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Full text of "Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen"

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ARCHIV 



FÜR DAS 



STUDIUM DER NEUEREN SPRACHEN 
UND LITERATUREN. 



HERAUSGEGEBEN 



LUDWIG HERRIG. 



XXXII. JAHRGANG, 59. BAND. 



BRAUNSCHWEIG, 

DRUCK UND VERLAG VON GEOKGE WESTERMANN. 
1878. 



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Inhalts -Verzeichniss des LTX.vBandes. 



Abhandlungen. 

° Seite 

August Friedrich Ursimis. Von Prof. H. Holstein 1 

St. Nicolaus in der Tradition und in der mittelalterlichen Dichtung. Eine . 

literar- historische Skizze von AdolfKressner 3,3 

Luthers Lieblingswörtchen Und. Von Dr. August Lehmann . . . 61 

Alexiuslieder. Von Dr. Carl Horstmann 71 

Sitzungen der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen 107 
Die Vermittler des deutschen Geistes in England und Nord- Amerika. Von 

Dr. Weddigen 129 

Zu den Sonetten Shakspere's. Von Hermann Isaac 1.55 

Ueber das reflexive Verb im Englischen, nebst einem Verzeichnis Ma- 

caulay'scher Constructionen. Von Dr. E. Beckmann 205 

Zu den Sonetten Shakspere's. Von Hermannisaac 241 

Die Kunst des Vortrags. Von Voelkel 273 

Moliere- Studien. Von Dr. Scheffler 289 

Zu Raoul de Houdenc's Meraugis de Portlesguez. Von Adolf Kressner 301 
Spruchbuch der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia, nachherigen Aebtissin 

von Quedlinburg, vom Jahre 1630. Mitgetheilt von 0. Schulze . 319 

Helena. Eine poesie- historische Studie von Dr. Richard Treitschke . 339 
Die Unterweisung in der französischen und englischen Aussprache. Von Dr. 

O. Kares 377 

Beiträge zu den Wörterbüchern von Lucas 'und Hoppe. Von M. Theilkuhl 393 

Die reinen Vocale des Französischen nach MaHyln-Cazal. Von H. Lücking 403 

Sitzungen der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen 443 

Beurtheilun o;en und kurze Anzeigen. 

Alfred Morel -Fatio, El Mägico Prodigioso comedia famosa de Don Pedro 
Calderon de la Barca publice d'aprfes la rnanuscrit original de la bi- 
bliotheque du duc d'Osuna avec deux facsimiles, une introduction des 
variantes et des notes 452 

Carolina Michaelis, Studien zur Romanischen Wortschöpfung 453 

C. M. Sauer, Nueva gramätica castellana segunda edicion, spanish conversation- 

grammar 453 

D. Jose de Espronceda, El Diablo Mundo, poema, traduzione di Pietro Bor- 

digoni 454 

C. M. Sauer, Dialoghi italiani, eine methodische Anleitung zum Italienisch- 

Sprechen 454 

Heinrich Keller, Chrestomathie der Italienischen Sprache mit grammatischen 

und litterarischen Erläuterungen und kurzen biogr. Notizen über die 

aufgenommenen Autoren 454 



Seite 

Dr. Hugo Andresen, Maistre Wace's Roman de Rou et des ducs de Normandie, 
nach den Handschriften von Neuem herausgegeben ; erster Band, I. und 
n. Theil 455 

Archivio Storico Lombardo, giornale della societii storica lombarda e Bol- 

lettino della consulta archeologica del Museo storico-artistico di Milano 455 

Gustav Lücking, Die ältesten französischen Mundarten, eine sprachgeschicht- 
liche Untersuchung 456 

Dr. Friedrich Müller, Grundriss der Sprachwissenschaft, I. Bd., I. Abth.: 

Einleitung in die Sprachwissenschaft 457 

Corrado Avolis, Canti popolari di Noto, studii e raccolta 457 

Dr. Friedrich Müller, Grundriss der Sprachwissenschaft, I. Bd., 2. Abth.: 

Die Sprachen der wollhaarigen Rassen. (Hermann Buchholtz) . . . 458 

Die geschichte von Gunnlaug Schlangenzunge aus dem Isländischen urtexte 

übertragen von Eugen Koibing. (Hans Löschhorn) 459 

Auswahl deutscher Gedichte. Im Anschluss an die Geschichte der deutschen 
Nationalliteratur von Dr. Hermann Kluge, Professor am Gymnasium in 
Altenburg. (Eduard Niemeyer) 460 

Französische Sprachlehre für den formal bildenden Unterricht. Mit verglei- 
chender Berücksichtigung des deutschen Sprachuntenichts. Von Dr. 
Alb. Wittstock 461 

Einführung in die englische Sprache. Von Dr. Alb. Wittstock .... 461 

Encyclopädie des philologischen Studiums der neueren Sprachen von Bernhard 
Schmitz. Anhang. Systematisches Verzeichniss der auf die neueren 
Sprachen, hauptsächlich die französische und enghsche, sowie die Sprach- 
wissenschaft überhaupt bezüglichen Programmabhandlungen, Disser- 
tationen und Habilitationsschriften. Von Hermann Varnhagen. (Dr.' 
David Asher) 462 

Die siebente Ausgabe des Wörterbuchs der französischen Akademie (Dr. Voelkel) 463 

Programraenschau. 

Das deutsche Lesebuch auf höheren Schulen. Programm des Progymnasiums 

zu Trarbach 466 

Ueber den deutschen Unterricht in der Secunda des Gymnasiums. Vom Dir. 

Dr. Ernst Müller. Programm des Gymnasiums in Kattowitz . . . 468 

Zur Etymologie nordrheinfränkischer Provincialisraen. Zweite Sammlung. 

Vom Ober]. Dr. Fuss. Programm der Ritterakademie zu Brandenburg. 469 

Beiträge zur tirolischen Dialectforschung. Von Prof. Dr. Valentin Hintner. 

Programm des akademischen Gymnasiums zu Wien 469 

Das Ludwigslied. Von Ed. Samhaber. Programm des Gymnasiums zu Frauen- 
stadt in 0. - esterreich ^ j. 470 

Himmel und Hölle, das Schlusslied der vier Evangelia nach Ezzo's Redaction. 

Vom Oberl. Dr. Luppe. Programm der Realschule zu Kiel . . . 470 

Ucber die Beziehungen der französischen und deutschen Poesie im Mittelalter. 

Vom Oberlehrer Nicolai. Programm der Realschule zu Meerane . . 471 

Zur geistlichen Dichtung des Mittelalters. Vom Gymnasiallehrer Hermann 

Dederich. Programm des Kaiser Wilhelm -Gymnasiums zu Köln . . 471 

Grcgorius auf dem Steine, der mittelalterliche Oedipus. Vom Oberlehrer 

A. Heintze. Programm des Gymnasiums zu Stolp "172 

l'hilander von Sittewald. I. Tbl. Vom Oberlehrer Dr. Christian Achmed 

Scholtze. Programm der Realschule zu Chemnitz 472 

Der Bienenkorb, Catalogus Catalogorum and kleinere Zugaben. Ein Beitrag 
zur Charakteristik'lund Literatur Job. Fischarts. Von Th. Kessemeyer. 
Programm der Realschule zu Bremen 472 

Das Siegwartfieber. Von Prof. Edmund Kamprath. Programm des Gym- 
nasiums zu Wiener -Neustadt 473 



Seite 
Zum Sprachgebrauch Goethe's. Von Dir. E. Albrecht. Frogramm der 

Realschule II. Ordnung zu Crimmitschau 173 

Ein deutsches Weihnachtssi)iel aus Böhmen. Von Ferd. Hölzel. rrogramm 

des Gymnasiums zu Böhmisch - Leipa 474 

Verlauf des Streites um die drei Einheiten im französischen Drama. Von 

Prof. K. Kühr. rrogramm des Gymnasiums zu Landskron in 

Böhmen. (Kölscher) 475 

Abel Mathieu: Denis de la langue fran9oise, Paris 1572. Abhandlung im 

Programm des Berliner Gymnasiums zum grauen Kloster von Dr. 

Lamprecht. (A. Lüttge) 475 

Miscellen. 

Seite 115—128. 

Bibliographischer Anzeiger. 

Seite 239—240, 476—478. 

Verzeichniss der Vorlesungen an der Berliner Akademie für moderne Philo- 
logie. Sommersemester 1878 479 



August Friedrich Ursinus. 



Die historischen Volkslieder, mit welchen die deutsche 
Literatur des scheidenden Mittelalters bereichert worden ist, 
dürfen vermöge ihres lyrisch-epischen Charakters mit Recht den 
Anspruch darauf erheben, Eomanzen oder Balladen genannt zu 
werden, wenn sie auch unter diesem Namen nicht auftreten. 
Der Dichter, der die Eomanze erst in die deutsche Literatur 
eingeführt hat, ist Gleim, dessen Romanzen 1756 erschienen. 
Ihre Bedeutung war nur gering. Erst die Percy'sche Samm- 
lung altenoliacher Balladen g-ewann durch ihre echt volksthüm- 
liehe Auffassung einen entschiedenen Einfluss auf die Entwicke- 
lung dieser eigenthümlichen Gattung der Literatur. Bald nach 
der vom Bischof Thomas Percy 1765 veranstalteten Sammlung 
(Reliques of ancient English poetry) berichtete die Neue Biblio- 
thek der schönen Wissenschaften über dieselbe und bewirkte 
durch eine günstige Beurtheilung ihre Einführung in Deutsch- 
land. Die Percy'sche Sammlung regte Bürger zu seinen gross- 
artigen Schöpfungen auf dem Gebiete der Ballade an, auf wel- 
chem er in seiner Leonore die vollendete Meisterschaft erreichte ; 
sie rief Herder's epochemachende Schriften hervor. Besonders 
hatten die von diesem im Jahre 1773 herausgegebenen „Fliegen- 
den Blätter von deutscher Art und Kunst", an denen auch 
Goethe durch die den Manen Ervvin's von Steinbach geweihte 
Abhandlung von deutscher Baukunst einen hervorragenden An- 
theil hatte, auf Ossian und Shakespeare als die Muster volks- 
thümlicher Liederdichtung hingewiesen und in den deutschen 
Dichtern einen begeisterten Wiederhall hervorgerufen. Und so 

Archiv f. n. Si'iachen. LiX. 1 



2 August Friedrich Ursinus. 

finden wir fast alle Mitglieder des Göttingcr Dichterbundes in 
Uebersetzungen aus dem Englischen thätin-. In dieser Zeit be- 
sciiäftigte sich August Friedrich Ursinus mit der Balladendich- 
tung; im Jahre 1777 erschienen seine ,.BalIaden und Lieder 
altenglischer und altschottischer Dichtart". Die Literatur- 
geschichte nennt sie unter den Erscheinungen jener Zeit*), aber 
sie Aveiss nichts Näheres von den Lebensumständen, von dem 
Wirken dieses Mannes **). 

Freilich ist sein Leben geräuschlos dahin geflossen, Ur- 
sinus gehört nicht zu den Koryphäen unserer Literatur, aber 
er hat doch in der Geschichte der Ballade eine geachtete Stel- 
lung errungen und er gehört einer Familie an, die in der Ge- 
schichte Preussens oft genannt wird. 

Betrachten wir zuerst die Geschichte seiner Familie. Auf 
jenen Theologen Zacharias Ursinus, der 1562 in Verbindung 
mit Caspar Olevianus im Auftrage des Kurfürsten Friedrich 111. 
von der Pfalz den Heidelberger Katechismus, das Hauptsymbol 
der deutsch-reformirten Kirche, verfasste, können wir die Fa- 
milie unseres Ursinus nicht zurückführen, wohl aber auf jenen 
Benjamin Ursinus, der bei der ersten preussischen Königs- 
krönung in der Schlosskirche zu Königsberg mit dem lutheri- 
schen Oberhofprediger Bernhard von Sandra die Salbung des 
hohen Königspaares vollzog. Benjamin Ursinus, der Sohn des 
schwedischen Obristlieutenant Hans von Bar und der Maria 
von Blankenheim, einer Tochter des hessischen Obrist Christian 
von Blankenheim, war am 2. Februar 1646 geboren. Von 
seinem Vater wurde er aus Schweden nach Liesa geschickt, 
um das dortige Gymnasium zu besuchen. Hier kam er in das 
Haus eines reformirten Predigers, der ihn erzog. Da sein 
Vater frühzeitig starb , ohne ihm ein grosses Vermögen zu 
hinterlassen, so wandte er sich auf den Rath seines Erziehers 
dem Studium der Theologie zu. Nachdem er seinen Adel ab- 
gelegt und den Namen Ursinus angenommen hatte, begab er 
sich auf die Universität zu Frankfurt a. d. O. und wurde nach 



*) Koberstein, Grundriss, 4. Ausg. S. 1471. H. Kurz, Geschichte der 
deutschen Literatur IIF, 295 b. JuHan Schmidt, Gesch. d. geist. Lebens in 
Deutscldand H, 728. 

**) Nur Meusel glebt einige zusammenhangslose Notizen. 



August Friedrich Ursinus. 3 

beendigter Studienzeit 1G67 zum Predi2;er der reformirten Ge- 
nieinde zu Cöln am Khcin berufen. Er hatte dies Amt bis 
1671 innc, in welchem Jahre er die Stelle eines Dompredigers 
in Berlin erhielt. Er rückte allmälig zum ersten Dom- und 
Oberhofprediger vor und erhielt als solcher den Auftrag, die 
Salbung des ersten Königs von Preussen zu vollziehen. Zu- 
gleich mit diesem Auftrag erhielt er die Ernennung zum Bischof, 
zunächst jedoch nur für die vorzunehmende Feierlichkeit; auch 
wurde seine Erhebung in den Adelstand unter dem Namen 
Ursinus von Bär ausgesprochen. Er erhielt das preussische 
Indlgenat, und sein Wappen, welches einen aufspringenden 
Bären zeigte, wurde mit dem preussischen königlichen Adel 
und mit einem Salbgefäss, wie er es bei der Krönung gebraucht 
hatte, vermehrt. Doch machte er, am Ende des Jahres 1702 
auf Lebenszeit zum Bischof ernannt, von seiner Adelserhebung 
keinen Gebrauch, sondern nannte sich Benjamin Ursinus. Seine 
Kinder jedoch nannten sich von Bär. Seine Stellung unter 
dem prachlliebenden Friedrich I. war eine sehr angesehene und 
bevorzugte. Seine Einkünfte beliefen sich auf viertausend Thaler, 
auch war ihm ein Gespann von sechs Pferden aus dem könig- 
lichen Stalle zu freier Verfügung gestellt. Auch wurde ihm 
der ehrenvolle Auftrag zu Theil, den Kronprinzen Friedrich 
Wilhelm zur Confirmation vorzubereiten. Er kam diesem Auf- 
trag nach und legte seinem Unterrichte einen von ihm selbst 
verfassten Katechismus unter dem Titel: „Kurzer Unterricht 
der christlichen Lehre, in zehn Tabellen eingetheilt für Se. chur- 
prinzliche Durchlaucht zu Brandenburg", zu Grunde. Das 
Buch, welches 1699 zu Köln an der Spree erschien, enthielt 
nicht weniger als 357 Fragen, zu denen die Antworten mit 
778 Bibelversen als Beweisen belegt sind. 

Als König Friedrich Wilhelm I. auf den Thron gelangte, 
war es bekanntlich eine seiner ersten Aufgaben, die einzelnen 
Posten der Etats, die er für überflüssig hielt, zu streichen. 
Unmittelbar nach dem Leichenbegängniss, welches der König, 
um seinen Vater zu ehren, mit grossem Aufwand veranstaltet 
hatte, wurden eine Menge Hof beamte, Kammerherren und Pagen 
entlassen und ihre Pensionen oder Gehälter gestrichen. Auch 
der Bischof Ursinus hatte von dieser peinlichen Genauigkeit 

1* 



4 August Friedrich Ursinus. 

und Sparsamkeit des Königs zu leiden. Seine bedeutende Be- 
soldung wurde um einen ansehnlichen Theil gekürzt, wozu der 
König auch noch durch eine besondere Abneigung gegen die 
gesuchte und hochtrabende Sprache des Bischofs bestimmt 
wurde, der den König als Prinzen den brandenburgischen Je- 
didja zu nennen pflegte. Als nun Ursinus wegen der Gehalts- 
schmälerung beim König vorstellig wurde, erhielt er unter An- 
spielung auf die Worte „als vor Zeiten", mit welchen er alle 
seine Predigten zu beginnen pflegte, eine abschlägige Antwort, 
die spöttischerweise auch mit den Worten „als vor Zeiten'' 
begann. 

Ursinus starb am 23. December 1720. Er war ein lieb- 
reicher, bescheidener und friedfertiger Mann , der in seinem 
letzten Willen den Wunsch aussprach, man möge ihm nach 
seinem Tode weder eine Leichenpredigt halten noch eine Grab- 
schrift setzen. Sein Testament schloss mit den Worten: „Wer 
etwas Gutes von mir weiss, der lobe Gott und folge dem nach!"- 
Er wurde in der Kirche des zwischen Berlin und Belitz belege- 
nen Dorfes Gütergotz , wo er eine Scholtisei besass, beerdigt. 
Aus zwei Ehen, die er 1671 mit Fräulein von Bilderbeck und 
nach deren Tode 1678 mit Fräulein Huss von Hussencck 
schloss, gingen zehn Söhne und eben so viel Töchter hervor. 
Von den Töchtern starb Sophie Eleonore von Bär als Aebtissin 
des Fräuleinstiftes zu Halle am 20. Mai 1754. Einer seiner 
Söhne, Friedrich Heinrich, war Geheimer Secretär und Biblio- 
thekar, als solcher Protonotar in dem vom König Friedrich 
1703 behufs einer Einigung der lutherischen und reformirten 
Kirche angeordneten Colloquium von Theologen und starb als 
Geheimer Tribunalsrath in Berlin. *) 

Bekanntlich beeiferte sich Friedrich Wilhelm I., die Haupt- 
stadt des Königreichs auszubauen und zu erweitern, besonders 
richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Friedrichsstadt. Der 
mit der Oberaufsicht betraute Generaladjutant von Derschau 
wies die Bauplätze an und sorgte für die Ausführung des Baues. 
Viele adelige Familien litten unter diesem Machtgebote, indem 



*) J. H. Hering, Biographische Nachrichten von einigen gelehrten und 
berühmten Miinnern. St. 2. Breslau 1791. 



August Friedrich Ursinus. 5 

sie genöthigt wurden, kostspielige Entwässerungsversuclic zu 
machen und prächtige Gebäude aufzuführen. Ks gehörten da- 
zu der Geheinierath von Nüssicr, der für 12,000 Thaler ein 
Haus im Werthe von 2000 Thalern baute, der Geheinierath 
von KlinggräfF, der Landjägermeister Graf von Schwerin, die 
Generäle Graf Truchsess und Schulenburg, der Minister von 
Happe u. A.*). Auch ein Sohn des Bischofs Ursinus, der 
Geheinierath von Bär, wurde mit dem Geschenk eines unifans;- 
reichen Bauplatzes bedacht, der in einem grossen moorigen 
Sumpfe bestand. Auch er wurde angewiesen, den Sumpf aus- 
zufüllen, ein Palais zu bauen und einen Park um dasselbe an- 
zulegen, denn ein Edelmann, so hiess der Nachsatz, müsse 
auch adelig wohnen. Der königliche Befehl sollte ausgeführt 
werden, aber schon durch die Ausfüllung des Sumpfes erwuch- 
sen dem Geheinierath von Bär so bedeutende Kosten , dass 
seine Mittel nicht ausreichten, und dann sollten noch ein Schloss 
gebaut und kostbare Anlagen unterhalten werden. Von Bär 
kam nun unterthänigst um die Erlaubniss ein, seinen Adel ab- 
legen und unter dem bürgerlichen Namen Ursinus eine seinen 
Vermögensverhältnissen entsprechende Lebensweise fortführen 
zu dürfen. Dies Gesuch wurde vom König allergnädigst ge- 
währt, und \^ir sehen von nun ab nur bürgerliche Geheime- 
räthe Ursinus ihre staatsmännische Thätigkeit in Preussen aus- 
üben. 

Als einst Friedrich II. in einer Sitzung des geheimen 
Staatsraths den Geheimen Oberfinanzrath Erhard Ursinus auf- 
forderte, eine neue drückende Steuer auszuschreiben, und dies 
zu einer Zeit, wo die Mittel des Landes aufs Aeusserste er- 
schöpft waren, da Hess das Mitgefühl für die so hart gedrückten 
Landeskinder den Diener des Königes einen Augenblick ver- 
gessen, dass er nur zu gehorchen habe. Traurig mit der Achsel 
zuckend wagte er bittend ein „Ich fürchte, Majestät." „Raison- 
nire Er nicht," rief der König und die Sitzung wurde bald 
aufgehoben. Der treue Staatsdiener fürchtete den Zorn des 
Königs und weitere Strafe für sein kühnes Auftreten so wenig, 
dass er ohne Scheu der Einladuno^ eines ihm befreundeten 



*) Stenzel, Gesch. d. preuss. Staates III, 407. 



ß August Friedricli Ursinus. 

Ministers zum Diner folgte. Allein hier hatte er kaum eine 
Stunde verweilt, als er von der Tafel abgerufen und in einen 
bereit stehenden Wagen geschafft wurde, der ihn nach Spandau 
brachte. Die treue Gattin, eine geborene Mascovius, hatte kaum 
das Schicksal ihres Mannes erfahren, als sie mit ihrer zahl- 
reichen Kinderschaar nach Spandau folgte, die Entbehrungen, 
die ihrer warteten, nicht achtend. Ueber ein Jahr Avar der 
Geheimerath Ursinus der unfreiwillige Inhaber einer Zelle auf 
der Festung Spandau, als ihm eröffnet wurde, dass der König 
ihn mit erhöhtem Gehalt und allen nur möglichen Ehrenbezeu- 
suno-en in seinen Dienst zurückzurufen entschlossen sei. Ur- 
sinus nahm nur seine Freiheit und schied aus dem königlichen 
Staatsdienst. Er zog mit seiner Familie nach Aken, einem 
kleinen Städtchen der Provinz Sachsen, wo er sich ein Haus 
bauen liess. Er nannte dasselbe, um sich des Gegensatzes zu 
seinem einstigen freiheitslosen Leben immer zu erinnern, „Zur 
Freiheit". Das Haus trägt noch jetzt diesen Namen. Hier 
starb er am 6. September 1785. 

Die heranwachsenden Söhne konnten die Freiheit, welche 
sich der Vater geschaffen hatte, nicht immer theilen, und so 
finden wir abermals in Berlin unter den Königen Friedrich 
AVilhelm H. und Friedrich Wilhelm IH. zwei Geheimeräthc 
Ursinus. Der ältere, Theodor, der bis 1792 als Obergerichts- 
rath in Stendal lebte und am 11. September 1800 als Geheimer 
Justizrath und Regierungsdirector in Berlin starb, ist durch 
seine Frau, eine geborne von Weiss, mit der er sich 1779 ver- 
band, auf die traurigste Art zu einer geschichtlichen Persön- 
lichkeit geworden. Die Frau war nämlich der Vergiftung des 
holländischen Officiers Kegay und ihres Ehemannes angeklagt; 
sie wurde zwar von dieser Anklage freigesprochen, aber über- 
führt, an ihrer Tante Christiane Sophie Regina Witte und 
ihrem eigenen Bedienten Benjamin Kleine einen Giftmord ver- 
such verübt zu haben. Durch Erkenntniss des Criminalsenats 
des Kammergerichtes in Berlin vom 12. September 1803 wurde 
die uno-lückliche Frau wesfen der verübten Verbrechen zu lebens- 
länglichem Festungsarrest verurtheilt. Nachdem sie auf der 
Festung Glatz dreissig Jahr zugebracht hatte, wurde es ihr 
vergönnt, bis an ihr Ende innerhalb der Stadt und Festung 



Anglist Friedrich Ursimis. 7 

Glatz zu leben. Hier starb sie am 4. April 1836 mit Hinter- 
lassung eines Vermögens von ungefähr 40,000 Thalern.*) 

Das jüngste der elf Kinder des Geheimen Oberfinanz- 
raths Erhard Ursinus war August Friedrich Ursinus. Er 
war am 22. Juni 1754 zu Berlin geboren, erlangte seine Vor- 
bildung auf einem Gymnasium seiner Vaterstadt und studirto 
die Rechts wissenschaflen auf der Universität Ilalle. Schon 
frühzeitig zeigte sich in ihm eine Vorliebe für die schönen 
Wissenschaften, besonders für die Poesie, und im Umgano-e 
mit gebildeten INIännern fand er stets den edelsten Lebens- 
genuss. Mit Begeisterung warf er sich, durch Herder's Ab- 
handlung über Shakespeare, Ossian und die Volkslieder ange- 
regt, auf das Studium der altenglischen Lieder, namentlich der 
Percy'schen Sammlung. Seine erste dichterische Leistung, die 
er als Student veröffentlichte, waren zwei Balladen, welche im 
Göttinger und Hamburger Musenalmanach vom Jahre 1776 er- 
schienen. Die erstere hat das Abenteuer des Ritters Horst am 
Grabe Siegmar's, des Vaters Hermann's des Deutschen, zum 
Gegenstande. Sie athmet einen echt deutschen Geist, der sich 
besonders in der letzten Strophe ausspricht: 

Knabe, sagte Horst geschwinde. 
Nimm das Schwert in deine Hand! 
Und dann schwör mir nach : ich weihe 
All mein Bhit mit deutscher Treue 
Dir, mein deutsches Vaterland ! 

Die zweite Ballade „Der Todtengräber" erzählt die Schick- 
sale des Todtengräbers von Unna. „Horst ist von einem 
jungen Genie", schreibt der Herausgeber des Musenalmanachs, 
Göckingk, an Bürger den 31. October 1775. „Ursinus heisst 
der Verfasser. Er studirt in Halle und ist der liebenswürdisste 
Jüngling von der Welt."**) „Seine beiden Stücke im Musen- 
almanache," schreibt Biester an Bürger den 17. September 1777, 
„sind offenbar das beste, was er gemacht hat."***) 

Ursinus setzte nun seine Studien auf dem Gebiete der 



*) Flitzig 11. Hiiring, Der neue Pitaval IT, ir,l ü'. 
**) Strodtmann, Briefe von und ;ui Bürger, I, 254. 
***) Ebendas. 11, 13:j. 



8 August Friedrich Ursinus. 

Ballade fcut und dachte an die Herausgabe einer Sanunlung 
altenglischer und altschottischer Balladen. Er bat Eschenburg 
und Moser um Beiträge und berief sich bei Letzterem auf einige 
in einem Jahrgang des Göttinger Musenalmanachs erschienene 
Gedichte, welche mit M unterzeichnet waren und als deren Ver- 
fasser ihm von Verschiedenen Justus Moser genannt war. Zu- 
gleich hatte Ursinus, um eine Probe seiner eigenen Arbeit zu 
geben, die von ihm übersetzte Ballade von der Beichte der 
Königin Eleonora beigefügt, die er in Percy's Sammlung ge- 
funden hatte. Moser antwortete ihm am 24. December 1776: 
„Wie sehr Vieles werden Sie nun, freundschaftlicher Mann, von 
der guten Meinung, die Sic von mir gefasst haben, zurückneh- 
men müssen, da ich Ihnen offenherzig gestehen muss, dass ich 
der Verfasser der von Ihnen so sehr bewunderten Stücke nicht 
bin. Mit einigen alten Minneliedern könnte ich Ihnen noch 
dienen, sie sind aber sehr unleserlich, indem das Pergament, 
worauf sie geschrieben, einige hundert Jahre zu Umschlägen 
alter Rechnungen gebraucht worden. Keines davon befindet 
sich in den bisher gedruckten Sammlungen, und besonders 
finden sich einige darunter vom König Heinrich, dessen blü- 
hender Stil aus dem einzigen Stücke, das sich voran in der 
Mannessischen Sammlung findet, sogleich kenntlich ist."*) 

Im folgenden Jahre gab Ursinus seine „Balladen und 
Lieder altenglischer und altschottischer Dichtart" in Berlin her- 
aus. Der berühmte Chodowiecki lieferte dazu eine Zeichnung, 
deren Stich Daniel Berger besorgte. Das Bild stellt einen blin- 
den Harfenspieler dar, der in Begleitung eines kleinen singen- 
den Mädchens auf dem Markte einer englischen Stadt am 
Brunnen unter dem Zudrange einer grossen aufmerksam lau- 
schenden Menge sein Spiel ertönen lässt. Die Titelvignette, 
von dem ihm befreundeten Kupferstecher Johann Wilhelm Meil 
gezeichnet, stellt Alkanzor und Zaide dar und nimmt Bezug 
auf eine nachfolgende Ballade. Als Einleitung zu der Samm- 
lung werden zwei umfangreiche aus Pcrcy Reliques und Arkin 
Essays on song-writing von Job. Joachim Eschenburg über- 



Nicolai. Berlin u. Stettin 1797. 1)8. II, 230. 



August Friedrich Ursinus. 9 

setzte Abhandlungen über die alten englischen Minötrels und 
über die Liederpoesie vorausgeschickt. Die letztere handelt 
von der Liederpoesie überhaupt, von den Balladen und Hirten- 
licdern, von rührenden und beschreibenden Liedern und von 
witzigen und sinnreichen Liedern. Dann folgen die Balladen 
und Lieder in englischem Text mit daneben stehender Ucber- 
setzung und erläuternden Anmerkungen. Die meisten Balladen 
und Lieder sind aus der Percy'schen Sammlung genommen. 
Die Uebersetzungen entlehnte Ursinus theils aus den Blättern 
für deutsche Art und Kunst, theils aus den Musenalmanachen, 
theils aus dem deutschen INIerkur, und zwar sind die Ueber- 
setzungen von verschiedenen Verfassern ausgegangen, wie von 
Herder, L F. Löwen*), L. G. Creme**), Campe, Miller***), 
Laur. Die grösste Zahl lieferte der um die englische Literatur 
sehr verdiente Eschenburg, dessen besonderer Freundschaft es 
Ursinus zu danken hatte, dass sie ihm als ein lieber Beitrag 
zu seiner Sammlung handschriftlich mitgetheilt wurden. Auch 
der ihm befreundete, in den Handbüchern der deutschen Lite- 
ratur nicht genannte Adolf Julius Laur, der im deutschen Mer- 
kur von 1774 und 1775, sowie im Göttinger Musenalmanach 
von 1779 sehr ansprechende und von dichterischer Begabung 
zeugende Gedichte veröffentlichte, lieferte dem Herausgeber ein 
von ihm aus Ramsay entlehntes Schifferlied. Ursinus selbst 
übersetzte drei Balladen: „Alkanzor und Zaide", Ballade aus 
dem Mohrenlande, „Das klagende Mädchen" und „Königin 
Eleonorens Beichte". 

Das Verdienst, welches sich Ursinus durch die Herausgabe 
dieser Balladen und Lieder erworben hat, ist nicht gering an- 
zuschlasen. Er verfol<>te dabei noch einen anderen Zweck als 
den der Sammlung: zerstreuter Uebersetzungen und der Ver- 



*) Schon 1762 gab er Romanzen heraus. Eine neue verbesserte Auf- 
lage erschien 1771. 

**) Er war Rector in Hildesheim, Einbeck und Lüneburg. Seine Ge- 
dichte erschienen 1795. Zuerst hatte er Lieder und übersetzte Balladen in 
den Hamburger Unterhaltungen veröffentlicht. 

***) „Mir deucht, schreibt Bürger an Voss den 18. August 1777, IVliller 
hat auch eine Nachahmung oder Uebersetzung versucht, die in Ursinus' 
Balladensammlung steht. Die hab' ich jetzt nicht bei der Hand, daher ich 
denn auch nicht weiss, ob Miller's Arbeit der meinigen nicht lieber zu Hause 
zu bleiben räth." (Strodtmann Briefe von und an Bürger IL 114.) 



10 August Friedrich Ursinus. 

hreitung derselben in Deutschland. p]r sah nämlich in den 
alten Balladen der Minstrels und in den Romanzen der Trou- 
badours eine reiche Quelle dramatischen Stoffs und empftihl 
daher dem dramatischen Dichter das fleissiae Studium der- 
selben. „Der dramatische Dichter, sagt er S. 306, würde ge- 
wiss hier und da noch ganz neue, höchst wahrscheinliche und 
äusserst interessante Situationen und ganze Stücke, oft und bis- 
W'cilen, wo er es am wenigsten vermuthete, die auffallendsten 
vortrefflichsten Gruppen zu einzelnen Scenen finden." Ver- 
muthlich gab ihm zu dieser Bemcrkuno; Lessintj's Wort in der 
Hambnrgischen Dramaturgie Anlass, wenn er den Rath Maffei's, 
die neueren Trauerspieldichter sollten in Hygin's Fabeln Stoff 
suchen, mittheilt. 

Ursinus sandte seine Balladen auch an Justus Moser und 
empfahl sie seinem Wohlwollen. Moser schrieb ihm am 12. Juli 
1777 einen noch im Original vorhandenen Brief, aus welchem 
wir folgende Mittheilungen machen: „Bei Durchlesung der mir 
gütigst zugesandten schönen Balladen habe ich es mehrmals 
bedauert, dass wir Deutsche nichts von dergleichen Ecliquien 
aufzuweisen haben; sie würden mir lieber sein, als die Knochen 
aller 11000 Juno-fern zu Colin .... Die Ausführuns des 
Herrn Chodowiecki in dem Titelkupfer ist schön, aber an Er- 
findung nicht reich genug; es herrscht eine einförmige Auf- 
merksamkeit darin, und ich hätte wenigstens gewünscht, dass 
einer von den Zuschauern mich angeblickt hätte, um mich mit 
seinen Augen zu fragen, ob das nicht vortrefflich sei? . . . 
Von der Uebersetzung selbst sage ich nichts, als dass sie mir 
sehr gefallen hat etc." Zugleich sandte ihm Moser deutsche 
Lieder im Original. „Das eine Lied ,tvvirle nich du leweste 
myn', ist vielleicht das einzige westtälische Minnclied, das wir 
haben."*) 

Ursinus setzte seinen Freund Biester in Berlin von Möser's 
Sendun"; in Kenntniss und dieser schrieb darüber an Bürger 
den 17. September 1777: „Moser in Osnabrück hat an Ursinus 
hier sechs Pergamentblätter Minnegesähge geschickt, wovon 
einige, aber zum Theil in ganz anderen Lesearten, in der Zü- 



*J Vermischte Schriften von .Juslus Müser II, '233. 



August Friedrich Ui>inus. 11 

richer Saimnlung gedruckt stehen; Ursinus gab sie niii- gleich, 
Aveil er sie k:ium zu gebrauchen wusste wegen Unkenntniss 
alter Sehriftzüge und alter Sprache. Vieles habe ich auf Kosten 
meiner Augen schon herausgebracht, doch scheint nicht Alles 
der Mühe werth." *) 

Es war nicht anders zu erwarten, als dass Ursinus' Bal- 
laden das Aufsehen der Literaturfreunde erregten. Hielt man 
sie auch nicht für eine grossartige Erscheinung, welche die 
Literatur in eine andere Strömung zu lenken vermochte, so 
waren sie doch geeignet, das Interesse an der Balladendichtung 
wach zu erhalten. Wir sehen dies namentlich bei einigen Mit- 
gliedern des ehemaligen Göttinger Dichterkreises. Kaum war 
die Sammlung erschienen , so schrieb Boie an Bürger (den 
8. Juni 1777): „Hast du Ursinus' Ausgabe der alten Balladen 
schon gesehen? Für mich ist nicht viel darin und für dich 
gewiss noch weniger. Ursinus selbst scheint mir ein paar Mal 
seine Sachen nicht übel gemacht zu haben."**) Bürger ant- 
wortete am 19. Juni : ..L^rsinus' Balladen hab' ich gesehen. 
Was sich doch manche Leute die Autorschaft leicht machen 
können. Inmittelst, wie du sagst, hat er seine Sachen manches 
Mal nicht übel gemacht. Sonderlich hat mir ,Elconorens 
Beichte' gefallen."***) 

Ursinus Avar durch seine erste schriftstellerische Leistung 
nicht unvortheilhaft bekannt geworden. Boie zählte ihn sogar 
zu Denen, die in Berlin für die Subscription auf Bürger's 
sämmtliche Werke sorgen sollten. Er schrieb an Bür2;er den 
31. August 1777: „Für Berlin sind Biester, Ursinus und der 
dänische Legations-Secretär Ridinger gute Leute." j) 

In Berlin, wo Ursinus die Stelle eines Kammer-Secretärs 
versah, schloss er sich eng an Biester an, der 1777 Secretär 
des Ministers von Zedlitz «geworden war. Wir sehen dies aus 
einem Briefe Biester's an Bürger vom 17. September 1777, der 
zugleich eine ausführliche Charakteristik seines Freundes Ur- 
sinus giebt. „Ich reisse mich, schreibt Biester, von einer Menge 
Geschäfte los, um dir zu antworten. Schon lange, liebster 



*) Strodtmann II, 137. **) Ebendas. 11, 85. "**) Ebendas. II, 87. 
t) Ebendas. II, 122. 



12 August Friedrich IJrsInus. 

l)ester Bürger, hab ich es gewollt, aber thells hatt' ich zu 
mancherlei zu thun, um ein paar vernünftige Stunden mit dir 
zuzubringen, theils hat mich Ursinus immer aufgehalten, der 
einen Brief an dich mit beilegen wollte. Er entschuldigt sich 
aber auch immer mit Mangel der Zeit, und es ist die Fracre, 
ob er mir überhaupt einen geben wird, denn gar so lange will 
ich auch nicht mehr warten. Ursinus ist eine ganz ffute Art 
von Menschen, er hat wirklich ein sehr warmes Herz und En- 
thusiasmus für Alles, was er für gut und schön hält ; hin und 
wieder mangelt's ihm wohl an Kenntnissen, und völlig ersetzt er 
mir denn freilich nicht euren Umgang, ihr Lieben, Bürger, 
Kielmannsegge u. s. av. Er hat für mich auch etwas zu sehr 
den Ton der feinen Welt, doch wär's vielleicht besser für mich, 
w^enn ich den selbst hätte. Indessen ist er mir immer ein ganz 
angenehmer Umgang. Es wunderte mich, wie er dich mir als 
seinen Bekannten nannte und du mir nichts von ihm geschrieben 
hattest."*) In demselben Briefe lobt, wie wir schon bemerkt 
haben, Biester seine beiden Stücke im Musenalmanach und fuhrt 
fort: „Was er mir sonst von gedruckten und ungedruckten 
Sachen von sich selbst gezeigt hat, will nicht viel sagen." 
Endlich meldet er, dass er mehrere auf die Geschichte Ber- 
lins bezügliche alte Lieder entdeckt und Ursinus übergeben 
habe, der sie herauszugeben beabsichtige.' 

Ob Ursinus noch mit Bürger in Briefwechsel trat, wissen 
wir nicht. In einem Briefe ßiester's an Bürger vom 6. März 
1778 heisst es nur: „Ursinus grüsst dich." **) Dagegen schreibt 
Bürger einige Tage später (am 12. März) ziemlich unwillig in 
Betreff der Herausgabe seiner Werke: „Und nun Herr Laur! 
— Dass doch gleich der Henker von mir in der Welt umher- 
posaunen muss! Vermuthlich hat er's von Ursinus und dieser 
von Chodowiecky erfahren, an den ich mein Manuscript des 
Kupfers wegen geschickt habe."***) 

Nachdem Ursinus mehrere Jahre als Secretär im Dienste 
des Generals Grafen von Möllendorf gestanden hatte, wurde er 
1781 zum Geheimen expedirenden Secretär beim General-Direc- 



*) Strodtmann II, 133 f. **) Ebendaselbst II, 243. ***) Ebendaselbst 
11, 248. 



August Friedrich Ursinus. 13 

torium in Berlin, 1786 zum Kriegsrath und 1798 zum Gehei- 
men Kriegsrath ei-nannt. 

Bisweilen noch Hess sich seine poetische Muse in Liedern 
hören, deren künstlerischer Werth freilich nicht gross ist. Es 
erschienen in der von Biester und Gedike herausgegebenen Ber- 
linischen Monatsschrift von ihm „Das Lied des alten Invaliden 
am Heck zu Charlottenburg an die Herren und Damen von 
Berlin" (1784), „Aennchen von Wensikendorf, ein Anhang zu 
Nicolai's Beschreibung von Berlin" (1790), ein heiteres Lied 
nach der Melodie „Wer sagt mir an, wo Weinsberg liegt?", 
in Avelchem ein mit ihrer Mutter nach Berlin kommendes Bauern- 
mädchen in humoristischer Weise den Eindruck schildert, den 
die grosse Stadt mit ihren Palästen und schönen Häusern auf 
sie gemacht hat. Wir erkennen in diesem Gedichte die per- 
sönlichen Beziehungen des Verfassers zu einzelnen Freunden, 
wie zu dem Bibliothekar Biester, wenn er sagt: 

Ein gross Gebäud' am Opernplatz 

Steht da mit einer Wache. 

Fragt Ihr wozu? der König hat's 

Voll Bücher bis am Dache. 

Ein g'lahrter Doctor nebenbei 

Schreibt immer Bücher noch aufs neu — 

oder zum Kriegsrath Marpurg, dem gründlichen Kenner der 
Musik, der das Amt eines Lotterie-Directors inne hatte : 

So ist's auch noch die Friedrichsstadt, 

Die, deucht mich, die gescheute 

Und recht barmherz'ge Anstalt hat 

Zum Besten armer Leute: 

Die Lotterie, die unverhofft 

Den Bettler macht zum Reichen oft. 

Endlich lieferte Ursinus für die Berlinische Monatsschrift 
noch das Gedicht „Gartenlob" (1794), welches der ihm befreun- 
dete Capellmeister Reichardt in Musik setzte. Wir theilen von 
diesem Gedichte die erste Strophe mit: 

wie lebt sich's schön im Garten, 
Wo man nicht sich müde warten, 
Nicht erst suchen darf nach Lust; 



14 August Fi'iedricli Ursinus. 

Wo sie selbst auf allen Wegen, 
Dass das Herz in unsi'er lirnst 
Froher schlägt mit allen Schlägen, 
Mild uns immer kommt entgegen. 

In Berlin stand Ursinus in hohem Ansehen und erfreute 
sich des Umo-anors und der Freundschaft der bedeutendsten 
Gelehrten.*) Er war zweimal verheirathet, zuerst mit einem 
Fräulein Lieber aus Berlin, dann mit Henriette Voigtel, der 
Tochter des Medicinalraths Voiortel in Mao-deburo;. Aus diesen 
Ehen gingen drei Kinder hervor, von denen ihm sein hoffnungs- 
voller Sohn Karl im siebzehnten Lebensjahre zu Göttingen 
entrissen -wurde. Eine Tochter, Luise, wurde die Gattin des 
Geheimen Obersteuerraths IfFland in Hannover, eines Neffen 
des berühmten Schauspieldirectors Iffland. Ursinus starb zu 
Berlin am 18. März 1805. 

Aus dem Nachlass seiner vor Kurzem in hohem Alter ver- 
storbenen Tochter ist uns durch die Güte des Obergerichtsraths 
Iffland in Verden ein Stammbuch des Geheimenraths Ursinus 
mitgetheilt worden, das der Veröffentlichung werth erscheint, 
da fast alle bedeutenden Geister jener Zeit ein Wort zu jenem 
Sprechsaal geliefert haben. Ohne Datum sind die Einzeich- 
nungen von Moritz August vonThümmel und des Professors 
Robert de Sanseverino in Berlin. Der Erstere schreibt: 

Marul greift zum Horaz, doch nur aus langer Weile, 
Er schlägt ihn gähnend auf und liest 
Empfindungsvoll die goldene Zeile: 
Wohl dem, der fern von den Geschäften ist. 

Der Andere: — ,Et secura quies et nescia fallere vita' — aus 
des Virgil's Georgika 2, 467. 

Wir folgen nun der chronologischen Anordnung, um zu- 
gleich den Aufenthalt des Besitzers des Stammbuches danach 
zu bestimmen. 

Ursinus begann im Jahr 1772 sein Stammbuch den bedeu- 
tendsten Vertretern der W^issenschaft und Kunst vorzulegen. 
Aus diesem Jahre finden wir Einzeichnungen der Mitglieder 
des Halberstädter und Braunschweiger Dichterkreises. Den 

") Büsten berlinischer Gelehrten und Künstler. Leipzig 1787. IS. 3C4 — 3G6. 



August Frieclricli Ursinus. 15 

Anfang machte am 12. September, wenige Tage vor seinem 
Tode, Johann Benjamin Michaelis in llalberstadt mit folgen- 
den Versen : 

Gefesselt führt der Schmerz uns Alle durch das Leben, 
Sanft, wenn wir wiHig gehn, rauh, wenn wir widerstreben. 

G. E. Lessing schrieb am 15. September in Wolfenbüttel 
einen Ausspruch des atheniensischen Volksredners Androkles: 
^EXiv&eQi'u eor)i' d()eTtj x^v/Jig evdui'/ioyog tlg tu y.aXu. Dann folgen 
die Braunschweiger, die Professoren des Carolinums in Braun- 
schweig, Gärtner, Eschenburg, Zachariii, Schmid und Ebert, 
sammt dem Begründer des Carolinums, Jerusalem. Vorher zeich- 
nete sich noch Johann Lorenz Benzler (1747 — 1817), der 
Uebersetzer des Herodot, ein, der 1780 Bibliotheks-Collaborator 
und 1783 Bibliothekar der gräflichen Bibliothek zu Wernigerode 
wurde. Besonders von dem ihm wohl geneigten Geliert an- 
geregt, hatte er bereits durch eine mit eigenen Dichtungen be- 
reicherte Fabelsammlung sich bekannt gemacht. Mit dem Hal- 
berstädter Dichterkreis stand er in engem Verkehr, auch mit 
Justus Moser stand er in eni2"er Beziehuno;; er sammelte dessen 
kleinere Schriften, und Gleim schrieb am 10. September 1772 
über ihn an Lessing: „Für jetzt, mein lieber Freund, empfehle 
ich Ihnen meinen guten Benzler, der schon einmal Ihnen selbst 
geschrieben hat. Er glaubt bei einer armseligen Versorgung in 
Lemgo wegen des an diesem Orte zu stiftenden grösseren 
Nutzens glücklicher zu sein als in Halberstadt; deswegen geht 
er nach Lemgo zurück." 
Benzler's Worte sind: 

Die Tugend und die Freude 
Sind ewig verwandt, 
Es knüpfet sie beide 
Ein schwesterlicli Band, 

Karl Christian Gärtner (1712 — 1791) zeigt sich mit 
einem Worte Richardson's : 

Nur die Religion lehrt uns ein unvermeidliches Uebel geduldig 
zu ertragen. 

Es eben bürg (1743-1820) bringt ein Wort aus Shake- 
speare'« Hamlet (Act 1, Scene o): 



16 August Fi-iedrich Ursiuus. 

This above all; to thine own seif be true, 
And it must follow, as the night the day, 
Thou canst not then be false to any man. 

Der Abt Jerusalem (1709—1789), Doctor der Theologie 
und Vicepräsident des fürstlichen Consistoriums, überliefert ein 
biblisches Wort: 

Unser Wissen ist Stückwerk und unser Weissagen ist Stückwerk. 
Wann aber das Vollkommne kommen wird, wird das Stückwerk 

aufhören. 

Friedrich Wilhelm Zachariä (1726—1777) schreibt am 
22. September 1772 in das Stammbuch: 

Beglückt ist der, der, keines Mächtgen Sclav, 
Sich selber lebt; dem bei Nordwestensturm 
Kein Schiff zerscheitert am untreuen Fels ; 
Den Hoffnung nicht im Vorgemach ernährt, 
Und der, wenn rings um ihn der Thoren Schaar 
Nach dem Phantom der eitlen Ehre hascht, 
Verborgen liegt im Winkel seiner Welt. 

Konrad Arnold Schmid (1716 — 1789) giebt ein Wort des 
Jüngern Plinius : 

Et gaudium mihi et solalium in llferis, nihilque tam laetum, 
quod his laetius, nihil tam triste, quod non per has sit minus 
triste. 

Johann Arnold Ebert (1723 — 1795) endhch citirt ein 
Fragment des Euripides bei Stobäus: 

Ov namonai rag %(/.Qnag raig fiovauig 
JSvyxaTafityvvg i^öigti^v Gv^vyiav 
M)] Coit/i' i^i^T uixovoiag. 

Am 10. November 1772 schrieb Job. Willi. Ludwig Gleim 
(1719 — 1803) auf seinem Krankenbette zu Ilalberstach folgende 

Verse : 

Ein alter dürrer Knochenmann, 
Der Keines Leben schonen kann, 
Der uns mit einer Sense droht, 
Ein solcher ist der Neuern Tod. 

Der Tod der Alten war 

Ein Jüngling. Freundlich, voll Erbarmen, 

Trug er, mit sanft umschlungnen Armen, 



August Friedrich Ursiuus. 17 

Die Menschen gern zu Götter-Seeligen 
Hinüber in's Elysium ! 

Aehnliche, nur durch das Leben gereiftere Gedanken sprach 
der hochbetagte Gleim in einem wenige Monate vor seinem 
Tode, am 28. Juli 1802, verfassten Gedichte aus. 

Ein Engel bist du nicht, o Tod, 
Du bist ein Knochenmann, 
Der uns mit einer Sense droht 
Und sieht uns schrecklich an. 

Sei was du willst ! Komm aber bald, 
Ich warte längst auf dich, 
Du bist in beiderlei Gestalt 
Mir gar nicht fürchterlich. 

Gott sendet dich. In deiner Macht 
Steht nichts, steht nicht einmal 
In meines Lebens letzter Nacht 
Die kleinste Sterbequal. 

Im Glauben an den Gott, der mich 
Sein Hess in dieser Zeit, 
Im Glauben stark an den sterb ich 
Zum Sein in Ewigkeit. 

Die Osterferien des Jahres 1773 verlebte der junge Ur- 
sinus theils in Halberstadt, theils in Magdeburg. In Halber- 
stadt begrüsste er LichtAver, Jacobi, Klamer Schmidt und 
Heinse. Licht wer (1719 — 1803) zeichnete in das Stamm- 
buch die Worte: Patria est, ubi bene est; Johann Georg Ja- 
cobi (1740 — 1814) Avählte einen Ausspruch aus dem Gast- 
mahl Xenophon's : Ku( ot d^ioi — xaXoy.dya&i'u rjdovzai. 

Aus Walter von der Vogel weide schrieb Klamer Schmidt 
(1746-1824): 

Mich duhte das mir je 

Lieber wurde danne mir ze muote was. 

Die bluomen vielen je von dem boume 

Bi uns nider an das gras. 

Seht do mueste ich von vroiden lachen, 

Do ich so wunnckliche was im troume ziehe, 

Do taget es und muos ich wachen. 

Ze Halberstadt d. 2. April 1773. 

Sinem frunde Her Ursinus 
Klamer Eberhard Karl Schmidt. 

Ajrchiv f. n. Sprackeu. LIX. 2 



18 Augvist Friedrich Ursinus. 

Johann Jacob Heinse (1749 — 1803), der Dichter des Ar- 
dinghello, im Halberstädter Dicliterkreise unter dem Namen 
Rost bekannt, wähhe eine Stelle aus einem Stück des Metastasio: 

Di tema il tue core e d' ardimento 
Componga un misto, che prudenza sia, 
E seco ti consiojh'a o;2;ni momento. 

Metastasio nella Strada della Glor. 

Con questo prega al sno caro Amico ogni contentezza e si 
racomanda Heinse detto Rost. 

Halberstadt li 6. Aprile 1773. 

In Magdeburg machte Ursinus die Bekanntschaft dreier 
Pädagogen, Schmit, Schummel, Funk, und des Pastors Patzke. 
Friedrich Schmit aus Nürnberg (1744 — 1813), Lehrer an der 
berühmten Erziehungsanstalt zu Kloster Berge, Mitarbeiter an 
den Göttinger Musenalmanachen von 1772 — 1774, bekannt als 
einer der ersten Lyriker, die das Sonett zurückführten, und als 
Uebersetzer des Fortinguerra und Tassoni, schrieb folgende 
Verse aus Walter von der Vogelweide: 

Daran gedenke ein seelig man, 
Da lit viel selde und ehre an, 
Swer guotes wibes minne hat, 
Der schämt sich aller missetat. 

Johann Gottlieb Schummel (1748 — 1813), Lehrer und 
Conventual am Pädagogium zum Kloster U. L. Frauen, Ver- 
fasser der empfindsamen Reise durch Deutschland, einer Nach- 
ahmung des Sterne'schen Werkes, und des Spitzbarts , einer 
komisch-tragischen Geschichte für unser pädagogisches Jahr- 
hundert, machte folgende Einzeichnung : 

How poor, how rieh, how abject, how aiigust, 
hovv complicate, how wonderfui, is Man? — 
Helpless Immortal! Insect infinite! 
A worm ! A God. 

Der Rector der Domschule zu Magdeburg, Gottfried Bene- 
dict Funk (1734 — 1814), bekannt als Kirchenliederdichter, 
schrieb : 

Es ist Glückseligkeit, beständig vor Augen zu haben, dass 
wir Werkzeuge in der Hand Gottes zum Besten seiner Ge- 
schöpfe sind. 



August Frio(lrif'l) Ursinus. 19 

Johann Samuel Patzke, Pastor an der h. Geistkirche zu 
Magdeburg (1725 — 1787), Verfasser verschiedener Lieder und 
Trauerspiele, Uebersetzer des Tacitus und Terenz, Herausgeber 
einer moralischen Wochenschrift „Der Greis", folgte am 3. Mai 
1773 mit folgendem Verse des ihm befreundeten Gleim: 

Was morgen ist und übermorgen 
Zu deinem Besten dir verborgen, 
O Dämon, forsche nicht darnach 
Und fröhlich nutze jeden Tag! 

Am 5. October 1773 zeichnete sich zu Leipzig Karl August 
Kutner (1749—1800), damals noch Student, seit 1775 Pro- 
fessor der griechischen Literatur in Mitau, Verfasser von Oden, 
Dichtungen und Gemälden aus der nordischen Vorzeit etc., mit 
einer Stelle aus den Satiren des Iloraz (II, 5, 8) ein: 

Et genus et virtus nisi cum re vilior alga est. 

Aus dem Jahr 1774 sind nur zwei Einzeichnuno;en vor- 
banden, und zwar vom 26. April die des Schauspielers Gustav 
Friedrich Wilhelm Gross mann (1746—1796) in Halle: 

Tout ce qui vous attache ä une fcmme n'est pas toujours de l'amour ; 

tout ce qui vous attache ä un homme n'est pas toujours de l'amitie. 
J'espere que le choix que vous ferez de vos amis ne sera Jamals 
celui de l'attachement dont on ne sait se faire une raison, mais 
qu'ayant une fois choisi, vous ne serez point volage ni en amour 
ni en amitie. Je suis tout ä vous Grossmann. 

sowie vom 14. October die des ältesten unter den grossen Be- 
gründern und Hauptbildnern der deutschen Bühnenkunst, Kon- 
rad Eckhof (1720 — 1778) in Leipzig, der ein Wort aus 
Cronegk's Codrus wählte: 

Der Götter Vorsicht hat die Bahn von unserm Leben 
Mit tiefer Dunkelheit und heiiger Nacht umgeben. — 
Die Tugend nur allein kann durch die Dunkelheiten 
Uns zur Unsterblichkeit auf sichern Wegen leiten. 

Sehr bezeichnend ist das Wort, welches Johann Martin 
Miller aus Ulm in Schwaben (1750 — 1814), der Verfasser des 
Siegwart, am 5. März 1775 in Halle schrieb: 

Die Thoren spreclien in ihrem Herzen: Es ist kein Gott! 
Und die Schurken : Es ist kein Vaterland I 



20 August Friedrich Ursinus. 

Nach Beendigung seiner theologischen Studien in Göttin- 
gen, wo er dem von Boie gestifteten Dichterbunde angehört 
hatte, begleitete Miller 1774 Klopstock, der den Bund besucht 
hatte, nach Hamburg. Ehe er die Rückreise in seine Heimat 
antrat, hielt er sich noch in Halle und Leipzig auf. In Halle 
traf ihn Ursinus. 

Am 15. Mai 1775 war Ursinus bei dem Rector der latei- 
nischen Stadtschule in Aschersleben, Christoph Friedrich San- 
ger hausen, einem Mitgliede des Halberstädter Dichterkreises 
und Mitarbeiter an der von Nicolai herausgegebenen Neuen 
deutschen Bibliothek, der auch leicht versificirte Briefe und 
Satiren in Kästner'scher Manier herausgegeben und Beiträge 
zu den Göttinger Musenalmanachen von 1776 und 1778 ge- 
liefert hat. Von ihm findet sich ein Wort des Horaz in Ur- 
sinus' Album : 

Nil admirari prope res est una . . . 

Solaque quae possit facere et servare beatum. 

Von Aschersleben begab sich Ursinus nach Halberstadt, 
wo er am 18. Mai Wieland und Friedr. Justin Bertuch in 
Gleim's Tempel der Freundschaft traf. Wieland schrieb in 
sein Stammbuch: 

Dein Lebens Vorsatz sei : Viel denken und viel thun ! 
Der Ünverdrossne nur, der raschen Schritt der Jugend 
Zum Guten that, gelangt im Alter zu der Tugend, 
Die göttlich ist. 

Bertuch wählte eine Stelle aus Gleim's Halladat: 

Wenn unter deinen Brüdern einer ist, 

Der mit der Güte seines Herzens dir 

Ins Auge leuchtet und mit seinem Geist 

Den deinigen befriedigt und erquickt, 

Wohl dir o Mensch ! Dann hast du einen Mann, 

Dem du dein Leben anvertrauen kannst! 

Er stimmt zu deinem Zweck! 

Am 21. und 22. Juli 1775 war Ursinus in Magdeburg. 
Der durch seine Episteln, Tischlieder und Hymnen bekannte 
Hofrnth Friedrich von Köpken (1737 — 1811) schrieb ihm ein 
Wort des Dichters J. P. Uz ins Stammbuch: 



August Friedrich Ursinus. 21 

Den edlen Seelen quillt Vergnügen 
vSelbst aus Erfüllung ihrer Pilicht. 

Der Musiktlirector Johann Heinrich Rolle (1718 — 1785), 
ein berühmter Coniponist von Motetten und Oratorien, wählte 
einige Verse von Haller: 

Aus der Tugend fliesst der wahre Fi-iede, 
Wollust ekelt, lieichtluim macht uns müde, 
Kronen drücken, Ehre blend't nicht immer, 
Tugend fehlt nimmer. 

Ein Wort von Claudius wählte der Prediger an der Jo- 
hanniskirche Jacob Friedrich Feddersen (1736 — 1788): 

Recht thun und edel sein und gut, 

Ist mehr als Geld und Ehr, 
Da hat man immer frohen Muth 

Und Freude um sich her, 
Und man ist stolz und mit sich eins, 

Scheut kein Geschöpf und fürchtet keins. 

Im Bade zu Lauchstedt, wohin sich Ursinus von Magde- 
burg aus begab, traf er am 26. Juli mit dem Dichter Leopold 
Friedr. Günther von Göckingk (1748 — 1828) und mit dem 
Oberbürgei-meister und Stadtrichter zu Neuhaldensleben Johann 
Nathanael Schultze zusammen. Der erstere schrieb: 

Tugend, Weisheit, Freundschaft, Wein: 
Sonst ist alles, alles — eitel ! 

Das ist die Philosophie Ihres Freundes Göckin<ik. 

Der andere, ein Freund Gleim's, der ihm am 21. September 
1769 ein im Göttinger Musenalmanach von 1770 erschienenes 
Gedicht widmete, hatte in demselben Musenalmanach von 1773 
ein Gedicht „an eine Welle am Eibufer — nach der Torgauer 
Schlacht" veröfFientlicht. Schultze wählte für Ursinus' Stamm- 
buch ein Wort des Dichters Uz : 

Dem Armen gern das Recht zu sprechen, 

Und wenn die Unschuld weint, an Frevlern sie zu rächen, 

Ist göttlicher als ein Gedicht! 

Itn September 1776 zeichneten sich Huber, Weisse, Hiller, 
Geyscr und Engel in Leipzig ein. 

Michael Hub er (1727—1804), der um die Ausbreitung 



22 August Friedrich Ursiiuis. 

der deutschen Literatur in Frankreich verdiente Lcctor der 
französischen Sprache an der Universität Leipzig, lieferte fol- 
gende Worte: 

Heureux qui, meprisant l'opinion commune, 
Que notre vanite peut seiile autoriser, 
Croit, comme moi, que c'est avoir fait sa fortune, 
Quo d'avoir, comme moi, bien su la raepriser. 

Christian Felix Weisse (1726—1804), Dichter und Jugend- 
schriftsteller: 

An elegant sufficiency, content, 
Retirement, rural quiet, friendship, books, 
Ease and alternate laboiir, useful life, 
Progressive virtne and approving heavn. 

Johann Adam Hill er (1728 — 1804), berühmter Componist 
und Musiker: 

Er lebte schlecht und recht, 

Ohn Amt und Gnadengeld nnd niemands Herr noch Knecht. 

Der Kupferstecher G. G e y s e r : 

Tantum sumus, quantum prosumus. 

Johann Jacob Engel (1741 — 1802) schrieb einen Satz 
des Euripides: 

Die Götter verkaufen das Glück um die Arbeit. 

Noch einmal, und zwar zu Ostern 177(3, war Ursinus in 
Leipzig. Oeser, Platner, Clodius, Zollicofer, d'Arien, Liebe 
zeichneten sich in sein Stammbuch. 

Der Director der Kunstakademie in Leipzig F. A. Oeser 
(1717—1799) lieferte eine Sepiazeichnung, welche das Stamm- 
buch eröiFnet. Es stellt ein Denkmal mit einer Urne, die das 
Bild Plato's trägt, dar. 

Von dem Philosophen Ernst Platner (1744—1818) findet 
sich folgender Satz: 

Wissenschaft ist dann erst Weisheit, wenn sie Menschenliebe 
und Tugend, Vertrauen auf Gott und Eifer für die Wahr- 
heit wirkt. 

Der Professor der Philosophie Christian August Clodius 
(1738-1784) schrieb: 



August Friedricli Ursinus. 23 

Es ist leichter die wahre Glückseligkeit zu bestimmen als sie 
zu empfinden. Viele entwerfen ihre Gestalt mit reizenden 
Zügen, die indess, da sie die Welt entzückte, in stiller Kin- 
samkeit weinten. Der walire Gennss derselben ist ohnstreitig 
einer besseren Welt aufbehalten, wo man weniger klügeln und 
mehr wissen wird. 

Vergessen Sie nicht, lieber Freund, Ihren Clodius. 
Sie lieben die Weisheit, diese begleite Sie. 

Der Prediger der reformirten Gemeinde zu Leipzig Georg 
Joachim Zollicofer (1730 — 1788), einer der grössten Kanzel- 
redner seiner Zeit, schrieb ; 

Nihil habet nee forfuna hiimana maius nee natura melius 
quam ut quam plurimis prodesse et possimus et cupiamus. 

Bernhard Christoph d' Arien (1754—1795), damals Stu- 
dent der Rechtswissenschaft in Leipzig, nachher Rechtsprakti- 
kant in Hamburg, bekannt als Verfasser des Claus Störzen- 
becher, den er auf die Bühne brachte, und des Trauerspieles 
„Maria von Wahlburg", zeichnete sich mit folgenden Versen ein: 

Beglückt und sorglos unter Rosen hüpfen, 

Geschäftig Freud an Freude knüpfen, 

Durch seinen Scherz des Lebens Werth erhöhn, 

Und wenn Verleumder unsre Freuden schelten, 

Sie nur bedauern, bessre Welten, 

Wo keine Misgunst wohnt, gleich Stunden Jahre schwinden, 

Im kleinen Kreis geprüfter Freunde finden 

Und ruhig seines Weges gehn — 

Dies, Freund! Dies ist der Menschheit Glück! 

Und Aveil wir hier nichts besseres haben. 

So sei uns dies genug. — Das weisere Glück 

Giebt jedem Erdensohn von seinen Gaben, 

So viel es ihm beliebt, dem minder, jenem mehr ! 

Das ist nun so! — Vollkommen kann auf Erden 

Kein Glück und kein Vergnügen werden! 



Drum lass auch uns die Blumen aller Freuden 

Mit Kargheit sammeln, andre nicht beneiden, 

Nicht säumen unseres Lebens zu geniessen 

Und so mit Lieb und P'reundschaft unsre Wallfohrt schliesson. 

Zuletzt schrieb am 17. April 1776 G. A. Liebe zu 
Leipzig: 



24 August Friedrich Ursinus. 

Sanft wie der Lenz, der sich auf Fluren niedersenket, 

Mild wie der Thau, wenn er die junge Blume tränket, 

Ist deine Stimme, Freundschaft, in das Herz 

Des Weichgeschaffnen. Jeder Schmerz 

Fleucht hin vor ihr, 

Wie Morgennebel vor dem hellen Blick der Sonne 

Zerschwinden. — Seligkeit und Wonne 

Giesst sie in unsre Brust. 

An demselben Tage zeichnete sich Adolf Julius Laur*) in das 
Stammbuch seines Freundes. Er wählte dieselben Worte aus 
Gleim'sHalladat, die Bertuch vom 18.jMai 1775 verzeichnet hatte, 
und schrieb nur noch dazu: Der bist du mir, der bin ich dir. 
Von Leipzig kehrte Ursinus nach Halle zurück. Er w^ar 
jetzt im Begriff nach Berlin zu übersiedeln. Der ihm befreun- 
dete August Hermann Niemeyer (1754 — 1828), der spätere 
Kanzler der Universität Halle, der sich damals auf sein aka- 
demisches Amt vorbereitete, schrieb „am Abschiedstage meines 
Lieben, den 25. April 1776," folgende Worte: 

Wenn einst dies Herz sich sehnt nach Ruh, 
So schliesse dann am Abend meiner Tage 
Die Freundschaft mir das Auge zu ! 

Mit Niemeyer unterhielt Ursinus einen lebhaften Briefwechsel, 
der zum Theil noch vorhanden ist. Beide verband die innigste 
Freundschaft. Ursinus hatte dem Freunde seine Balladen über- 
sandt. Niemeyer schrieb am IG. Juni 1777: ..Ich bewundere 
Ihren eisernen Fleiss in dem Studium der Reliques und Ihre 
Sammlung ist mir ein liebes, liebes Buch. Kein Wort über 
die Wahrheit und damit man den Freund nicht in dem Recen- 
senten hören sollte, viel weniger als mir das Buch werth ist, 
habe ich in der Zeitung gesagt. Ich lese jetzt Mittwoch und 
Sonnabend um 1 Uhr ein Collegium über die deutschen Dichter. 
Das grosse Nösselt'sche Auditorium ist gedrängt voll. Mich 
freut es so vielleicht etwas für den Geschmack zu thun. Da 
hab' ich nun schon zw^eimal etwas von Ihnen vorgelesen und 
immer stolz dabei gesagt: „der Herr Ursinus ist mein Freund!" 
und immer auf dem Angfesicht von beinahe dreihundert Zu- 



*) Er lebte später als Rath in Münster. Er erscheint öfter in den 
Briefen Bürger's (Strodtmann a. a. O. 11, 26d. 245. 248. 252.) 



August Fricdricli Uis'mus. 25 

hörcrri die Freude gelesen. (Ein Privatissinium lese ich jetzt 
18 guten Jünglingen über den Messias von 6 — 7.) Lassen Sie 
uns nicht lange auf die Fortsetzung und noch weniger lange 
auf die Ihrer eigenen Gedichte warten. Ich sehne mich mit In- 
brunst danach. Mein Freund legt viel in seine Arbeit. Des 
Almanachs Schaums bin ich müde, wenngleich mitunter etwas 
jxutes kommt etc." 

Den Rest des Jahres 1776 und den Anfang des folgenden 
Jahres verlebte Ursinus in Berlin, mit der Sammlung seiner 
Balladen und Lieder beschäftigt. Hier Avurde er mit Johann 
Anton Leise witz (1752 — 1806) bekannt, der eben mit seinem 
„Julius von Tarent" im Kampfe mit Schröder den Sieg er- 
rungen hatte. Der Dichter schrieb ihm die Worte Haller's ins 
Stammbuch, welche schon der Musikdirector Rolle am 22. Juli 
1775 eingezeichnet hatte. Der durch seinen Roman „Sophiens 
Reise von Memel nach Sachsen" bekannte Pastor und Professor 
der Theologie in Breslau Johann Timotheus Hermes (1738 
— 1821), damals in Berlin, schrieb am 29. Juni das Wort: 

Displicere malis. 

Einer der vorzüglichsten musikalischen Schriftsteller, der 
Kriegsrath und Lotterie-Director zu Berlin Friedrich Wilhelm 
Marpurg (1718—1795), wählte für Ursinus' Stammbuch ein 
Wort aus den Tusculanen des Cicero: 

Nihil est dulcius otio litterario. 

Der Dichter Karl Wilhelm Ramler (1725—1798) wählte 
aus den Sinngedichten Logau's folgendes Wort : 

Höflichkeit verlor den Rock, Falschheit hat ihn angezogen. 
Hat darinnen viel geäflFt, hat manch Biederherz betrogen. 

Der geistvolle Maler und Kupferstecher Daniel Nicolaus 
ChodowieckI (1726 — 1801), der nicht allein in Deutschland, 
sondern auch in anderen Ländern Europas durch seine kunst- 
vollen Leistungen bekannt geworden Ist, lieferte eine Feder- 
zeichnung, welche einen Reiter mit seinem Liebchen auf gal- 
loppirendem Pferde (ob Leonore und Wilhelm?) darstellt, mit 
der Widmung: „Sich dem Herrn Besitzer bestens empfehlend 
zeichnete dieses dessen ergebenster Diener D. ChodowieckI, 
Berlin den 28. October 1776." 



2 6 August Friedrich Ursinus. 

Auch der Historienmaler J. C. Frisch, Mitdied der 
Malerakademie in Berlin, gab mit einer in Wasserfiirben ge- 
halteneu Zeichnung (Apoll einen Knaben die Cither lehrend), 
welche die Widmung trägt: „Zum freundschaftlichen Andenken 
von J. C. Frisch, 3 777", einen Beitrag zu Ursinus' Stammbuch. 

Am 22. Januar 1777 schrieb der Buchhändler Friedrich 
Nicolai (1733—1811) in dasselbe: 

Wer frei darf denken, denket wohl ! 

Im März desselben Jahres befand sich Ursinus in Halle 
und Dessau. Zwei Theologen und zwei Pädagogen bat er um 
Einzeichnungen in sein Stammbuch. 

Johann August Nösselt, Professor der Theologie in Halle, 
schrieb : 

Lasset uns Gutes thun und nicht müde werden, 

Zu seiner Zeit werden wir auch ernten ohne Aufhören. 

Johann Salomo Semler (1725 — 1791), seit 1725 Professor 
der Theologie in Halle, der Vater des Rationalismus, schrieb: 

Vanitas ! oninia vana. 

Initium hoc sapientiae christianae et sui memoriam coniniendat 

J. S. Sem 1er. 

Joachim Heinrich Campe (1746 — 1818), der trefßiche 
Leiter des Philanthropins zu Dessau, durch seine Kinder- und 
Jugendschriften, sowie durch seine lexicographischen Arbeiten 
bekannt, wählte einen Ausspruch Pope's: 

The boy despises the infant, the man the boy, 
the philosopher boih and the Christian all. 

Johann Bernhard Basedow (1723 — 1790), der Begründer 
des Philanthropins in Dessau und Reformator des deutschen 
Erziehungswesens , erscheint mit dem Plorazischen (Od. HI, 
6, 17 ff.) 

Fecunda culpae secnla nuptias 

Primum inquinavere et genus et domos. 

Hoc fönte derivata clades 

In patriam populumque fluxit. 

Im April 1777 kehrte Ursinus wieder nach Berlin zurück. 
Am 25. April schrieb der Capellmeister Johann Friedrich 
Reichardt (1752 — 1814), der berühmte Coraponist und Musik- 
tiieorctiker, in sein Stammbuch: 



August Friedricli Ui-äinus. 27 

Geniess die Freuden dieses Lebens 
Und lern sie auch verachten. 

Auch Goethe hat sich eingezeichnet; doch als ob er die 
Missstimmung, die ihn in BerHn erfasste, hätte verewigen wollen, 
schrieb er nur die prosaischen Worte ein: „Zum Andenken. 

Berlin, d. 19. May 77. Goethe." 

Am 9. Juli 1777 zeichnete sich der Dichter Joachim Chri- 
stian Blum (1739 — 1790), der sich besonders durch seine „Spa- 
ziergänge" bekannt gemacht hat, mit folgendem Satz ein: 

Wer sichs vornehmen wollte, immer etwas Neues zu denken 
und zu sagen, der würde eben damit schon auf alle feste 
Maximen, auf alle Vervollkommnung seines Kopfes und Her- 
zens Verzicht gethan haben. 

Ich wünsche dem Besitzer dieses Stammbuches das sicherste 
Glück. J. C. Blum. 

Vier Tage später schrieb der Oberconsistorialrath und Propst 
in Berlin Johann Joachim Spalding (1714 — 1804) ein Horazi- 
sches Wort ein: 

Neve putes alium sapiente bonoque beatum. 
Im November 1777 begab sich Ursinus nach Hamburg. 
Hier bat er Klopstock und Bach um eine Einzeichnung. Klop- 
stock schrieb am 6. November hinein: 

Nicht scheinen, aber seyn. 
Karl Philipp Emanuel Bach (1714—1788), der grosse 
Musiker, schrieb: 

Viel versprechen, noch mehr halten. 
Auch Matthias Claudius in Wandsbeck wurde im fol- 
genden Jahre besucht. Er schrieb am 11. März 1778: 
Seelig sind die reines Herzens sind. 
Zu Anfang des Jahres 1778 befand sich der berühmte 
Schauspieler Johann Franz Hieronymus Brock mann (1745 — 
1812) als Gast in BerHn. Bekanntlich widerfuhr ihm hier die 
bis dahin unerhörte Ehre, nach der Darstellung des Hamlet 
hervorgerufen zu werden. Ursinus legte ihm sein Stammbuch 
am 23. März vor und erhielt folgende Einzeichnung: 
Das edelste Verdienst ist Tugend — Meisterwerke 
Werden un.sterblich, die Tugend selten ; 
Allein sie soll auch dieser Unsterblichkeit 
Nur wenig achten. 



28 August Friedrich Ursinus. 

In demselben Jahre, am 11. Mai, schrieb ein Niederländer 
J. H. S wilden s einen längeren „Afscheid aan mynen lieven 
vrind Ursinus en onzen lieven Biester" in seines Freundes 
Stammbuch. 

Im Jahre 1779 befand sich Ursinus auf einer Reise in die 
Sächsische Schweiz, auf welcher er auch Freiberg und Dresden 
besuchte. In Freiberg verlebte er sehr angenehme Tage im 
Hause des Commissionsraths und Oberbergaratsassessors Jo- 
hann Friedr. Wilh. Toussaint de Charpentier (1738—1805), 
dessen Tochter Julie die Braut des Dichters Novalis wurde. 
Charpen(ier schrieb in das Stammbuch am 3. Mai 1779: 

L'etude convenable a rhomrae est celle de ses rapports. Tant 
qu'il ne se connoit que par son etre physique, il doit s'etudier 
par ses rapports avec les choses; c'est remploi de son en- 
fance: quand il comnience ä sentir son etre moral, il doit 
s'etudier par ses rapports avec les hommes; c'est l'emploi de 
sa vie entiere. 

In Dresden Avar er mit dem ihm befreundeten August Gott- 
lieb Meissner (1753—1807), damals Kanzlist beim geheimen 
Concil, später geheimer Archivregistrator, seit 1805 Director 
der Lehranstalten in Fulda, als Schriftsteller besonders durch 
sein historisches Drama „Johann von Schwaben" bekannt, so- 
wie mit dem Hofrath und Bibliothekar Karl Wilhelm Dass- 
dorf (1750 — 1812), dessen Schauspiel „Andromache" in dem- 
selben Jahre, wie seines Freundes Balladen, erschienen war, 
zusammen. Meissner schrieb ein Wort des Dichters Michaelis ein 
Der Himmel sei dein Ziel! Dein Weg dazu Geschäfte! 
Dassdorf setzte zu seinen eignen Worten: 

Gesundheit spinne deine Tage! 

Zufriedenheit vergolde sie, 

Der Freundschaft Glück verschönre sie, 

Der Liebe Reiz versüsse sie — 

So fliesse jeder deiner Tage 

Dahin in schönster Harmonie! 
noch folgenden Ausspruch Young's : 

Leos is the Friendless Master of a World, 

A World in Purchasc for a friend is Gairi. 

Von 1780 bis 1787 finden sich keine Einzeichnungen. Sie 
beginnen erst wieder mit dem Jahre 1788. Ursinus hatte, 



August Friedrich Ursinus. 29 

nachdem er 1786 zum Kriegsratli ernannt worden war, seinen 
festen Wohnsitz in Berlin und lebte hier im Umgange mit den 
bedeutendsten Gelehrten und Künstlern der Hauptstadt, Er 
gehörte der Lesegesellschaf't an, Avelche sich 1785 gebildet hatte 
und zu welcher die hervorragendsten Männer Berlins zählten. 
Auch war er ein Mitglied jenes Kreises, dessen Mittelpunkt 
Henriette Herz bildete. Wir finden daher aus den Jahren 
1788 bis 1791, mit welchem Jahre das Stammbuch schliesst, 
noch eine Reihe von Einzeichnungeu der auf dem Gebiete der 
Wissenschaft und Kunst angesehensten Männer. 

Am 16. November 1788 schrieb der scharfsinnioe Philoloo- 
Georg Ludwig S pal ding (1762 — 1811), Professor am Gym- 
nasium zum Grauen Kloster, folgende Verse in das Stammbuch : 

Ein offner Sinn für das, was Schönes je und Grosses 
Die Erd uns aus dem Schatz des mütterlichen Schoosses 
Gewährt; ein edler Trieb, sie selbst zum Aufenthalt 
Der Lust zu machen, die am Arm der Tugend wallt ; 
Ein Geist, vermögend ganz des Menschen Zweck zu fassen, 
Hat dieses uns die Huld des Himmels werden lassen, 
So sehn wir ungekränkt der Stunden sclmellen Lauf 
Und stehn zuletzt vergnügt vom Tisch des Lebens auf. 

Der Oberconsistorialrath und Hofprediger Friedr. Samuel 
Gottfried Sack (1738 — 1817) bringt ein Wort des Philosophen 
Seneca: 

— poterimus, adnitamur modo. 

Der Oberconsistorialrath und erste Prediger an der Petri- 
kirche Wilhelm Abraham Teller schrieb am 24. November 
1788 folgendes Wort ein: 

Die Menschen haben zu viel Religion, um sich zu hassen, 
aber zu wenig, um sich zu lieben. 

Am 28. November 1788 folgte die hochgebildete Charlotte 
von der Kecke, geborne Reichsgräfin von Medem (1754 — 
1833), die unzertrennliche Fieundin des Dichters Tiedge, in 
der Literaturgeschichte unter dem Namen Elisa von der Recke 
durch verschiedene Schriften bekannt, mit folgendem Satze : 
Nur Tugend und Weisheit machen glücklich. 

Johann Erich Biester (1749—1816), seit 1784 Vorsteher 
der königlichen Bibliothek, mit Gedike Herausgeber der Ber- 



30 August Frietlrich Ursinus. 

linischen Monatsschrift , wählte für das Stammbuch seines 
Freundes „zum Denkmal ewiger Freundschaft" zwei Verse aus 
Homer's Odyssee (17, 322 f.): 

Zeus' allwahender Rath nimmt schon die Hälfte der Tugend 
Einem Manne, sobald er die heilige Freiheit verlieret! 

Der Director des Friedrich- Werderschen Gymnasiums Frie- 
drich Gedike (1755 — 1803), ein bedeutender Pädagog, schrieb 
einen Satz des Horaz: 

— nie potens sui 
Laetusque deget, cui licet in diem 
Dixisse : Vixi. 

Von dem Prediger an der Marienkirche Johann Friedrich 

Zöllner, einem berühmten Kanzelredner, findet sich das Wort 

Pope's: 

What ever is, is right. 

Marcus Herz (1747 — 1803), der gebildete und mit den 
damaligen Trägern der Intelligenz befreundete Arzt, dessen 
Haus lange Zeit den Künstlern und Gelehrten Berlins einen 
Vereinigungspunkt bot, citirte einen Ausspruch Friedrich's des 
Grossen: 

C'est-läle propre de l'esprit liumain que les exemples ne cor- 
rigent personne, les sottises des peres sont perdues pour les 
entans, il faut que chaque generation fasse les siennes. 

le Roi. 

Einen Ausspruch Addison's hat der als Kirchenliederdichter 
bekannte Oberconsistorialrath Johann Samuel Diterich (1721 
—1797): 

Thou canst not go, where the universal love smiles not around. 

Anton Friedrich Büsching (1724—1793), der als Be- 
gründer der neueren Geographie bekannte Director des Gym- 
nasiums zum Grauen Kloster, citirt einen aus Cicero's Werk 
über die Pflichten (II, 12, 43) entlehnten Satz: 

Haec via ad gloriam proxima et quasi compendiaria est, si 
quis id agit, ut qualis haberi vult talis sit. 

Der Leibarzt des Königs und Professor am Medicinlschen 
CoUegium Christian Gottlieb Seile, auch durch die Heraus- 
gabe einer Schrift über die Beschaifenheit, den Ursprung und 



August Friedrich Uisinus. 31 

Endzweck der Natur, sowie ])Inlosopluscl»er Gespräche bekannt, 
wählte folgendes lateinische Distichon: 

Aetas immodicis brevis est et rara scncctus, 
Qui parce vivit, vivit et ipse diu. 

Der Professor der Chemie am königlichen Feldartillerie- 
corps Martin Heinrich Klapproth (1743 — 1817), einer der 
gründlichsten Chemiker, schrieb: 

Quidquid calcaveris, rosa fiet. 
Heinrich Wilhelm von Stamford (1740 — 1807), der 
einen dauernden Antheil an den Musenalmanachen hatte, be- 
nutzte das letzte Blatt des Stammbuches, um am 10. August 
1789 auf dasselbe zu schreiben: Ende gut, alles gut. 

Der könio-liche Leibarzt und Mito^lied des Medicinischen 
Collegiums Johann Wilhelm Möhsen schrieb: 
Qui bene latuit, bene vixit. 
Der am meisten durch die Geschichte des siebenjährigen 
Krieges bekannt gewordene Johann Wilhelm von Archen- 
holtz (1745—1812) wählte ein Wort Wieland's : 
, . Ein Wahn, der mich beglückt, 
Ist eine Wahrheit werth, die mich zu Boden drückt. 

Joachim Christoph Friedrich Schulz (1762—1798), be- 
kannt durch seine Geschichte der grossen Revolution in Paris 
und sein Werk über Paris und die Pariser, lebte nach seiner 
Rückkehr aus Paris 1790 in Berlin. Von hier wurde er an 
das akademische Gymnasium zu Mitau als Professor der Ge- 
schichte berufen. Für das Stammbuch wählte er am 29. De- 
cember 1790 einen Ausspruch von de la Roche Faucoult: 

Les hommes et les affaires ont leur point de perspective. 
II y en a qu'il faut voir de pres pour en bien juger et d'autres, 
dont on ne juge jamais si bien, que quand on en est eloigne. 

Der Oberbergrath , nachherige Director der königlichen 
Porcellan-Manufactur zu Berlin Friedr. Philipp Rosenstiel 
lieferte eine interessante, von einem alten Schwert abgeschrie- 
bene Aufschrift: 

Trew get über alles, 

vntrew schendet alles. 

Hohn dem man, der sinen schalgk 

vermummen wil in leuenbalgk. 



32 August Friedrich Ursinus. 

Der markgräflicli-schwedische Capellmeister Johann Andre 
(1741 — 1799), als Bühnendichter bekannt, zeiclinete folgende 
Verse ehi: 

Lass, Freund, beim Klange süsser Lieder, 

Uns lächelnd durch dies Leben gehn ; 

Und sinkt die lange Nacht hernieder 

Mit diesem Lächeln stille stehn. 

Die letzte Einzeichnung ist die des jüdischen Gelehrten 
David Friedländer in Berlin. Sie datirt vom September 
1791 und bietet folgendes Wort: 

Die goldne Zeit ist wohl vorbei: 
Allein die Guten bringen sie zurück. 

Zuletzt erwähnen wir noch eine undatirte Bleistiftzeichnung 
des Kupferstechers Johann Friedrich Bause. Wir finden ihn 
in einem im Göttinger Musenalmanacli von 1770 abgedruckt'en 
Gedichte von Clodius an den Hofmaler GrafF erwähnt, in 
welchem es heisst: 

So oft dein Pinsel, Graff, kühn der Natur gebeut, 
So oft vermählt sich Reiz mit sichrer Aehnlichkeit ; 
An der Vergänglichkeit der Leinwand dich zu rächen, 
Sollst du unsterblich sein und Bause soll dich stechen. 

Verden. Prof. H. Holstein. 



St. Nicolaus 

in der Tradition und in der mittelalterlichen Dichtung. 
Eine literar-liistorische Skizze 

von 

Adolf Kressner. 



Die Erzählung von dem Leben und den wunderbaren Thaten 
gottesförchtiger Männer, die Feste, die ihnen alljährlich in der 
Kirche gefeiert wurden, die Aufnahme ihres Namens in den 
Kalender, ihre überall sich findenden Bildnisse und Capellen, 
machten auf das naiv-religiöse Gemüth der mittelalterlichen 
Gesellschaft einen tiefen und nachhaltigen Eindruck. Daher 
sehen wir denn auch im Anfange der Literatur eines jeden 
christlichen Volkes neben dem Epos die religiöse Poesie beson- 
ders cultivirt: während das P^pos, so zu sagen, die gesellige 
Seite des Volkslebens vertritt, ist die religiöse Dichtung der 
Ausdruck des auf das Kirchliche gerichteten Sinnes. Und eben- 
so, wie das Epos die objective Darstellung völkererschütternder 
Ereignisse ist, so tritt auch bei jenen volksthümlichen Legenden 
die Kritik der erzählten Facta gänzlich in den Hintergrund ; 
man würde geglaubt haben ein Verbrechen gegen die Allmacht 
zu begehen, hätte man gegen die Wahrheit der Wunder den 
geringsten Zweifel erheben wollen. Die Legenden-Dichtung 
nimmt daher einen bedeutenden und wohl gerechtfertigten Platz 
in der Literatur ein. 

Unter den durch die Dichtkunst gefeierten Heiligen hat 
St. Nicolaus eine besondere Berücksichtigung gefunden, „cujus 

Archiv f. n. Spraclieu. LIX. 3 



34 St. Nicolaus in der Tradition 

miracula per totam mundi latitudlnem diffunduntur, quem laudat 
orbiö terrae et qui habitant in eo. Tot enim et tanta miracula 
cumulantur, ut omnes litteratorura argutiae vix ad scribendura 
sufficiant, nos ad Icgendum." (Petrus Damianus bei Surius, 
De probatis Sanctorum historiis VIT, 1001. Coloniae Agrip- 
pinae 1581.) 

Schon in sehr früher Zeit begann man das Leben des hei- 
ligen Nicolaus zu schreiben. Freilich schwebt über die Ver- 
fasser der frühesten srriechiachen und lateinischen Redactionen 
ein gewisses Dunkel. Als erster Verfasser einer solchen Dar- 
Stellung wird genannt ein heiliger Michael, Archimandrit des 
Klosters Syon in der Nähe von Myra, aa'o Nicolaus vor seiner 
Ernennuno; zum Bischof Abt gewesen sein soll. Man nimmt 
an, dass dieser Michael ein Zeitgenosse des heiligen Chrysosto- 
mus war, ohne jedoch den Beweis dafür liefern zu können. 
Aus dem achten Jahrhundert wird genannt Andreas von Greta, 
der einen Panegyricus auf Nicolaus verfasst haben soll. Als- 
dann folgt St. Methodius, Patriarch von Constantinopel 
842—846, dessen Werk als die Hauptquelle aller späteren Dar- 
stellungen anzusehen ist (gedruckt in: Mombritius, Vitae Sanc- 
torum II). Nach der griechischen Schrift des Methodius ver- 
fasste Joannes Diaconus (f 901) seine lateinische Schrift 
über Nicolaus, jedoch mit Hinzufügung von neuen Legenden, 
die er, Avie er sagt, „veridica relatione a quibusdam Grajis" 
erfahren habe, „sed judicio narrantium esse committendum". 
Seine Schrift ist ein Jugendwerk; er verfasste sie „quintum 
percurrens lustrum", also um 860; gedruckt in: Historiae 
Aloysii Lipomani Episcopi Veronensis De Vitis Sanctorum II, 
pg. 266 — 278. Lovanii 1571. Gleiche Bedeutung für die Ver- 
breitung der Legende hat die Darstellung des Simeon Meta- 
phrastes, in lateinischer Uebersetzung zu lesen in Lipomani 
De Vitis SS. II, 280—288. 

Auf Metaphrastes fussend verfasste der venetianische Pa- 
tricier Leonardus Justinianus eine Vita des Bischofs von 
Myra (Lipoman. Vit. SS. II, 252—265). Er sagt daselbst: 
Neque onmia in eum libellum congessi, sed ea tantum, quae 
apud Graecos idoneos , maxime apud Simeonem cognomento 
Metaphrasten de illo scripta et ecclesiis probata invenimus. 



und in der niittelaltorliclien Dichtung. 3*1 

Am bekanntesten und im Mittelalter gelesensten war die 
Darstellung des Jacob us de Voi-agine in seiner Legen da 
Aurea (edidit Graesse. Leip/ig 1843), die, im Gegensatz zu 
jenen früheren in schwülstiger, didactischcr Sprache abgefasston, 
in gedrungenem, aber doch gefällig zu lesendem Stile die Tha- 
ten des Heiligen berichtet. Die Anzahl der erzählten Wunder 
ist vergrössert. 

Aus dem vierzehnten Jahrhundert stammt eine italiänische 
Uebersetzung der Legenda Aurea, von Zambrini veröffentlicht 
in der Collezioue di leggende inedite, scritte nel buon 
secülo della lino;ua toscana. Bologna 1855. 

Wir wenden uns nun zu den poetischen Bearbeitungen der 
Legende. 

Aus dem neunten oder zehnten Jahrhundert stammen zwei 
lateinische Hymnen bei Ozanam, Documents inedits pour 
servir h l'histoire litteraire de l'Italic. Paris 1850, pg. 232. 234. 

Aus dem elften Jahrhundert datirt ein Lied für das Fest 
des heiligen Nicolaus (den G. December) in: Pof^sies popnlaires 
latines du moyen-äge, par Edelestand Du Meril. Paris 1847. 
pg. 54 — 56. 

Im zwölften Jahrhundert verfasste St. Hilarius, ein 
Schüler Abaelard's (1079 — 1142), in lateinischer Sprache, unter- 
mischt mit romanischen Refrains, ein Ludus super Iconia Sanct 
Nicolai, gedruckt in Hilarii versus et ludi (herausgegeben von 
Champollion-Figeac). Lutetiae Parisiorum 1838. 

Um dieselbe Zeit dramatisirte ein Mönch des Klosters 
St. Benoit-sur-Loire vier Wunder aus Nicolaus' Leben in 
lateinischer Sprache ; cf. Mysteria et Miracula ad scenam ordi- 
nata in coenobiis olim a monachis repraesentata, publ. p. Mon- 
nierque. Paris 1834. Auch gedruckt mit des Hilarius ludus 
in: Origines Latines du theätre moderne par Edelestand Du 
Meril. Paris 1849, pg. 254 flg. 

Eine epische Darstellung in altfranzösischer Sprache ver- 
danken wir dem anglo-normannischen Dichter Wace (1112 — 
1182). Maistre Wace's St. Nicholas. Ein altfranzösisches Ge- 
dicht des zwölften Jahrhunderts aus Oxforder Handschriften 
hcrausgeo-eben von N. Delius. Bonn 1850. 



36 St. Nicolaus in der Tradition 

In demselben AVerkchen ist enthalten ein ebenfalls episch 
gehaltenes Gedicht in alt englischer Sprache, von Delius 
nach Ms. Land 108 herausgegeben. 

Im dreizehnten Jahrhundert verfasste der Trouvere Jean 
ßodel d 'Ar ras ein Jeu de Saint Nicolas, mitgetheilt im 
Theätre frangais au moyen-äge, public par Monraerque et Michel. 
Paris 1839. 

Indem wir nun in den folgenden Blättern zur Betrachtung 
der Rolle schreiten, welche der heilige Nicolaus in der Tradition 
und in der mittelalterlichen Poesie spielt, folgen wir der Dar- 
stellung der Legenda Aurea, doch so, dass wir an den betref- 
fenden Orten die Abweichungen, Zusätze und poetischen Bear- 
beitungen besprechen , welche andere Quellen berichten oder 
die im Laufe der Zeit hinzugefügt sind. 

1. St. Nicolas wurde geboren in Patera, einer Stadt Ly- 
ciens. Sein Vater Epiphanus und seine Mutter Johanna waren 
reiche und fromme Leute, welche ausser Nicolaus kein Kind 
hatten. Schon in seiner frühesten Jugend bewies er, dass er 
ein aussergewöhnlicher Mensch war: als er zum ersten Male 
gebadet wurde, stand er aufrecht in der Wanne ; nur einmal 
des Tages nahm er die Brust, und zwar des Abends; alle Mitt- 
woch und Freitag aber fastete er.*) 

Sein Oheim Nicolaus hatte mit weissagendem Geiste schon 
die künftige Grösse des Knaben vorauserkannt ; auf seinen An- 
trieb hin wurde derselbe zum Priesterstande bestimmt**). Und 
Keiner war besser dazu geeignet als Nicolaus; denn wie er her- 
anwuchs, mied er die lärmenden Spiele seiner Altersgenossen, 
und zog es vor, den christlichen Lehrern und Auslegern der 
Bibel zu lauschen. Somno et quotidiano eibo, quantum ratio 
permittebat, detrahit, jejunis nocturnisque vigiliis solito plus in- 
dulgens vino parcissimo utebatur, saepius aqua sola contentus ; 
veste, si non sordida, ut hypocrita et vanus ostentator, nullo 
tamen conspicua luxu deinceps est usus. (Leon. Just.) Er 
wurde, noch ein Jüngling, zum Vorsteher des von seinem Oheim 
erbauten Tempels und Klosters Sjon bei Patera gemacht**). 
2. Nachdem seine Eltern kurz hinter einander an der 



*) Method. ; Metapbr. ; Joan.; Justin.; Leg. Aui-. ; Ital.; Wace; Engl. 
**) Mi'taphr. ; Justin. 



und in der mittehilterlichen Diditung. 37 

Pest*) gestorben waren und er so in den Besitz eines bedeu- 
tenden Vermögens gckonunen war, änderte er doch seine Lebens- 
weise nicht, sondern war so weit davon entfernt, sich grösseren 
Luxus zu gestatten, dass er viebnchr nur darauf bedacht war, 
durch Vertheilung seines Keichthunis die Noth der Armen zu 
mildern**). 

3. Als ein leuchtendes Beispiel seiner Wohlthätigkcit wird 
folgende Geschichte erzählt : Es lebte in Patera ein Mann, der 
früher bessere Zeiten gesehen hatte , damals aber in tiefster 
Armuth sich befand. Da gab ihm der Feind des Menschen- 
geschlechtes den Gedanken ein, die Unschuld seiner drei ausser- 
gewöhnlich schönen Töchter zu verkaufen und von dem 
schn^utzigen Erwerbe sein Leben zu fristen. Kaum hatte Nico- 
laus davon gehört, so stand auch sein Entschluss fest, die drei 
Jungfrauen vor der Schande zu bewahren. Er warf dem Vater 
heimlich während der Nacht eine Summe Goldes durch das 
Fenster, so dass dieser in den Stand gesetzt wurde, seine erste 
Tochter auszustatten und zu verheirathen. Durch eine Wieder- 
holung der Schenkung wurde auch die zweite Tochter versorgt. 
Der Vater wunderte sich sehr über die reichen Gaben, und um 
seinen unbekannten Wohlthäter kennen zu lernen, passte er 
mehrere Nächte auf, bis Nicolaus eine dritte Summe durch das 
Fenster warf. Jener kam eilends aus dem Hause, hielt ihn am 
Gewände fest und fragte ihn nach seinem Namen. „Ich bin 
Nicolaus," antwortete der Heilige, „gehe hin und lobe Gott; so 
lange du aber lebst, verkünde Niemandem, was ich gethan 
habe.«**) 

Diese Erzählung hat auch im Sinne Dante, Purg. XX, 
31—34: 

Esso parlava ancor della larghezza 

Che fece Niccolao alle pulcelle 

Per condune ad onor lor giovinezza. 

Auch der Hymnus bei Du Meril, Poesies populaires latines 
pg. 56, erwähnt diese grossmüthige Handlung des Heiligen. 

Decet ipsnra precari 
Et ultra venerari 



*) Justin. 
**) Method.; Metaphr. ; Joan.; Justin.; Wace; Ital. ; Engl. 



38 St. Nicolaus in der Tradition 

Qui natas lupinari 
Jam datas revocari 
Fecit, eisque dari 
Auri pondus praeclari, 
Sic patrem consolari 
Volens et asservari. 

Vergl. auch Ozanam, Docum. Ined. pg. 234: 

Auro patris infamiam, 
Stuprum redemit virginum. 

Diese Legende wurde in lateinischer Sprache draniatisirt. 
Die Handlung ist genau dieselbe, der Styl und die Abfassung 
äusserst einfach. Gedruckt in Origines Latines etc. par Ed. 
Du Meril. Paris 1849, pg. 254. 

Und noch heute sagt man sprichwörtlich in der Norniandie : 

Patron des filles, saint Nicolas, 
Mariez-nous, ne tardez pas. 

4. Nicolaus hatte schon lange den Wunsch gehegt, die 
heiligen Stätten zu besuchen, wo Christus gelebt und gelitten 
hatte. Durch sein väterliches Erbe in Stand gesetzt, diesen 
Wunsch zu erfüllen, schiffte er sich ein und kam, nachdem er 
durch sein Gebet einen Sturm auf dem Meere besänftigt und 
einen aus der Höhe auf das Verdeck gestürzten Matrosen 
wieder in das Leben zurückgerufen hatte, glücklich in Palästina 
au. Hier bewies sich wiederum die Heiligkeit seiner Person ; 
denn Blinde wurden sehend und Kranke gesund, sobald sie in 
seine Nähe kamen; die Pforten des Tempels aber sprangen bei 
seinem Nahen von selbst auf. 

Der Aufenthalt an den heiligen Stätten rief in ihm den 
Entschluss hervor, sein Leben daselbst als Einsiedler zu ver- 
bringen; aber eine göttliche Vision rief ihn zurück nach Syon 
und willig fügte er sich dem Befehle*). 

5. Nun traf es sich, dass zu jener Zeit der Bischof von 
Myra gestorben war und dass die Bischöfe schon zur Neuwahl 
versammelt waren, ohne sich jedoch über den Nachfolger einigen 
zu können. Da erschien dem einen von ihnen in der Nacht 



*) Metaphr. ; Justin. 



und In der inittelalterliclien Dichtung. 39 

ein Engel, der ihm befahl, denjenigen zum Bischof zu wählen, 
der am nächsten Tage zuerst die Kirche betreten würde; das 
wäre der von Gott erwählte, sein Name würde sein Nicolaus. 
Wie der Engel es verkündet hatte, so geschah es. Nicolaus 
betrat als der Erste am nächsten Morgen die Kirche und wurde 
einstimmig zum Bischof von Myra ernannt*). 

6. Als dies die Frau, bei der Nicolaus in Myra wohnte, 
vernahm, eilte sie freudig in die Kirche, um der "Weihe beizu- 
wohnen. Die Nachricht hatte sie so ergriffen, dass sie ganz 
ihr Kind vergass, das in einer Wanne sich befand, unter der 
sie Feuer angemacht hatte. Nach beendigtem Gottesdienste 
erst erinnert sie sich ihres Kindes und bangen Herzens stürzt 
sie nach Hause, schon im Geiste die Leiche des elendiglich 
umgekommenen Lieblings erblickend. Wer aber beschreibt ihre 
Freude, als sie ihn gesund und munter in dem kochenden 
Wasser sitzen sieht, mit den Blasen des Wassers spielend und 
die Mutter anlächelnd. Die Nachricht von diesem Wunder ver- 
breitete sich schnell und brachte Nicolaus in den Geruch eines 
Heiligen**). 

7. Auch als Bischof von Myra behielt Nicolaus sein ein- 
faches, frommes und gottesfürchtiges Leben bei. Als ein guter 
Hirt war er nur für das Wohl der ihm anvertrauten Schafe 
besorgt und wurde er von diesen hinwiederum geliebt und ge- 
ehrt. Da brach im Jahre 303 die Diocletianische Christenver- 
folgung herein und betraf auch die Christen in Myra und ihren 
Bischof; lange Zeit schmachteten sie im Kerker, aber gern 
trugen sie es : litt doch der geliebte Bischof mit ihnen, der den 
Schwachen Muth und Trost zusprach, die Starken aber zur 
Ertragung des Martyriums aufforderte. Und nicht eher hatte 
die verfolgte Gemeinde Ruhe, als bis Constantinus, der heim- 
liche Förderer des Christenthums, an das Ruder kam***). 

Nunmehr aber wandte sich der fromme Eifer des Bischofs 
ge^en die heidnische Religion ; wo er nur Altäre und Götzen- 
bilder fand, vernichtete er sie mit eigener Hand, selbst einen 



*) Method. ; Metaphr. ; Joan.; Justin.; Leg. Aur. ; Ital. ; VV<ice; Engl. 
**) Diese Legende findet sich nur bei Wace, v. 160-198 und scheint 
aus des Dichters eigener Phantasie geflossen zu sein. 
***) Metaphr.; Justin. 



40 St. Nicolaus in der Tradition 

prächtigen Tempel der Diana (juciindissimuni daemonibus habi- 
taculuni. Metaphr.) zerstörte er und vertrieb die heidnischen 
Götter daraus, deren Wehklagen beim Sturze ihres Ileiligthumes 
in der Luft gehört wurde*). 

Ozanam, Docum. Ined. pg. 232: 

Gratia Christi salubri repletus 
Demonuni cultum penitus repellit, 
Per viam lucis teriebris repulsis 
Currere monstrat. 

Nicht minder eifrig; war er gesen die Secten der christ- 
liehen Kirche und auf dem Concil von Nicaea (325) soll er 
heftig gegen die Lehre des Arian gepredigt haben**). 

8. Als Bischof von Myra vollbrachte Nicolaus vermöge 
seines gottesfürchtigen Wesens und seines gerechten Wandels 
viele Wunder. So heilte er unter Anderem ein vom Teufel 
besessenes Kind dadurch, dass er das Zeichen des Kreuzes 
über ihm schlug. In derselben Weise befreite er auch einen 
Mann, der vom Teufel dergestalt geplagt wurde, dass er, mit 
dem Kopfe gegen Mauern und AVände stiess, so dass derselbe 
oanz wund war und schon Würmer sich erzeucht hatten. Ein 
an Händen und Füssen gelähmter Mann lässt sich zu Nicolaus 
bringen, der nach einem Gebete Oel von seiner Lampe nahm, 
den Kranken damit bestrich und ihm so die Gesundheit zu- 
rückgab ***). 

9. Drei dem geistlichen Stande angehörigen Jünglino;e 
kamen müde und huncrrig nach der Stadt und baten einen 
Schlächter um Gottes und St. Nicolaus Willen um Nahrung 
und Obdach. Dieser aber wies sie mit harten Worten ab: 

ich nabbe at you to done, 
For but ye the rather ben agon, ge chelleth abyggen sone. 

Seine Frau jedoch, welche bei jenen viel Schätze vermuthete, 
rieth ihm, sie wieder zurückzurufen, was auch geschieht. Sie 
werden herrlich bewirthet und ihnen alsdann ein gutes Bett 



*) Metaphr.; Justin. 
**) Metaphr.; Justin.; Leg. Aur. 

***) Die unter 8. erzählten Wunder finden sich nur bei Wace 208-215; 
1458-1491; 1492—1518. 



tiiid in der mittelalterlichen Dichtung. 41 

angewiesen, wo sie, erniütlct wie sie sind, bald in tiefen Schlaf 
verfallen. Die Wehrlosen werden von dem Schlächter getödtet 
und die Gewissensbisse des Mörders durch dessen Frau er- 
stickt, welche ihm räth, die Leichen zu zerhacken und das 
Fleisch möglichst wohlfeil loszuschlagen. Gerade als jener 
seine unsaubere Waare anpreist, kommt Nicolaus die Strasse 
daher, und dem Mörder ernst ins Auge blickend, vorlangt er 
von ihm die drei Schinken, die er kürzlich eingepökelt habe 
und die sich in einem genau bezeichneten Fasse befänden. 
Der Mörder sieht sich ertappt, gesteht zerknirscht seine Schuld 
und bittet mit seiner Frau den Heiligen fussfällig um Gnade. 
Nicolaus verzeiht grossmüthig, lässt sich zu dem Fasse führen, 
das die Leichen der drei Jünglinge barg, und auf sein Wort 
kommen diese lebendig daraus hervor und preisen Gott und 
St. Nicolaus*). 

Auch diese Legende hat der Mönch von Benoit-sur-Loire 
dramatisirt. (cf. Origines Latines, pg. 262.) Der Inhalt des 
Stückes ist fast derselbe. Drei Clerici kommen zu einem Senex 
und bitten um Aufnahme, werden aber abschUigig beschieden. 
Auf den Rath der Frau hin zurückgerufen, werden sie bewir- 
thet, im Schlafe aber erschlagen. Bald darauf kommt auch 
St. Nicolaus und wird gleichfalls aufgenommen ; auf die Frage 
des Wirthes, was er zu essen begehre, verlangt Nicolaus 
frisches Fleisch und als jener behauptet, solches nicht zu haben, 
beschreibt er genau den Ort, wo die Leichen versteckt lagen. 
Dem sich entdeckt sehenden, aber reuigen Senex wird verziehen, 
die Todten aber wieder zum Leben erweckt. 

Auf unserer Legende scheint auch die Ansicht zu beruhen, 
dass Nicolaus der Schutzpatron der Studirenden sei, und zwar 
besonders der umherziehenden, vagabondirenden, woraus hin- 
Aviederum sich ergab, dass er auch von vagabondirenden Leuten 
überhaupt, also von Dieben und Räubern, angerufen wurde. 
In diesem Sinne wird er von Shakespeare an zwei Stellen er- 
wähnt. 



*) Diese Legende findet sieh nur bei Wace und in der Englischen 
Bearbeitung, in letzterer am weitläufigsten und in der Fassung, wie wir sie 
dargestellt haben. 



42 St. Nicolaus in der Tradition 

Henry IV, Part. I, Act II, Scene I: 

Gadshill: Sirrah, if they meet not with saint Nicholas' clerks, 

I'U glve thee this neck. 
Chamberlain: No, I'll none of it. I prithee, keep that for the 

hanDfinan ; for I know thou worshipp'st saint Nicholas as 

truly as any man of falsehood may. 

Two Gentlemen of Verona III, 1 : 

Speed: Come, fool, come: try me in thy paper 
Launce: There; and St. Nicholas be thy speed. 

10. Schon einmal hatte Nicolaus einen Sturm auf dem 
Meere besänftigt (4.) und das Gerücht davon hatte sich schnell 
verbreitet, so dass die Schiffer begannen, ihn als ihren beson- 
deren Schutzpatron anzurufen, und der Heilige rechtfertigte das 
Zutrauen, das sie zu ihm hatten. Einst befanden sich Schiffer 
auf hoher See, als ein entsetzlicher Sturm sie überfiel. In 
ihrer Seelenangst riefen sie Nicolaus an: „Heiliger Nicolaus, 
hilf uns, wenn du ein solcher bist, als wir haben sagen hören." 
Alsbald erschien mitten unter ihnen ein Mann mit den Worten : 
„Ich bin es, den ihr gerufen habt." Der Sturm hörte sofort 
auf und die Schiffer kamen wohlbehalten in den Hafen. Dank- 
erfüllt eilten sie zu Nicolaus und erkannten in ihm den Mann, 
der ihnen auf dem Meere erschienen war. Ihren Dank aber 
wies er ab mit den Worten: „Nicht ich, sondern Gott schützte 
euch; lobt Jesum Christum, der euch also gethan."*) 

11. Einst herrschte eine furchtbare Hungersnoth in Lycien 
und guter Rath war theuer. Da erfuhr Nicolaus, dass mehrere 
mit Getreide beladene Schiffe angelegt hätten, die von Alexandria 
kamen und für den Kaiser Constantin bestimmt waren. Er 
begab sich sofort an das Ufer und ersuchte die Schiffer, einen 
Theil ihrer Ladung dem heimgesuchten Lande zu überlassen. 
Diese aber sahen sich gezwungen, die Bitte abzuschlagen, da 
ihnen das Getreide genau zugemessen war und sie harte Strafe 
fürchteten, wenn sie es nicht richtig an den kaiserlichen Hof 
ablieferten. Als ihnen aber Nicolaus versprach, dass ihnen 
daraus keine Unannehmlichkeiten erwachsen würden, theilten 

*) Method.; Metaphr. ; Joan.; Justin., Leg. Aar.; Ital.; Wace; Engl. 



und in der mittelalterliclien Dichtung. 43 

sie, auf das Wort des heiligen Mannes bauend, von jedem 
Schiffe hundert Maass mit. Der Bischof vertheihe das Getreide 
unter die Hilfsbedürftigen und Gott vervielfältigte es unter 
seinen Händen dergestalt, dass man sich zwei Jahre davon 
nährte und noch genug zur Saat übrig behielt. Den Schiffern 
gegenüber aber hielt Nicolaus Wort. Denn als sie ihre Fracht 
ablieferten, fand sich, dass das Getreide nicht abgenommen hatte, 
sondern dass es dieselbe Menge war, die sie in Alexandria 
aufgeladen hatten. 

► Auf dieselbe Begebenheit beziehen sich folgende Stellen 
bei Ozanam, Docum. Ined. pg. 232: 

Predicat cunctis famulare Christo, 
Allevat tristes famis ex pavore, 
Commoda praestans, triticum ministrans 

Nil minuendo. 
pg. 234: 

Sumpti mensuram tritici 

Ministris supplet regiis ; 

Plebi frunientum dividens 

Dempsit famis penuriam. 

So findet sich die Legende bei Methodius, Joannes, Justi- 
nianus, in der Legenda Aurea, bei Wace und in der Englischen 
Bearbeitung; eine andere Gestalt dagegen hat sie bei Meta- 
phrast. Zur Zeit der Hungersnoth erschien Nicolaus einem 
Getreidehändler im Traume und befahl ihm nach Myra zu 
kommen und dort sein Getreide zu verkaufen. Als Aufgeld 
gab er ihm drei Goldstücke. Wie nun der Händler erwachte 
und die drei Goldstücke in seiner Hand fand, da glaubte er 
an die Wahrheit der Erscheinung und kam dem Willen des 
Heiligen nach. 

12. Der Teufel (alias Diana) war durch das gottesfürch- 
tige Leben des Heiligen und durch die Vernichtung seines 
Culfes auf das Aeusserete erbittert und beschloss, sich dafür 
an ihm zu rächen. Unter der Gestalt einer schönen Frau nahte 
er sich in einem Boote einem grösseren nach Myra bestimmten 
Schiffe und bat die Seeleute, mit einem Oele, das bei Joannes 
den Namen Midiacon führt, die Wände und Mauern von Nico- 
laus' Kloster zu bestreichen. Sie hätte das Gelübde gethan, 



44 St. Nioolaus in der Trailition 

wäre aber durch die Verhältnisöe gehindert, sich nach Myra 
zu begeben. Nichts Arges ahnend versprachen die Schiffer, 
ihrem Wunsche nachzukommen, Avorauf das Trugbild verschwand. 
Bald darauf nahte sich in einem anderen Boote ein Mann und 
fragte sie, was ihnen die Frau gesagt und gegeben hätte. Jene 
antworteten der Wahrheit gemäss. Da öffnete ihnen der Mann 
die Augen über die Persönlichkeit jener Dame und hiess sie 
das Oel ins Meer giessen. Und siehe da! alsbald stand das 
Meer in hellen Flammen und des Teufels List wurde auf diese 
Weise offenbar und vereitelt. Als nun die Schiffer nach Myra ' 
kamen und den Heiligen erblickten, erkannten sie sofort in ihm 
den Mann, der ihnen auf dem Meere erschienen war und unter 
Danksagungen erzählten sie ihm ihr Abenteuer ; er aberforderte 
sie auf, Gott zu danken für die Befreiung aus den Schlingen 
des Bösen*). 

Hierzu vergleiche man den Hymnus bei Ozanam, pg. 232: 

Fhictibus mersis precibus vocatus 
Affuit presens, mitigansque fluctus 
Providus, monstrans olei liqiiore 
Temnere flammas. 

13. Da in der Provinz Phrygien Unruhen ausbrachen, 
schickte der Kaiser drei Feldherren, Ursus, Nepotianus und 
Herpilio (Apilio bei Wace, Apolione in der Italienischen Bear- 
beitung) mit einem Heere gegen dieselbe. Ungünstige Winde 
jedoch trieben sie nach Lycien und sie landeten bei einem 
kleinen Flecken bei Myra. Die Soldaten fingen an, das Land 
zu verwüsten und die EinAvohner auszuplündern, jedoch nicht 
ohne Widerstand von Seiten Letzterer; ein kleines Gefecht 
fand statt, wäre aber jedenfalls den Einwohnern zum Verderben 
ausgeschlagen, wenn nicht Nicolaus herbeigeeilt wäre und mit 
Hilfe jener drei Feldherren die Euhe wieder hergestellt hätte. 
Darauf lud er dieselben bei sich zum Mahle ein. Sie kamen 
gerade zur rechten Zeit nach Myra zurück, um ein grosses 
Verbrechen zu verhüten. Eustachius nämlich, der Praefect von 
Myra, hatte durch Geld bestochen, drei Männer unschuldig 



*) Metliod.; Joan.; — Metaphr. und Justinian setzen dies Wunder in 
die Zeit nach dem Tode des Heiligen. — Leg, Aar.; Wace; Engl. 



und in der mittelalterlichen Dichtung. 45 

zum Tode vcrurtheilt ; schon war man im Begriff, den Spruch 
zu vollziehen, als Nicolaus davon hörte. In Begleitung jener 
drei IIau})tleiite eilte er hastig nach dem Eichtplatze, riss dem 
Lictor das Schwert aus der Hand und luhrte die drei Unschul- 
digen nach dem Hause des Praefecten, welchen er hart anliees 
wegen seiner schnöden Verrütherei. Sein geheimes Thun ent- 
deckt sehend, gestand jener zerknirscht sein Vergehen und er- 
hielt auf Bitten der Hauptleute Verzeihung. 

Nachdem die drei Feldherren den Aufstand ohne Blutver- 
giessen niedergeworfen hatten, kehrten sie zurück und wurden 
vom Kaiser mit Auszeichnung empfangen. Von dem Praetor 
Ablavius (Alabius, Ablabius; bei Wace Esparc: ein Missver- 
stehen der Stelle bei Joannes: Ablavius quem Achivi Eparcum 
\jTTaQxoy\ vocant) aber des Verrathes angeklagt, wurden sie auf 
Befehl des Kaisers in einen dunklen Kerker geworfen und un- 
gehört zum Tode verurtheilt. Als nun die Drei in strenger 
Haft ihrem Ende entgegensahen, erinnerten sie sich des heiligen 
Nicolaus, wie er jene drei zum Tode verdammten unschuldigen 
Soldaten befreit hatte, und riefen ihn flehentlich um seinen Bei- 
stand an. 

In derselben Nacht hatte der Kaiser Constantinus einen 
Traum; ein Mann, der sich Nicolaus, Bischof von Myra, nannte, 
erschien ihm und forderte ihn auf, die Hauptleute sofort zu be- 
freien, da sie unschuldig im Kerker schmachteten; käme er 
seinem Befehle nicht nach, so würde Gott ihm einen Krieg 
erregen, in dem er elendiglich umkommen und den Vögeln 
zum Frasse dienen würde. Eine ähnliche Erscheinung hatte 
auch Ablavius. Durch den Traum erschreckt, Hess der Kaiser 
am nächsten Morgen die Gefangenen vor sich führen und warf 
ihnen vor, durch verruchte Zauberkünste seine nächtliche Ruhe 
gestört zu haben. Jene, welche nicht wussten, was sie davon 
denken sollten, konnten nichts thun, als von Neuem ihre Un- 
schuld betheuern. Da fragte sie der Kaiser, ob ihnen ein 
Bischof Nicolaus bekannt wäre. Jetzt fiel es den Hauptleuten 
wie Schuppen von den Augen, sie wussten, wer für sie ge- 
sprochen und ihre Unschuld ans Licht gebracht hatte. Der 
Kaiser setzte sie sofort in Freiheit und schickte sie mit reichen 
Geschenken nach Myra. Nicolaus aber wies allen Dank zurück 



46 St. Nicolaus in der Tradition 

und lobte Gott, der solche Wunderthaten durch ihn vollbracht 
hatte *). 

Diese Thatsache wird auch erwähnt in den bei Ozanam 
gedruckten Hymnen; pg. 232: 

Terret Augustum pater almus, inquarn, 
Solvat ut frustra miseros revinctos: 
Mortis atrocis monitis beatis 
Vincula tergit. 



pg. 234: 



Presens objurgat consulem, 
Augustum terret somnio^ 
Statim resolvi precipit 
Ligatos frustra vinculis. 



14. Als es nun im Jahre 343 Gott gefiel, den Heiligen 
zu sich zu rufen, schickte er seine Engel ab, um ihm dies an- 
zukünden. Als jener die Botschaft vernahm, dankte er Gott 
und stimmte den Psalm an: Inte, Domine, speravi ; und als er 
an die Worte kam: In Deine Hände, Herr, befehle ich meinen 
Geist !, da verliess die Seele den Körper und Engel trugen sie 
unter himmlischer Musik empor zu Gott. Die Leiche wurde 
in einem Marmorsarge beigesetzt ; zu ihren Häupten entsprang 
eine Quelle wunderthätigen Oeles, zu ihren Füssen aber eine 
Wasserquelle. Von fernen Ländern eilte man herbei, um der 
Segnungen des Oeles theilhaftig zu werden. Als sein Nach- 
folger, ebenfalls ein gottesfürchtiger Mann, von Neidern an- 
geschwärzt aus seinem Bischof«itze vertrieben wurde, versiegten 
beide Quellen sofort, und fingen nicht eher an wieder zu fliessen, 
als bis jener wieder eingesetzt worden war**). 

15. Obgleich Nicolaus aus dem Leben gescliieden war, 
fuhr er doch fort, grosse Wunder zu wirken. 

Ein Christ, der sich in grosser Noth befand, wandte sich 
an einen Juden um ein Darlehen und schwur über einem Bilde 
des heiligen Nicolaus , ihm das entliehene Geld pünktlich an 
einem festgesetzten Tage zurückzuliefern. Als die Frist um 



*) Method. : Metapbr. ; Joan.; Justin.; Leg. Aurea; Ital.; Wace; Engl. 
**) Justin.; Metaphr. ; Wace; Leg. Aur. ; Ital.; Engl. — Joannes be- 
richtet zwar von der Oelquelle, sagt aber in Betreff seines Todes : excessum 
vero ejus, qualiter scilicet c saeculo sanctus abierit, ideo non scripsimus, 
quia nusquam ülum invenire potuimiis. 



und in der mittelalterlichen Dichtung. 47 

war, verlangte der Jude sein Geld, der Christ aber schwur 
hoch und theuer, dass er ihm Nichts schulde und ihm desiialb 
auch Nichts wiedergeben würde. Der Gläubiger machte die 
Sache bei Gericht anhängig und die streitenden Parteien wurden 
vorgeladen. Der Christ aber, ein verschmitzter Geselle, barg 
das geliehene Geld in einem hohlen Stocke, und als er seinen 
Schwur ablegen sollte, hiess er den Juden den Stock halten, 
worauf er — echt jesuitisch — schwur, dass er jenem all sein 
Gut zurückgegeben hätte. Der Jude bekam Unrecht und ver- 
liees den Saal, auf den heiligen Nicolaus scheltend. Aber die 
Strafe sollte nicht ausbleiben. Als der Betrüger heimkehrte, 
überfiel ihn eine unwiderstehliche Schlafsucht, die ihn zwang, 
sich mitten auf dem AVege niederzulegen; Niemand war im 
Stande, ihn von der Stelle zu bringen. So wurde er denn von 
einem in scharfem Trabe daher kommenden Wagen übergefahren 
und erlitt einen qualvollen Tod; zugleich aber hatte der Wagen 
auch den mit Gold gefüllten Stock zerbrochen und den reichen 
Inhalt blossgelcfft. Der herbeigeholte Jude erkannte zwar das 
Gold als das seinige an, weigerte sich aber, es zu nehmen, 
wenn St. Nicolaus nicht den Christen wieder zum Leben er- 
wecken würde. Kaum war das Wort gesprochen, so erhob 
sich jener; der Jude aber, durch dies Wunder bekehrt, Hess 
sich taufen mit seinem ganzen Hause*). 

Diese Legende hat auch Cervantes in seinem Don Qui- 
xote 11, 45 benutzt, wo ein ähnlicher Fall vor Sancho's Ge- 
richtshof gebracht wird und wo dieser wackere Knappe sein 
Urtheil fällt, sich erinnernd an eine Geschichte, die er von dem 
Pfarrer seines Dorfes habe erzählen hören. 

16. Nach dem Tode des Heihgen verfertigte sich das Volk 
Bilder von ihm und hielt sie hoch in Ehren. Nun begab es 
sich, dass einst Heiden eine Stadt plünderten (bei Joannes sind 
es Vandalen, die in Calabrien einfallen) und viele Gefangene 
mit sich führten. Einer von den Räubern fand unter seiner 
Beute ein Bild „in tabula honeste depicta" und Hess sich von 
einem Gefangenen belehren, dass es den heiligen Nicolaus dar- 
stellte und dass der Besitzer so lang-e in Glück und Reichthum 



*) Leg. Aur. ; Ital.; Wace; Engl. 



48 St. Nicolaus in der Tradition 

leben würde, als er das Bild ehrte und hochachtete. Der 
Heide, hoch erfreut über einen so kostbaren Fund, glaubte ihn 
nicht besser anwenden zu können, als wenn er ihn zum Hüter 
seiner Schätze einsetzte, in der Meinung, dass diese so am 
besten geborgen sein würden. Trotzdem wurden ihm dieselben 
gestohlen. Darob ergrimmte jener so, dass er den armen Hei- 
ligen heftig ausschalt und ihm mit einem gewaltigen Prügel 
drohte, falls er ihm die Schätze nicht wieder zur Stelle schaffte. 
Der Heilige, welcher nicht zugeben konnte, dass sein Bild ge- 
misshandelt würde, erschien auch wirklich den Räubern in dem 
Augenblicke, wo sie die Schätze theilen wollten und befahl 
ihnen, dieselben sofort zurückzubringen, widrigenfoUs er sie den 
Richtern in die Hände liefern und ihren schmählichen Tod durch 
den Strick bewirken würde. Die dadurch eingeschüchterten 
Diebe trugen den Raub zurück; auf den Heiden aber machte 
diese Begebenheit einen solchen Eindruck, dass er zum Christen- 
thume sich bekehrte und dem heiligen Nicolaus zu Ehren eine 
Kirche baute*). 

Es scheint, als ob diese Legende am meisten Eindruck 
gemacht habe auf die mittelalterliche Gesellschaft ; denn ausser 
dass mehrfach darauf angespielt wird, wie z. B. in dem Fabliau 
du meunier et des clercs bei Wright, Anecdota literaria pg. 18: 

L'un d'ax a l'autre regarde 
Qu'est ice? somes nos robe? 
Oil, fait Tuns, ce m'est avis, 
Pechiez nos a a essil mis. 
Chacuns escrie: Halas, halas! 
Secorez nos, Saint Nicolas. 

wurde der Stoff auch mehrere Jahrhunderte hindurch dramatisch 
behandelt. 

Im elften Jahrhundert verfasste Hilarius**) ein Ludus 
super Iconia Sancti Nicolai, ad quem he persone sunt ueces- 
sarie: persona barbari, qui commisit ei thesaurum ; persona 
iconie, quatuor vel sex latronum, Sancti Nicolai, ein scenisch 
ungewandtes, rohes Machwerk in lateinischer Sprache, das in 



*) Joan.; Leg. Aur. ; Wace; Engl. 
**) Ucber Hilarius vergleiche: tlistoire Littcraire de la France XII, 
pg. 253. 



und in der mittcbltprlielien Dichtung. 49 

der Ausgabe von Champollion-Figeac: Hilarii versus et ludi 
nur sechs kleine Seiten umfasst, aber nichtsdestoweniger in- 
teressant ist wegen der eingestreuten romanischen Refrains. 

Nachdem Barbaras seine Schätze, Gold und kostbare Ge- 
wänder, auf einen Haufen versammelt hat, überträgt er dein 
Bilde des Heiligen mit eindringlichen Worten die Hut der- 
selben , da er eine nothwendige Reise unternehmen müsse. 
Während nun jener fort ist, kommen Räuber an dem Hause 
vorbei, und da sie die Thür offen und bei den Schätzen nur 
ein lebloses Bild sehen, so benutzen sie die Geleirenheit und 
heissen die Schätze mitgehen. Bald darauf kehrt Barbarus 
zurück und bricht, als er sich bestohlen sieht, in heftige 
Klagen aus : 

Gravis sors et dural 

Hie reliqui plura, 

Sed sub mala cura. 

Des! quel domage! 
Qui pert la sue chose pnrque n'enrage. 

und zum Bilde gewandt, ruft er aus: 

Ha, Nicolax! 
Si ne me rent ma chose, tu ol comparras. 

Ihm mit einem gewaltigen Knüttel drohend, verlässt er die 
Scene. 

Sanct Nicolaus erscheint den Räubern und fordert sie auf, 
die geraubten Schätze sofort wieder zurückzutragen. Geschähe 
dies nicht, so würde er ihre Räubereien dem Volke offenbaren, 
so dass sie des Stranges sicher sein könnten. Die Räuber 
bekommen Furcht und tragen die Sachen zurück, über deren 
Wiedererlangung Barbarus in lauten Jubel ausbricht: 

Nisi visus fallitur, 

Jo en ai. 
Tesaurus hie cernitur 
De si grant inerveile en ai. 

Radiere perdita, 

Jo en ai, 
Nee per niea merita. 
De si grant merveile en ai. 

Archiv f. n. Spi'.nclicn. I,IX. 4 



50 St. Nicolau? in der Tradition 

Quam bona custodia, 

Jü en ai, 
Qua redduntur omnia 
De si grant merveile en ai. 

Und demüthig sich dem Bilde nähernd, spricht er ihm seinen 

Dank aus: 

Suplex ad te venio, 

Nicolax I 
Nam per te secipio 
Tut icei que tu gardas. 

Sum profectus peregre 

Nicolax! 
Sed recepi integre 
Tut icei que tu gardas. 

Mens inea convalnit. 

Nicolax ! 
Nichil enim defuit 
De tut cei que tu gardas. 

Alsdann erscheint ihm Nicolaus und fordert ihn auf, zum 
Christenthume überzutreten und an den alleinigen Gott zu 
glauben, durch den er Alles wiedererlangt habe; „mihi nulluni 
meritum" fügt er bescheiden hinzu. Barbarus verzichtet auf 
seine Götzen und bekennt sich zu dem alleinigen Gotte der 
Christen. 

Eine zweite dramatische Bearbeitung haben wir von dem 
Mönch des Klosters Benoit-sur-Loire in Du Merils Origines 
Latines, pg. 266. Die Handlung ist eben so einfach, wie in 
dem eben besprochenen Stücke des Hilarius , obgleich die 
Sprache gewandter und der Rhythmus mannigfaltiger ist. 

Eine bei weitem künstlerischere Gestalt nimmt die Legende 
in der Bearbeitung Jean Bodel's aus Arras an. Er verlegt die 
Handlung in die Zeit eines Kreuzzuges, in dem die Christen 
eine gänzliche Niederlage erlitten und der Schluss liegt nahe, 
dass darin eine Anspielung auf Ludwig's IX. Unternehmung 
(1248 — 1254) liegt. Die Sprache ist in dieser Hinsicht schwung- 
haft und höchst poetisch. Der grösste Theil des Stückes jedoch 
wird von einer burlesken Wirthshausscene gebildet, die für ein 
Publicum jener Zeit vielleicht interessant gewesen ist, uns aber 
— abgesehen von der grossen Zahl der Ausdrücke, die dem 



lind in der miUolaUeilichc.n Dichtung. öl 

Argot entstammen und die selbst einem Michel dunkel blieben 
— ziemlich kalt lasst. Der Inhalt des Dramas ist folgender*). 
Nachdem ein Sprecher in der Manier der Plautus'schcn Prologe 
den Inhalt des Stückes, das am Abend vor dem dem Heiligen 
geweihten Tage gespielt wurde, angegeben hat, werden wir an 
den Hof eines heidnischen Königs geführt. Der Läufer Auberon 
berichtet dem Fürsten, dass die Christen in sein Land ein- 
gefallen seien und daselbst arge Verwüstungen anrichten. Auf- 
gebracht darüber wendet jener sich an seinen Götzen Tervagant, 
macht ihm harte Vorwürfe und droht, ihn verbrennen und zer- 
stückeln zu lassen, wenn er ihm nicht zum Siege verhelfe. 
Der Seneschal rügt diese Heftigkeit und fordert den König auf, 
mit nackten Knien und Ellenbogen des Götzen Verzeihung zu 
erflehen und ihn zu bitten, ein Zeichen über den Erfolg des 
Krieges zu geben. Es geschieht so und das Götzenbild lacht 
zuerst, dann weint es. Der Seneschal, dazu aufgefordert, er- 
klärt das Wunder so, dass Tervagant sich freue über den Sieg 
über die Christen, aber weine, weil der König ihn verlassen 
werde. Nachdem dieser seine Anhänglichkeit an den Gott fest 
erklärt hat, wnrd Auberon abgeschickt, um die Vasallen des 
Königs zum Kriege zu entbieten. 

Nachdem Auberon sich bei einem Schankwirth gestärkt hat 
und durch seine List zechefrei ausgegangen ist, begiebt er sich 
au die Höfe der einzelnen Vasallen, zu dem Emir von Orkenie, 
dem von Oliferne, von Arbre-Sec, von Iconien und entbietet 
sie zum Kriege. Bereitwilligst versprechen sie ihre Hilfe und 
treffen auch nach kurzer Zeit mit einer so bedeutenden Streit- 
macht ein, dass ihrer hundert auf einen Christen kommen. 

Die beiden feindlichen Heere stehen einander gegenüber; 
das Häuflein der Christen erkennt bald, dass die letzte Stunde 
geschlagen hat; aber muthig gehen sie in den Tod; ein Engel 
verheisst ihnen die Siegeskrone im Paradies. Sie werden alle 
erschlagen, nur ein alter Mann, der vor einem Bilde des heiligen 
Nicolaus im Gebet versunken lag, wird geschont und mitsammt 
dem Bilde von den Fürsten ihrem Könige vorgeführt als ein 



*) Theätre fran9ais au nioyen-ilge, publ. p. Monnierque et Michol. 
Paris 1839. NotiztMi über Bodcl'.s Leben ebendaselbst. Vgl. auch: Etudes 
sur les mysteres jiar One.sinie Lp Roy. Paris 1837, pg. 14 — 30. 

4.* 



52 St. Nicolai!« in der Tradition 

„raerveille". Auf die Frage des Letzteren, was denn das für 
ein Götze wäre, von dem er Hilfe erhoffe, antwortete der Christ : 
„Herr, das ist der heilige Nicolaus, der den Betrübten zu Hilfe 
kommt; seine Wunder sind gar gross; allen Verlust macht er 
wieder gut, die Verirrten bringt er auf den rechten Weg, die 
Ungläubigen wendet er zu Gott; den Blinden giebt er das Ge- 
sicht wieder und die Ertränkten erweckt er zu neuem Leben; 
wird irgend etwas seiner Hut anvertraut, so ist es nicht ver- 
loren; wäre dieser Palast voll Gold und würde sein Bild auf 
den Schatz gelegt, so würde Nichts davon entwendet werden 
können: eine solche Gnade hat ihm Gott erwiesen." Da lacht 
der König höhnisch auf und befiehlt, seine Schatzkammern zu 
öffnen, die Wächter davon zu entfernen, überhaupt auf jede 
Weise den Zutritt dazu zu erleichtern, auf das Gold aber als 
alleinigen Schutz das erbeutete Bild des heiligen Nicolaus zu 
legen. Würde das Geringste von dem Schatze gestohlen, und 
wäre es auch nur so gross wie ein Auge, so sei es um des 
Christen Leben geschehen. Der Gefangene wird darauf in 
einen Kerker geworfen, von einem Engel jedoch getröstet und 
zum Vertrauen auf Gott und St. Nicolaus aufgefordert. 

Der Dichter führt uns hierauf in das Wirthshaus zurück, 
wo wir die Bekanntschaft von zwei Dieben, Cliquet und Pin- 
cede, machen, die sich im Weine gütlich thun und mit Würfel- 
spiel die Zeit hinbringen. Ein dritter Kumpan, Rasoir, kommt 
zu ihnen und verkündet, dass alle Sorge nun ein Ende habe; 
denn Jeder habe Zutritt zu dem Schatze des Königs und dürfe 
daraus entnehmen, so viel er nur tragen könne; die Wächter 
seien entfernt, nur ein todtes Götzenbild sei mit der Hut des 
Goldes betraut. Nachdem sie sich tüchtig Muth getrunken und 
auch den Wirth ins Geheimniss gezogen haben, machen sie 
sich mit einem grossen Sacke auf und kehren bald, unter der 
kostbaren Last keuchend, in das Wirthshaus zurück. Das Ge- 
lage beginnt von Neuem, bis endlich die edlen Genossen von 
tiefem Schlafe überwältigt Averden. 

Der Seneschal des Königs hat inzwischen geträumt, dass 
der Schatz seiner Majestät vor seinen Augen in die P]rde ge- 
sunken sei; pflichteifrig springt er von seinem Lager auf, eilt 
nach der Schatzkammer und findet dieselbe wirklich bestohlen. 



iiiiil in der inittelaltcrlicheii Diclituiig. 53 

Der zornige König läset sofort den Christen vor sicli bringen 
und kündet ihm sein Ende an; doch lässt er sich durch das 
inständige Bitten desselben noch zu einem Aufschübe von einem 
Tage bewegen. Im Vertrauen auf die göttliche Hilfe betet der 
Christ inbrünstig zum heiligen Nicolaus und ein Engel verheisst 
ihm baldige Linderung seiner Leiden. 

St. Nicolaus nämlich erscheint nunmehr den schlaftrunkenen 
Räubern, kündet ihnen an, dass ihr Galgen schon errichtet und 
ihr Ende nahe wäre, wenn sie ihm nicht gehorchten und den 
erbeuteten Schatz wieder an Ort und Stelle trügen. Angst- 
erfüllt kommen die Diebe dem Befehle nach, und damit nicht 
wieder einer den anderen verführe, beschliessen sie, sich auf 
immer zu trennen. 

Der Seneschal, durch einen Traum von der Rückkehr der 
gestohlenen Schätze benachrichtigt, theilt die frohe Botschaft 
dem Könige mit, der sofort, zum grossen Leidwesen des Hen- 
kers Durand, den Christen aus dem Kerker befreien lässt. 
Das von Nicolaus bewirkte Wunder aber macht einen so tiefen 
Eindruck auf den heidnischen König, dass er seinen Glauben 
abschwört und sich zum Christenthume bekennt. Dasselbe thut 
sein Hof und seine Vasallen, nicht ohne Widerstreben von 
Seiten des Emirs von Arbre-Sec, der offen erklärt: „St. Nico- 
laus, wider meinen Willen und gezwungen bete ich dich an. 
Nur mein Aeusseres wirst du besitzen und nur mit dem Munde 
bekenne ich mich als der Deinige ; mein Glaube steht fest bei 
Mahomet." Der Götze Tervagant wird aus dem Tempel ge- 
stossen, während der Christ zum Lobe und Preise Gottes ein 
Te Deum anstimmt. 

17. Ein Mann, der den heiligen Nicolaus hoch verehrte, 
besass einen Sohn und es war sein einziges Kind. Dieses 
wurde von dem Teufel erwürgt. Da seufzte der Vater über 
der Leiche auf und sprach: „Geliebter Sohn, musste ein solches 
dein Schicksal sein? Heiliger Nicolaus, ist das der Lohn für 
die Verehrung, die ich dir stets entgegengebracht habe?" Kaum 
hatte er dies gesprochen, so öffnete der Knabe, wie aus einem 
Schlafe erwachend, die Augen und erhob sich. 

Dieses nur von der Legenda Aurea berichtete Wunder hat 



54 St. Nicolaus in der Tradition 

von den Späteren nur Wace (v. 1144—1350) aufgenommen, 
nicht jedoch ohne die Erzählung bedeutend zu erweitern. 

In der Lombardei lebte ein Mann, der das Fest des heiligen 
Nicolaus stets feierlich beging. An einem dieser Festtage begab 
er sich mit seiner Frau am frühen Morgen in die Kirche, um 
dem Gottesdienste beizuwohnen; die Diener befanden sich ausser- 
halb des Hauses, um Vorkehrung für das Fest zu treffen, und 
nur der junge Sohn des Hausherrn war in der AVohuung zu- 
rück geblieben. Da klopfte der Teufel, in die Gestalt eines 
Pilgers gekleidet, an und bat um ein Stückchen Brot, und als 
der Knabe ihm dieses reichte, packte ihn der Böse und er- 
würgte ihn mit den Worten: 

N'ai Silin de meiigier, 
Mais la gent faire trebuchier ; 
Ceo est mes deliz e nia viande. 

Das todte Kind wurde bald gefunden und das Haus hallte 
wieder von Wehklagen und Jammergeschrei der unglücklichen 
Eltern. Die Leiche jedoch wurde in ein entfernter liegendes 
Zimmer geschafft, damit die zum Feste geladenen Geistlichen 
nicht den Appetit verlören: 

Pur les clers qui s'esmaiereient 
E lor mengier en guerpireient. 

Während des Festes nun trat ein Pilger ein und bat um eine 
Gabe; aufgefordert an dem Tische Platz zu nehmen, weigerte 
er sich dessen und verlangte in ein Zimmer geführt zu werden, 
welches er näher bezeichnete. Es war das, in welchem das 
todte Kind lag. Der Pilger näherte sich demselben, erfasste 
die kalte Hand und flehte zu Gott, ihm das Leben zurückzu- 
geben. Alsbald richtete das Kind, wie aus einem Schlafe er- 
wachend , sich auf, lächelte den Vater an und umarmte die 
Mutter. Der Pilger aber war verschwunden: es war der hei- 
lige Nicolaus gewesen. 

18. Ein Mann gelobte dem heiligen Nicolaus ein goldenes 
Gefäss, wenn der Himmel ihm auf seine Fürbitte einen Sohn 
schenkte. Das gewünschte Ereigniss fand statt und dankerfüllt 
Hess jener einen prächtigen goldenen Pokal verfertigen. Aber 
wie dieses Kunstwerk nun sich in seinen Händen befand, er- 



iniil in (k-r iiiittcl;iUi;iliclH'ii iJichtnnp. ■)') 

wachte die Habgier in seinem Herzen; er behielt das Weihstück 
für sich zurück und Hess ein anderes, ebenso schönes, aber von 
geringerem Goldgehalte, anfertigen. Darauf unternahm er die 
Reise nach der Kapelle des Heiligen. Als sie nun auf dem 
Meere sich befanden, befahl der Vater dem Sohne, mit jenem 
ersten Gefässe Wasser zu schöpfen ; dieser aber beugte eich 
zu weit über den Bord des Schiffes, verlor das Gleichgewicht 
und verschwand mit dem Becher im Meere. Gross war der 
Schmerz der Eltern; hätten die Schiffer sie nicht zurückge- 
halten, so hätten sie sich dem geliebten Kinde nachgestürzt. 
Betrübten Herzens gelangten sie zu der Kapelle des Heiligen 
und stellten das für ihn bestimmte Weihgefäss auf dem Altare 
auf. Aber welch Wunder! Der Pokal blieb nicht auf dem Al- 
tare stehen, sondern fiel mit lautem Klange zur Erde; dreimal 
versuchten sie, ihn aufzustellen, dreimal derselbe Erfolg. Da 
erkannten sie die Hand des Heiligen, zerknirscht bereuten sie, 
ihn um das gelobte Geschenk betrogen zu haben und flehten 
ihn an um Vergebung. Als sie ihre Augen aufschlugen, stand 
ihr verloren geglaubter Sohn vor ihnen mit dem echten goldenen 
Gefässe in der Hand; er berichtete, dass der Teufel ihn ins 
Meer gezogen habe, dass aber Nicolaus ihn bei seinem Sturze 
aufgehalten und nach der Kapelle geführt habe. Darauf stellte 
er das Gefäss, das er in der Hand hielt, auf den Altar, und 
siehe! es blieb ruhig stehen. Alle aber lobten Gott und St. 
Nicolaus*). 

19. Cethron (Getro bei Wace) und Euphrosyna, zwei 
gottesfürchtige Leute in Alexandria, wünschten sich ein Kind 
und wollten die Fürsprache des Heiligen zu diesem Zwecke 
gebrauchen. Cethron begab sich, mit reichen Geschenken ver- 
sehen, nach Myra, kam aber in dem Augenblicke an, wo man 
Nicolaus' Leiche beisetzte. Er übergab die mitgebrachten Ge- 
schenke dem Kloster und bat sich dafür einige Kleidungsstücke 
des verstorbenen Bischofs aus. Mit diesen heimgekehrt errich- 
tete er eine prächtige Kapelle, in der er jene Reliquien nieder- 
legte und wo er alljährlich dem Heiligen zu Ehren Feste feierte. 
Euphrosyne gebar einen Sohn, den man „Gottgeschenkt, Adeo- 

♦) Leg. Aur.; Wace (804-924); Engl. 



56 St. Nicolaus in der Tradition 

datus" nannte und der die Freude seiner Eltern ward. Das 
Glück dieser Familie sollte jedoch bald gestört werden : Räuber 
führten den Knaben mit sich fort und verkauften ihn an einen 
heidnischen König, dem er als Mundschenk dienen musste. 
Ein Jahr schon schmachtete der Knabe in der Gefangenschaft ; 
an dem Tage aber, wo man in der Heimath das Fest des Hei- 
ligen feierte, fühlte er sich besonders unglücklich und verlassen 
und Thränen füllten seine Augen. Der König, der dies sah, 
fragte ihn nach dem Grunde, und als er denselben gehört, 
schlug er den Knaben und verbot ihm zu weinen ; nie würde 
er die Heimath wiedersehen, denn Keiner hätte die Macht, ihn 
ihm zu entreissen. 

Kaum hatte der König die stolzen Worte gesprochen, als 
ein Wind entstand, der den Knaben durch die Luft dahinführte 
und ihn in der heimathlichen Kapelle niedersetzte. Dort knieten 
noch die gramerfüllten Eltern, in heisses Flehen zu dem Hei- 
ligen versunken. Aber wer beschreibt ihre Freude, als sie beim 
Aufblicken ihr Gebet erfüllt und das geliebte Kind ihnen zu- 
rückgegeben sahen. So lange sie lebten, begingen sie das Fest 
des heiligen Nicolaus in ungewöhnlicher Pracht*). 

Auch diese Legende hat eine lateinische Dramatisirung er- 
fahren, die in Bezug auf ihren poetischen Gehalt wohl am 
höchsten in ihrem Genre dasteht; abgedruckt in: Origines La- 
tines du Theätre moderne par Edelestand Du Meril. Paris 
1849, pg. 276. 

Die Diener des Königs Marmosinus erbieten sich, jeden 
W^illen ihres Herrschers auszuführen und werden von diesem 
ausgeschickt, möglichst viel Land und Leute zu unterwerfen, 
was sich ihnen widersetze, aber zu tödten. Der feindliche Ein- 
fall findet statt, in dem Augenblicke, wo Getron und Euphro- 
syna das Fest des Heiligen begehen; beim Nahen der Feinde 
flieht Alles zurück in die Stadt (Excoranda ist ihr Name, ent- 
stellt aus Oenoanda, cf. Assemani Kalendaria Ecclesiae Uui- 
versae V), der Knabe aber bleibt bei dem Tumulte zurück, 
wird gefangen genommen und vor den König geführt. — 



*) Joan.; Leg. Aurea: Die Räuber gehören dem Stamm der Agarener 
an. — Andere Quellen, sagt die L. A., berichten, dass der Knabe ein Nor- 
manne gewesen sei ; Wace ; Ital. 



und in der niiUelalterlichcn Dichtung. 57 

Zwischen ihm und dem heidnischen Könige findet hierauf 
folgendes Gespräch statt, das wir Avegcn seiner Schönheit nicht 
umhin können, hier wörtlich mitzutheilen: 

Rex. 

Pucr bone, nobis edissere 
De qua terra, de quo sis gcnere, 
Cujus ritu gcns tuae patriae? 
Sunt gentiles sive christicolae ? 

Puer. 

Excorandae principans populo 
Pater meus, Getron vocabulo, 
Deum coh't, cujus sunt maria, 
Qui fecit nos et vos et omnia. 

Rex. 

Deus mens Apollo, deus est 
Qui me fecit, verax et bonus est, 
Regit terras, regnat in aethere, 
Uli soll dehemus credere. 

Puer. 

Deus tuus mendax et malus est, 
Stultus, caecus, surdus et mutus est; 
Talern deura non debes colere, 
Qui non potest so ipsuni regere. 

Rex. 

Noli, puer, talia dicere, 
Deum meum noli despicere, 
Nam si eum iratum feceris 
Evadere nequaquam poteris. 

Der Dichter führt uns hierauf nach Excoranda zurück: Euphro- 
syna kommt ihren vermissten Sohn zu suchen, muss aber bald 
zu ihrem Entsetzen erkennen, dass er ihr geraubt ist. Auf- 
gelöst vor Schmerz ruft sie auf den ßath ihrer Frauen den 
heiligen Nicolaus an, der auch bald seine Wunderkraft bethä- 
tigt. Der weitere Verlauf des Stückes entspricht genau der 
oben erzählten Legende. 

20. Von Wace wird noch ein Wunder berichtet, ähnlich 



58 yt. Nicoliius in der Tradition 

dem unter 8. erzählten. Ein Kaufmann zog mit reicher Habe 
nach Myra, um am Grabe des Heiligen zu beten und die 
Schätze dem Kloster zu übergeben. Unterwegs kehrte er in 
einem Gasthofe ein, dessen Wirth, durch den Anblick der 
Schätze lüstern gemacht, beschloss, durch den Mord des Kauf- 
mannes sich in Besitz derselben zu setzen. Er vollführte die 
entsetzliche That wirklich, zerhackte den Leichnam und barg 
die Stücke in einer Tonne. In der Nacht aber kam ein reich- 
gekleideter ßitter, der die Stücke wieder passend zusammen- 
setzte und durch sein Gebet der Leiche das Leben wiedergab. 
Der Kaufmann glaubte nur geschlafen zu haben, hatte keine 
Erinnerung an seine Ermordung und sein Körper zeigte keine 
Narben. Wie gross war das Entsetzen des Wirthes, als am 
nächsten Morgen der todtgeglaubte Gast ihn rief und seine 
Rechnung ausgleichen wollte. Von geheimer Furcht übermannt, 
gestand er seine mörderische That und bat reuig um Verzei- 
hung. Darauf zogen Beide zum Grabe des Heiligen, um Ver- 
jT^ebunji" ihrer Sünden zu erflehen. 

