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Full text of "Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen"

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P/Mtt, 326- 





'S 



ARCHIV 



FÜR DAS 



STUDIUM DER NEUEREN SPRACHEN 
UND LITERATUREN. 



HERAUSGEGEBEN 



LUDWIG HERRIC. 



. X1I1. JAHRGANG, 24. BAND. 



'-BRAüNSCHWEIG, 

DRUCK UND VERLAG TON GEORGE WESTERMANN. 
18 5 8. 



"RoM 525 



/&f/ C/i's*. '*' 



\/V< - 



tt 'Uvi'i'.'t'iüii' 



. V. 



-*3 



Inhalts -Verzeichniss des XXIV. Bandes. 



Abhandlungen. Seite 

°Uber Schiller als Liederdichter. Von Dr. Kaanegiesser .... 1 

dZuin Verständnis« des Wörtchens „Ausser." Von Dr. Sanders. . . 19 

Q Martinas Polonas. Von A. Schulz. (Fortsetzung.) 27 

.cDie Kater. Ein komisches Heldengedicht von Don Lope Felix de 

Vegia Carpio, Ans dem Spanischen übers, von Dr. A. Herrmann 85 

r- Shakspere- Studien. Ueber Richard H. Von Neubauer 117 

Die griechischen Colonien und die griechische Sprache in Unteritalien. 

Von Dr. Th. Rind 135 

Die Eroberung von Warna. Gedichtet vom Wladika Fetar Petrowitsch 

Njegosch. Von W. Gerhard 147 

'* Spanische Volkspoesie. Von £. Roehmer : . . 167^ 

o Schillert sittliche Ideale' und ihr Fortedsaft. Von A.Lazarusson. 225 
oDas Stadium angelsächsischer Sprache und Literatur in Deutschland. 

Von E. Müller 249 

Ungedruckte Briefe von Gleim aus dem Nachlasse J. A. Ebert's. Von 

Dr. A. Glaser . . m 2<tt 

# Dialektische Studien. Von Dr. C. Sachs. 283 

d Martinas Polonus. (Fortsetzung.) Von A. Schulz . . . . . . . 2*1 

C Die Kater. (Schluss.) Von Dr. A. Herr mann 343 

o Girartz de Rossilho, das älteste provenzaUsche Epos. Von K. L. 

Kannegiesser . 36o\? 

Moliere's Sprache. Von Dr. Robolsky 38» * 

fieurtheilungen und kurze Anzeigen. 

Vermischte Aufsätze zur Literaturgeschichte und Aestheti^. Von Dr. 

A. Koberstein. (Dr^SachgeJ 185 

Die Fremdherrschaft. Von Dr. H. Pröhle. (Dr. Sachse.) .... 186 
Mahrchen für die Jugend. Herausgegeben von H. Pröhle. (Dr. Sachse.) 1 86 

Ulfila. Herausgegeben, van F. L» Sfcmm. (E. Müllen.) 187 

Die Schweiz. Monatsschrift von Dr. L. Eckardt und P. Volmar. (Dr. 

Büchsenschütz.) i ......... '. 190 

1. Handbuch der französischen Leetüre. Von J. Baumgarten. — 2. 

Französisches Lesebuch. Von F. M. Trögel. — 3. Französische 

Chrestomathie. Von C. von Orelli. — 4. Lectures pratiques. Par 

Ch. Heintz et J. J. Roth. — 5. L'ami des äcoliers. Par A. 

Maeder. — 6. Premiere* et secondes Lectures francaises. Par J. 

Willm s 198 

Bibliotheque choisie en prose. Par Dr. R. Schwalb 195 

Sammlung von Erzählungen und Novellen der französischen Literatur. 

Herausgegeben von C. Goldbeck 195 

Auswahl aus W. Shakspeare's Werken. Herausgeg. v. Dr. Brennecke. 195 

Englisches Lesebuch. Von G. Ebener 196 

Biblioteca classica publicata per cura del Dott 196 

Cantos. Poesias de A. Goncalves Dias. . 196 

J. Secrätaire universel. Par A. Gros Claude. — 2. Epistolario ad uso 

della gioventu, compilata da D. Bertolotti 197 

1. Guide to English and German conversation, by H. Plate. — 2. Eco 



de Madrid, por D. J. C. Hartzenbusch , y continuado por D. E. 

Lemming . * 197 

L. A. Spearman's Englische Sprachlehre für Deutsche 198 

Nordlandsharfe. Von P. J. Willatzen. (Dr. C. A. W. Kruse.) . . 401 

Deutsches Lesebuch. Von Dr. H. Masius. (Dr. E. Niemeyer.) . . 405 

Mittelhochdeutsches Lesebuch. Von Dr. K. Reichel. (Dr. Sachse.). 406 
Deutscher Haus- und Schul- Homer. Von Dr. W. Wiedoatfh. (J}r. 

Büchsenschütz.) ....'..'........ .' . . 408 

Das Nibelungenlied. Von A. Baumeister 410 

Deutsche Prosa. Herausgegeben von Dr. K. Hofinann. — Prose alle- 

mande. Traduit par L. Ffltiard. ; (H. Crdufce.) 410 

Entwickelungsgeschichte der französischen Tragödie. Von A. Ebertj. (F.) 411 

Espagne et Provence. Par E. Baret. (S.) . . ..... :• . . 418 

Das französische Verb. Vön'G. W. P. de Castres ' ..... . . . . 415 

La France litteraire, Par L. Herriff et 6. F. Burguy . . . . . . 417 

SSlementarDuch der englischen Sprache. Von P. Siebmann. . . . * 418 
nsfructive moral reading in 60 lesso'ns., Von Dr. H. Nichels. — Erig- 

' lisches Lesebuch. Von Dr. R. Degenhardt • . 418 

Uebungen zum Uebersetzen aus dem Deutschen in's Englische. Von 

G. M. Jung ' 419 

Nuovo Dizionario portatile italiano-tedesco e tedesco-italiano da C. 

Biccardo . . . . ....;....... 419 

Programm^iischau. 

Uefeer die Themata zu deutschen Ausarbeitungen. Von Prof Dr. 

Härtung .. * ,• ...... • . .".'.,'.'.. ^ . . . « . " . ' T ' 199 

Allgemeine Vorbemerkungen zu einer deutschen Poetik. Von Dr. 

Petermann ,...."..., . ,.' •, . . . f .,' $02 

Lessi^g als Dramaturg von Dr. -Gervais . ' , , .v .,/. ... . . $02 

Geschichte der englischen Prosa. Von Dr. Michaelis. . . *. . . . 203 

Der Angelsachse 4m Kampfe mit' den Normannen. Von Prof. Dr. Koch 203 
Eemarks on and Translation of Milton's Treatise: Of Education, von 

Dr. J. Celle, (van Dalen.) 204 

Die. Kunst des deutschen Uebersetzers. (Dr. G. Härtung.) . . . . 420 
Le SubjomÄif francai* eompare* au Conjonctaf latin. Von Conr. Becker 427 
Le th<&tre de Schiller iraite* et traduit en france. Von Dr. Cosack . 429 

Miscellen. « 

,. ,£eite 207 - 222.' 4SI— 44& 

Bibliographischer* Anzeiger. 

Seite 223 — 224. 447 - 448. * 



Ueber 
Schiller als Liederdichter. 



Wenn gleich über die Werke innrer beiden grossen Dichte*, 
Göthe und Schiller, bereite so viel geschrieben ist, das* man 
sich scheuen raoss, noch etwa» hinzuzufügen, 'und nicht hoffen 
darf, Neues über sie zu sagen, so schont mir doch die Lieder* 
dichtirag Beider, und besonders Schillert, weitiger zum Gegen- 
stände besonderer Betrachtung gemacht «u Bein. Und so sei e* 
denn Versucht, zu einer Vergleichung Beide* in dieser Hinsicht, 
und au einer näheren Würdigung der Seniller* sehen Lieder ins-; 
besondere, durch einige Worte anzuregen. 

Fangen wir von dem Alleräusserlichsten an, so ist nicht 
bloss die Zahl der Göthe'sohen Lieder bei weitem grösser als 
die der SehiUeFschen, sondern die Liederkunst begleitet Göthen 
von seiner Jugend bis in sein hohes Alter, während Schüler sie 
hauptsächlich im Beginn seiner Laufbahn geübt hat.' Sehen wir aber 
auf Gebalt und Werth, so sind Vfete geneigt, den •QotKe'sftheti 
Jugendliedern den Preis tot alten seinen übrigen Werken und einen 
sehr hohen Bang nicht bloss in der' deutschen, sondern in der 
Liederdichtkunst überhaupt zuzuerkennen. Einige derselben sind 
an Wahrheit, Frische > Innigkeit unübertrefflich, ufad Verdienen 
noch mehr als die anakreöntkchen oder hortaischen nimmer 
unterzugehen. Eines derselben hat Gutzkow neulich im Munde 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 1 



2 Ueber Schiller als Liederdichter. 

der Hauptperson' seines Schauspiels „der Königslieutenant,* und 
besonders die Zeilen: „Einen Blick, geliebtes Leben, und ich 
bin belohnt genung" — eben so rührend wie scherzhaft verherr- 
licht; die meisten derselben haben auch treffliche Tonsetzer ge- 
funden. Dazu kommt, dass diese Lieder recht eigentlich eben, 
nur Lieder, d. h. . Empfindungsgedichte sind, während seine 
späteren sich nicht selten dem Lehrhaften zuneigen, wie denn 
dies überhaupt in der Liederdichtung, namentlich der deutschen, 
der Fall ist. Der Deutsche ist sinnig, dies ist seine Haupt- 
kennzeichnung und der Forschung oder Wissenschaft eben so 
sehr als der Dichtkunst, und in der letzteren dem Allgemeinen 
und der Tiefe zitgenttigt* während z» B. der fVanaö&e mehr bei 
dem Einzelnen" und auf der Oberfläche bleibt, und ihm dess- 
wegen die Ode, der Hymnus, das Hohelied, der Psalm fast 
gänzlich fehlt, aber das leichte Lied »um so mehr gelingt. Wenn 
es aber das Eigentümliche der Kunst überhaupt ist, die Natur, 
d*e ( ;innere der Empfiadung^n wie die äuasfeire. gegenständliche, 
nicht bloss in ihrer Wirklichkeit darzustellen, sandfern m zu 
vergeistigen, d.h. das .Gemeinschaftliche, Allgemeine, durch das 
Einzelne und Besondere^ das Wesen durch das Bild hindurch* 
scheinen zu laßaefofine Eigenschaft, die z. ßv dem ttelegenheits- 
ge(Jif2ht.anj wenigs^n, fehlen darf, so weiss ich doch nicht» ob 
man dte reine Liedejcdfehtung der auf die bezeichnete Weise 
gleichsam gßrnischt^h nachsetzen darf« Vielleicht hat man di£ 
erstere vorzugsweise vo» dem jv»g«ndliq/hen, die letztere von dem 
gereiften Alter zu erwarten. So wenigstens ist es bei Göthe. Seine 
•Jpgßndgedichte sipd oft rein empfindend, z, B, dejr Abschied, 
efster, Verfus*, Nähe der Geliebten* neue Liebe, kene* Leben, 
M&ijied und wid viele [andre!. Seine Altersgediohte *tad durchaus 
lehrhaft, mcht bloss die eigentliche» zum TheÜ schon durch die 
Aufschrift, ^,-ß.^Epigramnaatischqs" sich kundgebendetv sondern 
auch der w§*töstliche Diva», In die Zwischenzeit falle* daua 
#e meisten» wefche theils im 2„. thftüe im 47, Bande d«r Cotta- 
sehen, Ausgabe von 1*28 enthalten .siad, besonders, die Fest- 
gedichte,., weiche denn häufig äßa EmpfiftdungswUe .ganz ent- 
behren, niehrbeschiieihepd, auf den Augenblick berechnet, ganz 
gegenständlich sind, und daher; de* lebendigeren Reizes, ja selbst 
de? Ver^tändmss^s ,^?mia^geJöH Auszuzeichnen sind dagegen 



U*f>er Qekiller als Liederdichter. S 

che, welche zum Tbeil auch sock der Jugend oder dem noch 
frischen MannesaHer des Diehters -angehöre», die gesellige* 
Lieder de» ersten und die vermiselrten des zweiten Bandes; 
Die ersteren, z. B* das Bnndealied, das TiseliUed, offene Tafet> 
Rechenschaft* Sie stehen den Liebesgedtchften ka*m nach; 
einige demselben, sowie viele der vermischte», gehören durch 
Schwing und Erhabenheit dem ScbSristen «u, was wir fn diese» 
Gattung besitzen, namentlich Mahotnefs OesAng, meine G6tttH> 
Harzseise im Winter, an Schwager Ktoftos, Profinetheus, Gtfny* 
med, Grenzen der Menschheit, 4a« Göttliche. — So mag man 
denn sagen, dass Gbthe in der Liederdichtung alte Töne an-» 
geschlagen hat, die der Liebe und Freundschaft, der Geselligkeit, 
des ^einfachsten Volksliedes, wie des feierlichsten Hymnus, ja 
seihet die der Weisheit und nicht bloss <fer tmverbtiken, sondern 
der geheimnieevoBen, wie in den tfreimaurerlledern, mit ein^ 
zigtr Ausnahme des Kirchenliedes und des religiösen Psaknes, 
obgleich mehrere a**s seinen 'Naturfersehungett bergeflessenen^ 
z. B* Wekssele, Eins und Allee, Ürworte, sich dem letzteren nähern. 

Nach diesem raschen Flug #bfcr die OSthefrche Lieder» 
dichtung wende ibh mich zu der Sehiller'scbeti, um etwas länger 
bei ihr zu verw&lei*, obgleich sie viel dürftiger, und, unbe- 
schadet aller übrigen Vorzüge des grossen Dichtere, im Ganzen 
und zumal im Beginn viel unerquicklicher i#t. Von dem, was 
die Göthe'sche so sehr auszeichnet, Natürlichkeit, Wahrheit, 
Frische, ja sogar Maass und Besonnenheit bei Jugendlust' und 
sprudelnder Lebendigkeit, finden wir hiev» da« GegentheiL Wenn 
sich uns bei Göthe in sittlicher : Hinsieht mehr ein kindliches 
Sächgehenlassen und Hingebe» an die Gelegenheit kund gibt, 
das dem ireinch in den späteren Jdnglingsjahren weniger zu 
entschuldigen ist, und doch in seinen venezianischen und rö- 
mischen Elegien iäie allerdings den* Liedern nicht beizuzählen 
sind) noch eine Art, man möchte sagen heidnischer Unschuld 
athmet, so- möchten wir in der That wünschen, dass uns Schill 
W« früheste Liebesgediehte nicht aufbewahrt wären, fis wird 
zwar viel, auf das Rissen um die allmälige Bildung eines be- 
deutenden Mensehen gehalten. Mir geht es damit, wie mit den 
Lebensbeschreibungen überhaupt. Mag man uns doch mit de* 



4 Uebef Schiller Als Lied erdichte«. 

Aufspürung und Herrechnnng der Fehler. und Verirrungen einer 
Ferton verschone», wenn sie nicht durchaus nothwendtg ist, uua 
das reifere Leben zu; verstehen* wesshalb mir denn auch Hoitei's 
Aufrichtigkeit in seinen „vierzig Jahren" eine ungebührliche 
Nichtachtung seiner selbst und seiner Leser erscheint. Hölty's 
erste uns Ton Voss roitgetheJUe gereimte Zeilen: *Allhier auf 
dieser Stätte Liegt, begraben Nette, Zu Hörst ist er geboren, 
Zu Mariensee gestorben," lässtijnan sich.. gern geiaUen. Und 
so nicht minder da.s von Qoffm$tater, einem der {tauigsten Er- 
klärer Schillert mitgetbeilte sechszehn Zeüenlange Nenjabnwarnien 
des neunjährigen Dichters. Es ist überschrieben: Herzgeliebte 
Eltern! und beginnt: »Eltern, die ich Ertlich ehre, Mein Hers 
ist heut voll Dankbarkeit! Der treue Gott dies Jahr vermehre, 
Was sie erquickt zu jeder Zjeit;" In diesem Gedicht ist nun 
noch keine Spur des nachherigen Geistee Schülers. Wohl aber 
spiegelt sich in den nächsten Jugendgedichten „der Abend" 
von 1776, „der Eroberer" von 1777, und den beiden „von 
dqr Akademie" und „von der Eeole des Demoiselles" 
betitelten, der Reichsgräfin von Hohenheim, naehherigen 
Gemahlin, d£s Herzogs Karl von Würtemberg gewidmeten, 
welche sämmtlich in der Santolung der Schillersohen Gedichte 
nicht stehen,, und endlich in dem, mit welohem sie anfängt, 
„Hsk.torfs Abschied" von 1780 einet der Hauptsüge, der 
Vorzüge wie der Fehler der Schiller'schen Muse, Erhabenheit 
und Ueberscbwfcaglichkeit. Die erstere bildet den Kern seines 
Innern* sein Geist Und seine Seele rangen .nach Wahrheit» 
Schönheit, Sittlichkeit und dem Ausdrucke derselben. Alle Ent- 
wicklung ist , freilich ein Kampf, ein Bingen» Aber bei Göthe 
wurde sie durch äussere Lage u*d Umtiäduisi und durch seine 
inneren Anlagen, erleichtert, bei Schiller aus eben ? diesen Grün- 
den erschwert Göthe's Jugend, ja; sein ganzes: Leben ist an- 
regend und begünstigt zu nennen. Säine Kämpfe ;mit sich 
selbst waren meistens Siege und belohnten, akh schon dadurch, 
das* er seine innero JErlebnisee durdh das frühe zur Gewohnheit 
werdende Bedürfnis*, . sie dichterisch festzuhalten, , veredelte, und 
aq ist seine Dichtung, besonders seine Liederdichtung, grossen« 
theils ein Spiegel derselben. Er nahm das Leben leicht, ohne 
we<Jer, flie Schwierigkeiten, die Gefahren, die fortbümar, die 



Heber ScüilUr als Liederdichter* 5 

Sdhwäfcfcen, welchen der Meriseb unterworfen ist, noch die Er- 
hebung, die Tugend, das Maas*, den Adel, die Schönheit, nach 
welchen er zu streben hat, zw -verkennen, und es gelang 
ihm* sich innerlich und äusserluib m ein befriedigendes Gleich- 
gewicht zu teilen. Bei Schiller ist von Allein das Gegentheil. 
Seine Kindheit war eine beschränkte; und besonders während 
seines Aufenthalts auf der Karlsschule eine bedrängte, ihn nicht 
selteA^um Widerstreben, endlieh zur Flucht reizende. Seine 
Triebe waren heftig und wurden durch seine Jugenderlebnisse 
geschärft. Es ward ihm schwer, «u einer festen Ansicht der 
Wissenschaft und- Kunst durchzudringen. Seine Dichtungen; 
und zuMal seina Lieder, auf welche es uns hier vorzugsweise 
ankommt, entsprangen zuerst weniger aus seinen innern Erleb- 
nissen und Erfahrungen als aus Nachbildungen fremder Erzeug- 
nasse, z* EL HaHerU-ünd Klopstock's, oder dienten ihm zu Ab« 
leiten* seiner unklaren und leidenschaftlichen Gefühle. Hoff- 
meister sagt von den beiden erwähnten Gedichten „der 
Abend" und „der Eroberer": „Seine klösterliche Abge- 
schiedenheit reichte ihm keine poetischen Stoffe dar, sondern 
trieb seine Phantasie in' s Unbegrenzte hinaus. Hätte er sich aa 
wirkliche Vorfälle, an Selbsterlebtes halten können, so würde 
schon durch den mächtigen Einfluss des» Lebens seine Phantasie 
geregelt und geläutert, und ihre Erzeugnisse würden anschau-* 
lieber und bestimmter geworden sein. 44 — Gegenstücke bilden 
daher die beide» vorher bezeichneten Hofgedichte, die von über* 
raschender Ruhe undrMässigung Zeugnis» gäben. In der Mitte steht 
„Hektor'ß Abschied,* 4 ein Gedicht, dae tiefes Gefühl, aber neben* 
Kenntnis* des AÜerthüms in dem Schluss auch Verkennung des- 
selben" verräth, zuerst fleur Räubern einverleibt war und nachher 
viele Verbesserungen erfahr. < Wie dieses erste Schauspiel, die Räu- 
ber, aus seinem Ingrimme über die Beleidigung der Menschenrechte 
herfloss,; so öind nun seirie eigentlichen Jünglingsdichttungen, die 
ziemlich .•• zahlreichen an Laura, ein Erguss seiner glühenden 
Grefühle ^ürdrfs weibliche Geschlecht. Aehnlich iat schon das 
de» Räubern gleichfalls zugehörige Lied „Amalie," und noch 
viel tadelhafter, auch wegen seiner langweilenden Ausspinnung, 
das endlich aus der Sammlung weggelassene „Männer würde" 
betitelte. Was Laura betrifft, so ist es jetzt ermittelt, dass 



s lieber Schiller *1« biederdiehterl 

dieses Frauenzimmer zur Zetti als Sebiller sie keimen leririe* die 
Wktwe einet Hauptmanns Viaoker'ümJ weder hübsch, noch 
geistvoll, wiewohl gutmütig und etwas musikalisch w«r, spfcter* 
hin sich aber gefallsüchtig und leichtsinnig zeigte.*) Hifer -habest 
wir allerdings ein wirkliche» Erlebniss, aber Schülern scheint 
ein sehr mittelmäßiger Gegenstand genügt zu haben* um sieb 
daran dichterisch auszutoben sowohl' in allgemeinen hbchfliegen- 
den Gedanken" (denn der Denker verläugnet «ich bei SoiriHer 
schon früh nicht) als auch in überschwenglicbcti Redensarten. 
Wenden wir uns deeawegen davon ab urid bemerken nur noch, 
dftss eines derselben „Melancholie an Lauras einen andern 
Grundzug des Dichters schon durch die Ueberschrift „Melan- 
cholie" ausdrückt, dem einige andre z. B. „Leichen- 
phantasie, Elegie auf den Tod eines Jünglings, ja 
selbst die Kindes mör der in," in welchen die Zweifel 1 an 
Unsterblichkeit und Wiedersehen oft greü hervortreten, find 
selbst die späteren „der Kampf," und „die Resignation« 
anzuschliesaen sind, dass aber das. in den Kras. dör.LaaraKeder 
gehörige, „<Se Blumen" durch Verkürzung u»d Umarbditwteg iso 
gewönnen hat,, dass es zu Schiller'« besseren Liedern gehört. * 

Dies mag denn auch den Uebergang von den ghrth vollen 
aber ausschreitenden, denen. noch das. Kriegslied »Graf Eber- 
hard' der Greiner" aniwreibeai ist, za. den reineren, ge- 
mässigten, zarten üebesliedsrn bilden, die uarsf dfe früheren 
vergessen lassen und müdem Dichter auwöhnferi, und aus 
diesen hebe ich drei hervor; »das Geheiraniss, die Erwar- 
tung und die Begegnung," und möoWe dem mittleren den 
Preis zuerkennen. In dem erstehen „Sie konnte mir kein Wöf t- 
©hen sagen, Zu viele Lauscher waren wach et&« erfteut sich 
de* Liebende in der Stille des Buchenhaihea der Gewissheit 
dar Gegenliebe -der Entfernten, : vergleicht sich mit den unter der 
Last def Arbeit Schmachtenden als den vom Himiael zwar ohne 
weiteres Verdienst aber doch Hochbeglückten, denkt sich fern 
von der widrigen und störenden Gegenwart anderer Menschen 



*) Siehe „Schillers Jugendjahre von Eduard Boas, herausgegeben von 
Wendeh'n von Maltaabn; Erster Band. S.257> etä« 



U*her Schill** als Liederdichter ? 

Mfe baldigste vereinigt u*d bittet die Quelle, sich in einen 
bräften Strom zu verwandeln und sich um ihn und die Geliebte 
schützend zu abhängen. Die übrigen Menschen werden dabei 
gescholten: „Dass ja die Menschen es nie hören, Wie treue 
Lieb' uns still beglückt! Sie können nur die Freude stören, 
Weil Freude nie sie selbst entzückt." Und wenn er dann gar ' 
hinzufügt: „Die Welt wird nie das Glück erlauben, Als Beute 
wird es nur gehascht; Entwenden musst dn's oder rauben, Eh 
dich die Missgunst überrascht" — so ist das freiweh übertrieben, 
aber dem besorgten und ängstlichen Liehhaber allenfalls zu 
Gute zu halten. 

• Tadelloser nicht nur, sondern lieblich ergreifender, fesselnder, 
fartieiseender Art ist „die Erwartung." Sie spricht sich in 
zweizeiligen daktyüsch hüpfenden Fragen aus, auf welche die 
Antwort, die die Täuschung kundgibt, in eben so viel trochäischen 
Versen, und dann eine weitere Ausführung der Täuschung in 
acht jambischen Versen erfolgt. Dieser Fragen und Antworten 
and fünf und -sie schliessen mit der endlichen Erfüllung der Er- 
wartung. Die Ursache der Täuschung ist sehr patoslich gewählt; 
zuerst glaubt der Liebende in dem vermeintlichen Oeflhen des 
Gartenpförtchens das Zeichen der nahenden Geliebten zu ver- 
nehmen, aber es ist nur das Wehen des Windes, dann glaubt 
er ein Rascheln in der Hecke, aber es ist nur ein auffliegender 
Vogel, ferner ein leises Flüstern, aber es ist nur die Bewegung 
des Schwans auf dem Teiche, und Tritte zu hören, aber es ist 
nur. eine vom Bauni6 gefallene Frucht, und endlich etwas Weises 
wie ein Gewand schimmern zu sehen, aber es ist das Flimmern 
der Säule an der Taxuswand. Die Täuschung kommt gleichsam 
immer näherund betrifft erst das Ohr, zuletzt das Gesicht. 
Nach der ersten ist der Dichter noch ruhig, er fordert die Bäume 
auf, sich- zum 'Empfange der Geliebten zu schmücken, und die 
schmeichelnden Lüftef, ihre Bosenwangen zu umspielen; nach 
der zweiten- bittet er den Tag» seine Fackel zu löschen, und* 
ruft die »Nacht, die geistige, mit ihren Schwingen hervor, und 
will nur' dem Abendstern erlauben, Zeuge seiner Zusammenkunft 
zu sefai; nach der dritten schreibt er der ganzen Natur ähnliche 
Empfindungen vtäe sich selbst zu, und fühlt sich von Harmonien 



8 Ueber Schiller alt Liederdichter. 

umtönt; nach der vierten rieht er die DänMuerusg sich verbreiten* 
den Mond aufgehen und die Reize der Natur sink gürteüoe 
darstellen; nach der fünften erst wird er ungteduldig, und lehnt 
sich, sie endlich selbst zu sehen, ihre Hand zu fühle», oder 
doch den Schatten nur von ihres Mantels Saum zu erblicken. Und 
da schliesst denn das Gedicht in vier aber durchaus anapäatiskhen 
Zeilen mit der Erfüllung: 

Und leis wie aas himmlischen Höhen 
Die Stande des Glückes erscheint, 
So war 016 genaht, ungesehen, 
Und weckte mit Küssen den Freund. 

Wie diese letzten Keinen so ist das ganze Gedicht auch 
im Einzelnen so gewählt und rein, dass es zu immer wieder- 
holtem Lesen und Eindringen in die besonderen Schönheiten 
einladet, und nicht bloss zu Schillerte sondern überhaupt zu den 
vollkommensten Dichtungen dieser Art gehört« 

„Die Begegnung" ist eine Erinnerung an den Anblick 
einer herrlichen Frau von hohem Hange, der der Sänger > stobt 
zu nahen wagt, die aber von seinen Tönen! so ergriffen wird, 
dass sie ihm ihre Liebe gleichsam wider Willen 1 schenkt — 
„ Da sah ich in den engelgleichen Zügen Die Liebe ringe» »mm t 
der holden Scham" — und das holde Geständnis« in den edel- 
sten Worten ablegt, mit welchen das Gedieht schliesst. . 

Diesem trefflichen dichterischen Kleeblatt kommen die übrigen 
nicht gleich. Sie atbmen meistens nicht bloss Wehmuth, sondern 
Schwermuth und beklemmende Zweifel. Das Gedicht „an 
Emma" — Weit in nebelgrauer Ferne Liegt mir das ver- 
gangne Glück — ist an eine nicht Verstorbene, aber dem Dichter 
Unerreichbare gerichtet und schliesst mit der Frage, ob die 
Liebe vergänglich sei, wie andre irdische Güter, ohne dass die 
beruhigende Antwort darauf gegeben würde« Die „Sehn- 
sucht" drückt die Unmöglichkeit aus, dem Nebel den Thäfer 
zu entrinnen und zu den sonnigen Höhen zu gelangen, wo Har- 
monien rauaphen, Früchte glühen, Blumen blühen, erhebt sich 
aber zuletzt zu dem Entschlusa, in den Nachen zu springen, 



Uebsr Schill«* als Lieierdiehteiv fr 

der ctaitthin führt, und sich dem^Gltick anzuvertrandh:: *©» 
muaet . glauben , da musst wagen, Denu <Ke Götter lrih'n kern 
Ffcbd; Nur ein Wander kann dich trägen In das sehöne 
Wunderland." Beherzt fingt dagegen „der Pilgrim" an und 
acfcBcssfc zaghaft and verzweifelnd. Noch vollständiger sprechen 
„die Ideale»" eigentlich mehr ein Gedankengedicht, die Täu- 
schungen; aus, denen eich die jugendliche Hoffnung hingibt, gegen 
welche jeüpch der Schlots die Freundschaft und die Beschäf- 
tigung als Heilmittel angibt; Selbst in dem leistest Liede der 
Sammlung „der Abschied vom Leser 46 beklagt der Dick*«* 
mit su grosser Bescheidenhieit die kürze Dauer seine* 'Lieders 
„De» Augenblickes Lust Bat sie geboren/ Sie fliehen fort ins 
leichten Tanz der Horeo," und bildlich: „Der Lenz entflieht l 
Die Blume sebiesst in Samen, Und keine bleibt von allen, welche 
kaiaen." Wehmüthig ist auch „des- Mädchens Klage," wo 
der Trost nur in dem Bewutstseln liegen soll: „Ich habe ge- 
nafasen das irdische Glück, Ich habe gelebt und geliebet," und 
ebshfeo „Thekl*>< eine Geisterstimme," wo es jedoch heisstt 
„Wort gehaltet» wiixi in jeaen Räumen Jedem - schönen gläubig 
gen Gefühl;" und j,das Mädchen von* Orleans," wo nicht, 
minder die Versicherung ertönt: „Es gibt noch schöne Herken, 
die; für das Hohe* Herrliche entglühn;" und endlich „de* 
Jüngling am Bach," der sich ebenfalls noch mit der Hoff- 
nung ^dhmeichettV duss . die Bewohnerin des stolzen Schlosses, 
herankommen uMd mit ifiuineh, Vegelgeeang, Quettengemsei 
und Liebesglück sich begnügen werde: „Raum ist in der klein* 
sten Hütte Für ein gltiddioh Hebend f PaAr,* ein Ausdruck, der 
von dem Dichter SalU noch Ifbetftoten wird ' in den Zeilen : . 
„Die Liebe braucht ein Feld und einen Pflug, Ein Halmen- 
dach, das sie getreu verberge, Ein Räuschen, zur Umarmung 
weit genug, Und einen Platz für zwei vereinte Särge." 

An diese Liebesgedichte knüpfe ich eines an, das sich mit 
dein Lobe der Fttwen- beschäftigt; es ist betitelt: „Würde der. 
Frauen," und bat dem Dichter, wie es scheint, nicht bloss 
die Herten des schönen Geschlechts, gewönnen, sondern auch 
aos< Artigkeit kernen Widerspruch von Seiten- des männlichen 
zugezogen* ' Lridesfc der Bettriheäer darf sich dadurch nicht be- 



10 ' lieber Schiller als Lie d«? dichter: 

stechen lassen , und ich erkftre frei teraas, diiss das Gedieht 
parteiisch ist, ja 'ich hoffe, dats imparteiische Frauen, dies au- 
geben werden. Schiller wetteifert hier mit den schwäbischen 
Sängern des Mittelalters, den Minnesängern, Und übertrifft sie. 
Nicht als ob dem Lobe, das den Frauen ertheik < wird , nicht 
beizupflichten wäre, die sechs ersten Zeilen, die dies im Allge- 
meinen aussprechen, sind vielmehr die gelungensten. des ganzen 
Gedichts nrid haben an der Beliebtheit desselben grosieen und 
verdienten ^jntheil j aber in der folgenden Vergleiohung der 
Männer mit den Frauen geschieht den enteren entschieden Un- 
recht Der Mann ward durchras als leidenschaftlieh, unersätt- 
lieh, schwankend, wild, herrisch, mitleidlos ohne alle Milderung 
dargestellt, und von dem weiblichen. Geschlechte dagegen nur 
die gute Seite herausgekehrt. Dazu kommt, dass* daa ganze 
Gedicht nur au& Gegensätzen besteht,, und wenn gleich in dm 
späteren Ausgaben viel weggelassen ist,' ein Beweis, dass der 
Verfasser selbst Manches zurückzunehmen wünschte, so ist -da- 
durch doch wenig gebessert; es bedürfte einer völligen Um- 
arbeitung, entweder einer gerechten Würdigung beider Ge- 
schlechter, oder init Weglassung dds Gegensatzes einer reinen 
Veriierrfichung des weiblichen Geschlechts. Wie viel schöner 
wetes Schiller die Frauen in andern Gedichten, z. B. in dem 
schonen Hochzeitliede „an Dem oi seile Sie Voigt u zu kenn- 
zeichnen, wo er auf die Frage nach dem Gehehmtiss, das den 
hochzeitlichen Krane* unversehrt bewahrt, die Antwort gibt: 

Es ist d©e Herzens jeine Güte, 
Der Anmuth onvexwelkte Blüthe, 
Die mit der holden Scham sich paart, 
Die, gleich dem heitern Sonnenbilde, 
In alle Herzen Wonne lacht, 
Es ist der sanfte Kick der Müde 
Und Würde, die sich selbst bewacht. 

Der Liebe steht die Freundschaft und Geselligkeit nahe, In 
dieser Hinsicht hat Schiller nur wenig und nichts eben Bedeu- 
tendes geliefert, Nichts, was sich mit Goethe' s Bundesliede: 
„In allen guten Stunden," oder mit Simon Dachte liede: „Der 
Mensch hat Nichte so eigen, Sfr woM fetehfc itan Nichts sp,'. A1b 



Ueb«r &ehtHer als Liederdichter. 11 

dase er IVeu' erzeigen und Freundschaft halten, kann,* vöf- 
gleichen Hesse. Das Lied „an die Freunde" fangt etwa« 
nndichterisch ant „Liebe Freunde, es gab Bchöa're Zeiten Als 
dW unsern, da* ist nicht zu streiten," und beschäftigt sich 
hMptsäehlieh mit den Gegensätzen der Vergangenheit und Ge- 
genwart, des» Südens und Nordens, der Natur und Kunst, wobei 
mari zum Nachtheil Schillere an Goethe** „der Wandtere** er*» 
hroert wird, GeseHschaftsüeder haben wir aufcser diesen i*m 
SeWRet nur etwa drei, zwei Pünschlieder und das Qe^ 
dicht an die Freude. Von dieseri ist das Pundcfalied 
ddt dem Beisatz „im Norden zu singen* das bessere und 
nicht: ohne Eigentümlichkeit Der dnreh die Natur erzeugte 
Wehr und der durch -die Kunst erzeugte Punsch werden ver* 
glichen, aber der Vergleich ist gezwungen, da hier die Kunst 
h* dem niedern Sinne der durch Zusammensetzung und durch 
Kochen vermittel ten Erfindung eines Getränks gebraucht wird, 
Das Lob des Weins zu Anfang ist nicht übe): „ Auf der Berg* 
freien Hfchcn, In der Mittagssonne Schein, An des Warmen 
Strahles Kräften Zeugt Natur den goWnen Wein," steht aber 
dem Anfang des Weihliedes von Novalis: „Auf grünen Bergen 
wird geboren Der Gott, der uns den Himmel bringt, Die Sonne 
hat ihn sich erkoren, Dass sie mit Flammen ihn durchdringt,* 
jedenfalls Aach. » 

>"> Ganz Ttiiselungen scheint ■.■mir aber das andre Punschhed 
in kürzen Versen: „Vier Elemente, Innig gesellt, Bilden das 
Leben, Bauen die Welt." Auch Wen kommt es auf eine Ver- 
gteiohung an, nämlich desr vier Elemente der Welt, u*d, wie 
der Dichter etwas räthselhaft hinzusetzt, auch des' Lebens, mit 
den vier Bestandtheilen des Punsches, Citrone, Zucker, Wasser 
und Amte, der nebenbei gesagt dem persischen pentsch, so viel 
als fünf, zufolge • ^taf Bestandteile hat, nämlich ausser den 
genannten Tieren noch Thee. Das Wasser ist in Beiden gleich; 
aber wie lassen sich 1 Erde, Luft und Peuer~mft Citrone, Zucke« 
und Arrac vergleichen? : Die Citrone, *ie" es- hier scheint, mit 
der Erde; aber statt ihrer wird des Lebens Kern und dieser 
herb genannt. Die Tropfen des Geistes 1 »entsprechen allenfalls 
dem Arrac/ Dann bliebe für den Zücker nur die Luft übrige 



1* Ueb**$«bill6J al* Li erdlväi ***«*.' 

Oder woUen wir die "Vergbiohung aufgeben-, und nur die vier 
Be&tajidtheüe de» Punsches xhit ihren Eigenschaften betrachten? 
Diese beständen dann bei der Citrone in dem Herben, bei dem 
Zucker in dem Sfiwen^ *. (Aber was hat das Waeser und> der 
Arrac oder B#m für eine Beziehung? Das Sprudeln bad< AU- 
umfassende* Wassere und das Lebengebea de* Armes will äwi 
dem Herben und Süssen nicht .passen. Und; Ut denn der Ge- 
danke richtig oder nur klar, dass des Lebtas innerster Kern 
herbe sei? Und war^to wird die Kmft der Citrone. nicht bWe« 
gute bterbe, sondert eine brennende genannt?. Wie die Worte: 
4 Wasser umfanget Ruhig das All" auf denPunacb öder auch 
auf das Leben anzuwenden find, ist völlig unklar. Der Schkiss 
ist, das einzige Gute an > dem. kleinen Liede. Es ist eine- eiu- 
feehe zu beherzigende Warnung, deri Punsch nicht kalt werdto 
zb lassen. Wenn jedoch Viehoff, einer seiner Erklärer, seinen 
niit dem meinen ziemlich übereinstimmenden Tadel schürest: 
»Diese Lücken, der Parallelisirung kommen aber n«r dent kalt 
prüfenden Versande zum Bewussteehv im Ge<Hfchte selbst wird 
man darüber bk*weggerissen und gewinnt einen vollen, befrie- 
digenden Eindruck" — so schildert er damit fijeilieh den Zu- 
stand der meisten Leser. 7 Und so geht es uns leider mit nicht 
weniger! Gedichten Schiller'*. Sie bestechen durch schöne Worte 
und unverständlich erhabene Gedanken, und der Dichter hat 
sich selbst dadurch bestechen lassen. Man muss deswegen bei 
deinen* Lobe . Vorsichtig arid strenge sein , das Wahre vea » dem 
Halbwahren, das Schöne von dem Gleissenden, das Erhabene- 
von dem Schwülstigen sondern. Es wird des Guten uftdTrtff-* 
liehen noch genug übrig bleiben, und der Dichter erat soi in 
seiner wahren Grösse erscheinen.: 

Einem fast nicht mindern Tadel unterhegt das einzige be- 
deutende Gesellschaftslied SchiHer's »an die Freude.** 5 Ee 
bat eine für den Gelang sehr passliche Fdrm, indem jedesmal 
auf da« achtteilige Versgebinde, das für; dön Ei&xelöänger be- 
stimmt ist, ein; Rundgesang oder Ghor von vier Zeilen /folgt* 
Dahefc ist es dfenri Auch von mehreren Tonsetzern mit einer 
Tonweise veiiseben worden« und wurde vor etwa fünf zig Jahren 
durch ganz Deutschland bei GastntaJerai abgestimmt. Daß« man. 



üetfer ftoMllafr 4U fcisdeitffcolrter. t* 

solöbeji Vorzug gab* dürfen wir aber nüfat za teeh 
anschlagen, i Es gab damals «war vie^i<At mehr Gesellschaft*^ 
lipdii! alt jetzt, x.B. vonClaudms, Voeis, Hölty, SaKfry Kotseb*e; 
aber die Nfeigung au Gesingen, an deeen Jeder theilnehmen 
knöpfte, war» auch viel grösser ab jeiit, wo man slöh lieber von 
geübten Kunstsä&geroJäfcwa* vorsmgien liest. Indess trog die 
gewaltige, fafc dahin i»erhörte Kraft spräche auch das ihrige beL 
Dad Gedicht ist mm allerdinge Weder im Ganten noch iafrBitf» 
isekien ladeHoe, wie das atioh die grösstfen Verekrer des Dich- 
ters eingestehen. Am auffälligsten ist: da» Springen von eiöem 
Vergleich zram andern. Die Freud» ist gleich in den ersten vier 
Zmkai em * Futikeft, ein Götterftmken , ; und eine heidnische Gat- 
tin v -eine Tochter aus Eiysium, welche zaubert; m der dritten 
Strophe wird sie em Getränk, das alle Wesen an den Brüsten 
der Natur trinken, und zugleich ein wandelndes Wesen : * Alle 
Guten, aUe Bisen Folgen ihrer Roeenspur. Küsse gab sie 
uns* u. b. w. Weiterinn ist sie erae Feder, welche das Räder- 
werk- idet grossen Weltenuhr treibt, und lockt zugleich Blumen 
aus den Keimen, Sonnen aus dem Firmament und rollt Sphäre* 
in den Bäumen. In der fünften Strophe ist sie auf die ver- 
schiedenste Weise thatig, sie lächelt den Forscher aus der 
Wahrheit Spiegel an, leitet den Dulder oder vielmehr des Buk 
der* Bahn ad der Tugend steilem Högel, schwingt auf des 
GkubensSatmenberge -ihare Fahnen, ubd läset sich endlich durch 
den Riss gesprengter Särge im Chor der Engel sehn. Gegen 
das Eide -Verschwindet sie ganz, indem der Gedankengang sich 
ptozüch andeitv und sie in Verbindung mit' dem Wein als 
Lehrerin alles Edlen und Schönen erscheint, wobei die Zeilen 
anfeilend „In der Traube goldüem Blut Trinken Sanftmut!* 
Kannibalen, Die Verzweiflung Heldenmuth," ein schwerlich- im 
Allgemeinen zuzugebender Erfolg. In der letzten Strophe for* 
dert der Dichter» zu festem Math, Hülf leiertung , Heilighai ttmg 
des Eides, Wahrheit gegen Freund und Feind, MännersteU, 
aur Gerechtigkeit , zur* Belohnung der Guten , zut Bestrafung 
der Bösen, und -in einer allerletzten, in der Sammlung wegge-» 
lasscnen oder nur unten als- ßrgärizung hinzugefügten Strophe 
aur Rettung von Tyraimenkelten , zur Grossmuth auf , wobei 
denn HoffiniB&iaiuf den Sterbebetten- und Gnade auf den* Hoch-« 



14 Uebe* Schule? 4 iß Litderdi+kte«. 

gesteht verhsistjen, und wie vorher scben dem .gritan-Gntst auch 
de*,,Tedten ein Tarinkafffioeb gewidmet wird: ^Allen Süädam 
soll, vergeben Und 4* Hölle eiebt; mehr stein 1" Die* klingt 
beinahe so verwegen wie das Räuherlied: „Ein freies Leben 
führen wir," oder ues Beiterlied in . Walktsteifis Lager: 
»Wohlauf, Kameraden* au£e Pferd, anfVfftüd^ unstreitig in 
ihrer Art höchst gelungene Lieder, freiüeh dal eratere eigent- 
lich nur von Säubern, das letztere nicht einmal jra*«UeQ Bei* 
tetn £u^ singen, und doch zu ihrer. Zeit in* GeseUtiokaften viel 
gelungen.. Eür em Gesellschaftslied sind aber in den Lied an 
die^ Freude, uin auf dies nenh einmal zuffüdunkamman* euch 
zu viel Gedanken» Aber . den Deutschen ist seifest bei der Freude 
deet Nachdenken, der Ernsjt, die Wehmuth nicht unwillkommen, 
und dies. igt wohl an bedeutender Grunde warum Schiller ein 
sosehr beliebter und hochgeachteter Dichter geworden. iat> und 
Weshalb alle Dichter, die diesen Ton und nebenher <len idylli- 
schen^ gemüthjichen, Iffland'ö und seiner Nachfolgerin iBireh- 
Pfeiffer, anzustimmen wiesen, einen gros aen Lese- und Zuhetoer* 
kreis finden. 

Die geigten. Fehler und Tugenden habe» denn auch, cftn 
gfcieh in «ehr verschiedenem Grade, die übrigen Schiller* sehen 
Lieder, welche sieb alienfalle als gesellschaftliche betrachten 
lftseen,. namentlich des „an den Erbprinzen von Weimar, 
als er nach Paris reiste, in einem freundschaftlichen Zirkel 
gesungen, u worin fast Uopstockisoh-vaterlandiache Gefluide err 
klingen mit einem scharfen Seitenblick ^iif Frankreich: ■ ^Daaa 
düfh der vateriänd'sehe Gast begleite, Wenn dich das schwanke 
Brett t Hinüberträgt auf jene Unke Seite, Wo deutsche Taten' 
vergeht-" Das Gedicht ^der Antritt de* neuen Jahr-» 
hundert 3 u hebt mit Vertrauen Und Hoflbung an, «eUiekst 
aber tief elegisch, und ebenso das .Gedicht „die Gunst d*a 
Augenblicks." Der Anfang heisst; „Und so finden wir uns 
wieder In dem heitern bunten Beihn, = Und es aoH dec Kraus 
der Lieder Frisch und grün geflochten sein, 44 und der Schlüsse 
„So. ist jede schöne G^be Flüchtig, wie des. Bliüles Schein; 
Schnell in ihrem düstern Grabe Schlkset die Nacht sie tiiedec 
ein**; t Das Gedicht „die vier. Weitester* sehilfat diese, her, 



Heber ftafcültfr ais Liederdichten M 

klagt ^den üateigang .der griechwtk«n XBötter: ^ESo öött« 
aankjem<itofe Hitonekthron, Es stürzte» die herrlichen Säftlen,« 
huldigt jedoßht ninigennassen der. neuen Zeit, „Und gebaren 
^ucde der Jungfrau Sohn, JDer Erde. Gebrechen -zu heuern^ 
wadipmet zulegt Dichtkunst und liebe: „Gesang und Liebe 
Mb »Chanen Verein* Sie erhalten dem Lebdn den Jugendschein,« 

Die Klage, Seldler's über de^ Untergang der Grieckenweit 
tönt.tiiin bei ihm; niebt Mens in Liedern* «ondsrn in rieten an* 
deaat Gtdmläm, z* ß. „die Sänger dir Vorwelt, ydie 
An4ik*tt zu Paris ,^ nnd aan stärksten in dem Gedichte *dd« 
Gätteri Griechenlands^ nnd -verbindet eich mit deroüge« 
meinen Klage über, da« unbefriedigende irdische Lieben» *ivd 
aber durch .den Bück auf die Kunst gemildert, wie in metoeren 
der. eel)on angeführten Lieder* besonders .aber in dem noch nicht 
angeführten ,ydie.Ma*xhtt des Gesänge*," 1 man denke, «nr 
an Verse wie: „Es schwinden jedes Kummers Falten, So lang 
de* Liedes Zauber walten f u urid noch schöner, dichterischer, 
taiUUirther, ich möchte sagen unvergleichlich schön 1 in dem Ge* 
diente, „das Mädchen a,ue der iFreindei," wohin auch die 
* Dithyrambe^ umldie Hymne „der Triumph* der Liehe," 
das Lied „die Theilung der Erde^ iuhI die auszuseieh» 
nende, halb scherzhafte Erzählung „Pegasus im Joche 44 ge* 
hörßi Attsaerdem) tröstet er eich freilich auch mit der Weife» 
Weisheit, wovon die zum Theil noch kaum als Lieder zu 
befrachtenden kleinen Diehfcuogen,. „die Worte des Glau- 
bena,1 „die, Worte des. Wahn*," »Liehtturd Wärme»* 
„Breite nndiXiefe,'* ^Hoffnung* u.. s. w« Kunde geben, 
z. B. „Im Herzen kündet es laut sich an, Zu was Besserem 
sind wir geberen,** oder „Was kein Ohr vernahm» was die 
Augen nicht sahn, Es ist dennoch das Schöne, das Wahre, 44 
oder" „Dem Menschen ist niubmer sein; Werth gerauht, so lang* 
er noch an die. drei Worte (Freiheit, Tugend, Gott) glaubet 
Dagegen fehlt der fßomme, wenigstens der chmtliöbs Trost, 
Der Gottesglaube fehh zwar nichts aber Gott 'wird mk den 
heidniaehen Göttern . bisweilen in deineelben Xiede zusammen- 
gestellt* In dem Liede an die Freude wird Gott* allerdings defe 
liehe Vaien, der* Schöpfer, der grosse Gett, dar ignte Gott, der 



U Ueber Stiller iig Li edier* ich t er. 

ßtemenrichter, der Todtenrichter genagt, aber wenn mim auch 
den 1 Ausdruck „der Unbekannte u für* Gott; sich gefallen Ässt, 
ao uasstöiien doch daneben die Zeilen: „Göttern kkaui «paü. nicht 

vergelten, Schön ist'», ihaen gleich zu sein." GÖthe ist *üöht 

selten der -Unchri&tlichkeit beschuldigt; ich glaube, mit : uk^lerem 
Keöht als Schiller. Doch auch Sohiller wollen wir lieswegen 
nicht zu sehr anklagen. Die Welt Weisheit» seiner Zeit, die 
Kantische, welcher er anhing, suchte sieb von dem Glauben 
loszumachen, und meinte der geoSenbarten ßeligion nioht zu 
bedürfen.' > „Er brachte" — heisst es in. deiner Lebaaisbeichrei- 
büng von Viehoff «-* „was seine Lebensansehauung, namentlich 
seine religiösen Ansichten betritt, wahrscheinlich' schön, wenn 
auch dem eigenen Bewuastsein noch verhüllt, eine getheilte und 
schwankende Gesinnung in das Cadetteranatifcttt mit."— „Sein 
frommer -Sinn" — heisst es dann weiter — *&nd in&lopstock's 
Oden: und der Messkde die willkommenere Nahtung:« Aber er 
wandte sieh- bald davon ab, upd wir haben nur eine in der 
Sammlung nicht enthaltene »Hymne -all den Unendlichen" ihm 
KlopeJjockiscber Weisel vom ihm.. Hoffmeister sagt 'davon: 
^Dieses einzelne Gedacht blieb auch das letzte in seiner Gat- 
tung ,. und < so «ehr vedlrän&ten die aJusöehüesslieh herrschenden 
heroischen und : sdaonmenschhchen Stimmungen der Begeisterung 
die eigentlich religiösen Gefühle, da&s sieh die Religion, nach 
und nach aus seinem Gesichtabreise und seiner Theorie' verlor." 

Mit erfcstetn Selbstbewussteein strebte Schiller ab^r der 
Wahrheit, Sittlichkeit und Schönheit wie in seinem Leben, so 
in seinen Dichtungen nach, wiewohl nicht ohne Schwanken, 
eben auch in. seinen Kunstansichten. Erst nach einem Missgriff 
ini einem seiner letzten Trauerspiele, „die Braut von Meseina,* 
dessen Chöre übrigens voll der erhabensten lyrischen Stellen 
sjM, kehrte er auf den richtigen Weg in seinem letzten Schau- 
spiele „Wilhelm Teil" zurück. Und so tnag er bei der Schil- 
derurig des Mannes in der „Würde der Frauen" besonders an 
sich selbst gedacht haben: „Ewig aus der Wahrheit Schränken 
Schweift , des Maanes Wilde Kraft, Unstät treiben die Gedattkei* 
Auf dem Meer der (Leidenschaft eie.K Dase es ihr* abe»; auch 
gelange sich seJbet zu verlaugnen und in die Sache zu vertiefen, 



Ueber* Sokflier als Liederdichter. 17 

da« aeigen viele seiner Schauspiele durch treffliche Charakter« 
Zeichnung, und nickt minder viele seiner Baliaden und beschreib 
banden Gediente, e. B. die Schlacht. Ja, er hat sogar ein ein» 
xiges, kindliches, liebes» heiteres, ich möchte sagen mehr Götbt* 
schea als Schilleriaches Lied gemacht, „an de« Frühling,* 
das noch in seine frühere Zeit zu fallen scheint. 
. i ■ '. 
Aber ich machte mich der grössten Ungerechtigkeit schuldig, 
wenn ich nicht noch ein Gedicht Schiller's erwähnte und laut 
priese, eines seiner längsten und gedankenreichsten und dennoch 
empfindungsvollsten — dies ist „das Lied von der Glocke, a 
ein in dem deutschen und vielleicht dichterischen Schriftenthum 
überhaupt, seiner Erfindung und Ausführung nach einziges, wohl 
das beste Gedicht Schiller's. 

Fassen wir nun die etwas lange und hin und wieder auf 
Abwege gerathene Auseinandersetzung über seine Lieder zu- 
sammen, so scheint sich zu (ergeben, dass Schiller eigentlich 
kein Liederdichter ist, theils weil er in Vergleich mit seinen 
übrigen Leistungen nur wenige Lieder gedichtet hat, theils weil 
die meisten derselben von allerlei unechten Bestandteilen, von 
einer einseitigen Vorliebe für die alte Welt, besonders die 
griechische, und von düsteren Ansichten des menschlichen 
Lebens getrübt sind und der edlen Tröstungen, welche uns das 
Christenthum gewährt, entblösst, endlich auch weil sie zu ge- 
dankenreich sind. Wie verschieden ist er hierin, und überhaupt 
von Göthe! Dieser hat zwar auch ein strebendes und mit innern 
Kämpfen verbundenes, aber ein äusserlich vielfach begünstigtes, 
ein ereignissreiches und ein langes, bis in's hohe Alter thätiges 
Leben geführt. Er hat 82 Jahre gelebt. Schiller zählte 45 
Jahre, als er starb, also fast nur die Hälfte der Göthe'schen. 
Welche Entwicklung stand ihm wahrscheinlich noch bevor! Wir 
haben den ganzen Göthe, aber nur den halben Schiller, und 
dennoch setzen wir ihn Göthe fast gleich, ja in gewisser Hin- 
sicht in dem Glauben an das, was er bei längerem Leben ver- 
möge des Adels seiner Natur noch hätte werden und leisten 
können, fast über ihn. Freuen wir uns dieser beiden Dioskuren 
unserer Dichtkunst, seien wir stolz auf sie, aber nicht blind 

Archiv f. a. Sprachen. XXIV. 2 



18 Ueber Schiller &U Liederdichter. 

gegen ihre Schwächen ! Huldigen wir der Wahrheit! Und warum 
wollen wir die Hoffnung auf einen Dichter der Zukunft auf- 
geben, der uns nicht sowohl noch vollkommnere weltliche Lieder 
gibt, sondern der Klopstocks, Schiller's und Göthe*s Geiat in 

sich für noch höhere als Davidische Psalmen vereinigt? 

* 

Berlin. Dr. Kannegiesser. 



Zum Verständnis» des Wörtchens 

„Ausser".*) 



Ausser (s. Aus I, 7) präp. und conj. 1) Es bezeichnet 
etwas Nicht -Miteingeschlossenes und zwar etwas Abgenom- 
menes, als nicht hinzugehörig Ausgeschlossenes, — aber auch 
Etwas, worüber das Erwähnte hinausgeht und was deshalb 
nur nebenbei mitberücksichtigt wird (vgl. 7) z. B.: Ich arbeite 
jeden Tag vierzehn Stunden ausser [d. h. ausgenommen, mit Aus- 
schluss, nur nicht etc.] am Sonntag. Ausser an den Werkeltagen 
arbeite ich auch am Sonntag noch vier Stunden [d, h. abgesehen von 
der gewöhnlichen Arbeitszeit, noch dazu, noch darüber hinaus], 
— Das wissen Alle ausser ihm [nur er nicht]. Ausser ihm weiss 
es noch sein Vater. — Er ist ein sehr brauchbarer Arbeiter, ausser 
dass er ein bischen flüchtig ist [wenn man davon absieht, mit der 
einen Ausnahme]. Ausser(dem) dass er flüchtig ist, ist er auch un- 
geschickt. — Er glaubte den Rheinstrom vor sich zu sehen, ausser 
dass hie und da ein Strauch hervorguckte. Stilling, 4, 70 [Das 



*) Probe aus dem die Formwörter etc. umfassenden zweiten Theile 
meines „deutschen Wörterbuchs", vgl. in meinem „Programm eines neuen 
deutschen Wörterbuchs" die Vorsilbe Ab und die Bndsilbe Chen. — Ich 
habe hier die Hinweise auf andere — dem Leser freilich nicht vorliegende 
— Artikel nicht fortlassen wollen, um wenigstens anzudeuten, dass manches 
Hierhergehörige an andrer Stelle seine ausführliche Besprechung gefunden. — 
Die Belegstellen sind mit Ausnahme der vorangestellten Bibelstellen (nach 
Luther's Uebersetzung) alphabetisch nach dem Namen der Verf. geordnet. 



20 Zum Verständniss des Wörtchens „Ausser.* 

war der Unterschied, die Ausnahme]. Da es, ausser dass es 
nahrsam, im Geschmack uns so ergetzt. Brockes, 9, 260 [der 
Wohlgeschmack kommt zu der Nahrhaftigkeit hinzu]. — Er ar- 
beitet nie, ausser wenn man ihm Etwas aufgiebt. Er arbeitet auch, 
ausser wenn man ihm Etwas aufgiebt, fleissig etc. — Andere Be- 
merkungen über die Bedeutung finden füglich unten ihre 
Stelle. — 

2) Die Conjunktion knüpft namentlich Sätze mit dass 
und wenn an (e. 1), wobei jene meist — doch nicht ausschliess- 
lich — die Bedeutung 'haben, dass noch Etwas mehr, obendrein 
hinzugefügt wird, diese eine, Ausqahme bezeichnet, z. B. : 
Ausser dass er den Einnuss nicht hat . . ., so braucht er gegenwärtig 
sein bischen Armuth für sich. Engel, 12, 200; Schiller's Abhand- 
lung . . . hat, ausser dass sie meine Einsicht . . . erweiterte, mir selbst 
über die Grenzen ein neues Licht gegeben. F. Schlegel, Gr. und 
R. 1, XI etc. Aber auch : Hörte ihn ohne andere Bewegung an, 
ausser dass sie das . . . Auge zu ihm bedauernd aufhob. J. Paul, 
3, 70 etc. — [Die von ihnen Geführten] nicht liegen zu lassen, ausser 
wenn sie in augenscheinliche Gefahr ihres Lebens kämen. G. , 14, 
232 etc. — 

Doch werden natürlich auch andere Sätze mit ausser (meist 
im Sinne der Ausnahme) angeknüpft, z. B. : Phantasierte die 
ganze Nacht, ausser [nur] da man ihm die Communion reichen wollte, 
sagte er etc. Goethe, 28, 108; So nenn' ich dich | ausser [es sei 
denn] du bindest mich. Heide, Sal. 1, 254 ; Gott half gnädig ohne 
Schaden davon, ausser nur [nur dass] bekam ich eine Beule. Schwel- 
mchen, 3, 58 ; Den Franzosen sei jeder Gedanke unverständlich, ausser 
[es Bei denn] er werde in den von der Akademie gebilligten Phrasen 
vorgetragen. A. Springer (Prutz, deutsches Museum 1, 2, 662); 
So gibt sich nicht leicht ein ehrenhafter Mann — ausser er brauchte 
den Gehalt — zum Sündenbocke her. Waldau, Nat. 2, 88 etc. 

3) Die Conjunktion fügt auch einzelne Worte und 
Satztheile an — ohne Einfluss auf die Rektion, vgl, 4 und 7. 
— z. B.: Alles findet seines Gleichen ausser ein Einziger. Goethe, 
10, 63 ; Als sie Nichts fanden ausser ein paar Kupfe&reuzer und einen 
vergoldeten Sechser. Hebel, 3, 163; Weil es unüberwindlich und 
unzukommbar ist , ausser Verrätherei. Heinse, Ard. 1, 38;, Solche 
Dinge vertraut m«*n nicht ausser gegen wen man muss. 117; Nie* 



Zum Verständnis* dei Wörtchens „Ausser.* 21 

mand kommt mir entgegen ausser ein Unverschämter. Lessing, 2, 
163; Klinger, F. 291; Ausser dann als. F. Lewald, L. Ferd. 
l y 269; Die Thore, die zublieben ausser das Rbonettoor. Schiller, 
1082a ; Keine, ausser nur zwei treue Diener. Talvj, Serb. $, 248 etc. 
Anmerkung. Früher so auch: ausserhalb: Ging das ganze 
Jahr über nicht in die Kirche, ausserhalb in der Fastnaeht. Zinkgref, 
1, 279 etc. und häufig: ohne, daa auch mit der Präposition ausser 
vielfach vermengt wurde und hin und wieder noch wird. Doch bildet 
ohne <fen Gegensatz von mit, wie ausser von in und Beide können 
jetzt nur in einzelnen Fällen stehen, wo etwas nicht mit in Etwas 
Enthaltendes. bezeichnet werden soll und auch hier noch mit dem Un- 
terschiede, dass das mit ausser Beigefügte als das Hauptsächliche, 
das mi$ ohne als das Nebensächliche erscheint: Ich habe ausser den 
zwanzig Louisdors noch zwei oder drei ThaSer. Die Advokatur-Rech- 
nung beträgt zwanzig Louisd'ors. ohne die paar Thaler Auslagen in 
Kourant. — Ausser den Erwachsenen waren noch viele Kinder da. 
Es waren iunfisig Personen ohne die Kinder (s. 2 Mos. 12, 37). — 
Das Buch kostet zwei Thaler ohne den Einband; ausser den zwei 
Thalern für das Buch niuss ich noch sechs Grosehen für den Einband 
bezahlen etc. — Ganz verschieden aber: Er hat ein Haus ohne 
Garten, — ausser dem Garten noch ein kleines Haus geerbt etc. 
Wer ohne Bett ist, hat keins; wer ausser dem Bett ist, befindet sich 
nicht in demselben. Die Krankheit ist ohne — , der Kranke ausser 
Gefahr. — Ale Gonjunktion gebraucht z. B. Luther „ohne": Wo ist 
ein Gott oh n oder Herr, oder ein Hort ohne unser Gott. Ps. 18, 
32, was bei Mendelssohn lautet: Wer ist ausser dem Herrn ein 
Gott? wer ohne nnsern Gott- ein Hort? — Und so verbindet Luther, 
5, 492a: Ein Amt kann Niemand haben ausser und ohne Befehl 
und Beruf. — . Ferner: Wer den Gottern opfert ohne dem Herrn 
allein. 2. Mos. 22, 20; 1. Kön. 15, 5; Ruth 4, 4? Joh. 45, 5; 
1. Kor. 12, 3; Joh. 6, 46 etc.; Hat noch nie geregnet ohne nur 
gestern ein wenig. Luther, 5, 21a; 535b; 6, 120a; 124b; 126b; 
131a; 317b; 8, 310a; 314a; 317b u. o.; Berlichingen, 194; Zink- 
gref, 1, 182 etc. und selbst noch: Muss ein nützlich Futter werden, | 
ohne [ausserdem] dass er in der Grütz', j auch zum Trank uns selber 
nütz. Brocke* , 9, 146; Dass ich nicht nachdenken kann ohne mit 
der Feder in der Hand- Lessing, 11, 641; Trotz ihrer Marmorblässe, 
die Alle ohne den röthlichen Greis überzog. G. Keller, gr. Heinr; 



29 Zum VerständaisB dei Wörtehens „Ausser.« 

3, 188 etc. — Namentlich noch oft: ohnedies, ohnedem t= ausserdem, 
überdies, siehe auch 7 am Ende. — 

4) Die Präposition ausser. (Ueber die Betonung von: 
ausser sich ^ w _ vgl. Bei 3m). Sie wird in den meisten Sprach- 
lehren als nur mit dem Dativ zu verbinden angegeben; doch 
findet sie sich auch — abgesehen von der keinen Einfluss auf 
den Kasus übenden Conjunktion, s»3 — mit Genitiv und Acou- 
sativ, vgl. Spate, 2, 237; 239. — Der Genitiv ist ausser in der 
Fügung: Ausser Landes (s. d.) veraltet, obgleich er feich auch 
sonst noch vereinzelt findet: Wie wir ausser des Ratbenauer Post- 
curses gerathen waren. Chamisso, 5, 209; Im Jahrhundert der 
Reformation redete man ziemlich rein Tentsch ausser weniger italieni- 
scher, zum Theil auch spanischer Worte. Leibnitz , 2, 457 ; Ist je- 
doch ausser Standes. Linck, Schlangen (1855) 84; Ausser Mundes. 
Logau, 3, 5, 64 ; Im Hofe gilt unstreitig sein Reglement, allein ausser 
Hofes etc. Moser, Osn. 1, 224; Ausser (des) Weges. Schuppitts, 
729 (auch bei Opitz u. &, vgl. unten). Unverrichteter Sachen, 
ausser der zwei Belehrurtheil. Schweiinchen , 3 , 30 ; Ausser des 
Eides gab es noch etc. E; Willkomm) Pomerering (1855) 2, 
70 etc. — 

Für den Accusativ folgende Stellen : Mit seinem kleinen Hute 
kam er zweimal ausser die Mode und zweimal wieder hinein. Engel, 
12, 3; Däss mein lieber Mann . . . mich durch seine gar zu grosse 
Sparsamkeit ausser den Stand setzet, Jemandem Gefälligkeiten zu er- 
zeigen. Geliert, 3, 223 (eine aueh von Adelung angeführte, 
aber getadelte Stelle); [Das chinesiche Volk] ist ein Winkelvolk 
auf der Erde, vom Schicksal ausser den Zusammenhang von Nationen 
gesetzt ... Ausser dieser Lage würde es schwerlich geblieben sein, 
was es ist. Herder, Phil. 5, 17; Du bist nun ausser unsere Ge- 
meinschaft gestellt. Keller, gr. H. 2, 63 ; Da sie nicht ausser ihren 
Clan heirathen durften. Musäus, Märch. 1, 173; Eitelkeit, die mich 
ausser mich versetzt. H. L. Nicolai, 1, 112; Der Scherer begleitete 
sie ausser die Stube. Pestalozzi, 1, 50; Hüte dich . . ., je ausser 
dich zu kommen. Rückert, Weish. 3, 63; Dass mich das marmorne 
Mädchen etwas ausser mich gebracht hat. Seume, Spaz. 101; 
Durch eine wahre Verzauberung ausser die Natur versetzt. Schelling, 
2, 2, 184 ; Der Bissen gelangt damit ausser den Bereich des mensch- 
liehen Willens. G. Ule, Natur (1855) 59b; Ein ausser den Lear 



Zum VerstKndnisf des Wörtehens „Ans i er.- 28 

/ 
gestalltes loh des Leer. H. Voss an J. Paul, 44; Staut sich . . . 

ausser den Kreis. Warm , deutsche Sprache (1856) 47 etc. — 
Besonders oft: Ausser allen Zweifel gesetzt oder gestellt, z. B. 
Goethe, 39, 249; Lessing, 5, 325; 6, 290; Lichtenberg, 4, 93; 
Schelling, 2, 2, 12; Schiller, 741a etc. — Hieran schliessen 
sich Fälle, in denen bei fehlendem Artikel etc. die Form des 
Kasus nicht erkennbar ist, z. B. : Als die beiden Frauen den artigen 
Dichter ausser Gravität und in seine liebenswürdige Stimmung ver- 
setzten. Konig, Cl. 2, 301 ; Ausser Fassung kommen, gerathen etc. 
(dagegen als Dativ: — sein); Eine Münze ausser Kours, Umlauf 
setsen; Einen ausser Th&tigkeit bringen; Sich ausser Atheni laufen; 
HÜsste sie ausser Atbem. Musäus, Mähren. 5, 92 [wo „Athern" 
als Dativ zu fassen ist, wenn der Küssende, — als Accusativ, 
wenn die Geküsste als athemlos erscheinen soll] etc., wie man 
denn gewöhnlieh sagt: Ausser Stande sein, aber — : Einen ausser 
Stand [ohne das Dativ-E, s. E] setzen, obgleich sich auch findet: 
Ausser Stande gesetzt. Knebel 2, 363. 

Tritt in solchen Wendungen der Artikel oder ein Fürwort 
etc. ein, so wird meist ausser vermieden : Das brachte ihn ausser 
Fassung, — aus seiner Fassung heraus, wie z. B. die Stellung aus 
Engel, 12, 3 gewöhnlicher lauten würde: Mit seinem Hat kam 
er zweimal aus der Mode etc. Hierbei liegt das Gefühl zu 
Grunde, dass ausser dem Wo?, wie aus (s. d. I, 7) dem Woher? 
entspricht, so dass Einen ausser Fassung bringen als Ellipse zu 
erklären ist: In den Zustand des „Ausser -Fassung -Seine" 
bringen etc., wie umgekehrt Lichtenberg, 5, 472 elliptisch 
schreibt: [Die Geschichte] ist aber ausser atien Zweifel, — etwa: 
gesetzt, und Lessing, 8, 506: Rühmte die Zierlichkeit ausser alle 
Massen-, vgl. 11, 665: ausser der Massen, — analog: über alle 
Massen, — so dass das Bühmen über alle Schranken, über alles 
Mass hinaustritt, es überschreitet (s. Aus, I, 7). 

Jedenfalls sind für das Schwanken des Gebrauchs hier 
Stellen zu erwähnen, wie: Dass er schlechterdings ausser aller Ver- 
bindung mit dem Vater herausträte. Engel, 12, 39; Nur von der 
blossen Erinnerung komm' ich ausser mir [e. 6]. Goethe , 9 , 41 ; 
34, 40; Wenn man mich ausser mir selbst herausbringen könnte, 
müssten es diese Tage thun, aber ich falle immer wieder in mich zu- 
rück. 24, 124; Aus aller Fassung gebracht. 16, 228; Ich ward 



24 Zum Verständnis« des Wörtcheas „Ausser** 

halb ausser mir. Klopstock, 11, 18; Di« ihr Vorgeben ausser allem 
Zweifel setzen. Lessing, 6, 114; Wie dich «ein wohlgemeintes Lob 
ausser dir setzen können. Liscow, 404; 16; Dass die Grenze bis 
ausser den Säulen des Hercules sich erstreckte. Lphenstein (Wacker— 
nagel, 3, 1, 866, Z. 22), vgl.: Dass ich ihm nachfolgt« auf den 
Fuss | bis ausser der Menschen Zusammenfluss. Bückqrt, Mak. X» 
88 ; Nächst ihr stellt' er sich selber den. schöngebüdeten Sessel | ausser 
dem Schwärm der Freier. . Voss , Odyss. 1, 133 ; Und wann Ausser 
dem Haus und ausser der Stadt sie gekommen. Ovid, 1, 206 ; Dieser 
verstellte Unglaube brachte mich ausser nur. Wieland, 9, 233 *tc. 

Die Erklärung ist oben gegeben, z.B. für Goethe, 24, 
124; Wenn man mich in das „AuMernmir" als an einen „ ausser 
mir" befindlichen Ort etc. bringen könnte, vgl.: Wie klar und 
richtig die Alten das Ausser ihnen gewahr wurden. Goethe, 39, 
50; Wir haben mit dem Ausseruns Nichts au schaffen, sondern, 
mit dem In uns allein. Zschokke, 1, 194 eto.* ferner: Wenn nun 
schon alle jene Thätigkeiten ausser halb, der Seele fallen, C. Vogt, 
I£öhlergJ. ,114, d. h. in das ausserhalb derselben liegende Ge- 
biet etc. — % . , . . , 

Gewöhnlich gilt für das ausser der Bewegung; aus — * .heraus 
(s. o.), z. ß. sprüchw. : Niemand kann aus seiner Haut heraü* etc., 
doch, ist es nicht in allen Fällen anwendbar. Was z, B* aus 
der Stube herausgestellt werden soll, muas drin, sei«? auf die 
Frage aber: .^Solider neue Schrank in die Stube kommen?" raüsste 
die Antwort wqfyl lauten: „Nein, ausser die Stube, obgleich ich noch 
nicht weiss, wohin. Doch vermeidet man dies meist durch eine 
verneinende Wendung: „Nein, nicht in die Stube" ete* 

Endlich sei noch ausser mit Accusativ nach Analogie von 
ausgenommen bemerkt: Wer schon verheirathet ist, Alle ausser Einen, 
sollen das Leben behalten. Schlegel, Hajnl. 3, 1. 

5) Der Bedeutung nach ist die Präposition zunächst, ört- 
lich, ziemlich = ausserhalb (s. d.) : Ein Volk, das nur der Pferch 
zum Volk macht, das ausser demselben den. Wolf fürchtet. Börne, 
1, XVIII; /Die Vögel bringen ausserm Leibe in Eiern ihre Frucht 
zu Stande. Brookes, 9, 233 ; Zu JBause . .. , Ausser Hause. Bür- 
ger, 301a; Ausser den Wegen durchs. Gras gehend. Chamisso, 4, 
243; In allen Städten in und .ausser der. Halbinsel. Fallmerayer, 
Mor^ 1, 71 ; Liegt ausser unserm Kreise^ Goethe 39, 283; Warten 



Zum Verständnis! des Wörtckens »Ausser.* t* 

ausser diesen. Zielten. 4» 123; Da stehe ich auf meinem Platze ganz 
ausser dem Dorfe. Lessing; Hat man ihn in seinen scherzhaften 
Epopeen als in seiner Sphäre bewundert, so wird matt ihn auch hier 
nicht ausser derselben finden. 5, 37; Der Mord des Lajus,. welcher 
ausser der Handlung ist« 13, 27 (Nicolai); Auch aniser Britannien 
leben Menschen. Schlegel, Cymb. 3, 4; Liegen ausser dem Bereich 
der Kunst» Tieck, Nov. 5, 232; Welche den Rathschlus* | ausser 
dem Hause belauscht» als Jene darin sich besprachen. Voss, Od. 4, 
678; 23, 178; In und ausser dem Gehege hetzen . • •« in oder ausser 
ihrer Bahn fällen. Zinkgref, 2, 34. — 

6) Ausser steht aber wie sein Gegensatz, in (vgl. inner) in 
vielen Fällen, wo die rein örtlichen ausser» und innerhalb (a< d.) 
nicht anwendbar sind, weil kein Bezug auf ^inen umgrenzten 
Baum statt hat, so namentlich vor Abstracten und vor Personwör- 
tern : Wo Etwas ausser Schick kam« Alexis« Hof. 1, 1, 14 ; Ausser 
Acht lassen. Bürger« 299b ; Die da ausser Sicht [so das» sie nicht 
zu sehen war] stand. Chamisso, 6, 274; Schon wieder ausser 
Sorgen. 3, 204; Ausser Brot gesetzt. Forster« Br. 2, 307; Ausser 
der Ordnung des laufenden Vortrags gezeigt. Goethe, 39, 445 ; Wo 
Alles ausser uns herrlicher erscheint. 14, 73; Dinge, die mich ausser 
Athem und Besinnung brachten. Gutzkow, fUttv 7, 484; Ausser 
Verlegenheit sein. J. G. Jacobi, 1, 56; Ausser Beschäftigung sein» 
Kohl, Irl. 1, 159; Ausser Vergleich gesetzt Kürnberger, Am. 315; 
Denken wir uns als ausser uns. Lessing, 11, 93; In Acht und 
Bann gethan und ihre Nähe ausser Gesetz erklärt. Bank, Schm. 51; 
Seid ausser Furcht! ßch. 123a; Welchen Genuss ich ausser mir 
hervorbringe, bringe ich in mir hervor. 755a; Selbst wachend ist er 
[der Traum] ausser mir, wie in mir. Schlegel, Cymb. 4* 2; Das 
liegt nun vollends ausser aller Zeit. Unland, 201; Die Sache ist 
ausser allem Spass; Ausser Zweifel« Frage y Streit; Ausser Diensten*, 
Thätigkeit« Wirksamkeit, Kraft sein; Ausser der Reihe, der Ehe etc^ 
Etwas ausserm Zusammenhang nicht verstehen, s. Aus I, 7. — 

Hierzu auch: Ausser sich sein, kommen, gerathen, setzen, 
bringen etc. (s. 4) im Gegensatz von bei (s. d. 3b) sich sein , zu 
sich kommen s Ausser sich sein. Bürger, 291a; Goethe, 10, 112; 
114; Schiller, 259b; 425b; Wieländ, 11, 256 etc., vgl.: Von 
sich sein. Goethe, 14, 110; Immermann, Münchh. 4, 55; Schiller, 
303a etc. (s. auch: Entzückt und Aus, I, 7); Die Seele war mir 



26 Zum Verständniss des Wörtchens „Ausser.'* 

entwichen, ich war ja ausser mir und nicht bei mir. Herder, Rel. 7, 
42; „Ihr seid ausser euch!" Ha,*dass ich's war, nicht in mir, mir 
entronnen. Müllner, 4, 98; Ist ausser Verstand. Döbel, Jag. 1, 
20b etc. 

7) Die Präposition ausser in den unter 1 (s. auch 3, Anm.) 
angegebenen Bedeutungen: Er erbt ausser den hundert Thalern 
Alles [wobei diese ausgenommen sind] ; Er erbt ausser den hundert 
Thalern [dazu , darüber] noch einen Garten , Nichts etc. , vgl. : Ich 
selber hab vierzehn sehen in die Herberg tragen, ausgenommen [ohne 
die zu rechnen] die ich nit gesehen hab etc. Stumpf,' 655a etc. — 
Ausser mir ist kein Gott. Jes. 44, 6; Jemand ausser deinem 
Mann. 4. Mos. 5, 20 ; Was ausser Meer und Mast und Tauen | 
sieht er auf seinem harten Stein ? Freiligrath , Pol. 2, 41 ; Ausser 
unserm Maulthier sind zwei Pferde bestellt. Goethe, 14, 220 ; Ausser 
dem Namen nicht das Mindeste gemein. Wieland, 15, DDL etc. — 
Man beachte namentlich : Ausserdem = überdies , dazu kommt 
noch etc.: Ausserdem keimt unter alle dem Unkraut auch der uner- 
sättlichste Geiz auf. Bürger, 307b u. o., — seltner = Bonst; 
ohnedies; wenn dies nicht stattfindet: Dass man sich . . . mit der 
philosophischen Denkart des Mannes bekannt machen müsste . . . 
Ausserdem verwirrt er unser Studium nur. Goethe, 3, 273; Der 
Massstab muss allgemein göltig sein; ausserdem ist das Urtheil ein 
blosser Machtspruch. F. Schlegel, Gr. und R. 1, 167. 

8) Veraltet adv. = aussen: Ausser sind sie fältlecht [faltig], 
innen glatt. Forer, Fischb. 131a; Brannt inn* und ausser. Wer- 
der, Ar. 1, 29 etc.; ferner = heraus (s. Her): Wenn du ausser 
speiest, was dir in's Maul fället. Luther, 1, 389a etc. — Veraltete 
Form : Äussert dem Prettigow. Stumpf, 658a etc. — 

9) Als Bestimmungswort in Zusammensetzungen, z. B.: 
Ausser-amtlich, -ehelich, -europäisch, -gerichtlich, -gewöhnlich, -irdisch, 
-kirchlich, -natürlich, -ordentlich, -sinnlich, -weltlich, -wesentlich und 
ähnliche Eigenschaftswörter, dagegen nur in wenigen Adverbien 
wie: Ausserhalb etc. s. Ausseh, 3. 

Dan. Sanders. 



Martinas Polonus. 

(Fortsetzung.) 



valeriue. 1 ) 

Valerius richesent. IL iar mit Constantino vnd 
lucio.*) diaer Constantinua*))yoclecianu8 sun. betwank 
hyapaniam. vnd nam dez kunges tohter helenam von 
Britanie. die gebar Constantinum den grossen, maxi- 
minus valerius ricbsent. III. iar. a.+ 

Constantinus richsent. XXX. iar. X* mande. 
vnd. XI. tage, dirre wart ein groz Cristen gemachet, 
vnd gab vrluge 8 ) die Cristen lute sich wider zu sanv» 
men. vnd kirchen in ihesu cbristi namen ze puwen. 
vnd ze wihen. vnde bi dieen ziten stunt auch uf die 
ketzerie arriana . vnd do samment Constantinus ein con- 
cilium ze vicena. 4 ) flie ketzerei zu vertriben. do waren. 
III. hundert, vnd XVIII. bischofe. vnder den waz auch 
sant Nicolaus der bischof der Merenen . s ) do wuhs ouch XXIX« 
die ketzzerie der Donatisten von einem heiz donatus 
aflrus. Diaer Constantinus vberwant Maxencium Lu- 
cium. vnd Seuerum. vnd wart dar nach geteufet von 
sant Siluester dem babst. Alle die keiserlich wirdekeit 
die er hat vnd vil nach den gewaJt ze mal in Oriente. 



Galerius, Ä. B. C. *) Licinio, A. B. C. *) licentiam, A. 
4 ) Nicetram, A. B. C. •) Myrrheorum, A. B. C. 



28 Martinus Polonue. 

vnd etlich sagent daz sich dirre Constantinus tet wider 
teuffen. von eusebio dem bischof. Nycomedensi. vnd 
kerte sich in die ketzzerei der arrianen. vnd daz ist uf 
in gelogen, wanne sant gregorius vnd sant ambrosius 
vnd ander heiigen sprechent in iren buchen, daz er 
nach einem heiligen leben ein gut ende neme. wanne 
er der erste were der den fursten einen weg machet 
des heiligen Cristen glouben. vnd da^ vmb hant in die 
kriechen geschriben an daz buch der heiligen, vnd be- 
XXIX d - gent sinen tag mit einer grozzen hochzit an dem 
XXI. tage des Meyen. vnd allez daz von ime gelogen 
ist . daz ist an der worheit funden an sinem sun Con- 
c, "Tstantino. wanne ez niendert ist einer worheit glich einem 
so geislichem fursten . der in der tauffe von sant Siluestro 
gereiniget wart an übe. vnd an sele. vnd dez selben ver- 
iahen, daz er Cristum sehe do er saz in dem tauffe. vnd 
dar vmb* vmb dU grozzen Heb vnd genode die er het zu 
dem gotes dienste vnd in pfeffelicher ere do wart dise 
bosheit von sinen vienden uf iri gelogen, vnd vmb daz die 
gemain diet sehe daz er keinen zwifel an Cristen glouben 
het. do hiez er ein kirchen büwen in einem palaet. in 
vnsers herren ere Jhesu Cristi. die noch heizzet Basilica 
Sqluatoris. vnd gewifiet wart von sant Siluestro. vnd dar 

XXX*- inne an einer want. wart ein bilde gemolet von der gotr 
liehen hant nach der forme vnsers herren ihesu christi daz 
noch hüte da stet, vnd do der pabst Siluester gebot daz 
man machet steinen alter in allen kirchen. Do satzte er 
einen hultzzenen alter in diser kirchen. daz waz der alter 
dar uf sant peter sanck. vnd sin nach komm, biz daz 
sant Siluester zu messe uf gesungen het. vnd der alter waz 
gemachet von höltz. vnd inwendig hol. vnd het vier orte, 
an . ieclichem orte einen rink • wanne do man- die Cristen- 
heit also sere vertilget in dei etat* vnd vereidet De waz 
kein stet bebUben der pebste. wanne daz man heimlich zu 
guter lute huser. vnd vnder der erden, vnd wo man mohte. 
do must man gotes dienst begen . vnd vier priester wurden 

XXX »>. dar gesatzt die dpi alter mit vier ringen dar trugen zu 
dem ampt . vnd in dem alter ist ein tische . dm man her 



Martinas Polonai. * f* 

) 

vz nimet an dem donrestage in der marter wochen. So 
sol der bähst daz ampt dar vf began. Anders niemant. 
j vnd <m dem Sanxztage dar nach tut -man in wider hin in. 
-ond oho starb Constantinus zu Nyeomedia. tmd kurtzUeh 
vor einem tode. erschein der stern OomeU». a.+ 

Canstaatinus. 
Consta ntinus mit Constante vnd Constancio. 
richsent. XX1I1I. iar. clise die waren dez groazen 
Constantinus suae von dem krige» de» die bruder vnder 
in heten. Do wart die Römische kraft geswechet. ze 
letste behielt Constantinus allein daz Hohe, vnd der waz 
Cristen. vnd den Conetantinum erslugea die hertzogen 
eines bruder Constancij • vnd do der Constantinus keiser 
wart, da wart er ein arrianus. vnd verehtet die Cristen XXX c- 
in allen landen. Vnd von dez gnnst far freier arrigus*) 
ze Constantinopolim . vnd solde do disputieren wider 
die Cristen« vnd starb do eines smehelichen todes. Bi 
dez selben ziten waz Donatus ein meister der grama- 
tica» Anthonius der heilig apt starb bi den ziten. vnd 
sin bein. vnd sant andreas bei», vnd sanfc Lucas dez 
ewangelisten bein wart gefurt gen Constantinopolim. 
Diser versante in daz eilende . alle die den glouben 
sohirmeten. daz waren Anastasius . Alexander. Eusebius 
versellensis vnd Hylarius. die doch wurden wider ge- 
ruffet. vnd Dyonisius von medylan vnd Paulinus ze 
Trice 1 )' die in dem eilende stürben, vnd von vorchte 
dises Constancij. wart Julianus Apostata ein munch. 
daz er in niht ersluge. wanne er ouch einen bruder hetXXX^ 
erslagen . der Julianus waz dez grozzen Constantini bruder c. 
sun . der lief uz dem doster von einem lande in daz ander, 
vnd fraget die zouberer von den swartzen buchen, ob er 
keiser mohte werden, ze letste do twanh ein zouberer den 
tufeL der. ime saget.* daz er der Cristenkeit widersagte, 
so wurde er keiser. 



') cujus favore fretus, Arius etc., A. B. C. *) L Trier. 



|0 Martinu» Felo n.M. 

Julianus» 
Julianus richsent. II. iar. vnd. VIII. monen. 
Diz waz Julia&us Apostata. bi disen zken liez sant 
Mertin sin ritterschaft vnd lebte in cristen glouben. 
diser Julianus begerte dez riches so sere. daz er cri- 
sten gelouben liez. Er waz ouch wol geleret in werlt- 
lichen vnd in geistlichen buchen. Er wart von Con- 
stanoio keiaer gemachet, vnd sant wider die galles. vnd 
Tuscan.*) vnd bet wank die. vnd wart so gar uber- 

XXXI a mutig, daz er sich safczte wider Conatantium denkeiser. 
vnd nach Constancius tode. wart er rehter keiser. vnd 
vink an zu haut die Cristen zu verebten, die er von 
erste mit grozzen eren an sich aoch . vnd ze leiste 
mangen grimmen. über si gebot, vnd do von wurden 
vil lute gemartert, vader dem Johannes vnd pairius ge- 
martert wurden, die kamerer woren gewesen, der hei- 
ligen Junefra wen Constancie. die tohter waz constantini 
dez grozzen. auch wart Cirillus ein dyacon vnd vil 
ander lute verderbet uf der erde, vnd uf deni mere. 
Der Julianas erlaubt ouch den Juden * daz si den tem- 
pel zu Jerusalem solten brechen. 3 ) vnd do si sich be- 
sammenten. daz si den brechen wolden. Do kam ein 

XXXI b. ertbeben. Vnd zerbrach si von gründe, daz si mit 
grozzer arbeit gemachet heten. vnd dirre Julianus solde 
varn mit einem her uf die Peraas. Do er kam für ein 
etat Cesaream. in Capadocia. do drowet er dem bischofe 
der stat sant Basilia. 3 ) vnd den rittern die do waren. 
A^^e.daz er si wolle verderben, wmne er her wider kerne von 
Persia. Do sprach sant basilius sin gebet mit andern 
Crisienluten. zu got. Do sach er vnser frowen. Daz 
si gebot einen ritter der hiez mercurius. der do vor 
lange begraben waz alda in irem muster. Stant uf 
sprach si. vnd rieh mich vnd min kint an Juliano. Do 



*) Alemanos, A. B. C. 2 ) reaedificandi , A. B. C. *) Blasio, 
B. Basilio, A» C. 



Martinas Polo nag. $1 

stach er in zu tode. vnd do er also lag besulgt in ei- 
nem blut. vnd zu haut sterben solde. Do sprach er. 
Jhesu galylee. du hast mich überwunden, dm sprach a.b. c. 
er in einer smacheü. a«+ 

Jobinianus wart von dem here heiser gemadhet^^o. 
vnd richsent. VIL monade. vnd waz ein Cristen man« XXXI «• 
vnde machet mit Sopore dem kunge einen fride. der 
kunig waz von Persia. vnd begrub Juliaaum. a.+ 

Valentinianus. 

Valentinianus richsent mit einem bruder valente. 
XL iajr. Diser waz ein Cristen. vnd waz gejborn von 
pannonia Tybalensi. 1 ) vnd wart bi der etat Netzia von a. b.c. 
den rittern heiser gemachet. Diser waz gewesen ein Tri* 
bunus der lute Scutariorum vnder dem keiser Juliano. 
vnd wanne er niht den Cristen luten gelouben wplte 
lazzen. Do gebot im Julianus daz er den goten opher- 
ten. oder die rittersohaft begebe, do liez er die ritjter- 
echaft lieber denne den glouben. vnd kurtzlich dar nach 
do Julianus erstochen wart, vnd Jobinianus gestarb, 
do wart er keiser. dez half ime Cristus durch den er 
die ritterschaft begeben het. Diser valentinianus be^XXXI*. 
twank euch die sahssen » dar nach an dem fünften iar a. b. c. 
eines riches des. XI. do er ein reise samment uf pan- a.b.c.+ 
noniam daz laut» daz er ouch wüste, do starb er 'von 
dem fluzze des blutes. Er waz ein herlich man. vnd 
het ein schon antlitz. vnd eines ernsthaften sinnes. vnd 
wol gespreche, vnd redet wenig, vnd gestillet sinen 
bruder yaleqtem die wil er lebte, daz er die Cristen 
mit gemache liez. wanne er arrianus waz. und der Va- 
lens mit einem sune valentiniano richsen nach ime, IIIL iar, a. b. c. 
bi sinen ziten. vnd von einer helfe wart sant ambrosiua 
bischof gesetzt ze Meylan in der stat. 



Cybalenai, A. B. C. 



M Martinus Polonn«, 



valen« mit — . 
Valens mit Graciaäo vnd valentiniano rieh- 
*• sent . Uli. iar. Dise drye hielten bi den ziten za Rome 
di keiserliche wirdekeit. vnd machten dri keiserliche 
swibogen. oder gewelbe zu Rome. bi dez ziten waz 
Ambrosius Ertzbisöhof ze meylan. In dem dritten iar 
sines riches do wurden mit Constantinopoli vierlei gut 
daz waren Sdrrite die gote 1 ) sint genant. ypogotiGyp- 
pides. vnd vandali die ein spreche heten. vnd mit dem 
namen waren vnverscheidenlichen . die füren über die 
tunowe. Diser Valens waz ein Arrianus vnd tet den 
Gristen vil vorchte . vnd wärt von den Schotten *) in 
einem vrluge erslagen. Dirre gebot daz alle manche 
ritterschaft solten triben. vnd weihe da* widersprechen. 



' die solt man mit stecken alle zu tode erslahen« 



Gracianus. valen tiniaüi eun. mit sinem bruder 

XXXII b. valentiniano vnd Thfeodosio richsenten. VL iar, bi den 

ziten hiez theosius die kirchen der Cristen widermachen. 

die vor zerbrochen waren. Dieer waz in gaüia bi Straz- 

burg . vnd begegent ime ein grozze menige vinde . die 

uberwant er mit gotes hilfe. wanne er der galliorum 3 ) 

: wol. XXX. tusent ze tode erslug. Diser gracianus gab 

den Gallis den weg rehtes glouben . wanne si vor die 

ketzerie Arrianam triben. Der Gracianus waz wol ge- 

lert in der schrift. vnd waz mezzig. an ezzen vnd an 

trinken, vnd waz kusche, ouch waz er aller tugenden 

A.+ vol vnd starb. 

Theodosius der erste mit valentiniano richaent. 
XI. iar. Bi dez ziten waz ein grozzer krieg zwischen 
den beiden . vnd Juden. Er hiez ouch die Tempel der 
aptgoter zerbrechen, vnder dem machetr sant Ambrosius 



') quo imperavit Constantinopoli, quatuor gentes scilicet 
Gothi etc., A. B. C. s ) a Gothis, A. B. C. ') Alömannorum, C. 



liartinus Polonui. 19 

die nuwen vnd die alten, e. ze ktem. vnd machet XXXII *• 
nach hylarto die jmnos. Archemu« *) wart 2e Röme von 
einem Senator ein munch. Augustinus wart von' einen* 
Maniohe* ze Christen glouben bekert. Dieer Theodoshis 
waz gar ein gut Cristen. Er betwank sine vmt. niht 
lüt als. mit gebet vnd mit rasten. Dar vmb in tmser 
Jierrehalf. an dm er sieh liez. In heteh ovtth die hei- a. b.c. 
den Heb vmb sin tugent. vnd dar vmb wurden vä Inte 
bekert ze Crieteö gkraben die er do zu braht. Diser 
besag mit gutem fiide Orient vtid'Occiddnt vnd starb 
ze meylanr vnd dez selben Jares wart ein gebein ge*» '■' ' - 
füret gen. Constantinopolim. Theodosiue waz ein merer 
dee riebe«, vnd was an libe vnd an ritten. Troyano 
glich; vnd waz teilte, vnd barmhertzig. vnd so ge- 
meine, daz er sich niht bezzer dttiite denne ander lute XXXII <i- 
an dem namen. a.+ 

Archadius vnd honorius richsenten. XIII. Jar; 
bi den ziten waz donatus ein man grozzer tugent bi- 
sohaf ze epfceri.') 'der Donatus ertötet einen Trachen 
mit siner speicheln daz er in an spei. Der Track waz 
so groz daz etwiei mantg ioeh mit ohsen in mohten 
niht geziehen an ein etat do man in Wante . daz er den 
toft niht enkrenket. bi den ziten wart fuhden daz ge* 
bei» der propheten Abcuck vnd Michee. Augustinus 
waz ouch ein bischof da ze yponeneis. Diser Archadiua b. c. 
waz Theodosiue sun. vnd waz ein man von grozzer 
tugent vnd* wiiheit; Er wart m Britdnia heißer getnachet a.b.c. 
von dem her. Bi disen ziten kam Alamus kunig de 
Schotten 3 ) vz der Affrica in ytallam . vnd gewan Rom. 
vnd verwüstet daz mit tolslage vnd mit füre, vnd het XXXIII* 
vor einem her geboten, we'r in die heiligen kirchen ge- 
flohen wer . vnd sufcderlioh in sant peters vnd sant pauls 
mimster die solfen ftide han. dar nach für er durch 



i) Arienkw, A. Ä. C. «) Epiri'f A. Ü. G. *) Alairichg rex 
Gothorum, A. B. Albericus, C. 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 3 



$4 Martinue Poloaa*. 

- , Apulliam'. vnd Caltebriam» vnd ylet in Afiricam* Also 
starb AUa*icius bi Constancio J ) eines • gäben . todea. Vnd 
die Schotten zerteiltön daz'wazzer.Baecentarau -vnd be- 
gruben AUaricum mit groaaer cfcheit einmitten in dem 
ruftpe. vnd liezzen do daz wazxer wider au sammen 
louffen über daz grab, vnd erweiten zu kungti Altaul- 
• sum. der waz Alaricus mag. vnd füren wider zu Borne. 
vnd waz si hetten gantz gelazzen daz verwarten ei zu 
mal. bi den ziten wurden die schönsten vnd die besten 
teil der etat Borne verbrant . von einem iure von himel 
XXXIII b. daz die vint niht mohten verbrennen, vnd- do wart zu 
sn^acbeit geruffet Cristo. da» ist dar vmb verbenget 
daz ir versumfet haben daz bpfer vnd der heüikeit der 
gote. vnd do die Schotten Von Born kerten. do fürten 
, si mit in enweg Gallafcn Theodosius itohter. vati Archa- 
dius s wester waz. die kunig Attalpus 2 ) ine. zuemem 
wibe nam die darnach den romern vnd dem riche gar 
A.+ nntz wa*t. » --...» 

. Honorius mit Theodolio dem minorem sines 
brudefs stm. richsenten. XV. ian Bi dises aiten ge- 
wannen die schotten Rgfeae. vnd wandali fubei* in hi- 
spaniam vnd Gajlias . und bekumert die vnd wosfeen die. 
vnd Rodagines der schotten kunig wart eratagdn von 
den Römern. Bi dien ziten. prediet Felagius sin valsche 
, lere, wider Cristen glouben. vnd zu verdampnunge. wart 
XXXnic $in Concilium gesamment zu kartagine. do waren. III. 
hundert vnd. XIII. biachofe* Dieer honorius,waz Theo- 
dosij ynd Archadiua. bruder. Bi sinen ziten kam vz 
Affrica vnd wolte ze Ronae einer. hiez Heredianus mit. 
III. tusent vnd . VI. hundert schiffen dem hegegent 
ponstancitt* der ein hergrafe waz dez keisers honorij. 
vnd ßlug Herodiano alle sine luteze tode* danne daz 
ejr ein echif zuckte, vnd kuni entran. vnd flo^h zu kar- 
thagine . vnd wart ouch do erslagen . bi dises ziten wart 



apud Consentium, A- B. C s ) Artulphusj A. B. At- 
taulfus, C. 



Martinas Pol onus. t6 

tod hanorhu gebot, vnd Constancins hilfe die stat So- 
pitis 1 ) in Affüca von ketzerie wider brakt in die Cri- 
stenbeit. bi den ziten waz Augustinus pischöff von 
yponensi. bi dfer zit starb öoeh Jeroninius* do er wm,. 
XXL iar alt. 3 ) bi Bethleem zu paleetino. Dfsei'Thctt- 
doeius vräz sin iun honorio wol gelich. an guten siten. XXXIIId. 
vnd an geistlichst, vnd liez daz rieh« vnd daz gemeine 
dink in finden. Er starb ze rome vnd wart begraben 
in Mastuki 3 ) bi sant peters kirthen . vnd liez kein khrt. 
vnd diftem honorio wurden gemehelt zwo tobter des 
heiren StelKconis nach ein Ander, vnd wanne : kne ie 
etne gemehelt wart so starb si als got wolde. daz si 
also beide maget wesen» von der werlde schieden, vnd 
bi den ziten wart vil vrluges erhaben, daz doch von 
gofea gnaden alles gestillet wart ane tot siege . vnd diser o. 
von grozzer mifoikeä* die er an isne het. wanne meto m 
fraget, war vmb er die vint nit zu tode shtge. So sprach 
er. tüolte got daz daz mugeUch were. daz ich die *die tot 
eint wider zu dem Üben bringen mohte. , . A.+ 

Theodosius der ander. Vnd der niinner mit Ta- 
len tiniano ainem sWeher richsenten. XXVII. iar. Dö XXXIID> 
er keiser wart ze haut mähte er valentinianum sinef 
frandkme 4 ) sun ze kunige vnder ime. Daz volk der 
wandalon zogten bi der zit von hispania in Affricam. 
vnd wüsten do. vnd Terdroekten den Crieten glouben 
mit ir Arranischen ketzerie. bi den selben ziten het 
Nestroides 5 ) der bischof von Constantinopoli auch an 
im ketzer glouben. vnd dar vmb wart gesaoimet der 
send Ephesina. vnd do verdrucket man do sin valsche 
lere. Bi der selben zit erschein der Tufel in Moysee 
forme jta Creta Insula. Also do er die Juden fürte mit 
trucken fttzzen. vnd verderbte do der lute vil. vnd 
weihe do genasen die kerten sich an Cristum vnd lob- 
ten in siner genaden. Bi dises Theodosius ziten. daz 



i) sopitis baereticia, A B. C. *) 91, A. B. C. •) Maasoleo, 
A. B. Mauseolo, C. «) amitae, A. B. C. ») Nertorios, A. B. C. 

3 + 



SC Marti nfcs Poloat«. 

XXXmib. die hochzit vincula petri kam wart gesetzet tu begen 
a.b. c.+ von sinem wibe. Aach kam Gentricus der kunig wan- 
dalorum. der lute vz hispania in Affricam. vnd wüste 
. das lant. mit prant vnd mit totslegen. In der zit starb 
sant Augustinus do er sehe vnd. XXX. iar. 1 ) alt'waz. 
vnd an dem. XXIX. iar sine« bistumes* Also starb 
Theodosius der keiser bi Constantinopoli einer suhte. 
vnd wart do begraben» bi den ziten Attala der kunig 
der hunen. vnd sin bruder. bela. zogten in die lant 
Pannoniam. vnd Daciam. vnd do »lag Attali sinen 
bruder Belam zu tode . vnd sammenten do ein grozz her. 
vnde wolten die Komischen rieh vertriben. vnd do wa- 
ren mit den Romern. die Burgant. Die Franci. die 
Saxoües. vnd vil nach alle die lute in Occidente. vnd 
komen ze sammen. ze letste wart ez von beiden herren 

XXXIIIIc. so sere gestriten . daz man in keiner hystorien vindet 

gescfcriben von einem so grozzem so hertem strit- vnd 

do wdrden eirslagen. in beiden striten. hundert tusent 

vnd . LXXX. tusent man. Do wart so vil blute» ver- 

.' gozzen. daz ein klein bechelin daz do ran so grozz 

* wart als ein groz" waltwazzer. so sieh daz erduzzet. 

• ' vnd fürten die toten lote enweg. Do fnr attila als ein 
man der überwunden ist in pannoniam vnd samment do 
ein grozz her . vnd für do in einer tobheit in ytaliam. 
vnd zu erste gewan er die stat Aquileram vnd beknmert 
c. alle stette in ytalia. ze letste durch bete leonis dez babstes 
für er vz ytalia. vnd zöget wider in pannoniam* vnd starb 
do. vnd in der naht eines todes sack Mardanus der heiser 
der do zu Constantinopoli wonte in einem träume» daz 

XXXÜIId. kunig AttUe pog zerbrochen waz. vnd do bi verstunt er 
einen tot Dar nach wart valentinianus gesant von sinem 
sweher Theodosio in Occident. vnd wart von allem volke 
ytalie keiser gemachet, vnd Theodosius nante in selben 
c. Augustum, Die siben sloffer wurden do erwecket die ge- 
slqffen heim zwei hundert iar. von Decius ziten de» kei- 
ser s. der si gemartert woüe haben, do fluhen si in ein 

«) 76, A. B, C. 



Marttnntf Polonn*. 37 

hol am dem bsrp bi der stat Bpkesum. vnd entsUefen dar 
inne* da Mas Bedas daz hol vermuten, vnd die wurden 
da fünden. vnd da verstörten den glauben den vü hüte do 
heten daz niemant nach tode ersten mohte. Daz gesehach 
vor Theödosio-vü dem voUce der etat Ephesum. imd a.b. 
des lande*, vnd do ze kamt, do si die vrstende des todes 
noch bezugten mit iren warten vnd mk ir selbes Übe. Do XXXV«- 
lagen si vnd stießen den langen slaf. daz waz der tot vor 
allem volke. A.-f- 

Marclanus der kunig vnd Valentin us. die 
riobsenten. Vü. iar. vnd von dem Anvang ires riches 
waz daz Consilium Calcedonense in dem kriechischen. 
vnd 1 ) Discoriue verdampnet wurden von irre ketzerie. 
bi den , ziten für Theodoricus der hoheste kunig der 
Schotten in hyspaniam. bi des ziten ze Parys sand 
Cenonepha. 3 ) vnd von disen wurden die. XI. tusent 
maide gemartert, zu Kollen von den hunen. Er wart 
ouch von den einen erslagen. in Constantinopolim. a.b. c-f 

Leo der erste. • , 

Leo der erste, richsent. XVII. iar. do was 
Alexandria vnd Egyptus gefullet mit der ketzerie. Dyas- 
corij. vnd do kam der böse geist in si. vnd tet si bel- 
len als tobende hunde. bi den ziten tet leo der keiser. XXXV b. 
alle die abgote die er zu rome yant füren gen Conetan- 
tinopoli. vnd verbrant ei. die alle, vnder dez wart der 
liohnam Elysei des propheten gefuret in Alexandriam. 
vnd sant mavcus lichnam wart gefuret von Alexandriam 
gen venedie. bi dez ziten für Augustus bi ytalia uf daz 
riche. Do kam adonater Rutkeus*) mit sinen luten in c. 
ytaliam vnd gewanCyrinum 4 ) vnd zerstörte die mit für. 
Do für. Adonater ze Born, vnd waz geweitig alles des a.b. c.+ 
riehes vnd des landee ytalie. vnd do er daz berihtet 



! ) Eutyches com Dioscoro, A. B. C. *) claret S. Genouefa, 
A. B. C. *) Odenatus, Ruthentu genere, A. B. 4 ) Ticino capta, 
A. B. C. 



38 Martinua Polonus. 

mü vü bosheit wol. XIUL iar- Do kam Theorieus ein 

kunig der schotten in ytaliam vnd gewan die. ze mal. 

bi xlen selben ziten lebet sant Mamertus bischof ze 

viennense. der eatzt die drie vast tage vor vnaers herren 

V VW c 

A B c V uflart. die do heizzent. dies rogationum. hi den ziten 
c. waz Augmundus ein kunig in Lamparten in pannonia mit 
den einen vnd da von gesehnt wurden eiben iunge kint in 
einem werde, die ein hose wib zu einer gebarte gewunnen 
het, vnd het ei dar geworfen zu verderben do saz er uf 
einem pferde vnd nam einen schaft vnd wendet sieh vmb. 
vnd wolte sehen waz ez were. do nam der kinde eines den 
sckaft vnd hielten in einer hont . des nam den kunig groz 
wunder* vnd sprach, hie wurt ein man vz wunne grozzer 
sterke. vnd von gewalte» vnd liez daz kmt ziehen mit 
grozzem flizze* vnd do er gewuchs do wart er von grozzer 
frumkeit ein kunig von lamparden nach Agimundo vnd 
j^.+ berihte daz laut mit grozzer sefflceü. 

Zeno» , . 

Zeno richsent. XVII. iar. Diser machet leges. 

XXXV <*• vnd der selbe gedahte ouch leonem den kunig ze toten, 
vnd darf, vmb machet in sin nutter zu einem pfafFen vnd 
tet daz heimsuche®, vnd brahte ime ein ander kint daz 
diaem glich waz an der gestalte vnd diser bleib also in 
• der pfafheit vntz an Justinus zit. bi der zit wart fanden 
der lichnam barnabe . vnd daz ewangelium sant Mathei. 
daz er selber het geschriben. Alsns er sich selber of- 
fenbart. Diser zeno machet einen fride vmb die gothis. 
Do gab im zu einem geisel der kuhig von schotten 
einen sun der ein kint noch waz * vnd hiez Theodoricus. 
vnd do der Theodoricus. waz. XVIII. iar. alt Do sant 
in der keiser zeno vmd den nutz des riches mit sinen 
lutea den Schotten in ytaliam. die Adonater besetzen 
hat« vnd do Theodoricus gefur durch wügaraiam. 1 ) vnd 

XXXVI a pannoniam vnd in ytaliam kam. Do liez er sich nider 
vf ein lu8ticlich velt zu einem gemache Do kam, Ado- 



') Bulgariam, A. B. C. 



Marti ntii Folonua. S9 

nater mit dem volke von ytalia vnd streit mit Theodo- 
ricd. T*d wart ven ime so gar vberwunden. daz im 
der einen wenig lebendig bleib, mit dem selben vdlke 
floch er gen rome . vnd do in die romer niht in die 
etat wehen lazzen. Do söget er zu Rauenne. vnd wart 
do enthalten. Do for Theodoricus fiir Bauenne. vnd 
besaz die d*eu iar. vnd gewan die zeletste. vnd ver- 
wüstet si. vnd für do ze Rome mit freuden. vnd wart 
do wol enphangen. vnd dar nach nam er dez kunges 
tohter von frankrich. bi dez ziten wart kunig heinrich 1 ) 
von Affrica, von det • Arrianlschen ketzzerei vnd vnge- 
reiaet Also, daz er mer denne dm hnnderten bischofen 
ir kircben besloaz* vnd sante si alle in Sardaniam daz XXXVI b 
eHende. bi den seihen ztten. 4#nte der hobst Germanum. a. b. c.-f 
Atcisetdioretneem. vnd Lupum Oreäc&nserh in Brifaniam c. 
wider die ketzerie pelaginam ze kriegen , bi den ziten lebte 
Fulgenciue volkomen an wisheit vnd an dem glauben. 

Anastasius richsent. XXVII. iar. 2 ) bi dez ziten 
bedozz der kunig Transtamunduö von wandalo. in 
Aftioa. XX. vnd. CC bischofen ir kirchen. vnd sante 
si in daz eilende Sawlaniam. Auch bi den ziten yer- 
epott ein bischof der heiligen driualtikeit in einem bade. 
Den schozz ein enge! mit einem furin geschoz . daz er 
zemal verbran. daz man dienlichen sach bi den ziten. 
w«z ein bischof Barraba* ge&ftnt ein Amatius. der 
oueb wider den gelauben sprach ein tegel vber ein touf 
mit solicheA' Worteil. Dich teufet hie Ban&bas durch XXXVI©- 
den eun . in dem namen dez vafers . vnd dem geist. 
zehaat do er daz gesprach, do verswant daz wazzet in 
der touf. Do 4az ierier sach* den er toufen eolde. do 
gieng er an ein ander stat do er rechtfeclichen getouffet 
wart. Do saut Oimissa*) de* babst der nachSymachö 
den still besazz sin boten zu Constantinopoli . die den 
bischof hieafcen. daz er von sfaer* ketzerie Her. die bo» 



*) Henrichs, A. B. Hurricus, Hunericus, C. s ) 26, A. B. C. 
3) Hormisda, A. B. C. 



40 M^XtlBLSfi fofonus. 

ten wo)t er weder sehen noch höre*» wd zefomt von 
gotes geriht slug in ein platzen oehoz* von himel ze 
c. tode. ^i&o richsent diser Anaetasms so böslich daz er 
dicke vmb zogen wart, daz die svn dißke taten schrien 
vnd weinfin.vnd aho sere verzwifelt. da* in kern räche 
vorfite, von einen vinden. wanne er niht hielt die rekt der 
XXXVI <*. CHstenheä. sunder daz er den ketzzern gestirnt vnd der 
Cristenheit niht. ,' 

Jusünus., 

Justinus richsent. IX, iar. l ) Diser krieget mit 
grozzem ernste de* Cristen. glouben wie er die ketzer 
verstörte* Do daz vernam Theodoriotta der kunig ein 
. , Arrianus do enbot er zu Colißtantinopoli dem keiser 
Justino. daz er den ketzern die kirehen wider gebe, 
oder er wolte alles ytaUam verwüsten. Dar nach wart 
Transmundus kunig der Wandalen., vnd wart betwungen 
mit dem sacrament daz er niht in sinem riche uf die 
Crifiten riet. Vnd. e, das er dafc riche enphingen. do 
buwet er die kirehen wider • vnd betont die bigettofe 
wider uz (Jeop eilende. Diser Justinus gebot, wo man 
der ketzer kirehen ftmde, daz man die eolde wihen in 
gotes ere, nach Cristenlieher. ee. Do: daz »vernam 
XXXVII «. Theodoricus Gothes kunig, in. ytalia der ein Arrianus 
waz. Po sante er in CoöBtantinopel zu dem keiser. 
Johannen* dem bäbst. vnd ander eriieh htte». vnd enbot 
ime daz. daz er den armen die kirehen wider geb. oder 
/ er wolte pinigegn ötlle die Cri&tgn die in ytalia weren. 
Die boten wurden von dem keiser Justino erlieh en- 
pfangen von der bete des babstes vnd auch der boten, 
doch waz ime leit der tot der Fristen* vnd ubersaz 
doch der Cristen botsehaft . vnd die boten ze lange 
vnder wegen waren, do twanck Theodopricum sin bos- 
heit daz er Boeeiunv einen Senatorem den er vor in 
daz eilende het gesant> vnd ander Cristenlute hJez er 
erslahen. vnd den habest Johannem. vnd die er mit 



) .:: • — — • - . a 

10, A. B. i / 



Martins» .Folsan* 41 

ime galant hei, die He* *r zu Benenne sterbe» in einer a.b. c. 
kirchen.*) vnd do n*ch diser griimnekeit wart er zehant XXXVIIb- 
braht in ein geiejieheit. wanne er dar nach starb, aq 
dem* XIX. tfcge.*) eine gehen todes. rtid dp «ach ein 
gut man, 3 ) daz Johannes der Bebst den er Verderbt 
het. ila sei warf in em siedbnden hafen. 4 ) Vnd an 
disem keiser Justino sant Honnisda der babst zuCon- 
stantinopoli . Hermannum 5 ) den faischof in Gampariiä 
mit vil andern luien. das er die taschofe wider nz dem 
lande besante. Do der keiser Anaatasius versant het 
vnd die boten enpbieng der keiser Justinas mit grozzen 
freuden . bi den ziten starp sant Brigida die Juncfrawö 
ze scotia. Avch wart der Hüderictss von frankrieh vmb c. 
sin hose vtUcuäeh leben von sinem kunigriche verstozzen 
von den sinen* bnd flock zu. dem hmg. Dwritig Botin 
genant, vnd bleib bi dem. VIII. ww. vnd dar nach kam XXXVII •• 
er wider in ein riche. vnd do liez Basina des haniges 
Basis wib von dwkinge bi dem er' gewesen waz. die üeä 
iren Man vnd zöget ime nach gen frankrich. vnd narrt ei 
ze wibe. vnd si gewan einen sun von ime genant Clbdo* 
ueum.der getötet wart von sant Remigio vnd wart ein 
heilig man genant, bi dem wart alle gezierde dez Umdes 
anthyocha von einer crti&ime verdachte.*) 

Justianus. 
Jystianus. der erste, richsent. XXVI1L iar. 
Diser kejaer Agapitus der pabat 7 ) von dem vnglouben - ; ' / 
Euticietis, Disär mächet leges. vnde bezzert die buch 
Codicdm t*nd Digeetem Belliciarius . Patricias, gesiget 
gröblich an dem vonPersia. der wart von Judea gesaut 
in Affrieam. vnd do vertilget er die wandalos. Bi der 
zit wäz Borne ! beeezzen von den Gothis . ein gantzes XXXVII* 
iar. vnd wart dö erlost, von pelliciario patrioio. Bi der 



J ) carcerali angustia, A.B.C., J ) 90, A. B. C. *) vir sanctus 
eremita, A. <) in ollam Yulcäni, Ä. *) Germanuin, Ä. B. C. 
6 ) per terrae motum exterminata, AB. 7 ) 1. disen keiser bekerte, 

A.B.G. 



43 Martiftfrs Polo du*. 

zit lebet Orfttor . ein gut poeta der die getat des Volkes 1 ) 
in em buch mit vtraea g^tihtet. Auch lebt bi der zit 
priseianus Kia meister in Gramarica. Bi den ziten. 
wart ein sterben der lute Constantinopolim . vnd von 
der sache wart gesetzet vnser frawen tag der lieht- 
messe daz in kriecbisch ypapanea*) ist genant. Bi 
dteer zit lebte sähet Benedictu» in einem mönchischem 
Closter in geistlicher arorat. bi des keisers aiten wart 
daz rieh gebreitet vnd wider braht in Oocideut vnd in 
Orient* Allein er mit den buchen vnd mit den- gesetzen 
vmb gieng. so besatzte er. vnd berihte afle dink ende- 
lieh mit Patricia an dem riche. wanne do belsarius daz 

XXXVHI* volk persas betwanok. mit grozzer signaft. Do zöget 
er mit kraft in affricam. vnd betwanck do die wandalos 
vnder Römisch rieh, vnd für do in ytaiiam. wider die 
v GothoBi die daz lant vnd ouch Rom beten bekamert. 

vnd betwank ouch die. vnd zöget durch Siciliam. vnd 
kam zu neapolim. vnd die burger der- stat wolten in 
niht enphahen. daz waz von den gotten wegen die do 
in der Stat waren. Do für er für die statt vnd stürmet 
die in kurtzen tagen . vnd sing ze tode . vnd nam do 
allez daz dar inne waz. Ze letste do er zogt gegen 
Rom. vnd er der etat nahent. do waren die Gothi dez 
selben nahtes ze allen ziten vz geflohen, vnd kamen zu 
Rauenne . vnd besamten sich aber vf den einen Patri- 
cium * vnd Wurden aber von im überwunden . vnd do 

XXXVnib. er gesiget do kerte er wider zu Constantinopolim zu 
dem keiser . vnd braht ime der Göthein kunig gevangen. 
bi disen ziten waz so ein grozz hunger iar durch alles 
a.b. c.+ ytaKam. daz die frowen ir kint azzen. Vnd db- diser 
Justinianus ein erlich munster gepüwet in gotes ere. 
Jhesu Cristi. Do starb er. vnd wart aldo begraben in 
c. grozzem fride. bi disen ziten. wurden die Juden vnd die 
heiden eintrehtig. daz si die Cristen ze tode wolten slahen. 
die daz 3 ) Cesarea palestine waren. J)o räch der keiser 
du Cristen mit swerer räche. b$ disen ziten. puwetjier 



J ) Acta Apostolorura, A. B. C. 2 ) Hypante, A. B. C. *) 1. di? z«. 



MavthkaU Feien*«. 4» 

der kunig Sigemtmius von purg%mdia^ daz mtmster taM 
Matmeim. vdd siner gesäten für eines eimee tat dm er 
ersteigen het von einer etufmüter rat. - a. b.+ 

Juetftftu*. 
Jußtinue der ander richtent. IX. iar. vnd do 
Narsee patrictus der kunig der die Gothe in ytalia über- XXXVm«. 
want. do zurtiet mit ime frowe Sophie die keiserkui*. 
duz er mk dem keiser für zu lamparten. vnd betretet 
sich m ime« vnd forte sie in ytaliara. wanne et vor 
gewollt hetteo in pannonia. vad do wart Nareee mit 
arbeiten. *)vnd Ratario einem nach körnen, die kunige 
waren der lamparten. Also vereinet brader waten. v»d 
suchten einen tag des rates. wie si daz lant ytaliam 
vz dez'keisers gewalt gezngen. und siner nachkamen, 
daz onch geschach. wanne daz ytalisob riohe wart ge-* 
zogen vz dem gewält. ConstantbopoK. vad von 4er 
zit würden die Römer richsent von dem patrfoien . vnd 
do winden die lamparter wonent in dem riche ytaHa. 
vnd gewinnen zu erste. Mediolanum. Tyeino. Briatia. 
vnd Pergamo. vnd wurden do zu erste wonefede. Bi XXXVm««* 
den ziten allein si getauft weren. Do anbeten si doch a.b.c.+ 
die apgot. ate ein panme. vnd an ein bilde einer na« 
tern. von der irrunge bekert eich ein man genant Bar- 
bae bischof ze Boneuentem . wanne 4en bäum den si 
anbeten, den ravt er. vnd daz gülden bilde der natera 
maohet er ze einem bilde. 3 } Dar oach richsent indem 
riebe der lamparten Akoulpus . wider den sarit der babst 
kunig Pjppen von frankrich. al» man her nach Ifeet do 
man von ime sehribet. Bi diees Rakivaldi zit Wart der 
liehnam eant Bartholomei funden von India in die In- 
seln Lippam 3 ) vnd dar nach von dannte gefiirt ze bo- < 
neuento. Bi den ziten wurden die arme 4 ) Crieten. bi 
den ziten schüren die lanipardi ir houbt. von oben der 



*) cum Arbure, qui fuit rex ipsorum, Ä. B. Alburaea, C. 
2 ) in calicem commutavit, A. B. C. *) Liparim, A. B. C. 4 ) Ar- 
menii, A. B. C. ' * 



44 A&art*fi«tf BofalHiJ. 

XXXIX«- stirnen bix uf den naken. vnd Hetzen beidtnthalben bi 
a. b.c. den arm zwm locke ze tat hangen. Ire kleider waren 
. wiz vnd lank. vnd meieteü lynem kleider ab die Fri- 
xoneß pflagen ze tragen, ir hosen faiengen in uf den 
c. fuzzen. vnd waren gebunden mit riemen. also het der 
heiser Jwthws wol sin tag in grossem fride geleibt het er 
r ' v 'von sinee vribee rät Nareem PatriotUm von ime niht ver- 
träten, wan döNarses von ime quam den aäe lant vorhten 
do gierig dm heiser in allen, landen zu* wanne Narse* waz 
gar. ein mitte man h und ei» Gristen man, vnd gab armen 
Inten gern* vnd waz flizzig die Jri/rcken wider ze machen, 
die zerstöret warm, vnd waz so flizzig aller »guten werke 
gegen gote, daz er den sik gewan. 

Tybexius der ander 1 ) der rfcKsent.XVIILiar.*) 
XXXIX b. bi des ziteü geWuunen Lambardi ytatiam zu einem 
grozzen teiL vnd wüßtem si vnd i die Crothi die heiden 
waren worden; bo^e Cristen in ketzerey. Diaer keiser 
waz den ; Criaten vnd armen luten der milteät man. 
wanne er den schätz defr balast allen den armen gab. 
-• vtid do in die key&errinne straffet* war vmb er dez 
riohez gut vnnutzlichen hin gebe» Do anfcvfurte er vnd 
sprach, ich getröwe gOt daz vnterm Triisor nymmer 
goldez zerrinne, vnd zw breche, wanne, wir den schätz 
den vns got gelihen bat, sol man armen luten mit teiln. 
da wt man den himelschen, schätz gewinnen mag« vnd 
zu einem mal eolte er durch eines keiaers palast gen. 
do sach er. in dem pavment einen merbelstelin in ein 
sul gesatzst.als ein tauein,, dar ufetunfe ein kratze, daz 
XXXIX c hiez er vz brechen- tfnd epraoh. Ez ist niht gut daz 
man vf daz zeichen trette des Cruzes, da mit der 
mensche sin antlitz vnd ßin hertze zeichen »ei. .Do er 
d^e tadeln hiez vz brechen, da lag aber flin andres 
vnder dfcm selben als dto erate. daz *et; er aber vz. 
vnd vant dar vnder einen grozzen schätz ligen von sil- 
A.+ ber vnd von golde. 

■>• - «.•*'>{ :> n ./. .•• n.i'. •.••■• <■* ■ 

Liberias, C. 2 ) 7 ann., A. B. C. ■ •■ . 



ÜMTtillB8'P«ioilOi. 45 

• Maurdbiu* aticbsenti XX. iar. bt der zit waz 
sant- Gregorias in grozzeinbeüikeit. vnd die CKsadesty 
krigtenmit dem Äotnern. Diser w*z ein geistlich »an. i- 
vnd waz dem riebe nutze. Er betwank ifeit sinem pi»«- > 
fecto die Persas vbd Armeniam.. vnd wuitet die mit 
braut mit gevankmsse in dem ersten iar eine» riebe». - •• * 
bi siaei» zitefe wart «ant Gregorius ein Anshibpaton*) 
xe babat erweit, dez gab deir keiser ain Confirteabien. 
mit sinen brifen bi der zit bi Saftat oibt v«rre>vtHi ie* XXXIX *• 
rusalem wart funden vnsers herren gotes rok. der ane 
nat ist* in einer mermerinen arch von dem bysehofen 
Thonsa Ton Jerusalem. Vnd Gregorio in Antfcyochia. 
vnd brauten in ze ierusalettK vud an dem. XIIIL iar. 
sant Gregorius der babst einen Munich hie» Augustinus 
in Angliam zu bekeren die Sahssen. die nnweKch in 
britaniam waren gevaren mit vintlicber mäht wanne die 
britones van den noch Calemes*) bdiberi sint. die warme, 
lang Von Elxtäherio die vörCristen waren, vnd der keif v 
ser- wart kriegen mit dem Pabest Gregory, daz er ime 
mit grossem leit. daz er ime tet ze letste diroet an den 
tot. vnd do erschein ein man zu Rom in taunohes kki- 
dern der trag ein swert in der hant. vnd gieng altambe 
in der stat ruffent daz der keiser Mmirioius in dem iar $3**. 
solt von einem swerte sterben. Do daz der keiser ver- 
nam. do ruwet in- sin mittat. Vnd öueh die i andern lute 
für in baten d*z ime got die vrtetl abneme; Do diz 
geschach. do horte er in dem slaffe ein- stimme die 
sprach, weder 'ist- -dir lieber daz ich dir hie vertrag, 
oder in dem künftigen gerät. Do antworte der keiser. 
Herregot ein minner der armen. •* rieb hie min schulde* 
daz du mir an dem künftigen geribt vertragest. Dar 
nach kam er in Orient, do er sinen rtttem wit Haumb 
dyebstal. 4 ) vnd er in dock naht jgab iren gewonüchen 
solt. Do besaxbmenten si sieh vnd wolten Focam*' vber 
daz her für Maurioium ze keyser machen. Do daz 



J ) Arsaces, A. B. Assathes, C. *) archidiaconus , A. B. C. 
8 ) Galkmgfls, 'A. ö. ^)i a rapihi« et iurti» ^)Wbe«)t r A< B. C. 



S Marttalfts Fol*»**. 

Jäauricius gesach da floch er in ein Inseln« Do slug 

in Focas ze. tode mit feinem wibe. vnd «wen sune. 

XL b. Biser Fokas was der erste der ie keifcer wart, von dem 

ctütochen 1 ) velke. & <fike» *#*» pewon ein firme* ein kai 

H Dakomo, on bogen cm ore» ?on hende on ftäe. vnd 

a. b.-\~mxü von dem gemaehet mder ab ein vUehzagel. bi der zu 

lebte Mumnti ein byschof tn aleaandnia* der van grozzer 

mMkeü die er het gegen dem atmen, daz er was genau 

• ; /./. Johanne* der ahwmeti - 

Fokaa richsent» VIII. iar» . Diser wart von dem 
krieg der Bitter keiser gemachet. vnd erdug den keUer 
Mauribitim ynd vü edeler Jute, vnd treib gros vrluge 
wider- den kunig von Porta* von denk die Bpsier sere 
wurden an gevrluget» Also daz ei ierasalem verlurn, 
vfcd ander provincien« Diser Foeaa erlaubet sant boni- 
feeio dem vierden bebet ze Rom daz er den Tempel 

XL«, pautheon genant wihet in vnser frowen ere. vnd aller 
heiligen. Daz volk*) mohte die grozzen nwusslabt niht 
üdeu. die Focas begie an den luten ♦ vnd saate in Affri- 
caoa zu JSraclio* da* er im sinen stufe Eraoleüm sante 
wider Focam daz ouoh gefechach. wanne Eradius kam 

A*4-mit vil schiften vnd uberwant Fokam« 
• • • i 

■ i Era^lius mit sinem sim Constantino richeent 
XXXI. iar. bi djsen ziten gewan Sysdbeetns der er- 
lieheat .kunig der Gothen vil stet die der Bomer waren, 
vnd wider in warfen, vnd bekert alle die Juden in si- 
nem riebe zu Cristen glouben. an dem dritten iar dez 
riche* dises Eracl$. do gewan koseroth der kunig von 
Persia einen grozzen teil dez Römischen riebe*, vnd 
verwüstet; Jerusalem« vnd verbranie jäie heiligen stete 
vnd nem daz holte de« brufeee« vnd viengen zacbariam 
XL d den Patriarchen« vnd vil ander lute vnd fürten die mit 
in persjam. vnd an dem. XII» iar dez riches Eraclij. 
Do besammente er ein her vnd für in Persiam. vnd 



») ex Graeoonaa genta*, A. B. C. »).Priscns, A. B. 



slu^(^nso»be *£ tode, vnd' <k>; wurden die gevangen 
erlogt« vnd n*m oueh da«, iieüig krutaa vnd bcshte daz 
wider. bi.4flr zk etunt üf Machmet (kr wissage* der 
sich von dem glouhen br»h*e mit sühaifceit vnd afcit »i- » 
ner val*cfaen lere, *tata* er «in zaubrer was« vnd da« 
man einer trügenheU nüit gewar wurde* S* sprach er* 
er redet mit dem enget so dikfe als er wolte. vnd von 
der herscbaft. der morder kam er zu dem riche vnd 
daz er d*z Cristenheit volk motte betriegen. Do l^rt 
in ein abtrünnig munch der hie« Sergiua du teil dös 
gjoubep. Djaer Eracliu*. do er persidem gewan. do a.+ 
fürte er z^charlam den Patriarchen, vnd alles das Cri- XLI»- 
sten volk daz gevatagen waa wider, zu Jerusalem, vnd a. 
da «r daz heilig Crutze. daz er Coitsoroe .gmumm hei 
$olt tragen zu kmerlicken eren . vnd tu der portm hin t& 
furm~ dp *# wmr herre uf^einem rukke trug. am der mar-* , 
ter. Do be*h& eich Me parte . tmd uwrt ein gantz mur. 
vnd. do gimg er zu fuze demutecUehen mit dem Grucze. 
Do tet sieh die forte wider uf. vnd do er daz Crutze 
also wider brahte« do setzt er den tag* daz daz heilig < 
Crucze also erhöhet wart alle iar , zu begeu in der CWh 
stenheit. bi disen\ziten lebet yaidorua der bischof wart 
nach X*eandi$ zu hilapalensi. diser machet daz buch 
Ethyinoloyan*. vnd schreib auch die Croniken von Je* 
ronimue sit vutz &n* sinen tot. bi disen ziten lebt sant 
Gallus in teutßchen landen» vnd waz ein Junger sant 
Columbani. An dem. XV. iar des keisers Eraclij. Do XLI*- 
betwank Br^ÜW die beiden. vndRomiaob eich« die vor 
waren von dem, kunige von Persia. bi den ziten starb 
maehmet der «beiden furete. nach dem richsent Ebies 1 ) 
vber die beiden,« vnd Eraclius waz ein meister der stern 
ze sehen, vnd s£öh daz. daz sin rieh, solte werden ge- 
wüstet, von 4em- vereinten . volke,. vnd dar. vmb enbot 
er dem ; kun|g0 von firankriebe. .daz er alle die. Juden 
in sin$|n< riebe hiez tauffen daz geaqhach. vnd: dar vmb 
hub sich zwischen den Juden und den Romern. ein 



») Abia, A. B. Ebier, (Eifeuzer)» C« . 



48 Mtrtinul Polona* 

vnselig vrlug. Also das Eraelius vdrhte dos Creutzes 
vnsers herren, vnd fbrt es voti Jerusalem iö Gonstan- 
tinopolim. dar »ach m dem iar Vneers henton tnsent 
zwei hundert vnd. XLVII. iar; do wart durch bete dez 
guten Cristen ktmiges Vikt frankrich. Do do witi J ) ein 

XLIc grozz teil dez heiligen Croczes gefurt zu Paris . an dem 

iar des riches EracHj. XXVHI. iar. Do störten die 

heiden Jerusalem . vnd gewiinnen Anthiochiam . vnd zu 

der zit waz Eracliüa verboset mit der ketzerte Mana- 

chelioarum*) die laugenten. daz an Crist »wen willen 

- < weren. wanne do er daz Creutze gen Jerusalem braht 

7 do bleib er in den landen wünende. vnd wart do dis- 

'• putieren mit den patriatchen der Jacobiten vmb den 

glouben. vnd der betrog in zu der ketzerie. vnd die 

Jacobiten sint Crittenlute. die eant Jacob der Apostel 

o. lert vnd bekert. vnd verstend den glouben übel, warme 

si gloubten. daz Crist geborn teere von einer reinen mögt 

vnd zu himel für* vnd gehübten nit daz er got were . 6t 

den ziten daz rieh persarum waM gewwmen van den hei- 

XLId. den. daz dock so kre/Ug itfaz. daz ez mht dem römischen 
rieht woh gehorsam sin. wanne die Arabes gewuünm vnd 
vertriben iren hurtig harmisdarh. vnd besazzen daz rieh, 
weh m/U gewaU. Auch gewati Sybesustus der 'famig der 
Qöthen in hyspania vil stete, die vor der Römer waren, 
vnd von der zit begonde Römisch rieh abnemen an eren 
vnd an gewalte, in edler Werke: 

ConstantinuB der dritte in ytalia mit sinem 
bruder yradone 3 ) richten t. XXVH. iar. 4 ) Diser was 
Eraclij sun. vnd wart erslagen in SiciHa. vnder dem 
wart ein grozz teil dez riches verwüstet von den hei- 
den. vnd Waz ein böse man an allen dingen, e* ershige 
den babst martinum. Dar vberleget er alte die gezierde 
der 8 tat Home, vnd für da mit in Syeiliam. An dem 
XLD> sehsten iar dez riches Constantlni. Da wüsten die hei- 



!) L Ludowicus. s ) Monotelitarum, A. B. C. *) Heracleona, 
A Hiradona, B. Iradon% C, <) 17, A ß. 



Martinas Polonua. 49 

den affiricam daz laut. Diser wart betrogen von Paulo 

Constantinopolitano . daz er ein regel wider Cristen 

glouben seit, daz weder ein wile noch zwo naktwerk 1 ) c. 

an Cristo weren. Dar vmb machet der habest Marti« 

nus ein. Concilinm von zwein hundert byschofen. vnd 

tet die ketzerie ze banne Tyrium. Syrium. vndPaulum 

die ein anvank waren des vnglouben. vnd der sache 

gebot der keiser Gonstantinua daz man den babst Mar- 

tinum vieng. Vnd sant in in die Inseln Crisone. do 

ouch der babst sant Clemens hin gesant wart, vnd do 

starb er. bi der zit liez ydotus 2 ) des kuniges sun von 

Britanie sin rieh* vnd die werke, vnd wart ein heilig 

einsidel in pagaponcio . 3 ) do starb er in got. Diser 

Constantintrs verdampnete vil Cristenlute mit slahte. XLII^. 

vnd mit dem eilende, vnd dar vmb wart er zu Con- 

stantinopoli. so gar sere verhasset daz er schiffet in 

y taliam . vnd wolte nemen vz der lamparter gewalt. 

vnd wolte do wonen. Do er kam in die gegent bi be- 

neuentum. Da wider für im Grimnadus 4 ) ir hertzog. 

mit einem here. vnd vberwant in. vnd do er sach daz 

er da niht schuf, do für er zu Borne. Do begegent im 

vitalianus mit grozzen eren. wol sehs milen von der 

stat. und braht in mit der gemeine des volkes in sant 

peters munster . vnd do er bleib wol . XII. tage in der 

stat. do twank in sin alte girikeit daz er abe brach die 

gezierde. do mit die stat gezieret waz von ere. vnd 

von marmor. vnd fürt daz in die Tyfer. vnd schiffet 

dazu Constantinopolim. vnd entecket ouch die kirchen XLIIc 

vnaer frowen. vnd aller heiligen, daz da vor waz be- 

nant Pantheon, die mit ere waz bedecket. Vnd do er 

also von Borne geschiet. vnd in Siciliam kam. do wart 

er erslagen von den einen in dem bade. Do weiten die 

Bitter Maxencium 5 ) zu keiser. vnd kurtzlich dar nach a.+ 

kam Constantinus dises Constantini sun . dar geschiffet. 



l ) voluntates seu operationes, A. B. 2 ) Hydocus, A. B. Ju- 
docus, C. 3 ) in pago Pontino, A. B. C. 4 ) Grunualdus, A. B. 
Grimaldus, C. B ) Mezentium, Armenium quendam, A. B. C. 
Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 4 



60 Martinas Polonus. 

v vnd nam do an sich den keiserlichen gewalt. vnd er- 

alug do Maxencium. den die ritter keiser gemachet 
heten. vnd die ime einen Tater erslagen heten. die tet 
er ouch verderben eines bösen todes . bi der zit machet 
hymarus der den 1 ) kunig einen Tempel deor abtgot zu 
Jerusalem, do der iuden tempel stunt daz vespasiairas 
brach, vnd do beten noch die heiden inne. bi den ziten 
c. zogten die Franzoyse mü einem here in lampardiam . vnd 

XLIR dem begegent Griminialdus der lamparten kunig mit einem 
her. vnd do er die vinde Bach, do tet er sam er fliehen 
wolde. vnd sin gezeit liez er wol beraten mit spiee, vnd 
mit gutem wine. vnd die franzoyse worden daz ei von 
vorhten geflohen weren. do giengen ei in der lamparden 
gezelt. vnd azzen vnd Truncken als vil. daz si truncken 
wurden von dem win. vnd wurden dar nach slaffende edle 
gemwdich. Do kam Griminialdus mit den sinen über si. 
vnd erslug si na/tent alle zemal. 

Constantinus der vierde. der Constantini 6un 
waz. richsent.XVILiar. bi dez ziten wart der sehste 2 ) 
Synodus begangen zu Constantinopolim . von zwein hun- 
dert, vnd acht byschofen. wider Gregorium den Pa- 
triarchen. Der keiser waz ein gereht Cristen. vnd het 
XLIIIa. einen wisen rat. vnd machet einen gantzen fride mit 
denAraben. die zu damasco waren, vnd mit purgaris. 3 ) 
vnd machet die kircheut wider . die von den ketzzern 
verstoret wurden von Eraclius ziten sines fremdes, vnd 
machet den sehsten Synodum wider die Monathalitas 
ze vertriben. die sin vater beschirmet mit zwein hun- 
dert, vnd mit.LXXXVIIII. bischofen. in dem Synodo 
man bezuget in vnserm herren ihesu Cristo zwen willen 
vnd zweierlei werkwesen Gotlich vnd menschlich, bi 
dem ersten iar dez riches Constantini . do het Grumual- 
das der kunig von Beneuento zu der ädern gelazzen. 
vnd an dem. IX. tag. do solt er mit einem pogen ein 
tuben schiezzen. do prast ime die ader uf. vnd legten 



») 1. heiden. 2) quinta, C. 3 ) Bulgaris, A. B. C. 



Martipas Polonu». 61 

ime 4ie ertzte ein giftig ertznie dar uf . do tiarb er. 
bi der zit gieng ein so groz frayse des todea vber die 
etat Tycinam. daz die lut an dem berg fluhen vz der XLm»>. 
3 tat. daz bäume vnd kraut in den gazzeo wuhsen. Ka.b.c.+ 
dises Constanüni ziten do kam heimeHehen gevam mit c. 
ktizel Crimen htm Cesarea des hmige$ urip von Persya. 
zu Comtantinopolvn. vnd liez rieh do taufen vnd der 
keiser Constantinus hub si uz der tauf, vnd do si vil ge- 
suchet wart von irem manne. Do wart si zu leiste do fanden, 
vnd ipoüe nüit wider zu irem manne. Er wolle sich dorne 
do 'lazzen touffen. Do daz der hinig vemam. do für er 
fridelichen mit. XL. rittern. vnd liez sich do teufen, ze 
Constantinopolim. Bi den ziten die burgari. die do wo- 
neten. vnd die Meosmetidi genant 1 ) do die groz burgaria 
ist. die rqrwustent die gegent der Römer, wanne do Conr 
8tantinu8 der heiser si niht betwingen mohte . do machet er 
einen friden mit in zu einem laster der Romer. wanne er XLIU> 
in allen tribut muste geben. 

Justianus. 

Jvstianu8 der ander Constantjni sun der rich- 
sent. X. iar. Diser machet einen friden mit den heiden 
uf dem mer vnd uf den» lande» X. iar. Er waz gut. 
wise vnd mute, vnd meret daz rieh, des tat liset man 
in pantheon. vnd machet vil leges. vnd er$t dazgotlich 
ampt sere. Aber ze letste wolt er swachen den sejbsten 
Synodum den sin vater geaetzet hete. vnd daz ime Se- 
rius der babst.. des wolte wider stan. do betrübet er 
in, vnd die heiligen Cristenheit mit vil leides. Dar 
nach an dem. X. iar. sines riches. versüez in patri- 
cius, leo. vnd sneid ime die nasen vnd der zungen ein 
teil abe. vnd versante in also in Crisonam daz eilende, 
bi den ziten lebet Beda der erwerg priester vnd ein a, b. c. 
Munich. XLJUd. 

Leo. 

Leo der ander richsent. III. iar. Disem sneit 



Moeotides paludes habitantes, A. 



52 Martinas Polo na s. 

Tyberius die nasen abe. vnd vertreib in von dem riche 
vnd sante in in daz eilende Crisonam genant, bi disen 
ziten waz ein grozze zweyunge. wanne ze aquilea waz 
ein Synodus geleget, vnd die wolten ouch an sichnemen 
den Synodum der geleit waz zu Constantinopolim . von 
dem keiser Justiano dem ersten . vnd virgilio dem babst. 
vnd daz versamnet 1 ) der babst sergins. 

Tyberius der keiser der dritte richsent . VII. iar. 
bi dez ziten verwüstet Gysulfus der hertzog von Bone- 
uento ytaüam daz lant. bi des Thyberij ziten. do Ju- 
stianus in dem eilende waz zu Crisone. Do sprach er 
offenlichen . er wolte wider an daz keisertum kumen. vnd 
XLmia. dar vmbe gedahte in daz volk erslahen von des keisers rat. 
Do floch er zu dem kunig. der Turterein. 9 ) vnd der 
gab ime sin tochter zu einem wibe. vnd von siner helfe, 
vnd der Burgarorum gewan er daz rieh wider, vnd er- 
burget 3 ) leonem vnd Tyberium. die ime daz riche vor 
heten gehabt, vnd tet also grozze räche an einen vien- 
den . daz wenne ime ie ein tropf von siner ab gesniten 
nasen viel, so dicke slug er siner viend einen ze tode. 

Justianus. 
Jvstianus. der dritte richsent sehe iar. daz 
ist der selbe der vor von dem riche verstozzen wart, do 
er daz rieh wider gewan. do schirmet er Cristen glou- 
ben vnd lud den habest. Constantinum zu ime gen 
Constantinopel . vnd erte in an der zukunft. vnd an 
dem dannen scheiden . mit der grozzen ere der apostoln. 
XLÜIIb. Dar nach Justianus hiez daz lant Crisonam do er waz 
in dem eilende zemol verderben, vnd sammet alle die 
schif die er gehaben mohte. mit sinem hergrafen. vnd 
erslug alles daz. daz do waz. on die kint. vnd do er 
zu dem andern mol die kint wolte ertoten, do sante si 
wider an einen man genant philippus. der ouch eilende 



ad concordiam reduxit, A. 2 ) Tarcarum, A. B. C. *) L er- 
würget. 



Martinas Folonas. 58 

waz in der provincien. vnd der für zu Constantinopo- 
lim. vnd erstach do den keiser vnd sinen snn. 

Philippus der ander richsent. ein. iar. vnd 
VI. monen. der floche in Siciliam von den Römern. 
Er waz ein ketzer. vnd i^t geistlich gemeide, vnd die 
bilde ab. vnd dar vmb wolten die Romgr sin bildunge 
an ir muntze niht nemen. 

Anastasius der ander richsent. III. iar. diser 
ving philippum vnd plente in an beiden ougen. Diser 
waz böse an allen dingen vnd sin her weiten Theodo- XLIfflc 
sium zu keiser. der vberwant disen Anastasium vnd 
wihet in zu priester. 

Theodosius. 
Theodosius der dritte richsent. IL iar. 1 ) dirre 
waz mute vnd demutig, den selben verstiez leo der ge- 
weitige von dem riche . der wart dar nach priester. vnd 
vertreib sin leben mit seiden. 

Leo der dritte mit sinem sun Constantino rieh-, 
sent. XXV. iar. bi des ziten komen die heiden zu 
Constantinopel. vnd besazzen die stat. III. iar. vnd 
fürten von dannen vil gutes, an dem. IUI. iar. des a.+ 
riches Leonis. do wüsten die heiden daz lant Sarda- 
niam. vnde vnerten die stete, do sant Augustinus ge- 
bein lag daz von der heiden wustunge von ypona dar 
waz gefurt. vnd do bis an die zit gewesen waz. vnd 
daz vernam Luprandus der kunig von Lampardia. der 
sant sinen boten dar. vnd gab in vil goldes vnd silbers. XLIIII*- 
daz si ime daz groz heiligtum brehten biz zu der stat 
Januam. vnd do für er dem heiligtum selber engegen 
mit grozzen freuden. vnd mit andaht. vnd fürte es zu 
papia.*) vnd legt es do mit grozzen eren in daz mun- 
ster sant peters des Aposteln . in den guldinen himel den a. b. c, 
er erpuwet het. bi disen ziten wolte richoldus kunig 



*) 1 aniL, C. 8 ) papae deferens, A. B. Papiam, C. 



54 Martinus Polonus. 

der Frizonvm sich touffen zu der Cristenheit von der 
predig . vnd der lere wolfrans des ertzpyschofs von Se- 
nona. vnd do er einen fuz in den touf het getan. Vnd 
do zoch er den andern wider vz. vnde fraget weder 
einer vor varen vnd ander keiser vnd kunig mere weren 
in dem himelrich . oder in der helle . do saget man ime. 
daz in der helle ir mer weren. Do zoch er einen fuz 
vz der taufe, und sprach. So ist besser, daz ich der 

XLV«- meisten menge noch volge. danne der minaten. vnd 
also betrog in der tufel . daz er ime selben gehiez noch 
vil guter tage ze leben, vnd starb do an dem dritten 
tage. Er *) wart bekeret von einem abtrünnigen Cristen. 
daz er vrluget wider die heiligen Cristen ♦ vnd der hei- 
ligen bilde vnd tet die an allen enden verbrennen, vnd 
dar vmb straft in Gregorius der babst sere mit einem 

a. b. c. prinnen . a ) vnd do daz niht enhalf. do tet in gregorius 
ze banne, vud benam ime alles pulle, vnd krieget wider 
in gen Constantinopolim« vmb daz er die bilde zerstöret, 
vnd dar vmbe wurden auch etlich lute gemartert. Do 
der Jjeo in siner botschaft 3 ) starb . do wart nach ime 
c. keiser sin sun Constantinus. bi disem leone. dö stürben 
dru hundert tusend des gehen todes ze Constantinopoli. bi der 

XLVb. zit zogten die Heiden vber mere angustum . *) vud wüsten alles 
hyspaniam. vnd dar nach vber. X. iar woUen sri Aqui- 
taneam anth kern. Do kam Karolus marcellus wider si 
mit einem her. vnd ers'lug ir mer danne hundert tusent 
man. vnd der sinen wurden erslagen fünf hundert. 9 ) 

Constantinus. 
Constantinus der fünft, leonis sun richsent. 
XXV. iar. 6 ) Diser sluk nach dem vater. an alle bos- 
heit. vnd zerstört die gesetzze. die von den alten vetern 
gegeben waren bi allem sinem leben. Er waz böse vnd 
legte allen sinen fliz uf zouber. vnd von ime wurden 



1 ) sc. Leo. 2 ) in scriptis suis, A. B. C. 1. sinen briven 
3 ) perfidia, A. B. C. 4 ) per mare angustum transiens, A. 5 ) mille 
quingentis, A. B. *) S2> A* B« 35, 0. 



Martinas Polonna. M 

die pfaffen vnd manche vnd leyen geswechet an dem 
glouben. wanne er het steteclich bi ime anastasium. 
ein valschen patriarchen von Constantinopolim . bi dises 
ziten an dem. XVIII. iar. eines riches. do brach Ba- XLVc 
ehis 1 ) der knnig von Lamparten den friden. zwischen 
ime vnd den Römern . vnd gedahte ei geschedigen. Do 
braht in zachaxias der babst zu daz er niht allein ab- 
liez von der vbeln tat. sunder er für ouch ze Borne 
mit sinen sunen. vnd wart do ein munch. vnd sin bru- 
der Asculpus wart nach ime kunig. vnd dar nach an 
dem. XL iar. Do vordert der selbe Asculpus tributum. 
von den Romern. vnd ruft der babst Stephanus den 
kunig pippinum an vmb hilfe. an dem. XU. iar. des 
riches Constantini. Do zogt der kunig pippinus in 
Lampardiam. vnd vberwant do Asoulpum mit sinem 
her. Der selbe Constantinue gebot einen sende zu Con- 
stantinopolim . vnd gebot in dem die bilde ab zetun. 
vnd smehete also Cristum. Er waz ouch vnrein von c. 
zouberie. vnd verehtet die Cristenheü mit rauben die gotes XLV<* 
hus . vnd erelahen die Manche. Also daz sin tobheit für 
traf Dyodecicmwm . an perderbunge der Cristenheü. Der 
selbe Constantinus richsent. XV. iar. 2 ) mit Leone sinem 
sun. vnd mit kunig pippino ze frankrich. vnd mit pa- 
tricio der Romer sinen kinden. vnd dem grozzen karulo. 
vnd wanne hie vnder dise rede wallet die historia pip- 
pini des kuniges. vnd daz man wisse, wer diser pip« 
pinus were. So bescheiden wir das kunne nach der 
ordenunge. Do der erste pippinus gestarb der kunig ~ 
zu frankriebe waz . do het er einen sun von einer frun» 
dinne* der hiez karolus Marcellus. der wart nach ime 
kunig. Diser waz gar ein vrlugischer man. vnd be* 
twank die Sahssen. vnd Lamfridum von Tuecan 3 ) lande. XL VI« 
vnde machet ime daz tutsche lant dinsthaft. wanne er 
betwank die swaben vnd diePeiern. vnd den hertzogen 
von Aquitania genant Eudonem. vnd also zeletste be- 



l ) Rachis, AB. C. 2 ) 16, A. B. C. 3 ) Alemanorttm ducem, 
A. B. C. 



56 Martinas Folonas. 

twank er aquitaniam. vnd purgundiam. vnd do er also 
vil vrluges vnderstunt. vnd roubet die kirchen. vnd 
gab die zehenden den rittern. vnd vmb das sach Eucha- 
rius der bischof von enreliana sin sele in der helle. In 
der zit richsent hildericus zu frankrich. vnd waz als 
arm . daz er an dem riche gewan den namen. Dar nach 
starb karolus marcellus. vnd wart begraben in sant 
Dyonisien rounster. vnd kurtzlich dar nach, wart in 
einem grabe nihtes funden sines lichnamen. denne ein 
grozze slange. Diser riches erben wurden karomannus. 

XLVIb. vnd pippinus. vnd karolomanno vil Turingen vndOster- 
rich. wanne er der edelste waz. do geviel pippino dem 
Jungern purgundia. vnd prouancia. vnd do karolo- 
mannus gerichsent in daz . V. iar. Do für er von geist- 
licheit zu Borne zu sant peter vnd zu sant paulus mun- 
ster.-vnd begab do die werlde vor dem babst zacharia. 
vnd wart do von ime beschorn zu einem pf äffen, vnd 
wart* ein munche. vnd für an den berg Seraptim. vnd 
machet do ein Closter in sant Siluestri ere. vnd ouch 
ein ander munster in sant Andres ere. vnd gab in gulte 
genuk zu ir notdurft. vnd bleib alda in einem geistli- 
chem leben, vnd do vil lute von Francia vnd von Tus- 
can ze Korne füren, daz si in gesehen, do für er von 
dannen uf den berg Cassin. vnd starb do in einem 

XLVIc heiligen leben. Bi der selben zit lebfce sant Bonifacius 
ein Ertzbischof zu Mentze. der in der Inseln 1 ) Boe- 
thania stiftet daz Closter zu Folde in Tutschen landen. 
Vnd ein apt dez selben Closters het grozze wirdekeit 
in des keisers hof. vnd do Carolomannus also ein 
munch wart, do richsent sin bruder pippinus allein in 
dem kunigriche ze frankriche . vnd sin hof wart genant 
der grozzer hof . 2 ) vnd sant zu dem babst zacharia. 
vnd tet den fragen . weder Hildericus billicher solte ku- 
nig sin der do muzzik ging . vnd anders niht ißt . wanne 
daz er den namen het eines kuniges. oder der uf dem 
die sorge oder die arbeit lege . des kunigriches alzumal. 



silva, A. B. C. 2 ) Major dornua, A. B. C. 



