu- 
tionäre = reaktionäre?) Betrieb wird mit dem Markensammeln 
verglichen. Wahrhaft historischer Betrieb beginne erst mit 
Voßler (ähnlich Ltbl. 1919, Sp. 235; Frankf. Ztg. vom 23. 8. 
1919). Jedes Programm muß man an seiner Anwendung kon- 
trollieren — und Lerch gibt uns auch zwei Beispiele für die neu- 
artige Linguistik: da zeigt sich denn, daß das eine neu und 
rfalsch, das andere richtig, aber nicht neu ist. Der partitive Ar- 
tikel des Französischen (du pain) soll aus dem rechnerischen Geist 
der Franzosen zu Ende des Mittelalters sich erklären (aber warum 
haben die Kölner, Venezianer und Genueser Kaufleute den Par- 
ti tivus nicht ausgebildet; und umgekehrt warum haben ihn die 
bäuerlichen Bayern?); die Lautgestalt von frz. camp, cantatrice 
mit k (neben chattip, chanter) weist auf die kulturelle Überlegen- 
heit des italienischen Renaissancemilitarismus und der italieni- 
schen Musik hin, da jene Wörter eben zur Renaissancezeit aus 
dem Italienischen übernommen wnirden (dieselbe Auffassung bei 
Darmesteter-Hatzfeld, K. Michaelis, Mej^er-Lübke, Brunot — 
kurz allen Autoren, die über dieses Problem geschrieben haben). 

Auf breiterer Grundlage, als in dem kurzen Zeitungsfeuilleton 
möglich war. führt Lerch seine Theorien in dem von der Bavri- 
sehen Akademie der Wissenschaften preisgekrönten, Karl Voßler 
gewidmeten Buche 'Die Verwendung des romanischen Futurums 
als Ausdruck eines sittlichen Sollens' (Leipzig, Reisland, 1919) 
durch. Das Buch zerfällt in zwei Teile, einen sog. 'systemati- 
schen', der den gemeinromanischen Brauch des Heischefuturs, de^ 
Futurs in imperativischem Sinn (tu Je feras im Sinne von 'fais- 

Archiv f. n. Sprachen. 141. g 



114 Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 

le), sehr fein in einen kategorischen und einen suggesti- 
ven zerfällt — im ersten Fall entsteht das Futur aus der rück- 
sichtslosen Erwartung des Sprechenden 'Du wirst das tun [ob du 
willst oder nicht]', im zweiten aus der milderen Suggestivfrage 
'Du wirst das tun [nicht wahr?]' oder der Ausmalung von etwas 
Zukünftigem zum Zwecke der Raterteilung 'Du wirst das tun 
[wenn du mir glaubst]' — , und in einem auf das Französische 
beschränkten 'historischen Teil', der das Heischefuturum als 
'etwas spezifisch Französisches', als Ausdruck der französischen 
Kultur, darlegt. All unser Interesse gleitet naturgemäß diesem 
zweiten, originellen und in sprachwissenschaftlichen Werken sonst 
wenig zu findenden kulturpsychologischen Teil zu, der nach dem 
Nachwort (S. VIII) unter dem besonderen Einfluß Voßlers steht 
— Voßlers, dessen Vorsicht und Maß Lerch vermissen läßt. 
Lerch findet denn in dem Heischefuturum einen Zug der rück- 
sichtslosen Ausnutzung des Gesprächspartners, es sei 'die Behand- 
lung, die ich ihm durch dieses Über-ihn-verfügen, Ihn-mit-Be- 
schlag-belegen angedeihen lasse, nicht eigentlich die, die einem 
Menschen zukommt, sondern einer Sache'. Diesen 'herrsch- 
süchtigen, tyrannischen Charakter des Heischefuturums' erkennt 
nun Lerch auch in der französischen Psyche und daher in allen 
Lebensäußerungen Frankreichs, seiner Geschichte, seiner Lite- 
ratur, Kultur, ja seiner Kriegführung und Diplomatie wieder: 
50 Seiten seines Buches widmet Lerch einer Wanderung durch 
französisches Geistesleben, Parteien wesen, Presse, Literatur usw.. 
zieht Vergleiche mit anderen Völkern und findet: 'Der 
Franzose hat im allgemeinen nicht viel Ehrfurcht vor der indivi- 
dualite d'autrui; es ist ihm wenig gegeben, sich in den anderen 
hineinzudenken und hineinzufühlen; er ist durch sein impulsives 
Temperament geneigt, den Willen des andern mit Beschlag zu 
belegen, er hat eine Veranlagung zum Fanatismus.' Der 
Sprachwissenschaftler alten Stils wird füglich erstaunt sein, aus 
der exakt syntaktischen Betrachtungsweise plötzlich auf das 
Theater der Weltgeschichte geführt zu werden, einer Psycho- 
machie der modernen Kulturwerte beizuwohnen, in einer Arbeit 
über das Futurum vom Revanchegebrüll, von Freiheit, Gleich- 
heit, Brüderlichkeit, Krieg und Frieden zu vernehmen, und in der 
Kavalierperspektive die ganze Zeit vom Rolandslied bis zu Cle« 
menceau zu überschauen. Aus der Betrachtung des syntaktischen 
Gebrauchs des Futurs erwächst Lerch ein durch die Analyse der 
französischen Kultur bestätigtes ungünstiges Bild, und der 
Verf. beeilt sich, S. 293 in einer Anmerkung zu erklären, daß 
seine Beurteilung, wie sie nicht durch den Krieg beeinflußt sei, 
so auch durch die seitherige Entwicklung des Friedens nicht ge- 
ändert werden konnte: 'Denn das seitherige Verhalten der Fran- 



Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 115 

zosen, die Aktivität ihrer Regierung und die Passivität ihrer 
geistigen Führer, die wahnwitzigen Waffenstillstands- und "Frie- 
dens"-Bedingungen, die von gemeiner Rachsucht eingegebenen 
Demütigungen, die sämtlich von der französischen Regie- 
rung ersonnen worden sind — all das ist wenig dazu angetan, 
jemand, der den Franzosen eine gewisse Neigung zur Vergewal- 
tigung zuspricht, eines Besseren zu belehren'. Man sieht, Lerch 
stellt die Sprachwissenschaft mitten ins Leben hinein, verflicht 
sie mit unseren politischen und menschlichen Leiden, sieht im 
Sprachgebrauch Kulturbesonderheiten, in der Sprachwissenschaft 
vor allem eine kulturpsychologische Disziplin. 

Indem wir die Frage der Richtigkeit des von der französischen 
Kultur gezeichneten Bildes vorerst unberührt lassen, wollen wir 
uns nur fragen, ob der Nachweis der Spiegelung des Kulturellen, 
wie es Lerch sieht, im Syntaktischen dem Autor gelungen ist, da 
die Antwort auf die Frage auch ein Werturteil über die ganze von 
Lerch initiierte Forschungsrichtung bedeutet. Die Antwort lautet 
meiner Ansicht nach: Nein! 

Der Nachweis, der fanatisch-tyrannische Charakter der Fran- 
zosen spiegle sich im Gebrauch des rücksichtslos-tyrannischen 
Heischefuturs, darf nämlich nicht nur positiv, durch Nebenein- 
anderlegung eines psychologisch ausgedeuteten grammatischen 
und eines psychologisch ausgedeuteten kulturellen Faktums (si 
'factum' il y a!) geführt werden, sondern es müßte auch der nega- 
tive Beweis angetreten werden: 

1. daß der von dem Franzosen in seinem Charakter so stark 
abstehende, nicht 'impulsive', sondern mehr schwerfällige 
Deutsche das Heischefutur nicht kennt; 

2. daß die übrigen romanischen Völker, die nicht ebenso ty- 
rannisch veranlagt sind wie das französische, das Heische- 
futur nicht oder nur in dem Maße, als sie tyrannisch sind, 
besitzen; 

3. daß das Lateinische das Heischefutur nicht besitzt, so daß 
es als Neuerung des Französischen anzusprechen ist; 

4. positiv: daß auch anderwärts tja-annische Veranlagung zum 
Gebrauch des Heisch efutur§ führt. 

Den Beweis für Punkt 1 ist uns der Verf. schuldig geblieben 
(seine zahlreichen deutschen Beispiele für Futurum und noch 
siegesgewisseres Präsens auf S. 56. die sich bei einer gründlichen 
Untersuchung äußerst vermehrt hätten, sprechen nicht für eine 
Ausnahmestellung des Französischen), ebenso den für Punkt 2: 
durch das — von dem Steller des Preisthemas gestattete — Um- 
springen des fürs Gemeinromanische begonnenen Werkes in einen 
speziell französischen Teil ist ja die kulturelle Untersuchung für 
die anderen romanischen Völker gar nicht geführt worden; und 

8* 



116 Eine .Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 

auch zu Punkt 4, der eine Art 'allgemeiner Syntax' (wie wir eine 
allgemeine Biologie, eine 'allgemeine Phonetik' usw. haben), eine 
nomothetische Grundlegung der Syntax aller Sprachen vor- 
bereiten hälfe, ist nichts geschehen. Wir brauchen nur die schüch- 
terne Form der auf S. 321 gegebenen Zusammenfassung zu be- 
trachten — die Abschwächungen der Behauptungen hebe ich 
durch Sperrdruck hervor — , um erkennen zu lassen, daß der 
Autor in seinen Schlußfolgerungen nicht allzu sicher ist: 
Wir versuchten bisher zu zeigen : 

1. Das Heischefuturum ist etwas spezifisch Französisches, d. h. e s 
scheint im Französischen vergleichsweise häufiger zu sein als im 
Deutschen und wohl auch etwas häufiger als in den anderen 
romanischen Sprachen ; 

2. das Heischefuturum ist im Französischen vermutlich kein Lati- 
nismus, d. h. es wäre im Französischen wohl auch entstanden, wenn 
es nicht schon im Lateinischen vorhanden gewesen wäre. 

Letztere Argumentation, einer Voltaireschen in rebus theo- 
logicis nachgebildet, läßt sich auf die Linguistik nicht ohne wei- 
teres übertragen, denn Gott ist — wenigstens meistens — den Ge- 
setzgebern wirklich notwendig aus praktischen Gründen, wäh- 
rend von einer Notwendigkeit des Heischefuturs nicht gesprochen 
werden kann, da die Sprache sich ja anders behelfen konnte. Jene 
Argumentation sucht aber vor allem dem Opponenten alle Kraft 
'zu entwinden, der da bemerken wollte, Lerch habe Punkt 3 nicht 
bo wiesen, weil — nun weil er nicht beweisbar war: weil er im 
Gegenteil den Tatsachen entsprechend anführen mußte, daß das 
Lateinische unser Futur gekannt hat. Anstatt nun etwa das 
Fortleben dieses auf S. 13 erwähnten lateinischen Typus im Spät- 
latein zu verfolgen, wird mit dem Altfranzösischen begonnen, 
das doch auch nicht causa sui sein kann und offenbar mit der 
frühromanischen Zeit kulturell enger zusammenhängt als mit dem 
neuzeitlichen Französisch. Also eine historische Betrachtung 
ohne Berücksichtigung des Wesens aller historischen Entwick- 
lung, eben der Entwicklung, der Kontinuität. (Die Speku- 
lation über lateinische Verhältnisse S. 51 ff. setzt Thielmanns 
Ansichten bloß ein glattes Nein entgegen, ohne einen wirklich 
historischen Nachweis zu führen.^) Wenn Lerch, Lthl. 1919, 



1 Lerch, ein Freund des Moralisierens, sagt S. 245 über Rübeis Schrift 
über dehere: 'Wenn man eine Dissertation über debere macht, so hat man 
die Pflicht und Schuldigkeit, sich nicht auf den Ijexikographen zu verlassen, 
der zuweilen schlafen soll, sondern zur Quelle zurückzugehen.' Ich variiere: 
Wenn man eine Preisarbeit über das frz. Futur macht, so hat man die 
Pflicht und Schuldigkeit, aufs Lateinische zurückzugehen. — Lerch berück- 
sichtigt auch das nicht, was man in der Ethnologie 'Motivwandlung' nennt, 
wenn etwa ein heute bestehender Brauch von der ihn übenden Gemeinschaft 
ganz anders empfunden und motiviert wird als bei seiner ersten Entstehung. 



Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 117 

Sp. 241, sich auf die Seite Toblers stellt, der auch gewöhnlich mit 
dem Altfrz., nicht dem Spätlatein beginnt, so tut er es mit Be- 
rufung darauf, daß diese 'schließlich doch eine wesentlich andere 
Sprache ist als das Romanische' — aber das ist es eben: um seine 
kulturellen Sprachspiegelbilder vor uns zu malen, bedarf Lerch 
eines Individuums, das sich spiegelt, und eines, in dem sich jenes 
spiegelt, er braucht ein 'Individuum' Französisch und ein solches 
'Franzose' — wir anderen, die wir diese Begriffe historisch auf- 
lösen, können daher die Spiegelbilder auch nicht anerkennen. 
Das Heischefutur als etwas spezifisch Französisches zu erklären, 
obwohl es dem Lateinischen, den anderen romanischen 
Sprachen und dem Deutschen in vielleicht verschiedenen, jedoch 
nicht klar gegeneinander abwägbaren Maßen ebenfalls eignet, 
geht meines Erachtens nicht an. Das Problem der 'Volkstüm- 
lichkeit' des Heischefuturs ist auch nicht so einfach wie es bei 
Lerch erscheint: eine Wendung, die in den zehn Geboten, in 
Testamenten, königlichen Verordnungen erscheint, muß wohl der 
Redeweise etwas Steifes und Gesetz-, also Buchmäßiges geben, 
während anderseits ein Wirst du schweigen? umgangssprachlich 
sein muß. Es ist also sehr wohl möglich, daß eine Wendung 
volkstümlich und unvolkstümlich zugleich ist, in diesem Satze 
das eine, in jenem das andere. Jedenfalls ist der eine Gebrauch 
nicht solidarisch mit dem anderen: es kann sehr gut eintreten, daß 
in Kirche und Kanzlei dieselbe Wendung lebt, die im Alltags- 
leben ungebräuchlich ist. 

Der Unterscheidung des systematischen Teils zwischen kate- 
gorischem und suggestivem Futurum entsprechend, sollte 
man im zweiten die Zurückführung auf verschiedene Eigen- 
tümlichkeiten der französischen Psyche erwarten: ich hatte von 
vornherein — natürlich nur im Sinne Lerchs — gedacht, wenn in dem 
tyrannischen kategorischen Futurum sich etwa Clemenceau, der 
französische Racheengel, spiegele, so im suggestiven Herr Tirard, 
der gewandte Verfechter der 'penetration pacifique', wenn in 

Eine ähnliche Motivwandlung bemerken wir auch allenthalben in der 
Sprache: wenn das Heischefuturum Lerch heute 'tyrannisch' erscheint, so 
muß es beim Ursprung noch nicht 'tyrannisch' gemeint gewesen sein. Ein 
derartig voreiliger Schluß bedeutet eine Art Immobilisierung des Schöpferi- 
schen in der Sprache, als ob dies Schöpferische stehen geblieben sei und 
sich nicht entwickelt hätte. Wir müssen das Schöpferische jedoch nicht 
bloß in dem heutigen Empfinden suchen, sondern, wahrhaft historisch vor- 
gehend, uns fragen, ob nicht Motivwandlung, Entwicklung und Umbildung 
eingetreten und der Ursprung der Wendung ein ganz anderer ist, als 
er uns heute scheint (wenngleich wir natürlich das Schöpferische von Einst 
am Schöpferischen von Heute stets kontrollieren müssen). Es kann also 
sehr gut cantare habet ein Müssen bedeutet haben und heute nur Futur 
bedeuten, der Erweis der gleichen Auffassung beim Ursprung und in der 
Entwicklung ist theoretisch gar nicht notwendig. 



118 Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 

jenem die fanatische Vergewaltigung der Nichtfranzosen, so in 
diesem die schlaue Ausnützung vorhandener Stimmungen. Das 
'Futurum aus Rücksichtnahme' (S. 18) könnte eine andere Nacht- 
seite des französischen Charakters aufdecken: die glatte Höflich- 
keit, die der Berechnung des eigenen Vorteils dienstbar wird. 
'Wie der Franzose fremde Dichter bearbeitet, so "bearbeitet" er 
auch gern den Nächsten', heißt es S. 300 — durchs Schwert oder 
durch Propaganda, würde ich dann hinzufügen. Merkwürdiger- 
weise hat aber Lerch das Heischefutur in seinen beiden Schat- 
tierungen als Ausdruck des von ihm künstlich vereinheitlichten 
Franzosen gefaßt. S. 327 heißt es: 'Die Höflichkeit erfordert, 
daß wir in unseren Beziehungen zum Nächsten stets auf den 
Willen dieses Nächsten die weitestgehende Rücksicht nehmen, 
und daher ist es mit wahrer Bildung unvereinbar, das Heische- 
futurum zu gebrauchen (insbesondere in seiner kate- 
gorischen Form)' — wieso auch in der suggestiven? Auf 
S. 342 ff. wird zAvar das kategorische Futur als 'Ausdrucksweise 
des Affekts' abgesondert, aber auf S. 289 bald von der französi- 
schen suggestiven, bald von der kategorischen Art geredet; bei der 
erwähnten Zusammenfassung wird das Heischefutur (und nicht 
bloß das kategorische) als etwas spezifisch Französisches, nämlich 
'als Spiegelbild der Impulsivität hingestellt — woraus das Schwan- 
kende von Lerchs Stellungnahme genugsam erhellt. Damit hat 
aber Lerch einen wesentlichen Zug französischen Wesens, der 
wohl in keinem Bilde, wenn auch in noch so verschiedener Be- 
urteilung, fehlt, die Höflichkeit, sprachlich ungespiegelt ge- 
lassen. Auf S. 330 versucht er diese Höflichkeit als sekundär 
erworbene Erscheinung im Rassen- (will sagen: Volks-) Cha- 
rakter der Franzosen, als Reaktion und Selbstschutz gegen ihre 
Impulsivität, hinauszukomplimentieren: aber wer will entschei- 
den, ob die Leidenschaftlichkeit oder die äußere Lebensart 'an- 
geboren' sei? Und jedenfalls ist diese Höflichkeit nun einmal da 
und hätte ein Recht, ebensogut sprachliche Korrelate zu bean- 
spruchen wie die Leidenschaft (Leidenschaftlichkeit und äußere 
Gelassenheit sind übrigens keine Gegensätze, die einander bedin- 
gen müßten). 

Aber überhaupt muß ich dagegen Einspruch erheben, daß dem 
sprechenden Menschen in jeder Rede Selbstbekenntnisse, Selbst- 
enthüllungen, sprachliche Selbstbespiegelungen von den Lippen 
fließen, daß jedes seiner Worte gewissermaßen die Psychoanalyse 
seines Seins dem Sprachforscher darbiete wie etwa jeder Traum 
dem Pathologen Freud — eine Anschauung, auf der diese gan- 
zen Spiegelungstheorien beruhen. Der Schluß 'du bist rücksichts- 
los, daher mußt du stets rücksichtslos sprechen' ist offenbar 
falsch. Der Sprecher drückt nicht nur sich, seine Zeit, sein Volk 



Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 119 

aus/ sondern auch die Verganp^enheit seiner Zeit, seines Volkes 
— und seiner selbst, und die Beziehung zwischen Sprache und 
Kultur ist nicht durch einfaches Nebeneinanderlegen der beiden 
Tatsachenkreise, sondern nur über den Umweg des von zahl- 
reichen Faktoren beeinflußten Menschen herzustellen: in unserer 
modernen Rede schleppen wir noch Relikte des mittelalterlichen 
Zweikampfes, des plumpsten Grötzendienstes, der primitivsten 
Aberglauben mit uns, ohne daß diese Erstarrungsprodukte zur 
Diagnose unserer Zeit etwas beitragen könnten. Ebenso sind ja 
unsere Gesten und Bewegungen, wenngleich aus dem Grund un- 
serer Persönlichkeit hervorgewachsen, keineswegs in allem 
Ausdruck von Gefühlen oder psychischen Sachverhalten, sondern 
auch vererbt, anerzogen und Eigenbesitz zugleich: die Vorstellung 
von dem Bösewicht, der in allen seinen Worten und Gesten nur 
böse, des Edlen, der in jeder Bewegung edel ist, paßt in die künst- 
lich simplifizierte Welt des Märchens oder der Bühne, nicht in 
die der verwickelten A^erhältnisse Rechnung tragenden Wissen- 
schaft. Wir können Seelen morden mit der glattesten Höflich- 
keit und in den gröbsten Ausdrücken Gutes tun. Es ist eine kind- 
liche Naivität, die Verbindungslinien zwischen Sprache und Kul- 
tursphäre so einfach-geradlinig zu ziehen, daß man Augenblicks- 
attitüden eines Sprechers wie die Ignorierung fremder Persön- 
lichkeit im ganzen Sprachgehaben eines Volkes wiederfinden 
will. Die Annahme eines auf Schritt und Tritt sich straff zeigen- 
den Parallelismus zwischen Syntax und Persönlichkeit eines 
Schriftstellers, eine Übertreibung des Kulturellen an der Sprache 
(wie früher das Mechanische an der Sprache übertrieben wurde), 
mrkt geradezu peinlich: 'Jedenfalls ist es auffallend, daß mir 
bei dem populären Rabelais, der doch für Trinker und Syphi- 
litiker schrieb, nur ein kategorisches Futurum aufgestoßen ist.' 
Abgesehen davon, daß mit dieser Charakteristik nur die eine 
Seite Rabelais' gezeichnet ist, fällt mir auf, daß bei Lerch selbst 
drei Stellen aus Rabelais mit kategorischem Futur zitiert sind: 
S. 116, 234, 264 — vor allem aber daß gerade in den Stücken des 
großen Humoristen, die von ihm als ernst« Nachahmungen der 
antiken Reden gedacht sind, in den 'concions', 'harangues' und 
'epistres'. das angeblich so volkstümliche, ja proletarische Futur 
vorkommt; außer einer der von Lerch angezogenen Stelle aus dem 
Brief e Grandjousiers anGargantua vgl. noch die Ansprache Gallets 
an Picrochole am Schluß (I. 22);^ ähnlich im salom.onischen ür- 

1 Wie wäre es sonst möglich, daß unsere aristokratischen Sprachen in 
unserer Zeit unsere demokratischen Verhältnisse ausdrücken können, worauf 
Meillet. Lea langues de VEiirope notivelle, hinweist? 

* Gerade diese Stelle zeigt, wie sehr die Annahme eines freilich mehr 
oder weniger kategorischen Tones richtiger ist als die einer durchgängi- 



120 Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 

teil PantagTuels (II, 13): mais le defendeur sera tenu de fournir. 
— Lerch vermutet, ein französischer Arbeiter sei doppelt rück- 
sichtslos, a) weil er Arbeiter, b) weil er Franzose sei (S. 329) — 
daher werde er doppelt oft te tairas-tu! zu seiner Frau sagen. 
(Sagt der Deutsche wirklich weniger oft: ^Virst du still sein?'^) 
Aber ich kann Lerch einerseits nicht zugeben, 'daß ein Mensch, 
der von früh bis spät mit Werkzeugen und Maschinen hantiert, 
noch eher geneigt sein wird als ein anderer, auch den Mitmenschen 
als gefügiges Werkzeug behandeln zu wollen', auch auf Lerchs 
Erfahrung hin von der Unmöglichkeit, 'einen Arbeiter im Eisen- 
bahnzug zur Beachtung des Rauchverbots zu veranlassen' — ich 
könnte Lerch das Urteil eines Beobachters der Arbeiter wie Henri 
Barbusse entgegenhalten, der in dem Kapitel Une voix dans le 
soir seines Romans Clarfe bei der Betrachtung des Lampenputzers 
Petrolus, der vor lauter Arbeit nicht dazu kommt, das Leben, ja 
seine Frau zu genießen, sagt: 'Tout ä l'heure, en contemplant le 
peuple de l'usine, j'ai eu presque peur . . . Quand je regarde celui- 
ci, je me dis: ce sont les memes, ce sont tous les memes. De loin 
et d'ensemble, ils fönt peur — et ce qui est menapant, c'est leur 
reunion — , mais de pres, ce ne sont que les memes. II ne faut 
pas les regarder de loin.'^ Und rein syntaktisch betrachtet, glaube 

gen Brutalität des Heischefuturs. Die in ernstem Tone gehaltene Verkün- 
digung der Friedensbedingungen weicht zum Schluß einer dem Schalk 
Rabelais besser liegenden Jovialität, der Ernst geht gegen Schluß langsam 
in Humor und Scherz über : Depars d'icy prescntcment, et demain poiir 
tout le jour sois retire en tes terres ... Et paye mille besans d'or pour le« 
dointnaiges que as faict en ses terres. La moitie b aill er a s demain, 
Vaultre moitie payeras es ide-s de may prochainement venant: nous de- 
laissant ce pendant pour hostaigcs les ducs de Tournemoule, de Basdefesses, 
et de Menuail, ensemble le prince de Gratelles et le vicomte de Morpiaille. Man 
pieht aus den grotesken Namen, wie Gallets (oder Rabelais'?) pathetisch ge- 
furchte Stirn sich entrunzelt. Nach den härteren Bedingungen des augenblick- 
lichen Abzugs und Schadenersatzes der 'Übergang zum Friedenszustand', die 
näheren Ausführungsbediugungen des 'Friedensvertrages', daher die Futura 
bedeuten werden : 'die Hälfte m a g s t du zahlen . . .' Ahnlich im Brief Gar- 
gantuas an Pantagruel nach Medamothi (IV, 3} : J'ay revonvert quelques 
livres joyetix, lesquels te seront par le present porteur renduz. Tu les liras, 
quand te vouldras refraichir de tes meilleurs estudes und ebenso in der Ant- 
wort Pantagruels (IV, 4) : Si bon vous semble ferez espreuve du contraire, 
et trouverez . . ., also dasselbe höfliche Futur wie in dem angeblich so 
arroganten Gespräch Salomos mit Gott. 

^ Als Anmerkung zu einem derartigen Satz, den ein Arbeiter in Zolas 
Germinal spricht, setzt Verf. S. 117 das Folgende: 'Im gehobenen Stil steht 
der Imperativ: Dante, Inf. VIT, 8, Virgil zu Plautus: "Taci, maledetto 
luxo ...!'" — Wie kann man aber über Zeit, 'Raum und Milieu hinweg 
stilistische Deduktionen ziehen? Gibt es denn — so ohne weiteres — eine 
gemeinromanische Stilistik? 

2 Stimmen germanischer Beobachter des arbeitenden Volkes in Frank- 
reich: Kerr,' Gesammelte Schriften' II, 1, 344: 'Letzten Endes ist Rohheit 
in unteren Schichten Frankreichs gering. Noch ein Handlanger, Straßen- 



Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 121 

ich, das individuelle, unter eine Notwendigkeit einzuordnende on 
statt nous oder das il faiit sei viel mehr charakteristisch für den 
modernen französischen Arbeiter als ein rücksichtsloses kategori- 
sches Futur: man kann denn auch in dem betreffenden Abschnitt 
von Clarte und in dem in meinen Aufsätzen zur romanischen Syn- 
tax und Stilistik S. 145 ff. abgedruckten Stück aus Le cceur }wpu- 
laire von Jehan Rictus dieses on an allen Ecken und Enden fin- 
den. Ich hatte a. a. 0. geschrieben: 'Alles in diesem unsäglich 
trostlosen Leben, in dem der Einzelne gar nicht hervortritt, son- 
dern in einem ewigen Inkognito als ewige Nummer lebt und 
stirbt, scheint so vorgesehen, daß "man" nicht "jemand" werde. In 
dem "man" liegt der Dinge Lauf, das Schicksal, die Norm, das 
Prinzip: y fautl "Man" ist das Proletariat, die Armut das Un- 
glück.' Lerchs und meine Urteile sowohl über den Charakter 
des Arbeiters wie den seiner Sprache sind also einander entgegen- 
gesetzt — das on der fatalistischen Unterwürfigkeit widerspricht 
dem angeblich im Arbeiterfranzösisch so häufigen Heische- 
futur der Rücksichtslosigkeit (Lerch hat dieses übrigens nicht sta- 
tistisch belegt, sondern — postuliert: 'Die Texte, die ich heran- 
gezogen habe, genügen zwar nicht, um es mit Sicherheit behaup- 
ten zu können: doch scheint mir, als sei das kategorische te tairas- 
tii in Arbeiterkreiseu die gewöhnliche Ausdrucksweise, wenn der 
Mann seiner Frau das Wort verbieten will [oder die Frau dem 
Manne]')- Jedenfalls so einfach, wie Lerch den Arbeiter macht, 
ist er nicht. Auch darf man in einem Lande, das vorwiegend 
bäuerlich, nicht industriell ist. wie Frankreich, als Repräsentan- 
ten des 'ungebildeten Volkes' nicht die Arbeiter erwählen: der 
Autor hätte in der Sprache der Bauern nach seinem Heischefutur 
suchen müssen, was er unterlassen hat. Den Ansatz zur Be- 
trachtung einer Spracherscheinung, gesondert nach sozialen 
Schichten, begrüße ich — aber die soziologische Betrachtung ist 
bloß rudimentär geblieben. Daß das Heischefuturum überhaupt 



arbeiter, Kanalräumer bleibt für logische Erörterung zu haben. Alles sieht 
weniger auf rohe Kraft, als auf den "polierten" Geist. Und aussehen, wie 
gesagt, tun sie wie die Landstreicher.' — 349: 'Kulturbelecktheit in der nie- 
dersten Schicht; oft beinah komisch. Aber sie sagen alles einfach und 
selbstverständlich — es ist in Fleisch und Blut übergegangen. Ein ein- 
faches Bedienungsmädel im Wirtshaus: ''Man ist hier eine Sklavin der Ar- 
beit". Hausdiener reden in Epigrammen: "Sie reisen ab, mein Herr? Ah, 
um so schlimmer für mich. Ich liebe Klienten wie Sie".' — H. Bulwer, 
'France, social, literary, political' (1834) : 'Die allergewöhnlichste Arl>eiterin 
hat ein Benehmen, einen Ton, der an die gute Gesellschaft erinnert, eine 
natürliche Bildung, welche sie, abgesehen von Grammatik und Orthographie, 
der vornehmen Dame gleichstellt. Man sieht, daß der Ton, aus dem beide 
gemacht worden, von gleicher Feinheit ist. Es gibt fast kein Beispiel von 
einer Französin, die nicht, plötzlich erhoben, wie durch Instinkt, sogleich 
die Sitten ihrer neuen Stellung angenommen hätte.' 



122 Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 

etwas mit Bildung resp. Nichtbildung zu tun habe, leugne ich: 
der Ton macht die Musik; ein vous alles: prendre du cafe avec nous 
kann ich mir von jedem Franzosen, von Poincare bis Petrolus, ge- 
sprochen denken, der besondere Bildungsgrad des Sprechers wird 
aus Aussprache, Tonfall, Mimik erhellen. So sagt auch Lerch von 
der suggestiven Form: 'Der Arbeiter, der den Kameraden zum 
Essen und Trinken auffordert, wird ihn beim Arm packen (was 
der Gebildete nicht zu tun pflegt), und das Heischefuturum ist das 
sprachliche Äquivalent zu dieser Geste' — allerdings die Geste 
zeigt den Bildungsgrad, aber oft nur diese, nicht immer die 
sprachliche Form. Lerch dichtet der amorphen Sprachform etwas 
an, was erst ihre visuelle Begleitung mit sich bringt. Zugleich 
identifiziert er wieder ohne weiteres suggestives und kategori- 
sches Futur. 

Diese ganzen psychologisch-kulturellen Spekulationen schei- 
nen mir daran zu scheitern, daß man grammatische wie psycho- 
logische Fakta verschieden deuten kann und daß besonders die 
Psj^chologie der Völker noch viel zu sehr im Subjektiven steckt, 
als daß man auf sie ein haltbares Gerüst basieren könnte.^ Die 
Schilderung der Psyche des französischen Jakobiners durch Taine 
paßt geradeso gut wie auf 'große Schichten des französischen 
Volkes' (S. 293) auf deutsche, russische, jüdische Bolschewisten. 
Ferner spricht Lerch von der französischen Sprache so, als ob sie 
ein einheitliches Ganzes wäre, das aus der Literatur zu er- 
kennen wäre: den Dialekten, die doch unzentralisiertes Volkstum 
eher bewahren als das Pariserisch der Schriftsteller, geht er in 
weitem Bogen aus dem Weg (ebenso wie der Erforschung des 
Spätlateinischen). Damit ist Lerch ebenso 'Pariser' wie die fran- 
zösische Sprachforschung Anno 1870 noch eine 'pariserische' war: 
seitdem ist aber, in Deutschland durch Meyer-Lübkes Romanische 
Grammatik, in Frankreich durch Gillierons Atlas linguistique 



* Lerch meint S. 287, der Franzose, der das 'Pathos der Distanz' nicht 
kenne, 'nötige' seinen Gast beim Essen: die Formel, mit der der von dem 
Gastgeber Gequälte noch einmal zulange (Mais c'est seulement pour ne pas 
vous desohliger!) lasse sich in andere Sprachen gar nicht übersetzen. Das 
letztere ist richtig, liegt aber nur an der Untibersetzbarkeit des Wortes 
desohliger — die Untibersetzbarkeit eines Wortes erklärt sich meist 
aus der verschiedenen Lagerung der Synonymen gegeneinander in den ver- 
glichenen Sprachen und beweist dann nichts ftir die Mentalität der Völker 
— ; daß auch in Deutschland genötigt wird, weiß jeder Deutsche — im 
Dtsch. Wb. s. V. nöthigen mag L. Belege aus allen Zeiten der nhd. Sprache 
finden — , und entsprechend dem frz. Satz sagt er : Ich nehme, aber nur, 
damit Sie nicht glauben, es schmecke mir nicht, oder ich nehme, aber nur 
Ihretwegen usw. Übrigens liefert uns Lerch in seinem Feuilleton der 
Frankf. Ztg. vom 23. 8. 1919 einen deutschen Beleg in dem von ihm als 
veraltet bezeichneten, zur selben Situation gehörigen Satz: 'Sie werden mir 
doch keinen Korb geben und noch ein Stück Kuchen nehmen.' 



Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 123 

de la France, der Regionalismus in die französisclie Linguistik 
eingeführt worden. Ein Beispiel, wie Berücksichtigung der Dia- 
lekte auch in der Syntax notwendig ist!: Da werden bei Lerch im 
Anschluß an Maupassant als Antitypen der Franzosen 'les An- 
glais tenaces et les lourc^s Allemands' genannt und nun gegenüber 
der französischen Imperativierung des Futurs die 'Degradie- 
rung' von shall und will zu Futurausdrücken durch den Englän- 
der erwähnt: 'd. h. er macht seine Aussage, selbst wenn er ihrer 
vollkommen gewiß zu sein glaubt, selbst von dem Willen des 
anderen oder zum mindesten von einem sittlichen Gebot oder einer 
Schicksalsmacht abhängig. Auch in diesem Kriege ist der Un- 
terschied in der geistigen Haltung zwischen den beiden Völkern 
mit Händen zu greifen' (Leidenschaftslosigkeit der Engländer. ^ 
'während die Franzosen über uns in Ausdrücken reden, als seien 
wir eine Horde von Bestien') — kein AVort davon, daß in ostfrz. Dia- 
lekten und im Yolksf rz. das vouloir-Yntuv ebenso häufig ist wie es im 
Altfrz. und besonders Altanglonorm. war! Auch für die Sprach- 
wissenschaft gilt das schöne Wort Virchows: 'Der menschliche 
Geist erfindet an verschiedenen Orten dasselbe und an demselben 
Orte Verschiedenes.' Die psychologischen Schlüsse aus der 



1 Wie man aus derselben sprachlichen Tatsache die verschiedensten seeli- 
schen Verfassungen herausspekulieren kann, zeigt die mir durch Herrn Prof. 
Meißner bekannt gewordene Äußerung H. Seedorfs ('Über syntaktische 
Mittel des Ausdrucks im ahd. Isidor' [1888] S. 81) über den analogen ahd. 
Gebrauch von sco?an -f- Infinitiv als Futur: 'Dieser scheinbar so einfache 
sprachliche Prozeß spricht, genau betrachtet, ebenso deutlich wie eine tau- 
sendjährige Geschichte. Bei einem Volke, dem der sprachliche Ausdruck für 
etwas, das geschehen soll oder muß, identisch werden konnte mit 
dem des einfachen Geschehens in der Zukunft, kann man wohl 
annehmen, auch ohne seine historische Entwicklung zu kennen, daß die 
Treue der Gruudzug seines Wesens ist, braucht man sich nicht zu wundern, 
daß es in seinen naivsten, unmittelbarsten poetischen Erzeugnissen Ge- 
stalten geschaffen hat wie Kriemhild, Hagen, Rüdiger.' — Aber auch das 
Psychische der Sprecher ist verschiedener Deutung fähig : man 
erinnere sich an Tolstojs Äußerung in 'Krieg und Frieden': 'Der Franzose 
ist selbstsicher, weil er .seine Person, geistig wie körperlich, für unwider- 
stehlich bezaubernd Männern wie Frauen gegenüber hält. Der Engländer, 
weil er Bürger des besteingerichteten Staates ist und daher als Engländer 
stets weiß, was er zu tun hat, und daß alles, was er tut, zweifellos gut ist. 
Der Italiener, weil er aufgeregt ist und leicht sich selbst und andere ver- 
gißt. Der Russe ist eben deshalb selbstsicher, weil er nichts weiß und nicht.s 
wissen will, da er nicht glaubt, daß man etwas vollständig wissen kann. 
Der Deutsche ist schlimmer, hartnäckiger und abstoßender als alle in seiner 
Selbstsicherheit; denn er bildet sich ein, die Wahrheit zu kennen, d. h. die 
Wissenschaft, die er selb.st ausgedacht, die für ihn aber eine absolute Wahr- 
heit darstellt.' Aus diesem sehr subjektiven Tolstojschen Urteil könnte L. 
theoretisch folgern: 1. die spezifische Selbstsicherheit der Franzosen bringt 
das suggestive Futur, nicht das Heischefutur, oder 2. die spezifische 
Selbstsicherheit der Deutschen bringt das kategorische Futur hervor, 
oder .3. alle diese selbstsicheren Völker sollten das Heischefutur kennen. 



124 -Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 

Sprache stimmen immer in der Kavalierperspektive, nie beim Mi- 
kroskop! Und es stimmen nur immer einzelne herausgegrifl'eue 
'rapprochements', nicht alle Erscheinungen eines Tatsachen- 
kreises: ich finde das barsch befehlende The sali, please!, das Eng- 
länderinnen bei Tisch einem zurufen, viel kategorischer, den Wil- 
len des Nebenmenschen vergewaltigender als das kategorische 
Futur der Franzosen, und / am happy für 'ich freue mich' viel 
enthusiastischer, phrasenhafter als je suis ravi der als Wort- 
macher verschrienen Franzosen. Ich brauche hier nur noch zur 
Stütze meiner Behauptung auf die Kritik ähnlicher Tendenzen 
wie derjenigen Lerchs auf dem Gebiete der Wortgeschichte 
und Etymologie hinzuweisen, die in einem schönen nordi- 
schen Buch zu finden ist. Wellander, Studien suyn Bedeutungs- 
wandel im Deutschen (S. 87), schreibt anläßlich kulturhistori- 
scher Spekulationen Fr. Kauff^manns über das deutsche Wort 
gemein in der Bedeutung 'minderwertig': 'Kauffmann konsta- 
tiert einen bedeutungsgeschichtlichen Vorgang und bringt diesen 
mit einem — meinetwegen vielleicht ungefähr gleichzeitigen — 
(bildungs) geschichtlichen in Kausalzusammenhang. Nun kann 
sich aber der betreff'ende Bedeutungsübergang zu jeder Zeit voll- 
ziehen, ganz unabhängig von der jeweiligen Kulturepoche. Wenn 
man nun die beiden Vorgänge zusammenstellt und den Bedeu- 
tungswandel des Wortes gemein gewissermaßen als 'Spiegel' oder 
Symbol des angenommenen Wandels in der Anschauung dienen 
läßt, um die Darstellung konkreter und lebendiger zu gestalten, 
so ist dagegen natürlich nichts einzuwenden. Nur muß man sich 
dabei immer bewußt bleiben, daß es sich nur um eine metapho- 
rische Ausdrucksweise, ein geistreiches Spiel mit Gedanken und 
Worten handelt; ein wirklicher Kausalzusammenhang kann hier 
nicht angenommen werden.' Ähnlich weist Thurneysen, Die 
Kelten in ihrer Sprache und Literatur, mit feiner Skepsis eine 
sich darbietende Parallele zwischen Volkscharakter und Mor- 
phologie zurück (S. 9). 

Auch scheinen die Franzosen für Lerch ihre geistige Physio- 
gnomie von jeher zu besitzen und nicht zu verändern — während 
doch gewiß der Deutsche und Franzose des Mittelalters einander 
ähnlicher waren als etwa der he^^tige Franzose seinem mittelalter- 
lichen Vorfahren (S. 288): 'Mit einer groben, aber immerhin nicht 
ganz unmöglichen Schematisierung ließe sich die Geschichte 
Frankreichs darstellen als ein Kampf zwischen reaktionärem und 
revolutionärem Fanatismus. Man denke an ihr [sie!] größtes 
Epos, das Rolandslied, wie es einen Eroberungszug in einen Glau- 
benskrieg umdeutet . . . Und was sich damals, am Anfang ihrer 
Kultur begab, begibt sich heute vor unseren Augen: den Erobe- 
rungskrieg, den sie des "Rheines wegen geschürt haben, deuten sie 



Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 125 

in einen heiligen Kreuzzug für "Demokratisierung" und gegen 
den "Militarismus" um' (als ob nicht jeder Krieg der "deutenden" 
Ideologie bedürfte!). An einer anderen Stelle, wo anläßlich des 
Pur (o, bei Sire, si te piaist, tu me durras sen der altfrz. Über- 
setzung der Königsbücher von einem 'Sich-auf-du-und-du-stellen 
mit dem lieben Gott' gesprochen wird, wird immerhin bemerkt, 
diese Gleichsetzung des Menschen mit Gott sei 'nun freilich nicht 
mehr spezifisch französisch, sondern allgemein mittelalterlich', 
aber dann dennoch fortgefahren: 'Doch für die Franzosen scheint 
mir diese Gleichsetzung des anderen mit sich selbst besonders 
charakteristisch.' Wie kann man überhaupt die psychische Spie- 
gelung in Sprachlichem in einer von uns so weit abliegenden 
Periode wie der altfranzösischen^ erkennen wollen, ohne alle 
Ausdrucksformen der Periode gegeneinander abzuwägen? Es ge- 
nügt nicht, einen altfrz. und einen neufrz. gleich aussehenden 
Gebrauch zusammenzustellen, es müßten erst die verschiedenen 
Befehlsformen des Altfrz. miteinander kontrastiert werden (oft 
stellt sogar Lerch Ausdrucksweisen verschiedener romanischer 
Sprachen zusammen, S. 117 eine Dante- und eine Maupassant- 
Stelle, S. 153 eine Scribe-Stelle mit einer aus dem griechischen 
neuen Testament; vgl. auch oben S. 10, Anmerkung 1). Ich 
persönlich finde in dem zitierten altfrz. Satz weniger Arroganz 
als vielmehr Bescheidenheit: 'wenn es dir beliebt, wirst du mir 
Verstand geben' ; durch die Absonderung der Apodosis der kon- 
dizionalen Periode kommt ein ganz anderer Ton hinein — es ist die 
bekannte Geschichte von dem ein so verschieden interpretierbares 
Vater, schick mir Geld! schreibenden Sohn. Auch glaube ich kaum, 
daß das gläubige Mittelalter 'mangelhaftes Verständnis für das 
Wesen der göttlichen Allmacht' gezeigt haben sollte. Noch öfter 
zerbricht sich Lerch den Kopf über angebliche Kulturspiegelun- 
gen, die ganz einfach als Übersetzungen aus anderen Spra- 
chen zu fassen sind. Das ist also so, wie wenn einer aus dem 
Fortbestehen von Feinsliebchen im deutschen Volkslied auf Fort- 
leben von Troubadours im deutschen Volk schlösse. Er schiebt der 
betr. Sprache unter, was Eigentum eines ganz anderen Kultur- 
und Sprachkreises ist — die Tatsache der Entlehnung wird 
vollkommen ignoriert. S. 71 — 73 z. B. eine über zwei Seiten 
lange Auseinandersetzung, warum es in der Vulgata sex diebus 
operaberis . . ., aber honora patrem tuum . . . heiße, und dem befeh- 
lenden Gott werden alle möglichen Spekulationen und Rücksicht- 
nahmen angedichtet. Aber diese Zeitgebung ist ja ein 'calque' nach 

^ Die Erörterung über V. 605 des Rolandsliedes {La traisun mc jurrez) 
hätte sich einfacher erledigen lassen, wenn Lerch statt Gautier Stengels 
Variantenapparat benutzt hätte, der klar erweist, daß in jurrez kein 
Schreibfehler der Oxf. Hs. für jurez, sondern ein Futur vorliegt. 



126 Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft, 

hebr. schesch jömim ta'äßeh melöchöh neben kahbed eß övlcho 
veeß immecho (daher auch das beiden Juden übliche Ehre Vater 
und Mutter, das Lerch gehört haben wird; die Rabelais-Stelle, die 
er selbst S. 65 Anm. zitiert, hätte ihn das Richtige lehren müssen) — 
Lerch sucht also nach psychologischen Gründen bei lateini- 
schen Wendungen, die eigentlich hebräisch sind — ; es wäre so, 
wie wenn er in der dem Hebräischen nachgeahmten Superlativ- 
bildung König der Könige aller europäischen Sprachen eine 
Eigentümlichkeit dieser erkennen wollte! Ähnlich steht es mit 
der erwähnten Stelle der Bücher der Könige, die schon im Lat. 
lautet Dabis ergo servo tuo cor docile — wenn die altfrz. Über- 
setzimg etwas lehren kann, so höchstens das Gegenteil von Lerchs 
Behauptung: das si te piaist ist zum Zweck höflicherer Stilisie- 
rung hinzugefügt worden. Aber überhaupt hat das Futur auch 
heute noch biblischen Klang: in Barbusses Le feu hat Lerch kei- 
nen häufigen Gebrauch des Heischefuturs gefunden. Um so mehr 
Heischefuture hätte er aber am Schluß von Clarte lesen können, 
dort, wo der Schriftsteller gewissermaßen die Sinaitafeln eines 
neuen Bundes errichtet. Lerch hat gleich seine Theorie zur Hand: 
der Krieg bringt die 'egoistischen und despotischen Gelüste des 
Einzelnen seinen Volksgenossen gegenüber' zum Schweigen 
(stimmt das sachlich, wo in jedem Kriegsland Diktatoren er- 
stehen, von Titus Larcius Flavius 501 v. Chr. bis Clemenceau 
1919 n. Chr., außerdem Schieber, Drückeberger usw.?) — in Wirk- 
lichkeit sprechen eben die gewöhnlichen Soldaten von heute nicht 
im Bibelstil. 

Es ist klar, daß durch die im ganzen Werke latente Ansicht 
von der Konstanz des Volkscharakters die Rückkehr zu ethischen 
Spekulationen, die wir in der Sprachwissenschaft glücklich über- 
wunden glaubten, bedingt ist (S. 304) 'Die Erregbarkeit, die wir 
den Franzosen vorwerfen, ist ihnen schon von Cäsar und Strabo 
vorgeworfen worden' (wir wußten allerdings bisher nicht, daß es 
schon zu Cäsars Zeiten Franzosen gab!). Deutlicher wird S. 323 f. 
der esprit gauJois vom esprit precieux gesondert: 'Der esprit 
gaulois zeigt die Nation so, wie sie ist, wenn sie sich gehen läßt; 
der esprit precieux zeigt uns,was sie durch harte Selbstzucht zu 
erreichen vermag. Der esprit gaulois aber ist, wie schon der Name 
zeigt, etwas den Galliern Eigentümliches, wohingegen der 
esprit precieux sich auch bei anderen Völkern findet. . . . Der 
esprit gaulois begünstigt nun aber die Ausbreitung des Heische- 
futurums. Der Mensch, der zu Witzen und Spaßen aufgelegt ist, 
fühlt sich dem anderen auf Grund seiner eigenen Gescheitheit 
überlegen ... er kümmert sich nicht viel um den Willen des an- 
deren . . .' Aber der Gegensatz zum esprit gaulois ist offenbar 
nicht esprit precieux, sondern esprit classique: die philosophischen 



Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 127 

Einflüsse auf die klassische Dichtung der Franzosen dürfen nicht 
vernachlässigt werden. Und die Fabeleien über den Charakter 
der Gallier sollte Lerch dem Jongleur Hermann Bahr überlassen, 
der einmal alle möglichen Eigentümlichkeiten des Wieners auf 
das Keltentum der Yindobona zurückgeführt hat. Der Name 
esprit gaidois bezeugt für die Erklärung der Geistesart gar nichts, 
es wäre eher interessant, festzustellen, wie bei den Franzosen 
die Anschauungen über ihr Galliertum (vom Amadis bis zu Remy 
de Gourmont) gewandelt haben. Die Kontinuität zwischen den 
anzüglichen gaps der altfranzösischen Karlsreise und den ge- 
schlechtlichen Zwei- und Eindeutigkeiten der besonders für Aus- 
länder berechneten Boulevardtheater kann ich nicht zugeben, 
auch das Band zwischen Heischefutur und der von den Franzosen 
bevorzugten, den Gegenstand der Liebe als Sache behandelnden 
sinnlichen Liebe nicht erkennen. Zudem will mir scheinen, daß 
im Mittelalter neben dem esprit gaidois auch der esprit germa- 
nique geherrscht hat: wenn wir auch nicht mehr G. Paris' For- 
mel der Epen vollkommen glauben: V esprit germanique dans une 
forme romane, so ist doch so viel sicher, daß ein dem germani- 
schen Geist verwandter in, den altfranzösischen Epen herrscht. 
der G. Paris zu jener Formel gelangen ließ. Und da im Mittel- 
alter das Heischefutur sehr stark entwickelt ist, so wäre dessen 
Brutalität eher ein furor teutonicus als ein morbus gallicus. Auch 
hat die Antithese esprit gaidois — esprit precieux gar nichts mit 
Höflichkeit resp. Grobheit der Manieren zu tun — denn das 
Wesen der alten Gauloiserie ist doch vor allem neben der grivoi- 
serie das gutmütige Behagen an einer stark intellektuell gefärb- 
ten Witzlust, die nicht dem iSTebenmenschen sich überlegen zei- 
gen, sondern ihn durch Scherz und Geist zu erfreuen sucht. 

Die Politisierung der Syntax, die Lerch durchführt,^ hat in 
einem ungünstigen Augenblick eingesetzt — die jetzigen auf- 
geregten Zeiten sind am allerwenigsten dazu angetan. Urteile 
über Fremd- und besonders Feindnationen zu ermöglichen, soll- 
ten diese Urteile auch durch Yorkriegsurteile von französischen 
Satirikern und nichtfranzösischen Kritikern gestützt sein — 
wieviel einander in ihrer Tendenz entgegengesetzte Breviere 
von Aussprüchen, die sich gegeneinander ausspielen lassen, 
haben war nicht im Kriege erlebt! — , und sie bedeutet auch 
einen zweifelhaften Dienst ^der deutschen Wissenschaft gegen- 
über, deren Sachlichkeit man stets bisher anerkannt hat.- der man 



1 Lerch schreibt einen lebhaften und leichten Stil, aber ob 'coUoquialisms" 
wie die fol<renden in ein wissenschaftliches Werk gehören? (S. 16) : 'Es 
ist ja doch vollkommen selbstverständlich, daß der Kutscher «gehorcht : der 
ist ja heilfroh, wenn er nur gehorchen darf, denn dann verdient er Geld.' 

2 Man vergleiche die anerkennenden- Worte, die der erste Vertreter der 



128 Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 

anderseits jetzt diese undisziplinierte Exkursion ins Subjektive 
der Tagesbewertungen zur Last kerben wird. Lercli getraut sich 
kein objektives Urteil über sein eignes Volk zu fällen (S. 303) — 
wieso aber ein solches über das fremde, dessen Beurteilung doch 
von jenem anderen Urteil abhängig ist? Ist es nicht ärgste Un- 
sachlichkeit, in Kriegszeiten sich sachlich zu wähnen, da man in 
abgekürztem Kriegsverfahren Ankläger und Richter in einer 
Person spielt? Wie immer man über Möglichkeit oder Notwen- 
digkeit der VölkerversöhnuDg denkt: die Abrechnung mit dem 
französischen Nationalcharakter, die zum Zwecke der Erfor- 
schung kultureller Vorbedingungen eines Syntagmas betrieben 
wird, kann die Gewitterspannung zwischen Deutschland und 
Frankreich nicht lösen, sondern steigern. Lasset uns fremde 
Kulturen kennenlernen und verstehen, bevor wir sie werten 
und mißdeuten!' Werke wie die Lerchs sind geeignet, jene 
Aufgeklärteren unter den Feinden (Typus: Romain Rol- 
land) in ihren gewiß irrigen Meinungen über den 'mensonge 
allemand', die selbstgefällige, in Phrasen sich blähende Spielart 
des deutschen Idealismus zu bestärken, die neulich W. Küchler 
auch an einem deutschen Kritiker Romain Rollands gerügt hat. 

Ich habe den Modernisierungsversuch, den Lerch mit der 
Sprachwissenschaft macht, ausführlicher besprochen, um zu zei- 
gen, wie das gegenwärtige Schlagwort von der kulturellen 
Durchdringung der Sprachwissenschaft auf Abwege führen kann.^ 

Die aristokratische Linguistik hat es bisher verschmäht, auf 
die foire sur la place herabzusteigen. Vielleicht hat sie zu sehr 
dem Experiment, dem Detailkram, der geistgereinigten Lautlehre 
gehuldigt, die brennenden Gedanken, die jeder Laie an sie stellt 
(Was ist, woher kommt Sprache? woher Dialekte? woher Sprach- 
veränderung?), unbeantwortet gelassen und sich mehr zu einem 
Gelehrtensport entwickelt, vielleicht auch zu sehr das Konstruktiv- 



Sprachwissenschaft in Frankreich, Antoine Meillet, Professor am CoUöge 
de France, in seinem 1918 erschienenen Werke Les langues de l'Europe 
■nouvelle S. 294 ff. über die deutsche Wissenschaft geäußert hat. 

1 In Neueren Sprachen 1918, S. 274 f., schreibt Voßler über meinen 'Anti- 
Chamberlain': 'Am liebsten möchte Spitzer auch das Deuten uns verbieten, 
vor allem wohl deshalb, weil es gar so leicht in das Kritisieren und Werten 
hinübergleitet'. Gewiß tut es das nicht bei V^oßler. Ob aber sein Schüler 
die in meinem Werkchen vorausgesehenen Gefahren der Deutung über- 
wunden hat? Lercli teilt uns mit, er habe zuerst den historischen Teil 
in drei Seiten erledigen wollen (S. VIII) — wäre er dabei geblieben! 

2 Der Titel der Arbeit deckt sich nicht mit dieser; es handelt sich in 
ihr nicht um sittliches Sollen im Sinne des kategorischen Imperativs, der 
doch nur aus dem Innern eines Ich stammen kann, sondern nur um 
ein Heischen von einem D u. Richtig sollte die Arbeit heißen : 'Das 
französische Heischefuturum im Spiegel des französischen National - 
Charakters.' 



Eine Strömung innerhalb der romanischien Sprachwissenschaft 129 

Mathematische, das zwischen- oder übersprachlich ist, beachtet 
und die Einzelsprachen wie eine Algebra, ohne Ansehung der 
Person, will sagen, ohne tieferes Eingehen in die sprachlich nie- 
dergelegte Kultur eines Volkes, behandelt; auch ist jener philo- 
logische Betrieb, der etwa eine altfranzösische Unbedeutendheit 
einem neufranzösischen Dichtergenie vorzieht und in der sta- 
tistisch tadellosen Lautlehre eines mittelalterlichen Textes oder 
in Dissertationen vom Typus 'Die Tränen im französischen 
Epos' das Non plus ultra der Gelehrtenforschung erblickt, 
mit der Linguistik in einen Topf geworfen worden; end- 
lich hat die ausschließlich grammatisch-literarische und histori- 
sche Schulung unserer Gymnasiallehrer, die von der Kultur des 
Volkes, dessen Sprache sie lehren sollen, nichts erfahren, ein In- 
der-Luft-sch weben dieses Wissens verursacht — aber die Lin- 
guistik als solche trägt keine Schuld, wenn Routine und 
Schlendrian sie gelegentlich herabwürdigten: sie ist keine 'alte' 
Wissenschaft, die erneut oder auf neue Basis gestellt werden 
müßte. Auch ohne Revolution können wir ruhig an den Vor- 
kriegsstand anknüpfen. Sie braucht vielleicht nur etwas zu- 
gänglicher dem Gedanken, etwas ansprechender in ihrer äuße- 
ren Form zu werden. Es ist verständlich, wenn die vom natur- 
wissenschaftlich-historischen Betrieb unserer Wissenschaft unbe- 
friedigte Seele nach Irrationalem strebt, aber deshalb darf man 
im Sprachlich-Toten nicht Seele suchen. Die Sprachwissenschaft 
ist bisher Kammermusik gewesen — nicht ungestraft darf man ihre 
diskreten Weisen in großen Prunksälen mit Bläsern aufführen (und 
Lerch spielt eine laute Posaune) . Lieber als aufgedonnerte Resultate 
liefere sie das beschränkte Maß von sicheren Erkenntnissen, 
das sie zu liefern imstande ist! Gewiß mag es dem großen 
Publikum mehr imponieren, wenn man ihm sagt, die fran- 
zösische Tyrannei spiegle sich im französischen Futurum — als 
wenn man einfach konstatiert, das Heischefutur sei eine volks- 
tümliche syntaktische Ausdrucksform, die auftauche und ver- 
schwinde, je nach dem mehr oder weniger volkstümlichen Cha- 
rakter der französischen Literatur — aber es ist auch verlocken- 
der und befriedigender, mit Chamberlain in den schönsten Rassen- 
spekulationen über Dante den Germanen zu schwelgen, als mit 
Meyer-Lübke einfach zu konstatieren, daß der Name Alighieri 
nichts für die germanische Herkunft beweisen könne. Das Glän- 
zende ist nicht immer das Wahre! Und wenn die Schreier auf 
der Gasse von uns 'Glänzendes' verlangen, wo wir nur 'Wahres' 
bringen können, so lassen wir sie sich heiser schreien, bis ge- 
mäßigtere Zeiten von uns nur das Maß von Erkenntnissen ver- 
langen, das wiv leisten können — und es ist nicht gering! Man 
denke bloß an die von der Sprachwissenschaft ausstrahlende 

Archiv f. n. Sprachen. 141. 9 



130 Eine Strömung innerhalb der romanischen Sprachwissenschaft 

Lehre von der wellenartigen Ausbreitung aller Kulturerscheinun- 
gen, an Wundts von der Sprachbetraclitung ausgehende Theorie 
der menschlichen Ausdrucksbevi^egungen, an die sich allmählich 
bahnbrechende Erkenntnis von dem Ewig-Sekundären in der 
Sprache, von Übereinstimmungen zu verschiedenen Zeiten und an 
verschiedenen Orten usw. Ich sehe weder die Notwendigkeit einer 
'neuen' Sprachwissenschaft noch die Alleinberechtigung 'der' 
neuen Sprach wi^enschaft Lerchs: ich sehe neben Voßlers gewiß 
lobenswerter, kulturell gerichteter Forschung im ganzen sogar 
fünf alt-neue Richtungen, die innerhalb der romanischen Philo- 
logie weiterentwickelt werden können: 

die historische Richtung der Sprachvergleichung, wie sie 
unter den Romanisten von Schuchardt und Meyer-Lübke vertre- 
ten wird, die längst (seit 1898, dem Erscheinungsdatum der 'Ro- 
manischen Etymologien' Schuchardts) sich als Dienerin der Kul- 
turwissenschaft fühlt und sich immer mehr entpositivieren, immer 
mehr vergeistigen wird (daß sie mit den 'Sachen' begann, ist rich- 
tig: sie blieb so 'sachlich'); 

die biologische Richtung der Dialektologie, von Gillieron 
vertreten, die berufen ist, unsere ganze Einsicht vom Sprachwer- 
den zu revolutionieren und am französischen Sprachatlas für 
Jahrzehnte zu arbeiten hat; 

die statisch-deskriptive Richtung, die Saussure gesehen 
hat, die durch die Beobachtung der stilistischen Wertigkeiten, wie 
sie Bally betreibt, zur Einsicht in die latenten Sprach Verände- 
rungen, in das Zustandekommen der Sprach Systeme verhilft 
— eine Richtung, die überhaupt noch nicht über einzelne geniale 
Vorahnungen der genannten Gelehrten hinausgekommen ist; 

die soziologische Betrachtung, von Meillet, Sainean und 
Dauzat begründet, die die Sprache nach den sozialen Schichtungen 
ihrer Sprecher betrachtet und in der Argotforschung schon 
Nennenswertes geleistet hat;^ 

die philologische Richtung, die, wenn sie nur nicht 
Alleinberechtigung anstrebt, heute durch kenntnisreiche Männer 
wie Appel und Schultz-Gora vertreten wird, und die wir ebenso- 
wenig 'ausräuchern' wollen wie irgendeinen Zweig menschlichen 
Wissens. 

Und wer weiß, ob nicht noch neue Richtungen 'entdeckt' 
werden? Ist es aber nicht eine Art Diktatur, alle Kanzeln nie- 
derzurennen und von einer einzigen herab zu orakeln: Haec est 

1 In der Frankf. Ztg. vom 23. 8. 1919 vindiziert Lerch auch für seine 
'neue Sprachwissenschaft' die Betrachtung der Sprache 'in ihrer sozialen 
Funktion'. Aber gerade Lerch beschäftigt sieh nicht mit der Erforschung 
der Sondersprachen, der Argots, mit der jene Franzosen Ernst gemacht 
haben. 



Eine Strömung innerhalb der romanisclien Sprachwissenschaft 131 

veritas. Das ist die neue Sprachwissenschaft! Freuen wir uns, 
daß es noch andere Kanzeln und noch andere Redner gibt, die 
vorsichtiger sprechen: Quid est veritas?^ 

1 [Ich habe diesen Aufsatz der Zeitschrift eingereicht, bevor ich die 
Äußerungen von Debrunner, Franz, Klemperer, Meyer-Lübke, Schultz-Gora, 
Voßler gelesen hatte, mit denen meine Ausführungen sich oft decken. Seitdem 
ist auch ein schönes Buch von E. Hurwicz, 'Seelen der Völker, Ideen zu einer 
Völkerpsychologie' (Gotha 1920) erschienen, das zu gedeihlichem Arbeiten 
auf dem Gebiet der Vergleichung der Völkerpsychen die Befolgung der 'Me- 
thode des psychischen Strukturzusammenhangs', d. h. der Verbindung aller 
Methoden (der sprachlichen, ökonomischen, historischen usw.), fordert und 
gegen die völkerpsychologischen Verallgemeinerungen polemisiert: 'Jene 
vulgäre Ansicht, die stets mit einfachen Sätzen arbeitet, ist schon deswegen 
unhaltbar, weil auch die Psyche der Völker, wie die der Einzelnen, gar man- 
chen Widerspruch in sich hält.'] 

Bonn. Leo Spitzer. 



Kleinere Mitteilungen. 

Zur Voranstellung vornehmlich des räumlichen Adverb- und 
Präpositionsattributs in der modernen deutschen Prosa. 

Obgleich diese im weitesten Sinn des Wortes einzigartige Erscheinung 
ausführlicher Behandlung wert wäre, ist noch nicht einmal versucht, sie 
psychologisch zu begründen. Die Erscheinung ist bei modernen Schrift- 
stellern — nicht etwa bloß in der Alltagsrede — eine keineswegs seltene 
und dürfte in Zukunft noch weitere Verbreitung finden. Seit Jahren 
habe ich mir bei allerdings etwas gemischter Lektüre einschlägige Fälle, 
notiert, und meine Sammlung, beträgt zurzeit etwa anderthalbhundert 
Belege, die sich gewiß, wenn man sich Mühe geben wollte, vervielfachen 
ließen. Ich gebe zunächst eine Auswahl, nach den verschiedenen Typen 
geordnet, um nachher zu fragen, wie dieser Sprachgebrauch nach meiner 
Ansicht psychologisch zu erklären sei. 

A I. Uemonstrativadverb -f- Hauptwort. 
1. Dort der steile Felsen, durch den ... ein Eisenbahn- 
tunnel hindurchführt, istdie Lorelei, Echo 125. — 2. S i e h s t 
du, do^t^echtshinüberderdunkleWaldistderRindl.es- 
b e r g, Granit 122. — 3. Es scheinen neue Steuern eingeführt 
werden zu sollen, hier der Leitartikel macht seine 
Randbemerkungen dazu, Echo 44. — 4. Hier unsre Küche 
kann ich nun in- und auswendig, und drin die Stube 
auch, Erde 1. — 5. Hier meine Geschwister, Herr Professor, 
haben mir nämlich ... diesen Ra um eingerichtet, Cramp- 
ton V. — 6. Hier nebenan die pol ack sehen Weiber tun 
einem gebrannt Herzeleid an, Heer 1 74. — 7. Nun auch 
nebenan die Villa auch leer stand, war sie in beständi- 
gem Zittern, Erde 282. — 8. Draußen der Feldwebel wun- 
derte sich noch einmal, Presseball 167. — 9. Draußen der 
selige Erlöser wind rüttelt am Hause, Westermann, April 
1911 (R. H. Bartsch) . — 10. Drüben das weite Heideland war 
zu einem uferlosen See geworden, Strom (Seitenangabe zurzeit 
nicht möglich) . — 11. Drüben der Destillateur hatte sich 
nun doch bis auf 45 Taler schrauben lassen, Brot, I, 72. — 
12. Ich denke, Sie nehmen nebenan den Himmel (das Himmel- 
bett) , Stechlin 21. — 13. Nebenan die B unzlauer Landwehr 
machte es nicht anders, Marschall 28. — 14. Hoch oben die 
Wipfel der alten Bäume neigten sich, Eisen 364. — 

15. Rechts und links die Hecken sind hoch, Tau 141. — 

16. Links das Landgestüt lag wie im Schnee begraben, 
und auch rechts oben Spinnerei und Strafanstalt haben 
ihre Konturen verloren, Heym 202. — 17. Li n-k s das nied- 
liche Gehöft gehört einem Schwaben, Heer 30. — 18. In 
dem Teich wuchsen Kallas und Lilien; und ringsum die 
hohen Gebüsche durchleuchteten wieder Rosen, Villa I, 
136. — 19. Unten die Musik dudelt immer noch, Tau 187. — 
20. Ringsherum die Wälder sind grau vom Dampf und 
Rauch (aus einer Kriegskorrespondenz der Berl. Morgenzeitung 1916; 
Nummer nicht mehr zu ermitteln). — 21. Die Liebe ist nur der ... 
Jugend erlaubt und vielleicht uns Greisen ... Da- 
zwischen das sehende Leben kennt sie nicht. Westermann, 
April 1911 (H. Mann). 



Kleinere Mitteilungen - 133 

A II. Demonstrativadverb -|- präpositionale 
Fügung -|- Hauptwort. 
22. Da über ihnen das stolze Schiff ist mit der Spitze 
zur Erde geneigt, Westermann (nähere Angabe zurzeit nicht mög- 
lich) . — 2.3. Geh herum, ums Haus, stöhnte der alte Mann, 
hinten — in der Küche — die Köchin — soll Wasser 
bringen, Tat II, 136. — 24. Droben in ihrem Bette die 
Assistentenfrau war aus tiefem Schlummer aufge- 
schreckt, Strecke 6. — 25. Oben in der Kammer die beiden 
Frauen hörten ... den Amsterdamer Zug, ib. 13. — 26. Dort 
am Eingang zur Station die Vertiefung unter der 
Unterlegsplatte der Weiche beherbergt gleichfalls 
ein Nest, Westermann, Juli 1912 (M. Braeß). — 27. Rechts und 
links von ihm die beisitzenden Hichter konnten gegen 
seinen feinen ... Kopf nicht recht aufkommen. Nichts 138. 
— 28. Rechts von uns die Schützen zeigen sich schon ganz 
ungeniert, Spitze 224. 

B. Präpositionale Fügung -|- Hauptwort. 
29. Aber ehe es sich E. K. und ... P. versahen, war auch 
schon wieder über dem Torweg die graue frostige Dame 
mit dem Merkuriusstabe da (am Hause, wo sie wohnten und nun 
angelangt waren, befand sich ein solcher Schmuck), Kubinke 242. — 
30. In der Ferne der mattere Streif von Grün war die 
Weide, Wiehert 344. — 31. Wir sind seit Anfang März Nach- 
barn. — Sie sind unter mir der einsame Stern? (sich auf ein 
erhelltes Fenster beziehend), Villa II, 46. — 32. Einer geistigen 
Nacht entgegen gehen — das also bedeuten in meinem 
Kopfe die Ameisen, ib. II, 165. — 33. Unter uns die Wellen 
rissen den Fährnachen fast von der Kette, Klaus 24. — 
34. Um ihn her die Stelle, wo das Holz lag, war wind- 
geschützt, Petöfy 202. — 35. ... auf dem Sims zunächst bei 
mir eine kleine Katze hat auch die Augen zugedrückt, 
Nolten 150 (der einzige Fall, wo ich vor dem Hauptwort den unbestimmten 
Artikel gefunden habe) . — 36. ... unter ihm der Stewardmaat 
packte die geleerte Tasse, Heimkehrfieber I, 58. — 37. Hinter 
ihr ihr Gatte beugte sich ... zu ihr vor. Nichts 14. 

Wie ist nun dieser Sprachgebrauch zu erklären? Ich stelle zunächst 
fest, daß er sowohl den skand. Sprachen als anscheinend auch dem Engl, 
durchaus fremd ist. Es darf auch nicht auf eine den Demonstrativadverbien 
innewohnende Tendenz zum Vorantreten basiert werden, sonst bliebe diese 
Sonderstellung des Deutschen völlig rätselhaft. 

Um uns zunächst über die allgemein sprachpsychologischen Bedingungen 
klar zu werden, die unserm Sprachgebrauch zugrunde liegen, haben wir uns 
solchen Sätzen zuzuwenden, die es zum Zweck haben, die Auf- 
merksamkeit des Angeredeten unter gleichzeitiger 
Angabe der Richtung auf irgendeinen Gegenstand zu 
lenken, und welche ich orientierende Aufforderungssätze 
nennen möchte. 

Wenn wir zuerst einen gewöhnlichu Aussagesatz nehmen, z. B. Ich 
sehe draußen einen Kerl, so ergibt sich ohne weiteres, daß 
draußen adverbiale Prädikatsbestimmung ist. Dies könnte man freilich 
auf den ersten Blick geneigt sein in Abrede zu stellen, und zwar aus dem 
Grunde, weil der physiologische Vorgang des Sehens sich ja nicht 'draußen' 



134 Kleinere Mitteilungen 

abspiele, sondern naturgemäß bei dem seilenden Subjekt selbst. Dem 
sprachbildenden Volksgeist aber ist eine derartige 'gelehrte' Anschauungs- 
weise ganz fremd. Dieser faßt nämlich einfach das Sehen als eine vom 
Subjekt ausgehende bewegungsartige Tätigkeit auf, die den betreffenden 
Gegenstand trifft, was eben 'draußen' stattfindet. 

Ganz anders nun, wenn wir einen Satz vornehmen wie Siehe 
draußen den Kerl! Hier ist draußen selbstverständlich Attribut. 
Die Gruppe draußen den Kerl vertritt eben ein vom Redenden schon 
gewonnenes psychisches Resultat, und er will nun seinerseits dem An- 
geredeten zu einem ähnlichen verhelfen; er wünscht die Wahrnehmung des 
letzteren mit Bezug auf den ihm selbst der Lage nach schon bekannten 
Gegenstand zu aktualisieren. 

Derartige Sätze — ich nenne sie der Kürze halber 0-Sätze — wären 
nun als Ausgangspunkt der ganzen in Rede stehenden Entwicklung anzu- 
sehen. Sie treten häufig als Fragesätze auf, sind indessen stets daran 
erkennbar, daß sie sich in die Befehlsform verwandeln lassen. Einen echten 
Fragesatz haben wir dagegen in Siehst du draußen einen Kerl? 
wo sich diese Verwandlung nicht durchführen läßt. Man kann allerdings 
sagen Siehe draußen ein[en] Kerl! Dies ist aber ein reiner Aus- 
rufungssatz, kein Aufforderungssatz, und siehe draußen ist als eine 
interjektionale Gruppe zu betrachten, ganz wie das franz. voilä! Die 
Verflüchtigung des verbalen Gehalts geht schön allein aus dem Umstände 
hervor, daß der Nominativ hier mehr am Platze sein dürfte als der 
Akkusativ. Das Ganze ist eine gefühlsbetonte Aussage ohne jede bewußte 
Absicht, den Angeredeten zu beeinflussen. Damit soll natürlich nicht gesagt 
werden, daß nicht eine solche Beeinflussung tatsächlich stattfinden kann. 

Was nun diese 0-Sätze des weiteren betrifft, so läßt sich bezüglich der 
Stellung des Attributs die Beobachtung machen, daß die Spitzenstellung 
desselben einen hohen Grad von Festigkeit erlangt hat. Dieses Verhältnis 
dürfte wiederum auf zweierlei Gründe zurückzuführen sein. 

1. Die 0-Sätze enthalten zwei Momente, einerseits das Willensmoment, 
das im Prädikatsverb liegt., andererseits ein theoretisches Moment, das in 
der Richtungsangabe seinen Ausdruck findet. Es trägt nun in solchen 
Sätzen erfahrungsgemäß zur schnelleren Verwirklichung des Willens des 
Redenden bei, wenn die Richtungsangabe der Bezeichnung des Gegenstandes 
selbst vorangeht. Dieser sozusagen pädagogische Zug tritt in den folgenden 
der Literatur entnommenen 0-Sätzen besonders klar zutege: 

38. Sehen Sie dort drüben am Schwanen den Schutz- 
mann? Dürr 4L — 39. Siehst du da drinnen in der Kirche, 
vorn am Altar das Rote? Wallfahrt 35. 

Daß hier die vorangehenden Bestimmungen attributiv gedacht sind, 
scheint mir unzweifelhaft, die Interpunktion deutet ja auch darauf hin. 
Man wird auch sagen können, z. B. dort drüben a. S. der Schutz- 
mann ist mir bekannt und da drinnen i. d. K. v. a. A. das 
Rote ist das Muttergottesbild, obgleich das letztere wegen 
seiner Schwerfälligkeit lieber vermieden würde. 

2. Dieser allgemeine Gesichtspunkt reicht indessen nicht allein hin, um 
diesen Hang zur Spitzenstellung zu begründen, sonst würde ja, wie oben 
angedeutet, eine analoge Erscheinung in den verwandten Sprachen zu 
gewärtigen sein. Vielmehr muß ein für das Deutsche spezifischer Umstand 



Kleinere Mitteilungen 135 

mit herangezogen werden, und das kann kein anderer sein als die deutsche 
Sprachgewohnheit, das Objekt ans Satzende zu rücken. Dies müßte also 
als der eigentliche ausschlaggebende Faktor betrachtet werden, neben dem 

der unter 1) erwähnte als ein mehr sekundärer auftritt. 

*■ 

Wenn wir also in dem oben geschilderten Milieu das Vorhandensein von 
festen Gruppen haben feststellen können, ergibt sich die folgende Entwick- 
lung ohne größere Schwierigkeit. Es ist gewissermaßen nur eine Zeitfrage, 
wann sie sich aus ihrer natürlichen Umgebung loslösen werden, um auf 
fremde Gebiete überzugreifen. Zunächst kommen wohl solche Fälle in 
Betracht, wo ein Urteil über etwas gefällt wird, worauf gleichzeitig, noch 
rein äußerlich und mittels eines Demonstrativadverbs mit oder ohne Er- 
gänzung hingewiesen wird — zuerst wohl postverbal, z. B. ich kenne 
draußen den Kerl, dann allmählich in jeder beliebigen Stellung, z. B. 
draußen der Kerl muß ein Bettler sein, dann auch ohne 
Demonstrativadverb Auf dem Hofe der Kerl muß ein Bettler 
sein. Die letzte Stufe vertreten die Fälle, wo diese Orientierung, dieser 
'Wille zur Klarheit' nicht dem Angeredeten, sondern dem Leser gilt, die 
demonstrative Kraft also einigermaßen abgeschwächt erscheint. Somit ist 
aus diesen der gesprochenen Sprache entstammenden Fügungen schließlich 
ein stilistisches Mittel entstanden, um der Schilderung mitunter eine ge- 
wisse Anschaulichkeit, einen sozusagen impressionistischen Zug zu ver- 
leihen. Der Sprache ist damit auch die Möglichket an die Hand gegeben, 
attributivische Bestimmungen um ein Hauptwort herum gruppieren zu 
können, was vom ästhetischen Gesichtspunkte aus natürlich ein großer 
Vorteil ist, welcher den vorhererwähnten Sprachen abgeht. Vgl. folgende 
Belege (auch oben 26, 27) : 

40. Drüben die Villen jenseits der Straße machten 
den Eindruck, als schlummerten sie, Gaza 286. — 41. Neben- 
an die Frau Oberamtmann auf Ranzin hat sich ... ver- 
lobt, Woche 1908, H. 5 (G. Engel). — 42. Drüben das Heidekraut 
auf der Opitzschen Seite schimmerte rot. Quitt 70. — 
43. Das war doch etwas anderes als bei seinem alten 
Chef die paar Schminkdosen, auf denen der Staub so 
hoch lag, Kubinke 23. 

(Die Voranstellung ermöglicht hier auch das Aneinanderrücken von 
Relativsatz und Korrelat.) 

Die folgenden Belege sind wohl als eine Art Zwischenform zu betrach- 
ten, die Sprache ist gewissermaßen auf halbem Wege stehengeblieben : 

44. Hier rechts das Muttergottesbild, das müssen Sie 
sehen, Sturm TV, 177. — 45. Da nach links hin die weite 
Fläche mit den Weidenbüschen am Ufer, das war die 
Krampe, ib. 260. (Die vielen nachfolgenden Bestimmungen haben hier 
wahr.scheinlich die Wiederaufnahme des Subjekts veranlaßt. — 46. Vor 
mir die See. die ist ganz wie bei uns zu Hause, Woche 1908, 
H. 13 (G. Engel, aus einem Briefe;). — 47. ...anderTürdiebeiden 
hölzernen Weisen aus dem Morgenlande, sie verziehen 
grinsend ihr Silberantlitz, Woche 1908, H. 3 (derselbe). 

Ich möchte zuletzt auf einige nahestehende Fälle hinweisen, wo wir es 
mit dem vorangestellten Attribut eines von einer Präposition bestimmten 
Hauptworts oder äquivalenten Ausdrucks zu tun haben. Da ich erst kürz- 
lich auf solche Fälle aufmerksam geworden bin, kann ich nur ein spärliches 
Material bieten. 



136 Kleinere Mitteilungen 

48. Tretet näher, Machiavell! leb denke hier über 
den Brief meines Bruders (Goethe, Egmout 103). (Der Fall 
scheint nicht ganz sicher, ich denke könnte auch als ich sitze und 
denke aufgefaßt werden, vergleiche aber den folgendn Beleg.) — 49. Ich 
bin mir hier über das System doch nicht ganz klar, Hof- 
dame 119. — 50. Unten aus dem Flur kam er, Erde 11. — 
51. Machen Sie, daß Sie hier wegkommen, ib. 360. (Ich fasse 
hier als Attribut zu weg auf, andernfalls wäre von hier zu erwarten 
gewesen). Und der obigen Gruppe B entsprechend: 52. So machte es 
z. B. Eugenie großen Spaß, zum Fenster hinauszusehen 
und auf der Straße über die Vorübergehenden ihre 
lustigen Bemerkungen zu machen. Backfischchen 121. — 53. 
Wo retten wir uns? An der Mauer den Nußbaum hin- 
unter ins Feld (Götz 521). (Dies scheint mir die einzig zulässige Auf- 
fassung dieser Stelle.) 

Vergleiche übrigens solche der Umgangssprache geläufige Wendungen 
wie er ist hier aus der vStadt, u. ä. 

In dem folgenden Belege hat diese im geheimen wirkende Tendenz zu 
einer sehr auffälligen Konstruktion apo koinu geführt, wie sie der 
nachlässigen Rede eigen ist: 

54. Im Hinterhause die beiden Stübchen, die jetzt 
leer stehen, da kann er wohnen und wirtschaften, Pole 46. 
Ob der folgende Fall auch hierher gehört? — 55. Wo wohnen die 
Wächters eigentlich? — Großdorfer Straße. Im Eck- 
haus die erste Etage, Gymnasium I, 57. 

In einer Menge Fälle, wo man gewohnheitsmäßig, ohne weiter darüber 
nachzudenken, Adverbialia sieht, scheint es mir wenigstens sehr die Frage 
zu sein, ob man nicht eher mit Attributen zu rechnen hat. Aber schließ- 
lich kann doch nur der Schriftsteller selbst (wenn er hinreichend sprach- 
gebildet ist) Aufschluß darüber geben, was er im einzelnen Falle gemeint 
hat. Ich führe zwei Beispiele an : 

56. Schon bei Beginn des Chorals hatten sich oben 
die Fenstervorhänge verschoben, Backfischkasten II, 28. — 
57. War' es nun Tag, nun würde rings die Gegend vom 
tausendfachen Glanz der Sonne wider leuch.ten, 
Nolten 346. 

Wie bei dem Parallelismus im sprachlichen Ausdruck des Räumlichen 
und Zeitlichen das eigentlich nicht anders zu erwarten ist, erscheint diese 
Wortstellung auch bisweilen auf die letztere Kateg-orie übertragen. So habe 
ich verzeichnet: 

58. Ich bringe aber doch sehr vieles vom Konditor 
mit, boharrte Frau Seiinge r. Neulich die petits fours 
waren von Hövell, und jetzt das Eingemachte: fran- 
zösische Konserve von Lindstedt, Brot I, 196. — 59. Du 
darfst ganz beruhigt sein, solche Dummheiten, wie da- 
mals der Ausflug nach Rußland war, die machen wir 
nicht wieder, Karu 273. — 60. War seinerzeit Ihr Manöver 
interessant? Rodhe-Abshageu, Deutsches Alltagsleben II, 86. — 61. 
Jedenfalls ist ihr neulich der Konzertabend schlecht 
bekommen, Leopold. Im Deutschen Reich 100.^ 



^ Herr Dr. Ernst A. Meyer von Stockholm bemerkt mir brieflich 
folgendes: 'Aus der Umgangssprache sind mir sehr geläufig Ausdrücke wie 



Kleinere Mitteilungea 137 

Ich habe sogur einige auf Urspruugsverhältnisse bezogene Fälle ge- 
sammelt, von denen ich anführe: 

62. Aber nun würde der Bau doch doppelt so lange 
dauern als vorausgesehen, denn aus Miasteczko der 
Zimmermann mit seinen Gesellen war nur zwei Tage 
erschienen, Heer 33. — 63. Und auch bei knapperer 
Fassung bedarf es hier doch mancher Worte, die die 
mündliche Rede als Ballast auswirft, man vergleiche 
nur aus dem Jahre 77 den prächtigen Septemberbrief 
Goethes von der Wartburg, Wunderlich 70, und schon Goethe 
selbst : — 64. Aber es ist noch viel ärger: eben das Weib 
ist hier aus der Nachbarschaft eine Amtsschreiber- 
tochter, Werther 41. 

Mit Bezug auf 62, 63 möge man das oben über beiderseitige Gruppierung 
Gesagte vergleichen. Das Goethesche Beispiel bringt uns die alt« Wahrheit 
wieder in Erinnerung, daß viele Erscheinungen in der Volkssprache lebendig 
sein müssen, lange bevor sie in der Schriftsprache auftreten. Dieser Tat- 
sache widerspricht ja nicht die oben gemachte Bemerkung über die moderne 
Verwendung dieser Wortstellung als ein bewußter stilistischer Kunstgriff. 

* 

Quellenverzeichnis. 
Backfischchen, C. Helm, Backfischchens Leiden und Freuden; 
Backfischkasten, F. v. Zobeltitz, Der Backfischkasten (Engelhorn) ; 
Brot, Viebig. Das tägliche Brot (Berlin); Crampton, Hauptmann. 
College Crampton; C a z a, Ompteda, Maria du Caza (Ullstein); Dürr. 
Dürr, Die Geschichte von Herrn Steinhausens Uhr (Engelhorn); Echo, 
Wolfram, Deutsches Echo (Stuttgart) : Eisen, Viebig. Eisen im Feuer 
(Berlin) ; Erde, Viebig, Eine Handvoll Erde (Berlin) ; Granit, Stifter, 
Granit (Schw. Schulausgabe bei Norstedt) ; Gymnasium, Busse, Das 
Gymnasium zu Lengowo (Engelhorn) ; Heer, Viebig, Das schlafende Heer 
(Berlin) ; Heimkehrfieber, Boy-Ed, Heimkehrfieber (Engelhorn) : 
Heym, Wasner, Studiosus Heym (Kürschner): Hofdame, Gagern- 
Kospoth. Der Roman einer Hofdame (Engelhorn); Karn, E. v. Wolzogen, 
Peter Karn (Engelhorn); Klaus, Schäfer, Klaus Hinrich Ringhoff (Schw. 
Schulau.«gabe bei Gleerup, Lund) ; K u b i n k e, Georg Hermann. Kubinke 
(Berlin): Marschall, H. v. Zobeltitz, Mit Marschall Vorwärts (Engel- 
horn) ; Nichts, Boy-Ed, Nichts über mich (Engelhorn) : N o 1 1 e n. 
Mörike, Maler Nolten (Die Hundert Bücher) : P e t ö f y, Fontane. Gräfin 
Petöfy (Berlin); Pole, Storm, Pole Poppenspälcr (Schw. Schulausgabe bei 
Norstedt); Presseball, Wasner, Der Presseball (Engelhorn); Quitt, 
Fontane, Quitt (Berlin); Spitze; P. 0. Höcker. An der Spitze meiner 
Kompanie (Ullstein); Stechlin, Fontane, Stechlin (Berlin); Strecke, 
Burg, Strecke frei (Kürschner) ; Strom. Paul Heyse, Gegen den Strom 
(Volksausgabe, Stuttgart und Berlin); Sturm, Fontane, Vor dem Sturme 
(Berlin); Tat, Remin, Ein Genie der Tat (Engelhorn), Tau. Viebig, Vor 



die folgenden : Gestern das Konzert war wirklich wunder- 
voll, Nach dem Mittagessen so eine Zigarre ist doch was 
Schönes', und als Parallelen zu meinen 'Zwischenformen' gibt er 
Morgen der Ball, ich freu mich schon so darauf. Jeden 
Tag von zwei bis drei das Geklimper, wenn das nur ein- 
mal aufhören wollte. 



138 Kleinere Mitteilungen 

Tau und Tag (Berlin) ; Villa, R, Voß, Villa Falconieri (Engelhorn) ; 
Wallfahrt, Viebig, Margrets Wallfahrt (Wiesbadener Volksbücher) ; 
Westermanns Monatshefte ; Wiehert, Wiehert, Litauische Novellen I, 
(Dresden); Goethes Werke (Reclams Auswahl); Leopold, Im Deutschen 
-Reich (Stuttgart); Rohde-Abshagen, Deutsches Alltagsleben (Fritzes 
Verlag, Stockholm) ; Wunderlich, Unsere Umgangssprache in der 
Eigenart ihrer Satzfügimg dargestellt (Weimar u. Berlin) ; Die Woche. 
Gävle (Schweden) . ArvidSmith. 

Zur Vita Ceolfridi (xyrvensis. 

Coelfrid starb auf der Romreise, durch die der Codex Amiatinus aus 
Nordhumbrien nach Rom kam, zu Langres im Gebiet Gangulfs 716. Beda 
entnahm den Todesbericht der Vita Ceolfridi (ed. Plummer I 380. 
400 ff.^ II 369 f., 376). Diesen Gangulf hält Levison (Mon. Germ., 8S. 
Merowing. VII [1919] 143 f.) für wahrscheinlich nicht identisch, aber ver- 
wandt mit dem Märtyrer von Vareunes, dessen Vita er (a.. a. 0.) herausgibt. 

Berlin. F. L i e b e r m a n n. 

Ein Nordfranzose über die Angelsachsen um 625. 

Zu Alcuins Vita s. Richarii Centulensis (ed. Krusch Monum. Germ., 
8S. Meroving. IV [1902] 381) ist die Quelle, ein Heiligenleben, von einem 
Mönche von St. Riquier (nördl. bei Abbeville) etwa 690 — 700 verfaßt, ent- 
deckt worden. Es erzählt: jener heilige Einsiedler empfing so viel Almosen. 
ut captivos redemere potuissetj sua cogitatione disposuit, ut ultra mare in 
Saxonia captivos redemere properaret. Videlicet in Saxonia perrexit; 
Christum, in quo valuit ibidem predicavit, captivos ibidem redemit (Ed. 
Krusch ebd. VII [1920] 448,). Die Nachricht läßt sich nicht genauer als 
etwa 610 — 630 datieren und auf Britanniens Süden nur mit Wahrscliein- 
lichkeit beziehen, darf aber doch wohl al.s Beleg gelten, wieviel Heiden es 
damals dort noch gab, und daß Christen aus Frankreich dorthin verkauft 
waren. — Britannien oder dessen Süden nennt der Verf. 'Sachsen'; vgl. 
meine Gesetze der Angelsachsen II 283. 

Berlin. F. Lieber mann. 

Zum Namen 'Angelsachsen' 

bietet einen frühen Beleg die Vita Berttiini, die zu Malonne bei Namur 
im 9. Jahrh. entstand. Sie beginnt: Vir venerabilis vitae, inclytus pontife.x 
Bertuinus, ex provintia Anglisaxonias oriundus fuit. . . . Miserunt eum 
parentes eius prudentissimis viris litteris edocendum in monasterium quod 
vocatur Otbellum, et ipsmn monasterium eiusdem sancti viri Bertuini 
erat hercditas atque possessio. Der Herausgeber W. Levison erklärt es als 
Outwell in Norfolk; Mon. Germ., 88. Meroimng. VII (1919) 178. 

Berlin. F. Lieber mann. 

Spenseriana.1 
I. 

Of foremost interest was a copy of the editio princeps of The Faerie 
Queene (the earlier issue of the book, before the Sonnet to Lord Burleigh 



1 Read in The British Academy, 29. Nov. 1907. This reprint was pfre- 
pared in spring 1914. 



Kleinere Mitteilungen 139 

had been added,' which appears from internal evidence to have been Spen- 
ser's own copy. On the title-page of this volume^s which was submitted to 
the meeting, among other inscriptions, are the words Tlaoa avrov, which 
Struck me, on seeing the page, as having the force of ad se — that is, 'from 
the author to himself. The Greek is unmistakably in the late sixteenth- 
century hand, the capital iJ pointed at the top. The phrase can only mean, 
in the opinion of all those with whom I have consulted, that the particular 
copy had been reserved by the author for himself. The late Sir Eichard 
Jebb took this view, and, with reference to the writing, enthusiastically 
declared it to be 'the Greek of a poet and dreanier of the Renaissance'.^ 
Spenser and his eircle of friends were addicted to the use of occasional 
Greek, as may be seen from the letters which passed between him and 
Gabriel Harvey, who frequently wrote a Greek word or two on the title- 
pages of his books. 

Other notes on the title-page of the Spenser volume are two lines 
(running along the left-hand margin) evidently in memory of Spenser: — 

In life, and death, most strickt in writ(e)/ accord, 
he lind, hee dide, yt seruant of ye Lord;^ 

while in the right-hand corner are the initials D. S. and T. B., bracketed 
together, the D being changed from some other letter. At the bottom of the 
page is the statement, 'mr lohn borlace gaue mee this booke/ 1630', probably 
to be identified with John Borlace the son of Sir John Borlace who in 1633 
was appointed Master of the Ordnance of Ireland: his other son Edmund 
was the famous historian of the Irish Rebellion; this Borlace family was 
also connected with the Isham family. But there were many ramifications 
and branches of the Borlace family. 

In addition to these manuscript notes on the title-page, towards the 
end of the volume, on the blank left-hand page facing Spenser's letter to 
Sir Walter Ealeigh, are written the following lines: — 

A sa mistresse. 
Happy ye leaves when as those lilly Hands 
That houlds my life in hir deaddoing might 
Shall handle you and hold in Loves swete bandes 
Like captives trembling at ye victors sight. 

Happy ye lines when as with starry light 
Those lamping eies shall deigne on you to looke 
And reade the sorowes of my dieng spright 
written with tears in harts close bleedinge book. 

Happy ye rymes bathde in ye facred brook 
of Helicon whence shee derived is 
when as you shall beholde yt angells looke 
my soules longe lacked foode my heavens blisse. 

1 See § IV. 

2 The quarto was bought by me from Mr. Robson, who bought it at 
Sotheby's in 1900. It is half an inch taller than the quarto as issued — to 
judge by extant copies, and especially by a copy in the original vellum 
binding also in my possession. 

' The word jtQog is written, in a slightly later Greek hand, a second 
time under avrof the diflference in the caligraphy of the word repeated i? 
noteworthy. 

* i. e. in right accord. he lived, he died, that servant, &c. 



140 Kleinere Mitteilungen 

Leaves, lines & rymes seeke her to please alone 
Whome if you please I eare for others none/. 
The lines undoubtedly represent the first form of Sonnet I of Spenser's 
Amoretti, and, apart from their supreme fascination from many points of 
view, are of great value as illustrative of Spenser's method and style of 
writing, and as throwing light on the history of the Sonnet sequence, 
addressed by Spenser to Elizabeth Boyle, to whom he became devoted about 
1591-2, soon after the publication of the first three books of The Facrie 
Queene, and whom he married in 1594. The Amoretti, together with the 
Epithalamion, licensed for publication in 1594, appeared in 1595. It would 
seem therefore that Spenser sent his own copy of The Faerie Queene to the 
lady who at last was to displace his earlier love for 'the widow's daughter 
of the Gleu', inscribing therein the Sonnet, which was subsequently to form 
the prelude to the whole sequence of the Amoretti. The changes introduced 
in the printed form clearly indicate later revision.^ Thus now for the 
first time the real force and meaning of the first Sonnet are made clear — 
namely, that it refers to 'leaves, lines, and rimes' of The Faerie Queene, 
and was written to ask the lady's aeceptance of the book, the progress of 
which, we learn from the Amoretti (cp. Sonnets xxxiii; Ixxx), was impeded 
by the distractions of his wooing. 

II. 
So far no scrap of poetry in Spenser's handwriting had been discovered, 
although there are several official State documents with at least nine signa- 
tures of Spenser extant. The result of my investigations as to Spenser 
documents among the Irish State Papers was to add at least one document 
to the two already accepted as being holographs (viz. the Record Office 
'Reply to Commissioners on Plantation of Ulster', 1589:2 and the undated 
deed, of about the same time, in the British Museum, Add. MS. 19869). 3 

^ Amoretti, Sonnet I:— 

'Happy ye leaues when as those lilly hands, 

which hold my life in their dead doing might 
shall handle you and hold in loues soft banda, 
lyke captiues trembling at the victors sight. 

And happy lines, oii which with starry light, 

those lamping eyes will deigne sometimes to look 
and reade the sorrowes of my dying spright, 
written with teares in harts close bleeding book. 

And happy rimes bath'd in the sacred brooke, 
of Helicon whence she deriued is 
when ye behold that Angels hlessed looke, 
my soules long lacked foode, my heauens blis. 

Leaves, lines and rymes, seeke her to please alone, 
whom if ye please, I care for other none./ 
(Words in italics indicate the differences between the two versions.) 

2 Cp. State Papers, Irish, cxliv, 70; Cal. State Papers, Irish, 1588-92, ed. 
Hans Hamilton; 1598-9, ed. E. G. Atkinson. 

Some of the endorsements of documents, among those bearing his signa- 
ture, may well be in Spenser's handwriting. 

3 The document was purchased 'among a number of other Roche papers 
from James Roche, of Cork, in 1854' (cp. British Museum: Series of Auto- 
graphs) . 



Kleinere Mitteilungen 141 

I would Claim as a Spenser holograph an important indictment against his 
enemy Lord Roche, hitherto unrecognized as such, owing to interpolations 
between the clauses by another band.' This, a two-paged paper, dated Oc- 
tober 12, 1589, belongs to the same year as the other papers, and is actually 
about the same time as Spenser's departure with Sir Walter Raleigh for 
London, the two causes that took.liim there being the publication of The 
Faerie Queene, and 'private affairs'. The handwriting of the Sonnet A 8a 
Mistresse is written with greater care, and is more ornate than the writing 
of the documents; the heading is in the Italian band with the long double //, 
reminding one of Spenser's charaeteristic signature; whereas the Sonnet 
from the third to the fourteenth line is in the old English band, the first 
two lines are in an artificial writing, Italic for the most part, but with a 
picturesque Gothic a in the word deaddoing. No form of writing could raore 
characteristically reflect the varying elements of Spenser's poetry. The 
cumulative evidence afforded by the volume, together with questions of date 
and style, all tend to confirm the conclusion, that here we have Spenser's 
own copy of The Faerie Queene, sent by him A Sa Mistresse, enriched with 
these dedicatory lines, which in revised form were to stand as the first of 
the long sonnet-sequence published later under the title of Amoretti. He 
seems to have kept true to the triumphant assertion in the closing lines of 
the Sonnet, for when in 1596 the second edition appeared of Books 1 to 3 
of The Faerie Queene, the Dedicatory Sonnets to Noble Lords and Ladies, 
inserted in the first edition, were omitted. 

IIL 

Another volume submitted to the meeting threw new light on Spenser's 
history at the time he was writing The Shepherd's Calendar. The volume, 
a collection of books of travel bound together and annotated throughout, be- 
longed to Gabriel Harvey,^ Spenser's great friend. One of the items in the 



1 Messrs. Walker and Cockerell photographed for me these Spenser docu- 
ments. In sending me the facsimile of the last lines and signature of this 
indictment Mr. S. C. Cockerell (now Director of the Fitzwilliam Museum, 
Cambridge) made the foUowing Observation: — 'A note on one of the photo- 
graphs which I have disfigured with red ink is very like that of the sonnet, 
but this does not seem to be in Spenser's autograph. At any rate it is 
very different from the note enclosed in a line at the foot of the page.' On 
looking into the matter, I discovered that 'the note disfigured' was one of 
the main clauses of the indictment; that it was in the same handwriting 
as the indictment generally; while the 'note enclosed' was in a different 
band, probably in that of the interpolator of the persons named (inserted 
between the items). There could be no doubt that the indictment was in 
the same band as the two documents aceepted as Spenser's holographs. 
Mr. Cockerell's Observation was singularly helpful, more especially as the 
document at first sight did 'not seem to be in Spenser's autograph'. Hence 
it escaped the notice of the authorities and those who described the records. 
When once the whole document was reproduced there could be no question 
un the point. Later on I hope to publish all these Spenser documents, 
together with facsimiles of other documents of Spenserian interest. 

2 The collection contains the foUowing items: — (i) Twine's Survey of the 
World (First written in Greek hy Dionise Alexandrine), 1572; evidently 
Gabriel Harvey's in 1574; carefuUy read and briefly annotated by him: (ii) 



142 Kleinere Mitteilungen 

* 

coUection is 'The Traveller of lerome Turler, imprinted at London 1575", 
and the title-page bears in Gabriel Harvey's handwriting the following 
Statement: — 'Ex dono Edmundi Spenseri, Episcopi Roffensis Secretarii, 
1578.' From this we now definitely know that Speuser's September 
^glogue of The Shepherd's Calendar, where he speaks of himself as 'Roflfy's 
Boy', has reference to the office he held. Rinder Dr. Young, Master of Pem- 
broke Hall, Cambridge, Spenser's own College, created Bishop of Rochester 
in 1578; Spenser evidently was at ouce appointed secretary to the Bishop, 
an Office no doubt gained for him at Gabriel Harvey's Suggestion, to 
withdraw him from 'the northern soll that bewitched him', as referred 
to in the June ^^glogue, and as E. K., Spenser's frieud, states in his gloss 
to the passage. Gabriel Harvey's gift book from Spenser gives the long- 
sought clue to questious affecting date and Interpretation of The Shepherd's 
Calendar. The tale of the Wolf and the Lamb may well refer to the 
history of Thomas Watson, the Romish bishop of Lincoln, who in January 
1578-9 was eommitted to the keeping of the Bishop of Rochester, and eaused 
difficulties. lucidentally, also, the reference is of interest, in connexion with 
the printed letters between Spenser and Gabriel Harvey, and more especially 
Spenser's Latin poem of October, 1579, referring to his approaching voyage 
and to Harvey's safe return from journeying abroad. In the Bodleian 
Library there is a copy of the romance of Howleglas, given to Harvey by 
Spenser on December 22, in this same year, 1578, and Harvey has noted 
the quaint conditions of the gift (see Macray's Annais of the Bodleian). 
Prefixed to Harvey's small coUection of travel book are some seven 
pages of notes in his handwriting dealing mainly with the place of astro- 
nomy in poetry. Starting with the astronomical descriptions in Chaucer 
and Lydgate, 'fine artists in many kinds, and much better learned than our 
modern poets', he adduces various illustrations, and includes two inter- 
esting references to Spenser, one in Latin, the other in English: — 

'Ssepö miratus sum, Chaucerum et Lidgatum tantos fuisse in diebus Ulis 
atsronomos. Hodiernos poetas tarn esse ignaros astronomise: praeter Bu- 
clseum, Astrophilum, Blagravum, alios perpaucos, Uranise filios. 

Pudet ipsum Spenserum, etsi Sphserse astrolabiique non planS ignarum; 
suse in astronomicis Canonibus, tabulis, instrumentisque imperitise. Prse- 
sertim, ex quo vidit Blagraui nostri Margaritam Mathematicam.' 

'It is not sufficient for poets to be superficial humanists; but they must 
be exquisite artists, and curious universal scholars; Mr. Digges hath the 



The Post of the World, 1576; 'Gabriel Harvey, 1580' (on title-page) — anno- 
tated; (iii) the 1576 edition of Richard Grafton's Brief treatise conteyning 
many proper Tables and easie rules; bought by Harvey at York in August, 
1576; 'Gahrielis Harveii et amicorum: one of my York pamphlets, 1576: then 
fitt for mie natural and mathematical .studies, and exercises in Pembrooke 
hall'; carefuUy read and annotated; (iv) The Traveiler, Spenser's gift; care- 
fully read and annotated by Harvey, who at the end writes the following 
Statement, 'Legi pridie Cal. Decembres, 1578'; (v) The Breviary of Britayne, 
1573; 'ex dono Mri Browghton, Christensis, i. e. Dr. Hugh Broughton, Fellow 
of Christ's College, Cambridge, the famous divine and rabbinical scholar, 
satirized by Ben Jonson in Volpone and The Alchemist. 

The references in Gabriel Harvey's notes to the Shepherd's Calendar are 
not to Spenser's Calendar, but to the populär book which suggested to the 
poet the title of his work. 



Kleinere Mitteilungen 143 

whole Aquarius of Palingenius by heart, and takes much delight to repeat it 
often. Mr.. Spenser conceives the like pleasure in the fourth day of the 
first Week of Bartas which he esteems as the proper profession of Urania.' 

These words of Harvey recall Spenser's enthusiasm for Du Bartas, whom 
he addresses in the L'Envoy to Bellay, at the end of The Ruins of Rome: — 

'And, after thee, (Vins Bartas hie to rayse 
His heavenly Muse, th' Almightie to adore. 

Live, happie spirits, th' honour of your name, 
And fill the world with never dying fame.' 

IV. 

The Paper coneluded with observations on Spenser's bibliography in 
respect of The Faerie Queene quartos; the folios of Spenser's works; the 
MSS. of The View of State of Ireland, &c. 