2L Von dem wunderbaren Ocl, das der Leiche des Hei- 
ligen entströmte, ist schon (14.) berichtet worden. Es lässt 
sich leicht denken, dass verschiedene Versuche gemacht wurden, 
sich der wunderthätigen Ueberreste zu bemächtigen ; aber alle 
Bemühung war umsonst, die Leiche Hess sich nicht vom Platze 
bewegen. So hatte auch der Fürst des Landes, in dem Myra 
lag, einen Gesandten mit demselben Auftrage dorthin geschickt, 
dieser aber dieselbe P^rfahrung machen müssen. Da betete er 
zu Nicolaus, dass er ihm doch etwas geben möge, was er ver- 
ehren und küssen könnte. Sein Gebet ward erhört; denn als 
er sich eine Schale von dem wunderthätigen Oele reichen Hess, 
fand er darin einen von des Heiligen Zähnen. Hocherfreut 
barg er die Reliquie in einem goldenen Kästchen, das bald von 
köstlichem Oele gefüllt war; denn auch der Zahn strömte, wie 
der ganze Körper, von jener heilbringenden Feuchtigkeit aus, 
und jemehr er sich bemühte, dem Fliessen desselben Einhalt 
zu thun, um so reicher strömte der Quell. In der Nacht jedoch 
erschien ihm Nicolaus mit dem Zahne in der Hand und redete 
ihn folgendermassen an: „Nunmehr ist deine Bitte erfüllt; du 
hast meinen Zahn gesehen und geküsst, aber du wirst ihn nicht 



und in der iiiiUelaltorlicIu'ii Dii-Iitimjf. 59 

als dein Eiii'cntliiun (lavontra";en. Nie kann er von mir ue- 
trennt oder von meinen Gebeinen entfernt werden." Nach 
diesen Worten erblich das Traumbihl ; jener aber erwachte und 
sah, dass der Zahn in der That mit ihm verschwunden war*j. 

22. Im Jahre 1087 segelten Kaufleute aus Bari, einer 
normannischen Kolonie in Unter-Italien, nach Antiochien ; unter- 
wegs aber hörten sie so viel von den Wundern, die der Hei- 
lige auch noch im Tode vollbrachte, dass sie beschlossen, sich 
auf jeden Fall in Besitz seiner Gebeine zu setzen. Als sie 
jedoch nach Myra kamen, fanden sie die Stadt durch die Muha- 
medaner verwüstet und verlassen und in dem Kloster nur drei 
Geistliche, den heiligen Schatz bewachend. Diesen machten 
die Kaufleute glauben, sie seien Abgesandte des Papstes, be- 
auftragt, für die Sicherheit der Reliquie zu sorgen und sie da- 
durch vor den Beleidicj[uno;en der Unoläubii>;en zu wahren, dass 
sie sie nach Italien schafften. Sie unterstützten diese List 
durch reiche Geldgeschenke und erhielten von den Hütern des 
Sarges die Erlaubniss, denselben zu erbrechen. Sie fanden 
darin die ganz in wunderbarem Oel schwimmenden Gebeine des 
Heiligen ; doch schien es, als wenn dieselben schon einmal be- 
rührt worden wären, denn die Knochen lagen durcheinander 
und das Haupt abseits. Nachdem sie die werthvollen Ueber- 
bleibsel sorgsam verpackt hatten, schifften sie sich mit ihrem 
Schatze am 20. April 1087 ein und kamen nach einer glück- 
lichen Fahrt von achtzehn Tagen in Bari an, Sonntag, den 
9. Mai. 

1089 wurde dem Heiligen eine prächtige Kapelle gebaut, 
die Papst Urban H. weihte. Bari wurde in Folge dessen ein 
sehr besuchter Wallfahrtort und aus den entferntesten Gegen- 
den strömten die gläubigen Christen herbei, um der Segnungen 
der heiligen Reliquien theilhaftig zu werden **). 

23. Auch bei den Russen geniesst St. Nicolaus eine grosse 
Verehrung; cf. Assemani Kalendaria Ecclesiae Universae V, 
pg. 428. In unserem Jahrhundert aber ist es besonders die 

*) Surius VII, pg. 400. Wace. 

**) Surius VII, pg, 399. Translatio 8. Nicolai Episcopi ex Myra Ly- 
ciae urbfi ad Appuliae oppidum Barium vel Darum scripta ab Johanne Arcbi- 
diacono Barensi — circa annum D. 1088. 



60 St. Nirolaus in der Tradition etc. 

Kinderwelt, bei der er in gutem Andenken steht. In P'rank- 
reich setzen die Kinder am Vorabend des 6. Deceraber ihre 
Schuhe mit Heu gefüllt an die Thür; während der Nacht kommt 
der Heilige angeritten, sein Ross frisst das Heu, er aber legt 
dafür ein Geschenk in den Schuh. In Deutschland scheint er 
mit Ruprecht identificirt zu werden. So beginnt ein Kinder- 
liedchen in Otto Schulz' Handfibel. Berlin 1875, pg. 69: 

Sankt Niklas. 

Hört, ihr Kindlein, ich habe vernommen, 

Dass Sankt Niklas werde kommen 

Aus Russland ; da wird er gehalten werfh 

Und wird als ein Heiliger dort verehrt. 

Er ist bereits schon auf der Fahrt, 

Zu besuchen die Schuljugend zart, 

Zu sehen, was die kleinen Mädchen und Knaben 

In diesem Jahr gelernet haben 

Im Beten, Schreiben, Singen und Lesen, 

Und ob sie sind hübsch fromm gewesen. 

Er hat in seinem Sack verschlossen 

Gar hübsche Sachen, geschnitzt und gegossen; 

Den Kindern, welche hübsch fromm wären, 

Will er solche schöne Sachen verehren. 



Luthers Lieblingswörtchen U n d.*) 

Vun 

Dr. August Lehmann in Danzig. 



Vorbemerkung. 

In meinem kleinen Aufsatz über den Bibelvers R<')m. 2, 14 (s. die 
Theologischen Studien und Kritiken 1877, S. 514 fF.) habe ich auf 
einen Fehler der Lutherschen Uebersetzung aufmerksam gemacht und 
mir erlaubt, die Religionslehrer daran zu mahnen, dass sie, wenn ihre 
Schüler diesen Vers auswendig lernen, den Lutherschen Fehler, der 
sich in allen Ausgaben seiner Uebersetzung noch bis auf den heutigen 
Tag fortgeerbt hat, nicht sollen mitlernen lassen. Der Fehler betrifft 
Luthers Lieblingswort Und, das im gedachten Verse durchaus weg- 
gestrichen werden muss. 

Diesmal habe ich es mit zwei anderen Stellen zu thun, in denen 
uns Luthers fragliches Und begegnet, nämlich L mit Mark. 2, 23, und 
II. mit Jakob. 5, 4. In der ersteren Stelle beabsichtige ich das Und 
zu retten, und zwar durch eine ganz kleine, dem Grundtext ent- 
sprechende Veränderung bei dem vorangehenden Nebensatze. In der 
zweiten Stelle will ich darlegen , dass das Und durchaus und unter 
allen Umständen wegzulassen und demgemäss eine andere Konstruktion 
zu wählen sei. In beiden Fällen aber kann ich nicht unterlassen, aber- 
mals die kleine Mahnung an die Religionslehrer mir zu erlauben, dass 
sie nicht verabsäumen mögen, vor ihren Schülern bei der Erklärung 
dieser Verse mit Vorsicht zu Werke zu gehen und die Schwierigkeiten 
des Lutherschen Und zu beseitigen. — 

I. 

Mark. 2, 23. 
Dieser Vers lautet im Grundtext also: 

Kai iyt'vsTO noLQanoQfiVEa&ai avrhr iv roHii 6aßßaa( dia räiv 
anoQi'ubJP xai i'joiuvTO ol ^aü/^rat ainov obov noinv rilXovreg 
Tovg ardxvag. 

*) Vergl, meine Schrift „Sprachliche Sütiflpn der Gegenwart". Tl. Ab- 
theil. 1877. 



^ 



02 Luthers LieblingswÖrtchcn Und. 

Ehe wir zur Besprechung der Lutherschen Uebersetzung dieser 
Stelle übergehen, müssen wir uns zuvörderst im Allgemeinen mit der 
Konstruktion des grundtextlichen "/.ai iytvezo und der Uebersetzung 
Luthers Und es begab sich vertraut machen und folgende Bemer- 
kungen vorausschicken/') 

1) Die offenbar ebraisirende Formel xui iytiezo oder y.ai earui**), 
welche mit Ausnahme von zwei Stellen***) sonst überall an der Spitze 
einer Periode oder wenigstens eines Periodentheils steht und niemals 
asynthetisch, sondern stets durch xai oder dt an das Vorhergehende sich 
anschliesst, ist nicht eine unnütze Umschreibung oder pleonastisch- 
artige Weitschweifigkeit f), sondern dient dazu, die Thatsachen stärker 
hervorzuheben und auf sie eindringlicher aufmerksam zu machen. ff) Sie 
findet sich im N. T. sehr häufig, und zwar am häufigsten im Evangel. 
Lukas sechsunddreissigmal, nächstdem in seiner Apostelgeschichte 
siebzehnmal, im Math, aber nur sechsmal, im Markus nur viermal, 
auch in den Episteln ein paar mal, dagegen im Ev. Johannis gar nicht. 

2) Luther übersetzt das iyei'sro meistens durch Es begab sich, 
öfters auch, besonders im Lukas, durch Es geschah, ein paar mal 
auch durch Es kam, und das Futurum eorai durch Es soll oder 
wird geschehen und durch Und soll geschehe-n. Zw^eimal 
hat er die Formel Und es begab sich da gebraucht, "wo sie im 
Grundtext gänzlich fehlt: Luk. 10, 31 und 22, 44, 

3) Die Formel regiert öfters den Akkusativ mit dem Infinitiv, 
den dann Luther in einen Nebensatz mit dass auflöst. fff) Am häufig- 
sten aber übt sie gar keinen grammatischen Einfluss aus, sondern lässt 
hinter sich einen vollständig selbständigen Hauptsatz folgen, 

Luther lässt hinter der Formel entweder einen Nebensatz mit dass 
folgen, oder springt ebenfalls in einen selbständigen Hauptsatz über. 



*) Vgl. meine Schrift ..Luthers Sprache ff." § 77 if. 
**) Das Futurum in den vier Stellen: Ap. 2, 17. 31. 3, 23. Rom. 9, 2G. 
***) Die Formel steht nur zweimal in Nebensätzen: Ap. 21, 1 und 5. 
f ) Meyer hat in seiner Uebersetzung diese Formel mit grossem Un- 
recht stets fortgelassen. 

ff) Oft (unter dreiundsechzigmalen dreizehnmal) beginnt mit dieser 
Formel ein neues Kapitel und überall (mit einziger Ausnahme von Luk. 7, 14) 
ein neuer Vers. Es ist wohl möglich, dass man bei der Eintheilung des 
Textes in Kapitel und Verse erkannt oder wenigstens gefühlt hat, die her- 
vorhebende , gewichtige Kraft der Formel sei ganz dazu geeignet, auf neue, 
gewichtige Thatsachen hinzuweisen und somit grössere Haltpunkte und Ab- 
schnitte zu bezeichnen. 

ttt) S. Luk G, 6. Ap, 9, 37. 16, 16. 19, 1. 28, 17. 



Luthers Lioblingswöi'tchcn Und. 03 

Die erstere Ausdrucksweise (ein von dass eingeleiteter Neben- 
satz) ist die natürlichste und heutigestags allein übliche. In ihr ver- 
tritt der Nebensatz das Subjekt zur Formel Es begab sich, das 
durch das stellvertretende Subjekt E s im Voraus angedeutet wird. 
Die zweite Ausdrucksart zerreisst das Band, welches von der Logik 
zwischen der Formel und dem naclifolgenden Gedanken innig ge- 
knüpft wird, gestaltet diesen Gedanken zu einem selbständigen Haupt- 
satz und lässt die Formel für sicli allein und absolut dastchn. 

Wenn Luther von diesen beiden Konstruktionsarten die leztere 
vorzieht — (er gebraucht sie sechsunddreissigmal, die erstere nur sie- 
benundzwanzigmal, und im Grundtext findet sich die letztere sechs- 
undvierzigmal, die erstere bloss siebzehnmal) — , so hat das seinen 
Grund vielleicht in seiner zu genauen Anschliessung an den Grund- 
text. Aber wahrscheinlicher hat er sehr richtig herausgefühlt, dass 
der Logik zufolge die Formel Es begab sich bloss nebensächlich 
sei, und dass ein von ihr abhängender Nebensatz mit dass eigent- 
lich die Hauptsache enthalte, also dass der Konstruktion nach die 
nachfolgende Thatsache nicht abhängig von der Formel erscheine, 
sondei'n völlig selbständig als ein eigener Hauptsatz auftreten könne. 
Dass im Neuhochdeutschen dennoch die erstere Ausdrucksweise 
allein üblich ist, rührt daher, weil hier, Avie oft, die Grammatik um der 
Deutlichkeit halber den Vorrang vor der Logik beansprucht. Man ver- 
misst bei der absoluten Formel Es begab sich doch zu sehr das 
durch den Vorläufer E s bereits angedeutete Subjekt. 

Der selbständige Hauptsatz ist nun häufig ein Nachsatz zu dem 
vorangehenden, nach iysveto zwischengeschobenen Nebensatz mit ore 
und (bei Lukas meistens) mit äg. z. B. 

Matth. 13, 53. Ä^«) iyeveto, öze hslscEV b 'Itjoovg rag 
naQaßoXkg ravrag, fisn^Qev ey.ei&£v. 

Und es begab sich, da Jesus diese Gleichnisse vollendet 
hatte, ging er von dannen ; 
oder auch zu dem vorangehenden absoluten Genitiv, z. B. 

Lukas 20, 1. Ä'«} lytrsto iv fiiä rcöv ij^eQÖov tyifivav, 
öiddGy.ovTog ävzov rhr Xaov Iv im i£Q(^ y,ai svayytXi^ofit'rov, 
mtarijoav o'i aQ'/^isQsig xai ol ^Qn^ifiatelg — — . 

Und es begab sich der Tage einen , da er das Volk lehrte 
im Tempel und predigte das Evangelium , da traten zu ihm 
die Hohenpriester — — . 



G4 Lutliers Lieblingswürtohon Und. 

Wenn dieser Hauptsatz aber ohne solche Beziehung steht, so 
übersetzt ihn Luther durch einen Nebensatz mit dass, z. B. 

Luk. 6, 12. 'Eyi'vEto öi ev zaTg Ij/isQuig ravtaig, i^ijX&ev stg 
ro oQog TZQogev^aa&ai. 

Es begab sich aber zu der Zeit, dass er ging zu beten. 

Die Logik wird einen solchen selbständigen Hauptsatz für das 
eigentliche Subjekt zu iy^vero erklären. Allein die Grammatik kann 
ihn als solches keineswegs anerkennen, und für sie bleibt es immer 
eine eigenthümliche, höchst sonderbare Wendung, welche der Griechische 
Grundtext offenbar dem Ebräischen Gebrauch nachgebildet hat. Im 
Ebräischen heisst die Formel Vagehi = iyevEro, und sie hat hinter 
sich völlig abgerissene, selbständige Hauptsätze. Man muss also an- 
nehmen, dass diese abgerissenen Hauptsätze bloss im logischen 
Sinne als Subjekte fungiren. (Kai iysvsro rode. i^rjXd^ev eig to oQog, 
Und es begab sich folgendes: er ging von dannen.) 

4) Betrachten wir nun noch die zwischengestellten, näheren Be- 
stimmungen, welche bald zu iyfvezo, bald zu dem nachfolgenden Haupt- 
satz gehören, oder nach Belieben zu einem von beiden bezogen werden 
können. Sie sind grösstentheils nähere zeitliche Bestimmungen , nur 
einmal ist die zu eytvsro gehörige Bestimmung eine örtliche (Ap. 14, 1). 

Diese zeitlichen Zwischenbestimmungen haben verschiedenartige 
Formen. 

Bald sind sie von ore oder w? eingeleitete Nebensätze und als 
solche meistens Vordersätze zu den folgenden Haupt-, d. h. Nachsätzen, 
z. B. Matth. 7, 28. 11, 1. 13, 53. 19, 1. 26, 1. Luk. 1, 23. 
19, 29. 41, 19. 

Bald kleiden sie sich in genitivi absoluti ein, z. B. Matth. 9, 1<>. 
Luk. 20, 1. Ap. 16, 16. 

Bald stellen sie sich als blosse Adverbien dar, z. B. Mark. 1, 9. 

Bald (und zwar sehr häufig) nehmen sie die Gestalt von solchen 
Adverbialien an, welche mit tv reo eingeleitet einen Akkusativ mit dem 
Infinitiv oder auch nur einen blossen Infinitiv in sich aufnehmen und 
diese Infinitivstrukturen durch Vorsetzung des Artikels zum Substantiv 
avanciren lassen, z.B. Mark. 4, 6. Luk. 1, 8. 5, 12. 8, 40. 9, 18. 33. 
14, 1. 17, 11. 14. 18, 35. 24, 15. 30. 51. Luther übersetzt die 
Konstruktion ty reo meistens durch Nebensätze mit d a. 

Endlich finden sich aucli sonstige Partizipialkonstniktionen, z. B. 



Luthers Lieblingswortchen Und. G5 

Ap. 22, 6, wo der Dativ fioi und das nachfolgende tzsqI i[is sehr un- 
gewöhnh'ch ist. 

Selten steht gar keine Zwischenbestimmung zwischen iytvEzo und der 
davon abhängigen Infinitivstruktur, wie Mark. 2, 23. Ap. 9, 32. 43. 28, 8. 

5) Sehr auffallend ist das den Hauptsatz öfters einleitende y.ai. 
Es tritt uns einmal bei Matthäus und zehnmal bei Lukas entgegen, 
aber niemals nach einem wirklichen Nebensatz mit örs oder iog, son- 
dern entweder nach absolutem Genitiv (Matth. 9, 10), oder nach den 
durch iv reo zu Substantiven erhobenen , zu iylvato gehörigen Infinitiv- 
strukturen (Luk. 5, 1. 12. 9, 51. 10, 38. 19, 15. 24, 15), oder end- 
lich nach Zeitadverbialien (Luk. 5, 17. 8, 1. 22. 9, 28). 

Auch ist noch zu bemerken, dass in diesen 11 Beispielen auf- 
fallenderweise vor dem nachfolgenden Hauptsatze zweimal y.al idov und 
siebenmal nai avTog sich findet. 

Was hat es nun mit diesem um für eine Bewandnis ? Was für 
Sätze oder Wörter soll es verbinden? 

Wir antworten : es verbindet gar nichts und kann weder durch 
Und, wie Meyer will*), noch durch nempe, wie Fritsche will, wieder- 
gegeben werden. Wie sollte der folgende Hauptsatz durch und mit 
dem sysvsto oder gar mit der dazwischen gestellten näheren Bestimmung 
sich verbinden lassen? Solche Verbindung wäre weder grammatisch 
noch logisch möglich. Und nun y.ai gar durch nempe zu übersetzen, 
ist weder grammatisch noch logisch gestattet. Das vieldeutige, unüber- 
setzbare Waw konnte der Grieche nicht besser wiedergeben, als durch 
xßi'. Es bezeichnet ungefähr unser nachsätzliches Deutsches so, da.**) 

Luther erkannte ganz richtig, dass dieses itai sich nicht durch 
und übersetzen lasse, und gab es entweder gar nicht oder durch das 
nachsätzliche so oder da wieder.***) 



*) Vergl. meine Schrift „Luthers Sprache ff." Seite 171 Note****. 
**) Auch in anderartigen Stellen steht solch ein yai ofienbar mit dem 
Waw in Zusammenhang, namentlich am Anfange eines Nachsatzes, ähnlich 
unserm Deutschen so. z. B. Luk. 2, 21: Kai ore eyJ.ijad'tjoav rjusoai oxrcö 

, xai iy.h]x)'7] ro ovofia aiixov 'It]aovs. — Jakob. 4, 15: ßäv o xvqios 

d'EXr';at] xai ^liacofisv, y.al Tton^aofiev tovxo rj ey.elvo. Off. 10, 7: AXXa — 
— orav fieXlrj oa).Ttit,ei,v, xal re^^ead'ti ro /.ivoxriQiov. — Auch hier wird vor 
dem sehr beliebten idov und vor avzos wieder das y.al gebraucht, z. B. 
Luk. 7, 12: dis 8'e i'jyyias ttj tivIt] Tfjs nöXecos^ y.ai idov, E^syoiu'Qero 

reO'vriHcüs ■ . Luk. 2, 28 {y.al avrog). Dies y.al findet sich sogar noch 

in Verbindung mit dem auch sonst nicht ungewöhnlichen nachsätzlichen Se, 
z. B. 2. Petri 1, 5. — 

***) Der Vers Mark. 2, 15 gehört nicht hieher, denn das erste xal heisst 

Archiv f. n. Sprachen. LIX. 5 



66 Luthers LieblingswÖrtchen Und. 

Nach diesen Vorausschickungen können wir nunmehr zu Luthers 
Uebersetzung der Stelle Mark. 2, 23 übergehen. Er übersetzt also: 
Und es begab sich, da er wandelte am Sabbath durch die 
Saat, uud seine Jünger fingen an, indem sie gingen, Aehren 
auszuraufen. 

Was ist nun in dieser Uebersetzung falsch und auffallend ? 

Luther hat erstlich den Akkusativ mit dem Infinitiv naQcmoQEVEG&ai 
avzov, welcher, wie oben erwähnt, als Subjekt zu iytvsro angesehen 
und somit durch einen Nebensatz mit dass übersetzt werden muss, irr- 
thümlich für einen genitivus absolutus angesehen und durch einen von da 
eingeleiteten, die Zeit näher bestimmenden Nebensatz wiedergegeben. 
Er hat zweitens einen Hauptsatz mit und angeknüpft, man weiss aber 
nicht, woran? An den Nebensatz mit da gewiss nicht, denn Haupt- 
satz und Nebensatz lassen sich nicht koordiniren und nicht durch und 
verbinden. An sytrsro eben so wenig; denn wie könnte mann sagen: 
es begab sich uud die Jünger fingen an ff.? Wie aber ist denn 
Luther zu dem und gekommen? Nicht durch das oben besprochene 
xai, das er niemals durch und, sondern entweder gar nicht, oder 
durch das nachsätzliche s o oder d a wiedergiebt. Sondern er hat ver- 
muthlich den Nebensatz mit da sich logisch als abhänging von iytvsto 
gedacht und dann, wie oft, richtig in einen Hauptsatz eingelenkt, den 
er nunmehr mit und einleiten konnte. 

Die leichteste Verbesserung dieser Lutherschen Uebersetzung ist, 
dass statt da zu setzen. Dann ist alles grammatisch und logisch 
in Ordnunsr: 



nicht und, sondern auch. — Die Stelle Luk. 5, 1, die in der Konstruktion 
einige Schwierigkeiten hat, ist hier noch besonders zu erwähnen, obwohl 
sie keineswegs das verfängliche und darbietet. Ihre Konstruktion ist 
folgende. 

Hinter eyeiero 8s folgt eine Zwischenbestimmung, welche durch das 
sehr beliebte ev zm mit nachfolgendem Accus, c. infin. eingeleitet wird. Mit 
y.ai cfvios rjv eotcüs beginnt aber eine längere Parenthese, welche bis rnt- 
enXvvav T« Sixrva sich hinzieht. Nach dieser Zwischenschiebung folgt nun 
erst im dritten Verse der Nachsatz mit sjußäs Se, welcher, wie Nachsätze 
häufig, durch ein St eingeleitet wird und zum Verbuni finitum r^QcoTtjoer hat. 
Luther beginnt auch sehr richtig nach der Parenthese den Nachsatz mit 
den Worten trat er in der Schiffe eines, und^dieser Nachsatz, 
aber nicht der parenthetische Hauptsatz xal avzos r^v taroh, ist der als 
logisches Subjekt zu eysvero gehörige, von dem sytrero grammatisch ganz 
unabhängige Hauptsatz. Und somit hat diese Stelle keine Aehnlichkeit mit 
Mark. 2, 23. 



Luthers Lieblingswortchen Und. 67 

Und es begab sicli, dass er wandelte am Sabbath 
durch die Saat, und seine Jünger fingen an, indem 
sie gingen, Aehren auszuraufen. 
So hat dieP""ormcl es begab sich an dem mit dass eingeleiteten Neben- 
satz ihr richtiges Subjekt und das folgende und seine Berechtigung. 
Nahe liegt der Gedanke , dass das d a statt dass ein Schreib- 
fehler Luthers oder ein Druckfehler sei. Und dieser Gedanke scheint 
noch in dem Umstände eine Unterstützug zu finden, dass Luther in der 
gleichlautenden Parallelstelle Luk. 6, 1, den Akkusativ mit dem In- 
finitiv ganz richtig übersetzt: 

'EytvEto dt iv aaßßdrm dEvrsQOTiQojToi SiciTTOQeveoß cn avrbv 8ia 
Tcov anoQifiav, xai tziXkov oi fiadijrat uvrov rovg crtcfyaq. 

Und es begab sich auf einem Aftersabbath, dass er durchs 
Getreide ging, und seine Jünger rauften Aehren aus. 
Allein es lässt sich doch schwer denken, dass solch ein Schreib- oder 
Druckfehler Jahrhunderte lang durch alle Ausgaben der Lutherschen 
Uebersetzung bis auf die allerneuesten sich sollte fortgeerbt haben. 

Dass die neueren und neuesten Deutschen Bibelübersetzungen so 
wie auch die üebersetzungen in die fremden neueren Sprachen nicht 
in den Lutherschen Fehler gerathen, ist eine Thatsache, welche eben- 
falls dafür zeugt, dass Luther allein sich hier in der Konstruktion ge- 
irrt hat. Es ist wohl möglich, dass er sich durch die Vulgata hat irre 
leiten lassen, welche hier genau eben so falsch lautet: 

Et factum est iterum, cum dominus sabbatis ambularet per 
sata, et discipuli eins coeperunt progredi et vellere spicas. — 
Sollte man aber durchaus nicht geneigt sein , die kleine Berich- 
tigung dass statt da gelten zu lassen, sondern gegen den Grund- 
text den Lutherschen Satz mit da ohne Weiteres beibehalten wollen: 
so ist das dahinter folgende und nicht mehr zu retten , sondern es 
muss nothwendig weggestrichen und der durch dasselbe angeknüpfte 
Hauptsatz umgeformt werden. Dieser müsste dann, falls er ein Nach- 
satz zu dem Vordersatze mit d a werden sollte, also heissen : 

Und es begab sich, da er wandelte durch die Saat, (so 
oder da) fingen seine Jünger an, Aehren auszuraufen; 
oder, falls der Nebensatz mit da als zum Verbum iyivsto gehörig dem- 
selben einverleibt werden sollte, also: 

Und es begab sich, da er wandelte durch die .Saat, dass 
seine Jünger anfingen fF., 

5* 



68 Luthers Lieblingswörtchen Und. 

oder mit Hinüberspning in einen abgerissenen Hauptsatz also: 

Und es begab sich, da er wandelte durch die Saat: seine 

Jünger fingen an ff. — 

Ich für mein Theil aber muss aufs entschiedenste mich für die 

kleine Berichtigung des da in dass erklären. So ist dem Urtext und 

dem Verständnis Genüge geleistet und Luthers Lieblingswörtchen 

Und gerettet. 

II. 

Jakob. 5, 4. 
Im Grundtext lautet dieser Vers also: 

fiiG&og TMP sQyaröov tmv anijodvzav rag xwQag vficov o 
änEGteQtiulvog dcp Vficov •aqu^si. 
Bis 1530 übersetzte Luther dies also: 

Das Lohn der Arbeiter, die euer Land eingeerntet 
haben, das von euch verkürzt ist, das schreiet. 
Aber von da ab verändert er diese Uebersetzung also: 

Der Arbeiter Lohn, die euer Land eingeerntet 
haben, und von euch abgebrochen ist, das schreiet.*) 
Diese letztere Uebersetzung hat in allen Ausgaben der Luther- 
schen Uebersetzung bis zur heutigen Stunde Platz gegriffen. Und das 
ist um so mehr zu verwundern, da die ältere Uebersetzung, wenn auch 
nicht richtig Deutsch, so doch wenigstens verständlich ist, während die 
spätere nicht bloss völlig undeutsch, sondern auch durchaus unver- 
ständlich ist. Es lässt sich auch nicht der mindeste Grund für solche 
unbegreifliche Festhaltung dieser Uebersetzung finden, am wenigsten 
für unser neueres und neuestes Hochdeutsch. 

Betrachten wir zunächst die frühere Uebersetzung Luthers. 
Sie enthält einen Hauptsatz (das Lohn der Arbeiter das 
schreiet), in welchen zwei relativische Nebensätze (die euer 
Land eingeerntet haben, und das von euch verkürzt ist) 
eingeschaltet sind. Beide Relativsätze stehen unmittelbar neben ein- 
ander. Es ist aber weder im Deutschen noch in sonst einer Sprache 
gestattet, dass, wie hier, zwei Relativsätze zwei verschiedene Sub- 
stantive als ihre Träger im Hauptsatze haben und doch unmittelbar 
neben einander stehen.**) Das erstere Relativpronomen die bezieht sich 



*) S. „Luthers Sprache ff." S. 141. 
**) S. Götzinger Dt. Sprache IT, 477. 



Luthers Liebliiigswörtclien Und. 69 

auf Ar beit er, das zweite, das, auf Lohn. Hiebei Avollen wir noch 
ganz davon abschen, dass dieses letztere Relativpronomen das sich 
auch auf euer Land beziehen und somit der zweite Relativsatz sich 
dem ersteren, in welchem sein Träger stünde, als subordinirt, also als 
ein Nebensatz des zweiten Grades darstellen könnte. Und das könnte 
diesmal weder Logik noch Grammatik hindern. 

Also hievon noch abgesehen, müssen unter allen Umständen die 
beiden Relativsätze von einander getrennt werden. 

Allerdings ist nun Luther nicht frei vom Zusammendrängen 
zweier so verschiedenartiger Relativsätze auch an anderen Stellen, 
z. B. Ap. 12, 12: 

Und als er sich besann, kam er vor das Haus Maria, der 
Mutter Johannis, der mit dem Zunamen Markus hiess, da 
(ov) viele bei einander waren und beteten, 
wie er denn auch öfters zwei zwar gleichstufige, aber nicht zusammen- 
gehörige Nebensätze nicht von einander trennt, z. B. Gal. 2, 3: 

Aber es ward auch Titus nicht gezwungen sich zu be- 
schneiden, der mit mir war, obwohl er ein Grieche wai-. 
Allein zur Zeit Luthers war die Satz- und die Periodenlehre noch 
lange nicht geregelt. Aber wenn neuere und neueste Uebersetzer oder 
sonstige Schriftsteller solchen gewaltsamen Zusammenstoss zweier der- 
artiger Nebensätze sich gestatten und so das Verständnis erschweren 
oder verdunkeln, so ist das nicht zu verzeihen. 

Ausser dieser Missstellung der beiden Relativsätze, welche zwar 
grammatisch nicht angänglich ist, doch aber das Verständnis des Verses 
nicht zu sehr hemmt, enthält diese frühere Uebersetzung nichts Anstössiges. 

Dagegen ist die spätere Uebersetzung nicht bloss gram malisch 
durchaus falsch, sondern auch völlig unverständlich. 

Erstlich wird die unmittelbare Aufeinanderfolge der beiden Relativ- 
sätze, die schon bei der früheren Uebersetzung sehr zu missbilligen 
ist, in eine innigste Verkettung vermittelst des Und verwandelt. Und 
das potenzirt die Fehlerhaftigkeit aufs bedeutendste. 

Zweitens ist bei dem durch Und angeketteten zweiten Relativsatz 
daseinleitende Relativpronomen das, welches im Hauptsatz das Lohn 
zum Träger hat, gänzlich weggefallen. Durch diesen Wegfall be- 
kommt es den Anschein, als sei aus dem durch die eingeleiteten 
ersten Relativsatz auch für den zweiten Relativsatz das Pronomen die 
als Einleitung zu ergänzen. 



70 Luthers Lieblings wörtchen Und. 

Hieraus folgt, dass das Luthersche Verkettungs - U n d durchaus 
und unter allen Umständen wegzustreichen ist. 

Damit ist nun freilich noch nicht Alles verbessert, sondern es 
bleibt noch übrig, dem zweiten Relativsatz sein einleitendes Relativ- 
subjekt das Aviederzugeben und beide Relativsätze • von einander zu 
trennen, etwa partizipialisch : 

Der von euch verkürzte Lohn der Arbeiter, die euer Land 
eingeerntet haben, der schreit, 
oder durch Umformung des zweiten Relativsatzes: 

Der Lohn der Arbeiter, die euer Land eingeerntet haben, 
ist von euch vei'kürzt worden, und das schreit; 
oder (wie Meyer) : 

Der Arbeiterlohn, den ihr den Schnittern eurer Felder 
vorenthieltet, schreit, 
oder sonst wie. 

Dass einige neuere Bibelübersetzer zwar das Und natürlich aus- 
gelassen, aber das Aneinanderstossen der beiden Relativsätze nicht ver- 
mieden haben, ist sehr zu missbilligen. Selbst Bunsen hat es nicht 
vermieden; er übersetzt noch: 

Der Lohn der Arbeiter, welche eure P"'elder gemähet 
haben, der von euch vorenthalten ist, schreiet, 
und überdies bezieht er den ersten Relativsatz auf das zweite Sub- 
stantiv im Hauptsatz und den zweiten auf das voranstehende erstcre 
Substantiv. 

Ob Luther bei der älteren Uebersetzung dieses Verses die Vulgata 
benutzt habe, ist fraglich. Dass er bei der späteren Uebersetzung die 
Vulgata nicht zum Grunde gelegt habe, lehrt der Augenschein. Denn 
dieselbe hat zwar den Zusammenstoss der beiden unverbiudbaren Re- 
lativsätze auch nicht vermieden; dafür aber hat sie weder ein Und, 
das beide Sätze verketten könnte, hinzugesetzt, noch lässt sie im 
zweiten Relativsatze das einleitende Relativsubjekt weg : 

Merces operariorum, qui messuerunt regiones vestras, quae 

fraudala est a vobis, clamat. — 

Lufher hat sich durch die beiden Partizipia des Grundtextes tmv 

dfAi/odvrcov und o dnsGTEQri^lvog — er pflegt gerne und mit Geschick 

die Partizipien in Relativsätze zu verwandeln — offenbar zu der 

falschen Uebersetzun": verleiten lassen. 



Alexiuslieder. 

(Forts, u. Scbluss.J*) 

Von 

Dr. Carl Horstmann. 



III. Die Version des Ms. Laud 622. 

Ein drittes, von den beiden bereits edirten bedeutend abweichendes 
Alexiuslied ist das des Ms. Laud 622, fol. 21, fast doppelt so lang als jene 
und späteren Ursprungs. Die Hs. enthält, wie mir Mr. Furnivall mittheilt, 
im Anfang die Siege of Jerusalem (dessen Anfang am Ende der Hs.) bis 
fol. 21, dann, nach dem Alexius, die 5 Träume Adam Davys über P]dward II. 
(1307—27), The Geste of Alisander fol. 27—64 (nach dieser Hs. gedruckt 
in Weber's Metrical ßomances vol. I), darauf noch The pylgi'images of the 
holy lond in Prosa (welche Furnivall zu veröffentlichen versprochen hat), 
und auf den letzten 8 Blättern, die eigentlich den Anfang der Hs. bilden, 
eine gereimte Erzählung der Hauptbegebenheiten des alten Testamentes 
(von Joseph, Moses, Salomon, Elye, Elisaeus, Danyel, Habacuc), dann Fif- 
tene toknes Jeremie, Lamentacio animarum, und den Anfang (2 foU.) zur 
Siege of Jerusalem, im Ganzen 72 Blätter. Das Alexiuslied wird Mr. Fur- 
nivall nebst den Träumen Adam Davys im nächsten Jahre erscheinen lassen, 
«loch hatte derselbe die Güte, mir einen Abdruck seiner Copie dieser mir 
bis dahin unbekannten Version zu übersenden und zu gestatten, dieselbe 
meiner eigenen Sammlung von Alexiusliedern einzureihen und schon jetzt zu 
veröffentlichen. 

Sprachliches. Vokallänge wird häufig durch Verdoppelung bezeich- 
net, so bei spaak' 452. 487, wee, jee, \>ee, see, leet, feet, sleep, neere, 
breech 731, breest461; oo, j)oo adv., [loo plur. 117, soo, woo, woot, wroot, 
stood, good, took, aroos, loos, oord 200, wroofi 104 ; lijf, wijf, strijf, lijk, 
wijs, prijs, vijs 171. eo findet sich nirgends, oe in poeple, doei, oi in oi[ier 
323. 374. 407, noijier 96 (neitier 392). — A vor m n haben im Reime man, 
|ian, can, wan, ran, gan, cam nam 914, name 61, i. T. ausser diesen noch 
any, many, whan, fnuiked, einmal auch lange 1084 (sonst longe); o i. R. 
honde londe 292, stonde fonde 963, longe amonge 945, ygon onon 638, wis- 
dome 66, (auch fro 778. 790). Mit o finden sich auch i. R. sowe praet. 
Sgl. (= sawe) i. R. zu knowe 279, ysowe praet. plur. knowe wowe lowe 



*) Vgl. Archiv 1873, Bd. LI, Heft 1, und Archiv 1876, Bd. LVI, 
Heft 4. 



72 Alexiuslleder. 

915, lowe knowe 370. 485. 802, lowe owe Jirowe wowe 1002: diese Wörter 
finden sich nie mit a, desgleichen more, sore; statt sie i. R. zu fro woo also 
1053 verlangt der Reim ebenfalls slo; a begegnet in halt 3. praes., yfalt 931. 
n und e schwanken zuweilen, so findet sich i. R. auch bilaue 21 neben 
bileue 332, neben hadde ladde dradde i. R. zu gladde 99, hadde radde 1006 
(rad grad 979), auch hedde ledde i. R. zu fiedde spedde 243, led i. R. zu 
bed 463; i. T. findet sich nur hadde had, meist ledde (lad 58), red 973; 
merke ausserdem mit e i. R. lest 595, messe 817, lesse 630, mit a cast 395, 
vnwrast 738, was 337; im Praet. findet sich mit e jeue i. R. 331, sete i. T. 
526, sonst a: jaf, säte i. R. 448 (sat 486, sat' 474, satt' 356), bare, stale, 
spak; merke noch lefdy mit e. — i und e berühren sich öfter i. R., vgl. 
die Reime mende hende 271. 373, mynde (st. mende) hende 229, dent 
tourment 143, herne gouerne 951, fjre (st. fere) neere 459; ferner kysse 
blisse i. R. zu brijtnesse destresse 1089. kysse: lyonesse presse 1044, lesse 
blis 657, aber heuynysse blisse 181 (vgl. noch lesse godenesse 46, lesse 
almesse wrecchednesse destresse 351, richesse wrecchednesse 242); in allen 
diesen Beispielen macht sich der EinÜuss des kentischen e geltend, i haben 
i. R. synne kynne 338, hyde 887, kifie 224. 296, fulßUe 528, und ein- 
mal by statt be i. R. zu I 375; i. T. wil, wist 175, kisten, pylte 622, 
clyppe 1044, first, mychel, litel, yuel, mirjie, wirche, chirche, mynde, kynne, 
synne, whiche, swicbe, [üder, si[j|je 421 ('sifjen 396 siliens 1134); u nur 
dude, vche, jut 476; merke werld mit e. u, nicht o, findet sich in rungen 
sungen 1103, Sprunge tunge 1106, shulde, o in jionder, gönnen, {)orst 770. 
— Das Ms. schreibt jth und ^tt, z. B. mijth, mijtten; merke die Schrei- 
bung von hazi'je felaw^^e 328, sawje 393, daw^es 749 und dawes 577 neben 
dayes 595, droujen 638 neben drowen 593, sorou^ed 1013 sorou",eyng 1011; 
u neben w in duelle, suete^ ansuere; z statt s in seintz 468, serieauntz 452, 
c statt s in cee, cenatoure, d statt th in ded i. R. 1019. Verschmelzungen 
sind nas 325, nyltou 1017, nolde, noot 419, ferner jjemperoure, [lapostoile. 

Von den Fürwörtern sind zu merken I (i. R. zu cry 375), she, Acc. hir, 
Poss. meist her, aber auch hir 100. 412 hire 426. 1037, sbst. bires 155; 
der Plur. der 3. Person lautet \>i\i, nur einmal hij 1097 (dies die Form in 
den „Träumen Edward's"), Acc. hem, Poss. her. 

Der Infinitiv endet zweimal auf südliches y: party i. R. 384, wra|j})i 
i. T. 202; sonst i. R. in der Regel auf e, ausser in don 175 done 890, gon 
655, sene 422, seyne 565. 798 (aber seye i. R. zu deye 893, i. R. zu weie 
874); ohne e in say 861 und, trotz des (bedeutungslosen) Häkchens, in look' 
60. 674. 768. 959 (in loke 236 i. R. zu tooke ist e als verstummt anzu- 
sehen), ask' lask' 678, jiink' 676. Ausserhalb des Reimes endet die Mehr- 
zahl der Infinitive auf en, z. B. witen, seien 682, seen 1080, bryngen, passen, 
aryuen, seruen, suffi-en u.a., doch ist auch e nicht selten : conne, lygge 1126, 
libbe 792, folowe, couere, sulire 310; ohne e ist cast 1063. — Im Plur. praet. 
findet sich en i. R. nur in sei.^en i. R. zu ei^en 709, rungen sungen 1102, 
sonst auf e, wie toke 134, ysowe 915, sprunge 1106, bere 1107, j^ede 4S0, 
cryde 495 u. a., bei den Verben auf jth, nt wird auch e gewöhnlich fort- 
gelassen (doch mit e sende 1119). Im Texte hingegen ist en häufiger, wie 
in beden, beren, speken, founden {lai 476, token, gönnen, waten 191 (von 
wade 548), casten 1120, kisten, wisten 693, kepten 902, stirten 493, mijtten 
83, soujtten 532, |)ankeden 121, sailedcn 554, foloweden 1127, avoweden 
122, aryueden 574, seiden 898, praiden 859, leiden 1096 u.a., seltener ist e, 
wie gönne, gradde 364 u. a.; die schwachen N'erba auf cd bleiben nicht 
selten ohne Pluralcndung wie loued 691, groned 564, gramed 734, cleped 
739, despised 735, auch cast 737. Die Singularform erscheint bei starken 
N'^erben nur bei gan 60. 129 (neben gönnen, gönne). — Das Part, praet. 
endet bei starken Verben i. R. in der Regel auf e, so bei ystole 586, hole 
587, bynome 377, totore 490, ysete 529, ybete 652, ywrite 806, knowe 644; 
n findet sich ausser in gon 190 ygon 637, ybene 998 (ybe 186), nur in borne 



Alexiuslieder. 73 

i. R. zu tourne 344, borne ysworne forlorne i. R. zu biforne 567, boriie 
lorne i. R. zu liorne 747, boriic forlorne i. R. zu cornc 1023 (aber totere 
490 i. R. zu bifore). Im Text ist en häufiger, so bei writen 53 ywriten 
1006, ycomen 160, founden 815, sliryuen 338, yswowen 386, als blosses 
c: ycome 93, yholde 971, ybore 120, ylore 1039. Der ^'o^schlag y ist sehr 
häufig, doch fehlt er bei denselben Verben auch oft genug; ausser im Part, 
findet sich y auch beim Infin.: ysee 686, ywite 809, yknovve 802, und im 
Praet. bei ysowe 915. — Das Part, praes. endet i. R. auf ynge: wonyynge 
1149, i. T. auf ande: wepande 302, brennande 462 (vgl. erande 509), von 
welcher Endung i. R. kein Beispiel. — Die 3. Sgl. und der Plur. praes. 
enden auf e|): [iinke|) 35, shevveli 313, tredeji 425, sitte|i 4'")1. 490, berefi 
636, falle!) 1087, spryneej) 1151, ha|) 291. 463, lij|p 870, sei[i 34, hij hahbcj) 
1097, je habbe{) 7, i. R. findet sich kein Beispiel; ohne Endung sind we 
seke i. R. 884, jee seche 926, men calle i. R. 253, ^e haue 31; merke noch 
rest i. R. 460, halt i. R. 931 als 3. Sgl. Von Hülfsverben haben im Plur. 
en: we nioten 34, jee mowen 446, mowen jee 409, shullen we 40. 458, 
willen 1 (docli auch wille[) 445. 601), ebenso we ben 952. 1073. 1149, jee 
han 1141, einmal findet sich auch we defenden 955. Für die 2. Sgl. merke 
folgende Beispiele: doest 1051 doost 1086, seest 668, hast 1046, sufFredest 
1061, woldeston 1027; die starken Verba haben im Praet. für diese Person 
e: J)ou come 1068, \>ou helde, [)0u worne 1029, doch fehlt dieses in Jiou 
sei^ 1054 (took' 1062). — Das regelmässige Praet. schwacher Verben endet 
auf ed Cnicht ede), wie cryed, gramed, letted 1042, bei swalewe 611 fehlt 
diese Endung; mijth, sou^^th, liouUh u. a. erseheinen ohne e, tau^tte 71. 222, 
rau,5tte 225, laujtte 219 mit e, went' sent' mit Häkchen, dafür sende PI. 1119. — 
Die Substantiva haben im Plur. es: ledes stedes 114, ])eynes veynes 311, 
pappes happes 1045, law;;es dawjes 748 dayes 595, bodies 6, ftousandes 80; 
auf en begegnen nur ei^en i. R. 710, honden 101, shrewen 572; einmal hat 
auch ein Adjectiv s im Plur.: armes clers i. R. 79; ohne Endung sind hyne 
i. R. 1065, frende i. R. 635, ;;ere, hors 266, nijt i, R. 614. Auch der Gen. 
Sgl. endet auf es: lyues food 797, dej)es lawjes 748, Speeres oord 200, o[ieres 
wille 157, a gode fridayes morowenyng 847, |ie |irid daves ende 556; merke 
his faders wille 185, his moders barm 900, aber auch his fader sergeauntz 
1003. Das e der Flexion ist sehr schwankend; es findet sich im Gas. obl. 
häufig genug, wie bei daye 9. 402 (aber by day 231), \>e fende dat. 216, to 
frende, on molde u. a. ; in anderen Fällen schwankt es, so of hew neben 
hewe, wij) mood' 992 neben of mode 26, to book' neben to boke, on rood' 
221 neben on rode 38, in sorouj 98. 364. 382 neben of sorowe 1091, wäh- 
rend es in vielen Fällen ganz abgefallen ist, so bei god, son, of her 731, 
besonders bei den Wörtern auf gth, y (fro fie body 876. in al his body 
311), den langsilbigen Wörtern auf s (of prijs 397, wi\> grijs 398, for loos 
66), f (to wijf 197, of lijf 952, in mischief 353), die auf st, nt haben meist 
ein Häkchen, wie boost' cost' gost' ost' 975 u, a., doch auch: in breest 461 
ohne Häkchen. Andererseits ist e häufig in den Nom. eingedrungen, wie in 
lorde, golde, childe, wynde, storrae, honde, frende, synne, shippe, besonders 
auch bei den franz. Wörtern auf oure, oune, ie, so dass die Bedeutung des 
e als Flexionsendung oft fraghch erscheint. Dasselbe gilt von den Adjec- 
tiven; auch hier fehlt e bei denen auf y (in many holy book 54, m\> mery 
steuene), während es in den franz. auf ouse stets erscheint, so vgl. i. R. 
preciouse 89.441.666, greuouse 438, pitouse 410, in anderen Fällen schwankt 
(wi|i gode wille 525 wif) good wille 259, in alle [)inges 70 in al manere 127, 
\>(i pouer 332 neben pouere). — Offenbar wird e bereits auch als Zeichen 
der Länge gebraucht, welche sonst auch durch Verdoppelung der Vokale 
bezeichnet wird (daher die Schreibung gode neben good goode, toke neben 
took' tooke), auch an Doppel- und weiche Consonanten gehängt scheint 
es meist stumm zu sein. Als solches Zeichen erscheint es auch häufig 
im Praet. sgl. starker Verben, wie in bare 803, stale 522, säte 448 (sat' 



74 Älexiuslieder. 

474, sat 486, auch satt' 356), lete 50. 181, hete 454, helde 177. 946, fenge 
773, knewe, blewe 359, l^rewe 618 u. a. Die Häkchen an g, k, t, d, f, 
wenn sie auch ursprünglich e anzeigen sollen, sind deshalb in diesen Fällen 
selbst leere Zeichen. — Die Adverbien enden, ausser auf e. wie in softe 
ofte, stille, loude, shille, auf lieh und ly, und zwar finden sich diese beiden 
Endungen neben einander, im Reime wie ausserhalb des Reimes, vgl. i. R. 
worschiplich 58 neben apertely 776, erly hastyly 687, i. T. worschiplich 257, 
erlich 433, hastilich 480, stillelich 536, soroujfullich 1036, priuelich 811, cur- 
teislich 184 neben erly 260, grymly 414, trewely 180, rewely 236. 768, hen- 
dely 249, certeynly 845 (certeyn 162), largely 1122. 

Der Sprache nach gehört die Hs. in das letzte Viertel des 14. Jahr- 
hunderts, in welcher Zeit die Fusion der Dialecte auf dem Wege zur Ein- 
heit im Fortschreiten begriffen ist, und es ist anzunehmen, dass auch das 
Original selbst, dem die Hs. nahe zu stehen seheint, nicht früher geflichtet 
ist. Nicht im Norden entstanden, zeigt doch das Gedicht einige nördliche 
Formen (so die Participien auf ande ausserhalb des Reims); die Heimath 
desselben scheint an der südlichen Grenze des mittelländischen Dialectes zu 
liegen. 

Die Reime sind durchweg correct, die blossen Assonanzen der älteren 
Dichtungen fehlen ganz. Unregelmässigkeiten wie afrayed seide 387, apaied 
yseied 439, sorouj morowe 391, erklären sich aus der Schreibung. Häufig 
sind die Reime mit Flexionsendung, wie honoures toures 67, ledes stedes 
111, happes pappes 1045, peynes veynes 310, dawes felawes 578, ei^en 
seijen 710, rungen sungen 1107, to cleued heued 622, bileued dreued 326. 
Schwere Reime sind pouere couere 352, sorouj morowe 391, heuene 'ste- 
uene, glorie victorie 806, storie memorie 52. Merke noch die Reime 
sory redy 244, lefdy apertely 781, Mary almijty 403, [)ing knouyng 274, 
brynge lettynge 454, ryng partyng 767, kyng lesing 1143, kysse brijtnesse 
1089 u. a. — Alliterationen begegnet man häufig, iheils in feststehenden For- 
meln, wie londes and ledes 111, in toun ne toure 516, woo and wrake 45, 
by hyde ne by hew 713, mylde of mode 261, doujtiest of dent 143, grimly 
she gan grone 414, \>ai srrete and groned grille 564 u. a., theils werden sie 
vom Dichter mit Absicht künstlich gebildet, wie A ryng he raujtte 225, 
from })e tyme he took' his tourne 343, wynde aroos v/i\> wood rage 593 u. a. 

Vergleicht man das Gedicht mit den früheren Alexiusliedern, so er- 
geben sich eine Menge eigenthümlicher Züge und Motive, die zum Theil 
ans der lateinischen Quelle geflossen sein mögen, zum Theil aber gewiss 
dem Dichter selbst angehören. Solche bedeutendere Abweichungen sind: 
dass der Vater des Alexius Senator v. 65 und des Kaisers Schatzmeister 
ist 77, dass A. am Hofe des Kaisers in den ritterlichen Künsten unter- 
richtet wird 139—144 (vgl. 985—990). seine Furcht vor der Heirath und 
dennoch seine scheinbare Freude um seines Vaters willen 169 — 190 (dass. 
Motiv auch 199 — 204), die Resignation seiner Braut 217 — 222, seine Lan- 
dung in Galys (dieser Name ist aus Cilicia der lat. Quelle missverstanden, 
der Dichter denkt sich Galicien in Spanien, die Begräbnissstätte des Apostels 
Jakobus 524), sein Kirchengang und Gebet daselbst 253—264 und das Motiv, 
warum er sich von da entfernt 271-— 76 (das Galys des' Dichters, als be- 
kannter Wallfahrtsort, konnte leichter seine Entdeckung herbeiführen), seine 
seltsame Reise von da nach Syrien, wo er verweilt 280. und dann über das 
griechische Meer 283 nach Annys (d. i. Edessa?) 284, seine Freude beim An- 
blick des Gnadenbildes 295 — 300 und sein Gebet an dasselbe 300- 324 (vgl. 
262 — 5, und AI. 2, 62—72, das lat. Orig. scheint ein ähnliches Gebet ent- 
halten zu haben), seine wöchentliche Beichte und seine Busse 337-342 
(auch in der Prosavers. Caxtons) ; dass ihn in Annys nicht die Boten seines 
Vaters, sondern seine eigene Verwandtschaft sucht 345 u. 349. Zu 
bemerken ist ferner, dass die Klagen seiner Eltern und Braut 373 ff. erst nach 
der Wiederkehr der Verwandten folgen, nicht vor der Absendung der Boten; 



Alexmsliedcr. 75 

dass seine Braut zu seiner Mutter zieht 433—444 (eine eifrenthiimlichc Aus- 
legung des Lat.); dass die Kirchendiener (in den and. Vers. Ist nur von 
einem die Rede) auf Geheiss des Gnadenbildes ihn zuerst vergeblich suchen 
469—480 (so auch bei Caxton); seine Rückreise zuerst nach (Jalys 522—528, 
wo er ein Jahr verweilt 529, und wo er jetzt erst die Boten seines 
Vaters trifft 531—534, weshalb er von da flieht 535— 36; wie er dann, 
um nach Thars zu fahren 538 (auch in d. Leg. Aur.), ,at ))e Roy n' ein Schilf 
besteigt, welches Pilger (wohl auf der Rückreise von Galys) nach Thars 
führen soll 539—43 (alle diese Züge seiner Reise scheinen Eigenthuni des 
Dichters zu sein"); die lange Episode von Jonas, der, wie Alexius, ver- 
gebens seiner Bestimmung zu entgehen dachte 577 — ()3G (wohl gleichfalls 
Eigenthum des Dichters, da alle anderen Versionen nichts Aehnliches ent- 
halten); um den Vergleich durchzuführen, lässt der Dichter nach der Lan- 
dung des Alex in Rom die anderen Pilger weiter fahren, als ob Gott um 
seinetwillen allein das Schiff dahin verschlagen habe, 638—642; eigen- 
thümlich ist der Zusatz von der Bosheit und Raubsucht der damaligen Römer, 
welche den vom Sturm dahin verschlagenen Pilgern grosse Angst einflösst 
568—576 u. 641—42. Auflällig ist ferner, dass A., zu seinem Vater gehend, 
verspricht, ihm von seinem verlorenen Sohne zu erzählen 665 und dass er 
diesen sehen werde 'wiji si,^th' 668, wenn Euf. ihn als seinen 'bedeman' 658 in 
sein Flaus aufnehmen wolle; der Vater weist ihm in der Halle einen Sitz 
an, um ihn früh und spät zu sehen 685 — 88. Der Dichter theilt den Inhalt 
des ganzen Buches mit, worin A. kurz vor seinem Tode sein Leben be- 
schrieben 762 — 804 (in AI. 2 wird blos sein Abschied von seiner Braut als 
Inhalt angegeben 355 — 360); das Buch wird von Alex verborgen 808 — 816. 
Besonders abweichend sind die näheren Umstände beim Tode des A. : wäh- 
rend in den anderen Versionen die Stimme im Tempel bei oder gleich nach 
seinem Tode an einem Sonntage vernommen wird, ertönt sie hier (von einem 
Engel 862) die zwei ersten Male am Palmsonntag, beim zweiten Male 
seinen Tod für den Charfreitag verkündigend 847 und seine Bestattung in 
der Bonifaciuskirche 851 heischend, zum dritten Male erst am Charfreitag 
beim Tode des A. 865 — 873 (auch bei Caxton stirbt A. am Charfreitag) 
mit dem Befehl, den Todten in Eufemians Hause zu suchen. Dieser, vom 
Pabst und den Kaisern gescholten, dass er den Heiligen verborgen gehal- 
ten, betheuert seine Unwissenheit über denselben 877— 897 (besonders eigen- 
thümlich ist auch der Zusatz 898 — 900) ; er eilt ihnen voraus, um sein Haus 
für die Aufnahme seiner hohen Gäste zu bereiten 910 — 12, und stellt eine 
Untersuchung bei seiner Dienerschaft an 913 — 18, welche durch den Diener 
des A. zur Entdeckung führt. Vor der Leiche will einer der Kaiser (nicht 
Eufemian) das Buch aus der Hand des Todten nehmen. Die Schrift wird 
dann vom Kanzler Otho (dieser Name findet sich in keiner der anderen 
Versionen) verlesen und nochmals nach ihrem ganzen Inhalt angegeben 
979 — 1008 (Wiederholung von 762—804). Gegen Ende ist das Gedicht 
weniger ausführlich. Am Schlüsse fehlt das Wunder am Grabe; dafür wird 
noch das Ende der Eltern und Braut des Heiligen erwähnt 1135 — 1140. 

Sind die genannten Züge diesem Alexiusliede eigenthümlich , so zeigt 
sich in anderen Einzelheiten nähere Berührung bald mit der durch das 
erste, bald mit der durch das zweite Alexiuslied vertretenen Ueberlieferung. 
So findet sich das Gelöbniss der Keuschheit der Eltern bei der Geburt des 
A. V. 121 — 26 in AI. 1, 40—42 wieder, die Worte des A. in der Braut- 
nacht 205 — 16 gleichen denen in AI. 1, 55—66, die Erzählung von dem 
(inadenbilde 289 ff. (dass es von Engelshand gebildet, ist Auslegung des 
Dichters, der auch die Stimme im Tempel 862 auf einen Engel zurück- 
führt) und 447 ff. steht ähnUch in AI. 1 (und 4, anders AI. 2), die Worte 
des Dieners 919—930 in AI. 1, 391—402, die Rede des Kaisers 949—960 in 
AI. 1, 422—432, das Tragen der Leiche 1093—1101 in AI. 1, 547—552, das 
Austheilen des Geldes 1117 — 1128 (vom Dichter deutlich motivirt) in 



76 Alexiuslieder. 

AI. 1, 577 — 582. Andere Züge zeigen grössere Ueberelnstimmung mit AI. 2 : 
so die Worte des Vaters vor der Brautnacht v. 193—8 mit AI. 2, 109 — 114 
(AI. 1 enthält sie nicht), des A. Ankündigung der Pilgerfahrt 229 11". mit AI. 2, 
130—138, die Ohnmacht der Braut 240 mit A!. 2, 140, das Gebet 262—63 
steht an einem anderen Ortein AI. 2: 67 — 72, das Gelöbniss der Mutter 394—408 
enthält in kürzerer und abweichender Fassung AI. 2, 223 — 29 (vgl. auch 
Leg. Aur. AI.: cap. 104), das Leid des A. beim Anblick seiner Eltern 715 — 720 
ist ähnlich in AI. 2, 343—48 erwähnt, die Worte des Pabstes 877—888 in 
AI. 2, 406—411, das Geläute beim Begräbnisse 1103—04 ganz ebenso in AI. 2, 
586—88. — Die Angabe von den 2000 Knappen des Eufemian 79—84 ent- 
hält nur noch das vierte Alexiuslied v. 11 — 12, wo 3000 genannt werden 
(wie in d. Leg. Aur. AI. cap. 104). Mehrere Züge finden sich in Caxton's 
Prosaversion wieder. — Erwähnung verdient noch, dass einige Züge der 
anderen Versionen sich hier nicht finden, so das Dankgebet des .4., als er 
von seines Vaters Leuten Almosen empfangen hatte (s. AI. 1, 153 — 162) — ■ 
er freut sicli blos, unerkannt geblieben zu sein 369 — 372 — , die Worte des 
Kirchendieners: AI. 1, 214 — 222, die Ueberlegung des A. vor der Begeg- 
nung mit seinem Vater in AI. 1, 250—258 (cf. AI. 4, 226 ff'.), die Auffor- 
derung der Mutter, Raum zu machen: in AI. 1, 475 — 486 u. AI. 2, 499—510, 
die Aufforderung an das Volk in AI. 1, 553—558 (fehlt auch in AI. 2), das 
Wunder am Schlüsse. 

Untersucht man nun, ob der Dichter eine oder beide älteren Versionen 
gekannt und benutzt habe, so findet sich freilich in einzelnen Ausdrücken 
— die Uebereiuslimmung in einzelnen Zügen, die unmittelbar aus der 
Quelle genommen sein könnten, ist wenig beweisend — unläugbar einige 
Aehnlichkeit mit jeder von beiden, besonders der ersten. Aber einmal muss 
die Gleichartigkeit stereotyper epischer Formeln und Wendungen in, Ab- 
rechnung kommen, andererseits konnte der lateinische Text der Quelle — 
der Dichter selbst spricht nur von einer lateinischen Quelle v. 1145 — 
leicht mit denselben oder ähnlichen Worten wiedergegeben werden, zumal 
bei einem so traditionellen und formelreichen Stile, wie es der epische der 
älteren englischen Literatur ist — wie ähnlich sind z. B. die Worte der 
Stimme im Tempel 823 — 828 in allen Versionen, wo das lat. Original hin- 
reichend diese Aehnlichkeit erklärt! Nun lassen sich die meisten Aehnlich- 
keiten auf diese zwei Arten reduciren. Vergleichen wir das Gedicht mit 
dem ersten Alexiusliede, so fallen Aehnlichkeiten wie: 677 and brynge 
hym bot)e mete & drynk mit AI. 1, 299 and bringe him bo^e 
drinke and mete, 1048 I wende haue yhad of ]>ee solas mit AI. 1, 
466 I wende haue had of \)e solas, als Formeln wenig in Betracht; 
ebenso die Aehnlichkeit von 1069: forji com jjoo bis trewe wijf-wij) 
sorouj & care & drery lijf mit AI. 1, 523: ftenne com for}i a dreri 
|)ing. Aus dem lateinischen Original könnten abgeleitet sein Aehnlichkeiten 
wie: 122 and avoweden in [)is manere chastite bo[je to take mit 
AI. 1, 41 \>ei auouwede bolie chast, 460 [le holy gost wi[iinne 
hym rest mit AI. 1, 200 \>e holi gost in him is liht, 520 werldes 
honoure for toflee mit AI. 1, 230 monnes honour forto fle (Leg. 
Aur.: humanam gloriam fugens), 1035 for hir son she gan flynge in 
Rage as a lyonesse mit AI. 1, 470 heo sturte forfi in haste i wis 
as a lyonesse, 1096 and leiden on a bere rijth mit AI. 1, 549 and 
leyden him on a bere, auch von 958 {lerfore delyuer vs \)i bock 
mit AI. 1, 430 [lerfore deliure vs vp jie skryt (Leg. Aur.: da igitur 
nobis chartam). Auffälliger noch ist die Aehnlichkeit von 927 u. 929 — 30: 
for he was good oflijf, ne wolde he noujth while he was here 
louen fijth ne strijf mit AI. 1, 400: he was a man of holy lif, of 
him com nei[)er chest'e ne strif, wo auch die Keime übereinstimmen, 
und am meisten von 1054 — 55 for often |)ou seij \)'i fader & me 
erlich and late wepe for {lec mit AI, 1, 493 — 96 |)0U hast iseye \i\ 



Akxiuslieder. 77 

fader & me wepen & maken grct doel for jic bofi« erly & l;ite 
(Leg. Aui". : Vidcbiis patrem tuum et me miseram lacriniantes). Ich gestolie, 
dass man besonders bei den letzten Stellen versucht sein könnte an eine 
Abhängigkeit des jüngeren Dichters von dem alteren zu glauben ; doch halte 
ich immerhin diese Beweisstücke nicht für genügend, da ganz wohl zwei Dichter 
unabhängig von einander zufällig beim Uebertragen des Lateinischen die- 
selben Worte finden konnten. Weniger ins Gewicht fallend ist die zufäl- 
lige Aehnlichkeit von 783 In hym for to take mit AI. 1, 219 jie in forto 
take. Die Gleichheit mancher Reime, wie teche leche 210 mit AI. 1, 58, 
wijf strijf 150 mit AI. 1, 51, mone alone 411 mit AI. 1, 127, jere here 1066 
mit AI. 1, 496, und Reimwörter kommt kaum in Betracht. 

Mit dem zweiten Alexiusliede bietet das Gedicht wenigere Aehnlich- 
keiten; die Uebereinstimmung von 190 \>e nijth was comen & [je day gon 
mit AI. 2, 109 [ie day was go, \>e nyjt was come beruht auf einer Formel; 
bedeutend ist die Aehnlichkeit von 1102 — 3 [)e belles alle ajein hem rungen, 
Preostes & Clerkes merily sungen mit AI. 2, ö8G — 7 {)e bellen begönne to 
rynge, fie Clerkes he^e to synge, doch liegt auch hier wohl nur eine öfter 
wiederkehrende Formel vor (vgl. Gregor. Ms. Vern. 710). 

Die bezeichneten Aehnlichkeiten berechtigen meines Erachtens keines- 
wegs zum Schlüsse, dass der Dichter eine der beiden früheren Versionen 
benutzt habe; in Anbetracht der grossen Verschiedenheit in den erzählten 
Begebenheiten und der Menge eigenthümlicher Züge in unserem Gedichte 
glaube ich sogar jede Abhängigkeit des späteren Dichters verneinen zu 
müssen. 

Während die erste Version sich eng an das lateinische Original an- 
schliesst*), hat der Dichter unserer Version, trotz seiner Worte v. 1145: 
Out of latyn is drawen [jis storie, sich offenbar eine bemerkenswerthe Frei- 
heit und Selbständigkeit dem Original gegenüber erlaubt. Gewiss sind ihm 
bereits mehrere der angeführten eigenthumlichen Züge in der Haupthand- 
lung zuzuschreiben, so wohl die Episode von Jonas und die Durchführung 
dieses Vergleichs, die zweimalige Begegnung des A. mit seinen Verwandten 
343 ff. und mit den Boten seines Vaters 531 ff'., die zweimal wiederholte 
breite Angabe des ganzen Inhalts des von A. geschriebenen Buches 764 — 804 
und 982 — 1008, welche wieder nur eine Recapitulation der bereits erzähl- 
ten Begebnisse im Leben des Heiligen ist; so wohl auch seine Landung 
in Galys und die begleitenden Nebenumstände seiner Reise, die Resignation 
seiner Braut u. a. 

Dieselbe Freiheit bekundet der Dichter in der Erfindung kleinerer Züge 
und begleitender Nebenumstände, eigenartiger Motive und Wendungen. 
Charakteristisch für den engreligiösen Sinn des Dichters sind die Zusätze, 
dass der Vater aus der Unfruchtbarkeit seines Weibes auf Gottes Zorn 
schliesst 103 — 5, die Freude des neugeborenen A. bei dem Gelübde seiner 
Eltern 127 — 9, dass A. trotz der Abneigung gegen die Heirath dem Vater 
Freude heuchelt 181 — 6 und dasselbe Motiv 201 — 4, seine Freude ob der vom 



*) Das zweite Alexiuslied ist sehr abweichend und hat bereits eine von 
der gewöhnlichen Quelle bedeutend abweichende Vorlage gehabt ; eigen- 
thümlich ist besonders V. 62 — 90 das Gebet des A. um Schutz vor dem bösen 
Feinde und Gottes Ankündigung seiner zukünftigen Leiden — echt epische 
Einleitung in die Handlung, dass die Klage der Braut bereits beim Ab- 
schiede des A. 148 — 168 stattfindet, die Versuchung des A. 115 — 126; von dem 
Gnadenbilde im Tempel ist v. 203 gar keine Rede, wie auch 265 fl'. ein 
ganz abweichendes Wunder erzählt wird an Stelle des redenden Bildes ; auch 
das Wunder v. 439 — 441 ist eigen thümlicli, sowie manche andere Motive. 
Gewiss hat auch der Dichter des zweiten Liedes das erste nicht gekannt. 



78 Alexiuslieder. 

h. Geiste bewirkten Entsagung seiner Braut 223 — 24, dass er ihr die Hälfte 
des Verdienstes seiner guten Werke zuweist 233 — 4, seine Freude beim An- 
blick des Gnadenbildes 295 — 300 u. a. ; wiederholt spricht der Dichter 
aus, dass der Grund der Entsagung seines Helden sei, den Himmel 
zu verdienen 727 — 9, 517 — 9. Originelle Züge sind, dass A. seine Ueber- 
falirt mit dem mitgenommenen Gelde bezahlt 247—9, bei seiner Rückfahrt 
aber ob seiner Armuth von den Schiffern erst zurückgewiesen wird 544 — 52, 
dass A. 'bedeman' wird bei seinem Vater 658 u. 920; der angedeutete Zug 
des Blutes in seiner Mutter G94 — 96; der eigenthümhche, humoristische 
Wunsch der 12 Kardinäle, dass Eufemian der gesuchte Heilige sei 898—900. 
Ausführung in Nebenumständen zeigt sich bei der AVerbung 151— -152, bei 
der Trauer der Mutter 394 — 402 (die Leg. Aur. sagtblos: mater autem sua 
a die sui recessus saccum in pavimento cubiculi sui stravit) : die Uebersiede- 
lung der Braut in das Haus der Mutter des A. 433—444 ist vom Dichter 
selbständig ausgeführt (in d. Leg. Aur. sagt die Braut nur zur Schwieger- 
mutter: tecum manebo); ausgeführt ist auch die Aufnahme des A. im Hause 
des Vaters 673 f., wo manche eigene Züge eingewebt sind (so 674—5, 
679—84, 685—7, 689 — 691, 697 — 702, 705—8, 714, 731—2). Kirchliche Cere- 
monien werden berührt 166—8, 830—1, 856—858, 1102—3. Selten werden 
Reden eingeschaltet wie 679 — 84, öfter aber ausgeführt und mit eigenen 
Zusätzen vermehrt, wie 931 — 6, 959 — 60, 895 — 7 u. a. ; auffällig ist die An- 
rede an dame auenture 1085 — 6, an den Tod 1017, die Sorge 1018; ein 
sprichwörtlicher Zusatz ist 1087 — 9: after fair weder fallef) reyn, after wynnyng 
wep ageyn, and care is after kysse. Der Dichter liebt deutlich zu motiviren 
und schaltet deshalb gern Zusätze ein (wie 358— 9, 492, 755—6, 1117-18), 
selbst bei geringfügigen Umständen, während hingegen Hauptsachen nicht 
selten unmotivirt bleiben, so z. B. warum Alex nach seiner Rückkehr nach 
Rom zu seinem Vater geht, warum er, v. 538, nach Thars gehen' will. 
Mehrfach wiederholt er dasselbe Motiv, so z. B. die Furcht entdeckt zu 
werden 272. 369. Er liebt bestimmte Angaben; so lässt er das Bild im 
Tempel von Engeln verfertigt sein 292 (Leg. Aur.: sine humano opere), die 
Stimme in der Kirche von einem Engel herrühren 862 ; er nennt genau die 
Namen, er weiss auch, dass der Kanzler des Pabstes Otho heisst 970. — 
So ist also der Dichter mit Absicht bemüht, seine Freiheit dem Originale 
gegenüber zu bethätigen. 

Die Diktion zeichnet sich , anders wie die der ersten Alexiuslieder, 
durch den Reichthum an jenen epischen Formeln und Wendungen aus, 
welche, im Anfange aus der aufsteigenden Empfindung geschaffen, bei ab- 
steigender Empfindung allmälig vom Gefühle verlassen erstarrten und von 
den späteren Dichtern schulmässig verwendet wurden; sie können die be- 
reits erkaltende Wärme der Empfindung nicht ersetzen und machen den 
Eindruck der Manirirtheit, der gesuchten und absichtlichen Festhaltung der 
älteren Stilgattung. Dahin gehören die stereotypen Attribute Gottes, wie 
Jesu heuene sire 319, |)e heuene kyng 832, Jesu fat dyed on rood 221, for 
hym pat was don on croice 866, for his loue |)at bar ])e crovne of [lorne 
7 52, for his loue Jiat was ybete and for vs suffred woundes grete 653, bi 
hym [)at |jis worlde wan 659, Jesu [jat is kyng of glorie 805, for godes loue 
Jtat is in heuene vs aboue, veray god in trinite u. a., die Attribute zur 
Charakteristik der Personen und Dinge, z. B. jiat swete wi,^th 240, wijf jjat 
was so fair and bri^th 237, fn wijf fair and hende, blysful and brijth of 
hewe 197, she l)at was so preciouse 441, armes clers 79, armes bri,^th and 
shene 267, heije hors and gode stedes 266, saltflood 554, gras grene 425 
u. a., die häufigen Ausfüllsel, wie fourty sijies and fyue 717. 936, nei[jer at 
eueue ne at morowe 392, by hide ne by hew 713, Formeln wie oif)er I be 
roted in clay 407, forte be roted to ask 684, Bilder wie it pricked his hert 
as speres oord 200, I lyue as ankre in stone 420, brennande as fyre 462, 



'Alexiuslieder. 79 

as a frere 928 ; die Schule vcrrathen auch die Anreden an danie auenture 
1085, an den Tod 1017, die Sorge 1018. 

Gerade der Wärmegrad der Empfindung ist das beste Kriterium für 
das Alter eines (Gedichtes innerhalb einer Stilgattung. Unstreitig ist nun 
bei unserem Gedichte die Wärme der Empfindung, die Frische und Un- 
mittelbarkeit schon sehr in Abnahme — wie bei den Gedichten der letzten 
Hälfte des 14. Jahrhunderts, ehe Chaucer eine neue Stilgattung einführte. 
Der Dichter erscheint als ein reflectirender, suchender; die Einheit der 
Stimmung ist gebrochen, darum ist das Ganze nicht wie aus einem Guss, 
das Einzelne, das Detail tritt in den Vordergrund und hindert die ener- 
gische Entwicklung der Handlung in raschem, kräftigem Gange. Der 
Dichter kommt nicht vom Fleck, er hält gern still, schaut um sich und 
hinter sich. Daher die Sucht zu motiviren, das Verweilen bei Nebenum- 
ständen, die breite Ausführlichkeit des Einzelnen, während die Handlung 
in schleppendem Gange unter vielen Wiederholungen im Gi'ossen und Ein- 
zelnen, zuweilen selbst durch retrograde Bewegung unterbrochen (so sollte 
367—72 vor 3öl vorhergehen), in langathmigen Strophen, die es oft dem 
Dichter Mühe gekostet zu haben scheint gehörig auszufüllen, dahinkriecht. 
Nichts ist bezeichnender als die zweimalige ausführliche Wiederholung des 
ganzen Inhalts des von Alexius geschriebenen Buches (764 — 804, 982 — 1008), 
welche wiederum nur eine Recapitulation des bereits erzählten Lebens des 
Heiligen ist ; dieselbe Neigung zu wiederholen zeigt sich im Einzelnen, in- 
dem in den gewundenen Sätzen oft nachher dasselbe wiederholt wird, was 
eben erst gesagt ist (vgl. z. B. 973—981). 

Als ein anderes Beispiel von der Weise des Dichters diene folgendes : 
statt V. 901 einfach zu sagen „die Kaiser gingen mit Eufemian", nachdem 
doch 878 die Kaiser bereits erwähnt waren, sagt er: „Zu jener Zeit hatten 
da zwei Kaiser die Herrschaft Roms, der eine hiess Archadius, der andere 
Honorius, das waren nette Leute; mit Eufemian gingen sie" u. s. w. — 
Zeigt somit das Gedicht einen Fortschritt nach der Seite der subjectiven 
Erfassung des Ohjects, so fehlen ihm dagegen die Vorzüge der älteren 
Dichtungen: Handlung und Bewegung und volle Empfindung. 

Erwähnung verdient noch, dass die Sätze öfter nicht mit dem Ende der 
Strophe schliessen, sondern in die folgende übergreifen, z. B. 24,36, 108, 
312, 480, 504, 516, 540 u. a. 



ALle [jat willen here in ryme And so duden [japostles alle 

Hou gode Men in olde tyme bat to Ie.su wolden calle — 

Loueden god almijtb, fibr noujth [jai nolde bilaue, — 

\ia.t weren riche of grete valoure. And to penaunce jiai hem took', 

Kynges sones and Emperoure, 5 werldes wele j)ai al forsook', 

Of bodies stronge & lijth — Oure lordes loue to haue, 

jee habbeb yherd' ofte in geste , ■ i i , • x e i 

T^/. , , ' ■' , c ^ Pise obere holv semtz & gode, 

Ui holy men maken teste in x- • • u /• i 

Bi j' p - ii Martirs, virgmes mylde oi mode, 

obe daye & nuth, — a i i- p 

a- \ u i -^ ■ r 1,, And pise coniessoures, 

iiorto haue pe loye in heuene ^^ r> i- • i * i i-/- ■^^ i- 4i 

• ■ . , ' s p , Ueligious bat her liit wille« duth 

wib Aungels song & mery steuene, o- 5 i V - ,i 

, ' 1 1- "■ , 1 r V • /u ilorto serueii god almiJth 

bere bhs is brode & bruth: v j.- , e i i ° 

' ^ By tides oc by houres. 

To ^ou alle, heige & lowe, jee haue yherd' saide wel ofte 

jie rijth sope to biknowe : Man may nou,^th lede lijf to softe 

joure soules forto saue, 15 And wonen in heuene boures; 

\)e seif waye [lat god ^ede \>e godspel seijj we moten lete 

To folowe hym I wolde jou rede, werldes lijf l);it {linkef) vs swete, 

heuene forto craue ; And suflVen hard shoures, 



80 



Alexiuslieder. 



ffader & moder & ■werldes goode, 
And folowe hym [mt dyed on rode 
flbr oure synnes sake: 
And [ian sliuUera we haue bis loue, 40 
And ioye & blis yfi\> hym aboue, 
[lat he for vs gan make. 
I shal jou now teile wij] moujje 
Of on [jat is name coui)e, 
|)at sufi'red woo & wrake; "^^ 

his holy lijf & his godenesse 
I may teilen more & lesse, 
In woo hou he gan wake: 

he forsook' confort' of al his kynde, 
Richesse he lete al bihynde, ^" 

To god al he hym took'; 
Alexius is his name in storie — 
writen of whom is made memorie 
In many holy bock'. 
In Korne, jjat was noble Cite, ^^ 

woned a Man of grete pouste, 
j)at mychel mir|)e of awook' ; 
his lijf he lad worschiplich, 
honoi/red he was of pouere & riche 
t)at on hym gan look': ^^ 

Eufeniens was his name, 
Of godenesse was his fame 
In jie Cite of Kome ; 
\>eri'0Te \>e riche Emperoure 
Of \>e Cite made hym Cenatoure, <!•'• 
ftor loos of his wisdome. 
Riche he was of grete honoures, 
Of londes, Castels & of toures, 
Men speken of hym ylome. 
In alle jiinges wi[jouten strijf ^o 

Vche man he taujtte holy lijf 
To his court j)at come. 

Stronge he was in armes & li^th, 
Ajeins Erle, baroun & knijth 
his lordes rijth to defende; '^■' 

\terfore hym loued [le Empe?oure 
And made hym maister & gouernoure 
Of his tresore to spende. 
To his somouns in armes clers 
Two [jousandes he had of bachelers, 80 
Jiat curteis weren & hende, 
And alle yshred' in clo^jes of golde, 
None fairer mi^ttera ben on molde 

In \)e werldes ende. 
t 

Men t)at ^eden in pilerinage *'•'' 

And Men of ordre was his vsage 

Often forto fede. [f"l- 22] 



86 Ms oydre. 



Dame Agloes hijth his spouse, 
Her dedes weren wel preciouse, 
Holy lijf to lede; 9» 

She was fair, honeste & wijs, 
Louelich & of gret' prijs, 
Ycome of gode kynrede; 
A^eins no Slan she mystook', 
wi|) contenaunce ne wi|t look', ^5 
Noijier in word' ne dede. 

Barayne was |)at gode wijf: 
In sorouj she ledde her lijf, 
ffor she no childe hadde. 
hir lorde for Jiat ilk' l>inge 100 

Ofte his honden gan to wrynge 
And soroujful lijf he ladde; 
ffor he wende [jat god alniigth 
had ben wrooli wi}) hym aplijth, 
jiereof sore hym dradde. 105 

Ofte he bisoujth god in heueue 
Sende hem a childe, wij) mylde ste- 

uene, 
To maken hem bh{)e & gladde, 

Conforte of hym forto haue, 
her godes after hem to saue, ^^^ 
her londes & her ledes, 
her eyre of hym forto make 
And her richesse hym bitake, 
Palfreies & her stedes. 
Ofte |]ai maden l)us her bone. ^^ 
And god sent' hem g?-öce sone, 
{lat fulfilde were t^oo dedes: 
A son conceyued [jat gode wijf; 
Tyme com in her olde lijf, 
ybore it most be nedes. i'^*^ 

l)ai |)ankeden god & glade were, 
And avoweden in |)is manere 
Chastite bo|)e to take 
And to lyuen in clene lijf, 
Eufeniens & his gode wijf, 125 

And synne to forsake. 
fie childe was mery in al manere, 
As l)ai maden her pra'iere, 
Anijth as fiai gan wake. 
Alexius [jai gönne« hym calle. 130 
yloued he was amonges he?« alle 
[lat to hym gönnen take. 

Alexius was sett' to boke, 
To gode maistres [lai hym toke 
And wise of clergie. ^'^^ 

]te more he wex in elde & leng[ie, 
To seruen god he dude his strengfie 
And his moder Marie. 



Alexuislleder. 



81 



To |ie Empc?o!/r whan he was broii,\th, 
\tere dedes of Annes \vcrc?2ywroujtli, i*" 
To lernen chiualrye, 
liere niigth he sen in towrment 
what knijth was douj;ttiest of dent' 
And man of niost maistrie. 

His fader was bojie wijs&ware — i'l^ 
ffor |)at his son so vvel hym bare, 
he loucd hym al his lijf — : 
he l)0U5th to don swiche pitruyau;ice 
wharwi|t he mijth hym avaunce 
And wynne liym a wijf. i^o 

To a riebe prince his son he sent', 
And afterward to hym he went', 
Stille wi|)outen strijf: 
A dou^tter he had bri^th & shene, 
|)e heritage shulde hires bene i^-'' 
Of Castel & londes rijf. 

whrtn ayt)er herd olieres wille, 
And speken [lerof togedre stille 
To raake {lat sposaile, 
Of fie tyme comen was \)e day ^^^ 
To fulfille withouten delay, 
Certeyn, wifiouten falle: 
To Jie chirche of seint Bonefas 
wijj |pis maidera liai token |je pas, 
|jat heije was of paraile. 165 

As custume was & shulde be, 
})ai maden gret solempnite, 
1)8 Pope & his conseile. 

Alexiws was shamefast' 
And of weddyng' he was agast', i^** 
his vijs al pale bywent' — 
Leuer iiyn? were to be ded' 
jian haue ytrowed Jiat ilk' red' 
By his owen assent'. 
He ne wist what he mi^th don; i'^ 
fi'ul gret soronj com hym on,. 
he beide hy??;sclf' shent'. 
To god he gan hy?« al affye, 
And to liis moder seint Marie, 
Trewely, wi|) gode entent'. '-^o 

Nal)i'les he lete his heuynysse 
And made mychel ioye & blisse 
At [tat soltmpnite, 
He bare hym curteislich & f^tille, 
To fuKille his faders wille, i^"' 

Glad as he had ybe. 
fl'ulfild' was \)e weddyng' 
wifj ioye c^ blis in al jjing', 
jjat many man mi^th see ; 
\>e ni;itli was comc/i & Ipe day gon, 190 
]>e kni,5ttes waten on & on 
To her Owen cuntre : 

Archiv f. n. SpraclK;!). LIX. 



Eufeniens his son gan calie, 
And tidynges amonge he?« alle 
He tolde hym |)at were newe : 195 
'Son, to |ii chaumbre |iou most wende, 
To })i wijf fair & hende, [*'"•• '-"- ''j 

Blysful & brijth of hewe.' 
And whf/n Alexi?(.s herd ]iat word', 
It pricked his hert' as speres oord': 200 
So sore it gan hym rewe; 
Bot his fader wra[j|ji he noble, 
He had leuer be vnder melde, 
jiat neuer man hym knewe. 

whan }ie folk' was went away, 205 
And he alone in chaumbre lay, 
Alexizis gan to p?-eche : 
Of lesu he bigan his game, 
werldes likyng' he gan blame, 
his jonge wijf to teehe ; 210 

He tau^tte hir, \^at was so hende. 
Hon she shulde haue god to frende 
|)at is oure soules leche: 
jif she wolde alle her lijf 
Duelle bojie maiden & wijf, 215 

jje fende she mijtb do wreche. 

|)at maiden herkned swil)e stille, 
And whan he seide had' al his wille, 
fie boly gost hir lau,^tte, 
And she hym g?-aunted wi[) mylde 
mood' 220 

To louen Ie.su {)at dyed [on] rood', 
As he hymself hir taujtte. 
Alexiiis was l)oo glad & blij)e, 
his ioye coufie he noman kijie. 
his spouse a ryng' he rau.^tte, 225 
And seide to hir : 'my suete Jiing', 
Take to \>ee \ns ilk' ryng' 
And kepe it in \>'me aujtte; 

Of me whan [jou wilt haue mynde, 
Loke bere on, as |jou art hende, 23o 
Bol)e by day & ni,^th : 
In pilerynage now wil I go. 
And half }je godenesse jaat 1 do 
Graunte |iee god almijth.' 
Alexius f)us his leue tooke; 235 

Rewely his wijf gan on hym loke 
[lat was so fair & brijth, 
She ne wist to what londe 
Jiat she mi^th sende \iyni any sonde ; 
Doune fei l)at swete wijtb. 240 

Alexiws from his richesse 
Into pouert' & wrecchednesse, 
ll'rom his frendes he fledde. 
vnto \ie Cee he com wel sory, 
A shippe he fonde to seil redy : 24& 
pe holy gost hym ledde. 



Alexiuslieder. 



Of bis gokle & of his pens 

wel he aquited his despens, 

hendely, of l)at he hedde. 

{)e wynde aroos at' her wille, 250 

whejjer \iai wolde, loude or stille ; 

At' her likyng' |iai spedde. 

At' a Cite, Galys men calle, 
To londe jaai gonne?i aryue« alle, 
wi})outen enpeirement"; 255 

Alexiwx of hem took' leue, 
And worscbiplioh |)ai hym jeue. 
To chircheward' he went', 
He |)anked god wi[) good wille 
Erly & late, loude & stille, 260 

Jjat jjidor hem hadde sent'; 
He bisoiuth god, & gan to wepe, 
{)at from |je fende he sbulde hym kepe 
And his enticement'. 

\>us he ^üi had riebe wedes, 2G5 
Hei,5e hors & gode stedes, 
And Armes bri3tb & sbene, 
AI he leet' |)e godes gret', 
And went' on his bare feet', 
his soule to make clene. 270 

Ofte it fei in his mende 
Of his fader & moder hende 
\)ixt sou.^th he schulde bene; 
He wolde for none kynnes l^ing' 
^at Men hadden of hym knouyng' : 275 
l)erfore he gan to Öene. 

ffrom l^at cuntre svn\ic he jede 
Toward Surrie, in feble wede, 
|)at noman shulde hym knowe. 
^ere he duelled in grete pouerte, 280 
In hunger, in \>OYst & o{)er smerte, 
Jjat many man it sowe. 
j)e Cee of grece passed he is, 
Into Ipe Cite of Annys 
He com {)at ilk' J3rowe. 285 

God he bitaujtte his compaignye, 
And jede to a chirche of seint Älarie 
wi{) herte meke and lowe. 

At' jjat chirche is an yniage 
Of oure lefdy vpon a stage, 290 

jjat many man ha}) sou)[th; 
it was ymaked of Aungels honde, 
To def & donmbe of o\>ero londe 
Miracle \)ere was wrou'^th. 
Alexijis was glad & blitze, 295 

His ioye cou|)e he noman ki[)e, 
In hert' ne in {joujth, 
whan he migth seen in signe 
Hou goddes ymage fair & digne 
In his moders barme was broujth. 3'^'' 



Often he made his orisoune, 
wepande, wi|) deuocioune, 
To [)e qwene of heuene, 
And seide : 'moder mylde & free, 
Praie ^i son of gret' pouste 305 

ll'or his names seuene, 
jiat from heuene com to pee, [fol. 23] 
By assent of fie trinite, 
Jjorouj; \>e Aungels steuene, 
Here to suffre many peynes si" 

In al his body & his veynes, 
In er|)e, as I can neuene, — 

And {lat he shewejj in his me?-cy : 
]Marie, to fiee I make my cry 
j)at am a synful Man, 31-5 

tlbr wi[) his blood & peynes greue, 
\\e whiche to vs purchaced Eue, 
fl'ro helle he vs wan. 
Swete IcÄU, heuene sire. 
warisshed he is jiat wil ^e desire 320 
ffrom J3e fende sathan; 
wel is hym jiat suifren may 
fVor \>i loue nijth o\\iei'e day 
Peyne, l^at paie [jee can.' 

whan not^ing' nas hy?« bileued', 325 
And he fer from his frendes to dreued', 
his clolies weren to rent', 
Amonge \>e poue^-e in \>e chirche hawje 
he begged, & was her felawje, 
And took' {lat god hym sent'. 330 
Almesse jiat god hym jeue, 
|ie pouer [lat wolde \)ere bileue 
wi[) hym in present', 
He jaf |)at haluendel & more, 
And was hy??2self of hungred sore, — 335 
And took' it in good entent'. 

Eue?-y sonenday houseled he was 
And shryuen also of vcbe tJ-espas 
|)at fei to any synne; 
Michel he waked"& litel he sleep, 340 
Of \>at he shulde his body wif kepe 
Litel hym com wifiinne. 
ffrom \)e tyme he took' his toz<rne 
ffrom Rome, \iere he was borne, 
he was soujth of his kynne, 345 

In alle cuntrees, in euery toun. 
In chirche, in felde, vp & dou« — 
ffbr noujth wolde fjai blynne. 

His kynrede com \^ere hym biside, 
\>nt had ysoujth hym fer & wide, 35o 
& jaf hym her Almesse, 
As he sat' amonge \)e poue?'e 
In grete raeschief'&stronge to coue?'e, 
ffor hunger in wreccbednesse : 

3 IG Ms. srene. 317 ene st. Eue. 



Alexiuslieder. 



83 



Sore of hyin |iai gönnen rcwo; •''•'>■'> 
8tille he satt', & wel hem knewe, 
Her names tnore & lesse. 
Ychaiinged was his faire liewe 
|jorouj reyn & wynde jjöt on liym blewe, 
And ofier strenge destresse. 3co 

whan f)ai mi.^tten nou.^tli spede, 
Ne hyui of axen in no [jede 
Ne in no londe of take, 
wi|i sorou5 |3ai gradde alias alias! 
And wcnten to Rome [je rijth pas — ^^^ 
her sorou^ mijth noujth slake. 
Alexius nojiing' [loujth, 
Bot' on lesn crist' he [jou^th, 
And grete ioye he gan make 
fl'or hc ne was noujth biknowe -"^'^ 
Of his frendes hei.^e ne lowe, 
His weljie gan awake. 

Eufeniens seide in his niende: 
'}je most' wrecche fer o\\)ere hinde 
Ccrtes now am 1! 375 

Conforte ne ioye ne may me come 
Now my childe is me bynome, 
My song' is to«?"ncd to cry. 
My wijf is barayne & ek' olde : 
Shenemayhaneno cliildeforcolde, -^^^ 
Oure heir al forto by. 
In soronj & care my lijf is dijth, 
ffbr to dye it were my rijth, 
And hennes to pf/?'ty.' 

wij) |)at his moder fei to grounde 385 
And lay yswowen a longe stounde, 
And roos vp al afrayed' : 
'My Ifue son, jiat were so nieke, 
I ne woot' where 1 shal [jee seke, 
[je?efore I am dismayed.' 390 

His moder ne mi^th lete sorouj, 
Nei[ter at euene ne at morowe, 
In suwje as it is seide; 
To hir chaumbre she went' in hast', 
And of hire bedd |je clo[)es doun 

fast', 395 

And si{)en hem al to breyde, — 

Ciclatonnes [jut weren of prijs, 
Pelm-ed wi|) Ermyne & m\> grijs, 
Alle she cast' away, — 
And wered clo^jes symple & blake; ^oo 
Litel she sleep & mychel gan wake, 
And fasted eue?-y daye. 
'Lorde,' she seide, 'almi^tty, 
To ])ee & to })i moder mary 
I make a vow & saye: 405 

})at I shal neuer hennes wende, 
Tyl Alexius come o'i\ier sende, 
Oitter I be roted in clay.' 



Now mowen jee höre pleynt' pitouse 
Of Alexius trewe spouse, 4io 

Hou she made her mono : 
In gret' sorouj was hir entont', 
Her hcre she drou^, her clol)es rcnt', 
Grymly she gan grone. 
'AI ray joujie & my solas, 4i5 

Myne hope is lorne, alias, 
And my bidy?ig' alone. 
I am bofje maiden & wijf, 
I noot' to whom teile my strijf , 
I lyue as ankre in stone. 420 

Sit)[ie I ne haue to whom me mene, 
Lijk' is my lijf on to sene — 
[lat am wijioute?« re'i' — 
\>e turtel fjat is for sorou^ lene 
And tredej) on no gras grene, 425 
Si[)en hire make is ded'. 
Alias, hou shal I ioye haue? 
Oijjer hou shal I myselue/i saue 
To lyue in niaidenhede? 
Me were leuer ol' hym a sijth, 430 
fian weide al [lis londe rijth 
in lengt)e & in brede.' 

She roos vp erlich a morowe, 
And to his moder she went' in sorou,5 
ffor loue of hire spouse, 4-35 

And p»-oied hir }iat she most duelle 
wij) hir, \)at sorou.^ful pleynt' to teile, 
jiat strong' was aml greuouse. 
\)& lefdy was wel apau-d', 
whan she had \>\is yseied, 440 

jiat was so preciouse. 
And at oo bed' & oo cloläng' 
Seuentene jer was her duellyng' 
Bojie in one house. 

Lordynges, gee Jpat wille[) lere, 445 
a faire miracle jee mowen here:' 
Bifore [)at seif ymage 
\>ere fiat Alexius säte 
wij] poue?-e men in |)e gate 
As a poue?e page. 450 

\>e ymage, fjat auHgels gönne wirche, 
Spaak' to \)e serieauntz of J)e chirche, 
]>ere she stood on \ie stage, 
And hete hem alle wi[)outera lettynge 
Goddessergeauntto chirche brynge 455 
wijiouten any outrage: 

'He is ri^th stedfast of lijf: 
His Werkes shullen ben made rijf 
Oueral fer & neere. 
lie holy gost wi[)inne hym rest, 4cü 
Charite sitteji in his breest 
Brennande as fyre. 

6* 



84 



Aloxiuslieder. 



Longe in poue?te bis lijf he liaj) led, 

lle ne com neue?-e in no bed' 

[jise seuentene jere; 465 

His boly lijf, bot god alone, 

Ne woot non in \iis werldes vvone; 

To seiutj he may be pere.' 

\>e sergeauntz lepen out in hast', 
As nien fiat weren sore :igast\ 470 
And ful of grete drede 
Of |io yiuage {jat to hem spak' 
()f goddes se?'geaiint wil)Oute« hxk' 
}jat sat' in beggers wede. 
wyde abonte [iai hyni soujth, 475 

And ,yit founden [tai by?« nou^th 
Amongo J)e poue?-e felawrede. 
And whan \ta'i nou^th by?« fyiide mi^tb, 
To ]wt ymage onon rijtb 
Hastilicb \>in jede, 480 

To |iat Maryole, vr\\> teies clere, 
And bisoujth bir on \ns manere : 
|)at sbe sunt hem grace 
Goddes man bou jiai shulden knowe, 
|iat had ben bei^e & bare hym lowe, 485 
And wbere he sat in place. 
])c ymage spaak' efte wordes newe: 
4 jou böte, sergeauntz trewe, 
A^ein \)At jee pace; 
Amonge (le poue?-eliesitte[i, to-tore 490 
Bol^e bibynde & bifore, 
wi|) a lene face.' 

1)6 aergeauni^ stirten out' skeel': 
|)ai founde?j hy?H, & kisten bis feet' 
And mercy [tai hym cryde, 495 

And ledden hym into holy chircbe, 
(ioddes Werkes forto wirclie, 
[je?-einne to abide. 
Of \>e gode ma?ines loos 
jie mirade & Jie cry aroos ^"O 

Ouere al in vcbe syde; 
Michel poeple l)ider ran 
Of l)e tiiiracles fiat berden jian, 
Of cuntrees fer & wyde, 

And worschiped hym in word' & 
dede, 505 

Alle |jat mintten in lengfie & brcde, 
And duden hym gret bonoure, 
And bcdcn by;/i bo|ic day & ni^tb: 
He bere her erande to god abni^tli, 
j)at is oure saui'oure. J^"* 

|io was Alexius swi[)e woo 
ffor \iut be was bonoured soo, 
And made grete deloure — 



487 Ms. ofte St. efte. 500 & ist 
vor |)e mirade zu stellen? 



For swicbe honowre «fe swiche glorie, 
As it is writen in bis storye, 515 

He ne loued in toun ne toure: 

ffor (lOt bis meryte wolde slake 
jiat be shulde of god take, 
[i<?rfore it liked hym ille. 
werldes hono?<re forto flee, 520 

AI by ni^tb in pryuete 
He stale away ful stille. 
Into |ie londe of Galys 
To seint lames chircbe I-wys 
be com wi() gode wille, •''"25 

And \)ere he sete amonge poue?e men, 
And beged his mete in |je fen, [M- '-'4J 
liis pcnaunce to iulfiUe. 

|ioo he had \)ere twelfmonfje ysete 
wi[jpouere Men, &begged bis mete, 530 
His fadres sergeauntz come 
And soujtten hym forso|)e I-wy.s 
In pilerynage at Galys, 
To bryngen hym to ßome. 
And whan Alcxiws hem gan see, 535 
IStillelicb he gan flee, 
As man of rijt wisdome. 
Jnto tbars he lioujth fare, 
And at' jie Ruyn be fonde jare 
A shippe |)at was al tome, , 5io 

And Pilgrymes gret' plente 
fiat wolden passen ouer \)e Cee, 
To tars l)at wolden .^are. 
He bad |ie shipman, for goddes loue 
|)at is in heuene vs aboue, 545 

he most wi|j hem fare. 
Grete gruccbyng' |Dai alle nuule ; 
Alexins fer & ner gan wade, 
llor noujtb wolde he spare; 
Eue?-e he cried loude & shille, 550 
Til Jjai graunted hym bis wille; 
|iOo was be out' ot care. 

[tai drowen vp seil, |ie wynde was good', 
And sailede?i ouer [le salt' flood', 
jie weder wos at her wille. 555 

vntil \ie jjrid dayes ende 
Swicbe a storme \es\is gan sende 
|)at alle hem liked ille. 
jiai wenden wel haue went to tars — 
|ie wynde was gret &no|)ing skars, 560 
[jonder dyned shille ; 
flbr li^ttyiiges grete & l)onder blast' 
wel sore [le poeple was agast', 
|iai grete & groned grille; — 

jie wynde bem droof, forsope to 
seyne, 565 

Into |ie londe of Romeyne, 
\ieye Alexius was borne. 



Alexiuslieder. 



|)Oo was [iG pocple in wol niore carc, 
ilbr j)at |iai were aryucd fiare, 
|)an jiai weren er biforne: 570 

ilbr j.at tyme were jie folk' of Rome 
1)0 mest shrewen of cristcndome, 
wi{)outen o[)es ysworne: 
fTor pilgrynies |iat aryueden \iere 
her cate], jiat jiai wi|) hem bere, 5'5 
On hast was forlorne. 

Rijth so bifel by [)00 davves 
By Alexiws & his felawes — 
Of sorou,^ was her speche : 
Also sumtyine bifel a cas, 580 

^oo god almijtty bad Jonas 
To Nyniue gon & preche ; 
lonas wist wel her wille, 
fie folk' of niniiie weren ille 
And wicked for to teche : 585 

Away Jonas wolde haue ystole 
ffrom goddes best', & han hym hole — 
Ak' sone hym fei a wreche. 

Jonas wende god bigile, 
And wolde liaue went to ano\)er yle 590 
Jn jie grikkissh Cee; 
he gan to shippen alte Ryuage: 
wynde aroos wifj wood rage, 
[lat soroiij it was lo see. 
ffyue daycs euc?-e iliche it lest' 595 
wif) soroii', & care, her tempest, 
[lat seyl ne uii,5th \)ere he. 
fian seide }>e maister: 'forsolie I-wys 
Öum cursed Man amonges vs is, 
I at wel witen niowe we.' 600 

'we willej) caste amonges vs alle 
Lott', on whom it may bifalle, 
And oue?e bord' he shal be cast'.' 
And whan \)e prophete herd* [lis, 
He jiou^th he had ydon amys, 605 
And was sore agast'. 
f>ries [)ai beren aboute (lat lot', 
Ac on Jonas fei vche grot', 
]>e first and jie last', 
[•e maister hym [jrew ouere bord'; cio 
A whal hym swalewe at oo word' 
Ilbr 00 morsel in hast' ; 

And jiere he dwelied forsof)e aplijth 
\>re dayes fülle & jire ni^th, 
iJor Jonas was vntrewe; 6i5 

And at' \>e j)re dayes ende 
8wiche grace god gan sende: 
})e Cee to londe hym |newe. 
whan {le whal was comen to londe, 
J)e?to was many ma«nes lionde 6-0 
On hym forto hewe; 



And whan |ic whal was td-ileued', 
Jonas pylte vp his heued 
And gan his body shewe. 

vp he roos [le folk' to teche, 625 
And goddes wordes he gan p?-eehe, 
And lered hem her lefnesse. 
And made hem wynne goddes loue, 
To wonen wi|j hy7?i in heuene aboue, 
|ie poeple more and losse. — C30 
Rijtli so Alexius had yment' 
To Tars forto haue ywent' ; 
Ac god hym sent destresse 
And made hym to Rome wende, 
To wonen ])e?-e among his frcndc. 635 
holy wryt berefi witnesse. 

whan Alexius was to londe ygon, 
Seyl \iiii drou^en vp onon 
And wenten in jie Cee, 
AI to thars tili fiai come. «lO 

fl'i'o lie wicked londe of Rome, 
And maden solempnite. 
Alexius com into his owe: 
And of his frendeswashe nou^thknowe, 
ffor so naked was he; 6*5 

And als a straunge man he went' 
To his fader wijj gode entent', 
And seide to hym: 'prtr charite, 

Eufeniens, goddes frende, 
bou art' holden good & hende, 650 
Alesed of gret Almessc : 
fior his loue f)at was ybete 
And for vs suffred woundes grete, 
helpe me in \>\s destresse ! 
flbr I ne can to no Man gon 655 
Mete to crauen, bot' [lee on, 
No herberewe more ne lesse; 
Make of me [li bede-man! 
And, by hym \)at \)\s werlile wan, 
[)0U rai^th haue heuene blis ! 6G0 

jiue me ])e cro?nmes of \n table, 
[lan doostou dedes mejxiable, 
And herberewe in jpine house: 
And of Alexius, [li son so fre. 
Afterward 1 shal teile ^ee, 665 

{»at [)ou helde preciouse : 
|)an shaltou be day & ni^th 
Glad, whan [lou hym seest wi[) sijth. 
And ek' \)i trewe spouse.' 
Eufeniens ansuered [joo : 670 

'I g?-flunt wel jjat it be so, 
\nne bedes jif })ou wilt' ouse.' 

To a Man he hym bitook' 
\)At seke Men cou[ie wel look', 
Nou^th as a Man of task' ; 675 



86 



Älexiuslieder. 



To kepe \>at INIan he bad liy?« lp'mk\ 

And brynge hym bofie mete & drynk', 

wban he wolde ask': 

',^if god wil, my creatoure, 

He shal be kepte wi|) honoure, (>^0 

His peynes forto lask', 

To seien his bedes & bidde for me 

To veray god in trinite, 

ffbrto he be roted to ask'.' 

Eufeniens bad he shulde be 685 
\tei-e [tat he niijth hym ysee 
late and erly, 

In \)e halle he shulde be layd'; 
was jiej-e non fiöt it wi{jsayLl', 
Bot graunted hastyly, — G90 

liai loued hym more Jjan any man. 
To kepe hym wel, he hete hem [lan. 
And wisten neuer why 
His wijf hym loued at herte dere : 
wel wolde she \>At he serued were, c^s 
And mychel was hym by. 

wi[iouten any grucchyng' word', 
Mete liat was vpon hire bord' 
|)ai senten hym to almesse, 
Rijth of her owen dissH", "oo 

were it 'flesslT oif)er fissE", 
while he was in destresse. 
jjus was \>e pilegryme yse^'ued jian — 
who he was, wist noman. 
Gret was his l)olemodenesse ; "05 

fibr ^If his moder oijjer his wijf 
hadden ywist Alexius lijf , 
It had' ben her gladnesse. 

wij) hym J5ai speken & hym seilen 
wifi her moufie & v/'i]) her ei^en, ^i'J 
fi'ader & moder & wijf; 
Noujth for [lan non hym knew, 
Noi[)er by hide ne by hew: 
AI chaunged was his lijT. 
His fader he sei; often grete, 715 
And his moder teres lete 
fiburty silies & fyue; 
yuel rai^^th hym Yiken \>at sei^ [lis; 
his martirdom was strong' I-wys, 
Of sorou,5 & paynes ryue. "-^t» 

Alexius in al wise 
Diide to god his se?'uise 
wijj stedfast wille in hert', 
In fastyng' & in orisouns, 
In many mane?-e deuociouns, 725 

Of peynes \>at weren smerf; 



G9S hire st. her. 



And al was forto wynne heuene, 
To here Aungels wi{) mylde steuene. 
he suflred J^is pouert' 
fiulle seuentene ^er; '30 

he wered breech maked of her. 
And al swiche was his shert'. 

Sergeauntz, |)at {)ereinne were, 
Ofte si[)es gramed hym jiere, 
And despised hym fast.' ; 735 

\>e wasshyng' of her vessel 
jiai cast on hym eue?-ydel — 
jiat was swi[)e vnwrast', 
And cleped hym shrewe ypoerite, 
And oftetymes gönne hym smyte 710 
Vnder |)e cheke in hast'. 
Ac Alexius was of god fulfild', 
In gode penaunce he it helde 
And {janked hem at j)e last'. 

Alexius, {)at was goddes kni^th, 715 
ffbr penau?zce \>at was on hym lijth 
Almest his lijf was lerne; [M. 25] 
Wel he sei^, j^orouj depes law^es, 
})at he drouj to his endy?ig' dawjes, 
flbr deji com hym biforne. 750 

His sergeaunt he cleped sone 
And for his loue bad hym a bone 
fjat bare \)(i crovne of [)orne: 
To fecche hym enk' & parchemyne, 
flbrto write in latyne 755 

His lijf sitf^e he was borne. 

Ilis sergeaunt was glad &, bli[)e, 
Enk' & porchemyn also swi|ie 
He fette & hym bitook', 
Alexius jjo wriie bigan — 760 

Ak' \yere was non bifore ^lan 
jiat wist he cou}ie in book' — 
[je?-einne he wroot oord' & ende: 
Hou hc fro his wijf gan wende 
And al his kyn forsook', 'CS 

And hou Alex at his pntrtyng', 
whan he took' his wijf \>e lyng', 
hou rewly she gan look'; 

And hou in pilerynage he jede, 
In hunge?-, in ]iorst, in pouere wede, 770 
And in wliat manere. 
And hou he sat in grete destresse 
Amonge \>e poue?'e & fenge almesse 
ISeuentene ^ere; 

And hou his frendes comen hym by 775 
And he hem knew apcrtely, 
Jiat soujtten hym fer & nere, 
And hou be stale away he?» fro, 
l)at non hym knew of alle |io — 
So chaunged was his chere; 780 



Alexiuslieder. 



87 



And hou |ie ymage of oure lefdy 
})e sergeauntz hete apertely 
In bym forto take, 
And byd' bis bedes in [)e chirche, 
Goddes werkes \>ere to wirche, 785 
His soroii,', forto slake; 
And hou fiat fülk com fer & wyde 
To )iat chirche in vche syde, 
honoio- hym forto make; 
And hou he stale away hem fro "90 
And wolde noujth be honoured so, 
bot libbe in woo & wrake; 

And hou he wolde to tarshaue went', 
And whiche a tempest god hym sent', 
f)at droof hem to Romeyne ; "^^^ 

And hou he bad his fader good', 
herberewe & ojier lyues food', — 
He wroot', forso[)e to seyne; 
And hou he seij seuentene jere 
Hader & moder & wijf jiere soo 

wij) sorouj & mychel peyne, 
And he wolde hem noujth yknowe, 
Bot bare hym bofie symple & lowe 
jiat had ben man of meyne. 

Jesus, l)at is kyng' of glorie, sos 
his niartirdom & his victorie 
Seii), & his trauaile. 
And whan he had his lijf ywrite, 
he hidde \iere nonian shulde ywite, 
his book' of gode paraile; §10 

Priuelich Alex it bare, 
fiat noma?i mijth \ierof be wäre 
Hou mychel it wolde auaile: 
Aud, whan he dyed, 1 vnderstonde 
It wos founden in his rijth honde, 815 
writen, wi^outen faile. 

On palme sonenday after messe 
In.^e chirche amonge \>e presse 
A voice com, I jou rede, 
fi'rom heuene adoune, wel shille & 
clere, »20 

]i'dt seide to hem in {)is mane^'e — 
whercof many gönne drede, 
And seide : '^ee |)at trauailed be 
In hunge?' & {)urst for loue of me, 
Comef)! I shal ^ou fedc 8-5 

In heuene, ^at is so fair & brijth, 
})are euej-e is day & neuere ni^th 
And ioye wijiouten drede.' 

\)e poeple & \>e clergie 
nbr liat voice songe/i ^e letanye sso 
vi\\> gode deuocioun, 
And bisoujtten |)e houene kyng' 
fiat he shulde ;^iue hem tokenyng' 
ilro heuene to erjie adoun, 



Of |)e voice what it were, 835 

})at among' hem com |)e?e 

wi|i so niery soun. 

\)e voice com eft' ano|)e?- tyme 

And seide, as I schal seie hi Ryme — 

Herkneji l)is resoun : 8*0 

'|)e?e is a Man of dedes gode, 
Spirituel & mylde of mode, 
New in Rome Cite, 
In penaunce he is ,^ou amonge; 
Certeynly jee ne shullen nou^tli longa 845 
liere in erfie hym see : 
A gode fridayes morowenyng' 
he shal wende to heuene kyn^', 
(lat syttcfi in trinite. 
Take|i wi[) hym \)e rijth pace 850 
To \>ti chirche of seint Boneface 
wij) grete solerapnite!" 

jiai soujtten hym & noujth ne founde, 
And hadden many soroujful stounde, 
Til j)e gode fryday 855 

wi{) gret deuocioun among', 
Of bedes & of chirche song', 
To god [lai maden her pray : 
{lai praiden liym for his pyte, 
And for his mychel humilite 860 

\>&t he hem sent' to say 
where was \>e Man jje Aungel of tolde 
Twyes er pan wij) wordes bolde, 
|)at in s wiche payne lay: 

]ie \iv\(Y tyme com Jie voice 865 
ffro hym jiat was don on croice 
wifj gret sole??ipne lijth, 
And seide: 'wendef) wijioute soioure 
To Eufeniens \>e Cenatoure, 
fibr [3e?e he lijf) vche nijth. 870 

Swijje good hajj ben his lijf, 
His Werkes ishuUen be made rijT; 
His soule is fair, & brijtli.' 
jiat ilk' tyme, as 1 ^ou seie, 
His gost went' \)a ri,5th weie 875 

ß'ro {le body to god almijth. 

|je holy pope Innocent 
And [le Emptroures swi[)e went', 
Sire Eufeniens to calle. 
And chalengeii hym in pis mane?'e, 880 
Eufeniens & his wijf yfere, 
Rijth amonge hem alle : 
'In jjine house is, Jiat is so meke, 
Goddes man [jat we seke, 
Hou may jiis cas bifalle? 885 



881 Ms. yfore. 



Alexiuslieder. 



we haue ysou^th hym fer & wyde, 
Hou dai'stou goddes sergeaunt hyde 
In boure oitter in balle?' 

Eufeniens ansuered sone, 
As he aujtte forto done, 8'jo 

To [le pope Innocent', 
And seide: {)eij he shulde deye, 
Of swiche a Man cou|)e he noajth seye, 
By god omnipotent'; 
'llor swiche a Man jif 1 knewe, 895 
il'ayn I wolde hym to ,^ou shewe 
Treuly wij) god entent'.' 
fian seiden \)e Cardinales tvvelue : 
'God jeue jjat it were jiisclue 
Byfore vs in pj'csent'.' 'JOO 

In l)at tynie tweie empe^-oures 
üf Rome kepten \ie honoures 
wiJ) her cristen menee: 
}iat on hete Archadius, 
And t)at o\)ere Ilonorius, 905 

jiai weren hende & fre. 
wi|) Eufeniens })ai wente?i ri^^th 
flbrto fecchen goddes knijth, 
|iat was so good of fe. 
Ac eufeniens was swi[)e lijtb, 910 

And went bifore, bis hous to dijth 
wi\) gret' soleuipuite. 

Eufeniens, whrtn he hom cam, 
' AI his meignee he vndernam, 
jif [)at Itai euere ysowe 9i5 

Any Man t)at so holy were 
As jie Aungel tolde of ere, 
Of his meignee to knowe. 
Alexius wardeyn com })an 
And seide: 'sir, it is jourebedeman, 920 
fiat lijt> ded by jie wowe; 
He [)«t \)0\.\ hast so longo yfed' 
wi[i mete & drynk', clooj) & bcd', 
He bare hym euer Iowe. 

I trowe wel it may so be, 925 

whom so jee seche |iat it is he, 
flbr he was good of lijf; 
His bedes he bad as a frere, 
Ne wolde he noujth, while he was here, 
Louen fijth ne strijf. 930 

A book' in his honde he halt' 
Swi|)e fast, & narewe yfalt', 
who {lat it cou|)e descryue; 
I ne woot' what he t)ereinne wrou^th, 
|)e parchemyn I hym boujth 935 

Gon fourty dayes & fyue.' 



89i Ms. omnipototcmt. 



1)00 [lat |iis herden \>e Empc/oures 
And ojiej-e lordes of honoures, 
|)ai jiankeden god almij^th. 
He led' hem \iere lay |)at body, 940 
Clene & fair & su??2del rody, 
fl'ace feir & bri^th. 
J3e on Emperoure his honde vp took' 
And wolde haue taken out \>e book' 
f)at was fair of si.^th; 945 

Alexius Jie book helde |)00 ; 
jjan was \)e Emperot«- swijie woo 
And in his herte afiijth. 

[le Empero?«' jioo speke bigan 
And seide vnto jie body |»an, 950 

\>ere it lay in Jie herne: 
'l^ouj we ben Men of synful lijf, 
Empe?'o?7?'S we be« wi[)Outen strijf, 
Rome forto gouerne; 
we defenden holy chirche 955 

A^eins hem {lat wolde/i wirche 
Dedes stoute & sterne: 
lie?fore delyuer vs \)i book', 
t)at \>e poeple [lereon mowe look', 
wisdom forto lerne.' 960 

whan [lai hadden so yseide, 
Alexi?<s, |ic?'e he was yleide, 
Opened vp his honde: 
To [le pope wolde he noujth forsake, 
Bot lete hym })oo \>e book' vptake, 965 
To rede |iat he fonde. 
lioo [lapostoile had his book', [ful- 26] 
His chaimceler he it bitook' 
To rede — I vnderstonde 
Othoo was his name, 970 

A Man yholde of gode fame 
Ouer al Rome londe. 

\>e book' he red wi[j gode wille, 
jie folk' herkned & helde heni stille 
Avijjoutcn any boost', 975 

Til [le book' was red & seide: 
Alexit<s was bifore hem leide, 
fliilfild' of |ie holy gost'. 
[)e chaunceler wel loude grad' 
whan be [le book' of Alexi(/s rad' 9*^" 
Among' \>Q cristen ost' : 
hou he fro frendes gan wende, 
And hou bis fader fer & hende 
Soujth hym by eue?-y cost; 

And hou he was to[pe Emperoure 9S5 
ysent, to be Man of valoure 
And lernen cbiualrie, 
Of huntyng' & of Ryucre, 
Of chesse pleieyng' & of tablere: 
AI nas wor[i a ilye, 990 



Alexiuslieder. 



89 



Leuer hyni was to connc good' 

And seruen god vviji iiiylde muo<l' 

and his inoder Marie; 

And hou he f^eäc seuenteno jcr 

In pilerinage fer & ner ^'J^ 

wi|i mychcl nialadye ; 

And ofier i5eres seuentene 
wij) bis fader he bad ybene, 
his bedeman by jie wowe. 
jiat fader ne moder ne his wijf i"00 
wisten of his holy lijf 
Ne fiat he was hire owe ; 
And hou his fader sergeauretz alle 
veyn glorie gönne hym calle 
And gorre on hym gönne j'rowc ; 1005 
And hou he |ie book ywriten hadde: 
Of al his lijf |ie?-e he it radde 
To \>e poeple heije & lowe. 

t»oo Eufeniens \nse wordes herd, 
Of his son hou it ferd', loi« 

Gret was Iiis sorou^eyng', 
His face he rent & his her, 
Men soroujed for hym fer & ner: 
He fei in swowenyng' 
On his owen son {)at was; lo^^ 

His cry was eue?e alias alias ! 
'de^), why nyltou me stynge? 
Alias, sorou^, what is \>i red'? 
|iou hast' me brou^th vnto my ded'; 
Myne herte wil to sprynge. 1020 

Now I may no ioye haue, 
No confort ne niay me saue, 
My blis is al forlorne! 
flbr my son jiat lijl« here ded'. 
In elde he shulde haue ben my 
red'. i<J-«> 

Alias! \iat I was borne! 
O son, whi woldestou surt're« sniert' 
And dye wij) rae here in pouert', 
A begger as |iou worne? 
To J)i comyng' was al my speire, ^'^30 
To haue ymade of \>ee myne eire, 
Of londe, Castel & corne.' 

His moder herd jiat tydynge: 
fibr hir son she gan ilynge 
In Rage as a lyonesse; 1035 

Soroujfullich her pleynt she made — 
Noman mi^th hire herte glade 
Of al }ie grete presse. 
His fader had ylore \>e speche; 
To his moder was no leche i lO'io 
[)at mi^th htr cry acesse. 



Letted she nou.^th for al |ie Jirong', 
fiat she ne ran |)e poeple amung', 
Hire son to clyppe & kysse. 

'Oson, jiatsokeof myne pappcs, 1045 
|iou hast' ysent nie sory ha])pes: 
^us sone art' went' me fro! 
I wende haue yhad of |)ee solas — 
Myne hope is tynt, alias! alias! 
And weljie is went' to wog. ^'^^'^ 

Son, jiou doest vs strenge tourraent', 
Oure ioye is al away went', 
Ifor sorou^ we shuUen vs sie; 
ffbr often [tdu sei^ [li fader & me 
Erlich & late wepc for jice, lo^s 

And ek' l'i wijf also. 

1)0 {iat|)ee shulden haue serucd trewe, 
fiele tvmes on ]>ec Jiai [)rewe 
ffillie & foule vryne, 
And beten [)ee ofte swilic sore; 1060 
And hou suffredest euermore 
And took' it nou,^th to pyne. 
why woldestou cast [jee in care, 
Of bem to sufTre swiche bysmare, 
pat weren [line owen hyne? 1065 

Of alle [lise seuentene .^ere 
Ne woldestou noman teilen here 
jiou come of body myne.' 

nbrji com hoo his trewe wijf 
wiji sorouj & care & drery lijf 1070 
And nei^ for doel ded'. 
'Alias,' she seide, 'my ioye cast! 
Kare & sorou,^ ben in me fast, 
As widewe wijioute red'. 
AI my welfie is fro me went', 1075 
No woniman is in swiche towrment' 
In lengjie ne in brede. 
AI [lis werkle, & it myne were, 
I woldo ;^iue it fer and nere, 
To Seen his fairehede. '^^^^ 

It is no wonder of my doloure : 
Yshadewed is al my myrourc. 
And lorne is my brijthnesse; 
Myne herte may nou,^th lange dure.^ 
Cursed worfie [>ou, dame auenture, i"85 
l)at doost me destresse ! 
After fair weder falle|) reyn, 
After wynnyng' wep ageyn, 
And care is after kysse; 
Erly to day by \>o, morowe 1090 

I ne wist of care ne of sorowe — 
To bale is towrned my blisse.' 



1012 Ms. his bt. he. 



1082 Ms. myroujie. 



90 



Alexiuslieder. 



{japostoile & \ie clergie, 
[lemperoures & her chlualerie 
Token fiat confessoure i"^'^ 

And leiden on a bere ri>tli ; 
fiair & wel hij habbej) hym dijth, 
wi}) menske & honoure. 
To jie chirche of seint Bonefas 
wij) \>e Corps {jai token [e pas noo 
wijiouten any soioure. 
\)G belles alle a^^ein hem runge?2, 
Preostes & Clerkes merily sunge?^ 
wiji J)at swete floiire. 

Noman may teile wi}j tunge 1105 
f)e miracles |iat of hym Sprunge, 
As }iai [lat body bere; 
Deet' & doumbe, halte & blynde, 
Alle nii);tten böte fynde, 
In maladie |jat were: mo 

Men jiat weren in palesye, 
Lunatik'. o'i\<er in frenesie, 
Bote hadden |)ere. 

Swiche presse was [jc poeple among': 
Jiempej'oures niijtle« noiijth for 
|irong' 1115 

Beren for|) \>e bere. 

Jjai bi{pou^tte?i hem in |)is wyse 
|)at folk' was ful of Coueitise: 
And tresore onon of sende 
And casten aboute siluer & golde, 1120 
Take it vp who jiat wolde, 
Largely to spende. 
Noujth for |ian in euery strete 



])e presse was swi|)c grete, 

jiai mittlen hem nou^th defende ; 1125 

|iai leten lygge jiat tresoure 

And foloweden Jiat confessoure 

{tat day to \ie ende. 

Ri^th at seint Bonefas chirche, 
To seint Alexi jjai gönne wirche n-^o 
A riche monument; 
Seuene dayes his frendes duelleden 

Ipere 
ffor his body ]iat lay on bere, 
And sijiens hom |)ai went'. 
His fader, his moder &hiswij{' 1135 
Lyueden after in holy lijr 
Trevvely wi[) gode entent'. 
And whön [)ai dyeden alle jire, 
fial wenten wij) solempnite 
To god omnipotent'. n^o 

[ms ende & orde ;^ee han yherd' 
Of seint Alexi hou it ferd', 
wijjouten any lesing'. 
In |)e worschip of god in glorie 
Out of latyn is drawen jiis storie, ms 
[)orou,^ migth of heuene kyng'. 
Alle l^at habben yherd his vye, 
God brynge hem to |)e compaignye 
\>ere Aungels ben wonyynge. 
And sende vs, lorde, |)i mylde 
mood', 1150 

fibr |)orouj [)ee spryngej) al good' 
wi[)outen any endynge. 

Amen, Amen, Amen. 



IV. Die Version des Ms. Cotton Tiber. A. 26. 

Der Dialekt des vierten Alexiusliedes zeigt eine Menge von Eigenthüm- 
lichkeiten ; im Grunde nördlich, ist er mit südlicheren Formen seltsam 
gemischt und zeigt Besonderheiten , die auf einen eigenartigen Dialekt 
schliessen lassen. Sollte dieser in Irland zu suchen sein? Charakteristisch 
ist die breite und in mancher Beziehung auffällige A'^okalisation, die Schrei- 
bung yng neben yn en in forsakyng part. 155 i. R., tokyng 104 (diese En- 
ilung findet sich in späteren schottischen Gedichten wie im Lancelot), die 
Häufigkeit des y in den Endungen ys, yd, yn, yr neben es, ed, en, er, und 
wieder das Schwanken von y und e im Stamme, die Verdoppelung der Con- 
sonanten; eigenthümlich ist der Laut ey statt y in manchen Wörtern, die 
Vertnuschung von w und v u, und ff und w; wie im nördlichen Dialekte 
ist der Infinitiv und das Praet. plur. häufig flexionslos, das Particip aber 
endet auf yn en; dagegen sind die Flexionsendungen des Praes. in der 
Regel südlich; die Pronomina sind meist nördlich. In graphischer und 
lautlicher Beziehung ist die Hs. sehr schwankend, und gewiss hat der 
Schreiber die ursprünglichen Formen vielfach willkürlich geändert und ver- 
derbt, wie er auch sehr nachlässig und fehlerhaft geschrieben hat; doch 
wird man sich hüten müssen, alle die Abweichungen vom nördlichen Dialekte 
und die mancherlei Schwankungen allein auf seine Rechnung zu bringen ; 



Alexiusliedcr. 91 

unstreitig ist die Vermischung der Dialekte und Laute bereits grösstentheils 
als ursprünglich anzunehmen. 

A vor m, n findet sich i. R. bei man 5. 31. 304, man: noone (st. nan) 
291, hande foundo (st. fand) 205, doch o i. R. bei honde lond 135, londe 
sonde 365, long wrong 381, anone gone Inf. 81, anone ston 42, stonys 
i. R. zu nonce 405, anon euerychone 328, nonc: mon (Klage) 28, at home: 
come 101; ausserhalb des Reimes findet sich a in man (auch Plur. ? 411, 
sonst men, dieses i. R. zu [)an 248), leman, many (meny 365, mayny 238), 
whan (when 388), than, thank 179, band 268. 315 (doch auch hond), a und 
o in cam 219. 273 com 221 come 237. 391 (Plur. com. 67. 166. 169. 307, 
come 223, doch auch hier cam' 409), o in ony 300, from, lond, long, among. 
Nördliches a findet sich i. R. auch bei lawe cnawe 347, llawe: knowe 
(statt knawe) 254; der Reim sore : arne woo 355 ist vielleicht verderbt, 
um die nördl. Vokalisation zu umgehen, sonst findet sicli o in thore i. R. 
zu byfore 294 (thcre i. R. zu more 183. 280 lasst ebenfalls thore :more 
oder sare : mare voraussetzen), sore more 148, more lore 45, bothe lothe 
131, bothe clothe Inf. 249 soo woo 340, so twoo 35. 165, so i. R. zu [joo 
395. — Ueber das Verhältniss von a zu e merke: a statt e findet sich hei 
hart 23, hard Praet. (hörte)*) 211. 280 (herd nur 117); wrast Inf. i. R. 
zu faste 316, cast Praet. plur.: fast 397 (i. T. kest 345), was i. R. zu pace 
374, zu bonyfiace 402, zu masse 271, aber auch zu prece 393 (hier ist also 
wes statt was anzunehmen?); e in lede Praet. 130, red 327, lelft 128, 
auch in gest i. R. 79, cherite 182; im Praet. haben a gafie, bade 
i. R. 209 (auch Plur. 386), bare (auch Plur. 41), sawe (dafür einmal i. R. 
see 314 i. R. zu nye), e wex i. R. 44. Merke noch natt 316, nat 337 st. 
not. Der Reim verlangt stets ay statt ey, welches letztere zuweilen statt 
ay steht, vgl. sayde brayde 201, rayne agayne 221, agayne swane (st. swayne) 
237, awaye monaye 120, also auch monay st. money i. R. zu waye 176, 
contray st. contre i. R. zu awaye 218; — merke nochay in ayre = hair-cloth 
i. R. zu fayre 148. — Das eigenthümliche ey statt y begegnet in holey 20. 
304 (holy 48), maney 147 (sonst many), erley 67, lokeyd 294, lyveyd 418 
(wo e übergeschrieben ist), bleys 370 (sonst blysse i. R. 139, blys 270, 
blese i. T. 390), auch in bedeyes Bitten 186. — y statt südlichen u findet 
sich in fryst 375, sylffe 128, mykell 28 myche 344, lytyll 223, kyssyde 862, 
sythen 63, sylver 399, syn 322, mynster 200, chyrche", mit e schwankend in 
wyst 35 neben west 140, dyd 256 neben ded 339. 344, besonders auflallig 
ist es in byt 70. 221 bytt 217 (butt 229. 315, bot 367), custymme 14; statt 
e steht es in hvnde bynde i. R. 326 (aber hende sende 30), fylle Praet. 
359, hylde 25?', hylde 259 (held 400); auch in meyny 231 i. R. zu be, 
merke ferner y in puruyde 55, on hye i. R. 362, nye i. R. zu see 313, dyed 
(Inf. dde i. R. 385). Besonders häufig ist y in den Endungen ys, yd, yn 
(doch kommen auch es, ed, en nicht selten vor), ferner bei fadyr 133, modyr 
131, sylvyr 397, suffyrde 260, heuyn 349, euyne 79, maydyn 31, sythyn 37, 
whylys 97, lytyll 223, sympvll 225 sempyll 373, marbyll (doch auch fader 
fadur, syluer, lytell 393, tiirtell 158); statt hede i. R. zu levyd 257. 345 
verlangt der Reim ebenfalls heuid. — eo findet sich zweimal in eorly 123. 
199 (erley 67); o in dole 133. Merke einmal lyeff'e statt lyffe 104. e statt 
i begegnet öfter, in wetten 323 (wyt 337), fulfell 98, elke 79. 105 (ylke 285. 239 
ylk 17), stelle 240 (sonst stylle), cette 58 u. ö. (cytte llOj, blese 390 
(sonst blys, bleys 370), weddowe 384, beshoppys 62, öfter auch in be st. 
by, mit y wechselnd in ded 339. 344. 386 (selten dyd 256), west 140 (wyst 
35), ferner in gewyn 182, wretyn 267 (wryttyn 324\ Seltener steht es 
auch statt a, so ausnahmsweise in meny 365, when 3S8. Das Ms. schreibt 

*) In hart, hard scheint ar den besondern Laut des nördlichen r auszu- 
drücken. 



92 Alexiuslieder. 

I woU 100. 148, Plur. wolle 1. 275 neben I wyll 98. 1.36, Plur. wyll 242, 
mit o I wott 61. 198 (Inf. wyt 337 wetten 323). — Merke noch mit au liauU 230 
(sonst hall), mit o st. ou stonde 223. 393. — Vokallänge wird durch Ver- 
doppelung ausgedrückt in wee, yee, jjee, beene 381, freendys 46, yeede 217, 
need 37, soo 91, twoo 36 too 166, moo, hoode, foode:, throofe 44 (aber 
droffe 222), anoone 127 u. a. 

Unter den Consonanten ist bemerkenswerth der Gebrauch von ght statt d 
in bryght = bride (oder = bright sbst.?) i. R. zu ryght 88; statt t in 
wyght=: white (oder durch Metathesis entstanden?) i. R.zu syght 376, statt 
th in wygbe (st. wyght) = with 383, und in der Flexion bei lowyght statt 
louyth 414 i. T. (vgl. lasthe 419). Ferner der Gebrauch von th statt f in 
dethe st. defe 410 (vgl. den Reim swythe lyeffe 193), statt t in thak 122. 
242 (take 80), lowthe 195; t statt th in hate 182 (sonst hathe\ wit 56. 
335. Das Ms. schreibt in der Regel th, J) begegnet selten im Anlaut 
neben häufigerem th in |ie. [jo, {ley, jiis, jiat, {>eyre, |)oo 395, auch in sitte|)e 
199; ^ ist äusserst selten (inow^e 9), ]t wird durch ght ausgedrückt (myght, 
thought, nur einmal brout 263), im Anlaut wird y geschrieben, doch hat 
sich im Anlaut der harte Laut erhalten in agayn, gete, gywe Inf. 244, gewyn 
Part. 182. gaffe Praet. 50. 175. 249. 258. 346 neben yaffe 103. 119. 399. 
Icynght 137, kynyght 238 st. knyght scheint nicht blosse Verschreibung zu 
sein. Eigenthümlich ist die Schreibung yng statt yn en bei forsakyng 155, 
tokyng 104, wodurch die Endung des Part. pass. mit der des Part, praes. 
(vgl. knelyng 204) gleichlautend wird, h fehlt in wat 226 st. what, ayre 
148 = hair. Das Ms. schreibt sh und seh, auch ch in che = she 374 und 
dyche = dysche 346, s statt seh nur in soulde 56, s st. ss in presyd 398, 
SS st. s im Anlaut bei sso 396, ssee 370, scee 334, ssce 413. — Sehr auf- 
fällig ist die Schwankung zwischen w, u v, ff, öfter in denselben AVörtern ; 
w st. u (v) findet sich in wppon 190 (öfter vppon), wnto 46, wnderstod 48, 
fwll 171 (fvU 132), knwe 177, st. v in woyce 273, wysage 114, welonye 256, 
Irawayle 401, serwaunt 277, sewentene 252, ewer 342, lewe lieb 369, lewe 
bleiben 101, hewyn 212 (heuyn 349), gywe 244 gewyn 182, lywyd 168 
(lyued 351, lyveyd 418), lowe = love 174. 176. 243; weniger auffällig ist 
ow st. ou in lowde 173, lowthe 195, powre 120 (auch pore, por), owte, 
foAvnde 204. tresowre 408, presyowse 306, auch in cownfort 84, comawnde- 
ment 86 ; hier drückt es eine breite Aussprache aus, wie auch vor 11 in 
sowUe 270, owlde 254 (ollde 279), schowlde 52. 262, fowlke 272 (sonst 
folke), vgl. haull st. hall 230. Umgekehrt steht u v statt w in uyffe 55, vyde 
161, ue 390, vas 163, vent 233, in welchen Wörtern jedoch w häufiger ist; 
auch in saue = sawe 308, laue 60. Das Ms. schreibt ff in wyffe, lyße 
(lyfe 330, lyeffe 194), leffe Blatt 314, leffe lieb 339, yaffe gaffe. Alle drei 
Schreibweisen finden sich in leve lieb 207, lewe 369, leffe 339. Wie schwan- 
kend überhaupt die Schreibweise ist, zeigen Beispiele wie })owe jjoue \>ou. 
})u, nowe noue, oder gar wie schowlde 262, showld 52, sholde 343, shollde 
30, should 348, shouUde 112, shoulde 170, soulde 56. — Das Ms. liebt Ver- 
doppelung der Consonanten, so schon im Anlaut bei Uawe 253, dde 385, 
SSO 396, ssee 370, im Inlaut bei sonne Sohn 136 (auch sone) und sonne 
Sonne 302, wonnyd 5, robbys 147, hydder 154, tbydeder (st. tbj'dder) 65, 
weddowe 384, goddys bedd; besonders gern tt: wott 374, wetten Inf. 323 
(wyt 337), hitt'227,'att, bytt und butt (byt 70. 221. 315, but 235), sitt 208, 
sett Pr. plur. 46, lett 318, cette 58 (auch cete, cyte, cytte), wrvttyn 324 
(wretyn 267), ff in offte, affter, lefft, sylffe 128, ferner in leffe, ly^e (lyfe 
330), wyffe (wyfe 19), gaffe und yafle gaff 258, (gafe 346), 11 in der Endung 
eil yll wie turtell, sempyll, ferner in worllde, woHde 25, shollde 30, shoullde 
112, ollde 279 (owlde 254, olde 45), hollde Inf. 268, foUde Praet. 267, 
sowlle 270, hyllde 315, chylldo 27. 31, gylle 51, syllver 74, welle 66 well 
9 (wele 44), feile 62, selbst in hell = hele 412. Diese Verdoppelung kann 
bei lyffe wyffe, besonders bei 11 in hell 412, ollde, sowlle, gylle u. a. 



Alexiuslieder. 93 

nicht Kürze ausdrücken sollen, vgl. neben droffe 222 auch throofe 44, wo 
im ersten Falle ff, im zweiten Falle oo die Länge ausdrücken soll. — Be- 
merkenswerth ist ferner die Häufigkeit des e, welches oft selbst im Innern 
des Wortes eingeschaltet ist, so in boredes lö, morenyng Trauer If)?, 
thowesantll, craff'etyly 406, thydeder 65 (st. [jydder), entayele 188, sexteyene 
192 (sextayne 203), honouer 154, selbst in there = ihre 15, während es 
zuweilen, wie in anodr 218, pourte 168, preuly 264, fehlt, wo man es er- 
warten sollte; noch häufiger steht e am Ende, wie in maye 142, saye, whane 
262, tbane 293, whome 56, frome 96, hyme 237, theic, theime, forthe, thowe 
thoue, nowe neue, thorowe, thj-e, auch im Nom. der Wörter gode 229, shipe 
107, coppe 75, wynde 108, wyne 73, lorde 179, fehle 54, worllde, chylcle, 
honde, folke, euyne 79, alexe 43, ferner derer auf ff'e, we, aye, währemi die 
auf ght kein e haben, welches auch im Gas. obl. nicht selten fehlt: of wytt 
47, to bed 80, of lond 136 u. a. ; ferner zeigt sich e in der Verbalendung 
ethe, im Fraet. sgl. starker Verben, wie in sawe, bade i. R. 209, bare, 
gaffe, droffe, throofe, fownde, toke u. a., während es im Inf. und Fraet. 
plur. oft abgefViUen ist. Dass es nicht mehr gesprochen worden , geht 
daraus hervor, dass sich whan, than, hym, |)ow, from, thei u. a. häufiger 
ohne e finden, ferner daraus, dass in den JtJeimen e oft einseitig ist, wie bei 
well feie 10, feile hell 412, teile duell 117 (teil dwell 1), alle hall 251, with 
all halle 335, stylle wyll 260, forsakyng takyne 155, honde nom. of lond 
135, none mon 28, man noone 291, masse was 271, ende wend Inf. 262, 
alexe wex 43, faste wrast 315, by: on hye 361 u. a. Auffällig ist nur der 
Reim bade Fraet. plur.: dde 385, wo ein Flexionsreim stattzufinden scheint, 
in welchem Falle die den Reim bildende letzte Silbe von bade ausgesprochen 
werden müsste; doch liegt hier vielleicht ein Fehler vor. 

Von den Fürwörtern merke I, Ac. me, Fl. wee (ue 390) — vs, Poss. 
owre; {)owe jioue [lou jj« — the, Fl. yee — yowe, Foss. your; he, Fem. she 
sehe (che 374) — Ac. her 21. 84 here 89, Poss. here 190; hit hitt 225 
hyt 401 it und yt 165; Flur. ])ey 27. 37 they 28. 35 theye 29 thay 356, 
the 67 — Ac. theym 27 theyme 122 J)eyme 171 thym 322 und hym 170. 
286, Foss. plur. fieyre 104 theyre 32 und here 26. 61. Merke die Ver- 
schmelzungen frome = from nie 381, wythem 251, gaffe = gaffe he 127, 
wohl auch there gan = ther he gan 234, allwaye rede = allway y rede 95, 
dowe = do we 226. thys hat im Plur. thys 372. 

Nur bei sekys Imper. plur. 277, has 3 Sgl. 297 findet sich die nörd- 
liche Flexionsendung; n bei don 356, arne 356 (ar 92), sonst findet sich 
für die 3. Sgl. und den Plur. südliches -the: he sittejjc 199, dothe 158, 
hathe 3. Sgl. 194. 288, hate Flur. 182, lasthe 3. Sgl. 419, lowyght 414, 
herkynnythe Imper. plur. 2. I wyll 98. 156, wolle 3. Sgl. 195 hat im Flur, 
wolle 1 well 275 und wyll yee 242 ; maye 142 Flur, may 93. 413; statt des ge- 
wöhnHchen shall findet sich 198 schul! im Sgl. mit dem Vokale des Plur. 
— Die 2. Sgl. praes. und praet. hat st in hast 180. 349 (hastowe 378), mayst 
])" 210, weddest Pr. 387, doch fehlt die Endung in ded J)" 339; die starken 
Verba finden sich in 2. Praet. mit e: |iowe were 341, hehle 342, und ohne 
e: |)owe saw 340, sat 368. — Als Beispiele des Part, praes. begegnen nur 
knelyng 204, longyng 351. — Das Part. ])raet. endet bei den starken Verben 
stets auf yn (yngj en : forsakyng 155, stokyn spokyn i. R. 371, knowvn 111, 
vnknowen 231, gewyn 182, wretyn 267 wryttjn 324, merke ferner borne 
forlorne i. R. 145, borne i. R. zu JDerforne 40, borne i. T. 401, auch done 
382, gone 381, bene 227. 297. 381 (Ibe i. R. 228. 288). Vorgeschlagenes 
I begegnet nur bei Ibee 228. 288, Ibrought 403. — Im Fraet. plur. findet 
sich n nur zweimal i. T. : fjey hadden 412, comyn 65, blosses e i. R. bei 
bade 385 i. R. zu dde, stode 61, come 223; i. T. ist öfter auch e abge- 
fallen: cam 409 com 67. 166. 169. 307, gaff" 258 (sonst gaffe, yaffe), held 
400 (hylde Sgl. 259), feil 309, ferner bei dyd 256 ded 344, kcst 345 cast 
i. R. 397, wyst 35, hard 211. 280 (harde 328), sett 46, went 290, my^ht 



94 Alexiuslieder. 

312 und bei den schw. Praet. auf ed yd: thankyd 311, axyd 291, callyd 43, 
crystenyd 42. Meist erscheint also im PI. die Singularform. — Der Sgl. praet. 
starker Verben endet meist auf e(aberwex44) ; dieses findet sich auch bei bynde 
i. R. 325, follde 267, lede 130, wepte (auch weppyd 355), cryde 355, leyde, 
sayde, während die schwaclu'n Verba auf ght, nt, st ohne e bleiben. Die 
regelmässige Endung der schwachen Verben ist yd ed, z. B. axed axyd, 
loued 49 lovyd 21 lowyd 416, called callyd, thankyd, weryd, wonnyd, lywyd, 
dwellyd u. a., mit e nur bei kjssyde 362, suffyrde 260. Häufiger ist aber e 
am Ende im Part., so in spousyde 60, levyde 346 (levyd 258), selbst bei 
soughte 379, wente 220, hade 137. — Im Infinitiv findet sich zweimal n 
i. R. : takyne 156 i. R. zu forsakyng Part., wetten i. R. zu wryttyn 324; 
flexionslos sind i. R. wend 262, wrast 316, befall 229, teil dwell 1; e haben 
gete 125, iibyde 380, hoUde 268, bynde 321, thake 242, sende 30, wellde 
54, fede 25; statt haue 32 i. R. zu man ist wohl haue zu lesen, obwohl 
V. 70 haue i. R. zu knaue. I. T. gibt es keine Inf. auf n, öfter aber 
flexionslose: wyt 337, com 38, thak 122, fulfell 98. 

Bei den Substantiven fällt zunächst das mehrfach vorkommende s im 
Nora. Sgl. französischer Wörter auf: herytages 32 (herytage i. R. 142j, 
vyages i. R. zu pylgremage 100, images 188. 191 (image i. R. 113. 202), 
pylgerniages 380; in den cursiv gedruckten Fällen ist es im Ms. durch die 
Abbreviatur s bezeichnet, die durch es aufzulösen ist, wie sich auch images 
188. 191 ausgeschrieben findet. — Der Gen. Sgl. endet auf ys, seltener es: 
mannys 121, melys 126, worlldys 9, goddys 60 und goddes, merke noch 
fadris 230 fadyrs 153 faders 252 ; ebenso der Plur. : stonys i. R. zu nonce 
405, frendys 40. 46, armys, robbys, messengerys 366 messengeres 166 (mes- 
sengers 162), beshoppys 62, byshopcs 305, bedeyes bitten 183, u. a. ; statt 
emperowres 305 i. R. findet sich i. T. emperoure als Plur. 395, in v. 289 
ist s unrichtig im Ms. durchgestrichen, da der Reim es fordert. Man hat 
im Plur. neben men_(i. R. zu jjan 248) auch man 411. 

Die Striche_aii 11, tli, die Häkchen an m, n sind bedeutungslos, da z. B. 
neben all auch alle, mit Beibehaltung des Striches trotz des e, vorkommt, 
wie in vielen ähnlichen Fällen.*) 

In den Reimen finden sich manche Unregelmässigkeiten, die zum Theil 
dem Schreiber beizumessen sind, so be meyny (st. meyne) 231, agayne 
swane (St. swayne) 238, awaye contre (st. contray) 217, money waye 175, 
befall hauU 230, bowre honouer 153, forsakyng takyne 155, tombe dorne 
(st. dombe) 409, lowthe (st. loute) owte 195, vyages pylgremage 100,»stonys 
nonce 405, hede (St. heuid) levyd 257. 340, auch founde (st. fand) hande 
205, man noone (st. nan) 291, nye see 313; mehrere Unregelmässigkeiten 
sind aber als ursprünglich anzusehen, so emperours hous 289, emperowres 
presyowse 306, swythe lyefle 193 (men t)an 248, prece was 394?); sore woo 
355 ist gewiss verschrieben, wahrscheinlich auch dde bade 385. identische 
Reime sind went went (wohl st. lent verschrieben) 164, twoo twoo 90, soo 
also 91, make make in verschiedener Bedeutung 157. — Aus der Verderbt- 
heit der Reime lässt sich zurückschliessen auf die Willkür, mit der auch 
sonst der Schreiber verfahren sein mag. Mancherlei Verschreibungen und 
offenbare Fehler bekunden seine grosse Nachlässigkeit, wie auch die schlechte 
Schrift. Die Hs. gehört der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts an; auch das Ori- 
ginal wird kaum viel früher zu datiren sein. — 

Im Inhalt schliesst sich dieses kürzeste der Alexiuslieder genauer an die 
durch das erste Lied vertretene Ui^bcrlieferung an als an eine der an- 
deren Versionen. Einige Züge finden sich freilich in den anderen \'ersionen 
wieder, so in AI. 2, 61 — 63 die frühe Ueberzeugnng des A. von der Eitel- 
keit der Welt 50—52, ib. 109 — 114 die Aufforderung des Vaters zu seiner 



*) Die im Ms. fast über jedem 11, ght befindlichen Striche konnten im 
Druck nicht gesetzt werden. 



Alexiuslieder. 95 

Braut zu gehen 79 — 84, wie in AI. 2 gibt A. bei seinem Abschiede seiner 
Frau auch einen Gürtel, ebenso ist der Ort nicht genannt, wohin er sich 
begibt. Die Erwähnung der aOOO Diener des Eufemian 10 — 1-2 findet man 
ähnlich in AI. 3, 79—84 (wo 20oO genannt werden); ebenda, AI. .3, 373 H"., 
ist auch die Klage des Vaters ausgeführt wie 133 — 142 (in AI. 1, 123 ruft 
er nur alias alias, in AI. 2, 215 kann er vor Trauer gar nicht sprechen), in 
AI. 3, 643—4 findet sich auch der Zug 235 — 6 wieder, dass A. in Kom 
nicht wieder erkannt wird. Im Uebrigen aber zeigt sich eine grössere 
Aehnhchkeit mit dem ersten Liede. So vgl. die Geschichte mit dem Bilde 
im Tempel 113 ff', u. 187 ff", mit AI. 1, 103 ff', u. 184 ff", (auch in AI. 3), 
die Klagen der Eltern und Braut stehen zusammenhängend vor der Sendung 
der Boten 131 ff".; das Zusaimnentreften mit den Boten und das Daakgebet 
des A. 179 — 182, die Begegnung des A. mit seinem Vater 225 ff", finden 
sich in den meisten Zügen fast ebenso in AI. 1 wieder, so auch 13 — 17 
in AI. 1, 13 — 18. Doch ist daraus nicht sciion zu schliessen, dass der 
Dichter das erste Alexiuslied benutzt habe; selbst die grosse Aehnlichkeit 
einzelner Stellen, wie besonders v. 27 — 28: Bytwene theym' chyllde had [)ey 
none — therefore they made mykell mon mit AI. 1, 31 — 32: Children bi- 
twene hem hedde \>ei none — l)erfore to god jiei maden heor mone, ist 
meines Erachtens nicht nothwendig beweisend. 