Martinas Polonus. 57 

vnd des antwurt ime der habet . daz er Inilicher solt 
kunig wesen. der die berihtunge dez riches besorget 
danne der sich ez niht anneme. Do daz die franci von XLVK 
dem babst vernamen. do besluszen ei Hyldericum vnd 
sin wib in einem Munster, vnd satzten pippinum zu 
kunige. bi des babstes ziten wart Asculpus der kunig 
der lamparden vnder wiset. von etlichen bösen Körnern. 
daz er daz Lant Tuscam. vnd daz tal Spolitanam hert. 
vnd kam biz Korne, vnd brante vnd herte da zwischen 
alle die kirchen. vnd ander heilige stete, do der heili- 
gen bein begraben waren, vnd hiesch von iecliches 
menschen houbt den zins. Do der babst Stephanus 
sach die grozzen peinigunge. vnd den schaden der kir- 
chen. vnd des landes. Do für er selber gen frankrich 
zu dem kunige pippino. vnd bat den daz er dem kunige 
von Lamparden daz vnreht werte . vnd den schaden den 
er den landen tet. vnd do für pippinus mit dem babete 
in ytaliam, vnd kam zu Korne, vnd die Romer machten XLVH». 
in über si zu einem haubtman . do streit er mit Asculpo. 
vnd vberwant den mit heres kraft, vnd do gab er der 
kirchen sant peters vnd den andern ir iriheit wider vnd 
ir gut . vnd für wider zu Frankriche . do starb Ascul- 
pus. vnd wart desiderius kunig der Lamparden. Bi 
der zit wart sant vitis lichnam gefurt gen Korne vnd 
gen frankrich. von Fulkardo dem apte. von sant dyo- 
nisien . vnd do daz vrluge ein ende genam zu Aquitania 
vnd Aluerinsf. vnd Gascatonia. Do starb der kunk pip- 
pinus. vnd wart begraben in sant Dyonisien Munster, 
vnd sin sun Karolus der grozze wart zu kunige ge- 
setzet. Bi disen ziten richsent Constantinus alleine an c. 
dem namen. wanne die heiden heten daz rieh in Orient. XLVIIt>- 
vnd gegen muten tag. daz rieh wart alles betwungen. vnd 
dar vmb daz die Crütenheit iren got maehmet verdampten. 
so taten; si der Crütenheit groz vngemach vnd singen ir 
vü zu tode. % A.-f 

Leo der. Uli. 

Leo der vierde richsent. V. iar. der nam von 
girikeit ein kröne, dar inne stund ein Caruunculus . vnd 



53 MartinuB Polonns. 

do er die ttf sin houbt setzet, do gie in der ritte an 
vnd starb. 

Constantinus. 

Constantinus der sehste. Leonis sun. rich- 

sent mit yrente siner muter. X. iar. vnd wanne er die 

muter von dem riche etiez. So blente si den sun mit 

^ wiplicher schalkeit. Do richsent si. III. iar. Aber 

a.b. c.+ Constantinus ir sun. het vor. e. er blint wurde. V. iar 

c. gerichsent. bi dises ziten verging die sunne. XVII. tage. 

daz si niht gesehen wart. Also daz vil lute sprachen, ez 

XLVIIc- were dar vmb daz der milte keiser erblendet were. vnd die 

keiserinne yrene. daz si dez sicher were. vnd richsent si 

erblendet ouch irs suns Joint, vmb daz si iren vater het 

geblendet. Ich rechen der ouch daz si zuhant dar nach 

a.-|- starb. 

Nychoforus. der richsent zu Constantinopel. IX. 
iar. 1 ) bi den ziten wart daz rieh in Orient ze nihte 
von den vinden. 

michahen. 

Michahel der richsent. IL iar. der waz ein Cri- 

sten man gutes gelouben. vnd heten in alle lute lieb 

c. der alle betrübten von Nychoforo mit siner gäbe erfreut. 

vnd flizzet sich auch alle die ze verderben die wider den 

Cristen glouben waren. 

Karolus der erste, vnd der grezze gewan daz 
Romische riche. vnd richsent. XHH. iar. vnd einen 
monen. vnd vier tage. Diser waz kunig zu frankrich. 
XL VII d. e. daz er keiser wurde, vnd von der bete Adriani dez 
babstes besaz er die lamparter ze papia. do er deside- 
rium iren kunig vink. vnd fürte in gevangen gen frank- 
rich* vnd ouch sin wib. vnd kam do zu Rome vnd 
vestent alles daz. daz sin vater pippinus gegeben het 
sant petro dem apostel. vnd gab ime dar zu daz her- 
zogtum Spolz vnd boniuent. vnd vmb die bet der Romer 



') 9 mens», A. B. 10 ann., C. 



Martinus Polonus. &9 

wart er keieer gemachet. Bi dez ziten pfalentzgraft 
Kulant vnd die andern vberwunden die beiden, vnd 
wurden do erslagen yon der verretnisse des Grefen 
G-aruerionis. Do diser karolus betwank die Sahssen. 
vnd ander Tutsche in allem Occident. Do machet er 
zu kolle zwo brücke vber den Ryn. Er trug einen bart 
eines fuzzes lang vnd waz mezzig an ezzen vnd an 
trinken. Er lerte sine sune. daz si also alt wurden. XL VIII« 
daz si niht gerihten mohten. Si tohter tet er mit wollen 
arbeiten, vnd spinnen, vnd daz si von dem muzzig 
gang niht zegeil wurden, vnd daz kunigreich von frank- 
riche breitet er vil noch sines vater tode. pippini. vnd 
über alle sin zit reht Cristenlich leben . vnd für zeRome. 
vnd do er noch ein mil waz von der etat, do stunt er 
von sinem pferde vnd ging zu fuzzen in die stat. vnd 
ging zu allen kirchen in der stat. vnd kuste die bistel 
an allen kirchturen. vnd liez grozzes gut zu ieclicher 
kirchtur. bi den selben ziten waz daz heilige lant be- 
sezzen von den heiden. vnd do sante ime der keiser 
von Constantinopoli Constancius. vnd der Patriarche 
von Jerusalem ir boten vmb hilfe. do für er mit einem 
grozzen her aldar in daz heilige lant. vnd gewan daz XLVIII»>- 
wider von den heiden. vnd für herwider für Constan- 
tinopolim. Do bot ime Constantinus golt vnd silber. 
vnd edel gesteine gar vil. vnd des wolte er niht. vnd 
hiesch anders niht danne des des heiligtumes vnsers 
herren gotes . vnd der heiligen . vnd mit grozzem gebet, 
vnd vasten daz er vor tet. Do enphieng er ein stucke 
von der krönen vnsers herren. die do an einer ange- 
sihte blutet, vnd der nagel einen do mit vnser herre 
gepinigt wart.' vnd ein teil von vnsers herren Creutze. 
vnd ein sweiztuch vnsers herren. vnd vnser frowen 
hemde . vnd sant Symeons arm . daz er alles mit wun- 
derlichen zeichen mit ime forte in tutsche lant ze oche. 
vnd behielt ez do in vnser frowen munster. daz er ge- 
buwet het. Er machet so manig stift als manig buch« 
stab in dem Alphabeto stet, vnd liez in iegelichem XL VIII c 
einen buchstaben von golde machen, der gekostet het 



60 Martinus Folonui. 

hundert phunt Turonos. nach der ordenunge der buch- 
staben. in dem Alphabete * daz von der ordenunge der 
buchstaben iecliches munsters zit bekant wurde in der 
ez gebuwet wurde, die buchstaben man noch vindet. in 

c. der munster etwie mangen» Diser karolus bezzert sich 
an gut vnd an eren. Die vier Ertzbystum . Tryer, Mentze. 
Kotten. vnd Saüzbujrg. vnd krönet karoluß sinen ersten 
sun • vnd starb eines seligen todes • nach einem heiligen 

c. leben . vnd wart begraben zu Oche in vnser frowen Mun- 
ster, daz er gebuwen het. vnd vor sinem tode* besant er 
alle Prelaten der kirchen. die er mohte gehaben, vnd gab 
XLVink * n an ^ e ^ rc ^ ien ^ dw schetze sines gutes die er iendert het. 

Ludowicus. N 
Lvdowicus der erste mit sinem sun Lothario 
richsent. XXV. iar. Diser waz des grozzen karulo 
sun. vnd het zwen bruder einen der Tutsche lant be- 
rihtet. den ander der hyspaniam verrihtet. vnd vber- 
want die beide, wanne si zeletste ein böses ende na- 
men. Er het ouch drie sune. Lotharium Pippinum. 
vnd Ludewicum. vnd den edelsten Lotharium machet 
er einen kunig. vnd bevalch ime daz riche ytaliam. 
den andern Pippinum* machet er kunig in aquitania. 
Den dritten Ludowicum. machet er kunig in Tutschen 
landen. Bi der zit kamen die boten Mychahelis des 
keisers von Constantinopoli . vnd brahten dem keyser 
Ludewico mit vil ander gäbe die buch«sant Dyonisien. 
die er mit grozzen freiden enphieng. Bi der zit lebet 
XLVnn»- Kabanus der äpt zu Folde. der ein groz buchmeister 
waz in der kunst Theoloyam. Bi den ziten kam der 
kunig Elueldus 1 ) mit wib vnd mit kinden. vnd vil lute 
siner Danorum zu Mentze . vnd liezzen sich da tauffen. 
bi den ziten tet der kunig Lodowicus in Tutschen lan- 
den Teuffen. XIIII. hertzogen. Der peheim mit allem 
sinem gesinde. vnd tet si den Cristen glouben leren. 
Dar nach für der keiser mit Pippino dem kunige von 



>) Eueldus, A. B. Heneidus, C. 



Martinas Pol onus. 61 

Aquitania in Britaniam . daz lant . vnd vermißt daz mit 

totsiegen, vnd mit brande, vnd dar nach hub sich ein 

krieg zwischen dem keiser Ludewico . vnd einen kinden 

vnd sinen forsten. Aber der keiser versante der lant- 

herren die wider in waren vil in daz eilende, vnd dar 

vmb wurden die lantherren. vnd ire kint noch mere 

mit in zürnen. Dar nach geschach. daz der babst. XLVHD>. 

vnd die Römer, vnd die bischofe. vnd die lantherren 

von verretnisse den muten keiser verstiezzen. von der 

keiserlichen wirdekeit mit irem vrteil. vnd daz gemeine 

volk kerte sich ouch zu den sunen wider den keiser. 

vnd also wart der milte keiser von sinen verraten, vnd 

in vanknisse beslozzen. Vnd doch in dem selben iare 

fuget vnser herre got . daz sich daz volk bekennen wart 

des vnrehten. daz si dem keiser getan hetten. daz ge- 

rau si vnd satzten in wider in sin erste ere. vnd sin 

sune sachten ouch genade an ime vmb ir missetat. bi 

dez ziten wart daz gebein sant vitis gefurt von Paris 

zu sahs8en zu Torbeya 1 ) ein schon Munster, vnd des 

sprechen die Sahssen ez were ein wissagunge ir eren. 

wanne bi den ziten wart die ere des riches gezogen. 

von den Franzoysen an die Sahssen. bi den selben 

ziten komen die Norman inGalliam. vnd verwüsten die XL Villi« 

swerlich. ouch han ich vernumen. daz ez die Sahssen 2 ) 

waren, die do ouch Norman genant waren, bi denselben c * ' '"*" 

ziten waz ein Juncfrowe in dem rihthufe zu Tüllen. XII 

iar. aü die ze Ostern vnsern herren emphangen het. vnd 

dar nach vastet si. VI monad. mit wazzer vnd mit brote. 

vnd dar nach waz si dreu iar. *) bi der zit kam in Gallia 

ein groz gewitter mit hagel. in dem viel ein is schiel der 

waz seh fuzze breit, vnd. XV. fuzze lang, vnd zweier 

fuzze dicke, bi den selben ziten lebt Strabus der Junger 

waz Rabani. der ein buch zu dem keiser ludewico machet 

von dem ampt der Oristenheit. 



*) 1. Corbeya. *) Norueni, A. B. C. 3 ) In marg. on alle 
spise. 



*g Martinas Polopas. 

Lotharius. 
Lotharius der erste richsent, X. iar. 1 ) vni 
a.b. c. mit sinem sun Ludewico. V.iar. bi dez ziten verkrusten 
XL Villi d. die heiden von gründe die kirchen der Aposteln . petri 
vnd pauli,, vnd alle die gegent der Romer. Dar nach 
zogten si wider in Affricam. danne si kumen waren 
vnd ertrunken alle in dem hohen mer. Diser Lottharius. 
A.B.c.waz der edelst 2 ) sun Ludernd des keisers, vnd gewac 
daz rieh alleine an sich, vnd daz muet die andern zwen 
sun Ludewicum vnd pippinum. vnd vrlugten wider in. 
in der gegent Antissiorensi. vnd geschach do der groste 
tot slag. der vor ie geschehen waz. wider den fran- 
zoisen. vnd do ir kraft beidersit so gar vernihtet waz. 
vnd ir lut erslagen. daz si den vinden niht wideraten 
mohten. do machten si ein sune. vnd teilten die daz 
rieh vnder einander. Also daz doch Lothario daz Eo- 
mische rieh beleih, do kam daz mere in Affricam vnd 
in hyspaniam vnd in die andern laut, wie dise drie 
L«. bruder heten gestriten. vmb daz Romische riche. vnd 
dar vmb kriegten die heiden. vnd ander lute. wie si in 
a.b. c.-f Römisches riche zogten. vnd daz vertilgten, vnd do 
richsent aber Lotharius mit sinem sun Ludowico . -V. iar. 
vnd an dem. XV. iar sines riches. do teilte Lotharius 
sin rieh vnder sin sun . vnd begab er die werlte . vnd 
A.B.c. für in eines munches kloster zu Beonia. z ) vnde starb 
c. dar nach kurtzlichen . vnd vmb sin sele wart grozzer strü 
zwischen den lEngeln. vnd den Tufeln. Also daz alle dii 
dar vmb waren sahen wie der Uchnam wart hin vnd her 
gezogen, vnd do fluhen zu leiste die Tufel. do dieMunck 
mit andaht ir gebet vmb in sprachen. An dem Jare des 
riches lotharii dem. V. do wart Helena Constantini muür 
a.-|- erhaben, mit grozzen eren ze Rome in dem Munster Mar- 
Lb. cellini vnd petri der heiligen. 



i) 15 ann., A. B. C. >) eltest? senior, A. B. C. *) i n p r0 - 
vincia, A. B. C. 



Martinas Folomas. «8 

Ludwicu8. 
Ludewicus der ander richsent. XXI. iar« 
Diser vrluget mit den Römern, vnd waz. Lotharius 
s im. vnd wart gekronet von dem habest Sergio, vnd 
richsent on sinen vater. XIX. iar. 1 ) bi disen ziten 
wart daz heiligtum der heiligen sant vrbani dez babstes 
vnd sant Tyburoij geforet ze antissiodornm. vnd wart 
geleget in sant Germanus munster . bi den ziten zogten 
die Grermani 2 ) in daz lant Aquitaniam. vnd wüsten do 
die stete. Audegatum. vnd Duron, vnd Pictauium. vnd 
Ranolfus der hertzog dez landes kerte gegen den Nor- 
mannen, vnd wart erslagen vnd alle sin lute. wurden 
von den Normannen verswendet als die schaf von den 
Wolfen, bi den selben ziten. verwüsten auch die die 
dani. daz lant Angliam. vnd singen irem kunig 1 ) daz 
houbt abe. der ein man waz mute vnd gut Cristen Lc 
gloubens. bi den ziten sach man zu prixia in ytalia 
drie tage vnd drie naht blut von himmel regenen. Ka- v 
rolus der Jungest Ludewicus sun wart besezzen. von 
dem Tufel. vnd gemuet. III. tage, vnd veriahe in der 
tobheit. daz ez ime dar vmb geschehen were. daz er 
ein gelubde wider den vater zu dem bruder het getan« 
Ludewicus starb in ytalia. vnd karolus sin veter zu 
k eiser wart erweit, bi disee Ludewicus ziten. betwank 
karolum den kunig von frankrich die hnssorge uf sin 
sune. daz er karolum den grozzern 4 ) zu einem, dya- 
cone tet wihen. vnd daz er der wihunge abetrunig wart, 
wanne er ouch ein boswiht waz. er fleiz sich wider 
sinen vater zu tun. vnd daz kunigrich zu schaden, wo 
er mohte. do tet in der vater ouch blenden, wanne er 
waz rehte der ander Julianus mit bosheit. vnd aber der Le- 
ander sun . karolus solte sin Sterke versuchen mit einem 
der in ouch vngewamet drucket daz er starb, bi dises 
ziten. kam Johannes Seotus in frankrich. der gar ein c. 



31, A. B. C. *) Normanni, A. B. G. *) Aymundum, A. B. C. 

awilftmanmim. A. R. fL 



4 ) Carolomannam, A. B. C 



64 Martinas Polonus. 

groz meüter waz in der schrift von der bete Ludetvici des 
heisere, machet er die buch, sant Dyoniden von hriechr 
scher zungen in laiin. vnd dar nach wart er vnd sk 
Junger die er lert ze tode erstochen. 

Karolus der ander. 
Karolus der ander richsent. IIL iar.*) vnd. 
IX. monad. bi dises ziten verluren die heiden daz lant 
Siliciam. 3 ) Diser Karolus waz geheizzen der kal. vnd 
ilte gen Borne, vnd gewan den babst Johannem an 
sich, vnd die Romer. mit gäbe, vnd wart also keiser. 
doch zehant dar nach, wart er an geurluget. von einem 
bruder Ludewico . dar vmb daz er daz rieh mit solicher 
schalkeit einen tot het an sich gezogen. 3 ) Diser ka- 
Ll*- rolus buwet so vil in francia. vüd in ytalia Munster 
aller leye geystlich, vnd machet der prelaten wonunge. 
vnd wo si vor gebrochen woren. die buwet er wider, 
bi sinen ziten nam die grafeschaft in flandern iren an 
vank. wanne flandern het vor nit so grozzen namen. 
sunder si wart gerihtet von den vorstern eines kuniges 
a. + von frankriche . do diser keiser in y taliam solde varn. 
von Gallia. do wart er getrenket mit getrank. von 
einem Juden hiez Sedechias. daz er starb uf dem ge- 
birge. daz do heizzet Alpes, vnd alda in den Alpen 
a. b. c. stiftet *) der Ellende ein Munster Cornelij . daz stetel 
het er gedaht also groz machen, als Constantinopel. 
vnd het es genant nach sinem namen kariopolim. 

LIb. Karolus der dritte, der do hiez der grozze 5 ) 
richsent . XII. iar . 6 ) bi des ziten waren die grosten 
hungeriar vber allez ytaliam. Diser besaz Tutschu vnd 
welsche lant in guten friden. vnd an dem andern iare 
sines riches. wart er gekronet von dem babst Johanne. 
In disen ziten slugen die Galli. mer denne. V. tusent 



>) uno, A. B. C. 2 ) 1. Siciliam. 3 ) quod se inconsulto 
Imperium usurpavit, A. B. C. Wohl verschrieben für: an sinen 
rat. 4) in Compendio, A.B.C. *) GrossuB, A.B. C. 6 ) 22, A.B. 



Martinas Polo au«. 65 

ze tode der Normannen. Dar namen Normani. Danos 

ze hilfe. vnd verwüsten die lant Gaüiam. vnd Lotho- 

ringen. vnd verderbten vil stete alda mit für. vnd mit 

totalegen. Daz waz koln. Leodium. Tungris. vnd Am« 

bianis. .vnd Triat. vnd do die Galli sahen, daz si also 

bet wangen waren, von den beiden den Normannen, vnd 

den Germannen, do baten si den keiser karolum vmb 

hilfe. vnd do si mit gewalt uf die Normanos zogten. 

do machete der kunig den Normannen einen fride mit 

dem keiser. vnd mit den Gallen, vnd mit den Ger- LI«. 

mannen, vnd liez sich touffen mit sinem gesinde. vnd 

der keiser hnb in vz der taufte, vnd zu letste. do si 

der keiser vz den franken niht vertriben mohte. warme 

si Cristen waren do gab er in daz kunigrich zu be- a.b.c. 

sitzzen. daz da Hit über Cyanam. 1 ) vnd daz heizzet 

noch Normania. von den Normannen. Der erste hertzog 

der Normannen. wazRupertus. nach dem sin sun Gyl- 

gelmus vnd dar nach sin sun Richardus. Diser Ru- 

pertus betwank Apulliam. Calabriam. Siciliam. vnd 

Veneciam. vnd want sich ouch an Alexium den keiser 

von kriechen, vnd bi den ziten. nam der keiser karolus 

ab. an lib vnd an kraft, vnd wart von den forsten dez 

riches vertriben . vnd vber kurtze zit dar nach . vertreib 

er sin wib . dar vmb daz si heimelich waz . dem bischof 

von vercellio. vnd swur daz er si nie geminnet het. Lid- 

vnd belobt sich* ouch irs magtums. vnd für in ein Clo- 

ster. bi den ziten wurden die vngern vertriben vz dem 

lande Syria. 3 ) von den luten die do heizzent pincernate. 

vnd kamen zu erste in panniam. 3 ) vnd vertriben do 

die lute Auares. vnd eint do bliben biz an disen. 4 ) 

vnd die lute waren also wilde, daz si lute fleisch azzen. 

vnd menschen blut truncken. als die palaugen 5 ) pflegent 

zu tvn. die do wonent iensit den ruten. 6 ) 



») ultra Sequanam, A B. C. 2 ) Scythia, A B. C. 8 ) 1. pan- 
noniam. 4 ) öc. tag. 6 ) Pbalangi, A. B. C. 6 ) ultra Buthenos, 
A. B. C. 

Archir f. n. Sprachen. XXIV. 5 



66 Martinus Polonua 

Arnolfus richsent. XII. iar. 1 ) nach dem daz 
Gallia gewüstet wart, vnd Lutheringia. Do wüsten die 
Dardam. 3 ) vmb Leodiam vnd Magunokm mit grozzer 
plage, vnd do verging der gewalt der Normannen, vnd 

a.+ derDanorum. die wol.XL. iar Galliam gewüstet heten. 

Lila. Dar nach wart der keiser Arnolfus krank, von langer 
suchte. Also daz in kein artzte generen konde. wanne 
in die luse frozzen vnd starb, vnd liez einen sun. Lu- 
de wicum. der doch niht an daz Kiche kome. vnd also 
waz diser Arnolfus der letste keiser. von dem ktmne 
dez grozzen karoli. vnd waz vmb die schulde, daz ßi 
die kirchen die ir vater gestiftet het niht schirmten. 

a.-{- sunder daz si sin mer verwüsten mit allen Sachen. 

Lvdewicus der dritte, richsent. VI. iar. bi 
den ziten begonden die von ytalia richsen. wanne daz 
rieh wart von den Franzoisen vz gezogen, bi der zit. 
vnd in ytaliam gefurt. daz geschach von der Romer 
vrteil. wanne die Franzoysen. wolten den Körnern niht 
helfen, wider die Lampardes. die wider si kriegten. 
LH t>. die in vil leides taten, vnd vmb die sache begonde sich 
daz rieh teiln enzwei. als noch hie kunt wirt. bi des 
Ludewiges ziten. wanne etliche richsenten in ytalia. 
vnde etliche allein in alemania. biz an den ersten Otto- 
nem. der beidersit begonde richsen. Diser Ludewicus. 
c. vertreib berngarium. der do richsent in ytalia. do wart er 
gevangen ze verona. vnd wart geblendet, vnd wart Bern- 
garius in daz rieh wider gesetzet. 

Berngarius der erste richsent. IUI. iar. diser 
wise in dem wapen. vnd kriegte wider die Romer. bi 
den ziten wilhelmus der milte furste von Burgundia 
machet daz Closter ze Clonias. 

Berngarius der ander Richsent ein iar in 
ytalia. 3 ) 

9 3, A. B. 8, C. *) Dardaniam, A. B. Arduennam, Gl 
<) 9, C. 4, A. B. und folgt hinter Conrad. 



Martinas Polonaa. €7 

Cvnradus der erste von tutechen Landen, rieh- 
sent. VII. 1 ) vnd wart doch niht vnder die keiser ge- 
zalt. wanne er niht in ytalia richsent. vnd dar vmb 
darbt er des keiserlichen segens. bi dises ziten ver- Luc 
wüsten die heiden. Apuliam. vnd Galabriam vnd alles 
ytaliam. vnd an dem. VIL iar. 3 ) starb diser kunig. 
Cunradus. vnd gab daz riche vor den Fürsten Heinrico 
hertzog Otten sun von Sahssen. a.+ 

heinricus. 

» 

Heinricus der aht kunik richsent. XVIII. 3 ) iar., 
alleine in tutschen landen, vnd dar vmb wart er niht 
zu den keisern gezalt . wanne er niht in ytalia richsent. 
vnd waz ouch niht von dem babst gekronet. bi diser 
zit. wart der hertzog Spigmeus*) von peheim zu Cri- 
stenglouben bekeret. vnd rihtef daz lant geistlich vnd 
reht. vnd noch ime sin sun wentzelaus. der ein vz er- 
weiter man waz an gerehtikeit. vnd an heilikeit. dar 
vmb in sin bruder. woleslaus verhazzet vnd slug in zu 
tode. an dem ersten iar des keisers Otten. vnd do nam LH*, 
er die herschaft an sich, vnd räch in Otte der keiser. 
vnd zogte vf den woleslaum mit einem her. vnd krieget 
mit ime. XIIIL iar. vnd vberwant in ze letste. vnd 
slug ime vil lute ze tode. vnd verwüstet daz lant Be- 
heim zu mal. Der egenante wentzlaus allein er ein forste c.+ 
wer. vnd ein herre. so waz er doch so demutig, daz er c. 
dez nahtes heimelich mit einem knehte in sin eigen walt 
ging vnd trug holtz uf sinem Rucke für armer lute tur. 
vnd leget ez heimelichen nider in der naht, vnd machet 
ouch hostias mit sin selbes henden. die er vmb teilte in 
die kirchen . vnd beging vil ander heiliger werk. Vnd nach 
siner marter. vber dreu hundert iar erschein er dem ht- 
nige heinrico do er lag vnd slief. vnd saget ime daz eines 
solichen todes solte sterben als er gestorben waz. vnd ge- Uli»- 
bot im daz er ein munster machet in eines namen ere der 



4, A. B. a ) 4, A. B. «) 11, A. B. <) Spirigueus, A. B. 
Spitigenaeus, C. 



6 Martinas Polonus. 

wentzlaus hiez. vnd der hinig erwachet von dem slaffe. 
vnd erschrach von der gewichte . vnd fraget er den bisckof. 
vnd ander lute. von dem wentzlao wer der were. wanne er 
nie von ime vernomen het. vnd do wart ime vor voaT ge- 
seilt von ime daz er gewesen were ein furste von beheim 
eines heiligen lebens. vnd daz in sin bruder erslagen heL 
Do machet er in sinen eren ein groz munster in JRiuatia. 
der grawen manche Ordens. 1 ) vnd gab dar zu grozzes gut 
vnd* e. daz er den bu volbrahte. do wart er tot geslagen 
von eines bruder rat. der genant waz abel. als ime sant 
a.+ wentzlaus hint hat getan. 

Berngarius. *) 

Berngarius der dritte richsent» VII. iar. bi 
dises ziten waz ein groz partige in ytalia. 

LHIb. Heinricus. 

a. b. c. ,- Heinricus der kunig starb vnd sin sun otte. der 
erste wart noch ime ze hinige gekronet. 

Lotharius der ander richsent. II. iar. bi dez 
ziten wart die sunne blut var . vnd dar nach in kurtaer 
zit. wart vil lute ze tode erslagen. 

Berngarius. 
Berngarius der vierde mit sinem sun Alberto, 
richsent in ytalia. XL iar. Der Berngarius betwank 
ytaliam. mit grozzer grimmikeit. vnd ving Adaliam. 3 ) 
die des keisers Lotharij wib gewesen waz. vnd legte 
si in einen kerker. do für kunig Otto von Teutschen 
landen gewalticlich in ytaliam. vnd vertreib berngarium. 
vnd lediget adalidam. die kuniginne. vnd nam si ime 
zu wibe. vnd beging sich mit ir. vnd dar nach be- 
gnadet er Berngarium . vnd gab ime wider allein Lam- 
Lnic parten. vnd behielt er die mark Ceruisinam . 4 ) vnd ve- 



*) Cisterciensis ord., A. B. 2 ) Hugo geht in C. noch voran, 
6 ann. imperavit in Italia. 3 ) Aluidam, A. B. C. 4 ) Treuisina, 
A. B. C. 



Martinus Polonns. 60 

x-onesium. vnd Aquileyam. kurtzlich dar nach komen 
loten von dem stul ze Korne, vnd von den Lamparten 
zu dem kunige Otten. vnd klagten von Berngario. Do 
^wart-Otto' besant gegen Korne daz er keiser wer. vnd 
clo er inLampardiam kam. do ving er Berngarium. vnd 
eant in ze payern in daz eilende, vnd für er do zu 
Rome. vnd wart do von dem babst vnd von den Ro- 
mern erlich vnd gemeinlichen keiser gemachet, bi disen c. 
ziten waz ein wib in Mascorria. die waz von dem nabel 
vuf geteilt, daz si zwo brüste hete vnd zwei houbt . vnd 
daz ein slief. vnd daz ander az vnd trank, vnd lebten 
als lange zit. vnd stürben beide niht ze einer zit. a.+ 

Otto I. 
Otto der erste heinrichs sun richsent.XII. iar. 1 ) 
Diser waz der erste keiser von Tutschen landen, vnd Luid- 
gewan daz keisertum. von den von ytalia. an die ez 
ouch komen waz. von den Franzoisen. vnd eider yra- 
mer mere richsent die Tutschen biz an disen hutigen 
tag. Do dirre gewaltig waz in Sahssen. vnd lange 
kunig gewesen waz in tutschen landen . do waz ein Car- 
dinal geborn von ßome. der sante heimlich in Tutsche 
lant nach ime daz er kerne zu Korne vmb not sache 
die die heiligen kircben an gingen, daz waz vmb daz 
# bose leben, daz der babst Johannes het der. XII. Also 
für Otto mit gewalte durch Lamparten vnd durch Tu- 
schan. vnd kam zu Korne, vnd wart gar erlich en- 
pfangen von dem babst. vnd der pfafheit. vnd gemein- 
lich von allen Romern. vnd wart zu keiser gekronet. 
vnd er gab den kirchen vil gäbe, vnd gewan ouch einen LÜII«. 
sun. den er nante Ottonem noch ime. dem gab er ze 
wib dez keisers tohter von kriechen, die von Romischem 
kunne geborn waz. Dar nach für er dicke gen Rome. 
vnd ie wider in sin lant. Daz tet er vmb die nutze 
der Cristenheit. vnd Machet do zu Megdeburg ein 
Munster von grozzer Schönheit in sant Mauricien 2 ) ere. 



*) 22, A. B. 20, C. 2 ) Martini, C. 



70 Martinus Polonus. 

.vnd gab dar zu grozzes gut • vnd do er den babst Jo- 
hannem veratozzen hete vmb sin bosheit. vnd mit der 
pfafheit der stat gemachet, ein andern het genant. Leo. 
vnd do er von dannen kam. Do machten die Romer 
aber einen andern, den heten si genant Benedictum. 
vnd verstiezzen den Leonem den vor der keiser ge- 
machet het. Do besaz der keiser die Romer. vnd mit 
LII1I*>' grozzem her. biz daz si ime iren babst Benedictum 
musten antwurten . vnd do satzte er Leonem. wider in 
den gewalt. vnd sunet alle ding alda. vnd fürte Bfene- 
dictum mit ime in Sahssen . vnd starb do in dem eilende. 
Diser keiser bekerte ouch vil heiden zu Cristenglou- 
bön. die allumbe in den lanäen wonten. vnd starb dar 
c. nach selicKchen. vnd wart begraben in sant Mauricien 
munster zu megdeburg daz er het gestiftet. 

Otto. 
Otto der ander, dez ersten Otten sun richsent. 
XX. iar. 1 ) mit sinem sun Otten. Diser solte die kir- 
chen 2 ) anvehten inGalabria vngewarnet. vnd verloz sin 
ritter. also daz er kume entran. vnd dar nach besam- 
ment er ein her. vnd besaz Boniuentum die stat vnd 
gewan si. vnd nam do daz gebein sant Bartholomei. 
als man seit . vnd gedaht ez zefuren uf die Tyber. vnd 
LIIIIc uf dem mere heim füren in sin lant vnd fürt ez also bi 
Rome in ein inseln. vnd kurtzlich dar nach do ging in 
soliche sache an daz ez do bleib ligen in einem schrine. 
do er ez in geleget het. vnd liget noch alda. wanne er 
kurtzlich dar nach starb, diser liez sinen sun Otten in 
sahssen. vnd für er mit der keiserinne in ytaliam mit 
einem grozzen her vnd kam zu Rome. vnd wart do 
von dem babst Benedicto dem . VII. zu keiser gekronet 
(mit) grozzen eren. vnd freuden. vnd ouch die keise- 
rinne. vnd waz gar ein gute fruntschaft zwischent dem 
keiser vnd dem babst . vnd dar nach fuget sich daz die 
b. Agareni. vnd die Barbari zogten in Galabriam. vnd 



10, A. B. 2 ) 1. kriechen. 



Martinas Polonn«. 71 

wüsten, vnd herten daz lant mit brande, vnd mit tot- 
filege. wider die für der keiser. Otto mit den Tutschen. 
vnd mit den Lamparten, vnd mit den Römern, vnd Lim** 
streit gar herteclich. vnd do flohen die Romer. vnd die 
von Beneuento. do wurden die Cristen vil nahent alle 
erslagen. vnd der keiser flöhe alleine an daz mer. vnd 
vant ein schif do halten, vnd bat die schiflute daz siin 
in daz schif liezzen. vnd sprach er wer des keisers 
ritter einer, vnd do er zu in kam in daz schif. do be- 
sahen si sin schon antlitze. vnd sprachen in kriechisch. 
er wer der keiser. vnd si wolten in bringen zu Con- 
stantinopolim irem keiser. vnd wonten daz er dez niht 
verstünde, doch verstunt er ez wol. vnd waz in grozzen 
sorgen . vnd also betrog er si . vnd sprach er het einen 
grozzen schätz in Sicilia ligen. vnd daz si alda sigel- 
ten. vnd den schätz nemen. vnd mit freuden danne 
füren, vnd do füren die schiflute zu lande, do-sach der 
keiser einen bischof gewapent an dem gestat der hiez LVa. 
Ceusus. 1 ) vnd rufte in an vmb hilfe. vnd slugen die 
zwen der keiser vnd der bischof die schiflute alle ze 
tode. der waren. XL. des half ime der lieb santpeter. 
den der keiser flizzig an rief, vnd also kam er zu der 
keiserinne. vnd wart von ir vnd von den herren mit 
grozzen freuden enpfangen. vnd für wider zeRome vnd 
starb kurtzlich dar nach . vnd wart mit grozzen eren in 
sant peters munster begraben, bi der zit lebt älbertus 
von beheim geborn vnd waz zu erste zu Präge vnd 
dar nach von gotes manunge kam er zu vngern. vnd 
taufte do sant Sthephan den kunig von vngern . vnd mit 
vil siner lute. Daraarch für er. durch polan. vnd sterket 
ouch die an Cristen glouben. vud kam dar nach in 
prassen, vnd prediet do' Cristen glouben. vnd wart do 
gemartert an der zal vnsers herren. IX. hundert iar. vnd LV*>- 
LXXXV. iar. 2 ) bi der^zit wart der kunig von engellant c. 
edenardus genant . von siner stiefmuter verretnisse erslagen. 
vnd tet ouch vil zeichen. 



*) £robum Caesium, A. B. C. 2 ) 975, A. 



72 Martinu« Polo qua. 

Otta 
Otto der dritte dez andern Otten sun richsenu 
XIX. iar. *) Diser kam zu Korne, vnd wart keiser 
gewihet von dem babst gregorio. dar nach für er von 
Borne zu pulle zu dem heiligen engel sein Bedenart mit 
einem gebet. 2 ) vnd für her wider durch Beneuentum. 
vnd nam den lichnam paulini dez bischofes . vnde brahte 
in mit ime zu Korne. Diser keiser berihtet ytaliam. 
vnd für durch Galliam wider zu sahssen. vnd waz ein 
rotherre zu rome der vertreib den babst Gregorium. 
vnd machet einen andern der ein krieche waz. vnd hiez 

LV«- Johannes, vnd Daz vernam der keiser vnd kam mit 
grozzem zorn wider ze Borne, vnd besaz den rotherren 
Crescencium in der brücke 3 ) zu dem heiligen engel so 
lange biz er in in der brücke geving . vnd siug ime daz 
houbt ab. vnd einen babst Johannen) blendet er. vnd 
lernet in an allen sinen lidern. Dar nach berihtet der keiser 
dez riches ding, vnd fürt do.etlich romer mit ime gen 
Sahssen die edel lute waren, vnd für do gen polan. 
do sant Albertus begraben wart, vnd nam do einen 
arm. vnd fort den gen rome. vnd leget in alda in die 
Inseln, do sin vater sante Bartholomeus gebein geleget 
hete . in die selben kirchen leget er ouch disen arm. 
Dar nach begonde der keiser zu machen ein grozzes 
palast in der etat zu Borne, do daz Palast Julij ge- 
standen w^z dez keisers . vnd die Bomer waren do wi- 

LV* der. vnd werten ime daz mit vil leides, daz si ime 
taten, vnd dar nach starb er kurtzlichen, wanne die 
drie Otten nach einander gerichsent heten, nach dem 
kunne daz rieh zu erben, vnd dar vmb wart gesetzet, 
daz von dez riches amptluten. ein ieglicher keiser solle 
erweit werden, der sint siben. Der drie sint kantzier 



18, A. B. 

s ) ad setum Angelum, causa peregrinationis et orationis trans- 
ivit, A. B. C. 

») Castro, A. B. C. 



Martinu» Po Ion us. ZS 

lez keysefrs. der Jbischof von Mentze kantzier in Tut- 
tchen landen, von Trier in weihischen landen, von Köln. 
n ytalia. vnd der Margrafe von Brandenburg ist ka- 
xierer dez riches. Der pfaltzgrafe Truchsezze. vnd 
yrafe dez rines. vnd der hertzog von Sahssen treit dez a.b. c. 
keisers «wert. Der kunig von Beheim schenke, vnde 
versus. Moguntinensis Coloniensis Treuerenais. Quilibet 
imperij fit Cancellarius horum. Atque Palentinus Da- LVI»- 
pifer. Dux portitor ensis. *) Pincerna Bohemus. Hie 3 ) 
statuünt dominum eunetis per secula summum. Bi disen c. 
ziten lebte wlpertus ein bisehof von Cornopensi der etat. ') 
der vnder andern lobelich getihte machte. Daz. R. Styrps 
yesse. vnd Solem Jueticie. vnd Chorus noue Jerusalem. a.+ 

• Heintious der ander 4 ) ein hertzog von peyem a.b. c. 

richsent. XII. iar. vnd. V. monade. vnd bleib daz 

riche one kunig. zwei iar. bi des ziten wart der mon 

verkeret in blut varb. ouch ist zu wiszen. daz mer 

heinrich kunige sint danne keiser vnd darvmb. so man 

liset heinrieüs der erste, so sal jnan versten an dem 

keiser ampt. vnd an dem namen der ander, wanne vor 

disem waz ein kunig Heinrich vnd niht keiser. Dis 

Belbe.sol man versten von den Cunraden. Sant Kuni- 

gunt waz diaes keisers Heinriches wip. vnd bliben doch LVIt> 

beide Megde. vnd ligent begraben zu Babenberg 5 ) in 

dem Munster daz si stiften, do si vil zeichen getan 

haben. Diser keiser heinrich wart von den forsten allen 

gemeiaclichen zu keiser erweit, vnd het vil vrluges. 

die er vberwant mit glucke, in Tutschen landen, vnd 

in ytalia. ze letste wart er sich zu mal zu got bekeren. 

vnd machet daz bistum zu babenberg. vnd gab Sthe- 

phano dem kunige von vngern sin swester zu wibe. 



') ins. : Marchio praepositus camerae, A. B. C. 

') Hi, A. B. C. 

s ) Fülbertus, Caraotensis episc, A.B. 

4 ) primus, A. B. C. 

5 ) Bambergensi eccl, C. 



74 Martinus Polonue. 

vnd brahte in vnd allez ein kunigriche zu Crieten glou- 
ben. diser keiser wehselt auch die etat ze Babenbeig 
die sant peters waz. vnd gab si dem babste vmb die 
a.+ etat Naruiensem. 

Cvnradus der ander 1 ) richsent. XX. iar.*) 
LVT> vnd beleib do daz riche vngerihtet dm iar. Diser machte 
leges . vnd begerte fride ze machen in den landen . vnd 
zu halten, vnd gebot welher herre einen fride breche 
den er geboten het. daz man ime daz houbt eolt ab- 
elahen . vnd do wart ime grafe Lupolt geruget • daz er 
den fride gebrochen hete. do vorhte er den lip Verliesen 
von des keisers gebot, vnd flöhe mit sinem wibe. vnd 
mit einen kinden . vnd mit lutzel gesindes in einen wil- 
den forst • vnd wonet do manig zit als ein einsidel . daz 
nieman wüste wo er komen waz. vnd dar nach waz 
überlang daz der keiser in die gegent kam vnd in dem 
forste waz Jagende do der grafe inne waz . do Jaget er 
ein wilt vnd kam allein von den einen so verre in den 
walt. daz er niht wuste wo er waz. Do ime die naht 
begonde zu gen. do waz der keiser in grozzer angest 
LVI<i*vnd weste niht wo er solde. vnd kam zu letste in dez 
Grafen hus von geschiht. vnd er enpfing in wol. vnd 
tet ime gutlich, vnd do der keiser des nahtes in einem 
bete lag. Do gebar des grafen wip des selben nahtes 
einen sun . vnd do horte der keiser in sinem slaffe ein stime 
die sprach, diz kint daz hie geboren ist. daz eol diner 
dohterman werden, vnd din nachkommen werden von ime 
riche. vnd do der keiser erwachet, do vermehet 3 ) er die 
stimme von erst. Do sprach die stimme in dem selben 
worte zu ime aber . vnd do er fru uf gestunt do besaeh 
er daz kint. vnd reit von dannen. vnd do er wider zu 
den sinen kam* do nam er zwen die ime heimelich waren, 
vnd hiez si daz selbe kint nemen. vnd es toten in dem 



J ) primus, A. B. C. 
*) 22, A. B. 
3 ) 1. versmehet. 



Martinus Polonus. 75 

walde • vnd ime dez kinde9 hertzen brehten. Do füren 
si dar vnd zuckten daz kint nach dez keisers gebot. LVn». 
vnd erbarmet si daz kint. daz ei es lebendig liezzen 
ligen in dem walde. vnd namen eines hasen hertzen 
den si gevangen heten. vnd brahten daz dem keiser für 
dez kindes hertzen. vnd zu hant vf derselben stunt 
kam kerzog heinrich iagent ein wilt uf die etat do daz 
kint lag. vnd horte ez schrien in dem busche. vnd do 
er daz kint ersach daz ez so schon waz. do sante er 
ez siner frowen heimlichen, wanne si vnberhaft waz. 
vnd hiez si sprechen, daz si ez gewannen het. vnd ir 
kint were • vnd daz geschach . vnd man nante daz kint 
heinrich nach dem hertzogen. vnd do daz kint gewuhs 
zu einem schonen Jungelinge, do sach in der keiser« 
vnd bekante sin antlitzze. daz er dort in ienem walde 
gesehen hete. vnd betrahte ouch sin alter, daz ez der- LVII b - 
selbe were. der sin N tohter vnd sin riche erben solde. 
vnd nam den knaben zu ime in sinen hof ." vnd gedahte 
aber in ime selber, wie er in heimelich verderbet, vnd 
dar nach vber etliche zit. sante er zu der keiserinne 
den selben Jungeling. vnd sante ir bi ime einen brief. 
do stunt an. als lieb ir dez keisers hulde were. So 
balde er zu ir kerne daz si in dez selben tagen hiez 
verderben, vnd do der Jungeling solde varen zu der 
keiserinne mit dem brief. do begonde er benahten in 
eines guten pfeffen hus vnder wegen, vnd do er lag 
vnd slief. do besach ime der pfarrer sine teschen*. vnd 
sach dez keisers brief dar inne . vnd tet den heimeli- 
chen uf . vnd laz dar an daz die keiserrinne den Junge- 
ling solde verderben, so balde er zu ir kerne, daz til- 
gete der priester ab* vnd schreib dar daz si im ir LVIIc 
tohter solde zu legen, vnd ime si gebe zu einem wibe a.b.c. 
als balde er dar kerne. Do die keiserinne den brief 
gelas. do nam si grozzes wunder, daz ir der keiser so 
gehelingen enboten het daz si dem Jungelinge ir tohter 
gebe, vnd gab iipe doch die Tohter. vnd leget ima des a.b. c. 
selben nahtes zu. Do daz der keiser vernam. do er- 
schrack er sere. doch do er bevant. daz er eins edelen 



76 Martinufl Polonus. 

Grafen sun waz. do wart er geteilte* gen ime. wanne 

er wante daz sin vater ein gebur were. Do diser keiser 

heinrich wart nach Ounrado . do machet er ein grozzes 

a.+ munster in dem walde an der stat.dö er geboren wart. 

Heinricus der ander richsent. XVIL iar. ! ) 
Diser heinrich sprechent etlich daz er keiser Cunradus 

a.b.c. sun were. so sprechent etlich er were sin eydem der in 

LVIId. dem walde geboren wart. Diser kam zu ytalia. vnd 
ving do pandulfum den fursten von Cappillana . 2 ) vnd 

a.b.c. forte in mit ime gevangen gen Troye. vnd satzte einen 
andern Grafen hiez pandolfus einen fursten an sin stat 
a. b. c.-f- bi dises ziten wart eines risen lichnam funden zu Rome 
gantz. vnd vnverwert. der het eine wunden in sin lip 
die waz von einem slage fünf fuzze lang, vnd sin lip 
waz als lang, als die rinkmur. an der stat. vnd ein 
brinnendes liht stunt zu sinem haubte. daz von keinem 
blosen noch fliezzendem dinge mohte erlöschet werden, 
sunder vnder den flammen wart ein lochelin dar in ge- 
stochen, do ging der luft in, vnd von dem lüfte er- 
hasch daz lieht. Disen seit man. daz Turnus in ze 
tode sluge ein Eomer. wanne uf sinem grabe stunt ge- 

LVIII*. schriben. hie liget pallas euanders sun. den Turnus 
der ritter zu tode sluge mit sinem sper. Bi den selben 
ziten wart in Apulia funden ein marmarinne Beule, die 
het oben vmb daz houbt ein erinen rink gende. an dem 
stunt geschriben , in den kaienden dez Meyen . so die 
sunne uf get so heizze ich ein guldin houbt. vnd der 
hertzog Tubertus 3 ) het einen heiden gevangen der do 
lag bi der sule. der laz die schrift. vnd wartet der zit 
an der sunnen uf gang in den kaienden dez Meyen. 
vnd grub vnder die seule. vnd vant. einen grozzen 
schätz von silber vnd von golde. vnd lost sich da mit 
vz der vangnisse. bi disen ziten wart die kirche gallin- 



19, A. B. 

a ) Capoanum, A.B. C. 

*) Roberto Qriflc&rdo, A. ß. C. 



Mirtifius Polotiuf. 77 

cano 1 ) besehediget \Von . berngar io von Turon. vnd be- 
trabet, wanne er sprach das heilig sacrament daz wir 
enphahen von dem priester. daz wer niht gewerlichen LVIIIfc 
gotes lichnam vnd sin Mut. sunder ein figor eines lich- 
namen. vnd eines blutes. wider den machet der babst 
Nycolaus*) ein Concilium. von hundert vnd. XIIL W- c. 
schofen. Doch schribet man in einer andern s tat.* daz 
der selbe berngarius heilig were. vnd den vnglouben 
wider spreche, vnd seit vor lange die zit sines todes. 
vnd wie die vridersprechvnge zu ging* daz vindet man ge- c. 
schriben in Decreto. a.+ 

heinricus der. 
Heinricus der dritte, richsent. IX. vnd. XL. 
iar. Diserkam zu ersten zu Borne in dem Meyen an 
dem. XV. tage. 3 ) In der zit waren hunger iar. vnd £'"■" 
ein gemein sterben in allem lande, bi disen ziten gie a. B.-f 
der schönste sterne vf zu angenge der naht, an dem. 
XIIL kanlende. 4 ) dem man vor ie gesehen hete. bi 
diser zit waz ein Cardinal genant hildebrandus . der sit LVIII* 
babst wart den sante der babst der do waz für einen 
legaten in Galliam. daz lant ze visitieren, wider vil 
bischof. die mit Symonie vmbe gingen, vnd sunder- 
lichen beruft er einen bischof waz Ebrediuensis . der vil a. b. c. 
besprochen waz vmb böse leben, do koufet der bischof 
vil gezuge mit sinem gute, die ime die schulde hülfen 
wider sprechen, vnd die selben gezuge die in bespro- 
chen heten. den gab er ouch so vil. daz si ez wider ' 
sprechen. Do sprach der legat in dem Concilio mensch- 
lich gerihte hab ein ende, vnd gotlich vrteil werde vn- 
der fuz en mitten gezogen, wanne ez kuntlich vnd wor 
ist. daz ein iegelich bistum dez heiligen geistes gäbe 
ist. vnd wer ein bistum koffet der tut wider den heili- 



i) gallicane, A. B. C. 
*) Leo, C. 
«) 25, A. B. C. 
<) -librae, A. B. C. 



73 Martinas PoIohus/ 

gen geist. vnd sprach do zu dem bi»chof. vnd dar vmb 

LVIIId hast du wider den heiligen geist niht getan . so sprich. 
Gloria patri . vnd daz vink der bischof on vnder vorht 
vnd do er do zwei wort gesprach. Gloria patri et filio. 
do konde er nie gesprochen, et spiritui sancto. wie 
dicke er ez an vink also wart er verstozzen von dem 
bystam do sprach er ez gantz. Diaer hiltebrandus . do 
der bobst Gregorius waz, do waz er mit allem sinne 
wider den keiser. heinricum dar vmb. wanne er kriege 
machet in der heiligen Cristenheit. do machet der kei- 

' ser ein Concilium zu wurmutz *) mit . XXUII. bischofen. 

vnd mit vil edeler herren. vnd gebot do. daz man die 
decreta des babstes Gregorij vertilgt . vnd dar vmb tet 
in der babst ze banne, vnd sagte alle die ir eyde ledig 

LVHn«« die ime gesworen heten« daz si von ime kerten. Da 

machet der keiser ein, geepreche zu mentze. vnd ver- 

stiez den babst Gregorium von dem ampt. vnd machet 

den biöchof Rupertum 2 ) von Bauenae babst. als vil er 

a.b. c. mohte. der wart geheizzen Clemens, ah man her nach 

liset von Gregorio dem sibenden. Bi disen ziten was ein 

groz herre. do der saz in einer Wirtschaft, do wart her 

gehelingen zogen von musen. der vnzellichen vil waz. 

die begerten niemantes die do sazzen danne sin. vnd 

' fürten in sin diener vf daz mer. daz half in niht. wanne 

die muse swummeten dem schiffe nach, vnd durch nugen 

daz schif. daz daz wazzer dar in ging, do musten ri 

in zu lande füren, do frazzen si in alzumal. vnd daz 

c. diz selbe geschach einen forsten von polan . der htizzet ein 

LVIfflb. wunder man von den musen. wanne man far war seit, 
wo ein Leo wart einen menschen bizzen. do komen ze- 
hant alle die muse die in der gegen waren, vnd be- 
seichten den menschen, so starb er von dem seichen 
der muse. man vindet ouch von einem fursten. daz er 
sich mit keiner leye listen mohte erneren. wanne in die 
luze frazzen. vnd also dar nach gewan der keiser hein- 



J ) Worms. 

*) Guibertum, A. B. C. 



C.+ 



Martinas Polonas, \ II 

rieh ein vnmezlich menge die daz Crutze namen in da« 
heilige laut ze varen. vnd zogten mit grozzer arbeit 
vber lant vnd durch Coiurtantinopolim • vnd komen in 
anthyochiam. vnd die houbt lute die des herren pflagen. 
vnd waren gotfrides dez hertzogen von Luttringen, der 
Gräfe von plasias. der Graue von flandern. der Graue 
von saut Egidien. vnd. e. daz si Anthyochian gewun- 
nen. do ersehein sant andres einem einvaltigen geburen LVim«- 
von dem lande • vnd sprach zu ime . kome ich will dich 
wisen daz aper, do mit Jhesus Cristus durch sin siten 
gestochen wart, vnd do die etat gewunnen waz. do 
nam der gebur die greven vnd ir Cappelan zu ime. 
vnd gruben in saut peters munster an der etat do in 
sant andreas gewiset het. vnd funden daz sper an der. 
iar zal vnsers herren. tusent vnd. LXXXXIX. iar. *) 
vnd do zwifelt man ob ez daz rehte*were. do waz einer 
der hiez Bartholomäus dem erschein vnser herre vnd 
gab ime ein zeichen von dem sper. daz er mit dem 
selben sper mit blozzen fuzzen ginge durch ein für. 
XIII. fuzze lang, vnd do ging er vnuersert. vnd do 
geloubt daz her. daz ez daz rehte sper waz. vndzogte 
daz her für sich on vorhte durch ptolomaydam. vnd 
komen in Cesaream. vnd do si aldo waren, do kam 
ein habich vnd slug ein tuben ze tode ob dem here. LVIIIH 
daz si in daz her viel, die tube trug einen brief. do 
stunt an geschriben. der kunig Ackaron dem hertzoge 
von Cesarea sinen gruz. wisze daz ein hundin kunne 
ist komen. vnde ein krieg volk wider die Cristen. den 
yle mit dinen dinern vnd heifern, vnd beschirme sL 
vnd diz selbe künde den andern steten. Dar nach füren 
die andern Cristen. vnd besazzen Jerusalem. Jerusa- 
lem ist ein etat gelegen in einem gebirge vnd weder 
beche noch brunnen noch walt hat on den brunnen 
Syloe. do vnwüen wazzers genug wirt funden. vnd 
ouch waz die stat nach dem daz si Tytus vnd vespa- 
sianus zerbrach . vnd wider gemuret von Helyo adriano. 



i) 1089, A. B. C. 



IQ Mar tin 118 Pölomi». 

aber niht an der selben stat . do si . e . stunt. Ouch 
sprichet man. daz mer danne zwei hundert tueent Cri- 

LX»« stenlute do in da« heilige lant weren gevafcn. An der 
zal vnsers herren . tueent , hundert . vnde. LXVTI. iar. 1 ) 
von der predie-Eugenii vnd santBernhardes. so nam der 
kunig ludewig von frankrieh, vnd der keiser Cunrat. Da- 
men daz Grütze von dem babst. vnd füren in daz lant mit 
gar vil luten von Tutedien landen . vnd von welhischen. 
vnd ir ein teil füren durch pannoniam. vnd daz ander teil 
vber mere. piz Constantinopolim . vnd ging in. anders 
danne ei gedaht heten . wanne ir wart vil gevangen von 
den Turcis vnd ein teil stürben von arbeiten vnd von hun- 
ger. also daz der keiser knme her wider kam mit lutzel 
lüten. AIbo do der keiser heinrich in ytalia bleib, do 
komen die fursten zu eammen von Tutschen landen ze 
Pretheim. 3 ) vnd erweiten ze kuninge. Budolfum einen 

LXb. hertzogen von Sahssen . vnd den wolde babet Grregorius 
niht bannen, weder vmb bete noch dro des keisers. 
Do samment der keiser ein her. vnd vberwant den 
kunig Radolfum . mit einem offen strite. vnd berufte do 
einen hof zu Priste . 3 ) vnd machet Gwipertum den bi- 
sehof von Rauenne. zu babst. vnd dar vmb tet in 
Gregorius der babst zu banne mit einem babet. Do für 
der keiser zu Borne mit einem grozzen her. vnd besaz 
den babst Gregoriym vnd sin Cardinal in der- stat. vnd 
do er vor der stat vet wüste vil acker. vnd wingarten. 
do liezzen die Römer den keiser .in die stat. do machet 
er einen Gwipertum babet. vnd tet in wihen. vnd wart 
von ime gekronet. Do lag der babst Gregorius be- 
a. b. c. slozzen in der Mrchen vnder der bürg zu dem heiligen 
engel mit sinen Cardinalep. dar vf si geflohen waren. 

LXc Do kam Rupertus Gewischar die der kunig von pulle 
mit einem grozzen her zu Rome. vnd gewan die bürg 
in einem tage, vnd do floch der keiser mit sinem her 



1157, A. B. 1147, C. 
2 ) Portheim, A. B. C. 
8 ) Brixia, A. B. C. 



Martinas tolonuf. 81 

vnd mit einem babst ze Senaa. do für der kunig So- 
burtue den babst Gregorium vnd ein Cardinal vz der 
bürge zu dem heiligen engel. vnd satzte in wider in 
den babst ze Lateron. vnd die Romer die dem keiser . 
geholfen heten. die versante er in daz eilende, vnd 
ander buz tet er in. bi der zu waz zu der stat Syra- c. 
ousana in Sycilia. als grozz ein ertbidem. daz an dem 
sSuntage. do man /ronmesse sang zu dem größten munster. 
do viel daz munster vnd slug daz volle alles czu tode on 
den priester vnd den dyaeon. vnd den subdyaoon die die 
messe hielten. 

^ 

Heinricus der vierde dez dritten heinrichs sun. 
richsent. XV. iar. Diser wart keiser vnd vihk einen 
vater. vnd liez in sterben in der vangnisse. Bi disen LX*- ' 
ziten vberwant Ropertus Gwischardi alexium vnd zim- 
manum 1 ) zwen keiser von Constantinopel. Diaer Rö- 
mer waz von erste ein Francois vnd kam zu Rome mit 
einem kreftigen here. vnd wolt die stat gewunnen han. 
het er ez vermuget. vnd wart von dannen vertriben mit 
gewalte, vnd für inSycilien. vnd gewan daz. vnd pulle 
dar zu. vnd diser gewan einen sun der hiez Rudigerus. 
den machet er zu kunige von Sycilia . vnd het ouch ein 
tohter. die waz keiser Constantinopel wip. vnd wart 
keiser friderichs muter. der wider ottonem sich eatzte. 
Diser Rudigerus gewan einen sun genant Guiüum kuhig c. 
in pullen, der waz etlich an allen dingen, bi dez ziten 
furtraf daz kunigrich ze pullen alle die andern kunig- . 
rieh an richeit vnd an wolluste • bi disen ziten wart der LXI«- 
babst piscalis vbel gehandelt von dem keiser heinrich 
vnd starb, vnd wart nach im babst Johannes, der 
Cantz^ler waz zu Rome. vnd der wart genant Gelasius. 
vnde wanne der keiser bi der erwelunge niht waz. so 
machte er einen andern vber disen gelasium. der waz 
von hyspania vnd burdinus. vnder dez starb Gelasius 
ze Clonias. vnd alda wart ein ander gemachet an siner 



') Thunianum, A. B. Emmanuelem, C. 
Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 



82 Martinus Polonus. 

»tat, der wart genant Galixtus. vad der für ze Rome. 
a.b. c.+ vnd wart von den Römern, vnd von den Senaten er- 
lichen enphangen. Bi den ziten do man den keiser 
heinrich strafte der sich bekante sines vnrehten. vnd 
gab dem babste Calixsto wider die bestetunge dez 
babstamptes mit dem stab. vnd mit dem vingerlin. dar 
LXIb. vmb er mit dem babst paschali vil gekrieget het vnd 
verlehe vber alles riehe die pfaflich welunge. 1 ) vnd die 
bestetigunge . vnd fiiheit. vnd daz gut sant peters mun- 
ßter gab er wider die von einem vrluge . vnd ouch von 
andern vrlugen der heiligen Cristenheit genummen wa- 
ren. Ouch gab er wider den andern kirchen pfaffen 
vnd leyen. daz von sines krieges wegen genomen waz. 
bi den ziten machet der babst Calixtus daz bistum zu 
kumpostelle zu einem ertzbistum. durch die lieb sant 
Jacobs, der do liget. vnd gab vnder in allen die pro- 
vincieu Cineritanam . *) vnd zierte die kirchen Lucanam 
c. ouch mit dem pallio. daz dem bischof zu gehöret, diser 
keiser Heinrich starb oh alle Erben, von gotes verhenk- 
nisse. daz er sinen vater enteret het. vnd nach im wart 
A.+ lotharius. 



LXIc 

A. B. G. 



Lotharius der dritte. 8 ) ein hertzoge von Sahssen 
richsent. XL (iar.) bi disen ziten waz grozzer hunger 
in der werlde. do diser keiser gemachet wart, do ma- 
chet er ein reyse in ytaliam. vnd satzte den babst ln- 
nocencium mit ertzbischofen . vnd mit bischofen. vnd 
wart do gekronet von dem selben Innoceneio in der 
kirchen zu Lateran. Diser Lotharius vrlugt in dem 
ersten iar sines riches wider die Beheim. vnd von ver- 
retnusse siner forsten, so wurden ime aldo vil siner 
ritter. vnd siner diner erslagen. Diser keiser tet als 
ein gut Cristen man . vnd als ein reht voget des riches. 
vnd besamment ein groz her. vnd zöget uf den Grafen 



') canonicam electionem, A. 

2 ) 1. Emeritanam. 

3 ) quartus, A. B. C. 



Martinas Polonat. SS 

Rudigerum. der den babst Innocencium. vnd die heili- 
gen kirchen anraht. vnd gewan daz kunigrich Syeiliam. 
Do satzten ei ze hertzogen den Grafen Bauionem. 1 ) LXI d * 
vnd zn diser reyse santen die Ton piee deme . babste 
grozze hike mit schiffen, vnd in den ziten wolten die 
romer den Senat ahten wider des babates willen Inno* 
cencij . bi den selben zäen . waz ein grozze dürre in frank- o. - 
riche. daz die ßiezzenden brunnen vnd wazzer alle ver- 
sigen . vnd daz für. daz durch die spalt ging in die erden 
daz künde in zwein iaren nie erleschen, weder von regen* 
noch von keinen dingen. a.+ 

Cvnradus der ander ricbsent. XV. iar. bi dez 
ziten waz ein meister genant arnoldus. der prediet in 
der stat zu Borne, vnd strafte die richtum der werlde 
also sere. daz im vil der besten romer nach volgeten. 
vnd zu letste zu einem hazze vnd nid der pfaffeheit 
wart er erhangen. Diser keiser Cunradus nam daz a. b. c.+ 
Crutze von stucken 2 ) noch von sante Bernhart, mit LXI1«. 
allen sinen fursten . vnde wart in den ziten der bilgerin 
so vil. daz ez on zal waz wanne von Lutringen von 
Flandern, vnd von Engellant komen bilgerim. wol mit 
zwein hundert schiffen, also für der keiser Cunrat mit 
einer vnzellichen menige uf die vart . vnd kam zu yco- 
nico. vnd der kunig Ludewig von frankrich. für mit 
einer grozzen ritterschaft. vnd kam durch vngern ouch 
zu yconico . vnd von der valschheit vnd verretnisse der 
kriechen vnd in dem valche misten vnder daz Mele 3 ) 
liten ei grozzen arbeit vnd schaden an den luten. do 
komen si in daz heilige lant. vnd überwunden vil vr- 
luges. vnd striten mit grozen eren vnd gelucke. vnd 
also do der keiser Cunrat her wider solde varen mit 
dem here uf dem mere. do starb er. vnd wie er doch LXIIk 
XX.*) iar richsent. so het er doch niht des keiserlichen 



*) Raynonem, A. B. C. 
9 ) crucis cbaractere iüsignitus, A. B. 0. 
3 ) qui calcem farinae miscuerant, A. B. C. 
«) 15, A.B.C. 

6* 



84 Martinas Polonas. 

segens von dem babst. bi den ziten wart daz buch Jo- 
c. hannis Damasceni ze latin gemachet« bi den ziten lebte 
ouch petru8 der Meister Lampardue der die sentencias 
machet, der waz ein büchof zu paris. vnd bi dem Jare 
vnsers herren. XI. hundert vnd. LI. iare. Do machet 
Gracianus ein Munich von der etat Clusa*) in Tuscan 
A.+ daz Decretum. 



>) Elcisa, A. B. 

(Fortsetzung folgt.) 



Die Kater. 

Ein komisches Heldengedicht 

von 

Don Lope Felix de Vega Carpio. 

Aus dem Spanischen übersetzt 

von 

Dr. A. Herrmann. 



Omne taut punctum, qni misooit utile dulci. 
Horat 
Erster Gesang« 

Ich habe in früheren Zeiten besungen 
Die Wälder, mit stattlichen Bäumen geschmückt, 
Die Wiesen, wo Herdengeläute erklungen, 
Wo Blumen im duftigen Teppich ihr blickt; 
Ich sang den Frieden und tapfere Thaten, 
Durch welche erstarken die Fürsten und Staaten : 
Doch jetzt in weniger ernstem Gesang 
Besinge ich zärtliche Liebe und Zank, 
Wie Liebe verachtet in Hass sich kehrt 
Und blutige Bache zu nehmen begehrt. 
Castalische Musen, beschützt den Geist, 
Den ihr verliehen, dass würdig er preist, 
Wie früher Homer, der Dichter Vater, 
Den Krieg und die Thaten der tapferen Kater. 



Die holde Schuhline im Morgenlichte 
Sass auf des Giebels luftiger Schichte 
Und leckte den Schwanz und glänzende Brust, 
Sich ihrer hohen Beize bewusst, 
Und affectirte so züchtig dabei, 
Als ob die Katze des Klosters sie sei. 



86 Die Kater. 

Das Haar zu glätten, die lohnende Müh' 
Erleichtert als Spiegel ihr mir Phantasie, 
Obgleich zerbrochene Scherben und Glas 
Die Schwätzerin Elster zusammen ihr las, 
Die keinen Flicken und Lappen entdeckte, 
Den sie nicht auf dem Dache versteckte. 



Nachdem sie die Toilette beendet 
Und zierliche Sorgfalt angewendet, 
Mit Händen saubergeleckt zu streichen 
Und ihres Pelzes Falten zu gleichen, 
Begann sie ein Lied von Liebe, die brennt, 
Mit Jodelstimme und solchem Talent, 
Wie kaum der thrazische Musikante, 
Dass jeder die Weise der Katzen erkannte: 
Chromatische Dissonanzen ohn' Zweifel, 
Weshalb die Ratten sich wünschten zum Teufel. 

Der wonnige Lenz war schon erschienen, 
Levkojen und Rosen umschwärmten die Bienen 
Und Flora mit süss duftenden Spuren 
Belebte des Frühlings jachende Fluren, 
Aus Vasen von Talavera lacht 
Des Wonnemondes goldige Pracht^ 
Da wusste Geprunzel, ein romischer Kater, 
Durch Munschel, seinen Knappen und Rather, 
Dass süsse Schuhline im Sonnenschein, 
Wie pflege die Purpurrose zu sein 
In ihrer Wiege von Blättern grün, 
Gleich dem Rubine, der scheint zu glüh'n ; 
Und dass mit lieblicher Melodei, 
Die künstlich grade verfasset sei, 
Die lauen Weste sie gar entaücke, 
Geprunzel lauschte mit lüsternem. Blicke 
(Denn schon' die Sage der Reize erwärmte) 
Der Rede des Knappen, der dichterisch schwärmte, 
Der — - ohne zu denken an bauschige Kleider 
Mit grossem Reife im Untergewande, 
(Der Trödler Werk und biederer Schneider, 
Der grössten Meister-Betrüger im Lande) — - 
Gar züchtig lobte die schlanken Glieder 
Wie weiland Salomo's Lied der Lieder; 
Geprunzel verlangte mit Hast sein Ross 
Und alsbald stampfte vor seinem Schlose 



Die Kater. 8Z 

Der Affe, nach Sitte des Landes gezäumt; 
Gefangen, da er zu fliehen versäumt, 
Im letzten. Kriege der Katzen und Affen. 
Die Rüstung machte ihm viel zn schaffen: 
Als Stiefel und Koller nach Bitter Art 
Gebrauchte er von dem Handschuh hart 
Zwei offene Finger, so krumme und steife, 
Wie krumm gebogene Tonnenreife. 
Ein silberner Löffel diente als Degen; 
Auch trug er, wie Franzosen jetzt pflegen, ' 
Den Mantel, den farbigen a la Burnus, 
Harmonisch und sauber, von lieblichem Schein, 
Dass, ohne zu denken an Schmeichelei'n — 
Und wenn es gestattet die Frau Venus, 
Man sagen möchte, in Gala und Pracht 
Adonis es habe* so weit nie gebracht. 
Als Hut von Mailand deckte den Scheitel 
Die Hälfte von einer Citrone, die eitel 
Mit wallendem Federbusche sich schmückt, 
Dess Farbe roth und dunkelgrün blickt, 
Dem Papagei mit Klauen entrissen, 
Den er trotz Käfig hatte zerrissen; 
Obwohl er rief noch: Werda? mit Macht, 
Der Kater doch grausam zu Tode ihn bracht'. 
Von einem Handschuh als Panzer zwei Stücken 
Beschützend die Brust, nicht minder den Bücken, 
Und Kinderoancbetten dienen als Kragen, 
Er pflegte mit Anmuth ihn überzuschlagen. 
Der Kater erschien wie ein Edelmann, 
Nicht wenig: verliebt, nicht wenig Cralan. 
Der Schnauzbart weiss, scharfsinnige Mienen, 
Die Augen belebt; die Pupillen erschienen 
In glänzender Farbe wie von Smaragden 
Und hoch zu Affe er war zu betrachten 
Als Roland, welcher machte Visite 
Der schönen Angelika ; doch ohne Suite. 

Die sittige Jungfer, das holde Kind, 
Erblickte den Kater und stellt sich geschwind, 
Als ob es wäre 'ne würdige Frau; 
Wie Schmand beleckt sie die Lippen genau 
Und angst, für alle nur möglichen Fälle, 
Bedeckte der Schwanz 'ne gewisse Stelle. 
Zu Boden senkt sie den Blick vor dem Freier, 
Die eigene Züchtigkeit diente zum Schleier; 



88 Die Kater. 

Denn Jungfrau'n ziert die Krone der Tugend, 
Bescheidenheit adelt die Beize der Jugend. 

Geprunzel indessen spornt sein Boss 
Mit leichter Ferse vor Liebchens Schloss 
Und lässt daselbst es manövriren, 
Ja, manche Beiterkünste vollführen 
Und wendet galant das Thier im Kreise: 
Von heftiger Liebe gar starke Beweise. 
Alsdann den glänzenden Hut im Arm 
Mit feinem Anstand schildert er warm 
Von- seiner Liebe die feurigen Gluthen. 
Die Bösen der Scham die Wangen befluthen, 
Indem sie ihm reichte die Locke vom Zopf. 



Doch während die Beiden nun mauzen und miezen 
Und zärtliche Seufzer im Wechsel erliessen, 
Geprunzel im Glücke schwelgte, der Tropf! — 
Da trifft urplötzlich aus mächtiger Hand 
(Vom Fenster des Geistlichen, wo sich befand 
Das Zimmer, in dem der heilige Mann 
Sein Fleisch kasteite wohl ab und an) 
Ein Stein, — den wüthend der Köchin Faust 
Noch schneller als Blitze durch Lüfte saust — 
Das Boss; der Beiter stürzte, der Benner rennt, 
Ohn! dass Lakai oder Diener könnt* 
Des Bappen Sturmlauf zügeln: 
Er eilte, als wär's mit Flügeln. 
Nicht anders wie am sonnigen Tag 
Aus Wolken Hagel und Donnerschlag 
Mit jähem Sturme die Herde scheucht, 
So dass die Bebende ängstlich fleucht; 
An Dornen hängen der Wolle Flocken, 
Wie Flachs und Hede am Spinnerocken, 
Und erst mit lachendem Sonnenblick 
Sie kehrt zu Wiesen und *filumen zurück: 
So stoben die Katzen nach allen Seiten 
Durch Thüren und Fenster, und Dach und Gang, 
Mit tragischem Mauzen, nicht wie sich freiten 
Die Turteltauben in süssem Gesang. 
Der Affe den Kopf, den verwundeten neigte, 
Getroffen an unaussprechlicher Stelle, 
Wo eine feuchte Substanz sich zeigte, 
Halb Ambra war's, nur weniger helle. 



Die Kater. 89 

Indessen das hier Erzählie passirte, 
Und während der Kater von Liebe parlirte 
Mit Angst und nicht ohne heimliche Pein, 
So dass er rührte die Dächer von Stein 
(Denn nicht gibt's Herzen eisig und kalt, 
Die Liebe nicht greift und hakt mit Gewalt), 
Und sie mit üblicher Ziererei 
Sich stellt, als ob sie beleidigt sei: — 
Da ging das Unthier des Himmels und Erde — 
Mit eiligem Flügel nnd Hastgeberde, 
Bedeckt mit Augen und Züngelein, 
Theils alt mit Brillen noch obendrein, 
Theils Augen vom Luchse, die Alles erspäh'n, — 
Durch drei Elemente ganz ungesehn 
Und sprach Schuh linens Reizen zur Ehre 
In einer und anderer Hemisphäre; 
Und was auf riesiger Erdenfläche ' 

Das Meer, das Werk der Flüsse und Bäche, 
In seinen bläulichen Fluthen geborgen, 
Was gegen Abend und gegen Morgen, 
In ewigem Eise und glühendem Sand — 
Da machte die Fama das Wunder bekannt; 
Die Fama, welche da pflegte zu sprechen 
Von Tugendhelden und von Verbrechen, 
Und sohildert Schuhline so reizend doch, 
Dass jeder der Kater sich machte hoch, 
Dass jeder sich rüstet sogleich zur Reise, 
Des Sieges sicher, nach Kater Weise« 
Die in der Post ankamen, zu Lande, 
Sie waren geziert mit Feder und Bande; 
Die, welche bewohnten des Meeres Küste 
(So viel vermögen der Liebe Gelüste) 
In Mulden kamen, behangen doch ganz 
Mit Schmuck, nicht zu vergessen den Schwanz; 
Dann Andre, um später^den Glanz zu weisen, 
Der Amphitrite bläuliche Wogen 
In Kiste und Reisekoffer durchzogen; 
Ja einer gar wollte incognito reisen 
Und langte auch unbekannt Jedermann 
In einem Gehäuse des Nachttopfs an. 

Man hatte seit Jahren nimmer gesehn 
Vereint so viele der Kater schon, 
Wie jetzt in dieser Belagerung heiss: 
Doch war ja Schuhline des Kampfes Preis! 



90 Die Kater. 

Da war kein Dach, keines Schornsteins Krater, 
Wo nicht zu sehen ein liebender Kater. 
Sie wurden mit Steinen auch insultirt, 
Was vielen Verliebten noch heute passirt 
Kein Mäuschen, das Alles benagt, zerbeisst, 
Sei's Käse oder Papier, zerreisst, 
Liess jetzt nur ausser dem Neste sich sehn, 
Denn immer sah's hungrige Kater ßpäh'n; 
Drum keiner der Dichter im Weltall klagt, 
Dass seine Verse durch Mäuse zernagt. 
Kein Sperling wagte zu fliegen; nicht kroch 
Die grüne Eidechse aus dem Loch. 

Doch haben, wie die Sage berichtet, 
Die Kater Verderben auch angerichtet; 
Denn Samstags oder am Sonntag gar 
Vor ihnen in Sicherheit gar Nichts war. 
Gekochtes, Wurst und andere Sachen 
Verloren sieh bald im hungrigen Bachen ; 
Ja, selbst im Bauche, dem hohen, . 
Die Kater die Würste bedrohen ; 
Obgleich unmöglich hinaufzusteigen, 
Verfehlte doch keiner, den Eifer zu zeigen, . 
Denn Alle, die» schauten von ferne zur Höh', 
Versuchten zu sehen auch in der Näh\ 

Bei diesen edelmüthigen Helden 
Hab' ich von einem Kater zu melden, 
Mit stumpfet: Nase und scharfen Blicken 
Und einem rabenfarbigen Rücken, 
Mit weissen Pfoten und weisser Brust, 
Ihn anzusehn war köstliche Lust; 
Sein Name War Schlicher, er. war bekannt 
Durch Schwanz und Grazie als elegant; 
Ihn sah d'rum eben auch Jedermann 
Als Katzen-Narcias und Kater«Marg an« 

Als dieser die Schöne nur hatte gesehn, 
Wie Silber glänzend, wollt- er vergehn; 
Das Herz verloren, hat Tag und Nacht 
Er auf dem Dache der Katze verbracht. 
Mit Diener und Knappe in schönen Livreen, 
Das musste ja wirken, wie bald mau gesehn. 
Denn, grausame Katze ! ach, Schlich er Narciss 
Bereitete Kummer und Aergemiss 



Die Kater. 91 

Dem Helden Geprunzel in Eifersucht! — 
Ich habe vergebens die Gründe gesucht, 
Weshalb sie kürte den tapferen Schlicher 
Und jenem mit einem Schlage, der sicher 
Zu unerwartet und plötzlich kam, 
Die frühere Gunst und Hoffnung nahm. 
Doch, ach ! ine lauscht ein Mädchen so gerne 
Dem Kater, welcher da kommt von Ferne, 
Der Stutzer ist und Honig spricht, 
Mit duftendem Haare und schönem Gesicht! 
Denn grosse Reize hat stets das Neue, 
D'rum Jeder die spröden Katzen scheue! 
Wer hätte gedacht so launiger Art 
Sehuhline, die sonst so spröde und hart? 
Und dass sie Geprunzel, den Wackeren, Hess 
Um einen Kater mit schönem Vliese, 
Nachdem er ihr Geschenke gemacht 
Mit Sachen, die diebisch er an sieh gebracht, 
Mit Schweinefüssen und Würsteschalen?! 
Wie gross sind doch der Sterblichen Qualen j 
Wie wandelbar ist Liebe und Glück J 
Wo gibt's ein Weib mit treuem Blick? 
Wer baut noch* auf der Weiber Treue ? 
Die Arge, ach, sie liebt das Neue! — 

Vergebens Ruhe Geprunzel sucht, 
Er litt an bitterer Eifersucht, 
Dass Nichts ihm lichtete den Verdruss. 
Der Kater Munkel, der Leibmedicus, 
Dess graues Haupt, dess Namen und Kunst 
'Erprobte von Allen die Gelder und Gunst, 
Liess .kommen einen geschickten Bader, 
Der ihm bald lassen musste zur Ader. 
Da dieses noch immer nicht wollte genügen, 
Besucht ihn Sehuhline zu seinem Vergnügen, 
Obgleich der Kranke den Erker bewohnte, 
Wohin die Carosse nicht fahren konnte, 
Weil steil der Weg und enge auch war» 
Doch endlich zu Fasse, wie Jedem klar, 
Tritt in das Krankenzimmer sie ein : 
Doch war sie begleitet von einem Lakai'n. 

Die Beiden blickten verstimmt, doch bald 
War jeder Zoraesruf verhaut; ; 
Er sprach, miauend und sie mit Zucht, 



92 Die Kater. 

So dass zu weinen er wurde versucht. 
Dodi um Ersatz für das Blut zu haben 
Und als Genesender sich zu laben, 
Trug eine Zofe ein Gänsebein 
Mit Auster und Zuckerconfbct herein. 
Nun wagte er leise sich zu beklagen 
Miauend zart, das musste behagen; 
Sie lauschte verschämt und gerne zugleich 
Der Bede des Kranken; ich sage sie euch: 



„Schuhline, du Schönste von deinem Geschlechte, 
Du brächest dein Wort, du Ungerechte? 
Ist Schlicher denn weiser? gewandter im Tanz? 
-Hat er mehr Muth? einen besseren Schwanz? 
Und weisst du nicht, dass ich dich wählte vor Allen, 
Die da sich schmückten, um mir zu gefallen? 
Ist das der Lohn dafür, dass in der Kälte 
Des harten Winters ich nimmer verfehlte, 
Auf Dächern bis zum Morgen zu stahn. 
Mit Schwert und Schild und Muth angethan; 
Mit Froste bedeckt mein Nacken, 
Mehr, als man pflegt zu bepacken 
Den Spanier, der in's Feld marsehirt, 
Mit Flinte, Tornister und ganz armirt? 
Wenn ich dir schenkte nicht Flittertand, 
So that ich's, weil ich es unpassend fand, 
Zu hüllen der holden Natur Gewänder 
In bunte Stoffe und Flitterbänder: 
Du Harte, um nicht zu schänden und höhnen 
Den Glanz der natürlichen Kleider, der schönen! 
Jedoch im Punkte von den Geschenken, 
Wie dir bekannt ist, sollte ich denken, 
Wer spürte mit grösserem Eifer nach, 
Ob in der Küche noch Etwas lag, 
Das passen konnte für deinen Tisch, 
Wie ich dir holte Geflügel und Fisch? 
Pasteten oder von Wurst die Schalen? 
O, welche unerträgliche Qualen! — 
Auch hässlich glaube ich nicht zu sein, 
Denn gestern noch erblickte ich mein 
Gesicht — ganz anders freilich als heute, 
Wo ich bin düsterer Schwermuth Beute — 
Im Eimer (welchen der Knecht gefüllt 
Am Brunnen, als er mein Haus gespült) 



Die Kater. M 

Und sagte: Schuhline! Ach, Alles verschmäht sie! 
O, Eifersucht! Liebe! Erbarmen! O, straft sie!" 

Nicht pflegt in glühender Sonne zu beugen, 
Das stolze Haupt zur Erde zu neigen 
Die Blume; das Kind nicht im Matterarm, 
Nachdem es geweint gar viel und warm, 
Am Busen zu ruhn, der Empfindung baar, 
Wie ohne Besinnung Geprunzel war. j 

O Liebe, du bist des Himmels Wonne, 
Du, Eifersucht, die Hölle der Sonne. 

Wie nun Schuhline ihn so erblickte, 
Dass er in Seufzern schier erstickte 
Und dass er unter Amors Pfeil 
Der letzten Stunde sich nahe in Eil'; 
Liess sie den wonnigen Fächer gleiten 
(Weil schon ja Leben und Tod sich streiten) 
Nur zweimal leise durch seinen Bart. 
Er lebte auf; die Wonne bewahrt 
Vor Sterben, der bitteren Reise; 
Und dann in süssester Weise 
Sprach sie in vornehmer Art und fein : 

„Wenn deine Liebe ist wahr und rein, 
So hat dein Kummer dich heissen erdenken 
Die harten Worte, die mich so kränken; 
Und ob es auch wahr, dass Schlicher mich freit, 
Und sagt, dass die Liebe den Tod ihm bereit 9 , 
So will ich dir dennoch bewahren hinfort 
Als deine Braut mein heiliges Wort." — 

So sprach die schöne Schuhline und liess 
Dann schweigen die rosigen Lippen süss. 
Denn stets nur rede die Jungfrau wenig, 
Weil nicht wie Wittwen und gar wie Frau'n 
Auf Liebeserfahrung sie kann vertrauen. 

Vom Himmel herab schon kam die Nacht, 
Die Bäder des Wagens, von Sternen gemacht, 
Wie Demant funkelten hell hernieder 
Und Blitze hallten von Ferne wieder; 
Die Vöglein eilten dem Neste zu, 
Die Felder lagen in tiefer Buh': 
Da kamen die Diener des kranken Galan 



H % Die Kater. 

Im hohen Erker mit Fackeln an : 
Darauf die beiden verliebten Seelen 
(Denn solche Höflichkeit darf nie fehlen) 
Mit ihren Schwänzen sich winken Adieu; 
Sie ging; er blieb allein in der Höh', — 



Zweiter Gesang. 

Genesen von grausiger Eifersucht Wunde, 
Die Schlicher ihm schlug in trauriger Stunde, 
Der Eifersucht, welche vergossen viel Blut, 
Die selbst den Lenker der Blitze Gluth 
Gezwungen, in Noth vor seiner Frau, 
Sich unanständig als Stier zu maskken, 
Wie die Europa er wollte entführen •— 
Ging Ritter Geprunzel noch bloss, ja grau 
Auf's Dach, um seine Holde zu sehn, 
Die treulos war, wie sie stolz und schön« 
Wer könnte auch von der Hoffart sagen, 
Dass sie ein Ende gemacht dem Plagen! 
Schuhline auf ihrem Balcone steht 
Und dort vor Ungeduld schier vergeht, 
Zu wissen, ob Schlicher sich liesse sehn, 
Da sah den Munter sie vor sich stehn, 
Den Pagen des Schlicher, ob jener gleich 
Ein Spross aus selbigem Ahnenreioh; 
Er trug eine Schüssel und einen Brief. 
Gehobenen Schwanzes entgegen sie Hef 
Und nahm die Schüssel gegossen fein 
Aus orientalischem Golde rein, 
Und forscht mit Würde, ob wohl dabei . i 
Ein Stück für's Erste zu essen sei; 
Denn wenn die Katze beim Nehmen auch spröde, 
Ist doch gefrässig von Haus aus jede« » . 

Bevor die Worte des Pagen sie hört, 
Besieht sie die Sachen, vom Liebsten verehrt. ' 
Wie kostbar, geschmackvoll und welche Pracht I 
Wie hat er so sinnig gewählt und gedacht I ■ 
Ein Eäsestück von ziemlicher Grösse* 
Auch Mandeln, Würste und Eierklöase ! 
Und dann, weil seine Verlobte sie sei* 



Die Kater. 

Zwei Schleifen als Ohrgehänge fügte er bei, 
Ein Schmuck, den sonst die Weiber pflegen 
Den schmucken Katzchen nnr anzulegen 
Und der mit Perlenmatter gestickt, 
Sie nimmt alsdann das Schreiben und blickt 
Zufriedenen Auges anf Wurst und Käse 
Und öffnet den Brief, damit sie läse: 

„Süsse Jungfrau, Krone meiner Träume, 
Süsser als die Fracht verbotener Bäume ; 
Diesen Käse, diese Wurst mit Butter, 
Diesen Schmuck dabei von Perlenmutter 
Send' als Zeichen treuer Lieb' ich dir." — 
Schuhline las den Brief nur bis hier, 
Als plötzlich Geprunzel — , der voller Feuer 
Und blinder Eifersucht, wie ein Geier 
Vom hohen Giebel des Daches gesehn 
Den grossen Verrath, der ihm geschehn — 
Voll Ingrimm stürzte hinzu und griff 
Mit kralligen Fäusten die Wurst und den Brief. 

Dem Munter in Ohnmacht schwanden die Sinne; 
Wie Eitler, der spielt die Spiele der Minne, 
Vernimmt urplötzlich den Knall der Kanone; 
•Geprunzel ergreift ihn und sicher nicht ohne 
Beweggrund mit den Krallen am Kragen 
Und würgt und schleudert ihn, ohne zu fragen, 
Ja, wüthet so wild, dass das Feuer der Blicke 
Die Blitze des Himmels lässt weit zurücke. 
Nicht anders wie den elastischen Ball 
Der Spieler schlägt mit tönendem Schall ; 
Es ächzt die Luft und erzittert vom Schlag, 
Bis dass aJlmäiig die Kraft lässt nach 
Und in der Reihe ein Anderer dann 
Gestemmten Fusses den Ball treibt an. — 

Der Wüthende, ohne die Wurst zu lassen, 
Vermochte den Brief mit den Zähnen zu fassen, 
Zerreisst ihn mit schäumender Schnauze in Fetzen 
Und füllt durch Drohen die Maid mit Entsetzen. 
Wie in dem reissenden Strome, dem jähen, 
Wir einen Ertrinkenden wohl gesehen, 
Der Zweige und Blätter im Krämpfe hält 
Und dem die Besinnung gänzlich fehlt: 
So hielt Geprunzel, den Qualen ertränken, 
Die Wur**, den Grund von Eifersucht-Ränken. 



9* Die Kater. 

So sehr verwirrt den Menschen die Liebe, 
Dass, wenn sonst gar keine Hoffnung bliebe, 
An einem Würstchen Bache er sucht I 
Wer hätte geglaubt, dass Eifersucht 
Die heisse Liebe vermöchte zu wandeln 
Durch Eierklösse und Wurst und Mandeln? 
Doch wehe dem, der so vermessen 
Als Abendbrot sie dachte zu essen ! — v 

Schuhline entfloh in Angst und Wehe, 
Kaum rührte die Ziegel die flüchtige Zehe. 
Die Nöthe und Sorgen der armen Katze 
Erschöpften den Muth, dass auf dem Platze 
Sie heilig gelobte dem Gotte der Liebe 
Ein'n neuen Bogen und neue Pfeile, 
Wenn ihre Erlösung er beeile 
Von diesem Kater voll wüthender Triebe, 
Mehrvals die Stürme im Januar. 
Und er schwur, sie zu vergessen und gar, 
Dass nie im Leben er wieder sie sah 1 , 
Geputzt sei's oder im Negligee; 
Auch nicht in seiner Gedanken Falten 
Von dem Vergangenen was zu behalten, 
Dagegen mit einem Gelehrten zu sprechen, 
Um diese gewaltige Schande zu rächen. 

Doch war vergebens sein Dichten und Trachten, 
Denn Liebe pflegt Eifersucht-Schwür' zu verachten 
Und so viel vermag eine Frau, die da weint, 
Dass bald der Zürnende mit ihr greint ; 
Wer liebt mit Eifersucht, ist zu betrügen, 
Und glaubt ob Thränen wohl tausend Lügen; 
Und wie Ovid in den Briefen geschrieben, 
(Die Seite ist mir nicht im Kopfe geblieben) 
Von Liebe hartnäckige Wunden 
Durch Kräuter nimmer und Salben gesunden, 
Kein Mittel, von Liebe zu heilen, sei 
Als fremdes Land oder Liebchen neu. 

Indessen Munter geschunden und lahm 
Zu seinem Gebieter, dem Schlich er, kam, 
Miauend traurig und voller Schmerz » 
Und Melancholie, welche rührt das Herz. < 
(So wie Landstreicher betteln gehn 
Und unser Mitleid und Geld erfleh'n; 



Die Kater. 97 

Der Eine verlor seinen Ann in der Schlacht, 
Der Andere Schwäche der Beine klagt, 
Dem Dritten blendet das Auge ein Fleck, 
Das andere schielt darum halb um die Eck'.) 

Beklemmende Ahnung Schlichern sagt 
Von Weitem das Neue, so Munter bracht'. 
„Was fehlt dir, mein Lieber," er zu ihm spricht, 
„Du kommst ja so traurig? Ein schlimmer Bericht?" 
Nun Munter erzählte den Gang der Sache 
Mit bebendem Schwänze und stammelnder Sprache; 
Wie thät Geprunzel den Brief erfassen, 
Doch ohne deshalb die Würste zu lassen, 
Ein neidischer Türke, voll Impertinenz 
Beschimpfend die Sitte und Reverenz. 
Und wie ob dieser Geprunzelstreiche 
Schuhline, die Schöne, die Schreckensbleiche 
Mit hoch gehobenem Bocke entschwand. 
Denn was bei Frauen der Unterrock schafft 
Von Rasch, Flanell und anderem Tand, 
Das leistet bei Katzen mit nämlicher Kraft 
Der biegsame Schwanz, denn, ad libitum, 
Er wird gehoben und fällt wiederum. 

Er klagte sodann von seinen Wunden, - 
Wie ihn Geprunzel beinah geschunden; 
Von Furcht erstarrt, zerfetzet die Kleider 
Sei er geschwenkt wie eine Schleuder. 
Und dass Geprunzel ganz ohne Gewissen, 
Weil seine Schuhline man ihm entrissen, 
Sich rächen wolle mit seinem Schwert; 
Und um die Gaben, die Seh lieh er verehrt, 
Zu höhnen, wolle er noch /lazu 
Die Ohrgehäng' brauchen als Bänder für Schuh. — 

Nicht tobt* der Atride, der griechische Held, 
In grösserem Zorne auf blutigem Feld 
In Troja, als das hölzerne Ross, 
Der eisenschwangere grosse Koloss, 
Gezündet die Stadt des Aeneas in Brand 
Mit brennender Fackel in Feindes Hand, — 
Wie durch das Neue, das Munter ihm brachte, 
Der Zorn des Katers gewaltig erwachte, 
Der gleich einem Rosse wieh'rte vor Wuth 
Ob seines Gegners trotzigem Muth. 

Archly f. n. Sprachen. XXIV. 7 



98 I>ie Kater. 

Doch hatte er selbst sich heilig versprochen, 
Dass diese Schande nicht ungerochen 
Verbleiben sollte; er eilte demnach 
Und sann der Art seiner Rache nach. — 

Geprnnzel indessen verzweifelnd eilt 
Zum Walde, wo Stiehlimbusche weilt. 
Aurora vom matten Gemahle gewandt 
Hat Morgenröthe den Menschen gesandt; ' 
Die Sonne gehüllt in röthlichen Schein 
Befahl zu schliessen in seinen Schrein, 
Um selber zu prunken in rosiger Pracht, 
Den Mantel der milden, ängstlichen Nacht, 
Obgleich er funkelt in Diamanten 
Auf bläulichem Grunde und in Brillanten. 

Nun Stiehlimbusche war Kater und Weiser 
Mit grauem Barte und struppig wie Heiser, 
Ein Auge erblindet, das zweite nicht ganz, 
Obgleich mit ehrwördig biederem Schwanz 
Und trotz der Kenntniss und Energie 
In der Natur und Philosophie, 
Lebt er doch einsam in Bergen allein 
In einer heimlichen Höhte klein, 
Die Thüre mit einem Felsen versehn 
Wie die des seligen Polyphem. " 
Er war Verächter von dieser Welt Schätzen, 
Dass ihn die Sonne nur konnte ergötzen, 
• x Die Alexander dem Thoren räumt, 

• Der von den Menschen vertrieben träumt 
In einer Tonne, der Kröte gleich. 
Denn wohl gibt's in der Sonne Bereich 
Noch Männer, die Titel und Schätze verachten 
Und nur nach Wissen und Kriegsruhm trachten. » 

Zwar Stiehlimbusche trieb Astrologie, 
Verkündete doch Zukünftiges nie. 
Er sagte, der Himmel, nicht minder die Erde, 
Durch eine Kraft regieret werde, 
Der Alles zu folgen gezwungen sei 
Und Alles — aufs Beste geordnet dabei 
Auch hatte er nie Kalender gemacht 
Und zum Exempel heraus gebracht, 
Dass heuer wohl diese und jene Stadt 
An Gurken und Feigen gar Ueberfluss hat, 



Die Kater. 99 

« 

An Linsen hingegen Paris und Thebea; 
Dass Einer von Wichtigkeit ende sein Leben, 
Ohn' doch das Wie? und das Wo? zu geben; 
Dass Venus wegen der Frauen sende 
Hinwiederum Streit und Zank ohne Ende, 
Als ob in Bezug auf Streiten um Frauen 
Er Hesse ein neues Gebiet uns schauen. — 

Doch wieder zu unserem Helden zu kommen, 
So hat der Weise ihn dann vernommen 
Und sagt ihm, dass vergebens sein Sinn 
Gerichtet sei auf Schuhline bin. 
Als einziges Mittel er könne empfehlen, 
Um raffinirte Rache zu wählen, 
Dass er die Blicke auf Andere richte 
Und so die Schwere des Kummers lichte. 
Denn Liebe sei ein weit härterer Stand 
Als greifen die Natter mit blosser Hand, 
Wenn Seele nicht lechze nach Seele — und 
Dass Geld sehr häufig bcförd're den Bund. 

i 
* Der Kater, verzichtend auf irdischen Rath, 
Sich alsbald dennoch beruhigt hat 
Und schenkt ein Würstchen, ein kleines, dem Weisen, 
Um seine Dankgefiihle zu weisen ; 
Denn nicht belohnen des Weisen Wissen 
Ist eine Bürde für zarte Gewissen. 

Indessen Geprunzel nun sinnt und denkt, 
Auf welche Katze er endlich lenkt 
Die süsse flammende Zärtlichkeit 
Von seiner bekaterten Herrlichkeit, 
Um von der Liebe geheilt zu sein: — 
Da fällt dem sinnenden Kater ein, 
Dass nah', gegenüber gar, seinem Hause 
Aus eines Pillenverdrehers Klause 
Oft eine Katze der Küche entsteigt 
Und sich als schöne Mizile zeigt, 
Die wohl zu Zeiten sich setzte auf's Dach 
Wie eine Dame und manchen Tag 
Die Nester der klugen Spatzen betrachtet 
Und deren Vermehrung strenge beachtet, 
Denn wenn sie die Eier geöflhet fand, 
Dann ass sie die Jungen mit zierlicher Hand. 

7* 



100 . Die Kater. 

» 

De» neuen Gedanken, dass Liebesrache 
Die heisse Liebe zu kalter mache, 
BegrifF die Vernunft, doch sein Gewicht 
Erkannte das Herz, das schwache, nicht. — 
Auch wenn nur kleine Progressen er machte, 
Er seinem Weh doch Linderung brachte; 
Und das ist ein herrliches Mittel, fürwahr, 
Mit welchem sich tröstet ein Ziehender Narr. 

Die strahlende Sonne im Mittag steht; 
Kein Lüftchen in heisser Siesta weht, 
Im lieblichen Maimond, welcher verleiht 
Der weissen Rose ihr Perlenkleid : 
Da wusch die Stirne mit schöner Hand 
Mizile und ordnete ihr Gewand 
' Nicht fern von dem Dache, wo stand das Schloss 
Des Helden Geprunzel, der, freilich bloss 
In Folge von Stiehlimbusche's Rath, 
Ihr grössere Sorge erwiesen hat. 
Durch Zufall kam auf selbiges Dach 
Auch Jungfer Schuhline; es war demnach 
Der Augenblick da, zu säen mit Lust 
Der Eifersucht Qualen in ihre Brust. 
Er nähert sich deshalb schmunzelnd zart 
Mizilen, welche noch schöner ward 
In züchtig erröthenden Wangen, 
Und ihn in seiner Rache Verlangen 
(Er heuchelte Kälte und gar Vergessen; 
Wer kann die Launen Verliebter ermessen!) 
Erfüllten lüsterne Liebes - Ideen. 
Er macht Mizile den Hof und denkt, 
Dass er die Reste der Liebesweh'n 
Vom Friedenskriege an sie verschenkt; 
Und nach Schuhline sieht diebisch hin 
Das Auge, in welchem absonderer Sinn, 
Der voller Betrug und weniger klar, 
Je mehr verständlich er scheinbar war. 
Mizile — in welcher lebendig und tief 
Die erste Liebe ja W urzel griff, 
Weil dem, was die Jungfrau fühlt und denkt 
Ob zartem Alter sie Glauben schenkt, 
(Verstand dem Herzen sich pflegt zu beugen) — 
Spricht mit den Augen, auch wenn sie schweigen, 
Und leiht ein williges Ohr den Schwüren 
Des falschen Galan, die sie verführen; 



Die Kater. 101 

Die Schwänze schon beider gehn hin und her, 
Als wie die Wogen auf stürmischem Meer. 

Schuhline beleidigte dieses Benehmen, 
(Der früher Geliebten bereitet Verdruss, 
Was früher ihr selbst war ein Genuas) 
Und lästerte brummend zwischen den Zähnen 
Durch unanständige Redensarten, 
Wie man sie weniger sollte erwarten 
Hier von Personen der haute volee, 
Durch Stand und Geburt von gleicher Höh'. 
Wie wir den Hofhund knurren sehn 
Und dem des Nachbar genüber stehn, 
Indessen der Knochen ist in der Mitte; 
Aus Furcht lenkt keiner zu diesem die Schritte; 
Doch endlich die Beiden sich wüthend raufen, 
Den so unschätzbaren Sieg zu erkaufen, 
Bis schliesslich immer zu folgen pflegt, 
Dass keiner die Beute von dannen trägt, 
Indem ein Knecht mit zornigem Knittel 
Und Autorität sich leget in's Mittel, 
Dass beide vergossen vergebens ihr Blut: 
Der Knochen trotz beider in Frieden ruht. — 

So brummte Schuhline vor Neid und Zorn, 
Obgleich den Schlicher sie sich erkor'n. 
So sind die Weiber in dieser Welt 
Zu ihrem eigenen Leiden bestellt! 
Denn jede will Alles für sich nur allein, 
Damit ja die Andern an Nichts sich erfreu'n ; 
Und haben sie, was sie wünschten, erreicht, 
Dann Nichts ihrer Lauheit und Kälte wohl gleicht. 

Am Ende die beiden Katzendamen, 
Indem Geprunzel als Knochen zu schau'n, 
Probatum wider die Eifersucht, traun! — 
Mit feuersprühenden Augen kamen, 
Nach einigen Blicken voll tödtlichem Hass, 
Zum Handgemenge und zwar so, dass 
In Lüften fliegen die Haare und Kleider, 
Und zeigen so trotzige Bosheit leider 
Die beiden sonst so reizenden Katzen, 
Dass sie der Augen Smaragd zerkratzen. 
Sie mauen Diskant, der Kater Bass, 
Und stürzen, sich kratzend ohn' Unterlass, 



103 Die Kater. 

Vom Dache herunter, so leicht beschwingt — 
Was wie historische Lügen klingt, 
Denn fünf Etagen das Haus ja zählt — 
Dass kein Pantoffel den Stürzenden fehlt, 
Indessen der schwarze Galan auf dem Dache, 
So süsä erschien der Eifersucht Rachel 
Nach so besonderen Missgeschicken 
Vor Lachen fürchtete zu ersticken. — 



Dritter Gesang. 

Von beiden Polen stand gleich fern 
Die Sonnenscheibe; des Poles Stein 
Mit seinem leuchtenden Feuer, 
Nach dem sich richtet des Schiffes Steuer, 
Begrenzte das himmlische Firmament; 
In tropischer Zone die Sonne brennt, 
Bestimmend die gleichen Stunden der Nacht 
Dem Tage ; jeder Galante wacht 
In tiefer Stille der dunkelen Nacht: — 
Da ging Held Schlicher, der tapfere Degen, 
Zum Dache der Dame auf nächtlichen Wegen, 
Die blutend im Bette zwei Tage verborgen 
(Indessen die Küche war ohne Sorgen), 
Nicht grade wegen der Stockwerk* Höh', 
Wohl aber wegen der Eifersucht Weh. 
Er ging geziert das tapfere Haupt 
Mit einem Löffel, des Stieles beraubt, 
Von Eisen, der wie ein Topf gemacht, 
Als Helm dem Kopfe Sicherheit bracht'. 
Denn an dem Kopfe, dem schwächsten Theile 
Der Kater, betäubt ein Schlag eine Weile, 
Ob sieben Wunden auch Tod nicht geben ; 
Weshalb man redet von sieben Leben. 
Ein kleiner Deckel diente als Schild; 
Das Messer, welches als Degen gilt, 
War eine Klinge bestimmt dazu, 
In früherer Zeit zu reinigen Schuh', 
Doch er sah sie als Schlachtschwert an 
Und sprach vom Katertödter dann ; 
Der Mantel stammte von farbigen Mützen, 
Zusammengeflickt mit Schnüren und Litzen ; 



Die Kater. 103 

An Schenkel und Waden hatte er nur 
Die weissen Strümpfe der Mutter Natur; 
Als Helmzier Federbüschel von Spatzen, 
Die er erhaschte mit seinen Tatzen. 

• 
So ging der neue Alcibiad, 
Den jene Katze bevorzugt hat ; 
Denn Zeichen der Gunst von Damen verleihen 
Erhöh tere Reize uns, wenn wir freien. 
Mit Instrumenten kamen gegangen 
Zwei Künstler, welche dann schmelzend sangen 
Bei dem Balcon, wo die Holde gewacht, 
Ein Lied, das Schlicher für diese gemacht 
Denn Schlicher war Gelegenheitsdichter, 
Obgleich, wie alle von diesem Gelichter, 
Er selten verstand, wird uns berichtet, 
So wenig als Andere, was er gedichtet 
Die Holde jedoch am Fenster gesessen, 
Hat den Camail zu nehmen vergessen; 
Die Kammerfrau naht sich deshalb schnell, 
Bedeckt sie mit einem Stücke Flanell, 
Da dieses mehr ehrbar und voll Phantasie. — 



Bald störte Schuhline die Melodie 
Und fand die lieblichen Verse alt, 
Ersuchte deshalb die Künstler bald, 
Zu singen ein Lied im Drehorgelstyl,, 
Weshalb sie begannen ein neues Spiel. — 
Dass sich die Lieder der Helden verlören, 
Verlangen auch Katzen sogar zu hören 
Nur Klänge vom Gassenhauerfeld! 
So gross die Schwäche der morschen Welt! 
Sie sangen in schwülstigen Gassen -Accorden 
Von Kupplerhelden, die rauben nnd morden; 
Denn solche Banditen pflegen zu singen 
Die Dichter, welche den Hunger nicht zwingen, 
Die Dichter entfernt von der Musen Bunde, 
Wie von dem König der Thiere die Hunde. 
Denn unbelohnt die Tugend und Wissen , 
Im Hospitale hat sterben müssen. — 
Doch warum reden von solchen Dingen, 
Wenn man* beschlossen, die Kater zu singen? 
Die Schule ertheilt nicht solche Licenz; 
Was ihr entgegen, ist Impertinenz. — 



104 Die Kater. 

Indessen nun dieses Alles geschehn,. 

Versuchte Geprunzel dem Gram' zu entgehn; 

Sein Liebeskummer den Schlaf verscheucht, 

Sein Schmerz zu tödtlichem Wahnsinn steigt. 

Er springt vom Lager, aus Fellen gemacht, 

Vordem Kaninchen, die er gejagt 

Im Parke und sonder Waffenschein, 

Doch ohne von ihnen gekränkt zu sein, 

Die mit den Landesgesetzen in Frieden: 

Der gierige Tod schont Nichts hienieden! — 

Gar wohl begründet ist, wie man spricht: 

Der Seele Vorgefühl täuschet nicht! 

Nicht rasselt durch trockene Rohre geschwind 

Mit solchem Geräusche der wehende Wind, 

Als wie der Zähne Geknirsche tönt 

Des Helden Geprunzel, der schmerzhaft stöhnt 

Gleich wie ein Kranker im Fieber liegt, 

Wo Frost ihm bald das Leben besiegt 

Und bald ihn glühendes Feuer sengt, 

Dass kaum der Athem hervor sich drängt; 

Erstarrt und wieder in Gluth 

Im Wechsel rinnet das Blut, 

Verzehrt von höllischem Feuer 

Und eisiger Kälte. — Der Freier 

Die Liebe als einzigen Grund gewahrt, 

Doch waren die Folgen verschiedener Art. — 

Er sah Schuhline noch kosen zart, 
Sie nicht den nahenden Morgen gewahrt,* 
Denn schon enteilte die Nacht ohn' Bast, 
Des letzten Gestirnes Glanz erblasst; 
Die Musikanten singen und geigen, 
Als spielten sie auf dem Anger den Reigen. 
Denn nimmer beachtet die Liebe Gefahren, 
Woher schon Leiden entstanden vor Jahren; 
Ach, Amor spielte schon manchen Streich! 
Wer dächte nicht an Antonius gleich, 
Der bei der Hexe von Memphis sass, 
So blind vor Liebe, dass er vergass 
Den Cäsar, der ihn erreichen muss? 
Und war ein Römer Octavianus, 
So war Geprunzel auch römischer Kater; 
Wenn Cäsar tapfer und klug, so hat er 
Nicht weniger Heldenthaten und Worte, 
So dass er immer, an jedem Orte, 



Die Sater. 105 

Erwogen den Staatsmann oder den Helden, 
Als Dächer -Cäsar konnte sich melden. 

Wie hinter dem Baume der Vogler geduckt 
Mit lauschendem Ohre zum Zweige guckt, 
Zum Lockevogel und nach den Fallen 
Und sieht in diese den Finken fallen, 
Den jenes Verräthers Melodieen, 
Des Falschen, in ewigen Kerker ziehen; 
Er hört ihn flattern in den Schlingen 
Und weiss ihn bald in den Käfig zu bringen 
Mit Stolz und Hohn : so verfolgt mit Blieken, 
Weil Eifersucht bass ihn that berücken, 
Geprunzel jetzt das Freudengesicht 
Des Glücklichen, der süss schmunzelnd spricht: 
„O süsse Dame und Jungfrau mein, 
Wann wird die Stunde der Hochzeit sein? 
Wann wird der Himmel die Wünsche krönen, 
Dich Gattin zu nennen? Das ist ja mein Sehnen! 
O möchte dies Glück mir bald doch werden! 44 

Zum grossen Glücke der Menschen auf Erden 
Hat Jupiter nimmer ob einer Maid 
Als Kater gethan, wie er zur Zeit 
Als Stier wohl hatte das Meer durchschwömmen 
Und die Gestalt des Schwanes genommen; 
Ich habe noch nie gehört und gelesen, 
Dass er in Gestalt der Kater gewesen ; 
Denn ging er als Kater zum Katerstieg, 
Er hätt' der Verliebten erbarmet sich. — 
Verliebter Stimme und zitternd süss 
Sprach d'rauf Schuhline, die Schmachtende, dies: 

„Ob meiner dürfte es morgen sein, 
Wo ich für immer auch wäre dein. 
Doch Alles, mein Lieber, wird derangirt 
Durch diesen infamen Geprunzel, den Schuft, 
Der dir vor Neid missgönnet die Luft, 
Weil mein Vergessen ihn sehr piquirt. 
Und wenn er wüsste um unseren Plan, 
Er fiele mit scharfer Klaue uns an. 
Wie schätze ich nicht dein Leben ! 
Ich denke daran nicht ohne Beben, 
Dass er ein starker Kater und tüchtig, 



106 Die Kater. 

In Sachen der Eifersucht unnachsichtig: 
Wohl leichter er dürfte vergiftet sein." 

Da nun begann Schlicher vor Zorn zu seh rein: 
„So sprichst du wirklich im Ernste, mein Engel? 
Ich sollte um diesen Bauern ben gel 
Die Wonne der schönen Hände entbehren? 
Und er* o Dame, könnte es wehren? 
Hat er denn etwa mehr Muth als ich? 
Besiegt an Härte der Klauen er mich ? 
Und sollten schärfer und spitziger sein 
Gar seine als meiner Zähne Reih'n ? 
Welch' Knochen vermögte ich nicht zu knacken, 
Vom Schenkel sei es und von dem Nacken! 
Bin ich nicht Schlicher! — Meine Vorfahren 
In grader Linie Nachkommen waren 
Vom Bolz er v jenem gefleckten Kater, 
Des ganzen Katzengeschlechtes Vater, 
Der in der Arche mit Noah war, 
Wie meine Papiere beweisen klar! 
Und du willst schimpflich in Sorgen sein 
Vor diesem Hasenherzen? O, nein! 
Er ist in der Küche der tapfere Maulheld, 
Ein Feiger hingegen auf offenem Schlachtfeld ; 
Und rühmt als riesige Helden that, 
Dass er den Munter zerschlagen hat, 
Indem er sich Über ihn her gemacht, 
Ohn' dass an Arges nur Munter gedacht. 
Mein Page ausserdem fremd hier ist, 
Ein Knabe noch, dem der Bart kaum spriesst. 
Ist das ein Kämpe wie Seipia? 
Ist das ein Hannibal von Karthago? 
Bei deinen Augen, die Bäume entlaubten 
Und sich das Grün der Smaragden raubten ! 
War' ich nur auf dem Dache gewesen, 
Ich hätte gemacht kein Federlesen, 
Was ihn, die Wurst und den Käse betrifft! 
Und du willst, dass wir ihn tödten durch Gift? 
Das ist für Kön'ge und Fürsten ein Tod, 
Weil diesen nicht gilt der Menschen Gebot, 
Doch nicht für den Kater, die feige Memme, 
Der ich noch heute die Ohren abklemme, 
Um dir, sie zu bringen, und habe gedacht, 
Wenn er nicht klug aus dem Staube sich macht, 
Mit seinem Felle mein Sonntagskleid 
Zu füttern warm für die Winterzeit." — 



Die Kater. 107 

Jetzt übermannte Geprunzel das Blut; 
So wie der Stier in finsterer Wnth 
Sich auf den Reiter stürzt, sei er 
Castilier oder auch sonst wo her, 
(Denn nie nach Heimath fragte ein Stier) 
Und durch die goldige Deck' von des Reiters Thier, 
Das ohne Harm nur an Spiel gedacht, 
Mit dem Gehörne die Wunde macht; 
Es sinkt zur Erde und stöhnt nur wenig: 
So sprang Geprunzel wüthend hervor, 
Die schäumende Schnauze sich wischend er schwor: 

„Erbärmlicher Schlicher, du Hennenkönig, 
Zu prahlen, wenn keiner weiter zugegen, 
Heisst thun, was Weiber zu thun nur pflegen! 
Ich Jbin Geprunzel, von älterem Adel 
Als alle die Kater, tfie ohne Tadel. 
Du stammst vom Bolz er, doch ich vom Melander, 
Dem Kater des grossen Alezander, 
Wie meiner Familie Stammbaum zeigt, 
Mit Farben gemalt und golden bezweigt; 
Als Wappen die Wurst und den Fuss der Sau, 
Gewonnen in offenen Schranken, genau 
Die Felder in dunkelblutiger Färb', 
Die ersten, welche man hier erwarb. 
Ich habe nicht Küchen, nein, Schiffe erkoren, 
Und Schlachten, zu verdienen die Sporen; 
Nicht Munter; dagegen der Mauren beste Lanzen, 
Wie in Granada den Schluckepanzen; 
Im Zweikampf ferner den Brenner, 
Den Kater des Burgemeister von Renner« 
Und Völler wird meiner Klauen gedenken, 
Denn ihm die Kinnlade auszurenken, 
Zwei Griffe genügten nach meiner Manier. 
Das Ohr musste Windschnautz lassen mir, 
Der Kater des Maurers, den Leuten zum Leide ; 
Dem Katerwirthe mit doppelter Kreide, 
Dem Tellerleck raufte ich aus den Schwanz. 
Von andern Stückchen schweige ich ganz; 
Wie von dem Wacker, der wahrlich galt 
Bei Hofe als Kater von grosser Gewalt. 
Doch sprechen von Sachen, die Jedem bekannt, 
Ist sagen, die Zeit sei nicht feste gebannt; 
Das hässlichste Ding sei weit und breit 
Das Auge der harten Noth wendigkeit ; 
Das schönste dagegen, geboren zu sein 



T08 Die Kater. 

Wohl unter glücklichem Sternelein ; 

Die Sonne erwärme und kalt sei Schnee, 

Bei Nacht sei es dunkel, am Tage man seh'. — 

Die untreue Katze, die mich verschmäht, 

Ob deiner Erbärmlichkeit, sieht noch spät, 

Wie ich dich würge, wie du verdient, 

Indem dieses Dach als Kampfplatz dient. 

Weil du mein Leben bietest Schuhlinen, 

Will ich Mizile mit deinem bedienen, 

Die jetzt ist meine geliebte Braut, 

Noch schöner als der Abendstern schaut 

In seines Lichtes glänzender Pracht, 

Als sei's ein Diamantring der Nacht. 

Nur sie, fürwahr, verdiente die Treu, 

Beständigkeit, Liebe und Allerlei; 

Doch unbeständige Katzen nimmer, 

Die, wenn auch prangend in Scbönheitsschimmer, 

Doch im Betragen sind gräulich, 

Unmöglich und treulos abscheulich." — ' 

Jetzt zog er aus rostiger Scheide die Klinge, 
Was wegen des Rostes nicht leicht ginge, 
Und unter den Hieben schimpften sie sich 
Hallunken, obgleich's nicht ritterlich. 
Schuhline enteilte, erstarrt das Blut, 
Ihr Mantel vergessen am Platze ruht. 
Die Künstler, wie die Kämpen begannen, 
Enteilten in üblicher Weise von dannen. 
Nicht eilte der Reiher so schnell im Aether 
Wie über die Dächer die feigen Verräther. 
Sie sagen „der Instrumente wegen," 
Sind nicht um tausend Gründe verlegen: 
Dass nur zum Singen sie her citirt, 
Dass der bedeutend die Stimme verliert, 
Der später ergreifen müsste die Waffen, 
Die so viel machen der Brust zu schaffen; . 
Dass eine beklommene Stimme nicht rein, 
Dass gross der Unterschied dürfte, sein, 
Ob muthig den Schild man müsste erfassen, 
Ob sanft die Saiten ertönen lassen ; 
Ob wild den Degen im Kampfe führen, 
Ob sanft mit dem Bogen die Geige berühren. 

Indessen, wie immer, zu selbiger Stunde 
Macht Griepenkerl die nächtliche Runde, 
Begleitet von jener verächtlichen Band', 
Die hie und da als Schnurren bekannt. 



Die Kater. 109 

Er sah die beiden Kater sich drehn, 

Wie bei Duellen wir pflegen zu sehn; 

Sie schnaufen, pausiren, und ihm wird klar, 

Dass Jeder sich glaubte ein Held Cäsar. 

Er legt sich in's Mittel und nur mit Noth 

Beachten die Kater das Ruhegebot. 

Doch sintemalen die Polizei 

Gering zu achten ist Felonei, 

Da Jeder von Stande ihr schuldet Bespect, 

So hat Geprunzel das Schwert gestreckt. 

Wer hätte ihm je das zugetraut I 

Doch Griepenkerl bald hatte durchschaut, 

Dass sie nicht Frieden würden behalten, , 

Dass nimmer die Rachsucht würde erkalten, 

Weshalb die Kater er arretirt 

Und Beide zusammen zur Schaarwach' führt, 

Als Phöbus blickte mit goldenem Strahl 

Im Fenster $es rosigen Morgen, 

Gab Farben den Blumen in Feld und Thal, 

Den Sterblichen neue Sorgen. — 



Vierter Gesang. 

Wer leugnen wollte der Liebe Macht, ' 
Die den Verstand zum Diener sich macht, 
Der kennt das Wahre der Liebe nicht, 
Denn grade in ihren Fesseln liegt, 
Was Alles auf sichtlichem Erdenkreise 
Nur lebet und webet nach seiner Weise. 
unerforschliche Kraft der Natur! 
Denn Allem, nicht Menschen und Thieren nur 
In ihrer Welt, flösst Liebeslust 
Die Seele der Seelen in seine Brust! 
Wer staunt nicht über den Palmenbaum 
In Afrikas kahlem und sandigem Raum 
(Wo schweigend, einsam, ferne er träumt), 
Wenn seine Beere sich golden säumt? 
Und nur durch vegetabilische Triebe, 
Durch jenes Drängen nach süsser Liebe ! 
Denn was sonst fühlt hier unter der Sonne, 
Das fühlt auch glühende Liebeswonne 
Und feuriges Sehnen, wie Jedem bekannt, 
Und Streben nach friedlichem Eheverband. 



110 Die Kater. 

Der Fisch, der Vogel, das reissende Thier: 
Sie alle belebt die Lieb', und Begier 
Nach dem, was ihnen Natur beschieden. — 
Indess trotz Allem auch, was hienieden 
Zu Sinnlichkeit steigt und Leidenschaft, 
Trotz aller Thiere und Vögel Kraft, 
Lst Nichts, was könnte erreichen 
Die Katzen in Liebesstreichen. 
Die Affen jedoch hier Ausnahme machen, 
Auchr hierin also den Menschen gleichen; 
Obgleich sie nicht Muster in Liebessachen, 
Denn wohl ist Keinem noch unbekannt, 
Wie heiss von eigener Mutter Hand 
Das Junge wird an den Busen gedrückt, 
Dass ihm die empfindende Seele erstickt. 
Doch sollte indessen ein Kritiker wagen, 
Von thörichter Affenliebe zu sagen, 
Dass diese bei keinem Wesen sich fände, 
Der gehe ein Wenig zu diesem Ende 
Nach Afrika, , wo auf Bäumen hängt 
Der Menschen Ebenbild, welches sich drängt 
Hervor bald mit dem Jungen, und bald 
Mit ihm entfliehend ereilt den Wald, 
Und öfter auch zeigt mit affiger Freude 
Den haarigen Sohn, seine Augenweide. — 
Doch hiesse es Thörichtes ja begehren, 
Dass, um hierüber sich aufzuklären, 
Nach Afrika sollte ein Wanderer gehn, 
Um thörichte Affenliebe zu sehn! 
Warum zu suchen in Afrika 
Das Schöne? Es liegt uns ja so nahl — 
Die Kater indessen wie Morgenländer 
Besitzen der Liebe wahren Kalender; 
Wer ihnen den will streitig machen, 
Der braucht nur auf dem Dache zu wachen 
Im rauhen Winter, in kalter Nacht, 
Wenn das Gestirn des Bären betracht't 
Die Sternen -Urne vom Wassermann« 
Da trifft er Katercongresse an, 
Die buhlen um die verliebte Mieze, 
Die sich kokett erwählte zum Sitze 
Versilberte Ziegel von glänzendem Eise, 
Woher sie erwiedert geziert und leise 
Das Liebesgemauze der heischen Galanten, 
Obgleich nicht bessere Gnade sie fanden, 



Die Kater. 111 

Als bei der Angelika schön der Math 
Des Roland tapfer und Ferragut, 
Die ihr zur Liebe die Welt durchjagen 
Ohn' Speise and Schlaf and nur erschlagen 
Manch spanisch und fränkischen Rittersmann; 
Kein Pfifferling wurde drauf gut gethanl — 
Was giebt's auf Erden, das könnte erreichen 
Des liebenden Katers Geduld ohn' Gleichen, 
Der in der Rinne des Daches steht, 
Bis ihr den Morgen am Himmel seht? 
Und statt der Strahlen ihr ihn erblickt 
Mit Zapfen von Eise die Stirne geschmückt! 
Ohn' Uebersieher und Mantel und IJut 
Die Sonne ihn eher erblicken thut, 
Als dass er in Weisen, die rührend klingen, 
Verzichte das Herz der Schönen zu zwingen, 
Mag auch wie Schmetterlinge der Schnee 
Umtanzen den Armen in luftiger Höh'. 

Genug der ermüdenden Digression, 
Die nimmer erlangt vom Rhetoriker Lohn ! 
Obgleich mit Massen gebraucht sie ergötzt. 

Die Kater -Kämpen gefangen gesetzt, 
Weil sie nicht wollten den Frieden schliessen 
Und trotzige stolze Reden erliessen, 
Bewirken, dass die schöne Schuhlihe 
Und holde Mizile im Kerker erschiene, 
Bis über die Augen die Züge Ter hüllt 
Mit Schleier von Flor (ein sprechendes Bild, 
Wie hoch vermögen zu reichen 
Die Wünsche nach Liebeszeichen). 
Nur Thorheit war ein ähnlicher Schritt: 
Doch kommen Beide mit lüsternem Tritt; 
So stark der Liebe Gewalt sich zeigte, 
Dass jedes Bedenken vor ihr sich neigte« ' 

Gleich jede der beiden Katzen denkt, 
Dass diesen Besuch die Andere schenkt 
Dem, den sie sich selbst erwählte zum Bunde. 
Aus diesem luftigen Eifersucht -Grunde, 
Da Eifersucht winzige Gründe bewährt, 
Ward ihre Erbitterung mehr genährt, 
So dass sie begannen von ihrem Sitze 
Aus grünem Auge zu schleudern Blitze. 
Wer sie doch hätte betrachten können, ! 
Wie sie grad' aufgerichtet brennen * 

In Furcht, dass sich bewährt ihr Verdacht, 



112 Die Kater. 

Und bange, das» dieser zur Kunde, gebracht, 
Denn Eifersucht möchte verbergen sich immer, 
Sie möchte sich zeigen und wagt es nimmer; 
Denn weil sie des Kranken Charakter befleckt, 
So fürchtet er sehr, dass die Welt sie entdeckt 
Denn Liebe stets galt für Adel der Seelen, 
Die Eifersucht aber für niedriges Fehlen : 
Als ob ohne diese der Liebe Wonne, 
Eh'r wären die Himmel gar ohne die Sonnej 

Zuletzt nach, herbem und bitterm Gram 
Mizile im Zorne den Mantel nahm 
Der Eifersucht-Dame Schuhline vom Schöpfe; 
Schuhline dagegen Mizilens Kopfe 
Entri88 gewaltig mit ihrer Kralle 
Den Schleier, nicht minder die Locken alle. 
Nicht bleibt die Bebe im Herbstmonat, 
Die, welche der Nord- mit eisiger Hand 
Beraubte der Blätter, vom Lenze gesandt, 
Im Sturmwind wehrlos früh und spat, 
Wie diese Katzen in ihrem Leid, 
Der Folge von eifersüchtigem Streit; 
Doch bald durch Hiebe mit ihren Klauen, 
Die grade wie die der Adler zu schauen, 
Sie ihre Kopfgeschmeide zerfetzen 
Und Schleier und Wange gar arg verletzen, 
Bis dass beraubt der Kräfte die Glieder 
Sie beide sinken in Ohnmacht nieder. — 

Die Haft war damit noch nicht vorbei; 
Doch endlich liess man die Kater frei. 
- Die Zeit, die Mutter des Guten und Bösen, 
Vermag von jeglichem Uebel zu lösen ; 
Das jüngste Ereigniss, wie es auch ist, 
Die Zeit macht, dass man es dennoch vergisst. 
Sie eilt beflügelt, nicht lässt sie sich bannen, 
Sie lässt sich ergreifen und — stürmt von dannen 
So schwand der Ruhm Numantias hin, 
So schwand Sagunts gewaltiger Sinn! 
Denn in der Himmel mächtigem Raum 
Die ganze Erde ein Punkt ist kaum. — 

Doch welches Gewäsche~der Musen führt 
Die Feder, dass sie sich so verliert? — 

Die Eifersucht und die Wuth der Liebe 
In jedem Kater dieselbe bliebe; 
* Geprunzel jedoch, wie ihm Freunde gesagt, 

War auf die Liebe Mizilens bedacht. 



Die Kater. 119 

Weil aber die Gluth, ao Schahline erweckt, 
War seines Herzens wahrer Affect, 
So ging er traurig und trübe einher, 
Obgleich er suchte zu heucheln sehr. 
\0 Jammer, wer wandelt mit fremdem Leibe 
Und opfert dem albernen Liebesgetreibe 
Den freien Gebrauch der Urtheüskraft, 
Die alles Gold der Erde nicht schafft, 
Weil sie der Güter theuerstes Gut ! 
Die Wange war bleich und ohne Blut, 
Dass er ein Bild des Todes war. 
Doch ist es irrig, zu malen gar 
Den Tod als Knochengesicht mit der Hippe, 
Denn nur der Todte ist ein Gerippe. 
Der Tod soll sein eine starke Gestalt, 
In welcher das Unerbittliche strahlt, 
Die starken Füsse auf hartem Gestein 
Ein Porphyr-Grabmal künstlich und fein, 
Umgeben von Fürsten und allerlei Leuten, 
Auch denen, die Samen im Felde streuten; 
Gestellt an eine und andere Seit' 
Das Siechen, den Kummer und Kriegesleid, 
Die so gar viele zum Tode gebracht 
Durch ihre verzehrend gefrässige Macht» — 

Nicht konnten Mizilens Beize und Huld 
Vertilgen aus seinem Herzcgispult 
Das zäbe Gedenken, das Liebe schreibt 
Mit grausigem Pfeile und welches bleibt 
Im Seelen-Demant feste gegraben, 
Allwo es baar der süsseren Gaben 
Nur lebt und peinigt das Herz in Noth, 
Indessen der Leib sieht nahen den Tod. — • 

Inzwischen, da ruhig in seinem ScMoss 
Der Gegner lebte, Schlicher beschloss, 
Janhagel, der sein Gevatter war 
Und früher ein Gastwirth lange Jahr*, 
Zum Greiffisch zu senden, dem würdigen Kater, 
Zu bitten Schuhline von ihm als Vater. 
Janhagel theilte verständig ihm mit 
Des Freundes Eigenschaften und Bitt' 
Und fügt unter Anderem auch hinzu, 
Dass dieser Art käme der Streit zur Buh'. 
Von Greif fisch war ein Kater und Greis 
Von scharfem. Verstände, der Manches weiss, 
Von grauem Barte und schwarzem Gewand, 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. < 8 



114 Di4 Kater. 

Der, als in Jagend - Blüthe er stand, 
Gleich einem Jäger Kaninchen fing, 
Dass selten fürwahr ihm eins entging* 
Er diente als Windspiel nämlich dann 
Bei einem erbärmlichen Edelmann. 
• Die Beiden bezechten sieh dann und wann, 
So dass dem Kater die Augen funkeln 
Und dass die Magd des Abends im Dunkeln 
Erblickte der Augen funkelnd Licht 
(Sie blitzten wie Diamant, weniger nicht), 
Als sie dem Herde sich naht, wie immer 
Und sich getäuscht sah durch den Schimmer 
Und ohne zu denken an seinen Schreck, 
Ein Schwefelholz hielt in den glänzenden Fleck. 

Er hörte den Vorschlag willig an 
9 Und war zufrieden mit dem Galan ; 
Hat auch der Mitgift ferner gedacht 
Und sich erklart, er habe gedacht 
Zu geben als Feldbett schön und stolz 
Ihr einen Korb von trockenem Holz; 
Sechs Taschentücher fiir's Bette als Laken 
Und Flickenstücke von einer Schabracken 
Als Wandtapeten ; vier Käse, fast heil, 
Und eine Aeffm als werthvolles Theil, 
Die kriegsgefangen, Tön guten Manieren 
Und auch französich konnte parliren; 
Nächst diesem einige Kleinigkeiten. 
Nachdem das Nöthige sie einleiten, 
Wird der Contract dann conflrmirt 
Und ferner der Hochzeitstag fixirt« — 

Geprunzel in dieser Trauerminute 
Trieb bittern Seherz mit traurigem Muthe; 
Denn Fangball spielte er mit der Ratze, 
Die flink ertappte die krallige Tatze, 
Als ängstlich eine Kiste sie flieht, 
In welcher erschrocken sie Verse nur sieht 
Und schneidet Grimassen und Angstgesichter 
Wohl ob der. traurigen Verse der Dichter 
Und eilt zum schäbigen Mantelsacke, 
Obgleich dort Klagen und Actenpacke. — 
So pflegen inmitten der Lebensbahn 
Uns harte Geschicke zu treffen an, 
Denn eitel ist Alles hier unter der Sonne. 
Das leidige Thier bald flüchtig rennt 
In thörichtem Wahne, den hart er gönnt ; 



Die Kater. 115 

Dann greift er es nieder und schleudert es hoch 

Von Angätsohweiss nass, kaum athmet es noch; 

Und eh* es den Boden erreichte wieder, 

Erhascht er gierig die bebenden Glieder 

Und schlägt mit kralligen Katerpfoten 

Die Seiten des Thiers, des schon halb todten: — 

Da eilte athemlos Munschel daher, 

Sein Knappe, und bringt die traurige Mähr, 

Das£ schon die Ehe beschlossen sei 

Von Schlicher und von Schuh 1 ine ohn' Treu. 

Entreisst man ihm die liebliche Katze? 

Er lässt die Ratte entschlüpfen der Tatze, 

Die halb todt nicht an Leben mehr dacht': 

Sie eilt hinweg mit dem Best ihrer Macht; 

Denn, wem zu sterben ist nicht beschieden, 

Wenn's Schicksal ändert das Loos hienieden, 

Dem mangelt auch nie ein Rettungsweg, 

Auch wenn's nur wäre ein schmaler Steg. — 

In diesem glücklichen Zwischenaet fand 
Der Knappe zwei Hiebe mit linker Hand 
Als Lohn des Eifers; und wenn der Hieb 
Auch nicht betäubte, so dennoch blieb 
Entstellt für lange sein Katergesicht; 
Den Lohn erhält ein schHmmer Bericht! 
Wie leicht führt Liebe den Edelmann 
Auf falsche Wege von nobeler Bahn I 

Der traurige Freier vergass sein Spiel, 
Aus Liebeskummer in Tollheit fiel; 
Et eilte nach Hause und legte sich still, 
Als ob er dem Tode sich weihen will. 
Dann plötzlich von Neuem die Wuth wird wach, 
Er rannte in eiligem Fluge auf's Dach. 
So auch der nackende Roland wild 
Durch ähnliche Unbill zornerfüllt, 
Wie er gelesen, was schrieb der Mohr, 
Das lautete: Liebe, die ohne Zier 
Im guten Glück du dich zeigest, hier 
Schwelgt 1 mit Angelika ich, Medor; 
Und schrieb's auf Bast von Ulmenzweigen, 
Die seines beneideten Glückes Zeugen, 
Doch Kummerholz waren für den Franzos. — * 

Geprunzel alsbald besinnungslos 
Stürzt .wieder hinab und eilte zur Küchen 
Ohn* Scheu vor Paule und vor Mariechen, 
Des Hausherrn Mägden, des Advocaten, 



116 Die Kater. 

Zerbricht die Töpfe und wirft den Braten 
Und auch Ragout mit Sauce zur Erde, 
Und Alles mit sehr zerstreuter Geberde; 
Ja, so in's Arge die Tollheit steigt, 
Dass ein Stück Schinken die Hand erreicht, 
Das wie ein Schiff in Brühe geschwommen; 
Und wenn die Mägde es nicht genommen, 
Er hätte es sicher hinunter geschluckt: 
So geht's, wenn Liebe den Kopf verruckt ! 
Nichts schützte vor ihm ; so hoch es stand. 
Es wurde zerstört von liebender Hand. 
Auch in den glänzenden Tellerschichten 
Gelang es, manches Geföss zu vernichten, 
Und so sehr trieb er im Zorne das Spiel, 
Dass in den Kessel mit Wasser er fiel, 
Der kochend vom Feuer genommen just war, 
So dass er verbrannte sich Haut und Haar« 
Am Ende der Advocat gekommen, 
Denkt, dass der Kater gar Gift genommen, 
Arsenikbrei, den ein Nachbar legt, 
Der Ratten und Mäuse zu morden pflegt, 
So dass durch neidischen Undank hart 
Der Kater statt jener vergiftet ward. 
Und wahrlich, so war es! Nikander spricht 
In den Aphorismen, man könnte nicht 
Ein Gift erfinden in ganzer Welt, 
Das solche Stärke wie Eifersucht hält. 
Denn kaum hat diese die Zunge berührt, 
Auch Herz und Ader den Brand schon spürt; 
So schnell zerstört sie den Kern des Lebens, 
Dass Schierling und Wolfsmilch beide vergebens 
In Wettstreit würden sich lassen ein 
Mit Eifersucht, einem Grane allein. < — 
Wie er den Kater so leidend blickte, 
Den er erzogen, er alsobald schickte 
Nach Theriak, welcher bei giftigem Brancl 
Als stillendes Mittel wird angewandt; 
Valencia hat ihn von trefflicher Güte; 
Von diesem ein Apotheker der Stadt 
Nur eine einzige Büchse voll hat. 
Der Kater mit sehr gefasstem Gemüthe, 
Aus Achtung gegen den Herrn, auch nahm 
Zwei Unzen, worauf ihn Schlaf überkam. 

(Fortsetzung folgt.) 



Shakspere-St*udien. 
Ueber Richard IL 



Konsequenz und Naturwahrheit eines dramatischen Karakters 
sind zwei Eigenschaften, an deren poetischer Darstellung, jede 
einzeln genommen, schon mancher Dramenkünstler gescheitert 
ist, geschweige dass die Vereinigung beider häufig zu finden 
wäre. In der Tat scheinen dieselben viel Widersprechendes zu 
enthalten, wenn wir unter Konsequenz diejenige Eigenschaft ver- 
stehen, vermöge welcher ein Karakter den verschiedensten Ereig- 
nissen dieselben Grundsätze entgegenhält, unter Naturwahrheit 
aber diejenige, gemäss welcher er die Ereignisse vielmehr auf 
sich einwirken, die Aeusserungen seiner Grundsätze durch sie 
modificiren läset. Dass die Konsequenz, für sich angewandt, 
das Schicksal .einer jeden einseitigen Abstrakzion, unwahr zu 
sein, teilt, lehren die Meisterwerke des französischen klassischen 
Drama's, in denen wir gewöhnlich personificirten Tugenden und 
Lastern begegnen (Vaterlandsliebe: Horace, Herrschsucht: Cleo- 
patra, Bache: Emilie, Eifersucht: Hermione). Um so mehr Be- 
deutung werden wir der Naturwahrheit einräumen, jenem Prinzip 
des lebensvollen Wechsels, welches den Menschen und die Welt 
erst in das innige Verhältniss von Ursache und Wirkung treten 
läset, in welchem wir beide im wirklichen Leben finden; nur 
dass der Dichter seine Menschen nicht zur reinen Passivität 
herabwürdige, wie es das wirkliche Leben oft genug tun mag, 
sondern die Aktivität ihres Karakters an den sie treffenden 
Ereignissen entwickele. Allein hier eben, wo die Konsequenz 



118 Shakspere-Studien. 

wieder zu der ihr gebührenden Bedeutung gelangt, Korrektiv 
der Natürwahrheit zu sein, liegt das Geheimniss des dramatischen 
' Schaffens, welches zu durchdringen und in poetischen Gestalten 
darzustellen eines der Kennzeichen des Genies sein' dürfte. 
Shakspere stellt davon, wie auf allen Gebieten seiner drama- 
tischen Dichtung, so besonders in seinen historischen Trauer- 
spielen glänzende Beispiele auf. In letzteren fällt das Geheim- 
niss der Vereinigung dieser beiden Eigenschaften zusammen mit 
dem, wie die Forderungen der Dramatik mit denen der histori- 
schen Treue versöhnt sind, ohne dass einem dieser beiden 
Faktoren Gewalt angethan wäre. Ohne diese Frage weiter zu 
verfolgen, wenden wir uns zur Betrachtung der Hauptkaraktere 
in Richard IL, weniger um an ihnen nach Belegen für unsere 
Behauptung zu suchen, als mit der Hoffnung, dass diese aus 
erriet unbefangenen Würdigung jener von selbst sich als richtig 
'ergeben wird* f : 

Richard. 

Wie stolz zeigt sich Richard in der ersten Hälfte des Dra- 
mä's, und wie ergeben, gebrochen, ja kindisch töricht erscheint 
er gegen das Ende desselben ! Wie plötzlich, springend, wechseln 
bei ihm Gedanken wahrer Majestät mit Ausbrüchen kleinlicher 
.Heftigkeit und despotischer Willkür, mit noch kleinlicheren Spie- 
lereien des Witzes und einem Leichtsinn der Regierungsweise, 
der, im Gegensatz zu jenen Kleinlichkeiten, grossartig genannt 
weräen könnte, vor dem vyir erschrecken! Wie fromm und be- 
reuend sehen wir ihn ebfcn noch der Welt entsagen, -um gleich 
-darauf ein Paar Knechte des Gefangenwärters zu Böden zu 
schlagen und dadurch seine ganze Energie zum Leben zu be- 
kunden! Und doch ist in der Art, wie die 'eine dieser Seiten 
seines Karakters zum Ausdruck kommt, immer schon die andere 
mitgegeben; unter seiner Majestät ist Schwäche, unter der Ver- 
zichtleistung auf sein gutes Recht Empörung seines nnberech- 
, tagten Stolzes verborgen. Kehrt Richard in der Scenedes ge- 
richtlichen Zweikampfes die Unparteilichkeit eines höchsten 
Richters und die königliche Fürsorge für das allgemeine Wohl 



Shakepere-Studien. 119 

des Landes heraus, so argwöhnen wir doch bald, dase der toä 
ihm angegebene Grund, warum er den Kampf verbietet: . • ■ 

Dass unßres Königreiches Erde nicht 

Das Blut beflecke, welches sie genährt, 

Und weil den grausen Anblick wir verabscheun 

Von Wunden, die des Nachbarn Schwert gepflügt, 

Und weil wir denken, adlerkühner Stolz 

Der himmelstrebenden, ehrgeizigen Gedanken, 

Nebst unduldsamem Neide reizt' euch an, 

Den Frieden, der in unsres Landes Wiege, 

Süss atmend sanften Schlafes pflegt, zn wecken; 

Der, so gestört von rauher Trommeln Lärm, 

Von schrillender Trompeten Schreckensklang 

Und zom'ger Eisenwaffen klirrendem Stoss, 

Den schönen Frieden von uns scheuchen möchte, 

Im stammverwandten Blut uns waten machen, (I, 3.) 

nur ein speziöser Vorwand ist, hinter dem sich andere Beweg- 
gründe verbergen. Er scheint zu fürchten, der Ausgang des 
Kampfes könnte ihn kompromittiren, und ergreift, indem er ein 
hartes Urteil, vielmehr einen ungerechten Gewaltspruch über 
beide Gegner fällt, ein Mittel, welches gerade zu dem führt, was 
er vermeiden zu wollen angiebt: 

Der . . . Den schönen Frieden von uns scheuchen möchte. 
(„Der" ist auf den Schlaf zu beziehen, nämlich auf den gestörten.) 

Hatte er ein reines Gewissen, so konnte er in einem Gottes- 
urteil, nach damaliger Anschauung, das geeignetste Mittel er- 
blicken, den Streit endgültig beizulegen. -Aber eben weil auch 
er an die Wahrheit eines Gottesurteils glaubt, fürchtet er des- 
sen Ausgang in diesem Falle. 

Richard beginnt also mit der Verstellung- Bald wird er 
deren Maske abwerfen. Er hat zu seinen Käthen Männer ge- 
nommen, die, mii Ausnahme des Grafen Wiltshire, bürgerlichen 
Herkommens, den Interessen der Barone feindlich sind und 
daher von diesen mit Abneigung betrachtet werden. Sie scheinen 
Energie zu besitzen, allein sie wenden dieselbe, wie Richard 
selbst die seinige, zum Schlechten an. Sie brandschatzen das 
Land; zwar zu einem allgemein wichtigen Zwecke,, zum Kriege 
mit Irland; allein sie, und Eichard mit ihnen, haben die ordent- 
lichen Steuern sehen vorher verschwendet. Sie haben sich aelfrat 



120 ■ .Shakspere-Studien. 

bereichert; endlich nimmt Wiltshire die geeammten Einnahmen 
des Landes in Pacht; mit ihnen, scheint es, wichtige Hoheits- 
rechte, denn Gaunt. sagt: 

Dein Rechtsstand ist des Rechts Leibeigener. (II, 1.) 

Sie haben Richard, um ihn in ihrer Abhängigkeit zu erhalten 
und mit seinem Volke immer mehr in feindlichen Gegensatz zu 
bringen, zu schlechtem Lebenswandel verleitet — Alles dies 
wendet nun die Herzen des Volkes von dem Unternehmen des 
Königs ab, lässt dieses als ein blosses Privatunternehmen er- 
scheinen, und giebt andrerseits den Privatbeschwerden des hohen 
Adels das Ansehen einer Angelegenheit des ganzen Landes, 
deshalb nachher das ganze Volk an dem Aufstand gegen ihn 
Teil nimmt: 

Weissbärte wafihen haarlos dünne Schläfe 

Gen deine Majestät, und Knaben, weiberstimmig, 

Bemühn sich grob zu sprechen, zwängen zarte Glieder 

In steife Waffen gegen deine Krone; 

Selbst deine Bettler spannen Eibenbogen, 

Doppelt verderblich, gegen deinen Staat; 

Ja, Rockenweiber führen rost'ge Aexte 

Gen deinen Sitz; empört ist Jung und Alt, 

Und schlimmer geht's als ich zu sagen hab' Gewalt. (III, 2.) 

Bei der ersten Kunde von Bolingbroke's bewaffneter Rückkehr 
verlassen diese ungetreuen Batgeber ihren König, bis auf einen, 
Bagot, der nachher gegen den treuesten Diener desselben, Au- 
merle, Zeugniss ablegt. 

So" sehen wir Richard plötzlich, nach jener Scene listiger 
Verstellung, zu einer Offenheit des Leichtsinns übergehen, die 
als ein unerklärlicher Sprung in seinem Karakter erscheinen könnte, 
hätten wir nicht das Törichte, Zwecklose auch jenes ersten Be- 
nehmens schon erkannt. Jene wie diese Handlungsweise ent- 
springt aus einem übermütigen Aufdieprobestellen seiner könig- 
lichen Gewalt; jene wie diese hat den Erfolg, ihm Alle zu ver- 
feinden, mit Ausnahme derer, die an ihm zehren, und die seine 
schlimmsten Feinde sind. Schon in der Kampfscene hat Nie- 
mand seinen Versicherungen Glauben geschenkt. Noch eine 
Stufe höher im Leichtsinn als durch die Verpachtung des Lan- 
des, in jenem Leichtsinn, der,. nach dem bekannten Ausdrucke, 



Sbakspere-Studien. ltl 

öffentliche Karaktere nicht nur Verbrechen, sondern sogar Fehler 
begehen läset, steigt Richard durch die Einziehung der Güter 
Gaunt's, welchen Kummer über die Verbannung seines Sohnes 
und Zorneseifer über des Königs schlechte Regierung, nach 
jenem erschütternden Auftritte zwischen ihm und diesem, schnell 
getötet haben. Richard verstockt sich gegen die warnenden 
Stimmen seiner Vatersbrüder; Gaunt's Hoffnung: 
Wollt 9 Richard meines Lebens Rat nicht hören: 
Mein Sterbewort mag ihn noch hören lehren, (H, 1.) 

geht nicht in Erfüllung ; denn er kommt über den Eindruck der 
Todesnachricht mit den Worten hinweg: 

Die reifste Frucht am Ersten fallt; so er; 

Sein Ziel war da; wir sind noch Wanderer. (II, 1.) 

Soviel davon. ^ 

Selbst die Aufwallung des immer getreuen York bekehrt 
ihn nicht, wenn sie ihn auch nicht in Harnisch bringen kann. 
Nachdem ihm York das ganze Ungeheuerliche seines Verfahren* 
gegen Gaunt's Erben vorgehalten, antwortet er kühl: 

Denkt was ihr wollt; wir legen unsre Hand 

Auf seine Güter, Silber, Geld und Land. (II), 1.) 

und macht York für die Zeit seiner Abwesenheit zum Lord 
governor von England; denn 

Er ist gerecht und liebt' uns immer wohl. (II, 1.) 

Was ihn, in Verbindung mit seinem angeborenen Leicht- 
sinn, leicht über die Ungerechtigkeit seiner Gewaltmassregelti 
hinwegkommen lässt, ist die hohe Meinung, die er von seiner 
königlichen Würde hat. Er hält dieselbe für so untilgbar, dass 

Nicht alles Wasser in der rauhen See 

Kann von dem König seinen Balsam spülen, (III, 2.) 

und da*s er glaubt, Gott werde für jeden menschlichen Streiter, 
der sieb zu Bolingbroke schlüge, ihm einen himmlischen Engel 
zum Beistand senden; 

Denn immer schützt der Himmel noeh das Hecht (III, 2.) 

Allein diese Ansicht, wonach sein Recht alles andere Recht aus- 
schloss, an sich damals wohl noch ziemlich neu, war der der 
Barone schnurstracks zuwider, die vielmehr so argumentirten: 



122 Shftkeper«*ßtttdie:o. 

Nimm Hereford's Rechte fori; and auwpa <^r Zeit 
Ihre verbrieften, herkömmlichen Rechte; 
Lass Morgen denn nicht folgen auf das Heut; 
Sei nicht du selbst; denn wie bist du ein König, 
Als durch gerade Folg' tmd Erblichkeit? (York, II, U 

und: 

Wofern mein Vetter König ist von England, 

Muss ich auch Herzog sein von Lancastef • (Bolingbrqke, II, 1 

Die Anwendung aber, die Eichard von dieser Lehre macht, 
muss ihn vollends in Verderben stürzen; denn sie macht ihm 
nicht die gute Ausübung seines von Gott verliehenen Amte* 
zur heiligen Pflioht; sondern bringt ihn. zu dem Glauben, er 
könne in allen Stücken seiner Willkür folgen. 

Welches ist also, könnte man fragen, der eigentliche Quell 
von Richard's Handlungsweise, sein Leichtsinn oder seine An- 
sicht vom Königtum? Und wenn beide €B sind, liegt nicht in 
dieser Zweiheit eine Unbestimmtheit der Karakterzeichnung; 
Nein, sondern Wahrheit, Der Leichtsinn ist, was ihn ursprüng- 
lich bestimmt; dieser bildet sich eine ihm angemessene Theorie, 
entstellt eine gute Lehre, eine auf die Religion begründete 
Wahrheit zu einer Lüge, die nun auf den Leichtsinn verstärkend, 
verstockend zurückwirkt. 

. So kommt denn der schnelle Fall; mit. ihm die Reue, und 
mit dieser zeigen sich deutlicher die edlere®. Seiten in Richards 
Karakter, die wir bisher unter den Auebrüchen seiner Ueppig- 
keit und Laune kaum ahnen konnten, ob wir sie gleich als ein 
Zubehör seiner reichen geistigen Begabung forderten. Not lehrt 
beten, gilt hier; aber die Ergebung ist keine vollständige, ist 
eigentlich nur eine Frucht der Verzweiflung, die insofern unreif 
bleibt als der freie Wille sich nicht dem gewaltsamen Zwange 
des Geschickes verbindet und diesen sankzionirt. Einsicht und 
Leidenschaft bleiben bis zum letzten Augenblick seines Lebens 
mit einander in Kampf. Die Trauerbotschaften treffen ihn, kaum 
an's Land gestiegen, Schlag auf Schlag: Abzug der 12,000 
Waliser, allgemeiner Aufstand des Landes; Hinrichtung von 
Bushy, Green und Wiltshire, York's Uebertritt zu Bolingbroke. 
Nach jeder erfolgt zuerst Niedergeschlagenheit, die auch wohl 
des Stärkeren auf eim&n Augenblick sich betneistern könnte; 
dann Ermannung; nur, nach der letzten, dem Tropfen* der das 



ßfeskspere-Studien. 1*3 

Gefsas seines Kummers überlaufen macht, behält die entere 
von beiden den Sieg und unbestrittenen Besitz seines Gemütes. 
Jetzt geht er aber in der Hoffnungslosigkeit so weit, dass er 
sein Gefolge entlässt und selbst zu Bolingbroke schickt: < 

Von Richards Nacht 
Nur fort zu Hereford's tagesheller Macht! (III, 2.) 

So emd unmässiger Uebermut und masslose Entmutigung 
nur zwei sich ergänzende Seiten derselben Eigenschaft. Doch 
die Erinnerung an seine vergangene Grösse bringt ihm noch 
manche Kämpfe , Eieberparoxysmen ähnlich, deren jedem eine, 
ihm dem Grade nach gleiche, Abspannung folgt. So gleich auf 
den Mauern von Flint-Schloss, da Northumberland als Abge- 
sandter Bolingbroke's vor ihm erscheint ohne sein Knie zu 
beugen. Zwar bewilligt er in den freundlichsten Ausdrücken 
dessen Forderungen; aber sobald Northumberland fort ist, em- 
pört sich sein „stolzes Herz" (so nennt Richard es selbst), und 
fragt Auraerle: ♦ 

Wir machen uns verächtlich, Vetter, nicht? 

So kläglich auszusehn, so sanft zu reden? 

Sollen Northumberland zurück wir rufen, 

Trotz bieten dem Verräter, und so sterben? (IH, 3.) 

Eine ähnliche Aufwallung überkommt ihn bei der Ueber» 
gabe der Krone* wo er nicht nur sich weigert, die von Northum- 
berland ihm dargereichte Selbstverdammung vorzulesen, 

(Du marterst, Teuffei, Tor der Hölle mich!) (IV, l.) 

sondern auch den Spiegel, der, nach seiner Meinung, mit sei- 
nen ehemaligen Schmeichlern im Bunde steht, weil er ihm sein 
Angesicht minder gramentstellt zeigt als es sein müsste, *in 
Stücke schlägt; endlich in dem wahnwütigen Angriff auf die Ge- 
fängniswärter» welche? seinen, freilich schon beabsichtigten, Tod 
zur unmittelbaren Folge hat. 