(1) There are two forms of the editio princeps (1590) of The Faerie 
Queene — (a) with the pages at the end properly numbered, but not con- 
taining the Sonnet to Burleigh; (6) with pages 601-4 cancelled, and new 
pages (unnumbered) inserted between 600 and 605,^ with the Sonnet to 
Burleigh in its proper place, according to oder of precedence, viz. immedia- 
tely after the Sonnet addressed to the Lord High Treasurer. Spenser's 
feeling of resentment towards Burleigh is well known. Sir Walter Scott 
protests against the Sonnet's 'most flattering strain of adulation'. Evi- 
dently it was only at the urgent appeal of friends that the poet, contrary 
to his own feeling, cfensented to add the Sonnet. The earliest eopies — only 
a very few are known — are without it.- (2) In close connexion with Spen- 
ser's attitude towards Burleigh must be considered the bibliographical 
Problem in respect of the publication of Mother Huhierd's Tale. Issued 
originally in the volume of Complaints, 1391, 'called in' because of its 
caustic Satire, it was not reprinted tili 1612. It was not actually included 
in the 1611 first folio collected edition of 'the works of England's Arch- 
Poet Edmund Spenser', though often found inserted in that folio, but with 
a separate title-page dated 1612.^ Robert Cecil, Earl of Salisbury, Lord 
Burleigh's son, died May 24, 1612. Evidently during his lifetime the 
publishers could not obtain permission to print the offensive poera. Copies 
were made by band; hence the 1607 MS., used by Grosart, now in the 
writer's possession. 

I. Gollancz. 

^ There is hopeless eoufusion in the placing of these pages in the old 
copies, and consequently in modern editions of Spenser. Grosart's arrange- 
ment is altogether wrong; that of the Olohe edition is not quite so bad. 
The poet had to be particularly careful to give the Lord High Treasurer 
his proper place. In the 1611 folio, and those printed from it, the Burleigh 
Sonnet is in its right position, but the last two Sonnets, 'to Lady Carew' 
and to 'the Ladies at the Court', are not found. Evidently the last page was 
miscing from the quarto from which the Sonnets were printed. The folio of 
1679 is correct. 

2 Cp. Nash's Pierce Pennilesse his Supplication to the Devil, where in a 
sonnet, praising The Faerie Queene, the Omission of a 'renouned lord' from 
the list of those honoured by Spenser is specially deplored. 

3 In some copies the '2' is altered with printer's ink to look like '1', so 
that the dat« may harmonize with the date of the other pieces in the folio. 



144 Kleinere Mitteilungea 

Randnoten zu Emil Leyys provenzalischen Wörterbüchern 

(Nr. 9— 22).i 

9. Das im Sw. 1, 130 verzeichnete basan (hazan) dürfte mit vilan gleich- 
bedeutend sein; stellt doch Gaudi, Gr. 13, 2, Hs. a^ Nr. 320, Str. IV der 
donzella hazana die richa castellana, domna d'aut barat gegenüber. Auch 
bei Marcabru (ed. Dejeanne) 7/53 und 19, 72 wird mau das 
handschr. hazan nicht erst mit Lewent, Zeitschrift 37, 321 u. 337, zu 
ändern brauchen und die von L e v y zitierte Stelle jois es entrels francs 
faillitz, Tornatz de basan en hertau so verstehen können, daß die Lust 
unter den Edlen gänzlich geschwunden sei, nachdem sie aus einer nied- 
rigen zu einer jämmerlichen geworden ist, sich also immer mehr ver- 
schlechtert hat.2 

10. In den Wörterbüchern fehlt noch das Adv. celadetamen (vgl. dazu 
suavetamenj. Es findet sich Gr. 167, 44 v. 9 in den Hss. (Nr. 147) 
und a^ (Nr. 287) ; in MW. 2, 99 und A (Nr. 529) steht dafür tot celadamen. 

11. Unter comensar, Sw. 1, 295b lese mau an der 'nicht recht klaren' 
Stelle G. Riquier 70, 135 ff. (MW. 4, 106), v. 135 Enaisi und v. 137/8 
E mande'm, si o vol oinais que d'aisi enan m'eslais und übersetze: 'So 
beginnt mein Lob bei meiner Herrin, und sie möge mich wissen lassen, ob 
sie das (mein Loben) nunmehr gutheißt oder auch gestattet, daß ich von 
jetzt an meinen Wünschen die Zügel schießen lasse'. 

12. Dem Belege Sw. 2, 201b aus Appels Ined., S. 298 v. 41 möchte ich 
diese Gestalt geben : Seih . . . Per mos digz a fort hlasmamens, Devin ails 
per qtie-m (oder Per que devinails) desferm. Ni cum? Vau fis? Fals, 
a ssertz, Quar . . ., was dann bedeuten würde: Der Verleumder wird durch 
meine Worte sehr getadelt, durch die ich eitles Gerede zunichte 
mache. Aber wie? Gehe ich sicher? Gewiß, du Falscher, denn ... 

13. Ein weiteres Levy im Sw. 3, 349 unter 'estric?' erwünscht scheinen- 
des Beispiel für estrit 'Streit' begegnet im Eeime bei R. d'A u r e n g a, 
Gr. 389, 21 : C'ab precs ni merces ni estriz Re no 'i conqier. Die Hs. a 
(Rv. 1. r. 45, 217a) hat estriz (: falhizj, N- aber destritz, D: destrig, und 

wenn sich in A: destrics findet, so stützt diese Lesart Levys Ver- 
mutung, daß in seinem Zitat estr i t für esir i c in Frage komme. 

14. Die Konjektur im Sw. 3, 355a estrunat für estrimat, v. 20 von 
G. R a i n o 1, Gr. 231, 1, wird durch D bestätigt. Das Zitat, in dem man 
hinter mercat ein Kolon setze, ergänze man durch den v. 23: Genser de 
leis non debana filat. 

15. Bei gardar könnte man im Sw. 4, 55 hinter Nr. 8 außer no 
gardar cora -\- Ind. (siehe Schultz-Gora, Prov. Studien I, 
75 zu 60, 3) noch no gardar lo temps (la sazo) que (. . . no) -\- Konj. ein- 
fügen, das aus B e r t r a n de Born, ed. S t i m ra i n g,i 20, 25 zu er- 
schließen ist, und zwar hätte diese Wendung da den der Bedeutung von 
afz. ne garder l'eure (le termej que f. . . nej 'es mit etwas eilig haben' 
(s. Schultz-Gora, Zwei afz. Dichtungen», S. 156 zu 286 und Archiv 139, 
118 f.) ähnlichen Sinn: 'großen Eifer auf etwas verwenden'. Der bereits 



1 Nr. 1—8 siehe Archiv, Bd. 139, S. 87—89. 

2 Vielleicht wäre so auch ein von baut, fem. bauda gebildetes baudan 
anzunehmen und unter esbaudanar im Sw. 3, 133 Cortezia n'es bau dann 
zu schreiben. 



Kleinere Mitteilungen 145 

in der Verfolgung seiner Widersacher begriffene Dichter sagt nämlich 
E no-i gart (Eu non gardi DFIKJ diluns ni dimartz Ni setmanas ni mes 
ni ans Ni •m lais -per airil 'ni per martz Qu'ieu non trade (serque DFIK) 
cum venlia dans A celz que-tn fan tort und meint doch wohl, er sei eifrig 
und unablässig damit beschäftigt^ (oder suche), denjenigen Schaden zuzu- 
fügen, die ihm schaden. — Die Bedeutuugsentwicklung kann man sich 
dabei etwa so denken : Ich achte nicht auf den bestimmten Zeitpunkt, 
daß etwas geschehe (vgl. Archiv 139, 119 oben), die Zeit dafür ist mir 
gleichgültig, jede Zeit ist rnir für die Ausfülirung recht, ich habe es 
eilig damit, säume nicht damit, bin eifrig dabei. Und wie nach 'nicht 
säumen' qiie ... no steht (s. Diez, Gramm. 3, 426), so ist auch hier, wo 
sich überdies no gardar (lo temps) qiie mit no laissar que verbindet, dem 
Verbum des que-&a.tzes die Negation beigefügt.. 

16. Zu dem fraglichen Verbum gradar, Sw. 4, 159, ist zu bemerken, 
daß in dem Gedichte des R. de Miraval, Gr. 406, 13 v. 8 (Bartsch, 
Chrest.8 Sp. 167, 22) die Hss. P (Arch. 49, 312 a) und S (MG. 1085) Et 
g r a da vos für sonstiges Et (Mas) agrada.'us aufweisen. 

17. Für maisansa, dessen Existenz im Sw. 5, 34b bezweifelt wird, 
könnte in dem dort und Sw. 2, 212 a angeführten Satze aus Joyas S. 106, 
Z. 17 (Bartsch, Chrest.« 429, 11) L'erguelhs d'Angles es tornatz en 
maysansa Per nostras gens, que tost Van ahaysut ursprünglich mermansn 
in der Bedeutung 'Mutlosigkeit, Verzagtheit' gestanden haben, zu der 
aniermar 'kitin macheu, ducken' in Stimmings Glossar zu BBorn zu 
vergleichen wäre. 

18. Im Sw. 6, 150, 9 füge man pauc ni ges hinzu, die Variante von C 
xind R für pauc ni pro bei Gui d'Uisel, Gr. 194, 12, 29, Dichtgn. der 
Trobadors S. 107. 

19. Die Wörterbücher enthalten sohrefort, aber nicht das Adv. pcrfort 
'in sehr hohem Grade'; in den Hss. G und H für Gr. 173, 2 II (G. de 
P o i c i b o t) heißt es nämlich : una desconoissen Amiei p e r f o r t qar (e G) 
crezia Qu'ilh agues de heutat flor. Die Hs. A hat da mout fort car und 
R a y n u ar d, Choix 3, 365 per so quar. 

20. Die Verse des B. d'A 1 a m a n o n 8, 40/1 im Sw. 7, 210 Nr. 7 E si 
(oder s'i, übers Meer) pason apoderadamen, Remanra tot so c'om de luv 
repren gehören m. E. zu remaner Nr. 5, wo schon ein Beispiel desselben 
Dichters angeführt wird. Es ergäbe sich dann der Sinn, in diesem Falle 
werde alles unterbleiben, was man (gegenwärtig) an den Königen 
auszusetzen habe, jeder Tadel werde dann wegfallen. 

21. Rczegar (ohne Bedeutung), Sw. 7, 330a ist doch wohl =z it. 
risicare, rischiarc 'Gefahr laufen' (vgl. ebenda rczegtte 'Gefahr, Risiko'), 
so daß L e V y s Beleg, der Schluß von P e i r o 1 s Sirventes Gr. 366, 28 
(MW. 2, 10), bedeuten würde: 'Und außer der Schmach habt ihr dabei 
alle den Schaden, daß unsere Lehre (leys) in großeGefahr gerät.' 

22. In dem Zitat Sw. 7, 780 E vos, bella douz' amia, Vas cui s o l e i noit 
e diu. ist solei in der einzigen Hs. 0, wie ich glaube, nur verschrieben für 
soplei. Beispiele für soplejar vas sa domna siehe Sw. 7. 821/2. 

Berlin. Adolf K o 1 s e n. 



^ tractar 's'occuper de, s'appliquer ä' (Pet. dict.) ; 'verhandeln', wie 
Stimming das Wort im Glossar deutet, scheint hier nicht am Platze. 

ArchiT f. n. Sprachen. 141. XO 



146 Kleinere Mitteilungen 

Ital. farfalla *Sclimetterling'. 

REW 6211 heißt es: 'Das Verhältnis von mazed. pirpM'HnÄ, megl. pfperi^ö, 
piperugä . . . einerseits, von ital. farfalla zu PAPILIO andererseits ist unver- 
ständlich'. In lautlicher Beziehung kommen aber die vom REW selbst 
angeführten aital. parpaglione (ich finde übrigens für dies Wort nur die 
Bdtg. 'Zelt', dagegen parpalione 'yehmetterling'), frz. parpaillot, gard. j)arpalV 
mit dem r, franche-comtö päfirö mit dem f sehr nahe. Auch kann wie ein 
palpcbra > palfebra (KEW 6176) so ein parpaillon > parfaillon (cf. die 
franche-comt^-Form) dissimiliert werden und nun wieder mit Assimilation ein 
farfaill zustande kommen; vgl. umgekehrt zur forfär-Sippe gehöriges 
mallork. perfant (f — f > p — fj. Das farfaill-, das die Überleitung von 
frz. papillon, südfrz. parpaioun zu ital. farfalla bildet, haben wir in schweiz.- 
frz. farfaillet (Rolland Faune pop. III, 313), bask. uli-farfaüa (das Garcia 
de Diego, Rev. d. fil. esp. 1920, 127, anders erklärt). Auch semantische 
Einflüsse spielen mit: Einfluß von plialaena, das in ital. Mund- 
arten in volkstümliclier Form (ö-Anlaut!) erhalten ist, wird man 
nicht heranziehen dürfen, wohl aber kommt die stete Vermischung mit 
der Sippe von arab. farfür 'leichtsinnig, geschwätzig' (REW 3194)^ in 
Betracht: besonders neap. farfariello 'Teufel', siz. farfareddu 'unruhiges 
Kind', tosk. farfarello 'Irrwisch', frz. farfadet 'Kobold' (mit Einfluß von 
südfrz. fado 'Fee'). Man könnte versucht sein, mit Dict. g6u. südfrz. 
parpalhau, frz. parpaillot 'partisan de Parpaille, sobriquet qu'on donnait 
aux calvinistes' hier anzureihen, wenn man Sprüche wie den bei Mistral 
belegten dauph. Eiganaud, Parpalhau, Manjo lou diablc sene som 
berücksichtigt: Jean Perriu, Herr von Parpaille genannt, wurde wegen 
seines Übertritts zum Kalvinisnnis 1562 in Avignon enthauptet (vgl. bei 
Rabelais fille du roy des Parpaillois). Also 'Schmetterling' > 'Kobold' 
> 'Ungläubiger'. Der in seinen Anfängen kalvinistisch gestimmte Rabelais 
gebraucht ganz ähnlich farfadet und larvcs von den ihm verhaßten Bettel- 
mönchen, was vom schwärmenden 'Kobold' ausgeht {Rev. d. et rah. 8, 144 f.,). 
Ital. farfalla kann um so eher sein f- von dieser auch lautlich koboldartig 
herumgeisternden Sippe empfangen haben, da. dem Schmetterling oft dämo- 
nische Kräfte zugeschrieben werden. Hierüber belehrt uns der schöne 
Exkurs II 'Vom Seelensclimetterling' in Günterts Buch Kalypso (Halle 
1919), bes. S. 223: 'Nicht nur als Seele [Vangelica farfalla bei Dante] wird 
der Schmetterling gedacht, sondern als Gespenst und Dämon, dessen Er- 



1 Ich möchte bemerken, daß wohl arab. farfar selbst elementarverwandt 
mit den romanischen Wörtern ist, ich erwähne nur das hebräische 'pr^jj 
(jüd.-dtseh. mSfalpel sein), der 'Terminus technicus für das halachisch-täl- 
mudische Disputieren und Debattieren, also für das Hinundherdrehen, Hin- 
undherreden' (Grünbaum, 'Gesamm. Aufsätze zur Sprach- und Sagenkunde' 
S. 320, der in diesem Zusammenhang auch das arab. farfar, ngr. (pnncpngns 
und die romanische /"arf-Sippe erwähnt und zusammenfassend S. 327 äußert: 
'Leicht bewegliche Halt- und Charakterlosigkeit, Geflunker, Rodomontade 
und Vielschwätzerei liegen nicht weit auseinander, und so finden sich über- 
all ähnliche Reduplikationen zur Bezeichnung des einen oder des anderen'). 
Daher würde ich ein onomatopoetisches farf- forf- ansetzen, zu dem auch 
farfouiller (REW s. v. fodiculare) innerlich gehört. Mit farfullar bringt 
Munthe Anteckningar usw. astur, parpayuela, falpachar 'Wachtel' usw. zu- 
sammen, wobei wieder f-f, f-p, p-p abwechseln. 



Kleinere Mitteilungen 147 

scheinen meistens nichts Gutes bringt: Hexen, Zwerge, Elbe, Maren — 
wie sie alle heißen, die einstigen Todesdämonen, sie können sämtlich in 
Schmetterlingsgestalt erscheinen': vgl. etwa aus Günterts Material die Be- 
zeichnungen Milchdieh für 'Hexe' und 'Schmetterling', im Inntal Hexe 
'Nachtschmetterling', bayr. Schrat 'Schmetterling', slov. vesa 'Irrlicht, Hexe, 
Schmetterling'. Letzteres stimmt genau zu dem Paar farfarello — farfalla,^ 
und so hat denn Güutert das Richtige getroffen, wenn er S. 226 schreibt: 
'Neben italien. farfalla, farfalleta (lies farfalletta) 'Schmetterling' steht 
farfarello in der Bedeutung 'Poltergeist, Kobold'.'2 Jede Zuweisung eines 
dieser Wörter zu einem Stamm i.st offenbar unrichtig: sie sind siame- 
sische Zwillinge, die nicht auseinandergerissen werden dürfen, vgl. noch 
südfrz. parpaiounä 'papilloter, en paflant des geux', siz. parpagghiari 
'Blinzeln' (der Augenwimpern) mit farfantello 'berlue, öblouissement, 
miroitement'. In solchen Fällen ist die Vermischung so stark, daß die Wort- 
individualitäten vollkommen erschüttert sind. Es liegt in der Natur unserer 
Bücher, vor allem ihres äußerlichen Formats, daß in einem etymologischen 
Wörterbuch das tatsächlich Verbundene äußerlich getrennt werden muß: die 
sachgemäße Darstellung des romanischen Wortschatzes müßte ja jeden Artikel 
(jede Wortsippe) als Zentrum eines Kreises fassen, der mit (mehr oder 
weniger) allen Kreisen verbunden wäre, womit sich die Artikel von selbst 
auflösten. Das etymologische Wörterbuch mit seinen Stichwörtern kann 
trotz aller Verweise innerhalb desselben von der Wirklichkeit nur ein 
künstlich vereinfachtes Bild geben, jeder Artikel ist nur das Zentrum eines 
Kreises, dessen Umfangslinien im Unendlichen verschwimmen, ja ein Zen- 
trum, das selbst nur ein Bündel von ausgestrahlten Wörtern früherer 
Epochen darstellt: jeder Artikel des REW ist sozusagen, um eine kühne 
Bildung zu wagen: ein emaniertes Emanationszentrum. Auch log. fagefarina 
'Schmetterling' ^REW 3128 s. v. faeere), das Güntert mit bayr. Müimaler 
vergleicht, wird wohl erst sekundär zu fagere -f- farina umgedeutet sein. 
Gewiß wird der Schmetterling auf weitem Gebiet als 'Müller' bezeichnet 
(wegen des Flügelstaubes), aber warum heißt er im Sardischen nicht einfach 
'Müller' wie etwa im Sulzberg (REW s. v. molinarius) 1 

Noch eine andere Möglichkeit! Vielleicht ist lt. papilio — neuital. 



^ Man beachte, daß das heute mehr heiter empfundene frz. papillon in 
der Literatur durch das weniger spielerische, gelehrte, daher exotisch und 
schwer klingende phalene 'Nachtschmetterling' ersetzt wird, wo die D ä m o- 
n i e des Schmetterlings gemalt werden soll. 

2 Für Italien verweise ich auf die gespenstische Auffassung des Schmet- 
terlings, von der Bastanzi, 'Le superstizioni delle alpi venete' (Treviso 1888) 
S. 203 s. V. Pavei berichtet: 

'Anche questi insetti sono benedetti da Dio, e non bisogna distruggerli. 
Ognuno comprende tosto il grave danno che puö recare all'agricoltura questa 
superstizione. Le piü rispettate fra le farfalle sono quelle grandi a macchie 
rosse . . . che figurano anime de purgatorio e pronosticano con la loro com- 
parsa persino la morte e gli accidenti secchi. 

Si crede in Cadore che una farfalla di quest'ultima specie abbia la virtü 
di smorzare per tre volte consecutive il lumicino in una stalla, ed in questo 
caso le donne che si trovano in filö scappano via perche sono certe che cadrä, 
il tetto. "I dis che dopo morti se .se fu in farfalla e le pavee le 6 in andoli 
(angeli) del paradiso che rancura i fi^r," Ed ecco in embrione la teoria 
ilella metempsico3i.' 

10* 



148 Kleinere Mitteilungen 

farfalla ähnlich zu beurteilen, wie Schuchardt (Zlsclir. 1920, S. 326) rum. 
potirniche 'Wachtel' gegenüber coturnix auffaßt: es vererbt sich gewisser- 
maßen nur der Ehythmus: und dieser ist, wie bei der Wachtel etwa der 
Dreiertakt, so beim Schmetterling der Zweierrhythmus : um ein Flattern 
sprachlich darzustellen, müssen mindestens zwei Bewegungsstücke schema- 
tisierend gemalt werden : Güntert hat gewiß recht, das lt. papilio mit 
palpfitjare, palpehra zusammenzubringen : vgl. besonders das — allerdings 
wieder sekundäre — Zusammenfallen mit der paipebra-Sippe im Südfrz. 
parpalheja 'clignoter' neben parpaiouna 'papilloter, en parlant des yeux', 
ferner dtsch. Feif aller (schweiz. pipolder), dessen Reduplikation Zweif alter 
gewissermaßen pleonastisch definierend das Hin und Her des Flatterns 
ausdrückt, worauf die mehr logische, unmusikalische Entdopplung Falter 
folgte. Das ital. farfalla ist also der rhythmische Nachfolger eines 
papilio wie dieses der rhythmische Nachfolger des *palp-. Stets 
bietet das Schmetterlingswort das Schauspiel rhythmischer Variation (Redu- 
plikation — Deduplikation) und des Gleichbleibens — einzig des rhythmi- 
schen onomatopoetischen Charakters des Wortes. Wo dem Schmetterlings- 
wort durch die Mühle der Lautentwicklung der Schmetterlingsstaub des 
Musikalischen genommen wurde, wird er neu erzeugt.: Motta di Livenza 
pavegia navegia (Bertoni Italia dialett. S. 52) .^ zu venez. pavegia, wobei das 
Schwanken des (sekundär herangezogenen) Schiffes auch semantisch die 
Wirkung der rhythmischen Doppelung verstärkt (vgl. Zweif alter). Die In- 
dividualität des Wortes ist verflüchtigt wie etwa wenn man "den Ahnherrn 
und den letzten Sproß eines tausendjährigen Geschlechts nebeneinander 
betrachten wollte (ähnlich vgl. die galloroman. Fortsetzer von ahd. kletlo 
'Klette' oder die von papaver: das Band, das Formen wie popolana, paolo, 
ababa mit papaver verbindet, ist nur ein musikalisch-rhythmüsches). Ptg. 
horholeta 'Schmetterling' sieht aus wie Ableitung von ptg. horholhar 'bro- 
deln, wallen', das ist aber nur die 'materielle', sekundäre, nicht die 'geistige', 
die primäre Etymologie. Die Familienähnlichkeit der Schmetterlingswörter 
besteht nur in einem je ne sais quoi, sie besteht nicht in ihrem Aussehen, 
sondern in ihrer 'Aria' — im Musikalischen des Wortes. Als Etymon von 
Feifalter, papilio, farfalla, ptg. horholeta, ja sogar pousalousa kann man 
höchstens ansetzen : 

^ ^ resp. w (w) 
(wobei die Klammer die fakultative Entdopplung malt,). 

Und wer weiß, ob nicht sp. ptg. pärpado 'Augenlid' angezogen worden sind 
von der Schmetterling-Sippe: denn die Augenlider flattern wie jene Tier- 
chen! Wenn der Spieltrieb sich der Sprache bemächtigt, wird es uns nie ge- 
lingen, mehr als das rhythmische Prinzip des Spiels zu ergründen. So ent- 
flattern Flattertier und Flatterlid dem Nadelstich des Etymologen. Die 
Wirklichkeit ist oft zu leicht, um von der schweren Hand des Gelehrten 
eingefangen zu werden. Das Spiel kann nicht 'ernst', es kann nur wiederum 
spielerisch von der Wissenschaft nacherzeugt werden; spielerische Wissen- 



^ Riegler, dem ich diesen Hinweis verdanke, bekennt sich zu einem ähn- 
lich weitherzigen Standpunkt, erwähnt noch den lautlichen Gleichklang von 
tirol. fhUterl mit rum. flutur und bekämpft Kluges Theorie der Entlehnung 
des Schweiz, pipolder usw. aus lt. papilio (im Gegensatze zu seiner in seinem 
Buch Das Tier im, Spiegel der Sprache niedergelegten Ansicht). 



Kleinere Mitteilungen 149 

Schaft ist ein Widersinn, und so bleibt dem Künstler aufgespart, was der 
Gelehrte nicht lösen kann. 

Bonn. LeoSpitzer. 

Zur urkundlichen Identifikation von Peire d'Alyernhe. 

Von Urkundenstellen, an denen ein Peter aus der Auvergne er.scheint, 
kannte man bisher nur die folgenden: zwei Nachweise zum Jahre 1148 im 
Memorial des Nobles (Montpellier) i und einen zum Jahre 1155 bei Roziöre, 
Cartulaire de l'eglise d. S. Sepulcre Nr. 131 (Palästina). 2 Ich füge hinzu, 
daß auch in einer Originalurkunde vom 6. März 1162, die gleichfalls im 
Morgenland aufgesetzt ist und in der Adam, Prior von S. Abraham, den 
Hospitalitern ein Grundstück nebst Häusern in Antiochien schenkt, unter 
den Zeugen ein Petrus Arvernensis erscheint, s. H. Prutz, Maltheser- 
urkunden S. 98. Zenker, P. d'Alvernhe lehnte eine Identifikation des 
Petrus de Alvernhia von 1155 mit dem Trobador ab, war indessen durch- 
aus geneigt, eine solche bezüglich der beiden Urkundenstellen von 1148 anzu- 
nehmen. Nun bin ich aber bei nochmaliger Durchsicht des Memorial des 
Nobles auf eine Urkunde vom September 1129 gestoßen (Rev. d. lang. rom. 
VI, 56), in der Petrus de Alvernico als Zeuge erscheint, 3 und dieses neue 
Datum stellt, wie mir scheint, alle Identifikationen überhaupt in Frage. 
Denn daß der hier genannte Petrus der Trobador sein sollte, ist unwahr- 
scheinlich, da dessen datierbare Gedichte zwischen 1158 und 1180 fallen 
(s. Zenker S. 32). Wir haben es entweder mit zwei Personen gleichen 
Namens zu tun, deren zeitliche Abgrenzung nicht möglich wäre, oder es 
liegt eine Person vor, aber dann kann es kaum die gleiche wie der 
Dichter sein. 

Jena. O. Schultz-Gora. 



' Revue des langues romanes V, 78, von Bartsch bei Diez, Leben und 
Werke der Trobadors- S. 60 Anm. 1 angezogen; die zweite Stelle zum 
gleichen Jahre aus derselben Sammlung (V, 47) fand Zenker, P. d'.^lvernhe 
S. 34. 

2 Von mir beigebracht in Zs. X, 595. Zenker a. a. O. S. 35 entging es 
nicht, daß das doppelte Vorkommen von Petrus de Alvcrniu in der langen 
Zeugenreihe bedenklich ist. vgl. das von mir im Ltrbl. XXIII, 72 dazu 
Bemerkte. 

' Die Stelle wird mir wie anderen wohl deshalb entgangen- sein, weil 
die Urkunden nicht chronologisch angeordnet sind; die Ausgabe des 
Memorial durch Germain in der Societe archeologique de Montpellier 
1884 — 6 war und ist mir auch jetzt nicht zugänglich. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

E. [Ella] Vettermann, Die Baien-Dichtungen und ihre Quellen. 
Halle 1918. (Beihefte zur Zeitschrift für Romanische Philo- 
logie, LX. Heft.) 311 S. 

Die sorgfältige Arbeit bewegt sich auf dem Grenzgebiete der Anglistik, 
llomauistik und der altkeltischen Sagengeschichte: die Baien-Dichtungen 
Tennysons und Svvinburnes beruhen beide ausschließlich auf dem II. Buche 
von Malorys mittelenglischer Mortc Darthur, diesem selbst aber liegt ein 
verlorener französischer, teilweise aus keltischen Quellen geflossener Artus- 
Roman zugrunde, der nächstverwandt war mit der Fassung der Baien- 
Erzählung, welche im sog. Huth-Merlin erhalten ist. Die vier ersten Kapitel 
des Buches sind bereits 1913 in Leipzig als Dissertation eingereicht worden 
(Referenten M. Förster und E. Wiudisch), der Druck der ganzen Arbeit hat 
im Sommer 1914 begonnen. Die Untersuchung von J. Hoops, Swinhurnes 
Tale of Baien and Malorys Mort d'Arth ur, in der Festschrift zum XVI. Newphilo- 
logentag iti ßremen 1914, Heidelberg 1914, ist erst nachträglich zur Kenntnis 
der Verfasserin gelangt, — die Heidelberger Dissertation von J. B au se n - 
wein, Die •poetischen Bearbeitungen der Baiin- und Baiansage von Tenny- 
son und Swinhurne und ihr Verhältnis zu Malory, Würzburg 1914, wird 
überhaupt nicht erwähnt. Mit den Quellen der Baien-Erzählung hatte sich 
schon Arthur C. L. Brown befaßt in der Abhandlung: The Bleeding 
Lance, in den Pahlications of the Modern Language Association of America 
XXV (1910), 1 — 59, gegen dessen Ergebnisse sich Frl. Vettermann aber in 
der Hauptsache ablehnend verhält. 

Die Verf. geht aus von den beiden neuenglischeu Baien-Dichtungen, die 
sie mit ihrer Quelle vergleicht; sie untersucht dann das Verhältnis Malorys 
zu der Version des Euth-Ms., konstruiert mit Hilfe einer in vielen 
Punkten ursprünglicheren Fassung der Baien-Erzählung, die sich in der 
spanischen Demanda del sancto Grial findet, den 'Ur-Balen' und führt 
schließlich diesen auf seine letzten erreichbaren keltischen und altfranzösi- 
schen Quellen zurück. 

Baiin, ein armer, aber tapferer Ritter aus Nordhumberland — dies in 
den äußersten Umrissen die Handlung der Erzählung Malorys — , gelangt 
an Artus' Hof in den Besitz eines von der Insel Avalon, d. i. aus dem 
Feenlande, stammenden Zauberschwertes, von dem prophezeit wird, daß er 
damit seinen besten Freund erschlagen und daß es ihm selbst den Unter- 
gang bringen werde. Weil er mit dem Schwerte alsbald der Dame vom See, 
die seine Mutter ermordet hat, den Kopf abschlägt-, wird er von Artus' Hof 
verbannt; er heißt Baiin Ic Savage und wird, da er außer dem Zauber- 
schwert sein eigenes bei sich führt, auch der Ritter mit den zwei Schwertern 
genannt. Baliu beschließt, um Artus' Gunst wiederzugewinnen, den König 
Ryons, der ins Land eingefallen ist, zu besiegen. Es folgt ein wirres 
Durcheinander von Abenteuern, die z. T. mit der Haupthandlung in gar 
keinem Zusammenhang stehen und, wie es scheint, nur den Zweck haben, 
die Tapferkeit des Helden zu beweisen und Sympathien für ihn zu er- 
wecken; in den Gang der Ereignisse greift immer wieder Merlin beratend 
und prophezeiend ein. Baiin lädt Schuld auf sich, indem er den Selbst- 
mord einer Dame, deren Geliebten er erschlug, nicht verhindert; Merlin 
prophezeit, er werde deshalb mit dem Schwerte den besten lebenden Ritter 
verletzen, durch diesen Streich werden drei Königreiche in Not und 
Armut kommen, und die Wunde jenes Ritters wird viele Jahre lang nicht 
geheilt werden. Baiin trifft zufällig seinen Bruder Balan, besiegt mit ihm 
den König Ryons und bringt diesen gefangen an Artus' Hof. Ein Ritter 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 151 

Garion, der unsichtbar umherreitet, hat zwei Ritter, die sich in Balins 
Begleitung befanden, ermordet und den Sohn eines Edelmanns, bei dem 
Baiin übernachtet, schwer verletzt; der Sohn kann nur durch Garions Blut 
geheilt werden. Der Edelmann geleitet Baiin zum Schlosse des Königs 
Pellam von Lastineise, des Bruders des Garion. Baiin tötet den letzteren, 
Pellam will den Bruder rächen, im Kampfe mit ihm zerbricht Balins 
Schwert; dieser kommt flüchtend in ein Zimmer, wo auf einem goldenen 
Tische eine wunderbare Lanze steht, er ergreift sie und verwundet mit ihr 
Pellam. Alsbald stürzt der größte Teil der Burg zusammen, Pellam aber 
liegt seitdem an schwerer Wunde danieder, bis Galahad auf der Suche nach 
dem Gral ihn heilt, 'denn in dem Schlosse befand sich ein Teil von Christi 
Blut, das Joseph von Arimathia in das Land gebracht hatte'. Durch den 
Streich sind drei Länder wüst gelegt worden. Baiin muß zuletzt mit dem 
roten Ritter, der auf einer Insel bei einer Burg haust, kämpfen, beide 
empfangen schwere Wunden; als sie sterbend am Boden liegen, erfährt 
Baiin, daß sein Gegner sein eigener Bruder Balan ist; sie werden im 
gleichen Grabe bestattet, Merlin bringt Artus Bericht von Balins schmerz- 
lichem Streich und dem Tod der beiden Brüder. 

Swinburnes 1896 veröffentlichter Tale of Baien, 'die schönste und stim- 
mungsvollste der Baien-Dichtungen", schließt sich, wie Frl. V. zeigt, in 
allen Hauptpunkten genau an Malory an, übernimmt auch die Unstimmig- 
keiten von ihm und gibt sogar ganze Sätze im Wortlaut wieder, aber S. hat 
die Charakterisierung und die Motivierung verfeinert, die Tragik der Er- 
zählung stärker herausgearbeitet, umrahmt die Handlung mit poesievollen 
Naturschilderungen und kleidet Malorys nüchternen Bericht in das Pracht- 
gewand einer Dichtersprache von höchstem musikalischem Wohllaut. 

Dagegen bewegt sich Tennyson — Frl. V. behandelt ihn erst an zweiter 
Stelle — in seiner zum Zyklus der Königsidyllen gehörigen Idylle Baiin 
and Balan vom J. 1885 seiner Quelle gegenüber sehr frei: er hat den Stoff 
'in bezug auf Handlung, Charakteristik, Auffassung und Stellung innerhalb 
der sonstigen Arthur-Dichtung so abweichend gestaltet . . ., daß seine 
fünfte Idylle mit der eigentlichen Baien-Dichtung nichts mehr zu tun hat.' 

Das IV. Kapitel bringt zunächst einen Exkurs über die Persönlichkeit 
des Thomas Malory. Kittredge in den Studies and Notes in Philol. and 
Liter. V, Boston 1896, 84 — 106, wollte Malory identifizieren mit einem 
Sir Thomas Malory, kniglit of Neu-iold in Warmckshire, der in Frank- 
reich im Gefolge des Grafen von Warwick Kriegsdienste leistete, dann 1433 
oder 1434 das Erbe seines Vaters Sir John Malory übernahm, und der wahr- 
scheinlich wieder identisch ist mit einem Thomas Malorie miles, der 1468 
von der durch Eduard IV. erlassenen Amnestie ausgeschlossen wurde und 
1470 gestorben ist. Diese Annahme stimmt nicht zu der Angabe Bales. 
Mitte 16. Jhs., der aus Leland schöpft, wonach Thomas Malory britischer 
Herkimft gewesen sei und aus Mailoria, einem Orte unweit des Flusses Dee 
in Wales [Nordwales], stammte. Verf. möchte an Bales Angabe festhalten, 
indem sie zeigt, daß es in der Tat in der Nähe der Dee eine Landschaft 
Maelor gab, die schon in den alten welschen Gesetzen als terra de Maelor 
Seisseneyk, =: Evglish Maelor, genannt wird, und daß noch heute in der 
gleichen Gegend ein anderer Bezirk Dyffryn Maelor, z= das Tal von Maelor, 
existiert: sie weist darauf hin, daß die Namensform Maleore, welche Malory 
selbst im Schlußwort zu B. XXI braucht, dem ursprünglichen Lautstand des 
kymrischen Maelor noch näher steht als das spätere Malorye. Einen Ort 
Maelor vermag Frl. V. freilich nicht nachzuweisen. Demgegenüber sei fest- 
gestellt, daß Bale von zweifelhafter Zuverlässigkeit ist; seine Angabe, der 
Verfasser der beiden lateinischen Artus-Romane Historia Meriadoci und 
De ortu Waluuani sei 'Rohertus ahbas de monte sancti Michaelis in Nor- 
mannia', d. i. Robert von Torigny, gewesen, ist neuerdings von Bruce in 



152 Beurteilungeu und kurze Auzeigen 

seiner ueuen Ausgabe der beiden Konume, Göttiugen 1913, S. X, als unliail- 
bar erwiesen worden, und Bales Bemerkung, daß er noch nicht habe er- 
mitteln können, zu welcher Zeit Thomus Mailorius lebte — svh quo claruerit 
rege — , zeigt doch, daß er über dessen Persönlichkeit nur mangelhaft 
unterrichtet war. Die Vermutung Kittredges, die so gut zu den Angaben 
von Caxton und von Malory selbst stimmt, dürfte doch viel für sich haben; 
freilich wird auch sie Hypothese bleiben müssen. — Aus dem nun folgen- 
den minutiösen Vergleich von Malorys Baien-Erzählung mit der ca. 250 
Jahre älteren in der Suite du Merlin des Huth-Ms. — G. Paris setzt letztere 
um 1225 oder 1230 an — ergibt sich, daß der von Malory benutzte fran- 
zösische Eoman mit der Version des Huth-Ms. so nahe übereinstimmte, 
daß letztere als seine Quelle angesetzt werden kann, doch zeigen die Ermitt- 
lungen des nächsten Kapitels, daß nicht das Huth-Ms. selbst Malorys Vor- 
lage bildete, sondern eine inhaltlich und zeitlich jüngere Fassung des 
Stoffes, welche andererseits gegenüber dem Huth-Ms. gelegentlich ältere 
Züge bewahrt hatte. Malory gab seine Quelle im ganzen genau wieder, aber 
er hat ihren Umfang auf den vierten Teil zusammengezogen, er hat außer- 
dem in Einzelheiten mehrfach geändert und durch Auslassung von Er- 
zählungsmomenten den Zusammenhang gestört. Vor allem wird die bei 
Malory ganz unklare Schlußepisode — Zweikampf der beiden Brüder — 
erst durch die Version des Huth-Ms. verständlich: Ein eifersüchtiger Ritter 
hat seine Dame auf das einsame Inselschloß gebracht, sie aber nötigt ihn 
zu dem Schwur, daß er bei ihr bleiben wolle. Der Untätigkeit müde, 
zwingt er nun jeden vorüberziehenden Ritter zum Zweikampf, — wenn 
dieser siegreich ist, hat er seine Stelle einzunehmen; vor seinem Tode verpflichtet 
er seine Umgebung eidlich, an dem Brauche allezeit festhalten zu wollen. 
Balan, Balaains (=Balens) Bruder, ist iu den Besitz des Schlosses und der Dame 
gelangt und muß deshalb diese gegen den Nächstankommenden, der sein 
eigener Bruder ist, verteidigen. Dieser ganze Passus fehlt bei Malory, auch 
erwähnt er nichts davon, daß Merlin in immer wechselnden Verkleidungen 
auftritt: als Zwerg, als Bauer, dann wieder 'en autre semhlance'. — So lehrt 
uns also schon das Huth-Ms. eine primitivere Fassung der Baien-Erzählung 
kennen als Malory sie bietet. 

Im V. Kap. wird zunächst untersucht, welche Stellung der Suite du 
Merlin im Huth-Ms. in der Reihe der französischen Gral-Romane zukommt. 
Frl. V. berichtet ausführlich über die voneinander abweichenden Theorien 
von G. Paris, R. Heinzel, E. Wechssler und H. 0. Sommer,^ 
sie schließt sich Wechsslers Auffassung an, wie das in der Hauptsaclie 
auch E. Brugger getan, dessen Stellungnahme die Verf. in einem Nach- 
trage S. 299 f. bespricht: danach bildet die Suite du Merlin mit der Baien- 
Erzählung einen Teil einer jüngeren Kürzung, = Redaktion C, des Pseudo- 
Robert-Zyklus, die sich aus Merlin, Suite du Merlin, Queste und Mort Artur 
zusammensetzte und auf einer älteren, größtenteils verlorenen Kürzung, 
= Redaktion B, beruhte, welche ihrerseits aus dem gleichfalls verlorenen 
Originale, := Redaktion A, schöpfte. Die französische Quelle der Baien- 
Erzählung im Huth-Ms. besitzen wir also nicht, Ersatz aber bietet hierfür 
erfreulicherweise die diese Erzählung enthaltende, aus französischen Vor- 
lagen von dem Mönche Joannes Biuas übersetzte spanische Demanda del 
sancto Grial, welche erst 1907 durch den Neudruck von A. Bon i IIa y 
San Martin in der Nueva Biblioteca de Autores Espanoles, Madrid, zu- 
gänglich gemacht wurde. Denn, wie die Verf. überaus scharfsinnig nach- 



^ Der Ton der Polemik gegen diesen um unsere Kenntnis der Artus- 
Romane in Prosa so hoch verdienten Gelehrten sollte weniger scharf gehalten 
sein; die Verf. spricht von seinen Argumenten wiederholt als von 'Redens- 
arten', was unangebracht ist. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 153 

weist, ist die Baien- Version der Demanda aus zwei verschiedenen Vorlagen 
zusammengestellt: aus der obenerwähnten Redaktion C und aus dem auf 
der Redaktion A des gleichen Zyklus, d. h. dem Originale beruhenden ver- 
lorenen Conte del Brait de Merlin. Die Benutzung des letzteren ergibt sich 
aus der Tatsache, daß die Demanda die Baien-Erzählung in 
einer vorz ü g liehen, fast widerspruchslosen und, wie es 
scheint, auch lückenlosen Form bietet. Die ausführliche Be- 
gründung der These, wonach die spanische Version teils auf einer jüngeren 
Redaktion, teils auf einer älteren, ursprünglicheren, dem Originale ganz 
nahe stehenden Fassung der Balen-Erzähluug beruht, ist durchaus über- 
zeugend, M'ährcnd ich in dem überaus schwierigen Problem, welche der 
genannten Theorien über das Verhältnis der erhaltenen Gral-Romane der 
Wahrheit am nächsten kommt, und ob Frl. V. im Rechte ist, wenn sie sich 
für Wechssler entscheidet, mit meinem Urteil zurückhalten möchte. So ist 
es denn der Verf. nun möglich, mit Hilfe der Demanda den 'Ur-Balen' zu 
rekonstruieren. Die Mehrzahl der Unstimmigkeiten, welche 
M a 1 o r y und das U u t h • M s. aufweisen, werden durch die 
Demanda-Version beseitigt: so bleibt es in den beiden anderen 
Fassungen unverständlich, warum Baien, nachdem sein eigenes Schwert 
zersplittert ist, sich nicht des Zauberschwertes bedient; in der Demanda 
nun erfahren wir, daß man es ihm beim Eingang in das Gral-Schloß abnahm, 
da er mit zwei Waffen den Saal nicht betreten durfte. Weiter: von dem 
Zauberschwerte ist prophezeit, daß es Balens bestem Freunde und ihm selbst 
den Untergang bringen werde; diese Prophezeiung wird bei Malory und im 
Euth-Ms. nicht wahr, da der Held ja durch das Schwert des Bruders ge- 
tötet wird, wohl aber erfüllt sie sich in der Demanda: als beide Brüder 
schwer verwundet niedersinken, entgleiten ihnen die Schwerter, das Balins 
fällt vor Balan und umgekehrt das des letzteren vor Baiin nieder; als sie 
den Kampf wieder aufnehmen, ergreift jeder von beiden die ihm nächst- 
liegende Waffe, so werden die Schwerter vertauscht und das Zauberschwert 
in Balans Händen, mit dem dieser .selbst schon tödlich verwundet wurde, 
erschlägt nun auch Baiin. Die unentbehrliche Vertauschung der Schwerter 
fehlt bei Malory und im Huth-Ms. — Sodann prophezeit Merlin, Balens 
Untergang werde herbeigeführt werden durch Übertretung eines Gebotes, 
gegen das kein anderer Mensch verstoßen würde, und durch den gegen den 
Gral-König geführten schmerzlichen Streich; worin jenes Gebot bestand, 
erfährt man bei Malory nicht, — das Euth-Ms. hat an der betreffenden 
Stelle eine Lücke. In der Demanda nun ertönt, als Baien an den Ein- 
gang des Gral-Heiligtums gelangt ist, eine geheimnisvolle Stimme, die ihn 
vor dem Eintreten warnt, um die er sich aber nicht kümmert, und als er 
dann, vom König verfolgt, nach der heiligen Lanze greift, warnt ihn die 
Stimme abermals vergeblich: 'Nimm sie nicht, Sünder!' So ist die bei 
Malory vorhandene Unklarheit beseitigt. Die Stimme kündigt Baien dann 
auch die göttliche Strafe für seine Übertretungen an: diese besteht in der 
Schildvertauschung, die seinen Bruder hindert, ihn zu erkennen, und so 
seineu Tod verursacht. Danach herrschte in der ursprüng- 
lichen Erzählung die Idee von Schuld und Sühne: 'Der 
Held geht unter, weil er den göttlichen Willen mißachtet, der ihm den 
Vollzug der Rache untersagt. Höher als seine Ritterpflicht hätte ihm der 
Gehorsam gtgen die göttlichen Verordnungen stehen müssen'. So er- 
weist sich also die Baien-Erzählung der Demanda als 
die älteste der bisher bekannten Versionen. 

Die Baien-Erzählung ist außerdem noch erhalten in dem spanischen. 
1498 in Burgos gedruckten El Baladro del sahio Merlin con sus profecias, 
von dem sich nur ein Exemplar erhalten zu haben .scheint, das sich in 
Madrid im Privatbesitz des Marquis de Pidal befindet. Dieser Text war der 



154 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Verf. nicht zugänglich, und da die von G. Paris in seiner Ausgabe des 
Merlin veröffentlichten Kapitelüberschriften über den Inhalt keine ge- 
nügende Auskunft erteilen, so konnte die Baien-Erzählung des? Baladro in 
die Untersuchung nicht einbezogen werden. 

Das meiste Interesse bietet das VIII. Kapitel, in dem Frl. V. den letzten 
Quellen der Baien-Dichtung nachgeht, vor allem den in ihr enthaltenen 
keltischen Elementen. Keltischen Ursprungs sind unzweifelhaft die Namen 
der beiden Helden und die Erzählung von ihrem tragischen Schicksal. 
Doch ist es zweifelhaft, ob der französische Name des Helden, Balaain, der 
der englischen Form Baien oder Baiin zugrunde liegen muß, zurückgeht 
auf kymrisch talaeii, balain, =z 'Stahlklinge' (vom Namne der Stadt Mailand, 
die im Mittelalter wegen ihrer Stahlkingeu berühmt war: balaen < 
malaen, durch 'Anlautsmutierung') , oder ob er stammt von dem Namen 
des altkeltischen Gottes Belenos, eines Gottes der Heilkunst, dem zahlreiche 
Inschriften auf gallischem Gebiet gewidmet sind: dieser findet sich in der 
Kurzform BcU in der kymrischen Geschichte und Dichtung häufig. Der 
Name des Bruders Balan ist dann natürlich Ableitung von Balaain. Die 
Verf. entscheidet sich nicht. 

Keltisch ist ferner die Quelle der Sage selbst, die von Verf. nach- 
gewiesen wird in der Erzählung des Galfrid von Monmouth von dem 
Brüderpaare Belinus und Brennius, Ilist. Reg. Brit. III c. 1 ff. Markante 
Übereinstimmungen zwischen der Baien-Erzählung und Galfrid sind: Die 
Ähnlichkeit der Namen der Brüder — die Vertreibung des einen Bruders 
aus seiner Heimat Nordhumberland — die tapferen Taten, die beide vereint 
ausführen — der Inhalt der rührenden Klage der Mutter (die Fassung des 
letzteren Motivs ist freilich in beiden Fällen verschieden). Über die Her- 
kunft von Galfrids Belinus-Brennius-Geschichte ließ sich nichts ermitteln, 
eine Spur derselben ist sonst nirgends zu entdecken. Galfrid erklärt 
bekanntlich, als Quelle seines Werkes habe ihm gedient ein über vetustissi- 
mns Britannici sermonis, das der Archidiakonus Walter ex Britannia mit- 
gebracht habe. Verf. schließt sich, m. E. mit Recht, E. Windisch an, 
welcher, Das keltische Brittannien, 1912, S. 127, wie vor ihm Ward, Anglia 
14 (1901), 381 — 5, Galfrids Angabe für wahrheitsgetreu hält; in gleichem 
Sinne hat sich neuerdings auch geäußert Leitzmann, Archiv f. d. 
Stud. d. neuer. Sprachen 134 (1916), 373 ff. Was die Baien-Erzählung an- 
geht, so läßt sich zeigen, daß Galfrid hier in jedem Falle kymrische Tradi- 
tionen verwertet haben muß. Frl. V. stimmt Windisch auch darin bei, daß 
mit dem Britanniens sermo des von G. benutzten Buches ein inselkeltischer 
Dialekt, nicht das Bretonische gemeint sei: sie weist darauf hin, daß die 
Molmutinae leges, welche nach Galfrids Aussage Gildas 'de Britannieo' ins 
Lateinische übertragen hat, die Gesetze des Dunvallo Molmtitius von 
Cornwall — des Vaters des Brüderpaares — waren, und daß die An- 
gaben über Dunvallos gesetzgeberische Tätigkeit durch die keltischen 
Quellen gestützt werden. Der Belinus Galfrids ist historisch nicht bezeugt, 
Bein Brennius, keltisch Bran, ist jedenfalls kein anderer als der bekannte 
Gallierhäuptling Brennus, Livius V, 34 ff.: auch Brennius nimmt Rom ein, 
seine Truppen werden als senonische Gallier bezeichnet, und Galfrid beruft 
sich wegen seiner auf die römischen Historiker; überdies haben andere, von 
Giles, = San Marte, benutzte Handschriften die Namensform Brennus. 
Frl. V. nimmt an, daß der Verfasser des Ur-Balen aus Galfrid selbst 
schöpfte, dessen Eistoria ja allerdings ca. 100 Jahre älter ist als ersterer. 
Indessen wird m. E. in Anbetracht der Tatsache, daß abgesehen von den 
angeführten Übereinstimmungen die Darstellung Galfrids von der der 
Baien-Erzählung doch weitgehendste Verschiedenheit aufweist, stark mit der 
Möglichkeit gerechnet werden müssen, daß vielmehr sowohl Galfrid als der 
Ur-Balen aaif die gleiche keltische Sage zurückgehen, die ersterem eben in 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 156 

dem Buche des Archidiakonus Walter vorlag. Durch französische Ver- 
mittlung ist nach der Verf. in die Baien-Dichtung gelangt der König 
Ryons, der identisch ist mit dem Riesen RitJio, der bei Galfrid X, 3 von 
Artur besiegt wird und auch im Chevalier as deus espces als König Ris von 
Outre-ombre auftritt. Das Zauberschwert stammt aus den französischen 
Gral-Romanen, die es mit Ausnahme Roberts von Boron alle aufweisen: es 
ist eine Nachbildung des Gral-Schwertes, des Schwertes Davids, das im 
Tempel zu Jerusalem aufbewahrt wurde, und das Salomon für den letzten 
seines Stammes bestimmte, den ihm ein Traumbild als den besten Ritter 
der Welt prophezeit hatte; es kommt in den Besitz Nasciens und zerbricht, 
als dieser es gegen einen Riesen zückt. In der Baien-Dichtung zerbricht 
im Gral- Schlosse nicht das Zauberschwert, sondern Balens eigenes Schwert, 
eine Änderung, die darauf zurückzuführen ist, daß hier das Zauberschwert 
den Tod des Helden herbeiführen sollte, also bis zum Schluß der Erzählung 
heil bleiben mußte: so erfand der Dichter des Ur-Balen das Motiv des 
Ritters mit den zwei Schwertern und ließ des Helden eigenes Schwert zer- 
brechen. Das Motiv des Zerbrechens will Frl. V. in letzter Linie aus dem 
Mabinogi von Perednr ableiten, indem sie sich mit W i n d i s c h der An- 
schauung von Miß Williams anschließt, Essai sur la coniposition du 
Roman gallois de Peredur, Paris 1909, wonach das Mabinogi von Chrätiens 
Pcrceval unabhängig ist; sie zeigt, daß diese Auffassung durch die Schwert- 
episode eiue weitere Stütze erhält, und gibt bei der Gelegenheit ein 
dankenswertes, vollständiges Eistorique des Zauberschwertmotivs in den 
Gral-Romanen, S. 227 ff. Aus der Gral-Dichtung stammt auch die heilige 
Lanze, die Verwüstung des Landes, die in den meisten Gral-Romanen eine 
Rolle spielt, die Szene im Schloß der Aussätzigen, die Garlan-Episode u. a. : 
weitere Motive sind nach Verf. entnommen aus der Vulgata-Swife zum 
Vvosa.-M erlin, aus dem Lonceioi-Roman, der Mort-Artur, dem Meratigis de 
Portlesguez und dem Trts^an^Roman. Anläßlich der Garlan-Episode zieht 
Frl. V. neben der Episode von den Blutstropfen im Schnee im Mabinogi von 
Peredur auch die Keu-Gwalchmei-Episode im Mab. von Gereint heran, in- 
dem sie annimmt, die den letzteren beiden gemeinsamen Züge seien durch 
das Medium der Pseudo-Wauchier- und der Manessier-Fortsetzung von 
Chrätiens Perceval in die Garlan-Erzählung — Garlan ist die Namensform 
im Huth-Ms. und in der Demanda gegenüber Malorys Garion — hinein- 
gekommen; sie folgert aus dem Umstände, daß in beiden Episoden 'die in 
der kymrischen Literatur sprichwörtliche Beredsamkeit und Freundlichkeit 
Gwalchmeis' hervortritt, keltischen Ursprung der Episode, sie betrachtet 
also, wie den Peredur, so auch den Gereint als unabhängig von Chrßtien. 
Hier hätte notwendig die Edenssche Dissertation über Erec-Geraint 
zitiert werden müssen, wie anläßlich des Peredur Berufung auf die Arbeit von 
Miß Williams erfolgt, denn die Unabhängigkeit des Gereint von Chretiens 
Erec konnte nicht behauptet werden, ehe die Argumente von Försters 
Schüler Othmer, welche den Gereint als eine Übersetzung des Erec erweisen 
sollten, widerlegt und positive Argumente für die Selbständigkeit der kym- 
rischen Erzählung beigebracht waren; beides aber ist erst geschehen in der 
Arbeit von Edens, welche also die Voraussetzung für die Vermutung von 
Frl. V. bildet. 

Ich möchte bei der Garlan-Episode, die für die Genesis der Baien- 
Dichtung wichtig ist, etwas verweilen. In ihrer minutiösen Untersuchung 
der Episode S. 255 — 66 bemüht sich die Verf. in zweifelsohne sehr scharf- 
sinniger Weise, zu zeigen, daß dieselbe kombiniert ist aus Motiven der 
PerceuaZ-Fortsetzung Pseudo-Wauchiers, derer Manessiers sowie des Livre 
du s. Gral: aus letzteren stamme der Name Garlan, denn Varlan ist hier 
der Name des Mörders, der des Gral-Königs Vater, Lambor, erschlug; 
Garlan sei erst nachträglich an die Stelle des Seneschall Ken getreten, 



156 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

welcher in den erstgenannten beiden Texten als Mörder jenes Ritters er- 
scheint, den Gauvain = Baien an Artus' Hof führen will. Die Ermordung 
eines zweiten Ritters durch Garlan in der Baien-Erzählung und sein Mord- 
versuch an dem Sohne des Edelmanns seien ungeschickte Wiederholungen 
des Baien-Autors. Ich kann dies Resultat nicht für gesichert halten. Die 
Gestalt Garlans, der unsichtbar umherreitend Meuchelmorde begeht, macht 
entschieden einen märchenhaft-mythischen Eindruck, und solche Züge pflegen 
in den Artus-Romanen gegenüber rationalistischer Darstellung die älteren zu 
sein. A. C. L. Brown in seiner eingangs genannten Abhandlung, auf die 
nachher noch näher einzugehen sein wird — die Verf. zieht sie erst im 
X. Kap. heran — , erblickt in Garlan ein Wesen der keltischen Other-World, 
wogegen Frl. V. bemerkt, sie könne an Garlan besondere Beziehungen zum 
Jenseits nicht finden. Ich möchte jedoch darauf aufmerksam machen, daß 
nach Malory Kap. 14 Garlan ein schwarzes Gesicht hat; die schwarze Farbe 
aber ist in der keltischen Sagendichtung, wie die Verf. nach Windischs 
Vorgang bei ihrem Hinweis auf das Mabiuogi von Peredur selbst annimmt, 
ein Kennzeichen derer, die aus dem Totenreiche kommen, und die Verf. hat 
wiederum selbst festgestellt, daß sich bei Malory gelegentlich ursprüngliche 
Züge, die im IIuth-Ms. und in der Demanda fehlen, erhalten haben: es 
liegt nahe, auch in der schwarzen Gesichtsfarbe Garlans einen solchen Zug 
zu sehen. In Heinrichs von dem Türlin aus verlorener französischer Quelle 
übertragenem Artusroman Diu Cröme (ed. Scholl, Stuttgart 1852) tritt 
V. 19124 ein schwarzer, mordender Ritter auf, der ausdrücklich als ein 
dämonisches Wesen bezeichnet wird: Gäwein begegnet einer Dame, die ihn 
ermahnt, ihren Geliebten zu rächen, den 'ein Ritter, schwarz wie ein Mohr', 
mit dem Wurfspieß (glavie =: fr. glaive) ermordet hat. Gäwein durchbohrt 
den Ritter mit der Lanze und wirft ihn tot in den Sand, da schläg-t aus der 
blutenden Wunde eine grelle Flamme hervor, die die Lanze samt dem 
Ritter und der ganzen Rüstung verbrennt. Wir hören, V. 19255 ff., daß 
'dieser schwarze Mann' von Gott bestimmt war, gegen ein ganzes Ge- 
schlecht, das ihn in seiner Hoffart nicht mehr fürchtete, so lange zu 
wüten, bis ihn ein fremder Ritter besiegen würde; dies ist nun Gäwein 
gelungen. Die Gestalt des schwarzen Würgengels erinnert gewiß stark an 
Garlan, wenn auch das Motiv der Unsichtbarkeit fehlt. Eben dieses aber 
begegnet in der Cröne an anderer Stelle, V. 14031 ff., wo im 'Abeuteuer- 
walde' nächtlicherweile 600 Ritter gemordet werden von einem Schwert und 
einer Lanze, die, von unsichtbarer Hand geführt, über zwei weißen Rossen 
frei in der Luft schweben. Ich möchte danach glauben, daß da.s Garlan- 
Motiv in der Baien-Erzählung ursprünglich ist und nicht, wie Verf. will, 
erst aus der Keu-Episode der Perceval-Fortsetzungen durch ungeschickte 
Wiederholungen herausgesponnen wurde. Die Verf. meint, die Abhängig- 
keit des Baien-Dichters ergebe sich daraus, daß Garlan am Hofe des Gral- 
Königs Pellam, seines Bruders, bei Tische bedient, wie der Seneschall Keu 
bei Manessier an Artus' Hofe: es sei nicht wahrscheinlich, daß der 
Bruder des Königs zugleich sein Hofbeamter war. Aber in der sehr alten 
irischen Erzählung von König Corniac, die Brown als Quelle der Garlan- 
Episode betrachtet (siehe unten), sind die Person, die hier dem Garlan 
entspricht, und der Haushofmeister zwei verschiedene Personen, und beide 
werden getötet; der Gedanke liegt nahe, die Sage, welche nach Verein- 
fachung strebt, habe beide identifiziert, und so sei der unwahrscheinliche 
Zug, daß Garlan Seneschall seines Bruders ist, in die Geschichte herein- 
gekommen, zu dessen Erklärung wir dann der Annahme, der Baien-Autor 
habe die Keu-Episode bei Manessier nachgeahmt, nicht bedürfen. Die 
Garlan-Episode kann, wenn sie auch jünger überliefert ist als die Keu- 
Gauvain-Episode in den beiden Percei;aZ- Fortsetzungen, dennoch älter sein 
als diese, und Kens heimtückische Mordtat kann in das Motiv dadurch 



Beurteilungen und kurze Anzeigeu 157 

eingeführt sein, daß die zeitlicli älteste, den in Rede stehenden Zug noch 
nicht enthaltende Fassung der Keu-Gauvain-Episode, welche das Mabinogi 
von Gereini und das von Pcrcdur bieten — ich setze voraus, daß Gerein t- 
Erec und Peredur-Perceval aus gleicher Quelle stammen, wie ja auch Verf. 
annimmt — , später beeinflußt wurde durch die Garlan-Episode oder ihre 
Quelle. Eben der Umstand, daß Garlan, wie Keu, Seneschall ist, kann die 
Übertragung des ^Mordes auf den letzteren bewirkt haben. Es ist zu 
beachten, daß Keu in der französischen Artus-Epik wohl als boshafter 
Spötter und hämischer Geselle, aber nicht eigentlich als ein Schurke, der 
einer Mordtat fähig wäre, geschildert wird; ferner, daß Keu die Tat mit 
einem unter dem Rocke mitgeführten Wurfspieß, gaverlot, vollbracht haben 
soll, der keine ritterliche Waffe war. und daß eben ein .solcher Wurfspieß 
als Waffe dem an Garlan erinnernden schwarzen Dämon in der Cröne 
zugeschrieben wird. Es sei auch darauf hingewiesen, daß es der mittelalter- 
lichen Vorstellung ganz geläufig war, sich den Tod zu denken als einen 
Schützen, der seine Geschosse aus dem Hinterhalte abschießt, s. z. B. P e i r e 
von Auvergne XVI, 44. 

Muß ich also gegen das Ergebnis, zu dem die Verf. bezüglich dieser 
"Episode gelangt. Bedenken äußern, so scheint mir ein solcher Zweifel auch 
in anderen Fällen berechtigt, wo sie in dem vorliegenden Kapitel eine 
eklektische Benutzung der verschiedenen erhaltenen Gral- und Artus- 
Romane durch den Verfasser des Ur-Balen dartun will. Daß derselbe sich 
die Episoden und Motive, welche seine Dichtung mit den erhaltenen 
Romanen gemein hat, wirklich gerade aus ihnen zusammengeholt hat, 
scheint mir durch die Nachweise von Frl. V. nicht sichergestellt zu sein. 
Bekanntlich begegnen in Wolframs Parzival eine ganze Reihe von Zügen, 
die bei Chretien fehlen, dann aber in jüngeren französischen Gralromanen, 
besonders bei den Fortsetzern des Chretienschen Perceval, auftreten, und die 
Übereinstimmungen sind von der Art, daß sie kaum auf Zufall beruhen 
können. Wech ssler hat in den Philologischen Studien, Festgabe für 
Sievcrs, Halle 1896, S. 237 ff. nicht weniger als 18 solche Punkte zu- 
sammengestellt, s. auch H e i n z e 1, Über Wolfram von Eschenbachs Parzival, 
Sitzungsber. der Akad. d. Wiss. zu Wien, ph.-hi.st.. Kl., 1894, B. 130, S. 78 ff. 
Da nun die Benützung der in Rede stehenden jüngeren Dichtungen durch 
Wolfram eine chronologische Unmöglichkeit ist, so muß angenommen wer- 
den, daß jene Motive schon in .seiner unmittelbaren Quelle, auf die er sieh 
wiederholt beruft, in der Parzival-Dichtung Guiots, vereinigt vorlagen und 
von ihr aus, oder vielleicht auch von Guiots Quellen aus. in die späteren 
französischen Romane, in denen wir sie verstreut finden, überführt wurden. 
(Für die Richtigkeit von Wolframs Quellenberufung hat kürzlich ganz neue, 
gewichtige Argumente beigebracht S. Singer, Wolfratn^ Stil und der 
Stoff des Parzival, Sitzungsber. d. Ak. d. Wiss. in Wien, phil.-hist. Kl., 
B. 180 [1916], 2. Abh. Rückhaltlas zustimmend äußert sich G. Bottich er, 
Jahresber. über d. Erschein, auf d. Geb. d. German. Philol. 38, 1916 [Leip- 
zig 1919], VIT, 48. S. 120: ihm scheine die Kyot-Frage damit 'soweit es sich 
um die Existenz des Kyot und Wolframs Verhältnis zu ihm handelt, . . . 
endgültig gelöst', wohingegen allerdings W. G o 1 1 h e r, Literaturbl. f. 
germ. u. rom. Phil. 39 (1918), 86 ff. eine ablehnende Stellung ein- 
nimmt.) So muß m. E. auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, 
daß die von Frl. V. behandelten Motive wenigstens zum Teil bereits in der 
älteren, sei es schon schriftlich fixierten, sei es im Mimde der contcurs 
umlaufenden Gral- und Artus-Dichtung vorhanden waren und von ihr aus 
einerseits in die erhaltenen französischen Romane, andererseits in den ver- 
lorenen Ur-Balen gelangten. Ich begnüge mich, dies festzu.stellen. ein Ein- 
gehen auf die einzelnen Fälle, um die es sich handelt, würde den Rahmen 
der vorliegenden Anzeige überschreiten. 



158 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Das IX. Kapitel analysiert die Komposition der Baien-Dichtung. Sie 
besteht nach der Verfasserin aus einer Rahmenerzählung, in deren Mittel- 
punkt das Zauberschwert steht, und einer in sie eingelegten Gral-Dichtung, 
deren Kern Balens verhängnisvoller Schwertstreich bildet. Die Rahmen- 
erzählung hat mit der eigentlichen Gral-Dichtung nichts zu tun, ihr treiben- 
des Motiv ist der auf der Waffe ruhende Fluch, der dem Helden zum Ver- 
hängnis wird; Hauptmoment« sind die Gewinnung des Za.uberschwertes und 
der tragische Zweikampf der beiden Brüder. 'Aus der Verbindung der 
Gralsgeschichte mit der Rahmenerzählung ergibt sich mit zwingender Logik 
das Hauptmotiv für die ganze Baien-Dichtung, das des Ritters mit den zwei 
Schwertern. Das Zauberschwert mußte bis zum Ende der Rahmenerzählung 
unversehrt erhalten bleiben, damit Baien und sein Bruder mit ihm getötet 
werden konnten, wie es zum Plane der Rahmenerzählung gehört. Der Held 
brauchte aber im Gralsschlosse zur Rache au Garlan ein Schwert, das zerbrechen 
mußte, damit er in die Notwendigkeit versetzt wurde, mit der heiligen Lanze den 
prophezeiten verhängnisvollen Schlag zu tun, der im Mittelpunkt der Grals- 
geschichte steht. So verfiel der Baien-Autor auf den Ausweg, seinen Helden 
gleich am Anfang der Erzählung mit einem zweiten Schwerte auszurüsten, 
damit er für jede der beiden obigen Bestimmungen eine besondere Waffe 
hatte' (S. 286). 

Im X. Kapitel erörtert die Verf. schließlich die Stellung der Baien- 
Erzählung innerhalb der Gral-Dichtung und setzt sich mit der Anschauung 
auseinander, welche A. C. L. Brown in seiner Abhandlung The Bleeding 
Lance, s. o., über die Balen-Dichtuug vorgetragen hat. Brown erblickt in der 
letzteren den Anfang einer höchst primitiven, im keltischen Heidentum 
wurzelnden, verlorengegangenen Gral-Geschichte, deren Schluß in Pseudo- 
Wauchiers Percet^aJ- Fortsetzung vorliege, und die vielleicht eine der von 
Chrßtien und den anderen Gral-Dichtern benutzten Quellen war. Die Be- 
deutung der Baien-Erzählung liegt nach ihm darin, daß sie erzählt, warum 
und von wem der Gralkönig verwundet und das 
Land verwüstet worden ist. B. vergleicht mit der Garlan- 
Episode, die mit der Szene im Gral-Schloß endet, die Sage von der 
Blendung des Königs C o r m ac, einer der Hauptgestal- 
ten der irischen Sage, in der einen, spätestens, wie es 
scheint, o,us dem Ende IL Jhs. stammenden Fassung: Aengus 
Gahhuaidech will für die Entehrung seiner Schwester durch Cormacs 
Sohn Cellach Rache nehmen und begibt sich zu diesem Zwecke nach Tara, 
das er nach Sonnenuntergang erreicht. Da es verboten ist, Tara nach 
Sonnenuntergang mit Waffen zu betreten, nimmt Aengus daselbst den 
Crimall, d. i. den geschmückten, oder, nach anderer Übersetzung, den 
blutigen Speer Cormacs vom Gestell und tötet mit ihm Cellach, durch den 
gleichen Stoß blendet er ein Auge Cormacs, und indem er den Speer aus 
der Wunde zieht, durchstößt und tötet er von hinten mit dem Griff Cormacs 
Haushofmeister. Da ein Mann mit einem körperlichen Fehler nicht König 
in Tara sein darf, wird Cormac zur Heilung nach dem nahen Aicill ge- 
schickt, sein Sohn Coirpri wird sein Nachfolger. — Wegen der Garlan- 
Episode, mit der also Brown diese Sage vergleicht, verweise ich auf die 
oben gegebene kurze Analyse von Malorys Baien-Erzählung, es ist aber hin- 
zuzufügen, daß nach der die ursprünglichste Fassung bietenden Demanda 
ßalin bei Betreten der Gralburg in der Tat sein eines Schwert, und zwar 
das Zauberschwert, abgibt, während er sein eigenes behält, das erstere holt 
er sich nach der Katastrophe wieder; ferner, daß nach dem Huth-Ms. 
Garlan, wie schon oben erwähnt wurde, am Hofe seines Bruders als 
Seneschall fungiert und Pellam, was Malory nicht sagt., von Baien mit der 
Lanze durch beide Beine verwundet wird. Frl. V. wendet gegen die Zurück- 
führung der in Rede stehenden Episode auf die Sage von Cormac ein, Balens 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 159 

Rachezug und die Katastrophe im Gral-Schloß seien doch 'ihrer Ursache und 
ihrem Verlaufe nach wesentlich anders als der Strafzug des Aengus'. Das ist 
richtig, aber die Übereinstimmung bleibt trotzdem eine sehr auffällige: hier 
wie dort kommt ein Ritter, der eine begangene Untat rächen will, zu einem 
Königsschloß, in das — überhaupt oder nur zu dieser Tageszeit — keine 
Waffe eingeführt werden darf, er tötet den Schuldigen und verwundet da- 
nach den König selbst mit einer Lanze von besonderer Art, die er in dem 
Schlosse zufällig findet und von ihrem Gestell herunternimmt; der König 
sieht sich dadurch genötigt, abzudanken, und wird krank nach einem 
anderen Orte geschafft, bezw. er liegt seitdem krank danieder; außerdem 
wird hier wie dort der Seneschall des Königs getötet, nur ist er in der 
Baien-Erzählung mit dem Missetäter identisch, in der irischen Geschichte 
wird er zugleich mit ihm getötet. Frl. V. wendet ferner ein, daß in den 
'zwei späteren Fassungen", die Brown noch heranzieht, Aengus den Speer, 
mit dem er Cormacs Auge durchbohrt, selbst mitbringe, wodurch die Ähn- 
lichkeit 'noch geringer' werde. Es handelt sich aber vielmehr um zwei 
ältere Fassungen, von denen die eine aus dem Jahre 750 stammt, die 
andere vermutlich vor 1024 anzusetzen ist, s. Brown S. 55. Wenn nun die 
Baien-Erzählung auf die Sage von Aengus und Cormac oder auf eine solche 
von gleichem Typus zurückgeht, so spricht doch die Wahrscheinlichkeit 
dafür, daß sie von der ihr zeitlich nächststehenden, d. h. der jüngeren 
Fassung, abhängig ist, in der die Lanze eben nicht mitgebracht wird. 
Diese Übereinstimmung bleibt also bestehen. B. weist auch nach, daß die 
irische Sage einen prophetischen Stein, eine zauberische Lanze, ein zaube- 
risches Schwert und einen speisespendenden Kessel, Gegenstände, die an die 
Gral-Reliquien erinnern, kennt, und daß sie eben Cormac einen solchen Kessel, 
außerdem einen silbernen Zweig, der wunderbare Musik ertönen läßt, und 
die 'goldene Schale der Wahrheit' zuschreibt ; eben in Tara, Cormacs 
Residenz, befindet sich auch der Schicksalsstein, der den künftigen König 
von Irland bezeichnet, und der ohne Frage merkwürdig an Guiot-Wolframs 
Gral-Stein erinnert, der die zum Dienst des Grals bestimmten namhaft 
macht. Frl. V. meint, die Identität der in Rede stehenden wunderbaren 
Gegenstände mit den Gral-Reliquien lasse sich nicht erweisen, und auch 
Windisch, auf den hier zu verweisen war, hat ja, Da^ keltische Brittannien 
S. 195 ff., bezüglich der Lanze und des Kessels Zweifel geäußert, aber die 
vorliegenden Übereinstimmungen bleiben trotzdem sehr auffällig, und das 
Problem kann nicht als erledigt gelten. 

Ich möchte in diesem Zusammenhang auch aufmerksam machen auf die 
von Ehrismann, Märchen im höfischen Epos, Beitr. zur Gesch. d. 
deutsch. Sprache 30 (1905), 48 f. ins Licht gestellte Ähnlichkeit zwischen 
der Erzählung der Visio Tnugdali — verlegt ins Jahr 1149 und verfaßt im 
gleichen Jahre von einem irischen Mönche in Regensburg, s. V.-H. Friedel- 
K. Meyer, La Vision de Tondale, Paris 1907, S. XII — , ed. A. Wagner, 
Erlangen 1882, S. 42 ff. von einem irischen Könige Cormac von Desmond, 
ermordet 1138, — wenigstens nehmen Friedel-Meyer an. daß es sich um 
diesen handelt — und dem, was Guiot- Wolfram von Gralkönige Amfortas 
berichtet : Cormac sitzt in einem ganz aus Gold, Silber und Edelsteinen 
bestehenden, im Innern hell leuchtenden Schloß auf goldenem Throne, in 
festlichem Aufzug bringen ihm Leute Geschenke, Priester und Leviten 
kommen, wie zur Messe prächtig gekleidet, und setzen Räucherwerk, 
goldene und silberne Kelche und elfenbeinerne Gefäße auf Tische, — s. die 
Jungfrauen, die vor Am.fortas den Gral, die Kämmerer, die Goldgefäße und 
Schüsseln vor ihn bringen und auf Tische setzen: es sind die paupcres 
Christi et peregrini, denen der König sich im I^ben freigebig erwiesen hat. 
Dann verfinstert sich das Haus, alle Bewohner werden traurig, der König 
geht weinend hinaus. — s. das allgemeine Wehklagen, das sich bei Guiot- 



160 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Wolfram und im Mabinogi von Peredur beim Erscheinen der blutenden 
l^auze auf der Gralburg erhebt. Tnugdal sieht nun, wie der König, bis 
zum Nabel im Feuer stehend, Qualen erduldet, — sie währen täglich drei 
Stunden, die übrige Zeit ist ihm Ruhe vergönnt. Cormac büßt, 
weil er die Ehe brach und einen Grafen töten ließ, Amfortas, • weil 
er der Minne huldigte und einen Gegner im Zweikampf erschlug. 
Fr.-M. bemerken, daß die Chroniken von dem Ehebruch Cormacs 
nichts wissen. Der Gedanke dürfte naheliegen, es sei in der Visio Tnugdali 
eine Identifikation dieses jüngeren Cormac mit dem älteren, von dem 
Brown handelt, vollzogen worden, und es sei schon von letzterem Ähnliches 
erzählt worden; denn es ist kaum zu glauben, daß Cormac von Desmond 
in dem kurzen Zeitraum eines Jahrzehntes schon in diesem Maße ein 
Gegenstand der Sagenbildung geworden sein sollte. 

Aber sehen wir hiervon auch ab, so scheint mir doch die Übereinstimmung 
zwischen der Aengus-Cormac-Erzählung und der Garlau-Pellam-Episode der 
Baien-Erzählung groß genug, um einen Zusammenhang zwischen beiden sehr 
wahrscheinlich zu machen. Besteht ein solcher, dann muß die letztere Episode 
durch uns unbekannte Zwischenstufen auf die Cormac-Geschichte oder eine 
Geschichte von gleichem Typus zurückgehen, und in diesem Falle würde die 
Ansicht von Fr. V., wonach die Gral-Geschichte in der Baien-Erzählung eine 
Mosaikarbeit aus verschiedenen jüngeren Gral- und Artus-Romanen darstellt. 

— ich verweise auf die oben geltend gemachten prinzipiellen Bedenken 
gegen ihre^ Schlußfolgerungen — sich nicht aufrechterhalten lassen. 

Die Garlan-Episode mit der Fahrt nach dem Gral-Schloß entspricht nach 
Brown dem Typus der keltischen Jenseits fahrten, und hier stimmt die Verf. 
ihm, wenn ich sie recht verstehe, bei, aber sie meint, die darauf deutenden 
Züge seien in der Baien-Erzählung nicht zahlreicher noch ursprünglicher 
als in den übrigen Gral-Dichtungen, an Garlan seien 'besondere Beziehungen 
zum Jenseits nicht zu finden'. Demgegenüber verweise ich auf das oben zu 
dieser Episode Bemerkte, wonach die Beziehung zum Jenseits, d. h. zum 
Totenreich, mir gerade bei Garlan sehr deutlich zu sein scheint. Das ganze 
X. Kapitel mit seiner etwas kurz angebundenen und auch nicht hinreichend 
klaren Polemik gegen Brown befriedigt wenig, — man hat das Gefühl, als 
ob es der Verf. selbst bei der Sache nicht recht wohl sei und sie rasch 
darüber hinwegzukommen suche. 

Muß ich also gegen das Endergebnis, zu dem Frl. V. bezüglich des 
Platzes der Baien-Dichtung im Kreise der Gral-Dichtungen gelangt, noch 
starke Bedenken äußern, so möchte ich doch die Vortrefflichkeit der Gesamt- 
leistung rückhaltlos anerkennen. Sie stellt sich würdig neben die gelehrten 
Arbeiten von Miß W e s t o n. Miß P a t o n und Miß Schoepperle, denen 
die Erforschung der bretonischen Epik und Sagengeschichte so viel ver- 
dankt. Die Untersuchung ist auf breiter Grundlage aufgebaut, die Ver- 
fasserin geht mit strengster philologischer Methode und peinlicher Sorgfalt 
zu Werke, immer bemüht, in die Tiefe zu bohren. Dabei ist die Darstellung 
der z. T. außerordentlich verwickelten Probleme — man sehe das V. Kapitel! 

— von einer vollkommenen Klarheit, — nur Kap. X läßt in dieser Be- 
ziehung, wie eben bemerkt, m. E. zu wünselgen übrig — , und die knappe 
Zusammenstellung der gewonnenen Ergebnisse am Schlüsse jedes Kapitels, 
zu der noch eine Gesamtübersicht der Resultate von Kap. II — VI in einem 
besonderen Kap. VII kommt, erleichtert die Orientierung in hohem Grade. 
Keiner, der sich mit der Geschichte der matiere de Bretagne befaßt, wird an 
der reichhaltigen Schrift vorübergehen können. Daß auch die Verf., die selbst 
des Keltischen mächtig ist, nunmehr in der neuerdings so viel umstrittenen 
Mabinogionfrage sich, ebenso wie E. W i n d i s c h und J. Loth, gegen 
W. Förster e^ntscheidet, gereicht mir zur besonderen Genugtuung. Frl. V. 
spricht die Hoffnung aus. daß es ihr bald möglich sein werde, nachträglich 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 161 

auch noch den spanischen Baladro del mbio Merlin für die Geschichte des 
Baien-Stoffes auszubeuten, und stellt außerdem eine Ausgabe der keltischen 
Tristan-Fragmente in Aussicht; möchten beide Pläne recht bald ihre Ver- 
wirklichung finden können ! Man darf der weiteren wissenschaftlichen 
Betätigung der Verf. mit den besten Erwartungen entgegensehen. 

Rostock. Rudolf Zenker. 

Friedrich Schiebries, Victor Hugos Urteile über Deutschland. 
Königsberger Dissertation 1914. 87 S. Königsberg 1914. 

Der Verfasser gliedert seine Arbeit in vier Kapitel: I. Schilderung von 
Land und Leuten. — IL Schilderung literarischer und historischer Persön- 
lichkeiten und ihrer Werke. — III. Deutscher Einfluß auf Hugos Werke. — 
IV. Gedanken über die Weltstellung Deutschlands, Stellung zu Frankreich 
u. dgl. — Wie die Überschrift des III. Kapitels zeigt, begnügt er -sich 
nicht damit, die Urteile V. Hugos über Deutschland zu erörtern, sondern 
will auch den Einfluß der deutschen Literatur auf Hugo verfolgen : eine 
durchaus anerkennenswerte Absicht. Nur hätte man dann gewünscht, das 
Thema der Dissertation etwas weiter gefaßt zu sehen, etwa als *V. Hugos 
Verhältnis zu Deutschland und zur deutschen Lit-eratur' ; dem Sinne nach 
will der Verfasser dies auch behandeln. Denn eine bloße Zusammenstellung 
und kritiklose Aneinanderreihung von Urteilen und Äußerungen des Dich- 
ters über Deutschland wäre ja eine recht geistlose, rein mechanische Arbeit 
und keine wissenschaftliche Leistung. Wer wissenschaftlich ein 
derartiges Thema angreift (und der Verfasser einer Dissertation soll das 
doch unter allen Umständen tun), wird den Hauptwert auf die Verarbeitung 
des gesammelten Materials legen müssen, d. h. auf die innerliche Durch- 
dringung und die historische und psychologische Er- 
klärung: warum urteilt V. Hugo so und nicht anders? In dieser 
Beziehung versagt Schiebries vollständig; es mangelt ihm durchaus an den 
für die Behandlung eines derartigen Gegenstandes unumgänglich notwendi- 
gen geschichtlichen und literarischen Kenntnissen (wie auch W. von 
Wurzbach in seiner Anzeige Zeitschr. f. franz. Sprache 44^, 122 f. her- 
vorhebt). Weiter ist festzustellen, daß Schiebries den Stoff auch nicht an- 
nähernd erschöpft, die vorhandene Literatur nicht durchaus beherr.scht iind 
sie teilweise in nicht ganz einwandfreier Weise verwendet; darüber nach- 
her noch ein Wort. 

In der Einleitung erörtert Seh. kurz die Quellen von Hugos Deutsch- 
landkenntnis. Daß Hugo selbst in Le Rhin seine Unkenntnis der deutschen 
Sprache eingesteht, genügt ihm; man vermißt immerhin einen Hinweis auf 
die paar Dutzend in Le Rhin eingestreuten deutschen Substantiva und Er- 
klärungen von Orts- und Personennamen, mit denen V. Hugo sich hier 
ebenso sehr brüstet wie mit den beiden deutschen Sätzchen, die er später 
in seine Werke aufgenommen hat (Bist du hei mir? in L'homme qui rit 
1. 151; Hängt den Dichter an den Mast auf, in Actes et paroles: Depuis 
l'exil 1, 49); das negative Urteil über des Dichters Deutschkenntnis wäre 
dadurch erhärtet worden. Wenn Seh. dann behauptet: 'alles, was er über 
deutsche Verhältnisse sagt, hat seine Quelle in den Erinnerungen an seine 
drei Reisen im Elsaß, in Deutschland und in der Schweiz' usw. (s. u.), so 
nimmt er damit gerade das als bewiesen voraus, was er in seiner Arbeit 
hätte untersuchen und beweisen müssen. Eben hier müßt« man einsetzen 
und sich die Frage vorlegen, ob und inwieweit Hugos Äußerungen über 
Deutschland und deutsche Literatur durch Frau v. Stael und durch Heine 
beeinflußt sind, und ob vielleicht auch Anregungen Edgar Quinets und 
anderer Franzosen, die Deutschland kannten, bei Hugo auf fruchtbaren 

Archiy f. n. Sprachen. 141. 11 



162 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Boden gefallen sind. Eine solche Untersuchung der literarischen Voraus- 
setzungen, die vielleicht zum Teil negativ ausgefallen wäre (vielleicht auch 
nicht), hätte Seh. zuerst anstellen müssen; aber dazu fehlten ihm offenbar 
nicht nur die Kenntnisse, sondern wohl auch — die Zeit. Die Dissertation 
macht überhaupt den Eindruck, als ob sie mehr ein specimen velocitatis als 
ein specimen eruditionis darstellen sollte. Das gilt nicht nur vom Inhalt 
der Arbeit (den Wurzbach a. a. 0. bescheiden als 'etwas dürftig' kenn- 
zeichnet), sondern auch von der Form, dem Ausdruck. Zu Schjebries' Satz: 
'alles, wa^ er über Deutschland sagt, hat seine Quelle in den Erinnerungen, 
an seine drei Reisen im Elsaß, in Deutschland und in der Schweiz, loelclie 
er von 1839 — 1841 machte, und in den Studien, die sich an diese Reisen 
knüpften', den ich soeben sachlich beanstandete, vergleiche man die Worte 
Paul B e r r e t's in seinem ein ganz anderes Problem behandelnden Buche 
Le moyen äge dans la Legende des Sidcles et les sources de Victor Hugo, 
Paris 1911, p. 247: Tout le moyen äge de la Legende des Sidcles a sa source 
prinicipule dans les Souvenirs de trois voyages en Alsace, en Allemagne et en 
Suisse que fit Victor Hugo de 1839 ä 1841, et dans les etudes qtii suivirent ccs 
voyagss ....' Eigentümlicherweise zitiert Seh. Berret nicht hier, sondern 
erst auf der folgenden Seite in ganz anderem Zusammenhange; übrigens 
gibt er regelmäßig den Titel von Berrets Buch falsch an als Le moyen äge 
europeen . . . Seh. macht sich also Berrets Angabe 1839 — 1841 als Zeit der 
drei Reisen zu eigen, übersieht dabei aber, daß Berret p. 194 die Reisen in 
die Jahre 1838, 1839, 1840 setzt, und vergißt auch, daß nach V. Hugos 
Angabe in Le Rhin es sich um zwei Reisen der Jahre 1838 — 1839 han- 
dele. Es wäre nötig gewesen, erst einmal festzustellen, in welchen Jahren 
V. Hugo wirklich in Deutschland gewesen ist, wobei Seh. auch die 
Correspondance 1836 — 1882 hätte heranziehen müssen. Schiebries weiß auch 
nicht, daß V. Hugo später, in den 1860er Jahren (1862, 1863, 1865) seine 
früheren Reisen durch Belgien und die Rheinlande wiederholt hat, was er 
aus Berret p. 303 f. hätte wissen können. Ebenso apodiktisch erklärt Schie- 
bries Le Rhin als Reisetagebuch, das in Wirklichkeit erst nach der Reise 
am Schreibtisch des Dichters entstanden sei : auch diese Behauptung, die 
er offenbar nach Bire und Brunet.i6re wiederholt, wird man in dieser Aus- 
schließlichkeit nicht ohne weiteres hinnehmen dürfen ; eine genauere Be- 
trachtung, die ich mir vorbehalte, müßte von der mir zur Zeit nicht zu- 
gänglichen OUendorffschen Ausgabe, die wohl Mitteilungen über die er- 
haltene Handschrift von Le Rhin enthält, ausgehen und dürfte auch nicht 
das Zeugnis der Briefe vernachlässigen, die V. Hugo 1840 aus Deutschland 
geschrieben hat: tatsächlich hat Hugo von der Reise neben Briefen Tage- 
buchblätter an seine Gattin und an seinen Freund Louis Boulanger ge- 
schickt; besonders interessant ist folgende Stelle aus einem Briefe vom 
15. Sept. 1840 an seine Frau (Correspondance 1836 — 1882, p. 24) : Je n'ai 
pu me. rappeler la dato de la mort de Marie de Medicis et de la naissance de 
Rubens. Ton p&re doit les savoir. Je le prie de remplir les blancs que j'ai 
laisses. 

Schiebries läßt nun eine lange Reihe ausführlicher Zitate aus Le Rhin 
folgen, da er es für interessant hält, 'einmal eine einigermaßen vollständige 
Sammlung der Ansichten dieses großen Franzosen über Deutschland zu 
geben'. Es mutet geradezu komisch an, wenn nun eine Anzahl Be- 
merkungen V. Hugos über deutsche Gasthöfe, Öfen, das Essen, das Echo von 
St. Goar, Polizisten, Nachtwächter, das Pfeiferauchen, Kinder, reisende 
Studenten, die Bestrafung von Felddiebstählen usw. in bunter Anordnung 
ausführlich im Wortlaut zitiert werden, die vollständig belanglos und 
nebensächlich sind; besonders belustigend sind die Übergänge, mit denen 
Schiebries von einem Zitat auf das andere kommt, z. B. 'ebenso gehört auch 
hierher . . .', 'treffend ist auch . . .', 'Recht launig und zutreffend ist . . : 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 163 

usw.; bei der Erwähnung des Kölner Domes hält sich Schiebries für ge- 
nötigt, 'einen kurzen Überblick über die Geschichte des Bauwerkes' 'zur 
genaueren Aufklärung" zu geben. Daß in diesem wirren Zitatensammel- 
surium gerade die interessantesten Urteile V. Hugos fehlen (z. B. über 
Ludwigs XIV. Einfall in die Pfalz und die Zerstörung des Heidelberger 
Schlosses), wird niemanden überraschen. Mit einer 22 Seiten langen Kette 
von teilweise ganz unbedeutenden Exzerpten aus Le Rhin und Lcs 
Burgraves und den paar verbindenden deutschen Sätzen ist es nicht getan; 
es hätte vielmehr klar hervorgehoben werden müssen, daß Hugos Interesse 
nur der deutschen V ergangen li ei t, nicht dem zeitgenössischen 
Volksleben gilt, daß ihn besonders die Architektur, geistliche (Kathedralen 
und Dome) wie weltliche (Burgruinen) fesselt, daß ihm die Literatur voll- 
ständig gleichgültig ist und ihn nur die geschichtlichen Ortssagen anziehen. 
Dafür hätten V. Hugo» Beobachtungen über die franzosenfreundliche Stim- 
mung der linksrheinischen Bevölkerung in das 4. Kapitel der Arbeit gehört. 
Wir vermissen auch vollständig eine Untersuchung des Verhältnisses von 
Dichtung und Wahrheit in Le Rhin: hat V. Hugo wirklich alles gesehen 
und gehört, was er erzählt? Hat ihm nicht seine Phantasie manchen 
Streich gespielt? Hat er wirklich in Bingen ein junges Mädchen proven- 
zalische Verse singen hören? Das sind Fragen, die Schiebries sich hätte 
stellen müssen. Es fehlt schließlich jede Quellenuntersuchung: in der Ein- 
leitung bemerkt Schiebries (nach Berret), daß Schreibers Handbuch für 
Rheinreisendr Hugos Hauptquelle gewesen ist; aber mit dieser Bemerkung 
läßt er es genug sein. Das 1. Kapitel seiner Dissertation enthält auch einen 
Auszug aus den Burgraves: hierzu hat Schiebries die Quellenuntersuchung 
von Giraud (Revue d'hist. litt. XVI) nicht benutzt, obwohl er sie in einer 
Anmerkung zitiert: er gibt eben nur eine Inhaltsangabe des Stückes mit 
einer Eeihe längerer wörtlicher Zitate. 

Im 2. Kapitel untersucht der Verfasser die "Schilderung literarischer 
und historischer Persönlichkeiten und ihrer Werke*. Über die ganze Gliede- 
rung der Dissertation will ich mit Schiebries nicht rechten. Als Grund 
seiner wenigen Urteile über deutsche Dichtungen und Dichter bezeichnet 
Schiebries Hugos Unkenntnis der deutschen Sprache: der wahre Grund liegt 
natürlich viel tiefer, denn in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab 
es doch eine verhältnismäßig reiche Übersetzungsliteratur in Frankreich, 
wie allerdings aus Lansons Manuel nicht deutlich kenntlich wird. Die 
deutsche Dichtung entspricht eben überhaupt nicht dem französischen Ge- 
»chmacke; da macht V. Hugo weiter keine Ausnahme. Dazu kommt 
V. Hugos großer Eigendünkel, der ihn hinderte, anderen gerecht zu werden. 
Die bekannte von Turgenjew mitgeteilte Anekdote, wonach V. Hugo 
'Wallenstein' für ein Werk Goethes hielt und, als Turgenjew ihn berichtigte, 
sagte: 'Schiller oder Goethe, das bleibt sich vollkommen gleich. Ich habe 
weder den einen noch den anderen gelesen, aber ich kenne sie besser als 
die, welche sie auswendig können' — diese bekannte Anekdote, die auch 
bei Bire steht, hat Schiebries sich unbegreiflicherweise entgehen lassen.^ 
Auch Paul Stapfer erwähnt in seinem Buche V. Hugo ä Guernesey, Paris 
1905, V. Hugos Beurteilung der deutschen Literatur und ist wie Turgenjew 
der Ansicht, daß er sie nicht gekannt hat; Stapf er erzählt, V. Hugo habe 
ihm einmal gesagt: A'i Goethe ni aucun porte allentand na su donner de l<i 
realite aux personnages dramatiques. Stapfers Buch ist Schiebries leider 
fremd geblieben, obwohl Baldensperger es in dem unten zu nennenden Auf- 
satz ausdrücklich zitiert. — Mehrere Seiten füllt Seh. mit Anführungen 
aus V. Hugos Shakespeare und erklärt in .Vninerkungen die von Hugo dort 
gehäuften entlegenen Namen. Zu Galgacus gibt er eine über 30 Zeilen lange 



>■ Das hat bereits Wurzbach gerügt. 

11 



164 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Anmerkung, an deren Schluß er sagt (S. 30) : 'Vgl. K. A. M. Hartmann, 
V. Hugo's 'Choix entre Ics dcux nations', Anmerkung zu Vers 66.' Diese 
ganze lange Anmerkung von Schiebries ist Wort für Wort 
aus dm Artikel von Hartmann abgeschrieben; die literarischen Gepflogen- 
heiten hätten es erfordert, dies Verhältnis zu Hartmann dadurch auszu- 
drücken, daß die ganze Anmerkung in Anführungsstriche gesetzt und 
so ausdrücklich als Zitat gekennzeichnet worden wäre: das hat Schieb- 
ries nicht getan. Nicht nur den sachlichen Inhalt, sondern auch die sprach- 
liche Form seiner Anmerkung hat er Hartmann entlehnt (Zs. f. nfrz. Spr. 
VIII [1886], S. 68 ff.), nur einige Wegla-ssungen und Zusammenziehungen 
hat er vorgenommen. Die sonstigen erläuternden Anmerkungen, die Schieb- 
ries zu dem mehrere Seiten füllenden Zitat aus Hugos Shakespeare gibt, 
sind auch nicht als besonders verdienstlich zu rühmen. Dann folgt (S. 35) 
eine längere Bemerkung darüber, daß Hugo nicht der einzige ist, der in 
Beethoven einen typischen Vertreter deutscher Kunst sieht. Dieser ganze 
Absatz mit einem Zitat aus Nohls Beethovenbiographie ist wörtlich 
abgeschrieben aus dem bereits erwähnten Aufsatz von Hartmann, den 
Schiebrie-s zwar auf derselben Seite, aber zu einer anderen Stelle zitiert: 
auch hier hat er es unterlassen, das Zitat als solches zu kennzeichnen : er 
will offenbar den Eindruck erwecken, als ob er hier eigene Gedanken vor- 
trägt. Auf der folgenden Seite zitiert er aus einem Buch von A. Serre, 
Le suMinie, Goethe et V. Hugo, Paris 1880: er verschweigt, daß er dies 
Zitat aus Süpfle hat (den er auf derselben Seite, aber zu anderen Stellen, 
nennt). Daran schließt Schiebries die Anführung aller Stellen in Hugos 
Werken, an denen er Goethe nennt, und beruft sich auf Hartmann, 
den er hier ausschreibt. Die Anmerkungen, die Schiebries S. 37 und 38 
hierzu macht, stammen (mit dem Hinweis auf Glachant und dem Zitat aus 
der Vorrede zu Torquemada! ) aus einem Aufsatz von Baldensperger, was 
Seh. nicht angibt; auf S. 36 hatte Seh. allerdings Baldensperger zitiert, 
übrigens bibliographisch falsch : es ist ein Aufsatz im Mercure de France 
vom 1. September 1907, kein selbständiges Buch. S. 42 gibt Seh. die letzte 
Äußerung Hugos über Goethe wieder und zitiert als Quelle 'le Livre, 188'i. 
p. 270': er verschweigt, daß er dies Zitat aus Baldensperger hat, und gibt 
Baldenspergers genaue Herkunftsangabe ungenau wieder. Die zusammen- 
fassenden Worte auf S. 42—43 über Hugos Urteil über Goethe sind Wort 
für Wort aus Hartmanns Abhandlung abgeschrieben, die Seh. zwar 
zitiert, aber ebenfalls ohne sein Zitat daraus als solches zu bezeichnen. 
Auch die folgenden Bemerkungen über Hugos Verhältnis zu Schiller sind 
wörtlich aus Hartmann entlehnt, auch hier fehlen die Anführungs- 
zeichen. Vollständigkeit in der Anführung aller Stellen, an denen V. Hugo 
Schiller erwähnt, hat Schiebries nicht erreicht, obwohl er sich den An- 
schein gibt. 

Das 3. Kapitel behandelt angeblich den 'deutschen Einfluß auf \'. Hugos 
Werke'. Wer aber glaubt, hier Bemerkungen über den Einfluß Goethes oder 
Schillers oder anderer deutscher Autoren auf Hugo zu finden, täuscht sich; 
einige 'Ähnlichkeiten" zwischen Goethe und Hugo hat Schiebries im 2. Ka- 
pitel S. 36 nach Süpfle zusammengestellt; diese hätten ins 3. Kapitel 
gehört. Wir vermissen hier ferner eine Verwertung der Forschungen über 
den Einfluß Schillers auf V. Hugo, von eigenen Forschungen ganz abge- 
sehen; einen Artikel von Pappritz im 9. Bd. der Neueren Sprachen erwähnt 
Seh. an anderer Stelle, ohne i)m zu benutzen ; ganz entgangen sind ihm u. a. ein 
einschlägiger Aufsatz von Poirot, Memoires de la. societe neophil. ä Helsing- 
fors III (1902) p. 323 — 6 und einige Bemerkungen bei Sleumer. Seh. be- 
schränkt sich in diesem 3. Kapitel darauf, die in Le Rhin enthaltene lauge 
Legende du ieau Pecopin et de la belle Bauldour und drei Stücke der 
Legende des Siecles: Homo Duplex, Eviradnus und Weif, Castellan d^Osior 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 165 

zu betrachten. Er stützt sicii hierbei auf ßerrets bereits zitiertes Buch, 
geht aber so weit, daß er ganze Absätze wörtlich aus Berret übt^rsetzt. 
Die drei Stücke der Legende des Siecles hat Schiebries offenbar nicht selbst 
gelesen; die Inhaltsanalyseu, die er von ihnen gibt, sind von Anfang bis 
zu Ende wörtliche Übersetzungen aus Berrets Buch: auch hier hat es 
Schiebries unterlassen, sie als Zitate auszugeben. Einmal (S. 58) läßt er 
versehentlich einen Satz seiner französischen Vorlage fort, so daß seine Er- 
zählung unverständlich ist (vgl. Berret p. 298) .'^ — Eigene Forschungen 
über etwaigen deutschen Einfluß auf V. Hugo hat Schiebries nicht ge- 
trieben. Was Baldensperger und Ciraud über den Einfluß des Schicksals- 
dramas und der 'Ahnfrau' Grillparzers auf die Burgraves nachgewiesen 
haben, hat er ebenso wenig berücksichtigt, wie er sich selbst auf diesem 
Gebiet« nicht weiter umgesehen hat. Dabei scheint über die Frage des 
deutschen Einflusses auf V. Hugo tatsächlich noch niclit das letzte Wort 
gesprochen zu sein; ich behalte mir vor, an anderer Stelle darauf zurück- 
zukommen (vgl. Archiv 139, 227 eine Einzelheit). 

Im 4. Kapitel betrachtet Schiebries V. Hugos politische Stellung zu 
Deutschland. Er zitiert S. 60 in einer Anmerkung zwei französische Zeit- 
schriftenaufsätze, die er wohl aus Lansous Manuel bihliographique de la 
litt, frang. mod. kennt; ein gleichartiger deutscher Aufsatz von Paul 
Lindau, der übrigens wertlos ist (Literarische Rücksichtslosigkeiten, Leipzig 
1871, S. 76 ff.), ist Schiebries fremd geblieben, da er in Lausons Biblio- 
graphie nicht verzeichnet ist; weniger verzeihlich ist, daß Schiebries Lindaus 
interessante Rezension von L'Avnee terrible (Gesammelte Aufsätze, Berlin 
1875, S. 265 ff.) nicht benutzt hat. Lindau hat gerade als Kritiker 
V. Hugos sehr stark auf seine deutschen Zeitgenossen gewirkt; die bis 
heute anhaltende Mißachtung, deren sich der Dichter in Deutschland er- 
freut, ist zum niclit geringen Teile Paul Lindaus scharfen Kritiken zuzu- 
.sdireiben: deshalb wäre ein Hinweis darauf gewiß am Platze gewesen, 
zumal Schiebries aus Lindaus Aufsatz über L'Annee terrible manches hätte 
lernen können. Die Analyse der politischen Stellung Hugos zu Deutschland 
leidet darunter, daß Schiebries es verabsäumt hat, sie historisch zu er- 
klären: es war auszugehen von den bekannten Ereignissen des Jahres 1840 
mit ihren mannigfachen Widerspiegelungen in der deutschen und französi- 
schen Literatur der Zeit; besonders an Edgar Quinets eigenartiges Ver- 
halten war in diesem Zusammenhang zu erinnern. Dann wäre klar ge- 
worden, was der Verfasser nicht zu wissen scheint, daß ^^ Hugo mit seinem 
ungestümen Verlangen nach dem linken Rheinufer in dem Frankreich der 
1840er Jahre nicht allein gestanden hat, und der Verfasser wäre dazu 
gedrängt worden, dabei gerade den wesentlichen Punkt herauszuarbeiten, 
in dem Hugo sich von seinen ins gleiche Hörn blasenden Zeitgenossen 
unterscheidet: das aufrichtige Streben nach einer Versöhnung von Deutsch- 
land und Frankreich, das noch in Hugos Äußerungen der Kriegsjahre 
1870/71 zuweilen deutlich hervortritt. Die Erkenntnis dieses Grundzuges 
in Hugos politischem Verhalten gegenüber Deutschland, der durch seine 
bekannten Ausbrüche des Hasses und der W^ut nur verdunkelt, aber nie 
unterdrückt wird, vermißt man in Schiebries' Arbeit, die vor dem Kriege 
entstanden ist. wie idi nicht vergessen möchte liinzuzufügen. — Nun zu 
dem, was Schiebries hier zu .sa^en hat. Er beginnt mit einer knappen 



^ In diesem ganzen Kapitel .stellt Schiebries so sehr unter dem Banne 
von Berrets Buch, daß er immer von einer 'Legende von der Falkenburg" 
'S. 5:!;, "Legende vom Wispertal" (S. 54). 'Ix^gende von Albert von Zinnnern" 
(S. 55) u. a. redet: er hat ja alle diese Sätze wörtlich aus Berret übersetzt 
und nur das französisclie legende unüber.'^etzt gela.s.sen: daß frz. legende 
deutsch 'Sage" heißt, hätte Schiebries wissen können. 