Aber auch diese Version hat ihre abweichenden und eigenartigen Züge ; 
dahin gehört: die frohe Hoffnung der Eltern des A. auf einen Sprössling 
29 — 31; dass A. die heilige Schrift verstehen lernt 48 (vgl. AI. 1, 
47 — 48, in der Leg. Aur. lernt er „liberales disciplinas";; die ausführ- 
liche Schilderung der Hochzeit und der zahlreichen Ge- 
tränke*) bei derselben 60 — 78; dass A. in der Brautnacht nicht 
die Keuschheit bewahrt 89—95 (denn anders lassen sich die Worte 
91 — 94 nicht verstehen, obwohl später 385 die Braut sagt: I may be wed- 
dow and mayden dde) ; dass A. seine Trennung damit motivirt, dass er in 
seiner Jugend eine Pilgerfahrt gelobt habe, 97 — 100, und sein 
Versprechen zurückzukehren 102. Die trauernde INJutter will ein 
Haarhemd tragen, bis sie über ihren Sohn Kunde erhalten 147 — 150 (vgl. 
AI. 2, 224 ff"., wo sie sich zu Bett legt und eingeschlossen hält, und AI. 3,394 
bis 408; Leg. Aur.: mater autem sua a die recessus saccum in pavimento 
cubiculi sui stravit etc.). A. trifft die Boten — der Dichter nennt zwei 
166 — auf der Strasse 169 und spricht sie direct um eine Gabe an 
173—4. Auffällig ist der Zusatz 185—6, dass A. täglich zur Kirche geht, 
um zu beten (er wird erst durch die Stimme des Gnadenbildes einge- 
laden, hinein zu kommen und nicht aussen zu bleiben). Der Kirchendiener 
trifft ihn knelyng in \>e rayne 204. Abweichend ist ferner, dass A. nach 
Spreusse (wohl aus Cyprus verdorben) fahren will 220; Zusatz, dass er die 
Schrift gefaltet in Händen behält 267 — 8. Die zwei ersten Rufe der Stimme 
im Tempel sind in einen zusammengefallen 275 — 8. Nachdem die Stimme 
zum letzten Male gesprochen, gehen der Bischof (statt des Pabstes 
der anderen Verss. ; v. 305 ist sogar von bysshopes die Rede) und die 
Kaiser sofort zum Hause des Eufemian und fragen ihn erst da nach dem 
Heiligen 289 ff", (in den anderen Verss. wird Euf. gefragt, bevor sie 
zu seinem Hause gehen); nachdem dann Eufemian zuerst den Todten ge- 
funden und nun Kaiser und Bischof herbeigerufen 305 (303 — 4 Zusatz), 
will jetzt erst der Bischof (nicht Eufemian, wie in AI. 1 u. 2, oder der 
eine Kaiser, wie in AI. 3) das Pergamentblatt aus den Händen des Todten 
nehmen; der Bischof (in der 1. und 3. Version die Kaiser) spricht auch 
die Worte 317 — 325, welche eine gnnz andere Lesart der lat. Vorlaco vor- 



*) Die altengl. Dichter heben gern nachdrücklich hervor, dass Jgespeist 
wird, und was, vgl. Gregor. Vern. v. 666 



96 Alexiuslieder. 

aussetzen als die überlieferte (Leg. Aur. : „quamvis peccatores sumus, regni 
tarnen gubernacula gerimus et hie (papa) curam universalem regiminis pasto- 
ralis, da igitur nobis chartam ut scianius quae in ea scripta sunt; ähnlich 
AI. 1 u. 3; der Dichter scheint gelesen zu haben: quamvis peccator es, 
curam regiminis pastoraHs gerimus, oder ähnliches. Auch liest der Bischof 
selbst die Schrift vor 327 (vgl. AI. 2, 461). In den nun folgenden Klagen der 
Eltern und Frau des A. schliesst jeder mit der Bitte an den Heiligen, im Himmel 
für sie zu beten, damit sie sich einst wiederfinden: 34 9. 369. 389; der 
Vater gedenkt in seiner Klage der üblen Behandlung seines Sohnes in 
seinem Hause 343 — 348 (in der Leg. Aur. thut dies die Mutter), die Mutter 
der vergeblichen Nachforschungen um ihren Sohn, während der Gesuchte so 
nahe war, 365 — 8; seine P^rau, so tiefschmerzlich betrolTen, dass 'that on 
here was blaice, l)at rest was wyght' 376, beklagt sich in origineller Weise 
(ähnlich wie bereits 102 — 5) in herben und bitteren Worten über das ihr, 
der Schuldlosen, von ihrem Gatten zugefügte Unrecht 378 — 388, über ge- 
täuschte Liebe, das betrogene Recht der Frau ; bitter ironisch klingen ihre 
Worte, dass er so sein \'ersprechen, von der Pilgerfahrt zurückzukehren 
(vgl. 102), gehalten habe 378 — 381 — die ganze Stelle zeichnet sich durch 
individuelle Färbung und psychologische \\ ahrheit vor den anderen Ver- 
sionen aus. Die Wunder geschehen nicht auf dem Wege zur Kirche, sondern 
am Grabe 409 — 412. Das Gedicht schliesst mit der Lehre, die man aus 
dem Leben des Heiligen ziehen könne. 

So enthält auch diese Version originelle Züge, die zum Theil dem 
Dichter selbst angehören. Das Gedicht zeichnet sich durch Einfachheit aus; 
in kurzen geschlossenen Sätzen, ohne Umschweife und Umstände, wird die 
Handlung in ihren Hauptzügen in belebtem, raschem Gange erzählt; der 
Dichter selbst tritt ganz zurück, er erklärt nicht, motivirt nicht, die Hand- 
lung allein beherrscht ihn. Nebensachen treten zurück oder werden ver- 
schwiegen, damit nur ja die Hauptmomente in das rechte Licht treten; über- 
flüssiges Beiwerk, gesuchte Wendungen, Formeln sind streng vermieden. 
Nur wo er die Hochzeit und das Gastmahl schildert, Avird er ausführlich 
und zeigt darin den Volksdichter. 



fA)lle Jjt wolle a whyle here dwell, an' holey woman', wt owten'lees: 20 

herkynnythe, and I woll yowe teil she louyd god wt all her myght 

a tale sone of grete pyte, and seruyd hym bothe daye and 
att rome by ffell, in fit Cyte'. njglit, 

There somtyme wonnyd a man\ •'• she was of gode wyll and hart fi'ree 

hys name was caliyd eufemyan'; To all l)e dedes of charite : 

he was ryche in all thyng there she wollde clothe and fede 25 

and eueryday seruyd as a kyng', and helpe men at here nede. 

he had Inow^e of worlldys well Bytwene theym'chyllde had {»ey none: 

and seruantes w* hym many and feie : 10 there fore they made mykeÜ mon. 

Thre thowesant to hym were aten- theye were allwaye blythe and hende 

daund, In' hope that god sholhJe hem sende 30 

That weryd gold on here pendaunt. some maydyn chyllde or sonie man' 

In hys owne hous euerydaye That theyre herytage.s myght haue, 

a cnstymme was that 1 schall saye : so long theye prayed wt good entent, 

there borede.? that were fayre spred 1-'' that a man chyllde god hem sent. 

There pormen schulde be fede; whane they wyst [it hit was so, ■^■' 

Of all pormen of ylk a gate Chanse theye leuyd bothe twoo; 

tliere was none |it werned [le yate. sythyn' jiey wollde for no need 

a wyfe he had — she Ityght agales — com to gedia- in fflesschely ded. 



15 Ms. there st, thre,boredesbordes. 32 Ms. haue oder hane? 35 Ms. 

17 jit st. was? unileutlich ob whan oder whane. 



Alexiuslieder. 



97 



vvlian thys man cliylldc wiis bornc, 
flayne werc hcro frrnilys thnrforne ; ^" 
Tbeye bare the cliyldo t o chirche anone 
and crystenyd liyt in the flbnt ston': 
tbere theye cnUyd jic chylde Alexe, 
sone hit throofe and wele hit wex. 
whan hit was Vll yere olde and 

more, '*•'' 

hys frecndys sett hym wnto lore; 
he was sone ffuU goode of wytt 
and wndi/rstode the holy wryte. 
he loued god in all bis thonght 
And of thys worllde gaffe he nought: •''O 
be sawe thys worllde was butt gylle, 
for hit showld laste but a wliyle. 
neue?" the les whan he was eldo 
lond and felde ff'or to wellde, 
hys fadt/r puruyde hym a uyß'e, ^''^ 
wit whome he soulde led hys lyff'e: 
A maydcn there was fayre and iFre, 
Com of Jie rycheste of that cette. 
In holy chyrche vppon a daye 
They were spousyde in goddys laue ; ^'^ 
Atte here spousyng, I wott, there 

stode 
Beshoppys feile and prestes goode. 
sythen' theye made a mangery 
wt all the beste of here aleye ; 
All that comyn thydeder |)t daye 63 
theye were seruyd welle to paye, 
Com' [)ey erley, com the late, 
theye were neuer wernyd jie yate, 
there was nowd«?' man nor knaue 
Byt mete and drynke be myght 

haue ; "o 

Euej-y man had there plente 
Of claret wyne and pymente, 
There was many a riebe wyne 
In sylluer and in golde fyne, 
Many a coppe and many a pece ^5 
w* wyne wernage & eke of grece, 
And many a noder ryche vessell 
wt wyne of gascoyne and of rocbell. 
whan' euyne com', {)t elke a gest' 
was gone to bed, to take hys rest, so 
Eufemyan' callyd hys sone anone 
and bad hym ft he sboulde gone 
In to hys chaumb;/r to hys fere 
and cowmfort her in hys manere. 
Alex was to hym obedyent ^'^ 

and ded bis faders comawndement'; 



In to a chaumb?«- he com' füll ryght, 
and redy there he founde hys brygbt, 
and toke here in bis armys twoo, 
and downe they layde botbc twoo. 90 
'dame,' he sayde, 'nou it ys soo 
O ftlessche ar wee all so, 
Noue may we be gladde of l)is lyffe, 
ffor thowe art bothe moder and wyßo ; 
llbr allwaye rede \i^ hit so be, 'Jf» 
flbr nowe mufte me wende frome the. 
whylys I was yong, I made a vowe — 
That I wyll ll'uHfell hyt nowe — 
ffbr to wende a pylgremage; 
Noue woll I doo Jjt vyage.9, loo 

and |)" schalt lewe here at home. 
agayne. as goddys wyll, I corae.' 
he yaße her a gyrdell and a ryng'. 
all for a tokyng at {)eyre depa?'tyng, 
and ffbrthe he wentthat elke nyght. iö> 
To fie sse he come füll ryght ; 
The shipe was redy and oue?- went, 
wynde att wyll god hym sent. 
whan' he come In to a ffer contre, 
he come into a ryche cytte. no 

knowyn' he wollde in no wyse be 
of no man [)at shoullde hym see. 
In that cyte was an Image, 
That was lyke goddes wysage; 
Many a pylgryme had hit sought, n^ 
for hit was neuer wt honde wrought. 
Alex herd therof than' t[e]lle : 
Than thought he there to duell. 
Anone he yafte ffrome hym awaye 
to powre men all hys monaye, l-O 
and bought hym pore manwys wede, 
That none of theyme shoullde thak 

hede, 
and axed bis met eorly and late 
wt poremen' att the mynster yate. 
all the mete \)^ he myght gete, 125 
Bot eue?y day a melys mete, 
To poremen' gaße anoone ryght, 
he leff't hym sylffe none ouer nyght. 
there dwellyd he XVII yere 
and lede bis lyffe in thys manei-e. i^o 
bis ffadi/?' and hys modyr bothe 
Than' he was to theyme ffvll lothe; 
bis fadyr made gret dole and sorowe, 
Bothe on' Eue?i and on' morowe, 
'alas,' he sayde, and wrong bis 

honde, i^s 

'why is my sonne went owte of lond? 



40 here st. hys? hys freendys v. 
46 sind doch wohl die Eltern. 6ö Ms. 
thydeder = thyder. 67 Ms. the r= 
thei. 

Archiv f. n. Sprachen. LIX. 



92 Ms. Ofst. o. 95 I ist versteckt. 
100 Ms. viags, vgl. images 188. 191. 
121 Ms. mamys. 127 gaffe = gaf he. 
128 none übschr. 

7 



98 



Alexiuslieder. 



I wende haue hade of hym akynght, 
wt rue to stonde In all my ryglit ; 
nowe ys he wente, \t^ was my blysse — 
I west hym neue?" do man' amys — 140 
Nowe haue I none of my lynage 
That maye weide myn' herytage'. 
Than sayde his moder, and wepte 

füll sore: 
'Noue shall I see my sonne no 

more! 
I was füll glade, whan' he was borne, 1*5 
nowe ys all my Joye forlorne. 
I haue hade robbys raaney and fayre, 
Nowe woll I next me were the ayre, 
Tyll I maye some tydynges here 
Of my sone that was so dere.' i-^'O 
than' spake his wyffe, and wepte 

among' : 
'My lefTe,' she sayde, 'has done wrong: 
he toke me In my fadyrs bowre 
and brought me bydder wt grete 

honouer, 
and he has me nowe forsakyng! i^^ 
To Ihü cryst I wyll me takyne. 
Sorowe and morenyng may I well 

make 
as the turtell dothe wt owten his 

make ; 
JoyefuU schall I neue?' bee, 
Tyll I maye my leman see.' i*'0 

hys ffade?- send bothe fer and vyde 
Messengers on' euery syde, 
To seke his sonne wbere he vas went, 
Bothe ß'er and nere where he was 

went. 
Sytbyn' aff'ter yt befell soo: 1C5 

of messengeres there com too 
Ryght to the Ryche Cete 
There alex lywyd In pourte. 
as they com In to a strete, 
alex com and shoulde hym niete; i'O 
sone knewe he jjeyme fwU welle, 
and [jey knewe hym neuer a dele. 
lowde he spake vnde?- hys hoode: 
'ffor goddes lowe do me som goode !' 
Theye gaffe hym of theyre money i''^ 
ffor goddes lowe there in the waye. 
whan alex sawe jieye knwe hym 

nought, 
he thanked god in all hys tliought, 
'lorde,' he sayde, 'I thank the 
the grace \)^ thowe hast sent me : iso 
Myne owne men that shoullde bee 
hate gewyn' me of theyre cheryte.' 



152 was st. has. 1G4 went st. lent. 
1G6 too= twoo. 170 hym plur. 



Alex dwellyd styll there 

ffully xlii yere and more. 

To chyrche he went euery daye, 185 

his goode bedeyes there for to saye. 

In to that chyrche, wt owtyn fayle, 

was an Images, of fayre entayele, 

Of owre lady, Ijt is so ffre, 

wt here sonne wppon here knee. i^*» 

That Images spake, \i^ was so bryght, 

to the sexteyene vppon' a nyght: 

'Take,' sehe sayde, 'my seruante 

swytlie ! 
he hathe me seruyd all hys lyeffe, 
ffull offte be wolle to me lowthe — 195 
hit is no ryght [)' he is wt owte.' 
'lady,' he sayde, 'I knowe hym nought, 
Nor I wott neuer where he scbull 

be sought.' 
she sayde: 'he sittelie eorly and late 
wt owtyn att the niynster yate.' -oo 
anon' he owte of his slepe brayde 
and thought what jjc Image sayde, 
and forthe went the sextayne 
and fownde alex knelyng In \>e 

Rayne — 
ffayne was he that he hym founde. ''05 
anon' he toke hym vpe be \>e bände, 
'a ryse,' he sayde, 'my leve and dere, 
hit ys no ryght })t thowe sitt here. 
Com!' he sayde 'my lady bade, 
and thereof mayst fi" be glade.' 210 
All that hard tbis tydynge,?, 
Theye worshippyd Ihü hewyn' kyng'. 
whan alex sawe hit schulde be ryffe 
hys penance and hys holy lyffe, 
here kepte he (not) to haue niede, 215 
In' this worllde, for his goode deede, 
Bytt stylly he yeede awaye 
In' to a nodr dyue?-s contre. 
To jie se he cam' in J)' entente. 
In to fpreuffe he wollde haue 

wente ; '--o 

byt there com' a storme of wynde 

& rayne 
and droffe })e shipe home agayne, 
That In' a lytyll stonde they come 
Ryght to ^e cyte of rome. 
Alex sayde jian' wt sympyll chere : 225 
'alas,' he sayde, 'wat dowe here? 
Myght hitt haue bene afiter me, 
here wollde I nought haue I bee ; 

183 — 84 vgl. 129—130. 197 Ms. 
mought. 198 Ms. meuer. 201 Ms. 
sbepe St. slepe. 201 — 2 eigenthüm- 
licher Zusatz. 215 fehlt not. 221 
Ms. raynde st. rayne. 



Alcxinslieder. 



99 



Butt gode woUde hit myght be fall 
I niyght be in niy f'adris haull, 230 
so tbat I myght vnknowen be 
of hym' and of bis nieyny.' 
fibrthe he vent vpe be a strete, 
many a man there gan' mete, 
But there was no man' |jt hym' 
knwe : 2;)5 

so was he lene and blake of hewe. 
There come his fade?' hyme agayne, 
wt mayny a kynyght and many a 

swane, 
Than com' wt hym' on' ylkc a syde. 
Alex stode stelle, theyme to abyde. '^"^^ 
'syr,' he sayde, 'for godde*- sake 
wyll yee thys porman' In thake? 
ttor his lowe Jjt dyed on' Roode, 
Gywe me clethe and manys foode, 
and for his lowe [jat went for the — ^^■'' 
God sende |je grace hym for to see.' 
'J'iiis ryche man' wt stode jjan' 
and callyd one of his owne men\ 
and gaffe hym' mete and dr[i]nk 

bothe, 
and wt pore men' hym to clothe. -öo 
There dwellyd alcx wythem' alle 
sewentene yere in' his ff'aders hall. 
There was no man', hye ne Uawe, 
yong ue owlde, jjt bym' myght knowe. 
his owne men' for rebauudrye -'^f' 
dyd hym' manye a welonye : 
They hylde water wppon hys hede 
and gaff hym' ()t was in the dyche 

levyd ; 
But euer he hylde hym stylle 
and all he suffyrde wt goode wyll. 2G0 
agayne XVH wyntersende, 
whane he schowlde oute of |iis worllde 

wend, 
he prayd hym' {)t brout hys mete 
preuly he shouUde hym' gete 
A lytyll ynke and perchemyne. 2G5 
and all hys lyfle he wrote there In', 
whan' hit was wretyn', he hit fibllde 
and In' his band he gan' hit hoUde, 
and anone he dyed I wys 
and dyght his sowUe to hewyn' 
blys. 2'0 

That ylke a daye in tym' of masse, 
whan' all fowlke att chirche was, 
a woyce cara' from' [je trinite 



To the bysshope of that cyte: 
'Com' to me,' he sayde, '|tt woU 

swynke, 275 

and I schall gywe yowe niet and 

drynke ! 
Sekys vpe my serwaunt wherc |it 

he be, 
That he maye praye for this cete !' 
ollde and yonge, lesse and more, 
all hard this {it were there, 280 

Hbr hit was no man', lewde ne leryd, 
But of this woyce he nas a fferyd. 
Godde.9 seruaunte anon' was sought, 
but who hit was \>ey knowe hym' 

nought. 
That voyce sayde on' that ylke a 

daye 285 

and tolde hym' redyly wliere he laye : 
'In' euffiimyans hous,' he sayde, 'ishe 
That hathe my serwaunt long Ibe.' 
the besshope and |je emperours 
went in to euffamyans hous; -'Jo 

They axyd hym' of syche a man', 
he sayde he knwe there of noone. 
on' of his sßjuaunttes was thane 

thore, 
That stode and lokeyd alex byfore: 
'syr,' he sayde, 'I trowe hit be 295 
That poreman' |jt yee toke to me, 
That long' has bene in yo?/r hall; 
he is an' holy man' wt all.' 
This ryche man' went to hym anoone 
and founde alex ded as ony stone, 300 
But his vysage was all so bryght 
as the sonne on' j^e daye lyght: 
Than' trowyd well eufemyan' 
That he was an' holey man', 
he callyd fie bysshopes & {le Em- 

perowres 305 

To se l)t cors so presyowse. 
In' theye com anon' ryght 
and saue the body [jt was so bryght : 
downe on' knes theye feil thoo, 
an<l oder many that were jjere moo, sio 
and thankyd god In' trinite 
That theye myght his seruaunte see. 
The bysshope as he stode hym' nye, 
a perchement leffe in his honde he see, 



234 he ist versteckt. 238 Ders. 
Zusatz in AI. 1, 262—64. 239 Than 
st. that? 245 for st. fro. 248 and 
== that. 2C9 Ms. drnk. 



274 Ms. undeutlich ob thet oder 
that. 282 Ms. heuas oder henas? 
286 Ms. layd. 287 u. 290 Ms. ruf- 
famyans. 289 Ms. emperours mit 
von anderer Dinte durchstrichenem 
s. 305 bysshopes st. bysshope? 310 
Ms. scheinbar thow oder Jiou st. jioo. 



100 



Alexluslieder. 



But. he byllde his band so faste 315 
That owte be myght hit natt wrast. 
'Sonne,' sayde {jb byssbope, 'I praye \>ee 
that in thye honde [loue lett me see! 
synfulle all ihouje hyt bee, 
1 haue powre and dyngnytee 320 

ffor to lousse and for to bynde 
Thym' |)t I in' syn fiynde; 
There flbre, sone, let me wetten' 
wbat ys in thy booke wryttyn'.' 
The beshope toke \>e bokeso liynde,325 
That alex hys hond on bynde. 
the beshope [)t Rolle red anon, 
That j)ey yt harde euerychone — 
There was there in' redly tolde 
alle hys lyfe, yong and olde. 330 
whan' hys ffader harde of thys, 
That he was hys sone Iwys, 
'lorde,' be sayde, 'bowe maye jiys bee? 
ys thys my sone jit I here scee? 
sewentene yere wyt all 335 

I had fynde bym' in' myn' lialle ; 
I mygbt nat wyt for none asaye 
what he was, nyght nor daye. 
"leffe sone, be sayde, why ded {)" soo? 
Thowe saw I was ffbr |je füll woo, 340 
for |)owe were not at my wylle, 
and ewer more 1)0U beide jie styll. 
Thyne own se?'uantes Jjt sholde be 
myche härme ded })ey to jiee, 
Theye kest water on' thyn' hede 345 
and gafe \>e {)t was in' the dycbe 

levyde ; 
and euer jiou' bare \ie meke and 

lawe, 
fibr {)t no man' should |ie there 

cnawe — 
In' heuyn' ther fore Ji"' hast mede : 
sonne, praye fore me, fore I haue 

nede !' 350 

hys moder lyued in' In' longyng', 
whan' sehe herde of |jys tydyng', 
she com' ffbrthe w* a raply rese, 
as a lyon' lept oute of a lees, 
she weppyd and cryde sore, 355 

as tbay don' J)t arne woo : 
'let me,' she sayd, 'my sone see ! 
I ff'ed bym' on' myn' owne k[n]ee.' 
Whan' she hym' sawe, she fi'ylle 

downe — 
all was awaye here Resoune. 3eo 



324 Im Ms. ist b ooke über durch- 
strichenem band geschr. 343 Ms. 
seruarantes. 345 — 46 fast ebenso 
257 — 58. 353 r in rese undeutlich. 
358 Ms. kee st. knee. 



whan' she rose, she stoode hym' by, 
she kyssyde hym' and sayd on' hye : 
'sonne,' she sayde, and wept H'ull sore, 
'Nowe schall I speke w* \>e no more. 
Thowe hast be sought in' meny a 

londe, 365 

wt messengerys and wt sonde. 
Bot there was no man' mygbt |)e see — 
and euer [lou' sat be owre knee. 
lewe sonne, \>" praye for mee 
That I may j^e in' bleys ssee!" 370 
hys wyfe \t^ was In' cbamb?<r stokyn', 
Of })ys tydynges harde sehe spokyn'; 
she com' forthe in' a ffempyll pace — 
sory I wott welle [)t che was; 
she swounyd at l3e fryet syght, 375 
That on' here was blake, f)t rest was 

wygbt. 
Than' she sayd wt niylde cliere: 
'where hastowe be, my lemman' dere? 
n'uU long I mygbt |ie abyde, 
llbre thowe hast soughte pylger- 

mages wyde; 380 
Thowe hast beene frome long — 
fforsothe, I baue done j^e no wrong'. 
Wygbe Jie speke nowe I ne maye, 
Nowe may I weddowe be for aye, 
1 may be weddow and mayden' 

dde — 385 

and I haue done as ye me bade : 
Thowe weddest me to he J^y ffree, 
O nyght to gedwr when' we were. 
Bot, good leman', nowe praye for me 
That ue to gedur in blese maye 

be!" 390 

The folke come fast owte of \>e cete, 
that ryche Relyke for to see ; 
sone in' a lytell stonde [jer was 
Bothe grete throng and prece. 
The emperoure that stode \>er |)00, 395 
sawe |)e ffolke presyd sso : 
sylvyr in jje strete |)ey cast, 
To lete the folke J)' com' so ffast; 
Bot of sylver yaffe Ipey no force, 
alle beld hem' ffast to se \i^ oorce. ^oo 
at \ie last wt trawayle borne hyt was 
To }je chyrche of seynt bonyfface. 

371 Ms. chambs. 381 frome = 
fro me. 383 wygbe st. wythe. 387 
ffree st. fere. 388 Ms. to geds. 
389 Ms. leuan st. leman. 391 Hier 
scheinen mehrere Verse zu fehlen, in 
denen die Fortführung der Leiche 
zur Kirche geschildert wird; das Ge- 
dränge entsteht auf dem Wege zur 
Kirche. 395 Ms. [mr st. jjer. 



Alexiuslieder. 101 

whan' yt was to Jic chyrche I broiight, hc forsoko tliys worKlo all be deno ■ii5 

a ryche tombe jiere was wrougbt aiid lowyd god, and yt ys sonc 

of rnarbyll and of rycho stonys, 105 he for sokc hys llad?«-, modwr and 

Crall'etyly and for |ie nonce, wyfie 

of sylvyr and of goldc coloure; and lyvtyd a pore manys lyfe; 

Tliey lay<l in' jiys Ryche tresowre. Nowe is he in, Joye |)t lasthe aye — 

sythen' cani' on'to hys tombe God bryng' us |)ere |)t best niaye. 'l'-O 

ßlynde and lame, dethe and dome, -iio praye wec all jjt yt soo bee, 

and other man' many and feile: amen' amen' fibr clieryte, 

Thorowe grace of god jjey hadden' 

bell. explicit sancte alex. 

Be thys holy man' men' may ssce 

That god lowyght wcle pouerte ; 

416 and st. as? 418 e in lyveyd 

410 dethe st. defe. donie = dombe. übschr. 



Prosaversion aus Caxton's Uebertragung der Legenda 

aurea, fol. 3 7 0. 

(Aus dem Cod. im britischen Museum.) 

Die Prosaversion in Caxton's Ausgabe der altenglischen Uebersetzung 
der Legenda Aurea ist mit nichten eine getreue und wörtliche Uebertragung 
desselben Capitels in dem überlieferten Texte jener lateinischen Sammlung. 
Sie enthält einige Züge, die ihr ausschliesslich angehören und in keiner an- 
deren Version begegnen, andere, die sich wohl in den anderen Versionen, 
nicht aber in der Leg. Aur. wiederfinden. Ob und inwieweit diese Besonder- 
heiten aus Jehan de Vignay's französischer Uebertragung der Leg. Aur., — 
denn diese, und nicht unmittelbar der lateinische Text, ist die Grundlage 
der von Caxton überarbeiteten und gedruckten englischen Uebertragung") — 
geflossen sind, kann ich nicht angeben, da ich den franz. Text bis jetzt 
nicht habe einsehen können; trotzdem scheint es mir wahrscheinlich, dass 
Caxton auch andere Versionen, insbesondere das dritte Alexiuslied, in dem 
sich einige der besonderen Züge wiederfinden, benutzt habe. 

Abweichungen vom latein. Text der Leg. Aur. sind : Statt der Namens- 
deutung im Anfange des lat. Textes gibt Caxton eine ganz andere Erklä- 
rung des Namens, ohne aber das Etymon selbst zu bezeichnen (offenbar 
leitet er den Namen von a und lex, statt von a und /lf|<g, ab, indem er 
sagt: Alexis bedeute «goynge oute of the lawe of maryage"). Er verlegt 
sof:leich den Anfang der Geschichte in die Regierungszeit des Arcadius und 
Honorius, die dann, da Alexius i. J. 398 (so am Schluss der Leg. Aur.) im 
Alter von mindestens 50 Jahren starb, schon in der Mitte des 4. Jhrhdts. 
regiert haben müssten (Honorius wurde erst 393 Augustus). Er nennt nur 
1000 „knyghtes" im Dienste des Eufemian (3000 in AI. 4 und Leg. Aur., 
2000 in AI. 3) und fügt bei, dass Euf. ein gerechter Mann gewesen. Er 
lasst das Gelübde der Keuschheit, welches die Elfern bei der Geburt des 
A. ablegen, aus. Beim Abschiede von seiner Braut gibt A. ihr neben dem 
Ringe auch eine goldene Gürtelschnalle (L. a. : caput balthei), beide in 
ein kleines purpurnes Tuch gebunden (vgl. AI. 2, 170 u. 358, wo 



*) Diese engl. Uebertragung von Jehan de N'ignay's französischer Ueber- 
setzung der Leg. Aur. ist um die Mitte des 15. Jahrhunderts von „mehreren 
Doctoren der Theologie" (so am Schlüsse des Ms. Harl, 630) angefertigt 
und in drei Hss. erhalten: Egert 876, Harl. 630, Harb. 4775. Caxton hat 
diese später nochmals überarbeitet. 



102 Alexiuslieder. 

er seinen Mantel einwickelt), damit sie ein Zeichen seien zwischen ihnen 
(lat. : dominus sit inter nos), und wünscht ihr Gottes Gnade, um ihre 
Jungfräulichkeit zu bewahren. Auf seiner Keise gelangt er zuerst nach 
Grece, dann erst nach Syrien. Von dem Gnadenbilde in der Marienkirche 
zu Edyssya wird nichts gesagt; auch die Stimme im Tempel kommt nicht 
von dem Gnadenbilde, sondern von Gott. Wie in AI. 3 empfängt A. sonn- 
täglich die h. Communion, auch im Hause seines Vaters nach seiner Heim- 
kehr. In seinem Dankgebet für die von seinen eigenen Leuten empfangenen 
Almosen fügt er die Bitte bei, Gott möge in ihm vollenden, was er be- 
gonnen habe. Dass nicht die Mutter, sondern der trauernde Vater sich auf 
eine „matras" streckt und nicht eher aufstehen will , bis er von seinem 
Sohne Kunde erhalten (vgl. AI. 2 u. Leg. Aur. : mater saccum stravit in cu- 
biculo), ist wohl ein Fehler, da von der Mutter gar nichts gesagt wird. 
Die Braut will sich nicht von der Mutter des A. trennen, wie in AI. 3 (in 
d. Leg. Aur. sagt sie zur Mutter blos: donec audiam de sponso nieo dul- 
cissimo, instar turturis tecum manebo); das Bild von der Turteltaube ist 
ausgeführt. Der Thürsteher kann A. zuerst unter den anderen Armen nicht 
herausfinden, wie in AI. 3*); als er ihn gefunden, bittet er ihn demüthig, 
hereinzukommen (vgl. AI. 1 u. 4). Auf seiner Rückreise kommt A. zuerst 
nach Grece, von da will er nach Cecyle (lat. Tharsum Ciliciae). In 
keiner der anderen Versionen findet sich der Zug, dass der Vater, dem bei 
der Erwähnung des A. das Herz weich wird (vgl. AI. 2), demjenigen von 
seinen Leuten, welcher für den armen Pilger Sorge trägen wolle, die Frei- 
heit, ja einen Theil der Erbschaft verspricht. Er lässt dann dem in sein 
Haus aufgenommenen Fremdling das Bett in einem Winkel der Halle be- 
reiten, wo die Gehenden und Kommenden ihn sehen können, und der 
Diener bereitet das Bett unter der Stiege in der Halle (in AI. 3, 685 ff. 
weist Eufemian dem A. ebenfalls einen Platz in der Halle an, damit er ihn 
sehen könne früh und spät)**). Der Inhalt der Schrift, welche A. vor 
seinem Tode anfertigt, wird angegeben, soweit es seine Heirath und Tren- 
nung von seiner Braut betrifft (wie in AI. 2), und ihre Abfassung damit moti- 
virt, dass A. seinen Vater wissen lassen wollte, dass er sein Sohn. Wie in AI. 
3, 805 — 7 wird erwähnt, dass Gott seinen Fleiligen verherrhchen will. Die 
Worte der Stimme im Tempel werden auf „Mathei undecimo capitulo" zurück- 
geführt. Wie in AI. 3 stirbt A. am Charfreitag, und jetzt erst spricht 
die Stimme zum dritten Male in der Peterskirche. Nach der Anweisung der 
Stimme, den Diener Gottes in Eufemian's Hause zu suchen, werden erst 
Männer zu dessen Hause geschickt, den Heiligen zu suchen, und 
Eufemian geht (wie in AI. 3) den Kaisern voraus, um sein Haus für die 
hohen Gäste zu bereiten. Bei Caxton allein ist es nicht der Diener, son- 
dern die Frau des A., welche auf den Pilgrim als den Gesuchten auf- 
merksam macht. Euf. geht dann zuerst zu dem Todten; dass er die Schrift 
(a bylle or letter) aus seinen Händen hat nehmen wollen, erfahren wir erst 
aus dem, was er, zu den Kaisern zurückgekehrt, diesen sagt, denen er 
auch mittheilt, was er von dem Todten weiss ; jetzt gehen erst Kaiser 
und Pabst zum Hause Eufemian's. Die Schrift des A. wird vom 
Notar (AI. 3 Kanzler Otho) des Pabstes verlesen. Auch die nun folgenden 



*) In der Anweisung der Stimme wird ein deutliches Erkennungs- 
mittel nicht angegeben, sie sagt, der Gesuchte sitze aussen vor der Kirchen- 
thür (vgl. lat. ille qui foris sedet in atrio ipse est) ; in AI. 1 soll er daran 
erkennbar sein, dass er allein vor der Kirche sitzt, in AI. 3, dass er „to- 
tore with a lene face". 

**) Leg. aur.: locum proprium in domo sua constituit, in AI. 1, 295 
gewährt er ihm „an hous al one {terin to dwelle wi|iouten eny fere" ; AI. 
2 u. 4 erwähnen nichts ähnliches. 



Ali'xiuslieder. 103 

Klagen nach der Entdeckung stimmen in ihrem Worthiut nicht genau 
mit der Leg. Aur. überein; so fragen Vater und Mutter, wie die Stütz« 
ihres Alters, ihr Sohn, ihre Thriinen ungerührt habe ansehen können, ohne sich 
zu entdecken; die Mutter zerrcisst ihre Brüste mit den Worten: diese Brüste 
haben dich gesäugt; die Frau des A. erwähnt, dass sie wie die Turteltaube ihren 
Gemahl in Keuscliheit erwartet habe (derselbe Vergleich schon früher bei 
der Klage nach der Heimkehr der Boten). Beim Leichenbegängnisse strömt 
das Volk von selbst herbei (die Verkündigung an das Volk fehlt) und ruft 
aus, dass der Mann Gottes gefunden sei. Die Angabe, dass Kaiser und 
Pabst in Folge der Wunder selbst die Bahre tragen, um geheiligt zu wer- 
den, fehlt. Zwar wird auch hier berichtet, dass die Kaiser (emi)erour ist 
Plur.) Geld ausstreuen lassen, aber es fehlt die Angabe, dass das Volk sich 
dadurch nicht von der Leiche abbringen lässt (Caxton lässt also jenes 
Mittel wirksam sein). Aullallig ist am Schlüsse, dass A., der doch schon 
Charfreitag gestorben, erst am 17. Juli in dem kostbaren Monumente 
(dessen Herrichtung in der Leg. Aur. sieben Tage erfordert) beigesetzt wird ; 
dieses Datum wird in der Leg. Aur. vom Tode des Heiligen gebraucht : 
Obiit autem XVI cal. Augusti circa annos domini 398 (Caxton hat also die 
Angaben verschiedener Versionen — AI. .3 u. Leg. Aur. — unvermittelt 
neben einander stehen gelassen und nur die Zeit für die Aufstellung des 
Monumentes verschwiegen). Das letzte Wunder bei der Beisetzung der 
Leiche ist ausgelassen. 

Here begynneth the lyf of saint alexis. 

A-lexIs is as moche to say as goyng oute of the lawe of maryage for to 
kepe virgynyte for goddes sake | and to renoüce alle the pompe & rychesses 
of the World for to lyue in pouerte Of saynt Alexis. 

Tn the tyme that archadyus and honuoryus were emperours of Rome there 
was in rome a right noble lord named Eufemyen | whyche was chyef and 5 
aboue alle other lordes aboute themperours i and had vnder his power a 
thousand knyghtes | He was a moche Juste man vnto alle men | and also he 
was pyteous and mercyful vnto the poure flbr he had dayly thre tables sette 
and couerd for to fede the orphanes | poure wydowes and pylgrymmes | And 
he ete at the houre of none wyth good & relygyous persones | hys wyf lo 
that was named Aglaes ledde a relygyous lyf | but by cause they had noo 
chylde | they preyed vnto god to sende them a sone that myght be theyr 
heyre after them of theyr iiauoyr and goodes Hyt was so that god herde 
their prayers and behelde theyr bounte and good lyuyng | and gafe vnto 
theym a sone whyche was named alexis | whiMne they dyd to be taughte 15 
and enformed in alle scyences and honoures. | 

Alter thys they maryed hym vnto a fayr damoysel whyche was of the 
lygnage of the emperour of Rome | whan the day of the fpowsaylles was 
comen to euen | Alexys beyng in the chambre wyth his wyf allone | begänne 
to enfourme and Induce hyr to drede god and serue hym | and were alle 20 
that nyght to eyder in ryght good doctryne and fynably he gafe to hys wyf 
hys rynge | and the bocie of golde of hys gyrdle | bothe bounden in a lytel 
clothe of purple and sayd to hyr | ßayre suster haue thys | and kepe it as 
longe as it shal plese our lord god | And it shal be a token betwene vs | 

And he gyue you grace to kepe trewely your vyrgynyte | after this he 25 
toke of golde and syluer a grete somme and departed allone fro Rome | and 
fonde a shyppe in whyche he saylled in to grece | and from thens wente in 
to surrye and came to a cyte called edyssya | and gafe there alle hys money 
for the loue of god | and cladde hym In a cote and demaunded almesse for 
goddes sake lyke a poure man tofore the chyrche of our lady | and what he 30 
lefte of the almesses aboue hys necessyte | he gaue it vnto other for goddes 
sake I and euery sonday he was howsellyd and receyued the sacramente | suche 



104 Alcxiiislieder. 

a lyf Le leilJe longe | Somme of the uiessegers that bis fader had sente to 
seche hyra thorugh alle the partyes of the world | came to seche hym in 
35 the sayd cytee of edyssya and gaue vnto hyni theyr almesse | he syttyng 
tofore the ehyrche wyth otlier poure people | but they knewe not hym | & 
he knewe wel theym | and thanked cur lord | sayeug i thanke the fayr lord 
Jhcsu cryste | that vouchest saufe to callc me and to take almesse in thy 
name of my seruauntes | I praye the to parfourme in me that whiche thou 
4u haste begönne | whan the messagers were retourned to Rome | and eufemyen 
hys fader savve that they had not founden his sone | He layed hym doun 
vpon a matras stratchyng on the erthe | wayllyng and sayd thus | I shalle 
holde me here & abyde | tyl that I haue tydynges of my sone | 

And the wyf of bys sone alexys said wepyng to eufemyen | I sbal not 
45 departe out of your hows | but shal make me semblable and lyke to the 
turtle whyche after that she hath loste hir felawe | wyl take none other | but 
alle hyr lyf after lyueth chaste | 

In lyke wyse I shal refuse alle felawshyp vnto the tyme that I shalle 

knovve where my right swete frende is becomen | After that alexis had done 

50 his penaunce by ryghte grete pouerte in the sayd cyte | and ledde a ryghte 

holy lyf by the space of seuentene yere there was a voys herde that came 

fro god vnto the ehyrche of our lady and sayd to the porter | make the man 

of god to entre in | for he is worthy to haue the kyngdom of heuen | and 

the spyryte of god restyth on hym | whan the clerke coude not fynde ne 

55 knowe hym emonge the other poure mcn | He prayed to god to shewe to 

hym who it was and a voys came fro god and sayd | he sytteth wythoute 

tofore thentre of the ehyrche | And soo the clerke fonde hym | and prayed 

hym humbly that he wold come in to the ehyrche | whan this myracle came 

to the knowleche of the people | and Alexys sawe that men dyd to hym 

CO honour and worshyp | anone for teschewe vaynglorye he departed fro 

thens I and came in to grece I where he toke shyppe & entryd for to goo 

in to cecyle | But as god wolde there aroos a grete wynde whyche made 

the shyppe to arryue at the porte of Rome | whan alexys sawe thys anone 

he sayd to hym seif | by the grace of god (I) wyl charge noo man of 

65 Rome I 1 shal goo to my faders hows in suche wyse as I shal not be be- 

knowen of ony persone | and whan he was wythin rome he mette eufemyen 

his fader whyche came fro the paleys of the emperour vith a grete meyne 

folowyng hym | & alexis hys sone like a poure man ranne cryeng and 

sayd I Sergeaunte of god haue pytc of me that am a poure pylgryme | and 

70 receyue me in to thy hows for to haue my sustenaunce of the relycf that 

shal come from thy borde | that god blesse the and haue pyte on thy sone 

whyche is also a pylgrym | 

whan eufemyen herde speke of hys sone | anone his herte begänne to 
melte and sayd to his seruauntes | whyche of you wyl Laue pyte of thys 
75 man & take the eure and charge of hym | 1 shal delyuer hym from hys ser- 
uage and make hym free | and shalle gyue hym of myn herytage | And anone 
he commysed hym vnto one ol' hys seruauntes | tind commaunded that hys 
bedde shold be maad in a corner of the halle | where as comers and goers 
myght see hym | And the seruaunte to whome Alexys was commaunded to 
80 kepe maad anone hys bedde vnder the staycr and stappes of the halle | And 
there he laye righte lyke a poure wretche | and suffred many vylonyes and 
despytes of the seruauntes of hys fader | whyche oftyeem caste and threw 
on hym the wasshyng of dysshes and other fylthe | and dyd to hym many 
euyl tornes and mocqued hym | but he neuer compleyned | but suffrcd alle 
85 pacyentely for the loue of god | flynably whan he had ledde thys i-yglit holy 
lyf wythyn hys faders hows | in fastyng in prayeng and in doyng penaunce 
by the space of seuentene yere | and knewe that he shold sone deye | he 
prayed the seruaunte that kepte hym to gyue hym a pyece of parchemyn 
and ynko | and therin he wrote by ordre al hys lyf | and how he was marycd 



Aloxiusliedor. lO,"} 

by tlic coniinaiimlemenlc of Iiys fader | !iml what lic lia'l sayd (o liys wyf | aiul üo 
Ol' tlie tokenes of liys lynge and boclo of hys gyrdlc that hu had gyuen lo 
hyr at bis departyn}i | and wliat Iie Lad sullred foi* j^oddes sakc; | 

And alle ihys dyd lic for to make his fader to vnderstonde tliat hc was 
hys sone | After fhys wlian hyt pleasyd to God for to shewe and nianyfeste 
the vyctorye of our Lord Jhesu Cryste in hys seruaunte Alexys | us 

On a tyme on a sonday after niasse heeryng alle the people in the 
chyrche there was a voys herde from god cryeng and sayengo | as is sayd 
Mathei vndocimo capitulo | Come vnto me ye that laboure and be trauayllcd | I 
shal comforte you | of whyclic voys alle ihc people were abasshed | whiche 
anone fyl doun vnto the erthe | And the voys sayd ageyn I Seche ye the KiO 
seruaunte of god | ffbr*) he prayeth for alle Rome | and they soughte hym 
biit he was not founden | 

Alexis in a mornyng on a good fryday gafe hys sowie vnto god and 
dcparled oute of thys worlde | And that same day alle the people asseniblyd 
at Saynt peters chyrche | And prayed god that he wold shewe to them 105 
where the man of god myght be founden that prayed for Eonie | And a 
voys was herde that came fro god that sayd ye shal fynde hym in the hows 
of Eufemyen | And the people sayd vnto Eufcmyen | why haste thou hydde 
fro vs I thou hast suche grace in thyn hows | and eufemyen answerd god 
knoweth that I knowe no thynge therof | Archadyus and honoryus that HO 
thenne Avere emperours ofRome | And also the pope Innocente commaunded 
that men shold goo vnto Eufemyens hows for to enquyre dylygently tydynges 
of the man of God Eufemyen wente tofore wyth hys seruauntes for to uiake 
redy his hows agcynste the comyng of the pope and Emperours | And whan 
Alexis wyf had vnderstande the cause | and how a voys was herde that came iis 
from god | sayeng | Seche the man of god in eufemyens hows | anone she 
sayd to Eufemyen | Syr see yf thys poure man that ye haue so longa kepte 
and herberowed be the same man of god | I haue wel marked tiiat he hath 
lyued a ryghte fayre and holy lyf [ He hath euery sonday receyued the 
sacramente of the aulter | He hath ben ryght relygyous | In fastyng | in 120 
wakyng j and in prayer | and hath sußred pacyentlye and debonarrlye of 
our seruauntes raany vylonyes | 

And wlian Eufemyen had herde alle thys | He ranne toward Alexis and 
fonde hym deed j He dyscoueryd hys vysage | whyche shone & was brightc 
as the face of an aungelle | And anone he retorned toward thempciours and 15 
sayd we haue founde tlie man of god that we soughte | and tolde vnto hem 
how he had herberowed hym | and how the holy man had lyued | And also 
how he was deed | and that he helde a bylle or letter in hys honde | whyche 
they myghte not drawe oute | Anone themperour with the pope went to 
Eufemyens hows and came to fore the bedde where alexis laye deed | and ].;0 
sayd I how wel that we ben synners | yet neuerthelesse we gouernc the 
World and loo here is the pope the generalle fader of alle the chyrche | gyue 
vs the letter that thou holdest in thyn hande | for to knowe what is the 
wrytyng of hyt | and the pope wente tofore & toke the letter | and toke it 
to hys notayre for to rede | and the notayre redde hyt tofore the pope | the 135 
emperours | and al the people | and whan he came to the poynte that made 
mencyon of hys fader | and of hys moder | and also of his wyf | and that by 
thenseygnes that he had gyuen to his wyf at his departyng hys rynge and 
bocle of his gyrdle wrapped in a lytel purple clothe at his departyng | 

Anone eufemyen fyl doun a swowne | and whanne he came ageyn to hym i-JO 
seif I he begänne to drawe hys heerys | and bete hys breste and fyl doun 
on the Corps of alexys hys sone and kyssed it wepyng and cryeng in ryght 
grete sorowe of herte sayeng | Alas ryght swete sone wher fore hast thou 
made me to suffre suche sorowe | thou sawest what sorowe and heuynesse 

*) L. A. u t oret pro Koma, 



106 AlexiuslieJer. 

145 we had for the | alas why haddest thou no pyte on vs in so longe tyme | how 
niyghtest thou siifTre thy moder and thy fader wepe soo mofhe for the | and 
thou sawest it wel wyth oute takyng pyte on vs | 1 supposed to haue herde 
sonityme tydynges of the and now I see the lye dede in thy bedde whiche 
sholdest be niy solace in myn age | alas what solace may I haue that see 

150 my ryglit dere sone deed | me were better deye thenne lyue | whan the 
moder of alexys sawe and herde thys | she came rennyng lyke a lyonesse | and 
cryed alas alas | drawyng hyr heer in grete sorowe cratchyng hir pappes 
wyth hyr nayles sayeng | 

Thyse pappes haue gyuen the sowke and when she niyght not come to 

55 the Corps for the foyson of peple that was come thyder | She cryed and 
sayd make rome and waye to me sorowfull moder | that I may see my desyre 
and my dere sone that I haue engendryd and nourysshed | and assone as 
she came to the body of hyr sone | she fyl doun on it pyteously and kyssed 
hyt sayeng thus | alas for sorowe my dere sone the lyghte of myn eage | why 

60 hast thou maad vs suffre to*) moche sorowe thou sawest thy fader | and me 
thy sorowful moder so ofte wepe for the | & woldest neuer make to vs 
semblaunte of sone | 

O alle ye that haue the herte of a moder | wepe ye wyth me vpon my 
dere sone whome I haue had in my hows seuentene yere as a poure man | To 

165 whom my seruauntes haue done moche vylonye | a fayre sone thou hast 
suffred them ryght swetely and debonayrlye Alas thou that were my truste I my 
comforte and solace in myn olde eage how myghtest. thou hyde the from 
me that am thy sorowful moder | who shal gyue to myn eyen fro hens forth 
a fontayn of teerys for to make payne vnto the sorowe of my herte | and 

170 after thys came the wyf of alexys in wepynge throwyng hir seif vpon the 
body I and wyth grete syghes and heuynesse sayd right swete frende and 
spouse whome longe I haue desyred to see | and chastely I haue to the 
kepte my seif lyke a turtle | that allone wythout make waylleth and wepeth | 
And loo here is my ryght swete husbond whome I haue desyred to see 

175 alyue | and now I see hym deed | ffro hensforth I wote not in whome I shal 
haue fyaunce ne hope | Certes ray solace is deed ] and in sorowe I shal be 
vnto the dethe | ffor now forthon I am the moost vnhappy emonge alle 
wymmen | And rekenyd emonge the sorowful \v}'dowes | And after thyse 
pyteous compleyntes the people wepte for the dethe of alexys | The pope 

180 made the body to be taken vp and to be put in to a fyerter | and borne 
vnto the chyrche And whan it was borne thorugh the cyte | ryghte grete 
foyson of peple cam ageynst it and seyd the man of gode is founden that 
the cyte soughte | 

what someuer seek body myght touche the fyertre | he was anone helyd 

185 of bis maladye There was a blynde man**) that recouerd hys syghte | and 
lame | and other helyd | The emperour made grete foyson of golde and syluet 
to be tbrowen emonge the people for to make waye that the fyertre myghte 
pesse I 

And thus by grete labowre and reuerence was borne the body of saynt 

190 Alexys vnto the chyrche of saynt boneface the gloryous marter | And there 
was the body put in to shryne moche honourably made of golde and syluer 
the seuentene day of Juyl | and alle the people rendred thankynges and lawde 
to our lord god for his grete myracles j vnto whome be yeuen honoure 
lawde and glorye In secula seculorum Amen. 

195 Thus endeth the lyf of saynt alexys. 



*) Die Ausg. liest to st. so. **) L. A. im Plur. : caeci visum recipiebant. 



Sitzungen der Berliner Gesellsehaft 

für das 
Studium der neueren Sprachen. 



I. 

Herr Löschhorn besprach Bernhard ten Brinck's Geschichte der 
englischen Literatur, Bd. I bis zu Wiclifs Auftreten. In ausführ- 
liehen Angaben wurden Inhalt und Beschaffenheit der vier Bücher, in 
welche ten Brink's Werk getheilt ist, geschildert, und einzelne Ab- 
schnitte daraus zur Charakterisirung hervorgehoben. So der Raub- 
zug des Hygelak nach dem Niederrhein, Beowulf und Caedmon, Kyne- 
wulf und seine Räthsel, ferner die Bedeutung König Alfred's. Bei der 
Besprechung des 2. Buches, „die Uebergangszeit" betitelt, kritisirt der 
Vortragende den grossen Umfang, welcher darin der französischen 
Literatur eingeräumt ist, weil mit gleichem Rechte dann auch der nor- 
dischen Literatur mehr Platz hätte zugestanden werden müssen. Speclell 
ausgezeichnet wird Abschnitt X über Layaraon und Abschnitt XI über 
Orm. — Aus dem 3. Buch, welches die englische Literatur bis zur 
Schlacht bei Crecy weiterführt, schildert Herr Löschhorn, nach Be- 
sprechung des Gesammtinhalts und des Charakters dieser Epoche, das 
Lied vom König Hörn, die Legendendichtung und Richard Hampole 
in genauen Zügen. — Vom 4. Buche, „Vorspiel der Reformation und 
der Renaissance" überschrieben, behandelte der Vortragende eingehen- 
der das Anglonormannische und die Mitte des 14. Jahrhunderts, den 
Aufschwung der AUitterationspoesie und die Dichtung „Herr Gawein 
und der grüne Ritter". Den Vortrag schloss die Besprechung Lang- 
land 's. Proben von Uebersetzungen, die grösstentheils von ten Brinck 
selber herrühren , veranschaulichten die Darstellungsweise des Verf., 
dessen Stil und Vorführung des Stoffes der Vortragende besonderes 
Lob spendet. — 



108 Sitzungen der Berliner Gesellschaft 

Es folgte der Vortrag des Herrn Ulbrich über Leben und Werke 
Vi Hon 's. Das abenteuerliche Leben Villoii's wurde in seinen Haupt- 
zügen, namentlich mit Hinweis auf die Abhandlung von Auguste 
Longnon, FranQois Villon et ses legataires, enthalten in dem 2. Jahr- 
gange der liomania vom Jahre 1873, S. 203 bis 236, vorgeführt. Es 
wurde dargelegt, dass Villon nicht der Vatersname des Dichters sei. 
Nach Longnon's Beweisführung ist der rechte Name desselben Francois 
de Montcorbier, neben welcher Form sich auch die Form Montorbier 
findet. Villon erscheint auch unter dem Namen Corbeil oder Cor- 
bueil und Francois des Loges. Der Ursprung des Namens Villon, 
unter welchem der Dichter allein bekannt ist, scheint sicher; er hat 
ihn aller "Wahrscheinlichkeit nach aus Dankbarkeit gegen einen Be- 
schützer und Förderer seiner Jugend, dessen er in seinem Grand 
Testament dankerfüllt gedenkt, angenommen und geführt. — Die 
MouiUirung des Namens Villon stellt Herr Ulbrich unter 
Anführung dreier triftiger Gründe fest. INIit Bezug auf die von dem 
Vortragenden erwähnte Schrift: Villon, Etudes biographiques, weist 
Herr Im el mann auf einen Aufsatz bezüglichen Inhalts im Cornhill 
Magazine hin. 

Hierauf sprach Herr ßoyle über den Erzbischof Whately, und 
gab einen Ueberblick über die literarische Thätigkeit desselben nebst 
einigen interessanten charakteristischen Zügen aus seinem Leben. 

Nach Beendigung der Vorträge theilte der V orsit zen d e der 
Gesellschaft mit, dass Herr Jarnik in Wien einen Index zu dem 
Etymologischen Wörterbuch von Diez geschrieben habe und dass das 
Manuscript in seinen Händen sei. Es handele sich darum, ob die 
Gesellschaft diesen so sehr erwünschten Index drucken lassen wolle, 
der einem lang gefühlten Bedürfnisse entgegen komme und dessen Be- 
friedigung seitens der Herren Verleger nicht zu erwarten sei. Nach 
der sich daran anschliessenden Debatte wnrde das Manuscript einem 
Prüfungs-Comite übergeben. 

Es folgte eine Anfi'age über das Wort Pigeon English, das 
Kauderwelsch, welches von Engländern und Amerikanern in China 
im Verkehr mit den einheimischen Händlern gesprochen werde. Herr 
Herr ig bemerkte, dass er in Hübner's Spaziergang um die Welt 
das Wort Bitchen gedruckt gefunden habe. Verschiedene Hypothesen 
betreffs der Feststellung des Entstehens des Wortes wurden mitgetheilt 
und eingehend besprochen. 



IL 

Herr Nessler sprach über den Roman „Los Amours de Philippe" 
von Octave Feuillet, den der Vortragende als den „poete de la noblesse 
bourn;eoise" bezeichnet. Der Inhalt des Romans wurde in seinen wescnt- 



für das Studium der neueren Sprachen. 109 

liehen Punkten angegeben und einzelne, besonders charakteristische 
Stellen vorgelesen , darunter die Schilderung der Schauspielerin , der 
Pariserin und andere. Die Schilderung des Lebens in der Provinz, 
welche in diesem Roman sehr zur Geltung kommt, gab Herrn Nessler 
Veranlassung, die Vorurtheile zu erwähnen, welche bei uns über das 
Familienleben in Frankreich heri'schen. Als Aufgabe, die sich Octave 
P^euillet in seinen Arbeiten stelle, giebt der Vortragende das Bestreben 
desselben an, die Schattenseiten der französischen Gesellschaft dem Volke 
zur Erkenntniss zu bringen. 

Es folgte der Vortrag des Herrn Buch holz über die Fürwörter 
im Albanischen. Die Betrachtung der als Schlusssilben in der Bildung 
der Declination auftretenden Fürwörter spricht für nähere Verwandt- 
schaft der Sprache mit dem Lateinischen als mit dem Griechischen. 
Zuerst wird die Endung fi oder bi, wie sie im Lateinischen tibi nobi-s 
omnib-u-s suap-te sich zeigt, betrachtet. Sie erscheint vorzüglich im 
Dativ Pluralis; schon Camarda hat sie richtig erkannt. So neve = 
nobis, und auch als Accusativ = nos und juve = voLis, vos, mit vor- 
gesetztem te auch = nostrum vestrum. Vetteheve, vettejuve = sibi 
ipsis, chetireve = his Masc. und Fem. Wenn vet an Fürwörter an- 
gehängt =: angehängtem latein. met steht, so ist dies eine Bestätigung 
der Erklärung, dass in demselben ebenfalls unser bi mit noch einem 
Ansätze t zu erkennen ist. Ai-vet aiv-vet atta-vet = ipse a um, chii- 
vet cheio-vet cheta-vet = iste a um haben nur in dem vorderen is ea 
id, hie haec hoc bedeutenden Theile Declination, der zweite ist wie 
latein. met unveränderlich. Cuive cuiave = quibus Masc. und Fem. 
Aterave = patribus emave = matribus. Mit Artikel ebenso, nur dass 
noch ein diesen bedeutendes t zum Schlüsse sich anfügt. Mit Prono- 
minaldativ der dritten Person (possessiv) i-aterave-t := seinen oder 
ihren Vätern. Dive diave = duobus duabus, pesseve pessave = fünf 
Masc. Fem.; meeve = pluribus, t'immeve, te mive = meis Masc. imave, 
te miave = meis Fem. (meabus). Von vocalischen Fürwörtern folgt 
zunächst i wie es im latein. i-s und sonst vorliegt. At = Vater, ati 
= der Vater oder auch ati = Vätern (Dativ ohne Artikel). Das vor- 
tretende i wie in iati = der Vater von ihm, ihr, soeben schon be- 
rührt. Reend = graviter (Adv.), i reeud = gravis (Adv.) Fem. e 
reend Neutr. te reend. Tritt das Adjectiv vor das Substantiv, so 
hat es ausser diesem vorstehenden i e te auch noch am Schlüsse i a 
it als Zeichen des Genus und als Artikel, tritt das Substantiv vor, 
so hat dieses am Schlüsse die Artikel, das Adjectiv nur die Vor- 
schläge. Es folgt das Fürwort te, vgl. lat. de und ita fecid fecit 
quid quit; es ist Präposition wie latein. de it di um vor Dative 
Sing, und Pluralis gesetzt den Genitiv zu bilden wie schon erwähnt. 
Ferner tritt es an Dative und Ablative hinten an um diese Formen 
mit Artikel zu vei'sehen (den Status emphaticus zu bilden, wie Stier 



110 Sitzungen der Berliner Gesellschaft 

mit der syrischen Grammatik sagte). In artikelloser Declination ist es 
keine Endung. Es wird zum Pronomen der zweiten Person wie latein. 
und zum Theil griechisch: ti = d, tiij, te, te = dir dich. Das Neu- 
trum besonders von Fürwörtern zu bilden, erscheint mit einem Vocal 
hinten angefügt wie griech. zov-to : ai aiö a-tä :=i is ea id, attij oder i = 
ihm, assai oder i = ihr, chii cheiö ohetä = hie haec hoc, Plur. cheta chetö 
cheta. Itte jotte tent = tuus a um, itti jottia tent dasselbe mit Artikel. 
Im Zeitwort bildet es zum Theil 2. PI. 3. Sing. 2 Sing.; Verbalsubstan- 
tiva = lateinischen auf tor auf taar. S, lateinisch se und vielfache 
Declinationen und sonstige Endung, ist nie Pluralzeichen. Aber es ist 
sh als Endung des Genitiv und Ablativ Pluralis vorhanden: keesh so- 
wie te keeve = boun, keshi sowie nia kee :=: a bubus. Se tritt statt 
te als Präposition = de ital. di ein vor Fem. einen mit Artikel im 
Dativ um den Genitiv zu bilden: se Ijuljes = der Blume, Genitiv von 
Ijulja = die Blume, Ijulj = Blume; se Ijuljevet =^ der Blumen. Ca 
= qui quec quod indeclinabel erscheint als Endung nicht, etwa wie im 
Griechischen. Auch ist l(e) gar nicht bemerkbar. Aber c oder viel- 
mehr u tritt als Artikel an Masculina, besonders vocalisch auslautende 
ulku der Wolf, velau der Bruder, Gen. te velaut, Dativ velaut, Acc. 
velaun oder velaan. Vgl. a als Femininartikel sowie die 2. und 1. De- 
clination im Latein, und Gi'iechischen. Auch ist u als Artikel in italieni- 
schen Mundarten so und nicht "u (st. lu) zu schreiben. U, une übri- 
gens = ich. Auch die Zahlwörter, die kurz angedeutet wie cater = 4, 
kint = 100, milje = 1000, zeigen mehr Verwandtschaft mit dem La- 
teinischen als mit dem Griechischen. 

Herr Goldbeck hob mit Bezug auf den Vortrag des Herrn Buch- 
holz die Wichtigkeit der Zahlwörter für die betreffenden sprachver- 
gleichenden Bestimmungen hervor. Hierauf machte er auf die Un- 
kenntniss des Prof. Hans Prutz hinsichtlich der portugiesischen Sprache 
aufmerksam, eine ünkenntniss, die in Feuilletonartikeln der National- 
Zeitung zu Tage getreten sei. Schliesslich theilte er der Versammlung 
mit, dass Wendelin P^örster Frau von Vasconcellos- Michaelis aufgefor- 
dert habe, den spanisch-portugiesischen Theil der Grammatik von Diez 
zu bearbeiten. 



HL 

HeiT Güth sprach über das von Lessing im 14. Stück der „Ham- 
burgischen Dramaturgie" erwähnte, von einem „Ungenannten" her- 
rührende Schauspiel, „das Gemälde der Dürftigkeit", von welchem 
Rosenkranz anfangs behauptete, dass es von Diderot geschrieben sei. 
Später sei er von dieser Ansicht zurückgekommen; auch der neueste 
Herausgeber von Diderot's Werken (Assesat) glaube, nur Diderot's 
Feinde hätten ihm dies Stück zuschreiben können. Der Vortragende 
findet eine grosse Aehnlichkeit zwischen dem Haupthelden des „Tableau 



iVir das Studium der neueren Sprachen. 11 1 

de rindigence", dem Offizier Doriman und dem Major Teilheim ; er 
knüpft daran die Vermuthung, dass Lessing das Stück gekannt haben 
müsse, als er seine Minna von Barnhelm schrieb. Dass Lessing nicht 
frei von Nachahmung französischer Stücke sei, lasse sich u. A. auch 
durch eine Vergleichung von Nathan dem Weisen mit Diderot's „Fils 
naturel" nachweisen. 

Herr Michaelis besprach die von ihm für die letzte Pliilologen- 
Versamnilung in Wiesbaden ausgearbeiteten Vorschläge in Bezug auf 
die Schreibung der Dialecte. Die Frage, wie das lateinische Alphabet 
zu ergänzen sei, harre noch der Lösung. Am meisten Anklang habe 
der Vorschlag gefunden, die vorhandenen Buchstaben beizubehalten 
und durch über- oder untergesetzte Punkte und andere Schrift zeichen 
die einzelnen Nüancirungen der Aussprache zu unterscheiden. — In 
Bezug auf den Gebrauch des ^ und [f macht Herr Michaelis die Mit- 
theilung, dass in einer von Caesar Oudin im Jahre 1609 erschienenen 
spanisch - französischen Sprüchwörtersammlung das Zeichen ^ ziem- 
lich consequent von ss unterschieden sei; z. B au^i, necej^iteux, aber 
passer, necessaire. Bis 1876 habe über das Verhalten des Fractur-^ 
zu dem Antiqua-ß eine verworrene Ansicht geherrscht; das erstere sei 
aus § und § entstanden ; das letztere aus fig, aber auch als Abkürzung 
z. B. für den Hamburger Schilling und für das Wort semis lange 
im Gebrauch gewesen. 

Herr Marelle bespricht die „Melus ine, Revue de mythologie, 
litterature populaire (contes et chants recueillis de la bouche du 
peuple, avec leur musique, proverbes, dictons, locntions etc.) traditions 
et usages". Diese neue Kevue, von E. Gaidoz, Redacteur der Revue 
celtique, und von E. Rolland redigirt, zählt unter ihren Mitarbeitern 
F. Baudry, M. Joret, Reinhold Koehler, F. M. Luzel, L. Leger, Gaston 
Paris etc., und ist dem Sprachforscher und Philologen eben so wohl 
zu empfehlen wie dem Mythographen und Culturhistoriker. 

Hierauf stellt Herr Marelle die Frage: Ob der tragische Dichter 
sich erlauben darf, geschichtliche Charaktere in der Ai t zu ändern, wie 
Schiller es gethan hat in seiner Jungfrau von Orleans in Bezug auf 
die Liebe zu Lyonel. Herr Marelle erkennt die Vorzüge der Schiller- 
schen Tragödie an, behauptet jedoch : diese Liebe für einen Engländer, 
wie jede Liebe überhaupt, sei im Widerspruch mit der ganzen psycho- 
logischen Anlage Johanna's. Das Wort des Aristoteles, „die Poesie 
sei philosophischer wie die Geschichte", passt nur da, wo die Poesie 
die Geschichte ergänzt, vollendet und veredelt, nicht aber dort, avo sie 
uns nur als eine Verfälschung derselben erscheinen muss. Die Sage, 
mit ihren unbestimmten, wechselnden Zügen, die mehr oder weniger 
sagenhafte Chronik, dulden wohl eine freie dichterische Behandlung, 
wie z. B. bei den Griechen oder zuweilen auch bei Shakespeare. Ganz» 
anders steht es mit der documentirlen , fest constatirten Geschichte. 
Die prägt sich uns ein als lebendige Wahrheit und lässt sich nicht 



112 Sitzungen der Berliner Gesellschaft 

mehr verwischen. Eine Poesie aber, die mit dieser in uns lebendigen 
Evidenz nicht übereinstimmt, kann uns keine reine ästhetische Erbauung 
geben; denn unser kritisches Gewissen sträubt sich unwillkürlich 
gegen sie. Unwissende mögen wohl anders empfinden und danken; 
aber die Unwissenden sind keine competente Richter in der Frage. 
Es könnte auch z. B. einem französischen Dramaturgen einfallen, der 
edlen, patriotischen Königin Louise eine plötzliche, tragische Liebe für 
den Sieger von Jena zuzumuthen, und vielleicht würde er damit, vor 
einer unwissenden Volksmasse, einen grossen Erfolg erringen; was 
würden aber deutsche Zuschauer zu einer solcher Abgeschmacktheit 
sagen ? 

Mit der Jungfrau von Orleans verhält es sich aber nun nicht 
anders. Denn seit der Veröfientlichung der Actenstücke ihres Prozesses 
ist uns Jeanne d'Arc so bekannt geworden wie nur irgend eine Figur 
aus der Geschichte. Wer sieht sie da nicht in ihrer wunderbaren, 
mädchenhaften, in sich geschlossenen Persönlichkeit, mit ihrem mysti- 
schen, einfältigen , und doch in Wort und That so scharfsinnigen und 
resoluten Charakter, mit ihrer von frommer Ergebung und Vaterlands- 
liebe allein erfüllten Seele? und wer kann sie nachher in der empfind- 
samen, entzündbaren, und redseligen Roman -Heldin Schiller's wieder- 
erkennen ? ! Da hilft keine schlechte Rhetorik und keine Pietät von 
dem Genius: so meisterhaft gemalt das Bild auch sein mag, so ist 
es doch nur ein verfehltes Portrait — und dadurch an und für sich 
ein Werk von zweifelhaftem Werth. 

Die Herren Buchholz, Püschel und Ulbrich berichten über das 
Manuscript des Jarnik'schen Index zum Diez'schen Wörterbuch. Auf 
ihren übereinstimmenden Antrag wird beschlossen, den Index auf Koston 
der Gesellschaft drucken zu lassen, und werden die Herren Herrig, 
Langenscheidt und Püschel mit der Ausführung des Beschlusses be- 
auftrast. 



IV. 

Herr Boyle spricht über die Beefsteak-Society, welche nicht zu 
verwechseln sei mit dem in der 9. u. 264. Nummer des Spectator erwähn- 
ten Beefsteak-Club. — Jene sei 1735 vom Pächter des Covent-Garden 
Theaters, Namens Rieh, einem Freunde des Dichters Gay, gegründet 
worden; habe sich anfangs Im Paintingroora des Theaters, dann in 
Bedford-Cüffeehouse, endlich Im Lyceum-theatre wöchentlich mehr- 
mals versammelt, um nach erfolgter Verspeisung von Beefsteaks sich 
mit literarischen Dingen zu beschäftigen. Unter den bedeutenderen 
Mitgliedern werden Garrick, LIndley, Moore, Lord Brougham, Hobert 
erwähnt. Die Zahl der Mitglieder betrug statutenmässig 24, wurde aber, 
als der Prinz Georg (später Georg IV.) sich aufnehmen Hess, auf 25 er- 
höht. Nach dem Tode des Captaln Charles Morris (f 1838), welcher 



für das Studium der neueren Sprachen. 113 

eine hervorragende Rolle in der Gesellschaft spielte und in der letzten 
Zeit als die Seele derselben angesehen werden konnte, schlief die B.- 
Society allmälig ein, bis sie 1867 ganz auihörte. — Morris, welcher 
von den Mitgliedern zum Punchmaker und Poet-laureate der Gesell- 
schaft ernannt wurde, zeichnete sich als Dichter von Trink- und 
Liebesliedern aus; letztere wurden 1840 von Bentley in 2 Bänden 
herausgegeben. Morris war Offizier a. D. und lebte in ärmlichen Ver- 
hältnissen, bis der Präsident der Gesellschaft, der Herzog vom Norfolk, 
dessen grosser Appetit und wohlwollende Gesinnung von Vortragen- 
den besonders hervorgehoben wurden, dem Dichter eine Villa schenkte, 
wo er bis an sein Lebensende sorgenfrei wohnen konnte. — Zum 
Schluss las Herr Boyle zwei der Morris'schen Gedichte vor. — 

Herr Goldbeck bespricht die bei Weidmann erscheinende Samm- 
lung französischer und englischer Schriftsteller. Die Frage, ob in den 
obersten Classen der Realschule ein Autor oder eine Chrestomathie zu 
lesen, sei noch unentschieden. Wolle man, wie die Herausgeber, sich 
für die Wahl von Autoren erklären, so müsse man natürlich in erster 
Linie die Classiker des 17. Jahrhunderts berücksichtigen, und zwar 
vor Allem Corneille, Moliere und Racine. Von letzterem sei bis jetzt 
noch keine der angekündigten Ausgaben erschienen, von Corneille die 
4 Hauptstücke (Cid, Horace, Cinna und Polyeucte), von Strehlke her- 
ausgegeben. Herr Goldbeck hebt als besonders verdienstvoll hervor, 
dass Strehlke den Text auf Grund der besten bisher erschienenen Cor- 
neille-Ausgaben festgestellt habe. Zu gründlich seien die sprachlichen 
Abweichungen behandelt, dagegen fehle es in den Einleitungen an einer 
Angabe der einschlägigen Literatur; auch vermisse man eine eingehende 
ästhetische Beurtheilung der Verdienste Corneille's, sowie eine Wür- 
digung der Kunstform der französischen Tragödie überhaupt. In die- 
ser Beziehung seien die vortrefflichen Einleitungen eines Schneidewin 
zu den Sophocles - Ausgaben den Vertretern der neueren Sprachen als 
Muster vorzuhalten. Erst wenn die französischen und englischen 
Autoren eine eben so gründliche, wissenschaftliche Behandlung erführen, 
wie die lateinischen und griechischen, könne man behaupten, dass das 
Studium der letzteren auf Realschulen überflüssig sei. — Nachdem 
Herr Goldbeck die Strehlke'schen Ausgaben empfohlen, geht er über 
zur Besprechung der von Brunnemann herausgegebenen Moliere'schen 
Stücke (Tartuffe und Misanthrope). — Von den Werken, welche Mo- 
liere's Leben behandeln, habe B. nur Lagrange, Grimarest, Taschereau 
und Gerusez benutzt; die in den letzten zehn Jahren erschienenen Bio- 
graphien und Schriften über diesen Gegenstand (z. B. Bazin) scheine 
er nicht zu kennen. Zu tadeln sei die TJnvollständigkeit und der 
mangelhafte Stil der B. 'sehen Einleitungen; die erklärenden Anmerkun- 
gen seien zum Theil für Primaner ganz ungeeignet, zum Theil geradezu 
falsch ; die wirklichen Schwierigkeiten seien gar nicht erklärt. Eine 
ausführliche Kritik derselben habe er (G.) für das „Central -Organ" 

Archiv f. n. Sprachen. LIX. 8 



114 Sitzungen d. Berl. Gesellsch. f. d. Studium d. neueren Sprachen. 

von Strack ausgearbeitet. — Schliesslich empfiehlt er die von Güth 
veranstaltete, mit etymologischen und sonstigen werthvollen Anmer- 
kungen reichlich ausgestattete Ausgabe von Souvestre's „An coin du 
feu". — Der Vorsitzende macht dann Mittheilungen über den be- 
absichtigten Druck des Jarnik'schen Buches. Der mit Herrn Langen- 
scheidt abgeschlossene Vertrag wird genehmigt. 



Miscellen. 



Wie werden die Geburtstage gezählt? 

Wenn man Voss' siebenzigsten Geburtstag einmal wieder in die Hand 
nimmt, so drängt sich von selbst die Frage auf, ob damals die Greise von 
70 Jahren durchschnittlich wirkhch so hinfällig gewesen sind, wie uns der 
alte Tamm dort doch eigenthch dargestellt wird, da es zu den Erfahrungen 
der Gegenwart gar nicht stimmt. Wenn man aber einigen Sprachmeistern, 
die ihre Entdeckung mit grossem Nachdruck geltend machen, glauben soll, 
so ist Vater Tamm gar nicht einmal 70, sondern nur 69 Jahre alt geworden, 
oder der Uebersetzer Homer's hat einen argen Schnitzer gemacht. So 
brachte z. B. eine grössere Zeitung kürzlich ein Referat über das „Post- 
stammbuch", in welchem der Referent folgende Bemerkung zu unserer Be- 
lehrung nicht unterdrücken kann: dass das Buch „bekanntlich Sr. Majestät 
dem deutschen Kaiser an seinem einundachtzigsten (nicht dem achtzigsten, 
wie in der Vorrede nach der beliebten falschen Ausdrucksweise gesagt ist) 
Geburtstage eine besondere Freude gemacht hat". Da diese Auffassung sich 
in letzter Zeit mit einer gewissen Zudringlichkeit an den Mann zu bringen 
sucht, so ist es wohl der Mühe werth, sie etwas zu beleuchten. 

Es ist nicht zu bestreiten, dass Geburtstag den Tag der Geburt be- 
zeichnen kann, denn ein Regentag ist ein Tag, an welchem es regnet, der 
Löhnungstag ein Tag, an welchem die Löhnung ausgezahlt wird; warum 
sollte Geburtstag nicht auch einen Tag bedeuten können, an welchem Je- 
mand geboren ist oder wirdV Allein, dass es dies bedeuten kann, beweist 
noch nicht, dass es dies bedeuten muss, und dass es so in der Regel ge- 
braucht wird. Es mag sein, dass es wirklich in diesem Sinne schon das 
eine oder andere Mal gebraucht worden ist; aber ganz unzweifelhaft ist, 
dass der gewöhnliche, der allgemeine Sprachgehrauch dem Worte einen 
anderen Sinn unterlegt. Vergleichen wir z. B. folgende Zusammensetzungen : 
Geburtstagsangebinde, -besuch, -brief, -feier, -fest, -gedieht, -geschenk, -ge- 
sellschaft, -glückwunsch, -kind, -kränz, -kuchen, -mahl, -schmaus, -wünsch 
u. s. w.; wer in aller Welt denkt bei diesen Wörtern an den Tag, an welchem 
derjenige, um dessen Geburtstag es sich handelt, geboren wird oder ist? 
Es ist hier unbedingt der Geburtstag der Jahrestag der Geburt, riicht der 
Tag der Geburt selbst, an welchem man das Angebinde darbringt, zu 
welchem man den Brief schreibt u. s. w. ; es ist entschieden dies der Sinn, 
dass zugleich dabei an eine Feier des Tages gedacht wird, an welchem 
sich das Datum der wirklichen Geburt wiederholt und ein volles Lebensjahr 
zurückgelegt wird. 

Andere Beispiele ergeben ganz dasselbe. Ich frage den zwanzigjährigen 
Neffen: „Wann war dein Geburtstag?" so wird er mir sicher antworten: 
„Gestern, den 13. Mai." Erwidere ich nun: „Nein, ich meine deinen ersten 



116 Miscellen. 

Geburtstag," so wird er wahrsclieinlich mich auslachen, wenn der respectus 
parentelae ihn nicht zurückhält, und ganz gewiss nicht wird er mir antworten : 
„Am 13. Mai 1857." Oder: wenn ein Reisender in eine Residenz kommt, 
die mit Flaggen geschmückt ist, und er fragte, was für ein Festtag gefeiert 
würde, könnte die Antwort: „Der Geburtstag des Erbprinzen" ja bedeuten: 
„Es ist heute ein Erbprinz geboren?" 

Doch es wird keiner weiteren Beweise bedürfen, dass das Wort, wenn 
es vielleicht unter Umständen auch für den wirklichen Tag der Geburt ge- 
braucht werden kann, doch nach dem jetzigen Sprachgebrauche in der 
Regel, fast ausnahmslos, den Jahrestag der Geburt bezeichnet. Nun gehört 
gerade kein ausserordentliches Maass von Scharfsinn dazu, um zu erkennen, 
fiass es sich hierbei um zwei verschiedene Bedeutungen handelt. In 
dem einen Sinne hat jeder Mensch nur einen Geburtstag, in dem anderen 
so viele, als er volle Jahre zurückgelegt hat. A = a, wenn wir bloss den 
Laut beachten; aber es sind verschiedene Grössen, die wir durch die Buch- 
staben bezeichnen, und dann ist es logischer Unsinn, zu sagen: A -f- 80a 
= 81a. Ebenso unzweifelhaft ist es Unsinn, wenn man den 22. März 1877 
als den einundachtzigsten Geburtstag feiert. Man könnte es schwerlich eine 
ungesuchte, natürliche Ausdrucksweise nennen, wenn Jemand sagte: „Am 
22. März wurde die Geburt des Kaisers zum einundachtzigsten Mal gefeiert;" 
aber es hätte doch einigen Sinn. Denn die Geburt ist sicherlich am 22. März 
1797 in irgend einer Weise gefeiert worden, und bei der Feier der nächsten 
80 Wiederholungen des 22. März war die Freude und der Dank für die 
Geburt des Kaisers der Grund derselben. Allein der" 22. März 1797 war, 
wenn wir das Wort als Tag der Geburt fassen, der erste und zugleich der 
letzte Geburtstag, kein Jahrestag der Geburt; in dem üblichen Sinne des 
Wortes war der 22. März 1798 der erste Geburtstag. Ungleich benannte 
Zahlen können nicht addirt werden: 1 Thaler Gold und 100 Thaler Courant 
machen nicht 101 Thaler. Eben so wenig können verschiedene Sachen, 
wenn sie auch vielleicht denselben Namen haben, zu einer Summe vereinigt 
werden: 1 Tag der wirkHchen Geburt und 80 Jahrestage der Geburt geben 
nicht 81 Geburtstage. 

Uebrigens feiert man an dem Geburtstage nicht bloss die Geburt, son- 
dern auch das bis dahin zurückgelegte Lebensalter. Rundet sich die Zahl 
der Lebensjahre ab, so wird der Geburtstag mehr als sonst gefeiert. So 
hat — wohl nicht ohne Beziehung auf Psalm 90 — der Geburtstag nach 70, 
nach 80 Lebensjahren eine besonders hohe Bedeutung. Ueberhaupt aber 
rechnet man hiebei gern von 10 zu 10 Lebensjahren, wie in der bekannten 
volksthümiichen auf- und niedersteigenden Stufenleiter des Lebens. Wer an 
seinen Geburtstagen Rück- und Vorblicke anzustellen pflegt, wird es sicher- 
lich mit etwas anderen Empfindungen thun, wenn er 30, 40, 50 u. s. w. 
Jahre zurückgelegt hat, als wenn er 29 oder 31 Jahre u. s. w. alt wird. Die 
Bezeichnung: „Der einundachtzigste Geburtstag" verschob aber ganz die 
\'orstellung, die uns für diesen Geburtstag eine Hauptsache ist, und das 
Wesentliche dessen, was dadurch bezeichnet werden soll, müsste erst durch 
eine spitzfindige Subtractioa unserer Anschauung näher gebracht werden. 
Daher ist diese Ausdrucksweise ebenso unbequem und unpraktisch, als in 
sich widersinnig. 

O. Mai 14. K. S. 



Wir erlauben uns ein paar Bemerkungen über einen Ausspruch, den wir 
in den schönen und interessanten „Metapherstudien" des Herrn Dr. J. Brink- 
mann finden, (s. Archiv für das Studium der neueren Sprachen Bd. LVI, 
S. 354.) Herr Brinkmann sagt daselbst: „Wir sind also zu dem Resultate 



MIseellen. 117 

gekommen, dass nicht nur die romanischen Ausdrücke ital. niontone, franz. 
inouton, brebis, span. carnero, sondern auch die deutschen Widdei', Schaf 
und das engl, sheep ursprünglich Hammel bedeutet haben, und dass 
bei allen eine Erweiterung des BegriiTs zu dem des männlichen und weib- 
lichen Schafes, zu dem von Schaf überhaupt (franz. mouton, span. carnero, 
engl, sheep, deutsch Schaf) eingetreten ist." 

Hierzu erlauben wir uns zu bemerken: bei Widder triß't dieser Aus- 
spruch wohl kaum zu, schon weil das Wort in seiner ältesten uns bekannten 
Form, im goth. vithrus, die Bedeutung von Lamm hat; (s. Brinkmann 
1. c. S. 253.) — Auch L. Diefenbach, Etym. Wörterb. T, S. 252 sagt darüber, 
dass verschnittenes Thier „wohl sicher nicht Grundbedeutung ist." Doch 
die Wurzel ist dunkel. Ueber unser Schaf führt Herr Brinkmann Schwenk 
an, der darüber (Wörterb. der deutschen Sprache S. 599) t^agt: „Der Name 
ist nicht deutsch, sondern aus der slavischen Sprache entlehnt; böhni. skopec, 
welches eigentlich das verschnittene Thier, den Hammel bezeichnet, slav. 
skopiti, castriren; skopetz, Castrat." Dem Schöps können wir füglich die 
slavische Abkunft zugestehen, man sieht sie ihm schon an; aber Schaf und 
sheep sind deutscher Abkunft und entstammen unserm goth. und ahd. 
skaban, ags. skafan, scheeren, schaben, und bezeichnen somit das Thier 
als das geschorene. Es gilt von ihm, was Herr Brinkmann von pecus 
sagt: ,,lat. pecus bezeichnet, da es desselben Ursprungs ist wie gr. Tiey.co, 
scheeren, Tioxog, Wolle, das Schaf als das Wollvieh." Wie hier nöxos^ 
Wolle, erklärend für die Verwandtschaft von pecus und ney.u) erscheint, 
so haben wir auch aus schaben, oberd. Schepper, das abgeschorene 
Vliess, also in der buchstäblich gleichen Bedeutung wie ttöxos und ney.oi. 
Der gleiche Ursprung von Schaf und Schepper lässt sich nicht verkennen, 
obgleich sie in der Lautverschiebung differiren. Aber wir stossen ja manch- 
mal auf solche Beispiele stockender Lautverschiebung, wir wollen hier bei- 
spielsweise mhd. Schaufel und engl, scoop, Schaufel, anführen, die sich 
zu ihrem Wurzelverbum goth. skiuban, ahd. sciupan, sciuban, ags. 
scüfan, schieben, gerade so verhalten wie Schaf und sheep zu skaban 
und skafan. Vgl. auch mhd. schief von schieben und wettera-schepp. — 
Ueber Schaufel s. Weigand's Wörterb. H, 556, und über scoop E. Müller's 
Etym. Wörterb. der engl. Sprache II, 298. — 

„Und sogar auch Lamm hat vielleicht ursprünglich dieselbe Bedeutung 
(verschnittenes Thier) gehabt": sagt Herr Brinkmann 1. c. S. 354. — Aber 
auch hier sind wir wieder der Ansicht, dass auch das Lamm in seiner ur- 
sprünglichen Benennung als das geschorene Thier bezeichnet wurde, darauf 
scheinen keltische Ausdrücke zu deuten, denn irloraadh, lomaim heisst 
auch scheeren, lomad caorach, Schafe scheeren, lomar (wie noy.os und 
Schepper) Vliess und lomoi, gael. lomaich, geschorenes Schaf. Towoi 
und Lamm deuten auf eine gemeinsame Wurzel, die fi-eilich im Deutschen 
keine weiteren Sprösslinge trieb, so müsste denn der Lumpen = zerrisse- 
nes , verzupftes Zeug, dazu gerechnet werden, in welchem Falle, wie bei 
Tiey.oj die Urbedeutung rupfen, zupfen vorauszusetzen wäre. Das griech. 
nsy.co hat diese bei den Bedeutungen rupfen und scheeren — und auch 
kämmen und krämpeln — und rupfen scheint die ursprüngliche zu sein. In 
dem derselben Wurzel entstammenden lith. pezti hat sich die Bedeutung 
rupfen erhalten. 

„Noch bis in streng historische Zeit" — sagt L. Geiger, Ursprung und 
Geschichte der menschlichen Sprache und Vernunft II, 51 — „lässt sich der 
Gebrauch nachweisen, Schafe nicht zu scheeren, sondern zu rupfen. \'arro 
behauptet, dass dies „vor Erfindung der Schur" überhaupt geschehen sei und 
erklärt hieraus das lat. vellas; er spricht aber auch zugleich von solchen, 
die es noch zu seiner Zeit thaten, und Plinius sagt uns geradezu (MII, 46): 
„Die Schafe werden nicht überall geschoren : an manchen Orten dauert die 
Gewohnheit des Rupfens fort." (S. Boch, Hieroz. I, 536.) Auf diese Wand- 



118 Miscellen. 

lung der Gewohnheit deutet noch das griech. nEy.oj, welches das Zupfen 
der Wolle „mit den Händen", wie Homer ausdrücklich hinzufügt, sowie das 
Kämmen der Haare (lat. pecto) und als späterhin gewöhnlichsten 
Begriff das Scheeren auffasst." 

Sollte mit gadh. lomaim, schneiden, nicht auch nhd. lahm und engl, 
limp, und. lumpenhinken zusammenhängen? und ebenso der oberd. Familien- 
name Lcmp^der Hinkende? Der Begriff des Hinkens mag aus dem des 
Schneidens, resp. des Geschnitten -werdeus hervorgegangen sein, also der 
Lahme urspr. soviel als der Geschnittene, Verwundete, Verstümmelte be- 
deutet haben. Ist vielleicht auch der Lumpen urspr. nichts anderes als ein 
abgeschnittenes, kleines, werthloses Stück? Reststück? — 

Von derselben Wurzel wie Tity.co, scheeren, kämmen, stammt auch ahd. 
fahs, ags. fean, Haupthaar (s. G. Curtius, Grundzüge der griech. Etym. 
Ö. 163), also dieses als das Geschorene oder Gekämmte bezeichnend. Sollten 
wir daher nicht berechtigt sein, nhd. Schopf (=: Haupthaar) von schaben 
abzuleiten und wie nöy.os und fahs, auch Schepper und Schopf als 
Verwandte neben einander zu stellen? Man wird freilich hier einwenden, 
dass in schaben und Schopf die Vocalverhältnisse nicht stimmen; jedoch 
solche Unregelmässigkeiten sind nicht ganz selten, so erklärt auch Weigand, 
Wörterb. H, 1187 Zopf und Zapfen aus einer Wurzel entstanden. 

Doch — pour revenir ä nos moutons — finden wir im Keltischen noch 
ein Beispiel, wo das Schaf von scheeren benannt ist, nämlich in ir. caor, 
pl. caoire, Schaf Schon J. ü'ßrien in seinem „Irish-English Dictionai-y" 
(Dublin 1832) sagt: „caoire has a natural affiuity with the Greek verb y.siooj 
to shear sheep"; und in Bacmeister's Keltischen Briefen S. 38 lesen wir: 
„Ein zweites, vielleicht gemeinkeltisches Wort für das Schaf, . . . lautet ir. 
cair, caera, daher ass caerach, Schafmilch, cäirchinde avinus. Nur leise 
darf man fragen, ob nicht vielleicht unsere Heerde, goth. hairda, ursprüng- 
lich Schaf heerde sein könnte? — Beifügen wollen wir noch, dass nach 
Weigand, Wörterb. H, 1014 nhd. Vieh, „der Lautvei'schiebung gemäss mit 
lat. das pecu, die pecus, sanskr. der pa9u(s) = Vieh stimmt." (Vgl. auch 
Fick, Vergl. Wörterb. S. 114, wo aber die Wurzel pak, fangen, binden an- 
genommen wird.) 

Alle diese Ausdrücke geben Zeugniss, dass die Urzeit den Werth des 
Schafes über den aller anderen Thiere setzte, übereinstimmend mit dem 
Ausspruche Buffon's : „Cet animal est pour Thomme l'animal le plus precieux." 
Diese W^erthschätzung aber verdankt das Thier hauptsächlich der Wolle, 
denn die von uns erwähnten und behandelten Worte und Benennungen, die 
alle das Schaf als das geschorene oder zu scheerende Thier bezeichnen, 
bezeugen ferner, dass in der Sprache wie in den neueren Sprichwörtern (s. 
Brinkmann 1. c. S. 355) die überwiegende Wichtigkeit der Wolle vor allen 
anderen Erzeugnissen des Schafes hervortritt. 

New -York. Andreas Willmann. 



Zu der Frage „Gibt oder giebt?" 

Im zweiten Hefte des LVII. Bandes dieser Zeitschrift steht ein Aufsatz 
von Dr. A. Grabow, wonach das i im Präsens von geben „unzweifelhaft 
lang" wäre. So ganz unzweifelhaft ist die Sache doch wohl nicht. 

Für die Länge des Vocals spricht, wie es dort heisst, „1) Der Grund- 
satz, dass die Länge der Stammsilbe durch Vocaldehnung oder durch Con- 
sonant-A'erschärfung bewirkt wird." Das soll wohl heissen: wenn der V^ocal 
kurz wäre, so würde der Consonant (b) „verschärft" sein, also bb oder pp 
statt b stehen. — Aber bt nach kurzem Vocal findet sich auch z. B. in 
Abt. Da der Vocal vor mehrfacher Consonanz in derselben Silbe in der 



Miscellen, ] 19 

Regel kurz ist, so war — die Kürze des i in gibt, gibst vorausgesetzt 
— • eine schriftliche Andeutung der „Verschärfung" des b (durch die un- 
gebräuchhche Schreibung bb oder das fernerliegende pp) auch nach nhd. 
orthographischem Usus durchaus unnöthig. 

Nun soll aber |'2)] die Aussprache mit langem i „am meisten dem Geiste 
der nhd. Sprache angemessen" sein, denn unsere Dichter „reimen meist 
giebt auf Wörter mit unzweifelhaft organischem ie". In den dafür ge- 
gebenen Beispielen reimt giebt (und giebst) nur mit Formen von lieben. 
Reime wie nippt — gibt dagegen seien „schwerlich in der deutschen 
Literatur nachzuweisen", jedenfalls könne man „jedem derselben aus den 
Werken unserer besten Dichter 12 Reime wie liebt — giebt gegenüber- 
stellen". — Wie viel öfter brauchen aber auch unsere Dichter einen Reim 
auf liebt, liebst als auf nippt, kippt etc.! Gewiss hätten sie auf die 
so häufigen Formen liebt etc. oft die nicht minder häufigen von geben 
gereimt, wenn diese auch ganz unzweifelhaft kurz wären*); um wie viel 
mehr, da dieselben (mit Recht oder Unrecht) auch lang im Gebrauche sind. 

Endlich wird [3)] für die Länge „die Analogie von ergiebig, nach- 
giebig, ausgiebig" gellend gemacht. Die Länge in diesen Wörtern be- 
weist für giebt, giebst ebenso wenig wie die in gebe, geben. Der 
Stammvocal ist in diesen Formen lang, weil er in offener Silbe steht. 

Ich will nun nicht etwa meinerseits zu beweisen suchen, dass das i im 
Präsens von geben „unzweifelhaft kurz" ist. Es ist eben in Wirklichkeit 
sowohl lang als kurz. Aber ich will doch anführen, was mir für die 
Berechtigung der Kürze zu sprechen scheint. Das ist 

1) Die alte Kürze des Präsensstammes von geben. 

2) Die Analogie von Gift, Mitgift (vgl. Tritt neben tritt, trittst). 

3) Der Umstand, dass die entsprechenden Formen von treten, dessen 
Stamm ebenfalls auf einfachen Explosivlaut auslautet, kurzes i haben , wäh- 
rend die auf einfache Liquida oder s (f) ausgehenden Stämme, von denen 
die 2. 3. Sg. Pr. Ind. mit ungebrochenem i gebildet werden (befehlen, 
gebären, scheren, stehlen, schwären, lesen; dazu auch geschehen 
und sehen mit verstummendem h) in diesen Formen Dehnung erleiden**). 

4) Der Grundsatz: Geschlossene Silbe ist im Nhd. (meist) 
kurz***). 

Düsseldorf. Wilhelm Vietor. 



In dem Goethe'schen „Die Lustigen von Weimar" findet sich folgende 
Stelle: 

„Dienstag schleicht dann auch herbei; 
Doch er bringt zu stiller Sühne 
Ein Rapuschchen frank und frei." 
Dieses „Rapuschchen", dessen Erklärung ich bis jetzt nicht gefunden 
habe, und das, wenigstens bei uns zu Lande, unbekannt ist, dürfte nach 

*) Solche Reime (langer Vocal mit kurzem reimend) sind bekanntlich 
bei unseren Classikern nicht selten. Beiläufig bemerkt, findet sich das ver- 
pönte f : fs zwischen Vocalen im Reim oft genug, z. B. bei Goethe, der eben 
auch kein Norddeutscher war. — Auch e : e ist bei unseren Dichtern nicht 
unerhört. 

**) Ausser nehmen, das aber auch genommen bildet. 
***) Vgl. „Reform. Organ des allgemeinen Vereins zur Einführung 
einer einfachen deutschen Schreibung". Hrsg. v. Dr. F. W. Fricke. — Ich 
bin überzeugt, dass selbst ein so entschiedener Antiphonetiker, wie Herr 
Grabow, den Fricke'schen Bestrebungen Methode nicht absprechen wird, 
wenn sie auch in seinen Augen als Unsinn erscheinen mögen. 



120 



Miscellen. 



meiner Ansicht identisch sein mit einem Kartenspiel, welches mit zehn Spielen 
Whist, also 520 (!) Karten, gespielt wird und den Namen „Rawuschl" führt. 
Ich habe leider auch einmal ein solches Spiel gespielt, und zwar in der 
deutschen Stadt Nikolsburg in Mähren, und kann recht gut begreifen, wenn 
Goethe ein solches Spiel „zu stiller Sühne" bestimmt nennt. Es ist, schon 
nach der Zahl der dazu nothwendigen Karten zu beurtbeilen, höchst lang- 
weilig und so recht zur Unterhaltung für alte Hoffräulein und Kammerherren 
geeignet, wie sie der junge Goethe vielleicht vor Augen gehabt haben mag. 

Prossnitz (Mähren). O. H. St. 



Parallelen und Reminiscenzen. 



Du siehst den Quell zu Thale rinnen. 
Er schimmert hell im Mondenschein, 
Du denkst: ich muss, wie er, von 

hinnen, 
War' ich wie er so hell und rein. 
Lenau, Savonarola (Weihn. Nr. 18). 



Giebt es vielleicht gar keine Einsam- 
keit? 

Bin ich selber nur ein verbrennend 
Scheit? 

Und wie ich mich wärme am Eichen- 
stamme, 

Wärmt sich vielleicht ein unsichtbarer 
Gast 

Heimlich an meiner zehrenden Le- 
bensflamme, 

Schürend und fachend meine Ge- 
dankenhast? 
Lenau, Das Blockhaus V, 67—72. 



Ein Mensch, der liebt, tritt so zu 
sagen aus allen übrigen Gerichtsbar- 
keiten heraus und steht bloss unter 
den Gesetzen der Liebe. Es ist ein 
erhöhtes Sein, in welchem viele an- 
dere Pflichten, viele andere moralische 
Maasstäbe nicht mehr auf ihn anzu- 
wenden sind. 

Schiller an Charlotte von Lengefeld, 
Weimar, 12. Febr. 1789. 



Die Menschen vergessen nur zu 
leicht die Namen ihrer Wohlthäter; 
die Namen des Guten und Edlen, der 
für das Heil seiner Mitbürger gesorgt, 
finden wir selten im Munde der Völ- 
ker, und ihr dickes Gedächtniss be- 
wahrt nur die Namen ihrer Dränger 
und grausamen Kriegshelden. Der 
Baum der Menschheit vergisst des 



Der hell'gen Schönheit gegenüber 
Fühl' ich nur tief und tief're Pein, 
Der Seele Strom klagt trüb' und 

trüber, 
Wär'st du wie sie so rein, so rein ! 
AI fr. Meissner, Geständn, Nr. 5b 



Ein jedes W^ort, ein jeder Hirngedanke 

Verzehrt von Theil zu Theil mein 
Wesen, ich 

Verbrenne I Und dies unheilschwangre 
Feuer 

Schürt ein geheimnissvoller Geist viel- 
leicht, 

Dass er erwärme sich an meiner Asche. 
Emmerich Madai, Die Tragödie d. 
Menschen. Uebers. v. A. Dietze. 



Liebe tritt durch sich selbst nicht 
nur aus allen Schranken der Gesell- 
schaft, sondern auch aus jeder Ge- 
richtsbarkeit, bürgerlicher, sittlicher, 
menschlicher, heraus. Sie ist ja ein 
erhöhtes Dasein, das der Moralität 
und des Rechtes nicht bedarf, um zu 
imponiren und sich geltend zu machen, 
sie giebt sich ihre eigenen Gesetze 
und schafft sich selbt beliebig ihre 
rechte Form. 

Dingelstedt, Unter der Erde. 



Wer gründlich weiss die Mitwelt zu 
verheeren, 

Muss unvergesslich zu der Nachwelt 
wandern. 

Wer recht uns peitscht, den lernen 

wir verehren. 

Chamisso. Sage v. Alexandra. 1833. 



Miscellen. 



121 



stillen Gurtners, Jer ilni gepflegt in 
der Kälte, getränkt in der Dürre und 
vor schädlichen Thieren geschützt 
hat ; aber er bewahrt treulich die 
Namen, die man ihm in seine Rinde 
eingeschnitten mit scharfem Stahl, und 
er überliefert sie in immer wachsender 
Grösse den spätesten Geschlechtern. 
H. Heine, Zur Gesch. der neueren 
schönen Lit. in Deutschi. 1833. 

Nicht um dies ganze reiche Eiland, 

nicht 
Um alle Länder, die das Meer umfasst, 
Möcht' ich vor Euch so steh'n, wie 
Ihr vor mir. 
Schiller, Maria Stuart. 

Mein Aug' die nied're Hütte sieht; 
Auf einer Seit' die Mutter spann, 
Summt zu dem Rad manch altes Lied, 
Die Katze stimmt ihr Schnurrlied an. 
Kob. Nico 11, Der Vaterheerd V, 1) 
— 12 (1836), s. Fiedler, Gesch. 
der volksthüml. schottischen Lieder- 
dichtung. Zerbst, 1846. Bd.II. S. 150. 



Mit ihm kommt seine Mutter Königin, 
Als Ate, die zu Kampf und Blut ihn 
treibt. 
Shakespeare, König Johann. 

Fast schwer mag sie die stein'gen 
Strassen dulden, 
Mit zartgefühl'gem Fuss sie zu be- 
treten. 
Shalvcspeare, Heinrich IV, 2. Th. 

Da ergreift's ihm die Seele mit Him- 
melsgewalt, 
Und es blitzt aus den Augen ihm kühn, 
Und er siehet erröthen die schöne 
Gestalt, 
Schiller, Der Taucher, Str. 26. 

Ihre Haarlocken waren soviel Ket- 
ten, welche die tausend Herzen ihrer 
Sclaven fesselten. 

(ReicbardJ Bibliothek der Romane. Ber- 
lin 1781. Bd. VII, S. 260 (Die 
abgeschnittene Nase. Aus dem Ara- 
bischen). 

z. 



Bei Gott, bei Gott, Philipp! ich 
möchte vor keinem Manne so da- 
stehen, wie Ihr jetzt dastehet vor mir, 
und könnt' ich die Würde eines Hei- 
ligen dadurch erlangen! 

Babo, Otto von WittelsOach. 

Es lag einst eine Hütte, 
Wo rings das Leben schlief, 
In dunkler Erlen Mitte 
Am Teiche schwarz und tief. 
— Die Mutter mit der Brille 
Spinnt an dem Rad, das surrt, 
Am Heerde zirpt die Grille, 
Die Wanduhr schlägt und schnurrt, 
v. Sallet, Der Heimathheerd V, 1—4, 
9 — 12 (1840). 



Und in dem Schloss zu Fotheringhay 

sitzt 
Die Ate dieses ew'gen Kriegs, . . 
Schiller, Maria Stuart. 

Muss sie den zärtlich weichgewöhnten 
Fuss 

Nicht auf gemeinen rauhen Boden 
setzen ? 
Schiller, Maria Stuart. 

Da ergreift's ihm die Seele mit All- 
gewalt, 
Ihm dünkt so lieblich die süsse Gestalt. 
A. Oehlenschläger, Helge. Uebers. 
V. Gottfried v. Leinburg. Leipz. 1865. 
(12. Romanze. Die 3 Schneereiter.) 

Die schöne Locke, dieses seidne Haar 
Verfallen schon den finstern Todes- 
mächten 
Gebrauch's, den Sclaven ewig zu um- 
flechten. 
Schiller, Maria Stuart. 

A. K, 



122 Miscellen. 

Französische Sonette in deutsche Oden urasjedichtet. 



'ö^ 



Tu mourras, par le temps arretee en ton cours, 
Tu mouiTas, vieille terre, avec tes mers profondes, 
Avec tes monts chenus et tes bois et tes oudes, 
Oü ton Souffle au printemps rechauffe tant d'amours! 

Tu mourras, roi du ciel, brillant flambeau du jour, 
Et la nuit reprendra les champs que tu fecondes! 
Vous tous, astres, soleils, peupie intini des mondes, 
Vous mourrez, vous mourrez ! . . . moi, je vivrai toujours ! 

D'oü viendrait donc en moi cette soif de la vie, 
Et de mes fiers pensers l'ardeur inassouvie, 
Si l'espace a mon vol ne devait pas s'ouvrir? 

En vain, dans le tombeau, mon Corps va se dissoudre; 
En vain, espoir des vers, il rentre dans la poudre: 
Q'importe le tombeau? ... Je ne veux pas mourir! 



2. 

En vain nous vieillissons, la terre est toujours belle, 
En hiver, sous la neige, au printemps, sous les fleurs, 
Sous sa robe d'automne aux changeantes couleurs, 
Sous sa couronne d'or que l'cte renouvelle. 

Fiere des sucs puissants qui conflent sa mamelle, 
Elle semble nous dire, insensible ä nos pleurs, 
Que rien ne dure en nous, excepte nos douleurs, 
Que nous allons mourir et qu'elle est immortelle. 

Dans le nombre des jours, un jour pourtant viendra, 
Jour fatal oü la vie en ses flancs s'eteindra, 
Oü rien ne sera plus de ses oeuvres fecondes, 

Si ce n'est cet essaim par la mort disperse, 
Ces atomes chetifs, ces riens — plutot oes mondes, 
Qui ne pouvaient perir, puisqu'ils avaieut pense! 



Ün a bien admire, bien decrit, bien vante 
L'incarnat de la rose et le velours des peches; 
Bien des chants ont terni, phrases vides ou seches, 
De ces presents du ciel la naive beaute. 



Miscellen. 123 



Französische Sonette in deutsche (3clen umgedichtet.*) 

1, 

Einst, alte Erde, musst du vergeh'n in Nichts — 
Mit deinen tiefen Meeren vergeh'n musst du 
Und deinen Bergen, Wiildern, Strömen, 
Welche von Keimen des Lebens schwollen. 

Vergeh'n auch musst du, himmlische Sonne einst 
Und Nacht die Felder decken, die du beglüh'st, 
Und all ihr Sonnen und ihr Welten 
Werdet vergehen — doch ich bin ewig! 

Umsonst nicht lechzt nach Leben die Seele mir, 
Umsonst nicht flammt mir stolzer Gedanken Gluth: 
Dem ungestümen Flug des Geistes 
Muss ein unendlicher Raum sich öffnen. 

Hinsinken mag des Leibes Geräth mir einst. 
Zum Staub der Staub sich legen, mich schreckt es nicht; 
Mit dieses Wortes Feuer trotz' ich 
Gruft und Verwesung: Ich will nicht sterben! 



Wohl altern wir, derweil in des Lenzes Duft, 
In Sommers Ghithen, unter des Herbstes Gold, 
Wie in des Winters Silberschmucke 
Jugendlich bleibt die Natur und reizend. 

Kraftstrotzend, überschwillenden Busens, taub 
Dem grossen Leid der Sterblichen, predigt sie: 
„Ich war, ich bin und bin auch künftig, 
Aber ihr Guten, ihr geht zum Tode!*' 

Doch glaubt dem Dichter: kommen wird einst der Tag, 
Da ihrer Lenden Kräfte zerrinnen, da 
Die tausend Kinder ihrer Liebe 
Mit der verwelkenden Mutter sterben. 

Dann wird von allem Erdegeborenen Nichts 
Mehr da sein, als der Sterbliche, den der Tod 
Nur quälte und nicht tödten konnte, 
Weil er allein im Gedanken lebte. 

3. 

Wohl haben tausend wonnige Weisen schon 
Den Reiz besungen sonniger Sommertrift, 
Auch tausend Liedchen, leer und ledern, 
Haben die Liebliche angeleiert; 



*) Diese Umdichtungen bieten schon insofern ein specielleres Interesse, 
als auch bei so ausgesprochener Freiheit in Text- und Formbehandlung der 
Geist des Originals in ihnen treu bewahrt erscheint. 

Red. 



124 Miscellen. 

Toujours pourtant vos selns, 6 fleurs de volupte, 
Toujours vos doux parfums, toujours vos couleurs fraicbes, 
Tant que Tardent Phebus vous dardera ses fleches, 
Inspireront des vers au pocte enchante. 

l^'honime dans ses fureurs pourra fauclier les villes, 
Et, pour mieux s'egorger laissant ses chanips steriles 
N'y semer que des morts, päture des vautours: 

Jusqu'h, l'heure supreme ou finiront les choses, 
Sur le sol devaste, sur les debris des tours, 
Le souffle du printemps fera fleurir les roses. 



Je ne veux point franchir, 6 profonde Nature, 
L'invincible limite oü s'enferment mes sens, 
Et sur tes grandes voix, sur les divins accents, 
Jeter d'un vers orne l'orguoilleuse imposture. 

Ce que chantent les eaux sous leur verte ceinture, 
Ce que disent des bois les rameaux f'remissants, 
A le bien exprimer les mots sont impuissants, 
Et seule, devant Dieu, l'ame en fait sa päture. 

J'ai voulu, dans ces jours oü brüle en nous la foi, 
Ouvrir ton vaste flanc et nie plonger en toi, 
Prenant pour de la force une ardeur infinie. 

Plus sage maintenant, j'attends le calme au front 
Et l'esperance au coeur, l'heure ä jamais benie 
Oü ton volle et le mien entre uous tomberont! 



D'autres t'accuseront, morne et froide vieillesse, 
De tuer le plaisir, d'effacer la beaute, 
D'eteindre, en les touchant de ton souffle empeste, 
Le Corps par la douleur, l'äme par la tristesse. 

Ils diront tes degoüts, tes langueurs, tes faiblesses, 
Ton esprit amoindri, ton coeur desenchante, 
L'int^ret, ton dieu, l'or, ta seule volupte, 
Ta bouche enfin raillant tes reves de jeunesse. 

Moi, ce qui nie repousse en toi, spectre grondeur, 
Ce n'est pas ton ennui, ce n'est pas ta laideur, 
Ni ces menibres treniblants sous une tete grise: 

C'est que le nialheureux que ta niaiu vient fletrir, 
Oubliant desorniais l'eternite promise, 
Öe cramponne ti la vie et ne veut pas mourir. 



Miscellen. 125 



Und dennoch wird des Sangs und Geleiers nicht 
Ein Ende drum, so lange noch Rosen blühen 
Und Menschenblicke trunken schweifen 
Ueber die Wunder der bunten Erde. 

Und ob in tollem Hader die Menschen sich 
Entzwei'n, mit Feuer tilgen ihr' Hab' und Heim 
Und mörd'risch auf die grause Wahlstadt 
Leichen zum Frasse der Geier säen: 

Bis dass der Tage letzter am Himmel flammt 
Wird noch aus todtem Aschenhaufen und Schutt, 
Und aus zerstampftem Blutgefilde 
Hosen erwecken der Hauch des Lenzes. 



Die Räthseltiefe, die du, o Sphinx Natur! 
In deinem Urgrund menschlichen Sinnen beutst, 
Sie überfliegt auch nicht im Hochflug 
Eines vermessenen Poeten Singsang. 

Was deine Wasser rauschen im Silberstrom, 
Was deine Winde flüstern im Blättermeer, 
Die stumme Seele nur durchschauert's, 
Spottend der stammelnden Menschenrede. 

Einst mit der Jugend feurigem Ungestüm 
Umbublt' ich fühlend, forschend dein grosses Herz 
Da, vor der Riesin jäh erstarrend, 
Schwand mir das eigene Herz ins Nichts hin. 

Doch heute nicht mehr: heiter und ruhevoll 
Harr' ich der Stunde, die mir gewisslich kommt, 
Da meiner Sinne Schranken fallen 
Vor dem entschleierten Gottesbilde. 



Dich, rauhes Alter, mögen wohl Andre schmäh'n, 
Dass du die Luft vergiftest, die Schönheit raubst, 
Dass du den Leib mit ekeln Schwächen 
Und mit Betrübniss die Seele heimsuchst. 

Dir mögen Andre schelten den Ueberdruss, 
Den schlafengeh'nden Geist, das enttäuschte Herz, 
Den Geiz, die arme Klugheit, die da 
Spottet der eigenen Jugendträume. 

Doch ich, ich grolle wahrlich darum dir nicht. 
Du grämlicher Geselle ; mir hat noch nie 
Gegraut vor deinem fahlen Antlitz, 
Noch vor den zitternden Greisengliedern — 

Das aber macht vom Grunde dich mir verhasst 
Dass manch Elender, den du darniederbeugst, 
Verheissener Ewigkeit vergessend, 
Jammernd sich klammert ans Endchea Leben. 



126 Miscellen. 



Non, mon vol n'ira pas se perdre dans la nue; 
Not», je ne suis pas un de ces monstres de Fair 
Que Dieu fit pour le meurtre et dont le bec de fer 
Plonge avec joie au flanc d'une victime nue! 

Qu'ils regnent sur la cime oü leur serre crochue 
Ne retourne jamais sans un lambeau de chair : 
Pour moi, je ne vis pas des pleurs, du deuil amer, 
Je suis Toiseau qui chante et non l'oiseau qui tue. 

Apres un long travail, si je puis chaque soir 
Rapporter, le coeur pleiu de tendresse et d'espoir, 
Ce qu'il faut pour calmer la faim de ma couvee, 

Cache dans l'humble nid oü le bonheur m'attend, 
Oubliant le vautour et son aire elevee, 
Je benis le Seigneur et m'endors en chantant. 

Edmond Arnould. 



Berichtiguno; eines alten Versehens in Schiller's Wallenstein. 

In den Piccolomini IV, 4 v. 2033 muss es jeden nicht ganz gedanken- 
losen l^eser befremden, aus dem Munde Terzky's die Worte zu hören: 

AVo ist der Kellermeister? 
Lass aufgeh'n, was du hast! die besten Weine! 
Heut' gilt es. Unsre Sachen stehen gut. 

Die Situation ist diese. Das Bankett, bei dem sich Wallenstein's Ver- 
traute der völligen Ergebenheit der Generale versichern und ihre Unterschrift 
erschleichen wollen, hat einen für ihre Absichten höchst günstigen Verlauf 
genommen. „Ich denk', wir haben sie," sagt lllo zu Terzky. Zu guter 
l^etzt erklärt noch Buttler, dass der Fürst unter allen Umständen auf ihn 
rechnen und seine Treue auf jede beliebige Probe stellen dürfe. 

Jetzt gilt es, die Gäste warm zu erhalten und der „cordialen" Stimmung 
nachzuhelfen; Terzky, der das Bankett giebt, wird also dem Kellermeister 
die nöthigen Anweisungen ertheilen müssen. Er fragt nach ihm, aber der 
Kellermeister, der im Hintergrunde der Bühne beschäftigt ist, hat merk- 
würdiger Weise kein Ohr für die Aufträge seines Gebieters; erst im näch- 
sten Auftritte, als Terzky und lllo sich bereits zu ihren Gästen zurückbegeben 
haben, kommt er, und zwar in einem Gespräche mit Neumann begriffen, in 
den Vordergrund. Die Ausdrucksweise Terzky's ist mit dem feinen Sprach- 
gefühle des Dichters wenig vereinbar. „Lass aufgeh'n (consumere, synonym 
mit „verthun"), was du hast," sagt man richtig zu dem Besitzer einer Sache, 
aber nicht zu dem blossen Verwalter derselben. Noch auffälliger ist, dass 
und wie Terzky seinen Auftrag motivirt. Denn als eine Motivirung könnten 
die Worte: „Heut' gilt es. Unsre Sachen stehen gut" nur angesehen wer- 
den, wenn sie überhaupt einen Sinn haben sollen. Terzky wird durch diese 
Worte nicht etwa seine Verschwendung vor sich selbst oder gar vor lllo 
rechtfertigen wollen; also vor dem Kellermeister. Selbst zugegeben, dass 
er dies seinem Untergebenen gegenüber nöthig hätte, so müsste er doch 
mit diesem auf einem sehr vertrauten Fusse stehen, um es in dieser Form 



Mlscellen. 127 



6. 



Nein, nie verliert mein Flug in die Wolken sich, 
Nie jenen Luftbewobnern gesell' ich mich, 
Die die Natur zum Morden schuf, die 
Jäh überfallen ihr wehrlos Opfer. 

Nach ihrem Horste mögen sie Tag um Tag 
Auffliegen, ihrer blutigen Beute froh — 
Ich lebe nicht von Blut und Schrecken: 
Sänger, nicht Räuber bin ich geboren. 

Gönnt mir das Glück, allabendlich friedevoll 
Heimkehrend, mit dem sauer erworb'nen ßrod 
Die lieben Schnäblein vollzustopfen, 
Welche mir fröhlich entgegenzwitschern, 

Im trauten Nest geborgen zu sein, wo mich 
Die Liebe pflegt und leichtlich vergessen lässt 
Des Geiers in den Aetherhöhen — 
Preis' ich mein Loos und entschlafe singend. 

Otto Sutermeister. 



thun zu können. Ja, der Kellermeister müsste, um seinen Herrn überhaupt 
nur zu verstehen, in dessen Pläne eingeweiht sein, ^as Niemand annehmen 
wird. 

Alle diese sachlichen und sprachlichen Bedenken würden sofort gehoben 
sein, wenn man sich zu der Annahme entschliessen wollte, dass man es hier 
mit einem nach der kurz vorher geschehenen Erwähnung Terzky's leicht 
erklärlichen lapsus calami des Dichters zu thun hat, und dass die fraglichen 
Worte nicht Terzky, sondern II lo gehören. 

Dieser ist die eigentliche Seele des Anschlages auf die Treue der Gene- 
rale. W^ie er den Betrug mit der Eidesformel eingefädelt hat, so hat er 
auch am meisten Grund, sich über den guten Verlauf der Sache und über 
die überraschende Erklärung Buttler's zu freuen und dieser Freude Ausdruck 
zu geben. Ihm liegt es auch weit näher, als dem nüchternen Terzky, das 
Weitere von der qualitativen und quantitativen Wirkung des Weines zu er- 
warten, einer Wirkung, für deren Trefl'lichkeit er selbst nachher den besten 
Beweis liefert. „Wo ist der Kellermeister?" ruft er, d. h. jetzt müssen wir 
unverzüglich den Kellermeister instruiren; denn sein Freund Terzky habe, 
so meint er, allen Grund, aufgehen zu lassen, was er habe. So erst hören 
diese Worte auf, sprachwidrig zu sein, und so erst ist es zu verstehen, wenn 
motivirend hinzugefügt wird: „Unsre Sachen stehen gut." 

Von der Richtigkeit der vorgeschlagenen Aenderung überzeugt, würde 
ich, auch wenn die Stichhaltigkeit der dafür aufgeführten Gründe mit Erfolg 
bekämpfe würde, mich freuen, durch Anregung der Discussion wenigstens 
zur Aufklärung der i-äthselhaften Stelle Anlass gegeben zu haben. 

Liegnitz. B r o s i n. 



„Damit will nicht gesagt werden." 

Es erben sich nicht allein Gesetz und Recht, sondern auch Sprachfehler 
wie eine ewige Krankheit fort. Mag man dagegen sagen, was man will, die 



128 Miscellen. 

Stimme verhallt im Winde, und es bleibt beim Alten. Zu den sinnlosesten 
Sprachfehlern, die aber ganz gang und gäbe geworden sind, gehört die Ver- 
bindung des Hülfszeitwortes Wollen mit passiven Verben in Fällen, wo eine 
Geneigtheit oder Absicht von dem angeblich wollenden Subjecte gar nicht 
ausgesagt werden soll. K. G. Keller hat in seinem deutschen Antibarbarus 
1866 diese verkehrte Ausdrucksweise, die er mit zwanzig Beispielen belegt, 
näher beleuchtet, hat ihre Sinnlosigkeit und Lächerlichkeit nachgewiesen, 
und doch liest man sie überall. Ich gebe Beispiele: Im schwäbischen Mercur 
1876, 138 liest man in einer Correspondenz aus Tübingen: „In der vorigen 
Woche war der altkatholische Pfarrer Uosemann von Constanz hier, um eine 
Taufe vorzunehmen. Es ist gut, dass die Standesbücher nur von Civil- 
beamten geführt werden; sonst hätte es wieder Streitigkeiten gegeben, wie 
vor einigen Jahren, wo ein altkatholisch getauftes Kind vom infallibeln Stadt- 
pfarrer nicht ins Tauf buch eingetragen werden wollte, der Vater aber 
eine Urkunde verlangte, um die Existenz seines Kindes rechtlich nachweisen 
zu können." Offenbarer Widersinn, der als solcher leicht zu erkennen ist, 
weil ein Kind von ein paar Tagen oder Wochen noch keinen Willen hat. 
Wie aber, wenn man liest: „das Paar wollte von dem katholischen Geist- 
lichen nicht getraut werden"? Wollte der Geistliche das Paar nicht trauen, 
oder wollte sich das Paar nicht von ihm trauen lassen? Nach dem einfachen 
Wortlaut wäre das Letztere der Fall; möglich aber, dass der Schreiber das 
Erstere im Sinn hatte. Süddeutscher Schulbote 1876, 12: „Als in Preussen 
durch königliches Decret der Unterschied der Confessionen aufgehoben wer- 
den wollte, so war alsbald der Friede dahin, und der Kampf entbrannte." 
Es muss heissen: aufgehoben werden sollte, oder: als man auf lieben wollte. 
— Beilage zum Schwäbischen Mercur 1876, 162: „Will hauptsächlich den 
Industriellen und Arbeitern die Schuld an der erlittenen Niederlage (bei der 
Ausstellung in Philadelphia) beigemessen werden, so geschieht damit doch 
eine Unbilligkeit. — Es soll hier das über den schädlichen Einfluss der 
socialistischen Agitationen Gesagte nicht widersprochen werden. (Falsche 
Construction von „widersprechen".) Es will hier auch nicht geleugnet 
werden" pp. Man sieht hier klar, wie das allein richtige „soll" von dem 
ganz unrichtigen „will" immer mehr verdrängt wird. Ein Prälat sagt in der 
Kammer, das Recht, welches die Kirche auf die Schule habe, wolle (solle) 
nicht gekränkt werden. Aeltere Beispiele dieser durchaus widersinnigen 
Verbindung sind VVieland XXIV, 291: „Dieser sagte weiter nichts, als dass 
das Verbrechen dem Julius Antonius habe zur Last gelegt werden wollen." 
Strauss, Glaubenslehre II, 21: „Nur von einer Verunreinigung konnten sie 
(die ersten Menschen) abgehalten werden wollen." Der Sinn ist: Nur von 
einer Verunreinigung konnte Gott sie abhalten wollen; statt „wollen" muss 
auch hier „sollen" stehen. Man merkt das Widersinnige, wenn man an die 
Stelle von „Wollen" die Verba „Wünschen" oder „Beabsichtigen" setzt. 
„Damit will nicht gesagt werden" liest man hundertmal, und doch ist es 
grundfalsch. Richtig wäre: Damit wird (von mir) nicht beabsichtigt, zu 
sagen, oder es wird nicht behaupten gewollt. Doch wäre Letzteres undeutsch. 

G. Hauff. 



i 



Die Vermittler des deutschen Geistes 

in 
England und Nordamerika. 



Der romanische Geist war es, der im Mittelalter auf den 
germanischen den nachdrücklichsten und tiefgreifendsten Einfluss 
ausübte. 

Die epischen Erzeugnisse der französischen Poesie bildeten 
die Muster für das Kunstepos in der ersten Blütheperiode der 
deutschen Literatur; die ritterliche Dichtung Frankreichs lieferte 
die Vorbilder für die mittelalterliche Poesie Englands. Die un- 
bedingte Herrschaft des französischen Genius gewahren wir in- 
dess nicht allein in der älteren deutschen und englischen Lite- 
ratur; auch für die deutsche Literatur von Anfang des 17. Jahr- 
hunderts und für die englische von der Restauration der Stuarts 
an bis In die Mitte des 18. Jahrhunderts war Frankreich, 
welches unter Ludwig XIV. das zweite goldene Zeitalter er- 
lebte, massgebend. 

Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird die 
französische Autorität erschüttert; beide germanischen Nationen 
beginnen jählings sich dem romanischen Einflüsse zu entziehen. 

In England wurde man durch Percy's „Ueberreste alter 
englischer Dichtung" (1765), „mit denen lang verschüttet 
gewesene Quellen echter volksthümlicher Poesie wieder auf- 
gegraben wurden"*), und Macpherson's Veröffentlichung der — 



*) A fresh fountain of poetry was opened up — a spring of sweet, tender, 
and heroic thougths and imaginations, which could never be again turned 
back into tlie artificial Channels in which the genius of poetry had been too 
long and too closely confined. Chambers, Cyclopaedia otEuglish Litterature, 
V. II, p. 75. 

Archiv f. n. Sprachen. HX. * 



130 Die Vermittler des deutschen Geistes 

angeblich echten — Lieder Ossians für das Studium der äheren 
Nationaldichtung begeistert. 

In Deutschland wandte sich fast um dieselbe Zeit Lessing 
mit schneidender Kritik gegen die Aesthetik der Franzosen*) 
und Avies mit Nachdruck auf England, besonders auf Shake- 
speare hin. Der Geist des grossen Dritten wurde von dem 
umfassendsten und wohlthätigsten Einfluss auf die deutsche 
Literatur des folgenden klassischen Zeitalters.**) 

In dem Jahrhundert, in dem wir jetzt leben, mächtig und 
gestaltend auf die Völker einzuwirken, war dem deutschen 
Genius vorbehalten. 

Schon seit den Tagen Voltaire's, der damals seine Wür- 
digung der deutschen Literatur und Sprache noch in die höh- 
nischen Worte zusammenfasste: „Ich wünsche den Deutschen 
mehr Ideen und weniger Consonanten" begann der deutsche 
Einfluss auf die französische Literatur sich zu regen. 

Einzelne Werke deutscher Dichter wurden zunächst ins 
Französische übertragen. Lessing's Fabeln wurden 1764 über- 
setzt; ihnen folgten die Uebersetzungen von Goethe's Werther 
1776, Lessing's Dramaturgie 1785, Gessner's Idyllen 1786 
u. a. Von der bedeutendsten Tragweite für das Einströmen 
deutscher Ideen nach Frankreich war das 1813 in London ver- 
öflfentlichte Buch der Frau von Stael „Ueber Deutschland". 

Sie suchte die gegen deutsche Wissenschaft und Kunst 
eingewurzelten Vorurtheile zu verbannen, und der neue von ihr 
ausgestreute Same keimte schon in den nächsten Decennien 
üppig hervor.***) 

In England, das gleichfalls in diesem Jahrhundert an Frank- 
reich, insbesondere an die romantische Schule, Ersatz für das 
erstattete, was es früher empfangen, hielt der deutsche Genius 
den siegreichsten Einzuo;. Es findet in den letzten hundert 



*) Wir erlauben uns hier auf unsere Abhandlung, Lessing's Theorie 
der Tragödie u. s. w. (Berlin 1876) zu verweisen. 

**) Wie die altfranzösische Poesie gewissermassen zum Grundpfeiler für 
unsere mittelalterliche Dichtung geworden ist, so die englische — vorzüglich 
Shakespeare — für unsere neuere. — ^\'i^ verdanken der englischen 
Literatur zuviel, um sie nicht aus diesem Grunde schon immer mehr zu lieben. 
***) Vergleiche: H. Breitinger, die Vermittler des deutschen 
Geistes in Frankreich (Zürich 1876), p. 7 ff. 



in England und Nordamerika. 131 

Jahren , neben der Rückwirkung des germanischen Elements 
auf das romanische, zugleich eine gegenseitige Beeinflussung der 
englischen und deutschen Literatur statt. 

Bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts war Deutsch- 
lands Sprache und Literatur in England gar nicht oder doch 
nur wenig beachtet!*) Zwar kamen schon unter Richard III. 
Banden von deutschen Sängern und Spielleuten nach London, 
von denen Marlowe den Stoff von der deutschen Faustsage 
wahrscheinlich überkommen, doch ist eine tiefere Einwirkung 
des deutschen Geistes auf die englische Literatur noch nicht 
wahrzunehmen. Shakespeare kannte die im „Hamlet" erwähnte 
deutsche Universität Wittenberg nicht mehr als dem Namen 
nach, den er aus Volksbüchern, welche die damals sehr verbreitete 
Sage von Doctor Faust berichteten, geschöpft haben mag**). 

Erst e:eo;en das Ende des 18. Jahrhunderts, nachdem Deutsch- 
land die schönsten literarischen Früchte gezeitigt hatte, beginnt 
der deutsche Geist sich in England Bahn zu brechen. 1792 
wurde Goethe's Werther in London durch Reynolds dramatisirt, 
in demselben Jahre übersetzte Render Schiller's „Räuber", 
1793 erschien Goethe's Iphigenie, 1794 Lessing's Emilia Galotti, 
1795 Kabale und Liebe, 1796 Fiesko, 1798 Don Carlos, 
1799 Schiller's dreissigjähriger Krieg. 

Zugleich machte es sich die „Monthly Review" zur Auf- 
gabe, Abhandlungen über deutsche Schriftsteller zu bringen. 
1798 erschien in derselben (Bd. XXVI) ein kurzer Artikel über 
eine Uebersetzung von Goethe's „Stella", in dem auch „Wilhelm 
Meisters Lehrjahre" erwähnt werden. „The theatrical works of 
Goethe constitute, however", so heisst es mit Bezug auf dieses 
Werk, „his highest claim to celebrity. In the Gothic drama, 
his Godfred of Berlichingen, for the astonishing variety of well- 
drawn characters and the complete delineation of feudal raanners, 
and his Egmont, for the heart- rending pathos of its tender 
scenes and the heroic spirit of freedom which it breathes, may 
-vie with even the best plays of Shakespeare and of Otway. 
In the Grecian drama, his Iphigenia in Tauris and his Tasso 



'*) Macauly, Critlcal and historical Essays, vol. V, p. 8G. 
**) Das 1587 erschienene Frankfurter Faustbuch — der Stammvater der 
Faustliteratur — wurde 1590 ins Englische übersetzt. 



132 Die Vermittler des deutschen Geistes 

will, perhaps, ultimately be preferred to analogous efForts of 
Kacine and Corneille. In bis Faustus, be bas not feared to 
enter tbe precincts of tbe invisible world," Ein anderer Artikel 
entbält die Keurtbeilung einer Uebersetzung von Bürger's „Der 
wilde Jäger", welcbem Essays über Scbiller, Kotzebue u. s. w. 
folgen. Diesem, der deutschen Literatur warmes Lob zollenden 
Organe stand „The Anti- Jacobin Review" schroff gegenüber, 
ein Beweis dafür, dass die in der „Monthly lleview" vertretene 
Richtung bei Aveitem nicht eine allgemeine war. „We are led 
to depreciate", so schreibt sie, „the importation of German 
philosophy and litterature into this country". „Goethe, the 
author of ,the Sorrows of Werther', is one of those literati 
who contribute by their writings to deprave the minds of their 
countrymen." Urtheile dieser Art begegnen wir in ihr fast 
ausschliesslich. 

Richard Brinsley Sherdian brachte einige Lustspiele von 
Kotzebue auf das Theater. „The Stranger", zum Theil von 
Benjamin Thompson übersetzt, wurde 1797 mit grossem Bei- 
fall aufgeführt. Noch grösseren Erfolg erzielte er mit Kotze- 
bue's Lustspiel „Pizarro", das 1799 von ihm für die eng- 
lische Bühne übersetzt wurde. — 

Als ersten Hauptvermittler des deutschen Geistes in Eng- 
land können wir indess erst Walter Scott ansehen. 

In ihm und seinen Anhängern finden wir die eine Haupt- 
richtung der romantischen Schule in Deutschland, die mittel- 
alterlich-nationale vertreten. 

Durch seine Nachbildungen deutscher Romanzen und durch 
die Bearbeitung von Goethe's „Götz von Berlichingen" machte 
er seine Nation auf die reichen Schätze des deutschen Dichter- 
haines aufmerksam. 

Nicht hoch genug: anzuschlao-en ist es, dass von Deutsch- 
land der äussere Anstoss kam, der Scott's „poetische Neigungen 
zur Frucht reifte". Einige Studenten waren zum Studium der 
deutschen Sprache in Edinburgh zusammengetreten, und auch 
Scott war dabei. Die erste Anregung hierzu war von Henry 
Mackenzie, dem Verfasser des Romans „The Man Feeling" 
ausgegangen, der in einem Essay on German Literature auf die 
Wichtigkeit des Gegenstandes hingewiesen hatte. 



in England und Nordamerika. 133 

Scott selbst erzählt mit vielem Humor, dass die jungen 
Leute anfänglich einen gewissen Doctor Willich zum Lehrer 
angenommen hätten, der sie mit Gessner's „Tod Abels" lang- 
weilte, dass man diesem Lehrer untreu geworden und sich auf 
eigene Faust an Goethe, ja Peinige sogar an Kant gemacht.*) 

Im Jahre 1796 veröffentlichte Walter Scott „Wilhelm und 
Hellen", der Bürger'schen Lenore nachgebildet**), und „Der 
wilde Jäger" nach dem gleichnamigen Original desselben Dich- 
ters. 1799 folgte die Uebersetzung von Goethe's „Götz von 
Berlichingen", die eine Fluth von ritterlichen Erzählungen den 
Ursprung gab. 1801 erschien nach einigen selbständigen Dich- 
tungen „Der Feuerkönig" und „Friedrich und Alice", die Nach- 
ahmung eines Bruchstückes von Goethe's „Claudina von Villa 
Bella". 1818 „Die Schlacht bei Sempach" nach einer alten 
Schweizer Ballade ; 1819 „Der edle Moringer", die Ueber- 
setzung einer alten deutschen Ballade, wovon das Original in 
der 1807 von Büsching und v. d. Hagen herausgegebenen 
Sammlung deutscher Volkslieder veröffentlicht war, und endlich die 
entzückende Uebertragung des „Erlkönigs" von Goethe. Da- 
neben lieferte er noch Uebersetzungen von anderen deutschen 
Dichtern, so namentlich von Meier und Iffland, die jedoch nicht 
gedruckt sind. 

Von den Quellen deutscher Dichtung wandte sich Scott 
nationalen zu, wohin er durch das Vorbild der Deutschen, 
welche die üeberlieferungen ihres eigenen Landes poetisch 
bearbeitet hatten, geleitet wurde. Seine späteren Werke: 
„Das Lied des letzten Ministreis", „Marmion", „Die Dame 
vom See", „Rokeby", „Das Hochzeitsfest zu Triermain" u. a. 
sind in der Conception zwar origineller, indess dürften auch 
sie von dem Geiste angehaucht sein, der im Anfang seine Muse 
lenkte. In „Peveril of the Peak" werden wir offenbar an 



*) W. Wagner, The Lady of the Lake (Leipzig 1876), Einleit. S. 5 u. 6. 
**) ,, Es ist ein eigenes Schicksal," bemerkte W. Wagner, „dass es ge- 
rade Bürger's Lenore war, welche Scott zuerst literarisch bekannt machte: 
geht doch die Lenore aller WahrscheinHchkeit nach auf ein englisches Volks- 
lied zurück, und jedenfalls wurde Bürger zu seinen Balladen ursprünghch 
durch die Percy'sclie Sammlung angeregt. Also englisches Metall, durch 
den Schmelztiegel deutschen Geistes getrieben, kommt so wieder nach Eng- 
land zurück!" Vergl. vor. Anm. 



134 Die Vermittler des deutschen Geistes 

Goethe's „Mignon" erinnert, der berühmte Besuch Leicester's 
in „Kenilworth" ist einer ähnlichen Scene von Goethe's „Egmont" 
entlehnt. 

Mit Goethe stand Scott in freundschaftlicher Beziehung; 
die Dichtungen des grossen Deutschen erfüllten ihn mit hoher 
Begeisterung. 1831 gedachte Scott auf seiner Reise, die er zur 
Wiederherstellung seiner Gesundheit unternommen, Goethe zu 
besuchen, und dieser Hess ihn selbst am 10, März 1832 ein- 
laden. Aber die Zusammenkunft kam nicht mehr zu Stande; 
zwölf Tage später hatte das Herz des grössten deutschen 
Dichters aufgehört zu schlagen. 

Scott erfuhr Goethe's Tod in Rom. 

Ehe wir zu einer anderen Gruppe von Dichtern, der See- 
schule, übergehen, in welcher sich die zweite Hauptrichtung 
der romantischen Schule in Deutschland, die naturphilosophische, 
darstellt, haben wir noch Thomas Moore's und Campbell's zu 
gedenken, von denen wenigstens der letztere nicht ohne Einfluss 
auf die Vermittlung des deutschen Geistes in England ge- 
wesen ist. 

Thomas Moore hätte hier füglich übergangen werden 
können, wenn wir nicht sein Hauptwerk, seine romantische Er- 
zählung „Lalla Rookh", die von den orientalischen Forschungen 
der deutschen Romantiker nicht unberührt geblieben, erwähnen 
müssten. In seinen „Irischen Melodien" schlägt er ausschliess- 
lich nationale Töne an ; wir haben nur wenige im Jahre 1818 
verfasste Lieder, in denen er aus deutschen Quellen schöpfte.*) 

Bedeutend mehr trug Campbell zur Verbreitung deutschen 
Lebens und Dichtens in England bei. Nach Vollendung seiner 
Studien auf der Universität Glasgow, ging er im Jahre 1800 
über Hamburg, wo er unter Anderen die Bekanntschaft Klop- 
stock's machte, nach Deutschland. In Baiern, vom Kloster 
St. Jakob aus, war er Augenzeuge der Schlacht bei Hohen- 
linden, in der die Oesterreicher von den Franzosen unter 
Moreau aeschlaeren wurden. In seinem unsterblichen Ge- 

'*) „There comes a time", „When the first summer bee", „Wind thy 
born, my bunter boy", „Keep those eyes still purely mine", „When love is 
kind". Works of Thomas Moore (Leipsic 1833), vol. I und II. Siebe unter 
National Airs. 



i 



in England und Nordamerika. 135 

dichte „Hohenlindeii" entrollt er uns in wenigen treffenden 
Zügen das schauervolle Bild jener Schlacht. 

Wegen des Krieges an seiner Reise nach Italien ver- 
hindert, kehrte er 1801 nach Hamburg zurück, wo er einige 
Wochen blieb und hier auf deutschem Boden seine „Verbannung 
Erins" und „Ihr Matrosen von England" vollendete. 1820 be- 
suchte er noch einmal Deutschland und hielt sich in Wien und 
in Bonn bei seinem Freunde Wilhelm v. Schlegel auf. Seine 
Kenntnisse des Griechischen wurden wesentlich unter Professor 
Heyne gefördert. Im Jahre 1842 veröffentlichte er eine Ge- 
schichte Friedrichs des Grossen und seiner Zeiten und gab zuerst 
den Gedanken zur London University, nach dem Muster der von 
ihm hochgeschätzten deutschen Universitäten. 

Für tieferes Eindrino^en in die Schätze der deutschen 
Literatur und die Vermittlung derselben wirkte die schon 
kurz erwähnte „Seeschule"; in ihr vor Allem Samuel 
Taylor Coleridge. Seine Werke tragen die deutlichen Spuren 
eines liebevollen Studiums deutscher Dichtung und Philosophie. 
Im Jahre 1798 begab er sich, von seinen Freunden Josiah und 
Thomas Wedgewood unterstützt, nach Deutschland, wo er vier- 
zehn Monate zu seiner Ausbildung verweilte. In Ratzeburg 
und Göttinnen widmete er sich dem Studium der deutschen 
Sprache und Literatur und in der letzten Stadt vorzüglich 
wurde er für Kant's Philosophie begeistert, deren tiefsinnige 
Ideen er später nach England hinüberführte. Daneben studirte 
er das Gothische, den Ulfilas, Otfried, die Minne- und Meister- 
sänger und Hans Sachs. Auch mit der neueren Literatur 
war er innig vertraut, mit Klopstock, Herder, Lessing und 
Schiller, weniger mit Goethe, den er nur im „Table -Talk" er- 
wähnt. Manches entlehnte er den geringeren deutschen Dich- 
tern, besonders Matthison, Stolberg und Friederike Brun. Co- 
leridge's „Hymn to the Earth" ist nach Stolberg's „Hymne an 
die Erde" geschaffen, die fünf letzten Zeilen von „Fancy in 
Nubibus" sind der Hymne „An das Meer" entnommen. Die 
„Catullian Hendecasyllables" ist eine Uebersetzung von Mat- 
thison's „Milesisches Märchen", seine „Hymn before Sunrise" 
verdankt er Friederike Brun, das Metrum von „Christabel" 
den älteren deutschen Epen. 



136 Die Vermittler des deutschen Geistes 

Im Jahre 1800 kehrte er, ausgerüstet mit tüchtigem 
Wissen und den schönsten Eindrücken, nach England zurück. 
In demselben Jalire veröffentlichte er eine metrische Ueber- 
setzung von Schiller' s „Wallenstein". Für Schiller fühlte 
Coleridge die wärmste Verehrung; seine Bewunderung für ihn 
hat er in ein herrliches Sonett ergossen. Mächtiger als von 
Schiller wurde Coleridge von den Romantikern beeinflusst. Viele 
seiner Balladen und Oden sind angehaucht von dem Geist dieser 
Dichterschule. Durch sein bedeutendstes Werk „ Christabel "', 
ferner „Der alte Seemann", „Kubla Khan" und das Liebes- 
gedicht „Die dunkle Dame" zieht sich der Zauber zarter Ro- 
mantik. 

Seine in späteren Jahren angegriffene Gesundheit suchte er 
In dem Lande zu kräftigen, an dem er mit voller Begeisterung 
hing. 1828 reiste er den Rhein hinauf; sein Gemütli erhielt 
die erhebendsten Eindrücke, aber sein Körper blieb gebrochen. 

Der zweite Stern der „Seeschule", William Wordsworth, 
war gleichfalls, wenn auch in geringerem Grade als Coleridge, 
als Vermittler des deutschen Geistes in England thätig. Wäh- 
rend seiner Ferienzeit auf der Universität Cambridge, die er, 
um Theologie zu studiren, im Jahre 1785 bezogen hatte, unter- 
nahm er eine längere Fussreise auf dem Continente, deren 
Früchte er im Jahre 1793 veröff'entlichte. 1798 reiste er mit 
seiner Schwester nach Deutschland, wohin auch Coleridge 
gegangen war. „Beide," bemerkt Scherr*), „trieb das Ge- 
fühl der Stammverwandtschaft, sich mit unserer Sprache und 
mit unseren Sitten, unserem Gedankenleben und unserer Lite- 
ratur näher bekannt zu machen, und dieser Aufenthalt der 
Freunde unter uns ist ohne Frage ein bedeutendes Glied 
in der Kette von Erscheinungen geworden, welche die lite- 
rarische Bewegung Deutschlands und Englands zu gegen- 
seitiger Förderung mit einander enger als bis dahin zu ver- 
binden anfing und seither in lebhafter Wechselwirkung gehalten 

hat «Zur Zeit als die beiden Lakers auf deutschem 

Boden weilten, begründete die aus Fichte hervorgegangene Natur- 
philosophie Schelling's ihre Herrschaft im Reiche des deutschen 

*) Johannes Scherr, Geschichte der engl. Literatur (Leipzig 1874), S. 188. 



in England und Nordamerika. 137 

Geistes. Wie alle Einpf.lnglichcn , wurden auch Wordsworth 
und Coleridge von dieser Erscheinung ergriffen, welche für die 
Naturwissenschaft eine neue Epoche herbeiführte. Nach Eng- 
land zurückgekehrt, machten sie in ihrer Weise naturphiloso- 
phische Propaganda, d. h. sie brachten in die englische Poesie 
einen pantheistischen Zug. Die belebte und unbelebte Schöpfung 
gestaltete sich in ihren dichterischen Anschauungen zu einer 
grossen Harmonie, deren kleinste wie grösste Theile durch ge- 
heimnissvolle Bande mit der göttlichen Weltseele verbunden 
waren, so zwar, dass die intellektuelle und sittliche Kraft in 
Millionen von Adern durch den physischen Organismus rollend 
gedacht und mittels mystischer Symbolisirung die moralische 
Welt der Gefühle und Leidenschaften auf die 2:anzc gegen- 
ständliche Natur übertragen wurde." 

Wordsworth blieb mehrere Monate in Goslar, dem Studium 
der deutschen Sprache und Literatur hingegeben. „Lucy 
Gray", „The Two April Mornings", „The Poet's Epitaph", 
„The Fountain", „Nutting", „She Dwelt among the Untrodden 
Ways", „Ruth" u. a. entstammen dieser Zeit, 

In „Ellen Irwin" finden wir das Versmass von ßürger's 
„Lenore" wieder mit dem geringen Unterschiede, dass in Words- 
worth's Gedicht die erste und dritte Zeile nicht reimen. Der 
Stoff zu „The Seven Sisters" ist einem Gedichte von Friederike 
Brun „Die sieben Hügel" entnommen. Seine grösste Schöpfung 
„Der Ausflug"*), welche 1819 erschien, erinnert lebhaft an 
Schiller's „Spaziergang". 

Seltsam übrigens ist Wordsworth's Urtheil über Goethe, 
von dem er glaubt, dass er in England sowohl als auch in 
Deutschland bei weitem überschätzt würde. 

Auch Robert Southey, der als Vertreter der „Seeschule" 
hier noch zu nennen ist, bHeb nicht ohne Einfluss auf die Ver- 
breitung deutscher Ideen in England. Bei Ihm zeigt sich 
gleichfalls ein liebevolles Eingehen In die Erzeugnisse unserer 
Literatur. 

Sein Gedicht „Bischof Hatto", auf deutscher Sage be- 



*) Das ganze Werk betitelte Wordsworth „Tho recluse". Es zerfallt 
in die beiden Abthcilungeu: „Kxcursiou" und „The white doe uiKylstone." 



138 Die Vermittler des deutschen Geistes 

ruhend, ist in England fast ebenso bekannt wie das von 
Kopisch in Deutschland. 

Byron, gewissermassen die Verkörperung der Werther'schen 
Sensibilität, ist vielfach von deutschem Wesen durchdrungen. 
Goethe wirkte auf ihn am mächtigsten ein. Childe Harold, wo- 
von 1812 nach einer Reise auf dem Festlande die beiden ersten 
Gesänge erschienen, ist ganz von dem „contemplativen Charak- 
ter der Deutschen". Der dritte Gesang war die Frucht einer 
neuen Reise, die er 1816 mit Shelley in die Schweiz unter- 
nahm. Der Rhein, den die beiden Freunde aufwärts fuhren, 
wird in demselben in Versen voller Schönheit gepriesen. 

In der Schweiz traf Byron mit der für deutsche Literatur 
begeisterten Frau von Stael zusammen; au den Ufern des 
Genfer Sees studirte man eifrig ihre Schätze.*) 

In Venedig wurde „Manfred" vollendet, worin uns die 
Idee von Goethe's „Faust" entgegentritt. „Eine wunderbare, 
mich berührende Erscheinung," schreibt Goethe**), „war mir 
das Trauerspiel , Manfred' von Byron. Dieser seltsame, geist- 
reiche Dichter hat meinen Faust in sich aufgenommen, und, 
hypochondrisch, die seltsamste Nahrung daraus gesogen. Er 
hat die seinen Zwecken zusagenden Motive auf eigene Weise 
benutzt, so dass keins mehr dasselbige ist, und gerade desshalb 
kann ich seinen Geist nicht genugsam bewundern. Diese Um- 
bildung ist so aus dem Ganzen, dass man darüber und über 
die Aehnlichkeit und Unähnlichkeit mit dem Vorbild höchst 
interessante Vorlesung halten könnte, wobei ich freilich nicht 
leugne, dass uns die düstere Glut einer grenzenlosen, reichen Ver- 
zweiflung am Ende lästig wird. Doch ist der Verdruss, den man 
empfindet, immer mit Bewunderung und Hochachtung verknüpft." 

Dass namentlich die erste Scene von „Manfred" der 
von Goethe's „Faust" ähnlich ist, unterliegt keinem Zweifel; 
indess, so scheint es uns, ist von Goethe, wie von Anderen, die 
Einwirkung des „Faust" auf „Manfred" vielfach überschätzt 



*) Hier, während einer regnerischen Woche, erzählt Moore, kamen 
Byron, Herr und Frau Shelley überein, eine deutsche Gespenstergeschichte 
zu schreiben. Frau Shelley war es, welche das trefflichste Werk zu Tage 
forderte, den „Frankenstein", welcher 1817 veröffentlicht wurde. 

**) Auswärtige Literatur und \'olkspoesie. Goethe's Werke (Leipzig, 
Wien. Tescben 1870), Bd. 5, S. 814. 



in England und Nordamerika. 139 

worden. Byron selbst äussert: „His Faust 1 never read for 
1 don't know German; but Matthew Monk Lewis, in 1816, at 
Coligny, translated raost of it to me vivä voce, and I was 
naturally inuch Struck with it; but it was the Steinbach and 
the Jungfrau more than Faustus, that made me write Manfred." 

Und in einem Briefe an Murray, datirt 23. October 1817, 
bemerkt er, nachdem er zuvor von Marlowe's „Doctor Faust" 
gesprochen: „An American who came the other day from Ger- 
many told Hole-house that Manfred was taken from Goethe's 
Faust. The devil may take both the Faustuses, German and 
English, — I have taken neither." Beeinflusst wurde „Man- 
fred" jedoch immerhin von Goethe's Schöpfung; Avenn auch im 
höheren Grade von Chateaubriand's „Rene". „Manfred sucht 
wie Rene die Vergessenheit und Ruhe, nicht unerschöpfliches 
Wissen wie ,Faust'." 