Doch wir vergessen, dass wir von den besseren Seiten sei- 
nes Karakters sprechen wollten. Dieselben treten meistens in 
der der vorigen entgegengesetzten Stimmung, in der Abspan- 
nung, hervor und zeigen sich zunächst in der Selbsterkenntniss, 
in der Erkenntniss sedner Schuld; Von dieser ErkeüntnisB 



1*4 Shakspere-Studien. 

giebt er mehrfache Beweise. So sagt er, nachdem er kurz vor- 
her sein Tolles Vertrauen in die Macht seiner kömgfichec 
Würde ausgesprochen, darauf aber den Abzug der Waliser e- 
fahren hat: 

Zeit hat ein Mal auf meinen Stolz gesetzt (TU, • 

Nach der zweiten Hiobspost: 

Da sitzt der Schalksnarr Tod. 
Mit eitler Selbsteinbildong ihn (den König) betörend. (HL 1 

Indem er in den Spiegel schaut: 

War dies das Antlitz, so viel Torheit zugewandt? (IV, 1. 

Im Kerker Musik hörend: ~ 

Und hier baV ich die Zärtlichkeit des Ohrs, 

Verletzte Zeit der Saite zu bekriteln; 

Doch für den Wohlklang meines Staats and meiner Zeit 

Hatt' ich kein Ohr, die Zeit verletzt zu hören, 

Verdarb die Zeit — und nun verdirbt sie mich. (V, 5.; 

Ein edleres Gefühl zeigt er ferner in dem freundliche 
Bezeigen gegen die ihm treu gebliebenen Diener, wozu iVeilid 
die gelegentlichen Wutausbrüche gegen die Abtrünigen die 
rauhere Kehrseite bilden, und besonders in dem rührenden Ab- 
schied von seiner Gemahlin, welcher freilich die eheliche Liebe 
hoher als ihm anzurechnen ist, wenn der Vorwurf wahr ist. 
den Bolingbroke auf die schlechten Bäte des Königs geleg: 
hat: 

Ihr habt mit euren sünd'gen Stunden gleichsam 

Die Eh' geschieden zwischen beiden Gatten, 

Des königlichen Betts Besitz gestört 

Und einer schönen Kön'gin Wang entstellt 

Durch Thränen, die ob eurer Schändlichkeit geweint. (II, 3) 

So müssen wir von den bessern Seiten von Bichard's K* 
rakter bedeutende Abzüge machen, während ihm die Seite der 
Verkehrtheit und Verderbtheit voll verbleibt. Und doch sehen; 
er besser zu sein als er sich zeigt, doch scheint er alle Mitte! 
zu besitzen, um ein grosser König, ein guter Mensch zu sein. 
wie er äusserlich schön gestaltet war. Wie könnte er sonst so 
schön über seine Lage sprechen, alle Ursachen, die dieselbe so 
gestaltet haben, wie sie ist, so klar andeuten, durch hochpoetiscte 



ShAkipeare-Stttdien. 11* 

.eusserungen feinster Empfindung uns rubren und erschüttern? 
.het seine Einsicht ist grösser als sein Wille stark. Obgleich 
ach die Recht haben könnten welche behaupten wollten, seine 
linsicht müeete grösser sein, um auf seinen Willen stark genug 
u wirken, und so die fehlerhafte Handlungsweise auf die man- 
elhafte Einsicht zurückführen wollten. Denn bei allen ein- 
igen Betrachtungen,' die er anstellt, macht er sich nie durch 
lare TJeberschau zum Meister seiner Lage, sondern gräbt sich 
a ein Gefühl ein, welches ihn augenblicklich beherrscht. Er 
>etrachtet die Sachen poetisch, nicht politisch, und ist deshalb 
mr gross in Worten, nicht in Taten. 

Der Gesammteindruck von Richard's Earakter scheint uns 
leshalb dieser zu sein: Eine reiche geistige Begabung, der auch 
licht <Ke Feinheit des Gefühls, wohl aber das Masshalten, die ob- 
ective Anschauung, das Anerkennen des allgemein Gültigen ab- 
geht, ohne welches alles geistige und geistreiche Gebahren Tor- 
leit ist. Und so ist er denn in seinen rührendsten Klagen, in 
seinen erschütterndsten Zornausbrüchen nicht fern von Torheit, 
weil es ihm an Haltung fehlt. 

Bolingbroke. 

Hakung aber ist es gerade, was seinen Gegner Boling- 
broke auszeichnet und wodurch er über Richard siegt, dem er 
an feiner Empfindung und hohem Flug des Geistes weit nach- 
steht. Bolingbroke ist ein abgehärteter, ja verhärteter Staats- 
mann, der das kleinliche, wenn auch schillernde, Spiel des 
Witzes, das Bewegen der Gedanken in und um sich selbst, mag 
er es nun verstehen oder nicht, verschmäht und nur mit sol- 
chen Gedanken sich beschäftigt, die ihn zu etwas Realem, zu 
einem greifbaren, der Verflüchtigung nicht ausgesetzten Dinge 
führen. So will er — doch mag man dies auf Rechnung sei- 
nes Schmerzes schreiben — bei seiner Verbannung nicht auf 
die Trostgründe seines Vaters hören, weil sie der Wirklichkeit 



O, wer kann Feuer halten in der Hand, 
Weil an den froat'gen Kaukasus er denkt? 

und die folgenden Bilder (I, 3). 



136 Shakapepe-Staditfn. 

Auf die lang ausgesponnene Witzelei NorthnmberiancFs 
über kurze und lange Weile auf der Heise erwidert er nur: 
Von viel geringrem Wert i*t mein Geleit 
Als eure guten Warte. (H, 3.) 

und in der Abdankungsscene giebt er auf die langen Gefühk- 
ergiessungen Richard' s nur kurze, obgleich nicht unfreundlicbe, 
Antworten. Durch die ablehnende Art, in der er hier die fem 
zugespitzten Gleichnisse Richard' s behandelt, wird diese Scene 
4er an Gaunt's Todbette ähnlich, und dem abtretenden Könige 
widerfährt hier das, was er dem sterbenden Gaunt widerfahren 
Hess. Aber gemäss dem Unterschied der beidea'Karaktere haben 
die beiden Scenen wiederum den ihrigen; war Richard auf- 
brausend, hochmütig und höhnisch, so vermeidet Bolingbroke 
jedes überflüssige Wort der Kränkung, aus Klugheit, meinen 
wir, mehr als aus Herzensgüte, wohl wissend, dass rauhe Be- 
handlung der gestürzten Grösse durch den Sieger jenem oft 
Teilnahme, diesem Abneigung zuzieht und so sich an dem Ta- 
ter rächt. Er entbindet Richard sogar von de* peinlichen Zu- 
mutung, sein Sündenbekenntniss vorzulesen, obgleich Northum- 
berland anführt: 

Dann werden die Gemeinen nicht befriedigt. (IV, 1.) 

Aber doch bleibt er ungerührt von des alten Königs Leid. 
und dieser kaum abgeführt, kündigt, er an, wie ganz im Gefühl 
des errungenen Sieges aufgehend: ' 

Auf nächsten Mittwoch setzen feierlich 

Wir unsre Krönung fest; seid, Lords, bereit! (IV, 1.) 

Auf Treue und Glauben muss man bei Bolingbroke nicht 
weiter zählen, als es sich mit seinem vorgestreckten Ziele, so mäch- 
tig wie möglich zu werden, verträgt. Um sein Erbe» seinen Titel 
zu erlangen, kommt er in's Land, dem schon vorher angeführ- 
ten Argument folgend, er müsse mit demselben Rechte jetzt 
Herzog von Lancaster sein wie Richard König, von IJngland. 
Die aufrührerischen Barone geben denselben Grund an, weshalb 
sie ihn unterstützen ; allein York, ein Freund des Friedens und 
der Ordnung und, soweit es seine Schwäche zuläast, auch von 
uneigennütziger Treue, deutet schon auf dieser ersten Stufe der 
Empörung an, dass er diesem Grunde nicht traut und glaubt, 
dieselbe werde weiter führen: 



Shakspere-Studie«. 199 

Schon gut, ich seh' dea Aufgang dieser Waffen. (II, *.) 

Bald wirft eich Bolingbroke zum Absteller der allgemeinen 
Beschwerden des Landes, also zum Richter über RichartPa Re- 
gierung überhaupt auf, indem er Bushy utnd Green hinrichten 
lässt und' in der Formulirung ihrer Hauptverbrechen nicht blos 
derer gedenkt, die ihn selbst betroffen haben, sondern auch des 
allgemeinen Vergehens: * • 

Ihr habt verleitet einen hehren König, 

Von Blut und Zügen wohlbegabten Herrn, 

Durch euch entgabet und entstellet schier; (HI, 1.) 

dann dessen , unter welchem die Königin zu leiden gehabt hat. 
Nun braucht er Mos noch einen Schritt au tun, um sich selbst 
die Kröne aufzusetzen, und die Art wie ,er, die ganze Macht 
auf seiner Seite, dem aller Macht beraubten Könige in Flint- 
Schloss noch seine Huldigung darbringt: 

Huldreicher Herr, ich komme nur um's Meine; 
und: 

Seid mein in so weit, höchst gestrenger Herr, 

Als eure Lieb* mein treuer Dienst verdient; (III, 3.) 

ist nicht Tiel mehr als Hohn, wenn auch unbeäbaichtichtigter. In 
London angeklagt, erklärt er in feierlicher Versammlung der geist- 
lichen und weltlichen Herren und der Gemeinen, auf die von 
York überbrachte Nachricht, Richard danke ab und ernenne 
Bolingbroke zu seinem Nachfolger, sofort: 

MH Gott besteig* ich dann den Königsthron. (IV, 1.) 

Der mutige, mit den Worten: Ei, das verhüte Gott! ein- 
geleitete Protest des Bischofs von Carlisle, der darauf hinweist, 
dass man ja Diebe und Mörder nicht ungehört verdamme, wie 
viel weniger einen König, der hier überdies keinen Richter habe, 
scheint ihm gar nicht gelegen zu kommen, und die neu erfol- 
gende Vorführung Richard's; um persönlich, in Gegenwart des 
Parlaments abzudanken, vorher eigentlich nicht beabsichtigt ge- 
wesen zu sein. Carlisle erntet daher schlechten Dank: 

Gar wenig sind wir eurer Lieb 1 verbunden, 
Und wenig hofften wir von eurer Hülfe. 

Erst später lässt er ihm die Gerechtigkeit widerfahren: 

Denn bist du immer gleich mein Feind gewesen, 
"Häb* ich doch hohe Ehr* in dir gelesen, (V, 6.) 



128 Shakspere-Stadien, 

und begnadigt ihn zur Amtsentsetzung, während mehrere an- 
dere seiner Widersacher augenblicklicher Tod trifft. 

Eine bedeutende Wirkung seiner Selbstbeherrschung und 
Berechnung ist auch die Begnadigung Aumerle's, als deren 
Grund er selbst angiebt: * 

Ins Ktinft'ge deine Liebe zu gewinnen, 

Verzeih' ich dir. (V, 3) 

Doch wird ihm die Ueberwindung schwer; denn nachdem 
er schon das eben angeführte Versprechen gegeben, nachher 
aber den ganzen Umfang der gegen sein Leben gerichteten Ver- 
schwörung erkannt hat, 2ögert er lange, ehe er das Wort: Ver- 
zeihung! der auf den Knieen sehnsüchtig harrenden Mutter Au- 
merle's zuruft, und seine Strafe, als suchte sie sich für da* 
ihr entgangene Opfer zu entschädigen, trifft mit um so härterem 
und schnellerem Schlage die übrigen Mitglieder der Verschwö- 
rung. 

Von der gehässigsten Seite zeigt sich seine Politik in der 
Anstiftung Exton's zur BeiseiteechafFung des Königs und in 
der nachherigen Verstossung des Mörders, der ihn zu gut ver- 
standen. Hier paart sich Hinterlist und Heuchelei mit Grau- 
samkeit und der Angst des Usurpators. Erfüllt sich auch für 
Richard damit das von ihm selbst, besonders durch den Mord 
seines Oheims Gloster, bereitete Geschick, so ist doch seine 
eigene Ermordung ein Akt niedriger Gesinnung von -Seiten 
Bolingbroke's, und verdient auch der Meuchelmörder Exton den 
schrecklichen Fluch, den Bolingbroke auf ihn legt: 
Mit Ifain wandre da durch schatt'ge Nacht, 
Und zeige nie dein Haupt bei Tages Fracht, (V, l) 

so verdient er ihn doch nicht aus Bolingbroke's Munde. Wi- 
derwärtig aber wird uns der Widerspruch seiner Worte mit 
seinen Taten, wenn er gleich darauf eine Pilgerfahrt in's heiige 
Land gelobt; doch wird jener Widerspruch geringer, wenn im 
Geiste jener rohen und mit äusserer Werkheiligkeit sich be- 
gnügenden Zeit betrachtet. 

York. 
In York finden wir einen jener Alten wieder, die Shak- 
spere mit einer gewissen Laune, entweder ganz komisch oder 



Shakapere-Studien. If 

mit einer grösseren oder geringeren Beimischung von Komik zu 
ihrer sonstigen ernsthaften Persönlichkeit, zu zeichnen beliebt hat« 
Er gehört zu derselben ansehnlichen Familie mit Menenius, dem alten 
ehrenwerten Rat Gonzalo, Capulet, Polonius, Pandaras (Shakspere 
hat auch ganz ernsthafte Alte: Aegeus, Brabantio). Mit Capulet 
teilt er die komische Kühnheit der Wortbildung; denn wie 
dieser sein: 

Dank mir kein Danken, stöbe mir kein »stolz", 
so hat York sein: 

Gnade mir nichts, and antie mir nichts vor! (II, 3.) 

Einen komischen Anstrich hat er, obgleich ihm sehr ernst- 
haft zu Mute ist, wo er, wie die Königin sagt: 

Mit Kriegeszeiehen um den alten Nacken, 

(O Borgend, tielgetohäftig sieht er aas!) 
als der Lord- governor die Vorbereitungen zum Widerstände gegen 
Bolingbroke treffen will und sich nicht zu raten noch zu helfen 
weiss ; 

Geh Alles wie es will! 

wie er die Konigin in der Verwirrung Schwester statt Base 
nennt und nach allerlei ausgeteilten Befehlen mit den Worten 
abgeht: 

* UeberaH ist Mangel, 
Und jeglioh Ding steckt zwischen Thor and AngeL . (II, *•) 

Komisch ist auch besonders sein wiederholtes: Meine Stie- 
feln her! als er die Verschwörung, bei der sein Sohn Aumevle 
beteiligt ist, entdeckt hat, wie sein ganzes Benehmen hierbei, 
das Eifern gegen seine Frau, das Sprechen zum Könige von 
drauseen (vielleicht durch's Schlüsselloch) und das Niederknieen 
vor ihm , um ihn um das Gegenteil dessen zu bitten, was seine 
Frau- und sein Sohn bereits auf ihren Knieen vom Könige er- 
flehen. Ja, schon in der ersten Scene des zweiten Actes kann 
der plötzliche, polternde Ausbruch seines Unwillens über Ri- 
charde Handlungsweise leicht ein Lächeln auf de Lippe des 
Lesers oder Hörers hervorrufen. 

• Allan von diesen komischen Alten gleicht keiner dem an- 
dern ganz, so auch York keinem der andern« Wie besonders 
bei Menenius und Gonzalo, steckt auch bei ihm ein ernster, tüch- 
tiger Karaktes. hinter der komischen Aussenseite; aber von dem 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. & 



ISO ßhaksper&-Stadi«ti. 

republikanischen Menenius unterscheidet ihn die Treue gegen 
den anerkannten König» von Gonzalo, der sich auch durch 
Loyahtät auszeichnet» das Historische seines Karakters und die 
Höbe seiner Stellung. Er ist der Vertrauensmann nach beiden 
Seiten; wie ihn Richard, trotz York'* Rügen, mit der Statthal- 
terschaft betraut hatte, so steht er bei Bolingbroke gleich in 
höchsten Ehren, obgleich er ihm verschiedentlich ohne Rückhalt 
die Wahrheit sagt; nicht blos bei der ersten Bewegung vor 
Berkley-Schloss, sondern auch bei dem Zwammetreften mit 
Richard in FlimVSchloss, da Bolingbroke's Sieg schon entschie- 
den ißt, Hier findet er es unehrerbietig, das* Northumberknd 
den alten König schlechtweg mit ßöbern Namen bezeichnet, und 
auf Bolingbroke's vermittelnde Einrede: 

Nehmt es meht falscher als ihr sollet, Onkel! 

erwidert er: 

. . Nehmt mehr, nicht äIb ihr solltet, guter Yöttec, 

Dass ihr nicht falsch nehmt! Gott ist über euch. (DI, 3.} 

Vermöge * dieser Vertrauensstellung vermittelt er die Ab- 
tretung der königlichen Würde von Richard an Bolingbroke und 
dient alsdann diesem mit solcher Ergebenheit, als wäre derselbe 
seit langen Jahren sein Fürst und Lehnsherr, oder als wäre 
Bolingbroke nicht auf ungesetzliche Weise zur Herrschaft ge- 
langt Von dieser Ergebenheit liefert er m der beabsichtigten 
Aufopferung seines Sohnes den glänzenden Beweis. York ist 
ein Kleinod im Rate eines Fixesten, einer von dem selten anzu- 
treffenden Schlage, der jede gesagte Bitterkeit mit. einem gelei- 
steten Dienste .aufwiegt und es .einem Fürsten fast unmöglich 
macht, ganz auf den unrechten Weg au geraten, so lange der- 
selbe sseinen Worten das Ohr nicht verschliesst. Aber Richard 
hatte leidet die leichter zu behandelnde Sorte der Bushy, Green 
und Bagot an seine Stelle treten lassen. 

Wie wir 'vorher die Schattenseiten Bolingbroke's mehr 
hervorheben musstenials es Gervinus tut, so müssen wir um- 
gekehrt York höher stellen als dieser. . Seine Opposition gegen 
Richard' 8 Missregierung ist so stark, als es seine sehr höbe 
-Meinung von der königlichen Würde zulässt. Seine. Ratlosig- 
keit bei Bolingbroke's Einbruch beruht darauf, dass kein Bat 
zu schaffen war, weil die Truppen aus dem Lande gezogen, 



Shakip*re*StaditiL 1S1 

die Adligen wie die Gemeinen gegen den König aufgebracht, 
die Kassen leer waren; wie dies Alles in dem Stücke selbst 
geschildert wird. Dasa sich dann ßolipgbroke mit ganzer Seele 
anschliesst, ist wiederum eine Folge seiner Loyalität, welche 
nur verlangt,, dass Jemand «um Könige gesalbt und gekrönt 
sei, um ihn als König anzuerkennen. Von der Legitimität 
sieht er ab, weil er das Wohl des Landes im Auge hat. Dass 
er übrigens mehr als ein Mann des Rates denn der Tat dar- 
gestellt ist, als einer» der, wenn die Dinge gewaltsamen Umsturz 
droben, sich gern aus dem Spiele zieht und für neutral erklärt, 
sowie dass der historische York in noch höherem Masse, diese 
Eigenschaften besessen haben mag, wollen wir gern zugeben. 



Gaunt. 

Eben so ehrenfest, aber noch einsichtiger und herber ist 
York's Bruder Gaunt Bei der Abstimmung im königlichen 
Rate über Bolingbroke's und Norfolk's Verbannung hat er, 
weil er des Ersteren Vater ist, kein gutes Wort für den- 
selben einlegen wollen; er erwartete dfes von dem Könige oder 
von den andern Räten: 

' Ich wartete, ob Jemand sagen wollte, 
Dass ich so hittfig nicht mein Eignes strafen sollte; 
Doch meiner Zange gabt ihr freies Spiel, 
. Mir Leid zu schaffen gegen mein Gefühl. .(?»&) 

Allerdings trägt er dem Könige dessen Härte naith; allein 
es ist mehr sowohl diese seine eigne Kränkung als das allge- 
meine Wehe deö Landes, was ihn in dem, seinem Tode kurz 
voraufgehenden Auftritte mit deni Könige bewegt. Dass dieser 
England, welches er in so feurigen Worten prebst: 

Dies Land ; des Scepfcers -und des Königsthrons, 
Der Majestät geweiht,, ein Site des Mio», 
Dies andre Eden, halbe Paradies, 
, Die Festung* die Natur sich selbst gebaut 
Wider, des Kriegs verderbenschwere Hand, 
Dies gluckliche Geschlecht, 'ne kleine Welt, 
£tn edler Stein in Silber-See gefasst, 

9' 



1*2 ShakspererStudien. 

Die ihm die Dienste einer Mauer tat, 

Oder des Grabens, der ein Haus verteidigt 

Vor minder segensreicher Länder Neid; 

Dies Segensland, dies Königreich, dies England, 

Fruchtbarer Schoss von hehren Königen, 

Gefürchtet und berühmt durch ihr Geschlecht, 

Ob ihrer Taten .fern vom Heimatland 

(Um Christendienst und treue Ritterschaft) 

Bis zu dem Grabe von der Welt Erlösung, 

Maria's Sohn, bei den verstockten Juden; 

Dies Land so treuer Seelen, teures Land, 

Ob seines Ruhmes durch die Welt so teuer... (II, l.) 

dass der König dieses schöne Land in Facht gegeben, ist der 
Schmer«, der ihm das Herz bricht. Schön ist sein Abschied 
von seinem Sohne, den er, wie er fühlt, nicht wiedersehen wird. 
Er spricht nicht von sich und seinem Schmerz, sondern sucht 
nur dem Sohne den Gedanken der Verbannung leichter erträg- 
lich zu machen. 

Northumberland und die Barone. 

Korthumberland ist der Hauptvertreter der Barone, auch der 
Idee, dem Karakter nach. Kühner Empörer und I&nkeschmied, 
ist Bolingbroke kaunj fort, Gaunt kaum tot, als er die Fäden 
einer über den Kanal nach der Bretagne reichenden Verschwö- 
rung nicht erst ziehen hilft, sondern bereits wohlgeordnet in sei- 
nen Händen hält. Boss und Willoughby tieten sofort in dieselbe 
ein, und obgleich diese Herren die allgemeinen Beschwerden 
des Landes zu den ihrigen machen, so vergessen sie doch ihre 
^besondem darüber nicht: 

Der König ist von Sinnen, wird von Schmeichler* 

Schmachvoll verführt, and was die nur berichten, 

In reinem Hasse gegen unser Einen, 

Das sucht der König strenge an uns heim, 

An unserm Lebenf unsern Kindern, Erben. (N.) 

Die Bürger hat mit schweren Taxen er 

Geplündert, ihre Herzen eingebttsst; 

Die Adligen um alten Streit gestraft 

Und gänzlich ihre Herzen eingebüsst. (Ross, II, I.) 

Hier sind sie also durch den Stand der Notwehr, in 
welchem sie sich befinden, entschuldigt ;, aber weiterhin legt 



Shakspere-Studien. 135 

Northümberlancl in seinem Verkehr mit dem bereits wankenden, 
dem bereits gestürzten Könige eine Raubheit, Erbarmungslosigkeit 
an den Tag, wie sie demjenigen eigen ist, der nur seine eigene 
Sacbe im Auge hat, dem seine Person die Welt, sein Stand der 
Staat ist, und dem jede Handlungsweise verdammungs-, ihr Ur± 
heber todeswürdig gilt, die sich hieran vergreift; kurz, eine Ei- 
gensucht, wie wir sie bei den * Aristokratieen aller Zeiten und 
Länder finden. Aus demselben Grunde giebt er sich auch dem 
neuen Gestirne, das besonders durch ihn zum Aufgange kommt, 
zu rückhaltlos hin, ohne Garantieen für des Landes Wohl von 
demselben zu verlangen. Schlau wie er ist, befindet er* sich 
doch in der ewigen Täuschung derer, die aus Eigennutz Wohl- 
taten erweisen; er glaubt, Bolingbroke werde seiner, werde der 
Barone auch später nicht entbehren können oder wollen. Richard 
sagt ihm den Gang der Dinge voraus: 

Northumberland, du Leiter, aüworauf 

Der Klettrer Hereford meinen Thron besteigt: 

Die Zeit wird nicht viel Stunden alter sein 

Als jetzt sie ist, eh' schlimme Sünde, eiternd, 

In Schwären ausbricht Du wirst denken: Teilt' 

Er auch das Reich und gäbe dir die Hälfte, 

Dir sei's zu wenig, der zum Ganzen half; 

Und er wird denken: Du, der weiss den Weg, 

Unrechte Könige zu pflanzen, wirst, 

Im Kleinsten nur gereizt, auch wieder wissen, 

Ihn bäuptlings vom geraubten Thron zu reissen. 

Gottloser Freunde Lieb* schlägt um in Furcht, 

Die Furcht in Hass, der einen oder beide 

In Fährde und verdienten Tod verdirbt. (V, 1.) 

Worauf Northumberland die frevelhafte Antwort giebt, 
deren Inhalt eich bald an ihm erfüllen soll: 

Auf meinen Kopf die Schuld! und damit gut! 

Auch im Uebrigen gewährt das Treiben der Grossen, Bo- 
lingbroke mitgerechnet, einen unerquicklichen Anblick; sie be- 
handeln sich gegenseitig .als Lügner, Verräter und Schurken. 
So im ersten Akt Bolingbroke und Norfolk; so im vierten Au- 
merle und Surrey auf der einen, Fitz water, Percy und noch 
ein Lord auf der anderen Seite. Man sieht (immer von den 



131 Shakspere-Studien. 

Kafakteren de* Shakspere*schen Stücke« gesprochen), bei aller 
Empfindlichkeit ihrer Ehre war doch die wahre Religion dieser 
grossen und kleinen Herren ihr eigner Vorteil. 

: Percy Heisssporn ist hier noch jung, ieigt aber schon 
Energie und Schnelligkeit* in seinen Unternehmungen und ein 
unbefangenes, freies Wort» 

Halle. Neubauer. 



Die 

griechischen Colonien und die griechische Sprache 

in Unteritalien. 



Seit einiger Zeit gehen die Sprachforscher Europas mit be- 
sonderer Aufmerksamkeit den Spuren des Altgriechischen nach, 
das sich , ausser dem eigentlichen Griechenland, namentlich in 
den griechischen Colonien Unteritaliens , in einzelnen Dörfeni 
Apuliens u. s. w., erhalten hat. Auch in dem freien Griechen- 
land selbst ist gegenwärtig ein gleiches Streben erwacht, und 
auch die dortigen Gelehrten verfolgen, theils im historischen 
Interesse, insoweit es hierbei um die Schicksale der griechischen 
Colonien und der griechischen Abkömmlinge gleichen Stammes 
und gleichen religiösen Glaubens im südlichen Italien sich han- 
delt, theils um der genaueren Erforschung ihrer Sprache und 
deren Dialekte willen, um welche man auch dort in nicht ge- 
ringem Gtfade sich bekümmert, diesen Gegenstand mit grossem 
Eifer. Die in Athen seit dem Jahre 1850 erscheinende wissen- 
schaftliche Zeitschrift: Nia üapSti^a^ welche unter den, keiner 
besondern Facultät und keinem besondern Fachstudium gewid- 
meten Zeitschriften Griechenlands jedenfalls den obersten ßang 
einnimmt, und welche daher der Beachtung der Gelehrten ausser 
Griechenland wohl zu empfehlen sein mochte, brachte in ihrem 
Hefte Nro. 173 (vom 1. Juni 1857) aus der Feder eines in 
einem Flecken Apuliens lebenden gebildeten Griechen einen 
interessanten Aufsatz über obigen Gegenstand, der auch ausser 
Griechenland und ausserhalb der Kreise des IlayeXXyviov Inter- 
esse erregen dürfte. Der Aufsatz selbst hat die Form eines 



136 Die griechischen Colonien and 

Briefes, den der Grieche in Apulien an einen auch ausser Grie- 
chenland vielfach bekannten gelehrten Griechen in Piraeos ge- 
richtet hat, dessen Studien unter Anderm auch die Erforschung 
der griechischen Vulgär spräche, sowie die Aufbewahrung neu- 
griechischer Volkslieder bezwecken, und welcher daher den 
Erstem aufgefordert hatte, sein Augenmerk auf alles Dasjenige 
zu richten, was in jenen griechischen Colonien auf deren Ge- 
schichte und Literatur irgendwie Bezug habe. 

Es ist unzweifelhaft, — also beginnt der gedachte Grieche 
in Unterkalien seinen Brief, — dass die Erforschung der ge- 
sprochenen Sprachen auf die ethnologischen Untersuchungen ein 
besonderes Licht wirft. Das bekannte Wort: Sefgov fioi, nü; 
iiaXiyeaou, xal d-iXca aol elnetv, r(g et, erklärt auch den engen Zu- 
sammenhang zwischen dem Dialekte eines Volkes und dessen 
gesellschaftlichem Zustande. Gleichwohl haben viele Beisende, 
auch in unsern Tagen, die Wohnungen, die Tempel, die Gärten 
dieser griechischen Colonisten besucht, aber Keiner von ihnen 
hat, so viel mir bekannt ist, .sein Augenmerk auf die Sprache 
gerichtet,' die sie reden, tun danach über ihre gesellschaftliche 
Physiognomie um so sicherere Aufschlüsse gewinnen zu können. 
Eben deshalb ist auch ihre ethnologische Stellung bisher eine 
unsichere und unentschiedene geblieben. Und in der That darf 
man wohl die Fragen aufwerfen: Sind diese Goloniaten als 
Griechen oder sind sie als Italiener anzusehen? Sind sie wirk- 
lich italische Bürger, weil sie Unterthanen des Königs von Nea- 
pel sind? Was jedoch ihre religiösen Beziehungen anlangt, so 
bekennen sie sich zu einem kirchlichen Glauben nicht nach Art 
der Andern, sondern nach der Meinung des Photios oder gar 
nach dem nicaenischen Bekenntnisse. Weiter ist auch ihre 
Sprache, die sie unter einander reden, die neugriechische, und 
ebenso haben sie die Sitten, die Gebräuche» die Ueberliefe- 
rungen, die Kleidung unsrer Väter. Welcher Nationalität ge- 
hören sie also an? Gilt ihnen das Land, das sie bebauen und 
welches, ihnen seit drei oder vier Jahrhunderten den nöthigen 
Unterhalt gewährt, als ihr Vaterland, als ihre Heimath mit all' dem 
Zauber und mit all' den poetischen Beizen, wie sie dae süsseste 
Vaterlandsgefühl für einen jeden gefühlvollen Menschen hat? 
Oder ist es ihnen nur ein vorübergehender Zufluchtsort, ein 



die griechische Sprache ia Uateritalien. i$7 

bequem*! Asyl, voft wo an* ihre sehnsüchtigen Bücke nach 
den gegenüber Hegenden epirotischen Bergen schauen? IchweUs 
hierauf keine bestimmte Antwort, und wohl mag et mir auch nicht 
Kukonuten, diese Fragen zu lösen; vielmehr beschränke ich 
mich nur darauf* meine Zweifel auszusprechen und zugleioh als 
einen Beitrag zu deren möglicher Losung die nachfolgenden 
Zeugnisse aus der Sprache dieser Griechen zusammenzustellen, 
— Zeugnisse > welche ich in dem Flecken KaXtjfxi^a gesammelt 
Habe. 

Was hierbei zuvörderst die Aussprache und das Lesen 
jener Sprachzeugnisse betrifft, so sind folgende Regeln zu be- 
obachten. 

1) Hin und wieder hat die Aussprache des neapolitanischen 
Dialekte sieh Gekung zu verschaffen gewusst und den Wohllaut 
der griechischen Aussprache beseitigt. So verwandelt sich z. B. 
das X nach Art der sicilianischen Volksweise häufig in einen 
Laut, der der Aussprache des italienischen dd entspricht 
Gleichwie unser gemeines Volk gewöhnlich sadda statt salla, 
bedda statt bella sagt, so haben auch die Bewohner von Ka- 
XrjjLitya eine gleiche Eigentümlichkeit, die ich am besten durch 
Beibehaltung des italienischen d und dd ausdrücke, indem sie 
z. B. ßofoe statt ßoXdg, äddog statt äXXog sagen. 

2) fn der Mitte oder am Ende der Wörter werfen sie häufig 
nach Art der italienischen Sprache, die ja ein gleiches Verfahren 
mit den Schlussconsorianten der lateinischen Wörter beobachtet, 
das a und v weg, wie dies auch sonst in der griechischen 
Sprache mit den Schlussconsonanten dann häufig geschieht, wenn 
ein Consonant das darauf folgende Wort anfängt. 

3) Sehr oft finden sich in der Sprache dieser Griechen 
Versetzungen der Syiben nach dem Gesetze der italienischen 
Sprache dann, wenn es der Zunge darum zu thun ist, einen 
harten, schwer auszusprechenden Laut zu vermeiden. 1 ) 



l ) Dergleichen peza$sow kennt auch die alftgriechische Sprache (z. B. 
x^aSiri für *«£&<*, xa^jß^oe für xgctrspos), sowie nicht minder die neu- 
griechische auch in amiern Volludialekten, e. B. nqi** u. «. v. für nixpx, 



f*8 Die griechischen Colonien und 

4) Aach insofern herrscht bei den Griechen in Unfferitalien 
die italienische Aussprache vor, als aus ihrem Munde die beides 
Buchstaben des griechischen Alphabets i und & gleichsam ver- 
bannt sind. Das erste, den Laut tf, ersetzen sie durchgängig 
durch das lateinische d, dagegen daex)* bald durch t, bald durch 
er oder sc oder s, nach der alten Aussprache der Lakonier. Wie 
ich selbst von einem alten Priester in KaXrjpifya gehört habe, 
ist diese Aenderung in der Aussprache vor kaum- fünfzig Jah- 
ren eingeführt worden, als einige Schüler, die in den griechi- 
schen Ortschaften Apujiens geboren, aber, in den benachbarten 

• Städten oder in Neapel erzogen und unterrichtet worden waren, 
bei ihrer Bückkehr nach der Heimath diese Neuerung mitbrach- 
ten, wobei sie von der sicilianischen Aussprache der Eingebornen 
sich leiten Hessen. I)fe Neuerung Weiiige* waul von vielen 
Andern angenommen, und so wurde öie nach und nach zu einer 
allgemeinen Gewohnheit. 

5) Das Nämliche geschah wahrscheinlich auch mit dem 
Buchstaben $, statt dessen in der' gewöhnlichen Umgangssprache 
na angewendet wird. Wenigstens habe ich niemals in einer der 
griechisch redenden Ortschaften Unteritaliens den Laut £ in 
seiner vollen Reinheit aussprechen hören. 

Nach diesen einleitenden allgemeinen Bemerkungen beginne 
ich, nun meine sprachliche« Mittheilungen mit einem Gespräch 
zweier Ltandleute, das ich .genau so, wiedergebe, wie ich das- 
selbe mit der grössten Aufmerksamkeit angehört habe, *) 



xoQKodedoe u. s. w. für xQöxoti&Aog, fi&Av/u fö* poliß^ duo für idw, 
adXiov (altgriechisch oialor) n. s. w«, feivtvw (epetvsvco) für oretgei-w, 
ygcjvi^ca für yveaq^co. Eine ähnliche fisrdd'sote liegt auch den Bildungen 
lateinischer Wörter, die au* ' griechischen entstanden' sind, wie vrjoos, in- 
flula, — > , fAt}x a V V* ^ a«chi na, — ^0Qff\s, £o r m&, : feum Grunde Auch die ita- 
lienische Sprach« kennt Aehnliches, indem sie z. B. usico füruscio (aus- 
gehen) sagt 

») Zum bessern Verständniss dieses Gesprächs, insoweit der Grieche 
selbst a. a. O. weitere Aufschlüsse zu geben unterlägst, habe ich mich nur 
hin und wieder entschliessen mögen, in sprachlicher und grammatischer Hin- 
sicht einige Bemerkungen' beizufügen, oft nur versuchsweise und nicht ohne 
Bedenken meinerseits selbst Es kommt auch nicht darauf an, alles Einzeln* 



die griechische Sprache in Unteritalien. 139 

*Enöti ndu (f. -adlig); — ITuia tJg ttjv IfxxXrjola CExxXrfltay). 
— Tl ndu yd xärrj ; — ITdio v dxovocfi jtovrQttu. *) — Depoi xt 
xdret; — 2iuy6vo/itai*) yd ndto h* &f/ov (eig V ffgor, ttg xd ?§«, 
tlg njy #?o;p?v). — 1%t (f. xat) xt ndu yd xdrtj h' oipov; — Ildw 
y äraT(rtTi%(0*) ig xoög d$ydxat.*) — "Eoov (av) fit faxa nagä 
nodAL T* ijmXt tbittis — "Hatka y* aQxrj 71' ä^lva oy/iugt, ¥ao 
yd xdftco^t xal rtpdpftaxa {n^dfftaxa) dixdfiöv. — 2y/ueQi i (Sir} 
06x00*) * (ffvyotfiäi) tlgrrj. 2&u v aqxw avgt, oY (rj) •) ftta* 



erklären und gleichsam mundrecht machen zu wollen, seihst für den nicht, 
der des Neugriechischen nicht kundig ist. Wohl aber empfehle ich im All- 
gemeinen als zweckmässiges Htüfanlttel zum Studium des Neugriechischen 
das von Skarlfttofl Byzantios in Athen herausgegebene n Atttu6v rr}t xh& 
rjuas Mrpnxije foaXäxr+v* (Athen 1855, zweite Ausgabe 1857). Dasselbe 
ist unter allen bisher erschienenen Wörterbüchern der neugriechischen 
Sprache jedenfalls das vollständigste, auch wenn ich wohl hinzusetzen darf, 
dass selbst zu der, gegen die erste bedeutend vermehrten zweiten Ausgabe 1 
Manches nachgetragen werden kann. 

') jiovTQela, jedenfalls das verderbte Aarqeia, Aeirovoyla. 

2 ) JSiavovofiai. Die neugriechische Sprache hat das Zeitwort 2iav<a $ 
neben 7iMa£ö>, 7<m£a>, und damit hängt vielleicht dies liavovopai (statt 
StavofiaC) zusammen. Totä^o/iiai bedeutet bei den Neugriechen: überein- 
kommen mit Jemandem, sich bereden, ausmächen; also würde hier 2iavb* 
vofjuti den Sinn' haben : ich will, ich beabsichtige. 

3 ) 'AvaroniJZat, — vielleicht das alte *Av afrciw. 

4 ) yä^ydrai statt 'Eoydrat. So ApyaXetoe (der Spinnrocken) aus dem 
alten 'EfyaXsiov, und in ähnlicher Weise sagt die neugriechische Sprache 
auch ctxos für faoe, tj%6s, und ebenso sagt man auch im Italienischen agual- 
mente für egualmente. 

*) 26t 00 (ßvvaficu), Ich weiss für dieses 26x00, wobei man doch wohl 
kaum an das italienische posso denken .darf, in der That kaum eine auch 
nur annähernde Erklärung. Eben so wenig dürfte es statthaft sein, es mit 
oüjvaf, o6vto y oea£a} der neugriechischen Sprache (ocorsi heisst: es genügt) 
irgendwie in Verbindung zu bringen. — "E^ry ist übrigens statt Stör} {k'Xd'e^ 
&k&8tv) t wie' auch sonst in der neugriechischen Volkssprache r ( q&a statt ijX&ci. 
Eine gleiche Bewandtniss hat es mit dem kurz vorhergehenden tjoeAa (rjfrela) 
v' aprrj (statt va tfX&yg), wobei das « des voranstehenden va das « des 
darauf folgenden tipry verschlingt, — ein Verfahren, das die neugriechische 
Volksredeweise auch sonst mit einer gewissen Consequenz beobachtet. In 
trapeznntischen Volksliedern findet sich £$rcu statt iypvai. 

•) oi (77). So hat die neugriechische Volkssprache rf für $, und weiter 
untenV "sogar nl statt 17. * 



140 Die griechischen Colonien und 

SdAw eftiga; 1 ) — • Deje (o/i), vij ü^iqi juol dfos (Ifrtti xpdm 
crov). 2 ) — TV ißw (fyw) ofotQi l (dir) aotao fyn;, r£i ordaw 
xaXo (vytaivt)* — jiizovrty l'Q%erai; 8 ) — "Ep/Oftm d T17 ftt'arj (ani 
jijg nXattiag). — 'Et( tvovXoqvi *) lg ri} piar}; — ^Atf/dgi, 5 ) xylo, 
Xd/aya, rawt (xwqytov), ßavrvQO, rQo,Tt alktu — 'Egnd (tlg nooor) 
novXovyt t' dtydgi, r£i o xglu; -*- T 9 axp&Qt lg n/ri rane (eig imi 
yQavag, dg iura oßokovg), t& 6 xgia l {lg) dwdtxa. — *Eßm i (i», 
aiXaf xgia* muvfo 'Xlov .(pXfyor) d\pd$t. — *Eßdi äfttt ' dTOvrarrfai) 
rpco 6 ) xdXXio tq xo/a nl (iy) % y dipuQi, — *Eß(o novQov (pure, gleich- 



*) Eptya — rjui(>a t So hat ein trapezuntisches Volkslied (s. die tob 
mir herausgegebenen „Neugriechischen Volkslieder," 1849, 8. 24 V. 14 u. so) 
iptis für rjpeiB, und iyant] für ayantj, und in einem andern (ebend. S. 25 
V. 1) findet sich nsyaütv für nqyadw (nrtyadiov). Gleichergestalt sagt die 
neugriechische Volkssprache: &i}(>£or und &*i>iov, yq^iov und Ht$iov> olüi}ow 
und oidsQov, wie man es aas dem angezogenen At&xiv des Byzantios er- 
sehen kann, und aus dem altgriechischen vrftt» (ich spinne) hat die neae 
Sprache yvi&a gemacht. 

s ) Für dies dioe, in der von dem Griechen selbst angegebenen Bedeu- 
tung (ßx<o. ygsiav oov), finde ich kaum eine passende Erklärung. Für ein 
griechisches Wort muss man es wohl halten; aber ich weiss nicht, ob es 
statthaft sei, dabei irgendwie an das altgriechische dsopcu zu denken. 

8 ) sirtovrer fyx&Jat, ; — für no&ev, itov&ep (anb nov) k'gxeoai ; 

A ) lEW für ru So in der neugriechischen Sprache trovroe für tovxo* 
und schon in der altgriechischen ov, 4ov, — fii, ifu, — xsivoe, ixelvos. — 
JlovXovve — 7tovXQvv } neoXovv, mit angehängtem i, wie sich dies sehr häufig 
an Accusativformen der einfachen Zahl rovs, ryva für röv, rifr, — xi(> af( 
für X719 av )i und an der dritten Person der Mehrzahl bei Zeitwörtern, wie 
hier, findet. In ähnlicher Weise wird des Wohllauts wegen theils 'die Sylbe 
vs (yoqid'Tjvs für ifOQifrrj, ylvrjve für hyivrj r fytvsv), theils a am Schlüsse 
mancher Wörter angehängt (z. B. rovrova, ixaivova für tovtov, ixeTvor, 
ferner iipiXovva für icpiXovv). 

*) kyjdgty — dyafi (yopQ» der Fisch. 

6 ) Tqco für TQcoyco. So sagt das neugriechische Volk XSe> Xdrs, I4v (für 
XeyeiS, Xeyers, Xvyovv\ &i (für &s'Xete), Ttdaf, Ttqe, vuji, ndfiev, itdxe % nw 
(für ndyto t vndya), ndyeis u. s. W.), yxjc, fdfiev (für y>*yste, yayoftw). 



die griechische 'Sprache in Unteritalien. Hl 

falb) xdvtü to <pat (aov ig t> w/vwL*) — "Eßw uqt* o 9 ) xdra) xxiXXiö 
ig T€ug oQyure (ooyi&atg). — Bov! ri rottofittt uoxijfio!*) — *EW 
*/«; — Baaxä 6 Xaipd notxo r£i V«(xf« 4 ) — 'Totfy rvipra (Tat/ny* 
rrjy rvxra) i nXdtoca (Si* tnXdytuau) fioacdra (gar nicht). — *0 
Ttö (Qtog) vä ai ßrpjat] (floti&ytnj)! — 

Ich lasse hierauf einige Wörter des griechisch-italienischen 
Wörterbuchs der griechischen Bewohner jener Ortschaften, wie 
ich sie aus dem Munde derselben in KaXrj/n^'oa vernommen habe 
und die ihnen eigentümlich sind, folgen. In dem von mir be- 
nutzten Original- Artikel werden jedoch mehr Wörter mitgetheilt, 
als ich hier folgen lasse. Ich habe alle diejenigen hinweglassen 
zu müssen geglaubt, die auch sonst gäng und gäbe sind und 
nichts Eigentümliches an sich tragen. 

c O fiovfy (muso), das Gesicht. — Tu fiuddtu (ftaXXiu), die 
Haare. — c O bir<$, der Mund. — l E r^otXiu (ciglio, ciglia), die 
Augenbrauen. — Tu iouprvXu (ßdxrvXa). — Tu ywar« (y6ruju) m 
— l O xoo(po (corpo). — c O üpTQtno (uy&QWT&g), — c i? gineca (yv- 
vutxa, ywtj[). — C E muscia, die Katze. — C E näida (nuyig), die 
Mausefalle. — K xqoxtS (to ^o^d^oV), das Scheitholz. — Tu yvXa 
QvXa). — C E Xovftfyu (lume, lumi&re), das Feuer. — c £ uoßi^ 
der Kalk, — To fotd .(w&f). — To Xwuqi (XiSdotov). — C E t' 
oif/ov (To£ov, to «'£«, 4 ^X°XV)y d* fl Feld, das Land. — c O rxv'ddo, 
der Hund. — * fu tiqoutu {nqoßftjuy* — To ao<peaV< (nofaytor). — 
c O uXawg (Xuy&og). — C E uXmovva {uXwxyQ. — C J? fapta (l(npi/«)w 



*) Uyova — avyd... Avyoy (fa& Ei), daa altgriechisohe cUv. Aehnlich 
hat die neugriechische Sprache ans dem ove der alten Sprache! (das Ohr) 

gebildet: avrtov. 

i 

*) r O für to. So vorher : t£4 6 *$4a für xai ro xpt'a. 

*) ßov\ vi voÜSfiat aoKrjpQ (achl wie hässlich sehe ich aus). Noiapcu, 
von vöifco, äoxrjfio statt aofflfto, aoxqpos, 

4 ) BagdJ u. 8. W. für ßagca %bv Xaipov 7Zi*q6v xai £epoy (h}(>6v). iTJo*- 
hoc stet* mx$6e, und ye$<>e statt §s(>6s. Der Sinn dieses ganzen Satzes 
kann kein anAre* sein, als dass dieser Landmann über seinen Hals und über 
die Schmorten klagt, die ihm derselbe verursacht, was auch die Ursache sei, 
dass er so schlecht aussehe. 



142 Die griechischen Coloftieft nn.4 

— v Qqiq (wquZqs), — y !A%cmo (offlr^/^). — Ämäo (x«tt9€<&?£)> schie- 
lend. — To fiovrxBQo (nvx*hii>6v\ 4aa Schwein. — C JB ygovra, dk 
Sau. — C J2 <&/, die Oelbäume- — 7* a^r^o/oy)- — To x^iom 
(xQi&dQioy), die Gerate. — C E n&iva. (/ifA/^), Hirse (wie ßie ii 
Italien zu Hause ist). — 'O nXaytqfidyyOy die Mache Bohne. - 
Td xovrtya, trockne Bohnen. — To nmwvi (nincay 9 mn.6viov\ die 
Alelone. — Tb oaQartyyixo, die Wassermelone. — . To <pou Ofayr r 
tqv) 9 die Speise. — Tb nXojoi, der Schlaf. 1 ) — T' oqvuo (t 7 oyei^ofr 

— To xkivdoi (xkirtj). — *E yovpxdvä (fontana), die Quelle. — 
To xd^ivvoj die Thrane. — C E kfxlqa (fjfitQa). — c 2? yvqpra (yv^ro- 
yvg). . — € Ö <ptyyo, der Mond (sonst im Neugriech. to <jp*yy«V;. 

— T* uXa (aXag). — € E [ttitSa, der Nachen. — c O novuXo (nv&o;}. 
— ' T* äwQi (ayojQioy) , der Knabe, der Jüngling. — Scfdzli 
(ocpd^uj), opojydr^a) QpwydZüJ), xydr^oj (xod^w) u. s. w. 

Sodann wird a. a. Ort ein kirchliches Lied in dem griechisch- 
italienischen Dialekte der Bewohner jener griechischen Ortschaften 
mitgetheilt, von welchem der Briefschreiber bemerkt, dass es 
einen gana gewöhnlichen Bewohner des Orts, der aber als Rhap- 
sode und Sänger in der ganzen Provinz einen besondern Ruf 
geniesse , zum Verfasser habe. Der Brieftchreiber setzt hinzu. 
dass, nach den einzelnen Worten und der Wortfügung, sowie 
nach dem ganzen Rhythmus und dem] Seime zti urtherlen, das 
-Lied mtehr einen italienischen äIb einen griechischen Charakter 
an sieh- trage, woiöit er jedeöfaJfe vollkommen ftecht hart;* allein 
es ist ihm entgangen, dass das Lied, wenn auch nichts weniger 
als eine wörtliche Uebersetzung, doch eine Art Paraphrase des 
bekannten Kirchengesanges: Stabat mater dolorosa, ist. Die 
Sprache dieser Paraphrase ist jedoch >*o vulgär, dass ich es für 
Tineilftsslich gehalten habe, ihrer UnverstKüdlichkeit wenigstens 
zum Theil durch Erklärungen zu Hiflfe zu kommen, so weit 
mir selbst dies möglich gewesen ist.: Denn an und für sich und 
im Einzelnen kommt es auch hier wohl nicht darauf an, alle 
sprachlichen und dialektischen Hieroglyphen, alle grammatischen 



i) Wenn in Obigem das Wort nXacpoa durch iniayiaox erklart ward 
(im Neugriechischen heisst TtXayidZca: sich niederlege», un* zu schlafen), n 
kann die Etymologie des. eigentümlich gebildeten Wortes: nXcwi, 4er SchW; 
nicht weiter zweifelhaft sein. 



die griechische Sprache in Unteritalien. liB 

^äthsel dieser Erzeugnisse volkstimmlicher Denk- und Rede- 
weise entziffern and erklären au wollen* 

B^doei*) 17 Mava Ttovrj/uJvrf 
2xo 2tolvqov ax^rjxtafidvrj t r ) 
tTbv KQSfidi^a 9 ) xo naiSC. 

2. 

IT(>ixr]*) xoao tJ« 5 ) xa/ufiivrj 
Tfj xganaifeye*) & <maol.i) 



') Der Anfang des Liedes weist unbedingt auf die Anfangsworte des 
Klirchengesanges: Stabat mater dolorosa, bin. Was die grammatische Er- 
klärung anlangt, so ist dieses Bpive* nur nach dem Gehör und nach der 
Aussprache, ohne allen grammatischen Verstand und ohne eine jede Ver- 
ständige Auffassung, niedergeschrieben, und es kann auch nur demgernttss 
interpretirt werden. Es ist nämlich durch ayaipeate nus «ttoitfy (vpS&j, 
ß$£d"ri, -T- das & ist dabei in <j, und 17 ist in tu übergegangen) entstanden, 
wie die Vulgarsprache auch ßgioxa* statt evpioxco, ferner ßloyia (ßloyta) 
statt evloyia [evloyia) sagt. Bloytai. (von. evloyia) heissen mit einem auch 
der neugriechischen Vulgarsprache eigentümlichen Euphemismus die Blat- 
tern. Aehnlich ist die neugriechische Form xo Bqexov (Evqbx6v) % d. i. das 
Riithsel. S. das vorstehend erwähnte Ae^ixov^ von Skarlatos Byzantios, unter: 
JSvqstop. 

^Mxtypttoftip*!, ••ve* >of}xi6vöti<Kii mit vorgesetztem «, wie Aehttüches 
auch jschon in der r altgriechischen Sprache geschah (pavoo c, ipavoos u. s. w.). 
Das konnte bei' der Aussprache ganz leicht in t£ übergehen, ; und es ist 
nicht nöthig, bei der Erklärung darauf hinzuweisen, dass grade die italie- 
nische Sprache viele Zeitwörter hat, die mit acc (vor e und i wie atsch 
ausgesprochen) anfangen. ■••■;.■ i-i. * 

3 ) K#efiax£a (exoe/ia^e), von xge/ivAio , xoe/uda), xpefidx^ü), 
' *} II(hxj iü* *t*$ri (7ttK(>T;v). Das v am Schlosse der Accu«ative , ist 
in diesem Verse durchgängig abgeworfen j ?% steht für tiye '(«vrifay. Wie 
übrigens schon im Obigem bemerkt ward,, £*gt die neugriechische Volks- 
sprache nqixos für nixQOs* , , 

s ) 1%e statt Mai, wie ebenfalls schon bemerkt worden. Ueberhaupt wird 
in manchen Gegenden Griechenlands auch heutzutage noch der Buchstabe x 
wie t£ ausgesprpchen. . ■ , ' . 

6 ) TQapavvye., jedenfalls das italienische trapanaxe (durchbohren). 
*) für xb f wie schon, oben; xnuutf *- ena&d, nach der Aussprache 
und dein Gehör. Aehnlich stand oben jjeela statt fö*Xa. • «.«'. 



144 Die griechischen Coloniea «ad 

S. 

Uooov KorQi fxrriavov 
"ffyxovs 1 ) i Mava iß rijy*) xaqSia 
Tb 7tcu3ar£i poveyxo! 

4.c 
Jloaa xafjtvya i aflryrovpcrra,*) 
W rj(ytB i>iyta)V%a iß rrj otqdxa 
*Pi£a xdrov iß ro 2xavf>6\ 

5. 
*2& iq xopjio nia xaqBla 
JSriet yaQTj donda i Mapia 
"JEaaov rooa xAdparal*) 



<) *&y*ov8. Die neugriechische Volkssprache jagt imovyto, neben a**ve», 
und braucht auch sonst häufig des Wohllaute wogen das sogenannte äolische 
Digamma (ayi$*s für aeqae, Xovyto. für Xovo>). Hier steht rjyxov* mit einer 
Umstellung statt rjxovye. 

*) Tty xagSia, ebenfalls des Wohllauts wegen, statt ttjv xagSiav. Ein 
gleiches Verfahren, dem das Streben der Assimilation des v am Ende eine* 
W r ortes mit dem Anfangsbuchstaben des folgenden Wortes zum Grunde liegt 
beobachtet die neugriechische Volkssprache auch sonst häufig in ähnlichen 
Fällen, und man hört in dessen Folge in ihr z. B. für eis rov xrjnov sagen : 
tiß roy ytjnov* 

*) T&pwa — SaüQva. — J!ßavroy^dja f da« italienische sventurata. 

4 ) Dieser Vers ist eine fast wörtliche Üebersetzung. der Strophe des er- 
wähnten Kirchenliedes: 

Quis est homq, qui non fleret, 
Christi matrem si videret ... 
In tanto supplicio? 

Uebrigens erinnert derselbe an die Worte, welche in der 'Mxdßtf des Eon- 
pides der Chor zur Hecuba sagt (V. 300 f. der Porson'&chen Ausgabe): 

rie isoriv avrco msfäoß at>&^t07töv tpvaig, 
ijtiß yotov o<ov xal pax(><ov 6Bv^p.dxcov 
xXvovatt d-^qvovß, ovx av ixßdXot 8<ix(n>] — 

IJia — noia. Uresc für oiixet. Aehnlich ist das Verfahren der neugriechi- 
schen Volkssprache in Ansehung des Zeitworts Uym nach dem Obbemerkteo 
(Xdß statt XeyBiß «. s. w.). Wapi — £*£t/, {17^ (f^rf)* Donda (ß&ovrei 
indeolinables Farticipium der Vulgarspraehe, für alle Geschleckter, hierfür 
idovoa, "Eaoov — i<w, «e,*lff. — KXapatm — nXavpaxa. 



die gtieofeitehe Sprache in Ufrteritalien. 141 

0. 
'Es xa pdxut fua povpxara 
Trje e xdim doada k Mava 
IIov xg fapaxty» xo Xfifd. 1 ) 



ria xov %oQfLoro als a/m^xku 
Tb naiSl xjjq aß fdai de pla* 
Eide als maytu tJ» 6 J&ravfi.*) 



jiffifiivos cid* an* a 1 olov 
Tb 7iai8ar& xrj de xov ncvov, 
'Pdyov yßijxe xov y yv£>?. 3 ) 



04pu Kaps av yi Mava, 

*4 xd fidxia oov i tpovvxdva 

Md ivxtxr) fiov vd [itfx^. 



1 ) Der Sinn dieses in seinen einzelnen Sätzen etwas verkehrten nnd 
verstellten Verses kann nur der sein: Als die Mutter sah, dass Christas 
geopfert war, vergossen ihre Augen Thränen (xdvei is xd pdxia fäa yow- 
xdva). Die einzelnen Worte, nach ihrer grammatischen Auffassung, bedürfen 
keiner besondern Erklärung. Die Sprache des Liedes ist im Allgemeinen 
und fast durchgängig die des Volks, ebenso in Grammatik, wie in der 
Aussprache. 

2 ) Auch hier dürfte der Sinn des Verses weitere Worterklärungen über- 
flüssig machen, obschon die grammatische Wortbildung hin und wieder eine 
sehr ungenaue und vulgäre ist. Der Sinn aber kann kein andrer sein, als 
der: Für die Sünden der Welt sähe (erfuhr, erlitt) ihr Sohn alle die Wun- 
den und das Kreuz. rVa sagt die Vulgarsprache statt 8id. 

*) Der Sinn ist: Verlassen von Allen (ait* o* olov — dito xove blovs, 
dnb oXovs) sähe sie ihren Sohn im Schmerze, bis die Seele ihn verliess 
(dum emisit apiritum, im lateinischen Kirchengesange). Im Uebrigen gilt 
auch hier das vorher Bemerkte. *Pdyov yßijxe — hcooov i^ißt}. Die neu- 
griechische Sprache sagt ißyaivto für ixßaiva, wie ißyd&o für ixßdXXo. 
Von ißyatiHD (ßyalva)} bildet sie, mit der Umstellung des ßy in yß, die 
Form yßrjxa {i^eßrjxa). 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 10 



146 Die griechischen Colonien etc. 

10. 
9 Ndya ov 4$ trjy napSia 
Mia axfvQatf] ycvtla 
Ta pqyvo&v xov 'Uov! •) 



*) Der nennte und zehnte Vers erinnert wieder in bestimmterer Weise 
an die fünfte Strophe des lateinischen Originals: Eja mater, fons amoris ru s. w. 
Der Sinn beider Verse ist kein andrer als der: Mache da, Maria, dass von 
deinen Augen (a ra ftdria oov — aitb ra paria oov) die Quelle, d. h. dass 
die Thränen in mich (imxfj pov t ivros pov, eis ifii) fliessen, und (Vera 10) 
zünde du im Herzen ein heftiges Feuer zur Erinnerung an Jesum an. Die 
Worte: ptynjj (Vers 9), sowie: ra prjvvoov rov y Uov (Vers 10) weiss ich 
in grammatischer Hinsicht nicht zu erklären. Dass ayv^cnos als ein echt 
griechisches Wort, hier nur mit besonderer Bedeutung, zu betrachten sei, 
kann wohl nicht bezweifelt werden. 

* Leipzig. 

Dr. Theodor Kind. 



Die Eroberung von Warna. 

Gedichtet vom Wladika 
Petar Petrowitsch Njegosch. 



Was ich im Jahre 1828 bei Gelegenheit der Herausgabe 
meiner „Wila" über serbische Poesie gesagt, dürfte im Allge- 
meinen auch auf die Heldenlieder der Montenegriner (Cerna- 
gorzen) anwendbar sein. Serben und Cernagorzen sind 
Brüder eines Stammes; ihre wohllautende Sprache, der Drang, 
jegliches Abenteuer t zur Gussle zu singen und vor Allem ihr 
unauslöschlicher . i ürkenhaes sind beiden Völkern gemeinsam. 
Wollte man doch einen Unterschied gelten lassen, so wäre es 
vielleicht der, dass bei den meisten Liedern der unbesiegten 
Bergbewohner eine gewisse spartanische Kürze im Ausdruck 
noch mehr hervortritt als bei denen ihrer Nachbarn. 

Mein Freund und Dolmetsch, der Serbe Simeon Milu- 
tinowitsch, sammelte auf einer einige Jahre vor seinem Tode 
nach der Heimath gemachten Reise einen grossen Vorrath von 
Serbenliedern aus Montenegro. Stolz darauf, die Poesie seines 
Vaterlandes in deutschen Gauen verbreitet zu sehen, bewog er 
mich damals, auch diese Sammlung unter seinem Beistande 
rhythmisch zu verdeutschen. Als Probe jener Arbeit möge das 
nachfolgende Gedicht dienen. Zwar ist es eins der längern der 
Sammlung, aber vielleicht darum doch nicht uninteressant. 

Sein berühmter Verfasser war der in frühem Mannesalter 
verstorbene Wladika von Montenegro, Petar Petrowitsch 
Njegosch, der nämliche, welcher den hochseligen König 



148 Die Eroberung von Warna. 

Friedrich August von Sachsen, als Seine Majestät im 
Jahre 1838 eine botanische Reise nach Dalmatien und auf Cer- 
nagora's steile Jurafelsen unternahm, in seiner Residenz zu 
Cettinje mit so vieler Freundlichkeit bewirthete. 

Kaum merkt man in dem kleinen Epos des jungen Sän- 
gers — er wurde in St. Petersburg gebildet und schrieb das 
Lied in seinem neunzehnten Jahre — die ungezähmte Wildheit 
des Montenegriners, aber die feine Ironie, womit er die Türken 
persiflirt, zeigt, dass auch seine Brust vom allgemeinen Türken- 
hass beseelt war. 



Weisse Wila ! *) treuer Serbenbrüder 
Herrliche Gefährtini sende nieder 
Deine Töne meiner Heldengussle, **) 
Dass mein Lied vernehme, wer es fasset, 
Und auch Der nur, wenn es ihm beliebet I 
Dich, o Serbenbruder, wird es freuen^ 
Denn du wirst es mehr als Andre fassen. — 

Als man Jahr? Ein Tausend nnd achthundert 
Sechs und zwanzig und ein halbes zählte, 
Ward ein kleiner Ferman ausgesendet, 
Aus dem weit umgrenzten Bussenreiche, 
Aus berühmter, weisser Petersveste, 
Von dem Nicolaj, dem raächt'geh Zaren, 
Nicolaj, dem Söhn des Zaren Pawle. 
Ueber Berg 1 und Strome fliegt der Ferman, 
Und so schnell durchschwebet er die Lüfte, 
Dass man staunen würde, Bundesbruder, 
Hätten Falkenschwingen, nicht die Füsse 
Eines Moskowiten, ihn getragen. 



*) Wila, ein mythologisches Wesen der alten Serben. Weiss be- 
deutet in der serbischen Poesie so viel wie schön, prächtig. 

.**) Gussie, ein zitherähnliches, mit einer einzigen Saite bezogenes Tn- 
«tfument, womit die blinden Sänger Serbiens ihre Heldenlieder begleiten. 



Die Eroberung von Warna. H0 

Ja, er fliegt durch ungtmest'ne Strecken, 

Bis er angelangt beim Sultan Mahmud, 

In der weiten mäcbt'gen Veste Stambol, 

Wo der Herrscher sitzt in seinem Divan. l - 

Und der Bote reichet ihm den Ferman, 
Reicht dem Zar den Ferman mit der Linken^ 
Greifet mit der Rechten an den Säbel/ 
Und dann spricht er zu dem Sultan also: 
„Sollst auf diesen Ferman Antwort geben, 
Scharfen Säbel in der starken Rechten; 
Auf dem nächsten Kampfplatz Dir bezeichnet 
Mögen beide Heere sich begegnen! 14 — 

Als der Ferman in des Sultans Händen, 
Oefihet er und liest den blut'gen Ferman, 
Und im Lesen schüttelt ihn ein Fieber, 
Denn der Ferman macht ihm Angst und Schrecken; 
Also schreibet ihm der Zar der Djauren : *) 
„Höre mich, Beherrscher der Osmanen! 
Schon verstreichen dreier Jahre Tage, 
Seit 4er Norden mich als Zar erkannte, 
Mich als Zaren anerkannt' und krönte« 
Arge Klagen hört' ich aller Enden 
Aus dem Land der Serben und Bulgaren, 
Aus der Wallachei und aus der Moldau, 
Aus ganz Griechenland und Anatolien. 
Alles dorther klagt mir unablässig 
Ueber Deiner Türken Unheilstiften; 
Nicht mehr athmen könne man vor ihnen : 
Und Du siehst es, ohne dass Dich's kümmert! — 
Solche Klagen wollt* ich noch verschmerzen; 
Aber gestern Abend kamen Kläger 
Aus dem weiten Lande Schuraadia;**) < 
An fünfhundert Kläger sind's, die kamen; 
Jedem lastete ein Stein am Halse, 
Und sie riefen All' in Einem Tone: 
„„Hilf, o hilf uns, mächt'ger Zar und Herrscher! 
Schütz' uns vor den grimmen Türken wölfen ! 
Jüngst erst rissen sie uns aus die Augen, 
Denn sie mordeten uns unsern Herrscher, 



*) Djaur (Kaur) — Ungläubiger. 
**) Schumadia — Serbenland. 



150 Die Eroberung von Warna. 

Un8ern neuen Serben-Zar, den Georg; 
Tausende wohl machten sie zu Sclaven; 
Serbenland verheerten sie mit Feuer: 
Darum hilf uns, lieber Zar und Herrscher, 
Hilf, o hilf uns, oder tödt' uns selber, 
Denn wir können so nicht länger leben ! a " 
Tief erschüttert haben mich die Klagen, 
Doch das grösste Leid hat mich befallen 
Bei der Nachricht von dem Tode Georg's, 
Welcher Arm mir war aus rechter Schulter. 
Dieses Leid auch wollt* ich noch verschmerzen, 
Bis ein andrer Kampf vielleicht es ausglich : — 
Was geschehen ist, das ist geschehen! — 
Doch da nahten mir dreitausend Griechen, 
Ja, dreitausend Griechen und Bulgaren, 
Alle tief verhüllt in schwarze Seide ; 
Thränen flössen über ihre Wangen, 
Alie fielen auf die naekten Kniee, 
Und ein Jeder schrie, so laut er konnte : 
„„Nikolaj! o &onne sonder Sinken ! 
Hilf, o hilf uns, oder lass uns tödten, 
Dass uns nicht Gottloser Hände drücken! 
Schlimme, böse Pein'ger sind die Türken, 
Finden uns zu plagen nie das Ende, 
Martern uns auf unerhörte Weise. 
Würden noch die schwere Pein verschmerzen, 
Doch nicht das, was neulich erst geschehen: 
An des Osterfestes hohem Sonntag, 
Als die heil'ge Messe ward gesungen, 
Mordeten sie unsern Patriarchen, 
Unsern Patriarchen, zwölf Wladiken, 
Und dreihundert sechzig fromme Mönche, 
Fromme Mönche mit neunhundert Popen 
Von der armen orthodoxen Kirche! 
Juden schenkte man den Patriarchen, 
Durch die Gassen heil'gen Leib zu schleifen, 
Und sie schleiften ihn vier volle Stunden, 
Durch die Gassen des verfluchten Stambol, 
Bis sie an des Meeres Ufer kamen, 
Wo «ie in die Fluthen ihn versenkten, 
Nicht begraben liess man seinen Leichnam! ♦ 
Darum hilf uns, Herr! o hilf um Gottes 
Und um unsere heil'gen Jowan willen! 
Hilf, o hilf uns, oder lass uns tödten l u " — 
Sultan ! Als ich solchen Jammer hörte, 



Die Eroberung von Warn«. 151 

Hörte, wie des Glaubens wegen Christen, 

Christen seufzen müssen unter Türken, 

Hören musste jene Schreckenskunde, 

Von des greisen Patriarchen Schleifen: 

Schrieb ich diesen Fennan, Krieg Dir kündend! — 

Meine Heere hab' ich schon gesammelt, 

Nach der Wallachei gesandt und Moldau, 

Bis zum breiten Strom der kühlen Donau, 

Will zerstören eure Donauvesten 

Mit dem seharfen Feuer der Kanonen, ' 

Will die festen Platz* im Türkenlande 

Alle gleich der schwarzen Erde machen. 

Bis nach Stambol send' ich meine Schaaren, 

Stambol zu verheeren» zu verbrennen 

Durch die Kraft der Minen und der Bomben; 

Alle türkischen Wesir' und Pascha's, 

Alle soll man mir lebendig fangen, 

Und, sammt Dir, nach meinem Russland senden, 

Dass Ihr ungestraft nicht Hohn getrieben 

Mit der heü'gen Kirche, unsrer Mutter! 

Und das Heer, das in Dein Land gezogen, 

Commandiren wird's mein Diebitsch-Bane, 

Achtzigtausend tapfre Streiter sind es, 

Und mit ihnen Gottes voller Beistand« 

Hatte früher schon ein Heer gesendet, 

Das an hunderttausend Krieger zählte, 

Unier dem Befehle des Paskewitsch, 

Meines sieggewohnten Feldmarschalles, 

Um Dein ganzes Asien zu verheeren, 

Aufzurütteln Mahpmed's Gebeine 

Im verfluchten Mekka und Medina: 

Doch Du wagtest nicht, in's Feld zu rücken, 

Sondern bebtest — solltest Dich doch schämen ! — 

Wagtest nicht, in's offne Feld zu kommen, 

Um das Reich nach Ehr* und Scham zu theikn. 

Du erkauftest Könige der Christen, 

Dass sie, Sultan, Dich von mir erbaten, 

Und auf ihre Bitten Dich erhielten. — 

Damals sandt' ich Briefe nach dem Heere, 

Liess es wieder in die Heimath kehren, 

Wollte keinen Krieg mit Dir beginnen: 

Baut' auf Dich, o Sultan Mahmud, hoffend, 

Würdest allem Uebermuthe wehren, 

Fürder Christen nicht zertreten lassen, 

Von den Türken, die sieh Wölfe' dünken. 



153 Die Eroberung von Warna. 

Alles, Suttan, hattf ich Dir vergeben* 

Und wir blieben immerdar in Liebe: 

Doch mein schöner Traum zerfloss ia Nebel, 

Meine Freundschaft tratest Du mit Füssen 

Durch den Fernen, den Du jüngst geschrieben 

Und heramgesandt in Deinem Lande 

An Wesire, Paseha's und Kadien, 

Um die ganze Rajah zu turziren, 

Jeden, der nicht Türke werden wolle, 

Mit dem scharfen Säbel zu enthaupten: 

Und das könnt' ich länger nicht ertragen! 

Darum, bist Du, was Dich Menschen nennen, 

Und hat eine Türkin Dich geboren, 

Nun , so samml' ein Heer, so gross Dir möglich ; 

Und erschein' im Feld mit Deinem Heere, 

Dass die Krone wir im Kampfe theilen!* 

Solchen Brief verstand der Sultan, sah wohl, 
Was und wie's der Moskowite meinte* — 
Und da schickt* er HeroM' ohne Säumen, 
An rierhundert Herold' in die Gassen, 
Drei der weissen Tag* in Stambols Gassen, 
Auszurufen den Befehl des £aren: 
Dass die hohen Paseha's und Wesire 
Kommen sollten in des Zaren Di van. 
Und wer nicht zu rechter Stund' erschiene, 
Würd' auf Zarenwort sein Haupt verlieren! 

Und die Herold' eilten durch die Gassen, 
Schrien und riefen ohne Rast und Weilen, 
Riefen auf die Paseha's und Wesire, 
Und mit ihnen andre Turkenhelden : 
„Auf! ihr tapfern Deli's,*) auf, erscheinet* 
Schnell erscheinet in des Zaren Divan, 
In des Zaren Divan, nächsten Sonntag, 
Aber wer nicht pünktlich dort sich einstellt, 
Wird, auf Zarenwort! sein Haupt verlieren!" 

Als Wesir 1 und Paseha's dieses hörten, 
Und die andern Türkenhelden Stambols, 
Eilte Jeder schleunig nach dem Divan 
Uad betroffen sagten sie die Worte: 



•) Deli — Held. Delien — Wachen des Crrosflherrh: 



Die Eroberung Ton Warn*. IM 

„Mächtger Sotem-Zer! b Haapt der Erde! 

Warum hast so schnell uns rufen lassen? 

Welche Noth und welches Leid befiel Dich? 

Hat vielleicht der Pener Krieg erkläret? 

Oder ist Egypten abgefallen? 

Oder Skadar's Pascha Buschatlia, 

Er und seine nackten Albanesen? 

Oder einten sich der Djaurn Herrseher, 

Alle sich mit einem Kreuz bekreuzend? 

Oder droht der Krieg vom Moskowiten ? •— 

Fürchte Nichts, o ruhmgekrönter Sultan, 

Zage nicht, o Sonne sonder Sinken, 

Die bei Nacht uns wärmet wie bei Tage) 

Fürchte Nichts, so lang ein Türke lebet! 

Werden leicht der Perser Reich erobern, 

Und mit Feuer Missirland*) verwüsten! 

Wäre der Wesir Dir untreu worden, 

Der Arnaute Pascha Buschatlia, 

Und sein Volk, die nackten Albanesen : 

Ha! bei unsrer Treu! er wird erliegen; 

Türken werden seinen Stamm vertilgen, 

Dass kein Stäubchen von ihm übrig bleibe! 

Oder einten sich der Djaurn Herrscher? 

Solche Eintracht wäre leicht zu stören, 

Da wir doch den Kopf des schlimmsten Drachen 

Abgehau'n und Dir, o Herr! geweihet, 

Tseherny Greorg's Schädel ans Topola. 

Aber brächt' uns Krieg der Moskowite — — 

Möcht' es freilich Keinem von uns lieb sein ! 

Allah :imr vertheilt des Sieges Kränze, 

Und mit Russen kriegen dünkt uns eitel. — - 

Seit, der Petar sich zum König machte, 

Haben wir im Kriege mit dem Russen, 

Ja in jeglichem, bisher verloren, 

Gaben ihm die Hälfte unsere Reiches, 

Und nun wird er auch die zweite nehmen." — 

Da erwiedert ihnen drauf der Sultan 
„Türken, Brüder, Pascha's und Wesire 
Nicht hat mir der Perser Krieg erkläret, 
Auch, nicht abgefallen ist Egypten, 
Noch der Buschatlia, der Verfluchte. 



*) Missirland: — Egypten. 



1*4 „ Die Eroberung von Warna. 

Weder Er noch seine Albanesen? 
Aber, o ihr Tücken, lieben Brüder! 
Einen Ferman hab' ich jüngst empfangen 
Von dem Nikolaj, dem neuen König, 
Sohn des Russen-Hospodaren Pawle, 
Enkel Petar*s, jenes mächtig Grossen, 
Der uns Erzfeind schon in alten Tagen. 
In dem Ferman ruft der Moskowite, 
Ruft in diesem Ferman mich zum Kampfe, 
Mich zum Kampf bei weissen Warna'« Mauern, 
Mich sammt meines ganzen Heeres Stärke; — 
So was mir zu schreiben wagt ein Djaur! 
Doch, um Gott! Ihr meine Törkenh&npter! 
Seid nicht bange vor dem Moskowiten, 
Noch vor Moskowitens starrem Sinne! 
Denn ich schwör's bei Mahomed, dem Heü'gen, 
Und dem Teppiche, worauf er kniete: 
Wenn ich sechzig Formans schreiben lasse 
An die sechzig meiner Reichs -Wesire, 
Und ein starkes Heer von Kriegern sammle, 
Da — bei meinem Glauben, Tüikenhelden! — 
Treib* ich bis an's weite Meer den Djaurn, 
Treib' ihn weit zurück bis tief in's Eismeer, 
Dass die Fluth sein zahllos Heer verschlinge. 
Denn — bei meiner Treu' und festem Glauben, 
Und beim Ramasan, dem Türken-Fasten! — 
Wenn das Meer den Djaurn nicht verschlänge, 
Könnt' ihn selbst der jüngste Tag nicht treffen!" 

Da erwiederten dem Zar die Türken: 
„Unser Sultan, gluthenreiehe Sonne! 
Was und Wie, Du siebest Alles deutlich: 

N Hart bedränget Dich der Zar der Djaurn, 

Möchte Dich von diesem Throne stürzen, 

* Den Dir doch die Ahnen hinterliessen, 

Dir mit Schwert und Säbel hinterliessen, 
Wie sie einst ihn selbst erobert hatten 
Von dem winzig kleinen Volk der Griechen. 
Klar erkennest Du, erhab'ner Sultan! 
Dass ihn nehmen wird der Moskowite; 
Nahm' er ihn nun, selbst ihn zu behalten, 
War* die Schande kleiner, als der Schade; — 
Er erobert' ihn, weil er der Stärkere — 
Aber uns zu bitterm Schmerz und Hohne 
Wird er ihn den Griechen wiedergeben: 



Die Eroberung von Warna. IM 

Damm schreib' an Deme Reichs- Wesire, 
An die Paseha's, Deine Djaornhenker ! — 
Lass sie schleunig starke Heere sammeln. 
Um dem Moskowiter zn begegnen, 
Dass, o Sultan ! vor dem Zar der Djaurn 
Weder Schimpf Dir noch Verachtung bleibe!" — 

Als des Zaren Herrlichkeit vernommen, 
Welchen Rath ihm Stambols Helden gaben, 
Liess er noch den Greis Nasradin rufen, 
Welcher seit dem Tag, der Ihn geboren, 
Jetzt vierhundert sechzig Jahre zählte. 
Und der Sultan sagte zu dem Alten : 
„O Nasradin, Dn lebend'ge Chronik ! 
Sprich mit Freimnth ; was ist Deine Meinung 
Von dem Perman, den der Wlachen-König, 
Jener Nikolaj, mir zugesendet? 
Unterschreib' ich ihm den alten Ferman, 
Oder geh 9 ich ihm zum Kampf entgegen ?" — 
Und der Greis erwiedert dies dem Zaren: 
„O Sultan, mein Sohn! — entschieden Jahre — 
Kenn' die Alten, les' den neuen Ferman, 
Den der mächt'ge Nikolaj Dir schreibet, 
Aber, Herr! — o mochtest Du mich hören! — 
Unterschreib' ihm alle alten Fermans; 
Beuge Dich vor ihm bis auf die Erde; 
Unterschreib' ihm auch den neuen Ferman ! 
Willst Du, hoher Zar, nicht unterschreiben, 
Schwör 1 ich Dir bei meiner stind'gen Seele, 
Welche sich zu bald'ger Reise rüstet, 
Wurst sie dennoch schimpflichst unterschreiben, 
Diese Fermans und noch manches Andrea 

Und da sagte Mahmud zu dem Greise: 
„Alter Oheim, Väterchen Nasradin ! 
Unterschreiben wollt' ich wohl den Ferman, 
Dass mir nur der Bart in Frieden bliebe, 
Doch mir wehren's die Delien Stambols; 
Wollen lieber ihre Köpfe missen, 
Als bekräftigen des Djaurn Ferman." 
„Herr und Majestät, glorreicher Mahmud ! 
Höre nicht auf die Delien Stambols, 
Denn bei Mahomed und seinem Teppich! 
Unter ihneft ist kein einz'ger Deli, 
Mehr nicht taugen diese Stambol-Helden, 



1*6 Die Eroberung von W'«r^ 

Als zu fliehen, •■wenn der Feind ^mberstürmt } 
Prahlen könnet» «ie in Kaffeehäusern; 
Aber fremd sind ihnen Moskowiten*. 
Jeder Moskowite stürbe lieber 
Für geliebten Zar nnd seinen Glauben, * 
Als er Türke wird, nnd wäV es Sultan ; 
Der Gemeinste, wie viel mehr der Höh're. 
So ein Deli kennt die Russen gar nichts 
Doch ich leb' nnd denke noch mit Schrecken 
Jener Krieg' nnd jener blut'gen Schlachten, 
Die ich mitgefachten gegen Bussen. 
Hat doch Furcht vor ihrem Heldenmothe 
Allzufrüh die Haare mir gebleiehet. 
Damals war es so, vor Petar's Zeiten, 
Aber wie der Peter dort erschienen, 
Und seitdem wir Krieg mit ihm geführet, 
Hat mein Haar wohl dreimal sich verändert, 
Blutig ist es jedesmal gewachsen ; 
Selbst den Petar könnt' ich noch vergessen, 
Doch geboren ward die grosse Djanrin, 
Und gekrönt zur Königin von Moskwa! 
Als wir damals gegen Bossen fochten, * 
Bebt' ich so vor ihr und ihrem Feldherrn 
Spwarow, jeoseit des Donaustromes, 
Dass vor Furcht die Zähne mir entfielen, 
Die der obern wie der untern Kiefer; 
Bettung ward mir nur auf schnellen Füssen. 
Dann in jenem blutigen Gefechte 
Waren wir voraus nicht mehr als Zwölfe, 
Zwölfe jener tapfern Türken -Delien; 
Aber wie wir ans dem Kampfe flohen, * 
Blieb kein Teufel hinter meinem Bücken ; 
Dass ich Dir noch grössre Wunder sage 
Von der Feigheit unerer Türkenhelden: 
Zwei sogar nicht wagten^ anzuhalten 
In der weissen Adrianopel -Veste, 
Sondern Jeder, lief, wohin er konnte, 
Und der grösste Theü nach Deinem Stambol, 
Dass sie Türkinnen' vor Djaurn bärgen* — 
Nur ich Alter blieb in Adrianopel, 
Weilte, von Kosakenhand verwundet, 
Und die Aerzte heilten meine Wanden, 
Zogen dort mir aus zerfleischtem Bücken 
Volle vierundsiebzig Lanzenspitzen, 
Üie Kosaken an ihm abgebrochen 



Di e 'Eroberung* ton Warna. IM 

Auf besagter Flucht voll Angst und Sorge ; 

Damm, Sultan! bin ieh'SO gealtert* 4 — - 

Also sprach der Greis. — Doch Sultan Mahmud 

Kehrt sich schweigend um und sohreibt die Fermans. 

Schickt den ersten nach dem Bosna» Walde, 

In die Hände des Wesirs Ton Bosna, 

Und des Fermans Worte lauten also : 

„Treuer Diener, o pjekdm«» Pascha! 

Wenn Du diesen meinen Ferraan liesest* 

Springe schnell auf Deine leichten Fasse, 

Lös 9 auf Trawinks Walle die Kanonen, 

Sammle Deine Bosner nach der Liste, 

Las» auch nicht zurück die tapfern Grenzer, 

Die da« bhrfge Spiel der Waffen lernten 

Gegen deutsches Volk und gegen Serben ; 

Nicht vergiss die tapfern Herzegowzen, 

Die an der bedrohten Grenze leben, 

An der feindlich fels'gen Cernagora 

Und den kriegerischen sieben Bergen; 

Mit dem Heere komm dann schnell nach Stambol, 

Denn ich habe Krieg mit Moskowiten! 

Aber wenn Du nicht nach Stambol eilest, 

Lass ich Dich — bei meinem Glauben ! — - köpfen, 

Setz 7 an Deine Stelle andern Pascha, 

Meine schöne Bosna zu verwalten! 44 — 

Diesen schickt er ab und andern schreibt er» 
Schickt ihn nach der weissen Skadar -Teste, 
An den Mustafa, Wesir von Skadar, 
Und des Fermans Inhalt lautet also: 
„Buschatlia, Pascha der Amanten! 
Wenn Du diesen meinen Ferman liesest, 
Springe rasch auf Deine HeldenfÜsse, 
Lös' auf Skadar hundert Feuerschlünde,- 
Sammle Deine tapfern Albanesen, 
Zieh mit ihnen nach dem weissen Widin; 
Nimm mit Dir den Wranjalia-Pascha, 
Und aus Pe$j' den Mahmud Begowitscha ; 
Harrt des Moskowiters an der Donau! 
Treuer Knecht, venathe nicht den Sultan ! 
Schwöre Dir bei festem Tftrkenglauben : . 
Schlagen wir den D jaura erst «orticke, « 
Und eroberten das Reich des Djaurn, 
Werd' ich, treuer Diener, Dich erheben, 
Dich zum Feldherrn aller Heere machen; 



tS8 Die Eroberung von Warna. 

Mein Utschtagli- Pascha*) sollst Du werden, 
Auch Wesir von vier der Rosses-Sehweifenl" — 

Den verschickt er und den dritten sehreibt er, 
Schreibt und schickt den Ferman nach Rumelien, 
An den Walia**) und Prewalia:***) 
„Wenn Du diesen meinen Ferman liesest, 
Lös' auf Bitotff) hundert Feuerachlande; 
Sammle Deine Rumeliotea alle, 
Komm mit deinem Heere schnell nach Stambol, 
Denn wir haben Krieg mit Moskowiten 1" — 

Den auch schickt er fort und schreibt den vierten, 
Schreibt und sendet ihn nach Anatolien, 
An sechs Paseha's und an drei Wesire, 
Gibt darinnen folgende Befehle: 
„Auf die Heldeniusee, meine Falken! 
Von den Veeten löset die Kanonen, 
Truppen werbt, so viel Ihr immer köneet, 
Und nach Stambol eilet, meine Söhne! 
Denn der Busse hat uns Krieg erklaret. " — 

Dieser flieget fort; den fünften schreibt er, 
Sendet ihn nach reichem Missirlande 
An den Helden Pascha Mehmed-Ali; 
Und zu diesem spricht der Sultan also: 
„Mehmed-Bego, Haupt des Missirlande*! 
Du in Gott mir Bruder, Hort und Hofihung! 
Wenn Dir dieser Ferman zugekommen/ 
Lös' in Kahirtt) hundert Feuerschlünde, 
Samml' ein mächtig Heer im Missirlande, 
Mit dem Heere komm nach unsenn Stambol ! 
Denn ich habe Krieg mit Moskowiten, 
Mit der Moskowiten Djaurn-König. 
Und bei unserm Mahomed, dem Heil'gen, 



*\ 



*) Utschtugli-Pascha — Pascha von drei Bossschweifen. 
**) Walia oder Walisi nennen die Türken den Statthalter eines Sand- 
schaks, das ist eine Provinz, die früher Königreich war. 

***) Prewalia, soviel als Ober-Walia; im Serbischen bedeutet das 
Wort aber einen Umwälzer, daher in dem Wortspiel eine Ironie ver- 
steckt liegt 

f) Bitolj', die Residenz des Walisi von Rumelien. 
tt) Kahir — Kairo. 



Die Eroberung von Warnt. 119 

Und beim Ali, seiner Schwester Gatten! 
Ist besiegt von uns der Djaurn-Konig, 
Werd' ich Dir das reiche Cypern schenken, 
Kandis und Cypern, Bundesbruder! 
Meine Tochter Dir zur Gattin geben, 
Um zu «weitem Sultan Dich zu machen, 
Ueber M issir, Kandia und Cypern, 
Wenn Da dieses Mal mir Hülfe sendest!" 

Den auch schickt er fort und schreibt den sechsten, 
Schreibt und sendet ihn in's wate Asien, 
Wohl an zwanzig Pascha's und Wesire, 
Und in diesem Ferman schreibt der Sultan : 
„Auf die Ffisse, meine Falken -Pascha's 
Und Wesire, Zaren- Stellvertreter ! 
Sammelt mir zahlreiche Heer* in Asien, 
Und mit ihnen eilt nach meinem Stambol ! 
Denn der Djaur hat uns Krieg erkläret; 
Aber wer nicht schleunig kömmt nach Stambol, 
Den entpaschen wird mein scharfer Säbel!" — 

Die Wesire und die Pascha's lasen 
Des glorreichen Zaren hohe Fermans, 
Alle sammelten sie starke Heere, 
Führten sie zur weissen Stambol -Veete. 
Als nun dort die ganze Macht vereinet 
Vor dem Sultan, ihrem hohen Zaren, 
Neigen sich vor ihm Wesir und Pascha, 
Nur nicht Mustafa, Wesir von Skadar. — 
Lieber Gott! Welch schrecken volles Wunder! 
O wie viele Türken sind versammelt! — 
Liste sagt's, das Rohr*) hat sie gerechnet, — 
Mehr als Bonaparte Truppen zählte! — 
Und der Sultan überschaut die Heere, 
Aber zu sich selber spricht er also : 
„Heil'ger Mahomed! o Ruhmgekrönter! 
Was will wohl der arme Djaur machen 
Gegen Dich und Deines Armes Stärke? 
Kann der Wahnsinn Staunen noch erregen ? 
Stolz und aufgebläht ist er geworden, 
Seit er über die Franzosen siegte; 



*) Rohr — so viel als Feder, da sich die Türken zum Schreiben des 
Rohrs bedienen. 



16Q Die Eroberung von Warnt. 

Uebereie und zwanzig Djaurn-Fürsten* r 
Doch bei Deinem Namen sei's geschworen! 
Las» ich meine Türken auf ihn stürmen, 
Soll er selbst sein Moskwa nicht erreichen! 
Weiss er doch nicht, gegen wen er streitet» 
Kennt noch nicht den Herrseher dieser Erde, 
Ihn, dem Alles in der Welt skh beuget! 
Einen Drachen soll er kennen lernen ; 
Könige verschlingt und speist der Drache, 
Fraget nicht nach andern Leckerbissen« 
Heil'ger Mahpmed! Hier steht Dein Enkel, - 
Ja, Dein Enkel ist es, Emir Mahmud! 
Dieser wird, nicht unwerth seiner Ahnen, 
Dem verhaseten Djaur entgegentreten 
Und die Augen aus der Stirn ihm reissen. 
Rief ich die Araber noch, die grimmen, 
Auf den schlanken Stuten, mir herüber; 
Würden diese bis an's Meer ihn jagen, 
Und die Meernuth selbst nicht sollt' ihn retten. 
" Habe ja den lieben Bundesbruder 
In dem Missirland, den Mehmed-Ali; 
Alle Djaurn würde der ertränken; 
Und mein Falk, der Kapudane- Pascha, 
Alle Djaurn und der Djaurn König, 
Und die Djaurn-Herrscher aller Welten!" — 

Nach dem stolzen Selbstgespräch, dem tollen, 
Springt der Türkenzar auf seine Füsse, 
Schreibt dem Nikolaj das Antwortschreiben, 
Und so schreibt der Türk' an ihn, den Djaurn: 
„Nikolaj! seit gestern erst Erstand'ner! 
Was Du mir in Deinem Ferman schreibest, 
Dass der Christen Klagen Dich geärgert, 
Jene Klagen über meine Falken, 

Welche Djaurnpeiniger sie nennen — ; 

Ja, sie sind es und sie sollen's bleiben!! 
Dich, den Djaur, werden wir nicht fragen* 
Wie wir herrschen sollen über Rajah's, 
Die wir mit dem starken Säbel Orkan's*) 
Heldenmüthig uns errungen haben 
Auf dem Amselfeld und andrer Wahlstatt, 
Von der Djaurn unbeugsamen Stämmen, 



*) Orkan — Vater des Osman. 



Die Eroberung von Warna. 161 

Von dem Lasar und von andern Zaren ; 

Nie — noch einmal! — werden wir Dich fragen, 

Wie wir herrschen sollen über Rajah's ! 

Aber weil Du mich zum Kampfe forderst, 

So erwiedr* ich Dir, o König I dieses: 

Hat Dich einer Djaurin Schooss geboren, 

Bist ein Moskowite Du von Ehre 

Und ein Enkel des schnurrbärt'gen Petar's: v 

Nun, so komm heraus zum Heldenkampfe, 

Komm bis an des weissen Warna's Grenze! 

Dort, wo Wladislaw*) einst unterlegen, 

Sollst auch Du, so Gott will, bluten müssen; 

Wenf, o Djaur! dort Dein Grab Dir graben, 

Bauen drauf Moscheen und Minarete ! 

G'nug der Worte! Komm heraus zum Kampfe, 

Komm mit ganzer Macht des Moskwalandes!" — 

Jung ist's Türkchen und so kühn doch schreibt es : 

„Aber wirst Du nicht nach Warna kommen, 

Komm ich selbst nach Deiner Petarveste!" — 



Dieses schreibt er am Eliastage: 
Unheil bring ihm Tag der Lieben Frauen 1 x 

Als der Nikolaj den Brief empfangen 
Und gesehen, was der Türk' ihm schreibet, 
Lacht er laut, lässt seine Helden rufen, 
Spricht zu ihnen diese Zarenworte: 
„Ihr Wojwoden, kluge Feldmarschälle! 
Diebitsch Du, und Du auch, mein Paskewitsch! 
Führet an die beiden starken Heere! 
Du, Paskewitsch, geh nach fernem Asien; 
Geh mit sechzigtausend tapfern Streitern 
Graden Wegs nach Mekka und Medina, 
Aufzurütteln Mahomed's Gebeine, 
Asiens Fluren mit Gewalt zu nehmen! 
Aber Diebitsch, Du, mein treuer Diener! 
Nimm Dir hunderttausend tapfre Krieger, 
Zieh mit diesem Heere durch die Moldau, 
Ueberti Donaustrom bis Silistria; 
Ohne Zeitverlust nimm ein die Veste ! 



*) Wladislaw, König von Ungarn, fiel bei Warna gegen Sultan 
Mahomed II. 

Archiv f. n. Sprachen«. XXIV. 1 1 



162 Di« Eroberung von Warna. 

Trachte Deinen Kopf nicht zu verlieren, 
Hoffe fest auf Deines Zaren Gnade ! 
Euer Zar, ich selber, geh nach Warna; 
Und im Kampfe mit dem Sultan Mahmud 
Sollen tapfre Krieger mich begleiten." — 

Als die Diener den Befehl vernahmen, 
Neigten sie sich bis zur schwarzen Erde, 
Zogen drauf in's Feld mit ihren Schaaren. 
Der Paskewitsch zog nach Asiens Fluren, 
Fährte sechzigtausend wackre Streiter 
Mit zwölfhundert starken Feuerschlünden, 
Pulver, Blei und andern Kriegs vorrathen. 
Und der Diebitsch eilte durch die Moldau, 
Commandirte hunderttausend Krieger, 
Alle reich mit Proviant versehen. 
Schnell durchzog der Feldherr Moldaus Ebnen, 
Bis er kam zum kühlen Donaustrome, 
Machte Halt an seinem grünen Strande. 
Eine einz'ge Nacht verweilt' er dorten; 
Und sobald die Morgensonne strahlte, v > 
Setzt' er tiber'n Strom mit seinem Heere, 
Schlug ein Lager auf bei Sili Stria, 
Liess behende Batterien thürmen, 
Tüchtig mit Kanonen sie bepflanzen, 
Und begann die Veste zu beschiessen, 
Dass man kaum die Augen öffnen konnte. 
Zieht der Nikolaj mit drittem Heere, 
Zieht durch's weite Bussland nach Odessa, 
Gute Streiter aber ziehen mit ihm. 
Wie er angelanget in Odessa, 
Kommt die Flotte ihrem Zar entgegen, 
Und da schüft er ein die wackern Krieger, 
Schifft sie wieder aus beim weissen Warna; 
Und ihr Feldherr, Nikolaj der Kaiser, 
Lagert sich im Felde mit dem Heere, 
Säumet nicht, zur Schlacht es aufzustellen. — 

Und die Türken sehen es aus Warna, 
Senden eilig Herold' in die Strassen, 
Diese schreien und Musik ertönet: 
„ Auf die Heldenfuss', ihr Türkenfalken ! 
Goldbeschwingte Enten sind gekommen: 
Jeder Reiter zieh' die Gurte fester, 



*Dte Eroberung von Warna* 169 

Jeder Fassung schnüv die Opanken I*) 
Heute wollen wir die Djaurn jagen, 
Wollen uns mit ihrem Blute tränken, 
Selber brachten sie uns ihre Köpfe!" — 

Als die Menge den Befehl vernommen, 
Springet Jeder rasch auf seine Füsse, 
Und der Vest' entströmt der ganze Haufe, 
Vor dem Haufen drei der Reichs* Wesire, 
Drei der Reichs-Wesir* und sechzehn Pascha's, 
Zweimalhunderttausend Türken feigen, 
Ganz Natolien schier und ganz Rumelien 
Mit gesammten Heeres Feuerschlünden; 
Solche Macht bedeckt die weite Ebne. 
Dank dem grossen Gott, und keinem weiter! 
Was für Türken sind doch die Natolier! 
Sitzen sie doch auf den Missir-Hengsten, 
In den Sätteln mit gekreuzten Beinen, 
Uebermüthig noch die Zither schlagend 
Und zur Zither auf dem Pferde singend. 
Hengste wiehern, wilde Türken schreien, 
Hengst' — als wüchsen ihnen Flügel — springen, 
Zeigen stolz die ferust den Moskowiten. 
Gierig sind die Boss' und ihre Reiter, 
Mit den Djaurn heissen Kampf zu wagen. 
Kampf begehrt der Türk', nicht säumt der Rosse, 
Und sobald er sieht, dass Jener nahet, 
Setzt er seine Truppen in Bewegung; 
Vorn das Fussvolk, hinter ihm die Reiter, 
Bomben und Kanonen zwischen Beiden, 
Rings um's ganze Heer nach allen Seiten 
Moskwa's stark bepanzerte Delien. 
Jedes Streitross trägt und jeder Reiter 
Mehr als halbe Last des blanken Eisens, 
Blanken Eisens fest und stahlgehärtet, 
Was wohl Jkönnte solchem Reiter schaden? 
Was ihm schaden, was ihm widerstehen? 
Diesen sind zur Seite die Kosaken, 
Schnell den Feind zu jagen, leicht im Fliehen, 
Das Geschütz durch Lanzen zu beschämen. 

Beide Heere regen, sich im Felde, 
Und das eine rückt dem andern näher« — 



*) Opanken — eine Art Sandalen. 



164 Die Eroberung Ton Warna. 

Halle dich, o Sonn', in dichten Schleier, 
Dass nicht Blut das Antlitz dir beflecke ! 
Wunder wär^ es, übergrosses Wunder, 
Wenn man so zu einer Hochzeit ginge, 
Wie man hier zu eigner Schlachtbank eilet! 
Doch ihr Blut nicht schonen tapfre Helden. — 

Als die Heere jetzt zusammenstossen, 
Fängt der Teufel an, die Gluth zu schüren. 
Ungezählte Mörderflinten knallen, 
Donnernd toben Mörser und Kanonen, 
Dicht wie Hagel fallen die Kartätschen, 
Durch die Lüfte wallen breite Ströme 
Glühend rothen Feuers, gelben Bauches ; 
Und in Flammen wandelt sich der Himmel; 
Ueberschwemmt vom Blute dampft die Erde 
Und verschlingt Verwundete und Todte, 
Wie der Schiffe Wrack die Fluth des Meeres. 
Niemand hört sein Wort, vor Donners Krochen, 
Und kein Auge sieht vor Nebelqualme, 
Bis Gewehr' und Feuerschlünde schweigen. — 
Aber nun erst stürmen Reiterschaaren 
Mit Pallaschen her und scharfen Lanzen; 
Schwerter hört man, krumme Säbel klirren, 
Klingen splittern, Lanzenspitzen brechen. — 
Drei der Stunden währet das Gemetzel, 
Und es droht noch länger fortznwüthen : 
Siehl Da prasseln Kaisers Panzer -Delien 
Fliegend her mit hurtigen Kosaken, 
Und ß& weichen schnell die Türkenheldchen, 
Kehren um die Schultern, flieh n und jagen 
Ohne Weilen durch die weite Ebne. 
Die drei Reichs -Wesir' im Türkenlager 
Und die sechzehn Pascha's sehn sie fliehen, . 
Und da fliehn auch sie, Wesir* und Pascha's, 
Ihnen nach das ganze Heer der Türken. 
Hart verfolgen sie die Moskowiten, 
Nehmen ihnen Fahnen und Kanonen, 
Blei und Pulver und was sonst im Lager, 
Machen drei ssigtau send Mann gefangen, 
Und darunter einen der Wesire, 
Vier der Pascha's auch und vier Standarten. 
War's nicht grössrer Schimpf noch, grössre Schande, ■ 
Sünde war's sogar nach Türkenglauben, — 
Dass die Türken neben Warna flohen, 



Die Eroberung von Warna. 161 

Nicht in Warna einzukehren "wagten, 
Sondern Warna Preis dem Feinde gaben ? 
Aber Preis nicht gibt es Jussuff- Pascha, 
Lebend will der Held es nicht verlassen, 
In die Veste schliesset sich der Falke; 
Er mit dreissigtausend seiner Krieger, 
Dreissigtaueend tüchtigen Arabern. 
Sie vertheidigen die Veste Warna, 
Wehren sich mit tausend Feuerschlünden; 
Wehren sich an dreier Wochen Tage; 
Doch umsonst ist Jussuff- Pascha's Mühen; 
Kann sich länger nicht in Warna halten, 
Hart bedrängt vom Moskowitenfeuer, 
Das aus der Kanonen Menge sprühet 
Und aus Minen, die man angezündet, 
In die Luft zu sprengen halbes Warna. 

Lange harret er auf Hülf aus Stambol, 
Doch wie lang er harret, nichts erharrt er 
Von dem Sultan, seinem Herrn und Herrscher, 
Denn der ist daheim, ja selbst entbehrend, 
Aller Hülf' entbehrend wie sein Stambol. 
Hat er doch ein starkes Heer versendet 
Nach dem Donaustrande gegen Diebitsch; 
Zweites Heer geschickt nach Anatolien, 
Dorthin und nach Klein- und Gross-Armenien, 
Des Paskewitsch Streitern zu begegnen, 
Sich bedrohten Bücken freizuhalten; 
Hatte keines weiter zu versenden. — 

Sieh! Da merkt mit den Arabern Jussuf, 
Dass vom Zar nicht Hülfe kommen werde, 
Hört zu seinem Leid auch, dass schon Diebitsch, 
Diebitsch -Ban den Balkan überschritten, 
Siegreich Mahmud's letzte Macht zerstreuet, 
Und ihn selbst bedroh' in seinem Divan. — 
Und zum Aerger und Verdruss der Türken 
Uebergibt er jetzt das weisse Warna, 
Uebergibt dem Nikolaj die Veste. 

Mit der Veste wird auch er gefangen, — 
Und nach Russland sendet ihn der Kaiser, 
Ihn und mit ihm die arab'schen Streiter 
Und die Feuerschlünd' auf Warna's Mauern. 



166 Die Eroberung von Warna. 

Nun zerstört der Kaiser erst die Yeste, 
Macht sie eben mit der schwanen Erde, 
Dass Ton ihrem Wall kein Schuss mehr falle, 
Enkel später Zeit erfahren mögen, 
Wie der Bess're mit dem Schlechtem schalte, 
Und der stolze Osmanlia wisse, 
Auch der Djanrin Schooss gebäre Zaren, 
Nicht bloss Zaren: — gottbegabte Zaren! 



Leipzig. W. Gerhard. 



Spanische Volkspoesie. 



Die folgenden Verse und Lieder habe ich bei einem etwa 
viermonatlichen Aufenthalte in Malaga gesammelt Ich war dort 
so glücklich, in einem Hause Aufnahme zu finden» in dem ich 
ganz als Familienmitglied angesehen wurde, und wo man in 
der Erinnerung, die gelegentlich Altes und Neues zu Tage för- 
derte, einen wahren Schatz jener tiefempfundenen und oft so 
geistreichen Coplas besass, wie sie allabendlich mit der zitternden 
Gluth andalusischer Herzen zur Guitarre gesungen werden. 
Es ist etwas orientalisch Hinreissendes in diesen einfachen, aber 
das Innerste erregenden Melodien, die oft so sehnsüchtig in 
das immer wiederkehrende ay! ausklingen. Als ich drüben 
in Afrika von Tetuan nach Tanger durch die Berge ritt, er- 
innerte mich der Charakter der kurzen arabischen Strophen, die 
mein maurischer Führer vor sich hin summte, lebhaft an die 
Sangweisen von Andalusien. Besonders in Malaga habe ich 
von spanischer , Volksmusik gesammelt, was ich irgend schrift- 
lich bekommen konnte, — denn gedruckt ist gar wenig, — 
und in Sevilla sowie in Madrid konnte ich bei kürzerem Auf- 
enthalt noch Einiges hinzufügen. Vieles davon hat weniger 
musikalischen Wertn, als dass es in hohem Grade charakte- 
ristisch ist > es zieht sich eine besondere Eigenthümlichkeit, eine 
Mischung von Stolz und Elasticität, von Schwermuth und Grazie, 
von Würde und Feuer durch alle diese Töne und Worte. Die 
wenigen Hauptmelodien werden endlos variirt, und am Ende 
spielt Jeder den Fandango auf eigene Art; mit Noten kann man 
manche der rauschenden Griffe gar nicht verzeichnen. Im Fol- 
genden sind die Verse mit den vier längeren Zeilen zu Fan- 
dango undRondena gehörig; die mit kürzeren, welche, wenn das 



168 Spanische Volkspoesie. 

Estribillo, das einer vollständigen Seguidilla nicht fehlen darf, 
hinzukommt, siebenzeilig sind, die ich aber, in gewisser Hin- 
sicht der Musik entsprechend, gleichfalls vierzeilig auf besondre 
Art abgesetzt habe, gehören zum Bolero. Auch wenn zu diesen 
Weisen getanzt wird, wird doch dabei gesungen; an be- 
stimmter Stelle der Musik tritt die Copla ein, die indess nur 
von Einem oder Einer vorgetragen wird. Auch geschieht es, 
dass der Tanzende selbst spielt und singt. Die Frauen beleben 
das schon so bunte Ganze noch damit, dass sie detr- Tact 
durch Händeklatschen angeben, — wie wir das ähnlich schon 
auf assyrischen Denkmälern abgebildet finden. Verse in unsrer 
Sammlung mit anderm Rhythmus als dem jener beiden 
Hauptarten werden leicht^ kenntlich sein. Mit den Noten, die 
ich theils in Familien, besonders halb ausländischen, theils 
durch Copisten, am Theater und sonst gelegentlich erhielt, be- 
kam ich denn auch manche hübsche Verse, die sich noch auf 
verschiedene "Weise vermehrten. Einiges entnahm ich einer 
kleinen Sammlung, die eine in Malaga einheimische englische 
Dame sich angelegt. Von Balcon zu Balcon erhielt ich von 
meinen vis-ä-vis in der ganz engen Strasse, in der ich wohnte, 
und die nicht mehr trennte, als wäre nur ein Tisch dazwi- 
schen gewesen, manchen anmuthigen Beitrag. Eine Tischler- 
hochzeit gab auch das ihre. Und nicht das Schlechteste wurde 
zuweilen auf der Strasse aufgegriffen. Dies Alles, wie gesagt, 
in« Malaga; nur die Copla, worin Villamartin vorkommt, lernte 
ich von meinem Führer, als wir auf dem Kitt von ßonda nach 
Sevilla jenen Ort liegen sahen, und die Erzählung Pelar la pava 
wurde eben erst in Madrid bekannt, als ich dort war. Alles 
nun, was mir so jedesmal zugefallen war, wurde Abends im 
häuslichen Kreise der sehr unbefangenen weiblichen Kritik vor- 
gelegt, und was vor derselben keine Gunst fand, gestrichen. 
Mit einem: es fea, no tiene gracia, oder: no tiene compostura, no 
esül arreglada wurde manche Copla abgethan. Wenn ich nicht 
selbst gleich das Warum sah, so erhielt ich es freilich auf meine 
Fragen auch kaum, fand es dann aber doch nachher, und be- 
daure nur, meine Kunstrichter nicht mehr bei dieser Veröffent- 
lichung zur Seite zu haben, da die Zettel, auf welche diese 
Verse hingeworfen wurden, sich gegenwärtig nicht grade im 



Spanische Volkspoesie. 169 

Normalzustände befanden. Ich habe nun jetzt das Gesammelte, 
um es nicht in gänzlicher Unordnung hier auszuschütten, in 
gewisse Gruppen zusammengeordnet. Einmal, Nro. 9— 16, habe 
ich eine Art Wechselrede, wie 'sie zwischen den Singenden vor- 
kommt, so gut es eben ging, durchzuführen gesucht. Ausge- 
schieden habe ich dabei noch Alles, was ich schon gedruckt 
fand in der Sammlung solcher Volksreime, die mir auf vieles 
Nachfragen in Spanien als die einzige genannt wurde : Coleccion 
de las mejores coplas de seguidillas tiranas y polos que se 
han compuesto para cantar a la guitarra. Por D. Preciso. T. I. 
am Ende : tercera edicion corregida y aumentada. Madrid 1805 
por la hija de Don Joaquin Ibarra. LXII. und 112 S. T. IL 
im selben Jahr, ebenda, ohne Angabe, dass es eine neue Aus- 
gabe, so dass dieser Band wohl neu hinzugekommen. XL VIII. 
und 263 S. Duodez. Eine kleine Anzahl recht hübscher Coplas 
steht in: El libro de los Cantares, por D. Antonio de Trueba 
7 la Quintana. Madrid 1852, Prats editor. VIH. u. 317 S. 8°. 
Auch hieraus habe ich Nichts aufgenommen. Von dem, was 
ich mittheile, ist mir also Nichts als schon gedruckt bekannt, 
mit Ausnahme weniger Strophen, die als Text zur Musik ge- 
druckt sind; ich habe dieselben an den betreffenden Stellen als 
solche bezeichnet. Nur ein Gedicht aus einer schon veröffent- 
lichten Sammlung habe ich zum Schluss dazugegeben. Uebri- 
gens wünsche ich diesen lebensfrischen Ergüssen nicht viele 
gelehrte Leser, sondern nur ein paar geniessende. 



l. 

£1 amor ciertaraente es de discretos 

y asf quieren y no aman los que son necios. 

Para querer tan solo basta un objeto 

que 6 la vista parezca digno de serlo. 

Que el que quiere no busca en sus afectos 

satisfacer al akna sino es al cuerpo. 

2. 

Que no quiero amores en Inglaterra 

pues otros mejores tengo en mi tterra; 

que es tdempo perdfo 

seguir a Cupio en pais frio. 



3 ) perdio und Cupio Andalusismen für perdido und Cupido. 



170 



Spanische Yolkspoesie. 



3. 



Mas ie quiero a* ti que 6 mf 
y mas que a* mi te venero. 
Considera tu por tf 
lo mucho que yo me quiero. 
Pero mas te quiero a* tf. 

4. 

Tengo yo para darte bien lo sabes tu 

an vaso de veneno y otro de salud; 

segun te portes, 

as{ ire* yo jugando de mis resortes. 

5. 
Te quiero mas que mi vida 
y mas que mi corazon; 
mas que mi alma no te digo 
porque se la debo 6 Dios. 

6. 
Como quieres que una los 
alumbre £ dos aposentos? 
como quieres que yo quiera 
dos corazones £ nn tiempo? 

7. 
San Sebastian de Biscaya 
patron de Villamartin 
todas las penas acaba, 
la mia no tiene fin. 

8. 
Amor nunca te doy mirada 
que son tus rayos tan fieros 
que una vez que te mire" 
me dejaste berido y ciego. 



9. 
Cuando vas por la calle 

sigo tus pasos 



la zambomba li li lo 

sigo tos paa» 
sigo tos pasos 
tus adejantamientos 
tus adelantamientos son mis atras? 
la zambomba li li lo 

son mia atna 

10. 

Puesto que las fatigas dicen quemaac 

almare" mis penas con la gmtam 

mientrasquevbi 

aquel que por quererlo aai me tka 

11. 

Desde que te vi, te ame"; 
perdona si ha sido tarde — 
yo hubiera qaerido 
desde que nacf adorarte. 

12. 
Anocbe fui 6 Capuchinos 
& reearle al Cristo un credo; 
y por decir: creo en Dios padre 
dije: creo en el que quiero. 

18. 
Es tanto lo que te quiero 
serrana que te matara 
y con sangre de mi vena 
luego te resuscitara.^ 

14. 
El padre santo de Borna 
me dijo que no te amara, 
yo le dije: padre nrio, 
aunque me reoondenara. 



s ) Die nachschlagende Zeile wie bei Nro. 16 und 79. 

9 ) sigo — nämlich mit den Augen. Ich habe hier und im Folgendes 
in mehreren Beispielen die musikalischen Wiederholungen mitgegeben nnd 
die Juvivallera's so zu sagen. 

12 ) el que, oder: quien bien. Es ist von der Kirche des eingegangene; 
Capuzinerklosters in Malaga die Rede. 

13 ) Als Serrana wird jedes hübsche Mädchen angesungen. 

") recondenara — und wenn ich mich dadurch zweimal und ganz ia 



Spanische Volkspoesie. 171 

15. 17. 

Dfme tu, lnoero.mio, Pepita del alma mia, 

si me tienet voluntad, Pepita del corazon, 

y veräs como te llevo por una Pepita muero, 

ä la gloria celestiaL Pepita y no de meion. 

1«. 

Yo no sabia querer, *•• 

dueno de mi corazon; La pimienta es chica y piea 

tu hicistemelo aprender, y sazona los guisados, 

y ahora b6 dar leccion. , y tu como eres chiquita 

Graciaa 6 Dioa que \o se\ el corazon me käs traspasado. 



die Verdammni88 stürzte. Bei dieser liebeskühnen Antwort, die dem Papst 
gegeben wird, fielen mir einige toscanische Stornelli ein, die Giuseppe Tigri 
185G in seiner schönen Sammlung mittheilte, canti popolari Toscani, Fi- 
renze, Barbera, pag. 361 — 65 : 

Se il papa mi donasse tutta Roma 

e mi dicesse: lascia andar chi t'ama; 

io gli direi di no, sacra Corona. 
Die spanische Copla ist höher in den Motiven und kühnere es steht die 
Autorität des Stellvertreters Christi und die freie Macht der Liebe sich 
gegenüber. Der Italiener contrastirt nur die Unbestechlichkeit der Liebe 
mit dem päpstlichen Geschenk. Man merkt hierbei Etwas von der römi- 
schen Sentenz: San Paolo vale piu che San Pietro — der Paul ist die 
dort übliche Silbermünze. Einfach schön sind folgende zwei Verse: 
J?ior in sul ramo. 

A Roma ce }*han fatto un papa nuovo, 
ma a me nessun mi trova un altra damo. 

Andiedi a Roma per veder San Pietro, 
. e quando fui nel mezzo al colonnato, 
mi recordai di voi e torna' indietro. 
Es ist von den Säulenhallen um den Petersplatz die Rede. — Wir schliessen 
hier ein paar Verse an, die sich über Mönche und Inquisition moguiren. 
Sie kamen mir gleichfalls in Malaga vor. 

iengo yo un tfo oa Roma fraüe Agustino^ 
que le gustan las mozas como al sobrino 

y es que al tai fraile 
le gusta que le digan dos veces padre. 

Einen Papagei hatte man in Malaga folgenden Vers zu sagen gelehrt: 
Quien llama? un fraile que quiere entrar. 
Que vaya el fraile al convento ä rezar, 
que esas no son horas de visitar. 



172 



Spanische Volkspoesie. 



19. 



La naranja nacid verde 
y el tiempo la madord, 
mi corazon naciö fibre 
y el tuyo lo cantivd. 

20. 
Niöa, si & la huerta vas, 
coje las flores mas bellag, 
aunque, si tu estäs entre ellas, 
a* ti mismo escojera*. 

21.* 
Cuando te pusieron Carmen, 
estaria borraeho el cura, 
debia haberte . puesto 
RamiUete de Hermosura. 

22. 
Eres hermosa en estremo, 
pero tienes una falta, 
que en el campo hay varias flores 
y tu tambien eres varia. 



23. 
Caneion de mi secretaria y yo. 
Ay que en tus ojos me quemo 
como incauta mariposa! 
ay no seas tan hermosa 
y ten de mi compasion! 



Amor mio, no te ofendas 
aunque me declare en vano, 
y no exijas de an Cristiano 
que muera sin confesion. 
Ay que me quemo 
y muero sin confesion! 
ten compasion! 

24. 
Los ojos de mi morena 
son lo mismo que aus males, 
grandes como mis fatigas, 
negros como mis pesares. 

25. 
Esta nocbe sone* yo 
que dos negros me mataban 
y eran tos hermosos ojos 
que enojados me miraban. 

26. 
Tus ojos morena 
meNmatan ä mf 
y sin tus ojos 
no puedo vivir. 

27. 
"Viva la ter morena! 
viva el satero! juy! 
viva la jembra crua 
por quien me muero! 



Und im Tutilimundi (dies Wort gewiss aus dem Italienischen), d. h. dem 
Allerweltsdinge, dem Guckkasten , worin alles Mögliche zu sehen , von Doc 
Luis Maraver, heisst es unter Anderm auch: 

Mirad aquel familiär 
de la Santa Inquisition, 
• como baila con mami 
la Polca y el Rigodon. 
23 ) In dem Musikstück stand secretario geschrieben. Indess da yo der 
Verehrer sein muss, der in den Versen spricht, so muss die andre Person 
doch wohl die Vertraute secretaria sein. 
2 <) Mit Musik gedruckt. 
2a ) mataban, oder: llevaban. 
27 ) Anfang der bekannten Perla de Triana. VgL Nro. 59. juy = hoj. 



Spanische Volkspoesie. 



178 



211a tiene por ojos dos soles, 
!araooles I 

que caliä! 
o he cegio de que los he visto, 
esu Cristo! 
omo hacen pena! 



28. 



Ojos negro* y pardos 
y los que me enamoran 



•29. 



Me miras y te miro, 
y asi nos eataremos 

estandonos mirando 



SO. 



81. 



Ojoa pardos y los negros 
dicen que son los comunea, 
pero a* mi me hau hecho gracia 
unos ojillos azules. 

son los comunea 
son los azules. 

callas y callo 
trescientos aöos 
y de esta suerte 
vendrA la muerte. 



Asömate 6 esa ventana, 
bella dama, y te vere* 
y con la luz de tus ojos 
el cigarro encendere\ 
82. 
Papelcs de alfileres son tue pestanas 

porqoe cuando me miras todo me clavas. 
83. 
Manojitos de alfileres 
me parecen tus pestanas, ' 

cada vez que las abres 
me las hincas en el alma. 
84. 
Tus hemosos dientes me tienen preso; 

l quien ha vieto eadenas hecbas de hueso? 

85. 
No te tapes la cara, 
que el que tapa lo bueno 



que por tu parte 
Quita alU ese panuelo, 
no se burlen sus flecos 

y probaräs quereles 
Si te tapes la cara 
tienes un cuerpecito 



nifia bonita, 
Dios se lo quita. 
Es un dolor 
pierdas el arrebol. 
sol de mi v(a, 
de mi agonfa. 
Quftalo tu 
de un Andaluz. 
porque eres fea, 
que me marea. 



jmbra = hembra. Caracoles ein Ausruf wie caramba. caliä = calidad. 
egäo = cegado. 

3 5) Dies sehr beliebte Liedchen hörte ich stets in eigener Melodie singen. 
>en letzten Vers hörte ich nur einmal und ohne estribillo. — vfa = vida. 
uerelcs = quereres. 



174 



Spanische Volkspoesie. 



36. 



Tu zandanga y un cigarro 
y una cafia. de Jerez, 
mi jamergo y an trabaco, 
qae mas gloria puedo haberl 
Ay manola que jaleol 
no ya tanto zarandeo! 
que me turbo, me mareo 
solo al ver tu guardapies! 
ay que viene, ay que viene, 
que me viene la ronda £ prender! 
ay que viene, ay que viene, 
que me viene la ronda i prender 
ay ay ay ay ay que me viene la ronda 
ä prender. 



37. 
V£nte conmigo serrana 
al jardin de la alegrfa, 
aunque eres morena de cara 
te quiero mas que ä mi vida. 

38. 
Viva lo moreno, 
lo moreno amorenado! 
lo moreno de tu cara 
es lo que me ha gustado. 

39. 
Si me pierdo que me busquen 
hacia el sol de mediodia 
dpnde nacen las morenas 
en donde la sal se cria. 



Ay morena, 

ay morena de mi corazon! 
un beso y me agaania, 
por el amor de Dioe! 

40. 
Todo el hombre qae se muere 
sin tratar ä una morena, 
se va de este mundo al otro 
sin saber lo qae es canela. 

41. 
Serrana, cuando te cases, 
busca & un novio moreno 
que de estos pelirubios 
de ciento sale uno bueno. 

42. 
Tengo yo un chacho moreno 
que me camela con gracia, 
mas salado que mil sales, 
mas dulce que la miel bland 

Ay moreno, ay mi alma! 
ay camelame con gracia! 

43. 
El que camela ä esa rubia 
debe dormir al sereno, 
que no se gana esa rubia 
con las manos en el seno. 

44. 
Piensa mi madre qae estoy 
estudiando en Salamanca 
y estoy queriendo una nifla 
como la nieve de blanca. 



3r ) jamergo = jamelgo, Ross. zandunga, Anmuth. 

30 ) Handschriftlich als la Andaluza Gitana. Etwas abweichend mit U& 
gedruckt als la purificacion de la canela, wobei auch Nro. 40. Canela* 
das Feinste, Ausgesuchteste bei allen Dingen, bes. Waaren. Noch mehr* 
Purificacion d. 1. c, das Allerbeste. 

4S ) Mit Musik gedruckt 

44.45) Als Estribillo zu diesen beiden Estudiantinas, die nach eigner W& 
gehn, diente Nro. 26 oder: 

Estando malita 
no he podido ir 
6 la cita dada 
en San Agustin. 



Spanische Volkspoesie. 



17$ 



•45. 



En la ventana mas alU 
que tiene el correjidor 
hay una paloma blanca, 
quien fuera su pichon! 



46. 
Adios Adios que me voy 
y con esto me deapido. 
Cuidado que no bebas 
de las agaas del. olvido. 
47. 
Estrellitas relumbrantea 
dadme vuestra claridad 

50. 
Mucbos hay que te dicen 
no te digo yo tanto, 
51. 
El querer es cuesta arriba, 
el olvidar cuesta abajo, 
mas yo quiero ir cuesta arriba 
aunque me cueste trabajo. 



para seguirle los pasos 
6 mi araante que se va. 

48. 
Tom* este pufial dorado, 
abre mi pecho con 4\ 
y en la masa de mi sangre 
▼eitis si te quiero bien. 

49. 
Silvia por ti morire' 
y solo quiero de ti 
si pregunlaren por mi 
que digas; yo Iß male*. 

por ti me muero; 
pero te quiero. 
52. 
Si la mar fuera de tinta 
y los cielos de papel 
no pudiera yo escribirte 
mi ünisimo querer. 



Ueber die Studenten heisst es: 



Cuando llega un estudiante 

ä la puerta de una posada, 

lo primero que pregunta: 

si es bonita la criada. 
In Malaga verabscbiedete sich ein Quartett Sevillaner Studenten, die recht 
abgerissen und absonderlich costümirt unter Leitung ihres Gracioso mit 
Tamborin und Guitarre die Strassen durchzogen, um ihre Ferien möglichst 
einträglich zu verwenden — los estudiantes son muy tunantes — von dem 
mir gegenüberliegenden Balcon mit dem Verse: 

Que se van los estudiantes — 

nina hermosa, adios! -— 

para darle tormento 

ä* una cazuela de arroz. 
Der Hunger wird mit den nöthigen Grimassen und Gesten, mit Gesichter« 
schneiden und Leibhalten recht humoristisch dargestellt, um die Schönen 
und die sonstigen Zuhörer zu einem milden Scherflein zu bewegen. Es ist 
sprichwörtlich : hambre estudiantina peor que la canina. Auch Söhne reicher 
Marquis und Grafen abenteuern zum Spass auf diese Weise durch das Land. 
45 ) su pichon, oder: el cazador. 
52 ) Bekannt sind ganz ähnliche deutsche Verse. Vgl. Nr. 70. — An die 



17« Spanische Volkspoesie. 

53. 
Qaiereme oomo qaiere el pan el pobre 

que nunca dice basta aunqae le sobre. 

Yo por mi parte 
por mucho que me quieras nunca be de hartarme. 

° 4 « . tanto aquf como en Sevilla 
La tierra de Maria Santfsima, toos sabemos querer. 

Ni Paris con aus madamas No oye Oste*? Naa me imporU, a 
ni Londres con sus miläis me quiera! 

tienen jembras como Caiz, Yo tengo apufkaos 

como Malaga y Jerez! marquesas y condesas 

Donde con cuatro requiebros que muertas de hambre 

y una copa e Manzanilla. me quieren comer. 



obige Gruppe kann ich ein Beispiel von volksmässiger Variation über 1» 
kannte Reime anschliessen. Auf die schon bei Don Preciso gedruckte copb 
Soy prisionero de amor 
y lo sere* mientras viva, 
que el amante verdadero 
primero muere que olvida. 
fand ich in einem fliegenden Druckblatt folgenden trovo: 
Prevelicd Salomon , , Solo tu dementia espero 

y eso fue su desventura; para salir de cadenas, 

y yo sin ningun temor hermosisimo lucero, 

desde que vi tu hermosura mira si merece pena 

soy prisionero de amor. un amante verdadero. 

Aunque martirios reciba Aventuraron las vidas 

siempre me hallaräs constante los amantes de Teruel; 

como tu estrella me siga y asi entre los dos decian 

he de ser tu fino amante que el que es firme en el querer 

y lo sere" mientras viva. primero muere que olvida. 

Im Kloster von Teruel in Aragonien liegen „der Abälard und die Hei«« 
Spaniens « begraben, Isabel de Segura und Juan Diego Martinez de Marcilli 
Sie starben 1217. Berühmt ist Perez de Montalban's los amantes de Tema 
1616. Einer der bedeutendsten lebenden Dichter Spaniens, Hartzenb^ 
hat diese Geschichte zu einer Tragödie verarbeitet, die auch in die Ochoasd* 
Sammlung aufgenommen ist üebrigens sagt ein Volksreim, den ich gteÄP- 
falls in Malaga hörte: 

los amantes de Teruel 
tonta ella y tonto el. 
Man ist jetzt nicht mehr ganz so idealistisch. 

**) Das Land der allerbeiligsten Maria, so heisst Andalusien bei sein« 
Bewohnern, miläis = myladies. So ist das d ausgelassen in Caiz, toos, M 



Spanische Volkspoesie. 



177 



cen que estan atrasaos 
l siglo los Espaüoles 
►rque a Ronda, Caracoles! 
n. no vamos en vapor. 
)zno si fuera preciao 
i andar en esta tierra 
ro fuego que el qne encierra 
1 Andaluz corazonl 

55. 

El que quiere comprar gracia 
sepa que splo la hay s 
en tres puertos que se llaman 
Malaga Sevilla y Caiz. 



56. 
La Rondefia Malagueöa 
nadie la sabe cantar 
sino una Malaguenilla 
que tenga zandunga y saL 

57. 
Si me estuviera muriendo 
con la carita tapada, 
me cantaran la Rondefia, 
por Dios, que resuscitara. 

58. 
Malaga tiene la fama 
de las muchachas bonitas 
y no es tan fiero el leon 
como la gente lo pinta. 



59. Las mollare8 Sevillanas. 
Llevan las Sevillanas en la mantilla 

un letrero que dice 



Vivan los Sevillanos 
Cuando las Sevillanas 
6 sn gracia y salero 

el barrio de Triana 
To no se* lo qne tienen 
que hasta el agua bendita 



viva Sevilla 1 
Viva Triana! 
y Sevillanas 1 
van ä la calle 
no iguala nadie 
viva Sevilla 1 
y sns chiquillast 
las de mi barrio 
toman con garbo, 
y tiene fama 
en toda Espaüa. 



el barrio de San Roque 
€0. 
De Cadiz al puerto un salto pegue*, 
tan solo para verte la punta del pie. 
Ay que pie, ay que pie! 
azticar me vuelvo mirando tu pie 
que vale mas oro que el mundo de Argel. 



apufiaos, atrasaos. Auch e = de. Manzanilla, der beliebteste Weisswein 
Andalusiens. No oye — diese Zeile wird zwischen dem Gesang gesprochen. 
Oste" = V. pa sa para. Eine Bahn von Malaga nach Ronda wäre eine Art 
Semmering - Unternehmen. Ronda liegt etwa zwölf Stunden guten Rittes 
nordwestlich von Malaga schweizerartig in den Bergen , und ist zu Wagen, 
deren es dort gar nicht gibt, nicht erreichbar. Was die feurigen andalusi- 
schen Herzen besonders in Bewegung setzt zu diesem saubersten spanischen 
Städtchen hin, sind die Sommerkühle und die wegen ihrer regelmässigen 
Schönheit berühmten Rondefias. * 

M ) Melodie des Vito, wie Nro. 90. ••) Argel = Algier. 

Archiv f. u. Sprachen. XXTV. 12 



178 



Spanische Volkspoesie. 



61. 
Atmque la Mancha tenga 
no hay otro mas salado 

Vivan los ojos negros 
Seguidillas Manchegas 
porgue son las que tienen 

y vivan sos cantares 
En cantando una nina 
es preciso que an hombre 

y callen los cantares 
Quiero yo a* un Mancheguito 
que si canto Manchegas 

mira que si me ohidas 



dos mil lugares 
que Manzanares. 
Viva la Mancha! 
de mi muchacha! 
cantar 70 quiero 
sal y salero 
Viva la Mancha! 
con sal y gracia. 
estas Manchegas 
el juicio pierda. 
Viva la Mancha! 
de Italia y Francia! 
tan resalado 
se queda helado. 
Ay, mi Girgorio, 
me dan el oleo. 



Cantando uno la Cana 
sale acorde de entrambos 



y otro el Bolero 
nn duo nuevo 
tan consonante 
que ä todo el mundo agrada su buen contraste. 
63. 

en no viendote en un dia — que ay! 

el pesar me acabaria — que ay! 

cana del Canaveral — que ay! 

venga ä mi Canaveral — que ay! 

mas penas y mas fatigas 

en la carrera de Lima — 

cana dicen en Sanlucar 



Fatigas me dan de maerte 
si pasara una semana, 
Cana dulce, cana tierna, 
el que quiera cana dulce 
Estoy pasando por ti 
que pasan los marineros 
cafla dulce, cana tierna, 



que el que quiere & una morena hasta los de v dos se chupa. 

C4. : 65. 

Dicen que han puesto en la Habana No te fies, nina mia, 
de amor y querer escuela de un hombre que navega; 

y ä un oficial de marina cuando mas derritido parece 

que por maestro han puesto en ella. le hace ä la vela. 



«') Handschriftlich unter der Ueberschrift: Seguidillas Manchegas legi- 
timas que se baila con ellas, nämlich den Bolero. Das Duo von Bolero und 
Cafia besitze ich. Dabei kommt eben Nro. 62 selbst als eine Bolerostropbe 
vor. Die beiden dort gegebenen caüa-coplas folgen Nro» C3. Das callen 
Mos cantares de Italia y Francia ist besonders drastisch durchgeführt in den 
von Yradier (einem Biscayer) componirten und publicirten las ventas de 
Cardenas, der (von Huber zu Anfang seiner. spanischen Skizzen geschilderte!) 
Schenke nördlich an der Sierra morena auf der Strasse von Castilien nach 



Spanische Volkspoesie. 



179 



ML 



AI marinero en la mar 
nunc» Je falta «na pena, 
ya se le rampe el timon, 
ya se le rifa- la vela. 



67. 
Con otra son tas amores, 
conmigo las bromitas, 
si te quieres divertir 
compra an trompo y an« goita. 

G8. 
Eres sin comparacion 
el hombre mas zalamero, 



71. 



Fapelea son papeles, 
las palabras de. loa bombres 
72. 

La vara de san Jose* 

todos los afios florece, 

la palabra de los hombres 

se ha perdido y no parece. 



el mas falso y embnstero 
quo ha criado la naeion. 

69. 
Todos los bombres son fidsos 
zalameros y embasteros! 
AI qae la caiga esta china, 
la ecke en el sombrero. 

70. 
St la mar fluera de tinta 
y el cielo de papel doble 
no se podria escribir 
lo falsos qae son los bombres. 

cartas son cartas, 

todas son falsa*. 
73. 
No te fies de los bombres 
aunque los veas llorar 
qne son como las cerezas 
qae vienen por temporaas, 



Andalusien, wo ein Franzose, ein Italiener und ein Andalusier zusammentreffen 
und einen Sangerkrieg kämpfen, dessen Ende nicht zweifelhaft sein kann. 
M ) Ich will hier ein schönes SchifFerlied lose beigeben. 
. £1 Adios del Marinero, por Gardin. 



Si ä mi lado te vinieras, 
coan dichoso me contara, 
caan feliz me contemplara 
sobre los olas del mar! 
Adios vida de mi vida, 
no te olvides de! marino 
que va en pos de su destino 
para poderte alcanzar. 
Son tos ojos — 



Adios adios hermosa, 

tirana de mi albedrfo, 

el elemento bravio 

voy impavido ä arrostrar. 

Adios vida de mi vida, 

no olvides tu mis dolores, 

voy a cantar tas amores 

arrullado por la mar. 
. Son .tos ojos — boga boga ! 

mas brillantes — no zarpar! 

qae diamantesl — vuela vuela! 

no me olvides ! — ä la mar! 

no me olvides, no me olvidec ! — 

marineros 6 la mar! 

Auch die Musik gibt dies getbeilte Gefühl wieder, das die Worte 
aussprechen, indem der Seemann, während er den Schiffsleuten die Befehle 
zur Abfahrt gibt in die See,, die ihn hin wegruft, immer an seine zurück- 
bleibende und sein Herz .zurückhaltende Geliebte denkt. 

12* 



iftd 



Spanische Volkspoesie. 



74. 
Los hombres son arcos nuevos 
que echandoles la llave 
por fuera son muy bonitos 
, y por dentro — I>k>s lo sabe. 



Nö fies en pakbras 
Barrabas se los lleve 



7G. 



el que paede dar perro 

77. 
Maldftos sean los hombres, 
el demonio se los Heye! 
en sacando yo 4 mi padre 
y al serrano que me qniere. 

78. 
El demonio son los hombres, 
dicen todas las mujeres; 
y luego'estän queriendo 
que el demonio se las lleve. 

79. 
ün amor tenia yo 
que en otro tiempo me decia 
que si lo olvidara yo 
de pena se moriria. 
Lo olvide* y no se muriö*. 



75. 
Las culebraa enroscadas 
entre las piedras perecen, 
la mujer quo fia en hombres 
la misma pena merece. 



que dan los hombres, 
ä* los mejores! 
porque en sus tratos 
jamas da gato. 

80. 
Si mis obsequios te enfadan 
no tienes mas que explicarte 
y verfis eomo me voy 
con Ja müsica ä otra parte. 

81. 
Nifia de los veinte novios 
y conmigo veinte y ubo, 
si todos son como yo 
no tienes ninguno. 

82. 
La palabra que me diste 
me la ech^ en la faltriquera, 
y como pesava tanto 
la deje* que se cayera. 



83. 
A los hombres del dia 
ay ay de mil 

darles tormento 
ea ea balla dejame! 
pues si asi no se tratan 

cierto ya se ve! no no no no no no no me persigaV! 
pues si asi no se tratan . . 



ay ay de mf! 



sus embustes tramoyas 



bueno irä el cuento; 
y que asi paquen 
y falsedades. 



84. 



A los hombres del dia 
y en ese poco 



quererios poco 
volverlos locos. 



Spanische Volkspoesie. 

Si yo no hubiera sido 

ay hole y bolal 

tan fino en amar 
tan fino en amar, 
no tuvieran mis ojos tanto que llorar 

ay si si! 
no tuvieran mis ojos 

si hole y hola! 

tanto que llorar! 
Mal haya el alma 
que no cumple su gasto y 6 nadie aguarda! 

86. 
Despues de sufrir tanto contra mi genio, 
le hecbastes agua al vaso que estava Ueno, 

y ha xebosado 
y asi, amiguito mio, esto ha aoabado. 



181 



87. 

Yo me enamore* del aire, 
del aire de una mujer 
y como la mujer es aire, 
en el aire me quede*. 



90. 



88. 
Me enamore* de nocbe 
y la luna nie enganö, 
otra vez que me enamore 
ser£ de dia y con sol. 

89. 
Tu desprecias los pingajos 
y te vas ä los galones; 
un remiendo bien pegado 
se lleva las atenciones. 



Las mozitas son de oro, 
las casadas son de plata, 
las viudas son de cobre 
y las viejas de bojalata. 

91. 
Una vez que le dye 
vieja ä mi avuela, 
alzd la muletilla 
y me diö con ella. 

92. 
Salero por tu salero, 
lechugas pa la ensalä, 
ä mi me gustan los hombres 
que tengan formaliä. 



Enamörate nina 
porque los mayorazgos 

que todo mayprazgo 



de los segundos 
son zangandungos 
y es verdadero 
es majaderp. 



* 7 ) Auch dfese Copla, in der das Herz durch ein sinniges Wortspiel sieh 
zu trösten und sein Gleichgewicht wiederzugewinnen sucht, soll mit Musik 
gedruckt «ein, 

">) Zu Musik gedruckt mit ein paar weniger guten Abweichungen. 



182 



Spanische Volkspoesie. 

94. Pelar la pava. 
Hablando. En una noche de San Jose* 
all& en Sevilla, ya verä Oste*, 
an mozalbete con gran pasion 
asf entonava esa cancion. 
EL Elena mia, mi dnlce amor, 
aqui te aguarda tu trövador! 
Astro divino, mi cjaro sol, 
sal y no tardes, por compasion! 
Ella. Es mi Ricardo, ella es su yoz! 
como me late el corazon! 
ay que tormento, ay quo dolor 
de ser ingrata ä tanto amor!' 
Madre. El galancito se siente ya, 

eso me inquieta por la verdadl 
* Si ella se innere, yo lo vere* 
y & buen recaudo yo la po/idreM 
El. Si tu no sales ä ese balcon, 
aqui me mueio sin confcsion! 
A puöaladas me matare* 
que no existiendo no sufrireM 
Ella. Ay pobrecito! se va £ matar; 
una desgracia Voy ä estorbar 
si la mamita nos siente bablar, 
ay que jaleo se va ä* p^mar! 



94 ) Obiges Lied habe ich jetzt aus der Erinnerung aufgeschrieben rarf 
hier und da wird wohl ein Wort vertauscht sein. Die Composition, in Bänkel- 
sängerart, von einer Stimme vorzutragen, die einige Verse auch zu sprechen 
hat, ist die neueste des tüchtigsten spanischen Volkscomponisten der Gegen- 
wart, Yradier, und noch nicht veröffentlicht. Jch hörte es in Madrid ineine: 
Tertulia von seiner Tochter, die er begleitete, mit allem spanischen Feuer 
und Ausdruck singen, und erhielt Text und Musik abschriftlich; sie sind 
aber gegenwärtig nicht zu meiner Verfügung. 

Ueber den Ausdruck pelar la pava, eigentlich: die Truthenne rupfen. 
womit man tagtäglich die allabendlichen Liebesgespräche bezeichnet, bei 
denen die novia auf dem Balcon oder drinnen hinter dem Fenstergitter steR 
der novio draussen, habe ich oft vergeblich um eine Erklärung gefragt. 
Einmal nur wurde mir gesagt und. zwar von einer hispanisirten Russin - 
die Nationalspanier wissen wenig zu erklären von ihren cosas de Espana - 
die Redensart möge wohl daher kommen , dass man die Vögel nach der 
Strasse hinaus rupfe, so dass die Federn umherfliegen wie die leichten 
und reichlichen Worte der Liebenden. Das wären .also dann etwa Homers 
geflügelte Worte. Aber dann fragt man doch noch: Warum grade eine 
Truthenne? Der Spanier grübelt niemals in dieser unfruchtbaren Weise ülff 
das pelamiento de la pava; la pela, y basta. 



Spanische Volkapoesie. ' 

Hablando. Por fin la nifia tiene valor 
para consuelo del trovador, 
muy aturdita, Bin reflexion, 
medio desnuda sale al balcon. 
£1. Mi dulce encanto! mi querubinl 
Esa agonia va ä teuer fin: 
mafiana mismo te pedire*, 
tu seras mia, tuyo sere*. 
Ella. Äy mi Ricardo, ay que plaoer! 
Pues, como taya ya voy 6 ser, 
Adios mi vida, no hay que abusar, 
porque la madre podrä escuchar. 
Madre. Manana mismo te encerrare" 

y estar mas cuerda te enseöare^ 
si un novio dice que se va ä matar, 
aus intenciones son de engailar. 

Hablando. Por la mafiana sin vacilar 

sale ä informarse ä la ciudad 
si el galancito que va rondear 
es un sujeto de calidad. 
Mas por desgracia llega £ entender 
que aquel amante es un gachd, 
muy entendido & engafiar, 
medio gitano y sin hogar. 



1S3 



05. 
Envidio tu fortuna 
reld divino 
que vives en el seno 
mas peregrino: 
% Dias ufanos 
los que pasas saliendo 
de auf & sus manos. 

Oh! tu que escuchas cerca 
siempre cumplidos 
del corazon que ajita 
dulces latidos, 

Observa y mira, 
y dfme por quien late, 
por quien suspira. 

Tu que continuo oyes 
su blando acento, 



Elrelö*. 

dfme de quien se ocupa 
su pensamiento, 

dime si suefia 
con algunos amores 
tu linda duefia. 

Dirne ei, cuando mira 
tu blanca esfera, 
es por saber si tarda 
alguien que espera: 

Quien se tornara 
reld, porque un instante 
ay! me mirara! 

Si esto fuera posible 
segun lo fundo, 
yo no mo atrasaria 
ni aun un segundo; 



w) Dies zierliche Gedicht im Bolero -Maasse ist von Ramon Franquelo, 
aus einer Gedichtsammlung, Cadiz 185G. 



184 



Spanische Volkspoesie, 



Y aunque harto impfa 
jamas me diese cuerda 
siempre andaria. 

Acerca de tu precio 
dice la gente 
8*i vales veinte y cineo 
si vales veinte. 

Dichos fatales I 
que no saben siquiera 
lo que tu vales. 

Solo por ser objeto 
de quien tu eres, 



vales todo un tesoro 
sin que exajeres: 

No, no te vendas v 
que no irds 6 otro daeno 
de tales prendas. 

Si en tu lugar me hallara, 
si reltf fuera, 
siendo yo de una ninfa 
tan hechicera, 

Ay! que* alegria! 
por nada en este mundo 
me cambiaria. 



De que sirve a* los Usias 
camelar ä lo seöor 
si carecen de zandunga 
6 la mejor ocasion? 
Asi a* lo majita 
quiero siempre andar, 
que es el manejito 
que derramar sal — 
y decirle (Alza Pilili) 
hagase Usted para allä. 



96. Alza pilili. 

Un seöor currutaguito 
me quiere ä mf camelar 
yo le digo sala fuera 
que aquf no te has de colar. 
Todo es dar brinquitos 
y el pelo peinar, 
refruncir la boca, 
los pies arrastrar — 
y decirle (Alza Pilili) 
bagase Usted para all*. 



Un relampago me camela 
con mucha gracia y con sal 
y yo toda me embeleso 
en oy£ndole cantar. 
Yo le hago las palmas 
y empieza & bailar 
bolero y fandango 
muy particular — 
y decirle (Alza Pilili) 
bagase Usted para allä. 



w ) Nachträglich dies Lied (ich habe es für Gesang und Guitarre), <& 
ich nebst vielem Andern zurückgelegt hatte , bis ich bemerkte , dass Hui er 
es in seinen Skizzen aus Spanien I, 301 f. in vielfach abweichender Form 
mittheilt. So mag es als Beleg, wie frei man selche Lieder variirt, hier 
Platz finden. Huber's dritter Vers fehlt in dieser Recension. Das einge- 
klammerte Alza Pilili wird zwischen dem Singen gesprochen. 



E. Boehmer. 



Beurtheihmgen und kurze Anzeigen. 



Vermischte Aufsätze zur Literaturgeschichte und Aesthetik. 
Von Dr. A. Koberatein, Professor in Pforte. Leipzig. 1858. 

Ungeachtet mehrere dieser Aufsätze schon einige Male in Programmen 
oder als Gelegenheitsschriften im Druck erschienen sind, hat der als Literar- 
historiker seit mehreren- Decennien in ganz Deutschland mit Achtung ge- 
nannte Verfasser Vielen mit dieser Sammlung Freude und Genuas bereitet. 
. Man kann diese Aufsätze, die der Verfasser, ich weiss nicht, aus welchem „ 
Grunde, vermischte nennt, in gewissem Sinne als Muster und Probeauf* 
sätze ansehen, die sich von literarhistorischen Arbeiten ähnlicher Art wesent- 
lich unterscheiden. Dass einem Manne wie Koberstein alle Jahrhunderte 
der Literatur Stoff liefern müssen, wird Jeder begreiflich finden, der die 
Gelehrsamkeit des Verfassers kennt und zu würdigen weiss. Es darf daher 
nicht Wunder nehmen, dass er in dem einen der Aufsätze in die älteste 
Zeit hinaufsteigt und das Hildebrandslied und die Merseburger Zauberformeln 
bespricht, während er in andern über Stoffe des spätem Mittelalters, z. B. 
über die Darstellung des Naturgefühls und über Hans Sachs handelt, in 
andern endlich wichtige und interessante Punkte aus der neueren Zeit berührt. 
Diese letzten Aufsätze sind vorzugsweise Goethe und Shakspeare gewidmet und 
vielleicht die besten der ganzen Sammlung. Dieselbe Universalität läset sich 
auch wahrnehmen, wenn man die Aufsätze nach den Kategorien der Poesie 
näher in's Auge fasst. Sie gehören theils der epischen, theils der lyrischen, 
theils der dramatischen Poesie' an; sie sind theitweise der Naturpoesie, zum 
grössten Theil der Kunstpoesie gewidmet. In allen ist anzuerkennen die 
Virtuosität der Darstellung, der Keichthum der Thatsachen und die Be- 
sonnenheit des Urtheils. Während überall die speciellste Gelehrsamkeit sich 
geltend macht, erscheint der Verfasser durchaus einfach und natürlich und 
bewegt sich frei inmitten des gelehrtesten, Apparates. Und wenn auch hier 
und da, wie das bei historischen Dingen nicht anders ist, Nachträge und 
Zusätze zulässig sein sollten — der Verfasser hat selbst schon Einiges bei 
diesem neuesten Abdrucke nachgetragen — so ist doch jeder Aufsatz ein 
vollständiges Ganzes zu nennen und gleich sehr geeignet, Kenntnisse und 
ästhetisches Urtheil zu fördern. 

Nach dem vom Verfasser selbst den Aufsätzen beigefügten Inhaltsver- 
zeichnisse handeln dieselben: 

1) Ueber das gemüthliche Naturgefühl der Deutschen und dessen Be- 
handlung im Liebesüede mit besonderer Beziehung auf Goethe. 

2) Ueber die in Sage und Dichtung gangbare Vorstellung von dem 
Fortleben abgeschiedener menschlicher Seelen in der Pflanzenwelt. 

3) Zu und über Goethe's Gedicht Hans Sachsens poetische Sendung. 

4) Ueber das neudeutsche Gelegenheitsgedicht, mit besonderer Beziehung 
auf Goethe's Elegie „Euphrosyne.* 



186 Beurtheilungen and kurze Anzeigen. 

5) Inwiefern darf Goethe's Iphigenie als ein sowohl dem Geist und der 

ftDzen inneren Behandlang als der äussern Form nach durchaus deutsche! 
unstwerk angesehen werden. 

6) Shakspeare's allmäliges Bekanntwerden in Deutschland und Urtheü* 
über ihn bis zum Jahre 1773. 

7) Ueber das Verhältnis Thüringens nnd Hessens zur deutschen Lite- 
ratur and über einige Ueberbleibsel der ältesten uns bekannten vaterlän- 
dischen Poesie, die zu diesen Gegenden in einem sehr nahen Bezüge stehe* 

8) Andeutungen über den besonders erfolgreichen Antheil Preussens u 
der Neugestaltung der deutschen Literatur seit dem Ausgange des sieb- 
zehnten Jahrhunderts. 

Berlin. Dr. Sachse. 



Die Fremdherrschaft. Mittheilungen aus der Geschichte des 
ehemaligen Königreichs Westphalen. Vorgelesen am 13. Fe- 
bruar 1858 im Verein für wissenschaftliche Vorträge zu 
Berlin von Dr. Heinrich Prahle. Leipzig. 1858. 

Herr Pröhle, dessen dichterisches Talent uns so oft schon heitere oad 
ernste Bilder aus dem sagenhaften Schatze früherer Tage, besonders am 
der Mährchenwelt des Harzes, vorgeführt hat, erfreut uns in diesem Vor 
trage mit einem Bild aus den Tagen des ehemaligen Königreichs West- 
phalen. Seine Farben sind frisch nnd lebendig. Natürlich, denn ihm spru- 
delte aus der reichen Quelle mündlicher Ueberlieferung eine Menge da 
speciellsten und bezeichnendsten Züge jener vielbewegten Zeit, und die 
Wärme des wahrheitsbegeisterten Historikers wird, wie sich von dem wür- 
digen Biographen Jahn's und Gleim's erwarten läast, durch die Gluth de? 
Patriotismus gesteigert. Daher ist auch das Ganze in einem ernsten, teil- 
weise düstern Tone gehalten, und die Wehmuth, die uns bei den trüben 
Bildern der schweren Zeit oft schmerzlich ergreift, wird nicht selten von 
dem Gefühle gerechter Erregtheit und bittern Zornes über Noth and 
Schlechtigkeit der Zeit und der Menschen verdrängt. Selbst der heiterer 
gehaltene Schluss der letzten Seiten, welche der Wiederherstellung der alten 
Ordnung in Sitte und Becht gewidmet sind, lässt sich nicht ohne Beimischung 
Ton Gedanken der ernstesten Art lesen. Eine Menge einzelner pikanter 
Anekdoten, die dem Erzähler aus mündlichen und gedruckten Quellen zu- 
flössen, gewähren mannigfach mehr Unterhaltung als Belehrung. Bemerken 
will ich noch, dass der Verfasser sich fast ausschliesslich auf dem Gebiete 
diesseits der Weser bewegt Auch auf dem jenseits derselben liegenden 
Theile des geschwind zusammengefügten Königreichs würde sich eine nicht 
minder ergiebige „Lese" anstellen lassen. Vielleicht ist dem Verfasser jetzt 
durch seinen Aufenthalt in dem Ruhr- und Rheinlande die beste Gelegenheit 
geboten, sein schönes Sammeltalent auch dort geltend zu machen. 



Märchen für die Jugend. Herausgegeben von H. PrÖhle. Mit 
einer Abhandlung für Lehrer und Erzieher. Halle. 1854. 

Die Märchensammlungen Pröhle's erfreuen sich Verdientermassen eines 
guten Rufes» Sie sind der Mehrzahl nach mit feinem Gehör dem Volke 
abgelauscht oder schon vorhandenen Erzählungen mit Geschick nachgebildet 



Benrtheilungen und kurze Anzeigen. 187 

In der Vorrede sacht der Verfasser dem Märchen die ihm gebührende 
Stellung gegen Anfeindungen zu sichern. Mit Recht macht er das Bedürf«. 
nis8 der Jagend gehend, mit Recht weist er auf den nationalen Gehalt der 
guten detitschen Märchen hin im Gegensatz gegen die orientalischen und 
überhaupt ausländischen. 

Er hat in dieser Sammlung von 64 Märchen auf den Wunsch von 
Eltern und Erziehern vorzugsweise die Jugend bedacht, während seine 
übrigen Sammlungen den höhern Zweck haben, den gesamroten Sagen- und 
Märchenschats des deutschen Volkes zu bereichern. Es sind daher hier 
nur solche Märchen aufgenommen, die sich dem Inhalt nach vorzugsweise 
für Kinder eignen. Auch bei der Darstellung ist möglichst dieselbe Rück- 
sicht beobachtet Ein Anhang verbreitet sich über den ethischen Gehalt 
der Märchen und gibt literarhistorische und mythologische Anmerkungen. 
Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, dass,' wie in der ganzen Sammlung 
der Jugend ein liebes Geschenk geboten wird, der Erwachsene in dem An- 
bange eine Quelle mannigfaltiger Unterhaltung und Belehrung finde. 

Es verdient demnach dies Büchlein die weiteste Verbreitung, zu der ich 
durch diese kurze Empfehlung gern beitragen möchte. 

Berlin. Dr. Sachse. 



Ulfila, oder die uns erhaltenen Denkmäler der satirischen 
Sprache. Text, Grammatik und Wörterbuch. Bearbeitet 
und herausgegeben von F. L. Stamm. Paderborn Schö- 
ningh. 1858. 8. 