166 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Skizzierung der Grundgedanken von Hugos Conclnsion zu Le Rhin. Daß 
diese Analyse (S. 60 — 61) teilweise wörtlich aus Bire, V". Hugo aprds 1830, 
t. II, p. 16 f. übersetzt ist, verschweigt. Schiebries; allerdings nennt er 
im Verlaufe der Analyse einmal Bires Namen, aber nicht so, daß er damit 
den ganzen Absatz als entlehnt bezeichnet; er tut so, als ob die Skizze 
über den Inhalt der Conclusion seine eigene Weisheit darstellt. Dadurch, 
daß Seh. die Bücher und Aufsätze, aus denen er ganze oder halbe Seiten 
wörtlich abschreibt oder übersetzt, immer in der Nähe der abgeschriebenen 
Stellen nennt, glaubt er sich gegen den Vorwurf des Plagiats schützen zu 
können. Dies Verfahren ist scharf zu tadeln. Es ist Pflicht des wissen- 
schaftlichen Arbeiters, gewissenhaft dem Vorgänger zu geben, was des Vor- 
gängers ist, und zu vermeiden, auch nur den Anschein zu erwecken, als 
ob man sich mit fremden Federn schmücken will. Jede wörtliche Anleihe 
ist durch Setzen in Anführungszeichen ausdrücklich als solche zu kenn- 
zeichnen; das hat Seh. leider meist unterlassen. — Über den Inhalt dieses 
politischen Kapitels läßt sich sonst nicht viel sagen. Mir ist aufgefallen, 
daß Seh. den Appell, den V. Hugo gleich nach Kriegsausbruch im Juli 1870 
an die Frauen von Guernesey richtete, nur aus Brunetiöre kennt, obwohl 
er doch in den Actes et Paroles abgedruckt ist. Zwei volle Seiten füllen 
Zitate aus Hugos großem Discours sur la gtierre; ich vermisse eine Be- 
merkung darüber, wann und wo Hugo die Rede gehalten hat (am 1. März 
1871 in der Assenihlee Nationale zu Bordeaux). — Leider streift Seh. gar 
nicht die nicht uninteressante Frage, wie Hugos demagogische und chauvi- 
nistische Tätigkeit zur Zeit des Krieges in Deutschland beurteilt wurde: 
daß Paul Lindau nicht ruhig blieb, sondern die Gelegenlieit benutzte, Hugo 
eins zu versetzen, ist selbstverständlich. In Broschürenform veröffentlichte 
ein Ungenannter im September 1870 eine würdige Reponse d'un Allemand 
(i M. Victor Hugo in französischer Sprache (Darmstadt u. I^eipzig, Eduard 
Zernin). Und Richard Wagner ließ sich gar zu einem — dichterisch völlig 
wertlosen — Lustspiel 'Eine Kapitulation' (Ges. Schriften 9, 3 ff.) hin- 
reißen, in welchem er sich über den französischen Dichter grausam lustig 
macht. Auch Berthold Auerbach riß am 16. September 1870 in einer sehr 
wirksamen und schlagkräftigen 'Antwort eines Deutschen an den Franzosen 
Victor Hugo' diesem 'den weitbauschigen Talar von großen Worten' ab. 
Von alledem steht bei Seh. kein Wort. — Gegen seine Besprechung der Ann6e 
tcrrihle läßt sich der Vorwurf einer zu engen Anlehnung an die von ihm 
in ganz anderem Zusammenhange S. 67 und S. 80 zitierte Programm- 
abhandlung von Karl Roeth, V. Hugo's L'Annee terrible, Bochum 1903, 
machen (bes. auf S. 73). Wa-s Schiebries dann zum Schluß über Hugos 
bekannten Choix erifre les deux nations zn sagen hat, ist eingestandener- 
maßen lediglich eine Kontamination von dem, was Roeth und Hartmanu 
über das Gedicht geschrieben haben. 

Noch ein paar Einzelheiten. Seh. weiß nicht, daß der 4. Akt von 
Hernani in der Aachener Kaisergruft spielt: das hätte eine Erwähnung 
verdient. Zweimal nennt er Berenger statt Beranger als Empfänger eines 
Hugoschen Briefes (S. 7, 8) ; der zweimalige Druckfehler ist ärgerlich. Und 
schließlich zur Beleuchtung von Sch.s Arbeitsweise: zur Erläuterung von 
Hugos Homo duplex gibt er ein Zitat aus Le Rhin; da Berret a. a. 0. p. 259 
Anm. 1 es versehentlich in den 32. Brief gesetzt hat, schreibt Schiebries 
ihm diesen Druckfehler einfach nach: das Zitat, das in Wahrheit aus dem 
31. Brief stammt, hat ^r gar nicht nachgeschlagen! 

Zum Schluß meiner Besprechung möchte ich noch auf eine 'Rezension' 
hinweisen, die die Schiebriessche Dissertation durch 0. G 1 ö d e im Literatur- 
hlatt für germ. u. rom. Philologie 1915, Sp. 345, erfahren hat. Glöde 
druckt wortwörtlich, ohne Anführungszeichen, die zwei ersten Absätze und 
den Schlußsatz von Sch.s Einleitung ab, gibt dann die Überschriften der 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 167 

vier Kapitel an und stellt vom Thron seiner 'Rezensentenherrlichkeit fest: 
'Schiebries hat Victor Hugos Urteile über Deutschland nach seinen Schriften 
aufs genaueste wiedergegeben und uns manchen neuen Einblick in seine 
Schriften gewährt'. Wenn Glöde die vorhandene Hugo-Literatur gekannt 
hätte, würde er diesen Satz bestimmt nicht geschrieben haben. Den Kest 
seiner 'Eezension' füllt er mit einer Aneinanderreihung von Schiebries' oder 
vielmehr Hartmanns Sätzen über den Choix entre les deux nations, nicht 
in Anführungszeichen, aber mit den Literaturverweisen von Seh. in An- 
merkungen! Ich habe mir die Mühe gemacht zu zählen. Glödes 'Rezension' 
ist 59 Zeilen lang; Glödes Eigentum sind davon ganze 5 (fünf) Zeilen. 

Berlin-Halensee. Erich Loewenthal. 



\Vo 



1 



Ungedruckte 

Dichtungen und Briefe aus dem Naclilaß 

Heinrich Wilhelm von Gerstenbergs. 

(Schluß.) 

XXII. Briefe Augusta v. Stolbergs an Gerstenberg nebst 
einer Antwort Gerstenbergs^ 

(im Goethe-Museum zu Frankfurt a. M.). 

I. 

Abscheulicher Mensch — ich weiß noch nicht ob Sie meinen Brief haben 
oder nicht — man sagt daß Sie mir sollen geschrieben haben, hab nichts 
davon gesehen, aber man soll ja glauben, waß man auch nicht sieht. Grüßen 
Sie Ihre Frau. Ich heiße 

Gustchen. 

n. 

Üt(ersen): den 25st: M(ärz?): 1778. 

Dank Lieber Gerstenberg für Ihren lieben kleinen Brief — als ich hier 
kam, und mich mit frohem Herzen in die Armen meiner Oberg warf, er- 
blikte ich den lang gewünschten Brief, und so bald ich mich los reißen 
konnte, ward er stük weise gelesen — 

Ja wohl schön daß wir uns kennen, mir gab gewiß mein Schuz Engel 
den Gedanken, mit nach Lübek zu gehn, in einer Stunde ein, da er mir 
recht wohl wollte, — Kein größres Glük kan mir auf der Welt begegnen, 
als die Freundschaft guter Menschen zu erhalten, und hab ich nun nicht die 
Ihre und Sophiens auf immer? Gewiß, so gewiß als Sie die meine haben, 
und behalten — Sie sagen ich kann auch ernsthaft seyn, o Lieber Gersten- 
berg daß bin ich am öftersten, und fast immer gränze ich an Wehrauth, die 
ich am meisten liebe. Aber ich kann mich wie die Kinder über jede Kleinig- 
keit, freuen aber auch wie die, mich über jedes dißapointment betrüben. 
Meine Freunde sind mir alles, mein Stolz und meine Welt, ich suche und 
finde im Herzen meiner Lieben, den Himmel auf Erden — Sehen Sie so ein 
Geschöpf bin ich, können Sie mich so leiden? 

Lieber Gerst(enberg) : Sie sollen und müssen im May nach Hamb(urg) : kom- 
men, aber nicht halb, sondern ganz, denn Sophie, mit ihrem kleineu Trincker 
muß mit — Hören Sie, Sie müßen mir etwaß von Ihren Werken geben, 
entweder das Hungerstück oder die unplatonischen Tändeleyen, oder waß 
Sie sonst wollen, aber Ihren Namen müßen Sie mir hinein schreiben — ist 
Frizens^ Gedicht nicht herrlich? o er ist doch ein herrlicher Junge der 



1 Herr Privatdozent Dr. Printz in Frankfurt a. M. hatte die Güte, 
eine nochmalige Vergleichung der Handschriften vorzunehmen. Damit schließt 
diese Publikation. Weiteres wird der zweite binnen Kurzem erscheinende 
Band meiner Biographie bringen. 

• Jedenfalls Gedicht von Stolberg, 

ArchiT f. n. Sprachen. 141. 22 



170 Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 

Friz. Senden Sie mir Briefe von Cop(enhagen) her! — adieu lieber Gersten- 
berg: daß ich Sie kenne ist schön I 

Meine Oberg dankt für Ihren Gruß und Seegen, der sie sehr rührte 
und grüßt Sie freundschaftlich. 

Augusta. 

ni. 

7ten M(ai?) 1778. 
ä Monsieur Monsieur Gerstenberg, Resident 
et Consul de S. M. Danoise h Lübeck 
Ich will nicht böses mit bösem vergelten sondern nur melden daß ich 
eben Mara und die Mara gesehn habe, daß sie künftige Woche ein Concert 
geben, ich lauf gleich auf Ebbings Stube es Ihnen zu melden, damit Sie 
und Sophie hübsch herkommen — Gramer muß auch, sollte er nicht können 
so sagen Sie ihm nichts, von der ganzen Sache, es würde ihn sonst be- 
trüben, ich freu mich unendlich diese erste Sängerin zu hören, und weil 
ich mich so freue, muß ichs Ihnen gleich mittheilen : waß ist» schön, Freuden 
mit Freunden zu theilen — 

Grüßen Sie herzlich den guten Kramer, ich bin ihm herzlich gut. Sie 
beste Sophie küße ich für Ihren lieben Brief. Ihnen abscheulicher Mann 
danke ich nicht für Ihr Stillschweigen — wollen Sie mir schreiben so schicken 
Sie den Brief nach Henslers Hauß — ich bin alle Galle los und bin nun 
die Sanftmuth selbst. 

Augusta. 

Die Maras bleiben kurz sehr kurz und gehen nicht nach Lübeck. Sagen 
Sies der Pauli. 

IV. 

(Ohne Datum und Ort.) 
Herrn von Gerstenberg 
Königl. Dänischen Residenten in Lübek 

Auf Klopstocks Stube Sontag morgen. 

Es dient dem geneigten Leser und der geneigten Leserinn zur Nachricht 
daß der Mara Concert am Mittwoch schon ist, und daß sie am Freytag, spät- 
stens Sonnabend schon verreißt — wer also kommen will der komme bald, 
und wer daß nicht will der schicke sein Ohr doch wenigstens her — 
es ist dünkt mich wohl der Mühe werth dafür künftig sich nur mit einem 
Ohr zu behelffen. 

Gerstenberg ist das Muster eines guten Corespondenten, ich kriege eini- 
gen Respect dafür — Sie liebste Sophie ein liebes Weib, haben mir einen 
allerliebsten Brief geschrieben dafür herzlichen Dank. viele Grüße von 
Klopst(ock): an das d: W: — Leben Sie beyde mit ihrem kleinen Völcklein 
so wohl als ichs Ihnen wünsche, 

Lieber Gerst(enberg): hat Gramer noch die Predigt die ich Ihnen gab ge- 
kriegt? A Stolberg. 

V. 

Tremsb(üttel): d: 14 t: März 1779. 
Sontag Mittag. 
Daß Amt Tr(emsbüttel) : ist zum Kloster verwandelt, seit die heiligen 
Nonnen allein darin sind, aber ich will zancken mit Ihnen, ich schreibe an 
Sie, der Amtmann, schreibt glaube ich, hinein, und Sie antworten ihn allein. 



Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 171 

und speisen mich mit ein paar Worte ab, die ich darin suchen muß — Sie 
haben sich dadurch 2(er) unverzeihlicher Sünden schuldig gemacht, vors erste, 
wenn eine Person meines Geschlechts, sich so tief herabzulassen beliebt, an 
eine Mannsperson zu schreiben, so ist das wenigste, waß ihre Diener thun 
können, sogleich zu antworten — 2tens — wußten Sie recht gut daß der 
Amtmann seine theure Ribbe begleiten, und der Brief ihn also nicht treffen 
würde — Sie schrieben also an eine Mannsperson die nicht da war, und 
nicht an eine DAME und an eine NONNE die da war — dieß ist Ernst, 
nun ein bischen Spaß, oder nonsens wie unsre Bekantschaft anfieng — 

Lieber Gerst: Liebste Sophie wir wären herzlich gerne heute bey Ihnen 
und süß wärs gewesen, wenn das Schiff denn auch den armen Friz 
als der Wallfisch den Jonas ausgespien hätte — aber daß konte nun nicht 
seyn und vernünftig ists ja doch sich in alle Umstände finden zu können, 
ergo spiele ich diese Rolle heute — 

Hören Sie Lieber guter couleur de Chair kommen Sie mit Friz ich will 
Sie auch ergezlich schön bewirthen, will auch ein Kleid couleur de Chair 
anziehen — und Kommen Sie Kommen Sie — Sie machen dadurch, aber 
nur dadurch Ihre Sünden gut — gerne schrieb ich mehr aber 

neque semper arcum tendit Appollo. Herzlich seyn Sie umarmt liebste 
Sophie, und Sie Herr Gemahl ein freundliches Gesicht in der Hofnung daß 
Sie sich bessern werden, ist Bruder, sind Brüder^ auch bey Ihnen so grüß 
ich sie, küß sie auch allen falls und Louise ist hoffe ich auf tanzenden Wellen 

Augusta. 

VI. 

Tremsb(üttel): d: 19t: M(ärz): 1779. 

Die Unmündigen brauchen einen Vormund und die Thoren bedürffen des 
Raths — 

Meine Schwiegerinn beweißt das, hats bewiesen denn nun ist vieleicht 
ihr Schiff in Cop :(enhagen) unterdessen alle möglichen Gegrebs, und selbst- 
Gefühl begangener Thorheit Wellen in ihren(m) armen Herzen schlagen — 

Gott gab ihr einen Mann, der in solchen Fällen Herr seyn sollte, dieser 
Mann entscheidet für sie, im Namen dieses Mannes soll ich Sie bitten, Lieb- 
ster Gerstenberg, sich zu erkundigen, wann Schiffer Petersen, oder sonst 
einer, abgeht, und ob Sie, im Fall der erste die nächste Woche geht, ihn 
nicht bereden können, biß Frey tag oder Sonnabend zu bleiben, weil meine 
Schwiegerinn erst am Donnerstag von Hamburg zurük kommt, wo sie eines 
rendez vous wegen, hin muß — nur fragen, ja noch nichts accordiren: hier 
ist mein Auftiag, und mein herzlicher Wunsch, denn das gute Weib, muß 
hin — 

Aber Avaß sagen Sie zu Friz? wie ist's doch möglich daß der Wind der 
meine Schwieg(erin). wieder zurük brachte, ihn nicht her biingt? wie ist's 
möglich daß beyde nicht weg konnten? Dank Liebster Gerst: dank gute 
liebe Sophie für Ihre lieben Briefe, diesen Dank theilt meine Schwester "^ mit 
mir, als Sie las, wo Sie schreiben 'Sie hätten sich über ihre Zeilen, wie über 
eine neue Entdeckung gefreut' setzte sie hinzu: 

' Friedr. Leop. u. Chr. Stolberg, wie aus einer Nachschrift von H. K. 
Stolberg hervorgeht. H. K. Stolberg fordert G. ebenfalls auf, sie zu be- 
suchen. 

2 H. K. Stolberg (Katharina). 

12* 



172 Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 

ich glaubte du wärest gestorben, 
verzeih o Muse, wenn du unsterblich bist — 
80 unsterblich, soll ich sagen, sey ihre Freundschaft für Sie beyde — 
Ja Lieber Gerst: gutes Muthes, gutes frohes Sinnes, will ich sehen zu blei- 
ben, bey jeder Prüfung, wie Sie's nennen — körperliche Leiden können frey- 
lich sehr, so lange sie anhalten, meine Seele niederdrüken, aber nie so, daß 
nicht gleich Munterkeit und Freude wieder aufkommen könnten, wenn es 
überstanden ist — und überstanden und vergeßen ist eins — Gottlob nur 
daß ich keine Ungeduld in dem Falle kenne, — ich bin besser, war hier 
sehr gut, seit gestern habe ich aber wieder oft a teazing Kolik — daß ist 
allein Schuld daß Sie heute keinen Lateinischen Brief von mir haben, den 
ich Ihnen zugedacht hatte, den Sie aber noch zu gute haben sollen, es ist mir 
wahrlich heute nicht möglich, all mein kecker Muth ist damp'd, daß ich 
nicht gesund werde, ist Bergers und Henslers (der lezte ist mein Leib Arzt) 
schuld nicht, ihr Seegen liegt hundertfältig auf mich, der erste giebt mir 
stärkende China mit unwohlriechenden Oele, der andre täglich eine Menge 
versilberte Klumpe. Hilft daß nicht ganz, so stärkt's und linderts doch — 
Sie sehen ich denke doch nicht völlig so, wie jener, der von der Tauffe 
sagt, hilfts nichts, so schadts doch auch nicht — 

Meine Schwieg(erin) : kam wie eine Erscheinung stand am Fenster und sagte, 

I see a band you can not see 

How beckonsi avay 
unerschrocken sezte ich hinzu 

I hear a dain you can not hear 

How bids me not to stay. 
Um himmelswillen wo bleibt Friz? Nun macht sein weg bleiben mich trau- 
rig weil wir nun risquiren ihn kürzer zu behalten — Lassen Sie uns alle dem 
Neptun oder dem Eolus etwaß opfern ? waßaber? die unerbittlichen I wünsche 
und Bitten helffen ja nicht — sonst wollte ich nichts als Bitte Bitte sagen 
und denken. Bringen Sie ihn nur ja! — 
adieu gutes Liebes glükliches Paar! — 

behalten Sie mich beyde lieb. 
Augusta. 

vn. 

Tremsboui-eau the 24t'i März 1779 
An Gerstenberg und seine Frau 

Eigentlich bin ich pas as well heute, caro hordeo-Mons. um an so ein 
üpperlig genie as you are zu schreiben aber — 

Omnia vincit Amor, et nos cedamus Amori, — 

Damit sie mich verstehen, o großer Berg, bin ich herablaßend genug, um 
nicht ganz lateinisch oder griegisch zu schreiben, ich fürchte aber Ihre Ge- 
duld durch's nachslagen in den Lexicorum^ zu ermüden, und da die arme 
Geduld sich sich nicht im Schlafrock hüllen, und keine Müze auf dem Capiti^ 
sezen, und sie sich nicht im Lehnstuhl ausruhen kan, so musz ich säuberlich 



1 Lücke im Papier. 

2 Geändert aus Lexicas von Klopstock. 

' „ „ das Caput von Klopstock. 



Ungednickte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 173 

mit dem puero ^ Absalon verfahren. Aber da kommen apereisioi Butter- 
pani, Für die Ugolino Stomachi Fratzum, und die exclamations der gaudij * 
darüber stört mich — 

so oft wird man gestört, so oft raffe ich den Müßiggängern und rohen 
Menschenkindern zu 

Ora et labora. 

Nun will ich armer gaddo auch mein hänfling Ey verzehren, denn mehr 
laßen die voraus doch nicht übrig, deren Magen a Fathomless abyss is — 
wenn Sie dasz nicht glauben so erchu kai idu. 

da komt meine bouillon mitte me ut ediam' — 

Nu nu Friz sey zahml 

noli me tangere — 

Ütersen d: 8t. April. 

Dieser Brief soll doch nicht umsonst geschrieben und noch weniger nicht 
umsonst von Klopstock corrigirt seyn. 

Also da haben Sie ihn Liebster Gerstenberg: 

Ihre gute liebe Sophie umarme ich. Bleiben Sie mein Freund! 

A Stolberg. 

vm. 

Tr(emsbüttel): d: 26 st.:* 1779 

Endlich haben wir ihn! mir ists aber sehr lieb daß wir ihn nicht schon 
gestern Abend hatten, denn alsdann hätten Sie und Ihre Sophie ihn nicht 
gehabt, und er sie nicht. 

Gleich nach der ersten Freude, fragte ich, waß macht Gerst: und seine 
Frau? — denken Sie noch an mich? o sie haben dich sehr lieb, haben aber 
auch Amseln und Droßeln lieb, und einen Hund lieb, der ins Hauß ge- 
lauffen ist — daß sollte mich demüthigen thuts aber gar nicht — 

Lieber Ger8tenb(erg) : ich hab Sie und Ihre Sophie eigentlich enzezlich lieb, 
und denke so oft, so oft an Sie beyde, und betrübe mich, daß ich Sie so 
wenig sehe — Sagen Sie mir doch wieder einmal Worte des Andenkens 
und der Freundschaft — 

schön daß Sie die Lebensläufe auch so lieben my whole heart is in 
it. darin ist Herz und Natur!!! und daß ist doch nur das Einzige — Alle 
Ihre lieben Kinderchens grüße ich. 

Liebster Gerstenb(erg) : dieß Paar Täu(b)chen daß mein ist, und damit ich 
eine Colonie in Bemstorff anlegen will empfehle ich biß das Schiff geht 
Ihrer Pflege und Liebe, waß Sie ihm erzeigen, erzeigen Sie mir. 

adieu gutes liebes edles Paar. 

Bitte bitte mir einmal wieder schreiben. Es ist gar zu süß von Zeit zu 
Zeit Worte der Liebe von seinen Freunden zu erhalten, wenn man es auch 
weiß, daß Sie doch an uns denken, das ist sehen, und nicht schreiben ist 
so waß lebendig todtes. 

Gott segne Sie Lieber Freund und Liebste Sophie 

Augusta. 

' Geändert aus den puer von Klopstock 
2 „ „ gaudium „ 

' „ „ edam von Klopstock. 

* Datumschreibung unleserlich. 



174 Ungedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenberge 

IX. 
[ein Zettel, der wohl bei einer größeren Sendung gelegen.] 

[0. D. u. 0. 0.] 

adressirt nach Hamb(urg) schicken — die v: W: wohnt in der Königs 
Straße. 

verzeihen Sie diesen Auftrag aber ich weiß Sie sind die Güte selbst 
— geben Sie jedem Ihrer kinderleins einen Kuß von mir. Das süße Hen- 
rietchen ist mein Lieblein — Sie umarme ich — Laßen Sie nur (?) uns ganz 
seyn, wozu die Natur und unsere Herzen uns bestimmt haben, ewig Freun- 
dinnen — 

wenn Sie mich erst ganz kennen, so werden Sie sehen, daß ich Freundin 
seyn kan, und bleiben kan, daß ist wahrlich meine beste Seite. 

Grüßen Sie die Pauli und Overbeck. Augusta. 

Den Brief an Claudius schicken Sie mir ja gleich wieder. Gerstenbg. 
muß ihn lesen. 

X. 

Lieber couleur de Chair am Dienstag sind unsre Lieben in Cop : ange- 
kommen heut erst hab ich die Nachricht. Freuen Sie sich mit mir, Sie und 
Ihre Sophie — 

Unartiges Couleur de Chair heute vor 8 Tagen gieng ein ungeheurer Brief 
an Sie ab, und noch keine Antwort — soll ich wieder sagen abscheulicher 
Mann I Leben Sie wohl. Ihr edles Weib umarme ich, Ihre Kinderchens küße 
ich. Ihnen geb ich herzlichen deutschen Handschlag. 

Augusta. 

Ütersen d. Ist: April. 

Alles dieß sind Wahrheiten und keine ersten April Nachrichten, schreiben 
Sie bald oder — 

XL 

[ein Brieffragment]. 

Gerstenberg an Augusta Stolberg. 

Lübeck 27. Febr. 79. i 
Daß Ihnen meine Antwort unkathegorisch und strafbar vorgekommen ist, 
meine ungnädige Gräfinn, that mir von Herzen Leid — aber ich kann mich 
jener Schuld unmöglich zeihen; sie war nicht unkathegorisch, sondern, wie 
Klopstock, dunkel durch die Fülle ihrer inneren kurzen Deutlichkeit, hoffe 
also, daß Ihre Strafe mich dießmal, wenigstens nicht bis über die Belten, 
verfolgen werde. Die Sache hängt so zusammen. Lübecksche Schiffer gehn 
selten nach Kopenhagen, das setzte ich voraus, imd erwähnte ihrer nicht, 
weil sie mir eben dieser Voraussetzung wegen keiner Erwähnung würdig 
schienen. Ich schränkte mich also mit consularischer Würde auf einheimische 
Schiffe ein, und setzte abermals voraus, daß von einheimischen Schiffen hier 
keine überwintert hätten, folglich blos von denen die Rede se^m könnte, die 
in diesem Lenz-Monathe hier etwa verflogner Weise angekommen wären, 
und mit ihrer Ladung nun wieder zurückkehren wollten: Von welchen der 
einheimischen Häfen diese Schiffe seyn oder nicht seyn möchten, schien mir 
abermals keiner Erörterung zu bedürfen : denn was für Schiffe werden wohl 

> Hof- und Staatsbibliothek in München. 



üngedruckte Dichtungen und Briefe Gerstenbergs 175 

im Februar von einem Holsteinischen oder Dänischen oder Norwegischen 
Hafen nach Lübeck kommen, blos um eine Ladung nach Kopenhagen ein- 
zunehmen? Weil ich also die Kürze, besonders in meinem eigenen Briefstil, 
über alles liebe, so überging ich die Voraussetzungen mit Stillschweigen, 
griff den Stamm bey der Wurzel an, indem ich mich äußerte, daß hier über- 
haupt noch keine Kopenhagener Schiffe angekommen wären, und überließ 
Ew. Gnaden in bescheidener Zurückhaltung die daraus herzuleitende Folge- 
rung, daß also auch keine Kopenhagener Schiffe von hier vor der Hand ab- 
gehen würden. Ob das unkathegorisch, oder ob es nicht vielmehr äußerst 
bestimmt geschrieben Avar, unterwerfe ich höchstem Ermessen. 

Würdigen Ew. Gnaden mich in dieser, wie in jeder andern Sache Ihrer 
näheren Befehle: Sie werden mich, solange ich athme, befinden als 

Dero imterthänigen pflichtunvergessenen Diener 
Gerstenberg. 

[Folgt noch eine weitere Erkläxung über die Schiffe in einer Nachschrift, 
die plötzlich abbricht.] 

Hamburg. Albert Malte Wagner. 



Nordhumbrisch speoft und beoftMu. 

Daß sich hinter diesen beiden Formen ein Paar redupHzierender Prä- 
terita verbirgt, hat Rieh, Jordan erkannt. Engl. Stud. XXXVIII 
(1907), 28 ff. Aber seine Erklärung begegnete merkwürdigerweise 
skeptischer Aufnahme i und ist, wie es scheint, ebenso rascher wie 
unverdienter Vergessenheit anheimgefallen. Kolbe nimmt in seiner 
1912 erschienenen Monographie über die Konjugation der Lindis- 
farne-Evangelien keine Notiz von ihr, und auch Luicks Historische 
Grammatik hätte schon in der Lehre vom Vocahsmus (§§ 137, 228) 
Veranlassung gehabt, sich mit Jordan auseinanderzusetzen. Unter 
diesen Umständen erscheint es geboten, von neuem für seine, wie 
ich mich auszusprechen nicht scheue, evident richtige Auffassung 
einzutreten. 

Als ich selbst vor einigen Jahren zu den nordhumbrischen Denk- 
mälern ein persönliches Verhältnis und ein unabhängiges Urteil zu 
gewinnen mich bemühte, bin ich ohne Kenntnis meines Vorgängers 
auf dieselbe Erklärung verfallen und habe ihre Notwendigkeit aus 
dem Tatbestande zu erhärten versucht. Diese Niederschrift, die für 
den Beweis einen anderen Gang als Jordans Aufsatz gewählt und 
dadurch vielleicht eine zwingendere Gestaltung gefunden hat, lasse 
ich hier unverändert abdrucken. 

Für das lat. Verbum spuere oder seine Komposita gebraucht 
die nordh. Glossierung der 'Evangelien, wo der Zusammenhang eine 
Präteritalform verlangt oder empfiehlt, fast einstimmig speoft 
-un bzw. speaft -on (durchweg im Gegensatze zu der westsächs. 
Übersetzung, die überall spätte -on hat): 

Mc Vin 23 expuens (was, wie so oft, in das finite Tempus 
der Erzählung umgesetzt wird): speoft Rushworth-Ms., speaft Ldndis- 
fame-Ms. 

Ih IX 6 expuit: aspeoft R, aspeaft L. 

Mc XV 19 conspuehant: speoftxin R, speafton L. 

Mt XXVII 30 expuentes: speofton L (der mercische Schreiber R^ 
versagt hier). 

Mt XXVI 67 expuerunt: speafton L (dafür spittadun Ri). 
Dazu kommt ein vereinzeltes Partizipium aus L: 

Lc XVIII 32 corispuetur: gespeoftad biä (anders R gispitted 
biä; WS. onspcett). 

Aus diesen Formen, die kein vollständiges Paradigma ergeben 
und auf den ersten Blick auch nicht gut zusammengehen, pflegt 



Feist PBB. XXXII (1907), 569. 



Nordhumbrisch speofi und heoftun 177 

man, willkürlich ratend, ein starkes oder schwaches Präsens sp^ofto. 
speafta (mit nordh. Wechsel von eo : ea) zu erschließen, dessen laut- 
licher Bau befremdlich ist und dessen Zuteilung an einen bestimmten 
Typus der Verbalbildung durchaus zweifelhaft bleibt.^ Das Er- 
gebnis dieses ziellosen Ratens ist eingestandenermaßen nicht be- 
friedigend. Kein Wunder, denn das Verfahren ist an sich un- 
methodisch. Die nächste Fragestellung hat doch wohl zu lauten: 
Welche Form gebrauchen die Texte selbst, wenn der Zusammen- 
hang für co?i-, exspuere eine präsentische Übersetzung erfordert? 
Die erste Antwort, die man auf solche Frage erhält, klingt frei- 
lich nicht ermutigend. 

Mc X 34 conspuent: spittas R, spittes L (= ws. spcetaä). 

Mc XIV 6.5 conspuere: efnegispita R, efnegespitta L {= ws. 
spcetan).^ 

Mt XXVII 30 expuentes: spittende Ri (also in dem mercischen 
Teil der Glosse; abweichend L und ws.). 

Denn das hier auftretende spitta 'to spit' gehört offenbar mit 
WS. spdtari zusammen und führt auf ein schwaches Verbum *spitjan,^ 
das sich zu *spaitjan verhält wie ahd. xunten zu got. tandjan. Von 
da aber führt kein gangbarer Weg zum Präteritum speoft. Indes, 
wenigstens an der zuletzt genannten Stelle bietet Hs. L etwas ganz 
anderes und für uns Brauchbareres, indem sie nach der Gewohn- 
heit dieser Glossierung zwei Übertragungen für expuentes neben- 
einanderstellt: spatende vel speofton. Wenn Ri auch hier das dem 
Anglischen geläufige spittende einsetzt (unter Weglassung des zweiten 
Ubersetzungsvorschlags), so entspricht das dem auch Mt XXVI 67 
(von dem mercischen Schreiber oder wohl schon seiner Vorlage) 
geübten Verfahren, wo sich speafton in L und spittadini in R^ 
gegenüberstehen.* Die Doppelglosse spatende vel speofton, der vsör 
ohne den Vorwurf der Gewaltsamkeit ein starkes nordh. Verbum 
spdta entnehmen dürfen, ^ hat eine gute Parallele an Mc XIV 50, 
wo das Partizipium relinquentes wieder doppelt glossiert wird: 
forleortun vel forletende R, forleorton vel forletendo L. Ehe wir 
aber den Schluß ziehen, der sich schon jetzt von selbst aufdrängt, 
tun wir gut, noch eine andere, nicht weniger merkwürdige und 
ebenso isolierte Verbalform in unsere Erörterung hineinzunehmen: 



1 Vgl. Sievers, Ags. Gr.' § 384 A. 5, 396_A. 5 und Kolbe a. a. 0. 8. 

2 Dazu aus dem nordh. Ritual gispittendü. 

' Zu den Formen spittadun, gispitted s. Lindelöf, Südnordhumbr. Ma. (1901) 
143 § 224, 145 S 226. 

* Lc XXII 64 setzt R aus Eigenem ein spitun (das ist wohl spittun, wie 
gelegentlich setun statt sethm) hinzu, das in der Vulgata keinen Anhalt und 
in L keine Entsprechung hat. 

* Es steht neben den Deverbativen spcktan, spittan ganz wie got. icrikan 
neben dem durchaus synonymen wrakjan. 



178 Norrlhumbrisch speoft und beoftun 

Mt XI 17 lamentavimns : we micthondum heafton, L (Lücke in R*). 

Lc VII 32 „ we hond-beafton L (Lücke in R). 

Lc XXIH 27 lamentabantur eum: Jiondum heoftu7i kine E., 
hond-hceftadon^ hine L (vorhersieht plangebant: gemcendon). 
Stellen, an denen man präsentische Wiedergabe des lat. Verbums 
lamentari erwarten könnte, fehlen leider im Evangelium, über die 
eigentliche Bedeutung des vom Glossator gewählten zweigliedrigen 
Ausdrucks {'iniä) hondum beoftiin, der dann wie gr. vovv fx^iv (vgl. 
vovve/övTCOQ, vovvexv?) oder lat. amm(7mi) adveriere als Kompo- 
situm gefühlt und dementsprechend auf ein handlicheres hond- 
beafton reduziert wurde, 2 kann glücklicherweise kein Zweifel be- 
stehen: gemeint ist die Handlung des gr. xojttsö'&'at oder lat 
plangi (plangere). Wer eine Veranschaulichung braucht, kann sie 
in Senecas Troerinnen 63 s. finden: 

Lamenta cessant? turba captivae mea, 
ferite palmis pectora et planctus date. 
Freilich wird plangere selbst im Nordh. durch {ge-)mcena vertreten. 
Daß dies als Synonymen von hond-bceftadon empfunden wurde, 
scheint zwar das Lc XXIII 27 zwischen gemcendon und hond- 
bceftadon hinzugefügte f (d. i. vel) zu verraten. Immerhin ist die 
Frage dringlich, was den Glossator bewogen hat, gerade lamentari , 
im Gegensatz zu plangere, regelmäßig durch eine so umständliche 
Paraphrasierung mit iwnd wiederzugeben. Die Aufklärung kommt, 
wie ich glaube, von einer einigermaßen überraschenden Seite. In 
einem von Kuno Meyer herausgegebenen air. Psalmenkommentar 
liest man Z. 189 ind lamcomairt lilmir lerimie^, d. i. lamentationes 
libri leremiae. Aus Windisch, Ir. Texte I 384 (s. basgaire), 652 
(s. läm 'Sand') ergibt sich für Idm-chomart* der Wortsinn ^beating 
the hands together in lamentation' .^ Offenbar hat der Anklang 
an ir. Idm 'Hand' diese Übersetzung von lämentätio durch läm- 
chomart veranlaßt. Der nordh. Glossator, der in ganz ähnlicher 
Weise lamentaiiimus durch we miä hondum beafton wiederzugeben 
sich gedrängt fühlte, wird also entweder selbst Irisch verstanden 
haben oder durch einen der irischen Sprache Kundigen bei seiner 
Arbeit beraten worden sein. Ein paar irische Worte, die in den 
north. Interlinear- Versionen gelegentlich bei der Glossierung des 
Lateinischen aushelfen müssen, wie bratt 'pallium' Mt V 40 oder 
mind 'diadema' im R,itual,6 erscheinen mir als eine erwünschte Be- 

1 cß für ea wohl Fehlschreibung. 

' Vgl. air. lä{m)gabim (Vendryes Grammairc du vieil-irlandais 170), das 
allerdings eine künstliche Bildung nach maneipare ist. Holger Pedersen, Vgl. 
rJramni. der kelt. Sprachen 11 527. 

3 Hibernica minora (1894), 6. 26. 

* Kuno Meyer, Contributions to Irish Lexicographie (1906), 410, s. coi. 

* Kuno Meyer, Contributions 186, s. bassgaire. 
, * Dies mind fehlt bei Luick § 45. 



Nordhnmbrisch speoft und heoftun 179 

stätigung des hier durch die air. Parallele aufgedeckten Zusammen- 
hanges. 

Ich kehre zu den nordh. Verbalformen und der durch sie der 
Grammatik gestellten Aufgabe zurück. Zur Auflösung der Glei- 
chung sind uns nun folgende Größen gegeben: ein Präteritum 
speoft -im und eine Präsensform spatende, auf der anderen Seite 
ein Präteritum heoftun mit der gesicherten Bedeutung des Schia- 
gens (engl, to beat, d. i. ags. beatan). Dazu kommt wegweisend die 
Analogie von leort und letende, der sich die bekannten engl. Par- 
allelen reord (: rädan\ leolc (: läcan) anschließen. Also sind speoft 
-un und beoftun nichts anderes als reduplizierte Präterita zu nordh. 
späta und dem ws. (im Nordh. sonst nicht belegten) Präsens beatan 
'schlagen'. Vgl. Be Domes Dsege 29 ic .. . mid fi'ste breost mine 
beate und Homilies of -^Ifric ed. Thorpe II 258, 9 heoton heora 
breost. Eben diesem ws. Präteritum beot entspricht das angl. beoft., 
das als beff^ noch lange lebendig geblieben ist: English Metrical 
Homilies ed. J. Small (Edinb. 1862), p. XVm, V. 39 f.: apmt 
Pair brestes fast pai beft im Reim auf hileft (14. Jh.). Daraus 
ist, nach Analogie schwacher Verba wie leave left, reave reft, auch 
ein Partizipium beft 'geschlagen' neugebildet worden: Golagros 
and Gawane 870 (Angha 11 429, 15. Jh.). 2 Andere Formen mit 
f kommen in der Literatur nicht vor, ein Präsens scheint also 
ebenso zu fehlen wie bei nordh. speoft und beoftun. Die Zeug- 
nisse reichen bis 1513 und gehen den Norden an. 3 Die Bedeu- 
tung vsdrd auch von dem heutigen Engländer als synonym mit dem 
Verbum to beat empfunden. Alles dies nach dem Zeugnis des 
NED, wo freilich als Präsens ein übelersonnenes be-Jiaftian an- 
gesetzt wird. Erst in den modernen Dialekten (Schottland, Cumber- 
land), hat die Analogie auch ein Präsens to beft geschaffen (etwa 
nach to lift oder einem ähnlichen Muster). S. TVrights Engl. 
Dial. Dict. I 226. 

Vor der Synkope lauteten die reduplizierten Präterita der beiden 
Verba spdian und beatan im Aiig\.{imtY elar-JJ miaut) spe' pai fun) 
(dissimiliert wie lat spopondi oder as. spekaldra, fränk. speihhaltra 
gegen got. spaiskuldr) und *be°dät(un), genau entsprechend den vor- 
auszusetzenden *le°lac, *le'lät, *reVad (denn Brechung wird durch 
leolc ausgeschlossen).* Nach der Synkope ergab sich von selbst 

' Auch befie, wie heghte neben heght (angl. hehi). 

2 S. das Verzeichnis bemerkenswerter Wörter, das der Herausgeber Traut- 
mann S. 404 zusammengestellt hat. 

3 Die im Text gegebenen Nachweise nach Stratmann-Bradley, Middle- 
English Dictionary 40 (unter dem willkürlich gewählten Lemma baffen 'beat, 
ßtrike'); weitere in NED I 765 Col. A s. beft: 'obs. north, dial. found only in 
pa. t. and pa. pple.' 

* Luick. Hist. Grammatik der engl. Sprache I 141 f. Vgl. Wevhe, PBB 
XXXI 48. 



180 Nordhumbrisch speoft und beoftun 

heoft, aber das zu erwartende *speopt störte durch eine im Aus- 
laut ganz unerhörte Konsonantengruppe, deren man sich in gleicher 
Weise entledigte wie des lat. et in tractare, durch Umbildung in 
die den Germanen seit der Lautverschiebung geläufige Folge von 
Spirans und t: so entstand speoft wie nordh. (ge-)trahtigaA Nach- 
träglich wird man nun aber auch die Frage wenigstens auf werfen 
müssen, ob das oben aus R. Lc XXTI 64 zitierte plural. spitun not- 
wendig für spittvn steht und als schwaches Präteritum in die Flexion 
von spitta hineingehört: es könnte sich am Ende auch zum Sin- 
gular speoft und zum Präsens spdta verhalten wie an. hlupo zu 
hliop, hlaupa und mhd. luffen zu lief loufen. Aber das bleibt 
natürlich ganz unsicher. 

Der nur für L bezeugte Übergang in die schwache Konjuga- 
tion {bceftadon) und die damit zusammenhängende Schaffung eines 
Partizipiums gespeoftad, die ebenfalls auf L beschränkt ist, ent- 
spricht einer auch sonst die nordh. Verbalflexion beherrschenden 
Tendenz, über die Kolbe a. a. O. 48 (auch 6, 18, 39 f.) zu ver- 
gleichen ist. Indem der Schreiber R sowohl gespeoftad wie kond- 
hceftadofi ablehnt und durch gispitted bzw. hondum heoftun ersetzt, 
bezeugt er, daß seine von L etwas abweichende Mundart diese 
Neubildungen noch nicht besaß, sondern der ursprünglichen Regel 
treu geblieben war. Diese in die Analogie der sw. Konjugation 
ausgewichenen Formen von L sind, wenn nicht materiell, so doch 
sicher im Prinzip die Vorläufer des später gelegentlich neben heft 
auftretenden sw, Präteritums hefte und des Partizipiums beft, aus 
denen dann schließlich das vollständige Paradigma eines sw. Verbums 
to heft hervorgewachsen ist, womit man etwa das vulgärgriech. 
Katsdaao) (mit dem aus xnvm^a beibehaltenen Augment) oder das 
vulgärlat. fefellitus zusammenhalten mag. 

1 Sweet Collected Papers 196, der noch an diht und scrift erinnert. Doch 
kann bei scrift das Verbuni scrifan eingewirkt haben. Vgl. auch pihten 
aus pecten). [Jordan verweist auf die Doppelschreibung nepfe tiefte (aus lat. 
nepita).] 

Berlin. Wilhelm Schulze. 



Die amerikanische Sprache. 

Die Unterschiede der auf dem amerikanisclien Kontinent ge- 
sprochenen englischen Sprache von der des Mutterlandes wer- 
den zwar für praktische Zwecke anerkannt, so daß selbst 
Baedecker uns ein kleines amerikanisch-englisches Glossar gibt 
(B, United States). Populäre Lehrbücher wie Polyglott Kunze 
und die Metoula-Sprachiuhrer haben je ein Bündchen für Ameri- 
kanisch. In der Langenscheidtschen Sammlung: 'Land und Leute' 
in Amerika findet sich ein Glossar von H. Baumann, dem im 
Jahre 1912 Richard H. Thornton mit einem zweibändigen 
American Glossary folgte. Dieses große und wissenschaftliche 
Werk (von mir im Jahresbericht f. germ. Phil. 1913 angezeigt) 
bietet auch ausgiebige Belegstellen. Abgesehen aber vom Lexi- 
kalischen hat es bisher an einem philologischen Werk über die 
Eigentümlichkeiten des amerikanischen Englisch gefehlt. Einzel- 
heiten sind wohl in vielen Aufsätzen erörtert worden, im Archiv 
1848 von Felix Elügel, in den Neueren Sprachen von Herrig, 
C. H. Grandgent und Rambeau. 

Um so erfreulicher ist es, daß ein Amerikaner, H, L. Mencken, 
ein geistreicher Journalist, ein reiches Material vor uns in 'The 
American Language' (New York bei Knopf, 1919, 319 S., dazu 
17 S. Bibliographie, $ 4) ausbreitet. Der originelle Kritiker, 
Verfasser von A Book of Prefaces, 1918, The American Credo, 
1920, und (mit Nathan) Heliogabulus, 1920, nennt sein umfang- 
reiches Werk bescheiden 'a preliminary inquiry into the develop- 
ment of English in the United States'. 

Umsichtig hat der Vf. die wissenschaftliche Literatur be- 
handelt. Nachzutragen wäre der obenerwähnte Baumann; eine 
interessante Abhandlung von C. W. Prettyman über den Einfluß 
des Deutschen auf das in nicht deutschen Bezirken gesprochene 
Englisch in Pennsylvania; Clara Hechtenberg Collitz über 'boom', 
Engl. Stud. 40, 208; Louise Pound, Inflected Nasals in Present 
American Speech. Engl. St. 45; Southem, The Vowel System of 
the Southern United States, Engl. St. 41; E. W. Scripture, A 
Record of the Melody of the Lord's Prayer, Neuere Spr. 10, 513; 
ders., 'Studies from the Yale Psychological Laboratory' 1899. 
1901/2. 

Der Journalist ruft hier die Philologen in die Schranken, die 
trotz der Autorität eines Thomas Jefferson (der bereits 1813 
schrieb: 'The new circumstances under which we are placed call 
for new words, new phrases and for the transfer of old words to 
new objects. An American dialect will therefore be formed'), 
des großen Lexikographen Noah Webster ('A future seperation 



182 Die amerikanische Sprache 

of the American tongue from the English was necessary and 
unavoidable', Dissertations on the English Language', 1789), die 
Existenz eines besonderen amerikanischen Dialektes leugneten. 
Zweifellos haben moderner Verkehr und Schriftenaustausch hier 
hemmend und ausgleichend gewirkt. Das mag erklären, warum 
ein so bedeutender Sprachforscher wie Thomas S. Lounsbury in 
Harper's 1913 nur 'cultivated speech' als Vergleichsbasis zwischen 
Englisch und Amerikanisch zuläßt. Jedoch stellt die Cambridge 
History of English Literature, 1917, fest, daß 'English and 
American are now notably dissimilar in vocabulary and that the 
latter is Splitting off into a distinct dialect'. Die 11. Auflage der 
Cyclopaedia Britannica bemerkt mit Recht, daß 'it is not uncom- 
mon to meet with American newspaper articles of which an 
untravelled Englishman would hardly be able to understand a 
sentenoe'. Der Siegeszug des amerikanischen Films machte es 
notwendig, daß W. Gr. Faulkener in der London Daily Mail 
Amerikanismen den Londonern ins Englische übersetzte. Die 
Haltung dieses Dolmetschers und anderer Engländer ist meist die 
des korrigierenden Schulmeisters. Doch haben sich immer wieder 
außerhalb der Philologenzunft Amerikaner gefunden, die sich der 
Sprache der Neuen Welt annahmen. Mark Twain feiert 1872 in 
'Roughing it' 'the new vigorous vernacular of the occidental 
plains and mountains'. Ebenso bediente sich der eben verstorbene 
Altmeister der amerikanischen Literatur, W. D. Howells, bewußt 
amerikanischer Idiome. Im Jahre 1886 setzt er sich in Harper's 
für Amerikanisch ein . . . 'on our Ups our Continental English will 
differ more and more from the insular English, and we believe 
that this is not deplorable but desirable ... in American there 
was to be seen that easy looseness of phrase and galt which 
characterized the English of the Elizebethan hospitality to chan- 
ged meanings and bold metaphers.' 

Aus eigener Erfahrung in Kanada und den Staaten kann ich 
hinzufügen, daß bei Studentenaufführungen, im Variete pronon- 
ciertes EngliscL niemals seine komische Wirkung verfehlt hat. 
Ernsthaft machte sich der Unterschied während des Krieges 
geltend, als englische und amerikanische Soldaten sich nicht nach 
Wunsch verständigen konnten. Die amerikanischen Soldaten 
wurden denn auch in der Pariser Chicago Tribüne vom 7. Juli 
1917 eingeladen, das Klubhaus des Christlichen Vereins junger 
Männer (Y. M. C. A.) zu benutzen, 'where American is spoken'. 

Als hervorragende Eigenheiten des Amerikanischen werden 
herausgestellt: Einheitlichkeit im ganzen Lande. Nichtachtung 
von Regel und Tradition, Aufnahmefähigkeit neuer Worte, Her- 
vorbringung neuer Worte aus eigenem Sprachgut. Die Einheit 
der allgemeinen Volkssprache ist streng bewahrt, so daß Präsi- 



Die amerikanische Spracke 185 

dent Taft mit Recht sagen durfte: 'We all speak the same 
language and have the same ideas'. Wortschatz und gramma- 
tische i'ormen sind überall gleich. In der Aussprache finden sich 
kleine Unterschiede: im Süden 'softness', in Neuengland 'Yankee 
drawl', im Westen das scharfe r (burr). Im Gegensatz zum 
konservativen Zug der Engländer haben die Amerikaner unter 
neuen Lebensbedingungen Wagemut, Ruhelosigkeit, Ungeduld 
mit althergebrachten Formen entwickelt. Ein Forscher der jüng- 
sten amerikanischen Literatur, F. L. Pattee, N. Y. 1916, bemerkt 
zutreffend: 'the Americans have been less phlegmatic, less con- 
servative than the English. There were climatic influences, it 
may be; there was surely a spirit of intensity everywhere that 
made for short effort'. Eine nervöse Sucht nach dem Neuesten 
führt zum bereitwilligen Nachlaufen nach 'fads', gleichgültig ob 
in Religion, Erziehung oder Sprache. Fortwährend wird der 
Wortschatz durch Mittel der Rhetorik erweitert, denn nirgends 
spielt Rhetorik eine solche Rolle. Über Nacht waren gewisse 
Sätze Wilsons in jedermanns Mund; derartige glücklich gewählte 
Phrasen, von den Zeitungen und Kinos geschickt verbreitet, zu- 
sammen mit dem Gesamteindruck glänzender Rhetorik, garan- 
tieren dem Politiker unbedingt Erfolg, wenn auch meist nur auf 
kurze Dauer. Die Sprache aber erfährt wenigstens eine Bereiche- 
rung bei den sonst zu beklagenden Wirkungen. 'Do not criticize, 
energize! — Hooverize' und ungezählte andere Imperative der 
Wilsonzeit haben neuen Worten Bürgerrecht verschafft. In Eng- 
land werden die konservativen Tendenzen durch Grammatiker 
wirkungsvoll unterstützt, so daß nach Quiller-Couch, On the Art 
of Writing, N. Y. 1916 ('On Jargon'), sich ein Jargon des 'heavy 
Johnsonese' zeigt. 'This infirmity of speech has become the 
medium through which Boards of Government, County Councils, 
Syndicates, Commitees, Commercial Firms, express the process as 
well as the conclusions of their thought, and so voice the reason 
of their being.' In Amerika ist trotz des Kampfes der Professoren 
für reines Englisch die 'Los-von-England'-Bewegung nicht nur 
in der Volkssprache, in der Konversation der Gebildeten, sondern 
auch in der gehobenen mündlichen und schriftlichen Sprache zu 
bemerken. Selbst Wilson, dessen Reden als Muster von reinem 
Englisch in den Schulen gelesen werden, braucht folgende Ameri- 
kanismen, die ganz flüchtig und zufällig aus seinen sorgfältig 
ausgearbeiteten Reden genommen sind: we must get a move on, 
to hog, onery (für ordinary) that is going some. Amerikanische 
Autoren haben zum Schmerz der englischen Kritiker stets solche 
Neigung gezeigt; Cooper, Poe, Lowell, Holmes, sogar Hawthorne 
and Thoreau sind deswegen getadelt worden. 

Täglich werden neue Ausdrücke geprägt, die sich vom Eng- 



184 Die amerikanische Sprache 

lischen durch größere Anschaulichkeit unterscheiden. Man ver- 
gleiche movie mit cinema, stem-winder mit keyless-watch., cow- 
catcher mit plough (vor der Lokomotive), frog mit crossing-plate. 
Häufig sind die Ausdrücke wohl bequem, doch muten barbarisch 
an z. B. tasty, tony, go-aheadativeness ; dennoch sind Ausdrücke, 
die in früheren Zeiten als abscheulich gebildete Amerikanismen 
gebrandmarkt wurden und zum Teil noch von den 'style sheets' 
der Zeitungen auf den Index gesetzt werden, gang und gäbe und 
sind sogar im Oxford Dictionary zu finden. Reliable, guberna- 
torial, Standpoint, scientist, to donate beweisen den Siegeszug des 
Sprachgebrauches. 

Der amerikanische Sprachgebrauch ist nun fast ausschließ- 
lich vom lexikographischen Standpunkt dargestellt worden, zu- 
letzt von Thornton in seiner schon oben erwähnten großen Samm- 
lung, die auch sorgfältig datierte Belegstellen gibt. Die ge- 
sprochene Sprache, besonders der letzten zwanzig Jahre, ist aller- 
dings nicht berücksichtigt. Aussprache, Betonung, Konjugation, 
Deklination, Metaphern und Idiom harren noch zusammenfassen- 
der Untersuchung. Für das Verständnis der bekannten Baseball- 
Geschichten von Ring W. Lardner fehlt es dem außerhalb der 
Staaten Lebenden an Hilfsmitteln, die Mencken im vorliegenden 
Buche zum ersten Male bringt. 

Schon in der Kolonialzeit hatte Franklin eine amerikanische 
Reform der Orthographie vorgeschlagen. Die ihm gewidmete 
Schrift Noah Websters, 'Dissertations on the English Language', 
1789, stellt die amerikanische ünabhängigkeitserklärung in der 
Sprache dar: 'Let us seize the present moment and establish a 
national language as well as a national government ... As an 
independent nation our honor requires us to have a System of our 
own, in language as well as government.' Der neue Dialekt fand 
auf der anderen Seite des Ozeans keine Gnade; the Edinburgh 
Review, the British Critic, the Critical Review und andere 
führende Zeitschriften verwahrten sich gegen den Strom bar- 
barisclier Ausdrucks weise. 

Die ersten Neu Schöpfungen in den Kolonialtagen gehen natür- 
lich auf die Indianer spräche zurück. Moose, skunk, hickory, 
terrapin; spezifisch indianische Gegenstände: toboggan, canoe, 
mocassin; Übersetzungen: war-path, pale- face, fire- water. Ob 
Yankee als indianische Aussprache von English hierhergehört, 
ist eine offene Frage. 

Die Franzosen steuerten bei: chowder, bureau (ehest of 
drawers). Die Holländer cruller, cookey, pit (peach pit) boss. 
Die Spanier seit 1812: calaboose, barbecue, stampede. Die Deut- 
schen, seit 1682 in Pennsylvania: Sauerkraut und noodles. Die 
Neger: gumbo, banjo. 



Die amerikanische Sprache 185 

Wichtiger sind die Neuschöpfungen der Kolonisten aus eng- 
lischem Sprachgut, die derb und charakteristisch sind, wie es für 
jene rauhen Pioniere natürlich war. Tiere und Pflanzen: bull- 
frog, mud-hen, cat-bird, egg-plant. Neue Lebensweise: back- 
woodsman, log-house, cold snap, prickly heat, hay-stack. Ab- 
leitungen: to deed, to table, a goner. Viele von den neuen 
Schöpfungen sind gute englische Worte mit veränderter Be- 
deutung: pond (kleiner See), creek (kleiner Fluß), lot (Parzelle), 
com (Mais), shoe (hohe Schuhe), pie (Fruchtgebäck), störe, shop, 
lumber, cracker, rock, to haul to notify, to heft. Infolge der 
Isolierung der Kolonien erhielten sich viele Wörter, die in Eng- 
land aus der Sprache verschwanden, besonders wenn sie den Nach- 
kommen der frommen bibelfesten Pilgrimfathers in der Heiligen 
Schrift geläufig waren. Derartige in England archaische, in 
Amerika gebräuchliche Ausdrücke sind: I am sick (ill, cf. Bibel), 
loop-hole, trash, fall, muss (row, Anthony and Cleop.), to guess 
(to suppose, Henry 6, Measure for Measure), to loan (to lend, 
Henry 8), homely (plainfeatured, Shakespeare). Die Aussprache 
in der Kolonialzeit zeigt ebenfalls eine konservative Tendenz. 
Gerade wie in England wurde das a in plant, basket usw. ä ge- 
sprochen, und mit dem Aufkommen der a-Aussprache in E. um 
1790 fand es trotz des Protestes von Webster in Neuengland 
Nachahmung, wo es sich denn bis heute erhalten hat. Heard 
ohne R-Modifikation wird von Webster verteidigt, deaf hat den 
Laut i; to git, im 17. Jahrhundert gut englisch, wird von Frank- 
lin gegeben, oblige mit i-Laut. Die Konsonanten wurden be- 
wahrt, nachdem sie in E. schon geschwunden waren: would, 
should mit 1 (Franklin 1768), sword mit w; r war damals hör- 
'bar wie noch heute; schedule erhielt sk- Aussprache durch Webster; 
der Buchstabe z wurde schon im 18. Jahrhundert zee aus- 
gesprochen. 

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Entwicklung 
der amerikanischen Besonderheiten, wie sie sich in der Kolonial- 
zeit herausgebildet hatten, durch zwei Umstände eingeschränkt. 
Es waren dies der Mangel an einer nationalen Literatur und die 
große Zahl der Loyalisten, die England als Mutterland ansahen. 
Die wirkliche Unabhängigkeit wurde erst im Krieg von 1812 
erworben. Thomas Jefferson und Andrew Jackson sind die 
Namen, an die sich die Entwicklung Amerikas zu einer Demo- 
kratie knüpft, auf die dann so viele Hoffnungen gerichtet wurden. 
Zu jener Zeit bildete sich der so charakteristische nasale Ton 
(nasal twang). Als der Mittel westen und der Süden der Union 
angegliedert wurde (Indiana, Illionois, Michigan, Kentucky, 
Tennessee, Ohio, Louisiana), entstehen auch die Werke, die von 
einer eigenen amerikanischen Literatur zu sprechen berechtigen. 

Art'hiT f. n. Sprachen. 141. 13 



186 Die amerikaaiscbe Sprache 

In England führten die Zeitschriften Quarterly Review, the Edin- 
burgh Foreign Quarterly, British Review, Blackwood's einen er- 
bitterten Kampf gegen alles Amerikanische. Gifford, Southey, 
sogar der liebenswürdige Wordsworth beteiligten sich daran. So 
heftig waren die Angriffe, daß der englandfreundliche Irving es 
1828 ablehnte, für die Quarterley Review einen Artikel zu 
schreiben. In diesem Jahre erschien Websters American 
Dictionary of the English Language und im folgenden Jahre 
Knapps Lectures on American Literature. Das amerikanische 
Nationalgefühl erstarkte, so daß unter Pierce (1853 — 57) ameri- 
kanische Diplomaten aufgefordert wurden, die 'American 
language' zu gebrauchen. Die Universität in Bloomington, 111. 
wurde in der Akte vom 15. Febr. 1838 gegründet, 'provided it 
should instruct the youth in the American, learned and foreign 
languages . . . and literatures'. Die großen Veränderungen der 
Sprache, wie sie sich zwischen dem Krieg von 1812 und dem 
Bürgerkrieg herausgebildet hatten, wurden von Lowell in den 
Biglow Papers anerkannt. Whitman erklärte stolz: 'The Ameri- 
cans are going to be the most fluent and melodious voiced people 
in the world — and the most perfect users of words. The new times, 
the new poeple, the new vistas need a new tongue according — yes, 
and what is more, they will have such a new tongue.' Die Flut 
neuer Worte, von denen viele nach dem Bürgerkrieg verschwan- 
den, ließ sich nicht mehr zurückhalten. Aus dieser Periode 
stammen: to corner (the market), to boom, to boost, to kick (to 
Protest), to coast (on a sied), to yank, to holler, to muss, to 
bulldoze. Neue Idiome: to fill the bill, to fizzle out, to keep a 
ßtiffer Upper lip, to know the ropes, to paint the town red, to 
strike it rieh, to put a bug in his ear, to kick the bücket, to have 
an axe to grind. Adjektiva: non-committal, slim (meagre, z. B. 
slim chance), brainy, pesky, mad (angry, in gewählter Sprache 
von Howells und Dreiser gebraucht). Substantive: gum-shoe, 
mortgage-shark, stag-party, buncombe, bloomer, blizzard, crank 
(fanatic), scrape (fight), flurry (snow or market), suspenders, 
goatee, scalawag, scrumptious. Ein besonderer Wortschatz bildet 
sich im Eisenbahnwesen aus: box-car, caboose, air-line, ticket- 
agent, freight-car, flagman, engineer, commuter, depot, diner, 
sleeper, day-coach, to flag, to telescope. In der politisch erregten 
Zeit Jeffersons wurden so viele neue Ausdrücke geprägt, daß 
C. L. Norton ein ganzes Buch den 'political Americanisms' 
(N. Y. 1890) widmen konnte: gag-rule, straight-ticket, pork- 
barrel, wire-puller, plank, platform, slate, floater, repeater, fili- 
buster, gerrymander, heeler, to run for an office (to stand). Nach 
Einführung der Prohibition bewahrt die Sprache noch das An- 
denken an die Phantasie, wie sie sich in der bar in der Bezeich- 



Die amerikanische Sprache 187 

nung der 'mixed drinks' betätigte: cock-tail, gin-fizz, rickey, 
horse's neck, high-ball, eye-opener, pony, chaser, dive. Synonyma 
für drunk: piffled, pifflicated, awry-eyed, tanked, snooted, 
stewed, loaded, jugged, soused etc. In der Zeit des Wachstums 
der Union ergaben sich neue Berührungen mit den Indianern des 
Westens, den Franzosen in Louisiana und Kanada, den Spaniern 
des Südens und den Mexikanern. Damals begann auch die große 
Einwanderung aus Europa, die ihre Spuren in einigen Worten 
hinterlassen hat. Französisch sind: chute, crevasse. Spanisch: 
lasso, ranch, canyon, broncho, cinch, to vamoose, gazebo. Deutsch: 
pretzel, pumpernickel, lager-beer, frankfurter, blutwurst, rats- 
keller, delicatessen, haumburger steak, katzenjammer, loafer, 
bum. Immerhin ist auch ein Wort zu erwähnen, auf das wir 
stolz sein können: kindergarten. Vielleicht liegt auch deutscher 
Einfluß vor in: to hold on (to stop.), standpoint (point of view). 
Irisch: smithereens, jine (to join), sass (sauce), ketch (catch), 
onery (ordinary). Chinesisch (Chinesen kamen seit 1848): fan- 
tan, kow-tow, chop-suey, ginseng. In der Aussprache trat das a 
seinen Siegeszug an, obwohl Webster nach entschiedener Sinnes- 
änderung 1817 das a in ask, last, mass, aunt, grant, glass ver- 
langte. Webster setzte sich für deaf (dif) ein, das aber in der 
gehobenen Rede deaf (e) Platz gemacht, während die i-Aus- 
sprache im gewöhnlichen Leben noch sehr verbreitet ist. 

Um das Amerikanische und das Englische der Gegenwart zu 
charakterisieren, gibt der Vf. die folgende Liste von 200 ge- 
bräuchlichen Ausdrücken: 

ash-can dust-bin, baby-earriage perambulatour, backyard garden, 
baggage luggage, baggage-car luggage-van, bailast (railroad,) metals, bath- 
tub bath, beet beet-root, bid (noun,) tender, bill-board hoarding, boarder 
paying-guest, board-walk (seaside) promenade, bond (finance) debenture, 
boot Blücher or Wellington, brakeman brakesman, bücket pail, buraper 
(car) buffer, bureau ehest of drawers, calender (court) caiise-list, campaign 
(political) canvass, can (noun) tin, candy sweets, cane stick, canned goods- 
tinned goods, car (railroad) carriage, van or waggon, checkers (game) 
draughts, chicken-yard fowl-run, chief-clerk head-clerk, city-editor chief- 
reporter, city-ordinance by-law, clipping (newspaper) cutting, coal-oil 
paraffin, coal-scuttle coal-hod, commission-merchant factor, conductor (of a 
train) guard, corn maize, or Indian com, corner (of a street) crossing, 
corset stays, counterfeiter coiner, cow-catcher plough, cracker biscuit, cross- 
tie sleeper, delicatessen störe Italian-warehouse, departement-store stores, 
Derby (hat) bowler, dime-novel shilling-shocker, druggist chemist, drug- 
ßtore chemist's-shop, drummer bagman, dry-goods-store draper's-shop, edi- 
torial leader, or leading article, elevator lift, elevator-boy lift-man, excursio- 
nist tripper, express-company carrier, filing-cabint nest-of-drawers, fire- 
departement fire-brigade, fish-dealer fish-monger, floor-walker shop-walker, 
fraternal-order friendly-society, freightgoods, freight-agent goods-manager, 
freight-car goods-waggon, f rog (railway) crossing-plate, garters (men's) sock- 
suspenders, gasoline petrol, grade (railroad) gradient, grain corn, grain- 
broker corn-factor, grip hold-all, groceries stores, hardware-dealer 
ironmonger, haystack haycock, headliner topliner, hod-carrier hod mau, 

13* 



188 Die amerikanische Sprache 

hogpen piggery, hospital (private) nursing-home, huckster coster (monger), 
hunting shooting, Indian Red Indian, Indian Summer St. Martin's Summer, 
instalment-business credit-trade, instalment-plan hire-purchase plan, janitor 
caretaker, legal-holiday bank-holiday, letter-box pillar-box, letter-carrier 
postman, livery-stable mews (it should be noted that mews is only used in 
the larger cities. In the small towns livery-stable is commoner, Mews is 
quite unknown in America save as an occasional archaism), locomotive 
engineer engine-driver, lumber deals, mad angry, Methodist Wesleyan, 
moiasses treacle, monkey-wrench spanner, moving-picture-theatre cinema, 
napkin (dinner) serviette, necktie tie, or cravat, news-dealer news-agent, 
newspaper-man pressman, or Journalist, oatmeal porridge, officeholder 
public-servant, orchestra (seats in the theatre) stalls, overcoat great-coat, 
package parcel, parlor drawing-room, parlor-car saloon-carriage, patrolman 
(police) constable, pay-day wage day, peanut monkey-nut, pie (fruit) tart, 
pitcher jug, poorhouse workhouse, post-paid post-free, potpie pie, prepaid 
carriage-paid, press (printing) machine, program (of a meeting) agenda, 
proof-reader corrector-of-the-press, public-school board-school, quotation- 
marks inverted-commas, railroad railway, railroad-man railway-servant, 
rails line, rare (of meat) underdone, receipts (in business,) takings, Rhine- 
wine Hock, road-bed (railroad) permanent-way, road-repairer road-mender, 
roast Joint, roll-call division, rooster cock, round-trip-ticket return-ticket, 
rutabaga mangel-wurzel, saleswoman shop-assistant, saloon public-house, 
scarf-pin tie-pin, scow lighter, sewer drain, shirtwaist blouse, shoe boot, 
shoemaker bootmaker, shoestring bootlace, shoe-tree boot-form, sick ill, 
sidewalk pavement, silver (coUectively) plate, sied sledge, sleigh slegde, 
soft-drinks minerals, spigot tap, squash vegetable-marrow, stem-winder 
keyless-watch, stockholder shareholder, Stocks shares, store-fixtures shopfit- 
tings, street-cleaner crossing-sweeper, street-railway tramway, subway tube, 
or Underground, suspenders (men's) braces, sweater Jersey, switch (noun, 
railway) points, switch (verb, railway) shunt, taxes (municipal) rates, 
taxpayer (local) ratepayer, tenderloin (of bee^) under-cut, ten-pins nine- 
pins, thumb-tack drawing-pin, ticket-office booking-office, tinner tinker, 
tin-roof leads, track (railroad) line, trained-nurse hospital-nurse, transom 
(of door) fanlight, trolley-car tramcar, truck (vehicle) lorry, truck (of 
railroad car) bogie, trunk box, typewriter (Operator) typist, typhoid-fever 
enteric, undershirt vest, vaudeville-theatre music-hall, vegetables greens, 
vest waistcoat, warden (of a prison) governor, warehouse stores, wash-rag 
face-cloth, wash-stand wash-hand-stand, wash-wringer mangle, waste-basket 
waste-paper-basket, whipple-tree (sometimes whiffle tree) splinter -bar, 
witness-stand witness-box, wood-alcohol methylated-spiritus. 

Der Unterschied im Sprachgebrauch dieser und anderer Aus- 
drücke wird in humoristischer Weise näher ausgeführt. Charak- 
teristisch ist der amerikanische 'pun', der im Englischen unver- 
ständlich ist. Eine Amerikanerin sagt zu einem Engländer von 
Pfirsichen: "We eat all we can, and what we can't we can. In Eng- 
land wird can't mit a ausgesprochen und das unverständliche 
Verb can durch tin ersetzt. 

In bezug auf Titel nimmt es der Amerikaner nicht so genau 
wie der Engländer oder — was mich sehr erstaunte — wie der 
Kanadier. Im politischen Leben ist man sehr freigebig mit dem 
Hon., das jedem kleinen Bürgermeister, jedem Abgeordneten bei- 
gelegt wird. Das dem 'gentleman' zukommende Esq. ist in 
Amerika unbekannt. 



Die amerikanische Sprache 189 

Der Index verbotener Wörter weist erhebliche Unterschiede 
auf. In Amerika sind sick, stomach, bum, bug nicht anstößig, 
Cook jedoch wurde durch rooster ersetzt. Durch die Comstock 
Post Akte, die 'indecent' - Sprache vom Postverkehr ausschloß, 
ergab sich eine Flut von Umschreibungen, wie comfort-station, 
social evil, white slave; in Flüchen zeigen sich folgende Ameri- 
kanismen: gee-whizz, to cuss (curse), by gosh, great Scott. Das 
in England verpönte Wort bloody, dessen Gebrauch in Shaws 
Pygmalion in der Londoner Aufführung eine Sensation war, ist 
vollkommen harmlos. 

Durch Verkehr und Austausch von Büchern und Filmen findet 
eine gewisse Durchdringung der beiden Sprachen statt, so zwar, 
daß mehr ostwärts als westwärts über den Ozean wandert. In E. 
heute: fall, stunt, boss, crook, frazzle. In Amerika: shop (störe), 
to let (for rent). 

Trotz dieses Ausgleiches, der oberflächlicher Art ist, bleiben 
die Kräfte zentrifugal. Ein neueres Buch von W. L. George, 
Literary Chapters, Boston 1918, ist für den amerikanischen Leser 
bestimmt, und dennoch, obwohl der Autor sich offenkundig be- 
strebt, amerikanisch zu schreiben, spricht er von: back-garden 
(back-yard), perambulator (baby-carriage), corn-market (grain- 
market), coal-owner (coal-operator), post (mail). Umgekehrt 
'there are not five playwrights in America', said Channing Pol- 
lock one day, 'who can write English' (the English of the 
familiär discourse). 'Why should there be?' replied Louis Sherwin. 
'There are not five thousand people in America who can speak 
English.' (Green Book Magazine, Nov. 1913, p. 768.) Die Auf- 
nahme volkstümlicher Idiome ist in einem England unbekannten 
Maße in der Literatur und in den feierlichsten Reden, wie in 
denen Wilsons, zu bemerken. Der 'Congressional Record' zeigt, 
daß unter den Führern nicht reines Englisch gesprochen wird. 
Aufs Geratewohl ausgewählte Stellen der Reden bedeutender 
Politiker vom Dezember 1917 bis März 1918 enthalten: to 
enthuse, to resolute, to dope out, to fall down (fail), to come 
across, to butt in, tin-lizzie, brain-storm, balled up, that gets me, 
bust (burst). 

Die Scheidung zwischen will und shall, von Grammatikern 
festgelegt, und doch auch von englischen Schriftstellern keines- 
wegs immer beachtet, ist in Amerika unbekannt. Irischer Ein- 
fluß mag hier das amerikanische Widerstreben gegen eine künst- 
liche Scheidung verstärkt haben. Will ist futurisch, shall Aus- 
druck des Sollens. Der Obliquus whom wird in der Rede der Ge- 
bildeten durch who ersetzt: Who are you talking to. Die Form 
does 'nt wird durch do'nt ersetzt; ich erinnere mich zweier Yale- 
Professoren, von denen der eine als Neuengländer besonderen 



190 Die ameTikanische Sprache 

Wert auf Englisch legte, die diese rorm ex cathedra gebrauchten. 
Der Unterschied zwischen Adjektiv und Adverb ist schon in 
vielen Wendungen verloren: I feel bad, to go slow, sure, woneben 
surely als etwas höflicher eine bescheidene Existenz führt. 'Treat 
'em rough' war einer der Imperative, die einem von Mauer- 
anschlägen während des Krieges entgegenstarrten. Zwei Adver- 
bien fallen dem Engländer in ihrem fortwährenden und wechseln- 
den Gebrauch auf, right und good: right away, right now, right 
on time (directly); right good, right smart (moderately) ; right 
there (precisely); — to be treated good, to sleep good, good and 
hard, good and tired. Some wird fortwährend als Ausdruck der 
Steigerung gebraucht: some girl, going some sick, so daß ein 
Engländer in seinen Reiseeindrücken über Amerika sagte, er 
würde den amerikanischen Jüngling mit aufgekrempelten Hemds- 
ärmeln darstellen und darunter schreiben: some boy. 

Der Prozeß der Vereinfachung muß natürlich durch die große 
Menge der Einwanderer außerordentlich verstärkt werden. Nach 
dem Zensus von 1910 waren 13 Millionen, die eine andere Mutter- 
sprache hatten, 20 Millionen Kinder wuchsen unter dem Einfluß 
fremder Sprachen auf, so daß mindestens 25 Millionen, mithin 
^/4 der Nation, ein durch fremde Einflüsse gefärbtes Englisch 
sprechen. Die Schule im weitesten Sinne des Wortes führt hier 
einen tapferen, aber doch sehr unzulänglichen Kampf. Die 
Hauptsache muß die Zeitung und das Buch leisten; doch ist die 
Anzahl der Analphabeten so erschreckend groß, daß Millionen 
gar nicht unter den Einfluß des gedruckten Wortes kommen. 
Nach dem Bericht des Secretary of the Interior, Franklin 
K. Lane, Washington 1919, im Auszug: Literary Digest, January 
11, 1919, konnten 700000 von den Stellungspflichtigen nicht lesen, 
von dem ersten Kontingent von 2 Millionen waren 200 000 An- 
alphabeten. 18 ^Iq der Schulpflichtigen gehen nicht zur Schule. 
Nach dem Zensus von 1910 gab es 5 516 163 Individuen über 
10 Jahre, die nicht lesen und schreiben konnten. Davon waren 
4 600 000 über 20 Jahre, über 58% waren Weiße, und von 
denen 1500 000 in Amerika geboren: daß sich unter diesen 
Bedingungen eine Beeinflussung des Idioms, der Aussprache und 
der Grammatik ergeben muß, liegt auf der Hand; die jüngste 
Einwanderung, die der russischen Juden, zeigt das auf Schritt 
und Tritt: Ish ka bibble, I should worry, oi-yoi, mazuma. Durch 
den Einfluß des Yiddish war es auch schwer, die deutschen Lehn- 
worte auszurotten. Der heilige Kreuzzug gegen Sauerkraut, an 
dessen Stelle fermented cabbage, schließlich liberty cabbage 
treten sollte, war nicht erfolgreich. Inwiefern Gebäcke und 
Speisen, die früher German hießen, ihre neuen Vaterländer be- 
halten werden (French fried, Danish pastry etc.), bleibt abzu- 



Die amerikanische Sprache 191 

warten. Der Klang des Affirmativums (je) hat sich nicht seines 
deutschen Anklanges begeben. Im allgemeinen ist die Sprache 
stets zur Aufnahme neuer Lehnworte bereit, die dann allerdings 
sofort den veränderten Verhältnissen entsprechend die Bedeutung 
wechseln: cafe (restaurant), menu (ausgesprochen minju), soviel 
wie bin of fare. Einen bemerkenswerten Einfluß auf die Aus- 
sprache des gewöhnlichen New Yorkers kann man in der Aus- 
sprache oi in Worten wie Journal, world, burn feststellen, die sich 
auch in Neuengland findet. 

Daß die Tendenz zur Rückbildung in ihrer auswirkenden 
Verkürzung dem fremden Element gelegen kommt, ist klar, 
rattler (rattle-snake), coon (racoon), cute (acute), phone, co-ed, 
frat (fraternity), gym (gymnasium), movie (moving picture 
show), pep (pepper), flu (influenza), plute (plutocrat), diff (diffe- 
rence), doc, prof, dip (diploma), exam, Zepp (Zeppelin). Ab- 
kürzungen, wie sie jetzt auch bei uns üblich sind, gibt es dort 
schon seit geraumer Zeit, und zwar sind sie nicht bloß auf Organi- 
sationen beschränkt. 0. K. (nach einer Anekdote oll korrect) be- 
deutet 'richtig', to okeh something (etwas für richtig befinden, 
indossieren). C. 0. D. (cash on delivery), N. G. (no good), G. 0. P. 
(get out and push), P. D. Q. (please dam quick), T. B. (tuber- 
culosis), G. B. (grand bounce). Neologismen werden ständig ge- 
prägt, besonders bezeichnende Komposita: joy-ride, lounge-lizard, 
hash-foundry. Neue Verben entstehen über Nacht: to hooverize, 
to electrocute. Übergang von einer Wortklasse in die andere: to 
lift up zu uplift subst. und wiederum Verb, joy-ride subst. und 
dann Verbum. Flektion, die im Englischen nicht stattfindet: the 
live st art is poetry. Bedeutungserweiterung: laundry (auch 
Wäsche), gun (Feuerwaffen), party (Person). Erfundene Worte: 
kodac, crisco, Orangeade, uneeda, vaseline. Aus zwei Worten zu- 
sammengesetzt: warphanage (war und orphanage), grandificent. 

In der heutigen Aussprache des Amerikanischen liegt un- 
zweifelhaft das charakteristischste Moment in der Satzmelodie, die 
sich vom Englischen wesentlich unterscheidet. Die nasale Aus- 
sprache (nasal twang) ist allgemein bekannt; als Erklärung wird 
häufig der Einfluß des trocknen Klimas und des jähen Tempera- 
turwechsels auf die Sprachorgane angeführt. Aussprache nach 
dem Wortbild: extraordinary (6 Silben). Akzentverschiebung 
fort von den ersten Silben: advertisement, peremptory, paresis, 
primarily, telegrapher, temporärily, Akzent auf der ersten Silbe: 
in'quiry. ally. Aussprache von in England stummen Konsonanten: 
t in often, vor allem r card, lord. Henry James fand diesen Laut 
bei einem Besuch seines Vaterlandes besonders unangenehm: a 
sort of morose grinding of the backteeth. Robert Bridges tadelt 
dagegen seine Landsleute wegen des Verschwindens des r und der 



192 Die amerikanische Sprache 

Aussprache 'sawed of the Laud'. — Vokale: ä-Laut anstatt des 
langen a, abgesehen von Neuengland, wo jedoch auch der ä-Laut 
immer mehr Fortschritte macht: last, dance, cart, calm, pass, 
path. u: figure (deutlichere Aussprache wie in nature), courteous 
(: hurt), brusque (: tusk), clerk (: Turk). Vor u der j-Laut fort- 
gefallen: new, duke, stew, due, duty, Tuesday, lieutenant aus- 
gesprochen lu . . .: i-Laut: hostile; in kurz: sliver (: liver), been, in 
immer kurz. Der bei meinem ersten Aufenthalte auffallendste 
Unterschied vom E. war die Abwesenheit eines o-Lautes in: fox, 
o > a, doctor, loft (ä ausgesprochen), log, dog, God haben etwa 
die Aussprache gawd. Eine wichtige Besonderheit der ameri- 
kanischen Aussprache ist vom Vf. nicht erwähnt, die sich in der 
Aussprache der langen e und o zeigt: die Nachschlagsvokale 
i resp. u sind nur leise angedeutet im Vergleich zum Englischen. 
Die hier nicht näher beschriebene eigene Satzmelodie, die prinzi- 
piellen Unterschiede im Vokalismus und Konsonantismus (vor 
allem die r- Aussprache), der nasal twang, viele Besonderheiten 
in einzelnen Worten, alles das beweist die Erfahrungstatsache, 
'Every Englishman visiting the States for the first time has a 
difficulty in making himself understood. The American visiting 
England for the first time has the same trouble.' 

In einem besonders interessanten Kapitel 'The common speech' 
macht der Vf. den ersten Versuch, die Sprache zu beschreiben, 
wie sie außerhalb der englischen Schulstunde gesprochen wird. 
Wie die Verhältnisse in den Schulen heute liegen — und man 
öenke an die oben gegebenen Zahlen über die Analphabeten — , 
ist der Kampf der Schule hoffnungslos, und ein immer stärkeres 
Eindringen dieser Volkssprache in die jetzige Gemeinsprache wäre 
zu erwarten. Es wäre aber auch denkbar, daß intensivere Schu- 
lung, besonders auch für die Erwachsenen, wie sie von vielen 
Amerikanisierungsversuchen schon jetzt betrieben werden, die 
Massen der Gemeinsprache gewinnt. Tatsache ist, daß der heutige 
Durchschnittsamerikaner die 'schweren' Worte (vom Griechischen 
und Lateinischen) nicht versteht. Selbst unter den Studenten 
habe ich darin oft erstaunliche Unwissenheit feststellen müssen. 
So sehr dem 'man on thestreet' der rhetorische Fluß des politischen 
Redners imponiert, verstehen kann er ihn nur zu einem gewissen 
Teil. Ich stimme durchaus dem Kritiker Francis, einem der Her- 
ausgeber der 'New Republic', bei, der von 'the enormous gap 
between the literate and unliterate American' spricht. 
w^.T)ßr Vf. gründet die im folgenden im Auszug wieder- 
dessen G^Tabellen auf Untersuchungen, die W.W. Charters 1914 
treten sollte,'*tarschulen von Kansas City gemacht hat (A course 
Speisen, die firammar based upon the grammatical errors of 
halten werden f Kansas City., Mo, Univ. of Missouri Bulletin. 



Die amerikauische Sprache 



193 



Jan. 1915), ferner auf die Beobachtung des Sprachgebrauches in 
den jetzt so populären und häufig nachgeahmten 'base-baU'- 
Geschichten des Chicagoer Reporters Ring W. Lardner. Nach des 
Vf. Meinung und auch nach der zahlreicher meiner Freunde ist 
die Sprache durchaus echt. Das entzieht sich meiner Beurteilung, 
und so gebe ich die Übersichten als erste interessante Versuche, 
ohne zu deren Genauigkeit Stellung zu nehmen. Die Hauptmerk- 
male der Volkssprache liegen in den Formen des Verbums und 
des Pronomens. Einige Verben, deren Formen auf Beobachtungen 
des Vf., auf Charters und Lardner beruhen, sind: 



Present 


Freier ite 


Perfect Participle 


am 




was 


bin (or ben) 


attack 




attackted 


attackted 


bite 




bitten 


bit 


blow 




blowed (er blew) 


blowed (or blew) 


choose 




chose 


choose 


come 




come 


came 


do 




done 


done (or did) 


drive 




drove 


drove 


fly 




flew 


flew 


forget 




forgotten 


forgotten 


go 




went 


went 


grow 




growed 


growed 


know 




knowed 


knew 


lend 




loaned 


loaned 


see 




Seen 


saw 


ahine (to 


polish) 


shined 


shined 


Sit 




set 


sat 


steal 




stole 


stole 


strike 




Struck 


Struck 


take 




taken 


took 


thrive 




throve 


throve 


■wear 




wore 


wore 


wish (wisht) 


wisht 


wisht 


write 




written 


wrote 



Die Konjugation im einzelnen wird durch das Paradigma von 
bite veranschaulicht: 

Act. Ind. Pres. I bite, Post Perf. I had of bit, Pres. Perf. I have bit, 
Fut. I will bit«, Post I bitten, Fut. Perf. (wanting). 

Siihj. Pres. If I bite, Post Perf. If I bad of bit, Past If I bitten. 
Potential Pres. I can bite, Past I could bite, Pres. Perf. (wanting), Pa-st 
Perf. I could of bit. Imperative (or Opt.) Fut. I shall (or will) bite. 
Inf. (wanting). Pass. Ind. Pres. I am bit, Post Perf. I had been bit, Pres. 
Pref. I been bit, Fut. I will be bit, Past I was bit, Fut. Perf. (wanting). 
Suij. Pres. If I am bit, Past Perf. If I had of been bit, Past If I was bit, 
Pot. Pres. I can be bit, Past 1 could be bit, Pres. Perf. (wanting), Past 
Perf. I could of been bit. Imperative (wanting). Inf. (wanting). 

Das Paradigma zeigt folgende Eigentümlichkeiten: Zusatz der 
aus have entstandenen Form of zum Hilfsverb des Perfekts, will 
anstatt von shall in der 1. Person des Futurums, die richtige 



194 Die amerikaniBche Sprache 

Form des Hilfsverbums im Passiv des Plusquamperfektums, ob- 
wohl das Partizipium nicht grammatisch richtig ist, im Kon- 
junktiv sind be und were verschwunden. 

Das Verbum to be wird folgendermaßen konjugiert: 
Pres. I am, Post Perf. I had of ben, Pres. Perf. I bin (or ben), Fut. 
I will be, Past I was, Fut. Perf. (wanting). Subj. Pres. If I am, Past Perf. 
If I had of ben, Past If I was. 

Die Flektion des Personalpronomens wird durch die folgende 
Tabelle veranschaulicht: 

I my mine me; we our oiirn us. you your yourn you; yous your youru 
yous. he his hisn him; they their theirn them. she her hern her; they 
tbeir theirn them. it its its it; they theirn their them. 

Relativ: who whose whosen who; which whose whosen which. 

Adverbial formen verschwinden ganz; wounded very bad, it 
near finished him, he acted dirty. Sehr charakteristisch ist die 
konsequent durchgeführte doppelte Negation: I do'nt know 
nothing about it, can't see nothing. 

Für die Aussprache dieser Vulgärsprache liegen nur einige 
Untersuchungen vor, die sich auf bestimmte Distrikte beziehen. 
Zwei Kräfte scheinen die Aussprache zu beeinflussen, einmal die 
alte Tradition der englischen Kolonisten und dann eine spontane 
durch Einwanderung beeinflußte Veränderung. Erhaltung der 
alten Aussprache, verstärkt durch irischen Einfluß: to holst, to 
roil (i). Erhaltung des kurzen i: critter (creature), crick (creek), 
slick (sleek). i: deef (: beef). e anstatt a: to catsch, rash. -ow zu 
-er: feller, swaller, y eller, beller, umbreller, holler. Zusammen- 
ziehung im Satz: wah zee say (what does he say?), 'itt' mowd 
(get him out). 

Die Unterschiede in der Schreibung werden durch die folgende 

Liste gewöhnlicher Wörter veranschaulicht: 

American anemia English anaemia, aneurism anenrysm, annex (noun) 
annexe, arbor arbour, armor armour, asphalt asphalte, ataxia ataxy, ax 
axe, balk (verb) baulk, baritone baryton, bark (ship) barque, behavior 
behaviour, behoove behove, buncombe bunkum, bürden (ship's) burthen, 
cachexia cachexy, caliber calibre, candor candour, center centre, check (bank) 
cheque, checkered chequered, eider cyder, clamor clamour, clangor clangour, 
clotoure closure, oolor colour, connection connexion, councilor councillor, 
counselor counsellor, cozy cosy, curb kerb, cyclopedia cyclopaedia, defense 
defence, demeanor demeanour, diarrhea diarrhoea, draft (ship's) draught, 
dreadnaught dreadnought, dryly drily, ecology oecology, ecumenical oecu- 
menical, edema oedema, encyclopedia encyclopaedia, endeavor endeavour, 
eon aeon, epaulet epaulette, esophagus Oesophagus, fagot faggot, favor 
favour, favorite favourite, fervor fervour, flavor flavour, fönt (printer's) 
fount, foregather forgather, forego forgo, form (printer's) forme, fuse fuze, 
gantlet (to run the) gauntlet, glamor glamour, good-by good-bye, gram 
gramme, gray grey, harbor harbour, honor honour, hostler ostler, humor 
humour, inclose enclose, indorse endorse, inflection inflexion, inquiry 
enquiry, jail gaol, jewelry jewellery, Jimmy (burglars) jemmy, labor labour, 
laborer labourer, liter litre, maneuver manoeuvre, medieval mediaeval, met«r 



Die amerikanische Sprache 195 

metre, misdemeanor misdemeanour, mold mauld, moUusk mollusc, molt moult, 
mustache moustache, neighbor neighbour, neighborhood neighbourhood, net 
(adi.) nett, odor odour, offense offence, pajamas pyjamas, parlor 
parlour, peas (plu. of pea) pease, picket (military) piquet, plow 
plough, pretense pretence, program programme, pudgy podgy, pygmy pigmy, 
rancor rancour, rigor rigour, rumor rumour, savory savoury, scimitar scime- 
tar, septicemia septicaemia, show (verb) shew, siphon syphon, siren syren, 
skeptic sceptic, slug (verb) slog, slush slosh, splendor splendour, stanch 
staunch, story (of a house) storey, succor succour, taflfy toflfy, tire (noun) 
tyre, toilet toilette, traveler traveller, tumor tumour, valor valour, vapor 
vapour, Veranda verandah, vial phial, vigor vigour, vise (a tool) vice, wagon 
Waggon, woolen woollen. 

Die Tendenz der amerikanischen Schreibung geht auf Verein- 
fachung: überflüssige Buchstaben fallen aus, u in -our, End-e in 
axe etc., der dublizierte Konsonant in waggon, jeweller, einfache 
Vokale für zusammengesetzte: plow, check, draft, phonetische 
Schreibung in jail. Viele der Vereinfachungen gehen auf Noah 
Webster zurück, dessen erstes Wörterbuch im Jahre 1806 er- 
schien. Trotz der Opposition gegen die amerikanische Ortho- 
graphie in England finden mehr und mehr Neuerungen Einlaß, 
wie neuere Lexika bezeugen: New English Dictionary: Concise 
Oxford D. 'Authors' and Printers D. (jail, ax, eider etc.). Ander- 
seits müssen amerikanische Verleger für den Absatz in England 
auf das dortige Publikum Rücksicht nehmen. Die Riverside 
Press, Macmillan Company und andere kommen so zu einem 
Kompromiß der beiden Schreibungen. Die Websterschen Ideen 
einer konsequenten Vereinfachung wurden eifrig in Amerika 
fortgesetzt. Deren Anhänger sind im Simplified Spelling Board 
vereinigt. Eine Zeitung, wie Literary Digest, die sich einer 
Million Leser rühmt, befolgt dessen Vorschläge. Einige Schrei- 
bungen bürgern sich allgemein ein: tho, thru, thoroly. Gewisse 
Abweichungen in der Schreibung erklären sich aus der verschie- 
denen Aussprache: special ty aluminum, alarm. Fremde Wörter 
werden insofern amerikanisiert, als man die in England üblichen 
Akzente fortläßt: cafe, regime, employee. 

Das Kapitel über die Eigennamen ist kulturell besonders inter- 
essant. Die vielen fremden Namen bezeugen, wie trotz des poli- 
tischen und kulturellen Übergewichts der angelsächsischen Ober- 
schicht die Amerikaner keine Angelsachsen mehr sind. An- 
gesichts der mit Hochdruck betriebenen *hands-across-the-sea' 
Propaganda der 'angelsächsischen' Familie sprechen Adreßbücher, 
Telephonbücher. Namensverzeichnis des Repräsentantenhauses 
eine stummberedte Sprache. Der Vf. wählt den Buchstaben Z des 
New Yorker Telephonbuches in Manhattan und der Bronx und 
findet 1500 Teilnehmer mit 150 Namen. Am zahlreichsten sind 
Zimmermann, Zimmer, Zimmern. Viele andere deutsche Namen, 
wie Zahn, Zechendorf, Zinser etc. Holländisch: Zuurmond. 



196 Die amerikanische Sprache 

Slawiscli: Zachczynsky, Zaretski. Italienisch: Zaccaro, Zanelli. 
Jüdisch: Zukor, Zipkin, Ziskind. Spanisch: Zelayo, Zingaro. 
Griechisch: Zapeion, Zervakos. Ungarisch: Zagor, Zichy. Schwe- 
disch: Zetterholm, Zetterlund. Aus dem Pittburgher Telephonbuch 
ergeben sich für die Geistlichen folgende nichtenglischen Namen: 
Auroroff, Ashinsky, Bourajanis, Pniak etc. Ich nehme das 
Adreßbuch der Yale-Universität und finde unter Z Zahner, 
Zeleny, Zenner, Zetterstrandt, unter A: Abel, Abeles, Abramo- 
witz, Achelis, Acosta, Alpers, Amatruda etc. Der Vf. führt aus 
der Liste des Repräsentantenhauses folgende Namen an: 
Bacharach, Dupre, Esch, Estopinal, La Guarda etc. Im New 
Yorker Adreßbuch steht Mucphy, irisch, an 4. Stelle, Meyer, an 5., 
Cohen und Levy stehen an 8. und 9. Stelle und kommen vor Jones 
und Williams, es gibt mehr Schmidts als Taylors, mehr Schnei- 
ders und Mullers als Robinsons. Dabei ist zu beachten, wie viele 
Smith, Brown, Miller, Fox durchaus keine Angelsachsen dar- 
stellen. Es ist spaßhaft, wie die Namen übersetzt und umgeändert 
werden. Hines (Heintz), Swope (Schwab), Whitehill (Weiß- 
berg), Robinson (Rabinowitz), Benson (Bielefelder), Pullman 
(Pulvermacher), Dicks (Schwettendieck). In den Vornamen er- 
gibt sich natürlich eine schnelle Assimilation, dennoch findet man 
Kurt und Karl auch häufig in nichtdeutschen Familien. Die 
geographischen Namen ordnet der Vf. in die folgenden Klassen: 
1. zum Gedächtnis großer Männer, 2. Übertragung älterer Namen, 
3. indianische Namen, 4. holländische, spanische, französische 
Namen, 5. biblische und mythologische Namen, 6. die örtlich- 
keit beschreibende Namen, 7. Namen von der Flora und 
Fauna, 8. erfundene Namen. Zur ersten Klasse gehören: 
Washington, Cleveland, Bismarck ... 2. New London, Rome, 
Syracuse, Troy, Berlin, Leipzig ... 3. Massachusets, Conno- 
doguinnet ... 4. Schuylkill, Harlem, Hoboken . . . Des Meines, 
Terre Haute, Los Angeles, San Antonio ... 5. Bethlehem, 
Bethany ... 6. Bald Knob, Key West ... 7. Alligator, Crawfish, 
Leadville ... 8. Blue Ball, Cowhide, Dollarville, Shin Pond, Oven 
Fork, Noodle. In der Benennung der Straßennamen ist die Ver- 
wendung von street, avenue, boulevard, drive, speedway hervor- 
zuheben. Die im Verein mit der Numerierung der Straßen, die 
in großen Städten allgemein geworden ist, ist eins der auffällig- 
sten Kennzeichen des praktischen amerikanischen Geistes. 

Im Schlußkapitel weist der Vf. auf die Bedeutung des Sprich- 
wortes und des Slang in Amerika hin. Die Vorliebe für die kurze 
bequeme Form der 'Volks Weisheit', allerdings häuf ig genug tönende 
Platitüde, ist bezeichnend. So groß ist die Vorliebe für diese Patent- 
philosophie, daß viele Autoren den Schatz ständig zu bereichern 
trachten. In den Bureaus findet man Wandschilder: *Do it now', 



Die amerikanische Sprache 197 

'This is my busy day'. Ein ehrwürdiger Ahn dieser auf Kalen- 
dern, Bannern verzeichneten Weisheit ist Benjamin Franklins 
'Poor Richard's Almanac' 1732, der 25 Jahre lang ein außer- 
ordentlich populäres Buch blieb und zahlreiche Nachahmer fand. 
Ich habe mich inzwischen überzeugt, daß die optimistischen 
Sprüchlein von Ealph Waldo Trine den Deutschen zur Stärkung 
gereichen. Ein schönes Beispiel ist 'the elevator to success is not 
running, take the stairs'. Auszuzeichnen sind die, die Humor 
zeigen: 'do not monkey with a buzz-saw, cheer up, the worst is 
yet to come. Dies sah ich monatelang in dem funny-paper einer 
Zeitung illustriert. Das letzte, was mich verfolgte, war: It is a 
great life if you do'nt weaken. Diese Redensarten, gerade wie 
'you Said it, you said a mouth-ful, gehören wegen der fort- 
währenden bis zur Sinnlosigkeit gesteigerten Wiederholung in 
die Kategorie des Slang. Findet ein Wort, eine Redensart An- 
klang beim Volk, so wird es bald ein cliche, das sich in den 
Gedankenpausen immer zur rechten Zeit einstellt. Solche Bildun- 
gen und Redensarten sind es meistens, die besonders anschaulich 
sind. Es ist schwer zu sagen, warum to talk through your hat 
Slang, to laugh in your sleeve Idiom ist. Block-head ist gutes 
Englisch, bone-head ist Slang. In der Literatur sind George Ades 
Fables in Slang eine interessante Erscheinung. Neue Slang-Aus- 
drücke werden bewußt durch die Zeitungen geschaffen, besonders 
im Sport und in der Politik; durch die Zeitungen und das Kino 
werden sie dem Volk zur Annahme vorgelegt, das in seiner 
Unberechenbarkeit diese oder jene Redensart seinem schnell- 
wechselnden Schatz von Sprachscheidemünzen einverleibt. So ist 
denn fortwährend Zu- und Abgang im Slang zu verzeichnen. 
Awful ist heute in awful weather, awful job gutes Englisch, 
slacker, vom englischen Studenten-Slang to slack, to hold up sind 
Beispiele für die Aufnahme von Slang in legitimes Englisch. 
Umgekehrt sind Roosevelts Ausdrücke big stick, nature faker, 
muck-raker in das Slang geglitten. Die Lebensdauer ist ganz ver- 
schieden, zuweilen nur einen Monat, andere aber mehrere Jahre. 
Good night hat entschieden länger als das vom Vf. zugebilligte 
eine Jahr gedauert. 

Wie steht es nun mit der Zukunft der englischen Sprache? 
Daß ihr die Welt heute gehört, wie Jakob Grimm voraussagte, 
bezweifelt heute niemand mehr. Seit Jesperson, um dessentwillen 
der Vf. die Philologen milder beurteilen sollte, sprechen wir 
nicht vom Verfall, sondern vom Fortschritt der englischen 
Sprache. Ohne Zweifel bewegt sich das Amerikanische in Bahnen, 
die das Englische langsamer verfolgt: es ist nichts, was dem 
'genie' der Sprache widerspräche. Die Position des ameri- 
kanischen Volkes wird durch Zahl. Reichtum. Macht immer 



198 Die amerikauiscke Sprach« 

stärker, innerhalb desselben selbst aber sind notwendig die 
Schranken der englischen Grammatik aus den oben angeführten 
Gründen gefährdet. Das literarische Amerikanisch hat, wie ich 
in Kanada auf Schritt und Tritt beobachten konnte, Kanada 
friedlich durchdrungen. Gewiß werden sich mit der Zeit mehr 
und mehr Schriftsteller finden, die aus dem Quickborn des ameri- 
kanischen Dialektes schöpfen und so die Schriftsprache be- 
reichern, knüpfen sie doch nur an einen der Großen Amerikas an, 
an Whalt Whitman. — 

Bei dem für uns unerschwinglichen Preise von $ 4 habe ich 
mich bemüht, die Haupttatsachen des Buches wiederzugeben, die 
mir nach eigener Beobachtung richtig erscheinen. Die geist- 
reichen Bemerkungen, die das Buch zu einer anregenden Lektüre 
machen, die aber auch oft genug zum Widerspruch herausfordern, 
konnten hier nicht berücksichtigt werden. Alles in allem ist das 
Buch ein großer Wurf auf einem bis dahin vernachlässigten Ge- 
biete unserer Wissenschaft. 

Berlin. Georg Kartzke, 



Bemerkungen 
zu 'Adolf Toblers Altfranzös. Wörterbuch', 

Lieferung 1 und 2. 

(Fortsetzung statt ScbluQ.) 

** adurois, adj., = adure: li barons adurois, GLiege 28998. 

* aduste, adj., 'erhitzt, entzündet': bcni sanc sec et ne mie irop adiiste, 
Mondev. Chir. 774; par la purgation des humeurs agües adusies, ib. 1569; La 
maniere et la mattere de cestes (sc. eschardes, lat. squama) est petite, seiche, 
aherdant, visqueuse, noti decourant, aduste, ib. 1679; tant que la croste qui a 
este aduste chiee, ib. 1963. 

* adustion, 8. f., 'Erhitzung, Entzündung', s. acuite. 

ae, 8. na., 'Lebenszeit', auch: Aremulus apres lui vint, Ne zesqui pas en 
lunc aei, .XVIII. ans a reis estei, MBrut 3801; Mes je ne le vis onques a joiir 
de mon ae, Gaufrey 5767; Utikes ynil jur de sun ee Si bei Chevalier n'esguarda, 
MFceYon. 146. 'Lebensalter', auch: Uns prophetes de grant eded (prophetes 
quidam senex), LRois (Ler.) 287 ; // n'est pas de greinor ae . .. de moi, Veng. 
Rag. 2064; Quant ert en l'ee de quinxe anx, Midt ert bele e creüe e granx, 
MFcePurg. 2227 ; venir en ae 'das mannbare Alter erreichen': Quant ilfuvennx 
en ee, A chevalier l'unt adube, MFce Yon. 469; Quant esteit venux en ee, A 
Chevalier l'a adube, ib. 3111. 291. 

aemplement, s. m., 'Erfüllung', auch: La cremor de Vespir aura aample- 
ment, Ms. hq. 24387 fol. 65 bei Reinsch, Ps.-Ev. v. J. u. M. Kindh. S. 18. 

aemplir, vb. trans. 'füllen; erfüllen', auch: eslaise ta buche e je (Gott) 
aemplirai li (dilata os tuum et iniplebo illud), Oxf. Ps. 80, 9 (Cambr. Ps. 
emplir); Eslaise ta bouche en loant, Je V aemplirai maintenant, Reimps. ib. 
S. 317 ; — Ensement son tierme aempli Et li . VII. an sont acompli, JCond. I, 
323, 643. 

'sättigen, stillen, befriedigen': Beneurex li htiem cht aemplirad sun desi- 
derie d'els medesmes (qui implevit desiderium suum ex ipsis), Oxf. Ps. 126, 6; 
Tote honor ai gete arrier Por aonplir son des'ier, Dav. Proph. 206, 466; Cas- 
euns i porra a^niplir Totit isnelepas son plaisir, Chast. 26, 54; Dist li enemis: 
Je parsiiierai e comprendrai, deviserai despoilles, serad aemplide la meie 
aneme (implebitur anima mea), Cant. Moys. 9 in Oxf. Ps. S. 237 (2. Mos. 15, 9). 

'erfüllen, ausführen, vollziehen', auch: que co que les prophetes aviont dit 
ere aempli en nostron seignor J. C. (ea in ipso impleta esse), Afr. Pr.-Leg. El, 5; 
Totes ces choses sont aemplies en nostron seignor J. C. qui sont trapassees et 
celei qui ne sotit encor faites serant aemplies (haec omnia in domino nostro 
... impleta sunt, ... et ... implebuntur), ib. E 12, 8; Icest voto eilt voucit 
aemplir, ib. K 24, 4; mestiers est ke 7ios les deix commandemenx de la loy 
aempliens, SBem. (F.) 140, 31; Les commanx darnrideu convient tax aemplir, 
PoMor. 559 a; Cil ne püent pas acomplir Les comandemanx 7i aemplir Qui 
onques mais ne se veirent (jussa complere). Prior. Veg. 2220. 

** aenter, vb. trs., 'pfropfen', biJdl.: Atant point le cheval, des esperons 
l'aante (stößt, bohrt die Sp. hinein), ChSax. 3065. 

aerdre, vb. intr., eig. u. bildl. auch: cofhjeres, ensemble aerdre, Cath. 
Lille 43; hereo, aherdre, doubter, ib. 77; Et per tant ke l'ius n'i astoit pas, 
en cui li fais (die vom Berge stürzende ingentis saxi moles) pöist aherdre 
(locus . . . quo inhaerere potuisset), Dial. Greg. 9, 17 ; Aerst el pavement la 
tneie aneme, vivifie mei sulune la tue parole (adhaesit pavimento anima mea), 
Oxf. Ps. 118, 25; M'arme est aerse au pavement, Reiraps. ib. in Oxf. Ps. S. 341 ; 
Aerst a la puldre la meie aneme (adhaesit pulveri anima mea), Cambr. Ps. 
118, 25. 