Im Jahre 1821 wurde ,,Kain" in Ravenna geschrieben; er 
ist der „zum Titanen potenzirte Manfred". Die historische Tra- 
gödie, ,Sardanapalus" widmete Byron Goethe in demselben Jahre.*} 

„The Deformed Transformed" ist offenbar unter dem Ein- 
fluss von Goethe's „Faust" entstanden; Byron selbst erklärt in 
der Einleitung, dass Manches dem ,, Faust" entlehnt sei. Er 
war zwar selbst nicht im Stande, das Original zu lesen, doch 
hatte er sich durch Uebersetzungen mit dem Gegenstande 
innig vertraut «remacht. Die Aehnlichkeit zwischen dem An- 
fang von „The Bride of Abydos" und dem von Goethe's 
„Mignon" ist handgreiflich. 

In dem Trauerspiel ,, Werner" hat Byron den Deutschen 
ein schönes Denkmal gesetzt. 

Goethe selbst war für „seinen unübertroffenen Zeitgenossen" 
von Hochachtun<2; durchdrungen und von dem theilnehmendsten 
Gefühl belebt. ,,Gewis?," schreibt er, ,, diese Nation, die sich so 
vieler grossen Namen rühmen darf, wird ihn verklärt zu denjenigen 
stellen, durch die sie sich immerfort selbst zu ehren hat."**) 



*) Unter den Worten : To the illustrous Goethe. A stranger presunies 
to ofi'er the homage of a literay vassal to hIs liege Lord, the first of exist- 
ing writers, who has created the llterature of his own country and illustrated 
that of Europe." 

■•'■•^■) Auswärtige Literatur und V^olkspoesie, S. 818. 



140 Die Vermittler des deutschen Geistes 

Auch Schiller ist nicht ohne Einfluss auf Byron geblieben. 
,,Wie durch Schiller's Werke die Idee der Freiheit durchge- 
führt ist, so auch durch Byron's, nur dass sie der Letztere, gleich- 
sam auf magischem Wege, zu erhaschen strebte, Avährend Schiller 
es auf dem Wege des Forschens und der tu2;endhaften Selbst- 
Verleugnung erreichen wollte." 

Shelley ist bereits genannt. Wie sein Freund Byron mäch- 
tige Einwirkungen von dem deutschen Genius empfing und 
deutsche Ideen in England vermittelte, so auch dieser früh 
verunglückte Dichter. „Die Kühnheit deutscher Speculation 
arbeitete in ihm." Seine Gedichte sind angehaucht von dem 
Geiste, der in Schiller's Gedichten früherer Periode weht. Von 
Goethe's ,, Faust" übersetzte er Bruchstücke; im „Prometheus", 
der an Goethe's Schöpfung erinnert, hat er sein eigenstes 
Selbstbekenntniss niedergelegt. 

Wir können die erste literarische Periode des 19. Jahr- 
hunderts nicht verlassen, ohne Felicia Dorothea Hemans hier 
einen Platz als einer eifrigen Freundin und auch Vermitt- 
lerin der deutschen Sprache und Literatur zu gewähren. „Ihre 
lyrischen Gedichte erinnern an jene deutsche Gesangszeit, wo 
ein Gedicht dem Dichter noch ganz aus der Seele floss, wo es 
Wahrheit der Empfindung war, Avas es ausdrückte. Gedanken- 
reichthum und lyrische Kraft, sowie eine gefällige Form, zeichnen 
ihre Dichtungen aus, und machen sie denen von Hölty ähnlich. " 

In ihrem „Körner's Grab" hat sie unsern Helden und 
Sänger in schöner Weise besungen. — 

Auch der zahlreichen Revueen und Magazine müssen Avir 
noch gebührend Erwähnung thun, in denen eine Fülle trefflicher 
Aufsätze und Essays über deutsche Dichter und Gelehrte, über 
poetische und prosaische Werke Aufnahme fanden. Sie sind 
die Organe, welchen vor Allem ein weiterer auch auf das Volk 
sich erstreckender Einfluss zuzuschreiben ist und die einer um- 
fassenden Kenntniss mit deutschem Leben unaufhörlich nach 
allen Seiten r)ahn brechen. 

Wir nennen nur die 1809 gegründete Quarterly Review, 
Blackword's Magazin, gegründet 1817, die Westminster Re- 
view, gegründet 1825, die Edinburgh Review, gegründet 1828, 
die Zeitgenössische Review und die Foreign Review. „In den 



lii England und Nordamerika. 141 

Edinburgher Zeitschriften," bemerkt Goethe*) im Jahre 1828, 
„vorzüglich in denen, welche eigentlich fremder Literatur ge- 
widmet sind, finden sich nun (ausser den schon genannten deut- 
schen Autoren) auch Ernst Schulze, Klingemann, Franz Hörn, 
Zacharias Werner, Graf Platen und manche andere. . . . 
Höchst wichtig ist bei dieser Gelegenheit zu bemerken , dass 
sie eigentlich ein jedes Werk nur zum Text und Gelegenheit 
nehmen, um über das eigentliche Feld und Fach, sowie als- 
dann über das besondere Individuelle, ihre Gedanken zu er- 
öffnen und ihr Gutachten meisterhaft abzuschliessen." — 

War man in den ersten dreissig Jahren des 19. Jahrhun- 
derts zum Studium der deutschen Literatur und Sprache mäch- 
tig angeregt, so wurde in der Periode, die wir als das Zeit- 
alter der Königin Victoria bezeichnen, das Uebersetzen deut- 
scher Geisteserzeugnisse bald zu einer Modesache. 

Der Kreis der sich in deutsches Dichten und Denken Ver- 
senkenden erweiferte sich unaufhörlich. 

Englands Dichtung, Philosophie, Theologie und Geschichts- 
schreibung gaben sich dem Einströmen deutscher Ideen hin. 
Fast jedes Gebiet verdankte dem deutschen Genius, der seine 
Schwingen immer freier hob, die reichste Belehrung. 

Wohl Keiner hat in den letzten vierzig Jahren nachhaltiger 
für das Ueberführen deutschen Wissens auf englischen Boden 
gewirkt als Thomas Carlyle. 

Beseelt von hoher Bewunderung für deutsche Dichtung, 
eingeweiht in die reichen Schönheiten derselben und ausgerüstet 
mit umfassender Kenntniss unseres öffentlichen und socialen 
Lebens, hat er seinem Lande in erfolgreichster Weise unsere 
Literatur vermittelt. 

Goethe war der Gegenstand Carlyle's besonderer Verehrung. 
Er eröffnete seine literarische Thätigkeit mit einer Ueber- 
setzung von „Wilhelm Meister" (1824). In der Einleitung be- 
klagt Carlyle die Unwissenheit seiner Landsleute in Betreff 
der neueren deutschen Autoren und besonders die Ungerechtig- 
keit, mit welcher Goethe beurtheilt worden sei. 

Im Jahre 1825 folgte sein „Leben Schiller's", „ein für den 



*) Auswärtige Literatur und Volkspoesie, S. 822. 



142 Die Vermittler des deutschen Geistes 

Sieg des deutschen Geistes in England wahrhaft epochemachen- 
des Buch". „Von dieser Biographie," schreibt Goethe, ,,wäre 
nur das Beste zu sagen; sie ist merkwürdig, indem sie ein genaues 
Studium der Dichtungen unseres Freundes bezeugt und eine 
innige Theilnahme an denselben aus diesem Werke hervorgeht. 
Bewunderungswürdig ist es, wie sich der Verfasser eine ge- 
nügende Einsicht in den Charakter und das hohe Verdienst 
dieses Mannes verschafft, so klar und so gehörig, als es kaum 
aus der Ferne zu erwarten gewesen." Dem „Leben Schiller's" 
folgten 1827 der zweite Theil von Wilhelm Meister, „Die 
Wanderjahre", und Abhandlungen über Goethe und seine Werke, 
über das Leben des Professors Heyne in Göttingen, über Jean 
Paul, Luther, das Nibelungenlied, über die deutsche Literatur 
des 14. und 15. Jahrhunderts, Reflexionen über Goethe's Tod 
u. 8. w. 1827 gab er German Romance in vier Bänden heraus, 
,,wo er aus den Erzählungen deutscher Schriftsteller, als 
Musäus, La Motte Fouque, Tieck, HofFmann, Jean Paul und 
Goethe heraushob, was er seiner Nation am gemässesten zu sein 
glaubte." 

Mit Goethe war Carlyle persönlich bekannt geworden und 
durch Bande der Freundschaft eng vereint. 

Am 22. December 1829 schrieb er an ihn: ,,Es wird Ihnen 
angenehm sein zu hören, dass die Kenntniss und Schätzung 
der deutschen Literatur sich mit wachsender Schnelle ver- 
breitet, so weit die englische Zunge herrscht, so dass bei den 
Antipoden, selbst in Neuholland, die Weisen Ihres Landes ihre 
Weisheit predigen. Ich habe kürzlich gehört, dass sogar in 
Oxford und Cambridge, unseren beiden englischen Univer- 
sitäten, die bis jetzt als die Haltepunkte der insularischen 
eigenthüralichen Beharrlichkeit sind betrachtet worden, es sich 
in solchen Dingen zu regen anfängt. Ihr Niebuhr hat in Cam- 
brigde einen geschickten Uebersetzer gefunden, und in Oxford 
haben zwei bis drei schon hinlängliche Beschäftigung als Lehrer 
Ihrer Sprache." *) 

Fruchtbringend war sein Studium unserer grossen Philo- 
sophen. Ueber Kant, Fichte, Hegel und Schelling streute er 



*) Auswärtige Literatur und Volkspoesie, S. 825. 



in England und Nordamerika. 143 

Kenntnisse in seinem Lande aus. Seine, zum Pantheismus hin- 
neigenden philosophischen Ideen legte er nieder in dem Buche: 
Sartor Kesartus or the life and opinions of Herr Teufels- 
dröckh. 1836. 

Nicht minder erfolgreich war sein Eindringen in die Ge- 
schichte Deutschlands. Das „Leben Friedrich's des Grossen" 
überschreitet die Grenzen einer Biographie, es ist eine Geschichte 
des früheren deutschen Reiches und der Bildung der preussischen 
Monarchie. 

Es ist ersichtlich, dass Carlyle in England für die deutsche 
Literatur viel, ja recht viel geleistet hat. Doch ist man in seiner 
Beurtheilung zu weit gegangen. Man ist in England daran ge- 
wöhnt, Carlyle geradezu mit dem deutschen Geiste zu identificiren 
und die Kritiker — besonders manche englische, denen es bequem 
ist, alles Unverständliche und Abstruse deutsch zu nennen — 
behaupten sogar, dass Carlyle's Englisch eine wesentlich deutsche 
Färbung trage. Letzteres ist nicht der Fall. Carlyle schreibt 
nicht deutsch, sondern cariy lisch; sein Styl hat ein durch- 
aus individuelles Gepräge. — Wie Carlyle hat besonders De 
Quincey dazu beigetragen, die Engländer mit den Producten 
des deutschen Geistes bekannt zu machen. Seine Thätigkeit 
aber war leider keine so allgemeine, dauerhafte und erfolgreiche. 

Weiter haben wir hier, wenn auch für die Vermittlung des 
deutschen Geistes in England viel weniger bedeutend, den be- 
sonders mit deutscher Geschichtsforschung vertrauten Thomas 
ßabington Macaulay zu erwähnen. 

Seinen Gedichten, den ,, Gesängen vom alten Rom", legt 
er das Resultat der Forschungen Niebuhr's, dass die von Livius 
berichteten heroischen Ereignisse sich nur auf alte Legenden 
stützen, zu Grunde. Sein Essay über Campbell's ,, Friedrich 
der Grosse" tragt den Stempel eifriger Studien über die Ent- 
wickelung des preussischen Staates und die Regierungszeit des 
grossen Königs ; seine Kritik indess ist nicht selten durchaus 
ungerecht und zu verwerfen. 

Ein tiefes Eingehen in die deutsche Literatur zeigt sich 
ferner in Sir Edward Lytton ßulwer. Im Jahre 1833 ver- 
öffentlichte er in drei Bänden die „Wanderer vom Rhein" ; in 
seinem ,,Pelham" erinnert er oft an Goethe. In der Vorrede 



144 Die Vermittler des deutschen Geistes 

zum „Maltravers" (1840) bemerkt er offen, dass er dem „Wil- 
helm Meister" Manches verdanke. 1844 gab er seiner Nation 
eine Uebersetzung von Schiller's lyrischen Gedichten, welche 
ein liebevolles Studium dieses Dichters bezeugt und der er eine 
Skizze von Schiller's Leben voranschickte. 

Auch bei den übrigen englischen Dichtern der Neuzeit ist 
der Einfluss des deutschen Geistes nicht zu verkennen. Mary 
und William Howitt (die erstere in ihrer 1841 veröffentlichten 
Erzählung: Which is the wiser? der letztere in: The student 
life in Germany und The rural and domestic life of Germany 
etc.), Elisabeth und Robert Browning (Paracelsus und Sar- 
dello), Alfr. Tennyson, John Sterling, Charles Mackay, Syming- 
ton, Walter Graham, Henry Taylor, ßobert Buchanan, Austin 
(Characteristics of Goethe), Swinburne, Thackeray, Clough und 
Sheridan Knowles haben mehr oder minder an deutschen 
Quellen sich genährt und deutsches Leben- in England ver- 
mittelt. Besonders hat Richard Garrett seit mehreren Jahren 
sehr viel zur richtigen und günstigen Auffassung der neueren 
deutschen Literatur beigetragen. Seine „Poems from the Ger- 
man" gehören zu den gelungensten englischen Uebersetzungen, 
und seine monatlichen Berichte, die er über die laufenden Er- 
scheinungen auf dem Gesammtgebiete der deutschen Literatur 
für die Saturday Review schreibt, verdienen die vollste An- 
erkennung. Niemand von ihnen jedoch hat, nächst Carlyle, in 
der neuesten Zeit so umfassend auf die Verbreitung deutscher 
Ideen gewirkt als Blackie, Martin und Aytoun. 

John Stuart Blackie, seit 1852 Professor der griechischen 
Sprache an der Universität Edinburgh, ging 1829, im Alter 
von 20 Jahren, nach dem Festlande und lag in Göttingen und 
Berlin umfassenden Studien ob. Im Jahre 1834 veröffentlichte er 
eine metrische Uebersetzung von Goethe's „Faust", die seinen 
Ruhm als tüchtigen Kenner der deutschen Sprache begründete. 
Er wurde dann ein eifriger Mitarbeiter verschiedener Zeitschi'if- 
ten, so von Blackwood's Magazin, Tait's Magazin, der Foreign 
Quarterly Review u. s. w., in denen er zahlreiche Beiträge über 
deutsche Literatur niederlegte.*) 

*) Wir heben die folgenden Artikel hervor: The Plunderweiler Fair 
from Goethe, Prussia and the Prussian System, Memoirs of Frederick Perthes, 



i 



in England und Nordamerika. 145 

1869 erschien seine „Musa Burschicosa", eine Sammlung 
von Studentenliedern, welche er deutschen Melodien anpasste 
und denen er einige Lieder in englischer Uebersetzung beifügte. 
In dem grossen Jahre 1870 veröffentlichte er die „Kriegslieder 
der Deutschen", begleitet von historischen Abhandlungen. In 
einer derselben, „Die Rheingrenze", vertheidigt er mit Kraft 
und En(schiedenheit die gute Sache Deutschlands und die Po- 
litik Bisraarcks. „Mögen die Lieder," so heisst es am Schluss, 
„welche so gesungen, und das Blut, welches vergossen, und die 
Einfälle, die so männlich zurückgewiesen worden sind, dazu 
dienen, in dem brittischen Gemüth eine dauernde Achtung für 
das Volk hervorzubringen, für dessen geistige Arbeiten Europa 
unter so grossen Verpflichtungen gewesen ist", u. s. w. (S. 135). 

Es ist nicht ausser Acht zu lassen, dass besonders Schott- 
land segensreich für Verbreitung der deutschen Literatur wirkte 
und mit Begeisterung sich derselben zuwandte. 

Wie Scott, Campbell, Carlyle und Blackie, so waren auch 
Theodor Martin und sein literarischer Gefährte Professor Aytoun 
Söhne dieses mit Deutschland geistig vereinten Landes. Beide 
übersetzten gemeinschaftlich eine Anzahl von Goethe's Balladen 
und Liedern, die der erstere 1858 herausgab. Ausserdem ver- 
öffentlichte Martin Uebersetzungen von Goethe's „Faust" und 
Schiller's „Wilhelm Teil", Aytoun zwei Bände Uebersetzungen 
von deutschen lyrischen Dichtern. 

Zu erwähnen ist hier noch Matthew Arnold, welcher in 
seinen verschiedenen Werken gleichfalls dazu beitrug, der deut- 
schen Literatur bei seinen Landsleuten Anerkennung zu ver- 
schaffen. So schrieb er unter Anderem mehrere äusserst deutsch- 
günstiffe Aufsätze für die Pall Mall Gazette. 



Jean Paul Richter, Bunsen's signs of the times , Tlie second part of Faust, 
Uhland and the Suabian Poets, Menzel on German Litterature, Goethe's 
Correspondence with Zeller und Bettina Brentano, Prince Puckler Muskau 
and his new tour, Knebel's posthumous works and correspondence, Jung 
Stilling, Religious Litterature of Germany, Arndt's Sketches of Swedish 
history, Memoirs of Varnbagen von Ense, Eckermann's Conversations with 
Goethe, Homayer's Keminiscences of the wars in Germany, Boeckh Greek 
Rhythm and metres, Napoleon in 1813, Memoirs of H. Steffens, The late king 
of Prussia, Lessing's Life and writings, Gruppe: Greek Tragedy, Prussia in 
the 19tii Century. 

Archiv f. n. Sprachen. LIX. 10 



146 Die Vermittler des deutschen Geistes 

Die Zahl der geringeren Uebersetzer*) ist in den letzten 
Decennien fast unabsehbar geworden, wobei allerdings sehr zu 
bedauern ist, dass häufig Uneingeweihte sich an das Geschäft, 
unsere literarischen Erzeugnisse zu übertragen, begeben haben. 

Es giebt jetzt kaum einen namhaften deutschen Dichter 
oder Schriftsteller, der nicht den Engländern in dem Gewände 
ihrer eigenen Sprache zugänglich gemacht worden ist**), doch 
ist die Zahl der Leser verhältnissmässig noch eine geringe. 

Schiller ist im Ganzen der Lieblingsdichter der Engländer, 
Goethe wird mehr bewundert als verstanden. Auch kann man 
ihm sein „klassisches Heidenthum" nicht verzeihen. Uhland's 
Gedichte Averden vielfach gelesen und hochgeschätzt, und seit 
einiger Zeit hat man angefangen, sich für Heine zu erwär- 
men. Sonst sind die übrigen deutschen Lyriker trotz der 
vielfachen Uebersetzungen — natürlich abgesehen von den Ge- 
lehrtenkreisen — noch nicht allgemein bekannt. 

Aus der Fülle von englischen Uebersetzungen deutscher 
lyrischer Dichter ist wiederholt eine Auswahl veranstaltet wor- 
den. Wir nennen hier zwei***): Die von A. Baskervllle „The 
poetry of Germany, consisting of selections from upwards of 
70 of the most celebrated poets; translated into English verse" 
(2. Aufl. 1862) und die von A. C. Goldschmidt „German Poetry 
with the English versions of the best translators" (London 1869), 
in der Bürger, Goethe, Schiller, Uhland, Körner, Heine, Freilig- 
rath, Dach, W. v. Schlegel, E. M. Arndt, Chamisso, Rückert, 
Platen, Grün, Geibel, Geliert, Gerhardt, Scheffer, Kunth, Clau- 
dius, Fouqu^, Neander, Gerock, Spitta in der bezeichneten 
Reihenfolge vertreten sind. — 



*) Wir beschränken uns darauf, aus der grossen Fülle die folgen- 
den zu nennen: Anster, Filmore, Taylor, Skeat, Lord Gower, Miss Kroeker, 
Baskerville, Thompson, Morrison, Hayward, Scott, GoJwin, Sotheby (über- 
setzte 1798 Wieland's Oberon), W. Nauson Lettson, Tomlinson, Egerton, 
Render, Stottard, Planche, Longmann, Bryanan, Calvent, Towler, Hörn, 
Blackire, Thornton, Turner, Sandars, Irvine, Johnston, Dwight, Alfred 
Bowring, Asher, Arnold, Merivall, Brooks und Hodge. 

'■'''"'■) In der Tauchnil z'schen Ausgabe sind bereits 23 Uebersetzungen 
verschiedener Werke erschienen, siehe Catalog vom Mai 187 7, S. 15; ein 
ausführliches Verzeichniss sämmtlicher bedeutenderen Uebersetzungen be- 
halten wir uns vor. 

***) M. Taylor halte bereits 1829 herausgegeben: A Survey of German 
Poetry, interspersed with various translations. 



in England und Nordamerika. 147 

Wie auf die Dichtung Englands, so hat Deutschland auch 
auf die englische Theologie, Philosophie, ästlietische Kritik, 
Geschichte und Philologie mächtio^en Einfluss ausgeüht. „Der 
philosophische Stempel," sagt Spalding*), „welcher der deut- 
schen Theologie so tief aufgeprägt ist, hat die ängstliche Auf- 
merksamkeit unserer ßelio^ionslehrer herausgefordert. " 

Bischof Marsh führte einen neuen Zweig der Gelehrsam- 
keit, die biblische Kritik, welche in Deutschland ihren Ursprung 
genommen hatte, in England ein. 

Whewell, welcher tief in den Geist der philosophischen Schulen 
Deutschlands eingeweiht war, legte seine Kenntnisse in seiner 
„Philosophie und Geschichte der inductiven Wissenschaften" 
nieder. Cairns wurde der Ei'klärer von Kant's Philosophie, 
während der Hegelianismus in Ferrier und J. H. Stirling seine 
Vertreter fand. Hamilton verband die Philosophie Kant's mit 
der von Keid; in seinen Vorlesungen über Metaphysik erläuterte 
er die Kant'sche Psychologie. John Stuart Mill machte er mit 
der Philosophie Kant's vertraut, doch „ist es zu bedauern, dass 
Hamilton selber nicht im Stande war sie zu würdigen, und 
Mill, ohne die Untersuchungen Kant's zu berühren, sein System 
einer vernichtenden Kritik unterzog". Mill's Werk „Ueber die 
Freiheit" ist das „Programm germanischer politischer Volks- 
freiheit", und der Verfasser selber bemerkt, dass der Grund- 
gedanke desselben vor ihm schon von Pestalozzi, W. v. Hum- 
boldt und Goethe entwickelt worden sei. 

Auch Hallam's „Einleitung in die Literatur Europas im 
15., 16. und 17. Jahrhundert", Alison's Essay „Ueber den Ge- 
schmack", Mure's „Geschichte der griechischen Literatur", 
•Lewes' „Leben und Werke Goethe's", ein Buch, das übrigens in 
England bei weitem nicht so populär ist als in Deutschland**), 
und Sime's Biographie Lessing's (1877) gründen sich mehr oder 



*) Siehe hier und in Folgendem: Spalding, History of English Lite- 
rature (Edinburgh 1872), S. 393 fl". Wir beabsichtigen in diesen Bemer- 
kungen nichts Erschöpfendes zu bieten; eine eingehende Berücksichtigung 
dieser sämmtlichen Zweige liegt ausserhalb der Grenzen unseres Themas. 

**) In England hat es bisher erst die dritte Auflage erlebt, während 
die von Frese herausgegebene deutsche Uebersetzung 1876 in der elften 
Auflage erschienen ist. 

10' 



148 Die Vermittler des deutschen Geistes 

minder auf deutsche Quellen und vermitteln somit deutsches 
AVissen und deutsche Forschungen. 

Augenfälliger noch als in den erwähnten Zweigen ist der 
Einfluss des deutschen Geistes auf die englische Geschichts- 
schreibung. Alison's „Aeltere Geschichte Europas," Arnold's 
„Römische Geschichte", und vorzüglich Grote's ,, Geschichte 
Griechenlands" tragen das entschiedenste Gepräge deutscher 
Gelehrsamkeit. 

Grote hatte sich früh dem Studium der deutschen 
Sprache gewidmet. Sein Plan, im Jahre 1827 Deutschland zu 
besuchen, um in Bonn Niebuhr's persönliche Bekanntschaft zu 
machen, verwirklichte sich zu seinem Bedauern zwar nicht, 
jedoch empfing er aus seinen Schriften die reichste Nahrung 
fiir seine historischen Studien. Im Mai 1843 veröffentlichte 
er in der Westminster Review ein Essay über Niebuhr's 
,, Griechische Heroengeschichte". Von 1845" bis 1856 folgten 
die zehn Bände seiner ,, Griechischen Geschichte", zu der er 
die umfangreichste Kenntniss aus deutschen Werken schöpfte. 
,, Grote," sagt Perry*), „war ein grosser deutscher Schüler, 
und alle die Gelehrsamkeit, auf welche seine griechische Ge- 
schichte begründet ist, ist fast ausschliesslich aus deutschen 
Quellen gezogen. Nichtsdestoweniger ist sie von den Deut- 
schen hochgeschätzt; sie halten sein Werk für unendlich 
werthvoll aus dem Grunde, Aveil er, als der Bürger eines 
freien Landes, fähiger war, die Zeiten des Perikles und des 
republikanischen Athens zu verstehen, als ein Deutscher." 

Ausser den eben genannten Geschichtsschreibern, welche 
in ihren Arbeiten sich vielfach auf die Resultate deutscher 
Forschungen stützten, wollen wir aus der grossen Fülle noch 
zweier Uebersetzer geschichtlicher Werke gedenken. 

Wir meinen den durch und durch mit deutscher Bildung 
getränkten englischen Gelehrten, Professor Ward, welcher Cur- 
tius' „Griechische Geschichte" in seine Landessprache übertrug, 
und W. P. Dickson, welcher seine Nation mit einer trefflichen 
Uebersetzung von Moramsen's ,, Römische Geschichte" beschenkte. 



*) Report of Parliaraentary Coniiuittee oii Oxford and Cambridge Uni- 
versities. Education Bill (July 1867), p 249. 



in England und Nordamerika. 149 

Der deutschen Philologie endlich verdankt England die 
reichste Belehrung. Alle englischen Gelehrten von irgend 
welcher Bedeutung haben mehr oder minder in der Schule von 
Wolf, Niebuhr, Boekh, O. Müller und Anderen studirt und 
vermitteln ihren Jüngern die so gewonnenen Früchte. 

„Die classische Bildung", schliesst Spalding seine Ge- 
schichte der englischen Literatur*), „ist in Abnahme in Eng- 
land. Unsere Gelehrten haben sich nach Deutschland gewandt 
als der Stätte für ihre beste Unterweisung, weil sie dort die 
reinsten Texte und die tüchtigsten Commentare vorfanden. . . . 
Von Deutschland ist auch die allgemeine Wissenschaft der 
Philolooie gekommen, w^ovon die classischen Studien nur einen 
kleineu Theil bilden. Max Müller, ein Deutscher und lange in 
diesem Lande ansässig, hat mehr als irgend Jemand getlian, 
um die allgremeine Aufmerksamkeit auf den Werth und die 
Schönheiten der Wissenschaft der Sprache zu lenken. . . Seine 
Theorieen mögen gelegentlich fraglich sein, und seine Erklärun- 
gen übertrieben; Niemand kann doch seine Werke lesen, ohne 
überzeugt zu sein, dass er diesen Gegenstand zu der Würde 
einer erhabenen und feinen Philosophie erhoben hat, gleicher- 
weise entfernt von Pedanterie und Seichtigkeit." — 

Wenden wir unseren prüfenden Blick von England nach 
Nordamerika hinüber, so finden wir auch hier eine würdige Zahl 
von Vermittlern deutschen Wissens und deutschen Lebens; wir 
sehen, dass auch hier der deutsche Geist den mächtigsten Ein- 
fluss ausgeübt, dass derselbe Genius, welcher vielfach die eng- 
lische Literatur des 19. Jahrhunderts beseelt, auch die Grund- 
lage der anglo - amerikanischen Literatur und Cultur, trotz 
mancher origineller Züge, bildet. „Die Pilgrimme hatten die 
Traditionen der Poesie ihrer Heimat mit über's Meer ge- 
nommen." Deutsche Ideen drangen unausgesetzt zu ihnen 
durch das Medium englischer Geistesproducte. 

Als Hauptvermittler der deutschen Literatur in Nord- 
amerika ist vor Allem Henry Wadsworth Longfellow zu nennen. 
1826 ging derselbe nach Europa, um die Sprachen Deutsch- 
lands, Hollands, Frankreichs, Spaniens und Italiens zu erlernen. 



*) Edinburgh 1872, S. 440. 



150 Die Vermittler des deutschen Geistes 

Von 1826 bis 1829 studirte er in Heidelberg und Göttingen. 
1835 zum Professor am Harvard College in Cambridge ernannt, 
bereiste er vor seinem Amtsantritt zum zweiten Mal Europa. 

1842 verweilte er längere Zeit zu Marienberg bei Boppard 
am Rhein, wo er mit Freillgrath bekannt wurde. Sein Roman 
„Hyperion", der 1839 erschien, zeigt, wie innig er sich mit deut- 
schem Leben und deutschen Dichtern vertraut gemacht. „Er ist 
ganz von deutschem Geiste beseelt, mit deutschen Landschafts- 
bildern ausgeschmückt und mit trefflichen üebersetzungen deut- 
scher Gedichte, worin er eine grosse Meisterschaft bekundet, 
durchwoben. Schon der Name des Helden „Paul Flemming" 
verräth die deutsche Anschauung desselben, und wohl nie ist in 
einem von einem Ausländer geschriebenen Werke wärmer und 
wahrer von Goethe und dem Rhein, von Amadeus Hoffmann und 
der Heidelberger Ruine berichtet und geurtheilt worden als im 
„Hyperion". „Wenn ich ein Deutscher wäre., ich würde stolz 
sein auf Goethe, stolz auf den Rhein sein. Das ist der ewige 
Refrain in den verschiedenen Kapiteln."*) 

Auch die beiden Gedichtsammlungen Longfellow's , ,, Stim- 
men der Nacht" und ,, Balladen und andere Gedichte", zeigen 
die entschiedenste Einwirkung deutscher Poesie. Viele der 
letzteren erinnern an Bürger'sche und Uhland'sche Balladen, von 
denen er auch einige, z. B. ,,Die schwarze Nacht" und „Das 
Glück von Edenhall", übersetzte. Goethe's „Wer nie sein Brod 
mit Thränen ass", ,,Die Welle" von Tiedge, „Aennchen von 
Tharau", „O Tannenbaum", „Die Todten" von Klopstock, 
„Das Schloss am Meer", „Der Vogel und das Schiff", „Glocke, 
du klingst fröhlich" und viele andere von Heyne, Logau u. s. w. 
sind ganz reizend und gelungen. 

Die „Goldene Legende" hat ein völlig deutsches Ge- 
präge; sie gründet sich auf den „Armen Heinrich" von Hart- 
mann von Aue. 

Im „Excelsior" tritt uns die Idee von Goethe's „Faust" ent- 
gegen. Das Gedicht „Walther von der Vogel weide" drückt 
eine Begeisterung für das deutsche Mittelalter aus. „Der Bau 



*) Kreyenberg: Henry W. Longfellow, ein deutscher Dichter. Archiv 
f. d. Studium d. n. Sprachen, Bd. 40 (,1867). 



in England und Nordamerika. 151 

des Schiffes", ein Gediclit, in dem die Bildung der amerika- 
nischen Union dargestellt wird, erinnert lebhaft an Schiller's 
„Glocke". „Evangeline*' gründet sich wieder auf Goethe's 
„Faust". Das Versmass und der geschichtliche Hintergrund 
des Gedichtes erinnern an Goethe's „Hermann und Dorothea". 
Ausser den erwähnten Dichtungen giebt es noch eine grosse 
Anzahl, deren Grundgedanken Longfellovv deutschen Dichtern 
entlehnt hat, und die das tiefe und liebevolle Eindringen in 
unsere Literatur bezeugen. 

Gleich Longfellow gehören Emerson, Washington Irving, 
Bancroft zu den für uns Deutsche besonders sympathischen 
Vertretern amerikanischer Bildung. Waldo Kalph Emerson ist 
für die Verbreitung deutscher Literatur und Philosophie von 
grosser Wichtigkeit. Die Früchte seiner Studien legte er unter 
Anderem nieder in die Werke „Shakespeare und Goethe" und 
„Representative men". 

Auch William Cullen Bryant, der bedeutendste lyrische 
Dichter Nordamerikas, welcher 1834 und 1849 Europa bereiste, 
erfordert hier einen Platz. Seine im Jahre 1850 veröffentlichten 
„Reisebriefe" und seine Uebersetzungen sind nicht ohne Ein- 
fluss auf die Festigung des deutschen Elementes in Nordamerika 
geblieben. Besonders haben wir Washington Irving's zu 
gedenken, welcher in seinen „Reisebriefen" eine Fülle von 
Anschauungen und Localschilderungen niederlegte, die er 
namentlich in Deutschland gewann. Im Jahre 1822 reiste er 
nach Aachen und von da nach Wiesbaden und Mainz. Vom 
dortigen Hotel de Darmstadt datirte er die Einleitung zu seinen 
„Reisebriefen". Von Mainz begab er sich nach Frankfurt, 
Karlsruhe, Baden-Baden, Strassburg, durch den Schwarz wald 
über München und Salzburg nach Wien, durch Schlesien und 
Böhmen nach Prag und blieb dann den Winter von 1822 bis 
1823 in Dresden. Im Frühjahr 1823 besuchte er das Riesen- 
gebirge und kehrte über Prag nach Dresden zurück. Am 
20. Mai 1824 hatte er die Tales of a Traveller vollendet; 
am 31. Mai übergab er in London seinem Verleger das Manu- 
script.*) 

*) Vergl. Sion: The Alhambra by W. Irving (Berlin 1877), S. XII 
und XIII. 



152 Die Vermittler des deutschen Geistes 

Von den Geschichtsschreibern ist als Vermittler deutschen 
Wissens und Forschens John Lothrop Motley zu nennen, den 
Amerika neben Prescott und ßancroft zu den bedeutendsten 
rechnet. Wie viele seiner Landsleute, war auch er zur Voll- 
endung seiner Studien nach Deutschland gegangen und besuchte 
die Universitäten Berlin und Göttingen, wo er mit ßismarck 
enge Freundschaft schloss. Er trat 1839 in die literarische 
Laufbahn ein mit der Veröffentlichung der Novelle „Morton's 
Hope" oder Memoiren eines jungen Provinzialen, welche ihren 
Stoff aus dem deutschen Studentenleben schöpft. Sein eigentliches 
Feld indess war die Geschichtsforschung. Im Jahre 1851 sinir 
er zum zweiten Male nach Europa und lag in den Archiven 
von Haag , Berlin und Dresden historischen Studien ob. Die 
Frucht seiner Forschungen war das 1856 erschienene Werk „The 
Rise of the Dutch Republic". 

Von den Geschichtsschreibern , welche die Gesammt- 
geschichte der Union dargestellt haben, sind Plildreth, W. C. 
Bryant und vorzüglich Benson J. Lossing hervorzuheben, 
dessen „Illustrirte Geschichte der Vereinigten Staaten" völlig 
auf den Schultern seiner , in der deutschen kritisch-histori- 
schen Schule gebildeten Vorgänger steht. 

Wie die englische, so ist auch die nordamerikanische Lite- 
ratur mit einer Anzahl zum Theil vortrefflicher Uebersetzungen 
versehen. Ripley, Dwight, Füller, Calvert, Samuel Osgood, 
W. H. Channing und Bayard Taylor, dessen metrische Ueber- 
setzung von Goethe's „Faust" (1871) wir nicht rühmend genug 
erwähnen können, haben nach allen Seiten hin deutsche Ideen 
ausgestreut. Als vermittelnde Organe haben wir von den Zeit- 
schriften die „Nordamerikanische Review" und „Atlantic Monthly" 
zu nennen. — 

Es ist kein Zweifel mehr, dass das deutsche Element, 
wie in England, so vor Allem in Nordamerika einer steten 
Kräftigung entgegengeht. Seit dem grossen Kriege von 
1870/71 wird die deutsche Sprache in England mehr als je 
getrieben. Es ist freilich zu bedauern, dass wir Grave- 
lotte, Sedan und Metz verdanken müssen, was Lessiug, 
Goethe und Schiller durch den Werth ihrer unsterblichen 



in England und Nordamerika. 153 

Werke allein nicht beAvirkcn konnten.*) „The Gcrnian Em- 
pire of 1876", schreibt ein neuer englischer Kritiker, „is not 
the Prussia of 1850. The ])rai8e of Wissenschaft may he eung 
now by a German Minister of Education**) as Avell as by Mr. 
Matthew Arnold. After Sadowa and Sedan we feel that the 
Prussians are educated to some practica! purpose." 

In Nordamerika hat das deutsche Element die denkbar be- 
deutendste Zukunft. Die Künste und Wissenschaften der 
Deutschen, die feste Anhänglichkeit der Eingewanderten an die 
Interessen der Union erfüllen den Amerikaner mit Begeisterung. 

Die deutsche Sprache wird hier geradezu als die gebildete 
Sprache betrachtet ; von den bei einer Bevölkerung von etwa 
40 Millionen Menschen erscheinenden 8000 Zeitungen sind 
110 in deutscher Sprache abgefasst. Besonders im Westen sind 
die Deutschen ein wichtiger Bestandtheil. In mehreren Acker- 
baustaaten am unteren Ohio und oberen Missisippi sind die 
Schulen, wie jede andere öffentliche Anstalt, völlig deutsch, und 
das Deutsche ist hier die gewöhnliche Umgangssprache. Selbst 
in den Staaten, in Avelchem sich das deutsche Element in der 
Minderheit befindet, wie z. ß. in Ohio, wird die deutsche Sprache 
oblisjatorisch in den Volksschulen gelehrt. Bei den nach deut- 
schem Muster veranstalteten Schulfesten hört man abwechselnd 
ein nationales Lied und „Was ist des Deutschen Vaterland" 
oder „Die Wacht am Rhein" erschallen. 

Zudem zählt Bismarck jetzt in Nordamerika zu den volks- 
thümlichsten Gestalten, und sogar ein Deutscher, Karl Schurz, 



*) Dass das Grossartige, was die Deutschen geleistet haben, bei 
flUer Einwirkung ihrer Literatur auf die englische, noch lange nicht genug 
gewürdigt ist, kommt vorzüglich daher, dass die neueren Dichter und Kri- 
tiker der deutschen Sprache im Ganzen nur wenig mächtig sind. Es ist 
zu hoffen, dass mit der weiteren Verbreitung der deutschen Sprache der 
Einfluss unserer Literatur auf die englische noch tiefgreifender, wie bisher, 
werden wird. 

**) Athenaeum Nr. 2604 (Sept. 1877). German Letters on English 
Education. By Dr. L. Wiese. Translated and edited by Leonh. Schmitz. 

Auch Gladstone hat vor Kurzem in seiner Rede — bei der in Not- 
tingham stattgehabten Grundsteinlegung zu den Gebäuden, welche zur Er- 
weiterung des höheren Unterrichts im V^ulke be.^timmt sind — betont, dass, 
falls irgend ein Land in der Welt im 19. Jahrhundert für die Förderung 
des höheren Unterrichts grosse Verdienste beanspruchen könne, so sei dies 
Deutschland. 



154 Die Vermittler d. deutschen Geistes in England u. Nordamerika. 

ist zum Minister des Innern ernannt worden. Es ist zu hoffen, 
dass der deutsche Geist in diesem Lande immer mächtiger auf 
alle Sphären des geistigen Lebens einwirken wird, und „dass 
die Freundschaftsbande noch mehr befestigt werden, welche die 
grosse Republik seit einem Jahrhundert mit der Monarchie 
Friedrich's des Grossen und seiner Nachfolger verknüpfen". 
Schwerin i. M. Dr. Weddigen. 



Zu den Sonetten Shakspere's. 



Vou 

Hermann Isaac. 



I. 

Ueberblick über die Kritik der Liebes-Sonett e.*) 

Es sind bekanntlich gerade die Liebes -Sonette, welche die 
Shakspere-Ausleger in die grosste Verlegenheit versetzt haben. 
Einerseits finden sich darin eine solche Menge persönlicher An- 
spielungen, das Gefühl des Dichters quillt in ihnen so ursprüng- 
lich und lebhaft, dass man berechtigt genug ist, wirkliche 
Erlebnisse für ihre Veranlassung zu halten; andererseits 
sind diese Erlebnisse so bedenklicher Art, dass sie auf das so 
glänzende Bild des Dichters, wie es uns aus seinen Dramen 
entgegentritt, einen dunklen Schatten werfen müssen. 

Ein Theil dieser Sonette zeigt ihn uns in zwei wenig ehren- 
vollen Verhältnissen: einmal zu einer Frau, die ihrem Geliebten 
ebenso wenig treu ist wie ihrem Gatten, die aber trotz ihrer 
mangelnden äusseren Reize und trotz ihrer inneren Gebrechen 
des Dichters Herz in schmählicher Knechtschaft hält; dann zu 
einem Freunde, der im Stande gewesen ist, dem Dichter seine 
Geliebte abwendig zu machen, und von Diesem nicht bloss Ver- 
zeihung für seinen Frevel erhält, sondern sogar entschuldigt und 
nach wie vor in begeisterten Versen gepriesen wird. 

*) Ich verstehe unter den Liebes-Sonetten sämmtliche Gedichte, die sich 
auf die Liebe des Dichters beziehen, d. h. also auch die an seinen Freund 
gericliteten Eifersuchtssonette. 



156 Zu den Sonetten Shakspere's. 

In der Auffassung dieser beiden Verhältnisse, wie der Sonette 
überhaupt, theilen sich die Kritiker in drei Gruppen. Die Einen 
halten s'ammtliche hierher gehörige Gedichte für Bekenntnisse 
Shakspere's, an denen nun einmal Nichts zu ändern ist. Die 
Andern finden persönliche Motive nur in einem Theil der So- 
nette, während sie zugleich zugeben, dass viele rein äusser- 
lichen Veranlassungen ihre Entstehung verdanken. — Die letzte 
Gruppe endlich will den Dichter von jedem moralischen Flecken 
rein waschen und hält alle diese Gedichte für Erzeugnisse der 
freischaffenden dichterischen Phantasie, oder für Machwerke, die 
auf Anregung gewisser Freunde des Dichters angefertigt wurden. 



Zu der ersten Gruppe gehört zuvörderst Charles Armi- 
tage Brown*), der die sämmtlichen Sonette als das vollkom- 
menste autobiographische Material in chronologischer Ordnung 
betrachtet. Wenn Shakspere auch wirklich einer unwürdigen 
Leidenschaft hingegeben war — so ungefähr spricht er sich 
aus (pg. 96 ff.) — so wird unser moralisches Gefühl doch damit 
ausgesöhnt, wenn Avir sehen, wie er fortgesetzt gegen sie an- 
kämpft, ihrer Herr zu werden sucht, und wie tief er sie bereut; 
und wenn er dem Freunde seinen argen Freundschaftsbruch 
verzeiht, so geschieht es doch erst, nachdem er ihm eine Zeit 
lang entfremdet gewesen ist, und nachdem dieser seine Schuld 
unter Thränen bereut hat (S. XXXIV. cf. pg. 63 ff.). A. Brown 
geht so weit, den Fehltritt Shakspere's noch zu erschweren durch 
die Annahme, dass er seine Frau und Kinder in London ge- 
habt habe, und beruhigt sich über dieses abscheuliche Verhält- 
niss mit dem Gedanken: 'She might have been a woman not 
to be hurt at the avowal of her husband's inconstancy, coupled, 
as it was, with remorse (p. 202).' 

Hallam vertritt in seiner „Einführung in die Literatur 
Europa's im 15., 16. und 17. Jahrhundert" (III. 40) bei der 
Auffassung der Sonette ebenfalls die persönliche Theorie und 
erklärt mit Rücksicht darauf: 'It is impossible not to wish the 
sonnets of Shakespeare had never been written' **). 



pg- 



*) Shakespeare's Autobiographical Poems (London 1838). 
**) Cf. EUis (Shakespeare), pg. 493 ; Massev (Shakespeare's 

IJ. 



I^Lionüon i»3»). 
(Shakespeare's Sonnets etc.), 



Zu den Sonetten Shukspere's. 157 

Kenny*) glaubt sich ebenfalls berechtigt, aus den Sonet- 
ten ein moralisches Verdanunungsurtheil über den Dichter zu 
construiren : „Der grösste dichterische Genius," sagt er, „den 
die Welt je gekannt hat, Avirft sich vor einem obscuren Idol 
nieder und entsagt iu der Verzückung zitternder Hingebung 
seiner Selbstachtung und Menschenwürde." 

Nach Masson**) sind die Sonette nichts Anderes als eine 
Urkunde über des Dichters Gefühle und Erfahrungen während 
einer gewissen Periode seines Londoner Lebens. Er nennt sie 
,distinctly, intensely, painfuUy autobiographic' 

Die deutschen Kritiker folgen der Mehrzahl nach dieser 
Richtung. Sehr entschieden spricht sich Ulrici***) aus. Er 
ist überzeugt, „dass die Sonette zum grössten Theil, wahrschein- 
lich sämmtlich, Gelegenheitsgedichte im höheren Sinne sind und 
bestimmte, dem Dichter nahestehende Personen, bestimmte V^er- 
hältnisse und Begebenheiten aus seinem Leben , wenn auch 
immerhin in poetischer Form und Fassung, gleichsam dichterisch 
verklärt, im Auge haben. — Jeder Unbefangene, der die Sonette 
liest, wird den Eindruck gewinnen, dass in ihnen das eigne 
Herz des Dichters aus persönlicher Lebenserfah- 
rung spricht, dass sie durchschnittlich geschrieben sind in 
jener besonderen Stimmung, die den Dichter beschleicht, wenn 
er Gemüthszustände, Ereignisse, Situationen im Spiegel der Er- 
inneruno; und Reflexion an seiner Seele vorüberfjleiten lässt: 
unwillkürlich gestalten sie sich dabei zu poetischen Ergüssen, 
die ebenso unwillkürlich an diejenigen Personen sich richten, 
von denen sie veranlasst wurden." 

Ueber die Liebes -Sonette speclell heisst es (I, 285): „Es 
fragt sich, Avie weit auch hier wirklich Erlebtes und wirkliche 
Personen dargestellt sind? Warum sollte der Dichter nicht das 
ganze interessante Verhältniss erfunden haben? Warum könnte 
er nicht einen unbedeutenden Vorfall zwischen ihm und seinem 
jungen Freunde poetisch ausgeschmückt und zu einem kleinen 



*) The Life and Genius of Shakespeare (London 1864), pg. 79 ff'.; 
cf. Elze, pg. 494. 

**) Hssays, cbiefly on English Poets. Cf. Massey, pg. 15. 
***j Shakspeare's dramatische Kunst, 3. Aufl., 2. Ausg. (Leipzig 1874), 
I, 244. 



158 Zu den Sonetten Sbakspere's. 

lyrischen Drama verarbeitet haben? Ohne Zweifel kann es so 
seyn: dennoch bin ich überzeugt, dass es nicht so ist. Alle 
übrigen Sonette beziehen sich offenbar auf wirkliche Zustände, 
Verhältnisse, Ereignisse und stellen nur den fortlaufenden in- 
neren und äusseren Verkehr zwischen den beiden Freunden dar, 
so dass es sehr willkührlich wäre, ein einzelnes Glied aus dem 
Ganzen herauszureissen und auf einen ganz anderen Boden zu 
verpflanzen. — Wie könnte Shakspeare Shakspeare geworden sein, 
wie möchte er seinen Romeo, Othello, Antonius und Kleopatra, 
seinen Macbeth, Richard III, Kaufmann von Venedig, Maass 
für Maass etc. gedichtet haben, wenn er nicht selbst im eignen 
Leben, in der eignen Brust die Gewalt der sinnlichen Begierde, 
den mächtigen geheimnissvollen Zauber des Bösen erfahren 
hätte?" 

G ervin US entwickelt in seinem „Shakespeare"*), ähnlich 
wie A. Brown, aus seinen Sonetten eine Lebensgeschichte des 
Dichters. Gerade in der kräftigen Durchdringung dieser sonst 
nur für beschränkte Gefühlsausdrücke verwandten Dichtform mit 
realem Gehalt findet er das Hervorragende der Shakspere'schen 
Sonette: „Wenn die Shakespeare'schen wirklich vor andern So- 
netten auszuzeichnen, so sind sie es gerade nur dort, wo, und 
nur darum, weil innerliche Wahrheit und Wirklichkeit aus ihnen 
spricht, weil reelle Lebensverhältnisse auch unter dem falben 
Abbilde, das diese Dichtungsform mit sich bringt, durchscheinen, 
weil der volle Pulsschlag eines tiefbewegten Herzens durch alle 
Hüllen der dichterischen Formalien hindurch dringt" (II, 362). 

In den Liebes -Sonetten findet er „das Gemälde des Kampfes 
von Geist und Sinnlichkeit, von Vernunft und Lust, wie es in 
dem Dichter selbst lebendig sein musste" (I, 55). 

W. Jordan spricht sich in der Einleitung zu seiner Ueber- 
setzung der Gedichte Sbakspere's (Berlin 1861) in ähnlicher 
Weise aus: „In diesem neben seiner Freundschaft bestehenden 
Liebesverhältniss zeigt sich der Dichter mit vollem Bewusstsein 
noch o-efano-en in dem Chaos wilder und aller Vernunft hohn- 
sprechender Leidenschaft. Es ist das letzte, aber auch ärgste 
Opfer, durch das er sich loskaufen muss von der Macht der 



*) Leipzig 1849—50. 



i 



Zu den Sonetten Sliakspere's. 159 

niederen Gewalten. Nicht einmal durch äussere Reize verma"' 
er diese magnetisch unwillkürliche Passion zu erklären, dafür 
gewinnt er in ihr die volle Einsicht in die Verwerflichkeit seines 
wüsten Treibens, wie in seiner Freundschaft die Stärke, dem- 
selben für immer zu entsagen" (pg. XLVII). 

Eine Eigenartigkeit gewinnt Jordan's Auffassung der Liebes- 
Sonette dadurch, dass er der einzige deutsche Erklärer ist, der 
sich über die Person der Geliebten bestimmte Vorstellungen zu 
machen sucht. Er meint, sie wäre eine Mulattin oder Quadrone 
gewesen (pg. 415): „Was die Sonette von ihrem Charakter, 
von ihrem Temperament durchschimmern lassen, stimmt sehr 
gut zu der Annahme, sie sei etwa eine verheirathete Frau 
(S. 152) aus den westindischen Kolonien von kreolischer Ab- 
stammung mit einer Beimischung afrikanischen Blutes gewesen. 
Jedenfalls verband sie mit heissblütiger Koketterie, mit rück- 
sichtsloser Sinnlichkeit und jener gewinnenden Anmuth und 
Zierlichkeit, die nicht selten zu den Merkmalen solcher Abkunft 
gehört, Eigenschaften, die einen physischen Widerwillen erweckten, 
sobald der Rausch des Verlangens verflogen war. Auch das 
musikalische Talent, das sie nach Sonett 128 besass, eine da- 
mals nicht häufige Gabe (?), gehört zu den Vorzügen, welche 
den Mischungen der schwarzen und weissen Race häufig an- 
geboren sind." — Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, dass 
hier die Phantasie mit dem nachschafFenden Dichter davon- 
gegangen ist. 

In etwas beschränkterem Masse erkennt Kreyssig in 
seinen „Vorlesungen über Shakespeare"*) die autobiographische 
Bedeutung der Sonette an. Er missbilligt zwar A. Brown's 
Verfahren, der aus den Sonetten einen vollständigen Liebes- 
und Lebensroman construire, er will „wirklich Empfundenes 
und Erlebtes von bloss poetisch Vorgestelltem" geschieden wissen. 
„Um aber," so fährt er fort, „mit neuern Erklärern, die den 
Dichter von Venus und Adonis durchaus als exemplarischen 
Hausvater und soliden Ehemann einer sieben Jahre älteren Frau 
rehabilitiren möchten, das Ganze für blosse Studien zu halten, 
für 'obgleich lyrisch der Form nach, doch wesentlich dramatisch', 

*) Berlin 1862. 



160 Zu den Sonetten Shakspere's. 

für objective Darstellungen der Liebe , der Eifersucht , der 
Freundschaft, der Reue — dazu müssten wir erst Alles ver- 
gessen, was wir von dem nothwendigen Zusammenhange aller 
wahrhaften Lyrik mit den wirklichen, nicht nur den erträumten 
Zuständen des Herzens thatsächlich wissen. — Wo ein Zug 
leidenschaftlicher Erregung in den poetischen Herzensergiessungen 
eines Dichters so mächtig hervortritt, wie es in Shakespeare's 
Sonetten und in Venus und Adonis der Fall ist, da wird man auf 
eine gewisse Verwandtschaft der erlebten und der dargestellten 
Seelenzustände immerhin schliessen dürfen" (I, 68). 

Rümelin ist ebenfalls für eine persönliche Deutung der 
Liebes-Sonette*), und Genee**) polemisirt lebhaft gegen die von 
Delius vertretene Theorie der poetischen Fiction: „Dass in den 
Sonetten persönliche Stimmungen und bestimmte Beziehungen 
des Dichters in Fülle enthalten sind, kann gar nicht im Ernste 
bezweifelt werden; und sie würden die reichfite Quelle für das 
Leben des Dichters und für die ßeurtheilung seiner Individuali- 
tät sein, wenn es sich ermitteln Hesse, in welcher Zeit und in 
welcher Reihenfolge sie entstanden sind." 



Der früheste Vertreter der entgegengesetzten Ansicht, die 
jede Beziehung der Liebes-Sonette auf das Leben des Dichters 
ablehnt, ist Nathan Drake***). Obgleich er nicht ansteht, 
den Freundschafts -Sonetten einen realen Hintergrund in der 
Person des Grafen Southampton zu gehen — er ist der erste 
Begründer der Southampton-Theorie — denkt er nicht im Ent- 
ferntesten an einen Zusammenhang jener erstereu mit Erleb- 
nissen des Dichters ; eine solche Annahme weist er mit naiver 
Entrüstung zurück. 'Weighing', so heisst es pg. 383, 'what almost 
every other personal event in our author's life establishes, the 
general and moral beauty of his character, and reflecting, at the 
same time, that he was at this period a husband, and the father 
ofafamily, wecannot but feel the most entire convic- 



*) Shakspere-Studien (Stuttgart 18G6), pg. 145 u. 158. 
**) Shakspere's Leben und Werke (Hildburghausen 1872), pg. 40 f., 83 ff. 
***) Shakespeare and iiis Times (Lomlon 1817), eines der bedeutendsten 
Werke, die über Shakspere geschrieben worden sind. Die Citate erfolgen 
nach der Pariser Ausgabe (1843). 



I 



Zu den Sonetdn Shuksperc's. IGl 

tion, that these sonnets were never dircctcd to a real object: 
but that they wcre solely intended to express, aloof from all 
individual application, the contrarieties, the inconsistencies, and 
the mieeries of illicit love. C r e d u 1 i t y i t s e 1 f , we think, 
cannot suppose otherwise, and, at the same time believc 
that the poet was privy to their publicatlon.' Auch er spricht, 
wie Hallam, den Wunsch aus, dass diese Sonette niemals ver- 
öffentlicht sein mochten, denn ohne sie könnte nicht der oreringste 
moralische Flecken auf Shakspere's Charakter fallen (pg. 392). 

Dyce wendet diese sogenannte dramatische Theorie auf 
die gesammten Sonette an. In der seiner Shakspere- Ausgabe*) 
vorangehenden Biographie des Dichters sagt er I, 98 ff., nach- 
dem er die Unerweislichkeit persönlicher Beziehungen festgestellt 
hat: 'For my own part, repeated perusals of the Sonnets have 
well nigh convinced me, that most of them were composed in 
an assumed character, on different subjects, and at different 
times, for the amusement, if not at the Suggestion, of the 
author's intimate associates : and though I would not deny that 
one or two of them reflect his genuine feelings, I contend that 
allusions scattered through the whole series are not to be hastily 
referred to the personal circumstances of Shakespeare'. 

Bolton Corvey betrachtet sie ebenfalls als reine poetische 
Stilübungen**). 

Der bedeutendste deutsche Vertreter dieser Richtung ist 
Nicolaus Delius; seine Auffassung der Sonette stimmt voll- 
ständig mit der Dyce'schen überein. Bereits in seinem „Mythus 
von William Shakspere"***) protestirt er gegen die willkürliche 
Verwerthung der Sonette Shakspere's als biographischen Ma- 
terials: „Gewiss sah Shakspere und seine Zeit in den lyrischen 
Gedichten keine Beiträge zu seiner Biographie, keine zusammen- 
hängenden Bekenntnisse eigner Leiden in Liebe und Freund- 
schaft, sondern zerstreute Blätter, Darstellungen poetischer 
Seelenzustände. Dieselbe Fähigkeit, sich tief in alle Gefühle 



*} The Works of W. Shakespeare. 2. Edition (London 1864). 
**) The Sonnets of W. Shakspere: a critical Disqnisition suggested by 
a recent Discovery (London 18G2). Cf. Massey, pg. 13. 

***) Eine Kritik der Shakspere'schen Biographie (Bonn 1851). 

Archiv f. n, Sprachen. LIX. 11 



162 Zu den Sonetten Shakspere's. 

und Situationen wie in selbstempfundenc hineinzuversetzen, die 
wir in Shakspere's Dramen bewundern, dieselbe Fähigkeit beweist 
der Dichter in seinen Sonetten, und in dieser Beziehung kann man 
sie, obgleich lyrisch der Form nach, als wesentlich dramatisch be- 
zeichnen. Sie schildern uns die Liebe, die Eifersucht, die Freund- 
schaft, die Reue, alle die Regungen des menschlichen Herzens in 
ihrer unmittelbarsten Wahrheit, aber nicht speciell William Shak- 
spere's Liebe, Eifersucht, Freundschaft und Reue, nicht die Re- 
gungen in William Shakspere's eignem Herzen" (pg. 30 f.). 

Später hat Delius seine Ansicht ausführlicher begründet 
und an den einzelnen Sonetten erläutert, in einem Sendschreiben 
an Fr. Bodenstedt*). Es ist jedenfalls von grösster Wichtig- 
keit, die Ansicht dieses bedeutenden Shakspere-Forschers von 
der Veranlassung und Entstehung der Gedichte, sowie von ihrer 
Bedeutung näher kennen zu lernen. 

Er stellt die Sonettdichtung Shakspere's als einen Tribut 
an die poetische Mode seiner Zeit, als ein Convenienz-Product 
hin, auf das er selbst wenig Gewicht gelegt haben mag (pg, 30 f.): 
„Waren doch diese Erzeugnisse einer früheren Zeit von vorn 
herein lediglich zur handschriftlichen Verbreitung unter seinen 
intimen Freunden bestimmt gewesen, waren sie doch aus einer 
Anregung von Seiten dieser Freunde oder im Wetteifer mit 
ihren ähnlichen Versuchen auf dem engbeschlossenen Gebiete 
dieser Dichtun^sform entstanden. Denn so engbeschlossen wie 
die Form des Sonetts, war auch der Stoff, auf den die Con- 
venienz der englischen Poetik das Sonett beschränkte, seitdem 
zuerst Surrey und Wyatt diese Blüthe höfischer und modischer 
Kunstpoesie aus Italien nach England verpflanzt hatten. Es 
war das Thema feiner Galanterie, sinnreich in allen denkbaren 
Modulationen variirt, das darin abgehandelt werden durfte. Der 
Dichter selbst identificirte sich ohne Weiteres mit dem bald glück- 
lich, bald unglücklich Liebenden und hatte in seinen Gedichten 
die ganze Scala der Empfindungen eines solchen Liebenden, 
schüchterne Werbung, zuversichtliche Annäherung, Eifersucht, 
Trotz, Verzagen, Verzweiflung etc. durchzumachen, einer Dame 



**) Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft. I. Jahrgang (1864), 
pg. 18—56. 



Zu den Sonetten Shakspere's. 163 

gegenüber, die unter fingirtem Namen freilich erschien, die aber 
doch in manchen Fällen von den Zeitgenossen leicht auf irgend 
eine bekannte hervorragende Persönlichkeit gedeutet wurde und 
auch nach der Absicht des Dichters so gedeutet werden sollte. 
Wenn indess in solchen Fällen der Gegenstand dieser dichterischen 
Liebeshuldiguniien aucli ein wirkliches Wesen war, oder dafür 

DD 

galt, so wurde doch alles Uebrige, das Verhältniss des Anbeters 
zu der Angebeteten Betreffende mit Fug und Recht als poetische 
Zuthat, als Fiction betrachtet ; und es erregte so wenig Anstoss, 
wie es für baaren Ernst genommen wurde, wenn z. B. Graf 
Surrey, Sir Philip Sidney, Spenser und andere, die als glück- 
liche Gatten, ehrbare Famihenväter in der Wirklichkeit da- 
standen, in der Poesie als schmachtende Anbeter einer fremden, 
vielleicht ebenfalls vermählten Dame auftraten. Die bezeichnete 
Convenienz des Sonett-Stiles brachte es einmal so mit sich. Man 
las in den eleganteren vornehmen Kreisen diese kleinen Ge- 
dichte, nicht um daraus die wirklichen Herzensangelegenheiten 
des Dichters kennen zu lernen, sondern um sich an der An- 
muth und Kunst zu erfreuen, mit welcher in den wohllautend- 
sten Versen ein ganzes Kaleidoskop der Liebe vor dem Auge 
des Betrachters hingestellt wurde. Allerdings erhebt sich Shak- 
spere , wenn wir von der äusseren Form absehen , wesentlich 
über seine Vorgänger und sein specielles Vorbild Daniel einmal 
durch das tiefere Pathos selbst der fingirten Leidenschaft, das 
bei ihm so oft aus all den Conventionellen Spitzfindigkeiten des 
Sonettstiles hervorbricht. . , . Das verdankte er jener mit un- 
vergleichlichem psychologischen Scharfblick gepanzerten schöpfe- 
rischen Gestaltungskraft, welche ihn ja auch zum wahren Herzens- 
kündiger seiner dramatischen Figuren gemacht, und el^enso diese 
Sonette weit über ihre eigentliche beschränkte Sphäre eines 
Spieles mit Worten und Empfindungen emporgehoben hat." . . . 
Ferner ist auch die Wahl der Gegenstände eine von dem 
Gewöhnlichen abweichende (pg. 32). Seine eignen Dichtungen 
boten ihm die Stoffe : so Venus und Adonis für die ersten 
siebenzehn Sonette; den leitenden Gedanken für die Eifersuchts- 
Sonette lieh ihm sein Jugenddrama Two Gentlemen of Verona: 
„Die Freundschaft Valentin's für den treulosen Proteus besteht 
sogar die Probe einer klaren Erkenntniss der Unwürdigkeit 

11* 



164 Zu den Sonetten Sliakspere''s. 

dieses Freundes und geht so weit, dass Valentin sich bereit 
erklärt, seine eigne Geliebte, die Silvia, dem Proteus, der sie 
ihm abspenstig machen wollte, freiwillig abzutreten. Solche 
Opferwilligkeit und solche Eesignation mochten selbst in ihrer 
Uebertreibungdem Dichter als Ideal schön und zu 
einer poetischen Behandlung geeignet erscheinen, ohne dass wir 
deshalb nun auch ohne Weiteres annehmen dürfen, Shakspere 
selbst sei in der Wirklichkeit geneigt und veranlasst gewesen, 
Valentin's Verfahren nachzuahmen, edelmüthig seiner eignen Ge- 
liebten zu Gunsten des Grafen Southampton oder des Grafen 
Pembroke zu entsagen und diesen Entschluss heroischer Selbst- 
verleuffnunsf der Welt in einer Reihe von Sonetten kundzuthun" 
(pg. 35). 

Delius geht dann dazu über, an den einzelnen Sonetten zu 
beweisen zunächst die Unmöglichkeit, dieselben, wie A. Brown, 
als ein der Zeit und dem Inhalte nach zusammenhängendes Be- 
kenntniss des Dichters aufzufassen. Dieser Beweis ist voll- 
ständig erbracht. Man kann allerdings das Verfahren, das 
A. Brown angewandt hat , um einen inneren Zusammenhang 
zwischen den einzelnen Sonetten herauszubringen, vom kritischen 
Standpunkte aus nur haarsträubend nennen: dieses Verfahren 
besteht eben darin, dass er die offenkundigsten Einsprüche, die 
der Gedanke, der Wortlaut so vieler Sonette gegen seine Deu- 
tung erhebt, einfach ignorirt. Er theilt bekanntlich die Sonette 
in sechs Poems mit möglichst gleicher Anzahl von Strophen 
d. h. Sonetten. Welche Gewaltmassregeln er aber gebrauchen 
muss, um diese Poems zu constituiren, sehen wir gleich beim 
ersten (S. 1 — 26), das betitelt ist: 'To his friend, persuading 
him to marry'. Die Verheirathungs-Sonette gehen indessen nur 
bis S. 17; S. 18 — 26 behandeln diesen Gegenstand durch- 
aus nicht, sondern führen ganz andre Gedanken mannigfach- 
ster Art aus. Was A. Brown in seinem Versuche bewiesen 
hat, ist weiter nichts als die mitunter bis zur Ableugnung un- 
bestreitbarer Thatsachen gehende Macht einer vorgefassten Idee. 
Die Ordnungslosigkeit der uns überkommenen Reihenfolge der 
Sonette ist hier von Delius ein für alle Mal festgestellt und 
damit jeder derartige Deutungsversuch abgethan worden. — 
Weiter will aber Delius an den einzelnen Sonetten die 



Zu den Sonetten Sliakaperc's. 165 

AVidersprüchc uiul Unmöglichkeiten aufdecken, die aus einer 
persönlichen Auffassung der Sonette sich ergeben. Eine so 
gewichtige Stinune wie die Seinige muss natürlich bei der Be- 
handlung der Sonette im Einzelnen eingehende Berücksichtigung 
finden, in diesem Ueberblick indessen würde es zu weit führen, 
auf alle einschlägigen Details einzugehen. Die grosse Realität 
der Liebes -Sonette muss er allerdings anerkennen: „Die Geliebte 
tritt uns schon in greifbarerer Figur entgegen (als der Freund), 
und es ist sehr denkbar, dass unserm Dichter ein Wesen wie 
das geschilderte in seinem bunten und bewegten Londoner Leben 
und Ti'ciben einmal in den Weg gerathen ist" (pg. 51). Nur 
berechtige diese Hypothese keineswegs zu glauben, dass Shak- 
spere selbst in dem von ihm geschilderten Verhältniss mit ihr 
gestanden habe. Als Argument führt er an, dass man Shakspere 
dann eine „bis zur Schamlosigkeit gehende Aufrichtigkeit"- zu- 
erkennen müsste (pg. 53) ; und in Bezug auf die Eifersuchts- 
Sonette, dass nach ihnen „der das Leben praktisch erfassende 
und beherrschende Dichter uns als ein durchaus charakterloser, 
haltloser Schwächling erscheinen" müsste. 

Diese Worte scheinen nun doch in einem gewissen Wider- 
spruche zu stehen mit dem, was Delius früher (pg. 38) als Ver- 
anlassung für die letzteren Sonette anführt, dass nämlich „solche 
Opferwilligkeit und solche Resignation selbst in ihrer Ueber- 
treibung dem Dichter als Ideal schön erscheinen mochten." Es 
ist doch schwer vorstellbar, dass ihm etwas als Ideal schön 
erscheinen sollte, was ihn in der Wirklichkeit als charakterlosen 
Schwächling gebrandmarkt hätte, und was er deshalb auch — 
so will Delius doch jedenfalls — von seinem moralischen Stand- 
punkte aus thatsächlich verabsclieuen müsste. So bleibt denn 
die Entstehung gerade dieser fragwürdigen Sonette auch bei 
dem Delius'schen Verfahren noch immer unerklärt. 

Man müsste von einer der Delius'schen Hypothese entgegen- 
laufenden vorgefassten Meinung ganz verblendet sein, wollte 
man nicht anerkennen, dass Das, was er von der Behandlung 
und Auffassung der Sonettdichtung von Seiten des Dichters und 
des Publicums sagt, sehr viel Plausibles hat, und dass seine 
Ansicht über die Entstehung dieser Gedichte auch für einen 
Theil der Shakspere'schen Geltung haben kann. Auch das 



106 Zu den Sonetten Shakspere's. 

wird Jedem, der der Sonettfrage vorurtheilsfrei gegenübertritt, 
aus seinen Worten unstreitig erhellen: daes es ebenso bedenk- 
lich ist, säramtliche Sonette auf autobiographischem Wege 
deuten zu wollen, wie es undenkbar ist, dass ein lyrischer Dichter 
immer nur seine individuellen Erlebnisse, seine persönlichsten 
Empfindungen in Gedichte giössen, niemals von ihm persönlich 
fernliegenden Stoffen, von rein äusserlichen Anlässen zum Schaffen 
angeregt werden sollte. Keiner, der von jetzt ab in das Dunkel 
der Sonette eindringen will, wird diese Rücksicht ausser Acht 
lassen dürfen. Will man nun abör, weil manche Sonette nicht 
persönlich aufzufassen sein mögen, allen einen individuell-realen 
Gehalt absprechen, so ist das eben zu weit gegangen. Um das 
zu constatiren, reichen die von Delius beigebrachten Beweis- 
gründe nicht aus. Denn wenn man vom Standpunkte unserer 
heutigen moralischen Anschauungen behauptet, dass Shakspere 
ein ganz verwerflicher Mensch gewesen sein müsstc, wenn er 
so und so gelebt hätte, so ist das unmöglich als ein Beweis 
anzuerkennen, dass er nicht so gelebt hat. Und was die 
Widersprüche betrifft, die Delius in dem Inhalte gewisser So- 
nette findet, so werden die sich auch anders und vielleicht besser 
aufklären, oder doch wenigstens erklären lassen als mit der 
Theorie der poetischen Fiction. Keinenfalls sind die bezeich- 
neten Widersprüche der Art, dass sie die autobiographische 
Deutung vieler Sonette ausschliessen. 

Von den deutschen Uebcrsetzern folgen Delius in allen 
Stücken Bodenstedt und Gi Idemei s ter. Der erstere ist 
überzeugt*), „dass es Delius vollständig gelungen ist, das hehre 
Bild des Dichters vor Verunglimpfungen sicher zu stellen. — - 
Man braucht," fährt er fort, „die Sonette nicht gerade als bio- 
graphisches Material zu betrachten, um doch anzunehmen, dass 
die darin vorherrschenden Grundstimmungen dem eignen Herzen 
des Dichters entsprungen sind. Zwischen dem wirklich Erlebten 
und dem energischen Ausdruck, den der Dichter dafür findet, 
sowie der Freiheit, Avomit er es, höheren Zwecken gemäss, be- 
handelt, liegt immer (?) eine tiefe Kluft. Ein Dichter hat mehr 



*) W. Shakespeare's Sonette in deutscher Nachbildung. 4. Aufl. (Berlin 
1873), pg. 18 f. 



Zu den Sonctteu Sliakspcrc's. 167 

Feuer im Herzen und im Kopfe, als andere Menschen, und ist 
selbstverständlich durch seine leidenschaftliche Natur auch grösse- 
ren Versuchungen ausgesetzt*). Wenn er diesen nun siegreich 
widersteht, so mag es ihn doch reizen, sich bis ins Kleinste 
hinein alle Gefahren und Folgen des schlimmsten Gegentheils 
auszumalen und poetisch darzustellen. Nur kritische Barbaren 
könnten daraus schlimme lUickschlüsse auf seinen Charakter 
ziehen. Wie soll der Dichter in die Herzen der Menschen 
sehen, als durch sein eignes Herz, und wer kann ihm zumuthen, 
immer nur Gefühle der hausbackensten Tugend zu besingen? 
Was im Leben missfallt, oder gar Abscheu erweckt, kann im 
Gedicht den reinsten Genuss gewähren, denn die poetische Er- 
lösung macht von allen Schlacken frei." — 

Soweit ich die letzten Worte verstehe, scheinen sie mir 
sehr für eine persönliche Auslegung zu sprechen. — Es giebt 
jedenfalls eine Menge von Dingen, die im Gedichte ebenso sehr 
missfallen, wie im Leben. Es wird z. B. Jedem missfallen, 
wenn er sieht, wie ein edler und bedeutender Mann in die Netze 
einer ßuhlerin gerathen ist und darin rettungslos verloren scheint. 
Wird ein solches Verhältniss in seiner nackten Naturwahrheit, 
ohne jede erhebende moralische Zuthat — nicht etwa als Mittel 
zu einem höheren ästhetischen Zwecke, sondern allein für sich — 
in Gedichten dargestellt, so wird die schönste poetische Form 
uns nie die Hässlichkeit des Stoffes vergessen machen. Der 
Stoff an sich, ob fingirt oder erlebt, ist ebenso häeslich, als 
das wirkliche Verhältniss ; so macht auch ein Theil der Liebes- 
Sonette Shakspere's auf unser sittliches Gefühl einen empören- 
den Eindruck : es sind diejenigen, in denen er sich der von ihm 
selbst als Buhlerin bezeichneten Frau dennoch ganz hingiebt. 
Hätte er nur in solchen Gedichten sein Verhältniss geschil- 
dert, so möchte man allerdings mit einigen englischen Kritikern 
bedauern, dass er diese Gedichte überhaupt geschrieben. Es 
ist aber ein Etwas in den meisten Liebes -Sonetten, das schöner 
ist, als die in ihnen behandelte Materie , das uns über ihre 
Hässlichkeit hinaushebt und mit ihr aussöhnt. Das ist die 



*) Dieses ist Eins von den Axiomen, auf denen die persönliche Theorie 
hauptsächlich fusst. 



168 Zu den Sonetten Shakspere's. 

Gesinnung des Dichters. Wir finden in ihnen nicht bloss dieses 
unwürdige Verhähniss in „schamloser" Weise offen gelegt; wir 
sehen das Ringen eines edlen, grossen Herzens gegen den 
Dämon der Sinnenlust; wir sehen den geistigen Shaksperc im 
Kampfe mit dem sinnlichen ; wir sehen ihn in seinem innersten 
Sein erschüttert von der niederschmetternden Erfahrung, dass 
das gemeine, erdgeborene Fleisch eine Macht entwickeln kann, 
die der göttliche Geist nicht zu überwältigen vermag. Das 
129. Sonett enthält wohl den kräftigsten Fluch auf die Sinnen- 
lust, der je einem von heiligem Zorn entflammten Dichterherzen 
Luft gemacht hat. Was uns also auch bei diesen Gedichten 
einen reinen Genuss gewährt, ist das stark hervortretende Ge- 
fühl des Selbst Vorwurfs, des Unwillens über die eigene Schwach- 
heit, das einen Theil dieser Sonette ausschliesslich dictirt hat. 
Der Dichter macht darin — diese Auffassung wird uns geradezu 
aufgezwungen — einen Läuterungsprocess durch, und wir wür- 
den uns mit Abscheu von ihm hinwegwenden müssen, wenn 
nicht eben diese „poetische Erlösung", in der er als sein eigner 
Richter auftritt, „ihn von allen Schlacken frei machte". Unter 
diesem Gesichtspunkte verlieren die Gedichte alles Anstössige, 
das sie ihrem Stoffe nach haben. Eine solche poetische Erlösung 
ist aber meiner Ansicht nach nur möglich, wo wirkliche Schlacken 
sind. Deshalb scheint es mir, dass Bodenstedt von seinem 
Standpunkte der nicht -persönlichen Auffassung diese Worte 
auf den Dichter nicht wohl anwenden konnte. 

Denn Avenn derselbe in diesen Gedichten den Zweck ver- 
folgte, der nach seinem eigenen Ausspruche der des Drama's 
ist : seinem Zeitalter einen Spiegel vorzuhalten — so bedurfte 
er keiner Erlösung. Dieser moralische Zweck würde dann aber 
auch in allen bezüglichen Sonetten gleichmässig und deutlich 
zwischen den Zeilen zu lesen gewesen sein. Es würden dann 
auch persönliche Beziehungen gefehlt haben, die dicseiB Zwecke 
keineswegs zu entsprechen scheinen. Was sollte z. B. die Reiz- 
losigkeit der Verführerin dann für einen Sinn haben? Es wäre 
doch viel wirksamer gewesen, sie mit allen erdenklichen Reizen 
auszustatten. Wozu sollte Shaksperc eine Beziehung auf seine 
eigne Person so nahe gelegt haben in dem verheiratheten 
Liebhaber, der ja keineswegs erforderlich war? Weshalb sollte 



i 



Zu den Sonetten Sbaksperc's. 16D 

er denn einen Freund mit hineingezogen haben, da doch wohl 
kaum eine derartige Perfidic in der Freundschaft so häufig vor- 
gekommen Bein wird, dass er sie als Unsitte hätte geiscln wollen? 

Sollten diese Gedichte aber objective Situationsbildcr sein 
— was meines Erachtens wieder bei der Menge persönlicher 
und sachlicher Beziehung-en und bei der furchtbaren Gemüths- 
aufregung des Dichters nicht gut anzunehmen ist — hätte Shak- 
spere beabsichtigt, wie andere Dichter das Glück erhörter, das 
Unglück verschmähter Liebe auch ohne persönlichen Antrieb 
besingen, einmal einen durchdringenden Blick in die inferna- 
lischen Regionen der buhlerischen Liebe zu thun, erschöpfend 
zu zeigen, was diese edelste Leidenschaft Widerwärtigstes und 
Erniedrigendstes haben kann^ und hätte er das aus keiner andern 
Veranlassung als aus seinem persönlichen Literesse für den 
Geoenstand als solchen gethan: dann hätte er damit eine Ver- 
derbtheit seines Geschmackes und seines moralischen Gefühles 
bewiesen, von der ihn kein Gedicht erlösen kann. 

In höchst energischer Weise tritt Gildemeister*) für 
diesen Standpunkt in die Schranken: „Die Auffassung, als ob 
Shakspere in den Sonetten wirkliche Verhältnisse, bei denen er 
persönlich betheiligt war, behandelt habe, führt in ihrer Conse- 
quenz zu Resultaten, welche psychologisch noch räthselhafter 
sein würden als das Räthsel, welches sie aufzulösen bestimmt 
sind. Kein einziges historisch beglaubigtes Factum steht ihr 
zur Seite." 

Soviel mir bekannt, ist auf der gegnerischen Seite bei Be- 
gründung ihrer Ansicht von Facten erst recht nicht die Rede. 
Wieviel historisch beglaubigte Facta giebt es überhaupt, nach 
denen wir uns ein untrügliches Bild von Shakspere's Leben 
machen könnten? Ist nicht das Meiste, was die gewiegtesten 
Shakspere-Philologen darüber vorbringen, Hypothese von grösserer 
oder geringerer Wahrscheinlichkeit? Wer kann z. B. beweisen, 
dass Shakspere's eheliches Verhältniss, wenn auch nicht boden- 
los unglücklich, doch recht unbefriedigend gewesen sei? 
Wer aber könnte sich der Wahjscheinlichkeit verschliessen, dass 



*) Shakespeare's Sonette. Uebersetzt, eingeleitet und erläutert. 2. Aufl. 
(Leipzig- 1876;, pg. XXI ff. 



170 Zu den Sonetten Sbakspere's. 

es so gewesen sein muss, wenn er das betreffende Capitel in 
Elze's „Shakespeare" liest? — Will man nun noch gar die that- 
sächllchen inneren Erlebnisse, die den Kern jeder gesunden 
Lyrik bilden, hinwegleugnen, will man dem Dichter nicht mehr 
glauben in Dem, was er über sich selbst in tiefster Mitleiden- 
schaft ausspricht; will man eine Methode, die man mit Voi'- 
liebe auf Dichter von dunklem Lebensgange angewandt hat, auf 
Shakspere allein für unanwendbar erklären — dann mag man 
in dem chaotischen Durcheinanderwogen der unverstandenen Ge- 
fühle des Dichters, in der selbstgeschaffenen Finsterniss seiner 
Dichtungen sich behagen, so gut man kann, und des wahren 
d. h. verständnissvollen Genusses seiner schönsten Schöpfungen 
verlustig gehen. — 

„Viele Stellen der Sonette beweisen deutlich, dass eine 
wörtliche Auslegung unstatthaft ist (z. B. diejenigen, wo der 
Dichter sich als alter Mann einführt), und der ganze Ton dieser 
Gedichte ist ein solcher, dass er zu Empfindungen, wie die 
Wirklichkeit sie erregt, nicht stimmt." — 

Die letzten Worte verstehe ich nicht. Will Gildemeistcr 
aber daraus, dass der Dichter in mehreren Sonetten der Jugend 
seines Freundes gegenüber sein vorgerücktex'cs Alter etwas 
stärker betont, als seine Jahre ihm Veranlassung gaben — will 
Gildemeister daraus folgern, dass nun sämmtliche vorkommende 
Verhältnisse irreal und fingirt sein müssten, so wäre das doch 
wohl sehr kühn. 

„Alle oder doch fast alle Schwierigkeiten dagegen lösen 
sich ffanz von selbst, wenn man in diesen Gedichten einfach Ge- 
dichte erblickt, Erzeugnisse einer frei waltenden künstlerischen 
Phantasie, welche in gewisse, sie fesselnde (!) Situationen sich 
vertiefte und die aus ihnen sich ergebenden Stimmungen in 
lyrischen Ergüssen wiedergab." — 

Ich bin nun gerade der Ansicht — und hoffe sie an den 
einzelnen Sonetten begründen zu können — , dass diese Auf- 
fassung zu den vielen Schwierigkeiten der Erklärung noch be- 
deutende hinzufügt. — 

„Der Einwand, daäs aus den Sonetten ,ein warmes Leben 
spreche, dass reale Lebensverhältnisse auch unter dem falben Ab- 
bilde durchscheinen, dass der volle Pulsschlag eines tiefbewegten 



Zu den Sonetten 'ihakspere's. 171 

Herzena durch alle Hüllen der dichterischen Formalieu hindurch- 
dringe/ und dass deshalb angenommen werden müsse, der 
Freund, welchem der Dichter, ,ßo tiefe Erwägungen und Ge- 
fühle' ausspreche, müsse ihm leibhaft und wahrhaft zur Seite 
gestanden haben, — dieser von Gervinus betonte Einwand würde, 
wenn er selbst im Uebrigen begründet wäre, doch kaum mehr 
Gewicht in Anspruch nehmen können als der entgegengesetzte, 
ihn wieder aufhebende, dass nämlich die allerdings nicht hin- 
wegzuleugnenden tiefen Erwägungen und Gefühle, das warme 
Leben und die durchschimmernden realen Verhältnisse auf jeden, 
der an ihre leibhaftige Wirklichkeit glaubt, einen befremdlichen, 
ja abstossenden Eindruck machen." 

Dieser Einwand kann den von Gervinus gemachten nicht 
aufheben ; denn es ist überhaupt gar kein Einwand, der irgend- 
wie in Betracht fjezogen werden könnte. Wenn Gervinus aus 
der Lebhaftigkeit und Tiefe der Gefühle, aus den mannigfachen 
Beziehungen auf Personen und Ereignisse schliesst, dass in den 
Sonetten reale Verhältnisse behandelt werden, so ist das nur 
natürlich. — Dass aber diese durchschimmernde Wirklichkeit 
einige Shakspere- Kritiker befremdet und abstösst, soll doch 
nicht etwa ein Beweis für ihre Unmöglichkeit sein. — 

„Die ganze Schlussfolgerung beruht aber, wie schon be- 
merkt, auf einer Verkennung der Macht der dichterischen Be- 
gabung, zumal der dichteriechen Begabung Shakespeare's. Die 
Literatur aller Zeiten beweist, dass grosse Dichter im Stande 
sind, die ihnen persönlich fremden Gefühle mit der Stimme der 
Natur reden zu lassen , und es ist ein scholastischer Irrthum, 
wenn man meint, dass dies nur im Drama zulässig oder mög- 
lich sei. Allerdings ist diese Gabe dem Dramatiker unentbehr- 
lich, dem Lyriker entbehrlich ; aber damit ist nicht gesagt, dass 
nicht auch der letztere sie zu verwerthen im Stande sei. Es 
giebt notorisch eine ganze Reihe zum Theil weltberühmter 
lyrischer Gedichte, in denen der Dichter nicht sich selbst, son- 
dern ein Geschöpf seiner Phantasie, mit welchem seine Person 
nicht die mindeste Aehnlichkeit hat, reden lässt. Ein greiser 
Dichter componirt die Liebesklage eines Jünglings, ein junger 
den lebensmüden Abschied eines Greises, ein Mann die Freu- 
den einer Mutter oder Braut, ein Deutscher die Empfindungen 



172 Zu den Sonetten Shakspere's. 

eines Beduinen, ein Landpastor das Pathos eines Kriegshelden 
u. s. \v. Wenn dergleichen nicht möglich wäre, so würde in 
der That unbegreiflich sein , wie denn ein einziger Dichter im 
Drama im Stande sein sollte, für die allerverschieden sten Cha- 
raktere, Temperamente und Lebenslagen den richtigen Ausdruck 
zu finden. Beide Arten der dichterischen Thätigkeit sind in 
genere identisch , nur in der Anwendung und in den Dimen- 
sionen verschieden." — 

Dass ein lyrischer Dichter sich in die verschiedenartigsten, 
ihm ganz fernliegenden Gefühle und Charaktere versetzen kann, 
ist so klar und so selbstverständlich, dass es fast nicht mehr 
behauptet zu werden brauchte. Das ist überhaupt eine allge- 
meine und jedem, auch dem epischen Dichter unerlassliche dich- 
terische Gabe. Wir werden aber dann auch meistens von ihm 
so weit aufgeklärt werden, dass wir gar nicht in die Gefahr ge- 
rathen, ihn mit dem von aussen an ihn herantretenden Stoffe 
zu identificiren. Wenn Chamisso so wahr und innig die Ge- 
fühle der Braut und der Mutter schildert, so wissen wir ohne 
Weiteres, dass es ein objectives Gemälde ist und nichts sub- 
jectiv Erlebtes dahinter stecken kann ; denn die Gedichte haben 
die Ueberschrift „Frauen- Liebe und Leben" und der Dichter 
ist eben ein Mann. Wir werden auch nie in die Lage kom- 
men, die Gefiihle eines Beduinen dem Dichter derselben zu- 
zuschreiben. Das sind alles Fälle, die nicht hierher gehören. 

Gildemeister behauptet von Shakspere etwas ganz Anderes, 
nämlich dass der Dichter sich selbst Gefühle zuschreibe, die 
er nie gehabt und nie hat haben können ; dass er die Gefühle 
des Schmerzes, der Verzweiflung, des Zornes, der Zerknirschung, 
die er nicht bloss wiederholentlich ausspricht, sondern die auch 
die Grundstimmung für eine ganze lieihe von Ge- 
dichten bilden, nie wirklich empfunden, sondern nur künst- 
lich hervorgerufen habe. Ein analoger Fall würde da erst der 
folgende sein. 

Nehmen wir an, Lenau's Leben wäre unbekannt, so wird 
doch Keiner, der seine Gedichte liest, sich einer Täuschung 
über seine Gemüthsart hingeben. Wenn er von der „tiefen 
Wunde" singt, die er im Herzen trägt, wenn er in hundert Ge- 
dichten seinen gewaltigen Weltschmerz aushaucht, so glauben 



Zu (Ion Sonetten Shakspere's. 173 

wir ihm eben , dass er gemütliHch tief zerrüttet, zerfallen mit 
sich und der Welt gewesen ist. Und dieser Glaube an die 
Echtheit seiner Gefühle erweckt in uns heute noch das Interesse 
an seinen Gedichten ; wenn auch die Lebensanschauung, aus der 
heraus sie geschrieben sind, heute keine mitklingende Saite in 
unserem Herzen mehr anschlagen kann, so geniessen wir doch 
noch immer ihre tiefen Empfindungen verbunden mit ihrer 
formalen Schönheit. Käme nun Jemand, der uns klar machen 
wollte, Lenau habe thatsächlich diese Gefühle nie gehabt, er sei 
im Gegentheil ein recht lebenslustiger Mensch gewesen und habe 
nur so traurig gesungen , weil der Weltschmerz gerade Mode 
gewesen wäre, und er eigentlich nur den Weltschmerz , nicht 
etwa seine eigenen Empfindungen habe darstellen wollen — so 
würden wir ihn auf den Ton der Wahrhaftigkeit und die überall 
durchbrechende innerliche Gluth der Gefühle hinweisen und 
damit ihn hinreichend widerlegt zu haben glauben. Alle Freude 
an manchen tief empfundenen Gedichten, alles Interesse, das in 
uns gerade dieser Ton der Wahrhaftigkeit erweckt, würde hin 
sein, wenn wir annehmen sollten, der Dichter habe nur mit 
diesen Empfindungen kokettirt und uns über seine wahren Ge- 
fühle getäuscht. IC s würde überhaupt Niemand glauben, 
dass ein Dichter mit solcher Verve von seinen eigenen Ge- 
fühlen sprechen könnte, wenn sie doch nicht seine eigenen, son- 
dern nur künstlich erzeugte sind. 

Das, was bei Lenau unmöglich ist, da wir wissen , dass 
seine Verse tief, wahr und echt aus seinem Herzen geflossen 
sind, will man bei Shakspere versuchen, dessen Gedichte un- 
leugbar, wie Gildemeister selbst zugiebt, den Stempel der Wahr- 
heit und Echtheit an der Stirn tragen. — 

Hören wir weiter: „Wenn nun Shakspere, dessen dichte- 
risches Naturell im allereminentesten Grade ein dramatisches 
war, sich der lyrischen Kunstform zu bedienen durch innere 
oder äussere Anregung veranlasst wurde, so erscheint es nicht 
befremdlich, sondern durchaus natürlich, dass er dieser Kunst- 
form nicht den Inhalt seiner subjectiven Empfindung gab, son- 
dern in ihr poetische Probleme zu lösen versuchte, welche seine 
künstlerische Phantasie besonders lebhaft beschäftigten." 

Es wäre interessant, zu erfahren, an welche poetischen 



174 Zu den Sonetten Shakspere's. 

Probleme Giklemeister denkt : Reizte es Shakspere besonders, 
Sonette zu verfassen, vielleicht um hinter anderen Dichtern 
nicht zurückzustehen ? Oder reizte es ihn, buhlerische Liebe und 
perfide Freundschaft durch die Eifersucht in einen inneren Zu- 
sammenhang gebracht, statt in Dramen, wo diese Motive zweck- 
voll und wirksam zu verwerthen waren, auch einmal in Sonetten 
zur Darstellung zu bringen? In ersterem Falle wäre es ihm 
also doch nur um die Sonettform zu thun gewesen, und dann 
müsste man sich sehr wundern, wenn er doch nichts Aehnliches 
erlebt, weshalb er gerade diese Gegenstände gewählt, weshalb 
er gerade diese Liebe zu einer Unwürdigen, diese Eifersucht, die 
ein vergötterter Freund erregt, besungen haben sollte. Nehmen 
wir den letzteren Fall an, so scheint wenig Erhebendes darin 
zu liegen, dass seine künstlerische Phantasie in solchen Stoffen 
geschw^elgt haben soll. — 

„Wie er in oft völlig unscheinbaren Stoffen den Keim 
dramatischen Lebens zu entdecken und denselben zu Gebilden 
von unvergleichlicher Kunstwirkung zu entfalten verstand, kön- 
nen wir urkundlich durch Vergleichung seiner Dramen mit den 
Chroniken nachweisen ; der Schluss ist daher wohl gerecht- 
fertigt, dass die nämliche Nothw^endigkeit seiner geistigen Or- 
ganisation, welche ihn bei jenem Schaffen für die Bühne leitete, 
ebenso ihn beherrschte, wenn er in den mannigfaltigen Ein- 
drücken, die aus dem ihn umgebenden glänzenden Leben wie 
aus stiller Betrachtung oder aus dem Studium anderer Dichter 
auf ihn einströmten, den Antrieb zu kleineren dichterischen Ge- 
bilden fand, welche nur für einen einzelnen Gedanken oder eine 
einseitige Empfindung Raum boten. Hier, wie in den Dramen, 
konnte es sehr wohl geschehen, dass seine eigene Persönlich- 
keit im Augenblicke des Schaffens völlig unterging in der Per- 
sönlichkeit des fingirten Wesens, dessen Situation er zum Aus- 
gangspunkte seiner Dichtung erwählt hatte, und wenn es geschah, 
80 gestatten diese Gedichte auf seine Persönlichkeit fast ebenso 
wenig Rückschlüsse wie seine Tragödien und Komödien. Höch- 
stens lassen sie erkennen, welche Stoffe, welche psychologischen 
Probleme, welche inneren Conflicte während eines Augenblickes 
hinreichende Gewalt über ihn gewannen, um ihn zu einem oder 
mehreren Sonetten zu begeistern." 



Zu den Sonetten Shakspere's. 175 

Nur auffallend, dass diese fatalen Stoffe so häufig Gewalt über 
ihn gewannen und ihn zu so vielen Sonetten begeisterten (!). 

„Ob und wie weit dabei Erfahrungen und Beobachtungen 
aus dem wirklichen Leben mitgewirkt haben, lässt sich nicht 
mehr ermitteln; es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass 
dies der Fall war, und bei einzelnen Sonetten drängt sich sogar 
die Ueberzeugung , dass ein Echo der Wirklichkeit sich ver- 
nehmen lasse, fast unwiderstehlich auf." — Gewiss, un- 
widerstehlich! Aber? — nun muss der vernichtende Schlag kom- 
men, der die ganze unwiderstehliche Reahtät der Liebes-Sonette 
zu Schanden macht. — „Es ist aber offenbar ein grosser 
Unterschied zwischen solchen Anregungen der 
Phantasie und jenen wirklichen Herzenserlebni ssen, 
an welche Gervinus und die englischen Ausleser denken." 

Gildemeister findet einen grossen Unterschied zwischen 
Dichtungen, bei denen sich unwiderstehlich die Ueberzeugung 
aufdrängt, dass sie von wirklichen Her*zenserlebnissen handeln, 
und solchen, in denen wirkliche Herzenserlebnisse factisch dar- 
gestellt werden ! Wenn er uns nicht sagt, welches dieser Unter- 
schied ist, so werden wir die vielen unwiderstehlich realen So- 
nette Shakspere's für Darstellungen wirklicher Herzenserlebnisse 
halten. 

„Die letzten Sonette der Sammlung sind z. B. mit gewissen 
individuellen Zügen ausgestattet, welche es glaublich erscheinen 
lassen, dass Shakespeare eine gefährliche, reizende Dame, wie er 
sie dort geschildert, nicht schön, aber voll unbegreiflichen Lieb- 
reizes, gekannt habe. Wäre dem so, so bewiesen die Gedichte 
doch noch nicht im mindesten, dass er selbst den Stricken der 
schwarzlockigen Verführerin erlegen sei, sondern nur, dass bei 
Anblick ihrer Circekünste die Situation eines von ihr verzau- 
berten und in Sinnenlust hinabgezogenen, vergebens gegen ihre 
Macht ankämpfenden, edleren Gemüths in ihm poetisches Leben 
gewonnen und ihn angelockt habe, dies Motiv in lyrischer Form 
auszuführen." 

Sehr hübsch ausgedacht und in der That möglich, aber 
auch nur möglich, wie uns überhaupt von den Vertretern 
dieser Richtung nie die grössere Wahrscheinlichkeit, sondern 
immer nur die Möglichkeit bewiesen wird, als wenn damit irgend 



176 Zu den Sonetten Shakspere's. 

Etwas bewiesen wäre. — Hier werden wir nun aber weiter 
fragen : wie kam Shakspere dazu , noch einen Freund in das 
Verhältniss zu ziehen ? und Gildemeister wird darauf antworten : 
er wird auch zwei Freunde gekannt haben, die in einem der- 
artigen Verhältniss zu der bedenklichen Dame standen; denn — 
das ist ja auch möglich. 

„Ebenso wohl kann aber der ganze Cyklus aus einem 
ganz anderen Anlasse, aus eigenen Gedanken des Dichters oder 
aus der Leetüre entstanden sein, und jene individuellen Züge 
wären alsdann lediglich auf Rechnung der besonderen Shake- 
speare'schen Gestaltungskraft zu setzen, von der wir ja wissen, 
dass Alles, was in ihren Bereich kam, sofort das Gepräge einer 
bestimmten Persönlichkeit annahm. Wenn auch von diesem Ge- 
sichtspunkte betrachtet immer Einzelnes in den Sonetten und 
namentlich auch die Wahl mancher Stoffe befremdlich bleibt" 

— ja, die Wahl der Stoffe, das ist der Stein des Anstosses, 
über den die Dyce-Delius'sche Hypothese nicht hinwegkommen 
kann — „so darf man nicht vergessen, dass die Sammlung 
nicht vom Dichter druckgerecht redigirt, sondern ohne Sorgfalt 
aus verschiedenen in Privatbesitz befindlichen Manuscripten" 

— das steht wohl nicht ganz fest — „ohne orientirende Ueber- 
schriften, ohne jegliche Erklärung dessen, was uns dunkel ist, 
den ersten Lesern aber vielleicht durchsichtig war, zusammen- 
gestoppelt worden ist." 

Hierauf lässt sich nicht eher etwas erwidern, als bis Gilde- 
meister diejenigen Sonette bezeichnet, die ihm von seinem Stand- 
punkte aus dunkel sind, und in denen er eine für uns ganz 
unerkennbare Tendenz findet. 

Gildemeister führt nun weiter Das, was Delius in kurzen, 
klaren Worten über die Bedeutung der Sonettpoesie für jene 
Zeit gesagt hat, etwas vveitläuftiger und ebenfalls recht anschau- 
lich aus. Desgleichen wiederholt er in den Anmerkungfen zu 
den einzelnen Sonetten die moralischen Bedenken, die Delius 

gegen eine persönliche Deutung gewisser Sonette erhebt. 

* * 

* 

Ich habe die Vertreter dieser Richtung sich vollständig 
aussprechen lassen, theils wegen der Bedeutung ihrer Namen, 
theils um Nichts unerwähnt zu lassen, was diese Minorität der 



Zu den Sonetten Sliaksperc's. 177 

deutschen Shakspere-Kritiker zur Begründung ihrer Annahme 
gehend gemacht hat. 

Wir haben gesehen, es sind keine Thatsachen, auf die 
sie sich beziehen können, wie man überhaupt die ganze Frage 
vor der Hand nicht durch Thatsachen entscheiden kann: es sind 
viele Möghchkeiten für die Deutung der Sonette im Ganzen 
und im Einzehien vorhanden , es kann sich also nur darum 
handeln, diejenige Auffassung zu finden, die die grösste Wahr- 
scheinlichkeit für sich hat. Ich kann sie in der Delius - Dyce- 
echen nicht sehen. 

Wenn man, wie diese Herren zugeben , in vielen Sonetten 
auffallend viel persönliche Beziehungen entdeckt, so liegt es 
jedenfalls am nächsten, an persönliche Erlebnisse des Dichters 
selbst zu denken, zumal diese Dichtungsform immer vorzugs- 
weise zur Darstellung der eigenen dichterischen Subjectivität 
verwerthet worden ist. Soll das nicht geschehen, so muss in 
jedem einzelnen Falle nachgewiesen werden, dass die Beziehung 
auf die Person des Verfassers undenkbar ist, hier also, dass 
Shakspere weder in einem Verhältniss zu einer so anrüchigen 
Frau , noch in jenem demüthigenden Verhältniss zu einem 
Freunde gestanden haben kann. Erst dann können andere 
Möglichkeiten in Betracht gezogen werden. Dieser Beweis ist 
nicht erbracht, weil er unmöglich ist. Weshalb soll denn nicht 
Shakspere auch einmal von dem tückischen Liebesgotte auf 
Irrpfade gelockt sein? Weshalb soll er denn nicht einmal Ur- 
sache zur Eifersucht gefunden und dem Veranlasser derselben 
grossmüthig verziehen haben? Wie weit er thatsächliche Be- 
rechtigung zu dieser Eifersucht gehabt hat, wie viel in der 
Darstellung derselben vielleicht als poetische Zuthat anzusehen 
ist, das bleibt daneben eine noch besonders zu entscheidende 
Frage. 

Wenn man, wie Delius und nach ihm Gildemeister, so weit 
geht, zuzugeben, dass Shakspere eine Frau von dem in den 
Sonetten geschilderten Aeusseren und Charakter gekannt haben 
muss, so ist es doch wunderlich, nun weiter anzunehmen, ein 
Anderer habe sich von dieser Buhlerin berücken lassen, und 
Shakspere habe dessen Sache so sehr zu der eigenen gemacht, 
dass er in der ersten Person mit derselben Lebhaftigkeit und 

Archiv f. n. Sprachen. LIX. 12 



178 Zu den Sonetten Shakspere's. 

Vertiefung dieses qualvolle Verhältniss geschildert habe, als wenn 
er selbst der Betroffene gewesen wäre. Ich sage, das ist an 
und für sich betrachtet wunderlich, und wird nur verständlich, 
wenn man eine bestimmte Tendenz für dieses Verfahren ent- 
deckt. Und die ist allerdings bei diesen Herren erkennbar — 
zwar eine sehr anerkennenswerthe, aber immer eine Tendenz. 
Der persönliche Charakter des hehren Dichters scheint ihnen 
besonders durch das für unsere Begriffe zu nachsichtige Be- 
nehmen seinem Freunde gegenüber zu sehr in den Staub ge- 
zogen, und sie möchten ihre Dichtersonne in ungetrübtem 
Glänze , womöglich fleckenlos strahlen sehen. Das ist die 
vorgefasste Absicht, mit der sie in der Erklärung der Sonette 
Denen gegenüber treten, die Sonnenflecken für etwas von der 
Naturwissenschaft Festgestelltes und deshalb Natürliches halten. 
Dennoch gelingt es ihnen nicht , ihr löbliches Ziel zu errei- 
chen. Denn des Dichters Vorliebe für diese zum Theil so un- 
reinlichen Stoffe lässt ihn keineswegs rein erscheinen. 

Vergleicht man diese Auffassung mit der von A. Brown, 
so findet man in ihr eine natürliche und gesunde Reaction gegen 
die unverantwortlichen Ausschreitungen seiner Kritik — wenn 
man sein Verfahren mit diesem Namen bezeichnen darf. Wie 
jede Reaction, so schafft auch diese zum Theil Gutes, indem 
sie jene Uebertreibungen aufhebt, zum Theil Böses, indem 
sie auch ihrerseits nach der entgeg-eno^esetzten Richtung zu weit 
geht. Es bleibt nun noch übrig, dass eine dritte Partei ihr 
Haupt erhebt, welche das Gute der beiden Gegner sich zu 
Nutze macht und so als Vermittlerin zwischen ihnen auftritt. 
Diese wird ja dann wohl der Wahrheit am nächsten kommen, 
die auch hier zwischen den beiden Extremen in der Mitte liegen 
muss. Ausschreitung ist Beides : sowohl wenn man behauptet, 
dass alle Sonette persönlich zu deuten seien, als wenn man 
keine persönliche Beziehung gelten lassen will. Ein wahrer 
lyrischer Dichter lässt sich mindestens ebenso gewiss von seinen 
eigenen Gefühlen und Erlebnissen zu Gedichten begeistern, wie 
er durch äussere, oft recht gleichgültige Anlässe zum Schaffen 
getrieben wird. Es kommt, wie bei allen lyrischen Producten, 
auch bei diesen Sonetten darauf an, „wirklich Empfundenes und 
Erlebtes von bloss poetisch Vorgestelltem zu scheiden". 



Zu den Sonotten Sliakspere'a. 179 

Bevor wir jedoch zu jener vermittelnden Richtung über- 
gehen, müssen wir noch zweier cngHschen Kritiker gedenken, 
die ihrer Tendenz nach auch zu dieser Gruppe gehören, d. ii. 
die auch unter allen Umständen den Charakter Shakspere's rein 
aus den Sonetten hervorgehen lassen wollen. Sie sind noch 
einen bedeutenden Schritt weiter gegangen auf dem Wege, der 
von den eben genannten Kritikern gewissermassen schon vor- 
gezeichnet wurde. Die Schwierigkeit, die das auffallend Per- 
sönliche gewisser Sonette der Auffassung von Delius und Gilde- 
meister bereitete, veranlasste Diese bereits, einen bestimmten 
weiblichen Gegenstand für die letzten Gedichte anzunehmen, der 
dem Dichter, allerdings nur aus der Entfernung, vorgeschwebt 
haben müsste. Massey*) und Henry Brown**) haben sich nun 
bemüht, die Person, resp. die Personen, auf welche die Liebes- 
Sonette sich beziehen sollen, historisch festzustellen und nach- 
zuweisen, dass alle in ihnen vorkommenden Anspielungen auf 
sie anwendbar sind. 

Nach Massey 's Auffassung hat Shakspere in seinem 
eigenen Interesse nur 71 Sonette gedichtet, sämmtlich Freund- 
schafts -Sonette an den Grafen Southampton, seinen Gön- 
ner, gerichtet. Es sind nach den Nummern der überlieferten 
Ordnung: I— XXVI, XXXII, XXXVIII, XXXIX, XLVI, 
XL VII, LIII-LV, LIX, LX, LXII— LXXIV, LXXVI — 
LXXXVI, XCIV, C— CVI, CVIII, CXV, CXXVI. Dies 
sind die Personal Sonnets, denen die übrigen gegenüber stehen 
als Dramatic Sonnets, d. h. solche, die er im Auftrage hoher 
Gönner gedichtet hat. Diese letzteren sind sämmtlich Liebes- 
Sonette und beziehen sich auf zwei Verhältnisse: auf eines 
zwischen dem Grafen Southampton und einer Hofdame der 
Elisabeth, Miss Vernon, und auf ein späteres zwischen dem 
Grafen Pembroke und Lady Rieh, einer berühmten Schönheit 
von nicht tadellosem Rufe. 

Dafür, dass Shakspere für den Grafen Southampton 
Sonette angefertigt, kann Massey natürlich keine thatsächlichen 
Beweise beibringen; er beruft eich nur auf ihre Freundschaft, 



*) Shakespeare's Sonnets never before interpreted : bis private friends 
identified: together witb a recovered likeness of himself (London 1870). 
**) The Sonnets of Shakespeare Solved (London 1870). 

12* 



180 Zu den Sonetten Shakspere's. 

die er für eine ganz besonders intime hält, und auf die Sitte 
jener Zeit, zu verliebten Zwecken sich Gedichte machen zu 
lassen , wofür er eine Menge Belegstellen aus den zeitgenössischen 
Schriftstellern anführt (pg. 152 ff.). Als Beweis gilt ihm zwar 
S. XXXVIII, in welchem Shakspere den Gegenstand seiner 
Verse seine „zehnte Muse" nennt. Hier soll Shakspere die 
Absicht aussprechen, sich von nun an den Stoff zu seinen Ge- 
dichten von seinem Freunde geben zu lassen : 

For who's so dumb that cannot write to thee, 
When thou thyself dost give invention light? 

Keiner jedoch, der diesen Sinn nicht herauslesen will, wird 
die geringste Veranlassung haben, ihn darin zu finden. Somit 
ist Massey's Annahme, die ja an und für sich durchaus keine 
Unmöglichkeit in sich schliesst, eine durch Nichts begründete. 

Die Liebesgeschichte Soiithampton's und der Miss Vernon, 
die Massey in der Biographie des Ersteren mit einem Aufwände 
grossen Scharfsinnes und erstaunlicher Belesenheit in der be- 
züglichen Literatur bis in ihre Einzelnheiten entwickelt, spielte 
sich folgendermassen ab: Southarapton lernte Miss Vernon am 
Hofe der Elisabeth kennen und galt bereits 1595 für einen 
grossen Verehrer ihrer äusseren und inneren Vorzüge. Die 
Königin war durchaus eingenommen gegen dieses Verhältniss 
aus unbekannten Gründen ; vielleicht gehörte Southampton eben 
auch zu jenen schönen und bedeutenden Cavalieren , die Elisa- 
beth noch im hohen Alter mit ihrer Eifersucht verfolgte. Die 
Heirath fand dann schliesslich 1598 nach dreijährigen vergeb- 
lichen Bitten, mehrfachen Trennungen und vielen Leiden ohne 
Wissen und gegen den Willen der Königin statt, wodurch das 
junge Paar sich freiwillig vom Hofe verbannte. 

Die Sonette, welche Shakspere nicht bloss für Southampton 
an Miss Vernon, sondern auch für Diese an ihren Anbeter ver- 
fasste, sollen zum grössten Theile in jene Leidenszeit fallen. 
Zuerst (1593 — 94) kommen vier Sonette (XXIX, XXX, XXXI, 
XXXVII), in denen der Graf seine Liebe besingt. Die näch- 
sten dreizehn (XXXVI, L, LI, CXHI, CXIV, XXVII, XXVIII, 
XLIH, LXI, XLVIII, XLIV, XLV, LH) sind 1595 vor und 
während einer Reise gedichtet, die der in Ungnade gefallene 
Hofmann unternimmt, nachdem Elisabeth seine Liebe zu ihrem 



Zu den SonctUn Slmkspcrc's. 181 

Elironfräulcin entdeckt hat. — Diese Reise ist kcincsweiis 
liistorisch verbürgt; Massey sucht aber ihre hohe Walirschein- 
lichkeit nachzuweisen. Nun kommt eine Reihe von Sonetten, 
die von der Eifersucht der Miss Vernon liandehi. Und hier 
tritt nun Lady Rieh zum ersten Male auf und beginnt jene 
traurige Rolle zu spielen, auf deren Culminatiouspunkt sie uns 
Massey in den letzten Sonetten vorführen wird. Sie ist es, die 
Southampton an sich zu ziehen versucht und die Eifersucht der 
Miss Vernon erregt. — Zur Begründung dieser sonderbaren 
Hypothese führt Massey weiter nichts an, als dass Lady Rieh 
Cousine der Miss Vernon und ihr eng befreundet (!) ist ; dass 
sie ebenfalls am Hofe lebt und jedenfalls Southampton gekannt 
hat; dass ihr späteres ehebrecherisches Verhältniss mit Lord 
Mountjoy sie dieser Perfidie fähig erscheinen lässt ; dann scheint 
ihm auch ein bisher unerklärter Brief Lord Rieh's eine An- 
spielung auf die Sonette zu enthalten, die Miss Vernon in ihrer 
Eifersucht an seine Frau gerichtet (!)*). — Man sollte nach 
dieser Beweisführung, die weiter nichts als eine starke Phan- 
tasie-Anlage des Verfassers beweist, meinen, Massey machte 
sich seine Aufgabe leicht, das thut er indessen durchaus nicht. 
Er sucht fast jedes Wort der betieffendcn Sonette mit seiner 
Hypothese in Einklang zu bringen mit grossem Scharfsinn und 
bedeutender Gelehrsamkeit, aber vor allen Dingen auch mit 
einer Einbildungskraft und Gewaltthätigkeit, die schwerlich zu 
übertreffen sind. — Das Eifersuchts- Drama Massey'e baut sich 
nun folgendermassen auf: Zuerst ein Monolog der Miss Vernon 
über ihre peinvolle Lage (S. CXLIV); dann eine Scene mit 
ihrem Geliebten, zu dem sie in S. XXXHI — XXXV, XLI, 
XLH spricht, und die entsprechende mit ihrer Nebenbuhlerin 
(CXXXHI, CXXXIV, XL). — Wenn es überhaupt nötliig 
ist, gegen diese kühne Entwickelung Etwas vorzubringen, so 
genügen die Einwürfe des Freiherrn v. Friesen in einer Ab- 
handlung im vierten Jahrbuche der Shakespeare-Gesellschaft, um 



♦) Im Uebrigen soll dieser kleine Zwischenfall die Freundschaft der 
beiden Damen niclit wesentlich gestört haben. Wenigstens hielt sich die 
spätere Lady Southampton IfjOS längere Zeit im Hause ihrer Nebenbuhlerin 
auf und benannte auch den ersten Sprössling ihres ehelichen (iiückes nach 
ihr Penelope. 



182 Zu den Sonetten Shakspere''s. 

dieses Traumbild in sein Nichts aufzulösen. Es Ist wohl 
denkbar — das ist der Inhalt seiner Worte — , dass ein Dich- 
ter für einen Verliebten Gedichte macht; schwer denkbar, dass 
er beiden Theilen zugleich seine Feder leiht; und undenkbar, 
dass eine in ihren edelsten Gefühlen verletzte Frau einen ihr 
fernstehenden, gesellschaftlich untergeordneten Mann zum Ver- 
trauten ihres Herzeleides macht und ihm dichterische Aufträge 
solches Inhaltes giebt, wie ihn die genannten Sonette dar- 
bieten — eines Inhaltes, der, unbefangen betrachtet, die An- 
nahme Massey's thatsächlich ausschliessen muss. — In der 
vierten Scene sucht Southampton die erzürnte Geliebte zu ver- 
söhnen (S. LVI, LXXV). Das gelingt ihm indess nicht, und 
wir sind darin mit dem Dichter Massey vollkommen einver- 
standen; denn die poetische Gerechtigkeit verlangt, dass der 
Uebelthäter bestraft werde. Miss Vernon lässt sich aus Rache 
selbst in eine „Flirtation" mit einem anderen Cavalier ein, den 
Massey leider nicht hat identificiren können — 'the story has 
been told to him (Southampton) with ample additions and coarsc 
comraents' — ja, die bösen Menschen! — und nun hat er Ge- 
legenheit, an sich selbst zu erfahren, wie Eifersucht thut. Nun 
muss auch er — o Hohn des Schicksals ! — zu Shakspere 
gehen, ihm seine schmerzlichen Gefühle enthüllen und ihn bitten, 
einige Sonette darüber zu schreiben. Das thut er auch pflicht- 
schuldigst und giebt so den Sonetten XLIX, LXXXVIII, 
XCI— XCIII, XCV das Leben. Der Aermste hat aber lange 
noch nicht genug gelitten. Es kommen noch andere fatale Um- 
stände hinzu — z. B. ein thätlicher Streit zwischen ihm und 
einem andern Ritter im Vorzimmer der Königin — die den 
Riss zwischen den Liebenden immer grösser machen. In den 
Sonetten aus den Jahren 1597-98 (LXXXVII, LXXXIX, 
XC) giebt er sie und damit sich selbst verloren und zieht mit 
Essex auf die Azoren -Expedition. Dann kehrt er zurück und 
klagt der Geliebten die Trennungsschmerzen, die er auszustehen 
gehabt hat (S. XCVII— XCIX, 1598). Endlich folgt die Ver- 
söhnung: Southampton gesteht reuevoll seine grosse Sündhaftig- 
keit ein, versichert die Geliebte seiner unverminderten Liebe 
(S. CIX-CXII, CXXI, CXVII— CXX) und bringt schliess- 
lich Shakspere in die erfreuliche Lage, ein Hochzeitscarmen 



Zu den Sonetten Sliaksperc's. 183 

(8. CXVI) — diesmal IiofFcntlich unaufgefordert — abfassen 
zu können; für welchen Zweck Massey eine ganz objectiv ge- 
haltene Feier wahrer, d. h. dauernder Liebe genügt. Damit 
sind wir denn — Gott sei Dank! — bei dem Schlüsse dieses 
höchst kläglichen Rührstückes angelangt. — 

Zu bemerken ist über dieses Muster poesievoller Kritik 
wohl Nichts; es spricht selbst genügend gegen sich, auch wenn 
man nicht durch eine Leetüre der betreffenden Sonette sich von 
den einzelnen Unmöglichkeiten der Hypothese überzeugen will. 

Sollte noch Jemand den Muth haben, an den dichterischeu 
Fähigkeiten Massey's zu zweifeln, so mag er den zweiten lioman 
lesen, zu dem ihm die übrigen Sonette (mit Ausschluss von 
CLUI und CLIV) den Stoff geliefert haben. Diese*) sollen 
ein Liebesverhältniss zwischen Lord Herbert, späteren Grafen 
Perabroke, und Lady Rieh illustriren. Bevor wir zur Schilde- 
rung desselben übergehen, schalten wir einen kurzen Bericht 
ein über das für poetische Behandlung so sehr geeignete Leben 
dieser schönsten und interessantesten Erscheinung am Hofe der 
Elisabeth, so weit Massey es historisch entwickelt (pg 380 ff.)**). 

Penelope Devereux, 1563 geboren, stammte aus einem alten 
normannischen Geschlecht ; ihr V^ater war einer der beliebtesten 
und angesehensten Cavaliere am Hofe der Königin. Er hatte 
das Unglück, eine Frau zu besitzen, die das Verlangen des 
mächtigen Leicester erregte, und die schwach genug war, diesem 
Verlangen nicht widerstehen zu können; so musste denn, wie 
allgemein angenommen wird, der alte Devereux auf nicht natür- 
lichem Wege seinem Nebenbuhler weichen, er starb wahrschein- 
lich an Gift. Penelope war damals erst dreizehn Jahre alt, aber 
doch wohl schon Sir Philip Sidney, dem nachmals so berühm- 
ten Dichter, auf eine Uebereinkunft der beiderseitigen Familien 
hin zugesagt. Wenigstens hatte ihr Vater auf seinem Sterbe- 
lager den Wunsch ausgesprochen, dass seine Tochter die Ge- 
mahlin des edlen und liebenswürdigen Ritters werden möchte. 
Damals konnte nun von einer Heirath nicht die Rede sein, und 
wie sich im Laufe der nächsten Jahre Beider Verhältniss se- 



*) LVII, LVIII, XCVI, CXXVII-CXXXII, CXXXV— CXLIII, 
CXLVI-CLIT. 

**) Bei H. Brown öndet sich ebenfalls ein kurzer Abriss ihres Lebens. 



181 Zn den Sonetten Shukspere's. 

staltete, ist unbekannt. Soviel steht fest, dass Siilney zögerte, 
den Wunsch des alten Devereux auszuführen, und so lange 
zöo-crte, bis es zu spät war. Penelope hatte eich mit den Jahren 
herrlich entwickelt ; sie war zu einer seltenen , auffallenden 
Schönheit erblüht, von weissem Teint, goldblonden Haaren und 
dunkeln Augen, die nach dem einstimmigen Preise ihrer Zeit- 
genossen eine unwiderstehliche Zauberkraft besessen haben 
müssen ; sie besass an angebornen und anerzognen geistigen 
Vorzügen Alles, was sie zu dem Range der ersten Peersfrau 
befähigt erscheinen lassen konnte. Ihre mächtigen Verwandten, 
zu denen auch Burleigh gehörte, drangen auf eine passende 
Vermählung, durch die sie in den Stand gesetzt würde, die ihrer 
Geburt und ihren Gaben gebührende Stellung bei Hofe ein- 
zunehmen. Ihre Wahl fiel unglücklicherweise auf Lord Rieh, 
einen Mann von edlem Geschlecht und gewaltigem Reichthum, 
der aber im Uebrigen zu der schönen, geist- -und gemüthreichen 
Penelope das vollkommenste Gegenstück bildete : ein hässlicher, 
unbedeutender Mensch von niedriger Gesinnung. Zwangsweise 
wurde diese unglückliche Verbindung zu Stande gebracht, und 
noch am Altare soll die Lady gegen Ihre Vergewaltigung pro- 
testirt haben. Es half ihr Nichts, sie wurde verurtheilt. In der 
Blüthc Ihrer Jugend all Ihre Hoffnungen zu Grabe zu tragen 
und für Immer auf ein Glück zu verzichten, zu dem sie um so 
mehr berechtigt war, als sie mehr als eine Andere es zu ver- 
dienen Im Stande war: auf das Glück, an der Seite eines edeln 
und geliebten Mannes zu leben. Sie trug Jahre lang Ihr herbes 
Loos mit der Geduld und Würde einer grossen Seele und erlag 
den Anfechtungen nicht, die Ihre blendenden äusseren und Inneren 
Reize bei der nicht allzu grossen Sittenstrenge jener Zeit gewiss 
zahlreich hervorrufen mussten. — Bekannt Ist ihr zartes Ver- 
hältnlss mit Sidney, Ihrem ehemaligen Verlobten. Wahrschein- 
lich kurz nach Ihrer Vermählung hatte dieser sie nach langer 
Trennung wiedergesehen und war ausser sich gerathen vor 
Schmerz und Verzweiflung, als er erfuhr, welch ein Kleinod 
er leichtsinnlo; wejxffeworfen hatte. Die Liebe erwachte bei Ihm 
zu spät, aber um so mächtiger. Er schildert sie uns in einer 
Reihe glühender, herrlicher Sonette (1591 fünf Jahre nach seinem 
Tode veröffentlicht), in denen er unter dem Pseudonym Astrophel 



Zu (Ion Sonetten Sluiksperc's. 185 

öie als Stella besang;. Wir luiben darin die fortlaufende Ge- 
schichte eines Verhältnisses, an dem jene Zeit um so weniger 
Anstoss nahm, als es wider den Gebrauch vollkommen platonisch 
verlief. Ein von Sidney der schlafenden Lady gestohlener Kuss 
ist die äusserste Kühnheit, die sich der Liebhaber zu Schulden 
kommen liess — und er wurde dafür strenge zurechtgewiesen. 
Aus den Gedichten geht allerdings weiter hervor, dass die Lady 
bei den Bewerbungen des als Held, Dichter und Mensch gleich 
glänzenden Sidney nicht für die Dauer kaltblieb; sie gestattete 
aber seine Anbetung nur unter der Bedingung, dass sie sich 
in den Grenzen der Tugend hielte (Sonett 69)*), und konnte 
ihm nach seinem frühen Tode ein reines Andenken bewahren. 
In der Mitte der neunziger Jahre muss es zwischen Lord und 
Lady Rieh zum Bruche gekommen sein ; sie scheinen von da 
ab nur mit geringen Unterbrechungen getrennt gelebt zu haben. 
Vielleicht mag die directe Veranlassung ein Verhältniss gegeben 
haben, das um diese Zeit sich zwischen Lord Mountjoy und 
Penelope entwickelte. Lord Mountjoy war einer der bedeu- 
tendsten Ritter am Hofe der Elisabeth. Mit einer männlich- 
schönen Erscheinung verband er die angenehmsten Manieren ; 
er besass eine feine Bildung und ein ehrliebendes, edles Herz. 
In den irischen Wirren zeigte er ein tüchtiges Feldherrntalent 
und einen besonnenen und energischen Charakter in seiner hohen 
Würde als Vicekönig von Irland. Seine grossen Verdienste 
um das Vaterland, verbunden mit seinen persönlichen Vorzügen, 
gewannen ihm eine ausserordentliche Popularität, so dass auch 
Jacob 1. bei seinem Regierungsantritt nicht verabsäumte , ihn 
besonders auszuzeichnen: er machte ihn zum Earl of Devon- 
shire. — Es ist nicht zu verwundern , dass ein solcher Mann 
auch auf die hervorragendste Frau des Hofes Eindruck machte. 
Das Liebesverhältniss, das sich zwischen ihnen entspann , ent- 
wickelte sich zu einer Intimität, bei der die gesetzlichen Schranken 
nicht mehr eingehalten wurden, und Lady Rieh nur dem Namen 
nach ihrem Gatten angehörte. Sie hatte von Lord Mountjoy 
mehrere Kinder. So unsittlich dieses Verhältniss war, dürfen 



*) Wunderbarer Weise setzt Mas?ey nicht den gerinjrsten Zweifel in 
den materiellen Gehalt dieser Sonette, er nimmt Alles auf Treu und Glauben 
an, denn — „poetry is often true to the deepest truth". 



186 Zu den Sonetten Shakspere's. 

wir doch darum nicht Lady Kich als eine gemeine Buhlerin 
hinstelleiij Avie Massey es gerne möchte, ebenso wenig wie wir 
Lord Mountjoy im Uebrigen den Charakter eines ehrenhaften 
Mannes absprechen können. Es war ein Verhältniss, das auf 
wahrer Liebe beruhte, wie schon seine zwölfjährige Dauer zeigt. 
Li dieser langen Zeit wird Lord Mountjoy gewiss eifrig bemüht 
gewesen sein, die thatsächliche Trennung der Lad)?^ von ihrem 
Gatten auch zu einer gesetzlichen zu machen. Es gelang ihm 
erst 1606, eine Ehescheidung zu Stande zu bringen, worauf 
dann die Vermählung der beiden Liebenden sofort erfolgte. — 
Was sich zur Entschuldigung der Lady Rieh sagen lässt, ergiebt 
sich aus den dargestellten Verhältnissen von selbst*). Eine 
wesentliche Mitschuld an der Möglichkeit solchen Verhaltens 
trägt aber auch ihre Zeit. Für diese Zeit ist es charakteristisch, 
dass die ungesetzliche Liebe der Beiden lange Zeit eine be- 
kannte Thataache am Hofe sein konnte, ohne ihnen irgend eine 
Missbilligung von Seiten der Monarchin oder Verachtung von 
Seiten der Höflinge einzubringen — im Gegentheil wurde Lady 
Rieh von Jacob 1. mit Ehrenbezeigungen überschüttet, sie war 
unbestritten die ano-esehenste Dame nach der Königin. Als 
aber die Liebe durch die Vermählung eine gesetzliche wurde, 
da brach die vornehme Welt in einen Schrei der Entrüstung 
aus über den Eclat der Ehescheidung. Jacob I. befahl Lord 
Mountjoy zu sich, stellte ihn vor dem ganzen Hofe zur Rede, 
beschimpfte seine Gemahlin und liess sich zu den pöbelhaftesten 
Ausdrücken gegen ihn selbst hinreissen. Diese Kränkung war 
für Lord Mountjoy eine tödtliche im eigentlichen Sinne des 
Wortes: sein Haar wurde in wenigen Tagen weiss, der Schmerz 
über die ihm zugefügte, unsühnbare Schmach zerstörte seine 
Lebenskraft, er starb wenige Monate, nachdem er das Weib 
seines Herzens rechtlich erworben hatte. Penclope folgte ihm 
bald. Im Andenken der Menschen lebte noch lange ihr hin- 
gebendes Herz, das sie auch ihrem unglücklichen Bruder Essex 



*) Bodenstedt in seinen „Erzählungen vom Hofe Elisabeth's und Ja- 
cob's" (Jena 1871, I. Band) lässt das Verhältniss in einem milderen Lichte 
ei'scbeinen, indem er die beiden Liebenden noch vor der Verheirathung der 
Pentlope heimlich verlobt sein lässt. Wie weit er dazu berechtigt ist, kann 
icli nicht entscheiden. Massey und H Brown wissen davon Nichts. 



Zu den Sonetten SliHk.s[)crt's. 187 

bevvährto, ihre Freude am Wohlthun, ihre Liebe zur Poesie, 
ihre Begünstigung aller geistigen Bestrebungen, ihr hoher Geist. 

Diese vielverehrte, vielbesungene, doch wohl mehr unglück- 
liche als schlechte Frau, die Geliebte der beiden besten Männer 
ihrer Zeit, hat Massey dazu ausersehen, seinen Zwecken zu 
dienen, d. h. eine Hypothese stützen zu helfen, die den Dichter 
auch von aller erotischen Schuld reinigen soll. Sie ist der un- 
erfreuliche Gegenstand der letzten Sonette, die Shakspere für 
William Herbert an sie gerichtet haben soll. Eine leise Rührung 
beschleicht auch wohl sein Herz, wenn er bedenkt, dass sie 
es gerade sein muss, die für Shakspere geopfert werden soll, 
„one of the bright particular stars of two Courts ; the beloved 
idol of two heroes; one of the proudest, wittiest, most fasci- 
nating women of her time; the Beauty, in singing of whom the 
poets vied like rival lovers , as they strung their harps with 
Stella' s golden hair, and strove together in praise of the starry 
midnight of those eyes that were so darkly lustrous with their 
eastern look." — Und wir müssen ihm Recht geben, wenn er Mit- 
leid fühlt ; denn die Geschichte dieser Dame, wie Massey sie bietet^ 
kann in Menschen von normaler Gemüthsbeschaffenheit nur die 
Neigung erwecken, sie, so weit es angeht, zu entschuldigen , statt 
sie hart zu verdammen, imd jedenfalls eine Scheu, ihr noch 
mehr Makel anzudichten, als historisch begründet werden können. 
Wie kann man aber verlangen, dass diese Rücksichten dauernd 
die Oberhand behalten sollen bei einem englischen Shakspere- 
Kritiker, der eine neue Hypothese entdeckt hat, eine so glück- 
liche Hypothese, durch die es ihm gelingt, das Götterbild seines 
Dichters, von allen irdischen Gebrechen befreit, in idealischer 
Hoheit, der anbetenden Menschheit zu enthüllen? Was kann 
ihm Lady Rieh sein, wo es Shakspere gilt? Er schreitet über 
ihr verstümmeltes Menschenbild ruhig hinweg. Sie darf nur 
ein wüster Sinnenlust ergebenes Weib sein, weil es für seine 
Hypothese eben nicht anders passt. 

Diesen Charakter sucht er ihr aufzudrücken auf dem Wege 
poetischer Erfindung: und wenn wir nach der bereits gebotenen 
Probe seines Talentes auch bezweifeln müssen, dass ihn ein An- 
derer darin je erreichen könnte, so müssen wir doch zugestehen, 



188 Zu den Sonetten Sbakspere's. 

dass er in der folgenden Entwickelung sich selbst übertroiFen hat. 
Ich lüge zu den verschiedenen Sätzen, auf denen sich die neue 
Hypothese aufbaut, die Seitenzahl, damit nicht Einer, der das 
Massey'sche Buch nicht kennt, etwa glaube, ich sei selbst durch 
die Lcctüre desselben zum Poetisiren begeistert worden. 

Pg. 331. Lord Herbert lässt sich 1598 bei Hofe sehen; 
ist aber gar nicht bemüht, sich die Gunst der Königin zu 
erwerben, obgleich sie eine Vorliebe für ihn blicken lässt. — 
Das ist schon höchst verdächtig: Evidently his heart as a Courtier 
is elsewhere(!) than with her Majesty. — Pg. 332. Man wirft 
ihm Mangel an Geist und Muth bei der Verfolgung eines so 
erstrebenswcrthen Zieles vor ; er scheint ein „melancholy young 
man" zu sein, — Nicht etwa, dass ihm eine Frau fehlte, er 
hat keine Neigung zum Heirathen. — „He has a continual pain 
in the head, for which he finds no relief except in Smok- 
ing tobacco(!)" — So weit ist er also bereits gekommen! — 

Er soll auch rathlos sein. «My interpretation of 

Lord Herbert 's Symptoms is that he was in love." — 
Ei natürlich, die Indicien dafür sind ja ganz niederschmetternder 
Art. Wer könnte einer Beweisführung widersprechen von so 
originaler Kühnheit und überwältigender Sicherheit, und dabei 
von dieser rhetorischen Formvollendung: man bemerke nur den 
Klimax, bei dem das gewichtigste Beweisstück, das Tabakrauchen, 
bis zum Schlüsse aufgespart wird. 

Den Lord Herbert hätten wir jetzt also bereits verliebt, es 
kommt nun darauf an, ohne irgend ein beglaubigtes Factum 
nachzuweisen, dass er in Lady Rieh verliebt ist. Nichts leichter 
als Dieses ; wir erinnern uns ja noch, wie Graf Southampton in 
ihre Netze fiel — man braucht sie eben nur zu sehen, mit ihr 
zusammenzukommen. Pg. 333 f. wird demgcmäss auseinander- 
gesetzt, dass er sie durch seine Freunde li^ssex und Southampton 
kennen lernen musste, und dass er thatsächlich mit ihr zusammen- 
gewesen ist. Dieser Beweisgrund würde nun wohl schon voll- 
kommen ausreichend sein, wie es ja auch für die Southampton- 
Rich -Liaison der einzige war. Aber Massey thut noch ein 
Uebriges. Pg. 411 wird erzählt, dass Lord Mountjoy von den 
fünf Kindern, welche ihm Lady Rieh zubrachte, nur drei als 



Zu den Sonetten Shakspere's. 189 

seine eigenen anerkannte. Isabella war Eins von den nicht an- 
erkannten Kindern, und gerade für ihre Verheirathung mit 
dem Sohne des Sir Thomes Smythe 1618 interessirte sich — 
der Earl of Pembroke. Der Earl of Pembroke war also — 
es ist klar wie der Tag — Isabellens Vater. — Wir schweigen 
erschüttert. — 

Es bleiben aber doch noch einige Kleinigkeiten zu thuu, 
um diese Hypothese ganz unumstosslich zu begründen. Näm- 
lich: die in den Sonetten geschilderte Frau ist bisher allgemein 
für eine vollkommene Brünette gehalten worden, wähi'end Lady 
ßich eine Blondine mit schwarzen Augen war. Massey wider- 
legt diese Ansicht in einer langen Reihe von Seiten, er gesteht 
der Shakspere'schen Dame nur schwarze Augen und schwarze 
Augenbrauen zu. Der Vers in S. CXLIV, wo sie „a woman 
colour'd ill" genannt wird, existirt für ihn nicht. If hairs he 
wires, black wires grow on her head (S. CXXX) soll eine 
lustige Ironie sein in Graf Pembroke's Munde, der das herr- 
liche, vielbesungene Gold ihrer Haare ebenso gut zu schätzen 
gewusst hat, wie irgend ein Andrer. 

Ferner ist in den Sonetten von dem vorgerückten Alter 
des Liebhabers die ßede („my days are past the best"), und 
Lord Herbert war 1599 erst 19 Jahre alt. Wie hilft sich 
Massey da heraus? — Nun, das ist wieder Ironie, aber der 
bittersten Art; der zarte Liebhaber, der sich ja noch ganz 
andere Dinge erlaubt, will Lady Kich auf eine ebenso feine 
wie treffende Weise an ihre 36 Jahre erinnern, indem er spot- 
tend das Verhältniss umkehrt und sich, den Jüngling, von 
Shakspere als alt bezeichnen lässt. 

Schliesslich muss auch bewiesen werden, da ja die andern 
Sonette sämmtlieh früher fallen , dass diese von allen chrono- 
logisch die letzten sind. Das gelingt Massey ebenfalls mit un- 
begreiflicher Leichtigkeit: er behauptet nämlich, dass gerade in 
den späteren »Stücken (King Lear, Othello, Macbeth, Antony 
and Cleopatra) Stellen vorkämen, die direct an diese Sonette 
erinnern. Wir sind äusserst gespannt und denken vielleicht, 
solche auffallenden Aehnlichkeiten kennen zu lernen, wie sie 
S. CXXVII, worin der Dichter die brünette Schönheit der 



190 Zu ilen Sonetten Shakspere's. 

Geliebten besingt, mit einer Stelle in einem der frühesten Dra- 
men (Love's Labour's Lost IV 3) aufweist. Staunend lesen 
wir aber (pg. 336 f.) folgende sieben „Parallel-"Stellen : 

1) Robbed others' beds' revenues of their rents 

Sonn. 142. 
And pour our treasures into foreign laps. 

Othello. 

Hier liegt die Parallele wohl in der ungesetzlichen Liebe. 

2) Be it lawful I love thee as thou lov'st those 
Whom thine eyes woo as raine importune thee. 

Sonn. 142. 

Be it lawful I take up w hat's cast away. 

King Lear. 

In beiden Stellen kommt „be it lawful" vor. 

3) And patience, tarne to sufFerance, bide each check. 

Sonn. 58. 

A mofit poor man, inade tarne to fortune's blow. 

King Lear. 
„Tarne to sufFerance" — „tarne to fortune's blow"! 

4) Commanded by the motion of thine eyes. 

Sonn. 149. 
He waged me with his countenance. 

Coriolanus. 

Hier ist kein Wort auch nur äiinlich. 

„Also" 

Her gentlewomen like the Nereides 

So many mermaids tended her i'the eyes(?). 

Antony and Cleopatra. 

5) If eyes con-upt by over-partial looks 
Be anchor'd in the bay, &c. 

Sonn. 173 (soll heissen 137). 

Then should (soll heissen there would) he anchor his 

aspect and die 
With looking on his life. 

Antony and Cleopatra. 

Hier ist allerdings Parallelität des Ausdrucks. 

6) To put fair truth upon so foul a face. 

Sonn. 137. 

False face raust hide what the falsa hearth doth know. 

Macbeth. 



Zu den Sonetten Shakspere's. 191 

In beiden Fällen kommt face vor mit Epitheten von ähn- 
licher Bedeutung. 

7) Whence hast thou this becoming of things 111? 

Sonn, 150. 
Vilest things become themselves in her. 

Antony and Cleopatra. 

Dieses ist die einzige wirkliche Parallelstelle, aber meiner 
Ansicht nach doch nicht ganz beweisend , dass das Sonett und 
das Drama in dieselbe Zeit fallen. — Ich glaube nicht zu viel 
zu sagen, wenn ich behaupte, dass mit einer solchen Art von 
Parallelstellen es sich leicht beweisen liesse, dass Jedes beliebige 
Sonett gleichzeitig mit jedem beliebigen Drama verfasst sein 
müsste. 

Es ist wohl nicht nöthig zu constatiren , dass Massey's 
Hypothese auch dieses Mal wieder auf Nichts gebaut ist, und 
überflüssig hinzuzufügen, dass ein Mann in der Stellung von 
Shakspere wohl nie gewagt haben würde,] eine der ersten 
Grössen des Hofes in seinen Sonetten auf eine solche Art zu 
portraitiren, wie es geschehen ist, selbst wenn er sie im Auf- 
trage eines Anderen gedichtet hätte; dass Lord Herbert sich 
ebenso sehr durch einen solchen Auftrag beschimpft hätte, wie 
der Dichter ihn indirect in den Sonetten beleidigt haben würde. 

üeberdies hat Massey sein Hauptziel, die moralische Rei- 
nigung des Dichters, durch diese Hypothese keineswegs erreicht. 
Mit Recht nennt Gildemeister (pg. 177) „das poetische Kuppler- 
geschäft," in das Shakspere sich eingelassen haben soll, „zehn- 
mal unsittlicher als eine heftige Leidenschaft für eine reizende 
Buhlerin". 

So können wir denn Massey's Roman als eine ganz hübsche 
Erfindung wohl gelten lassen, eine wissenschaftliche 
Kritik kann ihn aber unmöglich berücksichtisren. Mir ist nur 
ein Deutscher bekannt, der die Annahmen Massey's sämmtlich 
unterschrieben hat: es ist Gelbke, der in seiner Uebersetzung*) 
der Massey'schen Anordnung der Sonette folgt. 

Wollten wir aber der abenteuerlichen Hypothese wegen 

*) Bibliothek ausländischer Klassiker, 52 (Uildburghausen 1867). 



192 Zu den Sonetten Shakspere's. 

über Massey's umfangreiches Werk*) als solches zur Tages- 
ordnung übergehen, so wäre das ein arger faux pas. Wir haben 
in unserem Urtheil den Sonett-Erklärer im Ganzen nothwendig 
zu scheiden von dem Philologen, wie er sich in der Deutung 
der einzelnen Stellen bewährt, von dem Literar-Historiker, der 
die eingehendste Kenntniss der poetischen und prosaischen Pro- 
ducte jener Zeit sowie der bezüglichen Urkunden entfaltet, von 
dem Historiker, der uns ein lebhaftes und interessantes Bild 
von dem socialen Leben jenes blühenden Zeitalters entrollt. Von 
diesem Gesichtspunkte hat das Werk eine dauernde Beachtung 
zu beanspruchen für den Shakspere- Forscher im Grossen und 
auch speciell für den Sonett -Kritiker. Denn zunächst geht 
Massey von dem richtigen Principe aus, jedes Sonett für sich 
zu betrachten und ihm nach seinem besonderen Inhalt seine 
Deutung zu geben ; können wir ihm nun auch nicht glauben, 
dass diese Sonette an Miss Vernon , jene an liady Rieh ge- 
richtet seien, so werden wir doch in manchen Fällen mit ihm 
darin übereinstimmen, dass sie an eine Dame gerichtet sind, 
und in vielen Einzelnheiten der Interpretation ihm Recht geben. 
Ebenso werden wir seine sachlichen und literarhistorischen No- 
tizen mit grossem Vortheil für das Detail der Deutung ver- 
werthen können. 

Es bleibt nun noch ein Kritiker dieser Richtung übrig: 
Henry Brown. Das von ihm verfasste Buch hat den Titel: 
'The Sonnets of Shakespeare Solved, and the Mystery of his 
Friendship, Love and Rivalry Revealed. Illustrated by numerous 
extracts from the poet's works, contemporary writers and other 
authors' (London 1870). Er geht darin von der Ansicht aus, 
dass Shakspere schon wxgen seines von seinen Zeitgenossen nie 
angezweifelten sittlichen Verhaltens unter keinen Umständen 
in den Verhältnissen, welche die Liebes -Sonette schildern, gelebt 
haben kann. Hätte er es gethan , so würde er sich wohl ge- 
hütet haben, es in Gedichten bekannt zu machen und, noch 
mehr, diese Gedichte durch den Druck verewigen zu lassen. 
Auf dem Wege aber, den er einschlägt, um Shakspere von 



*) Es enthält über GOO Seiten, von denen es einen guten Theil aller- 
dings nur der Vorliehe des Verfassers fiir besonders reichlichen Ausdruck 
und für poetische Ergüsse verdankt. 



Zu den Sonetten Shakspere's. 193 

allen ihm etwa zu machenden Vorwürfen zu befreien, kann ihm 
aber noch weniger unser Verständnis 8 folgen , als wir den 
fundamentlosen Erfindungen Massey's irgend eine Berechtigung 
zugestehen konnten. Massey ist, wenn wir von einer stark ent- 
wickelten Phantasie absehen, doch wenigstens durch ein sehr 
sorgfältiges Studium der Hofgeschichte auf seine Hypothesen 
gebracht worden. H. Brown dagegen hat einmal einen Einfall 
gehabt, den er unglücklicherweise für einen glücklichen gehalten 
hat: den Einfall, dass Shakspere seine Sonette, vor allen Dingen 
sämmtliche Liebes - Sonette, als Satire auf die Mode der Zeit, die 
Frauen in überspannten Gedichten zu besingen, auf das „mistress- 
sonnetting" (wie er es nennt), beabsichtigt habe; ferner zugleich, 
dass er in ihnen sein Verhältniss zu seinem Freunde und dessen 
Verhältniss zu einer Geliebten zwar nicht in der handgreiflichen 
Art, wie es der Wortlaut der Sonette uns zu enthüllen scheint, 
sondern in versteckter allegorischer Manier behandelt habe. 
Dieser Einfall wird nun allen Ernstes an jedem einzelnen So- 
nette durchgeführt. 

Ulrici bemerkt dazu bei einer Beurtheilung des Buches*): 
„Die meisten Sonette athmen ein so zartes, inniges Gefühl, viele 
sind so reine Herzensergüsse des Dichters, dass auf sie die 
angeblich satirische Tendenz wie die Faust auf's Auge passt." 
Ebenso wunderbar muss es uns auch vorkommen, dass H. Brown 
irgend eine Allegorie hat entdecken können in Gedichten , die 
zum grössten Theil so offenbar ganz bestimmten Personen auf 
den Leib geschrieben sind. 

Suchen wir nun einzudringen in das Labyrinth der alle- 
gorisch-satirischen Schwärmereien des Herrn H. Brown, so ist 
jedenfalls die äusserste Vorsicht geboten, damit es uns nicht so 
geht wie dem Verfasser, der sich schliesslich, wie mir scheint, 
in seinem eigenem Gebäude selbst nicht hat zurechtfinden können. 
Es giebt meines Erachtens in dem Buche eine Grenze, über die 
hinaus der gemeine Verstand nicht mehr vordringen kann. 

Auf die satirische Tendenz ist H. Brown durch jene Stelle 



*) 6. .Jahrbuch der deutschen Shakspere-Gesellschaft (Berlin 1871), 
pg. 347. 

Archiv f. n. Spiaclien. l^IX. 1" 



194 Zu den Sonetten Shakspere's. 

in Love's Labour's Lost gebraclit worden , in der Shakspere 
das „mistress-sonnetting" verspottet: 

This is the liver vein, which makes flesh a deity, 

A green goose, a goddess: pure, pure idolatry. 

God ameud us, God amend! we are much out o'the way. 

Aus dieser Stelle glaubt er nun folgern zu dürfen, dass Shak- 
spere unmöglich in die Fusstapfen der andern Dichter getreten 
sein könne; dass er, wenn er dieselben Stoffe wie sie in den 
Sonetten behandelt habe, nur eine satirische Absicht gehabt 
haben könne. Und diese satirische Absicht scheint ihm auch 
ganz auf der Hand zu liegen. 

So fängt er damit an*), seinen Freund zu besingen — 
nach H. Brown den Grafen Pembroke — , aber er thut es in 
womöglich noch überschwänglicheren Ausdrücken, wie Andere 
ihre Damen besungen haben. Er sucht seinen jungen Freund 
zum Heirathen zu_bewegen, und als dieser eine entschiedene 
Abneigung davor verräth, verspricht er ihm auf anderem Wege 
für seine Unsterblichkeit zu sorgen. Das geschieht durch eine 
allegorische Heirath mit Shakspere's Muse und durch die 
Sonette, deren Erzeuger der Graf in dieser Ehe ist. 

Für die Dauer indessen scheint diese ätherische Ehe den 
Grafen doch nicht befriedigt zu haben: er verliebt sich in eine 
wirkliche Dame. Das giebt dem Dichter einerseits Veranlassung 
zu Vorwürfen, dass der Freund seiner Muse, d. h. ihm, untreu 
geworden ist; andrerseits aber ergreift er diese Gelegenheit, um 
seine Satire auf das mistress-sonnetting mit grösserer Deutlich- 
keit und mehr Nachdruck fortzusetzen. Die Liebenden wissen 
um seine Absicht, die Geliebte — eine Art Beatrice, wie Brown 
meint — hat Witz genug, dieselbe recht piquant zu finden, und 
er erhält die Erlaubniss , das Liebesverhältniss nach seinen 
Intentionen auszubeuten. Die Sonette haben dann aber neben 
ihrer satirischen noch eine den Liebenden wohl verständliche 
allegorische Bedeutung für ihr gegenseitiges Verhältniss, welche 
sie höchhch belustigen soll. Die Satire besteht nun darin, die 



*) H. Brown geht nicht bloss, wie A. Brown, von der Ansicht aus, dass 
die Sonette in chronologischer Reihenfolge auf einander folgen , sondern 
meint sogar, dass sie in einer andern Ordnung nie einen vernünftigen Sinn 
geben konnten. 



Zu den Sonetten Shakspere's. 195 

sonst als Göttinnen verehrten Schönen als Teufelinnen zu malen, 
statt des Himmels die Hölle der Liebe zu schildern. Und die 
Allegorie findet H. Brown gerade in den Theilen der Sonette, 
die fiir eine gewöhnliche Auffassung die realsten, persönlichsten 
Verhältnisse zu berühren scheinen. Wenn z. B. der Dichter 
immer in der ersten Person spricht und thut, als ob er selbst 
der Liebhaber wäre, so ist das nur eine poetische Licenz, die 
er sich im Interesse seiner Satire gestattet und die für die 
Freunde eine allegorische Bedeutung hat. Shakspere entwickelt 
nämlich im Sonett XLII, dass er mit seinem Freunde Eins 
sei; daraus entnimmt er nach Brown die Berechtigung, eben- 
falls als Liebhaber der von seinem Freunde angebeteten Dame 
aufzutreten: „They — Shakspere und Pembroke — being but 
one, he is hers, and she is his, which occasions him to address 
her sometimes as his own alone, and at other times to divide 
the possession of her with his friend, then, again, to assert an 
entire claim" (pg. 48). Wie allerliebst launig! — Dieselneins- 
verschmelzung Shakspere's und Pembroke's geht aber — immer 
nach H. Brown — noch viel weiter: Der Dichter setzt sich nicht 
bloss häufig als den Liebhaber, sondern in manchen Sonetten 
die Geliebte des Freundes als seine eigene, die ihm ihre Liebe 
geschenkt und deshalb Verpflichtungen gegen ihn hat; während 
sie in anderen wieder, der wirklichen Sachlage entsprechend, 
sich sregen seine Liebe abwehrend verhält. So werden denn 
die Sonette, die von der Untreue und dem gemeinsamen Besitz 
der Geliebten handeln, allegorisch abgethan. — Wie sollen wir 
nun aber das CLH. Sonett verstehen, in dem Shakspere sich 
und die Geliebte als Meineidige d. h. Ehebrecher bezeichnet? 

In loving thee thou know'st I am forsworn, 
But thou art twice forsworn, to me love swearing, 
In act thy bed-vow broke, and new faith torn 
In vowing new hate after new love bearing. 