Die neue Ausgabe des Ulfila, welche der Massmann'schen so schnell 
gefolgt ist, verdient mit Freude begrüsst zu werden. Denn einmal ist sie 
ein Zeichen, dass der Eifer im Studium der ältesten Denkmäler unsrer 
Sprache keineswegs erkaltet; dann war für das Gothische eine Aufgabe 
vorhanden, deren Lösung zwar schon versucht, aber unsrer Ansicht nach 
bisher noch nicht mit dem rechten Glücke gefunden war; grade diese aber 
bat der Verfasser des vorliegenden Buches sich gestellt und wir dürfen seine 
Arbeit von vornherein als eine gelungene bezeichnen. 

Seitdem J. Grimm in seiner Grammatik den Grund zu historischer Er- 
kenn trass des germanischen Sprachstamms gelegt und das Gothische dabei 
als die Quelle aufgezeigt und geöffnet hatte, auf welche bei allen For- 
schungen zurückzugehen sei, hat es in den gelehrten Kreisen nie an Männern 
gefehlt, die mit grosser Liebe, unermüdlicher Ausdauer, mit Scharfsinn und 
Glück den Ulfila zum Gegenstände ihrer Beschäftigung gemacht haben. 
Lobe und Gabelentz fassten in ihrer vortrefflichen Ausgabe Alles zusammen, 
die Entdeckungen und Arbeiten von Mai, Castiglione, Massmann, Waitz 
gewissenhaft benutzend, und brachten es zu einem gewissen Abschlüsse. 
Ihnen folgte E. Schulze mit seinen fleissig gearbeiteten Glossen und L. Diefen- 
bach^ mit seinem überaus reichen vergleichenden Wörterbuche. Daneben 
entwickelte sich in Recensionen und kleinern Schriften ein reger Eifer für 
die Kritik des Einzelnen, ein oft fruchtbarer Streit um Lesarten, Bedeu- 
tungen und Abstammungen der Wörter. Es kam nun darauf an, die ge- 
wonnenen Resultate in immer weiteren Kreisen zu verwerthen, und auch in 
dieser Beziehung ist noch in den letzten Jahren von Seiten der Sprach- 
forscher sowohl als der Theologen Manches gefördert worden. Insbesondere 
ist hier auf das treffliche Buch von Kraul hinzuweisen: „Die Anfänge der 
christlichen Kirche bei den germanischen Völkern," Berlin 1854, in dessen 
erster Abtheilung Leben, Lehre and Werke des Ulfila auf eine anziehende 



188 Beurtheilungen und kurze Anzeigen» 

und für den Theologen erschöpfende Weise besprochen werden. Je tneiu 
aber die historische Behandlung für die einzelnen neuem Sprachen Aner- 
kennung und Anwendung fand, je weniger sich der gewissenhatte und wissen- 
schaftliche Lehrer des Deutschen nnd Englischen zumal der Forderung ent- 
ziehen konnte, auf die älteren Dialekte zurückzugehen und eine möglichst 
genaue Kenntnis« des Mittel- und Althochdeutschen, des Alt- und Angel- 
sächsischen sich anzueignen, je unwiderstehlicher er dann von da noch weuer 
zurück zum Gothischen getrieben wurde, desto entschiedener trat das Be- 
dürfniss hervor, die entlegenste Quelle leicht zugänglich, recht Vielen die 
Gelegenheit geboten zu sehen, selbst aus derselben zu 'schöpfen. Die vor- 
handenen Hiüfsmittel aber, ob an sich noch so vortrefflich und ausreichend, 
waren zu umfangreich und — kostspielig für Diejenigen, die nicht grade 
Sprachforschung überhaupt oder germanische Studien zu ihrer Lebensauf- 
gabe machen konnten und wollten. Dies erkannte vor zehn Jahren schon 
Gangengigl ganz richtig, und seine gedrängte, billige Ausgabe des Ulfila 
hätte dem Bedürfniss abhelfen können. Allein seine Arbeit leidet selbst in 
den spätem Auflagen an zu .vielen Mängeln, vor allem .an dem, das» er, wie 
es scheint, zuweilen wider Wissen und Willen, den Ansprüchen der gelehr- 
testen Forschung und den Erwartungen des Anfängers zugleich geniigen 
möchte, seiner Subjectivität einen übermässigen Spielraum lässt und die am 
meisten wünscbenswerthe Kürze und Genauigkeit nicht hat erreichen können. 
Doch eine genauere Kritik des Werks würde hier zu weit führen und auch 
verspätet scheinen können. Immerhin sind wir überzeugt, dass grade die 
Ausgabe des Ulfila von Gangengigl, weil sie die erste Gelegenheit erleich- 
terte, Manchen zum Studium des Gothischen hingeführt und dadurch trotz 
ihrer Unvollkommenheit Dank verdient hat. Nachdem erschienen weiter 
zwei kleinere Werke, die Auswahl aus Ulfila« von Halm und die Vorschule 
zu Ulfila von Stamm, welche dem ersten Bedürfniss wohl -genügen, nur 
natürlich für genaueres Studium nicht zureichen «konnten. So blieb denn 
immer noch eine bequeme, wohlfeile, doch vollständige und genaue Hand- 
ausgabe zu wünschen, wie sie uns der Verfasser jener Vorschule jetzt ge- 
liefert bat „Dieselbe soll," laut der Vorrede, „namentlich für höhere 
Schulen und für Studirende brauchbar sein, weil sich in compendiöser Form 
Alles darin zusammenfindet, was zur ersten Vorbereitung und Uebung er- 
wünscht sein kann, ohne den Lehrer irgendwie zu beengen ; weiter aber soll 
sie auch allen Denen einen Dienst erweisen, die eine tiefere Kenntniss ihm 
Muttersprache anstreben oder an den Tönen der Vorzeit unsrer Sprache 
«ich erfreuen möchten, ohne grade gelehrte Studien damit verbinden m 
wollen, und so auch ohne Lehrer ihnen in dieser Arbeit einen leicht ver- 
ständlichen und zureichenden Führer anbieten.* Inzwischen war nun aller- 
dings die Ausgabe von Massmann erschienen;, aber wir können uns nur 
freuen, dass Herr Stamm sich dadurch nicht hat abhalten lassen, seine 
Arbeit zu veröffentlichen und stimmen ihm ganz bei, wenn er in Bezug dar- 
auf sagt, dass er „seine Aufgabe doch anders aufgefasst und namentlich auch 
weitere Kreise berücksichtigt habe." Für diese ist Massmann in einigen 
Theilen, wie besonders der Einleitung, zu ausführlich und gelehrt, in andern, 
wie der Grammatik, zu dürftig und gradezu unvollständig, dazu in Folge 
vieler nicht angezeigter Druckfehler wenig zuverlässig. Doch gehen wir zu 
einer genauem Betrachtung des vorliegenden Buches über, um seinen Inhalt 
kurz anzugeben, das Verfahren des Herausgebers zu charakterisiren und 
einzelne Bedenken auszusprechen oder auf versehen hinzuweisen, die w 
aufgestossen sind. 

Nachdem der Verfasser sich in der Vorrede über seine Aufgabe, ins- 
besondere auch über die Stellung seines Buches zu dem Massmann'schefl i 
kurz ausgesprochen, gibt er in einer Einleitung Seite XI — XVI das Nötbigste 
über die Sprache und das Volk der Gotben, über das Leben des Ulfila und 
über die uns jetzt zugänglichen gothischen. Ueberreste. Die gedrängte lieber» i 



Beurtheilungen and kurze Anzeigen. 189 

sieht ist dem Zwecke ganz entsprechend and reicht für diese Handausgabe 
um so mehr aas, als der Wissbegierige sich leicht in Literaturgeschichten 
and andern Werken weiter über die hier .berührten Gegenstände unterrichten 
kann. Aufgefallen ist es ans. dass der Verfasser den cod. argent., „viel- 
leicht durch Vermittlung KarPs des Grossen, der in Spanien die Gothen 
bekämpfte," nach Werden an der Ruhr gelangen lasst, sowie dass er Nichts 
davon erwähnt, dass seit dem vorigen Jahre die zuletzt vermissten Blätter 
der Handschrift wieder aufgefunden sein sollen. Während er Seite XIV 
sagt: „Von 330 Blättern, aus denen ursprünglich die Handschrift bestand, 
sind jetzt nur noch 177 übrig," finden wir in einem wissenschaftlichen Blatte 
folgende Notiz (wir fahren die Protestantische Kirchenzeitung für das evan- 
gelische Deutschland, 1867, Nr. 6, Seite 13 b, an, die uns grade zur Hand 
ist) : „In Upsala sind die im Jahre 1834 zuerst vermissten zehn Blätter des 
Codex argenteus von Urolas wieder zum Vorschein gekommen. Der Adjunct 
der Universität, Mag. Upström, hat sie von einem Sterbenden unbeschädigt 
zurückerhalten und gedenkt sie nächsten Sommer mit einem Umdruck seiner 
Edition des Codex herauszugeben. Es sind nun wieder 187 Blätter vor- 
handen und fehlen nur noch die 143, die schon fehlten, als 1648 der Codex 
zuerst in schwedischen Besitz kam." Es folgt auf die Einleitung der gothische 
Text: Neuer Bund, alter Bund Skeireins, gotbischer Kalender, neapolita- 
nische und aretinische Urkunde Seite l bis 271, dazu die Lesarten bis Seite 
287. Bei Aufstellung des Textes ist Gabelentz-Löbe zu Grunde gelegt, 
Massmann und Upström gewissenhaft und besonnen benutzt, in den Lesarten 
jeder Unterschied der genannten Ausgaben, sowie die von Massmann durch 
Einklammern ausgedrückte Texteskritik angegeben. Niemand wird in dieser 
Handausgabe das Fehlen des griechischen Textes, der lateinischen oder 
deutschen Uebersetzung missbilligen ; besondere Anerkennung scheint es uns 
zu verdienen, dass der Herausgeber sich aller eigenen kritischen Bemerkungen 
und Conjecturen enthalten hat, weil er sie nicht am Orte hielt. Wir finden 
desshsib auch keine Veranlassung, am allerwenigsten in diesen Blättern, über 
die Aufnahme dieser oder jener Lesart mit ihm zu rechten, müssen dagegen 
ausdrücklich die Correctheit des Textes, die wir bei bisheriger Benutzung 
des Buches gebunden haben, rühmend erwähnen; einige unbedeutende und 
beim ersten Blicke erkenntliche Druckfehler sind am Schlüsse berichtigt. 

. Die Grammatik, aus der Vorschule des Verfassers als zweite verbesserte 
Auflage dem Buche einverleibt, enthält nicht nur, wie bei Massmann, die 
Flexionslehre, sondern auch Andeutungen aus der Wortbildüngslehre und 
die Hauptsätze der Syntax. Wenn wir auch in dem letzten Theile gern 
mehr z. B. über den zusammengesetzten Satz gefunden hätten, so ist sie doch 
im Ganzen vollständig, kurz und bündig geschrieben, durch eine genügende 
Anzahl von Beweisstellen erläutert. Doch erlauben wir uns folgende Aus- 
stellungen zu machen: 

* §. 1 ist die Bemerkung über Aussprache, Abwertung, Assimilation und 
Ausfall des h nicht recht klar gefasst und durch Aenderunc des Ausdrucks 
leicht zu verbessern. Was über die Wiedergabe der gothischen Laute durch 
das lateinische Alphabet gesagt ist, billigen wir; nur schiene die Beigabe 
einer Schrifttafel wie in den Werken von Massmann oder Kraft wünschens* 
werth, damit sich auch der Anfänger an die gothischen Zeichen von vorn 
herein gewöhnen könne. 

§. 16, 8 ist die Kegel über Bildung des Accusativ pluralis nicht richtig, 
insofern nur die Femina in der a-Form s an den verlängerten Stammvocal 
hängen, alle übrigen Feminina und Masculina ns an die Grundform fügen. 
Stamm: »Der Aec. plur. hängt bei der Grundform auf — a ein s* an den ver- 
längerten Grundvocal (— ob), bei den Grundformen auf -^i und — u aber ns 
an den einfachen Grundvocal ( — ins, — uns). Im Neutrum ist der Acc. dem 
Nom> gleich." 

§. 44, a: „Unter Ablaut versteht man die regelmässige, von keiner 



190 Beurtheilungen und kurze Anzeigen. 

sassern Ursache bedingte Abstufung oder Wandlung des Vocals der Stamm- 
oder Wurzelsylbe in einen andern Laut — den Ablaut" Hier klingt da 
letzte Zusatz für eine Erklärung des Ablauts auffallend — der Ablaut k 
die Wandlung des Vocals in den Ablaut — ; wenn es auch ganz richtig k 
. was wohl angedeutet werden sollte, dass nämlich sowohl die Wandlung, <k 
Vorgang als der verwandelte Vocal dann selbst mit dem Namen „Abhor 
bezeichnet wird. 

> §. 46, 7: „Der Infinitiv hat allezeit den Stammvocal den Plurals in 
Praesens. " Diese Regel für den germanischen Sprachstamm überhaupt oder 
für das Althochdeutsche, Altsächsisehe ganz richtig, lautet doch hier, wo es 
sich nur um das Gothische handelt, besser: »den ätammvocal des Präsens,; 
weil das Gothische keimen Unterschied des Stammvocals im Singular m 
Plural des Präsens zeigt. 

§. 52, IV ist der Dual und Plural kn Präteritum von viljan falschlici 
gleich den entsprechenden Formen dqs Präsens vileiva, vileits, viieima u. s. *. , 
angegeben statt vildedu, vildeduts, vildevum, vildedufr, vildeduw. 

§. 70, 2 ist in der zuletzt angeführten Stelle statt Eph. 2, 17 zu Im 
Eph. 2, 18. 

§.75, Anmerkung passt die letze Stelle Luc. 7, 4 nicht als Beleg, weil 
in derselben pammei nicht wie Mc. 16, 4, Joh. 6, 5 durch das Verbiun de* 
Hauptsatzes statt fratei hervorgerufen, sondern von fragibis abhängig ist, gm 
wie im griechischen Texte Stent : a£*6s iavtp tp na^i^fi tovto, und wie es 
lateinisch heissen würde: dignus est cui praestes. 

§. 86, 2, Anmerkung: „Der eigentliche absolute Casus ist hier zwar der 
Dativ, doch kommen auch andere Casus, jedoch nur ausnahmsweise und 
äusserst selten vor, z. B. der Nom. Mc. 6, 21, der Genit IG, 1, der Accus. 
Mt. 6, 3, der Dativ Mc 6, 22. « Die letzte Stelle gehört offenbar, wenn man 
darin den Dativ dauhtr mit Massmann und Stamm annimmt, nicht in die 
Bemerkung unter die Ausnahmen; liest man mit der Handschrift nach IV 
ström und Lobe aber dauhtar, so ist es eben kein Dativ, sondern wie m 
6, 4 der Accusativ. Siehe Grimm's Grammatik 4, 900. 

§. 90 ist die Belegstelle Jon. 12, 34 nicht zutreffend dafür, dass bei 
visaw das Prädicat auch durch du mit dem Dativ statt durch den blossen 
Nominativ ausgedrückt werde, denn visan steht ja da in der Bedeutung von 
pemvi bleiben, und nimmt das dem, griechischen: eis xbv aiah>a entspre- 
chende du aiva nur als adverbielle Zeitbestimmung zu sich. 

Das Wörterbuch, das „sich möglichster Kürze bestrebt und eigentlich 
nur dem ersten und nächsten Bedürfnisse dienen will,* ist dem Zwecke ganz 
entsprechend in alphabetischer Ordnung angefertigt, so dass die jetzt übliche 
Folge der Buchstaben beobachtet, hinter dem t das I) eingeschoben und 
w für die sonst beliebte Auflösung hv benutzt ist, ebenso wie das blosse k 
für ch und q für kv. Die Bedeutungen der einzelnen Wörter sind kuiz, 
aber genügend angegeben, Auslassungen oder Versehen im Wörterbache 
uns ausser den in den Berichtigungen verbesserten nicht aufgestossen. 

So empfehlen wir denn das Buch recht dringend, indem wir den Wunsch 
des Verfassers nicht nur theilen, sondern erfüllt zu sehen zuversichtlich 
hoffen, dass nämlich seine Arbeit dazu beitragen möge, die Liebe zur Sprache 
Ulfila's in immer weiteren Kreisen zu fördern. 

Köthen. E. Müller. 



Die Schweiz. Monatsschrift des literarischen Vereins in Bern, 
herausgegeben von Dr. L. Eckardt und Paul Volmar. 

Von dieser Zeitschrift, welche seit dem Anfange dieses Jahres erschaut, 
liegen uns die sieben ersten Heile vor; ein beigedrucktes Programm be- 



Beurtheilungen und kurze Anseigen* 191 

zeichnet ausführlich das Ziel, weiches sich dieselbe gesteckt hat: sie will 
zunächst den Boden jeder nationalen Poesie, das Volk, kennen lernen, und 
daher Schilderungen ans dem Volksleben, Volkssagen und Volkslieder in 
der eigentümlichen Mundart, Sprüchwörter, Redensarten und eigenthüm- 
Hehe Ausdrucke, Lebensbeschreibungen und Charakterbilder merkwürdiger 
Personen bringen; auf diesem volkstümlichen Grunde will s^e eine ver- 
jüngte nationale Poesie aufbauen, und deshalb lyrische und epische Gedichte, 
sowie Novellen nationalen Inhaltes liefern, namentlich aber das Drama in 
das Auge fassen und zu thätigerer Belebung dieses Feldes aufrufen; ferner 
-will sie auf das Volk durch zeitgemässe Betrachtungen sittlich einwirken, 
auch die Verhältnisse der schweizerischen Kunst, Musik, Poesie, Wissen- 
schaft und des Theaters erörtern, endlich auch ausgezeichnete poetische 
und wissenschaftliche Arbeiten, wenn sie gleich die Schweiz nicht mittelbar 
(sie) berühren, in ihre Spalten aufnehmen. 

Dieses Programm ist so reich und, wenngleich es sich in engere natio- 
nale Grenzen einschliesst, von einer solchen Tragweite für die gesainmte 
deutsche Literatur und Wissenschaft, dass es wohl gerechtfertigt erscheint, 
an dieser Stelle darüber zu berichten, welche Schritte in der Zeitschrift 
selbst gethan sind, um die Versprechungen des Programms zu erfüllen und 
dem gesteckten Ziele näher zu kommen. 

Wenden wir uns zunächst zu den Schilderungen des Landes und Volkes, 
so finden wir im Januarheft: „Das Simmenthai ;* eine Charakteristik von 
D. Gempeler, Es ist dies vorläufig nur eine Einleitung, die einen überaus 
reichen Inhalt in Aussicht stellt, aber noch nichts von demselben mittheilt, 
eine Fortsetzung ist in den uns vorliegenden Heften noch nicht erschienen, 
und es will uns scheinen, als hätte der Verfasser gut gethan, auch sein sonst 
inhaltloses Vorwort so lange zurückzuhalten, bis er die Abhandlung selbst 
liefern wollte oder konnte. Dagegen findet sich von demselben Verfasser 
eine Erzählung: „Mauserjäggli's erste Chiltfahrt. Volksbilder und Nacht- 
bubenschwänke aus dem Simmenthaie/ die hübsch und lebendig geschrieben 
ist und einen Einblick in das Treiben des niedern Volkes gewährt, aber von 
dem sittlichen Zustande desselben freilich keinen sonderlichen Begriff gibt. 
Ausserdem finden wir noch zwei Berichte über volksthümliche dramatische 
Aufruhrungen, auf die wir weiter unten zurückkommen werden. Hierher 
gehören auch noch eine Anzahl Abbildungen von nationalen Costümen in 
ziemlich schlechten Holzschnitten. 

Reicher ist das Gebiet der Volkssage vertreten, wobei eine in Versen 
in Solothurner Mundart; ebenso ist «ine Anzahl Volkslieder, zum Theil mit 
den eigentümlichen Singweisen mitgetheilt. Diese Abtheilung, sowie die 
in nicht unbedeutender Zahl mitgetheilten Sprüchwörter und Häuserinschriften 
bilden einen werthvoUen Theil des Blattes, und es ist zu wünschen, dass 
hier in derselben Weise vollständige Sammlungen erreicht werden, wie dies 
auf demselben -Gebiete in Norddeutschland mit so grossem Beifall geschehen 
ist,, zumal da dieselben zur Kenntniss der verschiedenen Mundarten werth- 
volle Beiträge liefern können. 

Lebensbeschreibungen und Charakterschilderungen von einzelnen Per- 
sonen vermissen wir noch, wenn man nicht etwa che Novelle von Volmar: 
„Der letzte Graf zu Greierz" dahin rechnen wollte, was wir allerdings nicht 
wagen würden. 

Gehen wir nun zu den poetischen Erzeugnissen des Blattes über, so 
finden wir zunächst einige lyrische Gedichte nationalen Inhalts und einige 
kleinere epische Gedichte, die mit einer Ausnahme ebenfalls ihren Stoff der na- 
tionalen Geschichte entnommen haben. Von besonderem poetischen Werthe 
haben wir keins dieser Gedichte gefunden, sie sind nicht besser und nicht 
schlechter als die Gedichte, welche man iu Hunderten in den zahlreichen 
Unterhaltungsblättern, die über ganz Deutschland verbreitet sind, findet. Auch 
die bereits erwähnte Novelle von Volmar bietet nichts Hervorragendes dar. 



192 Beurtheilungen und kurze Anzeigen. 

Dem Drama widmet das Blatt eine ganz besondere Aufmerksamkeit 
Hier tritt uns eine höchst interessante Abhandlung von Eckardt entgegen: 
Idee und Grundzüge eines schweizerischen Nationaltheaters. Wenn nun 
bedenkt, wie allgemein die Klage über den Verfall der dramatischen Dich- 
tung, namentlich der deutschen, ist und mit welcher hartnäckigen Ausdauer 
die Masse unsrer Dichter, fähiger und unfähiger, sich auf diesem Ge- 
biete tummelt, ohne auch nur den geringsten Erfolg zu erlangen (wir er- 
innern an die Münchener Preisausschreibunjp, so kann man die Idee de* 
Dr. Eckardt nur als eine Satire oder als einen letzten Versach ansehen 
Diese Idee besteht nämlich in nichts Geringerem, als auf dem Grunde der 
schweizerischen Nationalität ein ganz neues Gebäude der dramatischen 
Poesie zu errichten, das alsdann für ganz Deutschland, beziehungsweise für 
Frankreich massgebend sein soll. Es kann hier nicht der Ort sein, dk 
Grundlosigkeit der Behauptungen aufzudecken, nach welchen alle Bedin- 
gungen eines fröhlichen Gedeihens für das Drama nur in der Schweiz vor- 
handen sein sollen ; wir verweisen, gleichwie auf einen Commentar zu der 
Behauptung, dass in dem schweizerischen Volke ein angeboraer Sinn für 
dramatische Aufführungen vorhanden sei, auf die schon erwähnten beiden 
Berichte über derartige volkstümliche Aufführungen, von denen der eine 
in launigem, der andere in ernstem Tone geschrieben unzweifelhaft dartbun. 
dass diese Aufführungen an einer solchen Kohheit leiden, dass dagegen die 
Leistungen unsrer Puppenspiele und Liebhabertheater auf dem Gipfel der 
Kunst zu stehen scheinen. — In dasselbe Kapitel schlägt ein Aufsatz von 
Weller: „Das Theater der Schweiz im Mittelalter, 44 der über die Auffüh- 
rungen und Dramen im sechzehnten Jahrhundert einige von Anazügen be- 
gleitete Notizen gibt. 

"Wissenschaftliche Abhandlungen sind: *Das Recht, ein Spiegel unsrer 
Culturentwicklung," von Leuenberger, und: „Ueber die weltgeschichtliche 
Bedeutung des burgundischen Krieges," von Hagen; die angekündigten Er- 
örterungen über Musik, Poesie, Wissenschaft vermissen wir noch ganz, die 
Kunst ist nur durch die überaus elende Abbildung eines dem Pater Giranl 
in Freiburg gewidmeten Denkmals vertreten. 

Aus diesem Ueberblick über den Inhalt der vorliegenden Hefte ergibt 
sich, dass eine wenn auch nur annähernde Erfüllung des vorgesetzten Zweckes 
nicht erreicht ist und mit den gegebenen Mitteln auch nicht erreicht werden 
kann. Ein Blatt, welches so allseitig zu sein beabsichtigt, muss über einen 
grösseren Raum als drei kleine Bogen ziemlich weitläußgen Druckes monatlich 
und über andere mitwirkende Kräfte verfügen können, als sie dieser Zeit- 
schrift zu Gebote zu stehen scheinen. Wir wissen nicht, welchen Anklang 
dieselbe in der Schweiz selbst gefunden hat, ausserhalb derselben kann sie, 
trotz der Lobeserhebungen, welche sich die Mitarbeiter gegenseitig spenden, 
nur spurlos vorübergehen. 

* Berlin. Dr. Büchsen schütz. 



1. Handbuch der französischen Leetüre für die oberen Classen 

höherer Töchterschulen, von J. • Baumgarten. Cobleaz. 
R. G. Hergt. 1857. 

2. Französisches Lesebuch für Bürger- und Realschulen, sowie 

für die untern Classen der Gymnasien von F. M. Trögel. 
Vierte Auflage. Leipzig. J. F. Wöller. 1857. 

3. Französische Chrestomathie. Erster Theil. Herausgegeben 

von C, v. Orelli. Vierte Auflage. Zürich. F. Scliulthess. 1857. 



Beurteilungen and kurze Anzeigen. 193 

4. Lectures pratiques k Pusage des classes moyennee, par 

Ch. Heintz et J. J. Koth. 15. &1. Strassbourg, V. Berger- 
Levrault et fils. 1857. 

5. L'ami des öcoliers. Livre de lecture, k Tusage des ^coles 

primaires, par A. Maeder. 8. &L Strassbourg. V. Berger- 
Levrault et fils. 1857. 

6. Premieres Lectures frangaises pour les ^coles primaires. — 

Secondes Lectures franfaises, k l'usage des öcoles sup^- 
rieures, par J. Willm. 10. ^d. Strassbourg. V. Berger- 
Levrault et fils. 1857. 

Indem Referent hier die neuesten Unterrichtsmittel für die französische 
Leetüre zusammenstellt, bemerkt er in aller Kürze über Nr. 2 und 3, zwei 
Werke, welche in den altern Ausgaben bereits vielfache Verbreitung ge- 
funden haben, dass sie im Einzelnen mannigfach berichtist, im Wesentlichen 
dagegen unverändert geblieben sind. Die Sammlung Orelli's ist nach seinem 
Tode durch die Professoren Hausheer und J. Schul thess in Zürich revidirt 
und herausgegeben. Wir finden einzelne Zusätze, während mehrere ziemlich 
werthlose Stücke fortgelassen worden sind. Als eine ganz neue Erscheinung 
begrüssen wir das Werk von Baumgarten, der sich bereits durch seine frü- 
heren Schriften in weitern Kreisen sehr vortheilhaft bekannt gemacht hat 
Aus der Vorrede dieses höchst brauchbaren Buches hebt Referent einen 
Punkt heraus, welcher besondere Beachtung verdient. Die Frage, ob man 
für die Schullectüre ganze Werke lesen oder Chrestomathien anzuwenden 
habe, ist so vielfach ventilirt worden, dass man denken sollte, es könne 
darüber — wenigstens in Beziehung auf die französische Sprache — Niemand 
in Zweifel sein. Dessenungeachtet sind grade in der jüngsten Zeit recht 
viele sogenannte Schulausgaben von vollständigen Werken französischer 
Schriftsteller veröffentlicht worden, und Einige haben sogar in dieser Er- 
scheinung einen wesentlichen Fortschritt erkennen wollen; sie dringen dar- 
auf, dass ganze Werke gelesen werden, damit die Jugend in den Geist 
der gelesenen Schriftsteller eindringe, lieber diese in Beziehung auf das 
Französische höchst bedenkliche Forderung, welche neuerdings hier und da 
stark betont wird, spricht sich Herr Baumgarten in einer Weise aus, welcher 
jeder Pädagog, der die literarischen Ideen der letzten drei Jahrhunderte 
genau kennt, vollständig beipflichten wird. Er sagt nämlich: »Der Geist 
einer grossen Zahl der bedeutendsten französischen Schriftsteller muss, so 
lange wir an unsern Schulen keine Emancipationszwecke verfolgen, der 
Jugend wie ein Buch mit sieben Siegeln verschlossen bleiben; möge dieselbe, 
der Schule entlassen, jenen Geist auf ihre Gefahr bin kennen lernen, der 
Lehrer darf diese schwere Verantwortlichkeit nicht auf sich laden. Aber 
abgesehen von der schlimmen Richtung des Zeitgeistes» nehmen wir einmal 
Schriftsteller von fleckenlosem Rufe, nehmen wir Ampere. Er umfasst wie 
kein Mann seiner Nation die universale Bildung unsrer Zeit als ausgezeich- 
neter Historiker, Länderdurchforscher, Kenner der romanischen, germanischen 
und slavischen Sprachen und Literaturen; sein unübertrefflicher Styl trägt 
überall das Gepräge genialer Auflassung. Nun, den Ideencomplex eines 
solchen Kopfes zu he wältigen, ist nur die Arbeit eines Mannes, den gei- 
stige Kraft und Studien dazu tüchtig gemacht haben: kein WerkAmpere's 
passt für die Jugend. Nehmen wir eine ganze Reihe anderer Schrift- 
steller: Thierry, Thiers, Guizot, Mignet, Courrier, Lamartine u. s. w., so 
finden wir, dass politische oder philosophische Parteistellung ihre literarische 
Thätigkeit dergestalt bedingt, dass ohne ein genaues Eingehen auf dieselbe 
ein tieferes Verständniss ihrer Werke unmöglich ist. Kurz, die Zahl ganzer 
Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 13 



194 Beurtheilungen and kurze Anzeigen. 

and classischer französischer Werke, die für die Jagend wirklich passen, 
ist ausserordentlich beschränkt. Ueberbaupt vergesse man doch 
nicht, dass unsre moderne Bildung das complicirteste Gewebe von allen 

fiten und schlimmen Elementen der antiken und christlichen Welt ist, deren 
enntnissnahme man von der Jugend verlangt, wenn man sie in den Geist 
der französischen Schriftsteller ohne Vermittlung einführen will. Man möge 
ein Princip, das für die griechische und lateinische Literatur mit ihren reinen, 
einfachen, jugendlich fnschen Bildungselementen allerdings seine volle Be- 
rechtigung, auf eine altersgraue, raffinirte, von dem ganzen Schlamme der 
Geschichte getrübte moderne Literatur nicht in unbesonnener Weise an- 
wenden. Der Geist, den die Jugend kennen lernen, in den sie eindringen 
soll, muss das Lesebuch selbst schaffen, indem es die einzelnen Autoren, 
jeden mit seinem Beitrage, an einem gemeinsamen ethischen Plan mitwirken 
lässt. Dieser Plan ist es, der die zerstreuten guten Seiten der Schriftsteller 
und der Literatur überhaupt zu einem wirklichen Ganzen verbindet, wobei 
der Bildungswerth der Stücke nicht nach der Länge derselben mit der Elle 
abgemessen werden darf." 

Wenn man nun diesen Ansichten im Allgemeinen beipflichten muss, so 
wird man gewiss zugeben, dass sie in Beziehung auf Mädchenschulen ganz 
besondere Geltung verdienen, wo der passende Lesestoff so äusserst schwer 
zu finden ist und sich nur sehr wenig ganz unverkürzt geben lässt. Refe- 
rent kann es deshalb nur billigen, dass der Herausgeber nicht nur in der 
Wahl seiner Stoffe äusserst vorsichtig zu Werke gegangen ist, sondern dass er 
auch eine heilsame strenge Censur über die einzelnen Wörter geübt und Alles 
fortgelassen oder modificirt hat, was irgend Anstoss erregen könnte. Das 
Buch ist auf einen zweijährigrn Cursus berechnet und bringt die verschie- 
denen Stylarten in genügender Weise zur Anschauung; es bietet zugleich 
vielfache Anregung zu Sprach Übungen, verräth überall Geschmack und be- 
rücksichtigt die Eigentümlichkeiten und die Bestimmung der weiblichen 
Jugend. Es zerfällt in zwei Hauptabtheilungen, Prose und Poesie, 
deren erste die Abschnitte: Narrations, Histoire, Morale, Descriptions und 
Scenes dramatiques umfasst, während die zweite echte Perlen aus dem 
Schatze der französischen Poesie gibt, Musterstücke, welche geeignet sind, auf 
das Gemüth wohlthätig einzuwirken. Druck und Papier sind sehr gut und 
Referent kann das Werk bestens empfehlen. 

Wenn wir zum Schlüsse noch auf die unter Nr. 4, 5 und 6 genannten 
Werke zurückkommen, so geschieht es nur, um beiläufig auf ein paar Hilfs- 
bücher bei dem Unterricht in der französischen Sprache aufmerksam zu 
machen, welche sich zwar in Frankreich bereits seit vielen Jahren eines 
wohlbegründeten Rufes erfreuen, bei uns dagegen verhältnissmässig nur 
wenig gekannt sind. Die Sammlung von Heintz und Roth bildet den Ueber- 
'ang von den ersten Leseübungen zu dem eigentlichen Lesebuche. Es zer- 
ällt in zwei Theile, deren erster eine praktische Grammatik genannt werden 
könnte, eine Grammatik in Beispielen mit kurzen Angaben von Regeln, die 
sich in sehr anschaulicher Weise um das Verb herum gruppiren. Die anfangs 
sehr einfachen Sätze gewinnen immer mehr an Inhalt und unterscheiden sich 
höchst vortheilhaft von den faden Sätzen, die man leider noch immer in den 
meisten unsrer französischen Elementarbücher vorfindet. Der zweite Theil 

fibt; 1) Hymnes; 2) Contes et petites histoires; 8) Paraboles, 4) Traits 
'histoire naturelle; 5) Lettres; 6) Proverbes. Der Inhalt verräth eine sehr 
sorgfältige Auswahl und wird die Jugend ansprechen. 

Der Ami des ecoliers liegt uns m der achten Auflage vor und ist ein 
Lesebuch für Bürgerschulen. Eine gleiche Bestimmung haben auch die Lec- 
tures francaises von Willm. Beide Werke zeigen, dass ihre Heraasgeber mit 
den Bedürfnissen der Bürgerschule völlig vertraut sind. 



S 



Beurtheilungen und kurze Anzeigen. 195 

DibKotb^que choieie en prose, par Dr. R. Schwalb. 3 Tomes. 
Essen ohez G. D. Baedecker. 1857. 

Der Herausgeber, welcher sich schon vor mehreren Jahren durch die 
Veranstaltung von guten Schulausgaben der alteren französischen Dichter 
vorteilhaft bekannt gemacht, hat die Absicht, in gleicher Weise gegen- 
wärtig auch eine Reihe von Prosaikern zu behandeln, und die vorliegenden 
drei vortrefflich ausgestatteten Hefte erwecken die Hoffnung, dass sie bei 
dem Publicum die freundlichste Aufnahme finden werden. Sie enthalten: 
1) Discours sur l'histoire de la Revolution d'Angleterre, p. M. Guizot; 2) 
Histoire de Charles L dermis son avenement jusqu'ä sa mort, p. M. Guizot; 
3) Lettres et po£sies de EVeTlenc le Grand. Die von dem Verfasser gege- 
benen fixcurse und Bemerkungen bekunden gründliche Sachkenntnis* und 
einen feinen pädagogischen Tack 



Sammlung interessanter Erzählungen und Novellen der neuesten 
französischen Literatur. Herausgegeben von C. Goldbeck. 
Potsdam. Riegel. 2 Bände. 1857. 

Diese Sammlung, welche vorzugsweise für Töchterschulen bestimmt ist, 
enthält mehrere reizende Erzählungen von £. Souvestre (Le chasseur de 
Chamois; Le earde du Lazaret; L^pprenti; Une rencontre) und Un Dia- 
mant ä trois facettes (Le cachet rouge, p. A. de Viguy; Le meMecin du 
village, p. Mad. la Comt. d'Arbouville ; Le beau P^copm, p. V. Hugo). , Die 
Auswahl ist sehr passend und der Druck im Allgemeinen recht correct. Als 
Anhang enthalten die beiden Bändchen noch ein kurzes Vocabulaire, in 
welchem die schwierigem Ausdrücke erläutert sind. 



Auswahl aus William Shakspeare's sämmtlichen dichterischen 
Werken. Herausgegeben von Dr. Brennecke, Director der 
Realschule in Posen. Posen. J. J. Heine. 1858. 

Das vorstehende Büchlein verdient um so mehr Beachtung, weil es 
einzig in seiner Art ist. Wir erbalten hier nämlich eine Sammlung der be- 
deutungsvollsten Stellen aus Shakspeare's Werken, welche mit kurzen erklä- 
renden Noten versehen und nach dem Systeme der Aussprache von N. Webster 
aceentuirt worden sind. Die Auswahl bekundet grosse Belesenheit, Geschmack 
und pädagogischen Taet, und Referent kann deshalb das Buch ganz be- 
sonders zu Memorirübungen bestens empfehlen, wobei indessen durchaus 
nicht gesagt sein soll, dass in der Schule nicht auch ein ganzes Stück von 
Shakspeare im Zusammenhang durchgearbeitet werden dürfe. Herr Brennecke 
hält Letzteres freilich für unzweckmässig, weil ein ganzes Stück zu um- 
fangreich und schwierig sei und deshalb zu viel Zeit erfordere, weil es 
meistens viele anstössige Stellen enthalte und den Leser nicht in den Stand 
setze, den „Umfang des Genies von Shakspeare, seine Tiefe und Vielseitig- 
keit zu ermessen." Letzteres scheint uns nun aber für unsre jugendlichen 
Schüler überhaupt gar nicht nöthig zu sein, die denn doch höchstens in die 
Leetüre dieses Dichters eingeführt werden können, nur durch Einzelnes 
gepackt und vor dem Wahne behütet werden sollen, als könnten sie des 
Dichters Werth ermessen; in Beziehung auf die andern Bedenken brauchen 
wir nur auf die Schulausgaben Shakspeare's hinzuweisen, von denen manche 

doch recht brauchbar sind. 

13» 



196 Beurtheilungen and kurze Anzeigen. 

Englisches Leeebuat in vier Stufen, von Gottfried Eben». 
Erste Stufe. Mit einem Wörterverzeichnisse. Hannover. 
C. Meyer. 1858. 

Das vorliegende hübsche kleine Lesebuch gehört zu der Sammlung von 
„wohlfeilen Unterrichtsmitteln," in welcher wir im Ganzen ziemlich brauchbare 
Hilfsbücher für die französische Leetüre besitzen. Es ist nach ganz^ gleicher 
Methode bearbeitet wie jene, und wir dürfen dieselbe deshalb bei unsera 
Lesern als bekannt voraussetzen. Recht löblich ist es, dass sich der Heraus- 
geber bemüht hat, in die erste Abtheilung dieses Büchleins nur solche Lese- 
stücke aufzunehmen, welche fast nur aus ein- und zweisilbigen Wörtern be- 
stehen. Die Auswahl ist sehr zweckmässig getroffen; sie verbindet das An- 
genehme mit dem Nützlichen und enthält keine Stücke, welche sich (wie 
das leider bei der französischen Gedichtsammlung des Herausgebers der Fall 
ist) nicht gut lesen lassen. 



Biblioteca classica italiana publicata per cura del Dott. A. Racheli. 
Trieste. Lezione letterario-artistica del Lloyd Austriaca 
1857 u. 1858. 

Durch die rastlosen Bemühungen des österreichischen Lloyd besitzen 
wir in der obengenannten Sammlung ein Werk, auf welches wir die Freunde 
der italienischen Literatur mit Vergnügen aufmerksam machen. Diese neue 
Ausgabe der italienischen Classiker, welche sich durch Correctbeit, Schön- 
heit und Vollständigkeit auszeichnet, ist zugleich beispiellos wohlfeil. Jedes 
Jahrhundert wird mit einer übersichtlichen Darstellung von dem Entwick- 
lungsgAge der italienischen Literatur eröffnet, jedem einzelnen Schrift- 
steller ^f eine besondere, scharf gezeichnete Charakteristik gewidmet und 
kurze Noten erklären die Schwierigkeiten des Textes. Es sind von diesem 
trefflichen Sammelwerke bereits 44 Hefte erschienen, und man darf sich freuen, 
dass dasselbe so guten Fortgang hat 



Cantos. Colleccao de Poesias de A. Gon$alves Dias. Leipzig. 
Brockhaus. 

Wir hören nur selten von den Leistungen portugiesischer Dichter und 
freuen uns deshalb um so mehr, in dem obengenannten prachtvoll ausge- 
statteten Werke Leistungen angetroffen zu haben, in denen überall ein acht 
poetischer Geist weht. Interessant ist die Einleitung von A. Herculano 
in Lissabon, in welcher er uns den gegenwärtigen Zustand der portugie- 
sischen Poesie schildert und die Hoffnungen ausspricht, die sich an die 
Wirksamkeit des jugendlichen Kaisers von Brasilien knüpfen lassen, eines 
Monarchen, der für Kunst und Wissenschaft wahrhaft schwärmt und unab- 
lässig bemüht ist, die nationale Literatur nach Kräften zu fördern. Unter 
den Gedichten haben uns besonders die reizenden Foezias Americanas und 
Hymnos angesprochen, wobei wir indessen bemerken, dass auch die Poeziu 
diversas sehr viel Schönes enthalten. 



Beurtbeilungen und kurze Anzeigen. 197 

1. Secr&aire universel. Traitd coxnplet et gradue de corre- 

epondance, par A. Gros Claude. Leipsic. Eeichenbach. 
3 volß. 

2. Epistolario ad uso della gioventü, compilata da Davide Ber- 

tolotti. 2 vols. Milano. 6. Franz in Monaco. 

Die französische Sammlung besteht aus drei Theilen, deren jeder für sich 
ein Ganzes bildet, nämlich: 1) Pour la jeunesse; 2) Pour Tage mür und 
3) Pour le commerce. Die Briefe sind meistens sehr gut stylisirt und werden sich 
als Muster für die Correspondenz recht wohl verwenden lassen. Der Preis 
ist äusserst billig und die Ausstattung vortrefflich. Der italienische Brief- 
steller verdient ebenfalls der getroffenen Auswahl wegen gerühmt zu werden 
und hat noch den besondern Vorzug, dass er in dem ersten Theile einen 
systematischen Unterricht über die Abfassung von Briefen in italienischer 
Sprache gibt, welcher recht praktisch ist Beide Werke verdienen empfohlen 
zu werden. 



1. Guide to English and German conversation, by H. Plate. 

Bremen. Heyse. 1857. 

2. Eco de Madrid, ö eea curso practico de la buena conver- 

sacion espaiiola por D. J. C. Hartzenbusch, y continuado 
p. D. E. Lemming. Mit einem Wörterbuche von J. Broch- 
Arkossy. Leipzig. Giegler. 1858. , 

Abweichend von den aUen, meistens nach einer völlig geistlosen Schablone 
gearbeiteten „Gesprächsbüchem," beabsichtigen die beiden vorliegenden 
Werke ein planmässiges Studium der Gonversation und bieten annähernd 
einen Ersatz für den Aufenthalt in dem fremden Lande. Das Echo de 
Paris, nach dessen Muster da£ spanische Sprachbuch verfasst worden, ist zu 
bekannt, als dass es an dieser Stelle nöthig wäre, die Methode darzulegen. 
Der Verfasser sucht seine Schüler nicht nur mit den gewöhnlichen Wörtern 
und Redensarten bekannt zu machen, welche das Alltagsleben betreffen, 
sondern er will ihnen auch ein Bild des fremdländischen Lebens geben, und 
sie so mit fremden Wörtern und zugleich mit fremden Begriffen und Dingen 
vertraut machen. Der 'bekannte Dichter D. J. Hartzenbusch hat demnach 
mit Unterstützung des Prof. H. Lemming in Madrid eine wirklich brauch- 
bare Anleitung zur spanischen Gonversation geliefert, und es bleibt uns nur 
noch übrig, die Vollständigkeit des Wörterbuches zu rühmen, durch welche 
Herr Broch-Arkossy die Zweckmässigkeit und Brauchbarkeit des Buches noch 
erhöht hat. Ebenso kann auch der Guide von Plate als ein sehr nützliches 
Hilfsbuch empfohlen werden, und ganz besonders verdient das Bemühen des 
Verfassers volle Anerkennung, in der Aufeinanderfalge der verschiedenen 
Gruppen stets vom Leichten, Naheliegenden zum Schwereren, Entfernteren 
fortzuschreiten. Er hat zugleich eine gewisse Vollständigkeit angestrebt 
und in einem besondern Anhange sehr schätzbare Bemerkungen über Angli- 
cismen, Germanismen und Sprichwörter hinzugefügt. 



198 Beurtheilungen and kurve Anzeigen. 

L. A. Spearman's Englische Sprachlehre für Deutsche« Karls- 
ruhe. 1857. 

Die Zahl der englischen Grammatiken wächst von Tag zu Tag, nnl 
wenn nicht eine grosse Menge dieser soi-disant praktischen Sucher sogleich 
zeigten, dass sie das genauere Studium nicht verdienen, so wäre ein Kecen- 
sent jetzt in grosser Verlegenheit, wie er sich nur einteennassen orientiren 
solle. Angenehmer stellt es sich bei einem Buche wie das vorliegende, bei 
welchem die so eben erschienene Sechste Auflage die Brauchbarkeit ver- 
bürgt, und das in dieser durchgesehenen und vermehrten Edition noch ge- 
wonnen hat. Ernstliches Streben, das Buch praktisch einzurichten zeigt 
sich in den drei Kapiteln der Orthoepie wie in den zehn der Etymologie 
und Syntax, die nicht getrennt, nach den zehn herkömmlichen Redetbeilen 
behandelt sind. Die Beispiele sind mit Interlinearübersetzung versehen, 
Forschungen, die über die Oberfläche hinausgehen, mitunter in kleinge- 
druckten Noten beigebracht. Manche Regeln hätten wohl etwas schärfer 
gefasst, die starken Verba (hier noch unregelmässige) nicht bloss alpha- 
betisch angegeben werden sollen. Neu sintf in dieser Auflage die statt der 
in der ersten allein, aber ganz gegebenen Erzählung To-morrow von Miss 
Edgeworth, von der hier nur das erste Kapitel mit Interlinearübersetzung 
geblieben, hinzugekommenen Stücke auf S. 212 — 310: die Leute von Seldwyk 
von Keller mit gegenüberstehender englischer Uebertragung, und Natur- 
betrachtungen, Landschaftsschilderungen, geschichtliche Darstellungen, Sitten- ' 
bilder, recht gut ausgewählt, Jagdgeschichten, Erzählungen, Vermischte«, 
Anekdoten, Sentenzen und Gedichte, von denen die letzten zwei Rubriken 
manches zu hoch Stehende zu enthalten scheinen. Ein alphabetisches Wörter- 
verzeichniss mit der Aussprache schliesst das ganz brauchbare Schulbuch. 



Programm enschau. 



XJeber die Themata zu deutschen Ausarbeitungen. Von Pro- 
fessor Dr. Härtung. Programm des Gymnasiums in 
Schleusingen. 1858. 

Die. Abhandlung ist ans dem Lehrplane des Gymnasiums besonders ab- 
gedruckt und bespricht in der Einleitung im Allgemeinen die Wichtigkeit 
und Schwierigkeit des Unterrichts im Deutschen. Hierauf wendet sich der 
Verfasser zu seinem besonderen Gegenstande und deutet das Absonderliche 
und Unpassende so mancher Themata zu deutschen Ausarbeitungen an, 
welche m Schulprogrammen mitgetheilt werden. Er will, dass Erzählungen 
oder Nacherzählungen die ersten und einfachsten Aufgaben zu schriftlichen 
Aufsätzen bilden, die von der Sacherzählung wie Fabel bis zur Darlegung 
des Inhalts einer Tragödie fortschreitend sich immer schwieriger gestalten 
und mit der fortschreitenden Entwickelung der Knaben immer mehr auch 
deren freie Geistesthätigkeit in Anspruch nehmen. An die Erzählungen 
reihen sich zunächst an die Beschreibungen; es soll zuerst etwas Selbst- 
gesehenes oder Selbsterlebtes beschrieben werden und man muss den Schü- 
ler nicht nur beschreiben, sondern auch beobachten lehren und es wird zu- 
gleich verlangt, dass die Themata zwar möglichst aus dem Unterrichte ge- 
nommen werden oder mit demselben in Beziehung stehen, dass der „deutsche 
Unterricht indessen keinem anderen Unterrichte in die Sclaverei gegeben 
werde." — Nachdem hierauf gezeigt worden, wie die Behandlung von 
Gedichten zu einer freien Nachahmung* 1 ) benutzt werden kann und wie der- 
artige Ausarbeitungen mit der Interpretation Hand in Hand gehen sollen, 
so dass sie gegenseitig einander fördern, so zeigt nun der Verfasser, wie 
bei grösseren Dichterwerken zu verfahren ist. 

Als Beispiele, um seine Ansicht klar zu machen, wählt der Verfasser 



*) Dabingehörige Aufgaben sind z.B. 1) Das Leben eines Alpeuhirten 
nach Uhland's Liede: Ich bin vom Berg der Hirtenknab'. 2) Das Leben 
eines Alpenjägers nach Schillert Alpenjäger. 3) Ueber Wohlthaten und 
Dankbarkeit nach Horat. Ep. I, 7. In welchem Sinne soll man Wohl- 
thaten geben? und in welchem Sinne sie empfangen? Vergleiche Goethe, 
Iphigeme IV, 2.: „Fühlt eine schöne Seele Widerwillen für eine Wohlthat, 
die der Edle reicht u. s. w. 4) Das Leben eines Reiters im Krieg, nach 
Lützow's wilder, verwegener Jagd. Vergleiche Schiller's Reiterlied. 5) Die 
Wohlthaten des Ackerbaus, nach Schiller's Eleusischem Fest. 7) Badelust, 
nach Goethe's Ballade „Fischer" und Schiller's Lied des Fischerknaben zu 
Anfang des Wilhelm Teil u. s. w. 



200 Programmenschai). 

den Wilhelm Teil für Secunda und Goethe's Iphigenia für Prima und etelk 
nun folgende Aufgaben auf: 

1) Zusammenstellung des Geographischen zur Vergegenwärtigung des 
Schauplatzes der Handlung. Der Schüler darf dabei keinen Ortsnamen, wel- 
cher im Stücke vorkommt, übergeben und muss die Verse dabei citiren: 
eine Karte ist unentbehrlich. 2) Historische Einleitung als Zusammenstellung 
und Ergänzung. 3) Ueber die Landvögte, ihre Handlungen und endliche^ 
Schicksale. 4) Ueber die Verhältnisse der Schweizer unter sich und zun 
Reich, über ihre Sitten, Denkart, Lebensweise, über die Stellung der Bauen 
zum Adel, über die Aemter und Obliegenheiten des letztern im Krieg un-i 
Frieden. 5) Leben und Charakter des Attinghausen, und gegenüber Rndenz 
als Repräsentant des zum Hause Oesterreich hingezogenen Hofadels (Paral- 
lele: Götz von Berliehingen und Weisslingen). I) Teil und Stauffacher in 
ihrem Verhalten gegen flie Obrigkeit (der Dialog, durch welchen sie ihre 
Ansichten gegen einander aussprechen, wird durch ihre im Drama vorkom- 
menden Handlungen commentirt). 7) Tell's Monolog „Ich lebte still und 
harmlos" wird durch die im Drama vorkommenden Belege commentirt und 
auf diese Weise eine Charakterschilderung TelPs entworfen. 8) Parricida's 
That mit Tell's That verglichen, Motive, Nöthigungen u. s. w. 9} »War 1 
ich besonnen, hiess' ich nicht der Teil." Der Teil der Sage, verglichen mit 
Brutus (zu deutsch Teil) und mit Odysseus, als ihm Palamedes sein Kind in 
die Furche legte. (Der dänische Toko und der isländische Eigil dazu-! 
10) Der Teil der Sage verglichen mit dem Schiller'schen Teil. Jener besitz* 
die Kühnheit und Sicherheit eines Nachtwandlers, so wie auch dessen Rück- 
sichtslosigkeit. Wer ihm zusieht, erschrickt, ihm selbst kann es aber gsr 
nicht einfallen, anders zu handeln .— das wahre Bild eines Genies. 11) Ueber 
das Idyllische im Drama: die Eingangsscene , Tell's Gespräch mit seiner 
Gattin beim Abschiede, die Unterhaltung mit dem Kinde unter Weges. 
Ueber das Epische darinnen (die Erzählungen Melchthal's, Stauffacher*, 
Tell's). Ueber das Lyrische: die Lieder des Hirten, des Fischers, des Jä- 
gers, des kleinen Walther's. 12) Vergleichung des Fischerliedes mit Goethes 
Ballade „der Fischer." Die Volkssagen von Nixen, welche Knaben in das 
Wasser gezogen haben; die Fabel von Hylas bei Theokrit. 13) Das Loos 
der Armgart (Gattin des armen Wildhauers) verglichen mit dem Loose der 
Gattin des gefangenen Tell's. 14) Die Gebräuche beim Tagen der Landes- 
gemeine. 15) Das Leben des Wildschützen und des Sennhirten sammt der 
Natur der Schweizergebirge. Dabei zu vergleichen die Gedichte „Alpen- 
jäger " und „Berglied." IG) Zusammenstellung der Ausdrücke, welche Schü- 
ler aus der Schweizersprache und aus Tschudi's Chronik aufgenommen 
hat; zur Hilfe dienen die Erklärungsschriften von Maier und W r eber.*) 

Goethe's Ipbigenie (die sich nur für die Prima eignet) kann zu 
folgenden Aufgaben Stoff geben: 

1) Historische (mythologische) und geographische Orientimng. Die 
geographischen Begriffe schwanken bei den Alten, absichtlich in poetischem 
Halbdunkel gelassen. 2) Ueber die Stellung der Iphigenie zum König and 
zu den Barbaren nebst einer Lebens- und Charakterschilderung der Jung- 
frau. 3) Lebensgeschiehte und Charakterzeichnung des Orestes und des 
Pylades, verglichen mit Ajax und Ulysses. Ajax bekennt sich zu dem Gruml- 
satze AchüTs, dem jede Lüge gleich den Pforten der Hölle verhasst ist. 
Pylades dagegen sagt: Mir scheinen List und Klugheit nicht den Mann zu 
schänden, der sich kühnen Thaten weiht. 4) Motive zum Muttermord: Ver- 
gleichung der Stellung Orest's zur Stellung des Telemachos bei Homer. 



*) Einmal hat Schiller auch fehl gegriffen, wenn er sagt: „Auf deinem 
Herzen ruht ein still Gebresten;" denn Gebresten ist so viel als Gebre- 
chen, und bezeichnet keinen Druck. 



Programmenschau. 901 

6) Worinnen bestehen die Furien bei Goethe? worinnen bei Euripides? 
Schilderung des Seelenzustandes. Aehnliche Aufgaben; Macbeth und die 
Hexen. Hamlet und der Geist seines Vaters. Ajax und der Geist der 
Athena bei Sophokles. Die Verliebten im Sommernachtstraum, denen der 
Saft des Wunderkräutleins auf die Augenlieder geträufelt wird. 6) Der 
schwermüthige Orest von der heilenden Hand seiner Schwester berührt, ver- 
glichen mit dem schwermüthigen Tasso, von der heilenden Hand der Prin- 
zessin berührt. Zum Commentar können die Worte Shakspeare's in König 
Johann dienen: »Vor der Genesung einer heftigen Krankheit, im Augen- 
blick der Besserung, ist am heftigsten der Anfall; jedes Uebel, das Abschied 
nimmt, erscheint am übelsten." 7) Charakterschilderung des Thoas: ein 
guter Kern in einer rauhen Schale, sehr ähnlich dem Vater Friedrich's des 
Grossen. Sein Selbstbetrug, seine Verwechselung der himmlischen Liebe 
Iphigeniens mit der Liebe einer Braut; seine halbe Bekehrung und sein 
Rückfall in den Aberglauben. 8) Kampf der Iphigenie im Streite zweier 
Pflichten: Gefahr halber Massregeln. Hat Pyiades auf seinem Standpunkte 
Recht? Würde Iphigenie zu tadeln sein, wenn das Leben des Bruders und 
des Freundes bei ihrem Zaudern als Opfer fielen? Was verbürgt uns den 
glücklichen Erfolg? Sieht sie das voraus? oder ahnt sie's bloss? (»Ich 
untersuche nicht, ich fühle bloss. u ) 9) Tantalus und das Lied der Parzen, 
zusammengehalten mit dem Gedichte „Prometheus" : die Götter als Natur- 
gewalten gegenüber der edleren Religion der Iphigenie : „Rettet mich und rettet 
euer Bild in meiner Seele!" 10) Vergleichung mit der Tragödie des Euri- 
pides. Innere Hemmungen und Verwickelungen sind an die Seile der äusse- 
ren gesetzt, Seelenkämpfe an die Stelle der körperlichen Kämpfe. Dagegen 
sind die äusseren Hemmnisse alle fortgelassen: die Jünglinge sind nicht ge- 
fesselt, die Wiedererkennung der Geschwister durch nichts erschwert, das 
Bild der Götter braucht nicht entwendet zu werden, der König ist kein 
Menschenschlächter u. s. w. 

Sehr zu empfehlen sind die Charakterschilderungen, und diese werden 
am besten, wo es nur immer sein kann, mittelst Vergleichungen entworfen, 
z. B. 1) Wallenstein und Cäsar, beide Heeresmacht missbrauchend. 2) Max 
Piccolomini bei Wallenstein und Ferdinand, der Sohn Alba's, bei ,Egmont, 
mit dem Motto aus Cic. off. IL, 18, 9. Facillime et in optimam partem 
cognoscuntur adolescentes qui se ad claros et sapientes viros et bene consu- 
lentes reipublicae contulerunt, oder aus Goethe: Ein jeglicher muss seinen 
Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet, 
ä) Neoptolemos von Ulysses, und Iphigenie von Pyiades zu einem nützlichen 
Betrug verleitet, welchen durchzuführen sie beide nicht fähig sind. 4) Hä- 
mon seine Geliebte gegen seinen Vater vertheidigend, und Ferdinand, in 
Cabale und Liebe, in gleicher Lage, aber mit weniger Pietät. 5) Achill 
und Medea, beide für die grössten Verdienste mit Undank belohnt, und 
beide der Rache ihr Liebstes opfernd, diese bewusst, jener unbewusst. 
6) Achill, Coriolan und Meleager (bei Homer) treiben die Rache gegen ihr 
Vaterland so weit, bis das angezündete Feuer ihr eigenes Haus verzehrt und 
ihre Bekehrung zu spät ist 7) Coriolan und Themistokles : vgl. Cic Brut, 
g. 41. Bellum Volscorum eodem fere tempore quo Persarum bellum fuit, 
similisque fortuna clarissimorum virorum (Coriolani atque Themistoclis). 
8) Prinz Heinrich bei Shakspeare verglichen mit Percy, als Muster der 
Ruhmliebe und der Ruhmsucht. „Schickt nur Gefahr von Osten bis zum 
West, wenn Ehre sie von Nord nach £üden kreuzt. 44 9) Percy und seine 
Frau verglichen mit Brutus und seiner Frau bei Shakspeare. 10) Hamlet 
mit Orest, ingleichen sein Stiefvater mit Aegisth, seine Mutter mit der 
Klytämnestra zusammengehalten. 1 1) Don Carlos, durch verschiedene Geistes- 
richtung mit seinem Vater entzweit, hätte von Friedrich dem Grossen, wei- 
cher in derselben Lage gewesen ist, lernen können, wie ein Sohn, welchem 
die Pietät nicht fremd ist, in solch' einer Lage gegen seinen Vater handeln 



fett Programmenschau. 

kann, wenn dieser Sohn keine Unnatur ist 1J) Julius von Tatest hätte 
sich an H'amon ein Master nehmen können, and Kreons Rede wäre gegen 
denselben mit mehr Recht, als gegen Hämon, gesprochen worden. 

Mit Recht werden Abhandlungen, welche sich im abstracten geistigen 
und sittlichen Gebiete bewegen, von den unteren Glassen ganz ausgeschlossen. 
Erst in Tertia sollen Themata aus allbekannten und leichtverständlichen 
Sprichwörtern genommen werden, wobei man sich rücksichtlich der Form auf 
die Chrie zu beschränken hat. Weiterhin können Sentenzen aas der Lee- 
türe entnommen werden, so nämlich, dass diese letztern die erforderlichen 
Beispiele und Belege zum Verständniss der Sentenz darbieten. Für die 
oberste Klasse gestattet der Verfasser auch die Behandlang einzelner Sprüche 
und Epigramme, besonders solcher, welche gegen herrschende Vorurtheile, 
gerade des Jugendalters gerichtet sind, (z. B. Folgsam fühlt sich meine 
Seele am schönsten frei. Goethe, Iphigenie. — Wer gegen sich selbst wahr 
ist und bleibt, besitzt die schönste Eigenschaft der grössten Talente. — 
Goethe. — Fortes et magnanimi sunt habendi non qui faciunt sed qui pro- 
pulsant injuriam. Cicero). 

Zum Schlüsse gibt die Abhandlung recht verstandige Winke über die 
dem Schüler zu ertheilende Anleitung zu der Auffindung des Stoffes und die 
Bereicherung desselben mittelst der Topik. 



Allgemeine Vorbemerkungen zu einer deutschen Poetik, von Dr. 
Petermann. Progr. der Realschule in Nordhausen. 1858. 

Als Einleitung zu einem in Aussicht gestellten grösseren Buche gibt 
der Verfasser eine keines Auszuges fähige Reihe von ästhetischen Lehr- 
sätzen und Bemerkungen, deren Folge und inneren Zusammenhang wir am 
Besten durch die Ueborschriften der einzelnen Abschnitte andeuten: 

Das Schöne. — Die ästhetische Figur. — Der Styl. — Die symbolische 
Form. — Die plastische Form. — Die romantische Form. — Ueber Kunst 
im Allgemeinen. — Die besonderen Künste. I. Die Architektur. II. Die 
Sculptur. HI. Die Malerei. IV. Die Musik. V. Die Poesie. 



Lessing als Dramaturg, von Dr. Gervais. Progr. des Gymna- 
siums zu Hohenstein in Preuseen. 1858. 

Die Abhandlung erscheint als eine Ergänzung des in dem Programm 
derselben Anstalt von 1851 veröffentlichten Aufsatzes „Leasing als dramati- 
scher Dichter," zugleich als Probe eines grösseren Werkes, „DaS deutsche 
Drama und die deutsche Bühne von den ältesten Zeiten bis auf die Gegen- 
wart," dessen erster Band mit fünf Abschnitten über Lessing schliesst, von 
weichen die vorliegende Arbeit die erste ist. — Im Wesentlichen mit Les- 
sing's eigenen Worten zeigt der Verfasser, wie verschieden die Aufgabe 
gewesen, welche Gottsched und Lessing in ihrem reformatorischen Streben 
sich gesetzt, um wie Viel leichter die des Ersteren, Dem negativen Ver- 
dienste, die Alleinherrschaft der Franzosen gebrochen zu haben, wird das 
positive des Nachweises gegenübergestellt, dass Shakspeare und Aristo- 
teles sich nicht im Widerspruch "mit einander befinden. Lessing will weder 
dem Shakspeare, noch den Alten unsere Bühne einräumen, ja nicht einmal 
eine Norm dem deutschen Theater aus den Regeln des Griechen und den 
Mustern des Engländers ableiten. Da er selbst nie eine Bühne leitete, wie 
Gottsched, blieben ihm zwei Weisen des Wirkens, als Dichter und als Kri- 
tiker; mit Begeisterung ging er an beide, mit Unmuth zog er sich zurück, 



Programmenschao. 20$ 

als dfo dichte Finsterniss selbst ror seinem glänzenden Lichte sich nicht er- 
hellen, wollte. Lessmp/s Verhältniss zu Diderot, sein Bemühen, das Publicum 
zu erziehen (namentlich auch durch das Ankämpfen gegen den Decorations- 
luxus nnd gegen die falsche Einheitstheorie) und die Schauspieler zu bilden, 
wird sodann gewürdigt, besonders hervorgehoben, wie er der praktischen 
Schauspielkunst durch stetes Dringen auf Stadium und" auf die Erlernung 
des Mechanischen die einzig richtigen, wenn auch bis heute noch kaum be- 
tretenen Weee Torgezeichnet Einige Worte über das Verhältniss des Genies 
zur Regel schliessen die Abhandlung. 



Geschichte der englischen Prosa, vom Oberlehrer Dr. Michaelis. 
Programm der Löbenicht'schen höheren Bürgerschule zu 
Königsberg. 1858. 

Wenn Programme, wie ohne Zweifel, als einen Hauptzweck den erfül- 
len sollen, auch den reiferen Schülern ab und zu belehrenden Stoff zu 
geben, so sind Abhandlungen wie die vorliegende ganz verdienstlich, welche 
ein weiteres literarisches Gebiet in allgemein verständlicher Form mit im 
Ganzen für den Schüler genügenden Charakteristiken behandeln. Der Ver- 
fasser hat schon in zwei ähnlichen Programmen 1846 und 1851 die Geschichte 
der Poesie bis zur Mitte des 18. Jahrhundert» vorgenommen; hier theilt er 
die Prosa in drei Perioden: von Mandeville an bis zum Ende des 16. Jahr- 
hunderts ist sie in ihrer Kindheit und Entwicklung, über die nur Sidney und 
Hooker sich erheben; der Aufschwang der zweiten Periode wird durch die 
Blüthe des Dramas gegeben, doch überwiegt in dieser Zeit mehr der Inhalt ; 
die höhere Vollendung durch Abrundung der Form und gegenseitige Durch- 
dringung der Schrift- und Gonversationssprache datirt erst vom Ende des 
17. Jahrhunderts, wo nach Burnet und Dryden besonders die ausführlicher 
besprochenen Steele, Addison und Swift wirkten. Das achtzehn Seiten um- 
fassende Progamm kann neben dem englisch gegebenen literarischen Ab- 
risse in Prima in der Hand des Schülers ganz nützlich sein. 



Der Angelsachse im Kampfe mit den Normannen, von Professor 
Dr. Koch. Programm des Grossherzoglichen Realgymna- 
siums zu Eisenach. 1858; 

Das interessante, den Gegenstand des Programms von Ostern 1856 wie- 
der aufnehmende Werkchen mit zahlreichen, gründlicheres Studium ver- 
ratenden Noten verhandelt 1) den äusseren Verlauf des Kampfes, d. h. 
welche Gebiete gewonnen und verloren wurden. 2) den inneren Process, 
d. h. welche Verluste die Kämpfenden an sich selbst erfahren. 3) den 
Accentuationsstreit oder wie von dem entscheidenden Siege an bis auf den heu- 
tigen Tag der Sieger mit den widerspenstigen Gefangenen ringt, sie in sein 
Gewand zu hüllen. Die ausführlichste Behandlung hat der dritte Theil 
erfahren, dessen verhaltnissmässig speciellere Forschungen acht Seiten ein- 
nehmen und wohl genauere Beobachtung verdienen. Den ganzen geschil- 
derten Vorgang fasst der Autor auf S. 21 abschliessend noch ein Mal in 
den treffenden Worten zusammen: „Eine fremde Sprache dringt in England 
ein, steigt in der staatlichen Ordnung von Stufe zu Stufe herab, verdrängt 
und erdrückt fast die einheimische Sprache; und es ist als ob diese unter 
dem Drucke wieder erstarke; die alte Kraft und den früheren Schwung wie- 



204 Programmenschau. 

dergewinne, so data sie die Last hinwegsofcUeudera vermAg, die auf a 
ruht. Und in ganz gleicher Weise tritt dann ein fremdes Betonungsgesea 
ein, ergreift und erschüttert die Sprache und droht eine völlige Umgestal- 
tung, bis diese sich wieder befestigt} und den Angriff erfolgreich zurück- 
wendet. Zweimal bedroht, ist sie zweimal siegreich und zeigt, weichet 
Ausgang der noch dauernde Kampf nehmen wird. 



Remarks on and Translation of Milton's Treatise: OfEducatiot 
von % Dr. J. Celle. Progr. des Gymnasiums zuCoeslin. 185?. 

Von den prosaischen Werken Milton's haben wohl Wenige ausser sebe 
Areopagitica etwas gelesen; es ist deshalb ein dankenswerthee Verdien? 
des Verfassers, dass er den Tractate of Education aus dem Staube <k 
Bibliothek an das Licht gezogen hat. So excentrisch auch Manches in des- 
selben erscheinen mag, so bietet derselbe doch dem Pädagogen so ra 
ßeherzigenswerthes dar, dass keiner, 'abgesehen von dem literarischen Inter- 
esse, ihn unbefriedigt aus der Hand legen wird. 

Die Form, in welcher uns Zelle die Abhandlung vorführt, ist: 1) i: 
englischer Sprache einleitende Bemerkungen über Milton's Stellung io <k 
englischen Literatur und Schlusswort, in welchem Zelle seine Ansichten über 
die Vorschlage Milton's, sowohl jener Zeit gegenüber, als mit Bezug m 
den gegenwärtigen Standpunkt des Erziehungswesens in England, ausspricht 
2) Deutsche Uebersetzung der Abhandlung über die Erziehung. Die Uebe- 
setzung ist sehr sorgfältig und gut, wenn auch zuweilen das Streben d& 
Verfassers, Milton's Styl, den er schwerfällig und reich an langen, ver- 
wickelten Perioden nennt, nachzuahmen, gar zu wohl gelungen ist. Wen: 
wir einzelne Irrthümer anmerken, so geschieht dies nur, um dem Verfasse 
zu beweisen, dass wir aufmerksam verglichen haben. 

S. 7. übersetzt der Verfasser to hale mit anpreien. Er nimmt es ab 
als Synonym von to hail, wie es unseres Wissens nie vorkommt; es ist viel- 
mehr gleich to haul. 

S. 9: anfaulen. Im Original steht: to rot away, hinfaulen. 

S. 10. Zum Mittelalter und zuweilen zur fernen Vergangenheit. Di: 
Ausdrücke des Originals sind middle ward, Gros der Armee, und rar. 
Nachhut, also : in die Mitte und zuweilen in die frühesten Anfänge des Er- 
lernten. 

S. 12. Though they be never so oft supplied heisst nicht: selbst das: 
nicht, wenn es ihnen zuweilen an Proviant fehlt, sondern im Gegentheil: wenr 
sie auch noch so oft verproviantirt werden. 

Verschiedene traurige Erfahrungen veranlassen uns, Abhandlungen h 
fremden Sprachen, zu denen manche Lehrer an deutschen Schulen sich ge- 
drängt fühlen, nicht ohne einen gewissen Schauder in die Hand zu nehme* 
Die Arbeit des Verfassers gehört keineswegs zu derlei Producten. Seh 
correctes Englisch gibt Zeugniss, dass er durch äeissiges Studium den Str! 
der besten Muster sich zu eigen gemacht hat und dass derselbe in Folge 
vielfacher Uebung seiner Feder stets zu Gebote steht Dagegen mii&ei 
wir es bei einer solchen well-made pen um so mehr bedauern, dass ihr so 
viele slips widerfahren sind, wie die folgenden Bemerkungen beweisen. 

S. 1. . . . is not easy to be mistaken, who but knows ... muss nadi 
mistaken offenbar ein stärkeres Interpunktionszeichen als ein Komma stehen 
Wir würden diesen Verstoss als Druckfehler ansehen, wenn er sich nicb: 
S. 14 wiederholte: ... what is called the pratical use, what is relating to 
the grammatical form and grammar rules is nearly completely shut out, wo 
sich der Fehler auch dadurch beseitigen lasst, dass statt des letzten is 



Programmenschau. 205 

being gesetzt wird. Auch S. 15: Ai for bistory, some one miy «persans 
wonder at fmding that only „choioe histories" stall be read by the pupils, 
an bistorical mstnction appears to be useless to Milton, wo das Komma 
nach pupils die beiden Sätze viel zu achwach scheidet. Andere Interpunktion*. 
fehler smd: S. i, the literary reputation, Milton had tili then acquired. 
Vor den ausgelassenen Relativpronomen steht kein Komma. S. 2, it will 
be foand, that . . . Der Objectsaiz wird von dem Verb nicht durch ein 
Komma getrennt. Ebenso S. IG, ... but we venture in this place, to 
express the wish. S. 3, in dem Satae: Besides, the times-from the contest 
between king and people, who would the one extend his prerogatives, the 
other angment their privileges , tili the begmning of the eighteenth Century 
have elaborated . . . muss das lange Subject von dem Pradicate have 
elaborated durch ein Komma getrennt werden. S. 16, the capabilities, 
acquired at school. Das Komma ist überflüssig. 

8. I, except those beionging properly to the learned men ist eine an« 
nöthige, schleppende Umschreibung. 

Miltons prose works statt Milton's . . . Aehnlioher Druckfehler: S. 
14, on their own and their friends account S. 8, that weowe these pro- 
ductions of Milton stände wohl besser Milton's. Dagegen ist S. 2, of their 
times' history ein etwas kühner Gebrauch des Possessiv. 

S. 1, extant wird nur von aus der Vergangenheit noch übrigen Dingen 
gebraucht. v 

S. 2, who comprebends with this expression statt in this expression 
dürfte kaum zu vertheidigen sein. 

S. 3, was sold to the publisher, who thought it an untimely work, for 
five L. Besser wäre die Wortstellung: was sold for five L. etc. 

Burnet (der Verfasser schreibt Burnett) gives an accurate account of 
the single Works, explaining that we owe these productions of Milton to the 
circumstances of time. Milton statt Milton's, ist bereits oben erwähnt; 
explaining scheint ein Germanismus zu sein (erklären) t ebenso the circum- 
stances of time (den Zeitumständen) statt the circumstances of the time. — 
Whom we learn from Milton's own words to bave been his private friend, 
who had etc. Vor who fehlt and. — The manner of his intercourse schwer- 
lich zu rechtfertigen statt sort oder kind. 

... Dryden, who is called the father of English criticism , is the cap- 
tain of a new for the first time elegant prose . . . Was cäptain hier bedeu- 
ten soll, gestehen wir nicht zu wissen. Vor for ist mindestens and einzu- 
schalten, um die Construction nicht gar zu ungefügig zu lassen. 

S. 4, cannot serve for modeis to this style. Besser wohl : of this style. 

We have en'deavoured to retain in our translation the manly but some- 
times heavy character of our author's style. Retain war hier nicht in der 
Bedeutung „beibehalten" anzuwenden. 

. . . gives an excellent characterietic of Milton's Latin style. Das Sub- 
stantiv characteristic hat nicht die hier gebrauchte Bedeutung des gleich- 
klingenden deutschen Wortes. 

S. 13, inferiour schreibt wohl Niemand mehr statt inferior. 

S. 14, . . . classical writers, that the pupils, after having gained some 
grammar knowledge of the Latin and Greek tongues, must read . . . Die 
Kinschachtelung des Gerundivsatzes in den Satz that the pupils must read 
ist unstatthaft. — . . . is nearly completely shut out. Statt nearly wäre, 
wenn auch nur des Wohlklangs wegen, almöst vorzuziehen. — This idea 
certainly is to be traced back f r o m the Puritan doctrine of a general priest- 
hood. Ohne Zweifel muss es heissen: . . . traced back to the Puritan doctrine 
... — Der Verfasser hat eine grosse Vorliebe für das Relativpronomen 
that. Wir wissen nicht, ob er die in Fölsing's Grammatik §. 86 demselben 
gesetzten Grenzen anerkennt. Niemand möchte aber wohl an folgender 
Stelle den Gebrauch von that statt which vertheidigen: S. 15, . . . we 



206 Programmenaehan» 

highly approve of his asking the knowledge of aaeient and modern chnd 
history, that we find . . . totally »hat ouf . . . 

S. 15« Scotish schreibt der Verfasser zweimal, wahrend der Gebrani 
Scottish oder Scotch ist. 

. . . the English are far more scripture-proof than any other natioa 
Ein Germanismus lässt hier den Verfasser das Gegentheil von dem nga 
was er sagen wilL In „bibelfest" und „kugelfest" hat „fest" ganz verschi* 
dene Bedeutung. 

S. 16, infortunately statt nnfortunately ist nicht mehr im Gcbnnd 
Lastly Milton has prescribed that, for accomnlishing . . . to accomplisha 
das Richtige. Vergleiche Föl&iag's Grammatik, §. 3S3. Anmerkung i- 
this means of extenuating the capabilities. Ein echter slip of the ps 
statt extending. 

S. 17, . . . having more in view the moral cultrration (improYemeot?; 
that shall create a national feeling • . . shall durfte hier nicht angeia 
det werden. 

... he was in all respects like the most cukhrated and eruditena 
• . . statt one of the most . • . 

Tan Dalen 



M i s c e 1 1 e n. 



Randglossen von Dr. Dan. Sanders. 

Bd. 19, S. 297 heisst es in einem Aufsatz von Herrn A. Steudener: 

Es war die Zeit des Kampfes zwischen Winter und Frühling; da gab 
er mir sein Wetterbulletin anfänglich mit den Worten: „Es hat ein bis- 
chen geraschelt,* das hiess: der Frost hat so viel getrocknet, dass der 
Schnee raschelt. So kommt mundartlich vor rösch = trocken, dass es 
rauscht (Archiv Bd. 14, S. 140). Später sagte Derselbe: „Es hat ge sehr ö- 
kelt" und bezeichnete damit, nachdem der Schnee verschwunden war, das 
Brechen des dünn gefrornen Eises. Das Wort, das sich der Mann viel- 
leicht in dem Augenblick erst bildete, halte ich nichtsdestoweniger für ver- 
wandt mit mhd. schricken = springen, wovon „Heuschrecke" herkommt 

Dazu dürften folgende Bemerkungen als nicht ungehörig erscheinen: 
das Tonwort Rösch mit gedehntem Vocal findet sich in der Schreibweise 
Rasch bei Adelung mit der Erklärung: „Von harten Körpern, welche einen 
solchen Grad der Härte haben, dass sie im Zerbrechen oder Zermalmen 
rauschen oder knirschen, säst man, dass sie rasch sein. Das Brot ist 
rasch oder ist rasch gebacken, wenn die Rinde unter den Zähnen knir- 
schet u. a. w. — Ganz ahnlich ist das sinnverwandte Tonwort: Harsch, 
vgl. namentlich Schmeller 2, 240: 

„Der Harsch, Schnee, der so fest gefroren ist, dass er tragt. Har- 
sch elig, etwas gefroren und unter dem Fuss knarrend. Da man in diesem 
Sinne auch sagt resch und die Besehe*, so könnte harsch mit dem alten 
Adjectiv hörst (rasch) zusammengehalten werden." — 

Ferner Stalder 2, 22: Harst masc. harter Schnee, der weich war und 
gefroren ist, — und: 

Schnell (harscht der Bach und im See heulet gediegner Frost. 

J. H. Voss, Ged. (1825) 3, 3. 

In dem stürzenden Nordwind | harschte der Frost 

Ds., Odyss. 14, 476. 

Wie . . . von scharfer | Eilte der laufende Bach erharscht ist. 

Ds., Horaz' Oden I, 9, 4. 

Wie zu Eis liegender Schnee erharscht. 

Ds., Horaz Oden III, 10, 7. 

Schnell im laufenden Strom erharschte die Rinde des Eises. 

Ds., VirgiFs Landb. 3, 360. 

Glatteis umharschte die Schilde. 

Wiedasch, Odyssee 14, 477. 

u. ä. m. -— An dies „Har sehen" aber, auch in weiterer Bedeutung (siehe 
namentlich: Verharschen), als sinnverwandt schliesst sich das mundartliche 



208 Miscellen. 

Schröckeln, siehe namentlich J. H. Campe's deutsches Wörterbach unter 
„Zuharschen," wo es heisst: 

Im Osnabrück'schen ß*gt man dafür Zuschröckeln. Zu vgl. ist mit 
diesem Tonwort das französische Cric-crac, so auch deutsch (s. Krachen),' 
ferner: Schricken od. Schrecken, mit einem hellen durchdringende: 
Lfaute zerspringen od. zerplatzen, bei Adelung, der als Beispiele anführt. 
Das Glas schrickt, ist geschrocken; Das Eis ist geschrickt etc. 
vgl. Schmeller 3, 507, woraus dann die allgemeinere Bedeutung des Sprit- 
gens hervorgeht, wie in Heuschrecke etc. und dann auch die gewöhn- 
lichste des plötzlichen Zusammenfahrens und Erschüttertwerdens durch eise 
rasche Gemüthsbewegung etc. 



Auf die Bd. 22, 6. 461 wegen einer Stelle in Schillert Geisterseher ge- 
stellte Anfrage hat Herr Prof. Dr. J. Meyer in Nürnberg mir brieflich fol- 
gende Mittheuung gemacht, die ich den Lesern des Archivs nicht vorenthaltet 
zu dürfen glaube: 

„Die zu Lebzeiten des Verfassers erschienenen Originaldrucke des Geister- 
sehers (sämmtlich Leipzig bei Göschen erschienen) sind: 

1) Thalia, herausgegeben von Schiller, Bd. 1, 1789. — Bd. 2, 1789. - 
Ferner von Specialausgaben 

2) die erste 1789. • 

3) die zweite 1792, auf dem Titel als „Neue vom Verfasser aufs neue 
durchgesehene und vermehrte Auflage" bezeichnet. 

4) die dritte 1798, auf dem Titel als »dritte verbesserte Ausgabe" be- 
zeichnet. 

Die Ausgaben unter 1 und 2 stimmen vollständig überein ; 3 und 4, <& 
wirklich sind, was der Titel sagt, weichen, oft bedeutend von einander ab- 
— In 1 und 2 heisst die besprochene Stelle: 

„um das Jahr fünftel der witzigen und der denkenden Welt,* 

in 3 und 4: 

»um das Jahrfünftel der witzigen und denkenden Welt.« 

Es ist also kein Zweifel, dass Schiller das Wort „Jahrfünft el a niete 
richtig gebraucht und ebenso dass er bereits in der Ausgabe von 1792 der 
zweiten Artikel mit Recht gestrichen hat." 

Gleichzeitig berichtige ich, von Herrn Prof. Dr. Meyer aufmerksam ge- 
macht, den Druckfehler (Bd. 22, S. 401, Z. 2) hindannen statt hied&n* 
nen in der Stelle aus Schillert Teil nach Tschudi's Chronik, wo die ent- 
sprechenden Worte lauten : Jo Herr, ich getruove uns mit Gottes Hilf wol 
hiedannen zu helfen. 



In der einbändigen Ausgabe Schillert lesen wir: 

«Dil 

S. 7 

dagegen 



„Die Reformation gedeihte unter den Verwüstungen seines Schwerts,* 
S. 776 a. 



*) Aehnlich heisst nach seinem Geschrei der Wachtelkönig griechisch 
*(>lf, so auch bei Linnl, Crex, — im Deutschen aber mundartlich Schrecke, 
Schrick, Schritz etc. 



Miicellen. 209 

„Ihr Handel und Wohlstand gedieh im Schoss eines langen Friedens." 
S. 781 b. 

Ebenso lauten beide Stellen in der zwölfbändigen Ausgabe (1838) und 
dennoch ist, — wie ich aus der gütigen Mittheilung des Herrn Prof. Dr. 
Meyer in Nürnberg ersehe — dieser auffallende Wechsel der Form nur auf 
Rechnung des Correctors (lucus a non lucendoft zu schreiben, da sowohl 
im teutscnen Merkur als in. den beiden von Schiller selbst noch besorgten 
Ausgaben auch in der zweiten /Stelle „ged einte" steht 

Ich erwähne nur nebenbei als Beleg für die Form gedeihte, Voss, 
Ilias 2, 668 und Hebel (Sämmtliche Werke, Karlsruhe 1882 ff.) 4, 141, ob- 
gleich sich auch hier S, 148 »gedieh" findet. 



»Die üppige Gewalt des Adels zu brechen, war kein Ausgang natür- 
licher, als die persönliche Gegenwart des Herrn." Schüler 777 b. 

Einer Mittheilung des Herrn Prof. Dr. Meyer danke ich die Belehrung, 
dass das ungewöhnliche Ausgang hier nur auf einem durch mehrere Aus- 
gaben fortgepflanzten Druckfehler in der Ausgabe von 1801 beruht, indem 
sowohl im teutschen Merkur als in der Ausgabe von 1788 das richtige 
„Ausweg* steht, was — wie ich sehe — auch die neueste Ausgabe von 
1853 (Deutsche Classiker) wieder hergestellt hat — In dieser heisst es auch 
S. 119: 

Still war's und jedes Ohr hing an Aeneens Munde, 
Der also anhub vom erhabnen Pfühl, — 

während die einbändige Ausgabe S. 28 b. „anhob« bietet. Auf eine dess- 
halb an Herrn Prof. Dr. Meyer gerichtete Anfrage theilt er mir mit, dass 
anhub die Lesart nicht bloss der Leipziger Ausgabe 1 und 2 ist, sondern 
sich so auch in einem von Schiller in der letzten Zeit seines Lebens zum 
Zweck einer Prachtausgabe begonnenen Manuscript findet. 



In Bezug auf die Stelle (nach der einbändigen Ausgabe 967 a) : 

„Herausgerissen aus einer Welt voll Entwürfe, von der reifenden 
Saat seiner Hoffnungen umgestüm abgerufen etc.* 

wo die verschiedenen Ausgaben von einander abweichen, erfahre ich von 
Herrn Prof. Dr. J. Meyer, dass die wirklich Schiller'sche Lesart in den bei- 
den Originalausgaben lautet: 

»Herausgerissen aus einer Welt von Entwürfen," 

wozu er auf eine Stelle Platen's verweist. Ausgabe von 1847 in 5 Bänden, 
I, 284, [von 1843. Bd. I, 818]: 

Und eine Welt voll Heiterkeit und Scherzen 
Im leicht beweglichen Gemüth zu tragen. 

und wozu ich noch eine Stelle aus Goethe (IV. 225) beifüge: 

dass er eine Welt von Putz und Pracht zusammengehäuft, um das 
Bild seiner Geliebten zu verherrlichen. 

Indem ich das Vorstehende als gewiss von Interesse für -viele Leser des 
Archivs hier mittheile, spreche ich den Wunsch aus, dass der reiche kritische 
Apparat, der sich in den Händen des mit den Schüler'schen Werken so ver- 
Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 14 



210 Miscellen. 

trauten Herrn Prof. Dr. J. Meyer befindet and aus dem er mit aaerkennens- 
werthester Bereitwilligkeit Auskunft ertheilt, der verheissnen kritischen Aus- 
gabe unsres grossen Dichters zu Gute kommen möge ! 

Dan. Sanders. 

Im 2. Theile von M. W. Götzinger, Deutsche Dichter, 3. Auflage, pag* 
227 findet sich hinter dem Gedichtet „Der Flausrock," folgende An- 
merkung: 

„Der Flausrock erschien zuerst im Musenalmanach von 1791. Dieses 
Gedicht hat Voss nicht mit unter die Idyllen aufgenommen , sondern unter 
die gemischten Gedichte mit dem Zusätze: Aus dem Alt englischen, ein 
Zusatz, der im Musenalmanache fehlt. Ein englisches Original dazu ist 
mir nie vorgekommen, jedenfalls hätte ihm ein solches nur die Idee ge- 
liefert etc." 

Es ist kaum zu begreifen, wie weder M. W. Götzinger noch der Her- 
ausgeber der 3. Auflage, E. W. Götzinger, das Original zu dem Vossischen 
„Flausrock" gesehen haben. Wer nur einmal Percy's Reliques durchblättert 
hat, kann unmöglich „Take thy old cloak about thee tt wieder vergessen und 
wird zugeben, dass Voss diesem hübschen Gedichte doch mehr als die blosse 
Idee verdankte. Das Verhältnis* zwischen dem „Flausrock" und dem alt- 
englischen Originale ist ungefähr dasselbe wie zwischen Bürger's „ Kaiser 
und Abt* und dem »King John and the Abbot of Canterbury.* Da Voss 
selbst den Zusatz machte, Aus dem Altenglischen, so lag nichts näher, als 
dass Götzinger die Hauptquelle aller englischen Dichtungen, Percy's Reliques 
of Ancient English Poetrv zu Rathe zog. Oder sollte diese herrliche Samm- 
lung wirklich zu den mehr genannten als gelesenen Werken gehören? Bei- 
nah möchte ich aus meiner Erfahrung so etwas vermuthen. Ich habe näm- 
lich in meinem Englischen Lesebuche für die 2. Stufe des Unterrichts, 
Hannover,, 1847, drei Gedichte aus den Reliques aufgenommen: The Bailad 
of Chevy Chase (abridged), King John and the Abbot of Canterbury und 
das obige Take tby old cloak about thee. Kurz nach dem Erscheinen des 
Buchs machte mir ein Lehrer der englischen Sprache ein Compliment über 
die gelungene Auswahl, hinzufügend, er habe sich gefreut, „an der Spitze 
der Gedichte eine so hübsche englische Uebersetzung von Bürger's Kaiser 
und Abt zu finden." — • Uebrigens wird schon in Shakspeare's Othello, 
Act II, Scene 3. die siebente Strophe von Take thy old cloak about thee 
citirt 

Für. solche Leser, denen Percy's Reliques nicht minder unbekannt sein 
möchten als den oben genannten Gelehrten, dürfte ein Abdruck des Origi- 
nals (in meiner Ausgabe von Percy, London, 1844, 3 Voll, steht es Band I, 
Seite 207) nicht unwillkommen sein. 

Take thy Old Cloak about Thee. 

This winters weather itt waxeth cold, 

And frost doth freese ön every hill, 
And Boreas blowes his blasts so bold, 

That all our cattell are like to spül; 
Bell my wife, who loves no strife, 

She sayd Xinto me quietlie, 
Rise up, and save cöw Crumbockes life, 

Man, put thine old cloake about thee. 

He. 

G.Bell, why dost thou flyte and scorne? 
Thou kenst my cloak is very thin; 



Miscellen. 211 

It iß so bare and overworne, 

A cricke he thereon cannot renn: 
Then lle noe longer borrowe nor lent, 

For once lle new appareld bee, 
To-morrow De to towne and spend, 

For lle have a new cloake about me. % 

She. 

Cow Crombocke is a very good cowe, 

She has been alwaves true to the payle, 
She has.helpt os to butter and cheese, I trow, 

And otber things she will not fayle; 
I wold be loth to see her pine, 

Good husband, conncell take of mee, 
It is not for üb to go soe fine, 

Then take thine old cloake about thee. 

He. 

My cloake it was a very good cloake, 

Itt hath been alwayes true to the weare, 
Bat now it is not worth a groat, 

I have had it four and forty yeare: 
Sometime it was of cloth in graine, 

'T is dow but a sigh clout as you may see, 
It will neither hold out winde nor raine, 

111 have a new cloake about mee. 

She. 

It is four and forty yeeres agoe, 

Since the one of us the other did ken, 
And we have had betwixt us towe 

Of children either nine or ten; 
We have brought them up to women and men, 

In the feare of God I trow they bee; 
And why wilt thou thyself misken? 

Man, take thine old cloake about thee. 

He. 

O Bell my wyfe, why dost thou floute! 

Now is nowe, and then was then: 
Seeke now all the world throughout, 

Thou kenst not clownes from gentlemen. 
They are clad in blacke, greene, yellowe, or gray, 

So far above their owne degree: » 
Once in mv Kfe lle doe as they, 

For lle have a new cloake about mee. 

She. 

King Stephen was a worthy peere, 

His breeches cost him but a crowne, 
He held them sixpence all too deere, 

Therefore he called the taylor lowne. 
He was ä wight of high renowne, 

And thouse but of a low degree: 
Ittfs pride that putts the countrye downe, 

Then take thine old cloake about thee. 

14* 



212 Miscellen. 

He. 

Bell my wife she loves not strife, 

Yet she will lead me if she can; 
And oft, to live a cjuiet life, 

I am forced to yield, though Ime good-man. 
Itt's not for a man with a woman to threape, 

Unlesse he first give oer the plea: 
As we began wee now mun leave, 

And Ile take mine old cloak about mee. 

Hannover. F. Callin. 



Berichtigung. 

In der Beurtheilong des Buches «Flowers of English poetry, chieflr 
modern" von H. (nicht M.) Luedecking ist dem seit mehr als einem halben 
Jahrhundert von der Erde abgeschiedenen Dichter Cowper Unrecht gesche- 
hen. Wenn es auch nicht glaublich ist, dass die poetische abgeschiedene 
Seele sich rächen wird, so ist doch der Wahrheit wegen die Absicht des 
Dichters zu berichtigen und zu würdigen. In dem Gedicht „Pity for poor 
Africans" lässt er seine Landsleute von den Leiden der Sclaven sprechen 
und sie bemitleiden , aber doch auch die am Materiellen stark hängenden 
Meerbeherrscher sich über die Seufzer der Unglücklichen durch die Ansicht 
erbeben, der Gewinn der Schwere! , als da ist: Zucker, Kaffee und Thee, 
könne doch nun einmal nicht aufgegeben werden. „Meine lieben Lands- 
leute," fährt der Dichter fort, „ihr gleicht mit eurem Mitleid und Mitgefühl 
dem Knaben, welcher von seinem Cameraden aufgefordert, das Obst in dem 
Garten eines armen Mannes zu stehlen, zuerst einige Bedenklichkeiten 
äussert, dann aber, .da er überlegt, dass die Andern nichts übrig lassen 
werden, als Mause -Compagnon den Andern sich anschliesst." 

Die heitere Art könnte auf den Gedanken bringen, der Dichter sei des 
Tadeins müde und willige ein in das, was doch nun einmal nicht abzustellen 
ist. Es ist um so leichte* r, auf eine solche Ansicht zu kommen, wenn das 
Gedicht ausser dem Zusammenhange der anderen Erzeugnisse der Cowper'- 
schen Muse, abgerissen, wie in der genannten Gedicht- Sammlung, gelesen 
wird. Die dem fraglichen Gedichte in der Sammlung zunächst stehenden 
sind weit von einer Satyre solcher Art entfernt. Ein Vergleich aber mit 
andern Erzeugnissen des Dichters und mit seiner im Leben erprobten Ge- 
sinnung lassen keinen Zweifel übrig, dass der Dichter hat geissein wollen, 
aber nicht entschuldigen und sich gleichsam zum Mitschuldigen machen. 

Es ist zwar richtig, der Dichter hat seinen Unwillen nicht sehr stark 
ausgesprochen, aber wenn wir uns seinen Charakter vorhalten, beobachten 
wur dasselbe, was wir bei uns sehr bekannten Menschen beobachten: aas 
einer Miene, einem für Fremde nicht bedeutsamen Zuge ersehen wir doch 
die ganze Gesinnung. Diese bezeichnenden Züge des Dichters in Bezog 
auf che Gesinnung gegen die Sclaverei bemerken wir in den ersten Zeilen 
des Gedichtes 

I own I am shock'd at the purchase of slaves * 
And fear those who buy them and seil them, are knaves etc. 
und in den lezten Versen 

He blamed and protested, but joined in the plan: 
He shared in the plunder, but pitied the man. 

Was aber die Aufnahme dieses Gedichtes in eine solche Sammlung für 
Schüler betrifft, in welcher über den Character des Dichters nicht erst ein 



Miscellen. 21S 

sicherstellendes Urtheii gegeben wird, so glauben wir dieselbe nicht billigen 
zu dürfen. Die Beschwichtigung der moralischen Bedenklichkeiten ist so 
heiter, so anmuthig und gefällig, dass sie fast wie Jesuitenmoral aussieht. 
Der Burgwart der Humanität, als welcher der Dichter auftritt, zeigt sich 
für einen solchen Zweck nicht kräftig, nicht energisch genug; ein Umstand, 
der vielleicht auch aus der Bescheidenheit des Dichters, welche sonst an 
ihm gerühmt wird, zu erklären ist Für die Engländer könnte man sonst 
noch das Gedicht ein sich überlebt habendes nennen; denn sie sind es ja, 
welche den Sclavenhandel nicht nur nicht unter sich dulden, sondern andern 
Nationen darin entgegentreten, wie der neuliche Conflict mit den die Scla- 
verei verteidigenden freien Bürgern von Nordamerica gezeigt hat 

Meiningen. Dr. Oswald. 



Jahrbuch für romanische und englische Literatur. 

Auf dem Gebiete der romanischen Sprachen beginnt ein neues reges 
Leben sich zu entfalten. Während Jannet von seiner Anfangs dieses Jahres 
angekündigten Publication der anciens poetes francais die ersten Bände 
druckt und in Kurzem veröffentlichen wird, so liegt uns das Programm eines 
durch Ferdinand Wolf angeregten , von Dr. Adolf Ebert in Marburg redi- 
girten neuen Jahrbuches für romanische und englische Literatur vor, das 
vom l.October ab in vierteljährlichen Heften erscheinen und literargeschicht- 
liche Abhandlungen, Beurtheilung neu erschiener Werke, ungedruckte 
werthvollere kleinere Texte, Jahresberichte über den Entwicklungsgang 
der betreffenden Literaturen und bibliographische Uebersicht, alles im streng 
wissenschaftlichen Ton enthalten soll. Blosse ästhetisch -kritische Unter- 
suchungen und Betrachtungen sind ausgeschlossen. Die mit namhaften Ge- 
lehrten des In • und Auslandes angeknüpften Verbindungen sowie die Namen 
der Dümmler'schen und Asher'schen Buchhandlung, welche den Verlag über- 
nommen haben, garantiren dem Unternehmen sicheren Erfolg. Das erste 
Heft wird unter andern einen französisch geschriebenen gediegenen Aufsatz 
von Edelestaud de Märil über den altfranzösichen Dichter Wace bringen, 
der auf zwei und einem halben Bogen die wichtigsten Notizen über diesen 
bedeutenden Autor zusammenstellt. 



Unter dem' Titel 

Le Flaneur jovial 

ist bei Behrend (Berlin) ein Büchelchen erschienen, choix des anecdotes 
et des saillies les plus r£cherch6es et les plus piquantes, von Charles Godon, 
das neben vielerlei alten Sachen, selbst aus Meidinger und Ploetz Gramma- 
tik und Chrestomathie (22 frei nach Chamisso) manche durchaus nicht 
pikante Spässe gibt, deren einer p. 45 dem Editor so gefallen hat, dass er 
ihn noch ein Mal p. 52 abdrucken liess. Druckfehler sind nicht zu häufig 
und die noch hier und da eingestreuten guten Witze entschädigen neben 
dem vielen Schlechten den Käufer immer noch für die geringe Ausgabe 
von fünf Silbergroschen. 



214 ,Miacellen. 

Drei Gedichte von H. W. Longfellow. 



Der Dorfschmied. 

Es breitet der Kastanie Zweig 
Sich um die Schmiede her. 
Der Schmied, er ist ein wackrer Mann 
Mit Händen gross und schwer; 
Der Muskel seines Arms ist fest, 
Als ob er Eisen war'. 

Sein Haar ist stark und kraus und lang, 

Sein Antlitz lederbraun; 

Sein Haupt ist heiss von Ehrenschweiss: 

Er wirket emsig, traun! 

Drum kann er schuldenfrei der Welt 

Und dreist in*s Auge schau'n. 

Woch* ein, Woch' aus, von früh bis Naoht 

Hört ihr des Balges Sang, 

Hört ihr, wie er den Hammer schwingt 

Mit Schlagen, hell und lang; 

Es klingt, wie wenn der. Küster zieht 

Der Abendglocke Strang. 

Und Schüler, wenn sie heimwärts gehn, 

Sie schau'n zur Thür hinein. 

Sie lieben der Esse flammend Roth, 

Des Balges dumpfen Reig'h; 

Sie fangen gern die Funken auf, 

Die rings die Hämmer streu'n. 

Zur Kirche geht er sonntäglich 

Mit seinen «Jungen hin. 

Er hört dem Ffarr mit Andacht za, 

Er hört von Anbeginn 

Der Tochter Sang im Dorfesohor: 

Das- freuet seinen Sinn. 

Es klingt ihm wie der Mutter Lied 

Im himmlischen Gefild. 

Noch einmal muss er sich errreu'n 

An der Entschlaf nen Bild. 

Er wischt mit rauher Hand die Thrän', 

Die aus dem Auge quillt. 

So wirkend, froh und trauernd, geht 

Er seine Lebensbahn. 

Ein jeder Tag beginnt ein Werk ; 

Der Abend sieht's gethan. 

Für das, was er am Tag vollbracht, 

Darf er die Ruh' empfah'n. • 



Miscellen. 215 

Dank, Dank sei dir, mein weither Freund, 

Für deines Beispiels Rath! 

So schmieden wir am Lebensherd 

Des Schicksals früh und spat; 

So formt auf seinem Amboss sich 

Idee und Wort und That. 



Die alte Uhr auf der Treppe. 

Ein Wenig seitab in der Au 

Da steht ein Landsitz, alt und grau. 

Es fallen durch den Säulengang 

Die Pappelschatten schwarz und lang, 

Und vom Gestelle auf dem Flur 

Spricht eine altgeformte Uhr: 

„Für immer — nimmer! 

Nimmer — für immer!" 

Halbauf die Treppe ist ihr Stand. 
Sie zeigt und winket mit der Hand ' 

Vom Eichenkasten, braungebeizt, 
Gleich einem Mönch, der sich bekreuzt, 
Und spricht mit seufzendem Gostöhn 
Zu Allen, die vorübergehn : 

„Für immer — nimmer! 

Nimmer — für immer!" 

Bei Tag ist ihre Stimme sacht, 
Doch in der tiefen Ruh 1 der Nacht 
Dann tönt sie durch die Halle leer, 
Als ob es Geisterfus8tritt war'; 
Dann hallt es um die Wände tief, 
Als ob's zu allen Thüren rief: 

„Für immer — nimmer! 

Nimmer — für immer!" 

Durch manche Lust, durch manchen Gram • 
Wenn Einer ging, wenn Einer kam — 
Stand sie, durch allen Wechsel fort, 
Stets gleich und gleich am selben Ort, 
Und, wie wenn sie allwissend war', 
Sprach sie die Worte, ahnungsschwer: 

„Für immer — nimmer! 

Nimmer — für immer!" 

In diesem Haus, vor langer Zeit, 

Da wohnte die Gastfreundlichkeit. 

Sein Feuer prasselte im Herd; 

Der Fremde ward am Tisch genährt; 

Doch, gleich den Todten bei dem Mahl, 

Hin rief sie warnend durch den Saal: 

„Für immer — nimmer! 

Nimmer — für immer!" 



216 MUcellea. 



Hier schallte froher Kinder Spiel; 
Die Liebe ruht 1 im Schatten kühl. 
O theure Stunden! schöne Zeit 
Der Liebe und Glückseligkeit! 
Doch wie ein Geizhals, Stück für Stück, 
So zählte auch die Uhr das Glück: 
„Für immer — nimmer 1 
Kimmer — für immer!" 

Aus diesem Zimmer, weissgeziert, 
Da ward die Braut zur Trau geführt; 
Dort in der stillen Kammer tief 
Der Todte auf der Bahre schlief; 
Und w^nn das letzte Beten schwie 
Dann rief's herunter von der Stieg 
»Für immer — nimmer I 
Nimmer — für immer!" 

Nun sind sie Alle fort, zerstreut! 
Die sind gestorben, Jene weit. 
Und frage ich mit Herzensweh'n: 
Wann sollen sie sich wiedersehn 
Als in den Tagen, die entfloh'n? 
So sagt die Uhr die Antwort schon: 

„Für immer — nimmer! 

Nimmer — für immer!" 

Für nimmer hier, für immer dort, 
An jenem leidenfreien Ort, 
' Wo jede Trennung aufgehört, 
Wo Wiederfinden ewig währt 
Es spricht die Uhr der Ewigkeit 
Ohn' Unterlass, für alle Zeit; 

„Für immer — nimmer! 

Nimmer — für immer!" 



Des Sclaven Traum. 

Er lag beim ungegarbten Reis, 

Die Sichel in der Hand. 

Nackt war die Brust; am feuchten Haar 

Fest klebten Staub und Sand; 

Und wieder durch Schlafes dunklen Flor 

Sah er sein Heimathland. 

Weit blinkte durch sein Tfaumgefild 

Des Nigers stolzer Gang; 

Ein König wieder, schritt er hin 

Durch Palmenhaine frank; 

Der Karawane Glöcklein süss 

Zu seinen Ohren klang. 



Mi»cell«n. 217 

Da stand sein königliche« Weib 
In seiner Kinder Zahl: 
Sie drückten ihn fest, sie weinten vor Last, 
Sie küssten ihn tausendmal! 
Des Schläfers Thräne gross und heiss 
L Zum Sand sich niederstahl 

Und dann ritt er wie Sturmesweh'n 

Entlang des Nigers Lauf, 

Des Zaumes Zier war schweres Gold; 

Es flog des Schwertes Knauf 

Bei jedem Sprung mit weitem Schwung 

Am Hengste ab und auf. 

Und vor ihm, wie ein Banner roth, 

Flog das Flamingo -Heer; 

Von früh bis Nacht fortstob die Jagd 

Durch Ebnen grün und hehr, 

Bis er sah der Kafferhütten J)ach 

Und fern das blaue Meer. 

Bei Nacht hört 1 er des Löwen Groll 

Und der Hyäne Schrei, 

Das Flusspferd, wie es krachend brach 

Am Strom das Rohr entzwei; 

Und Alles zog wie ein Siegstriumpf 

Seinem träumenden Ohr vorbei. 

Aufjauchzt* in tausendstimm'gem Chor 

Von Freiheitsruf der Hain; 

Der -Sandsturm schnob so stark und frei 

Durch Felsen und Wüstenei'n, 

Dass er zuckte und lächelte im Schlaf 

Bei solchem wilden Beigen. 

Er fühlte nicht des Treibers Schlag, 

Noch des Tages heissen Brand, 

Denn der Tod erhellte sein Schlafgesicht; 

Es brach wie ein rostig Band 

Der Seele Hülle und lag nun da 

Wie ein alt und schlecht Gewand. 

Görlitz. U. Schmick. 



Mittelhochdeutsche Gedichte. 

Probe einer Uebersetzung von Herzog Heinrich von Breslau. 

M. S. H. I, 10 a. 

Ich klag' dir, Mai, ich klag' dir, Sommerwonne, 
Ich klag' dir, Haide licht und breit, 

Ich klag* dir, blendend grüner Klee, 
Ich klag' dir, grüner Wald, ich klag' dir, Sonne, 



2S8 Miscellen. 

leb klag* dir, Venus, all' das Leid, 

Womit mein Lieb mir thut so weh. 
Wottt ihr die Hand mir retchen, 
So trau' ich fest, mein Lieb lässt sich erweichen 
Und ändert ihren kalten Sinn; 

Nun lasst, um Gott! euch meinen Kummer künden 
Und helfet mir, sonst bin ich hin. 

„Was thnt sie dir? Lass ihre Schuld uns kennen, 
Dass ohne Grand ihr Nichts gescheh* 

Von uns, denn das ist weiser Sinn." . 
Ich wähn', ich dürf* mich ihren Günstling nennen, 
Doch wenn um ihre Gunst ich fleh', 

Spricht sie, ich stürb', eh der Gewinn 
Von ihr nur würd' zu Theile. 
Das ist ein Mord an mmni^lichem Heile. 
Weh mir, dass ich sie je geschaut, 

Die mir so bittres Leid im Kelch der Liebe 
Kredenzt; weh, dass ich ihr getraut! 

„Ich, Mai, will meinen Blumen untersagen, 
Den Rosen roth, den Lilien weiss, 

Sich zu erschließen, wo sie weilt." — 
„leb, Sommerwonne, will den Vöglein all' auftragen,, 
Dass ihrer Kehle süsser Fleiss 

Bei ihrem Nah'n zu ruhn sieh eilt." — 
„Ich, Haide, will sie fangen, 
Wenn sie nach lichten Blumen kommt gegangen, 
Und halten sie in Haft bei mir: 

Ich habe ihr den Krieg erklärt, der Bösen! 
Dann muss sie gnädig lächeln dir.* — 

„Ich, grüner Klee, will dich mit Schimmer rächen, 
Wenn mich ihr holdes Aug* ansieht, 

Dass sie vor Glitzern blinzen muss.* — 
„Ich, grüner Wald, will all' mein Laub abbrechen, 
Wenn sie in meinen Schatten flieht, 

Sie biete denn dir lieben Gruss.« — . 
„Ich, Sonne, will durchhitzen 
Ihr Herz und Leib, kein Hut soll sie beschützen 
Vor mir, und war' er noch so dicht, 

Stillt sie mit ungeschminkter Herzensliebe 
Dein kummervolles Sehnen nicht* 

„Ich, Venus, will ihr alles Das verleiden, 
Wodurch die Minne nur erfreut. 

Schafft sie nicht deinem Leiden Rath.* — 
O weh, soll man sie von den Wonnen scheiden, 
Dann sterb' ich lieber gern noch heut, 
Wie tief sie auch betrübt mich hat. 
„Willst du dich rächen lassen, 
So schaff' ich, dass ihr aller Freuden Strassen 
Versperret werden dort und hie.* — 

Ihr zarter Leib, er könnt' es nicht ertragen; 
Dann tödtet mich, erhaltet sie! 



Miscellen. S19 

Von Siegenberg, Truchsess von St Gallen« 
M. S. IL I, 290. 

„Schönes Kind, ich war' 1 gern froh, 

Das kann ohne deine Hülfe nicht geschehn." 

„Was Ihr sagt! wär*s wirklich so? 

Bedaure sehr, müsst Euch nach anderm Trost umsehn f" 
„Ausser Gott kann mich Nichts trösten als da, liebe Kleine.* 

„„Lasst solchen Spott, bei mir ist Eure Schmeichelei so gnt wie keine. * u 

„Nein, du süsses Mädchen, nein, 

Treuem Freund soll Niemand Alles rund abschlagen. 

„„Kamen wir denn überein, 

Dass ich Eure Bürde wollte helfen tragen ? aB 
»Glaub' mir das: ich bin dahin, machst du sie nicht geringer." 

„„Und wisst Ihr was? um solche Noth verlor' ich nicht den kleinen 

Finger.*" 4 

„Mit dem Spotte bleib' mir fern, 

Traun, mir hat der Ernst das Scherzen gar benommen! 

„„Nun, was thut man denn dem Herrn, 

Bis er spricht, ihm sei die Bürde abgenommen ? Ba 
„Das kann ich dir offenbaren, nimmst du mich zu Rathe. a 

„„Acht' ich auf mich, so wie ich soll, so folg' ich Eurem Rathe spate.**** 

„Dass mein Rath und meine Klage 

Dir so wenig gilt, das, Mädchen, schmerzt mich sehr."' 

„„Zürnet Ihr, dass ich versage, 

Was mir niemals frommt, so wird des Zorns nur mehr.*" 
„Da denn Zorn nichts hilft, so mach's mit mir nach deiner Güte." 

„„Ich hab' geschworen, dass ich vor loser Männer Tücke wohl mich hüte."" 

„Böse Tücken kenn* ich nicht, 

Ich hab' dir gedienet ohne falschen Wank." 

„„War' es wahr, was mir da spricht 

Euer Mimd, dafür sagt' ich Euch ferne Dank.*"* 
„Hülf es was, ich schwur' dir, dass ich treu dir bin ergeben.** 

„„Und seid Ihr das, so mögt Ihr Eurer Wünsche Ziel wohl noch erleben."" 



Derselbe. M. S. H. I, 293. 

Ach, wie gern ich freudig wäre, 

Wäre Unfreud' nicht so werth! 

Reiche sehn in Freud' Unehre, 

Ehre hat, wer Reichthums gehrt 

Wenn ich an mir selber fände, 

Dass mein Herze leicht auf Frohsinn stände, 

Fand' ich unter Neun nicht Einen, der mir's gönnte. 

Ich muss Lieben so, wie Leiden 

Leiden Trost mit Schmerzen geben: 



220 Miscellen. 

Ehr' und Treu' nimmt ab bei Beiden. 
Beiden kann auch Niemand leben! 
Jungen Leuten, alten Sitten; 
Wer die mit einander will zu Gaste bitten, 
Wird zum Allerweltsgespött auf Schritt und Tritten. 

Liessen sich die Thoren weisen, 
Weisep auf des Heiles Bahn, 
Dann könnt' ich sie glücklich preisen; 
Preisen wie der Thoren Wahn, 
Sind sie um ihr Glück betrogen. 
Als die Alten noch das Kind mit Besen zogen, 
Stand's um Ehr* und Treue besser, ungelogen! 

Wer soll sich an Falsche kehren? 

Kehren sich die Falschen dran« 
Die nur gehren falscher Ehren? 
Ehren Kraft Niemand gewann, 
Ausser wer sich stets bestrebte, 
Dass er so im Bund mit Zucht und Treue lebte, 
Dass Jahr aus Jahr ein kein Makel an ihm klebte. 

Weh, dass wir so kindisch werben! 

Werben aoders wir, denn so! 
Bleibt zuletzt doch nichts als sterben. 
Sterben wir denn möglichst froh! 
Nein, die Tage nicht verschwendet 
Freudlos, da mit Sorgen keine Noth man endet: 
Was soll Gram um das, was keine Macht abwendet? 



Herr Walther von Metze. 
M. S. H. I, 310b. 

Meine alte Klage ist noch heuer nicht verjährt, 

Dass so Mancher ohne Recht 

Blumen trägt, 
Der nicht Laubes wäre werth. 
Wie die Blumen, so missgönn' ich auch der Vöglein Sang 

Manchem Mann von schnödem Sinn, 

Den Gewinn 
Mehr reizt, als der Ehre Klang. 

Sollt 1 ich wünschen, so wollt' ich den Vöglein wünschen das: 

Dass sie kämen insgemein 

Ueberein 
Und die Leute schieden bass. 
Sängen sie dann Jedem seines Herzens Trachten frei, 

So erkennte Jedermann 

Gleich daran 
Recht, wes Geistes Kind er sei. 



Miscellen. 221 

Wea die Nachtigall mit Sang begrüsste, voll Vertrau'n 

Könnt' er Froh durch's Leben ziehn» 

Denn auf ihn 
Würde man mit Liebe schau 'n; 
Wem Jedoch der Gackuck oder Gimpel sänge, der 

War* als Wicht vor aller Welt 

Hingestellt. 
Weh, das gib' kein kleines Heexl 



Eine Bemerkung zu Herrn Dr. C. Humbert's Aufsatz: - 

Moli&e und der Conventionelle Standpunkt seiner Zeit. 

Herr Dr. C. Humbert (Archiv, Band XXIII. p. 100 etc.) zählt mich in 
seiner Polemik gegen die Verkleinerer Moliere's unter die Letzteren und er- 
weist mir die Ehre, an einen angeblichen Ausspruch von mir seine Behand- 
lung der Frage: ob Moliere die Welt vom Conventionellen höfi- 
schen Standpunkt angesehen, anzuknüpfen. 

Ich soll in einer hannoverschen Zeitung in einem Artikel über Komödie 

feaussert haben, es sei bloss dem Genie Shakspeare's gelungen, 
je Komödie zu einem Weltspiegel zu erheben. — Ich habe aber 
nie in einer hannoverschen Zeitung geschrieben und es ist mir nie in den 
Sinn gekommen, im Moliere nur ein Bild der Gesellschaft zu finden, 
wie Herr Dr. EL S. 117 vermuthet; ich habe im Gegentheil in meinen Be- 
sprechungen Moliere's (im Archiv, in den Einleitungen und Noten zu meinen 
tJebersetzungen der gelehrten Frauen und des Tartuffe, in Abbandlungen des 
Bremer Sonntagsblattes und des Frankfurter Museums seit Jahren jede Ge- 
legenheit ergriffen, jene nach meiner Ansicht irrige Behauptung zu bekäm- 
pfen, und sagte schon 1854 in meiner Einleitung zu den gelehrten 
Frauen (Bremen, Schünemann's Verlag): Der Inhalt der Moliere'schen 
Stücke, die darin geschilderten Sitten und gesellschaftlichen Zustände, bei 
denen Moliere sich aber nicht wie die andern Dichter auf den Hof und 
die Stadt beschränkt, sondern auch das Volk und den Landmann 
zeichnet, gehören freilich ausschliesslich, selbst da, wo er den Schauplatz 
in die Fremde verlegt, seiner Zeit und seinem Lande an und haben, wie 
seine oft porträtirten Personen, ein ganz specielles Colorit, doch liegt dem 
Allen meistens auch eine allgemein menschliche Bedeutung und 
Anwendbarkeit zum Grunde. »Die Familienzerwürfnisse, die komisch 
gefassten Conflicte, die Schwächen, Verkehrtheiten und Thorheiten, die auf 

fegebenen Verhältnissen beruhen und specielle Auswüchse der Zeit sind, 
aben doch auch eine Grundlage, die allen Ländern und Zeiten 
gemeinsam ist" u. s. w. 

Aus dieser wie aus jeder andern dahin bezüglichen Stelle meiner Be- 
sprechungen Moliere's hätte Herr Dr. H. sehen können, dass nach meiner 
Meinung Moliere allerdings die ewige Natur des Menschen und nicht 
nur dieconventionelfe Seite desselben geschildert hat, und meine An- 
sicht keineswegs mit der des Herrn von Eicnendorff übereinstimmt, wenn 
dieser sagt, Moliere habe die Stoffe hofmässig zugerichtet; habe ich 
doch öfter die Schlegel -EichendorfTsche Auffassung des Dichters in diesem 
Punkt ausdrücklich bekämpft Vielleicht verdanke ich das unerwartete Loos, 
unter den Gegnern Moliere's, dessen enthusiastischer Bewunderer ich bin, 
zu hguriren, einer Stelle meines Aufsatzes im Frankfurter Museum 
(2. August 185C) über den Vater des französischen Lustspiels, 
aenn mein Aufsatz über das höhere Lustspiel der Franzosen im 
Bremer Sonntagsblatt (9. August 185?) kann der von Herrn Dr. H. 
in einer hannoverschen Zeitung gelesene Artikel über Komödie 
nicht sein, weil Shakspeare gar nicht darin genannt ist. Ich sage im Frank- 



222 Miscellen. 

furter Museum, nachdem ich das Wesen der classischen Komödie charakte- 
risirt und Moliere als das unerreichte, noch stets lebendig wirkende 
Muster derselben hingestellt und untersucht habe, warum sein Einfluss nn: 
in Frankreich ein so gewaltiger sein konnte: »Das sind die Gründe , wes- 
halb der freieste und unabhängigste Dichter seiner zwang- und 
fesselvollen Epoche wohl die Convenienzen seiner Zeit, seines Landes 
und seiner Lage durchbrechen konnte, sich aber nicht über die Schranke: 
seiner Nationalität erhoben hat und kein Welt dicht er, kein Cervantes 
und Shakspeare geworden ist." Der genannte Aufsatz beginnt mit da 
Worten: „Moliere, was auch unsere Literatargeschichten darüber erzählen 
ist in Frankreich nicht veraltet, er ragt in diesem wandelbaren Lan* 
noch immer unerreicht über der ungeheuren Fluth des Neuen empor nd 
tbut dies nicht, weil seine Schöpfungen gleich denen Shakspeare's in der 
Komödie auf mehr oder weniger idealem Boden stehen, sondern obgleic: 
sie sich auf's Unmittelbarste an die vergängliche Actualität seiner Zeit an- 
schüessen." Ich habe mir die Mittheilung obiger Stellen erlaubt, damit & 
Leser des Humbert'scben Aufsatzes urtheilen mögen, ob die Consequenzen, 
die Herr Dr. H. aus meinen Aeusserungen zieht, zu ziehen waren odc 
nicht, ob die mir untergelegte Ansicht darnach die meine sein kann oder 
nicht. Ich sage nicht, Moliere gebe im Gegensatz zu Shakspeare 
nur einen Spiegel der Gesellschaft, und zwar der Gesellschaft 
der damaligen Zeit, ich behaupte nur: Moliere ist in seiner ausschliess- 
lich französischen Weise , in seiner scharf ausgeprägten Nationalität für die 
Welt nicht das geworden, was Shakspeare für sie geworden ist, und füg? 
noch wörtlich hinzu: Für die Franzosen ist er beides, ihr Shakspeare uni 
ihr Cervantes, er resumirt wie kein anderer Dichter Frankreichs den Geist 
der Nation und des Landes, und ist, auf der Uebergangsepoche in die neue 
Zeit stehend, der erste Schilderer des sich entwickelnden modernen Leben». 
Sobald Herr Dr. Humbert meiner Behauptung gegenüber beweist, Moliere 
sei ein Weltdichter geworden gleich Shakspeare, bin ich gen 
erbötig, den Handschuh aufzunehmen und ihm mit Thatsachcn zu beweiset 
dass er es bis jetzt nicht geworden ist; die halb vergebliche Mühe, die vir 
beide uns geben, das deutsche Publicum für ihn zu gewinnen, dient vielleicht 
auch zum Beweise dagegen. # 

In den meisten andern von Dr. H. mit so viel Fleiss und Kenntnis 
durchgeführten Punkten muss ich ihn bitten, mich nicht für einen Gegner. 
sondern für einen Kampfgenossen zu halten, da ich die von ihm aufgestellten 
Gesichtspunkte schon seit lange mit Wärme und Ueberzeugung vertrete, 
sollte seine Art der Waffenführung auch nicht die meinige sein. 

Der Vorwurf, in der allgemeinsten, am schwersten verständ- 
lichen und deshalb für uns Deutsche am meisten imponirenden 
Form auf indirectem Wege meine Ansicht ausgesprochen u 
haben, hat gegen mich wohl nur da einen Anschein von Berechtigung, vo 
ein Gedanke, getrennt von seinen Vorder- und Folgegliedern, in Worten, 
die mit dem Text nicht übereinstimmen, herausgerissen wurde, sonst erlaubte 
grade mir meine langjährige Beschäftigung mit Moliere, statt leerer Allge- 
meinheiten nur solche Ansichten auszusprechen, die auf Specialstudien beruhen. 

Den Lesern des Archivs gegenüber, die meine Arbeiten über Moliere 
nicht kennen, glaubte ich mich zu obiger Abwehr berechtigt und wiederhole 
noch einmal, dass die ganze Polemik, in die Herr Dr. Humbert mich ver- 
flicht , mich nur insofern berührt , als mir darin unbegreiflicher Weise An- 
sichten untergelegt werden, die ich nie gehabt und nie ausgesprochen habe, 
und als darin aus einem falsch verstandenen und unrichtig citirten Satze 
Consequenzen gezogen werden, die ich durchaus nicht geneigt bin zu ver- 
treten. 

Oldenburg. Dr. AdolfLaun. 



Bibliographischer Anzeiger. 



Allgemeines. 

C. Prantl, die Philosophie in den Sprichwörtern« (München, Kaiser.) 

9 Sgr, 



Lexioographie. 

J. u. W. Grimm, deutsches Wörterbuch. 2. Bd. 6. Lfrg. (Leipzig, Hirzel.) 

20 Sgr. 
P. F. L. Hoffmann, Praktisches grammatikal. Wörterbuch der deutschen 

Sprache. 3. Aufl. (Leipzig, Brandstetter.) 15 Sgr. 

W. Hoffmann, Vollständigstes Wörterbuch der deutschen Sprache. 49. Hft. 

(Leipzig, Dürr.) 7»/ 2 Sgr. 

A Dictionary Sanskrit and English by Prof. Th. Goldstücker. P. 2. 4. 

(Berlin, Asher.) 2 Thlr. 

H. J. Nassau, De Nederlandsche taal en Grimma Deutsches Wörterbuch: 

aanteekeningen en bedenkingen. (Groningen, B. Hoilsema.) 1 fL 25 c. 
S. H. Helms, Neues vollständiges Wörterbuch der dänischen und deutschen 

Sprache. 2 Thle. (Leipzig, l'auchnitz.) 2V 2 Thlr. 



Grammatik. 

H. Kratz, Deutsche Rechtechreibung. Vorschläge zmächst f. d. Schale« 
(Stuttgart, MeUler.; 5 Sgr. 



Literatur. 



E. Hase, das geistliche Schauspiel Geschichtliche üebersicht. (Leipzig, 
Breitkopf & Härtel.) iVi Thlr. 

R. Hase, der Froschmäusekrieg. Komisches Heldengedicht nach Marx 
Hupfinsholz v. Mäuseloch, für Jung und Alt frei bearbeitet. (Nürn- 
berg, Geissler.) V t Thlr. 

Hoff mann v. Fallersieben, Martin Opitz v. Boberfeld, Vorläufer und 
Probe der Bücherkunde der deutschen Dichtung bis zum Jahre. 1700. 
(Leipzig, Engelmann.) 6 Sgr. 



224 Bibliographischer Anzeiger. 

Goethe's Briefe. Mit geschichtlichen Einleitungen. 9. u. 10. *Lfrg. (Berlin, 
Allg. Deutsche Verlags -Anstalt.) a 4 Sgr. 

K. Fischer, Schiller als Philosoph. (Frankfurt a. M., Hermann.) 20 Sgr. 

Shakspeare's Dramen. Uebersetzt von C. Heini che n. 2. Heft. Coriolanus. 
(Bonn, Marcus.) 16 Sgr. 

Po&ies choisies de Henri Heine, suivies de diverses autres poesies alle- 
mandes, traduites en vers par C. M. Nancey. (Berlin, Behr.) 1 Thlr. 

G. M. Thomas« Wallenstein's Ermordung. Ein gleichzeit. italien. Gedicht. 
Eingeführt und mit andern unbekannten handschriftlichen Belegen aus- 
gestattet. (München, Giel.) 12 Sgr. 

G. Schöne, Edda-Sagen. (Göttingen, Dietrich.) 2 / 3 Thlr. 



Hilfebücher. 

E. H. Wichmann, Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Sprache. 

2. Cursus. (Hamburg, Jowien) 6 Sct. 

H. Heidelberg, Elementargrammatik der deutschen Sprache. (Celle, 

Capaun-Karlowa.) 7V 2 Sgr. 

R. Matzner, Eurzgefasste deutsche Sprachlehre. (Neurode, Fischer.) 

4 Sgr. 
G. Grotefend, Praktischer Lehrgang für den Unterricht in der deutschen 

Sprache. (Wismar, Hin stör ff.) 10 Sgr. 

C. Kühnemund; Deutsches Lesebuch für die unteren Classen höherer 

Lehranstalten. 1. Stufe. (Göttingen, Vandenhoech & Ruprecht.) 

15 Sgrr- 
H. Berning, Repertorium und Aufgaben zu schriftlichen Aufsätzen in 

deutscher, lateinischer und französ. Sprache. (Paderborn, Schöningh.) 

12 Sgr. 
M. Selig, Grammaire francaise. Eurzgefasste französ. Grammatik. (Berlin, 

Adolf.) . 6 &&- 

C. F. Meeden, Die französ. Grammatik in gedrängter Kürze. (Hamburg, 

Nolte & Koehler.) , 10 Sgr. 

S. M. Budich, Einführung in die französ. Sprache -für den ersten Anfänger 

des Lesens und Uebersetzens. (Dresden, Adler & Die tze.) 7V 2 Sgr. 
L. Georg, Elementargrammatik der französischen Sprache und stufenweis 

eingelegte Sprechübungen. 5. Aufl. (Genf, Kessmann.) 15 Sgr. 

C. Graeser, a practicai and methodical grammar of the french language. 

Part II. (Leipzig, Brockhaus.) l»/s Thlr. 

C. Graeser, a french Vocabulary. (Leipzig, Brockhaus.) 8 Sgr. 

L. Herr ig, Aufflaben zum Uebersetzen aus dem Deutschen in's Englische, 

nebst einer Anleitung zu freien schriftlichen Ausarbeitungen. 5. Aufl. 

(Iserlohn, Baedeker.) 25 Sgr. 

v. d. Berg, Die vier Elemente der englischen Sprache: Aussprache, Voca- 

beln, Grammatik und Gespräche. (Hamburg, Niemeyer.) 15 Sgr. 

L. Albert, Der italienische Dolmetscher. 4. Aufl. (Leipzig, O. Wigand.) 

15 Sgr. 



Schillers sittliche Ideale 

und ihr Fortschritt, 



' I. 

Wollen wir den Dichter kennen lernen» so müssen wir 
fragen: was hat ihm heilig gegolten? was stellt er unter gött- 
lichen und menschlichen Dingen am höchsten? welche Gegen- 
stände hat er für die würdigsten gehalten, dass er sie behandle? 
Es ist nicht durchaus nöthig, dass dem Dichter selbst dieser 
innerste Zug seiner Natur bewusst gewesen sei. Aber er leitet 
ihn unfehlbar bei allem seinen Schaffen im Grössten wie im 
Kleinsten. Wafe der Dichter liebt, das stellt er dar, und 
geriethe er an einen fremdartigen Stoff , er könnte nicht umhin, 
ihn so lange zu modificiren, bis er dem Dichter auf's voll- 
kommenste zusagt. Die Genialität des Dichters zeigt sich nicht 
in der Kühnheit der Form, sondern in der Tiefe der* Ideale. 
Das Ideal des dramatischen Dichtars aber . werden wir auf 
dem Gebiete der Sittlichkeit zu suchen haben. 

Eine Gestalt, wie die Schillers, ist nur recht verständlich 
innerhalb der grossen Kette von geschichtlichen Entwicklungen, 
aus der seine Bildung entsprungen ist: aber doch auch in sich 
so abgeschlossen und vollendet, dass die Geschichte seiner inneren 
Entwicklung als ein Ganzes ein rechtes Genüge zu geben 
vermag. Wir können das Problem in wenigen Worten bezeichnen, 
in dessen immer tieferer Erfassung Schillers geistiger Entwicklungs- 
gang erscheint: es ist der Conflict von Herz und Welt. Wovon er 
ausging in seinen Jugendwerken, das war die unbedingte Herr- 
schaft des Innern, des Herzens, der Ueberzeugung und das 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 15 



226 Schillers sittliche Ideale 

titanische Hinauastürmen über jedes Gesetz der Welt, über jede 
Schranke der objectiven Sittlichkeit. Das Ziel, zu dem sich 
sein Leben und sein Dichten fortbewegt, ist die ruhige Befrie- 
digung und Hingebung an die sittlichen Mächte der Wirklich- 
keit. Jedes seiner Dramen ist ein Glied innerhalb dieser 
Bewegung, ein Dokument einer erreichten Bildungsstufe. Wenn 
dieselben in zwei Gruppen zerfallen, die auch äusserlich durch 
die Zeit ihrer Entstehung deutlich geschieden sind, so ist doch 
die Thatsache merkwürdig, dass jedes Drama der zweiten 
Gruppe sich an eines der früheren so anschliesst, dass das 
Problem dasselbe, die Lösung aber eine unendlich reichere und 
inhaltsvollere ist. Wir wollen diese Andeutungen an den 
einzelnen Dramen des Dichters bewähren, und uns dabei 
möglichst kurz fassen. Das, hoffen wir, wird man uns 
wenigstens zugestehen müssen, dass wir nichts in die Werke 
künstlich hineingetragen, was nicht deutlieh in ihnen vorhanden 
wäre. — 

„Die Räuber, 44 das erste Werk des Jünglings, sind der 
krasseste und abstrakteste Ausdruck jener Subjektivität, welche 
in wildem Trotze auf die Unendlichkeit in sich jedem objektiven 
Gesetze, jedem Naturgefühle, dem ganzen Bau der Welt sich 
gegenüberstellt. Der Wille hat hier noch Kern bestimmtest 
Ziel. Diese furchtbaren Naturen finden am Bösen als solchem 
Reiz genug, um alle bestimmten Interessen entbehren zu können, 
die bei Geringeren den bösen Willen wenigstens entschuldigen. 
Da, wo Liebe sein sollte, ist Hass: das Naturgefühl ist umge- 
kehrt und ein Bruder verfolgt den andern, ein Sohn den Vater 
bis zum Tode. Der eine der Brüder in konsequenter materia- 
listischer Reflexion hat sich den Glauben an alles zerstört, was 
sonst den Menschen heilig und ehrwürdig gilt: der andre, in 
dessen Busen ungestüme Triebe gähren und furchtbare Kräfte 
verborgen liegen, Kräfte, die sich einen Schauplatz suchen, dar- 
auf sie wirken können, tritt aus dem Zusammenhange der 
♦Gesellschaft und der Gesetze, um eine Vorsehung im Kleinen, 
ein Rächer und Richter auf eigne Hand zu werden. Die Welt 
und die Zustände der Wirklichkeit gelten als das absolut Ver- 
werfliche und Heillose. Ueberall hat v das Böse und Gemeine 
die Oberhand. Karl Moor erkennt wenigstens das Sittliche 



nnd ihr Fortschritt 227 

noch an, aber eben desahalb verzweifelt er an dieser unseligen 
Welt, und muss sich, um seinen „sittlichen Willen" zu bewähren, 
einen Ptatz ausserhalb der Welt — als Räuber suchen 1 Das 
ist damals für Schiller das Ideal menschlicher Grösse! Franz 
dagegen negirt mit Bewusstsein jeden Funken des Sittlichen 
in sich, die Lust an der eignen Herrlichkeit und die Freude 
an der eignen Fähigkeit, selbständig für sich aus allem Natur- 
zusammenhange herauszutreten, jeder andern Befriedigung vor- 
ziehend. Seine besonderen egoistischen Zwecke sind dabei 
nebensächlich. Er ist grausam und gemein aus teuflischer 
Lust am Bösen, — so lange bis das unterdrückte Naturgefühl 
die Oberhand erhält und er gebrochen zusammenknickt. Diese 
Verkrüppelung eines menschlichen Busens wäre ekelhaft, wenn 
sie nicht zugleich ein erhabenes und grosses Moment enthielte. 
Franz ist der Held der Reflexion: das ist seine allgemeine und 
epochemachende Bedeutung. In ihm ist es l der Gedanke, der 
eich gegen den sittlichen Zusammenhang der Welt richtet. 
In Karl ist es der Wille, die ungebändigte Kraft, die zu dem- 
selben Resultate führt. Sein ganzes Handeln ist zwecklos, in's 
Blaue hinein; er tobt sich aus, um sich in seiner Unendlichkeit 
gemessen zu können. — 

Wir haben demnach in den Räubern eine unsittliche, 
hassenswerthe Welt, in der das Böse herrscht. In dem einen 
der beiden Helden überwiegt der Verstand und mit ihm die 
gemeinste Selbstsucht. Er gehört durchaus der nichtswürdigen 
Welt an, deren Verhältnisse er sich zu nutze macht. Der 
andre, Schillers eigentliches Ideal, ^eiss kein Mittel, sein an 
sich gutes Herz zu bewähren, als Räuberhauptmann zu werden. 
Er erhebt sich über jedes Gesetz , um sich selbst sein Gesetz zu 
geben. Aber da er doch nicht alles Unrecht auf Erden ver- 
hindern oder auch nur rächen kann, da seine eignen Werkzeuge 
der bösen Welt angehören und seine guten Absichten ver- 
eiteln, — so verzweifelt er und geht mit einer Handlung „des 
guten Heraens" aus dem Leben. Hier sind also noch alle 
Gegensätze auf die schärfste Spitze getrieben: Welt und Herz, 
Egoismus und guter Wille. — 

Wir gehen zum „Fiesko" über. Hier sind wir von vorn 
herein auf andrem Boden. Es handelt sich um deutlich ausge- 

15* 



228 Schillers sittliche Ideale 

eprochne, grosse Interessen, um die Fragen des Staatslebene, 
um Freiheit und Herrschaft. Aber die Auffassung ist doch 
eine ähnliche. Die Welt erscheint wieder als ein' Schauplatz 
der Intrigue, der rohen Gewalt, des Unrechts und der Sünde 
in jeder Form. Franz Moor ist eigentlich in drei Gestalten 
aufgelöst: die wüste Lüderlichkeit, Gemeinheit und Eigensucht 
in Gianettino, die abgefeimte Bosheit und Nichtswürdigkeit in 
der Imperiali, und zuletzt die merkwürdigste Gestalt, in der 
des Dichters Absicht am deutlichsten wird, der Mohr, bei dem 
die Unabhängigkeit von jedem sittlichen Antrieb, wie von jeder 
Regung der leiblichen Natur, die Erhebung über jede Furcht 
und jedes „Vorurtheil" sich bis zum köstlichsten diabolischen 
Humor steigert. Der Mohr ist eine der eigenthümlichsten Ge- 
stalten, die Schiller je geschaffen. In ihm spricht er aus, was 
et damals am meisten bewunderte, die innere Unendlichkeit des 
Willens, der keine sittliche oder natürliche Schranke kennt. 
Aehnlich ist dann auch Fiesco selbst. Schlau und arglistig 
von Verstände, stark und furchtbar durch seine Willenskraft, 
so hat er sich seine eigne Herrlichkeit zum höchsten Ziel gesetzt. 
So wird ihm die Wahl vorgelegt: Hingebung an Freiheit und 
Vaterland, oder eigne Grösse und Befriedigung des maasslosen 
Egoismus. Natürlich, dass ein Schiller'scher Held aus dieser 
Epoche sich für Letzteres entscheidet. Aber er geht auch 
darin unter. Denn schon hat sich eine andre Welt attfgethan, 
noch in bescheidnen Anfängen, aber schon mächtig genug, die 
Welt der reinen Herzenstriebe. Wir finden sie in der Grafin 
Fiefcko, in Burgognino verwirklicht. Wir dürfen sie auch in 
der uneigennützigen, republikanischen Begeisterung Verrina's 
erkennen, der freilich nicht für die Freiheit als ideales Gut 
aber doch für seine Ueberzeugung und den Drang seines Her- 
zens ohne egoistische Nebenrücksichten einsteht. Diese Un- 
eigennützigkeit fällt den Fiesko. — 

So haben wir im „Fiesko" wiederum eine Welt der Arg- 
list und der Sünde, und Helden, die um der eignen Herrlich- 
keit willen handeln. Aber Fiesko stellt sich nicht mehr ausser- 
halb der Gesetze der sittlichen Welt. Grade im Umkreis 
derselben will er es zum höchsten Selbstgenuss bringen. Wir 
sind mitten in die politischen Interessen hineinversetzt. Der Egois- 



I 
und ihr Fortschritt. 229 

mus in seinen verschiedenen Formen steht im Vordergrunde: 
aber schon siegt Begeisterung und Uneigennützigkeit. — 

Dieser Conflikt nun tritt in der dritten Tragödie noch viel 
deutlicher hervor. Ja, nach ihm ist sie genannt: „Cabale und 
Liebe." Sie dreht sich um den Gegensatz des gemeinen 
Egoismus und des idealen Interesses der Liebe. Auf der 
einen Seite eine Gruppe von Verbrechern, die die elenden Ver- 
hältnisse dieser schlechten Wirklichkeit ausbeuten: auf der 
andern zwei liebende Herzen, die das Recht rein menschlichen 
Empfindens in erbitterter Opposition gegen die Standesunter- 
schiede und die , verkommenen sozialen Verhältnisse vertreten. 
[Nicht mehr gegen das Gesetz überhaupt, „das noch keinen 
grossen Mann gemacht hat," nicht mehr gegen die Schranken 
des Eigenwillens im Allgemeinen richtet sich der Kampf, damit 
sich das Individuum zu eigner, freier Erschliessung, zu könig- 
licher Selbständigkeit erheba: sondern gegen das Verkehrte 
der sozialen Einrichtungen, gegen die elenden Zustände der 
Wirklichkeit, gegen den Verderb insbesondre der höheren 
Stände und das lästerliche Treiben eines kleinen Hofes, in 
dessen Zuständen sich freilich die allgemeineren Lebensformen 
jener Zeitepoche spiegeln sollen. Es ist noch immer Revolution, 
was hier gepredigt wird: aber jetzt ist ihr Ziel, die sittlichen 
Güter wiederherzustellen aus ihrer Verunglimpfung. Noch be- 
behauptet das Individuum, in seiner unmässigen Leidenschaft 
berechtigt zu sein der Wirklichkeit gegenüber. Aber diese 
Wirklichkeit ist zerrüttet und unsittlich, und jene Leidenschaft 
beruht auf edler Hingebung und sittlicher Herzensneigung. 
Karl Moor sollten wir bewundern als den Helden des guten 
Willens und zugleich der schrankenlosen Selbstheit; Fiesko 
, bewunderten wir mit Tadel zugleich, weil er in der Masslosigkeit 
der Selbstsucht nicht Verrina's Uneigennützigkeit hatte. Des 
Majors Opposition gegen die Gemeinheit, die ihn umgiebt, ist 
wieder eine durchaus berechtigte. Das Herz ist edel, die Welt 
ist schlecht. Aber das Individuum, indem es zur Wirklich- 
keit sich, oppositionell verhält, fängt schon an, sich objektiv 
sittliche Zwecke vorzustellen. Sein uneigennütziges Empfinden, 
den hingebenden Trieb seines Herzens will es durchsetzen, und 
unterliegt dabei, 



230 Schillers sittliche Ideale 

In einem unendlichen Abstände von dem bisherigen finden 
wir sogleich den „Don Carlos." Er war angelegt auf die 
Schilderung einer Hofintrigue und einer unglückseligen Leiden- 
schaft. Unter der Hand wandelt sich dem Dichter der Stoff; 
er muss sich eben aussprechen , und das hat er nirgends deut- 
licher vermocht, als hier. 

Noch haben wir immer dieselbe revolutionäre Subjektivität 
die sich gegen das Bestehende richtet im Hinblick auf die 
Unendlichkeit des eignen Innern, jenes unerschütterliche Vertrauen 
auf die eignen Ueber Zeugungen, jenen Glauben an die aus- 
schliessliche Vernünftigkeit der Innern Welt, der sich die un- 
vernünftige äussere Welt fügen müsse, jenen Schöpfungsdrang, 
der nach dem Massstab der subjektiven Ideale die Wirlichkeit 
umgestalten will. Aber hier hat nun das Individuum einen 
umfassenden sittlichen Inhalt erhalten. Es ist begeisterungsvoll 
hingebend, wie in „Cabale und Liebe," aber nicht mehr an 
eine Persönlichkeit, sondern an eine Jdee, nicht mehr an 
eine bestimmte sittliche Beziehung, sondern an die Sittlichkeit 
selbst. Der höchste Zweck, den sich ein Einzelner stellen 
könnte, die Befreiung der Welt, beseelt hier des Helden Busen. 
Denn Marquis Posa ist durchaus der eigentliche Held, und auf 
seiner Seite steht die Königin. Den Weltverbesserer sollen 
wir bewundern, die rücksichtslose Aufopferung für eine Idee, 
den reichsten Inhalt, den freie Vernünftigkeit sich geben kann. 
Das Ideal einer frei gewordenen Welt im Kopfe eines herrlichen f 
Menschen entstanden , desselben gesammtes Leben ausfüllend 
und «durch seinen Tod besiegelt, — das ist das Entzückende 
an dieser Tragödie. Im Gegensatz zum Haupthelden steht 
der unglückliche Jüngling, der ganz befangen ist in seiner 
Leidenschaft, und den erst der Opfertod seines grossen Freundes 
zum Glauben an seine Ideale zurückrufen muss. Das ist der 
tragische Conflikt, um den es sich in Don Carlos handelt, der 
Gegensatz des Strebens für individuelles Glück, *ftir eigne 
Leidenschaft , für' Liebe und Freundschaft , und des Strebens 
für die heiligen Güter des Menschengeschlechts und -seine all- 
gemeinen Interessen. Jenes 5 wird für dieses geopfert. Einen 
höheren Standpunkt auf dem Gebiete der Subjektivität gibt 
es nicht. Die Zwecke, welche Ideale subjektiver Ueberzeugung 



and ihr Fortschritt. SSI 

lind, ^beweisen zugleich eine vollständige Hingebung des Indi- 
viduum« an die objektiven Mächte der Sittlichkeit. Dm 
Endividuum strebt gar 'nicht mehr für sich selbst; es gilt ihm um 
lie Welt und die grossen Güter der Menschheit. Dagegen 
halte man die Räuber! Das Individuum hat sich zu seinem 
höchsten (xipfel heraufgearbeitet: aber eben darin sich zerstört 
Um sich, seine Ideale zu be wählen, gibt es sich auf. Die 
Individualität des Willens ist untergegangen. Die subjektiven 
Interessen gelten nichts mehr; was uns übrig bleibt, sind allein 
die objektiven Ideen. 

Die Vertreter der Welt sind die Eboli, Alba, in höchster 
Weise Dön Philipp. Es ist auch das noch eine Welt des 
Egoismus und als solche hassenswerth. Aber auch sie ist 
schon zum Theü von Ideen getragen» von dem Zuge des Herzens 
durchweht Die äussere Welt, an der der Idealismus des 
Herzens seheitert, ißt nicht mehr das Verbrechen, die Gemein- 
heit, die Sünde: es ist die starre Satzung, die Macht des 
Bestehenden, der feste Wille des Herrschers, und als äussere 
Veranlassung die Rachsucht des missleiteten Herzens. 

So sehen wir Schilkr's Jugendstandpunkt skh in einem 
letzten und höchsten Werk abschlieesen. Darüber hinaus geht 
es nioht mehr. Die Subjektivität ist erschöpft; In ihrer letzten 
schönsten Blüthe ist sie ihrem eignen Ideale zum Opfer ge- 
fallen. Dafe Individuum, das damit anfing, nur sich zu wollen, 
nichts ausser sich zu kennen, endet damit, von sich selber 
nichts zu wissen, sich ganz hinzugeben m und für ein zwar 
subjektiv gefasstes, aber in sich objektives Ideal aufzuopfern. 
Wir sind damit am Ziel der ersten Epoche von Schillere dra- 
matischer Kunst. 



n. 

Es folgen jene zehn Jahre eifrigen Sammeins neuen Stoffes 
auf dem Gebiete der Historie und Philosophie. Auch dem 
Dichter hartte es an genügender Erfüllung seiner Subjektivität 
mit objektivem Gehalte gefehlt. Jetzt lebt er sich hinein in 



282 Schillers sittliohe Ideale 

die geschichtlichen Formen menschlichen Daseins und in die 
strenge Zucht des logischen Denkens. So musste die Will- 
ktthr aus seinen Ideen verschwinden. Und als nun der Trieb 
zu neuer dramatischer Gestaltung mächtiger und immer mäch- 
tiger sich regt, da mussten es freilich ganz andre Ideale seht, 
die ihn jetzt beseelten. Die inneren Erlebnisse seiner früheren 
Periode waren nicht fruchtlos geblieben. Der Dichter ha; 
nicht mit seiner Vergangenheit gebrochen. Jetzt zieht er die 
positiven Resultate seiner früher mehr negativen Thätigkek. 
Er knüpft unmittelbar an das gereifte Ideal seiner ersten Periode 
an. Jene Begeisterung für Ideen bleibt. Aber diese Ideen sind 
ihm nicht mehr bloss aus der Subjektivität entsprungen: es 
sind die objektiven Mächte der Sittlichkeit. An die Stelle 
revolutionärer Ungebundenheit tritt so die Hingebung an du 
sittlich gegliedertes Ganzes. Der Adel des Herzens; der sich 
an das Schöne und Grosse hingibt, bleibt die eigentliche Seele 
Schillerscher Dramatik: seinen idealen Gestalten ist jede Be- 
stimmung durch gemeine Zwecke, jede Befleckung des Eigen- 
nutzes fremd. Kein Dichter hat, wie er, sinnliche Neigung in 
den Adel der geistigsten, reinsten Treue zu verwandeln und zu 
verklären gewusst. Keiner enthüllt wie er die zarte Schwärme- 
rei jugendlicher Triebe, die ehrenfeste Heiligkeit der Ehe, die 
hingebende Liebe für Freiheit und Vaterland, für Recht und 
Gesetz. Seine Gestalten stehen in einer wunderbaren Mitte 
zwischen eelbstbewusster Reflexion und einfachem Naturdrange. 
Der gemeine Trieb .ist überall schon überwunden, wir gewahren 
nur das schöne Resultat, sittlichen Adel und Reinheit, die nicht 
mehr anzufechten ist. Pflicht und Neigung kämpfen nicht mehr: 
ihr Zwiespalt ist. gelöst in der Heiterkeit sittlicher AnmutL 
Dies Ideal stellt ef der Einseitigkeit realistisch handelnder Cha- 
raktere gegenüber. Und das ist nun sein Ausgangspunkt: 
über jede Grösse des Feldherrn und Königs erhaben strahlt 
jene edle Tüchtigkeit des sittlich geläuterten Individuums. Die 
grosse Welt mit ihrer Arglist, ihren Kriegen und ihrem Betrug 
bildet den Hintergrund. Dort herrscht unbekämpft die Selbst- 
sucht und das Streben nach eitler Grösse, nach Ruhm und 
Macht. Aber diese Welt vermag das Herz nicht zu befriedigen. 
Von ihr unberührt baut sich einsam jene andere Welt auf voll 



and ihr Fortschritt. 588 

hoWer Neigung und ruhigen Glücks, roll Seelenfriedens und 
Einfachheit, jene Welt der sittlich verklärten Individuen« welche 
jene reine Harmonie von Naturtrieb und Herzensadel in sich 
verwirklicht haben. Es müsste kein deutsches Herz sein, das 
nicht in dieser sittlichen Anschauungsweise das innerste Ge- 
heimniss seines Liebens und Hassens ausgesprochen sähe. 

Wir haben damit schon bezeichnet, worauf im „Wallenstein" 
der Hauptnachdruck zu legen ist. Also nicht auf das geschicht- 
lich* politische Element. Unter allen Dichtern wäre Schiller, 
der selbt die Geschichtschreibung in politischem Sinne behandelt, 
der letzte gewesen, um in einem Drama, wie man es etwa jfetzt 
verlangt, das innere historische Prinzip einer Epoche darzu- 
legen. Das ist Sache des Geschichtsschreibers, nicht des 
Dichters. Der Dichter benutzt den historischen Stoff, um ihn 
nach seinen sittlichen Idealen, nicht nach historischen Rück- 
sichten zu behandeln. — Das Wesentliche sind auch im „Wallen- 
stein" die allgemein menschlichen Beziehungen, wie sie Schiller 
aufgefasst. Die Charaktere des Stücks sind deutlich in zwei 
Gruppen geschieden. Auf der einen Seite Wallenstein und 
die Gräfin Terzka mit den untergeordneten Genossen, Oktavio 
und seine Werkzeuge: eine Welt voll Arglist und Falschheit, 
die selbstsüchtig nur nach irdischer Macht und Herrlichkeit 
strebt. Auf der andern Seite Thekla und Max, die rechten 
Vertreter Schillerscher Idealität. Fasst man das Geschichtliche 
als das Wesentliche im „Wallenstein, " so wird nothwendig die 
Liebe dieser beiden Letzteren eine blosse Episode, die den 
historischen Geist des Ganzen stört und beeinträchtigt, und 
man möchte dann diese ganze Partie aus dem Wallenstein hin- 
wegwünschen. Wir freilich möchten dann fragen, was denn 
noch übrig bleibe, welches allgemein menschliche Interesse sich 
an dem Rest befriedigen könnte. Einseitigen Tadel hat diese 
Liebesepisode von allen Seiten ei^ahren. Erkennen wir aber, 
wozu Haltung und Anlage des Ganzen zwingt, in der soge- 
nannten Episode den Kern des Stücks, in dem Conflikt der 
reinen Herzenstriebe mit jener Welt des Egoismus den Angel- 
punkt des tragischen Interesses, so haben wir den Vortheil, 
nicht tadeln zu dürfen, sondern uns an des Dichters poetischen 
Intentionen durchaus und aus vollem Herzen freuen zu können. 



884 Schillers sittliche Ideale 

War doch der dürre historische Stoff Schillern selbst so uner- 
quicklich, nahm doch die Liebesgeschichte während der Arbeit 
sein Interesse immer mehr in Anspruch. Schiller mag es 
immerhin auf eine rein historische Tragödie angelegt habee: 
was wir aber besitzen, ist eine solche nicht. Sein Dichterhen 
erlaubte ihm nicht, seinem Plane zu folgen. Philiströse Kälte 
ist es, die sich von dieser jugendlichen Wärme und Weichheit, 
von dieser Einfachheit und Zartheit der Empfindung ekel 
abwendet. „Cabale und Liebe, u das ist das wahrhafte Them 
des Wallenstein, wie jener früheren Tragödie. 