200 Bemerkungen zu 'Adolf Toblers Altfranzös. Wörterbuch' 

übertr., a auc, sur auc, auch: Äerdra dtinc a tei li siege de felunie? 
(Numquid adhaeret tibi sedes iniquitatis . . .?) Oxf. Ps. 93, 20; Den, a toi 
aherdera dons Li sieges des hommes felons? Reimps. ib., S. 325; Li nun- 
nuisant e li dreiturer aerstrent a mei (Innocentes et recti adhaeserunt mihi), 
Oxf. Ps. 24, 22; En cui porsitvance il envoiat trois eontes ki a soi soloient 
aherdre devant tox les altres (qui sibi prae ceteris adhaerere consueverant), 
Dial. Greg. 78, 10; Ki aheri al sanior, il est uns espirs (qui adhaeret Domino, 
unus Spiritus est), ib. 81, 6; par tant ke li aherdent per pense (quia ... mente 
ei inhaerent), ib. 82, 16; Untre eis se vuelent si guaitier ... Que li uns par 
l'autre ne perde Ne tels surfaix sur eis n'aerde, Dunt entre eis seient en- 
cumbre Li uns par l'autre, MFceFab. 72, 10; a auc. r.: Äfin qu'a ta grace 
je parte Et qu'a t'amour je puisse aerdre, Mir. ND. 16, 965. 

rfl., übertr., a auc. auch: Li justes s'aertrent a moy, Reimpa. 24, 22 in 
Oxf. Ps. S. 277; Pour tant qu'a ioy se vueille aherdre (ein Sünder an Gott), 
Mir. ND. 33, 828; Et vous, rebelles ruppieux, Qui a eux voiis estes adhers, 
Chr. de Pis, Vers sur J. d'Arc bei Buchon, Chron. et Mem. I, 542; apres 
auc: Sous ies eiles qui m'ont couvert, M'arme apres toy ades s'aert, Reimps. 62, 8 
in Oxf. Ps. S. 301 ; a auc. r. auch : car li cristiens ne se doit mies aherdre a 
tels choses, SBem. (F.) 148, 20; Que miex amex ... le vostre perdre Que vous 
a mariage aerdre, Mir. ND. 19, 366; Car aux Mens de lui on s'aherde Et 
tonte la moitie en perde, ib. 20, 741 ; avant qu'a ce fait s'aherde (nach Jenis. 
zu pilgern), ib. 34, 741 ; par moy aherdre a vanite, ib. 40, 1827 ; Car je 
m'estoie a che ahers Qui me tourmentoit grandement, Froiss. Poßs. I, 225, 
474; Et si j'estoic ailleurs ahers, Je feroie taut au revers, ib. 227, 549; fols 
est qui s'i altert (sc. au bien amer), ib. 281, 2055; Puis que vo volentex aerse 
Y est, sire, de euer entier Yrons, Mir. ND. 13, 74; en auc. r.: S'en nox forces 
nous aerdons, Je ne voy pas que ne per dons. Mir. ND. 39, 2045; Tu en es en 
peril de perdre, Car en folour te voes aherdre, Froiss. Poes. II, 28, 935. 

trans.: 'angreifen': Tu as ceste ville soubxmis Et convertie a ta creance: 
Par Tues diex, ... Si tost con revenray de Perse, De toutes pars sera aerse, 
Mir. ND. 13, 194; Ensi seres ahers d'esclarne Oii tost receveres grant blame, 
Froiss. Poes. I, 294, 2464. 

aerdant, 'fest anhaftend': s. aduste, Mondev. Chir. 1679; et soient ap- 
pliquiees ventouses forment aerdantes ou sansues, s'eles s'i vuelent aerder, ib. 1775. 

aesnie, s. m., auch: Ci revandras, et garde ton aesme, Se tu me vuex droit 
faire par bataesme, Eust.-Leb. 72c ('Schätzung nach welcher Stelle?', vgl. En 
la forest en rej)aire a esme, 1. auch hier a aesme?, 79 c; Ott: aesme 'Ziel'). 

aesmer, vb. trans., 'erachten, urteilen', m. Acc. c. Inf.: et il aesmevet lui 
non pooir estre si cort par veüe (aestimabat tarn brevem per visionem esse non 
posse), Dial. Greg. 27, 9; (existimare) ib. 148, 24; 202, 24; (suspicari) ib. 144, 
21; 161, 23; ki soi aesmevet estre purriere et cendre, Mor. Job 308, 8. 

'von etw. etw. halten, etw. wie bewerten': car en tant juget chascuns 
plus subtilment des tenebres, en combien il conoist plus vraiement la elarteit 
de lumiere; car eil ki uoit la lumiere seit queil cho§e il aesniet des tenebres, 
et eil ki ne conoist la blanchor de lumiere loet les obscures choses en Hu de 
cleres, Mor. Job 341, 42. 

'gleichstellen, vergleichen': das Beisp. Rose 675 ; Chaiti, vos aves cotiqueru 
lues plei?is de tenebres, . . . pleins de tormenx et de peines que l'um ne porroit 
aesmer a autres peines (et incomparabilibus poenis), Afr. Pr.-Leg. D 19, 13; 
Compaigne, comment poet pou iestre Que li amans de coutvart iestre Puet 
iestre au hardit aesmes? JCond. I, 299, 75. 

* afablir, vb. intr., 'fabeln, lügen': Ä la chose que tote est veire Ajoste 
il, s'il la retrait; Puis afablist, quei que il vait, Yder 4227. 

afaire, s. m., avoir afaire, 'nötig haben', de c. Inf.: Cil dient per quel 
leu aler Doit l'oz ... Ou se Von doit avoir afaire De combatre a son adver- 
saire. Prior. Veg. 2610. 



Bemerkungen zu 'Adolf Toblers Altfranzos. Wörterbuch' 201 

'üntemehmixng': L'on doit enquerre dilijammant, Et non mie tant soule- 
mant Es sieges, nies en tox, afaires Et es tres granx bataUtes maires, Les 
cosiumes et trestot l'estre De quoi li autre puent estre, Prior. Veg. 9933 (=■ 
mais en toutes manieres de batailles, JMeun, ArtChev. S. 157). 

'Ding, Sache (als Vorgang, Tun)': Dous afaires i suelent (in der heiligen 
Sehr.) li maisire demostreir, Ki sevent les comanx des conselx deviseir (zweier- 
lei), PoMor. 558c ; Qranx chose est et mout bone virginite garder Et granx 
afaires est tot as povres doner (etwas Gr.), ib. 572b. 

"Sachlage, Verhältnisse': Et ses janx la tievent por fole De son seignor 
que ele acole, Mes il ne sorent pas l'afaire, Gd'Angl. 2647. 

'Bedeutung v. etw.': mais moult voulentiers Orroye qu'tl exposast ey Pour 
quoy Crist de vierqe nasqui: Que fu p'a faire? — Tantost t'en mousterray 
Vaffaire, Mir. ND. 20, 1298. 

'Art und Weise', auch: Issi par tel afaire Couverra la venganee prendre, 
Veng. Rag. 5146; Einsi furent li Chevalier A la guerre par tel afaire, 
Meraug. 655; Cil oixellon en leur afaire Chantoient si com par estri (nach i. 
Weise), Froiss. Poes. I, 97, 360. 

'Art, Beschaffenheit', v. Sachen, auch: (Fuchs zum Affen, der ein Stück 
von dessen Schwanz für seine schwanzlosen Kinder haben will) Ja de ma cue, 
ki est granx, N'aleverex les vox enfanx, . . . Mes qu'ele fust de tel afaire Que 
jeo ne la p'eusse traire, MFce Fab. 28, 19; Li siecles est de tel afaire Que 
cieulx qui pitet faire le pis, . . . Cieulx est tenus bachelereus Au dit des gens 
et vigereus, JCond. II, 224, 26 ; De si fait afaire est lor constume et lor vie, 
PoMor. 521a. 

'Art, Beschaffenheit, Wesen, Rang, Stand', v. Pers., auch: Nus ne devroit 
tel honme atendre, Puis Charme ne le puet forfaire. Itels est et de tel afairc, 
Veng. Rag. 5074; Despuis qtie rostre afaire et vostre estre entendi, Vous don- 
nai taut mon euer, BComm. 2689; Espoir fu en ce point de li tex veus voues 
Par quoi de li doit estre ses afaires celes, Berte 2940; Tant vous di je de 
son affaire (des Mädchens) Qu'en ce päis na, par ceste ame, De lui nulle 
plus preude femnie, Mir. ND. 31, 2467; Se j'estoie de vostre affaire, Chier sire 
(der Kaiser), et de rostre valcur, Je li feroye tel Jwnneur (^dem siegreichen 
Feldherrn) Qu'a mariage li donrroye üne fiÜe, se je l'avoie. Com vous l'avex, 
ib. 37, 2218; Car ses afaires (der Dame) est mignos, Froiss. Poes. II, 203, 
304; Sont il ores de tel afaire Qu'on en doie grant compte faire? Froiss. 
Poes. II, 125, 4226; ... Le mist en si tresgrani mesaise Fortune et en si 
povre afaire Que 7ius n'avoit de lui que faire, Julian 1119; Mes tes suet 
mangier sans chandelle, Qui ore a baren s'apareille Et petit prise poure 
afaire, BCond. 252, 210; La mestresse est de noble afere, JCond. II, 245, 68; 
Onques rois de plus noble afaire Puis Charlemaine ne nasqui, Watr. 96, 428; 
Tant plus sera de noble afere (die Dame), Plus sera douce et debonere, 
Clefd'Am. 251; Maint pasiowiel de noble a faire, Froiss. Poes. II, 346, 1; 
Car trop est de dur affaire (sc. Amotirs) Charld'Orl. (ed d'Heric.) I, 199; 
Tais toi, fame de put ajere, Mont. Ra^Ti. I, 100, 82; Li ?naus oisiaus de put 
afere (der Kuckuck), JCJond. II, 13, 394; weitere Verbindungen: Drois dist, 
se gentius koni mesprenf, Qu'il se blece plus laidement Cuns qui seroit de 
bas a faire, BCond. 251, 171; Soit (er) de kaut u de bas affaire, JCond. II, 
43, 1401; Et qui est de getitil afaire Estrait, il s'i doit regarder Et soi de 
meffaire garder, JCond. II, 98, 24; Li preudom de gentil afere, ib. 317, 114; 
de mal afnire, Mir. ND. 9, 325; Uns huem ... de mult maleit afaire (vir 
Belial), LRois (Ler.) S. 197; gens d' orgueilleux affaire, Mir. ND. 34, 1628; 
kam n'i vient de nulle part. Ja tant soit de petit affaire, H'enir'eus voet bien 
et honour faire, Qu'a joie n'i soit retcnus, Watr. 342, 45: Et adont vo coer 
(sc. deves) des/yer Et ouvrir de piieus afaire Pour misericorde aulirui faire 
(mitleidigen Wesens», mitleidig), Froiss. Po5s. II, 190, 965; Jone dame iert 
de riche affaire, Watr. 336, 237; 'Verhalten': (zur neuen Dienerin) »Se rotis 

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202 Bemerkungen zu 'Adolf Toblers Altfranzos. Worterbucb' 

rn'estes de bon affaire, Ja mais de nous ne partirex Tant que riche et comble 
serez, Je vous promet, Mir. ND. 32, 1013; 'Lebenswandel': Et (sie) dtt qu'il 
(das Kind) est pour tout certain Ä un moine de teile affaire, Qui ceens bien 
souvent repaire Et y fut devant ier encore, Mir. ND. 18, 993 (I Qu'i; i = il). 

afaissier , vb., afesse, G. Gui. wird a fesse sein, faisse als herald. Aus- 
druck in der gelehrten Umformung fasse auch bei Froiss. II, 324, 28, nfr. fasce. 

afaitaisoyi, s. f. 'ßildr.ng, Art', auch: .iiii. getons avoit getex (der Baum) 
... Si biavs, si drois, si bien venans Et de si douce affaitoison Que clias- 
.cuns fu Celle saison Orans et floris et fruix portatis, Watr. 84, 41. 

afaitier, vb. trans., mit sächl. Obj.: 'zurechtmachen', übertr. auch Car 
fiuers otit apers et isniauh (sc. li losengier) Ä leur losenges afetier, JCond. II, 
278, 25. 

'würzen, veredeln, verschönern': Ainsi con la nes a bon cours, Quant a 
bon vent est bien ritnee, Aussi a rime a droit rimee, Qui de bone matere est 
faite: Quar la bone matere afaite La rime, par fin estaroir, Et si li faxt bmi 
cors (d.i. cours) aroir, BCond. 235, 56; 'würzen, mischen mit etw., d'ane. r.': 
je voi man coer lade, Affreme et atacie En son toloir (Amors), Mes c'est en 
Heu Sans pitie, Sans confort, sans amistie Et sans regart affetie De nul espoir, 
Froiss Poes. I, 285, 2192. 

'affecter, attribuer, accorder', GLiege 6952, 6789, II, 3085, nach Scheler. 

'trachten, haschen nach etw.' (vgl. lat. affectare): la mort, la nwrt faulse, 
iniuste et deslealle, com grandement as tu offence d'avoir affaitie le leal euer 
de Celle qui tant me amoit! Prosa-Clig. 334, 14. 

mit pers. Obj.: 'jmdn. einführen, einsetzen': Quatre esquevins de Liege de 
■noveal affaities, GLiege II, 4233. 

'unterweisen', d'auc. r. auch: Si c'oyi afaite .i. joene oisel, Le doit an 
d'onneur afaitier (d. jungen Menschen), Watr. 58, 79; pt, 'geübt, erfahren, 
gewohnt', d'auc. r., en auc. r:. Comme eil qui de guerre sont duit et afaitie, 
BComm. 1400; Lors saillent de loianx janx seinnes, Noveles, hardi et haitie 
Et en armes bieti afaitie, Prior. Veg. 9480; Car li malvais qui affaitie Sont 
de mal faire, d'euls mesdient, JCond. II, 163, 66. 

rfl. 'sich zurechtmachen; sich anschicken, sich rüsten', auch: Visiement 
s'aeesme et s' afaite Et se garnist por hd atendre, Veng. Rag. 1056; a c. Inf.: 
mes euer s'affaite A vous loer ioute ma vie Et servir, Mir. ND. 12, 884; Sire 
Dieu . . ., MoH euer a vous loer s'affaitte, ib. 29, 1845; Sire diex ..., A toy 
loer mon euer s'afaitte, ib. 34, 2264; Faidx enncmi, pour nient t'affaites A 
si alleguer son meffait, ib. 14, 894; Michiel, a descendre t'affaittes, Et toy, 
Gabriel, jus de ei, ib. 34, 2173. 

'sich in etw. ausbilden, sich einer Sache befleißigen, sich einer S. widmen', 
a, en auc. r.: Con plus est kons haus, plus est lais Ses pechiex et sa fame 
laide. Et dit on partout en eslais Que d'autrui mere fu ses lais, Quant il a valour 
ne s' afaite, Watr. 142, 150; Et li hon qui en bien s'affaite, Qui veut cointise 
maintenir. Et euer et cors doit net tenir . . ., JCond II, 140, 34; Car bachelers 
norrix et fais D'armes, qui en honnour s'afaite, Ja n'en iert malle chanpons 
faite Watr. 311, 11; loiaute, dame parfaite, En tres kaute valeur s'affaite 
Qui soi de vostre non parfait, ib. S. 134. 

'sich mit etw. ausstatten, d'auc. r.': Dame (die loiaute), perdu a tout (alles) 
a fait qui soi de vostre non n'affaitte, Watr. S. 134. 

'in Ordnung kommen, sich beruhigen (vom Wetter)': Qu' est ce cy? Cc 
temps ne s'affaitte Ne ccst orage point ne moustre Qu'il doie encore passer 
otdtre Ne qu'il doie em piece cesser, Mir. ND. 40, 1860. 

afaitie, pt, v. Pers., 'ausgebildet', bieti a.: li serjant, li home a pie, Mes 
qu'il soient bien afaitie, Sont a comun plus profitauble, Prior. Veg. 2164; 
icil a pie, Li legier, li bien afaitie, ib. 4978; Li sage, li bien afaitie, ib. 9640. 

'ausgebildet, vollendet': Ce n'est qu'un paillart affaittie Qui de^oit de sa 
mauvestie Ainsi les gern par son parier, Mir. ND. 40, 1987; Et quides tu 



ßemerkuBgen zu 'Adolf Toblers Altfranzos. Wörterbuch' 203 

point qu'il (der Bettler, den man verhöhnt) saroit, S'il estoit entre gens la 
hors, Contrefaire le povre corps Et le cäymant affaifie? ib. 40, 2012. 

'gesittet', Gegenteil mal a.: je nel cuidoie mie Que il fust si mal afeitiex, 
Graal C 8999 ; Vos estes trop mal afaities Qui en ma riviere peschies, Quant 
n'en, aves congie de moi, Ferg. 175, 5. 

V. Sach,, 'wohlgestaltet, gut ausgeführt, gefällig, hübsch': Les les dames 
s'assieent as gens cors afaities, BComm. 3663; Et les cronique Anseal, qui 
mult sont affaities, GLiege 38697 (Scheler: bien arranger, faire avec soin). 

afamer, vb. intr., bildl. auch: Anckois mourir me lairoie Et de merchi 
afamer Par consirer, AdHalle XXIX, 4, 10. 

trans., bildl. auch: b'elle y est (sc. amours, es cuers) bien a droit plantee, 
Uautre cause en est sousplantee Et affamee au dire voir, Froiss. Poes. III, 
112, 16 (Scheler: aneantir, rendre sans effet). 

rfl,: // n'en poet issir de la voie, Qu'il ne soit toutdis sans sejour Pen- 
sans a eile, nuit et jour, II s'en alifte, il s'en afatne, Froiss. Poes. II, 20, 666. 

bildl. 'sich zugrunde richten': C'est le droit cas ov. il s'affame Et oü plus 
tos a despendu Honneur, chevance, corps et ame, Froiss. Poes. III, 176, 28. 

d'auc. r. 'nach etw. hungern, einer Sache ermangeln': Qui Nature diffame 
Par dissolu langage, De hon renom s'affame, Froiss. Poes. 111, 224, 3 ; De bon 
renom s'affame Et est fol approuve Qui de Nature same (v. semer) Langage 
reprouie, ib. II, 225, 17 (Scheler: se denuer, se depouiller). 

afame, pt. als adj., d'auc. r. 'nach etw. hungrig, einer Sache ermangelnd, 
beraubt': (die Hölle) Oii de grief flaine est enflamee (die Seele), Poure et des- 
prise et affamee De tous biens et de joie et d'aise, JCond. II, 148, 104. 

afebhier, vb. intr., mit sächl. Sbj. auch: ..., pour ce que leur hardement 
et leur forces ne affebloiassent, JMeun, ArtChev. 66; Et li cols (Hieb) fu 
afebloies, Vcng. Kag. '6267 ; Oalot, la parole et la voix M afebloient trop niale- 
ment, Mir. ND. 36, 282. 

de c. Inf., 'erlahmen, nachlassen': De maintenir l'estor n'afebloie n'ataint 
{= estairit), ChSax. 2615; Ne doit d' armes hanter cesser Ne afoibloier ne 
lesser. Prior. Veg. 3710. 

trans , en auc. r.: nonobstant . . . qu'il soit affoihloie en sang qu'il a perdu 
et du juner qu'il avoit fait, Pr.-Eicc 286, 6; Sache Sbj.: Ne je ne sai com- 
ment, dame, je leur estorde, Se vosive grans pities leur pooir n'afeblie, Ave 
Mar. 1, 12 in Beaum. H, 299. 

pt. als adj : ... oyant ce cry entend bieti a la voix affoibloiee qu'elle est 
au desesperer, Pr.-Erec 284, 28. 

afehlir, vb. intr., auch: De la force ta m.ain failli, En chastiement af- 
febli (ich), Reimps. 38, 15 in Oxf. Ps. S. 287; trans. auch (Sbj. Sache, wie 
Job 312, 20): Car li maus l'ot trop affoibli, JCond. I, 236, 2143. 

afecter, vb. trs., 'begehren', auch: Ch' notons ici combien nostre sanctif- 
ßcacion est de Jliesu Crist affcctee et desiree. Mir. ND. 28, S. 317. 

afection, s. f., 'Sinnesart': Estre me sembles un benigne Homme et de 
grant devocion, Amis, et d'umble affeccion, Mir. ND. 40, 1536. 

'Neigung, Verlangen': Et n'a nulle aulfre affection Fors toutdis sa de- 
struction, Froiss. Poes. II, 61, 2066; de c. Inf.: La repentance et le remors 
Que j'ay, avec l' affeccion De faire ent satiffaccion, ... Si me sauvera, Mir. 
ND. 28, 1667; J'ay desir et affeccion De faire ent satisfacion, ib. 33, 1035; 
J'ay de veoir affeccion Le saint crucefix que Diex fist ..,, ib. 40, 1086; la 
grant etifente et affection que vous aves tous jours de servir loyaument rostre 
dame, Froiss. Poes. I, S. 328; que c. Cj.: en tous cas ai tresyrande affection 
Qu'en mon coer ait tele discretion Que ma parolle en gre soit receüe, Froiss. 
Poes. I, 73, 715; metre s'a. a c. Inf.: Or 7nettex vostre affeccion, Sire, a humer 
ceste escuelle De coulis, Mir. ND. 36, 665. 

'(fleischl.) Begierde': Deuuerpis les seculers costumes et les charnels af- 
fections, Senn. Bern. (F.) 110, 32. 

14* 



204: Bemerkungen zu 'Adolf Toblers AI tfranzös. Wörterbuch' 

afeetüos, adj., 'liebevoll, herzlich': Tout ensi Desirs ... fet sa pryere au 
dieu d'amors si tres belle et si affeetueuse que li diex d'amours ... li res- 
suscite sa joie, Froiss. Poes. I, S. 328; eile (3c. Foi) vous met devant: Ä estre 
loyelle et entiere, Affeetueuse et droifuriere Enviers Dieu et vers vo mari, 
ib. II, 191, 1008; als adv.: Et te pri (Obj. Amor) tres affectueus Que livre a 
livre Poise les bien (sc. tous nies fais temporeus), ib. I, 155, 2329. 

aferir, vb. impers., auch: Et s'il le fiert, mal afferra, Car ja grasce n'en 
aquerra (übel angebracht sein), BCond. 51, 169; mit que c. Cj. auch: // n'a fiert 
mie c'uns ribaus Soit devant jireudome si baus, Julian 1569; Preus et larges 
et de biet estre Affiert bien que soit Chevaliers, BCond. 48, 93; Si bien y af- 
fiert et avient Que chasruns en maine liesce, JCond. II, 229, 14; Au vice 
d'orgueil repugner M'afferroit que tost y alasse, Mir. ND. 17, 791; Froiss. 
Poes. II, 128, 4331; 206, 317; Dotit 7nal a fiert qu'il soit rimes, Li mes qui 
la gent envenime ^c. das mesdire d'aufrin), BCond. 234, 38; mit Inf.: Or 
affiert bien avoir conseil, Mir. ND. 36, 2093; mit a c. Inf.: Mais pour ce qu'il 
■convient ceste chose souvent avenir, il affiert a dire comment ce ptiet clere- 
ment estre fait et seurement (declarandum est), JMeun, ArtChev. 122; la ou 
il affi,ert a prendre Prendes, et si donnes grant part La ou il affiert d'autre 
pari, Froiss. Poes. 11, 182, 704; trop bien affiert a recompter que ..., Pr.- 
Clig. 321, 12; mit a u. Acc. c. Inf.: Bien afiert a estre fiere Jone pucelette, 
Froiss. Poes. II, 83, 2785. 

mit Acc. d. Sache, auch: Tous i emploie ses deniers (der Bauer beim 
Schafhandel), Pour mil sols en eut .ii. milliers; Tant i afiert, che m'est avis: 
A sisain denier le berbis (so ist das Verhältnis, soviel macht es aus), Chast. X, 41. 

intr. 'passen', avuec auc: (Orgueilx und Hardemenx) ... Ont bien ensemble 
en pais vescu, Car li uns avec l'autre affiert: Orgueilx lance et Hardemenx 
fiert (passen zu, sich ergänzen mit), Watr. 206, 219; contre auc: toutes gens 
la tenoient a la greignor De biaute, et s'uvoit signour Qui bien contre li af- 
feroit (passen zu, entsprechen), ib. 38, 1207. 

a c. Inf.: 'passend zu einem Tun (durch andere) beschaffen sein, verdienen 
zu': Car je l'amoie chierement, Qu'elle afferoit bien a ayner (geliebt zu w.), 
Mir. ND. 37, 839 ; (nach Aufzählung der Tugenden des Amille) Sire, . . ., 
Si en affiert micx a amer, Un tel chevalier ja blasmer ne devroit nulx, 
ib. 23, 505; 'C'est celui que je vous looge Tant orains, dame.' 'A loer affiert 
bien, par m'ame, Car il est gracieiix et doulx\ ib. 23, 530. 

'gleichkommen, vergleichbar sein mit', auch: Si grande et a la fois si fiere 
(sc. Atalante) Qu'il lui setnble (dem Adonis) qu'a lui (f.) n'affiere komme, 
s'il n'est roy, duc ou conte . . ., Froiss. Poes. III, 195, 1906; Et m'est vis que, 
se la tere, II n'en y auroit point deus A qui ma douleur affinere (mit denen, 
d. i. mit deren Schmerz, m. Schm. vergleichbar sei), ib. II, 369, 21. 

rfl. 'passen, sich eignen', a c. Inf.: es legions A tox jors plusours actions 
Que letrex Chevaliers requierent Et que a ce faire s'afiercnt. Prior. Veg. 3298. 

'gleichkommen, vergleichbar sein mit', auch: Certes, mal s' affiert lor partie 
A la nostre de gentilleche, D'abit, de grasse et de richeche, JCond. II, 25, 784; 
Nos grises cotes de Cistiaus N' affierent pas a vairs mantiaus Ne a vos riches 
paremens, Ce n'est mie comparemenx, ib. II, 29, 924; Une fleche ens ou coer 
le fiert, A qui nulle aultre ne s' affiert, Froiss. Poes. II, 20, 651 ; onques mils 
tains (Bildnis) . . . N'ot beaute qui s'i afiere, ib. II, 250, 140. 

aferant, als adj. 'passend, geziemend': Catichons, a men signour prie De 
Saint Venant k'en l'enour D'amour, cant ert a sejour, En Hu aferant te die, 
AdHalle XIII, 6, 4. 

sbstvsch : 'alles was zu ein. gehört, Sippe, Anhang': Ensi chaient Romains 
atout leur afferant, GLiege 4365. 

a son aferant 'im Verhältnis zu ihm': Et s'ele n'avoit nul tresor Fors que 
sans plus sa grant biaute, Si seroit une roiaute A son aferant trop petiie, 
JBlonde 573. 



Bemerkungen zu -Adoü Toblers Altfranzös. Wörterbuch' 205 

afermemerit, s. m. 'Behauptung, Versicherung': Et per eo ... que leg 
gens eonoissent que non est Deus tox j/oüseivi fors que tu et que li affermer- 
rnenx que jo en foi de ma bochi esi rerais, si te platt, ees enfes sott suscitas 
(haec assertio oris mei), Afr. Pr.-Leg. J 18, 13; Li raisons que me dit Trans- 
quiüi'is r/y';.?f (.^clarxia j>er l afennament de nies eux (oculorum meorom as- 
seniune declaraiur . ib. M 44, 6; Co que iu respons aferme l' afermoment de 
y\o-*ra pariia (no5trae partis firmat, oder affinnat. ass^ernonem), ib. M-15, 13. 

afermer. vb. trans., mit sächl. Obj. 'befestigen, fest machen', eigentlich 
u. übertr., auch: Car niurs qm par terre e.«f affermex. (diu^h zwisdien die 
beiden Wände gestampfte Erde befeetigt, verstärkt) ne puef esfre rompu.? par 
nul enjin Krieg5maechine)(EQaru5 . . . quem terra confirmat),JMeuii,ArtChev.l39: 
Desux frt bend^ dun orfrei? uler Seidenstoff des Zeltes), Beus espünms areü 
de le. ' "r^^r.ies fuf aferme. Ipom. 3310; Li seeons dus est enmi la bataüie 
des j.: /? la iou-itieyit ei afferme (stärken, kräftigen, qni eam, sa adem, 

sustentet et firmet , JMeun, ArtChev. 139: mit a: Parole ont affermee a eus 
Olli rna'vaise e-it et desloyaus, Reimps. 6-3, 5 in Oxf. Ps. S. 302 {fermerent a 
sri p.luriAiit paro'.e. Oxf. Ps.i; Mais pour a qui desir arons (sagt der Heide) 
De nox r-uers a Dieu affermfr ('_ fest) heften ani. — Mir. XD. 24. 492; mit en: 
E funt ofermer en c^s lances Guimples de draeru e munches. Ipom. 3171; 
Elles en vont leur inain t^nant En ceUe besoingne afrernee (ihre Hand be- 
festigt halten an, mit Entschiedenheit betreiben), JCond. I, 274, 101; Or ai 
si arant rnarrii Que je voi mon coer lade. Affreme et ataeii En son roloir 
'Amors W.,, Froiss. Poes. I. 285. 2188. 

'behaupten". Tr-' Aec. e. Inf.: Paules affermet les iugemenx de deu niefü 
estn fompri' ? (f.5?erir). DiaL Gr^.82, 5; uns petix enfes ..^ eui eneor 

or li deuant dix Pr rmet virre (quem ... asserit snperesse), ib. 209, 15. 

'zusichern, verspii. .^ci^ , a c Inf: Et piour eeriain je rous afferme .Scr«? 
fous deee^oir n'er'/jignier A les rous dire et enseignier De bonne foy. Mir. 
\D. 38. 158 r 

rfl. "sich :•;-: ■instellen, festen Fuß fassen': Grafex Ja terre a vostre pie 
(Maus zu dem in der Grube gefangenen Löwen) Tant qu'afenner vus i puis- 
■■>>ex. E puis anv.mt bien n/s saehiei. MFce Fab. 16, 33; Et quant lä (smi der 
Stufe der Justic;) affrernes serös. Encor arant tu monteras Siir le degre de 
Loyaute, Froiss. Poes. II, 178, 577. 

'sich fest gründen, fest bauen auf": Mais, sire, quant je me reeorde De ta 
douke misericorde Qui est sans fin, lors ma fianee ii aferme en toy et m'es- 
peratici. Mir. ND. 36. 15'J9. 

'fest werden, sich fest entscheiden', de c Inf.: Ainsi se sont affermes les 
eornpaignons de remanoir anuit mes derant le Perron du Cerf, Abent. (Jaw. 
S. 69. 

aferme. 'fest' auch : (der Papst zum heidn. Kaiser) Je sui affermex a ee 
point Que pour paine ne pour tourment Souffrir des iresors nuUetuent Qu'iJ 
sont derenux ne diray S'aux diex ne saerifieray Par quelque tote. Mir. 
XD. 38, 1324. 

** aferm ir. vb. trans.. s. A. DelbouUe. Rev. d'hist litt de Fr. I, 491 
(14. J.). 

afian'-i, s. f., •Zusicherung, Versprechen": Par le diseretion des sages 
Enroie (ich) letfres et tnesi-ages Pour confremer mes afianees Et pour fumir 
les deffiances A nos ennemis, Froiss. Poes. I, 296. 3538. 

* afiehail, &. m., 'Spange': Un afi^ail orrc d'or fin Li porie en sa main 
Kaherdin, Trist (Thomas) 26S3. 

afiche, s. f., auch: monile, affiquej fremal, Cath. Lille 96. 

afiehet, s. m., auch: fixuUa, ajfiquet, aitaehe, ou fermal. omement^ Cath. 
Laie 67. 

afichier. vb. Irans., •befestigen' auch: Li lima^ns (Wmfmaschine) ... 
a .1. tref dedens soi qui est afichies a -t". fer eourbe, et est apele eis fers faus 



206 Bemerkungen zu 'Adolf Toblers Altfranzos. Wörterbuch' 

(ein Balken, der ein gekrümmtes Eisen am einen Ende befestigt trägt, lat. 
trabem quae adunco praefigitur ferro, Prior. 9148 klarer als JMeun: un trey 
ou est uns fers fichiex Corbes), JMeun, ArtChev. 146; M que a l'are la main 
senestre Soit afichie et la destre Resoit menee per raison (anlegen), Prior. 
Veg. 1200; — Ichi, bien le puis aficier, Ouidoie ma bonne (d. i. borne) aßcier 
Et reposer de ceste afaire (stecken), BCond. 325, 1659. 

'(zum Verkauf) hinstellen, (zum Verkauf) stellen': Ont maintes gens de 
inlle amineit a marchiet Beufs et moutons et vaches e por vendre aßchiet, 
GLiege 11,^4976. 

'schwören' auch: Mout afice bien en son euer, Ja tant ne oerra a nul 
fuer Pour lui mal faire qu'il n'ocie, Jeh. Blonde 4187; a c. Inf., ChSax. 1083. 

rfl. 'sich stemmen', 15. Jh.: et se Erec ne se fust bien afichie sur les estriers, 
il l'eust legierement porte por terre. Pr.-Erec 276, 12; puis s'affice sur les 
estriers, Pr.-Clig. 318, 23; Atant s'est afichie Alixandre en ses estriers, Pr.- 
Clig. 299, 14; ... s'affichant es estriers, ib. 312, 38 (ältere Belege für afichier 
se en ... bei God. od. BComm. 2594; Watr. 205, 207). 

'sich anheischig machen', 'beteuern', de c. Inf.: Li rois se pra?it a afichier 
De destruire totes lor gens (die Belagerten), Mais Jul'iens . . . Les fait armer 
par grant effors Por encontrer icels de fors, Julian 2386; la s'alont affichier 
Trestous par seriment de nos mettre a dangier, GLiege II, 2901. 

afichie, pt., ferner: Mais eil cid pense en deu est ferme et affichie (quorum 
vero mens in Deo fixa est, festhaftend), Dial. Greg. 108, 2; En orgueil sont 
si a fichiex Vox filx que ..., Mir. ND. 34, 1406; il disoient Et per trestox leus 
l'afermoient Que Mars ... en lor päis Fu nex, norrix et aluchiex. Encor 
sont en ce a fichiex (beharren fest dabei). Prior. Veg. 1948; 'entschlossen, ent- 
schieden', GLiege II, 6205, nach Scheler. 

af'ier, vb. trans., mit sächl. Obj.: 'geloben, verheißen', auch: Je n'aurai 
ja vers toi md markie aff'ie, Än^ois avai cest brane. i. petit esprouve (sich 
verpflichten zu), Fier. 1367; Li tens, ki runge ceste vie, Souventes fois a 
l'homme afie Tel chose k'il tenir ne puet, Bari. 668; de c. Inf.: Et grant pie^'a 
m'ont afie (sc. aniors) De moi rendre guerredon A ma volenti, Rob. Rains 
(Ztschft. 23, 101) I, 8. 

mit pers. Obj.: 'jmdm. Treue geloben': Li ueil ont le corage Si con creanf 
message Loiaument afie, Prov. Vil. 40, 3 (s. ib. S. 128). 

'zusichern, angeloben', auc. d'auc. r., auch: Cume la sue la tenist{sc. Frank- 
reich), Tant que Brelaine li rcndist: Del recovquerre Vi affie. Li reis L'eir 
m.ult l'en mercie, MBrut. 3441; Ensi l'afie de s'amour (sie ihm), JCond. I, 
319, 501; de c. Inf.: celle De s'amour avoir l'affia Et en apries l'en deffia, 
Quant les .vii. ans ot attendu, ib. 3^:50, 871. 

intr.: 'vertrauen', auch: Et boin est en Deu esperer Plus qu'en prince et 
affier, Reimps. 117, 9 in Oxf. Ps. S. 340: c. Inf.: Sur ce gril vueil miex estre 
mis Pour rosfir que sacref'ier A vos diex: n'y puis affier Nul bien avoir. 
. Mir. ND. 38, 2010. 

afiler, vb , afile, pt., auch: L'orgueilleuse pucielle poini (sc. amours) 
D'un dart afile, JCond. I, 337, 1082. 

bildl. auch : Et li murdreours ontpris Blanchart (Pferd) l'afileit, GLiege 38028 ; 
Ly evesque se sengne, si brochat a.fileit (für Scheler hier gleichbedeutend mit 
cheval), ib. 32676; Et li Danois s'eti vat affileit com sengler (hurtig), ib. 15087. 

** afillier, rfl.: Atant cascun des chiens a bin glautir s'afilhe, GLiege 1836; 
r evesque qui en tous bi?is s'afilhe, ib. 5789. Scheler: s'attacher, se mettre ä. 

afin, adj., sbst., 'verwandt, nahestehend, vertraut, zugetan', auch: Prions 
la dame (d. Mutter Gottes) ..., si affine Nous soit que, quant rerrons a fin, 
Ka son der fil soions afin, Si k'en se glore pure et fine Soions, Nie. de 
Marg., Troi mort et troi vif 214; Mais il a este si affin De Dieu a sa fin .. ., 
Que je l'ay mis en purgatoire (sagt der Teufel), Mir. ND. 14, 436; Dame, 
par ce conmencemetit Vou^ soit Dieux amie si afin Qu'en sa gloire qui est 



Bemerkungen zu 'Adolf Toblera Altfranzös. Wörterbuch' 207 

sanx fin Mette vostre ame, ib. 39, 285; (Gott:) Or sus, mere, et vous, my affin 
(die Engel usw.)! Je vueil estre au trespassement De Guillaume! ib. 9, 1388. 

* afinement, 8. m., 'Verfeinerung, Feinheit, Vollkommenheit': Et ceste 
grosse (die Gott der fame bele et bonne et sage gewährt) ne prent poirtt De 
fin; Sans fin est afinee, Qti'apres ce qiie vie est finee, L'ame qui ne prent 
finement Sent apres ce V afinement De ceste grosse noble et fine, JCond. II, 247, 116. 

afiner 1, vb. intr., 'enden', auch: taute riens afinera (am jüngsten Tage), 
üi Amis 607; De doel me covent morer et afiner, BHaunst. 676; Ja vostre 
amour me fra afiner, ib. 983. 

trans., mit sächl. Obj.: son tens, sa vie, 'sterben': Ä graut dolor a son tans 
afine, JBlaiv. 4181; li rois Marques a sa vie afinee, ib. 4208. — Zu cJwse 
afinee vgl. et est voirs affinex, Watr. 169, 195. 

'einer Sache ein Ende bereiten, etw. beseitigen, vernichten': il ne sera 
mal quelqu'il sott, Se de ma main eure refoit, Que je ne garisse et affine 
Sanx rnettre quelque medecine, Mir. ND. 22, 269; Won ne pooit si fort bastir 
Entour li (sc. la riviere) moulins ne estans, Que ses roides cours conquestans 
N'mst fantost desracfmie, Esrachie et tost affine, Xe riens entour lui ne diiroit, 
Watr. 265, 1066; Tant est douce, oudourans et fine (sc. ma dame) Que la 
douQottr de li afine Toutes les aultres et effasce, Froiss. Poes. II, 202, 269; 
Garder me doit (sc. Amours) d'ennuy et de dommage Comme celui qui tres- 
tous mauh affine, ib. III, 101, 32. 

mit pers. Obj., Sache Sbj. auch; tant qu'il aviengne Que pur nature aage 
l'affine (ihm sein Ende bringt), Si que vie humaine en li fine. Mir. ND. 34, 849. 

rfl. 'enden, haltmachen': Et a tant s' afine mes dis, JCond II, 283, 182; 
Sus le Chief de cheval li espex s'affine, la tieste H tranchat, GLiege 32301. 

'zur Ausführung gelangen': Fay que ton hon propos s'affine Seurement, 
Mir. ND. 12, 1080. 

afiner 2, vb. trans., 'verfeinem, läutern', auch; Vois, comme eile est tres 
clere et pure, Affinee en frcsche coulour; Jugement feroit de folour . . . Qui 
de blaute ne li donroit Le pris et de la compaiffnie, Watr. 333, 139; Se visages 
clers fins ne ment. De vermeil seur blanc affinex, Cors de dame n'iert mais 
finex A si fine et clere veüe, ib. 334, 171; Gar le soleil qui en biaute l' afine 
(die margherite), Naturelment li est cka?nbre et courtine (Seh.: perfectionner), 
Froiss. Poes. U, 211, 58; Quant fais en ert eselairements, Comment c'est li 
haus paremens Que vigours par prouece afine, Fais d'onnour et de valor fine, 
BCond. 82, 93; — Lerme est si clere et si tres fine Que totit espurge et tot afine 
Et rahimine et resclarcit Quanque pechie taint et nercist, ßuteb. (ed. Jub.2) 
III, 297, 1524; Dame, ... A moy faire äydc aqueurs (Imp.) ... Et que m'ame 
par ceste fin (dieses martervolle Ende) Puisse tellement affiner Quen la gloirc 
qui sanx finer Durra puist estre. Mir. ND. 27, 113. 

'reinigen von etw. {d'auc. r.)': Celle sainte vierge röyne ... Qui fera vox 
cuers afiner De toux pechiex, Mir. ND. 4, 1504. 

affine 'verfeinert, fein, auserlesen': Celle apres li ... Fu de biaute tant clere 
et fine Que chascuns l'apeloit Dan fine. Diex! qu'elle iert belle et affinee! 
Watr. 334, 163; si bien est partie (die Liebe der beiden Herzen) Qu'elle est 
en cascunne partie Si ferme et si enrachinnee, Si conjointe et si affinnee, 
Sans ordure et sans villonnie, Que ..., JCond. I, 262, 104; Ele (die Liebe) 
est si pure et affinee, Ke mais ne puet estre finee, ib. II, 48, 1575. 

'beteuern, versichern' auch: Jehans de Conde ...le tiesmoingne et afinne, 
JCond. I, 76, 166; Nuls n'osoit foiirs issir pour le cri qui affine: Chts qui 
en isteront seront en grant corine (drohen), GLiege 187&4; (Aufzählung von 
Namen) Be^-ri tout premiers vous affine (bezeugen), Froiss. Poes. U, 341, 57. 

(Schluß folgt.) 
Berlin. G. Cohn. 



Die deutsche Romanistik 
in den zwei letzten Jahrzehnten. 

Hochgeehrte Versammlung/ 

Wir sind hier zusammengekommen, um von unserer Beschäfti- 
gung mit Sprache und Literatur der Völker zu reden, die so 
namenloses Elend über uns gebracht haben. Das erscheint viel- 
leicht sonderbar. Wären die Franzosen unterlegen, so hätten 
sie gewiß alles Deutsche aus jedem Winkel und Winkelchen ihres 
Landes verbannt. Aber solches liegt nicht in der Art des Deut- 
schen. Sein völkisches Gefühl ist im ganzen nicht so lebendig 
und nicht so ausschließend; Haß und Groll führen ihn nicht so 
leicht zu raschen Entschlüssen, auch wohnen sie nicht lange in 
seiner Brust. So ist es denn mit dem Französischen als Unter- 
richtsgegenstand beim alten geblieben, und das ist gut, da die Bil- 
dungswerte, die wir früher in der französischen Sprache und Lite- 
ratur erblickt haben, nicht plötzlich verschwunden sein können. 
Aber noch weit mehr: Weltkoalition und Hunger verhinderten 
nicht die Frage, ob denn die Feinde auch recht gekannt und ver- 
standen worden wären, und mit derselben 'Objektivität', mit der 
man die Herkunft des lieblichen Wortes boche zu ergründen 
suchte, wandte man sich den allerneuesten literarischen Erzeug- 
nissen der Franzosen zu, nach Offenbarungen der Volksseele aus- 
schauend und nach allem, was etwa als Anzeichen einer versöhn- 
licheren Stimmung gelten konnte. Das war weniger gut, beson- 
ders da noch üble Schlagwörter wie 'Lebensorientiertheit' und 
,'Gegenwartsbetrieb' hinzutraten. Namentlich auf den Ferner- 
stehenden mußte dies verblüffend wirken, und so konnte denn in 
den kürzlich erschienenen 'Wissenschaftlichen Forschungsberich- 
ten' Nr. 4 der Altphilologe Howald von einer jetzt herrschenden 
'Unsicherheit' in der neueren Philologie reden. Es fragt sich aber, 
ob diese Richtung etwas wirklich Neues, etwa aus umgekehrter 
Kriegspsychose Entstandenes ist, oder ob sie nicht eine nur ins 
Extreme getriebene Fortsetzung von etwas früher schon Vorhan- 
denem darstellt. Wir werden das, glaube ich, am besten erkennen, 
wenn wir uns vergegenwärtigen, in welchen Bahnen überhaupt 
die deutsche Romanistik der letzten beiden Jahrzehnte sich be- 
wegt hat. Indem ich diese, wiewohl natürlich nur in großen Um- 
rissen und allgemeinen Zügen zu skizzieren versuche, bin ich mir 
der Schwierigkeit und Gefährlichkeit des Themas wohl bewußt. 
Denn wer noch mitten in dem zu Schildernden steht, ist leicht 
dem Irrtum unterworfen, und ich muß hier von vornherein um 

1 Vortrag, gehalten am 5. Oktober 1920 auf der 17. Tagung des Allge- 
meinen Deutschen Neuphilologenverbandes. 



Die deutsche Romanistik in den zwei letzten Jahrzehnten 209 

Ihre Nachsicht bitten. Zudem bin ich gezwungen, mich hier 
und da über Tendenzen auszusprechen, wie sie von noch lebenden 
Kollegen vertreten werden; das ist wieder recht mißlich, aber eine 
subjektive Note läßt sich schlechterdings nicht vermeiden, wenn 
ich den Dingen nicht aus dem Wege gehen will, und ich kann 
nur versichern, daß ich mich möglichst unbefangener Prü- 
fung befleißigt habe. 

Am Anfang des Jahrhunderts waren von den älteren deut- 
schen Romanisten Tobler, Gröber, Förster, Suchier, 
Stengel noch in ziemlich voller Tätigkeit und führten den 
Bau weiter fort, den Fr. Diez auf so guten Grundlagen begonnen 
hatte. Ihre Arbeit lag vornehmlich auf den Gebieten der Gram- 
matik, Verslehre, Lexikographie, Etymologie, Wortgeschichte, 
der Textausgaben und der mittelalterlichen Literatur. Man hat es 
bei diesen Gelehrten als einen Mangel hingestellt, daß sie ihr Ar- 
beitsfeld räumlich und zeitlich stark beschränkten; namentlich 
galt das im Hinblick auf die französische Literatur vom 16. bis 
19. Jahrhundert, wenn sie auch mit Rezensionen hierher hinüber- 
griffen und einiges zur Kenntnis von Autoren des 16. und 17. 
Jahrhunderts beisteuerten. Indessen war jene Beschränkung auf 
die älteren Sprach- und Literaturperioden Frankreichs wohl 
begreiflich, da es ja hier noch so viel mehr Unbekanntes zutage 
zu fördern gab, überdies handschriftliches Material wegen der 
größeren räumlichen Nähe bequem zugänglich war, und dann 
mußte sie auch indirekten Wert haben für die eindringendere 
Forschung auf dem Gebiete der übrigen romanischen Sprachen, 
die im ganzen etwas später einsetzte: wenn im Provenzalischen 
oder Altfranzösischen gezeigt wurde, was zu einer guten Ausgabe 
gehöre, oder welcher Belesenheit und sorgsamen Betrachtung es 
für erfolgreiche syntaktische Studien bedürfe, so galt dies auch 
für die Schwestersprachen, und ich glaube z. B. kaum, daß Me- 
nendez Pidal ohne die altfranz. Editionen von Förster und natür- 
lich auch die von G. Paris seine Ausgabe des Poema del Cid so 
trefflich gestaltet hätte, oder daß Meyer-Lübke nicht gerne an- 
erkennt, wdeviel er für seine Romanische Syntax Toblers 
methodisch vorbildlichen 'Vermischten Beiträgen zur französ. 
Grammatik' verdankt. Aber es war auch noch der Vorteil dabei, 
daß man so die deutlichste Vorstellung von dem ungeheuren Stoff- 
reichtum auch nur eines Gebietes erhielt, so z. B. von der alt- 
französ. Literatur durch die Darstellung von Gröber. Schließlich 
waren eine gewisse Folge obiger Begrenztheit Gründlichkeit und 
Tiefe der Untersuchungen, und diese hatten auch insofern ihr 
Gutes, als sie. besonders in der Literatur, zur Aufstellung von 
Hypothesen führten, die, so interessant und geistvoll sie auch 
waren, doch dartaten, wo wir an den Grenzen des Erkennens stan- 



210 - Die deutsche Romanistik in den zwei letzten Jahrzehnten 

den, d. h. wo die Anhaltspunkte der Überlieferung so schwach 
und unsicher wurden, daß es zweifelhaft war, ob nicht die Kräfte 
besser etwas Positiverem zugewendet würden. 

Zeitgenossen und Schüler der genannten Forscher waren 
gleichfalls um die Förderung unserer Wissenschaft eifrig bemüht. 
Unter ihren Leistungen für das Provenzalische seien wenigstens 
zwei herausgehoben: das Supplementwörterbuch von Levy, das 
sieben Bände umfaßt und nunmehr von Appel zu Ende geführt 
wird, sowie Appels Ausgabe der Lieder des bedeutenden Tro- 
badors Bernart von Ventadorn von 1915. Levys Wörterbuch 
setzt uns zusammen mit Raynouards Lexique roman in die Lage, 
den gesammten Wortschatz des Provenzalischen zu überblicken, 
und zeichnet sich neben der Zuverlässigkeit seiner Angaben noch 
besonders dadurch aus, daß es überall da, wo die Bedeutung irgend 
unsicher ist, den ganzen Zusammenhang, in dem die betreffenden 
Stellen stehen, vorführt, und zwar unter Heranziehung von allem 
erreichbaren handschriftlichen Material, so daß der Benutzer stets 
imstande ist, selber zu prüfen und zu urteilen. Aus Appels schö- 
nem Werk über B. v. Ventadorn kann man ersehen, welche Fort- 
schritte im ganzen wie im einzelnen die Editionsmethode gemacht 
hat, und welche Ansprüche man heute an eine Trobadorausgabe 
zu stellen berechtigt ist: allseitige Prüfung der Überlieferung be- 
hufs möglichst sicherer Feststellung des Originaltextes, um- und 
vorsichtige Erörterung aller irgendwie erklärungsbedürftiger 
Stellen, Untersuchung der Sprache und der metrischen Verhält- 
nisse, aber auch Kennzeichnung der Stellung, die ein Trobador 
unter seinen Kunstgenossen und innerhalb seiner ganzen Zeit ein- 
nahm. — Auch für den Norden erschien eine Reihe tüchtiger 
Ausgaben, vornehmlich in den Publikationen der Gesellschaft für 
Romanische Literatur. Daneben liefen viele literarhistorische 
Abhandlungen, Arbeiten zur alten und neuen Grammatik, Metrik, 
Textkritik, Wortgeschichte und Bedeutungslehre, die sich mehr- 
fach auch auf die anderen romanischen Sprachen erstreckten, wei- 
terhin zur Ortsnamenkunde, zur Phonetik, zur Stoff- und Quellen- 
forschung, zur Volkskunde, zur Kenntnis moderner Dialekte, zur 
Wortgeographie, Wissenszweigen, die zum Teil als neue hinzu- 
getreten waren und sich Geltung verschafft hatten. Alles, was 
auf dem Gebiete der Etymologie bis zum letzten Jahrzehnt zutage 
gefördert worden war, unternahm Meyer-Lübke, im Gegen- 
satz zu dem registrierenden 'Lateinisch-Romanischen Wör- 
terbuch' von Körting, kritisch zusammenzufassen und zu be- 
arbeiten in seinem Etymoloaischen Romanischen Wörterbuch, 
aber auch nicht wenig von Eigenem bietend; trotz Mängel und 
erheblicher Lücken darf dieses Buch doch als bedeutsame Lei- 
stung angesehen werden, und hat, wie die große Zahl der Artikel 



Die deutsche Romanistik in den zwei letzten Jahrzehnten 211 

zei^, die diskutierend, berichtigend und ergänzend alsbald daran 
anknüpften, schon jetzt auf die weitere Forschung sehr anregend 
im besten Sinne des Wortes gewirkt. 

So darf man wohl sagen, daß das romanistische Erbe in den 
letzten beiden Jahrzehnten auf deutschem Boden eine entschie- 
dene Bereicherung in die Tiefe und Breite erfuhr, aber daneben 
darf auch nicht verschwiegen werden, daß eine ganze Anzahl von 
Einzelgebieten nur wenig angebaut liegengeblieben war, oder 
(laß hier gut Begonnenes im Durchschnitt nur schwach fortgesetzt 
wurde, so z. B. die Personennamenkunde, die Wortbildungslehre, 
die Stilistik, besonders eine über äußerliche Zusammenstellungen 
hinausgehende Metaphernforschung, ferner auch die Realienkunde, 
so daß war kein Reallexikon nicht einmal des französischen Mittel- 
alters haben, sollte es auch nur auf literarischen Texten basieren. 
Es fehlt uns ferner an einem Corpus der Glossen, der Sprich- 
wörter, der altprovenzalischen Urkunden, ja eine ausführliche alt- 
provenzalische Formenlehre und Syntax lassen ebenfalls noch auf 
sich warten. Auffallend ist es auch, daß die französ. historische 
Grammatik vom 16. — 19. Jahrhundert im ganzen von den deut- 
schen Romanisten wenig gepflegt wurde, und daß man die bei der 
Herausgabe mittelalterlicher Denkmäler erprobte Methode nicht 
auch bei neufranzösischen Autoren zur Anwendung brachte, d. h. 
daß man, abgesehen von Schuleditionen, so wenig Sonderausgaben 
von Dichtern und Prosaikern der neufranzösischen Periode, beson- 
ders des klassischen Zeitalters und der Romantik veranstaltete, 
wiewohl doch solche Ausgaben keineswegs leichter, als altfran- 
zösische (eher im Gegenteil), und daher nicht zu verschmähen 
sind. Es lassen sich vielleicht Gründe hierfür beibringen, ohne 
daß ich ihnen deshalb nachgehen will. Jedenfalls liegt auch hier 
noch eine Fülle von Arbeit zu leisten vor, und wenn der Krieg 
von manchem Romanisten als große Behinderung seiner Tätigkeit 
empfunden wurde, so habe ich mir schon in der 'Internationalen 
Monatsschrift' vom März 1916 zu bemerken erlaubt, wie gut es 
vielleicht für uns ist, daß wir auf längere Zeit von den altfranzösi- 
schen Handschriften abgeschnitten sind, und daß es noch sehr viel 
zu erarbeiten gibt, wozu wir jenes Material nicht brauchen, auch 
in der Linguistik. 

An diese, die Linguistik, waren inzwischen durch K. Voßler 
große Neuforderungen gestellt worden, die auf nichts Geringeres 
hinausliefen, als die 'Entwicklung der Sprache kulturgeschicht- 
lich und psychologisch verständlich und lebendig zu machen' 
(Widmung an Schneegans am Anfang des Kulturspiegels). Die 
Sprachwissenschaft, die bis dahin herzlich froh war, wenn es ihr 
gelang, die tatsächlichen Erscheinungen genau festzustellen, ihre 
Ausgangspunkte aufzudecken und ihre Entwicklung historisch zu 



212 Die deutsche Romanistik in den zwei letzten Jahrzehnten 

verfolgen, sie sollte nun aucli sagen, warum das alles so und 
nicht anders gekommen sei. Allerdings hatten schon Tobler und 
Meyer-Lübke psychologische und kulturgeschichtliche Momente 
nicht vollkommen unbeachtet gelassen, aber sie hatten sie doch 
nur vereinzelt und mit entschiedener Vorsicht zur Erklärung her- 
angezogen. Voßler aber stellte sie in den Mittelpunkt in einem 
Buche 'Frankreichs Kultur im Spiegel seiner Sprachentwicklung', 
1913, das mit seiner Tendenz und Darstellungswsise ungemeine 
t.tberraschung hervorrief. Und das mit gutem Grund; denn so- 
bald wie der Autor den allgemeinen Ton verläßt und von den 
theoretischen Aufstellungen zum Einzelnen herabsteigt, sieht sich 
der Leser sofort einer solchen Masse von Unbewiesenem, Proble- 
matischem und wenig Greifbarem gegenüber, daß es äußerster 
Ruhe und Geduld bedarf, um nicht die Geduld zu verlieren. Da- 
mit soll nicht gesagt sein, daß wir nicht zuweilen auf ganz feine 
Beobachtungen und einleuchtende Gesichtspunkte stoßen — das 
versteht sich eigentlich von selbst bei dem Verfasser des Werkes 
über Dantes Göttliche Komödie — , so z. B. wenn die Wortstel- 
lung im afrz. clers fu U jorz 'aus gefühlsmäßiger Auffassung er- 
klärt wird, vermöge deren die Eigenschaften und Gefühlswerte 
einer Sache rascher und lebendiger in das Bewußtsein treten, als 
diese selbst' (S. 66). Aber darum kann ich doch nicht Klemperer 
beipflichten, der im 'Archiv' 140, i2fi, 125, die Ansicht äußerte, 
daß das Buch der Sprachwissenschaft neue Wege gezeigt habe, 
ja daß es genial zu nennen sei. Meines Ermessens erhellt nur so 
viel aus demselben, daß zunächst Lautwandel und Flexionsver- 
änderungen sich schlechterdings nicht mit psychologischen und 
kulturgeschichtlichen Mitteln deuten lassen, und daß letztere auf 
Syntax und Stilistik vielleicht in ausgedehnterem Maße, indessen 
doch immer nur mit großer Behutsamkeit angewendet werden dür- 
fen. Wie unsicher und gefährlich überhaupt diese ganze Art der j 
Sprachbetrachtung ist, dafür seien wenigstens zwei Beispiele für 
viele angeführt. An einer Stelle (S. 13) heißt es: 'Der Unter- 
gang der provenzalischen Schriftsprache hängt entschieden mit 
der Demokratisierung des süd französischen Adels zusammen', es 
wird dann aber gleich folgendes angeschlossen: 'Die Wichtigkeit 
einer scharf abgegrenzten Aristokratie müßte, um über allen 
Zweifel erhaben zu sein, freilich erst an einer Reihe mittel- 
alterlicher Schriftsprachen besonders untersucht werden'. Aller- 
dings muß man da 'freilich' hinzufügen, denn Tatsache ist, daß 
wir über die Bildung der Schriftsprachen noch sehr im Dunklen 
sind, folglich schwebt auch die am Anfang als Faktum hinge- 
stellte Behauptung in der Luft. An einem anderen Orte^ will 

1 'Grammatische und psychologische Sprachform' im Logos VII (1919), 
24 ff. 



Die deutsche Romanistik in den zwei letzten Jahrzehnten 213 

Voßler dartun, daß Marie de France in einer Fabel nach vier auf- 
einander folgenden Versen, die sich zufällig mit Wechsel von 
Hebung und Senkung lesen lassen, vom Drange ergriffen wurde, 
zu einer 'sinn- und seelenvollen Rhythmisierung überzugehen'; 
'das hackbrettartige xlufundab', so heißt es, 'wird durchbrochen, 
indem sinnstarke, bedeutungsschwere Hochtöne aus den formal zu 
erwartende Q Senkungen sich aufbäumen: so schießt dramatisches 
Leben in die behaglich begonnene Fabel ein'. Nun folgen zwei 
Verse: 

les berhiz senz guarde trova, 
'une en ocist, si l'en porta. 

von denen gesagt wird, Marie hätte den regelmäßigen Rhythmus 
beibehalten können, wenn sie die Wörter umgestellt und geschrie- 
ben hätte: 

senz gnarde les ierhiz trova, 

en ocist une, si l'en porta. 

Dazu ist zu bemerken: Allerdings konnte sie auch sagen: sens 
guarde les herhis trova, und dann hätten wir noch einen Vers 
mit Wechsel von Hebung und Senkung, welchen Wechsel Voßler 
erstaunlicherweise für das Grundgesetz romanischer Metrik er- 
klärt, aber die Dichterin konnte nicht sagen: en ocist une, sondern 
•nur une en ocist oder ocist en une, weil bekanntlich im Altfranz, 
des 12. und 13. Jahrhunderts kein tonloses Pronomen und ebenso- 
wenig en und i an der Spitze eines selbständigen Aussagesatzes 
stehend begegnet, also als sprachwidrig empfunden wurde, womit 
denn Voßlers psychologische Deutung des Ganzen sofort unhalt- 
bar wird. Es bleibt ein Verdienst von ihm, unseren Sinn nach der 
fraglichen Richtung hin geschärft zu haben, so daß der Sprach- 
forscher sich jetzt wohl noch mehr als früher fragen wird, wo 
andere als formalistische Erklärungen zu suchen und vielleicht 
vorzutragen sind, aber sein Verfahren kann auch leicht rück- 
haltlose Nachfolge finden und hat sie sogar schon gefunden in 
seinem Schüler Lerch, der bekanntlich in seinem sonst nicht un- 
verdienstlichen Buche über 'Das Heischefuturum als Ausdruck 
-eines sittlichen Sollens' zeigen will, daß bei diesem Futurum das 
besondere französische Naturell, d. h. die französische Herrsch- 
«ucht im Spiele ist. Obgleich hier bei der ganz genauen Unter- 
'Suchung einer Einzelerscheinung offenbar wird, wohin die kultur- 
geschichtliche Doktrin auch kluge Männer führen kann, so ist es 
'doch sehr möglich, daß wir damit erst am Anfang einer breiter 
^werdenden Strömung kulturgeschichtlich orientierter Linguistik 
stehen, weswegen ich denn geglaubt habe, bei diesem Gegenstande 
länger verweilen zu müssen. Man darf wünschen, daß diese Be- 
wegung in gewissen Grenzen bleibe, damit sie wirklich Nutzen 
bringt und nicht Arbeitskraft vergeudet wird. 



214 Die deutsche Romanistik in den zwei letzten Jahrzehnten 

Auch auf einem anderen Felde sind extreme Richtungen zutage 
getreten, ich meine das Feld der Literaturwissenschaft. 

Hier sind freilich die Leistungen der deutschen Romanistik 
von jeher und so auch in den letzten beiden Jahrzehnten hinter 
denen in der Sprachwissenschaft weit zurückgeblieben. Das hat 
sehr verschiedene Gründe, über die man sich meines Wissens noch 
nie so recht ausgesprochen hat. Zunächst kommt da als allgemei- 
nes Moment der wirklich erschreckende Umfang des Gebietes in 
Betracht, das sich vor dem romanistischen Universitätsdozenten 
ausbreitet, und das so groß wird durch die nicht fortzuschaffende 
Existenz einer ganzen Anzahl von romanischen Sprachen, die 
doch nicht, wie das einmal ein weiland Straßburger Germanist 
meinte, als Dialekte des Französischen angesehen werden können. 
Die Universität aber verlangt, und zwar mit Recht, solange noch 
von romanischen Professuren die Rede sein soll, daß neben 
dem Französischen wenigstens noch das Provenzalische, Italie- 
nische und Spanische in Vorlesungen oder Übungen von Zeit zu 
Zeit gepflegt werde. Daß nun hier das Sprachliche im Unterricht 
stärker berücksichtigt wurde, liegt einfach daran, daß ohne die 
Kenntnis der Sprache doch die Denkmäler der mittelalterlichen 
Literaturen den Studierenden nicht zugänglich sind. Es mag aber 
sein, daß auch eine gewisse Bequemlichkeit mit dabei war, denn 
ein literarhistorisches Kolleg macht natur- und erfahrungsgemäß 
mehr Arbeit als ein linguistisches, allein jene etwaige Bequemlich- 
keit wäre auch wieder einigermaßen begreiflich, da die Zeit eines 
deutschen Romanisten, namentlich an größeren Universitäten, 
noch sehr stark durch Doktor- und Staatsprüfungen in Anspruch 
genommen ist, ganz anders als z. B. bei einem französischen oder 
italienischen Romanisten, deren Lehraufträge überdies viel be- 
grenzter sind. So erklärt es sich, daß z. B. Tobler, der mit seinen 
Kräften haushalten wollte, literarhistorische Kollegs, welche die 
neufranzösische Zeit betrafen, gar nicht las. Solange eben der 
Staat keine Arbeitsteilung eintreten, sondern es, selbst in Berlin, 
bei einer ordentlichen Professur bewenden ließ, waren empfind- 
liche Lücken im Lehrbetrieb kaum zu vermeiden. Allerdings 
kommt es ja dem Staat nur aufs Französische an, ebenso natür- 
lich dem Studierenden, soweit er nicht an den Doktor denkt, und 
es war an sich schon verständlich und berechtigt, wenn in den 
neunziger Jahren auf dem Neuphilologentag in Berlin von der 
Lehrerschaft, die ihren Rückhalt im Ministerium hatte, eine viel 
stärkere Betonung des Modernen im Universitätsunterricht gefor- 
dert wurde und Waetzoldt ironisch bemerkte, daß alle neufranzösi- 
schen Dichter von dem einzigen Cretien von Troyes geschlagen 
würden. Wenn ich richtig sehe, änderten sich in der Folgezeit die 
Verhältnisse in dieser Beziehung, und es wurden erheblich mehr 



Die deutsche Romanistik in den zwei letzten Jahrzehnten 210 

und öfter Vorlesungen über große Zeitabschnitte der neufranzösi- 
Bchen Literatur gehalten, nicht bloß über das 16. und 17. Jahr- 
hundert, sondern auch über das 18. und das 19. bis zum zweiten 
Kaiserreich, ja, es wurden einige Lehrstühle mit Männern be- 
setzt, die fast ausschließlich der Literatur zugewandt waren. Zu 
dieäen rechne ich nicht Heinrich Morf, da er ja Linguistik und 
Literaturlorschung zusammen betrieb, wiewohl er hauptsächlich 
auf letzterem Felde tätig war und die Mehrzahl der unter ihm in 
Berlin gearbeiteten Dissertationen dahin fallen. Hier hat er nach 
meiner Schätzung unter den deutschen Romanisten quantitativ 
und qualitativ das meiste geleistet und würde wohl noch Monu- 
mentaleres geschaffen haben, wenn nicht ein schweres Leiden ihn 
daniedergeworfen hätte, dem er nunmehr erlegen ist. Nachdem 
er schon im vorigen Jahrhundert mit einer inhaltlich wie formal 
originellen, gedrängten Darstellung der Literatur des 16. Jahr- 
hunderts hervorgetreten war, die leider nicht, wie beabsichtigt, 
eine Fortsetzung für die folgenden Jahrhunderte erfahren hat, 
brachte er im vorletzten Jahrzehnt 'Aus Dichtung und Sprache 
der Romanen' in zwei Reihen heraus, und machte in Hinnebergs 
'Kultur der Gegenwart', der Zeit schon etwas vorausgreifend, 
den im ganzen geglückten, jedenfalls sehr beachtenswerten Ver- 
such, die Beziehungen der romanischen Literaturen zueinander 
und ihre wechselseitige Beeinflussung zu schildern. 

Wir waren so ein gutes Stück vorwärts gekommen; die von 
wissenschaftlichem Geiste getragene literarhistorische Produktion 
hatte sich ziemlich weit von der Zeit entfernt, wo sie, wie bei Diez 
und seinen unmittelbaren Nachfolgern, auf das Mittelalter be- 
schränkt geblieben war; sie wurde reger und allgemeiner: es 
mehrten sich die guten Einzeluntersuchungen und Monographien, 
in Zeitschriften oder in selbständiger Form erscheinend, und der 
Schulmänner und Privatgelehrten ist hier ebenso zu gedenken wie 
der Universitätslehrer. Immerhin erscheint das Gesamtbild 
bis auf den heutigen Tag als ein ziemlich dürftiges: es fehlt uns 
an einem einigermaßen tiefgründigen und großzügigen Werke, 
das als sicherer Führer durch die verschlungenen Pfade der fran- 
zösischen Romantik gelten könnte und die vielfältigen fremden 
Einflüsse genauer bestimmte und abgrenzte, welche dieser Periode 
der französischen Literatur ihre besondere Färbung verleihen, da 
doch das Buch von Julian Schmidt, wenn es auch im einzelnen 
manche feine Wahrnehmung und manches treffende Urteil ent- 
hält, im ganzen kaum mehr als eine Materialsammlung darstellt 
und zudem wegen seiner annalistischen Anordnung für die Lek- 
türe ungenießbar ist. Es gebricht uns ferner von deutscher Hand 
ein Buch über die Dichtung der klassischen Zeit, das sich wenig- 
stens mit Hettners 18. Jahrhundert vergleichen ließe, denn Loth- 



216 Die deutsche Romanistik ia den zwei letzten Jahrzehnten 

eißens Buch kann man natürlicLi als das niclit gelten lassen. Wir 
besitzen auch keine Geschichte der französischen Prosa, fortlau- 
fend oder nach Gattungen, wenngleich doch die Prosaschrif ' en die 
Hauptbedeutung der französischen Literatur ausmachen. Wir 
besitzen vor allem keine gründliche und ausführliche Gesamt- 
geschichte der neufranzösischen Literatur vom 16. Jahrhun- 
dert bis etwa zum Ende des Naturalismus in der Art wie Gas- 
parys Italienische Literaturgeschichte des Mittelalters; auch nicht 
einmal eine kürzer gefaßte, aber wissenschaftlich gehaltene und 
die allgemeinen Richtlinien und großen Zusammenhänge nicht 
vernachlässigCLde Behandlung dieses Zeitraumes in gefälliger 
Darstellungsform, etwa in der Anlage des Schererschen Buches 
über die deutsche Literatur, und wäre sie auch so kurz wie Voß- 
iers vortreffliche 'Italienische Literaturgeschichte' in der Göschen- 
schen Sammlung. Das ist um so bedauerlicher, als infolgedessen 
das weitere deutsche Publikum sein Bedürfnis nach dieser Rich- 
tung fortgesetzt bei dem unwissenschaftlichen, aber nicht lang- 
weilig geschriebenen Buche von Eduard Engel befriedigt. Mit 
dem verhältnismäßig geringen Eifer der deutschen Romanisten 
auf dem literarhistorischen Gebiet der Neuzeit steht denn auch 
vollkommen im Einklang die Tatsache, daß hier für die Zwecke 
der Studierenden von Universitätsdozenten kaum 
'etwas geschrieben worden ist, während hinsichtlich der Linguistik 
aind der mittelalterlichen Literatur ziemlich gut für sie mit ver- 
trauenswerten und zugleich praktisch angelegten Hilfsmitteln ge- 
sorgt wurde. Die üble Folge von Obigem ist wieder, daß sie zu 
einem der vielen Abrisse und Leitfäden greifen. Von diesen sind 
zwar nicht alle gerade unbrauchbar und ohne Geschick gemacht, 
^ber sie sind häufig auch auf den Schulgebrauch berechnet und zu 
■niedrig für das Niveau des Studenten, sind auch bei ihrem kom- 
pendiarischen Charakter keine eigentlichen Einführungen, die zur 
Vertiefung der Kenntnisse und besonders eigener Lektüre der 
einzelnen Literaturdenkmäler anregen. Nun liest man zwar in 
Ettmayers 'Vademecum für Studierende der Romanischen 
Philologie' vom Jahre 1919 S. 138: 'Wir besitzen ja — Gott 
'sei Dank — so inhaltreiche, so geistvolle, so wohlgeordnete Lite- 
*raturgeschichten, die sich wie der Roman eines Volkes lesen, daß' 
usw., allein das ist wohl Ironie, und Ettmayer hat vielleicht in 
erster Linie an den Grundriß von Juncker gedacht, der sich als 
Einpaukebuch unverminderter Beliebtheit bei den Studenten er- 
freut und dauernd seine verheerende Wirkung ausübt. 
' Jene verhältnismäßig geringe Produktion der Fachmänner 
kann nicht wohl zufällig sein, sondern wird ihre Gründe haben. 
Da ist einmal die mangelhafte Ausstattung unserer Bibliotheken 
in der neufranzösischen schönen Literatur. Will jemand z. ß. 



Die deutsche Komaaistik ia den zwei letzten Jahrzehnten 217 

sich genauer mit der Poesie des 16. Jahrhunderts befassen, so 
kann er die wertvollen Ausgaben der Plejade-Dichter durch 
Marty-Lavaux nicht entbehren, allein nur wenige große Biblio- 
theken haben dieselben. Oder will jemand der interessantesten 
Periode französischer Literatur, der Romantik, nähertreten, etwa 
eine Monographie über A. de Vigny schreiben, oder gar eine Ge- 
samtdarstellung der französischen Romantik unternehmen, so 
stößt er im Inland, auch wenn er große Bibliotheken bequem be- 
nutzen kann, auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten; denn es 
fehlen überall, auch in Berlin, die Originalausgaben der einzelnen 
romantischen Dichtungen, wie sie die Nationalbibliothek in Paris 
besitzt, es fehlen auch viele ältere und neuere französische Schrif- 
ten über die Romantiker, und während man schließlich die letzte- 
ren kaufen kann, ist das bei den ersteren nicht möglich, da nach 
den Gepflogenheiten des französischen Buchhandels ältere ver- 
griffene Bücher nicht leicht neu aufgelegt werden, man also wie- 
der auf längeres Arbeiten an der Pariser Bibliothek zurückgewor- 
fen wird. Mit obigen Verhältnissen hängt es denn auch beiläufig 
zum Teil zusammen, daß unter den literarhistorischen Dissertatio- 
nen so wenige Neues und Gewichtiges bringen. — Aber es kom- 
men, wenn ich nicht irre, noch andere Gründe hinzu. Wer mit 
Erfolg über die Literatur eines fremden Volkes schreiben will, 
muß sich in Art und Wesen desselben viel mehr versenken kön- 
nen, als der Linguist dies nötig hat, und wiewohl ja die Fähigkeit 
des Deutschen, Fremdes aufzufassen, zu würdigen und sich zu 
eigen zu machen, weltbekannt ist, und wiewohl Geibel singt: 
Was Nord und Süd in hundertfält'gen Zungen 
dem Lied vertraut, wer hat's wie wir durchdrungen? 

SO bleibt doch die Tatsache bestehen, daß unter den romanischen 
Völkern gerade der Franzose, so nahe er uns räumlich steht, uns 
im ganzen innerlich am fernsten bleibt und letzten Endes immer 
etwas Sonderliches, Sphiuxartiges, ja nicht selten Abstoßendes 
behält. Es lieg-t das an dem spezifisch keltischen Grundzug seines 
Naturells und Charakters, der trotz aller Romanisierung, trotz der 
Infusion riiit fränkischem und normannischem Blute sich so sehr 
fast zwei Jahrtausende hindurch behauptet hat, daß es über- 
?*aschend ist, zu sehen, wie genau Cäsars Schilderung des Galliers 
noch auf den heutigen Franzosen zutrifft, und wie wahr Schopen- 
hauers Behauptung ist, daß die Charaktere von Menschen und Völ- 
kern sich nicht ändern. Nur von hier aus sind Erscheinungen 
wie Beaumarchais und Chateaubriand zu begreifen und anderseits 
verständlich die Ratlosigkeit der Franzosen gegenüber Shake- 
speare sowie die geringe Wertschätzung, die sie dem Grafen Go- 
bineau angedeihen ließen, einem Angehörigen der wenigen Adels- 
gesohlechter, deren germanisches Blut der Guillotine glücklieh 

ArcltiT f. n. Spi«ch«a. 141. 15 



218 Die deutsche Romanistik in den zwei letzten Jahrzehnten 

entronnen war. Die französische Literatur des Mittelalters zeigt 
mit ihrer naiven Gefühlsmäi3igkeit noch viel von fränkisch -ger- 
manischem Einschlag und mutet uns daher vielfach verwandt 
an, aber je länger, desto mehr tritt der alte keltische Untergrund 
hervor: das sexuell Raffinierte, das auf die augenblickliche Wir- 
kung Berechnete, das Selbstbewußte, das Theatralische, die Pose, 
die Attitüde, die selbst der französischen Lyrik einen eigentüm- 
lichen Anstrich geben. Dazu gesellen sich noch besonders zwei 
Elemente, die zwar auch schon von Anfang an im Keime vor- 
handen waren, die aber doch erst seit dem 16. Jahrhundert zu 
voller Entfaltung gelangen, das eine durch den Einfluß der wie- 
dererweckten Antike, das andere durch die Zentralisierung des 
französischen Lebens auf Paris, durch die Pariser Salons und die 
Herrschaft der Frauen, ich meine den Kultus der Form und des 
Rednerischen sowie den der Originalität so abträglichen gesell- 
schaftlichen Charakter, den die französische Literatur vornehm- 
lich mit dem 17. Jahrhundert annimmt, und wenn, wir in ihrem 
Rahmen Schriftsteller und Dichter wie J.-J. Rousseau, Andre 
Chenier und Frau von Stael finden, so ist nicht zu vergessen, daß 
der eine ein Genfer, die beiden anderen aber ein halber Grieche 
und eine halbe Deutsche waren. 

Diese Züge gilt es, sich immer gegenwärtig zu halten und 
namentlich der gewaltigen Rolle eingedenk zu bleiben, welche die 
Form und Kunsttechnik jenseits des Rheins spielen, und die so 
bedeutend ist, daß der französische Kritiker seine Dichter in 
'poetes' und 'artistes' auseinanderlegt. Wenn nun schon der Dar- 
steller der eigenen Literatur nicht nur, wie der Linguist, mit dem 
Intellekt an die Erscheinungen heranzutreten hat, sondern auch 
mit künstlerischem Empfinden, so wird seine Aufgabe noch viel 
schwieriger, wenn es sich um eine fremde Literatur handelt, deren 
Wesen von dem der deutschen so abweichend, ja ihm in vielem 
entgegengesetzt ist, und in der die Auffassung von der Kunst 
selber sich als eine verschiedene erweist. Hier kommt es darauf 
an, sich vom eigenen Wesen, von germanischer Natur und Geistes- 
art loslösen zu können, sich in das fremde Werk hineinzufühlen, 
es mitzuerleben, und zwar nicht nur mit dem Gemüt, sondern 
auch mit dem Formensinn, sozusagen auf der äußeren Schönheits- 
linie, wozu denn freilich noch eine sehr intime Kenntnis von den 
Feinheiten des Stils und dem musikalischen Reiz der Sprache 
gehört. Denn wie will er sonst sagen können, was eine Fabel La- 
fontaines zum kleinen Meisterwerk macht, oder warum die Fran- 
zosen Racine den plus parfait ihrer Dichter nennen, wie will er 
den Zauber der Sprache Chateaubriands empfinden, die Erzähler- 
kunst Voltaires, Merimees oder Daudets würdigen, die Anmut und 
Eleganz bei A. de Musset, die Kompositionstechnik bei Flaubert, 



Die deutsche Romanistik in den zwei letzten Jahrzehnten 219 

das Skulpturale in den Versen von Theophile Gautier und der 
Parnassiens? — Alle diese Bedingungen zu erfüllen, bedeutet 
keine Kleinigkeit für den deutschen Romanisten und dürfte wei- 
terhin manchen unter ihnen abhalten, auf dem Gebiet der neufran- 
zösischen Literatur produktiv hervorzutreten; man kann auch 
eigentlich Obiges kaum von ihm verlangen, denn, um hier richtig 
zu urteilen, bedarf es außer Kenntnissen und Verstand ästheti- 
scher Begabung und eines nachfühlenden Kunstsinnes, die an- 
geboren sind und nicht erworben werden können. Ähnlich ver- 
hält es sich ja mit der Forderung, die eine Zeitlang mit großem 
Nachdruck an die Universitätslehrer gestellt wurde, Französisch 
wie ein Franzose 'parlieren' zu können, und die sogar bei Be- 
setzung von Lehrstühlen zur Bevorzugung von Elsässern führte, 
obgleich diese bekanntlich alles andere als ein idiomatisches Fran- 
zösisch sprechen; es ist ja sehr hübsch, wenn ein Ordinarius es 
kann, aber es zu fordern, ist unbillig, da es sich auch hier um 
Anlage und Talent handelt, die da sind oder nicht. Doch dies 
nebenbei. 

Um noch einmal auf die Form zurückzukommen, möchte ich 
ein Wort über die Form sagen, welche die deutschen Romanisten 
in ihren literarhistorischen Schriften beobachten. Da scheint es 
mir, daß in den letzten Jahrzehnten erfreuliche Fortschritte zu 
verzeichnen sind, und ich glaube, daß ein Buch wie die inhalt- 
reiche, aber schwerfällig und kompostionslos geschriebene Mono- 
graphie der Frau Blennerhasset über Frau von Stael heute kaum 
mehr möglich wäre. Für die Klarheit der Gedanken und infolge- 
dessen Klarheit der Darstellung, für die Herausarbeitung der 
wichtigen Punkte, die treffende Bezeichnung im einzelnen, die 
geschmackvolle Anordnung des Stoffes, die Abgewogenheit der 
Teile und die Abrundung des Ganzen haben wir von den Fran- 
zosen einiges gelernt. Vielleicht sind auch Scherers Buch und 
Morfs, des Westschweizers, Schreibart von günstiger Wirkung 
gewesen. Morfs Stil ist leichtbeschwingt; er schreibt sehr durch- 
sichtig in kurzen, manchmal zu kurzen Sätzen, seine Ausdrucks- 
weise ist ansprechend und gelegentlich sogar glanzvoll, aber seine 
Wortwahl ist eine wohlüberlegte, und nirgends läßt er Ge- 
diegenheit und Gründlichkeit vermissen, so daß das bessere deut- 
sche Publikum nicht mehr in dem Maße wie früher auf dilettan- 
tische Journalisten und Essayisten angewiesen war. Bei aller 
ästhetischen Kritik hat er niemals das vernachlässigt, was immer 
als ein Vorzug der deutschen Art, die Literatur zu betracliten, 
gegenüber der französischen gelten muß, nämlich den Hintergrund, 
die geschichtliche Entwicklung, die Aufdeckung der Verbindungs- 
linien, so weit es möglich, die Deutung einer Erscheinung nicht 
bloß für sich, pondern aus ihrer Zeit heraus und ihre Bedeutung 

15* 



220 Die deutsäie Komanistik in den zwei letzten Jahrxöhnteu 

für ihre Zeit, daher wir denn Literar historiker sagen, wofür 
der Franzose keinen adäquaten Ansdruck hat. 

Leider scheint es. daß man auch hier wieder nicht in der rich- 
tigen Mitte bleiben, sondern mit grundloser Selbstkritik die Axt 
an die Wurzel des Guten legen will, das wir besitzen und hüten 
sollten. Manche Anzeichen lassen darauf schließen, daß man die 
historische Betrachtungsweise beiseite zu lassen und die ästheti- 
sche in den Mittelpunkt zu stellen gedenkt: wenigstens läßt die 
Schrift von Voßler über Lafontaine und sein Fabelwerk (1919) 
in dieser Beziehung nichts Gutes ahnen, und ich fürchte sehr, daß 
man wie in der Linguistik das psychologische Gras, so in der 
Literatur bald das ästhetische wird wachsen hören wollen. Sollte 
diese Bestrebung etwa durchdringen, so wäre damit dem Subjekti- 
\-ismus Tür und Tor geöffnet; die Schreibweise würde impressio- 
nistisch, es begänne das Geistreichein und das Jonglieren mit 
Worten, die keine bestimmten Vorstellungen mehr erwecken. 

Doch eine noch größere Gefahr droht von einer anderen Rich- 
tung her. Bislang galt in unserer Literaturgeschichtschreibung 
noch im allgemeinen der unausgesprochene Grundsatz, daß man 
in die neueste, uns ganz nahe liegende Zeit nicht herabzusteigen 
habe, einfach weil uns dann der Abstand und daher das richtige 
Augenmaß fehlen, deren wir zur objektiven Anschauung und zum 
Erkennen der Entwicklungslinien benötigen, und deshalb gar 
leicht unsere Urteile von heute nicht mehr die von morgen sind. 
Von diesem durchaus gesunden und vor der Verflachung bewah- 
renden Grundsatz ist zwar schon seit einiger Zeit hier und da ab- 
gewichen worden, und genau genommen gehen die Ansätze dazu 
schon in das vorige Jahrhundert zurück, aber jetzt wird in der 
Romanistik ein gewisser Feldzug dagegen geführt, und zwar mit 
jener bekannten hysterischen Geschäftigkeit, auch einer üblen 
Erbschaft des Krieges, die einen ernstlichen Widersacher nur in 
der Papiemot findet- Gewiß ist es berechtigt, vom deutschen Ro- 
manisten zu verlangen, daß er auch die neuesten Erscheinungen in 
der Literatur verfolgt und überhaupt über die gegenwärtigen 
Geistesbewegungen in Frankreich, oder das. was so scheint, unter- 
richtet sei: er möge sich auch schriftstellerisch dazu äußern, und 
für besonders Bemerkenswertes ist seine Feder vielleicht besser 
als die eines Xichtfachmannes. falls er sie mit Vorsicht und Maß- 
halten führt. Diese hat z. B. Voßler in seiner Italienischen Lite- 
ratur der Gegenwart walten lassen, indem er eingehender nur über 
die Dichter spricht, deren LaullDahnen abgeschlossen daliegen, 
oder wenigstens zu übersehen sind wie bei Pascoli und d'An- 
nunzio. gegen den Futurismus aber nur kurz Front macht. In- 
dessen die Studentenschaft oder gar das größere Publikum auf 
dem laufenden zu halten über alles, was in der modernen und 



Die deutsche Romanistik in den zwei letzten Jahrzehnten 221 

modernsten französischen Literatur vor sich geht, das kann ich 
nicht als unsere Aufgabe betrachten, sondern möchte das lieber 
den Herren überlassen sehen, die sich im Feuilleton größerer Zei- 
tungen besonders damit befassen. Es scheint mir daher auch nicht 
richtig, wenn Universitätsdozenten, nicht unbegünstigt von politi- 
schen Strömungen, jetzt anfangen, große Kollegia über die fran- 
zösische Literatur von 1870 bis auf die Gegenwart abzuhalten, 
und ebensowenig erfreulich wirkt das Buch von Curtius, das den 
Titel trägt: 'Die literarischen Wegebereiter des modernen Frank- 
reich' (1919). Hier wird uns in der Art des französischen Con- 
ferenciertums eine Reihe von Schriftstellern vorgeführt, die in 
Frankreich selber kaum Beachtung, geschweige denn Schätzung 
genießen, und die nichts weniger als 'literarische Wegebereiter' 
sind: Claudel, Peguy, Suarez usw. Natürlich fehlt auch Romain 
'Rolland nicht, in dessen 'Jean Christophe' sich schon verschiedene 
andere Romanisten so liebevoll versenkt haben, um für Deutsch- 
land das herauszulesen, was Rolland schwerlich gemeint hat. 
Diese 'Moderne' kann mit wirklicher Besorgnis erfüllen, denn es 
liegt m. E. nicht nur eine wissenschaftliche Verirrung, sondern, 
was schwerer bedrückt, eine völkische Entgleisung vor, indem es 
gerade nach dem Kriege würdig gewesen wäre, sich in recht an- 
ständiger Entfernung von den heutigen Franzosen zu halten. 

Jena. O. Schultz-Gora. 



Petrarcas Stellung 
zu Humanismus und Renaissance. 

Den Anfang welterschtitternder Bewegungen an ein Begebnis, 
an eine Persönlichkeit knüpfen, auf ein Datum festlegen, 
heißt immer mehr symbolisch als tatsächlich reden; denn dem 
Historiker liegen zu viele Keime, Andeutungen, Vorspiele und 
vielleicht doch schon Anfänge solcher Bewegungen lange vor 
ihrem eigentlichen Durchbruch offen. Ich kann die Französische 
Revolution vom Tage des Bastillesturms, die französische Renais- 
sance von dem Tage an datieren, wo ein Parlamentsedikt die 
Pariser Passionsspiele, den prunkvollsten und volkstümlichsten 
Ausdruck mittelalterlicher Kunstübung, verbot — so habe ich 
gewiß nur besonders kräftige Einzelsymptome der großen Um- 
wälzungen herausgegriifen und zu symbolischer Überbedeutung 
erhoben. Soweit aber überhaupt die Möglichkeit gegeben ist, in 
einem einzigen Punkt den wirklichen Anfang ausgebreiteter und 
verschlungener Neuerungen zu finden, soweit darf man auch 
sagen, daß Humanismus und Renaissance schlechthin in Petrarca 
beginnen, und daß gerade dies die ungeheure Bedeutung des Man- 
nes ausmacht, der als Denker wenig originell war, als Gelehrter 
rasch überholt wurde, als Epiker scheiterte und als Lyriker neben 
dem Schönsten und Innigsten das Frostigste schuf, um gerade 
durch diesen Frost, der als Petrarkismus, als Preziosität, als Kul- 
turanismus usw. fortlebte, ganze Epochen und ganze Länder aufs 
peinlichste zu beeinflussen. 

Mit diesem Leitsatz aber, Petrarca stehe am Anfang des Hu- 
manismus und der Renaissance, ist nun gar nichts getan, ehe nicht 
eine Umgrenzung der beiden schwankenden Begriffe gesucht ist. 
Das letzte Drittel des vorigen Jahrhunderts etwa brachte eine 
Art Renaissance der Renaissance. Gobineau, Burckhardt, Wag- 
ner, Nietzsche, C. F. Meyer sind die großen Namen, an die sich 
die leidenschaftliche und allmählich zur unleidlichen Mode aus- 
artende Hingabe an die Renaissance knüpfte. Es ist schließlich 
so viel über sie geschrieben worden, daß der Begriff 'Renaissance' 
eine völlige Trübung erfuhr und nun eben vor erneutem wissen- 
schaftlichem Gebrauch erst wieder gereinigt und befestigt werden 
muß. Dabei dürfte es im wesentlichen um vier Fragen gehen. 
Einmal um die chronologische nach dem Anfang, sodann, was da- 
mit aufs engste zusammenhängt, um die Abgrenzung von Huma- 
nismus und Renfiissance, zum dritten um das ethische und reli- 
giöse Wesen der Renaissance, und endlich um ihr Verhältnis zum 
Griechentum. 

Das Gefühl, daß sich in Italien während des 14. Jahrhunderts 



Petrarcas Stellung zu Humanismus und Renaissance 223 

dem Altertum gegenüber etwas ganz Neues begibt, ist lange Zeit 
nicht nur vorherrschend, sondern geradezu allein vorhanden ge- 
wesen. Der Enthusiasmus, mit dem die Antike damals erfaßt 
wurde, mit dem man sich auf ihre Schriften, Bauten, Kunstwerke 
und Münzen stürzte, ließ es so erscheinen, als habe man sich, 
nach Jahrhunderten der Abkehr von allem Heidnischen, allem 
Irdisch-Menschlichen zugunsten des Christlich-Himmlischen, mit 
einem plötzlichen Ruck der unchristlichen Vergangenheit neu be- 
mäclitigt. Abpr gegen diese Auffassung eines unvermittelten 
Beginnes des Humanismus mußten sich doch stärkste Zweifel 
regen. Wenn man den Begriff des Humanismus im schlichten 
Sinne des französischen Ausdrucks 'faire ses humanites' nimmt, 
darunter also nur eben Altertumsstudien versteht, so hatte das 
ganze -Mittelalter niemals aufgehört, humanistische Studien zu 
treiben. Überaus vieles verdankte ja doch die Kirche selber dem 
Altertum, aus dessen Schoß heraus sie geboren war — Theologi- 
sches, Philosophisches, Staatliches; und sie begnügte sich nicht 
damit, antike Blutkörper in ihren Adern kreisen zu lassen, sie 
zog vielmehr aus heidnischen Autoren ständig neue Nahrung. 
Gewiß war vieles verschüttet und besonders das Griechische in 
Vergessenheit geraten, aber Virgil und Ovid, Seneca, Plautus, 
Terenz, Cicero und Aristoteles in lateinischer Fassung wurden 
doch ständig gelesen, wenig befehdet und viel verehrt — ja, 
Virgil und Aristoteles waren ungemeine und unanfechtbare Auto- 
ritäten. Freilich, und darauf kommt es an, Autoritäten zweiten 
Ranges, dienende Geister, über denen das "Wort Gottes stand. 
Dies hatten sie zu bestätigen, abvv'cichende Meinungen durften 
sie nicht haben und hatten sie auch niemals, denn im gegebenen 
Fall hatten sie nur eben etwas anderes gesagt und etwas anderes 
gemeint, hatten sie andeutungsweise, allegorisch gesprochen und 
wurden also allegorisch ausgelegt. Hier, in dieser Notwendig- 
keit, die Antike allegorisch auszudeuten, um sie dem Christentum 
anzupassen, liegt ein Hauptgrund für die Wertschätzung der 
Allegorie im Mittelalter und weit darüber hinaus — manche Alle- 
gorie der Renaissancezeit ist eine Bemäntelung des eigenen Hei- 
dentums, bisweilen nach außen hin, bisweilen auch vor dem eige- 
nen unsicheren Gewissen. Will man diesen dienenden, der Scho- 
lastik, der Kirche dienenden Eifer für die Antike Humanismus 
schlechthin nennen, so hat es immer Humanismus gegeben, so 
taucht er zu keiner Zeit neu auf, so ist es kurzsichtig und falsch, 
im 14. Jahrhundert etwas Neues beginnen zu sehen. 

Und dennoch ist hier ein Anfang: aus dem dienenden, un- 
freien, unerfüllten Humanismus wird jetzt erst ein freier und 
erfüllter, ward jetzt erst die Bewegung, die wir im eigentlichen 
Sinne Humanismus nennen. Denn nicht um das Studium der 



224 Petrarcas Stellung zu Humanismus und Renaissance 

Antike neben und hinter anderen Studien handelt es sieh. Son- 
dern darum, daß dieses Studium zur zentralen, ja zur ausfüllen- 
den Leidenschaft wird. In Corneilles Dramen ist allerlei Liebe 
zu finden, aber immer beherrscht vom Willen, aber immer über- 
baut von politischen Dingen oder ihnen verkoppelt. So ist der 
Humanismus des Mittelalters. Beherrscht vom Willen zum Chri- 
stentum, überbaut vom Kirchlichen. In Racines Tragödien ist 
Liebe allein, Leidenschaft, die alles zerstört, was sie einengen 
will. So ist der neue Humanismus. Wir nennen im klassischen 
Zeitalter Frankreichs nur Racines Dramatik: Tragödien der Lei- 
denschaft und sehen darin etwas Neues. Im gleichen Sinn und 
mit gleicher Berechtigung darf man das zur Leidenschaft ge- 
wordene befreite Studium der Antike ein Neues nennen und dies 
allein als Humanismus bezeichnen. 

Wie war er entstanden? Es war aus verschiedenen Quellen 
strömend immer mehr Lebenswärrae der Antike zugeflossen. Die 
Kirche rief das Zeugnis der Alten vielleicht allzuoft an, und aus 
der Hilfswissenschaft der Theologie mußte sich etwas Selbstän- 
diges entwickeln. Die Juristen setzten römisches Recht gegen 
Barbarenrecht und führten somit die gewaltigste Schöpfung des 
alten Rom ins Leben zurück. Die von der unerträglichen politi- 
schen Gegenwart gefolterten italienischen Patrioten schöpften zu- 
gleich Betäubung und Hoffnung aus der Lektüre der Alten, die 
sie für ihre Väter nahmen; sie fühlten sich noch immer oder viel- 
mehr wieder als Römer. Indem man sich so von mehreren Seiten 
her mit immer stärkerer Leidenschaft dem Altertumsstudium er- 
gab, indem man immer tiefer in den Geist der antiken Kultur ein- 
drang, immer entschiedener mit den Augen der Alten sehen 
lernte, mußte notwendig der Augenblick eintreten, wo die bis- 
herige Dienerin der Theologie, wo die Hilfswissenschaft ihre 
selbständige Bedeutung gewann und als eigene Lebensmacht auf- 
trat. Sobald sie aber nicht mehr Dienerin der Kirche war, mußte 
sie — selbst wider ihren Willen — deren Gegnerin werden. Es 
ist der Kirche mit der Altertumswissenschaft ergangen wie mit 
dem Drama: sie hat, ohne es zu wollen, sich selber zwei gewaltige 
Feinde großgezogen. Das Versöhnliche des Vorganges liegt darin, 
daß die Feinde selber später dem Christentum bedeutendste 
Dienste leisteten: aus den schönsten Dramen erwuchs neue Reli- 
giosität, und vom Humanismus führte der Weg zur Reformation. 
Aber Geburtsstunde des eigentlichen Humanismus ist die Stunde, 
in der ein Bruch eintrat zwischen Altertumswissenschaft und 
Katholizismus. Ein Bruch, von dem in Dantes Werk nichts zu 
verspüren ist, und der das Gepräge der Schriften Petrarcas aus- 
macht. Dante ist ganz erfüllt vom Altertum, Virgil geleitet ihn 
durch Hölle und Purgatorium. Aber so wie Virgil im Paradies 



Petrarcas Stellung zu Humanismus und Renaissance 225 

die Leitung an die christlich heilige Beatrice abgibt, so ist in 
Dante alles Antike vom eigentlich Christlichen überbaut, ihm 
zugleich untergeordnet und vollkommen harmonisch eingeglie- 
dert. In Dante ist viel Kampf und doch völlige Harmonie und 
friedlichste Gewißheit: er steht fest auf der Erde, weil er sich 
in Hölle und Himmel so gut auskennt; in seinem wildesten 
Hassen und seinem größten Schmerz ist Ruhe, weil er für jeden 
und für alles Strafe und Lohn im Jenseits bereit weiß. Fran- 
cesco de Sanctis, der Realist, der Kämpfer für die Freiheit Ita- 
liens, der Feind romantischer Verschwärm theiten, stellt im Ein- 
gang seiner Petrarca-Monographie derart die Bildnisse Dantes und 
Petrarcas leise ironisch einander entgegen: . . . Se volete veder la 
differenza che corre tra questi due uomini, guardateli in faccia. 
Quel viso bruno e asciutto, con quelle guance incavate, con quella 
fronte scura, con quegli occhi infossati e divorati da un fuoco in- 
teriore, e Dante. E quella faccia bianca da canonico, quelle 
guance pienotte, con quella fronte serena, con quegli occhi dolce- 
mente pensosi, e Petrarca. Sehr eindrucksvoll, den femininen 
Petrarca dem männlichen Dante so zu kontrastieren, und den- 
noch doppelt ungerecht! Denn einmal: dem Femininen waren 
innerlich schwerere Kämpfe beschieden als dem männlichen 
Streiter; Petrarca hatte nicht diese Harmonie des mittelalterlichen 
Weltbildes, den Frieden religiöser Gewißheit in sich, ihm 
schwankte der Boden unter den Füßen, weil er des Himmels 
nicht mehr so völlig gewiß war, zum mindesten an ihm nicht 
mehr völliges Genügen fand, ohne sich doch ganz von der Nich- 
tigkeit der Hölle überzeugen zu können (denn nichts wäre ver- 
kehrter, als einen modernen Aufklärer in ihm sehen zu wollen, 
wie das manche gern tun). Und zum anderen waren dem weichen 
Manne auch äußere Kämpfe in Fülle beschieden, er war nicht 
nur der tränenvolle Anbeter Lauras, der Schwärmer für Einsam- 
keit und idyllische Natur, vielmehr stand er mitten im Leben als 
Journalist, als Politiker, als Diplomat, als kriegerischer Philo- 
loge. Und durch beides: durch die innere Zerrissenheit und 
durch die Bewegtheit seines äußeren Lebens wird er als erster 
Humanist im vollen Wortsinn kenntlich. 

Mitten durch Petrarcas Werk und Lebensgefühl geht der 
qualvolle Bruch mit der Kirche, den er um keinen Preis wahr 
haben möchte und immer wieder sich selber ableugnet. Und nun 
ist dies das Verwirrende: die Zerreißung, die den eigentlichen 
Humanismus erst ins Erscheinen treten läßt, hat er selber, er 
allein zum mindesten nicht bewirken können, sondern hier ist er 
der Renaissance verpflichtet, als deren Vorläufer er zumeist gilt. 
Die stärkste Wechselwirkung zwischen den beiden Bewesrungen 
liegt vor. Indem sich der Humanismus langsam vom unerfüllten. 



226 Petrarcas Stellung tn Humanismus und Renaissance 

dienenden dem freien und eigentlichen näherte, indem er ein 
immer klareres Bild von den ungebrochenen Persönlichkeiten der 
Antike übermittelte, verhalf er auch immer mehr der Persönlich- 
keit in der Gegenwart zum Durchfeilen der dogmatischen Fes- 
seln. Die Befreiung, die 'Wiedergeburt' der menschlichen Ge- 
samtpersönlichkeit heißt uns Renaissance. Befreiung aus scho- 
lastisch-theologischer Enge, Freude nicht bloß am Altertum und 
seiner Schönheit, sondern an allem Diesseits, an der Natur, am 
Spiel jeder geistigen und körperlichen Kraft. Die Freude am 
Altertum ist die Vorbereitung zur Diesseits freude überhaupt ge- 
wesen; aber daß sich Menschen dem Altertum ganz hingeben 
durften, das verdanken sie doch erst der Befreiung der Menschen 
zum Diesseitsgenusse überhaupt. Humanismus hat die Renais- 
sance vorbereitet, aber ganz erfüllt worden ist er wiederum erst 
durch die Renaissance, die mehr Wurzeln hat als nur die eine 
humanistische. In Petrarca wird der Humanismus so ganz frei, 
weil in ihm Renaissance ist. Wenn es ihn treibt, den Mont Ven- 
toux zu besteigen, so ist das nicht nur und nicht in erster Linie 
Nachahmung einer antiken Tat, sondern neues Naturgefühl, neuer 
Drang in die Weite; wenn dann (bei dieser wie bei jeder anderen 
bedeutenden Begebenheit seines Lebens) Freude am Diesseits mit 
der Diesseitsverachtung des Christentums in ihm ringen, wenn 
hier — wie im Sekretum! — das Christentum nur scheinbar siegt, 
indem sein Sieg sogleich von dem Menschen der Neuzeit zu Pa- 
pier gebracht wird, von dem Künstler, dem nichts wesentlicher 
ist als das Studium des eigenen Ichs und die Bewahrung all seiner 
Lebensphasen in dauernder und harmonischer Form, so ist das 
nicht mehr als Humanismus, als Wiederbelebung des Altertums 
zu erklären, sondern durchaus als eine Neubelebung der Persön- 
lichkeit, als Renaissance, die nun erst dem Humanismus, der 
Wiederaufnahme und Nachschöpfung des Altertums, volle Kraft 
verleiht. 

So treten der eigentliche Humanismus und die eigentliche Re- 
naiss^ince — 'karolingisehe Renaissance' ffibt einer Teilbewegung 
den Namen des Ganzen, ähnlich wie 'mittelalterlicher Humanis- 
mus' — vereint ins Leben, dort wo sich das neue Weltgefühl zum 
erstenmal im Widerspruch zur Relisfion sieht. Sogleich aber 
taucht eine neue Schwierigkeit auf. Wenn nun Humanismus und 
Renaissance etwas wirklich Neues sind, obschon freilich nichts 
wunderbar Wurzelloses, und wenn ihre Neuigkeit eben in diesem 
Gegensatz zum kirchlichen Christentum des Mittelalters liegt — 
sind sie selber notwendigerweise nichtreligiös und, da nur auf den 
Genuß der eigenen Persönlichkeit bedacht, nichtmoralisch? Hier 
ist ein geniales Buch offenbar schuldlos schuldig geworden: 
Burckhardts 'Kultur der Renaissance'. Mit gelehrter Phantasie 



Petrarcas Stellung zu Humanismus und Renaissance 227 

hat Burckhardt die ganze vielfältige Eigenart der Renaissance 
neu aufleben lassen. Und da nun jede Zeit der Kettenzerreißung 
und des Überganges auch entfesselte Bestien hervorbringt, und 
da das Raubtier immer die schillerndsten Farben hat, so sind bei 
Burckhardt die skrupellosen Gewaltmenschen von Cesare Borgias 
Art, die Meineidigen, die Giftmischer, die Familienmörder, die 
ganz hemmungslosen Genießer am buntesten und farbenpräch- 
tigsten geraten. Einer Schar von Lesern erschien es deshalb so, 
als seien gerade diese bunten Bestien und nur sie die eigentlichen 
Renaissancemenschen, als bedeute Renaissancekultur nicht nur 
Antikirchlichkeit, sondern völlige Amoralität. ja äußerste Bruta- 
lität unter schöner Form. Ein Schwärm von Renaissancedich- 
tungen, aus Burckhardts sozusagen verkürzt aufgefaßtem Buche 
gespeist und mit mehr oder minder veroberflächlichtem Über- 
"menschentum Xietzsches durchtränkt, hat dieser Jahrmarkts- 
budenauffassung der Renaissance mächtige Verbreitung und 
Wirkung verschafft. 