Nun, das ist auch nur eine köstliche Allegorie: „The misti'ess 
has won the friend from the Muse'' (pg. 158), mit der er ver- 
heirathet ist — der erste Eidbruch, an dem sie schuld ist; „the 
two friends being but one, she has protested her love for the 
poet alone (!)" — wer versteht das? — „yet given it to the friend" 
— der zweite Eidbruch, den sie selbst begeht, d. h. doch wohl 

13* 



196 Zu den Sonetten Shakspere's. 

nur ein im Sinne der oben bezeichneten poetischen Licenz vom 
Dichter fingirter — der Dichter ist eidbrüchig, „having promised 
to love only the friend" (pg. 157). 

Nachdem nun H, Brown dieses allegorische Verhältniss — 
wie wir sehen — mit Staunens werthem Scharfsinn klargelegt 
hat, ist es ihm doch aufgefallen, dass er am Ende Niemanden 
überzeugen würde, wenn er behaupten wollte, die Drei hätten 
diese allegorische Komödie, bei der die Geliebte des Freundes 
Injurien zu hören bekommt, die von Andern vielleicht nicht 
allegorisch aufgefasst werden dürften — ganz zwecklos, zu ihrem 
Privat-Vergnügen aufgeführt. Man kann doch nicht annehmen, 
dass die edle Dame — a star of the Court of Elisabeth, whom 
Shakespeare admired for her wit and beauty*) — sich diese 
wenn auch noch so figürlichen, doch wenig angenehmen Dinge 
habe sagen lassen, bloss weil es Shakspere gut geschienen hätte, 
auf diesem eigenthümlichen Wege die Sonettisten zu verspotten ; 
das hätte er ja mindestens ebenso gut durch Uebertreibung nach 
einer edleren Seite hin erreichen können. Brown hat also ein- 
gesehen, dass er mit der Satire auf die Sonettdichtung und mit 
der Allegorie allein bei den Liebes - Sonetten nicht auskam; es 
musste mehr hineingedeutet werden. Und hier muss nun wieder 
einmal die arme Lady Rieh herhalten, die eine höhere vergel- 
tende Macht bestimmt zu haben scheint, nach ihrem Tode ge- 
wissen Shakspere -Kritikern aus ihren selbstgeschaffenen Ver- 
legenheiten zu helfen — wie wir sehen, eine nicht geringe 
Strafe für ihr weltliches Leben. — Nämlich: die Liebes-Sonette 
gehen zwar an die Adresse der Geliebten Pembroke's, sind aber 
durchaus nicht für sie allein bestimmt. Die eigentliche Heldin 
der anzüglichen Sonette ist Lady Rieh, die Geliebte Pem- 
broke's nur die Vermittlerin, welche diese Sonette an Jene ge- 
langen lässt**). Brown sucht diese Annahme glaublich zu 



*) Diese Conjectur glaubt er aus verschiedenen Andeutungen über 
ihre Persönlichkeit (?) machen zu dürfen. AVer sie eigentlich war, hat er 
nicht entdecken können. 

**) Bis auf pg. 227 haben wir es immer mit einer wirklichen Geliebten 
zu thun gehabt; da fällt es H. Brown ein, dass diebetreffende Vermittlerin 
vielleicht gar nicht einmal Pembroke's mistress gewesen sein mag: „The 
friend of Shakespeare, Hke the poet, may have merely affected(!) to be 
in love with the mistress; he was probably delighted with her for joining 
them in their sonnet scheme, and making up the friendly trio. It may have 



'/j\x den Sonetten Sbakspere's. 197 

machen, indem er bemerkt , tlass die Lady Kich , die ja ein 
üfFentliches Aergerniss war, wohl auch Pembroke und seiner 
unbekannten Dame Anstoss gegeben und sie zu dieser maliciösen 
Revanche veranlasst haben mag. So enthalten denn diese So- 
nette zugleich eine Satire auf den weiblichen Charakter über- 
haupt und auf die Unsolidität vieler ehelichen Verhältnisse, mit 
scharfen Ausfällen gegen die Person der Lady Rieh. — 

Von solchen Hirngespinsten, wie sie ein anhaltender Lon- 
doner Nebel in manchen kritisch angelegten Köpfen vielleicht 
ausbrüten mag, können wir natürlich keine Förderung der So- 
nett-Kritik erwarten. Gegen die Annahme einer durchgängigen 
satirischen Tendenz*), welche ja an und für sich keine Unmög- 
lichkeit wäre , lässt sich Folgendes sagen : Wenn Shakspere 
eine Satire beabsichtigt hätte, so Avürde sein gesunder Menschen- 
verstand ihn wohl davon abgehalten haben, sie so zu verstecken, 
dass sie kein Mensch hätte entdecken können. Und ich glaube 
nicht, dass zu Shakspere's Zeit irgend ein Leser in seinen So- 
netten etwas Satirisches gefunden hat, ebenso wenig wie heute 
Jemand eich davon wird überzeugen können, selbst wenn er 
sich die Mühe nehmen sollte, die Brown'sche Auslegung der 
Sonette im Einzelnen zu studiren. Und was noch mehr da- 
gegen spricht, ist der Umstand, dass Shakspere sich allerdings 
gegen die landläufige Phrasenmacherei der Sonettisten — wenn 
auch nicht satirisch — ausgesprochen hat**}. Das thut er in 
klaren, einfachen Worten , die damals jeder Betroffene wohl 
verstanden hat, und die heute auch Brown von seiner abstrusen 
satirisch -allegorisch -moralischen Auffassung hätten abbringen 
sollen. 

Für die Sonett-Kritik im Einzelnen ist aber auch dieses 
Buch durchaus nicht werthlos. Sein Hauptwerth ist in den 
Worten ausgedrückt, die der Verfasser dem Titel folgen lässt: 
die „numerous extracts from the contemporary writers" sind das 



been her office to speak of the Sonnets, and circulate them so as to come 
into the hands of Lady Rieh." — Hier beginnt, glaube ich, die Grenze, von 
der ich oben gesprochen habe. 

*) Alles Uebrige, was der Verfasser zur Erklärung der Sonette im 
Ganzen gefunden zu haben vermeint, kann wohl nicht in ernstlichen Betracht 
kommen. 

**) Vorzugsweise in 8. LXXVI, XXI, CIL 



198 Zu den Sonetten Shakspere's. 

Wichtigste darin. Ferner hat Brown — was nicht hierher ge- 
hört — die richtige Auffassung der Freundschafts- Sonette ge- 
fördert, wenn auch natürlich nicht durch seine selbsteatirische 
Hypothese. 

Nachdem wir gesehen haben, auf welche unpassirbaren Irr- 
wege die englische Kritik gerathen ist mit ihrem Versuche, den 
Dichter moralisch zu reinigen, daneben aber die vielen unleug- 
bar persönlichen Beziehungen der Sonette nicht, wie mehrere 
deutsche Kritiker unerklärt zu lassen, gehen wir zu der letzten 
Gruppe über. Die Kritiker dieser Gruppe suchen zwischen den 
beiden gegenüberstehenden Parteien zu vermitteln; sie schliessen 
sich Keiner von ihnen unbedingt an, sondern erkennen Jeder der 
beiden Auffassungen ihre relative Berechtigung zu: während 
sie also auf der einen Seite zugeben, dass ein Theil der Sonette 
ohne jede Beziehung auf Erlebnisse des Dichters, z. B. als eine 
Art poetischer Exercitien verfasst sein mag, bestehen sie andrer- 
seits entweder entschieden auf der persönlichen Deutung des 
andern Theiles der Sonette, oder lassen sie wenigstens zu, Yf'ie 
Elze*). In Bezug auf die Eifersuchts-Sonette folgt Elze voll- 
ständig der Auffassung von Delius, für die er überhaupt mehr 
Neigung zu haben scheint, wenn er auch die autobiographische 
keineswegs entschieden von der Hand weist. Er weist nach, 
dass das Thema von der Eifersucht zweier Freunde von den 
Dichtern jener Zeit mehrfach behandelt worden ist : so in Lilly's 
Euphues, dann in Bartholomew Fair (V 3) von Ben Jonson, 
welcher sich gerade über diesen Theil von Shakspere's Sonetten 
lustio; machen zu wollen scheint. Dasselbe Thema habe auch 
Shakspere in den „Beiden Veronesern" variirt und käme auch 
in „Viel Lärmen um Nichts" darauf zurück. „Es hat den An- 
schein," so schliesst er daraus, „als ob ein solcher Conflict 
zwischen Freundschaft und Liebe, die Untreue des Freundes 
auf dem Felde der Liebe, ein vielfach verhandeltes Lieblings- 
thema der Zeit, so zu sagen ein dialektisches oder poetisches 
Problem gewesen sei, das man wetteifernd zu lösen versuchte, 



•) William Shakspere (Halle 1876), pg. 499 ff". 



Zu den Sonetten Shakspere's. 199 

etwa wie in den provenzalischen Liebeshöfen den Sängern der- 
artige heikle Themata zur Behandking aufgegeben wurden. . . . 
Bei dieser Lage der Dinge wird man nicht daran denken dürfen, 
-wenigstens dieser Partie der Sonette eine autobiographische Be- 
deutung beizulegen." 

In diesen Worten liegt, dass er es bei andern Partieen für 
möglich hält. Er giebt auch ausdrücklich zu, „dass sie hier 
und da in Anknüpfung an irgend ein äusseres oder inneres 
Erlebniss wirklich durchlebte Stimmungen des Dichters zum 
Ausdruck bringen". Er ist überzeugt, dass Shakspere in Lon- 
don Liebesverhältnisse gehabt habe ; nur dürfte es schwer sein, 
aus den Sonetten „die autobiographischen Körnchen mit Sicher- 
heit auszuscheiden." 

Wie Elze nach der Theorie der poetischen Fiction hinneigt, 
so thut es GÖdeke*) nach der persönlichen Theorie. Sehr 
beherzigenswerth für die Anhänger jener Deutungsweise ist, 
was er über die „ersten Schöpfungen aller wahren Lyriker" 
sagt (pg. 402): „Keiner von diesen setzt sich hin, um eine 
gegenstandslose Situation auszuklügeln, sich geistig damit, so 
gut es gehen will, zu identificiren und mit gemaltem Feuer 
die Gluth der Leidenschaft, mit gedrechselten Reden die Wärme 
des Gefühls zu ersetzen. ... Es gehört nicht viel dazu, um 
zu erkennen, ob etwas aus der inneren Fülle hervorgequollen, 
oder ob es mühsam von aussen her angeeignet sei." 

Daneben räumt er ein, dass es eine Menge jener drama- 
tischen Situations- Gedichte, als welche Delius alle Sonette be- 
trachtet wissen will, unter ihnen geben könne; jedenfalls aber 
wären die meisten unmittelbare Herzensergüsse des Dichters 
(pg. 399). Zu den ersteren rechnet er einen Theil, und zwar 
den verfänglicheren von den Liebes - Sonetten. Die Gedichte an 
die schwarze Schönheit sollen im Geiste Byron's gedichtet sein 
und zu „den Tausenden von Versen gehören, zu den ungebornen 
FoHanten, zu denen Byron aufgelegt ist". — Die Sonette, in 
denen ein Freund dem andern die Geliebte abwendig gemacht 



*) lieber Sonette Shakspere's. Rundschau, 3. Jahrgang, 6. (März-) 
Heft (187 7), pg. 386—409. 



200 Zu den Sonetten Shakspere's. 

hat, sollen den ersten „Entwurf eines Lustspiels enthalten, das 
im Hauptgedanken festgehalten werden sollte, ohne zur Aus- 
führung gekommen zu sein" (pg. 399). — Von einigen der 
erotischen Sonette glaubt er, dass Shakspere sie an seine Frau 
gerichtet habe. — 

Zur Kennzeichnung des kritischen Standpunktes, den Gödeke 
einnimmt, führe ich noch an, dass er mit aller Energie verlangt, 
bei der Erklärung der Sonette müsse der Wust der überlieferten 
Traditionen vollständig über Bord geworfen, und jedes Sonett 
einzeln für sich aus seinem Inhalte nach streng philologischen 
Principien erklärt werden (pg. 394). 

Ich schliesse diese Betrachtung mit dem Hinweis auf eine 
schon früher erwähnte Abhandlung des Freiherrn v. Friesen 
im 4. Shakespeare- Jahrbuch (pg. 94 — 120), die mir in ihrer 
milden, vorurtheilslosen Beurtheilung der verschiedenen kritischen 
Richtungen, in der weisen Verwerthung des Guten, was Jede 
von ihnen zu bieten hat; in der rein menschlichen und doch 
würdigen Auffassung des Shakspere'schen Charakters; in der 
vorsichtigen Stellungnahme zu der ganzen schwierigen Sonett- 
frage — das Beste zu enthalten scheint, was über den vor- 
liegenden Gegenstand in principieller Beziehung geschrieben 
worden ist. 

Schon Elze und noch mehr Gödeke leiten zu einer ruhigeren, 
weniger voreingenommenen Betrachtung der Frage über, sie 
bahnen eine entschieden vermittelnde Richtung an, indem sie 
die relative Berechtigung der verschiedenen Deutungsversuche 

OD O 

anerkennen: indessen räumt Elze der Delius'schen Theorie doch 
wohl mehr Geltung ein, als nöthig ist ; während bei der Gödeke- 
schen Auslegung das Verlangen der Engländer nach mora- 
lischer Reinigung des Dichters mitunter durchzublicken scheint, 
v. Friesen stellt sich meines Erachtens auf denjenigen Stand- 
punkt, von dem es möglich wird, die Lösung der Frage aufs 
Neue in Angriff zu nehmen mit der Aussicht auf einen, wenn 
auch nur relativen, Erfolg, und ich glaube, das ist Alles, was 
in diesem Falle geleistet werden kann. Eine nach allen Seiten 
hin befriedigende Lösung dürfte wohl nur unter den Umständen 
zu hoffen sein, dass bisher unentdeckte Urkunden und Berichte 



Zu den Sonetten Shaksperc's. 201 

auf das Dunkel, -welches das gesellschaftliche Leben des Dich- 
ters in London bedeckt, ein unerwartetes Licht werfen sollten. 

Was die Auffassung der Sonette im Ganzen betrifft, so 
bekennt v. Friesen (pg. 102) Delius gegenüber, dass es ihm 
schwer fällt anzunehmen, „der Dichter sollte fingirte Gegen- 
stände mit einer so grossen Innigkeit und in solcher, für den 
Ausdruck subjectiver Auslassungen eigens bestimmten Form 
behandelt haben. — Der Hinweis auf die bezaubernde Lebens- 
wärme seiner dramatischen Dichtungen reiche nicht hin, um 
uns über diesen Zweifel zu erheben". Es scheine ihm viel 
näher zu liegen, dass subjectivc Erlebnisse die Veranlassung 
vieler Gedichte gewesen seien, als dass er in ihnen erst den Auf- 
schwung zu seinem dramatischen Schäften sollte gesucht haben. 
Auf der andern Seite nähert er sich wieder Delius, indem er 
zugiebt (pg. 117), dass manche Gedichte aus äusserlichen An- 
lässen, wie z. B. „auf eine Anregung von Seiten der Freunde, 
oder im Wetteifer mit ihren ähnlichen Leistungen" entstanden 
sein mögen. Viele derselben kommen ihm vor wie „Bruchstücke 
eines poetischen Briefwechsels, von welchem nur die von der 
entgegengesetzten Seite ausgegangenen Briefe und Anregungen 
fehlen. Dafür spreche der Umstand, dass manche der Sonette 
im Ton der Replik gegen eine von jener Seite ausgesprochene 
Meinung geschrieben seien". Er will gerne zugeben, dass Vieles 
auf Rechnung der augenblicklichen Laune und Stimmung zu 
schreiben sei, und wir uns daher wohl hüten müssen, nicht 
Alles für baare Münze zu nehmen. So mag der Charakter 
der in den Liebesgedichten geschilderten Verhältnisse in Wirk- 
lichkeit viel milderer Natur gewesen sein. 

Die Moralisten unter den Sonett-Kritikern fragt er (pg. 113 f.), 
„ob der erhabene Standpunkt der sittlichen Anschauungen, wel- 
chen Shakspere in allen seinen Dramen einnimmt, zu der Schluss- 
folgerung berechtigen müsse, dass er niemals von ^ einer uns 
verwerflich erscheinenden Leidenschaft ergriffen und zeitweilig 
beherrscht worden sei?" Er meint gerade, dass er diesen hohen 
Standpunkt sich „durch schmerzliche Erfahrungen^an seiner 
eigenen Hinfälligkeit" erkämpft habe. Seine Dichtungen (Venus 
und Adonis, Romeo und Julia, Troilus und Cressida, Antonius 
und Cleopatra) bewiesen, dass er „diese Seite der menschlichen 



202 Zu den Sonetten Shakspere's. 

Leidenschaften erschöpfend gekannt hat". Und wenn sonst 
Nichts eine persönliche Auslegung der erotischen Gedichte 
unterstützte, so müsste es schon der „brennende und schmerz- 
liche Kampf" thun, der sich in ihnen abspiegelte. «Wie ganz 
anders würde der Ausdruck sein, wenn er, dem allgemeinen 
Strome der Zeit folgend , sich nicht gegen die gleich einer 
hitzigen Krankheit ihn drückende Leidenschaft gewehrt hätte"? 
Auch findet er, dass bei Männern von mittleren Jahren eine 
Leidenschaft für einen unwürdigen Gegenstand weit häufiger 
eich zu einer dämonischen Gewalt entwickele, wie bei blühenden 
Jünglingen. — Entschuldigung genug findet er für den Dichter 
in seiner dichterischen Constitution , sowie in den Sitten jener 
Zeit, die in den ßürgerkreisen keineswegs besser gewesen sein 
würden, als bei Hofe und in den Adelskreisen. 

„Wer ist es", so schliesst er diesen Theil seiner Abhand- 
lung, „der unter solchen Umständen den ersten Stein gegen 
Shakespeare erheben wollte, wenn es wahr wäre, dass ihm der 
unwürdige Gegenstand einer vorwurfsvollen Leidenschaft von 
seinem jungen Freunde abwendig gemacht worden und er den- 
noch um diesen Verlust habe klagen und seinem Freunde habe 
vergeben können ? Ich meines Theils würde mindestens in einer 
solchen Verirrung eine weit weniger abstossende Schwäche 
sehen, als wenn er, wie Gerald Massey uns glauben machen 
will, die Mehrzahl der erotischen Gedichte geschrieben hätte, 
um einem kaum 19jährigen jungen Manne in einer sinnlichen 
Leidenschaft für eine übelberüchtigte Frau von beinahe dem 
doppelten Alter zu dienen." 

* * 

* 

Noch nach Schluss des Artikels geht mir eine für meine 
Auffassung sehr werthvolle Abhandlung über die Sonette von 
Fr. Kr ey SS ig*) zu, die weniger bekannt zu sein scheint, als 
sie es verdient**), und die ich nicht umhin kann in kurzen 
Worten zu charakterisiren. Sie schliesst sich vortrefflich an 



*) Shakespeare's lyrische Gedichte und ihre neuesten Bearbeiter. 
Preussische Jahrbücher, Bd. XIII, pg. 484—503. XIV, pg. 91 — 114 (1864). 

**) Ich habe sie nur einmal (in der Abhandhmg von Delius im 1. Shake- 
speare-Jahrbuch) lobend erwähnt gefunden. 



Zu den Sonetten Shakspere's. 203 

die V. Friesen'sche an, da sie denselben vorurtheilsf'rcicn Stand- 
punkt an einer Reihe von Sonetten, also im Einzelnen begründet. 
Und wie jene ihre hervorragende Bedeutung gegenüber mancher 
Voreingenommenheiten der Sonett -Kritik gewinnt durch die 
Formulirung dieses vermittelnden Standpunktes , so übertrifft 
diese durch ihre ungezwungene Erklärung vieler einzelnen So- 
nette alle andern Versuche dieser Art. Kreyssig „dünken die 
Sonette aus wirklichen Gelegenheits-Predigten, tiefsinnigen, voll- 
kommen freien Herzensergiessungen und leichten poetischen 
Exercitien bunt zusammengesetzt" (XIV, 503). Die Liebes- 
Sonette im grossen Ganzen fasst er als poetische Bekenntnisse 
wirklicher Plerzenserlebnisse, die Eifersuchts-Sonette nicht aus- 
geschlossen; denn „es wäre ein seltsamer Dichter", meint er, 
„der sich darin gefiele, bloss zu seiner Unterhaltung und Uebung 
sich selbst in der unpoetischsten aller denkbaren Lagen , näm- 
lich als Hahnrei einer Buhlerin, und zwar nicht humoristisch, 
sondern in bitterem Ernste und mit warmem Gefühlsausdrucke 
hinzustellen, seinen Herzensfreund aber als glücklichen Neben- 
buhler mit wehmüthig-resignirter Bescheidenheit anzuerkennen". 

Die Liebes - Sonette im engeren Sinne theilt er ihrer Ab- 
fassungezeit nach in zwei Klassen: in eine frühere Periode ge- 
hören jene das Verhältniss von Venus und Adonis in schlüpf- 
riger Weise schildernden Gedichte des Passionate Pilgrim, in 
denen die Sinnlichkeit als ungezügelte elementare Gewalt un- 
verhüllt hervortritt ; aus einer viel reiferen Periode stammen die 
Liebes - Sonette von 1609, die sich schon formell von allen mit 
Venus und Adonis zusammenhängenden Gedichten in den „scharf- 
pointirten , geistreichen , durch zu grossen Gedankenreichthum 
hie und da fast dunkeln Wendungen" unterscheiden. Diese 
letzteren theilen sich dann wieder in die an die schwarze Schöne 
gerichteten, die des Dichters herbste Liebeserfahrung darstellen, 
und in andere, die das Glück eines edlen Verhältnisses — oder 
mehrerer — besingen. Hierzu rechnet Kreyssig z. B. das herr- 
liche Sonett LXXV, XCIX, CXVIl— CXX, und im Pass. 
Pilgrim XIV und XV. 

Eine Kritik, welche die Erklärung der Sonette im Einzel- 
nen und in ihren Details verfolgt, wird in dieser Abhandlung 
ein reiches, werth volles Material vorfinden. Ich möchte sie allen 



204 Zu den Sonetten Öhakspere's. 

Verehrern Shakspere's warm ans Herz legen : sie empfiehlt 
sich nicht bloss, wie Alles, was Kreyssig schreibt, durch ihren 
durchsichtigen, lebendigen Stil, durch die Menge geistreicher 
und wirklich neuer Gedanken, sondern — was für den vor- 
liegenden Fall doch noch schätzenswerther ist — durch die bei 
aller Begeisterung grundnatürliche und nüchtern - verständige 
Auffassung des Charakters unseres grössten Dichters.*) 



*) Die vorstehende Abhandlung erhebt keinen Anspruch auf Vollständig- 
keit in der Zusammenstellung der mannigfaltigen Sonett- Auslegungen. Eine 
solche Vollständigkeit dürfte wohl für Jeden schwer erreichbar sein, da 
auch die Sonett-Literatur im Laufe der Zeit zu einem nicht zu bewältigenden 
Umfange angeschwollen ist. Es konnte also nur darauf ankommen, die für 
die Kritik der Liebes-Sonette hervorragendsten Leistungen zu behandeln. 
Aber auch unter diesem Gesichtspunkte wird der Shakspere-Kenner fühl- 
bare Lücken bemerken, wie z. B.'Knight's Interpretation und Anordnung 
der Sonette nicht berücksichtigt werden konnte, da es mir bisher nicht ge- 
lungen ist, ihrer habhaft zu werden. Andere Kritiker, wie Steevens, Karpf, 
Barnstorff", sind wegen ihrer geringen Bedeutung für die vorliegende Frage 
absichtlich übergangen, um später eine kurze Erwähnung zu finden. Andere 
kritische Schriften, wie z. B. ßoaden's, beziehen sich wesentlich auf die 
Freundschafts-Sonette. 



Ueber das reflexive Verb im Englischen, 

nebst einem Verzeichnis Macaulay'scher Constructionen. 

Von 

Dr. E. Beckmann. 



Einer der wesentlichsten Punkte , worin die englische Sprache 
von der deutschen sowohl als von den romanischen Sprachen ab- 
weicht, ist der Gebrauch des reflexiven Verbs. Schon eine flüchtige 
Vergleichung lässt erkennen, dass diese Form im Englischen bei 
weitem nicht so häufig erscheint als auf den andern Gebieten. In 
zahlreichen Fällen, wo sich hier der reflexive Ausdruck hervordrängt 
oder doch leicht gestalten lässt, Aveist ihn der englische Sprachgebrauch 
zurück, während anderseits kaum ein Beispiel vorkommen dürfte, dass 
der im Englischen auftretende reflexive Ausdruck nicht ohne Wande- 
lung in die andern Sprachen übergehen könnte. Man vgl. z. B. sich 
wundern, frz. s'emerveiller , it. maravigliarsi , sp. admirarse mit to 
wonder; sich zurückziehen, se retirer, ritirarsi, retirarse mit to retire; 
sich empören, se rebeller, ribellarsi, rebelarse mit to rebel ; anderseits 
Ausdrücke wie to avail one's seif of, to betake one's seif to mit ihren 
Aequivalenten : sich zu Nutze machen, se prevaloir de, prevalersi, 
aprovecharse; sich wenden zu, se mettre ä, applicarsi, darse. Wäh- 
rend viele englischen Verben, bei denen man nach Massgabe der ver- 
wandten Sprachen die reflexive Form erwarten könnte, derselben ein- 
für allemal widerstreben, beschränken andere sie wenigstens auf be- 
stimmte Bedeutungen und lassen sie auch hier noch vielfach durch 
stilistische Gesetze oder Neigungen zurückdrängen. 

Wirft man einen Blick auf die geschichtliche Entwickelnng der 
englischen Sprache, so zeigt sich, dass der reflexive Ausdruck früher 



206 Ueber das reflexive Verb im Englischen, 

häufiger war als jetzt. Ohne Zweifel hat er sich in manchen Fällen 
erst allmählich durch den nichtreflexiven verdrängen lassen. So finden 
wir im Angelsächsischen langian (to long) reflexiv gebraucht (Beö- 
vulf, ed. Heyne, v. 1880); Marlowe sagt: I Avent me home (Faustus 
IV, 6); Shaksjjere: to retire one's seif (Cor. I, 3), to complain o. s. 
(Rieh, II, I, 2); Ben Jonson: I feel rae ill (Ev. Man in h. Hum. 
IV, 6), dost thou feel thyself well ? (ib. V, 1); die Bibel: to gather 
o. s. (1. Sam. 28, 4), to delight o. s. (Job 27, 10), u. a. Der um- 
gekehrte Fall, dass die reflexive Form die nichtreflexive verdrängt, 
tritt dagegen nur selten ein ; ein Beispiel bietet to accommodate o. s. 
(vgl. B. Schmitz, E. Gr. 3. Aufl. § 15, 2). In Schottland scheint 
das Reflexiv mehr Geltung behalten zu haben als in England. 

Forschen wir nach den Ursachen dieser entschiedenen Richtung 
der englischen Sprache auf Beschränkung des reflexiven Ausdrucks, so 
haben wir zunächst die Form des reflexiven Verbs einer Betrachtung 
zu unterziehen. In keiner der Sprachen, die wir vergleichen können, 
ist zu der einfachen Darstellung des reflexiv- medialen Verhältnisses 
ein so gewichtiges Pronomen erforderlich. Dem Sanskrit und dem 
Griechischen stand eine Medialform zu Gebote. Das Lateinische und 
das Gotische liessen dieselbe verfallen, aber sie fanden in dem Ge- 
brauche einfacher Fronomina einen bequemen Ersatz. Die neueren 
Sprachen schlugen mit grossem Erfolge denselben Weg ein. Die eng- 
lische aber gieng ihren besonderen Gang. Auch sie wusste ursprüng- 
lich das einfache persönliche Pronomen im reflexiven Verhältnisse zu 
benutzen, z. B. reste hine pä rüm-heort (Beöv. 1800). Im heutigen 
Englisch dauert dieser Gebrauch noch mannigfach fort, hier und da 
bei echten Reflexiven, z. B. James bethought him (Macaulay), beson- 
ders aber in volksthümlichen und sprichwörtlichen Wendungen: he let 
him drop from the window (SmoUet), get you gone, u. a., und bei den 
Dichtern, z. B. thou dost forget thee (Byron) ; Regel ist er noch bei 
betonten Präpositionen, z. B. he left bis books behind him, und bei 
dem reflexiven ethischen Dativ: tili I had pulled me his leg quite oflf 
(Marlowe, Faustus IV, 6). Im Uebrigen aber hat ihn die Sprache 
aufgegeben, und dem Anscheine nach auf folgendem Wege. Dem 
Angelsächsischen wie dem Altsächsisehen fehlte merkwürdigerweise 
das persönliche ungeschlechtige Pronomen der dritten Person (got. 
seina, sis, sik), obwohl das adjectivische Possessiv sin vorhanden war ; 
das geschlechtige musste daher an dessen Stelle treten (vgl. dazu in 



nebst einem Verzeichnis Macaulay'scher Constructionen. 207 

Luther's Bibelübersetzung Marc. 5, 3U : Jesus fühlte alsobald an ihm 
selbst die Kraft, die von ihm ausgegangen war; got.: sunsaiv lesus 
ufkuntha in sis silbin thö us sis mäht usgaggandein). In Folge dieser 
doppelten Verwendung der Pronomina der dritten Person konnte aber 
oft Ungewissheit darüber entstehen, ob die Thätigkeit reflexiv zu 
fassen sei, oder ob sie auf ein fremdes Object wirke (er lobte sich, und: 
er lobte ihn). Daher fand die Sprache sich veranlasst, in solchen 
Fällen das erstere Verhältnis durch Hinzufügung des Adjectivs seif 
zu verdeutlichen, wobei die klare (gewöhnlich starke) Flexion dieses 
Wortes (Nom. he seif, Acc. hine selfne) die Beziehung feststellte. 
(Eine gelegentliche Unklarheit war freilich auch so nicht ausgeschlossen 
und musste durch den Zusammenhang beseitigt werden; es konnte 
z. B. he hyne sylfne gevräc (Beöv. 2876) ebenso gut bedeuten: er 
i'ächte ihn selbst, als: sich selbst.) Allmählich wird man sich gewöhnt 
haben, diese Verstärkung auch in den andern Personen eintreten zu 
lassen. Die Stellung von seif konnte sehr frei sein, da, wie gesagt, 
die Flexion die richtige Beziehung klar zu machen vermochte; ja, der 
Zusammenhang ist in der That gewöhnlich so leicht verständlich, dass 
die genaue Beziehung nicht einmal nolhwendig erscheint und selbst 
mit Vortheil verwischt wird, z. B. pa wundrode ic . . . ac ic })a sona 
eft me sylfum andwyrde = then I wondered . . . but I then soon again 
answered myself (Alfred d. Gr. bei Behnsch, Gesch. d. engl. Spr. u. 
Lit. [Breslau 1853], S. 89). Die Vergleichung anderer Sprachen be- 
stätigt diese Bemerkung. Im Deutschen und Französischen pflegt das 
verstärkende Pronomen in die Nähe des obliquen Casus zu treten, 
nicht nur wenn es zu diesem, sondern auch wenn es zu dem Nominativ 
gehört: vgl. daz ich mich selben toeten wil (Parz. IV, 466 Bartsch) 
und den Doppelsinn von „er lobt sich selbst" und il se loue lui- 
meme. Die classischen Sprachen kehrten sogar zufolge einer noch 
stärkeren Attraction das Verhältnis geradezu um und setzten den 
Nominativ von mrög und ipse, wo wir den obliquen Casus erwarten 
würden (vgl. Nägelsbach, Lat. Stil., §91, 3; Kühner, Lat. Gr., § 122, 
Anm. 14). Im Englischen, wo seif durch die Attraction gewöhnlich 
mit dem obliquen Casus des Pronomens verbunden wurde, verschmolzen 
diese beiden Wörter allmählich zu einem besonderen Reflexivpronomen. 
Die Formen himself, itself und tbemselves bekennen sich augenschein- 
lich zu dieser Entstehung, herseif lässt sich ihnen ohne Schwierigkeit 
zugesellen und durch Formen wie hirselfene (Morte Arthure, cit. v. 



208 Ueber das reflexive \'erb im Englischen, 

Mätzner, E. Gr. I^, 319) verdeutlichen; wir sind daher geneigt, für 
die übrigen Reflexivpronomina dieselbe Bildungsweise anzunehmen und 
sie aus der Verschmelzung des adjectivischen seif mit den obliquen 
Casus me, thee, us, you und one hervorgehen zu lassen (vgl. Mätzner 
und Koch), us-selven findet sich z. B. in einer Proclamation Hein- 
rich's III. vom Jahre 1258 (Behnsch, a. a. 0., S. 147). Der Uebergang 
dieser Formen in die jetzigen, mit Hilfe des Possessivpronomens gebil- 
deten, erklärt sich leicht. Da seif schon früh als Substantiv verwandt 
wurde (Mätzner, a. a. 0. ; man vgl. z. B. your former seif), so konnte 
man bei der allmählichen Abschleifung der charakteristischen Endungen 
das Adjectiv seif leicht substantivisch fassen, wenn ein Substantiv oder ein 
Personalpronomen vorhergieng, wodurch denn diesen letztern Wörtern die 
attributivische Rolle eines Genitivs (God seif durch das überschlagende s 
leicht in God's seif zu wenden) oder Possessivs zuertheilt wurde. Bei 
herseif war diese Uradeutung ohne Weiteres zu vollziehen; die Wande- 
lung von me seif und thee seif in myself und Ihyself wurde durch die 
auch heute noch schwankende Aussprache der betreffenden Possessiva 
begünstigt ; zur Bildung von ourselfe und yourselfe mochte neben der 
Analogie noch ein euphonisches Motiv wirken. In Folge dieser 
Aufi^assung stellte sich in den pluralischen Formen das flexivische s 
ein, das auch den Accusativ themselfe ergriff. Die Angleichung der 
Formen konnte noch weiter gehen : so ist one's seif gebräuchlicher ge- 
worden als one seif; theirselves kommt nach Mätzner (a. a. 0.) in nörd- 
lichen Dialekten vor; und mit diesem zugleich sind hisself und itsself 
aus Verkennung der Sachlage früher von einzelnen Schriftstellern an- 
gestrebt worden (vgl. B, Schmitz, a. a. O., S. 103). 

In Folge der Zusammensetzung des Reflexivpronomens mit seif 
verschmolzen drei im Angelsächsischen unterschiedene Wendungen im 
Englischen zu einem und demselben Ausdrucke. Wie im Deutschen 
„er rüstete sich", „er selbst rüstete sich" und „er rüstete sich selbst" 
nebeneinander stehen, so im Angelsächsischen, obgleich, wie wir sahen, 
ohne die Klarheit des „sich", he gyrede hine, he seif gyrede hine und 
he gyrede hine selfne. Das Englische kennt, abgesehen von dem neu- 
tralen Verb, nur den einen Ausdruck he armed himself, verziclitet also 
im reflexiven Verhältnisse auf die Verstärkung des Subjects oder Ob- 
jects, so dass nur aus dem Zusammenhang zu ersehen ist, ob das 
Reflexivpronomen den Ton hat oder das Verb. Nur als seltene Aus- 
nahme finden wir bei Ben Jonson: one is a rhyraer . . . but doth think 



nebst einem Verzeichnis Macaulay'sclier Conslructionen. 209 

him himself poet-major of the town (Ev. Man in h. H. I, 1 ; Brit. 
Dramatists, ed. Keltie, 1875). 

Die eigenthümliche Gestaltung der reflexiven Form im Englischen 
hat auf die stilistische Verwendung derselben einen entscheidenden Ein- 
fluss geübt. An und für sich hebt das reflexive Verb durch die Gegen- 
überstellung von Subject und Object die Selbstthätigkeit hervor (vgl. 
„er rollt sich" und „er rollt den Berg hinab"). Im Englischen, wo 
die ursprüngliche Kraft des Wortes seif, wenn auch bedeutend ge- 
schwächt, noch immer nachwirkt, musste dieser Umstand um so mehr 
ins Gewicht fallen. Darin ist die wichtige Eigenthümlichkeit be- 
gründet, dass der Engländer das reflexive Verb nur da anwendet, wo 
die Selbstthätigkeit des Subjects entweder zu betonen oder doch 
mindestens zuzugeben ist. In allen andern Fällen hat der reflexive 
Ausdruck vor dem neutralen oder passiven zurückzutreten. Wenn 
der Ursprung der Handlung ausserhalb des Subjectes gefunden wird, 
so ist das Passiv zu gebrauchen (z.B. he was converted = er bekehrte 
sich) ; aber auch da, wo der causale Zusammenhang minder deutlich 
hervortritt, lässt sich die passivische Wendung vielfach leicht gestalten. 
Von diesem Standpunkte sind Ausdrücke wie swearing that he would 
be revenged, the struggle had been prolonged zu beurtheilen. Die 
Präposition by spielt hier eine wichtige Rolle, und durch ihre Einfüh- 
rung lässt sich mancher Satz in die bequeme passivische Weise um- 
setzen ; z. B. sein Leben regelte sich nach einem viel strengeren Ge- 
setzbuche: his life was regulated by a far more rigid Code (Macaulay). 
Die nüchterne Auffassung des Engländers hebt gern das Resultat der 
Handlung hervor, wo wir poetischer die Handlung selber darstellen; 
demgemäss vertritt die englische Copula im Präsens oder Imperfect 
häufig das Perfect oder Plusquamperfect unseres reflexiven Verbs, 
z. B. when he is satisfied = wenn er sich überzeugt hat, all was 
changed = alles hatte sich verändert. Dem intransitiven Verb gegen- 
über hat der Gebrauch des Reflexivpronomens vielfach den Zweck, 
das Object der Thätigkeit deutlich hervortreten zu lassen; so bezieht 
sich to venture upon the ocean auf das Wagnis selbst, aber to venture 
o. s. lässt die eigene Person als gefährdet erscheinen; ähnlich to with- 
draw 0. s. = seine Person fremdem Auge entziehen. 

Das unpersönliche Reflexiv (es fragt sich, es lässt sich nicht 
leugnen, il se trouve u. dgl.) ist nach dem Gesagten von vornherein 

Archiv f. n. Sprachen. LIX. 14 



210 Ueber das reflexive Verb im Englischen, 

ausgeschlossen*). Welche Wendungen dafür eintreten, lehren die 
Grammatiken: it may be asked, it is not to be denied, there are men, 
there is no struggling u. a. Bei sächlichen Subjecten wird das 
reflexive Verb im Grossen und Ganzen keine Berechtigung haben ; 
man wird nicht wie im Deutschen sagen können : das Haus zeichnet 
sich durch seine Höhe aus, das Buch fand sich, die Thür öffnete sich; 
sondern nur: the house is distinguished by its height, the book was 
found, the door opened oder was opened (wiewohl negativ : a door 
cannot open itself). Die Anwendung des Passivs liegt nahe ; ein Bei- 
spiel aus Macaulay genüge: the ferocious mouth of the Judge was 
distorted by an ominous grin, wir: verzerrte sich zu einem Grinsen. 
Falls jedoch bei einer aus dem Wirken der Natur oder aus unserem 
Verhältnis zu den Dingen hervorgehenden Erscheinungsweise der letz- 
teren der causale Zusammenhang verdunkelt ist, so wird das Passiv 
nicht am Platze sein und die reflexive Form mit dei- neutralen concur- 
rieren. Ist die letztere vorhanden, so erhält sie den Vorzug (to darken, 
to amalgamate); selten behauptet sich die andere neben ihr (the water 
spreads itself kaum gebräuchlich neben spreads) ; ist sie nicht vor- 
handen, so tritt das Reflexiv mit Nothwendigkeit ein (presents itself 
u. ähnl.). Man vgl. folgende Beispiele aus Macaulay: no more . . . 
than the ivy can rear itself like the oak ; — the valley of the Garry 
contracts itself into the celebrated glen of Killiecrankie. Leicht drängt 
das Reflexiv sich hervor, wo in der Sprache des Affects, der Poesie 
oder des Märchens die Dinge als beseelt erscheinen ; z. B. raised itself 
statt rose in Dickens' Christmas Carol: the window raised itself a 
little, so that when the spectre reached it, it was wide open. 

So finden wir den reflexiven Ausdruck für gewöhnlich auf die 
Verbindung mit abstracten und persönlichen Subjecten (wozu Thier- 
namen und entsprechende Collectiva gehören) beschränkt. Aber auch 
hier ist derselbe nur gestattet, wenn selbständige Handlungen zu be- 
zeichnen sind, nicht aber, wenn der Vorgang aus fremder Thätigkeit 
entspringt oder es sich nur um Eigenschaften oder Zustände handelt. 
Es Hesse sich also für unser „die Nachricht verbreitete sich" wohl 
rechtfertigen: the news spread itself, aber „die Nachricht bestätigte 
sich" muss heissen : the news was confirmed. „Er täuschte sich" 



*) Ausdrücke wie: es dünkt mich, niethinks, it irks me (Mätzner I, 
S. 341) gehören wegen des Wechsels im Pronomen überhaupt nicht hierher. 



nebst einem Verzeichnis Macaulay'scher Constructionen. 211 

kann durch he deceived himself sowohl als durch he was deeeived ge- 
geben werden, aber in verschiedenem Sinne. Bei dem Ausdrucke the 
king distinguished himself by his valour handelt es sich um eine 
Thätigkeit, bei der Wendung he was dist. by his v. um eine (wenn 
schon bei einer bestimmten Gelegenheit durch die Thätigkeit hervor- 
tretende) Eigenschaft. Auf die schon besprochenen Unterschiede zwi- 
schen der reflexiven und der neutralen Form gründen sich die Doppel- 
constructionen einer Anzahl von Verben : to raise o. s. to distinction 
neben to rise to d. ; to recover o. s., to settle o. s., to prepare o. s., to 
submit o. s. u. a. neben den entsprechenden neutralen Ausdrücken. 
Bei einzelnen Verben hat der Sprachgebrauch bestimmte Unterschei- 
dungen herausgebildet; so sagt man to apply o. s. to a task, aber to 
apply to a person. Im üebrigen konnte sich das Streben nach Kürze, 
welches einen der wichtigsten Züge der englischen Sprache ausmacht, 
auf diesem Gebiete in umfassender Weise bethätigen. Bei solchen 
Verben, wo der Gedanke an ein fremdes Object ganz ausgeschlossen 
war oder sich nicht gerade hervordrängte, schien der reflexiv - mediale 
Sinn auch ohne besonderes Pronomen leicht erfassbar, und der nüch- 
terne Engländer verzichtete für gewöhnlich gern auf die Füllung des 
Ausdrucks. Das Pronomen wurde daher in manchen Fällen allmählich 
gänzlich beseitigt (to abstain, to extend, to retire u. a.); in andern 
behauptet es sich dem neutralen Verbe gegenüber in grösserem oder 
geringerem Masse und lässt sich sodann als metrisches oder eupho- 
nisches Füllwort, zu gegensätzlicher oder auch malerischer Hervor- 
hebung anwenden. Einige Beispiele aus Herrig's Brit. Class. Authors : 
I turned me to the rieh man then (Southey), which way in the world 
to tum themselves (Sterne) ; he dresses as well . . . if he dresses better 
. . . if he dresses worse . . . Dress yourself fine, where others are fine 
(Chesterfield), the Somersetshire peasants bchaved themselves as if they 
had been Veteran soldiers (Macaulay). Mitunter scheint der Wechsel 
zwischen dem reflexiven Verb und dem neutralen rein willkürlich. — 
Echte Reflexiva giebt es im Englischen bekanntlich nur höchst wenige, 
z. B. to bethink o. s. 

Ob man bei gewissen Verben des Sagens und Denkens den re- 
flexiven Accusativ vor dem Infinitive zu setzen oder auszulassen habe, 
wird im Allgemeinen nach den obigen Gesichtspunkten zu entscheiden 
sein. Man vgl. St. Gregory . . . professes himself to be of the sanie 
opinion (Goldsmith), ferner (mit der häufigen Auslassung der Copula) 

14* 



•212 lieber das reflexive Verb im Englischen, 

lie professed himself willing to yield (Macaulay) , und Essex, who 
professed to be astonished (id.). Bei einzelnen Verben walten jedoch 
besondere Neigungen vor; so gebraucht Macaulay, abweichend vom 
Deutschen, das Verbum to bclieve mit dem Reflexivum: a servant vi^ho 
believes hiraself to be necessary ; bei to declare findet sich das Pronomen 
in der Regel (he declared himself satisfied), pflegt aber vor gewissen 
Präpositionen zu fehlen (to declare for the king). Auch Verben wie 
to feel und to prove gehören hierher: in to feel o. s. degraded erkennen 
wir die Selbstbeobachtung des Subjects, in to feel disgusted, cold u. dgl. 
das einfache Empfinden; to prove o. s. ist von selbständiger Beweis- 
führung zu gebrauchen (he proved himself to be a great general), wäh- 
rend mit to prove lediglich ein Ergebnis bezeichnet wird, das letztere 
also auch bei sächlichen Subjeeten seine Stelle findet (it proved to be 
a good book). 

Dass jedes transitive Verb gelegentlich reflexiv werden kann, 
leuchtet ein; es muss aber noch hervorgehoben werden, dass auch in- 
transitive Verben dieser Gestaltung fähig sind, natürlich durch Ueber- 
gang in transitive Function. Es wird dadurch die Rückwirkung einer 
fortgesetzten Thätigkeit auf das Subject derselben bezeichnet, wodurch 
das letztere sich einem bestimmten Ziele zuführt, z. B. er arbeitete 
sich zu Tode. Dies ist im Englischen nicht ungewöhnlich, z. B. he 
soon danced himself into the good graces of his Sowship, and danced 
the other favourite out of favour (Dickens). Die in der älteren 
Sprache nicht seltene Verbindung eines Intransitivums mit dem ein- 
fachen Personalpronomen zu einem reflexiven Ausdrucke findet heute 
kaum noch statt und besteht nur in einzelnen sprichwörtlichen Wen- 
dungen fort, z. B. fare thee well. 

Was den reflexiven Dativ angeht, so lässt sich nach dem Obigen 
erwarten, dass der (gebrauch desselben im Englischen ebenfalls sehr 
beschränkt ist. Um die Zugehörigkeit des Objects zu bestimmen, 
schien das kurze Possessiv geeigneter als das schwerfällige Reflexiv- 
pronomen (er verletzte sich den Kopf, he hurt his head). Soll der 
Umstand, dass das handelnde Subject die Thätigkeit zu seinem eigenen 
Nutz und Frommen oder anderseits zu seinem eigenen Nachtheile aus- 
übe, hervorgehoben werden, so pflegt man das Reflexivpronomen in 
Verbindung mit einer Präposition zu gebrauchen, z. B, you may pro- 
cure a livelihood for yourself. Wo jedoch auf diese ausdrückliche 
Hervorhebung leicht verzichtet werden kann, neigt die Sprache ent- 



nebst einem Verzeichnis Macaulay'scher Constructionen. 213 

schieden zu der Auslassung des Pronomens; selten ist also ein Aus- 
druck wie der folgende: some business . . . by which you may pro- 
cura yourself a livelihood (Fielding) ; das einfache procure genügt. He 
kept a horse, er hielt sich ein Pferd ; he alienated her heart, er ent- 
fremdete sich ihr Herz; so ist auch nur to be conscious üblich, obwohl 
Smollet (Rod. R. eh. XX) sagt : he was conscious to hiraself of having 
deserved worse. Bei einzelnen Ausdrücken wird nicht einmal auf die 
Beseitigung der Zweideutigkeit geachtet, wie bei he proposed to make 
an attack, wo fo propose sowohl „sich vornehmen" als „vorschlagen" 
bedeuten kann. Manche Verschiedenheiten des Gebrauchs treten 
jedoch auch hier hervor; so nimmt dasselbe Verb to propose in der 
Bedeutung „sich etwas vor Augen stellen" den reflexiven Dativ zu 
sich: they proposed to themselves the heroes of Plutarch as their 
examples (Macaulay); ebenso to image to o. s. a scene gegen das ein- 
fache to imagine. 

Mit Bezug auf die präpositionale Ergänzung des Verbums fragt 
sich, ob im einzelnen Falle die einfache oder die verstärkte Form des 
Reflexivpronomens zu setzen ist. Nach der geläufigen Regel hat das 
Erstere bei betonten, das Letztere bei unbetonten Präpositionen zu ge- 
schehen. Hierbei ist aber vorausgesetzt, dass man wisse, ob die Prä- 
position im gegebenen Falle betont ist oder nicht, was sich nach Mass- 
gabe der deutschen Sprache nicht stets mit Sicherheit entscheiden lässt. 
In dem Ausdrucke „wieder zu sich kommen" z. B. betonen wir die 
Präposition, und doch heisst es englisch he came to himself; ähnlich 
William was invited to take upon himself the government (Macaulay), 
wogegen seltener: he had taken upon him his old father's debts 
(Smollet). Der Mangel des „sich" wird auch hier zunächst die dritte 
Person beeinflusst haben ; so konnte man kaum sagen : God took him 
to him, sondern nur to himself. Wohlklang und Deutlichkeit mussten 
das verstärkte Pronomen empfehlen. Im Allgemeinen können wir 
die Regel festhalten, dass die präpositionale Ergänzung das verstärkte 
Pronomen erfordert, wenn sie das indirecte Object darbietet (mit of, 
to, for, on, from, etc.), das einfache Pronomen hingegen, wenn sie 
adverbialer Natur ist. Die Ausnahmen erklären sich aus der Be- 
tonung und dem Gegensatz ; auch scheint bei adverbialen Ergänzungen 
der räumliche und zeitliche Sinn das einfache, der figürliche das ver- 
stärkte Pronomen zu begünstigen; man vgl. he had his friend beside 
him und he was beside himself with grief. 



214 üeber das reflexive \'erb im Englischen, 

Wir können an dieser Stelle die oben besprochene Attraction von 
seif durch den obliquen Casus und die daraus entspringende Betonung 
des letzteren statt des Nominativs noch einmal hervorheben. Dieser 
Fall tritt nämlich nicht nur bei dem Accusativobjecte ein (she educated 
herseif sich selbst), sondern auch bei präpositionalen Ergänzungen, 
z. B. he probably said for himself all that counsel could have said for 
him (Mac.) ; whatever I suffer I have brought on myself (id.). Mit- 
unter vertritt die präpositionale Ergänzung geradezu den Nominativ : 
you may all form an opinion for yourselves by ordering copies (id.). 

Schliesslich haben wir noch daran zu erinnern, dass im reciproken 
Verhältnis das fehlende Pronomen „sich" durch die gewichtigen, aber 
klaren Ausdrücke each other und one another ersetzt wurde. Auch 
hier lässt die Sprache ihren Zug nach Kürze walten, indem sie bei 
gewissen Verben, wo das reciproke Verhältnis das natürliche ist (wie 
to meet, to embrace, to kiss), das Pronomen mehr oder Aveniger häufig 
beseitigt. 

Aus der obigen Darstellung ist ersichtlich, dass sich mit Bezug 
auf das reflexive Verb im Englischen mancherlei Fragen erheben, die 
sich selbst mit Hilfe der aufgestellten Grundsätze nicht genügend be- 
antworten lassen, da manches lediglich von dem Gebrauche abhängt. 
Um sich über diesen zu unterrichten, sieht der Ausländer sich auf die 
Grammatiken und Wörterbücher hingewiesen, die aber weit davon ent-- 
fernt sind, ihm die nöthige Auskunft zu gewähren. Die Grammatiken 
lassen ihn selbst über die allgemeinen Gesichtspunkte vielfach im Un- 
klaren und geben von den. Verben mehr oder weniger reichhaltige 
Verzeichnisse, deren Unzuverlässigkeit sich bei der Benutzung nur zu 
bald herausstellt. Die Wörterbücher, selbst die besten, vernachlässigen 
eine Menge Constructionen und geben bei denen, die sie verzeichnen, 
geringen Aufschluss über Besonderheiten des Gebrauchs; ihre schon 
oft beklagte phraseologische Armut zeigt sich auf diesem Gebiete in 
auffallender Weise. So bleibt dem Einzelnen nichts übrig, als sich 
wenigstens das nöthigste Material selber zu sammeln. Ich habe zu 
diesem Zwecke mein Augenmerk auf Macaulay gerichtet, der vom 
Standpunkte der Wissenschaft soAvohl als von dem der Schule geeignet 
schien wie kein Anderer, und seine sämmtlichen bei Tauchnitz erschie- 
nenen Werke, auch die Briefe, durchforscht. So Hess sich eine Grund- 
lage gewinnen , die durch Heranziehung anderer Schriftsteller ge- 
prüft und überbaut werden kann. Da das vollständige Verzeichnis 



nebst einem Verzeichnis Macaulay' scher Constructionen. 215 

der einschlägigen Constructionen zu umfassend ist, um hier eine Stelle 
zu finden , so gebe ich nur einen Ueberblick über das Wesentliche. 
Rein neutrale Verben, wie to endeavour, to resort, to rebel, sind aus- 
geschlossen. Die angewandten Abkürzungen sind folgende: 

A Atterbury. 

B Biographical Essays. 

C Critical and Historical Essays. 

H History of England. 

L Lays of Ancient Rome (S. 1—219), with „Ivry« (224—230) and 

„The Armada" (233 — 240), nebst mehreren Vorreden. 
Le The Life and Letters of Lord Macaulay, by his Nephew G. 0. 

Trevelyan. 
P Pitt (in demselben Bande mit Atterbury). 
S Speeches. 

Die poetischen Stellen des mit L bezeichneten Bandes sind mit dem 
Buchstaben p versehen, von Macaulay eingefügte Citate sowie die Indices 
in wichtigeren Fällen herangezogen, dann aber in eckige Klammern ein- 
geschlossen. Die reflexiven Pronomina sind folgendermassen abge- 
kürzt: ms. = myself, hs. = himself, hrs. = herseif, its. = itself, 
o. s. = one's seif, os. = ourselves, ys. = yourselves, ths. = them- 
selves. — o.'s = one's. — opp. bezeichnet einen Gegensatz. 



abscond. H VI, 290. 

absent o. s. H II, 55 u. ö. 

accommodate o. sj C I, 92. 251. 

accomplish. the prediction was -ed C II, 214. 

accumulate C II, 291. H I, 352. 

acknowledge o. s. unable C I, 135. o. s. to be Ignorant 231. 

adapt. the Constitution was -ing its. to the wants of society H 

VIII, 268. 
address o. s. to = sich wenden: to a man H IV, 229. to a work 

III, 386. — to a. = anreden: his Majesty in German C II, 

213. eine Adresse richten an: to a. the King H IX, 60. 
adjourn. the King commanded them to a. ths. H VI, 292. — sonst 

nur neutral: II, 264. IV, 113 u. ö. 
ally 0. s. with the pretenders C IV, 17 u. ö. 



216 lieber das reflexive Verb im Englischen, 

amiise o. s. with gardening C III, 191 u. ö. — our readers will be 

-d to learn, etc. B 250. 
apply o. s. to a task H I, 402. — the King now applied to the Duke 

C II, 258. he advised Charles to a. for counsel to the Pope 134. 

— to a. to = sich anwenden lassen auf: the argument applies 
to Christians as strongly as to Jews C I, 303. 118. 

appropriate. lo a. to ths^ a power C I, 44 u. ö. — he very coolly 

-s the image 279. 
approve o. s. a great warrior H V, 33. 
arm o. s. H IV, 144. 157. C I, 79. with flails H II, 170. with 

all o.'s philosophy Le III, 275. — the Castilians were every 

where -ing C II, 157. — the -ing was universal H IV, 155. 

a reason for -ing IX, 133. 
array o. s. in arms H I, 91. 
arrogate. to a. to hs. a power H V, 146. C III, 215. H I, 54. 

— the supreraacy -d by the Pope 8. 
assemble B 247 u. ö. 

associate with him H II, 99 u. ö. 

assume. ehe -s the direction to hrs. C IV, 127. V, 253 (opp.). HI, 

27. — to a. a right u. ähnl. C I, 247 u. ö. 
assure. a. yourself that I never was more sincere H IX, 99. Le I, 

68. — as soon as he should be -d that, etc. H II, 256. be -d 

(imper.) that, etc. Le I, 120. 
attach o. s. to a party C I, 186. it was natural that such a suspicion 

should a. to him B 279. 
attire o. s. Le I, 262. 
attract. each (party) -ed to its. those spirits C I, 165. 123. — to a. 

notice IV, 331 u. ö. 
avail 0. s. of a power C I, 144. 
avenge o. s. C III, 43. — they took counsel how they might be -d 

L 29. 
avow o. s. C III, 221. o. s. to be in great doubt I, 388. he -ed hs. 

the enemy of the boroughs P 35. 
bask in the sun H IV, 302. 
bathe C I, 17. 
bear o. s. with dignity H VII, 6. the great houses have borne them 

well in fight L 184 p. we have boine us best 228 p. (his -ing 

H II, 393.) — his spirit -s up unbroken C I, 26. 



nebst einem Verzeichnis Macaulay'scher Constructionen. 217 

behave o. s. likc a soldier H II, 135. V, 30. VI, 15. [204.] better 

257. in a inanner, etc. VIII, 182. as if they had been veleran 

soldiers II, 177. [VII, 95.] — sonst stets neutral: C V, 39. 

II, 50 u. ö. 
believe o. s. bound to obey C I, 302, a servant who -s hs. to be 

necessary H VII, 104. hs. to stand high C IV, 50. 
bemoan o. s. = wehklagen H II, 190. 379. 
bend over infected lips H II, 289. the general rnle raust b. to neces- 

sity VIII, 209. 
benefit o. s. or those, etc. S II, 99. 
besot 0. s. in the Company of revellers H I, 202. 
betake o. s. to studies C II, 90. to the woods H I, 13 u. ö. he be- 

took him vigorously to his spiritual weapons III, 245. 
bethink o. s. James bethought him of a French nobleman H III, 

342. B 86. they then besought them of a new expedient 

H VIII, 158. 
better o. s. seine Verhältnisse H I, 275. 
bind 0. s. to find soldiers C II, 253. 
bow o. s. officially H II, 43. an idol before vvhom they could b. ths. 

down C V, 176. — sonst stets neutral: H I, 148. 363 u. ü. 

Hindostan still -s down to her idols C I, 25. 
branch. the road -es off B 266. C II, 6. empires which b. out 

widely 121. 
break, on which the waves broke H VI, 116. 
bring o. s. into a difficult Situation C IV, 289. to swear H V, 236. 

the misery which the prisoner had brought on hs. II, 189. Le 

II, 164. she brought back to hrs. the hearts of the people 

H I, 62. 
build 0. s. huts H IX, 135. the stately Lucknow which he had built 

for hs. C IV, 293. 
busy 0. s. in literature C II, 177. all hands were busied in removing 

corpses H IV, 237. 
calm o. s. C V, 259. 
change. he -d more ihan his neighbours P 108. — the courtiers were 

-d into advocates C I, 203. 
choose. none . . . had chosen his vocation for hs. H II, 289. III, 378. 

William should eh. a profession C II, 226. 
claim. the same liberty which he -ed for hs. C IV, 165. 



218 Ueber das reflexive Verb im Englischen, 

clear o. s. from a charge HU, 174. — it (the weather) -ed up Le 

III, 35. 
close in a grapple for Hfe and death H II, 359. that great day -d in 

peace H I, 148. the waters -d over her II, 72. 
clothe o. s. in mourning H VII, 324. 
coddle o. s. ■=: sich verzärteln C III, 151. 
collect 0. s. = sich fassen Le III, 62. it had -ed round its. an array 

C IV, 273. it -s round it a vast retinue I, 165. — a force was 

-ing H II, 145. 
combine C V, 181 u. ö. 
come. when she came to hrs, H II, 72. 
comfort o. e. C III, 121. — refusing to be -d Le I, 251. 
coramit o. s. = sich anheimgeben, to the care of Providence S II, 170. 

= sich blossstellen H II, 256. 
compare o. s. to David H VII, 58. none could c. with him C IV, 278. 
compose o. s. = sich fassen C II, 260. 
couiprornise o. s. H III, 1 68. 
conceal o. s. H VIII, 142 u. ö. 
conceive o. s. secure B 52. o. s. to have done something virtuous 

H III, 329. 
concern. that part of philosophy which -s its. with these principles 

C III, 137. — he had been -ed in the rebellion H II, 209. 
confess o. s. = beichten: hc -ed hs., heard mass, etc. C II, 85. to 

a Popish priest III, 270. V, 89. — they began to c. and to hear 

mass H II, 347. VIII, 55. — we must c. os. unable C I, 

259. 285. 
confine o. s. C III, 164 u. ö. 
conform. William would in all things c. hs. to what should appear to 

be the fixed sense of bis Parliament C II, 336. — sonst stets 

neutral: H I, 173. II, 27 u. ö. 
consider o. s. as a mere secretary C III, 35. as safe Le II, 78. o. s. 

bound by this offer H VIII, 258. 
console o. s. H IV, 167. — he was -d by seeing, etc. H VI, 221. 
consort with Lutherans H III, 396. 
consume. whose passions had -d ths. to dust C I, 346. 
contain. the Constitution -s within its. the means, etc. S I, 75. 319. 

C III, 229. the Constitution -s within it the means of self-repa- 

ration S I, 98. 



i 



liebst einem Verzeichnis Macaiilay'scher Construclionen. 219 

content o. s. with stating the fact C I, 118. who will be -cd with 
nothing 212. 

contract o. s. = sich zusammenziehen: he saw the Genie . . . c. hs. 
to the dimensions ofhis sraall prison C I, 38G. a mind -ing its. to 
the humblest duties II, 19. H IX, 80. the Valley -s its. into 
the celebrated glen V, 19. 

convert. he had prctendcd to be -ed to the doctrines of toleration 
C II, 323. 

convince o. s. gew. = sich einreden C V, 16 u. ö. — after lull in- 
quiiy we have long been -d that, etc. V, 70. 

Cover 0. s. with the pall H IX, 234. — the -ing and the uncovering 
V, 80. 

cross 0. s. = sich bekreuzigen H VII, 254. 

crowd. the British merchants made haste to c. ths. behind the cannon 
of Fort St. George C IV, 279. — sonst nie reflexiv: men c. to 
gaze H I, 308 u. ö. who -ed the great hall III, 199. 

darken. the sun had been -ed, the dead had risen C I, 50. the pros- 
pect was -ed H III, 26. 

deceive o. s. S I, 70. 121. into a belief HI, 129. unless I greatly 
d. ms. 2 u. ö. — all the statesmen of Europe were -d VIII, 3. 
unless I am greatly -d Le III, 12. 

declare o. s. H II, 165. stets vor subst. u. adj. Prädicaten: his rival 
C III, 167. anxious V, 158. auch: of this opinion II, 212. 
on the side of the House III, 196. at a loss to understand H 
V, 123. Pitt -d hs. for Sheridan's motion C IV, 326. he, too, 
-d hs. against the augraentation H II, 258. — the first who -d 
hs. to be of that opinion III, 412. S II, 287. — sonst stets 
ohne Pronomen: to d. that he could not, etc. H II, 354. to d. 
for a free Parliament I, 145. III, 348 u. ö. against the Dutch 
war I, 220 u. ö. in favour of Charles C II, 152. 

delude o. s. into a belief H X, 67. 

demean o. s. H III, 293. C II, 84. 

develope. his character had not yet fully -d its. C V, 177 u. ö. 

devulve. the melancholy task -d on Guicciardini C I, 109. 

dice 0. s. into a spunging house C V, 112. 

diflfuse. the taint had -d its. through every office H IV, 61. 

dilate on a theme C II, 196. 

diminish C I, 229. 



220 Ueber das reflexive Verb im Englischen, 

direct. bis attacks were -ed against those errors C I, 57. 

disarm. [o. s. H V, 297. 313.] the Scots refused to d. C II, 48. 
H I, 42. IX, 133. 

disband. they paid so much respect to William's authority as to d. 
tbs. whenh is proclamation was published H IV, 251. — Fevers- 
ham bad ordered all the royal anuy to d. 267. nur diese Stellen. 

disclose o. s. C III, 260. the plot went on disclosing its. to them 
II, 288. to observe the city disclosing its. by degrees Le III, 34. 

disengage o. s. H VI, 40. 

disguise o. s. C V, 199. they could not d. from tbs. the fact that, etc. 
H III, 35. C I, 30. — the deadly hatred was -d under, etc. 
H I, 87. 

display o. s. Le IV, 16. bis eminent abilities -ed tbs. H I, 244. 

disport. works in which a voluptuous imagination was privileged to 
d. its. H VIII, 70. 

disqualify o. s. C HI, 229. 

dissolve. to let bis army d. its. Hill, 100. S II, 156. — sonst stets 
passivisch; their early friendship was -d H III, 37. 

distinguish o. s. H VII, 325 u. ö. by fidelity IV, 42. — the King 
and Prince Ferdinand of Brunswick were -ed on that day by their 
valour and exertions B 67. his Speeches were -ed by raodesty 
C V, 191. his compilations are widely -ed from, etc. B 129. 

divert o. s. H I, 297. Avith composition C III, 191. — James carae, 
not to be -ed, but in the hope, etc. H II, 269. 

divide. the interval naturally -s its. into three periods C II, 301. 
the serpent's tail -d its. into two legs V, 164. — sonst nicht 
refl.: the House -d S I, 43 u. ö. his life was -d between torpid 
repose and, etc. C IV, 291. 

do 0. s. the honour of waiting on his Highness C IV, 45 u. ö. 

double, the price of bread -d H IX, 230. 

draw. the veteran halted, drew hs. up C IV, 270. the judges at- 
tempted to d. to tbs. supreme authority 271 u. ö. she drew on 
hrs. much keen ridicule H II, 302 u. ö. — to d. near 235. the 
post . . . drew the attention of all Europe B 224. 

dress o. s. early C V, 33. in a Prussian uniform ß 90. in gaudy 
colours 120. like an orange girl H III, 84. IX, 32. in coats 
bearing some resemblance to the tabards of heralds X, 77. in 
the garb of sorrow VIII, 250. — sonst stets neutral: to see 



nebst einem Verzeichnis Macanlay'scher Constructionen. 221 

Lewis d. and dine III, 344. as if for a gala I, 299. in the 

style of a girl C II, 142 u. ö., stets in den Briefen, 
drink o. s. drunk H 11, 173. to dcath C IV, 276 u. ö. 
drown o. s. B 143 u. ö. — will not the villain d. ? L 70 p. — one 

diver was -ed H IV, 233. 
earn. to earn for hs. an honourable name H VII, 93. — to earn a 

name B 146. 248 u. ähnl. 
emancipate o. s. C V, 173. H III, 220 u. ö. 
embark C II, 148 u. ö. 
employ o. s. in writing C II, 37. in labours III, 121 u. ö. — he 

was -ed on works, etc. B 128. C I, 126 u. ö. the pens that 

ever were -ed in magnifying, etc. 271. 
enconrage. they -d in ths. . . . a disposition H I, 79. 
engage. he and Lieutenant Lindsay had -d ths. to dine with the old 

Chief H VII, 22. — sonst niemals refl.: to e. in a competition 

C I, 304. they -d to build no fortifications IV, 61. while he 

was -d in these pursuits II, 38. 
enjoy o. s. C ni, 236. Le I, 50. 
enlist. the peasants -ed by thousands C II, 161 u. ö. 
enrich o. s. S II, 184 n. ö. — whoever niay be ruined, he shall be 

-ed B 57. 
enroll o. s. in a party B 279. 
enter o. s. = sich einschreiben: at Magdalena H III, 114. — to e. a 

house, a coach, parliament, a Company, etc. S II, 310, H VIII, 

265. B 123. C V, 110. to e. into = sich einlassen: into 

negotiations, an examination, etc. H VI, 95. C I, 17. to e. on 

r=: antreten, beginnen: on life, on o.'s functions H VIII, 81. 

Vir, 163. 
entangle o. s. H VU, 202. 
entrench o. s. H V, 91. 
establish o. s. on the eastern shores H I, 10 u. ö. in the favour 

of, etc. C IV, 251. — a wish to e. for hs. a great reputation 

II, 225. he soon -ed a high character for ability IV, 220. 314. 
esteem o. s. rieh C I, 50. 
estrange o. s. from a party B 206. — he had -d from him hearts, etc. 

H IV, 72. Lewis had laboured to e. his Dutch friends III, 242. 

S II, 176. — he had pretended to be -d from the Whigs H 

m, 329. 



222 Ueber das reflexive Verb im Engb'schen, 

exhale. the fragrance which -d from, etc. H VI, 256. 

exhaust. the public enthusiasin . . . would e. its. in huzzas H VIII, 
144. 

exhibit o. s. C V, 118. the same feeling -ed its. in iriany other places 
H VIII, 78. 

expand. I see the public mind of India -ing its. to just and noble 
views S I, 175. C II, 19. IH, 141. V, 12. — his mind -ed 
more rapidly I, 181. III, 254. IV, 172. S. I, 195 u. ö. 

expatiate on the distress H I, 407 u. ö. 

expect to be at first hustled C I, 276. 

express o. s. H IV, 51 u. ö. prevent the national feeling from -ing 
its. through the pulpit and the press II, 356. 

extend H IV, 268 u. ö. 

fancy o. s. a prophet H II, 23. competent I, 30. in Normandy 
VI, 54. he fancied hs. to be recovering P 155. 

fashion. lips which ... f. ths. to a No B. 276. - 

fasten o. s. on somebody B 169. 

fatten on the misery, etc. C IV, 274. 

feel o. s. a great man H I, 365. aggrieved, degraded, bound, se- 
cure, etc. 62. C II, 101. 344. IH, 185. IV, 35. V, 136. S I, 
63. 192. 196. II, 84. 312. H IV, 273. VII, 76. 245. B 71. 
Le IV, 83. o. s. at home H I, 358. very ill at ease VII, 184. 
I f. ms. becoming a personification of Algebra Le I, 105. so 
revengeful as I f, ms. IV, 229. I f. ms. to be no longer fit 
H VIII, 4. C V, 12G. — sonst neutral: to f. uneasy C V, 6. 
disgusted S II, 102. happy H III, 114. certain, confident, as- 
sured, secure, inclined, quite at ease u. s. w. S I, 235. H X, 
25. C I, 39. 231. B 259. he feit as if, etc. H II, 6. — 
„fühlen" oft durch to be ersetzt: attracted B 140. 

figure. the land which they had -d to ths. as flowing with milk B 15. 
C II, 208. 

fiU o. s. with carrots H I, 322. the House -ed Le IV, 114, my 
eyes -ed with tears 91. 

find 0. s. (sich finden, nicht : befinden) an object of admiration C IV, 
29. compelied to submit II, 212. comfortable I, 254. at liberty 
to follow, etc. in, 236. the human mind might f. for its. some 
resting-place C IV, 142. S II, 252. a broker was easily foun(J 
H VI, 68. 



nebst einein Verzeichnis Macuulay'scher Constructionen. 223 

fix. the appellation which -ed its. on tlie fallen Son C I, 136. 169. 

to f. on a high Standard 221. a contest ^ed the attention of the 

whole kingdom H VIII, 80. 
force o. s. to be severe H VII, 328. into power C II, 233. the in- 

equality -s its. on everybody's notice S I, 315. to f. a way 

H Vni, 58. a passage C IV, 60. 
form o. s. C I, 179. into a club B 168. into a sect u. ähnl. H IV, 

93 u. ö. before they (cries) could f. ths. into a prayer C V, 

159. S I, 171. — they -ed in two lines H III, 185. 355 u. ö. 

round whom a new Opposition could f. C II, 218. he -ed for 
. hs. a great empire IV, 278. the means of -ing an estimate for 

OS. H I, 414. S II, 283. to f. an opinion C I, 144 u. ö. an 

idea, a resolution, a plan u. ähnl. H I, 318. III, 162. C II, 

157 u. ö. then was -ed that language HI, 17. 
fortify o. s. H III, 371. C V, 89. 

fracture. the poorest labourer who has -d a limb H VII, 55. 
fret o. s. into being ill Le II, 30. 
fulfil. his prediction was -led S II, 236. 
gain. -ing for hs. the character of a naughty boy C IV, 4. to g. the 

heart of a lady H lU, 343. IV, 12. 
gather. H III, 331 u. ö. — the coalition -ed to its. Support C V, 

170. to g. a correct notion H III, 398. in this way were -ed 

the materials B 170. 
get 0. s. into a scrape Le III, 173. [g. you gone H III, 120. C III, 

201.] I can g. from under this yoke Le III, 104. 
give 0. s. up to literature C IV, 178. to melancholy H II, 57. for 

lost S I, 271. to g. o. s. wounds H II, 137. airs IX, 244. 
gorge o. s. B 147. H X, 53. 
guard o. s. against a misconception C III, 257. — sonst neutral: to 

g. against an influence I, 48. ag. a risk H V, 61. ag. incur- 

sions VI, 185. ag. mischiefs S I, 175. 
have o. s. chiefly to blame B 50. 132. H III, 195. Le IV, 227. — 

this opinion he had very much to 'hs. H VII, 103. a rooni 

VIII, 249. 
heat 0. s. and others by murrauring H IX, 174. when their blood is 

-ed by conflict V, 130. 
herd with felons P 122. H II, 94. 
hew a passage C I, 99. 



224 Ueber das reflexive Verb im Englisclien, 

hide o. s. B 269 u. ö. (he) hid him in the rear L 115 p. that gene- 
rosity which was hidden under his austere aspect H VI, 47. 

hie. the herald . . . hath -d him back L 106 p. 

hire o. s. out to the planters H IX, 280. 

hold o. s. in readiness H IV, 280 u. ö. at liberly to insist VIII, 259. 
bound to combat V, 123 u. ö. — to h. back VI, 290. the same 
rule -s good C I, 22. 

identify o. s. with characters C I, 15. 

Image. Frances began to i. to hrs. the various scenes C V, 18. IV, 
218. B 277. H I, 33. 317. 

imagine o. s. a Plebeian (sich als P. denken) L 158. secure H X, 
83. to be in a part VI, 7, 

improve H I, 46. C II, 23 u. ö. 

indemnify o. s. C IV, 157 u. ö. 

indicate. the sentiment which -s its. by these tokens H IV, 239. 

indnlge o. s. I can afford to i. ms. (mir etwas erlauben) Le IV, 136. 
o. s. = sich überlassen, hingeben : in this sort of rhetoric H VII, 
297. in idle habits IV, 305. in the amuseraent of seeing the 
torture of the Boot inflicted C 11, 323. at night with literary 
conversation B 151. in luxuries C I, 167. — sonst nicht refl.: 
to i. in = sich hingeben, ergeben : in a luxury, in feelings, in 
the same sort of eloquence, in wine, in an excess u. ähnl, 40. 
187. S II, 16. P 78. H III, 143 u. ö. — to i. = walten 
lassen, nachgeben: a passion, a hope, a taste, a caprice, o.'s par- 
tiality, o.'s hatred, visions u. ähnl. H II, 296. IV, 137. VIII, 
33. S I, 202. H n, 387. III, 31. IX, 187. 

inflict. he -ed on hs. a wound H VII, 174. 

inform o. s. H KT, 171. 

ingratiate o. s. with o.'s enemies H III, 365. VI, 84 u. ö. 

interest. as soon as he is -ed and opens his eyes Le I, 176. he was 
little -ed in letters H III, 3 u. ö. 

intermeddle B 30. C H, 265. H VI, 191. 

interpose [o. s. C III, 62.] said Sawyer, interposing H III, 193. and 
did the Lord Keeper i. ? C III, 61. H IX, 251. — between him 
and the Court was -d the remembrance of one terrible event 
H III, 61. 334. S II, 24. 

intertwine. the man's legs -d ths. into a tail C V, 164. 

introduce o. s. to strangers C IV, 7 u. ö. 



nebst einem Verzeichnis Macaulay'sclier Constructionen. 225 

intrude o. s. into a Church C III, 307. into a business IV, 297. 
into the province of the other V, 168. into a class B 3. a go- 
vernment which -s its. into every pari of human life S II, 198. 
Cartwright -d hs. on the meeting, probably as a spy H III, 166. 
— to i. in a Kraal of Hotlentots I, 364. to i. on hini with their 
poetical productions C III, 249. 

invoke. Tyrconnel -d on hs. all the vengeance of heaven H IV, 1 34. 
II, 242. 

join o. s. to the weaker side H I, 242. to a Chiirch S 11, 173. to a 
congregation H I, 163. to a cabal II, 298. he -ed hs. to Ver- 
gniaud and Buzot B 223. the Thngs j. ths. to the unsuspecting 
traveller S 11, 7. — to j. = sich vereinigen: the Dutch and 
English fleets had -ed H VII, 48. the Quakers and the Tories 
-ed to raise a formidable Glamour H X, 4. VII, 48 u. ö. Tories 
-ed with Whigs in biaming the conduct, etc. C IV, 184. — to j. 
in = theilnehmen an : in an insurrection H I, 40. in prayers 
51. in a conspiracy V, 227. — to j. = sich zugesellen, ver- 
binden: the disaffected C I, 155. the ranks of the Opposition 
II, 204 u. ö. a Church H II, 347. a fleet 1,297. two streams 
. . . mingle before they j. the Clyde 11, 128. — intimidation vs^as 
-ed with corruption C V, 204. 

keep 0. s. in the recollection of o.'s countrymen Le II, 119. ought of 
sight H II, 87. C I, 13. within the limits of the law II, 318. 
from moving II, 349. I, 186. pure from faults Le III, 10. 
free to choose HI, 144. the Standard -s its. up (sich selbst) Le 
IV, 124. — meist neutral: to k. awake III, 272. together P 132. 
away Le II, 17. in the background C II, 175. within the 
limits of the law S II, 36. far enough from danger H VI, 164. 
the galley generally kept dose to the shore 36. the sale -s up 
Le IV, 16. — that objection (opinion, etc.) he kept to hs. H 
VIII, 121. C II, 309 u. ö. desirous to k. a retreat open for 
hs. H VI, 277. to k. a carriage C IV, 30 u. ö. 

know 0. s. to be innocent (suspected, etc.) C III, 77. 43. 139 u. ö. 
the universal hatred of which he knew hs. to be the object H 
VU, 240. 

lay o. s. at bis feet H III, 125. open to a charge C I, 23. the bür- 
den which we are now about to lay on os. S II, 123. tili v'gi- 

Aicliiv f. n. Sprachen. LIX. - lü 



226 Ueber das reflexive Verb im Englischen, 

lance is laid asleep C I, 83. some hands were laid on the pom- 

mels of swords H I, 255. 
league o. s, with heretics H IV, 126, [leaguing with heretics V, 288, 

Index.] 
leave o. s. Space C IV, 199. a retreat B 264. 
lengthen C I, 257. Le II, 76. 
let 0. s. down from a window C IV, 49. to let o. s. be tortured 

H III, 213. „lassen" vielfach durch to be ersetzt: he was too 

shrewd to be deceived IX, 44. to be charmed C III, 245. 

dazzled 251. caught 279, u. s. w. 
lock o. s. up H VII, 342. 
lodge o. s. on a counterscarp H VIII, 53. two bnllets, which broke 

the bone, and -d in bis body C 11, 77. 
lock to o. s. (opp.) S n, 36. he had -ed at hs. well in the glass 

H n, 178. the offenders -ed on ths. as murdered men VIII, 86. 

without having a Single week to 1. about him I, 171. Nuncoinar . . . 

-ed round him C IV, 258. B 88. — to 1. round for help H 

II, 392. 
lose o. s. in a wood C III, 96. H VIII, 107. — where we are in 

danger of being lost in the clouds S I, 276. it is lost in the 

twilight of fable C IV, 98. 
madden o. s. with opium B 239. 

maintain o. s. H I, 414. C IV, 123. in a position II, 105. 
make. the lightning made itself (s. selbst) C I, 285. to m. o. s. 

master of an art II, 239. an object of hatred III, 234. known 

B 142. acquainted with, etc. 166. the voice . . . niade its. heard 

H V, 168. these evils first made ths. severely feit IV, 62. („sich 

schuldig machen" stets to be guilty : C IV, 185.) to ni. o. s. 

merry wifh, etc. III, 404. — to m. merry with, etc. H II, 57. to 

m. free with, etc. VII, 331. ready VIII, 41. sure of a vote 

Vn, 271. — he was making a fool of hs. C I, 371. — to m. 

o. s. many enemies H III, 353 (nur hier), a name C I, 376. 

savages made ths. bunows in the mud H IV, 136. vvho have 

made a System for ths. C II, 107. ebenso good terms H IV, 188. 

a retreat VU, 181. reflections C I, 363, 13. a hit Le IV, 217. 

— he -s that person an enemy C III, 87. 236 u. ö. a friend 

H V, 225. (o m. a fortune u. älml. C IV, 270 u. ö. to m. it 

a rule Le I, 113. 



nebst einem Verzeichnis Mac.iulay'scher Constructionen. 227 

manifest, the public joy -ed its. by festivities II IV, 3 u. ö. 

inatriculate at Oxford S II, 164. 

nieddle C III, 215 u. ö. 

mend. I shall try to m. Le I, 173. 

niingle. Indignation soou began to m. its. with pity C IV, 85. 115. 
III, 100. I, 318. HI, 202. IX, 151. — the students -d with 
the crowd II, 348 u. ö. to m. in festivities Le I, 125. in a 
combat H VI, CO. with a society II, 78. the dust with which 
the dust of Monmouth -d 196. — with the admirable energy . . . 
vices were -d 290. vgl. auch a smile of -d compassion and dis- 
dain C II, 180. -d words of wrath and defiance H FV, 239, 
u. ähnl. 

mix. another feeling which -ed its. with all his passions H III, 20. — 
sonst nicht refl. : to m. with a society C IV, 165. in debale 11, 
99. an exciting game of -ed chance and skill H I, 180. C 

m, 115. 

multiply. as children multiplied and grew H I, 324. 

muster in arms H I, 183. 

obtain. eager to o. for ths. a share C IV, 60 u. ö. 

obtrude o. s. on the public eye B 269. on the public notice H VII, 

238. — the vices of the . . . silent William were not -d on the 

public eye C IV, 183. 
occupy o. 9. in trade S I, 145. sonst to be occupied: with the game 

matter C I, 113. 
offer 0. s. H I, 45. in debate Le III, 88. as candidate H I, 38. III, 

387. Vni, 149. P 22. to the notice of the King C III, 190. 

S I, 273. II, 82. more than 9000 clergymen -ed ths. to endure 

bonds H III, 204. an opportunity which -ed its. VII, 170. 

P 145. Le II, 114. — if a fair opportunity should o. III, 61. 

204. H V, 215. this sum James -ed to pay 249 u. ö. 
open o. s. to a person H VIII, 114. C V, 88. here another vast 

field -s its. before us 11, 349. — his mind began to o. H III, 2. 

the Exhibition -s Le IV, 62. a door which -ed into, etc. H VII, 

230. o., Sesame C I, 12. — fifty other moulhs will be instantly 

-ed II, 240. 
oppose o. s. := sich widersetzen, persönlich entgegenstellen: lo the 

royal will II III, 196. 242. 413. to the public opinion VIII, 

253. to a majority u. ähnl. C V, 123 u. ö. — to o. = be- 

15* 



228 Ueber das reflexive Verb im Englischen, 

kämpfen: a sovereign H I, 154. an attenipt S I, 318. a bill 
H Vir, 156, u. s. w. 
overreach o. s. H X, 21. V, 230. 
own o. s. disappointed C III, 90 u. ü. he -ed hs. to be the Earl of 

Argyle H II, 129. 
pass o. s. = sich ausgeben für, sich aufspielen : painted women -ed 
ths. on him for countesses H I, 365. to p. o. s. off as an officer 
Vn, 218 u. ö, an impostor . . . might have -ed hs. off as a 
bishop on a rüde tribe of Scots C III, 301. A 185. 
pay o. s. = sich bezahlt machen H VII, 6. the pleasure of writing 
-s its. Le n, 254. — a cargo of traitors paid best H VIII, 13. 
VI, 284. 
permit o. s. to speak with scorn H II, 363. o. s. to be exhibited 

S I, XII. 
personify. in this man the political immorality of bis age was per- 

sonified H I, 242. 
persuade o. s. = sich einreden : the Whigs tried to p. ths. that, etc. 

C V, 124. I, 72 u. ö. 
pictiire. he loved to p. to bs. fhe world as, etc. C III, 140 u. ö. 
please. I never write to p. ms. until, etc. Le III, 150. the tyrant -d 

hs. with the thought, etc. H III, 346 u. ö. 
pledge o. s. as to time Le III, 81. to any perilous line of conduct 

H UI, 87. to bring proofs VI, 290 u. ö. 
plunge into the Thames to iraplore bis blessing II VI, 151. into in- 

trigues C I, 92 u. ö. 
portion. they had never -ed out among ths. bis dreary region H IV, 312. 
possess 0. s. of Castile H IX, 170. the feeling whlcli gradually -ed 

its. of William's whole soul III, 20. 
pour o. s. out to a friend Le III, 99. I, 178. — the population -ed 
forth C III, 187 u. ö. a roaring cataract of nonsense is -ed 
forth C I, 287. 
prepare o. s. for official employment C V, 83. by fasting and prayer 
for the danger B 112. for an arduous task 125. for what was 
yet to be endured H H, 133. for death VHI, 7. 227. X, 87. to 
die C n, 78. IV, 257. V, 158. to stand on the defensive H 
VIII, 182. to speak Le IV, 225. he was not a ready orator 
... he must have time to p. hs. H VHI, 200. 217. IX, 56. — 
sonst nicht refl.: to p. for o.'s end II, 6, for o.'s defence 62. 



nebst (.'Inein Verzeichnis Macau!ay".s('licr Constnictiotion. 229 

for a biUtlc u. jihnl. C III, 2G9 u. ö. to hurry back II, 77 u. ö. 
to meet deatli H II, 18G. when a revolution was preparing 
III, 264. — Montagiie was preparing a rctrcat for hs. IX, 194. 

prescribe. the limits which we mtist p. to os. B 1. 

present o. s. at Court C III, 88. a way of cscape -ed ils. H III, 
161. Society is -cd fo him under a new aspect C III, 165. 

preserve tbe innocence of ehildhood C IV, 218. 

press on C IV, 131. who -ed to see hira pass H II, 175. 

pretend to be a Christian C III, 302. 

proclaim o. s. King H II, 156. gouty C V, 249. who -ed ths. to be 
spies I, 189. 

procure. to provide for my sisters, to p. a competence for ms. Le II, 
114. — to p. a wife C II, 136. horses H V, 255. patients 
B 133, u. s. w. 

profess o. s. a Royalist C III, 160 u. ö. ready H VIII, 245 u. ö. 
who -ed to be astonished C III, 232 u. ö. 

prolong. had his Hfe been -ed H I, 49 u. ö. 

prornise o, s. little pleasure H V, 265. 

pronounce o. s. the rightful King H II, 156. 

propagate. the evil -d its. H I, 395. 

propose to o. s. = sich vor Augen stellen, sich vorhalten: the object 
which he -s to hs. C I, 102 u. ö. their philosophy -d to its. no 
practica! end III, 131. the admiration of the French he -d to 
hs. as the best reward B 56. they -d to ths. the heroes of PIu- 
larch as their examples C I, 52, u. ähnl. — to those men I p. 
to atfach ms. S. I, 220. a Company Avhich -d to explore the 
mines of England H VII, 133 u. ö, 

protract. the voyage . . . was sometimes -ed to more than a year 
C IV, 6. 

prove o. s. von selbständiger Beweisführung: to p. o. s. a man of 
genius C V, 115. capable H IV, 14. VI, 69 u. ö. to p. o. s. 
to be a man, etc. S II, 4. H 11, 144. — to p. von blossem 
Ergebnis: he might p. another Edward the Sixth III, 135. to 
p. intractable C II, 242. his flute -d a usefui friend B 121. he 
made acquaintance witli the lady, who -d to be the Countess of 
Drogheda C IV, 168 u. ö. 

provide o. s. with letters C I, 224. he -d for hs. no refuge H X, 21. 

pnrpose. Nuncomar had -d to destroy, etc. C IV, 236 u. ö. 



230 Ueber das reflexive Verb im Englischen, 

put 0. s. at the head C II, 87. in the wrong H III, 96. on God 
and on the sword C II, 71. I have had to p. a force upon ms. 
in Order to appear cheerful Le IV, 273. 

quadruple, the population . . . has -d H I, 330. 

qualify o. s. for command by publicly confessing o.'s sin H V, 11. 
UI, 51. B 139. in order to q. ths. to sit in Parliament H YIII, 
80. IV, 32. C in, 104. I could, . . . with a year's hard study, 
q. ms. to fight a good battle for a Craven's scholarship Le II, 
214. — officers who refused to q. H II, 261. IV, 89. ni, 108. 
by taking the sacrament C III, 267. — Johnson was ill quali- 
fied to judge between two Latin styles C I, 10. 

quarter o. s. on the old tenants of o.'s family H 11, 362. the houses 
where they meant to q. C III, 136. 

raise o. s. = sich durch eigene Kraft emporheben, aufschwingen: by 
audacity S 11, 19. to high distinetion H VI, 297. unable to r. 
ths. to the contemplation of pure truth C I, 114. while James 
was thus raising against hs. all those national feelings H III, 
241 u. ö. — loud acclamations were -d 184. an objeetion is -d 
C I, 218. — vgl. to rise: the dead had -n 50. to r. in arms 
H III, 250. the cry . . . rose from every shire I, 187. 

rally Le U, 107. 

ränge o. s, on the side of the governraent C 11, 103 u. ö. 

rank, discerning men, among whom I r. ms. Le III, 191. — a man 
ambitioMS to r. among \A'its C II, 194. 

read o. s. over again in print Le III, 64. the books which I am . . . 
employed in -ing to ms. (für mich) I, 50. his composition often 
-s like a rüde translation C II, 184. 

rear. no more . . . than the ivy can r. its. like the oak B 191. 

recollect. the King -ed hs., protested, etc. H II, 386. Le IV, 59. 
as far as we r. C IV, 95. 

reconcile o. s. to a court with a seraglio C III, 173. unless he -d 
hs. to the Church of Rome IV, 131. — he had been -d to his 
family H II, 76. to the Church 8. impatient to be -d to Lewis 
VII, 72 u. ö. 

recover o. s. = sich fassen, wieder zu sich kommen: Lunt became 
completely bewildered . . . and did not r. hs. tili, etc. H VII, 
334. VIII, 106. the King had bu( a few hours to live . . . Wil- 
liam had -ed hs. sufficiently to put the stamp on the parchment 



nebst einem Verzeichnis IVIacauldy'scher Constructionen. 231 

X, 91. af'tei' a fcw years of exhaustion, England -ed hrs. VII, 

142. — sonst nicht refl. to r. = sich erholen: C II, 287. from 

a wound IV, 281. from a blow A 206 u. ö. to r. a shock Le 

II, 222. 
reform, the Church made some show of -ing its. C IV, 110. — Will 

Honeycomb marries and -s at sixty V, 128. 
refute. the story sufficiently -s its. H II, 215. B 149. 
regard o. s. as a legitimate prince H I, 247. 
relax into good humour H II, 101. 
relieve o. s. H III, 212. from trouble I, 184. 
renew. the excitement is oonstantly -ed C II, 194. 
repeat. many times ... I have -ed to ms. those fine lines Le II, 

216. — in a few days the visit was -ed C V, 28. 
repose. William could not be persuaded to r. hs. at the Castle H VI, 

29. sonst neutral: to r. in a hut 116. his spirit -d in majestic 

placidity as soon as, etc. C I, 181. the opinions in which he at 

last -d II, 289. 
represent o. s. as detestable B 187. as having saved, etc. H V, 178. 
reserve o. s. for better times H IV, 153. not even reserving to hs. a 

Veto C I, 45 u. ö. the Treasury he -d for hs. P 146. — the 

crown had -d the power of displacing the Masters H HI, 155. 
resign o. s. to o.'s fate H I, 147. 
resolve. they should r. ths. into a Committee H II, 85. the House 

. . . -d its. into a Committee 87 u. ö. all the causes . . . r. ths. 

into one cause C II, 124 u. ö. - they -d to bring things to a 

crisis 245 u. ö. 
rest. he säte down on the turf to r. hs. H VI, 13. to warm and r. 

ths. 116, C in, 201. V, 259. sonst neutral: to let his army r. 

dnring the afternoon H II, 166. a philosophy which never -s 

C III, 117. the presses . . . never -ed H III, 398. to r. for 

Support on, etc. S I, 217. this opinion -s on nothing C I, 258. 
retrench = sich einschränken H VI, 234. 
revenge o. s. H II, 84. on a man C III, 36 u. ö. — swearing bit- 

terly to be -d on Sancroft H VII, 58 u. ö. 
revert to the day when, etc. Le I, 191. 

revolt. against which every honest heart instinetively -s H V, 113. 
rid o. s. of a creditor H IV, 215. of a charge C IV, 219. 
right 0. s. H V, 7. by the strong band II, 146. 



232 Ueber das reflexive Verb im Englischen, 

root. the vices . . . liad ever since been -ing ths. deeper and spread- 

ing ths. wider H IV, 61. 
rouge = sich schminken Le I, 254. 
roiise o. s. to listen H I, 326. he had -d against hs. the spirit of 

Protestantism VII, 72. 

satisfy o. s. = sich genügen : he could not s. hs. as to the style C V, 

138 u. ö. = sich überzeugen: a physician who has satisfied hs. 

that there is a disease S II, 218 u. ö. — anxious to be satisfied 

that, etc. H II, 325. 
say. those perseciitors have much to s. for ths. S I, 136. Hazlitt 

iised to say of hs., „I am," etc. Le III, 9. he has said no more 

abotit hs. than, etc. C I, 307. 
seat o. s. on the hearth H IV, 164. with regal pomp C IV, 36. 
secure o. s. S I, 202. frora a danger H III, 83. C I, 296. he had 

already -d for hs. a place in history H IV, 19. S II, 177. C 

V, 4. a compensation H IX, 67. — sonst ohne Reflexivpron. : 
to s. a plaything B 48. every inn H II, 51. an eminent place 

VI, 283. the assistance of Nottingham III, 220. to seize and 
s. all persoffs whom he regarded as dangerous VIII, 129. 

see 0. s. deserted H II, 305 u. ö. nur von wirklichem Wahrnehmen ; 
sonst „sich sehen" = to be: to be compelled C I, 132. reduced 
II, 203. 

seem. we s. to os. to perceive the signs C I, 212, 

select. the niche which he had -ed for hs. H IX, 235. C T, 107. 

seil 0. s. to Bonaparte B 273. into slavery 42 u. ö. it sold for five 
times the original price C V, 103 u. ö. 

separate o. s. from o.'s wife C II, 142. from Rome IV, 139, from 
the Empire V, 257. from the rest H VII, 243, he deter- 
mined to s. hs. from those who, etc. C V, 258 u. ö. — they had 
then -d H II, 225. the meeting -d III, 311. unwilling to s. 
from him IV, 278. their path -d C II, 42 u. ö, 

set o. s. to the work H III, 138, B 159. to cultivate, etc. C IV, 
63 u. ö. to be sublime V, 14. 

settle o. s. at Bath H V, 18. an impudent squatter -d hs. there I, 
353. prices should be left to s. ths. VI, 260, S II, 197. — sonst 
nicht refl.: to s. in Ireland C IV, 178. H I, 11. 66 u, ö. I 
find it difficult to s. to my Avork Le IV, 239. the thick gloom 



iK'bst einoiii Vcrzeicluiip ]\faoaulay'sclitr Consfnictionen. 233 

which had -d on his soiil B 143. every book -s its own place 
Le III, 142. 

shape. musings which, without effort, -d ths. into verse C I, 29. 

shave. Le III, 170. H IX, 88. 

shift for o. s. H IV, 185. 

show 0. s. C IT, 177. on the coast H II, 109 u. ö. to sh. o. s. a 
f'ar better officer C II, 75. ready H III, 180. o. s. to be a 
bad-hearted man C V, 42. his partiality -s its. III, 6. that 
love . . . for the Church, which -ed its. in Clarendon I, 193. tho 
brilliant red flowers . . . began to sh. ths. Le IV, 184. a govern- 
ment whose only strength was -n in prosecuting writers S I, 216. 

shrive o. s. H VII, 254. C IV, 156. to Jesuits IH, 157. 

shut o. s. up H III, 304. in o.'s cliamber C III, 72. 

sob o. s. to death C I, 385. 

side with the house of Bourbon B 64. 

sign o. s. Excnbitor Le I, 109. 

soften, the piibh'c mind . . . has -ed H I, 417. 

sour. zeal -ed into nialignity C II, 90. — time glides on, . . . tem- 
pers are -ed III, o. 

spare o. s. a little trouble H VII, 303. such a sum he might easily 
.sp. UI, 110. 

spend. the wrath of the people had now spent its. C II, 216. the 
storm had spent its. H III, 368 u. ö. their bullets were soon 
spent V, 41. 

spread. wo spread os. over the benches Le I, 242. a deep and 
general taint spread its. throiigh every province of letters C I, 
190. H IV, 61 (s. root). the opium trade would have left Can- 
ton . . . and spread its. along the coast S I, 264. — sonst nicht 
refl. : the news spread H III, 199. the taint raust rapidly sp. to 
civil life B 254. the fashion spread fast H I, 361, the fame . . . 
spread far and wide C III, 191. his fleet spread to within a 
league, etc. PI III, 284 u. ö. — nine tables were every day 
spread under his roof II, 162. 

squeeze o. s. into the gallery B 221 u. ö. between a Turk and a 
Bernese peasant Le I, 264. — I contrived to sq. up to Lord 
Lansdowne 246. 

Btarve o. s. H VII, 192. IX, 123. almost to death C IV, 114. 

steal to Norfolk street H IX, 91 u. ö. to st. off V, 30. away II, 



234 UebtT das reflexive Verb im Englischen, 

169. out Le IV, 104. a clever specch . . . stole into print H 
V, 221. 

Stint 0. s. to one bottle at a meal H V, 256. 

Stretch. Philip the Fonrth . . . sometimes -ed hs. out at füll length 
H IX, 235. — we were all standing up and -ing forward Le I, 
243. their dominions -ed across the peninsula C IV, 13. 

strengthen o. s. with allies H II, 170. — my confidence . . . is -ed 
when I recoUect, etc. S 11, 240. 

Strip 0. s. almost stark naked H II, 300. 

struggle. a young writer struggling into note Le III, 12. 

stufF 0. s. = sich vollstopfen, v. Essen: with nettles H VII, 242. 

stupefy o. s. wüth strong drink H II, 56. 

style 0. s. his Grand Chamberlain C IV, 239. 

subdivide. the Protestants . . . again -d ths. C I, 204. 

subject o. s. to the charge of piracy C I, 366. — one overpowering 
sentiinent had -ed to its. pity and hatred 51. 

submit o. s. = sich persönlich unterwerfen: to the will of God C IV, 
234. H VII, 343. III, 10. to the royal pleasure (authority) 
II, 381. 74. C III, 33. to the Holy See H VII, 72. to 
teachers VI, 142. to a control IX, 150. [VI, 144.] — sonst nicht 
refl.: his Majesty -ted C II, 265. he -ted to his fate H II, 184. 
to s. to the surgeon's knife VIII, 189. to conditions C II, 62. 
to his pleasure 328. to s. to become a tool IV, 124 u. ö. 

subscribe o. s., „with very high esteem , My admiring reader" Le 
IV, 13. 

suffer o. s. to be thwarted C II, 197. to be provoked to any violence 
H II, 334. to be used as an instrument VIII, 222 u. ö. 

suggcst. every idea which -s its. to me Le I, 125. L 4. 

suit Le III, 212. if the phasnomena . . . will not s. his purpose C I, 
105. this connexion rnight not s. well with the King's plans 
IV, 168. 

surrender o. s. (persönlich) implicitly to the management of Ministers 
C n, 216. if a proscribed person was in Ireland, he must s. hs. 
by the tenth of August H IV, 216. he commanded a regiment 
. . ., Avas forced to s. hs. to Marlborough, . . . and was imprisoned 
IX, 35. to s. ms. to your disposal in his stead Le I, 233. — 
sonst nicht refl.: General Burgoyne -ed C I, 353. the garrison 
(a town, a Castle, etc.) -ed H IV, 226. VII, 85. V, 12 u. ö. 



nebst einem Verzeichnis M.icauliiy'scher Constructioncn. 235 

take. thc feister took the crime on hrs. C III, 160. thc IIousc chose 
to t. on its. the functions of a court of justice H VIII, 203. the 
Queen took upon hrs. to grant patents I, 62 u. ö. Giant Grim, 
who had -n upon him to back the lions C II, 14. — when God 
should be pleased to t. thcir king to hs. H IX, 117 u. ö. that 
he took to hs. even the smallest part of the blame VII, 4 1 n. ö. 
bis own character he left to t. care of its. C I, 181. — to t. to 
o.'s book IV, 216. to kicking V, 136. — to t. a wife II I, 323. 

talk 0. s. hoarse C II, 181. weary III, 162. 

toar o. s. away Le III, 249. 

think o. s. as good a judge Le II, 224. ill-used III, 131. in danger 
C III, 70. 

throng to greet the deliverer H IV, 267. — the wits who -ed the 
coffee-houses C V, 78. 

throw o. s. at the feet of France H VII, 69. into a fever X, 8. on 
the royal mercy VIII, 176. 

thrust o. s. between the combatants H VI, 70. into peril C V, 209. 

thwart. an avarice which -ed its. C II, 250. 

tincture. whose manners were beginning to be strongly -d with auster- 
ity C 11, 28. 

trace. the line which he had -d out for hs. C II, 254. 

transforni. Kean . . . -ed hs. so marvellously into Shylock H VIII, 7. 
a whole gang of banditti would . . . t. its. into a crowd of harm- 
less labourers VI, 186. — kingdonis . . . had been -ed from 
limited into absolute monarchies IX, 10. 

treble. his force had -d H III, 310. 

trouble o. s. C II, 252. with nice distinclions H X, 57. to answer 
the argumenls C I, 217. — jurymen not likely to be -d with 
scruples H II, 98. 

trust o. s. = sich getrauen, sich anvertrauen: at Saint Germains H IV, 
216. the open skiff" to which he -d hs. III, 21. to t. o. s. to the 
fidelity of a people B 24. he could not t. hs. to speak, and found 
it necessary to read C IV, 320. a government of which I will 
not t. ms. to speak S II, 186. 54. — sonst nicht refl. = trauen, 
vertrauen: to t. to one's own skill H III, 360. to an apothecary 
C II, 165. 



23G Ueber das reflexive Verb im pjiiglischen, 

turn, they (juries) t. ths. into a criminal tribunal H IX, 53. So 

Aulus spake, and -ed hini Again to that fierce strife L 123 p. 

[H V, 142.] — sonst nicht refl. : a cell in which he can liardly t. 

C IV, 226. he -d to another project I, 316. the plot -s on a 

love afFair B 45. 
twine. how such things (children) t. ths. abont our hearts Le IV, 43. 
unbend. the common people, who ahvays love to see the great u. 

H II, 1. 

uncover. the Commons . . . rose and -ed C IV, 346 u. ö. 

undress. the King, who was -ing hs., learned what was passing 

H III, 373. — sonst neutral: just as I was -ing Le III, 200. 

IV, 105. while I am dressing and -ing III, 87. he then -ed, 

feit the edge of the axe, etc. H II, 194. while they were -ing 

for the butchery 214. 

unfold. the designs of the Court began gradually to u. ths. H 
II, 371. 

ungird. the sportive cxercises for which the genius of Milton -s its. 
C I, 10. 

unite. all the members . . . might give up the privilege of trading 
separately, and u. ths. under a royal Charter II IX, 75 (nur 
hier). — the leaders u. P 48. to u. with the Dutch C III, 181. 
in an association 268 u. ö. a mau in whoni the fanatic and the 
pettifogger were strangely -d H VII, 185. the votes . . . had 
been -d in favour of Peter Ottobuoni V, 105. — the Company 
had -d in its. two characters S I, 150 u. ö. 

unmask. the whole court -ed C IV, 157. 

unrobe. the King . . . -d H V, 238. 

usurp a place C III, 139. power 274. 

vent. that noble heart was too great to v. its. in such a reproach 
C III, 58. passions so violent can now v. ths. only in scolding 
H IV, 317 u. ö. 

venture, she could not safely v. hrs. among the descendants of those 
who had witnessed the Bloody Assizes H II, 226. — sonst nie 
refl.: to v. into the streets VIII, 114. out of siglit of land VI, 
37. on a criminal enterprise C 11, 33. we may v. to say 
that, etc. I, 206. 



nebst einem Verzeiclinis Macaulay'scher Constructionen. 237 

vex. I am -ed with ms. for liaviiig sufl'ered ms. lo be enticed back 
Le IV, 89. 

vindicate o. s. H III, 213. from a charge C II, 25. 

vohintecr on a Crusade C II, 125. to serve af sea H I, 297. 

vote. the other members kept their seats, -d ths. a Council, etc. 
C IV, 252. 

wallow. buffaloes lie -ing L 109 p. about thirty corpses lay -ing in 
blood H VII, 25. 

want. nor Avas he -ing to hs. at this conjuncture H VII, 324. 

warm, the chimney at wbich Henry Duke of Guise säte down for 
the last time to w. hs. Le III, 168. — I seem under a spell of 
laziness ; then I w., and can go on working, etc. IV, 88. II, 
284. his heart always -ed towards the unhappy H III, 387. 

widen. the circle of his acquaintance -ed B 123. 

wjn, he had won for hs. a conspicuous place in parh'ament C IV, 
332 u. ö. to w. the hearts of a people II, 303. 

wind, a lake -ing among mountains Le III, 34 u. ö. 

wish 0. s. at Calcutta again Le III, 12. 

withdraw o. s. H VIII, 198. privately IV, 188. in ill humour V, 
39. to England IV, 194. out of the kingdom III, 414. from 
o.'s apartments 328. from business V, 73. from the contests of 
faction Le 11, 91. from the public eye 119. C II, 243. beyond 
the reach of oppressors 46. — sonst nicht refl.: at eleven precisely 
the Queen withdrcAv Le IV, 59. to w. from a post H IX, 184. 
[to England, X, 162 Index, vgl. oben IV, 194.] from court 
IV, 63. from the contest B 255 u. ö. 

wonder. -ing within hs. whether, etc. H IV, 169. 

work o. s. up to agonies of rage C IV, 23. up into something like 
admiration I, 275. up into hating o.'s enemies H I, 79. they 
(his thoughts) required only a little time to w. ths. clear B 130. 
C n, 291. 

wrap o. s. up in bulls' hides H IV, 303. 

wriggle in the dust L 136 p. 

write 0. s. out Le IV, 161. o. s. down B 176. the epitaph which 
he wrote for hs. L 20. 

writhc. where the body lay, and -d, and groaned L 179 p. to w. 
with sha^ae B 131. 



238 Ueber das reflexive Verb im Englischen. 

yield, an outlaw who -ed hs. within the year H V, 190. Now y. 
thee to our grace L 73 p. Patient as sheep we y. us up unto 
your cruel hate 173 p. the sheep -s her patiently To the loud 
clashing shears 210 p. — sonst nicht refl. : after she (a beautiful 
woman) had -ed H JI, 203. the King -ed C ni, 229. he -ed 
to compulsion IV, 29-1. every difficulty -ed to his authority 
H IX, 168. 






Bibliographischer Anzeiger. 



Lexicograph ie. 

J. u. W. Grimm, Deutsches Wörterbuch. 6. ßd. 1. Lfrg. Bearbeitet von 
Heyne (Leipzig, Hirzel.) 2 Mk. 

A. Peschek, Grosses Wörterbuch der modernen europäischen Sprachen. 
1. Thl. 20. Lfrg. (Brunn, Peschek.) 1 Mk. 

Schüller u. Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch. 19. Heft. (Bre- 
men, Kühtmann.) 2 Mk. 50 Pf. 

H. Berghaus, Sprachschatz der Sassen. Wörterbuch der plattdeutschen 

Sprache in den hauptsächlichsten ihrer Mundarten. 1. Heft. (Brandenburg, 

^ Müller.) 1 Mk. 50 Pf. 

Sachs, Deutsch-franz Wörterbuch. 15. Lfrg. (Berlin, Langenscheidt. 2TMk. 

J. Filiporie, Neues Wörterbuch der kroatischen und deutschen Sprache. 
(Agram, Hartman.) 2 Bde. 28 Mk. 

Grammatik. 

H. Osthoff, das verbum in der nominalcomposition im deutschen, griechi- 
schen, slavischen und romanischen. (Jena, Costenoble.) 11 Mk. 20 Pf. 
On English adjectives in able, by F. E. Hall. (London, Trübner.) 

7 Mk. 50 Pf. 

Literatur. 

F. Lichtenstein, Zur Kritik des Prosaromans Tristrant und Isolde. (Bres- 
lau, Maruschke & Berendt.) 75 Pf. 

Lessing, his Life and Writings. by James Sime. 2 vols. (London, Trüb- 
ner.) 21 Mk. 

The lay of the Nibelungers. Translated by Jonathan Birch. (München, 
Ackermann.) 3 Mk. 

Cynewulfs Elene m. e. Glossar. Herausgegeben von J. Zupitza. (Berlin, 
Weidmann.) 2 Mk. 

T. H. Caine. Richard HL and Macbeth. The spirit of Romantic play in 
relationship to the principles of Greek and Gothic art. (London, Simpkin.) 

50 Pf. 

Longfellow's Dichtungen. Ein literarisches Zeitbild aus dem Geistesleben 
Nordamerika's. Von. A. Baumgaertner. (Freiburg, Herder.) 2 Mk. 25 Pf. 



240 Bibliographischer Anzeiger, 



Hilfs buch er. 

Goethe's Götz von Berlichingen , erläutert von J. Naumann. (Leipzig, 

Teubner.) 1 Mk. 20 Pf. 

Fremi^wörterbuch für Schulen. (Erlangen, Deichert.) 2 Mk. 

F. A. Nicolai, Schulgrammatik der franz. Sprache, (Helmstedt, Richter.) 

2 Mk. 
A. Wittstock, Franz. Sprachlehre. 2. Stufe. (Leipzig, KHnkhardt.) 60 Pf. 
H. Seeger, Lehrbuch der neufranzösischen Syntax. Halle, Waisenhaus) 

2 Mk. 
Mignet, Hist. de la Rdv. fr9., erläut. von Korell. I. Bd. (Leipzig, Teubner.) 

1 Mk. 50 Pf. 
Le Misanthrope, p. Moliere, erklärt von C. Lion. (Leipzig, Teubner.) 

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M. Depping, Histoire des expdditions maritimes des Normands et de leur 

dtablissement en France au lO^ siecle. Herausgegeben von R. Foss. 

(Berlin, Weidmann.) ' 90 Pf. 

Corneille's Ausgewählte Dramen. Herausgegeben von K. Brunn emann. 

Horace. (Leipzig, Teubner.) 90 Pf. 

Dasselbe. Herau.sgegeb. von Fr. Strehlke. (Berlin, Weidmann) 1 Mk. 20 Pf. 
Schwalb, Bibliotheque choisie. (Guizot, Discours sur la rdvolution d'Angle- 

terre.) Essen, Bädeker. 60 Pf. 

D. Asher, Die wichtigsten Regeln der englischen Syntax. (Braunschweig, 

Westermann.) 75 Pf. 

Milton's l'Allegro, ed. with interpretation, notes by Francis Main. (London, 

Stranford.) 1 Mk. 

Shakespeare's Macbeth with notes. (Edinburgh, Edmonstone.) 2 Mk. 50 Pf. 
V. R. Kockström, Kurze Grammatik der finnischen Sprache. (Leipzig, 

Köhler.) 1 Mk. 50 Pf. 

L. Nagy, Praktischer Lehrgang zur Erlernung der ungarischen Sprache. 

(Budapest, Tettey.) ' 80 Pf. 

A. Roder, Brieflicher Unterricht zur Erlernung der ungarischen Sprache. 

(Budapest, Grimm & Horovicz.) 10 Mk. 

F. Haag u. A. Feodorow, Russisch-deutsches Conversationsbuch. (Reval, 

Kluge.) 2 Mk, 40 Pf, 



Zu den Sonetten Shakspere's. 



Von 

Hermann Isaac. 



IL 
1 *) (P. P. III.) 

Dieses Sonett, mit welchem Bodenstedt seine Uebersetzung 
eröffnet, ist dem Passionate Pilgrim entnommen. Es ist be- 
kannt, dass Dies eine von dem Verleger W. Jaggard zusammen- 
geraubte kleine Gedichtsammlung ist, die 1599 unter Shak- 
spere's Namen erschien. Von Shakspere plünderte er das 1598 
erschienene Love's Labour's Lost, dem er ausser diesem 
(L. L. IV, 3, 60) noch ein anderes in Alexandrinern geschrie- 
benes Sonett**), sowie ein Liedchen in vierfüssigen Trochäen***) 
entlehnte, und wusste sich auch zwei von denjenigen Sonetten 
zu verschaffen, die damals im Kreise der specielleren Freunde 
des Dichters circulirten und erst zehn Jahre später im Druck 
erschienen: es sind die Sonette CXXXVIII und CXLIV, 
welche die ersten Nummern seiner Sammlung wurden. Von 
den übrigen Gedichten des P.P. sind Einige vielleicht von 
Shakspere verfasst, Andere höchst wahrscheinlich nicht. Eines 
ist nachgewiesenermassen von Marlovve. — Dieses Sonett ist 



*) Ich folge der Bodensteilt'schen Anordnung der Sonette, und setze 
die Nummern der überlieferten Reihenfolge in Klammern daneben. 

**) P. P. V. L. L. IV, 2, 109. (If love make me forsworn, how sball 
I swear to love?) 

***) P.P. XVII. L. L. IV, 3, 101. (On a day — alack the day!) 

Archiv f. II. Sprachen. LIX. 1^ 



242 Zu den Sonetten Shakspere's. 

in den P.P. mit geringen Abweichungen (v. 2. 9. 10. 11. 14) 
hinübergenommen, die man wohl als unwesentliche Verbesse- 
rungen bezeichnen kann. 

Die Abfassungszeit des Sonetts fällt also mit der von 
Love's Labour's Lost zusammen, über welche die Angaben der 
verschiedenen Kritiker zwischen 1591 und 1594 differiren *). 
Dieses Datum ist für die Sonett -Kritik insofern interessant, 
als wir daraus ersehen, dass Shakspere sich bereits in dieser 
Periode seines dichterischen Schaffens über die landläufige Art 
der Sonett -Poesie lustig macht. Das vorliegende Gedicht ist 
eben eine Persifflage auf die Mode-Thorheit seiner Zeit, die 
Liebe in ebenso unpoetischen als spitzfindigen und überschwäng- 
lichen Sonetten zu besingen. Das erhellt aus der ganzen be- 
kannten Tendenz des Stückes und aus den dieses Sonett be- 
gleitenden Reden. Longaville, der es an Maria, ein Ehren- 
fräulein der französischen Prinzessin, richtet, sucht darin den 
Bruch seines Gelöbnisses, das ihn zu einem dreijährigen klöster- 
lichen Leben verpflichtet, mit Hilfe einiger Concetti zu ent- 
schuldigen: einmal hat er nur die Frauen abgeschworen, und 
sie ist eine Göttin; dann ist sein Gelübde nur ein Hauch, ein 
Erdendunst gewesen, den sie, seine Sonne, aufgesogen hat, 
folglich ist sie schuldig, nicht er; die natürlichste und beste 
Entschuldiguno; endlich , die ihm auch von den strengsten 
Moralisten sofortige Absolution erwirken muss, enthalten in 
überwältigender Liebesdialektik die Schlussverse: 

If by me broke, what fool is not to wise, 
To break an oath, to win a paradise. 

Longaville selbst fürchtet, dass seine ungelenken Verse 
nicht die Macht zu rühren haben werden. Und nachdem Biron 
iim bei der Leetüre derselben belauscht hat, hören wir aus 
seinem Munde das absprechende Urtheil Shakspere's: 

Das ist der Fieberstil: das Fleisch erscheint in Verklärung; 
Ein Gänschen wird zur Göttin — reine Götzenverehrung. 
Gott helfe uns, Gott helfe uns! wir haben's weit gebracht. — 



*) Elze: William Shakespeare (Halle 1876), pg. 384. 



Zu den Sonetten Shakspere's. 243 

Wir dürfen über dies Gedicht doch wohl etwas milder 
urtheilen als der Dichter selbst: trotz der exquisiten Concetti 
und trotz der von den Sonettisten jener Zeit trostlos oft ge- 
brauchten und poetisch ohnmächtigen Vergleiche der Geliebten 
mit einer Göttin, mit der Sonne, ist es bis zu dem hübschen 
Schluss von sauberer, zierlicher, anmuthiger Arbeit und wohl 
werth, unter den übrigen Sonetten zu stehen. 

Von den mir bekannten Uebersetzungen hat Keine die 
Grazie und Durchsichtigkeit des Originals ganz erreicht. Jor- 
dan versetzt uns in eine ganz andere Situation, wenn er von 
dem „falschen Schwur" spricht, zudem das „weltbesiegende 
Auge" der Geliebten den Dichter verführt hat. Gildemeister 
scheint auf die satirische Absicht Shakspere's zu sehr ein- 
gegangen zu sein : seine Uebersetzung in Verlorner Liebesmüh' 
macht fast den Eindruck einer Caricatur. Erst bei Bodenstedt 
merken wir, dass wir ein wirklich hübsches Gedicht vor uns 
haben. Aber auch bei ihm ist Einiges störend, wie z. B. der 
nichtssagende Füllreim auf „Liebe": 

Die Fraun verschwor ich und gemeinen Triebe; 

ferner die bedenkliche Logik in den Versen: 

..... so bist du schuldig auch, 

Denn du brachst mein Gelübde, ich that's nicht, 

wo nur „allein" an der Stelle wäre. Der Schluss kann viel- 
leicht in seiner Kraft und Gedrungenheit im Deutschen nicht 
Aviedergegeben werden, er ist auch bei Bodenstedt nur abge- 
schwächt : 

Und that ich 's, welcher Thor war' so von Sinnen, 
Es nicht zu thun, ein Eden zu gewinnen. 



2. (CXXVIII.) 

Das Sonett ist offenbar an eine Dame gerichtet, die das 
Spinettspiel versteht, eine Kunst, die damals besonders von 
dem weiblichen Theile der Gesellschaft cultivirt wurde. Es ist 
eine zarte Liebeständelei ohne bestimmte Beziehungen, die also 
irgend ein beliebiger Gegenstand veranlasst haben mag; viel- 

16* 



244 Zu den Sonetten Shakspere's. 

leicht ist es nur der sinnige Ausdruck galanter Erkenntlichkeit 
für einen genussvollen musikalischen Abend. Jedenfalls haben 
wir hier Eines von den vielen Zeugnissen für des Dichters 
Liebe zur Musik vor uns*). — Im Titus Andronicus finden 
wir mit Bezug auf Lavinia dasselbe Bild von den geschlagenen 
Saiten gebraucht, welches hier auf die Tasten angewandt wird**). 

Der Dichter beneidet das beglückte Holz (Tastbrett des 
Spinetts), das bei der Berührung Ihrer Finger seine Seligkeit 
in süssen Harmonien aushaucht; er bittet die Geliebte, wenn 
freche Tasten ihre Finger küssen dürfen, ihm ihren Mund zu 
reichen. 

Dieses Muster italienisirender, graziös tändelnder Lyrik 
ist meines Erachtens von Jordan am Besten wiedergeo-eben. 
Auch Bodenstedt's Uebersetzung ist sehr hübsch, bis auf die 
letzten Verse, wo es heisst: Ich möchte mit den Tasten gerne 
tauschen. 

Wenn lieber deiner Hand melodisch Rauschen 
Das todte Holz als meinen Mund beglückt — 
Doch wenn das freche Holz geküsst sein muss, 
Reich' ihm die Hand, die Lippe mir zum Kuss. 

Störend ist hier das Wort „lieber", das dem ganzen Gedanken 
etwas Schiefes giebt. „Wenn deiner Hand melodisch Rauschen 
. . . meinen Mund beglückt" ist wohl eben kein besonders 
glücklicher Ausdruck. Und weshalb ßodcnstedt nicht lieber 
sagt „Wenn schon das freche Holz dich küssen muss", ist 
nicht recht erfindlich, da er doch im nächsten Verse selbst das 
Holz als Subject des Küssens hinstellt. Das schöne Wortspiel 
in der ersten Zeile: When thou, my music, music play'st ist 
ebenfalls nicht wiedergegeben, wie bei Jordan und Gildemeister, 
dessen Uebersetzung sich vorzugsweise durch Wörtlichkeit aus- 
zeichnet. 



*) Elze (a. a. O. pg. 476 ff.) entwickelt sehr hübsch Shakspere's musi- 
kalische Neigung und Kenntniss aus den betreffenden Stellen und Scenen 
der Dramen. 

**) O, had the monster seen those lily hands 
Tremble, like aspen leaves, upon a lute, 

And make the silken strings delight to kiss them, 
He would not then have touch'd them for his life! 

T. An. n 4, 44. 



Zu den Sonetten 8hakspeie's. 245 

3. (P.P. viir.) 

Von diesem Sonett ist ea zweifelhaft, ob es von Shakspere 
herrührt. Es war zusammen mit XXI des Passionate Pilgrim 
(As it feil upon a day) bereits ein Jahr früher (1598) erschienen 
in einer Gedichtsammlung von Rieh. Barnefield mit dem Titel 
Encomium of Lady Pecunia: or the Praise of Money, in deren 
vierter Abtheilung (Poems in divers Humors) beide Gedichte 
standen. Das Sonett hat in dieser Sammlung die üeberschrift : 
addressed to his friend Master R. L. in praise of Music and 
Poetry. Dadurch haben denn Knight*) und Charles Edmonds**) 
sich berechtigt geglaubt, es Barnefield zuzuschreiben und anzu- 
nehmen, dass der räuberische Verleger Jaggard es Diesem 
ebenso gestohlen hatte, wie er XI (Venus with young Adonis 
sitting by her) Avahrscheinlich dem Dichter Griffin und XX 
(Live with me, and be my love) Marlowe gestohlen hatte. 
Dem gegenüber glaubt Collier an Shakspere's Urheberschaft, 
indem er nachweist***), dass Barnefield in der zweiten Ausgabe 
seines Werkes (1605) diese beiden Gedichte ausliess, nachdem 
sie 1599 als von Shakspere herrührend erschienen waren. 
Dycef) ist geneigt, sich dieser Ansicht anzuschliessen, Drakeff) 
und Ulricifft) führen dieses Sonett als Eines der schöneren 
von Shakspere an. Und in der That dürfte Form und Inhalt, 
selbst das unbedeutende Schlusscouplet, keinen Einspruch da- 
gegen erheben, dass es ein jugendliches Sonett unseres Dich- 
ters ist. Nehmen wir Dies an, so haben wir Eines von den 
für den Kritiker besonders wichtigen Sonetten vor uns. 

Zunächst bietet es wieder ein Zeugniss für Shakspere's 
Verehrung der Musik. Es ist ferner keineswegs an einen 
Mann, sondern an eine Dame gerichtet, was aus den ersten 
und letzten Versen erhellt. Dort heisst es, wie die Musik 
(the sister) und die Poesie (the brother) harmoniren, so muss 



*) Pictorial Edition of the Works of Sh. VI, 507. 
**) Venus and Adonis, ed. 1870. 

***) Atlienaeum, May 17, 1856 und Notes and Queries, 11 series, July 5, 
1856. 

t) Shakspere -Ausgabe. II. Ed. 1864. (I, 74.) 
tt) Shakspeare and his Times (Paris 1843), pg. 372. 
ttt) Shakspeare's dramatische Kunst. 3. Aufl. (Leipzig 1874), I, 278. 



246 Zu den Sonettea Shakspere's. 

auch die Liebe gross sein zwischen der angeredeten Person, 
die eine MusikHebhaberin ist, und ihm, dem Dichter. In den 
letzten Versen wird das Verwandtschaftsverhältniss der Beiden 
(lefinirt durch ihre beiderseitige Verehrung der Schwesterkünste, 
die einen gemeinsamen Schutzgott haben : ..One god is god of 
both, .... One knight loves both" — knight :=; lover of a 
lady (s. Shakespeare -Lexicon)*), womit der Dichter gemeint 
ist, postuHrt das weibliche Wesen, das in den folgenden Worten 
erwähnt wird: and both in thee remain („in dir ist Musik und 
Poesie vereinigt"). — Die Frage, wie Barnefield denn dazu 
gekommen ist, es an einen Mann zu adressiren, können wir 
ebenso wenig beantworten wie jene andere, auf welchem Wege 
es, wenn es ein Gedicht Shakspere's war, in seinen Besitz ge- 
langt ist. — ßodenstedt tlmt sehr recht, es dem Sonett CXXVIIl 
folgen zu lassen, an das es sich sehr hübsch anschliesst. 

Das Sonett ist ferner interessant durch die persönlichen 
Beziehungen auf Dowland und Spenser. Man kann daraus 
auf eine persönliche Bekanntschaft des Dichters mit dem be- 
rühmtesten Lauten Spieler und Liedercomponisten seiner Zeit 
schliessen. Dowland**) war zwei Jahre älter als Shakspere, 
er war schon 1590 am Hofe der Elisabeth en vogue, machte 
dann grosse Reisen durch Frankreich, Italien und Deutschland 
und lebte lange Zeit am dänischen Hofe als Lautenspieler des 
Königs, von wo aus er 1600 das zweite Buch seiner Songs or 
Ayres veröffentlichte. Das erste war 1597 vorausgegangen. 
Danach können Avir annehmen, dass Shakspere's Verkehr mit 
ihm in die erste Hälfte der neunziger Jahre fällt. — Wenn 
von Spenser's „deep conceit" die Kede ist, so kann wohl nur 
seine Faerie Queene gemeint sein, deren erste drei Bücher 1590 
erschienen, nicht etwa der unbedeutende Shepheards Calender 
(1579). Das Gedicht kann also vor 1590 nicht verfasst sein. 

Bodenstedt hat eine Uebersetzung dieses Sonette geliefert, 



*) ^'on AI. Schmidt (Berlin und London 1874 — 75). 
**) Drake, pg. 369; Elze, pg. 162. Der Letztere stellt übrigens auch 
ohne die Stütze dieses Sonetts ein persönliches Verhältniss zwischen so 
hervorragenden Männern, wie Spenser und Dowland auf der einen, Shak- 
spere auf der andern Seite, die in einer Stadt zusammen lebten, als selbst- 
verständlich hin. 



i 



Zu dun (Sonetten .Sliaksperes. 247 

(He ich meinestheils für schöner als das Original halte. So 
z. B. übersetzt Bodenstedt die Verse: 

Thou lov'st to hear the sweet mclodious sound 
That Phoebus' hite (the queen of music) makes ; 
And I in deep delight am chiefly drowii'd 
Whenas himself to singing he betakes. 

sehr frei: 

Du liebst des Gottes weihevolle Klänge, 

Die dich empor zu höhern Sphären tragen — 

Ich liebe seine himmlischen Gesänge, 

Die, was ich selbst nicht sagen kann, mir sagen. 

Die weitläuftige Ausdrucksweise Shakspere's ist hier ver- 
mieden, der Ausdruck ist energischer und durch die passenden 
Zusätze des Uebersetzers bildlich lebhafter geworden. Auch 
verdient der deutsche Schluss des Sonetts, der den am Anfange 
ausgesprochenen Grundgedanken einfach wiederholt, den Vorzug 
vor dem englischen, der in ziemlich verwickelter Weise die 
Zusammengehörigkeit des Paares begründet. Die Verse : 

Du liebst es, Dowland's hehrem Spiel zu lauschen, 

Dess Lautenklang (für „Lautenspiel") das Herz mit Zauber füllt — 

könnten durch eine geringe Aenderung eine grössere Glätte 
des Ausdrucks und Ungezwungenheit der Construction erhalten : 

Du liebst es, Dowland's Saitenspiel zu lauschen, 
Dess hehrer Klang das Herz mit Zauber füllt. 

Jordan hat seltsamerweise dieses Sonett in seinem Passionate 
Pilgrim ausgelassen. 

4. 5. (CXXXV. CXXXVI.) 

Die Sonette sind an ein weibliches Wesen gerichtet, wie 
das gleich der 1. Vers von CXXXV beweist: 

Whoever has her wish, thou hast thy will. 

Und zwar ist es dieselbe weitherzige Schöne, die in den Meisten 
der 25 letzten Sonette angesungen wird; das zeigen aus CXXXV 
die Verse: 



248 Zu den Sonetten Shakspcre"s. 

5. . . thou whose will (Liebesverlangen) is large and spacious 

7. Shall will in olhers seem right gracious, 
And in my will no fair acceptance shine? 

und au8 CXXXVl: 

7. In things of great receipt (ihr Herz) .... 
Among a number one is reckoned none. 

Beide Gedichte enthalten eine Bitte um Liebesgewähr, bei 
welcher Gelegenheit der Dichter es nicht verschmäht, seine 
Geschicklichkeit in der Concetti- und Wortspielkunst zu ent- 
falten an einem Pun auf seinen abgekürzten Vornamen „Will" 
und „will" in seinen verschiedenen Bedeutungen. Die unlogisch- 
spitzfindige und höchst ermüdende Art, auf welche dieses Wort- 
spiel zwei Sonette hindurch und im eigentlichsten Sinne des 
Wortes zu Tode gehetzt wird , erinnert an die schlimmsten 
Leistungen der zeitgenössischen Lyriker. 

Zur Orientirung sei hier ein kurzer Excurs auf die poe- 
tische Modethorheit jener Zeit gestattet. 

Die italienisirende oder künstliche liichtung der 
englischen Lyrik 
unterscheidet sich von jener natürlichen, frisch und unaufhaltsam 
aus dem Herzen quellenden Lyrik im Allgemeinen durch ein 
Haschen nach gewissen werthlosen formalen Aeusserlichkeiten, 
die mit der Poesie als solcher in keinem inneren Zusammen- 
hange stehen, die an sich ebenso unschön als poetisch zwecklos 
sind, und die denn auch nie verfehlen werden, auf das geläu- 
terte ästhetische Bewusstsein unserer Zeit einen abstossenden, 
ja verletzenden Eindruck zu machen. 

Im Einzelnen sind es besonders drei Merkmale, welche 
diese Richtung kennzeichnen. Zunächst ist es die seltsame 
Art der Bilder und Vergleiche, die das gerade Gegentheil 
von derjenigen Wirkung hervorbringen, für welche dieses wich- 
tige dichterische Material ausersehen ist: sie sind nicht treffend 
und anschaulich, stimmungsvoll und schön, sie strömen nicht 
wie von selbst mit einer gewissen Naturnothwendigkeit aus dem 
Herzen des Dichters : sie machen im Gegentheil häufig den 
Eindruck, als hätten die Dichter sich Mühe gegeben, das Fernst- 



Zu den Sonetten Shakspere's. 249 

liegende, Seltsamste, Unähnlichste, Ilässlichste aufzufinden, mit 
einem Wort einen möglichst unglücklichen Vergleich zu 
machen, wenn er nur neu und ungewöhnlich war. Auf dem 
Wege zu diesem sonderbaren Ziele fanden die Dichter natürlich 
die Hyperbel, die, so wirkungsvoll sie an der rechten Stelle 
verwandt werden kann, für gewöhnlich gebraucht, schwülstig 
und inhaltlos ist. Es blieb ferner bei diesem eiteln Streben 
das Bild nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern Avurde selbst 
Zweck ; die Vergleiche wurden in verwirrender und verdunkelnder 
Weise gehäuft oder erweiterten sich, in Reminiscenz an die alte 
allegorische Dichtung, zur Allegorie. So lesen wir denn eine 
Menge von Sonetten, bei denen der Dichter keine andere nach- 
weisliche Absicht gehabt haben kann, als einen Vergleich, vor 
dessen Ungeheuerlichkeit wir einen gelinden Schauder empfinden, 
bis in die kleinsten Einzelheiten mit unerträglicher Pedanterie 
und Gewaltsamkeit der gequälten Phantasie seines Lesers auf- 
zuzwingen. 

Mit derselben seltenen, aber ungeniessbaren Kost, wie die 
Phantasie, soll denn auch der Verstand regalirt werden. Dazu 
dienen die Concetti: neue, überraschende, unerhörte sophi- 
stische Schlussfolgerungen, die das Widersprechendste zu- 
sammenreimen , das logisch Undenkbarste plausibel machen 
wollen, und als deren erhabenstes Ziel man den Beweis hin- 
stellen kann, dass Schwarz Weiss ist. Wir haben gerade von 
dieser letzteren exquisitesten Art in dem folgenden Sonette ein 
traurig glänzendes Beispiel , während in dem ersten Sonette 
Trugschlüsse zarterer und o-raziöserer Art uns o-eboten wurden. 

Das dritte Kennzeichen — zugleich das gewöhnlichste 
Material, mit dem die Concetti arbeiten — ist das Wortspiel, 
das auf der Verwechselung verschiedener Worte von 
gleichem Klange oder der verschiedenen Bedeutungen eines 
Wortes beruht. Hiervon gewährt wieder das folgende Sonett 
eine der künstlichsten Proben. 

Je nach der grösseren oder geringeren Begabung der ein- 
zelnen Dichter richtet sich nun der Grad der Discretion, mit 
der diese Formalien angewandt werden. Vollständig frei von 
dieser Zeitkrankheit ist Keiner. Die Dichterlinge sehen hierin 
das Wesen der lyrischen Poesie, und die wirklichen Dichter 



250 Zu den Sonetten Sbakspere's. 

verschmähen es nicht , die schöne Natur ihrer Empfindungen 
durch diese abscheuliche Tracht zu entstellen. 

Drayton, dessen „Ideas" nun schon recht lange ver- 
gessen sind trotz des Nachruhmes, den er sich darin so häufig 
selbst verspricht, hat ein Viertel von seinen 03 Sonetten mit 
diesen italienischen Formalien erfüllt*), während vielleicht nur 
ein Drittel auf einen gewissen d. h. nicht allzugrossen poe- 
tischen Werth Ansprach zu machen hat. — Bei Surrey, 
einem hübschen poetischen Talent, ist mir unter seinen 16 So- 
netten nur Eines aufgefallen , das ganz in dieser Manier ge- 
schrieben ist**). — Sidney, ein Dichter von Gottes Gnaden 
und gewiss Derjenige von den englischen Sonettisten, der Shak- 
spere in Bezug auf poetischen Gehalt am Nächsten steht, hat 
eine entschiedene Vorliebe für diese Form gehegt: er hat sie 
fast bei einem Viertel seiner c. 125 Sonette durchgeführt***). 
Indessen unterscheiden sich diese Sonette denn doch sehr von 
denen Drayton's. Der wahre Dichter zeigt sich eben unter 
jeder Verhüllung, und wenn auch ein Theil derselben den Ein- 
druck wirklicher Spielereien macht, so sind doch andere wieder 
aus einem tiefen Herzensbedürfnisse entstanden. Das 98. So- 
nett möchte ich trotz des italienischen Tones als Eines der 
schönsten der ganzen Sammlung bezeichnen. — Spenser hat 
ebenfalls in den verhältnissmässig nicht wenigen Sonetten dieser 
Artf) mehrere werthvolle, besonders das 40. — 

Man muss eben annehmen, dass diese Form den Dichtern 
jener Zeit so in Fleisch und Blut übergegangen war, so wenig 
unnatürlich erschien, dass sie auch tiefe poetische Empfindungen 



*) Drayton, Works (London 1748). Ideas. S. 2. 4. 5. 7. 11. 14. 16. 
23. 26. 29. 30. 33. 38. 40. 56. 63. 

*•*) Surrey, Works ed. by Geo. Fr. Nott. (Lond. 1815), pg. 16. — Es 
ist selbstverständlich nur von solchen Sonetten die Rede, in denen die be- 
zeichneten Formalien hervorragend zur Geltung kommen. 

***) Sidney, Works, ed. by AI. B. Grosart (London 1873). Vol. 1: 
Astrophel and' Stella, S. 2. 4. 8. 9. 10. 11. 12. 17. 20. 25. 29. 36. 43. 46. 
49. 55. 56. 57. 65. 76. 78. 85. 88. 95. 96. 97. 98. 101. 102. 104. 108; 
Sidera, 2. 3. (Die fett gedruckten Zahlen bezeichnen die poetisch nicht 
werthlosen Sonette.) 

f) Spenser, Work.s first American Ed. Bo.st. (1839). Vol. V: Amoretti 
(88 S.), 2. 10. 11. 16. 22. 30. 37. 40. 47. 53. 55. 56. 57. 63. 67. 77. 



Zu den Sonetten Öliakspere's. 251 

ohne Bedenken in ihr zum Ausdruck brachten. Um so be- 
wundernsvverther ist Sliakspere, der nur in wenigen, vor- 
zugsweise jugendlichen Sonetten sich dieser Modethorheit hin- 
gegeben, später aber sich darüber erhoben und sie in mehreren 
Sonetten, wie an verschiedenen Stellen seiner Dramen, ver- 
spottet hat.*) — 

Bei Petrarca finden wir nicht wenige Sonette dieser 
Art, die den späteren Concettistcn als Vorbilder gedient haben**). 
— Michelangelo ist nie in dieser Form aufgegangen: er 
hat sich in jedem seiner herrlichen Sonette bemüht, sein 
grosses, wahres Herz zu zeigen, immer er selbst zu sein. Er 
ist der einzige Sonettdichter, der überhaupt in Gefühlstiefe und 
Gedankenmacht mit Sliakspere verglichen werden darf. 

Kehren wir nun zu den vorliegenden Sonetten zurück, so 
machen diese allerdings den Eindruck, als ob es sich für Shak- 
spere um die bestmögliche Lösung einer gestellten Aufgabe 
gehandelt hätte; als wäre ein Wett- Silbenstechen ausgeschrieben 
worden, in dem er durchaus den Preis zu erringen suchte und 
gewiss auch errungen hat. Man muss gestehen, er hat hier 
„Herodes überherodisirt." 

Es ist das Missliche dieser Art von Poesie, dass sie bei 

ihrer inneren Werthlosiokeit nichts wenifjjer als leicht Verstand- 
es o 

lieh ist. Wir sind gezwungen, unser ganzes Combinations- 
vermögen aufzubieten, um den Sinn, welchen der Dichter in 
die Worte hat hineinlegen wollen, in seiner ganzen Vieldeutig- 
keit zu erfassen ; und haben wir endlich alle Räthsel gelöst, so 
haben wir doch nur ebenso viele Abo;eschmacktheiten gefunden. 
Ich lasse die sinngemässe Uebersetzung der beiden Sonette 
folgen, zumal da weder Delius noch das Shakspere - Lexicon 
eine Erklärung im Einzelnen bieten. 

(CXXXV, 1.) „Wie irgend einer P'rau nur ihre Wünsche 
erfüllt werden können, so hast du deinen Will'," — Wortspiel 
zwischen „Willen" und "„William" — (2) „und überreichlich 
hast du deinen Will': denn ich (thy Will) bin mehr als genug 



*) Sonnet 21. 83. 76. 130, — T. G. III, 1, 103. L. L. IV, 3, 74; 
V, 2, 50. 406. As Y. III, 5, 8; IV, 1, 94. Tr. Cr. III, 2, 180. 

**) M.an vergleiche z. B. die folgenden Sonette: (Marsand'sche An- 
ordnung) Th. I, S 17. 48. 71. 79. öO. 91. 102. 137. 179. Th. 11, S. 30. 32. 50. 



252 Zu den Sonetten Shakspere's. 

für dich, da ich dir zu viel, lästig bin, indem ich die Zahl der 
Gegenstände, auf welche sich dein Liebestrieb (thy will)*) 
erstreckt, durch meine Person vermehren möchte." — Es ist 
dem Dichter somit in den ersten vier Versen 2;eluno;en zu be- 
weisen : dass seine Geliebte, obgleich ihr seine Bewerbungen 
sehr lästig sind , doch allen Grund hat , damit zufrieden zu 
sein, da gerade durch die Lästigkeit seiner Bewerbungen ihre 
Wünsche überreichlich erfüllt sind. Man muss gestehen, 
Drayton hat auf diesem Felde nicht mehr geleistet, selbst mit 
Einschluss des 26. Sonetts, in dem er klar zu machen sucht, 
dass seine Hoffnung nur durch seine Verzweiflung aufrecht 
erhalten wird.**) 

(5) „Willst du, deren Liebestrieb so gross und umfassend 
ist, nicht meinen (my will) in den deinigen aufnehmen d. h. 
ihn befriedigen?" — Vielleicht mit obscönem Nebensinn cf. 
S. 13 (CLI). — (7) „Soll Anderer Liebestrieb begünstigt 
werden , und dem meinigen keine freundliche Aufnahme zu 
Theil werden? Das Meer***), ganz Wasser, nimmt doch den 
Regen auf und vermehrt dadurch seine Wassermasse reichlich f) ; 
60 nimm du, ganz Begehren (oder reich an dir geweihter Liebe, 
rieh in will), meine einzelne Liebe an und mache dadurch deinen 
grossen Schatz grösser. Lass deine Unfreundlichkeit nicht 
aufrichtige Verehrer (fair beseechers eigentlich: aufrichtig Fle- 
hende) tödtenff). Sieh' alle deine Neigungen oder alle dir 

*) Eine recht häufige Bedeutung von will (s. Sb.-Lex.). 
**) "V. 3. And luy life's hope would die but for despair. 

V. 13. Then, sweet Despair, a while hold up thy head, 
Or all niy hope for sorrow will be dead. 
■■''**) Derselbe Vergleich der Liebe mit dem Meere in Tw. N. I, 1, 11: 
„O spirit of love! .... thy capacity receiveth as the sea." Ebenso sagt 
der Herzog von seiner Liebe (II, 4, 103): „mine is all as hungry as the 
sca, and can digest as much." 

t) 3 H. VI, V, 4, 6 (add water to the sea). Derselbe Gedanke Lu. 
650. L. C. 254. 

tt) Das Sh.-Lex. scheint mir die richtige Auffassung der Stelle zu 
geben, indem es das Komma hinter unkind, das Cambridge- und Globe- 
Edition, Dyce und Delius haben, weglässt. Denn sonst müsste ein unver- 
ständlicher Gegensatz zwischen „unkind" und „fair beseechers" gemacht 
werden, wobei „unkind" nur einen Sinn haben könnte, wenn es „unange- 
nehm, lästig", oder „unbegünstigt" hiesse, Bedeutungen, die sich schwer 
nacliweisen lassen werden. Das Bodenstedt'sche „stürmisch oder still" ver- 
stehe ich nicht. Ebenso wenig wäre auch „let kill" zu erklären, wenn man 
es nicht, wie Bodenstedt, mit „sterben" übersetzen will, und das geht doch 
wohl nicht an. 



Zu den öonettcn Shakspere's. 253 

gespendete I^iebe für ein Ganzes an (wie das Meer trotz all 
der einzelnen Zuflüsse auch ein Ganzes bildet) und mich für 
einen Theil in demselben."*) 

(CXXXVI.) „Wenn deine Seele dich schilt, dass ich ihr 
so nahe komme, schwöre ihr, der blinden (denn sie kann die 
wahren, aufrichtigen Liebhaber nicht erkennen), dass ich dein 
Will' („Will" zugleich mit dem Nebensinn von „Liebesver- 
langen") sei, und der Wille (will), das weiss deine Seele, ge- 
hört da hinein. (4) Bis zu dem Punkte erhöre, Geliebte, mein 
Liebeswerben um der Liebe willen, denn — (dein) Wille oder 
Liebesverlangen wird die Schatzkammer deiner Liebe füllen" — 
man kann hier zugleich an „Testament" denken als fünfte Be- 
deutung von „will" — „ja, wird sie füllen mit mannigfacher 
Liebe und meiner besonderen (with wills and my will one, my 
für einen objectiven Genitiv). Bei Dingen, die so viel fassen 
(wie deine Liebesschatzkammer, dein Herz), wird unter einer 
grossen Anzahl (von Liebesverhältnissen) Eins für Nichts ge- 
rechnet: deshalb lass mich in der grossen Anzahl ungerechnet 
mitgehen, obgleich ich bei der Zusammenrechnung deiner Liebes- 
schätze einen Posten bilden muss**). (11) Halte mich für 
Nichts, wenn du nur das Nichts meiner Person für ein dir 
theures Etwas hältst. Liebe nur meinen Namen, und liebe ihn 
immer, dann wirst du auch mich lieben, denn mein Name ist 
Will." — D. h. also habe nur den Willen mich zu lieben, so 
wirst du auch etwas Liebenswerthes an mir finden. 

Von den Uebersetzungen muss ich sagen, dass säramtliche 
Stellen, in denen die Spielerei mit „will" vorkommt, unver- 
ständlich sind. Und das ist ganz natürlich, denn erstens sind 
die Uebersetzer der Ansicht, dass es sich nur um ein Wort- 
spiel zAvischen „W^ill", dem Namen, und „will der Wille" han- 
delt, und zweitens halte ich überhaupt eine verständliche Ueber- 



*) In V. 11 und 12 muss trotz der Quarto meiner Auffassung nach 
„will", nicht „Will" geschrieben werden. Und auch am Ende ist „Will" 
nur statthaft mit Rücksicht darauf, dass es zugleich als Namensunterschrift 
gelten kann, wie im folgenden Sonett. 

**) Fast dieselben Worte sagt der alte Capulet zu Paris über seine 
Tochter (Ro. I, 2, 32): 

. . . on more view of many, mine, being one, 
May stand in number, though in reckoning none. 



254 Zu den Sonetten Shakspere's. 

Setzung dieser Will- Sonette ins Deutsche für nicht gut niTtglich, 
weil das deutsche Wort „Wille" gerade die Bedeutung, die im 
Text so häufig vorkommt, durchaus nicht hat, und weil auch 
kein anderes Wortspiel in diesem Falle, wo es auf den Namen 
des Dichters ankommt, substituirt werden kann. 

Schliesslich noch einijje Proben eng^lischer Sonett -Kritik. 
— Armitage Brown*) ist bei diesen beiden Sonetten der erste 
Zweifel an dem inneren Zusammenhange sämmtlicher zu- 
sammenstehender Sonette gekommen. Er muss zugeben, dass sie 
nicht hierher gehören, und will sie aus seinem VI*^' Poem entfernt 
wissen. — Henry Brown**) findet auch hier Alles in schönster 
Ordnung ; der Dichter hat in diesen und den zwei vorher- 
o-ehenden Sonetten die Geliebte des Freundes vero-eblich auf- 
o;efordert, ihm ihre Liebe zu schenken — d. h. natürlich nur 
im Sinne einer poetischen Illusion, die er sich im Interesse 
seiner satirischen Zwecke gestattet (s. die einleitende Abhand- 
lung). In den folgenden Sonetten rächt sich nun seine Muse, 
mit der sein Freund W. Herbert anfänglich allegorisch ver- 
heirathet war, by placing her — die Geliebte, die den Freund 
der Shakspere-Muse entführt hat — in the worst conceivable 
light (!). — Massey ***) findet in dem ersteren Sonett einen 
gewichtigen Beweis, dass diese sämmtlichen Gedichte an Lady 
Rieh gerichtet sind. Er sieht nämlich in den Worten: thou, 
beino- rieh in will — nach ihm RICH zu schreiben — das- 
selbe Wortspiel auf ihren Namen, wie in Sldney's 37. Sonett: 

Who, though most Rieh in these and every part 
Which makes the patents of true earthly bliss, 
Hath no misfortune but that Rieh she is. 

H. Brown, der auch an Lady Rieh glaubt, hat sein Scharfsinn 
nicht so weit getrieben. 

6. (CXLIII.) 

Es ist dieses Eines von den Sonetten, die als gravirend 
für den Charakter des Dichters aufgefasst werden. Er fleht 



*) Shakespeare's Antobiographical Poems (Lond. 1838), pg. 96. 
=^*) The Sonnets of Sh. Solved (Lond. 1870), pg. 140. 
•:**) The Sonnets of Sh. never before interpreted (Lond. 1866), pg. .349. 