Wir haben nichts dagegen, dass dieser Vergleich paradox 
erscheine. Nichts desto weniger trifft er zu. Die Unterschiede 
sind allerdings ausreichend gross, dass kein besonders geübtes 
Auge dazu gehört, sie herauszufinden. Die wesentlichen Unter- 
schiede liegen aber nicht darin, dass wir uns dort in bürgerlicher, 
hier in fürstlicher Sphäre befinden , dass es sich dort um ek 
Ministerportefeuille, hier um eine Königskrone handelt, das 
dort der Liebende, hier die Geliebte im Bange höher steht 
Aber es ist bemerkenswerth , dass in „Cabale und Liebe" & 
Liebe die Hauptsache ist, in die die Cabale nur störend ein- 
greift,, dass im „WaHenatein" das grosse Getriebe der Welt- 
geschicke, die Cabale also, im Vordergrunde steht, die Liebe 
erst an zweiter Stelle. Wichtiger noch ist, dass diejenigen, & 
in der früheren Tragödie dem reinen Zuge des Herzens in den 
Weg treten, schlechtweg Bosewichter und Verbrecher sind, im 
Wallenstein aber Staatsmänner und Feldherrn, die wir wegen 
ihrer Grösse zu achten haben. Dort bereitet die Niederträchtig- 
keit einzelner Menschen, hier der allgemeine noth wendige Welt- 
lauf der Liebe den Untergang. Dort erscheint die wirklich 
Welt noch als ein Pfuhl des Verderbens , hier erscheint sie ak 
ein Schauptatz für grosse Charakter und Vertreter erhabener 
Prinzipien. Die subjektiven Interessen sind nicht mehr i» 
^herrschenden, denen der Weltbau sich fügen soll. Der Dichtei 
kennt die innere Bedeutung der grossen historischen Thatsackeß- 
So sehr ihm die sittlich reine Innerlichkeit des Herzens da* 
Höchste bleibt, er hat die relative Berechtigung des Handelns 
auf der grossen Weltbühne erkannt. 

Waüenstein kann so als Typus einer jeden grossen k* 



und ihr Fortschritt. 2S5 

delnden Natur gelten. Seine eigne Grösse, ein Königsthron, 
die Befriedigung seiner Rachsucht, seines Ehrgeizes, sind Motive 
seines Handelns. Aber allgemeine Ideen, der Friede von Europa, 
die Ehre Deutschlands, das Glück der Völker wirken als Hebel 
mit. Sein Streben ist an sich nicht sittlich, aber das unsittliche 
kostet ihm Entschluss. Sein Verrath muss ihm durch die 
äusserste Gefahr seiner Lage abgedrungen werden und ist nur 
die Folge grundloser Verdächtigung und des Neides, unter dem 
er leidet. So geräth er in ein thatloses Zaudern und Zögern, 
das ihm den Untergang bereitet. Da er den letzten Grund 
seiner Willensentschlüsse nicht in sich selbst und seiner sittlichen 
Natur findet, so sucht er ihn im Aeusserlichsten, in Aberglauben 
und Sterndeutung. Der Zufall entscheidet über sein Leben, 
sein Glück und Unglück kommt ihm durchaus von aussen. 
So steht er unter der Macht des Schicksals, das wie mit Be- 
wusstsein seine Pläne durchkreuzt. Der vollendete Menschen- 
kenner scheitert an der heuchlerischen Maske eines falschen 
Freundes. Die blind ergebenen Massen sind unlenksam, wo sie 
aus der Bahn altgewohnten Herkommens gerissen werden 
sollen. So fängt er sich in den Maschen seines eignen 
Netzes. In allem diesen zeigt sich etwas Typisches, was 
mit dem Begriff eines grossen egoistischen Strebens selbst 
gesetzt ist. — 

Dem gegenüber steht nun der stille Friede des in reinster 
Liebe erglühenden Herzens, das nichts von Arglist, nichts von 
Falschheit weiss, dem alles Schöne unmittelbar verwandt ist. 
„Wallenstejn" hat eigentlich zwei Helden, den Fürsten und 
Max. Auf diesen letzteren häuft sich zuletzt das Inter- 
esse immer mehr; er ist's, den wir lieben und bewundern sollen, 
in dem auch Schiller verkörpert hat, was ihm gross und herr- 
lich schien. Aber die in grosse feindliche Heerlager gespaltete 
Welt hat für jenes einfach befriedigte Dasein keinen Baum. 
Wenn der wirkende Held durch die Schicksalsmacht gefällt 
wird, an der Unangemessenheit seines Wollens gegen die 
sittliche Natur des Menschen untergeht, so wird der Liebende 
durch die Strudel der Welt fortgerissen. Das ist das Loos des 
Schönen auf der Erde. 

Max 's sittlich schöne Individualität ist njcht mehr in thätiger 



236 Schillers sittliche Ideale 

Opposition gegen die bestehende Welt: dafür klebt ihr 
der Mangel an, sich nur in schonen Empfindungen zu ergek 
ohne ein positives Lebensprinzip noch in einer gewissen Ab- 
straktion und Allgemeinheit zu schweben. Er ist kein Welt- 
verbesserer mehr: aber es fehlt ihm auch jedes Substantiv 
Interesse, jede Idee. Er ist nichts, als ein edles und gross 
Herz, und nach dieser Seite der reinste Ausdruck Schulende 
Idealität. Schiller hat sich einerseits mit der Welt befrenn« 
und ihren geschichtlichen grossen Verhältnissen ein reira 
Interesse abgewonnen: es ist ihm der Begriff des Heida 
aufgegangen. Andrerseits hat sich sein Ideal einer scfc 
rein menschlichen Thätigkeit geläutert und gesteigert. Aiw 
mit der Wüstheit und Gewaltsamkeit der auf ihr unend- 
liches Eecht pochenden Individualität ist ihm auch der be- 
stimmte Inhalt verloren gegangen. Wenn es so gescheb 
ist, dass die Helden des Herzens erst in zweiter Linie un» 
Interesse in Anspruch nehmen, dass das grossartige Treib 
der weltlichen Wirklichkeit das Erhebendere und Bedeutungs- 
vollere geworden ist, so ist es erklärlich, wie dem Dichter 
selbst, wie noch mehr dem Publikum die Eigentümlich^ 
Schillerscher Dramatik im „Wallenstein" undeutlich werte 
und auf das Geschichtliche der .Hauptnachdruck gelegt werde» 
konnte. 

So bildet auch „Maria Stuart" einen erneuten und Mut 
reichen Uebergangspunkt in Schillers Entwicklung. Es k 
durch sich selbst klar, in wie genauem Zusammenhange ^ 
Aufgabe und der Lösung dieses Werk zum „Wallenstein" stek 
Es behandelt ebenso einen historischen, Stoff, ebenso allgemec 
menschliche Interessen hineintragend. Jener Kreis um JElisabea 
entspricht genau der Umgebung Wallensteins. Die eigenüi© 
geschichtliche politische Welt ist hier wieder eine Welt v» 
Egoismus, voll Herzenshärtigkeit, Eifersucht, Verstellung, Ehr- 
geiz. So erscheint Elisabeth, Burleigh, Leicester dem einfach 6 
Zuge des Herzens abge wandt* jeder von ihnen auf seine ffs* 
Zwecke verfolgend, die theils aus politischen Interessen, tW 
aus schlechter Leidenschaft entspringen. Auf der andern Sa» 
leuchtet Maria in der reinen Glorie des Herzensadels. Auf* 
wird all unser Interesse gelenkt. Sie kennt kein Motiv & 



and ihr Fortschritt. 237 

Ehrgeizes , der Selbstsucht. Für sie handelt es sich um hohe 
sittliche Fragen. Sie ist eine Sünderin gewesen, als sie in 
ihrer Jugend ihr schwaches, schlecht verwahrtes Herz verleitete. 
Das Unglück hat sie geläutert. Ihr Leben ist ein Leben der 
Reue. Sie will ihren Frieden mit dem göttlichen Sittengesetze 
wieder herstellen. Daher die Bedeutung ihrer religiösen Em- 
pfindung, die der Dichter in ihrem tiefsten Wesen so schön zu 
würdigen verstand. Sündenbewusstsein und Busse, das reine 
gläubige Vertrauen auf Erlösung und Vergebung, die willige 
Ergebung in das göttliche Strafgericht, — so erscheint uns 
hier das Herz auf seiner Höhe, mit seinem eignen Heile be- 
schäftigt Dazu ist die lange Busse ihres Kerkerlebens die 
würdige Vorbereitung, ihr schmachvoller, in demüthiger Ergeben- 
heit übernommener Tod der würdige Schluss. In „Maria Stu- 
art" hat so der Gegensatz von Herz und Welt eine äusserste 
Zuspitzung gewonnen. Es ist ein sehr transzendenter Standpunkt, 
den der Dichter hier behauptet. Die arge Welt und die Glorie 
des Martyrthums — das ist der Conflikt. Wir möchten in 
„Maria Stuart" eine gewisse Aehnlichkeit mit dem „Oedipus 
auf Colonos" finden. Hier wie dort läset ein Dichter der Sub- 
jektivität, und das ist Sophodes auf dem Gebiete griechischer 
Idealität, ein Dichter, der das Herbste und Schrecklichste aus- 
zusprechen sich nicht gescheut hat, den durch argen Frevel 
befleckten Menschen im Tode durch das Göttliche verklären, 
während die Conflikte der äusseren Welt, die geringen endlichen 
Interessen ihn noch in ihre Studel hinabziehen möchten. Die 
ganze Verschiedenheit der sittlichen Anschauungen des Griechen- 
thums und des Christenthums könnte man an diesen beiden 
Tragödien entwickeln, die bei so grosser Aehnlichkeit des 
Grundmotivs doch so verschieden sind. Der Grieche kennt 
die böse, hässliche, widernatürliche That, aber nicht die Sünde. 
Aber hier wie dort greift die Religion * bestimmend ein: wir 
haben eben einen Versöhnungsprozess. Hier wie dort ist 
der Gegensatz der leidenschaftlichen Welt und der idealen 
Herzensstimmung versöhnt in denTheseus, wie in denShrews- 
bury und Paulet. 

Welcher Fortschritt der sittlichen Anschauungen zeigt sich 
wieder in der „Maria Stuart 44 gegen den „ Walle&stein" gehalten! 



238 Schillers sittliche Ideale 

Der Gegensatz der Weltpraxis und der Herzensinteressen ist 
kein absoluter mehr. Auch auf der grossen Weltbühne läset 
sich ideale Sittlichkeit verwirklichen, auch der Staatsmann kann 
seinem Herzen gehorchen, sich von aller Befleckung der Leiden- 
schaft, des Egoismus mitten im Strudel der Welt rein erhalten. 
Shrewsbury's Beispiel zeigt's. Darum erschaut Elisabeth 
hassenswerth, wie Wallenstein nicht, weil sie schon im Gegen- 
satze zu dem Ideale politischer Thätigkeit steht, das in „Wollen- 
stem" noch keine Existenz gefunden hatte. — Auf der andern 
Seite hat die Blüthe reiner Menschlichkeit, die sittliche Persön- 
lichkeit, unendlich höhere Zwecke gewonnen. Das höchste 
Problem der in sich verharrend«! Innerlichkeit, Sündenbewusst» 
sein und Erlösung, Irdisches und Göttliches als aus dem Zwist 
wiederhergestellte Harmonie, bildet ihren Inhalt. Die weltliche 
Liebe dagegen tritt nun in abschreckender Form, als wilde 
Sinnlichkeit, ak leidenschaftliche Verirrung heraus. Das wird 
aus dem Streben nach irdischer Befriedigung der Herzens- 
neigung. 

Der Gegensatz zwischen Herz und Welt hat sich als ver- 
söhnbar gezeigt Sittliche Thätigkeit ist als möglich er- 
schienen mitten unter den Leidenschaften, die die Welt in 
feindliche Lager theilen. Aber das Herz beschäftigt sich nosh 
einseitig' mit sich selbst und mit seinem Öott. Dieser Stand- 
punkt der Transzendenz, der Ausserweltlichkeit hebt sich in 
der nächsten Tragödie auf: Herz und Welt werden nun 
wirklich eins. 



m. 

Es ist ein rechtes Kunststück, zu zeigen, dass in dem 
historischen Stoffe der „Maria Stuart" noch ganz andre dra- 
matische Momente liegen, als die ScBiller herausgearbeitet hat, 
und dass er wohl gar durch seine Umgestaltungen des Ge- 
gebenen den „dramatischen" Inhalt der Geschichte abgeschwächt 
habe. Wenn es nur überhaupt dem Dichter auf die objektive 
Darstellung der Geschichte, und nicht vielmehr auf die Ge- 



and ihr Fortschritt. 239 

staltung seiner Ideale ankäme! Dem Dichter ist es gleichgültig, 
ob sein Stoff geschichtlich oder mythologisch ist. Er entwickelt 
nicht den Sinn der einzelnen Begebenheit, sondern den Zu* 
sammenhang der sittlichen Welt überhaupt, wie er ihn zu fassen 
vermag. Das ist seine Aufgabe. 

Legt man in den eben betrachteten Tragödien den Nach- 
druck auf das Geschichtliche, so tritt die „Jungfrau von Orleans" 
auch äusserlich zu ihnen in den entschiedensten Gegensatz. 
Der Stoff ist noch historisch, die Behandlung ist es nicht mehr 
auch nur dem Scheine nach. Aber innerlich ist die „Jungfrau" 
in der innigsten Gemeinschaft der Probleme mit „Maria Stuart. 44 
Auch in der „Jungfrau 44 ist die Heldin religiös beseelt, auch 
in ihr handelt es sich durch eine kühne Umdichtung des Ueber- 
lieferten um Sünde und Versöhnung. Aber doch ifet die Wendung 
eine ganz andre. 

Die Gegenüberstellung der Charaktere als Helden der 
Welt und der reinen Sittlichkeit hat aufgehört. Der Conflikt geht 
im eignen Herzen der Heldin vor. Sie fühlt sich durch göttlichen 
Beruf bestimmt, auf den grossen Schauplatz der Weltgeschicke zu 
treten. Idealen Zwecken soll und will sie sich auf eben diesem Ge- 
biet mit ganzer Seele hingeben, an die Interessen ihres eignen 
Daseins, an ihr Herz nicht gedenken. Dagegen empört sich 
ihre sündige' Natur. Liebesleidenschaft, durch den ernstesten 
sittlichen Kampf nicht mehr zu unterdrücken, erwacht in ihrer 
Brust. Sie wird den Geboten ihres Gottes ungetreu und fühlt 
eich verworfen. Das Vertrauen zu ihrem göttlichen Berufe er- 
wacht wieder in ihr in ihrem höchsten Elend, das Gebet macht 
sie frei. Sie zerbricht die Bande des Kerkers und der Sünde 
durch ihren Glauben und stirbt in ihrem heiligen Amt als 
Märtyrerin. Das ist der tragische Conflikt der Handlung: 
begeisterungsvolle Hingebung an objektive Zwecke und des 
Herzens Neigung, die Interessen des einzelnen Ich. Und wer 
hätte noch nicht eingesehen , dass das* ja auch der Inhalt des 
k „Don Carlos 44 ist? 

Posa hat sich aus eigner Vernunft ein Ideal menschlich- 
staatlicher Existenz geschaffen, an dessen Verwirklichung er 
sein Leben setzt. Auch die Jungfrau setzt ihr Leben ein für 
Interessen des Staats und des Vaterlandes. Aber der Unter* 



240 Schillers sittliche Ideale 

schied ist klar. Sie fühlt sich berufen nicht aus eigner Ver- 
nunft, sondern durch einen göttlichen an sie ergangenen M 
Der Trotz des Helden auf seine subjektiven Ideale ist ver- 
schwunden, und selbst die hingebende Begeisterung ersehen: 
in ihrer möglichst objektiven Form als religiöse Empfindung, 
als Prophetie. Sie holt ihren Zweck nicht mehr aus den Tiek 
ihres eignen Bewusstseins, sie fühlt sich als das erwähta 
Werkzeug einer höheren Macht, der sie zu gehorchen hat - 
Das unendlich Begeisternde im „Don Garlos" wie in der „Jung- 
frau" ist die reine Begeisterung des Helden für ideale Zwecke. 
Beide Male stellen sie sich die Aufgabe» jede Aeusserung 
individueller Empfindung, jedes partikulare Bestreb6n der heilige: 
Sache, für die sie kämpfen, aufzuopfern. Aber im „Don Car- 
los" Vermag das persönliche Interesse der Herzensneigmg 
die Pläne des Helden zu durchkreuzen. Der Held selbst k 
neben seinen Idealen noch seinen Freund; Diesem Freunde 
hat eine leidenschaftliche und sündlich verkehrte Liebe dk 
Fähigkeit uneigennütziger Begeisterung geraubt. Die Fureb 
des Carlos wegen des Schicksals seiner Liebe führt die Kata- 
strophe herbei, in welcher nicht allein die Kämpfer für du 
Ideale , sondern auch ihre grossen Bestrebungen unterliegen 
In der Jungfrau vermag der ähnliche Conflikt die Heldin wofc 
augenblicklich in ihrem heiligen Beruf zu stören: aber aus der 
Trübung ihres Bewusstseins geht sie nur um so siegreicher, 
verklärter hervor, und ihre gute Sache siegt. — 

Was nun den Inhalt des begeisterten Willens anbelangt, 
so kämpft die Jungfrau nicht für ein erst zu Schaffendes, 
sondern für ein historisch Gegebenes, das sie nur in seinem 
Glänze wiederherstellen will, für nationale Unabhängigkeit \d 
die Macht der Königskrone. Heilige Güter der Menschheit 
sind's, für die die Jungfrau einsteht, aber keine subjekti?et 
Ideale, sondern die göttlichen Rechte, die dem einfachen Sift 
ewig am nächsten liegen, der sein Vaterland liebt. Die oppo- 
sitionelle Stimmung gegen die wirklichen Zustände des Staats 
und der Gesellschaft ist weggefallen, wie sie den „Don Car- 
los" beherrscht. Die Jungfrau hat keine Ader mehr von dem 
idealistischen Hass gegen das Bestehende. Das ewig Gegebene 
der göttlichen Ordnung, der angestammte König, das schöne 



und ihr Fortschritt 241 

Frankreich, die Grösse des Vaterlandes, — das sind ihre Ideale. 
So ist sie fest im Kinderglauben und fest in der Tiefe des 
religiösen Bewusstseins. 

In der „Jungfrau" befinden wir uns auf der grossen Bühne 
des Völkerleben6. Aber die Heldin, die hier Staatszwecke ver- 
folgt, ist eine Kriegerin des höchsten Gottes» nicht mehr, wie 
Wallenstein und Elisabeth, eine kalt egoistische Natur. Nichts 
von der Welt erscheint mehr hassenswerth. Nur die fromme 
Begeisterung vermag mit segensreichem Erfolg die harten Con- 
flikte der Wirklichkeit zu lösen. Die eigenliche Kriegs- und 
Staatsheldin ist eine Heldin deB Herzens. Andrerseits hat das 
Herz hier seinen wahren Gegenstand gefunden auf dem Schau- 
platz weltgeschichtlicher Ereignisse. Im „Wallenstein" fanden 
wir noch die Idealkirung des Kleinlebens. In „Maria Stuart" 
hatte das Herz nur noch mit sich selbst und seiner sittlichen 
Läuterung zu thun. Noch erscheint in der. Jungfrau" die 
reine substanzlose Idealität des Herzens im König und in Agnes 
Sorel. Aber diese Gestalten erscheinen schon als schwächlich 
der hehren Grösse der Jungfrau gegenüber. Der edle Wille 
soll sich für die' allgemeinen Interessen des Völkerlebens be- 
geistern, und diese allgemeinen Interessen sollen nur durch edle 
Naturen vertreten werden. Die Gemeinheit der Isabella unter- 
liegt. Die Unseligkeit des Weltsinns, des Handelns aus Kuhm- 
und Eroberungssucht ist uns in Talbot's Sterbescene mit er- 
schütternden Zügen geschildert. Der Kontrast gegen die Jung- 
frau könnte nicht erschütternder, nicht treffender sein. Und 
man meint wirklich, Schiller habe sich hier zufällig einiger 
Shakspear'schen Redensarten erinnert und sie bei Gelegenheit 
angebracht! — 

Die „Jungfrau von Orleans" bildet nach der einen Seite 
den Höhenpunkt in Schillers geistiger Entwicklung, wie seiner 
darstellenden Kunst. Der Höhenpunkt des Individuums ist 
erreicht. Der Gegensatz von Herz und Welt existirt nicht 
mehr, es ist ein neuer an die Stelle getreten* Die objektive 
Welt ist nicht mehr das Verwerfliche, das Herz nicht mehr 
das Gute. Das Herz ist nur gut, wenn es sich den idealen 
Mächten der Wirklichkeit hingiebt. So weit es sich selbst 
überlassen ist, verfällt es der Sünde. Individualität ist nicht 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 16 



242 Schillers sittliche Ideale 

mehr Geistesgrösse, sondern Verderben. Das Gute liegt is 
der göttlichen Ordnung, nicht in dem subjektiven Ideale oder 
in des Herzens Neigung. So hat sich der Gegensatz um- 
gekehrt. Die Sündlichkeit des Herzens einerseits, die Heilig- 
keit der göttlichen Ordnungen* andrerseits bilden das Thema da 
beiden letzten Tragödien Schillers. 

Die „Jungfrau Ton Orleans " ist eine christlische Tragodk 
im höchsten Sinne. Gerade so scheint die „Braut von Messira- 
eine heidnische Tragödie zu sein. Aus dem Kreise der hii 
rischen Stoffe sind wir plötzlich herausgetreten in eine Wek 
phantastischer Verhältnisse, das Interesse an den grossen Fragen 
des Völkerlebens ist demjenigen an den Geschicken eines 
Fürstenhauses gewichen. Der Form nach erinnert der gehaltene 
Ton, die enge Schönheitsgrenze der Darstellung, die Einfüh« 
des Chors an die Oekonomie der antiken Tragödie. Damit 
stimmt auch die Gesammtheit der poetischen Motive im Ein- 
zelnen. Zwei Brüder, von eingebornem Haas gegen einander 
erfüllt , kaum durch die Macht des mütterlichen Ansehens von 
gegenseitigem Morde zuzückzuhalten. Eine unselige Leiden- 
schaft, die mit Naturmacht die Gemüther unterjocht und ihnen 
jede Freiheit, jede Besinnung raubt. Eine entsetzliche That 
verblendeter, unbesonnener Leidenschaft, ein Brudermord, durch 
einen Selbstmord gesühnt oder gesteigert. Der äussere Hebel 
der Handlung Vorherbestimmung , ein über des Fürsten Hause 
durch alten Frevel waltender Fluch, Prophezeiung, zweideutige 
Orakel, Schicksalsmacht. Der Grund und Boden der Hand- 
lung das Familienleben, die Katastrophe eine grassliche Ver- 
letzung der Familienpietät. Das alles erinnert an antike Vor- 
stellungen, und besonders an den „König Oedipus." Ja der 
Dichter hat selbst diesen im Sinne gehabt, und trauen wir 
bloss auf das, was ihm bewusst war, so wollte er sich einm* 
in einer neuen Form versuchen. Mittelalterliche Eomanö 
in der „Jungfrau," antike Classizität in der „Braut von !fo- 
sina" braucht man noch mehr, um die beiden Tragödien « 
verstehen? 

Bei der „Jungfrau" wenigstens haben wir gesehen, das* 
es damit nicht abgemacht ist. Wie der Dichter dazu gekommen» 
eine so gewaltsame Umänderung des historischen Stoffes tot- 



and ihr Fortschritt. 249 

zunehmen, läset sich nicht begreifen, wenn wir nicht erkennen, 
dass sein genialer Drang ihn auch unbewusst trieb, den Gegen- 
stand in den Kreis seiner Ideale zu ziehen, und nun ein gut 
protestantisches Drama daraus zu machen, das die Reihe seiner 
vorhergegangenen Schöpfungen krönte als eine tiefere und um- 
fassendere Lösung der Aufgaben, die er sich von je gestellt» 
Und die „Braut von Messina" sollte nur ein Experiment in 
einer neuen Form sein, nicht vielmehr aus dem Bedürfniss des 
Dichters hervorgegangen, eine neue Seite seiner gereiften 
sittlichen Weltanschauung zum Kunstwerke zu gestalten? 

Die Anknüpfungspunkte an frühere Gestaltungen Schillers 
werden uns nicht fehlen. Daes dieser Cesar durch die freie, 
offene Natur, durch die ritterlich edlen Manieren an Max 
Piccolomini erinnert, daes diese Beatrice in ihrer holden 
Schüchternheit und jungfräulichen Zartheit der Thekla ähnlich 
ist, ist durch sich selbst klar. Der hauptsächliche Charakter- 
gegensatz, der durch das ganze Stück geht, ist der zwischen 
den von Leidenschaften des Hasses und der liebe abwechselnd 
beherrschten Brüdern und der ruhigen Hoheit der Mutter. Dort 
wilde, ungestüme Triebe, hier würdige Klarheit und Besonnen- 
heit. Dort blinde Hingebung an Neigung und Abneigung, hier 
weise gefasste und durchgeführte sittliche Zwecke, das erhabene 
Walten der Mutter und Königin« Es ist das eine tiefere und 
gereiflere Form des Gegensatzes, der beständig die Seele Schil- 
lerscher Dramatik ausmacht: das Herz, das nur seinem Drange 
folgt, und der Verstand, der die Verhältnisse der Welt ge- 
staltet. Ja, wenn wir genauer zusehen, so ist das ganze 
poetische Motiv schon einmal dagewesen: zwei einander feind- 
liche Brüder, einig in der Liebe zu demselben Mädfchen, einig 
in dem Conflikte mit der sittlichen Welt, — das iöt ja auch 
das Grundmotiv der „Räuber." Und hierauf werden Wir nun 
billig den Hauptakzent legen. Die „Räuber" und die „Braut 
von Messina" — das ist der Fortschritt des Schillerschen 
Geistes. 

Die beiden Brüder in den „Säubern" hatten sich mit 
Unterdrückung der Menschlichkeit in* dem Vollgefühl der ab- 
soluten Berechtigung ihrer Individualität der Welt gegenüber- 
gestellt und jedes Sittliche mit Füssen getreten. Die beiden 

16* 



244 Schillers sittliche Ideale 

Brüder in der „Braut von Messina" kommen durch wilde 
Leidenschaftlichkeit dahin, in dem Augenblicke unbesonnener 
Wuth sich eben so am Heiligen zu vergehen, der eine voi 
ihnen wird zum Brudermörder. So werden wir die „Braut von 
Messina" als die Tragödie der sich selbst überlassenen Leiden- 
schaft auffassen müssen und als notwendigen Gegensatz dazu 
die Gestalt der Isabella begreifen. In der „Braut von M essina* 
ist Schiller dahin gekommen, das Recht des Herzens und der 
individuellen Leidenschaft nicht mehr bloss in Frage zu. ziehen, 
sondern gradezu zu verneinen. Hier zeigt es sich, wie grade 
aus Leidenschaft, aus dem „Zuge des Herzens," der ihm im 
„Wallenstein" noch des Schicksals Stimme ist, die verruchtesten 
Thaten entstehen, und wie nur die allgemeinen sittlichen Zwecke 
einer Isabella vor den schwersten Verirrungen der Willens- 
kraft schützen können. Leidenschaft und Verschuldung is: 
hier dasselbe, das Herz ist nicht mehr der Leitstern, dem ge- 
folgt werden darf, sondern der Verführer, der an sich edle 
Naturep zu Grunde richtet. In dem poetischen Motiv müssen 
wir auch die Erklärung für die poetische Form, den antiken 
Bau, die Schicksalsgewalt finden. Es ist die Leidenschaft, die 
sich an den heiligen Ordnungen vergreift, die auch in der 
griechischen Dramatik das ständige Thema ist. Der von Leiden- 
schaft geblendete Mensch, eben sowohl der Hassende wie der 
Liebende, ist absolut abhängig und unfrei in sich selbst. Der 
äussere Zufall in der Verknüpfung der Dinge , die Vorherbe- 
stimmung, wonach menschliche Thaten wie mit Naturnoth wendig- 
keit zu geschehen scheinen, ist nur der Ausdruck für diese 
innere Unfreiheit. Das ist der Grund des Schieksalszusammen- 
hanges der Tragödie. Charakteristisch für sie ist es, dass 
Alles an einem unausgesprochenen Wort, an einer Minute mehr 
oder weniger hängt. Darin grade ist die sittliche Notwendig- 
keit vorhanden^ Das Individuum hat der sittlichen Welt gegen- 
über Unrecht, das Geltende sind nur die ewigen Gesetze der 
Sittlichkeit. In den „Räubern" beherrscht den Dichter die 
Freude an dieser Fähigkeit furchtbarer Naturen, alle Grund- 
sätze des sittlichen Lebens umzukehren; in der „Braut von 
Messina" herrscht das Grauen und Entsetzen vor den entfesselten 
Mächten der Leidenschaft. Dort rechtfertigen wilde Emporer 






and ihr Fortschritt. 245 

ihren Abfall durch freies Raisonnement und trotzen mit Be- 
wusstsein, der eine von ihnen soll gradezu als gross und be- 
wunderungswürdig gelten: hier kommen edle Naturen durch 
unbesonnene Leidenschaft wider besseres Wollen zu gräulicher 
That. Dort hebst es Freiheit, auf die Unendlichkeit des eignen 
Seist gestützt, sich von den objektiven Gesetzen der Wirklichkeit 
abzulösen: hier heisst es tiefe, jammervolle Sklaverei, in dem 
Drange blinder Triebe das Gesetz mit Füssen zu treten. So 
durchaus umgekehrt hat sich des % Dichters Weltanschauung. 
In der „Braut von Messina" ist keine Gestalt, die der Dichter 
als menschliche Grösse unsrer Bewunderung empfehlen will, 
ausser etwa der der Isabella, und auch diese leidet gerecht 
Es ist gleichsam die Kehrseite seiner Ideale, die Schiller hier 
darstellt, nicht die Grösse des Wahren, sondern die Verkehrt- 
heit des Falschen. Darum tritt hier das Religiöse und Christ- 
liche zurück: es wird Alles im allgemeinsten Sinne behandelt, 
als ein Problem aller Zeiten, aller Nationen: eine Verlegung 
des Standpunktes vor das christliche Bewusstsein, wie etwa 
im Buche Ruth * die Theodizee behandelt ist. — So ist die 
„Braut von Messina" eine furchtbare und* gewaltige Negation. 

Und damit nahen wir uns dem Schlussziel jener Ent- 
wicklung. Wir haben über den „Teil" wenig hinzuzufügen. 
Der aufmerksame Leser muss antizipirt haben, wie in diesem 
Zusammenhange diese Tragödie aufzufassen sei. Auf die 
schliessliche Negation muss die schliessliche Position folgen. — 

Der Gegenstand des „Teil" erinnert aufs Lebhafteste, an 
Schillers erste historische Tragödie, an den „Fiesko." Hier 
wie dort haben wir einen Tyrannen und ein unterdrücktes 
Volk. Hier wie dort thun sich Unzufriedene zusammen, um 
vereinigt die Gewaltherrschaft zu stürzen. Hier wie dort er- 
hebt sich über die Masse der Verschwornen ein Individuum 
in eigner selbstständiger Bedeutung. Gessler und Gianet- 
tino sind gleich in ihrer Verachtung historischer Rechte, in 
ihrer kalten Grausamkeit, ihrem Egoismus, ihrem Uebermuthe. 
Die Verschworenen vom Rütli und die Aristokratie Genuas 
theilen wenigstens dieselbe Entrüstung über ihnen angethane 
Schmach, über die Verhöhnung ihrer angestammten Rechte, 
über schändliche Eingriffe in ihre Familie. Der Vergleich ist 



S46 Schillers sittliöhe Ideale 

schlagend. Aber in dieser Aehnlichkeit der Motive welche 
Unterschiede der Auffassung und Behandlung! Gianettino ist 
bloss eine wüste, rohe, übermüthige Natur, Gessler ein hart- 
herziger, erbarmung8- und rücksichtsloser Staatsmann, zum 
grösserem Theil von politischen Gedanken getrieben. Die ver- 
schwornen Genuesen treibt ihr Stolz und ihre Gefahr: die 
Männer vom Eüttli ihre Freiheiteliebe und die Sorge für die 
Ihrigen. Fiesko, ein Bild des Ehrgeizes, verlässt die Freihat 
des Vaterlandes um seiner Grösse willen, bricht seiner Frau 
das Herz, übt Verrath nach allen Seiten. Teil, die offene, 
treue Männerseele, folgt in seinem Morde noch dem Sittengesetze, 
das ihn seine Familie schützen und wahren heisst« Vemti 
bringt dort, und hier der feste Entschluss eines zum Aeusser- 
sten getriebenen Vaterherzens die Entscheidung. Und fassen 
wir Alles in ein Wort zusammen: im Fiesko herrscht der 
individuelle Eigenwille, in TeD der sittliche Impuls. 

Teil steht in gleichem Gegensatze zu dem Egoismus 
eines Wallenstein, wie zu dem Idealismus eines Posa. Der 
Befreier seiner Nation ist im Grunde ein Held des Herzens. 
Nicht politische Gedanken, nicht Selbstsucht leiten ihn. Sein 
Pathos ist die Familienliebe. Die Liebe zu seinen Kindern 
bewegt ihn zu jener That, die zugleich der Anfang der 
schweizerischen Freiheit wird, ohne dass diese Folge auch 
die Absicht und das Motiv der That gewesen wäre. Wir 
möchten diese That nicht absolut rechtfertigen: sie geht aus 
dem Drange des Augenblicks, aber nicht aus Leidenschaft 
hervor. Schiller hat sich unendliche Mühe gegeben, diese 
That zu motiviren. Worauf er früher gewiss den Nachdruck 
gelegt hätte, die Freiheitsbegeisterung fehlt dem Teil ganz. 
Er hat nur sein Naturgefühl und sein Vaterherz. Dieses, da 
es tödtlich verletzt ist, giebt den Ausschlag. Die That ge- 
schieht ausserdem in vollkommen beruhigtem Bewusstsein. Die 
Keflexionen, die Teil macht, sollen grade dies uns deutlich machen. 
Es ist nicht Hass, nicht Kachsucht, was Teil treibt, eben so 
wenig als irgend eine Begeisterung: es ist der Vater, der das 
Leben seiner Kinder vertheidigt. Die Höhe der Anschauung, 
die wir in der „Jungfrau" bewunderten, ist hier nicht vorhanden, 
wenn wir auf die tiefste Innerlichkeit des Helden achten. Aber 



and ihr Fortschritt 247 

in andrer Weise ist hier das Höchste verwirklicht, was Schiller 
zu leisten vermochte. 

Teils Gesichtskreis reicht nicht über die nächsten, aber 
heiligsten Güter des Lebens hinaus, über das Glück seines 
Hauses, die Sicherheit der Seinigen. So lebt er ruhig im 
engen Kreise dahin, grosse Pläne nnd deren Ausführung Anderen 
überlassend, ein schlichter Mann der That mehr, als des Wortes. 
Sittliches Familienleben ist hier die Grundlage des nationalen 
Lebens, Freiheit heisst die Sicherheit der Familie. Das öffent- 
liche Leben ist die Bewährung der angestammten Rechte. 
Noch einmal greift die sentimentale Liebe des Herzens in die 
weltgeschichtliche Begebenheit ein, aber nicht mehr als ein 
feindlicher, oder gar als ein höherer Gegensatz. Im Gegen- 
theil, sie bekommt ihre wahre Bedeutung erst durch den 
sittlichen Inhalt, den ihr das Ethos des Volkslebens gifebt. 

Was den sittlichen Grund eines Menschenlebens anbelangt, 
hat Schiller im Wilhelm Teil sein letztes Wort gesprochen. 
Diese klare, sichere, männliche Natur läset den unbefriedigten, 
unklaren Trieb früherer Gestalten Schillers auch nicht mehr 
ahnen. Seine engen und sittlichen Zwecke, seine Hingebung 
an Familie und Recht, diese Befriedigung an der Wirklichkeit 
vergleiche man mit den trüben Zielen, den haltlosen Idealen 
der früheren Gestalten. Aus dem Kreise künstlich reflektirter 
Bildung überhaupt sind wir hier versetzt in das harmlose 
Dasein ursprünglicher Naturmenschen, wo die edle Sicherheit 
des sittlichen Gefühls herrscht, in naturwüchsige, menschlich 
reine Verhältnisse. Die Welt hat sich als das Heilige und 
Vernünftige gezeigt, das Herz ist der treue Hüter dieser objek- 
tiven Vernünft^gkeit geworden. Und es ist, als ob Schiller hier 
sämmtliche Motive seiner früheren Dichtungen in einem voll- 
stimmigen Akkorde habe zusammenklingen lassen. Da haben 
wir die hartherzige Consequenz der Staatszwecke, wie in „Maria 
Stuart," das Thema des Unterschiedes der Stände, wie in „Cabale 
und Liebe." Da ist die Begeisterung für Kecht und Freiheit 
wie im „Don Carlos," Begeisterung für nationale Unabhängig- 
keit, wie in der „Jungfrau." Im Johannes Parricida kehrt die 
Unseligkeit der blinden Leidenschaft wieder, wie in der „Braut 
von Messina." Die revolutionäre Auflehnung erinnert an Schillers 



248 Schillers sittliche Ideale und ihr Fortschritt 

Erstlingswerke, und die Befriedigung an der Wirklichkeit an die 
beruhigte Objektivität seiner späteren Epoche. Gessler ist Franz 
.Moor und Wallenstein in einer Person. Zu bedauern bleibt 
es eher, dass man denjenigen nicht ganz Unrecht geben kann, 
die Teils gewaltsame Selbsthilfe mit Karl MoorV Nachahmung 
der Vorsehung vergleichen möchten. — 

Wir haben versucht, vorurtheilsfrei dem Dichter auf seinem 
Entwicklungsgange nachzugehen, an seinen Werken nicht eine 
oder die andere zufällige Seite, sondern den wesentlichsten Gesichts- 
punkt herauszukehren, nach dem sie zubeurtheüen sind. Was Schil- 
ler in seinem Innern durchlebt hat, ist das Vorbild der grossen 
Geschicke der deutschen Völker. Seine Jugend war eine Jugend 
im höchsten Sinne, sein Mannesalter ein rechtes Vorbild jeder 
ächten Männlichkeit. So war er berufen, für die sittlichen 
Ideale der deutschen Nation in stetiger Entwicklung den rechten 
Ausdruck und die rechte Gestalt zu finden. Sein Verstand 
mag in mancher Hinsicht in der Abstraktion befangen gewesen 
sein: sein Dichterherz, durch das er uns theuer wird, war echt 
deutsch und echt christlich. 

A. Lazarusson. 



Das 
Studium angelsächsischer Sprache und Literatur 

in Deutschland. 



Es ist vor kurzem erst in diesen Blättern mit Recht darauf 
hingewiesen worden, wie unfertig noch das Studium der neuem 
Sprachen unter qns ist und wie es fast auf jedem Gebiete noch 
an der tiefem wissenschaftlichen Begründung fehlt. Gerade 
diejenigen, welche die grossartigen Leistungen der modernen 
Philologie seit vierzig Jahren beachten, anerkennen und sich 
anzueignen suchen, werden gern zugestehn, dass zumal für die 
allgemeine Verwerthung des Errungenen, aber auch für weitere 
Forschungen noch unendlich viel zu thun ist. Dies gilt vor- 
zugsweise auf dem Gebiete dar englischen Sprache und Lite- 
ratur. Der Einfluss, welchen die Arbeiten J. Grimm' s und 
seiner Schule auf deren Studium hätten ausüben können, ist 
noch immer nicht in dem wünschenswerten Masse zu spüren; 
selbst für das Französische ist seit Diez verhältnissmässig weit 
mehr geschehn . und im ganzen bleibt noch heute das richtig, 
was vor nun fast zehn Jahren Fiedler in dieser Beziehung aus- 
sprach: „Diese Bevorzugung des Französischen vor dem Eng- 
lischen mag auf den ersten Blick wunderbar erscheinen. Sie 
hat indessen ihre sehr natürlichen Gründe. Das Lateinische, 
als Grundlage für sämmtliche romanischen Sprachen, ist wohl 
wenigstens der Mehrzahl der Lehrer derselben bekannt, das 
Angelsächsische und die verwandten altern deutschen Sprachen, 
die Grundlage des Englischen, kennt nicht ein Zwanzigtheil der 



250 Das Studium angelsächsischer Sprache 

Lehrer der englischen Sprache. Rechnen wir hinzu, wie ungemein 
schwer zugänglich Quellen und Hülfsmittel zum geschichtlichen 
Studium der englischen Sprache sind, so erklärt sich jene Ver- 
nachlässigung des Englischen im Vergleich zum Französischen 
leicht." Wissenschaft!. Grammatik der englischen Sprache IV. 
Allerdings kann nun gleich von vorn' herein darüber Streit 
herrschen, ob und wie weit die Kenntniss angelsächsischer 
Sprache und Literatur für das Studium des Englischen noti- 
wendig sei. Jeder wird gern zugeben, dass man auch ohne 
jene könne geläufig sprechen lernen und sich mit den neuem 
Meisterwerken vertraut machen. Die Meisten werden darä 

t einverstanden sein, dass es ein übertriebener, wenn auch gut- 
gemeinter Eifer ist, das Angelsächsische auf der Schule als 
Unterrichtszweig besonders einführen zu wollen; wenigstens 
stünde da dem Mittelhochdeutschen, dem Althochdeutschen und 
selbst dem Gothischen ohne Zweifel ein näheres Recht zu. Da- 
gegen, dass der wissenschaftlich gebildete Lehrer des Englischen 
zu vollem historischen Verständnisse das Angelsächsische kennen 
müsse und diese Kenntniss auch beim Unterrichte in der rechten 
Weise anregend und befruchtend benutzen könne, das ist eine 
Ueberzeugung, die wir bei der grossen Mehrzahl unsrer Lesa 
ohne weiteres voraussetzen zu dürfen glauben. Jedenfalls müssee 
Wir uns hier, statt eine ausführliche Beweisführung dafür zu 
liefern, mit kurzen Andeutungen begnügen. 

Der wissenschaftlichen Erkenntniss gegenüber ist die Sprache 
etwas Lebendiges, welches in steter Entwicklung begriffen, we 
der Volksgeist, dessen Ausdruck sie ist, geworden ist, seine 
Geschichte hat. Die Gegenwart aber, können wir nur verstehen 
aus und im Zusammenhange mit der Vergangenheit, Darin 
liegt die Berechtigung der historischen Sprachwissenschaft: 
darauf also gründet sich auch die Anforderung an den Lehrer, 
das Englische in seiner geschichtlichen Entwicklung zu studireo. 
Diese nun führt ihn auf das Angelsächsische zurück und ge- 
rade die Geschichte der englischen Sprache scheint uns so an- 
ziehend und lehrreich wie kaum diejenige irgend einer andern 
Denn gerade die verhältnissmässig grosse Jugend derselben, die 

, eigentümliche Mischung, die sich in ihr zeigt, der ausser- 
ordentliche Aufschwung, den sie genommen hat, die universelle 



und Literatur in Deutschland. 251 

Bedeutung, die sie mehr und mehr gewinnt, gewähren dem 
Forscher die mannigfachsten und weitesten Einblicke in die 
Entwicklung der Sprache an und für sich, sowie in den Zu- 
sammenhang der bedeutendsten wirklichen Sprachen des mo- 
dernen Europa. Durch die Kenntniss des Angelsächsischen 
erst, mit der das Verständniss des Altsächsischen sich wie von 
selbst verbindet, erhalten wir Einsicht in die enge Verbindung 
zwischen unsrer deutschen und der englischen Sprache und 
Denkweise, Licht für so manche sonst dunkle Stelle unsres 
eignen Alterthums. Wenn uns, um mit J. Grimm zu reden, 
Sprachforschung, der wir anhängen und von der wir ausgehn, 
doch nie in der Weise hat befriedigen können, dass wir nicht 
immer gern von den Wortern zu den Sachen gelangt wären, 
nicht bloss Häuser bauen sondern auch darin wohnen wollen: 
so muss uns das Studium des Angelsächsischen ganz besonders 
anziehen. Denn wie die in dieser Sprache niedergelegte Literatur 
einerseits älter ist als die nordische, die uns auch sprachlich 
ferner liegt, so übertrifft sie andrerseits die althochdeutsche und 
gothische an reichem Umfange und realer Bedeutung unendlich. 
Mehr als irgend sonst wo spiegelt sich der alte volksthümliche 
Geist unsrer eignen Vorfahren im Beövulf ab, tritt die eigen- 
tümlich poetische Form und Behandlung des Stoffes selbst 
noch in den Gedichten kirchlicher Richtung wie Andreas, Elene, 
Caedmon, Judith und Christ hervor; dem Theologen in den 
Homilien und umschreibenden Uebersetzungen der heiligen 
Schriften, dem Rechtsgelehrten in den zahlreich erhaltenen 
Gesetzsammlungen strömen volle Quellen des interessantesten 
Stoffes in angelsächsischen Lauten und dem Sprachforscher 
macht es diese reiche Mannigfaltigkeit des vorhandenen Stoffes 
möglich, dem Sprach- und Volksgeiste in allen Richtungen nach- 
zuspüren, für Erscheinungen auf den verschiedensten Gebieten 
der Gegenwart den Grund im frühen Alterthum nachzuweisen. 
Zunächst ging natürlich und geht noch Erforschung und 
Bearbeitung angelsächsischer Sprache die Engländer selbst an. 
In der That sehen wir denn auch mit der Reformation und dem 
Wiederaufwachen der Wissenschaften im sechszehnten Jahr- 
hundert zuerst die Aufmerksamkeit unter jenen sich auf die 
lange vergessenen und verachteten Schriftwerke richten. Ohne 



252 Das Studium angelsächsischer Sprache 

den Sammlereifer eines Matthew Parker und Sir Robert Cottan, 
deren Bibliotheken jetzt im Corpus Christi College zu Cam- 
bridge und im British Museum zu London aufbewahrt werdet, 
würden wir weit geringere Bruchstücke gerettet besitzen. Job 
Fose, der 1571 die angelsächsischen Evangelien herausgab, 
William L'Isle der 1623 Stücke von Alfric druckte, verwandtet 
unsägliche Mühe darauf, die verborgenen Schätze zu hebea 
und gaben den Anstoss zu einer Bewegung auf diesem Gebiete. 
welche noch- im siebzehnten Jahrhundert Hickes (Thesaurus. 3 
vol. Fol. Oxon, 1705; institutiones Gram. A. S. 4. Oxon. 1689 
Wheloc, Junius, Spelman, Wanley, Somner und' Gibson fort- 
setzten. Im achtzehnten Jahrhundert erwarben sich Miss Eistet 
um die angelsächsische Homilienliteratur, Wilkins um die Ge- 
setze, Barrington und Manning um die Alfred'schen Schriften 
Verdienste. Der Zweck und die Grenze, die wir hier im Auge 
haben, verbietet uns genauer auf die Geschichte des Studium* 
angelsächsischer Sprache und Literatur in England einzugek 
und wir bemerken nur, dass dasselbe gerade erst durch dea 
Einfluss, den Rask und vor allen J. Grimm ausgeübt hat, in 
den letzten dreissig bis vierzig Jahren sichrer begründet unC 
allgemeiner verbreitet, durch Männer wie Thorpe, Kemble, 
Wright, Halliwell, Ingram, Bosworth und andre mit Eifer unc 
Glück betrieben worden ist. Sie, denen die Manuscripte zu 
Gebote standen, haben durch genauere Ausgaben meist erst die 
deutschen Forscher in Stand gesetzt, das wieder an den Tag 
geförderte Erz zu läutern und zu verarbeiten. In England 
scheint dfer Eifer für diese Studien mehr und mehr gewachsen 
und in immer weitere Kreise gedrungen zu sein. Dafür zeugt. 
dass nach den Regulationen für dortige Lehrerprüfungen eine 
genaue Kenntniss der alten Sprache gefordert wird, sowie das 
Erscheinen einer grossen Menge von kleinern Hülfsbüchern 
Grammatiken u. s. w., auf welche wir hier nicht näher eingehen 
könnten, auch wenn uns dieselben nicht, wie leicht erklärlich 
zum grössten Theile nur dem Namen nach bekannt wären. 
Von dem dagegen, was bisher in Deutschland für angel- 
sächsische Sprache 'und Literatur geschehen ist, wollen wir im 
Folgenden einen Ueberblick zu gewinnen suchen, indem ^ 
die erschienenen Arbeiten der Zeitfolge nach aufführen, ihren 



und Literatur in Deutschland. 253 

Inhalt und ihre Bedeutung kurz angeben und dadurch dem- 
jenigen, dem diese Studien bisher fremd waren, eine Anregung 
zu gewähren und die Gelegenheit zu zeigen, dem Kenner eine 
auch wohl nicht unwillkommene Zusammenstellung zu bieten 
hoffen. Uebrigens bescheide ich mich von vorn herein, 
Vollständigkeit des Stoffes nur erstrebt und keineswegs erreicht 
zu haben, doch in der Hofihung, dass mir nichts Bedeutendes 
gänzlich entgangen sei. 

Wenn überhaupt die Vorarbeiten für germanische Sprach- 
forschung, welche Jacob Grimm vorfand, unbedeutend und 
mangelhaft erscheinen, so gilt dies insbesondre auch für die 
angelsächsische Grammatik. Ausser den altern englischen Aus- 
gaben konnte er für diesen Theil seöies Werks zunächst nur , 
einige, allerdings erwünschte Arbeiten nordischer Sprachforscher 
benutzen. Im Jahre 1815 hatte der Däne G. F. Thorkelin den 
Beövulf nach dem einzigen, noch dazu 1731 bei dem Feuer im 
British Museum beschädigten Manuscripte (Cotton. Vitellius 
A. 15.) zu Kopenhagen zum ersten Male fehlerhaft genug her- 
ausgegeben; 1817 erschien Rask's Angelsaksisk Sprogläre, 
worin das Angelsächsische mit dem Isländischen zusammen- 
gestellt, auf dem Wege comparativer Grammatik und geschicht- 
licher Sprachforschung untersucht wurde. In Deutschland war 
für angelsächsische Sprache und Literatur wohl kaum etwas 
Nennenswerthes gethan worden, wie denn die dahin gehörigen 
Artikel aus der ersten Zeit der grossen Encyclopädie von £rsch 
und Gruber, heute im höchsten Grade dürftig und veraltet, dies 
beweisen. 1819 in der ersten, 1822 in der zweiten Ausgabe 
erschien der erste Theil der deutschen Grammatik von Jacob 
Grimm, die noch heute die Grundlage aller germanistischen, so 
auch insbesondere der angelsächsischen Studien ist. Sie enthält 
bekanntlieh die Lehre von den Buchstaben und von den Wort- 
biegungen, in der Art dass die einzelnen Dialecte, unter andern 
der angelsächsische, mittelenglische und neuenglische hinterein- 
ander abgehandelt, zugleich mit einander verglichen werden. 
Das Werk bleibt auch in dieser zweiten Ausgabe unentbehrlich, 
da der Meister selbst zwar in andern Arbeiten Vieles berichtigt 
und ergänzt, eine neue Ausgabe aber leider nur von der ersten 
Abtheilung: „Von den Vocalen" 1840 hat erscheinen lassen. 



254 Das Studium angelsächsischer Sprache 

Die folgenden Bände desselben Werkes erschienen, der zweite 
1826 und der dritte 1831, die Lehre von der Wortbildung, da 
vierte 1837, die Syntax des einfachen Satzes behandelnd. Es 
würde überflüssig und am allerwenigsten hier anj Orte sein, 
etwas über den Werth und die Bedeutung dieses grossartigen 
Buches zu sagen, nur das bemerke ich, dass es auch für den 
Freund des Angelsächsischen kaum noch ein Werk geben wird, 
das für den Anfang schwer wegen seiner Fülle und Strenge, 
einen so ernsten und ausdauernden Fleiss forderte, aber auch 
so glänzend belohnte. So wurden denn auch die angelsäch- 
sischen Studien zunächst langsam dadurch unter uns /angeregt, 
während die Engländer bald auf dem gelegten Grunde rüstig weiter 
bauten. Ingram gab 1823 die Sachsenchronik, Thorpe 1832 
den Caedmon, 1834 den Apollonius von Tyrus und die Analects, 

1835 die Psalmen, Kemble 1837 den Be6vulf heraus. In Deutsch- 
land waren es besonders R. Schmidt und Lappenberg, welche 
sich dem Studium des Angelsächsischen zuwandten. Diesem 
verdanken wir bekanntlich eine auf Quellenforschung beruhende 
Darstellung der altern englischen Geschichte; von jenem er- 
schienen „die Gesetze der Angelsachsen, in der Ursprache mit 
Uebersetzung, Leipzig bei Brockhaus 1832. Derselbe ReinhoU 
Schmidt, Professor der Rechte in Jena, hatte bereits vorher in 
der Zeitschrift Hermes geschrieben, Band 28, H. 2. 1827 über 
die Sprache der Angelsachsen, Bd. 30. H. 2. 1828 über die 
Chroniken der Angelsachsen, eine Kritik der Ingram'schec 
Ausgabe, Bd. 31, H. 2. 1828 über die angelsächsischen Rechts- 
quellen und Band 32, H. 2. 1829 über die Rechtebürgschaften. 
Den zweiten Xheil seines trefflichen Ruches über die Gesetze, 
der die Erläuterungen enthalten sollte, Hess er lange umsonst 
erwarten, bis vor kurzem die unten zu erwähnende neue und 
vollständige Ausgabe erschien. Es würde schwer aber auch 
kaum nöthig sein, alle in die folgenden Jahre fallenden kleinem 
Arbeiten deutscher Gelehrten, wie die Recensionen der englischen 
Werke in den Zeitschriften, z. B. von Grimm über Kemble'a 
Stammtafel der Westsachsen in den Göttinger gel. Anz. 

1836 aufzuführen. Dagegen beginnt seit 1838 sich zu zeigen, 
dass das Interesse allgemeiner ward und von einzelnen Sprach- 
forschern in immer weitern Kreisen gemerkt werden sollte. E 



und Literatur in Deutschland. 255 

Leo in Halle hatte bereits mehrere Jahre Vorlesungen über 
Angelsächsisch gehalten und 1835 eine Anzahl Sprachproben 
für seine Zuhörer drucken lassen; 1838 gab er heraus: Alt- 
sächsische und Angelsächsische Sprachproben. Mit einem er- 
klärenden Verzeichniss der angelsächsischen Wörter. Halle. 
Anton., worüber Becensionen von.C. Ettmüller in der allgem. 
hall. Literaturz. und von Lappenberg in den berlin. Jahrbüchern 
für wissensch. Kritik, desselben Jahres erschienen. Dies Buch 
hat jedenfalls viel zur weitern Verbreitung des Studiums bei- 
getragen, so sehr auch der Anfänger den Mangel einer kurzen 
Grammatik und die Ordnung des Wörterverzeichnisses nach 
den Stämmen zu bedauern hatte, so manches Irrige und Will- 
kürliche sich auch jetzt darin nachweisen lässt. Nicht minder 
anregend, wenn auch in andrer Weise, indem es auf den be- 
deutenden Inhalt angelsächsischer Poesie hinwies, wirkte des- 
selben Verfassers „Be6vulf, das älteste deutsche, in angel- 
sächsischer Mundart erhaltene Heldengedicht nach seinem Inhalte 
und nach seinen historischen und mythologischen Beziehungen 
betrachtet. Ein Beitrag zur Geschichte alter deutscher Geistes- 
zustände" von H. Leo in Halle 1839, worin er zugleich Fehler- 
verbesserungen zu seinen Sprachproben gab. In demselben 
Jahre veranstaltete Ettmüller eine besondre Ausgabe des Tra- 
vellers Song unter dem Titel Scopes vidsid, Sängers Weitfahrt, 
mit umfassender Erklärung. Zürich 1839. Ebenfalls von Ett- 
müller folgte 1840: Beövulf, ein Heldengedicht des achten Jahr- 
hunderts, stabreimend übersetzt, mit Einleitung u. s. w. , der 
erste Versuch, angelsächsische Poesie oder doch ein umfassen- 
deres Stück derselben und mit Beibehaltung der Form in's 
Hochdeutsche zu übertragen, wobei es freilich an Härte, Steife 
und Dunkelheit des Ausdrucks nicht fehlte.. Das nämliche Jahr 
1840 brachte von J. Grimm die obenerwähnte dritte Ausgabe 
seiner Grammatik I, ausserdem aber das wichtige Buch: An- 
dreas und El£ne. ' Cassel 1840. Fischer.. Es sind zwei grössre 
christliche Gedichte, die Legenden von Andreas und die Auf- 
findung des heiligen Kreuzes durch Helena, die Mutter Con- 
ßtantinY, welche Blume zu Vercelli entdeckt (Rhein. Museum. 
1832. 4, 232, Bibl. Mscr. ital. p. 6), Thorpe 1836 zu London 
aber für einen kleinen Kreis nur veröffentlicht hatte und die 



256 Das Studium angelsächsischer Sprache 

nun Grimm mit einer höchst lehrreichen Vorrede, sowie vor- 
trefflichen sprachlichen und sachlichen Erläuterung herausgab. 

1842 erschien von Leo: Bectitudines singularum personarum 
u. s. w. Halle, ein interessantes Denkmal, das eine Zusammen- 
stellung der Lasten enthalt, welche auf den verschiedenen Gütern 
und den einzelnen Arten von Gutsangehörigen bei den Angel- 
sachsen zu ruhen pflegten. Es ist jetzt von IL Schmidt in 
seiner neuen Ausgabe der Gesetze Anhang 3. mit aufgenommen. 
Als eine Vorarbeit zu seinen spätem Werken gab K. W. 
Bouterwek im Elberfelder Gymnasialprogramm 1845 eine aus- 
führliche Anzeige der Caedmon'schen Dichtungen nebst einzelnen 
Stellen daraus, sowie Beda's Bericht über Caedmön. Von Ett- 
müller verdient aus dem Jahre 1847 das Handbuch der deut- 
schen Literaturgeschichte Erwähnung, weil in demselben p. 120 
— 153 die angelsächsischen Schriftwerke ausführlich besprochen 
werden. Zugleich erschien Ebeling Angelsächsisches Lesebuch. 
(Leipzig bei Bomberg), welches aber, ohne literaturgeschichtliche 
Einleitung, ohne Glossar und Grammatik, ohne alle eingehenden 
Bemerkungen, selbst in den Texten von höchst zweifelhaftem 
Werthe, keinerlei Erwartungen und Anforderungen befriedigen 
konnte, für den Anfänger unbrauchbar, für Andre unzureichend 
und ziemlich unnütz genannt werden muss. 

Es ist erfreulich zu sehen, wie während der letzten zehn 
Jahre eine immer regere Thätigkeit auf dem Gebiete des An- 
gelsächsischen sich entfaltet hat. Zunächst brachte Greverus in 
Oldenburg als Programm des Gymnasiums eine „Empfehlung des 
Studium der angelsächsischen Sprache für Schule und Haus"j 
eine gut gemeinte und mit vieler Wärme geschriebene Arbeit, 
die aber viele Unrichtigkeiten enthält und dem heutigen Stande 
der angelsächsischen Wissenschaft wenigstens nicht entspricht. 
Derselbe Verfasser hat in zwei andern Programmen 1852 und 
1855 zwei Stücke aus Caedmon, die Schöpfungsgeschichte und 
den Sündenfall in Text, Uebersetzung mit Anmerkungen ge- 
geben und dadurch, wenn auch die Kritik nicht besonders ge- 
fördert, doch in erwünschter Weise anregend gewirkt. 

Leo in Halle, welcher durch seine Vorlesungen und seine 
Sprachproben zuerst mit auf unserm Felde baute, fährt in jenen 
zu wirken fort, hat sich aber zu einem grösserh Werke auf 



und Literatur in Deutschland 157 

diesem Gebiete leider nicht die Masse genommen. Von seinen 
Universitätsprogrammen gehören zwei hierher. Das eine 1848; 
de Anglosaxonunaliteris gutturalibus, behandelt in kurzen Andeu- 
tungen eine interessante Frage der Lautlehre und sucht daraus 
nachzuweisen, dass die Angelsachsen schon vor ihrer Bekehrung 
mit den keltischen Skoten in einflussreichem Verkehr gestanden 
haben. Das andre 1857, Quae de se ipso Cynerulfus poeta An« 
glosaxonicus tradiderit, ist ein höchst geistreicher und scharf* 
sinniger Versuch, dem Dichter Cynerulf verschiedene Gedichte 
wie Eigne, Juliana, über, das jüngste Gericht und die Rätb- 
sel zu vindiciren und die betreffenden schwierigen Stellen zu 
erläutern. 

Einen unermüdlichen Fleiss hat Bouterwek bewiesen. Nach 
dem oben erwähnten Programme über Caedmon 1845 veröffent- 
lichte er 1849 eine neue Textausgabe und liess dieser 1851 ein 
Glossar und 1854 eine kirchen- und literar - historische Ein- 
leitung, eine Prosaübersetzung, Erläuterungen und Nachträge 
zum Glossar folgen, das Ganze unter dem Titel: Caedmon's 
des Angelsachsen biblische Dichtungen herausgegeben von K. 
W. Bouterwek. 2 Bde. Gütersloh bei Bertelsmann. 1854. Mag 
ihm auch der, Vorwurf übertriebner Weitschweifigkeit in den 
Einleitungen, zu grosser Willkür in der Texteskritik und Er- 
klärung nicht mit Unrecht gemacht werden und deshalb allerdings 
Vorsicht bei der Benutzung des Buches anzurathen sein, so bleibt 
die Arbeit doch immer eine anerkennenswerthe, welche dem An- 
fänger zumal, der die englischen Ausgaben und Hülfsmittel nicht 
gleich erreichen kann, wesentliche Dienste leisten wird. Insbeson- 
dere 19t das mit Recht alphabetisch geordnete Glossar ausser- 
ordentlich fleissig, wenn auch nicht immer mit der wünschenswert 
then Strenge, gearbeitet. Dieselben Bemerkungen dürften von dem 
1857 erschienenen Werke gelten: „Die vier Evangelien in alt- 
northumbrischer Sprache. Aus der jetzt zum ersten Male voll- 
ständig gedruckten Interlinearglosse in St. Cuthbert's Evange- 
lienbuche hergestellt, mit einer ausführlichen Einleitung, einem 
reichhaltigen Glossar, so wie einigen Beilagen versehen und 
herausgegeben von K. W. Bouterwek. " Dasselbe soll und kann 
insbesondre dienen, weitere Forschungen über die dialektischen 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 17 



268 Das Studium aag.elftächajecber Sprache 

Versöhkdsfhheiten und Abweichungen; d&? nördlichen, angüschen 
oder norfhumbrischen Sprache von der herrschenden sächsischen, 
westaächsischen Mundart möglich oder leichter und erspriess- 
ücher zu machen, als sie es bisher bei den geringen veröffent- 
lichten, Bruchstücken sein konnten. Ganz neuerdings endlich 
hat Bouterwek ein kleineres angelsächsisches Gedicht, eine An 
poetischen Galenders, das in Hickes Thesaurus aufgenommen 
tob Fox '1830 in London herausgegeben und erläutert, tot 
Ebelingmit abgedruckt war, besonders behandelt unter dem 
Titel; Calendcuride i. e. Menologium ecclesiae Angloaaxonic« 
poeticüö*. Textunx Hickesium e collatione codicis manuscripc 
a B. Thorpe facta emendavit, interpretatus est, adnotavit K. W, 
Bouterwek. 

. Inzwischen hatte Ettmüller bereits 1850 als Band XXVIII 
&r Bibliothek der gesammten deutschen National - Literatur 
erscheinen lassen: „Engla and Seaxna Sc&pas and Böveras. 
Änglosaxonum poetae atque scriptores prosaici", worin er eine 
reiche Auswahl aus den Denkmälern der angelsächsischen Lite- 
ratur, theils vollständige Werke, theils umfangreiche Bruchstücke 
mit kurzen 1 kritischen Bemerkungen, Textvarianten und einer 
gedrängten Uebersicht der ganzen Literatur als Vorrede gab. 
Dazu kam im nächsten Jahre als Band XXIX jener Bibliothek 
*Vorda Vealhstöd Engla and Seaxna. Lexicon AnglosaxonicunV 
ein umfassendes Wörterbuch, dem eine ziemlich ausführliche 
Laut- und Formenlehre der angelsächsischen Sprache .. voran- 
geschickt ist. Beide Werke kamen jedenfalls höchst willkommen, 
da durch sie. ein Jeder in den «Stand gesetzt ist, mit Leich- 
tigkeit, und verhältnissmässig geringen Kosten den Sprach- und 
Literatur - Schatz der Angelsachsen kennen zu lernen und auß- 
zurbeuten. Freilich blieb und bleibt auch so noch Vieles zu 
wünschen übrig. Für den Anfänger fehlt es in dem Lesebuche 
an einer oft unerlässlichen Erläuterung, ist das Wörterbuch 
schwer zu gebrauchen, weil es nach Stämmen und eigentüm- 
licher Buchstabenfolge geordnet, dazu in dem einzelnen Falle 
bei Angabe der Bedeutung zu kurz, ist. Für weiter vorgerückte 
Kenner dagegen stört es natürlich, in der Sammlung die Haupt- 
werke nur bruchstücksweise zu finden und das Lexicon erweist 



und Literatur in Deutschland. 259 

sich ihnen bald nicht vollständig. Immerhin bleibt zumal das 
letztere auch neben den englischen Arbeiten bisjetzt noch ein 
treffliches und unentbehrliches Hülfsmittel. 

In diesem Jahre erschien als zweite völlig umgearbeitete 
und vermehrte Auflage von Dr. Reinhold Schmid, jetzt Professor 
der Rechte zu Bern, „Die Gesetze der Angelsachsen. In der 
Ursprache mit Uebersetzung, Erläuterungen und einem antiqua- 
rischen Glossar." Mit Benutzung der neuen englischen auf 
Befehl des Parlaments und im Auftrage der Recordcommission 
durch R. Price und B. Thorpe besorgten Ausgabe, London 1840, 
hat Schmid die umfassenden Rechtsquellen hier trefflich zu- 
sammengestellt und erläutert, besonders auch in dem antiqua- 
rischen Glossar viele für die Sprachforschung nutzbare Bemer- 
kungen niederlegt. 

Endlich bleibt ein überaus wichtiges Unternehmen zu be- 
rühren, das bis jetzt zwar. noch nicht vollendet, dennoch schon 
den grössten Dank verdient und ohne Zweifel sein Ziel er- 
reichen wird, die Beschäftigung mit den Schätzen der angel- 
sächsischen Poesie, die es in so hohem Grade verdienen und 
bei denen noch gar manche Schwierigkeit zu überwinden ist, 
in immer weiteren Kreisen anzuregen. Seit dem vergangenen 
Jahre nämlich erscheint bei G. H. Wigand in Göttingen ein 
umfassendes Werk, C. W. M. Grein: „Bibliothek der Angel- 
sächsischen Poesie in kritisch bearbeiteten Texten und mit voll- 
ständigem Glossar;" daneben von demselben: „Dichtungen der 
Angelsachsen stabreimend übersetzt". Von dem ganzen auf 
sechs Bände berechnetem Werke sind bis zur Stunde drei, 
nämlich der vollständige Text in zwei Bänden und der erste 
Band der Uebersetzungen in den Händen des Publicums. Die 
reiche Fülle angelsächsischer Dichtung ist uns damit dargeboten 
und zwar hat der Herausgeber mit Fleiss und Umsicht, wie 
nicht minder mit bescheidner Nüchternheit alle vorhandnen 
Hülfsmittel auf das gewissenhafteste benutzt, um einen genauen 
und gereinigten Text zu liefern: Die Noten geben meist nur 
die Lesarten, selten eine Begründung oder Erläuterung; allein 
ohne Zweifel wird das Glossar dasjenige bringen, was in dieser 
Beziehung gewünscht werden könnte. Schätzbare literarische 

17* 



JöÖ t)as Stadium angelsächsischer Sprache 

Notizen über die bisherigen Aufgaben wie die Manuscripte der 
einzelnen Stücke sind in einem Anhange beigefügt. Die Stelle 
eines Commentars soll nach der Absicht des Verfassers die 
Uebersetzung vertreten, zugleich eine weitre Bekanntschaft mit 
diesen Schätzen der Poesie ermöglichen. Er ist daher bemüh: 
gewesen, die Uebersetzung dem Original in möglichster Treue 
nach Inhalt, Ausdruck und Porta eng anzuschliessen, namentlich 
auch den ursprünglichen Rhythmus durch genaue Stellung der 
Stabreime nachzubilden. Es ist Herrn Grein dies allerdings 
in anerkennenswerther Weise gelungen, wie denn auch seine 
Heliandübersetzung (Rinteln 1854) sowie die Probe, die er be- 
reits 1854 als Beilage zum Rinteler GymnasialprQgramm (Da 
Gedicht vom Vogel Phoenix) drucken liess, den Beifall der 
Kenner erwarben. Dennoch glaube ich dieser Art Ueber- 
setzungen nur einen beschränkten Werth zugestehen zu können. 
Dem Sprachforscher selbst werden sie zwar in hohem Grade 
interessant sein, immer aber einen Commentar nioht ersetzen. 
Diejenigen aber, welche die alte Sprache nicht kennen, werden 
sie, meine ich, immer fremdartig und dunkel, gespreizt und 
steif finden. Es ist dies auch ganz natürlich. Wenn schon 
jede gute Uebersetzung schwer ist und die feeste noch oft zu 
wünschen übrig lässt, indem sie entweder die Eigentümlich- 
keiten der fremden Sprache verwischt oder aber die eigne un- 
natürlich zwingt: so ist das Verhältniss vorzugsweise ungünstig, 
wenn altdeutsche alliterirende Dichtungen in unsre jetzige 
Sprache gebracht werden sollen. Die eigentümliche Schönheit 
der alten angelsächsischen, Poesie beruht zum grossen Theüe, 
vielleicht vorzugsweise auf der sinnlichen Gewalt und Fülle des 
Ausdrucks, welche zugleich wieder den Stabreim erleichterte 
oder wie von selbst herbeiführte; dazu kommt die entschieden 
ausgeprägte Form des einzelnen Wortes in seinen Flexionen 
und die dadurch bedingte Freiheit der Stellung. Das alles ist 
nun einmal in der spätem Entwicklung verloren gegangen und 
es ist immer gewaltsam, der heutigen Sprache die alten kühnen 
Verbindungen und den längst verlernten Gang zuzumuthen. 
' So kann es denn nicht fehlen, dass auch Herr Grein sich -Ab- 
drücke, Wendungen, Stellungen erlaubt, die dem mit dem Ori- 
ginal unbekannten Leser doch., gar seltsam, wo nicht irorer- 



und Literatur in Deutschland. 261 

3tändlich sein müssen, (läse er Worte, die ihren Sinn wesentlich 
geändert haben, in der alten Bedeutung anwendet # wegen der 
Analogie der Form, dass er Bezeichnungen und Zusammen- 
stellungen wagt, die dem heutigen Geschmacke zuwider sind» 
Die Folge davon kann doch nur sein, dass der Leser aus 
äolcher Uebersetzung ein ganz schiefes Urtheil und schwerlich 
zu Gunsten von dem Original sich bildet. Ja wenn man dieses 
selbst kennt, ist die Sache anders und ich glaube, dadurch lässt 
man sich leicht über den Werth und die Wirksamkeit der 
uebersetzung tauschen. Ich will zum Belege wenigstens einige 
Stellen anführen. In Judith heisst es z. B. : „Sie gingen da 
zu sitzen zu dem Saufgelage," „das empfiengen dem Tod 
geweiht die berühmten ßandkempen, obwohl der Keiche 
das nicht wähnte, der grausliche Heldenkönig." Ausdrücke 
wie: methgeil, im Schwimel liegen, der Goldfreund der Männer 
ward in Gussfreude, mit Schande beschmeissen, schauerhartes 
Schwert, Wahrkundläugner , baugegeschmückt, Heerkampfnat- 
tern, stätteharte Strahle, mit Hochruhm getheuert, rüde Ströme, 
Witzver8chluss und so unzählige andre verlangen doch gradezu 
erst eine Erklärung aus dem Original. Ja einzelne Stellen, die 
in diesem sehr dunkel sind, kommen mir, ehrlich gestanden, in 
der Uebersetzung noch dunkler vor, wie Judith 312 : „die hoch- 
berühmten wandten in die Todzerschellung die WafFenkempen 
auf der Flucht als rauchende Leichen." Ich gestehe gern zu, 
dass Herr Grein das Mögliche geleistet hat, um dem Nicht- 
kenner die in der Form liegenden Schönheiten fühlbar zu 
machen, aber wenn es gelingen soll, wird wenigstens noch 
immer ein guter Kenner und Ausleger dazu gehören. In den 
meisten Fällen wird wohl nur die Wahl bleiben, dass man ent- 
weder, um den vollen Genuss zu haben, die Mühe nicht, scheut, 
das Original verstehn zu lernen oder aber auf die Schönheiten 
im Einzelnen verzichtend, mehr im Allgemeinen den Geist und 
die Anschauungsweise der Dichtung zu erfassen sich begnügt, 
mit dem Inhalte, abgesehn von der charakteristischen Form des 
Ausdrucks, zufrieden ist. Die richtige Mitte in der Ueber- 
setzung zu treffen , dürfte neuerdings doch Simrock immer am 
meisten gelungen sein. Dass übrigens die Grein'sche Ueber- 
setzung, schon weil sie die erste ist,, oder wenn nipht, wie bei 



262 Das Studium angelsächsischer Sprache 

Beövulf und Caedmon, die frühere (von Ettmüller und Bouter- 
wek) weit hinter sich läset, für den Freund des Angelsächsi- 
schen willkommen und werth ist, brauche ich kaum ausdrücklich 
hinzuzufügen. Möge es deqp dem Verfasser nicht an der no- 
tigen Müsse fehlen, um uns -bald mit den noch übrigen Theflen 
seines Werkes, insbesondere dem Glossare, zu beschenken. 

Da ich hier wenigstens annähernd vollständig einen Ueber- 
blick über das geben möchte, was unter uns für angelsächsiche 
Sprache und Literatur geschehen, also von Hülfsmitteln vor- 
handen ist, so darf ich noch zwei Punkte nicht ganz unerwähnt 
lassen. Einmal gibt es natürlich eine bedeutende Anzahl von 
Werken , welche zwar nicht speciell dem Angelsächsischen ge- 
widmet sind, aber dasselbe in irgend einer Weise in ihr Bereich 
ziehend dem Lernbegierigen auch dafür oft eine reiche Fund- 
grube bieten. So erläuterte W. Grimm zuerst in seinem Buche 
über deutsche Runen S. 217 — 33 das angelsächsische „Runen- 
lied"; so enthält Jacob Grimm's Geschichte der deutschen 
Sprache, einen werthvollen Abschnitt über die Angelsachsen; 
so ist in Graff's althochdeutschem Sprachschatze, in Diefen- 
bach's gothischem Wörterbuche die angelsächsische Sprache als 
ebenbürtige Schwester reich mit bedacht; so ist J. Grimma 
deutsche Mythologie und manches andre Werk der vergleichend- 
geschichtlichen Schule auch für angelsächsische Studien in 
hohem Grade bedeutend. 

Zweitens aber ist in den verschiedenen gelehrten Zeitschriften 
auch das angelsächsische Gebiet rüstig angebaut worden; es 
finden sich höchst werthvolle Beiträge zur Texteskritik und 
über andre Fragen zumal in der Zeitschrift für deutsches Alter- 
thum von M. Haupt, in den Göttinger Anzeigen, in der Ger- 
mania von Pfeifer. Als rüstiger Arbeiter auf diesem Felde ist 
vor Allen Prof. Dietrich in Marburg zu nennen (Haupt's Zeit- 
schrift IX, 214-22. 193 — 214. X, 310-367), der auch im 
Jahre 1855 einige angelsächsische Stücke zuerst nach den Ma- 
nuscripten veröffentlichte. „Anglo-Saxonica quae primus edidit 
Franciscus Dietrich. Marburgi 1855." Es mag genügen, ausser 
ihm noch die Namen von einigen Freunden und Pflegern angel- 
sächsischer Sprache und Literatur zu nennen, die bisher nicht 



und Literatur in Deutschland. 263 

trwähnt worden sind, als: Haupt, Müllenhof, Bachlechnerj 
loltzmann u. s. w. Ans diesen angelsächsischen Studien nun, 
lie, wie sich gezeigt hat, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mit x 
mmer grösserem Eifer getrieben sind, hat die moderne Philo- 
ogie unter uns für das Englische bisher noch nicht den er* 
vünschten Nutzen gezogen, wenigstens nicht in dem Masse, 
bis man erwarten könnte. In den wenigsten englischen Gram* 
natiken und Wörterbüchern ist auf die historische Entwicklung 
ler Sprache und ihren Ursprung aus dem Angelsächsischen 
iberhaupt oder doch in genügender Weise Bücksicht genommen, 
)hne Zweifel deshalb, weil bisher die Kenner des Angelsächsi- 
schen keinen Beruf fühlten, ,dies für die Bearbeitung des Eng- 
ischen auszubeuten, andrerseits diejenigen, welche sich mit 
sngliscner Grammatik, Lexikologie, selbst Literaturgeschichte 
beschäftigten, meist der Keantniss des Angelsächsischen er- 
mangelten. Was J. Grimm in seiner Grammatik über das 
Mittel- und Neu-Englische beibringt, kann der Natur des Werks 
nach nur in Andeutungen zu einer historischen Behandlung 
dieser Sprache bestehn; fortgebaut auf dem Grunde, den er 
legte, hat sogar in England nach dieser Richtung hin lange Zeit 
Niemand» Der Erste war Latham, welcher in seinem Buche: 
„The English language, London 1841,* eine Einleitung in das 
Gebiet der vergleichenden Sprachforschung überhaupt und in 
das geschichtliche Studium der englischen Sprache insbesondere 
gab; seitdem hat sich allerdings dort der Sinn für eine echt 
historische Behandlung der Sprache bedeutend gemehrt, wie 
schon die neulich in diesen Blättern mitgetheilten lexikalischen 
Pläne der Londoner philologischen Gesellschaft beweisen können. 
In Deutschland finde ich zwei in ihrer Art treffliche Werke,, 
in denen die ältere Sprachform und Literatur Englands ein- 
gehend behandelt worden ist, nämlich: 

Wissenschaftliche Grammatik der englischen Sprache von 
Eduard Fiedler. Erster Theil. Zerbst 1850, bei Kummer, 

und 

Geschichte der englischen Sprache und Literatur von den 
ältesten Zeiten bis zur Einführung der Buchdruckerkunst,' 
von Dr. O. Behnsch* Breslau 1853, bei Kern. 



264 Das Studium angelsächsischer Sprache 

Beide Bücher leisten das, was sie versprechen. Fiedler hat, 
wie er es wollte, eine feste Grundlage für das Studium der 
englischen Sprache geliefert, wie dies auch die Recension von 
Petri in dieser Zeitschrift VIII, 92—^98 anerkennt. Leider stark 
der Verfasser, noch bevor er dem ersten Theile, welcher die 
Geschiche der englischen Sprache, die Lautlehre, Wortbildung 
und Formenlehre enthält, die Syntax folgen lassen konnte, und 
meines Wissens hat bisher Niemand seinen Versuch erneuer, 
oder fortgesetzt, wenigstens nur Behnsch dieselbe Idee nach 
einer andern Richtung hin, in Bezug auf die Literaturgeschichte 
und die Entwicklung der Sprache im allgemeinen durchgeführt. 
Die Aufgabe, die er sich stellte und, wenn auch natürlich nicht 
ohne einzelne Versehen, gelöst hat, gibt er in der Vorrede seines 
^Buches p. IV also an: 

„Für die Zeit vor Chaucer fehlte es an einem Buche, wel- 
ches gleichsam als historische Einleitung zu grossem Chresto- 
mathien (Chambers, Ideler und Nolte, Herrig, Boltz und Franz) 
eine pragmatische Geschichte der englischen Sprache und Li- 
teratur während ihrer gewaltigsten und wichtigsten Verände- 
rungen enthielte und deren Uebergänge anschaulich darstellte — 
von dem Erlöschen der keltischen und römischen zu dem Auf- 
treten der angelsächsischen Sprache und der Bildung einer 
reichen germanischen Literatur durch das Medium der mit dem 
Christenthume eingeführten lateinischen Kirchensprache — von 
dem Eindringen der normannisch -französischen zu dem Unter- 
gange der alten angelsächsischen Zunge — von dem gegensei- 
tigen Verschmelzen beider Idiome zu dem Entstehen einer 
eignen Mischsprache, der englischen, welche ihre Macht und 
Verbreitung derselben Zeit verdankt, in welcher das englische 
Volk seine Selbständigkeit errang: alle diese Phasen der engli- 
schen Sprache, bis sie nach merkwürdigen Wechselfällen durch 
die Einführung der Buchdruckerkunst grösserer Festigkeit und 
Sicherheit entgegengeführt wurde, soll die vorliegende Arbeit 
schildern. " Dies ist nun so weit gelungen, dass dem jungen 
Philologen zunächst kein Buch besser empfohlen werden kann, 
um ihm Interesse an den altern Gestaltungen der englischen 
Sprache einzuflössen, ihn zum Studium auch der Grammatik 



and Literatur in Deutschland. 26fr 

in Fiedler's Sinne, also auch zum Altfranzösischen und Angel- 
sächsischen zurückzuführen. Habe ich nun aber auch gezeigt, 
dass zumal seit den letzten Jahren bei uns viel für angelsäch- 
sische Studien geschehen ist, so sind doch die Hülfemittel noch 
fortwährend lange nicht bequem genug für denjenigen, der 
nicht besonders viel Zeit und Lust und Geld darauf verwenden 
kann. Dies darf man aber wahrlich nicht von dem jungen 
Philologen oder angehenden Lehrer erwarten , für den , auch 
wenn er sich auf moderne Sprachen beschränkt, es so viele 
andre nicht minder wichtige Gebiete giebt, und der unter 
diesen je nach Neigung und Gelegenheit oft gerade ein andres 
sich zu besonderem Anbau wählen wird. Aber unbekannt, wie 
bisher so Vielen, sollte ihm das Angelsächsische nicht bleiben. 
Giebt man dies zu, stimmt man mit der Anschauungsweise 
überein, welche Dr. Sachs in seinem Vorschlag zur Encyclo- 
pädie der modernen Philologie entwickelt hat, dann ergeben 
sich leicht auch für das Angelsächsische mancherlei Wünsche 
oder dringende Bedürfnisse. Diese sind auch, zum Theil schon 
vor langer Zeit (cf. Leo, Sprachproben p. VI. Behnsch, Lite- 
raturgesch. p. 115.), ausgesprochen und anerkannt, aber noch 
immer nicht erfüllt und befriedigt worden. Bis jetzt hat sich 
noch nicht „englischer Fleiss und deutsche Gründlichkeit zur 
Bearbeitung eines angelsächsischen Sprachschatzes vereint," 
bis jetzt ist unter uns noch keine ausführliche Bearbeitung der 
angelsächsischen Specialgrammatik gewidmet worden, zumal 
für die Syntax noch Nichts geschehen; bis jetzt hat noch Nie- 
mand ein Lesebuch für das Niederdeutsche, wie das von 
Wackernagel für die hochdeutschen Dialecte ist, herausgegeben. 
Ja es würde schon ein angelsächsisches Lesebuch mit literatur- 
geschichtlicher Einleitung, Grammatik und Glossar,*) sowie kur- 
zen Erläuterungen, also im ganzen ähnlich dem altnordischen von 
Dietrich, eine sehr willkommne Gabe sein. Die Vorarbeiten 
dazu, wie auch zu einem umfassenden altenglischen Lesebuche, 
dem wieder Wackernagel als Muster dienen könnte, sind vor- 
handen;. Befähigung und Gelegenheit zu Arbeiten dieser Art 
mangeln gewiss Manchem unter den Lesern und Mitarbeitern 



*) Die TerÖffentlichung eines solchen Werkes steht nahe bevor. Red. 



266 Dag Studium angelsächsischer Sprache etc. 

dieser Zeitschrift nicht. Möchte denn Niemand zögern, auf 
diesem Gebiete zu wirken, damit das recht bald unjiöthig 
werde, was ich jetzt nicht für überflüssig gehalten habe, doni 
einen. Ueberblick über das Studium angelsächsischer Sprach 
und Literatur unter uns zu fleissigem Anbau und immer allge- 
meinerer Ausbeutung dieses Feldes anzuregen. 

Köthen. E f Müller. 



Ungedruckte Briefe von Gleim 
aus dem Nachlasse Joh. Arn. Ebert's. 



In Nro. 13 (October 1857) von „Westermann's illustrirten 
deutschen Monatsheften" findet sich bereits eine Anzahl Briefe 
von Gleim an Ebert; die hier folgenden reihen sich denselben 
an und gehen bis kurz vor fibert's Tode, Mehrere darunter 
sind an Ebert's Frau gerichtet. Diese letzteren geben nament- 
lich einen trefflichen Einblick in das innige Verhältniss, welches 
zwischen dem alten Grenadier und dem Ebereschen Hause 
herrschte; auch enthalten sie manches historisch Interessante: 
sie durften deshalb nicht weggelassen werden. Gleim erscheint 
in allen seinen Briefen als der liebenswürdigste Charakter, voll 
Treue, Milde und Aufopferungsfähigkeit. In vielen der vor- 
liegenden offenbart sich auch sein nationaler Eifer; so bei 
Gelegenheit der Klopstock'schen Oden an die französische Na- 
tionalversammlung. Wie rührend geht dabei seine Anhänglich- 
keit an den Freund mit der Unzufriedenheit über dessen Ver- 
irrung und der Freude über seine wiedergewonnene bessere 
Ansicht Hand in Hand! 



Halberstadt den 22 July 1789. 

Diesen Morgen ist mir gar nicht wohl, mein Bester! ich habe 
nicht ruhig geschlafen; ich sagte beym Gang in den werdenden Garten 
so etwas von Feen, das ich nicht mehr weis, zur gnädigen Frau, und, 
die ganze Nacht träupat ich eine grässlich-schöne Feengeschichte, solch # 
eine, wie Crebillon keine geschrieben, und Wieland keine gelesen hat' 



268 Ungedruckte Briefe 

so bunt ging alles durch einander, dass Hören und Sehen mir vergor 
im Traum, nnd zuletzt, wie gemeiniglich mir träumte, dass es woL 
ein Traum sein müsste. — Lessing war die Hauptperson — Eber 
wurde geküsst von einer Fee,- die einer der Gräfinen von Stolberg sek 
ähnlich sah, das weis ieh noch; ich nahm sobald ich um fünf Uhr e 
wachte die Feder zum Aufschreiben der grasslich - schönen Geschieh 
— die Feder wollte nicht schreiben ; ich schlief darüber wieder eis. 
und nun, mein Bester! wars alles vergessen — 

Mein Kopf ist wüst und leer von dieser Träumerey! ich traun? 
sonst nur immer von den schönsten Hexen, kam von einer der sehet- 
sten Hexen — und diese Hexe, die Heldin der Feengeschichte, war & 
abscheuliches Weib — 

Wie doch aus den Ideen der. Schönheit die ich mitbrachte ra 
Langenstein solch* eine Phantasie entstehen konnte? Vermuthlich as 
dem zu starren Hinsehen nach dem Felsen, und aus dem Gespräch to: 
den Holen der Felsen mit dem Herrn Grafen von Nostiz. 

Den Nachmittag, hofT ich, wird mir besser seyn, und dannkonc 
ich um fünfe, und segne meinen lieben Ebert ein zu seiner herrlicba 
Heise ^— zur Reise zu den Stolbergen! ach ich möchte weinen, 
ich nicht mitreisen kann! 

Der Auftrag an den Herrn von Schack ist diesen Morgen aus- 
gerichtet. 

Diesen Bothen send' ich, dass er sich erkundigen soll , ob gester. 
Abend unsre lieben Eberts etwa noch gekommen sind? Empfehlen Sie 
m. Bester ! der gnädigen Frau dem gnädigen Fräulein und sich seil* 

den Ihrigsten • 

den alten Gleim. 



2. 

Halberstadt den 22 Juni 1791. 

Gestern Abend, liebster Ebert, brachte Freund Tischer Ihr« 
Brief; Herr Graf von Wernigerode war^bey mir, wir sprachen tiä 
Geschäften , ich durfte den lieben Brief so gleich nicht lesen. ** 
war ich so ungeduldig ! Endlich gingen die lieben Gäste. Nun her, & 
lieber Brief! Nun wurde gelesen und wieder gelesen, nun der Brief, 
und nun das kleine Gedicht ! Er ist der Einzige , wie der König; * 
bleibt sich immer gleich ! dir schmeckt noch Alles, du lieber Einogfl' 
sagt' ich! Du sollst sie haben die Kleinigkeiten Deines krankgewesena 
Freundes , alle mit einander! der Einzige, der Alles» das Grosse** 
das Kleine, seinen Young, und seinen Gleim zu schäzen weiss, ver- 
dient, dass man ihm Alles giebt. So bald ich einen Abschreiber auf 



aas dem Nachlasse J. A. Ebert's. 2€9 

»ben kann, sollen Sies, mein bester Ebert, alles haben! Die Muse, 
b bey meinem Krankenbette sass, die sitzt, Gottlob! noch alle Mor- 
n, ehe die Sonne den Tag bringt, und die Amtsarbeit mich ruft, bey 
ir am Bett, dem Drey und Siebziger nicht unerbittlich! So, mein 
ester , bat ich diesen Morgen mit Anbruch des Tag , s das liebe gut- 
jrzige Mädchen das nicht veraltet, und dem Veralteten so treu ver~ 
eibt, um einen Gesang zum Lob des achtzehnten May! Zum Lobe, 
ein Bester! Und sehn Sie, was das lose Madchen zum Lobe des 
ihönsten Tags mir eingegeben hat, . 

An den 18ten May 1791. 

O du besungner schönster Tag 
Ach wie so schnell flogst du vorüber! 
Halt ! rief ich, deinem Flügelschlag ! 
du, du schöner Tag, du lieber! 
Du hörtest nicht, du flogst dahin! 
Von wannen auch nicht eine Stunde 
Zurückkehrt, flogst ins Meer, worin 
Jahrtausend, und Secunde 
' Gleichviel ist! o du Zeit, du Zeit! 

Was bist du? Vogel! du verschwindest 
Indem ich frag' in Ewigkeit 
Und bist nicht mehr und findest 
Beim Frager dich nicht wieder ein; 
Zeit! Was mag dein Wesen sein? 
Kann's mir ein Weiser sagen, 
So ists, du Tag! der dich besang, 
Der ist's! ich hört ihn bitter klagen, 
Du schönster von den schönsten Tagen, 
Ach! wärst du doch ein Jahr nur lang! 
^Der, welcher unter Kussgeklang 
Dich schönsten von den schönsten Tagen 
Zu Grabe hat getragen, 
Der alte, dem die Liebe heiss 
Das Herz noch macht, der alles weiss 
Wohlan! ich will ihn fragen! 

Eine schwere Frage! dünkt mich! Die Muse muss wissen, dass es, 
rie zu beantworten, meinem Ebert nicht schwer fallen wird; Sie hätte 
sonst sie mir nicht eingegeben; Meinen Ebert hat sie viel zu lieb! 
Lieber haben ihn nur seine Freundin, meine wertheste Frau Gevatterin, 
der ich aufs herzlichste mich empfehle, und sein treuster Freund 

der alte Gleim. 

Bald, bald, mein Bester, hätt ich vergessen auf den, wichtigsten 
Punct, wegen unsers disjährigen Wiedersehens zu antworten« 



370 Ungedruckte Briefe 

Zu Blankenbnrg waren wir ja so zufrieden ! Nach Hefeld geb 
der nächste Weg über Blankenbnrg, wie wenn wir wieder bey Hönüks 
beysammen wären? Gökingk ist selten zu Hanse! Beym Herrn Grafa 
sind wir nicht unter uns , im Wirthshause zu W. gefiels mir nicb 1 
Die beyden Nichten, welche sich bestens empfehlen lassen, stimme 
auf Blankenbnrg! Schreiben Sie mir nur bey Zeiten. 

Vor; unserm Eschenburg soll unser Fischer auch ein Schreite 
an mich empfangen haben, das hab' ich aber noch nicht, er hätte, a£ 
er gestern Abend, noch nicht ausgepackt. Der arme Mann hat allzsril 
Geschäfte! Grössen Sie den lieben Eschenburg! 



3. 
Halberstadt den 24 Jnli 1791 

Gott — oder Schicksal, wer es ist, 

Der an die Kette mich bestimmte, 

Du bist ein Ungeheuer, bist 

Ein unerbittliches, sprach Meister Nikkei List,*) 

Ein Kettenhund, ein Atheist; 

Ein böses Thier in Wuth, erbosst es sich ergrimmte 

Versuchte seine Kraft, riss seine Kett* entzwey, 

Lief in den Wald, und war durch seine Kräfte frey, 

So, mein Theurer, wie dieser Nikkei List, doch aber nicht ganz* 
böse, werd ich den Donnerstag schon um den ganzen Freytag zwischen 
Ihnen und Ihrer Luise frey und glücklich seyn zu können, von aller 
meinen Ketten und Banden mich lossreissen, und alle meine Tante 
und Nichten mit aufpakken — Bringen , o bringen Sie doch, m£ 
Theurer! unsern lieben guten, vortrefflichen Eschenburg mit, er ms 
uns nicht stören, er hat zu Ende dieses Monats zu mir zu komme 
versprochen; Er ist ein Deutscher, er muss Wort halten, ingrossiert 

Ihr 

Gleim. 

Was ists mit diesem Erdenleben' 

Wenn man nicht Freunde hat, und nicht die Freunde ßieM 

O für ein Butterbrot für eines Stümpers Lied 

Ists abzutreten hinzugeben! 

Mein Ebert! o! ja wohl! Wer seine Freunde sieht, 



*) Ein . berüchtigter Bäuberb&uptmann. 



aas dem Nachlasse, J. A. fibert's. 271 

Sieht in den Himmel, sieht 

Ein Chor der guten Engel schweben, 

So sah ich jungst den alten Freund 

Auf welchen wie auf mich dieselbe Sonne scheint 

Der aber sich von mir in eine Welt entfernte 

Von der er treuer noch ein Freund zu sein nicht lernte, 

Der aber auch in ihr, Gottlob! ein Atheist 

O Freundschaft, Göttini nicht Gottlob I geworden ist — 

Diese letzten zwey Verse, bester Ebert, sind einer Besserung fähig, 
die nun überlass ich in dieser Eile meinem lieben Ebert! 



4. 

Blankenburg den 29 Juli 1791. 

Wir, die Nichten, und der Gleim, bedauren's herzlich, mein theurer 
Ebert, dass die Ursach' Ihres Aussenbleibeus , nicht ein, Ihnen und, 
Ihrer Luise höchst angenehmer Zufall ist, und wünschen, eben so herz- 
lich, dass jene höchstunangenehme baldmöglichst nicht mehr die Hin- 
derniss Ihrer vorhabenden Gesundheitsreise sein möge! Höften wir 
nicht morgen die Frau von Recke und ihre Schwester , die Herzogin 
von Curland bey uns zu sehn, so, mein theurer Ebert, blieben wir, bis 
sie ankämen, hier bey unserm guten Wirtti — 

Man muss dem Schicksal sich entgegen stemmen, also lass ich 
durch den izigen Zufall und durch die Besorgniss, dass ein zweyter 
unsre Zusammenkunft hintertreiben könnte, mich nicht abschrekken; 
ferner also ; bestimmen Sie, mein bester Ebert, nur immer noch einmahl 
den Tag, den Augenblick Ihrer Ankupft hier zu Blankenburg, ich fliege 
dann augenblicklich noch einmahl hieher, und dann, mein Theurer bitt' 
ich Sie mündlich , schriftlich kann ichs in dieser Eile , wie ichs wohl 
möchte, sie nicht bitten, Ihrem Durchlauchtigen Herzog mein unter 
thänigstes treudevotestes Gegencompliment zu sagen, und, auf best- 
möglichste Weise mit anzubringen, 

. dass es der alte preusskche Grenadier in höchsten Ungnaden ver- 
merken würde, wenn Sr. Durchlauchten, sein gnädigster Genemi, 
der eine Bouteille Malaga, mir, seinem Freunde, wiedergäbe; 
darf dann, möcht ich wohl selbst ihn fragen, ein alter treuer Soldat 
seinem kranken General eine Hand voll Weins, oder Wassers 
nicht reichen? 

O hätt' ich Eine nur gehabt, 

Mein eignes Leben zu erhalten, 

Und hatte diese mich zum Ein eh nestoralten 



272 v üngedruckte Briefe 

Greiss machen können, mich gelabt 

Wie Nectar, den die Götter trinken, 

Mir Kraft gegeben, dass ich nicht 

Besorgen dürfte heut noch wohl ins Grab zu sinken, 

So, warlich, hätt' ich meine Pflicht 

Erfüllt, und Diesem sie gegeben, 

Für den ich mein noch kurzes Leben 

Hingäbe, Seins, das thätigste, 

Das hohe, biederwürdigste 

Der Heldenleben, zu- verlängern ! 

Beym höchsten Gott! ich gab es hin! 

Von dieser Heldentbat Hess ich mich nicht verdrängen, 

Beym höchsten Gott! ich gab es hin! 

Ja, warlich, mein theurer Ebert, Ihren Herzog lieb ich, mit der höch- 
sten Liebe, schäz ihn, mit der höchsten Hochschätzung ; Solcher Fürsten 
sind^o wenig! Wären Ihrer nicht so wenig, so wären die Völker der 
Erde nicht in Aufruhr, so rasten die Franzosen nicht, so billigten ihre 
Rasereyen unsre Dichter nicht, so hätte der vortreffliche Prüssly 
seine herrliche physikalischen Instrumente noch. Die Pest greift um 
sich! Lassen Sie uns an diesem Uebel nicht mit einer unbehutsamen 
Sylbe Schuld seyn, mein bester Ebert ! Glauben Sie nicht auch, dass 
manche unsrer Gelehrten, dadurch, dass sie alberne Begriffe von Rech- 
ten der Menschheit ausbreiten helfen, der Menschheit sich verantwortlich 
mächen? 

Ich hoffe noch, dass wir uns sehen werden, und dann, mein 
Bester,' bereden wir, entschliessen wir uns, dass wir, so viel an uns 
ist, zur Beruhigung unsrer Brausegeister beytragen wollen. Etwas 
können wir beytragen wenn wir, in Gesellschaften nur, Ihren Brause- 
reyen, keinen Beyfall geben, wenn wir Ihnen sagen, dass es besser sey, 
den Ausgang abzuwarten, als zu widerrufen. Wir trinken diesen 
Mittag auf die baldige Besserung Ihrer lieben theuren Louise; Herr von 
Veitheim, der lange, soll Ebert seyn, ich lass ihn eben einladen. Leben 
Sie wohl, mein, mein Ebert! und sagen Sie dem lieben Eschenburg, er 
möchte nicht auch ausbleiben! ' Gleim. 

Unter andern Dingen för die ich Gott preise, ist auch, dass ich 
ein Deutseher und kein Franzose bin, sagt unser grosser Winkelmann 
der Preusse. 



5. 
Halberstadt d. 26 Jan. 1792. 

Zeitgedichte, ja! Zeitgedichte geb' ich Ihnen zu lesen, mein theurer 
Ebert, und fürchte auch nicht, Einem Ebert, sie* lesen zu lassen! 



aus dem Nachlasse J. A. Ebert's. 273 

Ein Ebert sieht alles, was er sieht, aus dem rechten Ge-* 
sichtspunkt! 

Gresset sagte, man beging' eine Thorheit, wenn man nach dem 
vierzigsten Jahre noch Verse machte. 

Wir beyde, liebster Ebert, begehen diese Thorheit! 

Mags doch! So lang ich so, wie heute, hör' und sehe, 
So lange bin ich auch für diese Thorheit, die, 
Mein Ebert auch begeht, und wünsche, dass er sie 
Im Neunzigsten auch noch begehe! 

Mit Erlaubniss, den herzlichsten Freundschaftskuss der liebsten. 
Frau Gevatterin! * 

Gleim. 
Die Nichten empfehlen sich dem lieben 
Ebertshause zu gnädigem Andenken! 



6. 
Halberstadt den 31 Januar 1793. 

Weil Sie, beste Freundin, nicht selbst auf die Auction gehn, so 
begeben wir uns des Einkaufs eines Tafelzeugs ; Unsre Damen machen 
sichs zum Vergnügen, \ auf die Auctionen zu gehn, wir dachten, es wäre 
diese Gewohnheit auch bey Ihnen, sonst hättf ich mich nicht unter- 
standen, um die Bemühung eines Gebots für mich auf Ihren Nahmen 
zu bitten! 

Wir haben den Auctionscatalogue nicht mehr, also könnt' ich das 
Tischzeug, das wir 9m liebsten hätten, nicht einmahl bestimmen ! Eines 
der besten mit oder ohne Naht , das letztere jedoch am liebsten , Eines, 
oder auch ein Paar hätt' ich gern gehabt, dergleichen feines Tafelzeug 
kann man hier nicht haben. — 

Der Werth desselben lässt sich nicht bestimmen, auf mehr oder 
weniger kommts nicht an; Machts Ihnen nur die kleinste Mühe Je- 
manden den Auftrag zu geben , dann so lassen Sie nur immer Ein 
Tafelzeug oder zwey der besten für mich erstehn; zu vermutben ist 
dass sie höher als was sie beym Kaufmann kosten würden, nicht werden 
getrieben werden; die einzige Bestimmung wie hoch zu gehen wäre, 
würde seyn: Zwei Drittheile des Einkaufspreises! 

Doch alles, wie sies gut finden, gekauft ode^nicht gekauft, beydes 
soll mir gleich seyn! Nur bitt ich auf den ersten Fall mir zu melden 
(NB. mir, nicht meiner Nichte) was es kostet — Das Geld soll augen- 
blicklich bey Ihnen sich einfinden. Das Gekaufte aber bitt* ich an sich 
zu nehmen, und zu behalten, bis ichs abhole oder abholen lassen kann! 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 18 



374 Ungedruekte Briefe 

Nur wenigstens noch einen Tag hfttt' ich den lieben Leopold so 
gern hier behalten ! Ich kann's mir vorstellen, dass Sie grössere Freu- 
den, als ich, gehabt haben ! Hätt' ich Ihn allein gehabt, so könnt ich 
mirs nicht vorstellen! Hier war alles in grösster Zerstreuung ! Ein paar 
Stunden kaum hatt' ich den vortrefflichen Mann in meiner Gewalt! 

Meinen Sie nicht auch dass nun bald die ganze Menschheit wird 
trauern müssen? Ich wenigstens kann vordem Gedanken, an die Tiger, 
die das unschuldige Lamm zerreissen wollen, nicht schlafen — Gestern 
Abend sprachen wir davon, die Folge war, dass ich die ganze Nacht 
schlaflos zubrachte! 

Was sagt mein Ebert? Ich umarme ihn herzlich! Toungs Nacht- 
gedanken gesungen nach diesen Gräueln könnt er, glaub' ich, nicht 
übersetzen. Sie wären ihm die schwärzesten Mitternachtsgedanken. 
Die Nichten empfehlen sich. Ich bin mit alter Treue 

der alte Gleim 

eiligst unter grossem Lärm. 



Halberstadt den 10 Febr. 1793. 

Nein! Nein! beste Freundin! Sie bekommen kein ernstes Gesicht 
zu sehen, ein heitres völlig zufriednes vielmehr ; denn Sie haben ja den 
allzuleichtsten Auftrag des alten Gleims sehr freundschaftlich, nur eben 
zu ängstlich ausgerichtet. 

Meinem, merken Sie wohl! meinem lieben Ebert wünsch ich, 
Jugendkraft und Gesundheit zu seinem Geburtstage ! Hätt ich die Zeit, 
so sang' ich's ihm ! Auf so lange, bis wir beyde, wir lieben ihn doch 
am meisten, ihn nicht mehr lieben. Die Nichten, welche von den 
Tischzeugen nichts wissen, und nichts von ihnen wissen sollen, em- 
pfehlen sich ! Ich umarme meine lieben Eberts aufs zärtlichste. Sehr 
eilig vom 

alten Gleim. 

Hätten Sie doch, dass der Herzog sich völlig hergestellt befinde, 
mit zwey Worten mit einfiiessen lassen, wir haben keine Nachricht von 
seinem Befinden. 



8. 

Halberstadt den 25ten Febr. 93. 

Buhig, Theure, Liebe, Beste, ruhig! Keine Sorge, keine Zeile 
mehr von Entschuldigung! Ihrer sind zu viel, in dem Schreiben ohne 



aus dem Nachlasse J. A. Ebert's. 275 

Datum, das ich diesen Augenblick erhalte! Mag doch der Holsteiner 
antworten , dass er das Tafelzeug nicht haben will, senden Sie's nur 
immer ab, wohin ichs angewiesen habe! Die geflickten Servietten wollen 
wir oder andere nicht mit auflegen! Seinen Wehrt hat's doch! Sie haben 
den Auftrag so gut besorgt, als hätt' ichs selbst gethan, und ich bin 
Ihnen verpflichtet dafür! 

Uebrigens , beste Freundin , was Sie von den Preussen schreiben ; 
Sie fallen hin, wie die Fliegen, das ist nicht wahr, das wissen 
wir besser; Gestern Abend lass ich ein Schreiben von einem unsrer 
besten Soldaten, das alles, was in jenem Schreiben eines Franzosen im 
Januar der Minerva steht, so völlig widerlegt, dass es eine Schande 
wohl ist, dass, bey vorhandenen so guten Gründen, noch keiner unsrer 
Kriegesmänner die Ehre des Herzogs und des Königs gerettet hat! 
Geschiehts nicht bald, so wird der alte preussische Grenadier sich auf- 
machen, und die Hohnsprecher zu Gottes Erdboden niederschlagen! 

Wunderbar ists, dass die vornehmen und die klugen Weiber, unter 
uns nur allein Demokratinhen sind, und au den Grundsätzen der fran- 
zösischen Freyheitshelden so ganz besonders gutes Gefallen haben ! 

Auch Sie, meine Theure, scheinen von der Ansteckung, von jenen 
pestvollen Grundsätzen nicht ganz frey geblieben zu seyn ! Sie scheinen, 
sag' ich, also kein Zank daröber. 

Klopstock's Ode, mit der er sein infames Bürgerdiplom zurück- 
gegeben haben soll , halt 1 ich nicht für Klopstocks Ode ; die hat ein 
loser Vogel ihm aufgebürdet, ich hätt' es selbst wohl gern gethan, 
wenn ich auf den Gedanken gerathen wäre; ganz aber hat der lose 
Vogel die Klopstokkische Weise, wie's mir scheint, wohl nicht getroffen! 

Ach Gott der arme Mann! der arme Klops tock! Ach Gott! ach 
Gott! ach Gott! Sein Schreiben an Roland! 

Was sah ich in verschwundner Nacht 
Ich sah am hellgesternten Himmel 
Ich sah, was sah ich? Hermanns Schlacht 
Was hört ich unterm Schlächtgetümmel? 
Wie Kranich und wie Froschgeschrey 
So hört ich schwarze Lästerungen 
Geschrien hört ich und gesungen: 
Dass Hermanns Bard' ein Römer sey! 

Das sah und hört ich, als ich hörte, posaunen hörte, dass Klopstock 
ein französischer Citoyen geworden sey. Ach Gott! zum vierten- 
mahle, sagt ich, beym Lesen seiner Ode, die Freyheitskrieger — 
Ists möglich Beste! dass ein Klopstock schwärmt, wie ein Merlin! 
die Zeile : 

Deren Blut auch Wasser nicht ist! 

18* 



27C ■ Ungedruckte Briefe 

Wie zum Aufruhr auffordernd den Pöbel, dessen Blut zwar Wasser 
nicht ist, aber auch Eines Tigers Blut. Genug! meine Beste! Denn 
ich hörte nicht auf zu klagen, dass auch deutsche Männer, Manner im 
rechten Verstände, dass auch diese, diese tiefer, als Adam und Et* 
gefallen sind, fallen konnten. 

Gottlob! dass unser Herzog gesund geworden ist, Prinz Wilhelm 
solls auch ja wieder seyn ! Ich komme zu Euch , sobald ich kann, und 
zanke mich dann bis auf Tod und Leben mit Euch! Meinen lieben 
Ebert umarme ich im Geist schon und bin, von seiner lieben Louise 

der getreuste Freund und Diener 

der alte Grleim. 



9. 

Halberstadt den A Maerz 1798. 

Ist das Angstgedeck noch nicht fort ins Holsteinische , so , thenre 
Freundin! haben Sie die die Güte, nur es hierher zu senden an mich! 
Ich habe dafür- gesorgt, dass es in unrechte Hände nicht kommen kann 
ists fort, dann, so lassen Sies fort seyn, und senden Sie mir nur das 
zweyte nicht Angstgedek, nebst dem übrig gebliebenen Gelde ! 

Sie haben zu viele Mühe gehabt, ich kann nicht genug dafür 
danken, darum verspar' icbs, bis ich einmahl hinfliegen kann zu Ihnen! 
Izt ist noch nicht daran zu denken , so sehr auch mich verlangte nach 
einem Zanke mit Ihnen ! Wunderbar ists doch warlich, dass unsre deut- 
schen Damen , Weiber sollten wir sagen , demokratischer gesinnt sind, 
als unsre deutschen Männer! u. s. w. 

Und nun, in grösster Eil, mit Ihnen, theurer, lieber Ebert, ein 
Paar Worte! Klopstocks, unsers Klopstocks Ode, so wenig als sein 
Verfahren hat nie meinen Beifall! Anführung der Ursachen ist zu weit- 
läufig. In einer der Berl. politischen Zeitungen stand eine bessere 
Lesart, auch weiss ich nun, sie sey von ihm. Was gab' ich darum, 
wenn er nur vorsichtiger gleich zum Anfang gewesen wäre! Sein 
Schreiben an Roland ist doch warlich nicht zum Ausstehn! Als ers 
schrieb, da war er, sagt man hier, wie Adam und Eva gefallen — 

Und die Ode — die Freyheitsstreiter — ach! ach die! 

Und also war auch *er verblendeter und wärmer 

Als einem weisen Mann geziemt! 

Ey! seht doch! seht doch da! wie er die Freyheitsschwärmer 

Und Freyheitskrieger rühmt 

Wer hätte das geglaubt? dem Volke nicht, dem Pöbel 

Dem Blut wohl, aber nicht Verstand 

Gegeben ward, dem giebt, der weise Mann den Sebel 

Der Mordsucht in die Hand ! 



aus dem Nachlasse J. A. Ebert's. 277 

Pöbel und Sebel, ein schlechter Beim! Verzeihung nm des Gedanken 
wrillen! Gewiss war unser lieber Klopstock, als er die Ode sang und 
ias verwünschte Sehreiben schrieb, sehr krank! Völlig gesund aber, 
Gr ottlob! war er, als er die Erscheinung sang! die eines seiner Meister- 
werke wohl ohne Zweifel ist! 

Gottlob! dass er so bald gesund geworden ist 

Er, unser lieber, Er! der Menschenfreund, und Christ! 

War er gesund nicht bald geworden, 

Bey Gott! so hätte ja die ganze Welt geglaubt, 

Er sey in dem geheimen Orden, 

Der unerlaubtes sich erlaubt, 

Ein unbekanntes Oberhaupt, 

Er hätte Könige zu morden 

Befehl ertheilt, und mit geraubt 

In Mainz und Frankfurt, Er! der Menschenfreund und Christi 

Gottlob! dass er so bald gesund geworden ist! 

Die Erscheinung, dünkt mich, wäre zu Wiederherstellung seiner Ehre, 
genug gewesen! Wer holte wohl nicht, dass es mit der ersten Revo- 
lution auf die wahre Freybeit abgesehen sey? 

Vom Cissides und Paches sendet unser Fischer statt eines, vier 
Exemplare hiebey! die übrigen für Eschenburg, Leisewitz, die vielleicht 
noch keine haben! 

Ist das Manifest gegen die Holländer nicht wieder ein Umsturz 
alles Völker- und alles Menschenrechtes? Das schändliche Volk! Man 
kann, man muss dem ganzen Volke die Schandthaten zur Last legen! 
Es sendet die Meuchelmörder, sendet die Dankaddresse, duldet die Ma- 
rats, die Manels! 

Weg! weg! das Auge von den Greueln! Leopold Friedrich Wil- 
helm und Karl sehn, wie wirs nun gestehen müssen, weiter als wir! 
Sie hatten aber auch Ferngläser, hatten bessre Nachrichten als wir! 

Ich umarme meine höchstgeliebten Eberts Mann, Weib, und 
Schwiegermama mit wärmster Herzlichkeit 

Der alte Gleim. 



10. 

Halberstadt den 4 März 1793. 

Weil ich beste Freundin! so bald als ich wünsche, nach Braun- 
schweig nicht kommen mögte, so sende hiebey die zurückverlangte 
Leinwand, danke tausendmal noch für gehabte Bemühung, und bin, 
bin, was ich ewig seyn werde, 

Ihr ' 

ergebenster Freund der 
' Gleim. 



278 Ungedrackte Briefe 

Meinem lieben Ebert die herzlichste Umarmtmg! Wir haben die 
herrlichsten Nachrichten von unsern Kriegsmännern. Aachen ist unser; 
Sie werdens alles schon wissen. Der Herzog ist gesund, wie ein Fisch 
— Prinz Wilhelm auch. Brede ist leider durch einen Verrather in die 
Hände der Franzosen geliefert. Pfoy ! Der Schurke — Er heisst — 
ich würdige nicht den Nahmen hinzuschreiben. 



11. 

Halberstadt d. 9 März 1793. 

Nein ! um Gottes Willen nein ! ich komme, komme nicht zu Ihnen, 
liebe Frau Hofräthin , sie spotten , geben Spottnahmen , schreiben so 
spitzig und witzig, dass ich alter preussischer Grenadier mich fürchte 
vor Ihnen. Wären Sie ein Mann ich schlüge mich mit Ihnen ! Was? 
Was? fragen Sie nur nicht, ich weiss -recht gut, wen, und welchen Sie 
Prusias nennen! Sie haben die Nahmen und Sache von einem Spötter, 
der warlich zu weit geht! Die guten Spötter! Sie sollten zur Probe 
Konige seyn ! Ich muss, muss abbrechen ! Aus diesem Wenigen schon, 
sehn Sie, liebe Frau Hofräthin, Freundin, wollt' ich sagen, dass wir 
weit auseinander sind! 

Sie eine Königsfeindin und ich der geschworenste Königsfrennd — 

Sie eine vornehme Dame sowohl, als eine kluge, spotteten der 
Einfalt des armen Gren. Dies, wenn er's an sich kommen liesse, den 
Scrupel Ihnen zu benehmen, nein, nein! Sie mögen ihn behalten! Ich 
liebe den Frieden zu sehr! 

Dass ich den Spassvogel errieth war keine Kunst! Man durfte 
nur die Federn des Adlers recht kennen, so könnte man die fremden 
von den eignen leicht unterscheiden; zu sagen aber, wer er sey der 
Spassvogel? wie er hiesse? das ist schwerer! Goethe heisst er zuver- 
lässig nicht! Von unsern Schriftstellern, die ein Young zu seinen Ori- 
nalköpfen zählen würde, von diesen ist es keiner! Solch einer hätte das 
Sylbenmass besser beobachtet, wer's nicht ist, könnt' ich sagen, wert 
ist? zu sagen, überlass ich unsern vornehmen und klugen Damen! 
Sagten Sie's mir so würd' ich Sie bitten das Stückchen nicht für ein 
Schelmenstück zu halten. 

Klopstock widerlegte nicht? Nur allzuviel hat er in der Hamb. 
neuen Zeitung 21 St. 1793 die Tadler seiner neuen Ode, die Freyheits- 
krieger widerlegt, ich furchte, dass er auch mich noch widerlegen wird! 
Er sollt' es nicht thun ; Seine Ode, die Erscheinung, ist seine Apologie 
hinlänglich, mehr ist zu viel! 

Die Auslage für den Kasten, und den Wehrt der alten Leinwand 
hätten Sie von den zurückgesendeten 45 Thlrn. fein artig abziehen 



aus dem Nachlasse J. A Ebert's. J?9 

ollen. — - Ende gut, alles gut! Hier haben sie meine beyden 
rärmsten Freundschaftsbande, mit der Zusage, dass ich doch wohl 
omme wäre auch nnr die Auslage zu berichtigen! Bosheit! Bosheit! 
Sein! ach nein!, es ist die frommste Frömmigkeit Ihres wärmsten 
freundes des 

alten Gleim 
in grösster EiL 
. Die Nichten wissen noch von nichts. 



12. 

Hamburg den. 15 Maerz 1793« 

Wer denn, um Gotteswillen, liebe Theure, ist der Vornehme, der 
ein Pasquill gemacht hat? In Braunschweig, unter den Augen eines 
solchen Hofes ein Pasquill, von einem Vornehmen, das läset sich nicht 
denken, nicht glauben ! Indess , sie sagen's es ist ! Und was Böses, 
Dummes, Tolles ist, zu dieser unserer Zeit wohl nicht? Böses, Dum- 
mes, Tolles ist auch das, dass das Pasquill für ein Pasquill zu Braun- 
schweig nicht augenblicklich erkannt ist. Wer, um Gotteswillen, 
könnte den Gedanken haben, dass Campe izt noch ein Franzose sey? 
Er, und Klopstock waren's ja warlich nicht allein ! Es waren ihrer eine 
ziemliche Menge* sie kannten alle die Franzosen nicht, nicht ihren Na- 
tionalcharakter, Leichtsinn und Grausamkeit bis auf unsre Zeit, 

sonst hätten sie vorhergesehen, dass es mit der zum Theil vortrefl. 
Ersten Constitution Bestand nicht haben konnte, hätten ihre Freude 
über dieselbe gemässigt; so viele dieser deutschen Männer, die sich 
übereilten, sein mochten, so glaub ich doch nicht, dass noch einer nur 
sey, der sich übereilt zuhaben nicht gereue; Campe musste bis zur Antwort 
auf ein Pasquill, sich nicht herablassen ! Ein Dritter, ein Freund von ihm 
hätte mit einigen Zeilen den vornehmen Schurken zur Besinnung bringen 
sollen; in seiner eignen Sache verfahrt ein weiser Mann gemeiniglich 
zu gelinde mit dem Knaben Absalons, man giebt Blossen aus Be- 
scheidenheit. Genug aber, denn es ist bey weitem schon zu viel! 

Dank! Dank! für die Beschreibung und die Besingung des achten 
Februars! Schade, liebe beste, dass die beyden alten, wie den 10 August * 
bey Eschenburg nicht gesprungen haben am achten Februar! Wir müs- 
send noch haben, wenn ich hinkomme! Wann? das weiss die Sybille! 
Hier empfangen Sie das E. Gedicht zurück! Könnt ich Glückliche be- 
neiden, so wären's Eberts! Sie können reisen, wann sie wollen, und 
reisen nach Eutin und Tremsbüttel! Tausend, zehnmal tausend Em- 
pfehlungen aus der Mitte des Herzens an die theuren Stolberge, die 
Catharina Stolberg, nach deren Anschaun ich seufze, nicht zu vergessen, 
Nicht zu vergessen ist nicht das rechte, das ich sagen wollte, Ebert 



280 Ungedruckte Briefe. 

weiss ja wohl, wie hoch ich sie schäze, kann also sie nicht vergessen! 
Dreye wie diese, zu diesen die unsrigen, die uns heute Meisners und 
Schusters Lob der Musen gesungen haben, die zusammen auf einem 
Familienstück von Bamberg , so stund ich vor ihnen, bis ich wanden 
müsste mit Freund Hain, und vermacht' es in einen Tempel aller 
Heiligen — 

Da hab ich nun des Missverstandes mit keiner Sylbe gedacht! das 
war eben auch nicht nöthig, so wenig, als dass ich zum Zehntenmale 
sage, der alte Gleim sey, von seiner Ebertin, und seinem Ebert ewig 

der alte treue 
Gleim. 

Ich schäme mich meines Geschreibsels, kann mir aber wegen Zeit- 
mangels nicht anders helfen, als es abschreiben zu lassen. Was aber 
soll der Abschreiber mit dem Inhalt machen? Soll er von ihm schwazen? 
Also, liebe Beste, für diesmahl quälen sie sich, ein andermal will ich 
lesbarer schreiben, nicht wie dismahl im Bette Nachts zwischen 12 undl. 
Der Herr v. Steder, der gestorben ist, ist allerdings der Herr v. Steder, 
den Tiedge zu einem Tiedgen umschaffen sollte! Die Frau von Steder 
ist eine brave Frau, die zu trösten unsre Musensöhne Tiedge, Fischer, 
Strickhof und Schmidt sich vereinigten ; die vier Zeilen des alten Gleims, 
die sie trösten sollten, sind nicht mit gedruckt, sie kamen zu spat 
Hier sind sie: 

Wer hier um einen todten Freund 

Nicht eine bittre Thräne weint, 

Der wird ihn in den stillen Gründen 

Elisiums nicht wieder finden! 



13. 

Halberstadt d. 20 May 1793. 

Meinem Ebert sollt ich die beygehenden Zeitgedichte nicht schikken. 
Er ist ein Demokrat! Mög er aber immer einer seyn, den Königsmord, 
und die andern Greuel kann er nicht billigen, nicht den Blutdurst eines 
grossen Volks, denn dem grossen Volke selbst leg ich den Königsmord, 
und alle die andern Greuel zur Last, es musste von den Demagogen 
zu Henkern sich nicht brauchen lassen, er nimt, ich weiss es, mir die 
Vielheit, und die Schlechtheit der Gedichte nicht übel, weil er, der 
gute Seher! sehen wird, dass sie aus der Theilnehmung am Unglück 
der Menschheit entstanden sind! 

Die hässlichen Druckfehler und Auslassungen u. s. w. anzuzeigen 
hab ich die Zeit nicht, habe nur noch die Zeit zu klagen, dass ich den 
Herrn Bath Campe und die Seinigen nur drey Minuten zu Wort ge- 



auB dem Nachlasse J. A. Ebert's. 281 

sehen habe, leider! weil ich hörte, sie wären schon abgereist, und des- 
wegen mich um sie nicht weiter bekümmerte, denn ich dachte zu Dessau 
sie wieder zu finden. 

Der theuren Halbscheid meines lieben Eberts die herzlichsten 
Grüsse! Unaufhörlich, lieber Ebert 

Ihr 

alter Freund 

Gleim. 

Hier am Ende fällt mir ein , dass Sie schon verreist , zu Trems- 
büttel schon im zehnten Himmel sich befinden mögen. O ! Wenn das 
ist, und wenn man dies Blatt ihnen nachsendet, dann mein herzliches 
Halleluja! den lieben heiligen Engeln zu Tremsbüttel! 

In grosster Eil. ' <* 



14. 
Halberstadt d. 14 Febr. 1794. 

Der Bischof von Münster will nicht der Bischof von Galen , der 
Herzog von Weimar nicht Bernhard von Weimar, der Herzog von 
Braunschweig nicht Heinrich der Löwe, nicht Herrmann seyn! 

Unsre weisesten Männer die Eberte , die Eschenburge , die Klop- 
stokke sind stumm, und reden oder singen sie schöne Gedichte, so 
rathen sie den deutschen Helden ab, Helden zu seyn! 

Ach! was seh ich! Sanskulotten Sebel über dem ehrwürdigen 
Haupte meines lieben Eberts! Ebert! Ebert! Bete! bitte! flehe! bitte 
den Herzog zurück zu gehn, und in diesem, in diesem Jahre, noch ists 
möglich, Hermann der Zwevte zu werden. Sonst — ich stehe für 
nichts, mein bester Ebert! und bin, bin, auch unter Sanskulotten und 
Sebeln noch 

Ihr 

treuer FreunjL 

der alte Gleim. 

Wissen Sie, mein bester Ebert, dass unser (er ist auch mein Her- 
zog) vortrefflicher Herzog die Musen immer noch liebt, die Zeit noch 
übrig hat, auf ihre Reimereyen einen nur nicht ungnädigen Blick zu 
werfen, dann, sonst nicht, suchen Sie ihm von den beygehenden Kriegs- 
liedern ein Exemplar zur rechten Zeit in die Hände zu spielen. Leben 
Sie recht wohl! 



282 Ungedruckte Briefe ans dem Nachlasse J. A. Ebert's. 

15. 

Halberstadt den 18 Juli 1794. 
Hier, mein bester Ebert, ein Hüttcheiri 

Zwar bewohnt mein Ebert einen Pallast und geht in Pallästen ein 
und aus; Ein Freund der Hütten aber ist er doch, und er hat, hoff ich, 
den Hüttner, obgleich er sehr lange nicht an ihn geschrieben hat, nicht 
ganz vergessen, und hätt er's gethan, dann hätt die getreue Louise, die 
wehrte Freundin des Hüttners, an den Hüttner ihn erinnert, also hat 
der Hüttner kein Bedenken das Hüttchen seinem Freunde hiebey zu 
überreichen ! 

Ach! in diesen Tagen brannten eine Menge Hüttchens ab, zu 
Haselfelde, Gottlob, ich höre, der Landesvater dieser Hüttchen sey 
gestern zu Haselfelde gewesen, und habe die armen Hüttner getröstet; 
War ich ein benachbarter Fürst, wie ich nur ein benachbarter Hüttner 
bin, so müsst ich hin zu den armen Abgebrannten und müsste dazu 
helfen, dass ihre Hütten alle viel schöner als sie waren, neu gebaut 
wurden. Neulich war ich zu Wulferstedt, einem preussischen Dorfe, 
zwey Meilen von hier ! Dieses Dorf brannt' auch ab vor ein paar Jah- 
ren ! Man sagte mir, die Abgebrannten hätten keine Hütten mehr, hätten 
Häuser, wie wir Stadtleute zu haben pflegen! Ich musste das Wunder 
sehn, und, lieber Ebert, wären sie, wie Mauvillon und Mirabeau, ein 
übelunterrichteter Preussenfeind, warlich ! Sie wären wie ichs bin, wenn 
Sie die Wulferstedter die Hülfe die man ihnen geleistet hat, und Ihren 
jezigen Wohlstand rühmen gehört hätten, ein Preusse geworden ! Lassen 
Sie uns doch, lieber Ebert, alle wohlhabende Leute, (die nur, die wir 
kennen) bitten , und flehn , dass Sie der armen Haselfelder sich an- 
nehmen möchten ! Sie sollen in erbärmlichen Umständen sich befinden! 

Anfangs des künftigen Monats, sagt man, würden Sie zu Werni- 
gerode bey dem braven Mann auf dem Berge seyn! Ists irgend möglich 
zu machen , so sucht der Hüttner oben auf dem Berge, seinen Ebert 
auf! Louise wird herzlich gegrüsst. In Eil 

Gleim. 

Verzeihung wegen der Correctur! 

Braunschweig. Dr. Adolf Glaser. 



Dialektische Studien. 



Auf einer Reise durch die südwestliche Schweiz suchte ich, 
um nach horazischem Rathe utile und dulce zu verbinden, auch 
einige dialektische Collectaneen zu gewinnen, wobei aber meine 
Bemühungen nicht von dem gewünschten Erfolge gekrönt 
wurden. In Lausanne und Genf beschränkte sich meine ganze 
Ausbeute auf ein kleines Heft: Recueil de morceaux choisis en 
rers et en prose en Patois suivant les divers dialectes de la 
euisse fran^aise recueillis par un amateur. Lausanne 1841, von 
dessen neun Gedichten mit franzosischer Uebertragung drei in 
Wolffs altfranzösischen Volksliedern mitgetheilt sind. Auf dem 
Wege von Genf nach Chamonix machte ich die Bekanntschaft 
eines Geistlichen aus der Gegend von Sallenches, der aber leider 
sein Versprechen, mir Volkslieder der dortigen Gegend zu be- # 
sorgen, bisher ebenso wenig ausgeführt hat als ein Bewohner 
von Chamonix selbst, der mir bei meiner durch Mangel an Zeit 
gebotenen frühen Abreise von dem reizend am Fusse des Mont- 
blanc gelegenen Dorfe die Zusicherung gab, er werde von einer 
alten dort einheimischen Frau (Apollonie Etournie im Hotel du 
Montblanc) mir mehrere Volkslieder in der Sprache des Thaies 
verschaffen. Die Führer, welche ich bat, ein Liedchen zu 
singen, machten vergebliche Anstrengungen und kamen, wenn 
sie aus dem Französisch in das Patois hinübersollten, sehr bald 
zu Ende; den einzigen Liederanfang, welchen mein sonst sehr 
munterer Führer über die Mer de glace herausbrachte, „Les 
filles de Megive granddiu qu'ale filent ben, c'ale san brave et 
c'ale san genti& (nach der Aussprache geschrieben) konnte ich 
nicht als poetisches Product anerkennen. Die Sennerin im 



284 Dialektische Stadien. 

Pavillon auf der Flegfere war sehr entzückt, als ich sie nad 
einigen Ausdrücken des Patois fragte und entwickelte date 
eine gewaltige Naivetät, so dass sie mehrere Male behauptete. 
fleuve heisse bei ihnen Arve etc.,- aber ein Lied konnte sie nick 
singen. 

An der Grenze der französischen und deutschen Schwer 
bemüht man sich vielfach ohne Grund, französisch zu sein ml 
erfindet Namen, die zu barbarisch sind, als dass sie nicht de 
fremden Character sogleich verriethen. Ich erinnere nur s 
Lo&ches-les-Bains für Leuker Bad und verschiedene Kam« 
des untern Rhonethaies, wo man das gute Französisch nod 
nicht gelernt und das verständliche gute Deutsch fast ver- 
gessen hat.*) 

Diese Erscheinung kommt freilich auch schon am Eleä 
vor, wo man mit Französisch* und jetzt auch für die Reisenda 
aus Albion mit Englisch coquettirt sollte dabei auch ein Unsiti 
herauskommen, wie der auf einem Wegweiser hinter dem Heidi 
berger Schlosse producirte: chemin au chateau et ä la molce* 
cur, was der gütige Leser durch Molkenkur übersetzen möge 
In Graubünden ist es anders; hier hat eine Sprachmischung 
vielfach noch so wenig stattgefunden, dass ganze Ortschaft« 
romanisch sind, während dicht daneben ein Dorf kein Wort r» 
manisch redet. Freilich verstehen sie an der Nordgrenze deutsch 
% .in manchen Orten treffen sich beide Sprachen und leben friei 
lieh neben einander, aber ein so entschiedener Vorrang k 
später eingedrungenen Sprache, wie ihn die französische s 
Südfrankreich ausübt, hat noch nicht sich geltend machen kör- 
nen und wird auch voraussichtlich so bald noch nicht eintrete: 
zumal die verschiedenen romanischen Zeitungen, welche jetzt i: 
Graubünden erscheinen, das Sprachgefühl stets rege erhalte 



♦) Das Walliser Wochenblatt, gedruckt in Sitten, gibt Leitartikel d 
Nachrichten deutsch, das Amtsblatt aber neben einander in beiden Sprach 
die Gazette du Valais, ebenda, ist ganz französisch, bringt aber im Bdü& 
officiel auch deutsche Anzeigen. In Interlaken erscheint eine Liste es 
Etrangers, die aber in abenteuerlicher Weise mit schlechtem Deutsch ge- 
mischt ist und sich bemüht, alle Namen vollständig zu verdrehen und un- 
kenntlich zu machen. 



• Dialektische Studien. 285 

und der grosse Canton seit alter Zeit seine Rechte und Frei- 
heiten streng zu wahren gesucht und keine Albigenserkriege in 
seinem Innern ausgefochten hat. Als ich vom Wallenstedter 
See aus mich dem Rheinthale näherte, fielen mir die romani- 
schen Namen auf, welche immer häufiger auftauchten, ohne dass 
die Bevölkerung schon romanisch wäre. Während die Namen 
der Ortschaften am genannten See, Prömsch, Gunz, Terzen, 
Quarten, Quinten, mit Recht auf alte Standquartiere römischer 
Cohorten »prima, secunda" etc. gedeutet werden, tritt von Wal- 
lenstedt ab und neben der Landstrasse die romanische Wort- 
bildung entschieden auf: Mut«, Flums, Tills, Bluns, Mels, Sar- 
gans, Ragatz sind entweder rein romanische Namen oder haben, 
wie Pfeifers, Schuders, Schiers etc., doch das characteristische 
s angenommen, während von der Sprache sonst Nichts geblieben 
ist, die noch zur Zeit der Hohenstaufen sich über den grössten 
Theil des Landes ausdehnte. Chur, die Hauptstadt, ist jetzt 
fast ganz deutsch, vor 150 Jahren sprach die eine Vorstadt nur 
romanisch; das zunächst nach der Via Mala zu gelegene Ems 
ist katholisch und romanisch, Reichenau reformirt und deutsch, 
dann folgt Bonaduz oder Pan-a-töts, Räzüns katholisch und 
romanisch, später das deutsche Tusis etc. Weiter nach Süden 
und Westen sind ganze Thäler romanisch; da ich aber leider 
nicht mehr 'Zeit hatte, mich in dem Vorderrheinthal oder im 
Engadin festzusetzen, so durchforschte ich in Chur, der Haupt- 
stadt des Landes, was ich dort von romanischer Literatur auf- 
treiben konnte und legte mir 'eine, den Umständen nach ziem- 
lich umfangreiche Sammlung dieser Literatur an. Wenn man 
aber von ihr nur wenigstens dasselbe sagen könnte, was Mahn 
„Ueber die Basken S. -V" von deren Literatur ausspricht, dass 
sie, wenn auch meist religiös, doch auch einzelnes Poetische, ja 
selbst Epen besitzt. Was mir zu Gesicht gekommen, bietet ausser 
einigen für religiöse Belehrung gemachten Gedichten fast nichts 
Poetisches. Da ist kein wahres Volkslied ; Bibelübersetzungen, 
Predigten, religiöse und weltliche Unterrichtsbücher, einzelne 
historische und grammatische Werke, endlich Zeitschriften und 
Zeitungen, das ist Alles, was die drei Dialekte des Cantons 
Graubünden aufzuweisen haben. Wenige Tage vor meiner An- 
kunft in Chur war einer der eifrigsten Arbeiter und Sammler 



286 Dialektische Studien. 

für volksmässige Literatur in Graubünden, Otto Carisch, zu 
Grabe getragen, der am 20. Juli 1858 als Professor in Chur 
starb, nachdem er früher evangelisch -reformirter Pfarrer zu 
Puschlav im Engadin gewesen. Von ihm rührt unter anderen 
auch eine Sammlung Gedichte eines bündnerischen Landmäd- 
chens in deutscher Sprache, Chur 1856, her, die er, ein Freund 
alles echt Volkstümlichen, ohne ihren Werth zu überschätzen, 
der Anregung halber edirte. Wir wollen in Folgendem eine 
kurze Zusammenstellung dessen geben, was bisher in und für 
diese Dialekte geleistet und bemerken zunächst, dass ausser 
Chur, wo aus den Officinen von Pargätzi, Pradella und Holden- 
ried manche romanische Schriften hervorgehen, besonders Cele- 
rina, Ponteresina und Zuoz im Engadin und Dissentis, Muster, 
Uanz im Vorderrheinthale thätig sind, neben denen früher noch 
Scuol oder Schuls im Unterengadin sehr thätig war. Von Zei- 
tungen erschien bis ultimo 1857 in Chur 11 Grischun 4. preci 
d'abonnement per miez onn (sechs Monate) franco egl entir can- 
tun fr. 2. 50. zweimal wöchentlich ; ebenda bis Ende 56 Amitg 
dil Pieyel, unter denselben Bedingungen* Dienstag den 30. De- 
cember 1856 brachte das Blatt die folgende Anzeige : Cun quest 
nummer cala il Amitg dil Pievel de comparer. Quels che han 
ennc buca pagau, vegnen envidai e, de termetter en gl' importo 
della gasetta alla suttasretta; schiglioc vegn ei priu Nachname. 
L'expediziun. Jetzt erscheint noch Fögl d'Engiadina, organ del 
public. Zuoz. Pretsch d'abonnamaint per Tan frs. 2. 50, ein 
liberales Blatt, und Nova Gasetta Bomonscha (prezi d'abonne- 
ment annual 3 fr. 50^ in Muster, das besonders Organ der cle- 
ricalen Partei zu sein scheint. Pot dellas Alps 1856 ist ein- 
gegangen. 

Eine der ältesten Publicationen in romanischer Sprache ist 
der Catechismus von Steph. Gabrie Banz, 1611. Das alte 
Testament erschien zuerst 1718 in Folio, ein geistliches Buch, 
Fument spiritual, von Jacob Dorta, 1758, eine Art Glossar, 
Noraenclatura romanscha et tudaischa, von einem Geistlichen, 
Cappol in Cierf, 1770. Ein dogmatisches Lehrgebäude gibt 
Jacob de Chiasper Cloetta La religiun reformaeda declaraeda. 
Coira 1807. Eine Uebersetzung aus dem Deutschen zum 
Zwecke belehrender Unterhaltung ist Bg Goldmacherdorf, aus 



Dialektische Studien. 287 

dem Schweizerboten übertragen, Cuer 1820. In demselben Jahre 
erschien in Cuera Ilg nlef Testament da niess Senger Jesu Christ. 
In den Elementarschulen dienen zum Theil aus dem Deutschen 
übertragene Lesebücher, so Prüm Cudesch da Scola per ils infants, 
Coira 1841, bei Otto's Erben; Secund Cudisch de scola ne cudisch 
de leger per las mesaunas classas dellas catholicas scolas ruralas 
el Canton Grischun, Cuera 1849, m zwei Abtheilungen, Prosa 
und Verse gemischt, vielfach im Text deutsche Worte zur Er- 
klärung; Secund cudisch • . . dellas Scolas romonschas. refor- 
madas enten il Cantun Grischun, Cuera 1851, ähnlich einge- 
richtet, aber mit viel Hinweisungen und Citaten aus der Bibel 
und acht Seiten Composiziun dellas reglas orthograficas per il 
lungatg romonsch, d.h. Regeln, um Einförmigkeit in das Schreiben 
zu bringen nach dem Beschlüsse des Erziehungsrathes de pro- 
curar, ca cunzun enten ils cudischs romonschs obligatorics e ton 
sco pusseivel era duls acolaeto enten las scolas romonschas dad 
or ils cuolms, denter Catolics e Beformai, vegni observau la 
medemma ortografia. Als weitere Quellen können dienen die 
Ordonaziun dil cussegl grond sur introducziun dellas novas fe- 
deralas peisas e masiras, acht Seiten, auf denen die an Begriffen 
arme Sprache von der deutschen bedeutend entlehnt hat, und 
Lescha sur Ugadar, Cuera 1852, 31 Paragraphen gerichtlichen 
Inhalts. Hierher gehören ferner Cudisch de Oraziuns ed In- 
struczduns culla historia della confraternitad du Scapulier, pro- 
movius alla Btampa tras in spiritual ord il capetel della Foppa, 
Muster 1858, und die gleichfalls, aber erst von Pradella in Chur 
angezeigten: Novissima ediziun digl cudisch de Canzuns Spiri- 
tuals und Calenders de hossa Duneuo sco era Calenders de 
Lucern. 

Im Oberengadinisohen erschien das neue Testament 
schon 1548 durch Lezi Gabriel, neu aufgelegt Basel 1809. Im 
Jahre 1763 veröffentlichte IJonnom eine Uebersetzung der von 
Dietrich in Berlin zur Feier des Hubertsburger Friedens ge- 
haltene Bede „Predgia d'Ingratzchiamaint etc.; M Frizzoni edirte 
1789 in Celerina Verse zum Lobe Christi: Testimoniaunza dall 
amur etupenda de Jesu Christo; 1819 erschien in Luzein ein 
Lesebuch II magister amiaivel, 1819 eine Uebersetzung von 
OreUi's Geschichte der schweizerischen Reformation durch 



288 v Dialektische* Studien. 

Walther. Hierher gehört ferner die von Fachs (Unregelmäsrige 
Zeitwörter in den romanischen Sprachen) S. 364 citirte Offen* 
spirituala, die bei Fernow, Komische Studien 3, 224 und 254 
abgedruckten Stücke von Uebersetzungen aus dem alten Testa- 
mente, Andeer Chant de triumph, 1836, und die zwei anderen 
bei Fuchs 1. c. erwähnten Lieder. Neuer sind Oraziuns e coor- 
tas instrucziuns oravon per ils affrons da Scola, da J. Martin 
Durgiai, professor della scola cantonala a Cuera, 16-, 1847: 
Historia della compariziun della beada Purschala a dus affons 
pasturs eil cuolm Salette en Frenscha, Cuera 1848» von F. Lo- 
renz Hecht, professor e oapitular della claustra a Nossadnnaun 
zweite Auflage. Seit 1855 erscheint in Chur in vierteljährlichen 
Lieferungen, 8., La Dumengia-Saira (Sonntagsabend) a promo- 
ziun da devoziun e pieted nellas famiglias tres N. Vital ec 
E. Lechner, in communiun con oters nels dialects romanscb 
delT Engiadina, 1 fr. 20. per las 4 secziuns del ann. In den 
letzten Hefte zeigte Lechner an, dass er fortan alleiniger Redac- 
teur ist: le Dumengia-saira dess servir ad edificaziun e conver- 
saziun, perchi neir meditaziuns, requints e poesias (Tun conte- 
nuts pii serain (ma decent) non saron exclusas. Die Mitarbeiter 
sind Protestanten, die sich redlich bemühen, das freiere Bewusst- 
sein des Volkes wach zu halten und ab und zu Biographien 
der grossen Reformatoren etc. bringen; eine Biographie von 
Luther, eine andere von Zwihgli hat ausserdem P. J. Andeer 
im Romanischen veröffentlicht. Als Quelle kann ferner dienen 
Ortografia et Ortoepia del idiom romauntsch d'Engiadin'ota. 
compiledas per creschiens e scolars pü avanzos de Zaccaru 
Palliopi in'Celerina. Coira 1857. Das wissenschaftlich und 
mit grosser Kenntniss geschriebene Buch behandelt auf 125 
Seiten Lautlehre, Vocale, Consonanten, Assimilation, Augment 
grammatische Position, euphonische und grammatische Zeichen. 
Interpunction, und zeigt den regsten Eifer des Verfassers für 
das Gedeihen seiner Sprache. Der schon erwähnte Lechnei 
hat zusammen mit dem später noch zu nennenden Heinrich 
Istorias della sencha scrittura nel dialect d'Engiadin'otft 
edirt 1858, welche Bibelkunde in weiteren Kreisen verbreiten 
sollen. * 

Im Unterengadinischen wurde schon 1606 ein Cudesci 

\ 



Dialektische Stadien. 289 

da Psalms fratto dalg tudaischk von Chiampel, Geistlichem in 
Pnsch, zu Basel publicirt, dem 1607 ein Compendium religionis 
christianae yon Henr. Robar folgte (Strada). WieUel übersetzte 
La Prattica da Pietaet, von Baily edirt, Scnol 1668, Robar gab 
ein Compendium elencticum religionis, das 1721 in Scuol neu 
aufgelegt wurde; ebenda erschien 1742 eine Chronica rhetica 
von Nott da Porta, 1755 il thrun da gratia Jesus Christ, aus 
dem Deutschen des Tileman von Conradin von Planta aus Zuoz. 
Auch ils psalms da David übersetzte Wietzel (1776 neu edirt), 
einen Catechismus gab Vital 1820 heraus, eine Moral Notegen, 
Strada 1822, Salomon Blech übertrug das von Walter in's Ober- 
engadinische übersetzte Orelli'sche Werk in sein Idiom. Die 
Dumengia Saira enthält manche Artikel im Unterengadinischen ; 
das neue Testament wurde darin zu Basel 1812 und sonst edirt; 
mir liegt vor Ilg nouf testamaint, tradüt in rumansch d'Enga- 
dina bassa. Paris 1836. 

Uns bleibt nun für dieses Mal nur noch übrig, Derer Er- 
wähnung zu thun, welche über die romanischen Dialekte ge- 
schrieben haben. Der erste uns Bekannte ist der von Fuchs 
citirte Planta, Geschichte der romanischen Sprache, Chur 1776, 
der Alles aus dem Etruskischen ableiten wollte. Nach ihm gab 
Christmann, Nachricht von der sogenannten roman. Sprache in 
Graubündten, Leipzig 1819, dürftige Notizen, Matthias Conradi 
in Zürich 1820 eine praktische deutsch-romanische Grammatik, 
auf die 1828 ein unvollständiges Taschenwörterbuch der deutsch- 
romanischen Sprache folgte. Walter schrieb 1832 sein Pro- 
gramm de romanensibus Helvetiae etTeriolis gentibus, worin er 
einzelnes Material zusammenstellte, das er auf einer Reise selbst 
gesammelt, und gegen den etruskischen Ursprung der Sprache 
auftrat. Diez gibt in seinem vorzüglichen Werke einiges, doch 
verhaltnissmässig nur wenig über die betreffenden Dialekte; 
ausgezeichnet dagegen hat, wie Alles, was er berührte, auch 
diese Mundarten KucBs in seinem citirten Werke (Berlin 1840, 
S. 337 etc.) behandelt. 1851 erschien „Grammatische Formen- 
lehre der deutschen Sprache und der rhäto-romanischen Ober- 
länder und unterengadiner Dialekte für Romanische, von Otto 
Carisch (Chur), schon vorbereitet durch seine „Kleine deutsch- 
italienisch-romanische Wörtersammlung, Chur 1836;" im Jahre 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 19 



i 



290 ' Dialektische Stadien. 

1852 folgte das gute Taschenwörterbuch der rhäto-rooaaxuschec 
Sprache desselben Verfassers. 1853 gab Rufinatsche sein Pro- 
gramm über Ursprung und Wesen der romanischen Sprache 
(Meran 1853), worin er für' die graubündner wie für die tiro- 
Kschen Dialekte den lateinischen Ursprung gegen den behaup- 
teten etruskischen zu beweisen sucht (cf. Archiv X\TI, 347): 
ihm traten gegenüber Steub, auch Koch und Dr. Piazinger, 
„Aelteste Geschichte des bairisch-österreichischen Volksstamrnes, 
Salzburg 1858," welche drei Werke mir leider nicht zugäng- 
lich sind. Für den lateinischen Ursprung trat dagegen 1855 
Sulzer in Trient auf in seinem gelehrten, aber nur etwas un- 
klar gehaltenen Werke delT origme e della natura dei dialetii 
comunemente chiamati romanici, in dem er u. A. S. 242 £ 
Proben der graubündener und der zehn tirolischen Dialekte 
"bt (Fassan, Badiot, "Gardener, Solandro, von Fondo, Coredo, 
'ajo, Stenico, Storo, Fiamaz). Endlich erschien 1857 in Chur 
Fuormas grammaticalas del linguach tadaisch in benefizi deflas 
scuolas romauntschas compiledaa da G. Heinrich ans Celerim. 
Die Sammlungen und gelehrten Arbeiten dea Mönches Placadm 
in Dissentis (A. Specha), von denen man mir in Chur sagte, 
habe ich nicht zu Gesicht bekommen. 

ßhätische Sitten und Gebräuche beschrieb Georg Leon- 
hardi, Pfarrer in Azmoor, edirt St. Gallen 1844, und das Enga- 
din in geographisch-statistischer Hinsicht Dr. Jacob Papoa. 
St- GaUen 1857. t 

Zum Schlüsse wollen wir zur Probe des Dialekts noch eu 
anspruchsloses Liedchen mittheilen, das wir der letzten Juli- 
nummer der Fögl d'Engiadina entlehnen. 

La viola compagna dels attristos. 

s O compagna da tristezza A chi barbara sTeatüra 

simbol eher della dolor Da sa terra allontanet 

tu nun amast l'alleerezza a chi bger's dolurs indüra 

tu nun amast la splendur. e snapira per sieu tet 

Tu reclamast a memoria est eompaene — dotecha apraan» 

il plaschair chi gia passet in aieu cour Jaachaat fluir 

o tu flur consolatona ed el viva con fidaunza 

tu nun amast il dalet. a sa mamma da s'anir. 

Tu dla giuvna est compagna Sül sunteri tu flureschast 

chi dalöntsch ho sieu fidel est il simbol da dolur 

oon sas larmas eil' at bagna tu la tomba adtrnesehsat 

in pensand suvenz sün el. del povr' hom e del signur. 

Dr. C. Sachs. 



Martinus Polonus. 

(Fortsetzung.) 



Fridericus. 

Fridericus der erste richsent. XXXVII. iar. 
vnd wart gekrooet in aant peters Munster von adriano a.b.c. 
dem bab8te. bi den ziten kam er zu Tyburtinum in die 
stat . vnd hiez die wider pnwen . vnd für wider in dem 
ersten iar. vnd zerbrach die stat Spoleturo. Diser waz 
wilde 1 ) vnd strenge, vnd wol gespreche, vnd edel, vnd 
an allen dingen erlich. bi den ziten gewan der kunig LXÜc 
von aiapia die stat Edisson. die in Genesi ist genant 
arach. vnd die Franzois die er do ving. die er ver- 
derbet antweder mit dem tode.'oder mit swerem dienst 
vnd dem ertzbischof der stat mit aller pfeffheit tet er 
enthoubten mitten in der stat . dar vmb daz si Cristi 
niht wolten verlougnen* Also wart die stat edisson 
erste von den beiden verboBet. die von des kuniges 
Abagaro 3 ) ziten Cristen waren gewesen, vnd der ir 
herre waz« vnd dem Criatus vor einem tode als man 
liset in Ecclesiastica hyetoria ein episteln schreib, vnd 
do von aant Thomas wart geprediget, vnd erst wart 
die stat rot nuwen 3 ) von marterer Wut. bi disen ziten 
wart die sunne vinster ein teil vor None. vnd bleib also 
nach der None zit ein lange wil. bi (lern iar. waz ein LXHa. 



*) L milde, largo«. a ) Agaro, A. B. C. *) novornm martyrum, 
B. C. 

19* 



292 Martinas Polonus. 

grozze hunger zit. bi den selben ziten. wart daz hei- 
lige grab gewunnen . vnd daz heilige Creutze (genomen) 
von dem soldano. do diser keiser ze Borne kam. vmt 
die kronunge. do wart er mit grozzen freuden enphas- 
gen. vonAdriano dembabst. vnd do allez sin dingbe- 
rihtet waz. vnd vz der etat solte varn vf die wißcn 
Neronis . do sin gesez waz . do slugen die Komer mit 
gewapenter hant an die. die hinden nach riten. vnd 
triben si also von der porten zu dem heiligen enge). 
biz zu des keisers gezelt. vnd do daz geschrei kam is 
daz her. do machten sich dieTutschen lute ze sammen. 
vnd slugen vnd vingen der Römer vil. vnd wart kome 
versunet von dem babst Adriano. daz si si niht alle 
ze tode erslugen. Nach dem babst adriano wart Alex- 

LXffla ander babst. mit dem der keiser gar vbel lebet, also 
daz er vier ander bebste mit ein ander machet an die 
er sich hielt wider den kunig von frankrich. zu dein 
alexander geflohen waz. Dieer keiser besament en 
grozzes her. sundeilichen von den zwein kunigrichen 
vonBohemia vnd von Dacia. vnd wolle in purgundiam. 
vnd die heren vnd wüsten, vnd kam der kunig von 
frankrich. vnd der kunig von Engelknt. den von pnr- 
gundia zu hilfe. daz der keiser niht do schuf, do für 
der keiser für meylant. vnd zerbrach vnd yerhrant die 
uf den grünt. Do der keiser wider alexandram den 
babst lange zit gekrieget het. vnd ime vil leides getan 
het. do vorhte er daz in die Lamperter vertriben von 
ßinem riche. wanne si wider in waren, vnd sante et- 
liche boten zu dem babst Alexandra . vnd warb an in 

LXnib- ein sune. vnd also wart ez versunet. zu Venedig, vmi 
nam zu buz daz Creuze an sich vber lant zu füren dem 
heiligen lande ze hilfe. vnd niht vf dem mere. vnd 
also für er mit einer grozzen menige zu losen daz hei« 
lige lant. vnd do er »kam in Armeniam. do ertrank er 
a.b. c. gar in einem kleinen wazzer. do er wolde baden, vnd 
sin sun den er mit ime gefuret het. der fürt sinenJich- 
nam biz zu der stat Tyro. vnd begrub in aldo. vnd do 
er den vater begraben het. do besaz er Ptolomaydam. 