Es konnte nicht fehlen, daß sich hiergegen Widerspruch er- 
hob. Aber die energischste Reaktion schuf ein neues wissen- 
schaftliches Unheil. Hatte das, was ich Pseudo-Burckhardtismus 
nennen möchte, Begriffsverengung gezeitigt, so erfolgte jetzt eine 
übermäßige BegrifFserweiterung und -Verwirrung. Denn diesen 
Vorwurf kann man Konrad Burdachs Vorträgen 'Sinn und Ur- 
sprung der Renaisance' und 'Über den Ursprung des Humanis- 
mus' (beide um Anmerkungen bereichert 1918 in Berlin unter 
dem gemeinsamen Titel 'Reformation, Renaissance. Humanis- 
mus' erschienen), ihn kann man auch seinen breiten Ein- 
zelforschungen über die einschlägigen Fragen ('Vom Mittel- 
alter zur Reformation') keineswegs ersparen. So sehr sie unsere 
Kenntnis vom Wesen der Renaissance bereichert haben, so sehr 
auch führen sie eine Grenzver-^äschung herbei. Die treibende 
'Leidenschaft bei Burdach ist offenbar der Zorn gegen eine Auf- 
fassung, die der enthusiastischsten Epoche Religionslosigkeit zu- 
spricht und aus den Größen der Renaissance in allmählicher Ver- 
kleinerung und Verzerrung Kaffeehausgrnßen macht. So sucht er 
denn die Quellen des enthusiastischen Überschwanges und der 
Religiosität aufzudecken, die er in der Renaissance als in einer 
^schöpferischen Zeit sieht. Philologisch snürt er den Worten Re- 
naissance und Reformation nach. Burckhardt hat den Ausdruck 
ins Deutsche eingeführt, Michel et hat ihn im 7. Bande seiner 
•Französischen Geschichte 1855 gebraucht: Histoire de France au 
seizieme siecle; Renaissance. Er hat ihn erst etwas eng mit 'Hu- 
manismus' gleichgesetzt, hat ihn aber sofort erweitert und richtig- 
gestellt: Renaissance sei die Epoche, wo der Mensch 'sich selber 
wiedergefunden', wo er von der Erde und vom eigenen Ich Besitz 



228 Petrarcas Stellung zu Humauismus und Renaissance 

ergriifen habe. Und ein Wiederfinden, eine Wiedergeburt sei es, 
weil der Mensch schon einmal im Besitz seiner vollen Persönlich- 
keit gewesen sei, zur Zeit der Antike eben. Burdach verfolgt nun 
den Ausdruck der Wiedergeburt für ein Wiederfinden, W^ieder- 
aufblühen über die Franzosen zurück zu den Italienern. Vasari 
kennt eine rinascita der Kunst, die über den Kreis des Humanis- 
mus hinausgreift, da sie das Wiederfinden der Natur und nicht 
der Antike bedeutet; Machiavelli, in den Istorie Fiorentine die Re- 
volution des Rienzi erzählend, sagt von italienischen Gesandten, 
die die alte Hauptstadt betraten, sie hätten Rom wiedergeboren 
gesehen: vedendo come Roma era rinata. Und hier hat nun Bur- 
dach die Untersuchung auf dem ersehnten Punkt. Marie Ebner- 
Eschenbach hat den Don Quijote ihren eigentlichen Helden, und 
nicht etwa im komischen Sinn, genannt und damit die Mei- 
nung nicht weniger Moderner ausgesprochen, die in dem trauri- 
gen Ritter den verstiegenen Idealisten lieben. Ein ähnliches Ge- 
fühl scheint Burdach für den letzten Tribunen zu hegen. Wer 
vom Petrarca-Studium her an ihn herantritt, steht dem haltlosen 
Phantasten mit sehr anderem Gefühl gegenüber, mit einer Art 
Schauder. Es ist, als seien in Petrarca die Seelen mehrerer Men- 
schen zusammengekoppelt: der mittelalterliche und der neuzeit- 
liche Mensch, der Denker und der Phantast, der Dichter und der 
Scharlatan, der Gütige und der eitle Egoist, auch das Kind und 
die Frau, sehr häufig das Kind neben dem Manne sind in ihm — 
aber alle diese Seelen werden zusammengehalten, in Einklang ge- 
bracht und mit geschmeidiger Festigkeit beherrscht von dem 
Künstler Petrarca, der sich selber Stoff und Genuß ist, sich selber 
ausmünzt und gerade darin den eigentlichen und ersten Renais- 
sancemenschen bedeutet. Begegnet man nun dem Rienzi, so 
glaubt man einem Zerrbild Petrarcas, vielmehr Petrarca selber zu 
begegnen, aber eben nur dem Scharlatan in ihm, der sich losgelöst 
hat von den Geschwistern und von der Herrschaft der Künstler- 
seele. Gewiß ist auch diese innere Teilverwandtschaft daran 
schuld, daß Petrarca dem Phantasten so lange Treue hielt. Aber 
in seinen Sturz ist er doch nicht mitverwickelt worden, weil er 
eben mehr war als dieser Doppelgänger seines Teil-Ichs ... Bur- 
dach untersucht den Sprachgebrauch Rienzis. Der Mann war ein 
Schwärmer zugleich für die Antike und für ursprüngliches mysti- 
sches Christentum. Beides verquickt er fortwährend in seinen 
.symbolischen Akten (wie dem berühmten Ritterbad in der glei- 
chen Porphyrwanne, worin Kaiser Konstantin der Sage nach ge- 
tauft wurde), fortwährend in seinen Briefen. Und dort ist nun 
ständig die Rede von renovatio und reformatio. Die entspre- 
chenden und sinnverwandten Verba wie renasci, regenerare, re- 
Tormare usw. greifen ineinander über und bedeuten immer eine 



Peti-arcas Stellung zu Humanismus uud Renaissauce 22^ 

ieierliclie Erneuerung, eine mystische Wiedergeburt. Ein Teil 
dieser Mystik stammt aus der Antike; die ägyptische Phönixsage 
spielt eine große Rolle, der Vogel, der nach tausend Jahren ver- 
brannt und aus der eigenen Asche ersteht, ist Sinnbild einer 
Dynastie, einer staatlichen Gemeinschaft, eines dauernd lebendi- 
gen Wirkens. Der Hauptanteil des Mystischen aber fließt aus 
christlicher Quelle. Rienzi war stark beeinflußt von dem kala- 
brischen Propheten Joachim von Flore und seinen Nachfolgern 
und Jüngern unter bestimmten schwärmerischen Gruppen der 
Franziskaner und Dominikaner. Hier ist der Begriff der Wieder- 
gebui-t üblich und doppelt üblich. Er kann individuell gewandt 
sein und die innerliche Erneuerung des Subjekts bedeuten; er 
kann auch reformatorisch auf die Erneuerung der kirchlichen Ge- 
meinschaft gehen und damit 'Explosivstoffe ungeheuerster Kraft' 
in sich bergen. Auf dies also kommt es Burdach an: Renais- 
sance ist ihm kein Zustand der Irreligiosität, sondern im Gegen- 
teil einer superlativischen Religiosität. Christliche Mystik der 
Erneuerung (doppelt: des Individuums wie der Gemeinschaft, 
ethischer wie politischer) liegt zugrunde, und was an antiken Ele- 
menten hineinspielt, ist auch gerade mystisch-religiöses Moment 
des Altertums — denn Burdach bekämpft ausdrücklich die Heine- 
sche Antithese vom sinnlich heiteren Heidentum und asketischen 
Christentum, er weist auf Freude und Lebensbejahung bei Franz 
von Assisi, auf dunkle Mystik der Antike hin (womit er doch 
wohl die bestätigenden Ausnahmen des diesseitsgerichteten Alter- 
tums und jenseitsgerichteten Mittelalters in ihrem Ausnahme- 
wesen und ihren psychischen Grundlagen verkennt. 

Aber wenn er nun in dem Wort Renaissance religiöse Schwin- 
gungen, wenn er für die Renaissance-Epoche religiöse Wurzeln 
entdeckt hat — was hat er für den Zeitbegriff selber gewonnen? 
Eine völlige Grenzverwischung! Und in doppelter Hinsicht dazu. 
Einmal: wenn Renaissance überall dort zu finden ist, wo der Ge- 
danke einer Wiedergeburt auftaucht, warum läßt man die Renais- 
sance dann nicht bei den Ägyptern beginnen, die die Phönixsage 
fanden, oder bei Christus? Burdach ist in chronologischer Hin- 
f^icht inkonseriuent bescheiden verfahren: die Renaissance beginnt 
für ihn bei Dante, dann kommt Rienzi und als dritter Petrarca. 
Und hier tritt die andere, die schlimmere, innere Grenzverwi- 
schung Burdachs zutage. Die drei Männer haben für ihn bei glei- 
cher Stellung zum Altertum gleiche Religion, oder eben Religion 
schlechtweg in ihrem bedeutendsten Stadium: als Erneuerungs- 
bedürfnis. Aber ich erwähnte bereits das völlig harmonisch ka- 
tholische Weltbild Dantes, in das die Antike eingebaut ist, und 
dem es nichts verschlägt, wenn der Dichter einzelne Kirchen- 
fürsten in die Hölle schleudert, wenn ihn Mißbräuche kränken, 



230 Petrarcas Stellung zu Humanismus und Renaissance 

wenn er etwa Reformen, Heiligungen anstrebt. Und mutatis mu- 
tandis steht es um Cola di Rienzi nicht anders. Bei ihm ist nichts 
harmonisch, alles wirr, gärend, zuckend — aber es sind Zuckun- 
gen des Mittelalters, nie kommt er vom Katholischen, nie bei 
aller Freude am Glanz, bei allem Größenwahn vom jenseitsge- 
richteten Denken los. Anders Petrarca. Freilich, er hat seine 
Rechtgläubigkeit immer wieder beteuert, vor anderen wie vor 
sich selber, er ist den Averroisten gegenüber am Ende seines 
Lebens fast als Ketzerrichter aufgetreten. Und er hat mit alle- 
dem nicht geheuchelt. Daß er an Avignon, daß er an päpstlicher 
Politik in furchtbaren Sonetten und empörten Briefen, öfter heim- 
lich als unverhüllt, vernichtende Kritik geübt hat, ändert nichts 
an seiner Rechtgläubigkeit. Aber er wollte nur, wollte in Ehr- 
lichkeit, in Leidenschaft, bisweilen in Verzweiflung, rechtgläubig 
sein — denn Katholizismus bedeutete ihm Gewissensfrieden, ver- 
bürgte ihm ein seliges Jenseits — , und etwas war stärker in ihm 
als dieser Wille und zwang ihn zur Sünde in katholischem Sinne: 
zur Hingabe an Kunst, Schönheit, Vaterland, Ruhm, an alles 
Irdische, und dieses Etwas, diese Sünde war seine eigentliche und 
neue Religion, die Diesseitsreligion der Renaissance. Augustinus 
ist nur der äußere, der Augenblickssieger im Sekretum. Was dort 
mit allen Qualen und aller Lebenskraft das Feld behauptet, ist 
doch das Neue in Petrarca, die diesseitsgerichtete Religiosität. 
Er legt sich nach Art eines Sterbenden zurecht, um sich ganz 
dem christlichen Verwesungsgedanken hinzugeben, und ringt 
sich doch nicht vom Leben los: das ist seine symbolischste Tat. 
Man muß sie übersehen, man muß dem ganzen Menschen fremd 
gegenüberstehen, wenn man seine Religion neben den Glauben 
Dantes und Rienzis als gleichartig stellen will. 

Sicherlich hat Burdach recht, wenn er Religion im Sinne 
eines enthusiastischen Aufschwunges, eines Strebens nach Ver- 
vollkommnung in der Renaissance sieht; sicherlich übt er Be- 
griffsverwirrung, wenn er diese Religiosität mit der der voran- 
gehenden Epoche identifiziert. Petrarca steht am Anfang des 
Neuen, in ihm ist noch Zwiespalt und Furcht, in manchem seiner 
Werke verhält er sich wie ein Kind, das ängstlich zur Mutter zu- 
rückeilt und den Kopf in ihre Schürze steckt. Aber so oft er auch 
zur Mutter Kirche flüchtet, er muß doch immer wieder in das 
neue Diesseits hinaus. Daß ein wirklicher Zwang ihn dem Leben 
entgegentreibt, daß er kein bewußter Aufklärer, sondern ein kind- 
lich genialer Mensch ist, ein Kind, in dem, ihm selber zur Qual, 
oft drängende und nicht zu zügelnde Kräfte wirken, das macht 
ihn so inkonsequent, so eigenartig reizvoll und so bedeutend. 

Wie aber in einem großen Anfang sich auch schon deutlich 
die kommenden Entwicklungen zeichnen, so treten in Petrarcas 



Petrarcas Stellung zu Humanismus und Renaissance 231 

Werk neben diesem Ringen zwischen Jenseits- und Diesseits- 
religion auch bereits die Formen zutage, in denen die neue Re- 
ligion später kampflos herrschte, bis sie dem Vorstoß der Gegen- 
reformation unterlag. Wer von der amoralischen Bestialität der 
Renaissance spricht, denkt au den Borgia und an den 'Principe'. 
Machiavellis Fürstenlehre und Werk überhaupt ist aber keines- 
wegs religionslos, sondern ganz getragen von der römischsten 
Form der Diesseitsreligion, von der Vergötterung des Staates. Hier 
zeigt es sich, daß der Renaissance durch den Humanismus vor 
allem lateinische Elemente zugeströmt sind — denn sehr viel mehr 
auf Rom als auf Griechenland geht der Staatsgedanke in seiner 
höchsten Kraft zurück. In Körtings Petrarca-Biographie findet 
man betrübte Betrachtungen darüber, was aus der Renaissance 
hätte werden können, wenn sie mehr griechisch als lateinisch ge- 
nährt worden wäre. Nichts wäre dann aus ihr geworden! Denn 
gerade dadurch, daß sich die Italiener auf ihr Lateinertum besan- 
nen, daß sie im Altertum auf Blutsverwandtes stießen, kam ja die 
Lebenswärme in den Humanismus. Mit äußerstem Recht be- 
zeichnet Burckhardt die Bewegung als eine national-italienische. 
Eine nationale, politische blieb sie auch, ja wurde sie in erhöhtem 
Maße, als sie nach Frankreich drang. Dort erst hat das römische 
Staatsempfinden, die Staatsreligion fruchtbaren Boden gefunden, 
und die bedeutendsten Werke der französischen Literatur dienen 
ihr. In Petrarca, wie gesagt, ist manches von der eigentlich la- 
teinischen Richtung der Diesseitsreligion zu verspüren. Die 
Africa, schönste Kanzonen und leidenschaftliche Briefe legen 
Zeugnis dafür ab, und daß er dem Tribunen unzeitige Milde vor- 
warf, als Rienzi die gefangenen Barone wieder freigab, ist völlig 
machiavellistisch gedacht. 

Allzu schroffe Trennung zwischen Römer- und Griechentum 
ist aber eine mißliche Sache. Rom hat sich an Griechenland ge- 
bildet, mit griechischem Wesen durchtränkt, und der Humanis- 
mus, dessen Jugendstärke in seinem vaterländischen Zugehörig- 
keitsgefühl dem römischen Staat gegenüber lag, hat auch aus 
griechischen Quellen geschöpft. Auf dem Gipfel der italienischen 
Renaissance ist platonische Religion in der Florentiner Akademie 
zu finden, und eine Ahnung von Plato — Kenntnis wäre zuviel 
gesagt — lebt schon in Petrarca, wenn er sich gegen den Aristo- 
teles der Scholastiker auflehnt. 

Doch zwischen diesen beiden Formen der neuen Religion, dem 
römischen Staatsempfinden und dem griechischen Piatonismus, 
gibt es eine dritte, die gewiß auch viel antikes Wesen in sich hat, 
die man aber keineswegs erschöpfend als griechisch oder römisch 
charakterisieren könnte. Vielmehr ist sie ganz und gar italie- 
nisch und ist die Religion der strahlenden Form an sich. Ariost 



232 Petrarcas Ötellung zu Humauismus und Renaissance 

hat ihr den reinsten Ausdruck verliehen — in Tasso ist sie durch 
den neu andringenden Katholizismus gebrochen worden. Ariosts 
Roland ist schönes Spiel um des schönen Spiels willen, ist heiter- 
ster, ganz verantwortungsloser Genuß des Künstlers an der künst- 
lerischen Nachgestaltung und Erhöhung farbenreichen Lebens. 
Und auch von dieser dem Christentum am fernsten stehenden 
Form der neuen Religion — vom Staatsgedanken und vom Pla- 
tonismus führen Wege zum christlichen Himmel, aber zwischen 
Ariostischem Lebensgenuß und dem Christentum ist ein Ab- 
grund, der auch durch Franz von i^ssisis Lebensbejahung nicht 
auszufüllen ist — , auch hiervon ist in Petrarca der Anfang zu 
spüren. Mehr als ein Anfang, ein so gerütteltes Maß, daß der 
deutsche Leser Befremden empfindet. Denn wenn der Deutsche 
von dem Ringen der beiden Weltanschauungen in Petrarcas Seele 
hört und von seinen Gewissenskämpfen, so denkt er sich mit Not- 
wendigkeit einen Mann, dem all diese Qualen ins Gesicht gefurcht 
sind. 'In seiner Seele kämpft, was wird und war, Ein keuchend 
hart verschlungen Ringerpaar' sagt C. F. Meyer von Luther, und 
so etwa mag sich ein Unkundiger Petrarca vorstellen. Aber der 
genaue Gegensatz trifft das rechte. Auch in ihm ringt, was wird 
und war — aber die harte keuchende Verschlingung fehlt gänz- 
lich, das Ringen bleibt kunstvoll geformtes, klassisch gezügeltes 
interessantes Schauspiel, niemandem interessanter als Petrarca 
selber, der sich zumeist mehr wohlig erschüttert als furchtbar 
durchgerüttelt über das eigene Herz beugt, der gewiß Schmerz und 
Erschütterung fühlt, nicht etwa vorspielt und lügt, der aber immer 
s Genuß, den Genuß des frei Betrachtenden und künstlerisch For- 
menden bei den eigenen Leiden empfindet. Gerade in dieser Frei- 
heit liegt Renaissancetum. Das Ich ist so subjektiv, ist sich so 
wichtig geworden, daß es auf nichts mehr achtet als auf das 
eigene Selbst, und zugleich so objektiv, so losgelöst von allen Bin- 
dungen, daß es jeder Zuckung dieses eigenen Selbst interessiert 
zuzusehen vermag. Meyer sagt von seinem Luther, es wundere 
ihn nicht, 'daß er Dämonen sieht'. Man fühlt sich versucht, den 
Ausspruch zu parodieren und sich zu wundern, daß Petrarca, 
dessen Geist doch auch 'zweier Zeiten Schlachtgebiet' gewesen, 
daß er niemals Dämonen sah. Aber dem italienischen Dichter ist 
so viel Schönheitssinn, so schöne Form eingeboren, daß er unab- 
hängig von seinem Willen alles, was in ihn einströmt, auch das 
Grandiose, das Häßliche, das Grausige, das Verzweiflungsvolle 
in schön gebändigter Form auffassen muß und nun gar nicht 
mehr in all seiner ungebändigten Furchtbarkeit empfinden kann. 
Er vergegenwärtigt sich den Tod der angebeteten Laura, sie er- 
scheint ihm wie eine ermüdete wunderschöne Schläferin: morte 
bella parea nel suo bei \dso. De Sanctis und Gaspary kontrastie- 



Petrarcas Stellung zu Humanismus und Renaissance 233 

ren hiermit Dantes Verse auf die tote Beatrice; er sieht sie in 
christlicher Demut tot liegen, sie scheint ihm zu sagen: io sono in 
pace. Bei Dante Ergebung in das Schicksal, Friede, der in Chri- 
stentum ausströmt. Bei Petrarca zügelnde, tröstende Schönheit, 
Schönheit zur Religion geworden. 

Es ist die eigentlich italienische Renaissancereligion. Die 
Staatsreligiosität Machiavellis ist nach Frankreich gewandert, 
der Piatonismus, das Griechentum hat in Deutschland größte 
Wirkung entfaltet. Dies sind die drei Formen der Renaissance- 
religiosität. In Petrarcas Werk stehen sie geschwisterlich zu- 
sammen. 

Dresden. V. Klemperer. 



ArchJT f. n. Sprachen 141. Jß 



Kleinere Mitteilungen. 

Keim neben ^ Alliteration im Anglolatein um 680. 

Am Schluß der Kanones-Saramlung, die auf Aussprüchen oder Schriften 
des Erzbischofs Theodor von Canterbuiy (668—90) beruht, steht in der Hs. 
Cambridge Corpus 320 vom 8. Jh. (wovon die Pariser Hs. Saint-Geimain 940 
nur Abschrift 17. Jhs. bietet 2): 

Te nunc, sancte speculator, 

verbi Dei digne dator, 

Hceddi, pie presul, precor, 

pontificum dituni decor: 

pro me, tuo peregrino, 

preces funde, Theodoro!^ 

Hseddi war Westsachsen-Bischof c. 676 — 705 (und durfte nicht mit Eddi- 
Stephan von Ripon, dem Wilfrid- Biographen, verwechselt werden). Specu- 
lator, die etymologische Latinisierung von episcopits, ist im Mittellatein für 
'Bischof bekannt (Ducange). Peregrinus bedeutet hier, wie dort öfters, ent- 
weder nur 'Mönch' oder daneben auch, wie für den päpstlichen Sendling aus 
Tarsus paßt, 'fremder^ Herkunft'; daß der mächtige Erzbischof sich nur so 
bezeichnet, erklärt der Bescheidenheitsstil. 

Der Kompilator oder Abschreiber jener Kanones setzte das Gedicht hier- 
her, weil er als ihren Urheber aus der Vorrede Theodor kannte, doch viel- 
leicht nicht ^ um es als Widmung gerade mit diesen zu verbinden; vielleicht 
gehörte es vielmehr zu einer Urgestalt der Kanones. [Kein Grund erhellt 
zur Annahme etwa einer fast zeitgenössischen Fälschung oder eines zweiten 
Theodor, eines unbekannten Schreibers, in derselben Zeit und Gegend wie 
der Erzbischof.] 

Also benutzte der von Rom gesandte Grieche trotz lateinischer Sprache 
den germanischen Zug der Dichtungsform ^ des Volkes, das er kirchlich be- 
herrschte. 

Berlin. F. Liebermann. 

Liebeslied zum Tanz um 800. 

Mit Unrecht ^ dem Angelsachsen Willibrord (f a. 731), den der Papst 695 
Clemens nannte, wird seit Kunslmann {Latein. Poe?iitent. der Agsa. 44. 176 f.), 
freilich nicht ohne Anzweiflung beigelegt eine Iudiciu7n Clementis betitelte 

1 Alliteration findet sich im Latein 7. — 9. Jhs. wie auch der Eudi-eim der 
Zeilenpaare von je viermal einer Hebung vor einer Senkung z. B. in Mon. 
Oerm., Poetae Lat. (letzterer bei Bonifaz I 18), aber nicht beides. 

2 So Schmitz, Bußbücher II (1898) 610. 

3 Ed. Haddan and Stubbs, Councils and eccles. doc. III (1871) 20321. 

* Alcvine besingt seinen Landsmann, den Friesenapostel Willibrord, qui 
peregrina petens, Domini deductus amore; ed. Dümmler, Mon. Oerm., Poetae 
CaroL I (1881) 209. 

^ Wie jedoch Wasserschieben, Bußordn. abendl. Kirche 26, für möglich hält. 

ß Auch 'Aldhelms stabende und endreimende rhythmische Achtsllbler' setzt 
in Beziehung zur agsächs. Dichtung Imelmann, Forsch, altengl. Poesie [1920] 260. 

" Vgl. Zeits. Savigny St. Bechtsg., Kanon. 19^0, S. 292 ff. 



Kleinero Mitteilungen i?35 

Sammlung von Kanones, deren letzter denjenigen mit Kirchenbann bedroht, 
der an festivitate ad eeclesiam renietis pallat fnris aut saltat aut cantat ora- 
tiones amatorias (zuletzt bei Schmitz, Bußbücher 11 [1898] 356). Vielmehr 
aus altfranz. baller drang ballare ins Mittellatein, und dem Festlande gehört 
jene Sammlung laut Herkunft des Inhalts und Fundort der Handschriften, 
die bis ins 9. Jh. hinaufreichen. Nur für die Literatur des Frankenreichs 
darf man die Stelle verwerten. 

Berlin. F. Liebermann. 

Der Eigenname Arthur Tor Oalfrids Einfluß. 

Eine Urkunde des Königsgerichts a. Henr. IL 23, die Veneris post s. Joh. 
Bapf. erwähnt einen Prozeß Vertreter Willelmum filium Arthuri. Dieser muß 
mindestens 25 Jahre, also jener Arthur, sein Vater, spätestens um 1140 ge- 
boren gewesen sein. Die Partei, die Wilhelm vertritt, heißt Richard von Bud(e)- 
ketun; es handelt sich um die Kirche zu Budeketun; der Gegner ist die Priorei 
Lewes in Sussex. Den Text druckt Seiden Hut. of tithes p. 379 aus einer 
Finalis concordia. 

Berlin. F. Liebermann. 

Englische Urkunden nach 1066. 

Daß unter dem Eroberer die angelsächsische Sprache nicht gleich völlig 
in der Kanzlei der Regiening unterdrückt wurde, ist bekannt. Erstaunen 
aber erregt, daß unter den weniger als 300 Urkunden von ihm, die H. W. C. 
Davis, Begesta Will. Conquestoris et FFjV/. Ä^//^ (Oxf. 1913) verzeichnet, fast 
ein Achtel englisch oder zwiesprachig lauten: n. 7. 9. 12 — 16. 18 f. 22. 25 f. 
28. 31 ff. 38. 40 ff. 45. 47. 87. 93. 108 f. 111. 137. 187. 241. 265. 277. 333. 
Nur ein Angelsachse machte Oefeheard aus dem normannischen Oiffard (23), 
wie schon Earle Landchariers 434 bemerkte. — Die Normannisierung wird 
erst kurz nach Lanfrancs Koramen auch hierin durchgeführt. 

Berlin. F. Liebermann. 



Englisches Zutrinken 1248. * 



Der Minorit Salimbene beobachtete auf seiner Reise durch Frankreich 1248, 
wie Franzosen und Engländer, mehr als seine italienischen Landsleute, den 
Wein liebten. Von den Engländern pflegte einer dem anderen einen ganzen 
Krug vorzutrinken mit den Worten ge bi a vu, worauf der andere ebenfalls 
einen ganzen leeren mußte. Er entschuldigt die Engländer, in deren Land 
wenig Wein wachse, mehr als die Franzosen. — Aus 0. Holder-Egger in 
Neues Archiv alt. Dt. Gcschichtsk. 38 (1913), 480. 

Berlin. F. Liebermann. 

Zur Kreuzzugsepik Frankreichs und Englands. 

C.W.David, Robert Curthose (Cambr. [Mass], Harvard Histor. stud. 25) 
untersucht die Quellen der Geschichte, Sage und Dichtung, die an die Taten 
Roberts von der Normandie 1097/9 anknüpfen. Dem Glasfenstcr in St. Denis, 
das diesen darstellte, braucht die Chanson d'Antioehe nicht vorgelegen zu haben. 

16* 



236 Kleinere Mitteilungen 

[So aus G.Paris, schon 1892 Deutsche Zs. Qesch.-Wiss. VII E 38.] David 
druckt neu das Walliser Gedicht, unter dem zwar Rhobert tyuysog Norddmanti 
ai cant steht, das mir aber laut des Stils viel jünger als 1134 erscheint und 
als die Veranlassung der vom Sänger beklagten Gefangenschaft bejammert 
ein 'war of words': der Inhalt paßt also auf Roberts Schicksal nicht. 

Berlin. F. Liebermann. 

Zu Spenser. 

G. C. Wil li am s n , George [Clifford] Third Earl ofCwnberland 1558 -1605 
(Cambr. Univ. Press 1920, XX u. 334 p.), beschreibt aus ungedruckten Akten 
das vielbewegte Leben dieses Seefahrers und Entdeckers, Flottenkomman- 
danten und Kapererg der spanischen Madre de Bios, des Staatsmannes und 
Schmeichlers der Elisabeth, dem Spenser Verse der Faerie Queene widmet. 

Berlin. F. Liebermann. 

Zur Geschichte der Phonologie. 

Lionardo da Vinci erklärte aus der feinen Zusammengesetztheit der Zungen- 
muskeln die Mannigfaltigkeit der Sprachlaute und überdachte die Phonetik 
im allgemeinen mit bis dahin unerhörter Aufmerksamkeit; und zwar kannte 
er Galens Lehre vom Kehlkopf nicht. So C. J. Holmes Leonardo da Vinci 
(British Acad., Proc. IX, 1920) p. 18, mit Proben aus den naturwissenschaft- 
lichen Schriften. 

Berlin. F. Liebermann. 

Zur deutschen Beurteilung englischen Lebens 1770 — 1800 

steuert einiges aus Briefen, auch ungedruckten, bei F. Frensdorff : 'Die Heimat 
Carolinens' [der Frau des Shakespeare-Übersetzers Schlegel]. Der Göttinger 
Professor Michaelis und diese geistvolle Tochter nehmen lebhaften Anteil an 
Englands Literatur und dem Amerikanischen Kriege, trotz Göttingens Anglo- 
manie nicht ohne Kritik gegen den Stolz und das Erziehungswesen der 
Briten; Nordamerikas Abfall wurde vorausgeahnt. Zeitschr. des Hist. Vereins 
für Niedersachsen 85 (1920), 32. 51 ff. 70. 

Berlin. - F. Liebermann. 

Phonetische Umschrift in englischen Schulbüchern. 

Fehler passieren jedem; aber wenn in Schulbüchern zu arge und viele 
Fehler einreißen, so fordert die Sache der Lehrer und der Lernenden, daß 
man an einem besonders auffälligen Beispiel eine Warnung aufstellt. Vor 
mir liegt ein Heft 132 B einer wohlbekannten großen Sammlung; es ist der 
Anhang zu einem vielgelesenen Büchlein, 'The counties of England by Char- 
lotte M. Mason'. Der Name des deutschen Herausgebers steht breit auf dem 
Titelblatt und ist mit 'Prof. Dr.' geschmückt. Da möchte man für die phonetische 
Umschrift der Eigennamen, wie der Anhang sie bringt, doch leidliche Ver- 
läßlichkeit erwarten. Es begegnen aber auf einem Dutzend kleiner Seiten 
folgende Fehlangaben: 'regnaz für Agnes, lies [se'gnis]; 'East An'glian 
Heights', 1. [Ea'st Änglian He'ights]; 'eUzbara' f. Aylesbury, 1. [e'^lzbori]; 
'baonzla' f. Barnsley, 1. ['ba'anzli]; 'bö'akla' f. Berkeley, 1. [ba'akli] oder 
[baa'kli]; 'bra'itan' f. Brighton, 1. [bra'itnj; 'bä'anla' f. Burnley, 1. [baa'nli]; 



Kleinere Mitteilungen 237 

'ber'a' f. Bury, 1. [be'ri]; 'kael'as f. Calais, 1. [kae'lis]; 'kaen'tabera' f. Canter- 
bury, 1. [ — ri]; 'töel'sa' f. Chelsea, 1. [tse'lsi] und so ' — a' statt [ — i] noch in 
zahlreichen anderen Fällen; 'tsiv'iats' f. Cheviots, 1. wenigstens für gewöhn- 
lich [tse'viats]; 'kok'ot' f. Coquet, 1. [ko'kit]; [irigi— ' f. England, 1. [i'n,!— ]; 
'i'vzhom' f. Evesham, 1. [i'vzam], jedenfalls ohne h; 'ma'albaro' f. Marl- 
borough, 1, wenigstens für gewöhnlich [mo'albai-aj ; 'njnkä'sl' f. Newcastle, 
1. [njü'ka'sl]; ganz ähnlich 'njühe'ivn', 1. [njü'he'ivn]; njri'mäkat' 1. [njri'mä'kit]; 
'njiVnham' f. Newnham, 1. [njn'nam]; 'nor'adz' f. Norwich, 1. [no'rits]; 'psel'as- 
tain' f, Palestine, 1. [pa^'li— ]; 'falip'a', 1 [fi— ]; natürlich ist auch 'a' statt [i] 
angesetzt in Raleigh, Ramsey, Southey und Wolsey. Ferner se'ikspia' 
Quantität?; 'so'"ram' f. Shoreham, 1. [so'i-am]; 'sas'aks' f. Sussex, 1. [sa'siks]; 
,9" in Swirral, 1. [i']. Dazu kommen zahlreiche Wörter, deren Aussprache 
zweifelhaft sein kann, ohne daß dem Schüler irgendein Anhaltspunkt geboten 
wird. Wie soll der Arme erraten, daß der Tonvokal lang ist in Avon, 
Balliol, Cambridge, China, David, Egypt, Ely, Eton, Greta, Hastings, Jesus, 
Mary, Peter, Rydal, Stapleford, Tudor, Woburn, aber kurz in Arun, Chatham, 
Coniston, Covent, Devon, Harold, Paris, Robin, Sevem, Witham u. a.? Es hat 
doch keinen Sinn, dem Schüler für einen Einzelautor ein Einzelverzeichnis 
von Namenaussprachen in die Hand zu geben, wenn dies so lückenhaft ist, 
anstatt eines der billigen Aussprachbücher (Tanger, Schröer) für englische 
Namen überhaupt. Wird femer der gewöhnliche Schüler ohne Anweisung 
erraten, daß er zu sprechen hat als [a] in Covent Garden und Monk Wear- 
mouth, daß t stumm ist in Bristol, daß Albert als [fe'lbot] und Alfred als 
[ael'frid] zu sprechen sind und nicht mit einem [5] oder [a'a], wie in 'bald' 
oder in 'half? Wie soll er ohne Hilfe herausfinden, daß sh in Penshurst 
nicht [sj lautet, sondern [3 + h]? Wenn wir uns nicht die Wissenschaft 
erbarmen lassen, so doch den fleißigen Jungen, der da bei der Vorbereitung 
sitzt und, in berechtigte Zweifel geraten, durch Vergleiche und Analogien 
nach der richtigen Aussprache fahndet und bei der Verzwicktheit englischer 
Namenbehandlung trotzdem leicht fehlgreift, oft zu dauerndem Schaden für 
die halbe Klasse, die die Fehlaussprache übernimmt. Mit Absicht vermeide 
ich es, den Verleger oder den Herausgeber zu nennen; nicht um jemandem 
zu schaden, habe ich zur Feder gegriffen, sondern um dem Unterrichte zu 
nützen. Die beste Wissenschaft ist für die Schule gerade gut genug. 

Berlin. A. Brandl. 

Englischer Kriegsgrund. Ein Geständnis in Versen. 

Germ an Toys. 

0, gather round, my children dear, 

Good little girls and boys. 
Will you your Christmas playtime cheer 
With German toys? 

How could you greet them with a smile, 

When they were made for you 
By hands that, using weapons vile, 
Your fathers slew? 

Let 'British toys!' your motto be, 
Dear baims, this Christmastide, 



23S ^ Kleinere Mitteilungen 

Remember 'twas on land and sea 
From Hunniah goods your homes to free 
Your fathers died. 

Aus der Londoner Wochenschrift 'Referee', 28. Nov. 1920. 

Zum englischen Studium. 

Für die humanistische Bildung unserer Schulen, soweit sie sich vorherr- 
schend mit den alten Sprachen beschäftigt, habe ich nur wenig Verständnis. 
Der praktische Nutzen für das Leben bleibt mir unklar. Als Mittel zum 
Zweck betrachtet, nehmen meiner Meinung nach die toten Sprachen im 
Lehrplan viel zu viel Zeit und Kraft in Anspruch, und als Sonderstudium 
gehören sie in spätere Lebensjahre. Ich wünschte, auf die Gefahr hin, für 
einen Böotier gehalten zu werden, daß in solchen Schulen auf Kosten von 
Latein und Griechisch die lebenden Sprachen, neuere Geschichte, Deutsch, 
Geograpliie und Turnen mehr in den Vordergrund gestellt würden. Muß 
denn das, was im dunklen Mittelalter das einzige war, au welches sich die 
Bildung anklammern konnte, wirklich auch noch in heutigen Tagen in 
erster Linie stehen? Haben wir uns nicht seitdem in harten Kämpfen und 
schwerer Arbeit eine eigene Geschichte, eine eigene Literatur und Kunst ge- 
schaffen? Bedürfen wir nicht, um im Weltverkehr unsere Stellung richtig 
einnehmen zu können, weit mehr der lebenden als der toten Sprachen? 

Aus dem eben Gesagten soll keine Mißachtung des Altertums an sich her 
ausklingen. Dessen Geschichte hat im Gegenteil von früher Jugend an aui' 
mich eine große Anziehungskraft ausgeübt. Vornehmlich war es die dei 
Römer, welche mich fesselte. Sie hatte für mich etwas Gewaltiges, fast Dä- 
monisches, ein Eindruck, der mir in späteren Lebensjahren bei dem Besuche 
Roms besonders lebhaft vor Augen trat und sich unter anderem darin 
äußerte, daß mich dort die Denkmäler der alten ewigen Stadt mehr an- 
zogen als die Schöpfungen italienischer Renaissance. 

Roms kluges Erkennen der Vorzüge und Mängel völkischer Eigentüm- 
lichkeiten, seine rücksichtslose Selbstsucht, die im eigenen Interesse kein 
Mittel Freund und Feind gegenüber verschmähte, seine geschickt auf- 
gemachte tugendhafte Entrüstung, wenn die Feinde einmal mit Gleichem 
vergalten, sein Ausspielen aller Leidenschaften und Schwächen innerhalb 
der feindlichen Völker, wie es in so kluger Weise ganz besonders den ger- 
manischen Stämmen gegenüber angewendet wurde und hier mehr nutzte als 
Waffengebrauch, fand nach meinen späteren Erfahrungen sein Spiegelbild 
und seine Vervollkommnung in der britischen Staatsweisheit, der es ge 
lang, all diese Seiten diplomatischer Kunst bis zur höchsten Verfeinerung 
und Welttäuschung auszubauen. 

Feldm. v. H i n d e n b u r g. 
('Aus meinem Leben' S. 9 — 10; Leipzig, Hirzel, 1920.) 

Zur Bibliographie des Voyages en Espagne,^ 

IV. 

1678. A. Ebert. Zu F.-D. Nr. 112B: Die Reisebeschreibung umfaßt nicht 
die neun Orte Barcelona, Granada, Madrid, Malaga, Alicante, Cartagena, Zara- 

1 Vgl. Archiv Bd. 133 S. 413, Bd. 134 S. 143 und Bd. 135 S. 175. 



Kleinere Mitteilungen 239 

goza, Salaraanca, Valladolid ; Ebert kam vielmehr nur zu Schiff bis Barcelona 
und kehrte von dort au8 über Perpignan nach Frankreich zurück. Da er, 
wie er S. 274 selbst erwähnt, die Reise im Alter von 22 Jahren machte und 
(nach Jöcher, Gelehrfpnlexikon II, 264) im Jahre 1656 geboren war, muß die- 
selbe in das Jahr 1678 fallen. Nach Jocher brachte er von dieser Reise ver- 
schiedene in hoher Schreibart abgefaßte spanische und franTiösische Bücher 
mit xurück, die er übersetzen uollte, xum Theil auch übersetzet und der kgl. 
Bibliothek xu Berlin viel große Bände geschenket hat, darein er gedachte Über- 
setzungen geschrieben. Gedruckt scheint davon auf jeden Fall nur ein latei- 
nischer Exzerpt aus Sandoval und Cabrera de Cordoba zu sein, der 1715 zu 
Mailand unter dem Titel Historia captivitatis Francisci I. necnon vita Caroli V 
Imperatoris in monasterio etc. erschien. 

1689—93. Sparwenfeldt. Fl, S.194 und F 2, S. 602 bedürfen erheb- 
licher Ergänzung, Der am 17. Juli 1655 geborene und am 2. Juni 1727 ge- 
storbene schwedische Diplomat, Sprachforscher und Bibliophile Johann Gabriel 
Sparwenfeldt war zu Beginn des Jahres 1689 von König Karl XL auf eine 
Forschungsreise nach Denkmälern und Dokumenten gotischer Herkunft ge- 
schickt worden. Sie sollte er in möglichst reicher Ausbeute, wenn nicht im 
Original, so doch in Abschriften mit nach Hause bringen. Hierher gehört 
nun, was er dabei in Spanien sah und darüber berichtete. Über Bordeaux 
und Bayonne kommend, betrat er im Spätherbst 1689 in San Sebastian spa- 
nischen Boden und reiste zunächst über Vitoria und Burgos nach Madrid. 
Nach Überreichung seiner Empfehlungs- und Beglaubigungsschreiben bei 
Hofe erhielt er zwei amtliche Geleitspersonen zugewiesen, damit er zu allen 
Archiven und Bibliotheken ungehindert Zutritt habe. Nach vierzehntägigem 
Aufenthalt in Toledo, wo er sich der besonderen Unterstützung durch den 
Kardinal-Erzbischof Porto Carrero erfreute, ging er nach dem Escorial und 
von hier nach den Archiven von Simancas. Am 4. Mai 1689 durfte er in 
Valladolid der Hochzeit des Königs anwohnen und lernte bei dieser Gelegen- 
heit den Pnink spanischer Sitten und Gebräuche von einer ganz besonderen 
Seite kennen. Nach Madrid zurückgekehrt, gelang es ihm, aus der Bibliothek 
des ehemaligen Vizekönigs von Neapel, Marques del Carpio, die dem Verkauf 
unterstellt wurde, zahlreiche Bücher und Handschriften zu erstehen. Von 
Madrid aus führte ihn sem Weg nach Alcalä de Henares und Zaragoza. In 
der letzteren Stadt wurde er auch mit Diego Jose Donner, dem aragonesi- 
schen Archivdirektor und Hofhistoriographen, bekannt und erwarb aus der 
berühmten Lastanosa- Bibliothek verschiedene Drucke und Ck)dices. Nach 
einem längeren Aufenthalt in Rom, wohin er sich über Barcelona, Südfrank- 
reich und Oberitalien begeben hatte, kehrte er 1693 Avieder nach Madrid 
zurück, das er im August desselben Jahres endgültig verließ. Am 20. Mai 
1694 traf er wieder in Stockholm ein und durt'te dem König in dessen Sommer- 
residenz in Kungsor ausführlich über seine Reisen berichten. Am 5. April 
1697 zerstörte ein Brand das königl. Schloß der schwedischen Hauptstadt, 
wobei die sämtlichen von Sparwenfeldt auf seinen Reisen für den König ge- 
sammelten Dokumente zugrunde gingen. Vermutlich verbrannte dabei auch 
des Gelehrten ausführliches Tagebuch seiner Spanienreise, von dem öfters in 
seinen Briefen die Rede ist. Einigermaßen Ersatz für das Verlorene bietet 
lediglich ein ausführiicher Bericht Sparwenfeldts an den König, datiert Madrid, 
8. März 1690, in schwedischer Sprache abgefaßt und nach dem handschrift- 
lichen Original gedruckt in der Sparwenfeldt - Biographie vou J. H. Schrö- 



240 Kleinere Mitteilungen 

der*. Sparwenfeldts Name ist auch eng verknüpft mit der Geschichte der 
öffentlichen Bibliotheken in Stockholm und Upsala, denen er bedeutende Schen- 
kungen an alten (insbesondere spanischen) Büchern und Handschriften machte. 
In der Gelehrtengeschichte des beginnenden 18. Jahrhunderts ist sein Name 
von internationaler Bedeutung, und es wäre eine lohnende Aufgabe, die 
Gesamtheit seines Wirkens zu einem literarischen Porträt zusammenzufassen. 
An Quellenmaterial käme hierfür außer den bereits genannten Werken noch 
folgendes in Betracht: G. Peringer Liljeblad, Edoga sive catalogus librorum etc. 
quibus R. Bibliothecmn Stoekhobnensem adauxit J. O. Sparivenfeldt. Stockholm 
1706. Catalogus Centuriae librorum etc. qua bibl. Acad. Upsal. auxit etc. 
J. G. Sparivenfeldt. Upsala 1706. Acta literaria Sueciae 1722, S. 271. G. Wal- 
lin, Parentalia in Obitmn J. O. Sparivenfeldii. Stockholm 1730. Olav 0. Cel- 
sius, Bibl. Upsal. Historia. ' Upsala 1745. Änotiymi in Bibl. Ups. Hist. Strie- 
turae. Upsala 1746. Arckenholtz, Memoires concernant Christine reine de 
Suede, Bd. I, Amsterdam 1751, S. 337. Liden, Repertorium Benzelianum, 
Stockholm 1791. J. G. Sandberg, Galerie des Savants et des artistes celebres 
en Suede. Stockholm 1842. Mit einem vorzüglichen Bildnis Sparwenfeldts. 
H. Wieseigren, LeibniK, bref tili Sparwenfeldt. Stockholm 1883. E. Bodemann, 
Brieficechsel des G.W. Leibnix. Hannover 1889. S. 295 — 301 Beschreibung 
der Korrespondenz zwischen Sparwenfeldt und Leibniz. P. Högberg, Manu- 
scrits espagnols dans les bibliotheques siiedoises, in Revue Hispanique Bd. 36 
(1916) S. 377-474. 

1693. In diesem Jahre sandte Kurfürst Maximilian Emanuel von Bayern 
aus Anlaß der Geburt eines Prinzen den Charles Louis Antoine de Chimay 
in einer Sondermission an König Karl von Spanien. Zwei ausführliche Be- 
richte in Briefform über diese Reise befinden sich handschriftlich im baye- 
rischen Staatsarchiv und wurden als coutenant sur la eour de Madrid certains 
details qui ne laissent pas d'etre curieux, von Gachard in seiner Broschüre 
Visite aux archives et ä la bibliotheque royale de Munich, Brüssel 1864, 
S. 45 ff. veröffentlicht. 

1708. Relation von Ihrer Catholischen Majestät I Elisabefha Christina I 
Königin in Spanien I Abfahrt von Genua I und Anlandung xu Matara I irie 
auch von Dero Einzug in Barcellona. Anno 1708. 4 Bl. in -4°. Ohne Angabe 
von Ort und Drucker. Unsicher, ob Originalbericht oder Übersetzung. Folgende 
Stellen sind daraus von besonderem Interesse: Den 25. dito^, als am Tag 
des hl. Apostels Jacobi I des Königreichs Spaniens großen Schutzpatrons i sähe 
man früh die Catalonische Küste > und um Mittag Zeit käme matt nächst 
Mataro an I einer drei Meil von Barcellona gelegenen Stadt . . . Allda bescJiahe 
der Einzug nachfolgender Gestalten: Erstlichen ivurden drei Riesenbildnussen 
von einigen darunter vo'deckten Leuten vorgetragen; sodann Zweytens I vieles 
Volck I und nachdeme Drittens I Ihrer Majestät I der Königin l Bediente xu 
Fuß folgten ; nächst diesen ließeji sich I Vierdtens / der gemeinen Stadt Pfeifer 
und Posaunisten hören; dann kamen Fihifftens I die Königl. Kammer-Herren I 
sammt denen Königlichen Edelknaben I alle xu Fuß; sofort waren zu sehen/ 

^ Itinera et labores Joh. Gabriel Sparivenfeldii celebris antiquitatum gothi- 
carum investigatoris ex autographis illustrata a Mag. Joh. Henr. Schröder. Das 
Ganze in Sylloge Selectiorum Dissertationum ab anno 1830 in Academia 
Upsaliensi editarum, Fasciculus 1. Upsaliae 1830. 4". Der Bericht steht 
auf S. 14—22. 

2 Gemeint ist der 25. Juli 1708. 



Kleinere Mitteilungen 241 

Sechstens etliche paar kleiner Mägdlein I die in Silbertock schön gekleidet I 
und mit ihren fliegenden xiiruck gebundenen Haaren artlirh gexieret gewesen. 
Siebendens I Tliro Majestät I die Königin I in einem Tragsessel, über welchen 
ein mit Gold und Silber gestückter Himmel genesen I den der Herr Burger- 
meister I in langer rother Kleidung I mit einem klein gefältleten Krösel um 
den Hals I sammt andern auf eben diese Art gekleideten Raths-Herren I ge- 
tragen ; \ur Lincken des Sessels gienge der Herr Graf von Cordana I als 
Obrist-Hofmeister. Achtens folgte Ihro Catholischen Majestät l des Königs I 
Leibwagen I mit 6 Pferden I und drey andere Hof -Wägen; darinnen das 
Königliche Frauenximmer gesessen; die Cammer-Dienerinnen I sammt anderen 
Frauen I musten xu Fuß von dem Ufer deß Meers biß ins Königl. Quartier 
gehen; iveilen in solcher Zeit nicht genügsame Wagen und anderes von Bar- 
cellona hatte können beygebracht tverden. Letxtlichen machte diesen Einzug 
so viel ansehnlicher indeme selben die Burgerschafft mit ihrem Gewehr xu 
beeden Seithen begleitet. . . . Den 1. Angusti. nach verrichteter Andacht l und 
genossenem Mittagmahl erhüben sich Hiro Majestät die Königin I gegen Bar- 
cellona l vor welcher Hauptstadt eine Viertl-Meilwegs selbe von Ihro Catho- 
lischen Majestät bey einem köstlichen Zeit I so von Ihro Portugesischen Maje- 
stät verehret icorden I in Beyseyn und Bedienung aller Stände deß Lands und 
der Stadt / denen IJiro Majestät auch iviederum Audientx ertheilet I auf das 
bündlichste empfangen I unterdessen auch von denen Stadt-Mauren die Stücke 
gelöset worden. Gegen 6 Uhr wurde der Königliche Einxug angefangen. Vor- 
aus kamen die Doctores von der hiesigen Universität auf Maulthieren ge- 
ritten I in ihreti kleinen Doctor-Mäntlen I von grüner I blauer I gelber und 
weißer Färb I hatten vor sich Sehallmeyen und xtvey Paar Paucken; die 
Paucker saßen auf denen Maulthieren xur Seiten I tvie die Weiber xu Pferd 
sitxen I und schlüge jeder nur auf eine Paucken. Nach einer langen Zeit 
hernach käme xu Pferd die Königliche rothe mit Silber verbrahmte Leib-Wacht I 
vor dero die Paucken und Trompeten schalteten I hernach die Stadt- und 
Landsehafts- Trompeter mit ihren Paucken I auf hieroben bescht'iebene Art; 
nach diesen folgten unterschiedliche Edellenthe xu Pferde I hierauf die Land- 
stände und das Braccio Ecclesiastico, Politico Militare auf tcohl mtoidirten 
Pferden I in Begleitung ihrer Bedienten I so theils in rothen theils grünen 
Kleidern xu Fuß erschienen I und große silberne Scepter getragen; nach diesem 
kamen viel vornehme Cavalliers mit prächtigen Kleidungen I und uohlgexierten 
Pferden I hernach die Königliche Trompeter und Paucker I sofort die König- 
liche Edelknaben xu Pferde I imd dann Ihro Fürstliche Gnadeii von Liechten- 
stein I als Herr Obrist Hofmeister / und andere Grandes I wie auch Kammer- 
herreyi I sodann folgten die Cammer-Laggeyen I Heyducken / Trabanten in 
gelber reich mit Silber gexierten Liverey I tvomit amier e Königliche Bediente 
und die Hartschirer auch gepranget; nach diesem ritten Ihro Catholische 
Majestät in kos/bfthrster Kleidung I so mit Silber durchaus gestückt I unter 
einem mit Gold (/estückten Himmel von den hiesigen Rathsherrn getragen I 
das Pferd ivurde von denen verordneten Rathsherrn an einer roth- seidenen 
langen Schnur beederseits geführet I und andere fünff Verordnete I so in langen 
rothen Röcken gangen I hatten vor der Brust die Königliche große Wappen 
mit Gold gestückt; auf Biro Catholische Majestät folgeten gleich Riro Majestät 
die Königin I sitxend in einem künstlich -geschnitxten und von außen rer- 
goldten l von innen aber jnit Gold reichlich gestückten Wagen / der von 8 
weiß-röihlichten Neapolitanischen Pferden gexogen worden I ruckwerts saßen 



242 Kleinere Mitteilungen 

bey Diro Majestät Bero Obrist-Hofmeisterin I die Frau Oräfin von Oettingen I 
und nach dem Wagen ritte der Herr Oraf von Cordona I Königlicher Obrist- 
Hofmeister I dann machten den Schluß die Königliche Hartschirer mit Fauchen 
und, Trompeten I und 6 Hof- Wägen /jeder mit 6 Fferden bespannet I darinnen 
das Königliche Frauenximmer geführet wurde I Beederseits Oassen I durch 
welche der Einzug geschähe I waren mit schönen Tapexereyen behenget I und 
stunden daselbsten 4000 gewaffnete Bürger I jede Compagnie in gleichfarbigen 
Kleidern I alles Volck rüffe unablässig : Es lebe der König und Die Königin! 
Auch wurden Die Stück immer um die Stadt gelöset I die Fretide war dessent- 
wegen noch vermehret worden I weil eben diesen Tag die glückliche Zeitung 
von dem von denen Alliirten über die Frantxosen den 11. Julii erhaltenen 
großen Sieg bey Oudcnard in Flandern eingeloffen. . . . 

1799 — 1801. Wilhelm- von Humboldts Tagebücher, herausgegeben van Albert 
Leitxmann, 2. Band, Berlin 1918 {= Band 15 der Oesammelten Schriften, 
herausgegeben von der preuß. Akademie der Wissenschaften). Enthält S. 47 — 355: 
Tagebuch der Reise nach Spanien 1799 — 1800. S. 356— 450: Tagebuch der 
baskischen Reise 1801. Besonderen Wert verleiht diesen Tagebüchern die 
Gewohnheit des Verfassers, alle bedeutenderen Persönlichkeiten des zeit- 
genössischen Spanien, mit denen er in Verkehr trat, nach den körperlichen 
und geistigen Eindrücken, die er von ihnen hatte, zu beschreiben. Der statt- 
liche Band bildet eine willkommene Ergänzung zu Farinellis bekannter Hum- 
boldt-Studie, i 

1819. H.West, Skildring af de moerkroerdigste ham paa Rejser i Vest- 
indien og Europa tnodte Begivenheder. Gedruckt in Nyerup's Magaxin for 
Rejseiagttagelser, Kopenhagen 1820 ff. Bd. 1, S. 128— 187; Bd. 2, S. 1— 99. 
Davon umfaßt der auf Spanien bezügliche Teil Bd. 2, S. 37—99. 

Um 1835. Mariano Jose de Larra, Impresiones de un viaje. Ultima 
qjeada sobre Extremadura. Despedida a la patria. Zuerst gedruckt in Revista 
espanola 183.5, Nr. 82 vom 22. Mai, dann abermals in Bd. 2, S. 47—52 der 
Sammlung Figaro, Coleccion de articulos publicados en varios periödicos de 
Espana por D. Mariano Jose de Lara, Valparaiso 1842. Die Reise geht 
von Alanje bei Merida über Bardajoz nach der Grenze. 

1841. Luis Usoz del Rio, Impresiones de un viaje por Inglaterra, Por- 
tugal y Espana 1841. Handschriftlich im Besitze von Pio Baroja. Vgl. dessen 
Boras solitarias, Madrid 1918, S. 179/80: El buen cndquero se muestra a cada 
paso indignado con el abandono y la suciedad de los portugueses y de los 
espanoles, y con la influencia de los frailes. Usoz del Rio war spanischer 
Protestant und lebte in London. Er ist der Herausgeber des zotenhaften 

^ Als Farinelli im Jahre 1898 seine ebenso umfangreiche wie gründliche 
Studie über Ouillaume de Humboldt et l'Espagne veröffentlichte {Revue his- 
panique Bd. 5), geschah es unter bedauerndem Verzicht auf dessen ausführ- 
liche Tagebücher über seine Spanienreise, die damals noch als verloren galten. 
Gleich darauf stellte auch Leitzmann in einer Rezension des Werkes von 
Farinelli {Euphorion VI, 172) ausdrücklich fest, die Hauptquelle für Hum- 
boldts erste spanische Reise sei ihm (Farinelli) allerdings unzugänglich ge- 
blieben; das genaue Tagebuch habe sich in Humboldts Nachlaß unversehrt 
erhalten und werde von ihm (Leitzmann) zur Herausgabe vorbereitet. Wie 
stimmt nun das zu der Antwort, die Farinelli hierauf in Revista de archivos, 
3a epoea, Bd. 6 (1902) S. 126, gibt? Aus ihr geht nämlich hervor, daß sich 
der letztere bei Abfassung seiner Studie vergeblich mit einer auf die Tage- 
bücher bezüglichen Anfrage an Leitzmann gewendet hatte! 



Kleinere Mitteilungen 243 

Cancionero de ohras de hurlas provocantes a rxsa. Valencia 1519, dessen Neu- 
druck (London 1841) er nach dem einzig bekannten Exemplar des British 
Museum besorgte. Eine Variante seines Namens ist Luis de Usoz j^ Rio. 

München. Ludwig Pfandl. 

Die Frau des Trobadors Oaucelm Faidit. 

In der vida des Gaucelm Faidit (Chubanean, Biogr., S. 36) und in einer 
Strophe des Elias d'Uisel (Carstens, Die Tenzonen der Uisels Nr. 16) wird 
Gaucelms Frau Guilhelma Monja eine soudadeira genannt. Diez, L. 
u. W.2 293, Raynouard, Lex. 5,250, Sund andere entnehmen diesen Stellen, 
daß Guilhelma eine 'öffentliche Dirne', eine fille de joie gewesen sei. Be- 
stärkt wird Diez in seiner Auffassung noch durch die 6. Strophe des Spott- 
gedichtes des Mönchs von Montaudon auf seine Kunstgenossen, in der 
es von Gaucelm Faidit heißt que de drut s'es tornatx maritx de leis que 
{que-l, mit R) sol anar seguen (Klein 1, 32). Nimmt man hier selbst drut im 
Sinne der Sti-. XV des in den 'Dichtungen der Trobadors' unter Nr. 4 edierten 
Liebesbriefes, so war Guilhelma schlimmsten Falles vor ihrer Verheiratung 
mit Gaucelm dessen Geliebte, aber ebensowenig wie manche Dame, die 
ihren Trobador 'erhört' hatte, eine feile Dirne. Indes ist die Satire des 
Mönchs, die auf nicht begründetem Argwohn oder absichtlichen Übertreibun- 
gen beruht, wie schon Philippson S. 70/1 seiner Ausgabe gegenüber Diez 
zeigt, keineswegs ernst zu nehmen, so daß jene Äußerung für Guilhelmas 
Beurteilung überhaupt nicht ins Gewicht fällt. Nun gibt der Donat proensal 
61b, 6 (Levj^, Sw. 7, 778b) dem Worte soudadeira, dem Fem. von soudadier, 
die Bedeutung 'muller accipiens solidum', 'Frau, die Lohn erhält', und auch 
BGr. 124, 2 (ed. Appel, BVent. S. 315), wo soudadeira von Daude de 
Pradas v. 17 u. 51 verwendet wird und v. 51 das Adj. pro bei sich hat, 
wird das Wort nicht in dem üblen Sinne Raynouards zu verstehen sein, 
sondern in dem allgemeinen des Donat. So geht für mich denn aus den 
beiden Stellen, an denen Guilhelma mit soudadeira bezeichnet wird, ledig- 
lich hervor, daß sie keine domna, keine Edeldame, war, sondern eine jogla- 
ressa, eine fahrende Sängerin, Avie es deren \iele gab.^ Elias d'üisel 
dürfte nämlich in seinem Abwehr gedieht, avo er den Dichter und seine 
Guilhelma ironisch ein 'treffliches Pärchen' und Gaucelm, der doch ein be- 
deutender Trobador war, verächtlich emen joglar, einen Spielmann, nennt, 
mit der Bezeichnung seiner Frau als soudadeira nichts anderes gemeint haben, 
als daß sie ein Spielweib sei. Die gewiß durch die Strophen des Elias 
und des Gaucelm selbst beeinflußte vida - teilt mit, daß Gaucelm sang pieitx 
d'ome del mon und daß Guilhelma an den Höfen seine Lieder vortrug, wo- 
für natürlich auch sie 'Lohn' erhalten haben wird. Wenn da aber von der 
soudadeira weiter berichtet wird Fo7t fo bella et ensenhada und wenn auch 
ihre Heimat angegeben wird, so schließe ich aus diesen beiden Zusätzen, 
abweichend von Diez, daß der Biograph Guilhelma als eine '(sehr) gebil- 
dete' oder gar 'gesittete' Frau hinstellen wollte, die seiner Meinung nach 
verdiente, daß man auch von ihrem Geburtsort Näheres erfahre. Von Gau- 

1 Vgl. Alwin Schultz, Höf. Leben I, 573 und Keller, Fadet joglar 
S. 61, 14. 

* Von der Korpulenz Gaucelms ist die Rede bei Carsten» Nr. 13, v. 5 
und 10 und Nr. 14, v. 6 ff. 



244 Kleinere Mitteilungen 

celm als dem Manne einer Prostituierten hätte sich eine Maria de Vcnta- 
dorn wohl kaum jahrelang huldigen lassen; im Gegenteil würde sie sich 
den Besuch eines solchen Paares sicherlich ein für allemal verbeten haben. 

Nach alledem wird man fortan von Gaucelras Frau mit gutem Fuge nur 
sagen können, sie sei eine femme ä gages gewesen, nicht aber eine femme 
qui faisait payer ses faveurs. 

Berlin. Adolf Kolsen. 

ProT. pereze^a» 

Levy, S.-W. VI, 243 bemerkt unter 'pereza': 'auch statt des von R. IV, 
538 n. 8 angeführten perexexa (V. et Vert; ich kann die Stelle nicht nach- 
prüfen) ist doch wohl sicher percxa einzuseten'. Dabei hat er übersehen, 
daß diese Wortform mehrfach im 'Breviari d'amor' begegnet, ohne daß frei- 
lich Azais sie im Glossar dazu aufführt, nämlich V. 14042, 14046, 17050, 
17063, 17079, 18671, 18702. Die Existenz von perexexa ist mithin keinen 
Augenblick zweifelhaft. Wie erklärt sich das Wort? Da von perexa < 
pigritia naturgemäß keine Weiterbildung mit -exa stattgefunden haben kann, 
BO muß eine Analogieschöpfung vorliegen, und zwar werden deren Aus- 
gangspunkt solche Substantiva gewesen sein, die von lat. Adjektiven .auf 
-idus hergeleitet sind, wie cobexexa < *cupiditia, tebexexa < *tepiditia, rege- 
xexa (belegt regeexa) < *r?giditia, orrexexa < *horriditia, Bildungen, bei «f 
denen sich ja die Erhaltung des nachnebentonigen Vokals durch das Da- \ 
nebenstehen der Adjektivformen tebe, -exa usw. erklärt. Besonders dürfte 
cobexexa im Spiel sein, das sehr viel häufiger vorkommt, als es nach den 
zwei im Lex. rom. gebotenen Belegen scheinen könnte, so z. B. noch Mar- 
cabru XII bis, 18, B. de Bomi 31, 38, D. de Pradas, 4 card. virt. V. 767, 
784 (cobedexa), At de Mons II, 1012, Appel, Chr. 112, 64 u. 116, und von 
dem noch ein Adjektiv cobexexos (cobedexos) gewonnen ist (Levy, S.-W. I, 
269); letzteres fehlt mit verschiedenen anderen in der Liste der Adjektiva 
auf -OS bei Adams, Word-formation S. 324. 

Außer perexexa haben wir noch ein auf gleicher Linie stehendes Wort, 
peguexexa, das Levy, S.-W. VI, 117 zu ängstlich mit einem Fragezeichen ver- 
sieht. Es ist offenbar ebenso auf analogischem Wege neben peguexa er- 
wachsen wie 2>e^e;^e*a neben perexa. 

Jena. 0, Schultz-Gora. 



Sitzungen der Berliner Gesellschaft 

für das Studium der neueren Sprachen. 

Sitzung vom 13. Januar 1920. 

Herr Ludwig spricht über den Zufall in der erzählenden Dichtum/. Da 
das menschliche Leben in weitem Umfange von dem Zufall (der Kreuzung 
zweier oder mehrerer Ursachenketten) bestimmt ist, so hat der Zufall auch 
in der erzählenden Dichtung als einer Abspiegelung des Lebens seinen Platz. 
Während fieilich das Leben ganz gleichgültige, weil folgenlose Zufälle kennt, 
wird die Dichtung nur den irgendwie bedeutsamen Zufall verwunden. Die 
Frage ist nun, an welcher Stelle des Handlungsverlaufs und in welchem Um- 
fange der Zufall vom Dichter nutzbar gemacht wird; unter diesem Gesichts- 
punkte mustert der Vortragende die verschiedenen Formen der Epik von 
Homer bis auf unsere Tage. Der Vortrag erscheint im Literarischen Echo. 

Der Vorsitzende gibt ein Bild von dem Leben und Wirken des Geh. 
Studienrats Prof. Dr. Wilh. Mangold, der am 14. Dezember verstarb. Man- 
gold, am 16. Dezember 1848 zu Darmstadt geboren, war der Sohn des dor- 
tigen Musikdirektors, erhielt seine Bildung auf dem Gymnasium seiner Vater- 
stadt, nachdem er mehrere Jahre auf einer Privatschule und dem Schmitz- 
Ristert-Sellschcn Institut vorbereitet worden war, und bestand im Herbst 18ö6 
die Reifeprüfung. Die nächsten beiden Jahre widmete er sich dem Studium 
der Musik, da er vom Vater die Begabung dafür geerbt hatte und eine 
herrliche Stimme besaß, verzichtete aber auf die Künstlerlaufbahn und bezog 
1868 die Universität Gießen. Unter Lemcke studierte er neuere Sprachen 
und wurde durch Oncken für die Geschichte Friedrichs des Großen begeistert. 
Den Krieg 1870/71 machte er als Leutnant in der hessischen Division mit 
und war in den Schlachten bei Metz tätig. Im November 1872 bestand er 
die Staatsprüfung als Akzessist des höheren Lehramts und promovierte im 
Dezember desselben Jahres. Nachdem er ein Jahr lang Hauslehrer in 
London gewesen war, legte er Ostern 1874/75 sein Probejahr am Sophien- 
Realgymnasium in Berlin ab, war ein Jahr Hilfslehrer an derselben 
Anstalt und kam 1876 an das Askanische Gymnasium, an dem er 
bis zu seinem Übertritt in den Ruhestand Michaelis 1909 Französisch, Eng- 
lisch, Deutsch, Geschichte und Erdkunde unterrichtete. Gleichzeitig war er 
an zwei Privatschulen für Mädchen tätig. 1888 wurde ihm die Leitung des 
Englischen Seminars für Oberlehrer übertragen, die er bis 1909 behielt. 1889 
trat er von neuem in die Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren 
Sprachen ein, der er von 1874 an einige Jahre hindurch angehört hatte, 
wurde 1904 zum zweiten Vorsitzenden erwählt und ihm, als Tobler 1906 
den Vorsitz niederlegte, als dessen berufenstem Nachfolger, das Amt des 
ersten Vorsitzenden übertragen. Als solcher leitete er die Feier des golde- 
nen Jubiläums der Gesellschaft, legte aber aus Gesundheitsrücksichten 1908 
den Vorsitz nieder. 

Der Vortragende wendet sich dann den wissenschaftlichen Arbeiten Man- 
golds zu, von denen außer zahllosen Besprechungen englischer und fran- 
zösischer Schulbücher 56 Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften oder 
als selbständige Schriften veröffentlicht sind. Er macht auf die Verdienste 
seiner Grammatik der französischen Sprache sowie der Schriften über Moliere 
und der Ausgaben von Stücken dieses Dichters aufmerksam und wendet 
sich dann den späteren Arbeiten über Friedrich den Großen und Voltaire 
zu. Er erinnert besonders an den letzten, im November 1916 in der Gesell- 
schaft gehaltenen Vortrag : Aus Friedrichs d. Gr. Heldendichtung, der die Ge- 



246 Sitzimgen der Berliner Gesellschaft f. d. Stwd. der neueren Sprachen 

dichte der Jahre 1757/60 behandelte und zu vielen Parallelen zu dem da- 
maligen Weltkriege Anlaß gab. Er spricht sein Bedauern aus, daß das im 
Sommer 1914 vollendete Hauptwerk des Verstorbenen: Friedrich d. Gr. in 
seinen Dichtungen, noch nicht gedruckt vorliegt. Der Zusammenbruch des 
Vaterlandes und der Verlust seiner beiden jüngsten Söhne haben den Tod des 
liebenswürdigen Mannes beschleunigt. 

Die Anwesenden erheben sich zu seinem Gedächtnis. 

Herr Wolff unterzieht den Rechtsstreit in Shakespeares Kaufmann von 
Venedig einer juristischen Untersuchimg; der Vortrag erscheint in Weiter- 
manns Monatsheften (März 1921). 

Herr Spies gibt einen Beitrag zu dem Vortrage. 

Sitzung vom 27. Januar 1920. 

Herr Wagner beginnt seinen Vortrag über Die spanische Ependichtung 
im Lichte der neuesten Forschung. 

Herr B ran dl verliest die von ihm und Herrn Fuchs aufgestellten Leit- 
sätxe xur Neuregelung des neusprachlichen Unterrichts. Nach lebhafter De- 
batte, in der die Herren Splettstößer und Theel einige Wünsche vorbringen 
und an der sich die Herren Kuttner, Ludwig, Brandl, Fuchs und Woltmann 
beteiligen, werden die Leitsätze mit gewissen Abänderungen angenommen. 

Thesen zum neusprachlichen Unterricht: 

1. Ist eine Stärkung des deutschen Unterrichts erwünscht a) vom all- 
gemeinen Standpunkt, b) vom Standpunkt des neusprachlichen Unterrichts? 

Die Stundenzahl des Deutschen soll jedenfalls nicht auf Kosten der neu- 
sprachlichen vermehrt werden; denn jede neusprachliche Stunde dient von 
selbst dem Deutschen; im Gegensatz zur fremden Sprache und Literatur wird 
sich der Schüler am besten der heimischen bewußt. 

2. Welche neueren Sprachen sind in den deutschen Schulen zu lehren, 
und welche kommen für die einzelnen Schulen in Betracht? 

Französisch und Englisch als wichtigste Kultursprachen sind heutzutage 
für jeden Gebildeten, daher für jede höhere Schule unentbehrlich. Gegen- 
über der Behauptung, eine höhere Schule könne nicht vier Sprachen sach- 
gerecht lehren, sei auf die Gymnasien der Provinz Hannover und der Hansa- 
Btädte hingewiesen, die seit vielen Jahrzehnten dies mit unbestrittenem Er- 
folge leisten. Abzulehnen ist das sogenannte deutsche Gymnasium, das sich 
mit einer einzigen Sprache begnügen will; es wäre ein Rückschritt zu einer 
überwundenen Enge des Gesichtskreises und könnte bei den heutigen Ver- 
kehrs- und Wirtschaftsverhältnissen gerade unser Volk schwer schädigen. 
Vielmehr ist dafür zu sorgen, daß an unseren höheren Schulen noch andere 
Sprachen (Russisch, Polnisch, Spanisch, Italienisch, Dänisch) als Freifächer | 
dargeboten werden, besonders wo ein Lokal bedürfnis vorliegt. 

3. In welchem Schuljahre soll der Unterricht in der ersten Fremdsprache 
beginnen (unter besonderer Berücksichtigung der Einheitsschulfrage)? 

Bereits im ersten Jahre nach der Grundschule, die wir mit drei oder vier 
Jahren annehmen, sollte die erste Fremdsprache einsetzen, weil sich erfahrungs- 
mäßig die Schüler um so leichter und besser auf das Verstehen und Sprechen 
eines fremden Idioms einstellen, je früher sie damit bekannt gemacht werden. 

4. In welcher Reihenfolge sind die neueren Sprachen in den Lehrplan 
einzusetzen? 

Die neusprachlichen Lehrer selbst möchten über eine Bevorzugung der 
einen oder anderen ihrer Berufssprachen nicht entscheiden, um desto ein- 
trächtiglicher den ihnen gestellten Aufgaben nachzukommen. Sie wünschen 
aber aus pädagogischen und historischen Gründen, daß mit den bisherigen 
Einrichtungen auf keinen Fall etwa schroff gebrochen werde. 



Sitzungen der Berliner Gesellschaft f. d. Stiid. der neueren Sprachen 247 

5. Welches soll das Ziel des neusprachlichen Unterrichts sein a) inner- 
halb des Faches, b) im Rahmen das gesamten Unterrichts? 

a) Ziel des Unterrichts ist Einführung in den fremden Kulturkreis. Dazu 
ist zunächst erforderlich, die lebende Sprache auf wissenschaftlicher Grund- 
lage so zu lehren, daß mündliche Rede verstanden und Bücher fließend ge- 
lesen werden können; hiezu möge der Lehrer die fremde Sprache nach 
Möglichkeit anwenden. Dann ist aber auch im weiteren Umfang notwendig 
eine Oiientierung in Literatur, Geschichte und dem geistigen Leben des be- 
treffenden Landes überhaupt, in Einiiclitungen, Sitten, Geographie, Wirt- 
schaft, kurz in den sog. Realien. Durch solche Rücksichtnahme auf die 
Kulturdinge soll sich eben der staatliche Unterricht an unseren höheren 
Schulen volkserziehlich abheben von irgendeinem privaten Sprachendrill. In 
den Mittelpunkt des Unterrichts hat dabei in den mittleren und oberen 
Klassen die Lektüre zu rücken, die möglichst vielseitig gewählt und als 
Ausgangspunkt für den mannigfachen Unterricht in den Realien genützt werden 
sollte. Die Heranziehung der Sprechmaschine sowie die Vorführung von Film- 
bildern zur Verunschaulichung fremdländischer Dinge ist wünschenswert. 

b) Ln Rahmen des gesamten Unterrichts teilt sich der neusprachliche 
Unterricht mit dem in den alten Sprachen in die Aufgabe der sprachlich- 
logischen Schulung und der sittlich-ästhetischen Bildung, hat auch in hohem 
Maße durch die Vergleichung mit dem Fremden das Verständnis für die 
eigene Kulturentwicklung und den eigenen Volkscharakter zu fördern. Über- 
dies bringt er jedoch eine zur Erweiterung des Gesichtskreises durchaus not- 
wendige Ergänzung der geschichtlichen und geographischen Kenntnisse von 
den europäischen Staaten und den überseeischen Siedlungen. Auch erfährt 
die Stoff- und Stilgeschichte für so wichtige Begriffe wie Gotik, Renaissance, 
Barock, Rokoko, Klassizismus, Romantik, Realismus usw. durch typische 
Vertreter, wie Shakespeare, Moliere, Racine, Rousseau, Walter Scott, B3-ron, 
Dickens, Victor Hugo und andere die hellste Beleuchtung. Auf solche Weise 
sind der Jugend Grundkenntnisse und Aufmerksamkeit beizubringen für 
unsere Nachbarvölker und für die überseeische Welt, unter Vermeidung 
von Ausländerei imd zur Anbahnung eines besseren Urteils über uns selber. 

Angenommen in der Sitzung der Herrigschen Gesellschaft am 27. Januar 1920. 

Sitzung vom 10. Feh'uar 1920. 

Hen- Gade spricht über den roten Faden in der Geschichte der englischen 
Welt- und Lebensanschauung. 

Auf einen Einwand von selten Herrn Aronsteins, daß neben den ge- 
nannten auch noch andere Denker und Faktoren für die Bildung der eng- 
lischen Weltanschauung von Bedeutung gewesen sind, weist der Vortragende 
auf den noch ausstehenden zweiten Teil seiner Ausführungen hin. 

Herr Wagner setzt seinen Vortrag fort. 

Herr Oberlehrer Holland wird zur Aufnahme vorgeschlagen. 

Sitzung vom 24. Februar 1920. 

Herr Wislicenus (als Gast) trägt über Ein lange übersehenes Shake- 
speare- und Ben- Jonsem- Bild als Dokument für den Londoner Stage Quarret vor. 
Herr Oberlehrer Holland wird in die Gesellschaft aufgenommen. 

Sitzung vom 9. März 1920. 

Herr Gade beendet seinen Vortrag. Derselbe wird in zwei Teilen in 
der Zeitschrift für franxösischen und englischen Unterricht und in den Preuß. 
Jahrbüchern erscheinen. 



248 Sitzungen der Berliner Gesellschaft f, d, Stud. der neueren Sprachen 

Die für den 23. März angesetzte Sitzung mußte infolge der Nachwirkungen 
des Generalstreiks ausfallen. 

Sitzung vom 13. April 1920. 

Herr Rosenberg sprach über Hippolyte Taine. Nachdem der Vortragende 
den Grundgedanken Taines auf Montesquieu und Hegel zurückgeführt hatte, 
ging er dazu über, darzulegen, wie in einzelneu Essays die Theorie in die 
Praxis umgesetzt wird. Beispiele zeigten, wie die hauptsächliche Kraft für 
alle Erscheinungen die Eigenart des Volksstammes oder des Individuums ist, 
und wie diese durch die Zeitverhältnisse oder die Umgebung gefördert wird. 
Die Kritik, die namentlich Guizot gegen die Starrheit der Formeln geäußert 
hat, zu der die Tainesche Methode führt, hat manches Berechtigte. Dagegen 
läßt sich der Vorwurf nicht aufrechterhalten, daß sein Determinismus zur 
Unmoral oder zur Gleichgültigkeit verleite. Was man aber auch gegen die 
Methode sagen möge, sie hat auch noch bis in unsere Generation 
einen gewaltigen Einfluß ausgeübt. Sollten wir uns indes auch einmal von 
ihr abwenden, so werden die Schriften Taines durch andere Vorzüge ihren 
Wert behalten. Der Vortragende sucht dies zu beweisen, indem er die Tiefe 
der Gedanken Taines hervorhebt, wenn dieser sich über das religiöse Gefühl 
und über die wissenschaftliche Begründung der Politik ausspricht, im Gegen- 
satz zu der Rousseauschen Methode, die von dem abstrakten Menschen statt 
von dem wirklichen historischen Menschen ausgeht. Wie Taine gern die 
Wesenseigenschaften der Völker kontrastartig einander gegenüberstellt, so 
gelangt er auch auf diesem Wege in seinen literarischen Aufsätzen zu inter- 
essanten Urteilen und Vorgleichen. Zuletzt wurde sein Verhältnis zur bil- 
denden Kunst besprochen; aus Taines Werken über dieses Gebiet wird jeder 
Leser anregende historische Anschauungen allgemeiner Natur gewinnen, auch 
der psychologisch Interessierte wird reichlichen Nutzen herausziehen. 

Herr Fuchs meint, daß Taine mit seiner Behauptung, sich sein Verständ- 
nis für Kunst erst erarbeitet zu haben, doch sein künstlerisches Empfinden 
unterschätzt habe, und führt dafür mehrere Beweise an. 

Herr Splettstößer fragt nach den Beziehungen Taines zur deutschen 
Philosophie. Der Vortragende geht auf diesen Punkt noch einmal näher ein 
und erwähnt u. a., daß Taine sich ein ganzes Jahr ausschließlich mit Hegel 
beschäftigt habe. 

Herr Tiktin bespricht die verschiedenen Benennungen des Mais im Ru- 
mänischen und weist nach, daß sie sämtlich von der Gestalt des Maiskolbens 
hergenommen sind. Der Vortrag wird in Gräbers Zeilschrift erscheinen. 

Vom Vorstand des Allg. Deutschen Neuphilologen-Verbandes ist die Mit- 
teilung zugegangen, daß angesichts der allgemeinen Lage im Reiche von der 
Pfingsttagung abgesehen werden muß. 

Die Kassenprüfung hat stattgefunden. Dem Kassierer wird Entlastung 
erteilt. 

Sitzung vom 27. Äjwil 1920. 

Herr Aronstein sprach xur Englischen Stilistik. Der Vortrag wird in 
der Zeitschrift für englischen und franxösischen Unterricht erscheinen. In 
der Diskussion bestreitet Herr Herzfeld die angebliche Zerrüttung des Eng- 
lischen durch nordische Einflüsse. Herr Otto weist auf die Vieldeutigkeit 
des Ausdrucks Innere Sprachform und wendet ein, daß das, was der Vor- 
tragende als Stilistik bezeichne, im höheren Sinne Grammatik sei. Herr 
Ludwig gibt ein Beispiel von der Verschiedenheit des englischen und deut- 
schen Stils. Herr Kuttner findet den wesentlichsten Unterschied der Sprachen 
in ihrem musikalischen Aufbau. Der Vortragende vertritt gegenüber diesen 
Ausführungen die Berechtigung seiner Auffassung. 

Herr Dr. Diercks wird zur Aufnahme in die Gesellschaft vorgeschlagen. 



Sitzungen der Berliner Gesellschaft f. d. Stud. der neueren Sprachen 249 

Sitxung vom 11. Mai 1920. 

Herr Herzfeld sprach über Brownings Paracelsus. Er gab zunächst einen 
kurzen Überblick über die dichterische Behandlung der Faustsage vom 
16. Jahrhunden bis zum Erscheinen des ersten Teils von Goethes Gedicht. 
Dieses wurde in England zunächst nicht günstig aufgenommen, es stieß auf 
Widerspruch und mangelndes Verständnis. Erst allmählich änderte sich dies, 
hauptsächlich durch Carlyles schriftstellerische Wirksamkeit. Leider waren 
die ersten Übersetzungen wenig befriedigend, was der Wirkung des Gedichtes 
Abbruch tun mußte. Nun fragt es sich: regte Goethes Faust zur Nach- 
ahmung an? Das erste Werk, das hier in Betracht kommt, war Brownings 
Paracelsus (180ö). Der Vortragende gab dann eine kurze Lebensgeschichte 
des historischen Paracelsus, danach einen Überblick über den Inhalt von 
Brownings Werk. Es wurde die gänzlich undramatische Form sowie der 
Charakter des Helden besprochen, neben dem die wenigen Mitspieler kaum 
in Betracht kommen. Es wurden darauf kurz die Komposition des Gedichts, 
ausführlicher Brownings Stilsünden behandelt, die den Genuß seiner Dichtung 
beeinträchtigen. Schließlich wurde die Frage nach dem Zusammenhange 
zwischen Goethes Faust und Paracelsus untersucht. Man kommt hier zu dem 
Resultat, daß beide Gestalten manche verwandten Züge aufweisen, daß aber 
im wesentlichen Browning sich unabhängig, ja gegensätzlich zu Goethe stellt, 
was vor allem aus ihrem Verhalten den religiösen Problemen gegenüber er- 
hellt. 

Sitxung vom 12. Oktober 1920. 

Herr Spies sprach über Probleme der englischen Sprache im Weltkrieg. 
Der Weltkrieg hat weitaus tieferen Einfluß auf das Englische ausgeübt als 
alle früheren äußeren und inneren Kriege seit der Elisabethzeit, weil er mehi 
und verschiedensprachigeLänder und Individuen in seinen Bereich zog, und 
weil er zugleich in eine Übergangszeit des volkswirtschaftlichen Sj'stems und 
der Weltanschauung fiel Der Vortragende betrachtete: 1. Die Weltgeltmig 
des Englischen (Verhältnis des Englischen zum Keltischen im Vereinigten 
Königreich; Stellung des Englischen innerhalb des Empire; Bedeutung der 
Vereinigten Staaten; das Pidgin- English). — 2. Dialekte und Hochenglisch 
(Einflüsse von Schule und Kirche einerseits, der Industrialisiemng, des Ver- 
kehrswesens und der militärischen Maßnahmen andererseits). — 3. Wandel 
im Charakter des Hochenglischen. Wortschatz und Stil sind am augenfälligsten 
betroffen und verraten einen steigenden Einfluß der Volkssprache, des Fami- 
liären und Vulgären. Die Ursachen liegen teils direkt in den Folgen des 
'mechanischen' Zeitalters, teils indirekt in der ungeschminkteren Behandlung 
sozialer und allgemein-menschlicher Probleme auf der Bühne und im Roman 
gleichwie im Leben. Dazu tritt die verstärkte Einwirkung des 'Jourualese' 
und, zum Teil durch dieses, zum Teil durch den Verbindungstext der Film- 
bilder verbreitet, der des euglischen und amerikanischen Slang. Außerdem 
ist der Wortschatz durch Ncubelebungen, Neubildungen, Neuschöpfungen, 
neue Bedeutungen sowie durch Lehnwörter nach verschiedenen Richtungen 
hin vorübergehend oder dauernd erweitert worden, so daß an wissenschaft- 
liche und praktische Vorarbeiten für den Neuaufbau des englischen Wörter- 
buchs zu denken ist. — Gestreift wurde die SpeUlng reform (Hinzutreten 
des nationalistischen Moments) und Aussprache der Eigennamen, während 
Wortbildung, Namenforschung und Namcngebung wegen vorgerückter Zeit 
nicht mehr erörtert wurden. — Der Vortrag wird in ersveiterter Form im 
Druck erscheinen. 

Durch freundliche Vermittlung von Herrn Geheimrat Braudl ist es der 
Gesellschaft ermöglicht worden, ihre Sitzungen in dem Hörsaal des Engli- 
schen Seminars abzuhalten. 

Zur Aufnahme vorgeschlagen ist Herr Prof. Dr. Wechßler. 

ArchiT f. u. Sprachen. 141. J" 



250 Sitzungen der Berliner Gesellschaft f. d. Stud. der neueren Sprachen 

Sitzung vom 26. Oktober 1920. 

Herr Kolsen spricht xur provenxalischen Literaturgeschichte. Von den 
bei Birch-Hirschfeld, Epische Stoffe S. 38 ff, zusammengestellten Anspielungen 
der Trobadors auf die Tristansage werden drei berichtigt und ergänzt. 1. Bei 
R. d'Aurenga, Gr. 389, 32, bezieht sich auch die 4. und 6. Strophe auf jene 
Sage, die 4. auf den Liebestrank und die 6. auf Isoldes Falschheit gegenüber 
Marke. Das Verlangen des Dichters in der 5. Str. nach einem Hemd, wie 
Tristan eins von Isolde bekam, wird, abweichend von B.-H. (S. 45'), dahin 
gedeutet,^ daß Raimbaut von seiner gleichfalls hochgeborenen Herrin ein kost- 
bares Liebespfaud oder gar die Erweisung der höchsten Gunst ersehnt (vgl. 
dazu A. Schultz, Höf. Leben 1, 604 u. 634). 2. In dem Partimen Gr. 366, 10, 
Str. 5 (MW. 2, 31) lautet Peirols Antwort, die bisher unverständlich war, 
nach O (S. 291) und Q (ß. 21a): Dalfi, rers es que'ill poixos, Que lor det 
teure Brägen La nuoit per deschausitnen, Lo (Tristan) fetx angoissos. Mit- 
hin war es nach Peirols Quelle Nacht, als die Zofe die (nun eher begreif- 
liche) Unvorsichtigkeit beging. 3. Bei P. Cardenal, Gr. 335, 14 wird es 
heißen: E Tristans q'atic no'i ris Q' amet Iseut la blonda. Die Hs. R 
(MG. 1245) hat noiris E amet. Von einem anderen Tristan heißt es in 
Crestiens 'Erec' v. 1713 ebenfalls Tristanx, qui onques ne rist (s. Golther, Trist, 
u. Is. S. 216). 

Sodann beschäftigt sich der Vortragende mit Attributionsfragen. Das 
Klagelied *S* tuit li dol (Gr. 80, 41) gehört nicht Bertran de Born, sondern 
Raimon Vidal, der Planh S'ieu ane chantei (Gr. 10, 48) nicht Aim. de 
Pegulha, sondern Folquet de Romans; die Kanzone Gr. 406,41 Tal chan- 
soneta farai stammt, trotz des Schwankens von Bohs, Ahrils S. 15, sicher 
von R. de Miraval (s. d. Schluß in den Hss. A, Nr. 113, /, MG. 635 und 
a\ Nr. 59). Das Sirventes Türe Make (Gr. 397, 1) rührt von R. de Dur- 
fort her; einen Trobador (n') Audoi (Gr. 36) gab es nicht, während in 
dem 2. Geleit von Gr. 447, 1, Hs. H, Nr. 132 mit Naudoi = (Ar)naudchen 
wohl der junge Arnaut Daniel gemeint ist. Die erste Strophe des Sir- 
venteses Gr. 447, 1 hat Türe Malec gedichtet, das Übrige R. de Durfort. 
Erst nach dem Entstehen von R. de Durforts erstem Gedicht und Türe 
Malecs Strophe hat A. Daniel sein Sirventes Pos en Raimons cn Turcs 
Malecs verfaßt, etwa im Jahre 1160 (s. dazu Canellos Ausg., S. 187), so daß 
er viel früher zu dichten begann, als man bisher annahm. 

Die ausführliche Begründung seiner Attributionen gedenkt Herr 
Kolsen in einer Fachzeitschrift mitzuteilen. 

Herr Fuchs berichtet über den 17. Deutschen Neuphilologentag, der 
vom 4.-6. Oktober in Halle stattfand. Er sprach zuerst über die Vorträge, 
von denen er besonders die von Schultz-Gora über die deutsche Romanistik 
in den letzten zwei Jahrzehuten und von Dibelius über Probleme der eng- 
lischen Herrschaft in den Kolonien hervorhob, und ging dann näher auf die 
Referate ein, die von Max Förster-Leipzig, Voretzsch-Halle und Hanf-Halle 
über die ueuphilologische Wissenschaft und den neusprachlichen Unterricht 
gehalten wurden, und auf die sich an sie anschließende Erörterung über die 
Leitsätze; diese wurden dann in der Form, in der sie angenommen wurden, 
mitgeteilt. Der nächste Neuphilologentag soll zu Pfingsten 1922 in Nürn- 
berg abgehalten werden. 

Herr Prof. Wechßler wird in die Gesellschaft aufgenommen. Zur Auf- 
nahme vorgeschlagen wird Herr Studienrat Schade. 

Sitzung vom 9. November 1920. 

Herr Kuttner spricht über Barbusse Clarte. Der Vortrag wird in den 
Neueren Sprachen erscheinen. , 

Herr Fuchs fragt nach dem gegenwärtigen Stande der Clartß-Bewegung. 



Sitzungen der Berliner Gesellschaft f. d, Stud. der neueren Sprachen 251 

Soweit der Vorti-agende es hat feststellen können, verhält sich das auf der 
Hochflut des Chauvinismus schwimmende Frankreich dieser Bewegung gegen- 
über völlig ablehnend. 

Herr Loramatzsch weist darauf hin, daß schon Victor Hugo die Schöp- 
fung einer Weltrepublik unter Frankreichs Führung angeregt habe. Der Vor- 
tragende liest bezeichnende Stellen aus den Chants rlu Crepuscule und der 
Vorrede zu ihnen vor. 

Auf Vorschlag von Herrn Kolsen wird der alte Vorstand wiedergewählt. 

Herr Schade wird aufgenommen. Zur Aufnahme wird Herr Studienrat 
Krankemann vorgeschlagen. 

Sitxmig vom 23. November 1920. 

Der Vorsitzende gedenkt in ehrenden Worten des verstorbenen Mitglieds 
Herrn Prof. Willy Spatz. 

Herr Wolff spricht über Gundolfs Ooefhe. Der Vortrag wü'd in der 
Internat. Monatsschrift erscheinen. 

HeiT Morf wird einstimmig zum Ehrenmitglied ernannt. Herr Ludwig 
wird ihm im Xamen der Gesellschaft die Ernennung mit folgendem Schreiben 
mitteilen : 

Sehr geehrter Herr Geheimrat I 

Als die Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen ihr goldenes 
Jubiläum beging, durfte sie unter ihren Ehrenmitgliedern mit Stolz Ihren 
Namen nennen: sie hatte sich selbst geehrt, als sie Namen und Person des 
Gelehrten, der in der vordersten Reihe der deutschen Romanisten stand, der 
ihr noch besonders als Mitherausgeber des von der Gesellschaft unterstützten 
Archivs verbunden war, in so auszeichnender Weise mit ihren Bestrebungen 
verknüpfte. Als unser Ehrenmitglied feierten Sie einst unser Jubelfest mit 
uns; in launiger Rede erinnerten Sie daran, in wie ferne Vergangenheit Ihre 
Beziehungen zum Archiv und dadurch zu uns zurückgingen; Sie sprachen 
den Wunsch aus, daß die Gesellschaft und Sie weiter zusammenarbeiten 
möchten am Gedeihen der gemeinsamen Zeitschrift; Sie hofften, daß auch die 
damals geknüpften persönlichen Beziehungen sich als dauernd erweisen, sich 
enger verschlingen möchten. 

Ihr Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Als Nachfolger Toblers wurden 
Sie auf den Lehrstuhl der Romanistik an der Berliner Universität berufen; 
wir alle wissen, welche Ansprüche das Amt an Arbeitslust und Arbeitskraft 
seines Inhabers stellt; wir alle wissen, wie Sie die ganze Wucht Ihrer reichen 
Persönlichkeit darangesetzt haben, diese Aufgaben zu erfüllen. Dafür dankt 
Ihnen die Wissenschaft, deren Zierde Sie sind; Avir aber danken Ihnen, daß 
Sie unter all den Lasten Ihres Benifes nicht uns vergessen haben und den 
Wunsch, den Sie einst bei fröhlicher Tafelrunde ausgesprochen haben. 

Der Nachfolger Toblers hat auf seine Ehrenmitgliedschaft verzichtet, weil 
er als ordentliches Mitglied unter uns wirken, mit uns arbeiten und nach der 
Arbeit in geselligem Zusammensein Rede und Antwort tauschen wollte. Und 
was für Abende waren das, an denen Sie sprachen! Wir kannten Sie ja 
schon vorher aus Ihren Literaturgeschichten des 16. Jahrhunderts imd der 
Romania, aus der Fülle Ihrer Aufsätze; wir wußten, daß Sie nicht nur der 
Geheimnisse der Sprache kundig, nicht nur ein emsiger Forscher auf ge- 
bahnten und ungebahnten Pfaden des romanischen Schrifttums, sondern auch 
ein Meister in der literarischen Form waren — an jenen Abenden gaben Sie 
uns noch mehr als die Früchte Ihres Wissens: Sie gaben uns den vollen 
Eindruck Ihrer Persönlichkeit. Worüber Sie auch reden mochten, war es 
nun die Geschichte der Plejade oder waren es die Schicksale des Tartüffe, 
handelte es sich um Gillicrons Sprachatlas oder um Kreolenfranzösisch, immer 
ließen Sie es uns spüren, daß die Wissenschaft Ihnen nicht ein Arbeitsfeld 

17* 



252 Sitzungen der Berliner Gesellschaft f. d. Stud. der neueren Sprachen 

war, das Sie mit einem anderen hätten vertauschen können, sondern daß Sie 
mit allen Wurzeln Ihres Seins in ihr hafteten, daß Sie Licht und Luft, per- 
sönlichstes Erlebnis für Sie war. Wir sehen Sie noch, wie Sie sitzend den 
Vortrag begannen, wie Sie, fortgerissen vom Stoff, aufsprangen und, Notizen 
und Manuskript beiseitelassend, uns gegenüberstanden und mit vollendetster 
Darstellung Ihres Gegenstandes uns sich selbst gaben. 

So haben Sie uns Erlesenstes zu geistigem Genüsse geboten, und derselbe 
Mann, der als Prophet seiner Wissenschaft unter uns stand, hatte nach be- 
endigter Sitzung für jeden, der ihm nahte, ein freundliches Wort; er gewann 
unsere Herzen, wenn er bei einfachem Mahle unter uns saß, unseren Sommer- 
ausflug nie versäumte, ein Gesellschafter von fiöhlicher Laune und doch zu 
ernsterem Gespräch stets bereit — mit Stolz denken wir daran, daß Sie in 
jenen Jahren, da Sie unter uns weilten, wirklich der Unsere waren. 

Längst sind jene Tage den Strom hinab — heute, da wir ihrer in Weh- 
mut gedenken, wollen wir aber nicht vergessen, daß Sie, solange Ihre Ge- 
sundheit es erlaubte, auch die trüben Zeiten mit uns geteilt haben, die 
Kriegesnot über ein in seinem Lande belagertes Volk brachte. In dunklen 
Tagen haben Sie an Ihrem Teile dazu mitgewirkt, daß die Civitas Dci der 
Wissenschaft erhalten bliebe in der großen Öffentlichkeit wie im engereu 
Kreise unserer Gesellschaft: Sie waren der Unsere gewesen in der Zeit 
stolzen Aufstiegs, Sie sind es geblieben in den Nöten der dunkelsten Jahre. 

Mit Schmerz haben wir Sie scheiden sehen; unsere Wünsche haben Sie 
begleitet in die Heimat, in der Sie Genesung sachten. Wenn nun das enge 
Band gelöst ist, das Sie mit uns verknüpfte, so gestatten Sie uns, das frühere 
wieder an seine Stelle zu setzen. Unser ordentliches Mitglied sind Sie ge- 
blieben, aber in unserer Mitte werden Sie, den heute weite Entfernung von 
uns trennt, nicht mehr weilen, unsere Arbeiten unmittelbar nicht fördern 
können. Uns sind Sie aber mehr, als was Sie selbst sein wollen; nicht in 
Reih' und Glied sollen Sie uns stehen, sondern unter denen, die uns Vor- 
bilder unserer Arbeit und unseres Strebens sind. So haben wir einstimmig 
beschlossen, Ihre alte Stellung zu erneuern, und bitten Sie, das Beste anzu- 
nehmen, was wir zu vergeben haben, die Würde eines Ehrenmitglieds. Möge 
Ihnen unser Beschluß ein Zeichen treuen Gedenkens, ein Beweis des Dankes 
sein für alles, was Sie uns als Forscher und Mensch gewesen sind; möge er 
das seine dazu beitragen, daß auch Sie sich freundlich erinnern an die Abende, 
die Sie in unserer Gesellschaft zubrachten. 

Herr B ran dl erzählt einiges aus der Geschichte und Werkstätte des 
Herrigscheu Archivs: 

Das Ringen rheinischer Realschulen nach humanistischer Bildung veran- 
laßte 1846 die Begründung des Archivs, dem zugleich das starke Hereinfluten 
westlicher Literatur in jener politisch bewegten Zeit zugute kam. Ludwig 
Herrig mit seiner anregenden Persönlichkeit verschaffte ihm, besonders seit 
seiner Übersiedlung nach Berlin, eine Menge interessanter Artikel; wenig- 
stens die Themen waren oft fesselnd, wenn auch die Ausführung nicht 
immer auslangte. Dauernden Wert haben jene älteren Bände des Archivs 
noch heute insofern, als sie Abdrucke von Denkmälern enthalten; schon aus 
diesem Grunde wird die Schriftleitung des Archivs auch in Zukunft das 
Ausgabenwesen niemals vernachlässigen dürfen. Nach dem Hinscheiden 
Herrigs wurde Zupitza durch Waetzoldt in die Redaktion hereingeholt und 
änderte stark den Charakter der Zeitschrift. Diese rechnete nicht mehr, wie 
bisher, auf Aveitere Leserkreise, sondern widmete sich vorwiegend den Auf- 
gaben der mächtig erblühenden Anglistik. Mittelalterliche Texte und Studien 
gewannen die Überhand; strenge Sachlichkeit und Exaktheit zogen ein; eine 
Schar philologischer Mitarbeiter kam Zupitza zu Hilfe, und selbst eine ge- 
wisse Einseitigkeit des Betriebes wirkte als wohltuende Reatringierung; das 



Sitzungen der Berliner Gesellschaft f. d. Stud. der neueren Sprachen 253 

Archiv wurde eine wissenschaftliche Zeitschrift, Als Zupitza starb, lehnte 
Brandl die Einladung in die Redaktion zunächst ab, sowie er auch in die 
der Anglia nicht hatte eintreten können, weil er sich nicht zersplittern wollte; 
aber Tobler wiederholte die Einladung:, und zugleich zeigte sich, daß eine 
Zeitschrift für die Beschäftiguug und Weiterbildung von Schülern viele Vor- 
teile gewährt; deshalb entschied sich Brandl zur Mitredaktion und hat seinen 
Entschluß nie bereut. Er trachtete, zunächst der neueren Literaturforschung 
mehr Eingang zu verschaffen, ohne doch das ältere Gebiet zu vernachlässigen. 
Auch die Volksdichtung hätte er gern intensiver gepflegt, wenn dies der 
Tradition des Archivs entsprochen hätte; aber eine so langlebige Zeitschrift 
bewegt sich in festen Gleisen und hat ein starkes Beharrungsvermögen. 
Große Verlegenheit bereitete es mit der Zeit, daß die Rezensionsbücher sehr 
anschwollen, geeignete Rezensenten nicht immer leicht zu finden w^aren und 
die versprochenen Rezensionen oft sehr spät — wenn überhaupt — einliefen; 
die Kritik drohte der Produktion den Boden wegzunehmen; es wurde daher 
eine beschreibende Bibliographie eingeführt, die zwar nur in knapper Form, 
aber rascher und vollständiger über die Neuerscheinungen orientieren sollte 
und jetzt, seitdem der Umfang der Hefte durch die Druckerschwierigkeiten 
gemindert werden mußte, ganz unerläßlich geworden ist. Für das opfer- 
M'iliige und einsichtige Entgegenkommen des Verlegers fand der Redner 
warme Worte. Er betonte auch, was die Gesellschaft für das Studium der 
neueren Sprachen für das Archiv bedeutet, sowohl betreffs Mitarbeiter als 
betreffs intellektuellen Rückhalts, und wie sich das Archiv bemüht, der Ge- 
sellschaft gleichfalls in mannigfacher Weise zu dienen. Als bestes Angebinde 
zum 25jährigen Redaktionsjubiläum wünscht er sich möglichst eifrige, aktive 
Teilnahme der Mitglieder; manche Abschrift alter Texte ist vorhanden und 
würde im Archiv geeigneten Platz finden ; Fortsetzung der wissenschaftlichen 
Tätigkeit ist selbst für den angestrengtesten Mann des Unterrichts immer 
noch der beste Jungbnmnen. 

Der Jahresbeitrag wird auf 50 M. festgelegt, doch soll versucht werden, 
zunächst noch mit 40 M. auszukommen. 

Herr Studienrat Krankemann wird in die Gesellschaft aufgenommen. 
Zur Aufnahme wird Herr Studienrat Kartzke vorgeschlagen. 

Sitxung vom 14. Dexemher 1920. 

Herr Ludwig spricht über H. O. Weih. Der Vortragende sucht zunächst 
nach den Erzählungen und Romauen ein Bild von des Verfassers schrift- 
stellerischer Entwicklung und Persönlichkeit zu geben. Er hebt gewisse 
typische Erlebnisse hervor, die Wells' Lebensauffassung bestimmt haben 
müssen, und zeigt, wie die phantastischen Romane der früheren Zeit mit 
den späteren sozialkritischen zusammenhängen. Sodann gibt er in großen 
Linien eine Übersicht über die Spiegelung des zeitgenössischen England, wie 
sie sich aus der Gesamtheit des dichterischen Schaffens von Wells ergibt. 
Der Vortrag wird in der Inten lationuUn Monatsschrift im Druck erscheinen. 

Herr Herrmann ergänzt die Ausführungen des Vortragenden durch Mit- 
teilungen über Wells' journalistische Tätigkeit im Kriege. Herr Gade w^arnt 
davor, in der Tendenz der Romane und Schriften des englischen Autors einen 
Ausdruck des durchschnittlichen Engländertums zu sehen. Herr Kuttner 
knüpft an das auch von Wells gebrauchte Schlagwort von der Organisation 
der Deutschen an, um an Taines Schüler Bourget 'Le Disciple' die Einseitig- 
keit und Verranntheit nachzuweisen, wohin die Überspannung eines der 
Prinzipien einer Methode führen kann. 

Herr Studienrat Kartzke wird aufgenommen. Zur Aufnahme wird Herr 
Studienrat Dr. Roth vorgeschlagen. 



Verzeichnis der Mitglieder 

der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen. 