Zu dni Sonetten Shakspore's. 255 

inbrünstig um die Liebe jener Frau, die hier nur einem Dritten 
ero-eben sclicint, in den folgenden Gediclitcn aber wie eine Buli- 
lerin hingestellt wird. Es bildet mit den beiden vorhergehenden, 
wie das der gleiche Inhalt und das V. 13 wiederkehrende 
Wortspiel mit „Will" verräth, eine Gruppe, wenn es im Tone 
von ihnen auch ganz verschieden ist : während jene unterspitz- 
findigen Wortspielereien die Bitte um Erhörung verstecken, 
spricht sich hier der Herzenswunsch des Dichters in rührender 
Unmittelbarkeit aus. — 

Diejenigen Kritiker, welche dieser Art von Sonetten keine 
persönliche Geltung zugestehen mögen, bestreben sich, die Un- 
möglichkeit einer solchen nachzuAveisen. Masse y (p. 328) 
findet in diesem Sonette sosjar wieder einen offenkundio;en Be- 
weis , dass Shakspere alle diese Gedichte nicht in seinem 
eigenen Interesse geschrieben haben kann. Er knüpft an eine 
Bemerkung von Steevens an, in der es heisst: „We attend to 
the cries of the Infant, but we laugh at the lond blubbering of 
the great boy, Will," und könnte es auch nur lächerlich finden, 
wenn Shakspere in dieser Weise geworben haben sollte; wenn 
der reife Mann, der „a furnace of passion" in sich trug, sich 
hier mit einem hilflos nach der Mutter schreienden Kinde ver- 
glichen haben sollte. Er charakterisirt eine solche Darstelluno- 
als „reine Sentimentalität und einen vollständigen Hohn auf das 
Pathos. Die Verfehltheit des Budes würde fast schlimmer ge- 
wesen sein als seine sündhafte Verblendung." Solch ein Ver- 
brechen gegen den guten Geschmack — des Herrn Massey — 
kann der Dichter unmöglich begangen; also — hat er es für 
Lord Herbert gedichtet. — Wir sehen, die Rhetorik soll hier 
wieder die Logik ersetzen , die Hinfälligkeit dieser Argumen- 
tation springt in die Augen. Denn wenn der Vergleich über- 
haupt einen „kläglichen" Eindruck macht, so wird er es auch 
thun , wenn er auf Lord Herbert bezogen ward. Es würde 
gerade dann eine spöttische Anzüglichkeit darin gefunden 
werden können, weil Lady Eich in der That die Mutter dieses 
Liebhabers hatte sein können. Und Shakspere hätte gewiss 
nicht gewagt, das Verhältniss seines geliebten Patrons von 
einer lächerlichen Seite darzustellen. Das vorgerücktere Alter 
Shakspere's dagegen schliesst eine so kleinlich - buchstäbliche 



256 Zu den Sonetten Shakspere's. 

Auffassung, und damit, meine ich, auch die Lächerlichkeit des 
Vergleiches aus. 

So weit kann aber der philologische Scharfsinn Massey's 
nicht dringen; denn er muss ja Alles vermeiden, was seinen 
hübsch ersonnenen Roman gefährden könnte. So ist es denn 
eine eigenthümliche Art von Kritik, die er treibt: sein Denken 
durchforscht oft ungeschädigt die grössten Tiefen, es geht aber 
jedesmal elend zu Grunde, wenn es auf die Sandbank seiner 
vorcjefassten Idee stösst. 

Was die Lächerlichkeit dieses Bildes betrifft, so bin ich 
der Ueberzeugung, dass man mit Leichtigkeit eine Menge ganz 
ähnlicher Bilder in den Dramen finden kann, die, wenn sie mit 
peinlicher Genauigkeit von der Phantasie des Lesers ausgemalt 
werden , etwas Komisches haben. Es sind dies gerade jene 
zahlreichen Vergleiche von packender Realität, die häufig keine 
sympathische, schöne, aber immer eine drastische Wirkung 
hervorbringen*). Einen solchen haben wir hier vor uns: es 
konnte das rücksichtslose, stürmische Verlangen nach der Ge- 
liebten kaum drastischer verglichen werden als mit einem Kinde, 
das laut schreiend der fliehenden Mutter nacheilt, die ihm an's 
Herz gewachsen, sein Einziges und Alles ist. Und gerade aus 
dieser Realität und Unmittelbarkeit der Darstellung ist man 
berechtigt, auf die persönlich -lebhafte Empfindung des Dich- 
ters zu schliessen. Das Bild ist aus seinem übervollen Herzen 
geflossen, und er würde es gewiss auch dann nicht unterdrückt 
haben, wenn er hätte ahnen können, dass nach einigen hundert 
Jahren einzelne Kritiker darin eine Komik entdecken würden, 
die doch wohl nur in ihrer ästhetischen Anschauung liegt. 
Ohne Voreingenommenheit wird man nicht mehr Kindisches, 
oder besser Unmännliches in diesem Vergleiche finden, als jede 
unbeherrschte Leidenschaft nothwendig davon an sich hat. 

Man kann allerdings über manche recht ernsthaften Dinge 
lachen, wenn man eben lachen will. Steevens z.B. wollte 



*) Shakspere ist eben hierin das Kind seiner Zeit, einer Periode 
jugendlicher Poesie und jugendlicher Aesthetik. — Man würde sich eine 
ungeheure Arbeit aufbürden, wollte man alle diejenigen Vergleiche aus den 
Dichtern jener Zeit zusammenstellen , die vor dem strengeren Tribunale 
unseres heutigen Schönheitsgefühles nicht mehr Gnade finden würden. 



Zu den Sonetten Shakspere's. 257 

lachen. Er ist ja bekanntlich jener sonst hochverdiente Shak- 
spere - forscher, der ein für heutige Begriffe ganz unverständ- 
liches Vorurtheil gegen die Sonette hatte. Er liess sie bei 
seiner Gesammtausgabe der Werke Shakspere's (1773) einfach 
weg, weil er meinte, „the strongest Act of Parliament that could 
be framed would fail to compel readers into their service."*) 
Er fällte auch jenes mehr als absonderliche Urtheil: „Had Shak- 
speare produced no other works than these, his name would 
have reached us with as little celebrity as time has conferred 
on that of Thomas Watson, an older and rauch more 
elegant sonnetteer." Heute würde man umgekehrt sagen: 
hätte Shakspere bloss die Sonette geschrieben , so würde er 
mindestens den poetischen Ruhm eines Petrarca beanspruchen 
können. 

Delius findet es von seinem Standpunkte höchst unwahr- 
scheinlich, dass der Dichter in diesen und ähnlichen Sonetten 
persönlich interessirt gewesen sein sollte**). „AVahrlich," so 
ruft er bei der Analyse dieses Sonettes aus, „eine rührende 
Bescheidenheit und Genügsamkeit von Seiten Shakespeare's, 
wenn sie ernstlich gemeint und im Leben praktisch von ihm 
geübt worden ist." — Ich ergreife diese erste Gelegenheit, um 
mich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob und wie weit 
diese und ähnliche Sonette die Charaktergrös se 
des Dichters schädigen können. — 

Es ist Eines von den Sonetten, die uns keinen reinen ästhe- 
tischen Genuss gewähren. Wenn wir auch — trotz Steevens 
und Massey — das Sonett für formell sehr schön halten müssen, 
so kann diese Schönheit allein uns doch nicht über den wenig- 
erfreulichen Inhalt hinweghelfen. Es berührt uns peinlich, 
den Dichter auf unmännliche Art eine Frau um Liebe anflehen 
zu hören , deren Herz einem Anderen zugewandt ist. Und 
mögen wir sonst noch so hoch von ihm denken, wir können 
nicht leugnen, dass er sich hier in einer Situation befindet, die 
wir nicht als besonders ehrenvoll bezeichnen können. Sind wir 
nun vor die Alternative gestellt, entweder, wie Kenny, ihn 



*) S. Massey a. a. O. pg. 4 f. 

**) Jahrbuch d. deutschen Sh.-Gesellsch. I. Jahrg., pg. 54. 
Archiv f. n. Sprachen. LIX. 17 



258 Zu den Sonetten Shakspere's. 

moralischer Unbedeutendheit, der Charakterlosigkeit zu zeihen*), 
oder mit Delius anzunehmen, dass alle diese Sonette poetischen 
Conceptionen entsprungen sind, die nichts mit der Wirklichkeit 
zu thun haben? — Ich erlaube, es giebt einen Mittelweg-, auf 
dem wir der natürlichsten Auffassung dieser Sonette folgen, 
und doch ein moralisches Verdammungsurtheil ausschliessen 
können. **) 

Suchen wir, uns in die Situation hineinzudenken. Shak- 
spere liebt eine seiner unwürdige Frau; wir wissen nichts Ge- 
naueres über Beginn und Verlauf des Verhältnisses, und von 
der Art seiner Liebe wissen wir nur soviel, dass sie nicht rein 
sinnlicher Natur war, sondern sich auf gewisse geistige Vor- 
züge der Geliebten gründete (S. GL). Es sind also jedenfalls 
ausser jenen roheren auch edlere Motive in dem Verhältnisse 
massgebend gewesen, die den Dichter um so fester in den 
Banden jener Frau gehalten haben mögen. - Seine Eifersucht 
wird nun erregt durch die Bevorzugung eines Dritten, von 
dessen Person wir vor der Hand ganz absehen wollen. Wir 
werden dann von ihm verlangen können, dass er als moralisch 
denkender und handelnder Mensch die schmachvolle Lage be- 
greift, in der er sich befindet, und sich aus ihr zu befreien 
sucht durch Lösung des Verhältnisses und Ersticken seiner 
Leidenschaft. Ein .solches Handeln — d. h. eine mit der 
Erkenntniss der Untreue fortschreitende Aenderung des Ver- 
hältnisses nach dieser Seite hin — wird man verlangen können, 



*) S. Elze, pg. 474 ff. 

**) Ich bemerke hier von vornherein, dass das Urtheil aller Derjenigen, 
weKhe in dieser Neigung zu der herz- und charakterlosen Frau mehr als 
eine Verirrung des Dichters sehen, die ihn schon nach dem blossen Fac- 
tum dieses A'erhältnisses, nicht etwa nach seinem \'erlaufe, zum Schwäch- 
ling und Wollüstling stempeln wollen, hier keine Berücksichtigung erfahren 
kann. Die Künstler kommen nun einmal mit reicher Sinnlichkeit begabt 
zur Welt. Und diese reiche Sinnlichkeit, die ihnen das Material zu ihren 
erhal)enen Schöpfungen zuführt, wird sie immer gewissen Gefahren, die mit 
ihr eng zusammenhängen, mehr aussetzen als gewöhnliche Menschen. Muss 
man nun einerseits als sittlicher Mensch weit davon entfernt sein, Excesse 
der Leidenschaft beschönigen zu wollen , so müsste man andererseits als 
vernünftig denkender Mensch sich ebenso sehr hüten, auf Grund jener Ver- 
gehen den Gesammtcharakter des Excedenteu zu verurtheilen. Und wie es 
keine Dichter giebt, die speciell für jene bornirten Moralisten dichten, keine 
Maler, die für sie malen: so sollte es auch keine Kritiker geben, die in 
ihrem Sinne die Feder in Bewegung setzen. 



Zu den Sonetten Shakspere's. 259 

man wird aber nicht den Stimmungen des Betroffenen ge- 
bieten können. Diese werden je nach seiner Gemüthsanlage, 
nach der Tiefe seiner Neigung längere oder kürzere Zeit schwan- 
kend sein, ehe sie einer gleichmässigen und gleichmüthigen Platz 
machen. Bei den ersten Regungen der Eifersucht werden eich 
Zweifel an der Richtigkeit der gemachten Beobachtungen ein- 
stellen, und es lässt sich in diesem Stadium sehr wohl die Ab- 
fassung eines zugleich Vorwurfs- und liebevollen Gedichtes 
denken, in dem die gefürchtete Entfremdung bereits als gewiss 
hingestellt wird, während die Gefühle, w^elche die erlangte Ge- 
wissheit hervorbringen müsste, noch nicht im Herzen des Dich- 
ters vorhanden sind. — Und später, wenn diese Zweifel keine 
Berechtigung mehr haben und die Entfremdung thatsächlich 
eingetreten ist, werden die Gefühle des Zornes, der Entrüstung, 
der Verachtuno; nicht immer allein herrschend sein. Es werden 
weichere Stimmungen eintreten, in denen das genossene Liebes- 
glück und die Spenderin desselben mit allem Zauber, den sie 
ausgeübt, lebhaft vor die Seele des Leidenden treten. Er wird 
in solchen Augenblicken die Vergangenheit zurückwünschen, 
vielleicht selbst um den Preis des Bewusstseins, dass er nicht 
immer allein das Herz der Geliebten besessen hat. Dieses Ge- 
fühl wird von der Gefühlsfähigkeit des Einzelnen, von der 
Stärke seiner unter der Asche fortglühenden Leidenschaft seine 
grössere oder geringere Lebhaftigkeit erhalten. Bei einem 
lyrischen Dichter, wie Shakspere, werden wir es für stark 
genug halten können, dass er den Drang nach Erleichterung, 
nach poetischer Befreiung gefühlt und seinem ringenden Herzen 
in vor leidenschaftlicher Sehnsucht und Hingebung zitternden 
Versen Luft gemacht habe. Und in solchen Augenblicken wird 
der Dichter sich nicht bewusst geworden sein, dass die Stim- 
mung, der er sich hingab, eine schwächliche wäre ; er wird eben 
nur jenem natürlichen, gewaltigen Drange seines Herzens ge- 
horcht haben. Am wenigsten wird er dann wohl an unbethei- 
ligte dritte Personen gedacht haben, die später vielleicht diese 
Ergüsse lesen und ihn der Schwäche zeihen könnten. 

Derartige Gedichte sind gerade diejenigen, die, vom einsei- 
tigen moralischen Standpunkt aus und ohne Berücksichtigung der 
dichterischen Innerlichkeit betrachtet, ein nachtheihges Licht auf 

17* 



260 Zu den Sonetten Shakspere''s. 

den Charakter des Dichters werfen können, und die eben des- 
halb der Auffassung Schwierigkeiten bereitet haben. — Dann 
giebt es wieder andere Sonette, in denen das genossene Liebes- 
glück zwar noch nachzittert, der Dichter sich aber mehr objectiv 
gegen seine Sehnsucht verhält; in denen er sich bewusst wird, 
dass sie eine Schwäche ist — und schliesslich solche, die Zorn 
und Verachtung dictirt haben. 

Etwas Anderes als Flxirung gewisser natur- 
gemäss wechselnder Stimmungen sehe ich in diesen 
Sonetten nicht. Sie gehören alle in das ungeheure lyrische 
Gebiet der Stimmungsbilder, für die ja das Sonett seither 
eine ausserordentlich beliebte Form gewesen. Was wir aus 
ihnen als schlechtweg Reales entnehmen können, ist nur die 
Stimmung des Dichters ; die einzelnen Gegenstände aber, von 
denen sich diese Stimmung nährt, mögen zu einem schwer zu 
bestimmenden Theile fictiv sein. Wir müssen hier eben den 
poetischen Zuthaten Rechnung tragen, welche die von der Stim- 
mung beherrschte schöpferische Phantasie zur besseren Dar- 
stellung derselben in unwillkürlicher Nöthigung hinzufügte, und 
die es unmöglich machen, in allen Einzelheiten des dargestellten 
Verhältnisses die vollkommenste Thatsächlichkeit zu finden. 

Unter diesem Gesichtspunkte wird das Gravirende der 
Gedichte wesentlich abget-chwächt. Wir sehen Shakspere, den 
Menschen, den Dichter, in schwachen Augenblicken, wir haben 
aber nicht den geringsten Grund und thäten grosses Unrecht, 
ihn deshalb der Charakterschwäche zu beschuldigen. — Was 
wissen wir denn auch nur über die Verwendung dieser Ge- 
dichte, das einen Schatten auf des Dichters männliches Gefühl 
werfen könnte? Wir wissen nicht, dass er sie etwa an ihren 
Gegenstand gesandt hätte; die Circulation dieser Sonette unter 
seinen näheren Freunden, vor denen er in jener Zeit gewiss 
keine Veranlassung fand, derartige delicate Expectorationen zu 
verbergen, mag Jahre lang nach dem Verhältnisse stattgefunden 
haben, als seine Herzens wunde längst vernarbt war und er in 
ihnen ganz objectiv nur Producte seiner Muse sah; zum Druck 
sind sie höchst wahrscheinlich ganz ohne sein Vorwissen ge- 
langt. Wir haben also keine Veranlassung, etwas Anderes zu 
vermuthen, als dass er sie ohne alle Nebenabsichten, im Drange 



Zu den Sonetten Shakspore's. 201 

des Augenblicks, nur zu seiner Erlösung von dem Druck 
dämonisch -gewaltiger Gefühle hinwarf. Unter diesem Gesichts- 
punkte könnte man auch das Schlimmste annehmen: dass alle 
auf dieses Verhältniss bezüglichen Gedichte in dem Tone dieses 
Sonetts geschrieben wären — und immer noch würde ein nach- 
theilio-er Schluss auf den Charakter des Dichters ein Fehlschluss 
sein. Das würde doch nur beweisen können, dass diese Stim- 
mung den Dichter eine gewisse Zeit hindurch beherrscht hätte, 
das würde nur die Zahl seiner schwachen Augenblicke ver- 
mehren, und wir müssten doch, auch ohne dass er es uns selbst 
gesagt hätte, w^ir müssten annehmen, dass er diese seiner un- 
würdige Leidenschaft willensstark überwunden, so gewiss, wie 
der Dichter, der in seinen Dramen fort und fort die kraftvolle, 
edle Männlichkeit verherrlicht, gewiss Etwas von diesen Eigen- 
schaften in sich gehabt haben muss. 

H. Brown*) führt zu diesem Sonett eine sehr hübsche 
Parallelstelle aus As you like it (111, 5, 99)**) an: Es sind die 
Worte, die der Schäfer Silvius zu seiner Geliebten Phebe 
spricht : 

So holy and so perfect is my love, 

And I in such a poverty of grace, 

That I shall think it a most plenteous crop 

To glean the broken ears after the man 

That the main harvest reaps : loose now and then 

A scatter'd smile, and that I'll live upon. 

Die Worte sind allerdings o;anz im Tone dieses Sonetts jje- 
halten. Interessant ist auch, dass die Geliebte des Silvius das- 
selbe Aeussere mit der in den Sonetten geschilderten Frau hat : 
„inky brows'", „black silk hair", „bügle eye-balls" (V. 43 ff.). 
— Die Worte, mit denen Rosalinde Silvius wegen seiner thö- 
richten Liebe abkanzelt (V. 49), mochte der Dichter seiner Zeit 
sich selbst zugerufen haben: 

You foolish shepherd, wherefore do you f'ollow her^ 
Like foggy south puffing with wind and rain? 



*) Er findet dieses Sonett äusserst satirisch; The poet evidently paro- 
dies the puling, whining, childish, blubbering sonneteers of his own day 
(pg- 147). 

**) Abfassungszeit 1598—1601 (Elze 387). 



262 Zu den Sonetten Sbakspere's. 

You are a thousand times a properer man 

Than she a woman: 

'Tis not her glass, but you, that flatter her. 

Die Uebersetzung dieses Sonettes von Bodenstedt ist 
mustergültig bis auf einen wichtigen Ausdruck, der geändert 
werden raüsste. Der Hauptvorwurf dieses Sonetts liegt in der 
Zeile: 

Not prizing her poor infant's discontent. 

d. h. sie achtet nicht auf das Schreien ihres Kindes, das sie 
wohl vernimmt. Bodenstedt hebt diesen Vorwurf auf, wenn er 
übersetzt: 

Nicht wahrnimmt, wie ihr eignes Kindlein klagt. 



7. (XXIII.) 

Wir müssen mit Bodenstedt, der dieses Sonett unter die 
Liebes - Sonette setzt, annehmen, dass es an eine Frau gerichtet 
ist, weil der Ton bei aller Rücksichtnahme auf die schwär- 
merische Auffassung der Freundschaft in jener Zeit für ein 
Freundschafts - Sonett entschieden zu zärtlich ist. Was sollte 
es z. B. einem Freunde gegenüber wohl heissen, der Dichter 
„vergesse in seiner Gegenwart Alles zu sagen, was der Liebes- 
anstand fordert"? Ebenso unpassend wäre es, wenn der Dichter 
in seinem Freundschaftsdrange sich vergliche mit „some fierce 
thing replete with too rauch rage". Acceptiren wir schliesslich 
die Lesart „looks" für „books", deren Nothwendigkeit ich dar- 
legen werde, so haben wir einen Grund mehr, eine Adressat in 
anzunehmen*). — Dem Tone nach brauchte das Sonett keines- 
wegs zu den Gedichten an jene lockere Frau gezogen zu 
werden. Es könnte einen andern Gegenstand haben, oder eine 
ganz unpersönliche Leistung in der Liebeslyrik sein. — 

Shakspere vergleicht sich in seiner Schüchternheit vor der 
Geliebten, in seiner Unfähigkeit, seinem übermächtigen Gefühle 



*) Massey meint zwcir, Shakspere könnte nie gesagt haben looks look 
for recompense. Das isX allerdings unglaublich. Wenn aber looks so weit 
entfernt von look ist wie hier, so erscheint es doch nicht unmöglich. 
Jedenfalls wäre der Ausdruck books look for recompense poetisch recht 
schwächlich. 



Zu den Sonetten IShakspere's. 263 

Worte zu geben*), mit einem zaghaften Anfanger auf der 
Bühne**), der aus der Rolle fällt, mit einem Tliier, dessen 
rasende Wuth ihm die Energie zum Handeln benimmt. Dann 
heisst es weiter nach der Ausgabe von 1609: 

0! let my books be then the eloquence 
And dumb presagers of my speaking breast, 
Who plead for love, and look for recompense, 
More than that tongue that more hath more express'd. 
O! learn to read what silent love has writ: 
To hear with eyes belongs to love's fine wit. 

Sewell hat nun in diesen Versen eine Conjectur gemacht, 
die ebenso verständnissvoll ist, als sie sich leicht darbietet: er 
liest „looks" für „books"; die Cambridge-, Globe- Edition, Dyce 
und Delius behalten books bei. Der Letztere meint, dass das 
Sonett „als Widmung einer Büchersendung beigegeben" sei. 
Bodenstedt sucht sich zu helfen, indem er „books" mit „Blätter" 
übersetzt***), womit aber in der That wenig gethan ist. Ich 
weiss nicht, welche Gründe sonst die Herausgeber gegen diese 



*) Den Gedanken: „Echte Liebe kann nicht sprechen" — finden wir 
wieder in T. G. IT, 2, 17; M. Ado II, 1, 317. — „Zu grosse Leidenschaft 
macht stumm" in As Y. I, 2, 269: 

What passion hangs these weights upon my tongue? 
I cannot speak to her. 
sagt Orlando in Bezug auf Rosalinde. — So macht auch Margarethens 
Schönheit Sufiblk verstummen (1 H. VI, V 3, 70). 

Petrarca kann in der Nähe der Geliebten vor Leidenschaft nicht 
sprechen, oder doch nur sinnlose Worte; sein Antlitz spricht allein von 
seinem Lieben (Th. I, S. 34; Ganz. 8, Str. 6). Fast wörtlich an dieses 
Sonett und an die Stelle in M. Ado anklingend heisst es im 118. S. (Th. I) 
nach der Uebersetzung von Kekule und Biegeleben : 

Ich seh': der Sehnsucht flammende Gewalt 
Hält Sinn und IMund in Bande stets geschlagen, 
Wer künden kann, wie viel er glüht, ist kalt. 
Ebenso interessant ist die Stelle im „Triumph der Keuschheit" (V. 58) : 
Gleich einem, den massloser Wunsch bewegt, 
Der jedes Wort, noch eh' er es begonnen, 

Im Aug' und an der Stirn geschrieben trägt 

Vergl. auch Draytoo, Ideas 57 und Spenser, Amoretti 3. 

**) Dem Vergleich mit einem aus der Rolle gefallenen Schauspieler 
begegnen wir auch im Coriolan (V, 3, 40). Er sagt, als die Seinigen ihn im 
Lager vor Rom aufsuchen: 

Like a dull actor, now 
I have forgot my part, and I am out, 
Even to a füll disgrace. 
***) Jordan übersetzt „Dichtung", Gildemeister „Buch". 



264 Zu den Sonetten Shakspere's. 

Conjectur haben — in Bezug auf den Sinn aber, im Ganzen 
wie im Einzelnen, lässt sich's nachweisen, dass „books" eigent- 
lich weder in den Gedankengang des Sonetts noch zu irgend 
einem Bilde dieser Verse recht passt, während „looks" allen 
Ansprüchen auf Harmonie der Gedanken und Prägnanz der 
Bilder gerecht wird. — 

Der Dichter sagt: „Mein Mund ist unfähig, meine Liebe 
auszudrücken" — „so möge denn dies Buch für mich sprechen" 
würde man erwarten — das steht aber leider nicht da. Es ist 
nicht von einem Buche die Rede, sondern von Büchern, 
und die sollen auch eigentlich nicht sprechen, sondern nur eine 
stumme Beredtsamkeit entfalten. Dass der Dichter nun aber 
Bücher, die durch ihren Inhalt d. h. durch Worte wirken sollen, 
die gerade Dasjenige aussprechen sollen, was seine Lippen nicht 
vermögen, „den stummen Dolmetsch seiner beredten Brust" 
nennen sollte, scheint mir doch eine unmögliche Poesie zu sein 
— wogegen beim Ausdruck der Liebe die beredte Sprache der 
stummen Augen der Sprachlosigkeit des „sonst so Vieles so 
deutlich ausdrückenden Mundes (that more hath more express'd)" 
ja recht gewöhnlich entgegengesetzt wird. Das Epitheton 
„dumb" ist dann sehr ausdrucksvoll: die Augen sprechen eben 
nicht in Worten, wie die Bücher. 

„Who plead for love" würde allerdings auf Bücher passen, 
dagegen „look for recompense" um so weniger, Avährend sich 
Beides von den Augen sehr gut sagen lässt. — Bodenstedt 
hilft sich hier, indem er den schwierigen Ausdruck ganz un- 
übersetzt lässt: 

Sie flehn weit besser als die Lippe kann 
Um Liebe — o, dass sie erfolgreich flehten. 

In dem Verse : 

More than that tongue that more hath more express'd 

werden die Bücher in einen ganz unverständlichen Gegensatz 
zu der Zunge gebracht ; sie sollen in diesem Falle mehr sagen 
wie die Zunge, die sonst mehr und deutlicher ausdrücken kann 
als die Bücher. Ich meine, das ist Unsinn. Die Ausdrucks- 
fähigkeit der Bücher und der Zunge ist dieselbe, man kann 



Zu tk'n Sonetteu Sliakspere's. 265 

schriftlich wie mündlich Dasselbe in derselben Weise sagen. 
Dass dagegen die Sprache der Augen besser das Gefühl aus- 
drückt, als Bücher oder Zunge es können, ist eine gemeine 
Wahrheit. — Bodenstedt hat diesen unmöglichen Gegensatz in 
seiner Uebersetzung beibehalten. Gildemeister gesteht in einer 
Anmerkung ein, dass er den Vers nicht verstehe; er schlägt 
vor, statt des zweiten „more" „ne'er" zu lesen. Ich halte eine 
Aenderung des Textes ebenfalls für nöthig, wenn man durchaus 
„books" lesen will. 

O! learn to read what silent love has writ : Zum Ver- 
ständniss von geschriebenen Liebesgedichten braucht man nur 
die Kenntniss der Buchstabentschrift und eine geringe Portion 
Verstand. Da der Dichter Beides bei seiner Geliebten voraus- 
setzen muss, und das Verständniss seiner Verse durch dunkle 
Ausdrucksweise gewiss nicht erschwert haben wird, so finde 
ich absolut Nichts, was zu lernen wäre — da hingegen die 
Sprache der Gefühle durch Blicke häufig nicht verstanden Avird, 
besonders von Solchen nicht, bei denen die ausgedrückten Ge- 
fühle keinen Wiederhall erwecken, so kann man diese Sprache 
wohl lernen*). — Wie der Dichter eine Liebe, die sich in 
Liebesgedichten ausspricht, „silent love" nennen kann, ist nicht 
zu begreifen; während man gegen den schönen Ausdruck, dass 



*) Shakspere vergleicht das Auge mehrfach mit einem Buche, in das 
man schreibt und in dem man liest: 

In raany looks the false heart's history 

Is writ .... Sonn. XCIII. 

Study . . . makes his book thine eyes. 

L. L. IV, 2, 113. 
Reason becomes the marshall to my will. 
And leads me to your eyes, where I o'erlook 
Love's stories written in love's riebest book. 

M. N. D. II, 2, 120. 
. . . for never gazed the moon 
Upon the water as he'U stand and read, 
As 't were, my daughter's eyes. W. T. V, 4, 172. 

Read o'er the volume of young Paris' face 

And find delight writ there with beauty's pen .... 

And what obscured in this fair volume lies, 

Find written in the margent of his eyes. 

This precious book of love etc. Ro. I, 3, 81. 

Shakspere braucht „write" in diesem bildlichen Sinne sehr häufig (s. Shak- 
spere- Lexicon). 



266 Zu den Sonetten Sliakspere's. 

stille Liebe ihre Gedichte in die Blicke schreibt, unmöglich 
Etwas einwenden kann. — Ich glaube übrioens, dass das sinnio- 
gewählte „writ" die Hauptschuld an dem unglücklichen Miss- 
verständniss dieses Sonetts trägt; es ist in den 6 Zeilen in der 
That das einzige Wort, das auf „books" hinzuweisen scheint. 
Wenn wir „books" gelten lassen, so würde Shakspere sein 
Sonett mit einem schlechten Scherz schliessen. Denn wie man 
dann den letzten Vers: 

To hear with eyes belongs to love'a fine wit 

anders verstehen soll, als : Lesen, oder Liebesgedichte verstehen 
können muss man, wenn man einen Liebhaber hat, weiss ich 
nicht. — Mit der Annahme von „looks" wird der Sonettschluss 
sehr schön: Wie die Liebe nicht durch den Mund, sondern 
durch die Augen spricht, so hört sie auch nicht durch die 
Ohren, sondern wieder durch die Augen. In diesem Sinne 
kann Shakspere wohl das Hören mit den Augen als „loves' 
fine wit"*) bezeichnen. — Shakspere's Worte sind ausser- 



*) Mit „wit" wird öfters jene Verliebten eigene geistige Gewandtheit 
bezeichnet, mit der sie es verstehen, einerseits ihre Liebe durch Zeichen 
und Symbole zu erklären, andererseits die ihnen entgegengebrachte Liebe 
aus solcher stummen Sprache zu erkennen. Die letztere Art ist hier ge- 
meint, so auch im 43. Sonett von Spenser. Die betreffende Stelle bietet 
zugleich ein recht klares Beispiel für diese Bedeutung von „wit", sowie eine 
vortreffliche Stütze für die Lesart „looks": 

V. 9. Yet I my hart with silence secretly 

Will teach to speak and my just cause to plead 

And eke mine eyes with meek humility 

Love-learned letters to her eyes to read. 

Which her deep wit, that true hearts thought can spell. 

Will soon conceive and learne to construe well. 

Wenn man diese Verse mit denen des Shakspere'schen Sonettes vergleicht, 
liegt der Gedanke nicht fern, dass Shakspere das Spenser'sche Sonett im 
Sinne gehabt habe, als er das Soinige schrieb (Spenser's Amoretti er- 
schienen 1595). — Dieselbe Bedeutung scheint „wit" in einem von H. Brown 
citirten Sonett des Dichters J. Davies zu haben: 

My looks shall be love, and wit's record- books, 
W herein slie still may read, what I conceive 
üf her sweet words, and what replies I give. 

Die andere Bedeutung finden wir in Sidney's „Songs in Astrophel and 
Stella" (VIII, Str. 16). Hier werden die Gegenstände der die Liebenden 
umgebenden Natur, welche der Dichter ihre Liebe einander mittheilen Uisst: 
der Wind, der kosend die Blätter küsst: die Erde, die begierig das Wasser 
aufsaugt; das Wasser, das liebend zur Erde niedersinkt, „witty" genannt. 



Zu den Sonetten Sliak.spere's. 267 

ordentlich klar, die Uebersctzung von Bodenstedt wird ganz 
unklar : 

Und lass es durch das Aug' zum Ohr eingehn! 

Was das Ohr beim Lesen geschriebener Verse zu thun 
haben soll, ist mir total unverständlich. 

Um nun zu schliessen: Werfen wir das unselige Wörtchen 
„books" einfach hinaus, so ist alles Geschraubte, Gezwungene, 
Abstruse aus den Versen entfernt; und setzen wir dafür „looks" 
ein, so können wir eines der schönsten Sonette Shakspere's 
unverfälscht geniessen. Man kann wohl behaupten, dass der 
einfache Gedanke: „Mein Mund kann dir nicht sagen, wie ich 
dich liebe — blick' in meine Augen!" selten mit so rührend 
tiefer Empfindung, in so wunderbar schöner Form ausgesprochen 
ist. Um so Wünschenswerther wäre es, dass Bodenstedt bei 
einer neuen Ausgabe der Sonette auch im Deutschen dieses 
reizende Gedichtchen in seiner reinen Form herstellte. Dabei 
müsste denn auch der Vers geändert werden: 

So ich vergess' oft, zaghaft wie ich bin, 
Zu thun (!) was holder Liebesanstand federt. 

Shakspere sagt : „forget to say The perfect ceremony of love's 
rite." Bei dieser Auffassung kommt es auf das Verbum „say" 
sehr an. — 

Die Lesart „books" wird vielleicht vorzugsweise von den 
Kritikern beliebt werden, die, wie A. und H. Brown oder Ger- 
vinus, die Sonette in chronologischer Reihenfolge vor sich zu 
haben glauben und die ersten 126 alle auf den unbekannten 
Freund beziehen. Allerdings wird der einem Manne gegenüber 
übertrieben zärtliche Ton durch die Lesart „books" wesentlich 
gemildert. — Uebrigens wird dieses Gedicht schon von der 
Ausgabe von 1640 als Liebes - Sonett bezeichnet; sie versieht 
es mit der Ueberschrift „A bashful lover", das wohl schwer- 
lich mit „schüchterner Freund" zu übersetzen ist. 

8. (CXXL) 

Dieses Sonett, das den Kritikern grosse Schwierigkeiten 
bereitet hat, ist insofern äusserst interessant, als man an ihm 



268 Zu den Sonetten Shakspere's. 

erkennen kann, wie die Vorurtheile, mit denen man vielfach an 
die Deutunjjj dieser Gedichte herangegangen ist, von einem 
geradezu unheilvollen Einfluss für die Beurtheilung des Shak- 
spere'schen Charakters gewesen sind. Lässt man sich indessen 
von einer natürlichen, von vorgefassten Hypothesen unabhängigen 
Auffassung leiten, so lösen sich die Schwierigkeiten zum grössten 
Theil von selbst. 

Wir begegnen hier zunächst dem Vorurtheil, dass die So- 
nette alle an eine bestimmte Person gerichtet sein müssten, 
entweder an den Freund oder an die Geliebte. A. Brown 
(pg. 87) war auf den Gedanken gekommen, dass dieses Sonett 
vielleicht doch nicht an seiner richtigen Stelle stände und mitten 
unter den Freundschafts-Gedichten dennoch an die Geliebte ge- 
richtet sei, weil eben Shakspere von seinen „frailties" spricht. 
(Dass den Dichter ausserdem noch „adulterate eyes" begrüssen, 
was noch mehr dafür sprechen dürfte, übergeht er wohlweislich). 
Aber es ist ihm doch gelungen, es auf den Freund zu be- 
ziehen; denn die Verleumder können den Dichter sehr wohl 
der Untreue in der Freundschaft bezichtigt haben, von der ja 
S. CXVII auch thatsächlich spricht. — Das ist eine gewalt- 
same Deutung, die absichtlich Etwas ignorirt, das ihr nicht in 
den Kram passt: nämlich die „adulterate eyes". Die sind bei 
dieser Auffassung entweder gar nicht zu erklären, oder können 
nur jenen ekelhaften Verdacht fassen lassen, in dessen Banne 
wir Jordan*) sehen: den Verdacht, dass böse Zungen schon 
bei Lebzeiten des Dichters, wie nach seinem Tode liebevolle 
Beurtheiler in dem Verhältniss Sh.'s zu seinem Gönner etwas 
mehr als blosse Freundschaft fanden. Er malt sich die Situa- 
tion mit lebhafter Phantasie aus, indem er annimmt, dass das 
Gedicht entstanden sein mochte zur Zeit der Essex- Katastrophe, 
als Southampton mit seinem Freunde in Ungnade gefallen war, 
und Shakspere trotzdem nicht von ihm abliess : „Es muss noch 
etwas Anderes sein als Freundschaft, mochten die bösen Zungen 
sagen, was den Schauspieler und Poeten auch jetzt an den 
Grafen fesselt, wo dieser in Ungnade gefallen ist und ihm nicht 
mehr forderlich sein kann." — 



*) S. die Bemerkung zu diesem Sonett in seiner Uebersetzung 
(pg. 411 f.). 



Zu den Sonetten Shakspere's. 269 

Und Aveslialb nun auf der einen Seite jene gewaltsame Er- 
klärung, auf der andern dieser abscheuliche Argwohn? — Docli 
wohl nur auf Grund der rein willkürlichen Annahme Drake'ß, 
dass die ersten 12G Sonette sämmtlich an seinen Freund South- 
ampton gerichtet seien. 

Thatsächlich giebt dieses Sonett uns nicht die geringste 
Veranlassung, uns den Dichter in einem solchen Verhältniss 
oder auch nur in dem Verdacht desselben zu denken. Keine 
Silbe spricht dafür, dass es auf ein Verhältniss zu einem Manne 
Bezug haben könnte. V^iel näher liegt die Annahme, dass es 
an eine Frau adressirt sei, der Massey, Bodenstedt und einige 
Andere*) folgen. Nach Massey gehört es mit CIX — CXII, 
CXVII — CXX zu den Sonetten, in welchen Southampton seine 
Reue für manchen Fehltritt und seine Bitte um Vergebung 
aussprechen lässt. Gerade dieses Sonett scheint mir aber wenig 
in die Reihe der andern hineinzupassen: während der Dichter 
in den übrigen eine gewisse nicht näher bezeichnete Schuld ein- 
gesteht, wird in diesem eine solche in Abrede gestellt. Eigen- 
thümlich ist seine Auffassung der Verse 5 — 7. In den „adul- 
terate eyes" hat er wieder Lady Rieh gewittert: sie soll böse 
Gerüchte über des Grafen leichtfertiges Leben in Umlauf ge- 
setzt haben, nachdem sie vergeblich versucht hat, ihn mit ihren 
„wanton wooing eyes" zu bezaubern, weshalb sie denn auch 
mit Recht als „frailer spy" bezeichnet wird (pg. 278). — Wie 
willkürlich und wie inhuman, einem Menschen eine so aus- 
gesuchte Schlechtigkeit anzudichten, bloss um einige Lieblings- 
Einfälle durchzubringen! 

Auch Bodenstedt placirt dieses Gedicht nicht passend, wenn 
er es mitten unter die Liebes -Sonette stellt, die von der „dark 
Lady" (wie Massey sie treffend nennt) handeln. Es liegt auch 
für die unpersönlichste Auffassung eine auffallende Ironie darin, 
wenn der Dichter mitten unter den Sonetten, die das beider- 
seitig schuldvolle Verhältniss schildern, plötzlich erklärt, dass 



*) Elze (pg. 92) nennt einige englische Kritiker, die dieses Sonett zu 
den an Shakspere's Frau gerichteten zahlen A. Brown, der mit aufgezählt 
ist, kann wohl nur durch ein Versehen hinzugekommen sein. Er lässt Shak- 
spere wohl eine relativ glückliche Ehe führen, aber keine Sonette an seine 
Frau richten. 



270 Zu den Sonetten Shakspere's. 

er „für gut hält, was Andre für schlecht halten". — Oder will 
uns Bodenstedt glauben machen, dass der Dichter in seiner 
poetischen Fiction so weit gegangen wäre, ein Stadium reiner, 
platonischer Verehrung zu supponiren, das jener sinnlichen In- 
timität vorausgegangen wäre? — Das wäre allerdings auch in 
Wirklichkeit nicht undenkbar. Das Sonett könnte aber ebenso 
gut auf den Gegenstand einer anderen, reineren Liebe Bezug 
haben, welche Lästerzungen in den Koth zu ziehen suchten ; 
ja, es könnte auch eine Entschuldigungs- Epistel an seine Frau 
sein auf böse Gerüchte hin , die an ihr Ohr gedrungen — 
welche wir aber dann wohl jedenfalls in eine dem unreinen 
Verhältniss vorhergehende Zeit zu setzen hätten. Alle diese 
Annahmen sind dem Inhalte des Gedichtes nach möglich, 
aber sie sind müssig; denn keine von ihnen wird durch den- 
selben als nothwendig gefordert. Und darauf rauss es vor allen 
Dingen ankommen. 

Dem Wortlaute nach ist das Gedicht an Niemanden adres- 
sirt, Niemand wird angeredet : es ist ein Selbstgespräch des 
Dichters, in dem er sich über die Verleumdungen böser Men- 
schen hinwegsetzt und sich selbst beruhigt. Auf den Inhalt 
der Verleumdungen können wir aus dem „adulterate eyes" den 
allgemeinen Schluss thun, dass er mit der Galanterie in irgend 
einer Beziehung stehen musste. Damit müssen wir uns auf 
dem Standpunkte einer wissenschaftlichen Kritik begnügen, 
weiter geht unser Verständniss nicht; es gehört dieses zu den 
Sonetten, deren bestimmte Veranlassung uns unbekannt ist. 
Kommt es aber darauf an, die Sonette in eine für unser Ver- 
ständniss möglichst durchsichtige Ordnung zu bringen, so dürfte 
es wohl am Passendsten sein, dieses mit den ideal -erotischen 
in einen Kranz zu winden. 

Bei diesem Sonett ist auch Gildemeister, sonst ein rigo- 
ristischer Anhänger der Fictions - Theorie, der Ansicht, dass 
„uns hier in der That voller Ernst entgegenklinge". 

Ich lasse die sinngemässe Uebersetzung dieses stellenweise 
dunkeln Gedichtes folgen: „Es ist besser schlecht zu sein, als 
schlecht zu scheinen, wenn die Unschuld dieselbe üble Nach- 
rede erfährt, wie die Schuld, und doch den wirklichen Genuas 
entbehren muss, d. h. was — nicht nach unserm Gefühl, aber 



Zu den Sonetten Shakspere's. 271 

nach der Auffassung Anderer für Genuss gilt. Denn (wenn 
in der Unschuld ein Verdienst liegen soll) weshalb dürfen dann 
lügnerische Buhleraugen*) In meiner reinen Liebe**) Nichts 
als Buhlerei erkennen?***) Weshalb spähen sie an mir nach 
einer Schwachheit, der sie selbst am meisten ergeben sind? 
sie, die in ihrer Bosheit f) Das für schlecht halten, was mir 



*) „false eyes", die das Richtige zu erkennen unfähig sind. 
**) „Sportive blood" ist „muthwilliges", nicht „verliebtes Blut". Gilde- 
meister erklärt es mit „verzeihliche Temperamentssünden". 
***) For why should others' false adulterate eyes 

Give salutation to my sportive blood? 
Für den Ausdruck „give salutation" kommen mir die Erklärungen 
von Delius und im Shakspere-Lexicon nicht ganz ausreichend vor. De- 
lius erläutert „grüssen, wie zur Huldigung"; das Shakspere-Lexicon „aff'ect 
in any manner, gratify or mortify", es verweist auf drei Stellen, wo 
„salute" und „greet" in diesem Sinne gebraucht werden (K. J. II, 590; 
H. VIII, 11,3, 103; Per. I\^ 3, 38), in denen ich indess nur die erstere Be- 
deutung (gratify) finde, so dass hier die Bedeutung „mortify" als Unicum 
vorkäme. Ich glaube, dass man hier auf die altgermanische Bedeutung 
dieser \' erben zurückgehen muss, wie sie das mittelhochdeutsche „gruoj" 
(s. Mittelhochdeutsches Lexicou v. Müller und Zarncke) und auch noch das 
englische „greet" (s. Shakspere-Lexicon) bei Shakspere hat, d. h. „ent- 
gegenkommen im beliebigen Sinne, freundlich wie feindlich." Es ist also 
nicht die Begrüssungshandlung gemeint, sondern die ganze Art des Ent- 
gegentretens — kalt, warm, höflich, verächtlich, verehrungsvoll etc. — in 
welcher sich der Eindruck reflectirt, welchen der Begrüsste auf den Be- 
grüssenden gemacht hat. Wenn hier also „adulterate eyes" den Dichter 
begrüssen, so heisst das: er hat den Eindruck eines unkeuschen Menschen 
gemacht, und gewisse Leute treten ihm mit einem Lächeln und mit Blicken 
entgegen, in denen ihr Urtheil über ihn ausgesprochen liegt. Zur Unter- 
stützung dieser Auffassung verweise ich auf eine Stelle in Troilus und Cres- 
sida (III, 3). Dort sagt Ulysses zu Achilles, dass innere und äussere Vor- 
züge, Tugend z. B., von dem Besitzer derselben nur dann empfunden 
würden, wenn die Wirkungen derselben auf Andere sich äusserten und dann 
von diesen zu ihm zurückstrahlten. Achilles erweitert die Beispiele für 
diesen Satz: man lerne seine eigne Schönheit nur durch den Eindruck 
kennen, den sie auf Andre hervorbringe; selbst die Augen könnten sich 
nicht selbst erkennen, sondern nur in andern Augen wiederfinden: 
. . . but eye to eye opposed 
Salutes each other with each other's form. 
(Die folgenden Verse erklären dann diese Reflex- Wirkung noch näher.) 
Das ist die Bedeutung, die wir hier für „give salutation" annehmen müssen: 
d. h. „den Eindruck reflectiren, den der zu Begrüssende gemacht hat", und 
der in diesem Falle durch „adulterate" bezeichnet ist. Die Uebersetzung 
dieser Stelle bei Jordan ist sehr gut: 

Des Lüstlings Auge grüsst mit frechem Hohne 

In mir ein ihm verwandtes wildes Blut, 
f) „in their wills". Will hat hier eigentlich den Sinn von „Belieben": 
„Sie finden ia meinem Verhalten eine Schlechtigkeit, die nicht nothwendig 
darin liegt; sie belieben nur, es bös auszulegen". So kommt es in seiner 
Bedeutung dem „ill-will" sehr nahe. 



272 Zu den Sonetten Shakspere's. 

gut erscheint. — Doch nein (ich will mich nicht durch ihre 
blinde Bosheit beirren lassen), ich bleibe doch, der ich bin*}; 
und die, welche an mir Fehler entdecken wollen, verrathen da- 
durch nur ihre eigenen. Mögen sie auf noch so krummen 
Wegen gehen, so brauche ich darum nicht von meinem geraden 
abzuweichen**). Nach ihren niedrigen Gedanken dürfen meine 
Thaten nicht bemessen werden. Oder sie müssten es denn als 
ein allgemeines Uebel erweisen, dass alle Menschen schlecht 
sind, und (wie sie) sich ihrer Schlechtigkeit freuen." (S. Shak- 
spere - Lexicon unter „Reign"). — 

Die Uebersetzung Bodenstedt's zeichnet sich, wie gewöhn- 
lich, zwar durch Glanz und Gewandtheit der Sprache, durch 
Schönheit der Verse aus; die Gildemeister'sche dürfte aber in 
diesem Falle bei ihrer grösseren Worttreue und Klarheit den 
Vorzug verdienen. 



*) Immerhin interessant ist die Parallelstelle, die H. Brown hierzu aus 
Montaigne's Essays anführt: „I care not so mach what I am with others 
as I respect what I am with myself — obgleich ich nicht glaube, dass 
Shakspere Älontaigne lesen musste, um diesen Gedanken auszusprechen. — 
Montaigne's Essays erschienen in englischer Uebersetzung von Florio 1603, 
ein Exemplar dieser Uebersetzung hat Shakspere besessen. Indessen hat er 
wohl schon viel früher diesen Autor im Original kennen gelernt (s. Elze, 
pg. 441). 

**) Die üebersetzer beziehen „straight" und „bevel" sämmtlich auf den 
Blick: 

Vielleicht (?) bin ich der Seh'nde, sie die Blinden (Bodenstedt). 

und machen dadurch die Stelle unklar. Vergl. T. of A. IV, 3, 18. 



Die Kunst des Vortrags. 



I. 

Unter dem Titel: Ist das V^orlesen eine Kunst?*) hat Le- 
gouve in der Normalschule zwei Vorträge gehalten, die er dar- 
auf in der Akademie, im College de France, und in der Sor- 
bonne wiederholte. Legouve's Kompetenz ist nach seinen theo- 
retischen Studien wie nach seinen praktischen Erfolgen auf die- 
sem Gebiete unzweifelhaft, und seine Studien darum wohl ge- 
eignet, auch unser Interesse zu regen. 

Während in Amerika das Vorlesen (lecture a haute voix) 
eine Grundlage für den Volksunterricht bildet, gilt es in Frank- 
reich für etwas Gesuchtes, Geziertes, das, Avenn nicht schädlich, 
so doch überflüssig sein soll. Manche zweifeln sogar, dass es 
ein kunstgemässes Lesen gebe, das gelehrt und gelernt werden 
könne. Legouve strebt nichts Geringeres an, als dieses Vor- 
urtheil zu überwinden und der Kunst des Lesens im Rahmen 
der Unterrichtsfächer eine Stelle zu sichern. Dreissigjähriges 
Studium hat ihn mit dieser ebenso schwierigen wie nützlichen 
Kunst vertraut gemacht ; er dürfte vor Allen berufen erscheinen, 
seine Erfahrungen mitzutheilen, und an Niemand wendet er sich 
mit grösserem Rechte, als an die Schüler des Seminars für 
höhere Unterrichtsanstalten (Ecole normale superieure), die be- 
stimmt sind, Lehrer an den Secundärschulen Avie an den Facul- 
täten zu werden, die jene Kunst nicht nur gut verwerthen können, 
sondern durch ihr Amt auch in den Stand gesetzt sind, über- 
kommene Ideen Tausenden mitzutheilen. Leffouve's Vater galt 



*) L'art de la lecture, par Ernest Legouve. 1 vol., in 18. 2 Fr. 
J. Hetzel (Paris). 

Archiv f. n. Siir.ichen. LIX. 18 



274 Die Kunst des Vortrags. 

schon für den berühmtesten Vorleser seiner Zeit und für einen 
nicht minder tüchtigen Lehrer. Er bildete eine Reihe der 
tüchtigsten Künstler, und von ihm unterrichtet zu sein, galt für 
eine Ehre und für eine Art Freibrief. Unser Legouve Avuchs 
daher in einer Umgebung auf, welche seine Anlagen für kunst- 
gemässen Vortrag frühzeitig entwickeln rausste. Trotzdem 
konnte er, bevor er als Vorleser öffentlich auftrat, einer syste- 
matischen Unterweisung seitens eines tüchtigen Schauspielers 
nicht entrathen. Mehr noch verdankte er dem vertrauten Um- 
gange eines Samson, Provost, Regnier, Delaunay, Got, mit 
denen ihn der Beruf des dramatischen Dichters zusammenführte, 
sowie den gemeinsamen Studien, welche er mit den drei grössten 
Tragödinnen, Frl. Mars, Frl. Rachel, Frl. Ristori, jahrelang 
trieb. Beispielsweise gingen der Aufführung seines Erstlings- 
werkes, Louise de Lignerolles , nicht weniger als 68 Proben 
voraus. Ein Vierteljahr hindurch studirte Legouve, der junge, 
unerfahrene Anfiinger, der von Natur zur Emphase hinneigte, 
mit der gewiegten Künstlerin Frl. Mars. Sie verstand es, in 
Augenblicken der Abgespanntheit und Voreingenommenheit, eine 
Scene, die einen grossen Aufwand an Kraft erforderte, mit ver- 
haltener Stimme, fast ohne Bewegungen so wiederzugeben, dass 
alle Wirkungen, alle Absichten, alle Schattirungen des Gefühls- 
ausdrucks deutlich hervortraten, so dass die Scene einem in 
einiger Entfernung gespielten Musikstück ähnlich wirkte, oder 
wie ein von der Zeit gebleichtes Pastell, das die Schattirungen 
und Umrisse bewahrt hat. Mit Frl. Rachel, welche in einer 
kaum dreissig Zeilen haltenden Scene ihre Vorgängerin zu er- 
reichen suchte, studirte Legouve diese Scene drei volle Stunden 
lang, so dass jeder Satz, jedes Wort, jede nur mögliche Schat- 
tirung diskutirt wurde. Nicht mit Unrecht hebt er hervor, dass 
jene Künstlerinnen die feinsten Klangwirkungen mit der Schärfe 
eines Instrumentes wiederzugeben vermochten, jede vom Augen- 
blick eingegebene Idee daher auf der That praktisch erprobt 
werden konnte. 

Noch fruchtbarer waren seine Studien mit Frl. Ristori, 
welche zu dem glänzenden Ergebniss führten, dass die grosse 
Italienerin in dem von Legouve für sie geschriebenen Stücke 
Beatrix ou la Madonne de l'art mit grösstem Erfolge auftrat. 



Die Kunst des Vortrags. 275 

Es sralt hier die Schwierifjkeiten der französisolien Lautbild un2;en 
und die noch grösseren des Accents zu überwinden. Dem 
Itahenischen fehlt das e muet, das eu, das u, die Schattirungen 
des a, o und e decken sich nicht; es betont dem Deutschen 
ähnlich, tandis que nous glissons sur les syllabes, n'appuyant 
gufere sur la derniere*). Natürlich gelang es nicht, den frem- 
den Accent vollständig zu überwinden; mit Recht begnügten 
sich Lehrer und Schülerin mit der blossen Korrektheit ; das 
Französisch der Italienerin blieb fremdländisch, ohne sonderbar, 
auffällig, ohne lächerlich zu sein. 

Was Legouve so in der Kunst des Vortrags lernte, be- 
mühte er sich praktisch in zahlreichen öffentlichen Vorträgen 
(Conferences) zu verwerthen , und wenn er selbst auch von 
seinen Leistungen stets mit grösster Bescheidenheit spricht, er 
nimmt in der Kunst, deren Cultivirung er die letzten Jahr- 
zehnte gewidmet, unbestritten die erste Stelle ein. 

IL 

Legouve betont ausdrücklich, dass er kein dürres Lehr- 
gebäude hinzustellen beabsichtigt. Um nicht durch abstrakte 
LIerleitungen zu überzeugen und gleich^.eitig zu langweilen, 
zieht er es vor zu unterhalten und anzuregen, wenn die Ueber- 
zeugung sich auch erst in letzter Linie einstellen sollte. Aehn- 
lieh der Weise der alten Philosophen in ihren Dialogen weiss 
er mit Geschick und Glück gesprächsweise Ansicht und Gegen- 
ansicht auszutauschen und abzuwägen. 

Saint-Marc Girardin, der mit skeptischem Verstände ein 
gefühlvolles Herz vereint, der der treueste Freund, der sicherste 
Rathgeber, der liebenswürdigste Gesellschafter (le partenaire 
de causerie le plus delicieux) ist und den tiefsten Ernst in das 
Gewand heiteren Scherzes zu kleiden weiss, bewohnte 1868 ein 
Landgut in der Nähe Legouv^'s. Ueber Legouve's Plan, einen 
öffentlichen Vortrag über die Kunst des Vortrags zu halten, 



''') Der ganze Passus ist für Lehrer des Französischen von höchstem 
Interesse, da trotz Allem in Bezug auf den Accent bei uns eine unaus- 
rottbare Verwirrung herrscht. Man beachte, was Legouvd über cetle, tete, 
colere, betail; über Semiramis, Seniiraniide ; über die graphischen Hill's- 
uiittel sagt, deren er sich bediente, um sich seiner geistvollen und ebenso 
ausdauernden Schülerin verständlich zu machen. 

18* 



27C Die Kunst des Vortrags. 

von ihm zu Rathe gezogen, äusserte er nach ruhiger Ueber- 
legung : „Lieber Freund, Sie können über dieses Thema glän- 
zende Variationen spielen, Bravour-Arien singen und reichlichen 
Beifall ernten. Das Lesen ist jedoch keine Kunst: es gibt 
Leute, welche gut lesen, andere, welche schlecht lesen; das 
Talent der ersteren ist eine natürliche Gabe, die sich nicht er- 
lernen lässt und über die man wohl in wcniecen Worten einige 
Regeln vom Standpunkt der Gesundheit, des gesunden Menschen- 
verstandes, der Aesthetik geben kann ; es ist aber nichts weniger 
als eine Kunst: die , Kunst' des Vortrags würde eine einzige 
Regel enthalten: Lies, wie du sprichst." 

Trotz seiner Aufrichtigkeit sagte Girardin nicht rund her- 
aus : „Ich lese sehr gut, und hab's doch nicht gelernt; also hat 
man es auch nicht nöthig zu lernen." In der That meint 
Mancher, die Kunst des Vortrags als eine „Gabe" zu besitzen. 
Girardin pflegte in seinen Vorlesungen in der Sorbonne Bruch- 
stücke aus Lamartine, Corneille, V. Hugo mit grossem Beifall 
zu lesen, ohne darum jedoch von kunstgemässem Vortrag viel 
zu verstehen. Sein Geist, seine grosse Ueberlegenheit den Zu- 
hörern gegenüber, das Ansehen seiner Stellung genügten voll- 
ständig, positive Fehler zu verdecken ; und wenn seine eigenen 
Reden stets auf den grössten Beifall rechnen durften, so lag 
das daran, dass in diesem Falle der Vortrag und das ganze 
AVesen des Vortragenden, seine Fehler mit eingerechnet, sich 
ergänzten. Mit Recht räth Legouve, nie eines Anderen Rede 
für diesen zu lesen, so mächtig man auch der Kunst des Vor- 
trags sei. Jules Sandeau, der ihn einst bat, eine sorgfältig 
ausgearbeitete Rede an seiner Statt zu lesen, antwortete er: 
„Votre discours est un discours blond et fleuri d'embonpoint ; 
je le lirai comme un homme brun et maigre ; lisez-le vous- 
meme!" 

Man wird also von einem Schriftsteller nicht gleich be- 
haupten können, er lese gut, sobald er seine Schriften mit Bei- 
fall vorliest : selbst seine Fehler beim Vortrage bilden einen 
integrirenden Theil seiner selbst und können daher zum Erfolge 
der Vorlesung unter Umständen beitragen. Solche Fälle können 
über die Regel nicht bestiinmen; gewisse ausnahmsweise, aus- 
erlesene Organisationen mögen sogar jede Anweisung entbehren 



Dil! Kunst des Vortrags. 277 

können, da sie die Kunst in sich bergen und, anstatt sich ge- 
wissen Regeln zu unterwerfen, solche selbst unbewusst schaffen. 
Die Kunst des Vortrags soll aber der grossen Allgejueinheit 
gelehrt werden; sie kann daher eine Reihe von Regeln sehr 
wohl entwickeln, deren Befolgung den Einzelnen, je nach Mass- 
gabe seiner mitgebrachten Fähigkeiten, in den Stand setzen 
wird, in dieselbe einzudringen. 

Die Kunst des Vortrags sei die Kunst richtig zu sprechen 

und zu lesen: als solche besteht sie in der Herrschaft über ein 

physisches Organ, die Stimme, und über ein geistiges Organ, 
den Verstand. 

Soweit war Legouve in seinen Unterhaltungen mit Girardin 
gekommen, als der leidige Krieg ausbrach, alle Kunst des Vor- 
trags nutzlos wurde , sodass Legouve seinen Gedanken erst 
nach langen Jahren Avieder aufnehmen konnte. 



III. 

Technische Schwierigkeiten. Organ. 

Zu Anfang des dritten Capitels betont Legouve die wesent- 
lichen Unterschiede zwischen dem Organ der Stimme und dem 
des Gesichts und des Gehörs; Unterschiede, deren Hervor- 
hebung dem deutschen Leser gegenüber weniger nothwendig 
sind, da wir unter „Organen" die Sinnesorgane verstehen. Die 
Stimme ist ein Instrument von zwei Octaven oder drei Re- 
gistern, dessen Handhabung ebenso wie die jedes anderen In- 
struments gelernt sein will; ja ein Instrument, das Mar nie in 
einer annähernden Vollkommenheit überkommen, wie etwa das 
Instrument eines Instrumentenbauers : ehe wir es kunstfertig 
spielen lernen, müssen wir fehlende Saiten ergänzen, falsche 
Töne berichtigen, Störungen im äusseren Mechanismus be- 
seitigen. Dem verständigen Gebrauche muss die genaue Kennt- 
niss des Instrumentes vorausgehen. 

Von den drei Registern ist das mittlere als das gewöhn- 
lichste nm wichtigsten; das tiefe, wie das hohe wird nur aus- 
nahmsweise gebraucht. „Sans le medium pas de postdrite," 



278 Die Kunst des Vortrags. 

sagte der berühmte Schauspieler Mole. Durch zu häufigen 
Gebrauch wird das Oberregister schnell abgenutzt, die Töne 
werden schreiend und falsch, und schliesslich wird das ganze 
Organ schlecht. Der Advocat Berryer behauptete wohl nicht 
mit Unrecht einst einen wichtigen Process verloren zu haben, 
weil er gleich zu Anfang seiner Rede, unabsichtlich und ohne 
es zu merken, die höheren Lagen seiner Stimme benutzte. Die 
bald erfolgende körperliche Ermattung beeinträchtigte die Ent- 
faltung seiner geistigen Kräfte, und als er die Ursache merkte, 
war es zu spät: er konnte und wollte auch nicht mehr in die 
Mittellage herabsteigen. Wie sehr vor einem überwiegenden 
Gebrauch des tiefen Registers zu warnen ist, wird am Bei- 
spiele Talma's und des Vaters von Legouve*) gezeigt. Das 
tiefe Register erzeugt bald eine schwerfillige, dumpfe Eintönig- 
keit; während ein Wechsel in den Registern dagegen einmal 
der Natur entspricht, dann auf den Zuhörer angenehm wirkt 
und endlich dem Vortragenden geringere Anstrengung bereitet. 



^■) Der Letzteren betrelleiide Passus ist so vorzüglich erzählt, dass wir 
ihn hier um so eher anführen können, als er dem Leser zeigen wird, wie 
lebhaft Legouve's Darstellungsweise ist: „Mon pcre, je Tai dit, etait un 
tres-habile lecteur. Une partie de son succes au College de France, oii il 
professait, tenait h, ce talent; il intercalait dans ses le(;ons des frngments 
de nos grands poetes, et les recitait aux applaudissements univorsels. Ces 
apphiudissements, auquels naturellemcnt il dtait sensible, lui attiraient des 
envieux, des ennemis ; un critique c'crivit un jour dans un article: „M. Le- 
gouve a lu hier deux scenes de Racine, avec sa voix sepulcrale." J/article 
tumba sous les yeux d'un de ses amis, M. Parseval Grandmaison. Aussitöt, 
en bon camarade, il se dit: Legouve doit etre tres-contrarie, de eette cri- 
tique, je vois aller le voir. ... II arrive; nion pere etait en eff'et etendu 
sur son canape, d'un air assez melancolique. — Ah! C'est vous, mon eher 
Parseval. ^ Oui! Est-ce que vous etcs malade, Legouve? Vous avez l'air 
sombre! — Moi! Non, je u'ai rien ! Un pen de mal de gorge. Dites-moi, 
mon eher Parseval, comment trouvez-vous ma voix? — Je la trouve fort 
belle, mon ami. — Oui, oui! Mais quel caractere lui trouvez-vous? Est-ce 
le caractere d'une voix brillante? — Oh! non! Brillante n'est pas le mot 
qui dcfinit votre voix! Je dlrais plutüt c[u'elle est sonore. — N'est-ce pas? 
eile est sonore? — Sans doute! Pourtant, ce n'est pas encore le nom qui 
lui convient le mieux! C'est plutöt une voix grave. — Grave! soit ! Mais 
pas sombre! — Oh! non! non! pas sombre! Pourtant il y a bien quelque 
chose. — Mais enfin, eile n'est pas caverneuse! ... — Non! non! Pour- 
tant ... — Oh ! je vois bien, s'ecria mon pere en riant, que vous partagez 
l'avis de cet abominable critique, et que vous la trouvez sepulcrale." A 
partir de ce jour, mon pere s'etu<1ia a faire moins souvent usage des notes 
basses, a les mcler plus habilement aux deu.K autres registres, et arriva 
ainsi h, cette variete de timbres qui est h la fois un charme pour l'auditeur, 
et un repos pour le lecteur. 



Die Kunst des Vortrags. 279 

Doch der Weclisel der Register genügt nocli nicht allein. 
Die Stimme an sich muss vor Allem fleissig durchgearbeitet 
werden. Beständige Uebuug kräftigt schwache Stimmen, glättet 
rauhe Stimmen , beseitigt schreiende Töne, kurz , wirkt auf die 
sprechende Stimme, wie die Gesangskunst auf die singende 
Stimme. Wenn man von manchen berühmten Schauspielern 
sagt (wie von Duprez), sie hätten sich eine Stimme geschaffen, 
so ist dieser Ausdruck uneigentlich. Man schafft sich die 
Stimme nicht, wenn man sie nicht besitzt; Beweis: man ver- 
liert sie unter Umständen, und man würde sie niemals ver- 
lieren, wenn man im Stande wäre, sich eine Stimme zu schaffen. 
Aber man wandelt sie um, bildet sie aus: man verleiht ihr 
Fülle (du Corps), man gibt ihr Glanz, Anmuth, man dehnt ihren 
Umfang. Die Malibran hatte ihre drei Octaven sicher nicht 
von Anfang an besessen. Einst endete sie das Rondo der 
Somnambule mit dem hohen d, nachdem sie beim tiefen d be- 
gonnen hatte. Als man ihr dieses hohen d wegen nach dem 
Concert seine Bewunderung ausdrückte, sagte sie: „Oh! je l'ai 
assez cherche. Voilä un mois que je cours apres lui ! Je le 
poursuivais partout! En me coiffant! En m'habillant! et je Tai 
trouve un matin au fond de mes souliers, en me chaussant!" 

In zweiter Linie muss man das Athemholen lernen. So 
natürlich das Athmeii ist und wenngleich es ganz unbewusst 
geschieht, kann und muss man das rechtzeitige Athemholen 
erlernen. Man liest nicht gut, wenn man nicht rechtzeitig 
Athem holt, und man holt nicht rechtzeitig Athem, wenn man 
es nicht gelernt hat. Die Kunst besteht nicht nur darin, recht- 
zeitig einzuathmen, sondern auch mit dem Athemvorrath ge- 
hörig Haus zu halten. Zur Erläuterung dient eine äusserst 
klare physiologische Darlegung der Vorgänge, sowie die Bei- 
spiele der Sänger Rubini und Stockhausen, der Schauspieler 
Talma, Mole, Dorival. Der sehr naheliegende Einwand, als 
sei diese Kunst des rechtzeitigen Athemholens für den Schau- 
Spieler und Sänger wohl von wesentlichem Nutzen, hier handele 
es sich aber nicht um das Theater, sondern um das Vorlesen, 
erweist sich als hinfällig, wenn man erwägt, dass der Schau- 
spieler, während seine Partner reden, Ruhe hat, dass seine Be- 



280 Die Kunst des ^'ortrags. 

wegungen, seine Maske, sowie die Dekorationen seine Wirkung 
bedeutend unterstützen, während der Vorlesende oft eine ganze 
Stunde lang liest, seine Stimme sein einziges Mittel ist*) und 
durch die Unbeweglichkeit seines Körpers die Kraftentfaltung 
beeinträchtigt wird. Beim Sitzen empfiehlt sich ein hoher Stuhl 
(nicht etwa ein tiefer Lehnsessel), aufrechte Haltung und An- 
lehnen des Rückens gegen die Rücklehne. 

IV. 

Aussprache. Articulat ion. In terpunction. 

Von der richtigen Aussprache hängt die Klarheit der Rede, 
das Ebenmass und das wahre Leben der Sprache ab. Für die 
Aussprache der Vokale erklärt Legouve Paris für massgebend; 
fast alle Provinzen, besonders die mittäglichen, haben in der 
Aussprache der Vokale einen Accent, welcher lächeilich wirkt: hotte 
(haute), fantommes (fautomes), ennees (annees), pidais (palais), 
läpin (lapin), chaquin (chacun). Nicht minder wichtig ist die 
sorgfältige Aussprache der Consonanten. Als bestes Mittel, 
eine fehlerhafte Aussprache gründlich zu bessern, empfiehlt 
Legouve, so leise vorzulesen, dass der Zuhörer mit dem Ohr 
allein das Gelesene nicht erfassen kann, sondern ffezwungen 
Avird, mit den Augen die Laute vom Munde des Redenden ab- 
zulesen. Eine genaue Articulation ist im Stande, selbst die 
Schwäche des Organs zu verdecken: Potier hatte keine Stimme, 
Monvel weder Stimme noch Zähne, Andrieux's Stimme war 
rauh und halb erloschen, und doch sprachen alle drei be- 
wundernswürdig und mit hinreissender Gewalt. Ja, die Fülle 
der Stimme ist oft ein Hinderniss (le son mange le mot), und 
Schauspieler wie Bouffe brachten gewisse schwierige Rollen 
am besten zur Geltung, wenn sie nicht im vollen Besitz ihrer 
Stimme waren. 

Die besonderen Fehler der Aussprache lassen sich auf drei 



*) Ein Versuch zeigt, wie leicht wir unsern Athera nutzlos vergeuilen : 
man stelle sich vor eine brennende Kerze und singe „la"; die Flamme wird 
sich kaum bewegen; singt man dagegen eine Tonleiter, so wird die Flamme 
bei jedem Ton zittern. Der Sänger Delle Sedie singt jedoch vor der 
brennenden Kerze eine Tonleiter auf- und abwärts, ohne dass die Flamme 
sich im Geringsten bewegt. 



Die Kunst des Vortrags. 281 

Arten zurückführen: le zczaicnient*), Ic grasseyement**), le 
bcgay cment ***). 

Das zezaiement, von dem eine Abart, welche in der Er- 
setzung des t durch d, des s durcli z besteht, den Namen 
blesite, bleser oder blaiser führt, entsteht dadurch, dass die 
Zunge über der Zahnreihe fortwährend hinaustritt, und macht 
einen so einfältigen Eindruck, dass es seit Regnier auf dem 
französischen Theater als bestes Mittel gilt, einfaltige Rollen 
zur Geltung zu bringen. Das grasseyement besteht in der 
Bildung des r durch die „Kehle" (Zungenwurzel, Zäpfchen); es 
steht der Vibration, der Bildung des r mit der Zungenspitze, 
entgegen. Die erstere Aussprache macht die Sprache sehr 
schwerfällig und ist beim italienischen Gesänge durchaus hinder- 
lieh; sie Ist übrigens sehr gemein, findet sich in Paris fast 
durchweg und in Marseille ganz allgemein , obwohl sie dem 
Süden sonst nicht eigenthümlich ist. Talma, der selbst diesen 
Fehler an sich hatte, empfahl folgende Sprachübungen: tra- 
vailler, ravailler, drame, rame, gras, rat u. s. w. Von dem mate- 
riellen, organischen Stottern sieht Legouve natürlich ab. Er 
spricht nur von jenem, welches eine Folge der Schüchternheit, 
der Ungeduld, der Unklarheit in den Ideen, der Verlegenheit 
ist, und empfiehlt langsames Lesen, langsames Reden, erst zu 
überlegen und nicht eher zu sprechen, als bis man ganz klar ist. 

Von viel grösserer Wichtigkeit, als man wohl gewöhnlich 
meint, ist auch die Wiedergabe der Interpunktion beim Lesen, 
die richtige Vertheilung und Bemessung der Pausen. Die von 
Legouve angeführten Beispiele sind lehrreicher als es Regeln 
sein Avürden, weil sie zunächst die Nothwendigkeit veranschau- 
lichen , über den Gegenstand sorgfältig nachzudenken. Man 



*) zezaiement, maniere de remplacer dans la prononciation l'articiilation 
du j ou du g par celle du z ; c'est un defaut commun chez les enfants qui 
ont de ]a peine a prononcer les lettres chuintantes j et eh. Aus den 
Memoiren der Marquise von Crequy erfahren wir, dass unter anderen die 
Griifin de Chaulnes sich sehr jugendlich kleidete und durch eine solche 
Aussprache jünger erscheinen wollte! 

**) le grasseyement affecte consiste a ne prononcer nullement la lettre 
r ou de la remplacer par 1' 1: die jeunesse doiee sagte im vorigen Jahr- 
hundert: „ma paole d'honneu! 

'■^■■''■■'<') begayement, embarras plus ou moins grand dans la parole, caraoterise 
par l'hesitation, la repetition saccadee, la Suspension penible, et meme l'em- 
pechement complet de la faculte d'articuler. 



282 Die Kunst des Vortrags. 

lese z. B. Lafontaine's Fabel, le Chene et le Roseau, Der 
erste Vers lautet : 

Le chene iin jonr dit au ro.seau 
Wie manche werden nicht lesen : 

Le chene un jour, dit au roseau, 
ohne zu merken, dass sie das Adverb irrthümlich dem Sub- 
stantiv beigesellen, comme s'il y avait des ebenes qui s'appel- 
lent „un jour", anstatt es von demselben ausdrücklich zu trennen; 

Le chene, un jour, dit au roseau. 

V. 

Von dein correcten Lesen, welches in der Herrschaft über 
die verschiedenen Register, in dem rechtzeitigen, daher unauf- 
fälligen Athemholen, der reinen Aussprache, dem Gleichmaass der 
Darstellung besteht; bis zum kunstgemässen Lesen ist jedoch 
noch ein grosser Schritt, der nur denen möglich wird, welche 
mit natürlichen Mitteln eine bedeutende geistige Begabung ver- 
einen. Wenn Saint Marc Girardin sagt : il faut lire comme on 
parle, so gilt das nicht einmal für den Fall, dass man richtig 
spricht. Man bedenke nur, dass die gewöhnliche Unterhaltung 
gewisse Nachlässigkeiten verlangt, andere gestattet, deren Ueber- 
tragung auf den lauten Vortrag in keiner Weise anginge. Legouve 
zeigt beispielsweise, dass man in der Unterhaltung wohl t6s, 
mes, les oder annähernd für tes, mes , les hört. Plaudern und 
Vortragen ist jedoch zweierlei. Von der Existenz eines Unter- 
schiedes sind Advocaten und Kanzelredner wohl überzeugt, 
jedoch sind sie sich des Wesens dieses Unterschiedes nicht be- 
wusst, sodass sie beim Reden, um nur nicht den Anschein der ein- 
fachen Plauderei zu erregen, in allerlei Unnatürlichkeiten verfallen. 

In den Besitz der wahren Kunstfertigkeit gelangt man trotz 
der besten Anlage nicht ohne Lehrmeister. Legouve empfiehlt 
daher Allen, deren Beruf es erheischen sollte, viel vor der 
OefFentlichkeit zu reden, bei einem tüchtigen Schauspieler einen 
systematischen Unterricht zu nehmen. Die von ihm angeführten 
Beispiele geben ihm allerdings Recht. Wenn ein solcher Unter- 
richt jedoch fruchtbringend wirken soll, ist es noth wendig, dass 
der Schüler sich gewöhnt, bei allen möglichen Gelegenheiten 
des täglichen Lebens genau zu beobachten; nichts erscheine ihm 



Die Kunst des Vortrngs. 283 

als zu geringfügig, nni allerwenigsten das Studium der Kinder. 
Mit der ursprünglichen Natürlichkeit ihres Ausdrucks, der un- 
bewussten Herrschaft über ihr Organ, mit ihrem Nachahmungs- 
triebe und der natürlichen Fähigkeit nachzuahmen, sind sie oft 
wahre Muster in der Darstellung. 

Ueber einen Umstand, welcher dem Vorlesen, oder auch 
nur dem lauten Lesen den grössten Werth verleiht, verbreitet 
sich Legouve ausführlich; und wie früher Girardin, gelang es 
ihm, hierin keinen Geringeren als Sainte ßeuve zu überzeugen: 
das laute Lesen stärkt die Kraft der Analyse ausserordentlich, 
es erleichtert das genaue Verständniss eines Schriftstellers; denn, 
um die Vorzüge irgend eines Lesestücks geltend zu machen, 
muss der Vorlesende sie vollständig erkannt haben. Wie immer, 
ist Legouve auch hier in der Wahl seiner Beispiele äusserst 
glücklich. Er zieht zunächst Racine's berühmte akademische 
Rede auf Corneille an. Sie enthält eine in der That höchst 
merkwürdige Stelle, welche das französische Theater vor und 
nach Corneille schildert. Der Schlusssatz, der Corneille's Ver- 
dienst würdigen soll, macht zuerst einen schwerfälligen Eindruck, 
der sich noch vergrössert, wenn man die Stelle laut liest; es ist 
ein einziger Satz von siebzehn Zeilen, ohne jeden Ruhepunkt! 
Der vorangegangene Satz, w'elcher das „dramatische Chaos" 
vor Corneille schildert, besteht dagegen aus sieben Sätzen, in 
neun Zeilen, ohne jedes Verb, eigentlich eine Häufung von 
Ausrufen. Was beim leise Lesen Einem vollständig entgeht, 
macht ein Versuch, die Stelle laut zu lesen, sofort deutlich: 
Racine hat den Unterschied der beiden dramatischen Epochen 
malen, durch seine Schilderung selbst, auch äusserlich ver- 
anschaulichen wollen. Von diesem Gesichtspunkte erscheint nun 
der Schlusssatz nicht mehr verfehlt, sondern vollendet, und der 
Vortragende wird ihn nicht zaghaft und den Misserfolg gleich- 
sam vorherfühlend lesen, sondern seine Bewunderung ward ihm 
die Wiedergabe wesentlich erleichtern. 

Sehr lesens werth sind Leoouve's Bemerkunoen über die 
Eindrücke, welche Bossuet, Pascal, Massillon und Saint Simon 
auf denjenigen machen, welcher ihre Schriften vorlesen will, 
der sie also zunächst für sich wiederholentlich laut liest. Die 
Charakteristik dieser vier verschiedenen Arten der Prosa ist 



284 Die Kunst des Vortrags. 

äusserst treffend und lässt sich ohne Legouve's Hilfsmittel in 
dieser Schärfe gar nicht erreichen. Der Vortragende wird 
schliesslich zum Kritiker, und wenn ihm das laute Lesen oft 
die Erkenntniss verborgener Schönheiten crschliesst, so enthüllt 
sie ihm oft auch Schwächen, die dem lesenden Auge entgehen 
können, die dem unerbittlichen Ohre dagegen bald kund werden. 
Yov einem Auditorium wird der Blick des Lesenden noch schärfer. 
Zwischen ihm und den Zuhörern besteht eine Art elektrischer 
Verbindung. Er bedarf nicht weiterer Warnungen durch Zeichen 
der Ungeduld ; ihr Schweigen schon belehrt ihn. Er sieht schon 
voraus, welche Stelle zünden, welche andere völlig fehlschlagen 
wird ; sein kritischer Blick wächst zu einer Art Sehergabe. 
Gewisse Schwächen Massillon's wie seine Eintönigkeit, welche 
der grosse Wortschwall nur unvollkommen verdeckt, werden 
beim lauten Lesen sofort klar. 

VL 

Wenn Buffon sagt: „Le style n'est que l'ordre et le mouve- 
ment qu'on met dans ses pensees," so liegt in dieser Definition 
ein Hinweis auf eine Hauptregel für die Kunst des Vortrags: 
der Vortragende muss von seinem Stücke die Anordnung und 
die „Bewegung" genau studirt haben, er muss den Plan des 
Werkes erfasst haben, im Gemälde die Zeichnung, im Bau das 
Gebälk, kurz die Disposition kennen. Nur wenn er die einzel- 
nen Theile des Ganzen und ihre Gruppirung erwägt hat, wird 
er im Stande sein, den Vortrag zu grösster Geltung zu bringen, 
ja, wie es oft nöthig ist, Schwächen des Stückes zu ver- 
decken, indem er die Vorzüge desselben klarer hervortreten 
lässt; nur dann wird er seine Kraft so angemessen auf die 
verschiedenen Abschnitte vertheilen können, dass Stück und Vor- 
trag sich decken. Daher wird auch Niemand ein Stück genauer 
kennen lernen, in seine Vorzüge und Schwächen tiefer eingeweiht 
sein, als v/er es meisterhaft vorzutragen versteht. Legouve weist 
das an A. de Musset's schönem Gedichte: „l'Espoir en Dieu", 
überzeugend nach. Der Schluss des Gedichtes, das Gebet, in 
dem die Wirkung des Vortrags nach der Absicht des Dichters 
culminiren soll, steht gegen den ersten Theil an Auffassung 
und Ausführung unendlich zurück, und ein wirkungsvoller Vor- 



Die Kunst des Vortrags. 285 

trag ist nur möglich, wenn der Vortragende diese Schwäche 
vorher erkannt hat und es versteht, sie zu verdecken. 

Wie rauss man Verse lesen ? Wenn man nach der selbst 
auf dem Theater befolgten Methode schlie?sen darf, bestünde 
die grosse Kunst, Verse zu lesen, darin, den Zuhörer glauben 
zu machen, es sei Prosa. Legouve dagegen stellt drei Thesen auf: 

1. Die Kunst des Vortrags ist nirgends so schwierig und 
so nothwendig als bei den Versen ; nur eine lange Ucbung 
führt zur Meisterschaft. 

2. Man muss Verse wie Verse lesen und die Dichter als 
ein Dichter interpretiren. 

3. Der Dolmetscher der Dichter wird ihr Vertrauter, ihm 
enthüllen sie, was sie Niemand sagen. 

Es giebt jedoch ebenso viele verschiedene Weisen Verse zu 
lesen, als solche zu machen. Racine darf nicht wie Corneille, 
Moliere nicht wie Regnard, Lamartine nicht wie Victor Hugo 
gelesen werden. Lesen heisst übersetzen ; der Vortrag muss, 
wenn er gut sein soll, genau den Geist des Dichters wiedergeben. 
Ausserdem hat jede Dichtungsart ihre eigene Vortragsart. Eine 
Ode wie eine Fabel lesen, ein lyrisches Gedicht wie ein Drama, 
die Etoiles von Lamartine wie den Aveugle et le Paralytique 
von Florian hiesse über die unendliche Mannigfaltigkeit der 
Werke dichterischer Genien den hässlichen Schleier der Uni- 
formität \Yerfen. Stets jedoch lese man Dichter wie ein Dichter, 
lasse dem Rhythmus wie dem Reim sein Recht, sei, sobald Verse 
Malerei und Musik bilden, Maler und Musikus, kurz man bringe 
stets die eigentliche Absicht des Dichters zur Geltung. Hier- 
nach bildet der Vortrag: Avirklich eine Kunst, und eine sehr 
schwierige. Deutsche Lehrer des Französischen (für diese ist 
Legouve's Studie von grösstem Interesse) werden daher gut 
thun, ihre an den Schüler beim Lesen poetischer Stücke zu 
stellenden Anforderungen auf ein sehr bescheidenes Maass zu 
beschränken und nicht etwa ihre subjective Auffassung ihnen 
aufzudrängen. „So oft ich," sagt Legouve, „Verse in der ge- 
bildetsten Gesellschaft lesen höre, kann ich mich nicht genug 
wundern über die Unzahl von Weisen, sie schlecht zu lesen." 

Legouve führt die obigen Ansichten an Lafontaine's Fabel 
vom Reiher durch. Hier eine kurze Skizze seiner ausführlichen 



286 Die Kunst des Vortrags. 

Begründungen. Legouve hat aus den Lafontaine'schen Fabeln 
soviel gelernt, dass er ihr Studium nicht genug empfehlen kann. 
Sein Lehrer las dieselben meisterhaft, und wenn er in Kleinig- 
keiten wohl zuweilen etwas weit ging, so bleibt der Kern seiner 
Lehren doch durchaus wahr.*) 

Lc Ileron. 
Un joiir, sur ses longs *) pieds, allait-) je ne sais oü 
Le heron au long ^) bec emmanche d'im long *) cou. 

II cötoyait une riviere ^) ; 
L'onde etait transparente ainsi qu'anx plus beanx jours.*) 

Ma commere la carpe y faisait mille tonrs ') 
Avec le brochet, son compere.^) 

Le heron en eut fait aisement son profit; 
Tous s'approchaient du bord; l'oisoaii n'avait qu'a prendre.'-) 

Mais ^) il crut mieiix faire d'attendre 
Qu'il eut un peu plus d'appetit.*) 
II vivait de regime et mangeait ä ses heures.^j 

Au bout de quelque temps l'appetit vint.'^) . . . L'oiseau, 
S'approchant du bord, vit sur l'eau, 
Des tanches qui sortaient ^) du fond de leurs denieures. 



*) Man lese folgende Lection aufmerksam durch, und wenn man sich 
eines I^äihelns auch nicht erwehren kann, wird man doch zugestehen müssen, 
dass die Bemerkungen an sich sehr trelfend sind. Legouve's nichtgenannter 
Lehrer Latte im Conservatorium einige Fabeln Lafontaine'^, u. A. le Chene 
et le Roseau, zu lesen. Er sagte zu Legouve in der Stunde: „Venez m'entendre, 
et vous verrez comment doit se presenter, devant un grand auditoire , un 
lecteur qui sait son nietier ... Je comniencerai par faire le tour de l'assemblee 
avec le regard! Ce regard circulaire et accompagne dun demi-sourire 
legerement esquisse sur les levres, doit etre agreable, aimable; il a pour 
objet de recolter, pour ainsi dire, comme dans une quete, les premieres 
sympjithies de l'assemblee .... et de ramener sur vous tous les yeux; une 
fois maltre de tous les regards, on fait un petit appel du gosier, hum! hum! 
comme si on allait commencer; on ne commence pas encore! Non! On 
attend que le silence soit bien complet, alors on avance le bras! . . . le 
bras droit, en arrondissant gracieusement le coude . . . le coude est Fäme 
du brasi . .. Tattention redouble, vout dites le titre. Vous le dites simple- 
nient, sans efiet, vous jouez le role d'une affiche . . . le Chene et le Koseau. 
Alors vous commencez: Le Chöne; ici, la voix lorge! le son etoffe! . . . le 
geste noble et quelque peu emphatique! II s'agit de peindre un geant qui 
a la tete dans la nue et les pieds dans l'empire des niortels. 

Le chene, un jour, dit au roseau. 
Oh! presque pas de voix en disant le mot roseau! . . . Rapetissez-le, 
ce pauvre arbrisseau, par l'intonation .... meprisez-le bien, jetez-lui un 
regard pardessus l'epaule ! Tout en bas .... comme si vous le (iecouvriez 
au loin! . . ." Ja, in der Fabel „Bertrand et Raton", an der Stelle: 

„. . . . Nos denx maifres fripnns 

Regardaient rötir des marrons" 
schnarrte er die sechs r, um das Krachen der am Feuer platzenden Kasta- 
nien nachzuahmen. 



Die Kunst des Vortrags. 287 

Ce mets ne lui pliit pas, il s'attendait ä mieiix. 
II montrait un goüt diidaigneux 
Comme Je rat du bon Horace.^) 

Moi, des tanches ! dit-il. Moi, heron '), quo je fasse 
üne si pauvre chere, et pour qiii me prend-on? 

La tauche dedaignec, il trouva du goujon. 
Du goujon! beau <*) diner, vraiment, pour un heron! 
Quo j'ouvre pour si peu le bec ! ä Dieu ne plaise! 
(Il l'ouvrit pour bien moins.) Tout alla de ta9on 

Qu'il ne vit plus aucun poisson. 

Ln faim *) le prit . . . 
II ftit tout heureux et tout aise 
De rencontrer un limaQon. 

Es wechseln äusserst lebhaft rein erzählende (2), ausmalende (') 
und charakterzeichnende ("*) Stellen. Die ersteren bedürfen einer 
einfachen, klaren, ruhigen Wiedergabe ; die pittoresken Wörter 
und Sätze verlangen eine gewisse künstlerische Darstellung: der 
Anblick des durchsichtigen Wassers, das lebhafte Spiel der sich 
an der Oberfläche jagenden Fische, das Hervorsprudeln der kleinen 
Fische inuss zur Anschauung gelangen. In Moi, des tanches ! 
Moi, h^ron, muss man ordentlich sehen, wie der Langbein sich 
noch höher macht; das beau diner spricht er unter lautem Lachen. 
Die charakteristischen Stellen müssen besonders nachdrucksvoll 
hervorgehoben werden Der Reiher wird als ein Feinschmecker 
hingestellt, dem Völlerei fremd ist, der auf sich etwas hält, nicht 
lest, ehe seine Esslust nicht rege. Die Wörter (*) appetit und 
faim sind wesentlich; ersteres muss gefällig klingen, an die 
Freuden eines leckeren Mahles erinnern; um so unliebsamer 
muss der „Hunger" berühren. 

VIL 

Der letzte Abschnitt der Studie Legouve's ist ein unnach- 
ahmhches Meisterstück. Die Schönheiten desselben, die warme 
edle Begeisterung auch nur annähernd zu beschreiben, ist un- 
möglich. Es ist im Ganzen ein Gespräch zwischen dem ge- 
lehrten Akademiker Cousin und Legouve und behandelt die 
sogenannten „freien Verse". Lebhaft, lehrreich, liebenswürdig 
in der Darstellung und tief begründet in allen Ausführungen. 
Wir müssen den Leser auf das Buch selbst verweisen. Hier 
nur noch einige Stellen, Avelche die Macht der Stimme dem 



288 l^ie Kunst des Vortrags. 

Vortragenden selber gegenüber betonen und an Shakespeare's 
Dinge erinnern, von denen die Schulweisheit sich nichts träumen 
lässt. Fr. Talma erzählt in ihren Denkwürdigkeiten, dass sie sich 
eines Tages in der Rolle der Andromache so tief ergriffen fühlte, 
dass sie nicht nur alle Zuhörer rührte, sondern selbst in Thränen 
ausbrach. Als man sie nach der Vorstellung mit den wärmsten 
Lobeserhebungen überschüttete, ihre unvergleichliche Kunst pries, 
sich aber auch wunderte, wie sie selbst bis zu Thränen hatte 
gerührt werden können, äusserte sie einfach: „Was mich weinen 
machte, war der Klang meiner Stimme. Was mich rührte, war 
der Ausdruck, den meine Stinune den Leiden der Andromache 
verlieh , nicht diese Leiden selbst. Der nervöse Schauer, der 
meinen ganzen Körper durchrieselte, w'ar der elektrische Schlag, 
den meine eigenen Laute meinen Nerven mittheilten." 

Fräulein Rachel äusserte sich einst ganz ähnlich. Sie trug 
in den Gärten von Potsdam in Gegenwart des Kaisers von 
Russland , des Kaisers von Oesterreich und des Königs von 
Preussen, sowie mehrerer anderer Souveräne, Scenen aus einigen 
Tragödien vor: „Die erlauchte Zuhörerschaft hatte mich clek- 
trisirt; nie fand meine Leidenschaft einen so mächtigen Ausdruck: 
meine Stimme versetzte mein Ohr in Entzücken." In der That 
sind Schauspieler von mittelmässiger Intelligenz auf den Klang 
ihrer Stimme oft als den sichersten Führer angewiesen: geist- 
lose Menschen können geistvolle Schauspieler sein. 

Den Schluss bilden Bemerkungen über Ponsard's Monolog 
des Galilei und über die Schwierigkeit des ä premiere vue 
Lesens. Ein Nachwort betont die immense Wichtigkeit des 
Lautlesens für die Gesundheit der Stimme und der Lungen, 
für die Entwicklung der Intelligenz, für die Jugend der niederen 
und höheren Schulen. Von dem eigentlichen Wesen des Legouve- 
schen Buches wird der geneigte Leser aus den vorstehenden 
Umrissen leider nur einen ganz ungefähren Begriff erhalten 
haben; wir wünschen aufrichtig, er n)öchte einige Anregungen 
empfangen haben, die ihn veranlassten, das Buch selbst zu lesen. 
Nirgends dürfte man eine solche Fülle charakteristischer, geistvoll 
und liebenswürdig gegebener Bemerkungen über einen so inter- 
essanten Gegenstand finden. 

Lüneburo-. Voelkel. 



Moliere - Studien. 



I. Moliere's Verhältniss zu seinen Eltern. 

Auch die Biographie Moliere's hat ihre eigene Geschichte. 
Die zeitgenössischen Biographen schrieben das Leben des 
Dichtere nieder, lediglich, wie es sich in ihrer Erinnerung 
malte, und die Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts, so- 
weit sie sich überhaupt mit Moliere beschäftigten, verfielen in 
denselben Fehler, indem sie einfach die von den Zeitgenossen 
überlieferten Thatsachen als richtig in das von ihnen entworfene 
Bild des Dichters ohne die geringste Prüfung übernahmen und 
80 vor Allem dazu beitrugen , das Andenken Moliere's in oft 
unrichtiger, ja selbst in gehässig entstellter Weise bei der 
Nachwelt fortleben zu lassen. 

Erst mit dem Beginne dieses Jahrhunderts hat man, nach 
dem Vorgänge des verdienstvollen Forschers Beffara, damit be- 
gönnen, auf Grund der von ihm nach zweihundertjähriger Ruhe 
zuerst ans Tageslicht gezogenen Dokumente, die bisherigen 
Lebensbeschreibungen des Dichters einer eingehenden Prüfung 
zu unterziehen und eine Darstellung seines Lebens zu geben, 
welche, gestützt auf urkundlich feststehendes Material, die Bürg- 
schaft einer grösseren Treue in sich birgt, als die oft parteiisch 
gefärbten Berichte der Zeitgenossen. 

Seit BeiFara's Vorgang, mit welchem ein neuer Abschnitt 
in der Geschichte der Molierebiographien anhebt, ist das Be- 
streben der französischen Litteratoren stetig dahin gegangen, 

Archiv f. n. Sprachen. 1>IX. 19 



290 Moliere- Studien. 

immer neues auf Moliere bezügliches Aktenmaterial herbeizu- 
schaffen und so ein stets lückenloseres, klareres und über jeden 
Streit erhabenes Bild des Lieblingsdichters der französischen 
Nation zu geben. 

Allein trotz der zahlreichen Dokumente, welche seit Bef- 
fara, namentlich von Soulie in seinen „Recherches sur Moliere 
et sur sa famille", veröffentlicht veorden sind, trotz des li^ifers, 
mit welchem die Biographen unserer Tage nachzuholen schei- 
nen, was ihre Kollegen in den vorauso:e2:ano;enen Jahrhun- 
derten versäumt, giebt es auch heute noch eine Reihe von 
Punkten in dem Leben Moliere's, welche der Aufhelluncr gar 
sehr bedürfen. 

Diese Ueberzeugung, welche sich Jedem, der sich mit dem 
Leben Moliere's und der einschlagenden Litteratur vertraut ge- 
macht, von selbst aufdrängt, hat denn auch einen deutschen 
Dichter und Schriftsteller, Paul Lindau, bewogen, eine Ergän- 
zung der Biographie unseres Dichters zu schreiben und den 
Versuch zu machen, da, wo die Quellen nicht auszureichen 
schienen, aus den Werken des Dichters hei'aus die Lücken, 
welche sich in den bisherigen Darstellungen seines Lebens er- 
gaben, zu ergänzen. Dass eine solche Darstellung gewärtig 
sein muss, durch erneute Durchforschung der bisherigen Quellen 
oder Auffindung neuer Dokumente in ihren Behauptungen um- 
gestossen zu werden, liegt auf der Hand. Allein damit hat 
sie, so scheint mir, ihren Hauptzweck erfüllt: die Aufmerksam- 
keit derer, welche mit Moliere sich eingehender zu beschäftigen 
den Beruf fühlen, auf eine Reihe von Punkten hingelenkt zu 
haben, die einer eingehenderen Bearbeitung und einer Klärung 
würdig und bedürftig sind. 

Zu diesen Punkten , welche in den Biographien Moliere's 
entweder gar nicht oder nur ungenügend behandelt erscheinen, 
gehört auch das Verhältnise Moliere's zu seinen Eltern, ein 
Verhältniss, welches Lindau wiederum lediglich mit Hinweis 
auf die Werke des Dichters und aus denselben heraus zu er- 
läutern versucht. Und doch glaube ich in der Folge zeigen zu 
können, dass es in diesem Falle gar nicht nöthig gewesen wäre, 



Moliere- Studien. 291 

auf die Werke Moliere's gleichsam als die ultima ratio zurück- 
zugehen ; im Gegentheil scheint mir die Aufgabe nicht allzu 
schwierig, aus den Dokumenten, welche Soulie in seinem be- 
reits erwähnten Werke mittheilt, die einzelnen hiereelbst ver- 
streuten Züge, welche sich auf das Verhältniss des Sohnes zu 
den Eltern beziehen , zu einem Gesammtbilde zu vereinen, 
einem Bilde, welches uns allerdings Moliere in einem wesent- 
lich anderen und, wie ich gleich hinzufüge, wesentlich günsti- 
geren Lichte zeigt, als dies bei Lindau der Fall ist. 

Zunächst kann ich nicht zugeben, dass wir in den \Verken 
Moliere's, wie Lindau sich ausdrückt, „keine Mutter finden, die 
uns durch die Tiefe ihres Gefühls zu wahrer Sympathie zwingt"*). 
Freilich, wenn man sich an das Wort „Mutter" klammert, dann 
allerdings hat Lindau Recht. Allein, wenn man sich fragt, hat 
Moliere es verstanden, das mütterliche Gefühl in seinen Werken 
ergreifend zu schildern, so werden wir diese Frage unzweifel- 
haft im Hinblick auf Elmire in Tartüft'e bejahen. Auch Lindau 
giebt dies , freilich in einer anderen gleich zu besprechenden 
Anwendung zu, indem er Elmire für einen der „liebenswürdig- 
sten Frauencharaktere Moliere's"**) erklärt. 

Elmire ist aber nicht nur einer der liebenswürdigsten Frauen- 
charaktere Moliere's — damit ist der Charakter dieser Frau 
überhaupt nicht erschöpfend gekennt zeichnet — sondern sie ist 
auch zugleich eine edle Gattin und, worauf es hier vor Allem an- 
kommt, eine wahrhafte Mutter. An einen ungeliebten Mann ge- 
kettet, bewahrt sie ihm, der Versuchung gegenüber, die eheliche 
Treue, ja sie giebt selbst ihren makellosen Ruf der Lästerzunge der 
Menschen Preis, indem sie, um ihre Stieftochter vor der Hei- 
rath mit dem verhassten TartüfFe zu befreien, sich in eine Situa- 
tion begiebt, aus welcher nur eine Elmire rein hervorzugehen 
vermag. Moliere hat also in Elmire die Phönixnatur der Mutter 
gezeichnet, uns unter dem Namen der Stiefmutter das Bild 



*) P. Lindau: Moliere. Eine Ergänzung der Biographie des Dichters 
aus seinen Werken (Leipzig 1872), S. 5. 

**) P. Lindau: Moliere, S. 5. 

19* 



292 Moliere-Stu(]ien. 

einer wahren Mutter gegeben. Allein Elmire in Moliere's 
Stück ist ja Orgon's zweite Gemahlin, nicht die rechte Mutter, 
sondern „die Stiefmutter der reizenden Marianne und des leiden- 
schaftlichen Damis."*) Was glaubt nun Lindau aus diesem 
Umstände für einen Schluss auf das Leben Moliere's ziehen zu 
sollen — den Schluss, dass dem Dichter, indem er Elmire 
zeichnete, seine eigene Stiefmutter vorschwebte, dass Moliere's 
Stiefmutter das Vorbild für diesen liebenswürdigsten Frauen- 
charakter des Dichters gewesen sei**). Mir ist dieser Schluss 
nur aus dem Streben Lindau's erklärlich, möglichst viel Be- 
ziehungen zwischen dem Leben des Dichters und seinen Werken 
herauszufinden. Denn weder die geschichtlichen Thatsachen, 
noch des Dichters Werk (Tartüffe) selbst berechtigen, meiner 
Anschauung nach, zu dem Schlüsse, den Lindau hier auf das 
Leben des Dichters zieht. 

Wenn Meliere Elmire zur Stiefmutter machte, so lag der 
Grund nicht darin, weil er selbst eine Stiefmutter hatte, die er hier 
poetisch zu verherrlichen gedachte — wie wenig sich hierzu 
Veranlassung bot, werden wir gleich sehen — sondern weil 
ihn die Oekonomie des Stückes von selbst dazu drängte. Es 
erscheint mir eigen, dass es einem so gewiegten Dramatiker 
wie Lindau entgangen ist, dass der Dichter uns in Elmire wohl 
die Gefühls- und Handlungsweise einer wahrhaften Mutter 
schildern konnte und geschildert hat, dass er sie aber nicht 2ur 
wirklichen Mutter machen durfte. Elmire ist die Mutter der 
„liebreizenden" Marianne. Marianne ist aber in heirathsfähigem 
Alter, sie soll Tartüffe's \Veib werden. Allein Tartüffe genügt 
nicht der aufknospende Reiz der jungfräulichen Tochter, ihn 
o-elüstet zugleich nach der reifen Schönheit der Mutter. Um 
Tartüffe's Lüsternheit gegen Elmire — die Mutter — poetisch 
glaubwürdig erscheinen zu lassen, musste der Dichter sie ver- 
jüngen, d.h. zur Stiefmutter machen. So allein lässt sich die 



*) P. Lindau: Möllere, S. 5. 

**) Man vergleiche hiermit: „Die neuesten Forschungen über das 
Leben M.'s" (Mag. f. d. Lit. des Auslandes No. 2), wo gesagt ist, dass 
man — allerdings ist hinzugefügt, „ohne erweislichen Grund" — M.'s Stief- 
mutter stets als eine Art „Rabenmutter" darstellt. 



Möllere -Studien. 293 

sinnliche Doppelliebe TartüfFe's zu Mutter und Tochter be- 
greifen, eine Dopjielliebe, in welcher recht eigentlich die Kata- 
strophe des Stückes ruht, da sie die Falle bildet, in welcher 
der schlaue Betrüger sich selber fängt. 

Gehen wir jetzt auf die geschichtlich überlieferten That- 
sachen, soweit sie in Soulie's Dokumenten enthalten sind, über, 
so muss ich allerdings mit dem Geständniss beginnen, dass die 
Quellen in Beziehung auf M.'s Mutter wie bezüglich seiner 
Stiefmutter nur sehr spärlich fliessen. 

Allein wenn es gestattet ist, aus der ganzen Art und Weise, 
wie M.'s Mutter ihr ganzes Hauswesen verwaltet und gestaltet 
hatte, einen Schluss auf den Charakter dieser Frau selbst zu 
machen, so ist dieser Schluss für M.'s Mutter im höchsten 
Grade günstig. Nicht nur hat sich innerhalb der kurzen Zeit 
ihrer Ehe das Vermögen, welches sie mit dem Gatten ein- 
gebracht, verfünffacht, sondern auch das Inventar, welches nach 
ihrem Tode aufgenommen ward, lässt in der Anordnung wie 
in der Ausstattung ihrer Häuslichkeit einen gebildeten Geist 
erkennen. In der Wahl der Stoffe, der Möbel, Geräthe und 
Schmucksachen giebt sich ein feiner Geschmack kund, wir be- 
gegnen — und es ist dies ein Zug, den wir bei dem Dichter 
wiederfinden — einer bestimmt ausgesprochenen Vorliebe für 
eine gewisse Pracht in der Umgebung; ja wir finden, bezeich- 
nend genug für den Charakter dieser Frau, selbst den Ansatz 
zu einer kleinen Bibliothek in ihrem Wohnzimmer, und es ist 
rührend, dieselben Bücher, welche die Wohnung der Mutter 
zierten, in der Wohnung des Sohnes sowohl zu Paris, wie auf 
seinem Landsitze zu Auteuil wiederzufinden. 

Während also im Jahre 1632, bei dem Tode von Moliere's 
Mutter, in dem väterlichen Haus Alles Geschmack, Wohlhaben- 
heit, ja eine gewisse Pracht athmet, sehen wir, als bei dem Ab- 
leben des Vaters unter der Herrschaft seiner zweiten Frau 
Katharina Fleurette ebenfalls ein Verzeichniss der damaligen 
Einrichtung aufgenommen ward*), als Resultat ein durchaus 



*) Soulie: Doc. XXXVII. 



294 Moliere-Stu'lien. 

nicht so Iiannonischcs Bild der inneren Häuslichkeit, wie in 
jenem soeben erwähnten Inventar, Im Gegentheil lässt die ge- 
sammte Umgebung, Möbel, Kleidung, die ganze innere Ein- 
richtung erkennen, dass der verschönende Geist nicht mehr 
waltete, der diese selben Gemächer einst zu Lebzeiten der 
ersten Gattin zu einem so traulichen und anmuthenden Heim 
umzugestalten verstanden. Auch dürfte der Umstand, dass sich 
in diesem letzteren Verzeichniss auch nicht ein Buch mehr er- 
wähnt findet, ebenso wie die Thatsache, dass Frau Katharina 
Fleurette bei der Aufnahme dem Notar ei'klärt, dass sie nicht 
schreiben, daher auch nicht unterzeichnen könne, jedenfalls nicht 
vermuthen lassen, dass bei ihr dieselbe geistige Regsamkeit zu 
finden gewesen, wie bei des Dichters Mutter. 

Ganz das Gegentheil von dem vorhin skizzirten Bilde der 
Mutter Moliere's muss sein Vater gewesen sein ; hier fliessen 
die Quellen etwas reichlicher. Und gerade der Gegensatz, in 
welchem diese beiden Elterncharaktere zu einander stehen, 
gerade die Thatsache, dass Moliere keinen der Züge mit seinem 
Vater gemeinsam hat, die diesen so bestimmt charakteriairen, 
rechtfertigt die Vermuthung um so mehr, dass Moliere von 
seiner Mutter diese hohen geistigen Eigenschaften ererbt, diese 
Lust zum Fabuliren, die ja auch Goethe bekanntlich von seiner 
Mutter herleitete. 

Moliere's Vater erscheint nach den Dokumenten Soulie's 
als ein nur seinem Geschäfte und dem Gelderwerbe lebender 
Mann, dem ein Interesse an geistioen Dino;en vollständiof fern 
lag. Das beweist nicht nur die schon erwähnte Thatsache, dass 
sich in dem nach seinem Tode aufgefundenen Inventar nicht 
ein Buch mehr vorfindet, sondern auch, wie hinlänglich bekannt, 
dass er seinen Sohn nur die allerelementarsten Dinge erlernen 
liess und nur durch die eindringlichen Vorstellungen des Gross- 
vaters mütterlicher Seits bewogen werden konnte, dem- 
selben eine bessere Erziehung geben zu lassen. — Als ein 
solch' strenger, nur auf seinen Vortheil bedachter Geschäfts- 
mann zeigt sich Moliere's Vater in jenen beiden Dokumenten*), 



*) Soulid: Doc. XXIV u. XXV. 



Moliere-Studien. 295 

welche sich auf seinen zweiten Sohn, gleichfalls Jean, wie Me- 
liere geheissen, beziehen. Als er demselben sein Geschäft ab- 
tritt und sein Haus vermiethet, schliesst er mit ihm einen Kon- 
trakt ab, aber nicht, wie man dieses wohl voraussetzen dürfte, 
wohlwollend, wie ein Vater mit seinem Sohne, sondern wie ein 
Geschäftemann mit seinem Nachfolger, von dem er noch mög- 
lichst viel Vortheile zu erzielen gedenkt. Nicht nur zieht er 
seinem Sohne das ihm von der Mutter zustehende Erbtlieil von 
der stipulirten Kaufsumme ab, sondern er lässt sich auch von 
seinem Sohne schriftlich bezeugen, dass derselbe nichts mehr 
zu verlangen habe, und gleichzeitig lässt er in den Kontrakt 
aufnehmen, dass der Solin den Rest der Kaufsumme zu zahlen 
habe, nicht etwa, Avenn der Sohn dies wolle, sondern wenn der 
Vater es verlange; und in der That sehen wir, dass schon 
sechs Wochen nach diesem Kontrakt Jean der Jüngere ge- 
nöthigt ist, diesen Rest seinem Vater auszuzahlen. 

In ähnlich streng geschäftsmäsBiger Weise zeigt sich uns 
der Vater demselben Sohne gegenüber bei der Vermiethung 
seines Hauses. 

Und den bisher geschilderten Zügen entspricht es voll- 
kommen , wenn er für denselben Sohn vor allen Dingen eine 
reiche Heirath anstrebt*). Dass die erwählte Zukünftige seines 
Sohnes nicht schreiben und daher den Heirathskontrakt nicht 
mit unterzeichnen kann, dass ihre ganze Erziehung eine höchst 
vernachlässigte ist, stört ihn nicht. Sie besass die Vater Po- 
quelin imponirende und dadurch über alle sonstigen Schwächen 
hinweghelfende Eigenschaft, eine baare Mitgift (nach heutigem 
Gelde ungefähr) von 50,000 Franken zu besitzen , ein Um- 
stand, der, wie in so vielen Fällen, so auch diesmal über den 
Mangel an Bildung vollständig hinwegsehen Hess. 

Erwägt man, dass Moliere's Charakter in keinem dieser 
Züge mit dem Charakter seines Vaters übereinstimmt, dass der 
Dichter vielmehr in der Art und Weise, wie er mit Geld um- 
ging — und es ist dies gewiss ein bezeichnendes Merkmal für 



*) Souli^: Doc. XXVII. 



296 Moliere-StuJien. 

jeden Charakter — eine höchst edle Gesinnung an den Tag 
legte, erwägt man ferner, dass INIoliere, der von seiner Mutter 
die zarte Gesundheit geerbt, die ihn wie sie in ein leider zu 
frühes Grab brachte, eine Reihe von Eigenschaften mit seiner 
Mutter theilte: ihre Vorliebe für eine harmonische Umo-ebung, 
ihren Sinn für Landleben und Natur — erwägt man, wie ge- 
sagt, alle diese kleinen, aber charakteristischen Züge, die ihn 
alle an die Mutter, keiner an den Vater knüpfen, so wird man 
den Schluss nicht ungerechtfertigt finden, dass Michelet's Worte 
auch auf Moliere Anwendung leiden: „dass grosse Männer, 
wie sie körperlich die Abbilder ihrer Mütter sind, so auch ihr 
geistiges Gepräge von denselben erbalten haben." So wird 
man der Mutter Moliere's, deren Familiennamen man bis auf 
Beffara nicht einmal genau kannte, einen ehrenvolleren Platz in 
der Geschichte des Lebens ihres Erstgebornen einzuräumen 
haben, als dies bisher und auch bei Lindau geschehen ist. 

Wenn nun Lindau aus dem Umstand, dass in Mo- 
liere's Lustspielen „die Söhne gegen die Eltern oft einen 
Ton anschlagen", der, wie er sich ausdrückt^ „oft verstimmt, 
bisweilen verletzt, mitunter geradezu empört" *) und uns durch- 
blicken lägst, dass wohl das Verhältniss Moliere's seinen Eltern 
gegenüber adäquat gewesen sei der poetischen Gestaltung, welche 
der Dichter in seinen Werken davon entwirft, so wird dieser 
wiederum lediglich aus der Dichtung hergeholte Schluss da- 
durch hinfällig, dass die thatsächlichen Verhältnisse, Avie sie 
durch Soulie bezeugt sind, denselben in sein gerades Gegen- 
theil verkehren. Freilich können wir quellenmässig hier nur 
von dem Verhältniss des Sohnes zu dem Vater sprechen. Denn 
über das Verhältniss zu seiner Stiefmutter liegt ausser einem 
Streit nach dem Tode des Vaters nichts weiter vor. Was aber 
das Verhältniss zu seiner Mutter betrifft, so gestattet die Art 
und Weise, wie wir Moliere dem Vater gegenüber kennen 
lernen, einen gewiss nicht ungerechtfertigten Rückschluss auch 
auf das Verhältniss zu seiner Mutter. 

Es ist bekannt, dass Moliere's Vater seinem Sohne den 



*) P. Lindau : Moliere, S. 5. 



Moliere -Studien. 297 

Schritt, das hochgeachtete Gewerbe einca Tapezierers gegen 
das Komüdiantenhandwcrk eingetauscht zu haben, nie vergessen 
hat. Mit dem Augenblicke, wo Moliere das elterliche Haus 
verlässt, um sich den Brettern, welche die Welt bedeuten, an- 
zuvertrauen , ist das Tuch zwischen Vater und Sohn zer- 
schnitten. Nur einmal, man weiss nicht, durch welche Um- 
stände bewogen , sehen wir den Vater persönlich sich dem 
Sohne nähern, bei der Trauung des Letzteren mit Armande 
B^jard; sonst beschränkt sich der Verkehr zwischen Vater und 
Sohn lediglich auf den AVechsel von Briefen rein geschäftlichen 
Inhalts. Nicht nur als Moliere, noch unbekannt und ungewiss 
über sein zukünftiges Schicksal, in die Welt hinauszog, hat 
der Vater wie dessen gesammte Familie ihn wie einen Aus- 
gestossenen, einen Geächteten behandelt, sondern selbst als 
Moliere nach Paris zurückkehrt, in hohem Ansehen bei dem 
Könige stand, ein berühmter Mann geworden und — gewiss 
ein schwerwiegendes Moment für Vater Poquelin, sich Geld 
und Gut erworben, hat er ihm dennoch sein Haus nicht geöifnet, 
nicht freundlich mit ihm verkehrt, sondern vielmehr stets in 
einem nicht misszuverstehenden Tone von dem „Monsieur Mo- 
liere" gesprochen. 

Lag an dem Sohne, abgesehen von dem Schritte, die 
Bühne betreten zu haben, die Schuld? Verdiente er eine solche 
Behandlung? Hatte er vielleicht gegen den Vater einen Ton 
angeschlagen, wie er uns in seinen Lustspielen „oft verstimmt, 
bisweilen verletzt, mitunter geradezu empört"? Nichts von alle 
dem — das gerade Gegentheil ist der Fall. — Als Moliere 
seinem Vater den Schritt, die Bühne zu betreten, schriftlich 
kund giebt und von demselben eine Abschlagszahlung auf das 
ihm zustehende mütterliche Erbtheil erhält, giebt er sich hier- 
mit völlig zufrieden, ja er legt sogar das Amt eines valet de 
chambre du roi, welches ihm erblich übertragen war, in die 
Hände des Vaters zurück und bittet diesen, einen seiner jün- 
geren Brüder, wer ihm geeignet dazu erscheine, als seinen 
Nachfolger zu bestimmen. 

Und als Moliere, auf die Hebung des illustre theätre be- 
dacht, Gelder aufnimmt, dieselben aber nicht zurückerstatten 



298 Müliere- Studien. 

kann, da der gehoffte Erfolg ausbleibt, und er, zu wiederholten 
Malen verklagt, ins Schuldgefängniss wandern muss — wer 
befreit ihn aus der Schuldhaft? Der Vater nicht! Wohl aber 
ein anderer ihm wohl gesinnter Mann, Aubry. Und erst auf 
dringendes Bitten des Sohnes lässt sich der Vater bewegen, 
einen Theil der Schuld an Aubry abzutragen; den Rest der 
Schuld will er erst dann tilgen, wenn der Sohn nicht bezahlen 
sollte. Und doch sind die Summen, welche Moliere's Vater 
theils wirklich bezahlt, theils zu zahlen sich verpflichtet, wiederum 
nur Abschlagszahlungen auf das Erbtheil, welches der Sohn 
von seiner Mutter rechtmässig zu beanspruchen hat. Erst 
zwanzig Jahre nach der ersten Rate auf dieses Erbtheil hat 
Moliere zwei Drittel der ihm zustehenden mütterlichen Erb- 
schaft von dem Vater, der sich damals in sehr guten Verhält- 
nissen befand, erhalten ; und Moliere verlangt nicht nur nicht 
den Rest, sondern er erstattet sogar dem Vater, der sich da- 
mals, wie gesagt, in keiner bedrängten Lage befand. Alles, 
was er bis dahin auf sein mütterliches Erbtheil erhalten, zurück 
und verlangt darüber von dem Vater: ni re^u, ni quittance. 

Ja, als der Vater einige Jahre später sich momentan in 
bedrängter Lage befindet, indem ihm die Mittel fehlen, sein 
Haus, welches dem Einstürze droht, neu wieder aufzurichten, 
wer ist es, der ihm helfend zur Seite steht! Moliere, der sich 
keiner Gunst seines Vaters zu erfreuen gehabt, der im Gegen- 
theil in der bedrängtesten Zeit seines Lebens von ihm verlassen 
worden war, der von dem Vater, so sehr er auch den Umgang 
mit ihm ersehnt, zuröckgestossen ist, er — Moliere, benutzt 
die Verlegenheit seines Vaters nicht, um etwa auf kleinliche 
Weise sich zu rächen, sondern er unterstützt ihn, und da er 
leider weiss, dass der Vater sich eher unter seinem Hause 
begraben lassen als eine Unterstüzung annehmen würde, die 
von seinem Sohne kommt, so gewinnt er einen gemeinsamen 
Freund, Rohault, der dem alten Poquelin, ohne dass derselbe 
eine Ahnung hat, von wem die Hülfe in der Noth kommt, in 
zwei Raten die Summe von 10,000, nach unserem heutigen 
Geldwerthe von fast 50,000 Franken übergiebt. Die Quittung 
hierüber verbirgt Moliere sorgfältig in seinem Pulte. Nie hat 



Moliere- Studien. ' 299 

der Vater von diesem edelinüthigen Zui^e seines Sohnes Kennt- 
niss erhalten. Ja selbst dann, als nach dem Tode des Vaters 
ein Grund zur Geheimhaltung nicht mehr vorlag, als die Ge- 
schwister sich in die Erbschaft theilen, ehrt er das Andenken 
des Vaters über das Grab hinaus, indem er von dieser Unter- 
stützung seinen Geschwistern gegenüber Nichts erwähnt und 
weder auf die Zinsen , die ihm aus dieser Schuld erwachsen, 
Anspruch erhebt, noch auch ein Recht auf das väterliche Haus 
geltend macht. Erst nach Moliere's Tod kommt diese schöne 
That zur allgemeinen Kenntnis?, indem seine Wittwe den 
Schuldschein unter den Papieren ihres Gatten findet und ihn, 
weniger edelmüthig als ^loliere, aber getreu ihrem Charakter, 
zu einem Notar trägt, um die schuldige Summe gegen die 
Erben Poquelin's einzuklagen. 

Ist es noch nöthig, diesem Zuge einen anderen, nicht 
minder edlen anzureihen, so ist es der, dass wenige Monate 
nach dem Tode des Vaters Moliere für diesen eine Schuld be- 
zahlt, die seine Verwandten, die mit dem Vater geschäftlich 
Hirt waren, nicht hatten bezahlen können. 

Lässt sich nun aus diesen mitgetheilten Thatsachen, wenn 
auch die Quellen über das Verhältniss Moliere's zu seiner 
Mutter Nichts besagen , nicht wenigstens der Rückschluss 
machen , dass ein Sohn , der so edel einem ihn verkennenden 
Vater gegenüber handelte, noch ein ganz anderes Gefühl der 
Pietät gegen seine Mutter im Herzen getragen haben muss, 
gegen diejenige, welche seine erste Erziehung leitete und der 
er sich auch sonst geistig verwandt gefühlt haben muss. Ge- 
wiss doch ! Wenigstens aber hoffen wir, Lindau gegenüber 
doch soviel gezeigt zu haben, dass das Familiengefühl, welches 
derselbe Moliere abzusprechen scheint, dem Dichter vielmehr 
in einem hohen Grade zugesprochen werden muss. 

Ist auch das Bild, welches ich hier einfach nach den mir 
zu Gebote stehenden Dokumenten Soulie's von dem Verhältniss 
des Sohnes zu seinen Eltern habe geben können, der Natur 
der Dinge nach kein vollständiges, so weicht es doch, wie ich 



300 ' Moliere- Studien. 

glaube, wesentlich und zu Gunsten Moliere's von demjenigen 
ab, welches Lindau in seiner Broschüre entwirft. So steht 
der Mann, dem von keiner Seite mehr der Ruhm eines wahr- 
haft grossen Dichters streitig gemacht wird, auch von einer 
rein menschlichen Seite betrachtet als ein wahrhaft edler Cha- 
rakter da, unserer vollen Liebe und Achtung würdig! 

Dresden. Dr. Sc he ff 1er. 



Zu 

Raoul de Houdenc's Meraugis de Portlesguez. 



Von 

Adolf Kressner. 



Nr. 48 der französischen Manuscripte in Quart auf der 
Berliner königlichen Bibliothek enthält fol. 1 — 143 den gröseten 
Theil des Auberi le Bourgignon in einer von der Tarbe'schen 
Ausgabe mannigfach abweichenden Version; fol. 144 — 154 d. 
Zwei Fragmente des Meraugis von Kaoul de Houdenc; 154 d 
bis 158 den Anfang des Romans des Eies von demselben Ver- 
fasser; fol. 158 — 190 die grösste Partie des Aigolant, veröffent- 
licht von J. Bekker. Von dem Meraugis de Portlesguez er- 
schien 1869 eine prächtige Ausgabe nach der Wiener und der 
Turiner Handschrift*) von Michelant, die jedoch in Bezug auf 
die Herstellung des Textes viel zu wünschen übrig lässt. Vergl. 
Jahrbuch X (1869), pg. 339 flg. Wir theilen im Folgenden 
die Varianten der Berliner Handschrift mit, die einem späteren 
kritischen Herausgeber der Werke unseres Dichters zugute- 
kommen mögen. Die Handschrift stammt, der Schrift nach zu 
urtheilen, aus dem 14. Jahrhundert, ist meist correct und deut- 
lich geschrieben und bietet viele wohl zu beachtende Abwei- 
chungen von Michelant's Lesart. Auch ist zu berücksichtigen, 
dass sie dem Originale näher zu stehen scheint, als die Wiener 
und die Turiner Handschrift, denn viele Weitschweifigkeiten 



•) Noch eine andere Handschrift befindet sich im Vatican, und hat 
Keller in der Romvart den Anfang nach ihr mitgetheilt. 



302 Raoul de Houclenc's Meriiugis de Poitlesgucz. 

bei MIchelant sind in ihr in wenige Zeilen zusammeno-ezoo'en. 
der längere Sclduss aber ist befriedigender als in jenen Manu- 
scripten. 

fül. I44a = pg. 108 Au quarefiec, lä ou refu. — 

Sire, ce est la fins — 

A queil chemin nos troveron — 

Mes tornez ou ensus — 
pg. 109 Irai apres — 

L'Outredotez qiii regarda 

Et dit: „Laquis, ce est issi — 

Hahi, Laquis ! s'or t'ocioie 

De m'espee, n auroie ge droit ? — 

que Meraugis voie 

Ta honte. — 

Bien vos puis 
b L'escu deviser. Lors li dit — 

Come il iert fez — 
pg. HO L'un vet aval et l'autre araont • — 

Tant a Laquis erre 

Que Meraugis a conseu. 

Lydoiue l'a aperceu 

Avant, li mostre a Meraugis. 

Cil qui se torne vers Laquis — 

Qu'il vit d'un oil — 

Molt l'enpesa par veritez, 

Sout que ce ot fet L'Outredotez; 

Encontre val sil salua — 

Que ja entiers n'en revendroie — 
pg- 111 Loi's a Meraugis honte et duel 

Molt grant et dit: „Laquis, ge voi 

Que tu es afolez por moi — 

Por ce que la honte en est moie — 
c La main dont il l'euil te creva — 

Se ge poeie vivre tant — 

Conbatre as espeies d'acier — 

Mes ce n'iert ja ; ge bien le scai 

Bien a trois jorz, mes ge ne sai — 
pg. 112 Mes par la voie que il tint — 

Ge ne puis aler apres — 

Mes ge te jure et doing ma foi — 

Dolenz de grant duel que il fet — 

Le demande jusqu'a matin — 

La röche iert pres de I. montaigne, 

Bordee entor a la roonde 



Raoul de Homlonc's Meraugis <le Portlesguez. 303 

fol. 144 d = pg. 113 Desus la röche contremont. 
(Mehrere Verse fehlen) — 

Ilec se tienent les puceles — 

De quoi? de ce qui a este? 

Non pas, ja n'en sera parle, 

Mes de ce qui est a venir. 

Et eil qui pense de venir 

Est acoruz plus que le pas 

Desoz la röche eneslepas — 

Mes mult ert haute et de beau tor — 

Troi fez ou plus si cria : 
pg. 114 Dames, par ont iroie la ? — 

Sire, il n'ia a vostre oes. — 

Que vos volez." „Ce n'avint onques 
(Zwei Verse fehlen) 

Die en nul part que j'ai ci quis — 

Cele cui aniiuie a conter 
pg. 115 Se vet soer sil let conbatre — 

Respondre tant c'une dist — 

Por Deu, li crie, dites moi — 
fol. 145 a Outre cest bois au pie dau mont 

La voie a destre contremont 

Tro Veras ja — 

Meraugis respondi atant — 

Or m'ensaignez, se vos savez — 
pg. 116 Ja n'en oirai parier, ce croi — 

Vez ci l'enplumeor Mellin, 

Asez poiroiz rnuser, meschin, 

Que ja plus n'en ne vos diron — 

Lieve la teste si lor crie — 

Mes ge i sui venu par folor — 

Par Saint Denise, fet il lors, 

Se ge puisse aler la sus. — 

Monter par force. Or jupez 
b Que tant m'anuit. Lors s'est assise. 

Meraugis a sa voie prise — 
pg. 117 Et dit lores: Por fol me tient — 

Ge voi la croiz et que ferai? — 

Issi s'en va dementant — 

Apres quant el les ot leues 

S'esfreie — 

(Auf d'or vermeilles fehlt bei Michelant sowohl als im 
Manuscript der entsprechende Reim.) 

pg. 118 De rien, itant te di de voir 

c Por ce se tu veuz la torner — 



304 Raoul de Houdenc's Meraugis de Portlesguez. 

fol. 145 c = pg. 118 Merci te covendra lesser. 
Et la secunde voie a non 
Por voir: Voie contre reison — 
Home qui reisson li face — 

pg. 119 Ne qua devienent ne ou il sunt — 
Ne rae sai ge mieuz conseiller — 
De ce que g'oi que d'autie chose. 
Qne diroie a la parclose — 
Dame, fet il, queil la feron. 
Sire, ne sai. Vos ne savez — 
d pg. 120 Ne ceste autre ne me dit rien — 
Que j'aille plus seurement. 
Ne sai ou bien ou malement. 
Or n'i a plus. — 
S'en issirent fors en la plaigne — 
Qui puis fu la cite perdue, 
Aes (?) son oes, quar il la qtiist 
Apres et en grant fes s'en mist 
De trover la. Ne trova pas. 
Issi li Chevaliers le pas 
Vet chevauchant vers la cite. 
Onques nule de sa beaute — 
La mer ele estoit assise 
Batoit devant a grant navire 
Enz ou havre, en ce n'ot que dire — 

pg. 121 Ne covient pas a demander, 

Devant fönt a lor nayra porter — 
Vos avez les bornes passees — 
Fors en alant dient — 

fol. 146 a Ra encontre si le salue. 

Li garcons qui pas fanzlue — 
pg. 122 Si grant qu'onques n'oi graignor — 
Ja por poor riens ne perdron — 
Si sui ge, fet ele en plorant. 
Lors vont et si aprochent tant 
De la cite — 
La temoute oi corner 
Prise et ausi fönt a luer — 
b pg. 123 Fet Meraugis, nule chose — • 

N'i remeist dame qui ne soit — 
Vont encontre qui fönt karoies — 
Vienent li Chevalier corant 
lior lor chevax igneax et forz. 
De lor chevax n'est ce pas torz, 



Raou! de Iloudenc's Meraugis de l^rtlesguez. 305 

fol. 146b = pg. 123 Se eiis estoient plus beaus qiie pou, 

Qu'il ne vont pas sovent en f'rou. 

Issi vienent ; quant Meratigis 
pg. 124 Les voit, et dit, ce m'est avis — 

Beau sire, encor nc savez vos, 

Dit Lydoine, que ce sera. 

Se ce est bien, moult me plera." 

Lors encontrerent ceaus a chcvax; 

Merradus li seneschax — 
pg. 125 Entent paroles en alant 

Qni conseillent diil a dui. 
c Cist n'est pas mendre de lui — 

Apres n'i ot plus alendu — 

En ceste nef et si passez — 

Ge i passeroie, et ge poi' coi ? — 
pg. 126 Ferez! — Ge non! — 
d Ice sachiez certainement — 

pg. 127 A fere quanqu'il nos plera — 

Ces dames qui vos suivent la — 

Fors por joie de la bataille — 

Et eil qui n'est niie queranz — 

Meraugis qui molt pensoit 

A la bataille. II garde et voit — 

Estoit issuz a grant ator 

En l'isle et par ilec aloit. 

Lors dit Meraugis quant 11 voit 

Le Chevalier — 
pg. 128 Meraugis saut, tost remonta — 

S'aresta et soffri ades — 
fol. 147 a Meraugis, et lors ont tornez — 

La il ferent des lances pleneres . 

Si que les lances sunt passees — 

Hurtent au piz sor les haubercs 

Par force, nies pas n'i entrerent, 

Petraus rompent et depecerent 

Cengles et frains si que s'en vont 

A terre si que s'entresunt 

Fern que ne veistes meuz 

Gent cheer — 
pg. 129 Si que cuident qu'il ait tone — 

Fors de l'estor maintenir — 

Lor escuz sor lor testes mis, 

N'est pas li uns a l'autre amis. 

Tssi conbatent, Kien les voient 

Cil de la terre — 

Archiv f. 11 Ppiachen LIX. 20 



306 Raoul de Iloudenc's Meraugis de Portlesguez. 

fol. 147 a — pg. 129 De la joste ont tel joie ene — 

Non, ainz li deut li cuers sovente 
Et tendremenl plore et demente 
yi que plus ne puet esgarder 
Celui nene se puet garder 
Que ne soi't dolente por lui. 
b pg. 130 Issi se combatent li dui 
Chevalier as espees nues 
Qu'il fönt des heaumes vers les nues 
Voler le feu — 

Bien ont apris 
A ferir, voire meuz que nus. 
Itex assauz bien XX. ou plus 
S'entresaillent et tant se sunt 
Entresailli por voir qu'il n'ont 
Escu ne lance a depecier — 
pg. 131 Se lor testes fussent d'acier — 
N'i eust la plus forte duree. 
Mes or torne chascuns l'espeie — 
Que bien le puet fere atant — 
Meraugis encontre lui saut 
iSi se defent, eil le tient pres — 
c Quoi ? ge disoie et di oncore — 

Recreuz d'armes et est ainz — 
pg. 132 Revient et tient l'escu au cote. 
Meraugis qui forment le dote 
S'est esloignez et si li dit : 
Di moi, vassal, se Dex t'ajut — 
Issi me seulent li baron — 
Gauvains sui, redites moi — 
pg. 133 Des Noel, mes Deu merci — 
Ne vos cuidoit james voer — 
Ge me rent pris, alez vos en — 
Meraugis, ce n'i a il mie 
d pg. 134 istras — porras — 

Seiz tu donc reison por eoi? — 
N'a plus noble, que t'en devis — 
Issi comenca endecors 
Que le ama et fu s'espose 
Puis avint qu'ele fu golouse — 
II i entra moult longement — 
Et quant il i vont, ne pout mie 
Retorner; non, que iert noienz — 
Por riens, se le ne comandast. 
pg. 135 Puis i esteut as cops trenchier — 



Raoul de Hou'lenc's Meraugis de Portlesguez. 307 

fol. 147 d = pg. 135 Frenz et hardiz et combatanz — 
fol. 148 a Ceste vie mcna II anz — 

Est avenu, quar ge vinc ca — 

La bataille moult fierement 

Vers moi et ge molt cgriment 

Le requis — 

Si remalndra li autre ci, 

Sc tu me vainz et ge t'oci — 

Toz jorz rernaint li uns en gages, 

Tant qiie plus forz de lui revient, 

Donques par foi'ce te covient — 
pg. 136 Tu seras maistres chastelains 

Et que par force soit de mains — 

Mes quant nus n'i ose venir, 

Qui vos aporte a mengier? 

Ce n'est pas a encerchier, 

Asez est que trop en avons — 

Toz jorz ains le disner 
b Lores de quanqu'il nos covient 

pg. 137 Demande et dit que Ten l'aport — 

El s'en iroit volle levee 

Que ja au port ne m'atendroit — 

Issi me garde et me tient pris — 

Vodroie bien que ci venist 

Foudre on rage qui m'oceist — 

Que ci estes venuz por moi 

Si croient que vos ocie — 

Mes se la mort me devoit prendre — 

L'isle sanz joie et sanz deport. 
pg. 138 Tot son vivant jusqu'ä la mort — 

Le mieuz." Meraugis, vos coment? — 

De cest isle, ja n'i morroiz." 

„Ge si ferai; que la feroiz? 

„Ne sai que plus vos en deisse. 
c Mes n'est conseil qui n'i meisse, (?) 

Fet Gauvains, qu'en m'osast nomer, 

Neis de saillir en la mer, 

Se vos l'esgardez por bien — 

Vos le feroiz moult autremgnt — 

Que bien le verront eil de la. — 

Apres ne me conbatrai plus 
pg. 139 Frendrez mon heaume et geterez 

En la mer; quant oste l'aurez 

De mon chief voiant tot le mont 

Et par itant tuit cuideront — 

20* 



308 Raoul de Houdenc's Meraugis de Portlesguez. 

fol. I48c = pg. 139 Apres ice quant vos auroiz 
Issi fet, lors vos en iroiz 
A cele tor; ge remaindrai 
For mort et tant i serai — 
De nos cors tant qu'aillors serons — 
De mainte part sunt avise 
Et dient que ocis estoit — 
d pg. 140 Cele merveille, ele que fist ? 
Ele se fori et maudist — 
Ge ai autres de euz veu fere, 
Mes ci n'a pas compareison — 
I. pucele, Amice ot non, 
N'ot pas d'ilec en sa messon 
Plus de IUI leues, non tant, 
Doticement la vet confoitant 
Amice jusqu'a son osteil, 
La descendent et si lot teil 
Com el li pot plus joiant fere — 
Meraugis et quant vient par ore ~ — 
Et crie: Harou, Meraugis — 
pg. 141 E Dex! quant le verrai ge mes. 
Ne sai ge, n'i voi nul confort." 
Meraugis fu lessiez por mort 
En mi l'isle. II se leva, 
A la tor vint et si trova 
La dame et sa mesnie o li 
Menjant, et Meraugis sailli 
Devant la table et s'aresta. 
La dame qui regarde l'a 
Out poor si saut de la table, 
Plus de VII foiz — 

fol. 149 a Vos ocirai ja sanz dotance — 

En I. chambre touz ensemble — 
pg. 142 Que il i metra le feu dedenz — 
Li Chevaliers et si li plot — 
II n'alerent mie au raoster ; 
Non, qu'en l'isle n'en ot point. 
Or escoutez, si cortois point — 
Trestoie la robe a la dame 
Et lors ausi come une feme 
Se vest et lace et enpopine 
Plus acesmez que une reine 
Descendi aval dau chastel, 
L'espee tint soz le mantel — 
Quar il estoit bien fait et gent — 



Raoul (li! Iloudenc's Meraiigl.s de Portlepguez. 309 

Üol. 1 19 b = pg. 143 A la nef vont et lors tot droit 
Vioncnt et siglent d'autre part. 
Li nmiiners qui fu soi quart 
Arive et lores Meraugis 
Qui out devant le consoil pris 
Saut en la nef de piain esles 
Qu'il semble que totes les es 
De la nef deussent confondre 
Cil qui au marchier oent fondre 
Les es, se sunt aperceu. 
Sachiez qu'il ont poor eu. 
Meraugis tret l'espee nue 
Et dist: Vostre dame est yenue, 
Vez la ci dedenz ceste niain. 
Por lui rnostrer abat le frain 
Et dit as raariners: Par m'arnie — 

pg. 144 Et si vos di par verite, 

Se vos le feites, vos auroiz 
Asez, james ne me sauroiz 
Rien comander que ne vos doigne. 
Et eil qui fere le besogne 
De riens nule ne contredient — 
Asez vivre et avoir ades 
Que morir d'armes desconfes, 
Lors dient: „Sire, nos feron 
Vostre bon, ja nel desdiron 
Riens qui vos plesse." — „Est il issi?" 
„Oil." Donc esloignez de ci 
Si me menez par ca entor 
Issi que nos aions la tor 
Entre la nef et la cite. " 
Cil qui veulent estre aquite 
De la mort, tries la tor s'en vienent 
c pg. 145 La s'arestent et tant s'i tienent 
Que misire Gauvains descent 
Dedenz la nef, lor furent ccnt 
Por li giant euer qu'il ont es cors 
Qui valent mieuz que nus tresors. 
Lor armes ont; ainz qu'il se meuvent 
Ont dit as mariners, si truvent 
Terra nule la entor pres — 
Mes au plus tost les meteut hors 
Et eil qui se dotent de cors — 
Donc n'i out plus — 
Issi corent et ont coru 



310 Raoul de Houdenc's Mcraugis de Portlesguez. 

fol. 149c = pg. 14 5 Sus la coste en la basse mar — 
La terra, tant qu'il onf passee 
La mer et trestot le pais — 
Et tant qu'il ont terra trovea — 
Da Handitou. — 
Mes trop se hastarent I pou 
A l'ariver — 
II entrerent si roidement 
El havre qua la nef sailli 
Sor une rocha, lors croisi — 
d pg. 146 Droit a la mer. Quant il vint la — 
Come prudom de sa parole 
Lor abandone quanqu'il a 
Quar molt li plest,' grant joie en a ; 
Tost les mena a son recet. 
Quant Meraugis fu la, il fet 
Son duel. Por coi? c'est per s'amie. 
„Qu'est ce? fet il, ge ne Tai mie; 
Ou est? coment Tai ge lessie? 
Oil, par tens m'est esloignie, 
Par tens ai ge la donc perdue 
pg. 147 Oil!" Lors se refiert et tue — 
Non; qu'en diroie? ce n'avint. 
Mi sire Gauvains qui le tint — 
Ausi come entravers l'enportent — 
Les herberja la nuit si bien 
De tot en tot qu'il n'i faut rien 
Que nus ne puet penser ne dira — 
Qui s'escrie, r'a pas bon tens — 
En est tot corrociez et plains 
De mautalent por poi n'esrage 

fol. 150 a =pg 148 Come par force le fönt trere 

Au raenjier, mes il plus n'en ont — 
Lava matin ; quant fu lave 
Apres ce que il ot lave, 
Au moster vet — 
A mon seignor Gauvain parier. 
,.Vez, fet Gauvains, qu'est ce, beau sire? 
Ou irez, que vondrez dira ? — 
Joie n'a sejor ne serai — 
Qu'el cuida que ga soie ocis — 
Prison qui tant par ert hontosse — 
pg. 149 Est vostre que vos l'avez conquisse — 
L'espee as renges marvelloses 
Et vos iroiz da l'autre part — 



Raoul de Iloudenc's Meraugis de Portlesguez. Sil 

M. 150b = pg. 149 vos chasti li deuz — 
Bien sachiez — 
Ja sor moi nos i covendroit — 
Itant voil que de moi sachiez 
Qua ja I. nuit n'i gerrai. 
Que ferai donques? — 
pg. 150 Et se ge puis par home aprendre — 
Meraugis respont lors — 
Se ge en cor repeire avant 
Que vos, I nuit i gerrai — 
Si Tont graante — 
Lors n'i a plus, au conte vont 
Congie prendre et moult li ont 
Prie des IUI niariners, 
Et li quens qui fist volentiers 
Lor priere, respont atant 
Des mariners, ja mar avant 
Iront, il lor dorra asez 
II les retint et a fievez 
Per lor amor et enpres — 
Si lor done, il les ont pins 
Si'l Ten mercient, puis s'armerent. 
Au departir, quant il monterent 
c pg- 151 S'entrebeisent et comandent 

A Deu; or ont quanqu'il demandent 

Et chevauche chascuns sa voie. 

De Meraugis se ge savoie 

Vos diroie come il avint 

II erra tant qu'&n maint leu vint. 

Que demande? La cite quiert 

Sanz non, par tot cerche et enquiert 

A la cite sanz non la voie. 

Que chaut ? que nus ne Ten avoie 

Qui de boche sache parier 

Ne nus li out demander 

La voie a la cite sanz non 

Qui s'en face se gaber non. 

Que vos diroie? asez puet querre 

Que james ne verra la terre. 

Issi a Meraugis ovre 

Toz jorz quis et noient trove — 

Par maltalent regarde amont 

Et fet duel, james n'orriez tel 

Et dit que Dex n'a riens en chastel, 

Que toz les biens avoir deusses 

Dont tu conforter me peusses 



312 Raoul de Houdenc's McraugU de Portlesguez. 

fol. 150c = pg. 152 Qui sui toz seus. Nenil por voir 
Paradis ? oil ! donc n'i ont 
Quanqu'il volent cii qui i sunt ? 
Et se ge i estoie orendroit 
Dedenz ou Lydoine i seroit 
Ou tuit eil qui dedenz seroient 
N'auroient pas quanqu'il vodroient. 
N'auroient? non, ce m'est avis, 
Sanz li n'a Dex nul paradis 
Qui me pleise que donc m'amie. 
Ce voil. Que chaut? Dex ne veut mie 
Que ge l'aie, mes que autre l'ait. 
Bien la doit perdre qui la lait; 
d Ge la leissei." — 

(Unsere Handschrift bietet einen verderbten Text: siehe 
die richtige Fassung in Michelant's Ausgabe.) 

pg. 153 Issj est irez en alant 

De duel et itel mautalant 

A il le jor X foiz ou XX. 

Tant que orendroites li avint — 

La ou Moranz de Quasseiz 

Estoit la matinee au guet 

Et voit que li Chevaliers fet 

Com eil qui ore est en sore. 

Lors dit Moranz: „Cil m'a tort sore!" 

II s'eslesse, por joster meut, 

Meraugis que li duel esmut 

Ne se regarde, toz jorz point — 

Lors s'en vet et Moranz pecoie — 

Meraugis qui fu apensez — 
pg. 154 Si comence la bataille — 

Tant que par devant eus issi — 
fol. 151 a Qtii aura tant Meraugis quis. — 

Meraugis si passa 

A lui et dit — 

Li quex de nos fust plus forz — 
„Se g'ere morz 

Sivriez le?" — «Oil, par foi 

Por ce que gel he plus que toi. 

Lors respondi eneslepas 

Moranz qui auques estoit las 

Et bien conut L'Otredote 

Si en a celui plus dote 

Et bien seit as fez et as diz 

Qu'il estoit pruz et hardiz. 



Raonl de Hoiulonc's Mcraugis de Portlesguez. 313 

fol. 151 a = pg. 154 Lors dit: „Sire, se vos volez 
Aler apres, vos irez, 
Se vos i avcz meillor droit, 
Ja endroit nioi ne remaindroit." 
„Et ge irai donc, fet Meiaugis, 
Apres, que ge l'ai lonc tens quis." 
pg. 155 Moranz ariere tant tost torne 
Au bois, ot Mt'raugis s'entornc 
Apres le Chevalier qu'il het. 
Les voies (sie) iert granz, par itant set 
Quel part il vet et sieut la trace 
Des pas et toz jorz le manace — 
pg. 156 Li mur de sore et H carrel 
Erent de niarbre tot entor; 
Devant la porte outre la tor 
Vint Meraugis si s'aresta 
b Devant la porte et dit qu'il voit 

Qu'en mileu de cel leu avoit — 
N'avoit que I. sol Chevalier 
Ilec por la joie espeiser — 
L'escu au col, cainte l'espee 
Ausi com por lui desfendre 
Si dit orendroit sans plus atendre — • 
pg. 157 Molt li fu tost ce qu'il pensa — 
Orendroit quant il iert la hors — 
Le Chevalier que il haioit — 

oblie 
Totes choses, neis s'aniie — 
c pg. 158 Hors de la porte; quant i fu 
La hors si ra lainz veu — 
Par ses armes, sout que n'iert rien 
Cui hahit autant come lui — 
La ou ge voi. Dex ! que ferai ? — 
Tot autre rien fors cest meschief — 
Et dit que james de cele place 
Ou il estoit ne se movra — 
Hors dau chastel; ce est noienz 
Que Meraugis qui fu laienz — 
Chevalier n'i atent mes goute 
pg. 159 Por home, se ne fust la fains; 

Menjier covient, c'est del mains — 
Mes il n'est pas trop demorez — 
Issi fetement l'a assis 
Que dit que james n'en movra — 
De coi vos feroie lonc conte? — 



314 Raoul de Houdenc's Meraugis de Portlesguez. 

fol. 151 d=pg. 159 Vos avez oi qu'ele vint 

La premere miit chies Amice 

(Mich, schreibt hier Avice, obgleich pg. 140 Anice steht.) 

pg. 160 Pramist et tant fist a s'ostesse — 
Ne fist pas longue demoree 
En la terre, ainz s'en parti — 
Lors par pechie l'a encontree — 
Belchis qui toz les mauz apointe 
Fu granz et durs et sers et magres, 
Moiilt estoit hardiz et egres 
En bataille et en efForz; 
Riches chasteaus et beles tors 
Tint asez pres Descavalon. 
Bien resemble terre a baron 
Sa terre, tant a fet par tout 
Qu'il n'a veisin qui ne dout. 
Quant Belchis choisit et conut 
Lydoine, vers li corut 
Si l'a saluee et dit: Dame — 

(Lüclie von 12 fol. = pg. 161—236.) 

ful. 152 a= pg. 236 vos eslirez — 

pg. 237 je vos jura ainz 

Feute contre toz sor sainz, 
La vos jure contre toz homes — 
Plus c'onques defreement - — 

n'est pas de petit — 
Que j'en puis enchierer — 
Et plus encor ferai venir 
Toz ceaus qui cainz sunt o moi — 
pg. 238 Belchis li dit : A vos feront — 
Ce me serobleroit — 
En besoigne — 
b de bone volente — 

Cil la jura moult a enviz — 

tant l'en proia — 
qu'il la jura — 
pg. 289 Qu'a moi ma force — 

Lors ont trestuit grant joie eue — 

Cil en seront tuit coars — 

A l'endemain — 

sunt aserable — 

qui les guie — 

joste lui fu sa compaignie — 

tresqu'il virent — 



Raoiil de Houdcnc's Meraugis de Portlesguez. 315 

fol. 152 b = pg. '239 Avaler, ses ont encontrez 

Miilt bien, mes eil ont toz outiez 
c pg. 240 Ilec les encontra 

Gorvains qui a l'asembler josta 
A Meraugis, et eil que fist? 
Tantost conie Meraugis vit 
En mi les sons s'est eslessie 
Vers liii et Gorvains a lessie 
Cheval corre si l'entreront 
Com sil qui desiranz sunt, 
Des cors, de piz et de chevax 
S'entrencontrerent les vassaus 
Si durement que contreval 
Chai Gorvains soz son cheval 
Enmi la presse, au remonter 
Veissez maint Chevalier hurter 
Et maint Chevalier abatu. 
Tant se sont ilec conbatu 
Que eil de la bataille le roi, 
Plus de III. Cent en un conroi 
Qui heent mon seignor Gauvain, 
Lors saillent des tentes a piain 
Coru a la bataille rengie — 
pg. 241 Arriere de l'ost et s'en retornent 
Sor eeaus si les convoient ferant 
d Dreit au tref et eil qui devant 

Les eneontrerent en cel estor 
Furent estraint com enpressor — 
Qui par devant qui par desriere 
Lor vindrent — 

por rompre la presse 
Gavains qui mult est pruz et cointe 
Lor fist une moult riebe pointe — 
pg. 242 Belchis qui onques bien n'ama 
Li dit — 

Si mes nombrez — 
Tex i ot quil jurent 
Molt volentiers, ceaus ne se mnrent 
fol. 153 a Et eil qui pas n'ont jure 

Furent en la prison mene 
Belehis les dement, les demaine — 

cel jor eu, 
Lydoine ot de la lor veu — 
pg. 243 Qui a si Gorvains abatu — 
Poor; de poor deustes — 



316 Raoul de Houdfiic's Meraugis de Portlesguez. 

fol 153a = pg. 243 uns fox avilez, 

Cist est si beaux et si bien fez, 
Et si prenz ; eil ne senible a l'aiitre 
Ne plus qua ivoire semble a fautre — 
Que nos savon bien entre nos — 
Qu'ausi come ge dui raorir — 

b pg. 244 Voirs est qu'il s'entrevirent lors 
pg. 245 Beaux amis et eil bele amie 
Issi furent tot a leisir, 
Lors ne puet plus Belohis sofrir 
Ne endurer que poi s'en faut — 
Avoi, fet Meraugis, meroi — 
Par force, se vos graanter ne volez — 
Tu prendras, nies je pren toi. — 

c pg. 2 46 Saillent as armes — 

Conire oestui a poi des vos — 
Que mi poers iert vers lui — 

Atant se tout 
Belchis qui n'ose dire mout — 
pg. 247 Rendez li que grant duel n'en aient 
Ainz est por ce qu'il savoient 
Que plus force avoit Meraugis 
Que eil qui jui furent pris 
La hors et Melianz de Liz 
Et Gauvains qui tuit sunt garniz 
De la noeslee — 
Por ce H prient — 

quar je Tai 
De Cent autre chose ferai 

d Par tot son voler et ses bons. 