Martinas Polonuu. 293 

vnd starb auch aMa. Auch stürben in der selben zit 
tu nahen alle die herre die mit dem kunige Bichart 
von Engellant vber mere waren geschiflet. bi den ziten 
waz in Galabria der apt Joachim der vil bucher machet 
vber Jeromiam. 1 ) vnd apocalipsim. vnd von den pro- 
pheten. Diser seit den selben kunigen do ei in daz 
heilige laut füren, wanne si wenig do schuffen. wanne LXIIIc 
die reht zit noch niht komen waz . bi den ziten wart a. b. c.+ 
der ertzbischof von candelberg in sinem munster er- * 
slagen. vnd tet grozze zeichen, vnd wart do erhaben 
von Alexandro dem babst. bi dez ziten lebte petfüs 
Commestus der tihtet historiam Scolaeticam. von der 
alten vnd der nuwen. e. bi den selben ziten sant hein- 
rich der kunig von engellant etlich boten zu dem babst 
alexandro. vmb sant Thomas tode. der von sinen we- 
gen erslagen waz. vnd die boten komen zu dem babste. 
vnd selten irn herren entschuldigen uf ir sele von sant 
Thomas tode. vnd der babst Alexander emphing die 
boten in der etat Tusculana. vnd sante zwen Cardinal 
mit in wider gen Engellant . vmb dez kuüiges vnschulde 
ze varen vor den Cardiüalen swur der kunig. daz sant 
Thomas nie von sinem rate noch von einer getat er- LXm<*- 
slagen wurde, sunder daz er von geschürt erslagen 
were. von sinen dienern, von dez krieges wegen, den 
si mit einander gehabt heten . vnd vmb daz sante er zu 
buz vber mere zwei hundert ritter. daz die ein iar do 
solten bliben. vnd nam ouch selber daz Creutz an sich, 
in dem Jare vber mere zu varn. a.+ 

Heinricus $er sehste 9 ) richsent. VIII. iar. 3 ) 
vnd. III. monade. vnd. XIIILtage. vnd wart gekronet a.b.c; 
in dem Aprillen an dem nehsten montage nach dem 
Ostertage. vnd andern. XI. tage dez selben Monen. a.b. c. 
für er gen pullen, mit einem grozzen her. I4 dem sel- 
ben monad wart Tusculanum den Eomern ze male hin 



*) EGeremiam, A. B. C. s ) quintus, A. B. ') 19, A. B. 
8 ann., C. 



294 Martinus Polonttl. 

gegeben von dem keiser vnd störten ez do. bi den 
ben ziten wart die sunne vinster an der. IX. 

LXIIIIa. Julij . von Terde biz zu None. Diser richsent bi Ce- 
lestino vnd Innocencio. VII. iar. vnd. Uli. monad. dex 
ersten Jares do er gekronet wart do für er in Sycffie. 
vnd gewan daz lant biz Napels. vnd besaz oucb na- 
pels. III. monad. Do worden sin herren so siech, dai 
si nohent alle stürben. Also daz der keiser mit luted I 
luten sich dannen hub. Diser nam zu wibe Constan- 
ciam dez kuniges tohter von Sycilie. vnd an dem. DU. 
iar sines richs' betwank er alles rieh ze pullen, vnd 
piniget alda vil lute die wider in waren, vnd fort a | 
mit ime in Tntsehe lant. Trancretum des kuniges stm 
Tanereti in Sycilia . vnd sin muter hiez Margarets . vnd | 
hielt den ktinig. Empiretarum *) in gevaftgnisse. vnd 
a. b. c. dar nach starb er ze panorum *) von vergebnisse . vnd do 
wart ein zweiunge zwischen den forsten in Tutscb© 

LXlITIb. landen, wanne ein teil erweiten Otten vnd der ander 
teil philippum. Doch wart Otto gekronet von des bab- 
stes gebot, vnd behielt ouch daz riche ze leiste, vnd 
philippus wart erslagen in einem fride. von den lairf- 
grafen von Düringen. Do- behielt Otto daz rieh . wanne 
Innocencius der babst. der des selben Jares babst warf 
naohCelestino. der waz phüippi vint. von sines bruder 
wegen keiser hemriches. der wider Cristen gloubenii 
Sycilia pischof und ertzbischofe gepiniget het . vnd tet 
alle wege daz wider die Römischen kirchen waz. Dar 
vmb tet er in ze banne, vnd alle sin helfer. vnd hielt 
sich an Otten. der ein hertzoge von Sahssen waz. vnd 
tet in ze Oche ze kunige in Tutschen landen se krö- 
nen, nach dem Jare vnsers herren. Xu. hundert iar. 
wart Constantinopel gewannen von den Franzoysen. 

£xnn> vnd von den venediern . vnd satzten dar ze keiser im 

c. grafen Baldewm von flandern. also daz ml lute die in 

der stat waren . wolten niht glouben daz si gewunnen teert 

vber etwiemanigen tag. daz waz von der Sterke der stat> 



l ) Epirotarum, C. 2 ) Panormi, A. B. C. 



Martinas Polonue. 295 

vnd von einer oben propheeien . wanne in von alter ge- 
wiee&fet waz. -daz di etat von dem enget geumnnen solte 
werden, vnd dar vmbe glaubten ei niht. daz ei kein mensche 
gewinnen mühte, vnd do mit wurden ei betrogen, wanne 
die veinde brachen durch die mure in do der enget ge- 
molet waz. vnd in dem selben iare 1 ) wart ei den tate- 
rern hin gegeben. Diso taterer wonent yndör den ber- 
gen bi India in dem lande daz do heizzet Tatern. vnd 
die körnen für iren herren den kunig von India ze be- 
twingen die tildern lant Diser kunig*) von India. waz 
priester Johannis sun von Oocidente. An der iarzaj LXttn*- 
vnsers herren. XU. hundert iar. vnd. VII. iar. do sant 
der babst Innocencius. einen legat mit. XII. Epten. dqs 
grawen ordens von Cisterciensi in daz lant der Albre- 
neten *) ze predien den glouben den ketzzern vnder dem 
Didatus waz von hyspania. ein bischof zu Oxoniensi 
der vnd der Dyonisius 4 ) der heiligen wurden ouch mit 
der vorgenanten geselleschaft gesant zu predien den 
glouben. A.+ 

Otto der vierde. ein hertzoge von sahssen. vnd 
vrenkel Lothary dez Iceisers dez dritten der wart gekronet a.b.c. 
von dem babst Innocencio dem dritten in sant peters 
munster. vnd wurden in doch niht die Jar sines riches 
gegeben . vmb sin bosheit . wanne do er gekronet wart. 
do het er ze hant einen strit mit den Romern. vnd 
wider des bahste* willen, do für er gen pullen, vnd nam 
daz lant kunig friderichs von Sycilie. vnd dar vmb tet LXV»- 
in der babst zu banne. Dar nach an dem Vierden iare 
gines riches. do erweiten die fursten ze keiser. den 
vorgenanten Friderich. der kam mit schiffen biz zu 
Korne» vnd wart do eriichen enpfangen von dem volke. 
Dar nach ftor er in teütsche lant wider Otten . den vber- 
Want er eriichen mit vrluge. a.+ 



>) 1202, C. *) 8C.*David. 3 ) terram Albanensem, A. B. Albi- 
genenrium, C. 4 ) Dominicas, A. B. C. 



296 Martinug Polonus. 

a.b.c. Friderich der ander hemriche$ sm wart p* 

krönet von honorio dem dritten in aant petero nranster. 
vnd richeent. XXIII. iar. 1 ) Diaer waz von kindenf 
gezogen vnd gefurdert von der heiligen kirchen rek 
als ein kint von siner muter vnd zu diesem keiser ampt 
bedaht. vndOtte der keiaer wart von einen wegen ver- 
dampt. vnd beschirmet die heiligen Crietenheit dodi 

LXVb.juht alß ein muter sunder er stört ei wo er mok 
rehte als ein stiefmuter. Do daz honorius dar babst 
gesach der in gekronit het daz er wider in waz. do 
' tet er in ze banne, vnd saget alle herren die inie ge- 
a.b.c.+ sworn heten ir eide lidig. Der alte krieg der zwischen 
in wert (der wart ernuet) von Gregorio sinem nach- 
komen mit den payern. Do wurden zwen CardkL 

a.b.c. Jacob von penestre vnd Otto von tTusculano. pischofze 
helfe der heiligen kirche gesant. vber daz gebirge wi- 
der, den keiser Friderich . vnd do si wider in den bot 
solten varn . do wurden si mit vil andern, prelaten ge- 
vangen von den von pyse in schiffen. Diser friderid 
ving sin sun heinrich. den er kunig het gemachet in 
Tutschen landen . vnd wolt sich wider in geeetzzet ha- 
ben . vnd fürte den in pullen vnd verderbet in do ia 

LXVc» einer vangnisse. Diser keiser het daz Crutze genuin«) 
in dem banne der lange an ime geweret het. vnd fcr 
vber mer. vnd tet dem heiligen lande mer wuatonge 
vnd schaden denne frumen. vnd do er von Innocendo 
dem babst entsetzzet wart von dem keiser ampt. A> 
waren die fursten do. vnd weiten wider in den Lant- 
grafen vn durgen. der starb nach kurtzzen ziten. ß> 
weiten aber die fursten wider in den Grafen wilhelm 
von hollant vnd kurtzlich darnach, wart er erslagenvon 
den frysen . vnd also stürben die beide on den keiser- 
liehen segen. bi den ziten an der iarzal vnsera herren. 
XII. hundert iar. vnd. XLVIII. iar. do für der kunig 
Ludewig von frankrich vber mere . vnd het einen fro- 
lichen anvang vnd einen leidigen vzgang . wanne do er 

i) 83, A. B. C. 



Martinas Polonus. 997 

in daz heilige für. do gewan er Damietam. vnd dar LXV*- 
nach kurtzlich. verloz er allez das sin. vnd wart ge- 
vangen. vnd kam doch wider als got wolte. Diaer firi- 
derich nach dem als er entsetzzet wart . vnd er lag mit 
kreftigem gewalte vor parm die er hazzet. do wart er 
vberwunden von den von parm. vnd von einem legat 
des babstes • vnd verloz einen schätz • vnd. ander sin 
gut. vnd do zogte er gen pullen, vnd starb do von 
einer grozzen suchte. Manfredus sin eun. 1 ) der vmb 
reit die herschaft, vnd den schätz in dem riebe Sycilie. 
vnd behielt ze letste ouch daz riche. biz daz karolus 
dez kuniges bruder von frankrich. der do zu prauantz 
grafe waz. besant wart von dem babst vrbano dem 
vierden. vnd der kam bis Clemens ziten. vnd slugMan- 
fredum zu tode. Diser keiser Friderich. waz von augusto 
dem ersten, der. LXXXXIX. keiser. 3 ) bi des selben LXVI*. 
frideriches zit. an der iarzal vnsers herren. XII. hun- 
dert, vnd.; XXXIX. iar. 3 ) Do zogten die Taterer in 
die rieh von Orient, vnd betwungen die vinilich. vnd 
teilten sich do in zwo schar, vnd zogten in vngern. 
vnd in polan. do het man einen veltstrit mit in. Do 
wart erslagen dez kuniges eun von vngern ein hertzoge 
in parmonia ynd in polan. vnd hertzog heinrich von 
flezzen . *) vnd daz ander volk daz si fanden «beide wib 
vnd man daz slugen si allez zu todfe. vnd also ver- 
wüsten si daz lant. vnd aller meist vngern. also sere. 
daz die frowen ire kint azzen vor hunger. vnd ir vil 
namen stoub der do in einem berge lag den buchen si 
vor mel. s ) bi disen züen verdürben in purgundia in dem c. 
berge alvmbe. wol. V. tusent menschen, daz von einem LXVI*>- 
grozzen berge geschach* der schiel sich von andern bergen 
(md für etwie vil mä zu andern bergen) vnd bedacte in 
dem tal do zwischen alle die dorfer mit erden vnd mit 



») fil. naturalis, A.B.C. *) centesimus, A.B. 95, C. *) 1280, 
C. *) dux Blesiae, A. B. Sleziae, C. *) ^Finis Chronologiae Ro- 
manoram Imperatoram Martini Poloni Sommi Pontificis Poeni- 
tontiarc, C. 



298 Martinui Polonns. 

deinen. Auch bi den ziten det Jcumges ferrmdi zu Tob 
m hyspania. waz ein Jude der solte leymen breche* n 
einem wingarten ze wider end. vnd vant ein hol enmtito 
in einem gantzzen stein, in dem hol lag ein buch, k 
geschriben waz. abrdhamiseh briechisch vnd latin. vndte 
wol als vil schrift als ein satter, vnd seit von der in- 
uattikeit der werk von Adam, piz an den Endekrist. m 
die eygenschaft der lute. vnd ir wesen in der werk üp 
Rehes, vnd von dem anvange der dritte werbe, stunt fo 
also voll Oristo. An der dritten werlt . wirt geborn $ 
sun von einer mögt genant Maria, vnd wirt die mcsiti 
LXVIc Uden vmbe menschlich heile, vnd do der Jude daz g* 
do taufte er sich zu hont mit allem einem gesinde. ft 
stunt ouch angesehriben. daz daz selbe buch soU fmk 
werden U des hiniges Ferrandi ziten von CasteUe. h 
A.-f- also geliches vindestu ouch in ConstanUno dem sehnten. 

von rome* , 
Das Romische riche stunt also, von des heiser fiti* 
richs ziten. nach einem tode von einer entsetzzmge. 
heiser, wanne der babst Innoceneius der vierde der in ab- 
setzet hete. der schuf mit den forsten von der htrinT* 
sehen landen, daz si weiten nach ein ander, den lantgnf* 
von Duringen, vnd wühelm den grafen von hottant. & 
beide stürben, e. daz si ze hanige vnd zu heiser gebort 
wurden. Nach heiser friderichs tode. do wrden «cA & 
fursten . die einen • hinig welent zweien . wanne ein & 
LXVId. weiten ze hinige, den hmig von Casteüe. vnd die ad* 

a.b. weiten Rieh ar dum den Grefen von Cornubia der k 
hiniges btuder waz von Engellant. an der Jarzalw- 

a.b. sers herren. XII. hundert iar. vnd. XXVLitf 
vnd der krieg werte manig iar vnder in. vnd wanne ® 
merklicher wunder vnd seltziner dinge gesekach ntufc». te 
daz romische rieh on heiser waz. So haben wir väß 
hie ze sagen nach einander, so wir kurtzelichest m^ 

a.b. Also an der iarzal vnsers herren. XIL hundert 
vnd. L 9 iar. do wart der erlich hang heinrichvonD^ 
erslagen. uf dem mer. von einem bruder Abel* iß® 



Martinas Polonus. £99 

daz rieh wurde, do von dem selben abel wenig eren noch 
gemaches geschach. wanne dar nach an dem andern iar 
eines riches woü er diu friesen betwingen die singen in tot LXVTI»- 
ze hont An der Jarzal vnsers herren. XII. Awn- a.b. 
dert vnd. LI iar. do für Cunrat heiser friderichs sun 
uf dem mer in pullen nach eines vater tode . vhd woU daz 
hunigrich Sgcilie an sich nemen. vnd gewan si gar. vnd 
brach die mur nider biz uf den grünt, vnd in dem andern 
iar. daz er in daz hmt körnen waz do wart er siech, vnd 
starb der artzte der ime die ertznye gab. vnd iach ez 
were ime gesimt. An der iarzal vnsers herren. 
XII. hundert, vnd. LVIIII. iar. do wart Constan- a.b. 
tinopel wider gemachet mit gewalte von paleologo dem 
heiser von kriechen, die vor gebrochen waz. von den ve- 
nediern vnd iren heifern. In dem selben iar do man a. b.-|- 
zalte. XII. hundert vnd. LX. iar. do zogte der a.b. 
hinig von vngern. vf den hinig von Peheim. daz waz LX.Vli*>. 
vmb ein lant dar vmb si kriegten, vnd brahte ein grozzes 
her mit manigerleg luten vnd von heiaen . der waz als vü. 
XL. tusent tuender lute. Do begegent ime der kunig von 
Peheim . mit hundert tusent mannen . der waren ♦ VH. tu- 
sent uf grozzen rossen, mit ysenen decken verdecket, vnd 
do si sich machten ze striten uf dem gemerke der zweier 
kunigriche . do wart so vil stoubes von in der uf ging in 
die luft von den rossen . vnd von dem voüce . daz zu mittem 
tage käme ein man den andern sach noch gesehen mohte. 
ze letste wart der kunig von vngern sere wunt do fluhen 
die einen, vnd do si also ylten ze fliehen do körnen si an 
ein groz wazzer. do si vber sotten, do ertrunken ir wol. 
XIIII. tusent*) on die erslagen wurden, vnd do der kunig 
von peheim also gesiget. do für er in vngern. do bat der LXVn<>- 
kunig von vngern vmb einen frid. vnd gab daz lant wi- 
der, darvmb der .krieg waz gewesen, vnd besteiget ein 
ewig fruntschaft zwischen in zwein. mit einem, e. An der a. b.+ 
iarzal vnsers herren. XU. hundert. vnd. IjXIIII.1l.b. 
iar. do erschein ein stem heizzet Cometes an dem himel. 



») 214000, A. ß. 



300 Martinui Polonus. 

also merklich daz do vor nie keiner also gesehen vort 
von den die do lebten . pnd gieng uf van Oriente mä eum 
schin. vnd zoch noch ime einen Uehien strik. Uz mifiai 
an den himel. wider Ocpident. vnd wie er do in many/a 
landen mangerley wunder bezeichent . doch bezeichent * 
sunderlichen ein ding daz man werlieh bevant. wanne v 
wert wol. III. monad. vnd des ersten nahtes do ervj* 
LXVII& ging. Do ving der hobst vrbanus an ze siechen, vnd k 
zeihen nahtes do er erstarb, do verging auch der stm. 
.a.b. an der iarzal vnsers herren. XII. hundert, vni 
LXV. iar. do für Karolus dem der babst vrbanus <k 
kunigrich ze Sycilie het geKhen wider Manfredum. iß 
per mit schiffen gegen Rom . vnd wart do erweit zu einm 
Senator, vnd dar nach für er in pullen, vnd het do tm 
veltstrit mit Manfredo . vnd slug in zu tode . vnd nam k 
rieh an sich. An der iarzal vnsers herren. XU. 

A. B. 

hundert, vnd. LXVL iar. Do kam ein groz mmol 
von heiden vz Affrica vber daz mer genant augustum 1 )* 
kyspaniam. vnd die in hyspania die hülfen in. vnd tafe» 
der Gistenheit groz ze plage, vnd gedahten hyspaiim 
wider gewinnen die sie hie vor verlorn beten. Do so* 
menten sich die Cristen von der selben landen, mit k 
LXVIII*- hüfe ander lute die ouch daz Creutze namen. vnd th* 
wunden die heiden. wie doch der Cristen vil erslagen vw 
den. An der iarzal vnsers herren. XII. hundtrl 

A B« 

" vnd LXVIL iar. do wustent der Soldan daz lonta- 
meniam . vnd gewan doch Anthyochiam die der namhaft 
stete eine waz in aller werlt. vnd vieng vnd ershtg m® 
vnd wip. An der iar zal vnsers herren. Xli.hun- 

' d€rt. vnd. LXVIIL iar. Do versmehä der kunigG* 
radus *) sun. der des keiser friderichs nefe waz dez babtä 
ban . vnd salzte sich wider den kunig karlen von &/<$& 
den der babst kunig het gemachet, vnd besammed «* 
groz her von Tutschen luten vnd von Lamparten, vnd** 
Tuschan. vnd körnen zu Rome. vnd wart do enpfMH 9, 
LXVIIIb. von den Römern nach keiserlichen eren vnd nam <k * 



*) angastam mare, A. B. ') Conradinus, A. B. 



Martinua Polonag. 301 

ime Heinricum einen Senatoren* des kuniges bruder van 
Casteüe. vnd vil ander Romer. vnd für in Pullen wider 
den kunig Karohm. vnd do ei zu velde striten. einen her» 
ten strit. do fluhen hmig Cunrats Inte, vnd er wart ge- 
vangen. vnd wart enthobtet. vnd vil ander Herren mit ime. a.+ 
An der iar zal vnsers Herren. XII Hundert, vnd a. b. 
LXX. iar. Do nam der edel hang Ludewig von frank- 
riche zu ime zwen einer sune. vnd Tyebaldum den kunig a. b. 
vonNauerne. vnd Ehhardum den kunig von Engel- a.b. 
lant vnd vil ander prelaten. vnd bereitet ein mervart zu 
hüfen dem heiligen lande, vnd er vorhte sieh niht von der 
grozzen arbeit vnd kost die er euch vor vber mer het ge- 
habt, vnd dar vmb. daz si daz heilige lant dester lihtec- 
Ucher gewunnen wider, do wurden si ze rat. daz si daz LXVIII«« 
riche Tintij. 1 ) daz zwischen dem heiligen lande liget vnd 
grozlich die mer vart irret, zu ersten betwungen vnder die 
Gristenheit. vnd do siPorte.*) vnd kartaginem. die nahent 
gelegen sint bi Trucio m gewunnen mit gewaltiger haut . do 
kam ein suht vnder daz her gemeincliehen. /die suht waz 
des Jars in allem dem lande bi dem mere. vnd starb von 
erst dez hingen sun einer . vnd dar nach des babstes legat. 
ein Cardinal von albano. vnd dar nach der kunig selber 
vnd vil Grefen vnd Herren, vnd gemeiner lute. vnd wie 
selecUch der vorgenante kunig endet daz schreib der kunig 
von Nauernen mit sinen briefen - dem kunig Tusculano. 
wanne in einer suhte gehorte er nie uf gotes lob . vnd diz 
gebet sprach er ie dar vnder. Herre got wir bitten dich, 
daz du vns dirrt werü richtum vndfreude tust versmehen. LXVIIId, 
vnd keiner toiderwertikeü erfurhten. Er bat auch für daz 
volk. daz er mit ime gefurt het. mit disen Worten, bis 
herre disem volke ein heilig berikter. vnd do ime daz ende 
nahent. do sach er zu hymel vnd sprach. Herre ich gen 
in din hus. vnd bete zu dem heiligen tempel. Herre ich 
vergifte dinem narrten, do er daz gesprach ze Hont do lag 
er tot. vnd do der Cristen her betrübet waz von dez mtfc 
ten kuniges tot. vnd sich die Heiden f rotten . do sante der 



*) Thunicii, A. B. *) portam ad Carthaginem, A. B. 



392 Martinas Polonaf. 

Junge kunig von frankrich nach einem bruder kartdo. <k 
* hange von Sycilien. der ein ßrum vrluger was. vnd im 

in schiffen zu im mit grozzer ritterschaft. von dezzahsf 
den Cristen groz fremde wuhs. vnde wie doch der Ada 
vil mer wer denn* der Cristen.. do getonten n die häk 

Lx villi»- doch niht bestan mü sUrite. Sunder von ander behendM 
taten ei den Cristen vil vngemache*. Daz lant ist gar «a> 
dig. vnd in trueken ziten gar staubig* vnd dar vmb sdau- 
ten die heiden manig tusent man uf einen berg der kf 
nahmt bi den dritten . vnd do der wird weet so zeruwja 
ei den sant. daz er den staub uf die Cristen weet. t* 
aber do der staub gelag. von dem regen. Do bereitenit 
Cristen ir wege. von manigerleye gezug. vnd begonimi 
wazzer vnd uf lant stürmen, daz lant Tindunu JDo k 
die heiden sahen do ervorbten si sich . vnd dingeten w 
den Cristen. in dem dinge daz erste waz daz alk & 
Cristen die in dem kungrich gevangen weren sotten Bi 
sin. vnd daz si Münster in Jhesu Cristi ere in oUenk 

LXVnnt>. steten in dem kunigriche sotten machen, vnd die predip 
vnd die barfuzzen. 1 ) die den Cristen glauben freyUckdod 
tenpredien. vnd wer sich wöüe tovffen daz er daz tele, t* 
dem hmg sin kost sollen bszalen die er da verzeretk 
vnd der kunig von Tuicio wart dem kunige von Syä* 
diensthaft, vnd noch vil mere wart vnd do gedingttk 
hie ze lang wer ze sagene. vnd von der zuvart dez hmp 
ekhardes*) vonEngellani mit den fryesen. vnd mita/d* 
pilgerinnen, so waz daz her so groz daz do waren m 
zwei hundert tusent man werlieher lute. daz si niht M 
daz heilige lant solten gewmnen haben, sunder ouchw 
die heidemchaft . vnd daz her zerging on nutz vber k 
mer. daz waz von iren sunden. wanne do der legoUf 
starb, do het daz heilige lant kernen leiter der bü^erm 

LXVimc der ir houbt. vnd ir wiser were. Auch waz derSfflW* 
stul on babst der si gewiset solte haben, do starb derb 
mg von nauerre. do er kam in SyciUam, wanne er tf* 
kamen waz von Ajftiea. 



*) Minores, A. B. *) Edoaardi, A. B. 



Martinas PolonjJS. 30* 

In A. und B. folgt liier der Appendix ex antiquo 
fuldensi codiee, mit Budolph, Adolph von Nassau, Al- 
bert von Oesterreich, während unser Manuscript vom 
Jahre 1273 bis .1308 zu Heinrich VH. (in A. Heia, 
rieh VI.) springt, und auch von da ab völlig abweichend 
ist» so dass es nicht mehr als Ueber Setzung betrachtet 
werden kann; es ist vielmehr ganz neue und andern 
Inhalt bringende Erzählung. 



Heinrich der sibend Römisch keiser. der vor waz 
Grefe ze Lutzelburg . mit schuhen ougen der für zu erst 
in Lamparten* Do er ze Borne harn, an der iar zal vn- 
sers herren. XIIL hundert, vnd* XI. iar. an der sehsten 
kaiende dez Matten Nouembris. do wart (er) gehronet zu 
Meylan In sani Ambrosij. munster mit der ysenin krönen 
dez riches von dem Ertzbischof von Meylan Castrario. 
dar nach an der iar zal vnsers herren. XIIL hundert, 
vnd. XII. iar. an dem dreizehendem an dem Obersten tag. 
do wart er ze Rom in sant Peters munster ad vinculam 
gehronet mit der key serlichen krön, von Nycolao dem by- LXVmi*. 
schofOstiensi. von des babstes Clemens gebot, des fünften, 
vnd die vrsini. hielten ime vor sant peters munster. An 
der iar zal vnsers herren. XIIL hundert. XII. iar. an 
sant peters vnd sant paulus tag. nach dem daz diser hei- 
ser Heinrich groz arbeit geleit. die ml er gewedtec&ch für 
in Lamparten, vnd in Tuschan. III. iar. vnd verzert het 
alle sine habe, vnd sich wider den kumg Rupertum von 
SyciUa . 'der der geißeil waz die wider in waren . do starb 
.er von einem Ritten, vnd von dem fluzze des buches. zu 
Seneser Jbystum. an sant barAolomeus ahmt, an der. iar- 
zal vneers herren. XIIL hundert vnd in dem. XIIL iar. 
vnd wart dar nach an dem dritten iar begraben 1 ze Peyse\ 
Auch ist zu wissen, daz greife heinrieh von Lutzelburg 
wart an sant katherinen tag. von allen fursten emtrehtee* LXX* 
lieh erweit an daz riche zu kunig* Do man zedt von gotes 
gebart. XIII. hundert vnd. VIIL iar. der zwen vnd hun* 
dortigst keteer von Augusto . vnd waz dar an* V. iar. vnd. 



804 Martinas Polonus. | 

11. monad. vnd waz ein vzerweüer seliger guter man. © 
allem einem geschefi. Er het einen herlichen lip vndyt 
geberde, vnde wise. vnd zuchtik artig, vnd ein guter rite 
mit guter Bescheidenheit. Er schuf auch des Romütd» 
riehes ding, als wol in kurtzen iaren. daz man in ja 
aJiten sol zu den besten keisern. Er waz, ein vorkm 
man. do von schuf er mit einen briefen mere denne mm 
hinig mit gesetzen. Ime waz niemant wider in Tvtek 
landen danne Graf Cunrat von (hingen, den verderUo 
•LXX*>- an eren vnd an gut. Auch waz ime wider der von w 
tenberg. den het er auch vertriben. sok der kunig Qtlä 
haben. Der kunig gebot einen hof zu spire. Dar harn 
die fursien edle. Auch kam dar des kuniges wenktlm 
tohter von beheim. die waz ein Juncfrowe. vnd wazk 
kunigrich uf si geerbet, der kunig keinrich gab ir m 
sun ze. e. vnd machet in kunig zu beheim. die hodd 
vnd der hof waz groz. Dar körnen vü Ritter, vnd buk 
Auch kam der Capitani her TybaÜ von prichsen. Er u*. 
ze ritter von dem kunig. Er bat den kunig vnd lud i 
daz er füre ze weihischen landen . wanne er ime des A» 
des vü wolt antwurten. Der kunig wart mit den forte 
ze Hat. vnd für dar nach vber etliche zu genLampsfa 
also kam er gen Meylan. Do nieten sich die einen. ^ 
* LXX«* daz (arbeit) er si betwank. Er zoch furbaz. vndmaä 
die stete ime vndertenig. vnd daz lernt, daz dem riche» 
hört. Er kam ouch gen prichsen. daz si in. in gdw\ 
heten. vnd ime gehuldet heten dez wolten si nikt tun. D& 
kam also . wanne sich her Tybolt ir Capitani der A* 
kunig hin in lud wider satzte. Der kunig legt sichdaßl 
mit hers kraft, vnd notiget die etat sere wol ein hJk^ 
Er nam ouch selber grozzen schaden. Do von im «ft^* 
der graf wolrab do vor erschozzen wart, ze ümgest vor- 
her Tybolt gegangen, vnd wart dem kunige jwmW^ 
der hiez in sleiffen. vnd hiez in vierteln, vnd ufvierrw 
setzen, vnd an vier ende der etat stozzen mit einer b<#& 
Do diz die burger sahen, ir nam etwie vil die dW*l 
ir helse. vnd giengen in daz gesetzz für den hoty** 
LXXd- ergaben sieh* vnd die etat. Also betwank er schier L& 



Martinas Polonui. 306 

parten vnd Tuscan. dach niJit an schaden, wanne ime 
wart uergeben. Daz woüe man ime haben getan, dez woUe 
got nikt Verheugen. Do er für gen Harne, vnd gewan dag 
mit grozzen arbeiten. Er stifte einen strit vf der Tyber- 
brücken. Do tet herizog Rudolf van Beyern, vnd Grefe 
ludewig von (Hing mit iren dienern wol. wanne si dm sig 
behielten. Eines andern tages hub sich ein patelle von den 
Römern vnd dez heisere dienern. Do wart erworffen der 
bischaf von Ludig» vnd der apt Gyela von wissenburg. 
Doch so lagen die Romer vnder. wanne si der kunig mit 
gewalt betwank. Dar nach wart gewihet. vnd gekronet ze 
heiser, von einem Cardinal, der waz geporn. van der 
Calumpne. Daz kam also, der babst hielt den stul zu 
disen züen niht ze Rom. sunder zu Auian. wie daz gc- LXX1*- 
schehe daz hört ir hernach. Da der babst Nycalaus der 
vierde gestarb, nach ime wart Celestinus der waz ein ein- 
veltig man. Do von geschieh daz. daz im sin Cardinal 
in sin kamer machet ein Rar. vnd riet ime. drie naht 
durch den rar. daz er daz babstum vf geb. der babst Ce- 
lestinus want ez wer der heilig geist . vnd gab daz ampt uf. 
vnd riet uf den Cardinal, daz man in zu babest machet, der 
geheizzen wart Bonifacius. nach bonifacio wart Benedictes, 
da benedictus gestarb . da erweiten si die Cardinal den babst 
Clementem . der waz in dez hmiges gebiet von frankrich. 
Do es der kunig innen wart, daz man geweit het. Er 
lud den babst vnd die Cardinal zu ime. die kamen. Also 
behielt er den babst. vnd die Cardinal in einem lande. 
Do wonte er mit den Cardinahn ein wil ze pittauis. Dar LXXI*>. 
nach beschiet im der kunig. daz er wont zu Auian. do 
hielt er den stul biz er starb, der babst vnd kunig Lude- 
wig von Frankrich huUen gar in ein . si waren beide gitige. 
do von geschuf der babst durch dez hiniges liebe, vnd 
durch sin gitikeit. Daz der Templerorden vertilget wart 
vnschxddeclich. nuwen daz der babst vnd der kunig sich 
des gutes vnderwinden wolten. daz in gelegen waz. Daz 
waz ein iemerlich ding, wanne es gar ein ersamer ordert 
waz. wanne si auch ir Mut dicke durch Cristum ver* 
guzzen. Ir arden waz gelich Tutschem orden an dem ge- 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 20 » 



$06 Martinas Pol ob tu. 

want. wanne daz si rote Crutz trugen uf iren mcnteln. 
Der habet Uez durch ein gitekeit stocke eetzen in die Hr- 
ehen . vnd daz Creutz predigen . auch durch ein güüceä. 
Daz empfingen die lute in einvaltiger gute. Dar vmb ge- 

LXXI« schock daz in manigen landen groz bewegunge waz von 
den litten, die sieh uf machten, vnd vber mer wollen, daz 
werte wol ein halbes iar. Do mit gelag er ouch. daz ge- 
schach also, daz ei zu dem hobst kamen, er nam daz gut 
von in vnd hiez si widerkern. Derselb geschuf ouch daz 
heiser heinrich vergeben wart, als hernach stet. Der habet 
bekant an einem ende, der vorgeschriben drierarükel. daz 
er daran schuldig waz. vnd ez durch sin gitikeit het ge- 
tan. Da von verschiet er iemerlichen. Wanne er an got 
gar verzwivelL Do der heiser Borne vnd daz lant gewal- 
teclich betwank er hub sich uf mit einem her. vnd wolt 
zogen ge pulle. Also kam er in die etat zu pis. Do woh 
er an vnser frowen ufvartag sich henkten mit gotes Heh- 

LXXI& nam. wanne er waz ein guter gerehter man gegen gote. 
Er hete gotes dienst, vnd die pfafheit liep. vnd do er eich 
dez selben tages nach der messe beruhtet. Do vergab ime 
der priester mit gotes lichenam. daz geschach mit des 
babetes rat. vnd mit sumeUcher stet rat. wanne ei dem 
priester groz gut darvmb gelobten. Do der keiser von dem 
alter gierig an ein andaht. er enpfand der vergiß. Do 
ging er durch sin grozze tugent zu dem priester in die 
sacristen. vnd riet ime. daz er sich offter wege machet, 
e. ez ein gesinde innen wurden. Der priester waz ein 
bruder vz prediger orden. der disen mort beging* Daz 
räch got an ime. wanne er ouch ein iemerKch ende nam. 
man wil ouch daz man sin einen prediger gezigen hob 
durch vintschaft der im niht gutes gunde. Do der keiser 

LXXH*' den herren gesagt daz ime vergeben waz. do hub sich 
groz iamer. vnd clage vnder in. Do von eo baten in die 
herren vnd die ertzte. daz er ime lieze helfen, des enwoUe 
er niht tun. wanne si wollen ime ein trank haben geben. 
Do von er vngedowet het. Dez antwurte der heiser vnd 
eprach. nu welle got. daz ich den niemer von mir vertrÜK 
den ich mir zu helfe vnd ze froste genomen hon. Also 



Martinas Polonai. $07 

starb der heuer hemrieh geborn (van) Lutzzdburg. Er 
wart begraben zu pege zu dem Tum. Disen heiser mag 
man glichen zu den betten keUem. an allen einen teten. 
Nach einem tode in dem selben iar streit hertzog Ludewig 
von pegem. vnd hertzog friderick van Oeterrieh einen 
gantzen etrü ze Hamdedarf mit ein ander. Do geeigt 
hertzog ludewig von Beyern mit grozzen. eren. 

. Lvdewicus der vierde. der vor waz ein hertzoge LXXÜ b - 
der Junge von pegern. richsent in der zit. XXXIIL iar. 
an der iarzal unsere herren. XIII. hundert iar. vnd dar 
nach in dem. Xllll.iar. wart er zu kunige erweit. Der 
dri vnd hunder et von Augudo. vnd den erweite byschof 
JPeter von Mentze. vnd bysohcf bcddewin von Trier, vnd 
der kumg van Peheim* vnd der Margraue von brandete 
bürg, wider in wart geweit hertzog Friderich von Oster* 
rieh. Daz tet der bysehof van koln. vnd der hertzog ßu- 
dolf von Fegern. wider einen bruder. vnd der hertzog von 
Sahssen. Diee wal gesehaeh zu Frankenfurt. Do waren 
die herren. alle mit grvzzem gewalte, kumg Ludewig lag 
bi der etat mit einem her. wanne die etat mü ime waz. 
Do lag hertzog friderich von Oeterrieh mit sinem her iensit LXXÜ« 
an dem meun. daz wazzer waz groz. da von mühten ei 
ze samen niht körnen. Darnach komen si mit tegeliehem 
krieg an einander, dem waz also* daz der von Oeterrieh. 
einen riter het ze Purgazee . der hiez Burekart van Eier* 
hoch der fürt den krieg genBagrn. vnd tet grozzen schar 
den da. mit roub vnd mit prant* Daz selbe taten die von 
Bayrn herwider. vber den leeh gen swaben* Augsburg 
waz mit dem von Bayrn. Doch het der von Österlich 
vnder den Burgern grozzen teil dar inne. ze leiste satz/te 
zieh die etat mit den maben in fride. Die kunige beder 
sit komen ebüie dicke ze velde durch strites mllen. daz 
(waz) ze einem mol ze EzUngen. .Da wart in dem neker 
vaete geflöhten* doch wart der strü niht velendet. Auch 
kamen si ze sammen by Spyr an dem rin. Do entweich LXXII d - 
der von Begrn in einen Juden Urchof. wanne er krencker 
.waz an tuten* denne der von Oeterrieh. ze letste komen 

20» 



SÖ8 . Martin üb Polosa«. 

si gegen ein ander ze velde in indem Bayrn bi einer ttü 
heizt Dornberg, do str&en ei mit ein ander, vnd genfi 
der von Beyrn. vnd vieng den von Osterrich. vnd «w 
bruder hertzog heinrieh, vnd vü harren Hüter vnd fei«* 
vnd wart von beiden teilen vil lute erslagen. hmk Johm 
vonpeheim. vnd hertzog heinrieh von nidern Bayrn. De 
zu die Francken. die Burggrafen, die von hohcnloch.& 
von Bruneck. vnd der von sluzzelberg. die waren mit In- 
nig Ludewig in dem strüe. Es het auch hmk Luden; 
dem von Osterrich vor auch eines strites obgelegen in dm 

LXXIII«. nehsten iar vor. e. er ze hinig erwelt wart, auch in «r 
dem bayrn. by einem dorfe liiez Grameisdorf, daz wk 
verre von dem Dornberg lit. vnd der stirü waz der Jvxm 
herren von bayrn. die waren kinder. Der vormuntvi 
hertzog Friderich von Osterrich geweet sin. Daz wertv* 
der von obern beyrn. vnd iach er wer biUicher vormtä 
denne er . si weren sin reht vetern. Nu komm wir uwiff 
an die vordem rede. Der von beyrn fürt den von Ost* 
rieh uf ein veete heizzet Trawsniht. vnd enpfalch in *ttf 
diener. Vitztum. dem wigeKn. Da lag er gevangen. fc' 
in daz dritte iar. daz si sich nie vereinen künden üm< 
Dez legt sich der hinig Ludewig für Burgaw. vnd »w 
ime die etat von Augspur g. vnd mit ime die vorgenwtoi 
herren von Francken. vnd dar zu het er vil herren m 

LXXIIIt>. swaben an sich gezogen. Den von Wittenberg* Den** 
helfenstein, vnd ander herren vnd Grafen vil. mit <fe»ff| 
lag vor Purgawe biz verre in den winter. Nu hä * 
von Osterrich einen bruder hiez hertzog Lupok. dersfr 
ment ein grozze ritterschafi von kurwalhen. vnd auch t* 
lutschen landen . vnd treip hmig Ludewigen von <J* 
leger, der entweich in sin selbes etat hin in gen langt*}* 
Ez het auch derselbe herzog lupoh wol. VL hundert hm 
ze sammen braht zu dem mal. do die hinige mit ein o^ 
striten zvm Dornberg, als vor geschriben stet, vndto* 
' mit dem selben volke von Swaben durch obern Peym ^ 

hin. vnd wolt einem bruder ze- helfe körnen sin. vni^ 
hink Ludewig einen tag lenger gebiten mit dem so* * 
wer hertzog lupolt ze einem bruder körnen mit mm^ 



Martinas Polona». SQ9 

So weren si bede dem von bayrn zu stark worden, daz LXXIIIc 
weste er wol. vnd sprach. Ich wü mit (?r) aintweder stri- 
ten. hilf et mir got. daz ich ir einem an gesige. ich truwe 
mich mit gotes hälfe dez andern. wol erwern* Do nu herUog * 
Lupoh uernam daz ein bruder siglos waz worden vnd ge- 
vangen. Dö liez er wagen vnd kost sten. vnd hub sich vz 
dem lande wider. So er bauest mohte gen Swoben. von 
dornten er kamen waz. Darnach kriegeten ei aber mit 
tegetichem vrluge als vor Swoben vnd bayern gegen ein- 
ander, ze leiste, do reit der hinig Ludewig zu dem von 
Osterrieh hin ze Trausniht. vnd si zwen berihten allein 
mit einander, daz wenig iemant weste wie der rihtigunge 
waz. vnd verechriben vnd versigelten daz. mit ir selbes 
henden. Vnde ewuren auch uf gotes lichnam die rihtigunge LXXÜI d 
stet ze haben, ti hiezzen vnd sehrieben auch bede herren 
bruder gegen einander, vnd schreib sieh auch der von 
Osterrich vntz an einen tot. Römischen kunig. Dar nach 
fitr kunig Ludewig mit grozzen volke vber die berge gen 
Lamparten vnd liez sich krönen ze Jfleylan. vnd auch ze 
rome. do satzte er einen habet wider den rehten babst ze 
Auian. daz waz ime vngunstig. vnd pannet in. vnd dauhte 
den heiser er tet ime vnreht. Er für wider ze Tatschen 
landen, vnd liez einen babst ze Borne, der ging ze hont 
vnder vnd wart- verlorn. Ze leiste reit er an daz geiegde 
in einem eggen lande ze bayrn. do heten sin Jeger nach 
einem Bern gelazzen. dem selben geoerte wo&e er nach 
volgen. Dez viel er vnversunnen 

Hier bricht die Chronik der Kaiser im Manusoript 
ab, indem Fol. 74 Ins Fol. 96 incl. leider fehlen, und 
schon vor dem Einbinden des Manuscripts gefehlt haben 
müssen, da eine Lücke oder ein Heraasreissen der Blätter 
nicht bemerklich ist. 



910 M«rtitms Polouti. 



LXXXXVn*. Hie hebet an der bähst Tauel. vnd daz 

geistlich geriht. 4 ) 

c. Hie vor haben wir cfeseü von einem gerade der U 

ze Börne* vnd der werke daz ist werltüch gerihte. & 
wellen wir sagen von dem andern, daz ist geistlich gerik 
vnd als eich daz weMtüh anhub von Octamäno dem ersto 
heiser, vnd wart berihiet von den keisern. Also hub «ei 
daz geiMUch gerihte an von vnserm herren ikeeu Griä* 
der ein bysehof vnd ein rihter ist alles gerihtes. 

von dem daz rome gemachet. 

In der iarzal von dem daz. Rome gemachet wwi 

VIL hundert iar. vnd. LIT. iar. do der heiser Octoviam 

von Orient von Occident von Septemtrionem. vnd von dm 

mitten tag . vnd vtnb alvmbkreiz dez meres * vnd allez eii- 

LXXXXVIB» riehes die werk het in einen gemeinen fride brüht. Dp 
wolten in die Homer an haben gebeten für einen got. k 
woke er niht. In der selben zit wart Gribtus gebom. h 
wurden zwei gerihte in der etat ze Borne, vnd aller wetik 
daz waz babstHches vnd kaiserliches gerihte. Daz babM 
gerihte von vnserm herren ihesu Grüto. Daz keiser&d. 
von Oetauiano. Diz eint zwei swert geietUehes vnd we& 
liches. die bemugelich sint zu berihten die Cristenheii. vti 
dar vmb do vnser herre vangen wart. Do sprach «a«.' 
peier herre hie sint zwei «wert Do anhouH vnser hem 
ihesus Cristus ♦ Ez igt genug* ZHz eint . ouch die zei 
grozzen lieht, die vnser herre gesatätrhat an dazßma- 
ment dez himds. daz ist in edler CristeHheit. Daz JaW- 
lieh vrluge. vnd verlihunge. vnd der heilig keiserlichegt- 

LXXXXVlIc walt . vnd als vnder den zw ein liehten . daz grozzer tid* 
ist die sunne. vnd daz minner der mone. Also ist Äff 
geistlich gewalt der grozzer. vnd der werltlich gewaltdtr 



*) Stimmt wieder mit A. u. B. 



Martina« Polonus- 911 

rrrihner. vnd dar vmb schreib ich an diz buch van iet~ 
wederm gewaäe geistlich vnd wtrUtioh. Daz eint zwei 
lieht, die sunne die den tag luhtet. daz ist den geistlichen 
sachen* vnd der mone der naht daz ist den werUliohen 
suchen* vnd 1 ) wanne dem ersten bebst Cristo dryerly 
kor der engel nach volget in der himelichen kirchen» 
Also dez zu einer gelichnisse volgent dem babst uf ert- 
liche drierley Cardinal die sin vicarien sint. vnd von 
den wil ich kurtzehcb sagen wer ei sint. vnd war vmb 
si eint« vnd wie vil ir ist. vnd dar vmb ir ersten zal 
sint einer vnd fünfzig, die werdent in drierley kftnne 
geteilt, wanne ir ein teil sitzzent by dem habet die sint 
byschof. so stent die andern bi dem babst nahent. dazLXXXXVn* 
sint priester . vnd die dritten stent in des babstes dienst 
aller nahest* daz sint dyacon. Die bischof sitzent zu 
den hochziten bi dem bähst, wanne si allein vnder den 
andern stule habent der Cardinalen. die Cardinal die 
prester sint. der heldet iegelicher sin wochen mit der 
messe . vnd den geziten vor dem babste. Die Cardinal 
die dyaken sind, die dienent dem bischof. si tun in an 
zu der messe, vnd dienent ime zu dem alter» also sint 
der bischof aiben nach der ersten besetzunge. Daz ist 
hostienais der ist der würdigest von der wihunge dez 
babstes . vnd treit ein mafttel. Der bischof portuensis* 
der bischof abauensis » der bischof sajnniensis . der bi- 
schof penestrinue. der bischof. von sant Kusinen, der 
bischof Tusoulanue» Dise bischof sullent dem babst LXXXXVÜI* 
dienen zu dem alter in der kirchen dez heiligen behal- 
ters ze lateran an dem suntage. vnd zn andern ziten. 
rehte als vicarien. Der Cardinal die priester sint. der 
sint. XXVIII. vnd sint geteilet ie in siben. vnd sint 
beschriben zu den vier patriarchen • zu der kirchen sant 
peters gehorent dise siben. Der Cardinal von sant Ce- 
ciüen vber die Tyfer . der cardinal von sant Crisogonen. 
Der Cardinal von sant Anastasien, der von vnser fra- 
wen. über die Tyfer. Der ze sant Laurencien. ze 



>) Das Folgende in C. im Vorwort zum ganaen Werke. 



312 Martinas Poloaus. 

Damasco.. Der von saut Marone, der von sant Mertin. 

% an dem berge. So sint daz siben ander die zu sant 

paulos munster gehorent. vnd sullen do dienen zu dem 

fron alter. Daz ist der Cardinal von eant Sabinen. 

LXXXXVÜP> der von eant Priscen. Der von Salbinen. *) Der von 
sant Nereo vnd Acbilleo. Der von sant syxto. der von 
sant Marcello. der von sant Susannen, so sint diz die 
siben priester Cardinal . die zu sant Laurencien gehören. 
a. b. c. vzwendig der mar. Daz ist der Cardinal von sant Lau- 
rencien munster. ze Lucina der von dem heiligen Crutze 
zu Jerusalem, der von sant Stephan, an dem berge 
Celio. der von sant Johans. vnd paulo. der von den 
heiligen vier Coronatorum. der von sant Praxeden, der 
von sant peter ad vinoula. Dise sint die priester Car- 
dinal die zu vnser frowen munster der grozzen gehören. 
Daz ist der Cardinal von dem munster der zweifboten, 
der von sant Cyriaco. der von sant Eusebio. der von 
sant potentianen. der von sant vitalis. der von sant 
Marcello vnd petro. vnd der Cardinal von sant de- 
menten, die Cardinal vnd die dyaken sint die geordent 

LXXXXVIIIc sint zu dem dienste des babstes. vnd der sint. XVI. 

Daz ist der Cardinal von vnser frowen in Dempnica. 

vnd der ist ein archidiaken vber die andern. Der von 

sant lucien. der do heizzet ad Septasolis. der von vnser 

frowen der neuwen. der von Cosma vnd Damiano dez 

palazstes. der von sant Georien zu dem guldenin vmbe- 

A.B.C. hange des palastes. Der von vnser frowen von der 

kriechischen schul, der von vnser frowen in porticu. 

c. Der von sant Nyoolaus in dem karcker Tuüiani. Der 

von dem heiligen engel. Der von sant Eustachien. Der 

a.b.c. von vnser frowen. ze aquiro. 2 ) Der von sant Theodiern.*) 

der von vnser frowen an dem breiten weg. der von 

sant Lucien an dem houbt Sabure 4 ) öder vnder den 

bilden, der von sant Adriano dez paks. der von sant 

LXXXXVüTd. Quirico. % Nu haben wir geseit vor vil der Cardinal 



l ) Balbinae, A. B. C. *) in Aquario, A. B. C. «) Agathae, 
1. B. C. 4 ) in caput Sabinae, A. B. C. 



Miniim e Po Ion nt. - 3IS 

«int. der smt einer vnd fünfzig, vnd war vmb ei sint 
pries ter. vnd dyaken. ieglicfaer einer kirchen geördent. 
vnd war vmb ei eint daz si dem babst. vnd den fünf 
Patriarchen kirchen zu dienst stillen sten. Nn ist zu 
Sagen von den bebsten den dise Cardinales dienent. 
vnd zu erste von dem obersten herren. vnd babst. daz 
ist vneer herre ihesüs Cristus. *) 

do Cristus geborn. 2 ) 
An dem zwein. vnd vierzigstem iar des keisers 
augusti. Do Cristus gotes sun geborn wart, ze betb- 
leem in der Judischeit. von, einer maget marien. an 
einer sun tagen naht, der vnser behalter ihesus Cristus. 
waz der erste, vnd der oberste der den stul besaz der 
Cristenheit in diser werlde. XXXII. iar. vnd. HI. mo- 
nad. nach dem als daz Ewangelium seit, daz iet.iht 
(an vahent) waz anvahent daz drizzigste iar. vnd. XIII. LXXXXLXa 
tage, nach dem vnd von dannen vber ein iar. machet 
er wazzer zu wine. vnd in dem nach genden iar zu 
den nehsten ostern wart sant Johannes in den kerker 
geleit. vnd zu den andern ostern wart er enthoubtet. 
Do seit Crisostomus vber matheum. daz Cristus lebt 
volleclich. XXXIII. iar. vnd als vil mere als von 
wihnahten biz ostern. vnd sprichet daz er volleclichen 
XXX. iar alt were. do er getouffet wurde, vnd sprichet 
also. Nach. XXX. iaren kam ihesus zu dem touffe. 
zu entlidigen die alten, e. vnd dar nach lebte er dru 
gantze iar vnd von wihnahten biz zu ostern. vnd dar 
vmb als er gesprochen hete . lebt ihesus . XXXIIII. iar. 8 ) 
vnd dar vmb waren von adam vergangen fünf tusent 
iar 4 ) biz da2 Cristus geborn wart, vnd als ysidorus seit* LXXXXIX&« 
fünf tusent. vnd hundert, vnd. LXXXXVI. iar. vnd a.b. o. 
von dem daz Korne gestiftet wart. VIL hundert, vnd. 
LH. 5 ) iar. älspaulus ein dyaken seit in den Komischen 

1 ) Hier . schliesst das : Proemium C. mit Aufführung seiner 
Quellenschriften cf. oben S. 384, XXIII. 2 ) In A. B. C. beginnt 
der Paralleldruck. ») S37 2 , A.B.C. <) 5199, A.B.C. O 751, A. 
715, B. 752, C. 



SU Martina« folonafe 

hystorien. vnd an demselben tage, do Crietna geben 
wart, do enteprang ein braune von ole ze Bomevbe 
die. Tyber. in einem huse daz hiez Taberna Emeritora 
vz der erde, vnd floz mit einem foüeclichen fluzzt 
Do erschein ouch ein kreiz vber die sunnen. nach da 
glichnisse de« himelischen pogen. Aach zehant d( 
maget gebar, do viel die erein eul. die Bomufas ge- 
setzzet het in sinem palast. vnd sprach, diz sol nik 
a. b. c.+ vallen biz ein maget gebirt. An dem iar vnsers herra 
XVII. do wart Pylatus zu rihter gesetzet in der Jui 
seheit. vnd an dem. XXX. iar 1 ) vnsers herren. Do 
LXXXXIXc wart Johannes predigen den touf der* ruwe. - An dem. 
XXXII. iar. vnsers herren. do wart Johannes ent- 
houbtet. An dem, XIII. tage nach vnsers herren gota 
geburt do komen dry kunige zu Jerusalem. In des 
selben iare do Cristus geborn- wart do fürt in Jo 
in egyptum, vnd do er dar quam, do vieln alle die 
aptgote in egypto. nach der wissage. ysaie. vndak 
man saget, daz niendert ein tempel in egypto wazia 
dem die aptgoter niht vielen, vnd an dem übenden iar 
nach einer geburt. do für er wider in Judeam. Audi 
liset man in dem ewangelio von vnsers herren kini 
vnd von sinen werken niht biz an sinen touf nuffa 
^ daz lucs« sebribet. daz Jesus dri tage bleib zu Je* 
salem vnd nach dem dritten tage vant in sin muter tm 
a.b.c.+ Joseph in dem tempel enmitten vnder den lerern. 

Cristus getouft wart. 
LXXXXIXd- Cristus wart getouft« vnd von dem tag vber ein 
iar als man seit. Do machet er wazzer ze wine. Cri- 
stus wart gemartert vnd in dem selben iar in dem 
ougest. In dem dritten feige des monen wart santSte- 
A.-f phan gesteinet. vnd. von Saulo wart beirret paolus. 
Nach vnsers harren marter in dem «ehesten iar. do 
hielt sant peter der apostel Johannis sun vz dem lande 
Galylea vz der ganzen Bethsaida. vnd sant azidtftf 



29, A. B. 19, C. 



Marti an l Polontfc S13 

brocfer dm priesteriichen etul in Orient vier hur. vnd 
sang «r die ernten messe, vnd sprach niht mer. danne 
daz pater noeter. vnd an dem ersten iare eines stuke. 
do war(t) Paulus bekert. vnd an der iar zal von vnaexa 
herren gebsri* XXXVHL iar. do kam er in anthyo* 
ohiam. vnd do beeaz er den andern stul siben iar md. a.b. c. 
VIII. tage, von danne kam er ze Keane do er den O 
babatfichen stul besaz. XXV. iar. vnd. VII. monad. 
vnd. V1IL tage« Hie schreib er zwo episteln die 
heizzent Canoniee. vnd daz ewangelium raarci. wanne 
er ein vberhrter *) waz vnd sin sun an der touffe. Hie 
machet er ouch wihunge in dem monad septembri. vnd 
wihet. VH. bizehof.*) X. priester. VH. dyaken. an 
der iarzal vnsfera herren* XL. iar. do achreib Matheua a.+ 
daz ewangelium. vnd an dem iar vnsers herren. XLHL 
iar do machet Jones 3 ) daz ewangelium in Asya. vnd a. b.c. 
do Waren grozze himger iar. niht lange dar nach*, do 
sante petrus der apostolus Appolli varen*) zeßanenne. 
die stat die nach Borne die beste vnd die groste. vnd 
die namhafst Waz in vtalia. do sante er Syrum ze papia. 
vnd do Marcus daz- ewangelium het gesehriben in ytaha. 
do «ante er in ze egypten. der bi ersten ein kirchen C»>. 
machet ze alexandria. Er sante ouch in weihische knt 
in vifc stete einer Junger ein teil als sant Sauinianue. 
potentianum. Alexium. 5 ) vnd Marcialem. der von den 
zwein vnde sibentzigen einte waz. vnd ander vil siner 
Josgehi. die er sant in die stete in gallia. Do für aant a.+ 
paulus von Appollonis wegen 6 ) von Judea ze Rome als 
man liset in dem bueh. der getat der aposteln . vnd ge- 
wan do ein gemein schüren vzwendig der etat, do er 
mit sinen brudern von dem gotes worte seit, vnd wart 
der stat wol kunt. von dem heiligen leben, vnd den 
ze&ohen die er beging alda. vnd wart ein grozzes v£- 
kraf zu ime von dez keiaers hof • vnd ouch Seaeca dez 



auditor, A. B. G. *) 6, A B. C. *) 44. Marcus, A B. C. 
<) Apollinarem, A. B. C. 5 ) Altinum, A B. Altimum, C. •) propter 
appellationem, A. 



tlC Msrtintii Folonat» 

keisers Neronis meister . der waz im .ouch gar iten* 
lieh, also daz si mit einander niht gereden mehta. 
von munde ze munde, doch schriben.si ir briefen- 

C* samxnen. vnd wanne paulus vorNerone gesprochen k 
daz die weride von für zergan solde. do hiez der keiMr 
verbrennen alle die. die an sine 1er glonbten. vndpM- 
lum dez die schult waz dem tet er daz haubt abskb 
nach menschlicher vrteil. ouch waren sine iungeru eä 
lute als Thymotheua. Tytua. vnd Trophinus . OuesinK 
vnd vil ander die er sante in manig teil der werte a 
predien den glouben . sant peter satzte dez ersten vor 
Ostern die. XL. tage ze vasten. vnd vor wihnaita 
die. IUI. wochen ze vasten. vnd. gebot die ze eres 
von aller Cristenheit. ze einer betutdunge. vnd bedenk- 
nisse. der ersten vnd der andern zukunft vnsera herren 
ihesu Cristi. von der babstampt. vnd von iremtodf 
schribet pelagius *) der babst vnd «prichet der heiliges 
romisch rieh kirohen ist erhöhet für die andern kireiffl 

Cd alle vnd do doch kein sent beatetet oder besetzet üt 

vnd nach dem worte vnsers herren. in dem ewangeb 

hat im got gegeben daz forsten ampt. do er spricht 

du bist peüfue vnd uf disen stein wil ich min kircha 

buwen. disem waz ein geselle gegeben der heilig u* 

paulus. der in einer stat zu Rome. vnd zu einer & 

.von dem keiser Nennte gemartert wart, vnd niht tf 

einer andern stat vnd zit als die andern Klaffen, die 

ketzzer eint, vnd si wihen mit ein ander vnsermhena 

die vorgenanten kirohen ze Borne, vnd wirdigeten & 

stat Rome. mit ir Keplichen gegenwertikeit. für alle & 

stete die in der weride smt. Vnd dar vmb ist derBo- 

mische stul. der hohiste an aller wirdikeit. wiefafr 

c ' von Antyoch doch eUer wer an der zit. Also, wurden <fe 

CI«. Aposteln petrus vnd paulus gemartert, in dem 1* 

iar des keisers Neronis . sant peter an der strazxe A* 

relia. 2 ) Do er ouch begraben wart bi dem palast Sc- 

c. ronis in vaticario. vnd sant paulus bi dem wazzerSds^ 



») Gelasius, A. B. C. a ) aurea, A B. C. 



Martinas Polonus. 310 

twang er doch linum vnd Cletum für sich habet zu sin. 

vnd also waz er der erst babst nach sant peter an der 

erwelunge. vnd der dritte an der zal der ordenunge. Cn*>- 

vnd dar vmb schribet er an siner episteln Jacobo dem 

Patriarchen von Jerusalem, vnd spriehet also. Do Sy- 

mon petrus bevant. daz un sin ende nahen t. do nam 

er midi bi der hant enmitten vnder vnsern brudern vnd 

sprach. Ir bruder. disen Clemens ich wihe vnd setze 

in ze bischof der stat zu Rome . der von dem anvang 

biz an daz ende, min geverte ist gewesen an allen 

dingen, vnd do ich mich neiget zu einen fuzzen. vnd 

mich enseit der ere des stules. Do sprach er. sist 

sicher, du Hübest den stul von der vorhte der sunden. 

vnd dar vmb Bundestu ftirbaz . wanne du daz volk gotes 

wol getrosten mäht . vnd gehelfen . die als in des meres 

vnden swebent vnd daz du fluhest. du hast din allein 

sorge, vnd wilt niht besehen, daz zu dem gemeinen 

nutze gehöret. Dises Clemens Hchnam lag lange in CIIc 

dem mer pontioo bi Crisona der Insel do er versant 

wart in daz eilende, vnd do in daz mere geworfen wart. 

vnd dar nach vber manig Jar . do tet vnser herre kunt 

dem bysohof Tytillo 1 ) von. morauia.*) daz er in von 

- danne flirte, vnd do sich daz mer uf tet an einem tage, 

do ging der bischof TytiHus vil nach mit allem volke 

der Blauen. 3 ) vnd wart ime alda. vnd fürt in zu Rome 

bi Nycohri des babstes ziten des dritten. 4 ) vnd wart 

geleget in sin munster. daz in siner ere gewihet wart 

von dem babst vnd von den Romern. vnd kurtzlich 

dar nach, do starb der heilige babst vnd byschof Cy* 

rillus. vnd wart begraben in der selben kirchen. vnd 

tet vil zeichen. Diser Giemen* besetzte daz eines bischof es c. 

stul an einer höheren etat solde sten danne die andern. 

Dar vmb daz in alle die lide muffen gesehen, vnd erouch CH& 

daz volk. al vmb in gesehen rnuge* Er eatzte auch daz 

man ein iegeliehes mensche nach der touffe mü dem kris- 



l ) Cyrülo, A. B. C. 2 ) Cyrenorum, B. ») L Slauen. 4 ) primi, 
B. C. 



880 Martinus Polotiut. 

men conßrmiert . so man schierst mähte • warme wer & 
Conftrtnacien des hrismts beliben lat van fulheü. oder m 
a.+ vnuriUen der ist niht ein rekt Cristen mensche. 

Anacletus waz — . 
Anacletuß waz geborn von kriechen von den 
kunigriche Athenis • von einem vater anthyocho. derbe* 
saz den stul. IX. iar. vnd zwen monad. vnd.X. tagt 
vnd do etunt der etul on habest. XIII. tage. Disa 
buwei vnd machet die gedanknisse eant peters . die Biet 
do man die bischof der etat begrab. Diser wart be- 
graben de$ dritten ydus Julij bi sant peters lichenam 
der gebot, daz die pfaffen weder bart noch langez k 

CHI» tragen solten. dises babstes geswtget Eusebius. in den 
kroniken. vnd sprichet daz Anacletus. vnd Cletus alk 
einer . aber Damasiue der babst spriehet in der kro- 
niken der Römischen bebste. die er Jeronimo schriba 
' daz ir zwei weren. Vnd Cletus wer geborn vpn I 
vnd Anacletus von kriechen. Doch misse hielt 1 ) dk 
kronike Eusebij von den andern kroniken. niht allein 
an dem dinge, sunder an vil andern stucken. Dur 
c. babst mante adle Cristen. mit einen briefen. daz man & 
priester erte für alle hüte . vnd sprach die potee oppje 
begent. die sol man niht muffen, danne sunder si en* 
an allen dingen* vnd besatz ouch daz die priester. wni 
sunderlich die bischof. sullen bi in gezugen haben wenn 
si daz ampt begent der messe, daz si bezugen mögen, da: 

Cnib- si daz gotes opfer begent voUecUch vnd wirdeclich. 

Evaristus. 
Evaristus. waz geborn von kriechen . von eines 
Juden waz genant Julias von der stat bethleem. de? 
besaz den« stul. X. iar. 3 ) VII. monad. vnd. II. tage. 
Diser zeteilt den priestern . in der stat zu Rom ir Ty- 
iulös. vnd besatzte. VIL dyaken die den Romische: 
stul solten behüten so er prediget, daz er niht iirec 



*) dissentit, A. B. C. 2 ) 13 etc., A. B. 



Martinas Polona«. 321 

mohte vor den die im nach volgten. vnd daz er niht 
mohte beseit werden von den die dem gotes worte tag- 
ten. Er besatzte ouch daz sich die lute die zu der.e. 
komen wollent offenbar sich touffen. vnd dar nach von 
dem prister sich erlich lazzen segen. Diaer wart ge- 
martert vnder Trayano dem keiser. vnd wart begraben 
bi sant peter in vaticano. 

alexander. 
Alexander waz geborn von Borne, von einem 
vater alexandro. von dem kirchspei Capuauri. 1 ) der Cm** 
besaz den stul. VUL tar. 2 ) V, monad. vnd. IL tage. b. 
vnd vacirt dar nach der stul. XXXV. tage. Diser 
besatzte daz wihewazzer mit dem saltze ze segenne. 
vnd in den wonungen der lute zu sprengen. Diser 
bekert den grosten teil der Senatoren, vnd wart ze 
letste vnder dem keiser adriano in den kerker geleit. 
vnd Hermes ein ritter der etat der von ime geleubig 
wart, vnd Euentus ein priester. vnd Theodolus ein 
dyaken die alle mit dem babst Alexandro nach grozzer 
marter getötet wurden, vnd der, babst alexander wart 
begraben an dem berge 3 ) Numentana. vnd dar nach 
wart er gefuret in die kirchen sant Sabinen, diser legte 
zu der stille in der messe vmb ein gehugnisse vnsers 
herren marter dise wort. Qui pridie quam pateretur. 
biz daz. Hoc est corpus meum. Er besatzte daz man a.b. 
wazzer mischet in win in der messe zu einer bezug- CHI* 
nisse. vnd bezeichnunge einer einberikeit ihesu Cristi. 
vnd der heiligen Cristenheit. vnd daz oblaten solte sin 
von der winen brot vnerhaben vnd klein solten sin. 
vnd sprach, so ie kleiner die oblaten so ie bezzer. A.+ 

Syxtus waz — . 
Syxtus waz geborn von Eome. von sinem vater 
pastore. von dem kunigrich violata. 4 ) der besaz den 



*) Caput tauri, A. Capri tauri, B. Capitauri, C. 2 ) 7 ann. 
5 m. 2 <L, C. «) via, A. B. C. *) regione Via lata, A. B. C. 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 21 



ttöfe Martinas Polonns. 

stul. X. iar. III. monade. vnd. XXI. tage* vnd Ar 
a.b. nach 8tunt der stul. on hobst. IL tage. Dirre besetztet 
daz man in der messe singet oder sprichet. Sancte 
sanctus sanctus . vnd die heiligen gezuge die zu der 
messe gehorent. niemant sol beraren danne dienerde: 
kirchen. Diser wart ' enthoubtet vzwendig der um 
Apia. do vnseir herre petro erschein, do er sprach Do- 

CÜII«' mine quo vadis. vnd wart begraben in vaticano. bi säe 
peters lichnam. bi dises ziten waz die verehtungede 
Cristen also groz. daz man wening iemant vant <fe 
sich Crieten getorst nennen . vnd Crieten lute in Galt 
die baten den babst. daz er in etwen sente. der mr. 
einer lere Lucernen des Cristen gelouben wider erbt 
die vil nach verloschen waz . do sante er dar den bi- 
schof peregrinum der geborn waz von Borne, vndgat 
ime ouch ander gesellen, die ime Cristen glouben hülfe 
Sterken. Dirre peregrinas . . do er vil der lute zu des 
glouben bekerte. do wart er ouch gemartert. Di« 
syxtus besatzte. daz man die Corporal niht solde los- 
chen von syden. sunder von lutern lininen tuchenge- 
webet vngeverbet . vnd daz die wib die heiligen tu 

CHIIb- vnd die gewet niht solten ruren. Diser besatzte* <k 
c. welker bischof besaget wurde für den stul ze Rom k 
man den uf siner kirchen niht wider solte enphahen. (*\ 
dez baibstes brief. Diser wart begraben bi samt pfa> 
alter in dem graben darinne liget. Lynus. Cletus. in* 
eletus. vnd Auaristus. vnd der alter der vber den moü- 
rem allen stet, der heizzet alleine sant syxtus alter. 

Telleforus waz geborn von Borne von Anacbo- 
rica. 1 ) der besaz den stul ."XL iar. III. monad. XXfl 
tage. Do vaciert der stul. VII. tag. Diser beflattf 
den engelischen gesang. daz ist daz Gloria in excefe 
in der messe, vnd daz ein priester an, dem vihnatage 
mag singen, drie messe mit dem. Gloria in excelA 
vnd gebot den priestern sunderliche. VII. gantze wocte 



*) ex anachoreta, A. 



Martinas Pol onus. $%% 

zu vasten. vor ostern. vnd sprach also, vil strenger 
den pfaffen leben sol wesen von der leyen wandelunge. üllil«- 
Also sol ouch ein bescheidenheit sin. an der vasten. 
vnd diae siben wochen. die .sullen alle pfaffen vasten* 
sunderlich on fleisch, vnd on gantzen wollust. vnd als 
ich vor sprach., do besatzte er dry messe, an dem 
wihnahtage. Die ersten, an der han kretze mitter naht 
do Cristus ze Bethleem wolde geborn werden. Die an- 
dern, so der tag uf get. do Cristus in der wigen wart 
an gebetet von den hirten. Die dritten zu Tercie zit. . 
do vns erschein der tag vnser erloBunge. Diser wart 
gemartert vnd begraben, ze vaticano bi sant peter. 
• 

Ingnius. 
Ingnius 1 ) waz geborn von kriechen von Athena. 
des kunne man niht enweiz. der besaz den stul. IUI. 
iar. III. monad. vnd. VIII. tage. 8 ) vnd vapiert der 
stul. III. tage. Diser besatzte die pfaffeheit. vnd gab dm*- 
"in den gradum der wirdikeit. Diser wart begraben in 
sant peters kirchen. Diser besatzt auch daz ein patte 
oder ein tote daz kint vz der touffe gehaben enphahen 
sol. vnd ouch also zu der krisemunge. vnd zu der 
segenunge. Diser wart gemartert, diser schreib ein c. 
episteln allen gläubigen htm. von einem got in dir dri- 
ualtikeit. vnd von der menscheit gotes sunes vollen Cristen 
glouben ze t haben. Diser besatzt duck . daz an dem i?o- 
mischen bischofe kein ertzbischof die suche des Mschofes 
in der provincien die vnder irrte ist niht söl uberrihten. 
ez were danne . daz die saohe vor den bisohofen der pro* 
vincien gemeinclich wurde geoffent. 

Pius waz — . 
Pyus waz geborn von ytalia vz der stat Aquileya. 
von sinem vater Ruffino. der besaz den stul. XI. iar. 8 ) CV*. 
IUI. monad. XXI. tag. vnd do Cessiert der stul. 



*) Iginus, A. JB. HyginuS) <J. *) 4 a. 4 m. 6 d, A. B. 4 a. 
8 m. 6 d., C. «) 22, A. B. 

21» 



621 Martinas Polonus. 

XIIIL tage, vnder »dem hermes ein buch schreib, an 
dem ßtunt daz gebot, daz man denOstertag niht began 
eolde. wanne uf den Suntag. Di 1 ) setzte, daz der 
ketzzer von der Juden ketzzerie . weime er do von 
kerte. daz man in mohte enpfahen vnd touffen. Diser 
machet ouch fünf wihunge. vnd wart ze letste gemar- 
tert, vnd begraben si sant peters grab in vaticano. bi 
dez ziten kam policarpus der bischof von Epheso . vnd 
sant Johannis dez apostolen discipuli ze Korne vnd be- 
kerten vil lute. von der ketzzerie. die valentinus vnd 
Credo. 3 ) gelert heten. bi dises ziten waren ze Borne, 
c. Praxedis vnd pötenciana. wer aber der vorgenante hermes 
were daz wiset vns derselbe pabest in siner episteln. vnd 
CVb. sprichet. bi disen ziten erluhtet hermes. vnder vns ein lerer 
des gelouben vnd der schrift. vnd wie wir doch den Oster» 
tag an dem suntag e begen. vnd etlich doch dar nach zici- 
ueüen. do erschein dem selben Hermes ein enget in eines 
hirten glichnisse. vnd gebot daz man den Ostertag uf den 
suntag solte begen zu einer sterkerunge der die dar an 
zwiuelten. daz wir ouch bestetigen vnd geheiligen, von dem 
gewalte dez Romischen stules. 

Auicetus. 

Avicetus 3) waz geboren von Syria. von sinem 

vater Johanne, vz der gazzen Mirrea. der besaz den 

stul. IX. iar. vnd. III. monad. vnd. III. tage. 4 ) vnd 

o. do stunt der stul on babst. XV. tage, diser gebot, daz 

die pfaffen niht langes har solten tragen, vnd daz si 

blatten trugen. Diser gebot, daz ein bischof niht sol 

CVc gewihet werden danne zu dem minsten von drin bi- 

schofen. vnd daz selbe gebot teten die aposteln als er 

saget. Ist aber ein ertzbischof ze wihen. so sullent alle 

die provincial bischof die vnder in gehorent. da bi sin. 

wanne si im schuldig sint gehorsam ze sin. Auch hat 

er besatzt. ob kein bischofe iht ze gedingen oder ze 



») L Piser. 2 ) 1. Cerdonii, A. ft. Tridonis, C. *) Auicetus, 
A. 4f a. B. 15, C. 



Martinas Polonag. StS 

scMcken habe, daz sol niendert anders zihen. danne 
für die bischof die do heizzent primates oder für den 
stul ze Rome. Diser wart begraben in dem kirchof 
Calixti an dem wege genant Apia. Diser satzte ouch o. 
daz die ertzbischofe niM primates sutten heizzen. nuwen 
die die ersten Irirchen hant . vnd der kirchen bischof nanten 
die aposteln . vnd ir nachkomen patriarchen . man sol si 
aber nennen Metropolitanos . bi den selben ziten waz hire- 
neus ein krieche von geburt vnd ein grozzer lerer bischof CV*- 
zu lugduensi. 

Sothor. 
Sothor waz geborn von ecapapania 1 ) von sinem 
vater Concordio von der stat fandana der besatzte daz a. b. c.-f- 
kein nunne solte ruren die gewihten tweheln . noch wi- 
rauch brennen in der kirchen vnd daz si die wilen sol- 
ten tragen. Er besatzte ouch daz niemant kein elich 
wib solte haben, nuwen die von dem priester wirt ge* 
segent Vnd von den frunden ouch erlich werde gegeben, 
vnd behütet vor manigerley missetat. die bi wilent ge- 
schult vor der . e. Diser wart gemartert vnd wart be- 
graben in vaticano in sant peters kirchen. bi den ziten 
stunden die ketzzer uf kathafride. die von dem lande 
ftigida 2 ) genant wurden, von danne si waren. Dise 
sprachen . daz der heilige geist weder den aposteln noch 
andern heiligen gegeben wurde, sunder in allein vnd CVI*- 
die dez anvang waren, daz waren Momtahus Prisca. 
vnd Maximilla. 

Eleutherus waz gebörn von kriechen, von sinem 
vater haßundio. von der stat Nycopolis. der besaz den 
stul. XXI. iar . 3 ) VI. monad . vnd. VI. tage, do cessier 
der stul. VI. tage. Diser enpfing briefe von Lucio dem 
kunige von Britania daz er Cristen wurde, durch sin 
gebot, vnd vestent ouch daz man die spise die den 



») Campanas, A. B. C. 2 ) Phrygia, A. B. C. *) 15 a. 6 m., 
6 d., A. 15 a. 6 m. 5 d., B. 15 a. 1 m. 5 d., C, 



$ Martina* Polonu*. 

Cristen gewonlich were ze ezzen niht verspreche aDer 
meist den gloubigen. die doch bescheidenlich vnd mensdb- 
lich were. dem sante der babst zwen geistlich maa 
Fuganum vnd damianum . die den selben kunk soltec 
touffen vnd sin volk. bi der zit waren in Britank 
XXII. 1 ) bischofe. der aptgot die nanten si flamines. 

CVT b - vnder den waren dri die hiezzen archiflamines. Do be- 
satzten die vorgenan zwen heilige bischof . die vor die 
flamines waren vnd satzten ertzbischof do vor die fla- 
mines 3 ) waren, von des babstes gebot, ouch emuweteo 
si .hie daz die aposteln geboten heten. Also daz die 
Cristen kein spise miden solten die beecheidenlich were 
vnd menschlich. Diser wart gemartert vnd begrabeE 
in vaticano bi sant peter. bi disen ziten waz appolH- 
naris> bischof zu Jerapoli. vnd dyonisius ze Cornico 3 ) 
c. in grozzer wirdikeit. Diser selige babst besatzte ouck 
daz niemant von dem grade einer wirdekeit%verstozzek 
wurde . er were danne vor geruget vmb schulde vnd sprach, 
daz Cristus wol wüste daz Judaz ein dieb waz. cnd 
wanne er niht verruget was. do woU er in ouch niht ver* 

CVI* stozzen. vnd er waz ouch die wil vnder den aposteln. er 
warp daz bleip stete von einer wirdikeit. Er besaizt oud 
do sich ein sacke tribet daz man do kein vrteil sol gebe* 
do iener niht gegenwertig ist. denkst an get. 

victor waz — . 
Victor waz geborn von affer von sinem vaterFe- 
c. lice. der besaz den stul. X. iar . II. monad vnd. X. tagt 
vnd do cessiert der stul . XII. tage. Diser beging ein 
Concilium ze palestino in alexandria. daz er ze rate 
wrde mit der pfafheit vmb den Ostertag • vnd dar kam 
derselbe babst victor. Narcissus der patriarch von Jeru- 
salem, vnd Theophilus der bischof von Cesarea. vnd 
Hyrenus . der bischof von Lugdune . do wart besatzt 
daz man alle wege den Ostertag beginge, uf den Sun- 
tag. vnd behalten von dem. XIÜL liht des Apprillen. 

i) 28, A. B. C. 2 ) l. archiflamines. *) Corinthi, A? B. C. 



Martinas Polonns. 927 

biz an daz. XXI. wanne vor waren vil bischof in Asya. CVI*. 
vnd in Oriente, die die osteren begingen mit den Ju- 
den. Diser besatzte ouch wo ez not geschehe, daz 
man einen ieclichen menschen mohte touffen . ez were 
in einem fliezzenden wazzer oder in einem brunnen. 
oder in dem mere. wenne er sich gereiniget het. mit 
der veriehunge der Cristenheit. vnd der bihte. Diser 
wart gemartert vnder Seuero dem fursten. vnd begraben c. 
in vaticano bi sant peter. dez hochzit geuettet uf die fünf- 
ten holende des augusten. 

Zepherinus waz geborn von Born, von einem ♦ 

vater habundio. der besaz den stul . IX. iar. *) VI. monde. 
X. tage, do cessirt der stul. VI tage. 9 ) Diser besatzte c. 
offenlich. vor leyen vnd vor pfaffen* daz ein ieglich 
Cristen mensche. XII. iar alt zu den ostern vnsern CVI1*- 
herren sol enphahen vnd mäht ouch ein gepot in der 
kirchen. daz alle die vaz des alters sullen sin glesin 
oder zinein. Diser wart begraben in dem kirchof dez 
babstes Calixti an dem wege apia. bi disen ziten 
Alexander der biscof von Capadocia für in andaht vmb 
antloz ze Jerusalem, vnd vant do den bischof Narcissum 
noch lebendig, vnd doch in krankheit vor alter, vnd do 
zuhaut starb narcissus. vnd alexander wart bischof alda 
gesetzt zu Jerusalem. Diser zepherinus besatzte ouch. & 
daz die patriarchen noch die primates noch die metropoli* 
tani kein vrteil sotten geben, wider ir vndertanen bischof 
on vrlob des Romischen stules. vnd salzte ouch. daz die 
wihunge der priester vnd der Leuiten. sol geschehen an 
einer ofenbaren stat vor vü bewerten gelerten Luten. 

Calixtus waz geborn von rom von sinem vater CVIIb. 
demecio. 3 ) von der stat Rauenna. der besaz den stul, 
V. iar. II. monad. vnd. X. tage. Diser machet die 
kirchen vnser frowen vber die Tyber. vnd besatzte die 



>) 8 a. 7 m. 10 d., A. B. 9 a. 9 m. 6 d., C. *) 12 7 A, B, 
») Demetrio, A. ß' C. 



SSS Märtinas Polonns. 

fron vasten. Er machet den kirchof an dem wege apu. 
der nu heizzet Calyxtus kirchof. do manig martere 
c. inne begraben ist. bi dises ziten verbran daz Capüßtm 
ein teil von dem blitzten . vnd die linke hant dez CapMj 
aptgotes Jouis der guldin waz . der versmaüz von dem fm, 

vrbanus der erste. 
Urbanus der erste waz geborn von rome. ra 
sinem vater ponciano. der besaz den stul. VIII. isr 
XI. monde vnd. XII. tage, do zessirt der stul. XII 
tage. Diser waz von dem kungriche vialata Dise 
machet daz daz gewihte vezze zu dem alter alk 

CVIIc sin silberin oder guldin. oder cinin. vnd bekerte tu 
lute zu der touffe vnd valerianum den edeln spon m 
der der Juncfrowen sant Cecilien . * den er ouch zu der 
marter brahte. Diser vrbanus waz von edelm tonnt 
vnd waz ein Cristen von kinde uf . vnd waz mit der 
tugent der Kuscheit. Er wart babst nach Calixto 
die verehtunge der Cristen noch do werte, vnd zierte 
daz houbet einer wirdikeit mit grozzen tilgenden, vnd 
wart dicke beschriben an daz eilende. 2 ) vnd ievos 
Cristen heimlich wider braht. vnd do er die geloubigec 
so ser vnd so vil touffet. do wart er gevaogen. vndifl 
den kerker geleit. vnd ze letste enthaubtet. vnd mk 
c. dem selben alter begraben mit sant Cecilien Tyburm w- 
leriano vnd Mcunmiano . bi disen ziten begonde die he& 
Jdrche richtum zu haben vnd gulte. wanne vor lebten i 

CVII*. als die aposteln. vnd namen alleine gut armen Mens 
i geben, vnd von dem gut daz der heilig babst do sm& 
vrbanus. so gab er die kost den pf äffen vnd den schräm 
A.+ die die getat der marterer schriben. 

Poncianus besaz den stul. V. iar. IL monaä 
vnd. II. tage. Do cessirt der stul. X. tag. K# 
waz geborn von Korne von sinem vater Calfturnio. vnd 
wart Tersant in daz eilende in die Inseln sardine. vnd 



l ) 1. sponsum. 2) proscribitur, A. B. C. 



Martinns Polonns. S29 

wart gemartert, vnd Fabianus forte in in einem schiffe 
gen Korne, vnd begrub in in dem kirchof Calixti. an 
dem wege apia* vnd man sprichst daz Cyriacus nach 
ponciano babst wurde, vnd den stul besez. ein. iar. 
lll.jnonad. vnd wanne er daz babst ampt begab wider 
pfafheit willen, vnd anatheros an sin stat satzte. vnd 
mit den. XI. tusent meyden. die er ze Rom getouffet ' 

het von danne für gen koln. do wolten si niht scriben CVÜI** 
in daz buch der bebste . wanne die Cardinal die worden* o, 
daz er niht durch andahi von danne füre sunder durch 
geltest der Megde. wie daz er doch ein maget waz. vnd 
mit den megden wart gemartert, ah man äset in der le- 
gende der. XL tusent megde. 

Antheros waz geborn von kriechen, vnd besaz 
den stul. III. iar. 1 ) Diser satzte daz man die biscliofe c. 
von dem stul mohte entsetzzen. vnd daz man die getat 
der marterer schriebe. Diser Vart ouch gemartert, vnd 
begraben in dem kirchof Calixti. 

Fabianus waz geborn von Rom. von sinem vater 
Fabino. der besaz den stul. XIII. iar . vnd . XI. monad. 
vnd. XIII. tage. 2 ) do cessirt der stul. VII. tage. Diser zer- 
teilt die gegent der siben dyaken . vnd machet . VII. sub- 
dyaken. die bi siben schribern weren*. daz si die getat der 
marterer samenten vnd beschriben . vnd daz man alle wege CVHI*>. 
an dem hohen donrestage den Crisraen solte segenne. Diser 
wart gemartert an der. XIII. kaiende 3 ) Februarij. vnd 
ist begraben in dem kirchof Calixti. an dem wege apia. 
Do er wider komen waz ze Rome mit sinen frundßn. 
do waz der babst tot. vnd waz daz volk bi ein ander 
vmb ein wellunge eines andern .babstes . do kam ouch 
dar zu • vnd wolde daz ende besehen ze hant kam* ein 
wizze tub von himel uf sin houbt vnd sprach du solt 
gewihet werden ein bischof zeRom. vnd wart also von 



.*)'» a. 1 m. 15 d, A. B. 1 m. 15 &, C. 2 ) 13a. 11 m. 12 d, 
A. B. IS a. 12 m. 11 d., C. *) 3, A. B. 4, C. 



880 Martinas Polonns. 

got er weit, vnd dar nach von decio enthoubtet De- 

- nach vmbging Nouaoianus daz ampt ze Rome. vnd 

wart ein ketzzer vnder decio. do wart ze rome ein 

Conciüum wider in besament von. XL. 1 ) bischok 

Diser sprach, von sunden mohte man niht zn genuk 

wider komen. daz widersprachen si in dem Concik 

CVmc vnd bewerten daz . daz den sondern mit bannhertriket 

gnade wurde geben, gelobt sin die. die mit truwa 

a.+ wider kerenfc ' 

Cor. 

Cornelias waz geboren von rome von sinean- 
ter Justine der besaz den stul. III. iar. IL monai 
X. tage. Der besatzte daz die priester vmb gewisse 
ding wol eweren mohten. Er erhub ouch die lichnam 
der aposteln sant peters vnd sant paulas in Cocaiunium.*) 
von der lere 3 ) sant Lucinen . do leit Lucina sant p&ulu 
lichnam. uf iren eygen an dem wege Ostiensi. do leit 
% aant Cornelius sant peters lichnam an der etat, doe 
gekrueziget wart in dem tempel Appollonis des got« I 
ze vaticano in dem palast Neronis. Darnach wart Cor- 
nelius gemartert von dem gebot dez keisers Julii. 1 ) 

Lucius waz geborn von rom von sinem vatcr 
porphirio. der besaz den stul. III. iar. IE. mooai 
CVUI 'tmd. IIL tage. Der besatzte daz zwen priester rol 
III. dyaken allewege sullen sin bei einem bischof. & 
in behüten vor irrunge. Der wart ze ersten in ^ 
eilende gesant. vnd kam darnach wider uf sin kireta, 
vnd wart do enthoubtet von Valeriana. 

Stephanus waz geborn von rom. von einem fi- 
ter Juliano der besaz den stul. IHI. iar. II. monai 
XV. tage. Diser besatzte die priester. vnd die dyike» 
die die gewihten kleider tegelich sullen tragen. D° 



») 60, A. B. C. 2 ) de Catatmnbis, A. B. Cataoömto. c 
8 ) rogatiw, A. B. C. <) Decio, A. B. C. 



Martinas Polonus. 99t 

diaer vil der heiden bekert vnd vil der marterer lieh- 
namen begrub, ynd daz Tempel der aptgoter nider vil 
von einem gebet. Do solt er eines tages messe singen, 
vnd do wart er enthaubtet uf einem stul von dem vn- 
gloubigen volke. 

Syxtus. 

Syxtus der ander geborn von kriechen, von sinera 
vater Sephor. *) der besaz den stul. IL iar. a ) XI. mo- CK* 
nad. vnd. VI. tage, do cessirt der stul. XXII. tage. 3 ) 
Der besatzte daz man die messe singe uf einem alter 
daz vor niht waz. Diser wart geantwortet dem keiäer 
Decio. mit Felicissimo. vnd Agapito. der tet si ent- 
houbeten. vnd den volgeten nach sant Laurencius vnd 
ypolitus vnd vil ander marterer. 

Dyonisius waz geborn von einem Munche dez 
kunne man niht geschriben hat noch vindet. der besaz 
den stul. IL iar. vnd. I. monad. 4 ) do cessirt der stul. N 

VEU. tage. Diser zeteilt vnd vnderschiet die pfarren 
vnd die kirchofe. vnd besatzte ieclicher ir eigen reht. vnd 
gebot daz sich ieglich liez do mit genügen, vnd daz fremde 
niht an sich zuge . vnd do er die pfarre in der etat ge- 
teilet, do besatzte er zu ieglicher ir besunder pf äffen, vnd ^^ 
dßr nach wart er gemartert vnd begraben bi den andern 
bebsten. 

Felix waz geborn von rom vz der stat Capritauri. a.b.o.+ 
Diser besatzte daz man die messe beging vf die geztJenisse e. 
vnd memorie. der marterer. Diser machet ein^ kirchen uf 
dem wege aurelia ein mile von der stat. vnd wart oueh 
alda begraben. 

Eu-. 

Euchicianus. 5 ) waz geborn von Tuscan. von 
sinem vater Marino vz der stat Lvne. Der besaz den 



Sophroniüs, A. *) 3, a. B. 3 ) 2, A. B. <) I, A. B. C. 
») Eutyohiantw, A. B. C. 



832 Martinas Polonag. 

stul. VJLU. iar. X. monad. vnd. DL tage. 1 ) Diser 
besatzte daz man daz körn, vnd die ersten ponen vf 
dem alter segenne mohte. Diser heilige babst begrab 
selbe mit einer hant.IIL hundert vnd. XLIL lichnam 
der marterer. vnd besatzte ouch welich geleubig mensche 
einen marterer begrab an ein Dalmatig. oder an ein 
purpurin tuch. daz 'daz niht begraben were. Diser 
wart ouch gemartert, vnd begraben an dem wege Apia 
CIXc in dem kirchofe. Calixti an der ahten kaienden Augusti. 

Gayus. 
Gay us waz geborn von Dalmacia von Dyoclecia- 
nus kunne. von sinem vater Gallo, der besaz den stul. 
IX. iar. 3 ) im. monde. IX. tage. Diser besatzte daz 
alle die. die sich wolten wihen lazzen in der Cristen- 
hek. die sin wirdig weren. die sollen ze erste werden 
Acolit. 3 ) Dar nach ein leser. Dar nach ein exorciste. 
Darnach ein subdyaken. Darnach dyaken. Darnach prie- 

o. ster. Darnach ein bischof. vnd cessirt der stul. XI. tage. 
Der wart gemartert vnd begraben in dem kirchof Ca- 
lixti. Diser besatzte daz Juden noch heiden. die Cri- 
sten niht mohten besagen, noch kein böse wort an si 
bringen. Diser besatzte ouch . daz niemant die bischof 
noch die pfaffen besagen mohte vor werltlichen rihtern. 

c. Diser flöhe die vervolgunge des keisers Dyocleciani. vnd 
ClXd. wonte in den weiden, vnd in den holen, vnd wart ze leiste 
gemartert. Diser zeteilt ouch ze JRome die gegent die do 
heizzet regiones den Dyakonen. daz si erfuren die getat 
der marterer . vnd die beschriben . vnd ouch ander gescheße 
berikteh. vnd daz selbe gebot er ze tun in allen, grozen 
steten, doch waz also swerer froge vnd sacke uf stunden 
daz man die breht uf den hof 4 ) ze allen landen. Diser 
machet ouch wider die ketzzer ein episteln von der geburte 
des gotes wortes vollen Cristen gelouben ze haben. 



i) 4, A. B. C. *) 11, A. B. C. - *) Hostiarius, A. B. C. und 
folgt Acolytus hinter Exorcista. 4 ) ad sedem apostolicam, A. B. 



Martinas Polonus. 88$ 

Marcellinus waz geborn von rom. von einem 
vater Proiecto. vnd besaz den stul. VII. iar. II- mo- 
nad. vnd. XXV. tag. vnd cessirt der stuL van dem baist b.c. 
ampt. VII. iar. VI. monad. XXV. tage. Diser wart 
betwungen von Dyocleciano dem keiser. daz er den 
goten wirauch braute vnd oppfert. Dar nach wart ein CX»< 
sende ze Campania. do veriach er der missetat vor. 
LXXX. vnd. C. bischofen. vnd nanf eschen uf sin 
houbt. vnd ein herin hembde an sinen lib. vnd veriach 
einer sunde. Dar vmb zürnet der keiser dyoclecianus. 
vnd tet ime das houbt ab slahen. vnd wart begraben 
in dem kirchof Pri^ille an dem wege salaria. Auch 
beswur sant Marcellinus Marcellum der nach im babst 
wart, daz er durch Dyoclecianus gebot den goten niht 
oppfert. Do sant Marcellinus enthobtet wart, vnd sin 
lichnam. XXX. tage lag an der strazze vnbegraben 
ze einem bitzeichen der Cristen. Do ging marcellus der 
priester mit priestern. vnd mit dyaken. vnd begruben 
den lichnam bi nahte. Man vindet ouch von ime ge- 
schähen, daz er sich neiget vnder die bischof. daz si CX*>. 
vber in rihten in dem Concilio. vnd sprach, er wolde 
aller dinge gehorsam sin . waz si im uf satzten. Do ant~ 
gurten si vnd sprachen daz sol niht sin daz iemant sulle 
rihten vber den obersten bischof. hastu verlougent gotes. 
also tet ouch petrus din meister . vnd weihe apostolus . 
torst in dar vmbe berehten. sunder er gink vz vnd 
weinte bitterlichen, vnd dar vmb bedencke ouch du din 
sache. vnd verurteil dich selbe von dinem munde. Do 
sprach Marcellmus so vrteil ich über mich selben vnd 
banne mich selber vmb die sunde. die ich begangen < 
han. daz niemant minen lichnam sol begraben, vnd 
weinde vnd sprach, we mir gyrigem die girikeit straffet 
mich . 4 ) daz ich bi der priesterschaft niht bliben. mag. 
vnd also für er für dyoclecianum . vnd veriach sich 
Cristen sin. vnd do wart er mit Claudio vnd mit Qui- CX<>» 
rino enthaubtet . vnd do sin lichnam . XXX. tag Jag 



] > me avarum corrupit aurum, A. B. C. 



8S4 Martinas Polonas. 

vnbegraben. do erschein der apostel petras in einer 
Maroeüo. der nach ime babst worden waz. vnd eprad 
zu ime. Marcelle siefest du. Do sprach er. Werbk 
herre. Do sprach er. Ich bin forste deraposteln. vnd war 
vmb begrebest du nihtminenlichenamen. der uf dereri 
lit vnbegraben. vnd gab ime daz zu versten. von mar- 
cellinus lichnamen. Vnd sprach. Hastu niht gelesen, vt 
sich demutiget der wirt erhöhet. Do sprach sant peter. 
Gang vnd begrab in bi mir. wanne er die gnade hat ge- 
a. b.+ rehtvertiget. vnd dar vmb vnvertige si niht die begrabuo^ 

Marcellus. 

Marcel las waz geborn von sinem vater benedictc 

von der gnade 1 ) genant vialata der besaz den stul.Y- 

iar . vnd . XXII. tage. a ) Diser besatzte . XV. Cardio 

CX& ampt ze Rome durch den touf. vnd die begrebede <fe 

lute. Disem gebot der keiser maxencius daz er fc 

y vihes solte hüten, wanne er den goten wolde 

, do namen in sin pfaffen von dem vihe vz dem 

vnd do er wihet daz hus sant lucinen an dem 

wege. ze einer kirchen. daz muet Maxencium. nc 

machet die selben kirchen zu einem stalle, vnd beslo* 

den babst dar inne. daz vihe dar inne zu behüten. vi 

starb alda. vnd wart begraben in dem kirchof prisci 

a.+ an der strazze Salaria. 

Evsebius waz geborn von kriechen von einen 

artzte. der besaz den stul. IL iar. vnd» XV. tage. 1 

c. do cessirt der stul . VII. tage • bi dises zum wart t 

heilige kreutze funden von Helenen Constantini muter ü 

man liset in siner episteln . vnd dar vmb besatzte er & 

a.«+- hochzit ze begen. daz daz heilige brutze funden wart 

CXI*- Siluester der erste 4 ) waz geborn von ja* 
von sinem vater Ruffino. der besaz den stul. XXItt 



9 !• geg 011 *- de regione. *) 12, C. Ä ) 2 ann. 2 m.25i. 
A. B. C. 4 ) Sein Vorgänger Miltiades in A. B. C. irt hier über- 
gegangen. 



Martinas Fol onus. 8S6 

iar. X. monade. vnd. XV. tage. 1 ) Diaer besetzte in 
Nincea. III. hundert vnd. XVIII. bischofe. die den 
Cristen glouben volleclichen lerten. vnd besatzte alda 
vii decretum* Diser toufte den keiser Constantinum 
der miselsuhtig waz • vnd wart gereiniget in der touffe. 
Bi den selben ziten machet Constantinus ein munster 
sant Laurencien an der strazzeTyburtina. nf dem acker 
verano. uf einer santgmben. vnd machet genge uf ze 
gan biz zu sant laurencien lichnam. dem er einen scho- 
nen Casten gemachet het. mit grozzer gezierde. von 
marmer. vnd von eilber. vnd het in darin beslozzen. 
vnd ein Cancel vor dem heiligtum • daz man ahtet von. 
U. hundert phunden« vor der stat machet er ein Lu- CXI*»- 
cernen vun luterem golde. vnd noch vil mere gezierde. 
die ich lozze beliben. vnd puwet ouch zwischen dem 
balast ze Lateran, die kirchen vnsers behalters. vnd 
trug uz dem fullemunt uf sin selbes absein. XII. korbe 
vol erden« Die selbe kirchen ahtet er ein muter aller 
kirchen in der werlde . vnd puwet ouch die kirchen der 
apostolen sant peters vnd sant paulus. die er grozlich 
riebet mit silber vnd mit golde. vnd besloz ir lichenam, 
gar in Lusteclicliche schrine. Siluester der babst nach 
der bekerunge des keisers Constantini. do leide er 
grozzen krig von den Juden daz helena schuf des kei- 
sers muter. wanne si den Juden gestunt. vnd in dem 
kriege noch vil worten. vnd nach dem daz Siluester 
den pfarren erkuckte 8 ) von dem tode. do wart helena 
mit allen Juden bekert zu dem gelouben der Cristen. CXI«. 
vnd do sant Siluester die stat ze Rome erloste, von 
dem freise des dracken. do wart der groste teil lute 
in der etat getouffet. wanne der selbe dracke ertötet 
alle tage mit sinem atem. VII. tusent 3 ) menschen, zu 
dem ging sant Siluester mit priestern in daz hol. hun- 
dert, vnd* L. grad. vnd bant den Tracken. vnd besloz 
in alda mit erinen porten. do er gebunden inne ligen 



») 11 d, A. B. C. *) 1. erweckte? post resustitatioüem 
tauri, A. 3 ) 6000, A. B. C. 



SS6 Martinas Polonaa. 

nutz bis an den Jungesten tag. Diser besatzte daz kein 
leye den pfiffen laster sol tun. Er besatzte ouch daz 
man die messe niht began sol uf sidenin noch uf ge- 
verbeten tuchen daz vz der erden gewahsen ist. als 
a.b.+ vnsers herren lichenamen. in einem linin tuche begraben 
c. wart. Do bevalch süuester dem Römischen gewalte der 
heiligen /drehen. Osio dem bischof Cortubieman von hy- 
GXI& spania. vnd victori von ytalia. vnd starb in finden, vnd 
wart begraben ze Borne, bi dem palaM Octauiam. an der 
stat daz do heizzet zu dem Capüolio. 1 ) nu lü er uf dem. 
A ]-jl berge von Nouacula in dem bystum Mirenensi. 

Marcus waz geborn von rome. von einem vater 
Prisco. der besaz den stul. U. iar. VIII. monade. 
vnd. XX. tag, Diser besatzte der Bischof von hostia 
der den babst wihet daz pallium sol tragen, vnd daz 
c. der Credo in vnum deum mit luter stimme sol gesungen 
werden in der messe. Diser starb, vnd wart begraben zu 
sant Feter. 

Jvlius waz geborn von sinem vater Bustico der 
besaz den stul. XL iar. II. monad. vnd. VIII. tage. 2 ) 
c. do cessirt der stul. XV. tage. Diser besatzte daz kein 
pfaffe für die gemeine ze gerihte werde gefuret sunder 
CXn*- in der kirchen. Diser wart begraben in dem kirchofe 
Calipodij. III. mile von der stat» bi dez ziten lebte 
a. b.c. + Maximinus ze Trier der sant Anastasium den bischof 
von der stat alexandria enpfing. vnd enthielt den. der 
den Jkeis^r constantinum geflohen het. vnd machet do 
den gelouben Quicumque wlt. daz man ouch saget von 
hylario pictauiensi. Daz der babst • leo ., zu ime sprach 
der ein ketzzer waz. du bist ein hane. doch niht von 
einer hennen, Do solte er antwurten. du bist leo. aber 
niht von dem kunne Juda. vnd daz niemant in dem 
Concilio wolde gegen ime uf sten. do sprach er. gotes 
ist die erde, vnde wolde uf die erde nider sin gesezzen. 



*) Ad caput, A. B. *) 1& d., C. 



Martinas Palonus. 8S7 

Do erhab sich die erde vnder ime. vnd daz in der 
babst krohet. do starb er eins gehen todes. als. ime 
ouch hylarius het gesaget. Disen habest vindet man in CXII^. 
keiner kroniken. wanne kein babst Leo hiez. ez were 
denne Liberiue der babst. der dem keiser Constantino 
vnd den sinen gestunt an der ketzzerie. die si heten. 
daz der sich oueh nante ieo. oder liht etlicher valscher 
babst leo were, genant. Dar nach do diaer hobst Julius c. 
von dem wir vor haben geseit . daz der . X. iar in dem 
eilende gewonet het. vnd nach vil Betrübnisse die ime der 
keiser Constantinus an tet. do starb der keiser. vnd er 
kam wider uf sant peters stul mit eren . vnd machet zwo 
kirchen. ein an dem markte, die anderen sant valentino. 

Liberius waz geborn von rome von sinem vater 
Ligusto. der besaz den stul. XVI. iar. VII. monad. 
vnd. III. tage. Diser waz geborn von der gegent an 
dem breiten wege . vnd er wärt gesant in daz eilende 
von Constantino Augusto Dar vmb daz er der ketzzerie CXII«. 
Arriana niht gestan* wolde. vnd waz in dem eilende. 
U. iar. Do kuren die pfaffeheit ze Korne mit sinem rat 
Felicem ze babst der ein erber man waz. Do der Felix 
ein concilium hete. do vant er dar inne. IL'priester 
die gevnreinet waren mit der ketzzerie arriana. die ouch 
mit dem keiser Constantino heimlich waren, die hiezzen 
vrsacius vnd Valens, vnd treib die vz dem Concilio 
do. XLVllI. bischof waren, vnd darnach kurtzlkh. do 
baten si den keiser Constantinum . daz er den babst 
Liberium her wider vz dem eilende besant. wanne er 
ime tnere bi gestunt danne felix . vnd do wart Liberius 
wider vz dem eilende besant. wanne er ime bi gestunt. 
vnd den sinen der ketzerie. do berufte der keiser ein 
Concilium mit den ketzzern arrianen. vnd mit vrsacio. 
vnd valente vnd verstiez Felicem der ein Cristen man CXII^ 
waz. von dem babst ainpt. vnd satzte Liberium wider 
uf den stul. wanne er ime vnd den arrianen gestunt. 
vnd also behielt Liberius die kirchen sant peters vnd 
sant paulus vnd sant Laurencien mit gewalte behielt, c, 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 22 



8$8 Martinug Polonufl. 

VI. iar. vnd do wart ein vervolgunge der Cristen in 
der etat, also daz man die pfaffen martert die liberio. 
vnd den arrianen wider waren. Do wart gemartert in 
der etat Eusebius ein priester. wanne er den babstLi- 
berium einen ketzzer kündet. 

Felix der ander, waz geborn von Borne, von ei- 
nem vater Anastasio. der besaz den stul, I. iar. 1 ) 
Diser waz ein cristen. vnd gutes lebens. Diser besatzte 
daz ein iegelich bischof zu dem concilio sol komen der 
v dar beruflfet wirt. Diser berufte Constancium . der Co- 
CXin« stantini sun waz ein ketzzer. vnd daz er wider Tauffet 
were von Eusebio in Comediensi 2 ) deta biscof. vnd dar 
vmb wart er von dem selben Constantino von dem babst 
ampt verstozzen. vnd ze letste enthobtet. 

Damasius der erste waz geborn von hyspania 

von sinem vater anthonio. der besaz den stul. XVlH. 

iar. IL monad. XVIII. tage. 3 ) do cessirt der stul. 

XXXI. tage. Diser waz ein gut meister verse ze 

tihten. vnd machet kurtzze werkelin in dem getihte. 

daz do heizzet Metrum Eroycum. Disen heiligen man 

sante der heilig sant Jeronimus vü schrift von der Cri- 

stenheit vnder dem er ime ouch. II. vers schreib nach 

den psalmen ze singen, daz Gloria patri. daz Sicut 

erat et ct. vnd diser Damasius sjarb vnder Theodosio 

a.b. c.+ dem keiser. do er. LXXX. iar alt waz. Diser besatzte 

CXII1»>. mit zierde vil lichenam der heiligen die er vant. Bi 

a.b.c. disen ziten lebte in Judea. 4 ) Josaphat. Auienners sun 

a.+ dez kunigez. der ein heilig einsidel waz. vnd barlaam 

a.b. c.+ sin meister der in bekeret. Auch lebte sant ambrosius. 

a.+ vnd wart gewihet zu bischof ze' Meylan. vnd alle die 

lute in ytalia wurden zu Cristen gelouben bekert. Do 

a.+ lebte ouch basilius bischof in Cesarea . Gregorius von 

Nazareth 5 ) die beyde ze College vnd ze athenis wurden 



*) l ann. 9 dies, A. B. 9 ) Nicomediensi episc, A. B. C. 
») 10 d., A^ B. C. <) India, A. B. C. ») Naadanzenus, A B. C. 



Martinas Polonus. 883 

erzogen, vnd Didimus ein meister von alexandria. sant 
Jeronimus sant Martinus ze Turon. vnd ze Egypto. a.-|- 
Patoniua 1 ) abbas zwen Machanij. ysidorus Moyses. 
Beniamin Eraclides Effrepa. der heilig Athanasius ein 
biachof von Alexandrina. Jeronimus. der Corrigierte 
den. LXX. Bahnen, die man in alten kirchen pflack 
ze singen, der wart anderwert gevelschet. Do machet CXEIo. 
er aber wider den salter Gallicarium. den der babst 
Damaskus gebot ze singen in allen kirchen ze Gallia. 
von sant Jeronimus pet. vnd vmb daz wart er genant 
Gallicanus. durch daz die Romer behielten den salter 
mit den. LXX. sahnen. Den dritten machet er von 
Ebraischer spräche . ze latein von worte ze worte. Da- 
masiug der babst gebot von der^gebet Jeronimi. daz 
man an dem ende eines ieglichen salmes spreche. Gloria 
patri etc. Ambrosius satzte ouch die gewonheit der 
antiffen ze singen in der kirchen. Do wart der ander 
Synodus ze Constantinopoli begangen, von anderthalp-» 
hundert vetern vnd byschofen. in dem wart verdamgnet 
Macedonius der sprach daz der heilige geist niht got 
wer. vnd do wart bewert den heiligen geist got ze sin. 
mit glicher substancie dem vater vnd dem sune. vnd 
do wart gemachet der Credo, als man in singet in der CXIHd- 
kirchen. Damamis der babst stßrb ze Born, vnd wart o. 
begraben in sant peters munster. a.-|- 

Stricius. 3 ) waz geborn vod, rome von sinem 
vater Tyburcio . der besaz den stul . XY . iar . XI. mo- 
nad. vnd. XXV. tage. Diser vant die Manicheos die 
versant er in daz eilende . vnd besatzte daz si kein ge- 
meinschaft solten haben mit den Cristen. vnd gebot 
wer daz ir keiser wider kerte ze Borne, daz man dem 
niht vnsers herren lichnam solde geben, noch daz er 
vnder der Cristenheit mit vasten vnd mit gebet solde 
kestigen. also daz er wol versuchet wurde, biz an sin 
leiste zit. vnd danne daz sacrament nemen. Bi disen a.b. c.+ 



Fantomius, A. B. Packomius, C. ^ Syricius, A. B. G. 

22* 



340 . Martinas Polonas. 

ziten machet Jeronimus der lerer die bybeln vz hebrai- 
a. b. c.+ scher spräche ze latein. Auch lebte ßusticus ] ) von 
CXIIII*- Aquileia. Bi den ziten wart in dem stetelin Emaus 
ein kint geborn. daz waz geteilt von dem nabel vf en- 
zwei. daz het zwo berust vnd zwei haubt. vnd iecslich 
von einen sundern sinne. Daz ein wilent az. Daz ander 
sltef . oder az niht vnd slief ouch niht . • vnd do ez ge- 
lebt zwei iar do starb daz ein. vnd daz ander lebte 
biz an den dritten tag. Bi den selben ziten do lebte 
Johannes Crisostimus. von erst ein priester von An- 
thyochia. vnd dar nach ertzbischof zu Constantinopel. 
c. ze Rom waz paulus vnd Orosiw der priester. der der 
erbergest discipel waz sant Augustinen. In den ziten der 
vil bucher machet, vnder den er zu augustino schreib ein 
Croniken von anegenge der werlde vntz an sin ende die 
a.+ er schon volbraht. 

Anastasius der erste waz geborn von rome. 

von sinem vater Mario. 2 ) der besaz den stul. LH. iar. 

"CXniIt>. XIIL tage. 3 ) Diser besatzte daz niemant priester mohte 

werden dem deheines gelides gebrest. Diser gebot, als 

a.b. c.-f- ofte man daz ewangelium liset. daz die priester danne 

nit sullen sitzzen. vnd besatzte ouch daz kein man. der 

. über mer geborn were ze priester wurde gemachet, er 

zuget denne'mit. V. bischofen Ingesigel, daz waz vmb 

die Manicheos. 

Inocencius der erste, waz geborn von albano 
von sinem vater innocencio vnd besaz den stul. XV. 
iar. IL monad. vnd. XX. tage. Diser besatzte den 
samptztag ze eren vnser frowen von vnsers herren we- 
a.b. c.-f- gen. der dez selben tages in dem grabe lag. 4 ) Diser 
besatzte ouch daz betz 5 ) ze geben in der messe. Bi 
den ziten lebte Alexius ze rome. der Eufemiam sun 
waz dez edeln Romers. der der erste waz in dem pa- 



*) Ruffinus, A. B. C. ») Mäximo, A. B. Maximino, C. ») 26 d., 
A. B. C. 4 ) seil, ieiunium celebrari. ö ) Pacis osculam, A B. C. 



Martinu s Polonus. 341 

last dez keisers. Diser besatzte daz man die eichen 
ölen solt. daz von dem bischof gewihet were. vnd daz 
man den Cristen daz ole gemeinlich an strichen solte CXimc 
als wol als den priestern. Diser verdampnet ouch Pe- 
laginm ze britania der uf gegangen waz mit siner val- 
schen lere, die er sprach daz der mensche mohte be- 
halten werden on'die gotes genade. vnd ein ieglichs 
nach sinen diensten von sinem eigen willen zu der ge- 
rehtekeit mohte behalten werden, vnd sprach ouch. daz 
die kint on die erbsunde geboren wurden, vnd ver- 
dampnet Celestinum vnd Julianum. die sin 1 ) gesellen 
waren, diser machet vier wihunge in dem monad Sep- 
tembri. vnd wart begraben zu Rome. ad vrsum pellea- 
cum. 9 ) Diser verbannet den heiser Archadium. wanne er q. 
verhenget. daz sant Johannes Crisostomus vertriben wart 
von sinem bystum ze Constantinopel. von sinem mibe Eusodia. 
vmb sin predige die er wider si teU Darvmb daz si ein 
bilde het uf gerihtet daz nach ir gebildet waz. vndbetwanck CXIIII^ 
die frowen vnd die mögde. Daz si da vor vnd dar vmb 
muste spüen. Do sprach er ez wer ein spil der aptgote. 

z o 2 i m u s. 
Zozimus. was geborn von kriechen, vnd besaz 
den stul. II. ia*. 3 ) VIIL monad. XX. tage. Diser 
besatzte den stul. daz kein eigen kneht mohte priester 
werden, vnd daz an dem osterabent die osterkertze 
werde gesegent. und daz kein pfaffe kein offen tauern 
solde halden. 

Bonifacius waz geborn von rome. von einem 
priester gen,ant Jocundus. Diser besaz den stul. III. 
iar. vnd. VIIL monad. Diser besatzte. daz nunnen 4 ) 
die gewiheten tweheln dez alters waschen sullen. a.+ 



i; sc. Pelagii. 2) pileatum, A. B. C. a ) 3 ann. 7 m. 25 d., 
A. B. 1 ann. 8 m. 25 d., C. 4 ) nulla muli<?r aut monacha,« 
A. B. C. 



843 Martiaua Polonus. 

Celestinus. 

Celestinus waz geborn von rome von sinemvatci 

Prisco. vnd besaz den stul. VIII. iar. vnd. X. tage. 1 ; 

diser besatzte daz (die psalme) Judica me deus et dt 

CXV* cerne. ein iegelich priester vor der messe sprechen soL 

. vnd daz man die psalm dauidis anderhalphundert singes 

a.b. a-f sol mit den antiphen dez man vor niht pflack. Er gebot 

ouch daz dritte Synodum ze Ephesi. von zwein hun- 

dert bischofen. In den verdampnet wart Nestorius <k 

sprach daz zwo personen an Cristo weren. vnd de 

wart verbannet, vnd do wart bezuget daz Cristus an 

ime het ein personen mit zwein naturen. vnd daz 

Maria heizzet Theotocos. daz sprichet.gotes muter. 

Syxtus der dritte waz geborn von rom toc 
sinemvater Prisco. der besaz den stul. VIII. iar. ym 
X. tage. 3 ) vnd do cessirt der stul. XXII. tage. 3 ! 
Diser von der gegent Celij des berges besatzte daz 

A. b.+ keuv pfaffe sich wihe in des andern pfarre. DMj) 
o. puwet die kirchen vnser frowen der grozzem . 4 ) die i 

CXV*. heizzet zu der krippen als ysidorus sprichet in sinen Ort* 
niken. Diser zierte auch vil ander kirchen mit silber. mi 
gab armen luten vil . vnd wart begraben an dem uqt 
Tybwrtina bi sant Laurencien IAchenamen. 



9 d., A. B. C. *) 9 d., A. B. C. «) 29, A. B. *) minoiis, 
B. majoris, A, 

(Fortsetzung folgt.) 



Die Kater. 
Ein komisches Heldengedicht 

von 
Don Lope Felix de_Vega Carpio. 

Aus dem Spanischen übersetzt 

von 

Dr. A. Herrmann. 

(Fortsetzung und Schluss.) 



Fünfter Gesang. 

Leser, nicht lege dies Werk zur Seite, 
Weil es dir singt von der Kater Streite, 
Nicht dulde, dass man zum Vorwurf macht, 
Dass ich nicht singe der Männer Schlacht, 
Wie wir sie lesen im Virgilio, 
Der anhebt: Anna virumque cano. 
Doch bald die schüchterne Muse schweigt, 
Weil sich kein lohnender Preis ihr zeigt; 
Wenn aber winkte des Lorbeers Lohn, 
Dann würde das Ufer des Tajo den Ton 
Den schallenden hören vom Kriegsgetümmel 
In göttlichen Versen gesendet vom Himmel. 
Drum lieber feire ich Katerschlachten, 
Als dass ich Undank sollte betrachten. 
Schon grosse Poeten auch wussten zu machen — 
Poeten, welche, wie Persius spricht, 
Im Rossequelle benetzt ihr Gesicht — 
Erhabene Verse von kleinlichen Sachen; 
Und wenn Homer's, des Göttlichen, Leier 
Erklang zu der Frösche und Mäuse Feier, 



844 Die Kater. 

Warum nicht meine zur Katerschlacht? 

Zudem Virgilius selber sagt, 

Genie nur müsse uns treiben 

Zum Werke, das man will „schreiben. — 

Die Vorkehrungen waren gemacht, 
Das Brautbett prangte in seltener Pracht, 
Der Tag war da, der sollte krönen 
Die Wünsche des Katers und seiner Schonen: 
Doch zwischen der Lippe und Bechers Rand 
Sind Leiden in Menge wie Meereasand. 

Mit fröhlicher Miene die Nachbarn standen, 
Geladen wie Vettern, Basen, Verwandten; 
Entfernte waren durch Briefe berichtet, 
Denn solche Gelegenheit Jeden verpflichtet 
Zu grösserer Förmlichkeit als den Senater. 
Geprunzel alleine, der rasende l£ater, 
Bejammert der Eifersucht Kummer und Weh 
Au£ steiler Dächer und Giebel Höh', 
Wo seine bewegte Stimme erschallt 
Wie die der Nachtigall in dem Wald, 
Die ihren süssen Gatten verloren 
Und Schmerzensmelodieen erkoren, 
Zu klagen des Herzens bitteres Leid, 
Indem zu ein und derselben Zeit 
Mit süsser Kehle sie weint und singt; 
Auch wie das Heulen des Hundes klingt, 
Der von dem Herrn geschieden nicht rastet, 
Nicht Speise begehrt, im Gegentheil fastet; 
Ohn' dass indessen doch ähnlich sei 
Sein Heulen der Nachtigall Melodei. 
Denn Hunde sind Hunde, wie Vögel sind Vögel, 
Und Jedem bestimmt die Natur seine Kegel ; 
Deshalb, wenn Vögel singen bisweilen, 
So können die Hunde dagegen nur heulen. — 
Es hatte Greif fisch prächtig und schön 
t)en Saal im Erker, wo Bilder zu sehn 
Von seinem berühmten Heldengeschlecht; 
Denn Bilder der Ahnen sind erst recht 
Das beste Mittel, uns zu bewahren 
Das glänzende Beispiel der Vorfähren, 
Als ob im Tempel des Ruhmes sie stehn 
Und durch die Zeiten zur Ewigkeit gehn. 
So sehn wir Aeneas und Tamerlan, 



Die Kater. 345 

Rinald' Binaldini und Caliban, 

Den Soävola, welcher ein Römer war, 

Diogenes auch, ein griechischer Narr. 

Das war Held Prützel, wie Mars in den Waffen, 

Und welcher gewonnen die Schlacht mit den Affen, 

Von ernstem Gesichte, der Stolz der Nationen ; 

Noch andere Kater mit Bürgerkronen, 

Mit Kränzen ob gewonnener Schlachten, 

Nicht minder als die der Cäsaren zn achten. 

Nicht unter ihnen fehlt Schwärzel und Jickel, 

Auch nicht der Rathsherr Ohneschwanz Rickel, 

Ein Kater, welcher die Schule des Lebens 

Mit Eifer besuchte und nicht vergebens; 

Den stimmigen Schwanz, die Zierde des Helden, 

Verlor er, wie Gerüchte uns melden, 

Durch roher Fleischer rächende Beile: 

Nichts half die übliche Flucht und Eile. 

Den Abend des Lebens verbrachte er still 

Als Rathsherr ; aber er schlief nicht viel. — 

Nicht fehlte Schlinger gerüstet zumal 

Mit Stärke noch mehr, als wie mit Stahl; 

Nicht Krallengrab, von Peru ein Kater, 

Denn nur sehr rühmliche Werke that er. 

Die reiche Estrade im Saale bestand 
Aus zwei Stück Teppich und altem Band; 
Mit reichen Kissen bedeckt sie war 
Und Stufen vbn Korkholz wunderbar; 
Die Stühle mit glänzendem Polster belegt, 
Kurz, Alles den Stempel des Luxus trägt; 
Dass, wenn ein deutscher gebildeter Mann 
Zugegen gewesen wäre, er dann 
Zum reinsten Deutsch geöffnet den Schnabel, 
Um staunend zu sagen : c'est admirable ! 

Die Schatten der hohen Berge schon ziehn 
Zu tiefen Thälern; es entfliehn 
Des Lichtes Sfreifen vom Himmel 
Und in den Strassen des Tages Getümmel 
In Werkstatt, Waarengebäude und Handel 
Schweigt wie durch zauberischen Wandel ; 
Die Stille der Nacht mit schweigendem Schritte 
Umfasste Alles in ihrer Mitte, 
Nur hie und da Galane und Wachen 
Die Waffen im Voraus fertig machen: — 



846 Die Kater. 

Da sammeln im hell erleuchteten Saal 

Sich fröhliche Gäste in reichlicher Zahl. 

Beglatfzer kommt im Barchentgewand, 

Das wärmte mit Pelz von Kaninchen die Hand, 

Mit kurzen Hosen er stattlich geht, 

Verliebter in Laura wie sonst ein Poet; 

Doch Laura war der Name der Katze, 

Obgleich beinahe hier nicht am Platze; 

Doch nennt man Hunde Celinda, 

Diana, Bella und Linda, 

So darf man Laura die Katze nennen, 

Der^n Pfoten im Silberglanze fast brennen. 

Von Maule hat Hosen von Futterkattun 

Und Schnappsäck in schwarzem Habit kommt nun, 

Von afiectirtem Wesen ein Kater, 

Wattirt den Bauch und die Waden hat er. 

Dann Froscher, der von Andalusien kam 

Und durch Kaninchen die Richtung nahm 

Hin durch der Sierra Morena Höh'n, 

Die schönen Ufer des Tajo zu sehn 

Mit Fischmann, seinem betagten Vater. 

Auch Murner erscheint, und S tu ekel, Kater 

Der hohen Versammlung Flor und Blüthe; 

Dann Schnüffel und Zenker, deren Hüte « 

Von blauem und gelbem Atlas waren: 

Nebst Spörnel und Pechkuch, welche seit Jahren 

Bei einem Schuster wohnten im Haus. 

Doch weshalb spreche ich denn mich aus 
In schlechten Versen und gröblicher Weise, 
Indem statt Grossem das Kleine ich preise, 
Wenn mich die Damen erwarten, die heut 
Das Auge durch sorglichen Putz erfreut?! 
Ziemienchen erschien, die Dame so schön; 
Nicht lange nach dieser Stehline 
Zugleich mit der holden Taub ine, 
Die beide als Jungfrauen angesehn, 
Ein Punkt für in der Botanik Gelehrte. 
Doch waren vor allen den Katzenfrau'n 
Die Eeize der klugen Katerine zu schau'n, 
Die züchtig der Herrn sich wehrte; 
So wie das perlengeschmückte Kreisielchen, 
Die gierigste Katze von ganz Castilien. — 

Nachdem nun Stühle und Sitze genommen, 
Ist Schäker, ein bunter Kater, gekommen, 



Die Kater. 947 

Zu tanzen mit Dame Grauline 

Fandango, wie passend es schiene, 

Wie kaum gesehen selbst in Paris; 

Und dann mit Mandelschalen zumal 

Am Finger, welche im Wiederhall 

Erklangen in sanfter Weise und süss, 

Begannen mit schelmischem Wahne 

D'rauf Stampel und Marzipane, 

Die Schürze fassend mit jeder Hand : 

Was aber den Beifall der Greise nicht fand. -— 

Jetzt aber, ihr Musen, verleihet mir 
Den Athem und eurer Bede Zier, 
Damit ich würdig vermag zu preisen — 
Mit Lippen, welche eu'r Quell benetzt 
Und werden wie jene von einem Weisen — 
Wie Dame Schuhline herein kam jetzt 
Mit ihrer Pathe, der Frau L e c k i 1 i e : 
Ein taubenfarbiger Stoff der Mantille 
Und Ketten von Perl' und Perlmutter in Reih'n ; 
Besternter noch als Nacht kann sein 
Das Haupt mit Rosen des Lenzen. 
Die schönen Haare fast blond erglänzen; 
Ans jedem der leuchtenden Augen spricht 
Wohl einer Seele smaragdenes Licht 
Die Taffetschuh waren mit Golde gestickt 
Und zwischen den einzelnen Schnüren man blickt 
Die köstliche Farbe des Topasstein, 
Bür unsere Zeiten ein Wunder rein. — 

Sie setzte sich bald mit züchtiger Miene 
Und weiter folgte des Tanzes Lust, 
Wie passend für solche Feier es schiene : 
Doch wo gibt's ungetrübte Lust? — 
Geprunzel trat zur Thüre herein, 
Besiegt von wüthender Seelenpein, 
Von Liebes-Krankheit oder von Liebe. 
Erstaunt die ganze Gesellschaft bliebe, 
Zu sehn bewaffnet mit Stahl und Grimmen 
Den Kater den Hochzeitssaal erklimmen, 
Wo man sich zeigt nur fein und galant, 
Doch nicht das eiserne Schwert in der Hand. 
D'rum Jeder starr vor Erstaunen stand, 
Und wie Schuhline so zornig ihn fand, 
Befeuchtet aus Angst die Estrade die Maid 



848 Die Kater. 

Und klagt ihre Furcht Katerinen und gar 

Auch ihre Sorgen ob einem Streit, 

Obgleich noch Schlicher nicht angelangt war, 

Dess Ankunft man entgegen nur sah, 

Damit er in praxi anwandte 

Die Theorie, welche er kannte, 

Dass der Art fröhlich das Ende sei da. — 

In diesem Jammer, in dieser Noth 

Geprunzel öffnet <die Augen roth 

In Funken der Wuth den Blitzen gleich, 

Dass Alle erschrocken bewundern zugleich, 

Und liess die wilde Stimme erschallen 

Zu den erbebenden Ohren von Allen: 

„Ihr ungeschliffene Bauern, Verräther, * 
Noch mehr als Holländer Uebelthäter; 
Parteiengänger und Hehler ihr seid, 
Deshalb überragt ihr Jene auch weit! 
Schwadron von Hennen und Parlament 
Erbärmlicher Katzen, die Niemand kennt, 
Die schimpflich und feige im Staube kriechen, 
Gemeine Bewohner von schmutzigen Küchen; 
Die zwischen Töpfen, Teller und Scherben, 
Wo sie die niedrigste Magd darf gerben , 
Wie feiges, erbärmliches Lumpengesindel, 
Das passender nähme zur Hand die Spindel ; 
Das niemals auf die Dächer sich schwingt 
Zum Handgemenge, wenn Lärmruf klingt ; 
Das leckt vom Teller der Speisen Rest 
Und wenn der eisige Nordwind bläst 
Und Frost die Haare sich sträuben macht, 
Dann liegt ihr warm in der Asche die Nacht, 
Bis heiss die Sonne bekrönt den Himmel. 
Ich bin Geprunzel, ich bin, ihr Lümmel, 
Dem ganzen Erdenkreise ein Schrecken, 
Weil ich dem Feinde die Seele entreiss' 
Und jedem Drohen zu lachen weiss ; 
Vor dessen übermenschlicher Macht, 
Ein Löwe an Stärke, ein Tiger an Kralle, 
Erbeben mit Recht die Staaten alle, 
Die nur von Süden gen Mitternacht 
Des Phöbus goldene Stirne erfreut; — 
Und welcher dem schändlichen Feste heut 
So mancherlei Unglück wird bereiten, 
Wie Herkules that vor längeren Zeiten 



Die Kater. »49 

Bei jener Ehe der Hippodamie, 
Euch Allen zu ewiger Infamie." — , 

Musen, der Kater hatte studirt 
Den Dichter Ovid, aus dem er citirt 
Die Fabel vom Streit der Centauren und er 
Verwegen glaubt, dass er Hercules war', 
Die Kater dagegen, die in der Stunde 
Von ihm empfingen die Todeswunde, 
Gentauren, die Herkules tödtet; denn nicht 
Vergebens er tolle Bedrohung spricht. 
Denn Wen'ge entrannen nur seinen Tatzen; 
Er nannte sie feige Zigeunerkatzen, 
Und hebend das eiserne Schwert in der Hand 
Verbannt er sie ewig vom Vaterland, 
Der Katzen grausiger Tamerlan. 
Mehr Unheil richtet sein Wüthen an,' 
Als in Carthagos tapferer Stadt 
Der herrliche Römer gestiftet hat. 
Dem Kater, welcher der Fuchs geheissen, 
Nicht wegen der Farbe, nur wegen der Hasen, 
Haut er die unvorbereitete Nasen 
In einem Hieb ab, ojme zu reissen. 
Janhagel trifft er mit hurtigem Stich, 
Der bald mit letztem Miau verblich. 
Dem armen Schäker kürzt er ein Bein, 
Dem Feind der Kaninchen und Gänselein. 

Er hat die Estrade zerschmettert mit Macht, 
Die unerfahrene Kater bewacht 
Mit hölzernem Löffel als Degen. 
Der Putz hat wüste umhergelegen, 
Die Bänder und Perlen und Spitzen in Menge, 
Rosetten, Geschmeide und Ohrengehänge, 
Auch Kämme, welche der Zähne entbehrt; 
Und weil Held Zenker ihm tapfer wehrt, 
Zu rauben die Braut, hat mit zwei Schlägen 
Er ihn gewusst zur Erde zu legen 
Und stürzt auf zwei Gefasse ihn schier, 
Am Fenster, mit' Syrop und Elixir. 

Im Angesichte der Schiffe fiel 
In grösseren Zorn nicht Held Achill, 
Nachdem man ihm vor Trojas Stadt 
Den Tod des Patroklus gemeldet hat; 



$60 Die Kater. 

Es macht nicht fallen mit Hobel und Beil 
So viele «Späne der Tischler in Eil', 
Wie er nahm Leben in Eifersuch t-Wuth; 
Nicht Nero hatte mehr Durst nach Blut, 
Der vom tarpejischen Felsen herab 
Das Volk sah sterben im Flammengrab. — 

Doch endlich hatte er Bahn gebrochen 
Hin zu Schuhline, die sich verkrochen. 
„Halt!" rief er; „wohin? Wortbrüchiges Weib!" 
Sie spricht und zittert am ganzen Leib: 
„Die Spitze fliehen vom grausigen Schwert, 
Das wegen der Unschuld Bache begehrt, 
Mit so unmenschlicher Grausamkeit 
Mir den entreisset, der mich gefreit: 
Doch werde ich wissen mein Leben zu enden, 
Trotz dir, Polyphem mit Katerhänden. u 

„Stets Augen so schön und undankbar, a 
Erwiedert er aller Besinnung baar; 
„So sprichst du in meiner Gegenwart? 
grösste ThÖrin der Katzenart! 
Nur ich, du Falsche, ich bin dein Gatte! 
Der Bauer aber, der Hoffnung hatte, 
An diesem Tage zu lassen sich trauen, 
Soll von mir kennen die Liebesklauen, 
Die selbst besiegen ja die Harpyen ; 
Du wirst erfahren — wird er nicht fliehen, 
Dass ich mein Gut jetzt wieder ergreife — 
Wie ich ihn schlachte, das Fell abstreife 
Und es verkaufe als Katze für's Geld." — 

. „Wenn den," erwiedert sie, „der mir gefällt, 
Den süssen Mann du schlachtest, Tyrann, 
Mit eigener Hand so werde ich dann 
Mein trauriges Leben mir nehmen." 

In Furie d'rauf, welch Grämen! 
Noch ausser der Flamme der Eifersucht, 
• Da, wo die Arme sich Schutz gesucht, 

Ergreift er sie ohne Erbarmen 
Und hält sie fest in den Armen, 
Wie Epheu rankt um der Ulme Gipfel 
Und kriecht hinauf zum schwankenden Wipfel 
Und kleidet den Stamm mit grünender Hülle 
Von grünen Banken und Beeren in Fülle. 



Die Kater. ftftl 

So raubte auch Paris die schöne Helene, 
D'rttm Niemand sieher die Gattin wähne, 
Und Pluto raubte die Proserpine, 
Der sonst so stolz and ruhig erschiene. 

Schuhline nach Schi ich er rief unverweilt, 
Doch Seh lieh er, ach leider! noch ferne weilt. 
Am Ende das Zorngezappel der Fasse 
Den einen der Tafftschuh fallen Hesse; 
Doch weh, der Harte beachtet es nicht 
Und Thränen befluthen ihr Angesicht ! 
Er eilte mit der Bejammernswerthen 
Und setzte sie in des Schlosses Thurm, 
Denn weder Freunde noch Sippe gewährten 
Ihr nöthige Hülfe in diesem Sturm. — 

So ist das Hoffen der Menschen eitel, 
So weit die Sonne erwärmt die Scheitel; 
Denn wer auf Glück am Morgen auch baut, 
Der weiss nicht, wie der Abend ihm schaut. — 



Sechster Gesang. 

Nachdem der tapfere stolze Barbare, 
Genannt Rodamonte, wurde gewahre 
(Wie durch Ariost' wir ausfuhrlich wissen), 
Dass Mandrikardo ihm. hatte entrissen 
Am sechs und zehnten des Erndtemond 
Die Doralice, er ungewohnt 
(So sagt der Dichter) begann zu schwören, 
Dass Eingeweide von Bronce sich kehren. 
Denn er gelobte sich hoch und theuer, 
Nicht Stiere zu. sehen, noch kegeln heuer; 
Auch weder von einem Tuche zu essen, 
Noch reiten, wäre ein Riemen vergessen; 
Nicht hören und zahlen, auch wenn er schuldig, 
Damit die Leute stets minder geduldig; 
Nicht Pfandbrief' nehmen, noch Kopfsteu'r zahlen, 
Nicht mit der Natter Klopatra malen. 

So ähnlich, nachdem entführt ihm ward 
Helene, die Falsche nach Weiber Art, 



352 Die Kater. 

Sprach einer der griechischen Eönigs-Atriden 
Von jenem Schäfer, dem falschen, perfiden, 
Dem Schäfer, welcher auf Idas Höh'n 
Als Richter zu Gunsten der Venus gesehn. 

Jedoch des langen Geredes Sinn, 
Obgleich zu mehrem noch fähig ich bin, 
Ist, dass Held Schlicher, sobald er vernommen 
Das Unglück, welches die Braut überkommen, 
Helene der Katzen, in schrecklichem Grimme 
Ganz ähnlich erhoben hatte die Stimme. 
Denn statt nach Sitte zu freien alsbald, 
^ War seine Verlobte in Feindes Gewalt. 

Der bebenden Ratten Schwadron verkroch 
Sich eiligen Fusses flüchtend im Loch ; 
Er schleudert zu Boden mit. wilder Geberde 
Die Mütze, dass rings erbebte die Erde, 
Und drohte Rache mit Feuer und Blut: — 

Schon Greiffisch hatte verloren den Muth, 
Zerraufte den Bart* nebst graulichem Haar, 
Dess* Grau nicht reizend zu nennen war, 
, Und klagte den Seh lieh er des Zögerns an. 

Doch dieser erwiedert, er habe ja dann 
Auf seinen Schuster gewartet, (welch Leiden 
Vermögte ein pünktlicher Schuster zu meiden!) 
Und dass nachher die Stiefel, die engen, 
Er nicht vermögte sich anzuzwängen, 
Obgleich der Schuster mit Händen und Zähnen 
Das knappe Leder versuchte zu dehnen. 
Denn knappe Stiefeln waren zur Zeit, 
Nebst langen Hosen, das Galakleid. 
Doch sagen Autoren, wie Mancher noch denkt, 
Dass im IntVesse der Hühneraugen, 
Weil drückende Stiefel für diese nient taugen, 
Gamaschen hätten die Stiefel verdrängt. 
O, wer zu lichten der Seele Trauern 
Und dürfte es sonst auch tagelang dauern 
Aus jener Zeit einen Kater schon 
Mit Stiefel und langer Hose geselfh! 

Doch wohin führen mich Kinderei'n, 
Die der Franzos Bagatelle nennt, 
Dass Nebendinge ich schalte ein, 
Wenn ein so blutiger Krieg entbrennt, 



Die Kater. 353 

Mehr wtirdig Homer's und der Tassone, 
Der einzigen Sonnen am Heiikone, 
Als meiner gröblichen Poesie? — 

Er weinte Feuer und Feuer er spie, 
Denn Feuer nur weinen und speien Verliebte, 
Und schleudert die Handsdmh, kampfgeübte, 
Ota' eine Minute nur ruhen zu können, 
Wie früher die Griechen, die Troja verbrennen. 
Nicht anderer Art wir pflegen zu sehn 
Zerrütteten Sinnes den Menschen gehn, 
Ohn' das« er sich könnte entschlagen 
Der Lasten, welche ihn plagen, 
Das Antlitz blass, bedecket mit Seh weiss; 
Wie Schlicher wegen der Liebe so heiss 
Und wegen der Ehre mit Kummer ersieht, 
Dass sich der Tag der Rache verzieht. 

Indessen die Freunde nun consultiren, 
Wie sie am bündigsten realisiren 
Die Pläne, zu rächen den Schimpf und die Schand' — 
Geprunzel mit Inbrunst bittend stand 
Zu weichen S'chuhlinens Marmelherz, 
Die Perlen weinte im Kerkerschmerz, 
Wie die Aurora mitunter weint 
Und in den Zähren noch schöner erscheint. 
Denn wenn ein liebliches Weib benetzt 
Mit zarten Thränen die rosigen Wangen, 
Dann pflegt's in grösserem Beize zu prangen; 
Doch darf's nicht schreien — vorausgesetzt! 
Und — dass ein Ende der Thränen sei. 
Geprunzel in Prosa und Poesei 
Erschöpfte beinah der Thorheit Macht; 
Betrübt am Tage und wachend bei Nacht 
Verzehrte sich bald sein armer Verstand. 
Nicht gab's eine Liebeserklärung im Land, 
Die er den Narren nicht nachgeahmt, 
Die alle Welt Verliebte benamt; 
Und ebensowenig von zarten Damen 
Die Schmeichel worte und Liebesnamen, 
Ja selbst die thörichten närrischen Worte, 
Die alberne Ammen von jeglicher Sorte 
Zum Säugling sprechen, welchen sie stillen, 
Um heimlicher Liebe Verrücktheit willen : 
Mein König, mein Liebchen, mein Herzog, mein Geist, 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 23 



854 Die Kater. 

Mein Philippchen; diesen Namen doch nur, 
Wenn Philipp wirklich der Säugling heisst: 
Es wäre eine verzweifelte Tour, 
Wenn Peter, Johann oder Karl er hiesse, 
Man ihm den Namen Philippchen Hesse. — 

Die Strahlen der Sonne vom Himmel lachten 
Und liehen den grünenden Fluren Smaragden, 
Dem Meere den sanften Süberschein, 
Da ging ob seiner Geliebten fein 
In's lichte Holz der traurige Freier, - 
Um ohne Furcht vor drohendem Feuer 
Der Flinte ein junge •• Kaninchen zu jagen 
(Die kaum zu Tage zu kriechen wagen 
Aus sicherem Baue in's freie Feld), 
Und bald in scharfer Klaue er's hält. 
Nichts barg die Küche, nicht Fische, nicht Stücke, 
Was nicht, wenn wandte Mariechen die Blicke, 
Zum Dache hinauf entführet ward 
Für die Gebieterin seiner Sorgen, 
Und zwar so schneller, verwegener Art, 
Dass wegen Geräusche es nimmer verborgen, 
Wenn Fleisch er raubte dem Topfe 
Und Hühner von Schüsseln am Kopfe; 
Ja, dass er Vieles noch kochend bekam 
Und „fufufu" rufend das Reissaus nahm. 
O Liebe, wie viele Mal' hat er geraubt 
Aus selbiger Schüssel, wie kaum man glaubt, 
Den Fisch ohne Löffel von Silber und Eisen! 
Die Harte nur thät sich noch härter erweisen! 

„Ist's möglich," rief er in Jammerklagen, 
„Du härter als Marmel bei meinen Plagen ? 
Und dass die Flamme, die mich verzehrt, 
Dich kälter macht als winterlich Eis? 
Und dass, gestählt gegen Feuer so heiss, 
Die Härte dir in der Brust sich mehrt, 
Die meinen Untergang gar begehrt, 
t)er deinen Schlicher noch eher erreicht, 
Den feigen Adonis, an dessen Gaben 
Du nie oder spät doch sollst dich laben, 
Da nicht mein grosses Leiden dich weicht, 
Da nicht so viele Tage der Haft, 
In diesem Thurme Gefangenschaft 
(Da er ja nicht kommt, zu Hülfe dir eilt). 



Die Kater. 9&6 

Dich von der thörichten Liebe heilt! 
Mizile mich sticht und weiht mir das Leben, 
Ich habe ob deiner sie aufgegeben ; 
Obgleich sie ein braves Kind und geachtet 
Als sittiges Mädchen, das nimmer getrachtet 
Nach Freunden, Briefen, Spazierengehen, 
Wo vor der Ehe sich schliessen schon Ehen. 
Welch Opfer brachte ich deinetwegen! 
Und wählst den Kater dir ohne Ehre? 
Wenn Katersein Schande bei Menschen wäre, 
Es wäre der Katzen Untreu' wegen. u 

„Geprunzel, Tyrann, bemühe dich nicht!" 
Mit störrigem Blicke die Katze spricht; 
„Denn da mit Recht ich hartnäckig bin, 
So beugt durch Drohen sich nicht mein Sinn, 
Nicht deine verlockenden Worte vermögen, 
Dass meine Gefühle des Hasses sich legen. " — 

Schon hatte Schlicher in Greiffisch's Schloss 
Versammelt Verwandte und manchen Genoss, 
Die Zeugen seines Geschickes waren, 
Und klagt die grausige That des Basbaren, 
Des allgemeinen Feindes der Christen, 
Als ob es galt, gegen Türken zu rüsten. 
Damit die Schandthat grösser noch bliebe, 
Den Raub der Gattin er sehr übertriebe; 
Denn Jeder im Schmerze um seine Schöne 
Macht eine Katze gar zur Helene. 
Vereint demnach zu heimlichem Rath 
Im Erker des Schlosses am Abend spat, 
Sprach er gar traurig die Traurigen an, 
Denn Allen war gleichsam ein Leides gethan : 

„Die richtige Meinung, welche ich habe 
Von eurem Werthe und Jedes Gabe, 
Erlässet rhetorische Floskeln mir, % 

Geehrte Verwandte und Freunde hier, 
Da ihr zugegen gewesen und wisst, 
Was meiner Betrübniss Ursache ist, 
Von welcher die Pagen zu spät mir erzählt, 
Wie dem fast immer die Nachricht fehlt, 
Dess' Wohle sie könnte förderlich sein. 
Wie konnte ich auf euch wirken ein? 
Wodurch nur könnte ich euch verpflichten ? # 

22* 



356 Die Kater. 

Und sonst, was könnte ich euch berichten, 

Um eure Gefühle zu bewegen 

Und eure Erbitterung anzuregen, 

Wenn das nicht durch die Seufzer geschieht, 

Die Stimme, mit welcher die Seele spricht, 

Wenn ob des Schmerze» die Zunge schweigt? — 

Und das, was meine Bede verschweigt, 

Erklärt die Blässe vom Angesicht, 

Was stumme Sprache ich möchte heissen. 

Je schwerer der Kummer der Seele wiegt, 

So bälder der Faden der Bede wird reissen! 

Der Kummer verleiht die Rhetorik zur Zeit 

Den Augen; denn schweigende Traurigkeit 

Ist vielmals, wie wir sehen und lesen, 

Ein zweiter Demosthenes selber gewesen. — 

Unnöthig vor Weisen ist, welche ich seh', 

Captatio benevolentiae ; 

Denn auf dem Forum in Griechenland 

Man sicher nicht grössere Weisheit fand: 

Piatone seid ihr, Catone zugleich, 

Vernunft wiegt schwerer als Gründe bei euch. — 

Ich kam gerufen von dem Gerücht, 

Zu sehn Schuhlinen, von welcher es spricht, 

Durch's hohe Meer vom Schicksal geleitet; 

Und bald hat sich in mir verbreitet 

Ein Phönixfeuer, das Welten durch währt 

Und nicht durch Tod und Vergessen sich zehrt. 

Ob ich der Günstling wurde der Schönen, 

Ob sie erlaubte mein Lieben und Sehnen, 

Wohl spricht der Ehecontract dafür ^ 

Doch mit verlorener Zeit seht ihr 

Schuhlinen im Kerker und mich ohne Leben! - 

Nach Sitte zu freien war nur mein Streben, 

Nie wandte das Glück sich zur Gewalt; 

Nicht wusste ich, als ihre Huld mir galt, 

Weil ich als fremder Kater mich nährte, 

Dass dieser Tyrann Schuhlinen begehrte. 

Das erste Licht des Tages beschien 

Mit sanftem Glänze und mildem Glüh'n, 

Eh'r als die Blumen auf weiter Flur, 

Die Augen, welche ich richtete nur 

Mit Liebesworten nach ihrem Balcon. 

Daselbst mit erstem Sternelein schon 

Sah mich die Nacht in meinem Entzücken 

Fast betend nach ihren Fenstern blicken, 



Die Kater. 857 

Gehoben die Seele in süssem Gefühl ; 
Bis tändeln sah in wonnigem Spiel 
Voll Neid der falsche Verräther mich 
In seiner Eifersucht Laune, und ich 
Musst meine Liebe mit Waffen beweisen. 
Es folgte die Haft. — Er hatte mit leisen 
Gereden gleissend Mizile gewonnen, 
Mit Treue und Hand, dass er gesonnen, 
Als seine Gattin sie zu begehren; . 
Sein Wort zu halten, das würde ihn ehren 1 
Sobald er meine Ehe vernommen, 
Hat er trotz Allen, welche gekommen, 
Verwandte, Freunde mit stummer Geberde, 
Die Stärksten auch geworfen zur Erde, 
Obgleich's ein Fest, kein Schlachtengetümmel, 
Und raubte die Sonne von meinem Himmel: 
Schuhline raubte des Frevelers Hand! — 
Die'Wuth im Herzen, besinnungslos, 
Verwundet er Jeden, der ihm widerstand« 
Mein Page Munter, nach einem Stoss, 
Zertrümmerte fallend Büchsen und Gläser 
Beim Apotheker, dem Eräuterverleser ; 
Und da er abermals strauchelte lang 
In eine Retorte von einer Bank, 
So war er ganz mit Salbe beschmiert, 
Weshalb der Ap'theker ihn übel tractirt - 
Und Munter fast todt die Küche erreicht. — 
Wen solches Trauergeschicke nicht weicht, 
Der hat ein Herz von Marmelsteine, 
Wenn solche Leiden er nicht beweine! — 
Ich will verhüllen des Elends Wunden: 
Die mir Verlobte, sie ist verschwunden, 
Ich bin entehrt! . . . . a Hier musste er schweigen 
Und seine Augen nur konnten sprechen; 
Denn dieser Kummer, den er zu rächen, 
Erschöpfte die Seele und hiess ihn schweigen. — 

Der hohe Senat war traurig gar, 
Weil weiter zu reden er unfähig war, 
Und machte sein Leiden zur eigenen Sache. 

Gepanzel jetzt redet in wackerer Sprache, 
Ein Kater von ehrenwerther Person, 
Obgleich beglatzet am Haupte schon, 
Ein Uebel, das selbst die Braven befallt, 



S58 Die Kater. 

Wenn auch in diesem Falle die Welt 
Dem Kater nicht darf Verliebte vergleichen; 
Denn dieser verlor sein Haar unter Streichen 
Und Stössen von der Scheuerfrau Hand, 
Wie sie Kaidaunen reinigt; er fand 
Gelegenheit, als zur Seite sie fcieht, 
Ein Ende zu fassen, mit welchem er flieht 
Zum Dache, so dass ein Därmentau, 
Kaidaunenstrick zum Schrecken der Frau 
Vom Dache bis unten zur Erde lag, 
Weshalb ihn traf manch tüchtiger Schlag. — 
Nur dieser mit männlichem Angesicht 
Und klugen Worten sich so ausspricht: 

„Aus vielen Gründen kann Schlich er erwarten 
Von uns Begünstigung aller Arten; 
Ja, dass wir rächen die Schmach und Schand', 
Weil seine Verlobte man hat entwandt, 
Fatales Geschicke für schöne Frauen." 

Dann Hinz in Worten, die liessen schauen 
Die Jugend, also erwiedernd spricht: 
„Für meine Person, um mich zu rächen, 
Ich würde mit Klauen nur zu ihm sprechen.* 

D'rauf Schnappsack mit kokettem Gesicht: 
„Mit einem Kater, wie jener berühmt, 
Wie nicht gesehen die Dächer der Stadt, 
Sich besser, wie die Sitte man hat, 
Geschriebene Förderung wohl geziömt»" — 

„Das eben ist meine Meinung nicht," 
Dagegen der Kater Pechkuch spricht, 
„Weil da die Rache vom Siege abhängt; 
Zudem ein Jeder verschieden denkt, 
Ob Zweikampf immer geziemend noch sei* 
Sobald es sich handelt um Felonei. 
Ich meine, der Gekränkte soll nehmen 
Die Flinte und wahren ohne Grämen 
Den tapfersten oder den feigsten Held, 
Zur Strafe dem Kecken, der sich gefällt 
Ohn' Furcht vor denen, die er gekränkt; 
Die dunkele ^acht leicht Anlass schenkt*" — 

„Wenn das sich liesse mit Sicherheit 
Bewirken, dann wäre die Rache gescheit;" 



Die Kater. 859 

So nahm der wackere Manie das Wort 

(Ein Kater der schönen Künste Hort, 

Ein Freund von jeglichem Bendez- vons, 

Doch -störte sein Jauchzen die nächtliche Kuh) ; 

„Geprunzel indessen, wie Alle ihr wisst, 

Sitzt voller Tücke und voller List, 

Dass schwerlich er dürfte Gelegenheit geben, 

Sei's noch so düster, zur Ausführung eben. 

Nach meiner Ansicht es besser sei, 

Ihn anzuklagen der Räuberei 

Vor dem Gerichte und zu verlangen, 

Dass ob des Streiches er werde gehangen." — 

„Man würde uns dann für feige erklären," 
Erwiederte Stampel, „und Mädchenehren 
Mit diesem Streite sich schlecht vertragen ; 
Dehn ihre Unschuld fuhrt zu Fragen 
Und durch die Gründe beweist sich schlecht, 
Was in der Veranlassung Zweifel erregt. 
Und dann der Weiber geschwätziger Mund — 
Denn Weiberzunge ist nimmer stumm — 
Entzündete häufig das Erdenrund 
Zu Zank und Streite, ob klug, ob dumm. 
Processe für Kater selbst sind nicht gut, 
Denn sie verzehren Geduld und Gut. 
Weshalb sich mit Gerichten befassen 
Und auf Beweise und Spruch verlassen ? 
Um diese gewaltige Schande zu rächen 
Nur müssen Kanonen und Schwerter sprechen. 44 — * 

„Das nichtige sicherlich Stampel spricht, 44 
Entgegnete Kachel mit feinem Gesicht, 
Nachdem er vor dem hohen Senat 
Sich Schuldigermassen verneiget hat; 
„Selbst wenn man bewiese, was nöthig war', 
Und würde gefällt ein Urtheil schwer, 
So darf man dem Pöbel nicht zugestehn, 
Auf Sünderkarr'n einen Kater zu sehn. 
, Nicht weniger thöricht, sollte ich meinen, 
Dürft* ihn herauszufordern erscheinen, 
Da Schlicher fürwahr kein Raufbold ist 
Wie jener Geprunzel, wie Alle ihr wisst. 
Verzeihe mir Schnappsack, Maule verzeih', 
Gepanzel erlaub' und bewill'ge, 
Auch wenn er durch Jahre erfahrener sei, 
Dass ich ihre Meinung nicht bill'ge. 
Denn meine ist, man sollte vereinen 



3 CO Die Kater« 

Ein Heer, das passend würde erscheinen 

Für solch Beginnen; man sollte formireii 

Schwadronen zu Pferde und Volk armiren 

Wohl unter dem ganzen Katergeschlecht, 

Dass dem Verräther den Lohn man bracht'; 

Beschiessen das Schloss mit Kanonen mit Macht 

Und stürmen die Feste bei Tag und Nacht, 

Bis dass man sieht, dass Hülfe ihm naht. 