Januar 1921. 

Vorstand. 

Vorsitzender : Herr Ad. Müller. 

Stellvertretender Vorsitzender: „ A. Ludwig. 
Schriftführer : 

Stellvertretender Schriftführer : 
Erster Kassenführer: 
Zweiter Kassenführer: 



M. Wolf f. 
H. Gade. 
M. Kuttner. 
G. Opitz. 



A. Ehrenmitglieder. 

Herr Dr. Meyer-Lübke, Wilhelm, ord. Professor an der Universität, 
Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Wien. Bonn. 
„ Dr. M o r f , Heinrich, Geh. Reg.-Rat, ord. Professor an der Universität, 
Mitglied der preußischen Akademie der Wissenschaften. 

Frau V a s c o n e e 1 1 o s, Carolina Michaelis de, Dr. phil. Porto, Cedofeita. 

B. Ordentliche Mitglieder. 

Herr Dr. Änderten, Berlin-Reinickendorf, Residenzstr. 47. 

Dr. Aronstein, Ph., Professor, Studienrat am Sophien-Realgym 

nasium. Berlin NW 87, Elberfelder Str. 28. 
Dr. Becker, Gustav, Studienrat an der Charlottenschule. Berlin 

W 30, Zietenstr. 21. 
Dr. Bitterhoff, Max, Studieiirat au der XIII. städt. Realschule. 
Berlin NW, Cref eider Str. 11. 
., Dr. Block, John, Professor, Studienrat an der Goethesehule. Haleu- 

see, Seesener Str. 18. 
„ Dr. Bolle, Wilhelm, Leiter des Realgymnasiums i. E. in Friedrichs- 
felde. Karlshorst, Tresckow-Allee 91. 
., Dr. Born, Max, Studienrat an der Chamissoschule. Schöneberg, 

Berchtesgadener Str. 22/23. 
,, Dr. B r a n d 1, Alois, Geh. Regieruugsrat, ord. Professor an der Uni- 
versität, Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Berlin 
W 10, Kaiserin-Augusta-Str. 73 III. 
Dr. B r ü ß, Friedrich, Studienrat an der Oberrealschule. Berlin-Wil- 
mersdorf, Mannheimer Str. 44. 
., Dr. Buchen au, Artur, Stadtschulrat. Charlottenburg V, Schloß-- 
Straße 46. 
Or. C a r e 1, George, Professor, Studienrat a. D. Berlin-Steglitz, Brau- 
denburgische Straße 2 a, III r. 
,. Dr. C a s s i r e r, E., Univ.-Prof. Hamburg, Universität. 
„ Dr. Churchill, George B., Professor am Amherst College. Amherst, 
Massachusetts, U. S. A. 
Dr. Cohn. Georg. Berlin-Friedenau, Kaiserallee 114. 
., Dr. Dammholz, Rudolf, Professor, Geh. Stud.-Rat, Direktor der 
Auguste-Viktoria-Schule und des Mädchen-Realgymnasiums. 
Charlottenburg, Nürnberger Str. 63. 
., Dr. D i e r k s, Studienrat. Spandau, Hohenzollernring 117 I. 
,, D o e g e n, Wilh., Studienrat an der XL städt. Realschule. Zehlendorf. 
Alsenstr. 121. 



Verzeichnis der Mitglieder der Berliner Gesellschaft f. n. Spr. 255 

Herr Dr. D r i e s e n, Otto, Studienrat an der städt. Realschule in Char- 
lottenburg. Charlottenburg, Giesebrechtstr. 6. 
„ Dr. D ü V e 1, Wilh., Direktor der Herderschule. Charlottenburg, Bayern- 
allee 4. 
„ Dr. E b e 1 i n g, Georg, ord. Professor a. d. Universität. Kiel, Feldstr.88. 
„ Dr. Engwer, Theodor, Geh. Oberregierungerat und Vortragender Rat 
im Kultusministerium. Berlin-Wilmersdorf, Prinzregentenstr. 76. 
,, Dr. Fiedler, Fritz, Studienrat. Berlin-Steglitz, Bergstr. 11. 
,. Freudel, Karl, Studienrat. Berlin NO 35, Elbinger Str. 58. 

F r i e d 1 ä n d e r, J., Studienrat an der III. Oberrealschule. Berlin, 

Schönhauser Allee 31. 
Dr. Fuchs, Max, Professor, Studienrat an der VI. städt. Realschule. 

Friedenau, Stubenrauchstr. 5. 
Dr. G a d e. Heinrieh, Professor, Studienrat am Andreas-Realgymna- 
sium. Berlin NO 43, Am Friedrichshain 7 III b. 
., Gautier, Paul, Lektor. Berlin W 62, Tauentzienstr. 13a. 

Dr. Gerike, Studienrat. Berlin-Lichtenberg, MöUendorfstr. 12 I r. 
Dr. Glawe, Studien- Assessor, Berlin N, Invalidenstr. 159. 
Dr. Haak, Paul, Studien-Assessor. Berlin W 57, Kulmstr. 13. 
Hauitsch, E., Studienrat. Berlin-Treptow, Defreggerstr. 1 a. 
„ Dr. Hausknecht, Emil, Direktor a. D;, Professor. 
., Dr. Herr mann, Albert, Professor, Studienrat an der XII. städt. 

Realschule. Berlin NO 43, Am Friedrichshaiu 13. 
„ Dr. Herzfeld, Georg. Berlin W, v. d. Heydt-Str. 4. 

Dr. H i 1 1 e, Karl, Studienrat am Realgymnasium in Lichtenberg. 

Berlin-Lichtenberg, Rathausstr. 6. 
Dr. H o f f m a n n, Fritz, Studienrat am Lyzeum i. E. in Reinicken- 
dorf. Berlin-Hermsdorf, Hennigsdorfer Str. 6. 
Holland, Reinhard, Studienrat. Berlin NO 55, Hufelandstr. 8 III. 
Dr. H ö r n i n g, Willy, Studienrat am Realgymnasium zu Lichtenberg. 

Lichtenberg-Berlin, MöUendorfstr. 108/9. 
Dr. K a r t z k e, Georg, Studienrat. Treptow, Am Treptower Park 54. 
K e ß m a n n, A., Studienrat. Berlin NW, Calviustr. 20. 
„ Klose, Gerhard, Studien-Assessor. Berlin N 58, Franseckystr. 46. 
„ Dr. K o l s e n, Adolf, Professor. Berlin W 30, Schwäbische Str. 3 III. 
., K r a n k e m a n n, Erich, Studienrat. Neukölln, Mareschstr. 18. 

Dr. K V u e g e r, Gustav, Professor, Studienrat a. D., Lektor des Eng- 
lischen au der Technischen Hochschule zu Charlottenburg. 
Berlin W 10, Bendlerstr. 17. 
Krüger, Max, Studienrat, Steglitz, Heesestr. 11. 
Dr. K u 1 1 n e r, Max, Professor, Direktor der Bertram - Realschule. 

Berlin-Steglitz, Am Stadtpark 1. 
Lahmann, Gustav, ordentl. Lehrer an der Schillerschule. Berlin 
NW 52, Thomasiusstr. 2. 
„ L a n g e n s c h e i d t, C, Verlagsbuchhändler. Berlin- Schöneberg, Bahn- 
straße 29/30. 
Dr. Lewent, Kurt, Studienrat am Dorotheenstädtischen Realgym- 
nasium. Berlin NW 87, Solinger Str. 4. 
„ Dr. Lommatzsch, Erhard, Professor an der Universität. Haien- 
see-Berlin, Johann-Georg-Str. 11. 
Dr. Löschhorn, Hans, Professor, Studienrat a. D. Berlin W 35. 
Genthiner Str. 41 III. 
,, Dr. Ludwig, Albert, Direktor des Realgymnasiums zu Lichtenberg. 
Lichtenberg-Berlin, Parkaue. 
Luft. Friedrich, Professor, Studienrat am Hohenzollerngymnasium. 
Berlin-Friedenau, Kaiserallea 74, 



256 Verzeichnis der Mitglieder der Berliner Gesellschaft f. u. Spr. 

Herr Dr. L u m m e r t, August, Studienrat an der Dorotheenschule. Berlin 
NW 21, Dortmunder Str. 2. 

„ Dr. Michaelis, Paul, Studien-Assessor. Berlin NO 55, Raabestr. 17. 
Millequant, Lektor an der Universität, Charlottenburg, Dernburg- 
straße 4. 

„ Dr. Müller, Adolf, Professor, Studienrat a. D. Berlin-Friedenau, 
Kaiserallee 114. 

„ Dr. Müller, August, Professor, Studienrat an der Elisabethschule. 
Berlin SW 47, Großbeerenstr. 55 part. 
Dr. N a d 1 e r, Hugo, Studienrat. Berlin NW 52, Paulstr. 14. 

,, Dr. Naetebus, Gotthold, Direktor der Universitäts-Bibliothek. Groß- 
Lichterfelde O, Frauenstr. 3. 

,. Dr. N o b i 1 i n g, Fr., Professor, Studienrat an der Oberrealschule II in 
Charlottenburg. Charlottenburg, Schillerstr. 8. 
O p i t z, G., Geh. Studienrat a. D. Steglitz, Grenzburgstr. 6. 

„ Dr. Otto, Ernst, Direktor des Realgymnasiums. Berlin-Reinicken- 
dorf-Ost, Bernerstr. 

„ Dr. P a r i s e 1 1 e, Eug&ne, Professor, Lektor der französischen Sprache 
an der Universität. Berlin W 30, Landshuter Str. 36 II. 
Dr. Philipp, Karl, Professor, Studienrat an der Oberrealschule. 

Kottbus, Wallstr. 45. 
Dr. P ü s c h e 1, Kurt, Studienrat an der Kiersehner-Oberrealschule. 

Berlin NW 21, Bochumer Str. 4. 
Dr. Risop, Alfred, Professor, Studienrat a. D. Berlin-Steglitz, 
Bergstr. 74. 

„ Roettgers, Benno, Professor, Direktor der 8. Realschule. Berlin 
N 31, Rheinsberger Str. 4/5. 

,. Dr. Rosenberg, Felix, Professor, Studienrat am Köllnischen Gym- 
nasium. Berlin-Lichterfelde, Unter den Eichen 127. 

,, Dr. Roth, Wilhelm, Studienrat. Bei'lin-Südende, Krammestr. 9. 

„ Roth ig, Max, Studienrat. Berlin NW 113, Bornholmer Str. 84. 

„ Dr. Sabersky, Heinrich. Berlin W 35, Genthiner Str. 28 L 

,, Dr. Saß, Ernst, Studienrat am Mommsen - Gymnasium. Grunewald, 
Humboldtstr. 6a. 

., Dr. Schade, Studienrat. Berlin-Tempelhof, Bosestr. 45. 

„ Dr. Schleich, Gustav, Professor, Geh. Stud.-Rat, Direktor des Fried- 
rich-Realgymnasiums. Berlin S 53, Schleiermacherstr. 23. 
Dr. Schmidt, Karl, Professor, Studienrat am Kaiser-Wilhelm-Real- 
gymnasium. Berlin-Tempelhof, Hohenzollernkorso 4. 

,. Schmidt, Paul, Studienrat. Berlin NW 21, Essener Str. 20. 

., Dr. S e i b t, Robert, Professor, Studienrat am Königstädtischen Gym- 
nasium. Berlin W 50, Meinekestr. 15. 
Dr. Seyger, Studienrat. Berlin-Lichtenberg, Möllendorfstr. 11. 

., Dr. S i e f k e n, 0., Direktor. Berlin-Treptow, Neue Krugallee 6. 

„ Smith, James, M. A., Lehrer des Englischen, 

„ Dr. S ö h r i n g, Otto, Gymnasialdirektor, Hilfsarbeiter im Auswärtigen 
Amt. Lichter felde, Elisabethstr. 16. 

,, Dr. Speck, Johannes, Studienrat am Paulsen -Realgymnasium. Berlin- 
Steglitz, Birkbuschstr. 16. 
Dr. S p i e s, Heinrich, ord. Professor an der Universität. Greifswald, 

Blücherstr. 2. 
Dr. Splettstößer, Willy, Professor, Studienrat an dem Dorotheen 
Lyzeum in Berlin. Berlin-Halensee, Schweidnitzer Str. 7. 

„ Dr. Strohmeyer, Fritz, Professor, Direktor des Lyzeums IV in 
Berlin-Wilmersdorf. Wilmersdorf, Weimarii^che Str. 24. 

,, T h e e 1, Adalbert, Studienrat. Spandau, Augusta-Ufer 15. 



Verzeichnis der Mitglieder der Berliner Gesellschaft f. n. Spr. 257 

Herr T h i e d k e, Gustav, Studien rat am Helmholtz-Gymnasium zu Schöne- 
berg. Friedenau, Stierstr. 5. 
„ Dr. T i k t i n, H., Professor am Orient. Seminar. Berlin-Friedenau, 
Isoldestr. 1. 

Dr. T o b 1 r, Rudolf, Professor, Studieurat am Joachimsthalschen 
Gymnasium. Templin, Uckermark, Joach.-Gymn. Villa V. 

Dr. Vollmer, Erich, Professor, Studieni'at am Bismarck-Gymnasium. 
Berlin-Wilmersdorf, Nassauische Str. 37 I. 

Dr. Wagner, Max Leop., Privatdozent an der Universität. Berlin- 
Charlottenburg, Kantstr. 31 

Dr. Walter, Erwin, Studienrat. Charlottenburg, Giitenbergstr. 12 II. 

Dr. Wechßler, Eduard, ord. Prof. a. d. Friedrich- Wilhelm-Uni- 
versität. Nikolassee (W. S.), Teutonenstr. 6. 
„ Dr. Wende, Fritz. Charlottenburg, Berliner Str. 22. 

W i 1 k e, Felix, Professor, Studienrat an der Kaiser-Friedrich-Schule 
in Charlottenburg. Klein-Glienicke (Mark), Am Böttcherberg. 
,, Dr. W i n c k 1 e r, Carl, Professor, Studienrat am Lyzeum in Grune- 
wald. Grunewald, Siemensstr. 22. 

Dr. W i s k e, Friedrich, Studienrat. Berlin N 58, Stubbeukammer- 
straße 1. 

Dr. jur. Wolf f, Max J., Professor. Berlin W 15, Wielandstr. 24. 
,, Woltmann, Studien -Assessor. Charlottenburg V, Sophie-Char- 
lotte-Str. 46. 

Zack, Julius, Professor, Studienrat an der XIII. städt. Realschule. 
Berlin SW 46, Luckenwalder Str. 10. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 

Ekwall, Eilert, Contributions to the history of Old English dia- 
lects (Lunds Universitets ärsskrift, n. F. XII, 6). Leipzig, 
Harrassowitz, 1917. 65 S. 

Ekwall, Eilert, Scandinavians and Celts in the North-West of 
England (das., XIV, 27). XIV, 125 S. 

Die Namenforschung hellt Gebiete auf, aus denen wir keine Literatur 
besitzen, und sie gewährt uns in Gebieten mit Literatur ein Kriterium, 
durch das wir rein literarische Zeugnisse nachzuprüfen vermögen. Da ihr 
Material satz- und verslos ist, kann sie uns nicht höhere Wahrheiten kün- 
den; dafür ist ihr Zeugnis von realer Sicherheit. In der Anglistik hat sie 
zuerst für die Vorgeschichte des Beowulf ersprießlich gearbeitet, die histori- 
schen Quellen dieses Epos erhärtet und die mündliche Stoifübertragung 
durch die einwandernden Angelsachsen erwiesen. Dann kam das Lokal- 
interesse der englischen Provinzgebildeten und veranlaßte die etymologische 
Aufklärung hervorstechender Ortsnamen von Grafschaft zu Grafschaft; so 
entstand eine Reihe Bücher über 'placenames of counties', die noch nicht 
abgeschlossen ist, aber die nie. Sprachgeschichte doch bereits fühlbar ge- 
fördert hat; namentlich müssen wir uns gewöhnen, in den Reimen des 
13. und 14. Jahrhunderts nur eine beschränkte Wiedergabe wirklicher 
Autorendialekte zu erwarten. Auch für die ags. Siedlungsgeschichte waren 
Ergebnisse zu holen; die alte Grenze der Angeln und Sachsen ließ sich auf 
diesem Wege feststellen und die Wirkung der me. Verkehrsverhältnisse auf 
den Sprachgebrauch andeuten. Ekwall führt jetzt diese Forschungen weiter, 
baut die Unterschiede der ags. Dialekte topographisch aus und greift sogar 
nach den skandinavisch-keltischen Namen im nordwestlichen England aus. 
um auch da die Herkunft der Bevölkerung, wenigstens in den letzten 
großen Zuzügen, zu ermitteln. Der Rückblick auf die bisherige Pflege der 
Namenkunde durch Philologen läßt diese neuesten Arbeiten erst in ihrem 
natürlichen Zusammenhang und in ihrer vollen Bedeutsamkeit ermessen. 

In den 'Contributions' beschäftigt sich Ekwall zuerst mit dem Problem 
der Brechung von ö vor gedecktem l im Ags., wofür ihm eine Reihe guter 
Merkwörter zur Verfügung steht. Wo die Ortsnamen, die ursprünglich 
diese Lautgruppe enthielten, in der Namenschreibung des 13. — 15. Jahr- 
hunderts e aufweisen, sowie ein davorstehendes ursprüngliches k als ch, da 
liegt ags. Brechung vor; wo dagegen a, eventuell mit davorstehendem k. 
gleichgültig ob solches a im Falle der Dehnung gerundet wurde oder nicht, 
da ist ags. Brechung ausgeschlossen. Namenmaterial ist in hinreichender 
Menge herbeigeschafft, um die Ergebnisse glaubwürdig zu gestalten. Sie 
gehen im wesentlichen dahin, daß die Brechung südlich von der Grenze der 
Sachsen und Angeln herrschte, wie sie sich mir in der 'Geographie der 
ae. Dialekte' herausstellte. Zwar erscheinen auch mancherlei a südlich da- 
von; aber Ekwall weiß überzeugliche Gründe dafür beizubringen, daß dies 
nur eine Folge von anglischer Dialektbeeinflussung war, wie sie der Süden, 
besonders London, im Laufe der me. und frühne. Zeit immer mehr erfuhr. 
Nur der Südrand von Hunts dürfte noch dem Sachsengebiete zuzuweisen sein. 

Dieser Nachweis ist sehr verdienstlich. Er wird dadurch nicht er- 
schüttert, daß die Reime in 'Eule und Nachtigall', einem sicheren Dorsetshire- 
denkmal des frühen 13. Jahrhunderts, ein einziges Mal e bieten und sonst 
immer o. Der Fall gehört in die Klasse der absichtlichen Divergenz zwi- 
.schen Literatur- und Umgangsrede; der Dichter; wer im weiteren Umkreis 
gelesen sein wollte, mußte mit lokalen Reimen sparen. Von diesem Stand- 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 259 

punkt auö kann man auch an die Frage herantreten, warum die Brechung 
des a vor ged. l in den erhaltenen Hss. aus Alfreds Kanzlei so unvollständig 
durchgeführt ist. Spielte Rücksichtnahme auf anglische Leser mit, da so 
viele Angeln zu Alfreds Reich gehörten? Waren anglische Schreiber in 
Alfreds Kanzleien mitbeschäftigt? Sprach man vielleicht solches a und ea 
in einer Weise aus, die gar nicht so arg verschieden war, als es sich in 
heutigen Drucken schwarz auf weiß ausnimmt? In sprachlichen Dingen 
kann man niemals mit zu vielen Möglichkeiten rechnen. Ein zweites Kri- 
terium für ags. Dialektunterschiede ersah Ekwall im Umlaut eines solchen 
a oder ea vor ged. l. Es ist nicht seine Schuld, wenn sein Fleiß und sein 
Scharfsinn hierbei von weniger festen Ergebnissen belohnt wurde; denn die 
Zahl der Merkwörter ist da zu gering; hauptsächlich kommt in Ortsnamen 
aws. tciel(l) in Betracht. Er findet, daß nur im westliehen Sachsenland, in 
Devon und Somerset, ags. i daraus hervorging; y nach w herrschte in 
Dorset, Wilts, Hants, überhaupt im mittleren Sachsengebiet; e dagegen in 
den östlichen Sachsengegenden und in Kent. Den Angeln war m eigen, und 
zwar in der Weise, daß me. e daraus hervorging, ausgenommen in den 
westmtl. Diözesen Hereford und Lichfield, wo a erscheint. Das sind nicht 
dieselben Verhältnisse, wie sie kürzlich Kügler in seiner Diss. über ags. ie 
aus dem literarischen Bestände herausschälte. Immer wieder fällt die Nei- 
gung des literarischen Sprachgebrauches auf, sich weithin zu schulmäßiger 
Gleichheit zu entwickeln. Die Ortsnamen lebten in aller Munde; fast ein 
vulgärer Ton ist ihnen zuzumuten; Literatur setzt Bildung voraus; Schritt 
für Schritt werden die Grammatiker fortan mit neuem Unterschied zu 
rechnen haben. 

Ekwalls 'Skandinavier und Kelten' vermag ich nicht ausreichend zu be- 
urteilen. Eine große Anzahl Eigennamen aus Cuniberland, Westmoreland 
und Lancashire ist da zusammengetragen und untersucht, namentlich solche 
Mischnamen, bei denen der erste Bestandteil keltisch, der zweite aber 
skandinavisch ist. Sie machen es Ekwall wahrscheinlich, daß wir es hier 
mit einer Einwanderung keltisierter Norweger vom Westen her zu tun 
haben, also über Irland, ungefähr um 900. Mancherlei englische Elemente 
in den Namen lassen zugleich vermuten, daß die Einwanderer mit den ags. 
Herren des Landes bald in Beziehung traten,, wenn sie auch noch lange bei 
skandinavischer Umgangssprache blieben. Ein Reflex auf ags. Literatur i.st 
hier nicht zu beobachten; der Anglist muß es daher dem Historiker. 
Skaudinavisten und Keltisten überlassen, Ekwall hierfür in verdienter 
Weise zu danken. 

Berlin. A. B ran dl. 

N. Bogholm, Eiiglish Prepositions. Gyldendalske Boghandel. Kjoben- 
havn og Kristiania, 1920. VIII, 144 Seiten. 

Das Buch ist keine erschöpfende Darstellung der englischen Präpositions- 
lehre (will es auch nicht sein), aber reicher an Beobachtungen, Gedanken und 
Stoff, als die Kapitelüberschriften und das sehr knapp gehaltene alphabetische 
Verzeichnis am Schluß des Buches ahnen lassen. Abschnitt 1 bespricht die 
Einflüsse der Betonung auf die Formen der Präposition (withal = with, inne 
= in; o', i'), Abschnitt 2 (Position of the Preposition^ ihre Stellung und 
Verbindung auch mit dem Infinitiv, Gerundium, Nebensätzen und Begriffen, 
die schon mit Hilfe einer Präposition gebildet sind (from across the Channel); 
Abschnitt 3 handelt von dem Ursprung und Aussterben von Präpositionen, 
Abschnitt 4 von der Bedeutungsentwicklung, Abschnitt 5 vou dem Ersatz 
eingregangener Kasusendungen durch Präpositionen sowie der Vei-wendung 
beider Ausdrucksweisen nebeneinander (dset hie to wel ne tniwigen dissum 
ungewissum welum neben da burhware truwodon to J)am wealle) und der 



260 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

oft damit verbundenen Änderung des Sinnes; Abschnitt 6 und 7 gehen auf 
die beiden letzteren Punkte näher ein; Abschnitt 8 erörtert die Auslassung 
der Präposition in Ausdrücken wie a London-born boy und ungenaue Ver- 
bindung mit Begriffen, die verschiedenartige Präpositionen erwarten lassen 
(the all-seeing eye from whom nothing is hidden or unknown); Abschnitt 9 
befaßt sich mit Irregularities in the Use of Prcpositions, wie there raust have 
been an end to Adelle's expectations altogether and of this story; Abschnitt 10 
(Illustrations of the Prepositional System) vergleicht das Wesen gewisser Prä- 
positionen miteinander (z. B. at und in, on und in, fiom und by usw.); 
Abschnitt 11 (Localism versus Metaphorical Use) handelt von der Verwen- 
dung von Präpositionen des Orts in übertragener Bedeutung (superiority 
over; in front of a danger; averse from = averse to); unter Group-attrac- 
tion (Abschnitt 12) versteht der Verf. die Beeinflussung eines Verbums in 
der Verbindung mit einer Präposition durch einen sinnverwandten Begriff 
(accuse with statt of , gebildet nach charge with ; bid farewell of nach to take 
leave of); Abschnitt 13 bringt Eigenheiten bei Shakspcre, 14 vergleicht die 
Konstruktionen französischer und englischer Verben gleicher Herkunft; Ab- 
schnitt 15 ist der Präposition of gewidmet; Abschnitt 16 behandelt die Ab- 
nahme des Empfindens für die örtliche Bedeutung eines mit einer Präposition 
gleichlautenden Präfixes bei Verben (the wall was too high to be overlooked). 

Trotz der tiefgehenden Sprachkenntnis, die dem Verfasser eigen ist und 
ihm ermöglicht, gelegentlich auch auf das Snnskrit zurückzugehen, sind ihm 
gerade in dem Excursus (Abschnitt 17), der Ähnlichkeiten im Gebrauch deut- 
scher Präpositionen vorführt, manche Irrtümer untergelaufen; Klingel ist 
kein Maskulinum; einen Hirsch schießen ist nicht gleichbedeutend mit 
einen Hirsch erschießen, das er 'colloquial' nennt; eine Semmel 
kauen heißt nicht eat the whole of it. 

Auch sonst möchte ich mir noch einige Bemerkungen erlauben: explore 
into (S. 84) ist mir unbekannt, und NED belegt auch nur explore for. — 
Daß introduce mit in statt mit into im Standard English sich verbinden kann, 
wird durch das Zitat (S. 44) In the novels of his maturity, he loved to in- 
troduce magnificent aged dandies nicht erwiesen : In the novels of his matu- 
rity ist von introduce nicht abhängig und bezeichnet nur einen besimmten 
Abschnitt in der Entwicklung des betreffenden Schriftstellers; zu introduce 
denkt sich der Leser ohne Schwierigkeit den Begriff 'in die Darstellung' 
hinzu. — In dem Satze C. proclaimed the gcneral revolution, but was forced 
to fly from the French police (S. 118) mache ich (freilich ohne die Stelle im 
Zusammenhang nachprüfen zu können) from von fly abhängig, nicht von 
was forced, wie es B. zu tun scheint, indem er zeigen will, daß auch heute 
noch wie im Ae. (wearj) adrifen of his biscepdome fram Ecgfer{)e cyninge) 
mit from 'the agent may be denoted'. — In Fällen wie he was bound, hand 
and foot oder he threw himself, heart and soul, into the gay life of the city 
(S. 100) vermisse ich vor hand and foot und heart and soul keine Präposi- 
tion, sondern sehe in diesen Satzteilen einen dem Subjekt bzw. Objekt 
parallel stehenden erklärenden Zusatz. — Die Irregularities in the Use of 
Prcpositions, die er S. 103f. behandelt und sachlich erklären möchte, dürfen 
m. E. der Flüchtigkeit des Schriftstellers oder seinem Verlangen nach Ab- 
wechslung zugute gehalten werden (From a descendant of the Grand Master 
of the Knights of St. John the 19ti» centurj^ demanded the virtues which the 
16tiie c. had demanded of that ancestor). — In Ausdrücken wie of f)re jere 
aide sieht er (S. 55) eine Umbildung von Wendungen wie dreora mila brad; 
auf Einenkels (Hist. Syntax ^ S. 56) Erklärung, old sei mit dem Substantiv 
eld verwechselt worden, geht er nicht ein. — Mit more prosaic und more 
solemn ist S. 118 der Unterschied von at und ou nach to look nicht gekenn- 
zeichnet: at bezeichnet nur die Richtung und das Ziel des Blicks, on die 
länger verweilende und dabei beurteilende Betrachtung — daher look on . . . 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 261 

as = 'halten für' und on iu den von B. angeführten Beispielen Ever since 
I first looked on your wonderful beauty und He would have asked to look 
upon the dcad body but rofrained. 

Manche Punkte sind doppelt besprochen: horae zur Bezeichnung der Ruhe 
(S. 41 und 109); der Trinkspruch The King across the water! (S. 36 und 43) 
als Beispiel dafür, daß across auch rest, positiou bezeichnet; die Erklärung 
von of late, of old, of recent years (S. 45 und 48); arrive als transitives 
Verbum ('S. 71 und 127). 

Berlin. G. Schleich. 

Wozu Französisch und Englisch? Gutachten hervorragender Männer 
und Frauen über die Erfordernisse des fremdsprachlichen Unter- 
richts. Herausgegeben von der Berliner Gesellschaft für das 
Studium der neueren Sprachen. Berlin, Weidmannsche Buch- 
handlung, 1920. 63 S. 3 M. 

Die Schule mit dem durch sie vermittelten Wissensstoff und den von ihr 
vertretenen Erziehungsgrundsätzen ist Abbild und Maßstab des Bildungs- 
standes eines Volkes. Daher ist es natürlich, daß in Zeiten großer politischer 
Umwälzung, wo Staats- und Gesellschaftsordnung umgelagert werden, Heiß- 
sporne, Schwärmer und — Weitblickende die Axt auch an die Wurzeln der 
Schule legen, um für eine neue Zeit einen neuen Baugrund zu schaffen. 

Aber selbst die beste, von Meisterhand entworfene Gußfoim wird immer 
nur Massenkitsch hervorbringen gegenüber dem genialen Fingerdruck des 
frei schalenden Künstlers — ganz abgesehen von dem auch nicht wahllos 
brauchbaren Material. 

So ist der Streit um die Schulform mehr oder weniger bedeutungslos; 
denn sie schafft nicht zugleich die wahre Vorbedingung aller Erziehung: die 
Persönlichkeit des Lehrers. 

Der Lebende vergißt außerdem nur zu leicht, daß das Gegenwärtige lang- 
sam Gewordenes ist, daß Dauer nur durch die Geschichte verbürgt wird. 
So würde auch die Schule in ihrem Lebensnerv getroffen werden, wollte 
man sie aus dem Strom ihrer natürlichen Entwicklung herausnehmen, um sie 
den Tagesforderungen anzupassen. Zu diesen gehört eine aus politischen 
Beweggründen ersonnene und für politische Zwecke bestimmte neue deutsche 
Schulform, einschließlich des Verlangens, die Fremdsprachen auf unseren 
höheren Schulen zu verdrängen oder zu beschränken. 

In der Überzeugung, daß damit mühsam errungene Werte vernichtet und 
nicht wieder gutzumachender Schaden gestiftet würde, hat sich die Gesell- 
schaft für das Studium der neueren Sprachen verpfliclitet gefühlt, warnend 
vor die Öffentlichkeit zu treten. Sie wollte aber vermeiden, daß nur Fach- 
vertretcr ihre eigene Sache führen. Sie hat sich daher an eine größere Zahl 
von führenden Persönlichkeiten der verschiedensten Berufe, wissenschafdicher 
und praktischer, gewandt und sie um eine Meinung darüber gebeten, welche 
Bedeutung die Fremdsprachen für ihren Entwicklungsgang hatten und welchen 
Wert sie ihnen für die Weltgeltung unseres Volkes beimessen. Die Namen 
der Männer und Frauen, die sich zur Sache geäußert haben, besitzen guten 
Klang, und ihr Wort hat Anspruch auf Gehör. Darüber hinaus hat manche 
Seite des Büchleins den Heiz eines biographischen Sonderbeitrags und erhält 
dadurch dauernden Wert, So ist zu hoffen, daß das Bändchen seinen Zweck 
ei-füUen werde. 

Dank gebührt auch der Weidmaunschen Verlagsbuchhandlung, die sich 
wieder einmal uneigennützig in den Dienst von Wissenschaft und Schule ge- 
stellt und dadurch die Veröffentlichung ermöglicht hat. 

Berlin-Steglitz. Max Kuttner. 



262 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Attilio Levi, Le palatali piemontesi. Turin, Frat. Bocca, 1918. 
279 S. 

Diese wichtige und gründliche Arbeit, die in einem geschmackvoll aus- 
gestatteten und schon gedruckten Bändchen uns vorliegt, beleuchtet auf Grund 
eines umfangreichen, nicht nur aus Wörterbüchern, sondern aus lebendiger 
Kenntnis der Mundarten geschöpften Wortmaterials die immer mehr alle ur- 
sprünglichen Verhältnisse auflösenden Nivellierungstendenzen , die zu den 
urspr. im Piem. allein bestehenden Palatalen aus kl- gl- eine Menge sekundär 
eingedrungener Wörter mit Palatalen fügt und die alten bodenständigen assibi- 
lierten Reflexe untergräbt. So ist denn der größte Teil von Levis Arbeit 
dem Studium der kulturellen Überschichtungen gewidmet: der Einfluß des 
Lateinischen (der Kirche, Schule usw.). Reichsitalienischen, Lombardischen, 
Französischen, vor allem des Dauphine und der provenzalischen Alpengegend, 
mit denen ein reger Verkehr bestanden hat, wird gesondert dargestellt und 
ein großer Wortvorrat vor uns historisch aufgeteilt. Das vom Verf. ge- 
wählte Gebiet eignete sich als kulturelles Durchzugs- und Grenzgebiet be- 
sonders gut zu dieser Studie der Selbstaufgabe des Heimischen und der Hin- 
neigung zu Fremdwörterentlehnungen, die allmählich zur Einbürgerung fremder 
Lautgewohnheiten führt und die dem Verf. auch im Charakter des Piemon- 
tesen begründet scheint: man sieht so recht, wie das Lautgesetz nichts ist 
als Resultat des Kampfes verschiedener Strömungen, als der lautliche Typus, 
der nach den Entlehnungen übrigbleibt. 

Zu den nicht immer tadellosen Et,ymologien des Vei-f. erlaube ich mir 
folgende Bemerkungen: S. 21 pianyin 'weinerlich' ist zu umständlich aus 
*plangulare (a\ta\. piangolan^ > -piem. ^nange, wovon Iraperativbildung pmw^ß 
und nun Diminutiv pianyin, erklärt: die Form piani'/ ine zeigt zu deutlich auf 
eine italienische Ableitung von pianginarc, die ja in Pistoja tatsächlich zu finden 
ist. — S. 24 acades in der Kindersprache für adsades 'adesso adesso' erinnert 
mich an kindersprachliches conteccia statt contessa bei dem Mailänder Porta. — 
S. 25 Daß sireta 'lahm' (= assideratns, piem. sird) aus der Kindersprache 
und nach den gelehrten profefa, pianista, poefa sich erklären soll, ist mir sehr 
unwahrscheinlich. Diese anscheinende Femininform ist mit Fällen wie mandca 
'Einarmiger' (S. 45). limooa 'unentschlossener Mensch' (zu Umax) S. 130, 
muleta 'Scherenschleifer' (S. 70), limenna 'unentschlossener Mensch' S. 117 
(das Urbild unseres Österreich. Simandl 'Pantoffelheld', der nichts mit Simon 
zu tun haben wird), muleha 'schwacher Mensch' (zu molena 'Kot') S. 201 
zu einer Kategorie von epizönen -«-Bildungen zu vereinen, über die ich in 
Beiträge x. roni. Wortbildungslehre ausführlicher handle. — S. 34 spanpanucu 
'pauretta, tremarella' ist nicht von einer Onomatopöie pan-pan (= pane 'Brot' 
-\- pani 'Panik'!) abzuleiten, sondern gehört zu pampinus ' Weinlaub': vgl. REW 
über neap. irp. pampanitts^ 'Zittern'. — S. 34 Oin -.= Teresina stellt sich zu 
Fällen wie mail. Barborin, schAväbisch das Bärble und frz. mon cheri von Frauen 
gesagt (vgl. Tobler V. B. V). — S. 36 a skapacola 'Huckepack (tragen)' ist 
nach Verf. unerklärt: nicht einfach zu ital. scapaccione 'Schlag auf den Hinter- 
kopf, 'Ritt auf dem Hinterkopf? — S. 36 cis(t) 'Antreiberuf der Viehhirten' 
gehört nicht zum onomatopoet. Stamm von aixxare, sondern noch enger zu 
ap.chis 'heda!', cf. cA*s/a?- 'mucksen'. — S. 40 mnigaca 'Hirsebrei' kann nichts 
mit gask. menic 'klein' (= mendicus) zu tun haben, sondern gehört wohl zu, 
pantcus (cf. umgekehrt m -j- Kons. > p -j- Kons, pce, bee = messer). — i 
S. 41 Eine arge Entgleisung: murgaca 'Kinder&char' soll zu Tprov. woui-gaio 'les 
religieuses en general', das zu maurieus (!!) gestellt wird, gehören: aber das 
prov. Wort zeigt doch normale Entwicklung von monaca > mourg-, und 
piem. murgaca gehört zu den 'Schnauze' bedeutenden Wörtern, die REW 
s. V. morigerare angeführt sind (wobei ich letztere Etymologie keineswegs 
billige, sondern mich Bruch, Ztschr. 1919 S. 206, anschließe). — • S. 46 zu 



Bex:rtoilungen und kurze Anzeigen 268 

eamberlük 'Bauernmantel', mail. xamberluch 'bäurisch' stellt sich das kors. 
giamberlucco, über das ich hier, Bd. 138, 109 gehandelt habe. — S. 47 piem. 
cixampa 'briua', prov. cisampo 'leichte Schneeschichte, kalter Nordwind', wird 
als 'osetirissimo' bezeichnet und dann als ceio 'Schneehaufen' (= cilium), 
ciro id. (== sidiis) + scanpo 'Sumpf erklärt! Wo doch das Gute bei Mistral 
so nahe liegt! Der auf cisampo folgende Artikel heißt nämlich cisaupin. 
cisarpm 'cisalpin ... v. Piemountes' (man vergleiche noch iin cisaupin 'un 
fitranger, un malotru, un sacripant, un chenapan, sorte de terrae injurieux 
introduit dam la langue par les soldats de la campagne d'Italie sous la pre- 
miere Republiquo' mit der von Levi nicht erwähnten Bdtg. von cisampo 
'ferame dont les vetements sont en desordre, en Forez'). Daß die Piemon- 
tesen ein frz. Wort übernommen haben, das sie selbst bezeichnet hat, ist 
bei der Entfremdung des Sinns des Wortes ('Schnee', 'Reif) nicht wunder- 
bar. Die Nebenform cirampo kann dann tatsächlich von ciro beeinflußt sein. 
— S. 49 Zu dem 'pseudolatinismo scherzevole' ese a plueis 'essere al verde' 
(zu phfc 'peluzzo') und fe ciflis 'Fiasko machen' S. 118 (volksital.) vgl. noch 
ein -is in gratis e amoris 'umsonst' und ein boris zu bori 'Geld', das ich in 
einer Triestiner Kriegskorrespondenz dem gratis gegenübergestellt fand. — 
S. 63 cambrin 'signorello' zu afr. chambli 'feines Tuch' überzeugt nicht: vgl. 
vielleicht eher kat. xamhra, sp. chamhra, ptg. chambre 'Morgenrock, Haus- 
rock' = frz. [robe de\ chambre luid aus diesem ist wohl auch das piem. Wort 
entlehnt und abgeleitet. — S 104 Piem. darmage, altlomb. dalmagio, afrz. 
aprov. datonage 'dommage' durch 'analogia fonetica' zu dalmatica zu er- 
klären, scheint mir eine methodisch sehr gefährliche Art der Etymologie. 
Ich erinnere an afrz. erraumant, erralment neben trramment: dort »m > um, 
hier nm > um. — S. 114 Warum soll frz. mächcfer, prov. machafer 'Eisen- 
schlacke' ein Substantiv frz. mäche (nur in der Bdtg. 'Art Salat, Lecker- 
bissen' und erst im 17. Jh. belegt) enthalten? Besser Imperativ: die Schlacke 
benagt gewissermaßen das Eisen. — S. 135 Die Ableitung des afrz. mächi- 
conlis 'Pechware' aus ital. maxxicare 'mit der Keule schlagen', maxxiculare 
'herunterstürzen' scheitert an altprov. machaci^I und trägt der ältesten Bdtg. 
'eines Turmes, von dem aus man Pech auf den Feind schüttet' keine Rech- 
nung : 'friß den Hals' ist gut denkbar. — S. 137 Fälle wie prov. cartatoucho, 
oberital. kartatuca 'Kartusche' sind in Deutschland nach H. Schröder unter 
dem Namen 'Streckformen' bekannt. Frz. ratatincr ist schon von Scheler 
auf ratiner zurückgeführt worden. — S. 138 Neuprov. gimerre, chimarre 
(frz. jumart) 'sorte d'animal hybride, nc d'un taureau et d'une anesse; mulet 
de haute taille; celui dont les dents de la mächoire inferieure sunhontent la 
superieure ...; homme brutal et maniaque' bezeichnet der Verf. ebenso wie 
seine Vorgänger, Dict. gen. und REW, als unerklärt: aber die von Mistral 
beim Feminin gimerro angegebene Etj'mologie gr. chiviaira (unter dem Mask. 
erinnert er an hebr. chamor 'Esel'!) ist tadellos: die griech. Chimaira war ja 
auch ein Bastard (vom Ziege, in der Mitte Löwe, hinten Drache), zum Anlaut 
vgl. die Reflexe von chirurgicus [so, wie ich nachträglich bemerke, schon 
Bruch Ztschr. 1917 S. 697], Piem. camarüa 'isterismo' und gimeru 'omiciattolo, 
pigmeo' S. 170 passen durchaus in diesen Kreis. Fraglich ist, ob altfrz. 
chamarre, ital. ximarra als urspr. 'bastardiertes' Gewand {un habit chamarre 
de decorations) ebenfalls hier anzureihen ist. — S. 149 Der Zweifel an der 
Herleitung von frz. joyeux aus joie und von frz. joie aus *gandia (man müsse, 
weil gioia in der Bdtg. 'Freude' in Oberitalien unbekannt ist, umgekehrt yo?« 
Siws Jogeux und dieses aus einem '*gaudiosus herleiten) ist unbegründet: wir 
haben ja oberit. gioia 'Kleinod', das auf ein gioia 'Freude' weist, übrigens 
ist gioia, gioielli etc. in Italien jedenfalls entlehnt; der Ansatz des Plurals 
gatidia macht im Romanischen nicht die geringste Schwierigkeit. — S. 161 
Eine ptg. Parallele zu fraket •signorello' ist ptg. o casaca 'Bourgeois' (weil er die 
easaca, den Frack, trägt). — S. 161 bei giqstra 'Ringelspiel' ist das 9 und das r 



264 Beurteilungen und kurze Anzlgen 

nicht bloß aus prov. eostro 'daneben' (aus costa -\- contra) zu erklären, da ja das 
Substantiv ganz andere Bdtg. besitzt und bei solchen veralteten Ausdrücken 
des Ritterwesens un volkstümliche Lautgestalt von vornherein zu erwarten 
ist. — S. 167 sc/ike 'sich krümmen (vom Holz)', falls richtig zu it. aggecchirsi 
'sich demütigen', mail. gecehiss 'altern', wäre eine hübsche Stütze für meine 
Etymologie kat. aixcear, aixicar 'heben (ex -\-jiear = giquir), Neuph. Mitt. 1920 
S. 21. — S. 188 ganrluya 'piemont. Maske' ist wohl gandul (REW 3671) + Jan 
'Johann'. — S. 204 Piem. bacok 'Aristolochia', mail. baciocchin de fraa id., 
baciocch 'bamboccio' etc. geliört wohl nicht zu baiöß, 'battaglio', sondern zu 
baccello 'Schote', 'Dummkopf, dessen Bedeutungen durch 'Hodensack' ver- 
mittelt sind (daher der Zweifel REW 864 unbegründet ist, vgl. auch Salvioni, 
Note di dialettologia corsa S. 732 über fagiuolo 'Hode'): die Aristolochie 
heißt baciocchin de fraa, wie sie sonst piem. bale d fra 'testicoli di frate' 
heißt. Parma, baccioch 'Glockenschwengel' kann vom männlichen Glied aus- 
gehen. — S. 209 Mit barica 'baggeo' vgl. amerik.-span. bachicha für den 
Italiener, besonders den Genuesen. — S. 210 Ob cula 'Hodensack, Dumm- 
kopf, culan(alari) 'Dummkopf nicht zu ital. ciidlo 'verschlafen, schlau' und 
'unerfahren', span. chulo 'Spaßvogel, Fleischerknecht' gehören? Weun k'jola 
aus *colea tatsächlich die Grundlage des piem. cula, lomb. coIa ist, so er- 
klärten sich die auseinanderstrebenden Bedeutungen des ital. ciullo, die REW 
4393 verschiedenen Etymen zuweisen möchte, sehr leicht, vgl. coglione — 
Kujon. Man beachte, daß span. chulo, das dann entlehnt wäre, auch Be- 
ziehungen zur Sexualsphäre aufweist: chulada 'Zote', chula 'Buhlschwester', 
ehulito 'heimlicher Liebhaber einer Frau'. Da aber Oudin chulo 'gar^onnet' 
angibt, so wäre Entlehnung aus ital. fan-ciullo nicht unmöglich. Vgl. aber noch 
Baist Äow. Forsch. 4, 405. — S. 213 Den Einwand gegen ital. matto aus dem 
Schach-Matt, daß das Schachspiel zu 'aristokratisch' sei, als daß es sich in einer 
volkstümlichen Redensart festgesetzt hätte, kann ich nicht gelten lassen: ge- 
rade deshalb war der Ausdruck volkstümlicher Parodie ausgesetzt (auch wir 
sagen ich bin aber heute schachmatt). — S. 229 sakoca (it. saccoccia), nicht 
sakossa, als Spaniolismus hat gegen sich, daß das sp. Wort m. W. auch erst 
im 17. Jh. (bei Oudin) belegt ist und die Endung -ocha im Span, aus dem 
Italienischen stammt (Baist Ztschr. 30, 464 ff.). Zu sakucm als Fluch vgl. 
ähnliches frz. sac ä papier! — S. 233 Die Ableitung von genipodiu, yiripodiu, 
yiriboliu 'baldoria; dono di cibarie che gli Scolari fanno al maestro ne' venerdi 
di quaresima e specialm. nel venerdi santo' aus a-Atji'onriyin 'das jüdische 
Laubhüttenfest' hat manches für sich : das Laubhüttenfest ist ja ein Freuden- 
fest, bei dem die Libation des Wassers aus dem Teiche Siloah, Illumination, 
Fackeltanz stattfindet, allerdings stimmt dieses Erntefest gar nicht zu dem 
piemontesischen Fasten- und Karfreitagsbrauch (diesem entspräche bei den 
Juden vor allem der Versöhnungstag), es fehlt vor allem die deutliche Be- 
ziehung zu Freitag. Ist daher nicht irgendwie von cena pura (log. kenä- 
biira 'Freitag', eig. 'der Tag des reinen Essens') auszugehen? 

Bonn. Leo Spitzer. 

Dante Alighieri, La Divina Comraedia. Vollständiger Text, mit 
Erläuterungen, Grammatik, Glossar und sieben Tafeln heraus- 
gegeben von Dr. Leonardo Olschki, a. o. Professor an der Univer- 
sität Heidelberg. Heidelberg, Julius Groos, 1918. 

Eine Ausgabe der Göttlichen Komödie mit deutschen Anmerkungen für 
solche des Italienischen mächtigen deutschen Leser, die sich in Dante hinein- 
arbeiten wollen und vor den eingehenden italienischen Erklärungen zunächst 
zurückschrecken, ist sicher ein Bedürfnis und eine lohnende Aufgabe. Verf. 
hat sie auch riciitig angepackt, denn außer den eigentlichen Erläutenmgen 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 265 

gibt er, was unbedingt nötig ist, ein kurzes Leben Dantes, ein Wörterbuch, 
ein Xamensverzeichnis, einen Anhang über Grammatik und Metrik und dazu 
einige den Bau der Hölle usw. erläuternde Tafeln. Man vermißt nur noch 
eine Übersicht über die kleineren Werke Dantes. 

Im einzelnen habe ich freilich noch manches an der Ausgabe auszusetzen. 
So sind vor allem die eigentlichen Erklärungen an vielen Orten noch ver- 
besserungsbedürftig. Dabei sehe ich ganz von Stellen ab, die nach meiner 
aus dreißigjähriger Erfahrung hervorgegangenen Ansicht unbedingt besprochen 
werden mußten, und von anderen, wo mir die gegebenen Anmerkungen über- 
flüssig erscheinen, und beschränke mich darauf, einige Fälle aus der Hölle 
hervorzuheben, die ohne Zweifel verkehrt gedeutet sind. I, 20 der lago de/ 
cor ist nicht ein 'ßaum, in welchem das menschliche Herz schwebt', sondern 
ein Raum im Herzen selber. U., 21 emjm-eo 'der äußerste der neun Himmel, 
der Sitz Gottes'. II, 51 soll der primo jmnto der sein, 'als Dante vor den 
drei Tieren (Jnf. l,31ff.) wich'. Es bezieht sich der Ausdruck natürlich auf 
die gleich danach erzählte Begegnung Virgils mit Beatrice. II, 52 'die Geister . . . 
schweben im Limbus' erweckt eine ganz verkehrte Vorstellung; mit sospesi 
ist nicht der äußere, sondern der innere Zustand ausgedrückt. II, 78 cercki 
sind nicht 'Himmelskreise', sondern Mondkreise. II, 83 centro ist nicht 'der 
Limbus, wo Virgil sich befindet', sondern die Hölle. IV, 23 si mise 'erg. in 
vioto', während es zu Nel primo cerehio in 24 gehört. IV, 25 secondo che 
'erg. era oder pareva''. Es ist nichts zu ergänzen, sondern secondo cJie steht 
nach altem Brauch für secojido. IV, 64 percli ei dicessi 'verst. dadurch, daß 
er sprach' es heilit: obgleich er sprach. VI, 13 'Cerbero, der dreiköpfige, 
schlangenhaarige und -schwänzige (diversa = vielgestaltig) mythologische 
Hund'. Von schlangenhaarig und schlangenschwänzig steht nichts in Dante, 
und diversa heißt einfach 'schrecklich'. VI, 91 ff. wird ganz verkehrt erklärt 
(Ciacco ist nicht 'mürrisch'). Vgl. Herrigs Archiv Bd. CXII, S. 146. Nach 
der Anmerkung zu VI, 109 ff. hätten die Verdammten nach dem Jüngsten 
Gericht gelindere Qual. Das Gegenteil ist der Fall. Die Überschrift über 
dem siebten Gesänge besagt, wie Casini, daß auch die Neidischen und Hoch- 
mütigen im stygischen Sumpfe hausen. Dieselbe Behauptung wird VIII, 31 
aufgestellt, und VIII, 59ff. werden die fancjose genti als die Neidischen erklärt. 
Verf. hätte doch mindestens eine Begründung seiner Ansicht geben müssen, 
die aus Dantes Text nicht leicht herauszulesen ist und daher stutzig machen 
muß. VII, 61 ist oorta huffa nicht 'der eitle Tand', sondern der kurxe Betruij. 
IX, 1 ff. ist il suo in Vers 3 Objekt, nicht Subjekt, wie Verf. es auffaßt. 

IX, 22 ff. ist 'zu retten' ein ganz verkehrter Ausdruck. IX, 28 Die Giudecca 
ist doch nur ein Teil des neunten Höllenkreises. IX, 68 gibt Verf. eine Er- 
klärung zu diversi ardori, liest aber im Texte avversi. Gleiche Versehen laufen 
ihm recht oft unter, z. B. XI, 56 im Texte rincol, in der Anmerkung zu 55 
Vinco; XIII, 21 gibt er eine Erkläriing, als ob er iorrim läse, während er 
daran hat; XV, 29 im Texte la mia, in der Anmerkung aber eine Erklärung 
zu der Lesart la mano; XXIII, 127 im Texte ai frati, aber eine Anmerkung 
zu der Lesart al fraie; XXXIII, 145 queyli im Text, questi in der Erklärung. 

X, 1 "sen va, unpersönlich 'geht es'". Das ist unmöglich! Natürlich ist Lo 
inio maestro in Vers 3 das Subjekt. Die geschichtlichen Nachrichten X, 22ff. 
sind teilweise verkehrt. 1251 war Farinata nach Florenz zurückgekehrt, und 
1258 wurde er wieder vertrieben. Die Schlacht bei Montaperti fand nicht 1251 
(so zu X, 48) sondern 1260 statt. Die Arbia ist auch kein Strom ! (X, 86). 

XI, 29 fre persone 'Gott, der Nächste und dessen Gut'! XI, 41f. 'secondo 
giron, der Selbstmörder und Vcmichter ihrer Habe, die sich der Welt ent- 
ziehen'. Die Vernichter ihrer Habe sind doch keine Selbstmörder! XI, 49 
minor giron 'der dritte Kreis der unteren Hölle'! XI, 55 di retro 'hinterrücks, 
hinterlistig'! 77iodo di retro heißt natürlich 'letztere Art'. XI, 87 sollte es 
statt 'Leidenschaftlichkeit' vielmehr 'Schwachheit' heißen. XI, 97 ist 'Lauf 

ArchiT t. n. Sprachen. 141. 18 



266 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

der Welt' ganz verkehrt. XII, 48 die Gewalttätigen liegen nicht. XII, 131 
/b«rfo iftt der Boden des Flußbettes. XIII, 46 ff, 'wenn er sich an die Stelle 
der Aneis (III, Z. 22ff.) erinnert hätte'. Nein: wenn er geglaubt hätte, was 
er dort lasl XIII, 48 rima ist nicht 'Vers im allgemeinen', sondern Verse, 
Werk. XIII, 113 caccia 'die Meute'. Jäger und Hunde sind gemeint. XIV, 
124ff. nicht 'da er nach links im Kreise herabsteigt', sondern, da er beim 
Hinabsteigen noch nicht ganz um den Kreis herum ist, sieht Dante immer 
Neues. XV, 88 ff. fehlt Ciaccos Prophezeiung. XV, 121 ff. wird drappo verde 
mit 'grüne Fahne' übersetztl XVI, 17 scheint La natura del luogo als Objekt 
statt als Subjekt gefaßt zu sein, und die Anmerkung zu 18 ist ganz unver- 
ständlich: 'verst., daß Dante eher die Eile gezieme als den stets umherrennen- 
den Sündern, um sich aus der Sandwüste zu entfernen'. Virgil will doch 
sagen, eigentlich müßte Dante aus Hochachtung vor diesen bedeutenden 
Männern ihnen entgegeneilen. Was soll XVI, 63 heißen: 'von wo aus Dante 
köpflings den Antipoden zufallen wird (tomi)"! tomare heißt doch einfach 
'hinabsteigen' (wie Petrarca XXII, 26 o tomi giü ne l'amorosa selva). Es steht 
ja fi)io al centro da, und nicht dal eentrol XVIII, 13 quellt 'd. h. fossi'. Nein: 
valli. XVIII, 50 in der Anmerkung lies Obixxo statt Axxo. Es hätte noch 
gesagt werden sollen, daß Venedico Caccianimico erst Ende Januar 1303 
starb. XVIII, 59 ff. heißt es nicht 'es gibt also nicht so viele Bologneser, 
als es Kuppler in der Grube gibt', sondern, als es bolognesische Kuppler in 
der Grube gibt. XVIII, lOOff. muß es heißen, daß die Brücke den Damm 
kreuzt und dieser dem neuen Bogen als Stützpunkt dient. XIX, 1 ff. ist die 
angegebene Konstruktion unmöglich, e voi rapaci sind keine neue Gruppe 
von Sündern. XX, 19 'Wenn der Leser aus dem Werke Nutzen zieht'. Es 
heißt (lasci\) natürlich 'So wahr dich, Leser, Gott Nutzen ziehen lassen möge'. 
XXI, 94ff. 'Die Teufel kommen anmarschiert wie das Fußvolk aus Schloß 
Caprona bei Arezzo nach dessen Übergabe an die Florentiner Miliz . . ,' I 
Vielmehr: Dante hatte solche Angst vor den Teufeln, wie die aus Caprona 
abziehende Besatzung vor den Florentinern. XXII, 85 di piano ist nicht 
Bardisch und ist verkehrt erklärt. XXH, 104 ff. 'Die Sünder geben sich mit 
einem Pfiff das Zeichen des Herannahens der Teufel, um schnell unterzutauchen'. 
Umgekehrt pfeifen sie, wenn die Luft rein ist. Heillose Verwirrung herrscht 
in der Anmerkung zu 116. Danach soll Ciampolo mit den Teufeln einen 
Wettkampf in Schnelligkeit veranstalten wollen I Es heißt da unter anderem 
'Alichino . . . fordert seine beflügelten Gesellen auf, sich mit Ciampolo an 
Schnelligkeit zu messen. . . . Damit ist Gleichheit zwischen den Parteien des 
eigenartigen Turniers geschaffen'. XXII, 123 kann proposto nur 'Vorhaben' 
heißen. Ganz verkehrt heißt es dann wieder 125 ff. von Alichino, daß er 
'aus Angst vor dem heißen Pech {sospetto) sich zurückwendet {drixxo il 
petto, Z. 129)'. l'ale al sospetto Non potero avanxar heißt: seine (des Alichino) 
Flügel konnten die Angst (des Ciampolo) nicht überholen. XXII, 150 crosta 
ist die Haut der Teufel, nicht die Oberfläche des Pechsees. Die Anmerkung 
XXin, 133 ff. muß man so auffassen, daß es außer den Felsbrücken, welche 
sämtliche Kreise überspannen, auch noch kleinere gäbe, die nur über einzelne 
Gräben gehen, und das ist nicht richtig. XXV, 28 fratei 'die anderen Räuber 
und Mörder dieses Grabens'. Gemeint sind aber die Zentauren am Blutstrom. 
XXV, 34 führt das ed den Nachsatz ein, genau wie in 50, eine bekannte 
altitalienische syntaktische Erscheinung. Die Anmerkung zu XXV, 151 'wo 
man seinen Tod beklagt', ist ganz unzulänglich. XXVII, 7—15 ist gesagt: 
'Das Geräusch der aus der Flamme heraustönenden Stimme des Verdammten 
gleicht dem Geheul des Stieres des Phalaris'. 13 ff. findet sich dann das 
Richtige im Widerspruch hierzu. XXVII, 46 ff. Der Familienzweig der Mala- 
testa führte den Beinamen Mastini, und Montagna ist Vorname, nicht Orts- 
name. XXVII, 92 ff. bleibt ganz unklar, weil das in me gar nicht berück- 
sichtigt ist. XXVIII, 7 — 21 ist übersehen, daß es sich im Verse 9 um die 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 267 

Samniterkriege handelt, wozu Per li Troiani von Vers 10 gehört. Z. 15 ff. 
handelt es sich zunächst um Manfred, und weiter muß es durch Alard de 
Valerys Rat, nicht 'von Alard de Valerj-' heißen. XXVllI, 73 Zu Pier da 
Medicina, vgl. Giomale storico della letteratura italiana Bd. LXIV S. 8 ff. 
XXVIU, 85 ff. Die Edelleute aus Fano richteten überhaupt keine Gelübde 
und Gebete an das Heiligtum von Focara, denn diese wurden überflüssig, sie 
wurden nicht mehr gebraucht, weil die Edelleute gar nicht bis dahin gelangten. 
XXIX, 27 Gen del Bello ist der Vetter von Dantes Vater. XXIX, 133 no7i . . 
si crassai heißt 'bei weitem nicht so'. XXIX, 131 Daß Caccia d'Asciano 
gedichtet habe, ist unsicher, daß andre Jlitglieder der brigata Dichter waren, 
ist ein Mißverständnis der Ausführungen Casinis. XXXI, 66 ist nicht die Um- 
schreibung für 'Gürtel', sondern für 'Schulter, Hals'. XXXI, 136 Dante ruht 
auf des Antaeus Hand. XXXIH, 61 'fia = sarebbe'; lies sarä. XXXIII, 100 
'd'un, wegen' statt aus. XXXIII, 134f. ^che qua dietro mi rerna (mich frieren 
macht)'! XXXIV, 1 Es sind doch drei Flügelpaare ! Nach XXXIV, 58 zerreißt 
Judas 'sich selbst mit den Händen'. Das könnte man doch garnicht sehen! 
Das wären einige der Hauptausstellungea aus der ersten Cantica, und 
damit will ich abbrechen. An sehr vielen Stellen sind kleine Ungeuauig- 
keiten untergelaufen, manches hätte klarer gesagt werden müssen, auch in 
besserem Deutsch, und endlich hätte in den Erklärungen \ielfach, um philo- 
logische Genauigkeit zu erreichen, wörtlich übersetzt werden sollen, statt 
daß dem Anfänger oft irreführende Umschreibungen gegeben werden. Der 
Kürze halber gebe ich für alle diese Dinge keine weiteren Belege. Eine sorg- 
fältige Durcharbeitung sämtlicher Erklärungen wäre also für eine neue Aus- 
gabe vorzunehmen. Zum Wörterverzeichnis und Namensregister wäre auch 
manches anzumerken, z.B. wenn unter m^iio Mitte auch Inf. VII, 128 {me-xxo) 
angeführt wird, oder wenn in vielen Namen unter E das Zeichen für die 
offene Aussprache fehlt. Im Anhange über Grammatik ist die Ausdrucks- 
weise oft ganz unwissenschaftlich. Man darf doch beispielsweise nicht 
schreiben, wie in § 30: 'Endung ia- statt -a häufig, besonders bei starken 
Verben mit Präsens-Stammauslaut -gg-, z.B. accqglia statt accQlga\isw.\ oder 
§ 41 'In der 3 Pers. Sing, die Endung -ia statt -a in fugyia (statt fugga), 
saglia (statt salgay. Die grauenvolle Übersetzung Zoozmanns mit ihrem ganz 
zi^ällig zusammengestoppelten V-erzeichnis von Dantewerken (vgl. Deutsche 
Literaturzeitung 1908, Sp. 739 — 743 und auch Germanisch-Romanische Monats- 
schrift III [1911] S. 116) durfte Verf. unter keinen Umständen auch nur er- 
wähnen. Inf. VIII, 111 1. e 'l no statt des sinnstörenden no e 7. Andre Druck- 
fehler berichtigen sich von selbst. Die Ausgabe zeigt ein sehr würdiges Gewand. 

Halle. Berthold Wiese. 

T. Navarro Tomas, Manual de pronunciaciön espaiiola [Centro de 
Estudios Histöricos]. Madrid, 1918. 235 p. 

Das vorliegende Lehrbuch von T. Navarro Tomas soll in kurzer und ein- 
facher Weise (breve y sencillamente) die Aussprache des Spanischen be- 
schreiben und nichts weiter als ein praktischer Wegweiser für Lehrende 
und Lernende sein. Kürze und Einfachheit sind es auch, die don Aus- 
führungen des Madrider Phonetikers ihren Wert geben, den wir deshalb 
besonders hoch einschätzen müssen, weil die Etudes de plionetique espagnole 
von F.-M. Josselyn und die Phonötique castillane von ]M. A. Colton gerade 
in dieser Hinsicht außerordentlich zu wünschen übriglassen. Wer z. B. im 
Buche von Colton die Abschnitte über den Vokalismus oder die 'accents' 
durchzuarbeiten oder wer sich durch das Wirrsal der Josselyuschen Aus- 
führungen hindurchzufinden hatte, der wird erleichtert aufatmen, wenn er 
das Buch von Navarro aufschlägt. Eine geradezu mathematische Exaktheit 

18* 



^68 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

in der Darstellung und Übersichtlichkeit in der Anordnung zeichnen das 
Manual des spanischen Gelehrten aus. 

Mit Recht beklagte sich Zauner (LblGRPh, 1913, p. 238—9) über die 
Verworrenheit der Terminologie bei Colton. Das Kapitel 'Nociones de 
fonetica general', das Navarro den Einzelausführungen voranstellt und das 
in präziser Formulierung eine Erklärung all der phonetischen Grundbegriffe 
enthält, die in den folgenden Abschnitten angewandt werden, beugt allen 
Mißverständnissen vor und behebt jeglichen Zweifel über die Interpretation 
der folgenden Ausführungen. Knapp, aber klar und bestimmt wird in 
diesem einleitenden Kapitel z. B. das Wesen der Affrikata, die Bedeutung 
des Angiitis (tension) und Abglitts (detente), die Natur von Tonhöhe, Dauer 
und Druck auseinandergesetzt und eine kurze Erklärung für die schwierigen 
Begriffe Klangfarbe, Schallfülle und Silbe versucht. Schon aus diesem ein- 
leitenden Abschnitt ersieht der Leser, daß es bei der 'Aussprache' nicht 
allein auf die Wiedergabe des Einzel lautes ankomme, daß vielmehr dessen 
Einordnung in Laut reihen (grupos fonöticos) ein natürlich gegebenes und 
daher streng zu beobachtendes Moment ist. Navarro scheidet die Lautreihen 
in silabas, grupos de intensidad, grupos tönicos und grupos fonicos, wobei 
die letzteren eine Lautreihe von Pause zu Pause bedeuten. ^ 

Seinen Ausführungen legt der Verfasser die 'pronunciacion castellana 
sin vulgarismos y culta sin afectacion (p. 7) zugrunde, und ich möchte 
glauben, daß er damit gerade die rechte Mitte, die für ein praktisches Lehr- 
buch geboten ist, getroffen hat. Die Volkssprache Kastiliens weicht ja, wie 
wir aus der Volksdichtung und der volkstümlichen Prosa und auch auf 
Grund philologischer Forschung wissen (vgl. letzthin den schönen Aufsatz 
von Garcia Diego, Dialectalismos in Rev. de fil. esp. III, 301 — 18), von der 
Sprache der gebildeten Klassen nicht unwesentlich ab, und auch die manie- 
rierte Aussprache mancher gebildeten Kreise (die z. B. in der affektierten 
Wiedergabe des Reibelauts [d] in Worten wie verdad, virtud, cantado zum 
Ausdruck kommt), kann nicht als Grundlage einer Druchschnittsaussprache 
angenommen werden. Ohne selbst Regeln über Richtigkeit und Unrichtig- 
keit avifstellen und damit der närrischen Tradition zahlreicher gebildeter 
Spanier folgen zu wollen, beschränkt sich N. darauf, auf Grund seiner 
Beobachtungen und Untersuchungen die tatsächlichen Verhältnisse zu be- 
schreiben. Das schließt nicht aus, daß vergleichsweise provinzielle Eigen- 
heiten zur Sprache kommen. 

Nachdem Josselyn seinen Untersuchungen ausschließlich die experimeui 
talphonetische Methode, Colton hingegen ebenso einseitig das deskriptive 
Verfahren zugrunde gelegt hat, hat N. den Weg beschritten, der allein| 
wie uns scheinen will, zu den umfassendsten Ergebnissen führen kann. Ei 
hat die beiden Verfahren vereinigt, vielleicht, ohne daß dies in seinen 
Manual äußerlich zum Ausdruck käme, das experimentelle bevorzugt, unq 
ist auf diese Weise zu Resultaten gelangt, die eine vorzügliche Gesamt^ 
Orientierung gestatten. 

Es lag im Charakter des Manuals, das ja in erster Linie ein praktisches 
Handbuch für den Unterricht sein soll, daß Diskussionen über strittige 
Fragen, wie sie Colton so maßlos ausdehnt, gänzlich ausgeschaltet sindl 
Daß damit die Aufgabe des Verfassers eine leichtere geworden sei, wird man 
nicht behaupten wollen. Im Gegenteil, in der fein abwägenden und zuf 
sammengedrängten Fassung liegt eine Leistung, die der Kritiker lobeno 



1 Diese Definitionen wird weder der Sprachpädagoge noch der Phone-J 
tiker missen wollen. Für das Verständnis einzelner Kapitel sind siej 
geradezu unentbehrlich. Ich möchte deshalb dem Verfasser aus seinem Ver- 
fahren nicht wie G. Wacker, Neuere Sprachen XXVII, p. 457, einen Vor-1||1 
wurf machen. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 269 

anerkennen muß. Hinter mancher Formulierung steckt ein gut Stück prak- 
tischer und geistiger Arbeit. Und wenn es an manchen Stellen scheinen 
mag, als lasse der Verfasser der Interpretation seiner Ausführungen gar zu 
weiten Raum, als trete mitunter an Stelle der bestimmten Fassung eine 
unwillkommene vage Umschreibung, so mag dies zwar in einigen Fällen 
an der Mangelhaftigkeit unserer Orientierung liegen, deren ungezwungene 
Anerkenntnis dann nur zu billigen ist (§§ 102, 163), in anderen aber ist sie 
eine getreue Wiedergabe der tatsächlichen Verhältnisse. Es kann z. B. über- 
raschen, daß die Ausdrücke 'aproximadamente', 'mäs o menos' ziemlich 
häufig (§§ 58, 72, 80, 82, 99, 111, 124 usf.) begegnen. Mit ihnen ist aber 
nichts anderes wiedergegeben als die Unstabilität, die die spanische 
Lautbildung in hohem Maße charakterisiert. Wie oft hat man sich nicht 
gefragt, durch welchen Laut man denn nun eigentlich am korrektesten das 
intervokale oder wortauslautende d wiedergeben solle. Solange man an der 
Auffassung festhält, das könne nur durch einen Laut geschehen, wird man 
keine befriedigende Antwort erteilen können. Man wird vielmehr den ver- 
schiedenen Spielarten des [d], die vom ausgeprägten Reibelaut durch zahl- 
reiche Zwischenstufen hindurch zur (volkstümlichen) Schwundstufe führen, 
Rechnung tragen müssen. 

Man kann den Verfasser nur loben, daß er auf das typische Schwanken 
in diesen und anderen Fällen hinweist: s wird verschieden artikuliert, je 
nachdem es sich im Wortanlaut oder Wort- bez. Silbenauslaut befindet 
(§§ 73, 149, 108) ; ch wird i. allg. durch eine präpalatale Affrikata wieder- 
gegeben, die nun nicht nur lokal oder individuell, sondern auch von ein 
und derselben Person, je nach der aufgewandten Expirationskraft, ver- 
schieden hervorgebracht wird (§ 119); auch [y], an dessen Stelle nicht 
selten die homorgane Affrikata tritt, erscheint in zahlreichen Varianten 
(§ 122) ; der velare stimmhafte Reibelaut wird je nach Lautnachbarschaft, 
Redetempo und Expirationsstärke mit verschieden starken Reibungen her- 
v'orgebracht (§ 129) ; das gleiche gilt von den entsprechenden bilabialen und 
dentalen Reibelauten, von [b] (§§ 82, 85,) und [d]. Zahlreiche Varianten 
weisen auch die schwachbetonten Vokale auf (§§ 44, 54, 59,) ; auch diese 
Variierung ist von den angedeuteten Faktoren abhängig, wie auch die Art 
der Verbindung zweier Vokale stark von ihnen bedingt ist (§ 137). 

Die Lautvariierung, die wir in der Aussprache der gebildeten 
Kastilier beobachten können (und der der Ausländer bei Wiedergabe spani- 
scher Lautreihen entschieden Rechnung tragen muß), ist nun aber nicht 
allein für den Phonetiker, sondern auch für den Lauthistoriker von 
größter Bedeutung. Zeigt sie uns doch, daß in der Sprache der Gebildeten 
Entwicklungstendenzen im Keime vorhanden sind, die in der Volkssprache 
und in den Mundarten zu stärkerer Auswirkung gekommen sind und die 
sich da in bemerkenswerten Lautwandlungen äußern. W^enn heutzutage 
beispielsweise im Andalusischen und Extremenisehen -d- in der Verbal- 
endung -ado gänzlich geschwunden ist, so kann dieses Extrem nur über die 
Zwischenstufen erreicht sein, die noch jetzt im offiziellen Kastilisch ge- 
sprochen werden; die südlichen und (z. T.) westlichen Mundarten sind in 
dieser Beziehung rascher fortgeschritten als das zentrale Reichsidiom, das 
noch mitten in seiner Entwicklung steht. — Das gleiche gilt von der Ver- 
änderung, die anlautendes [y-] durchmacht; auch hier zeigt sich die Ent- 
wicklungstendenz, die in volkssprachlichen Veränderungen zu [d-] (vgl. 
Verf., Westspan. Mdten. §§ 42, 65) oder [gi-] (vgl. [g\e\] := hiel, [giere] 
= hierro, [gj^eso] r= yeso), d. h. in Verschlußbildung ihren Vorlauf igen~ Ab- 
schluß findet, im normalen Kastilisch in einer mehr oder woniger starken 
Verengung des Zungenabstandes vom Gaumendach eben erst an, wenn- 
gleich sie auch da unter besonderen Bedingungen, z. B. bei emphatischer Rede, 
bis zu einer Verschlußbildung gesteigert werden kann. — Der in der Volks- 



270 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

spräche der verschiedensten spanischsprechenden Länder (des Festlandes 
wie des Überseegebietes) vollendete Schwund von [-g-] in intervokaler 
Stellung (insbesondere vor Velarvokal, vgl. Verf., a. a. 0. § 256) ist durch 
die Verminderung der Keibung im offiziellen Spanisch (Manual § 129) vor- 
bereitet. — Auch in der gelegentlichen Lockerung der Lippenenge bei käst, 
[-b-] (§ 82) darf man den ersten Ansatz zu einer Entwicklung sehen, die in 
spanischen Mundarten viel weiter fortgeschritten ist und dort nicht selten 
im Schwund des ursprünglichen Reibelauts ihren Abschluß gefunden hat 
(vgl. Westsp. Mdten. §§ 259, 260: iiva > extremefi. [üa], pavus > [päu], 
no veo > mexik. no eo, trahajo > mexik. traajo). — Die Ansätze zu der 
bekannten Entwicklung, die silbenauslautendes s in Südspanien (im Zu- 
sammenhang mit Extreniadura) wie in den meisten spanisch-amerikanischen 
Ländern durchmacht (eslpcjo'^ [e(s)p4ho] > [ehp6ho] > [ehpßho] > [epßho]), 
sind im Kastilischeu nachweisbar. Die Lockerung der Engenbildung, die 
Erschlaffung der Muskeltätigkeit bei silbenschließendem s [pcsjca, esjpejo) 
oder gar bei -s im absoluten Auslaut (vor Pause frances //; llamabas IJ) 
sind, wenn auch in weit geringerem Maße als in den Mundarten in der 
Aussprache der gebildeten Schichten Kastiliens festzustellen. 

Lautliche Verschiebungen, die wir heute am offi- 
ziellen Idiom zu beobachten Gelegenheit haben, weisen 
uns also in vielen Fällen den Weg, den die Mundarten 
gegangen sind. 

Wie lange die Kräfte, die zu der angedeuteten Lautvariierung im offi- 
ziellen Idiom führen, M'irksam sind, müssen uns die schriftlichen Zeugnisse 
früherer Jahrhunderte lehren. Daß die genannten Veränderungen, wenig- 
stens vereinzelt und in ihren Anfängen, weit zurückreichen, kann iius das 
Beispiel des silbenauslautenden s lehren. Schon im Cantar de Myo Cid 
begegnen wir einem Schwund des s in Formeln wie mnndadno'los, no'lo, 
en hraQo'las prendia, todo'los, toda'las (Menßndez Pidal, Cantar de Myo Cid 
I, § 48 — 49; auch Garcia Diego, Gram. bist. cast. 1914, § 60). Begreiflich 
wird er uns nur, wenn wir schon, für die älteste Zeit eine Tendenz zur 
Abschwächung des silbenschließenden s annehmen. 

Was von der Abschwächung des s im Silbenauslaut gesagt ist, daß gilt, 
in stärkerem oder schwächerem Maße, von [n], [r], [1], [d], insbesondere, 
wenn diese vor Pausa stehen. Wiederum liegen die Keime der Ent- 
wicklung, die diese Laute in der kastil. Volkssprache und in den Mundarten 
durchgemacht haben oder durchmachen, noch heute unausgereift in der 
kastilischen Normalsprache. Denn wenn dort [-n] // (§ 111), [-r] // (§ 116), 
[-1] // (§ 113). [-d] // (§ 104) Ansätze zur Desonorisierung und überhaupt 
zur Abschwächung zeigen ('La l final ante pausa, del mismo modo que la n 
en esta posicion, suele articularse perezozamente, cesando las vibraciones 
laringeas y la presion del aire espirado antes de que la lengua se separe de 
los alv^olos'), so ist diese Veränderung nichts anderes als der Anfang des 
Prozesses, der z. B. in den süd- und westspanischen Mundarten mit der 
Tilgung der betreffenden Konsonanten (vgl. sal > andalus., extrem., 
kolumb. usw. [sa], sol > [so]; mujer > [muh^l, peor > [pep] ; volksspan. 
[berdä], [uste], [madri] zu Ende geführt ist. Und auch die Abschwächung 
von Silben auslautendem r, l, n, die sich in der Normalsprache anzeigt 
(vgl. Navarros Zusammenfassung § 149), ist in Mundarten weiter fort- 
geschritten (vgl. Bez., Westsp. Mdten., § 377 ff.: [-rn-] > extrem, [.jn-] > 
[-(r)n-] > [-nn-] ; pucrta > [pw6(i)ta]; falso > [fäsu] usf.). 

*Man darf nur wünschen, daß Navarro, der in der Revistadefilologiaespanola*» 



*■ Siete vocales espanolas (Eev. de fil. esp. III, 51 — 62) ; Las vibraciones 
de la rr espanola (ib. p. 166 — 8) ; Cantidad de las vocales acentuadas (ib. 




Beurteilungen und kurze Anzeigen 271 

und in den Estudis Fonötics^ schon so wichtige Aufschlüsse über Prob- 
leme der spanischen Phonetik und damit der spanischen Lautentwickluug 
gegeben hat, auch die Frage der silbenschließenden Konsonanten, die, wie 
man sieht, für die Entwicklung der spanischen Mundarten von höchster 
Bedeutung ist, eingehend würdige, damit wir über die spanischen Verhält- 
nisse so klare Aufschlüsse erhalten, wie sie Kousselot (Modifiaitions phon. 
du langage. Eev. des patois gallo-romans V, 281, 297) und Bruneau (Et. 
phon. des patois d'Ardenne 1913, p. 360 ff.) über die Kon.sonantenreduktion 
in der Charente und in den Ardennenmundarten gegeben haben und die 
Erscheinung in ihrer Gesamtheit wie in ihren Einzelheiten begreifen. Wir 
werden damit zu gleicher Zeit einen willkommenen Beitrag zur Klärung des 
Verhältnisses der Schriftsprache zu den (südlichen) Mundarten erhalten. 

Soviel ich sehe, liegt diese bedeutsame Frage noch ziemlich im Dunkeln.' 
Noch wissen wir nicht, wie weit und in welchem Umfange die Züge, die 
wir als eigentlich südspanisch^ (man hat sich öfters des Ausdrucks 'anda- 
lusisch' pars pro toto bedient) ansprechen, in das Zentralspanische hinein- 
reichen,* ob wir allmählich von diesem in jenes hinübergleiten oder ob wir 
irgendwo eine Zone finden, in der sich die, wie wir kurz angedeutet haben, 
in zahlreichen Entwicklungstendenzen gleichen, aber in ihrem heutigen 
Ausdruck doch verschiedenen Idiome voneinander absetzen. Wann hat sich 
der zwischen Süd- und Zentralspanisch doch heute zweifelsohne bestehende 
Gegensatz herausgebildet? Das sind Fragen, die von eminenter Bedeutung 
für die Sprachgeschichte der Iberischen Halbinsel sind, die wir aber erst 
lösen können, wenn die erforderlichen sprachgeographischen Untersuchungen 
durchgeführt sind. Fast scheint es, als ob eine subtile Betrachtung der 
lautlichen Verhältnisse von basonderer Bedeutung für die Klärung der 
Probleme sei. 

Die Darstellung, die Navarro von der Artikulation der Einzel- 
laute gibt, beruht auf sorgfältiger und umfangreicher Beobachtung. 
Die experimentellen Untersuchungen, die der Verfasser im phonetischen 
Laboratorium des Centro de Estudios Historicos angestellt hat, sind, 
soweit wie irgend mit der Natur des Handbuchs vereinbar, verwertet. 
Da und dort erkennt man, wie gerade auf Grund der Experimente neue 



p. 387—408) ; Cantidad de las vocales inacentuadas (ib. IV, 371—88) ; 
Diferencias de duraciön entre las consonantes espanolas (ib. V, 367 — 93). 

1 Sobre la articulaciön de la 1 castellana. Estudis Fonötics (Barcelona) I, 
265—75. 

* Über die Entstehung der nordspanischen (aragonesisch, leonesisch,) vgl. 
die Ausführungen von Menöndez Pidal in der Rev. de fil. esp. III (1916), 
77fif. 

3 Man darf, wie ich durch meine 'Studien zur Lautgeschicht« west- 
spanischer Mdten.' gezeigt zu haben glaube, das Extremenische ohne wei- 
teres in das Südspanische (als Sprache gedacht) einbeziehen. Die Provinz 
Salamanca hat ebenso in beträchtlichem Maße südspauische Züge, wenn- 
gleich dort auch schon Erscheinungen auftreten, die, soweit ich unter- 
richtet bin, nach dem Nordwesten, zunäclist dem anschließenden Zamora, 
M'^eisen (z. B. arhole, trehole; rede, parcde). Die sonst ganz brauchbare 
Materialsammlung von Lamano y Beneite El dialecto vulgär salmantino 
(1915) läßt gerade eine geographische Bestimmung von Laut, Form und 
Wort vermissen (vgl. ASNSL XXXVII, p. 263—4). 

♦ Recht wertvoll sind die Mitteilungen, die Garcia Diego in seinem 
Aufsatz 'Dialectalismos' (Rev. de fil. esp. III. 1916, p. 301 — 18) über das 
Vorkommen nord- und westspanischer Spracheigentümlichkeiten im Zentral- 
spanischen macht. Aber auch sie gestatten uns nicht, Zusammenhänge her- 
zustellen oder Grenzen zu ziehen. 



272 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Ergebnisse erzielt werden. Das gilt insbesondere von der Natur des r, das 
Navarro Rev. fil. esp. III, 166 — 8 behandelt hat^, der silbenschließenden 
Konsonanten -n (§ 111), -l {§ 113) [s. o.] und anderem. Übrigens sind zur 
Veranschaulichung Gaumenabdrücke und Artikulationsquerschnitte dem Text 
beigegeben. 

Von den Konsonanten machen zweifellos [s] und die präpalatalen 
Affrikaten am meisten Schwierigkeiten. Colton hatte sich mit recht vagen 
und kurzen Andeutungen begnügt. An deren Stelle setzt Navarro scharfe 
Formulierungen. Der auffällige akustische Eindruck, den das spanische [s] 
hervorruft und die Veränderungen, die mit seiner eigenartigen Artikulation 
verbunden sind ([s] > [s])^ haben dem Laut moriskische und iberische 
Provenienz eingetragen (vgl. zuletzt Saroihandy, Rev. fil. esp. IV (1917), 
26 A.). Solange wir aber über Art und Verbreitung der offenbar zahl- 
reichen s-Typen auf der Iberischen Halbinsel (vgl. Westsp. Mundarten 
§§ 42, 215 ff., 364; und jetzt Navarro) nicht einwandfrei unterrichtet sind, 
bleiben solche Theorien undiskutierbar. Unter solchen Umständen ist uns 
die klare Beschreibung, die Navarro § 108 vom kastilischen [s] gibt, be- 
sonders willkommen. Das gleiche gilt von den Beobachtungen über die 
Artikulation der präpalatalen Affrikaten. Bemerkenswert ist, daß sich auch 
im kastilischen [1] eine velare Nuancierung,^ die auch akustisch wahrnehm- 
bar ist, beobachten läßt, wenn auch der velare Charakter des Laterals längst 
nicht so deutlich wie etwa im Katalanischen oder Portugiesischen hervortritt. 

Im Vokalismus macht N. sehr feine Unterschiede, die aber immerhin von 
gut geübten Ohren erfaßt werden können, i stellt sich z. B. in fünf oder 
gar mehr Etappen dar: i abierta {silha) ; i relajada (avisar) ; i cerrada 
(vida) ; i semivocal Cbaile) ; i semiconsonante (piedra), das im Anlaut zum 
ausgesprochenen Reibelaut (la hiedra) oder gar zur präpalatalen Affrikata 
{con hierro) werden kann. Analoge Unterschiede werden für u gemacht: 
Junta, indudahle, cura, causa, hneso [w-] (> [gw-] und [bw]). Für e und o 
werden je drei Laute angesetzt: e cerrada ('algo menos cerrada que la e en 
fr. chantß, al. fehlen'), z. B. compre; e abierta ('aproximadamente como la e 
en fr. perte, ingl. let, al., fett'), z. B. guerra, ley; e relajada, z. B. htimedo. 
Bei a wird neben einer ^a media' (wie frz. part, dtsch was), der gebräuch- 
lichsten Stufe, ein leicht palatales o (vor ch, II, n, y), ein ausgesprochen 
velares [a] (vor [x], [sr], [o], [u] und in emphatischen Worten (z. B. 
[madr.e!]) und ein abgeschwächtes [v], z. B. agua notiert. Das Wirken 
der Metaphonie, auf die Colton sein ganzes Vokalsystem aufgebaut hatte, 
hält N. für unerheblich.* 

Auf die Darstellung der Artikulation der Vokale und Konsonanten 
(p. 31 — 114) folgen die Abschnitte 'Los sonidos agrupados', 'Intensidad', 
'Cantidad', 'Entonacion' (p. 115 — 188). Aus der räumlichen Verteilung er- 
gibt sich schon, daß N. großen Wert auf die Darstellungen derjenigen 
Elemente der Lautlehre gelegt hat, die gemeinhin nur kurz berührt zu wer- 
den pflegen. Dieser zweite Teil des Manual stellt, wenn auch der erste viel 



1 Neuerdings auch von G. Raig, Sobre la rr castellana i catalana. La 
Paraula I, 157 — 63, und O. G. Russell, The Pronunciation of Spanish r in 
Mod. Lang. Journal 1919 p. 174 — 84 behandelt. 

2 Vgl. hierzu ASNSL XL, 161—162. 

3 Vgl. Westspan. Mundarten § 42. Navarro hat die Frage in einem Auf- 
satz 'Sobre la articulacion de la 1 castellana' Estudis Fonetics (Barcelona) I, 
265—75 behandelt. 

* Vgl. zu aer Coltonschen Theorie: Luquiens, Rom. Rev. II (1911), 
466—7; Tallgren, Bull. hisp. XVI (1914), 225—38; Zauner, LblGRPh 
1913, p. 236 ff.; Castro, Rev. de fil. esp. I, 100; Rambeau, Neuere Sprachen 
XXI, 402 ff. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 273 

neues, berichtigendes, ergänzendes und anregendes Material enthält, die 
eigentlich originale Leistung N.s dar. Hier treten als charakteristische 
Zeichen seiner Arbeitsweise Breite in der Beobachtung, Kunst in der Er- 
fassung des Charakteristischen und Geschick in der Kombination des Ge- 
gebenen vorteilhaft hervor. Was in diesen Kapiteln gesagt ist, ist dann 
auch, von einzelnen Teilen im Abschnitt 'Los sonidos agrupados' und 
'lutensidad' abgesehen, ganz neu. Auf Grund seiner experimentellen Er- 
hebungen gelingt es N.,zu objektiven Ergebnissen zu kommen, um die sich 
sein Vorgänger Colton vergeblich gemüht hatte, i Der 'enlace de los sonidos' 
(Laut Verbindung) innerhalb einer Expirationsgruppe ist von ver- 
schiedenen Gesichtspunkten aus bemerkenswert: er erklärt uns zu einem 
großen Teil lautliche Veränderungen, denen wir, ohne der Lautverbindung 
Rechnung zu tragen, ratlos gegenüberstehen würden: zahlreiche Erscheinun- 
gen der spanischen Lautgechichte werden uns begreiflich, wenn wir diesen 
Faktor recht zu würdigen verstehen. 2 Und auch vom prosodischen Gesichts- 
punkt aus kommt der 'Lautverbindung', insbesondere der Vereinigung der 
Vokale, eine große Bedeutung zu. In dieser Beziehung macht N. auf solide 
Beobachtung gestützte Angaben, die nicht allein für die Beurteilung der 
modernen Verskunst wichtig, sondern auch grundsätzlich für das Studium 
der Metrik verflossener Jahrhunderte von Bedeutung sind und die deshalb 
bei der Beurteilung der komplizierten Verhältnisse der Vokalverknüpfung 
in der älteren spanischen Prosodie beachtet zu werden verdienen. Von 
einer Erleuchtung der heute einwandfrei zu beobachtenden Verhältnisse 
wird mitunter Licht auf metrische Erscheinungen früherer Jahrhunderte 
fallen, deren Wesen wir bisher vielleicht nicht vollständig erfaßt oder ge- 
würdigt haben. 

In dem Kapitel 'Enlace de consonantes' werden übersichtlich die bei dem 
Zusammentritt von Konsonanten zu beobachtenden IMomente, die Silben- 
trennung sowie Wesen und Umfang der Assimilationserscheinungen er- 
läutert. Beachtenswert ist die starke Abhängigkeit der Artikulationsstelle 
der Dentale t, d und der Alveolare n, l von der Artikulationsstelle der auf 
sie folgenden bez. der ihnen vorausgehenden Konsonanten. N. führt nicht 
weniger als acht lediglich durch die Artikulationsstelle verschiedene Typen 
von nasalen Verschlußlauten auf: en paz (bilabial), conmigo (bilabial- 
alveolar: doppelter Verschluß), conforme (labiodental), 3 onza (interdental). 



1 Vgl. Eambeau, Neuere Sprachen XXI, 405 ff. 

2 Schon oben ist auf die Veränderung der silbenauslautenden Konsonan- 
ten im Kastilischen und in den span. Mundarten hingewiesen (es/pejo 
w. s. f.), die wir nur unter Berücksichtigung der spanischen Lautver- 
knüpfung bez. -trennung verstehen können. — Zahlreiche Veränderungen 
im asp. Vokalismus werden uns durch ein eindringendes Studium der neu- 
spanischen Verhältnisse begreiflich. Eine subtile Beobachtung und scharfe 
Erfassung des modernen Lautstandes gibt uns nicht selten den Schlüssel 
für das Verständnis längst abgelaufener Wandlungen in Mundart oder 
Schriftsprache. 

3 Die Korrekturen, die G. Wacker, Neuere Sprachen XXVII, p. 461 — 2, 
an der Erklärung dieses Lautes durch N. vornimmt, sind ebenso unberech- 
tigt wie die meisten anderen Ausstellungen der Bez.* In diesem Falle 
sind sie um so bedauerlicher, als die Bez. von der unbegreiflichen Auf- 
fassung ausgeht, daß ein nasaler Konsonant ohne Mundverschluß nicht zu 
denken sei (p. 462 A.) und, von diesem Gedanken beherrscht, die einfache 
Tatsachenfeststellung N.s vollständig mißdeutet. — Über Entstehung und 
Wesen des Lautes, der z. B. in confiiso, infierno begegnet, ist Folgendes zu 
sagen: ebenso wie ein auf ?! folgendes [p] oder [b] die Artikulationsstelle 
des Nasals von den Alveolen zu den Lippen zieht ([np] > [mp], [nb] > 



274 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

conde (dental), enlace, noche (Normalstufe: alveolar), ancho (palatal), niinca 
(velar) ; das normalerweise alveolar artikulierte l [olvido, la7ia] nimmt eine 
interdentale [calzado], dentale [altura] und palatale [colchön] Artiku- 
lationsstelle an; dentales t übernimmt von vorausgehendem [p] interdentale 
Artikulationsstelle {hazte acä). 

In dem Kapitel über die 'Intensidad' (p. 137 — 50) geht N. vor allem auf 
die durch die historische Entwicklung der spanischen Sprache gegebene Akzen- 
tuierung der Worte ein, faßt sich aber über den Satzakzent — im Gegensatz 
zu Colton, der dieser Frage einen weiteren Eaum widmet, ohne allerdings 
zu wesentlichen Ergebnissen zu gelangen — ziemlich kurz, wie dies ja bei 
dem heutigen Stande der Untersuchungen über Intensität in Lautgruppen 
nicht anders zu erwarten ist. 

Um so inhaltsreicher und anregender ist der Abschnitt über die Quanti- 
tät (p. 151 — 159). Unter Anwendung des experimentellen Verfahrens ist 
N. zu wertvollen Ergebnissen gelangt. In der Rev. de fil. esp. III — V hat 
er eingehend die Quantität der Vokale und Konsonanten untersucht. Wenn- 
gleich schon Storni, dem die spanische Phonetik überhaupt sehr feine Beob- 
achtungen verdankt, das Grundgesetz aufgestellt hatte, daß der betont« 
Vokal im Spanischen i. allg. kurz ist, so fehlte doch bisher eine exakte 
Begründung dieses Satzes, um so mehr, als neuerdings Zweifel an der 



[mb]), attrahiert auch [f] in seiner Eigenschaft als L ab i o(dental) die 
Artikulationsstelle des [n] an die Lippen. Während nun aber vor folgen- 
dem bilabialen [p] und bilabialen [b] auch der Nasal bilabial ge- 
sprochen wird, wird er vor folgendem labiodentalen [f] entsprechend 
labiodental. Das scheint mir rein lautphysiologisch betrachtet voll verständ- 
lich, und ich sehe deshalb keinen Grund, an Stelle des von N. beobachteten 
Lautes willkürlich einen andern 'anzunehmen'. 

* P. 462 hält es die Rez. für ungenau, wenn N. das [f ] als stimmhafte 
Entsprechung des [c] hinstellt und die Verschiedenheit der Artikulations- 
stelle unberücksichtigt läßt. Dabei hat N. nachdrücklich (§ 121) den 
Unterschied der beiden Laute unter besonderem Hinweis auf die Artiku- 
lationsstelle gekennzeichnet. — Ferner vermißt die 'Rez. eine genaue Schei- 
dung des Halbkonsonanten [j] vom Reibelaut [y], 'an die zu glauben einem 
schwer fällt'. Den Unterschied hat N. § 48 dargelegt, und Glauben spielt 
in phoneticis keine Rolle. Die meisten Phonetiker und Dialektologen haben 
sich von der Existenz des [j], das, wie N. bemerkt, zwischen [i] und [y] 
steht, überzeugen müssen (vgl. meine 'Westspan. Mundarten' § 58). Wenn 
N. weiter für i in span. piedra, rahia u. s. f. zum Vergleich i in frz. pied, 
him, action heranzieht (§ 48), so möchte ich ihm, nachdem ich gelesen habe, 
was berufene Phonetiker über diesen Laut im Französischen sagen, daraus 
keinen Vorwurf machen: 'II est certain, au reste, que le y en diphtongue 
loin de se eonfondre avec le ;' allemand [wo bekanntlich die Engenbildung 
besonders stark ist], ciiffer© m§me de notre y dans (ayons, voyez)' 
(Rousselot, Rev. de phonßtique III, 79), und dies um so weniger als Stimm- 
losigkeit des betreffenden i, das von N. übrigens gar nicht als 'Halb vokal' 
(W. p. 460 A. 5) angesprochen, sondern mit dem i semiconsonante verglichen 
wird, nach Stimmlosen im Französischen keinesfalls allgemein ist (vgl. Rev. 
de phon. II, 273; III, 80 — 82). — Die Tendenz zu velarer Aussprache des 
Silben- und wortauslautenden l scheint der Rez. (p. 460 A. 4) 'in der Luft 
zu liegen'. Ich finde sie § 113 des Manuals schriftlich fixiert: 'final de 
sllaba o de palabra, y sobre todo en posiciön acentuada, l se hace ligera- 
mente concava'. — überraschend ist, daß Rez. 'in bezug auf die Laute [d] 
(z. B. in escudo) und [7] (z. B. in juzgar) vergeblich nach genauen Er- 
klärungen der Notwendigkeit ihres Nebeneinanders sucht'. Der Unterschied 
der beiden Laute ist nach meinem Dafürhalten durch ihre Definitionen in 



Beurteilungeu und kurze Anzeigen 275 

Richtigkeit von Storms Behauptung laut wurden.^ N. zeigt nun, daß die 
Auffassung Storms in der Tat zutrifft, da der betonte Vokal im Spanischen, 
wenn man ihn an den betonten Vokalen im Französischen, Englischen und 
Deutschen mißt, keineswegs die Dauer hat wie etwa ein langer betonter 
Vokal in diesen Sprachen. Der spanische Tonvokal hat aber darum keines- 
wegs immer die gleiche Quantiät, wie Storm anzunehmen geneigt war. 
Vielmehr ist diese, wie N. nachweist, nicht unwesentlich von der Zahl der 
auf den Tonvokal folgenden Silben und der Natur des folgenden Konsonan- 
ten abhängig, und auch die Quantität der verschiedenen Vokale ist unter 
gleichen Voraussetzungen nicht absolut identisch. 

Sehr bemerkenswert sind die durch statistisches Material ergänzten 
Ausführungen über die Quantität der nebentonigen, insbesondere der Aus- 
lautvokale. Was Storm auf Grund seiner Gehörseindrücke über die Dauer 
der spanischen Auslautvokale in seinem Aufsatz über die 'Romanische 
Quantität' gesagt hatte, das wird durch N.s Meßverfahren endgültig er- 
wiesen : der Auslaut vokal ist an Dauer dem vorausgehen- 
den Ton vokal zum mindesten gleich, in vielen Fällen 
sogar quantitativ überlege n.^ Der Lauthistoriker wird sich an- 
gesichts dieser überraschenden Beobachtung fragen, ob nicht die lange 
Dauer der Auslautvokale auch für die frühere Zeit anzusetzen und in ihr 
das Moment zu suchen ist, das (wie im Italienischen, wo die gleichen Vor- 
aussetzungen zutreffen) die Erhaltung der auslautenden Vokale in weite- 
stem Umfange bedingt hat. 

über die Intonation des Spanischen lagen bisher nur einige allgemeine 
Charakteristiken, die wegen ihrer Unbestimmtheit wissenschaftlich und 
praktisch nicht verwertbar waren, und einige mehr zufällig gesammelte 
Beobachtungen zum Tonfall in der Frage (von Waiblinger, Arch. f. ges. 
Psych. XXXII) vor. N. hat zum erstenmal die spanische Tonhöhe systema- 
tisch auf breiter, solider Basis untersucht und einen wesentlichen Fort- 
schritt in der Erkenntnis dieses bisher so arg vernachlässigten Zweiges der 
spanischen Phonetik erzielt. Langwierige Beobachtungen und umfangreiche 
Experimente bilden die Grundlage für die schönen Ausführungen, die N. in 
dem Kapitel 'Entonaciön' (p. 161 — 87) dem Tonfall in der einfachen Aus- 
sage, in dem durch einen erklärenden Zusatz beschwerten Satz, in 
der durch eine Parenthese erweiterten Rede, in dem von einer 



§§ 93 und 102 Anfang (den Rez. übersehen zu haben scheint) hinreichend 
gekennzeichnet. Empfehlenswert wäre es allerdings, an Stelle der Transkrip- 
tion [?,], da der Laut ja nichts mit einem interdentalen stimmhaften s zu 
tun hat, ein anderes Zeichen zu verwenden, wohl auch gegenüber der 
tensiön muscular d^bil des [d] eine tensiön muscular fuerte des [7] hervor- 
zuheben. — Daß N. die Artikulationsstellenverschiebungen von Konsonanten 
infolge von Angleichung an andere — z. B. Jiazte > [aptel (t interdental!), 
eolchön [ko]c6n] (1 präpalatal!) u. s. f. — in der Schrift zum Ausdruck 
bringt, hält die Rez. nicht für vorbildlich. Sie meint sogar, daß selbst 
Dialektologen auf die Notierungen solcher 'selbstverständlichen' Erscheinun- 
gen verzichten sollten. Jeder Mundartenforscher, der einige Erfahrung be- 
sitzt, und der weiß, wie we.sentlich solche scheinbar unwesentlichen 
Notierungen bei der Bearbeitung des Materials zur Erklärung dieses oder 
jenes entwicklungsgeschichtlichen Vorganges werden können, wird eine 
solche Auffassung ablehnen müssen. — Das Kapitel über die 'intcnsidad' 
scheint Rez. nur flüchtig gelesen zu haben. 

1 Colton. Vgl. aber schon die Entgegnung von Rambeau, Neuere Spra- 
chen XXI, 405 — 6. 

* Vgl. die analoge Beobachtung am Auslautvokal -0 (-«) im Aragonesi- 
schen von P. Barnils, Butll. de dial. cat. IV (1916), 12—13. 



•276 Beurteilungen und kurze Anzeigen 

Unterordnung beschwerten Satzgefüge, in der Aufzählung, in der Frage, im 
Ausruf und im Befehlssatz widmet. Durch Hervorkehrung des Wichtigen 
und Verknüpfung des wesentlich Zusammengehörigen gelingt es dem Verf., 
ein übersichtliches Bild von den komplizierten Verhältnissen der spanischen 
Intonation zu entwerfen. 

Um seine theoretischen Ausführungen praktisch nutzbar zu machen, 
fügt N., dem Beispiel M. Grammonts^ folgend, Leseproben bei, die aus den 
Werken bekannter spanischer Schriftsteller in der Weise ausgewählt sind, 
daß sie als Übungsstücke zu den in den einzelnen Kapiteln gebotenen Aus- 
führungen dienen können, phonetische Lektüretexte, an denen man z. B. 
die verschiedenen Arten des i oder des e oder des a, die Artikulation der 
verschiedenen Konsonanten, die Erscheinung der Lautverknüpfung, die 
Druckstärke, die Tonhöhe u. s. f. studieren und erlernen kann. Der letzte 
Abschnitt des Buches (p. 189 — 203) enthält die phonetische Umschrift eines 
Stückes aus Blasco Ibanez mit erklärenden Fußnoten. 

Der Eindruck, den man von der Lektüre des Manuals von Navarro 
Tomas erhält, ist dem, mit dem uns Coltons Buch entläßt, gerade entgegen- 
gesetzt. Hier das Gefühl der Unsicherheit, der Verwirrung, des Unbefriedigt- 
seins, dort die Überzeugung, daß man auf sicheren, festen Boden gestellt ist. 
Nicht, als ob nun alle Fragen, die uns die spanische Phonetik aufgibt, end- 
gültig beantwortet seien. N. deutet öfter selbst die Probleme an, die der 
Lösung harren. Dafür aber, daß auch für sie eine Vorarbeit geleistet ist, 
dürfen wir dem Madrider Gelehrten dankbar sein. Der Phonetiker und der Laut- 
historiker werden aus N.s Buch viel Neues, an Erkenntnissen und Anregungen, 
entnehmen, und in der Praxis wird das Manual vortreffliche Dienste leisten.^ 

An Einzelheiten, die von allgemeinem Interesse sein dürften, sei folgen- 
des hinzugefügt: Zur Interpretation des -n, das nach N., p. 86, zur Stimm- 
losigkeit neigt, gebe ich anheim, die Bemerkungen Grammonts, RLR 56, 

p. 486, zu prüfen. » > [-li] (P- 86) als dialektischen Einfluß zu deuten, 

liegt kein Anlaß vor. Vgl. dieselbe Erscheinung z. B. in der Gascogne 
(Ann. du Midi VII, 337). — Die Auslautvokale -a, -e, -o, werden durch 
verschiedene Lautzeichen wiedergegeben. In den Beispielsammlungen, wo die 
Worte aus dem Zusammenhang herausgenommen erscheinen, empfiehlt es 
sich, ein einheitliches Schriftzeichen zu verwenden. — Die Erklärung der 
Akzentverschiebung bei dem Zusammentritt zweier Vokale in Fällen wie 
periodo >• [perjodo], cardiaco > [kardyäko] (vgl. filiolu > filiölul) durch 
die größere 'Schallfülle' des offenen Vokals gegenüber dem geschlosseneren 
(§ 144) ist nach Grammonts Ausführungen (RLR LV, 589) unhaltbar. Zu 
den Beispielen wären auch die entsprechenden Veränderungen in der Vor- 
tonsilbe (ciudad > [pjudad], violencia > [bjolönpja] zu stellen. — Daß 
die stimmhaften Konsonanten generell besser vernehmbar seien als die 
stimmlosen (§ 25}, will mir nicht einleuchten. Wir rufen jemand mit [s], 
nicht [z]. — Ich fürchte, daß die Bezeichnung tensiön z= frz. tenue (§ 14) 
in philologischen Arbeiten zu Mißverständnissen Anlaß geben kann. — Im 
cuadro de las consonantes espanolas fehlt [h] (§ 83). — Ist die Transkrip- 
tion obsceno [pbsptoo] ([«^]) richtig (§ 85)? — Bei der Beschreibung des 
[w] in huevo usw. (§ 68) sollte die Bedeutung der Lippentätigkeit (die 
die Deutschen gern vernachlässigen), stärker betont werden. 