II est mes hons, ge serai sons 
S'il veut, por devenir amis, 
Et osterai ses anemis 
Et lui amenderai sa terre 
Qui essillee est por la guerre 
Meraugis, n'i covient plus dire, 

, Ge la vos cuit. Granz merciz, sire. 

pg. 248 Apres s'en vont entrebeisier 
Que Belchis n'en ose grocier 
Ne si parent, no fet la dame. 
Cui chaut? Meraugis a la femmc — 
Par desus le mur tantost 
Ala dire en Gorvain en l'ost 
Qu'issi iert. Quant Gorvains entent 
La verite, plus n'i atent 



Raoul de Houdenc's Meraiigis de Portlcsguez. 317 

fol. 153 d= pg. 248 Ainz s'en torna et si s'en vot — 

Gorvains s'en vet come a besoing 

Et fii aincois II. lieiics loing 

Que li Chevalier de la table 

En seurent riens veritable 

Et que fist misire Gauvains ? 
pg. 249 Au matin trestot primiers 

Issi hors por aler a ans 

Lui et Meraugis ens deus 
fol. 154 a Lor distrent tot et qnant il sorent — 

autant por tant 

Graignor que nus ne porroit dire 

Jurent ou chastel cole luiit — 

Si est garniz que trestot done 

Cele nuit qnanque lor covient. 

Atant es vos qu'a la cort vient — 
pg. 250 Qui a Escavalon saissi. 

Mes se tu eres si hardi 

Qu'en champ le vosissez conquerre 

Cors a cor.«, en seroit la guerre — 

Seit ceste guerre definee. 

Or seit la bataille ajornee, 

Ge mourai demain sanz sejor — 
b pg. 251 Ele s'en vet — 

Con oil qui en grant joie maint — 

Issi a joie, cele nuit 

Passerent et que vos diroie? 

L'endemain se met — 

Molt maine bele compaignie. 

Li baron qui ovec lui erent 

Vont o lui, tuit le convoierent — 

Que la bataille i devoit e.'^tre — 
pg- 252 dont L'Outredotez 

L'oil li oreva — 

Par foi, dist li rois, ce rae semble — 

Ja par moi n'iert respoitie. 

Alon au champ. Atant s'en vont 

Enmi les prez 
c pg. 253 Des lances 

S'entremainent si a un fes 

Que tot brisent. De piain esles 

8'entrebatent, mes en poi d'ore 

S'entrevont as espeies sore. 

Qu'en diroie? La lor bataille 
• 8i fu la plus cruex sanz faille 



318 Raoul de Houdenc's Mei'augis de Portlesguez. 

fol. 154 c = pg. 254 Qui onques fii en champ deduite — 
Meraugis a l'autre conquis 
Et por ce qu'il fu sis amis 
Tantost li dit: „Ta compaigne 
Gorvains! ainz que perdez vie — 
Por ce que fus ja mi compainz — 
Que puissance en auroie — 
Et la pucele bonement. 
Adonc firent le serement 
De tenir bone compaignie. 
Meraugis esposa s'amie. 
Le jor raaine a Cantorbire 
Devant le roi et tot l'enpire, 
Et fu puis rois d'Escavalon, 
Moult furent lie li baron 
De la terre et bien la maintint 
Jusqu'en la fin le jor avint 
Que Meraugis ot cele prise. 
Amice qui fu bien aprise 
Vint a cort. Lydoine li dist, 
Moult grant hanor pas ne me fist 
Lydoine qui tant porchaca 
Que Gorvains Cadruz Tesposa 
Et la maintint a grant anor, 
Enlre eaus IUI out grant amor 
Et moult furent ami certain, 
Se Meraugis ama Gorvain 
Et Gorvain lui plus qu'il ne sent 
pg. 255 Que ne ai dit, si die avant. 



Spruch buch 



der 



jungen Pfalzgräfin Anna Sophia, nachherigen Aebtissin 
von Quedlinburg, vom Jahre 1630. 

Mitgetheilt 



C. Schulze. 



Anna Sophie war die Tochter des Pfalzgrafen Georg Wil- 
helm bei Rhein aus dem Hause Birckenfeld und der ersten 
seiner drei Gemahlinnen , der Gräfin Dorothea von Solms- 
Sonnenwald, und wurde am 2. April 1619 geboren. Die Mutter 
starb, als Anna Sophie kaum sechs Jahr alt war, und der Vater, 
durch die hochgehenden Wogen des dreissigjährigen Krieges 
oft hin- und hergetrieben, mag wohl genöthigt gewesen sein, 
die geistige Pflege seines Kindes sorglichen Händen anzuver- 
trauen. Diese Hände müssen treu gewirkt haben, dafür scheint 
zum Theil schon die unten folgende Sammlung lateinischer und 
deutscher Sprichwörter, welche für die elfjährige Schülerin im 
Jahre 1630 alphabetisch aufgezeichnet wurde, Zeugnis abzu- 
legen. Es befremdet nicht, dass die lateinische Sprache damals 
ein Unterrichtsgegenstand für fürstliche Töchter war. Unter 
den vielen Beispielen klassischer, besonders sprachlicher Bildung 
bei Fürstinnen des 17. Jahrhunderts erwähne ich nur Sophie, 
Herzogin von Braunschweig, ihre Schwester Louise, und vor 
allen ihre Schwester Elisabeth, Aebtissin von Herford, eine 
Freundin ijnd Anhängerin des Descartes , welche alle drei die 
lateinische, englische, französische, italienische, spanische und 



320 Spruchblich der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia. 

holländische Sprache erlernt hatten. Für die sorgfältige Er- 
ziehung Anna Sophia's zeugt aber auch noch der Umstand, 
dass sie 1643, bei einer Besuchsreise zu ihrer Verwandten, der 
verwittweten Gräfin von Schwarzburg, durch ihren frommen 
Sinn und durch ihr verständiges und bescheidenes Wesen auf 
die dort anwesende Aebtissin von Quedlinburg, Dorothea Sophia, 
einen solchen Eindruck machte, dass sie von dieser zu ihrer 
Coadjutorin erwählt wurde. Nach Verlauf von zwei Jahren, 
1645 den 15. Juli, wurde sie als siebente evangelische Aebtissin 
des Stiftes eingeführt (die erste war Anna von Stolberg 1515), 
welches Amt sie bis zu ihrem Tode 1680 den 1. September 
mit Eifer verwaltete. Sie war ihrer Zeit nicht die einziije ge- 
lehrte Dame des Quedlinburger Stiftes ; unter ihr stand als 
Pröpstin die nachherige Aebtissin Anna Sophia, Landgräfin 
von Hessen , ebenfalls in den Sprachen und in der Theologie 
wohl bewandert, Verfasserin des Buches „Der treue Seelen- 
freund Jesus" (Jena 1658), (vgl. Buddei lexicon I, 149.) 

In den Schulen des 16., 17. und noch des 18. Jahrhunderts 
war es allgemein Brauch, den lateinischen Unterricht unter An- 
wendung von Sprichwörtern zu ertheilen. Ohne Zw'eifel hatte 
Erasmus durch seine von 1500 bis 1759 in zahlreichen Aus- 
gaben erschienenen „Adagia" hierzu und zu der Abfassung 
ähnlicher und der Schul- Sammlungen von Vergilius, Murmel- 
lius, Manutius, Tappius, Neander, Lange, Buchler, Gerbert, 
Seybold, Schonheim, Hauptmann etc. den ersten Anlass ge- 
geben. Das Gefallen der gebildeten Stände an Spruchweisheit 
wurde durch alle diese Schriften, wie das des gemeinen Mannes 
durch die weitverbreiteten Volksbücher Agricola's, Franck's, 
Lehmann's und Zincgreff's ausserordentlich genährt und wach 
erhalten. Auch bei Anna Sophia von der Pfalz scheint eine 
grosse Vorliebe für das Sprichwort Wurzel gefasst zu haben. 
Aus den wenigen Angaben über ihr Leben (F. E. Kettner, 
Kirchen- und Keformationshistorie des kayserl. freyen weltl. 
Stifts Quedlinburg etc. Quedlinburg 1710. 4^) entnehmen wir, 
dass sie unter anderen die Sprichwörter: „Bei Gott ist kein 
Ansehen der Person" (Rom. 2, 11 ; siehe biblische Sprichw. 
Nr. 251) und „der Mensch denkts, Gott lenkts" (Lysthen. 
geistl. Sprüchw. Nr. 77 v. J. 1638) oft im Munde führte. 



Spruchbuch der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia. 321 

Beide Sprichwörter finden sich in ihrem Spruchbuche unter 
Nr. 263 und 314. Mit Bezug auf den Umstand, dass sie in 
einem von der Pest heimgesuchten Gasthause unangesteckt über- 
nachtet hatte, pflegte sie zu sagen: „Was Gott will erquicken, 
mag keine Pest ersticken", eine Nachbildung des Sprichworts 
bei S. Franck „Wann vns Gott will erquicken, kann vns nie- 
mandt verdrücken" (auch bair. Sprichw. 203 und mit dem 
Reime „ersticken" bei Simrock Nr. 3852). Ihr Wahlspruch 
(symbolum) „Was Gott will, ist mein Ziel" findet sich, fast 
ebenso lautend, in Simrock's Sammlung Nr. 3906: „Gottes 
Wille sei mein Ziel". Auf Münzen, die sie schlagen Hess, 
setzte sie ebenfalls Sprüche. 1677 Hess sie Thaler ausmünzen 
(Madai 973) mit dem Spruche: „Wer nach dem Eitlen tracht 
vnd Gottes Wort veracht, bestraft des höchsten Macht", welche 
Worte wol auf der Aebtissin Rechtsstreitigkeiten mit der Stadt 
Quedlinburg zielen sollen, ebenso wie in der Abbildung des 
Reverses, ein vom Blitzstrahl getroffener Thurm , eine Bezie- 
hung; zu dem im Jahre 1662 vom Blitze beschädigten Markt- 
kirchenthurme zu finden sein dürfte, nach damaliger Glaubens- 
ansicht eine Strafe des Himmels. Ferner liest man auf Gulden, 
Drittelthalern und Groschen der Aebtissin von 1676 (Madai 
3464 und Leitzmann numismat. Zeitg. XVI, 130. 131) den 
Spruch: „Beschaw das ziel, sage nicht viel". 

Freilich scheinen die in vorliegendem Tirocinium verzeich- 
neten Sprüche nicht immer auf die Bildung des sittlichen Ge- 
fühls und des Charakters der Gräfin von dauerndem Einfluss 
gewesen zu sein ; denn obschon man ihre Grossmuth , ihren 
Gerechtigkeitssinn und ihre Thätigkeit während ihrer Stifts- 
regierung rühmend anerkennen muss, so ist sie doch von Rach- 
begierde und Händelsucht nicht ganz frei zu sprechen , ebenso 
wenig von dem Vorwurfe des Ehrgeizes, der sich bestrebt, alles 
selbst dm'chzusetzen , doch dabei nicht immer eigener Ueber- 
zeugung folgt. Ihre Händelsucht scheint sich allerdings durch 
den Widerstand, den ihr der Kurfürst von Sachsen und der 
Magistrat zu Quedlinburg entgegensetzten , erst aHmälig aus- 
gebildet zu haben. 

Nun noch einiges über die in meinem Besitz befindliche 
Handschrift selbst. Sie bildet einen aus 284 Blättern, also aus 

Archiv f. n. Sprachen. LIX. 2X 



322 Spruchbuch der jungen Pfalzgrätin Anna Sophia. 

36 Bogen Schreibpapier bestehenden Pergameutbantl in 8", mit 
zwei Paar Schnürbändern. Auf dem ersten Blatte finden sich 
die Worte: Quinque sunt hominis sensus externi 1. visus. 
2. auditus. 3. olfactus. 4. gustus. 5. tactus, eine Aufschrift, 
die den rein pädagogischen Charakter der Sammlung unzweifel- 
haft erkennen lässt, ebenso wie die auf dem letzten Blatte ver- 
zeichnete Oratio dominica und das Syrabolum fidei ; und kind- 
licher Pietät entsprungen erscheint das kleine Epigramm auf 
dem vorletzten Blatte, welches dem aus den Wirren des dreissig- 
jährigen Krieges zurückkehrenden Vater gewidmet ist : 

Ut miles rediens e lucta plaudit acerbä, 
sie mens exultat nunc mea, chare pater ! 
nam redis ex variis, Christo comitante, periclis, 
qua propter salves : salvus et esto diu ! 

Auf dem dritten Blatte beginnt die alphabetisch geordnete Samm- 
lung lateinischer Sprichwörter, Sentenzen und Sprüche, denen 
jedesmal eine deutsche Uebersetzung oder Umschreibung bei- 
gefügt ist. In den Schriftzügen lassen sich drei Verschieden- 
heiten erkennen. Die unter jedem einzelnen Buchstaben des 
Alphabets beginnende erste Handschrift (A.) ist die älteste und 
ist bestimmt der Besitzerin des Buches zuzuerkennen ; denn sie 
stimmt in allen Einzelnheiten, selbst in dem Scbwärzegrade der 
Dinte überein mit den auf der inneren Seite des unteren Deckels 
sich vorfindenden Worten „Anna Sophia, Pfalzgräuin 1630". 
[In der Unterschrift ihrer Capitulationsurkunde vom Jahre 1645 
nennt sie sich: geb. Pfalzgräfin beim Rhein, Plerzogin in Bergen, 
Gräfin zu Veldenz und Sponheim.] Hübner's genealogische 
Tabellen weisen nun aus dieser Zeit keine andere Pfalzgräfin 
Anna Sophia auf, als diese , und nach den oben gemachten 
Mitteilungen vereinigt sich alles, um der Aebtissin von Qued- 
linburg dieses kleine Sententiarium zuzusprechen. 

Die Schriftzüge der zweiten und dritten Hand lassen eine 
kräftigere Führung der Feder erkennen. Die Schrift zweiter 
Hand (B.) stimmt mit dem Vermerk auf der inneren Seite 
des unteren Deckels überein: „415. pridie cal. sept. 1632. 
31. Augusti" — , ein Beweis, dass das Buch damals in Reih 
und GHed einer Bibliothek gestellt wurde. Die Schrift dritter 
Hand (C.) ist jünger, markiger, deutlicher, gefälliger. 



Spruchbuch der jungen Pfalzgrafin Anna Sophia. 323 

Die Fassung sehr vieler deutscher Sprichwörter dieser 
Sammlung ist oft so eigentümlich und so volkstümlich , daes 
ich es für vollkommen geboten erachte, das interessante Büchel- 
chen in unserer den Sprichwörtern sich zuwendenden Zeit hier 
mitzuteilen. Ich unterlasse hierbei den Abdruck der lateinischen 
Sprüche, als deren Quellen nächst der Bibel (39 Sprüche) die 
alten römischen Classiker in den Vordergrund treten, am meisten 
unter ihnen Ovid (mit 24 Nummern), Horaz (23), Publ. Syrus 
(22), Cicero und Plautus (je 18), Terenz (10), Juvenal und 
Seneca (je 5). Auch Neulateiner (Owen, Vegetius , Prosper, 
Cognatus, Lucanus, Mantuanus, Novarinus, Claudian) und grie- 
chische Schriftsteller (Plutarch, Aristoteles, Plato, Theokrit etc.) 
sind vertreten , ebenso die Kirchenväter (TertuUian, Origines, 
Augustin, Bernhard, Hieronymus, Gregorius). Auch ein Spruch 
Luther's (400) ist aufgenommen und ein Monostichon aus der 
Sammlung Zuber's, eines Landsmannes der Anna Sophia (353). 



L A. 

1. Der Anfang soll von Got sein. (Agricola 1.) 

2. Wie die alten sungen. 

So zwitzerten die Jungen. (Ovid, nach Binder.) 

3. Früestund hat gold im Mund. (vgl. Gruter II, 8.) 

4. Jung gewohnt, alt gethan. 

5. Meine hülfF kompt vom Herrn, der Himmel vnd Erde gemacht hat. 

(Psalm 12L) 

6. Betrübte Leut soll man nicht mehr betrüben. 

7. Wenn man den Bogen zu hart Spannt, so zubricht Er. 

8. Ein geitziger hat nimmer genug. 

9. Weisstu nicht, dass die könige vnd grosse Herrn lange bände 

haben vnd weit langen ? 

10. Die vntugend wird genehit vnd lebendig, wenns verdeckt vnd ver- 

heelet wird. (Virg. Aen. III, 454.) 

B. 

11. Ein guter Hird soll die Herde scheren vnd nicht schinden. 

12. Stehende gab ist eine zwifache gab. (EgenolfF 27a.) 

13. Wurst wider Wurst. 

21* 



324 Spruchbuch der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia. 

14. Wer wolthat annimmt vnd Ihm dienen lesst, der verkaufft damit 

seine freiheit. (Publ.) 

15. Einen frommen Menschen verzärtelt Got nicht, sondern vbet vnd 

prüfet ihn. 

16. Wann der schimpff am besten ist, so soll man aufFhören. 

17. Wer böser Leut schonet, der scbadt den frommen. 

c. 

18. Glaub mir das, wer wol verborgen gelebt, der hat wol gelebt, vnd 

ein jeder soll innerhalb seinem Stand bleiben. (Egenolff 40 a.) 

19. Ein Kranker, der vnmessig lebt vnd vngehalten ist, macht einen 

hefftigen Artzt. 

20. Kein ehrlicher leidet schmach, vnd kein tapfFerer Mann thuts. 

E. 

21. Irren ist menschlich. (Büchmann 113, der aber auch bei Nach- 

weisung des Sprichworts menschlich irrt.) 

22. Vbung und fleis vermag alles. 

23. (Agricola 37.) 

24. Gross geschlecht vnd lugend, wo nicht geld vnd gvet darbei ist, 

wird geringer geachtet, alfs das meergras. 

25. Aus des andern vntugend verbessert ein weiser die seine. 

26. Plaut, capt. 

F. 

27. Das Glück gibt viel zum Gebrauch, zum eigenthumb nichts. 

28. Wir können, wann wir gesund sind, krancken leuten gar leichtlich 

räthe geben. 

29. Was geschehen ist, lesst sich nimmer endern. (EgenolflF 45 b.) 

G. 

30. Eine Wolthat verursachet die andere. (Egenolff 18 a.) 

31. Ein reudig Schaff macht eine gantze Herd reudig. 

32. Man hats grofse schuld (es ist vbel gethan) sagen, was man ver- 

schweigen soll. 

I. 

33. Wer den zorn vberwindel, der vberwindet den grösten feind. 



Spruchhuch der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia. 325 

L. 

34. Wenn man den wolff nennt, so kompt er gerennt. 

35. Horat. A. P. 365. 

36. Ein Stein, den man offt weltzet, wirt nimmer Mosicht. (Nach 

Erasmus aus dem Griechischen.) 

M. 

37. Vnsere hände haben äugen, sie glauben, was sie sehen. 

38. Gar schwerh'ch vnd mit gröster gefahr wird verwahret, der vilen 

gefeilt. (EgenolflF 154a.) 

N. 

39. Einem weisen gebüret nicht zu sagen : „Ich hatte es nicht gemeint." 

40. Der Neid lefst von der tugend nicht. (Simon, Gnom. 340.) 

41. Das schweigen schadt niemand, das reden schadt. 

42. Es hilfFt nichts den stall zumachen, wenn das vieh heraus ist. 

(Mantuanus.) 

43. Durch viel zancken wird die warheit verlohren. (EgenolfF 154 b. 

Publ. Syr. 475.) 

44. Es nutzet nichts, wol gelernet haben, so du auff hörest wol zu thun. 

45. Wer kegeln will, mus aufifsetzen. 

o. 

46. Ein Narr macht zehn Narren. 

47. Er ist klug allen rath vnd that zu geben , ihm allein aber weis er 

nicht zu rathen. 

48. Viel äugen sehen mehr denn eines. 

49. Das werck lobet den Meister. (EgenolfF 8 a.) 

50. Alle menschen sind lügner. (Agric. 17.) 

51. Ein arbeiter ist seines lohns werth. (Luc. 10, 7. bibl. spr. 203.) 

52. Wenn das Ende guet ist, so ist alles guet. 

53. Die gelegenheit macht einen Dieb. (Hoffmann 8, 88.) 

54. Hunger ist der beste Koch. (Egenolff 27 a.) 

55. Aller guten Dinge müssen drei sein. 

56. Sehen gehet für Hörnsagen. 

57. Der letzt bein haaren. 

58. Zusagung macht schuld. Ein Wort ein Wort. Ein Mann ein Mann. 

59. — 



326 Spruchbuch der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia. 

P. 

60. Fromb sein schadt nicht. (Simon Gnomolog. p. 382.) 

61. Verbrennts kind fürchtet das feuer. (Franck 16 a.) 

62. Nach dem regen scheinet die Sonne : au ff leid folgt freud. (Egenolff 

42 b. Seybold p. 451.) 

63. Man tritt den Wurm so lang, bis er sich krümmt. 

64. Wir sind Staub vnd wie ein Schatten. 

65. Gedult hat selten schaden gebracht. 

66. Juncker gelt 
Beherscht die weit. 

67. Eigen lob stinckt gern. 

68. Der stärckeste schiebt den schwächern in den Sack. 

69. Frombkeit wird gelobt, bleibt aber wol vor den Icuten, gneufst aber 

nicht viel. (Eiselein 190.) 

70. Die gotseligkeit hat gewisse belohnung. 

71. Gute wahr findet leichtlich einen käuffer. 

72. Wir müsfen nur leiden, was vns der thut, der vns zu mächtig ist. 

Qu. 

74. Je höher wir sind, Je demütiger sollen wir vns erzeigen. 

75. Was bald wird, das vergehet auch bald. 

76. Was du thust, das thue mit bedacht vnd siehe aufF das Ende oder 

ausgang. 

77. Was du wilt, dafs man dir thun soll, das thue du einem andern 

auch nicht. 

78. Lang geborgt ist nicht geschenckt. 

79. Aus den äugen, aus dem Sinn. 

80. Wer nicht vbersehen vnd vberhören kan, taugt zu keinem Re- 

genten nicht. 

81. Mit Schaden wird man klug. 

82. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. (II. Thessal. 3, 10. 

bibl. sprich. 276.) 

83. Wer sich gern in gefahr gibt, der verderbet drinnen. (Eccles. 3, 27. 

bibl. sprich. 140.) 

84. Was man mit rhue vnd arbeit nicht lesft vmbwechseln, hat keinen 

bestand nicht. (Volksmund: Was nicht rastet vnd ruht, thut 
in die Länge nicht gut.) 

85. Der krueg gehet so lang zum Wasser, bis er bricht. 



Spruchbuch der juiisren Pfalzgrafin Anna Sophia. 327 

86. Wer fleisfig lernet, begert aber nicht höfflicher zu werden, der 

ist doch vngeschickt. 

87. Wer etwas haben will, der miis sich zuvor darumb bemühen. 

88. Gut ding Avill weile haben. 

89. Es ist nichts so klein gesponnen, 
Es konipt letzlich an die Sonnen. 

90. 

91. Wer stirbt, ehe er stirbt, stirbt nit, wann er stirbt. 

94. Wenn sich grosfe Herrn rauffen , so müssen die vntcrthanen die 

haar darzu leihen. 

R. 

95. Wie der Herr ist, so sind auch die Vnterthanen. 

Oder: wenn der Apt die wirffei aufwirfft, so hat das Convcnt 
macht zu spielen. 

96. Recht vnd vorsichtig soll man handeln, 

97. Hin ist hin : was nimmer zu erlangen ist, da soll man nicht mehr 

vmbsorgen. 

98. Die wurtzel vnd anfang der Studien ist bitter, aber die fruchte 

sind süsfe. 

99. Guet findet vnd hat freund. 

s. 

100. Hoffnung lesft nicht zu schänden werden. 

101. Den Elenden gibts einen Trost, wenn sie nicht allein leiden, son- 

dern gesellen ihres Elendes vnd creutzes haben. 

102. Gleich vnd gleich gesellet sich gern. 

103. Ist Gott für vns, wer mag wider vns sein. (Roman. 8, 31. 

Erasmus vnd Agricola.) 

104. Lust zu einem Ding. 
Macht alle arbeit gering. 

105. Vmb gelts vnd guts willen wird viel Thorheit begangen. (Richtum 

mag Torheit wol leiden. Tschudi.) 

106. Ohn Gottes segen, waffe vnd schütz. 
Ist der mensch nichtig vnd vnnutz. 

107. Wartte deines beruffs, darin dich got gesetzt. 

108. Wenn man allererst sparen will, wenns auff die neige kommen 

ist, so ists zu lang geharret. 

109. Narren werden nicht ehr klug, als mit ihrem schaden. (Ege- 

nolflF38b.) 



328 Spruchbuch der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia. 

110. Leid vnd meid. 

111. Die alten sind zweimal kinder. (Egenolff 63a.) 

112. Allzuscharff macht schartig. (Egenolff 123 b.) 

114. Einem Jeglichen gefeilt seine weise wol. (Franck 68 b.) 

115. Es ist besser, gewalt leiden, denn thun. 

116. Got kann wol einem eine Zeche borgen. 

117. Wer einem andern andacht machen will, der mus sie von erst 

selber haben. 

118. Wer recht thut, der hat genug Gönner. 

119. Wer eines pfennigs nicht achtet, der wird keines güldens Herr. 

120. Das alter gibt erfahrung. 

121. — 

122. Wer dem schuldigen vberhilfft, der macht sich der schuld theil- 

hafftig. 

123. Ein Jeglicher hat seine weise. 

T. 

124. Eine gute sache mus doch endlich gewinnen. 

125. Wenn deines Nachbarn haus brennt, so Flastu zeit zu löschen. 

126. — 

127. Mit stillem schweigen verantworttet man viel. 

128. Was dich nicht brennt, das soltu auch nicht löschen. 

129. Ein Hund der erst billt. 
Beisft nicht so wild. 

130. Die Leut werden bisweilen hoch erhoben, das Sie desto schwerer 

nachmals fallen. (Agricol. 100.) 

131. Dem geitzigen fehlet so wol, was er hat, als was er nicht hat. 

(Agricol. 114.) 

132. So lang mus ein mensch lernen, so lang er ein ding nicht weis. 

V. 

133. Gottes wort bleibt evvig. (Esaiae 40. I. Petr. 1, 25. bibl. 

spr. 289.) 

134. Man kann die warheit nicht leiden, man wird einem feind drumb. 

135. Eine vSchwalb macht keinen Sommer. (Franck 58b.) 

136. Der einige Mensch Christus hat vns durch seinen Tod widerumb 

zurecht geholffen. 

137. Lasf dich an dem, was du bist vnd hast, begnügen. 

1 38. Tugend vergehet nicht, sie bleibt auch nach des menschen tod. 



Spruchbuch der jungen Pfalzgrüfin Anna Sophia. 329 

139. Man sol die zeit wol anlogen, es ist bald vmb solche geschehen. 

140. Das leben wird keinem für sein eigenthumb gegeben, sondern 

wird vns allen nur geliehen. 

141. Der bauch hat keine Ohm: von wortten wird niemand satt. 

142. Was zur nesfel werden will, das brennet bald. 

143. Vcxiren macht verstcndig vnd fleisfiges nachdencken. 

144. Was der mensch säet, das wird er auch erndten : wirstu guet 

kochen, so wirstu auch guet essen. 

145. Wie man lebt vnd sich helt, so hat man glück. 

146. Guet bier ruft sich selbst aus. 

147. — 

148. — 

n. A. 

149. Der Sieg kompt von Gott. 

150. Ein getreuer freund wird erkand in der noth. 

151. Der Geiz ist ein wnrzel alles vbels. 

152. Das Gestirn regirt die menschen, Gott aber regirt das Gestirn. 

153. Wagen gewinnet. 

154. Von gering zum hohen; wer hoch steigen will, der mues vnten 

anfahen. 

155. Es schlegt offt ein kleiner einen grosfen. 

156. Lieb vnd lust erreichet vnd lehrnet alle ding. 

157. Nach gethaner arbeit ist guet feyern. 

158. Keiner lasfe sich hinder andere leuth, der ihm selber rathen vnd 

helfFen, oder der der leuthe entrathen kan. 

159. Biedermanns erbe liegt in allen landen. 

160. Wo der zäun am nidrigsten ist, da will iedermann drüber hupfFen. 

161. Es ist kein schwerd, das scherpffer schürt, 
Als wann ein Bauer Edel wird. 

c. 

162. Ein guet gewissen nicht viel fragt. 
Was ein lügenmaul von ihm sagt. 

163. Der ein böfs gewisfen hat, meinet immer, was man rede, das sey 

von ihm. 

164. Christus ist mein Zuflucht. 

165. Böfs geschwetz verderben guete sitten. (1. Cor. 15, 33. bibl. 

sprichw. 266.) 



330 Spruchbuch der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia. 

166. Ein grausamer Tyrannischer Mensch ist der, der seinen gueten 

namen nicht achtet. 

167. Das gewisfen ist als tausent Zeugen. 

168. Ein kurzweiliger gefehrde ist an Statteines wagens vf dem wege. 

169. Es ist allen menschen ein Ziel des lebens gestecket. 

170. Tadeln mag einer leichter, dann einem etwas nach thun. 

171. — 

172. Das böse wird mehr geehret vnd gefördert, als das guetc. Je 

ärger schalck je besfer glück. 
Einen schalck brennet man zwi liecht, einem frommen kaum eins. 

173. St. Paulus klar: ein guetes Jar. 

Auss grosfem wind: feit krieg geschwind. 
Dem nebelrauch: stehet sterben nach. 
Auf Schnee vnd regn: feilt kleiner segn. 

174. — 

D. 

175. Die nichts vom krieg wisfen, vnd nicht drinnen gewesen, halten 

ihn für ein köstlich ding. 

176. Von todten leutten soll man nichts dann alles guetes reden. 

177. Mann mues gott mehr gehorchen dann den menschen. (Act. 5, 29. 

bibl. sprich w. 247.) 

178. Vnrecht guet kommet selten vf den dritten erben. 

179. So lang ich einen Odem hab, lasf ich mein hoffen nicht. 

180. Gott führet seine Heyligen wunderlich. 

181. Mues ist ein bitter krautt. 

182. Hab rath: vor der that. 

183. Eigener herd ist goltes werth. 

184. Gelt bringt zu ehren. 

185. Reiche Dieb hengt man in Beuttel, Arme aber an den Galgen. 

186. Wann wir vnsfern willen haben vnd verzogen werden, so werden 

wir dadurch alle ärger: 
Durch viel nachsehen werden wir alle ärger. 

187. — 

P. 

188. Trau, schau, wem. 

189. Eil mit weil. 

190. Was man ja nicht endern kan, 
Nehme man so mehr gedultig an. 



Spruchbuch der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia. 331 

191. Gleiche Htandwcrck vnd nahrung können ein ander nicht ver- 

tragen. 

192. Das glück ist rund wie ein kucgell vnd vnbestendig. 

193. Verlasf dich nicht vf die Vergängliche schöne. 

194. Der ist glückseelig, der mit andrn leulh schaden kliieg wird. 

195. Es ist leicht zu erfundenen dingen etwas thuen. 

196. Glück vnd glafs wie bald bricht das. 

197. Wer des gueten genosfen hat, mag des böfsen auch mit entgelten. 

198. — 

199. Wer das glück hat, der führet die Braut heim. 

H. 

200. Ehr erhelt die künste. 

201. Wann man nichts vor hat vnd thuet, so Ichrnet man böses thuen. 

202. Die armuth dringet einen menschen, das er viel versuchen mues. 

203. Der thuet vnrecht, welcher vergisfet, was er gelehrnet hat. 

204. Der Mensch ist wie ein wasferblase. 

205. Es ist besfer ehrlich gestorben, als schendlich gelebet. 

I. 

206. Die furcht des Herrn ist der weifsheit anfang. 

207. Schlecht vnd recht das behüete mich. 

208. Vnschuld ist die beste Verantworltung. 

209. Es ist ein schröcklich ^ing, einen vngnädigen Gott haben. 

210. Im krieg gelten keine geseze nicht. 

211. Kleine leuth können auch zürnen. 

212. Ein bösfer mensch ist der, der eine wolthat kan einnehmen, wills 

aber nicht wieder ausfgeben. 

213. Der Zorn ist eine kurze vnsinnigkeit. 

214. Gelt ist iezund lieb vnd werth gehalten. 

215. Zerbrochene döpff findet man an allen orthen. 

M. 

216. Zwei harte stein mahlen selten klein. 

217. Gedenck das du sterben muest. 

218. Der todt löset alles auf. 

219. Vbel gewonnen, vbel zerronnen. 

220. Es kan sich auch zwischen mund vnd band viel vnversehenen 

dings zutragen. 



332 Spruchbuch der jungen Pfalzgrafia Anna Sophia. 

221. Auf einen harten kloz gehört ein harter keyel. 
Böses mues man mit bösen vertreiben. 

222. Es gibt viel anschaffer, aber wenig arbeiter. 

223. Wie der vogel ist, so legt er Ayer. 

224. Viel bände machen bald feyerabend. 

225. Was sües ist, kombt sauer an. 

226. Wer nicht kalck hat, mues mit leimen mauern: 
Arme leuth tragen armes Creuz. 

227. Es ist ein elend vnd bösfer handel, wann man sagt, man liab 

etwas gehabt, hat aber nichts mehr. 

N. 

228. Einer allein kan nicht alles. 

229. Kein Vnglück kombt allein. (Lehm. flor. I, 832.) 
Das Vnglück kombt mit hauffen. (Gruter II, 14.) 

230. Wiln es iezt vbel stehet, wirds drumb nicht allemal so seyn. Es 

wird einmal besfer werden. 

231. Es ist nicht ein geringer tugend, das gewonnene zu rath halten, 

als etwas gewinnen. 

232. Es lebt keiner ohne sündt oder mangel. 

233. Es ist nichts feines am krieg, den edlen fried wollen wir alle 

haben. 

234. Es müssen starcke bain seyn, die gu#e tage ertragen wollen. 

235. Wir sollen keinen tag vorüber gehen lasfen, daran wir nicht vfs 

minste eine Zeil lefen oder schriben sollen. 

236. Es soll keiner von Sachen vhrtheilen, die er nicht versteht. 

237. Was mit gewalt zugehet, 
Nicht lang bestehet. 

238. Es ist noch nicht aller tag abendt. 

239. Neues hat guenst. 

240. Allzu grofse gemeinschafft wierckt Verachtung. 

241. — 

242. Nichts kostet mehr, als welches mit bitten mues geschafft vnd 

erlangt werden. 

243. Es ist kein ding so schwer, man kan ihm beikommen, so man 

darnach trachtet. 

244. Nichts wird gelehrt und geschriben, darvon man zuvor nicht solte 

gewuest haben. 



Spruchbuch der jungen Pfalzgriifin Anna Soplna. 333 

245. Viel schleudern dienet nicht zu einem langen Leben. 

Es trincken tausendt ehe den todt, 

Dann einer stirbt von hungersnoth. 
24 G, Arth lest von arth nicht. 

Die kaz lest ihres mausens nicht, (Agricola 131.) 

247. Es ist kein luest ohne vnluest. 

248. — 

249. — 

250. Glaub ist mifslich. 

III. A. 

251. Theils (:= Manche) halten grofse ehr vnnd würden, theils gelt 

vnnd guet. 

252. Durch steten fleis werden alle geschafft verrichtet. 

253. Das Werck lobt den Meister. 

254. Gleicher will ist die beste freundtschafFt. 

255. Wer kugeln will mus zuvor setzen. 

256. Anderer orten ist auch gutt wuhnen. 

257. Alte freündt geben selten niemand auff. 

258. Die Tugend ist gemeiniglich Vnbeständig vnd vngewifs. 

259. Wol sterben ist nicht verderben. 

260. Fromme leuth genieffen der ewigen freudt. 

261. Das Glück im krieg ist Vngewifs. 

262. Eltern sollen ihren kindern nicht zu viel nachsehen. 

c. 

263. Eine Krähe bricht der andern kein aug aus. 

264. Effen hülfft für den Hunger, trincken für den Durst. 

265. Je gröffer sündt, in härter straff. 

266. Ein rechter Christ soll auch seinen feinden gutes thuen. (Matth. 

5, 44.) 

267. Unglück macht witzig. 

268. Jung gewohnt, alt gethan. 

269. Des menschlichen lebens zufäll sind mancherley. 

270. Zwey äugen sehen mehr denn eins. 

271. Mit dem gebett soll man alle ding anfangen vnnd beschlieffen. 

272. Niemandt ist ohn sündt. 

273. Wenn der Arm reich wirdt, so hat er mit andern kein mitleiden. 

274. Tausendt jähr Vnrecht ist nicht ein stundt recht. 



334 Spruclibuch der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia. 

275. Der stul macht keinn Priester. 

276. Bey der lieb soll man die rechtgläubigen erkennen. 

277. Wieder den todt ist kein kraut gewachsen. 

D. 

278. Der reiche ist entweder Vngerecht oder des Vngerechten Erbe. 

279. Mein Gott vnnd mein lieb. 

280. Gott vnnd die Natur thun nichts Vmbsonst. 

281. Gott wiederstrebet den Hoffertigen. 

282. Gott ist ein rechter Schutz in der noth. 

283. Gott siebet die Personen nicht an. 

284. Gott siebet vnnd höret alles. 

285. Gott züchtiget zwar die seinigen, er verwirfFt sie aber nicht gar. 

286. Man soll in keiner Wiederwertigkeit verzweifflen. 

287. Wenn die katz schläfFt, so springen die mäufs herumb. 

288. Der sagen des Herrn macht reich, 

289. Soll Hans was können, so mus es Hensel gelernt haben. 

E. 

290. Stillschweigen ist eine Edle tugendt. 

291. Wefs das hertz voll ist, gehet der Mundt über. (Bibl. sprich w. 211. 

Malth. 12, 34.) 

292. Böse sitten machen gute Gesetze. 

293. Auffer der Christlichen Kirchen ist kein heil zu hoffen. 

294. Vbung ist der beste Lehrmeister. 

295. Trunckenheit bringt Vergeffenheit. 

296. Ein weiser verbeffert sich aus eines andern laster. 

297. Wo gelt, do wahr. 

298. Da Petrus gen Hoff kam, ward er ein Schalck. 

P. 

299. Ein guett gerächt ist beffer dann gelt. (Bibl. sprichw. 84.) 

300. Wer sein Wort nicht helt, dem soll in gleichem begegnet werden. 

301. Der verzeihet einem leichtlich , der Selbsten dergleichen be- 

dörfftig ist. 

302. Dem menschen ist ein guter Nähme eben so lieb als das leben. 

303. Wer gern glaubt, wirdt leichtlich betrogen. (Bibl. sprichw. 157.) 

304. Wie die sach, so ist auch des Soldaten muth. 

305. Der glaub macht allein gerecht. 

306. Glückseeligkeit hat immer neidt. 



Spruchbucli der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia. 335 

G. 

307. Niemand thut gern etwas vmbsonst. 

308. Gott erhört der Betrengten seiifftzer. 

309. Kein freüdt ohne leidt. 

310. Viel geschieht offt, was man nicht hofft. 

H. 

311. Würde Bürde. 

312. Je lenger Gott sein hülfF anffzeiicht, 
Je mehr sich Vnser hertz erfrewt. 

313. Der Mensch ist dem leben nur geliehen, vnd nicht geschenckt. 

314. Gott thut nicht allezeit was die Menschen haben wollen. 

315. Ein Mensch ist des andern Wolff. 

316. Der Mensch ist allem Vnglück vnterworffen: vel, der Mensch ist 

elendtsthier. 

I. 

317. Der angel tregt offt vnwillige fisch aus dem waffer. 

318. Nach der Arbeit schmeckt das effen wohl, 

319. Ein böse Zusag ist man nicht schuldig zuhalten. 

320. Faule Leuth haben immerdar gern feiertag. 

321. Vngehorsam erweckt krieg vnnd empörung. 

322. Was man nicht weis, darnach ist kein Verlangen. 

L. 

323. Die Zung vnnd die redt ist des hertzens verräther. 

324. Das gesetz gibt gelegenheit die gnadt zusuchen. 

325. Lang leben ist lang in Vnglücke schweben. 

326. Das Lob mundert den Menschen auff. 

327. Der neidt höret nach des Menschen todt auff. 

328. Wann die kinder fromb vnnd gottsförchtig sein, erfreuen sie die 

Eltern. 

329. Nicht der lang, sondern der wol vnnd löblich gelebt, wirdt ge- 

lobet. 

M. 

330. Der fluch friffet das Landt, dann sie Verschuldens die drinnen 

wohnen. 

331. Waffer in See tragen. 



336 Spruchbiich der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia. 

332. Todte hundt beiffen nicht. 

333. Eine handt waschet die andre. 

334. Bete fleiffig morgens vnd abendts. 

335. Ich hab nichts darbey znsuchen. vel : Es gehet mich nicht viel an. 

336. Die krancken brauchen bedörffen des artzes. (Matth. 9, 12. bibl. 

sprichw. 201.) 

337. Wenn das gedechtnus nicht gevbt wirdt, so nimbt es ab. 

338. — 

339. — 

N. 

340. Wer offt denckt an die höllisch Pein, 
Der kompt so leichtlich nicht darein. 

341. Man soll nicht auff ein jede frag Antwordt geben. 

342. Ich hetts nimmermehr glaubt, das es also zugehen würde. 

343. Wir gönnen jedermann sein glück gern. 

344. Der Nähme des Herrn ist ein festes Schlofs. 

345. Wer nicht gevbt ist, der verstehet wenig. 

346. Nichts ist also vollkommen, das darob kein mangel erscheine. 

347. Ohne Gottes hülff vermögen wir nichts. 

348. Wo man Christum zum führer hat, soll man nicht verzweiffein. 

349. Es ist nicht alles ehrlich, was sich geziembt. 

350. Dem guten kan man nicht zu viel thun; 

351. Die Menschen wiffen nicht, was die Sparsamkeit ertrage. 

352. Noth hat kein gesetz. 

353. Witz kompt nicht Vor jähren. 

o. 

354. Jedermann gefallen ist sehr schwer. 

355. All vnser leben ist mühesam. 

356. Welchen die leuth nicht gern sehen, der bleib daheimb. 

357. Alle Ding ein Weil. 

358. Nachgeben stilt viel krieg. 

359. Aller anfang ist schwer. 

360. Gott sindt alle ding müglich. 

361. Fliehe den müffigang. 

362. Lust vnd lieb zu einem ding. 
Macht alle mühe vnd arbeit gering. 

363. Ein neues leben ist die beste Bufs. 



spruchbuch der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia. 337 

364. Bey vns ist noch gesunder Lufft. 

365. Vnter allen Vntugenden ist lioffart die fürnehmbste. 

366. Sie sind allzumal Sünder, vnnd mangeln des ruhms, den sie an 

Gott haben. 

367. Eines jedlicheii menschen seel kompt entweder inn Himel oder in 

die Höh. 

P. 

368. Dem Armen soll mann seine Bitt nicht abschlagen. 

369. Er helt sich gern still vnd eingezogen, er bleibt gern daheimb. 

370. Die sünde fliehen ist die gelegenheit zu sündigen fliehen. 

371. Die meiste stimmen gelten. 

372. Gezwungener eidt ist Gott leidt. 

373. Das gebett vnnd bufs sind die rechten waffen der Christen. 

374. Sparsamkeit ist ein groffer zoll, oder gewinn. 

375. Dem vbel soll man bey zeiten vorkommen. 

376. Faule leuth werden selten reich. 

377. Es ist beffer stillschweigen, als Vngebürliche ding reden. 

378. Durch das Gesätz kommet erkändtuus aus der sündt. 

379. Wenns den menschen wolgehet, so werden sie vbermüthig. 

380. Vntrew schlägt ihren eigenen Herrn. 

Q. 

381. Ein Voller weis nicht, wie einem nüchtern zugemüth ist. 

382. Hochmuth thut selten gutt. 

383. Ein Verzagt herlz vnterstehet sich nichts. 

384. Was die Natur Versaget, kan Niemandt erstatten. 

385. Viel köpfF, viel Sinn. 

386. Je mehr die leut haben, je mehr sie haben wollen. 

387. Ein jeder ist seines glucks vndt Vnglücks Vrsacher. 

388. Wer leichtlich glaubt, wird leichtlich betrogen. 

389. Wie die frag, so ist auch die antwort. 

R. 

390. Kupfer gelt, Kupfer Seelmefs. 

391. Witz kompt nicht Vor Jahren. 



392. Zum lernen soll man willig sein, 

Durch Zwang geht sonst ein schlechts hinein. 

Archiv f. n. Sprachen. LIX. 22 



338 Spruchbuch der jungen Pfalzgräfin Anna Sophia. 

393. Man soll die leuth zur religion bereden, vnnd nicht darzu zwingen. 

394. Guth macht muth. 

395. Gott gebe dir glück. 

396. So klein wird nichts gesponnen. 
Es kompt endlich an die sonnen. 

397. Gesunder leib ist nicht mit gelt vnnd guth zu bezahlen. 

398. Heimliche ding soll man Verschweigen. 

T. 

399. Die Zeit bringt rosen. 

400. Je gröffer die Noth, je näher Gott. 

401. Die Zeit Verzehrt alles. 

402. Einem jeden gefellet seine Weis. 

403. Leid mit gedult vnnd schweig nur still. 
Gott dir doch endlich helffen will. 

V. 

404. Müffigang gibt mancherley gedancken. 

405. Fromme leuth sehen fein aufTrichtig aus. 

406. Vber das Vermögen soll man nichts vornehmen. 

407. Der wollust ist ein Anleitung zu aller Schalckheit. 

408. Der AVille Gottes ist vnwandelbar. 

409. Zur Warheit hab ich immerdar Lust. 

410. Schamhafftigkeit ist ein Hütterin aller tugendt. 

411. Mancherley speis vervrsacht die kranckheit. 

412. Die Jugend soll schamhafftig sein. 

413. Wir geleben eines Gottes^ aber nicht eines Menschen. 

414. Ein Wort ist kein Pfeil. 

415. Wo der glaub bey dem gebett nicht ist, so ist es vergebens vnd 

vmbsonst. 

416. Wollust verführt manchen in Vnglück. 

417. Das menschliche leben ist gleich einer Blum auff dem feldt. 

418. Was einer einmahl geredet, das soll er nicht wieder zurück 

nehmen. 

419. Aus den wercken wird die rechte freündschafft erkandt. 

420. Den Armen ist offt das leben zu lang, den reichen aber zu kurtz. 



Helena. 

Eine poe eie-historische Studie 

von 

Dr. Richard Treitschke. 



Alles was erscheint, ist poetisch und prosaisch zugleich, je 
nachdem der Menecheno-eist seine Richtung zu einem Geoen- 
Stande nimmt; aber beide Richtungen sind gleich heilig. Aber 
aller Stoff, sei er poetisch oder prosaisch aufgefasst, wurzelt in 
den tiefsten Bodensäften der jedesmaligen Zeitlage und vergeht 
gewöhnlich auch mit derselben. Dennoch giebt es gewisse 
ewigscheinende Stoffe, die, soweit die Weltgeschichte durchlebt 
ist, in fjist unveränderter Natur sich fortgelebt haben. Es sind 
diess urmenschliche Seelenstimmungen und Erfahrungen. In der 
Poesie namentlich, wo der Stoff so leicht zur Form wird, ist 
das am sichtbarsten. An dergleichen hervorragenden Grössen 
aber lässt sich vielleicht die Geschichte der Poesie am besten 
verstehen. 

Helena ist wohl ein Name, bei dessen Klange in jedem 
nur einigermassen Gebildeten die würdigsten Ideen rege werden, 
ja welcher selbst im Ohre des ungebildeten Volks nicht ganz 
unverstanden tönt, nicht ohne einige Aufmerksamkeit vernommen 
wird. Ein cultur- historisches Signal! In der That, erwägen 
wir den Sinn des Worts , stellen wir uns die poetische Figur 
Helena vor die Seele, sogleich geht uns auch die grosse Bedeu- 
tung des Gegenstandes auf. Ein antiker Faust! müsste man 

22* 



340 Helena. 

ausrufen , wenn man auch von der später stattfindenden ganz 
natürlichen Verbindung beider Sagen nocli gar nichts wüsste. 
Gross erscheint die Bedeutung der Helena-Sage in zwiefacher 
Aeusserung. Einmal nehmlich an und für sich als ein tiefer 
und inhaltvoller poetischer Stoff von unvergleichlicher Dauer- 
barkeit, welcher sich durch die gesammte Culturgeschichte bis 
auf unsere Tage hindurchgelebt hat. Dann aber auch durch 
die so merkwürdig mannigfaltige und häufio; in der Geschichte 
der poetischen Kunst epochemachende Behandlung, welche dieser 
Stoff in verschiedenen Zeiten und schon fast vom Anfang seiner 
Erscheinung an erfahren. Beides hängt im Grunde eng zu- 
sammen. Denn Eines hat das Andere bedingt, die wunderbare 
Idee hat den Reichthum und die Eigenthümlichkeit der Be- 
arbeitungen nothwendig gemacht; und dadurch nur, durch sein 
inneres Leben, hat sich das Ganze in sich gehalten und er- 
halten. — 

Wer die innere und äussere Geschichte dieser Fabel voll- 
ständig schreiben wollte, hätte nach meiner Ansicht seinen Weg 
der ganzen Länge nach durch die Geschichte der Menschheit 
mitten hindurch zu nehmen — also kein kleiner Weg. Aber 
auf die Spitzen des Gegenstandes , die hervorragendsten , kann 
und soll man immer aufmerksam machen: den Culturhistoriker 
daran erinnern, welch' ein weltgeschichtliches Dokument hier 
vorliege; dem Dichter und besonders dem dramatischen an- 
deuten, wie viel aus der Geschichte der Behandlung jenes Stoffes 
für ihn zu lernen ist. 

Der tiefe Gehalt eines poetischen Stoffes erkennt sich am 
leichtesten und klarsten aus seinen Bearbeitungen. Eine acht 
menschliche Idee ist verschiedentlich dichterisch gestaltet; treten 
wir also unmittelbar an die Erscheinungen heran. 

Der Grundkern der Fabel von der schönen Helena, wie 
sie beim alten Homer uns darliegt, ist unbezweifelt die reinste 
und naivste Offenbarung der grossen Idee. Die schöne Helena 
ist den Menschen, ist ihrem Sänger das Urbild weiblicher 
Schönheit und deshalb ihre göttliche Abstammung ausser aller 
Frage. Aber traurige Verwirrungen hat weibliche Schönheit, 
so göttlich sie ist, von jeher unter dem Menschengeschlecht an- 
gerichtet; jener himmlische Funke hat Einzelne, wie ganze 



Helena. 341 

Nationen, weil sie eben Menschen w.aren, in's Verderben ge- 
stürzt, und d<is hat zugleich gewaltige Revolutionen auf der 
Erde verursacht und dadurch freilich auch alle Menschenkräfte 
in die grossartigste Bewegung und Thätigkeit gesetzt. Den- 
noch mit heiterer Ergebung in den ewigen Rathschluss der 
Götter nimmt der Dichter und lässt er seine Personen die Er- 
scheinung hinnehmen. Die edelsten sind überwältigt von der 
Göttlichkeit der ^Erscheinung Helena's oder behandeln sie mit 
Ehrfurcht. So die Greise am skäischen Thor, so der ehr- 
würdige König Priamos selbst, und der edeln Troer edelster, 
ihr Schwager Hektor; und Helena, besonders in der Odyssee, 
fühlt sich selbst wehmüthio- als ein unerforschliches Eäthsel. 
Das sind die unsterblichen Gedichte des Vaters der Poesie. 
Aber unergründlich schwer mochte auf manchem nicht poetisch 
durchklärten Gemüthe der Glaube lasten: dass durch der sott- 
lieh schönen Helena Schuld — nach dem Willen der Götter — 
solches Unheil über die Welt gekommen. Dennoch immer blieb 
sie die ewig schöne Helena, und als Ideal weiblicher Schönheit 
fasste sie allgemein die bildende Kunst der Griechen auf und 
befriedigte sich daran. Es mochte zwar hin und wieder auch 
einen Dichter geben, der, wie es vom Stesichorus gewiss ist, 
sich nicht entblödete, in lyrischer Erregung diess Weib, als die 
Anstifterin unsäglichen Elends über Griechenland, im nationalen 
Unwillen mit einem nationalen Fluche zu belegen. Aber solche 
Auffassungen missfielen allgemein, und wir wissen, dass Stesi- 
chorus, um nicht allen Ruf zu verlieren, sich genöthigt sah, 
einen poetischen Widerruf zu dichten (Palinodie). Gleichwohl 
suchten Viele noch vollkommnere Befriedigung, und versuchten 
sie aus der Quelle des Mythos selbst zu schöpfen ; darunter 
selbst solche, welchen das Verständniss Homer's vollständig 
aufgegangen war, welche aber der dichtende Drang von der 
Betrachtungslust der harmonischen Helena-Welt des Homer zur 
abgesonderten Betrachtung der Helena-Figur hintrieb. Nun aber 
bei dieser Näherbetrachtung der Persönlichkeit zeigte sich bald 
jene berechtigte Forderung des Menschengemüths nach der 
Uebereinstlmmung des Guten und des Schönen, es machte sich 
bald ein Widerstreben geltend, die reinste Form als Hülle eines 
befleckten Inhalts sich zu denken. So entstanden denn bald 



342 Helena. 

Unidichtungen, oder besser gesagt, weitere Ausdichtungen der 
alten Fabel. Durch diesen Process, durch diese Neugeburt 
des Stoffs, welche in den Gemüthern der Hellenen vor sich 
ging, war man jedoch noch nicht sogleich zu neuen Kunst- 
gestaltungen gelangt. Denn nichts kann als ein achtes und 
gediegenes Gedicht unter einer Nation erstehen, wenn nicht der 
Gehalt desselben schon vorher ganz ausgereift im Busen jedes 
Einzelnen liegt. Und so allmählig, wie immer eine Welt- 
anschauung der andern Platz macht, eben so langsam (es war 
ja ganz dasselbe) erfolgte auch die Umgestaltung unseres Mythos. 
Aber peinlich und unschön sind stets solche Uebergänge. Wenn 
die Mythe gährt und sich klärt, giebt es oft einen prosaischen 
Niederschlag. Wir wollen hier diese Mittelglieder bei Seite 
lassen, müssen es auch, da es schwierig, beinahe unmöglich ist, 
dieselben aufzusuchen. Fassen wir vielmehr jene Abwandlung 
der Helena-Sage in's Auge, welche der Altvater der Geschichte, 
Herodot, uns aufbewahrt hat (Herod. IT, 116 — 121). Herodot 
lässt sich vernehmen: „Auf nähere Erkundigung eröffneten mir 
die ägyptischen Priester, es verhalte sich folgendermassen mit 
der Helena: Paris sei mit der geraubten Helena nach Hause 
geseegelt, da hätten ihn aber Stürme in das ägyptische Meer 
geworfen , und so wäre er denn auch (denn die Winde hätten 
nicht nachgelassen) nach Aegypten selbst gekommen und wäre 
vor der sogenannten Kanobischen Nilmündung angelandet. P^s 
war aber am Ufer ein Tempel des Herkules, welcher auch noch 
daselbst sich befindet. Dort ist jeder seinem Herrn entlaufene 
Sklave vor Verfolguns: gesichert, wenn er sich nur den heiligen 
Stempel hat aufdrücken lassen und sich so dem Dienste des 
Gottes geweiht hat. Diese heilige Satzung ist heutzutage noch 
so in Kraft wie damals. Als nun jetzt des Paris Sklaven von 
jener Einrichtung Kenntniss erhielten , entliefen sie ihm ; als 
Hülfeflehende des Gottes aber klagten sie den Paris an, um 
ihm zu schaden, und erzählten Alles genau, wie es sich ver- 
hielt mit der Helena und der dem Menelaos zugefügten Schmach. 
Diese Anklage machten sie vor den Priestern und vor dem 
Schirmvogt des Heiligthums, dessen Name Thonis war. Als 
Thonis das vernommen, schickte er auf das schnellste eine Bot- 
schaft nach Memphis zum Könige Proteus, welche anfragte: 



Helena. 343 

Ks ist ein Fremder hier angekommen, von teukrischer Nation, 
der eine unheilige That vollbracht hat in Hellas, denn er hat 
seinen Gastfreund dort um dessen Eheweib betrogen, und mit 
diesem Weibe sammt vielem Gute ist er bei uns angekommen, 
da er von Stürmen an unser Land verschlagen worden ist. 
Sollen wir ihn nun unbekränkt weiter seegeln lassen, oder sollen 
wir ihm abnehmen, was er bei sich führt? Darauf Hess Pro- 
teus antworten : Den Mann, welcher Unheiliges gethan hat an 
seinem Gastfreunde, habt ihr festzunehmen und zu mir zu 
führen, damit ich wisse, was er wohl sagen wird. Sobald diess 
Thonis gehört hatte, nahm er den Paris fest und seine Schiffe 
in Beschlag, und brachte ihn sodann sammt der Helena und 
seinen Habseligkeiten nach Memphis; die flüchtigen Sklaven 
brachte er aber auch mit dorthin. Nachdem nun Alle hin be- 
fördert waren, fragte Proteus den Paris, wer er sei, und von 
wannen er mit seiner Flotte komme. Da nannte ihm dieser sein 
Geschlecht und gestand ihm den Namen seines Vaterlandes, 
gab auch Rechenschaft über seine Fahrt und woher er komme. 
Hierauf aber befragte ihn Proteus , woher er die Helena habe. 
Da sich nun hierüber Paris in seiner Antwort unbestimmt aus- 
drückte und nicht die Wahrheit sagte, da überführten ihn jene 
Sklaven, indem sie die ganze Frevelthat nach der Länge er- 
zählten. Zuletzt Hess sich denn Proteus mit seiner Meinung 
folorendermassen vernehmen: Wenn ich es mir nicht zum 
strengen Gesetze gemacht hätte, keinen der Fremdlinge zu 
tödten, welche von Stürmen verschlagen an mein Land getrieben 
werden, so würde ich wohl den Griechen an dir rächen, an dir, 
der du, nichtswürdigster der Männer, da, wo du Gastfreund- 
schaft genossen, die gottloseste That verübt, deines Wirthes 
Eheweib berührt hast. Und nicht einmal hat dir diess noch 
genügt, sondern du hast sie ganz verführt und sie zu entführen 
bist du im Begriffe. Und auch das hat dir nicht aUein genügt, 
sondern auch mit der geraubten Habe des Freundes bist du 
hier. Da mir nun also der Grundsatz über Alles geht, mich 
an keines Fremdlings Leben zu vergreifen, so werde ich zwar 
dieses Weib und die Güter dich nicht fortführen lassen , son- 
dern ich werde sie dem griechischen Gastfreunde aufbewahren, 
bis er selbst kommen und es sich abholen wollen wird; dir 



344 Helena. 

aber und deinen Mitgenossen kündige ich an, dass ihr binnen 
drei Tagen aus meinem Lande in ein anderes zu gehen habt, 
widrigenfalls ich euch als Feinde verfolgen werde. — Wie 
ich sodann die Priester fragte" (fährt der Geschichtschreiber 
fort), „ob sie die Erzählung der Griechen von dem trojanischen 
Kriege für eine unrichtige hielten oder nicht, antworteten sie, 
sie wüssten Alles vom Menelaos selbst. Denn nach dem Raube 
der Helena sei ein grosses Heer nach dem teukrischen Lande 
übergesetzt, um dem Menelaos zu seinem Rechte zu verhelfen ; 
und nachdem man gelandet und das Heer dort aufgestellt habe, 
seien Gesandte und mit ihnen Menelaos selbst nach Troja hin- 
eingeschickt worden, die da die Helena und das geraubte Gut 
zurückverlangt und Genugthuuno; für die ano-ethane Schmach 
gefordert hätten. Da sind aber die Teukrer vor wie nach bei 
demselben Worte geblieben sowohl mit als ohne eidliche Er- 
härtung, dass sie nehmlich die Helena nicht hätten, und auch 
das geraubte Gut nicht, sondern das Alles befinde sich in 
Aegypten, daher sie wohl mit Unrecht für das litten, was doch 
der ägyptische König Proteus habe. Doch die Griechen, die 
sich von ihnen nur verhöhnt glaubten, belagerten die Stadt so 
lange, bis sie dieselbe nahmen. Sodann aber, als nach der Er- 
stürmung sich keine Helena zeigte und die Trojer immer bei 
derselben Versicherung blieben, glaubten sie doch endlich ihrem 
Worte und sandten den Menelaos selbst zum Proteus. Und 
als dieser denn nach Aegypten und zwar nach Memphis ge- 
kommen und die Wahrheit dort auseinandergesetzt, so hat man 
ihn mit grossen Gastgeschenken beehrt, und er hat die Helena 
unversehrt {änad-la xuxcop) wiedererhalten etc," — — Wir 
können es recht wohl dahingestellt bleiben lassen, ob diese Er- 
zählung nicht vielleicht die einzige historisch richtige sei oder 
wenigstens unter allen am meisten historischen Grund mit sich 
führe. Herodot, aus sehr hörbaren Gründen, neigt zu dieser An- 
nahme, und ich muss gestchen , dass seine Beweisführung für 
mich viel üeberzeugendes hat. Doch , historisch oder nicht 
historisch , es liegt unstreitig in der herodotischen eine höchst 
interessante, eine recht menschliche und nicht unschöne Ueber- 
lieferung uns vor. Vielleicht existirte dieselbe (wie auch Herodot 
meint) schon vor Homer, und man ist später erst wieder auf 



Helena. 345 

sie zurücko'ekommen. Dicss Zurückkommen hatte aber pcinen 
einzigen Grund in der Entwicklung der Geschichte der Poesie, 
mit der wir es hier allein zu thun haben. Es ist nehmlich für 
den Eingeweihten wohl unverkennbar, dass die Fabel in der 
eben mitgetheilten Fassung, in jenem Hervortreten einzelner 
Persönlichkeiten, welche vor einem weltbewegenden Hinter- 
gründe lebensvoll und deutlich vor unsern Augen sich bewegen, 
sich wie von selbst zur dramatischen Bearbeitung darbietet. 
Und nach dieser Form hin drängte und steuerte allerdings zu 
Herodot's Zeiten allgemein der poetische Genius der Nation. 

AVenn lebhafte Kinder im häuslichen Zusammenleben meh- 
rere Jahre hindurch sich unter einander die Herzen erfreut 
haben durch geffenseitio^es Erzählen lieblicher und wunderbarer 
Mährchen, die sie von ihrer Amme zwar zuerst gehört, an denen 
sie aber zur Abwechslung und fortwährender Unterhaltung so 
häufig selbsterfindend verändern, zu denen sie mannigfaches so- 
gar hinzuthun, ein jedes nach seinem Vermögen: so pflegt dann 
endlich auch die Zeit heranzukommen, wo ihnen, da sie unter- 
dessen etwas älter geworden, auch gestattet wird, länger ausser- 
halb des Hauses zu verv»'eilen, ja wo man ihnen sogar kleine 
Aufträge und Besorgungen anvertraut. Mit diesem Zeitabschnitt, 
mit diesem Heraustreten in eine ihm bisher nur geahnte thätige 
und wirkende Welt beginnt denn der junge Mensch, sich eine 
kleine Lebenskenntniss zu sammeln. Dabei kann es nun nicht 
fehlen , dass diese neue Welt zuerst einen sehr bedeutenden 
Eindruck auf das Kind macht. Neue Gedanken durchfahren 
den jungen Kopf; er ist jetzt ebenso gern draussen unter den 
Menschen, als daheim bei seinen Eltern und Geschwistern; er 
erzählt sich zwar zu Hause noch immer gern die alten Ge- 
schichtchen, aber er liebt es auch, in der Welt selbst etwas zu 
sehen und zu hören und mitzumachen — kurz sein Interesse 
ist jetzt ein getheiltes. Und jene Ammenmährchen interessiren 
ihn nicht mehr ganz und gar; nur gewisses P^inzelne daraus 
gefällt ihm gerade mehr wie sonst je, einzelne Charaktere 
nehmlich, der Ritter, der Soldat, der Zauberer, der Räuber- 
hauptmann nehmen seine ganze Seele und dergestalt ein, dass 
er sie auf das lebendigste vor Augen zu sehen meint, dergestalt 
dann, dass er im Geiste sich selbst an deren Stelle setzt, der- 



346 Helena. 

gestellt endlich, dass er von diesen einzelnen Figuren gar nichts 
mehr erzählt oder sich erzählen lässt : dass er vielmehr sie 
spielend selber vorstellt und agirt. Denn dazu macht ihn seine 
neue Menschenkenntniss nachgerade geschickt, dazu regt ihn 
die Luft der Aussenwelt an. 

Diess Gleichniss verdeutlicht vielleicht so ziemlich den 
Gang, welchen alle Geschichte der Poesie vom Epos aus zum 
Drama hin zu nehmen pflegt. So denn auch bei den Griechen 
vom homerischen Weltpanorama ein Fortgang zu dem engern 
Schauplatz, auf dessen Vordergrund sich nur Charaktere zeigen 
und sich entfalten und handeln. Aber der Stoff bleibt im 
Ganzen immer derselbe menschliche auch in der neuen Form; 
was man vielleicht nie besser überschaut und durchblickt als 
wenn man eine und dieselbe Fabel in ihrer Umgestaltung beob- 
achtet. Sehen wir ferner, wie es mit der Helena weiter wurde. 
Es ist bereits bemerkt, dass diese Fabel so zu sagen in die 
Jahreszeit der dramatischen Form hineingekommen war. Allein 
nicht jede Erscheinung fügt sich den jedesmaligen Zeitumständen 
gleich leicht; und es stellte sich bald die dramatische Behand- 
lung als etwas höchst Schwieriges heraus. Denn einmal schon 
diese Perle aus dem goldenen Prachtdiademe des Dichters der 
Dichter, die so wirkungsreich an der einzig richtigen Stelle 
angebracht war, in w^elcher anderer ihrer würdigen Fassung, 
war sie, nun herausgenommen, den Beschauern zu zeigen? Avie 
konnte doch dieser köstliche Bestandtheil eines Erde und Himmel 
abschildernden Gedichts, welcher lediglich innerhalb desselben 
sein Licht und seinen Schatten erhielt, seine Unterkunft finden 
in einem weit beengteren Räume und darin klar und verständ- 
lich gemacht werden? Sodann aber, wenn allerdings als die 
würdevollste und erhabenste Art der dramatischen Poesie die 
Tragödie erscheint, war denn nicht selbst die Tragödie für die 
Behandlung der Helena eine durchaus unmögliche Form ? Denn 
ist wohl der Tragödienheld etwas anderes, als das menschliche 
Individuum, welches tapfer oder trotzig ankämpft gegen eine 
die Kraft der menschlichen Einzelperson bewältigende höhere 
Macht, und welches in diesem Kampfe untergehen muss, eben 
weil es nur eine menschliche Einzelperson ist? und wie konnte 
dann, wenn dem so ist, Helena eine tragische Heldin sein. 



Helina. 347 

Helena die Halbgöttin? Tragisch freilich, tief tragisch wird 
immer die eine Seite der homerischen Gedichte sein, in der 
wir die thörichte Verblendung und das selbsterzeugte Unglück 
zweier grossen edeln Nationen erblicken; aber was tragisch, itt 
darum noch keine Tragödie, und von einer solchen könnte hier 
nur die Rede sein, wenn eine Welttrao^ödie oder ein tragisches 
Epos möglich wäre, da es doch ein Unding ist, weil bei Ueber- 
schauung des ganzen Weltlaufs vom höchsten Standpunkt aus, 
den ja der epische Dichter einzunehmen hat, auch die dunkel- 
sten Parthieen sich in die herrlichste Harmonie auflösen müssten. 
Tragisch also war wirklich eine Seite des homerischen Epos ; 
doch diese war natürlich dem Dramatiker nicht verarbeitbar, 
sie entzog sich der beschränkenden Behandlung durch die 
Massenhaftigkeit der tragischen Personen, die ja nicht weniger 
als ganze Völker waren. Sollte nun jetzt eine Tragödie aus 
jenem Sagenkreise geschöpft werden, so blieb nichts weiter 
übrig, als den Versuch zu machen, aus jener tragischen Parthie 
des grossen Epos gewisse Figuren abzulösen und aus diesen 
Charakteren, als durch den grossen Weltjammer im Hintergrunde 
auch in ihrem Einzelleben wenigstens mittelbar tragisch heim- 
gesuchten, eine, so zu sagen, Familientragödie zu formen. 
Doch wie kleinartig musste das ausfallen, wie unwürdig musste 
sich nicht namentlich die hohe Gestalt der Helena in solcher 
Enge ausnehmen. Was wir von griechischer Literatur aus 
jener Zeit übrig haben, ist viel zu wenig, als dass man mit 
Sicherheit wissen könnte, ob derartige Tragödienversuche wirk- 
lich gemacht worden oder nicht, obwohl ich es, aus Grund der 
Unmöglichkeit des Gelingens geradezu bezweifeln möchte. Dass 
aber dennoch die Poesie wenigstens dahin gearbeitet hat, ist 
ebenso gewiss. Denn wir haben Nachricht von einer Ueber- 
lieferung, nach welcher Helena von ihrem Gemahl eine schlimme 
Behandlung erfuhr, von einer anderen, nach welcher sie sogar 
den Tod der Ehebrecherin erlitt. Doch das musste zu bald in 
die Augen springen, dass mit dergleichen Mitteln eine Tragödie 
nicht zu ermöglichen war. Und selbst auch die Erzählung des 
Herodot, die in der That viel Schönes und sogar acht tragische 
Elemente in sich hält, konnte unmöglich einem solchen Bedürf- 
niss entgegenkommen. Denn auch hier sehen wir die Tragik 



348 Helena, 

nur im Hintergrunde der handelnden Personen. Tragisch ohne 
alle Widerrede ist in der Erzählung das Schicksal des grie- 
chischen Volks , das so viele Tausende seiner Brüder umsonst 
und um nichts dahingeopfert hat, aus blossem eigensinnigen 
Irrwahn nur; und in der That, so leidet denn auch das Volk 
als ein schuldiges. — Wie aber? ist nicht der Schuldigste unter 
Allen der Anführer Menelaos, der aus leichtsinniger Ungläubig- 
keit das grosse Elend über die Nation gebracht hat? Schuldig 
wohl unbezweifelt , aber tragisch wäre er doch wohl nur erst 
dann, wenn er gehörig litte für seine grosse Verschuldung, da 
er doch hier im Gegentheil glücklich wird durch Wiedeierlan- 
gung seiner Helena. Zwar das hätte sich vielleicht umdichten 
lassen, wenn nicht Helena die Hauptperson hätte sein müssen. 
Diese jedoch innerhalb der herodotischen Sage dramatisch dar- 
zustellen , wenn man nun einmal den Eigensinn hatte, waren 
schlechterdings nur zwei Wege denkbar. Entweder man musste 
sie als völlig unschuldig hinstellen, oder man musste dichten, 
dass, noch ehe sie den Händen des Paris entkommen, sich mit 
demselben wirklich vergangen, und dass sie schuldvoll und als 
Urheberin des unsäglichen Unglücks schrecklich zu leiden hätte. 
Aber auf die erste Art würde sie als nichttragische Figur und 
somit, dem tragischen Geschick des Volkes gegenüber, als be- 
deutungslos erschienen sein, hingegen auf die zweite Art als 
keine Helena mehr, als unwürdiges und verunstaltetes Abbild 
einer hohen nationalen Idee. Und eben ganz national war 
schon jene hohe Idee geworden, sie war zum höchsten Gipfel 
gestiegen um die nehmliche Zeit, als die Poesie zur drama- 
tischen Form hinneigte. Selbst mit dem religiösen Volksglauben 
hätte sich in Widerspruch gesetzt, wer die Helena niedriger 
aufgefasst hätte; denn bereits als eine Halbgöttin, eine zweite 
Venus stand sie da, hatte zu Sparta einen Tempel und eine 
wunderthätige Bildsäule. Sonach also schien sich damals, und 
scheint sich uns die dramatische Unbrauchbarkeit der Helena 
klar herauszustellen. 

Allein deraungeachtet ist die dramatische Darstellung der 
Helena-Figur gelungen, und zwar auf eine ebenso eigenthümliche 
als interessante W^eise. Es ward nehmlich nur dadurch er- 
reicht, dass man Richtung und Form der bisherigen Tragödie 



Helena. 349 

verlless, und es trat der merkwürdige Fall ein, dass der Stoff, 
um leben zu können, die alte Form sprengte, für sich allein 
eine ganz neue sich schaffend. Wir können es freilich nicht 
wissen, wie der grosse Sophokles den Stoff bewältigt, da uns 
von seinen Stücken: Die Wie der forder u ng der Helena 
und der Raub der Helena nur blos noch diese Titel übrig 
sind, dürfen aber doch wohl von seinem hohen poetischen Ver- 
stände vermuthen, dass auch er die Form auf die originellste 
Art sich zurecht gelegt*). Wir besitzen aber nur vom Furi- 
pides eine Helena, ein bewimdernswürdiges Stück, dem die 
tiefe Idee zu Grunde liegt : dass die Schönheit göttlich und 
gottgeboren sei, dass die Menschen, ihrer unwürdig, sie nicht 
verstehen, dass sie nie durch sie sich zu beseligen vermögen, 
vielmehr mit unreinem Gemüthe sicli ihr nahen und durch 
diesen Frevel sich selbst namenlos unglücklich machen. Diese 
menschliche Unheiligkeit kann jedoch der Schönheit selbst nichts 
anthun, die ewig in ihrer Göttlichkeit beharrt. Und somit ist 
denn auch das Räthsel gelöst. Helena, als eine Halbgöttin er- 
scheinend, menschlich zwar, doch rein und ohne Fehl, leuchtet 
auf vor unsern Blicken wie die Sonne, das Alles verklärende 
Tagesgestirn der Erde, indem sie allervvärts die furchtbare Nacht 
vertreibt und mit ihr auch alle die Nachtgespenster und Phan- 
tome , welche wir bei Anfang des Stücks noch als Quälgeister 
der geängstigten Menschheit bemerken. Und nur auf solche 
Weise war ein würdiges Drama Helena möglich. „Es verdiente 
nach vieljähriger Controvers" (sagt Goethe B. 44, pg. 120) 
„Euripides gewiss den Dank alier Griechen, wenn er sie als 
gerechtfertigt, ja sogar als völlig unschuldig darstellt und so 
die unerlässliche Forderung des gebildeten Menschen, Schön- 
heit und Sittlichkeit im Einklänge zu sehen, befriedigte." Ich 
stehe nun nicht an , das Euripideische Drama als ein vorzüg- 
liches zu schätzen , als ein ausgezeichnetes schon wegen des 



*) Soeben kommen mir Schöll's Beitr. zurKenntniss der trag. 
Poesie der Griechen (Berl. 1839) in die Flände, worin der Verf. Bd. I, 
S. 24(! aus einer Trümmer die Fabel von Sophoiiles 'Eleri]s aTraiTtjais geist- 
reich construirt. Auch hier ist eine Schein-Helena. \)c.v Unterschied dieses 
Stückes von dem euripideischen scheint unter Anderem darin zu bestehi^n, 
dass Menehios das Zerfliessen des Phantoms kurz zuvor mit seinen eigenen 
Augen gesehen, als er der leibhaften Helena ansichtig wird. 



350 Helena. 

grossen Verdienstes, dass in demselben jene schwere Aufgabe 
mit solchem Geschick gelöst uns vorliegt, übrigens aber auch 
in der Ausführung als ein höchst schätzensvverthes , so wenig 
ich auch die Mängel verkenne, welche wie fast in allen Werken 
des Euripides, so auch in diesem sich finden. Da indess diese 
letztern mir weit geringartiger zu sein scheinen, als die Kritik 
(die dem Dichter wohl oft zu feindlich war) bisher hat zugeben 
wollen, da im Uebrigen dieses Drama einen Hauptmoment bildet 
in der Bearbeitungsgeschichte der Helena-Sage, will ich Inhalt 
und Gang des Stücks etwas genau auseinandersetzen und be- 
leuchten. 



Erster Akt. 

Scene in Aegypten , an der Meeresküste, wie das ganze 
Stück. Helena in einem Monolog erzählt dem Hörer, wer sie 
sei, und ihr ganzes bisheriges Geschick; wie sie, ein Weib gött- 
licher Abkunft, nach dem Willen des höchsten der Götter, des 
Zeus, der seine Allmacht habe zeigen und die Fülle der Men- 
schen auf Erden habe lichten Avollen, demselben als Werkzeug 
zur Erreichung dieses Zwecks gedient. So sei denn durch 
Zeus' Zulassung, wenn auch durch vieler anderer Götter wunder- 
seltsame Mitwirkung, jener menschenverheerende Krieg ange- 
stiftet worden; und zwar so, dass dem Trojanerprinzen Paris 
eine masslose Liebe zu ihr erweckt worden, so dass er gekom- 
men , sie ihrem königlichen Gatten zu entführen. Und dieser 
habe denn auch geglaubt, dass er Helenen wirklich geraubt, 
und ebenso die erzürnten Griechen, darüber eich eben sofort 
jener heillose Krieg entzündet. — Allein Alles sei nur ein 
Blendwerk der Götter gewesen, nicht sie, sondern ein ihr ähn- 
liches Phantom, ein Dunstgebilde sei nach Troja geführt worden. 
Sie selbst aber sei in dem nehmlichen Augenblicke durch die 
Lüfte nach Aegypten und dem dortigen Könige Proteus zur 
Aufbewahrunjj übergehen worden bis zur Zeit der Erfüllung. 
Dieser König nun habe sie heilig bewahrt. Doch der sei leider 
gestorben und sie stehe nun unter der Obhut seines Sohnes 
Theoklymenes, der, unheiliger als sein Vater, sie zur Ehe mit 
sich nöthigen wolle. Aber das thue sie nimmermehr, sie ge- 



Helena. 351 

höre ihrem Gatten Menelaos an. Hierauf fällt sie nieder vor 
dem Grabmal des Proteus und fleht ihn an um Schutz in dieser 
Bedrängniss. 

Teuker (einer der Helden , die vor Troja mitgefochten) 
kommt in Geschäften nach Acgypten, ist eben aus dem Schiffie 
gestiegen, und erblickt Helena. Er erschrickt, dann bricht er 
sogleich in wuthvolle Worte aus, in denen sich der allgemeine 
Hass der Griechen gegen diess verderbenbringende Weib aus- 
spricht; er würde einen Stein aufheben, sagt er, und sie zer- 
schmettern, wenn er hier nicht ein Fremder wäre. Doch He- 
lena giebt sich nicht zu erkennen , und so muss er sich denn 
als einen durch Aehnlichkeit Getäuschten halten und bittet die 
Helena um Verzeihung wegen seines unschicklichen Betragens, 
denn er sei ein Grieche und habe ein Weib zu sehen geglaubt, 
das ganz Griechenland hasse. Durch den Teuker er- 
fährt nun Helena, dass der grosse Krieg geendet und zwar 
mit der Zerstörung Troja's, dass aber auch die griechischen 
Helden fast alle, theils bei ihrer Heimkehr auf der See, theils 
bei ihrer Rückkunft zu Hause das heilloseste Unglück verfolgt; 
von Menelaos aber (nach dem natürlich Helena am angelegent- 
lichsten fragt) wisse man noch gar nicht, wo er sei, denn er 
sei sammt seiner wiedererlangten Helena durch Sturm von den 
Uebrigen verschlagen worden , es gehe indess die Rede , dass 
er in den Wellen umgekommen sei. Helena, sich weiter nach 
ihrem Hause erkundigend , erfährt dann mit Schrecken , dass 
sich ihre Mutter aus Gram über der Tochter Schmach entleibt, 
und dass um diese Zeit ihre Zwillingsbrüder auf unerklärliche 
Weise verschwunden. Die Unterredung zwischen Beiden ist 
zuletzt eine sehr freundliche und zutrauliche geworden, da sich 
Helena als eine griechische Landsmännin zu erkennen giebt ; 
und so bittet denn der Fremde die Helena, sie möge ihm doch 
sagen, wo er die weitberühmte Schwester des hiesigen Königs, 
die Wahrsagerin, sprechen könne, er müsse sie befragen über 
sein wichtiges Reiseziel, da er vorhabe nach Cypern auszuwan- 
dern und dort eine griechische Kolonie zu gründen (seinen Be- 
weggrund, der auch mit den unseligen Folgen des trojanischen 
Kriegs zusammenhängt, hatte er ihr vorher offen mitgetheilt). 
Da aber bittet sie ihn, wenn ihm sein Leben lieb, so schnell 



352 Helena. 

als möglich aus diesem Lande zu fliehen; denn der Kon ig 
tödte jeden Griechen, der sich in Aegypten betreten 
lasse; sie könne ihm zwar nicht sagen, warum er das thue, 
aber es sei so. Jetzt niaimt Teuker mit herzlichen dankerfüllten 
Worten Abschied „von dem Weibe, das an Schönheit 
zwar so ähnlich, an Gemüth hingegen so unähnlich 
sei jenem andern Weibe, dem der Tod zu wünschen 
und die nimmer nach Sparta zurückkehren möge." 
Tiefergriffen und mächtig aufgeregt ist Helena durch Teu- 
ker's Mittheilungen. Sie hat die Stimme der Verwünschung 
eines ganzen Volks über sich gehört, über sich, die Unschul- 
dige; so verwünscht sie weinend ihre Schönheit. Sie gedenkt 
sodann ihres ganzen Lebens, und erkennt es nur als eine Reihe 
von Unglücksfällen — ihr Leben sei eine nicht fassbare 
Ausserordentlichkeit (rt^ug); obwohl von göttlichem 
Stamme, sei ihr Name geschändet, lebe si& von der Heimath 
verbannt bei den despotischen Barbaren, sei sie der Mutter und 
vielleicht der Brüder schuldlose Mörderin geworden, daheim 
altere ihr ehelos die geliebte Tochter — und nun endlich ver- 
sage ihr auch noch der letzte Anker: ihr Gatte, auf dessen 
Rückkunft sie gehofft, das Einzige, wde ihr das Elend noch 
ertragen gemacht, auch er sei dahin. Das Alles klagt sie dem 
Chor der Frauen. Diesen eröffnet sie auch zuletzt ihren Ent- 
schluss, sich das Leben zu nehmen. Diese suchen sie aber 
aufzurichten, die Gewissheit von Menelaos' Tode bezweifelnd. 
Endlich vermögen sie dieselbe, vor Allem Theonoe, des Kö- 
nigs weise Schwester, zu befragen. Sie verspricht das zu thun; 
aber sie zittert, die volle schreckliche Wahrheit zu hören. 
Wiederholte Klagen ; das Jammergeschick zweier grosser Na- 
tionen, das sie wider Willen verschuldet, tritt ihr in ganzer 
Grösse vor die Seele; sie wünscht sich die Gnade der Ver- 
wandlung in ein vernunftloses Thier von den Göttern ; sie 
kommt von den Selbstmordgedanken nicht los. 

Zweiter Akt. 

Menelaos, als ein Schiffbrüchiger, dürftig bekleidet, er- 
scheint auf der Scene. Er ist mit wenigfen Genossen auf 



Helena. S53 

ärmlichen Fahrzeugen an die ägyptische Küste getrieben. Er 
weiss es aber nicht, wo er sich befindet, und geht nun aufs 
Gerathewohl ans Land, um Speise und Trank für sich und 
seine Leidensgefährten zu erbitten. Er klopft an die Thiir 
des Palastes. Ein altes Weib, die Pförtnerin, tritt heraus, 
und will den Aufdringlichen unter Drohungen fortweisen. Er 
fügt sich aber nicht, bittet vielmehr dringender und nöthigt sie, 
ihm auf seine Fragen zu antworten. Sie thut es mürrisch und 
kurz. Aber er erfährt zu seinem Erstaunen, dass er, als ein 
Grieche, in ganz Aegypten, wo er sich jetzt befinde, des Lebens 
nicht sicher sei, geschweige denn hier in der Wohnung des 
Königs selbst; denn der König verfolge jeden Griechen, um 
der spartanischen Helena willen, Zeus' Tochter, die er bei sich 
habe. Die Frau sagt noch : sie meine es gut (denn auch sie 
sei Griechin), er solle sich fortmachen, je eher je lieber. Me- 
nelaos, allein, ist in der grössten Verwirrung über die gehörten 
Dinge. Was für eine spartanische Helena? er meint sie doch 
im Schiffe bei sich zu haben — hat man sie in der kurzen 
Zeit hinter seinem Rücken geraubt und hierher geschleppt? — 
Zuletzt besinnt er sich , Zeus könne ja viele Töchter haben — 
und ein Sparta könne es ja auch noch geben, wer kenne die 
unzähligen Pflanzstädte der Griechen in den andern Welt- 
theilen. — Dann aber spricht er seinen Entschluss aus, geradezu 
dem Könige sich als Menelaos vorzustellen und ihn um Hülfe 
anzuflehen. 

Da tritt Helena wieder aus dem Palast. Sie hat von 
Theonoe so eben erfahren , dass ihr «Gatte noch unter den 
Lebenden wandle ; ob er kommen werde, sie von hier heimzu- 
holen, habe sie nicht gesagt, nur dass er diesem Lande nahe 
sei. Jetzt erblickt sie in der Nähe des Grabmals einen un- 
bekannten Mann (den Menelaos), aus dem sie nicht weiss, was 
sie machen soll. In ihrer Gemüthsaufregung bildet sie sich ein, 
es sei wohl ein vom Könige Angestellter, der sie abhalten solle, 
vor dem Grabmal das ihm verhasste Gebet zu thun. Sie ruft 
den Chor zu Hülfe. Menelaos, hinzutretend, betheuert seine 
Unschuld. Sie verhehlt ihm ihren Abscheu vor seinem wider- 
wärtigen Aeussern nicht; aber, da sich beide ins Gesicht sehen, 
sind beide bestürzt. Er sagt es sogleich, welche Aehnlichkeit 

Archiv f. n. Spnichcn. l.IX. 23 



354 Helena. 

ihn erstaunen macht. Sie aber, nicht zweifelnd, giebt sich zu 
erkennen und will freudebewegt ihren Gatten umarmen. Aber 
dem Menelaos kommt ein Grauen an, er bittet die Götter, ihn 
nicht zu verwirren, ihn nicht wahnsinnig zu machen. Sie bittet 
ihn flehentUch und weinend , doch seine liebende Gattin anzu- 
erkennen ; sie erklärt ihm das Blendwerk der Götter — ver- 
gebens, er versteht nicht was er hört, er kann nicht daran 
glauben; es wird ihm unheimlich, und er will eben von ihr 
fort, da tritt ihm, von seinen Schiffen am Strande kommend, — 
einer seiner Schiffsleute in den Weg, ausgeschickt, den 
Herren aufzusuchen. Denn etwas Ausserordentliches , Un- 
begreifliches , hat sich während dessen kurzer Abwesenheit zu- 
getragen; er berichtet es: wie die Königin Helena, heraus- 
tretend aus ihrer Höhle, mit einem Male gen Himmel sich er- 
hoben, wie ihre Gestalt spurlos zerstoben und verduftet, 
nachdem sie zuvor das Unerklärlichste gesagt: n eh ml ich 
Wehklagen über die unglückseligen Völker, die 
durch sie, das Blendwerk, zu Grunde gerichtet 
worden, und über die bejammernswerthe, schuld- 
lose Helena — und dass sie jetzt heimkehre gen 
Himmel, nachdem das Geschick sich vollendet. 
Nachdem der Bote diess erzählt , bemerkt er erst die Helena. 
Er erschrickt, aber begrüsst sie sogleich freudig — „also hier 
warst du, wusste ich doch nicht, dass deine Göttlichkeit be- 
flügelt sei." — Jetzt erst wird es dem Menelaos Licht vor den 
Augen ; es stimmt Alles zusammen ; jetzt schliesst er seine 
Helena in die Arme. Dann eine von Freude erreo;te Wechsel- 
rede zwischen den Gatten — Wonne des Wiedersehens, doch 
vermischt mit der grausigen Erkenntniss jener heillosen Ver- 
blendung. Die Lust, einander wiederzubesitzen, scheint zuletzt 
Alles zu überwogen, aber doch liegt ihr Unglück zu schwer 
auf ihnen, die schrecklichen Leiden der Vergangenheit — sie 
wollen erzählen und wissen nicht, wo sie anheben sollen — die 
trostlosen Zustände im Heimathlande, und vor Allem die aller- 
nächste Zukunft — ihre Rettung aus Aegypten — — der 
Schiffs mann bittet sodann, dass man ihn doch aufklären 
möge über die Sache, es komme ihm das Alles so räthselhaft 
vor. Menelaos thut es, und: „Also um ein Nebelbild diese 



Helena. 855 

unendlichen Leiden!" ruft der Mann aus; lasst nun auch seiner 
Freude freien Lauf, indem er sich als einen treuanhänglichen, 
liebevoll theilnehmenden Diener des Herrscherhauses gicbt. Zu- 
gleich bricht er aber auch in Verwünschungen wider die Wahr- 
sager und alle Weissagungen aus , das sei gottloser Lug und 
Trug, der nur Unheil schaffe; denn kein Seher habe voraus- 
gesehen und gesagt, Avie es jetzt geworden. Die Götter lieben 
und sühnen sei mehr, als Alles. Menelaos schickt ihn zu den 
Schiffen, damit sofort alle Gefährten von dem Wunder benach- 
richtigt werden. 

Menelaos und Helena allein. Viele Pläne zur Rettung und 
Flucht, die sie doch wieder verwerfen müssen; sie verzweifeln 
beinah daran ; sehen nur den Tod durch den König. Helena 
will gerne sterben, wenn sie nur den Gatten retten könne. 
Dieser will geradezu es wagen, den König umzubringen. Doch 
Helena erinnert ihn , dass diess unmöglich, indem sie ihn von 
Theonoe's Allwissenskraft unterrichtet. Doch diese — das 
sei der einzige Weg — müsse man versuchen zu erbitten, dass 
sie dem Könige, ihrem Bruder, nicht sage, was sie wisse, dass 
sie der Flucht nicht hinderlich sei. Sei aber diese unerbittlich 
— das ist Beiden klar — , sind Beide verloren. Denn sie 
schwören es sich zu , wenn diess letzte Mittel verfängt, dass 
sie dann zusammen sterben wollen; Menelaos will dann Helena 
selbst tödten, und für seinen Tod wird der Tyrann schon sorgen. 
Theonor naht eben; Menelaos entfernt sich. 

Dritter Akt. 

Theonoe mit ihren Dienerinnen in priesterlicher Thätig- 
keit, Opferceremonien anordnend. Helena und Menelaos er- 
blickend, fragt sie die erste: ob sie ihr nicht die Wahrheit ge- 
weissagt, ob nicht der Gatte nun da sei? Sie bezeigt sodann 
ihr inniges Mitleiden mit ihrem unseligen Schicksal, und er- 
öffnet ihr auch, wie das Alles im Götterrathe zusammenhänge: 
Juno, einst der Helena erbittertste Feindin, wolle ihr jetzt wohl, 
begünstige ihre Heimkehr, damit es vor den Griechen offenbar 
werde, wie erfolglos der Venus Beginnen gewesen sei; diese 
daffegen verhindere die Rückkehr, um ihre Schmach nicht 

23* 



356 Helena. 

offenbar werden zu lassen [ein Symbol , wie es Venus immer 
nur mit der Liebe zu thun hat, sollte ihr Inhalt auch unsittlich 
sein — aber diese Liebe ist nicht das Höchste — ] — so sei 
der Götterstreit. Nun liege es aber nur in ihrer, Theonoe's, 
Hand, ob sie es mit Juno oder mit Venus halten, ihrem Bruder 
die Anwesenheit des Menelaos verrathen oder verschweigen 
wolle. „Wer von euch" (sagt sie zu ihren Dienerinnen mit 
rauher, aber menschenfreundlicher Ironie) „geht nun und zeigt 
meinem Bruder diesen Mann an, damit ich sicher bin?" — Da 
fällt ihr Helena zu Füssen und fleht sie um Erbarmen an — 
sie solle doch bedenken, dass die Götter jegliche Gewaltthat 
hassen, dass der Himmel und die Erde ein Haus für alle Men- 
schen sei ; sie solle doch ihre hohe heilige Reinheit nicht be- 
flecken; sie solle bedenken, welche namenlose Fülle von Elend 
bereits auf ihr, Helena, liege, und dass an ihrer Befreiung ganz 
Griechenlands Genesung gebunden sei; sie solle endlich be- 
denken, wie sie die heilige hinterlassene Verpflichtung ihres 
edeln Vaters erfüllen wolle, mehr solle sie diesen ehren, als den 
Bruder — Theonoe antwortet, Helenens Worte seien beweg- 
lich, aber sie müsse auch den Menelaos hören. Menelaos er- 
klärt darauf, er kenne, als ein Mann, keine Thränen, am wenig- 
sten als Menelaos; er müsse ihr aber sagen, dass sie ein arges 
Weib sei , wenn sie seine und der Helena Bitten nicht erfülle ; 
sie beide seien dann freilich sehr unglücklich — doch er sei dem 
Unglück angewohnt. Nur den Geist des edeln, abgeschiedenen 
Königs, ihres Vaters, rufe er an, dass er das von den Göttern 
ihm anvertraute Weib ihm, ihrem Manne, wiedergebe; nur den 
Orkus rufe er an, dass er entweder alle durch Menelaos' 
Schwert um der Helena willen hinabgesandten 
Schatten wieder zum Leben erwecke, oder dass er 
Theonoe bewege, ihm Helena wiederzugeben [als 
wenn er sagen wollte: wenn Helena untergehen soll, dann ist 
sie schuldig, aber dann sind die griechischen und trojanischen 
Helden unschuldig gefallen und sie müssen wieder leben; sind 
hingegen diese durch ihre Schuld dem Tode verfallen, so ist 
8 i e rein und schuldlos und hat das Leben]. Theonoe solle 
aber wissen, dass, wofern sie unbeweglich, er entschlossen sei, 
mit ihrem Bruder auf Tod und Leben zu kämpfen ; verweigere 



Helena. 357 

dieser aber den Zweikampf, so sei sein Weib mit ihm zu 
sterben bereit — ein ewiger Vorwurf und Makel der Theonoe 
und ihrem Vater. Darauf nun denn Theonoe: sie sei gottes- 
fiirchtig geboren und könne nicht anders sein, sie achte und 
liebe ihren Vater und sich selbst zu sehr; ein heiliger Drang 
der Gerechtigkeit, der in ihr lebe, bewege sie daher, des Mene- 
laos Rettung zu versuchen — sie halte es also mit der Juno; 
Venus möge ihr gnädig sein, aber sie habe nichts mit ihr, denn 
sie bestrebe sich, immer Jungfrau zu bleiben. Vor Allem aber 
belebe ihren Entschluss der Geist ihres Vaters; denn die 
Geister der Verstorbenen leben zwar nicht mehr, 
aber sie haben, eingegangen in den unsterblichen 
Aether, ein unsterbliches Wissen. So wolle sie denn 
schweigen; allein Beide müssten nun selbst den Ausgang finden 
— „beginnt aber, was ihr unternehmt, mit den Göttern, wenn 
es gesegnet sein soll," setzt sie mit frommem Sinne hinzu 
und geht. 

Menelaos und Helena allein. Menelaos, von der grössten 
Befürchtung befreit, sinnt leidenschaftlich auf Mittel zur Be- 
freiung. So schlägt er vor, den König umzubringen — aber 
Helena führt ihm zu Sinne , dass diess Theonoe nicht dulden 
und ihrem Bruder nicht verschweigen würde. Endlich verfällt 
Helena auf folgende List: Menelaos solle für todt ausgegeben 
werden und dadurch sich retten. ?> solle nehmlich als ein an 
den Strand geworfener Grieche und Gefährte des Menelaos von 
dem Untergang der Flotte und dem Ertrinken des Menelaos 
Bericht erstatten; dabei werde ihn ja seine schlechte Kleidung 
unterstützen. Dann werde aber sie, Helena, vom Könige eine 
Todtenfeierlichkeit für den verstorbenen Gatten verlangen, die 
er wohl gewähren werde; Menelaos müsse nur, als ein Grieche, 
dem Theoklymenos genau beschreiben, wie nach griechischer 
Sitte einem im Meere umgekommenen Plelden die letzte Ehre 
zu thun sei; diese müsse denn darin bestehen, dass ein 
vvohlausgerüstetes Schiff in's hohe Meer hinaus und weitab vom 
Lande segele, worauf die Todtenopfer vorzunehmen seien. — 
Helena, die Seele gespannt, löst sie in Gebet auf und fleht zu 
den beiden Göttinnen, zur Juno um Stärke, zur Venus: dass 



358 Helena. 

sie endlich doch einmal nachlassen wolle, sie mit Leiden und 
Schmach zu überschütten; wenn die Göttin aber ihren Unter- 
gang einmal wolle, so möge sie sie doch nur im Heimathlande 
sterben lassen . „Thust du dir denn nimmer genug mit 
allen deinen argen Dingen, mit deinen liiebes han- 
deln und deinen Listen, deinen Umstrick ungen, die 
du übst, und mit deinen Zaubertränken, den blu- 
tigen Verderberinnen der Geschlechter? O, ^venn 
du nicht so stark wärst, da wärst du den Menschen 
die süsseste der Göttinnen — ich sage nichts 
weiter!" — 

Vierter Akt. 

Theoklymenos mit Gefolge von der Jagd heimkehrend, 
in erregter Stimmung. Der Anblick von seines Vaters Grab- 
monument, das er, wie er sagt, an dieser Stelle vor dem Pa- 
last hat aufrichten lassen, um es stets bei seinem P^in- und 
Ausgange vor Augen zu haben, vermehrt seine Aufregung; 
aber was ihn besonders beschäftigt, ist ein ihm zugekommenes 
Gerücht, dass sich trotz seiner strengen Ueberwachung ein 
griechischer Späher eingeschlichen, entweder um die HeFena 
auszukundschaften oder gar sie zu rauben. Da er sie nun gar 
jetzt nicht, wie gewöhnlich, vor dem Monumente erblickt, so 
ertheilt er rasch Befehle, Wagen anzuspannen, Pferde zu sat- 
teln u. s. w. Aber alsbald gebietet er einzuhalten , denn er 
sieht eben 

Helena aus dem Hause kommen, mit verschnittenem Haar 
und in Trauerkleidern. Unangenehm dadurch berührt, fragt er 
sie, was das zu bedeuten habe? Diese antwortet ihm, „dass sie 
nun Alles verloren, dass sie nichts mehr sei" — „Menelaos sei 
todt, auf der See umgekommen." Darauf gesteht ihr der König 
ganz ehrlich, dass er das für ein glückliches Ereigniss betrachte, 
obwohl er sie bedaure. Er erfährt hierauf, dass die sichere 
Nachricht durch einen davongekommenen Schiffsmann hierher 
gelangt, und dass dieser Mann sich hier befinde, hier im Grab- 
monumente versteckt, aus Furcht vor dem Griechenverfolgungs- 



Helena. 359 

manclat. Theoklymcnos erkundigt sich jetzt auf das Angelegent- 
lichste bei der Helena nach allen näheren Umständen, nach 
Troja's Zerstörung, wie der Schiffbruch gewesen, wie es ge- 
kommen, dass dieser einzige Mann eich gerettet u. s. w. Als 
nun Helena bei ihren Antworten ihm etwas zu viel Trauer zu 
verrathen scheint, nimmt er einen etwas ironischen Ton an. 
Diesen aber beseitigt Helena sofort und macht den König so- 
gar mild und freundlich, indem sie erklärt, sie könne nun der 
ehelichen Verbindung mit ihm nicht mehr abgeneigt sein. So- 
gleich trägt sie ihm ihren Wunsch vor, ihrem abgeschiedenen 
Gatten nach Griechenweise eine Todesfeierlichkeit anrichten zu 
dürfen, und zwar eine solche, wie sie den durch das Meer Ge- 
tödteten gebühre. Theoklymcnos ist ganz willig, erkundigt sich 
nach der griechischen Art und Weise. Da verweist ihn Helena 
auf den Schiffsmann, der sogleich herbeigeholt wird. 

Theoklymenos redet den Menelaos freundlich an, als 
einen, „der ihm gute Botschaft gebracht"; und fragt ihn dann 
über die Leichenfeierlichkeit ausführlich aus, der dann Auskunft 
ertheilt, wie verabredet worden. Der König heisst Alles gut, 
verspricht auch Alles recht prächtig und königlich und seiner 
und des Menelaos würdig zu besorgen. Höchst befriedigt ver- 
spricht er zuletzt dem Menelaos ein köstliches Ehrenkleid. So- 
dann ermahnt er die Helena noch, sich nicht zu sehr der Trauer 
zu überlassen und an der Gegenwart sich zu trösten. Ebenso 
ermahnt sie auch Menelaos, des Königs Gesinnung rühmend. 

Fünfter Akt. 

Helena zum Feste würdig geschmückt, erklärt, dass Alles 
bereit sei, und kann für sich ihres Herzens Freude nicht ver- 
bergen, dass Menelaos jetzt trefflich bewehrt ist, umgürtet mit 
den Waffen, die zu Ehren seiner selbst von ihm ins Meer ge- 
worfen werden sollen. — Dem Chore empfiehlt sie reinen 
Mund. 

Theoklymenos erscheint geschäftig, Befehle ertheilend 
für die Feierlichkeit. Dann zu Helena gewandt, lässt er eifer- 



360 Helena. 

süchtiges Misstrauen merken, und verhehlt es ihr nicht, wenn 
auch rücksichtsvoll — „er erlaube sich, sie zu bitten, vom Feste 
wegzubleiben, denn er verberge ihr seine Besorgniss nicht, dass 
sie etwa von Schmerz und unüberwindlicher Sehnsucht nach 
dem verstorbenen Gatten ergriffen, sich in das Meer stürzen 
möchte" — denn sie scheine ihn nur zu sehr noch zu lieben. 
Helena besteht jedoch in bescheidenen, doch bestimmten Worten 
auf ihrer persönlichen Theilnehmung und sucht zugleich den 
Theoklymenos zu beruhigen. Sie würde wohl gern mit dem 
ewig geliebten Gatten sterben mögen , doch sei ihm das kein 
wain-er Liebesdienst, sie müsse dagegen als eine heilige Pflicht 
erfüllen, was eine solche sei — und so sei es recht, und 
so nur habe Theoklymenos die Helena wie sie sein 
aolle. Darauf bittet sie ihn nochmals, dass er nun unverzüg- 
lich die bestimmtesten Befehle gebe und namentlich dem grie- 
chischen Schiffsmann noch einmal mit ausdrücklichen Worten 
das Obercommando übertrage. Theoklymenos thut sofort ihren 
Willen, bittet sie aber noch, sie solle sich nur durch zu hef- 
tiges Weinen nicht zu viel Weh' anthun, und fragt sie zuletzt, 
ob sie es etwa wünsche, dass er selbst mit auf dem Schiffe 
Theil nehme an der Feier, was sie mit dem Grunde ablehnt, 
dass er, der Herr, ja nicht dienen dürfe. Theoklymenos ist es 
endlich zufrieden; denkt aber nun sogleich an die Vermählungs- 
feier und ordnet sofort an, dass sein Haus hochzeitlich ge- 
schmückt werde. — Nun zeigt sich auch Menelaos, den der 
König freundlich ani-edet und ihm freistellt, ob er nach voll- 
brachter Feierlichkeit und nachdem er seiner Hochzeit mit bei- 
gewohnt, nach Griechenland heimkehren oder bei ihm bleiben 
wolle, wo es ihm gewiss Wohlergehen werde. — Er geht ins 
Haus. — Menelaos, allein, sendet vor dem entscheidungsvollen 
Schritt noch ein heisses Gebet zum Zeus und geht. 

Der Chor tritt auf, jetzt nur die fliehenden Gatten mit 
wohlwollendsten Wünschen bedenkend, glückliche Fahrt dem 
Schiffe zurufend, und den Zug der Kraniche anredend, dass sie 
an Sparta's Küsten die endliche Heimkehr der Beiden voraus- 
verkündigen; endlich eine Anrufung von Helena's göttlichen 
Brüdern, des Zwillingspaars der Dioskuren, der mäch- 



Helena. 361 

tigen Schützer jeglicher Schifffahrt, dass aic die thenrc Schwe- 
ster in schirmende Obhut nehmen, „und dass sie die Unehre 
nehmen von der Schwester Namen, den Flecken barbarischer 
Buhlerei, der auf sie gekommen durch ihr Leiden, das ihr ver- 
ursacht der Göttinnen Streit, obgleich sie nimmer zu Troja's 
Thürmen gelangt." 

Ein Schiffs mann des Königs, der mit auf dem 
Trauerschiff gewesen, verlangt eilig den König zu sprechen und 
berichtet ihm in kurzen Worten, was diesen ganz verwirrt: 
dass Helena aus dem Lande geflüchtet, entführt von dem, „der 
gekommen, um sich als todt anzukündigen", von Menelaos, ent- 
führt auf des Königs eigenem Schiffe. Theoklymenos vermag 
noch gar nicht daran zu glauben ; doch der Mann erzählt nun 
ausführlich den ganzen Hergang. Als sie, die Aegypter, mit 
den Griechen am Platze angekommen, hätten sie schon einen 
gewissen Argwohn nicht unterdrücken können, da sie sich einer 
so grossen Menge Griechen zur Seite erblickt. Doch hätten 
sie sich gehütet den Verdacht laut werden zu lassen, weil sie 
sich erinnert, dass Alles auf Befehl des Königs geschehe. 
Sodann habe sich gleich eine böse Vorbedeutung gezeigt; denn 
der Opferstier habe durchaus nicht in das Schiff gewollt und 
sei nur mit der grössten Anstrengung hinübergebracht worden. 
Darauf habe der Ordner des Festes (der sich bald als Menelaos 
gezeigt) den Stier geopfert und Segenswünsche für glückliche 
Heimkehr der Helena ausgesprochen , ohne des Todten zu ge- 
denken. Dadurch stutzig gemacht, habe Einer von den Aegyp- 
tischen ausgerufen: Wir sind betrogen, wenden wir das Schiff! 
Aber nun habe Menelaos mit gewaltiger Stimme seine Griechen 
aufgefordert, auf die Aegypter wacker loszuschlagen, da seien 
plötzlich eine Masse bisher versteckte Schwerdter blos geworden, 
und ein Blutbad auf dem Schiffe habe begonnen und Helena 
auch habe immerfort ermuntert: sie sollten sich nicht unwerth 
heute machen des trojanischen Ruhms. Der ägyptische Steuer- 
mann habe nun zwar seine Landsleute zu tapferer Gegenwehr 
angefeuert und es sei sehr brav von ihrer Seite gekämpft 
worden , doch was hätte man ausrichten können mit Rudern 
und Stangen gegen Schwerdter? — so seien sie endlich über- 



362 Helena. 

wältigt worden. — Er (der Bote) habe nur durch einen glück- 
lichen Zufall (indem es ihm gelungen, durch ein Seil eich her- 
abzulassen und am Anker sich festzuhalten) schwimmend sich 
retten können, um dem Könige die Nachricht zu bringen. — 
Nach dieser Erzählung bricht der König in die massloseste 
Wuth aus und flucht der weiblichen Arglist, durch die er be- 
rückt worden. Er will die Flüchtlinge sogleich verfolgen lassen; 
aber zu allererst will er seine Rache kühlen an seiner ver- 
rätherischen Schwester, die ihm den Menelaos nicht verrathen. 
Er durstet nach ihrem Blut und will auf der Stelle ins Haus, 
um sie umzubringen. Da vertritt ihm aber der Chor der 
Frauen den Weg und mahnt ihn, von dem Blutfrevel abzu- 
stehen , denn zumal gerecht und göttlich habe seine heilige 
Schwester gehandelt. Doch Theoklymenos' Zorn wird noch 
unbändiger durch diesen angemassten Widerstand und droht 
dem Chore mit dem Schwerte. 

Da aber lässt sich eine göttliche Erscheinung sehen: 
das Zwillingspaar der Dioskuren. Die rufen Halt ein 
und gebieten dem Theoklymenos abzulassen von seinem Zorn, 
der ungerecht sei ; denn Gott Wohlgefälliges habe die Schwe- 
ster gethan , und nimmer vermöge er dem ewigen Rathschluss 
zu widerstreben — Troja sei zerstört und der Wille der Götter 
an Helena erfüllt, sie kehre nun zur Heimath wieder. Dann 
rufen sie der Schwester zu : Segle glücklich mit deinem 
Gatten, wir reiten dir zur Seite auf dem Meere und geleiten 
dich heim , wir dürfen es jetzt , wir deine göttlichen Brüder. 
Aber einst, sagen wir dir, wenn du deines Lebens 
Ziel erfüllt, wirst du als eine Göttin den Menschen 
auferstehen, und gleich uns, von ihnen angebetet 
werden {oxav df xdf.i'iprjg y,ui Tt7<.fVTriG7]g ßiov, d-eog unikrjGrj 
u. s. w.) — Darauf denn, ergriffen vom Worte der himmlischen 
Brüder, beugt sich Theoklymenos vor den Göttern , Lob und 
Preis der Helena nachrufend. 



Das ist die Helena des Euripides ; ein geist- und sinn- 
volles Stück und ein acht dramatisches Gedicht. Es ist dieses 



Helena. 363 

aber nur durch das Wagnis8 des Dichters geworden, die He- 
lena zugleich göttlich und menschlich unschuldig dar- 
zustellen. Vielleicht war das Gelingen dieser schwierigen Auf- 
gabe damals keinem anderen Dichter möglich, als eben dem 
Euripides, welcher ja bekanntlich seiner Individualität nach nur 
zu sehr und oft auf Unkosten der Poesie zur Auffassung des 
niedrig Menschlichen geneigt war. Man wundert sich vielleicht, 
dass ich mich auf diese anerkannte Wahrheit gerade hier be- 
ziehe, denn das niedrig Menschliche, die Verachtung der Idea- 
lität war bei diesem Stoffe gerade vom allergrössten Uebel. 
Aber etwas stark Menschliches musste einmal in die Fabel, um 
sie dramatisch zu machen, und vor völlijjer Verflüchtigung; des 
idealen Elements war immerhin der Stoff durch einen unzer- 
störlichen Mittelpunkt gesichert Nehmlich Helena musste, 
in irgend einer Art, zu den Göttern in Beziehung stehen. 
Wir besitzen vom Euripides noch zwei andere, aber ganz miss- 
glückte Versuche der Lösung jener Aufgabe. Im „Orestes" 
nehmlich, worin Helena, nach ihrer Rückkehr aus Troja, nicht 
nur als hassenswürdig und vom ganzen Volke als Unglücks- 
dämon verwünscht, als Griechenlands Schande verabscheut hin- 
gestellt wird, worin sie auch vor sich selbst im Gefühle ihres 
Nichts, kurz grunderbärmlich erscheint ; und worin sie dennoch 
endlich zum Schlüsse noch als eine Göttin anerkannt wird. 
Das ist denn ein unendlich schwaches , vielleicht das matteste 
unter allen Euripideischen Stücken geworden. Es konnte nicht 
anders werden, da er sich einfallen Hess, uns Göttlichkeit und 
niedrigmenschliche Schuld in einer dramatischen Figur nahe vor 
die Augen stellen zu wollen. Nicht würdiger erscheint diese 
Heldin als episodische Figur in des Dichters sonst so bedeu- 
tendem Stücke, den „Troer innen", wo, die jüngst eroberte und 
in Flammen stehende Stadt im Hintergrunde, der erzürnte Gatte 
Menelaos die Treulose von seinen Sklaven bei den Haaren 
herbeischleppen lässt und ihre Hinrichtung in Griechenland ihr 
verkündigt, wo sie selbst (die kokett und leichtsinnig abgeschil- 
dert wird durch den Mund der Hekuba) knieend eine gezwun- 
gene und spitzfindige. Alles dem Rathschluss der Götter auf- 
bürdende Vertheidigung versucht, die durchaus nicht geeignet 
ist, auch wohl nicht sein soll, den Hörer zu ihren Gunsten zu 



364 Helena. 

Stimmen. Hier bildet sie allerdings eine Art von tragischer 
Figur, zumal da sie vor den Augen und Ohren ihrer Tod- 
feindin, der Hekuba, verurtheilt wird. Aber das ist jene rea- 
listische, die ideale Helena-Idee völlig vernichtende Behandlung. 
— Ganz anders in seiner „Helena". Hier hat der Dichter 
seine Kraft zusammengenommen und es ist ihm gelungen, ein 
ganz eigenthümliches dramatisches Stück zu schaffen. Tra- 
gödie im eigentlichsten Sinne ist es allerdings nicht, Komödie 
auch nicht, und doch ein wahres Drama. Es ist ein Gedicht, 
das, unstreitig ohne dass es Euripides beabsichtigte, durch die 
Eigenartigkeit des Stoffs mit einer gewissen Nothwendigkeit 
eben das wurde, was es geworden ist. Das Tragische ist wohl 
mit drin und besteht in der thörichten Verblendung der Grie- 
chen, welche einem Luftbild nachjagend, sich namenlosen Jam- 
mer bereitet haben ; doch diess liegt im Hintergrunde, bildet 
nicht den Hauptinhalt des Gedichts. Dieser ist vielmehr Sühne 
des vergangenen Unglücks, so Aveit diess möglich, hauptsäch- 
lich aber Erhebung an der Göttlichkeit der wahren und ächten 
Schönheitsidee, die Eins ist mit der Idee des Guten, und 
deren edelste Auffassung (wie wir ja jetzt noch besser wissen, 
als es selbst den Griechen damals bewusst sein konnte) die 
herrlichste Seite der griechischen Natur begründet. Also ist 
der Inhalt des Dramas nichts Geringeres als das Ideal im 
Gegensatz zu dem Afterideal, und der Triumph des ersteren 
über das letztere. Diess wäre nun vielleicht einer modern - 
idealistischen Dichternatur gänzlich missglückt, Aveil sie an der 
Form dazu gescheitert, weil sie leicht ins Nebelhafte gerathen 
wäre; einem Griechen jedoch war, vermöge seines Standpunktes 
und seiner Bildung, die Sache weit leichter erreichbar. Denn 
dem Griechen ist das Göttliche im rein Menschlichen enthalten. 
So ist in Euripides' Drama die höchste Idee rein menschlich 
ausgedrückt; so ist über das ganze Stück eine unendliche hohe 
Heiterkeit verbreitet, welche weit entfernt, der Würde des 
Gegenstandes Eintrag zu thun, dieselbe vielmehr ausserordent- 
lich erhöht. 

An der Ausführung des Stücks ist von altern und neuern 
Kritikern Manches getadelt worden. Einiges in der That wohl 



Helena. 365 

nicht mit Unrecht, wie denn Euripides, besonders wegen ge- 
wissen Unfleisses im Einzelnen, immer Grund zu gerechten 
Ausstellungen bieten wird. Aber der meiste Tadel, der die 
Helena namentlich bei den Neuern betroffen, beruht, selbst im 
Einzelnen, unverkennbar auf der Verkennung gerade des Wer- 
thes und der eigensten Natur des Stücks. Es ist demselben 
soffar der nichtige Vorwurf oemacht worden , dass es keine 
wahre Tragödie sei. Dagegen hat bereits Friedrich von Räumer 
(in seinem lesenswerthen Anhang zu den Vorll. ü. alt. Gesch. 
II, S. 398, Ausg. 1) den Dichter gründlich in Schutz genom- 
men. „Wie aber," sagt er, „wenn uns Euripides mit diesem 
Beweise auslachte und behauptete, es solle auch gar keine Tra- 
gödie sein. Dass Helena unter diesem Titel geht, beweist nur, 
dass es keine Komödie der alten Schule und kein satyrisches 
Drama ist; dass man nicht so leicht als jetzt für Abweichendes 
besondere Benennungen erfand : — was ist aber zuletzt am 
Titel und dem regelrechten Eintheilen und Unterbringen ge- 
legen? Fallen nicht die meisten Fehler dahin, wenn man das 
Stück als ein Schauspiel mittlerer Art betrachtet?" — — 
„Gehen wir aber noch einen Schritt weiter und nehmen an: 
Helena sei das Aehnliche, ein Analogon von einer roman- 
tischen Oper, so ist jedes Wunder, jede verwickelte Ver- 
wickelung, wenigstens weit eher als auf irgend eine andere 
Weise gerechtfertigt und die Vorsätzlichkeit, die Besonnenheit, 
mit w'elcher der Dichter überall das Wunderbare, das Ver- 
vs^ickelte vorzieht, bcM'eist, dass er von den gewöhnlichen For- 
men durchaus abweichen wollte." — „In der Helena liegen 
die Wurzeln eigenthümlicher Gestaltungen, von ihr aus Hesse 
eich ein Uebergang zu sehr abweichenden und merkwürdigen 
Formen der Neuern nachweisen, die dem Alterthum 
vielleicht keineswegs so ganz fehlten, als man bei 
der Dürftigkeit des Ueberbliebenen annimmt. Aber 
auch zugegeben, diese Formen waren damals nicht 
vorhanden, so kann doch jede Erscheinung, welche 
dahin deutet, immer nicht doppelten Tadel ver- 
dienen, sondern sie muss doppeltes Interesse er- 
wecken." — Wie ganz anders klingt doch ein solches Urtheil 
als das durchaus oberflächliche A. W. Schlegels (Dram. K. u. 



366 L L Helena. 

Lit. I, S. 261): „Die belustigendste aller Tragödien des Euri- 
pides, ein gar abentheuerliches Schauspiel, voll von wunder- 
baren Vorfällen und Auftritten, die offenbar weit mehr lür die 
Komödie passen". — „Eine Art die Mythologie zu verbessern, 
wodurch sie den Mährchen in tausend und einer Nacht ähnlich 
wird". — Da ist keine Ahnung von der Bedeutung des Ge- 
dichts. — In der That, wir können wohl nicht anders, wir 
müssen bei aufmerksamer Betrachtung des Gegenstandes die 
Raumer'sche Ansicht theilen; es muss uns in die Augen 
springen, dass hier, durch die Gewalt des Stoffes gedrängt, der 
Dichter, wollte er anders etwas erreichen, in der Innern Form 
sich neuschöpferisch bethätigen musste; und wir können nicht 
blind dagegen sein, wie er wirklich ein in seiner Gattung 
erstes dramatisches Werk zu Tage gefördert. Ob wir nun 
diese neue Art höhere Komödie, oder Schauspiel im 
modernen Sinne, oder romantische Oper oder etwa Melo- 
drama zu nennen haben, darauf kann und darf allerdings 
nichts ankommen ; genug, wenn wir nicht verkennen, dass in 
der Form des vorliegenden Gedichtes ein merkwürdiger VVerde- 
process zu beobachten ist, welcher neben einer literargeschicht- 
lichen zugleich eine welthistorische Bewegung bekundet und 
auf ein Weiterstreben des damaligen gesammten Zeitbewusst- 
seins hinausdeutet. Gewiss, wir haben hier ein Gedicht, dessen 
Form uns, als der von fernher anschauenden Nachwelt, ge- 
wissermassen verständlicher sein muss, als der Mitwelt des 
Euripides. So erklärt sich auch, dass der geistvolle altclassisch 
gebildete Aristophanes seinen Spott übt an der ihm fremd er- 
scheinenden neuen Euripideischen Richtung, und besondern An- 
stoss nimmt an gewissen Wirklichkeiten der „Helena" dieses 
Dichters. — Man darf indess nicht meinen, dass diese Helena 
bei ihrer ersten Aufführung den Griechen als eine durchaus 
fremdartige Erscheinung habe vorkommen müssen. Vielmehr 
bemerken wir, dass in der dramatischen Poesie jenes Zeit- 
punktes, und allerdings besonders in unserem Euripides, eine 
Richtung sich geltend zu machen sucht, vermöge deren die 
Darstellung der Menschlichkeit von nun an erstrebt wurde: 
nicht mehr blos in der Schilderung menschlicher Leidenschaften 
oder des grossen erhebenden Kampfes mit dem ewigen Schick- 



Helena. 367 

sal (Tragödie); nicht mehr blos in der Zeichnung mensch- 
licher Schwächen oder des kleinen anregenden Kampfes mit 
selbstgeschaffenen Wirrsalen (Komödie); sondern vielmehr 
in der reinen und unbefangenen Auffassung alles 
acht Menschlichen als solchen, in der liebevollen 
und freudigen Hervorhebung der Freundlichkeit 
des menschlichen Daseins. Und diese letztere Tendenz, 
welche der grosse griechische Kunstrichter (fiXayd-Qwneiou nennt, 
ist die entschieden vorwiegende in des Euripides' Helena. Den- 
noch aber ist mit dem Namen menschenfreundlich das 
Stück noch nicht vollständig charakterisirt. Noch tritt nehm- 
lich etwas Zweites, diesem Stücke allein Eigenes, hinzu: das 
Wunderbare. Dadurch nun eben hebt sich, dem Innern 
Gehalte entsprechend, das ganze Drama. Es wird darin der 
Nachdruck gelegt auf das Göttliche in der Menschen- 
natur, jener wunderbare Theil in des Menschen Wesen und 
Bewusstsein, der ihm selbst ein ewiges ßäthsel bleibt. Und 
nur der Dichter vermag es, und nur durch die wunderbarsten 
Dichtungen, auf dessen Lösung wenigstens hinzudeuten; und 
das ist denn die ganze Helena des Euripides. 

Hält man ferner diesen mir allein richtig scheinenden Ge- 
sichtspunkt fest (wobei ich allerdings zugebe, dass er dem Euri- 
pides weniger bewusst war, als eres uns sein kann): so, glaube 
ich, muss auch das Meiste in sieh zerfallen, was gar Manche 
und selbst der unbefangene Räumer an vielen einzelnen Stellen 
auszusetzen gehabt haben. Vielmehr werden wir, wenn wir 
uns recht besinnen, wohl immer finden, dass jenes Einzelne 
wohl bedacht und eben so gemacht worden ist, wie es durch 
das Ganze bedingt gemacht werden musste, ja werden auf 
diesem Wege sogar manche neue Schönheiten finden, — Ich 
brauche mich nur kurz auf das Bedeutsamste zu beziehen. — 
Die Erscheinung des Teuker z. B. ist durchaus keine über- 
flüssige, scheint mir vielmehr eine weise berechnete. Denn 
einmal wird durch ihn, als einen so bedeutenden Theilnehmer 
am trojanischen Kriege, der Abscheu vor dem Namen und der 
Person der Helena wohl am lebendigsten und jedenfalls weit 
trefflicher symbolisirt, als es durch einen vom Schiffbruch des 



368 Helena. 

Menelaos Entronnenen hätte geschehen können (welche Erfin- 
dung als eine natürlichere von Raumer empfohlen wird) ; und 
zweitens thut man durch die mit jenem Kriege so eng ver- 
flochtene unglückselige Privatgeschichte des Teuker, welche 
dieser der Helena erzählt , einen höchst bedeutsamen Blick in 
das mannigfache, auch mittelbar durch den Raub der Helena 
bewirkte, bis in das Innere einzelner Familien sich erstreckende 
Unheil; was denn gleichfalls als oanz gehörig uud an rechter 
Stelle erscheint. Wenn Raumer ferner das Zusammentreffen 
der Ankunft des Teuker mit dem Schiffbruch des Menelaos an 
dem nehmlichen Strande und an demselben Tage etwas zu selt- 
sam findet, so rauss ich bekennen, dass ich das lüit der An- 
lage des Ganzen völlig übereinstimmend und dass ich es im 
höheren Sinne natürlich finde , wenn eine wunderbare Verket- 
tung nur auch wieder auf eine wunderbare Weise Glied für 
Glied sich auflöst. — (Beiläufig bemerke ich, dass ich ebenso 
wenig mit demselben Kritiker eine Nachlässigkeit des Euripides 
darin entdecken kann, dass er zuerst fragt, wessen der Palast 
sei, und nachher erklärt, er sei Theonoe's wegen hierher ge- 
kommen. Denn sichtlich sollte zuerst nur das Erstaunen über 
den noch nie gesehenen Prachtpalast des Aegypterkönigs ge- 
malt werden. — Auf ähnliche Weise lässt sich auch das von 
Raumer dem Dichter zum Vorwurf gemachte Erschrecken He- 
lena's vor dem am Fusse des Altars sitzenden unerkannten 
Menelaos rechtfertigen, den sie im ersten Augenblick für einen 
vom Könige angestellten Meuchelmörder hält. Es ist diess 
aus der grossen Aufregung der Helena, in welche sie durch 
Theonoe's soeben vernommene Weissagungen versetzt worden, 
wohl erklärbar.) — Weiterhin tadelt noch Raumer sogar die 
Figur der Theonoe geradezu als unnöthig; „denn," 
sagt er, „eine Erkennung beider Gatten Hess sich ohne sie be- 
werkstelligen : die Hindernisse von Seiten des Königs blieben 
mit ihr oder ohne sie, die Hindernisse, welche dagegen von 
ihrer Seite entstehen, muss sie ja selbst wiederum beseitigen". 
- — Aber ganz unerwogen ist hierbei gelassen, von welchem 
hohen Werthe die Theilnahme dieser keuschen Jungfrau an 
dem unglückseligen Schicksal des edeln Ehepaars für unsere 
Empfindung sein muss, und dass durch den sonnigen Heiligen- 



Helena. 369 

schein Theonoe's beleuchtet, uns Menelaos und Helena erst recht 
in ihrer Göttlichkeit erscheinen. Es ist eine treffliche Peripetie. 
— Um es endlich mit einem Worte zu sagen, die allermeisten 
dem Dichter gemachten Vorwürfe verwandeln sich nach meinem 
Gefühle sofort in ebenso viele eigenthümliche Schönheiten dieses 
ganz eigenen Dramas, wenn man nur erst zu dem V^erständniss 
gekommen, dass eine Verklärung der edelsten und reinsten 
Menschlichkeit und daher ein immerwährender Wechsel mensch- 
licher und göttlicher Gefühle der Inhalt desselben sein sollte 
und wirklich ist. Voran Helenen's schöne herrliche Gestalt, 
wie heilig unschuldig, wie voll von Göttlichkeit, und doch oder 
vielmehr eben darum, so lange ihre Göttlichkeit sich noch nicht 
vollendet, in der Bekümmertheit über die Trübung ihres Lebens, 
in der Besorgniss und Angst um ihren Gatten und in der 
Liebe zu ihm, wie reizend menschlich I — 



Viele Jahrhunderte Menschheitsgeschichte waren verstrichen 
und theilweise vorübergestürmt, seitdem Euripides' Helena ent- 
standen war, und noch immer lebte dieser Elementarstoff" sein 
gestaltungsfähiges Leben fort. Zwar nicht immer auch wirklich 
gestaltet, und wenn diess geschah, doch kümmerlich nur, und 
schwer gedeihend , dem Auge kaum kenntlich, namentlich in 
den dicken Staubwolken der Völkerwanderungszüge, und auch 
nachher noch in dem weiten und breiten Schlamm- und Moder- 
boden, den man das Mittelalter nennt. AVohl war die Mensch- 
heit um ein gut Theil weitergerückt, doch behaglich hatte sie 
es noch nicht sich machen gekonnt; noch war Alles so wüste 
und öde, und man musste erst die herumliegenden Trümmer- 
steine der zusammengestürzten alten Welt aufheben und sie, 
gleich Deukalion und Pyrrha, hinter sich werfen, um ein neues 
Leben wieder aufzuwecken. Das geschah denn auch, und das 
ist die Poesie des romantischen Mittelalters. Freilich, ungeachtet 
der Fülle neuer Säfte, die die reifer gewordene Erde in sich 
ausbildete, so waren doch diese eben noch drinnen und noch 
nicht herausffebildet, und eine so vollendete Formenschönheit 
wie die der griechischen Poesie, war nicht so schnell wieder zu 

Archiv f. n. Siirachcn. LIX. 24 



370 Helena. 

erwarten. Jetzt also, um bei unserer Aufgabe stehen zu bleiben, 
wie seltsamlich erscheint der trojanische Krieg in der Atmo- 
sphäre der Hohenstaufen-Zeit, wie wunderlich nehmen sich Rek- 
tor und Achill, Agamemnon und Menelaos aus in den ritter- 
lichen Waffenröcken, und auch unsere Helena mitten drin. 
Doch dem sei wie ihm wolle, der Grundstoff der Fabel ist 
wohl gar ursprünglich dunkel ägyptisch, ist sodann in die 
griechische Helle getreten und darauf weiter gewandert in die 
trübere germanische Welt — aber der Kern seines Wesens 
blieb dennoch immer derselbe, auch in der abentheuerlichen 
Umkleidung und Verputzung unseres Meisters Konrad von 
Würz bürg und seiner Genossen. Helena, diese reine guote, 
diess keiserliche wip, sehr deutsch naiv und gemüthlich und 
selbst in ihrer Schwachheit noch schamhaft gehalten, macht auf 
Alle einen bewältigenden Eindruck: 

si sähen si ze wunder an, 
si künde frouwen unde man 
ir sinne dö berouben. — 
man bete si niht für ein wip: 
man wände, dass si waere 
ein engel wunnebaere 
und ein durchliuhtic himelbote, 
der von dem almehticen gote 
waer in das lant gesendet. 

Dass das übrigens wieder in epischer Behandlung geschehen 
musste, weiss Jeder, der das Mittelalter kennt, das in der 
träumerischen Halbbewusstheit seines Lebens und Handels über 
diese poetische Form nicht hinaus konnte und mochte. 

Erst Shakespeare, nach dem Homer der zweite grösste 
Offenbarer des poetischen Menschengeistes, der (mit ßahel zu 
reden) nur „Leben im Leben" ist, brachte ein Theilchen dieser 
Fabel auch in dramatischer Form wieder vor, in seinem: Troi- 
lus und Cressida. Und hier lernen wir auch an diesem 
Stoffe, wie die Elemente der Dichtung seit dem Alterthume 
durch die weitergekommene Weltgeschichte zu einer üppigen 
Fülle angewachsen, und zugleich, wie dieser riesige Genius 
der ungeheuren geistigen Erbschaft sich ganz bemächtigt und 



Helena. 371 

auf die wunderbarste Weise sie bewältigt. Es ist nun all- 
gemein erkannt, dass er nicht mehr einzelne Menschengeschichte, 
sondern vielmehr, in jedem seiner Stücke, das Walten der 
ganzen Weltgeschichte uns dramatisch vorführt, und das in 
einer Art und Weise, die man nicht untreffend geschicht- 
liche Ironie genannt hat, was nichts anderes bedeutet, als 
gleichförmig tiefsinnige Durchdringung und Würdigung des 
Ganzen der geschichtlichen Welt durch einen unvergleichlich 
weisen Geist. Und so erscheint denn auch Helena, als Neben- 
figur zwar, doch auf das menschlichste und lebendigste vor- 
gestellt als Anstifterin des heillosen trojanischen Kriegs, wel- 
cher den lebensvollen, von dem Staudpunkte des Shakespeare- 
schen Jahrhunderts überschauten Inhalt von „Troilus und Cres- 
sida" bildet. Eine mehr innerliche Auffassung der Helena-Sae;e 
lag weder in der Absicht Shakespeare's, noch war Raum für 
sie in jenem Drama. 

Am vollständigsten aber, und in der Geschichte der Sache 
epochemachend, hat dieselbe aufgenommen, zwei Jahrhunderte 
nach Shakespeare, unser grösster deutscher Dichter Goethe. 
Der Ablauf dieser zwei Jahrhunderte machten den grossen 
Dichter geschickt zur Wiederaufnahme des Stoffs in der Voll- 
endung und Bedeutung, welche die Goethe'sche Helena aus- 
zeichnet. Sie bildet bekanntlich einen inhaltschweren Theil 
seines einzig dastehenden Faust. Dieser Faust, abermals ein 
einziges unvergleichbares Weltgedicht gleichwie Homer's Iliade 
und Odyssee, originell in seiner Behandlung, seinem Gehalt 
nach episch, dramatisch in seiner Form. Denn nichts Gerin- 
geres will und erreicht der Dichter, als vom Standpunkte einer 
tieferregten Gegenwart aus eine lieise durch die ganze Cultur- 
geschichte zu machen, um so den grossen Zusammenhang der 
Menschheitsentwicklung zu erfassen und darzulegen. Also 
macht Goethe, was bei Shakespeare allwärts mittelbar mit- 
und durchgefühlt wird, zum unmittelbaren Gegenstand 
eines poetischen Werks. — Und so ist denn auch unser be- 
deutsamer Stoff wesentlicher Mitbestandtheil des Faust geworden. 
Darum sei schliesslich der dritte Akt zweiten Theils des 
Faust hier in kurzer Betrachtung ein wenig: in Erinnerung 
gebracht. 



372 Heleüa, 

Faust, erfüllt vom Geiste classischen Alterthuins und sehn- 
Buchtsvoll gleichsam über den Qualm der Städtecultur hinweg- 
blickend nach der freien ßergluft antiken Lebens und Empfin- 
dens, haftet mit der ganzen Seele an einer Spitze dieses Lebens, 
an dem, was ihn) Ideal der Schönheit und Symbol der ewigen 
gesunden Menschlichkeit ist — an der Helena. So will er 
sie ganz anschauen, wie sie gewesen, ganz soll sie auch ihm 
werden, was sie den Alten war. Er will ein reines Zurück- 
leben in das Objekt der Vergangenheit, mit Aufgebung seiner 
ganzen modernen Subjektivität. Ein solches Bestreben muss 
natürlich einer Behexung gleich erscheinen oder einem Wahn- 
sinn, und diess um so heftiger, je würdiger das Objekt ist, in 
welches man sich verliert. So bildet diess unverächtliche, aber 
seiner Natur nach nie zu befriedigende Gelüste des Faust einen 
trefflich passenden und harmonischen Bestandtheil der grossen 
Fausttragödie. Für die Tragödie selbst ist der Akt, in welchem 
die Helena auftritt, Darstellung von Traum- oder Zauberleben 
des Faust, wenn man will, von Teufelsspuk, wenn auch eines 
weniger hässlichen, als die Walpurgisnacht des ersten Theils ; 
aber hier wie dort: Geistverwirrung, worin wir Menschen 
ja alle gerathen, wenn wir über unsere Natur hinauswollen. — 
Zugleich findet hier der Dichter bei der Verfolgung seines 
Zweckes den besten Anlass, uns in einer meisterhaften Allegorie 
seine Ideen über das Verhältniss des antiken zum modernen 
Bewusstsein poetisch zu offenbaren. Wir erhalten eine herr- 
liche Darstellung des altclassischen Lebens auf seinem Gipfel- 
punkte und somit zugleich im Momente des Sinkens; daneben 
schon wie vom fernsten Horizonte des Alterthums sich ankün- 
digend, nur einem kleinen Punkte gleich, das Anbrechen einer 
neuen, der modernen Welt, um auf diese Weise das bestimmte 
Verhältniss anzudeuten, welches alleinig nur noch möglich uns 
Neuen ist zum Alterthum; oder auch: um zu lehren, wie wir 
die Alten subjectiv zu fassen haben. — Faust also (können wir 
auch sagen), in den Helena-Mythos, seinem ganzen Umfange 
nach, tief versenkt und ihm unablässig nachsinnend, will ihn 
zuletzt auch nach derjenigen Seite hin durchmessen, wo er uns 
am räthselhaftesten wird und geheimnissvoll schliesst, nehmlich 
nach der Rückkehr von Troja — hier setzt er nun seinen 



Helena. 373 

Traum selbständig fort. Von da an hat er aber auch (hält man 
den Zusammenhang der Allegorie recht fest) gewissermassen ein 
Recht mehr, sich die Helena zuzueignen, sich ihr an die Seite 
zu stellen ; denn der Punkt ihres Verschwindens ist schon der 
Anfangspunkt seiner Welt, und alte und neue Welt berühren 
sich. — Fasst man den Sinn der Allegorie ferner recht scharf, 
so erklärt sich uns ganz verständlich der den Horizont über- 
schauende Thurmwächter Lynceus als einen begeisterten, aber 
nur zu modernen Interpreten des Alterthums : 

Harrend auf des Morgens Wonne 
O estlich spähend ihren Lauf, 
Ging auf einmal mir die Sonne 
Wunderbar im Süden auf. 

Augenstrahl ist mir verliehen 
Wie dem Luchs auf höchstem Baum ; 
Doch nun rausst' ich mich bemühen 
Wie aus tiefem düstern Traum. 

Ganz natürlich ; es darf uns nicht wundern, dass es den ersten 
sogenannten Wiederherstellern der Wissenschaften, den Poli- 
tianen und Mureten, vor den Augen flimmerte von dem un- 
gewohnten Lichte. — Das Unvergängliche des Alterthums hat 
sich aber gerettet in die Burg des modernen Bewusst- 
8 eins; und dieses moderne Bewusstsein gestaltet sich ebenfalls 
nur erst vollkommen aus durch ein ihm Neues, zwar längst in 
ihm Verschlossenes und zu ihm Gehöriges, jetzt aber dasselbe 
Durchdringendes, welches eben nichts anderes ist, als das An- 
tike, das ihm so nah verwandt ; kurz : die neue Zeit ist endlich 
auf dem Standpunkte angelangt, das classische Alterthum frucht- 
bar in sich aufzunehmen ; woraus dann ein drittes VoUkomm- 
neres entsteht, das moderne Bewusstsein. Neue und alte 
Zeit bedürfen sich einander, und vermählen sich. 
Das Alles ist wunderbar schön abgebildet sowohl in der Ge- 
fangenschaft und Unfreiheit Helena's und ihrer kriegsgefangenen 
Frauen (ist sie ja selbst auch wider Willen kriegsgefangen) 
als in dem Ausweitungsdrange des Faust: 

F.: Ich athme kaum, mir zittert, stockt das Wort, 
Es ist ein Traum, verschwunden Tag und Ort. 



374 Helena. 

H.: Ich scheine mir verlebt und doch so neu, 
In dich verwebt, dem Unbekannten treu. 

Und so ist ferner auch die ganze Geschichte des Wieder- 
auflebens der alten Kunst und Wissenschaft lebensvoll aus- 
gedrückt. Das Eindringen frischer Völkerschaft wird 
geschildert ; die Germanen treten das classische Erbe an. Das 
ist im reizenden Zwielicht zwischen Alterthum und Neuzeit, 
zwischen alter Mythe und neuer Geschichtsentwicklung ge- 
halten — Menelaos' heranmarschirende Schaaren verwandeln 
sich in gothische Horden u. s. w. — das allmählige Farben- 
wechseln der Geschichte. Die ganze Neuzeit sodann sprosst nach 
und nach auf über den Trümmern von Hellas und Rom; jeder 
neue Mensch, jede neueuropäische Nation erhält ihr Theil; Faust 
jedoch (hier bedeutend: den poetischen Sinn) erhält den 
schönsten Theil, erhält den Mittelpunkt („ Wir halten in der Mitte 
Stand"), aber zugleich mit ihm auch Helena (allegorisch: die 
Poesie, die Kunstoffenbarung der Hellenen, als 
das Grösste, was sie uns hinterlassen). So schreiten 
denn Faust und Helena zu immer innigerer Vereinio-uno: fort. 
Der Chor (d. i. die grosse Masse der Menschen) wehrt sich 
dagegen und wahrt seine Empfindung gegen Neu ein drin- 
gen des — natürliche Kämpfe im Innern einer sich lebendig 
und mit Heftigkeit neugebärenden Epoche ; Geburtsschmerzen 
von sich loslösenden und herausgestaltenden Zuständen. — Es 
erfolgt nun darauf sehr schnell auch eine Frucht jener innigsten 
Vereinigung: Euphorien, d.i. die neue christlich-romantische 
Poesie, die der Dichter als in ihrer ersten Jugend noch be- 
stehend anzunehmen scheint; weshalb er sie genial ungeberdig, 
sich überstürzend und mit sich selbst noch nicht klar und zur 
Harmonie gelangt vorstellt. (Als einen Haupt Vertreter der be- 
deutsamen Richtung, welche darnach strebt, aus antikem wie 
aus modernem Elemente eine neue, in sich durchaus harmonische 
Poesie zu gestalten, scheint Goethe Byron anzusehen, und hat 
daher dieses Dichters Eigenwesen im Charakter des Euphorion 
unverkennbar angedeutet.) — — Nachdem Faust im folgenden 
Akt aus seinem Zaubertraum erwacht ist, fühlt er sich wonne- 
voll durchdrungen von neuen Empfindungsorganen — poetisches 



Helena. 375 

Leben ist als ein schöner und erquickender Traum gedacht — 
und welche noch nie genossene Poesie hat ihn jetzt erfrischt! 



Auf solche Weise stellt sich die Helena-Sage zum Faust. 
Aber dieser köstliche Akt hat ausserdem sein höchst bedeut- 
sames Leben für sich, und muss es haben seinem ganzen 
psychologischen Zweck nach; und zwar diess Leben ist in sich 
so gerundet, dass vielleicht auch der den ganzen Faust nicht 
kennende Leser selbständigen Genuss davon haben mag. Ich 
spreche hier nicht blos von dem acht hellenischen Colorit, der 
allerdings gleich einem ätherischen Duft das Ganze leicht um- 
fliesst. Aber voraus, wie tiefinnerlich ist nicht Helena gezeigt, 
wie symbolisch tief und sittlich gross ist Alles hier motivirt! 
Klar wird es uns : Schönheit, Liebe und Seligkeit sind Eins, 
aber Hässlichkeit und Hass und Tod sind ebenfalls ein schreck- 
liches Eins. Diese Prinzipien können sich gegenseitig nie 
dulden. Der Krieg, der nichts ist als Alles zerrüttende Men- 
schenleidenschaft, hat dem schönen seligen Zustande des Frie- 
dens ein Ende gemacht. Der trojanische Krieg, wenn auch 
nun geendet, lässt sich nicht ungeschehen machen in seinen 
verderblichen Wirkungen; die glückliche Epoche ist durch ihn 
unwiederbringlich verloren. Helena selbst ist in gewissem Sinne 
nicht rein geblieben; sie muss daher sterben, und Menelaos 
will es. Während der wilden Kriegsläufte hatte sich die Göttin 
der Hässlichkeit und des Bösen heimisch gemacht am Heerde 
der freventlich verlassenen, vom Schönen und Guten verlassenen 
Heiraath. Da kann kein Bleibens mehr sein für Helenen. — 
Phorkyas, jene böse Unhuld, (Mephistopheles) ist indess (wie 
es nie anders ja sein kann) weit entfernt, gerne für hässlich 
und hassenswerth gelten zu wollen; sie giebt also gleissnerische 
und hinterlistige ßathschläge, die jedoch zulezt zum Guten aus- 
schlagen müssen, wie Alles, was der Teufel räth — „ein Theil 
von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute 
schafft". Denn Helena endlich gewinnt nur neues Leben 
durch den Tod. Dieser Tod ist freilich kein gewöhnlicher, der 



376 Helena. 

bei ihr, der ewig Schönen, unmöglich; vielmehr nur absterbend 
ihrer Zeit, lebt sie für alle Zeiten. Es ist im Grunde Eins 
und Dasselbe, was die beiden zeiträumlich von einander ent- 
fernten Dichter gewollt und nur etwas verschieden ausgedrückt 
haben. Helena wird zur Göttin oder hat ein ewiges 
Leben. — 



Die Unterweisung 

in der 

französischen und englischen Aussprache. 



Die Aneignung der richtigen Aussprache ist mit Sorgfalt 
und Gründlichkeit auf der unteren Stufe zu begründen und auf 
den oberen Stufen mit Consequenz zu befestigen. Es ist hier- 
bei nicht allein das Ziel der Eleganz und des Wohlklangs ins 
Auge zu fassen, sondern vor Allem DeutHchkeit und Bestimmt- 
heit zu erstreben und dadurch die Fähigkeit der Schüler herbei- 
zuführen, eben so wohl sich verständlich zu machen, als auch 
achtes Französisch und Englisch zu verstehen. — Man hat viel- 
fach übertriebene Vorstellungen von der Schwierigkeit einer 
solchen Anleitung und unterschätzt deshalb den Werth der- 
selben. Seiner nationalen Sprachgewohnheit, meint man, und 
der dadurch bedingten Unbehülfhchkeit könne man sich doch 
nicht ganz entäussern, oder wenn man darauf hinarbeite, so 
werde auf die äussere Dressur, auf ein an Affeetation grenzen- 
des Nachahmen von Feinheiten der fremden Aussprache zu viel 
kostbare Zeit vergeblich verwendet. — Doch was versteht man 
gewöhnlich miter solchen Feinheiten? Im Französischen z. B. 
die correcte Bildung des Nasenlautes und des son mouille, die 
angemessene Handhabung des accent tonique, die Unterschiede 
des scharfen und weichen s, des offenen und geschlossenen a 
und 0, des eu in „peur" und „neutre", im Englischen die Unter- 
scheidung des s in „to use" und „use", in „eyes" und „ice", 
in „leaves" und „chiefs", des englischen ou, oy und des deut- 
schen au, eu, des w und wh, des a in „dance" und „darn", die 
Aussprache des lingualen r, des scharfen und weichen th („breath 
und breathe"). Dies alles und ähnliches sind Dinge, deren 
exacte Behandlung offenbar nicht als ein von der Schule zu ver- 
bannendes Raffinement, sondern als ein unerlässlicher Bestand- 
theil des fremdsprachlichen Unterrichts anzusehen ist. Jede 



378 Die Unterweisung in der französischen und englischen Aussprache. 

Einführung in eine lebende Sprache bleibt Stückwerk, wenn sie 
solche im lebendigen Laute ausgeprägten, wesentlichen Eigen- 
thümlichkeiten der Sprache vernachlässigt oder gar durch Hint- 
ansetzung der Orthoepie eine Sprachfälschung zulässt. — Aller- 
dings kann man auch bei der Aussprache in allzu grossem 
Eifer sich in Subtilitäten verirren, allerdings würde des Guten 
zu viel geschehen, wenn man beispielsweise neben dem rich- 
tigen Silbenaccent aucli ein Anquälen des nationalen Ac- 
cents, d. h. „der dem sprechenden Franzosen und Engländer 
eigenthümlichen Melodie oder Modulation", mit besonderem Nach- 
druck pflegen wollte. Auch ist es selbstverständlich, dass die 
Schule nicht die unerschwingliche Kunst lehren kann, jedes be- 
liebige französische und englische Wort richtig auszusprechen. 
Immerhin soll die fehlerfreie Aussprache des französischen und 
englischen Unterrichtsstoffes mit Einschluss aller jener so- 
genannten Feinheiten von den Schülern angeeignet werden, und 
dieses Ziel lässt sich auch, wie die Erfahrung lehrt, bei fast 
allen Schülern erreichen, bei denen nicht ein organischer Fehler 
ein allzu grosses Hinderniss in den Weg legt. Es ist dazu 
weit weniger Zeit erforderlich, als man oft annimmt, ja 
es ist eine paradoxe und theilweise bittere Wahrheit, dass der 
Zeitaufwand meist in umgekehrtem Verhältniss zu der Qualität 
und zu den Resultaten des Unterrichts steht. Auch ist diese 
Schulung, wenn sie als wirkliche Gymnastik des Gehörs und 
der Sprach Werkzeuge auftritt, keineswegs so mechanisch, wie 
man glaubt, sondern hat ihren besonderen Werth für die all- 
gemeine Bildung, sie darf als ein Förderungsmittel der Empfäng- 
lichkeit für das Angemessene, Reine und Bestimmte angesehen 
werden. Freilich wird der Erfolg, sowohl was die Zeit, als 
was den allgemeinen Bildungsertrag betriff't, nur dann die or- 
thoepischen Uebungen der Schule begleiten, Avenn sie zur 
rechten Zeit beginnen und wenn bei ihnen der richtige 
Weg eingeschlagen wird. 