Denn wenn das Feld ihm Schlicher verschliesst 

Und also Geprunzel nicht Zufuhr hat, 

Er sich zu ergeben gezwungen ist. 

Sind aber die Wälle im Sturme berannt, 

So wird er sicher capituliren 

Und Strafe wird dem Besiegten erkannt. — 

Lasst Fahnen wehen, die Trommel rühren I 

Denn so gewann der Grieche die Gattin wieder: 

Er brachte Krieg und brannte die Feste nieder." — 

Hier endete Kachel, und wie im Senat 
Die Stimmen man alle gesammelt hat, 
War Krieg beschlossen, indem vereint 
Der ganze Senat dasselbe gemeint, 
Weil Krieg gerecht und ehrenvoll war; 
Und Schlicher sogleich, wie billig und wahr, 
Umarmte den Kachel, und dankte und eüt 
Im Sturme zu rüsten sich unverweilt. — 

Verzeihe, o Liebe, dass Krieg vereint 
Mit Feuer nun auf der Bühne erscheint; 
Da du die Ursache warst bei Allen, 
So lasse die Folgen dir auch gefallen. — 



Siebenter Gesang. 

Die Waffen ergreifen die Schlicher'schen Horden, 
Dem Feinde zum Leid, der Trojaner geworden; 
Gewaltig erglühte des Kampfes Lust 
In jedes Katers zottiger Brust. 
Im wehenden Winde der Fahnen Band, 
Die Banner in kräftiger, kralliger Hand 
Verrathen dem spähenden Auge nur schwer 
Die Wappen und Farben vom Katerbeer. 
Die Trommel erschallte zum Heldengange 
Im Wechsel mit schrillender Pfeifen Klänge. 
Die braven Soldaten gerüstet mit Stahl 



Die Kater. &ßl 

Und Büffel und Heldenmuthe zumal, 

Mit grossen Nadeln statt des Schwerts 

(Beim schützenden Helme nur sieht man stets 

Durch Schnauzbart vorne den Schrecken erhöht, 

Im Nacken dagegen ein Federbusch weht) 

Marschiren mit trefflichem Tacte im Glied; 

Denn wo der Erste den Fuss wegzieht, 

Pflegt seinen def Hintennann zu pflanzen-, 

Ohi*' nach des Waibels Stocke zu tanzen. 

Beim Schalle der tönenden Instrumente, 

Wenn .an der Schultet die Pike lehnte, 

Dann strahhe in bunten Farben und Arten 

Das Heer gleich Blumenbeeten im Garten, 

Im wohlgepflegten Parke beim Schloss, 

Sobald im Lenze die Blüthe schoss. 

Die Piken der tapferen Becken Von Adel 

Sind Pfeile und Stäbe mit spitziger Nadel; 

Die Bürgercanaille dagegen hält 

Nur Gerten* welche schon Esel gequält. 

Noch andere stattliche Cömpagnien 

Sah man taiit Speisegabeln ziehn; 

Die Sehaar sie wie Hellebarden trägt 

Und richtig im Tempo zu fQhreii pflegt. 

Auch hielten glimmende Lunten die Klauen ; - 

Doch waren nicht Mailands Büchsen zu schauen 

Beim reisigen Fussvölk dieser Epochen, 

Dagegen vom Hammelschenkel die Knochen, 

Die dem Pastetehbäcker sie stahlen 

Mit grossem Trotze zu vielen Malen; 

Die Knochen der Stiere waren Kanonen,. 

Man wollte die ,Werke der Feste nicht schonen. — 

So führte Seh lieh er die Seinen in's Feld 
Und nahe die Feste alsbald umstellt. 
Er war gerüstet mit Schalen, den festen 
Der kleinen Kröte, der schönsten und besten, 
Die ihren Tod gefunden, o Graus! 
Ohn' zu verlassen ihr sicheres Haus. - 
Auf seinem Haupte den Hut er trägt, 
Dess' Band zur Hälfte nach oben sich legt* 
Mit einer Tresse von Gold garnirt 
Und die Agraffe und Schnalle verziert 
Mit Federbusche von dunkelem Grün, 
Auf Hoffen und Trauer zugleich zu beziehn, 
Obgleich sein Recht ihm Ruhe gewährt. 

Mit grosser Anmuth lenkt er sein Pferd, 



362 Die Kater. 

Das er der Sporen Sterne läsfit fühlen, 
Mit schwarzem Zügel das Schnaubende zwingt, 
Der Stange zu folgen, die golden blinkt, 
Die Schaum und Blut in Menge bespülen, 
So dass der Rappe schier fliegen muss, 
Kaum rührte den Rasen der flüchtige Fuss. 
Doch ist es was Altes, dass Rosse auch fliegen : 
Beflügelt war Pegasus schon in der Wiegen, 
Der zum Pamasse sich leichtlich schwingt; 
Den Hippogryph ein Dichter besingt, 
Das Unthier Greif und Renner zugleich. 
Wenn aber Einer in diesem Bereich 
Bezweifeln sollte, dass auf der Erde 
Gefunden würden so winzige Pferde, 
Der sie für Träume möchte erklären 
Und wollen, die Erde sollte entbehren 
Bewunderungswürdige Dinge und Wesen, 
(Obgleich Unmögliches er erlesen !) 
Der möge, den Streit zu entscheiden schön, 

. Von hier nach Thrazien Morgens gehn 
(Wenn seine Geschäfte es ihm erlauben) 
Und sehn, was er nicht dachte zu glauben, 
Pygmä'n, die im Troglodytenland 
Schon jener bekannte Plinius fand, 
Der alle diese Länder bereist; 
Und mancher ihm ähnliche Autor weist 
Auf die Lagunen am Flusse Nil, 
Und dass Aethiopien berge viel, 

t Weshalb von dort zwei ernste Pygmä'n 
Gekommen wären, um Rom zu sehn, 
Doch dass sie, sehr cholerische Leute, 
Im Schiffe erlagen dem Tode als Beute. 
Homer mit seinem Eustathius fend 
Im fernen Süden ihr Vaterland; 
Obgleich Aristoteles auch sie nennt. 
Er doch für Menschen sie nicht erkennt; 
Sanct Augustin sie ebenfalls nennt 
Und man noch viele Autoren kennt, 
Die theils bejahen und theils bestreiten. 
Was über Pygmäen die Sagen verbreiten. 
Doch da Halbgötter die Dichter gemacht, 
Die auf dem Zweige, wie man gesagt, 
Spazieren und mit den Kranichen streiten, 
So können Zwerge nicht Staunen bereiten. 
Nun diese in ihrem Gebiete ziehen 



Die Kater. $63 

Die Pferde, die unsere Kater entliehen. 

Wenn Matter Natur einen Menschen erzeugt, 

Dess' Grösse nur der eines Eü'nbogens gleicht — 

Wie 'n Maler, welcher gezaubert hat 

Die ganze Figur auf ein Kartenblatt — 

Und nicht in gleicher Weise das Pferd, 

Das wäre ein Unding, tadelns werth : 

Denn wahrlich, ein Mensch von der Grösse der Puppe 

Passt übel zu Rosinantens Croupe. 

Da jeglicher Einwurf wenig genügt, 

-So bleibt die Behauptung unbesiegt. 

Jedoch der Leser in aller Welt 

Mag glauben, was am besten gefällt. 

Denn wenn sich verlieren die Lügen auf Erden, 

Beim Dichter sie wieder gefunden werden; 

So wie bewundert der Vater Homer 

Und preist die keusche Penelope sehr, 

Denn ob der Freier trotziger Schaar 

Lässt er sie weben und entweben gar 

Und nicht aus purer Züchtigkeit schlafen. 

Vom Gegentheile ein Beispiel trafen 

Wir beim Virgile, der Dido entehrte 

Ob jenes Aeneas, wie früher ihm schon 

Hat vorgeworfen der kluge Auson. — 

Doch kehre, o Muse, du stets Begehrte, - 
Zurück, damit in weniger Zeit 
Ich möge beenden der Kater Streit! — 

Obgleich Geprunzel erst spät erfahren, 
Wie nah die Schrecken des Krieges waren, 
Vermochte ein Aufgebot er zu erlassen 
An seine befreundeten Katersassen, 
Und fand, dass seine geringen Schaaren 
Dem starken Feinde zu ungleich waren. 
Doch weil auf tapfere Wehr bedacht, 
Die Waffen bereit zum Sturme er mächt, - 
Obgleich geringe der Mundvorrath, 
Den er für lange Belagerung hat. 
Bekümmert ob seiner traurigen Lage, 
Bekümmerter noch, als nach der Sage 
Ein Dichter, dessen Werke man höhnt, 
Indessen des Gegners Werke man krönt, 
Ging Held Geprunzel, der Recke, zumThurme, 
AUwo Schuhline im Freudensturme 
Die Mahr von naher Befreiung erfahren 
Und ihre Gedanken zufriedener waren 



364 Die Kater. 

Als die von eben demselben Dichter, 
Der Zeuge gewesen und nebenbei Richter 
Bei dem getadelten Stück, wie es scheint, 
Von seinem bei Weitem grösseren Freund. — 

Da Alles zur Wehr in Stand gesetzt, 
Die Brüstung mächtig und unverletzt, 
Die tapferen Kater zum Walle er führt 
Und auf die Zinne und Mauer postirt, 
Wo seine Banner in Lüften wehen, 
So dass von Jedem sie wurden gesehen. 
Die Wälle bepflanzt er mit groben Geschützen, 
Beherzten Soldaten und Bogenschützen, 
Den Sturm der Wüthenden abzuschlagen. 
So wie die Kirche, die hohe, wird ragen 
In einem Dorfe, wo Weine man baut, 
Bedeckt mit Drosseln, welche man schaut 
Zur Zeit der Trauben am meisten fett, 
Wenn Winzer reinigen um die Wettf 
Die Kelter und Kufen auch vorbereiten: 
So war die Zinne von allen Seiten 
Besetzt von Schützen, zum Strausse bereit, 
Auch Trommelschläger zu rufen zum Streit. 

Wer hätte die Feste umringt gesehn 
Von Schlichet Schaaren, und oben gesehn 
Auf dunkeler Zinne armiret schwer 
Soldaten, und Beider Katerheer, 
Der würde erklären, dass dieser coup d'oeil 
Darius und Xerxes nicht wurde zu Theil. 
Wem höbe die Seele sich nicht in Entzücken, 
So viele Kater von schwarzem Kücken 
Und weissem und grauem Gewände zu blicken 
Im kühnen Bunde der Farben und Flicken, 
Die allesammt schrecklich Gemauze erheben?!. 
Wer würde nicht vor Verlangen erbeben, 
Das Bingen der wilden Löwen zu sehn, 
Auch wenn bekümmert er würde gehn, 
Weil er Processe verloren zur Zeit 
Trotz Wegen, Gebühren und Herzeleid? — 

Zum Sturme endlich gerüstet Alle, 
Ertönt die Trommel im feurigen Schalle; 
Die Zähne geschärft, die Klauen bereit 
Sind fertig Alle zum blutigen Streit. 
Da schweigt der heischen Clarine Gequarr', 
Das gleich dem traurigen Dudelsack war, 
Denn Schlicher zu Fuss, der mannliche Held, 



Die Kater. 3*6 

Auf grüne Klötze sich hatte gestellt* — 
(Wer weiss, von welchem Holze sie waren!) 
Als schon die Sonne den Nachmittag zeigt, 
Indem sie von Mittag gen Abend sich neigt — 
Und hält eine Bede den Eaterschaaren, 
Die sorgsam lauschen, so sagt der Bericht, 
Denn wenn auch ein Kater, ein Cicero spricht: 

„Ihr edelmüthigen Freundesherzen! 
Ihr Zeugen des Schimpfes und meiner Schmerzen! 
Die Ehre, welche den Muth erregt, 
Zu diesem glänzenden Kampfe mich trägt, 
Das Ehrgefühl einzig belebt mich jetzt ; 
Wer Ehre nicht kennt, hat nie sie geschätzt. 
.Es lügt, wer sagte, es lügt, wer schreibt r 
„Durch passende Flucht das Leben uns bleibt." 
Denn besser hat sich der Spruch bewährt: 
„Ein rühmliches Sterben das Leben ehrt." — 
Nur der Mensch ist der Tugend ergeben, 
Der grossen Thaten weihte sein Leben ; 
Nur Ruhm erwirbet die Tapferkeit! 
Zum grossen Namen ist heute die Zeit! 
Gewalt nicht und Drohen kann den euch entziehen, 
Den Katern von Ehre Geburt verliehen. 
Denn jene erbärmlichen feigen Schacher, 
Die, weil sie Verräther, sind feige und schwächer, 
Sind schon zur Hälfte in unserer Macht, 
Bloss weil die Fama ihnen gesagt, 
Dass ich, ich Seh lieh er, bin eu'r General. 
Es fragte einst Scipio den Hannibal, 
Wer wohl der Tapferste in der Welt? 
Und dieser erwiederte, wird erzählt, 
Mit wildem Blicke und drohender Braun 9 : 
„Der erste ist Alexander traun, 
Der zweite ist Pyrrhus, der dritte bin ich;* — 
Wenn damals gelebt ich, sicherlich 
Mich hätte genannt er als Numero vier. 
Auf! Greifet die Waffen! Erhebt das Panier! 
Ich gehe voran ! Mir nach zum Streit ! 
Wenn ohne Leiter auch, lasst euch nicht wehren! 
Denn der kann sicher die Leiter entbehren, . 
Dem Flügel verliehen die Leichtigkeit!" — 

Er sprach's ; und schwingend jn kräftiger Hand 
Die Lanze, er hin zu der Mauer rannt'. 
Bold hatte der Helden er achte erschlagen : 
Den tapferen Klaner, Schreier und Krimmel, 



366 Die. Kater. 

Den Stricker, Wupptig, Zirgea und Gimmel 

Und Schiele chwanz endlich, von dem wir sagen, 

Dass er von röthlichem Pelze ein Kater 

Und der Panzeline, der holden, Vater; 

Dass er sein ganzes Leben verbracht 

Mit Lecken womöglich Tag nnd Nacht, 

Und anderen häuslichen Dingen geweiht, 

Doch nimmer geschwungen das Schwert im Streit — 

Die Kriegesfackel der Rache glimmte. 
Die Schaar der eifrigen Kater erklimmte 
Die Mauern mit Klauen anstatt der Leiter, 
Mit stärkeren Haken und reichten weiter 
Als Wucherkrallen, sollte ich meinen. 
Sie fassen den Kalk, der zwischen den Steinen, 
Und ohne zu achten auf Leben und Grab 
Erklimmen die Kater und stürzen hinab. 
Die Einen wie Stiere im Joche, die früh 
Bergauf die Füsse stemmen mit Müh'; 
Und Jene wie Wände des Hauses fallen, 
Von dem man stürzte die hohen Hallen. 
Die Platte dient dem Einen als Grab, 
Nachdem sie geschleudert den Armen hinab, 
Nachdem sie des Lebens beraubet ihn; 
Und Jenem auf halbem Wege entfliehen 
Schon Seele und Leben den irdischen Mühen. 

Nicht schleudert der dunkele Sturmwind Ballen 
Von Eis zur Erde, als Kugeln fallen 
Vom Thurme nieder zu Boden mit Macht. 
Hier breitet der Tod um Pechkuch Nacht; 
Den Schnuckea dorten auch un verweilt 
D.er grausige Tod von Ferne ereilt, 
Ihm trifft ein irdener Krug den Kopf; 
Manch Anderen tödten Flaschen und Topf. 

So pflegen hier und dorten zu laufen 
Im brennenden Hause und Haare zu raufen 
Die Leute, verwirrt und ohne zu wissen, 
Wie nur zu helfen, zu retten beflissen* 
Es brennen die Tische und mächtig erhitzt 
Aus starken Balken die Feuchtigkeit schwitzt; 
Inmitten der Flammen die Einen retten 
Geräthe, Koner und brennende Betten, 
Die Andern eilen mit Wasser hinein; 
Hier Dieser entflieht und Jener tritt ein. 
Es wächst die Verwirrung und mehr, wenn sich wend't 
Der Sturm zu Hülfe dem Feu'relement. — ► 



Die Kater. SÖ7 

Dock wie der allmächtige Jupiter sah 
Vom Himmel, dem Ster&ensitz, was hier geschah, 
Die grausig blutige Schlacht auf Erden — 
Besorgt, dass immerhin könnte werden 
Durch solche blutige Tapferkeit 
Entkatert die Erde für längere Zeit — 
Er gleich für das Uebel ein Mittel beschliesst: 
„Ihr Götter," so sagt er, „nicht scheint es mir gut, 
Dass in dem grässlichen Kampfe vergiesst 
Der Kater Degen so reichliches Blut; 
(Ob auch die Sache gerade so liege 
Wie bei der Heleote, der wüsten Fliege) ; 
Und dass, wenn alle die Kater todt, 
Die Erde verkomme in Mäuse -Noth; 
Weil diese gefahrlicher dann zu erachten 
(Da sie schon jetzt sich als Biesen betrachten), 
Wenn sie nicht haben Feinde zu scheu'n, 
Die ihre Unzahl machen klein; 
Sie würden verschmähen die Erdregionen 
Und wollten die Erker des Himmels bewohnen." — 

D'rauf sandte er eine dunkele Schicht 
Von Wolkenmassen, die gross und dicht; 
Weshalb das Kämpfen und Morden endet, 
Weil Tag in dunkele Nacht sich wendet. — 

Mit tödtlichem Hasse und Stetigkeit 
Nun beide Parteien seit dieser Zeit 
Bemühen sich, zu berennen den Thurm 
Und tapfer abzuschlagen den Sturm. 

Durch enge Belagerung die Blockirten 
Bald Mangel an Lebensmitteln spürten, 
Der Art, dass aus Schuhlinens Gesicht 
Mit lauten Klagen der Hunger spricht; 
Die Wangen erbleichen, weil Tropfen sie trinkt 
Und quentchenweise das Essen man bringt« 
Geprunzel, welcher sie leiden sieht, 
Geht angetrieben vom Rittergemüth, 
Doch ohne den Leuten es mitzutheilen, 
Auf's Dach durch eine der Schiessescharten, 
Von denen daselbst verschiedene Arten, 
Um einige Vögelein zu ereilen. 
Nur Munschel alleine zur Seite ihm weilt, 
Dem er das Wagestück mitgetheilt, 
Um ihm beim Jagen zur Hand zu sein* 
Hier auf der Lauer, o harte Pein! 
Nach einer Drossel, die auf der Spitze 



30g Die Kater. 

Des Daches gesungen, auf hohetn Sitze — 

Der unerbittliche Tod schon stand 

Und spähte und hatte die Büchse gespannt. 

Welch' Vorsicht, welche Waffe, welch Heer 

Ist gegen das Schicksal passende Wehr ! 

Ein Prinz, der eben sich sehr vergnügt, 

Die Schwalbe zu treffen, die eilend fliegt, 

(O, wäre die Schwalbe doch nimmer erzeugt ! 

O, hätte die Lüfte sie nimmer erreicht!) 

Nimmt unsern Helden zu seinem Ziel: 

Inmitten des Kriegs und der Pläne er fiel. 

Er fiel urplötzlich, der wackere Held, 

Der tapferste Kater im Kriegesgezelt, 

Der Stolz des ganzen Geschlechtes der Kater, 

Als Krieger sowohl, wie als kluger Senater ! 

O Schrecken und Jammer! Sein Körper nun lag 

Dort nnbestattet auf schimpflichem Dach ! 

Doch starb er, wie billig bekennen man muss, 

Durch einen Caesar semper Augustus! 

Erblassend Munschel die Trauer verkündet 
Und Alle in Thränen, auf Treue begründet 
Und Liebe zu dem, der ihr Führer ward, 
Wohl um die Wette zerraufen den Bart. 
Doch um nach Kräften entschädigt zu sein 
Für unfreie Fasten und Hungerkastein, 
Erschliessen sie Thore und Herzen dem Krieger, 
Der, ohne gesiegt zu haben, war Sieger. 
Und Schlicher huldvoll und gnädig mit Allen, 
Weil sie ihm geschworen zu sein Vasallen, 
Liess holen von seinen Bagagewagen 
Geflügel und Käse für hungrige Magen» 
Schuhline ob ihrer Befreiung erfreut, 
Nimmt statt der Trauer ein farbiges Kleid, 
Umarmte den Gatten und herzte den Vater, 
Laut schluchzend umarmt sie der weinende Kater. 

Um nun die Ehe zu feiern mit Pracht, 
Ward ein berühmter Dichter gebracht, 
Der, als die Gäste sich niedergesetzt, 
Durch viele unzählige Verse ergötzt, 
Die über die Thaten zu Stande er bracht*, 
Indem er dieselben zum Thema sich macht, 
Und Musikanten, zum Schlüsse zumal, 
Die streichen eins auf im festlichen Saal. — 
Ende. 



Gjrartz de Rossilho, 
das älteste provenzalische Epos. 



Nachdem die lyrischen Gedichte der Provenzalen, besonders 
in den letzten Jahren, theils durch Uebersetzungen einer 
Auswahl derselben von P*. Heyse, so wie von mir* theils durch 
Herausgabe dieser Gedichte, sowie der Biographien der Dichter, 
in der Ursprache, von dem um diesen Zweig der Literatur vor 
allen verdienten Dr. Mahn in Berlin dem Publikum zugänglich 
und bekannt geworden sind, ist von demselben endlich auch 
in seiner Sammlung: „Die Werke der Troubadours in proven- 
zalischer Sprache etc. Berlin bei Dümmler" der Anfang gemacht, 
die epischen Gedichte derselben herauszugeben, und zwar das 
älteste, „Girartz de Rossilho" durch den Professor E. Hofmann 
in München erschienen. Dr. Mahn drückt sich in seiner An- 
zeige desselben so aus: „Von dem Girartz de Rossilho, dem 
ältesten provenzalischen Epos, welches an poetischem Gehalt 
unter den altromanischen und auch altfranzösischen Epen die 
erste Stelle einnimmt, wegen des in ihm herrschenden eigen - 
und alterthümlichen Dialects ein bedeutendes linguistisches Inter- 
esse darbietet, und bisher so gut wie unbekannt war, erscheint 
hier zum ersten Male nach der einzigen Pariser Handsdhrift 
eine wahrhaft kritische Ausgabe. Dieses Epos dürfte auch denen, 
die sich mit der Frage über die Entstehung und Gestaltung 
sowohl des Homerischen als des Nibelungen -Epos beschäftigen, 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. ' 24 



370 Girartz de Bossilho. 

willkommen sein, indem dasselbe der Forschung unerwartete 
Aufscnlüsse und neue Argumente zuzuführen sehr geeignet ist." 

Diese . Worte entschuldigen wol den Versuch, auch die 
Leser dieses Blattes, nicht zwar durch eine Uebersetzung des 
ganzen Gedichts x denn dies besteht aus neun bis zehntausend 
Versen, sondern durch eine kurze Darlegung des Inhalts nach 
dem Vorgange von Reynouard und Fauriel, allenfalls mit 
Hinzufugung von ein paar übersetzten Stellen bekannt zu 
machen. 

Das. Gedicht ruht auf geschichtlichem Grunde. Girartz 
(französisch Girard oder Gepard, deutsch Gerhard), Sprössling 
einer berühmten gräflichen Familie , verlebte seine Jugend im 
Palast und unter dem Schutze Kaiser Ludwigs des Frommen, 
diente diesem, so wie nach dessen Tode dem ältesten von 
dessen drei Söhnen, Lothar, gegen die beiden andern Brüder, 
Ludwig den Deutschen und Karl den Kahlen, und wurde durch 
Lothar Graf oder Herzog vqn Burgund und in der Folge Vor- 
mund- seines jüngstes Sohne* Karl, dem die Provence als Erb- 
theil zugefallen war, erregte aber durch Macht, Keichthum und 
glorreiche Thaten, besonders gegen die Normannen, den Neid 
des Königs Karls des Kahlen, und hatte deswegen mehrere 
Kriege gegen ihn zu führen, in welchen er zuerst meistens 
den Sieg davon trug, endlich aber in seinem prächtigen, von 
ihm erbauten Schlosse ßoussftlon auf dem Berge Lassois oder 
Lascons, unfern von Chatillon an der Seine, 869 belagert wurde, 
wobei auch Bertha, Gerhards Frau, als Heldin erwähnt wird, 
musste die Provence dem Könige abtreten, und beachloss sein 
Leben, nachdem er Kirchen und Abteien gegründet hatte, 
im Besitz von Burgund auf seinem Schlosse Bouss^lon 878 
oder 79. • 

Dies Wenige, was man von dem Leben des Helden weiss, 
liegt nun dem Gedichte oder den Gedichten zum Grunde,, welche 
seinen Namen führen; denn man vkennt bi& jetzt wenigstens 
noch* zwei andere Versionen in altfranzöeischei? Sprache* w.ovoa 
die eine aber nur zu einem kleinen Theile ejhaltejn ist; aber 
selbst das pro venzalische Gedicht, von dem hier Nachsicht jje- 



Girartz de Bossilho, 871 

geben weiden »oll, und das in der Pariser Handschrift das rela- 
tiv älteste und ursprünglichste, leider «ber nicht ganz voll- 
ständige ist (ind^m der Anfang fehlt, den die Oxforder alt- 
französische Version darbietet,, und wovon Dr. Mahn in seinen 
Gedichten der Troubadours bis jetzt die ersten dreitausend 
Verse, also ungefähr ein Drittel des Ganzen gegeben hat), 
scheint, auch inneren Gründen zufolge, z. B. wegen mehrerer nur 
wenig veränderter Wiederholungen, nicht das fiteste ursprüng- 
liche zu sein, wenn gleich die Verwechselung Karls des Kahlen mit 
Karl MarteH vielleicht gleich zu Anfang, und wol gar absichtlich 
stattgefunden haben mag. Trotz dieser und ähnlicher Fehler, 
welche das Gedicht fast mit allen Epen des Mittelalters, theilt, 
gehört es zu den bedeutendsten seiner Art, und verdient, auch in 
Rücksicht seines Kunstwerthes, mit dem Homerischen und dem 
Nibelungenepos verglichen, sowie übersetzt oder bearbeitet zu 
werden. / 

Das Gedicht zerfällt in drei Abschnitte; der erste enthält 
Gerhard' s Kriege mit dem Könige, die sich nach vielen Siegen 
und Verlusten mit seiner völligen Niederlage und Flucjit endigen ; 
der zweite sein Umherirren mit seiner Frau im Ardennerwalde, 
sein Elend, seine Verzweiflung; der dritte seine Versöhnung 
mit dem Könige und Wiedererlangung seiner Würden und 
Länder» 

Eine sehr kennzeichnende- Stelle ist nicht weit vom Anfang 
der Abschied Gerhards von Karl nach ihrer beiderseitigen Ver- 
mählung, des Königs mit einer unbenannten Tochter des Kaisers 
von Konstantinopel, und des. Grafen mit deren Schwester Bertha. 
Die junge Frau des Königs war früher die Geliebte des Grafen 
gewesen, und er auch von ihr geliebt worden; aus Edelmut 
hatte er sie seinem Lehnsherrn abgetreten, ohne dass ihre 
gegenseitige Liebe dadurch verringert wäre, und sich mit deren 
Schwester begnügt. „Am nächsten Morgen — heisst es nun — 
führte Gerhard die Königin unter einen Baum, und diese nahm 
ihre Schwester Bertha und zwei Grafen mit. Was sagt ihr, 
Frau Königin,, — hub Gerhard an, — dass ich euch für einen 
geringeren Gegenstand vertauscht habe? Ich weiss, ihr werdet 



$72 Girartz de Rossilho. 

mich darum missachten. — Vielmehr um so höher achten, - 
antwortete sie — ihr habt mich zur Königin gemacht, und ans 
Liebe zu mir habt ihr meine Schwester geheiratet. Bertakis 
und Gervais, ihr beiden Grafen, seid mir meine Zeugen und 
Bürgen, sammt dir, meine theure Schwester und Vertraute, 
sammt dir vor allen Jesus, mein Heiland, dass ich mit diesem 
Ringe dem Herzog Gerhard für immer meine Liebe schenke, 
und ihn zu meinem Ritter und Seneschal ernenne , dass ich ik 
mehr liebe als meinen Vater und als meinen Gemahl, und dass 
ich bei dieser seiner Abreise nicht umhin kann, Thränen zu 
vergiessen. — Und diese gegenseitige Liebe zwischen dem 
Grafen und der Königin veränderte sich auch bis an beider 
Tod nicht, ohne dass damit etwas Nachtheiliges verbunden ge- 
wesen wäre, sondern sie bestand nur in zarter Zuneigung und 
in geheimem Andenken." 

So wenig Raum dieser Vorfall in dem Gedicht einnimmt, 
so wichtig ist er dennoch. Er dient zur Vorbereitung des 
Schlusses. Der König wird durch die Bitten seiner Frau erweicht 
und versöhnt sich mit Gerhard. 

Zunächst wird sein Hass, sein Neid, seine Eifersucht durch 
diesen Auftritt freilich verstärkt, und der Dichter hat in der 
That nichts vergessen, um den Grafen zu einem furchtbaren 
Gegner zu machen. Ausser Burgund besass er die Land- 
schaften Gascogne, Auvergne und die Provence, die Graf- 
schaften Narbonne und Barcellona, so dass er mehr ein König 
als ein Lehensträger war. Viele hatten Würden und Ländereies 
von ihm zu Lehn, z. B. sein Oheim Odil oder Odilon, und 
sogar sein Vater Drogon, der jenseit der Pyrenäen seine Be- 
sitzung hatte. Eine Menge der bravsten Ritter hingen ihm an, 
zu welchen auch seine vier Neffen , Odilons Söhne , Foulque* 
oder Folko, Bos oder Boson, Ghilibert und Seguin, und ein 
Vetter, Namens Fouchier, gehörten. — Aber auch auf des Königs 
Seite gibt es ausgezeichnete Männer und Helden, namentlich 
Peter von Marabei, und besonders den alten Thierry oder 
Terric, Herzog von Asquana, der zwar mit Gerhards Familie 
von Alters her verfeindet ist, und sich zur Blutrache verpflichtet 



Girftrtz de Rossilho. 878 

hält, aber dennoch Gerhard, wenn er ihn unschuldig glaubt, in 
Schutz nimmt. 

So bricht der Krieg zwischen dem König und dem Grafen 
bald aus ohne die Schuld des Letzteren. Karl jagt im 
Ardennerwald, lagert sich mit seinem Jagdgefolge, oder vielmehr 
mit einem bedeutenden Heerhaufen dem Schlosse ßoussillon 
gegenüber, betrachtet es mit Missgunst, und lässt Gerhard 
auffordern, es ihm zu übergeben, aus keinem andern Grunde, 
als weil es für einen Lehnsträger zu fest und schon sei. 
Der Graf weist die Aufforderung 'mit Verachtung zurück; und 
so kommt es zur Belagerung. Aber das Schicksal des obgleich 
festen und wohlvertheidigten Schlosses entscheidet sich bald. 
Riquier, der von seinem Herrn, dem Grafen, begünstigte Mar- 
schall, wird zum Verräther an seinem Gönner, öffnet dem König 
die Thore, das Schloss wird eingenommen, und der Graf rettet 
sich nur mit Mühe nach Avignon. Hier findet er aber aus- 
reichende Hülfe, kehrt an der Spitze eines bedeutenden Heeres 
zurück, erobert Eoussillon wieder, und überwindet den König 
in einer Schlacht, so dass dieser nach Orleans flieht, um neue 
Kräfte zu sammeln. 

Unterrichtet yon diesen Vorbereitungen, ratschlagt Gerhard 
mit seinen Rittern, und beschliesst als bescheidener und kluger 
Sieger eine Gesandtschaft an den König abzuschicken. Folko 
ist der Anführer derselben, und benimmt sich dabei mit eben 
so vieler Besonnenheit und Kühe wie Wahrheitsliebe, Herz- 
haftigkeit, ja Kühnheit, dass diese Unterredung zu den aus- 
zuzeichnenden des Gedichtes gehört. Der König wird nur noch 
zorniger, und man fordert sich gegenseitig zur Schlacht in die 
Ebene von Vaubeton oder Valbeton. Diese erfolgt, ist weit 
blutiger und schrecklicher als die erste, und dauert bis zur 
Abenddämmerung. Der Sieg hat sich noch nicht entschieden, 
als die Kämpfer durch ein Wunderzeichen getrennt werden, und 
ihre Wut sich in Schrecken verwandelt. Der Himmel selbst 
scheint sein Missfallen zu erkennen zu geben. Aus der könig- 
lichen F*hne brechen Flammen hervor, und die des Grafen 
sprüht von glühenden Kohlen. Der König selbst fühlt sich 
dadurch entmutigt, ist zum Frieden geneigt, sendet seinerseits 



874 GirartK de Rtfcsilko. 

eine Gesandtschaft ati den Grafen ab, der nun aber weniger n 
einem Vergleiche bereit ist, und dazu auch Grund hat. Sein 
Oheim Odilon ist in der Schlacht tödtlich verwundet und sein 
Vater Drogon getödtet, beide von Terric, dem Freunde de* 
Königs. Gerhards Pflicht ist es, sie zu rächen, und er kann 
es nur durch Fortsetzung des Krieges. Nach einem Kriegsiail 
mit den Befehlshabern will er die Entscheidung seinem Oheim 
Odilon überlassen, der auf dem Schlachtfelde, in eine Benedii- 
tinerkutte gehüllt, seinen Tod erwartet. Der Greis räth sterbend 
zum Frieden, und dieser wird unter der Bedingung geschlossen, 
dass Terric auf fünf Jahre in die Verbannung geschickt werde, 
Terric verlas st, um dem Könige den Schmer« der öffentlichen 
Verhängung des Bannes zu ersparen, von freien Stücken das 
Land. Die Versöhnung ist hiemit hergestellt, und Konig und 
Graf vereinigen sich gegen die Saracenen, welche die Pyrenäen 
überschritten haben und Frankreich verheeren, besiege^ sie, und 
leben in bester Eintracht, bis Terric zurückkehrt, und die Blut- 
rache ein neues Opfer fordert. Bos, einer von den Söhnen des 
getödteten Odilon, ist der Vollstrecker derselben. Er verbinde* 
sich mit einigen seiner Freunde und ermordet Terric. Karl der 
Kahle, wütend über die Ermordung seines alten Freundes unc 
Anhängers, hält den Grafen für den eigentlichen Anstifter de: 
That, und so entsteht zwischen ihm und Gerhard eine 'nocl 
grimmigere Feindschaft. Nach vielen Kämpfen mit abwech- 
selndem Glücke leidet Gerhard eine -Niederlage, von der er siel 
nicht wieder erholen kann, sein unüberwindliches Schloss Rous- 
sillon fällt dem Könige abermals durch Verrath in die Hände. 
Er entkommt mit grosser Noth in Begleitung wenige* Freunde, 
flüchtet nach den Ardetoneh, wird verfolgt, verGert dinen eeiner 
Begleiter nach dem andern, bis er sich mit 'seiner GemahHn 
Bertha ganz verlassen und allein sieht. 

Hier beginnt der zweite Theil des Gedichts. Gerhard, der 
mächtige, der reiche Graf, der kühne und bisher meistens glück- 
liche Gegner des Königs, befindet sich nun im tiefsten Elend. 
Er hat Alles verloren; nur seine edle, liebende, unverzagte 
Gattin, sowie sein Stolz, sein Hass gegen seinen Feind und 
peine Hoffnung auf Hache sind ihm geblieben, hn Ardenner- 



(rirartz de Bossilho. 875 

walde trifft er einen armen Einsiedler an und bringt eine Nacht 
bei ihm zu. Dort werden ihm aber seine Waffen und sein und 
Bertha's Pferd geraubt, und er ist nun der Verzweiflung nahe. 
Der gute Einsiedler, der selbst unfähig ist, ihn zu trösten und 
aufzurichten, verweist ihn an einen nicht weit davon auch als 
Einsiedler lebenden gelehrten und ehrwürdigen Geistlichen. Sie 
finden ihn. Der Graf erzählt ihm seine Geschichte und fügt 
hinzu, da ihn dieser zur Busse auffordert: „Ich werde Busse 
thun, aber erst nachdem ich den König getödtet habe." — „Und 
du Elender, — schilt Sin der Einsiedler, — du sprichst von 
Rache bei diesem deinem völligen Unvermögen!" — „Das er- 
kenne ich an, — antwortet jener, — aber ich werde zum Könige 
von Ungarn Otto gehen und ihn um Hülfe bitten. Gibt er 
mir ein Pferd und Waffen, so werde ich auf der Stelle nach 
Frankreich zurückkehren. Ich kenne alle Wälder, w<* Karl zu 
jagen pflegt, und werde nicht eher ruhen, als bis ich ihm das 
Leben genommen habe." — Der Einsiedler mahnt ihn abermals, 
von seiner Rachsucht abzulassen, aber vergeblich. Nur Bertha 
vermag dies Wunder zu thun. Sie wirft sich ihm zu Füssen, 
und steht nicht eher auf, als nachdem er ihr die Versicherung 
gegeben hat, Karl und seinen andern Feinden zu verzeihen und 
sich nicht an ihnen zu rächen. — Sie setzen ihre Irrfahrt fort 
und Gerhard, muss dabei viel Bitteres hören. Von Kaufleuten 
aus Baiern und Ungarn werden sie gefragt: „Was gibt es Neues? 
Wie geht es dem vermaledeiten Grafen ^on Roussillon?" — 
„Er ist todt und begraben, — antwortet Bertha, — der König 
hat ihn tödten lassen." — „Gott sei gelobt! — antworten die 
Kaufteute, — Wenn der Aufrührer todt ist, werden die Leute 
hier zu Lande doch endlich wieder Ruhe und' Frieden haben. " 
Der Graf will sein Schwert ziehen , um sie für solche Reden 
zu bestrafen, aber er hat kein Schwert. Er will sie zur Rede 
setzen, aber er verschluckt seine Worte, um sich nicht zu ver- 
rathen. — Der Wald ist zu Ende. Sie kommen in ein Dorf, 
wo sie nur Kinder und Frauen antreffen. Die Mütter haben 
ihre Söhne, die Frauen ihre Männer, die Kinder ihre Väter 
durch den Krieg verloren. Als er sich mit ihnen ins Gespräch 
einlässt, hört er nur, wie sie ihn als den Urheber ihres Unglückes 
verwünschen und vertfocben. Er erstickt fast vor Schmerz und 



376 Girartz de Kossilho. 

Zorn; aber seine Gattin erinnert ihn an die frommen Mahnungen 
der Einsiedler, und heisst ihn, alles, was er hört und sieht, als 
eine strenge Prüfung von Gott zu ertragen. Gerhard zeigt sich 
in seiner Schwäche, bald bereut er, bald wünscht er, auf dem 
Schlachtfelde seinen Tod gefunden zu haben; aber Bertha wird 
nicht müde, ihm aufs neue Ergebung, Mut und Hoffnung ein- 
zuflössen. — Bei der Weiterreise hören sie, dass der König 
, öffentlich einen bedeutenden Preis dem zugesichert hat, der ihm 
den Grafen todt oder lebendig überliefere, und so sehen sie sich 
genöthigt, abermals gebahnte Strassen zu vermeiden und Einöden 
aufzusuchen. Es fehlt nun an Entbehrungen, Leiden, Mühselig- 
keiten und Gefahren nicht. Hier zeigt sich Bertha in aller 
ihrer Kraft und Grösse. Sie handelt für ihren Gatten, sie rettet 
ihn gewissermassen täglich» und schützt ihn vor Verzweiflung. 
Sie liebt t ihn, sie redet ihm freundlich zu, aber ihre Liebe hat 
etwas Ernstes und Männliches, ja bisweilen Herbes, und nur so 
erreicht sie ihren Zweck. Sie ist das Muster einer christlichen 
Gattin, sie ist eine Heldin im edelsten Sinne des Worts. — 
Eines Tages hören sie im Walde ein furchtbares Getöse. Sie 
nähern sich und finden wilde, schwarze, russige Gestalten um 
ein hellloderndes Feuer. Es sind Köhler der Auvergne, welche 
die Stadt Aurillac mit Kohlen versorgen. Sie machen dem zwar 
mit Lumpen bedeckten, aber grossgewachsenen» gliederstarken 
und stattlichen Mann das Anerbieten, ihr Lastträger zu werden, 
und Kohlen nach Aurillac auf seinem Bücken zum Verkaufe zu 
schaffen. Gerhard nimmt es mit einem Lächeln über das ihn 
verfolgende Schicksal an, trägt einen ungeheuren Sack mit 
Kohlen nach Aurillac, erhält für seine Dienstleistung sieben 
Denare, eine Summe, die er laiige nicht besessen hat. Das 
Geschäft gefällt ihm, und er widmet sich ihm, während Bertha 
ihrerseits in einer Vorstadt von Aurillac die Nätherei und 
Schneiderei übt. So vergehen zweiundzwanzig Jahre ; sie scheinen 
die Erinnerung an ihre frühere Lage verloren zu haben, als ein 
unvorhergesehenes Ereigniss sie plötzlich aus ihrem Schlummer 
aufrüttelt. Zwei mächtige Herren, Graf Gauceln und Herzog 
von Aiglan geben ein ritterliches Fest, das damals den Namen 
Quintaine führte, und hauptsächlich darin bestand, nach einem 
Pfal, an welchem ein Schild befestigt war, zu reiten und mit 



Girartx de Rossilho. 977 

Lanzen zu werfen. Die ganze Bevölkerung hatte sich dabei 
versammelt, und auch Gerhard mit seiner Frau sich ein- 
gefunden. Das Fest war prächtig und zeichnete sich besonders 
durch die glänzenden Anzüge und Waffen der Bitter aus. Der 
Anblick wirkte zumal auf Bertha lebhaft. Sie gedachte der Zeit, 
wo Gerhard dergleichen Feste gab, wo sie stolz war auf die 
Geschicklichkeit, auf die Siege ihre* Mannes in den Kampfspielen; 
sie ward davon so ergriffen, dass sie ohnmächtig in Gerhards 
Anne sank, und seinen Bart, sein Gesicht mit ihren Thraüen 
benetzte. Dieser errieth ihre Empfindungen und sagte: „Theures 
Weib, ich sehe, dein Herz unterliegt endlich unserm Elend. 
Verläse mich) Kehre zurück, und ich schwöre dir bei Gott und 
allen Heiligen, dass ich deine Ruhe niemals stören will, dass 
du mich nicht wiedersehen sollst." — „Du redest thöricht, — 
antwortet Bertha, — das verhüte Gott, dass ich jemals, so lange 
ich athme, von dir getrennt werde- Lieber will ich den Flammen- 
tod erleiden. Betrübe mich nie wieder durch so herbe Worte! 
Wenn du mir aber folgen willst, so lasa uns Beide zusammen 
zurückkehren. Wir werden ohne Gefahr reisen, man wird uns 
nicht erkennen. Wer weiss, ob uns daö Glück nicht wieder 
lächelt? Du warst der Geliebte der Königin, meiner Schwester; 
ich verde mich ihr vorstellen, sie wird sich für dich bei ihrem 
Gemahl verwenden, und der König ist nicht so hart und grausam, 
dass er dir nicht verzeihen sollte. u Gerhards Stolz empört sich 
zuerit gegen diesen Vorschlag, endlich aber gibt er nach, und 
sie gehen nach Orleans, wo sich der König mit seinem Hofe 
damds befand. 

Hiermit beginnt der dritte und letzte Theil des Gedichts, die 
letzte Reihe von Schicksalen unaers Helden, die ihn einem glück- 
lichen Schlüsse seines Lebens zuführen. — Sie kommen am 
grünen Donnerstag an, und Gerhard verschmäht es, den Besuch 
»einer Frau bei ihrer Schwester und den Erfolg desselben ab- 
jzuwarten, er eilt zur Kirche, und stellt sich in seinem Bettler- 
aifzuge unter die Armen, Kranken und Pilgrimme, unter welche 
die Königin an diesem Tage mit -eigener Hand Gaben zu ver- 
theilen pflegt. Aber ein wachhabender Priester hat Missfallen 
an ihm, weist ihn weg, und er kehrt trostlos zu seiner Frau 



876 GirartK de ftosftillio. 

zurück. Diese sagt: „Lass uns den Met nicht yerHereh, und 
höre, was ich dir zu sagen habe! Morgen ist Charfreitag, an 
welchem die Königin ohne Begleitung in die Kirche geht, um 
ihr Gebet zu verrichten. Suche sie dort auf, Und gib ihr diesen 
Bing, welchen sie dir einst in meiner und der beiden Gräfe 
Gervais und Bartelais Gegenwart als Pfand der ewigen Zu- 
neigung einhändigte. Du gabst ihn mir damals, und ich habe 
ihn treulich aufbewahrt." — Gerhard ist entzückt, den Ring 
wiederzusehen, und befolgt den Räth seiner Frau. Er schlackt 
am nächsten Tage der Königin unvermerkt in die Kirche nacL 
und fällt ihr, als sie ihr Gebet verrichtet hat zu Füssen mit 
den Worten: „Gebieterin, bei der Liebe Christi und aller Hei- 
ligen, welche ihr angefleht habt, und bei der Liebe des Grafen 
Gerhard, der einst eure Freundschaft besass, beschwöre ich 
euch, mir zu helfen." — „Armer, Mann, — antwortete die 
Königin, — was sprecht ihr von Gerhard? Wisst ihr von ihm? 
Könnt ihr mir Nachricht von ihm gebefcf* — „Königin, - 
beginnt Gerhard Tön neuem, — erlaubt mit eine Frage! Was 
Würdet ihr thun, wenn Gerhard sich plötzlich bei euch ein- 
stellte?" ■— „Ihr seid sehr kühn^ tiiein Freund, — erwieÜert 
die Königin, — mir eine solche Frage vorzulegen. Aber ich 
gestehe, dass ich vier Städte meines Eeiches hingäbe, wenn id 
wüsste, dass er noch am Leben Wäre, und ich ihn mit Augen 
vor mir sähe." — Auf diese Worte übeitefcht er ihr den Bing; 
sie betrachtet ihn, erkennt den Bing, erkennt den Grafen und 
„Nun, ' — sagt der Diohter* — war kein stiller Freitag für sie. 
Sie sinkt ihm in die Arme, sie küsst ihn hundertmal, und bsA 
manchen eiligen Fragen und Antworten übergibt sie ihn iw\ 
Schutze eines Priesters, feuf dessen Vetsfchfriegeaheit sie reeben 
kann. — Von hier an scheint die Handschrift an einigen Stdlen 
verderbt oder lückenhaft zu sein. So viel aber erhellt, dass <Ee 
Königin sich bemüht, des Königes GuUst dem Geliebten wieder- 
zugewinnen. Es geliügt ihr. Der Graf erhält »eine ehemalige 
Besitzungen und Würden zurück, doch nicht bloss aus Begi»- 
digung, sondern weil er sich mit Hülfe der Königin einen A* 
hang, eine Partei zu gewinnen w^iss, mit welcher er item E«? i 
entgegentritt und seine Forderungen vorlegt. Eb kottrint sogar 
aufs heue zu kriegerischen Auftritten. De* Graf bem8etög< i 



Girartz de Rossilho. 879 

sich seines Schlosses Roussillon mit "bewaffneter Hand, und ein 
Krieg scheint unvermeidlich; aber durch die Vermittlung' det 
Konigin kommt erst ein Waffenstillstand auf sieben Jahr zu 
Stande, der sich dann in einen Frieden verwandelt, den nun- 
mehr nichts wieder stört, so dass der Held nach vielen in Gemein- 
schaft mit seiner Frau gegründeten milden und frommen Stif- 
tungen auf seinem Schlosse Roussillon eines sanften Todes stirbt. 
Kurz vor dein Schlüsse des Gedichts heisst es: ' 

üfun stand nach Fröriunigkeit all sein Begehr, 
Er stiftete viel Klöster ringsumher, 
Auch der Abteien schönste gründet' er, 
Viertausend Gotteshäuser, wenn nicht mehr. 
Und mit ihm that's die Gattin, hoch und hehr. 
Die Stiftungen beschenkten sie auch sehr 
Mit Land und Leuten und mit Gelde schwer, 
Mit Dörfern, Weilern, reicher Zugewahr, 
Mit Priestern und Pfarrherrn zu guter Lehr. 

Ich kann mich nach diesem kürzen Bericht von dem Inhalte 
des Gedichts nicht enthalten, noch ein paar Worte über die 
Charaktere zu sagen, und besonders die männlichen -*• denn die 
der beiden Schwestern leuchten schon aus Obigem hervor — 
theils in einzelnen Zügen, theils in einer längeren Unterredung 
derselben darzustellen. Auf des Königs Seite wird Terric z. B. 
so beschrieben: „Er ist ein Greis mit" einem schneeweissen, bis 
zur Örust herabreichenden Bart. Er Weiss nicht wie alt er ist, 
er Weiss nur, dass er bereits über hundert Jahre gelebt hat; 
aber sein Lanzenwurf, sein Schwerthieb ist der eines Jünglings." 
— Auf des Grafen Seite sind seine beiden Neffen FoHco und 
Bos gleich tapfer, aber ihre Ritterlichkeit hat ein sehr ver- 
schiedenes Gepräge. Bös liebt den Krieg wegen des Krieges, 
er räfh immer unter allen Umständen dazu, er weiss nichts 
Bessö*eö, er lebt und tfebt darin; Folko liebt nur den gerechten 
Krieg. Ba heisst es: „Wollt ihr Folko's Eigenschaften kennen 
lernen? Er 'hat alle ritterlichen, mit Ausnähme der schlechten; 
von diesen hat er keinfe einzige. Er ist ein beherzter Krieger, 
ein kluger Öofmann, fein, milde, freimütig, grade und ehrlich, 
er hat edte Sitten und weiss zu sprechen. Er kennt Wald und 
Fltas8, er spielt Würfel, Schach, Laute, er ist wohMbätig gegen 



$80 Girarts de Rossilho. 

Gute und Schlechte. Vor allen Dingen ist er gottesfürcbtig, 
und, seitdem er geboren ist und am Hofe lebt, hat er es niemals 
ertragen können, dass Jemand Unrecht übt oder leidet, und hat 
gesteuert, oder sich wenigstens darüber gegrämt. Er liebt den 
Frieden mehr als den Krieg; aber wenn er einmal Schwert. und 
Lanze ergriffen hat, wetteifert er an Tapferkeit mit Allen und über- 
trifft sie. Der Krieg zwischen seinem Oheim und dem Könige 
missfällt ihm, er sucht ihn zu verhindern, aber er hilft seinem 
Oheim mit allen seinen Kräften. Man kann ihn desshalb nicht 
tadeln, denn seinen Freund zu verlassen ist etwas Schimpfliches 
und Abscheuliches. Ich möchte lieber Folko sein als Herr von vier 
Königreichen." — Von dem Vetter Gerhards, Fouchier, sagt der 
scherzhafte Dichter: „Es gab niemals einen schlaueren Spion 
oder einen keckeren Dieb und Räuber, er hat mehr Geld und 
Gut an sich gerafft, als ganz Pavia aufbringen kann; aber er 
ist zu vornehm, um seine geraubten Kleinodien zu verkaufen, 
er verschenkt sie lieber; von Frankreich bis Ungarland gibt es 
keinen mildthätigeren Grafen als ihn." 

Diese letzteren Personen sowie einige andre zeigen ihre 
Eigentümlichkeit besonders in jener schon angedeuteten Unter- 
redung zwischen dem König und der Gesandtschaft, welche Graf 
Gerhard zur Beilegung des Kampfes an den ersteren abschickt 
Die Gesandten werden von dem Grafen Aymes, dem treuen 
Lehensmanne des Königs, aber zugleich dem Freunde Gerhards, 
eingeführt. „Herr König, — - sagt Aymes, — hier ist Folko." 
— „Der bin ich, — nimmt Folko das Wort, — und ich komme 
mit der Bitte an euch, meinem Oheim Gerechtigkeit widerfahren 
zu lassen, und mit der Hoffnung, dass ihr meine Bitte erfüllen 
werdet. Warum führt ihr Krieg mit ihm, Herr König? Ueber- 
lasst euch nicht eurer Leidenschaft! Wenn ihr zerstört, was ihr 
erhalten solltet, so wird euch Gott verlassen. Ihr habt den 
Krieg angefangen; macht ihm ein Ende! Laset dem Grafen, 
was ihm gehört, und glaubt nicht den Höflingen und Schmeichlern, 
die euch etwas Falsches vorgaukeln und euch belügen!" — „Bei 
Gott, Herzog Folko, — erwiedert der König, — ihr wisst eure 
Worte zu setzen, aber ich werde handeln, wie es mir geziemt. 
Wenn Gerhard Rousaillon und Burgund bisher in Besitz gehabt 



Girartz de Rossilho. 381 

hat, so bin ich es, der sie ihm verlieh; und ich werde sie ihm 
nehmen, wenn ich es vermag; und ich denke, es gibt keinen so 
hohen Thurm, und kein so festes Schloss, das ich nicht einnehme 
und zerstöre.* — Hierauf nimmt Begon das Wort, der Solin 
Basins: „Herr König, wir verachten solche Drehungen, untt 
Gerhard möchte euch leicht einen Zaum anlegen, an dem er euch 
fester halt, als der MaulthieJrtreiber sein störrisches Maulthier. 
Wenn ihr Krieg und Schlacht wollt, so sollt ihr sie haben, und 
mancher mächtige Baron wird darin einen Lanzenstich oder 
einen Schwerthieb empfangen, der ihm das Lebenslicht ausbläst, 
aber Graf Gerhard wird weder eine Mühle oder einen Backofen, 
noch eine "Wiese oder eine Scholle -Erdreich verlieren." — „Herr 
König, — beginnt Folko wieder, — hört, was Gerhard euch 
nach Becht und Billigkeit anbietet. Wenn er euch in irgend 
einem Punkte verletzt "hat, so sind wir hier unsre hundert Bitter 
gekommen, um als Geissei bei euch zu bleiben. Aber ich 
behaupte, dass Boussillon dem Grafen gehört, und dass ihr bloss 
das Becht habt, jenseit der Seine Jagden anzustellen wegen der 
vier Schlösser, Quarene, Chatillon, Sonegart und Montaloi, 
welche ihr dort besitzt. Wenn mir das Jemand bestreitet und 
mich Lügen strafen will, so werf* ich ihm meinen Handschuh 
hin." — „Verflucht sei, — ruft der König, — wer diesen Hand- 
schuh aufnimmt, ehe ich Gerhard ausser Stand gesetzt habe, 
von Krieg zu sprechen!" — „Das werdet ihr nimmermehr , bei 
Lebzeiten des Grafen vermögen," — antwortet Folko. „Der 
verdient nicht Ehren, noch Dach und Fach, wer den Grafen 
des Hochverraths zeiht, ohne ihn zu beweisen. Ihr seid es viel- 
mehr, o König, der an dem Grafen verrätherisch und meineidig 
gehandelt hat. Bitter, Grafen, Herzoge, ja der Papst selbst, 
der Statthalter Christi zu Born, hatten euren Eid empfangen, 
dass ihr die Tochter des mächtigen Kaisers heiraten wolltet zu 
derselben Zeit, wo sich Gerhard mit deren Schwester vermählen 
würde. Ihr habt euch aber dabei unedel und falsch benommen, 
ihr habt dem Grafen seine Geliebte entzogen, und ihn mit der, 
die eure Frau werden sollte, abgespeist. Wenn einer eurer 
Schmeichler behauptet, dass ihr wohl daran gethan habt, so 
trete er vor, und ich werde ihn todt hinstrecken." — „Nichts 
hier von Zweikampf, — ruft der König, — ihr sollt aber einen 



382 QirarU de Bossilho, 

5appf haben, dar Tosenden von euch Blut un4 Leben km 
wird." -*• Bei diesen Worten, nähert eich Gerhards Yete, 
Fo^chier, dem Könige. Kein verwegnerer Bitter hat jemals ?a 
einer Dame einen Kuss bekommen. Es gelüstet ihn jetzt, da 
König zu erbittern, „Bei Gott, Karl der Kahle, — ruft er, - 
ihr; seid nicht recht gescheut mit eurer Großsprecherei. Weis 
euch denn so sehr nach Krieg hungert, so sollt ihr mich w 
Memme schelten, wenn ich euch nicht den Hals vollstopfe. Ii 
werde mit tausend Bittern komme?, von denen euch jeder Ein- 
zelne den Kopf warm machen soll, und ich hoffe, dass ihr m 
beim , Friedensschlüsse ohne Weigerung ein Schloss abtreta 
werdet. " — Dem König stieg vor Jähiorn das Blut ins Gesü 
und er gab den Befehl, die sämmtlichen Gesandten gefangen r. 
nehmen und an den Galgen zu hängen, als Enguerrand, Tenic 
Potts und Eichard ihm zuriefen: „König, du bist verloren, wo: 
du ein solches Schelmenstück begehst« Wir verlassen dich c 
der Stelle allesammt." Nun nimmt auch fiervin von Camte 
das Wort, und Alles merkt auf, denn seine Beden sind wei* 
und seine Bathschlage gut. „In unserm Lande sind jetzt m 
wütende Bullenbeisser, die gern einer dem andern das Game 
machten. Wer sind unsre gemeinschaftlichen Feinde? Die San- 
cenen sinds. Die sollten wir bekriegen, aber wir backen ^ 
gegenseitig die Augen aus, und unsre Feinde, die Heiden, hob- 
lachen." — „Das klingt sehr patriotisch und sehr christlich, - 
antwortet der König, — aber ihr habt gut reden, mein Fred: 
erst muss ich mir den Bücken sichern, ehe ich den Heiden fc 
Gesicht zeige, und die Untertanen bestrafen, die mir mes 
Eigenthum geraubt, oder meine Leute getödtet haben." - 
„Wir werden uns verabschieden, Herr König, — hebt Foik. 
wieder an, — und dem Grafen von dem Ausfall unsrer Unter- 
redung Nachricht bringen. Es ist leider w^der etwas Tröstliche* 
noch etwas Ehrenhaftes. Euer Heer steht bereit; wir werde 
das unsrige versammeln, und uns dort unten in der Ebene«: 
Vaubeton wiedersehen." — „Ich werde nicht auf lpich W* 
lassen, — antwortet Karl; — gebt ihnen das Gdeit, Gs 
Aymes!" — „Ich bin bereit, -~ spricht Aymes,. — aber i- 
thue es mit schwerem Herzen. Thut nich^ IjUxr Königi ** 
euch gereuen möchte! Erwägt den Schritt» den itur vorhabt, iw* 



GijftTU 4e B904UM. m 

einmal! Nehmt die Ver&cldäge an, behaltet die Bitte* als Geis sei!" 
— „Ich habe es hinlänglich erwogen, — antwortet Karl, — und 
nichts kann mich davon abbringen. Ich will den Grafen be- 
suchen, und mir herausnehmen, sein Schnitter und Gärtner und 
Winzer zu sein. Dann werde ich ja auch die tausend Bitter 
sehen, die Fouchier gegen mich anführen will, ein Mann, der 
nicht tausend Fuss Lande* sein nennt. Aber der Dieb mag 
sich g^hprjg- verst$<?k$n! Denn wenn ich seiner habhaft werde, 
soll er an dem nächsten Aste baumeln." — „Las st es bei der 
Schlacht bewenden, — erwiedert Folko, — und nehmt euch vor 
Fouchier in Acht! Er ist ein Sperber, der seine Beute mit den 
Krallen fasst, und mit dem Schnabel zerhackt. Er ist ein Rabe, 
vor dem kein Bing, keine Börse, kein Goldstück sicher ist. 
Aber er ist ein edelmütiger Räuber. Er wird das, was ihr andern 
geraubt habt, euch abnehmen, um es an die zurückzugeben, die 
es zuvor rechtmässig besessen haben." — 

Zu dieser längeren Stelle füge ich endlich noch eine kürzere 
hinzu, die früher erwähnte zu Anfang des Gedichts, in welcher 
sich der Graf von der Königin verabschiedet, und zwar in 
möglichst treuer Uebersetzung, mit Beibehaltung des Versmasses 
der Urschrift, des gereimten zehn- oder elfsilbigen Verses. Bei 
dem Beimreichthum der provenzalischen Sprache bleibt derselbe 
Beim bisweilen in einer bedeutenden Anzahl von hintereinander 
folgenden Zeilen derselbe, und ibh habe mich für diese kleine 
Stelle auch diesem Zwange unterworfen, von dem ich aber einem 
deutschen Uebersetzer des ganzen Gedichts abrathen würde. 

Sie trennten sich bei nächsten Morgens Schein. 
Gerhard beschied die Königin zum Hain, 
Die nahm die Schwester mit, sammt Grafen zwein. 
„Mich trifft, Frau Königin, ein böser Schein. 
Dass ich euch hingab, war es recht und fein, 
Für eure Schwester? Könnt ihr nuVs verzeihn?« 
«Graf, mehr noch acht' ich euch, gar ungemein. 
Ihr machtet mich zur Königin, allein 
Aus Lieb', und nahmt zur Frau die Schwester mein. 
Nun sag 1 ich, Bartolais, Gervais, euch zwein, 
Ihr sollt mir Zeugen, sollt mir Bürgen sein, 
Und meiner Beichtgerin, dir, Schwester mein, 



884 Girartz de Rossilho. 

Und Christas, dir» der einzig sündenrein: 
Dem Grafen ndr will meine Lieb' ich weihn. 
Ich händge diesen Ring als Pfand ihm ein. 
Mann acht' und Vater gegen ihn ich klein, 
Darum ich auch bei seinem Abschied wein'.* 

Und Beider Liebe blieb nun alle Zeit, 
Erregt' auch keine Ungekgenheit, 
War still Andenken nur voll Innigkeit 



K. L. Kannegiesser. 



Moli&re's Sprache. 



Die Sprache Molifere's nach ihrer lexicalischen und gram- 
matischen Seite systematisch darzustellen, ist durch das ver- 
dienstvolle Lexique comparä de la langue de Moli&re von F. 
G^nin sehr erleichtert. Dieses Wörterbuch muss Jedem will- 
kommen sein, der sich mit der französischen Sprache wissen- 
schaftlich beschäftigt. Die Vortheile einer solchen Zusammen- 
stellung springen in die Augen. Sie bleiben immer gross, auch 
wenn der „systematische"*) Deutsche Anforderungen an ein 
solches Lexikon stellt, die Herr Genin nicht erfüllt, und ob- 
gleich zunächst ein Princip der Auswahl der aufgenommenen 
Wörter nicht ersichtlich ist. Man erwartet natürlich, wenn ein 
vollständiges Wörterbuch zu Molifere nicht gegeben werden soll, 
eine Zusammenstellung solcher Ausdrücke, die dem Dichter 
und seiner Zeit eigentümlich sind, oder deren Anwendung von 
der modernen irgend etwas Abweichendes hat. In der Vorrede 
weist Herr G&iin die Notwendigkeit nach, dass die jetzige 
Sprache, um nicht zu verarmen, an dem Styl des siebenzehnten 
Jahrhunderts neue Kraft und Fülle gewinnen müsse, und fährt 
fort: C'est la pens^e qui a inspir^ ce Lexique: l'auteur s'y est 
propos^ de recueillir toutes les expressions et les tournures qui 
constituent la langue de Molifere, de les relever, non pas une 
seule fois, mais autant de fois qu'elles se rencontrent. Nachher: 
Le r&ultat doit montrer qu'il nous faut reprendre certaines 



*) Herr G£nin nennt den Deutschen gern »systematisch, 11 und halt ihm 
immer seinen instinct national entgegen (in seinen Arbeiten über das Alt- 
französische). 1 

Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 25 



386 Moliere's Sprache. 

expressions ; en bannir certaines autres ou les corriger, co&fat- 
mement ä l'usage priinitif. Später: Je n'e*claire que la partie 
de son style ou d&ectueuse ou douteuse : ce sont des archaismes, 
des n^gligences, des expressions risqu&s, de mauvaises mea- 
phores, des fautes k lui particulieres, ou communes k toute m 
epoque etc. etc. Mais tant de sublimes beautes dont-il foisonne 
n'obtiennent ici aucune mention; la raison en est bien simple: 
le premier merite de ces beautes, c'est d'etre parfaitement cor- 
rectes; des lors elles ne sont plus de mon domaine . . . Alm 
nur das nach der heutigen Anschauung Incorrecte soll auf- 
führt werden, damit die jetzige Sprache sich daraus bereichert. 
Das Lexicon zählt aber' eine Masse Wörter und Wendungen 
auf, die durchaus nichts Abweichendes oder Besonderes bieten, 
wie au prix de im Sinne von en comparaison de, ferne d 
net als Adverbe (parier net etc.), filer doux, die Unterdrückung 
des reflexiven Pronomens nach faire (je le fais retirer); lacoo- 
turne ne veut pas qu'un gentilhomme sache rien faire (rien soll 
hier für quelque chose stehen) ; Infinitiv mit k nach essayer, 
tächer etc. ; ne nach ne pas douter, ne pas nier, craindre; taxer 
im Sinne von accuser ; tout veränderlich, je nachdem das Ad- 
jectiv, zu dem es gehört, mit einem Vocal anfängt oder nicht 
u. s. w. Auflallender ist, dass Herr Genin die vielen grammi- 
tischen Thatsachen, die er bei Moliere und seinem Jahrhundert 
gesammelt hat, uns alphabetisch unter das Lexicalische gemischt, 
statt nach einem grammatischen System, und wäre es auch otf 
nach Wortarten geordnet vorführt. Was für ein anderes BÜ 
gewänne man von* der Sprache des Dichters, wenn das Gram- 
matische vom Lexicalischen getrennt, nach Kategorien einge- 
theilt, das Zusammengehörige zusammengestellt wäre! Hen 
Genin trennt k und au, spricht unter der Uebersohrijft a redouble 
von dem bekannten, auch bei Racine und Andern sich findendes 
Gebrauch, bei Hervorhebung eines Wortes durch c'est mit fol* 
gendem que statt dieses que das relative Pronomen im Ca«» 
des hervorgehobenen Nomens zu setzen (c'est ä vous, m« 
§sprit, k qui je veux parier; Boileau), während doch dieser Fall 
sicherlich nichts mit der Präposition k zu thun hat, so weajf 
er unter de gehört, wo er von Neuem erwähnt wird, noch unter 
6ü, wo die analoge Ausdrucksweise c'est dans cette allee oü 



Molifere's Sprache. 387 

Öevrait fetre Orphise besprochen ist; er spricht von der Ueber- 
einstimmung des Prädicats mit dem Numerus des Subjects unter 
c'est$ er spricht vom Infinitiv unter allen möglichen Rubriken, 
je Nachdem er zufällig in dieser oder jener äusserlichen Ver- 
bindung bei Mohäre vorkommt; er bringt das, was er anderswo 
nicht unterbringen kann, unter die Kategorie constructions irr£- 
- guü&res ; der Titel Article supprimö gibt das Beispiel il nouö 
faut le mener en queique hötellerie, et faire sur les pots d£- 
charger sa fturie (ist das vor faire zu ergänzende le ein Artikel?) ; 
bei en ist das Adverb (inde) und die Präposition (in) fort- 
wahrend durch einander geworfen u. s. w. Diesem Chaos gegen- 
über mochte ein Bischen „System" sicherlich nicht schaden. 
Zuerst die Formenlehre, wohin 'Dinge gehören wie treuve für 
trouve, d&lites für d^disez, die für dise, einsilbige Diphthonge 
zweisilbig gebraucht, das e muet nicht im Verse gezählt, das 
Reimen von froide — poss&de u. s. w. Dann die Syntax, in 
der z. B. der Abschnitt von der Negationsmethode das Verhält- 
niss des Dichters zur heutigen Gesetzgebung der Akademie 
ganz anders hervortreten lassen würde, als das zerstreute Ma- 
terial im Lexique, in der ferner z, B. ein Kapitel vom Genus 
Verbi alles das umfasst haben würde, was wir im Lexique ver- 
einzelt unter garder, arr&ter, d&esp&er, aviser, passer, tourner, 
ruer, crier, songer, p&icliter, fonder u. s. w, finden. Der Ge- 
brauch der Tempora, Modi, des Infinitivs, der Participien, der 
Pronomina, des Artikels bietet so viel Besonderes bei Molifere, 
dass übersichtliche Zusammenstellungen dieser Partien der Gram- 
matik sich wohl der Mühe verlohnten. 

In materieller Beziehung muss man sich wundern, dass 
Herr Gtenin ~ trotz des instinct national — folgende Verse 
nicht versteht: 

«Ten suis pour mon honneur; mais a toi, qui me 1'ötes, 
Je t'en ferai du möins pour un bras ou deux cötes. 

„Ich büsse meine Ehre ein, aber Du, der du sie mir nimmst, 
sollst wenigstens einen Arm oder zwei Rippen einbüssen." Beim 
flüchtigsten Lesen kann Einem nicht entgehen, dass das je t'en 
ferai pour . , . auf eine witzige Weise dem vorhergehenden, 
sehr gebräuchlichen j'en suis pour . • . nachgebildet ist. Die 
Oonversationssprache aller Völker liebt solche scherzhaften 

25* 



388 Moüfere's Sprache. 

Nachbildungen; bei Moli&re finden wir dem interpr&er 4 mal 
gegenübergestellt (je dois) Interpreter k charitable soin (le d&r 
d'embrasser ma femme?); bei Dicken« begegnen wir Wen- 
dungen wie people yet growing up, or already growing down 
again; time had mowed down their Sponsors, and Henry tk 
Eighth had melted down their mugs. Was thut HerrGenin? 
Cette expression (je t'en ferai pour . . .), sagt er, est empront& 
au langage technique du commerce, oü Ton dit: Faites-moi dt 
cette marchandise pour teile somme. Als Wunderlichkeit 
führen wir noch an, dass sur peine de für sous peine de n 
erklären sein soll durch die Aussprache von sur = sou, wh 
Verwechslung mit sous veranlasste; d* in u m'a sembte d'en- 
tendre soll nicht die Präposition de sein, sondern ein d eupho- 
nique, vestige de la prononciation primitive (des Herrn Gim 
Theorie der euphonischen Buchstaben ist aus seinen Variation 
de la langue fran$aise und aus seiner Einleitung zum Rolands- 
liede zu ersehen); que diable est-ce li? soll aus quel diable 
„qu'on pronon^ait queu diable" entstanden sein, wiederum eine 
Folgerung aus des Herrn G&iin Ansieht von der Aussprache 
des früheren Französisch; traiter du haut en bas wird erkürt | 
nach der Analogie von traiter de imipris, traiter du meme aar 
(llionnfete homme et le fat) = traiter avec le haut en bas, en 
mettant en bas ce qui est en haut, c'est-i-dire en renvenant, 
bouleversant une personne, en lui mettant la täte auz pieds, | 
und dergleichen mehr. Spasshaft sind die meisten Etymologien 
peu kommt von petit, prou von profit, mi von milieu, aussi von 
etiam u. s. w. 

Im Folgenden versuchen wir, mit Anlehnung an das Lexiqtf 
von G&iin, die Sprache Moli&re's, zunächst die Syntax, i» j 
System übersichtlich zu geben. 

Das Verbum. 

Genus Verbi. Zeitwörter ohne Pronomen mit reflexiv« 
Bedeutung: fonder (Tespoir oü je f.), garder, sich hüten (oft bei Cor- 
neille, Racine, Rousseau etc.), arräter (jetzt gewöhnlich nur vonB* 
senden, die unterwegs anhalten, oder im Impäratif für s'arr&er geartö) 
pamer (jetzt häufiger se p&iner), d6sesp£rer für se d., aviser, neb ein- 
fallen lassen, passer in dem Satze : vous savez que dans ceüe 0» ■* 
son) oü passa mon bas &ge . . . , tourner in : aussi mon cosur toome»»* I 



Möllere'« Sprache. 389 

t-il toujours vers les astres resplendissants de vos yeux adorables. Die 
Fälle, wo nach faire, laisser, voir der reflexive Infinitiv sein Pronomen 
verliert, z. B. im Avare: me voit-on meler de rien? laquais qui viennent 
provoqner les gens, et les faire aviser de boire lorsqu'ils n'y songent 
pas, in Amonr m6d. qu'on me laisse ici promener toute senle, bieten 
nichts Eigentümliches, da noch jetzt die Regel gilt, dass nach faire 
das reflexive Pronomen wegfallt (in welchem Falle das Object das 
Verb faire und den Infinitiv nicht trennen darf), und nach laisser, voir, 
sentir jenes Pronomen wegfallen kann, wenn der Infinitiv und das re- 
gierende Verb nicht durch das Object getrennt sind. Transitive 
Zeitwörter, die jetzt nur intransitiv oder in einem besondern Sinne 
transitiv sind: aviser q. de qc. (=avertir), ruer, schleudern, 6onger = 
imaginer, mediter, consentir, bewilligen, crier q. = gronder, ce que je 
parle avec vous, pretendre qc. für pretendre a (ebenso bei Voltaire, 
Racine etc.), je ne regarde rien (für ä rien) quand il faut servir un 
ami, consulter qc, überlegen, pericliter = risquer, ddrober q., bestehlen, 
vous avez jou6 mes aocusatiöns = ernde* (jouer in diesem Sinne hat 
jetzt als Object eine Person) ; eigentümlich ist in r£tourdi : sous cou- 
leur de changer de Tor que Ton doutait (que Ton craignait qui ne füt 
faux); sonder = affiger, chagriner (jetzt nur se soucier). Eigenthüm- 
lieh reflexiv sind gebraucht se conseiller a q. = prendre le conseil 
de q., se bouger für bouger. Mit Vorliebe gebraucht Moliere s'en 
aller für aller. Intransitiv stehen frequenter chez q.; ce monsieur a 
besoin de repattre. Unpersönlich: il vous ennuyait d'6tre maitre 
chez vous, vous ennuvait-il ? Hülfszeitwort avoir soll nach Genin 
für etre stehen, man weiss nicht warum, in: vous saurez que je n'ai 
demenre* qu'un quart dlieure a le faire (allerdings nach der falschen 
Regel, dass demeurer mit avoir wohnen, mit e"tre bleiben bedeutet, 
müsste hier £tre stehen ; Racine sagt aber ebenfalls ganz richtig ma 
langue embarrasee dans ma bouche vingt fois a demeurä glacee) ; j'ai 
pour vous trouver rentre* par l'autre porte ; j'ai monte pour vous dire . . . 
Das Participium. Das part. pass6 ist an mehreren Stellen 
nicht flectirt; je vous ai vu lui jeter cette pierre, sagt Arnolphe zur 
Agnes in Ec. des fem.; un seul m'eut console*, sagt die Tochter des 
Anselme im Etourdi; man vergleiche in der Athalie von Racine (Acte 
V, sc. II): je Tai vu s'emouvoir für vue« Man weiss, dass das part. 
präsent jetzt zum blossen adjeetif verbal geworden und das unflectir- 
bare gerondif seine Stelle eingenommen hat; bis in's 17. Jahrhundert 
wurde es, auch wo es nicht reines Adjectiv war, also z. B. ein Object 
hatte, flectirt ; so oft bei Moliere : ces brutaux fieffi&s, du nom de maris 
Agrement se parants ; une jeune Alle toute fondante en larmes. Ebenso 
bei Boileau und Racine. Beziehung des gerondif auf ein anderes Satz- 
glied, als auf das Subject des übergeordneten Satzes: je pretends que, 
venant au logis, vous luifermiez au nez la porte honnetement(lorgqu , il 
viendra); n'ayant ni beaute* ni naissance a pouvoir menter leuramour 



390 Moüere's Sprache; 

et leurs soins, ils nous favorisent au moins de Phonneur de k orofi- 
dence (comme nous n'avons ni b. ni n., ils, le prinees, noas favo- 
risent) ; mais savez-vous ansei, lui troavant des appas, qn'autremait 
qu'en tuteur sa personne me touche (savez-vous Valere, que moi, Sgl- 
narelle, loi trouvant, des appas, sa personne me touche autrement qua 
tuteur?); aussi ne trouverai-je aucun sujet de plainte, sipourmoiTote 
bouche avait parle sans feinte ; et, rejetant mes vceux des le premier 
abord, mon co3ur n'aurait eu droit de s'en plaindre qu'au sort (rejetaa 
bezieht sich auf ä votre bouche). Beim partieipe absolu ist oftab 
Subject ein persönliches Pronomen zu ergänzen: je Tai vue aiUeurs,® 
m'ayant fait connaitre les grands talents qu'elle a pour savoir 1'avenir, 
je voulais . . . (eile m'ajant fait, lorsqu'elle m'eut fait • . .) ; j'ai Toik 
l'acheter, l'edit, expressement, afin que d'Isabelle il soit lu hautemeai; 
et ce sera tantöt, n'etant plus occupee, le divertissement de notre apres- 
soupee (Isabelle n'ltant plus occupee, quand Isabelle ne sera plos oc- 
cupee). Ein solches partieipe absolu vertritt häufig einen Conditio^ 
satz ; le plus parfait objet dont je serai charme n'aurait pas mes triboti; 
n'en etant point aim6s (si je n'en Itais pas aime); et tiDurant son ar- 
gen t, qu'ils lui fönt trop attendre, je sais bien qo'ilserait tres-ravidc 
la vendre (si Trufaldin trouvait son argent). Bemerkenswert!! ist nodi 
mais lui fallant un pic, je sortis hors d'effiroi (comme il lui fallaitm 
pique). 

Der I n f i n i t i f. Der blosse Infinitiv ohne Präposition vom jetä- 
gen Sprachgebrauch abweichend: vous plait-il nous eclairck oes beaai 
mysteres ; j'aimerais mieux mourir que la voir abusee ; a moros qu'em 
un vrai sot; avant que te le dire; plutot qu'en soufirir rinsolence; £ 
vaut mieux en mourir tout d'un coup que trainer si loogtemps ; IM 
s'ouvrir a moi,* dont vous avez oonnu dans tous vos inter&s l'esprita 
retenu (feindre für hesiter) ; j'y ai deja jete des diepoeitioos ä ne p\ 
me soufirir longtemps pousser des soupirs ; reverence parier (absolut« 
Infinitiv, wofür Sgan. 16 steht: parlant par reverence) ; etlaisseäflK* 
devoir s'acquitler de ses soins (Amph. I, 2) ; plut a Dien l'avoir toö 
a Theure, le fouet, devant tout le monde, et savoir ce qu'on appwd 
au College (Bourg. gentilh. HI, 3) ; *) il faut, avant que voir ma femme, 
que je debrouille ici cette eonfuöion ; le moyea d'en rien croire, anoi* 
qu'etre insense? Der Infinitiv njit a: nous voüa iaü temp«, m't-tfj 
dit, que je dois partir pour l'armee; je suis apres a m'equiper («# 
maniere de s'exprimer est hasse, sagt Bescherelle in seinem dick * 
nal) ; la mienne (roa mein), quoiqu'aux yeux eile semble moins fort«, 
n'en quitte pas sa part ä le bien ätriller ; un pretexte a couvrir d'aoö« 
feux dont je sais le mystere (Fem. sav. II, 3); c'est un etrange^ 



*) Schifflin, Wissensch. Syntax, §. 487, gibt den Unterschied zwisck« 
il platt mit blossem Infinitiv und demselben Verb mit folgendem de o- 



Moliere's Sprache. 991 

da sein quo von» prenez, k me venir toujours jeter mon ige an nez ; 
taut pis encore de prendre peine a dire des sottises; prenez bien garde 
a voa* dehancher eomme il faut, et a faire bien des facons (Besche- 
reile im diet. nat sagt von prendre garde: suivi d'un infinit! v accom- 
pagne de la negative, il vent la prepositkm ä) ; monsieur, vous vous 
moquez, j'aurais honte a la prendre; nons avons en main divers strata- 
gemes tont pröts a prodnire dans Foccasion (a etre produits) ; ta bouche 
se lieencie a te donner encore un nom qne je defends (se donne licenoe 
jasqu'a . • .) ; je me retire ponr ne me voir point obligee a recevoir ses 
compliments; il ne fant qne poursuivre ä garder le silenoe (continuer 
a); tu feignais a sortir de ton degaisement (hesitois ä...); de veri- 
tables gens de bien, faoiles ä reoevoir les impressions qu'on veut leur 
donner; denx nymphes dispntent a se faire nn epoux de mon fils; c'est 
auasi ponrquoi ma bonche se dispense a vous ouvrir mon coeur avec 
plus d'a&snrance (se dispenser a, sich herausnehmen; vgl. Schiffiin, 
Wies. Syntax §. 393, wo auch ein Beispiel von Corneille steht); l'air 
dont je vous ai vu lni jeter cette pierre me eonfirme encore mieux ä ne 
pas düTerer les noces; c'est anx gens mal touraes, aux merites vulgaires, 
a broler eonstamment pour des beauies severes ; ce gendre doit venir 
vous visiter ce soir, manquez un peu, manquez a le bien recevoir (Ge- 
nin will hier de, Schifflin, Wissensch. Syntax §. 342, fahrt den Satz 
als normal an; *) est-ce donc qne par la vous voulez essayer a Sparer 
l'accueil dont je vons ai fait plainte ? essayez, an peu, par plaisir, a 
m'envoyer des ambassades, ä m'ecrire secretement de petita billets doux, 
a epier les moments qne mon mari n'y sera pas; que votre esprit un 
peu tache a se rappeler; tachons a moderer notre ressentiment ; je vois 
qn'envers mon fröre on tache k me noircir; et qne ta tfes acquise (la 
gloire) en tant d'occasions, a ne tfetre jamais ou court d'mventions (dar* 
durch dass) ; on ne devient guere si riche a etre honnetes gens ; l'alle- 
gresse du coeur s'augmente a la repandre ; un coöur qui jamais n'a fait 
la moindre chose a meriter l'afiront ou ton mepris l'expose (poui 4 me- 
riter); la curiosite qui vous presse est bien forte, m'amie, a nous venir 
ecouter de la sorte; ah! c'est ici le conp le plus cruel de tous, et dont 
a s'assurer tremblait mon fen jaloux ; votre choix est tel qu'ä vous rien 
reproeher je serais criminel. Bücksichtlich dieses Infinitivs mit a, der 
zur Bezeichnung des Zieles, wieweit sich eine Handlung oder deren 
Folgen erstrecken, dient, oder zu der des Grundes oder der Bedingung 
einer Handlung, indem das, was bei einer Handlung vorgeht, als einer 



*) Mit dem Unterschiede, den die Grammaire des grammaires zwischen 
manquer de and m. ä angibt, ist nicht viel anzufangen; ganz ausserlich ist 
auch, was Boubours (Remarques nouvelles, Paris IC 93) säst: quand le verbe 
manquer" est Joint a une negative, on met e*le*gamment de apres . . . mais 
quand la negative n'y est point, a se met plus e'le'gamment que de . . . ce 
ne serak pas ponrtant une laute que de . . . 



S9S Moliere's Sprach«» 

jener beiden Factoren auftreten kann (Kollmann, Frans« Gram. S. 268), 
ist nur zu bemerken, dass Moliere freier und häufiger ihn gebraucht, 
wie überhaupt die Präposition a (sowie de) ein ausgedehnteres Gebiet 
bei ihm hat, als später die Grammatik ihr angewiesen, und manche 
Verhältnisse ausdrückt, zu deren Bezeichnung die spätere Sprache Prä- 
positionen Ton engerem Begriffe anwendet Der Infinitiv mit de: Je 
ne lui demandais pas tant, et je serais satisfait de lui, pourvu qu'fl 
s'obligeat de ne me point tuer; car le ciel a trop pris plaisir de m'af- 
fiiger (vergl. Flech. Ecoutez, esprits moqueurs et libertins qui prenes 
plaisir d'abaisser ceux que Dien eleve) ; la haine que pour vous il se 
resout d'avoir; quand il m'a dit ces mots, il m'a sembl6d'entendre; va- 
t'en vite chercher an licou pour te pendre (Genin nach seiner Theorie 
sagt: il n'y a qu'un d cuphonique, vestige de la prononciation primi- 
tive. Ge d ou t final armait autrefois toutes les terminaisons en e, soit 
des substantifs, soit du participe, comme on peut s'en convaincre en 
jetant les yeux sur les plus anciens monuments de notre langue. „«Tai 
peched a lui seul, u qu'on lit dans saint Bernard, est comme il m'a 
sembled entendre. Schiffiin sucht auf Grund dos feinen Unterschieds, 
den er §. 492 zwischen sembler mit blossem Infinitiv und sembler mit 
folgendem de macht, jene Stelle zu erklären. Ich denke, der blosse 
Hiatus ist Schuld am de); et qu'ils s'etaient permis une foi mutuelle, 
avant qu'il eüt songe de poursuivre Isabelle (songe a); parlons 4 ooeur 
ouvert, et voyons d'arr^ter (wegen des Hiatus für a arr&er) ; rien n'est- 
il süffisant dans arr&ter le cours ? — si votre Arne les euit, et fuit d'etre 
coquette (evite); et qu'il n'est repentir ni supreme puissance qui gagnät 
sur mon coeur d'oublier cette offense (obttnt); je ne feindrai point de 
vous dire (hesiterai ä) ; a quoi bon de te cacher de moi ; il vaut bien 
mieux pour vous de prendre un vieux man ; c'est en vain que tu pre« 
tendrais de me le deguiser; je vous apprendrai de me traiter ainsi; la 
crainte me reduit d'applaudir bien souvent a ce que mon ame d6teste: 
une galere turque oü on les avait invites d'entrer; cet amas d'actions 
indignes dont on a peine d'adoucir le mauvais visage; auparavant que 
de für avant de ; c'est m'honorer de vouloir que je sois temoin d'une 
entrevue si agreable (que de vouloir); vous ne trouverez pas Strange 
que nous cherchions d'en prendre vengeance; chose Strange de voir • . . 
(que de voir) ; dem englischen as to beim Infinitiv, wenn ein Adjectiv 
mit so vorangeht (be so kind as to enter), entspricht si — que de, z.B. 
s'il etait si hardi que de me declarer son amour, je ne croyais pas que 
ma fille fut si habile que de chanter, ferner tant — que de, z. B. qui 
est donc le coquin qui prend tant de licence que de chanter; einen Satz 
mit puisque vertritt der Infinitiv mit de in folgenden Stellen : ai-je fait 
quelque mal de coucher avec vous, je croyais tout perdu de crier de la 
sorte, ils se melent de trop d'affaires, de pr^tendre tenir nos chastes 
feux gen^s. Infinitiv mit pour; ma foi, me trouvant las pour ne pou- 
voir fournir aux differents emplois oü Jupiter m'engage (au point de, 



Moliere's Sprache. 993 

jusqu'a . . •) ; je faais oes coeurs pusiUanimes, qui, pour trop pre* voir 
les suites des choses, n'osent rien entreprendre (parce qu'ils prevoient 
trop) ; toutes les gnerres n'arrivent que pour n'apprendre pas la musique 
(parce qu'on n'apprend pas) ; vous n'etes pas pour etre de mes gens, je 
crois qn'un ami chand n'est pas pour £tre rejete, les choses ne sont plus 
pour trainer en longneur, je ne suis pas pour etre en ces lieux importun 
(Genin bemerkt hierzu: etre, ou n'etre pas pour etre, est une 
expression manifestement trop negligee; mais Moliere ne la creait pas, 
et il &ait directeur de troupe, souvent presse" par le temps et par l'ordre 
du roi). Infinitiv mit depnis: depuis avoir connu feu monsieur votre 
pere. Barbieux in seiner Ausgabe des Avare macht zu den Worten: 
soupconnez-moi de tout, Elise, plutot que de manquer ä ce que je vous 
dois die Bemerkung: Unrichtiger, zweideutiger Satz, indem nur Elise 
das Subject von manquer sein kann. Ein ähnlicher Gebrauch des In- 
finitivs findet sich aber oft, und nicht bloss bei Moliere. II ne vous 
a pas faite une belle personne, afin de mal user des choses qu'il vous 
donne (il, le ciel, ne vous a pas faite, etc. . . . afin d'user • • . nicht 
afin qu'il use, sondern afin que vous usiez) ; c'est bien la moindre chose 
que je vous doive, apres m'avoir sauve* la vie (apres que vous m'avez 
sauve la vie). Das allgemeine Subject on steckt im Infinitive in fol- 
genden Stellen: eile vous dirait bien qu'elle vous trouve bon, et qu'elle 
n'est point d'age ä lui donner ce nom (ä ce qu'on puisse lui donner); 
cet arr&t supreme doit m'etre assez touchant pour ne pas s'offenser 
que mon cceur par deux fois le fasse repeter (pour qu'on ne s'offense 
pas). Schliesslich ist noch zu erwähnen, dass Moliere de und ä häufig 
vor mehreren coordinirten Infinitiven nicht wiederholt: il ne veut ob- 
tenir que le bien de vous voir et vous entretenir ; vous apprendrez, 
maroufle, a rire k nos depens, et sans aucun respect faire cocus 
les gens. 

Gebrauch der Zeiten. Die futurs und die conditionnels im 
Nebensatze genauer angewandt, als jetzt (cette Symmetrie des temps, 
sagt Genin, empruntee du latin, est aussi negligee au XIXe siecle 
qu'elle itait soigneusement observee au XVTIe): je reviendrai voir sur 
le soir en quel 6tat eile sera; lorsqu'on me trouvera morte, il n'y aura 
personne qui mette en doute que ce ne soit vous qui m'aurez tuee; s'il 
fallait qu'il en vint quelque chose a ses oreilles, je dirais hautement que 
tu en aurais menti; si je n'etais stire que ma mere 6tait honnete femme, 
je dirais que ce serait quelque petit frere qu'elle m'aurait donne depuis 
le trepas de mon frere (jetzt würde man sagen: je dirais que c'est — 
qu'elle m'a — ). Fem. sav. V, 5 steht : ce ne sera point vous que je 
leur sacrifie, wozu Genin bemerkt : l'exigence du metre, et la necessite* 
de rimer & philosophie, ont apparemment ici force la main ä Mo- 
liere, dont l'usage constant est de mettre les deux futurs, m&ne en des 
cas oü ils sont bien moins necessaires ; hiergegen ist wieder zu erinnern, 
dass auch in der Prosa, z. B. Avare IV, 1, gefunden wird: j'y ferai 



9U Mutiere'* Sprache. 

tont ce que je puls). Auffallend ist der Gebrauch des conditionnel 
nach ei für das imparfait. Wie man im Spanischen sagt y amara (oder 
amaria) las riquezas, si pudieran (oder pudiesen) samar mis deseoe, 
und im Portugiesischen se houvera oder houvesse boa fe entre os 
homens, seriamos felizes, so findet sieh bei Mottete: si vous auriez de 
la repugnance a me voir votre belle-mere, je n'en anrais pas moins, 
sans doute, ä vous voir mon beau-fils, wozu Köhler (in seiner Aus- 
gabe des Avare, Altenburg 1851) bemerkt, dass das Conditionnel im 
6inne einer mildern Behauptung för das Präsens si voos avez za 
nehmen, Barbieux, dass, um den versteckten Sinn zu finden, man diesen 
Satz nur grammatisch analysiren und ergänzen darf: §41 est vrai que 
oder s'il en est ainsi que • . . Wahrscheinlich, wie auch Köhler be- 
merkt, ist das Tempos ans der Eigentümlichkeit der alten Sprache zu 
erklären, welche auf Uebereinstimmung der futurs und conditionnels im 
Haupt- und Nebensatze hielt, wovon oben die Rede gewesen ist Da 
das conditionnel nach quand in Relativsätzen und sonst in gewissen 
Fällen im Nebensatze eines hypothetischen Satzgefüges sich findet 
(s. Mätzner I, S. 110 ff.), so konnte es bei jener Neigung der Sprache 
zur Uebereinstimmung der Tempora des Haupt- und Nebensatzes auch 
leicht in einen Satz mit si sich einschleichen« Mätzner, I, S. 112, 
fuhrt als Beispiel an le diable m'etrangie, si je n'aimerais pas nrfeox 
vous savoir enterree que moueharde (Merimnee) und meint, dass, wenn 
im Neufranzösischen si irgend einmal mit dem Futurum der Vergangen- 
heit verbunden erscheint, der Nebensatz selbst zu einem andern ver- 
steckten Nebensatze zugleich im Verhältniss eines Hauptsatzes stelle. 
— Die concordanoe des temps hat man oft bei Moiiere verletzt gefunden, 
z. B. die Stellen wie si je me dispense ioi de m'&endre snr les belies 
et glorieuses veritäs qa'on pourrait dire d'elle, c'est par la juste apprt- 
hension que ces grandes idees ne fissent eclater encore davantage la 
bassesse de mon offrande; je n'ai pas meme la force de souhaiter que 
les choses ne fussent pas. Solche abhängige Sätze aber sind nichts 
als ursprüngliche Hauptsätze, bei denen ein conditionaler Nebensatz zu 
ergänzen und in denen das conditionnel wegen des regierenden Verbs 
subjonotif geworden ist (das condiüonale Tempus ist ein Indicativ, das 
eben so gut seinen Gonjunctiv hat, wie die andern Indicative ; wie der 
Conjunctiv des Futurs der des Präsens ist, so lautet der des conditionnel 
dem des Imperfecta gleich; il ne le ferah pas ä ce prix — a ce prix 
vertritt die Stelle eines conditionalen Nebensatzes — je erois qu'il ne 
le ferait pas ä ce prix — je doute qu'il le fit ä ce prix). Wenn Mo- 
iiere ferner sagt serait-ce quelque chose oü je vons puisse aider? so ist 
hier das Conditionnel, obgleich eigentlich ein tempus praeteritum, ein 
tempus praesens, indem es von einer gemilderten Behauptung oder Ans* 
sage gebraucht wird und dadurch dem Präsens nahe rückt; man ver- 
gleiche on dirait que ce soit . • • 
% Modus» Formen des subjonetif im Hauptsatz (in dem man ihn 



Moliere's Sprache. 895 

mimet durch eine Ellipse erklären will, auch Genin) : je sois exteramö 
si je ne tiens parolel — que puissiez-voue avoir toutes choses pro« 
speres; que maudit soit l'amour, et les filles maudites qui veulent en 
tater, puis fönt les chatemites! — sois-je du ciel ecrase si je mens! — 
qui se sent niorveux, qu'il se monche (qu'il überflüssig). Der Indicativ 
statt des Conjunctivs in Substantivsätzen : je fus etonne que, deux jours 
aprds, il me montra toute l'affaire executee; il semble qu'il est en vie, 
et qu'il s'en va parier ; il s'obügera que son pere mourra avant qu'il 
soit huit mois (a ce que son pere meure, was der jetzige Sprachge- 
brauch verlangte, drückt nicht dasselbe aus) ; est-il possible quetoujours 
j'aurais du dessous avee eile? — il suffit que ce qu'on vous promet 
doit etre inviolable; il suffit que nous savons ce que nous savons (sa- 
chions gäbe einen andern Sinn). Conjunctiv für den Indicativ: cette 
lettre qu'avecque cette boete on pretend qu'ait recue Isabelle de vous. 
Eigentümlich ist plut au ciel le füt-il moins (Amph. I, 2) för plAt au 
ciel qu'il le fut moins. Sans que mon bon genie au-devant m'a pousse, 
deja tout mon bonheur eüt 6te renverse (für: si mon bon genie ne 
m'eüt pousse . . .). Form der Concessivsätze : doux que soit le mal 
(für si doux que, quelque d. que . . .) ; en quel lieu que ce soit (für 
quelque), wozu Genin mit Recht bemerkt: c'est la ventable locution 
franeaise, la seule qui ait du sens, et qu'autorisent les origines de la 
langue; le bonhomme, tout vieux (seil, qu'il est), oherit fort la lumiere. 
Numerus und Person des Prädicats. Attractioh des Verb 
durch das prädicative Substantiv: Quatre ou cinq mille ecus est un 
denier coasiderable; deux ans, dans son sexe, est une grande avance 
(Gen. la pensee porte non pas sur le norabre des annees, mais sur 
l'unite de temps representee par deux ans. Nimmt das zeigende Für- 
wort ce die Stelle des Subjects ein, so schließet sich das Zeitwort «Stre 
bald an den prädicativen Begriff, bald an das Subjeet; letzteres soll nach 
Genin am meisten eonforme sein a la logique habituelle de la langue 
franeaise, qui gouverne toujours (?) la phrase, non sur les mots ä venir, 
mais sur les mots deja passes, en Sorte qu'une inversion cbasge la 
regle. Tous les hommes sont semblables par les paroles, et ce n'est 
que les actions qui les decouvrent dinerents; ce que je vous dis la ne 
sont pas des chansons (Genin: l'idee reveillee ici par le singulier ce 
que, represente des details, et non pas un ensemble); sont-ce des 
visions que je meto en täte; sont-ce des vers que vous lui voulez ecrire. 
In Bezug auf ce sont vingt mille francs qu'il m'en pourra couter sagt 
Genin, dass Meliere in Prosa geschrieben hätte c'est . • ., weil l'idee 
ne se porte pas ä considerer les francs isolement, mais sur une somme 
de 20,0.00 francs; warum er aber in ce sont charmes pour moi que ce 
qui part de vous eine etrange alliance d'un singulier avec un verbe au 
pluriel sieht, begreift man nicht. Was die Person des Prädicats be- 
trifft, so bezieht Moliere in einem relativen Satze, der einem Pronomen 
der ersten oder aweiten Person sich anschliesst, das Verb entweder auf 



896 * Moliere's Sprach«. 

dieses Pronomen, oder setzt es in die dritte Person, z. B. si c'6tait moi 
qui vous cut procura cette bonne fortane; c'est moi qni se nomine Sga- 
narelle; serait-ce bien moi qui me trbmperais? Genin citirt von Bacine : 
il ne voit dans son sort que moi qui s'interesse und gibt den Unter- 
schied zwischen s'interesse und m'interesse an: Junie ne veut pas dire: 
Moi seule je m'interesse dans ses pleurs; mais: Qui est-ce qui s'inter- 
esse dans ses pleurs ? Moi seule. Dans la premiere tournure, l'idee 
qui frappe d'abord, c'est la personne de Junie; dans la seconde, c'est 
l'isolement et l'abandon de Britannicus. L'une est propre a irriter Neron, 
l'autre a le d6sarmer. 

Negationsmethode. Als in den Femmes savantes die Köchin 
Martine sagt: tous tos beaux dictons ne servent pas de rien, istPhila- 
minte ausser sich, und Belise bricht in die Worte aus : 

O cervelle indocile ! 
Faut-il qu'avec les soins qu'on prend incessamment, 
On ne te puiese apprendre a parier congrüment? 
De pas mis avec rien tu fais la readive; 
Et c'est, comme on t'a dit, trop d'une negative. 

Dieses trop d'une negative wird Moliere selbst beschuldigt von den 
Grammatikern, aber mit Unrecht. Die Grammaire des gratnmaires fuhrt 
an : vous n'avez pas lieu d'en prendre aucun soupcon ; je ne veux point 
• • . troubler aucunement votre bonne fortune ; sie setzt hinzu : Cette 
faute est si frequente dans Corneille et dans les autres poStes de la 
m&ne epoque, qu'on pourrait presque douter que c'en füt une alors. 
Gewiss waren Sätze wie die angeführten correct, und zwar weil aucun 
possitiven Sinn hatte, soviel als quelque. Man vergleiche il y. en a 
d'aucunes qui prennent des maris seulement pour se tirer de la contrainte 
de leura parents. Burguy in seiner Grammaire de la langue d'oil sagt 
I, S. 170: aucun (alcuens, aucuens, aucuns von aliquis unus) a oonserve 
cette valeur indeterminee et affirmative jusque bien apres le XIHe aiecle, 
lorsqu'il n'etait pas accompagne d'une negation. Cependant on trouve 
dejk au Xllle siede quelques exemples de aucun, ayant une valeur 
negative. Ueberdies ist (vergl; Schifflin, Wissensch. Gr. S. 362) in 
der von der Grammaire des grammaires citirten Stelle d'en prendre 
aucun soupcon ein Satz für sich, so dass aucun hier auch nach heu- 
tigem Sprachgebrauch so wenig anstössig ist, als in der Stelle von 
Moliere une famille qui ne sounrira point que Ton vous fasse aucun 
aflront. Ebenso correct ist bei Moliere tu n'as pas sujet de rien appre- 
hender. Wenn ferner es im Don Juan heisst: cela n'est pas capable, 
ni de convaincre mon esprit, ni d'ebranler mon äme, so scheint damit 
im Widerspruch zu stehen, was Schifflin (S. 258) sagt: Bei dem ein- 
fachen ni bleibt die Verneinungspartikel pas zuweilen stehen, bei dem 
wiederholten nie ; hier geht aber ne — pas voran, und die unter diese 
Negation gestellten Satzglieder werden durch ni — ni grade so getrennt, 
wie im Lateinischen oft neque — nee die Theile eines durch nemo, nihil, 



Moliere's Sprache. 397 

nunquam oder ne verneinten Satzes scheidet, ohne die Negation aufzu- 
heben. Nemo unquam, neque poSta, neque orator fuit, qui quemquam 
meliorem quam searbitraretur; so findet man im Englischen : Ireceived 
no letter neither from him nor from his brother (für either — or). — 
Ein ni fehlt: vous n'aurez Fun ni l'autre aucun heu de vous plaindre; 
ou für ni: j'ai grande honte et demande pardon d'etre sans vous con- 
naitre ou savoir votre nom. Ne — pas und non pas nach dem Compa- 
rativ: vous avez plus faim que vous nepensez pas; et tout ce que vous 
m'avez dit, je l'aime bien mieux une feinte que non pas une verite. Non 
plus soll statt pas plus stehen (nach Barbieux) in: voilä de mesdamoi- 
seaux fiuets qui n'ont non plus de vigueur que des poules. Im Avare 
findet sich non ferai = je n'en ferai rien. Ne — que verstärkt: plu- 
sieurs n'en ont rien fait que rire; niais n'en prenons rien que le quart; 
ce qu'on ne dit point qu'apres de grands combats; je n'ai seulement 
qu'ä vous dire deux mots; ce n'est pas l'esprit seul que vont tous les 
transports. Aussi für non plus: si je n'approuve pas ces amis des 
galante, je ne suis pas aussi pour ces gens tourbulents. Pas oder point 
für sich negirt: Valere est-il pas votre nom? L'amour sahvil pas l'art 
d'aiguiser les esprits? Pourrais-je point m'eclaircir doucement s'ü y 
est encore? Est-ce pas vous, Clitendre? il aura un pied de nez avec 
sa Jalousie, est-ce pas? Ne steht: sors vite, que je ne t'assorame; il 
me tarde que je ne goüte le plaisir de la voir; il me tarde deja que je 
n'aie des habits raisonnables, pour quitter vite ces guenilles ; peut-etre 
il n'est pas que vous n'ayez bien ou ce jeune astre d'amour Qi n'est pas 
possible); il ne se peut donc pas que tu ne sois bien a ton aise? vous 
ne pouvez pas que vous n'ayez raison (das lateinische non possum quin) ; 
ah ! Valere, ne bougez d'ici (Moliere setzt zu bougez nur ne, auch 
wenn er schlechthin verneint). Ne fehlt: courons avant qued'aveceux 
il sorte ; j'ai bien peur que ses yeux resserrent votre chafne ; a moins 
que le ciel fasse un grand miracle en vous, je crains bien que s'y 
perde mes soins: de peur que ma presence encor soit criminelle ; gardons 
bien que par nulle autre voie eile en apprenne jamais rien; nous pour- 
rions par un prompt achat de cet esclave empecher qu'un rival vous 
previenne et vous brave ; il semble que le sort, quelque soin que je 
prenne, ait jure d'emp£cher que je vous entretienne ; le choix qui m'est 
offert s'oppose a votre attente, et peut seul empecher que mon cceur 
vous contente; j'emp^cheraJ du moins qu'on s'empare du reste. Die 
Weglassung des ne in der ersten dieser vier letzten, das Verb empe'cher 
enthaltenden Stellen wird von der Grammaire nationale als liberte poe- 
tique ausgelegt ; ebenso sagt Genin von der dritten (le choix etc.), qu'ici 
Moliere a cede k la contrainte de la mesure; Schiffiin dagegen (S. 352) 
glaubt, dass die Weglassung des ne nicht fehlerhaft sei, wenn der Er- 
folg mit einem Grad von Zuversicht angeschaut wird, und setzt die li- 
berte' poetique in den vier Stellen nur darein, dass statt der Infinitiv« 
construction, die wahrscheinlich in der Prosa gewählt worden wäre, 



898 Molifere'i Sprach« 

hier dia Cw^ctivcoBBtnifltion stattfindet. Ne für ni: un mari qui n'ait 
paa öVautre livre que moi, qui ne Sache A na B. Burguy, Gram, de 
la langue d'oil, II, S. 884: Ni, denv& de nee, ayait lea formes ne, 
ni dans la langue d'ofl. Les trouveres firent tonjours usage de ne de 
preference ä ni, et ne appartient sans auenn doute an premier temps 
de la formation de la langue. 

Das Substantivum. 

Abweichendes Geschlecht. Une amour grossere; son dot; 
la simple epiderme; la Guide des pecheurs est encore un bon livre; a 
lamalheure; la regele (für le regal=divertis8eroent); jamais je n'ai vu 
deux personnes 6tre si Contents Tun de l'autre ; , des vers tels que la 
passion et la necessite peuvent faire trouver ä deux personnes qui disent 
les choses d'eux-memes et parlent sur-le-champ. Jetzt ist personne 
immer weiblich, sobald es nicht pronom ind£fini ist; Yaugelas in seinen 
Remarques, der auch von Moliere citirte Grammatiker, gibt die unbe- 
stimmte Regel, dass die auf personne sich beziehenden Adjective und 
Fronomen männlich wären, wenn sie weit davon entfernt wären; 
Th. Corneille bestimmt dies näher dahin, dass das Prädicat männlich 
sein könne, wenn es nicht in einem und demselben Satze mit personne 
stände, wozu auch das von Vaugelas angeführte Beispiel passt: Les 
personnes consommees dans la vertu ont en tonte chose une droiture 
d'esprit et une attention judicieuse qui les emp&shent d'etre medisants. 
Substantive im Plural: il faudra que mon homme ait de grandes 
adresses (ebenso bei Pascal, Bossuet etc.) ; pour les nouveautes on peut 
avoir parfoie des curiosites; je sais au roi bon gre" de ces decris; vos 
dexterites ; des encens in dem Sinne von hommages, louanges (ebenso bei 
Corneille) ; j'en avais pour moi toutes les envies du monde ; tous les 
vieux fatras; nous parlions des fortunes d'Horace, von den Schicksalen 
(Bescherelle im dict. nat. sagt: fortunes au pluriel ne doit jamais 
s'employer sans epithete, bien que Corneille ait dit: Hors de l'ordre 
commun il nous fait des fortunes) ; tous ces galimatias ; des genes trop 
cruelles (Qualen) ; des moderations ; les ombrages (Argwohn) ; une ser- 
vante qui faisait des regrets; clartes (renseignements, eclaircissements — 
lumieres). Wörter substantivisch gebraucht: le seul penser de cette in- 
gratitude; fasse le ciel äquitable que oe penser soit veritable ; un moi de 
vos ordres jaloux, que vous avez du port envoye vers Alcmene, et qni 
de vos secrets a connaissance pleine comme le moi qui parle a vous ; 
Claudine, je t'en prie, sur l'et-tant-moins (George Dandin II, 1 : c'est-ä- 
dire que ce soit une avance ä rabattre plus tard) ; voilä vraiment un bean 
venez-y-voir ! Die Gram, des Gr. sagt: le mot gens ne se dit jamais 
en parlant d'un nombre d&ermine' de personnes, ä moins qu'ü ne soit 
preeäde de certains adjeetifs: on ne dit pas deux gens; mais on dit: 
deux jeunes gens etc. Moliere sagt aber quatre 'gens, vingt gens. 



Moüere's Sprach«. 39* 

Der Artikel. 

Der bestimmte Artikel: faire la justice (für faire justice); de la 
focon (für de cette fUcon); der bestimmte Artikel fehlt scheinbar: dire 
verite*; de bons mots; m£me für le mäme; mieux für le mieux; plus 
för le plus; premier für le premier; avoir peihe fiir avoir de la peine; 
perdre fortune für perdre la (sa, toute) fortune; der bestimmte Artikel 
nicht wiederholt : les querelles, proces, faim, soif et maladie. Der un- 
bestimmte Artikel: d'une maniere für d'une teile maniere; j'ai une 
(seil, teile) tendresse pour mes chevaux, qu'il me semble, que c'est moi- 
m&ne; une action d'un homme ä fort petit cerveau (d'homme); et l'on 
sait ce que c'est qu'un courroux d'un amant (d'amant); une peau d'un 
lezard (de lezard); je suis dans une confusion la plus grande du monde; 
d'un rang le plus haut du pays ; tu vois si c'est mensonge (un men- 
songe) ; c'est miniature (une miniature) ; vous £tes homme d'aeommode- 
ment; je suis homme qui aime ä m'aequitter le plus tot que je puis; 
aux yeux d'un chaeun; hautement d'un chaeun elles bläment la vie. 

Das. Pronomen. 

Das persönliche Pronomen: il determinativ für eelui: il est 
bien heureux qui peut avoir dix mille 6cus chez soi; que nous servira 
(für servira-t-il) d'avoir du bien ? ne voila pas de mes mouchards (ne 
voila-t-il pas)? puisque madame y a (il y a m.); je sais ce qu'il faut 
ä tous deux (sc. ä vous), vergl. Diez, Gr. der rom. Spr. III, S. 20; 
nous ne nous sommes vus depuis quatre ansensemble, ni, qui plus est, 
ecrit Tun a l'autre (nous gehört als Accusativ zu vus, als Dativ zu 
ecrit; incorrect); puisque les seules actions fönt connaitre ce que nous 
sommes, attendez donc, au moins, k juger de mon coeur par elles (so 
nndet sich oft das persönliche Pronomen mit der Präposition in Bezug 
auf Sachen) ; Agnes n'a pas voulu songer k retourner chez soi (so oft 
soi für lui, elles, eux); je vous ferai parier k eile (lui parier); toutcela 
s'est häti de Ini-m&ne (soi-m6me); l'amour traine apres lui (soi) des 
troubles efiroyables; je suis Don Juan moi-mäme (lui-meme); c'est un 
bonheur bien doux quand on sait qu'on n'a point d'avantage sur nous 
(on und nous bezeichnen dieselben Personen) ; quand on vient ä songer 
que cela eort de vous (on und vous, wie vorhin on und nous); se de- 
pouükr entre les mains d'un homme qui ne nous touche de rien (se 
und nous wie vorhin on und nous) ; ü me la payerait (la unbestimmt, 
ohne Beziehung auf ein vorhergehendes Substantiv ; jetzt sagt man il 
me le payerait) ; je veüx etre mere parce que je la suis (für le) ; en 
sagt Martine für on in den Femmes sav. (wozu Genin bemerkt, dass 
in der ältesten französischen Grammatik, in der von Palsgrave, en immer 
neben on erscheint) ; der dativus ethicus ist bei Moli&e sehr gebrauch-* 
lieh, wie er überhaupt vom Dativ des Personalpronomens einen freiem 
Gebrauch, macht, als, jetzt die Natur dieses Casus gestattet: En un 



400 Mo Ufert'» Sprache. 

mot, ce vous est une attente asse* belle que la severite da tuteur dlsa- 
belle; 4 qai la bourse? — Ab, dieux, eile m'etait tombee; votre vertu 
m'est tont ä fait considerable ; vous osez lui calomnier la plus rare vertu ; 
per oü lui debnter? (que lui dire cfabord); ne vient point m'excuser 
l'action de oette infidele ; tu m'es inflexible ; ellea noua sont bien fiexes ; 
ces soins que vous me fites eclater (pour moi); qu'on me Pegorge tont 
ä l'heure; cette douleur que l'amiüe m'excite; seltene Verbindung von 
zwei Fürwörtern: dressez-lui-moi son proces. Wie Moliere die Präpo- 
sitionen de und a zur Bezeichnung von Verhältnissen gebraucht, die 
jetzt zum Theil durch andere, bestimmtere Präpositionen ausgedrückt 
werden, so finden sich auch die Pronomen (oder Adverbe) en und y 
(sowie dont und oü, wovon nachher) freier gebraucht. Doch nicht bloss 
zur Bezeichnung des Genitiv- und Dati werhältnisses dienen sie, sondern 
ihr Gebrauch ist noch ausgedehnter, und erstreckt sich auch auf Ver- 
tretung anderer Präpositionen als de und ä mit den von ihnen ab- 
hängigen Personalpronomen. Sie beziehen sich auch freier auf Per- 
sonen. Oft drücken sie Beziehungen aus, die die jetzige Sprache nicht 
kennt, so dass sie überflüssig zu stehen scheinen. Pour n'en point 
mentir; je m'en prie (je m'y invite); j!en attends des nouvelles (j'att. 
de leurs nouvelles) ; comme l'amour ici ne m'oflre aucun plaisir, je m'en 
veux faire au moins qui soient d'autre nature (en vertritt des plaisirs, 
obgleich plaisir im Singular vorangeht) ; mais je ne suis pas homme ä 
gober le morceau, et laisser le champ libre aux yeux d'un damoiseau. 
J'en veux rompre le cours (en ohne grammatische Beziehung; cet en, 
sagt Genin, figure par syüepse avec Kdee d'intrigue, qu T ont feit 
naitre les premiers vers) ; tu t'en avises, traitre, de t'approcher de nous 
(en weist sonst nie auf etwas Folgendes hin) ; j'en suis bien de meme 
(en überflüssig),* quels inconvenients auraient pu s'en ensuivre (wird 
getadelt wegen des doppelten en, aber da bei s'ensuivre der eigentliche 
Inhalt des Ausdrucks ganz vergessen ist, so sagt man richtig il s'ensuit 
de la, il s'en ensuit) ; j'en aurai cheri la plus tendre esperance (l'espe- 
rance d' Agnes); il en a pris la forme (Jupiter a pris la forme d'Am- 
phitryon); tu voudrais bien m'en donner d'une (elliptisch); je sais 
les tours ruses et les subtiles trames dont, pour nous en planter, savent 
user les femmes (en vertritt cornes, das Anstände halber nicht ausge- 
drückt wird); qu'avez-vous fait pour etre gentilhomme? Croyez-vous 
qu'il suffise d'en porter le nom et les armes? (relation au sens particu- 
lier d'un mot employä dans une locution faite; Genin); je l'en estimerais 
bien moins (en beim Comparativ gibt den Grund der Aussage an). En 
wird nach heutigem Sprachgebrauche vermisst : se prendre ä q. für s'en 
pr. ; se tenir ä qc. ; se rapporter ä q. (Avare IV, 4); si vous me croyez; 
imposer, belügen; puis-je mais? tu n'es pas oü tu crois (Amph. II, 3; 
es gibt sich hier nicht um den äussern Ort, sondern um einen geistigen 
Zustand). 

Stettin. Dr. Eobolsky. 



Beurtheihragdh und kurze Anzeigen. 



Nordlandsharfe- Von P. J. Willatzen. Elberfeld. Bädeker'she 
Buch- und Kunsthandlung (A Martini & Grüttefien) 1858. 

Einer jener schleswig-holsteinischen Gelehrten, ^ welche durch die 
politischen !ferwüxfnisse ihre Heimath einbüssten, und in andern Staaten des 
deutschen Vaterlandes einen neuen Wirkungskreis fanden, sucht in vor- 
liegenden Uebertragungen die Schönheiten der poetischen Literatur des 
Nordens den Blicken Deutschlands zu erschliessen , und legt von seiner Be- 
gabung als Dichter, wie von seiner sprachlichen und ästhetischen Einsicht 
als Kritiker eine so bedeutende Probe ab, dass dies sein in schlichtem Titel 
erschienenes Büchlein nicht bloss in Bremen, wo der Verf. als Schulmann lebt, 
and in Elberfeld, wo die Verlagshandlung ehrenvoll bekannt ist, sondern in 
ganz Deutschland bereitwillige Leser finden wird, die sich an den Blüthen 
der Poesie .aller Völker und Länder erfreuen und erfrischen. 

Seit Herders Stimmen der Völker in Liedern sind wenige so ergreifende 
Klänge aus fremden Ländern erklungen, als das der alten Poesie des Nordens 
angehörende, aus einer skandinavischen Sammlung ausgewählte „Ribbaidslied 
von Island" und das „Gunuarslied von den FarÖern," welches herrliche (— ) 
Fragment wir uns mitzutheilen erlauben, um nach dieser Seite hin ein Muster 
vorzulegen (auf Syderön nach mündlicher Angabe niedergeschrieben). 

Das Gunuarslied (Fragment). 
Gunuar, der Kämpe, schoss, da sprang, 

Sprang an seinem Bogen der Strang. 
„Haigerd, zeige nun, wie du mich liebst, 

Dadurch, dass du deine Locke mir giebst." 

— „Melde mir, warum ich missen sollt' 

Haar meines Haupts, das so lang und gold? 
War es mir immer die grösste Zier, 

Wozu nun willst du es, sag' es mir." 
. „Feinde folgen, zu ihrem Empfang 

Gieb es, sonst wird es mein Untergang. 
Gieb mir zum Bogen des Hauptes Haar 

Wachsend nahet sich schon die Gefahr." 

— „Nun denn, nach Allem, was mir widerfuhr, 

Flehst du umsonst um ein Härchen nur. 
Noch nicht hab ich es verschmerzt genug, 

Wie deine Hand auf die Wange mich schlug.". 
„Haigerd, so soll man durch alle Lande 

Lang* dess gedenken zu deiner Schande." 
Bitterlich weinet die Mutter: „Mein Haar, 

Nimm es und rette dich aus der Gefahr." J 
„Eh sollten tödten die Feinde mich, 

Eh eines Haars ich beraube dich!", 
Archiv f. n. Sprachen. XXIV. $ß 



402 Bear t heil ungen und kurze Anzeigen« , 

Willatzen hat in seiner Nordlandsharfe ans Schweden, Finobad, 
Dänemark in Deutschland neue Weben erklingen lassen und zwar ms* 
junge Stimmen, die so national erschallen, als es in eine andere, wenn and 
nahe verwandte Sprache übertragen, möglich ist; denn in der Ueberzeugung, 
dass die Form bei einem guten Gedicht zum innigsten Wesen gebort, bat 
W. das Metrum des Originals beibehalten und mit grosser Gewandtheit so 
wohl die Abwechselung und absichtliche Eintönigkeit, als auch die Lebhaftig- 
keit und gemüthvolle Kühe wiedergegeben, so dass wir keine umschreibet 
Uebertragungen , sondern kunstgerechte Uebersetzungen vor uns haben, 
denen man aber nicht im Geringsten anmerkt, dass sie ursprünglich nicht 
deutsch gedichtet sind. Dies gilt besonders von den lyrischen Gedichten, 
wie in folgendem erotischen von Lindsköld, einem Dichter aus dem sieb- 
zehnten Jahrhundert. 

Die Augen (von Lindsköld, 1634 — 1690). 
Ihr treuen Augen, ihr, die einzig es verschulden, 
Dass ich verzaubert bin von Chloris' Liebeshulden; 
O lasst mich nun durch euch tief in das Herz ihr sehn, 
Aus eurem stummen Wort mein Schicksal zu verstehn. 
Liebt sie mich oder nicht? Sagt's — nein, ihr dürft's nicht sagen, 
Ihr Augen, würd' ich auch viel tausend Mal euch fragen; 
Denn sagtet ihr mir: „Nein", stürb ich in Fein und Noth, 
Und sagtet ihr mir: „Ja" — die Freude war' mein Tod. 

Oder dem der neueren Zeit angehörigen von Grafstrom. 

Willkommen und Lebewohl (von A. A Grafström). 

Sag* mir nicht „Willkommen, 4 * wenn ich komme, 
Nicht „Leb wohl," du Holde, wenn ich geh', 
Weil ich doch nicht komme, wenn ich komme, 
Und nicht von dir gehe, wenn ich geh'l 

Täuschung ist es nur, du wirst es finden. 
Ruft von deiner Seele mich die Pflicht, 
Siehst du nur mein Schattenbild verschwinden } 
Scheiden kann von dir ich ewig nicht 

Schelten muss ich meines Herzens Treiben, 
Denn es folgt nie mein Gedanke mir: 
Treu wird er bis morgen bei dir bleiben, 
So wie er seit gestern war bei dir. 

Sag dann nicht „Willkommen," wenn ich komme, 
Nicht „Leb wohl," du Holde, wenn ich geh'; ' 
Weil ich doch nicht komme, wenn ich komme, 
Und nicht von dir gehe, wenn ich geh'l 

Der Leser, dem aus der schwedischen Literatur ausser Begner, Friederike 
Bremer und etwa Runeberg nur wenig bekannte Namen entgegen treten 
wird es dem Verf. Dank wissen, dass er ihn auch bei Gaijer, Grafsfcoa 
Silverstolpe, Lindsköld, Ldndeblad, Lenngrei, Atterbom, Vitafis, Frycell n» 
Stagnelius einführt, unter denen er reichbegabte Dichterseelen kennen krt 
nach deren nähern Verkehr er sich in mancher Stunde und Stimmung to" 
gezogen fühlt a , wenn ihm derselbe durch einen so geistreichen Vermiß 
erleichtert wird. 

Von der dänischen Literatur weiss der gebildete Leser in Deutscht 
schon mehr. Wer hat nicht Anderson gelesen und kennt nicht Oehlenschkg 5 
und Baggessen, die zugleich deutsch schrieben? Auch hat Jedermann^ 
gehört, dass Dänemark m Ludwig Holberg einen der grössten Lustspieldicbtff 
besitzt, dessen beste Komödien in trefflicher Uebersetzung neuerdings F^ 
uns zugänglich gemacht hat; eben so von dem Bomandichter Ingem^ 



BenrtkeÜungen und kurze Anzeigen. 408 

vernommen. Aber von Aarnstrup, Holst, Winther, Heiberg, Blicher, Hauch, 
Ewald, Troiel, Kressing, Schack, Stasseld und Palndan - Müller werden 
Manche erst in der Nordlandsharfe Weisen anschlagen hören, die sie die 
bösen Anschläge der danischen Regierung auf das deutsche Holstein über- 
hören lassen. Aus Finnland ist schon manches liebliche Volkslied in Deutsch- 
land gelesen und gesungen worden. Um desto mehr wird der Freund des 
Volksgesanges dem Verfasser für die vierzehn mitgetheilten Uebertragungen 
Dank wissen. 

Interessant ist auch die Parallele, welche durch die Mittheilung- des Gedichts 
„Geber der Aturen, «^welches seine Entstehung einem Aufsatze Alex. v. Hum- 
boldt's in den Ansichten der Natur verdankt, zwischen dem dänischen Dichter 
Emil Aarnstrup und den deutschen Dichtern Hermann Lingg und Ernst Curtius, 
die denselben Gegenstand behandelt haben, veranlasst wird. Wir würden 
gern alle drei Gedichte aus der Nordlandsharfe ausschreiben, fürchten aber 
dem literarhistorischen Werthe der Sammlung Abbruch zu thun , wenn wir 
sie aus dem Zusammenhang herausreissen. Dagegen können wir uns nicht 
versagen, zum Schluss unsrer Anzeige, die zugleich eine Bitte an den Verf. 
ist, die der nordischen Sprachen wenig oder gar nicht kundigen deutschen 
Freunde der Poesie durch eine neue Gabe zu erfreuen, das erste Gedicht 
der Sammlung mitzutheilen, das zwar keinen nationalen Stoff behandelt, aber 
am meisten geeignet ist, ein Urtheil über die poetische Weise der beiden 
Dichter abzugeben, des schwedischen Sängers und des deutschen Bearbeiters. 

Der Indianer, von Gudmund Silverstolpe. 
Auf dem Haupte Adlerflügel, 
In der Hand ein blutig Mordbeil 
Und geschmückt mit Siegeszeichen, 
Schläft der stattliche, der wilde 
Bothe Mohawk in dem Canot, 
Das am Strande festgebunden, 
Schläft, vom Schaukelgang des Flusses 
Eingewiegt in süsse Träume. 

Aber durch des Ufers Dickicht 
Schieicht sich, wie ein Fuchs geschmeidig, 
Leicht der listige Hurone; 
Mit verhaltnem Athem naht er 
Sich dem Boote, wo sein grosser 
Feind von neuen Siegen träumt. 
Wird den Schlachtruf er erheben? 
Wird der drohende Hurone 
Aus dem Schlaf den Feind erwecken, 
Sich im Kampf auf Tod und Leben 
Mit ihm messen? Nein, der Fuchs zieht 
Aus dem Gürtel stumm sein Messer, 
Nähert es dem Tau und schneidet, 
Schneidet — und es reisst: das Canot 
Gleitet lautlos in die Strömung. 

Rascher schiesst das Wasser, 

Rascher jagt und rascher 
r Die Piroga schwankend, 

Es erwacht der Mohawk, 

Sieht sich um und greifet 

Hastig nach dem Ruder, 

Denn er weiss: Das Wasser. 

Das sein Fahrzeug fortreisst, 

Heisset in der Weissen 

Sprache St. Lorenzo; 

fie* 



404 Beurteilungen and kurze Aateigen. 

Und er kennt am Tone 
Schon die grause Riesin, 
Die von Ferne rufet, 
Weis« es, das* die starke 
Heisset Niagara. 

Wild ergreift er 
Das breite Ruder, 
Wendet des Canots 
Spitzen Steven 
Wieder landein, _ 
Kluftet mit Kraft 
Wetzende Wogen 
Rastlos rudernd, 
Blicket umher 
Schweigt und rudert 
Rudert um's Leben.* 

Stille steht das Canot 
Bei des Mohawks Mühen, 
x Eilt nicht mehr nach unten 

Aber auch stromauf nicht. 
Also gilt's die letzte 
Heldenkraft zu zeigen: 
Noch einmal herkulisch 
Mächtiges Ausholen 
Und — mit Krachen 
Knickt das gebogene Ruder! 
Da noch einen Blick auf Land und Wasser 
Einen Blick zur Ferne, wo die lieben 
Wigwams stehn, wo Weib und Kind sein harren; 
Einen Blick noch auf den düstern Urwald, 
Nach dem Grasmeer, der Savane, wo der 
Wilde Büffel fiel von sichern Pfeilen. 
Ein Erinnern noch der frühern Kampfe 
An den grossen Seeen, wo die Stämme 
Bei Geheul einander abgeschlachtet; 
Einen Blick hinauf zum grossen Geiste 
Und es hüllt alsdann der wilde Krieger 
Sich in seinen Mantel, und er legt sich 
Hin zu ruhigem Schlaf und lässt das Canot 
/Weiter treiben. 

Und der eilende Kahn, 
Drin der Schlummernde ruht, 
Jaget fort auf der Bahn, 
Flieget hin durch die Fluth, 
Wie der Hirsch durch das Holz, 
Wie durch Wolken der Weih, * / 
Wie vom Bogen der Bolz, 
Wie der Colibri scheu 
In der Schlange Schlund; 
Nun fehlt nicht mehr viel, 
Dann ist er am Ziel, 
Und es lächelt beim Spiel 
Des Traumes der Schläfer. 
Wie der Donner betäubt 
Gleich Posaunenschall! 
Wie es schäumt, wie es stäubt 
Aus dem mächtigen Fall! 



Beurtheilungen and kurze Anseigen. 405 

Und die Woge spritzt auf, 
Und der tobende Gischt 
Welcher siedet und zischt 
Und sich menget und mischt, 
Fliegt im sprudelnden Lauf! 
Wie der blendende Strahl 
Auf das Hüttchen im Thal 
In der Mitternacht flammt, 
So enteilt mitsammt 
Dem Krieger der Kahn 
Dem Abgrunde zu — 
Fort Alles im Nul 

Es wird uns freuen, wenn sich recht viele Leser durch unsre Be- 
sprechung veranlasst sehen, der in schöner Ausstattung vorliegenden Nord* 
landsharfe die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie in so vollem Masse ver- 
dient und die ihr eine Stelle auf dem Büchertisch erwerben wird.j 

Elberfeld. Dr. C. A. W. Kruse. 



Deutsches Lesebuch für höhere Unterrichts -Anstalten von Dr. 
Hermann Masius. Zweiter Theil. Für obere Classen. 
Zweite verbesserte und vermehrte Auflage. Halle, Verlag 
m < der Buchhandlung des Waisenhauses. 1858. 

Der zweite Band dieses immer weiter sich verbreitenden Lesebuchs, 
dessen ersten neuaufgelegten Theil wir Band XXII. Seite 196. des Archivs 
mit rühmender und inniger Freude begrüsst haben, liefert überall die spre- 
chendsten Beweise von der gewissenhaften Sorgfalt, mit welcher sich der 
berufene Herausgeber dem Geschäft erneuter Durchsicht unterzogen hat. 
Wenn hierbei gar manches früher aufgenommene Stück weichen musste, so 
werden diejenigen Schulmänner, welche das Buch praktisch erprobt haben, 
grösstenteils mit den getroffenen Auslassungen einverstanden sein können. 
Was aber die neu hinzugekommenen Stücke betrifft, 51 Nummern für Prosa, 
44 für Poesie, so steigern sie den Vorzug der Reichhaltigkeit des nunmehr 
bis auf 800 Seiten angewachsenen Theiles in hohem Grade und liefern den 
erfreulichen Beweis, dass hierbei auch Meisterstücke der jüngsten Literatur 
Eingang gefunden haben und dem zunehmenden Verlangen nach vaterländisch 
kräftigender Geistesnahrung immer geflissentlicher entsprochen wird. Doch 
dürfen wir den Wunsch nicht unterdrücken, dass der Herausgeber dem oratori- 
schen Elemente einen noch breiteren Baum gestatten möge , wozu wir ihm ausser 
anderen Musterstücken z. B. Hebels Standrede auf das glückliche Loos des 
Schneiders, Herders Schulrede von der Ausbildung der Bede und Sprache 
in Kindern und Jünglingen, Engels Lobrede auf Friedrich den Grossen als 
zeitgemässe Beiträge empfehlen. Schliesslich dürfen wir wohl im Namen 
vieler von gleicher Ueberzeugung durchdrungener Schulmänner noch einmal 
auf den hohen und originalen Werth dieses Lesebuchs verweisen, welchem 
wir eine immer breitere und tiefere Wirksamkeit von Herzen wünschen. 

Crefeld. Dr. Eduard Niemeyer. 



406 Beurtheilungen und karse Anzeigen. 

Mittelhochdeutsches Lesebuch für Gymnasien. Von Dr. Karl 
Reichel. Wien 1858. 8. 

Seitdem in Oesterreich durch die erfolgreichen Bemühungen des Herrn 
Prof. Bonitz überall ein wissenschaftlich reges Leben und Schaffen hervor- 
gerufen ist, dessen höchste Spitze die Akademie der Wissenschaften zu 
Wien bildet \ sind manche Productionen zu Tage gekommen, deren Er- 
scheinen man nicht so bald hätte erwarten sollen. Dahin rechne ich auch 
ein solches mittelhochdeutsches Lesebuch, wie das vorliegende des Herrn 
Dr. Reichel. 

Auch in dem übrigen Deutschland, auch bei uns sind ähnliche Bücher 
erschienen, aber sie werden nicht gebraucht, wenigstens nicht officielL 
Ja an den meisten Anstalten könnten sie nicht einmal gebraucht werden aus 
Mangel an ausreichender Lehrkraft Das vorliegende mittelhochdeutsche 
Lesebuch ist, wie schon der Titel säst, dazu bestimmt, dem Schüler in die 
Hand gegeben zu werden, und der Verfasser sagt darüber in der Vorrede 
Folgendes: „Zur Herausgabe eines mittelhochdeutschen Lesebuchs wurde ich 
veranlasst durch den fiüQmehrjährigen Gebrauch unzureichenden Lesestoff 
des eingeführten Buches. — Auch entschloss ich mich, bei Ausarbeitung der 
vorausgeschickten grammatischen Einleitung die Erfahrungen zu benutzen, 
die ich bei fortgesetztem Unterrichte im Mittelhochdeutschen 
gemacht hatte, und habe daher hier ganz den Weg vorgezeichnet, den ich 
bisher, ich kann sagen mit* erfreulichen jErfolgen, 4 ! eingehalten." 

Ueber die Gesichtspunkte, die den Verfasser bei der Ausarbeitung ge- 
leitet haben, äussert er sich dem WesenTnach folgendermassen. Wenn in 
unsern Schulen von einem eigentlichen Erlernen der deutschen Grammatik 
füglich gar nicht oder nur unter jfgewissenJBedmgungen die Rede seht kann, 
wird eine verstandesmässige Sichtung des erworbenen Sprachschatzes, ein 
richtiges Erkennen des grammatischen Baues der Muttersprache von dem 
wahrhaft gebildeten Deutschen um so eher erwartet werden dürfen, als 
unsre wissenschaftliche Grammatik sich bereits denen der beiden classischen 
Sprachen an die Seite stellen darf, die lateinische wenigstens in Laut- und 
Formenlehre wohl überflügelt hat. Was zur Erreichung jenes Verständnisses 
in dem voraufgeschickten (40 Seiten langen) grammatischen Abrisse geboten 
ist, wird genügen, sobald man es als Anregungen für die Beobachtung der 
Schüler betrachtet. Es würde sogar zu viel sein, wollte der Lehrer den 
Abriss kapitelweise hintereinander in den Lehrstunden durchnehmen. 

Den Gebrauch des Buchs hat er sich so gedacht. »Der Lehrer nimmt 
das zum ersten Verständnis der Lesestücke Nothwendige, als die wichtig- 
sten Sätze aus der Lehre von den Vocalen (Brechung und Umlaut), von 
den Consonanten (Lautverschiebung und Lautabstufung), dann die starke 
Conjugation, etwa mit Erläuterung durch Beispiele an der Tafel durch; zur 
häuslichen Wiederholung des Vorgetragenen werden dem Schüler die be- 
treffenden Abschnitte in der Grammatik bezeichnet; dann schreiten die 
Schüler so bald als möglich (somit etwa nach drei bis vier Stunden) zur 
Leetüre. Denn die Leetüre muss die Hauptsache und die eigent- 
liche Grundlage für alle grammatischen Erörterungen bleiben, 
sollen diese wirklich fruchtbringend und lebendig werden. 
Will der Lehrer mit einem leichteren Lesestücke beginnen, so kann der 
Leetüre des Nibelungenliedes eine der kleineren Dichtungen von Stricker 
oder eines der Stücke aus Rudolfs Barlaam, oder eine Fabel vorausgehen. 
Natürlich muss das Lesen anfangs sehr langsam vorschreiten, jede Form, 
die zunächst dem Verständniss des Sinnes Schwierigkeit bietet, genau erklärt 
werden, und zwar, so weit dies nach dem vom Lehrer Vorausgeschickten 
möglich, vom Schüler selbst. . Die rhythmischen Grundsätze ferner werden 
an dem Lesestücke sogleich erläutert und eingeübt mit Zuweisung des be- 
treffenden Kapitels für die häusliche Wiederholung. Ist so nach und nach 



Beurtheilungen and kurze Anzeigen. 407 

einige Fertigkeit im Erkennen der Formen erlangt worden, so kann die 
Leetüre bin und wieder durch Besprechung eines Kapitels aus der Gram- 
matik unterbrochen werden, um das dem Gedächtnisse Eingeprägte geistig 
zu festigen« Auf diese Weise wird das Lernen in der Schule die Haupt- 
Bache bleiben, und der Schüler durch den neuen Lehrstoff nicht beengt ** 

Ich habe diese ganze Stelle mitzutheilen nicht für überflüssig gehalten. 
Einmal spricht sich der Verfasser sehr klar und bestimmt aus und insofern 
belehrend für Andre, als er ohne Zweifel aus eigner guter Erfahrung spricht. 
Spdann ist es meine volle Ueberzeugung, dass auf dem verzeichneten Wege 
nicht allein die besten Resultate für die Nationalbildung unsrer Jugend ge- 
wonnen werden, sondern dass dieser Weg auch der einzig richtige ist. Mag 
in diesem oder jenem Funkte eine Kleinigkeit anders sein, in der Hauptsache 
hat Reichel sicher Recht. 

Dass das Lesebuch neben den grammatischen Zwecken vorwiegend eine 
literarhistorische Aufgabe verfolge , versteht sich von selbst. Es 
sollte, meint er, die getroffene Auswahl ein recht lebendiges Bild eines 
glücklichen, herrlichen Zeitraumes unsrer vaterländischen Geschichte gewäh- 
ren, einer Zeit, der das frohe Gefühl beschieden war, Jahrhunderte lang 
und mühsam erstrebte Ziele erreicht zu haben, die deshalb die Wirklichkeit 
froh gemessen und bewundern durfte, und der in staatlichen wie religiösen 
Verhältnissen volle Befriedigung zu Theil geworden war. Die Auswahl, 
die er getroffen, ist daher in jedem Betracht eine gute, besonnene zu nennen. 
Den Text gibt er natürlich nach den besten Ausgaben. So z. B. das grosse 
Stück aus den Liedern von der Nibelunge Noth nach Lachmann's Recension ; 
die Lieder von Gudrun nach Müllenhoff und Hahn; die Thiersage und das 
Epos Reinhatt Fuchs nach J. Grimm. Die Aufnahme. einiger Stücke, z. B. 
des armen Heinrich (nach Wackernagers Ausgabe), rechtfertigt er in der 
Vorrede, ebenso den Umstand, dass er % ausser den volksmassigen Epen auch 
noch das höfische Epos berücksichtigt hat. Letzteres bedarf kaum der Recht- 
fertigung. Von der lyrischen Poesie gibt er nur wenig ; von den prosaischen 
Denkmälern nur eine Predigt BerthoYd's und ein Stück aus dem Schwaben- 
spiegel. Er hätte doch, meine ich, der Sache und Sprache wegen aus der 
schönen Sammlung 41er deutschen Mystiker von Fr. Pfeiffer noch einiges 
Werthvolle und Wichtige beifügen sollen. 

Eine besondere Zierde des Buches sind die nicht langen, aber gediegenen 
Einleitungen zu den einzelnen Stücken. Ebenso die Anmerkungen. Der 
Verfasser bemerkt über diese in der Vorrede, dass er ohne Weiteres bereits 
anerkannte wissenschaftliche Resultate aufgenommen habe, ohne, ausser an 
sehr wenigen Stellen, seine Gewährsmänner zu nennen ; dem Kundigen brauche 
er ohnehin nicht zu sagen, woher Jegliches genommen. Dass die Anmer- 
kungen nicht zu ausführlich sind, lehrt schon der Augenschein. Zu vierzig 
Seiten Text aus dem Nibelungenliede sind 27a Seite Anmerkungen gegeben. 
Ueber diese enthalte ich mich billig jedes Urtheils. Das Mass und die Be- 
schaffenheit derselben hängt gar zu sehr ab von dem subiectiven Ermessen 
desjenigen, der dieselben macht, von den Hülfsmitteln, die ihm zu Gebote 
standen, endlich auch ganz besonders von dem Standpunkte der Bildung 
derer, die dieselben benutzen sollen. 

Ans Gründen, die er selbst in der Vorrede angibt, hat der Verfasser 
nicht für zweckmässig erachtet, ein Wörterbuch beizufügen. Für den Ge- 
brauch des Buches weniger als für die Anbahnung einer bessern Ortho- 
graphie halte ich es für erspriesslich , dass der Verfasser sich durchweg, 
— in der Vorrede, in den Einleitungen, in den Anmerkungen, -- der in 
neuester Zeit vielfach verlangten und versuchten wissenschaftlich richtigem 
Schreibung bedient. 

Wie es mir Bedürfnis* gewesen ist, durch vorstehende Anzeige auf ein 
Buch aufmerksam zu machen, welches in jeder Beziehung ein gutes zu 
nennen ist, so hoffe ich durch dieselbe andrerseits dem Verfasser meine 



408 Beurteilungen and kurze Ans eigen. 

Achtone and meinen Dank in gehörigem Mäste ausgedrückt, endlich tut 
der Wichtigkeit des Gegenstandes, der Förderung des national- 
deutschen Unterrichts nach Kräften gedient zu haben. 

Berlin. Dr. Sachse. 



Deutscher Haus- und Schul -Homer. Für die Jugend nach E. 
Wiedasch's metrischer Uebertragung bearbeitet und her- 
ausgegeben von Dr. ph. W. Wiedasch. Erster Tiel 
Ilias. Zweiter Theil. Odyssee. Dritter Theil. Ertönte- 
rangen. Stuttgart 1857. 

Der Herausgeber oben genannten Buches hat demselben eine Vorrede 
des Herrn Oberschulraths Fr. Kohlrausch vorgesetzt, um durch eine Autorin 
auf dem Gebiete der Pädagogik gewissermaßen eine Bechfcfertigung der 
Gründe zu geben, welche die vorliegende Bearbeitung der homerischen Ge- 
dichte veranlassten. Bei dem gewiss unbestreitbaren Interesse, welches <kr 
hier behandelte Gegenstand bietet, sei es uns gestattet, an diesem Orte, der 
allerdings zunächst nicht zur Behandlung pädagogischer Fragen bestimmt ist, 
etwas näher auf denselben einzugehen. 

Herr Oberschulrath Kohlrausch knüpft an seine biblischen Geschicktes 
an, die von ihm bearbeitet worden sind, um einen Ausgangspunkt für eiuei 
durch die Anschaulichkeit der Quellen belebten historischen Unterricht n 
haben; hieran sollte sich nach Disseo's Vorschlag die Anschauung der Heroeo- 
zeit nach den homerischen Gedichten und dann nach Thiersch's Wunsch & 
Schilderungen Herodot's aus dem ältesten Völkerleben schliessen. Die bibli- 
schen Geschichten haben allgemeinen Anklang gefunden, die andern Vor- 
schläge sind praktisch nicht ausgeführt worden. 

Der Grund dafür ist leicht gefunden: die biblischen Geschichten habe 
nicht bloss ein historisches Interesse, ja für den ersten N JugendunterrkÜ 
vielleicht überhaupt kaum ein solches, sondern sie bilden die Grundlage da 
Religionsunterrichtes, und daher ist eine Bearbeitung derselben für die 
Jugend stets willkommen, ja wohl nothwendig; Homer und Herodot finden 
ausser dem historischen Interesse keinen ähnlichen Anknüpfungspunkt. Aber 
eben jenes historische Interesse kann bei dem Unterrichte von nenn- oder 
zehnjährigen Knaben, an welche der Herr Vorredner denkt, in Betreff de 
von Homer und Herodot behandelten Stoffe in einem solchen Umfange nickt 
vorausgesetzt werden , um eine Uebertragung ihrer Werke als Lesebuch be- 
nutzen zu können. Denn wenn auch ein Knabe in den genannten Jahres 
einen diesem Alter angemessenen Ueberblik der ältesten Geschichte erhalte 
soll, so darf derselbe doch nicht auf die griechische Geschichte, und vollen* 
auf einen so kleinen Kreis, wie der, in welchen die homerischen Gedickte 
eingeschlossen sind, beschränkt werden; dies aber würde der Fall sein, wesc 
man in der Schule den Homer als stehendes Lesebuch einführen wölkt 
Damit soll nun keineswegs behauptet werden, dass die Mittheilung einzelne 
Schilderungen dieses Dichters bei Gelegenheit ausgeschlossen sein solle oder 
dass die homerischen Gedichte nicht einen grossen Eindruck auf das jugend- 
liche Gemüth machten, ja wir würden nicht einen Augenblick Bedeuten 
tragen, eine Bearbeitung derselben als zweckmässige Leetüre für die Jog^ 
zu empfehlen, für das Haus, aber nicht für die Schule. Von dieser Seite 
ist die Sache längst aufgefasst worden, und daher der grosse Erfolg zu er- 
klären, den Becker's Erzählungen aus der alten Welt gehabt haben and 
noch haben; Eingang in die Schule konnten sie eben wegen der engen Be- 
gränzung des Stoffes nicht finden. TJeberdies sollte man meinen, die deutscht 
Literatur wäre nicht so arm, dass man nach Uebersetzungen greifen mM 



Beurteilungen und kurze Anzeigern. 409 

am der Jagend ein brauchbares Lesebuch für die Schule zu geben, wenn wir 
auch kein nationales Werk haben, das der deutschen Jugend vollkommen 
das sein könnte, was der griechischen der Homer war. Wenn aber, wie zu- 
gegeben, . auch unsrer Jugend der Homer eine belehrende Leetüre bietet, so 
fragt es sich, ob eine metrische Uebertragung, wie der Herr Vorredner meint, 
einer prosaischen Bearbeitung vorzuziehen sei. Wir würden unbedenklich 
dieser Ansicht beistimmen, wenn es bis jetzt auch nur einer Uebersetzung 
gelungen wäre, die homerischen Gedichte mit Beibehaltung ihres Geistes so 
zu übertragen, dass einerseits der Vers, andrerseits die Sprache nicht den 
Zwang verriethen. Vossens Uebersetzung ist noch nicht übertroffen, und 
doch, wer möchte dieselbe für ein vollkommenes Kunstwerk der deutschen 
Literatur halten, wer aus derselben eine richtige Vorstellung von dem 
Originale erhalten? Der Hexameter ist, trotzdem dass Meisterhände ihn be- 
handelt, noch kein der deutschen Dichtung natürlicher Vers geworden, um. 
mich so auszudrücken, ich bezweifle, dass er es werden wird. Soll aber 
derselbe die Leetüre für die frühe Jugend bilden, so muss er sich 
ohne Zwang, ich möchte sagen, von selbst lesen; wie schwer möchte dies 
bei einer Uebersetzung durchweg zu erreichen sein! Ferner soll die Ueber- 
setzung die volltönende Sprache Homer's wiedergeben; wie schwer ist dies 
zu erreichen, ohne zu ungewöhnlichen Bildungen und hochtrabenden Wen- 
dungen seine Zuflucht zu nehmen, die dem Geiste Homer's doch so fremd sind! 

Der vorliegenden Bearbeitung lässt sieh Gewandtheit nicht absprechen, 
aber wie der Sprache Zwang angethan und so gar vieles entstanden ist. was 
man der Jugend nicht eben als Muster empfehlen möchte, zeigt jede Seite. 
Wir greifen ohne Wahl den Anfang des zwölften Gesanges der Odyssee her- 
aus, um dies an Beispielen zu zeigen. Da finden wir an eigentümlichen 
Ausdrücken Vers 12 fluthende Thränen; V. 16 alljegliches; V. 89 sie 
hat zwölf Füsse, gesammt zwergartig gestaltet; das Wort gesammt, wie 
es scheint, ist bei dem Verf. sehr beliebt, und darum häufig angewendet; 
V. 99 mit jeglichem Bachen entschwingt sie einen der Männer; V. 141 
kehrst du doch spät, unglücklich, beraubt all deiner Gefährten; wo das 
Wort kehrst du statt kehrst du heim, selbst durch Vossens Autorität 
schwerlich gerechtfertigt ist. V. 17 würde man ohne Zwang gewiss so 
scandiren: Kehrten wir nicht unbemerkt vom A'ides, sondern sie kirn uns; 
V. 104 Wo die Charybdis, die göttliche, schwarzes Gewässer hinabschlürft, 
ermangelt jeglicher Hauptcäsur. 

Diese etwa dreien Seiten entnommenen Beispiele liessen sich leicht durch 
andre demselben Räume entlehnte vermehren, und zeigen doch wohl deutlich, 
dass dies kein Lesebuch für untere Classen sein kann. 

Eine Beurtheüung der Uebersetzung als solche verglichen mit dem Ur- 
text gehört nicht hierher, zumal da es nicht die vollständige Uebertragung 
ist. Der Bearbeiter hat nämlich durch Ausscheidung des minder Wesentlichen, 
so wie des für die Jugend etwa Anstössigen beide Gedichte auf je 9000 Verse 
gekürzt, und die so entstandenen Lücken wo es nöthig schien, durch einige 
verbindende Worte ausgefüllt, ein Verfahren, das an sich zu billigen ist, 
aber doch den Eindruck eines Ganzen verwischt. 

Der dritte Theil enthält ganz in der Kürze einige Erläuterungen, welche 
den Dichter und seine Gedichte, mythologische und antiquarische Gegen- 
stände behandeln; den Schluss macht ein Verzeichniss schwieriger geogra- 
phischer Namen, in alphabetischer Anordnung^ die auch für die Namen der 
Götter und Heroen zweckmassiger gewesen sein würde, da doch! diese ^Er- 
läuterungen hauptsächlich zum Nachschlagen dienen werden. 

Berlin. Dr. Bjüchie^schutz. 



410 Beurtheilungen und kurze Anzeigen. 

Das Nibelungenlied für die Jugend bearbeitet von A. Bau- 
meister. Stuttgart, Bode. 

Die vorliegende Bearbeitung ist für die weitere Lesewelt und insbesondere 
für die Jagend bestimmt und sie verfolgt die löbliche Tendenz, unser grosses 
Nationalepos zu einem Gemeineute der gebildeten Classe zu machen. Der 
Herausgeber hat deshalb alles Unwesentliche und Störende ganz ausgeschieden 
und das Beibehaltene mit ziemlicher Treue in der ursprünglichen Versform, 
aber mit Anpassung an unsere jetzige Frosodik wiedergegeben. Die Aus- 
stattung ist vortrefflich und von 'der Verlagshandlung, welche das Ganze noch 
durch vier sehr schöne Zeichnungen von Julius Schnorr geziert hat, ist Alles 
geschehen, um das Buch zu einer sehr geeigneten Festgabe für unsre deutsche 
Jugend zu machen. 

Deutsche Prosa, Auswahl von Lesestücken. Herausgegeben 
Ton Dr. Karl Hofinann, Vorsteher einer Erziehungsanstalt 
zu Heidelberg. Heidelberg, bei Bangel und Schmitt. 1857. 

Prose allemande, Recueil de morceaux choisis iditi par Charles 
Hofinann, traduit par Leopold Filiiard, Eug&ne Ihl^, 
Eugine. Seinguerlet. Ebendaselbst. 

Das vorliegende Lesebuch, zu dem noch ein dritter Theil, die englische 
Uebersetzung enthaltend, hinzukommt, ist, der Angabe des Herrn Heraus- 
gebers nach, für das jüngere Alter, und besonders für junge Engländer und 
Franzosen bestimmt. Daneben soll es für Geübtere den Stoff zum Ueber- 
setzen in das Französische und Englische abgeben. Was den Inhalt anbetrifft, 
so ist der Herausgeber einzig darauf bedacht gewesen, Witz und Phantasie za 
wecken und den Geschmack zu bilden. Die Theile, welche die französische und 
englische Uebersetzung enthalten, sollen den nicht deutschen Schülern die 
Theilnahme am deutschen Unterricht erleichtern; es scheint also, als wenn 
der Herausgeber Beinen Schülern neben dem deutschen Lesebuche auch die 
entsprechende Uebersetzung in die Hand geben will, was uns nicht nur sehr 
bedenklich, sondern für ein gründliches Erlernen der Sprache sogar hinder- 
lich zu sein scheint. Gleiches Bedenken flössen uns besagte Uebersetzungen 
ein für den Gebrauch des Lesebuchs beim Uebersetzen aus dem Deutschen, 
in welchem Falle der Herausgeber diese Uebersetzungen ebenfalls in den 
Händen der Schüler wünscht. Er glaubt nämlich „dem strebsamen Schüler 
werden sie nicht nur eine Quelle vielfacher Belehrung, sondern auch ein 
Sporn zur Nacheiferung sein, vielleicht sogar zum Wetteifer - (etwa mit der 
gedruckten Uebersetzung?). Dagegen wagen wir zu behaupten, dass die 
Zahl der wirklich strebsamen Schüler doch immer nur eine verbältnissmässig 
geringe ist; die Schwierigkeit aber, die ein grosser Theil des gebotenen 
Stoffes (namentlich die Märchen und Sagen von Grimm, Hebel u. a.) seiner 
eigentümlich deutschen Form wegen beim Uebersetzen darbietet, und deren 
Ueberwindung schon eine nicht geringe Gewandtheit in Handhabung der 
fremden Sprache voraussetzt, wird selbst die Arbeiten des strebsamen Schülers, 
wenn auch wider seinen strebsamen Willen, zu mehr oder weniger unselb- 
ständigen machen. Was die vorliegende französische Uebersetzung anbetrifft, 
so ist sie von den Herrn Mitarbeitern zwar mit grosser Gewissenhaftigkeit 
gemacht worden, sie zeigt aber auch, wie schwierig, ja, in manchen Fallen, 
wie unmöglich es ist, sich dem deutschen Ausdruck eng anzuschließen und 
zugleich das Charakteristische des Styls der im Volkston gehaltenen Erzäh- 
lungen zu treffen, mit einem Worte, dem Geiste beider Sprachen gerecht 
zu werden. H. Crouze. 