Hamburg. F. K r ü g e r. 

^ Trait6 pratique de prononciation frangaise. Paris, Delagrave, 1914. 
231 p. 2,50 Frs. 

2 Besprechungen des Buches sind zu finden in: Lectura XIX, abr. 1919, 
p. 421—3 (aus 'El Sol') ; Neophilologus V, 1 (Geers) ; La Paraula II, 44—45; 
Bull. Soc. Ling. de Paris XXI (1919), 269—70; Rass. IV, 148—50, Spanien 
1920, 228—229. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen 277 

Luigi Foscolo Benedetto, Le Origini di 'Salammbö'. Studio sul 
realismo storico di G. Flaubert. Pubblicazioni del R. Istituto 
di studi superiori pratici et di perfezionamento in Firenze, 
Sezione de filologia e filosofia — N. S. Vol. I. Firenze. 
R. Bemporad & Figlio, Editori, 1920. 

Ein Buch von 351 Seiten über einen neueren Eoman! Das ist etwas 
Neues. Quellenuntersuchungen pflegte man bisher eigentlich bloß bei älteren 
Texten, etwa beim Yvain, anzustellen. Ein Grund dafür ist nicht zu 
finden. So ist Benedettos Buch etwas Neues und zugleich eine sehr solide 
philologische Leistung. Er gibt zunächst eine Introduzione. Der erste 
Hauptteil heißt: L'Ereditä romanza mit den Kapiteln: II racconto Orientale, 
I ricordi dei viaggi, Gli antecedenti neU'opera flaubertiana, GVinflussi 
contemporanei, Le tendenze romanze. Also literarhistorische Arbeit, das 
Erfassen der Zusammenhänge mit Vorgängern und mit andern eigenen 
Werken. Dieser zweite Punkt ist der interessantere; gerade die Aufdeckung 
von Beziehungen zwischen der 'Tentation' und 'Salammbö' ist sehr wertvoll 
für die Erkenntnis des Werkes von Gustave Flaubert, für seine Einheit 
und Geschlossenheit, so daß man eigentlich kein Werk herausheben und für 
sich betrachten darf. 

Der zweite Teil behandelt das lavoro di ricostruzione mit den Kapiteln 
la cittä, la religione, lo stato, Vesercito, Vindole etnica. Das ist reine 
Philologenarbeit geworden, Quellenforschung. B. ist auf dem Wege ein 
firmer 'Punist' geworden, es sind auch einige rein altertumskundliche 
Arbeiten dabei für ihn abgefallen. Dabei ist scheinbar diese ganze Arbeit 
unnötig oder verfrüht gewesen. B. weiß ja selber, cp. S. 16 f., daß Flaubert 
sein ganzes Material sorgfältig aufbewahrt hat, und daß es über kurz oder 
lang einmal veröffentlicht werden wird. Und das ist auch wünschenswert. 
B. wird im Übereifer pro domo ungerecht, wenn er anläßlich der voll- 
ständigen Ausgabe von Flauberts Material von feticismi grossolani spricht, 
S. 16. Trotzdem hat B. recht, sein Buch zu veröffentlichen. Eine voll- 
ständige Übersicht über das Material Flauberts ist natürlich wichtig, aber 
wichtiger ist die Frage: Was hat der Künstler mit dem Material an- 
gefangen, welche künstlerischen Absichten hat er bei der Sichtung des 
Materials verfolgt? Mindestens ebenso wichtig wie das, was Flaubert in den 
Quellen gefunden hat, ist das, was er nicht darin gefunden, sondern er- 
funden hat. So hat B. recht, wenn er sagt, daß die absolute Vollständigkeit 
des Nachweises der Quellen etwas relativ Irrelevantes ist. B. hat in minu- 
ziöser Kleinarbeit die beiden Quellen Flauberts, die direkten und indirekten, 
also die antike Überlieferung und die Flaubert zeitgenössische Forschung 
durchsucht, deren Scheidung oft nicht überzeugend durchgeführt werden 
kann. Es sind B. sicher auch Stellen entgangen. So eine, die mir beim 
Lesen zufällig einfiel: S. .312 sagt B. : II capo delle navi dice ad Amilcare 
di avere affondate ttttte le navi straniere veleggianti oltre il capo Estri- 
mone, pcrche il segrcto delle nuove vie non fosse scoperto. Ricordava, tra 
gli altri, lo Heeren: 'I Cartaginesi cercarono fino ai tempi della potenza 
romana di nascondcre il loro commercio colle isole Cassiteridi'. Bei dem 
Versenken der Schiffe hatte Flaubert sicher eine Strabostelle im Sinne, 
Buch 17, Kapitel 19: Knp/rjSoriovg Se y.mrninvTOir, eins i(äv ^eicov eis 
üaoSco TTctQmtXevasiev, tj enl arjXai. Daß Flaubert Strabo benutzte, weist 
B. selber an vielen Stellen nach. B. hat diese Stelle eben übersehen. 

Aber, wie gesagt, wichtiger als die Frage, woher Flauberts Material 
stammt, ist die, was er damit angefangen hat. Darüber spricht B. in den 
letzten zehn Seiten des Buches, der Conclusione. Salammbö ist nicht das 
geworden, was Flaubert erstrebte, und was auch wir erhofft haben. Das lag 



278 



Beurteilungen und kurze Anzeigeil 



an seiner Doppelstellung und Doppelbegabung als Gelehrter und Künstler. 
Flaubert fühlte sich auch als Gelehrter, er polemisierte als Gelehrter gegen 
ungünstige gelehrte Besprechungen. In manchem hat er die Wissenschaft 
gefördert, die moderne 'Punistik' setzt oft fort, was Flaubert schon gesehen 
hatte, wie B. zeigt. Aber das wissenschaftliche Studium sollte bloß den 
Anfang, die Basis geben. Die Umsetzung der Wissenschaft in Kunst ist 
Flaubert nicht durchweg gelungen. Er verliebte sich in die Quellen und 
konnte sich von manchem Material nicht trennen, wo dichterische Not- 
wendigkeit einen Verzicht verlangt hätte. An vielen andern Stellen schaltet 
er als souveräner Künstler, er pfeift auf die Überlieferung, und wenn die 
Tatsachen widerstreben, sagt er wie Hegel gesagt haben soll: 'Um so 
schlimmer für die Tatsachen'. Aber so denkt er nicht immer. Am Wider- 
streit des Gelehrten und des Künstlers leidet das Buch als Kunstwerk. 
Es war eben nicht bloß Gelehrtenliebe, nicht bloß hizzarria letteraria, wie B. 
formuliert, was Flaubert an Karthago kettete. Es war psychologische Not- 
wendigkeit. Karthago war ein Teil seines eigenen Ichs geworden. Und 
dieses leidende Ich finden wir in Salammbö ebenso wieder wie in Madame 
Bovary, der Tentation de St. Antoine und den Educations sentimentales. 
Der Hauptwert des Buches von B. liegt vielleicht darin, gezeigt zu haben, 
daß Flauberts Werke trotz aller gewollten im-passiMlite 'Bruchstücke einer 
großen Konfession' sind. 

Jena. H- Geiz er. 



Verzeichnis 
der eingelaufenen Druckschriften. 



Allifememes. 

The American Journal of pihlologj'. XL, 3, July — Sept. 1919 [Ch. Knapp, 
References to literature iu Plautus and Terence. — E. A. Lease, The use 
and ränge of the future participle. — A. Ch. Johnson, Problems in Delphiau 
chronology. — M. C. Waites, Satura rediviva. Heviews and book notices. 
Eadin's The genetic relationship of the North American Indian languages. 
— • Lalis Lietuviskos ir angliskos Kalbii zodynas. — Juskevic's Litovskij 
Slovari. Wells' First Supplement to a manual of the writings in Middle 
English 1050—1400]. 

ypräk och stil. Tidskrift för nysvensk spräkforskning. Uppsala 1919. 
XIX, 3 — 5 [B. Hesselmann, Ortografiska reformer i spräkhistorik belysning. 

— E. Lundin, Behandlingen av infinitivmärket 'att' i nusvenskan (Fort- 
sättes). — 0. Gjerdman, Aktiva och passiva versifikatörer emellan II. — 
Smärre bidrag: 5. Th. Hjelmqvist, En rättelse tili en dikt av Pontus Wikner. 

— 6. St. 0. Nordberg, Ordet forfader. — 7. J. E. Hyl4n, Nägra moderna 
fraser]. XX, 1. o. 2 [N. Lindquist, Spräkliga konsekvenser av Fichtes 
'Jag'. — E. Lundin, Behandlingen av infinitivmärket 'att' i nusvenskan 
(Forts.). — J. E. Hyl€n, Adjektiv utan obestämt neutrum singularis. — 
Sverker Ek., Smäverser i Agneta Norns lefverne. — R. G. Brg, 'Rabeners 
Bref-ställare'. Ett bidrag tili 1700-talets vardragsstil. — F. de Brun, Ordet 
forfader ännu en gäng]. 

Beiträge zur Sprach- und Völkerkunde. (Festschrift für Alfred Hille- 
brandt.) Halle, Waisenhaus, 1913. 187 S. M. 5 [R. Abicht, Ein Alexander- 
lied unter den russischen Bylinen. — W. Cohn, Das Amt des Admirals iu 
Sizilien unter Kaiser Friedrich II. — H. H. Figulla, Parallelen babyloni- 
scher Überlieferungen im San.skrit. — E. Hanisch, Zur Geschichte der 
Särospataker altpolnischen Bibelhandschrift. — A. Hilka, Historia septem 
sapientum. — P. Klimek, über das Gespräch des Sokrates mit dem jüngeren 
Perikles. — R. Kühnau, Die weiße Frau. — E. Lewy, Zur Frage der 
Sprachmischung. — H. Neckel, Ein Bruchstück aus Kälidäsas Kumära- 
sambhava. — W. Neißer, Vedica. — L. Scherman, Der Geisterkult der 
buddhistischen Palaung in den hinterindischen Shanstaaten. — F. Slotty, 
Ein Beitrag zur Modussj'ntax der griechischen Dialekte. — Wolf von Un- 
werth, Namengebung und Wiedergeburtsglaube bei Nordgermanen und 
Lappen] . 

Mitteilungen des Vereins der Freunde des humanistischen Gymnasiums; 
hg. vom Vereinsvorstande. 19. Heft. Wien, Fromme, 1919. M. 4 [Bericht 
über die 14. ao. Vereinsversammlung am 27. Januar 1918. — Ein Homer- 
vortrag am 17. März 1918: Rezitation in griechischer Sprache von H. Fischl; 
einl. Worte von A. v. Scheindler. — Bericht über die XII. ordentliche Ver- 
einsver-sammlung am 3. Juni 1919; Vortrag von R. Meister: Die Bildungs- 
werte der Antike und ihr Verhältnis zum Kulturganzen der Gegenwart. — 
Vom ungarländischen Verein der Freunde des humanistischen Gymnasiums]. 

Otto, Ernst. Die Grundlegung der Sprachwissenschaft. Bielefeld, Vel- 
hagen, 1919. VII, 155 S. 

Siewert, Gerhard, Waldbedeckung und Siedlungsdichte der Lüne- 
burger Heide im Mittelalter. Di.ss. Berlin 1920. Hannover, Gersbach, 
1920. 64 S. 



280 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Stern, Clara und William, Monographien über die seelische Entwick- 
lung des Kindes. I: Die Kindersprache, eine psychologische und sprach- 
theoretische Untersuchung. Zweite, um ein Nachwort und eine Beobachtungs- 
anleitung erweiterte Aufl. Leipzig, Bardt, 1920. XII, 430 S. M. 31,20; 
geb. M. 34,80. [Die Originalausgabe von 1907 ist vergriffen und wird hier 
durch einen anastatischen Neudruck ersetzt, der durch einige Zutaten etwas 
modernisiert ist. Das Buch verdiente solche Auferstehung. Es ist wohl die 
genaueste Beobachtung kindlicher Sprache in ihren äußeren Anfängen und 
seelischen Begleiterscheinungen. Besonders ist zu beherzigen, was S. 337 ff. 
über Urschöpfung von Wörtern durch Klangsymbolik gesagt wird, sowie die 
Andeutungen über erregte Rede als ursprüngliche Syntax, S. 193 ff.] 

G r a ß, Joseph, Experimentalphonetische Untersuchungen über Vokal- 
dauer, vorgenommen an einer ripuarischen Dorfmuudart. Diss. Hamburg 
1920. 39 S. [Zum ersten Male wird hier die Länge der Tonvokale innerhalb 
eines Dialektes im größeren Umfange maschinell gemessen. Obwohl dabei 
zwischen Zweigipfligkeit und Stimmdauer nicht geschieden wird, wie es 
Ehrentreich betr. der ne. Tonvokale tat, ergeben sich dennoch ähnliche Ver- 
hältnisse der Kürzung vor Suffix und vor gewissen Konsonanten. Wer nur 
experimentelle Phonetik ernstlich zu treiben versucht, wird auch mit ein- 
fachen Instrumenten manches Ersprießliche leisten.] 

Otto, E., Was versteht mau unter Stil? Was ist Stilistik? Leipzig, 
Quelle u. Meyer, 1914. 38 S. 

Brie, Friedrich, Exotismus der Sinne. Eine Studie zur Psychologie der 
Romantik. (Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie. Phil. -bist. Klasse 
1920. 3. Abhandlung.) Heidelberg, Winter, 1920. 79 S. [1. Der ennui als 
Vorbedingung. Ursprung des Exotismus im Bedürfnis der Sinne. Abwen- 
dung von der Gegenwart und Flucht in die Sinnenwelt des Orients, der 
Antike und der narkotischen Visionen. Beziehungen zwischen den drei 
Welten. Exotismus nicht möglich in früheren naiven Zeitaltern. 2. Geringer 
Anteil Deutschlands an der Entwicklung des Exotismus. Heinses Kultus 
von Antike und Renaissance. 3. Exotismus innerhalb der englischen Roman- 
tik. Beckford, Coleridge, De Quincey, Wainewright, Poe. 4. Exotisnius in 
der französischen Literatur. Unterschied zwischen französischem und eng- 
lischem Exotismus. Die Anfänge noch innerhalb der Aufklärung: Stendhal. 
Die Romantik: Gautier, Flaubert, Le Poittevin, G6rard de Nerval, Bouilhet, 
Baudelaire, Soulary, Leconte de Lisle, Banville, Menard. 5. Der spätere 
Exotismus in der englischen Literatur: Swinburne, Pater]. 

Motiv und Wort, Studien zur Literatur- und Sprachpsychologie. 
I. Hans Sperber, Motiv und Wort bei Gustav Meyrink. 2. Leo Spitzer, Die 
groteske Gestaltungs- und Sprachkunst Christian Morgensterns (mit einem 
bisher unveröffentlichten Briefe des Dichters). Leipzig, 'Reisland, 1918. 
124 S. M. 4. [Meyrink stellte in mehreren Novellen den Tod durch Er- 
sticken dar; in vier steht dies Motiv sogar im Mittelpunkt. Sperber unter- 
sucht nun, durch welche Züge und durch welche Ausdrücke Meyrink immer- 
fort auf das Ersticken zurückkommt, um die Vorstellungsreihe und Wort- 
wahl dieses Gedankenkreises zusammenzustellen. Ähnlich geht er der Blind- 
heitsvorstellung und der Vampyrgestalt bei Meyrink nach. Er findet, daß 
eine Lieblingsvorstellung den Dichter leicht zu sprtichlichen Grenzverschie- 
bungen und inhaltlichen Analogien veranlaßt, aber einen starken Erzäh- 
lungsbau nicht zu schaffen vermag. Assoziationen arbeiten bis zu einem 
gewissen Grade für einen Dichter, können aber nicht einen Dichter machen. 
Ähnlich untersucht Spitzer das Groteske bei Morgenstern. Dichten ist ihm 
ein geistiges Erleben, ein Gewebe von Wortbildern und Parallelen, deren 
Glieder sich gegenseitig hervorrufen und bedingen. Sie werden weniger von 
einem strengen Willen zur Architektonik zusammengehalten, sondern be- 
dingen vielmehr den Architekten. 'Das künstlerische Temperament ist eine 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 281 

biologische Gegebenheit'. Das Dichten ist ihm ein 'traumwandlerisches 
Gehen auf der schmalen Grenze, wo Sprache und Realität einander be- 
rühren'. Das sind ernste Ansätze zur Erforschung des Unterbewußtseins, 
das beim Poeten mit den vorhandenen Darstellungsmitteln halb selbständig 
arbeitet und dabei oft Erstaunliches an Neuschöpfungen leistet. Allerdings 
ist das, was bei sensationellen Poeten wie Meyrink geschieht, nicht not- 
wendigerweise maßgebend für Poeten der ersten Reihe, bei denen sich der 
Prozeß des Schaffens vielleicht individuell stärker und persönlich freier 
abspielt.] 

Benz, Richard, Die Grundlagen der deutschen Bildung. Vorlesungen. 
Jena, Eugen Diederichs, 1920. 106 S. (Schriften zur Kulturpolitik, 
über den Nutzen der Universitäten für die Volksgesamtheit und die Mög- 
lichkeit ihrer Reformation.) Jena, Eugen Diederichs, 1920. 23 S. [Benz 
skizziert den orientalischen Menschen, den klassischen, den gotischen, den 
modernen, den zukünftigen. Das geht nicht ohne kühne Konstruktionen ab; 
dennoch wirkt die Fragestellung anregend auf den psychologischen Litera- 
turforscher, der sich zunächst nach verläßlichen Kriterien umsieht, um ein 
so schwankes Ding wie Volkscharakter einigermaßen systematisch zu er- 
fassen.] 

Stoltenberg, Hans Lorenz, Reine Farbkunst in Raum und Zeit und 
ihr Verhältnis zur Tonkunst. Leipzig, Unesma, G. m. b. H., 1920. 35 S. 
[Wie es eine reine Tonkunst gibt, abgesehen vom Wesen des Sängers oder 
Spielers, so müßte auch eine reine Farbkunst möglich sein, beruhend auf 
natürlich vorkommenden Farbfolgen, vorstellhaft ausgebildet und durch 
eigene Bedingungen des Wohlgefallens geführt. Das Verhältnis dieser 
postulierten Farbkunst zur Tonkunst wird erörtert, mögliche Farbspiel- 
zeuge werden beschrieben. Das Heft schließt mit der Hoffnung, 
daß die Farbkunst — so lange durch die Ungunst mangelnder Verwirk- 
lichung zurückgehalten — um so schneller zu einem stolzen, dem der Ton- 
kunst ebenbürtigen Dom sich erheben wird.] 

Schab, Siegfried, Studieren oder nicht? Ein Wort zum Erlaß des 
Unterrichtsminist^rs behufs 'Eindämmung des Zudranges zu den Mittel- 
schulen'. Wien-Leipzig, Anzengruber-Verlag, Brüder Suschitzky, 1916. 32 S. 
[Der österreichische Unterrichtsminister Hussarek hatte damals an die 
Landesschulbehörden einen Erlaß geschickt zur Eindämmung des Andranges 
zu den Mittelschulen, weil infolgedessen die Anstalten vermehrt werden 
müßten. Darüber hat sich Verf. geärgert. Er verweist auf das reichere 
Mittelschulwesen im Deutschen Reiche, das dabei doch blühe und gedeihe. 
Er freut sich des wachsenden Andranges und möchte viel eher die 
Studiendauer verringern, der körperlichen Zermürbung in der Schule vor- 
beugen, für raschere Anstellung sorgen und den Lehrkräften ein besseres 
Einkommen verschaffen.] 

Friedrich, Fritz, Die höhere Schule als einheitlicher Organi-smus. 
Ansprache gehalten am 24. Februar 1920 im großen Saale des Deutschen 
Buchhändlerhauses in Leipzig. Leipzig, Teubner, 1920. 16 S. [Ein er- 
fahrener Schulmann warnt vor den Umsturzplänen sächsischer Behörden.] 

L a m s z u s, Wilhelm, Die Begabungsschule. Ein Beitrag zur geistigen 
Wiedergeburt. Braun.schweig, G. Westermann, 1919. 80 S. [In lebendigem 
Stil und mit manchem vernünftigen Wort ist hier au.seinandcrgesetzt, wie 
sehr un.sere mittleren und höheren Schulen unter dem Berechtigungswesen 
litten. Verf. geht übrigens oft noch weiter und trifft mit seinen Einwänden 
Übelstände, die fast jeder Schule, die nicht bloß Einzelkindern gilt, anhaften 
müssen. So rühmt er S. 59 die schönen Frucht«! zehnwöchigen Privat- 
studiums im Englischen oder Französischen, dem sich ein heller Kaufmanns- 
lehrling ergab, 'während unser braver Gymnasiast viele Jahre pflichtgemäß 
Englisch und Französisch lernt, jede Woche stundenlang zu Hause und in 

ArchiT f. n. Sprachen. 141. 19 



282 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

der Schule Exerzitien und Lektionen mündlich und schriftlich paukt, um 
am Ende dieser gewaltigen Lehrzeit nicht einen einzigen Satz ohne Stottern 
hervorbringen zu können'. Dieser Gymnasiast hatte offenbar schlechte 
Lehrer, jener Kaufmannslehrling aber eine besondere Sprachenbegabung und 
wohl auch einige stille Hilfe. Verf. erklärt S. 71 : 'Die Standesschule ist der 
Todfeind aller Schulreform . . . macht die Kinder der höheren Gesellschafts- 
klassen zu Trägern der historischen Gewalt, die Kinder der Ärmeren zu Hand- 
langern und bezahlten Aufsehern; solange diese Zwingburg nicht gebrochen, 
bricht uns kein Frühling an.' Die Welt rufe nach Begabungsschule; und 
diese bedeute: 'aus jeder Schule, aus jeder Klasse eine Gemeinschaft zu 
machen, in der alle Kinder das Recht auf ihre Entwicklung, auf die ihnen 
eigentümliche Begabung haben'. Es wird also soziale Individualisierung ge- 
fordert, und wenn ein Volk samt seinen Lehrern von heiligem Wissens- 
drange brennt, so können wohl auch entsprechende Einrichtungen getroffen 
werden. Die Vorrede ist vom Mai 1919 datiert; die Stimmung der Zeit ist 
für die wohlgemeinte Schrift der beste Kommentar.] 

Zum Charakter Spinozas. Erläuterung der wichtigsten Nach- 
richten über sein Leben. Vom Verf. des Spinoza R^divivus und Augustinus 
Redivivus. (Der Philosophischen Weltbibliothek dritter Band.) Halle, Welt- 
philosophischer Verlag, 1919. 143 S. M. 8. 

J o d 1, Friedrich, Sein Leben und Wirken, dargestellt nach Tagebüchern 
und Briefen von Margarete Jodl. Mit 3 Bildnissen. Stuttgart, Cotta, 1920. 
XIV, 344 S. [Dem Philosophen Jodl, der in München, Prag und Wien 
wirkte und überall auch in künstlerische, literarische und politische Fragen 
blickte, hat seine Witwe ein biographisches Denkmal gesetzt. Zu seinen 
ethischen Anschauungen und Leistungen haben englische Bücher vielfach 
beigetragen.] 

Plattensteiner, Riehard, Beethoven. Der große Musikant zur Ehre 
Gottes. Ein Weihespiel. Neue, verbesserte Ausgabe. Leipzig, Hesse & Becker, 
1920. 39 S. 

Brückner, Alexander, Polnische Literaturgeschichte (Sammlung 
Göschen 789.) Berlin und Leipzig, V. W. V., 1920. 122 S. M. 1,60 + 50 »/o. 

Szinnyei, Josef, Die Herkunft der Ungarn, ihre Sprache und 
Urkultur. (Ungarische Bibliothek. Für das Ungarische Institut an der 
Universität Berlin, hg. von Robert Gragger. Erste Reihe.) Berlin W^ 10 
und Leipzig, Vereinigung wissenschaftlicher Verleger, Walter de Gruyter 
& Co., 1920. 57 S. 

Neuere Sprachen. 

Literaturblatt für germanische und romanische Philologie. XLI, 1/2. 
Januar/Februar 1920 [Götze: Hautkappe, Über die altdeutschen Beichten 
und ihre Beziehungen zu Cäsarius von Arles. — Behaghel : Luthers Werke, 
hg. V. A. E. Berger. — Götze: Hempel, Die Kunst F.s von Logau. — Schott: 
Fränzel, Die Geschichte des Übersetzens im 18. Jahrh. — Schian: Liepe, 
Das 'Religionsproblem im neuern Drama von Lessing bis zur Romantik. — 
Körner: Elkuß, Zur Beurteilung der Romantik und zur Kritik ihrer Er- 
forschung. — Sulger-Gebing: Brüll, Heiligenstadt in Th. Storms Leben und 
Entwicklung. — Fischer: Hocks, Tennysons Einfluß auf F. W. Weber. — 
Behaghel: Kubier, Allgäuer Berg- und Ortsnamen. — Sperber: Delbrück, 
Der altisländische Artikel. — Sperber: v. Friesen, Runorna i. Sverige. — 
Koch : Kaluza, Chaucer Handbuch. — Ackermann : Chew, The dramas of Lord 
Byron. — Spitzer: Tallgreen, L'expression figurße de l'id^e de promptitude. 
— Lerch: v. Ethmayer, Satzobjekte und Objektoide im Frz. — Urtel: 
Merian, Die frz. Namen des Regenbogens. — Hilka: Morawski, Pamphile et 
Galathee par Jean Bras-de-Fer. — Klemperer: Cordemann, Der Umschwung 
der Kunst zwischen der 1. u. 2. Fabelsn.mmlung La Fontaines. — Klemperer: 
Soblik, Werther und Ren6. — Pfandl: v. Wurzbach, Ausgew. Komödien von 



I 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 283 

Lope de Vega. — Hilka: Lehmann, Aufgaben und Anregungen der lat. 
Philologie d. Mittelalters. — Bibliographie, Lit. Mitteilungen, Personal- 
nachrichten usw.]. 3/4. März/April [Junker: Kock-Jakobsen, Sprogets 
Forandring. — Behaghel: Paul, Deutsche Grammatik III, Syntax. — 
Behaghel: Schmid, Die Mundart des Amtes Entlebuch im Kanton Luzern. — 
Behaghel: Streif f, Die Laute der Glarner Mundarten, — Behaghel: Wiget, 
Die Laute der Toggenburger Mundarten. — Behaghel: Stucki, Die Mundart 
von Jaun im Kanton Freiburg. — Götze: Kramp, Studien zur mhd. Dich- 
tung vom Grafen Rudolf. — Bebermeyer : Thomas Murner und seine Dich- 
tungen, eingel. u. erneuert v. G. Schuhmann. — Bebermeyer: Lefftz, Die 
volkstümlichen Stilelemente in Murners Satiren. — Binz: Förster, Die 
Beowulf-Handschrift. — Fischer: Hecht, Robert Burns. — Voßler : Lerch, 
Die Verwendung des romanischen Futurums als Ausdruck eines sittlichen 
Sollens. — Klemperer: Voßler, Lafontaine und sein Fabelwerk. — Lerch: 
Curtius, Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich. — Lerch: 
Grauhoff, Romain Rolland. — Streuber: Küchler, Romain Rolland — Henri 
Barbusse — Fritz v. Unruh. — Pfandl: Cotarelo y Valledor, El Teatro de 
Cervantes. — Schuchardt: Azkue, Diccionario espanol y vasco. — 
Schuchardt: Azkue, Fonetica vasca. — Schuchardt: Azkue, Müsica populär 
vasca]. — 5/6. Mai/Juni [Streuber: Bojunga, Der deutsche Sprachunter- 
richt auf höheren Schulen. — Streuber: Reuschel, Die deutsche Volkskunde 
im Unterricht an höheren Schulen. — Streuber : Sprengel, Des deutschen 
Unterrichts Kampf um sein Recht. — Streuber: Bernt, Humanismus und 
Deutschtum. — Behaghel: Knapp, Das Rechtsbuch Ruprechts von Freising. 
• — Götze: Lauenstein, Das mittelalterliche Böttcher- und Küferhandwerk in 
Deutschland. — Götze: Schiff, Die Namen der Frankfurter Juden zu Anfang 
des 19. Jahrh. — Ullrich: v. d. Briele, Paul Winckler. — Körner: Cassirer, 
Freiheit und Form, Studien zur deutschen Geistesgeschichte. — Körner : 
Cassirer, H. von Kleist und die Kantische Philosophie. — Kersten: Wächter, 
Kleists Michael Kohlhaas. — Ker.sten: Kindermann, H. Kurz und die deut- 
sche Übersetzungskunst im 19. Jahrh. — Funke: Phoenix, Die Substanti- 
vierung des Adjektivs, Part. u. Zahlworts im Ags. — Ackermann: Hanford, 
Wine, beere, ale and tobacco. A 17th Century interlude. — Voßler: v. Ett- 
mayer, Vademecum für Studierende der romanischen Philologie. — Wagner: 
Jeanneret, La langue des tablettes d'exöcration latines. — Lerch: Wolter- 
storff, Historia pronominis ille exemplis demonstrata. — Lerch, Wolter- 
storff, Artikelbedeutung von ille bei Apuleius. — Lerch, Wolterstorff, Ent- 
wicklung von ille zum bestimmten Artikel. — Spitzer: Brall, lat. foris, 
foras im Galloromanischen. — Spitzer: Fuchs, Das afrz. Verbum errer. — 
Mulertt: Michaelis, Die sog. comßdies espagnoles des Thomas Corneille. — 
Streuber: Bär, E. Quinets Ahasverus. — Streuber: Kohler: La litterature 
personnelle. — Kolsen: Strempel, Girant de Salignac, ein prov. Trobador]. 

— 7/8. Juli/August [Naumann: Dörr, Die Kreuzensteiner Dramenbruch- 
stücke. — V. Grohnau: Thomas Murners deutsche Schriften, Bd. IX, hg. von 
P. Merker. — Müller: Maurel, Goethe, Gßnie latin. — v. Grohnau: Goethes 
Briefwechsel mit J. S. Grüner und S. St. Zamper. — Maync: Wielands 
Gesammelte Schriften, hg. v. d. Preuß. Akademie d. Wissenschaften I, 3, 4, 7, 
II, 3. 4, — E. WolfT: Schneider. Studien zu Heinrich von Kleist. — Lion: 
de Groot, Leopold en Rijkens,.Nederland.sche Letterkunde. — Lion: Leopold, 
Nederlandsche Schrijvers en Schrijfsters. — Stern: Liljegren. Studies in 
Milton. — Fischer: Zangenberg, Ästhetische Gesichtspunkte in der eng- 
lischen Ethik des 18. Jahrh. — Hilka: Settegast, Das Polyphemmärchen in 
afrz. Gedichten. — Crescini: de Lollis, Poesie provenzali sulla origine e 
sulla natura d'amore. — Crescini: de Lollis, Poesia cortese in lingua d'oil. 

— Spitzer: Collin, Etüde sur le döveloppement de sens du .suffixe ata. — 
Lerch: Sneyders de Vogel, Syntaxe historique du frangais. — M. J. WolfT: 

19* 



284 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Cerro, Nel Regno delle Maschere, dalla Commedia dell'arte a Carlo Goldoni. 
— V. Wartburg: Spitzer, Katalanische Etymologien. — Pfandl: Lehmann, 
Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz. I.]. 

Modern languages notes. XXXI, 6/7, Juni/November 1916 [W. D. 
Briggs: Souroe material for Jonson's plays. Part II. — A. Livingston: 
Venice 1727: Sonnets on the execution of D. Althan. — E. H. Sehrt: 
Grimmeishausen as a dialectologer. — G. S. Barnum: Saint-Pierre and 
Balzac. — Reviews: F. W. Bryan: H. Walker, The English essay and 
essayists. — v. Jagemann: 0. P. Rein, Mixed preterits in German. — A. O. 
Lovejoy: D. Cheydleur, Essai sur l'ßvolution des doctrines de M. Georges 
Sorel. — . G. N. Henning: A. Schinz and H. M. King, Seventeenth Century 
French readings. — Correspondence: F. D. White, A sentence from an 
English notebook of Voltaire's. — E. Fulton: Spenser, Sidney, and the 
Areopagus. — B. S. Monroe: Notes on the Anglo-Saxon 'Andreas'. — J. E. 
Gillet: The authorship of 'Gorioduc'. — G. R. Coffman: CoUins and Thom- 
son, A Suggestion. Brief mention: T. Brooke, Common conditions. — 

A. Padovan, Vita di B. Cellini. — Goedekes Grundriß zur Geschichte der 
deutschen Dichtung. — Sir Sidney Lee, A life of W. Shakespeare. — 

B. Perry, Th. Carlyle: How to know him. — L. R. Talbot: French 
composition] . — 8, Dec. [T. Starck: Die 'Deutschen Sagen' der Brüder 
Grimm als Balladenquelle. — L. Landau: A German-Italian satire on the 
ages of man. — D. S. Blondheim: Additional parallels to 'Aucassin et 
Nicolette', VI, 26. — T. Brooke: On the source of 'Common conditions'. — 
S. B. Hemingway: Chaucer's monk and nun's priest. -^ Reviews. S. C. 
Chew: The Cambridge history of English literature. vol. XII. — G. G. 
Laubscher: E. Stimming, Der Accusativus cum infinitivo i. Frz. — M. A. 
Buchanan: W. Haußler, A handy bibliographical guide to the study of the 
Spanish language and literature. — G. H. Stempel : L. Bloomfield, An intro- 
duction to the study of language. Correspondence. W. D. Briggs, On the 
sources of 'The maid''s tragedy'. — R. T. Kerlin: Wieland and The raven. — 
H. 0. Schwabe: M. H. G. ähe, N. H. G..(Tyrol) ache(n), äche, — C, H, 
Ibershoff: Vitzliputzli. — M. H. Shackford: The date of Chaucer's 'Eons of 
Farne'. — Brief mention. G. H. Cowling, The dialect of Hackness. — A. S. 
Napier, Jacoh and Joseph: a Middle English poem of the ISth Century. — 
Critical studies of the writings of Thomas Hardy]. — XXXII, 1, Jan. 1917 
[G. A. Jones: A play of Judith. — G. T. Flom: Alliteration and Variation 
in Old Germanic name giving. — H. D. Gray: Shakespeare's last sonnets. — 
W. K. Smart: 'Mankind' and the mumming plays. — Reviews. T. F. Crane: 
J. Klapper, Erzählungen des Mittelalters in deutscher Übersetzung und lat. 
Urtext. — H. CoUitz: A. Kock, Umlaut und Brechung im Altschwedischen. 

■ — G. Sherburn: W. H. Durham, Critical essays of the 18th Century, 
1700 — 1725. — Correspondence. K. Sisam, The Csedmonian Exodus 492. — 
A. Taylor: OHG. Quecbrunno. — P. R. Pope: The Interpretation of Parzival 
1, 26 — 2, 4. — K. McKenzie: A note on the name Beaumarchais. — 
F. Tupper: Chaucer and Lancaster. — L. Mason: Bishop H. King and the 
Oxford Dictionary. — S. B. Hemingway: The two St. Pauls. — P. W. Long: 
Spenser's visit to the north of England. — Brief mention: Sir Arthur 
Quiller-Couch: On the art of writing. — J, B. Fletcher: Dante. — Ph. St. 
Barto: Tannhäuser and the mountain of Venus: a study in the legend of 
the Germanic paradise]. — 2, Febr. [A. V. Lovejoy: On the meaning of 
'Romantic' in Early German romanticism. Part II. — G. H. Gerould: The 
Old English poems on St. Guthlac and their Latin source. — E. Thompson: 
Tom Brown and 18th Century satirists. — St. Rypins: Notes on 'Epistola 
Alexandri ad Aristotelem'. — Reviews. W. H. Hulme: H. C. Shelley, The 
life and letters of Edward Young. — H. Wood: E. F. Haugh, G. Keller 
as a democratic Idealist. — C. F. Zeck jr. : H. Kurz, European characters in 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 285 

French drama of the 18th Century. — N. C. Brooks: M. Herrmann, Forschun- 
gen zur deutschen Theat«rgeschichte des Mittelalters und der Renaissance. 

— Correspondence. E. Ch. Baldwin: A note on Paradise lost, IX. — H. E. 
Rollins: Notes on Th. Deloney. — A. S. Cook: M. Arnolds 'The church of 
Brou'. Brief mention. W. Odling: The technic of versification: notes and 
illustrations. — N. A. Cortös: Casos Cervantinos que tocan a Valladolid. — 

E. Björkman: Morte Arthure. — A. G. Brodeur: Prose Edda. — W. C. 
Bronson: American prose]. — 3, March [J. Warshaw: 'Pr6ciosit€', after 
the 17th Century. — A. M. Sturtevant, Zum gotischen Dativ nach 'walrpan' 
mit Infinitiv. — M. Garver: French army slang. — O. M. Johnston: 
'A tot', 'atot' and 'otot'. — R. Perkins: On the sources of the Fata aposto- 
lorum'. — Reviews. C. Brown: J. E. Wells, A manual of the writiugs in 
Middle English, 1050—1400. — L. Eiemer: E. W. Roeßler, The soliloquy in 
German drama. — E. C. Armstrong: B. F. Luker, The use of the Infinitive 
instead of a finite verb in French. — E. H. Wilkins; E, F. Langley, The 
poetry of Giacomo da Lentino. — Correspondence. D. C. Stuart: A note on 
Voltaire's Lettres philosophiques. — A. H. Herrick: The chronology of a 
group of poems by W. C. Bryant. — G. N. Henning: Notes on French tenses. 

— B. M. Woodbridge: L'abbö Dubois and Old Grandet. — E. R. Macauley: 
Notes on the sources for Medwall's Nature. — P R. Kolbe, Heines Schäfer 
und Doris. — C. H. Ibershoff, A second note on Klopstock's indebtedness 
to Milton. — J. Q. Adams jr. : W. Goddard. — E. P. Hammond: A manu- 
script perhaps lost. — Brief mention. L. W. Smith, Tlie mechanism of 
English style. — F. W. Cady, The old ivives' tale, by George Poele. — E. C. 
y Mori, Don Diego Jimönez de Enciso y su Teatro]. — 4, April [E. H. Wil- 
kins, Notes on Petrarch. — G. A. Jones, Notes on Swinburne's 'Song of 
■Italy'. — H. Collitz, Zu den mhd. kurzen Präterita 'gie', 'fie', 'lie'. — W. 
Strunk jr., The Elizabethan showman's ape. — H. 0. Schwabe, Etymolo- 
gical notes. — W. Kurrelmeyer English translations of Wieland. Reviews. 
N. Flaten: E. Nelson, The Spanish-American reader. — A. Green: E. H. 
Sehrt, Zur Geschichte der westgermanischen Konjunktion U7id. — S. C. 
Chew: Th. Hake and A. Compton-Rickett, The life and letters of Th. Watts- 
Dunton. — Th. Watts-Dunton, Old familiär faces; poetry and the reuascence 
of wonder. — K. Fl. Smith: M. R. Thayer, The influence of Horace on the 
Chief English poets of the 19th Century. — E. Carcassonne, Anuales de la 
Sociötö J.-J. Rousseau. — Correspondence. S. C. Chew, Arnold's The 
church of Brou. — L. M. Hollander, Beowulf 33. — H. L. Bruce, English 
adaptations of Voltaire's plays. — H. T. Baker: The sensationalism of 
Byron. — 0. F. Emerson, A new word in an old poet. — Brief mention. 

F. E. Held, Christianapolis, an ideal sta,te of the 17th Century by J. V. 
Andreae. — G. McL. Harper, W. Wordsworth, his life, works, and influence. 

— M. Grammont, Traitö pratique de prononciation frangaise]. — 5, May 
[E. C. Forman, The manuscripts of Ariosto's comedies and their relation to the 
printed editions. — K. Campbell, Gleanings in the bibliography of Poe. — 
Ch. H. Handschin, G. Keller and the problem of tragedy. — J. C. Hodges, 
Two otherworld stories. — E. D. Adams, A fragment of a Lord Mayor's 
pageant. — F. A. Wood, Etymological notes. — Reviews. — G. Grünbaum: 
L. H. Alexander, A practical introduction to French. — C. A. Chardenal, 
A complete French cour.se. — E. Feise: F. W. C. Lieder, Goethes Hermann 
und Dorothea. — G. C. L. Riemer: R. M. Mitchell, Heyse and his prede- 
cessors in the theory of the Novelle. — E. P. Hammond: H. M. Cummings, 
The indebtedness of Chaucer's works to the Italian works of Boccaccio. — 
M. A. Buchanan: H. A. Rennert, Bibliography of tho dramatic works of 
Lope de Vega Carpio based upon the cat<alogue of J. R. Chorley. — Corre- 
epondence. St. L. Galpin, The influence of enviroument in Le pdre Ooriot. 

— C. H. Ibershoff, Vitzliputzli. — T. Starck, Vitzliputzli. — C. S. Northup, 



286 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Byron and Gray. — L. M. Buell, Byron and Shelley. — W. H. Vann, Two 
borrowings of Wordsworth. — W. E. Schultz, A parallel in literary bio- 
graphy. — Brief mention. G. Bück, The social criticism of literature. — 
O. L. Jiriczek, J. Mapherson's Fragments of ancient poetry (1760). — T. A. 
Alnoldson, Parts of the body in older Germanic and Scandinavian. — C. A. 
Krause, The direct method in modern languages]. — 6, June [S. C. Chew, 
An English precursor of 'Rousseau. — C. B. C. Thomas, The miracle play at 
Dunstable. — A. H. Herrick, W. C Bryants Beziehungen zur deutschen 
Dichtung. — J. J. Parry, A new Version of Randolph's 'Aristippus'. — 
Reviews. A. S. Cook: G. F. Browne, The ancient cross shafts at Bewcastle 
and Ruthwell. — G. Grünbaum: Th. D. Bergen and G. B. Weston, An 
Italian reader of 19th century literature — M. J. Rudwin: L. Lewisohn, 
The dramatic works of Gerhart Hauptmann. — Correspondence. J. Tatlock, 
The Hermaphrodite rime. — J. Tatlock, The marriage service in Chaucer's 
Merchant's Tale. — M. Fowler, The story of Sophonisba. — A. Marinoni, 
Le mot poilu. — Herrick, A note on Wilhelm Teil IV, 3. 3. — P. F. Baum, 
Notes on Chaucer. — F. M. Darnall, Milton and Diadati. — Brief mention. 
G. van Ness Dearborn, How to learn easily: practical hints on economical 
study. — J. E. Mecker, Life and poetry of J. Thomson. — E. F. Langley: 
Beaumarchais: Mariage de Figaro; Facsimiles and reproductions of unique 
or rare items f rom The W. A. Speck collection of Goethiana in Yale University 
Library]. — 7, Nov. [A. Carnoy, On the French 'bois' and 'bachelier'. — 
0. Burkhard, The 'Novelas Exemplares' of Cervantes in Germany. — P. 
Haupt, The retained object. — E. Sehrt, The forms of 'don' in Old High 
German. — M. Brown, The 'Hous of Fame' and the 'Corbaccio'. — Reviews. 
J. Campion: H. Peetz, Der Monolog bei Hartmann von Aue. — S. Singer, 
'Lanzelet'. — A. Behre, Die Kunst der Personenschilderung bei Ulrich von 
Zatzikhoven. — O. Haunönk, Vorstudien zu einer Neuausgabe des Lanzelet 
von Ulrich von Zatzikhoven. — W. L. Phelps: A. H. Quinn, Representative 
American plays. — M. Buchanan, R. Menendez Pidal y Ma. Goyri de Me- 
nendez Pidal, Teatro antiguo Espanol, Textos y Estudios, I Luis Velez de 
Guevara, La Serratia de la Vera. — T. Brooke: R. Brooke, J. Webster and 
the Elizabethan drama. — Correspondence. M. Morand, Comments by Prof. 
Lanson. — H. R. Steeves, Bibliographical notes on Emerson. — Ch. Lemrai, 
Tamburlane and Greene's Orlando Furioso. — G. W. Mead, Widerjyld of 
Beoivnlf, 2051. — C. B. Cooper, Miscellaneous notes. — R. S. Loomis, A note 
on the Äreopagitica. — J. Campion, Fortuna Vitrea. — P. Kaufman, Stock- 
dale on Gray's productivity. — J. Hinton, 'Ditamy', Endymion, I, 555. — 
Roy T. House, Wolsey and Blondel de Nesle. — Brief mention. J. E. Spingarn, 
fCreative criticism: essays on the unity of genius and taste. — R. Ingpen, 
Shelley in England. — E. Goggio, Due commedie moderne. — M. W. Croll 
and H. Clemens, Euphnes: the anatomy of wit, Euphues and his England. 
By John Lily]. — 8, Dez. [H. Collitz, Zu den mhd. kurzen Präterita (Fort- 
setzung). — 'R. T. Hill, Old French 'espoit'. — W. Fischer. Note on Bulwer- 
Lytton's trauslation of Schiller's 'Fantasie an Laura'. — M. E. Smith, The 
fable as poetry in English criticism. — E. C. Knowlton, Pastoral in the 18th 
Century. — S. M. Beach, Lemattre's 'Bertrade'. — E. Thompson, A fore- 
runner of Milton. — P. S. Barto, Sources of Heine's 'Seegespenst'. — 
Reviews. W. Kurrelmeyer: 0. H. Werner, The unmarried mother in German 
literature, with special reference to the period 1770 — 1800. — T. Starck: 
E. M. Vogel, Beliefs and superstitions of the Pennsylvania. G^rmans. — J. 
L. Haney: E. A. Boyd, The contemporary drama of Ireland. — E. Ch. For- 
man: A. Salza, L. Ariosto, Gli studenti (Commedia) con le continuazioni 
di Gabriele e Virginio Ariosto. — Correspondence. H. E. Mierow, St. Phillips 
and E. A. Poe. — G. Morley, Fondo en ... A rare Spanish idiom. — 
C. B. Cooper, Captain Thomas Morris on Garrick. — B. Woodbridge, A 



] 



Verzeichnis der eingelaufenea Druckschriften 287 

luekless monthly and an ill-starred maiden. — K. Young, Rainold's letter to 
Thornton. — Brief mention. G. Lamborn, The rudiments of criticism. — 

A. C. Baugh, W. Haughton's Englishmen for my money. — Wilkins, Cole- 
man, and Huse, First lessons in spoken Freuch for men in military Service. 

— Coleman and La Mesl6e, Le soldat amgricain en France. — Riemer, 
Freytag's Doctor Luther]. — XXIII, 1, Jan. 1918 [W. Kurrelmeyer: A frag- 
ment of an earlier version of 'Anton Reiser'. — R. Withington, The Lord 
Mayor's show for 1590. — A. Perry, Notes on John Trevisa. — H. Bruce, 
Period of greatest popularity of Voltaire's plays on the English stage. — R. 
Martin, Notes on Th. Heywood's 'Ages'. — C. Lancaster, Four letters of 
Racine. — Reviews. R. Schevill, A first reader in Spanish. — F. Luguiens, 
Elementary Spanish-American reader. — E. Supple, Spanish reader of 
South American history. — J. Warshaw, Spanish-American composition 
book. — L. A. Wilkins, Lecturas fäciles con ejercicios. — E. S. Ingraham, 
V. Fuentes and V. E. Franeois, A trip to Latin America. — W. Hulme: 
P. Toynbee, The correspondenee of Gray, Walpole, West and Ashton. — 
K. F. Smith: G. L. Kittredge, A study of Gawain and the Green Knight. 

— C. Thomas: C. L. Powel, English domestic relations, 1487 — 1653. — 
S. Krcesch: J. Wright, A Middle High German primer, with grammar, 
notes, and glossary. — Correspondenee. K. F. Smith, Note on Dant«, Iti- 
ferno VIII, 7. — T. Brooke, Elizabethan plagiarism (?) : A bit of unappro- 
priated verse. — E. Reed, Oulliver's travels and Thomas Brown. — G. 
Thayer, Barlaam, and Joasaph. — Brief mention. C. H. Herford, Is there 
a poetic view of the world? — St. Sherman, Matthew Arnold, How to know 
him. — Segunda serie de la biblioteca Calleja. — C. N. Greenough and F. W. 
Hersey, English composition]. — 2, Febr. [L. Mott, Renan and M. Arnold. 

— F. G. Hubbard, The 'Marcellus' thcory of the first quarto 'Hamlet'. — 

B. Woodbridge, Mme de Montespan and 'la princesse de Cleves'. — H. O. 
Schwabe, Etymological notes. — E. Sehrt, The vowel-change in 'van', 'von'. 

— F. Miller, Metrical affinities of the Shrewsbury 'Officium pastorum' and 
its York correspondent. — W. H. Dunham, Some forerunners of the 'Tatler' 
and the 'Spectator'. — Reviews. A. Green: E. Prokosch, The sounds and 
history of the German language. — A. Meillet, Caracteres gßnöraux des 
languea germaniques. — D. S. Blondheim: D. Carnaham, The Ad Deum 
vadit of Jean Gerson. — L. Riemer: W. Church, F. Rückert als Lyriker der 
Befreiungskriege. — T. Brooke: C. Judson, T. Patterson, F. Royster, A me- 
morial volume to Shakespeare and Harvey. — Correspondenee. J. Gillet, 
Heidenröslein. — C. Williams, Peter Lauremberg and Fischart. — 0. John- 
ston, Froissart's Le dittie de la flour de la Margherite. — M. H. Shack- 
ford, Rose in Shakespeare's sonnets. — S. G. Patterson, Note on the 
Hachette Rousseau. — H. M. Beiden, Beotculf 62, once more. — Brief 
mention. E. Adams, Old English scholarship in England from 1566-;^180(). 

— W. P. Trent: Defoe, how to know him. — A. V. Dicey, The states- 
manship of Wordsworth]. — 3, March [D. Bruce: Galahad, Nascien, and 
some other names in the Grail romances. — W. Briggs, The birth-date of 
Ben Jonson. — C. Williams, German stanzas from J. Werlin's 'Rhythmorum 
varietas'. — G. Havens, The date of composition of 'Manon Lescaut'. — J. 
van Hörne, Comment on some posthumous poems and fragments of Leopardi. 
Reviews. — E. Buceta: S. Rose, Don F. de Quevedo, por Eulogio Florentino 
Sanz. — F. Schoeneman : J. Whyte, Young Germany in its relations to 
Britain. — A. Smith: K. Campbell, The poems of E. A. Poe. — J. Gillet: 
T. de Vries, Holland's influence on English language and litterature. — 
Correspondenee. H. Patch, Notes on Spenser and Chaucer. — W. C. Curry, 
Middle English hrcnt hroics. — F. G. Hubbard, Romeo nnd JuUet IT, 4. 
219 — 227. — A. Gilbert, Virginia in Eastward ho. — E. Baldwin, A note on 
II Peiiseroso. — H. E. Allen, The Pupüla octili. — Brief mention. M. Bar- 



288 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

stow, Wordsworth's theory of poetic diction. — P. H. Ditchfield, The Eng- 
land of Shakespeare. — J. Royster and S. Thompson, Manual and notebook 
for English composition. — R. M. Pidal, Antologla de prosistas castellanos]. 

— 4, April [W. E. Farnham, Chaucer's 'Clerkes tale'. — L. Mason, Some 
further Shakespeare allusions or parallels. — H. C. Lancaster, Moliöre's 
borrowings from the 'CornMie des proverbes'. — E. C. Baldwin, Milton and 
'Ezekiel'. — E. Sehrt, Die Form 'inde* im Mittelfränkischen. — F. Klaeber, 
Concerning the relation between 'Exodus' and 'Beowulf. — Reviews. S. 
Chew: E. Gosse, The life of A. Ch. Swinburne. — Mrs. D. Leith, A. Ch. 
Swinbume. Personal recollections. — E. Gosse and Th. J. Wise: Posthumous 
poems by A. Ch. Swinburne. — M. Romera-Navarro: S. L. Miliard Rosen- 
berg, Las Burlas Veras, Comedia famosa de Julian de Armendarir. — R. H. 
Fife jr. : Paul H. Grummau, Practical G^rman lessons. — W. P. Reeves: Leo 
Wiener, Commentary to the Germanic laws and medieval documents. — 
Correspondence. — E. White, Wordsworth's knowledge of Plato. — C. A. 
Moore, A note on the biography of Mrs. Eliza ITaywood. — F. N. Scott: 
Primitive poetry. — W. H. Durham, A bibliographical note. — Brief men- 
tion. E. C. Moore, Fifty years of American education. — M. Scherillo, Pe- 
trarch's Conzoniere. — H. Baker, The contemporary short story. — S. Col- 
vin, J. Keats]. — 5, May [J. French, Poe and the 'Baltimore Saturday 
visitor'. — A. Jenkins, Deschamp's ballade to Chaucer. — D. S. Blondheiin, 
'The devil and Doctor Foster'. — W. Kurrelmeyer, Nachtrag zur Wieland- 
Bibliographie. — Reviews. M. H. Shackford, Sir S. Colvin, John Keats, his 
life and poetry, his friends, critics, and after-fame. — J. Whyte: L. Lewi- 
sohn, The spirit of Modern German literature. — J. W. Tupper: A. Lowell, 
Tendenees in modern American poetry. — S. M. Waxman : E. C. Hills and 
M. Ford, First Spanish course. — Correspondence. S. Chew, Byroniana. — 
B. Woodbridge, A motto of M6rim4e's. — G. King, A note on Lycid-as. — 
J. de Perott, The Spanish idiom fondo en. — J. Q. Adams, A Ben Jonson 
allusion book. — P. Baum, A source. — H. M. Beiden, Scyld Scefing and 
Huck Finn. — Brief mention. B. Johnson, The well of English, and the 
bücket. — John : Viscount Morley. Recollections. — W. F. Giese and B. Cerf, 
Simplest spoken French]. — 6, June [H. Collitz, Early Germanic vocalism. 

— W. P. Mustard, Notes on Lyly's 'Euphues'. — W. Keller, Goethe's 'Faust', 
Part I, as a source of part II. — G. King, Fiona Mc Leod. — Reviews. 
P. Dargan: P. van Tiegham, Ossian en France; l'annße litt^raire (1754 — 
1790) comme intermßdiaire en France dos litt^ratures ßtrangöres. — P. Fay: 
R. Holbrock, Living French. — H. G. Shearin: J. S. Clark, A study of 
English and American writers; vol. III. — Correspondence. A. S. Cook, 
Miscellaneous notes. — J. T. Hatfield, A Schiller-letter from Chicago. — 
Brief mention. A. Crapsey, A study in English metrics. — R. Lawson, 
The story of the Scots stage. — W. Nitze and E. Wilkins, A handbook of 
French phonetics]. — 7, Nov. [S. Moore, R. Mannyng's use of 'do' as auxi- 
liary. — A. Taylor, Notes on the wandering Jew. — E. Dünn, The draw- 
bridge of the Graal Castle. — J. Q. Adams, M. Drayton's 'To the Virginia 
voyage'. — A. H. Upham, Rabelaisianism in Carlyle. — C. Brown, Dialogue 
between a clerk and a husbandman. — Reviews. T. F. Crane: J. R. 
Harris, The origin of the cult of Aphrodite. — J. G. Frazer, Jacob and the 
mandrakes. — A. T. Starck, Der Alraun. Ein Beitrag zur Pflanzensagen- 
kunde. — L. M. Hollander: L. M. Larson, The King's mirror {Speculum 
regale — Konungs skuggsjä). Translated from the Old Norwegian. — G. 
Grünbaum: R. S. Phelps, An Italian grammar. — E. M. Albright: A. W. 
Pollard, Shakespeare's fight with the pirates; and the problems of the 
trausmission of his text. — Correspondence. P. Haupt, The sumerian origin 
of 'tun' and 'barrel'. — P. Haupt, English 'coop' =: Assyrian 'Quppu'. — 
D. S. Blondheim, A note on the Epistolae Ho-Elianae. — N. Brooks, Fast- 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 289 

nacht- und Osterspiel. — G. H. Gerould, Deschamps as Eustace. — 0. Moore, 
Boccaccio's Filocolo and the annunciation. — S. Rypins, Notes on Old 
English lexicography. — M. Buchanan: Gray's Elegy in Spanish. — L. 
Pound, The ancestry of a 'Negro spiritual'. — Brief mention. M. W. Steinke: 

E. Young's Conjectures on original composition in England and Germany. — 
C. T. Winchester: W. Wordsworth, How to know him; The American year 
book]. — 8, Dec. [H. M. Beiden, The authorship of 'Mac Flecknoe'. — J. 
Draper, The social satires of Th. L. Peacock. Part. I. — A. Tolman, Shake- 
speare studies. — W. Kurrelmeyer, A German version of 'J. Andrews'. — 
J. W. Bright and R. L. 'Ramsay, Notes on the West-Saxon psalms. — K. 
Sisam, Notes on the West-Saxon psalms. — R. C. Whitford, Madame 
de Stael's literary reputation in America. — Reviews. T. F. Crane: E. Levi, 
II libro dei cinquanta miracoli della vergine; i miracoli della ver- 
gine nell'arte del medio evo. — E. Buceta: M. R. Navarro, El Hispanismo en 
Norte America. — S. C. Chew, The Cambridge history of English litera- 
ture, vols. XIII and XIV. — Correspondence. L. Cooper, Wordsworth's 
knowledge of Plato. — J. M. Steadman jr., Definitions wanted. — Spiers, 
Moliöre and Corneille. — R. Weeks, Flowers from blood in Old French 
literature. — W. P. Mustard, Note on L. Brysket. — A. Baugh, A note on 
the Shakespeare first folio. — Brief mention. Th. B. Hewitt, P. Gerhardt 
as a hymn writer and his influence on English hymnody. — L. Cooper, The 
Greek genius and its influence. — W. A. Hervey, Syllabus and selected 
bibliography of Lessing, Goethe, Schiller]. — XXXIV, 1, Jan. 1919 [T. 
Starck, Stefan George and the reform of the German lyric. — A. Tolman, 
Shakespeare studies; part III. — A. H. Krappe, The legend of the glove. — 
J. Draper, The social satires of Th. L. Peacock. Part III. — R. Usher, F. 
Bacon's knowledge of law-French. — T. Brooke, 'Titus Andronicus' and 
Shakespeare. — Reviews. J. D. Bruce: R. K. Root, The textual tradition of 
Chaucer's Troilus. — T. Brooke: C. Gayley, Shakespeare and the founders 
of liberty in America. — M. Andrews, A heritage of freedom. — C. Brown: 
:R. Garrett, The pearl. An Interpretation. — Correspondence. J. Q. Adams, 
An 'Hitherto unknown' actor of Shakespeare's troupe? — G. Sherer, More 
and Traherne. — R. Phelps, Marino and Dante. — H. Collitz, M. H. G. 
nlrüne. — R. Hill, Old French ferne, ternir. — L. Mason, Stray notes on 
Othello. — G. Jensen, The Covent Garden Journal Extraordinary. — Brief 
mention. C. Jacobs, The foundations and nature of verse. — W. A. Neilson : 
R. Burns, how to know him. — J. H. Hanford and J. Steadman jr., Death 
and liffe. — Necrology. G. G. Laubscher]. — 2, Febr. [J. B. Wharey, 
Bunyan's 'Holy war' and the conflict-type of morality play. — J. Gillet, 
Notes on dramatic nomenclature in Germany (1500 — 1700). — W. Kurrel- 
meyer, 'Gil Blas' and 'Don Sylvio'. — A. Tolman, Shakespeare studies, part 
IV. — F. Miller, The 'Northern passion' and the niysteries. — A. Mc Killop, 
'Festus' and 'The blessed damozel'. — E. Albright, Ad imprimendum solum. 

— Reviews. R. Ramsay: C. Hamilton, Materials and methods of fiction, 
revised and enlarged. — E. Sehrt: A. Schaffer, G. R. Wec-kherlin. The em- 
bodiment of a transitional stage in German metrics. — J. M. Steadman jr. : 

F. A. Foster, The northern passion. Four parallel texts and the French ori- 
ginal, with specimens of additional manuscripts. — Correspondence. D. 
Bruce, Prologue to the Canterhtiry iaJrs. — 0. Schlutter, Old English lexical 
notes. — A. Gilbert, Miscellaneous notes. — W. P. Mustard, Notes on Lyly's 
Euphues. — J. Schultz, 'never less alone than when alone'. — J. B. Wharey, 
A note on 'the ring and the 'book\ — Brief mention. C. E. Andrews, The 
writing and reading of verse; A. Snell, Pause, A study of its nature 
and its rhythmical function in verse, especially blank verse; A. B. Paine, 
Mark Twain's letters]. — 3, March [F. Klaeber. Textual notes on 'Beowulf. 

— H. Ashton, The confession of the Princess of Clöves. — H. M. Beiden, 



290 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Folk-song in America — some recent publications. — H. Schwarz, J. Flet- 
cher and the 'Gesta Romanorum'. — M. R. Thayer, Keats 'The eve of St. 
Mark'. — S. Chew, The pamphlets of the Byron Separation. — L. Round, 
King Cnut's song and ballad origins. — Reviews. H. R. Patch: R. Withing- 
ton, English pageantry, an historical ooitline. — R. L. Ramsay: W. Chislett 
jr., The classical influence in English literature in the 19th Century, and 
other essays and notes. — E. S. Ingraham: C. M. Dorado, Espana pinto- 
resca, The life and customs of Spain in story and legend; primeras lecciones 
de Espagnol. — Correspondence. C. Brown, Beowulf 1080 — 1106. — B. 
Woodbridge: Calvin and Boileau. — E. M. Schenk, Ch. Nodier and F. Denis. 

— Brief mention. J. Fernald, Expressive English. — St. Sherman, On con- 
temporary literature. — J. de Morawski, Pamphüe et Oalathee, par J. Bras- 
de-Fer]. — 4, April [W. P. Mustard, E. K.'s classical allusions. — F. Wood, 
Germanic etymologies. — B. Woodbridge, Two fester brothers of D'Ar- 
tagnan. — H. D. Gray, 'T. Andronicus' once more. — Ch. Nichols, Fielding 
notes. — Reviews. F. Schoeneman : D. F. Pasmore, K. Gutzkow's short 
stories. A study in the technique of narration. — S. Chew: G. E. Jensen, 
The Covent-Garden Journal. By Sir A. Draucansir (H. Fielding). — J. 
Hillhouse, The tragedy of tragedies. By H. Fielding. — W. Gross, The 
history of H. Fielding. — G. Flom: W. J. Sedgefield, The placenames of 
Cumberland and Westmoreland. — Correspondence. R. Alden, T. Andronicus 
and Shakespeare dogmatics. — T. Brooke, T. Andronicus. — H. D. Gray, 
Postscript. — Ch. d'Evelyn, Piers plonman in art. — G. C. Scoggin, Lon- 
gaevus error typographicus. — Brief mention. R. Shafer, The English ode to 
1660: an essay in literary history. — R. Bowen, Life and novels of F. Fahre. 

— M. Moraud, Sous les armes]. — 5, May [W. Kurrelmeyer, German lexi- 
cography. — M. Fabin, On Chaucer's 'Anelida and Arcite'. — C. Rinaker, 
Th. Edwards and the sonnet revival. — C. A. Moore, A predecessor of Thom- 
son's 'Seasons'. — O. Johnston, 'Que' for 'jusqu'ä ee que' with 'attendre'. — 
J. Walz, 'Faust I': 'Nacht, offen Feld'. — Reviews. H. Shearin: M. Calla- 
way jr., The infinitive in Anglo-Saxon; studies in the syntax of the Lindis- 
farne gospels. With appendices on some idioms in the Germanic languages. 

— A. Lovejoy: A. Snyder, The critical principle of the reconciliation of 
opposites as employed by Coleridge. — Correspondence. J. Leeompte, The 
Livre des vertuz. — G. Dale, semer with the indicative. — Ch. Ph. 
Wagner, Apropos of fondo en. — H. G. Doyle, Old French despoesteir. — 

A. W. Crawford, On Coleridge's Ancient mariner. — E. Kühl, Shakspere 
and The passionate pilgrim. — Brief mention. G. Summey jr.. Modern 
punctuation: its Utilities and Conventions. — H. J. Swann, French termino- 
logies in the making. — F. Pierce, Currents and eddies in the English 
Romantic generation]. — 6, June [H. Patch, Chaucer's desert. — E. Buceta, 
Two Spanish ballads translated by Southey. — J. Q. Adams, Shakespeare, 
Heywood, and the Classics. — H. Rollins, Concerning Bodleian MS Ashmole 
48. — s. Kroesch, N. H. G. 'beschuppen', 'beschummeln'. — Reviews. G. Ha- 
milton: A. Langfors, Les incipit des poömes frangais anterieurs au XVIe 
siöcle. Repertoire bibliographique ötabli ä l'aide des notes de M. Paul 
Meyer. — S. Chew: D. Henderson, Swinburne and Landor, A study of their 
Spiritual relationship and its effect on Swinburne's moral and poetic deve- 
lopment. — R. Ramsay: B. C. Williams, A handbook on story writing. — 

B. C. Williams, A book of short stories: a collection for use in High 
Schools. — Correspondence. F. Schoeneman, Mark Twain and Adolf Wil- 
brandt. — V. G. de Diego, Sobre el espanol calavera. — M. Croll, J. Florio. 

— E. Snyder, Au non-existent volume. — J. Beatty, J. de Chause Hauberger. 
■ — Brief mention. H. L. Mencken, The American language, a preliminary 
inquiry into the development of English in the United States. — G. H. 
Palmer, Formative types in English poetry. — L. Campbell, A history of 



Verzeichnis der eingelaufeuen Druckschriften 291 

costuming on the English stage between 1660 aud 1823]. — XXXV, 1, Jan. 
1920 [A. O. Lovejoy, Schiller and the genesis of romanticism. — A. Schinz, 
Un 'Rousseauiste' en Am6rique. — J. E. Wells, Fielding's 'Champion'. More 
notes. — H. W. O'Connor, Addison in Young's 'Conjectures'. — S. M. Beach, 
The 'J. Caesar obelisk' in the 'English Faustbook' and elsewhere. — C. B. 
Ely: The psycolog}' of Becky Sharp. — Reviews. H. C. Lancaster: H. L. 
Hutton, Victor Hugo, Ray Blas. — S. G. Morley: J. D. M. Ford, Main cur- 
ents of Spanish literature. — G. Frank: M. C. Lyle, The original identity 
of the York and Towneley cycles. — E. D. Snyder: G. P. Baker, Dramatic 
technique]. — 2, Febr. [J. H. Schölte, Grimmeishausens Anteil an der 
sprachlichen Gestalt der ältesten Simplicissimusdrucke. — H. C. Lancaster, 
Two letters written by Racine to his sister. — S. Moore, Lawrence Minot. 

— R. C. Whitford, On the origin of the 'Probationary ödes for the laureat- 
ship'. — W. K. Smart, William Lichfield and his 'Complaint of God'. — 
Ch. G. Osgood, The 'Doleful lay of Clorinda'. — H. S. Pancoast, Shelley's 
'Ode to the west wind'. — Reviews. — J. E. Shaw: C. H. Grandgent, The 
power of Dante. — L. M. Guy: E. S. Tyler, La changun de Willame. — 
J. W. Tupper: R. C. Holliday, Joyce Kilmer, Poems, essays, and letters]. — 
3, March [M. B. Ogle, The perilous bridge and human automata. — A. Love- 
joy, Schiller and the genesis of romanticism, part. II. — 0. F. Emerson, 
Mead-meadow, shade-shadow, a study in analogy. — Wm. Reeves, The date 
of the Bewcastle cross. — R. Williams, Italian influence on Ronsard's theory 
of the epic. — Reviews. E. Greenlaw: E. Cory, E. Spenser. — C. D. Zdano- 
wicz: R. E. Young, Moliere, Le Tartuffe ou l'imposteur. — Correspondence. 
H. R. Patch, Anglo-Saxon riddle 56. — E. C. Hills, A bibliography of the 
published works of F. Haussen. — A. Schinz, Tlie sources of Rousseau's 
Edouard Bomston. — H. Glicksman, Low eil on Milton's Areopagitica. — S. 
Rypins, The Old English life of St. Christopher. — Brief mention. F. C. 
Prescott, Poetry and dreams. — K. Christ, Die afr. Handschriften der Pala- 
tina]. — 4, April [J. H. Schölte, Grimmeishausens Anteil an der sprach- 
lichen Gestalt der ältesten Simplicissimusdrucke (Schluß). — H. Ashton, 
Mme de Lafayette and Menage. — L. Eider, The pride of the Yahoo. — J. 
McCallum, Greene's 'Friar Bacon and Friar Bungay'. — L. Pound, The 'uni- 
formity' of the bailad style. — M. B. Rund: A conjecture concerning the 
origin of Modern English 'she'. — Ch. Nichols, A note on 'The stage-muti- 
neers'. — Reviews. G. Chinard: L. Vincent, G. Saud et l'amour. — L. Vin- 
zent, G. Sand et le Berry. — L. Vincent, Le Berry dans l'ceuvre de G. Sand. 

— L. Vincent, La langue et le style rustique de George Sand dans les romans 
champetres. — D. S. Blondheim: L. P. Shanks, Anatole France. — E. 
Sehenck: L. Pingaud, La jeunesse de Ch. Nodier — les Philadelphes. — G. 
Flom: 0. Jespersen, Rasmus Rask. I hundreäret efter haiis Hovedvferk. — 
Correspondence. Th. Sidey, Some unnoted latinisms in Tennyson. — J. 
Beatty jr., A companion of Chaucer. — Th. Graves: The Elizabethan trained 
ape. — H. Joyce, A bibliographical note on J. Rüssel Lowell. — Brief 
mention. A. S. Cook, The Old English Elene, Phoenix, and Physiologus, 

— The modern student's library. — J. Hergesheimer, Hugh Walpole: an 
appreciation]. — 5, May [G. Frank, Vernacular sources and an Old Freneh 
passion play. — J. Warshaw, Tlie Epic-drama conception of the novel. — B. 
Woodbridge. La Princesse de Cleves. — T. vStarck, Motlern German plant 
names in '-ing* (-ling). — E. Shannon. Chaucer's 'Metamorphoseos'. — L. 
Lockert, A scene in 'The fatal dowry'. — Reviews. E. S. Sheldon : F. J. 
Tanquerey, l'evolution du verbe en anglo-frangais (Xlle — XlVe siöcles). — 
F. J. Tanquerey. Recueil de lettres anglo-fran^aises (126.5 — 1399). — A. 
Lovejoy: J. Babbitt, Rousseau and romanticism. — A. B. Faust: T. M. 
Campbell, Tlie life and works of F. Hebbel. — Correspondence. G. van Roes- 
broeck, Notes on Pradon. — John Rea, A note on The tempest. — G. Woods» 



292 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

A note on Lamb. — Brief mention. C. Noteuth, An interpretation of Keat's 
Endymion. — The Yale Shakespeare]. — 6, June [H. D. Gray, The souroes 
of 'The tempest'. — W. Crawford, A 16th Century Spanish analogue of 'Mea- 
sure for measure'. — R. F. Dibble, Ch. Dickens, bis reading. — W. W. Com- 
fort, Notes on Old French similes of the chase. — R. Jones, Another of 
Pope's schemes. — Reviews. W. Nitze: J. Weston, From ritual to romance. 
. — C. Ruutz-Rees: H. Harvitt, Eustorg de Beaulieu. A disciple of Marot. 
1495(?) — 1552. — M. Harvitt, Noelia Dubrule, Le Frangais pour tous. — 
O. S. Coad: Cl. E. Foust, The life and dramatic vvorks of R. Montgomery. 

— Correspondence. W. P. Mustard, Notes on The Shepheardes Calcnder'. 

— Th. Mabbott, A few notes on Poe. — W. Schultz, Kipling's Recessional. 
— • G. Havens, The sources of Rousseau's Edouard Bomtson. — J. Rea, Notes 
on Shakespeare. — F. B. Kaye, 'Addison's Tye-Wig preachment'. — F. Miller, 
Stanzaic division in York play, XXXIX. — Brief mention. F. R. Arnos, 
Early theories of translation. — A. Brand, The infernal masculine and other 
comedies] . 

Publications of the Modern Language Association of America. XXXV, 
new series XXVIII, 1, March 1920 [S. F. Gingerich, From necessity to tran- 
scendentalism in Coleridge. — P. F. Baum, The young man betrothed to a 
statue; additional note. — W. Kurrelmeyer: Kartaune, Kartauwe. — H. L. 
Creek, Rising and falling rhythms in English verse. — R. E. Neil Dodge, 
Spenser's imitations from Ariosto-Addenda. — E. N. S. Thompson, War 
journalism three hundred years ago. — H. Glicksman, The editions of Mil- 
ton's History of Britain. — A. Thaler, The Elizabethan dramatic companies]. 

— 2, June [L. Round, The English Ballads and the Church. — W. C. Curry, 
Chaucer's reeve and milier. — E. C. Baldwin, Milton and Plato's Timseus. 

— W. Haller, Order and progress in Paradise lost. — J. M. Beatty jr., 
An essay in critical biography. — Charles Churchill. — Appendix]. — 
3, Sept. 1920 [W. E. Farnham, The contending lovers. — H. R. Patch, The 
Ludus Coventriae and the Digby Massacre. — B. Q. Morgan, Music in the 
plays of Ludwig Anzengruber. — B. S. Allen, William Godwin and the 
stage. — J. W. Tupper, The dramatic structure of Samsoti Agonistes. The 
international union of academies and the American Council of learned 
societies]. 

Die neueren Sprachen, hg. von W. K ü c h 1 e r und T h. Zeiger. 
XXVIII, 1./2. April/Mai 1920 [L. Spitzer, 'Inszenierende' Adverbialbestim- 
mungen im neueren Französisch. — M. Kirsten, Zur pädagogisch-psycholo- 
gischen Grundlegung der neusprachlichen Reform. — E. Moosmann, Der 
englische Unterricht am Reform-Realgymnasium im Hinblick auf die Ein- 
heitsschule. — Vermischtes. — Anzeiger]. — 3./4. Juni/Juli [K. Voßler, 
Über das Verhältnis von Sprache und Religion. — M. Kirsten, Zur päd- 
agogisch-psychologischen Grundlegung der neusprachlichen Reform. II. — W. 
Ricken, Der Subjonctif {= Mode Subjonctif) als einheitlicher 'unterbinden- 
der' Modus. — Vermischtes. — Anzeiger]. — 4./5. August/ September [Max 
J. Wolff, Shakespeare und der Petrarkismus. — H. Mutschmann, Das 
Problem von Shakespeares 'Julius Cäsar'. — H. Schmidt, Beiträge zur 
französischen Syntax. — L. Pf an dl, Pio Baroja. — Vermischtes. — An- 
zeiger] . 

Modern philology. XVII, 9. Jan. 1920 [A. Thaler, The travelling players 
in Shakespeare's England. — G. Sherburn, The early popularity of Milton's 
minor poems. Concluded. — S. J. Rypins, The Beowulf codex]. — 10, Febr. 
[F. Schoenemann : C. F. Meyers Schillergedicht. — F. A. Wood : The IE. root 
•Qeu-: 'nuere,* nutare, cevere; quatere, cudere; cubare, incumbere'. II. — 
J. E. Gillet, Wesen und Wirkungsmittel des Dramas in Deutschland vor 
'Gottsched. — A. Schaffer, The Ahasver-Volksbuch of 1602]. — 11, March 
[W. A. Nitze, On the chronology of the Grail romances I. — concluded. — 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 293 

J. B. Fletcher, La Vita Nuova, Sonetto XI. — E. H. Wilkins, An introduc- 
tory Dante bibliogaphy. — J. A. Child, On the concessive clause in Early 
Italien. — E. Buceta, Anton de Montoro y el Cancionero de Obras de 
Burlas]. — 12, April [L. A. Hibbard: Erkenbald the Belgian, A study in 
Medieval exempla of justice. — L. H. Harris, Three notes on Ben Jenson. — 
E. D. Snyder: The wild Irish, A study of some English satires against the 
Irish, Scots, and Welsh. — Reviews and notices]. — XVIII, 1, May [E. 
Rickert, A new Interpretation of The Parlament of foules. — J. R. Hulbert, 
The Problems of authorship and date of Wynnere and Wastoure. — T. S. 
Graves, Richard Rawlidge on London playhouses. — J. D. Rea, Longfellow's 
'Nature'. — C. R. Baskervill, The genesis of Spenser's Queen of faerie. — 
J. S. Kenyon, On the date of The owl and ihe nightingale]. — 2, June 
[M. Schütze, The fundamental ideas in Herder's thought. I. — F. A. 
Wood, Germanic w-gemination. I. — A. Le Roy Andrews, Studies in the 
fornaldar S9gur nordrlanda, continued. — J. N. Beam, Hermann Kirchner's 
Sapientia Salomonis. — E. W. Fay, Professor Prokosch on the IE. sonant 
aspirates. — S. W. Cutting: Calvin Thomas, 1854—1919]. — 3, July [H. C. 
Lancaster, La Calprenöde dramatist. — E. S. Sheldon, Some Roland emen- 
dations. — K. Pietsch, The Madrid manuscript of the Spanish Grail frag- 
ments. — G. T. Northup, 'Caballo de Ginebra'.] — 4, August [M. Esposito, 
A ninth-century astronomical treatise. — M. B. Finch and E. A. Peers, 
Walpole's relations with Voltaire. — A. C. L. Brown, The Grail and the 
English 'Sir Perceval']. — ö, Sept. [H. N. Hildebrand, The early history of 
the Chapel Royal. — S. T. Williams, Some versions of Timon of Athens on 
the stage. — Reviews and notices]. 

Germanisch- romanische Monatsschrift. VIII, 1, 2, Januar/Februar 1920 
[R. Blümel, Gibt es Gebiete der Grammatik, die für die Schulgrammatik 
nicht in Betracht kommen? — R. Müller-Freienfels, Gotische Formgebung 
in der deutschen Literatur. — E. Aulhorn, Vom englischen Soldatenlied. — 
M. L. Wagner, Die Beziehungen zwischen Wort- und Sachforschung]. — 
3, 4, März/April [A. Pick, Aphasie und Linguistik. — F. M. Huebner, Die 
Objektivität als notwendige Aufgabe. — R. Petsch, Kleist und Kant. — 
C. Becker, Brunetiere und Bossuet. — Dem Gedächtnis Ernst Siepers]. — 
5, 6, Mai/Juni [F. Sommer, Stimmung und Laut I. — R. Petsch, Neue 
Literatur über Goethes 'Faust'. — F. Schoenemann, Amerikanischer Humor 
I. — F. Neubert, Maupassant als Essayist und Kritiker]. — 7, 8, Juli/August 
[F. Sommer, Stimmung und Laut II. — F. R. Schröder, Skandinavien und 
der Orient im Mittelalter I. — F. Schoenemann, Amerikanischer Humor IL 
— Max J. Wolff, Italienische Komödiendichter IV. — E. Wechßler, Her- 
mann Suchier]. — 9, 10, Sept./Okt. [F. Holthausen z. 60. Geburtstag. — 
L. Spitzer, Schopenhauer und die Sprachwissenschaft. — R. Blümel, Die 
gehörte und gesprochene und die gelesene und geschriebene Sprache. — 
F. R. Schröder, Skandinavien und der Orient im Mittelalter IL — Helene 
Richter, G. B. Shaws Dramen aus der Kriegszeit. — Elise Richter, Romain 
Rolland]. 

Neophilologus. VI, 1, Okt. 1920 [B. H. J. Weerenbeck, A propos de 
Galimatias. — E. Boulan, La litt^rature feminine et le 18me siöcle 'charmant 
et maudit'. — C. Kramer, Les poömes ^piques d'Andrä Ch^nier III. — 
S. Feist, Der Name der Germanen. — A. Frantzen, Kleine Beiträge zur 
Wortkunde. — F. Schoenemann, Wilhelm Busch und Schopenhauer. — 
P. Fijn van Draat, The place of the adverb. A study in rhythm. — J. 
Schrijnen, Genitivus mysticus. — J. Schrijnen, De latijnsche accusativus 
absolutus. — Boekbespreking. J. S. de Grave, R. Th. Holbrook, Etüde sur 
Pathelin]. 

Lion, C. Th., Kurzgefaßtes Lehrbuch der niederländischen Sprache für 
den Selbstunterricht. Leipzig, Reisland, 1919. VIII, 140 S. [Aus dem Bei- 



294 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

spiel wird die Regel gewonnen, während die Beispiele zugleich der An- 
eignung des Sprachschatzes dienen. Für die Lesestücke ist zur Erläuterung 
zunächst die zwischenzeilige Übersetzung gewählt; weiterhin genügten 
Listen der noch unbekannten Wörter. Zur Erlangung der Sprechfertigkeit 
dienen die den Lesestücken folgenden Fragen, die schriftlich und münd- 
lich zu beantworten sind. Jedesmal nach Abschluß eines größeren Ab- 
schnittes steht eine zusammenfassende Aufgabe.] 

Germanisch. 

The Journal of English and Germanic philology. XVIII, 2, April 1919 
[Fr. Klaeber, Concerning the functions of Old English 'geweoda' and the 
origin of German 'gewähren lassen'. Sep.-Abz. 22 S.]. — 3, July [A. H. 
Gilbert, Martin Bucer on education. — L. Mason, The Furness variorum. — 
J. R. Schultz, The life of Alexander Barclay. — R. C. Whitford, Another 
Lucy. — C. M. Lotspeich, Ablaut and sentence-accent. — O. B. Schlutter, 
Notes on Kluge's and Weigand's Etymological dictionaries. — A. M. 
Sturtevant, Zur a-Brechung im Nord- und Westgermanischen. Das Ver- 
halten des starken Verbs zu der nominalen Flexion. — M. J. Rudwin, 
The origin of the German carnival comedy. — Reviews. R. M. Alden, 
ß. H. Clark's 'European theories of ihe drama'. An anthology of dramatic 
theory and criticism from Aristotle to the present day. — S. P. Sherman, 
F. E. Pierce's 'Currents and eddies in the English romantic generation. — 
H. S. Hughes, H. Fielding's 'The tragedy of tragedies'. — H. N. Hillebrand, 
J. Q. Adams' 'The dramatic records of Sir Henry Herbert (Cornell Studies 
in English). — 0. S. Coad, P. J. Reed's 'The realistic presentation of 
American characters in native American plays prior to 1870. — G. T. 
Flom, A. B. Larsen's 'Syntaxen i Tromso, Bymaal. En kort oversight av 
Ragnvald Iversen. Kristiania, 1918. — Fr. Klaeber, M. Foerster's 'II codice 
Vercellese con omelie e poesie in lingua anglosassone, and M. Förster's 'Der 
Vercelli-Codex CXVII'. — G. O. Curme, H. L. Mencken's 'The American 
language'. — M. L. Bailey, H. R. Steeves' 'Learned societies and English 
literary scholarship in Great Britain and the United States'. — H. W. 
Nordmeyer, E. H. Zeydel's 'The holy Roman empire in German literature'] . 

Revue germanique. XI, 1, janvier-mars 1920 [M. Castelain, Shakespeare 
ou Derby. — L. Cazamian, A propos de Carlyle. — C. Pitollet, 'La question 
Kinkel' en 1914. — F. Delattre, A propos d'une anthologie rßcente de la 
po6sie anglaise au 17e siäcle. — A. Debailleul, Le roman anglais]. 2, avril- 
juin [J. Dresch, Sophie de Laroche et sa famille. — R. Lalon, 'Antoine et 
Clfiopätre' ä l'Opßra. — A. Fournier, Le roman allemand]. 

K o c k, Ernst A., Jubilee jaunts and jottings. 250 contributions to the 
Interpretation and prosody of Old West Teutonic alliterative poetry. (Fest- 
skrift utgiven av Lunds Universitet vid dess tvähundrafemtioäs jubileum 
1918.) Leipizg, Harrassowitz 1918. 81 S. [Bemerkungen zu einzelnen 
Stellen in den verschiedensten ags. Dichtungen, namentlich Beowulf und 
Rätsel; auch zu Heliand und Hildebrand.] 

Skandinavisch. 

Mitteilungen der Islandfreunde (Organ der Vereinigung der Island- 
freunde). Jena, Verlag E. Diederichs. VII, 1, 2, Juli— Okt. 1919 [0. Cahn- 
heim: A. Heusler, Zur Erinnerung an Björn Magnflsson Olsen (1850 — 1919). 
— H. Rudolphi, Bibliogr. Beiträge z. Naturkunde Islands. — R. Rudolph!, 
Literatur über die Färöer. — M. Grüner, Einär Jönsson (mit einer Bilder- 
tafel). — • A. Erichsen, Was geben uns die Island. Sagas? — H. Rudolphi, 
Historisches und Statistisches zum Grindwalfang auf den Färöern. — L. 
Remeitz, Dänemark und Island. — S. Remeitz, Islands neues Wappen. — 
Eine Schneelawine auf Island. Bücheranzeigen. Nachrichten aus Island. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 295 

Vorträge über Island. Nachrichten von den Färöern. Bücherei der Ver- 
einigung der Islandfreunde. — Quittung. — An unsere Mitglieder.]. — 
Heft 3, 4, Januar — April 1920 [Neckel, Zu Andreas Heuslers Rücktritt vom 
Lehramt. — Heusler, Etwas über das Verdeutschen altisländischer Sagas. — 
Funk, Die Änderung der staatsrechtlichen Stellung Islands. — A. Jöhan- 
nesson, Die erste Kunstausstellung auf Island. — Dierbach, Die Almannagjä 
(mit Abbildung). — Zum Gedächtnis zweier Dichter Jon Thoroddson und 
Gudmundur Gudmundsson). — Rudolphi, Der Name Färöer. — Rudolphi, 
Munsken. — An Deutschland (übers, v. Th. Stettner). — Islandliteratur 
1915 — 1918. — Literatur über die Färöer. — Bücheranzeigen. — Nach- 
richten aus Island. — Nachrichten von den Färöern. Eine Uberquerung des 
Vatnajökull. — Zeitungen und Zeitschriften unserer Bücherei. — Bücherei 
der Vereinigung]. 

Edda. Zweiter Band. Götterdichtung und Spruchdichtung. (Thule, 
Altnordische Dichtung und Prosa hg. v. F. Niedner.) Übertr. von F. 
G e n z m e r. Mit Einleitung u. Anmerkung v. Andreas Heusler. Jena, 
Diederichs, 1920. 201 S. [Auf die Heldengedichte der Edda folgen hier die 
Göttergedichte. Die Nordgermanen — so führt Heusler in monumentaler 
Einleitung aus — hatten die Einbildungskraft, das Reich ihrer Gottheiten 
und Riesen zu gestalten in bunten Bildern und wohlgeschürzten Geschichten, 
wie es von den sprachverwandten Völkern kaum noch die Griechen ver- 
mochten; im alten Indien hat man die Götter nie so weit vermenschlicht. 
Thor und Odin ragen als die mythenreichsten Charaktere hervor; der dritt- 
höchste, Freyr, hat weniger eigene Tätigkeit und bleibt daher blasser; der 
uralte Kriegsgott Tyr besitzt überhaupt keine persönlichen Züge. Loki, 
der hervorragendste von den kultlosen Göttern, hat wandelbare, doch immer- 
hin kennzeichnende Porträtlinien. Zu solchen Göttern gesellt sich noch das 
Volk der Riesen und Trolle, der Alben und Zwerge, der Walküren und 
Nornen. Fehde steht zwischen dem göttlichen und riesischen Lager, alt wie 
die Welt und austilgbar erst hn Weltende; schwächere Gegnerschaft erklingt 
nur noch in einzelnen Strophen von Äsen und Wanen. Daneben bleibt die 
Stellung der Gottheit zum Menschengeschlechte völlig im Schatten; selten 
fällt ein Blick auf die Krieger der Walhall; wir sehen nicht eine gläubige 
Gemeinde in ihrer Abhängigkeit von Gott, sondern eine rein jenseitige 
Dichtung. Wie alt diese nordischen Mythen sind, was an ihnen boden- 
ständig und was aus irischer Sage und christlicher Lehre geflossen, darüber 
wissen wir nichts Genaueres. Sicher ist nur, daß ein größerer Teil dieser 
Götterlieder erst nach der Heidenzeit entstand; die Mythenwelt war den 
Isländern auch nach der Bekehrung ein lebendiges Gut geblieben und wurde 
als eine Weisheitsquelle von den Missionaren bis ins 13. Jahrb. geduldet, 
ja gepflegt. Der Form nach sind verschiedene Gattungen zu sondern : das 
doppelseitige Ereignisgedicht war gemein germanischer Art, und indem es 
von Heldenstoffen übertragen wurde auf Götter, sah man sich veranlaßt, 
die Mythen weiter auszubauen. Es gab ferner Visionsgedichte, wie das be- 
rühmte 'Gesicht der Seherin', das nichts von heidnisch gläubigem Bekennt- 
nis enthält, vielmehr einen kirchlich angehauchten Wortschatz und ein paar 
aus der Bibel stammende Bilder, so daß als Dichter am ehesten ein isländi- 
scher Geistlicher zu denken ist. Es folgen Scheltszenen, Memorialstrophen, 
Sprüche aus dem wirklichen Leben, geschichtliche Fürstendichtung in 
Preisliedern, Einzelstrophen, Priameln, Runenverse, Zauber, Rätsel u. dgl. 
Durch solche Gattungsunterschiede wird erst der mannigfache Zweck dieser 
Literatur ersichtlich. Den Übersetzungen Genzmers ist nachzurühmen, daß 
man sie versteht und daß sie dennoch die altnordische Stilisierung durch- 
fühlen lassen. Der Verlagsbuchhandlung aber gebührt hohe Achtung, daß sie 
selbst in dieser schweren Zeit den Druck einer Sammlung fortsetzte, durch 
die uns die altheimische Wunderwelt stählern anweht.] 



296 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Hermannsso n, IT., Modern Icelandic. (Islandica. An annual relating 
to Iceland and the Fiske Icelandic CoUection, in Cornell University Library.) 
Cornell University Library, Ithaca, Newyork, 1919. 66 S. $ 1. 

Deutsch. 

Baesecke, Georg, Deutsche Philologie (Wissenschaftliche Forschungs- 
beriehte, hg. v. Hönn. Geisteswissenschaft!. Reihe 1914 — 1917). Gotha, 
Perthes, 1919. VIII, 132 S. M. 6. 

Paul, Hermann, Deutsche Grammatik. Band V, Teil V : Wortbildungs- 
lehre. Halle, Niemeyer, 1920. VI, 142 S. 

Lesebuch z. Einführung i. d. ältere deutsche Dichtung, hg. von E. S c h ö n- 
f eider, R. Kniebe u. P. M ü 1 le r, I.Teil: Texte. XII, 364 S. IL Teil 
Anm., 199 S. Frankfurt a. M., Diesterweg, 1920. [Die ahd. Denkmäler sind 
in Übersetzung gegeben, die mhd. Proben im Urtext. Erfreulich beachtet 
sind die lateinischen Dichtungen der Zwischenzeit, besonders der Walt-arius 
und die Volksdichtung der Übergangszeit zum Nhd. Die Schriftsprache ist 
beachtet bis herab zu Günther. Der Band Anmerkungen enthält manchen 
weiteren Exkurs, namentlich über Sagendinge, dazu einen Abriß der mhd. 
Sprachlehre und ein Wörterverzeichnis. Die ganze Sammlung zeugt von dem 
innigen Verhältnis, das weite Kreise in unseren höheren Schulen zur alten 
Heimatsdichtung gewonnen haben.] 

Stammler, W., Geschichte der niederdeutschen Literatur (Aus Natur 
und Geisteswelt, 815). Leipzig, Teubner, 1920. 128 S. M. 3,50, kart. M. 2,80. 

M e i s i n g e r, Othmar, Bilder aus der Volkskunde. Frankfurt a. M., 
Diesterweg, 1920. VIII, 288 S. [Ein Lesebuch. Die Stücke handeln über 
Volkskunde als Wissenschaft, über ihr Fundament im deutschen Gefühls- 
leben, über Burg, Haus und Tracht, über Gebräuche und Mythenreste, 
Namen und Dialekte, Volkslied und Tanz, Arbeit und Rythmus, Sage und 
Märchen, Rätsel und Schwanke. Gerade was man bisher von den Kindern 
mit Absicht ferne hielt, um sie vor Zerstreutheit und Phantastik zu be- 
wahren, wird hier zu einem bunten Strauße für sie gebunden. Hat nicht der 
Erwachsene weit mehr Interesse am kindlichen Denken des Volkes als das 
Kind selber? Die Stücke sind aus guten Autoren zusammengesucht, aus 
Riehl, Ratzel, Uhland, Weinhold, Grimm, Freytag, Hildebrand u. a. Von 
Goethe erscheint die Anzeige von Hebels Gedichten ; auch v. d. Leyen ist mit 
einem Märchenartikel vertreten. Quellennachweise auf mehr als drei Seiten 
machen den Schluß und ersetzen eine Bibliographie. Ich halte Volkskunde 
für eine Wissenschaft, die einen besonders reifen und kritischen Geist vor- 
aussetzt; ob sie für die Jugendschule sich eignet, dürfte ein interessantes 
Experiment werden.] 

Pohl, Gerhard, Der Strophenbau im deutschen Volkslied. Teil I, Teil II 
§§ 11—21. Diss. Berlin, 1920. 72 S. 

Reis, Hans, Die deutschen Mundarten (Sammlung Göschen 605). 2. um- 
gearb. Aufl. Leipzig, VWV, 1920. 142 S. M. 2,10 -\- 100 «/o. 

Singer, S., Neidhart-Studien. Tübingen, Mohr (Paul Siebeck), 1920. 
74 S. M. 10 + 75 %. 

Der Wiener Oswald, hg. v. Gertrud Fuchs (Germ. Abhandlungen begr. 
von Weinhold, hg. von Vogt, 52). Breslau, Marcus, 1920. XXXIII, 64 S. 

Jantzen, Hermann, Literaturdenkmäler d. 14. u. 15. Jahrhunderts; 
ausgewählt u. erl. v. H. J. 2. neudurchgesehene Auflage. (Sammlung 
Göschen 181.) Berlin, VWV, 1919. 151 S. Geb. M. 1,60 -f 500/0. [Lyrik: 
Hugo von Montfort, Oswald von Wolkenstein, Clara Naetzlerin. Meister- 
gesang: Suchensinn, Heinrich von Mügeln. Muskatblut. Reimrede: der 
König vom Odenwald, Heinrich Teichner, Suchenwirt. Fabel: Boner. Moral- 
dichtung: Hans Vindler. Schwanke: Pfarrer von Kaienberg. Drama: 
Trierer Osterspiel, Ferner und Wunderer. Prosa: Meister Eckhardt, Hein- 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 297 

rieh Seuse, Johannes Tauler, Konrad von Megenberg, Heinrich Steinhövel, 
Augustin Tünger, Till Eulenspiegel. 

Dörr, Kaspar, Die Kreuzensteiner Dramenbruchstücke; Untersuchungen 
über Sprache, Heimat und Text (Germanistische Abhandlungen, begr. v. K. 
Weinhold, hg. v. Fr. Vogt. 50. Heft). Breslau, M. u. H. Marcus, 1919. 
VI, 136 Ö. 

L i e p e, Wolfgang, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken. Entstehung und 
Anfänge des Prosaromans in Deutschland. Halle, Niemeyer, 1920. XV, 
277 S. M. 24. 

M u n c k e r, Franz, Anschauungen vom englischen Staat und Volk in 
der deutschen Literatur der letzten vier Jahrhunderte. Erster Teil. Von 
Erasmus bis zu Goethe und den Eomantikern. Vorgetragen am 3. Juni 1916. 
(Sitzungsbericht der Kgl. Bayr. Akademie der Wissenschaften. Philos.- 
philolog. u. histor. Klasse. Jahrg. 1918. 3 Abh.) München, Verlag d. Kgl. 
Bayr. Akad. d. Wissenschaften, in Kommission des G. Franzschen Verlags 
(J. Roth). 162 S. [Zueist hat englisches Geistesleben auf deutsches gewirkt 
— um diese Tatsache wird kaum herumzukommen sein. Wycliflfe war der 
große Lehrmeister für Huß, der durch die Vermählung der böhmischen 
Prinzessin Anna mit Richard IL zur Kenntnis des englischen Vorreforma- 
tors gelangt war. Prag war damals die Residenz des deutschen Kaisers, 
und wenn die Gedanken Wycliffes auch nicht durch unsere Sprache über- 
tragen wurden, so gelangten sie doch durch Huß in deutsche Sphäre. Mit 
dieser religiösen Welle müßte eigentlich die Geschichte der Englandbeurteilung 
auf unserm Boden beginnen. Als erster Einfluß von unserm Lande über den 
Kanal wäre dann der unserer Mystiker zu nennen; namentlich Suso wurde 
im 15. Jahrh. ins Englische übersetzt, was selbst dem gelehrten Kirchen- 
historiker Hauck entgangen ist. Mit Belesenheit und Fleiß beginnt Muncker 
seine Darstellung bei den Humanisten. Erasmus, der Holländer, brach das 
Eis durch ein warmes Lob des Londoner Hofes und der Oxforder Schulen. 
Er rühmte Heinrich VIII. als den Philosophen auf dem Throne. Als ihm 
der Machthaber den edlen Freund Thomas Morus köpfen ließ, gingen dem 
gelehrten Idealisten von Rotterdam allerdings die Augen auf, und erregt 
schrieb er über die 'Kebse' Anna Boleyn. Die deutschen Urteile über die 
englische Reformation hat M. dann übergangen, weil er, wie sein Titel an- 
deutet, eigentlich nur die über Staat und Volk verfolgen wollte. Da Tyndale 
in W^ittenberg bei Luther war, die englischen Calvinisten in Zürich und 
Genf eine kleine Kolonie bildeten und die Trennung der Puritaner von den 
Anglikanern auf deutschem Boden, in Frankfurt a. M., erfolgte, ist vielfach 
zu ersehen, wie damals unsere Vorfahren über die Briten dachten. Aber 
auch in weltlich-humanistischer Art setzen sich die durch Erasmus ge- 
schaffenen Berührungen fort. Aus diesem Nährboden erwuchs auch die erste 
Übersetzung ins Deutsche, die einem dichtenden Engländer zuteil wurde: 
der Oxforder Owen hatte 1624 eine Sammlung lateinischer Epigramme her- 
ausgegeben, und diese übertrug Valentin Löber 1653 in deutsche Verse, 
worauf sie Zacharias Hertel, Buchhändler in Hamburg, 1661 verlegte unter 
dem Titel 'Teutsch redender Ovenus oder eilf Bücher der lateinischen Über- 
schriften des überaus sinnreichen englischen Dichters Oveni in teutsche ge- 
bundene Sprache ebenso kurtz übersetzet und mit etlichen Anmerckungen 
erläutert'. Auch an die Briefwechsel des Asham und Sidney darf man er- 
innern, während Muncker auf einige unserer Reisenden im England der 
Elisabeth hübsch eingeht. Die nächsten Berührungen entstanden durch die 
Politik. Elisabeth unterstützte die deutschen Protestanten, wenn auch nur 
äußerlich, um einige Bundesgenossen mehr gegen die katholischen Höfe von 
Spanien und Frankreich aufweisen zu können. Zwei Auswanderer suchten 
dann in der Früh-Stuartzeit die englische Hauptstadt auf, erfuhren von der 
Persönlichkeit Miltons und begannen ihn zu übersetzen: Haacke und Berge. 

Archiv I. n. Sprachen. 141. 20 



298 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Weckerlin vertrat sogar durch Jahre sein Amt, gab sich aber nicht zum 
Verkünder seines Ruhmes her. Ja, nach der Hinrichtung des Königs Karl I. 
ging ein Sturm der Entrüstung durch die deutschen Schriftsteller, und 
Gryphius war der erste 1657, der in einer Tragödie über den unglücklichen 
Stuartkönig ihn begann. Hoflfmannswaldau und Lohenstein stachen auf 
Cromwell, andere auf ganz England los. Was haben damals unsere Juristen 
gesagt? Es wäre interessant, auch ihre Stimme über Miltons Defensio zu 
hören. Jedenfalls war in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts der britische 
Name bei uns am wenigsten geschätzt. Politische Berührung war ihm bei 
uns abträglich, nur kulturelle zuträglich. Eine solche günstige Kultur- 
bewegung setzte ein mit den geistigen Folgen der Revolution von 1688. 
Die Aufklärung, das literarische Interesse, der Sinn für die bürgerliche 
Dichtung, die Befreiung des 'Frauenzimmers', der Geschmack für Volks- 
dichtung und Shakespeare, dazu vieles andere, was im Laufe des 18. Jahrh. 
in Blüte schoß, wurde zuerst durch den Spectator über Europa ausgesät, 
mehr noch vielleicht in französischen als in deutschen Übersetzungen. Um 
dieselbe Zeit begann Defoes 'Robinson' seinen Siegeslauf, der ja ebenfalls 
mit vernunftgemäßer Erwägung von Kulturproblemen zusammenhing. Die 
englischen Reisebriefe von Muralt 1694 und Voltaire 1734 kamen dem Inter- 
esse für London zustatten. Republikanische Kreise ergriffen bei uns die 
literarische Führung, Bodmer und Haller in der Schweiz, Brockes und Hage- 
dorn in Hamburg; ihnen konnten die arjtimonarchischen Ausführungen 
Miltons nicht bloß verzeihlich, sondern verdienstlich erscheinen; sie haben 
sich für ihn und manch anderen Freiheitsgedanken Englands eingesetzt. 
So führte die Reaktion gegen die Anglophobie zu einer Anglomanie, die mit 
Klopstock und Schubart gipfelte. Die Bundesgenossenschaft der deutschen 
Staaten, die hauptsächlich die Dichtung förderten, mit England im Dreißig- 
jährigen Kriege darf dabei nicht vergessen werden. Aus der extremen Be- 
wunderung Britanniens lenkte Lessing heraus zu einer selbständigen Ver- 
gleichung und Abwägung der beiden Westvölker, unter deren Anregung eine 
neue deutsche Dichtung eben emporblühte. Lessing nützte das englische 
Wesen, um unsere Urgroßväter auf das heimatlich Deutsche zu verweisen. 
Im breitesten Umfang hat er von den Vettern jenseits des Kanals gelernt 
und zugleich mit hellem Auge ihre Schwächen gesehen. So hielten es dann 
auch Wieland und Herder, Goethe und Schiller und eine Menge ihrer Zeit- 
genossen, wie Muncker mit großer Belesenheit dartut. Die französische 
Revolution veränderte zugleich das Urteil über die englische; Bürger in der 
unvollendeten Schrift 'Die Republik England' 1793 erkannte und verurteilt« 
die Fehler Karls I., was einer Entlastung seiner Richter gleichkam, übersah 
jedoch nicht die persönlichen Tugenden des unglücklichen Königs, was einer 
direkten Parteinahme ' für seine Richter vorbeugte. Besonders ausführlich 
legt Muncker die Stellungnahme Arndts dar, bei dem zugleich das Bewußt- 
sein politischer Bundesgenossenschaft mit dem Inselreich stark zu fühlen 
ist. Arndt pries England, weil es seine Seele im Kampfe gegen Napoleon 
für die Freiheit gegeben habe. Ihm imponierte seine Flotte, sein Kolonial- 
reich, sein Welthandel, sein Fabrikenreichtum; doch hat er auch die ver- 
derblichen Folgen dieses Glückes nicht unterschätzt, die schwere Gedrückt- 
heit der Tagelöhner und Fabrikarbeiter, den Mangel eines kräftigen Bauern- 
standes, das Brachliegen weiter Landstrecken, die Schätzung aller Dinge 
nach dem Gelde, die selbstgefällige Unverbesserlichkeit, die 'nur in Alt- 
england ein Paradies und allenthalben sonst Barbarei findet', die Verach- 
tung alles Schönen und Großen, wenn es von auswärts kommt. Seinem 
Auge entging es nicht, daß die schamlose Selbstsucht gegen andere Völker 
an vielen Orten Haß und Groll erweckte. 'Allgemeine Seetyrannen' und 
'Feinde des Menschengeschlechtes' schalt er einmal die Briten im Zorne und 
sprach von ihrem unvermeidlichen Fall, wenn auch der letzte Hort euro- 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckacliriften 299 

päischer Freiheit mit ihnen untergehen sollte. In 'Germanien und Europa' 
1803 warnte er sie vor zwingenden Übertreibungen des Handels, und in 
einer Schrift 'Der Bauernstand' 1810 riet er ihnen zur Heranbildung 
rüstiger Ackerleute. Mit dem Wiener Kongreß begann wieder eine schärfere 
Tonart. Byron im 'Don Juan' verurteilte damals das Treiben des Sklaven- 
kettenflickers Castlereagh, und ähnliche Tatsachenerkenntnis dämmerte auch 
einigen deutschen Schrittstellern auf. Voran ging Arndt mit dem 'Wort von 
1815'; der treue deutsche Mann beklagte die 'kleinliche und knickrige Krämer- 
politik' gegenüber seinem Vaterlande. Der Griechen-Müller empörte sich 
über das Zusammengehen Englands mit dem Großtürken. Schade, daß hier die 
Ausführungen Munckers abbrechen. Das Schwanken der Ansichten entstand 
aus Erlebnissen. Anfangs hatten nur wenige unserer Landsleute mit eigenen 
Augen England gesehen; sie urteilten nach Gefühlsmomenten. Mit der 
engeren Berührung kam ein gemischtes Urteil auf; bald sollten Heisebriefe, 
wie die des Fürsten Pückler-Muskau, denen Heines 'englische Fragmente' 
unmittelbar folgten, der lobenden wie der tadelnden Kritik eine realere 
Grundlage geben. Hier sollte ein Fortsetzer die verdienstliche Arbeit 
Munckers weiterführen, unter noch ausgiebigerer Benützung historischer 
und politischer Werke, sowie mit Beifügung eines Namenregisters, ohne daa 
es immer schwer ist, solche Materialsammlungen zu benützen.] 