Was im ersten Unterrichtsjahr versäumt wird, kann später 
schwerlich nachgeholt werden. Wenn man dächte, im Anfang 
nur in Bausch und Bogen üben und das Abschleifen einzelner 
Fehler einem späteren Feilen überlassen zu sollen, so würde 
man übersehen, dass die Aneignung des Richtigen bei den 
ersten Anfangen weit weniger Zeit in Anspruch nimmt als das 



Die Unterweisung in der französisclien unfl englischen Aussprache. 879 

Verlernen der zur anderen Natur gewordenen Unebenheiten 
späterhin erfordert. Auch muss gleich von vorn herein der 
Sinn für Sicherheit und Bestimmtheit der Aussprache geweckt 
und geschärft werden, wenn nicht Nachlässigkeit und Schlaff- 
heit in der Articulation sich als leicht einwurzelndes, schwer 
auszurottendes Uebel einstellen soll. Freilich sind die Schüler 
auch in die Aussprache nur derart einzuführen, dass ein all- 
mähliches Fortschreiten vom Leichtea zum Schweren iiine ge- 
halten wird. Damit die Schwierigkeiten die Lust und Freudig- 
keit nicht erdrücken, werden die fremden Laute nach einander 
in passenden kleinen Gruppen und immer nur in der nothwen- 
digen Verbindung mit grammatischen Uebungen, mit münd- 
lichem und schriftlichem Uebersetzen behandelt. Aber was im- 
mer bei dieser methodischen Stufenfolge, bei der planmässigen 
Vertheilung der Schwierigkeiten vorgenommen wird, ist so zum 
Abschluss zu bringen, dass nichts unfertig für spätere 
Arbeit liegen bleibe und dass nichts Falsches zugegeben werde. 
Je fester der Grund gelegt wird, je entschiedener gleich anfangs 
auf die dem deutschen Ohre fein erscheinenden Unterschiede 
aufmerksam gemacht wird (z. B. was die französischen und eng- 
lischen a, e, o, was b, d im Auslaut, g, ch u. s. w. anlangt), 
desto sicherer vermeidet man spätere Weitschweifigkeit und das 
verderbliche Unterbrechen des Unterrichts in den oberen Classen 
durch endlose Fehlerverbesserungen. 

Soll die Anleitung in der französischen und englischen 
Aussprache eine erspriessliche sein, so muss zweierlei voraus- 
gesetzt werden. Einmal muss der vorausgegangene und der 
nebenhergehende Untemcht in der Muttersprache eine all- 
seitige Aufmerksamkeit auf eine richtige, klare und bestimmte 
Aussprache verwenden und einen energischen Kampf gegen die 
provinziellen Mängel führen. (In manchen Gegenden Nord- 
deutschlands z. B. gegen die Verwechslung des ä und e, des j 
und g, im Königreich Sachsen und in Süddeutschland gegen die 
Vertauschung des t mit d, des p mit b, des g mit k, des ü mit 
i, des ö mit e, wie auch gegen die nachlässige Behandlung der 
Endsilben.) 

Andererseits aber muss vor Allem mit eiserner Beharrlich- 
keit das in unseren Schulen so häufige leidige Murmeln, das 
theils nachlässige, theils schüchterne, theils aus Ignoranz stam- 



380 Die Unterweisung in dei' französischen und englischen Aussprache. 

mende Lispeln verbannt werden, welches das Erlernen einer 
fremden Sprache nahezu unmöglich macht. „Ihr sollt die Zahn- 
reihen gehörig von einander trennen und den Mund weit öff- 
nen!" — solche Ankündigungen helfen nicht allein; es werde 
vielmehr die Hinnahme jeder saloppen, undeutlichen Antwort 
consequent verweigert, oder, noch besser, eine solche werde, 
sie sei dem Inhalte nach welche sie wolle, durch ein schlechtes 
Prädicat in dem Notizbuch des Lehrers gekennzeichnet. Stetio-es 
Gewöhnen in den ersten französischen und englischen Unterrichts- 
stunden, das den Kindern unmittelbar und eindringlich zum 
Bewusstsein bringt, dass hier nur ein deutliches, vernehmliches 
Sprechen gestattet ist, dass sie mit einem verschwommenen, 
halblauten Gerede nicht durchkommen, Avirkt mehr und nach- 
haltiger als zu spät kommende Strafpredigten oder complicirte 
disciplinarische Mittel. 

Was aber den einzuschlagenden Weg betrifft, so giebt die 
Erfahrung besonders folgende Regeln an die Hand. Der Schüler 
werde auf der Elementarstufe angeleitet, die fremden Töne mög- 
lichst rein und scharf zu erfassen. Während des ersten 
Unterrichtsjahres sei es Regel, dass niemals das erste Aus- 
sprechen eines neu zu lernenden Wortes dem Schüler selbst 
überlassen bleibe, um dann nachträglich von dem Lehrer ver- 
bessert zu werden. Vielmehr gilt es auch hier, das fruchtbrin- 
gende Erziehungsprincip der Gewöhnung anzuwenden, das lieber 
Fehler verhütet, als es auf fruchtlose oder zweifelhafte Versuche 
des Kindes ankommen zu lassen. Also werden zu Hause keine 
Wörter oder Sätze eingeprägt, die nicht vorher in der Schule 
eine gründliche phonetische Bearbeitung erfahren haben. Der 
Lehrer liest langsam und nachdrucksvoll die Vocabeln vor, wo- 
bei Ohr und Auge der Schüler zu fesseln ist. 

Vor Allem muss, wie in der Naturkunde und beim Zeichnen 
die Jugend sehen lernt, so hier das Hören gelernt werden. 
Das Ohr muss geschärft werden für die Verschiedenheit der 
fremden Sprachlaute, für Quantität und Betonung. Zugleich 
werden aber auch die Schüler angewiesen, auf den Mund 
des Lehrers hinzusehen und sorgfältig zu achten, damit sie 
die eigenthümliche Bewegung der Sprachwerkzeuge kennen ler- 
nen, deren Product der ungewohnte Laut ist. 

Besonders bei den für die deutsche Jugend schwierigen 



Die Unterweisung in der französischen und englischen Aussprache. 381 

Lauten ist eine recht kräftige, drastische Avtlculatlon sei- 
tens des Lehrers am Platze, ein Markiren der Dehnung und 
Schärfung, überhaupt ein Her vortretenlassen des Charakteristi- 
schen, das in der Umgangssprache übertrieben erscheinen würde. 

Bei den für Deutsche nicht mundgerechten Lauten, wie im 
Französischen c und z, oi, oui, oeil, im Englischen th, v, w, 
r, ist zugleich in möglichster Kürze und Klarheit aus einander 
zu setzen, auf welche Weise die Bewegung der Sprach- 
organe erfolgt. Bei dem englischen th kommt man z. B. 
am kürzesten weg, wenn man zuerst das Anlegen der Zunge 
an die obere Zahnreihe beschreibt, dann am eigenen Munde vor- 
zeigt, hierauf nachahmen lässt und dann erst den scharfen 
und den weichen Laut als Ergebniss jener Operation vernehm- 
bar macht, die in lehrreiche Vergleichung mit der Bildung des 
t und des s gestellt wird. Das Alles kann rasch genug von 
Statten gehen, und ausserdem ist es gradezu eine Zeitersparniss, 
wenn man nun sogleich bei jedem Schüler einzeln sich verge- 
wissert, ob er die Organe richtig in Bewegung setzt, um das 
ächte th hervorzubringen. Aehnlich bei dem englischen r im 
Anlaut und Inlaut, wobei der Hinweis zu Statten kommt, dass bei 
dem regelrechten Singen auch der Deutsche das uvale r meidet. 

Die von dem Lehrer vorgesprochenen Vocabeln oder Sätze 
sind zunächst von den Schülern einzeln oder im Chor nach- 
zusprechen. Es ist darauf zu halten, dass hierbei keine 
Silbe ungebührlich verschluckt, dass alle einzelnen Laute durch 
kräftigen und langsamen Vortrag vernehmbar gemacht werden. 
Schon jetzt ist auch auf das sinngemässe Lesen Rücksicht 
zu nehmen, wenigstens soweit als das Komma, Semikolon, der 
Punkt, der Ton der Frage, des Ausrufs Berücksichtigung er- 
heischt. Bei dem Lesen französischer Sätze ist der Schüler 
energisch daran zu gewöhnen, dass er die durch liaison ver- 
knüpften Worte als ein Ganzes betrachte und behandle und 
also nicht in den gewöhnlichen Fehler verfalle, vor dem hin- 
überzuziehenden Consonant eine kleine Pause zu machen. Hin- 
sichtlich des französischen Silbenaccents sei das Streben zuerst 
entschieden darauf gerichtet, vor Daktylen und Trochäen zu 
bewahren und die Endsilbe der Wortreihe mit Nachdruck her- 
vorzuheben. Alsdann ist aber auch ebenso bestimmt zur Ver- 
hütung des anderen Extrems ein zu starkes, unfranzösisches, 



382 Die Unterweisung in der französisclien und englischen Aussprache. 

rhythmisches Markiren der letzten Silbe jedes einzelnen Wortes 
zurückzuweisen und zu verdrängen. Im Gegensatz hierzu ist 
im englischen Lesen ein recht scharfes Hervorheben des 
Silbenaccents zu fordern. Was das Chor sprechen angeht, 
so bietet dieses als Mittel einmüthiger, strammer Classenarbeit 
erhebliche Vortheile. Doch muss es, um vor mechanischer 
Einseitigkeit geschützt zu werden, ein Correctiv dadurch erhal- 
ten, dass es nicht ausschliesslich betrieben werde und dass 
der Lehrer sich von Zeit zu Zeit nachträglich durch Fragen, 
die er an Einzelne richtet, versichere, ob sie auch wirklich bei 
der Sache gewesen sind. 

Est ist den Schülern zur Pflicht zu machen, die häus- 
lichen Aufgaben, denen die Schule in der angedeuteten 
W^eise auch in orthoepischer Beziehung gründlich vorgearbeitet 
hat, laut, oder wo dies nicht angeht, wenigstens halblaut zu 
vollziehen. Bei dem stummen Lernen wird die Aufmerksam- 
keit zu einseitig auf den vor Augen liegenden Buchstaben ge- 
richtet, während auch die Betheiligung des Ohrs, die Einübung 
des in der Schule Gehörten Noth thut. Bei dem Abhören 
der Vocabeln nennt der Lehrer anfangs immer das franz. 
oder engl, Wort, um es deutsch wiedergeben zu lassen. Diese 
Keihenfolge empfiehlt sich für das erste Unterrichtsjahr und 
einen Theil des zweiten nicht bloss deshalb, weil sie leichter 
und daher zeitgeinässer ist als die entgegengesetzte, sondern 
auch weil sie eine bequeme Handhabe bietet, die richtige Aus- 
sprache zu befestigen. Das Wort der fremden Sprache ge- 
langt auf diese Weise nochmals eindringlich, und zwar in dem 
ächten, reinen Lautgepräge, an das Ohr der Schüler, und wenn 
dann der Lehrer bei der Antwort jedesmal die Wiederholung 
der Vocabel vor der Angabe ihrer Bedeutung fordert, so ge- 
winnt die Classe, besonders wenn das Abhören mit der nöthigen 
Schnelligkeit und Sicherheit von Statten geht, gleichsam spie- 
lend die nöthige Routine in der Nachbildung der fremden 
Klänge. Lehrer: La fleur! Schüler: La fleur, die Blume, 
1, a, f, 1, e, u, r, — ein solcher fester Canon erspart manche 
Umwege. Freilich kann das andere Verfahren der deutsch- 
französischen, deutsch -englischen Vocabeh'eihe, das im späteren 
Unterricht als das sachgemässe erscheinen muss, auch schon im 
zweiten und dritten Semester des fremdsprachlichen Cursus in 



Die Unterweisung in der friinzösisohen und englischen Aussprache. 383 

beschränkterem Maasse (besonders bei dem Uebersetzen aus 
dem Deutschen) nebenherlaufen. 

Theoretische Erörterungen sind nicht in zu grossem 
Umfang anzustellen; doch sind sie auch nicht ganz zu ver- 
absäumen. Die Kegeln für die Aussprache werden in mög- 
lichst bündiger und klarer Fassung derart mitgetheilt, dass 
sie der praktischen Einübung festen Halt und sichere Grund- 
lage bieten. Das im Sprachgebrauch Uebereinstimmende 
muss im Anfang kräftig hervortreten, damit die erst später ein- 
zuführenden Ausnahmen und Abweichungen nicht verwirren. 
Keine weitschweifigen Auseinandersetzungen, aber recht viele 
Beispiele, bei deren Auffindung die Thätigkeit der Schüler 
herangezogen wird ! Auch in dem Labyrinth der englischen 
Aussprache ist nicht Alles einem instinktmässigen Sprachgefühl 
zu überlassen. Vielmehr ist eine Reihe von Gesetzen und 
Analogien nach und nach möglichst klar zu stellen und fest 
einzuprägen, damit sie als Ariadnefaden zurechthelfen kann. 
Dahin rechnen wir vornehmlich Belehrungen über die Natur 
der Vocale, ihre Länge und Kürze, ihre Modification durch die 
Consonanten r, w, 11, Zusammenstellung derjenigen Diphthonge, 
die mit ganz unbedeutenden Ausnahmen stets denselben Laut 
in der Tonsilbe haben, die Aussprache der Consonanten (in 
lehrreicher Parallele mit den französischen Lautgesetzen), Ver- 
stummen des Consonanten im Zusammentreffen mit anderen, 
die Tragweite des Silbenaccents, Verflüchtigung der Vocale 
durch die Entfernung vom Hauptton, Unterscheidung von Neben- 
ton und Tonlosigkeit („to moderate" und „moderate"). In 
dieser Hinsicht ist besonders der auch in neueren Lehrbüchern 
häufige Fehler zu vermeiden, solche durch vollständige Ton- 
losigkeit getrübte Vocale durch einen bestimmten deutschen 
Laut zu veranschaulichen , etwa durch ö, u, i, e, wobei die 
Flüchtigkeit und Unbestimmtheit des Vocales nicht gehörig 
ins Licht tritt. Worcester's dots under the vowels bringen 
alle diese gar nicht accentuirten Silben mit Recht unter Eine 
Rubrik. — Es ist zweckmässig, im Anfang des englischen Unter- 
richts nur einsilbige und zweisilbige Wörter vorzunehmen. 
Wenn dann später auf sicherem Grunde zu Wörtern von drei 
und mehr Silben übergegangen wird, so werde vor Allem der 
Unterschied zwischen betonten und unbetonten Silben scharf 



384 Die Untorweisung in der französischen und englischen Aussprache. 

hervorgehoben, und die Aussprache wird sich wie von selbst 
ergeben. Ganz seltsame Abweichungen der Orthographie von 
der Aussprache, wie colonel, lieutenant werden am leichtesten 
behalten. Die Behandlung anderer Unregelmässigkeiten wird 
ungemein dadurch erleichtert, dass man bei einer neu auftreten- 
den Schwierigkeit sofort an analoge Erscheinungen des Sprach- 
und Schreibgebrauchs erinnert und diese gruppenweise auf- 
suchen lässt (put — denkt an pull, push, puss! one, done, son; 
aunt, gaunt, haunt). Spricht der Schüler z. B. das Wort „dirl" 
falsch aus, so wird nicht gleich die Berichtigung gegeben; er 
wird auf dem Wege eigenen Besinnens oder durch Beihülfe 
von Mitschülern an andere Wörter erinnert, in welchen ir mit 
folgendem Consonanten auftritt, und er findet selbst das, was 
bei einem blossen Vorsagen seine Aufmerksamkeit nur flüchtig 
gestreift hätte. Dasselbe gilt von dem schwierigsten Capitel, 
der englischen Betonung, bei der besonders die ßegel Geltung 
behalten muss, nicht zu viel auf einmal zu geben, son- 
dern die Einzelnheiten gelegentlich beizubringen. Eine fehler- 
hafte trochäische Aussprache von „machine" legt einen kurzen 
Hinweis auf Wörter wie „marine, chagrin, antique, canal, port- 
manteau" nahe, welche mehr als andere in Form und Klang an 
ihre französiche Abstammung erinnern und deshalb den Ton 
auf der letzten Silbe haben. Durch ähnliche Exemplification 
und daraus abstrahirtes Gesetz wird das Schwanken der An- 
fänger bei „Import" und „to import" beseitigt, (accent und to ac- 
cent, conduct und to conduct, absent und to absent und andere, 
die im Unterrichte schon vorkamen). 

Um die rechte Einsicht in das Wesen der fremden Aus- 
sprache, das eigentliche Verständniss des Charakteristischen 
herbeizuführen, ist überhaupt die vergleichende Gegenüber- 
stelluno: in verschiedener Beziehung unentbehrlich. Stellt man 
kurz und scharf das Aehnliche und Verschiedene neben ein- 
ander, so erreicht man oft mehr als durch zu weit ausgespon- 
nene Erklärung. Zur rechten Zeit und mit dem rechten Maass 
kann dabei zugleich ein treffliches Mittel angewendet werden, 
um die Aufmerksamkeit Aller auf Einen Punkt zu richten und 
durch die Anschauung zu fesseln: die Benutzung der Wand- 
tafel theils durch den Lehrer, theils durch die Schüler, sei es 
um durch deutsche Aussprachebezeichnung hier und da den 



Die Unterweisung in der französischen und englischen Aussprache. 385 

Schülern zu Hülfe zu kommen, sei es, um zuweilen ein Schlag- 
licht auf das Verhältniss der Schreibweise zur Sprechweise fallen 
zu lassen. Zu jenem an das Bekaimte anknüpfenden comparativen 
UebungsstofF rechnen wir unter Anderem : Entgegensetzung 

1) des Richtigen und des Fehlerhaften, z. B. franz. 
ärbr', nicht arber, loger, nicht löcher oder löger; engl, is', nicht 
iss, ov', nicht off; 

2) des Deutschen und des Fremden (sowohl zur Ver- 
gleichung als zur Veranschaulichung), z. B. Athenes und Athen; 
ice, eyes und Eis, Eisen; s im Anlaut = ss; zwischen zwei 
Vocalen = s' in Kose, franz. on und ong (wobei zu zeigen, 
dass bei ersterem die Kehle offen, bei letzterem geschlossen 
wird) engl, ch = tsch; j = dsch; wh = hu; 

3) der ähnlich lautenden, aber wohl zu unterscheidenden, 
homöonymen und der homonymen Wörter derselben 
Sprache: engl, a) bad und bat; bag, beg, back: rise, rice; b) die, 
dye; air, heir; franz. a) poisson, poison, boisson; jeune, jeüne; 
b) chaux, chaud ; vert, ver, verre, vers ; 

4) der ähnlichen, aber nicht mit einander zu verwechseln- 
den Laute und Wörter der franz. und engl. Sprache: z. B. 
franz. und engl, g und ch, c, z, o; engl, not und franz. nöte, 
dagegen engl. nöte. 

franz. jeune, engl, shun, 

„ possible, „ possible, 

„ noble, „ noble, 

„ or „ or! 

Nothwendige Bedingung tüchtiger Fortschritte ist das sorg- 
fällige Streben des Lehrers, keinen Fehler, der in der Aus- 
sprache der Schüler vorkommt, unbeachtet und unverbessert zu 
lassen. Das Verfahren bei der Correctur ist so einzurichten, 
dass sie möglichst rasch und wirksam von Statten geht. Man 
kann sich die vielen Worte, die den Unterricht in so nach- 
theiliger und lästiger Weise aufhalten, ersparen, wenn man 
während des Lesens der Schüler durch ein conventionelles 
Zeichen (etwa ein leises Klopfen mit dem Bleistift) sofort 
nach dem fehlerhaften Worte stumme Einsprache erhebt, oder 
wenn man, um die Selbstthätigkeit der Classe anzuregen, ab- 
wechselnd einzelne Schüler oder Gruppen derselben beauftragt, 

Archiv f. n. Sprachen LIX. 25 



386 Die Unterweisung in der französischen un'l englisclien Ausspraclie. 

dieses oder ein ähnliches verabredetes Zeichen zu geben, so oft 
sie einen Verstoss herausgefunden haben. Eine sofortige 
Berichtigung von Seiten des Lehrers wird nur sehen zweck- 
dienhch oder auch nur nöthig sein. Meistens wird das gegebene 
Signal hinreichen, dass der Schüler seine Nachlässigkeit selbst 
verbessert, denn dieser entstammen fast ausschliesslich die Ver- 
stösse, die in einem planmässigen und consequenten Unterricht 
vorkommen. Zu lange Zeit zum Besinnen wird ihm nicht ge- 
geben : entweder wird er durch einen kurzen Hinweis auf die 
Beschaffenheit der Silben, des Wortes, auf die Lautzeichen, 
auf Analogie oder Reo;el zu selbständiger Verbesseruns; be- 
fähigt, oder andere Schüler übernehmen es, die richtige Aus- 
sprache anzugeben. Die äussere Form des ganzen Hergangs 
muss durch feste Gewöhnung angeeignet werden, um eine ge- 
wisse Virtuosität und Schlagfertigkeit des Aufmerkens und Ant- 
wortens zu erzielen. — Kamen zu viele Verstösse im gelesenen 
Abschnitt vor, so muss derselbe wiederholt werden, wenn es 
die Zeit gestattet. Ein sinnwidriges Lesen, welches die durch 
das Satzgefüge bedingten Hebungen und Senkungen der Stimme 
ausser Acht lässt, wird in den meisten Fällen am besten nach 
Vollendung des Satzes zu rügen sein, da eine Unterbrechung 
des Lesens den Ueberblick des Ganzen und damit zugleich das 
Verständniss der Auffassung und Betonung begangener Fehler 
erschwert. Eine falsche Satzbetonung führt gewöhnlich eine 
falsche Uebersetzung im Gefolge und muss deshalb besonders 
nachdrücklich durch ein logisch richtiges Lesen ersetzt werden. 

Nach Ablauf des ersten Unterrichtsjahres oder doch 
mindestens am Schlüsse des dritten Semesters muss die 
orthoepische Fähigkeit und Sicherheit der Schüler so weit erstarkt 
sein, dass für die weitere Unterweisung in den neueren Sprachen 
nur noch die Aufgabe bleibt, die gewonnene Fertigkeit 1) von 
den Fesseln des elementaren Standpunkts zu befreien, 
2) sie zu sichern, 3) zu ergänzen, 4) zu erhöhen. 

1) Bei dem Abfragen der Vocabeln wird allmälig zu dem 
sachgemässen Modus der Voranstellung des Deutschen über- 
gegangen. Die wichtigsten Gesetze und Analogien der fran- 
zösischen und englischen Aussprache müssen soweit in Fleisch 
und Blut übergegangen sein, dass der Lehrer den Schülern 
das Lesen aller nicht gradezu abweichenden Wörter anheim 



Die Unterweisung in der französischen und englischen Ausepraclie. 387 

giebt. Manchmal wird es sogar förderlich sein, durch Auffinden 
der Aussprache schwierigerer Wörter das Wachsthuni des 
Sprachgefühls auf die Probe zu stellen. Alles das hebt freilich 
die Verpflichtung nicht auf, das häusliche Lernen möglichst 
gründlich in der Unterrichtsstunde vorzubereiten, die zu me- 
morirenden Vocabehi einmal oder öfters im Voraus lesen und 
an die Stelle des unrein Gesprochenen den vollen, bestimmten 
Ton des Lehrers treten zu lassen. 

2) Zur Sicherung des Gewonnenen dienen schnell zu voll- 
ziehende AViederholungen einzelner Abschnitte der Leseschule 
oder Leselectionen, die gewöhnlich den grammatischen Lehr- 
büchern vorangestellt oder beigefügt sind, und vor Allem bei der 
Leetüre: zusammenhängende, d. h. nicht durch Ver- 
deutschung unterbrochene Leseübungen. Wenn ein pro- 
saisches oder poetisches Lesestück übersetzt und zum vollen 
Verständniss gebracht ist, wenn es dann für die nächste Stunde 
60 repetirt wurde, dass die richtige Uebersetzung geläufig sein 
kann, dann tritt der passende Moment ein, jene besondere Lese- 
übung ab und zu (etwa einmal in 14 Tagen) vorzunehmen, 
wobei der übersetzte Abschnitt nur nach der Seite der Orthoe- 
})ie und eines sinnentsprechenden Lesens behandelt und ein- 
geübt wird. Dem Schüler wird durch solche regelmässig wieder- 
kehrenden, als besondere exercices de prononciation eingeführten 
Vorlesungen*) der Werth und die Bedeutung eines fehlerlosen Aus- 
sprechens und eines gedankenmässigen Lesens unmittelbar zum 
Bewusstsein gebracht, zumal wenn ihm durch regelmässiges 
Eintragen von Prädicaten in das Notizbuch des Lehrers die 
Wichtigkeit der bezüglichen Leistungen erhellt. Dass übrigens 
auch bei der ersten Durchnahme des Textes keine Verstösse 
unbeachtet durchschlüpfen dürfen, ist eben so selbstredend, als 
dass bei derselben der geeignete Zeitpunkt für eigens an- 
gestellte Uebungen im correcten Lesen schon deshalb noch 
nicht gekommen ist, weil die mächtig wirkende Freude am 
Lernen nur aus dem Gefühl der Sicherheit und des Erstarkens 
erwächst. Unerlasslich ist dabei, dass nach der ersten Durch- 
nahme des Abschnitts, besonders im 2., 3. und zum Theil noch 



*) Diese dürfen übrigens nur etwa ein Viertel oder höchstens ein 
Drittel der Unterrichtsstunde in Anspruch nehmen. 

25* 



388 Die Unterweisung in der französischen und englischen Aussprache 

im 4. Unterrichtsjahr der Lehrer selbst durch eigenes Lesen ein 
Muster aufstelle, während dessen den Schülern ein stummes 
Mitlesen, d. h. ein wirkliches, aber tonloses Bewegen der 
Sprachorgane nur förderlich sein kann. Diese Art der Mitarbeit 
Aller ist überhaupt auch bei dem Vorlesen der Vocabeln oder bei 
dem Lesen noch nicht übersetzter Abschnitte der Grammatik 
oder der Chrestomathie nicht zu verschmähen ; es ist ein höchst 
einfaches, aber wirksames Mittel, um Erfolge zu erzielen, um 
wiederholten Fehlern, wie auch dem träumerischen Anstarren 
der Buchstaben vorzubeugen. Selbst einpianisaimo vorzunehmen- 
des Mitlesen der Classe ist dann und wann zu erlauben. Nur 
wo es mit der Disciplin schlimm bestellt ist, können sich hier- 
aus anarchische Zustände entwickeln. 

3) Zu der allen weiteren Unterrichtscursen obliegenden Auf- 
gabe der Ergänzung rechnen wir nicht bloss die erweiterte 
Orientirung auf dem grossen Gebiete der Anomalien, sondern 
auch vornehmlich die allmählich anzustrebende Aufhebung der bis- 
herigen Abhängigkeit von dem Buchstaben, von dem 
Wort bilde: die freie Beherrschung des Verständnisses und der 
Aussprache nach dem Gehör. In ersterer Beziehung ist die 
eigene Thätigkeit der Schüler besonders insofern in Anspruch 
zu nehmen, als sie bei der Präparation der zu lesenden Ab- 
schnitte in gewissen Fällen Umschau in den orthoepischen Angaben 
eines zuverlässigen Wörterbuches zu halten haben. Schwierigen 
englischen Wörtern ist der richtige Silbenaccent im Präparations- 
heft beizufügen. Der selbständigen Handhabung des Wörter- 
buches geht eine besondere Anleitung voraus, wie dasselbe zu 
benutzen ist, wozu natürlich die nöthigen Belehrungen über die 
Art der Aussprachebezeichnung gehören. Was aber das an 
zweiter Stelle genannte, wichtige Ziel der Emancipation betrifft, 
so dienen demselben nicht allein die anzustellenden Conver- 
sationsübungen, durch welche der Schüler lernt, seine Fassungs- 
kraft von der engen Schranke der Schrift zu befreien und auf ge- 
sprochenes Französisch und Englisch auszudehnen, sondern auch 
regelmässig auftretende mündliche Uebersetzungen aus der frem- 
den Sprache nach dem blossen Gehör. Schon im ersten Unter- 
richtsjahr sind solche Uebungen an die Durchnahme und Ein- 
übung der Grammatik anzuknüpfen, damit gleich von vornherein 
das Verstehen des Französischen und Englischen nicht lediglich 



Die Unterweisung in der französischen und englischen Aussprache. 380 

durch das Buch, sondern auch durch das lebendige Wort vermittelt 
werde. Nachdem die Bücher geschlossen sind, giebt der Lehrer, 
anfangs in einem ganz langsamen, später in schnellerem Tempo, 
die franz., resp, engl. Sätze, deren Verständniss und Uebertragung 
er verlangt. Zuerst wählt er hierzu bereits gelesene, dann aber 
andere, von ihm selbst gebildete Sätze, die sich an den einge- 
sammelten Wortvorrath anschliessen. Im zweiten, dritten und 
vierten Jahr werden diese freien Exercitien stetig fortgesetzt. 
Etwa alle 14 Tage ein, oder zweimal tritt die Uebung in der 
fiir die Grammatik bestimmten Unterrichtsstunde auf. Damit 
kein Schüler sich von kräftiger Theilnahme ausschliesse, ist es 
nöthig, dass der wiederzugebende Satz von dem Lehrer an 
alle Schüler gerichtet und dass dann erst nach einer kleinen 
Pause derjenige genannt wird, welcher zu übersetzen hat. 

4) Als vierte Seite der einschlägigen Aufgabe, die der 
oberen Stufe zu stellen ist, führten wir die Erhöhung der er- 
langten Fertigkeit auf. Wir rechnen dazu wachsende Ueber- 
windung der Unbeholfenheit und Langsamkeit, ferner Ge- 
läufigkeit und Geschmeidigkeit des mündlichen Vortrags, 
wie auch Bemeisterung erheblicher Schwierigkeiten, die sich in 
einzelnen Fällen der deutschen Zunge entgegenstellen. Es ist 
nicht zu vergessen, dass der rechte Fluss der ßede nothvvendig 
verbunden ist mit gehöriger Sicherheit und dass zur Erzielung 
der vvünschenswerthen Geläufigkeit ein festes Verständniss und ein 
stetes Uebersehen des Inhalts sowohl bei dem Lesen als bei der 
Conversation unerlässlich ist. Der Schüler muss demgemäss ge- 
wöhnt werden, mit einem klaren Bewusstsein von dem Inhalte und 
mit ruhiger Besonnenheit sich auszudrücken. Er muss bei der 
Leetüre lernen, ähnlich wie beim Notenlesen, grössere Partien des 
vorliegenden Textes im Zusammenhang zu überschauen. Ein solcher 
Vorsprung des Auges vor dem Munde ist schon deshalb un- 
entbehrlich, Aveil ohne denselben die Aussprache eines am Ende der 
Zeile getrennten Wortes oder einer *mit Raison zu sprechenden 
Wortgruppe oft ganz verkehrt werden müsste. Uebrigens lässt sich 
die Schwerfälligkeit der Zunge, das Stocken und Stottern nicht 
durch einen kategorischen Imperativ: Parlez plus vite! be- 
seitigen. Die erforderliche Geistesgegenwart hängt vielmehr 
mit ruhiger Selbstbeherrschung zusammen und verlangt im 
Gegentheil, dass zunächst ein noch langsameres, gedehnteres, 



390 Die Unterweisung in der französischen und englischen Aussprache. 

aber bestimmt articulirtes Aussprechen an die Stelle des hasti- 
gen, stossweisen Holperns oder des durch ruckweise Pausen 
verunstalteten Vortrags trete. Ein anfangs unmerkliches, stufen - 
weises accelerando des Tactes verhilft alsdann mit Leichtigkeit 
zu grösserer Gewandtheit. Man darf nicht übersehen, dass für 
diesen Zweck sich noch ein besonderes Mittel empfiehlt , das 
schon dann angewendet werden kann, wenn die ersten Lese- 
stücke dem Inhalt nach vollständig erfasst und der Aussprache 
nach eingeübt sind: das Memoriren prosaischer und poeti- 
scher Abschnitte. Dasselbe wird auf allen Stufen des Lehr- 
gangs weiter geübt. Damit aber um so mehr Sorgfalt auf den 
Vortrag verwendet werden kann, werde für jede Stunde nur 
ein ganz massiges Pensum gegeben. Zu empfehlen ist es, dass 
der Zweck nicht mit dem Mittel verwechselt und dass also 
nicht die Auswahl des Memorirstoflfes durch die Rücksichtnahme 
auf die Aussprache allein,- sondern nur durch den werthvollen 
Inhalt und die gediegene Form des Einzuprägenden bestimmt 
werde. Recht viele Knacknüsse auswendig lernen zu lassen, 
wie „Didon dina, dit-on," oder „Robert Rowley rolled a round" 
u. s. w. möchte keineswegs anzurathen sein. Solche Spiele- 
reien sind überflüssig, denn auf dem Gange des Unterrichts 
gibt es Steine des Anstosses genug, die für das deutsche Organ 
halsbrechend erscheinen und an denen die Meisterschaft erprobt 
werden kann. (Ich erinnere nur an neuve, plus inutilc, je löge, 
je cherche, je verrai ; month, judiciary procedure, comfortably.) 
Um solche Hindernisse aus dem Weg zu räumen, hüte man 
sich, von der Schwierigkeit zu viel Aufhebens zu machen oder 
dem häufigen Gerede der Schüler: „Ich bringe es nicht fertig!" 
Gehör zu schenken. Solche schwächliche Resignation wird am 
bequemsten abgeschnitten, wenn der Unterricht zur Erleichterung 
einige harmlose Noth brücken auf dem Wege zur richtigen 
Aussprache schlagen lässt, die dann möglichst bald wieder ab- 
zubrechen sind. Das schwierige w' am Ende von „neuve", 
das seh' in „löge", d' im englischen „bad", das doppelte r in 
„verrai" u. a. verliert seine Unerreichbarkeit, wenn es anfangs 
gestattet wird, ein ganz flüchtiges, halb vernehmbares e anzu- 
fügen, das dann in kürzester Zeit wieder zum Verschwinden 
gebracht Averden muss. Bei schwer zu accentuirenden, viel- 
gilbigen Wörtern hebt die vorübergehende Concession eines mehr 



Die Unterweisung in dor franzusischen und englischen Aussprache. 3!)! 

oder weniger trennenden Auöeinanderhaltens der Silben, ein rceht 
gedehntes Aussprechen über die Schwierigkeit hinaus. Aehnliches 
leistet dem Anfänger bei „months" eine kleine Pause nach th. 
Schliesslich möchten wir noch auf gewisse Hemmnisse eines 
gleichmässigen Fortschritts hinweisen, die sich zuweilen aus 
den Abweichungen ergeben, die in der Aussprache eines 
grossen Lehrcollegiums unvermeidlich sind. Gehen Schüler 
aus der einen Hand in die andere, so gerathen sie durch die 
Verschiedenheit der Forderungen in ein nachtheiliges Schwan- 
ken, wenn nicht gar das Ansehen des einen oder anderen 
Lehrers einen geringen Abbruch erleidet. Eine durchgreifende 
Abhülfe ist nicht leicht zu finden. Denn eine vollständige 
Uniformität lässt sich um so weniger erzielen, als Franzosen 
und Engländer selbst, wie auch deren philologische Autoritäten, 
nicht ganz übereinstimmen. Ein anderer Ausweg, der Plan, 
dass der Lehrer jedesmal seine Schüler durch alle Classen 
hinaufführt, lässt sich nur in den seltensten Fällen verwirklichen. 
Um ein bedenkliches Desavouiren des einen Lehrers durch den 
anderen möglichst zu verhindern, scheint es das rathsamste, 
eine gegenseitige Verständigung in Specialconferenzen der 
Fachlehrer herbeizuführen. Dieselben könnten sich freilich nicht 
auf endlose Discussionen über Einzelnheiten einlassen ; es käuie 
dabei nur auf Feststellung der Grundsätze und Hauptpunkte 
und vor Allem auf gemeinsame Anerkennung einer Autorität 
an, auf die in allen zweifelhaften Fällen zurückzugehen wäre. 
Dass der Lehrer der fremden Sprache in dem Verkehr mit 
gebildeten Franzosen und Engländern einen unersetzlichen Hebel 
für seine orthoepischen Studien gesucht hat, ist in der Ord- 
nung. Mit Recht ist aber schon Öfters betont worden, wie 
unzuverlässig häufig die Berufung auf individuelle, aus solchem 
Verkehr gewonnene Reminiscenzen ist. Zu einer allgemein- 
giltigen letzten Instanz eignen sie sich am allerwenigsten. Diese 
ist vielmehr in den sprachlichen Tribunalen zu suchen, zu denen 
Franzosen und Engländer in streitigen Fällen selbst ihre Zuflucht 
nehmen: in dem Dictionnaire de l'Academie und bei Smart — 
Webster (Wright.) Neuere und neueste philologische Kory- 
phäen, die als reine Theoretiker den Sprachgebrauch nicht fest- 
stellen , sondern theilweise a priori bestimmen und schaffen 
wollen, wie Littre und manche andere, möchten auszuschliessen 



392 Die Unterweisung in der französischen und englischen Aussprache. 

sein. Für das Französische kann bei der orthoepischen Dürftigkeit 
des Dictionnaire de l'Academie die „Systematische Darstellung" 
von Plötz empfohlen werden. Hinsichtlich des Englischen 
verschlägt es nichts, wenn von einigen absonderlichen Be- 
stimmungen Smart's, wie „kind" u. s. w. abgesehen und in 
dem einen oder anderen Falle sonstigen namhaften Orthoepisten 
der Vorzug gegeben wird, deren Angaben in dem grossen 
Wörterbuche von Worcester zu vergleichen sind. Ist „nei- 
ther, wound, rainute" u. a. von dem einen Lehrer in dieser, 
von anderen in jener Weise gesprochen worden, so ist es nicht 
schwer, die Collision vor den Schülern zu heben; vielmehr ist 
es zu wünschen, dass sie gerade aus ein paar ähnlichen Bei- 
spielen*) ersehen, dass bis zu einem gewissen Grade eine ver- 
schiedene Aussprache einzelner englischer Wörter statthaft ist. 
Nur was keine der angedeuteten Autoritäten Englands und 
Amerikas für sich hat, ist zu verwerfen. Und wenn es endlich 
nahezu unmöglich ist, dass alle Lehrer, selbst nach der gründ- 
lichsten Vorbereitung, vor einem geringfügigen Versehen in 
den minutiae der englischen Aussprache gesichert bleiben, so 
wird der Lehrer durch eine rasche und leichte Remedur seiner 
eigenen Sprachweise den Schülern nicht auffallen können, die 
gar bald eine Ahnung von der vielfachen Willkür und Un- 
sicherheit der englischen Aussprache bekommen. Die Treue 
und Gewissenhaftigkeit, die den Lehrer zu einer solchen Be- 
richtigung bereit macht, übt einen tieferen und wohlthätigeren 
Eindruck auf die Jugend aus als das verfehlte Bemühen, jenes 
Princip zur Geltung zu bringen, dass den Schülern gegenüber 
der Lehrer immer Recht hat. 

Und damit sind wir wieder an dem Fundamentalsatz der 
Pädagogik angekommen, der auch für die Unterweisung in der 
Aussprache seine Kraft behauptet, dass die rechte Persönlichkeit 
des Lehrers, seine Sorgfalt und Freudigkeit im Amt, seine 
Leistungsfähigkeit und sein Eifer, der sich wie von selbst den 
Schülern mittheilt, wenn er sich mit Ruhe und Festigkeit 
paart, eine bessere Gewähr für gute Ergebnisse ist als die 
ausgesuchtesten methodischen Kunstgriffe. 

*) Zu weit darf freilich die Bekanntschaft mit den Abweichungen nicht 
ausgedehnt werden. Die Jugend verlangt feste und einfache Auskunft. 

Essen. Dr. O. Kares. 



Beiträge 

zu 
den Wörterbüchern von Lucas und Hoppe.*) 



II. 

To Strike. 

Strike praet. Struck (strook Bulwer's Schiller's Poems, the Glove, witli 
his tail his sides strook) part. Struck, zuweilen stricken. 
1) Streichen = in einer Längenbewegung auf oder über 
etwas hin bewegen. Liverpool Journ. Nov. 4, 1876: She saw him 
striking a match and setting fire to a quantity of straw. — Field, 
June 3, 1876: The crew Struck out for land; but Mr. Threlfall, ex- 
hausted by his previous row, or attacked with cramp, failed to reach 
the shore, and sank = strich aus = schwamm — Id. Sept. 25, 1875: 
The draw for the Oaks and Derby will take place at four o'clock on 
Monday Oct, 4 at the Red Lion, Lambourne; and all dogs not ordered 
to remain in, or whose stake is not paid, will be Struck out = die 
Namen der Hunde werden in der Liste gestrichen. — Forbes, Expe- 
riences of the War between France and Germany I, 284: All rose 
to greet the commanding officer and immediately that he was seated, 



*) Quellen: Bulwer (Tauchnitz). — Liverpool Journal. — The Field, 
The Farm, The Garden, The Country Genlleman's Newspaper. — Forbes, 
Experiences (Tauchnitz). — Daily Telep;raph. — Swift Gulliver's Travels 
(Tauchnitz). — Dickens Chimes (Tauchnitz). — Tennyson's works (Tauch- 
nitz). — Washington Irving Sketchbook (Tauchnitz). — Macaulay h. of 
England (Tauchnitz). — Illustr. Sporring and Draniatic News. Supply 
Association Oct. 1873. — Tom Brown Schooldays (Tauchnitz). — Cham- 
bers' Journal. 



394 Beiträge zu den Wörterbüchern von Lucas und Hoppe. 

Ihe band Struck up = die Musik strich auf, von dem Ziehen des 
Bogens über die Saiten; dann ohne Rücksicht auf die Instrumente 
verallgemeinert = fing an zu spielen. Darnach auch bildlich Daily 
Telegraph, May 16, 1874: to strike the key-note of changes — den 
Grundton zu Veränderungen anschlagen. Forbes I, p. 88: At length 
these detachments and groupes either feil back or went down tili the 
front was tolerably clear of Frenchmen. Then their artillery Struck in 
für the last word = dann fiel die Artillerie ein, um das letzte Wort 
zu haben. — Dickens, Chimes, 2: all this Struck coldly through him, 
not as a reflection but a bodily Sensation. 

Das Deminutivum streicheln ist to stroke Swift Gulliver's 
Travels p. 124: The father complied, and the lad took his seat again, 
whereupon I went to him, and kissed his band, which my master 
took, and made him stroke me gently with it. 

2) Schlagen, Stossen. — To beat ist schlagen mit wieder- 
holten Schlägen = prügeln, hauen, während to strike nur einzelne 
Schläge versetzen bedeutet. Dickens Chimes: pay your rent as 
regularly as the clock strikes. Swift Gulliver's Travels p. 194: There 
stood by him, on each side, a young page wiih flaps in their hands 
and when they saw, he was at leisure, one of them gently Struck his 
mouth and the other his right ear. — Forbes I, p. 84 : For two stricken 
liours was the result dubious, zwei volle geschlagene Stunden lang. — 
Field Aug. 19, 1876: A coin of Aurelius Antoniuus Struck at Byzan- 
lium = geschlagen =^ geprägt. Ibid. The king Struck his forehead 
against the lintel, so low was the door = stiess. Tennyson En. Ard. : 
Then Struck it (the door) thrice and no one opening, enter'd = 
klopfte an. Ibid. p. 46 : As the beacon-blaze allures the bird of pas- 
sage, tili he madly strikes against it and beats out his weary life n= 
slösst, rennt. — Wash. Irv. Skchb. p. 95: The striking of spades into 
sand and gravel; which at the grave of those we love, is, ofallsounds, 
the most withering. — Forbes I, p. 286: The morning was extremely 
misty. As I reached the eminence at Foix I could barely see Mount 
St. Quentin above the fog in the valley, the sun's rays striking upon 
its warm grey peak = fallen, treffen. 111. Sport. & Dram. N. July 22, 
1876: to strike the object which the target presents to hin). Macaulay 
h. of Engl. III, p. 102: Early in the yoar 1687, it was deterniined 
to strike at freehold interests = einen Schlag zu thun auf ihre Nutz- 



Beitrüge zu den Wörterbiicliern von Lucas und Hoppe. 395 

niessung des zu ihrer Stelle gehörigen Bodenbesitzes rrr ihre Nutz- 
niejsung etc. zu treffen. 111. Sport, «fe Dram. N. July 15, 1876: In the 
abovc list wehave Struck no avcragefor sires = treffen, aufstellen. Forbes 
II, p. 186: The holt aficr its flight Struck the ground and striking burst. 
— Liverp, Journ. Oct. 9, 1875: The Steamer Courier Struck on Manual 
Head off Aberdeen and sunk = sticss. — Wash. Irv, Skchb. p. 7 : Shc 
was a small schooner, at anclior, witli her broadside towai'ds us. The 
crew were all asleep and neglected to hoist a light. We Struck her 
amidships = trafen, rannten darauf. Id. p. 147: The Baron was 
perfpctly thunderstruck. Wash. Irv. Skchb. p. 150: When the aunt, 
who had at first been Struck speechless = die Sprache verloren hatte. 
Dickens Chimes: strike me old = mache, dass ich gleich alt werde; 
ebenso strike me ugly, dumb, gi'cy; lauter Imperative, welche zur 
Bekräftigung einer Behauptung dienen sollen. 111. Sport, «fc Dram. N.: 
Singularly enough the men who feil (wlth the scaffolding) escaped 
with slight bruises and a severe shaking, but nearly a dozen men em- 
ployed in various ways underneath the scaffold were Struck by the 
falling timbers. — Wash. Irv. Skchb. p. 135: As I sat dozing ovcr 
one of the latter (old Paris newspapers) reading old news and stale 
criticisms, my ear was now and then Struck with bursts of laughter. 

3) Durch Schlagen niederwerfen. W^ash. Irv. Skchb. p. 21 : how 
I am to strike her veiy soul to the earth, by telling her that her hus- 
band is a beggar. Field June 3, 1876: We Struck our tent an hour 
after daybreak. Ebenda : Raining all day, we took up our abode in a 
cave in the side of the mountain and despatched our muleteer with a 
message to Gaetano directing hini to strike the tent at once and come 
up to US =:z das Zelt gleich abzuschlagen. Das Zelt aufschlagen heisst 
to pitch the tent. — Daran schliesst sich das in letzteren Jahren so 
bekannt gewordene und viel gebrauchte to strike =z die Arbeit nieder- 
legen. Der Ausdruck ist mir im älteren Englisch noch nicht vor- 
gekommen; es scheint demnach die Vermuthung gerecht feil igt, das 
Wort sei mit dieser besonderen Bedeutung wohl aus Amerika her ein- 
geführt, und sei aus dem Umstände herzuleiten, dass Arbeiter nament- 
lich in der Nähe von Fabriken sich leichte Hütten aufschlugen und 
darin so lange wohnten, als sie dort Arbeit fanden. Wenn dies niclit 
mehr der Fall war, schlugen sie ihre Hütten ab und zogen weiter. 
Denn die andere Deutung hat wenig für sich. Man habe den Aus- 
druck von der künstlichen Fischzucht entlehnt. So wie man das 



396 Beiträge zu den Wörterbücbern von Lucas und Hoppe. 

Weibchen durch Streicheln dazu bringe, den Laich fallen zu lassen, 
und das Männchen durch das gleiche Mittel reizt, seinen Samen zur 
Befruchtung desselben darauf zu werfen, so hätten die Arbeiter jenes 
Verfahren angewandt, um den Fabrikherrn zu bewegen, von seinem 
übermässigen Gewinn auch etwas den Arbeitern zukommen zu lassen. 
Forbes I, p. 72: By this time I was through St. Ingbert, where thc 
52'' were halting with slacked arms, and soon after, at a turn of the 
road, our waggon was overfaken by two batteries of artillery, Coming 
along at a swinging canter. The driving boy entered into the spirit 
of the thing, and I ofFercd him double fare, if he would only keep up 
with the horse artillery. He tried it right manfully; but the waggon 
was clumsy, and so was the harness ; and in the ascent, at a slope 
leading to Scheidt, he brought his team to a standstill and Struck. 

4) Mit rascher Wendung einen Weg wählen =^ einschlagen. 
Field Aug. 21, 1875: Here you strike the old coach road, — here 
you strike the splendid old north road. Wash. Irv. Skchb. : Bride of 
the Village, I had Struck into one of those cross-roads. Field Nov. 4, 
1876: He (the fox) Struck boldly for the open = er schlug kühn den 
Weg nach dem offenen Felde ein. — Forbes I, p. 287: Then I Struck 
across the valley, und p. 298: He (Bazaine) was holding a Council of 
war, and debating more Gallico, whether to march on Sedan or strike 
southward and cut the Gerraan Communications. Wash. Irv. Skchb. 
p. 142: A number of horsemen were seen far below, slowly advancing 
along the road ; but when they had nearly reached the foot of the 
mountain, they suddenly Struck ofF in a different direction. 

5) Bildlich. Wash. Irv. Skb. p. 271: This accident so Struck 
him with despair = erfüllte ihn plötzlich, that, as he afterwards con- 
fessed, his heart and his bowels turned within him, and he became 
like a rotten stick, void of strength. — Bulwer, the Disowned, p. 38 : 
As Linden approached the house, he was Struck with the melancholy 
air of desolation, which spread over and around it = war er überrascht 
= war er betroffen. Bulwer, the Disowned, p. 88: As the picture grew 
beneath the painter's band. Clarence was much Struck with the outline 
and expression of countenance given to the regicide Bradshaw = über- 
rascht. — Wash. Irv. Skb. p. 121: He (the poet) illustrates them (the 
choicest thoughts) by everything that he sees most striking in nature 
and art. = das Ergreifendste. — Forbes II, p. 305 : It Struck me 
that in both forts the defences flanking the gates and intended to sweep 



Beitrage zu den Wörterbüchern von Lucas und Hoppe. 39 7 

the approaches at what are ahvays weak points, were insufficiently 
provided for = es überraschte mich = es fiel mir auf. — Wash. Irv. 
Skb, p. 151 : AU present were Struck with the direful probability =: 
betroffen, entsetzt. Id. p. 7 : I was particularly Struck with a short 
one related by the captain = ergriffen. Tennyson, En. Arden : and 
kissed his wonderstricken little ones = ganz verwundei-t. Bulwer, 
the Disowned, p. 8 : Namentlich werden striking und strikingly viel 
angetroffen, 

dundreary. In dem ersten Beitrage (Archiv, Bd. 56, H. 3. 4) hatte 
ich die Frage gethan, was ist dundrearies ? Darauf hatte Herr 
Dr. Heinemann in Hamburg die Güte, mir Antwort zu geben, 
„Vor etwa zehn Jahren machte eine Komödie die Runde durch 
England, in welcher ein Schauspieler die Rolle eines Lord Dun- 
dreary spielte. Da er damit Furore machte und dabei als charak- 
teristisches Merkmal einen von jeder Backe lang herabhängenden 
Bart trug, so nannte man einen solchen doppelten Ziegenbart dun- 
drearies." 

raid s. L. sagt: „feindlicher Einfall North". Er erklärt das Wort 
für einen Provincialismus. Allein Liverpool Journ. Dec. 23, 1876, 
gebraucht das Wort wiederholt in Criminalprocessen, So als 
Ueberschrift eines Artikels: Raid upon London Betting Houses, 
In London on Tuesday, the City police authorities made a raid 
upon public houses and other places known as the resort of betting 
men. Der Einfall ist also nicht feindlich, sondern plötzliche Durch- 
suchung. 

residential adj, L. verweist auf resident. Da findet man „wohnhaft, 
wohnend, residierend, sich aufhaltend, bleibend ; fest, feststehend". 
L, leidet, wie häufig, an einem Mangel scharfer Begriffsbestimmung 
und ist daher bemüht, durch Häufung synonymer Ausdrücke so 
ungefähr den Umfang des Begriffes zu bezeichnen. Man verouche 
nun mit seiner Hülfe folgendes Beispiel zu verstehen, Field Oct, 28, 
1876: Uxbridge, Middlesex, To be sold, with immediate posses- 
sion, the highly attractive Freehold and Tithe Free Residential 
Property, known as Belmont . . , Es ist eine Besitzung mit 
Wohnhaus, Wollte L, also ein brauchbares Wort geben, so musste 
er sagen: „auch passiv, bewohnbar". Ebenso ibid.: to Seil by 
Auction the very desirable Freehold Residential Estate. Und 



398 Beiträge zii den Wörtcrbüclicrn von Lucas und Hoppe. 

ferner ibid. : The Stoke Estate, a beautiful freehold residential 
domain. 

bin s. L. nicht genügend. Es ist ein Weinbört im Keller. Es be- 
steht aus Latten, die horizontal gelegt jede von der anderen nur so 
weit entfernt ist, dass eine gefüllte Weinflasche, ohne durch den 
Zwischenraum hinunter zu fallen, fest liegt und nicht rollen kann. 
Supply Ass. p. 190, Oct. 1873, hat eine Zeichnung davon. 

impact s. Das Aufschlagen einer Kugel. P^orbes I, p. 81 : No Shells 
had Struck it (a signal-house ein Wärterhaus), but when I saw it 
the day but one after the battle I could not find a Space the size 
of this page which did not show the easily-read print of the impact 
of a bullet. 

soppy adj. Durch und durch getränkt. Nicht bei L. und Hoppe. 
Forbes I, p. 92: The fight had been equally deadly all over the 
plateau, where the corn and grass were trodden into the brick-like 
ground that was yet in places soft and soppy with blood. 

niobilisation s. Die Mobilmachung des Heeres. Nicht bei L. und 
Hoppe. Forbes I, p. 10: The word had gone forth for the mobili- 
sation of the German army, p. 13. 

Output s. Die Förderung von Metallen, Kohlen etc. Nicht bei L. und 
Hoppe. Forbes I, p. 26: The children played merrily in the smiling 
villages as if the millenium had arrived ; the smoke poured from 
the pit-heads of the grimy embankments the output of coal and 
iron was progressing. 

combativeness s. Die Streitsucht, Rauflust. Ungenügend L. Tom 
Brown S., p. 3 : This family training too, combined with their turn 
for combativeness makes them eminently quixotic. 

arrival s. Der Ankömmh'ng. Nicht bei L. Forbes I, p. 60: My 
friend and myself were the first arrivals. Selbst Macaulay ge- 
braucht das Wort in dem Sinne, h. of Engl. HI, p. 300: Another 
arrival still more important was speedily announced. 

keenish adj. Ziemlich schneidend. Nicht bei L. und Hoppe, 111. Sport. 
& Dram. N, Nov. 4, 1876: It was fine, bracing October weather, 
a keenish east wind blew across the German ocean to the Cleve- 
land Hills. 



Beiträge zu den Wörterbüchern von Lucas und Hoppe. 399 

inventiveness s. Die Erfindsanikeit = Streben etwas atifzufinden. L. 
nicht ganz richtig. Chambers Journ. Oct. 31, 187G: It will warm 
the hearts of readers on both sides of the Atlantic to be (old that 
therc prevails in America the truest scientific spirit and devotion, 
the originality, the inventiveness. 

appreciativeness s. Die Neigung zu schätzen. Das vorige Beispiel 
lautet weiter: the patient persevering thoroughness of work, the 
appreciativeness. 

open- mindedness s. Die geistige Empfänglichkeit. Nicht bei L. und 
Hoppe. Das vorige Beispiel: and the generous open -mindedness 
and sympathy, from which the great ihings of science come. 

revival s. Die Wiederaufführung eines längere Zeit nicht gegebenen 
Stückes. Nicht bei L. und H. Unter vielen Stellen im 111. Sport. 
& Dram. News. Sept. 23, 1876 : which opens with a revival The 
Duke's Motto with the altered title of The Duke's Device, I am 
here. — with his long promised revival of Shakespeare's historical 
play of Henry V. 

Inappropriateness s. Die Unschicklichkeit. Nicht bei L. III. Sport. 
& Dram. N. Sept. 23, 1876: Two ballets, which met with some 
Opposition from their inappropriateness, have been withdrawn since 
the first nighfs. 

assumption s. Die Auffassung. Synonymer Ausdruck ist conception. 
Ungenügend bei L. 111. Sport. & Dram. N. Sept. 23, 1876: Mr. 
Phelps sustained his celebrated assumption of Henry V with all 
the impressiveness and tender pathos as of yore z=z die Auffassung 
eines dramatischen Charakters. Gleich darauf: Mr. Ryder, who 
doubled the parts of the Chief Justice, and the rough soldier Wil- 
liams showed in both assumptions what a true aitist he is. Auch 
in Berichten von anderer Hand kehrt der Aufdruck wieder. 

bantering s. Die Neckerei. Nicht bei L. und H. 111. Sport. & Dram. 
N. Oct. 28, 1876: What gests, banterings and railings have not 
he and his old fricnd the Assassin exchanged at their private room 
at the White Hart, Newmarket or upon the second floor at Limmer's. 

sartorial adj. Schneiderisch; als Adjectivum zu tailor. Nicht bei L. 
und H. 111. Sport. & Dram. N. Oct. 28, 1876: Tailors scramblcd 



400 Beiträge zu den Wörterbüchern von Lucas und Hoppe. 

and vied with each other to contribute to his faultless sartorial 
array. 
take-ofFs. Der Absprunge die Stelle, von der das Pferd den Sprung 
thut; wogegen der Niedersprung = die Stelle, auf welche das 
Pferd nach dem Sprunge die Vorderhufe setzt, the landing heisst. 
Nicht bei L., das erstere dagegen bei H. Field, Nov. 4, 1876: 
The foothold is perfect, the going adrairable ; and though the fences 
are black as night, when a horse feels that in going at his fence, 
he will not slip, he goes with double the vigour and boldness ; for 
it is a faet well known to all sportsmen that when old horses re- 
fuse, it is owing either to the take-off being slippery or the land- 
ing hard. 

blindish adj. Ziemlich unsichtbar. Nicht bei L. und Hoppe. Field 
Nov. 4, 1876: with sorae blindish fences. Bald darauf: there was 
fencing enough and of a style for stifFness and blindness to satisfy 
the most greedy. 

riverain adj. An einem Flusse liegend. Field Nov. 4, 1876: Nicht 
bei L. und H. the riverain towns. 

sireship s. Die Vaterschaft, von männlichen Zuchtthieren gebraucht. 
Field Nov. 4, 1876: The Hon. Ges. Fitzwilliam's famous stud 
hound Furrier, Lord Poltimore's Roman and Limner, and the Hey- 
throp Foreman, coUectively can claim sireship to more than half 
the kennel. 

staked adj. Schlecht zu Beinen, schlecht geständert. Nicht bei L. 
und H. Field Nov. 4, 1876: It was then discovered that the 
master's horse was badly staked. 

deraoralise v. tr. Gänzlich entmuthigen. L. hat: „entsittlichen". 111. 
Sport. & Dram. N. Sept. 23, 1876: Mr. Hayman, brother of the 
exhead- master of Rugby, and one of the literary staflf of the 
Saturday Review, frostbitten, broken, bruised, and demoralised as 
he was, recovered life and hope through the manly devotion of 
his plucky country men. 

impecunious adj. Der kein Geld hat, der Habenichts. Nicht bei L. 
und H. 111. Sport. & Dram. N. Oct. 28, 1876: In „fatty Suther- 
land's" ample arm - chair sits Mr. Drinkeid enthroned never for- 
getting that, although now abdomine tardus, he was once an Eton 



Beiträge zu den Wörterbüchern von Lucas und Hoppe. 401 

boy and reniinding those who have patience to listen to the im- 
pecunious, tbat Drinkeid had a capital father and has still a capital 
uncle. 

knickerbocker s. Die eng anschliessende Hose, sei sie aus dünnem 
oder dickem Stoffe. L. hat das Wort nicht, wohl aber Hoppe, 
der das Avesentliche Merkmal des eng Anschliessenden nicht ge- 
nügend hervorhebt. 111. Sport. & Dram. N. Nov. 4, 1876: He 
(the sportsman) had on thick, heather-coloured knickerbockers, 
finished off with yellow leather- leggings mit hohen ledernen Ga- 
maschen. 

gradient s. Die Steigung. Hoppe hat L. vollständig berichtigt, wie 
folgendes Beispiel lehrt. Field Sept. 16, 1876: As the hill was a 
gradient varying from 10 or 12 to 1, this is not to be wondered 
at ander such conditions. 

assets s. L. zu eng. Es bezeichnet nicht blos den Vermögensbestand 
eines Falliten, sondern überhaupt Activa, entgegengesetzt den Pas- 
siva. Field Sept. 16, 1876: Mr. Neison, the well-known actuary, 
who has been employed to value the assets and audit the accounts 
of numerous clubs of all sizes . . . They found the assets of these 
six clubs to be L. 6295 und noch öfter. 

frostbite s. Der Frost = der Zustand, in welchem ein Mensch sich 
befindet, der von der Kälte gelitten hat. Nicht bei L., wohl aber 
bei Hoppe. 111. Sport. & Dram. N. Sept. 23, 1876: A Suiss guide, 
almost powerless from frostbite, tended and comforted an English 
gentleman, who is frostbitten in the hands, frostbitten in the 
feet etc. = vor Frost. Liverp. Journ. Nov. 4, 1876: Then a 
sudden fall of temperature a day or two, coming upon wet and 
damp, caused a few frostbites of the toes, one or two of which had 
to be amputated during the winter == bewirkten, dass einige Zehen 
erfroren. 

professional s. Zu den von Hoppe angeführten Bedeutungen mag noch 
folgende hinzugefügt werden: 111. Sport. & Dram. N. Sept. 23, 
1876: We give this week a portrait of Mr. Calvert as King Lear, 
from a photograph by vSavony of New -York. In such characters 
as Lear, Brutus, Shylock etc. he has few rivals, and as a stage 
manager of unusual ability he is recognised throughout the entire 
profession in England and America = die Berufsgenossen , die 

Archiv f. n. Sprachen. LIX. 26 



402 Beiträge zu den Wörterbüchern von Lucas und Hoppe. 

Schauspieler. Ibid. : working in his profession (Beruf) as an en- 
thusiast . . . it is therefore not surprising that he has hosts of 
appreciative friends in the profession and out of it = Berufs- 
genossen. — one as acceptable to Ihe general public as it will be 
found interesting and welcome to all members of the profession and 
craftsmen of the art. 
Hameln. Theilkuhl. 



Die reinen Vocale des Französischen 

nach Malvin- Cazal. 



Bei dem regen Interesse, welches die mustergültige Aussprache 
des Französischen mit Recht in Anspruch nimmt, dfirfte ein Beitrag 
zur Erörterung des Gegenstandes selbst dann nicht unerwünscht kom- 
men, wenn er vielmehr Fragen anregt als beantwortet. Die nach- 
stehenden Zeilen beschäftigen sich mit den Vocalen, und zwar mit 
den reinen, d. h, rein oralen, nicht mit den nasalen, d. i. nasal 
oralen Vocalen *). Nicht etwa von Ausnahmen denken wir zu reden, 
sondern von der Regel selbst; nicht von bemerkenswerthen Einzel- 
heiten in mehr oder minder entlegenen Wörtern , sondern von dem 
Allergewöhnlichsten, von dem, was man als Quintaner zu lernen pflegt, 
was man als Quartaner bereits treibt wie Essen und Trinken, frei, und 
was für den Tertianer nicht selten schon ein überwundener Standpunkt 
ist. Es interessirt uns also an dieser Stelle nicht, oder wenigstens 
nur beiläufig, ob für roide re,d' oder rone,d', ob für fouet foue oder foua 
die mustergültige Aussprache sei ; sondern es liegt uns daran zu wissen, 
wie man nous aimons, vous aimez, wie man question und andere ganz 
gewöhnliche Wörter spricht, oder vielmehr — wieMalvin-Cazal 
sie gesprochen wissen will. Denn — um jedem Misverständ- 
nisse vorzubeugen, sei es aufs nachdrücklichste betont — wir sind 
weit davon entfernt, den geneigten Leser lehren zu wollen, was er ja 
längst weiss; wir bescheiden uns darzulegen, was Malvin-Cazal über 
die reinen Vocale lehrt. Unsere Arbeit ist folglich nicht sowohl eine 



*) Die Unterscheidung von oralen und nasalen Vocalen ist un- 
genau: ein Vocal ist stets oral; es fragt sich nur, ob er zugleich nasal 
ist oder nicht. 

26' 



404 Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 

orthoepische, als vielmehr eine philologische, wiewohl dieselbe im In- 
teresse der Orthoepie unternommen worden ist. 

Aber ist denn Malvin-Cazal der Mühe dieser Arbeit werth ? Und 
wozu wiederholen, was bereits ein Anderer gesagt? Auf die erste 
Frao-e Folgendes zur Antwort. Dem Werke Malvin-Cazal's dient von 
vorn herein zur Empfehlung, dass es auf Staatskosten gedruckt worden 
und dass der Verfasser es den Messieurs de l'Academie fran^aise hat 
widmen dürfen. Das Werk ist eingehend, klar und, bis auf gewisse 
Ungenauigkeiten und Widersprüche, in sich consequent. Der Ver- 
fasser verräth ein feines Ohr, und alles deutet darauf hin, dass er die 
Aussprache der Elite der Pariser Gesellschaft seiner Zeit, d. h. der 
Zeit Louis Philippe's (1846), im Ganzen wirklich wiedergibt. — Eine 
andere Frage, die wir hier zwar aufwerfen, aber unbeantwortet lassen, 
ist freilich die, ob die Aussprache der guten Pariser Gesellschaft seit 
einem Menschenalter constant geblieben ist. Die Elemente dieser Ge- 
sellschaft haben in diesem Zeiträume offenbar beträchtlich gewechselt. 
Die Februarrevolution, das Empire, die Septernberrevolution haben zum 
Theil andere Elemente der Bevölkerung an die Oberfläche der tonan- 
gebenden Gesellschaft emporgehoben. Ist die mustergültige Aussprache 
dennoch dieselbe geblieben? und ist also die Tradition der Aussprache 
in jenen Kreisen mächtig genug, um fremde Elemente zu assimiliren ? 
Oder dulden dieselben, wenn auch innerhalb gewisser Grenzen, eine 
Verschiedenheit der Aussprache, wie dies z. B. in Deutschland der Fall 
ist? und ist es der eingedrungenen Aussprache möglich, schliesslich 
den Ausschlag zu geben? Vergleicht man das 19. Jahrhundert mit 
dem IG., so lässt sich an mehr als einer Erscheinung unzweideutig 
nachweisen, dass ein Laut werth, welcher anfangs ausserhalb der 
guten Gesellschaft üblich war, in die Aussprache derselben eingedrungen 
ist. Hingegen die Frage, ob und inwieweit die Aussprache der ton- 
angebenden Kreise im fünften und im achten Decennium unseres Jahr- 
hunderts diffeiirt, müssen wir auf sich beruhen lassen. Und doch darf 
diese Frage keineswegs als eine müssige erscheinen. Sie wird veran- 
lasst durch die Beobachtung, dass die Orthoepisten der letzten Decen- 
nicn vielfach von einander abweichen, und zwar nicht etwa, was von 
geringerer Bedeutung erscheint, nur hinsichtlich einzelner Wörter, son- 
dern in Betreff ganzer Kategorien von Lauten. Dieser 
Seite der französischen Orthoepie ist unseres Wissens eine eingehende 
Erörterung noch nicht zu Theil geworden. Auch kann diese Frage 



Die reinen Vocale des Französischen nach Miilvin-Cazal. 405 

niclit gestellt werden, wenn man sich darauf beschränkt, jene Ortho- 
episten in einzelnen Fällen zu consultiren, anstatt sie systematisch auf- 
zufassen und darzustellen, eine Arbeit, die freilich hinsichtlich der 
Lexikographen, die, wie Feline und Liltre, keine Regeln aufstellen, 
sondern nur die einzelnen Wörter notiren, eine ziemlich mühselige ist. 
— Doch, eine vergleichende Darstellung liegt ausserhalb des Planes 
dieser Zeilen. Und es kehrt mithin die Frage wieder: wozu wieder- 
holen, wasMalvin-Cazal ausführlich auseinander gesetzt? Wir könnten 
erwidern, dass das Buch selten geworden und dass es sich nur in 
Weniger Händen befindet. Auch dürfte es von Interesse sein, wenn 
die an verschiedenen Stellen zerstreuten Bemerkungen zusammen- 
geordnet werden und nachgewiesen wird, wie weit der Verfasser mit 
sich selbst harraonirt oder nicht. Allein unsere Rechtfertigung liegt 
in etwas ganz Anderem. Wir wiederholen nicht einfach, was 
Malvin-Cazal gesagt. Vielmehr benutzen wir seine Regeln und seine 
Notation der Aussprache als Material für eine verschiedene Dar- 
stellung des Stoffes. Wir fassen die beschriebenen phonetischen Er- 
scheinungen unter anderen Gesichtspunkten auf, suchen die schwer zu 
übersehende Masse des Stoffes mittelst anderer Kategorien zu beherr- 
schen, bauen also aus dem alten Material ein neues Gebäude auf, ohne 
doch das gegebene Material irgendwie zu alteriren. Wir hören zwar 
mit des Verfassers Ohren, erlauben uns aber, über das so Gehörte selb- 
ständig zu denken. Durch diese Zuthat wird freilich die Grenze einer 
streng philologischen Arbeit überschritten, allein dieses Verfahren 
sucht seine Rechtfertigung in dem orthoepischen Zwecke, dem die Ar- 
beit mittelbar dienen soll. Es liegt auf der Hand, dass eine ver- 
gleichende Darstellung orthoepischer Werke, die theils eine ver- 
schiedene, theils (eine alphabetische, d. h.) überhaupt keine sachliche 
Ordnung einhalten, nur so würde ausgeführt werden können, dass man 
entweder die leitenden Gesichtspunkte des einen oder neue Kate- 
gorien zu Grunde legte. Sollte die neue Darstellung irgend einen 
Vorzug haben, so muss dies als ein Gewinn für die Orthoepie 
selbst erscheinen. 

Die qualitativen Differenzen der einzelnen Vocale sind nun im 
Neufranzösischen von anderen Bedingungen abhängig als im Altfran- 
zösischen. Während afr. tel und mer mit chante assoniren, so reimen 
sie nfr. vielmehr mit bei und hiver. Dort wirken die Unterschiede 
des lateinischen Vocalismus nach ; hier sind ganz andere Kategorien 



406 Die reinen Vocale des Französischen naoli Malvin-Cazal. 

massgebend, nämlich die Gegensätze der geschlossenen und der 
offenen*), der betonten und der tonlosen Silbe, des Aus- 
lauts und des In- und Anlauts und zum Theil die Natur des 
nachfolgenden Vocals oder C onsonan ten**). — 

Das Französische besitzt nach Malvin-Cazal 13 qualitativ ver- 
schiedene (einfache) Vocallaute, welche durch die Zeichen ä, a; e, e, 
e; i; ö, o; eu, eu; ou ; u; e repräsentirt werden. Freilich haben diese 
Zeichen nicht alle einen constanten Lautwerth. Dies ist vielmehr nur 
bei e, v, i und ou der Fall***); die übrigen besitzen ausser dem ihnen 
eigenthümlichen Lautwerthe (le son propre) zufällig (accidentellemont) 
einen oder mehrere andere, deren eigenthümliche Zeichen andere Vocal- 
buchstaben sind; z. B, das e in vetir besitzt den son propre des Zei- 
chens e. Indem nun Malvin-Cazal die Lautwerthe der Zeichen e, e, 
i und ou als bekannt voraussetzt, geht er dazu über, die Bedingungen 
festzustellen, unter denen die übrigen neun Zeichen den ihnen eigen- 
thümlichen oder einen accidentellen Laut repräsentiren, p. 5-^47. 
Ausgeschlossen bleiben bei dieser Erörterung alle Fälle, in denen die 
genannten Einzelzeichen (ä, a; e; 6, o; u; e) und Zeichengruppen 
(eu, eu) sich unmittelbar vor oder nach anderen Vocalzeichen geschrie- 
ben finden. Von diesen Combinationen (mit Einschluss der nasalen) 
ist p. 84 — 254 die Rede. Doch treibt der Verfasser die Consequenz 
nicht so weit, dass er nicht gelegentlich bereits in dem ersten Theile 
unter den Beispielen Wörter mit aufführte, welche streng genommen 
nur in den zweiten gehören. Für unsern Zweck sind beide Abschnitte 
zusammenzufassen. 

Die genannten 13 Vocallaute sind übrigens, genauer betrachtet, 
nur die sons fondamentaux, p. 3. Beachtet man, dass der son fonda- 
mental, dessen eigenthümliches Zeichen e ist, drei Stufen hat, so er- 
höht sich die Zahl der Vocale auf 15; und nimmt man gar hinzu, dass 
der eigenthümliche Laut des Zeichens e (abgesehen von den Fällen, 
wo dasselbe überhaupt keinen Laut repräsentirt) zwei verschiedene 



*) Wir gebrauchen diese Ausdrücke stets in phonetiscliem, nicht in 
orthographischem Sinne. 

**) Es versteht sich, dass diese Herrschaft plionetischer Kategorien 
sich aus der der etymologischen entwickelt hat. Eine Darlegung der 
Gesetze dieser Entwicklung würde nicht allein für die Geschichte des 
Französischen, sondern für die Sprachgeschichte überhaupt von Interesse 
sein. 

***) Es wird sich herausstellen, dass nach des \'erfassers Angaben das 
Zeichen e dennoch auch einen accidentellen Lautwerth besitzt. 



Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 407 

Grade der Vernehmbarkeit besitzt, so sind im Ganzen 16 Vocallaute 
vorhanden. Es sind folgende: 

1. [a] ä profond ou grave ; 

2. [ä] a sonore ou moyen ; 

3. [ö] ö profond ou grave ; 

4. [ö] o sonore ou moyen ; 

5. [Öj eö profond ou grave ; 

6. fo] eu sonore ou moyen ; 

7. [e] e profond ou grave, ou tres-ouvert; 

8. [e] e moyen : 

«, [e^] e moyen ouvert, 

/3, [e2] e moyen demi-ouvert, 

y, [e^] e moyen faiblement ouvert; 

9. [e] e ferme; 

10. [i] i; 

11. [u] ou; 

12. [ü] u; 

13. [°]*) e muet ou feminin (faible): 

a, plus sensible, 
ß, moins sensible. 

lieber die Quantität bemerkt Malvin-Cazal, jede Sprache be- 
sitze lange und kurze Vocale (oder Silben — denn beides ist ihm 
identisch) ; der Unterschied von Länge und Kürze sei jedoch kein ab- 
soluter, sondern ein relativer, so dass die Länge die Dauer von 
zwei Kürzen habe, und diese Differenz der relativen Dauer und die 
Genauigkeit ihrer Maasse werde von dem Ohre gebieterisch 
verlangt, p. 83 Anm. Liest man diese entschiedene Vertretung 
eines Quantitätsunf erschieds , welcher mittelzeitige Vocale aus- 
schliesst, so wundert man sich anfangs, dass der Verfasser sich nicht 
ausführlicher über die Quantität der französischen Vocale verbreitet. 
Allein bei genauerer Erwägung der gelegentlichen Bemerkungen er- 
kennt man, dass seine Ansicht von dem Verhältnisse der Quantität 
zur Qualität der Vocale eine sehr einfache ist. Die tiefen Laute 



*) Der in Klammern stehenden Zeichen werde ich mich statt der Zei- 
chen des Verfassers bedienen. Für die drei Stufen des e moyen hat Malvin- 
Cazal keine besonderen Zeichen. Dies ist ein empfindlicher Mangel : in 
allen gelegentlichen Notationen von Wörtern, welche h enthalten, bleibt 
die Stufe dieses Lautes un bezeichnet. 



408 Die reinen Vocale des Fianzösischen nach Malvin-Cazal. 

ä, 6, eu [a, ö, Ö] sind nach ihm lang, die hohen a, o, eu 
[ä, ö, o] kurz, so dass jedes lange a, o oder eu für a, ö oder o, jedes 
kurze für d, ö oder Ö gilt. Der Laut e ist bald lang, bald kurz 
(p. 89 Anm. 1; p. 87 Anm.) ; die Laute e und e sind gewöhnlich 
kurz (vgl. z.B. p. 191, Z. 14), aber doch auch lang (vor einem stum- 
men e). Die Laute i, ou und u sind bald kurz, bald lang. Da i und 
ou keine qualitativen Differenzen zeigen, so ist auch von ihrer Quan- 
tität nicht ausdrücklich die Rede, und nur gelegentliche Notationen der 
Aussprache lassen die quantitative Differenz erkennen. Dagegen wird 
bei u, welches accidentelle Lautwerthe besitzt, auch von der Quantität 
eingehend gehandelt. 

Die auffällige Meinung Malvin-Cazal's, dass bei den Lauten a, o 
und eu die quantitativen und die qualitativen Unter- 
schiede sich decken, ist für das Verständnis und die Kritik seines 
Werkes von der grössten Bedeutung. 

Da wir die Frage, ob und wie weit sich etwa seit der Abfassung 
des Buches die Aussprache geändert, unbeantwortet lassen, so versteht 
es sich, dass eine umfassende Kritik nicht in unserer Absicht liegen 
kann. Wir kritisiren nur, soweit die Kritik nothwendig zur Darlegung 
des Gedankeninhaltes gehört. 

Die gelegentliche Notation der Aussprache ist häufig ungenau, 
namentlich in Betreff des Grundvocals, wo statt ä gewöhnlich a notirt 
ist. Nach p. 6 bedeutet z. B. das a in -abre ä; dennoch wird p. 42 
in einem Zusammenhange, wo nicht von a, sondern von e muet die 
Rede ist, sa-br' statt sä-br' notirt. Nach p. 9 lautet a vor s ä; gleich- 
wohl wird p. 133, wo es sich um die Unterscheidung des zweisilbigen 
und des diphthongischen io handelt, lolas als i-o-las statt als i-o-läs 
bezeichnet. Wir halten als Grundsatz fest, dass eine abweichende 
gelegentliche Notation (namentlich a, o, eu statt ä, 6, eu) nicht gegen 
eine Regel zeugen kann, sondern vielmehr als eine Nachlässigkeit be- 
trachtet werden muss. Aber ein Widerspruch liegt vor, wo Regel 
gegen Regel steht. 

Nach diesen Vorbemerkungen kommen wir zu dem eigentlichen 
Gegenstande der Untersuchung, zu der Frage, unter welchen Bedin- 
gungen die qualitativen (und quantitativen) Unterschiede der einzelnen 
Vocallaute statthaben. Da zu diesen Bedingungen der Gegensatz der 
geschlossenen und der offenen Silbe gehört, so bleibt noch zu 
erwähnen, welche Silben im Innern der Wörter für geschlossene gelten 



Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 409 

sollen. Der Verfasser selbst spricht sich über diese Frage nicht aus ; 
da er aber in den Notationen der Aussprache die Silben thatsächlich 
von einander scheidet, so lässt sich deutlich erkennen, wo nach seiner 
Meinung die Silbengrenze liegt. Unbestritten ist, dass ein einzelner 
Consonantlaut (also auch ch, gn) und f, v oder Muta -f- Liquida (1, r) 
den Silben an laut bilden; unbestritten ist ferner, dass, wo Liquida 
-f- Consonant vorkommt, die Liquida den Silbenauslaut bildet. In 
Betreff der übrigen Fälle von mehrfacher Consonanz gehen die An- 
sichten auseinander. Malvin-Cazal legt hier die Silbengrenze stets 
zwischen die Consonanten, nur x vor Vocalen, mag es es oder gz 
bedeuten, betrachtet er als Silben a n 1 a u t. Er trennt also: 1) s -}- 
Consonant: tes,tament, des,tructeur; es,cadre, es,crime, es,clave; es,pion, 
es,prit; pres,bytere, des,mologie; — 2) Explosivlaut -|- C'^'^^onant : 
rep,tile, ep,som, excep,tion, eb,dome; spec,tacle, protec,trice, elec,tion, 
eCjSarcome; — Et,na, eth,moide, Ed,mont (sie), seg,ment, Ab,ner; 
ec,bolique, ec,phractique, Eg,bert; Ed,gar; — 3) x -j- Consonant: 
seXjtant, ex,trait; ex,pedient, ex,pres, ex,ploit; ex,cuse, ex,crcment, 
exjclusif; ex,folier, ex,voto, ex,sanguin ; aber exceder u. ä. sind bald 
als eCjSede, bald (xc = x) als e,csede aufgefasst. — Es versteht 
sich, dass wir die Silbentheilung unseres Autors beibehalten. 



Das circumflectir te a lautet a, ausgenommen: 

1) (in ausdrücklichem Gegensatz zu d'Olivet u. A.) in der 1. u. 2. 
Pers. Plur. des histor. Perfects und der 3. Pers. Sing, des Imperfects des 
Conjunctivs, z. B. nous aimämes, vous aimätes, il aimät; nous fächämes, 
vous fächätes, il fachat, wo das circumflectirte a ä lautet, jedoch vor 
einer Pause leicht gedehnt, p, 5; cf. p. 104 Anm. 1 ; 107. 118. 165 f. 
179. 218. 422; 

2) n Substantiven wie chäteau, gAteau, räteau u. ä. 6, sowie in 
theätral 104*). 

Das nicht circumflectirte a lautet: 
A. in geschlossener Silbe ä: 
I. betont: 
1) in der Endsilbe, ausser vor r -|- Consonant und vor s ; z.B. 



*) Ungenaue Notation: chätions cha-ti-on 148. 



410 Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 

(ä) casoar 152; — Eoboam 152. 164, Jeroboam 164; — ade- 
quat 182 f.; — Figeac 219; yacht 425; — Moab 152; — all, bail, 
detail, travail u. ä. 94; 

(ji) epars, Villars*), auch Mars (cf. 357); art, depart, ecart, PI. 
arts u. s. w. ; 

billard, canard, blafard**), PI. billards u. s. w.; arc, marc, parc, 
Danemark, PI. arcs u. s. w.; Bearn***), le Tarn (deren n nach p. 413 
lautet) 1 1 ; 

chas Nadelöhr, helas oder las, sas, stras, atlas, as, ambesas, va- 
sistas u. ä. ; Agesilas, Archias, Bias, Bazas, Calchas, Cujas, Damas, 
Diagoras, Epaminondas, ^zechias, Hylas, Joas, Jonas, Leonidas, Ma- 
dras, Midas, Ninias, Olympias, Pallas, Stanislas, Vaugelas u. ä. 9f). 

2) in der Vorletzten, z. B. 

arbre, arche, arme 8 Anra. 1. 

II. tonlos, z. B. 
argus 8 Anm. 1; Arsinoe 153; armurier 37; armee 42, artisan 
43 f., Larcher 37; — Albion 148, aiphabet 40, Alvarez 40; — as- 
pect 38 f., Caspienne 144, bastion 10 Änm., Bastien 143; — Abner 
39 f. 

B. in offener Silbe: 

I. (betont) im Auslaut ä, ausser vor s und in ah ! (nebst 
aie) 11 (cf. 95); z. B. 
(ä) iota 133, boa, dutroa, Goa, la Bidassoa 152, parakoua, pouah 
167, la Guadiana, Guatimala 182, alleluia, a quia 198, quouiya 205, 
thuya 421, yucca 425 Anm.; orgeat219; agnat, cognat, magnat 415; 
(a) amas, ananas, appas, coutelas, damas, echalas, fatras, frimas, 
haras, Judas, matras, Nicholas, platras, ramas, tas, Thomas u. ä., 
Adj. gras, las 9. — Doch haben die in der Umgangssprache gebräuch- 
lichsten d, z. B. basff), bras, cabas, canevas, compas, cas, cervelas, 
chasselas, debarras, erabarras, fracas, galetas, galimatias, lilas, matelas. 



*) Widerspruch: Thouars tou-ar 166. 

**) Als Unprenauigkeit darf ä gelten in b^zoard 152, boiard 159, couard, 
gadouard 167, jagouard, cougouard 182, fuyard 421; aber ein deutlicher 
Widerspruch liegt vor in Edouard, la Roche-Chouard, bouard 166, wo ou-a 
von ou-ä ausdrücklich unterschieden wird. Oder meint der Verfasser, dass 
a in -ard nach Consonanten a, aber nach Vocalen ä laute? 
***) Ungen. Not. le Bearn le be-arn st. be-ärn 104. 

t) Ungen. Not. a in lolas 133, Joas 152, chouas 166. 

ff) Zweifelhaft bleibt, ob das Substantiv oder das Adjectiv oder ob 



Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 411 

pas*), repas, taffetas, tracas, trepas, verglas 9 Anm., und so ferner 
die 2. Fers. Sing., z. B. tu as, tu finiras, tu aimas 9 Anm., cf. 181. 
218. 361, und der Plural der Substantive auf a; z. B. acacia, acacias; 
gala, galas; papa, papas ; opera, operas 9. 

II. im Inlaut (betont und tonlos) li, ausser in folgenden 
Fällen : 

1) vor (weichem) s oder z in betonter Vorletzter, z. B. base, case, 
hase, phase, phrase, vase, il jase, il rase, extase, gymnase, le Caucase, 
Pegase, ukase, emphase, paraphrase, Metastase, Athanase, il embrase, 
je transvase u. ä. ; gaze, topaze u. ä., und in den stammverwandten 
Wörtern auch in tonloser Silbe, z. B. araser, baser, caser, caseux, 
phraser, raser, rasoir, vaseux, evase, jaser, jaseur u. ä. ; gazer, gazeux, 
gazier (nebst gazon) u. ä. 9 f. 

2) (tonlos) in den Substantiven auf asion, assion, ation nebst 
ihren Derivaten, z. B. 

dissuasion, evasion, invasion, occasion, occasionner, occasionnel; 
— passion, eompassion, se passionner, passionnement ; — abdication, 
abjuration, admiration, agitation, Cassation, coUationner, national, 
nationaux**) 10. 

3) (betont und tonlos) vor ss in den mit den Adjectiven gras, las 
(cas) und den Substantiven amas, damas, pas, compas, trepas, sas Sieb, 
tas stammverwandten Wörtern, in den Substantiven basse (in allen 
Bedeutungen) ***), casse Kassia, classe, echasse, Grasse, masse (terme 
de jeu), nasse, tasse, savantasse nebst Derivaten, in il prelasse und 
(betont, aber nicht tonlos) im Imperfect des Conjunctivs, z. B. 

grasse, lasse, je lasse, je casse, j'amasse, il ramasse, ramasse, ra- 
massis, je damasse, passe, il passe, passez, il surpasse, il repasse, je 
compasse, il trepasse, sasse (pelle creuse), il sasse, sasse, il tasse; — 
je classe, classons, je masse, masser; — j'aimasse, tu aimasses, ils 



beide gemeint sind. Da jedoch neben den Adjectiven gras und las bas nicht 
genannt ist, so wird man hier an das Adjectiv wenigstens mit denken 
müssen. 

*) Das Substantiv und das Adverb worden nicht unterschieden. 
**) Durch ein Versehen sind actionner und cantionnement unter diese 
Wörter gerathen. — Ungenaue Notation mit a statt ä in desquamation 28, 
cognation, Stagnation, agnation 415, impregnation 414 Anm. 1, fixation, 
luxation 469. 

***) Man darf trotzdem nicht etwa an das Adjectiv basse denken; denn 
es ist ausdrüiklich nur von dem Substantiv die Rede. 



412 Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 

aimassent (aber ä in nous aimassions, vous aimassiez) 10, cf. 107. 
119. 166. 180. 218. 

Anm. Betontes a auch in espace und je lace, on delace, il 
desenlace, j'entrelace 7. 

4) vor r und rr : 

«) betont in den zweisilbigen Substantiven (und Adjectiven), 

z. B. 

gare, mare, phare, tare u. ä. ; rare ; barre, carre, jarre, la 

Sarre u. ä.; und in je narre 8 (jedoch im Anlaut ä: arrhes 

8 Anm. 1); 
/?) tonlos vor einer Silbe mit betontem o, au, eau, on (jedoch 

im Anlaut ä: arroser 8 Anm. 1), z. B. 

carotte, baroque, scarole u. ä. (jedoch ä in parole, marotte 

8 Anm. 2); 

carroche, carrosse u. ä. ; 

haro, Marot, tarot u. ä. (jedoch ä in maraud 8 Anm. 2); 

garrot ; sarrau ; barreau, carreau u. ä. ; 

baron, Caron ; charron, larron, marron, Scarron, Varron 8. 

Anm. Auch hourvari, equarri, marri haben a, 9. 

5) (betont und tonlos) vor palatalem 1 (ill), z. B. 

la Touraille, Cornouailles, Noailles, Versailles, Xaintrailles; de- 
braille; — railler, raillerie, railleur; rimailler, rimaillons; tailler, 
nous taillonSj taillis; un penaillon, haillons u. ä. 7. 
Ausnahmen (mit ä): 

medaille; medaillier, medaillon ; 

bataille; batailler, bataillons; 

repr esaille ; 

il baille; bailler, baillons; 

je detaille; detailler, detaillons; 

j'eraaille; emailler, emaillons ; 

il travaille; travailler, travaillons; chamailler 7*). 



*) Lautet das betonte a ä, so lautet in stammverwandten Wörtern das 
tonlose a ebenso; lautet das tonlose a a, so lautet in stammverwandten 
Wörtern das betonte a ebenso. Aber von dem tonlosen ä in chamailler 
lässt sich für die Qualität des betonten a in il cbaniaille kein sicherer Scbluss 
ziehen. — Mit p. 7 stimmt p. 94 Anm. 1 überein; doch fehlen hier repre- 
saiile und chamailler. — Während also an diesen beiden Stellen der Unter- 
schied zwischen a und ä an dem Unterschiede von Stämmen haftet, so 



Die reinen Vooale des Frrinzösischen nach Malvin-Cazal. 41.'} 

6) vor anderen Consonanten in folgenden Fällen: 
a) vor br, vr, ffr 6. 11. 7; vor dr (ausgen. ladre nebsl Deri- 
vaten) 7 ; vor gr nach Vocalen 11; z. B. 

cabre, se cabrer, cabre; sabre*), sabrer, sabre ; il so delabre, 

delabre; Calabre, candelabre u, ä.; 
. cadavre, havre, il me navre; afFres ; 

ischiagre, Meleagre, Qllagre (aber ä in chiragre, podagre, go- 

nagre, sagre u. ä.) ; 
ß) vor fl 7; vor bl in Substantiven (ausser etable, table, jable) 

und Verben, z. B. diable, fable, sable ; on m'accable, je m'en- 

sable, il hable 6; [aber ä in Adjectiven, z. B. louable 166; 

contribuable, muable 181; gueable 190; logeable, domrna- 

geable 219]; 
y) vor einem Consonantlaut in folgenden Wörtern : 

(m) brarae Bramine (und ame = ame) 7 ; 

(mm) flamme, il enflamme in bildlichem, aber nicht in eigent- 
lichem Sinne, auch nicht in oriflamme 7 ; 

(nn) nur manne Manna 8 ; 

(mn) il se damne, damne, damnable, damnation; je condamne, 

condamner, condamnable; Mariamne u. s. w. 8; 

(gn) nur je gagne, je regagne ; gagner, gagne u. d. übrigen 

Formen 7 ; 

(b) nur arabe, astrolabe, crabe 6 ; 

(v) nach zvi^ei Consonanten: entrave, grave, margrave, brave 

(z. B. un homme brave ; aber mit ä un brave homme) u. ä. ; 

conclave, esciave, enclave u. ä. 10; 

(cq) Jacques 8. 



wird p. 1G8 dieser Unterschied von dem Einflüsse des Vocals der folgenden 
Silbe abhängig gemacht und demgemäss je fouaille, tu fouailles, ils fouaillent 
und noiis fouaillons mit a, aber fouailler, vous fouaillez, nous fouaillions, 
vous fouailliez, je fouaillai mit ä angegeben; und dem entspricht es, wenn 
p. 41G. 418 (cf. Z. 16 f.) mangeaille (,wie auch p. 219; mit a, aber man- 
geailler mit ä und p. 167 ouailles, brouailles, fouaille mit a, aber jouailler 
mit ä notirt werden. Der Einfluss des folgenden V^ocaliautes (on oder e, i), 
der hier vereinzelt für a geltend gemacht wird, gilt als Regel für e. — Die 
^'erwirrung steigert sich, wenn man folgende Wörter durch einander mit ä 
notirt findet: joaillerie, joaillier, joailliere 153; menuaille, victuaille, huaille 
u. ä. 186; antiquaille, aiguaille, briquaillons u. ä. 186; piailler, criaillerie 
(criailleuse) 416. 418; coailler, joaillerie fjoaillet, Noailles) 416. 418; anti- 
quaille, menuaille (victuaille) 4 17. 418 ; brouaille, jouailler 417. 418; bataillon, 
caillou (faillite, vaillance, taillis) 418. 
*) Ungen. Not. sabre sa-br' 42. 



414 Die reinen Vocale des Französisclien nach Malvin-Cazal. 



Ol. 

Das circumflectirte oi lautet betont ua, tonlos uä; z. B. 

(ua) il croit, il accroit, recroit, surcroit u. ä. ; boite (oder boete 
161), cloitre, goitre, croitre, accroitre, decroitre, surcroitre u. ä. ; 

(uä) boitier (oder boetier 161), cloitrer, ils cloitrerent, goitreux, 
je croitrai, tu aceroitras, vous decroitrez, nous recroitrons u. ä. 154 f.*). 

Das nicht circumflectirte oi lautet: 

A. in geschlossener Silbe betont ua, nicht nur vor r, 
sondern auch vor 1 und f ; z. B, 

choir, espoir, noir, miroir; — poil ; — soif 155**). 

B. in offener Silbe, und zwar 
I. betont: 

1) im Auslaut uä am Wortende, aber ua vor einem stummen e 
oder Consonanten (s, x und t, d); z. B. 

(uä) aboi, coi, foi, beffroi, loi, emploi, raoi, Fontenoi, pourquoi, 
roi, octroi, soi, Rosoi, toi, convoi u. ä. 155, cf. quo!, pourquoi 205; 
— Coy, Foy, Godefroy, Leroy, Fontenoy, le Quesnoy u. ä. 427; 

(ua) broie, foie, joie, soie, voie, Troie, oie, courroie, lamproie, la 
Savoie, claire-voie, je nettoie, il cotoie, que tu croies 159***); ils en- 
voient, qu'ils aboient 160; qu'ils soient 160; je broie, tu ploies, il 
aboie, ils charroient ; aboie, cotoie ; que j'emploie, tu deploies, il envoie, 
ils nettoient 423 Anm.; — Roye, Cannoye, Savoye u. ä., Troyes 
427; 

bois, mois, pois, minois, Dunois, autrefois, Blois, trois nebst poids 
155; bourgeois, liegeois, villageois, du feu gregeois u. ä. 223 f) ; 

choix (cf. 475), voix, Mirepoix, croix u. ä. 155; Quinquem- 
poix 213; 

toit, droit, exploitff), nebst doigt; froid 155. 



*) Widersprechende Notation tu croitras crouä-tra 361. 
**) Im Widerspruch mit dieser Regel steLt uä in bougeoir, egrugeoir, 
asseoir, se rasseoir, surseoir u. ä. 224 und marquoir 205. 
***) Ungen. Notat. foie, proie foua-', proua-' 42. 
f ) Ungenau oder widersprechend uä in l'Auxerrois, FAuxcis 473 ; car- 
quois, Iroquois, narquois, guingois 205. 

tt) Ungen. Notat. exploit eks-ploua 24. 



Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 415 

2) im Inlaut uä, z. B. 

froide, coiffe (oder coeffe 161), il soigne, ils eloignent, etoile, 
raoine*), adroite, que j'aper9oive , poivre, paroisse, auch boire, 
mdchoire**) und ardoise 155; cf. villageoise 367***); — 
uä auch in moelle 161 f). 

IL tonlos Ucä (mag die folgende Silbe e feminin oder 
einen vollen Vocal enthalten) ; z. B. 
oiseleur, noisetier; roitelet, tu devoileras, moinerie, eloignement 
155; bourgeoisement 224; armoiries, poirier; boisure, oiseau, 
troisiemement, empoisonnement ; poisson, paroissien, poivrade, degravoi- 
ment, toilette, il joignait, doigtier, boiter 155 ; coiffeur, coiffüre, coiffer 
oder coeffeur u. s. w. 161; bourgeoisie, je surseoirai 224 ; bourgeoisie, 
oiseau 367; — auch soierie, voierie, aboiement, tutoiement, broiement, 
je deploierai, tu nettoieras u. ä. 160, wo e wirklich stumm ist. 

Anm. 1. Das i von oi ist stumm in encoignure ; oignon, 
oignoniere, oignonet ; coignassier; — poireau, poiree ; (oille) 156. 

Anm. 2. Oi lautet e oder e in: (e) harnois neben harnais; 
roide, roideur; (e) roidillon, roidirff), deroidir, welche von Einigen 
freilich roe-d', roe-deur, roe-dir, de-roe-dir gesprochen werden, 156. 

o. 

Das circumflectirte o lautet ö, ausser in Pentecote; 
aumöne, aumönerie, aumönier; hotel, hötelier, hotellerie; hopital; 
rötir, roti, rotie, rötisserie, rötisseur, rötisseuse, rötissoire; prevotal, 
prevötale, prevotalement, prevöte 13; geolier, geölage (aber ö in 
geole) 223. 

Das nicht circumflectirte o lautet: 

A. in geschlossener Silbe ö, und zwar 

I. betont: 
1) in der Endsilbe, ausser vor s und rsfff); z. B. 



*) Widersprechend brioine bri-ouä-n' 135. 

**) Widersprechend mangeoire, nageoires u. ä. man-jouä-r', na-jouä-r' 
223; vgl. ä in gare u. ä. 

***) Widersprechend Iroquoise, narquoise, turquoise u. ä. 205, bour- 
geoise, villageoise u. ä. 223 mit ouä ; vgl. ä in base u. ä. 

f) Hingegen soll in poele und poelon mit ouä und poelier, poelette, 
poelonnee mit oua, 153, Einfluss des Vocals der folgenden .Silbe statthaben. 
Vgl. je fouaille u. ä. 

ff) Die Notation re-dir statt rö-dir ist ein Druckfehler, 
fff) Unerwähnt bleiben rt und rc. Niort ist 134 Anm. 1 nior notirt. 



416 D!e reinen Vocale des Französisclien nach Malvin-Cazal. 

(ö) aquador 182 f., quatuor 183 f. 204, spathfluor 204, Melchior 
134; Vitriol 133, viol 134 Anm.; 

Deols [dol] 223; yapoc 425 Anm.; ethiops 134; 

(öj raerinos, Minos, Paphos, pathos, rhinoceros u. ä. 14*); 

Cahors, dehors, mors, recors, hors, alors, retors, tors, je dors, tu 
sors u. ä. 14 ; 

2) in der Vorletzten, z. B. 
Georges 223; 

II. t onlos , z. B. ' 
Georgette 223. 

B. in offener Silbe: 

I. ira Auslaut (also betont) ö, ausser vor s; z. B. 

(ö) ex-voto 24, cura9ao 98, lo, Clio, Chio, Marforio, oratorio, 
agio, trio, adagio, mischio, folio u. ä. ; Ohio; imbroglio 133 (u. Anm.); 
Scioto 134; Loango 164; quarto, in-quarto 183; duo 204; quiproquo 
204, quintetto 215; Maracaybo 427 Anm. 1, xicoco 471; 

ergot 25, chariot, idiot 134, piot 135, Guiot 200, quigeot 223, 
Yvetot 425; 

(6) dos, gros, heros, propos, chaos, enclos 14; os 13. 

II. im Inlaut ö; doch hat ö statt in folgenden Fällen: 

1) vor weichem s, ausser wenn ein langer Vocal folgt, z. B. 
chose, apotheose, prose, pose, poser, posement, rose, rosier, rosiere, 

dose, doser u. ä. 14, speciell oser, osier und corrosion, explosion u. ä. 
15**) (jedoch ö in rosee, posee, myosie u. ä. 14 f.; cf. geognosie 
415). 

Anm. Ebenso ö vor einem stummen s; z.B. Cosme, Cosne, 
Saint- Jean-de-Losne, le Nostre, les Vosges u. ä. 14. 

2) in -otion***); z. B. 

commotion, devotion, emotion, lotion u. ä. 15; 



*) Abweichende Notationen lolchos i-ol-cos 133, blongios blon-ji-os 
134, Booz bo-os löO. 

**) Ungen. Notat. argyreiose ar-ji-rä-i-o-z' 109; virtuose vir-tu-o-z' 204 ; 
curiosite cu-rio-zi-te 180 Anm., 134 Anm. 3; preciosite pre-si-o-zi-t6 134; 
impefuosite in-pe-tu-o-zi-te 204. 

***) Malvin-Cazal gibt auch -ossion an, jedoch ohne Beleg. 



Die reinen Vocale des Französiseben nach Malvin-Cazal. 417 

3) bisweilen vor ss, nämlich betont (aber nicht tonlos) in den 
mit gros, dos, os stammverwandten Wörtern sov^^ie in fosse; z. B. 

grosse, il engrosse; endosse; il desosse (aber ö in grosseur, gros- 
sesse; endosser, endosseur; fosse); 

4) betont vor r und betont und tonlos vor rr; z. B. 

ellebore, meteore, matamore, phosphore, pore; carnivore, multi- 
flore, sonore, tricolore u. ä. ; encore; — j'adore, je colore, tu devores, 
tu explores, ils honorent, ils perorent 14*); 

Gomorrhe; — tu abhorras, torrent u. ä. 14; 

5) vereinzelt vor m, n, gn; 1; g, b in 

atome, axiome**) ; — amazone, matrone ; — je rogne; — il 
vole (il derobe); — le doge ; — globe, lobe 14. 

Es findet sich mithin ö tonlos nur vor weichem s, in -otion und 
vor rr***). 

au (eau). 

Die Buchstabengruppe au (eau) lautet: 

A. in geschlossener Silbe: 

I. betont ö; z. B. 

sauf, Auch 100 (ausgen. Paul 100 Anm. l)t); 

II. tonlos ö; z. B. 

Auster, austerite, Austerlitz, caustique; austral, claustral u. ä. 
101; — augmenter, augmentation u. ä. 100. 

B. in offener Silbe: 
I. betont: 

1) im Auslaut am Wortende ö, aber vor stummen Consonanten 
(x, Ix; t, It; d, Id) ö; z. B. 

(ö) etau, Haguenau, Hanau, Landau, Mittau, Nassau, Petau, 
pilau, sarrau, Torgau, noyau, tuyau u. ä. 101 (ausgen. Pau 101 



*) Ungenaue Notationen dendrophore din-dro-fo-r' 54; quadrifiore 
coua-dri-flo-r' 183; Giere jio-r' 134 Anm. 2. 

**; Ungen. Notat. axiome a-csi-o-m' 469, Aber mit der Kegel stimmt 
ö in emmesostome 48, pentatome 54, idiome 134, sowie in pentagone, pen- 
tadecagone 54, Abeone 116. 

***) Wir erinnern daran, dass Malvin-Cazal das lange mid das geschlos- 
sene, das kurze und das offene o identificirt. 

f ) Wörter auf r werden nicht ausdrücklich aufgeführt. 

Archiv f. n. Sprachen. LIX. 27 



418 Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 

Anm.); fleau, preau, ypreau u. ä. 105; bacaliau, Landivisiau, Buthiau 
u. ä. 125; fabliau 125 Anm. 2; gluau, gruau 187; tuyau 421*); — 
eau, beau, peau, sceau ; agneau, boisseau, chameau, lapereau u. ä. 220; 
poetereau 153; Boisseau 367, Boyveau 427**); 

(6) chaux 475; feaux, reaux, Despreaux u. ä. 105; allodiaux, 
canoniaux, doraaniaux u. ä. 125 ; bestiaux, materiaux u. ä. 125 Anm. 1 ; 
coiaux 159; — badaud, Milhaud, la Rochefoucauld, artichaut, Per- 
rault, des aulx 100; Rouaud 169; aulx, faulx 474; Ruault 187; — 
ciseaux, Bordeaux, les Gemeaux, Meaux u. ä. 220; rougeaud 220; 

2) im Inlaut ö; z. B. 

aube, gauche, sauce, chiquenaude, une chauffe, äuge, epaule, 
chaume, jaune, taupe, rauque, cause, haute, tu sautes, il se vautre, 
chauve, ils se sauvent, pauvre, auch il restaure u. ä. 99; il miaule, 
tu piaules 125; — heaurae, Beaune, la Beauce, epeautre u. ä. 220 j 

II. tonlos vor Silben mit e feminin 6, vor Silben mit 
vollem Vocal ö; z. B. 

(ö) chaudement, badauderie, autrement, autrefois, pauvrete, auch 
il restaurera u. ä. 99; beanceron, peausserie u. ä. 220***); 

(ö) auteur, autourserie, vautour, papaute, cruaute 101, cf. 187; 
feaute 105; insbesondere vor -to-, z.B. autocratie, automate, autopsie; 
auto-da-fe; automne, automnal; nautonnier u. ä. 100; — auditeur, 
audace, applaudir 101, cf. Audierne 137 Anm, 1; — paupiere 101, 
cf. Maupeou 224; — aubaine, aubergiste, aubepine 101 ; — Raucourt 
101; — augural, Auguste, Augustin 100; — epauler 101, miauler, 
piauler 125; — saumoneau, saumure 101; — maussade; exaucer 101; 
— mauvaise 89 f.; — thesauriser 101, aureole, auriculaire, aurore, 
aureillon, laureat u. ä. 100; elles auraient 97; — auxiliaire 101. 123. 
473 Anm. 2, Auxerre, l'Auxerrois, Auxonne, l'Auxois 473; — nou- 
veaute, beaute, Chäteaudun, beaucoup, bureaucratie, Beauvais, Pour- 
ceaugnac u. ä. 220; — und so auch in dem proklitischen Dativ des 
Artikels au : au temple, au seigneur, au bal, au Perou u. ä. 1 00, 

eu (oBu, cß, ue). 
Die Buchstabengruppe eu (oeu, ce, ue) lautet: 

*) Ungen. Notat. aloyau a-loi-yau 422 st. a-loi-yo. 
**) Widersprechende Notation faisceau fe-so 358. 
***) Druckfehler pausserie po-se-ri-'; ungenau chaufierette cho-f're-t' 36. 



Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 419 

A. in geschlossene!' Silbe Ö, und zwar 
I. betont: 

1) in der Endsilbe; jedoch 6' vor rs, mit Ausnahme der Plu- 
rale von Singularen auf eur oder oeur*); z. B. 

(o) oeuf, bccuf 163; — Saint- Acheuil [saint-a-cheul] 117; — 
deuil, seuil, cerfeuil, fauteuil, bouvreuil, ecureuil, Montreuil u. ä. 117; 
oeuil 163; orgueil, Montorgueil u. ä. ; accueil, cei'cueil, PI. ecueils, re- 
cueils u. ä. 211; — coeur, chceur, soeur 163; agreeur 106, criailleur 
122, crieur u. ä. 131, epilogueur, liqueur u. ä. 193, lueur, sueur, 
tueur, flueur 192, joueur, PI. joueurs u. ä. 170, equateur 182 f.; 

(6) ailleurs, plusieurs 16; moeurs [meürs] 163; 

2) in der Vorletzten, z. B. 
il heurte, Meurthe, meurtre**); 

IL tonlos, z. B. 
heurter, meurtrier, meurtrir; Eustache, Eustathe, Neustrie**^. 

B. in offener Silbe: 
I. betont: 

1) im Auslaut Ö am Wortende, aber o vor einem stummen e 
oder Consonanten (s, x, t, aber nicht d); z. B. 

(Ö) Dieu, lieu, pieu, adieu, epieu, essieu, milieu, Boyeldieu, Chau- 
lieu, Massieu, Mathieu, Montlieu u. ä. 132; Durieu, Fleurieu 132 
Anm. 1; Montesquieu 199; — vceu 163; — noeud 163; 

(o) bleue, feue, queue (hochequeue, rougequeue, trousse-queue), 
lieue, banlieue 15. 132, cf. 118. 193; 

je mens, tu meus, auch messieurs 16 j — afFreux (cf. 475), bour- 
beux, chanceux, hideux, p^rilleux, gracieux, pieux u. ä. 16, cf. ambi- 
tieux u. ä. 130, boueux 170, quartzeux, squarreux 183 f., fougueux 
192, afFectueux 192, obsequieux 199, liquoreux 204; eux, deux, gueux 
u. ä. ; je veux, tu peux, cieux u. ä. 16, cf. 130; — il meut, il peut, 
il pleut u. ä. 16. 



*) „Eurs, dans les sin gu Hers de cette terminaison: ailleurs, plu- 
sieurs", bemerkt Malvin-Cazal; er will, wie auch moeurs 163 zeigt, sagen, 
dass die Plurale von gebräuchhchen Singularen auf eur oder oeur ebenso o 
haben wie diese. — 11 meurt und heurt bleiben unberücksichtigt. 

**; Wörter dieser Art führt Malvin-Cazal nicht ausdrücklich an ; man 
kann die Qualität ihres eu nur erschliessen. 

27* 



420 Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 

2) im Inlaut o, z. B. feuille 117; jedoch o in folgenden Fällen: 

1. vor (weichem) s, z. B. 

brodeuse, PL brodeuses, gueuse (cf. 192), ils gueusent (cf. 192), 
heureijse, ri,euse, graci,euse, la Meuse, creuse u. ä. 16; curieuse, 
furieuse, luxurieuse, serieuse 130 Anm. 1 ; joueuse, PI. joueuses u. ä. 
170; quartzeuse 188 f.; remueuse 192; obsequieuse 199*); 

2. vor tr und vr; z. B. 

feutre, neutre, pleutre, il calfeutre 16; couleuvre, manceuvre, 
Oeuvre, chef-d'oeuvre u. ä. 16. 163**}; 

3. vor pl, bl, gl in Verben (aber nicht in Substantiven), z. B. 

il peuple, tu depeuples, ils repeuplent ; je me nieuble, tu te meu- 
bles, ils se meublent; il s'aveugle, tu beugles, ils meuglent 16; 

4. vor 1 in meule, veule, ils veulent 15; gueule, begueule, elles 
gueulent 192; 

5. vor 111 in qu'ils veuillent 117***); 

6. vor r, wenn eine Pause folgt, und vor rr; z. B. 

cette fiUe est majeure, il arrivera dans une heure, voilä ma de- 
meure (aber o — eu moyen et bref — in une heure entiere, la majeure 
partie, il demeure ä Paris u. ä.) 16f); 

beurre, leurre 1 6 ; 

II. tonlos o, ausser vor rr, wenn ein kurzer Vocal folgt; 
z. B. 

1. curieusement u. ä. 130, audacieusement, religleusement, har- 
monieusement 131, respectueusement u. ä. 192; gueuserie, je gueuserai 
193; — gracieuser 132, gueuser, gueusailler 193; deuxieme, deuxieme- 
ment 469 ; 

2. manoeuvrer, manoeuvrier 163; 

3. nous meublons, vous demeublez, il aveuglait, nous beuglions, 
ils meuglaient 16 ; 



*) Im Widerspruche mit dieser Regel wird p. 131 für epouti,euse, 
scabi,euse, chassi,euse u. ä. ausdrücklich eu moyen et bref angegeben ; vgl. 
die Notationen criailleuse cri-a-lleu-z' 122, piailleuse pia-lleu-z' 122 f., 
pieuse pieu-z' 130 Anm. 2; squammeuse scoua-meu-z', squarreuse scoua- 
reu-z' 183 f. 

**) Widersprechend manceuvre, Cceuvre = ma-neu-vr', keu-vr 163. 
***) Im Texte ist qu'ils veu-ll' notirt; aber in einer Anmerkung dazu 
heisst es ; Dans celte troisieme personne pluriel du subjonctif, eü est long, 
h cause de la syllabe plurielle muette ent qui termine le mot. 

•j-) Dagegen werden anterieure, exterieure , posterieure u. ä. 131 
schlechthin mit i-eu moyen et bref notirt. 



Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 421 

4. begueulerie; — degueuler, egueule, une gueulee, gueulard, 
gueulette 193; 

5. feuilleton 117, oiilleton 163; — feuillage, feuillaison, feuillure, 
feuillette; veuillcz, veuillons , que nous veuillions (!); Neuilly 117; 
cueillir, orgueilleux u. ii. 211; oeillade, ojillere, oeillet 163; 

6. superieurement, interieurement, ulterieurement u.a. 131; — 
prieural, prieure 132; 

7. lieutenant 131 Anm. 3; — ixeutique 469; — Leucothoe 
153 f.; — Zeuxis 469; — oeuve 163; — Rieussec 132; — bleiiatre, 
aleuate, bleuir 116, bleuissoir 117, bleuet 118, euexie 118. 

Vor rr ist, wie gesagt, tonloses eu o, wenn ein kurzer, o, wenn 
ein langer Vocal folgt; z. B. Ö in beurre, beurrier, beurrer, leurrer 
u. ä., aber o in beurree, leurree 16*). 

Anm. Das e von eu, eA ist stumm 

1. nach g und c in den Abstracten auf -ure, z. B. gageure, man- 
geure, vergeurej laceure 17; 

2. im histor. Perf., im Imperf. d. Conj. u. im Part. d.Perf. von avoir: 
(kurz) j'eus, tu eus, il eut; eu; 

(lang) nous eumes, vous eütes, ils eurent; j'eusse, tu eusses, il 
eut, nous eussions, vous eussiez, ils eussent; eue, eues 17. 118. 

e (e, e, e; ai, ei, ay, ey). 

Es herrscht 

A. in geschlossener Silbe: 

I. betont offenes e, und zwar 
1) e (nur vor r und rr =r r,r und in Aix = ecs 88 f.) 

a) (in der Endsilbe) in : 
air, chair, clair, eclair, flair, mesair, pair, vair u. ä, 88; 
fier, hier, tiers, Thiers (Stadt) 41, avant-hier 136; 

ß) (in der Vorletzten) in : 
er,re (aller grand-erre, suivre les erres de q.) 25; j'erre, tu er- 
res, il erre, ils errent 26. 



*) Auch bei eu ist wieder an die Identificirung der qualitativen und 
der quantitativen Differenzen zu erinnern. 



422 Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 

2) ei: 

a) (in der Endsilbe) in: 
belveder, Cancer, cuiller, cutter, enfer, ether, fer, gaster, hiver, 
niagister, mer, pater, ver u. ä.; Abner, Antipater, Esther, Euler, Gess- 
ner, Jupiter, Lucifer, Mesmer, Scaliger, le Veser u. ä. *) 39; Quim- 
per 216, la Roer 162; — amer, eher 40; 

Anvers, le Gers, univers, divers u. ä. 40; Cuers 206; 
concert, desert, dessert, Gilbert, disert, expert u. ä. 40; ouvert, 
rouvert, cntr'ouvert, couvert, decouvert, recouvert, souffert, offert, mes- 
offert 39; 

j'acquiers, tu conquiers, il s'enquiert 39, cf. 202; je sers, tu des- 
sers, il ressert; je perds, tu reperds, il appert 39; 
clerc, mauclerc 40; 
cerf, nerf, serf 40; 

Berg, Scanderberg, Konisberg u. ä. 40; 

autel, cruel, ciel, danioisel, reel, PI. autels, crucls, reels 38. 39 
Anm. 1; ciel, fiel, miel, essentiel, Daniel u. ä. 138; Noel 162; rituel 
206; quel, lequel 208; Cromwell, Kell 38; Barneveit, le grand Belt 
38; Seltz 40 Anm. 3; 

brief, chef, Joseph 38; PL briefs, chefs 39 Anm. 1; brief, grief, 
relief, bas-relief 136; fief 136 Anm. 3; 

Alvarez, Lopez, Fcrnand-Cortez u. ä. 40; Rodez, Fez, Metz**), 
Suez, Aranjuez 40. 206; aloes, Averroes, Chosroes 153; lest, zest, 
est, ouest 39, cf. 175; 

Alep, cep; biceps, forceps 38; — Caleb, Oreb 38; 
avec, grec, PL grecs; Lübeck, Utrecht; aspect, direct, PL aspects, 
directs 38; copeck 438; index, silex, Gex 38; 
Siceleg 38; 
sept 38; 

Jerusalem, Bethleem, item 38; requiem 200; 
abdomen, hymen 38 ; 

ß) (in der Vorletzten) in: 
cierge, concierge, vierge; tierce 137; Audierne 137 Anm. 1; 
quinquerce 207. 215***); 



♦) Alger, Angers = al-je, an-je; stathouder, quaker, Necker = sta- 
tou-dr', coua-cr', nfe-cr' 40 Anm. 1. 

**) Seez oder Seez = se, de Retz = de re 40 Anm. 3, cf. 224. 
***) Aber im Anlaut e^: la langue erse; Elbe, Elme 25. 



Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cuzal. 423 

Guelfes, Beige, Delplies, quelque, Celsc, Gelte, sveltc 29 ; guelfe, 
la Gueldre, quelque 208*); 

geste, peste, zeste, ils rcstent, sicslc 29; siestc 137; Trieste 
107 Anm. 1; equestre 207; sequestre 208; — Dresde 29; 

fresque, presque 29; berniesque 137; 

secte; — sceptrej 

texte, dextre; 

fleginc 29 f. 

3) e^: ei in der Endsilbe, nämlich: 

scheik (Reis-effendi) ; 

Arnheim, Turkeim 222; 

appareil, eveil, soleil, sornmeil u, ä. 221; cf. vieil 141**). 

II. tonlos theils offenes, theils geschlossenes e; 

1) e fehlt; 

2) e* (nur vor rr = r,r) : 

er,rer, errant, errons; errata, errone, erreur, errements; errhin 
u. ä. 25 ; 

3) e2 (nur vor r und, wie es scheint***), auch vor m und n, wenn 
sie labial, resp. dental articulirt werden) : 

ergot, ergoter, ergotisme, ermailli, erminette, ermitage, E r m e - 
nonville, Erzeron u. ä. 25; bergerette, fermete, fervemment, 
chercher, germination, clerge, certaine, dernier, ger9ure, herboriste, mer- 
veilleux, terni, nerveux, perversile, le Quercy, le sternum , sperma- 
tique, serpent, fermino, therraomelre, vertu, verdatre, Xerces u.a. 29; 
cf. vergeter, interjeter 434; coeternel 153 ; coercible, coercitif, 
coercition, incoercible 162; querquetulaires 190. 207; puerperal 206; 
guerdon, guerlin, le Quercy u. ä. 208; Quimperle 216; Petersbourg 
366; Herschell 359; ciergier, fierte, tier^on 137; tiercelet 137; 

quinquennal, quinquennale 207. 215; quinquennaux, quinquen- 
nium 207. 215; quindecemvir 215; 

4) e3 fehlt; 



*) Aber im Anlaut e^: la langue erse; Elbe, Elme 2b. 
**) Vieil ist vie-11 notirt. Es bleibt also, da Malvin-Cazal fiir e moyen 
ouvert, demi-ouvert und faiblement ouvert keine besonderen Zeichen hat, 
zweifelhaft, welche der drei Nuancen p. 141 gemeint ist. Wir nehmen in 
diesem, wie in ähnlichen Fällen, an, dass der Verfasser mit sich selbst har- 
monirt, soweit er sich nicht deutlich widerspricht. 

***) Die Nuance des e ist nicht ausdrücklich angegeben. 



424 Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 

5) e vor allen Consonanten ausser r und m, n : 

beljlicant, belliqueux, Bellone, pellicule, velleite u. ä. 28; can- 
celler, debeller, flageller, interpolier 35; bdellimn 151; 

asceSjCence, ascescent, rarescence, degenerescence 358 Anm. 6*); 

queljConque, Belzebuth, belveder, celtique, deltoide, feld-spath, 
Babelmandeb 34; Gelboe 153 f.**); 

teSjtament, question, bestiole 28; inconteslable, protestantisme 
34; questure 207; Ephestion 150 Anm. 4; vestiaire, revestiaire 123 
Anm. 2; — ezteri 24; — destructeur, restrcindre, restriction 28; 
sequestrer 34; esthropion 150 Anm. 2; 

des,quamation 34; escadre, Esculape, esquif 24; Montesquieu 
199; Montesquieu 200; escrime, esclave 24; 

es,pion 150, espionnage 151, esprit 24; — presbytere 366; — 
desmologie 366 ; 

hep,tarchie, septembre, reptilc 28; eptagone 24; — exceptionnel 
24, exception 473; sei d'epsom 24; — ebdonie 23; 

speCjtacle, hectometre, rectangle, lecteur 28 j affectueux, respec- 
tueuse 192, conjeeturer 34; ecthese 24; — protectrice 34, ectrotique 
2-1; — ecderaique 24; — section 24, election, incorrection 34, ecsar- 
come 24; 

sex,tant, sextil, sextuple, dexterite, pretexter 34 ; exterieur, extase 
24; exlase, exterieur, extirpe, sextuple, sextant, bissextil, contexture 
470; inextinguible, inextinguibilite 197; extrait, extreme, extremite 24; 

ex,pedient, expansif 24; expansif, inexperience 470; expres 24, 
expression 470; exploit 24. 155, expliquer 470; 

ex,cuse, excaver, exquis 24; excavation, excaver, exeommunie, 
excoriation, excortication, excursion, excuse, excusable, inexcusable, 
exquis 470; excrement 24, excrement, excroissance, excrucier 470; 
exclamation, exclusif 24, exclamatif, exclure, exclusivement 470; 

eXjfolier 24, exfoliation 470; — ex-voto 24; — exsanguin, ex- 
sudation***) 24. 470; — exceder, exces, excellence, excentrique, ex- 
ceptionnel, excitant 24 f); 



*) Sc hier gleich s,s, aber in der Coaversation gleich s. 
**) Aber im Anlaut e-: Elbeuf, Elmire, Elseneur u. ä. 25. 
***) Exsanguin = ecs-san-ghin 24 ; exsudation = dc-su-da-sion 24, aber 
= ecs-su-da-sion 470. 

f) Malvin-Cazal notirt exreder u. s. w. 24 = ec-se-de, aber exceller 
34 und exciper, excise, excitateur, excitement u. ä., excedant, excellence, 
excellentissime, excentricite, exception, exces, excessif u. ä. 473 = e-k?e-le, 



Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 425 

eth,narque, l'Etna; ethmo'ide 24; Edmont 24; — flegraatique, 
Segment, flegmon 28; 

eCjboliquc, ccpliractique ; Egbert; — Edgar 24; Shetland 359; 
cf. et caetera 478*). 

B. in offener Silbe: 
I. betont: 
1) e: «) im Auslaut: 

(e) aequet, conquet u. ä. 187; 

fai) il apparait, il comparait, eile connait, eile disparait, eile nait, 
il pait, il parait, eile se repait u. ä. ; il se complait, eile deplait, on 
plait 86 f., cf. 157 Anm. 1; 

(ai vor stummen Consonanten, ausser in Verbalformen, und zwar 
lang vor s, x, d, kurz vor t, 89 Anm. 1) Anglais, Beauvais, biais, 
le Bourbonnais, Calais, un dais, engrais, Dumarsais, Fran9ais, frais, 
mauvais, jais, laquais, Hais, marais, panais, rabais, Ecossais, 
epais, niais, Portugals, jamais, ouais u. ä.**); — faix (cf. 475), 
paix u. ä.; — laid, plaid ; — attrait, forfait, lait, souhait, un bien- 
fait u. ä. 88 f.; 

(ai vor ent in der 3. P. Plur., ausser im Präsens der Verben auf 
ayer) ils aimaient, ils mangeraient u. ä., ils aient 97. 105. 124. 169. 
186. 219 f.***); cf. f ils avoient, ils auroient u. ä. 157 Anm. 

ß) im Inlaut: 
(e vor rr = r) guerre, serre^ terra, il ferre, tu serres, ils se ter- 
rent; lierre, pierre u. ä. 30 f); 

e-csi-pe u. s. w. An den letzteren Stellen wird mithin xc wie das gleich- 
lautende X behandelt, welches stets zum folgenden Vocal gerechnet ist. 

*; Im Widerspruch mit der aus seinen Regeln und Notationen zu abs- 
trahirenden Theorie, dass e in einer tonlosen Silbe, die durch einen andern 
Consonanten als r, m, n geschlossen ist, e bedeutet, wendet Malvin-Cazal 
p. 114. 207 u. 208 auf die geschlossene Silbe jene Hypothese von dem 
Einflüsse des nachfolgenden Vocals an, die er sonst nur für die o f f e n e 
Silbe geltend macht. Demgemäss werden zwar exporter, exportation, se- 
questrer, vous sequestriez, je sequestrai, quelqu'un, quelqu'une u. ä. mit e, 
aher quelconque, question u. ä. mit e notirt. — Widersprechende Nota- 
tionen sind espoir 155, questeur 207, exsuccion 149, escoffion 149 (direction 
150), sämmtlich mit e bezeichnet. 

**) W^idersprechend mit e biais, niais. liais 12.S, Lauraguais, laquais u. ä. 
185, ouais 18G; ferner f Anglois u. ä., Bordelois u. ä. 157 Anm. 

***) Im Widerspruch mit diesen Stellen werden ils avaient, ils parleraient 
u. ä. 90 mit h notirt; ebenso ils aient 423 Anm. 

t) Widersprechend mit e equerre, guerres 208, lierre, pierre, ils epier- 
rent 137. 



426 Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 

(e) freie, careme, beche, guepe (cf. 187), vepres, tempete, vous 
etes, etre, eveque u. ä. 12; enquete, conquete, ils quetent, guetres 
u. ä. 187; 

(ai) fraiche, chaine, faine, gaine, haine, traine, faite, mailre, 
naitre, paitre, traitre u. ä., PI. chaines, fraiches u. ä. 87; je dechaine, 
il desenchaine, on le renchaine, il degaine, j'engaine, on rengaine, il 
s'entraine, on le rentraine, elles m'entrainent u. ä. 87; apparaitre u. ä., 
früher apparoitre geschrieben, 157 Anm. 1; 

(ai in den zweisilbigen Wörtern, mit Ausnahme der Verbal- 
formen, und zwar lang vor r, 1, n, s, ss, v, d, gl, kurz vor m, gn, t, 
gu, gr, 89 Anm. 1) le Caire, faire, maire, le Zaire, Aire, chaire, 
Ciaire, haire, une paire; — alle, Baile; — le Maine, l'aine, daine, 
graine, plaine, saine, laine; — l'Aisne; — aise, Blaise, chaise, fraise, 
glaise, niaise; — caisse, graisse, laisse; — glaive; — laide, plaide, 
aide; — aigle; — laite, traite; ■ — aigre, maigre 89*); 

(ei) reitre 220; 

(ei) nur reine, seize 221. 

2) e* : ß) im Auslaut: 

(e vor einem stummen t oder s) aiphabet, banquet, cachet, buflfet, 
soufflet, j'admets, tu permets u. ä. 40 (ausgen. et); iiciet, vaciet, 
joHet, PI. liciets u. ä. 136. 137**); quiet 201; inquiet 202; blaet 
u. ä. 206; banquet 207; — ces, des, les, mes, tes, ses; tu es 40; 
dazu legs 38. 

(ai am Wortende, vor einem stummen e [aber nicht vorent, s. 1 «] 
und vor einem stummen Consonanten in Verbalformen [aber nicht in 
anderen Wörtern, s. 1 «]) Annonai, bai, balai, Cambrai, deblai, 
defrai, Douai, essai, etai, mai, minerai, Tournai u.a. 90; cf. Douai, 
ahouai 168***); — doch haben e 1) gai, papegai, Toquai 90 Anm. 
2; quai, Paraguai 185; geai, PI. geais 219; 2) die Verbalformen: 
j'ai, j'aurai, j'aimai u. ä. 92. 104. 108. 124. 168. 185. 219; 

baie, cerisaie, chätaigneraie, cliaie, futaie, haie, monnaie, orfraie, 



*) Widersprechend e in ouaiche 168, quaiche 185. — Ein Druckfehler 
ist f foible fe-bl' 157 Anm. 

**) Widersprechend fouet, PI. fouets = foue. Einige sprechen foua, 
174 Anm. 1. 

***) Es ist ein Widerspruch, wenn die Wörter auf ay, z. B. Annonay, 
Douay, Epernay, Meslay, Mornay, Paraguay, Parthenay, le Velay, e^ 
(e moyen faiblement ouvert) haben sollen, 427. 



Die reinen Vocalc des Französischen nach Malvin-Cazal. 427 

plaie*) u. ä. 96; que j'aie, que tu aics (qu'ils aient s. o.) 423 Anm.; 
auch je paie, tu paies, il paie, ils paient oder je paye, tu payes, 11 
paye, ils payent u. ä., sowie das Substantiv paye, haben e; die 
Verbal formen lauten in der edlen Rede pe-y', in derCon- 
vorsation pe; das Substantiv paye jedoch stets pe-y', 96(u.Anm. 1). 
423 Anra. 

je fais, j'avais, je parlerais; il fait, il etait, ou parlerait u. ä,, 
qu'il ait 90. 105. 123. 168. 184. 185. 219, cf. f j'avois, tu efois, il 
aimoit u. ä. 157 Anm.; — jedoch haben e je sais, tu sais, il sait 90 
Anm. 3. 

ß) im Inlaut: 

(e) guere, naguere 189; altiere u. ä. 181; ils sacrifierent, ils 
emierent u. ä. 126; je m'arriere 126; louerent 169; affluerent 188; 
alleguerent 189; — loquele 188; — il banquete, il becquete 189; — 
diete 126; — guede 189, Suede 188; — Diegue 126; — brievel26; 
— les Guebres 189; hieble 126; — ils depiecent 126; — hygiene, 
hiene 126; duegne 188; — auch siege, piege, liege lauten sie-j', 
pie-j', He-j' 129**); 

(e) circoene, troene 162; — boesse 162; 

(e vor doppelt geschriebenen Consonanten ausser r) belle, celle, 
Chelles, quelle 29; sequelle, quelle, laquelle 208; il emmieile, nielle, 
vielle, essentielle u. ä. 137; ecrouelles u. ä. 175; ruelle u. ä. 206; 
ecuelle 206 Anm.; — sei gemme ; — renne, Rennes ; — presse, 
Bresse, Hesse, messe, tresse, ils cessent 29; hardiesse, liesse 137; 
prouesse 175; — greife; — bette, miettes, tu guettes, mettre, lettre 
29; ariette, historiette u. ä. 136; assiette, miette, serviette, Damiette 
136 Anm. 2; alouette u. ä. 175; huette u. ä. 206; baguefte, banquette 
u. ä. 208; — la Mecque 29; — Dieppe 137; 

(ai in mehrsilbigen Wörtern und in Vcrbalformen auf es, ent; 
Quantität wie 1 ß) abecedaire, anniversaire, syllabaire, expeditionnaire 
89 ; breviaire, incendiaire, mobiliaire, pecuniaire, auxiliaire, plagiaire 
u. ä. 123; zedoaire, pocoaire 152; douaire 168; antiquaire, reliquaire 



*) Widersprechende Notation plaie ple-' 42. Auch Claye, la Haye, la 
Houssaye, Meilleraye, Puisaye u. ä., Deshayes 427 sind mit e verzeichnet. 
**) Malvin-Cazal kann nicht begreifen, warum das Dictionnaire de 
l'Academie diese Wörter mit ie schreibt, 129 Anm. 1. Ueber die Ursache 
der Erscheinung, dass zwar siege u. ä., .aber nicht coUegc u. ä. erwähnt 
werden, gibt die Anmerkung zu B. II, 3) (e) Aufschluss. 



428 Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin Cazal. 

185; querquetulaire 190; laqueaire 190; — bedaine, capitaine, dou- 
zaine, marraine, semaine; — fran^aise, malaise, mauvaise, cynaise; — 
abaisse; — entrefaites; — chätaigne, musaraigne, la Sardaigne (aber 
Montaigne mit stummem i); — besaigre, vinaigre, staphisaigre 89; — 
"Verbalformen: ils laissent, tu affaisses, elles s'abaissent; — ils plaident; 
— tu aimes*); — vous faites u. ä. 90; — ebenso haben ai-je, 
finirai-je, aim ai-je e, weil sie als ein Wort gelten, 92; 

(ei ausser in la reine und seize) la Seine; treize; neige; seigle; 
peigne, tu enseignes, elles se ceignent; abeille, vermeille, merveille, ils 
s'eveillent 221; cf. vieille 141; und langueyent lan-ghe-y' 63; 
auch je plancheie, tu plancheies, il plancheie, ils plancheient, plan- 
cheie und eile barbeie, elles barbeient lauten plan-che-y', bar-be-y' 
HO f. 111 Anm. 2. 

3) e^: a) im Auslaut: 

(ey) Belley, Beverley, le Bugey, un bey, le dey, Ferney, 
Guernesey, Hervey, Isabey, Jersey, Jockey, Ney, Quingey, Sidney, 
Stanley, Volney u. ä. 427**); 
ß) im Inlaut: 

j'epelle, il renouvelle, on se quereile; tu excelles, tu etincelles, tu 
m'interpelles, ils se rebellent, ils se flagellent u. ä. Verbalformen, 
36***); 

j'acquiesce (tu acquiesces, il acquiesce), elles acquiescent 201; 

(ai in Verbalformen auf e) il s'apaise; j'engraisse; il plaide; — 
j'aime; je maltraite u. ä. 90 f.***). 

4) e^: auslautendes ei, am Wortende und vor dem s des Plurals: 
le bei de Tunis; le dei d' Alger; Je r sei, Beilei; des bogheis, 

des bokeis u. cä. 222**). 

5) e: nur im Auslaut, nämlich in e, ee und in er (ers)f), ez, 
ed (eds): 



*) Widersprechende Notation ils aiment ils e-m' 61. 
**) Die Angaben über auslautendes ei und ey widersprechen sich nicht 
minder als die über auslautendes ai und ay, aie und aye. 

***) Dass das e in il renouvelle, on se querelle, tu etincelles, ils se re- 
bellent jemals anders lautete als das e in nouvelle, querelle, etincelle, re- 
belle, welches nach p. 29 e' bedeutet, ist schwer zu glauben. Auch tällt 
auf, dass j'aime, il aime, aime eine andere Nuance des e enthalten sollen 
als tu aimes, ils aiment, obwohl zu beachten, dass nach p. 61 f. der betonte 
Vocal in der 3. Pers. d. Plur. voller gesprochen wird (vgl. jedoch p. 63). 

t) Vgl. A. I, 2. 



Die reinen Vocale des Französischen nacli Malvln-Cazal. 429 

(e) doyennete 56, niitoyennete 57, anxietc 67 u. ä. ; 

(ee) lichenoe 36, armee, fee, crcee, priee 42; 

(er) le pocher, clocher, plancher, boucher; bouhinger, Bcrenger, 
Larcher, le Boucher; noyer, Dunoyer, Berruyer; prunier, peuplier, 
fraisier, encrier, baguier, epicier u. ä., Bernior, Cuvier, Dacier, Lavoi- 
sier, Nodier 37; la Brinvilliers, Noirmoiitiers u.a., volontiers 140; — 
frapper, creer, clouer, tuer, prier, repatrier, choyer, grasseyer 37. 114. 
188. 176. 191. 207. 209; 

(ez) assez, chez; nez, sonnez, biez (cf. 140), auch rez pied, rez 
terre (aber rez-de-chaussee =: re)*) 38; — vous avez, vous mourrez, 
vous etiez, vous danseriez, vous ayez, vous soyez 38. 114. 133. 139. 
173. 200 f. 202. 207. 209. 

(ed) pied 140; il sied, je m'assieds 139. 

II. tonlos: 

1) e fehlt, wie in der tonlosen geschlossenen Silbe**); 

2) ei: 

(e vor rr = r und beliebigem Vocal) Berrichon, ferrer, guerrier, 
serrure, derriere, merrain, terrible, terrasse, verroterie, perroquet 30 ; 
Averroes 153; guerrier, guerroyer, aguerrir u. ä. 208; 

(ai vor einer Silbe mit e feminin) fraichement, chainetier, en- 
chainement, il enchainera, ils entraineraient, entrainement u. ä. 87 ; 

3) e2: 

«) e, ai, ei, e und e ***) vor einer Silbe mit e feminin : 

(e) je feterai, nous preterons, j'appreterais, il arreterait, nous 

eteterions, vous tempeteriez, elles s'empetreraient, ils enchevetreront; 

tu precheras, il bechera, vous depecherez u. ä. 12; cf. je queterai, tu 

guetreras u. ä. 188; 

(ai) ils maltraiteraient, je souhaiterais ; laideronf), nous aiderions; 

aisement 91, cf. niaiserie, niaisement 123; encaissement; nous aime- 



*) Das Compositum ist also wie ein Simplex behandelt; s. unten 
B. II, 3. 

**) Nur für t je paroitrai, tu apparoitras u. s. w. wird statt e und e 
(s. u.) e notirt, 157 Anm. 

***) Auch e unter derselben Bedingung dürfte hierher zu rechnen sein, 
wie in espieglerie, huitiemement, tiedement u. ä. 127, cinquiemement 198, 
brievement, brievete 126; aber auch in grossierete, dernierement, enliere- 
ment u. ä. 127? Die Versicherung, der Laut des Bachstabens e sei con- 
stant, p. 4, dürfte kaum mehr bedeuten, als e sei stets e moyen. 

f) ^^ idersprechende Notation laideron 1^-d'ron 36. 



430 Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 

rons; vous daigneriez; aigrelet, maigreraent 91; cf. f connoissement, 
foiblement 157 Anm.; 

(ei) pleineraent; teignerie, nous peignerons, j'enseignerais; je veille- 
rai, tu conseilleras, vous somraeillerez 221; cf. vieillerie 141; 

(e) Esneval ; Ecquevilly u.a. 25; pelleterie, bellement 28, Sellerie 
29 ; je carellerai, tu attelleras, il chancellera, nous emmiellerons, vous 
appellerez, elles vielleront, je sellerais, il scellerait, nous cancellerions, 
vous debelleriez, ils flagelleraient u. ä. 35 f., cf. actuellement 206, 
quellement 208, confidentiellement, partiellement, j'emmiellerais 137; 
nettete, betterave 29, cf. tu emietteras 137, nous defouetterons 175; 
cresserelle, je cesserai 29 ; j'acquiescerai u. s. w., acquiesceraent 201*); 

(e) rapieceter, rapiecetage 129 ; j'inquieterais 199; und so schreibt 
denn Malvin-Cazal auch e in poetereau 153, tu regnerais 31, vous 
empieterez, j'alienerai, tu alieneras, nous alienerons, tu assiegeras 
126 f. Auch je plancheierai, tu plancheieras u. s. w., eile barbeiera 
lauten plan-che-ye-re u. s. w., bar-be-ye-ra 110, 111 Anm. 2**). — 

ß) ai vor r und beliebigem Vocal : le bairam ; — blaireau, le dairy, 
airain, priairie, clairiere, flairer, mairie, eelaire, je plairai, vous tairez, 
grammairien; — secretairerie 91, cf. judiciairement, subsidiairement 
123; — cf. douairier, douairiere, welche freilich gewöhnlich, nament- 
lich in der Conversation, doua-rie, doua-rie-r' gesprochen werden, 168 
Anm.***). — 

y) ai und ai vor einer Silbe mit a, eu, an (en), on oder ai in den 
Verbalendungen ais, ait, aient : 

(ai) il enchaina, tu entrainas; fraicheur, traitreusement; entrai- 
nant; chainon; j'enchainais, il m'entrainait, ils connaitraient u. ä. 87 f.; 

(ai) tu aidas, il aima, nous plaidämes, vous maltraitätes, qu'il 
aidät, lainage, que tu baignasses, que vous engraissassiez ; graisseux, 
plaideuse ; naissance, vraiment, de l'aimant; paissons, un taisson ; 
j'aimais (cf. 361), il l'aidait, elles plaisaient 91 f); — cf, feuillaison 



*) Aber wie ist das ie von pierreries 137 nach M.-C. aufzufassen? 
**) Wie man sieht, stösst Malvin-Cazal seine Behauptung, dass der 
Laut des Zeichens e constant sei, p. 4, im Verlaufe seiner Arbeit selbst 
um. Leider veranlasst ihn diese irrige Voraussetzung, das Zeichen e in dem 
ersten Abschnitte zu übergehen; zum Glück ist er jedoch inconsequent 
genug, es da zu borücksichtigen, wo er von den Combinationen der \ocal- 
zeiclien handelt. 

***) Man könnte erwarten, dass auch Future wie je paierai hieher ge- 
hörten, da e wirklich stumm ist; allein Malvin-Cazal notirt je pd-re, 97. 

f) Im Wiiierspruch mit der Kegel führt Malvin-Cazal hier auch fai- 
blesse und baignoire auf; cf. f foiblesse fc-ble-s' 157 Anm. 



Die reinen Vocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 431 

117, liaison 123, demangeaison 219; so auch paiement, begaievnent, 
deblaiement u. ä. und Futurformen wie tu paieras, il cssaiera, nous 
relaierons, ils defraieront, je balaierais, tu begaierais, il debbiierait, ils 
essaieraient 97 (aber gaieraent oder gaiment lautet ghe-man 97 Anrn. 1, 
wie gai ghe); — cf, f nous paroissons, nous paroissions*) u. ä. 
157 Anm.; 

4) e3: 

e, ei und e vor a, eu; an (en), on ; ais, ait, aient: 

(ß) nous fetämes, vous pretätes, qu'il bechät; que je fetasse, que 
tu prechasses, que nous arretassions, que vous tempetassiez, qu ils 
depechassent; en nous fetant, en les arretant ; nous pretons, nous fetons ; 
nous bechions, que nous empetrions*); je prechais, tu pretais, 
il entetait, ils tempetaient 12; cf. tu quetas, queteur, queteuse u. ä. 
187; 

(ei) Abeilard, treillage, tu conseillas, vous peignates; meilleur, 
monseigneur, teigneux; bienveillance, Ceilan, en teignant; enseignons; 
nous peignions*); je conseillais, il enseignait, ils veillaient 222; 
cf. vieillard 141 ; 

(e) pieton, mielat, fievreux, viedase, tiedeur, assiegeant 129; nous 
nous inquietons, que j'inquietasse, inquietant 199; nous plancheiämes, 
vous plancheiätes, qu'il plancheiät, que je plancheiasse u. s. w, 107, 
tu plancheias, il plancheia, que nous plancheiassions, que vous plan- 
cheiassiez 108; je plancheiais, tu plancheiais, il plancheiait, ils plan- 
cheiaient 108; eile barbeiait u. s. w. 111 Anm. 2**J. 

5) e: 

ä) e vor doppelt geschriebenen Consonanten ausser rr sowie vor 
X = es und gz, wobei die Qualität des Vocals der folgenden Silbe 
gleichgültig ist: 

bellatre, pellee, bellissime, bellot, bellotte 27; desseller, em- 
mieller, exceller, quereller, jelibellais,nous ruellions, embellisse- 
ment 34; — efface, efficace, efFort, efFroi u. ä. 23; beflfroi, deffubler 
27; ineffabilite, coefficient 161; — essai, essieu, essuyer, essence 
u. ä. 23; messeance, dressez, dessaisir, je pressai, messie, pessimiste, 



*) In Betreff' der Endungen ion, ions schwankt der Verfasser; bald 
lässt er sie wie on, ons, bald wie i wirken. Man beachte die weiter unten 
vorkommenden Beispiele; auch question, Anm. zu A Schluss. 

**) Aber mit e sind angegeben inalienable, hierarchie 128; liquefaction, 
qu^raiba, acquereur 190; ablaqueation, gudable 190; aisdment 9 2. 



432 Die reinen V^ocale des Französischen nach Malvin-Cazal. 

dessoler, le Plessis, Bressuaire, cessionnaire, blessure, pressurer, Fles- 
singue, dessein 27; necessiteux, paresseux 34; — prescience, res- 
cision 27; acquiescer, convalescence, incandescent 34; — 
niezzanine 27; — Ettingen u. ä. 23; guetter, in petto, met table, 
metteur, nettoiement, mettant, lettre 27; illettre 34; emiette, 
commettant, regretfable, promettons 34; — edda 23; — 
ecchyraose, eccope, ecclesiastique, eccrinologie 23; becquee*), becquil- 
lon, gecko 27; impeccable 34; 

vexe, Mexicain, lexique, sexuel, le Vexin, flexion, sexangu- 
laire 27; Alexis, in flexion, convexite 34; le Texas, sexuel, 
sexagenaire, s exangulaire, flexible, plexus , complexion, 
cachexie, Alexandre 469; — exact, exaucer, execrable, exedre, 
exemplaire, exercice, existence, exorde, exuberanee, exhalaison, 
exhausser, exhereder, exhumer u. ä. 24; coexistence, in exact, in- 
exorable 34; annexion, complexion, reflexion 150; coexister, 
coexistence 161**). — 



*) Ein Druckfehler scheint becquee be-ke-' 191 st. be-kd-'. 
**) Neben der eben dargelegten Theorie geht eine andere, ihr wider- 
sprechende her, nach welcher die Quabtät des tonlosen e vor einfach ge- 
sprochener Doppelconsonanz sowie vor x von der Qualität des Vocals der 
folgenden Silbe abhängt. Dieser Theorie gemäss, welche im Widerspruche 
mit der Regel, dass tonloses e vor rr = r e' bedeutet, auch auf e vor 
einem solchen rr angewandt wird, spricht man zwar e in ils emmiellerent, 
vous demiellez, j'emmiellai u. ä. 138, duelliste, rueller 207, ecuellee 207, 
aber e in tu emmiellas, nous emmiellämes, mielleux, vielleur u. ä. 137, cf. 
rebellion, tabellion 149; — e in emietter, emiette, vous eniiettiez, une 
assiettee u. ä. 138; vous brouettez, vous brouettiez, je brouettai, ils brouet- 
terent, brouetter 176; vous fouettiez, vous refouettiez, je pirouettai, ils ser- 
iouetterent, defouettez, fouette, refouettee 176; guetter, vous guettiez, je 
guettai, ils guetterent, guettez, guettee 209; quintetto, quintetti 215; aber 
e in emiettant, emiettons, j'emiettais, il emiettait u. ä. 137, nous brouet- 
tämes, tu brouettais, il brouettait, ils brouettaient, tubrouettas, nous brouet- 
tions 175; nous refouettons, tu pirouettais, nous serfouettions 175; 
guettard 208; — e in acquiescd, vous acquiescez, vous acquiesciez, j'ac- 
(juiescai, ils acquiescerent, acquiescer, acquiesceje 201, aber e in tu acquies- 
9as, nous acquies9ämes, il acquies9ät, acquies9ant, nous acquies9ons, j'ac- 
quies9ais u. s. w. 201 ; ddhquescence, deliquescent [de-li-cue-san ist ein 
Druckfehler], deliquescente 207 ; — e in fieffer, fieffe, fieflee u. ä. 138, aber 
e in Ouessant 175; e in epierrez, vous dpierriez, pierrette, pierrot, pierrier 
138, aber e in ils epierraient, vous epieriätes, nous epierrassions u. s. w. 
137; — endbch e in preexister, preexistence 114 und in euexie 118 (an der 
letzten Stelle ist auf p. 27 statt auf p. 12 verwiesen"). Jedoch ist zu be- 
merken, dass sich e vor x zu der Theorie des Vocaleinflusses anders ver- 
hält als e vor doppelt geschriebenen Consonanten. Nirgends wird e vor x 
als e bezeichnet, unfi die Anwendung jener Theorie auf die genannten drei 
Wörter erscheint daher als ein Versehen. Dagegen findet sich der e-Laut 
in emietter unter denselben phonetischen Bedingungen wie in preter, faitiere, 



Die reinen Vocale des FranzÖsisclien nach Malvin-Cazal. 433 

ß) e, ai, ai, ei, e vor einer Silbe mit einem anderen Vocal als a, 
eu ; an (en), on; ai in ais, ait, aient: 

(e) fete, pretee, pröchor, bechez ; je tompetai, je l'arretai; pretrise, 
betise, je vetis, il vetit, vetir, nons vetimes, tu betifiais; vetu, vetue, 
rcvetu, tetue u. ä. 13 f., cf. 188; 

(ai) trainer, trainee, je naitrai; rafraichissante ; gainier, faitiere; 
chainette, maitresse; chaineau, traineau 88; 

(ai) aisement, aime, saignee, allaiter, essaimer, vous aimez; saisie, 
saisissement , plaisir, assainissenient, fantaisie ; aign, aigue, laitue, 
rainure; caissier, laitiere; aitiologie; aisselle; raisin, Saint-Maigrin ; 
faisceau, vaisseau ; maisonnette, raisonneur, deraisonnable 92 ; cf. 
biaiser, deniaiser, liaisonner 123; — eben so Bairout 92*), je paierai, 
vous essaierez, vous deblaierez, gaiete, auch nous paierions 97 (aber 
caieput = ca-y'-pu 97 Anm. 1); — ferner abbaye; pays, payse, de- 
payser und