Beurtheilungen und kurze Anzeigen» 411 

Entwicklungsgeschichte der französischen Tragödie, vornehmlich 
im sechzehnten Jahrhundert, von A. Ebert. Gotha. 1856. 
C. Perthes. 

Ein Deutscher war es, der in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts 
in Paris, Lyon und Rouen die 64 moralit^s, farces und sotties sammelte, 
welche, nachdem sein Werk 1845 in den Besitz des British Museum über- 
gegangen, jetzt den Inhalt der drei ersten Bände des Ancien th£ätre fran- 
cais von M. Jannet bilden. Das Resultat eines gründlich deutschen Stu- 
diums des französischen Theaters im Mittelalter und der zahlreichen fran- 
zösischen Schriften über dasselbe, unter denen Parfait: Histoire du the*ätre 
franeais (Amsterdam 1735.) noch immer eine bedeutende Stelle einnimmt, 
sowie der vielen zerstreuten Aufsätze, besonders im Journal des Savants, 
führt die oben angezeigte Monographie uns in die Entwicklungsgeschichte 
des französischen Dramas ein. 

Dieselbe bat zwar schon im ersten Hefte des 21. Bandes dieser Zeit- 
schrift an Herrn Dr. Strehlke in Danzig einen Rezensenten gefunden; wer 
indess die betreffende Kritik gelesen hat, möchte sich schwerlich versucht 
fühlen, zu jener Schrift zu greifen, wenn es ihm darum zu thun ist, sich eine 
genauere Kenntniss von den Anfängen und der Entwicklung des französischen 
Drama bis auf Corneille zu verschaffen. Denn nach dem Urtheil des Herrn 
Strehlke „erfüllt dieselbe weder der Form noch dem Inhalt nach auch nur 
im Entferntesten die Ansprüche, welche man mit Recht gegenwärtig in 
Deutschland an ein wissenschaftliches Werk stellt." 

Was hat nun Herr Strehlke vor Allem an der Form des in Rede ste- 
henden Buches auszusetzen? Dass dasselbe voll sei der ärgsten Verstösse 
gegen Stil, Wahl der Wörter, Constrnktion und Wortstellung — kurz Alles, 
was man einem schlechten Schüleraufsatz nur immer vorwerfen kann. Der 
Unterzeichnete kann nicht leugnen , dass ihm manche Härten im Aus- 
druck und (viele) stilistische Eigenheiten aufgefallen sind, die auf 
sensitive Naturen einen recht unangenehmen Eindruck machen mögen, be- 
sonders wenn dieselben durch die Dichterschule des M. Opitz hindurchgegangen 
sind; — solche einzelne Ausstellungen, so begründet sie zum Theil auch sein 
mögen, genügen indessen noch nicht, um den schwersten .Tadel, den man 
gegen eine wissenschaftliche Arbeit aussprechen kann, als begründet er- 
scheinen zu lassen. Sehen wir also zu, ob er sich in Betreff des Inhalts 
.rechtfertigen lässt. 

Eine ziemlich glimpfliche Beurtheilung erfahrt hier noch die ästhetische 
Abhandlung, die der Verfasser seinen historischen Untersuchungen voran- 
geschickt hat, und zwar mit der ausdrücklichen Erklärung, dass^ er für die 
rein abstpacte Deduction ganz besonders die Nachsicht des Lesers in Anspruch 
nehme, und dass er, unabhängig von Vischers Aesthetik, durch seine eignen 
Studien oft zu denselben Resultaten, wie Jener, gelangt sei. Da indess der 
Verfasser nur die fertige Ansicht vorgeführt hat, so schenkt der Rezensent 
Strehlke einmal dieser Versicherung nicht allzuviel Glauben; dann aber 
glaubt er besonders auf die Trugschlüsse und falschen Behauptungen in 
eben dieser ästhetischen Einleitung hinweisen zu müssen. Nach dem langen 
Sündenregister über die Grammatikalien sehen wir uns nun aber vergeblich 
nach einem Nachweis der Trugschlüsse um, und die falschen Behauptungen 
reduziren sich auf das falsche Resultat, das der Verfasser aus seiner Cha- 
rakteristik der drei Dichtkunststile (auch einer von den gerügten Neolo- 
gismen) gezogen habe, indem er behaupte, dass in dem nationalen Aus- 
druck der Physiognomie der mittelalterlichen Dichter mehr oder weniger 
der individuelle verschwinde, während in der modernen Poesie der 
nationale Ausdruck im Individuellen aufgehe. So wenig ich mich auch 
mit dieser Ansicht einverstanden erklären kann, da ich in der modernen 
Poesie weit mehr die Tendenz zum Universellen erblicke, in welchem Na- 



41t Beurtheilungen und kurze An* ei gen. 

tionale* and Individuelles zu einer höheren Einheit gebunden sind» so kann 
ich doch nicht absehen, wie Herrn Ebert's Behauptung ala eine falsche 
ScMussfolgrung ans richtigen Prämissen aufgefasst werden kann, da derselbe 
eben ans diesen nothwendig zu jener geführt werden mnsste. Nur ira et 
Studium konnten, wie es nur scheint, den sonst so klaren Blick des Herrn 
Dr. Strehlke so sehr trüben, dass er an dieser Schrift auch gar nichts Gutes 
lassen wilL Zwar ist der Herr Rezensent hochherzig genug, dem ersten 
Hauptabschnitt derselben, der die historische Entwicklung des mystere, der 
moralite', farce und sottie enthält, einigen Werth zuzugestehen, beschränkt 
aber auch dieses Lob sofort wieder durch die Bemerkung, dass der Stoff 
nicht übersichtlich genug geordnet sei, während schon ein einfacher Blick 
auf die vom Verfasser vorangeschickte tabellarische Uebersicht genügt, um 
sich von seiner streng genetischen Entwicklung zu überzeugen, und durch 
die andre, dass der Verfasser ja doch nur zu dem längst bekannten Resul- 
tate gekommen sei, dass jene Compositionen im Ganzen ohne ästhetischen 
Werth, im Einzelnen aber nicht ohne poetische Schönheiten wären. Hätte 
Herr Ebert vielleicht den Beweis für das Gegen theil führen sollen, oder ist 
Herr Dr. Strehlke geneigt, einen solchen anzutreten? „Er dürfte wohl doch 
nicht blos für den Verfasser seine Schwierigkeit haben! 41 Meines Wissens 
sind an jenen Formen des mittelalterlichen Drama's noch nicht so scharf und 
bestimmt die hauptsächlichsten ästhetischen Mängel hervorgehoben worden, 
als es mit vorzüglicher Rücksicht auf das Gesetz von den drei Einheiten 
in jenem Abschnitt von Seiten des Herrn Ebert geschehen ist; man ver- 
gleiche Seite 89 — CS. Hält man damit noch besonders das Seite 213 — 222 
in Bezug auf Corneille Gesagte zusammen , so ist es in der That ganz un- 
begreiflich, wie Herr Dr. Strehlke den Nachweis über das Entstehen des 
Regelzwanges und der drei Einheiten vermissen konnte. Muss man dann 
nicht auch, ohne etwas Fremdes unterzulegen, aus den Worten, durch welche 
der Herr Rezensent schliesslich selbst das bedingte Lob abzuschwächen sucht _ 
(.jedenfalls hat der Verfasser die Histoire du th&tre francais der Gebrüder 
rarfait und die ziemlich umfassende neuere Literatur über das Drama im Mittel- 
alter »ausgedehnter Weise benutzt"), muss man aus diesen, gelinde gesagt, 
nicht den Vorwurf der Unselbständigkeit herauslesen, vor welchem der Ver- 
fasser schon durch den Umstand geschützt sein sollte, dass er auf jeder 
Seite den Leser auf die von ihm gewissenhaft benutzten Quellen hin- 
gewiesen hat? 

Jenes Lob scheint denn auch dem ersten Theil der historischen Ab- 
handlung nur deshalb zuertheilt worden zu sein, damit der Verfasser sofort 
über den zweiten, mindestens ebenso werthvollen, der die Entwicklung des 
französischen Drama in der Periode der Renaissance zur Aufgabe hat, in 
einer nicht mehr gerechtfertigten Weise seinen Tadel ausschütte* konnte. 
Jodelle und Garnier, die zu den bedeutungsvollsten Repräsentanten jener 
Periode zählen, und deshalb vorzügliche Berücksichtigung verdienten, sind 
ihm in zu grosser Ausführlichkeit behandelt; dagegen erscheint ihm der 
Verfasser in dem ganzen Zeitraum nicht allseitig orientirt genug, aJs^ dass 
er über denselben im Allgemeinen urtheilen und sich zu allgemeinen Gesichts- 
punkten erheben könnte. Und welche Argumente bringt Herr Dr. Strehlke 
zur Begründung dieses Vorwurfes vor? Da derselbe sie nur in zufälliger 
Reihenfolge hat mittheilen wollen, so wird er mir erlauben, drei aus ihnen 
auszuwählen; diese mögen für die andren sprechen. 

Weil also l) der Verfasser auf Seite 76 gesagt hat, der Drang nach 
einer höheren Cultur habe Frankreich zur Zeit Franz* L nach Italien 
gezogen, glaubt der Herr Rezensent dem schwachen Gedächtniss des Herrn 
Ebert, der dort offenbar nur von dem gebildeten Frankreich spricht, mit 
der Bemerkung zu Hülfe kommen zu müssen, 'dass bekanntlich Carl VÜL 
und Ludwig XU. nach jenem Lande gezogen wären, unv die Erbrechte ihres 



Btufthei langen and kurze Anzeigen» 418 

Hanses dort geltend zu machen. Sollte da* Herr Ebert nicht Aach gewarnt, 
oder zum Ueberfluss in jedem Geschichtscompendium haben finden können? 

2) finde schon Thuanus in den Historiig sui temporis den hauptsäch- 
lichsten Beweis dafür, dass Franz I. in der That den Namen eines Vaters 
der Wissenschaften verdiene, in dem Umstände, dass Budaeus von ihm aus 
dem Staube der Bücherthätigkeit zu den Ehren und dem Glänze des Hof- 
lebens hervorgezogen sei. Nun hat aber der Verfasser diesen Budaeus Seite 
89. nur beiläufig erwähnt I Dagegen hat derselbe die wirklichen Verdienste 
Franz' I. um die moderne Bildung Seite 76 — 78 scharf hervorgehoben. 
Auch jenseits des Rheins misst man jener Thatsache nicht die Bedeutung 
zu, die der Herr Rezensent ihr beileget. 

Endlich 3) hat der Verfasser nicht bewiesen, dass Mellin de St 
Gelais in der That der Einzige gewesen sei, welcher zuerst das Sonett in 
Frankreich wieder eingeführt habe. Würde ein solcher Beweis wohl aber; 
wenn er überhaupt möglich wäre — er würde auf das Kunststück hinaus- 
laufen, Vieles zu sehen, was nicht da ist — in eine Entwicklungsgeschichte 
der französischen Tragödie gehört haben? 

Diese Proben reichen hin, um die Polemik des Herrn Rezensenten, dem 
wir auf einem andren, ihm mehr zusagenden Felde weit lieber begegnen, 
m ihrem rechten Lichte erscheinen zu lassen. Nur eine unbefangene Prüfung 
kann den Verdiensten des Herrn Ebert um das von ihm behandelte Gebiet 
der französischen Literaturgeschichte gerecht werden; möchten sich die, 
welche sich für dasselbe interessiren, durch unsre Antikritik zu einer solchen 
Prüfung aufgefordert fühlen. 

F. 

Espagne et Provence. Etudes sur la litt&rature du midi de 
FEurope, accompagn^es d'extraits et de pi&ces rares ou 
in&lites par Eugene Bar et, professeur de litterature 
^trang&re k la facult£ de Clermont. Paris 1857. 8. 

Schon durch mehrere günstige Recensionen (cf. Bibliotheque universelle. 
Geneve 1858 p. 483) auf dieses Werk aufmerksam gemacht, gebe ich um, so 
lieber einen ausführlichen Bericht über seine interessanten Resultate, aes 
sie einen Theil der in meinem Programme (Louisenstadt 1854) begonnenen 
Forschungen über den Einfluss der provenzalischen Poesie weiter ausführen 
und durch die eingehende Besprechung der in neueren französischen Werken 
sichtbaren spanischen Einflüsse auch für einen weiteren Kreis von Lesern 
von Bedeutung sind. Wenn der Autor mitunter vielleicht etwas zu wenig 
Kritik anwendet und an den von Fauriel öfter begangenen fehler heran- 
streift, so müssen wir eine gewisse Parteilichkeit für ttüdfrankreich einem 
wohlgemeinten Patriotismus zu Gute rechnen und andrerseits anerkennen, 
dass er mit einer sonst an Franzosen nicht häufigen Parteilosigkeit Fehler 
und Schwächen der grossen Nation bespricht, und offen darlegt, wo ihre 
berühmten Autoren denen andrer Völker nachstehen; dass er zu seinen 
Untersuchungen eine grosse Kenntniss fremdländischer Literaturen mitgebracht 
% und manche uns in der Ferne unzugängliche Quelle benutzt hat (freilich 
klagt auch er in der Vorrede: j'ai souvent tourne* mes regards avec regret 
vers ces trCsors de documents originaux que renferment nos bibliotheques, 
place*s, helas! trop loin de moi pour qu'il me füt permis d'en jouir). Die 
im Jahre 1555 an der Universität zu Clermont gehaltenen Vorlesungen be- 
sinnen mit einer Darlegung des Zustandes von Europa vor dem Erblühen 
der Troubadourpoesie und nehmen alsdann die schon oft angeregte Frage 
nach der Glaubwürdigkeit der Biographen dieser Dichter auf, welche er 
gegen das bisher, besonders über Nostradamus unbedingt ausgesprochene 
Verdammungsurtheil in Schutz zu nehmen versucht, und wenn auch vor 



4U Benttheüungen and kurz* Anaeigtn, 

Altai Nostradamus Manches enthalten mag, das tot scharf 
Kritik nicht Stich halten kann, so ist doch andrerseits sicher manc 
Nachrichten ohne Grand bezweifelt und mit den übrigen verworfen worden. 
Das Aufblühen der provenzatischen Poesie, die mit grösserem Rechte lemo- 
sinische genannt wird, deren Formen nicht durch arabischen Einfluss, son- 
dern vernünftiger als Erbschaft späterer römischer Dichtung erklärt werden, 
leitet Baret aus dem im elften Jahrhundert regen, blühenden Leben Süd- 
frankreicbs ab, das er in seinen einzelnen Phasen bespricht: er gibt alsdann 
zum ersten Male eine Zusammenstellung der fünf verschiedenen Dichter- 
schulen in Aquitanien, Auvergne, Rodez, Languedoc, Provence und der 
Hauptdichter, welche das anschaulichste Bild von der Verbreitung der in 
Bede stehenden Poesie vorführt Die nächste Vorlesung erweist sehr aus- 
führlich den Satz: Dans le genre lyrique, la polsie des troubadours est un 
type original, une invention dont les trouveres ont tire* une imitation, une 
copie. En polsie, les Frovencaux ätaient les classiques de la France du 
Xlile siecle. Die provenzalische Schule in Catalonien in ihren Haupterachei* 
nungen bespricht zugleich mit noch wenig bekannten Proben der nächste 
Artikel, dessen zweiter Theil, vielleicht etwas zu ausführlich, Kamon Mon- 
tanen behandelt und Partien aus seiner Chronik im Original und mit Ueber- 
setzung mittheilt, während der dritte sich Miguel Carboneil, auteur. des 
Chroniques d'Espanga (geb. 1437), der vierte den catalonischen Petrarca 
Ausiaa March zum Gegenstande ausgedehnterer Besprechung nimmt, über 
den man das kürzlich erschienene sehr interessante Werk von A. Helfferich 
Raimund Lull und die Anfänge der catalonischen Literatur p. 142 etc. 
vergleichen kann. (Uebrigens spricht weder dieser Autor noch Antonio de 
Bofarull in seinem bei der Eröffnung der Academie zu Barcelona gelesenen 
Vortrage la lengua catalana considerada historicamente (Barcelona 1858. 8.) 
in der Liste der in catalonischer Prosa verfassten Werke, noch auch Baret 
selbst von der wichtigen Behandlung des Breviari d'amor in catalonischer 
Prosa durch Albert cVBrixa, das ich im Ms. St. Germain F. 137 aufge- 
funden und in meinen Beiträgen p. 72 vorläufig kurz besprochen habe.) 
Der fünfte Abschnitt „L'Ecole provencale en Castille* zeigt die Einflüsse 
der südfranzösischen Poesie auf die in den älteren Cancionaros enthaltenen 
Dichter, besonders auf Villena und Santillana, und bespricht diesen bedeu- 
tendsten der älteren spanischen Poeten; der sechste Artikel beweist mit der 
grössten Unparteilichkeit (p. 204: les autres peuples nous reprochent l'im- 
perturbable bonne opinion que nous avons de nous memes. Je ne aais si 
le reproche est fonde; mais, s'il faut en croire Montesquieu, nous excellons 
ä choquer les e'trangers par le dädain que nous professons pour leurs 
moeurs et pour leurs usages etc.), wie Frankreich im siebzehnten Jahrhundert 
aus der spanischen Literatur entlehnte: so ist eine Partie der dritten Scene 
des vierten Actes von Polyeucte übersetzt aus l'Estrella de Sevilla von.Lope 
de Vega. Von grossem Einfluss war hierbei der elfjährige Aufenthalt spa- 
nischer Schauspieler in Paris (1661 — 72) und die Heirath des Königs mit 
Marie-Thdrese; das spanische Theater wurde ausgebeutet trotz seines vom 
französischen grundverschiedenen Characters, trotzdem es die Regel der 
drei Einheiten gar nicht anerkennt, welche man fälschlich auf Aristoteles 
hat zurückführen wollen, welche die Griechen selbst nicht befolgten: on ne 
sait pas assez nu'il n'est pas de scene qui, plus que la scene espagnole, 
malgre* son exube>ance, son cortege de faux brillants et de faux goüt, se 
rapproche du the*Ätre antique par la naivetö*, le pathdtique, Part d'exciter 
la terreur et la pitiä. Corneille ist im Cid weit hinter seinem Originale 
zurückgeblieben: diesen durch Proben weitläufig erörterten Satz wagt Baret 
seinen Landsleuten doch nur, gestützt auf Lord Holland's Account on the 
hfe and writings of Lope and Guilhem de Castro entgegenzuhalten. We- 
niger Umstände macht er mit Victor Hugo, dessen bestes Drama »Hernani - 
dem Bomancero entlehnt ist, dessen Esmeraida la Jitanilla des Cervantes 



H. Beurtheihiagen und kurze Anzeigen» 141» 

als ihr Original anerkennen niuss, wenn auch die grossen Vorzüge vieler 
Partien von Notre Dame de Paris nicht bestritten werden können. Dies 
führt ßaret auf eine genauere Besprechung des Cervantes, dessen Don 
Quixote nicht bloss eine Satire auf die Bitter - Romane ist, sondern da» 
Urtheil eines seiner Zeit geistig bei Weitem überlegenen Menschen über 
dieselbe; Don Quixote repräsentirt den Idealismus, Sancho den Positivismus, 
das Werk will nicht die guten Ritter-Romane, sondern nur die verderblichen 
Abirrungen des romantischen Geistes mit der Macht der Batire geissein. 

Aus den im Apnendice abgedruckten Artikeln heben wir besonders 
Nro. 4 hervor, eine eingehende Kritik des neuprovenzalischen Lexicons von 
Honnorat, Nro. £ eine Monographie über den catalanischen Dichter Febrer, 
Nro. 9 ausführliche Proben von Ausias March's seltenen Werken, Nro. 12 
eine Liste französischer Uebersetzungen guter spanischer Werke; Nro. 14 
ist dem Erzpriester von Hita gewidmet, den Lafontaine vielfach benutzt hat, 
wenn auch sein letzter Herausgeber Robert davon Nichts wissen will. Eine 
Anzahl Belegstellen schließet in 32 Noten das Werk, welches wir Allen, die 
sich für die französische Literatur in ihren verschiedenen Epochen interessi- 
ren, auf das Wärmste empfehlen können. 

S. 



Das französische Verb, dessen Anwendungen und Formen aus 
Beispielen älterer und neuerer Schriftsteller erklärt und 
nach einem leicht faszlichen Konjugazionssysteme geordnet 
von G. W. F. de Castres. Leipzig bei W. Violet. 1858. 

Die Einleitung, wohl etwas zu weit ausholend für eine Monographie 
über das Verb, beginnt mit der Entstehung der Sprache im Allgemeinen 
und ihrer Entwicklung, geht dann über zu den einzelnen Wortarten und ihrer 
Herleitung aus den Grundbegriffen, und kommt dann schliesslich zum Verb. 
Nachdem die allgemeinen Verhältnisse desselben auseinandergesetzt worden, 
geht der Herr Verfasser über zum ersten Abschnitt: Von der Flexion des 
Verbs im Allgemeinen, und zwar wird hier die Eintheilung in Verben schwacher 
und starker Flexion als Grundlage auch für das Französische angenommen; 
es wird dann die Flexion der Formwörter avoir und etre gegeben, und in 
$$. 3 und 4 die Personalformen und die Entstehung der Endungen. Der 
zweite Abschnitt behandelt die Verben schwacher Flexion, und zwar, in drei 
Conjugationen vertheüt, in iölgender Ordnung: erste Conjugation Verben 
auf er, Kennlaut e; auch das Verb envoyer wird hierhergerechnet, bei welchem 
der Herr Verfasser nachweist, wie durch Veränderung der Aussprache von 
oi nach und nach aus envoyerai, das in früheren Zeiten die gebräuchliche 
Form des Futur war, envoirai, enveirai, enverrai geworden ist, die Anomalie 
im Grunde also nur in der Orthographie und Aussprache feu suchen ist 
Zweite Conjugation Inünitif re, participe u. Dritte Conjugation lnfinitif ir, 
participe i, bei einigen u. — Der dritte Abschnitt gibt die Verben starker 
Flexion. Hier werden die Verben der zweiten Conjugation in zwei Haupt« 
classen getheilt: erstens, Verben auf re mit vorhergehendem Vocal, ecrire; 
zweitens, Verben auf re mit vorhergehendem Consonanten, moudre- Die 
erste dieser beiden Classen zerfällt: a) in Verben, deren participe auf u aus» 
geht, und b) solche, bei denen es i oder it auslautet. Die zweite Classe 
zerfällt a) in Verben, deren Wurzelvocal in einen Consonanten übergeht, 
absoudre, absolvant; b) in solche, deren Wurzelconsonant sich ver- 
ändert, contraindre, contraignant; und c) in solche, deren Wurzelvocal der 
Ablautung unterliegt, oroire, croyant. Die Verben der starken dritten Con- 
jugation zerfallen a) in solche, die in einigen Zeiten den Bindelaut ss zwischen 
Wurzel und Endung einschalten; b) in solche mit dem wurzelhaftcn e und i, 



41$ BeurthJeiliriigenTund kurz« Anzeigen^ 

bei denen Eintchaltang von Lauten stattfindet, oder der Vocal rieh umgestaltet/ 
e) in solche, deren partidpe auf ert auslautet und die im Fräsen» die Endungen 
der ersten Conjugation annehmen; d) das Verb vttir; e) die Verben, deren 
Infinitiv auf oir endet. Diese Letzteren werden aber nicht hier, sondern unter 
den Anomalen aufgeführt. — Der vierte Abschnitt gibt die anomale Con- 
jugation, und zwar werden hierher gerechnet die Verben aller, vivre, naltre, 
faire, und die auf oir. Der fünfte Abschnitt endlich bringt die wichtigsten 
Impersonalia, Defectiva und veraltete Verben alphabetisch geordnet 

Soweit die Eintheilung des Stoffes; was die Behandlung anbetrifft, so 
hat es sich der Herr Verfasser ganz vorzüglich angelegen sein lassen, durch 
zahlreiche Beispiele den verschiedenartigen Gebrauch der einzelnen vor- 
geführten Verben zu zeigen. Einige derselben sind hierbei sogar sehr 
reichlich bedacht worden; so z. B. finden wir bei pouvoir zwei und eine 
halbe Seite voll, darunter anderthalb Seiten aus demselben Classiker (!) 
Delavigne ; des Grundes, welcher den Herrn Verfasser hierzu getrieben, haben 
wir uns nicht recht bewusst werden können. Gerechtfertigter erscheint uns, 
der vielen abweichenden Formen wegen, diese Freigebigkeit bei asseoir, wo 
wir zwei Seiten Beispiele finden. Wicht minder lobenswerth ist, dass den 
Verben, die in Gallicismen vorkommen, die geläufigsten derselben beigefügt 
sind. Zu wünschen wäre aber, dass man endlich bei Anführung von Beispielen 
diejenigen wegfresse, welche die Academie und andre Lexicographen aus sich 
selbst, nicht aus anerkannt guten Schriftstellern genommen haben, und die 
man auch mit dem Namen der Lexicographen citirt Der Herr Verfasser 
hätte diese Art von Beispielen um so eher entbehren können, als ihm ja auch 
ohne diese eine Fülle anderer bei der Hand war. 

Ebenso gewissenhaft als der Herr Verfasser in der Aufführung von Bei- 
spielen ist, ist er es auch in der Nachweisung der entsprechenden Formen 
in den verwandten Idiomen, namentlich im Provencaliscnen, im Spanischen 
und Portugiesischen. Wo für ein Verb die entsprechende Form im Proven- 
caliscnen nicht vorhanden ist, spricht dies der Herr Verfasser jedes Mal 
aus; um so mehr haben wir uns gewundert, bei craindre das nrovencalische 
temer (lateinisch timere) mit allen vorkommenden Formen aufgeführt zu finden, 
während doch kurz darauf craindre, und das altfranzösische cremer auf eine 
keltische Wurzel crain, cren, crin „Furcht* zurückgeführt wird, indem es S. 
50 heisa t: «Weitere Forschungen haben uns auf die keltischen Sprachen zu- 
rückgewiesen und (wir haben) darin eine Wurzel crain, cren, crin, Furcht 
bedeutend, aufgefunden, die sich in folgenden, diesem Sprachstamme an- 
gehörigen, Idiomen wiederfindet: Bretonisch craigni (craindre), crein (trem- 
blement), crena (trembler); Irländisch crihane (craindre, trembler); Gälisch 
crynu (trembler), crvnroz (timide), cryn (crainte), cryndod (peur). Sollten 
nun nicht etwa crena der Stamm von cremer, und craigni der von craindre 
sein? Es wäre höchst interessant, dieses zu ermitteln. 44 

Wenn wir somit im Ganzen das Bestreben des Verfassers, in die Ver- 
hältnisse des Verbs tiefer einzudringen, nicht verkennen können, so sind wir 
doch namentlich im Anfange auf einige Seiten gestossen, wo die Definitionen 
und Kegeln sehr äusserlich gehalten sind, und zu dem mehr wissenschaftlichen 
Charakter des Ganzen wenig passen. Dahin rechnen wir besonders die in I, 
3 unter der Ueberschrift: „Orthographischer' Charakter der französischen 
Personalformen auf phonologische Grundsätze zurückgeführt* aufgestellten 
Regeln, und die den drei schwachen Conjugationen beigefügten Bemerkungen; 
denn wir finden da, nachdem doch vorher ausführlich von den Personal- 
endungen gesprochen worden, z. B. noch zur ersten Conjugation folgende 
Bemerkung: „Die Verben auf 6er, wie agreer, behalten beständig aas e\ 
weil es zur Wurzel gehont etc.; 44 ferner „die Verben auf ier, als prier, be- 
halten stets das i der Wurzel vor den mit i anfangenden Endungen etc. 4 * 
Derartige Bemerkungen scheinen uns, in dem vorliegenden Buche wenigstens, 
sehr überflüssig. 



Beurteilungen und kurze Anzeigen. 417 

Wm einzelne Eigenheiten des Herrn Verfassers anbetrifft, z. B. statt 
Verdoppelung des Consonanten in den Verben auf eler und et er, oder in 
den wie prendre conjogirten die Schreibart ele, ete, ene nach dem Vorgange 
Lemare's zu befolgen, oder in der Bezeichnung einzelner Zeitformen, be- 
sonders derer des Conjunctiv's, so wollen wir darüber mit ihm nicht rechten, 
um so weniger als wir denn doch eigentlich gar nicht wissen, für wen das 
vorliegende Buch bestimmt ist. In Bezug auf die Benennung der Zeiten 
möchten wir indess doch hier gegen eine derselben protestiren. Es wird die, 
im gewöhnlichen Leben plusqueparfait du Subjonctif genannte Form aller- 
dings auch hier unter dem modus conjunctivus aufgeführt, ausserdem aber vorher 
als Tasse* du conditionnel. Wenn nun auch diese Form zuweilen in hypo*. 
thetischen Sätzen an Stelle des Conditionnel p. gebraucht wird, so berechtigt 
dieser Gebrauch doch noch keinesweges dazu, sie auch als zweite Zeitform 
des Passä du Conditionnel aufzuführen; denn dieser Gebrauch entspringt 
nur aus einem engeren Anschliessen an die lateinische Sprache, die ja eben- 
falls in den hypothetischen Sätzen, die Bedingung und Folge als unmöglich 
darstellen, den Conjunctivus Imperfecta oder Plusquamperfectum gebraucht. 

In Betreif des zehnten Abschnitts ist noch zu bemerken, dass der Herr 
Verfasser, den Begriff sehr weit fassend, alle diejenigen Verben dahinrechnet 
„welche nur in der dritten Person gebräuchlich sind, und bei denen das 
Personalpronomen il, eile (er, sie, es), im Deutschen nur es die Stelle des 
Subjeots einnimmt,* also auch diejenigen, „die eine Thätigkeit bezeichnen, 
welche sich auf Thiere oder Sachen bezieht, oder der Sprache eigene Aus- 
drücke sind. Der Verfasser sagt hierauf tadelnd: „Die zweite dieser Classen 
schienen die Grammatiker bisher nicht zu kennen". Wir gestehen, dass wir 
ebenfalls den Begriff des Impersonale bisher anders aufgefasst haben, und 
es auch nicht unternehmen möchten, die einfach ausgesprochene Behauptung 
des Herrn Verfassers zu begründen oder zu vertheidigen. 

Schliesslich haben wir noch auf zwei Stellen, die sich durch Undent- 
lichkeit auszeichnen, und auf einen Ausdruck, der uns unpassend scheint, 
aufmerksam zu machen. Auf Seite 12 , heisst es bei Gelegenheit der Per- 
sonenformen: „Die beiden ersten (Personen) setzen immer Gegenwart vor- 
aus, die letzte stielt gleichsam eine negative Bolle, bei deren Abwesenheit 
nothwendig ein Neutrum in Ansprach genommen werden muss. Um den 
Begriff dieser Person kenntlich zu machen, gibt man dem Worte, wodurch 
derselbe dargestellt wird, die generischen Formen : il, ils für das Masculinum, 
eile, elles für das Femininum. « (!) Auf Seite 23 sq.: „Die Orthographie 
der Farticipes dieser Verben (auf eer) richtet sich nach den Endungen: agr£e*, 
agr&s (männliche Formen); agrlee, agr&es (weibliche Formen). * Der 
unsrer bescheidenen Meinung nach unpassende Ausdruck befindet Bich Seite 
42. „Die Grammatiker wollen dieses Verb gleichfalls kastriren u sagt 
dort Herr de Castres. 



La France litt&aire. Morceaux choisis de Litt&ature Fran- 
chise ancienne et moderne, recueillis et annot& par L. 
Herrig et C. F* Burguy. Deuxiime Edition. Brems vic, G. 
Westermann. 

Früher als es sich erwarten Hess, ist eine zweite Auflage dieses Lese- 
buches nothig geworden , in welcher die Herausgeber mit grosser Bereit- 
willigkeit die Verbesserungsvorschläge benutzt haben, welche ihnen von er- 
fahrenen Freunden mitgetheilt wurden. Die Correctheit des Buches ist da- 
durch wesentlich gefördert, und diese neue Ausgabe wird auch schon deshalb 
vielleicht manchen Lehrern brauchbarer erscheinen, weil von der Zeit des 
Archiv f. n. Sprachen. XXIV. 27 



418 Beurtheilungen und kurv« Aliseigen. 

Corneille an die alte Orthographie ganz fortgelassen und statt denen die 
neuere durchgängig angewendet ist Viele Stimmen hatten nämlich dies 



Aenderong nachdrücklich verlangt, nnd die Herausgeber haben darin mA- 
gegeben, nicht etwa weil sie zugestehen müssen, fruherhin ein irriges Prioop 
▼ertheidigt zu haben, sondern weil eine grosse Zahl competenter Männer & 
Ansicht aussprach, dass der geringe Aufwand ron Zeit und Kraft, welcher 
in den meisten Schulen dem Studium der französischen Sprache gewidmet 
werden könne, nicht hinreiche, um das bei der YerÖflenthcnans des Baches 
angestrebte Ziel in Wahrheit zu erreichen. Man glaubte, da*s Lehrern ra! 
Schülern ein Dienst geleistet werden wurde, wenn das Buch der Praxis m 
solche Concession mache. Das ist denn nun geschehen, nnd es sind » 
gleich die Quellen in grösster Vollständigkeit angegeben, welche zu den t* 
schiedenen Einleitungen in die Literaturgeschiente der einzelnen Periods 
benutzt worden sind. 



Elementarbuch der englischen Sprache. Für den Schulgebrami 
und zum Selbstunterricht bearbeitet von F. SiebmiDS* 
Berlin, Moeser. 

Der Verf. weist in seinem Vorworte auf die Schwierigkeit der Aufgibt 
hin, ein Elementarbuch zu verfassen, welches dem gegenwartigen Standpunkt 
der Sprachwissenschaft ebenso sehr als der Höhe pädagogischer Kunst Be- 
spreche, und will darum in sehr bescheidener Weise seine Arbeit nur * 
einen Versuch angesehen wissen. Er hat vorzugsweise die Regelung dB 
Aussprache im Auge und gibt deshalb (wenigstens anfangs) die Stäke nicht w 
mit Interlinear- Übersetzung und einer zwischenzeikgen Bezeichnung & 
Laute mit lateinischen Lettern,, sondern es findet sich zugleich am ScWn» 
des Buches ein systematisch übersichtlich geordneter Unterricht in den H«q* 
regeln der Aussprache, während bereits hinter jedem einzelnen Uebunp- 
stücke ein besonderer Schlüssel die in dem betreffenden Stücke vorkommend: 
Schwierigkeiten erläutert. Der gewählte Lesestoff verrath pädagogisch 
Tact und die grammatischen Regeln zeichnen sich grossentheik durch fit 
fachheit und Deutlichkeit aus; nur bleibt es zu wünschen, dass hin oc 
wieder das Buch etwas ausführlicher und tiefer einginge nnd dass name* 
hch die Lehre von den sogenannten unregelmässigen Verben neu durd- 
gearbeitet würde, deren blosse alphabetische Aufstellung denn doch wol 
nicht ganz befriedigen kann. Im Allgemeinen erscheint übrigens das firc 
recht brauchbar und verdient Empfehlung. 



1. Instructive moral reading in 60 lessons. Ein Lesebuch fc 

Töchter von Dr. H. Nickels. Leipzig, Roseberg. 1859. 

2. Englisches Lesebuch für Schulen und den Privatunterricht 

Bearbeitet von Dr. JR. Degenhardt. Hamburg, Perthes- 
Besser & Mauke. 1859. , 

Diese beiden empfehlenswerthen Bacher sind wohl geeignet, den "Wort- j 
schätz des Schülers zu mehren und ihn stufenweise in das Verständnis m» 
in den Geist der englischen Sprache einzuführen. Die Verfil haben zuglaci 
dafür gesorgt, dass durch die Entfernung aller unnützen Schwierigkeiten ** 
Leser die Lust und Freudigkeit an der Arbeit erhöht werde. Herr Degen- 
hardt liefert in seinem Büchlein, dessen erster Cursus uns vorliegt, eise 



Beurth ei langen and kurze Anzeigen. 419 

Sammlung kleiner interessanter Erzählungen, welche für die betreffende 
Altersstute ganz angemessen ist und gibt unter dem Texte die erforderliche 
Phraseologie. Das Sprachbach des Herrn Nickels zerfällt in zwei Curse, 
deren erster die wichtigsten grammatischen Regeln auf die verschiedenen 
Lectionen vertheilt, sehr gute Winke zur Regelung der Aassprache gibt und 
dem Lesestoffe zugleich die erforderlichen Vocabeln beifügt Sehr zweck- 
mässig ist es überdies, dass der Inhalt der poetischen Stücke stets in un- 
gebundener Form wiedergegeben und durch eine Menge von Fragen gründ- 
en durchgearbeitet wird. Der zweite Cursus bietet nur den einfachen Text 
ohne alle Beihülfe, und es läset sich nicht verkennen, dass der Verf. in der 
äusserst geschmackvollen Auswahl seinen Zweck stets vor Augen gehabt hat 



Uebungen zum richtigen Uebersetzen aas dem Deutschen in's 
Englische von G. M. Jung. Nürnberg, Stein 1858. 

Der Verf. dieses Büchleins, welcher sich bereits darch seine englische 
Grammatik vorteilhaft bekannt gemacht hat, behandelt in den Uebersetzungs- 
aufgaben die wichtigsten Abschnitte der Sprachlehre. Nach Hinweisung auf 
sein grammatisches Werk folgt stets über die betreffende Regel eine Reihe 
von Sätzen mit gegenüberstehender englischer Uebersetzung und hinter diesen 
dann eine Sammlung deutscher Sätze, welche der Schüler vom Blatt weg 
übersetzen soll, nachdem er die anderen gehörig eingeübt hat. In einem 
Anhange endlich befindet sich eine kleine Sammlung von Briefen in englischer 
Sprache« Die gegebenen Sätze sind mehr oder weniger inhaltreich, stehen 
aber in keinem Zusammenhange zu einander und es dürfte deshalb rathsam 
sein, dass der Verf. bei einer etwaigen zweiten Auflage die deutschen Auf- 
gaben im Allgemeinen ein wenig vermehren und sie namentlich durch Hin- 
zufügung einzelner Stücke, welche für sich ein Ganzes bilden, bereichern 
möchte. Die Ausstattung des Buches ist sehr gut. 



Nuovo Dizionario portatile italiano-tedesco e tedesco-italiano da 
Carlo Biccardo. Brunsvigo, G. Westermann. 1858. 

Wir haben hier ein Reisetaschenworterbuoh, welches sich durch seine 
Handlichkeit und Reichhaltigkeit sehr empfiehlt, und den Freunden der 
italienischen Sprache, sowie ganz besonders Beisenden äusserst willkommen 
sein wird. Schon ein oberflächlicher Blick überzeugt den Leser, dass die 
besten Quellen sorgfältig benutzt worden sind, und es verdient namentlich 
erwähnt zu werden, dass man die für die Umgangssprache, wissenschaftliche 
und technische Dinge unentbehrlichen Ausdrücke hier nicht vergeblich sucht, 
und dass sich der Herausgeber die Mühe gegeben hat, jedes Wort mit einem 
Acoent zu versehen. 



27« 



Programmenschau. 



Die Kunst des deutschen Uebersetzers. Programm der höhen 
Bürgerschule in Oldenburg. 1857. 1858. 

Je länger von uns der Wunsch gehegt worden ist und je lebendige! 
das Bediirfniss gefühlt, eine kritische Geschichte der vorhandenen Uebe: 
Setzungen alter und neuer Schriftsteller zu besitzen, um so erfreulichen« 
es uns gewesen, in zwei Programmen der Vorschule und höhern Bürger 
schule zu Oldenburg, nämlich denen vom Jahr 1857 und 1858, eine AtM 
lung des Rectors Tycho Mommsen zu finden, welche zwar nicht jene it 
umfassende Aufgabe zu lösen sucht, aber doch die wesentlichen Gesicht*- 
punkte, von welchen der Unternehmer einer solchen Arbeit ausgeben miw* 
angibt, ja auch wohl schon einiges schätzenswerthe Material enthalt, onds 
etwa als eine Einleitung zu einem derartigen Werke gelten könnte. 

»Die Kunst des deutschen Uebersetzers," wie das Thema* lautet, ist nas 
vorausgeschickter Uebersicht über die Anregungen von Aussen, welche* 
hervorriefen und über die Einflüsse, welche ihre Entwicklung beschleunigte 
oder hemmten, erst in Bezug auf das Verdienst ihrer verschiedenen Gfr 
tungen für die deutsche Sprache und Literatur, und auf die Schwierigkeit 
welche sie darbietet, im Allgemeinen, dann in Bezug auf die einzelne: 
Sprachen, vorzüglich das Englische, Französische, Italienische, Spanisch 
mit Angabe der Mittel, wie jenen Schwierigkeiten zu begegnen sei, w* 
sichtig und mit so grosser Kennerschaft/ so feinem kritischem Sinn und» 
bei in einer so lichtvollen und lebendigen Sprache dargestellt, dass «' 
hoffen, eine gedrängte Angabe des Inhalts dieser lehrreichen Arbeit ir- 
genügen, ihr recht viele und aufmerksame Leser zu gewinnen. 

Zuerst weist der Verfasser darauf hin, wie der Kunststil in Denttf 
land, je nach dem Eintreten dieses oder jenes auswärtigen Einflusses, fl*j 
des classischen und biblischen Älterthums, dann des Französischen und fr 
lienischen, dann vorwiegend des Englischen, später des Südronumitf^ 
endlich des Neufranzösischen und Neuenglischen gewechselt hat, so dass se£ 
Phasen die eigentlichen Knoten- und Ausgangspunkte unsrer Literatur & 

Eine solche Empfänglichkeit für das Fremde, zeigt er weiter, ist not- 
wendig für die Blüthe der Kunst, nur kommt es darauf an, dass dies Fiaj 
lebensfähig, dass es bedeutender sei, als das Eigene; und zweitens d« 
dass es uns nicht völlig übermanne, sondern dass wir uns dasselbe uo^ 
werfen, soweit es uns gleichartig ist. 

Die Einwirkung des fremden Geschmacks aber geschieht theils dadanj 
dass ein grosser Theil der Gebildeten die fremde Sprache lernt, theils Jj 
durch, dass allen Gebildeten die Erzeugnisse desselben in deutschen Ki* 
büdungen zugeführt werden. | 

Es werden nun drei Arten der Nachbildung unterschieden; 



Programmenschau. ' 421 

1) Die stillose Uebersetzung, in der der fremde Inhalt getreu, aber 
in einer nicht gleichen oder analogen Form wiedergegeben wird. 

2) Eine Onginaldichtong in fremdem Stil, die einen deutschen Inhalt 
in fremder, noch nicht emgebürgerter Form darstellt. 

3) Die strenge oder stilharte Uebersetzung, in der Form und Inhalt 
möglichst getreu und doch schön und verständlich übertragen werden. 

Nach einigen vorausgeschickten Bemerkungen über die Schwierigkeit, 
ja theilweisen Unmöglichkeit des Uebersetzens aus einer Sprache in die 
andere überhaupt, wird der Nutzen jener einzelnen Arten angegeben, den 
sie trotz des innen beiwohnenden Mangels gewährt haben oder noch ge- 
wahren. 

Die erste, ob sie gleich die Form ganz aufgibt, venn sie nur den In- 
halt treu bewahrt, hat nicht selten anregend gewirkt, wie die poetische 
Prosa des Wieland -Eschenburg'scben Shakspeare Goethe und Schiller zu 
Götz und zu den Raubern entzündete, während Uebersetzungen, die einen 
fremden Inhalt in einer andern Form wiedergeben, wie Opitz aus Sophokles 
und Seneca übersetzte, Wieland Horazens Episteln und Satyren etc., mit 
Hecht abgekommen sind, da sie falsche Farben in das Original hineintragen, 
so dass sich Aehnliches von ihnen sagen lasst, als was Bentley über Pope's 
Iliade urtheilte: „Es ist ein hübsches Gedicht, aber kein Homer." 

Der zweiten Gattung, der Originaldichtung im Stil der Fremde, wird 
noch mehr Bedeutung zugesprochen, da, wenn auch keine Congruenz mit 
den fremden Formen erreicht werde, die Masse der Gebildeten sich dennoch 
ihrer bemächtige, sie lieben und verstehen jlerne. Dies kann nicht geleugnet 
werden, ob es uns gleich zu viel gesagt scheint, dass die Meisten, die eine 
etwas höhere Schulbildung durchgemacht haben, trotz der fremden Formen 
Herder's Cid, Goethe's Zueignung, Schiller's Abschied vom Leser, Chamisso's 
Salas y Gomez und manche Platen'sche Sonnette und Parabasen wissen. 
Wir können auch an dieser Stelle, ob wir uns gleich im Uebrigen einer 
Kritik des Einzelnen entschlagen, nicht die Bitte unterdrücken, dass der Ver- 
fasser, so sehr er auch im fiecht ist, wenn er die Form des fremden Ori- 
ginals, falls einmal übersetzt werden soll, möglichst treu beibehalten wissen 
will, doch auf den armen Deutschen nicht allzu sehr zürnen mag, wenn er 
an die fremden Früchte nicht so schnell anbeisst. Ich denke, er thut es in 
dem richtigen Vorgefühl davon, dass, wie das Naschen gar leicht den Magen 
verdirbt, das Hindrängen zu überfeinen Kunstformen auch bald die natür- 
liche Schöpfungskraft des freien Dichtergenius lähmen möchte, eine Erfah- 
rung, die sich in dem Entwicklungsgange sowohl der einzelnen Volkslitera- 
turen wie in dem der Dichterindividuen fast durchgängig bestätigt. Den 
Kernpunkt aber des ersten allgemeinen Theils der Abhandlung bildet die 
Betrachtung der dritten Gattung von Uebersetzungen, der stil haften. 

Für diese, heisst es, spricht nicht der Erfolg, wie für die zweite, doch 
liegt dies einmal nur daran, dass die Kunst noch neu ist, denn der erste 
Versuch in derselben, Ramler's fünfzehn horazische Oden, fällt in das Jahr 
1769, worauf 1781 die deutsche Odyssee von Voss folgte, 1778 Herder's 
Stimmen der Völker, 1797 SchlegePs Shakspeare u. s. w., sodann in der 
Schwierigkeit der Aufgabe selbst, denselben Inhalt in derselben Form so 
wiederzugeben, dass ein analoges Ganze entsteht. 

Dennoch, da die metrische Gestaltung den Kern und das Wesen eines 
poetischen Werkes ausmache, sei der Gedanke richtig; nur müsse derUeber- 
setzer mit d e u t s c h-p oetischem Geiste arbeiten und eine Dichtung schaffen, 
die an sich sohön und verständlich ist. Ein Beweis von der Ausführbarkeit 
und Lebensfähigkeit desselben sei der Vossische Homer und der Schlegel- 
Tiek'sche Shakspeare. Wer möchte jene Anforderung des Verfassers an den 
Uebersetzer nicht für eine vollkommen berechtigte halten? Wenn er aber 
demselben das Zugeständniss macht, selbst das Unklare und Unschöne im 
Urbilde ausscheiden zu dürfen, und Schlegel lobt, der Vieles im Shakspeare 



429 Programm ensch am 

■nt glücklichem Leichtsinn geändert und doch den Shaktpearatten Sbk- 
ipeare erzeugt habe, ao müssen wir sagen, dass uns dasselbe aehr gewagt 
erscheint und annehmen, der Verfasser habe damit nur die Unberufenes 
zurückschrecken wollen, welche durch zwar wort- und inhaltstrene, aber od 
desto trockenere un<J pedantischere Machwerke dem Gedeihen der lieber- 
setzungskunst mehr schaden als nutzen. Wir übergehen die treffenden Be- 
merkungen, die der Verfasser darüber macht, wie viel leichter sich fremde 
Stile Eingang beim Publicum verschafften, wenn sich originale Geister der- 
selben schon zu eigenen Schöpfungen bedient hatten, oeror man sie k 
Uebersetzungen anwandte, da z. B. Rlopstock's Messiade dem VossVhe 
Homer, Goethe's Ottaven für Gries' Ariost und Tasso den Boden bereitetes, 
und wie ferner auch ein sachlicher Vorbau nicht minder einflusareich ac 
die Empfänglichkeit für das Fremde wirkte, z. B. das Einleben in die Well 
Homerischer Anschauungen, Sophokleischer Sittlichkeit, Platonischer Getto- 
ken, oder in die geniale Weltanschauung des grossen Briten und die Phu- 
tasie des Orients, ehe noch die eigentlichen Uebersetzungen kamen. Wh 
deuten diese Bemerkungen nur an, um dem Verfasser in seiner wohlübe^ 
dachten Zusammenstellung der Schwierigkeiten zn folgen, welche das lieber- 
setzen darbietet. Diese hegen hauptsächlich zunächst in der Eigentümlich- 
keit des Originals selbst; denn je entlegener ein Werk der Zeit nach ist, 
oder je ferner uns die Nation gestanden hat, der es angehört, desto schwerer 
wird es sich bei uns durch eine Uebertragung einführen lassen. Ferner ist 
nicht jede Dichtungsart gleich zugänglich. Das Epos, das Drama biete 
weniger Hindernisse als die aus der Tiefe des individuellen Geistes keimende 
Lyrik. Innerhalb dieser bieten die Volkslieder wieder eine bequemere Fora 
ab die Producta der Kunstdichtung, und in dieser wird der Versuch de? 
Uebertragung um so misslicher sein, je weniger die Individualität des Dick- 
ters mit dem unvergänglichen Volksgeist in Harmonie bleibt; an der Nach- 
bildung mancher lyrischer Stellen wird die Kunst ganz scheitern. Eben« 
gar häufig an der Uebertragung des Komischen; denn es gibt nur wenig 
unsterbliche Witze, der Scherz wurzelt im Augenblick und gehört bestimm- 
ten Oertlickheiten und Personen an. 

Nunmehr geht Mommsen auf die Uebersetsungsschwierigketten der ein- 
zelnen Sprachgruppen über, beginnend mit der germanischen, und zwar des 
Dänischen, Holländischen, Schwedischen, aus denen am leichtesten zu über- 
setzen sei, weil sie dem Deutschen am nächsten stehen. 

Er erinnert nur daran, dass der Uebersetzer, was unsre Sprache erhöbe, 
den lautlichen Charakter der sanften dänischen Sprache müsse zu bewahr« 
suchen, und sich bemühen, die reineren Vocale, sowie die schärferen Co» 
sonanten des Schwedischen wiederzugeben. Sodann kommt er auf da 
Englische. 

Als Hauptschwierigkeit beim Uebersetzen aus dieser germanischen, sbff 
in insularischer Selbständigkeit entwickelten und mit vielen fremden Ele- 
menten bereicherten Sprache bezeichnet er die durch lautliche Gedrängt- 
heit ihr eigentümlich gewordene sinnliche Energie. Sie kann in die- 
selbe Zeilenmass viel mehr Begriffe ohne Zwang zusammenstellen, all 
wir. Zum Beispiel würden die zehn Silben des fünffüssigen Jambus: 

(the dames) 
Whose large blue eyes, fair locks, and snowy hands — 

in der knappsten Uebersetzung: 

Deren grosse blaue Augen, blonde Locken und schneeweisse Hände 
wenigstens achtzehn Silben erfordern. 

Wolle man nun die Zeile nicht ausdehnen zu zweien« so gälte es bfc 
Aufgeben, und zwar nicht von der Form, sondern *om Inhalte, «d 
damit den Totaleindruck des Urbildes, je besser es ist, zerstören. I 



Programmenschau. 42S 

Die Nothwendigkeit des Aofgebans wird Jeder, der sich einmal an die 
etrische Uebersetzong eines auch noch so kleinen englischen Verses ge- 
Acht hat, empfunden, und auch zu dem Mittel, das der Verfasser anräth, 
unlieb dem Weglassen der unwesentlichen Züge, z. B. der Epitheta or- 
intia, seine Zuflucht genommen, sich auch, wie der Verfasser will, gehütet 
&ben vor dem Abknappen der Endsilben, der Binde- und Fügewörter. Aber 
ben, Trenn dieses gemieden und jenes mit Geschick gehandhabt wird, indem 
ian nämlich sein Augenmerk weniger auf das Wiedergeben jedes einzelnen 
Portes, als vielmehr auf die möglichst vollständige Uebertragtmg der Grund- 
orstellung des fremden Dichters richtet, dann wird auch die Uebersetzung 
en Totaleindruck des Urbildes nicht zerstören und dem der fremden 
prache Unkundigen ein dankenswerthes Surrogat bieten. 

Wenn man es sich freilich so leicht macht, wie z. B. ein Uebersetzer 
es innigen Liedchens von Thomas Moore, voL IQ, S. 12: 

When thou art nigh, it seems 

A new creation round, 

The sun hath fairer beams, 

The lute a softer sound. 

Though thee alone I see, 

And hear alone thy sigh, 

T is lieht, 't is song to me, 

T is all — when thou art nigh etc. 

ind folgendermaßen übersetzt: 

Bist Du mir nah — 1 

Dein Lächeln hold, gleich sonn'gem Strahl, 
Der Nebel aufwärts zieht vom Thal, 
Verscheuchet alle Herzensqual, 

Bist Du nur da! 

Bist Du nur da — 
Der Vogel singt mit höh'rem Muth, 
Und hefler perlt des Bächleins Fluth, 
Die Blum' erglänzt von farb'ger Gluth, 

Bist Du mir nah! u. s. w. " 

so ist dieses freilich keine Uebersetzung zu nennen, denn weder Form noch 
Inhalt sind wiedergegeben. Es ist vielmehr ein Gedicht für sich, das nichts 
weiter als das Thema mit dem Original gemein hat. Es sei mir erlaubt, 
an dieser Stelle eine eigene Uebersetzung dieses Gedichts einzufügen, in 
der ich versucht habe, sowohl das Versmass als den Gedankeninhalt des 
Originals möglichst treu beizubehalten. 

Bist Du mir nah, erblüht 
In neuer Pracht das All, 
Die Sonne reiner glüht 
Beim sanftem Lautenschall 
Erlausch' ich Deinen Ga 
Hör' ich Dein Seufzen : 
Ist's lacht, ist's Engeh 
Ist's Himmel — bist Du 

Bist Da mir nah, so taucht 
In's Herz kein Tropfen Leid; 
Wo ich Dich ahne, haucht 
Die Welt rings Heiterkeit 



424 Programmenschau. 

Gern folgt* ich dem Gebot, 
Zu geh'n, wohin ich sah 
Dich schwinden, denn der Tod 
War' süss — Dich fand' ich ja. 

Ich gestehe, dass mir in dieser Uebersetzung eine Forderung, die um 
an jede Uebersetzung machen mnss und die mir der Verfasser nicht genug 
betont zu haben scheint, nämlich dass sie sich eben durch nichts, so streng 
sie sich auch an Form und Inhalt des Urbildes anschließet, als eine Ueber- 
setzung verrathen, sondern den Stempel einer originalen Schöpfung an ach 
tragen müsse, nicht ganz erfüllt zu sein scheint 

Man erlaube mir daher, um einen Beleg zu geben, dass jene Forden^ 
auch für das Uebersetzen der vom Verfasser selbst als so schwierig be- 
zeichneten englischen Lyrik keine Unmöglichkeit enthält , noch ein pax 
andere Versuche mitzutheilen. Es würde mir zur Freude gereichen, wem 
sie die Billigung des Herrn Mommsen insoweit erhielten, dass er gestände, 
sie würden von Einem, der die Originale nicht kennt, bis in's Einzelne ra- 
stenden und für originaldeutsche Froducte gehalten werden, und gäbe: 
ausserdem trotz der strengen Beibehaltung von Form und Inhalt deonoe 
den Totaleindruck der Originalgedichte mögliebst genau wieder. VoLE 
131 (in der Tauchnitz'schen Ausgabe): 

Du hörst das Lied, das einstmals ich Dir sang, 
Als Gram noch nicht die glatte Stirn verletzt; 
Doch ach, ob unverändert auch der Klang, 
Wie anders fühlt das wunde Herz ihn jetzt 
Noch Böse ist die Rose in der Nacht, 
Die früh am Stocke stolz das Köpfchen hob; 
Doch ach, wohin des Morgenthaues Pracht, 
Der lebensvolle Duft, der sie um wob? 

Seitdem Musik die Herzen still verband, 
Wie manche Lust und Pein durchlebten sie; 
Der Freude allzu kostbar Licht entschwand, 
Der Trauerwolke Schatten löst sich nie. 
Und ob das Lied wie Heimathsruf auch klingt, 
Wir seufzen — ach, nicht trüber Ahnung voll; 
Der Seufzer, der sich aus der Seele ringt, 
Ist längstbegrabner Hoffnung Thränenzoll. 

Ich habe grade dies Gedicht gewählt, da es lauter stumpfe Verss* 
gange hat, deren Nachahmung im Deutschen, wie der Verfasser mit Beck 
meint, oft Härten verursachen müsste, wenigstens in einem langem Gedicht 
Manchem Liede, wie jenem lieblichen How dear to me the hour, wben <fy 
light dies etc. aus Moore's Irish melodies und manchen andern möchte aber 
der gleichmässi^e Ausklang vielleicht sogar zum Vortheil gereichen. ^ 
möchte es so wiedergeben: 

Wenn sanft das Taglicht auf dem See erbleicht, 
Und sterbend auf der stillen Fluth sich dehnt, 
Wie süss Dein Traumbild dann der Well entsteigt, 
Und lauseht dem Seufzer, der nach Dir sich sehnt 
Folgt nun das Aug dem Strahl so lächelnd hold 
Die Fläch' entlang dem glüh'nden Westen zu, 
Dann möcht' ich wandeln auf des Pfades Gold, 
Bis ich gelangt zum Eiland sel'ger Ruh. 

Um so schwieriger wird die Aufgabe, dieselbe Silbenzahl beizubehalten 
je kürzer der Vers ist, z. B. in jambischen oder trochäischen DiHjJ 
Dennoch erlaubt unsre biegsame Sprache, ohne dass der Ausdruck weseDtües 



Programmen schau. 425 

geändert wird, auch da eine formtreue Uebenetzung, z. B. von Moore's 
Vol. HI, S. 124: 

With moonlight beaming 
Thus o'er the deep 
Who'd linger dreaming 
In idle sleep? etc. 

Durchblinkt die Tiefe 

Des Mondes Licht, 

Ist mir's als riefe 

Es: Schlummre nicht! — 
Des Tages Lust ist leer und schaal, 
Ich lebe auf beim Mondesstrahl. 

Die Zeit entfliehet 

In lichtem Glanz, 

Goldfurchen ziehet 

Das Schiff im Tanz. 

Beim Kerzenflimmer, 

Ihr Grossen, weilt; 

Durch zartem Schimmer 

Mein Nachen eilt, 
Indess das Echo munter hallt, 
Vom Uferfels zurückgeprallt 

Wie süsse Lieder 

Ich ihm geliehn, 

Noch süssre wieder 
* Tönt's zu mir bin. 

Nimmt man zu den lautlichen Schwierigkeiten, die der Verfasser weiter 
entwickelt hat, noch die eigentlich sprachlichen, z. B. die auch syntaktisch 
(durch die Erlaubniss, das Relativ wegzulassen, die Participialconstructionen 
u. s. w.) auftretende Gedrängtheit, so wird das Zulassen des weiblichen 
Reims fast als Notwendigkeit erscheinen, und zwar besonders» wieder bei 
ganz kurzen Versen, wie den katalektischen Dipodien, z. B. in Moore's Irish 
melodies : 

While gazing on the moon's light etc. 

Von ihr hatt' ich im Mondesglanz 
Mein Aug' ein Weilchen abgewandt, 
Zu blicken nach dem Sternenkranz, 
Der einsam leuchtend droben stand. 

Hat der Sterne 

Stolze Ferne 
Dem Herzen Wärme je gebracht? 

Hat nicht sein Bild 

So treu und mild 
Uns ewig, ewig angelacht? 
So bist, Marie, Du einzig mein — 
Von Blicken lockend rings umstellt 
Glüht stets für mich dies Aug allein, 
Das meinen Lebenspfad erhellt. 

Es schaute aus dem Trauerflor, 
In den sich barg der müde Tag, 
Manch' Blümchen matt beglänzt hervor, 
Wie Hoffnung blickt am Sarkophag — 



ttf % ProgrammensehAu. 

»Siehe,« sprach ich, 

(Als im Bach sich 
Sanft spiegelte des Mondes Schein — ) 

„Wohl manchen Quell 

Durchblinkt er hell, 
Doch alle schau'n nur ihn allein. 
Dem gleich ist unser Liebesglück — 
Viel Äugen lüstern schau'n auf Dich. 
Doch hat nur Beiz der einz'ge Blick, 
Der Blick von Dir, Marie, für mich." 

In längeren Versen, wie dem Blankvers, ist die Aufgabe des Ueber- 
setzers einstiger, denn er kann sich hier mancherlei Freiheiten erlauben, 
z. B. daktylische und anapästische Anfänge, Trochäen nach der Diärese im 
dritten und vierten Fasse u. a. m. , er kann ja auch, meint der Verfasser, 
einen Vers einschieben, was Schlegel bisweilen mit Glück thut Voss und 
Tieck thaten letzteres nie, und ich würde rathen, eher dem Beispiel dieser, 
als das jenes nachzuahmen; denn ein solches Verfahren darf immer nur als 
Nothbehelf betrachtet werden. 

Die romanischen Sprachen, auf die der Verfasser in dem Programm von 
1858 zu sprechen kommt, legen dem Uebersetzer andere Hindernisse in den 
Weg, die wenigsten wohl die französische, da die Mischung aus stumpfen 
und klingenden Endungen der deutschen ähnlich ist und die grossere Zahl 
der Formwörter und die grossere Vielsilbigkeit der Reime freiem Spiel- 
raum lässt 

Während im Englischen der Rahmen leicht au voll wird, muas sich der 
Uebersetzer aus dem Französischen vielmehr hüten, keine leeren Räume 
zu bekommen. Man muss nicht aufgeben, man mnss hinzuthun, und zwar 
besonders bei den Werken des altern Kunststils, welche eine kühlere Ge- 
messenheit haben. Aber der eigentümlich feineren und anmuthigeren körper- 
lichen Structur des französischen Verses nachzukommen, darauf werden wir 
verzichten müssen. Der Verfasser geht nun genauer ein auf die Behand- 
lung des Alexandriners und stellt dann als das zweite, was der Uebersetzer 
den französischen Werken ablauschen müsse, den leichtvooalischen 
Fluss der Rede hin, den besonders Freiligrath und Wieland vortrefflich sich 
zu Nutze gemacht hätten. 

Die anmuthige Leichtigkeit, die im kleineren Liede der Franzosen, in 
der Chanson, herrscht, und zwar sowohl im lautlichen Wechsel der Töne 
überhaupt, als namentlich auch im Reim, diesen Vorzug der französischen 
Dichtkunst im Deutschen aus- und dem Deutschen einzuprägen, sei aber 
Keinem besser gelungen als Chamisso. Nur er besitzt jene Einfachheit des 
Ausdrucks, die der Chanson nothwendig ist. 

Der Verfasser wird verzeihen, wenn wir hier in seiner eigenen, sonst 
gelungenen Uebersetzung des petit Pierre auf zweierlei hinweisen, das ge- 
ändert werden müsste; erstens der Anfang des zweiten Verses: 

Ich hab' nicht Wald noch Felder, 
Nicht Ross noch Dienerschaar 
• Und nur anstatt der Gelder 
Als Fonds ein Hakenpaar. 

den man ohne Hülfe des Originals schwerlich sogleich verstehen würde. 
Ferner ist die Construction in der zweiten Hälfte des dritten Verses zu ver- 
schränkt: 

Zu g'nügen Allen, steh' ich 

Auf mit dem Morgenroth, 

Und als ein Glück anseh' ich, 

Hab' ich mein täglich Brot 



Programmenschau. 427 

das sieh etwa dahin ändern Heise: 

Geschäftig dien 9 ich Aflen 
Vom frühsten Morgenroth, 
Und lass mir's Wohlgefallen, 
Hab 9 ich mein täglich Brot 

In aller Kürze fügen wir die wichtigsten Winke des Verfassers über 
das Uebersetzen des Italienischen und Spanischen bei. 

Dem Italienischen gegenüber befindet sich der Uebersetzer im Nach* 
theil in Bezug auf die Fülle des Wohllauts, der dieser Sprache eieenthüm- 
lieh ist, und in Bezug auf den hohen Grad der Kürze, den sie bei aller 
Vieisilbigkeit erreichen kann, daher muss er alle seine Mittel des Wohl- 
klangs and sinnlicher Energie zusammennehmen. 

Ferner ist der italienische Vers, in dem stumpfe. Ausgänge so selten 
sind wie im Englischen klingende, für die deutsche Sprache zu weich, wes- 
halb in der Ottave, Terzine und im Sonett den ^dingenden männliche Reime 
beizumischen sind. 

Im Spanischen konnten die Uebersetzer sieh eher des Reims entschlafen, 
da die Assonanz eine so starke Rolle neben dem wirklichen Reim spielt 
Herder hat die Grandezza des spanischen Suis ebenso herrlich bei uns ein« 
zubürgern verstanden, wie er nebst Geibel und Faul Heise das Abstracto, 
den Grundzug der spanischen Dichtung, schön und treu bewahrte. Deeime 
und Cancion lassen manche Freiheiten in der Bauart zu, sind daher wohl 
zum Uebemetzen geeignet 

Es folgt ein Iraner kritischer Ueberblick dessen, was für das Ueber- 
setzen der altdassischen Schriftsteller geschehen ist, den wir füglich hier 
übergehen können, da er nichts wesentlich Neues enthält 

Statt dessen sei es uns erlaubt, den Schluss der Abhandlung, in welchem 
mit heredtem Lobe geschildert wird, was der Deutsche durch Fleiss und Liebe 
aus dem Uebersetzen für seine Sprache gewonnen hat, wörtlich wiederzu- 
geben. 

„Jede Sprache ist ein körperliches und geistiges Einzelwesen, es hat 
seine Tugenden und seine Laster, seine Schönheit und seine Hässlichkeit: 
und doch ist es allein die deutsche, die der englischen von ihrer Kraft, 
der italienischen von ihrer glänzenden Weichheit, der französischen Von ihrer 
eleganten Schnelle, der spanischen von ihrer abstracten Würde, dem Orient 
von seiner buntgewirkten Seltsamkeit, dem classischen Alterthum von seiner 
plastischen Schönheit einen guten Theil abgelauscht und abgeborgt und in 
den eigenen Busen übertragen hat, ja die sich ihnen allen wie in's Herz ge- 
bohrt hat, indem sie auch in die Seele ihrer Seele, in die in ihnen herr- 
schende rhythmische und lautliche Bewegung eingedrungen ist. 

So ist sie zu einem Grade des Reichthums, der Energie, der Bildsam- 
keit und selbst des Wohllauts gekommen, wie ihn, diese Dinge in Eins ge« 
fasst, keine der lebenden Sprachen erreicht hat, und trägt, wie keine andere, 
ein universalistisches Gepräge, auf welches das Herz Europas stolz sein kann, 
das nicht umsonst in die Mitte der civilisirten Welt gesetzt ist" 

Dr. G. Härtung. 



Le Subjonotif fransaie compard an Conjonctif latin, vom Con- 
rector Becker. Programm des Gymnasiums in Weil- 
burg. 1857. 

Die französisch geschriebene Abhandlung hat nach den Worten des 
Herrn Verfassers, den Zweck, zum leichteren Verständniss und Gebrauch 
des französischen Conjunctivs für den Schüler unsrer gelehrten Schulen eine 



428 Programm an fehau. 

vergleichende Darstelhiiig des schwieriffBteii Thmcs wer Syntax bosi 
Sprachen zu geben. Sie geht vom Lateinischen ans, weil diese Sprache <fcri 
längeren and aasgedehnteren Unterricht dem Schüler bekannter ist & 
leitend wird die Bedeutung des ConjunctivB im Allgemeinen auKinara. 
gesetzt, und an Beispielen gezeigt, wie , je nach der verschiedenen Anf* 
sung des Gedankens auch der Gebrauch der beiden Hauptmodi im Laie- 
niscben, Deutschen und Französischen ein verschiedener- ist. Darauf r~ 
in fünf Abschnitten die comparative Syntax des Conjunctivs gegeben. Li 
Anordnung des Stoffes, welche wir in den Bezeichnungen des Hern Ye- 
fassers wiedergeben, ist unwesentlichen folgende: I. Du Subjonctif empir 
dans les propositions absolues et dans les principalea. IL Du Sabjösa 
dans les propositions subordonnees: 1. prop. de concession; 2. prop. ca* 
tionnelles et hypothdtiques ; S. prop. ä partieulea cansatrves; 4. prop. c@ 
nant un rapport de temps 5. prop. contenant une cause finale; 6. ps 
contenant un resultat, une consequence. III. Du Subj. dans les pi 
comple'tives: 1. prop. qui dependent des verbes marquant une volonte, i 
empechement, une crainte etc.; 2. prop. qui dependent des verbes maraatf 
un mouvement de Tarne; S. prop. qui dependent (Fun verbe de la paroka 
de la pensee ; 4. prop. ccmplementaires considerees comme sujet (saj. k 
d'un verbe impersonnel). IV. Du Subj. dans les prop. liees par un pron 
relatif. V. Style indirect (Oratio obliqua). — Dadurch dass die lateinbe 
Grammatik zu Grunde gelegt wird, geschieht es, dass besonders im zwar? 
Abschnitt viele Falle in Betracht gezogen werden, m denen die französin 
Sprache den Subjonctif nicht gebraucht, die uns also nicht recht hier* 
zu gehören scheinen, da der Titel der Abhandlung ja heisst: Da Si 
franc. compare* au Subj. latin, und nicht umgekehrt; denn Häufung derBejs 
durcn das Hineinziehen der vielen Fälle, m denen die französische Spr*i 
den Subjonctif nicht anwendet, kann doch schwerlich Leichtigkeit und*/ 
wandtheit im Gebrauche der Sprache erzielen, namentlich wenn in deoiefe 
Fällen die Mattersprache ebenfalls den Conjunctif nidht gebraucht. 

Besondere Beachtung verdient, seiner Klarheit wegen, der vierte i> 
schnitt: über die Relativsätze; es ist da namentlich das richtige Verhalts 
zwischen Relativ- und Hauptsatz dargestellt, was leider noch immer ia s 
manchen Lehrbüchern zu wünschen übrig bleibt. Wir begnügen uns ino» 
hier nur noch auf einige Punkte näher einzugehen, in denen wir die Ana* 
des Herrn Verfassers nicht theilen können. 

I, §. 1 b heisst es : L'imparf. du Subj. s'emploie encore en fran^is» 
la prop. principale est elle-mime comple*tive d'une autre prop. principe 
ex.: Je doute que le comte Essex obtint pardon, s'il en demandait — fr 
gegen lässt sich erstens sagen , dass eine prop. complltive doch nicht e 
prop. principale gelten kann; ferner aber, dass die angeführte Regel, s& 
wenn wir den Ausdruck prop. principale gelten lassen , in ihrer allgemes 
Fassung unrichtig ist. Setzen wir z. B. an die Stelle von douter das verto 
croire^ so lautet derselbe Satz: Je crois que le comte Essex n' ob tiendrA 
pas pardon a'il en demandait, oder: je ne crois pas que le comte EsaexP 
tlnt pardon s'il en demandait, woraus hervorgeht, dass die Form des sof 
nannten ersten Hauptsatzes bedingend ist für die des zweiten. 

Seite 6 lautet die Anmerkung Nr. 1 : Au lieu de si on se sert auss e 
la particule quand suivi du pre*., de l'imparf. et du plusquep. de rindicatt 
Wir möchten nicht mit dem Herrn Verfasser einen mit quand eingeleitet 
Satz für gleichbedeutend halten mit einem solchen, der mit si begibt 
Dieses quand mit dem Indicatif entspricht im Geiste des Franzosen d<£ 
immer nur dem lateinischen quum temporale, und der Satz, welcher u 
Beispiel angeführt wird; Quand le combat 6tait en^g€ , la proximitfi^ 
camp oflrait vite un asyle, würde dem Franzosen schwerlich ganz gl** 
bedeutend sein mit dem lateinischen: Si proelium committeretur propinqo» 
castrorum celerem superatis ex raga receptum dabat; um diesen wiedert* 



Programmenschau. 420 

geben, würde er si vielmehr durch „pour le cas que" oder „en cas que« 
übersetzen. 

In HI, §. 1 und 2 nimmt der Herr Verfasser die Verben des Fürchtens 
zu denen des Willens; so geschickt auch diese Behauptung durchgeführt 
wird, besonders bei Erklärung der vier verschiedenen Fälle, die bei diesen 
Verben in Betreff der Negation eintreten können, so glauben wir doch dieser 
Eintheilung nicht beipflichten zu können; oder aber wir müssen noch andere 
Verba der Gemüthsoewegung ebenfalls unter die des Willens aufnehmen; 
denn se rejouir und aimer mieux oder aimer Hessen sich wohl ebenso gut 
eines durch die beiden andern erklären, und doch werden die letzteren zu 
den Verben des Willens, das entere zu denen der Gemütsbewegung ge- 
rechnet, und mit Recht. 

Schliesslich hätten wir dann noch auf wenige Mängel im Ausdruck auf- 
merksam zu machen. Seite 1 unten steht: Dans la regle il sert ä joindre 
etc., ein Germanismus, welcher durch en gänäral oder gdn£ralement zu 
ersetzen wäre. Auf Seite 2 oben heisst es: ränexion quasi interm&liaire; 
quasi, von vielen Schriftstellern schon in der classischen Periode verworfen, 
hat sieh höchstens noch in der Umgangssprache erhalten, ist aber aus der 
Schriftsprache gänzlich verbannt. Auf Seite 11 wird das Adj. employable 
gebraucht; dieses Wort, das äusserst selten gebraucht wird, wäre wohl besser 
vermieden worden. 



Le thtttre de Schiller imiti et traduit en France. Von 
Dr. Cosack. Programm der Petri-Schule in Danzig. 1858. 

In der Einleitung dieser Abhandlung schildert der Verfasser die Freude, 
welche jeder Deutsche empfinden müsse, wenn er bei einem Aufenthalte in 
Frankreich wahrnimmt, wie lebhaft man sich dort für die Meisterwerke 
unsrer deutschen Dichter interessirt und in welch hohem Ansehen überhaupt 
die deutsche Literatur steht. Hält man mit dieser Erscheinung die Ansich- 
ten früherer Zeiten zusammen, erinnert man sich z. B., wie Voltaire dem 
armen Deutschland wünschte „plus d'esprit et moins de consonnes" und wie 
der Abbe* Dubois die Behauptung aussprach: „La peinture et la poäsie ne 
se sont point approchees du pdle plus pres que la Hollande " u. s. w., so 
wäre es wohl der Mühe werth, genauer die Ursachen zu untersuchen, welche 
eine so feindselige Stimmung der Franzosen gegen die deutsche Literatur 
hervorgerufen haben. Herr Cosack beschränkt sich darauf, nur auf die That- 
sache hinzuweisen, dass die ganze deutsche Literatur bis zu Anfang dieses 
Jahrhunderts von der französischen Kritik förmlich proscribirt war, und er 
sucht nun höchst anschaulich darzulegen, auf welche Weise die Vorurtheile 
der Franzosen allmälig einer gerechteren Würdigung gewichen sind. Schiller 
war von allen deutschen Dichtern zuerst in Frankreich bekannt. Die Ab- 
handlung zeigt, wie ihm der Convent und seine Zeit zwar huldigten, wie 
seine Leistungen aber eigentlich doch nur dem Namen nach bekannt waren. 
Man verherrlichte den Mr. Giles und seine Werke nur nach blossem Hören- 
sagen. Die Kaiserzeit hatte sich den ganz exclusiven Stolz wieder angeeignet, 
sah mit stolzer Verachtung auf ein theatralisches System herunter, welches 
sie erachtete für „digne des sauvages du Canada," und lächelte über das 
Chaos, das sie in deutschen Dramen zu erblicken vermeinte. Man verglich 
diese pieces vulgaires mit den Melodramen, welche in den Theatern dritten 
und vierten Banges zur Aufführung kommen. 

Es wird nun gezeigt, wie vorzüglich die Schriften der Madame de Stael 
zuerst eine genauere Bekanntschaft mit deutscher Poesie in Frankreich ver- 
mittelten und wie mächtig ihre Einwirkung auf eine weniger ungerechte 
Würdigung derselben gewesen sei. Hierauf wendet sich die Abhandlung zu 



480 Programsaenschan. 

B. Constant de Rebecque, der in Folge seiner eifrigen Stadien rad m 
längern Aufenthaltes für die Schillerfahe Poesie ganz (begeistert war oi 
im Jahr 1809 eine französische Bearbeitung des Wallenstein erscheinen lia 
Herr Cosack unterzieht dieses Werk einer sehr eingehenden Präfang, ies 
wie der französische Dichter unmöglich die drei Theile der deutschen DA 
tung gesondert übersetzen konnte, wenn er nicht mit anerkannten BegA 
der Kunst vollständig brechen und sich dem heftigsten Tadel aoseta 
wollte. Dieser Abschnitt gewahrt zugleich ein sehr klares Bfld m fa 
Schwierigkeiten im Einzelnen, welche Constant bei der Uebertragung fe 
oft sehr einfachen Conversation in pomphafte Alexandriner zu überrafc 
hatte, und motivirt die getroffenen Veränderungen in der ganzen Axüip 
sowohl als in der Durchfuhrung im Einzelnen. Eine vollständige Anata 
des Stückes nebst einigen gutgewählten Proben erleichtern dem Leser i 
Auflassung. Nach einer kurzen Kritik dieser ganzen Arbeit, deren fin i 
werth dann gefunden wird, dass sie den Schiller'schen Dramen zuerst fr 
gang in Frankreich verschaffte, bespricht der Verfasser die spätem Vewt 
der romantischen Schule, das Schiller'sche Drama auf französischen I&s 
zu verpflanzen und verweilt dann ausführlich bei den Leistungen vonLefes 
und Marinier, von denen der Letztere in Prosa übersetzt hat, um mit p 
serer Leichtigkeit den Sinn und die Gedanken des deutseben Dichten in k 
vollen Reinheit wiedergeben zu können. 

Was die Form dieser Abhandlung betrifft, so unterscheidet sie «ich ss 
vorteilhaft von ähnlichen in französischer Sprache geschriebenen Gelege 
heitsschriften. Der Styl ist leicht und im Allgemeinen recht elegant & 
hin und wieder finden sich einzelne kleine Verstösse, welche wir ab da* 
bezeichnen möchten. Als unharmonisch müssen wir ZraanunensteiliB* 
bezeichnen, wie sie sich finden S. S des prejuges incroyables — S. 3 & 
tivement dejä depuis Fan — S. 4 du moins decouvert dans Schiller- 
S. 11 les assurances de son innocence u. 8. w. Verfehlt erscheint aach€ 
Ausdruck zu sein wie S. 18 le r&ultat de tous ces efforts n'est pas tr, 
Enorme oder S. S le m$me cri de revolte, la meine rigueur de repabfc 
nisme, se fsisait entendre en venant des prämices d'un poete «Ur 
mand. B 



Miscellen. 



Fried rieh Ludwig Jahn's Mitteigard. 

Aus Jahn's Nachlasse veröffentlicht von 

Dr. Heinrich Pro hie. 

Das hier folgende Mamiscript ist Jahn's letzte literarische Arbeit In 
meinem Buche über Jahn findet sich S. 145 — 147 ein eigenes Capitel, „Jahn 
als deutscher Sprachforscher und Hauptstifter der deutschen Gesellschaft. « 
Am Schlüsse dieses Capitels findet sich auch schon mein Urtheil über die 
nachfolgende originelle Forschung. Die Veröffentlichung dieses Versuches 
von einem so berühmten Manne aber wird seiner Person wegen unbedingt 
als gerechtfertigt erscheinen. 

Mitteigard. 

In meiner Abendzeit ich bin 
Und trage doch jungen Leuten 
Gar junglichen Morgenschein. 

Reinmar von Zweter. 
Manesse II. 185. 

Ueberall, wo der Mensch in ungehinderter Umschau frei umherblickt» 
erscheint er sich selbst in der übrigen Dinge Mitte. Eine Rundsicht bildet 
sein Sehkreis, und am äussersten Ende des Ringes scheint sich der Himmel 
als grosses Gewölbe auf die Erde als seine Widerlage zu stutzen, Erde und 
Meer scheinen sieh himmelwärts zu heben. Daher in so vielen Sprachen 
das von der Küste abgewandte Meer die hohe See heisst. 

Der Erde Bord, des Meeres Wogenwall und des Himmels Saum treffen 
dem Auge in sichtbarer Täuschniss zusammen, als Kimm, wo die Sonne 
aufgeht und untergeht. So war es verzeihlich, dass der Einzelne die An- 
schauung mit der unbekannten Wirklichkeit verwechselte, und die Umge- 
bungen ihn umkreisen liess, weil es seinem Auge scheinlich so vorkam» 
Auch berühmte Völker der Vorzeit haben ihre Erscheinung unter den Um» 
Völkern so auf^efasst und bei der unvollkommenen Erdkunde sich in der 
Mitte der sonnenerleuchteten Erdscheibe gedacht, und am äussersten Rande 
derselben unsere Vorväter als Kimmerier und Kimbern wohnen lassen. 
Wenn nun diese Völker auf eigenem Wege zu Bildung und Wissenschaft 
gewandelt, und mit dem vaterländischen Boden vertraut und heimisch ge- 
worden, gleichsam mit ihm zusammengewachsen ; so gab der Glaube von 
ihrem Wohnsitze auf des Erdreichs hoher Mitte ihnen ein grosses Selbst* 
gef ühl und Selbstbehagen, was sich dann bei Abschätzung der andern Völker 



432 Miscellen. 

aufsprach und rie mit Ekelnamen werthete. So bildet erst der Mensch, 
dann der Volksverband, eine natürliche Zweiheit, die sich als Ich und die 
Andern ausspricht Gewöhnlich hebst jedes Volk ursprünglich sich nur: 
Männer, Menschen, Leute, und die Andern gelten schlechtweg als Fremde 
und Feinde, anfangs ohne alle weitere Unterscheidung, die erst später 
hervortritt 

Dieser scharfe Gegensatz ist nur deutlich bei den Urvölkern, deren 
Entstehung sich in das Dunkel der Vorzeit so weit verliert, dass sie von 
ihrem Werden späterhin keine klare Begriffe mehr haben konnten. 

Bei frühern Wanderungen und Verlegung des Wohnsitzes, wenn die 
Kunde sich davon erhielt, musste dann die älteste Anschauung in veränder- 
tem Lichte erscheinen. Vom Wohnen auf der vermeintlichen Mitte des 
Erdkreises war dann kein Glaube mehr, aber die Zweiheit erhielt sich noch 
lange, und bei den Juden blieb sie immerdar bis auf den heutigen Tag. 
Als Israel sich schon das Volk Gottes wähnte und darum über die übrige 
Menschheit als Goim hochnäsig absprach, behielt die heilige Sage das ßüd 
des Ursitzes als Mitte: denn aus dem Wonnegarten Eden messen vier 
Ströme nach den vier Weltgegenden. 

Uebertragen ward diese Ürvorsteüung auf ihr späteres eigentümliches 
Wohnland, wo sie sich dann zuletzt an Jerusalem festete, erst bei den Juden 
selbst, und dann bei den Christen bis auf Dante. Kurz und bündig hat dies 
K. v. Baumer entwickelt : „Im Propheten Hesekiel (5, b) heisst es [nach der 
Vulgata]: So spricht der Herr Herr: dies ist Jerusalem, welches ich in der 
Heiden Mitte gesetzt habe und rings um sie her Länder." Theodore! legte 
diese Worte so aus: Er gab ihnen, sagt er, die Mitte der Erde zum Wohn- 
sitz; gegen Osten und Norden lag ihnen Asien, gegen Westen Europa, mit 
ihnen durch das Meer verbunden, gegen Süden Libyen. Das sei geschehen, 
damit die Völker von den Juden Frömmigkeit und gesetzliche Ordnung er- 
lernen könnten. Hieronymus bemerkt zu derselben Stelle: Der Prophet 
bezeugt, dass Jerusalem in der Mitte der Welt liege, der Nabel der Erde 
sei. Mitten unter die Heiden ist die Stadt gesetzt, dass dem Gotte, 'der in 
Judäa bekannt, und dessen Name gross ist in Israel, alle Völker, welche 
rings um Jerusalem wohnen, folgen möchten. 

Hiermit stimmt die Auslegung der Worte vom Ps. 74, 12: Gott unser 
König hat das Heil erworben im Mittelpunkt der Erde [nach der Ueber- 
setzung der LXX. und der Vulg.]. Dieser Mittelpunkt, sagt man, sei der 
Ort des Kreuzes Christi , an welchem auch an der heiligen Grabkirche jene 
Psalmworte eingegraben wurden. Hiermit stimmt ein alter * christlicher 
Dichter: Golgatha locus est . . . 

Hie medium terrae est, hie est victoriae Signum. 
Und Victorinus von Poitou: 

Est locus ex omni medium quem credimus orbe, 
Golgatha Judaei patrio cognomine dieunt. 
(Uebereinstimmend Dante im Inferno« Canto 84.) 

Eine noch ältere heilige Sage ist 1. B. Mose 11, 1 — 9 überliefert. Da 
war das gesammte Menschengeschlecht noch beisammen und redete eine 
Sprache ohne Verschiedenheit der Zunge. Die Menschen waren aber schon 
zur Einsicht gelangt, dass die Bevölkerung zu dicht werden würde, sie nicht 
mehr auf einem kleinen Raum in enger Nachbarschaft würden leben können 
und sich nothgedrungen ausbreiten müssten. Darum wollten sie vor der 
grossen Wanderschaft noch ein Gesammtwerk vollbringen; einen grossen 
Kichtthurm bauen, um sich wieder zurecht zu. finden und sich nicht zu ver- 
laufen. Ihr Bau galt ihnen als die Mitte der Erde, so sie sich von geringem 
Umfang dachten und darum versucht wurden, in der vermeintlichen Kreis- 
mitte einen steinernen Biesen zu setzen, der von allen Wohnstätten zu er- 
blicken wäre. Der Vorzeit ging die geschichtliche Kunde ab, wie sich Ge- 
schlechter aus einander wohnen und leben, und schob, um die Einheit des 



Miaeellen. 433 

Menschengeschlecht» zu retten, die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit in 
der Völkerbildung auf ein übernatürliches Ereigniss. 

Ueber die Stellung der folgenden Beispiele als Beweise von der Vor- 
stellung der Urvölker und solcher, die wir dafür halten müssen, dass ihr 
Aufenthalt in der Mitte des Erdreiches sei — dürfte wohl kein buchrichter- 
licher Streit entstehen, denn Bchon im Alterthum war das Alter der Völker 
nicht mehr zu ermitteln. Zum gegenwärtigen Zweck genügt der Nachweis, 
dass solche Vorstellungen bei den Völkern geherrscht haben. 

Die Altperser, die in Altem die Zweiheit aussprachen, hatten ihr Licht- 
land Iran und zum Gegensatz das Nachtland Turan, als Hauptbezeichnungen 
des Erdraums, wenn auch bei fortgesetztem Eroberungsglück sich die Erd- 
kunde allmälig anders gestalten musste. 

Ausdrücklicher ist es von den Griechen bekannt, dass sie Delos und 
Delphi als die Mitte der Erdscheibe genommen. 

Die Römer eigneten sich auch diesen Begriff als Erbschaft der Griechen 
zu. a Rom war die Mitte und um diese ewige Hauptstadt ringelte sich in 
kleinern und grössern Kreisen ihre eroberte Erdenwelt. So nannte Cicero 
(in der vierten Rede wider Catalina, c. 6.) Rom: »Des Erdkreises Licht und 
Leuchte. u , 

China hebst bei seinen Bewohnern: Das Reich der Mitte (Tschon ku) 
oder die Blume der Mitte; in Japan herrscht der nämliche Betriff, nur in 
einer andern Ausdrucksweise: Tenke (das Reich unter dem Himmel) und 
Fino Motto (Wurzel der Sonne). Auch in Amerika wurde bei den Völkern, 
welche die ersten Anfänge des staatsgesellschaftlichen Lebens überstanden 
hatten, derselbe Begriff gefunden , was deutlich in Kusko sich ausspricht, 
was in der Inka «Sprache Nabel heisst ( .und der Name von Penis Haupt- 
stadt war. 

Bei den Deutschen des grossen Hauptlandes und der gegenüberliegenden 
Inseln und Länder waren diese Vorstellungen nach eigener Anschau eigen- 
thümlich entwickelt Ihr und ihrer sämmuichen Stammverwandten Wonn- 
kreis, nach allen Sprachen und Zungen verschieden gelautet, von den Go- 
then bis zu den Isländern: midiungards, midgard, muss im heutigen Deutsch 
Mitteigard beissen. Nach den Norden ihrer heiligen Sage haben um 
dieses Mitteigard die Äsen eine Scheide als Mauer und Wall gebaut. 
Erklärlich ist diese landliche Begrenzung, wenn man die Alpen iu's Auge 
fasst, ihre westlichen Ausläufer und ihre Fortsetzung im Osten bis an das 
schwarze Meer. Das ist grossartig gedacht, mit mächtigem Scharfblick, 
wie es eigentlich sein sollte. Ist auch diese Grenze nicht immer erreicht, 
th eil weise überschritten, anderwärts verengert worden, so malt sich darin/ 
ein sprechendes Bild von der Anschauungsweise unsrer Urväter und was sie 
zum Nutzen und Frommen für die Scheide ihres Vaterlandes hielten. 

Diese urgrenzlichen Gebirge gaben zu einer Benennung nichtmitteU 
gardischer Volker die Gelegenheit. Was nämlich jenseits dieses Gebirgs- 
reifens und Völkerwalls hinaus liegt, was von drüben nach hüben kommt, 
von draussen nach drinnen, heisst wallisch, walisch, wälsch, welsch, 
an Leuten, Thieren, Bäumen, Früchten, Sprachen, Erfindungen und Künsten. 
Der Wasgau wird in alten Zeitbüchern der Wal genannt.. Der Begriff 
eines Scheidewalles zwischen verschiedenen Völkern fand in der Schweiz 
ein Wallis am obecn Rhodan, gleichfalls in England ein Wallis und wieder 
an der Nieder -Donau Wallachen, im Nibelungenliede nochj.Walhen. 
Doch sind sie gekennzeichnet durch den Namen ihres Herzogs Rumung, 
indem Armuni der eigne Name des Volkes ist. 

Von den Ardennen (Arduenna lateinisch , deutsch eigentlich Hartfenn) 
und Argonnen bis unterhalb des eisernen Thors an der Donau heissen noch 
jetzt in der Volkssprache alle verromerte Volksstämme, selbst wenn sie als 
Eindringlinge innerhalb unsrer natürlichen Grenze wohnen, Wahlen, Wa- 
len, Wallonen, Welsche, Walchen, Churwalchen, Wallachen. 
Archiv f. n. Sprachen. XXIV. . 28 



494 Miscellen. 

Frisch irrt aber darin, das* vor Alters ein Aasländer Wahl gehelssen; nur 
die Messen so, die jenseits des Grenzwalls oder am innern Fusse der Scheide- 
gebirge wohnten. Und für diese ist auch der "Name geblieben. 

Es wird jedem aufmerksamen Beobachter in die Augen springen , dass 
eine so weit sich erstreckende Bezeichnung unter deutschredenden Stämmen, 
die Jahrhunderte lang , in einem nur lockern Staatsverbande oder in gar 
keinem standen, auch durch die grosse Trennung im Kaum keinen lebhaften 
Verkehr mit einander pflogen, die Benennung der UebergeWrgischeh nicht 
von einander entlehnen konnten. Es muss also die UebefUeferung einer 
uralten Landanschauung sein, die sich immerdar im Volke erhalten, obschon 
die erdkundigen Gelehrten erst seit 1818 die natürliche Grenze Deutsch- 
lands durch unwiderlegliche Beweisgründe in Anspruch genommen (öiehe 
Jahn's Werke zum deutschen Vblksthum, Schleusingen bei Glaser. 1833, 
S. XX— XXV, wo achtzehn der vorzüglichsten Schriftsteller angeführt sind). 

Die Gothen, ein edles deutsches Volk, was von dem stammverwandten 
Norden in weite Entfernung gezogen, behielten die Vorstellung von einem 
mittleren Erdraum oder Mittelgara noch in der Zeit, als sie Schrift und 
Buch bekamen, und wüssten sie fremden, anderartigen, wenn auch ähnlichen 
Verhältnissen anzupassen. So Ulfilas, der gewaltige Dolmetscher der heil. 
Schrift, von den deutschen Sprachforschern nach Würden geschätzt, aber 
leider ziemlich unbekannt bei den Gottesgelehrten. 

Das deutschbiblische „Welt," was in Luther so vieldeutig wird, gibt 
Ulfilas auf vierfach verschiedene Weise. "Wo Luther Luc. 16, 8 u. Rom. 12,2 
„Welt" für Zeitalter, Zeitstimmung, Zeitgeist setzt, gebraucht der Gothe 
aiw, was in ünserm Ewig und Ewigkeit nachhallt, was aber im Gothiscben 
nicht allein von der Gegenwart, sondern auch von der Zukunft gebraucht 
wird , wie in unserm heutigen Deutsch das Wörtlein »einst" Vergangenheit 
und Zukunft bedeuten kann. Von diesem gothiscben aiw ist das mittel- 
hochdeutsche E für Zeitraum, unter Ändern in Tristran v. Gottfried. Und 
Tauler nimmt das Judenthum als alte E im Gegensatz des Christentums, was 
er die nöüe E nennt. Welt als Bezeichnung einer Anzahl gleichgesinnter 
Menschen oder einer blossen Menge, oder auch einer ganzen Zeitgenossen- 
schaft: Marc. 14, 9; Joh. 6, 14; 7, 1; 17, 13; 6, 33; 17, 9; 1 Cor. 4, 9; 
gibt der Gothe durch manaseths, mamiseds, nach Grimm „Menschensaat,* 
richtiger wohl Menschensitz. Diese Ausdrucksweise würde an die heuti-' 
gen Rednisse: die ganze Stadt, das ganze Dorf, das ganze Land, die ganze 
Welt erinnern. Auf Hochschulen hat man auch noch die ganzen Studenten, 
und in Schulpforte „der ganze Alumnus. * 

Welt als Inbegriff' aller Dinge, für das griechische aötf^oc, was eigent- 
lich Ordnung heisst und dann davon Schmuck, vom Lateiner ungeschickt 
durch mundus übersetzt, bezeichnet der Gothe durch faichwas, noch kennt- 
lich im altdeutschen und mittelhochdeutschen Ferch, Blut, Seele, Leben, 
vgl. Marc. 8, 30; Joh. 8, 28; 17, 11. 12; 1 Cor. 6, 10; 2 Cor. 1, 12. - 
Bei dieser scharfen Spaltung der Begriffe und ihrer feinen Einkleidung in 
Worte darf man durchaus nicht annehmen, dass Ülfilas, dieser umsichtige 
Dolmetscher, Luc. 2, 1 die Worte der griechischen Urschrift: ' naoofr TTp> 
ohcovfiivriv, d. h. das ganze Bewohnte, missverstanden und für Erdkreis 

fenoinmen. Auf keinen Fall ist ihm nuctjuhgards die Erdkugel , der Erd- 
all, nur ein abgemarkter Flächenraum; sonst hätte er nicht allanä als 
Beiwort hinzugefügt. Auch wusste er als Gothe recht gut, dass, so grossen 
Umfang auch das Gebiet des römischen Kaisers hatte, doch grosse Lande 
und mächtige Völker frei geblieben, wohin dessen Herrschaft niqht reichte. 
Nur um eine besondere Raumbezeichnung auszudrücken, die als Geschieden- 
heit in dem Griechischen: naöß, ff ofcovpt'vtj liegt, übertrug er den griechi- 
schen Begriff in einen göthischen und wählte ein Wort, was ursprünglich 
das grosse einheimische Wohnland, aber nicht eih fremdes Grossreich bes. 
zeichnet hatte. 



Miscellen. 485 

Eben so wenig ist bei den Norden Mrdgard die Erde als Gegensatz 
Von Himmel, Sonne, Mond and Sterne, sondern nur fein bestimmter Raum 
auf derselben, ein Land der Verheissung, was die Äsen ihrem Volke er- 
worben. Neben dem Midgard findet sich ein Utgard nicht ausserhalb der 
Erde , sondern auf derselben , dehn sonst konnte nicht Koni? Regner den 
besiegten Halbrassen Daxon zur Strafe wegen meuchlerischer Fehde in 
Ketten nach Uteard verbannen. (Saxo erammatiens lab. IX.) 

Im, Althochdeutschen, wie man anfing, die Schriften des neuen Heils 
2a übertragen und zu umschreiben, ging man auch mit Umsicht und Ur- 
theilskraft zu Werke. Einfiel den frommen Bearbeitern niemals, eineni 
Worte aufzulasten, was bei ans Welt jetzt zu tragen hat Ihre für rauh 
und roh geschmälte Sprache entwickelt einen Reich thum, gegen den unsre* 
fremdlappige Weise bettelhaft absticht 

Vom Worte Mitteigard können wir mittelgardiseh und Mittelgarde 
bilden und so die ganze grosse Stammverwandtschaft bezeichnen, die wir 
nicht gut Germanen nennen dürfen, weil unsre scandinavischen Brüder die* 
sen Kamen verschmähen and, angeachtet sie die BlutBfreandechaft an- 
erkennen, doch keine Germanen sein wollen. 

Zwerge(n) und Biesen. 

Riesen, mit übergrossen menschlichen Leibern, mit ungefüger Starke* 
leben in den Sagen aller Urvölker, doch sind Ins jetzt keine solche Ur- 
gebeine aufgefunden, selbst nicht bei den verschütteten Knochen der unter* 
gegangenen türweltlichen Thiere, wo man auch überhaupt kein Menschen* 
gebein gefanden. Der Schopfer der vergleichenden Zergliederung Cnvier 
behauptet als zuständiger Richter, dass man auch dort keine Menschen* 
gerippe weder ganz noch theilweise finden würde, und was man von der* 

Bleichen gefunden zu haben vermeine , auf Verwechselung ans Unkunde 
eruhe. Ob es also wirklich Riesen gegeben, wäre hier eine müssige Frage; 
es genügt, den Glanben ah Riesen nachzuweisen, und wie diese GlaübMeh. 
keit wohl entstandeil. 

Die älteste durch die Schrift bekundete Sage lässt die Riesen als 
Mischlinge von menschlichen Müttern und höher herabgekommenen Vätern 
entstehen (1 B. Mos. 6, 1. 2; 6, 4), darum nennt die Sehriftsage diese 
Bastardart: b^PlA* Niphlim, Fallkinder, nicht wie Luther will, Ahfaller, 
der an die damaligen Wegelagerer dachte. Aus 4 B. Mos. 13, 34 geht 
ganz deutlich hervor, dass jene so Erzeugten C^DJ heissen, nicht die ersten 
Stammväter. 

Die hebräische Meinung wird auch durch die griechische Sage vermit- 
telt, wo die ältesten Herrschergeschlechter im Homer Jtor^ewes heisaeh, 
die vom Zeus Gezeugten, also einen hohem Ursprang; denn die Beherrschten 
haben. 

Bei der Erkundung des gelobten Landes Wollten zehn von den Kund* 
Schafbern Riesen gesehen haben, von denen sie wie Münchhausen auf- 
schnitten (4 B. Mos. 13, 34). Aber Josua und Oadeb Waren ohne Furcht 
und riethen zur Eroberung. 4 B. Mos. 13, 31; 14, 9. 

Zwerge kennt die hebräische Sage nicht, auch stand das Riesengeschlecht 
nur auf em Paar Augen, vgl. 5 B. Mos. 3, 11. Die Griechen wissen im 
hellenischen Lande Nichts von Zwergen, und die Kämpfe der Griechen mit 
den Pygmäen, Fäustlingen, Däumlingen verlegen sie über's Meer in die 
wundervolle Südveste. 

Wo Zwergö und Riesen neben einander abgesondert lebeh , siiid die 
Zwerge die verdrängten Ureinwohner, die sich vor der Mächt der Ueber- 
zieber in Gebirge und andre unzugängliche Gegenden gerettet haben. Sind 
die Eroberer nur mannstark, nicht zählreich) so vermischen sie sich mit den 

. 28» 



m Miieellen. 

Eingebornen, nehmen häufig ihre Sprache an and bilden dann einen bevor- 
rechteten erblichen Stand. Scheidet sie dann von den Unterjochten nicht 
das Gottesthum, wie bei den Türken., bekennen sie sich bald zum Glauben 
der Unterworfenen, wie die Franken, oder auch nur später, wie in der Folge 
die Westgötbeh, so entsteht ein neues Mengvolk, wie in der germuiia- 
romanischen Welt. 

Kommen nur geringe Schaaren, als fern her berufene Helfer, in äi 
fremdes Land, so verliert sich ihre EigenthümUchkett spurlos, wie dk de? 
Normannen unter der Menge der Slaven, obschou sie innen den Namen te 
Bossen hinterlassen, und noch Coostantin, der in Purpur Geborne, & 
Wasserfalle des Dniepr mit Doppelnamen bezeichnet, wo die nussda 
Reinen nordmittelgardisch sind. 

Dringt im Laufe der Zeit ein neues Kriegervolk auf die ersten Erobar. 
so schlagen sich die früher Gedrangsalten gemeiniglich auf die Seite « 
Gegner ihrer bisherigen Herren, und leisten ihnen alten möglichen Vorsck 
und Beistand. 

Die Mittelgarder sind beide, diesseits and jenseits des Meeres, k 
eingewanderte dritte Volk, Und ein heiliges Sprüehwort, was übeal 
gang und gäbe ist, redet noch von einer Zeit, wo die ersten und zweita 
Bewohner hier allein waren. Für alleemein bekannt, für die Behsuptong. 
es weiss Jedermann, heisst es überall: »Das weiss Hinz und Rair 
Hinz ist der Zwerg und Kauz ist der Biese. 

Heinz von Hain ist der Waldbewohner und Kunz der Mann vom be- 
rühmten Geschlecht. Könne, Kon, Chan, Chane, Kunj, Kung bezeick 
zuerst Geschlecht, dann berühmtes Geschlecht, weil die J&jclitberuhmteQ fr 
unwichtig gewesenen Vorfahren vergessen; davon kommt „König, 8 dem Tr 
eitus mit: reges ex nobilhate beipflichtet; und Gregor voa Tours, derfc 
sehichtechreiber der Franken, bei der Erzählung, dass die Franken seto 
vor ihrer Auswanderung Könige mit langem fliegenden Haar aus ihre 
ansehnlichsten Geschlechte (ex nobiüori familia) gehabt hatten. Späterb 
sind freilich dadurch die Kurznamen von Heinrich und Konrad gewonk 
Von Heinz, Waldbewohner, lassen sich alle die Bedeutungen leichtlicb e^ 
klären, über deren Ursprung und Sinn sich Frisch vergeblich atysi 
Hinz der Kater im Beinecke Fuchs und andern Thiennähren .reiht sichtfß 
an die Bewohner der Haine. * 

Die Biesen der Ursagen sind fahrende Kämpfer, wie die spätem fc 
kinge, aus unbekannter ferne gekommen, und glückliche Unterjocher dort: 
überlegene Macht. Ob Leibeskraft, Willensstärke, Geistesüberlegenk- 
Waffenrüstung, Kampfeskunst, Klugheit, nur mit vereinzelten Gegnern an- 
zubinden oder Alles zusammen ihnen den Sieg verschaffte — meldet « 
Sage nicht. Die Thateache war da, der Erlbig wurde gefühlt; die Ursache 
blieben im Dunkel. Die Besiegten hatten nicht Müsse, zum Seibstbevu* 
sein zu kommen, und verherrlichten lieber die Sieger als Höherbegi? 
unter Ehrennamen: Söhne Gottes, Sohn der Sonne u. s. w., weil sie* 
durch die Ehre vor eigener Schuld retten wollten. So haben es Völker« 
ganze Geschichte hindurch gemacht, und ist dasselbe in unsero Tagen m 
vor der -Leipziger Sohlacht geschehen. 

Endlich bricht sich die wilde Siegesgewalt an der Zeit, die Flirth «^ 
als Ebbe zurück , und die unterworfene Menge mischt sich die Herren eo- 

Es ist eine falsche, ungeschichtliche Annahme , dass , wo später ein ge- 
bildeter Erbherrenstand besteht, dieser von Anbeginn auch ein gebildetes 
Geschlecht gewesen. 

Das haben alle Weltstürmer widerlegt: Perser, Hunnen, Araber, Mon- 
golen, Mandschuren. 

In einer Menge Volkssagen erscheinen die Biesen als ein. Geschlecht, 
was von den Vorfahren der heutigen Menschen Terdrängk werden vad dura 



Miicelien. 481 

sie untergehen sollte, was aber namentlich den Rieaeninädcken nickt ein- 
leuchten will.*) 

In nordischen Sagen ist Kampf mit Riesen und Zwergen, and auch dort 
meldet die Sage, dass schon Menschen dort wohnten und in Schweden schon 
Könige hatten, wie Odin mit seinen Äsen in's Land kam. 

Geschichtlich möchte die Sache sich so verhalten, dass im nachherigea 
Mittelgjard zuerst Völker von ktamerm Wuchs, finnische im Norden, heirus- 
kische im Süden gewohnt, über die nachher die Gelten gekommen, von 
denen man in der Lausitz und selbst auf der Insel Bornholm Spuren ge* 
fanden» Diesen sind unsre Vorfahren nachgerückt; haben sie immer weiter 
gedrängt bis jenseits des Rheins über die Scheidegebirge. Hier fand 
Caesar die Deutschen im vollen Besitz, den sie nach ihm durch glückliche 
Züge im grauen Alterthum erlangt hatten. (Caes. d. b. g. Lib. II. Cap. 4 
und auch 3.) 

Hans und Grete. 

Hans und Grete gelten jetzt insgemein nur als Kurznamen von Johannes 
und Margarethe. Es ist auch nicht abzuleugnen, dass sie gegenwärtig als 
solche gebraucht werden, aber ebenso wenig, dass sie früher mit den frem- 
den zusammengeklungen, wie Michael und andre. Uebrigens mussten sie 
so, wie sie da sind, erst für sich Namen gewesen sein und konnten dann 
erst als fremde verlautet werden, nicht, wie man noch heutzutage das Ge- 
gentheil wähnt. Die vielen Weiterbildungen (von Hans und Grete), die 
ursprünglichere Begriffe enthalten und also schon vor der Bekehrer Zeit 
sein konnten, widersprechen der Abkunft von christlichen Heiligen. 

Die deutsche Wortbildung der Urzeit lässt die Wörter häufig von vorn 
mit einzelnen Lauten anwachsen, so: leiten, gleiten, glitt, schütten; reiten, 
greiten, greten, schreiten. Im Gebrauch ist noch: gräten oder grätschen, 
mit der Verkleinerung grätschein, für das Weitauseinanderthun der Beine 
zum Gehen oder zu andern Bewegungen (Turnkunst S. 40). Luther hat 
dafür doch in der Bedeutung einer unanständigen und frechen Stellung und 
Bewegung „greten" (Ez. IG, 25); der feine Sprachkenner war sich auch 
hier seiner Dolmetschung bewusst und liess das Unzüchtige minder auf- 
fallend erscheinen, da die hebräische Urschrift eigentlich von einander 
sperren sagt. 

Ursprünglich bedeutet Grete die weibliche Scham; davon Grete, ver- 
ächtlich von einem Mannsbilde, was häufig falsch Krete ausgesprochen wird. 
Hier ist Grete, was anderswo Siemann (Siemandel), in Homer yweejuaves 
heisst und was Simplicissimus schalkhaft beschreibt: »Ich wusste nicht, ob 
er ein Er oder eine Sie wäre." Im Schweizerdeutsch (Stalder) ist gretisch 
für weibisch. 

Grete galt ehemals für jedes Weibsen, wie in der Trauvorschrift: 
„Hans, willst du Greten zu einem ehelichen Gemahl?" 

Aus dem Gegensatz lässt sich schon abnehmen, dass Hans für das 
männliche Geschlecht dasselbe bedeutet habe, wie für das weibliche Grete. 
Verwandt ist Hans auf jeden Fall mit dem deutschen „Hahn,* sowohl wie 
es den Vogel als einen unter seinen Genossen Vielgeltenden bezeichnet 
Unser Hahn und Huhn erinnern an das nordische Hau und Hun, Er und Sie. 
Hans ist also der Einzelne männlichen Geschlechts, anfangs ohne alle böse 
Bedeutung, nur das Geschlechtsverhältniss bezeichnend. 



*) Vgl die Sage vom Mägdesprung im Harz und eine ähnliche Sage 
aus dem Elsass, von Chamisso bearbeitet In der Mark Brandenburg (Prieg- 
nitz) findet sich dieselbe derber und unverschämter. 



ISS Miscellen. 

Dem sind nicht entgegen die Zasainmenaettongen : Butt «Hans (de 
Abtrittreiniger zu Cüstrin), Fabel-Hans, Gross-Hans, Jung-Hans, Kslt-Ham 
(Angeber, Ausspäber, Nahderer), Klein -Hans, Poch -Ulms, Prahl -Hans, 
Flatter -Hans u. a. m. . Fronsberg (von der Krieggrüstuag Blatt 69b.) 
bedient sich der Worte als Verschärfung: „Es soll tob niemand, er aeiwa 
er wolle, Klein- oder Gross -Haas, ein Uebeltbäter au%ehalten oderik 
Fürsehub gethan werden.* Ein neuerer Schriftorteiter wirft die Frage nf: 
„Ist es löblich, verdienstvoll und reeht — eine Meinung, die Irgend eben 
Grosshans oder Kleinhans nicht ansteht, an dem arglosen Meiner be- 
liebig zu rügen? Andre Fügungen heben die Selbstheit des Hans berrar: 
Hans in allen Ecken (Gassen); Hans Achtaioht; Hans Tbunichtgut; Em 
Guckindiewelt; Hans Sachte (von einem Säumigen); bis «u Hanswurst m: 
Hans A...., dem Lust- and Sehevztceibenden, and dem Spott- and floh* 
leidenden. 

Eine alte Gesundheitsregel, lange vor dem heutigen Wasserrausch (B- 
dromanie), empfiehlt als Heilmittel: 

Das kalte Bad bringt ganz allein 
Den alten Hansen auf die Bein', 
Dass er hernach der Grete kann 
Aufhucken als ein junger Hahn. 

Grete für Bezeichnung desjenigen , was Merkmal des weibliches Ge- 
schlechts ist, leb* in vielen sassischen (plattdeutschen) Gauen; wenn Werk 
leute and andre Arbeiter Etwas nach dem Augenmass machen und oh* 
gemessen zu haben glücklich treffen, so sagen sie: „Dat passt as Pünta 
Gret." Hier könnte den mit der Volkssprache Unbekannten Pünt — wora 
Spunt — unverständlich bleiben. Diesen gebe ich zur Erbauung aus eine» 
alten Kirchenliede den bekannten Reimsatz: 

Und als nun kam die Zeit und Stund' 

Dass man beschnitt dem Kind sein Pünt, 

So ging es an ein Beissen. 

Die Mutter nannt ihn Zachareis, 

Der Vater sprach: 'n alten Seh.... 

Er soll Johannes heissen. 

Noch herrscht der Gebrauch bei Gastmahlern, wo neuvermählte Fnoa 
zugegen sind, von denen man vermuthet, dass sie guter Hoffnung sei 
hönnten, die Gesundheit auszubringen: »Hänsehen im Seiler und Gretcta 
in der Küehe!" Früher hatte man einen eigens dazu eingerichteten Becher, 
in dessen Fuss sich ein Teile befand, worin ein Kindlein, von einer Silber- 
platte gebildet lag, was durch einen Deckel, der den Boden des Trink« 
«fasse* bildete, den Augen entzogen wurde. War nun das Gefäss ns» 
Wein gefüllt, so kippte der Bodendeckel auf und das Kindlein schwaas 
hinauf und ward oben sichtbar. Diese Becher waren Seherzgef ässe, wie * 
Vorzeit so viele hatte, Stiefel, Nonnen und Mönche, und eine i* 
spiemng auf Lage und- Beschaffenheit der Ungebornen. Wolf Wagner ir. 
hier wieder auf einem Irrwege verbristert, wenn er englisch-deutsches Wör- 
terbuch S. 442 unter: »Hans en kelder,* den derben Scherz nnsrer Vor- 
fahren, für sinnbildlichen Ernst nimmt: »Hans im Keller, das Kind in 
Mutterleibe. Es ist nämlich eine in • Niedersachsen Vermählten, welche Aas- 
sichten auf ein Kind haben, angetrunkene Gesundheit. Der Brauch rata 
auf der mythischen Idee von Tod und Wiedergeburt im Wasser, oder 
Wasser, als Durchgang und Metamorphose des Lebens und Todes, der Gest- 
und Lelbwerdung war. Wenn Wagner seine Behauptung weiterhin durch 
die ausweichenden Antworten, so man den Kindern auf vorwitzige Fragen 
über das Herkommen der Menschen ertheilt, rechtfertigen wül, so schweift 
er gar in's Nebelgraue, wo es doch in der Nähe ganz licht und klar war: 



ftj,is«eilen. ^33 

»Daher auch der Volksglaube, dass Neugebo*ae aus dem Brunnen geholt 
werden." Von einem Volksglauben kann hier gar nicht die Rede sein. 
Eine den Kindern geflissentlich beigebrachte Meinung, um sie nicht durch 
Unzeitigkeit zu verfrühen, ist mcht Volksglaube, sondern vielmehr 
Volks Weisheit. So bringt an andern Orten nach dem Kinderglauben 
der Storch die Brü^erlein und Schwesterlein, und es gibt eigne Keime, 
durch welche die Kinder bei dem Zugvogel sich die Geschwister bestellen. 
Solche Ausreden sind so wenig Volksglaube als die Kindermeinung, dass die 
Kalber aus den Hörnern der Kühe kämen. Dergleichen Vorfälle sind im 
gemeinen Leben zu gewöhnlich, als dass sie Raum zu Vorstellungen geben 
könnten, wie sie vielleicht morgenländische Priester- Innungen und Ptaffen- 
Gilcjen gehegt haben. 

Die alte Zeit und Zucht findet bei ihrer Reinsinnigkeit nicht nöthig, 
durch albernes Gebare und Wortgeouengel erst künstlich Unanständigkeiten 
zu erzieren, worin besonders die Engländerinnen gross sind und nur von 
den Amerikanerinnen übertroßen werden. 

Auch Deutschland hat dergleichen Missgebilde. Sohlözer erzählt, ihm 
sei von einem Frauenzimmer seine Schreibweise: „Hinterpommern" als 
schmutzige Orthographie getadelt worden. 

Früher war es anders. Frauenlob läset die Marie (Manesse II, 214 b.) 
reden: „Der smid von Oberlande warf seinen pttner in meine Schos, und 
machte siben Heiligkeit." 

Weltumkehr. 

Das Hauptstück der im Dicbtmass überlieferten Edda bleibt die Völu- 
ap&, das Gesicht, was die Seherin Wala erspäht und dann als Weissagung 
verkündigt. Weltschöpfung, Weltbildung, Weltumkehr, Welterneuerung 
werden hier offenbart. 

In Deutsehland ist sie bekannt genug, dass sie nicht mehr als fremd, 
sondern als einheimisch gelten kann. 

Nach diesen Gesichten kommt am Ende der Tage Surtur, Herr der 
südlichen Halbe, von Muspelheim mit flammendem Schwerte, siegt im ge- 
waltigen Kampfe, zündet die Welt an, brennt sie aus und erneuet sie durch 
Feuer (vgl. 2 Petri 3, 10—13). 

Muspelheim ist südlieh von Mitteigard, eine andre feindliche Welt, 
und zuletzt den Äsen und den ihnen befreundeten Menschen verderblich. 
Ein altdeutsches Gedicht: Muspili ist aufgefunden und beschreibt die Welt- 
umkehr ähnlich der Völu-spä*. In späteren Gedichten fliesst die Weltumkehr 
mit der Zukunft des Widerchrists oder Endechrists zusammen. 

Der Mysnere schildert den Weltuntergang im dichterischen Gebild, was 
gegen die sonstige breite und häufig schleppende Sprache gewaltig absticht, 
und darum wahrscheinlich aus einem älteren Sang geneuert ist. 

Oft ist die Frage aufgeworfen, was Muspel, Muspelheim, Muspelheimer 
bedeuten. Oft ist ihre Beantwortung versucht, neuerdings von Grimm. 

Seine -Erklärung hält aber nicht Stich, da sie wenig Anklang in unsrer 
Sprache findet. Einen schroffen Gegensatz bilden die Muspelheimer mit den 
Äsen und deren mittelgardischen Waffengenossen. Diese sind, mit Hpmer 
zu reden, „hart andringende Kämpfer," und lautet die Kriegsregel im 
Wikingerbpik bei Tegner: 

Kurzschaftig der Hammer des siegenden Thor, elllang ist bei Fraj nur'a 

Schwert. 

Das genügt; ist dir Muth, geh', nahe dem Feind, und zu kurz nicht bist 

du bewehrt. 

Ihre Gegner, die ^uspelheimer , kommen zur jüngsten Schlacht auf 
„Wigrid's hundert -Meilen -Au," wie die andersartigen, sudlichen Völker mit 



440 Miscellen. 

Ungethümen, dem Riesenwolf (Fenris-ülfs) und dem Mittelgardswurm (Mid- 
gards orms). Surtur's flammensprühendes Schwert erinnert an Feuerwaffen, 
wie die Byzanter schon hatten, und namentlich Kaiser Leo's Garde. Als 
nun durch die Erfindung des Demetrius Kallinikos das sogenannte griechische 
Feuer ganze Flotten der Angreifer vernichtete und die Hauptstadt gegen 
die Angriffe der Araber schinnte, konnte durch Wikinger Fahrten und durch 
andre fahrende Krieger die Kunde davon sich tief in den Norden verbreiten. 
Es musste für Dichtung und Sage ein schätzbarer Fund sein, weil die 
Mittelgriechen dieses Feuer zum Geheimnis« machten. 

Ob zu diesen über alles Mass vergrößerten Ungeheuern die Kriegs- 
elephanten die erste Veranlassung gegeben? — Dass Surtur als Weltwächter 
mit Feuer kämpft und dadurch gleichsam als Feuergott gilt, kann sich 
einestheils auf die natürliche Hitze der Südveste beziehen oder auch An- 
deutung auf das Gottesthum der alten Perser sein, bei denen das Feuer 
die höcnste Verehrung genoss, und da mochten vor Alexanders Zeit die 
Mitteig arder an den Fassen des Kaukas mit den Persern manchen Strauss 
bestanden haben. Bekannt ist aus Herodot der Zug des Darius Hystaspis 
über die Niederdonau und andre Ströme in das grosse Blachfeld der Sky- 
then. Letzterer Name begreift mancherlei sprachfremde Völker in sich, 
die mehr nach ihrer Lebensweise, Sinnesart und gesellschaftlichem Zustand, 
als nach ihrer Stammschaft zusammengefasst erscheinen. Auch erwähnt 
Herodot im 4. Buch, 24. Kapitel sieben Sprachen, so die griechischen Kauf- 
leute, um Handel unter den Skythen zu treiben, bedürften. Und selbst 
diese Sprachen liessen sich zwischen Ostsee, schwarzem und kaspischem 
Meere noch heute antreffen: mittelgardisch (deutsch), lettisch, finnisch, sla- 
visch, tatarisch, mongolisch, getisch-dakisch (wovon noch Ueberbleibsel in 
der Sprache der heutigen Wlachen). Aus dem Heereszuge des Darius, der 
wohl nicht bis in die Gegend vom heutigen Moskau gegangen, geht doch 
so viel hervor, dass der grosse persische Schach, die nordwärts vom Kaukas 
und vom schwarzen Meere Wohnenden als seines Reiches und seines Glau- 
bens Erbfeinde betrachtet und gegen sie auf ungewöhnlichem Wege eine 
Heerfahrt unternommen, um künftigen Gefahren von dorther vorzubeugen. 
So Hesse sich bei Surtur an das persische Sardar denken, was einen F^ld- 
obersten und Heerführer bezeichnet. Fahrbare Feuerzeichen auf eignen 
Rüstwagen als heilige Herde führten die Altperser mit in's Feld. Eine 
ähnliche Anstalt hielt die Juden zusammen bei. ihrem Zug aus Egypten, die 
des Nachts als Feuersäule und bei Tage als Wolkensäule emporwallte und 
beim Durchgang durch den rothen Meeresarm die Egypter schrecklich 
täuschte, weil sie mit einem Male hinter dem Volke Israel blieb, da sie 
sonst immer voran war. 

Pin altes Kriegslied im Sittewalt empfiehlt sich Gottes Schutz: 

Der über uns hat seine Hut 
Auf seinem Feuerwaffen,, 
' Sein ganzes himmlisch Heer 
Rundet um uns her u. s. w. 

Eine Sage, die, lange fortüberliefert, lebendig bleibt, und mit dem 
Gottesthum im innigen Zusammenhange durch den Glauben verknüpft ist, 
kann sich leicht zeitgemäss neu gestalten und von kleinem Anfang einen 
grossen Umfang gewinnen. Mittelglieder fallen da aus, wie bei Muhamed 
im Koran, der die Maria zur Schwester des Moses und Jesus zu dessen 
Neffen macht. 

Wer tadelt, muss nach dem Turngrundsatz besser machen. Das soll 
versucht werden. 

Das bekannte in Häusern, Feldern und Gärten lästige Thier: Maus 
(müs, sassisch, müs, lateinisch, fivs, griechisch, Mysz, polnisch, misch, ser- 
bisch, müschas, sanskritisch) hat in seinem Namen die Begriffe vereint: 



Miicellen. 44l 

verbergen und verborgen sein. Daraus lassen sich im Deutschen alle 
Wortgebilde mit Maus erklären. Mus -Haus heisst daher Verwabrunffsort 
der Schutzwaffen und gut später für das gegenwärtige Zeughaus, zugleich 
in Braunschweig und BaseL 

Die Limburger Chronik Col. 11 erzählt: „Die Unterwamms der Ritter 
hatten enge Arme, und in dem Gewerb waren sie benehet und beheftet mit 
Stücken von Panzer, das nannte man Mus -Eisen. 

Die Burgen und Vesten des Mittelalters hatten für jedes Geschäft und 
jede Verrichtung besondere Häuser, so dann von der Ringmauer in Eins 
begriffen wurden. Die einzelnen Gebäude waren häufig zu Schutz und Trutz 
zugleich " angelegt, echte Wighäuser (nach Art unsrer neuen Defensionai- 
Qasernen). Die Bäume zum Wohnen, Essen, Trinken und Schlafen wurden 
da angebracht, wo man die wenigste Gefahr von einem Angriff befürchten 
konnte. Ihre Lage war also im Versteck und den Feinden möglichst ver- 
borgen. Daher steht Mus-Haus für Wohnsitz und Versammlungs - Saal 
(Beispiele bei Frisch}, auch für die Schlaf statt (welsch - deutsch Logier- 
Haus.) einer zahlreichen Gastgesellschaft. 

Bei Belagerungen (der Vesten) war den Feinden sehr darum zu thun, 
die innere Gelegenheit durch Kundschafter und Verräther zu erfahren. 
Noch wird im Schlosse zu Marienburg die Scharte am grossen Stützpfeiler 
gezeigt, den eine Kugel aus sehr grossem Geschütz vergebens verletzte. 
Da hatten die Polen nach der unglücklichen Schlacht von Fannenburg 1410 
durch Verrath die Lage des grossen Erfrischungesaales weggekriegt, wollten 
durch einen Schuss den Biesenpfeiler zerschmettern und unterm Sturz des 
Gewölbes die deutschen Bitter verschütten. 

Von Mus in obiger Bedeutung kommt bei den siebenbürgischen Sachsen 
Muoser, eigentlich Geharnischte, aann Bezeichnung der deutschen Krieger 
in Diensten der Könige von Ungarn aus österreichischem Hause, zuletzt 
jeder Deutsche aus Grossdeutschland. Dem ähnlich nannten die Russen zu 
den Zeiten Walther's von Plettenberg die deutschen Gewappneten eiserne 
Männer. 

Dietrich von Stade in seiner schätzbaren Erklärung von seltenen 
Wörtern zu Lutber's Bibel bringt beim Worte aufmuzzen die feine Be- 
merkung, dass wegen der besondern Bedeutung des Wortes Maus in man- 
chen Gegenden Deutschlands ein züchtiges Frauenzimmer nicht wage, das 
bekannte Thier beim rechten Namen zu nennen, sondern dafür lieber eine 
Ratte sage. Maus gilt bei den Schweden wirklich für das Heimliche — 
des weiblichen Geschlechts — aiSota — im Ammendeutsch: Nette. — 
Daher das Liebkosungswort an kleine Mädchen: „Du kleine Maus/ und der 
scheinbar zarte Fluch: „Dass dich das Mäuslein beise!" Letzterer ist wahr- 
scheinlich aufgekommen, als jene schreckliche Krankheit wüthete, die Theo- 
phrastus Faracelsus zuerst mit Quecksilber glücklich bekämpfte. 

Mausen bedeutet in manchen oberdeutschen Gauen die nicht durch Sitte 
und Gesetz beschränkte Befriedigung der Geschlechtslust, und darum bekam 
ein deutscher regierender Herr von seinen Unterthanen den Beinamen 
Mauser. 

Du Fresne hn Wörterbuch des Mittelalter-Latein hat aus mehreren alten 
italischen Schriftstellern Muschetta für ein Pfeilgeschütz und Pfeilgeschosa, 
wovon hernach die Feuerwaffe Musquete (Flinte) den Namen erhalten. 

Muschetta, Telum quod balista validiori emittitur, apud Sanutum 
üb. 2. pari 4. e. 22. Potest praeterea fieri quod haec eadem ba- 
listae tela possent trahere quae Muschettae vulgariter appel- 
lantur. (Hist. Cortusior. lib. 2. apud Murator. to. 12. col. 795. Alia 
tertia pars immediate balistas suas ponderet cum Muschettis, 
et quod telis etiam sagittet. Joan. ViUaneus lib. 10. c. 21. Moltine 



442 MUttlU» 

furo ferili e mortidi Mos chetti, edi bajettridi G«ao**u) Goß. 
4e Guignevilla in Peregrinatione hominum: 

No nuls tels dars ni puet meffarre, 
Combien que on i sache traire, 
Malevoi sine des sajettes, 
Ne espringalle ses Moucbettes. 

Hinc fortasse nostris sclopetariae machinae, Mousquels: nam ut a falconibo 
'venaticis machinas tormentarias Falcones et falconia appellarunt; ia 
etMuschetas, quo nomine dicuntur spar varii mascuii, vulgo Moacbeti. 
Gennani8 vero Sprintz, unde Springalles, et Espringales, ejasmoi 
machinae, quibus muschetas innuit Guignevilla, ut auctor est Od Femm 
in v. Smeriglio. Espringalarum meminit Chronicoa Flandriae cap. HC. 
extremo , et alii passim. (Vide Gloss. Graec. Barb. in Mva , et supra h- 
scbetta.) . 

Moschetta, Telum quod balista validiori emittitor. Chron. Estenseti 
an. 1309 apnd Monitor, to. 15. coL 865. Propter magnam multitadi- 
Dem Moschettaram quas sagittabant; dicti domini de Ferrari! 
non praesampserunt accedere ibi ad domom praedietam. Vide 
Muschetta. 

Völker und Feinde nach dgenthümlicher Rüstung an benagten, ist eis 
alter Braueh und selbst in Deutschland nicht fremd. Die Bewohner de 
südöstlichen Halbinsel des Eilandes Rügen, che Mönchgutter, nennen sid 
Kolben , ihre Nachbarn und entfernteren Umwohner hingegen Pokeo. Ali 
Unterthanen des Abtes von Eldena bei Greifswald hielten sie am längte 
zum Papst, und da sollen die andern Pommern gegen sie die Klingen (Pore 
geführt, und sie sich mit Kolben gewehrt haben. So sind also die Schwur:- 
genossen der Äsen mit kurzen Webren gerüstet, mit zieren Waffen angetha 
und Mus*pil-heimer Feinde, so Hehlwaffen führen. 

Das von Schindler als Muspilli (in Büchner's Neuen Beiträgen rc 
vaterländischen Geschichte I. S. 89 u. s. w.) zuerst herausgegebene all- 
deutsche Lied ist ein altes Gedicht ohne Anfang und Schluas , aber d<£ 
kein Bruchstück. Das Heidnische herrscht vor-; was sich mit dem Christea- 
thum vertrug* ist geblieben, das Entgegengesetzte verschwiegen oder » 
gechri&tet. So Zeile 7 — 14: 

7 so quimit ein heri . So kommet ein Heer 

fona himilzungalon, Von Himmelszungen (Gestirnen) 

dazandarfona pehhe; Das andere vom reche (noch jetzt für Unheil): 

10 dar pägant siu umpi. Da kämpfen sie um. 

Sorgen mac diu sela Sorgen mag die Seele 

unzi diu suona argdt, Bis die Sühne ergeht, 

za wederemo herie Zu welchem der Heere 

14 si gihaldt werdö; Sie geholet werde. 

Doch sind so viele Kennzeichen geblieben, die den alten Ursprung vertij 
den und mit der Volu-spft übereinkommen. Das nordische Wig-rid (KaDp 
ritt, wie Ausritt und Einritt) ist hier Zeile 87 in wfcsteti zu finden. Sa- 
deutsch müsste das Wiestätte lauten, wahrscheinlich vom abgemarkten Kaap 
räum, den die Altvordern, die sich zu Schlachten herausforderten, abmes** 
Hessen, wie noch heute die Zweikämpfer. Die Rolle des Surtur spielt « 
Antichrist. Der steht Zeile 84 bei dem Altfeinde, steht beim Satans» &2 
Beide Zeilen beweisen augenscheinlich die Vermischung altmittelgardM 
Vorstellungen mit späteren christlichen. Der Teufel (tiuval) erscheint nflj 
im Kampfe, selbst beim Gericht ist er unsichtbar (kitarnit, getarnt) m 
spielt die Rolle des bösen Gewissens. Dem Sänger war der christliche Sfe 
tapas nicht genug, er nahm den mittelgardischen Altfeind (Loke) nutfl 
seine Ümdichtung hinüber. Der Satanas veitritt jiier zugleich den Mittw 



MucelUn. 441 

Srdswnrm. 'Irt er doch im Paradiese als Schlange erschienen und hat er 
von auch den Hamen der alten Schlange bebalten. Auch der Wolf ist 
da gewafihei, and wird beim rechten Namen „Warch" genannt (Zeile 73)» 
nordisch Vargr, <L L neuhochdeutsch Warger von würgen. So heissen auch 
die in Acht und Bann Gethanen, die wie arges Wild nicht Friede und Geleit 
hatten, landflüchtig waren und in fernen Land- und Seefahrten ihre Sicher« 
heit suchen mussten, wie die Waräger in Russland und die Baranger in 
Byzanz. Deutsche im Mittelalterlatein geschriebene Gesetze haben das Wort 
Vargus für einen Heimathlosen, mittelhochdeutsch Ware, ein von Land 
und Leuten Vertriebener, darum ein Feind der bürgerlichen Gesellschaft 
und so ein Räuber, wie Ismael (l Mos. 16, 12) geschildert wird: „Seine 
Jland wider Jedermann, und Jedermanns Hand wider ihn." Gleichen Be- 
griff hat auch das italische bandito von bandire , verbannen ; erst ein Aus« 
gewiesener und dadurch, wie er Macht und Muth hat, offenbarer Angreifer 
und hinterlistiger Nachsteller. 

Die Folgen des Kampfes sind wie in der Volu-spa, nur die Kämpfer 
sind andre. Elias, der ßegenkämpfer des Antichrist, erhält den Sieg und 
fällt seine Feinde, doch wird er selber verwundet. Aber so wie das Blut 
des Elias auf die Erde träufelt, erbrennen die Berge, kein Baum besteht, 
die Gefliesse vertrocknen, das Meer vergeht im Schwalch, der Himmel ver- 
schwilcht in der Lohe, der Mond fallt, Mitteigard brennt, kein Stein be- 
steht auf der Erde. 

Da erklingen im christlichen Umdichter noeh Töne des alten Sanges, 
Zeile 107 und 108: 

Dar ni mae deane mak andrenio Da mag nicht der andern Magen (Bluts« 

verwandten) 

helfan vora demo Mus pille Helfen vor dem Muspfeil, 

Das himmlische Hörn wird geläutet (139. 140), zwar hier nur zur Kund- 
machung, dass ein Gericht gehegt werde, da im Nordischen das Gjaller 
Hörn zum letzten Kampf ruft. Das Eddische Gjaller ist auch bei uns nicht 
lieh verschollen und erlautet noch in den Namen Nachti-gall und 



See-gall und in dem Eigennamen Burg-galler. 

Das Gericht selbst ist ganz nach altvaterischer Weise. Der mächtige 
König bannet das Mahl (57, 58), was später und noch in Fronsberg von 
Kriegsrüstungen das »Recht verbannen" heisst. Unter diesem Kunst- 
ausdruck wird die Würde und Macht und die Unabhängigkeit des Gericht« 
ausgesprochen, und dass Keiner dem Gericht und dem Rechtsprechen hin- 
derlich sein darf. Der Richter macht sich auf den Weg (141), „erhebt sich 
in den Sind," was durch unser beutiges „Gesinde und senden** verständlich 
wirpl; wo er sühnen soll Todte und Lebende. Zur Wahlstatt, die ge- 
market ist. fährt er, da wird die Sühne (147—149), d» 8etzt er sich (163), 
6ühnet und urtheilt und kommt zu Aller Richtung (170). 

Das Wort Richtung braucht noch Tschudi für Vergleich und Beilegung 
der Streitigkeiten. Die Urbedeutung von Sühne wird am deutlichsten durch 
das zusammengesetzte „ Sühnegeld, a was im Lübischen Recht und im Alt- 
brandenburgbenen für das sonst allgemeinere Wehrgeld gesetzt ist, für die 
Busse, die an die Blutsfreunde eines Getödteten zur Abkauiung der Blut- 
rache gezahlt wurde. 

Sühne, Suona im Altdeutschen, im ppätern Deutsch Sun, Sunn, 
Son, Söhne, wovon söhnen, versöhnen, ist zunächst Sicherstellung gegen 
die Blutrache. Die Blutrache aber war bei allen deutschen Völkern ein 
, Schutz der Geschlechter gegen einzelne Gewalttäter und eine Gegenseitig- 
keit» wie die Urgesellschaft solche nur auszusprechen im Stande war (vgl. 
B. Josua Kap. 20 und die Nebenstellen in den BB. Mosis). 

Freistadte konnte natürlich der alte Mittelgarder nicht haben; es gab 
aber für ihn geweihte Plätze als Freistätten. Hier fristete der Flüchtige 
bis zum Austrag der Sache sein Dasein, hielt sich im Dunkel des Haines 



444 Miscellen, 

verborgen und durfte nicht atfi Sonnenlicht kommen, bis e* zur Ataglei. 
ehung mit den Betbeitigten vor die Gemeine kam. Wurde nun dort die 
Sache vertragen, waren die Verletzten und Gekränkten abgefunden, » 
durfte er wieder im freien Sonnenlichte leben, war also der Sonne wieder- 
gegeben und damit gesühnet. Wo Sühne und die andern nebenlautenden 
Worte vorkommen, handelt es eich immer von Fallen, wo eine Vergleichnug, 
Auseinandersetzung und Vertragen in Güte denkbar ist, und darum erwähn; 
Frisch aus der Preussischen Hof - Gerichts ~ Ordnung „gütliche süholiebe 
Händel« 

Hier mag Adolph Wagner die Berichtigung finden , wenn er in seinen 
englisch-deutschen Wörterbuche Jena 1822. S. 976 Sohn (filius) mit Sühne 
in Sprachverwandtschaft bringt: „Es wäre wohl ebenso wenig unpbilosophisd 
als irreligiös, sühnen damit (mit San, filius) in Verbindung zu setzen. 
Denn eine Wiedergeburt ist ja Versöhnung , Sühne eines verbrauchten Le- 
bens, selbst nach dem indischen Mythus. Wenn diese Idee einem oder des 
andern Volke verloren ging, und es nun den geflügelten Laut anderswo is 
der Sprache anknüpfte, so folgt daraus noch nicht, daas die Idee selbst ea 
Traumbild oder ein zu ächtender Mysticismus sei.'" 

Wanderung unsrer Vorfahren nach Mitteigard. 

Wie sind unsre Stammväter gezogen? Die Frage könnte man beant- 
worten: wie sie ziehen konnten und mussten. Sprache und fiimmelsstrki 
geben die Fahrtweise dieser Untersuchung. Nicht als Jäger und Reisige, 
nicht' als Hirten, nur als wandernde Bauern sind sie eingezogen. Die Hra- 
thiere, Vierfüsser wie Geflügel, mussten sie schon mitbringen, denn die 
mehrsten Arten derselben könnten auch jetzt noch nicht im wilden Zustande 
bei uns ausdauern. Sie mussten sie also schon gezähmt mit sich fähret 
Selbst unsre zahme Gans stammt nicht von der heutigen wilden, sonders 
von der seltenen Saatgans, die sich eben' nicht häufig zeigt. Nun laata 
aber die Namen der Hausthiere noch jetzt in allen mittelgardischen Spra- 
chen und Zungen in der grössten sprachlichen Verwandtschaft, was wtk 
stattfinden könnte, wenn nicht vor der Einwanderung und nachherigen Aus- 
breitung eine völlige Einheit gewesen» Diese Namen sind alle aus de- 
Sprache gebildet, wenn auch verwandt mit den nämlichen Wortern in aha 
den Sprachen, deren Grundwurzel bis zum Himalaja reicht. 

Die Getreidearten mussten sie gleichfalls mitbringen ; die Hessen sie: 
hier nicht aus- wilden Gräsern veredeln und wachsen nur von der Natur ge- 
pflegt in Kaschemir. Mit ihren Benennungen ist es eben so, wie mit de: 
Warnen der Hausthiere. Dasselbe gilt von den Werkzeugen und von des 
ursprünglichen Hausgeräth. 

Ueber die Anfänge des gesellschaftlichen Lebens, über die erst« 
Schritte zur Gesittung waren sie hinaus ; sie hatten schon eine gewisse Stafc 
bürgerlicher Bildung erstiegen, hinter die der Zustand der Erzväterzeit fer 
lag. Ihre Fortschritte hatten die schroffen Uebergänge entweder scb&- 
übersprungen oder die Irrwege, vom gesunden Sinn geleitet, vielleicht niek 
einmal betreten. Das Weib war Gattin, Gleiche zu Gleichem gesellt, üt 
freiwillige Gehülfin aus Liebe und Pflicht in unauflöslicher Ehe. 

Die Frau ist Mitherrin, keine Blume im Frauenzimmer, keine lastba« 
Sclavin in der Hütte, nicht Spielzeug und blosser nöthiger Hauarath. Sk 
ist durch Sitte und Recht geschützt und durch ihr Wesen in Achtung oad 
Würde. 

Nirgend auf dem ganzen Erdenrund ist das Weib so menschlich hoch- 
gestellt, als bei den Mittelgardern. (Deutsches Volkstum», Berl. Ausgabt 
S. 482. Leipz. Ausgabe 3S7.) 



Mitteilet*, . 4tf 

Das gilt Tim allen mittelgardischen Stämmen, ohne Ausnahme. Sie 
können es nicht von einander entlehnt haben» es musste schon im Gebrauch 
gewesen sein, bevor sie sich in die Bäume von Mitteijgard theüten. 

Alle diese nur. eben berührten Gegenstände und noch viele andre deuten 
auf einen innigen Gesellschafteband, der nicht bloss . zufällig entstanden, 
sondern im natürlichen Gliedbau von einer sinnvollen Urzeit gepflegt ward, 
und darum späten* Missgebilden des Völkerlebens einen Spiegel vorhielt, 
und von der Verkünsteiung Zerrbild der Menschheit ein heiliges Land gewann* 

Das überraschte den tiefen Geschichtsforscher Tacitus, den gründlichsten 
Kenner verderbter Zustände. Gewaltig ist er davon ergriffen, und seine 
Germania weissagt mit Seherblick Roma Untergang aus Mitteigard. 

Von Einwanderung der Mittelgarder hat er keine Kunde vernommen» 
und halt sie darum für Ureinwohner, weil sie nicht) seeher dorthin verschla- 
gen sein konnten. 

Wiederum waren die ostwärts wohnenden Völker nicht die Leute, unsre 
Altvordern zu vertreiben und in unwirkliche Lande zu drängen. Es muss 
ein höherer Anlass gewesen sein, ein Antrieb von .Innen, kein Anstoss von 
Aussen, was. den Wagemuth zu einer Fahrt in solche Ferne begeisterte. 
Das Gedächtniss der That verscholl im Laufe der Zeit, doch sagen die spä- 
tem Enkel noch, wenn sie geringschätzig werthen;' »Es ist nicht weit her.* 

Der Zug war eine Entwicklungsfahrt, um den Sitz der. Gottheit (des 
Welt-andes) zu finden, den Nordstern im Auge, den Blick nach Norden. 
Nord heisst nach dem Ort, wie Hort, hoher Ort, von Luther erklärt 
wird. Das sind alle Wortgebilde uralten Sprachwerkes, wie mich aus mein 
Ich, dich aus dein Ich, sich aus sein Ich zusammengeschweisst 

. Die Volkssprache zieht Wörter in Worte zusammen, jja Sätze, p* Worte. 
Aus dem Gebet: „Das walt* Gott etc." wird swaltern. »Hast du dich 
schon geswaltert?* fragt die frommsorgliche Mutter ihr Kind. 

Die Blümchen »Gedenkemein und Vergissmeinnicht* entlehnen ihre 
Namen aus Rednisien, um die eine sinnige Sage schwärmt. Aufthuertsche 
Kriegsleute., denen die wahre Heldenzier Leutseligkeit fehlt und die den 
Mangel wahrer Innkraft durch Barschthun bemänteln wollen, heissen .Straf- 
michgott's." Wer Weisung und Warnung verschmäht , entartet zum „Thu- 
niohtÄut." Dife Volkssage vom Qarz erzählt von, einem „Nimmernüchtern." 
Allbekannt ist das Gleichniss: „Gott sei bei uns" für den ewig Argen. Die 
Volkssprache, nicht zerregelt durch Irrlehren der Irrthümler böser Zeit- 
läufte, bildet sofort einen „Hanst>hne6orgeri," von Goethe gebraucht im 
brieflichen Dichtmass. 



Obwohl diese Zeitschrift die slavischen* Sprachen im Ganzen nur wenig 
berücksichtigen kann^ erscheint es dennoch angemessen, hier in aller Kürze 
auf drei Werke aufmerksam zu machen, welche kürzlich erschienen und sehr 
geeignet sind, das Studium der betreffenden Sprachen zu erleichtern. Wir 
meinen nämlich 

1. Vollständiges Deutsch - Kussisches Wörterbuch vx>n Iwan 

Pawlowsky. 2 Theile. Kiga. N. Kymmel. 

2. Deutsch-russisch-französischer Dolmetscher, bearbeitet von 

Pawloff. Leipzig. Fleischer. 

3. Elementarbuch der polnischen Sprache für den Schulunter- 

richt bearbeitet von C. F. Kampmann. Breslau. Hirt. 

Das letztgenannte Werk sueht ein anschauliches Bild der polnischen 
Sprache zu gewähren, die Eigentümlichkeit ihrer Laute und Formen in 



44* Miecellen. 

einzelnen Wörtern und die Verbindung dieser nun Ausdruck von Gedankea 
nach den dureh Gebranch im Leben und in der Schrift begründeten Ge- 
setzen zum Bewusstsein zn bringen, nnd es verdient besonders gerühmt n 
werden, dass der Verfasser der Einübung der Aussprache so grosse Sorg- 
falt zugewendet hat, durch welche die Kraft und Anmuth der polnische 
Sprache erst eigentlich recht erkannt wird. Lobenswerth ist überdies, das 
in dem ganzen Buche die etymologische Richtung des Lernens so sehr is 
den Vordergrund tritt und aass sich in dem Anhange ein etymologische! 
Wörterbüchlein vorfindet, welches dem Schüler die beste Anleitung gewahrt 
•ich leicht und schnell mit dem Wortreichthum der Sprache vertraut zc 
machen. Die beiden russischen Werke verdienen gleichfalls bestens en- 
pfohlen zu werden. Die Sammlung von Wörtern und Gesprochen entiuh 
das Notwendigste für den gewöhnlichen Verkehr, und es ist zugleich sehr 
praktisch, dass der Verfasser in merklicher Weise vom Leichtern zum Schwie- 
rigem fortschreitet und stets mit deutscher Schrift die Aussprache beifüf 
Das Wörterbuch von Pawlowski befriedigt ein langgefühltes Bedürfnis?, in- 
dem die früher vorhandenen ähnliehen Werke den an die Lexicograpte 
gegenwärtig so gesteigerten Ansprüchen durchaus nicht Genügte leistetet 
Das Werk zeichnet steh aus durch Vollstifindigkeit und Gründlichkeit der 
Behandlung und ergänzt in Wahrheit die Grammatik* deren Regeln da 
Freund der russischen Sprache nur zu oft im Stiche lassen. 



Aus einer brieflichen Mittheilung Joachim Meyer's 

in Nürnberg. 

Niemeyer schreibt in seinen * Ergänzungen zu Helbig's Ausgabe des 
Wallenstein* (Archiv XXII, S. 445): „Ueber das Personenverzeichnis 
fnusste bemerkt werden, dass Schiller in der ersten Ausgabe den Cairasaer 
von einem lombardischen Regiment wohl nur durch einen Gödächtniesfehlff 
vorangestellt hat u. s. w.* 

Ich erkenne nach genauerer Verrielchung folgende Ausgaben als wichtig 
für die Kritik des Textes an, nämlich: 

Ausgabe I, 1800. Tübingen, Cotta 
„ II, 1800. 
.- III, 1801. w 

und da mir auch die Einsicht in ein Manuscript aus derselben Zeit zu Gebote 
steht, so kann ich mit Bestimmtheit versichern, dass allenthalben die be- 
treffende Stelle also geschrieben ist: 



Cuirassier von einem wallonischen 
Cuirassier von einem lombardischen 



Die Umstellung in Helbig's Ausgabe ist wohl nur einem unglücklichen ZaftH 
anzuschreiben. 



Bibliographischer ^Anzeiger. 



Allgemeines. 

EI. Steinthäl, der Ursprung der Spräche, im Zusammenhange mit den 
letzten Fragen alles Wissens, Zweite Ausgabe. (Berlixl, ß um ml er.) 

1 Thlr. 
3. Grimm, über den Ursprung der spräche. 4. Aufl. (Berlin, Dumm ler.) 

10 Sgr. 

Louis de Bäecker, Analogie d6 la larigue des Goths et des Franks avec 

le sanskrit, (Bruxelles, Muquardt*} 18 Sgjr. 

C. F. Allen, Geschichte der dänischen spräche im Aerzögthüm Schleswig 

oder Südjütlarid. (Leipzig, Lörck.) 2</ 3 Thlr. 

M. L. Des sali es, La langue et la litterature romanes. Bordeaux. 

D. Asher, Ueber die Kunst zu lesen, oder: Was und wie soll man lesen? 

(Leipzig, Fleischer.) • Vfa Sgr. 



Lexicographie. 

Neues vollständiges Handwörterbuch der portugiesischen und deutschen 
Sprache von £. Th. B ose he. 2 Theile. (Hamburg. Kittler.) 

4 Thlr. 24 Sgr. 



Grammatik. 

W. Weingärtnfcr, die Aussprache des Gothischen zur Zeit deä Ulfilas. 

(Leipzig, Weigel.) 16 Sgr. 

J. Grimin, über einige Fälle der Attractidn. (Berlin, Dümmler.) iö Sgr. 
F. Diez, (Grammatik der romanischen Sprachen. 2. TheiL 2. Ausgabe. 

(Bonn, Weber.) a»/^ Th^- 

J. Wiggers, die unregelmässigen Zeitwörter der zweiten Conjugation im 

Französischen. (Rostock, Leopold.) 6 Sgr. 



Literatur* 



Zur deutschen Literatur und Geschichte. Ungedruckte Briefe aus KnebeFs 
Nachlass. Herausg. von H. Düntzer. 2. Bd. (Nürnberg, Bauer & 
Raspe.) 2 Thlr. 



448 Bibliographischer Anzeiger. 

EL Gels er. Die neuere deutsche National -Literatur nach ihren ethischen 
und religiösen Gesichtspunkten. 1. TheiL 3. Aufl. (Leipzig, Hirzel.) 

1*/* Thlr. 

G. E. Leasing. Sein Leben und seine Werke von A. Stahr. S Bände. 
(Berlin, Guttentac.) 4 Thlr. 

K. Simrock, die Nibelungenstrophe und ihr Ursprung. (Bonn, Weber.) 

24 Sgr. 

J. Kehr ein, Kurze Geschichte des deutschen kathoL Kirchenliedes. (Würz- 
burg, Stahel.) 16 Sgr. 

K. v. Uoltei, Geistiges u. Gemüthliches aus Jean PauTs Werken. (Breslau, 
Trewendt.) 27 Sgr. 

J. Meyer, Ditraarsche Gedichte. Plattdeutsche Poesien in Ditmarscher 
Mundart (Hamburg, Ho ff mann & Campe.) V« Thlr. 

Th. Gautier, Honore de Balzac, sa vie et ses oeuvres. (Bruxelles, 
MuquardO 1 Thlr. 

P. L. Jacob, Babelais, sa vie et ses ouvrages. (Bruxelles, Muquardt) 

15 Sgr. 

W. Bernhardi, Shakspeare's Kaufmann v. Venedig. Eine kritische Skizze. 
(Altona, Verlagsbureau.) % 

C. Estienne, Essai sur les oeuvres de J. J. Rousseau. (Paris, Fontaine.) 

3 Vi Eres. 

H. Grieben, Dante Alighieri. Ein Vortrag. (Stettin, Müller.) 10 Sgr. 

W. Hamm, Shelley. Biographische Novelle. 2. Aufl. (Leipzig, Thomas.) 

' ' % •/• Thlr. 

Gisela. Eine Auswahl von Gedichten der hervorragendsten magyarischen 
Dichter. Deutsch von J. v. Machik. (Pesth, Lampe L) */ 8 Thlr. 



Hilfs buchen 

J. W. Straub, Deutsches Lesebuch f. d. oberen Gassen. 2. Aufl. (Aarau, 

Christen.) * 28 Sgr. 

K. Brunnemann und K. Kraut, Praktischer Lehrgang der deutschen 

Sprache. (Frauenfeld, Verlagscomptoir.) 6 SgT. 

M. W. Goetzinger, Die Aiafangsgründe der deutschen, Sprachlehre in 

Regeln und Aufgaben. (Leipzig, Hartkn och.) 10 Sgr. 

P. Wackernagel, Auswahl deutscher Gedichte f. höhere Schulen. 5. Aufl. 

(Berlin, Duncker & Humbio t.) l l /j Thlr. 

C. Hensel, Literaturgeschichtliches Lesebuch f. Realschulen. Oberste Stufe. 

(Hannover, Meyer.) 15 Sgr., 

J. Venn. Deutsche Aufsätze verbunden mit einer Anleitung zum Anfertigen- 

von Aufsätzen und Dispositionen. (Düsseldorf, Zintgraff.) 15 Sgr. 
J. Loth, Leitfaden f. d. ersten Unterricht in der fränzös. Sprache. 2. Aufl. 

(Erfurt, K ey s e r.) 7 ! / 2 Sgr. 

F. Hultier, Französ. Sprachlehre. 5. Aufl. (Wien, Braumülle r.) 1 Thlr. 
C. Gr.iep, La ville et la campagne. Räcueil de mots francais avec tra- 

ducüon allemande. (Berlin, PI ahn.) ' 10 Sgr. 

W. Herx, Neuer theoretischer und praktischer Lehrgang zur Erlernung der 

flämischen Sprache. (Aachen, Kor nick er.) */» Thlr. 



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the Library on or before the last date 
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