H e u s 1 e r, Andreas, Heliand, Liedstil und Epenstil (Zs. f. d. A. LVII, 
1 — 48). Berlin, Weidmann, 1920. [1. die Vorbilder des Heliandstils. 2. der 
freie Zeilenstil und seine Auflösung. 3. die Bereicherung des Satzbaus. 
4. die Behandlung gerader und abhängiger Rede. 5. das Wachsen der Sen- 
kungen und Auftakte. 6. die Zunahme der Variation. 7. Folgerungen.] 

H a u f f e n, Adolf, Geschichte des deutschen Michel. Prag, Verlag des 
deutschen Vereins zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse, 1918. 95 S. 
[Das Mittelalter verehrte den Erzengel Michael als großen Heilshelfer, aber 
1541 taucht eine spöttische Bezeichnungsweise auf, hergeleitet von den 
Michelsbrüdern, die auf Wallfahrten nach Nordfrankreich kamen, ihre from- 
men Lieder leierten, dazu bettelten und mit alldem den Eindruck der 
Dummheit machten. Deutscher Michel wurde danach ein Ausdruck für einen 
unwissenden und bäuerischen Menschen. Das fliegende Wort ist also fran- 
zösischen Ursprungs. Aber noch im 16. Jahrhundert gewann es in deutschem 
Munde eine günstigere Bedeutung als ein lauterer, redlicher, gutherziger 
Kerl. Durch die Kriegstaten des Michael Obertraut, der als Heiteroberst 
des Pfalzgrafen Friedrich V. von der Pfalz seit 1619 sich auszeichnete, bis 
ihn Tilly 1625 mit großer Übermacht überfiel und tödlich verwundete, wurde 
sogar die Erinnerung an den schützenden Erzengel Michael für eine Weile 
erneut. Dann allerdings im Zeitalter der Aufklärung gilt der deutsche 
Michel als unkundig des Lateinischen — so bei Lessing; immerhin war es 
besser, ein deutscher Michel gescholten zu werden als ein lateinischer. Um 
die Mitte des 18. Jahrh. wird zum Träger des Namens ein Bauernknecht oder 
ein junger Bauer mit den guten und schlechten Eigenschaften unseres Land- 
volkes, bieder, fleißig, genügsam, nicht sehr gescheit, häufig recht verträumt, 
ein besserer Spießbürger; so finden wir die Gestalt in einem Lustspiel von 
'Herzog Michel' 1750 zuerst gespielt in Leipzig, oft auch vom jungen Goethe 
in seiner Leipziger Zeit. Mancherlei volkstümliche Lieder handeln von 
diesem 'Vetter Michel' und in solcher Art nahm auch Goethe ihn auf in sein 
dramatisches Bruchstück 'Hanswursts Hochzeit' 1775 und in sein Gedicht 
'Musen und Grazien' in der Mark 1796. Diese Auffassung ist im wesent- 
lichen geblieben, obwohl Arnim und Platen mehr an einen stumpfsinnigen 
Philister denken. In der Zeit der Napoleonischen Herrschaft gewann der 
deutsche Michel in den Liedern der Freiheitssänger viel Tapferkeit, Ent- 
schlossenheit und Begeisterung, um nach der Enttäuschung durch die heimi- 
schen Potentaten in übergroße Gutmütigkeit und unpraktische Weltfremd- 

20* 



300 Verzeicknis der eingelaufenen Druckschriften 

heit zu versinken. Die Figur richtete sich also nach der politischen Kon- 
stellation. Das Freundlichste hat Arndt gesungen, indem er weissagte, 
wenn sich der Michel einmal die Augen ausreibe, so werde er den welschen 
Lügenschein weit fortwerfen und als ein herrliches Riesenkind sich be- 
währen. Zahlreich sind dann die Anspielungen auf ihn bei den verschieden- 
sten Schriftstellern des 19. Jahrh. Politische Dichtung verlangt einen 
solchen anschaulichen Durchschnittstypus, ähnlich hat England seit 1704 
seinen John Bull, Amerika seit 1780 seinen Bruder Jonathan. Eine inter- 
essante Zusammenstellung voll Belesenheit und mit einem Stich ins Aktuelle.] 

N e u m a n n, Friedrich, Geschichte des nhd. Reimes von Opitz bis Wie- 
land. Studien zur Lautgeschichte der neuhochdeutschen Gemeinsprache. 
Berlin, Weidmann, 1920. XVI, 394 S. M. 18. 

P r i c e, Lawrence M., Euglish-Gerraan literary inf luences. Bibliography 
and survey. Part I : Bibliography (Univ. of California publ. in mod. phil. IX, 
1. Jan. 1919). Berkeley, California Press. 111 S. [Über tausend Schriften 
sind verzeichnet als auserlesene Proben, denn Vollständigkeit wäre bei so 
ausgedehntem Gegenstand, der jede Seite der beiderseitigen Literatur- 
geschichten seit dem 16. Jahrh. berührt, doch niemals erreichbar. Man sieht 
nur, daß deutsche Forscher über das empfangene Gut mit Fleiß und Dank 
quittierten. Es wäre kleinlich, dem Verf. sagen zu wollen, daß er einige 
Büchertitel nicht kenne, vielmehr sei die Nützlichkeit einer solchen Zu- 
sammenstellung hervorgehoben; sie lehrt, wie verwoben die abendländische 
Kultur seit Jahrhunderten ist, und sie dient zum Nax!hschlagen. Nur die 
früheste Übersetzung eines englischen Dichtwerkes, die diesen Namen ver- 
dient, sei nachgetragen, weil nie ein Originalexemplar zur Hand ist: Owens 
Epigrammata teutsch 1653, gedruckt Jena 1661. Am meisten ausgebeutet 
ist das Shakespeare- Jahrbuch; bis 1914 war es dem Verf. zugänglich; der 
Fall erweist, daß es seine kulturverknüpfende Aufgabe nicht erfolglos 
pflegt.] 

Trendelenburg, Zu Goethes Faust (Vorarbeiten für eine er- 
klärende Ausg.). Berlin, VWV., 1920. 162 S. M. 7. 

F u n c k, Heinrich, Goethes und der beiden Grafen Stollberg Aufenthalt 
in Karlsruhe auf ihrer gemeinsamen Reise in die Schweiz 1775. Sep.-Abdr. 
aus der Pyramide, Wochenschrift des Karlsruher Tageblatts, 8.u. 15. Febr. 1920. 

Petersen, J., Das deutsche Nationaltheater. Fünf Vorträge, gehalten 
im Febr. u. März 1917 im Freien deutschen Hochstift zu Frankfurt a. M. 
(Zeitschr. f. d. deutschen Unterricht, 14. Erg.-Heft). Leipzig, Teubner, 1919. 
106 S. und 8 Tafeln. M. 4. [Die Vorträge gelten: 1. dem geistlichen Theater 
mittelalterlicher Art. 2. dem Volkstheater nach Art der Fastnachtspiele und 
Meistersingerbühnen, wozu auch Shakespeares Schauspielhaus und die eng- 
lischen Komödianten gezogen sind. 3. dem Hoftheater, das mit den Fest- 
spielen der [Renaissance beginnt und besonders die Oper behandelt sowie 
Goethe und Schiller in ihrem Verhältnis zur Oper. 4. dem Nationaltheater, 
das in Aufklärung und Neuhumanismus wurzele und durch die Einbürge- 
rung Shakespeares bis zum Virtuosentum gesteigert worden sei. 5. dem 
Festspieltheater, als dessen Förderer Tieck, Laube, Dingelstedt, Richard 
Wagner, Herzog Georg v. Meiningen, Otto Brahm und Max Reinhardt er- 
scheinen. Am Schluß fragt der Verf., ob die heutige Zeit für ein wirkliches 
nationales Festspiel reif sei, und bejaht es in Hinblick auf das tatenfrohe 
Einheitsgefühl unseres Volkes im August 1914: 'Der Glaube an unsere Ein- 
heit sehnt sich, nach allen Prüfungen, nach Marter, Todesopfer, Grab- und 
Höllenfeuer, seine Auferstehung zu erleben!' Es sei die Aufgabe der deut- 
schen Kunst, das Erlebnis dieser Zeit zum unvergänglichen Ausdruck zu 
bringen. — Was über unser Theater in den vorgenannten Perioden bekannt 
geworden, ist hier lebendig dargestellt, durch viele Abbildungen erläutert 
und mit einer wohltuenden Begeisterung in die Zukunft projiziert.] 



Verzeichnis der eingelaufenen Drnckechriften 301 

Pfenniger, Else, Friedrich Ludwig Schröder als Bearbeiter englischer 
Dramen. Diss. Zürich, 1919. Zürich, E. Kreutler, 1919. 104 S. [Schröder, 
der 600 Rollen beherrschte, fand besonders in den Jahren 1782 — 85, als er 
sich von der Direktion des Theaters zurückgezogen hatte, Zeit und Kraft, 
um etwa 150 Stücke für seine Bühne zu bearbeiten, die er besonders gern 
aus dem Englischen wählte. Pfenniger vergleicht diese Bearbeitungen mit 
den englischen Quellen. Er bevorzugte bürgerliche Trauerspiele, die er in 
Rührstücke verwandelte, während er in Lustspielen die komischen Elemente 
verstärkte. In den Dramen der Restaurationszeit wurden die ausgelassenen 
Beiden zu anständigen Bürgern. Fast durchaus ist der Schauplatz nach 
Deutschland verlegt. Ein schöpferischer Geist war er nicht, aber ein ge- 
schickter Mann der Bühne.] 

C o r 6 s e n, Meta, Kleists und Shakespeares dramatische Sprache. Dise. 
Berlin, 1919. Druck in der v. Sternschen Druckerei, Lüneburg. 74 S. 

T i e c k, Ludwig, Das Buch über Shakespeare, hg. v. R. Lüdeke (Leitz- 
manns Neudrucke deutscher Literaturwerke, 1). Halle, Niemeyer, 1920. 
XXVI, 523 S. M. 30. [Aus dem Nachlaß ist jetzt das Werk herausgegeben, 
an dem Tieck durch zwanzig Jahre gearbeitet und das er bis zu seinem 
Ende 1853 versprochen hat. Köpke hatte in Tiecks nachgelassenen Schriften 
bereits veröffentlicht ein Bruchstück des 'Kommentars zu Shakespeare*, der 
hier als 'erster Entwurf wiederkehrt und etwa 1794 entstand, ferner unvoll- 
ständig die 'zweiten Entwürfe' 1796, die 'zwei Kapitel der Einleitung' 1815 
und den 'Plan des Ganzen' 1810, endlich ein Fragment über Lady Macbeth. 
Lüdeke vervollständigt den 'Kommentar' und die späteren 'Entwürfe': dazu 
gibt er ein 'chronologisches Verzeichnis der Stücke und allerlei Nachträge'. 
Man kann jetzt über die Bedeutung des Ganzen urteilen. Es ist mehr ein 
Beitrag zur Kenntnis Tiecks als Shakespeares. In den neu gedruckten Par- 
tien fällt eine große Abhängigkeit von den englischen Kommentatoren auf. 
Die Stärke Tiecks lag in der Ästhetik, nicht in der Charakterfassung. An 
Hamlet z. B. betont er eine gewisse Religiosität, durch die der Dichter die 
Erscheinung des Geistes zu besonderer Wirksamkeit bringt, was gewiß gut 
beobachtet ist; aber ist Hamlet wirklich so 'schwach, leidend, kränkelnd', 
daß er dem 'weichen' Romeo an die Seite zu stellen ist? Haben wir an 
Polonius einen 'ziemlich klugen und rechtschaffenen Mann' zu sehen, der 
vor König und Königin den Narren nur 'spielt'? Anderseits hat eich 
Tieck weder in die philosophischen noch in die politischen Ansichten der 
Shakespearezeit tiefer versenkt, hat weder seine Bühnenverhältnisse noch 
die zeitgenössischen Dramatiker sorgsam studiert, ist Oberhaupt mit Real- 
wissen sehr mäßig ausgestattet und hat wohl hauptsächlich deshalb das 
Werk nicht zu vollenden vermocht. Wer den großen Realisten Shakespeare 
wirklich enthüllen will, muß ein solides Wissen haben; mit bloßen Einfällen 
kommt man bei ihm nicht durch. Merkwürdig ist es, wenn man die Tieck- 
sche Chronologie der Shakespeareschen Werke durchsieht, wie viel Fremdgut 
er seinem Dramatiker zuschreibt: nicht bloß die alten Dramen von der 
'Widerspenstigen', vom 'König Lear', 'Heinrieh IV. und V.* und 'König 
Johann', sondern auch 'Locrine', 'Cromwell', 'Oldcastle', Satiromastix', 
'Puritan', 'Yorkshire Tragödie', 'Mucedorus', 'Schlacht von Alcazar', 'Arden 
von Feversham', 'Fair Em', 'Geburt des Merlin'. Welche Buntheit des Stils 
und Denkens! Man kann auch nicht sagen, daß Tieck, was die Entstehungs- 
zeit der Stücke betrifft, immer mit glücklicher Intuition geraten habe; er 
versetzt 'Heinrich VIT!.' bereits in das Jahr 1600, dagegen den 'Somraer- 
nachtstraum' erst 1598, 'Julius Cäsar' 1610, 'Maß für Maß' gar erst 1615! — 
Der Herausgeber hat sich seine Aufgabe nicht leicht gemacht und nament- 
lich fleißig nachgeprüft, auf welche Stellen sich Tiecks Bemerkungen 
beziehen.] 

Sof f<s. Emil, Bühne und Gesellschaft. BrUnn, Irrgang, 1918. 204 S. — 



302 Verzeichnis der eingelaufenen Dnickschriften 

Vermischte Schriften, Brunn, Irrgang, 1909. 242 S. [Von literarhistorischen 
Essays hören wir heutzutage wenig. Soflf6 aber pflegt diese Gattung 'in 
Bühne und Gesellschaft' mit entschiedenem Stiltalent. Am liebsten be- 
schäftigt er sich da mit englischen Literaturträgern: mit Minstrels und 
Balladensängern, mit Garrick als Richard III., mit Shakespeare auf dem 
deutschen Theater; diese Aufsätze sind sehr ansprechend geschrieben. 
Namentlich die Bedeutung Lessings für die Aneignung englischer Dichtungs- 
ziele verdient gelesen zu werden. Mit Frankreich beschäftigen sich Aufsätze 
über Racines Athalie und über den Pariser Salon zur Zeit Ludwigs XV. 
'Deutsch ist Schikaneder in Brunn'. Die anregende Wirkung solch populärer 
Skizzen sollte nicht unterschätzt werden. — In den 'Vermischten Schriften' 
erörtert Soffö die Frage, ob Mucedorus ein Schauspiel Shakespeares war; 
Beeinflussung durch den Stratforder ist ihm wahrscheinlicher. Daneben 
handelt er über das Raigerner Liederbuch, das der Benediktiner Harlacher 
um die Mitte des 18. Jahrh. im mährischen Kloster Raigern schrieb, mit 
Goethes 'Clavigo' und 'Erwin', mit Alfred Meißner und mit 'Mähren in Saars 
Dichtung'. Es sind Feuilletons im guten Sinne, und in angenehmer Weise 
leuchten sie auch oft in die Tiefe.] 

L e n z i n g e r, P., Balladen und Romanzen in der Schweiz von C. F. 
Meyer. Diss. Zürich, 1919. Zürich, Leemann. 255 S. 

De et Jen, Werner, Sie sollen ihn nicht haben! Tatsachen und Stim- 
mungen aus dem Jahre 1840. Weimar, Böhlau, 1920. 67 S. M. 6. 

Schneider, Hermann, Uhland. Leben, Dichtung und Forschung 
(Sammlung Geisteshelden, 69/70). Berlin, E. Hofmann, 1920. VIII, 527 S. 
Mit 3 Bildnissen. 

Fischer, W., Die deutsche Sprache von heute (Aus Natur und Geistes- 
welt 475). 2. verb. Aufl. Leipzig, Teubner, 1919. 132 S. 

Otte, Friedrich, Meeresrauschen. Dichtungen. Erfurt, Villaret, 1914. 
124 S. [Zehn Jahre in China gaben dem Dichter Anlaß genug, an die 
Heimat zurückzudenken und die fremde Kulturwelt mit ihr zu vergleichen; 
die Verse sind Erlebnisse und Bekenntnisse eines Deutschen in Ostasien, 
ansprechend durch ihre Wahrheit und durchzosfen mit allerlei englischen 
Zügen. Auch haben germanische Sage und Buddhamythen in Form gereim- 
ter Märchen sich eingemischt.] 

(Viereck, Silvester) Die Ballade von Herrn Jobs und den 14 Punkten, 
recht kläglich zu singen nach der Melodie: 'Es soll kein AflFe den Löwen 
machen', gedichtet von Giovanni de Sasso Rosso. 2. verm. Aufl., gedruckt 
in diesem Jahr (New York 1920). 26 S. [1. 'Es prahlten dereinst die 
Nationen, die westwärts von dem Rheinstrom wohnen: Nun haben wir von 
der Etsch zum Belt das deutsche Vaterland umstellt' — . 2. 'Wer zählt die 
Völker, wer die Namen'. — Schilderung des Krieges für 'Demokratie und — 
unser Geld'. 3. Wilsons 14 Punkte. — 4. Clio beim Weltgericht ; 'Wie Her- 
kules kam er zum Scheidewege, kein großer Gedanke ward in ihm rege. — 
Er wähnte zvi schieben und ward geschoben, das Glück hat ihn zum Sturz 
erhoben, er war das Spielzeug in anderer Hand zum Unheil für sich und das 
eigene Land'.] 

Blätter des Burgtheaters. 5./6. Jan./Febr. 1920. Wien, Strache. 54 S. 
Kr. 3. [Hoc k. der Literarhistoriker, ist unter die Bühnenleiter gegangen 
und macht Theatergeschichte. Ein Artikel von ihm 'Der deutsche Macbeth' 
eröffnet das vorliegende Heft. Die Übersetzung dieses Stücks bei Sehlegel- 
Tieck ist von Dorothea Tieck und verhältnismäßig schwach. Conrad merzte 
einige Fehler aus, um im übrigen 'ins Nüchtsj-ne, Unpersönliche zu ver- 
fallen'. Gundolf wahrt die Eigenart Shakespeares besonders betreffs Klang- 
farbe und Lautwahl am besten, stellt aber durch seltsame und oft gewaltsam 
gepreßte Ausdrücke den Schauspieler vor schwere Aufgaben'. So griff Hock- 
selber ein, und die Proben seines Textes, die er mitteilt, sind verdienstlich. 



Verfeichnis der eingelaufenen Druckschriften 303 

Außerdem sucht er die Szene III 6, wo sich nach Hekates Abgang von den 
Hexen III 5 und vor Macbeths Besuch bei den Hexen IV 1 zwei Edelleute 
über Macbeth aussprechen, im Hinblick auf Macduffs Flucht, für die moderne 
Bühne besser einzufügen. Es ist dies eine der kleinen Episoden, die Shake- 
speare gelegentlich einschaltet und auf der Vorderbühne spielen läßt, damit 
inzwischen auf der Hinterbühne, unter Schließung des Vorhangs, die 
Dekoration ohne Pause der Darstellung geändert werden konnte. In der vor- 
ausgehenden Szene war die Flugmaschine für Hekate in Tätigkeit, und in der 
darauffolgenden der Hexenkessel. Die wenigen Verse setzen den heutigen 
Regisseur in kaum geringere Verlegenheit als die zu ähnlichem Zweck von 
Shakespeare vorgesehene Cinnaszene in 'Julius Caesar', III 3. Für Hock ist 
jenes Gespräch der beiden Edelleute lediglich ein Mittel, um uns 'über den 
Zeitverlauf auf der Bühne zu täuschen': er schiebt es daher hinter die Szene 
mit dem Hexenkessel und erspart sich dadurch eine leidige Verwandlung, 
was vom Standpunkt der modernen Bühne nicht zu beanstanden ist. — 
A. Roller bespricht in einem zweiten Artikel 'Eine Macbeth-Bühne'. 
Er verweist für zeitgenössische Kostümbilder auf den Wandbehang von 
Bayeux, reproduziert von der Arundel Society. Wären nicht eher Bilder 
der Shakespeare-Zeit heranzuziehen? Reich an solchen ist James Howell, 
Londinopolis, 1657. Ich empfehle das Buch, das auf der Berliner Staats 
bibliothek liegt, den Theatermalern. Des weiteren berichtet Roller, wie er 
die schottischen Szenen des Macbeth mit Lokalstimmung versah: zwei 
klobige Steinpfeiler flankierten ständig da^ Bühnenfeld, was durch zwei 
Abbildungen erläutert wird; Nebel hasteten, Wolken trieben. Winde stöhn- 
ten; in der Gastmahlszene flackerten viele Fackeln, und ein reiches 
Servier- Zeremoniell half Macbeth beim Gespräch mit den Mördern Banquos 
zu isolieren, auch den Geist des Banquo vor- und zurücktreten zu lassen. 
Dagegen war die Szene im glücklichen England unter dem friedlichen 
Regiment Eduards in einen weiten Park voll Sonnenschein verlegt. Da« 
entsprach gewiß der Absicht Shakespeares, der ein revolutionäres, blutiges, 
schauriges Schottland dem politischen England gegenüberstellen wollte, ent- 
sprechend der zeitgenössischen Auffassung von den beiden Ländern. — 
Weniger Bemerkenswertes bietet Albert Heine, 'Hexen und Geister'. 
Dagegen bringt J. K. Ratislav am Schlüsse manches Interessante über 
die Geschichte des *Macbeth im Burgtheater', namentlich zur Erstlingsauf- 
führung am 3. November 1772 und über die Ausstaffierung der Wolter seit 
1877, wobei Verf. aus dem Wolter-Artikel der Helene Richter im Shake- 
speare-Jahrbuch schöpft. — Solche Theaterhefte können sehr nützlich 
zwischen Schauspielern und Zuschauern vermitteln, bringen verdiente 
I^eistungen der Vergangenheit zu neuem Theben und gewähren dem Literatur - 
kundigen einigen Einfluß auf die Gegeuwartspraxis; wenn sie, wie im vor- 
liegenden Falle, über das bloße Tagesbedürfnis hinausragen, sollen sie auch 
von der Forschung nicht vergessen werden.] 

Das große Schauspielhaus. Zur Eröffnung dos Hauses hg. vom Deutschen 
Theater zu Berlin. Berlin, Verlag der Bücher des Deutschen Theaters. 
1920. 122 S. [In zwei Artikeln wird die Baugeschichte beschrieben, und 
zwar von zwei Mitarbeitern : C. Vollmöller und H. Poelzig. In zwei anderen 
Artikeln erhalten wir programmatische Erwägungen, wie das neue Haus 
für ein zukünftiges Volkstheater und zur Förderung des Impressionismus 
geschaffen sei. K. Pinthus hat ersteres mit etwas weitgehenden Behaup- 
tungen vertreten, z. B. daß die Illusionsbühne zur Unterhaltung 'tyranni- 
scher' Gewalthaber entstanden und 'ein schreckliches Symptom der Un- 
kultur sei'. AT. Deri hatte es leichter, mit der weiten, fast dekorationsloscn 
Bühne, die aber durch einen Licht- und Schalltrichter zusammengehalten 
wird, ein Verhältnis zu der andeutenden Intensität des neuen Kunststils 
zu gewinnen. Nach einigen kleineren Beitrügen handelt H. Hildebrandt 



304 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

über die Wiedererweckung des griechischen Dramas, zu der die Arenabühne 
Keinhardts noch besser geeignet sei als eine bloße Nachbildung altgriechi- 
scher Theater; sowie A. Brandl über Shakespeare-Möglichkeiten, nament- 
lich, was die verbesserte Darstellung gewisser Dreifelderszenen in Richard 
II., Romeo, Macbeth und Heinrich VIII. betrifft — allerdings ist dabei 
eines der drei Felder nach Elisabethanischer Art über den beiden andern 
gedacht, während bei Reinhardt die drei Felder so ziemlich in einer Ebene 
hintereinander liegen. Das Ganze ist eingeleitet von H. Holländer, der es 
offen sagt, daß Reinhardt wesentlich von der altgriechischen Bühne ausging. 
Man mag über das Große Schauspielhaus denken, wie man will, unter allen 
Umständen war es eine mächtige Leistung in schwerster Zeit und ein 
Symptom für die unbeugsame Theaterfreude unseres Volkes, verdiente 
daher, daß seine Eröffnung durch eine Sammelschrift, wie die vorliegende, 
erläutert und betont wurde.] 

Englisch. 

Englische Studien, LIII, 3, Februar 1920 [H. Swaen, Contributions to. 
Old English lexicography, X. — R. Imelmann, Vom romantischen und ge- 
schichtlichen Waldef. — F. Fiedler, Dickens und die Posse. — E. Kieckers, 
Zur direkten Rede im Ne. — Besprechungen. A. Schröer: Daniel Jones, 
An outline of English phonetics. — W. Fischer : Hedwig Resehke, Die 
Spenserstanze i. 19. Jh. (Angl. Forschungen, hg. v. Hoops, Heft 54). — 
J. Koch: 0. Eberhard, Der Bauernaufstand v. J. 1381 in der engl. Poesie. 
Heidelberg 1917. — R. Petsch: Creizenach, Geschichte des neuern Dramas. 
2. Band: Renaissance und Reformation, Halle 1918. — J. Hoops, A treasury 
of English prose, ed. by L. P. Smith, London 1Ö19. — M. J. Wolff: 
G. Goetze, Der Londoner Lehrling im literarischen Kulturbild der Elisa- 
bethanischen Zeit. Borna- Leipzig 1918. — H. Mutschmann: A. v. der 
Heide, Das Naturgefühl in der engl. Dichtung im Zeitalter Miltons. Heidel- 
berg 1915. — J. Hoops: Allan H. Gilbert, A geographica] dictionary of 
Milton (Cornell Studies in English). New Haven, Conn. 1919. — E. Eck- 
hardt: E. Bußmann, Tennysons Dialektdichtungen nebst einer Übersicht 
über den Gebrauch des Dialekts in der englischen Literatur vor Tennyson. 
Diss. Münster. Weimar 1917. — J. Hoops, Selections from Swinburne, ed. 
by E. Gosse and Th. J. Wise. — J. Hoops, Tauchnitz edition, vols. 4520 — 31. 
— Realien. F. Brie: G. Wendt, England, seine Geschichte, Verfassung und 
staatlichen Einrichtungen. 5. verb. Aufl., Leipzig 1919. — Schulgramma- 
tiken und Übungsbücher: C. Th. Lion: Brandeis u. Reitterer, Lehrbuch der 
engl. Sprache f. Realschulen, IL Teil. An English reader. Wien, Leipzig 
1918. III. Teil: A literary reader, ebd. 1919. — C. Th. Lion: H. Fehse, 
Englisches Lehrbuch. I. Teil nach d. direkten Methode für höhere Schulen. 
6. Aufl., Leipzig 1918. — J. Hoops: Gustav Krüger, Wiederholung d. engl. 
Sprachlehre. Beispiele ohne Regeln. Für Schulen und zur Vorbereitung auf 
Prüfungen. Dresden, Leipzig 1919. — O. Schulze -f: Lincke und Cliffe, 
Lehrbuch der engl. Sprache für höhere Lehranstalten. I. Teil: Elementar- 
buch. IL Teil: Zweites und drittes Jahr. Frankfurt a. M. 1912. — C. Th. 
Lion: Lincke, Grammatik der englischen Sprache für höhere Lehranstalten. 
Frankfurt a. M. 1918. — Schulausgaben rezensiert von Carl Haid und 
O. Glöde. Miszellen: L. L. Schücking, Widergyld (Beowulf 2051). — 
N. Bögholm, Einzahl versus Mehrzahl]. — LIV, 1 (zum siebzigsten Geburts- 
tag Lorenz Morsbachs, 1850 — 1920) [Abhandlungen: F. Boeder, zum siebzig- 
sten Geburtstag L. Morsbachs. — O. L. Jiriczek, Seafola im Widsith. — 
J. Hoops, Das Verhüllen des Haupts bei Toten, ein angelsächsisch-nordi- 
scher Brauch. (Zu Beowulf 446: hafalan hydan.) — E. Björkman, 
Hoepcyn und Häkon. — K. Wildhagen, Das Psalterium Gallicanum in Eng- 
land und seine ae. Glossierungen. — M. Förster, Der Inhalt der ae. Hs. 



Verzeichnis der eingelaiifenen Druckschriften 305 

Vespasianus, DXIV. — W. Hörn, Sprachgeschichtliche Bemerkungen. — . 
M. Deutschbein, Die Einteilung der Aktionsarten. — F. Holthausen, Wort- 
deutungen. — 0. Ritter, Beiträge z. engl. Wortkunde. — E. Ekwall, Zu 
zwei keltischen Lehnwörtern im Ae. — W. Keller, Me. lange Vokale und 
die afr. Quantität. — E. Eckhardt, Zur Quantität offener Tonvokale im Ne. 

— W. Franz, Grammatisches zu Shakespeare. — B. Fehr, William Blake 
und die Kabbala. — H. Spies, Alliteration und Reimklang im modern- 
englischen Kulturleben. — Besprechungen. Sprachgeschichte. Dölle, Zur 
Sprache Londons vor Chaucer. Halle 191.3. — R. Jordan: Heuser, Alt- 
london. Mit bes. Berücksichtigung des Dialekts. 1914. — Literatur- 
geschichte. M. J. Wolff : Schücking, Die Charakterprobleme bei Shakespeare. 
Leipzig 191 9]. — LI V, 2, Juli 1920 [K.Luiek, Über Vokal Verkürzung in abgeleite- 
ten und zusammengesetzten Wörtern. — O. Ritter, Über einige Ortsnamen 
aus Lancashire. — M. J. Wolff, Der dramatische Begriff der 'History' bei 
Shakespeare. — H. Richter, Oscar Wildes Persönlichkeit in seinen Ge- 
dichten. — Besprechungen: Sprachgeschichte. K. Luick: H. C. Wyld, Kurze 
Geschichte des Englischen, übers, v. H. Mutsehmann. Heidelberg 1919. — 
E. Eckhardt: R. Sauer, Zur Sprache des Leidener Glossars. Cod. Voss. lat. 
40.69. Programm d. human. Gymn. St. Stephan in Augsburg 1917. — 
E. Ekwall: Phoenix, Die Substantivierung des Adjektivs, Partizips und 
Zahlwortes im Ags. Diss. Berlin 1918. — R. Jordan: Schlemilch, Beiträge 
zur Sprache und Orthographie spätaltengl. Sprachdenkmäler der Übergangs- 
zeit (1000—1150). Halle 1914. — E. Björkman: N. von Glahn, Zur Ge- 
schichte des grammatischen Gfeschlechts im Me. vor dem völligen Erlöschen 
des aus dem Altenglischen ererbten Zustandes. Heidelberg 1918. — W. 
Franz: H. Harz, Die Umschreibung mit 'do' in Shakespeares Prosa. Cöthen 

1918. — Literaturgeschichte. W. Fischer: Schücking, Kleines ags. Dichter- 
buch. Lyrik und Heldenepos. Cöthen 1919. — E. J. W. Brenner, Die ältere 
Genesis, hg. v. F. Holthausen. Heidelberg 1914. — E. Ekwall: Hackenberg, 
Die Stammtafeln der ags. Königreiche. Diss. Berlin 1918. — E.Eckhardt: 
Kaluza, Chaucer-Haudbuch für Studierende. Leipzig 1919. — B. Fehr: 
Bonnard, La controverse de Martin Marprelate (1588 — 1590). Genöve 1916. 

— M. J. Wolff: St. A. Brooke, Ten more plays of Shakespeare. London 1919. 

— M. J. Wolff: Schöttner, Über die mutmaßliche stenographische Ent- 
stehung der ersten Quarto von Shakespeares 'Romeo und Julia'. Leipzig 1918. 

— M.J. Wolff: G. Landsberg, Ophelia, die Entstehung der Gestalt und ihre 
Deutung. Cöthen 1918. — M.J. Wolff: Radebrecht, Shakespeares Abhängig- 
keit von John Marston. Cöthen 1918. — H. Richter: M. Vohl, Die Arbeiten 
der Mary Shelley u. ihre Urbilder. Heidelberg 191.3. — Realien und Landes- 
kunde. J. Hoops: B. Guttmann, Eine Reise nach England. Frankfurt a. M. 

1919. — Miszellen: B. Fehr, Keats' dichterische Glosse zu Francis Bacon]. 
Anglia XLIV, 1, Februar 1920 [F. Hagel, Zur Sprache der nordengl. 

Prosaversion der Benediktiner Regel. — J. Koch, Das Handschriftenver- 
hältnis in Chaucers 'Legend of good women', IT. — H. Lange, Die Legen- 
denprologfrage. Zur Steuer der Wahrheit. — F. Holthausen, Zu me. Dich- 
tungen. — F. Holthausen, Das me. Streitgedicht, 'The eye and the heart". 

— O. B. Schlutter, Weitere Beiträge zur ae. Wortforschung]. — 2, Juni 
[E. A. Kock, Interpretations and emendations of early English texts, VI. 

— Ph. Aronstein, John Donne. — H. Lange, Zur Priorität des F-Textes in 
Chaucers Jjegendenprolog und zur Interpretation von F ''"/o r= Gg '^^/ao]- 

— 3, September [A. NicoU, Scenery in Restoration theatres. — V. Lang- 
haus, Chaucers Anelida and Arcite. — E. A. Kock, Interpretations and 
emendations of early English text*, VII. — H. Richter. Die philosophische 
Weltanschauung von S. T. Coleridge und ihr Verhältnis zur deutschen 
Philosophie. — 0. B. Schlutter. Weitere Beiträge zur ae. Wortforschung]. 

Beiblatt zur Anglia. XXXI, 1, Januar 1920 [Ekwall: Grönbeck, Vor 



306 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Folkeoet in Oldliden. — Fischer: Phoenix, Die Substantivierung des Adjek- 
tivs, Partizips und Zahlwortes im Ags. — Fehr : Mason, Genesis A trans- 
lated from the Old English. — Greenlaw, The shepheards aalender II. — 
[Croxall] An original canto of Spenser. — Zachrisson, Shakespeares Uttal. 
■ — Mutschmann: Schücking, Die Charakterprobleme bei Shakespeare. — 
Mühe: Mündel, Thackerays Auffassung und Darstellung von Geschichte und 
Literatur des Zeitalters der Königin Anna. — Fehr: Pierce, Selections from 
the symbolical poems of William Blake. — Holthausen, Zu ae. Dichtungen]. 
— 2, Februar [Fehr: Henderson, Swinburne and Laudor. A study of their 
spiritual relationship and its effect on Swinburne's moral and poetic 
development. — Fischer: Uhrström, pickpocket, turnkey, wrap-rascal, and 
similar formations in English]. — 3, März [Ekwall: Jespersen, Growth 
and structure of the English language. — Ekwall : Kaluza, Chaucer-Hand- 
buch für Studierende. — Fehr: Eogester, A middle English treatise on 
the ten commandments. Caro: Chesterfield, Letters to bis son. — Bacon, 
The essays or counsels civil and moral. — Hüscher: Herford, The lyrical 
poems and translations of P. B. Shelley. — Fehr: Shaw, Getting married 
and the showing-up of Blanco Posnet. — Festschrift z. 15. Neuphilologentag 
in Frankfurt a. M. 1912. — Ib. Holthausen, Zur vergleichenden Märchen- 
und Sagenkunde, I. — 1. Ein lappisches Bärensohn-Märchen. — Liljegren, 
Two American words. Am.-Ne. pod r= herd, flock. — Am. pesky]. — 
4, April [la. Fischer: Hackenberg, Die Stammtafeln d. ags. Königreiche. — 
Fischer: Koberg, Quellenstudien zu John Crowne's 'Darius'. — Aronstein: 
Nason, J. Shirley dramatist. A biographical and critical study. — Kellner, 
Jahrbuch d. Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. 55. Jahrg. Hg. v. W. 
Keller. — Ib. Fehr, Shakespeare und Coventry. — Fehr, Amerikanische 
Anglistik (1917 — 18). — Holthausen, Zur vergleichenden Märchen- und 
Sagenkunde. 2. Weiteres zur Geschieht« von M. Waldeck. 3. Zur Noah- 
Legende. IL Mühe: Adamson, The educational writings of J. Locke. — 
III. Fehr, Zur Ancren riwle]. — 5, Mai [I. Fehr, Gosse and Wise, The 
letters of A. Ch. Swinburne. — Mühe: Bonnard, La controverse de M. Mar- 
prelate, 1588 — 1590. — Mutschmann: Kruisinga, English sounds. — 
Jiriczek: Logeman, A commentary, critical and explanatory, on the Nor- 
wegian text of H. Ibsen's Peer Gynt. — Ib. Holthausen, Zu den ae. Zauber- 
sprüchen und Segen]. — 6, Juni [la. Funke: Sarrazin, Von Kädmon bis 
Kynewulf. — Pokorny: Neuhaus, Einführung ins Irische. — Ib. Herzfeld, 
Zu A. V. Drostes englischen Quellen. — Holthausen, Zu Chaucer's 'Hous of 
Fame'. — Holthausen, Der Übergang von me. ne. -n zu -m. — Fehr, 
Über 0. Wildes Gedichte und anständige Kritik, II. — Mitteilungen: Fehr, 
Anzeige. — Behaghel, Zum Umlaut]. — 7, Juli [Fehr, Early English Text 
Society. Original series 132, 145 — 152; Extra series 115 and 116. — Scar- 
borough, The supernatural in Modern English fiction. — Hecht: Eosenberg, 
LonginuB in England bis z. Ende des 18. Jh. — Meilin, Tauchnitz pocket 
library. Nr. 57 bis 88. Engl, und Franz. Schriftsteller d. neueren Zeit, hg. 
v. J. Klapperich. Bd. 71]. — 8, August [la. Ekwall: Wyld, Kurze Ge- 
schichte des Englischen, übersetzt von H. Mutschmann. — Caro: Krüger, 
Schwierigkeiten des Englischen. III. Teil. Verm. Beiträge z. Syntax. — 
Mutschmann: Ferrars, Curiosities of English pronunciation and accidence. 
Ib. Holthausen, Zu ae. u. me. Texten. 1. Zum ae. Salomo und Saturn. 
2. Zur ae. metr. Psalmenübersetzung, I. — 3. Zu 'Arthour and Merlin', I. 
IL Langhaus, Erwiderung]. — 9, September [I. Fehr: Ellis, G. Meredith, 
His life and f riends in relation to his work. — Western : Deutschbein, Satz 
und Urteil. Eine sprachpsychologisch-logische Untersuchung. — Jiriczek, 
Edda. 2. Bd. Götterdichtung und Spruchdichtung. Übertr. v. F. Genzmer, 
hg. v. A. Heusler. — Ib. Wallenberg, me. fled(de). ne. fled [pret. tense of . 
'to flee']. — Funke, Zum Verkleidungsmotiv im King Hörn], 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 307 

Studies in philology, XVII, 3, July 1920 [A. Thaler, Milton in the 
theatre. — J. H. Hanford, The date of Milton's 'De doctrina christiana'. — 
E. Greenlaw, Spenser's influence on 'Paradise lost']. 

English studies. II, 7, February 1920 [A. G. van Krauendonk: Joseph 
Conrad. — H. Poulsma, Participles III]. — 8, April [L. Snitslaar, Patrick 
Mac Gill. — E. Kruisinga, Critical contributions to English syntax]. — 
9, June [W. van Doorn, W. Butler Yeats. — Kruisinga, Two notes on 
Sweet's Primer of phonetics. — Notes and news]. — 10, August [Kruisinga, 
A history of English lawcourts. — W. van Maanen: G. Gissing, A short 
Sketch. — E. Kruisinga, Critical contributions to English syntax, IV — VII. 
Notes and news. Notes on Modern English books. Reviews. Bibliography] . 
— 11, October [H. Logeman, Air songs. — E. Kruisinga, A history of 
English lawcourts II. — P. J. H. O. Schuh, Aids to translation II. Notes 
and news. Tran-slation. Notes on modern English books (VIII. A memoir 
of S. Butler). Eeviews. Bibliography]. 

L u i c k, Karl, Historische Grammatik der englischen Sprache. 3. Liefe- 
rung. S. 321 bis 384. Leipzig, Tauchnitz, 1920. 

S c h r ö e r, Arnold, Grundzüge und Haupttypen der englischen Litera- 
turgeschichte (Sammlung Göschen, 286). 1. Teil. Von den ältesten Zeiten 
bis Spenser. 3. verm. Aufl., durchgesehener Neudruck. Leipzig, Berlin, 
VWV., 1920. 160 S. 

L i e b e r ni a n n. F., Ort und Zeit der Beowulfdichtung. Nachrichten 
der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, phil.-hist. Klasse, 1920. 
S. 253 — 276 [Mit bewundernswerter Sachkenntnis stellt L. eine Arbeits- 
hypothese auf, mit der sich die weitere Forschung gründlich zu befassen 
haben wird. Ausgangspunkt: das Epos verherrlicht die Geatas. Allerdings 
weissagt ihnen Wiglaf ob der Untreue gegen Beowulf beim Drachenkampf 
verdienten Untergang. Vorher wird mit dem Helden auch sein Volk ge- 
rühmt. — Die Juten, deren Name noch im 11. Jahrhundert im New Forest 
und bei Southampton fortlebte, wurden bei Alfreds Hofgelehrten mit den 
Geaten und Goten zusammengeworfen. Die Verwechslung der Gauten und 
Goten begann 'vielleicht schon bei Prokop'. Die Juten 'hat man als Friesen 
erkannt, deren Name zuerst als Euthiones, Eutii bei den Lateinern vor- 
kommt'. Von Gothis et Jutis spricht Asser als von einem Volke, Bedae 
Jutas gibt der ags. Übersetzer kurz darauf als Oeatas wieder. Kann dies 
auch auf Einwirkung des Epos beruhen? — 'Vielleicht erweckten auch 
Namen des kgl. Stammbaumes die Teilnahme der Dynastie von Wessex am 
Beowulf.' Es handelt sich also um das Alter dieses Stammbaumes. Lieber- 
mann spricht von 'ws. Genealogen des 9. Jahrh.'; sie 'verfehlten schwerlich, 
(wie Oetcis aus OeiHssi, so), auch G*at zum menschlichen Ahnherrn der 
Geatas zu euhemerisieren'. — Der Epiker 'belehrt den Adel, vielleicht 
Fürsten'; Liebermann denkt dabei an Alfreds Mutter und ihr Geschenk 
von poemata Saxonica, also an Fürsten von Wessex, aber nicht erst in 
Vikingerzeit. — Der Epiker 'und sein Publikum kennen die Geschichte - 
sagen der westlichen Ostsee im 4. — 5. Jahrhundert in weitem Umfange, 
leben also nicht erst 875'. Dabei polemisiert Liebermann gegen die 
mercische Idee: der Nachkomme der bösen Thrytho auf dem Throne 
Merciens 'fühlte sich vermutlich durch die Schilderung der bösen Ahnfrau 
wenig erquickt'; auch scheinen die sprachlichen Beweisgründe für Mercien 
'den Philologen nicht überzeugend', selbst wenn sie 'anglischen Ursprung 
des Epos annehmen'. Wird dabei auch die anglische Theorie mit bezwei- 
felt? Eine mächtige Anregung für die Dialektforscher! — Der Epiker 
'ist Geistlicher'; die 'starken Beste von Heidentum' im Beowulf beweisen 
um so mehr frühe Abfassung. Heidnisch i.st an Beowulfs Seele seine halb- 
religiöse Freude am gewonnenen Goldschatz. Krieg und Ruhm, Beute, 
Tribut und Land gilt als berechtigt. An Gott ist die Macht, nicht die 



308 Veraeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Milde hervorgehoben, und das Schicksal steht bisweilen als unabhängige 
Macht neben ihm. Leichenverbrennung für Adel ist regelrecht. Der 
Leichenhügel des Beowulf mag durch berühmte Orte wie Ceardicesheorg in 
Hampshire veranlaßt sein. Solcher Mangel an Verkirchlichung und der 
'dogmenfreie Monotheismus mögen auf irisch-schottische Mönche deuten'. 
• — Unter den weiteren Merkmalen der Frühzeit ragt die 'gesellschaftliche 
Verfassung' des Beowulf hervor, ein besonders lehrreiches Kapitel. 'Kriegs- 
gefangene bedroht noch der Tod, v. 2940.' Archaisch ist es, daß der Held 
als Schwestersohn des Königs, avuncultis, den Thron besteigt. 'Sicher 
spricht kein historisches Kriterium für Abfassungszeit des Beowulf nach 
725.' — Endlich verweist Liebermann auf die Möglichkeit, daß der Beo- 
wulf am Hofe der Cuthburg, der Schwester des Westsachsenkönigs Ine, ge- 
schrieben wurde, die zuerst Königin von Nordhumbrien, später Äbtissin von 
Wimborne wurde und um 715—730 starb. Der Beowulfdichter mag 'um 
650 in Südengland geboren, um 690 die Königsschwester aus Wessex zu 
König Alfred begleitet haben'. Es kann sein, 'daß er mit Cuthburg nach 
Wessex zurückkehrte, in ihr Stift Wimborne eintrat und erst hier das 
Epos vollendete'. Es ist eine sehr bemerkenswerte, von vielen Möglich- 
keiten geschützte Vermutung; sie verdient durchaus ernsthaft geprüft zu 
werden. Zunächst dürfte der Wortvorrat des Beowulf mit den unzweifel 
haft nördlicher und südlicher Denkmäler zu vergleichen sein.] 

Dürrschmidt, Hans, Die Sage von Kain in der mittelalterlichen 
Literatur Englands. Münchener Diss. Baireuth, Ellwanger, 1919. 131 S. 
[Die Sage kam nicht bloß aus dem Buche Genesis zu den neubekehrten An- 
gelsachsen. Mancherlei hebräische Mythen hatten ihren Weg in die Kirchen- 
väter gefunden und waren durch Hieronymus auch zu Beda gelangt, von 
dem si« nach der Ansicht des Verfassers auf den Beowulf-Dichter ab- 
färbten. Die Bedasche Auffassung von der Vermischung der Söhne Gottes 
mit den Töchtern der Menschen soll sich in den Beowulf stellen 102 fF., 
1239 £F. und 1680 fF. verraten. Würde es zur Erklärung dieser Stellen 
nicht genügen, auf andere Berichte im Buche Genesis zu verweisen, nament- 
lich auf die von der Liebschaft der Engel mit den Kainstöchtern ? — 
Ahnlicher Ansicht ist Verfasser betreffs der ags. Genesis, dagegen sind die 
ine. Darstellungen des Kain sicher und wesentlich durch Petrus Comestor 
mitbedingt, sowohl die Epen 'Genesis and Exodus' und 'Cursor Mundi' als 
die einschlägigen Stellen in den Mysterien. Nur in den ehester- und 
Townley- Spielen läßt sich Einfluß der frz. Mysterien 'Vieil testament' 
nachweisen. In weltliche Dichtungen hat Kain nach dem Beowulf nicht 
mehr einzudringen vermocht — bis herab zu Byron. Bemerkenswert ist 
eine unheimliche Kenntnis des Verfassers von orientalischen Sprachen und 
Dingen, da wo er in der Einleitung die hebräischen Kainsvorstellungen be- 
schreibt.] 

B j ö r k m a n •)•, Erik, Studien über die Eigennamen im Beowulf. (Stu- 
dien zur engl. Philologie, hg. von Morsbach, LVIII.) Halle, Niemeyer, 1920. 
XVII, 122 S. 

Neuner, Erich, über ein- und dreihebige Halbverse in der ae. allite- 
rierenden Poesie. Diss. Berlin 1920. 86 S. 

Treiter, Max, Die Urkundendatierung in ags. Zeit nebst Überblick 
über die Datierung in der anglo-normannisehen Periode. Berliner Diss. 
1919. Berlin u. Leipzig, Vereinigung wissenschaftl. Verleger, Walter de 
Gruyter & Ko., 1920. 160 S. [I. Das ags. Urkundenwesen, auswärtige Ein- 
flüsse. II. Die Datierung im einzelnen, wobei vier Perioden unterschieden 
werden, bis 800, 9. Jahrh., 10. Jahrb., Spätags. III. Die Hauptdatierungs- 
olement«; Inkarnations-, Indiktions-, Regierungsjahr. IV. Die Festdatie- 
rung. Ausblick auf die Urkundendatierung in anglo-norm. Zeit. Tafeln.] 

B r i n k, August, Stab und Wort im Gawain. Eine stilistische Unter- 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 809 

suchung. (Studien zur engl. Philologie, hg. von Morsbach, LIX.) Halle, 
Niemeyer, 1920. 56 S. 

Purity. A Middle English poem, ed. with introduction, notes and gloa- 
sary by ß. J. M e u n e r. (Yale Studies in English, LXI.) New Haven, Yale 
University Press, 1920. LXII, 234 S. [Das als 'Cleanness' bekannte me. 
Gedicht ist hier von neuem und sehr sorgsam herausgegeben. Die Ein- 
leitung bezeichnet es als wahrscheinlich, daß der Dichter auch Patience, 
Perle und Gawain verfaßt hat, möglicherweise noch die Legende 'Erken- 
wald'. Die Zeitfolge dieser Gedichte wird mit kritischer Keserve behandelt. 
Als Quellen erscheinen die Bibel — nicht Peter Comestor, die Reisen des 
Mandeville und der Eosenroman; ob die lateinischen Dichtungen 'De So- 
doma' und 'De Jona' einwirkten, bleibt zweifelhaft. Auf 64 Seiten Text 
kommen 110 Seiten Anmerkungen, die für den eingehenden Fleiß des Her- 
ausgebers sprechen. Den Schluß bildet ein Glossar mit vollen Belegen für 
alle BegriflFswörter, eine Bibliographie und Abdruck der als Quelle be- 
nutzten Vulgatastellen.] 

Cook, Albert Stanburrough, Chaucerian papers. — I (Transactions 
of the Connecticut Academy of arts and sciences, vol. 23, Nov. 1919, pages 
1 — 63). New Haven, Yale University Press. [I. Prolog 1 — 11 zeigt Über- 
einstimmung mit Lukrez. II. The 'Sweet breth of Zephir' soll aus dem afr. 
Gedicht 'La dame de Fayel' geschr. um 1190, stammen. III. Prolog 386: 
Über ein Eiterbein handelt ausführlich ein medizinischer 'Treatise' von 
John Arderne ed. E. E. T. S. 139, S. 52 f. IV. Prolog 493—8, 527—8, daß 
der Pfarrer lebt, wie er lehrt, stammt eher aus Beda als aus Matthäus 5. 19. 
V. Knight's tale 1290: Hunde werden aus höfischen Gesprächsbildern nach- 
gewiesen. VI. Book of the Duchess 368: Kaiser Oktavian war beliebt bei 
Deschamps. VII. 'Swerd of winter' in L. g, W. 127 und Sq. T. 57 stammt 
aus Roman de la Rose 6678 — 82. VIII. 'Chaueers Klage an die leere Börse' 
gleicht sehr einer Parodie auf Liebeslyrik von Guy de Coucy, der 1203 er- 
trank. Vgl. die Ausgabe seiner 'Chansons' von Michel 1830 S. 79 S. IX. 
Sir Geoffrey Chaucer, inwiefern dieser Titel ihm zukam. X. Chaueers Sen- 
dung nach Florenz wurde durch Geldnöte seines Königs veranlaßt. XI. 
Catharine Swinford lebte mit dem Herzog von Lancaster bereits zu Leb- 
zeiten seiner Blanche. XII. Paon de Ruet lebte bis 1351; warum Philippa 
Chaucer und Catharine Swinford als seine Töchter und Thomas Chaucer 
als sein Enkel zu gelten haben, wird, besonders mit literarischen Argu- 
menten, dargetan.] 

t e n B r i n k, Bernhard, Chaueers Sprache und Verskunst, bearbeitet 
von Eduard Eckhardt. 3. Aufl. Leipzig, Tauchnitz, 1920. XII, 243 S. 
M. 11. 

Beechorner, Franz, Verbale Reime bei Chaucer. (Studien zur engl. 
Philologie, hg. von Morsbach, LX.) Halle, Niemeyer, 1920. 32 S. M. 4. 

Schröder, Kurt, Piatonismus in der englischen Renaissance vor und 
bei Thomas Eliot, nebst Neudruck von Eliots 'Disputacion Platonike' 1533 
(Palaestra 83). Berlin, Meyer & Müller, 1920. X, 153, 106» S. [Bis herab 
zu Caxton war Plato in England fast nur durch die Timaius-Übersetzung 
des Chalcidius und indirekt durch Alanus ab Insulis bekannt. Dann aber 
setzten die griechischen Studien in Oxford ein. Autoren traten auf, deren 
Kenntnis und Verwertung des Plato in je einem Kapitel dargetan wird: 
Colet, Erasmus, Thomas Morus, Starkey, Eliot, Ascham, Campion, Mulcaster; 
das Schlußkapitel gilt dem Courtier, übersetzt von Hoby, gedr. 1561. Als 
Anhang folgt die bisher in Deutächland unzugängliche Schrift des Eliot 
über Plato. Verf. ist im Kriege bereits im Sept. 1914 des Heldentodes ge- 
fallen. Dr. E. Wolflfhardt hat das Ms. aus seinem Nachlaß herausgebracht. 
Ehre seinem Andenken!] 

S c h a r p f, Paulus, Über ein englisches Auferstehungsspiel. Ein Bei- 



310 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

trag zur Geschichte des Dramas und der Lollarden. Diss. Erlangen. Win- 
nenden (Württ.), Lämmle & Müllerschön, 1919. 61 S. [Das Spiel steht in 
vier Bruchstücken einer Hs. aus der Elisabethzeit, die Eigentum eines 
Mannes zu Osbestry in Shropshire war. Neugedruckt wurde es zuerst für die 
Malone Society 1912. Der Herausgeber schrieb es der Kampfzeit des 
Bischofs John Bale und — mit Vorbehalt — sogar diesem selber zu. Aber 
Scharpf zeigt, daß der Dichter noch der alten Kirche angehörte und den 
Papst als Nachfolger Petri anerkannte, daß er die Bibelübersetzung des 
Tyndale 1526 und keine spätere benutzte, daß er stark aus den ehester 
Spielen schöpfte und die dogmatische Entwicklung der frühanglikanischen 
Kirche nicht mitmachte. Daraus wird überzeuglich geschlossen, daß das 
Stück bereits um 1530 entstand und nichts mit Bale zu tun hatte. Die 
Studie zeigt, wie sehr die Kunde von theologischen Dingen oft den Philo- 
logen zu fördern vermag.] 

Großmann, Rudolf, Spanien und das Elisabethanische Drama. (Ham- 
burgische Universitäts-Abhandlungen aus dem Gebiet der Auslandskunde 
IV, B. 3.) Hamburg, Friederichsen, 1920. Gr. 8 <>. 138 S. M. 18. [Statt- 
lich wie die Ausstattung des Buches, trotz der gegenwärtigen Druckerver- 
hältnisse, ist auch sein Inhalt. Zuerst werden die politischen Beziehungen 
Spaniens zum England der Elisabeth und noch weit hinein in die Stuart- 
zeit verfolgt, dann die literarischen, dann die kulturellen und sozialen, 
endlich das Vorkommen sprachlicher Elemente. Es ergibt sich ein Resultat, 
dem es nicht an einer gewissen Aktualität gebricht: die Sieger über die 
Armada haben für die Besiegten nichts als Haß und Spott, keine Spur von 
hochherzigem Mitleid; ihr politischer Eifer grenzt schon damals an das 
Fanatische. Wohltuend berührt es, daß wenigstens Shakespeare diesen Chor 
der Rache nicht mitmacht; wenn er über spanische Dinge lacht, so ge- 
schieht es gutmütig, und seine Bianca von Castilien in 'König Johann' so- 
wie seine Katharina von Arragonien in 'Heinrich VIII.' ist sogar mit ent- 
schiedener Sympathie dem englischen Hoftreiben gegenübergestellt. In 
literarischer Hinsicht erweist sich Spanien auf den verschiedensten Ge- 
bieten als Geber; war ein Schelm oder eine Kupplerin zu zeichnen, so 
triumphierte sein glänzender Realsinn regelmäßig über die Empfindung 
des ärmeren und sittengröberen Briten. Natürlich wird dabei die ganze 
Frage des Euphuismus gründlich nachgeprüft und sein Vorkommen bei 
Shakespeare vollständig dargelegt. Auf die Verhältnisse und Sitten der 
Spanier ging der Brite nur so weit ein, als es seinen eigenen Gewohnheiten 
entsprach; er war ein sehr subjektiver Beobachter. Im ganzen hat Spanien 
den Engländern nicht entfernt so imponiert wie Frankreich oder Italien; 
es war ihnen ein romantisches Land und galt ihnen insofern viel mehr als 
Deutschland, aber immer mit einem Stich ins Pompöse und Phantasievolle. 
Dem herzlichen Humor des 'Don Quichote' war man an der Themse nicht 
recht gewachsen und wandelte ihn gern um in Satire; das Südländertum 
der Hidalgos wird in der englischen Auffassung zu lächerlicher Unver- 
nunft; auf noble Annäherungsbereitschaft in politischen Dingen antwortet 
London mit höhnischer Abweisung; alle diese Beziehungen setzt Verfasser 
mit rühmlicher Materialkenntnis auseinander; nur ein nennenswerter 
Mangel fällt auf : ein solches Buch muß ein Namenverzeichnis haben ; selbst 
nach genauer Lektüre ist man ohne ein solches zu langem Suchen und 
Blättern gezwungen, wenn irgendein Einzelfall herausgehoben werden soll. 
A. Brandl.] 

Engel, Eduard, Shakespeare-Rätsel. Leipzig, F. Brandstetter, 1919. 
3. Aufl. 142 S. Geh. M. 4,20; geb. M. 5,40. [Inhalt: Wer hat die Dramen 
Shakespeares geschrieben? — War Shakespeare in Italien? — Shakespeare 
im Urteil seiner Zeitgenossen. — Shakespeares Bildung. — Shakespeare in 
Pommern. — F. Bacon. — Wie Othello entstand.] 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 811 

Wolffhardt, Elisabeth, Shakespeare und das Griechentum. Dias. 
Berlin 1919. Weimar, G. Uschmann, 1920. 54 S. 

Schücking, Levin L., Die Charakterprobleme bei Shakespeare. Eine 
Einführung iu das Verständnis des Dramatikers. Leipzig, Tauchnitz, 
1919. XV, 286 S. 

Shakespeare, W., Die Schmach der Lukretia, deutsch von Max 
Kahlenberg. Berlin, Blau, 1920. 95 S. [Neue, auf Wiedergabe des 
Charakteristischen gerichtete Übersetzung. Beginn: 'Belagert wurde Ardea; 
und Tarquin / verließ die Front, von schwülem Wunsch getrieben. / Ihn zog 
Begierde zu Lucretia hin, / von sündiger Glut im Innern aufgerieben; / ver- 
hüllt in Asche noch sein frevelnd Lieben, / damit es nun mit rotem Flam- 
menscheine / verzehre Collatinus' Weib, das reine'.] 

Campbell, Oscar James, The position of the 'Roode en witte roos' in 
the saga of King Richard III. (University of Wisconsin Studies in 
language and literature, Number 5.) Madison, University, 1919. 169 S. 
[Das holländische Stück, dessen Verhältnis zu den englischen Dramen über 
Richard III. hier untersucht wird, rührte von Lambert van den Bos 1610 
— 1698 her und war 1651 zu Amsterdam gedruckt. Es erweist sich ver- 
wandt einerseits mit den englischen Chroniken Hall-Holinshed, anderseits 
mit der Shakespearischen Historie samt ihren dramatischen Vorläufern 
"Richardus tertius' und 'True tragedy'. Das Quellenverhältnis denkt sich 
nun Verf. so, daß H samt R T und T T zusammen auf den Holländer wirk- 
ten, und zwar durch ein verlorenes englisches Stück, das zwischen T T und 
Shakespeare einzureihen wäre. Bei aller Achtung vor dem Fleiß und 
Scharfsinn, mit dem Verf. vorging, möchte ich es für natürlicher halten, 
an Stelle des mutmaßlichen Stückes das Shakespearische unter die Quellen 
des Holländers aufzunehmen. Die Textvergleichung ergibt dagegen keine 
triftigen Bedenken; seltsam aber wäre es, wenn in einer so hellen Zeit, wie 
es das letzte Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts in England ist, ein Drama 
über einen .so frappanten Stoff wie Richard III. keinerlei Erinnerung im 
Lande zurückgelassen haben sollte, und daß der Holländer, der sich doch 
sonst in der englischen Literatur ausgekannt haben muß, gerade an Shake- 
speare vorübergegangen wäre. Die Nachprüfung ist jedem Leser dadurch 
erleichtert, daß Verf. den holländischen Originaltext vollständig abdruckt. 
Dadurch behält das Buch einen dauernden Wert, auch wenn es nicht als 
Beweis für die Quellen, sondern für die Nachwirkung des Shakespearischen 
Richard III. anzusetzen ist. Nebenbei fiel auch manches für die Aufhellung 
des Verhältnisses von Shakespeare zu T T ab, das hier enger erscheint als 
in dem bekannten Buch von Churchill über die Sage von Richard III.] 

Osterberg, V., Studier over Hamlet-Tekst^rne I. Kjobenhavn og 
Kristiania, Gyldendalsche Boghandel (Nordisk Forlag), 1920. 73 S. 

S e i b e 1, George, Bacon versus Shakespeare. Wbo wrote the plays? 
Pittsburg, The Lessing Company, 1919. 62 S. 40 cents. 

Jonson, Ben, Cataline his conspiracy (Yale Studies in English LIII), 
hg. von L. H. Harris. New Haven, Yale University Press, 1916. LVI, 
236 S. [Die historisch kritische Ausgabe von Bens Werken wird hier sorg- 
sam fortgesetzt und dabei besonderes Augenmerk den Quellen gewidmet 
unter Benutzung einer ungedruckten Dissertation von Alice P. Wright in 
der Yale Bibliothek. Hauptquelle war die Catilinaschilderung des Sallust, 
nicht bloß für die Hauptpersonen und den größten Teil der Begebenheiten, 
sondern auch für einen großen Teil des Dialogs. In zweiter Linie, und 
zwar viel weniger, kam Plutarch und für einen Teil der Reden auch Cicero 
in Betracht. Entsprechend .seiner realistischen Methode hat Ben mehr als 
den vierten Teil des Stückes aus den Quellen einfach übersetzt; nicht viel 
mehr als ein Viertel ist Originalarbeit. Er hielt fest au seinen Zeugen- 
büchern und hielt dies für Wahrheit. Harris sagt: 'He follows the outlines 



312 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

of the story pretty closely, taking dialogue where it is given, and where it 
is not, going to other sources, contemporary preferably, to supply it.' 
Dennoch ist seine Darstellung unhistorisch, schon deshalb, weil die Zeugen, 
auf die er sich stützt, nicht verläßlich waren; Sallust schrieb im Interesse 
Cäsars, und Plutarch wollte seine Leser durch farbenreiche Gestalten an- 
ziehen; am wenigsten ist der Schwarzfärberei des Cicero zu trauen; Cati- 
lina war gewiß kein Unschuldswesen, aber, nach sicher beglaubigten Tat- 
sachen zu schließen, auch nicht ein 'Verworfener'. Dazu kam ein starker 
literarischer Einschlag, dem sich Ben nach der Tradition des englischen 
Trauerspiels nicht entziehen konnte; aus Seneca stammt es nach Harris, 
daß das Stück mit einem Geist beginnt, wenig Handlung aufweist, den 
Helden ins Wuchtige übertreibt, in sentenzenreichen Dialogen sich gefällt, 
mit Chören abseits der Handlung sich schmückt und Wunderzeichen gern 
als Stimmungsmittel verwendet. Einzelheiten stammen auch aus Petronius 
u. a. Wie sehr Catilina auch sonst die dramatischen Köpfe bewegte, zeigt 
eine Zusammenstellung der Bearbeitungen, in denen er von 1579 bis 1905 
auf die Bühne (S. XXXVII) gebracht wurde. Kelche Anmerkungen sind 
beigegeben, auch ein Glossar veralteter Wörter und Wortbedeutungen, das 
den Dank des Lexikographen verdient.] 

The Stonyhurst pageants, ed. with introduction by Carleton Brown. 
(Hesperia ed. Bright, erg. Keihe, 7. Heft.) Göttingen, Vandenhoeck, 1920. 
30*, 302 S. M. 12 = $ 2 = sh. 8 d. 6. [Handschrift aus dem Anfang des 
17. Jahrhunderts in der Bibliothek von Stonyhurst College, Northern 
Lancashire, geschrieben wohl vom Verfasser, der ein katholischer Geistlicher 
war und die Bibel in der katholischen Übersetzung von Douay benutzte; 
wahrscheinlich ein Jesuit. Eine Nebenfigur auf S. 154 heißt Loyolus. Er 
schreibt in Septenaren, also im altfränkischen Popularstil der Früh-Elisa- 
bethzeit. Plautus war ihm bekannt und von englischen Stücken zwei 
Shakespearische: Heinrich V. und Othello. Seine Metrik ist schlecht; deut- 
licher als seine Reime weist seine Verwendung dialektischer Wörter auf 
Lancashire. Der angesehenen Familie Pilkingdon in dieser Grafschaft ge- 
hörte lange die Handschrift. Anfang und Ende fehlen; der erhaltene Torso 
beginnt mit einem Jakobspiel und reicht herab bis zu einem Namen-Spiel, 
8740 Verse. Keine Tendenz ist wahrnehmbar; der Stoflf wird episch vor- 
geführt mit Hilfe eines 'Chorus' und 'Prologus', ohne Komik und Lyrik, 
ziemlich eintönig. Dennoch ist das Denkmal bedeutsam als spätes Nach- 
leben einer alten Gattung in provinzieller Abgeschiedenheit.] 

Z s c h e c h, Fritz, Die Kritik des Reims in England. (Berliner Bei- 
träge zur german. und roman. Philologie Heft 50; Germ. Abt. 37.) Berlin, 
Ebering, 1917 VIII, 167 S. [Zunächst werden die Streitschriften gegen 
und für den Reim aus der Elisabethzeit nochmals durchgesprochen. Sidney 
erscheint dabei nach Webbe und Puttenham, offenbar weil seine 'Verteidi- 
gung der Poesie' erst später gedruckt wurde; doch war sie jenen beiden 
Kritikern ohne Zweifel handschriftlich bekannt. Mit Daniel 1602 wendet 
sich die Stimmung von den Reimfeinden endgültig ab; Ben Jonson war 
nur in der Theorie noch ein Reimgegner, aber nicht in der Praxis. Ist bei 
den vielen Angriffen auf den Reim außer der antikisierenden Richtung 
nicht auch die Tatsache zu berücksichtigen, daß man sich im 16. Jahrhun- 
dert zu häufig mit unreinen Bindungen und mit bloßer Gleichheit für das 
Auge begnügte? Sicherlich hat die veränderte Kritik im 17. Jahrhundert 
weniger mit einer durchschlagenden Kraft der Danielschen Elemente zu 
tun als mit dem allgemeinen Zurückweichen des antikisierenden Geschmacksj 
vor dem Französischen. Verf. verfolgt dann die Frage über Daniel weitet 
bis herab zu Harris, Philological inquiries 1781, verzeichnet viele Urteile^ 
obwohl nicht alle, die vorliegen, und erweckt den Eindruck, als hätte das 
ganze Problem nach der Elisabethzeit keine größere Bedeutung mehr gehabt.]! 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 813 

D i e m, Nelly, Beiträge zur Geschichte der schottischen Musik im 17. 
Jahrhundert nach bisher unveröffentlichten Manuskripten. Leipziger Diss. 
1919. 185 S. [Beschreibung der vorhandenen Hss. ; Abdruck der Leyden- 
und Hume-Hs. Beide erweisen sich als Edinburger Gesellschaftsmusik; 
aber Leyden hat viel Dialektisches in Keim und Schreibung, während 
Hume im wesentlichen der Schriftsprache folgt. Die musikgeschichtliche 
Leistung muß wohl größer sein als die philologische; was über schottische 
Dialektdinge gesagt wird, ist oft unklar und manchmal unrichtig. Unter 
den Referenten fehlt "^dcr Name des Anglisten. Dem Lebenslauf wäre bei- 
zufügen, daß die Verfasserin das Thema, die Ms.-Nachweise, die erforder- 
lichen Empfehlungen nach Edinburg und auch manches Inhaltliche im 
Englischen Seminar Berlin bekommen hat, das sich zum Dank auf Um- 
wegen ein Exemplar des Druckes verschaffen mußte.] 

Mutschmann, Heinrich, Milton und das Licht. Die Geschichte einer 
Seelenerkrankung. (Sonderabdruck aus Beibl. z. Angl. XXX, 11/12.) Halle, 
Niemeyer, 1920. VI, 36 S. 

Ullrich, Hermann, Einführung in das Studium Daniel Defoes (Zs. f. 
franz. u. engl. Unterricht XIX, 6 — 28). [Dankenswerte Bibliographie der 
Hss. und Biographien. Winke für weitere Forschung.] 

B r u n n e r, Karl, Die Dialektliteratur von Lancashire. (Publikationen 
der Hochschule für Welthandel.) Wien, Verlag der Hochschule für Welt- 
handel, 1920. 60 S. Kr. 10. 

K a 1 k ü h 1 e r. Florine, Die Natur des Spleens bei den englischen 
Schriftstellern in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Diss. Münster 
'i. W. Borna-Leipzig, Noske, 1920. 46 S. 

Webb, Daniel, Ein Beitrag zur engl. Ästhetik des 18. Jahrhunderts. 
Mit einem Abidruck der Remarks on the beauties of poetry [1762] und 
einem Titelkupfer von U. Hecht. Hamburg, Grand, 1920. 117 S. [Webb 
schrieb: 1. 'Inquiry into the beauties of painting", 1760, übersetzt auch ins* 
Deutsche .durch Vögelin, Zürich 1766. 2. 'Remarks on the beauties of 
poetry', 1762; hier abgedruckt S. 53 — 112. 3. Observations on the corres- 
pondence between poetry and music; übers, auch ins Deutsche durch 
Eschenburg, Leipzig 1771. 4. Literary amusements in verse and prose, 
1788; meist Satiren auf englische Gesellschaft, parteipolitische Tageslite- 
ratur und gegen Johnson 'Rambler', Nr. 48, und gegen weibliche AflFek- 
tiertheit. 5. Remarks that the Greek language was borrowed from the 
Chinese, 1787. 6. Fingal reclaimed, 1763: Fingal und sein Geschlecht ge- 
hören nach Irland. Die Gesänge seien echt, aber die Anklänge an Popes 
Homer doch verdächtig und ein Mangel des Übersetzers Macpherson, der 
seine Originale öffentlich ausstellen solle. 7. Selections from Pauw's: 
'Recherches philosophiques sur les Amäricains', 1789. 8. Miscellanies. Von 
den drei erstgenannten Schriften erhalten wir Inhaltsangaben. Webb er- 
weist sich als schlichter, feinsinniger Leser und Beobachter. Von älteren 
englischen Kritikern kennt er Burke, Gerard, Home, John Brown, sowie 
Spence, 'Polymetis', 1747. Mit Prinzipienfragen hat er sich weniger ab- 
gegeben; er ist ein Mann des natürlichen Empfindens, der eine Neu- 
erweckung wohl verdiente.] 

Schwebsch, Erich, Schottische Volkslyrik in James Johnsons The 
Scot's musical museum (Palaestra 95). Berlin, Mayer & Müller, 1920. IV, 
218 S. [Die Volksballaden sind bei Childe so schön gesammelt, daß eine 
Menge Forscher sich schon mit ihnen beschäftigten; die Volkslyrik der 
Schotten ließ man bisher im Schatten stehen. Schwebsch bat zunächst die 
Lieder zusammengestellt, die aus dem Volksmunde in wechselnder Fassung 
niedergeschrieben, daher als echte Volkslieder zu bezeichnen sind; über ein 
Dutzend Fassungen hat er von manchen anzuführen vermocht; probeweise 
verzeichnet er von zweien die vollen Texte. Dann wendet er sich zur 

ArchiT f. n. Sprachen. 141. 21 



8l4 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Untersuchung ihres Stiles. Vorangeschickt ist eine genaue Beschreibung 
des 'Musical museum-, das bekanntlich eine Hauptquelle solcher Verse ist 
und von Burns besonders gefördert wurde.] 

M e r 1 e k e r, Margarete, Humes Begriff der Realität. Teil II. Disa. 
Berlin 1919. Halle a. d. S., Buchdruckerei des Waisenhauses. 45 S. 

Smith, Adam (Jastrows Textbücher Wirtschaft und Staat, 3). Berlin, 
de Gruyter, 1920. 3. verm. Aufl. VIII, 188 S. [Der Nationalökonom von 
Fach muß, wie es in der Vorrede zur 1. Aufl. heißt, das Buch eigentlich 
in der Ursprache lesen, aber 'nach dem Stande der Sprachkenntnisse der 
meisten Studierenden ist jeder Versuch aussichtslos, das englische Original 
zugrunde zu legen; daß dies an Handelshochschulen und an Universitäten 
gleichmäßig der Fall ist, weiß ich aus eigener Erfahrung — an den Tech- 
nischen Hochschulen scheint es nicht anders zu sein'. Deshalb machte 
Jastrow eine der vorhandenen Übersetzungen, und zwar die von Stirner, 
durch einen billigen Neudruck zugänglich; er beschränkte sich dabei auf 
Buch I und II, 'die sich ziemlich genau mit dem decken, was man in 
Deutschland unter allgemeiner oder theoretischer Nationalökonomie ver- 
steht'. Nur die Lehre von der Grundrente ließ er weg, weil sie zu sehr 
veraltet ist. Im Anhang fügte er hinzu: das Wichtigste aus der ältesten 
Smith-Bibliographie von Dugald Steward, woraus man namentlich ersieht, 
wie Adam Smith, ausgehend vom Studium der Moral, durch die französi- 
schen Ökonomisten, die er in Paris persönlich kennenlernte, zu seinen 
'Naturgesetzen' der Wirtschaft gelangte, während der Einfluß älterer eng- 
lischer Praktiker und holländisch-deutscher Theoretiker noch nicht erkannt 
Wurde; eine sehr markante Äußerung Smiths über Freihandel, mitgeteilt 
nach dem Hefte eines Zuhörers; einige Andeutungen über Smiths Vorgänger 
"nach den Untersuchungen von Hasbach 1891; in der 3. Auflage auch eine 
■Reihe sehr merkwürdiger Bemerkungen aus dem Smith-Kommentar von 
E. G. Wakefield 1843, der bisher wie verschollen schien, obwohl er geistig 
selbständige Beiträge zum Verständnis und zur Kritik von Smith geliefert 
hat; und zwar bietet Jastrow diesen Teil im Urtext, weil wenn nicht An- 
fänger, so doch vorgerücktere Studierende immer auf diesen eindringlich 
zurückzuverweisen sind. Dem verdienstvollen Büchlein ist auch ein In- 
haltsverzeichnis des Gesamtwerkes in englischer Sprache beigefügt.] 

The English novel of the 19th Century. IL Specimens of the local novel 
(F. Schöningh II, 17), hg. von Karl Holtermann. Paderborn, Schö- 
ningh. 122 S. M. 3,25 + 25"/o. [Nach der Einleitung beginnt der Lokal- 
roman mit Adam Bede und setzt sich fort bei Blackmore, Hardy, Hall Caine ; 
in Schottland soll die Gattung mit Galt beginnen und besonders von 
William Black, R. L. Stevenson und Barry fortgesetzt werden. Aus Irland 
werden Maria Edgeworth und etliche minder bekannte Autoren genannt. 
Wo bleiben Miß Opie, Miß Austin, Miß Bronte u. a.? — Die abgedruckten 
Proben sind geschöpft aus dem unbedeutenden Crockett, William Black, R. 
L. Stevenson und Hall Cäine. Wird der Schüler aus solch herausgerissenen 
Fragmenten einer Prosageschichte viel gewinnen? Beigegeben ist das 
übliche Wörterverzeichnis und Anmerkungen. Ich persönlich hätte lieber 
eine der vielen Gesamterzählungen gelesen, deren es in der englischen 
Literatur so viele von beschränktem Umfange gibt, und dazu ein handliches 
Gesamtwörterbuch, z. B. Langenscheidt, benutzt.] 

H u s c h e r, Herbert, Studien zu Shelleys Lyrik. (Leipziger Beiträge 
zur engl. Philologie, hg. von Förster, Heft I.) Leipzig, Tauchnitz, 1919. 
156 S. M. 10. 

B u ß m a n n, Ernst, Teunysons Dialektdichtungen nebst einer Übersicht 
über den Gebrauch des Dialekts in der englischen Literatur vor Tennyson. 
Diss. Münster. Weimar, ^. Wagner Sohn, 1917. 66 S. 

.Vogel, Gudrun, Thackeray als historischer Romanschriftsteller. (Leip- 



6 

Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 815 

xiger Beiträge zur engl. Philologie, hg. von Förster, Heft II.) Leipzig, 
Tauchnitz, 1920. 105 S. M. 8. 

L i 1 j e g r e n, S. B., American and European in the works of Henry 
James (Lands Universitets Ärsskrift. N F. Avd. 1. XV, 6). Lund, Gleerup; 
Leipzig, Harrassowitz, 1920. 58 S. [Eingehende Studie der Romanmethode 
von James, für die als besonders charakteristisch hervorgehoben wird, 
'that a narrative should develop bef ore the reader, not as seen by the author- 
spectator, but as realized and understood in the mind of the actor or actors 
just then involved in the action'. Dazu kommt 'the Saturation of the sub- 
ject', 'plasticity of the narrative' u. a. Voran steht eine dankenswerte 
Bibliographie; die Wahrheit fordert Angabe, daß der Mann, der zuerst in 
deutschen Landen für James sich einsetzte, der Grazer Germanist Schönbach 
war. Es folgt eine feinsinnige Kritik einzelner Partien bei James, eine 
Darlegung seiner Vorliebe, den Unterschied zwischen Amerikanern und 
Europäern zu beleuchten, und einige Worte über den Einfluß von Taine, 
Balzac, Zola und ihren Gefolgsleuten auf seine Behandlung der Umwelt. 
Ein Namenregister am Schlüsse zeigt, in welchem Umfange sich Verf. in 
die verschiedenen Werke von James und anderer zeitgenössischer Erzähler 
versenkt hat.] 

Körten, Hertha, Thomas Hardys Napoleondichtung The dynasta, 
ihre Abhängigkeit von Schopenhauer, ihr Einfluß auf Gerhart Hauptmann. 
Rostocker Diss. Bonn, Georgi, 1919. 105 S. [Hauptmanns 'Festspiel in 
deutschen Reimen' erweist sich verwandt mit Hardys Werk in der Form, 
in der Wahl der Sprecher, in der Puppendarstellung der geschichtlichen 
Persönlichkeiten, im Wechsel der Perspektive, in einzelnen Bildern und 
Ausdrücken, aber auch in Weltanschauung und Gesamtziel. Was Haupt- 
mann mit den Dynasten vor allem gemein hat, ist die Eigentümlichkeit, 
daß hier kriegerische Taten geschildert und trotzdem die Menschen als 
gänzlich willenlos, ja leidend dargestellt sind. Gerade die Züge aus Haupt- 
manns Festspiel, die in ganz Deutschland Stürme der Entrüstung hervor- 
gerufen haben, stimmen zum großen Teil zu der englischen Vorlage. Manche 
Züge in seinem Festspiel werden erst durch einen Vergleich mit Hardy 
klargestellt.] 

Fischer, Walther, Bernard Shaw in seinen dramatischen Werken, 
Einführungsvortrag zu einer Aufführung von: Der Arzt am Scheidewege 
(Theaterkultur, hg. v. Küchler, 4). Würzburg, Verlagsdruckerei, 1920. 
29 S. M. 1,30. [In einer biographischen Einleitung wird der Einfluß von 
Ibsen, dann der von Schopenhauer, Nietzsche und Samuel Butler auf 
Shaw hervorgehoben, dann seine Entwicklung bis zu dem auf dem Titel 
genannten Drama herab skizziert. Im wesentlichen wird über ihn gesagt, 
er habe mit dem Kampf gegen die Gesellschaftslüge begonnen und sei zum 
Kampf gegen alles Heilige im Menschen gekommen. Vielleicht ist ein min- 
der tragisches Urteil zu gewinnen, wenn man ihn mehr von der humoristi- 
schen als von der philosophischen Seite betrachtet,] 

K r u i s i n g a, E., A handbook of present-day English. Volume I: Eng- 
lish Sounds. 3rd edition. Over den Dom te Utrecht, Kemink, 1919. XII, 
256 S. 

Bogholm, N.. English prepositions. Kjebenhavn og Kristiania, 
Gyldendalske Boghandel-Nordisk Forlag, 1920. 144 S. 

Ehrentreich, Alfred, Zur Qunantität der Tonvokale im Modern- 
1 Englischen (auf Grund experimenteller Untersuchungen). (Palästra 133.) 
Berlin, Mayer u. Müller, 1920. VI, 110 S. 2 Tafeln. [Der Ausdruck 
'Länge' im Modern-Englischen hört auf. Ehrentreich macht durch Experi- 
mente sichtbar, daß dafür zwei andere Begriffe zu setzen sind: Zweigipf- 
ligkeit und allmählicher Stimmausgang. Letzterer herrscht in englischen 
Tonsilben, wenn auf den Vokal kein stimmloser Konsonant folgt; in 

21* 



316 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

schwächerer Art beeinflußt ihn zweite Silbe. Was frühere Forscher an An- 
sätzen dazu geleistet haben, ist sorgsam verzeichnet; am wertvollsten er- 
weisen sich die Wortlisten von E. A. Meyer. Ehrentreich hat sie nicht 
bloß vermehrt, sondern auf anderen Wegen ausgebaut und die Ergebnisse 
umfassender präzisiert. Die experimentelle Phonetik liefert hiermit ein 
wesentliches Werkzeug, um die praktische Beibringung englischen Akzentes 
zu erleichtern und zu verfeinern.] 

Wedel, Theodore Otto, The mediaeval attitude towards astrolog> 
(Yale Studies in English, LX). Oxford, University Press, 1920. V, 168 S. 
[Hauptsächlich berücksichtigt wird die ae. und me. Literatur bis herab zu 
Gower und Chaucer. In die Wunderlehre von den Sternen mischten sich 
philosophische Anschauungen vom Schicksal und Vorsehung. Viele Belege 
waren zu zitieren, aber zwischen Aberglauben und Kosmik blieben die 
Vorstellungen vag. Nirgends sind astrologische Dinge zu Hauptbegeben- 
heiten genützt; sie stehen immer nur als Stimmungsmittel im Hinter- 
grund. Wie sie aus spätgriechischen Quellen halb unterirdisch einflössen, 
ist vielfach noch zu erörtern; die Forschungen Försters in dieser Zs. geben 
dafür manchen Wink.] 

Brinkmann, C, Die englische Geschichtschreibung seit Ausbruch 
des Weltkriegs. Hist. Zs. 123 (Dez. 1920), S. 129—136. [Wichtige Biblio- 
graphie, auch mit Berücksichtigung literarhistorischer Werke.] 

Meyer, Eduard, Die Vereinigten Staaten von Amerika, ihre Geschichte, 
Kultur, Verfassung, Politik. (Angewandte Geographie, Reihe V, Band 1/2.) 
Frankfurt a. M., Heinr. Keller, 1920. VII, 290 S. [Zwei Faktoren geben 
diesem Buche, das sich kein Freund der Realien unter den Anglisten ent- 
gehen lassen sollte, den charakteristischen Wert; Verfasser ist ein Alter- 
tumhistoriker, der in der besten Schule der Geschichtschreibung gelernt 
hat, die Probleme zu sehen und ins schärfste Licht zu schieben; und durch 
eigenes Erleben, zuerst als Austauschprofessor, dann während des Krieges, 
ist er zum Thema gekommen. Darum erhalten wir nicht bloß eine chrono- 
logische Reihe politischer Begebenheiten mit einzelnen Exkursen, um die 
Vorkommnisse zu motivieren, z. B. über das Puritanertum der Kolonisten, 
über das Wesen des Negertums, über die eigentliche Ursache des Bürger- 
krieges usw.; sondern nachdem Verf. uns bis an die Schwelle des Welt- 
krieges herunter geführt hat, hält er ein, um ein breites Kulturbild zu 
malen, an dem sich dann das Tun Wilsons und seiner Partei als begreiflich 
entwickelt. Diese Schilderung umfaßt den physischen Charakter der Ver- 
einigten Staaten, die Landwirtschaft und ihre Umwandlung bis zu den 
großen Trusts; die geschichtlichen Traditionen der einzelnen Staaten samt 
ihren Fremdelementen; den amerikanischen Volkscharakter mit seiner 
merkwürdigen Mischung von Puritanismus und Aufklärung, von Streben 
nach Glückseligkeit und Jagd nach dem Dollar; die Unrast, den mangeln- 
den Lebensgenuß, die Gutmütigkeit, Bildung und Unbildung der Leute; 
den Druck der öffentlichen Meinung, die Unfertigkeit und Monotonie dea 
Lebens, die Überschätzung der körperlichen Arbeit; die Stellung und 
Haltung der Frauen, der Aristokratie und Geldaristokratie, der Juden; 
besonders eingehend die Universitäten; dann die Verfassungsverhältnisse, 
die Verteilung der Macht im Staate, die Freiheitsidee und Tyrannei der 
Arbeiter und Presse, die Gegensätze zwischen Deutschland und Amerika 
überhaupt. Ergibt sich daraus in weitem Umfange, daß die beiden Völker 
durch Natur und Geschichte zu einem Waffengaug bestimmt waren, so 
wird doch der für uns unglückliche Ausgang mit scharfem Urteil auf die 
Torheiten der deutschen Führer und des deutschen Volkes zurückgeführt. 
Eine Charasteristik Wilsons als eines 'salbungsvollen scheinheiligen Heuch- 
lers' bildet den Schluß, obwohl man nach dem Vorausgehenden eher eine 
nationale Tradition und Geistesbelastung für ihn erwartet hätte. Wilson 



L 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckscliriften 317 

sei 'der Henker der europäischen Kultur geworden' und habe mehr als ein 
anderer Sterblicher dazu beigetragen, 'daß über -die weiße Rasse ein Zeit- 
alter ständig wachsender Barbarei hereingebrochen ist, indem die Kultur, 
welche Europa geschaffen hat, rettungslos dem Untergang überantwortet 
ist'. Nichts imponiert mehr als die Freimütigkeit, mit der der Verfasser 
an anderer Stelle eine seiner Weissagungen — betreffend Wilsons ihiff — 
als nicht eingetroffen bezeichnet; vielleicht gehört zu diesen unerfüllten 
Voraussagen auch der oben abgedruckte, sehr pessimistische Schlußsat«. 
Das eigene Werk des Verfassers ist ein Beweis, daß geistige Erkenntnis- 
kraft und Darstellungskunst bei uns noch keineswegs ausgestorben sind.] 

Viereck, George Sylvester, Roosevelt. A study in ambivalence. A 
psycho-analytie study of Theodore Roosevelt. New York, Jackson Press, 1919. 
159 S. [Der Dichter, der zur Zeit die deutsche Fahne am kühnsten hoch- 
hält, lebt in Neuyork und schreibt zumeist in englischer Sprache. Viereck 
ist ein Mann von unverwüstlicher Jugendlichkeit und blickt doch auf 
manche seiner früheren Leistungen wie auf Jugendstreiche zurück. Mit 
Roosevelt war er durch Jahre befreundet, und aus Briefen Roosevelts, die 
uns faksimiliert werden, ersehen wir, daß auch der 'Oberst der rauhen 
Reiter' den Sohn des deutschen Sozialdemokraten schätzte. Nur die deut- 
sche Sache brachte die beiden auseinander. Roosevelt, der sich ursprüng- 
lich neutral hielt, erhitzte sich über unsere angeblichen Eroberungs- 
gelüste auf amerikanischem Boden und ging dann in der Kampfeswut 
gegen Viereck so weit, dessen Ausschließung aus dem Autorenklub aus 
C4ründeu des Deutschenhasses zu beklatschen. Das Erleben der beiden 
Männer wird als typisch für das der beiden Volksstämme auf dem west- 
lichen Kontinent gemalt. Durch Frische und Witz erhebt sich diese auto- 
biographische Skizze zu einem kleinen Kunstwerk, das man nicht ohne 
Bewegung durchliest. Wie wenig hat ^eh unsere Presse für all die literari- 
schen Leistungen bedankt, mit denen Viereck unter mancherlei Gefahren 
und Belästigungen für Deutschland arbeitete! Ein Land, das seine Vor- 
kämpfer nicht ehrt, ist keinen neuen Vorkämpfer wert.] 

Hansen, Ferdinand, Pillory and witness-box. Introduction by H. G. 
Scheffauor. Hamburg 15, Overseas Publishing Co., 1920. XIX, 293 S. 

S a 1 o m o n, Felix, Lord Morleys Erinnerungen. Althoffs international« 
Monateschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik. XIV, 503 — 526. 
Leipzig, Teubner, Mai/ Juni 1920. [Morley war ein Mann der Ideen und 
des Fortschritts. Er wandte sich gegen den Versuch, Indiens Regierung 
völlig der Reichsverteidigung unterzuordnen, weil dies die besten und 
tüchtigsten Köpfe von den 'gewaltigen Problemen abziehen würde, die 
außerhalb dieses Grxmdplanes einer Festung liegen". Das Wesentliche in 
der Politik war ihm die Persönlichkeit; als König Eduard ihm einmal 
sagte, er wäre am liebsten Landschaftsgärtner geworden, erinnerte ihn 
Morley an den Spruch Bismarcks, daß nicht einmal der schlimmste Demo- 
krat wisse, wieviel Nichtigkeit und Charlatanerie sieh hinter der Diplomatie 
verberge. Über Kaiser Wilhelm II. berichtet er: 'Ich sah ihn wiederholt in 
Windsor und war überrascht von seiner fröhlichen Natürlichkeit, Liebens- 
würdigkeit und guten Laune. . . . Als ich, wie das jeder tun sollte, von der 
Unmöglichkeit sprach, über die Dauer der englischen Herrschaft in Indien 
etwas zu sagen, schlug er heftig mit der Hand aufs Knie und rief, die 
britische Herrschaft würde ewig dauern. Als ich Lord Roberts das erzählte, 
lacht« er und sagte: Der Kaiser weiß von den Dingen zu wenig. Der 
Kaiser fragte mich auch, wie unser Arbeitervertret^r die indischen Fragen 
behandelt. Nicht so, daß wir uneins würden, sagte ich. Wieder schlug er 
sich aufs Knie und rief: er wünschte, seine Sozialisten wären ebenso ver- 
nünftig . . . Das allgemeine Urteil der Leute, die ein Urteil haben können, 
ist, daß dem Kaiser durchaus kein Platz unter den Staatsmännern erster 



318 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

Ordnung gebührt, . . . oberflächlich, hastig, impulsiv, nicht richtig zentriert 
sind einige der Epitheta. Aber einen Eindruck hinterließ er bei allen, der 
meiner Meinung nach ein goldener Eindruck ist: daß er ernst und auf- 
richtig den Frieden will'. Die Erinnerungen sind vor dem Krieg geschrie- 
ben, klingen aber in einen Epilog aus, der auf den Krieg Bezug nimmt und 
umdüstert ist, als wäre dem Verfasser die Sonne des Glaubens an den 
Fortschritt untergegangen: 'Die Geschichte ist wenig mehr als ein Register 
der Verbrechen, Tollheiten und Unglücksfälle der Menschheit'.] 

A r n s, Karl, Das Herz des Feindes. Eine Auswahl englischer Gedichte 
ins Deutsche übertragen. Leipzig, Xenien-Verlag. 59 S. [Englische Kriegs- 
lieder gegen Deutschland sind bereits zu einem deutschen Schulbuch zu- 
sammengestellt; hier finden wir sie sorgsam, fast liebevoll übersetzt. Arns 
erklärt in der Einleitung, eine starke Persönlichkeit habe, wenn sie dem 
Empfinden über das Verbrechen, das Elend und das Unglück des Krieges 
dichterischen Ausdruck verleihen könne, überall Anspruch auf Beachtung. 
Er nimmt es Thomas Hardy nicht übel, daß er die Erklärung der 51 eng- 
lischen Literaturgrößen unterschrieb, und er läßt dies auf S. 6 auch drucken. 
Er bringt die Reime Hardys sorgsam in unsere Sprache, worin der Deutsche 
als ein Streiter hingestellt wird, 'der nicht der Ehre Gut mehr schätzt . . . 
die List im Kampfe herrsch', Herodes spricht' usw. Er übersetzt wirklich 
fließend die Worte Hardys über 'die Henker, die zur Höll' verflucht — 
aus Markt und Stadt, von Tal und Höh'n trieb sie der Blutdurst. Maßlos 
schier schwoll ihre Macht- und Herrschbegier'. Von Robert Nicols tischt 
er uns den 'Angriff' auf, worin es heißt: 'Im wirren Nebel fliehn die 
deutschen Linien. Unsre Mannschaft brüllt; Ihr Schweine, das für Euch!' 
Wie eine solche Übersetzung deutscher Kriegsverse wohl in England auf- 
genommen würde? Dabei sei nicht geleugnet, daß manche dieser poetischen 
Engländer auch auf die über dem Kriege stehenden Kulturinäehte mensch- 
lich hinwiesen, wie de la Mare, Sasson, Drinkwater, L. Glover. Noch 
weiter ins Land der Unbefangenheit wagt sich Margaret Leigh im Sonett: 
'Der Journalist'; sie schildert den Hetzer, der aus Selbstschonung daheim 
blieb und die Lieb' zum Vaterland als Giftkraut säte; 'aus rasselnd klirren- 
den Worten meisterlich die Kette schmiedend, die die Menge band, hat er 
von Furcht und Selbstsucht sich genährt, . . . andächtig wurde sein Ge- 
schwätz gehört; die Menge schrak vor seinem Zorn sogar und übte folgsam, 
was er sie gelehrt, bis er der König aller Lügen war'. Gemischt ist der 
Eindruck, den man aus dem Büchlein gewinnt, und nur selten noch findet 
man eine so geschmackvolle Ausstattung für heimatfrohe Lieder verwandt.] 

Sharp, Evelyn, Somewhere in Christendom. London. Allen and Unwin, 
(1920). 256 S. Cash Price in Great Britain: 6/6 net. [The revolution. 
The Thousand grow up. Cousin and Hilderic's press. The great fights. 
Poetischer Traum vom Werden einer Christenheit 'that lay at peace'.] 

Tauchnitz edition. CoUection of British authors. Leipzig 1920. 
M. 5, geb. M. 7,50: 

Nr. 4532. Shaw, Bernard, John Bull's other island and Major Barbara. 
„ 4533. B e n n e 1 1, Arnold, Hugo. 

„ 4534. W i 1 1 i a m s o n, C. N. and A. M., The lion's mouse. 
„ 4535. Lee, Vernon, Louis Norbert. 
„ 4536/7. Moore, George, The brook Kerith. 
,, 4538. B e n n e 1 1, Arnold, Paris nights. 
., 4539. G a 1 s w o r t h y, John, A bit of love and other plays (Plays, 

fourth series). 
„ 4540. Norris, W. E., The triumphs of Sara. 

Koch, John, Praktisches Lehrbuch zur Erlernung der englischen 
Sprache. Für Fortbildungs- und Fachschulen wie zum Selbststudium. 



Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 319 

I. Teil: Elementarbuch. 47. Aufl. Jena u. Leipzig, Wilhelm Gronau, 1920. 
173 S. — II. Teil. 6. verb. Aufl. Mit Karte und Schriftproben. 287 S, 

A n n a k i n, M. L., Exercises in English pronuneiation. Halle a. S., 
Max Niemeyer, 1920. X, 83 S. [Phrasen der Umgangssprache, geordnet 
nach Lauten, die eingeübt werden sollen, von p und b durch die übrigen 
Konsonanten, dann durch die Vokale bis a; mit phonetischer Transkription 
und einer Liste von Büchern über ne. Aussprachslehre]. 

Auswahl englischer Gedichte für den Schulgebrauch zusammengestellt 
»^on E. Gropp und E. Hausknecht. 4. Aufl. 79.-84. Tausend. (Franz. 
und engl. Schulbibl. B. 11.) Leipzig, Renger, 1920. Teil I: Texte. XIV, 
344 S. Teil II: Erklärungen. [Das beliebte Lesebuch erscheint jetzt zum 
ersten Male mit Bildschmuck; von einer Reihe Schriftsteller sieht man die 
Köpfe. Wie schön, wenn in einer folgenden Auflage auch einige der Ge 
mälde, die zur englischen Literaturkunde gehören, namentlich von den 
Präraf fachten mitgeteilt werden könnten! Von neuen Dichtern ist u. a. 
der irische Freiheitsmärtyrer Plunkett und der ihternationaldenkende 
Tagore aufgenommen. Auf Wilde ist aus persönlichen, auf Kipling aus 
nationalen Gründen verzichtet. Der Kommentar enthält im einzelnen viel 
Gutes.] 

Romanisch. 

Zeitschrift für romanische Philologie, hg. von A. H i 1 k a, XL, 4, 1920 
[M. L. Wagner, Amerikanisch-Spanisch und Vulgärlatein, IL — K. Christ, 
Das altfranzösische Passionsspiel der Palatina (mit Tafel). — Vermischtes: 
H. Schuchardt, Zu Zeitschrift 40, 103 — Hopp — Intelligere im Baskischen 
- — Südfranz, higord 'verdreht' — Alban. 7niUngrs w. Krätze — Alb. 
skiife w. Baum — Ital. ghirigogolo. — G. Baist, Älfonso und Alonso. — 
K. Jarecki, Über die heidnische Dreieinigkeit im Rolandepos. — G. Bertoni. 
Ancora il port delautis. — Besprechungen]. — XL, 5, 1920 [E. Gamillscheg, 
Französische Etymologien, IL — M. L. Wagner, Juden.spanisch — Arabi- 
sches. — A. Stimming, Die Entwicklungsgeschichte der 'Destruction de 
Rome'. — A. Kolsen, Altprovenzalisches. — Vermischtes: W. Meyer- 
Lübke, Zu Zs. 40, 329. — H. Schuchardt, Busette — Bourgin — M- — 
Sonika — Ital. visto, vispo, visco 'munter', 'lebhaft', 'hurtig'. — A. Zauner, 
Zur Geschieht« der Labialen und Palatalen im Französischen. — M. L. 
Wagner, Sardisch Kendtura 'Freitag' — Altpisan. moccobello, alog. muccu- 
öcZiu 'Bestechungsgeld', altkat. rnogohcll 'Wech-selgewinn'. — Besprechungen]. 

Archivum Romanicum, hg. von G. Bertoni. Vol. III, No. 4, Ottobre — 
Dicembre 1919 [G. Vitaletti, Tradizioni Carolingie e leggende ascetiche 
raccolte presso Fönte Avellana. — C. Fabre, Le Compois du Puy-en-Velay 
en langue d'oc en 1408. — G. Bertoni, II dalmatico e gli romanisti. — 
Varietä e aneddoti : G. Bertoni, Etimologie varie. — G. Bertoni, Revisionc 
del ms. della Farsaglia di Niccolö da Verona. — Bibliografia]. — Vol. IV. 
No. 1, Gennaio-Marzo 1920 [G. Bertoni, Filologia romanza come erudizione, 
come scienza naturale e come scienza dello spirito. — E. Höpflfner, Vire- 
lais et ballades dans le Chansonnier d'Oxford (Douce 308). — C. Fabre, 
La langue d'oil et la langue d'oc ä, Chalancon (Velay) en 1390. — 
G. Vitaletti, La 'Pegasca' di Balda.sarre Olimpo da Sassaferrato. — VarietÄ 
e aneddoti: G. Bertoni, Note etimologiche e lessicali provenzali e francesi. 
— E. Höpfl'ner, Les Voeux du Paon et les 'Demandes amoureuses'. — 
G. Bertoni, Ferrarino da Ferra ra, Francesco Pipino, Gidino da Somma- 
campagna. — Bibliografia. — Cronaca bibliografia e critica. — No. 2. 
Aprile — Giugno [C. Michele, La dama del Verzä. Cantare del sec. XIV. -- 
R. Gatti, Piccolo vocabolario jesino. — Varietä e aneddoti: G. Vitaletti. 
L'autore del 'Grillo medico', poemetto popolare del sec. XVI. — Varietä e 
aneddoti: G. Bertoni, Appunti etimologici italiani. — G. Bertoni. Intorno 



320 Verzeichnis der eingelaufenen Druckschriften 

al 'Planh' di Bertran CarboneL^ — G. Bertoni, Basso dellft Penn». — 
Bibliografia. — Cronaea bibliografica e critica]. 

Romanische Texte zum Gebrauch für Vorlesungen und Übungen, hg. von 
E. Lommatzsch und M. L. Wagner. No. 1 : Del tumbeor Nostre 
Dame, altfranzösische Marienlegende. Berlin, Weidmann, 1920. 51 S. 
[Dem dankenswerten Unternehmen, durch das wir billiges Übungsmaterial 
erhalten, kann man nur den besten Erfolg wünschen. Die vollständigen 
Glossare sind sehr willkommen; ob es richtig war, alle Anmerkungen aus- 
zuschließen, erscheint etwas zweifelhaft. — Das erste Heftchen bringt die 
liebliche Erzählung vom 'Tänzer unserer lieben Frau'. Die literarhistorische 
Einleitung ist gediegen und der Text aufs neue sorgfältig durchgesehen 
worden. Ein paar Bemerkungen zum letzteren: In 'Sainte Marie', lors a 
dit, 'He! las! dolans, que ai jo dit' ! (V. 81 — 2) ist und bleibt das identische 
Reimwort dit hart, und ich zweifle nicht, daß lor ait, welches Wächter, 
wenn auch nicht ganz ohne Bedenken in den Text gesetzt hat, das Ur- 
sprüngliche darbietet; der Einwand, daß V. 76 Maria angeredet wird, kann 
kaum entscheidend ins Gewicht fallen. V. 305 — 8 lauten: 8e Deu n'ämes 
de tot vo euer, Trestot eil hien sont getS puer. En tel maniere, entendes 
hien, En piain salu ne valent rien. Förster setzt ein Komma nach puer, 
Wächter einen Punkt. Mir scheint dort gar keine Interpunktion hinzu- 
gehören, sondern ein Enjambement vorzuliegen, wie es in dem Denkmal 
häufiger vorkommt, s. Anm. von Wächter zu seiner Ausgabe V. 236. Zu 
V. 308 hätte es sich empfohlen,